deutſcher, engliſcher und franzſiſcher Literatur 6dnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1 1. Oensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht ii Em⸗ b pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepneis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe en welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für tchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeten Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. torgens jedem Lag 5 Pf bezahlr. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ — 2 ——— Der King Moſtradamms⸗ Hiſtoriſcher Roman von Eduard Maria Hettinger. Zweiter Band. Zweite, vermehrte Ausgabe. Leipzig, 1845. Druck und Verlag von Otto Wigand. Neunter Abſchnitt. Ludwig XIMI. Geboren am 27. September 1601 Koͤnig am 14. Mai 1610. Geſtorben am 14. Mai 1643. zu Fontainebleau, H. Erſtes Capitel. Ein Feſt im Lonvre. (1625.) Die Prachtſaͤle des Louvre ſchwammen in einem Meer von tauſend Kerzen, die ihr blendendes Licht ausgoſſen auf den orientaliſchen Luxus der Toi⸗ letten, die mit Gold und Edelſteinen uͤberſaͤet wa⸗ ren. Aus dieſem glaͤnzenden Ball-Knaͤuel ragte die ſchoͤne Anna von Oeſtreich hervor. Sie war kaum funßzehn Jahre alt geweſen„als ihr Vater, Philipp III. von Spanien, ſie im Jahre 1615 mit Ludwig XIII. vermaͤhlt hatte. Die Koͤnigin, ob⸗ gleich ſchon zehn Jahre verheirathet, uͤberſtrahlte noch jetzt durch Schoͤnheit und Jugendfriſche alle Damen ihres Hofes. Anna von Oeſtreich war der Sirius, um den ſich alle Grazien Frankreichs, wie Trabanten um ihre gemeinſchaftliche Sonne 1* drehten. Neben ihr ſtrahlten: die reizende Herzo⸗ gin von Chevreuſe, die ſchoͤne Herzogin von Ne⸗ vers und die anmuthige Graͤfin von Soiſſons, drei Sterne, angebetet von einem Schwarm junger und alter Cavaliere, an deren Spitze Gaſton von Or⸗ leans, der Bruder des Koͤnigs ſtand, dem ſich der Prinz von Condé, die Herzoge von Guiſe, Bouil⸗ lon, Epernon und Vendome und die Marſchälle von Schomberg und Ornano anreihten. In einer jasminumrankten Niſche, auf einem himmelblauen mit goldenen Lilien geſchmuckten Lehn⸗ ſtuhle ſaß Ludwig XII., ein jugendlicher Greis mit bleichen eingefallenen Wangen, matten leblo⸗ ſen Augen und finſtern graͤmlichen Mienen, neben ihm ſaß, in rother Toga, der Omnipotenz des Staates, der Cardinal von Richelieu und zwei ſei⸗ ner Creaturen, der Abbe de Gondy und der Pater Joſeph, der Secretair, das Factotum Seiner Emi⸗ nenz. Nicht fern von dieſer duͤſtern, ſchweigſamen Gruppe, die ſich immitten dieſer lachenden Freude, auffallend langweilte, ſtand Herouard, des Koͤnigs erſter Leibarzt, der zwanzig Mal in einer Stunde Kh 5 den koͤniglichen Puls betaſten mußte, um Sr. Majeſtaͤt, die ſich ewig krank duͤnkte, die beruhi⸗ gende Verſicherung zu geben, daß ſie ſich vollkom⸗ men wohl befinde. Mit finſtern Blicken ſah der Koͤnig, auf ſeinen Arm geſtuͤtzt, dem luſtigen Trei⸗ ben ſeines Hofes zu. Die Koͤnigin tanzte bald mit dem Herzog von Vendome, bald mit Heinrich von Talleyrand, Grafen von Chalais. Der Cardinal Richelieu verwandte kein Auge von ihn. Mitten im Tanze trat ein großer, ſchlanker Mann ein, deſſen impoſantes Aeußere, deſſen ſtolze Haltung den Adel ſeiner Geburt, die Wuͤrde ſei⸗ ner Stellung verrieth. Gruͤßend wandte er ſich zuerſt nach jener Seite hin, wo der Koͤnig ſaß. Ludwig XIII. erhob ſich von ſeinem Sitze und er⸗ wiederte den Gruß mit einem gnaͤdigen Laͤcheln. Der Cardinal hingegen nahm den Gruß des Ein⸗ tretenden mit großer Kaͤlte hin und blieb ſitzen. Ein vielſtimmiges Fluͤſtern durchflog jetzt die Reihen der Tanzenden. — Es iſt Georg von Villiers... — Graf von Coventry... — Herzog von Buckingham.. Und Aller Augen richteten ſich nun auf den ſchoͤnen Mann, der gruͤßend ſich dem Kreiſe der Taͤnzer naͤherte. Der Herzog von Buckingham, Premierminiſter und Großadmiral von England, Connetable von Dover, Gouverneur von Wechor und Ritter des Hoſenbandsordens, war nach Frankreich gekom⸗ men, um im Namen ſeines Souverains, Karls I. von England, um die Hand Henriettens von Frank⸗ reich, der Schweſter Ludwigs XIII. anzuhalten. Georg von Villiers, gewandter als Lord Carlisle und Lord Holland, hatte, nachdem er die Heirath gluͤcklich zu Stande gebracht, die koͤnigliche Braut nach England hinuͤbergefuͤhrt, war aber bald dar⸗ auf, unter politiſchem Vorwand, nach Frankreich zuruͤckgekehrt. Der Cardinal von Richelieu, daraus Verdacht ſchoͤpfend, hatte den Herzog von Buckingham mit wachſamen Spionen umgeben. Und ſo geſchah es, daß er durch den Pater Joſeph und durch * ——— Filandre, die erſte Kammerfrau der Koͤnigin, den Schleier eines Geheimniſſes luͤftete, das Anna von Oeſtreich vor den Augen des Hofes ſchlau zu ver⸗ bergen gewußt. Der Guͤnſtling Karls I., der le⸗ bendige Stolz, der perſonificirte Ehrgeiz, hatte es gewagt, ſein Auge zu der Koͤnigin von Frankreich zu erheben, die entzuͤckt von ſeiner ſtolzen, impr⸗ ſanten Schoͤnheit, ſich endlich ſo weit vergeſſen hatte, ſeinen Huldigungen Aufmerkſamkeit, ſeinen Bitten Gehoͤr zu leihen. Richelieu, deſſen Huldigungen Anna von Oeſtreich fruͤher veraͤchtlich zuruͤckgewie⸗ ſen, hatte ſich dadurch in ſeiner Eitelkeit aufs Tiefſte verletzt gefuͤhlt, und in Eiferſucht entbrannt, nun auch die Konigin bewachen laſſen und durch ſeine Spione erfahren, daß Anna von Oeſt⸗ reich dem Herzog von Buckingham eine geheime Zuſammenkunft im Louvre bewilligt habe. Der Cardinal, der ihre Unterredung belauſcht, hatte ſeit jenem Augenblick dem beguͤnſtigten Nebenbuhler ewigen Haß geſchworen. Sein brennendes Auge verfolgte den ſtolzen Guͤnſtling, der, nachdem er die Koͤnigin ehrfurchts⸗ 8 voll gegruͤßt und ein paar Worte mit ihr gewech⸗ ſelt, ſie zum nächſten Tanze engagirte. Mit ge⸗ ballten Faͤuſten und verbiſſenem Zorn, ſah er, wie das liebende Paar, weltvergeſſend, himmelträu⸗ mend, an ihm voruͤberflog. — Georg von Villiers, murmelte er zaͤhne⸗ knirſchend vor ſich hin, Herzog von Buckingham, der du ſo ſtolz auf mich hernieder ſiehſt, zittre vor der Rache des Cardinals von Richelieu. In mei⸗ ner Hand liegt dein Geſchick. Dich und die Koͤ⸗ nigin, die du liebſt, kann ich vernichten. Anna von Oeſtreich, du ſtolzes Weib, warum haſt du meine Liebe verſchmaͤht? Glaubſt du, Richelieu ſei minder maͤchtig als Buckingham? Ein Wort von mir, und Ludwig, dein Gemahl, der Spiel⸗ ball meines Willens, laͤßt dich vor die Schranken meines Parlaments ſchleppen, ein Wort von mir und deine Richter verdammen dich— ein Wort von mir, und du traͤgſt wie Anna Boulen und Ca⸗ tharina Howard, deinen Kopf aufs Blutgeruſt. Das letzte Wort betonte Richelieu ſo laut, daß der Koͤnig es vernahm. 9 — Cardinal, murrte Heinrich, was ſprecht Ihr da von Blutgeruͤſt. Sire, ſprach Richelieu, ich ſehe hier mehr als einen Kopf, der reif iſt fuͤr den Grsve⸗Platz. — Ich bitte Euch, Cardinal, ſtoͤrt nicht meine gute Laune. Kommt, laßt uns lieber Schach ſpielen. Einer der Pagen brachte ein Schachbret. Das Spiel begann, der Tanz waͤhrte fort. Richelieu, deſſen Blicke und Gedanken nur auf die Koͤnigin und ihren Guͤnſtling gerichtet waren, machte oft falſche Zuͤge. — Ihr ſeid ſehr zerſtreut, Cardinal. Mit meinem Faͤhnchen nehmt Ihr Euren Thurm. — Verzeihet, Sire, es blenden mich die vie⸗ len Lichter. Richelieu warf ſeine Blicke auf die Koͤnigin, die eben eine Roſe auf die Erde fallen ließ; Bucking⸗ ham, der dieſen Wink verſtanden hatte, hob ſie eilig auf. — Schach dem Koͤnig! rief Ludwig. — Bei meiner Treue, meinem armen Koͤnig 10 droht Gefahr, rief der Cardinal mit Bezug auf das, was er ſo eben geſehen hatte. Buckingham kuͤßte die Roſe und ſteckte ſie dann in ſein Knopfloch. — Sire, ſagte Richelieu zum Koͤnig, wollet Ihr nicht einen Roſenorden ſtiften? — Sonderbar, wie kommt Ihr jetzt auf dieſe Idee? — Die Graͤfin Salisbury, die Geliebte Eduards III. verlor auf einem Balle ihr linkes Strumpfband. Der Koͤnig hob es auf und gab es ihr mit den Worten: honny soit dui mal pense zuruͤck. — Wie paßt das hieher? — Vor einer Minute ließ Eure erlauchte Ge⸗ mahlin eine Roſe fallen. — Und wer wagte es, ſie auſzuheben? fragte Ludwig. — Der Herzog von Buckingham. Honny soit qui mal y pense, fügte er mit ironiſchem Laͤcheln hinzu. — Ich verſtehe Euch, Cardinal, kommt in 11 mein Cabinet, dort wollen wir das Nähere be⸗ ſprechen. Der Koͤnig zog ſich begleitet von zwei Pagen ins Innere ſeines Palaſtes zuruͤck. — Die Rache naht, ſprach Richelieu, ihm nachfolgend, zu ſich ſelbſt. Der Ball waͤhrte bis ſpaͤt in die Nacht hinein. Am andern Morgen erhielt der Herzog von Buckingham den Befehl, binnen 24 Stunden Pa⸗ ris zu verlaſſen. Er mußte dem Befehl Folge leiſten. Vor ſeiner Abreiſe ſchrieb er an Richelieu: — Cardinal, der Herzog von Buckingham wird ſich zu raͤchen wiſſen. Zweites Capitel. Die Rache. (1622.) Pardonner-c'est divine; se venger — c'est humaine. MonTAISRNR. Der Herzog von Buckingham, der das Gelubde gethan, die Schmach, die der Cardinal von Richelieu ihm zugefuͤgt, an ihm und ganz Frankreich zu raͤchen, hatte durch ſeinen Einfluß Karl I. endlich uͤberredet, dem Herzog von Soubiſe, dem Oberhaupt der Calviniſten, durch Thoiras vertrieben aus ihrem letzten Bollwerk La Rochelle, Hulfe zu leiſten. England hatte in der Eile eine Flotte von 86 Schiffen mit 10,000 Mann ausgeruͤſtet, die unter Bucking⸗ hams Oberbefehl an Frankreichs Kuͤſte, bei der Inſel Rhé landete. 13 Am 7. November 1627 ward hier ein blutiges Treffen geliefert zwiſchen Buckingham und dem Narſchall Schomberg. Lange ſchwankte der Sieg, endlich entſchied ſich das Gluͤck fuͤr die Banner Frankreichs. Buckingham mußte die Flucht er⸗ greifen. Es war mitten in der Nacht. Der Mond, in bleiche Wolken gehuͤllt, ſah duͤſter auf das blut⸗ gerothete Schlachtfeld herab, auf dem 5000 Feinde jetzt friedlich bei einander lagen. In dem Au⸗ genblick, als Buckingham auf dem Admiralſchiff St. George den Befehl zum Ruͤckzug ertheilte, trat ein Officier in die Cajuͤte. — So eben, Herr Herzog, iſt eine franzoſiſche Brigg herangeſegelt, an deren Bord ein Capitain iſt, der bei Euch Audienz begehrt. — Was bringt er? — Wie er ſagt, eine Botſchaft von der groͤßten Wichtigkeit. — Man ſoll ihn vorlaſſen, ſprach der Groß⸗ admiral. 14 Bald darauf ſtand der angemeldete Capitain, eine junge, ſchlanke, zierliche Geſtalt, in einen weiten Mantel eingehuͤllt, vor dem Herzog von Buckingham, der ihn mit ſcharfen Augen maß. — Was wollt Ihr? ſprach der Herzog mit ſtolzem Tone. — Euch ſprechen unter vier Augen. — Warum ſo geheimnißvoll? — Ich habe Euch, Großadmiral, eine Bot⸗ ſchaft mitzutheilen, die außer Euch und mir kein Dritter wiſſen darf. — Laßt uns allein, ſagte der Herzog, ſeiner Umgebung ein Zeichen gebend. Die Officiere entfernten ſich. — Junger Mann, ſprach der Herzog, bevor Ihr Eures Auftrags Euch entledigt, wuͤnſche ich zu wiſſen, wer Ihr ſeid. Der junge Capitain warf ſeinen Mantel ab und fragte mit freudiger Auftegung: — Herzog von Buckingham, kennt Ihr mich noch? 15 — Gott, wen ſehe ich! rief George von Vil⸗ liers, aus deſſen Zugen das hoͤchſte Erſtaunen ſprach. — Anna von Oeſtreich. — Koͤnigin, rief der Herzog, vor ihr auf die Knie ſinkend— was fuͤhrt Euch jetzt mitten in der Nacht, ſo ganz allein und in dieſer Verkleidung auf das Schiff Eures Feindes? — Mylord, ſprach die Koͤnigin mit bewegter Stimme, ich komme um Euch zu warnen. — Vor wem Koͤnigin? — Vor dem kuͤhnſten, unverſoͤhnlichſten Eurer Feinde. Der Cardinal von Richelieu hat Dolche gedungen, die Euch ermorden ſollen. — Mich ermorden, und wo? — In Eurem eigenen Land, auf Eurem eige⸗ nen Schiff. — Wo lebt der Freche, der es wagen will, Hand anzulegen an das Leben Georgs von Buckingham? — Vor Meuchelmoͤrdern koͤnnen ſich ſelbſt Kö⸗ nige nicht ſchuͤtzen, denkt an den dritten und an den vierten Heinrich. 16 — Gut, ſie moͤgen kommen und mich toͤdten... Richelieu hat mich beſiegt. das Leben iſt mir nun zur Laſt.. — Mylord, bei Allem was Euch lieb und heilig iſt, beſchwore ich Euch, auf Eurer Hut zu ſein. Der Dolch, der Euer Herz durchbohrte, „ er wuͤrde mit demſelben Schlage auch das meine toͤdten, denn wißt Mylord, ich liebe Euch! — Ihr liebt mich, liebt mich wirklich, meine Koͤnigin! O warum habt Ihr damals mir ver⸗ ſchwiegen. — Erſt ſeit dem Tage, wo Ihr von uns ge⸗ ſchieden, erkannte ich, wie theuer Ihr mir ſeid. Mir ſelbſt hab' ichs verhehlen wollen, daß Bucking⸗ ham die Seele meiner Seele iſt. — O nun erſt hat das Leben Werth fur mich. Jedwede Stunde meines Daſeins iſt mir jetzt ein theures Gut, das ich beſchuͤtzen will mit meinem Schwert. Mein Leben— es gehoͤrt ja jetzt nur Dir, nur Dir allein, Du holde Koͤnigin. Buckingham ſchlang ſeinen Arm um ihren Hals. 17 — O Gott, mein Herz.. es drohl vor Freude zu zerſpringen, ich kann vor Wonne kaum mich faſſen.. Wie gern moͤcht' ich noch laͤnger bei Euch weilen, allein ich fuͤhle, daß es hohe Zeit zu gehen, wohin die Pflicht mich ruft... — Du willſt ſchon wieder fort?... — Vor Tages Anbruch muß ich bei den Meinen ſein. Nehmt vor dem Scheiden dieſen Ring. Mag er Euch ſchuͤtzen vor Gefahr und im Gluͤck Euch erinnern an ein Herz, das ewig fuͤr das Eure ſchlaͤgt. Sie entwand ſich ſeiner Umarmung und rief mit Thraͤnen in den Augen. — Lebt wohl, Mylord, auf Wiederſehen in einer ſchoͤnern Welt. Sie eilte aufs Verdeck und von dort auf ihr Schiff zuruͤck. Herzog von Buckingham ſtand leblos auf dem Verdeck des St. George, der Brigg nachſchauend, die ſeine holde Konigin pfeilſchnell davon trug. Voll Sehnſucht ſchaute Anna von Oeſtreich nach dem ſchoͤnen Mann zuruͤck, mit ihrer ſchoͤnen Hand Il. 2 18 den letzten Kuß zu ihm hinuͤberſendend. In ihren thraͤnenfeuchten Augen ſpiegelte ſich der letzte Strahl des ſich verhuͤllenden Mondes, der letzte Strahl ihrer Hoffnung, ihres Gluͤckes, ihrer Liebe. Buckingham weilte, obgleich die Brigg ſeinem Geſichtskreis laͤngſt entſchwunden war, noch lange auf dem Verdecke ſeines Schiffes, nach jener Ge⸗ gend hinſtarrend, wo ſich die Brigg, ſein Gluͤck davon tragend, in die Nebel der Nacht verlor. Die Stimme eines ſeiner Officiere erweckte ihn endlich aus ſeinem wachen Traume. — Herzog, der Morgen graut, ſoll ich das Zeichen zum Aufbruch geben? — Thut, was Euch gefaällt, ſprach der Groß⸗ admiral und ſtieg mit gebrochenem Herzen in ſeine Cajuͤte hinab. Zehn Monate ſpaͤter, am 24. Auguſt 1628, wurde der Herzog von Buckingham, im Begriff, eine neue Flotte gegen Frankreich zu fuͤhren, um ſeine erſte Niederlage durch einen glänzenden Sieg 19 zu rächen, zu Portsmouth von einem verabſchiedeten Lieutenant John Felton ermordet. Das erſte Schiff, das am folgenden Tage den Canal Lalnanche paſſirte, uͤberbrachte dem Premier⸗ miniſter Richelien folgendes Schreiben: Portsmouth am M. Auguſt 1628. Cardinal, Euer Tobfeind, Herzog von Buckingham, ruht nun im Grabe. Eurem Wunſche gemaͤß uͤberſende ich Euch den Ring, den er einſt von der Koͤnigin von Frankreich erhielt und den ich dem Leichnam vom Finger zog. Eure Diener haben ihr Ver⸗ ſprechen erfuͤllt, Cardinal, erfullt nun auch das Eure. William*** Richelieu rief ſeinen Agenten. — Joſeph, ſendet mit dem erſten Schiffe, das nach England geht, 350,000 Livres an unſere Freunde in London. Pater Joſeph verneigte ſich. 20 Am andern Morgen, als wegen der wichtigen Depeſche, die aus England angelangt war, der Staatsrath ſich verſammelt hatte, ſagte der Car⸗ dinal von Richelieu zum Koͤnig: — Sire, dieſen Ring, den Ew. Majeſtät einſt der Koͤnigin geſchenkt, fand man am Finger des ermordeten Herzogs von Buckingham. Ich lege ihn als ein Zeichen geraͤchter Ehre in Eure Hand. Der Konig dankte ihm mit einem ſchweren Seufzer. Seit jenem Tage war ihm Anna von Oeſtreich ein Gräuel. ¹ Drittes Capitel. Der König und ſein Beichtvater. 6350) Ludwig XIII. liebte die Frauen nur als Gattung. Seine Liebſchaften wa⸗ ren rein Platoniſch, von Seele zu Seele, nie kam es zum Genuß. Chriſtine von Schweden. Ludwig XIII. war kurz vorher von der Jagd zuruͤckgekehrt. Matt und muͤde ruhte er mit uͤber⸗ geſchlagenen Beinen auf ſeinem breiten Arm⸗ ſeſſel aus. Zu ſeinen Fuͤßen lagen Caſtor und Pollur, ſeine beiden Lieblingshunde, die Cing⸗ Mars, Marquis d'Effiat, ſein Großſtallmeiſter, ſo trefflich dreſſirt, daß ſie den leiſeſten Wink ihres Herrn verſtanden, der ſie dadurch ſo lieb gewon⸗ nen, daß er ſie nie anders, als ſeine vierbeinigen Dioscuren genannt. Caſtor leckte mit der Zunge ſein beſtaubtes Fell und ſchnappte Fliegen, Pollur, 2 beſtandig in die Sonne ſchauend, blinzelte und— gaͤhnte. Gaͤhnen iſt anſteckend: bald gaͤhnten alle Drei. Pierre Corſtart, der Kammerdiener des Konigs meldete die Ankunft des Beichtvaters. — Er iſt uns willkommen, ſprach der König. Der Beichtvater des Koͤnigs war Nicolaus Couſſin(geb. 1584 zu Troyes), ein kluger, aal⸗ glatter Jeſuit, der durch den Cardinal Richelieu zu dieſer Hoͤhe emporgehoben, ſeinem Beſchuͤtzer Anfangs blinden Gehorſam gelobt hatte, bald aber, als er ſich in der Gunſt des Koͤnigs feſtgerankt, dem Cardinal abtruͤnnig geworden war. Die Hunde des Koͤnigs empfingen den Jeſuiten mit freundlichem Gebell und gaben ihm dadurch, daß ſie mit dem Schweife wedelnd, ihm entgegen⸗ kamen, gleichſam pantomimiſch zu verſtehen, daß er auch ihnen willkommen ſei. — Ehrwuͤrdiger Vater, ſprach Ludwig, ſich vom Stuhl erhebend, Ihr ſteht bei meinen Dios⸗ curen ſehr gut angeſchrieben. Die lieben Thiere ſcheinen es zu wiſſen, daß Ihr einer meiner treu⸗ 23 ſten Diener ſeid. Unſerm Vetter Richelieu ſind ſie weniger gewogen. Neulich hat Caſtor Se. Eminenz in die Wade gebiſſen und Apoll ihm ein Stuͤck vom rothen Mantel abgebiſſen. — Die Hunde kennen ihre Leute, ſie wiſſen, wer es treu und ehrlich mit uns meint. — Alſo glaubt Ihr, daß der Cardinal kein treuer Diener ſei? — Sire, auf ſolche Fragen muß ich Euch die Antwort ſchuldig bleiben. — Weshalb, frommer Vater? — Eure Waͤnde, Sire, ſind ſeine Ohren, Eure Schluͤſſelloͤcher ſeine Augen— Alles hoͤrt, Alles ſieht, Alles weiß er. — und ihr fuͤrchtet ihn? — Wie die Suͤnde. — Sagt mir, ehrwuͤrdiger Herr, was iſt Suͤnde? — Suͤnde, mein Fuͤrſt, iſt Alles, was nicht Tugend iſt. — Und was iſt Tugend? M — Tugend, Sire, iſt die ſtrenge Ausuͤbung der goͤttlichen Gebote. — und welche von den Tugenden iſt wohl die groͤßte? — Die Liebe, denn ſie iſt der Inbegriff aller andern Tugenden, ſie iſt ein Abglanz Gottes, denn Gott iſt die reinſte Liebe. — Und was haltet ihr von der Ehe? — Die Ehe iſt ein heilig Band. — Ich glaube, frommer Vater, es waͤren Viele gluͤcklicher, wenn nur die Liebe, nicht die Ehe ſie verbaͤnde. Nehmt mich zum Beiſpiel. Meine Mutter hat mich wider meinen Willen vermaͤhlt mit Anna von Oeſtreich. Wir waren 14 Jahre alt, faſt Kinder noch, als Politik, die ſchlaue Kupplerin, unſere Herzen, die wie Nord und Suͤd ſich widerſtrebten, durch Prieſterhaͤnde band. Schon zwanzig Jahre ſind wir nun ver⸗ maͤhlt, und noch iſt unſere Ehe kinderlos. — Was noch nicht iſt, kann werden. — Schwerlich, ſeufzte Ludwig. Die Koͤni⸗ gin, ich weiß es, liebt mich nicht. Der Wider⸗ 25 wille, der ihr Herz beſeelt, beſeelt auch mich, ſprach der Koͤnig, tief ſeufzend und mit dem Ringe ſpielend, den ſie dem Herzog von Buckingham geſchenkt. — Ich bedaure Euch mein Fuͤrſt. — Sie iſt Gluth und ich bin Eis. Mein Herz weiß nichts von Sinnlichkeit... ich liebe nur den Geiſt, die Seele. — Wollt Ihr dem Beiſpiel Eures Vaters folgen, wollt Ihr Euch trennen von der Koͤnigin? — Nein, das will ich nicht. Was der Kirche heilig Wort zuſammen hat gefuͤgt, das ſoll der Menſch nicht trennen. Daß mein geliebter Vater gefallen iſt durch Meuchelmord, betrachte ich als Strafe, daß er das Band der Kirche frevelnd aufgeloͤſt. Ich will nicht ſuͤndigen, wie er! — Ihr habt nicht ſeine Fehler, Ihr habt nur ſeine Tugenden geerbt. — Laßt mich beichten. Seit Jahren ſuche ich ein Herz, das mit mir Mitleid fuͤhlt, ein Herz, dem ich mich anvertrauen darf, ein Herz, das wie das meine ſchlaͤgt. Seit Kurzem, frommer Vater, wird es Tag in meiner Seele Nacht— 26 ein ſchoͤnes Morgenroth bricht an. Vernehmet, was außer Euch kein Zweiter ſoll erfahren— Was lange ich geſucht, hab' ich gefunden: ein Herz, das mit mir Mitleid fuͤhlt, ein Herz, dem ich mich anvertrauen darf, ein Herz, das wie das meine ſchlaͤgt. — Ihr liebt? — Einen Engel, gut und fromm, wie Gottes Lamm; ſagt mir, iſt das Suͤnde? — Kennt Ihr, mein Fuͤrſt, die zehn Gebote? Der Herr befiehlt, Du ſollſt nicht ehebrechen. — Vergeßt nicht, was ich Euch geſagt. Mein Herz weiß nichts von Sinnlichkeit, ich liebe nur den Geiſt, die Seele. — Der Geiſt iſt ſchwach und die Verfuͤhrung maͤchtig. — Seit unbeſorgt, ehrwuͤrdiger Herr. Der fromme Engel, den ich liebe, kennt Suͤnde nur dem Namen nach. Sie iſt die Tugend ſelbſt! — Wohlan, die Tugend duͤrft Ihr lieben. — und waͤr es dennoch Suͤnde? — In nomine Dei absolvo te! — Nun iſt mir wieder wohl! rief der Konig. Der Beichtvater entfernte ſich. Ludwig und ſeine Hunde gaben ihm das Geleite. Am Abend deſſelben Tages erhielt Louiſe Mo⸗ tier de Lafayette, das Ehrenfraͤulein Annens von Oeſtreich, den erſten Beſuch des Koͤnigs. Vier Wochen ſpaͤter wurde der Pater Cyuſſin, der dem Koͤnige die Befugniß zum Suͤndigen er⸗ theilt, auf den Antrag des Cardinals von Riche⸗ lieu, vom Hofe nach Quimper Corentin verbannt. An ſeine Stelle trat der Pater Jakob Sirmond (geb. 1559 zu Riom in Auvergne.). Viertes Capitel. Louiſe de Lafayette. Louiſe de Lafayette, Tochter des Seigneur Jean de Lafayette und der Graͤfin Marguerite de Bourbon⸗Beſſet war von allen Bluͤthen, die den Hofſtaat Annens von Oeſtreich zierten, die Schoͤnſte dieſes Blumenflors. Die Natur hatte das ganze Fullhorn weiblicher Reize geleert, um damit Louiſe de Lafayette zu ſchmuͤcken; Geiſt und Tugend liehen dieſen Reizen einen Heiligen⸗ ſchein, zu dem ſich Jeder magiſch hingezogen fuͤhlte. Der Koͤnig betete in ihr das Ideal weiblicher Voll⸗ kommenheit an. Seine Liebe zu ihr hatte ihn zur Poeſie und Nuſik begeiſtert. Er dichtete Lieder, componirte ſie und war gluͤcklich, wenn dieſe Lieder in ihrem Auge Wohlgefallen fanden. Louiſe ſang dann 20 dieſe Lieder und ihre Stimme drang wie Acols⸗ harfenton in ſeine Seele; er haͤtte auf die Knie ſinken und Louiſen anbeten moͤgen wie ein uͤber⸗ irdiſch Weſen, das aus azurblauen Hoͤhen mit⸗ leidsvoll zu ihm herabgeſtiegen, um die Leere ſei⸗ nes Herzens auszufuͤllen. Er liebte ſie wie ein frommer Katholik die Mutter Gottes liebt. — Seit Monden, ſagte Ludwig eines Mor⸗ gens, als er ſie beſuchte, ſeit Monden, Fraͤulein, trage ich eine Bitte auf dem Herzen, doch immer fehlt es mir an Muth, ſie auszuſprechen. — Sire, Ihre Tugend iſt mir Buͤrgſchaft, daß Sie nichts von mir verlangen werden, was ich Ihnen nicht gewaͤhren darf und darum wage ich zu hoffen, daß ich Ihre Bitte wohl erfullen kann. Sire, was wuͤnſchen Sie? — So lange ich in Ihrer Naͤhe weile, fuͤhle ich mich frei von jedem Leid, ſo heiter und ſo wohl, daß die Erde ſchoͤner als das Paradies mir dunkt; doch naht die Stunde, wo ich meinen Himmel meiden, Sie verlaſſen muß, dann er⸗ wacht mein altes Leid; ich fuͤhle mich in dem 30 vaſten Louvre ſo verlaſſen, ſo allein, daß ich das Leben mir verwuͤnſche. O, wie ſehne ich mich dann in Ihr kleines, trauliches Gemach zuruck, um aus Ihren Augen neue Lebensluſt zu trinken! Nachts, wenn Sie ſchlafen und in ſchonen Traͤu⸗ men ſchwelgen, walze ich mich ſchlaflos auf mei⸗ nem Lager und rufe mir Ihre troſtenden Zuͤge zuruck. In ſolchen Augenblicken, wo ich, allein, ganz allein, des Kummers Beute bin, wuͤnſche ich ein Bild von Ihnen zu beſitzen, das ich auf mei⸗ nem Herzen tragen, ein Bild, das ich an meine Lippen druͤcken darf. Seit Monden, Fraͤulein, wuͤnſche ich ein ſolches Bild. — Sire, von wem ſoll ich mich malen laſſen? — Ein Breughal malte einſt die Hoͤlle mit allen ihren Teufeln; der Stuͤmper Ludwig wills verſuchen, den Himmel mit dem ſchoͤnſten ſeiner Engel abzumalen. Nicht wahr, mein Fräulein, dieſe Bitte konnen, durfen Sie erfuͤllen? — Mit Freuden, Sire. — O, daß ich weiter nichts als Konig bin. Viel lieber mochte ich ein Dichter wie Petrarca 31 ſein, um meines Schutzgeiſtes hohe Tugend, um meiner Laura engelgleiche Schoͤnheit zu verherr⸗ lichen durch holde Lieder, die ihr Unſterblichkeit verleihen. Ich Aermſter aller Armen bin ein Koͤ⸗ nig, viel lieber moͤchte ich ein Maler ſein, wie Raphael, um durch des Pinſels Meiſterſchaft die Zuͤge meiner Fornarina zu verewigen! Der Koͤnig machte ihr Bild und ließ es in ein Medaillon faſſen, das er Tag und Nacht auf dem Herzen trug. Nicht lange nachher hoͤrte Louiſe de Lafayette mitten in der Nacht im Nebenzimmer ihren Na⸗ men rufen. — Louiſe, Louiſe! — Wer ruft mich? — Reine de mon coeur, pense à moi! rief es. Louiſe horchte und erſchrack, denn das war nicht die Stimme eines Mannes. — Dors-tu, ma Reine? fragte die Stimme. Louiſe weckte ihre Kammerfrau. — Steh auf, Gervaiſe, zuͤnde Licht an. Im Nebenzimmer ruft man meinen Namen.. 32 — Louiſe, Louiſe! rief es wieder. — Haſt du gehoͤrt, Gervaiſe. Sieh zu, wer im Nebenzimmer ſich verſteckt hat. Gervaiſe machte Licht an und ging recognos⸗ ciren. — Fraͤulein, kommt, kommt. Ihr braucht Euch nicht zu furchten, rief die Kammerftau. Es iſt ein ſchoner Papagey, der Euren Namen ruft. — Ein Papagey. Wie kam er in mein Zimmer? ht nur, welch ein ſchöner Käſig! Maſ— ſives Gold! Ach und welch ein ſchoͤner Vogel! Himmel, welch ein ſchones Halsband! Koͤſtliche Diamanten! Ei, ſeht nur, wie das blitzt! Tretet naͤher, Fraͤulein, der Papagey iſt kirr, wie ein Kaͤtzchen. — Aimez-moi, ma Reine, aimez-moi, ma Reine, rief der Vogel. — Fraͤulein, hoͤrt nur, wie huͤbſch er ſprechen kann. — Himmel! dieſer Papagey... 33 — Iſt ein Bote der Liebe. Seht, Fräulein, da liegt ein Billet.. — Ein Billet? — Leſ't doch, Fraͤulein. —»Der arme Maler, dem Ihr erlaubt habt, Euer Bild zu malen, ſchenkt Euch dieſen Vogel, dem er das Sprechen gelehrt, als ein kleines Zei⸗ chen ſeines Dankes.« — Louiſe, Louiſe! rief der Vogel. — Er ruft Euch, Fraͤulein, geht doch zu ihm ich habe mein Lebtag keinen ſchmuckern Pa⸗ pagey geſehen. An der Kette haͤngt ein Ring mit einem roſenfarbenen Diamant. Louiſe ſchwieg. — Ihr ſcheint betruͤbt, warum? — Weh mir, er liebt mich! — Der Vogel? — Nein, nein, der Maler! — Welcher Maler? — Ein Maler, den ich nicht wieder lieben darf. — Und weshalb nicht? — Weil das eine Suͤnde waͤre. 34 — Eine Suͤnde? Ei wie ſo? — Der Maler hat eine Frau, eine gute, eine ſchoͤne Frau. — Pense à moi, Reine de mon coeur! rief der Vogel. — Hoͤrt nur, Fräulein, wie ſchon er bitten kann. — Louiſe, Louiſe! rief der Papagey. — Fraͤulein, wie konnt Ihr ſo hart ſein. Tretet naͤher, er beißt nicht. Louiſe naͤherte ſich dem Kaͤfig. Der Vogel ſprang auf ihre nackte Schulter und kuͤßte ſie. — Der Maler hat ihn trefflich abgerichtet. Das iſt ein kluges Thier. — Aimez moi, ma Reine, aimez-moi! rief der Vogel. — Still, ſtill, man koͤnnte dich horen, hauchte Louiſe. — Fraͤulein, Ihr ſeid nackt und koͤnnt Euch leicht erkaͤlten; geht zu Bette, Fraͤulein, und nehmt den klugen Vogel mit. — Gervaiſe, iſt das keine Suͤnde? 85 — Ei, wo denkt Ihr hin! — Nun, wenn Ihr glaubt, daß das nichts ſchaden kann... Doch wenn die Frau des Ma⸗ lers es erfuͤhre. — Gervaiſe iſt verſchwiegen, wie das Grab. Das arme Thierchen friert; kommt, Fraͤulein, kommt. Louiſe de Lafayette nahm den Vogel in ihr Bett. Sie herzte und ſie kuͤßte ihn und... dachte an den Maler und konnte nicht mehr einſchlafen. Fünftes Capitel. Intriguen. Louiſe de Lafayette hatte durch den Reiz ihrer Schonheit und durch die Macht ihrer Tugend nach und nach uͤber Ludwigs ſchwachen Geiſt eine un⸗ umſchraͤnkte Herrſchaft erlangt. Pater Joſeph, ein Verwandter des Fraͤuleins, wollte aus ihr ein Werkzeug ſeiner Politik machen. Urban VIII. hatte dem ehrgeizigen Capuziner den Cardinalshut ver⸗ ſprochen, wenn er den Koͤnig, gegen den Willen des Cardinals von Richelieu, der den Proteſtan⸗ ten in Deutſchland Subſidien gewährte, bewegen konnte, mit Oeſtreich Frieden und ein Buͤndniß gegen Wallenſtein und Guſtav Adolph zu ſchließen. Der Pater Joſeph hatte den ganzen Knauel ſeiner Suada abgewickelt, um Louiſe de Lafayette zu uͤberzeugen, wie groß und unſterblich die Ver⸗ 37 dienſte wäͤren, die ſie ſich um die allein ſeligma⸗ chende Kirche erwuͤrbe, wenn ſie ſeinen geheimen Plan bei dem Koͤnige beguͤnſtigen wolle. Louiſe, gedraͤngt von ihrem Verwandten, trug des Pabſtes Bitte dem Koͤnige vor; Ludwig, zu ſchwach und ängſtlich, um irgend einen Schritt ohne die Ge⸗ nehmigung ſeines erſten Miniſters zu thun, ſprach mit dem Cardinal. Richelieu erklaͤrte, Frankreichs Politik erheiſche es, die deutſchen Fuͤrſten unter ſich im Kriege zu erhalten, und ihre Macht zu zer⸗ ſplittern. Nur aus dieſem Grunde gewaͤhre er den Proteſtanten Subſidien gegen die Katholiken, nur aus dieſſem Grunde unterſtuͤtze er Wallen⸗ ſtein gegen den Kaiſer. — Oeſtreich, ſchloß der Cardinal, muß durch dieſe Kriege im Herzen ſeines Reichs geſchwächt werden, ſonſt wird ſeine wachſende Gewalt uns gefaͤhrlich. Ludwig wagte keinen Einſpruch. Am andern Morgen als Louiſe de Lafayette ihrem Vogel, dem Dollmetſcher ihrer Liebe, neue Worte lehrte, trat unangemeldet der Cardinal ein. 38 Louiſe erſchreckt durch dieſen unerwarteten Beſuch, zitterte wie Espenlaub. Richelieu verriegelte die Thuͤr. Cardinal, was wollt Ihr, ftagte Louiſe de Lafayette. — Euch ohne Zeugen ſprechen. Ihr zittert, Fraulein! Sagt Euch das Gewiſſen, daß Ihr Ur⸗ ſach habt, vor mir zu zittern? — Cardinal — Laßt mich reden. Noch ſpreche ich zu Euch als Freund, der nur gekommen iſt, um Euch zu warnen. Ich bin von Allem unterrichtet. Ihr habt des Koͤnigs Herz bethort: er liebt Euch.. Caina — Ihr wollt mir ſagen, daß dieſe Liebe rein Platoniſch ſei. Liebt den Koͤnig wie Ihr wollt.. ich gonne Euch den Zeitvertreib und habe nichts dagegen, ob ich gleich, erwägend, daß Ihr da⸗ durch der Gattin Rechte ſchmälert, Urſach hatte, Euch zur Rechenſchaft zu ziehen... — Cardinal e⸗ — Ich weiß, was Ihr mir ſagen wollt; aber 39 Ihr irrt, Fraͤulein, wenn Ihr glaubt, daß Eure Worte mich bethoͤren werden. Noch einmal ſag ich Euch, ich bin von Allem unterrichtet. Nicht zufrieden, den Koͤnig durch der Liebe eitlen Tand von ernſtern Pflichten abzuhalten, habt Ihr ſo⸗ gar gewagt, Euch in die Politik zu miſchen.. Ihr habt den Koͤnig uͤberreden wollen, mit dem deutſchen Kaiſer einen Bund zu ſchließen. — Cardinal.. — Fraͤulein, widerſprecht mir nicht, gebt lie⸗ ber Antwort auf des Freundes Fragen. Der Ko⸗ nig gab Euch einen Ring? Sagt Ja oder Nein! — Ja, erwiederte ſie mit zitternder Stimme. — Ich kenne dieſen Ring.. er gehoͤrt der Koͤnigin. Sagt, Fraͤulein, wollt Ihr dieſen Ring behalten? — Cardinal.. — Ihr braucht nur Ja zu ſagen, oder Nein, wiederholte Richelieu, ſie mit ſeinem ſtechenden Blick durchbohrend. — Hier iſt der Ring, nehmt ihn Cardinal, ſprach ſie mit angſtringendem Tone. 40 — Der Konig gab Euch einen Papagey? — Ja! — Ihr moͤget ihn behalten. Doch vernehmt nun Eures Freundes wohlgemeinten Rath. In acht Tagen muͤßt Ihr Ludwigs Hof verlaſſen. — Cardinal. — Euer gleten ſ umſonſt. Verſchmaͤht Ihr des Freundes Rath, dann wird es der Mini⸗ ſter Euch befehlen. Aimez-moi, ma Reine, aimez-moi! rief der Vogel. — Hoͤrt Ihr Fraulein? Huͤtet Eures Vogels Zunge, ſie koͤnnte Euch verrathen, und die Konigin, die beleidigte Majeſtaͤt, Anna von Oeſtreich, wuͤrde Nittel finden, die Schmach, von Euch Ihr zugt⸗ fügt, zu raͤchen. Nun, lebet wohl, ſprach der Cardinal und huſchte wie ein Geſpenſt zur Thuͤr hinaus. Louiſe de Lafayette hatte keine Ruhe mehr am Hofe. Sie furchtete den Zorn des Cardinals, die 41 Rache der Koͤnigin und entſchloß ſich ins Kloſter zu gehen. Ludwigs Bitten konnten ſie nicht laͤnger am Hofe zuruͤckhalten. — Nun denn, ſprach Ludwig in Thraͤnen zer⸗ fließend, gehen Sie mit Gott. Zwar koͤnnte ich Sie zwingen, an meinem Hof zu bleiben, ich koͤnnte allen Nonnenkloͤſtern meines Koͤnigreichs befehlen, Sie nicht aufzunehmen; aber Sie wuͤnſchen es, alſo muß ich, wenn auch das Herz mir bricht, Ihrem Wunſch mich fuͤgen. Louiſe de Lafayette ging ins Kloſter zur Heim⸗ ſuchung*) und legte dort das Geluͤbde ab, der Welt fuͤr immer zu entſagen. Sie hielt ihren Schwur und ſtarb hier am 5. Januar 1665 als leuchtendes Vorbild der frommſten Tugend. Der Papagey, welcher der Frommen bis ans Ende ihres Lebens Troſt und Beruhigung gewaͤhrt, wollte nach dem Tode ſeiner treuen *) Dieſes Kloſter lag in der Straße St. Antoine. II. 3 42 Pflegerin keine Nahrung mehr zu ſich nehmen. Der arme Vogel ſchien ſich zu graͤmen. Louiſe, Louiſe! rief er den ganzen Tag. Bald darauf fand man ihn verhungert in ſeinem goldenen Käfig. Sechſtes Capitel. Der Ring. „Ringe bilden eine Kette“. Der Cardinal Richelieu triumphirte. — Dieſer Ring muß mich zum Ziele fuͤhren. Er iſt das Corpus delicti ihrer Untreue. Sie ſchenkte ihn dem ſtolzen Buckingham. Mein Gold hat ihn getoͤdtet. Die Vollſtrecker meiner Rache ſandten mir den Ring, ich gab ihn dem Koͤnig und naͤhrte den thoͤrichten Glauben, Ludwig wuͤrde raͤchen die Schmach und ſeine Gattin, die meine Huldigung verſchmaͤht, als Ehebrecherin vor die Schranken des Parlaments ziehen. Er aber ſchwieg, ertrug die Schmach und ſchenkte dieſen Ring dem Gegenſtand ſeiner Liebe. Der Ring iſt jetzt in meiner Hand; meine Rache iſt geſtillt, aber meine Liebe nicht. 3* 44 Er ging zur Koͤnigin. — Kennt Ihr dieſes Kleinod? fragte der Car⸗ dinal. — Himmel! dieſen Ring... — Schenkte einſt Anna von Oeſtreich dem Herzog von Buckingham, dem Geſandten Eng⸗ lands, der im frechen Uebermuth gewagt, ſein Auge zu der Koͤnigin von Frankreich zu erheben. Die Tochter Philipps des Dritten hat ihn erhoͤrt. — Cardinal, Ihr wagt es.. — Die Wahrheit zu ſagen, Koͤnigin. Kennt Ihr dieſen Brief? Vor acht Tagen erhielt ich ihn aus England; ich hab jede Zeile dieſes Briefes mit ſchwerem Gold bezahlt.. er koſtet mich 10,000 Pfund. Dieſen Brief ſchrieb Anna von Seſtreich an den Herzog von Buckingham, an Frankreichs Feind, als dieſer ſich zum Ktiege ge⸗ ruſtet gegen Ludwig. Ich gebe dieſen Ring und dieſen Brief dem Konig und in acht Tagen beſteigt die Tochter Philipps das Schaffot. — Richelieu, was hab ich Euch zu Leid ge⸗ than, daß Ihr nach meinem Leben trachtet? 45 — Ihr habt meine Huldigung verſchmaͤht, habt Buckingham erhoͤrt, habt den Koͤnig, Euren Gemahl.. — Cardinal ſeid menſchlich. — Ihr haßt mich, Koͤnigin, und dennoch lieb ich Euch. Ihr aber ſeid zu ſtolz, den treuſten Eurer Diener zu erhoͤren. — Ihr verlangt?.. — Eine Gunſt, die Ihr dem ſtolzen Bucking⸗ ham gewaͤhret. — Seid Ihr bei Sinnen, Cardinal? — War jener Buckingham denn mehr als ich? War ſeine Liebe groͤßer als die meine? Nein, o nein! Wie ich Euch liebe, Koͤnigin, hat Bucking⸗ ham Euch nie geliebt. Verlangt mein Blut, mein Leben ich opfrte Alles fuͤr das Gluͤck, von Euch geliebt zu werden. Laßt mich eine Stunde nur in Euren Armen ruhen, und ſtoßt dann Euren Dolch in meine Bruſt. Laßt mich eine Stunde gluͤcklich ſein, und mit Wonne will ich dann die ſchwerſte aller Strafen dulden... laßt mich auf die Folter ſpannen, laßt mich kneifen mit gluͤhen⸗ 46 den Zangen, laßt mich zerreißen von Euren Pfer⸗ den; erſinnt fuͤr mich die grauſamſte der Qualen, aber erhoͤrt mich zuvor. — Nimmermehr! — Koͤnigin, laßt mich nicht troſtlos von Euch gehen. Dieſer Ring und dieſer Brief kann Euch vernichten. — Ich haſſe Euch. — Beſieget Euren Haß, bedenkt, in meinet Hand ruht Eure Ehre, Euer Leben. Ich zeige dieſen Brief und Anna von Oeſtreich endet wie Catharina Howard. — Weh mir! — Anna, habt Mitleid mit dem Armen, den der Liebe Gluth verzehrt. Bei Allem, was Euch lieb und heilig iſt, beſchwoͤr ich Euch, der Liebe heißes Flehen zu erhoͤren. — O Schmach, daß ich dies Alles dulden muß! — Anna habt Nitleid! — Geht Cardinal, ich darf, ich kann Euch nicht erhoͤren. 47 — Wollt ihr dem Henkerbeil verfallen? Denkt an Catharina Howard. — O Bild des Schreckens! Gebt mir den Ring, gebt mir den Brief. — Es ſind die goldenen Schluͤſſel, die mir die Pforten des Paradieſes, die Thore Eures Herzens offnen ſollen. Erhort mich, Koͤnigin, und Brief und Ring ſind Euer und Alles iſt vergeſſen. — Richelieu, Anna liegt zu Euren Fuͤßen, habt Erbarmen! — Entſchließt Euch Koͤnigin. Erhoͤrt mein Flehen oder ſeid bereit Euer Haupt auf das Schaf⸗ fot zu tragen. — O Gott, o Gott, was ſoll ich thun? — Woas ihr damals gethan, als Buckingham zu Euren Füßen lag. Lohnt Liebe mit Liebe. — Anna, hier iſt der Brief und hier der Ring. 48 — Geht, geht, ſprach die Koͤnigin in Thrä⸗ nen zerfließend. Am 5. September 1638 wurde Anna von Oeſtreich, nach 23jaͤhriger unftuchtbarer Ehe von einem Sohne entbunden. Siebentes Capitel. Ein königliches Amuſement. (1636.) Un barbier rase Tautre. Altes Sprüchwort. Ludwig der Gerechte war, wie die Mehrzahl ſeiner ſehr hohen und ſehr maͤchtigen Vorfahren, ein Muͤſſiggaͤnger, der, von Langeweile geplagt, auf tauſend alberne Gedanken gerieth. Wir wol⸗ len ihm verzeihen, daß er, um die Zeit zu toͤdten, dann und wann ſchlechte Verſe gemacht, Roman⸗ zen componirt und Landſchaften gemalt hat— die holden Muſen ſind ſeit Jahrtauſenden daran gewoͤhnt, ſich von Koͤnigen maltraitirt zu ſehen. Aber bald ward er auch des Dichtens und Mu⸗ ſicirens uͤberdruͤßig. Eines Morgens, als er gaͤhnend und mit uͤber⸗ 3* 50 geſchlagenen Beinen in ſeinem großen Lehnſtuhl ſaß, trat ſein Narr ein. Er hieß Angely und war von allen Hofnarren Frankreichs der kluͤgſte. Gre⸗ gor Lamprechter, ein Rath Karls V., meinte, ein Koͤnig muͤſſe zwei Narren haben: einen, den er vexirt, den andern, der ihn vexirt. In Angely waren beide Gattungen vereinigt; er kannte die Schwachen des Konigs und wußte ſie trefflich zu benutzen*). — Wie gehts Papa? fragte Angely. — Schlecht, mein Sohn, ſehr ſchlecht. — Was fehlt Euch, Ludwig der Gerechte? — Ich ſterbe vor Langeweile. Iſt heute die Gazette*) erſchienen? — Hier iſt das Blatt von geſtern. — Was giebts Neues? fragte Seine gaͤhnende Majeſtat, mit den beiden Daumen Muͤhle ſpielend. *) Dieſer Narr hat ein Vermögen von 40,000 Gold⸗ thalern hinterlaſſen. *) Die Gaette de France ward im Jahre 1631 von dem Arzt Theophraſt Renaudot gegründet, der ſie Anfangs zur unterhaltung ſeiner Patienten ſchrieb. Er redigirte ſie bis zu ſeinem Tode(1653). 51 Angely entfaltete das kleine Blatt und las: — Seine Eminenz der Cardinal-Herzog Ar⸗ mand Duͤpleſſis von Richelieu hat vorgeſtern einer Sitzung der von ihm geſtifteten Académie fran- gaise beigewohnt. — Weiter! — Seine Eminenz der Cardinal-Herzog von Richelieu hat Herrn Fabre de Vaugelas, einen der vierzig Mitglieder der Académie frangaise, beauf⸗ tragt, einen Dictionnaire der franzoͤſiſchen Sprache auszuarbeiten. — Weiter, weiter! — Seine Eminenz der Cardinal-Herzog von Richelieu hat ſich Plaͤne zur Anlegung eines Jar din des plantes vorlegen laſſen. — Was denn noch? — Seine Eminenz der Cardinal-Herzog von Richelieu hat dem Geſchichtsſchreiber Frangois Eu⸗ des de Mezeray eine Penſion von 900 Livres be⸗ willigt. — Die Geſchichte wird unſern Vetter Riche⸗ lieu dafuͤr loben. Lies weiter, mein Sohn. 52 — Seine Eminenz der Cardinal⸗Herzog von Richelieu hat ſeinen Bibliothekar Jacques Gaf⸗ farel nach Italien geſchickt, um dort ſeltene Handſchriften und Buͤcher fur ihn anzukaufen. — Weiter, weiter! — Seine Eminenz der Cardinal-Herzog von Richelieu hat vorgeſtern im Theater des Hötel de Bourgogne der Auffuͤhrung einer neuen„Tra- gedie des cinque auteurs“ beigewohnt. Der erſte Act iſt von Frangois Metel de Boisro⸗ bert, der zweite von Claude de L'Eſtoile, der dritte von Guillaume Colletet, der vierte von Jean Rotrou und der fuͤnfte von Pietre Cor⸗ neille. — Ein Stuͤck und fuͤnf Dichter! — Viele Koche verderben den Brei. — Lies weiter! — Auf dem Theater des Palais Cardinal*) *) Früher hieß es Hötel de Piſani. Im Jahre 1606 verkaufte es Herr von Rambouillet für 34,000 Livres⸗ Tournois an Pierre Forget Dufresne. 18 Jahre ſpäter kaufte es der Cardinal Richelieu für 30,000 Thaler, um 53 werden zwei neue Trauerſpiele einſtudirt,„Eu⸗ ropes von Desmarets und»Thomas Moruse von La Serre. Beide Stuͤcke ſind nach Plan und Angabe Seiner Eminenz des Cardinals von Richelieu ausgearbeitet. Der beruͤhmte Tragoͤde Mondori wird die Hauptrollen ſpielen.— — Richelieu und immer Richelieu! Steht denn nichts von uns darin? — Keine Sylbe, Papa. Waͤr' ich Ludwig der Gerechte, ich ließe dem Doctor Theophraſt Renaudot, dem Schreiber dieſer Zeitung, die von Euch keine Notiz nimmt, das Privilegium neh⸗ men und ihm dafuͤr eine Entſchaͤdigung von 25 Stockpruͤgel geben. — Unſer Vetter, der Cardinal-Herzog von Richelieu, wuͤrde das nicht zugeben, ſprach der Koͤnig, der gaͤhnend ſich das Kinn rieb. Ach, da faͤllt mir ein, daß Dubois, mein Kammerdiener, es niederzureißen und an deſſen Stelle das Palais Car⸗ dinal aufführen zu laſſen. 54 mich heute noch nicht raſirt hat. Thu' Du es, mein Sohn. — Hoͤrt mich an, Papa, ich will Euch einen guten Rath geben, laßt Euch von Eurem Vetter, dem Herzog von Richelieu, raſiren.— — Das ſchickt ſich nicht fuͤr ihn. — Wie ſo? Er hat Euch ja ſchon mehr als einmal eingeſeift und uͤber den Loͤffel barbirt. — Wenn unſer Vetter das hoͤrte! — Was koͤnnte er mir anhaben? Mich hoͤch⸗ ſtens zum Mitglied der Academie ernennen, da⸗ mit ich aus Dankbarkeit das nachſinge, was die andern Vierzig mir vorpfeiffen: Pſaphon iſt ein großer Gott!*) — Laß das Witzeln, komm, raſire mich. *) Pſaphon, ein Aegypter-König, hatte Vögel ab⸗ gerichtet, die»Pſaphon iſt ein großer Gott« ſprachen. Die Vögel wiederholten dieſe eingelernten Worte im Freien; das dumme Volk hielt das für eine Verkündi⸗ gung des Himmels und widmete ſeinem König göttliche Verehrung. Die Academie francaiſe, die ihrem Stifter Weihrauch ſtreute, ward deshalb Volerie de Psaphon genannt. 55 — Nun denn, wenns ſein muß, wo ſind die Meſſer? — Dort ſteht Alles auf der Toilette. — Hier iſt ein Stuhl, ſetzt Euch. Angely wand dem Koͤnig eine Serviette um den Hals, bepinſelte das koͤnigliche Antlitz, wetzte ſein Meſſer und begann. — Du, nimm Dich in Acht! rief der Koͤnig. — Fuͤrchtet Ihr Euch vor dem Meſſer? Nun gut, laßt Euch, wie Dionyſius, Tyrann von Sy⸗ racus, mit Nußſchalen raſiren. — Fahre nur fort, ich fuͤrchte mich nicht. — Es iſt fuͤrwahr keine Kleinigkeit, ein ge⸗ ſalbtes Haupt zu raſiren, ſagte Angely, das Meſ⸗ ſer anlegend. Ihr Koͤnige habt keine andere Gur⸗ gel als wir ein Schnitt, und Ihr ſeid todt. Der eilfte Ludwig hatte Furcht vor ſeinem Bar⸗ bier und Olivier le Diable wußte dieſe Furcht ſchlau zu benutzen. Waͤr' ich Koͤnig, ich ließe mich niemals raſiren. — Du haſt Recht, Narr, von morgen an 56 will ich mich ſelbſt raſiren. Ob denn das ſo ſchwer iſt? — O ganz und gar nicht! — Andere zu raſiren iſt wohl ſchwerer? — Auch das iſt kinderleicht, ich hab's in einer halben Stunde gelernt. — Nun habe ich eine Bitte an Dich, ſagte der Koͤnig, ſich das Kinn abwiſchend. — Eine Bitte? An mich? — Ich will Gleiches mit Gleichem vergelten. — Wie ſoll ich das verſtehen? — Vorhin haſt Du mich raſirt— jetzt will ich Dich raſiren. — Ihr wollt mich raſiren? Ihr konnts ja noch nicht! — Ich wills lernen. — Gerechter Ludwig, wie konnt Ihr einem armen Narren zumuthen, ſein wohlconſervirtes Kinn zu Euren Vorſtudien herzugeben? — Sei unbeſorgt, ich werde Dich nicht ſchneiden. — Ihr ſtellt Euch das Raſiren ſo leicht vor! 57 — Kinderleicht, Du haſt es ja in einer hal⸗ ben Stunde gelernt. Auch ich wills erlernen, denn ich glaube, daß es dann und wann einen angenehmen Zeitvertreib gewaͤhrt. — Aber Sire, ich bitte um Gotteswillen! — Da hilſt kein Bitten, Narr, ſetze Dich! — Ihr wollt mir wohl den Hals abſchneiden? — Sei kein Kind, ich will nur etwas lernen, was, wie Du ſagſt, kinderleicht iſt; ſetze Dich, ich befehle es Dir! Ludwig KIII. betonte die letzten Worte ſo hef⸗ tig, daß der arme Narr, zum boͤſen Spiele gute Miene machend, ſich in des Koͤnigs Willen fugte. — Sire, ſprach Angely, gebt mir zuvor Euer königliches Wort, daß Ihr keine boͤſe Abſicht habt. — Mein Wort, daß Dir nichts geſchehen ſoll. — Nun denn, ſo fanget an. Seine Majeſtaͤt der Koͤnig geruhten allerhoͤchſt ihren Narren eigenhaͤndig einzuſeifen. — Nun, fragte Ludwig, als er damit fertig war, hab ich das gut gemacht? 58 — Die Koͤnige, Sire, haben es von jeher gut verſtanden, ihre Unterthanen einzuſeifen. — Du ſtichelſt, Narr; nur zu, hat nichts zu ſagen, ſprach Ludwig, das Meſſer auf dem Streich⸗ riemen wetzend. — Herr, das Meſſer iſt ſchon ſcharf genug! — Glaubſt Du, fragte der Konig, ruhig wei⸗ ter wetzend. — Allzuſcharf macht ſchartig.. ſchont mei⸗ nes armen Kinnes, es hat Euch nie etwas zu Leid' gethan. — Nur ruhig, es ſoll Dir nichts geſchehen. — Langfam, langſam, bat der Narr, der nicht wenig Angſt dabei ausſtand. Eilt nicht ſo, der Bart laͤuft uns nicht fort. — Nun bin ich fertig! rief der Koͤnig nach einer kleinen Pauſe. — Ich danke euch, ihr Sötteri jubelte der Narr, die Gefahr iſt voruber. — Biſt Du zufrieden mit mir? — Vollkommen. Bei allen Heiligen des Ka⸗ 59 lenders, Ihr habt alle Anlage, ein trefflicher Barbier zu werden. — Mein Finanzminiſter Bouthilier ſoll Dir 100 Livres auszahlen. Seit jenem Tage wurde das Raſiren die Lieb⸗ lingsbeſchaͤftigung des Koͤnigs. Nach und nach erlangte er darin eine ſo große Fertigkeit, daß Angely, den er faſt taͤglich raſirte, ihm mehr als einmal das Zeugniß gab, daß er der Koͤnig der Barbiere ſei. Eines Tages wollte Ludwig der Gerechte auch den Cardinal von Richelieu raſiren; der Herzog aber proteſtirte dagegen mit der ganzen Kraft ſei⸗ ner academiſchen Beredſamkeit. Sauvage, einer der witzigſten Schoͤngeiſter jener Zeit, hat darauf folgende Couplets gedichtet: 1. Helas, ma pauvre barbe, Qu'est qui t'a faite ainsi? G'est le grand Roi Louis Treizieme de ce nom Qui tout a ebarbé sa maison. 60 2. Laissons la barbe au pointe Au cousin de Richelieu Car, par la vertudieu, Qui serait assez ose Pour pretendre la lui raser? Achtes Capitel. Eine Sterbende. (am 3. Juli 1642.) Nemo ante mortem beatus. Soron. 6 Koͤln, nicht fern von der Kirche des heiligen Gereon, lag ein finſteres halbzerfallenes Gebaͤude, worin einſt der große Maler Rubens gewohnt. Im vierten Stockwerk dieſes Hauſes, das Rubens von ſeinem Vater ge⸗ erbt, wohnte eine faſt ſiebenzigjaͤhrige Frau, die ſeit beinahe zwei Jahren aller Huͤlfe entbloßt, der druͤckendſten Armuth Preis gegeben, von tiefem Herzeleid niedergebeugt, langſam hinſiechte. Sie war eine jener Sonnen, die am Morgen heiter⸗ glaͤnzend auftauchen und am Abend ſchaurigduͤſter untergehen. Dieſelbe Frau, die jetzt auf einem 62 harten Strohſack liegt, ſchlief einſt in ſilberner Wiege, auf Kiſſen von Sammet und Seide; die⸗ ſelbe Frau, die jetzt in einer dumpfen Dachſtube wohnt, thronte fruͤher in vergoldeten Palaͤſten; denn dieſe Frau iſt die Tochter des Großherzogs von Toskana, die Wittwe Heinrichs W., die Mut⸗ ter Ludwigs U die Mutter der Koͤniginnen von Spanien u Kindern verſtoßene Matia von Medicis. Sie, die Koͤnigin, die zwanzig P Rubens nach Paris berufen, um von ih Waͤnde des neuen Palais d'Orleans ausſchmuͤcken zu laſſen, ſie, die Koͤnigin, die den Kuͤnſtler damals mit Gold und Ehren uͤberhaͤuft, wohnte jetzt in Rubens Hauſe, in einer Dachſtube, die ſonſt der letzte ſeiner Leute bewohnte. Der einzige Diener, der ihr im Ungluͤck treu geblieben, war ein Jude, der damals, als Lud⸗ wig noch unmuͤndig und Maria von Medicis Re⸗ gentin war, als Arzt und Aſtrolog bei Hofe in großem Anſehen ſtand. Eleazar hatte ſich, wie alle Gelehrte jener Zeit, mit Kabbala und Magie land, es iſt die von ihren — 63 beſchaͤftigt und der Regentin geweiſſagt, daß ſie in fremdem Lande, unter fremden Menſchen ſter⸗ ben werde. Er war ihr freiwillig ins Exil ge⸗ folgt, hatte mit ihr die Gefangenſchaft in Blois und Compiegne getheilt, war mit ihr in Bruͤſſel und London geweſen und hatte das Geluͤbde ge⸗ than, ſeiner Gebieterin, die ihn fruͤher mit Gold und Ehren uͤberhaͤuft, bis zum Tode beizuſtehen und ſie niemals zu verlaſſen. Er theilte mit ihr das Wenige, was er beſaß, pflegte ſie mit unver⸗ droſſener Anhaͤnglichkeit und troͤſtete die ungluͤck⸗ liche Mutter, die verſtoßene Koͤnigin mit Hoff⸗ nungen, die nie in Erfuͤllung gehen ſollten. Er hatte ſich an ihre Toͤchter gewandt und von ihnen Huͤlfe erfleht. ſie blieben taub fuͤr die Stimme des Elends. Alle Briefe, die ſie an den Koͤnig geſchrieben, um von ihm die Erlaubniß zur Zu⸗ ruͤckkehr zu erflehen, hatten Richelieu und ſeine Agenten unterſchlagen. Von der dringendſten Noth getrieben, hatte ſie nach und nach alle ihre Dia⸗ manten und Juwelen verkauft. Die Jeſuiten, die ſie anfangs unterſtuͤtzt hatten, ließen aus Furcht 64 vor dem allmächtigen Miniſter ſich einſchuͤchtern, ihr Huͤlfe zu leiſten. Mariens Noth hatte jetzt den Gipfel erreicht. Mehr als einmal war Elea⸗ zar gezwungen, in den Straßen Koͤlns von dem Mitleid fremder Menſchen ein Paar Albes zu er⸗ betteln, um für die von aller Welt verlaſſene Kö⸗ nigin Holz und Brod zu kaufen. Es giebt wenig Frauen, auf deren Haupt die eiſerne Hand des Schickſals ſo ſchwer geruht, als auf dem Haupte Mariens. Noth und Kummer nagten an ihrem Herzen ſie verzweifelte und flehte jeden Tag, daß der Heiland ſich ihrer erbarmen und ſie erlo⸗ ſen moge von der Qual ihres Daſeins; es ſchien, als wollte der Himmel ihr Leben nur darum ver⸗ laͤngern, um ſie den Kelch des Leidens ausleeren zu laſſen bis auf die Hefe. Es war in der Nacht des zweiten Juli. Ma⸗ ria von Medicis, ärmer als das ärmſte Weib, lag auf ihrem Strohbett und ſchlief. Eine kleine Lampe warf ihren kargen Schein auf ihr bleiches, abge⸗ zehrtes Geſicht, auf dem ſich langjaͤhrige Leiden, Gram und Verzweiflung abgepragt. Ihre Lippen, 65 obgleich geſchloſſen vom Balſam des mitleidigen Schlafes, ſchienen ein Gebet fuͤr ſie zu murmeln, — in ihrer abgezehrten Hand ruhte ein Roſen⸗ kranz. Nicht fern von ihrem Lager ſaß Eleazar; er las das beruͤhmte Werk de occulta philosophia von Cornelius Agrippa von Nettesheim. Noch jetzt, in ſeinem groͤßten Elend war ſein Geiſt mit der Idee beſchaͤftigt, den Stein der Weiſen zu finden und— Gold zu machen. Doch trotz der emſigen Aufmerkſamkeit, mit der er ſich in die Myſterien dieſes Buches vertieft, entging ihm kein Athemzug der Schlafenden. Nach einer Stunde ſuͤßen Schlummers erwachte ſie aus einem Traume. — Wo bin ich? rief Maria von Medicis, ſich die Augen reibend. — Koͤnigin, Ihr ſeid in Koͤln. — Alſo nicht in Paris, nicht im Louvre. Ach, Eleazar, ich hatte einen ſuͤßen Traum. Mein Sohn, der Koͤnig von Frankreich, hatte mir die Erlaubniß ertheilt, nach Frankreich zuruckkehren zu duͤrfen. II. 4 66 — Vielleicht, hohe Frau, geht dieſer ſchone Traum bald in Erfullung. — Auch von meinen Tochtern habe ich ge⸗ traumt. Eliſabeth von Spanien*), Gemahlin Phi⸗ lipps W., und Henriette von England*), Gemahlin Kars I., knieten neben meinem Strohlager, benetzten meine Haͤnde mit Thränen, baten mir ihr Unrecht ab und erflehten meinen Segen. Ach hab' ichs Dir nicht immer geſagt, Eliſabeth und Henriette ſind gute, fromme Kinder, die mit inniger Treue ihre Mutter lieben. Nur ihre Gatten, ſagen ſie, und die Politik wollen es nicht erlauben, daß ſie ſich des Elends ihrer armen Mutter annehmen. O haͤtteſt Du doch hoͤren koͤnnen, wie ſie baten, wie ſie flehten, wie ſie weinten, meine Kinder. Du alter, kalter, thraͤnenſatter Mann haͤtteſt mit gebetet, hätteſt mit geweint. Kommt meine Kinder, rief ich, kommt an das todte Herz eurer Mutter — ſie vergiebt euch Alles, was ihr gethan. Ich kuͤßte die Stirnen meiner Kinder und ſegnete ſie. *) Geboren 1602, vermählt 1621, geſtorben 1644. **) Geboren 1609, vermählt 1625, geſtorben 1669. 67 — Der Segen einer ſolchen Mutter dringt zum Throne Gottes, wo er Erhoͤrung findet. — O koͤnnte ich, bevor ich ſterbe, noch einmal meine Kinder wiederſehen! Von allen Strafen, die der Himmel uͤber uns verhaͤngt, iſt die, in fremdem Lande, unter fremden Menſchen zu ſterben, die ſchwerſte, bitterſte. Ludwig, mein theurer erſt⸗ geborner Sohn, erhoͤre das Flehen deiner ſterben⸗ den Mutter, laß ſie in Frankreich, in deinen Armen ſterben. Wohl weiß ich es, du biſt nicht bos, aber dein Rathgeber Richelieu, der Cardinal, der Alles, was er iſt, Alles, was er hat, mir verdankt, hat mich bei dir verſchwaͤrzt, verläumdet. Fluch uͤber dich, Richelieu, der du eine Konigin aus dem Herzen ihres Reiches, eine Mutter aus dem Herzen ihrer Kinder verbannt, Fluch uͤber dich, der du frech zerriſſen die heiligſten Bande der Natur, Fluch uͤber dich, der das heilige Feuer der Kindes⸗ liebe erſtickt, Fluch, Fluch uͤber Dich! — Amen, murmelte der alte Mann. Maria von Medicis ſank erſchoͤpft auf ihr Strohkiſſen. Der Arzt ſtellte ſich an ihr Lager 4* 68 fuͤhlte ihren Puls und belauſchte jeden ihrer Athem⸗ zuge. — Armes, gebrochenes Herz, murmelte der Arzt, der Himmel ſchenke Dir einen ruhigen Schlaf. Am Morgen des vierten Juli langte ein Bote aus Paris an. — Was bringt Ihr? fragte Eleazar. — Einen Brief vom Koͤnig. — Was enthaͤlt er? — Unſere vielgeliebte Koͤnigin, Anna von Oeſtreich, hat von ihrem erlauchten Gemahl die Erlaubniß erwirkt, daß die Koͤnigin Mutter nach Paris an den Hof zuruͤckkehren darf. — Ihr kommt zu ſpaͤt. Vor einer Stunde iſt Maria von Medicis verſchieden. Eleazar hat ihr die Augen zugedruͤckt meldet das ihrem Sohne, Ludwig dem Gerechten. Neuntes Capitel. Das Ende Richeliens und Ludwigs XIII. Der Cardinal von Richelieu uberlebte die Koͤ⸗ nigin Mutter nur wenige Monate. Kurz vor ſeinem Tode hatte ſich der junge Henri Cinq⸗Mars, Marquis d'Effiat, Großſtallmeiſter und Liebling des Koͤnigs, mit Gaſton von Orleans und den Herzog von Bouillon gegen das Leben des Cardinals verſchworen. Aber das Complot war entdeckt worden. Richelieu, unerbittlich in ſeiner Rache, ſchleppte die Verräther auf einem Kahn, angekettet an dem Schiff, auf dem Richelieu, der Großadmiral, geſchmuͤckt mit dem Lorbeer ſeines letten Sieges, erkrankt war, die Rhone hinauf von Tarascon nach Lyon, wo Einq⸗Mars und ſein Freund Frangois de Thou, Staatsrath des 70 Koͤnigs am 12. September auf dem Place Ter⸗ naur enthauptet wurden. Den Tod im Herzen hatte Richelieu mit kaltem Blute ihrer Hinrichtung beigewohnt. Von Lyon hatte er ſich, weil das Fahren ſeine Schmerzen vergroͤßert, auf den Schul⸗ tern ſeiner Garden nach Paris in das Schlafzimmer ſeines Palaſtes bringen laſſen, wo er, gepeinigt von der Furcht, daß ihn hier die Rache der Mit⸗ verſchwornen ereilen werde, ſein Krankenlager von zwei Garden bewachen ließ. Kein Anderer, als ſein Leibarzt Citois, durfte ihm nahen. Zwei Stunden vor ſeinem Tode ließ er ſeinen Beicht⸗ vater rufen. — Cardinal, fragte dieſer, vergeben Sie Ihren Feinden? — Ich hatte niemals andere als die Feinde des Staates und dieſen kann und darf ich nicht vergeben. Am andern Morgen brachte die Gauette de France, die mit einem Trauerrande erſchien, fol⸗ gende Nachricht: 24 Geſtern am 4. December verſchied ſeine Emi⸗ nenz der Herr Cardinal Armand du Pleſſis Riche⸗ lieu, Herzog von Fronſac, Premierminiſter Sr. Majeſtaͤt des Koͤnigs, Großadmiral von Frankreich, Gouverneur von Bretagne, General⸗Abbé von Clugny, Citeaux, Premontré u. ſ. w.« Dem Koͤnig vermachte er das Palais cardinal. Seiner Nichte und Geliebten, Marie Magdalene de Vignerol, vermaͤhlt mit Antoine de Combalet, hatte er ſchon fruͤher das Herzogthum d'Aiguillon ge⸗ ſchenkt. Der Cardinal hinterließ eine koſtbare Bibliothek und außer ſeinem»Testament politiques, das ſich als Manuſcript in der Bibliothek des Konigs be⸗ findet, die Histoire de la mére et du fils«, die 1731 unter Mezeray's Namen erſchien, und die »Histoire de la Régence.« Es iſt bekannt, daß er auch an vielen Theater⸗ ſtuͤcken mitgearbeitet. Die Tragi⸗Comodien Mi- rames und Europe,« die unter dem Namen S. Sorlin erſchienen, ſoll der Cardinal geſchrieben, zu zwei andern Comoͤdien:»Waveugle de Smyrnes 72 und La grande pastorale,« ſoll er bloß die Hand⸗ lung und den Scenengang angegeben haben. Richelieu, ſagt ein franzoſiſcher Geſchichts⸗ ſchreiber, darf wegen des warmen Antheils, den er an dieſem Genre der Dichtkunſt genommen, und wegen des Wohlwollens, womit er die Dichter uberhaͤuft, die ſich darin ausgezeichnet, als der Maͤcen des franzoſiſchen Schauſpiels angeſehen werden. Wir wollen nicht vergeſſen, daß der Cardinal mit koniglichem Pompe beerdigt ward, und daß der Koͤnig ihm von dem beruͤhmten Bildhauer Girardon ein prachwolles Mauſoleum errichten ließ. Ludwig XIII. war aber trotz der großen Dienſte, die ſein Miniſter ihm geleiſtet, herzlich froh, als Seine Eminenz, deſſen Macht dem Koͤnige uͤber den Kopf gewachſen war, das Zeitliche geſegnet. Als der Leichenzug, dem der Koͤnig aus einem Fenſter des Palais cardinal zugeſehen, durch die Rue Richelieu kam, ſagte Ludwig: — Gott ſchuͤtze jeden Koͤnig vor ſolchem Mi⸗ niſter. 73 Dankbarkeit iſt eine Tugend, die die Koͤnige der Erde nur dem Namen nach kennen. Was waͤre Frankreich unter Ludwig XIII. ohne Riche⸗ lieu geweſen? Ein Schiff ohne Steuermann das an den Klippen ſeiner Feinde geſcheitert wäre. Nach dem Tode des Herzogs von Richelieu wurden auf Befehl des Koͤnigs die Penſionen der Schriftſteller geſtrichen. — Die Koͤnige muͤſſen ſparen, ſagte der Ge⸗ rechte, und wies das Geld, das er den Dichtern geſtrichen, fuͤr die Schauſpielertruppe an, die damals im Hötel de Bourgogne italieniſche Poſſen auf⸗ fuͤhrte. Die Jagd, die bis jetzt ſeine einzige Zerſtreuung geweſen, war ihm bald zum Ueberdruß geworden; die Jagdhunde, die bisher ſeine einzige ſolide Un⸗ terhaltung geweſen, fingen ihn zu ennuyren an. — Taédet amima mea vitae meae, rief er wie Hiob und erwies ſeinem Reiche das Ver⸗ gnuͤgen, am 14. Mai(an demſelben Tage, an dem 33 Jahre fruͤher ſein thatenreicher, ruhm⸗ gekroͤnter Vater durch Ravaillac ermordet worden war) von St. Germain⸗en⸗Laye direct in den Himmel zu fahren. Es floß keine Thraͤne um ihn. Die Nation hat ihm dieſe Grabſchrift gedichtet: M eut cent vertus de valet Mais pas une de maitre ¹).« Vier Jahre vor ſeinem Tode war auch ihm eine Ehrenſaͤule errichtet worden. Statun statune, rief Boisrobert, der Schmeichler und Luſtigmacher des Cardinals von Richelieu. Das Beſte, was Frankreich dieſem Schatten⸗ konige zu danken hat, iſt die Einfuͤhrung der Louisd'or, wovon die erſten im Jahre 1640 gepraͤgt worden ſind. *) Sein erſter Leibarzt Jean Herouard, Seigenur de Vaugrineuſe hat unter dem Titel»La Ludovicotrophies eine genaue Beſchreibung ſeines Lebens, und ſein Kammer⸗ diener Dubois unter dem Titel Memoire fidèle des choses qui se sont pass6es à la mort de Louis KIII.« eine detail⸗ lirte Beſchreibung ſeiner letzten Tage hinterlaſſen. Zehnter Abſchnitt. Ludwig XIV. Geboren am 5. Septbr. 1638 zu St. Germain⸗en⸗Laye. Koͤnig am 14. Mai 1643. Geſtorben am 1. September 1715 zu Verſailles. Erſtes Capitel. Ludwig XIV. Er hatte lange auf ſich warten laſſen. Erſt nach 23 Jahren unfruchtbarer Ehe hatte Anna von Oeſtreich, die Gemahlin des dreizehnten Lud⸗ wig, ihrem ſchwaͤchlichen Gatten einen Sohn und dem Thron einen Nachfolger geſchenkt. Ludwig wurde am 5. September 1638 zu St. Germain geboren. Man ſagt, er ſei mit zwei Zaͤhnen zur Welt gekommen, die erſte Ungezogen⸗ heit, die ſeiner Amme, Madame Hamelin, nicht wenig Schmerzen verurſacht hat. Der Dauphin war fuͤnf Jahre alt, als er den Thron ſeines Va⸗ ters beſtieg, den man 1643 zu St. Denis in die Gruft ſeiner Ahnen geſenkt. Jules Mazarin(geboren zu Piscina im Jahre 16029, der ſich vom Studenten zu Alcala bis zum 78 Cardinal und Premierminiſter emporgeſchwungen, war der Automedon, der jetzt die Zuͤgel des Staa⸗ tes lenkte. Der ſchlaue Italiener ließ kein Mittel unbenutzt, ſich in ſeiner Macht mehr und mehr zu befeſtigen. Mehr aus Ehrgeiz als aus Neigung buhlte er um die Gunſt der Koͤnigin Mutter, und mehr als eine Chronik ſagt, daß Anna von Oeſtreich, die noch bei Lebzeiten ihres Gemahls die Huldigung des engliſchen Geſandten Grafen Buckingham ſich gefallen ließ, auch die Huldigung des franzoſiſchen Premierminiſters nicht verſchmaͤht haben ſoll. Man breche nicht den Stab! Anna von Oeſtreich iſt nicht die einzige Konigin, die ihren Gemahl gekroͤnt.. eine Königin iſt auch nur ein Weib, und jedes Weib hat ſeine Schwächen. Der Cardinal ſtand jetzt auf der hoͤchſten Stufe der Macht. Ihm fehlte zum Koͤnig nichts als die Krone. Sein Palaſt in der Rue neuve des pe- tits champs verdunkelte den Louvre, in dem der Konig reſidirte. Die Einrichtung jedes einzelnen gimmers im Palais Mazarin ſoll gegen 150,000 Francs gekoſtet haben. Der Premierminiſter hielt 79 ſich Pagen, Kammerherren und Stallmeiſter und eine eigene Leibwache, beſtehend aus einer Com⸗ pagnie Mousquetaires, deren Uniform reicher als die der koͤniglichen Garden war. Es lag im Plane Mazarins, die Erziehung des Koͤnigs ſo viel als moͤglich zu vernachlaͤſſigen. Erſt im vierzehnten Jahre geruhten Seine Maje⸗ ſtät der Konig mit Hilfe des Erzbiſchofs Perefixe buchſtabiren zu lernen, im funfzehnten Jahre konn⸗ ten ſie ziemlich gut leſen, aber noch nicht ſchrei⸗ ben, wenigſtens nicht richtig ſchreiben.— Wenn man bedenkt, daß es Koͤnige gegeben, die dieſe Kunſt ſelbſt im reifern Alter nicht erlernt haben, ſo wird man der Unwiſſenheit des jungen Lud⸗ wig gern Nachſicht ſchenken. Als er leſen konnte, umgab ihn Mazarin mit Spielkameraden, die ihm jedes Buch, aus dem er etwas lernen konnte, heimlich wegnehmen mußten. Unnutze Vorſicht! Das wahre Talent laͤßt ſich nicht unterdruͤcken: jagt es hinaus, verſperrt ihm alle Zugaͤnge, es findet, wie der Teufel, ein Schluͤſſelloch, durch das es bequem wieder hineinſpaziert. Ludwig be⸗ 80 ſaß ſchoͤne Faͤhigkeiten und der Cardinal hatte nicht Unrecht, als er ſagte, aus Ludwig koͤnne man vier Herrſcher machen. Am 9. Maͤrz 1661 ſtarb Mazarin zu Vin⸗ cennes; noch zwei Stunden vor ſeinem Tode hatte er Herrn de Tuboeuf, dem Praſidenten der Rech⸗ nungskammer, mit dem er Faro geſpielt, 20,000 Francs abgenommen. Mazarin hinterließ zwei⸗ hundert Millionen Francs(es giebt auch jetzt Mi⸗ niſter, die ihren Koͤnig beſtehlen, keiner iſt aber ſo unverſchaͤmt als dieſer), eine koſtbare Biblio⸗ thek von 40,000 Baͤnden und— vier Nich⸗ ten: Olympia, Maria, Hortenſia und Laura Mancini. Die Erſte hatte den Grafen von Soiſ⸗ ſons, die Zweite den Herzog von Bouillon, die Dritte den Marquis de la Meillerai geheirathet, der nach dem Tode des Cardinals deſſen Namen annahm und den groͤßten Theil von deſſen Ver⸗ moͤgen erbte. In die vierte dieſer Nichten hatte ſich Ludwig verliebt und zwar dergeſtalt, daß er, à tout prin, ſie heirathen wollte. — Laura Mancini(geb. zu Rom im Jahre 1639) war von allen ihren Schweſtern die haͤßlichſte: klein, dick und ungrazids, aber deſſen ungeachtet liebenswurdig und im hohen Grade geiſtreich. Sie war es, die dem Koͤnig, der damals 16 Jahre zählte, den erſten Unterricht in der ſuͤßen Kunſt der Liebe gab. Schlau, ehrgeizig und herrſchſuͤch⸗ tig, wie ihr Oheim, ließ ſie ſpaͤter alle Minen der Koketterie, alle Raketen der Liebe ſpringen, um Koͤnigin von Frankreich zu werden. Aber Anna von Oeſtreich, die ſtolze Spanie⸗ rin, vereitelte den Plan der ſchlauen Italienerin. Am 7. Juli 1660 vermaͤhlte ſich Ludwig XIV. mit Maria Thereſia von Oeſtreich, der einzigen Tochter Philipps W. von Spanien und Eliſa⸗ beths von Frankreich(geboren 1638 zu Madrid). Laura Mancini verzweifelte und... heirathete bald darauf(im Jahre 1661) den Prinzen von Colonna. Gleich nach dem Tode des Cardinals hatte Ludwig, der junge 21jährige Aar, ſeine Schwin⸗ gen geregt. 82 Letat c'est moi, ſagte er und regierte nun als unumſchraͤnkter Monarch. Ich ſchweige von den Schlachten, die er auf dem blutgetraͤnkten Felde der Ehre erfochten und erzähle nur von den Siegen, die er auf dem Felde der Liebe erkaͤmpft. Der Ruhm ſeiner Waffen gehoͤrt der Geſchichte, der Ruhm ſeiner Galanterie dem Romane an. Ich nehme den Koͤnigen, die ich beſchreibe, die druͤckende Krone vom Haupte, waͤlze von ihrer Schulter die Buͤrde des Purpurs, die Laſt des Hermelins, und zeige ſie, wie ſie ausſehen als gewoͤhnliche Menſchen. Ludwig XIV. war ein ſchoner Mann: groß und ſtark, friſch und kernig. Sein Geſicht war etwas pockennarbig, ſein Auge feurig und doch ſanft, lebhaft und doch ſchmachtend, ſeine Stirn hoch und edel, ſein Haar ſchwarz und kraus. Er beſaß Geiſt und Anmuth und ein ganzes Alphabet von Eigenſchaften, die fuͤr Frauen ſo gefaͤhrlich ſind. Er kannte nur zwei Tugenden: Liebe und Ruhm. 83 Er beſchuͤtzte außerdem Kuͤnſte und Wiſſen⸗ ſchaften, bildete die Academie der Maler- und Bildhauerkunſt, die Academie der Inſchriften und die Malerſchule zu Rom, er ermunterte die Ta⸗ lente, gab Penſionen an Gelehrte und Kuͤnſtler des In⸗ und Auslandes, verſchoͤnerte die Stadt Paris, ſtiftete das Hötel des Invalides und das dankbare Volk ſchwenkte den Hut und rief: — Vive le Roi, vive Louis le Grand! Zweites Capitel. Louiſe de la Vallière. (166 1.) Il n'est rien de plus pbeau que Pinnocente flamme, Qu'un mérite 6clatant fait naftre dans une àme, Et le monde serait un horrible s6jour, Si['on en bpannisait les plaisirs de Pamour. Les solides douceurs se goutent, à les suiyre, Et vivre sans amours n'est pas proprement vivre. Lou1s XIV. Philipp von Orleans, der einzige Bruder des vierzehnten Ludwig, hatte ſich mit Henriette von England vermaͤhlt. Die Tochter Karls des Er⸗ ſten war ein Etui von tauſend Reizen, ein Album von eben ſo vielen Liebenswuͤrdigkeiten. Ein Zau⸗ ber eigener Art umgab ſie mit einem Aureole, der ihr Aller Herzen gewann. Geiſt, Anmuth und I 85 Grazie hieß die Tiara, die, mehr als eine Krone, ihre Stirn von neunzehn Jahren ſchmuͤckte. Sie ſehen hieß: ſie lieben. Monſieur, ihr Gemahl, war eine kleine, cor⸗ pulente, ziemlich ridicule Perſonage mit großklotzi⸗ gen braunen Augen, in denen kein Fuͤnkchen von Leben und Geiſt glimmte. Das Auge iſt der Spiegel der Seele. Seine Seele war matt und glanzlos wie ſein Auge. Henriettens Reize mit Philipps Haßlichkeit vermaͤhlen, hieß Perlen vor die Saͤue werfen. Der Vergleich iſt in der That etwas grob, aber paſſend, denn Seine koͤnigliche Hoheit war im ſtrengſten Sinn des Wortes eine Sau, die mehr Wohlgefallen an dem Chevalier von Lothringen, als an Henriette von England fand. Monſieur war mit ſeiner Gemahlin vom Pa⸗ lais royal nach St. Cloud gezogen. Es verging nun keine Woche, in der nicht der Koͤnig zwei, drei Mal ſeine Schwaͤgerin beſuchte. Der ganze Hof, ja ſogar Madame, vermutheten, der Beſuch Seiner Majeſtaͤt gelte ihr. Man irrte. Ein an⸗ derer Stern als Henriette von England lockte den König nach St. Cloud. Unter den Hofdamen von Madame befand ſich ein Fraͤulein de la Valliere, Tochter von Lorenz Marquis de la Valliere und Francisca le Pre⸗ vot, Tochter eines ganz obſcuren Edelmanns aus Tours. Lyuiſe Frangviſe de la Beaume le Blanc (geboren 1644 zu Tours) liebte den Koͤnig und war ſo unvorſichtig geweſen, das ſuͤße Geheimniß ihres Herzens dem Fraͤulein von Montalais zu ver⸗ rathen. Durch dieſe erfuhr es bald der ganze Hof und ſelbſt der Koͤnig. Ludwig fuͤhlte ſich durch die Eroberung, die er gemacht, geſchmeichelt. — Man zeige mir die Dame, ſagte er zu ſei⸗ nem erſten Kammerherrn, auf die ich, ohne es zu wollen, einen ſo großen Eindruck gemacht. — Sehen Eure Majeſtaͤt das junge, blonde Mädchen, das dort unten am Fenſter ſteht? — Alſo dieſe iſt es? Sie hat einen etwas großen Mund.. — Aber ſchone, blendendweiße Zähne, fügte der Herzog von St, Aignan hinzu.. 87 — Sie hat ein huͤbſches Auge.. — Das ſchoͤnſte, das ich je geſehen. — Ei wie enthuſiaſtiſch, Herr Herzog... ihr Buſen iſt ſehr flach.. ſie ſcheint entſetzlich mager zu ſein.. — Sie iſt noch ſehr jung.. — Hat ſie nicht Pockennarben, fragte der Ko⸗ nig, der ſie firirte. Nur wenig — Sie ſcheint uns bemerkt zu haben.. ſie geht, was Teufel, ſie hinkt ja? — Nur ein wenig Eure Majeſtät ſollten ſie nur einmal in der Naͤhe ſehen. Sie gewinnt in der Unterhaltung durch wahrhaft bezaubernden Liebreiz, durch roſige Natuͤrlichkeit, durch Geiſt und Witz„ — In drei Tagen begiebt ſich der Hof nach Vincennes.. Herzog, ſorgen Sie dafuͤr, daß das Fraulein Madame begleite, ſprach der Koͤnig und entließ ihn mit einem allergnädigſten Lächeln. Drei Tage ſpater hatte ſich der ganze Hof i in Vincennes verſammelt. — Wo ſteckt meine kleine, pockennarbige Schoͤne? fragte der Koͤnig den Herzog von St. Aignan... — Vor zehn Minuten ſah ich ſie in den dunk⸗ len Gaͤngen des Schloßgartens. — Ich will ſie aufſuchen, ſprach Ludwig XIV. und eilte in den Garten. Er hatte alle Gaͤnge durchſtreift, das Fraͤulein aber nicht gefunden. Er wollte eben umkehren, da vernahm er in einer verſteckten, dicht verſchlun⸗ genen Roſenlaube den Ton einer ſirenenſuͤßen Stimme, die magiſch ſeine Schritte feſſelte. Er lauſchte. — Haſt Du ihn heute geſehen, fragte Louiſe de la Vallière. — Wen? fragte Hortenſe de Montalais. — Nun, wen denn ſonſt, als den Koͤnig? — Ich glaubte, Du ſpraͤcheſt von dem ſchoͤ⸗ nen Grafen Guiche.. — In meinen Augen iſt nur Einer ſchoͤn, das iſt der Koͤnig! — Kleine Naͤrrin, Du biſt verliebt in ihn.. — Verliebt? Nein. 89 — Ei, was denn ſonſt? — Ich liebe ihn, liebe ihn mit einer Gluth, die meine Seele zu verzehren droht, liebe ihn wie Frangoiſe de Foir Franz den Erſten, wie Gabrielle d'Eſtrée Heinrich den Vierten geliebt. Ach, was iſt Franz, was iſt Heinrich, was ſind alle Koͤnige der Erde, gegen dieſen Ludwig, der ein Abglanz Gottes, der Koͤnig aller Könige iſt. Ja, Hor⸗ tenſe, ich liebe ihn, liebe ihn mit der ganzen Kraft der erſten Liebe, und wuͤrde gern mein Blut, mein Leben und die Seligkeit des Himmels fur einen Blick aus ſeinem Auge, fuͤr ein Wort aus ſeinem Munde vpfern. Ach, was gaͤbe ich, duͤrfte ich, ſeine Magd, den Staub ſeiner Schuhe, die Feder ſeines Hutes, den Griff ſeines Degens, den Sat⸗ tel ſeines Pferdes kuͤſſen. ſeſt oiſ — Ich raſe, weil ich liebe.. — Naͤrrin, wenn der Koͤnig das hörte, er wuͤrde Dich auslachen. — Parole d'honneur! das wuͤrde er nicht, rief der König, der außer ſich vor Freude, aus I. 5 „ 90 ſeinem Verſteck hervorſprang und ſich zu Louiſens Fuͤßen warf. — Warum errothen, Fraͤulein de la Vallière? Iſt es eine Schande zu geſtehen, daß eine Unter⸗ thanin ihren Koͤnig liebt? Ach, ſeitdem ich weiß, daß Sie mich lieben, bin ich mehr als Koͤnig, ich bin ein Gott und Sie, Louiſe, ſind der ſchoͤnſte Cherub meines Thrones, ſprach Ludwig und druͤckte einen Kuß auf ihre Hand.— Fraulein Hortenſe de Montalais, fuhr der Koͤnig fort, wollen Sie mir einen Gefallen erweiſen? — Was befehlen Eure Majeſtat? — In dieſem Garten bluͤht ein Flor der ſchoͤn⸗ ſten Roſen. Das Loos der Roſen, von Ihrer Hand gepfluͤckt, iſt neidenswerth. Winden Sie ein Bouquet und bringen Sie es der Koͤnigin — Sire, ſogleich, ſprach das Hoffräulein und eilte davon, um den Wunſch des Koͤnigs zu er⸗ puͤllen. — Reizender Engel, haben Sie Sich noch nicht von Ihrem Schreck erholt?... Faſſen Sie Sich, Fraͤulein.. 91 — O, zuͤrnen Sie mir nicht mein Koͤnig, daß mein Mund verrathen, was mein Herz ſeit Mon⸗ den fuͤhlt. Der Liebe kann man nicht gebieten.— Mag man ihr immer ſagen, den liebe, aber Je⸗ nen nicht,— die Liebe liebt ihn darum doch und ſtaͤrker nur, weil die Vernunft es ihr verbietet. — Dem kalten Nordpol gleicht Vernunft, die Liebe gleicht dem heißen Suͤd und immer wird der Nord vom Suͤd beſiegt.. O, ſchaͤmen Sie Sich dieſer Regung nicht— ein Herz, dem Ihren gleich, muß ewig lieben, denn Liebe iſt ja Tugend. — Himmel, die Koͤnigin! Maria Thereſia, begleitet von ihrer Oberhof⸗ meiſterin, der Graͤfin Soiſſons, ſchritt auf die Laube zu. Fraͤulein de la Vallière hatte ſie fruͤh genug bemerkt und Zeit, ſich hinter ein dickes Ge⸗ buͤſch zu verbergen... — Sire, ſprach die Koͤnigin, ich komme mich zu bedanken. — Wofuͤr, wofuͤr? fragte Ludwig verwirrt. — Fuͤr das Bouquet, das meines Koͤnigs Huld mir zugedacht.. 92 — Wie, Fräulein Montalais hat ſo ſchnell ſchon meinen Auftrag erfuͤllt? Ich werde Ihre Puͤnktlichkeit zu lohnen wiſſen, ſprach Ludwig und bot der Koͤnigin ſeinen Arm an. Sie kehrten nach dem Schloß zuruck. Drittes Capitel. Bontems, der erſte Kammerdiener und Ver⸗ traute aller galanten Geheimniſſe des Koͤnigs, hatte den Auſtrag erhalten, dem Fraͤulein Louiſe de la Vallière ein Schmuckkaͤſtchen zu uͤbergeben. In dieſem Kaͤſtchen von Ebenholz, mit Silber garnirt und mit Perlmutter ausgelegt, lag eine Uhr mit Diamanten beſetzt, ein diamantenes Halsgeſchmeide, fuͤnf Schnuren der ſchoͤnſten Perlen, Armbaͤnder, Ohrgehaͤnge, Ringe und andere Schmuckſachen, deren Geſammtwerth ſich auf 300,000 Francs be⸗ lief. Unter dieſen Kleinoden befand ſich auch der Ring des Noſtradamus. Folgendes Brieſchen lag dabei: Meine angebetete Freundin, „Wenn mein Kalender mich nicht truͤgt, ſo iſt heute Ihr Namensfeſt. Geſtatten Sie einem Manne, den das Geſtaͤndniß Ihrer Liebe ſo na⸗ 94 menlos gluͤcklich gemacht, dieſes kleine Andenken, als ein ſchwaches Zeichen ſeiner unausloſchlichen Dankbarkeit zu Ihren Fuͤßen niederlegen zu duͤr⸗ fen. Wenn Sie mich lieb haben, ſo weiſen Sie es nicht zuruͤck. Vergeſſen Sie, wer ich bin; der Koͤnig von Frankreich gehort ſeiner Gattin, Lud⸗ wig aber ſeiner Geliebten an.« P. S. Fraͤulein von Montalais, welche Schuld an dem geſtrigen Vorfall iſt, hat heute Morgen den Befehl erhalten, Paris zu verlaſſen. Bontems, der treue Diener ſeines Herrn, hatte ſich ſeines Auftrages puͤnktlich entledigt. Fraͤulein de la Valliere war entzuckt, nicht uber das Geſchenk, das in ihren Augen keinen Werth hatte, wohl aber uber jene Zeilen, in denen ſo viel ungeſchminkte Liebe und Zaͤrtlichkeit lag. Zehn, zwanzig Mal las ſie die fuͤßen Worte, ge⸗ ſchrieben von der Hand des Geliebten. Auf die⸗ ſem Blatte hatte ſein Auge, ſeine Hand geruht. Aus jedem Wort, aus jeder Sylbe dieſes Brie⸗ fes leuchtete ihr Ludwigs Bild entgegen. Sie 95. küßte jede Zeile, benetzte jedes Wort mit Thraͤnen der Freude. Louiſe liebte nicht den Koͤnig, ſie liebte den Menſchen in ihm und haͤtte Ludwig geliebt, wär er Moͤrder, Raͤuber oder Scharfrich⸗ ter geweſen. Das iſt aͤchte, das iſt wahre Liebe, jene ſeltene Blume, die, gleich der Aloe, in hun⸗ dert Jahren nur einmal bluͤht. Am Abend deſſelben Tages, an dem der Ko⸗ nig dieſen Brief geſchrieben, kam er nach St. Cloud, hielt ſich nur wenige Augenblicke in den Gemaͤchern von Madame auf und eilte dann in ein traulich ſtilles Boudoir, deſſen einziges Fen⸗ ſter, mit der Ausſicht nach dem Garten, durch den Laubſchmuck eines großen Kaſtanienbaumes grillirt war. In dieſem abgelegenen, halbdunkeln, ſtillverſchwiegenen Gemach ſaß Louiſe de la Val⸗ liere, den Brief des Koͤnigs leſend, als dieſer un⸗ erwartet, unangemeldet eintrat und ſich zu ihren Fuͤßen warf. Ein leiſer Weſtwind rauſchte durch die Krone des Kaſtanienbaumes, der, mit tauſend Bluͤthen uͤberkleidet, ſie hineinſchneien ließ auf das liebende Paar, das Arm in Arm, ſuͤße Kuͤſſe zu tauſchen begann und die ganze Scala der Liebe durchflog. Welche Feder moͤchte wagen, die Mil⸗ lionen Wonnen zu beſchreiben, die zwei Seelen fuhlen, wenn ſie liebend in einander fließen, die Seligkeiten, die zwei Herzen durchzittern, wenn das eine in dem andern verſchmilzt? Die Sprache iſt zu arm, den Zuſtand auszumalen, in dem das liebetrunkene Auge alle Himmel offen ſieht, in dem das klangberauſchte Ohr die Muſik der Spha⸗ ren hoͤrt und das freudig klopfende Herz den Am⸗ broſianiſchen Lobgeſang, das Te Deum laudamus ſingt, in den Myriaden unſichtbarer Geiſter ein⸗ ſtimmen? Ja, Liebe iſt die hochſte Tugend— Liebe iſt das hoͤchſte Gluͤck! Fraͤulein de la Vallière war jetzt ſchoͤner als je. Des Koͤnigs Lippen hatten auf die Lilien ih⸗ rer Wangen der Roſe Purpur hingehaucht— ihr großes, braunes Auge, ſonſt ſo ſanft und ſchmachtend, leuchtete, als haͤtten tauſend Sonnen es durchzuckt— die blonden Locken floßen auf den weichen Sammet ihrer Schulter herab.. Sie zitterte wie eine Lilie, die, zum erſten Male 97 vom Kuß des Schmetterlings durchgluͤht, nie ge⸗ ahnte Wonnen fuͤhlt. Erſchoͤpft ſchlang ſie ihren weißen Arm um des Koͤnigs Nacken und fragte: — Glauben Sie es nun, daß ich Sie liebe? — Ja, Seele meiner Seele, Du liebſt mich, liebſt mich, wie noch kein zweites Weſen mich ge⸗ — Und werde ich denn auch wieder geliebt? fragte Louiſe mit geſenkter Stimme und verſchämt das Auge niederſchlagend. — Welche Frage, boͤſes Kind! Ich liebe Dich jetzt mehr, als ich Dich je geliebt, Du ſuͤßes, ſuͤßes Weib. — Und wird mein Koͤnig mich auch ferner lieben? fragte ſie ganz leiſe und wagte kaum auf⸗ zublicken. — Ewig, ewig! — Iſt das wahr, iſt das wirklich wahr? Ach, Sire, wiederholen Sie noch einmal dies Wort, das ſchoͤne Wort.. 53 — Bis zum Tode wird Louis ſeine Louiſe ben — Wird auch der Koͤnig ſie nicht vergeſſen? — Wer ſolchen Engel je vergeſſen kann, der iſt kein Koͤnig.. — Ihr ſeid ſo gut, mein Koͤnig. — Und Du, Du biſt ſo ſchoͤn, mein Engel... — Schoͤnheit iſt eine Blume, die bald welkt im Aug' des Mannes.. Was dann, mein Konig? — Koͤnig, immer Koͤnig! Seit dem Du meine Koͤnigin biſt, bin ich Dein Sklave nur, nenne mich Louis— aus Deinem Munde wird mein Name ſchoner als aus jedem andern klingen... — Mein theurer Louis! — Meine angebetete Louiſe! Sie ſanken ſich in die Arme, und noch einmal durchflogen ihre Seelen die Myriaden Wonnen der Liebe. Erſt ſpaͤt kehrte der Konig nach Paris zuruck. Viertes Capitel. Königin und Maitreſſe. (1662.) Eines Morgens fand die Koͤnigin, in dem Au⸗ genblick, als ſie erwachte, einen anonymen, in ſpaniſcher Sprache geſchriebenen Brief folgenden Inhalts: »Der Koͤnig iſt Ihrer uberdruͤßig. Er liebt Louiſe de la Valliere und bringt jede Nacht in ihren Armen zu. Die Maitreſſe, die mit jedem Tage kecker, unverſchaͤmter wird, bietet jetzt ihren ganzen Einfluß auf, Sie, die rechtmaͤßige Gattin, aus ſeinem Herzen zu verdraͤngen. Dringen Sie, Koͤnigin, mit Energie auf ihre Verbannung, dies iſt das einzige Mittel, das dieſe giftige Natter noch bei Zeiten unſchaͤdlich machen kan. — Alſo doch wahr, rief die Koͤnigin, vom Zorn uͤberwaͤltigt, alſo doch wahr, was man ſich ſeit Monden ſchon bei Hof ins Ohr gefluͤſtert! Alſo wirklich getaͤuſcht, hintergangen, betrogen! Pfui, Ludwig, das iſt ſchlecht, das iſt abſcheulich, das iſt infam! Dieſe Kraͤnkung, dieſe Schande, dieſe Schmach... durch welche Handlung meines Le⸗ bens hab' ich ſie verdient?! Ludwig, biſt du es werth, daß Maria Thereſia dich liebt? Und dieſe La Voallière, dieſe Scheinheilige mit den frommen Augen und der keuſchen Miene, ſie wagt es, ihre Koͤnigin zu hintergehen, ſie, die nicht werth iſt, die Riemen meiner Schuhe außzuloͤſen, ſie wagt es, meine Nebenbuhlerin zu ſein, wagt es, mich zu verdraͤngen, mich, die Koͤnigin? Elende Heuchlerin, ich will die ſcheinheilige Maske von deinem Antlitz reißen und deine Felonie beſtrafen! Maria Thereſia, tief gekraͤnkt und aufgeregt, riß an dem Klingelbande. Ihre Oberhofmeiſterin, die Graͤfin von Soiſſons, trat ein. — So eben fand ich dieſen Brief auf meinem 101 Bette. Ich will nicht wiſſen, wer ihn geſchrie⸗ ben, will nicht wiſſen, wer ihn hierher gelegt... — Einen Brief, was fuͤr einen Brief? fragte die erſtaunte Graͤfin. — Dieſen hier! leſen Sie, Graͤfin, leſen Sie ihn laut: ich will noch einmal hoͤren, daß ich betrogen bin, ſprach die Koͤnigin mit bebender Stimme und reichte ihr den Brief. — Schrecklich, furchterlich! rief die Oberhof⸗ meiſterin, nachdem ſie das Schreiben haſtig durch⸗ geleſen hatte. Ew. Majeſtaͤt ſind verrathen, ent⸗ ehrt, beſchimpft! — Das fordert Rache, nicht wahr, Grafin, raͤchen muß ich mich? — Aber wie— Ew. Majeſtaͤt? — Man ſoll ſie holen, ſogleich auf der Stelle.. — Wen ſoll man holen, Ew. Majeſtat? — Sie, die Hetäre, die mir die Liebe meines Gatten hat geſtohlen, ſie, die Verhaßte, die ich mit kaltem Blute ermorden koͤnnte... — Bedenken Ew. Majeſtaͤt, daß ſie die Mai⸗ treſſe — Die Metze des Koͤnigs iſt, wollen Sie ſa⸗ gen, ich weiß es. ſie ſoll kommen, aber gleich, gieich.. — Was wollen Sie thun? — In Ihrer Gegenwart, Graͤfin, will ich ſie beſchaͤmen, ſo beſchaͤmen, daß, wenn noch ein Funke von Ehrgefuͤhl in ihrer Seele lebt, ſie vor Scham in die Erde ſinken ſoll. Man hole ſie, aber ſchnell ſchnell. — Sogleich, Majeſtaͤt, ſprach die Oberhof⸗ meiſterin und eilte in den Vorſaal, um dem dienſt⸗ habenden Kammerherrn den Befehl der Koͤnigin zu hinterbringen. Maria Thereſia las den Brief zum zweiten und zum dritten Male und gerieth dergeſtalt in Wuth, daß ſie mit den Fuͤßen ſtampfte, mit den Zaͤhnen knirſchte. — O Schmach uͤber Schmach, eine La Val⸗ liere der Tochter Philipps des Vierten vorzuzie⸗ 103 hen! Iſt ſie ſchoͤner als ich? Hinke ich? Iſt mein Geſicht, wie das ihrige, von Pockennarben zer⸗ kratzt. Waͤre ſie jetzt hier, dieſe hektiſche Franzoͤſin, ich wuͤrde ſie vor den Spiegel ziehen, mich neben ſie ſtellen und ſie und alle Welt fragen, wer ſcho⸗ ner ſei, ich, die Gattin, oder ſie, die Maitreſſe des Koͤnigs? Und dennoch beneide ich ſie, denn er liebt ſie, liebt ſie mehr als mich. O Schimpf und Schmach, ich uͤberleb' es nicht! Thraͤnen traten in ihr Auge... — Nicht weinen! Die Buhlerin ſoll die Gat⸗ tin nicht in Thraͤnen finden, ſoll nicht triumphi⸗ ren. O waͤr' ſie doch ſchon hier, die Buͤbin, daß ich ihr ſagen koͤnnte, wie ich ſie haſſe, wie ich ſie verabſcheue. Ich will mich raͤchen, wie noch kein Weib ſich geraͤcht, will ſie beſchamen, wie man noch kein Weib beſchaͤmt... mein koͤniglicher Zorn ſoll ſie zu Boden ſchmettern: jeder Blick aus meinem Auge, jedes Wort aus meinem Munde ſoll ſich in ihr Herz bohren wie ein gift⸗ getraͤnkter Pfeil, wie ein dreiſchneidiges Stilet, wie ein ſcharfgeſchliffenes Schwert— fuͤhlen ſoll ſie, was es heißt, eine Königin betruͤgen.. Ich höre Schritte.. man kommt... Gott im Him⸗ mel, verleihe mir Kraft, dieſe ſcheinheilige Suͤnde⸗ rin mit meinen Worten zu zerſchmettern. Die Graͤfin Soiſſons trat ein. — Majeſtaͤt, Ihr Befehl iſt erfuͤllt. Made⸗ mviſelle de la Vallière iſt im Vorgemach. — Fuͤhren Sie ſie hinein. — Ew. Majeſtat haben befohlen, ſprach die eintretende La Valliere, die ſich tief verbeugte und der Koͤnigin die Hand kuͤſſen wollte. — Mademviſelle, ſprach die Koͤnigin, die den Ausbruch ihres Zornes nicht zuruckdraͤngen konnte, geben Sie Sich keine Muͤhe, mich durch Ihre fromme Miene, durch Ihr ſcheinheiliges Beneh⸗ men laͤnger noch zu täuſchen. Heuchlerin, Sie ſind entlarvt, ich weiß Alles, Alles!... — Was wiſſen Sie, Majeſtaͤt? — Wie? Sie haben den Muth, noch zu fra⸗ gen? Sie wiſſen nicht, daß eine hinkende Schoͤne den Koͤnig, meinen Gemahl, in ihr Netz gelockt, Sie wiſſen nicht, daß dieſer pockennarbige Engel 105 mir ſeine Liebe geraubt, Sie wiſſen nicht, daß die keuſche, fromme, tugendhafte Ehrendame, Made⸗ moiſelle de la Vallière oder wie ſie anders heißen mag, eine ganz gemeine Dirne, die Metze des Ko⸗ nigs iſt? — Gott im Himmel, was muß ich hoͤren! rief Louiſe de la Valliére, rang die Haͤnde und brach in einen Strom von Thraͤnen aus. Haben Sie Mitleid, Koͤnigin! — Mitleid? Mitleid fuͤr Sie? Hat denn die Buhlerin Mitleid mit der Gattin? Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mir das Gluͤck meines Lebens, die Liebe meines Gemahls geraubt? Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie ſo grauſam ſein wollen, mich aus ſeinem Herzen zu verdraͤngen? — Das iſt Verlaͤumdung, Majeſtaͤt, das will ich nicht! Täglich mahn' ich den Koͤnig an ſeine Pflicht, taͤglich bitte ich ihn... — Daß er Ihnen Geſellſchaft leiſte von fruͤ⸗ hem Morgen bis in die ſpaͤte Nacht. Wo war der Koͤnig, als er vorgeſtern, geſtern und heute erſt gegen ſechs Uhr Morgens ſich ins Louvre ſchlich?.. Er war bei ſeinem ſaubern Liebchen, bei ſeiner Metze, er war bei Ihnen! — Himmel! mich vernichtet die Scham, rief Louiſe de la Vallisre, der Ohnmacht nahe.. — Iſt das Alles, was Sie zu Ihrer Recht⸗ fertigung mir zu ſagen haben? Leugnen Sie Alles, fahren Sie fort, die Heilige zu ſpielen, ſagen Sie, es ſei Alles erlogen, was ich geſagt... Nun warum thun Sie es nicht? Glauben Sie, daß die Thraͤnen einer Heuchlerin mich ruͤhren koͤnnen? Aus meinen Augen, giftiger Scorpion, ſcheinhei⸗ liger Baſilisk! — Verzeihung, Gnade, Gnade! rief die Mai⸗ treſſe, die, in Thraͤnen gebadet, zu den Fuͤßen der Koͤnigin ſank, um ihre Hand zu kuͤſſen. — Weg, weg! die Lippen einer Buhlerin be⸗ ſudeln die Hand, die Sie kuͤſſen wollen,— fort, fort, laſſen Sie Sich nie mehr vor meinen Augen, nie mehr bei Hofe ſehen. Ihr Anblick kraͤnkt, verletzt, empoͤrt mich, ja noch mehr: er widert mich an... gehen Sie, gehen Sie, wenn Sie 107 nicht haben wollen, daß ich, meine Wuͤrde ganz vergeſſend, Sie mit Fuͤßen treten ſoll, fort, fort! Die Graͤfin Soiſſons öffnete die Thuͤr und gab der Maitreſſe einen Wink, ſich zu entfernen. Zer⸗ knirſcht, zertreten wankte Fraͤulein de la Val⸗ liere zur Thuͤr hinaus. Im Cerridor ſank ſie in Ohnmacht. Bontems, der Kammerdiener des Ko⸗ nigs, eilte ihr zu Hilfe und brachte ſie, als ſie ſich wieder erholt hatte, zu ihrem Wagen, der im Hof⸗ raum des Louvre ſie erwartete. In Schmerz und Thraͤnen aufgeloͤſt, mit rothgeweinten Augen, bleich wie der Tod, ſtieg ſie ein. — Wohin, mein gnaͤdiges Fraͤulein? fragte voll warmer Theilnahme Bontems, als er ſie in den Wagen hob. — Nach Chaillot ins Kloſter, ſprach Louiſe de la Valliere und brach von Neuem in einen Strom von Thraͤnen aus. — Was ſoll ich Sr. Majeſtaͤt, dem König, ſagen? 5 — Sagen Sie ihm, daß er mich niemals wie⸗ der ſieht.* Der Wagen fuhr von dannen. Bontems ſah ihm nach. Maria Thereſia, von dieſer Scene heftig an⸗ gegriffen, mußte zu Bett gebracht werden. Jener Brief, den die Koͤnigin in ihrem Bette gefunden, ruͤhrte, wie man ſpaͤter erfuhr, von Olympia Mancini, Graͤfin von Soiſſons, her, mit der der Koͤnig eine fluͤchtige Liaiſon gehabt und die, aus Eiferſucht, der neuen Geliebten ewigen Haß geſchworen hatte. Liebe macht die Frauen zu Engeln, die Eiferſucht macht ſie zu Teufeln. Fünftes Capitel. Das Kloſter von Chaillot. Der Wagen hielt vor dem Kloſter. Louiſe de la Valliere zog an der Glocke und man oͤffnete. — Wen ſucht Ihr? fragte die Pfoͤrtnerin, eine alte, kalte, einſylbige Nonne. — Die Priorin wuͤnſche ich zu ſprechen. Wollt Ihr mich zu ihr fuͤhren? fragte das Ehrenfraͤulein mit ſanfter, herzgewinnender Stimme. — Folgt mir, ſprach die Pfortnerin und fuͤhrte die Angekommene durch einen langen, ſchmalen, halbdunkeln Gang, in welchem Zelle an Zelle ſtieß. An der Thuͤr jeder dieſer Zellen war der Name der Nonne zu leſen, die ſie bewohnte. An der entgegengeſetzten Wand hing eine Reihe fahler Hei⸗ ligenbilder in einfach ſchwarzen Rahmen. Am Ende dieſes Ganges bogen ſie in einen zweiten ein, deſſen Fenſter auf den Garten hinausgingen. Hier, wie im ganzen Kloſter, herrſchte tiefes Schweigen. Dumpf hallten die Tritte auf den Quadern.. man hoͤrte nichts, als das Rauſchen des Laubes und das Rauſchen ihrer Kleider. — Dort links in der letzten Zelle, ſprach die Pfoͤrtnerin, werdet Ihr die finden, die Ihr ſuchet... — Ich danke Euch, ehrwuͤrdige Frau, ſagte Fraͤulein de la Vallisre. Die Nonne kehrte wieder um, das Fräulein öffnete die Thuͤr. Die Priorin, die vor einem Crucifir kniete, erhob ſich erſt dann, als ſie ihr Gebet vollendet hatte. — Ich weiß nicht, ehrwuͤrdigſte Frau, ob Ihr mich noch kennen werdet, ſagte das Fraͤulein, das ſchuͤchtern und mit niedergeſchlagenen Augen an der Thuͤre ſtehen blieb. Im vorigen Jahre.. — Schenktet Ihr unſerer Kirche einen großen von Eurer Hand geſtickten Teppich, ich kenne Euch, Ihr ſeid 111 — Louiſe de la Valliere, Ehrendame Ihrer koͤniglichen Hoheit der Frau Herzogin von Orleans. — Und Maitreſſe Seiner Majeſtät des Koͤnigs. Das Fraͤulein zuckte, denn jedes dieſer Worte war wie eine gluͤhende Sonde in ihr wundes Herz gedrungen. — Ja, ehrwuͤrdigſte Frau, ich bin's. — Was ſucht Ihr im Kloſter der heiligen Maria? — Vergebung fuͤr meine Suͤnden... S — Der Welt und ihrem ſuͤndigen Treiben fuͤr immer entſagen, bereuen, was ich gethan, und zu Gott und dem Heiland beten, daß er mir ver⸗ zeihen und meiner Seele gnaͤdig moͤge ſein... — Faſt trau' ich meinen Ohren nicht. Ihr, der Koͤnigs Maitreſſe wollt eine Braut des Him⸗ mels werden?! — Keine Suͤnde iſt ſo groß, daß Reue, bit⸗ tere Reue ſie nicht zu ſuͤhnen vermag. Glaubt es mir, ehrwuͤrdige Frau, ich bin nicht ſo verworfen, als die Welt es glauben mag. Wenn ich geſuͤn⸗ digt, ſo geſchah es aus Liebe. Ich liebe den Ko⸗ nig, es iſt wahr, aber ich liebe ihn nicht deßhalb, weil er Koͤnig, ich achte und verehre ihn, weil er in meinen Augen das Bild maͤnnlicher Vollkom⸗ menheit, der Inbegriff aller Tugenden iſt. — Sinnliche Liebe ſchmuͤckt ihr Ideal mit tauſend Tugenden, von denen es oſt nicht Eine beſitzt. Ihr wußtet, daß der Koͤnig verheirathet iſt. Kennt Ihr ſo ſchlecht die zehn Gebote, daß Ihr nicht wiſſet, daß das ſechſte»du ſollſt nicht ehebrechen« heißt? Ihr habt geſuͤndigt gegen Gott und Eure Koͤnigin... — Ich fuͤhle mein Unrecht und gelobe Euch Beſſerung.— Ach, ehrwuͤrdigſte Frau, koͤnntet Ihr in mein Herz ſchauen, um Euch von der Auf⸗ richtigkeit meiner Reue zu uͤberzeugen!... Er⸗ barmt Euch einer reuevollen Suͤnderin und ver⸗ ſtoßt ſie nicht. — Ulebereilt Euch nicht, das Geluͤbde unſeres Ordens iſt ſtreng. Ihr ſeid an die rauſchenden Freuden des Hofes, an ſybaritiſchen Lurus ge⸗ woͤhnt. Die ſtille Abgeſchiedenheit des Kloſters, 113 unſere einfache Lebensweiſe wird Euch nicht ge⸗ fallen und Ihr werdet Euch zuruͤckſehnen ins la⸗ chende Leben, dem wir fuͤr immer Valet geſagt... — Das ſuͤndige Treiben der Welt hat keinen Reiz mehr fuͤr mich, mit Freuden entſage ich dem Hofe — Und Eurer frevelhaften Liebe? — Auch ihr will ich entſagen, will mich be⸗ muͤhen, das geliebte, theure Bild aus meinem Herzen zu verdraͤngen, will lernen, Ihn ver⸗ geſſen. es wird mir Muͤhe koſten, ich werde einen ſchweren Kampf zu kaͤmpfen haben... mein Herz wird brechen, aber meine Seele gereinigt werden von den Schlacken der Suͤnde, und Gott und die Koͤnigin, die ich beleidigt, werden die Thraͤnen meiner Reue zaͤhlen und mir verzeihen, denn Gott iſt barmherzig und die Koͤnigin iſt es auch — Hoͤrt mich an: ich gebe Euch drei Tage Bedenkzeit, bereut Ihr dann Euren Vorſatz nicht, ſeid Ihr dann noch feſt entſchloſſen, der Welt und Eurer ſuͤndigen Liebe zu entſagen, ſo wollen wir II. 6 Euch einkleiden und aufnehmen in unſer Kloſter— Ihr ſollt dann in Jeder von uns eine mitleidvolle Schweſter finden, die, Euch mit chriſtlicher Liebe zugethan, die Thraͤnen Eures Kummers trocknen, die Wunden Eures Herzens heilen wird. Die Glocke des Kloſters erſchallte. — Das Laͤuten dieſer Glocke ruft uns zur Kirche, es iſt Betenszeit, folgt mir! Die Toͤne der Orgel werden Troſt gießen in Eurer ſchmerzzer⸗ nagtes Herz, Ihr werden mit uns beten zum Herrn des Himmels, und Gott, der Allmaͤchtige, und die heilige Maria, die gebenedeite Jungfrau, und Jeſus Chriſtus, unſer Heiland, werden auf Euch herabſchauen, in Eurem Herzen Reue leſen und Euch ſegnen, Amen! Louiſe de la Valliere ſank der Aebtiſſin zu Fuͤßen— die ehrwuͤrdige Frau legte ihre weißen Haͤnde auf das Haupt der Suͤnderin, blickte an⸗ daͤchtig zum Himmel empor und ſegnete ſie im Namen der Mutter Gottes. Dann gingen ſie in die Kirche. Sechſtes Capitel. Der König im Kloſter. Vier Stunden ſpäter hielt vor dem Eingang dieſes Kloſters ein praͤchtiger, mit Gold beſchlagener und mit ſechs Schimmeln beſpannter Wagen, in dem ein hoher Mann, eingehuͤllt in einen Mantel, ſaß. Zwei goldbetreßte Lakaien oͤffneten den Kutſchen⸗ ſchlag. Der hohe Mann ſprang heraus und riß, eine Secunde ſpaͤter, ſo heftig an der Glocke, daß die Pfoͤrtnerin zuſammenfuhr. Sie ſteckte den mit weißer Kapuze verhuͤllten Kopf zum Schaufenſter hinaus und fragte mit barſchem Tone. — Wer iſt der Kecke, der ſo ungeſtuͤm hier Einlaß fordert? — Der Koͤnig iſt es. 6* 116 — Jeſus Maria und Joſeph, rief die erſchreckte Pfortnerin und oͤffnete. Verzeihet Ew. Majeſtät, daß ich Euch nicht alſo gleich erkannt.. mein Auge iſt ſchwach.. ich ſehe nicht mehr gut... — Macht nichts, macht nichts, ſprach der Koͤnig. Aber ſagt mir raſch, wo finde ich Louiſe de la Vallière? — Sie iſt in ihrer Zelle.. — Fuͤhrt mich hin, gute Frau, aber raſch, räſch Die Pfortnerin trippelte voran, der Koͤnig folgte ihr. — Hier, in dieſer Zelle wohnt Novize, ſagte die Nonne und wies mit dem Finger nach der nächſten Thuͤr hin. Soll ich Euch begleiten, Majeſtaͤt?.. — Nein, gute Frau, laßt uns allein, rief der Koͤnig, riß die Thuͤr auf und ſtuͤrzte in die Zelle, in der Louiſe de la Valliere auf den Knieen lag und betete. Als ſie den Koͤnig ſah, ſtieß ſie einen Schrei der Freude und der Ueberraſchung aus, erhob 117 ſich raſch und ſank an die Bruſt des Koͤnigs, der ihr mit offenen Armen entgegengeeilt... — Mein Koͤnig, rief ſie und ſchmiegte ihre Arme um ſeinen Hals. — Meine ſuͤße, theure Louiſe, rief der Konig und kuͤßte ihre Stirn, vor zwei Stunden von der Jagd zuruckgekehrt, erfuhr ich durch meinen Bon⸗ tems den Auftritt, den Du mit der Koͤnigin ge⸗ habt.. ich weiß, wie ſie Dich behandelt, weiß, was Du, armer Engel, meinetwegen erdulden mußteſt.. Außer mir, als ich es hoͤrte, wollte ich zu der Koͤnigin eilen und mit eigener Hand ſie zuͤchtigen fuͤr die Schmach, die ſie Dir zugefuͤgt, aber Bontems hielt mich zuruͤck.. — That er das, that er das wirklich? Gott ſei Dank! Guter, ehrlicher Bontems, auf meinen Knieen will ich Dir dafuͤr danken. Die Koͤnigin hat mich gekraͤnkt, tief gekraͤnkt, aber hab' ich es denn nicht verdient?— Ich, an ihrer Statt, haͤtte ich nicht eben ſo gehandelt? Ihr Zorn war ver⸗ nichtend und zerſchmetternd, aber er war gerecht und ich ertrug ihn ohne Murren.. 118 — O Gott, wo giebt es einen zweiten Engel, der ſo fromm und mild als dieſer iſt! Komm an mein Herz, Du liebes, ſuͤßes, gutes Kind, Du frommes Opferlamm, das Schimpf und Schmach geduldig uͤber ſich ergehen ließ. Bis zu dieſer Stunde hab' ich Dich geliebt— jetzt bete ich Dich an, Du fromme Taube, die ihrem Feinde verzeiht und Haß mit Liebe lohnt. Das iſt Groß⸗ muth, das iſt Tugend! Wer ſolchen Engel haßen kann, iſt ſelber haſſenswerth. — O ſprich kein Wort von Haß, mein König. Nur boͤſe Menſchen koͤnnen haſſen... Du, Du kannſt nur lieben und liebſt Du mich und willſt Du, daß ich Dich wiederlieben ſoll, ſo liebe auch die Koͤnigin, die Koͤnigin, die mehr als ich und jedes Weib auf Erden, werth iſt, von Dir geliebt zu werden. Beweiſt nicht eben das, was ſie ge⸗ than, daß ſie Dich liebt, und darfſt Du Liebe wohl mit Haß belohnen? Nicht wahr, Du vergiebſt es ihr, wie ich's ihr laͤngſt vergeben?... — Dein Wunſch iſt mir Gebot. Verziehen ſei der Koͤnigin, was ſie Dir zugefuͤgt, doch da ſie 449 Dich beſchamt, in Deiner Feindin Gegenwart be⸗ ſchaͤmt, will und muß ich Deine Ehre raͤchen. Die glaͤnzendſte Genugthuung ſollſt Du erhalten... Dich, die in den Staub man hat getreten, will zu den hoͤchſten Ehren ich erheben: der ganze Hof ſoll Dich beneiden. Zehn Guͤter ſchenk ich Dir und Vauſcjour, das Dir ſo wohlgefaͤllt. Du ſchweigſt und biſt betruͤbt— verſchmaͤhſt Du meine Gaben? — Ein ſuͤßes Wort aus Deinem ſuͤßen Munde iſt werther mir als eine ganze Welt. Glaubſt Du, ich liebte Dich nur darum, weil Du reich und maͤchtig biſt? Waͤrſt Du der aͤrmſte aller Bettler? ich liebte Dich wie jetzt. Doch Deine Gaben kann ich nicht gebrauchen: ich bleibe hier. — Nein, bei Gott, das darfſt Du nicht! Der ſchoͤnſte Edelſtein, er fehlte meiner Krone, bleibſt Du im Kloſter. Noch heute kehrſt Du an den Hof zuruͤck. — An den Hof, niemals, niemals!!! — Dann liebſt Du mich nicht mehr. 120 — Will auch Ludwig heut mich kraͤnken? Ich bleibe hier, mein Koͤnig... — Nein, ſag' ich, nein, Du biſt mir unter⸗ than, mußt thun, was ich Dir befehle. — Wie kann mein Koͤnig es verlangen, daß ich erſcheinen ſoll vor einer Koͤnigin, die eine.. das Wort erſtirbt auf meinen Lippen ich bleibe hier, mein Ludwig. — Dir und meiner Ehre bin ichs ſchuldig, Deine Schmach zu raͤchen... Willſt Du, daß Deine Feinde triumphiren ſollen? Willſt Du, daß Graͤfin Soiſſons, in deren Gegenwart man Dich beſchaͤmt, frohlockend ſagen ſoll: der Koͤnig iſt kein Mann, ſonſt raͤchte er den Schimpf? — Nein, das ſoll ſie nicht! Mich mag ſie kraͤnken und beſchimpfen, doch Dich, den Koͤnig nicht — Wenn meine Ehre und mein Gluͤck Dir theuer, ſo kehrſt Du an den Hof zuruͤck... — Du biſt ein Gott, ich bin ein ſchwach Ge⸗ ſchoͤpf... in Deine Haͤnde leg' ich mein Geſchick.— 121 — Folge mir, gebot der Koͤnig und reichte ihr ſeinen Arm. — Nun, ſo geſchehe denn, was Gott und Koͤnig will, ſprach Louiſe de la Valliére, und folgte dem Koͤnig. Sie nahmen Abſchied von der Priorin. — Frau Priorin, ſprach Ludwig zur Aebtiſſin ich fordere von Euch mein Eigenthum zuruͤck.. — Des Koͤnigs Wille iſt Geſetz, ſprach die Nonne und verneigte ſich. — Hochwuͤrdige Frau, nehmt zur Erinnerung an dieſe Stunde dies kleine Zeichen meines Dankes an und— zuͤrnt mir nicht, bat das Fraͤulein und ſchenkte der Priorin den Ring des Noſtradamus. — Ich werde beten fuͤr Euch, ſprach die Prio⸗ tin — Thut es, gute Frau, und vergeßt, wenn Ihr die Guͤte haben wollt, auch den Koͤnig Ludwig nicht. Laͤchelnd fuͤhrte er ſeine Geliebte zum Kloſter hinaus. Mit Blitzesſchnelle flog der Wagen nach Paris. 6** Siebentes Capitel. Ein Feſt im Palais royal. (16 63.) Am Abend deſſelben Tages war Ball bei Ih⸗ rer koͤniglichen Hoheit dem Herzog und der Her⸗ zogin von Orleans. Ihre Majeſtaͤt, die Koͤnigin, Mademoiſelle de Montpenſier; der große Condé; Henri de la Tour d'Auvergne Vicomte de Turenne, Generaliſſimus des Heeres; die Herzoge von Grammont und Lafeuillade; der Herzog von Beaufort, Oberhof⸗ meiſter Sr. Majeſtaͤt des Koͤnigs; der Herzog von St. Aignan, der erſte Kammerherr des Koͤ⸗ nigs; der Herzog von Geores, Capitain der ko⸗ niglichen Garden; der Graf von Soiſſons, Ge⸗ neral⸗Capitain der Schweizer und Gouverneur der Champagne; die Narſchaͤlle von Villeroy und d'Humisre; Le Tellier, Fouquet und Brienne: 123 Miniſter des Krieges, der Finanzen und der Ju⸗ ſtiz; Colbert, General-Controlleur; die Grafen Peguillen, Guiche, Vardes, Sainthierry, Cavvis, Sceaur und andere Hoftavaliere, die Graͤfin von Soiſſons, Oberhofmeiſterin Ihrer Majeſtaͤt der Ko⸗ nigin, die Herzoginnen von Chevreuſe, Noailles und Soubiſe, die Ehrendamen Ihrer Majeſtaͤt der Koͤnigin, unter denen die Marquiſe von Montes⸗ pan, und die Ehrendamen Ihrer koͤniglichen Ho⸗ heit der Frau Herzogin von Orleans, worunter Fraͤulein de Lamothe Houdancourt und d'Humie⸗ res, die Geſandten der fremden Hoͤfe, und(faſt haͤtte man ſie uͤberſehen) Frangois Annat, Jeſuit und Beichtvater des Koͤnigs, und der Chevalier von Lothringen, der Geliebte Philipps von Or⸗ leans, bildeten eine Geſellſchaft, ſo reich und glaͤn⸗ zend, wie man ſie ſelten geſehen. Die Säle ſchwammen in einem Meer von Lichtern, die, von den Spiegeln zuruͤckgeſtrahlt, ſich hundertfach vervielfaͤltigten. Die Mauern des Palais royal haben viele Feſte geſehen, aber nur wenige, die ſo uͤppig als dieſes waren. In den Saͤlen und in dem Putz der Gaͤſte herrſchte der raffinirteſte Luxrus— man wollte ſich gegenſeitig uberbieten an Glanz und Herrlichkeit. Eine Chronik ſagt, daß man niemals ſo viele Diamanten und Juwe⸗ len geſehen als hier an dieſem Abend— man hat berechnet, daß der Geſammtwerth der Edelſteine und Perlen, womit die Coiffure und Kleidung der Damen gleichſam uͤberſaͤtt war, ſich auf vierzig Millionen Francs belaufen hat. Die Koͤnigin und Madame allein ſollen fuͤr achtzehn Millionen Francs Geſchmeide getragen haben. Das war ein Schimmern und Flimmern, ein Spruͤhen und Fun⸗ keln, das ſelbſt das Feuer der ſchoͤnſten Augen verdunkelte. Der geblendete Blick wußte nicht, wohin er ſich fluͤchten ſollte, um einen Punkt zu finden, auf dem er ausruhen konnte von all dem Glanz, der ſich hier zuſammengedraͤngt. Wie das Auge durch den Glanz von tauſend Lichtern, wurde der Sinn des Geruchs durch den Duft von tauſend Blumen, das Ohr durch die tauſend Klaͤnge der Muſik gekitzelt. Es war ein Feſt, wie man ſie oft in den Maͤhrchen von Tauſend und Einer —————— 125 Nacht, aber ſelten nur in der Wirklichkeit an⸗ trifft. — Schade nur, ſagte Fraͤulein de Lamothe Houdancourt zu der Graͤfin von Soiſſons, daß die Krone des Feſtes, der Koͤnig fehlt... Warum kommt er nicht? — Ei wiſſen Sie denn nicht, was heute vor⸗ gefallen iſt im Louvre? — Erzaͤhlen Sie, Graͤfin, ich weiß kein Wort von Allem.. Die Oberhofmeiſterin erzaͤhlte nun den ganzen Auftritt zwiſchen der Koͤnigin und dem Fraͤulein de la Voallière mit einer Breite und Ausfuͤhr⸗ lichkeit, der man es anſah, wie viel Freude es ihr mache, das, was blos ſie gehoͤrt, auch Andern mittheilen zu koͤnnen. — Denken Sie Sich, Herzogin, Ihre Majeſtaͤt die Koͤnigin war ſo aufgebracht, daß ſie das Fraͤu⸗ lein(faſt traue ich mir nicht, das Wort zu wie⸗ derholen) eine Metze genannt... — Eine Metze?! Quel horreur! 126 — O, die Koͤnigin hat ihr Dinge geſagt, die noch viel bitterer waren.. — Und wie benahm ſich das Fraͤulein? — Wie ein albernes Ding, das die Ruthe bekommen. — Und der Koͤnig, hat der Alles erfahren? — Durch einen elenden Spion, durch ſeinen Kammerdiener Bontems. — Und was thaten Seine Majeſtaͤt? — Bis jetzt noch gar nichts, ſprach die Grafin, um deren Lippen ein hoͤhnendes Lächeln flog. Wenn ich die Koͤnigin waͤre, fuhr ſie fort und ſpielte mit ihrem Faͤcher. — Was wuͤrden Sie thun? — Mich von dem Koͤnig ſcheiden laſſen.. — Wer weiß, was noch geſchieht, liebe Graͤfin, ſprach die Herzogin von Chevreuſe und erzaͤhlte alles, was ſie von dem Auftritt gehoͤrt, der Graͤfin von Choiſſy, dieſe erzaͤhlte es der Marquiſe von Montespan und dieſe wieder dem Fraulein von Lamothe Houdancourt, und ſo lief die Geſchichte von Mund zu Mund, ſo daß bald kein Einziger 127 im ganzen Saale war, der nicht ausfuͤhrlich den ganzen Auftritt wußte. Verſchwiegenheit iſt eine Tugend, die man bei Hofe nur dem Namen nach kennt. Alle freuten ſich uͤber den Sturz der La Valliere, nicht Eine, die mit dem armen Maͤdchen Mitleid gehabt. Neid iſt eines jener Laſter, die in hohen Palaͤſten beſſer als in niedern Huͤtten gedeihen. Neid iſt ein wucherndes Unkraut, das haͤufig ſogar an den Stufen des Thrones waͤchſt. Die Graͤfin Soiſſons, von allen Neidern des Fraͤuleins die Erbittertſte, erzaͤhlte den Vorfall Cerſteht ſich unter dem Siegel der groͤßten Ver⸗ ſchwiegenheit) auch dem Beichtvater des Königs. Frangois Annat(geb. 1590 zu Rhodez im Departement Aveyron, erſt General-Cenſor des Jeſuiten⸗Ordens in Rom, dann Rector des Col⸗ legiums zu Montpellier und zu Toulouſe, ſpaͤter Beichtvater des Koͤnigs) war im ſtrengſten Sinne des Wortes ein Jeſuit, der mehr als ein Mal ſich in Dinge gemiſcht, die außer dem Bereiche ſeines Amtes lagen. — Hochwuͤrdiger Vater, ſagte die Gräfin 128 Soiſſons, Ihr könntet der Koͤnigin einen Dienſt erweiſen, wofuͤr ſie Euch ewig dankbar ſein wuͤrde. — Ich der Koͤnigin einen Dienſt erweiſen? Sprecht, Graͤfin, was meint Ihr damit? — Der Beichtvater kann dem Koͤnige Dinge ſagen, die kein Anderer ſich erlauben darf... Haltet ihm ſein Unrecht vor, macht ihm Vor⸗ wuͤrfe, daß er ſeiner Gattin den Eid der Treue gebrochen und ſein Herz einer Andern geſchenkt, die ſeiner unwuͤrdig iſt, beweiſ't ihm, wie frevel⸗ haft, wie ſtrafbar dieſe Liebe ſei und bietet die ganze Kraft Eurer Beredſamkeit auf, um den Koͤnig von dem Pfade des Laſters auf die Bahn der Tugend zuruͤckzuleiten... Verſprecht es mir, hochwuͤrdiger Vater, dem Koͤnig bei der naͤchſten Beichte nicht eher Abſolution zu ertheilen, bis er feierlich gelobt, einer Liebe zu entſagen, die ihn, die Koͤnigin, den Hof und ganz Frankreich ſchaͤn⸗ det— droht ihm mit allen Strafen des Himmels und dringt auf die Verbannung der Buhlerin. — Es ſoll geſchehen und zwar ſchon morgen, Graͤfin Soiſſons. 129 — Hochwuͤrdiger Vater, rechnet auf den Dank der Koͤnigin, ſprach die Graͤfin, druͤckte dem Pater die Hand und eilte dann zu ihrem Geliebten, dem Herrn von Vardes. — Darf man wiſſen, Graͤfin, von welchem Gegenſtande Sie Sich ſo lang und ernſthaft mit dem Pater Annat unterhalten haben? fragte Herr von Vardes, der die Miene annahm, als ob er auf den alten Jeſuiten eiferſuͤchtig ſei... Waͤr es moͤglich, daß ſich Graͤfin ſo tief er⸗ niedrigen koͤnnte.. — Sich in den alten Eſel zu verlieben? Sein Sie unbeſorgt, Vardes, ſo lange es noch Junge giebt, ſagte die Oberhofmeiſterin und klopfte mit ihrem Faͤcher die Hand des Beguͤnſtigten, haben die Alten vor mir Ruhe. — Ein huͤbſches Compliment, erwiederte Var⸗ des und druckte ihr zaͤrtlich die Hand. In demſelben Augenblick riſſen die Pagen die Flugelthuͤren auf. Eine junge leichenblaſſe Dame in einem einfach⸗ weißen Kleide, das blonde Haar mit einer weißen 130 Roſe geſchmuͤckt, trat ein, gefuͤhrt von Seiner Majeſtaͤt dem Koͤnige. Das Orcheſter brachte dem Koͤnig ein Lebe⸗ hoch. Ludwig fuͤhrte die Dame in die Mitte des Saales und ſprach mit lauter Stimme: — Meine Herren und Damen,— der Ko⸗ nig ſtellt Ihnen die Herzogin Louiſe de la Val⸗ liere vor. Eine zweite Fanfare... Alle ſtanden wie verſteinert... Die Oberhofmeiſterin, außer ſich vor Wuth, zerpfluͤckte in ihrer Hand eine Roſe und rief mit den Zaͤhnen knirſchend: — Verflucht! — Amen, ſagte Pater Annat, der neben ihr ſtand. Die Koͤnigin und ihre Oberhofmeiſterin ver⸗ ließen das Palais royal, der Koͤnig aber trat mit der Herzogin de la Valliere in den Kreis der Quadrille. Bald darauf legte Louiſe de la Vallière ihr Ehrenfraͤuleinamt nieder und bezog das Hötel Bi⸗ 131 ron, das der Koͤnig ihr zum Wohnſitz anwies. Die Pracht der Einrichtung war ſo groß, daß man ſie auf ſechs Millionen Liores geſchaͤtzt. Louiſe de la Vallière erhielt einen eigenen Hoſſtaat, an deſſen Spitze Madame Colbert, die alte Mutter des General-Intendanten, und die Marquiſe von Montauſier ſtand. Beſorgt fuͤr die Sicherheit ſeiner Geliebten, gab er ihr eine Garde, und aus Furcht, daß man ſie vergiften koͤnnte, einen Haus⸗ hofmeiſter, der jede Speiſe, die auf ihre Tafel kam, koſten mußte, wofuͤr Magaret, ſo hieß die⸗ ſer Vorkoſter, einen Jahrgehalt von 8000 Francs erhielt. In einem Zeitraum von vier Jahren gebar ſie dem Koͤnige drei Kinder. Das erſte, geboren am . December 1663 ſtarb in einem Alter von zehn Monaten. Die fromme Mutter, den fruͤhen Tod ihres Kindes als eine Strafe des Himmels betrachtend, war untroͤſtlich.— Am 2. October 1666 ward ſie von einer Tochter entbunden. Dieſe zweite Entbindung war ſo gefahrvoll geweſen, daß Ludwig die Herzogin verloren gab. Rettet ſie, 132 hatte er zu dem Arzte Seguin geſagt und nehmt Alles, was ich beſitze. Nach dieſer Entbindung ſchenkte er ihr die Herrſchaft Vaujour und die Baronie St. Chriſtophe, die er zur Pairie erhob. Marie Anne de Bourbon, durch Lettres paten- tes zur legitimen Prinzeſſin Frankreichs erho⸗ ben, erhielt den Namen Mademoiſelle de Blois. Seguin bekam ein Gnadengeſchenk von 4000 Louis⸗ d'or. Ein Jahr ſpaͤter, an dem erſten Geburts⸗ tage der Mademoiſelle de Blois(2. Oct. 1667) gebar Louiſe de la Vallière einen Knaben, Louis de Bourbon, Graf von Vermandois. Die Graͤfin von Soiſſons, die nicht unterlaſſen hatte, neue Ränke zu ſchmieden, erhielt endlich, compromittirt im Prozeß der beruͤchtigten Giſtmi⸗ ſcherin, Marquiſe de Brinvilliers, von Ludwig XIV. die geheime Weiſung, Paris zu verlaſſen. Sie ging nach Bruͤſſel und von dort nach Ma⸗ drid. Saint Simon und andere Geſchichtsſchrei⸗ ber behaupten, ſie habe ihren Gatten, der plotz⸗ 133 lich(am 7. Juni 1673) in Weſtphalen geſtorben war, Gift beigebracht. Ihr Sohn, der Prinz Eugen von Savoyen, ſoll dieſen Verdacht getheilt und ſeine Mutter deshalb ſo ſehr gehaßt haben, daß er ſie nie anders als Giftmiſcherin« genannt. Auch Marie Louiſe von Orleans, die Gemah⸗ lin Karls II. von Spanien ſoll durch ſie vergiftet worden ſein. Von Madrid kehrte ſie nach Bruͤſſel zuruͤck, und ſtarb daſelbſt, vergeſſen von aller Welt, im Jahre 1708. Achtes Capitel. Der Fluch. Zwei Tage nach jenem Balle, auf dem der RKöͤnig ſeine Geliebte dem verſammelten Hofe als Herzogin de la Vallière vorgeſtellt, lag die Toch⸗ ter Eliſabeths von Frankreich, in Thraͤnen aufge⸗ loͤſt, auf ihrem Ruhebette. Ludwig, Ludwig, rief ſie aus, wie konnteſt Du ſo grauſam ſein, mich, Deine Gattin, vor den Augen Deines ganzen Hofes zu beſchimpfen? Durch welche Handlung meines Lebens hab' ich dieſe Schmach verdient, hab' ich Dich nicht ge⸗ liebt mit der ganzen Gluth der erſten Liebe. Und Du, wie haſt Du dieſe Liebe mir vergolten? Du haſt die Magd der Herrin, die Buhlerin der Gat⸗ tin vorgezogen, haſt der Ehe Schwur gebrochen, haſt geſuͤndigt gegen mich und Gott. Der Him⸗ 135 mel mag es Dir vergeben— ich aber, ich ver⸗ geb's Dir nie! — Koͤnigin, ſprach der eintretende Page, die Priorin des Kloſters von Chaillot bittet- Eure Majeſtaͤt um einen Augenblick Gehoͤr. — Laßt die fromme Frau herein. — Koͤnigin, ſprach die Priorin, verzeiht, wenn eine alte Frau Euch laͤſtig faͤllt. Mich fuͤhrt nicht Eigennutz zu Euch... ich trage keine Bitte auf dem Herzen... ich komme nur, um zu ſagen, Koͤnigin, daß Louiſe de la Valliére, als ſie aus dem Kloſter ſchied, mir einen Ring geſchenkt, den ich nicht laͤnger tragen darf. — Weshalb nicht, fromme Frau? — Er brennt auf meinem Finger wie ein gluͤhend Band. Eine Suͤnderin hat ihn getragen, eine Suͤnderin, die, geblendet von der Krone Glanz, den Koͤnig, unſern Herrn, in ihr Netz ge⸗ lockt und Gott und Euch beleidigt hat. Sie hatte Reue mir gelobt, doch ihre Reue war er⸗ logen. Nehmt dieſen Ring, o Koͤnigin, und gebt ihn in der Nonne Namen der Heuchlerin zurück, 136 die unſres Kloſters heilige Schwelle frech beſu⸗ delt hat. — Gebt mir den Ring, ich will ihn tragen als ein Zeichen meiner Schmach, will ihn tragen, um, ſo lang ich lebe, niemals zu vergeſſen, daß ſie es war, die meines Lebens hochſtes Gluͤck, meines Gatten Liebe mir geraubt. — Der Himmel wird Euch raͤchen, Königin. Louiſe de la Valliere, die Euch des Gatten Herz entfremdet hat, wird aus der Hoͤhe ihres Glucks in des Elends Abgrund fallen und ausgeſtoßen aus des Hofes Glanz, vergeſſen von der Welt, hinwelken unter Gram und Leiden. Das Ge⸗ wiſſen wird ſie foltern, wird ihren Augen keinen Schlaf, ihrer Seele keinen Frieden goͤnnen. Louiſe de la Voalliere, ich fluche dir! Die Koͤnigin zerfloß in Thraͤnen. — Trocknet Eure Thraͤnen, Königin. Dies Erdenleben iſt ja bald verrauſcht, droben, in dem ſchoͤnen Sein wird Euer Schmerz erloſchen. Die Engel werden Eure Seele tragen zu des Ewigen glanzumſtrahlten Thron und ihn bitten: Herr, 137 vergelte dieſem Engel jene Schmach, die dort unten er erlitten. Amen. Die Priorin hob ihre Haͤnde gen Himmel und ließ die Koͤnigin allein mit ihrem großen Schmerze. Il. 7 Neuntes Capitel. Ein Traum. (1669.) Quand T'astre decide autrement II faut se soumettre et faire, C'est un caprice involontaire Qui ne consulte plus les desirs d'un amant. LoursE pz LA VarrEnn. Durch die Geburt des Grafen von Verman⸗ dois hatte die Herzogin de la Vallière die letzten Reize, die ihren koͤniglichen Geliebten noch zu feſ⸗ ſeln vermochten, faſt gänzlich eingebuͤßt. Ihr Auge hatte ſeine zundende Gluth, ihr Teint ſeine flammende Friſche, ihr Geiſt ſeine ſprudelnde Hei⸗ terkeit verloren. Ach, ſie fuͤhlte fruͤh genug, daß Ludwig ſie immer mehr und mehr vernachlaͤſſigte. Aber Louiſe de la Vallière war ein Engel, zu gut und mild, um ihm Vorwuͤrfe zu machen. 139 Mit frommer Duldung ertrug ſie die Qualen der Zuruͤckſetzung. Aber war ſie allein, dann machte ſie ihrem herzbrechenden Grame durch Thraͤnen Luft. Hatte ſie ſich ausgeweint, dann wagte ſie es, ihren Schmerz dem Papiere anzuvertrauen. Eines Abends, als ſie den Koͤnig vergebens erwartet hatte, dichtete ſie folgendes Sonnett: Tout se detruit, tout passe et le coeur le plus tendre Ne peut d'un méme objet se contenter toujours Le passé n'a point vu d'eternelles amours Et les siecles futurs n'en doivent point attendre. La constance a de lois que Fon ne peut entendre Les desirs d'un grand Roi rien warrete le cours Ce qui plait aujourd'hui, deplait en peu de jours Cette inègalité ne saurait se comprendre. Louis, tous ces defauts font tort à vos vertus! Vous m'aimiez autrefois, mais vous ne m'aimieꝛ plus, Mes sentimens, helas, different bien des vötres. Amour a qui je dois et mon mal et mon bien Que ne lui donniez-vous un coeur comme le mien Ou que wavez vous fait le mien comme les autres! Von Schmerz uͤberwaͤltigt war ſie einge⸗ ſchlummert. 72 140 Der Gott der Traͤume fuͤhrte ihren Geiſt in das lachende Eden ihrer Kindheit zuruͤck. Sie ſah ſich im Hauſe ihrer Eltern; der letzte Strahl der untergehenden Sonne, der durch die buntge⸗ malten Glasſcheiben drang, umſpielte, wie ein Nimbus, das Bild ihres Großvaters, der mit ehrwurdigem Ernſt auf ſie herabſah. Sie lag zu den Fußen ihrer Mutter, die ihr ein Feenmaͤhr⸗ chen erzahlte, in das ſie hundert gute Lehren ein⸗ wob. Aber plötzlich verwandelte ſich die Scene... ſie ſah ſich im Kreiſe froher Kinder, und unter dieſen Kindern erblickte ſie Bragelone, ihre Ju⸗ gendliebe. Sie wollte ihn haſchen, aber plotzlich war er verſchwunden und ſie befand ſich in Blois. Sie hoͤrte vom Koͤnig und ſeinem Hofe, hoͤrte von ſeinem Glanz und ſeinen Feſten und ſah ſich plotz⸗ lich hineinverſetzt in den Hof und ſeine Wunder. Da tauchten empor die Schloͤſſer von Saint Ger⸗ main, Saint Cloud und Fontainebleau. In Saint Cloud ſieht ſie„die vier Jahres⸗ zeiten«; das Ballet, in welchem der Koͤnig als Fruͤhling, der Graf von Guiche als Sommer, der . 141 Graf von Armagnac als Herbſt und der Marquis von Villervi als Winter erſcheint,— aber Louiſe hat nur Augen fuͤr den Fruͤhling. In Fontaine⸗ bleau ſieht ſie das kleine Zimmer, beſchattet vom Laub der Kaſtanien... der Koͤnig ſturzt herein. Wie damals hoͤrt ſie ſein Flehen, wie damals die Schwuͤre ſeiner Liebe. Ludwig ſchließt ſie in ſeine Arme ſie erliegt. Der Gefallenen zu Ehren veranſtaltet Ludwig, auf dem Platze der Tuilerien ein praͤchtiges Carrouſel“). Von der Tribuͤne herab ſchaut die Gluͤckliche dem Feſte zu. Wie damals hoͤrt ſie das Geſchmetter der Trompeten, wie damals klopft ihr Herz, als der Koͤnig, auf einem blendendweißen Roſſe, an der Spitze der Romer erſcheint— ihm folgen Philipp von Or⸗ leans, der Prinz von Condé, der Herzog von Enghien und der Herzog von Guiſe an der Spitze der Perſer, Tuͤrken, Indier und Mexikaner. Das Carrouſel beginnt. Der Graf von Saulx, der *) Dieſer Platz erhielt von dieſem Feſte den Namen Place de Carrousel. 142 Sohn des Herzogs von Lesdiguières, gewinnt den Preis, den er aus den Haͤnden der Koͤnigin Mut⸗ ter empfaͤngt aller Augen ruhen auf dem Sie⸗ ger, aber Louiſens Auge ruht auf dem Koͤnig, der ſich mit ihren Farben geſchmuͤckt. Aus dem Tu⸗ mult des Feſies ſieht ſie ſich plotzlich in die heilige Stille des Kloſters der heiligen Marie zu Chaillot verſetzt. Wie damals hoͤrt ſie das Geſchmetter der Fanfare. Sie iſt Herzogin, ſie wird Mutter, zu ihren Fußen taͤndeln zwei Engel, ein Prinz, eine Prinzeſſin; Mutter, Mutter! rufen ihre holden Kinder und Stolz verklaͤrt ihr Geſicht. Am Arme des Koͤnigs durchwandelt ſie die Blumen⸗Boskets in St. Germain. Der Himmel lacht, die Quel⸗ len rieſeln, die Blumen duften, die Voͤgel zwit⸗ ſchern und der Konig liebt ſie. Welch ein ſchoͤner, entzuckender Traum! Vergeſſen hat ſie all die guten Lehren der Mutter. Ihr Ohr lauſcht den Worten ſeiner Liebe, den Schwuͤren ſeiner Treue... ſie iſt namenlos gluͤcklich. Aber plotzlich umwolkt ſich der Himmel: die Quellen rieſeln nicht mehr, die Blumen duften nicht mehr— die Voͤgel zwit⸗ 143 ſchern nicht mehr und der Koͤnig— er liebt eine Andere, die ſchoͤner iſt als ſie. Louiſe de la Val⸗ lière ſteht verlaſſen und allein in einer oͤden Wuͤſte, in der ihr Auge nichts als abgebluͤhte Blumen und zerfallene Palaͤſte ſieht, beleuchtet von den Strahlen der untergehenden Sonne. Ein unwi⸗ derſtehliches Gefuͤhl treibt ſie zu einer Ruine hin, an deren Eingang ſie eine weiße Geſtalt erblickt— es iſt eine alte, verſchleierte Nonne, die betend vor einem großen, leeren Grabe kniet. Fur wen, fragt die Traͤumende beteſt Du? Fuͤr eine Suͤnde⸗ rin, antwortet die Nonne. Fuͤr wen dieſes Grab? — Fuͤr Dich, Louiſe de la Valliere. Und die Nonne flog zum Himmel hinan auch.. Louiſe de la Vallière erwachte. Der Traum war das Bild ihrer Zukunft. Zehntes Capitel. Die Marquiſe von Monteſpan. „(166 9.) Arme Louiſe de la Valliere, dein Traum geht in Erfuͤllung: der Koͤnig bricht ſeine Schwore. Satt deiner Reize, die er welken ſieht, wendet er die Sonne ſeiner Gunſt einer Andern zu, und dieſe Andere iſt— die Marquiſe von Monteſpan. Athenais de Mortemart(geb. am 26. April 1641) war die zweite Tochter Gabriels de Roche⸗ chouart, Herzogs von Mortemart, und Dianens von Grandſeigne. Ihr Vater hatte ſie fruͤhzeitig an den Hof gebracht, wo ſie, als Fraͤulein de Tonnay⸗ Charente in die Zahl der Ehrenfraͤulein aufge⸗ nommen, wenig beachtet worden war. Im Jahre 1663 hatte Louis Pardaillan de Gondrin, Marquis von Monteſpan um ſie angehalten und, da das 145 Geſchlecht der Pardaillans eben ſo alt und edel als das der Mortemarts war, die Einwilligung der Eltern, aber nicht die Zuneigung ſeiner Braut erhalten. Gleich nach ihrer Vermaͤhlung war ſie, zur Palaſtdame der Koͤnigin ernannt, mehr in den Vordergrund getreten. Die Marquiſe von Monteſpan war eine jener Schoͤnheiten, die in allen Zuͤgen das roſige Siegel der Ueppigkeit tragen. Ihr junoniſcher Wuchs war ein harmoniſcher Zuſammenfluß weicher, wel⸗ lenformiger Formen— ihr Geſicht ein blendendes Potpourri der feinſten, regelmaͤßigſten Zuͤge. In ihren Augen brannte ein wolluſtiges Feuer, auf ihren Wangen gluͤhte ein lebhaftes Roth, auf ihren Lippen flammte ein ſchwellender Purpur. Eine reiche Fulle des ſchoͤnſten, weichſten Haares quoll in uͤppigen Locken auf den Schnee ihres fleiſchigen Nackens herab. Hals und Buſen, Arme und Häͤnde waren von vollendeter Schoͤnheit und von ſo durchſichtiger Weiße, daß ſie das blaue Veilchen⸗ geflecht der Adern durchſchimmern ließ. Dieſe Fuͤlle von Reiz und Schoͤnheit erhielt durch das 7* 146 geiſtige Fluidum, das ſie durchſtroͤmte, eine dop⸗ pelte Anziehungskraft.— Ihre Unterhaltung war ein impoſantes Feuerwerk, die Leuchtkugeln ihrer Laune, die Raketen ihres Witzes, die Tourbillons ihres Muthwillens ausſpruͤhend. In pſychiſcher Beziehung war ſie weniger ſchoͤn. Nan konnte ihr zwar kein Laſter vorwerfen, aber auch keine Tugend nachruͤhmen. Sie beſaß tauſend ſchoͤne Eigenſchaften, aber auch tauſend kleinliche Schwaͤ⸗ chen. Sie war leichtſinnig, unbeſtaͤndig, leiden⸗ ſchaftlich, aufbrauſend, indiscret, eitel und uͤber alle Maßen gefallſuͤchtig. Vor ihrer Vermaͤhlung hatte ſie verſucht, den Bruder des Koͤnigs in ihr Garn zu locken. Philipp von Orleans, ſagt ein Geſchichtſchreiber, habe nur darum ihren Reizen gehuldigt, um die Welt glauben zu machen, daß er auch in Damen verliebt ſein koͤnne, etwas, was nicht Jeder, der deſſen Ver⸗ haͤltniß mit dem Chevalier de Lorraine gekannt, glauben gewollt. Nach ihrer Vermaͤhlung hatte ſie ihre reizenden Schlingen ausgeworfen, um das Herz des Koͤnigs zu fangen. Aber Ludwig, ge⸗ 147 feſſelt in den Banden der Herzogin de la Vallière, war Anfangs nicht in die Falle gegangen. Eines Tages hatte ſie Herrn von Buſſy⸗Ra⸗ butin zu ſich bitten laſſen. Rogerz de Rabutin, Graf von Buſſy(geb. 1618 zu Epiry in Nivernvis) hatte ſeiner mili⸗ tairiſchen Laufbahn(er war Maréchal de Camp und Inhaber eines Regiments) entſagt und ſich der Literatur gewidmet. Geiſt und Witz hatten ihn bald zu einem der gefurchtetſten Schriftſteller gemacht. Seine Feder, die bald auf dieſe, bald auf jene Weiſe die Sitten des Hofes gegeißelt, hatte ihm die Ungnade des Koͤnigs zugezogen. Dafuͤr entſchaͤdigte ihn die Liebe der Marguiſe von Sevigné, die ſich mehr als einmal genoͤthigt ſah, ſeine Schulden zu bezahlen, denn ihr Herr Couſin hatte immer Witz, aber ſelten Geld. Die Marquiſe von Monteſpan wußte das Ge⸗ ſpraͤch ſehr geſchickt auf die Liebe des Koͤnigs zu leiten. — Ich begreife nicht, ſagte ſie zu Buſſy, der bei ihr ein Dejeuner à la fourchette einnahm, 148 wie unſer ruhmgekroͤnter Louis Deodatus in dieſe magere Mumie ſo verliebt ſein kann. Die hinkende Schoͤne hat einen Mund, der von einem Ohr bis zum andern reicht.. — Und da, wo andere Frauen zwei reizende Huͤgel haben, fiel Buſſy ein, hat die Herzogin eine reizloſe Ebene. — Es wundert mich, lieber Graf, daß Sie noch kein Epigramm auf ſie gemacht, ſagte die Marguiſe, ſein leeres Glas fuͤllend. — Sie iſt ſo gut, ich mag ſie nicht kraͤnken, erwiederte Rabutin, einen Taubenfluͤgel abnagend. — Giut, aber dumm! Waͤr ich an ihrer Stelle, Maͤnner, wie Sie, lieber Graf, muͤßten bei Hofe die erſten Rollen ſpielen. Wie kann ſie zu⸗ geben, daß ein ſo geiſtreicher Mann, wie Sie, theurer Freund, in Ungnade fallen darf? — Sie haben Recht; es beduͤrfte nur eines Wortes von ihr und ich koͤnnte wieder bei Hofe erſcheinen. — Sie iſt eine Egoiſtin, die nie an Andere denkt. Waͤr' ich Buſſy... — 149 — Nun, was thäten Sie? fragte der Schoͤn⸗ geiſt, ſein Glas leerend. — Ich wuͤrde mich raͤchen.. — Aber wie? fragte der Graf, der, jetzt ans Deſſert gekommen, eine Pfirſich zertheilte. — Durch ein witziges Lied, durch ein beißendes Epigramm. Lieder ſind die blutigſten Waffen, Epigramme die ſchaͤrfſten Geißeln unſeres Jahr⸗ hunderts, gefaͤhrlicher als Fauſt und Keule der alten Ritterzeit, gefaͤhrlicher als das Gift und die Dolche der Medicis, gefaͤhrlicher als alle Kanonen und Bajonette der Erde. Mit Lieder-Kugeln und Epigrammen⸗Bajonnetts kann man Koͤnige ent⸗ thronen, Miniſter ſtuͤrzen, ganze Voͤlker in Auftuhr bringen. Der große Ludwig iſt ein Held, und dennoch zittert er mehr vor einem einzigen Qua⸗ train, als vor zehn Schlachten. Man muß ihn und ſeine La Vallisre laͤcherlich machen, nur auf dieſe Weiſe kann es uns gelingen, die ehernen Ketten ihrer Liebe zu ſprengen. Ein Epigramm, Buſſy, ein einzig Epigramm, und mir und Ihnen iſt geholfen.. 150 — Ein Epigramm kann ſeine Wirkung leicht verfehlen, wir wollen lieber gleich ein Dutzend Kugeln gießen. O wer doch ſo viel Geiſt beſaͤße, wie Sie, mein theurer Freund, ſprach Frau von Monteſpan, ſein Glas von neuem fuͤllend. — Ich bitte um ein Blatt Papier.. ein Dutzend iſt gar leicht gemacht. Die Marquiſe holte die Schreibmaterialien. Der Schoͤngeiſt ſtocherte die Zaͤhne und ſann ein wenig nach. — Hier, lieber Graf, iſt Alles, was Sie brauchen. — Gut, ſchoͤne Frau. Doch halt, noch Eins. Wir Dichter ſind ein eigennuͤtzig Volk. Ich mache Anſpruch auf ein hohes Honorar. Fur jedes meiner Epigramme verlange ich ein Kuͤßchen von dem ſchoͤnſten Mund. — Buſſy, wie kann ein Mann wie Sie, ſo kindiſch ſein! Doch immerhin, es ſei, rief die Mar⸗ quiſe, die das Vergnuͤgen, die beneidete Herzogin — —— 151 lächerlich gemacht zu ſehen, im Nothfall ſelbſt mit groͤßern Opfern erkauft haͤtte. Nach Verlauf einer kleinen halben Stunde hatte der Schoͤngeiſt, mit Hilfe des ſchaͤumenden Champagners, zwoͤlf Epigramme, eines beißender als das andere, ausgebruͤtet. Buſſy las ſie vor... die Marquiſe war entzuͤckt. — Herrlich, herrlich! lieber Buſſpy. Wenn unſer Louis Deodatus dieſe Verſe lieſt, ſo giebt er ſeinem magern Engel den Laufpaß, rief Frau von Monteſpan, ganz außer ſich vor Freude. — Wenn aber der Koͤnig erfaͤhrt, daß ich dieſe Verſe gedichtet... — Dann, lieber Graf, ſei Ihnen der Himmel gnaͤdig! — Werden Sie mich verrathen? — Sein Sie unbeſorgt, ich ſchweige. — Und das Honorar.. — Erhalten Sie das naͤchſte Mal. Frau von Monteſpan hatte Buſſy's Epigramme vielfach abſchreiben und bei Hofe circuliren laſſen. Die Feinde der Herzogin de la Vallisre trium⸗ —— 152 phirten. Der Koͤnig, der ſeine Neigung dem Ge⸗ lachter Preis gegeben ſah, wuͤthete. Der Verfaſſer dieſer vierzeiligen Pasgquille blieb nicht lange un⸗ bekannt. Graf Buſſy Rabutin ward in die Baſtille ge⸗ ſchickt. Dort fand er Zeit und Muſe, die, Hi- stoire amoureuse des Gaulese, ſeine Histoire abrégée de Louis le Grand« und ſeine»Memoi- res« zu vollenden, drei Werke, die ihm im Pantheon der franzoſiſchen Literatur fuͤr immer einen ehren⸗ vollen Platz geſichert. Bald darauf ward die Marquiſe Athenais de Monteſpan des Koͤnigs erklarte Maitreſſe. Ihr Gemahl erſchien in tiefer Trauer. — Um wen trauern Sie, fragte Ludwig XIV. — Sire, um meine Frau, erwiederte der Marquis. Am andern Morgen erhielt der Marquis von Monteſpan den Befehl, ſich auf ſeine Guͤter zu begeben. Um die Strafe der Verbannung zu 153 verſuͤßen, verlieh ihm der Koͤnig den Orden des heiligen Ludwig und eine Penſion von 40,000 Francs. Solche Pflaſter heilen ſelbſt die tiefſten Wunden. Und ſchon darum ſind die Orden eine ſchoͤne, herr⸗ liche Erfindung. Eilftes Capitel. Neue Mode, neuer Tanz. (16270.) Der Koͤnig hatte ſeine Liebe zur Marquiſe von Monteſpan anfangs ſehr geheim gehalten, aber bei Hofe bleibt nichts verſchwiegen. Eines Morgens erhielt die Marquiſe den Be⸗ ſuch ihres Bruders. — Athenais! rief der Herzog von Vivonne, was muß ich hoͤren? Der Koͤnig hat Deinen Ge⸗ mahl verbannt. — Wer hieß den Herrn Marquis Trauer um mich anlegen? Der Koͤnig hatte Recht! — Du wrllſt alſo wirklich in die Fußtapfen der La Vallière treten, willſt, wie ſie, des Ko⸗ nigs Liebchen ſein? 155 — Wer ſagt das? — Der ganze Hof. — Er luͤgt. Unſere Liebe, Victor, iſt nicht ſinnlicher Natur. Der Koͤnig erweiſ't mir die Ehre, mich haͤufig zu beſuchen; das laͤugne ich nicht; aber ſeine Beſuche ſind unſchuldiger Art; dem Koͤnig gefaͤllt meine Laune, er lacht uͤber meine guten Einfaͤlle und freut ſich, wenn er ein paar Stuͤndchen harmlos mit mir verplaudern kann. Abends vertreiben wir uns die Zeit mit Lectuͤre; bald leſe ich ihm, bald lieſ't er mir et⸗ was vor; haben wir genug geleſen, dann ſpielen wir, bald dies bald das. Nun ſage ſelbſt, Victor, iſt das ein Verbrechen? — Leute, die gut unterrichtet ſind, erzaͤhlen mir, er braͤchte ganze Naͤchte... — Das ſind Luͤgen, die der Neid erſonnen hat, um mich bei der Koͤnigin zu verdaͤchtigen; ſie aber kennt mich beſſer als Ihr Andern. Sie weiß, daß Alles nur Verlaͤumdung iſt. — Mir faͤllt ein Stein vom Herzen, ſprach 156 der Herzog von Vivonne und empfahl ſich bald darauf. Eine Stunde ſpaͤter erhielt ſie den Beſuch der Aebtiſſin von Fontevrault. — Weißt Du, Schweſter, weshalb ich heute Dich beſuche? — Weshalb, Gabrielle? — um Dir etwas Merkwuͤrdiges zu erzählen. Mir traͤumte in vergangener Nacht, Du hätteſt mich rufen laſſen, um mir zu geſtehen, daß Du Dich Mutter fuͤhlſt. — Welch ein alberner Traum! — Meine Traͤume, Schweſter, gehen in Er⸗ fullung. Athenais, Athenais, ſagte die Aebtiſſin laͤchelnd mit dem Finger drohend. —— Biſt Du närriſch? fragte die Marquiſe bitter gekraͤnkt. — Schweſter, wie kann man gleich ſo heftig ſein. — Alſo auch Du gehoͤrſt zu Jenen, die jeder boͤſen Zunge Glauben ſchenken? Ich mochte ra— ſend werden! 157 — Gieb Dich zufrieden! Weiß Gott, ich hab' Dich nicht kraͤnken wollen. Als die Marquiſe allein war, ſtellte ſie ſich vor den Spiegel. — Es giebt Augenblicke, wo ich glaube, es ſtehe auf der Stirn geſchrieben, daß das, was ich zu laͤugnen mich bemuͤhe, nicht laͤnger mehr zu laͤugnen iſt. Was fang ich an, um dieſen Zu⸗ ſtand zu verbergen? Sie dachte lange nach. — Gefunden! rief ſie endlich, ſo ſtolz wie Archimedes, als er, in mechaniſche Forſchungen vertieft, ſein Heureka gerufen. Drei Tage ſpaͤter erſchien die Marquiſe von Monteſpan in einem Reifrock. Man bewunderte die neue Mode, die namentlich jenen Frauen, die das Ungluͤck hatten, Anlage zum Embonpoint zu haben, ſehr willkommen war. Eines Morgen ließ ſie den Intendanten der koͤniglichen Capelle rufen. Johann Baptiſt Lully(geb. 1633 zu Florenz) war anfangs Kuͤchenjunge im Dienſte der Made⸗ moiſelle de Montpenſier geweſen. Die Prinzeſſin, die bei ihrem Liebling große Anlagen zur Muſik entdeckt, hatte ihm von den beſten Meiſtern Un⸗ terricht ertheilen laſſen. Seine Virtuoſitaͤt auf der Violine hatte bald ſo große Bewunderung erregt, daß der Koͤnig ihn zum Dirigenten der koͤnigli⸗ chen»Bande des petits violons« und bald dar⸗ auf zum Director der großen Oper gemacht. — Herr Lully, ſagte die Marquiſe, haben Sie die Guͤte, zum naͤchſten Hofball ein neues Tanzſtuͤck in Drei⸗Viertel-Tact in zwei Repri⸗ ſen, jede zu 4 oder 8 Tacten zu componiren. Die Quadrillen echauffiren mich zu ſehr, ich will bei Hofe den Menuet einfuͤhren. — Marquiſe, Ihr Wille iſt mir Befehl. Acht Tage ſpaͤter tanzte die Marquiſe von Mon⸗ teſpan im Reiftock mit dem Grafen von Lauzun, dem zierlichſten Taͤnzer am Hofe, den erſten Menuet. Das langſame Tempo dieſes Tanzes vertrug ſich mit ihrem Zuſtande beſſer, als der raſche Rhyth⸗ mus der Quadrillen. 159 Drei Monate ſpaͤter wurde die Marquiſe von Monteſpan, die Erfinderin der Reifroͤcke und Me⸗ nuets, in einem abgelegenen Hauſe von einem Halbprinzen entbunden. Acht Monate nach jener Entbindung, die erſt ſpaͤter bei Hofe bekannt worden war, raunte im Oeil de Boeuf ein Hoͤfling dem Andern ins Ohr: — Wiſſen Sie ſchon? — Was denn? — Die Frau Marquiſe von Monteſpan... — Nun?? — Hat wieder ihren Reifrock angezogen. Zwölftes Capitel. Der Nabob von Myſore. (1625.) Die Marquiſe von Monteſpan war eine lei⸗ denſchaftliche Freundin ſchoͤner Edelſteine. Nach und nach hatte ſie ſich eine Sammlung von Dia⸗ manten angelegt, deren Werth ſich auf neun Mil⸗ lionen Livres belief. Aber dieſe Leidenſchaft war unerſaͤttlich. Wenn ſie einen huͤbſchen Ring, ein ſchoͤnes Ohrgehaͤnge, ein ſchmuckes Halsge⸗ ſchmeide ſah, ſo mußte ſie es haben. Mehr als einmal zahlte ſie das Doppelte des Werthes, um den Beſitzer eines Kleinods, das in ihren Augen Wohlgefallen fand, zu bewegen, ihr daſſelbe abzu⸗ treten. Durch nichts konnte man ſich bei der maͤchtigen Favorite des Koͤnigs ſchneller in Gunſt ſetzen, als durch Diamanten; ſie uͤbten, gleich 161 einem Talisman, auf ihr Herz einen unwiderſteh⸗ lichen Zauber aus. Lauzun, der mit Ludwig XV. das Bouquet ihrer Reize getheilt, ſagte einſt zur Mademoiſelle Montpenſier: — Die Marquiſe gleicht der Nymphe Anippe. Will man auf ſie Eindruck machen, ſo muß man, wie Poſeidon, ihr in der Geſtalt einer großen Perle nahen. Eines Morgens las man im Mercure ga- lant*): „Seit einigen Tagen befindet ſich in unſerer Mitte ein ſeltſamer Gaſt, der das Intereſſe von ganz Paris in Anſpruch nimmt. Er iſt ein jun⸗ ger Franzoſe, der vor ungefaͤhr neun Jahren nach Oſtindien gegangen war, um von dunkler Ahnung getrieben, dort ſein Gluͤck zu ſuchen. In Myſore hat er die natuͤrliche Tochter des alten Rajahs kennen gelernt. Bananoe, faſt noch ein Kind, angehaucht vom Morgenroth der Jugend, einge⸗ *) Der Meraure galant, contenant tout cœe qui c'est Passe de curieux wurde im Februar 1672 von J. Don⸗ neau de Viſ gegründet. II. 162 huͤllt in den duftigen Schleier der Keuſchheit, ſchon und lieblich wie die Bluthe des Lotos am ufer des heiligen Ganges, hatte aus der Sonne ſeines Auges den erſten Strahl der Liebe getrun⸗ ken und ihm die Knoſpe ihrer Gunſt geſchenkt. Auch der alte, graue Rajah hatte ihn liebgewon⸗ nen, den Bund der Liebe geſegnet und ſeinem Kinde, das er liebte wie den Apfel ſeines Auges, eine Mitgift von zehn Nillionen Rupien gegeben. Nach ſechs Jahren einer wolkenloſen Ehe ſtarb des Rajahs holdes Tochterlein am Biß einer Schlange. Der alte Vater konnte den Verluſt ſeines einzigen Kindes nicht lange uberleben: eilf Tage ſpater folgte er ihr in's Grab. Der junge Franzoſe, den im fremden Lande nichts mehr zu feſſeln vermochte, kehrte, vom Heimweh getrieben, mit Schaͤtzen beladen, nach dem geliebten Frank⸗ reich zuruͤck. Der Nabob will ſich hier fuͤr immer niederlaſſen. Die Pracht ſeines fremdartigen Co⸗ ſtums, der Lurus ſeiner zahlreichen Dienerſchaft erregen hier großes Aufſehen. Geſtern hat der junge Nabob 5000 Livres an die Armen unſerer 163 Stadt geſchenkt— eine Kleinigkeit fuͤr einen Mann, der im wahren Sinne des Wortes bis uͤber die Ohren in Gold und Diamanten ſteckt. Unſer Landsmann iſt unter andern im Beſitz einer der reichſten Edelſteinſammlung. Die Krone ſeiner Schaͤtze iſt der Phoͤnix, ein roſenfarbener Diamant, der 172 Karath wiegen und ſechs Millionen Francs werth ſein ſoll. Der alte Rajah hatte, um die Freuden der erſten Nacht zu erhoͤhen, uͤber das Ruhelager ſeines Kindes zwoͤlf koſtbare Shawls ausgebreitet und unter die Kiſſen des Brautbettes dieſen Stein gelegt— eine Aufmerkſamkeit, die, eben ſo zart als koſtſpielig, wenig Nachahmung finden duͤrfte! Der Nabob wohnt in der Rue St. Denis und ertheilt Jedem, der an ihn ein Anliegen hat, Audienz von 9 bis 10 Uhr Abends.« Frau von Monteſpan hatte dies kaum geleſen, als ſie den Nabob und ſeinen Diamanten ſchrift⸗ lich zu ſich einladen ließ. Wer haͤtte einer ſo ſchmeichelhaften Einladung nicht Folge geleiſtet! Am andern Morgen erſchien ein junger, hoher, kraͤftiger Mann in goldgeſtickten Scharlach und 8* 164 weißen Caſhemir gehuͤllt. Sein Geſicht, von der indiſchen Sonne gebraͤunt, hatte etwas Negerartiges. Ein blauer Turban, mit einer diamantenen Agraffe und einer ſchoͤnen Reiherfeder geſchmuͤckt, wand ſich um die ſchwarzen Locken ſeines Hauptes, das alle Wohlgeruͤche Aſiens aushauchte. Um den Hals zog ſich eine Schnur koſtbarer Perlen. Frau von Monteſpan, ſchon wie der Tag, em⸗ pfing ihn mit der ihr eigenthuͤmlichen Laune und Unbefangenheit. — Mein Herr Nabob, Sie ſehen in mir eine leidenſchaftliche Liebhaberin von Diamanten. Das Gluͤck hat Sie, wie ich hoͤre, in den Beſitz eines Steines geſetzt, der an Schoͤnheit alles uͤbertreffen ſoll, was man in dieſer Art bisher geſehen hat. Ich brenne vor Begierde, die Bekanntſchaft dieſes Phoͤnir zu machen. Haben Sie ihn mitgebracht? — Ihr Wunſch, Frau Marquiſe, war mir Befehl. Der Nabob holte aus der Brieftaſche ein Etui hervor und oͤffnete es. Frau von Monteſpan ſtieß 165 beim Anblick dieſes Steines einen Schrei der Be⸗ wunderung aus. — Himmel, welch ein Diamant, welche Klar⸗ heit, welches Feuer! In meinem ganzen Leben habe ich nie etwas Schoͤneres geſehen. Solch einen Stein hat ſelbſt die Koͤnigin von Saba nicht ge⸗ habt! Wie viel wiegt er? — Ein hundert zwei und ſiebenzig Karath. — Und wie viel verlangen Sie dafuͤr? — Der Stein hat fuͤr mich einen unbezahl⸗ baren Werth. Er iſt ein Andenken an den ſchoͤn⸗ ſten Tag meines Lebens. Die engliſche Krone bot mir dafur eine jaͤhrliche Rente von 5000 Pf. Sterl. — Das gebe auch ich... — Und boͤten Sie mir das Doppelte, Frau Marquiſe, ich könnte mich von dieſem Stein nicht trennen er iſt ein Geſchenk Bananoes, die jetzt im Grabe ruht. Aus dem Auge des Nabobs ſtahl ſich eine Thraͤne der Wehmuth. — Troͤſten Sie ſich, mein Herr Nabob; in unſerer guten Stadt Paris findet ein Mann von 166 Ihrer Art mehr als eine Schoͤne, die Ihre Her⸗ zenswunde heilen wird. Was nuͤtzt Ihnen dieſer Stein; er iſt ein todtes Capital, das keine Zinſen traͤgt. — Geld, Frau Marquiſe, hat keinen Werth fuͤr mich. — Trachten Sie nach Aemtern, Titeln, Wuͤr⸗ den? Es bedarf nur eines Winkes und morgen hat der Nabob von Myſore Sitz und Stimme in unſerm Staatsrath. — Ich bin nicht ehrgeizig, Madame, meine Beſcheidenheit gebietet mir, zu bleiben, was ich bin. Mein Reichthum ſichert mir den Genuß meiner Unabhaͤngigkeit, ein Gluͤck, das uͤber jedes andere geht. Er ſchloß das Etui und ſteckte es wieder in die Taſche. — Wollen Sie mir einen Gefallen erweiſen? fragte Frau von Monteſpan. — Mit Vergnuͤgen. — Leihen Sie mir den Stein... ich will ihn Sr. Majeſtaͤt dem Koͤnige zeigen. Morgen ſoll 167 er, ich buͤrge Ihnen mit meinem Ehrenwort, in Ihren Haͤnden ſein. — Mit Freuden erfuͤlle ich Ihren Wunſch. Der Nabob holte das Etui hervor, die Mar⸗ quiſe oͤffnete es und gerieth von Neuem in Ent⸗ zucken. — Welch ein ſchoͤner, ſchoͤner Stein! Jetzt ſcheint er mir prachtvoller noch, als vorhin. — Die Strahlen Ihres Auges ſpiegeln ſich in ihmn — Wie galant! Der Nabob ſagte der Marquiſe noch einige Schmeicheleien. Frau von Monteſpan, in das Anſchauen des Diamanten vertieft, antwortete nur lakoniſch. Der Nabob empfahl ſich. Bald darauf kam der Koͤnig. Sie zeigte ihm den Stein; auch Ludwig war entzuͤckt. Man ließ zwei Juweliere rufen, die dieſen Phoͤnir abſchaͤtzen ſollten. Der Eine taxirte ſeinen Werth auf 4, der Andere auf 5 Millionen Livres. — Ich muß ihn haben, ſprach die Marquiſe 168 zu ſich ſelbſt, und ſollte ich ihn mit dem groͤßten Opfer erkaufen. Am andern Morgen kam der Nabob. — Der Koͤnig hat den Stein geſehen, ſprach die Marquiſe, er will ihn kaufen, mir zur Lieb. Wieviel begehren Sie! Und war die Summe noch ſo groß der Koͤnig wird ſie zahlen. — Geld, ich wiederhole es, hat keinen Werth fuͤr mich. — Ich will Ihnen einen Vorſchlag machen. Wählen Sie aus meinen Diamanten drei der ſchoͤnſten aus... wir wollen tauſchen. — Das laßt ſich hoͤren. Wann kann ich Ihre Diamanten ſehen? — Jetzt gleich. Frau von Monteſpan fuͤhrte den Nabob in ihre ſogenannte Schatzkammer. Sie oͤffnete ein Kaͤſtchen nach dem andern und breitete vor ihm alle Schaͤtze aus. Die Marquiſe hatte jedem ihrer Edelſteine einen beruͤhmten Namen gegeben. Unter andern hatte ſie fuͤnf Diamanten, die ſie„die Favoriten Frankreichs« getauft. Die einzelnen 169 Steine hießen: Odette de Champdivers(Geliebte Karls VI.), Agnes Sorel(Geliebte Karls VII.), Marguerite de Saſſenage(Geliebte Ludwig XlI.), Anna Soliers(Geliebte Karls VIII.) und Tho⸗ maſine Spinola(Geliebte Ludwigs XII.). Unter ihrer Smaragdenſammlung befand ſich eine Marion Delorme, eine Ninon de Lenclos und Magdalene de Scudery u. ſ. w. Zuſammengenommen hatte ſie wohl an fuͤnfhundert. — Wie gefallen Ihnen meine Steine, fragte die Marquiſe. — Verzeihen Sie, Madame, wenn ich offen bekenne, daß ich unter allen dieſen Steinen keinen Einzigen finde, der mir gefallt. — Nehmen Sie die Favoriten Frankreichs und geben Sie mir dafuͤr Ihren Phoͤnix. — Madame verlangen Sie nichts Unmogliches von mir. Der Nabob nahm ſeinen Stein und ging. Die Marquiſe, gewohnt, jede ihrer Capricen befriedigt zu ſehen, war außer ſich. Den ganzen Tag ſprach ſie vom Nabob und ſeinem Diamanten, und Nachts 8** 170 traͤumte ſie von ihm. Taͤglich ließ ſie ihn zu ſich bitten, täglich machte ſie ihm neue Vorſchläge, aber auf keinen von allen wollte er eingehen. Die Marquiſe, die ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, dieſen Phoͤnir zu beſitzen, bot ihm dafuͤr die fuͤnf Favoriten Frankreichs und außerdem noch eine Million Francs. — Geld, wiederholte der Nabob, hat keinen Werth für mich. — Sie guaͤlen mich zu Tode! rief die Mar⸗ quiſe, in Thraͤnen gebadet. Der Nabob nahm ſeinen Stein und ging. Die Marquiſe verwuͤnſchte ihn. Eines Morgens(nachdem die Unterhandlungen ſchon vier volle Wochen gewaͤhrt) erhielt die Mar⸗ quiſe folgendes Billet: „Sie geben mir die fuͤnf Favoriten Frankreichs und ſtatt der Million, die Sie mir zugeſagt, ein Rendezvous. Beſtimmen Sie mir den Ort und die Stunde, an dem ich meinen Diamant der Perle aller Frauen zu Fuͤßen legen darf.« Der Nabob von Myſore. 171 — Das hab ich gewollt, rief ſie, und entzuͤckt wie die Peri, die endlich das Wort gefunden, das ihr den Himmel erſchließt, ſchrieb ſie ihm eine Zeile: „Heute, mit dem Glockenſchlag Zwolf, in mei⸗ ner Wohnung.« Nir t Sn iſt Glockenſchlage erſchien der Nabob von Myſore. Und erſt als der Hahn ſein Morgenlied ſang, kehrte der Gluͤckliche nach ſeiner Wohnung zuruck. Beider Wuͤnſche waren erfuͤllt: der Nabob hatte die funf Steine und die Marquiſe von Mon⸗ teſpan den Phoͤni. Zwei Stunden ſpater ließ die Marquiſe ihren Juwelier rufen. — Wie hoch ſchaͤtzen Sie dieſen Diamant? — Welchen? — Dieſen! — Das iſt kein Diamant, das iſt ein Cryſtall. Die Marquiſe ſank in Ohnmacht. Als ſie 172 wieder zu ſich kam, ließ ſie den Polizeilieutenant, Herrn von Sartines, zu ſich rufen. — Der Nabob von Myſore iſt eine Schurke, der mich betrogen hat. Laſſen Sie ihn ſogleich arretiren. Herr von Sartines eilte in die Wohnung des Verbrechers. Zu ſpaͤt! Der Nabob von Myſore und ſeine Dienerſchaft war bereits verſchwunden und Niemand wußte, wo ſie hingekommen. Die arme Marquiſe!— Dreizehntes Capitel. Sic transit gloria mundi. Fuͤnf lange Jahre hatte die Herzogin de la Vallière die bitterſten Kraͤnkungen, die Ludwig und deſſen neue Geliebte, die Marquiſe von Monteſpan, ihr lieblos zugefuͤgt, mit Engelsmilde ertra⸗ gen; fuͤnf lange Jahre hatte ſie ſich die ſchwere Buße aufgelegt, Zeugin des Gluͤckes jener Frau zu ſein, die ihr aus dem Kranze der Freuden die ſchoͤnſte aller Bluͤthen, die Liebe des Koͤnigs ge⸗ raubt, fuͤnf lange Jahre hatte ſie von der einen Seite kalten Hohn, von der andern erkuͤnſteltes Mitleid hingenommen und nicht gemurrt, denn ſie betrachtete all das Leid, das ihr widerfuhr, als eine gerechte Strafe des zuͤrnenden Himmels und fugte ſich duldſam den Beſchluͤſſen der weiſen Vor⸗ ſehung. 174 Die Marquiſe von Monteſpan, nicht zuftieden, der beſiegten Nebenbuhlerin des Koͤnigs Gunſt geraubt zu haben, erſann auch Mittel, ihr des Koͤnigs Achtung zu entziehen. — Sire, ſagte ſie eines Morgens zu Ludwig, wie finden Sie den Grafen von Vermandvis? — Er iſt ein lieber, huͤbſcher Knabe... — Das Ebenbild ſeines Vaters. — Finden Sie wirklich, daß er mir aͤhnlich ſieht? — Ihnen, Sire, nicht im geringſten. — Ei, wem denn ſonſt? — Ihrem Nebenbuhler, dem Grafen von Lauzun. — Wie, Athenais, Sie glauben.. — Daß die ſcheinheilige Herzogin, daß die buͤßende Magdalena ihre letzten Reize mit dieſem uͤbermuͤthigen Hoͤfling getheilt. — Wenn das wahr, wirklich wahr waͤre, ich koͤnnte dieſe Heuchlerin mit Fuͤßen treten. — Sire, thun Sie das nicht.. die Frau 175 Herzogin kraͤnkelt jetzt beſtändig, Madame koͤnn⸗ ten das nicht gut ertragen. — Lauzun?! Welche Frechheit! Er hat ge⸗ wagt bei mir um die Hand meiner Couſine, Anna von Montpenſier, anzuhalten. Meine gute Cou⸗ ſine hatte einſt zur Zeit der Fronde Parthei fur den Rebellen Condé genommen und mit eigener Hand die Kanonen der Baſtille gegen meine Trup⸗ pen abgefeuert. Glaubt die alte Naͤrrin, ich haͤtte das vergeſſen? Sie liebt dieſen Lauzun, aber nim⸗ mer werde ich erlauben, daß er ihr Gemahl werde. Der Freche, der den Muth gehabt, ein Weib zu lieben, das ich einmal geliebt, ſoll dieſen Frevel buͤßen. Er ſoll nach Pignerol. Dort in der Fe⸗ ſtung, abgeſchieden von der Liebe Freude, von des Hofes Glanz, ſoll er Muße haben, ſeine Frech⸗ heit zu bereuen. Graf Lauzun, mit Mademoiſelle Montpenſier heimlich vermaͤhlt, wurde bald darauf nach Pignerol abgefuͤhrt. Dieſe liſtige Verläumdung hatte im Herzen des Koͤnigs den letzten Funken der Zuneigung zur Her⸗ 176 zogin de la Vallière erſtickt. Sie, die Ludwig einſt mit allen Kraͤften ſeiner Seele geliebt, ſie und ihr Sohn, der junge Graf von Vermandois, waren ihm jetzt verhaßt bis in die tiefſte Tiefe ſeines Herzens. — Sie werden immer magerer, ſagte der Koͤnig eines Tages en passant zur Herzogin de la Val⸗ liere. Die pariſer Luft ſcheint Ihnen nicht mehr zu behagen. Madame, Sie ſollten in die Bäder reiſen... Die Herzogin de la Vallière fing heftig zu wei⸗ nen an. — Verſchonen Sie mich, Madame, mit Ih⸗ ren Thraͤnen, ſie fließen ja doch nur um Lauzun. Louiſe de la Valliere, empoͤrt und aufgeregt von dieſer tiefen, unverdienten Kraͤnkung, ſank ohnmaͤchtig zu Boden. — Bringen Sie Madame zu Bette, ſagte Lud⸗ wig mit kaltem Blute zu einer der umſtehenden Hofdamen und ging ruhig weiter. Die Herzogin de la Valliere war ſchwer er⸗ krankt, aber bald durch die Sorgfalt ihrer Aerzte 177 wieder hergeſtellt. Kaum wieder geneſen, bat ſie um eine Audienz bei der Königin. Sie ward augen⸗ blicklich vorgelaſſen. — Koͤnigin, ſprach Louiſe de la Vallire, eine arme Magd will von ihrer hohen Herrin Ab⸗ ſchied nehmen. — Herzogin, wohin wollen Sie? — Ins Kloſter. Doch bevor ich ſcheide, wag ich, Koͤnigin, fuͤr all' den Gram und Kummer, den ich Ihnen fruͤher zugefugt, Sie um Verzeihung anzuflehen— Foͤnigin, rief ſie in Thraͤnen aus⸗ brechend, können Sie dem verworfenen Geſchopf, das Ihnen die Liebe Ihres Gatten geraubt, konnen Sie der Suͤnderin, die Alles, was ſie verbrochen, tief bereut, können Sie der Armen, die troſtlos und verzweifelnd im Staub vor Ihnen liegt, vergeben? — Stehen Sie auf, Herzogin. Den Kum⸗ mer, den Sie einſt mir zugefugt, hab' ich Ihnen laͤngſt vergeben und noch jetzt bereu' ich, daß ich damals Sie ſo tief gekraͤnkt. Ach damals wußte ich noch nicht, daß Sie den Koͤnig lieben, wirk⸗ 178 lich lieben. Herzogin, Sie haben ſeinetwegen viel geduldet, viel erlitten— Der Koͤnig hat Ihre Liebe ſchlecht gelohnt, ich, die Koͤnigin, will Ihre Treue beſſer lohnen. Louiſe de la Valliere, Du lichter Engel aus des Himmels Hoͤhen, Du from⸗ mes Opferlamm betrogener Liebe, des. Koͤnigs Gattin will Dir Mutter ſein und Dich ſchuͤtzen und beſchirmen wie ihr eignes Kind, und wenn Dich jemals etwas ſchmerzt und wenn Dich jemals etwas kraͤnkt, ſo fluͤchte dann zu mir: die Mutter wird der Tochter Wunden heilen und ihre Thraͤnen ſtillen und wenn ſie ſie nicht loͤſchen kann, ſo wird ſie deine Leiden theilen und ſelber mit Dir weinen. Die Herzogin de la Vallière ſank tief erſchut⸗ tert in die Arme der Koͤnigin. Beide druͤckten ſich ans Herz, Beide kuͤßten ſich und Beide zer⸗ floſſen in Thraͤnen. — Gieb mir Deinen Segen, Mutter, bat die Herzogin, der Koͤnigin zu Fuͤßen fallend. Maria Thereſia legte die Haͤnde auf Louiſens 8 Haupt und ſprach: 179 — Gott ſchuͤtze Dich, mein frommes Lamm, und gieße Balſam in Dein ſchmerzzernagtes Herz. — Amen, Amen, ſchluchzte Louiſe de la Val⸗ liere und ſtuͤrzte fort. Die Koͤnigin ſank nieder vor ein Crucifir und betete fuͤr ſie zu Gott und zum Heiland, dem Erloͤſer aller Leiden. — Am 5. Juni 1675 wurde Louiſe de la Vallière im Kloſter der Karmeliterinnen feierlich eingekleidet. Der Koͤnig und die Koͤnigin, Phi⸗ lipp von Orleans und deſſen Gemahlin, die Prin⸗ zeſſin von Bayern und die Hofdamen Ihrer Ma⸗ jeſtät und Ihrer Koͤniglichen Hoheit wohnten in Gallakleidern dieſem feierlichen Acte bei. In einem der Beichtſtuhle, der unfern des Altars ſtand, waren zwei Frauen verſteckt, die die Neugier hier⸗ her gelockt. Beide ſchauten durch ein kleines Fen⸗ ſterchen; die Eine kicherte, die Andere ſchien ernſt und nachdenkend; die Eine war die Marquiſe von Monteſpan, die Andere, deren Geſellſchafterin, Frau von Maintenon. 180 Der Hofprediger hielt eine feierliche Rede, die Koͤnigin und alle Damen ihres Hofes konnten ſich der Thraͤnen nicht enthalten. n aber hoͤrte nur mit halbem Ohre zu. — Der Koͤnig ſcheint ſich nicht gut zu amu⸗ ſiren, kicherte die Marquiſe von Monteſpan— er gaͤhnt! Deodatus hat Recht... die Predigt dauert etwas lange. Nach dieſer Rede nahte die Priorin Clara, um der Novize das Haar abzuſchneiden. Die Koͤnigin hielt ſich ein Tuch vor die Au⸗ gen, um ihre Thraͤnen zu verbergen. Der Koͤnig ſtocherte gleichgiltig die Zaͤhne und Frau von Mon⸗ teſpan ſagte zu ihrer Geſellſchafterin. — Wie kann man ſo grauſam ſein, ihr das Haar abzuſchneiden— das war noch das Schoͤnſte an der Frau. Die Priorin bekleidete die Novize mit einem ſchwarzen Schleier— hierauf begann die Orgel und alle Nonnen ſtuͤrzten nieder auf die Knie und ſangen. „Gloria in excelsis Deo« 18¹ Der Hof kehrte von Chaillot nach Paris zuruͤck. Die Mutter Clara wies der Schweſter Louiſe von der Erbarmung Gottes eine Zelle neben der ihrigen an. — Sie ſcheinen in Gedanken vertieft, ſagte beim Nachhauſefahren die Marquiſe von Monteſpan zu Frau von Maintenon. Woran denken Sie? — An die Vergaͤnglichkeit der Liebe. Vor fuͤnf Jahren war die Herzogin de la Vallière mehr als die Königin— jetzt iſt ſie eine arme, von aller Welt verlaſſene Nonne. Das kann uns Allen paſſiren. — Passons la-dessus rief Frau von Mon⸗ teſpan und gab ſich Muͤhe, einen ſchweren Seufzer zu unterdruͤcken. Vierzehntes Capitel. Frangviſe d'Aubigné. Ma raison par de vains discours A beau me faire voir le péril que je cours Quoiqu'elle me conseille; Grands Jeux qui paroissez si doux! FPeint frais et vif, bouche vermeille! Beaux cheveux! Belle Iris! Adorable mer- veille! Je veux mourir pour vous. Pavr Scannon à FnAncorst vAvnr6R. Im Gefängniß zu Niort hatte einſt ein Falſch⸗ muͤnzer geſeſſen. Er hieß Conſtant d'Aubigné und war der Sohn jenes Theodore Agrippe d'Au⸗ bigné, der unter Heinrich IV. Maréchal de Camp, Gouverneur der Inſel Oleron und des Schloſſes Maillezais, wegen ſeines rauhen, unbeugſamen Cha⸗ racters vom Hofe verbannt, aber wegen ſeiner vielſeitigen Verdienſte wieder zuruͤckgerufen worden 183 war. Unter der Regierung Ludwigs KlII. hatte er wegen ſeiner Shistoire universelle«, deren frei⸗ muͤthige Sprache manche ſeiner maͤchtigen Zeit⸗ genoſſen tief gekraͤnkt, im Jahre 1620, nach Genf fliehen muͤſſen, wo er, ein Decennium ſpaͤter, in einem Alter von 80 Jahren geſtorben war. Der Sohn hatte nichts von den Tugenden ſei⸗ nes Vaters geerbt. Conſtant d'Aubigné war, um ſeinem Schickſal unter die Arme zu greifen, auf den keinesweges neuen Gedanken gerathen, falſches Geld zu machen. Vom Geſetz zu lebenslaͤnglicher Haft verurtheilt, war er aus ſeinem Kerker ent⸗ flohen und mit ſeiner Gattin, Jeanne de Cardillac und ſeinen beiden Kindern, Frangoiſe und Char⸗ les, nach Martinique gefluͤchtet. Nach dem Tode ihres Gatten war die Wittwe mit ihren beiden Kindern, wegen Erbſchafts⸗An⸗ gelegenheiten im Jahre 1647 nach Frankreich zu⸗ ruͤckgekehrt und bald darauf geſtorben. Frangviſe d'Aubigné(geb. am 28. December 1635) war damals 14 Jahre alt. Frau von Nouillant hatte ſich der verlaſſenen Waiſe ange⸗ 184 nommen, ſie Anfangs ins Kloſter der Urſuline⸗ rinnen gebracht und ſie ſpäter zu ſich genommen. Durch Frau von Neuillant war ſie bei der Mar⸗ ſchallin La Ferte eingefuͤhrt worden. Der Salon dieſer in den roſenfarbenen Anna⸗ len der Galanterie ſo ſehr beruͤhmten Frau war ein Stelldichein aller Schoͤngeiſter und Kuͤnſtler Frankreichs. Hier ſah man Ninon de Lenclos, Marie de Sevigne, Magdalene de Scudery; hier ſah man Paul Peliſſon und Gilles Menage, eben ſo beruͤhmt als Advokat wie als Dichter; hier ſah man Molière, der ſich ſchon damals durch ſeine„Précieuses ridicules« einen großen Ruhm erworben; hier ſah man den Componiſten Lully und den Schauſpieler Baron, in den die Mar⸗ ſchallin ſo grenzenlos verliebt war. Hier hatte Frangoiſe d'Aubigné die Bekannt⸗ ſchaft Scarrons gemacht. Paul Scarron, der Sohn eines Parlaments⸗ rathes(geb. 1610 zu Paris) war der witzigſte, aber vielleicht auch der haͤßlichſte Mann ſeiner Zeit. Es iſt eine merkwurdige Erſcheinung, das witzige ————————— 185 Maͤnner in der Regel haͤßlich, haͤßliche und na⸗ mentlich bucklige Menſchen in der Regel witzig ſind. Aeſop, der witzigſte Fabeldichter, war buck⸗ lig; auch Ariſtophanes, der geiſtreichſte Luſtſpiel⸗ dichter der Griechen, ſoll, ſagt man, einen Buckel und keinen Ueberfluß an Schoͤnheit gehabt haben. Schoͤnheit und Witz ſcheinen von jeher Antipoden geweſen zu ſein: ſchoͤne Leute ſind in der Regel ſehr dumm. Aber Frangoiſe d'Aubigné gehoͤrte zu den Ausnahmen. — Sie iſt ſchoͤn, wie ein Engel und klug wie der Teufel, ſagte die Marſchallin zu Scarron, der damals eine Frau geſucht. Scarron hatte ſich in ſie verliebt, und ſie erſt mit Gedichten, dann mit Briefen bombardirt. Aber Frangoiſe d'Aubigné war ſtandhaft geblieben; kein Wunder, denn Scarron, der unmaͤnnlichſte der Maänner, hatte das Podagra, tauſend uͤble Ange⸗ wohnheiten und kein Geld. Von ſeinen Glaͤubi⸗ gern hart gebrangt, hat er ſich einſt an den Konig gewandt: II. 9 186 A Tesemple du bien qu'à tant d'autres vous faites Une fois seulement daignez payer mes dettes! Malgré ma pauvreté jamais je n'en ferais plus, Si, pour m'en delivrer, javais deux mille ecus. Der Koͤnig, geruͤhrt von dieſer gereimten Je⸗ remiade, hatte Scarrons Schulden bezahlt. Es gab wenig Koͤnige, die ſo großmuͤthig wie Lud⸗ wig XIV. waren. Heut zu Tage laͤßt man arme Teufel, wie Scarron, weit lieber verhungern. Scarron hatte ſich von der Kaͤlte des Fraͤu⸗ leins von Aubigné nicht zuruͤckſtoßen laſſen und war nicht muͤde geworden, ſie mit ſeinen Heiraths⸗ antraͤgen zu beſtuͤrmen. Um dieſe Zeit war Chriſtine von Schweden nach Frankreich gekommen. Neugierig, den Mann, deſſen komiſche Romane ihr ſo viel Vergnuͤgen gewährt, perſoͤnlich kennen zu lernen, hatte ſie ihn zu ſich bitten laſſen und ihm geſagt: — Ich erlaube Ihnen, in mich verliebt zu ſein. Die Koͤnigin Mutter hat Sie zu ihrem Kranken ernannt, ich mache Sie zu meinem Roland. Frangoiſe d'Aubigne, die im Hauſe der Frau 187 von Neuillant hart behandelt worden war, hatte Scarrons ungeſtuͤmer Bewerbung endlich nachge⸗ geben und war im April des Jahres 1651 ſeine Frau geworden. Scarron war immer ein großer Sonderling geweſen. Man denke ſich die Qual der jungen, ſchoͤnen und dabei gefallſuͤchtigen Frau, die nur Kleider von Leinwand tragen und ſich uͤberhaupt nicht putzen durfte, weil der alte Podagriſt ſehr eiferſuͤchtig war. Wenn er Freunde bei ſich ge⸗ ſehen, hatte ſie nicht an ſeinem Tiſch ſitzen dur⸗ fen, eine Tyrannei, die nur aus der Furcht ent⸗ ſprungen, ſeine junge Frau wuͤrde zwiſchen ihm und Andern Parallelen und am Ende den Schluß ziehen, daß Jeder huͤbſcher ſei als er. Neun lange Jahre hatte Madame Scarron das druͤckende Joch dieſer Ehe mit wahrer Lamms⸗ geduld ertragen. Sie war bei ihm Secretaͤr und Krankenwaͤrter in Einer Perſon geweſen, ſie hatte ſeine Struͤmpfe ſtricken und ſeine Romane cordi⸗ giren muͤſſen. Endlich hatte ſich der Tod der huͤbſchen Frau erbarmt und ihren Ehekruͤppel im O* 188 October 1660 von der Erde abgerufen. Scarron, par la grace de Dieu malade indigne de la Reine, der»Roland der Koͤnigin von Schweden,« hatte ſeiner jungen Frau nichts hinterlaſſen, als einen komiſchen Roman und tragiſche Schulden. — Du weißt, ſchrieb ſie bald darauf an ihren Bruder, daß ich im Grunde nie vermaͤhlt gewe⸗ ſen bin. Es war eine Verbindung, woran das Herz wenig, der Koͤrper gar keinen Antheil gehabt. Ob das Letztere wirklich wahr geweſen, konnte außer ihr nur Scarron wiſſen. Die arme Wittwe, deren Noth von Tag zu Tag geſtiegen war, hatte bald nach dem Tode ihres Gatten an den Koͤnig geſchrieben und um eine kleine Penſion gebeten. Ludwig XIV. hatte ihr nicht geantwortet und Madame Scarron ſah ſich gezwungen, beim Pfarrer von St. Roch um Almoſen zu flehen. Er gab, ſie kam wieder und er gab ihr nichts mehr. „Wenn den armen hilfloſen Frauen jeder Aus⸗ weg verſperrt, bleibt ihnen ein Mittel noch, das ihres Schickſals Dornenpfade ebnen, ihrer Zukunft 189 Dunkel lichten kann. Es iſt ein trauriges Mit⸗ tel, aber der Ungluͤckliche, der auf dem ſturmbe⸗ wegten Meere zu ertrinken fuͤrchtet, greift nach jedem Halme, um ſich daran feſtzuklammern. Die Wittwe Scarron nahm zu dieſem letzten Mittel ihre Zuflucht: ſie legte ſich auf die Liebe, fing an, mit ihren Reizen Handel zu treiben und daraus Gewinn zu ziehen. Vollars, Villarceaur und der Marſchall d'Albret wurden die Troͤſter der armen Wittwe, aber als ſie ihrer Reize ſatt waren, verließen ſie ſie. Es verging nun kein Monat, in dem ſie nicht ihr Geſuch um eine Penſion erneuerte; der Koͤnig war aber niemals aufgelegt, ihre Bitte zu erhoͤren. Erſt im Jahre 1663 erhielt ſie durch die Pro⸗ tection des Abbe Teſſu von der Königin Mutter eine Penſion von 2000 Francs. Und Madame Scarron war gluͤcklich. Funfzehntes Capitel. Zwei Jahre nach dem Tode der Koͤnigin Mutter die 1666 in einem Alter von 64 Jahren geſtorben war, hatte man der Wittwe Scarron die Penſion entzogen. Sie fing nun von Neuem zu ſuppliciren an; da aber trotz der Verwendung ihrer Freunde ihr Geſuch kein Gehoͤr fand und ſie ſich der druͤckend⸗ ſten Armuth preis gegeben ſah, ſtand ſie auf dem Punkte der Princeſſin von Nemours, die mit Al⸗ phons VI. Koͤnig von Portugal vermaͤhlt worden war, als Gouvernante nach Liſſabon zu folgen. Ihr Schutzgeiſt hatte ihr den Gedanken einge⸗ geben, einen Tag vor ihrer Abreiſe, um eine Au⸗ dienz bei der Marquiſe von Monteſpan zu bitten. — Man laſſe ſie herein, ſagte die Marquiſe. — Frau Marquiſe, ſprach die kluge Wittwe, Florenz verlaſſen, ohne die mediceiſche Venus ge⸗ ſehen zu haben, waͤre nicht ſo ſtrafbar, als in 191 Paris geweſen zu ſein, ohne die Marquiſe von Monteſpan gekannt zu haben. — Wie, fragte die Marquiſe, die ſich durch dieſe Artigkeit ungemein geſchmeichelt fuͤhlte, die Wittwe Scarron will uns verlaſſen?.. — Da ich alle Hoffnung verloren, mir in meinem Vaterlande eine ſorgenfreie Exiſtenz zu gruͤnden, habe ich mich entſchloſſen, eine Gouver⸗ nantenſtelle bei der Prinzeſſin von Nemours an⸗ zunehmen. — Wann gedenken Sie abzureiſen? — Morgen. — Verſchieben Sie Ihre Abreiſe; ich will mit Seiner Majeſtaͤt dem Koͤnig reden und ſehen, was ich fuͤr Sie thun kann. — Frau Marquiſe, ſprach Mad. Scarron tief geruͤhrt, in Ihre Haͤnde leg' ich mein Geſchick. — Ich werde Alles, was in meiner Macht liegt, fuͤr Sie thun. Und noch an demſelben Tage ſprach ſie mit dem Koͤnig. — Sire, kennen Sie Mad. Scarron? 192 — Der Name ſteht auf der Liſte meiner Idio⸗ ſynkraſien. — Was hat die Arme wohl verbrochen? — Seit Jahren, meine Liebe, hat ſie meine Langmuth durch Suppliken ennuirt... — Sire, Sie haben ihr die Penſion entzogen, die Scarron iſt eine Enckelin d'Aubigné's, eines der treueſten Diener des großen Heinrich, und ſchon darum iſt ſie wuͤrdig Ihres Schutzes. — Nun gut, was kann, was ſoll ich fur ſie thun? — Bewilligen Sie ihr eine kleine Penſion und geſtatten Sie mir, ſie als Gouvernante an⸗ zunehmen. — In Gottes Namen! Madame Scarron erhielt eine Penſion von 3000 Francs und trat als Gouvernante in die Dienſte der Frau von Monteſpan. Sechszehntes Capitel. Fräulein von Fontanges. (167 9.) Cetait une femme plus belle qu'un ange, plus follette qu'un enfant. Anst DB Cnotsr. Der Kebsmann Seiner Koniglichen Hoheit des Herzogs von Orleans, der Chevalier von Lothringen, der 1670 auf Madame's Geſuch von Paris ver⸗ bannt worden war, hatte ſich zu raͤchen gewußt; am 30. Juni deſſelben Jahres ſtarb Henriette von England, die ſchoͤnſte und liebenswuͤrdigſte Prinzeſſin Frankreichs, in ihrem fuͤnf und zwan⸗ zigſten Jahre zu St. Cloud an Gift, das ihr der Marquis d'Effiat, ein Freund des Chevaliers, durch Morel, den Kuͤchenmeiſter des Herzogs, beigebracht. — Ein Jahr nach ihrem Tode hatte ſich Monſieur 9** 194 mit Charlotte, Iſabelle, Tochter des Churfurſten Karl Ludwig von der Pfalz, vermählt. Unter den Hofdamen der neuen Herzogin von Orleans befand ſich die achtzehnjaͤhrige Tochter eines armen Landedelmanns aus Rovergeu. Sie hieß Maria Angelique de Scoraille de Rouſille⸗ Fontanges und war ſchoͤn wie ein Engel oder richtiger geſagt, die Engel waren ſo ſchon wie ſie. Verlangt kein Portrait! Kann man den Duft einer Roſe, den Schimmer eines Diamanten, den Ton einer Nachtigall, den Glanz einer Perle malen? Konnte ich meine Feder in das jungfräuliche Roth der Goͤttin Eos, in das lieblich-ſuͤße Blau des Veilchens tauchen, ſo wuͤrde ich verſuchen, ihre Wonge, ihr Auge zu treffen. Legt das Blatt einer Roſe auf ihre Lippe, legt eine Flocke friſch⸗ gefallenen Schnee auf ihre Wange und ſagt, was roͤther, oder weißer ſei. Weiß ich doch wirklich kein Wort, das ſchoͤn genug waͤre, die Schoͤnheit dieſes Maͤdchens zu bezeichnen, dem zum Engel nichts, als die Fluͤgel fehlten. Ihr Auge war ein Stammbuch, in das ſich alle Sonnen und 195 Sterne des Himmels eingeſchrieben, ihre Wange ein Bouquet von friſchen Roſenblaͤttern, ihr Mund eine halbgeoͤffnete Granatenknospe, umſchwärmt von tauſend Liebesgottern. Und dennoch waͤre ſie den Augen Ludwigs XV. verborgen geblieben, waͤre nicht die Marquiſe von Monteſpan ſo unvorſichtig geweſen, ihn auf ſie aufmerkſam zu machen. — Sire, ſagte ſie eines Morgens zum Koͤnig, mit dem ſie durch das Vorgemach von Madame ging, wie gefaͤllt Ihnen dort die marmorne Ga⸗ lathe? — Himmel! rief der Koͤnig, dem ſie außer⸗ ordentlich gefiel, konnte ich, wie Pygmalion, dieſer Statue Leben und Gefuͤhl einhauchen. Sein Wunſch ging ſchnell in Erfuͤllung. Er lernte ihre Reize naͤher kennen und— erhob das Fraͤulein von Fontanges zu ſeiner Maitreſſe. Das liebe, ſchoͤne Fraͤulein hatte nur einen Fehler, ſie war noch ſo kindiſch. Sie kannte den Werth des Geldes nicht und war uͤber alle Maßen 196 verſchwenderiſch. Es iſt erwieſen, daß ſie jeden Monat 300,000 Francs gebraucht. — Wiſſen moͤchte ich, fragte der Koͤnig, was mein Maͤdchen mit dem vielen Gelde anfängt. — Was ich damit anfange? Ich kaufe mir lauter huͤbſche Sachen. — Zum Beiſpiel? — Huͤbſche Ketten, hubſche Ringe, huͤbſche Kleider, huͤbſche Shawls.. — Thoͤrichtes Kind, Du haſt deren ſchon ſo viele. — Noch lange nicht genug. Des Königs Geliebte muß den ſchoͤnſten Staat haben.. Geſtern Morgen kaufte ich mir einen Caſchemir fuͤr 6000 Francs. — Ei zeig' ihn mir.. — Zeigen? Nein, lieber, guter Louis, das geht nicht. — Warum nicht? — Vor einer Stunde.. — Nun? Sprich doch Naͤrrchen. 197 — Wirſt Du, lieber Louis, auch nicht boͤſe ſein? ſprach das Fraͤulein und ſetzte ſich auf ſeinen Schooß. — Nein, mein Kind. — Gewiß nicht, Louis? fragte ſie und ſtreichelte ſeine Stirn.. — Gewiß nicht... Vor einer Stunde alſo? — Hab' ich den Shawl zerſchnitten, lieber Louis, ſagte das Fraͤulein und gab ihm einen Kuß. — Zerſchnitten? Und weshalb? — Weil er mir nicht gefallen hat.. — So? Und aus den Stuͤcken? — Habe ich Kleider fuͤr meine Puppe gemacht. — Du ſpielſt alſo noch mit Puppen... Ja, warum nicht? Apropos, hat Louis ſchon mein neues Moͤpschen geſehen? — Wie, Du haſt Dir ein Moͤpschen angeſchafft? — O und was fuͤr Eins! — Wohl gar ein Vierfuͤßiges? — Ja wohl, lieber Louis. Gleich ſollſt Du ſeine Bekanntſchaft machen. 198 Sie rang ſich aus den Armen des Koͤnigs, lief raſch in ein anderes Zimmer, waͤre beinahe uber ihre lange Schleppe gefallen und kam mit dem Mops zuruͤck. — Nun, wie gefaͤllt er Dir, fragte das Fraͤulein. — Ein niedliches Thierchen! Und ein Hals⸗ band von Diamanten? Darf man fragen, was es koſtet? — 5000 Francs. — Wie heißt das Thierchen, fragte der Koͤnig. — Rathe! — Vielleicht Nero? — Pfui, welch ein unanſtaͤndiger Name. — Unanſtaͤndig? Weiſt Du denn, Naͤrrchen, wer Nero geweſen iſt? — Nero? Nero? War das nicht ein Fleiſcher? — Nero, liebes Kind, ſprach der Koͤnig, der ſich vor Lachen die Huͤften hielt, war ein roͤmiſcher Kaiſer. — Wie kann man daruͤber lachen! Ich haͤtte 199 viel zu thun, muͤßt' ich mir die Namen aller Kaiſer und Koͤnige behalten. — Haſt Recht, mein Kind. Dein Moͤpschen heißt alſo? — Wie Eure Majeſtaͤt! — Alſo Louis? Charmant, charmant! — Wenn ich allein bin, rufe ich: Schoͤn herein, Louis, dann kommt er, wedelt mit dem Schweife und ſetzt ſich auf meinen Schooß... dann gebe ich ihm Bonbons und Biscuits. dann ſpiele ich mit ihm und er ſpielt mit mir. Nachts, wenn er zu mir ins Bett kriecht, ſage ich zu ihm: Bon soir, und Morgens, wenn ich erwache: Bon jour, mon cher Louis. — Charmant, charmant! rief der Koͤnig, der, in ſie vernarrt, Alles, was ſie ſagte, ſchoͤn fand. Als der Hof ſich nach Villers-Cotterets begab, bekam Fraͤulein von Fontange zehntauſend Louisd'or zur Reiſe— nach Verlauf von drei Wochen hatte ſie keinen Sou davon uͤbrig. Der Koͤnig, der dies durch ſeinen Kammer⸗ 200 diener erfahren, lächelte uͤber die kindiſche Ver⸗ ſchwendung und ſagte zum Herzog de la Feuillade. — Gehen Sie zum Fraͤulein von Fontanges, bringen Sie ihr einen Gruß und dieſe fuͤnftauſend Louisd'or. Heute Abend werde ich ſie beſuchen. Siebzehntes Capitel. Die Gine ſteigt. Madame Scarron, die Erzieherin des jungen Herzogs du Maine, hatte durch die liebevolle Sorgfalt, die ſie dem ſchwachen kraͤnklichen Kinde der Marquiſe von Monteſpan angedeihen ließ, die Abneigung des Koͤnigs nach und nach in Zunei⸗ gung umzuwandeln gewußt. Ludwig, der ſich dann und wann mit ihr un⸗ terhalten und ſie allmaͤhlig liebgewonnen hatte, ſagte eines Tages zu ſich ſelbſt: — Wie konnte ich gegen dieſe Frau ſo einge⸗ nommen ſein? Madame Scarron iſt wahrhaftig gar nicht uͤbel. Sie war in der That eine ungemein anziehende Erſcheinung. Ein hoher, ſchlanker Wuchs, ein pikantes Geſicht, eine wohlgeformte Naſe, ein 202 kleingeſchnittener Mund, große, ſchwarze Augen und uͤppiges hellbraunes Haar bildeten eine Mo⸗ ſaik von Reizen, die, durch Geiſt und Grazie er⸗ hoͤht, ſich bei Jedem einzuſchmeicheln verſtanden. Eines Tages durchlief Ludwig die Liſte der Penſionen. — Was, rief er aus, Madame Scarron nur 3000 Francs? Die ſchoͤne Sorgfalt, die ſie mei⸗ nem Kinde widmet, verdient Anerkennung. Wir wollen aus den Francs Thaler machen. Der Herzog du Maine war der Augapfel des Koͤnigs. — Von wem haſt Du dieſe ſchoͤnen Spiel⸗ ſachen, fragte eines Tages der Koͤnig ſeinen klei⸗ nen Liebling. — Von meiner Gouvernante. — Liebſt Du Deine Gouvernante? — Mehr als die Mutter. — Und warum? — Weil Mama ſich gar nicht um mich be⸗ kuͤmmert. Wer hat mich leſen, wer hat mich 203 ſchreiben, wer hat mich Dich als meinen Vater lieben gelehrt? Meine liebe Gouvernante. — Geh, mein Kind, und ſage Deiner Gou⸗ vernante, daß Dein Vater ihr fuͤr das huͤbſche Spielzeug 100,000 Francs ſchenkt. — Du biſt ein lieber, guter Vater. — Und Du, mein lieber, guter Sohn, ſagte Ludwig, und druͤckte einen zaͤrtlichen Kuß auf des Kindes Stirn. Bald darauf reiſ'te Madame Scarron mit ih⸗ rem Pflegling in die Baͤder von Baréges. Nach ihrer Ruͤckkunft dedicirte ſie dem Koͤnig eine kleine Sammlung von Aufſaͤtzen, die der Her⸗ zog du Maine waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Ba⸗ roges ausgearbeitet, unter dem Titel:„Geſam⸗ melte Werke eines Autors, der noch nicht ſieben Jahre alt.« Fuͤr dieſe Aufmerkſamkeit ſchenkte ihr der Ko⸗ nig 250,000 Livres, wofuͤr ſie das Schloß Main⸗ tenon kaufte und von ihrem Beſitzthum den Titel „Marquiſe de Maintenon« annahm. 204 Bald darauf wollte der Koͤnig ſie zur Dame d'atour der Dauphine ernennen. — Sire, ſagte ſie zu Ludwig, ich ziehe es vor, die Geſellſchafterin der Marquiſe von Monte⸗ ſpan zu bleiben. Ich kenne keinen ſchoͤnern Ruhm, als die Erzieherin Ihrer Kinder zu ſein, keinen ſcho⸗ nern Ehrgeiz, als mich dieſer Gnade wuͤrdig zu zeigen. — Ihre Beſcheidenheit, Madame, vergroͤßert den Werth Ihres Verdienſtes. Sie erwerben Sich durch die Sorgfalt, die Sie der Erziehung meiner Kinder widmen, gerechte Anſpruͤche auf den waͤrm⸗ ſten Dank des Vaters. Die Marquiſe von Monteſpan, mit Schrecken gewahrend, welche Fortſchritte ihre Gouvernante in der Gunſt des Koͤnigs mache, geſtand ſich eines Tages, daß Madame Scarron eine Schlange ſei, die ſie an ihrem Buſen groß genaͤhrt. — Sie gefaͤllt dem Koͤnig, ich muß ſie zu entfernen ſuchen. — Sie ſollten heirathen, ſagte ſie eines Ta⸗ ges zur Marquiſe von Maintenon. Ich wuͤßte 205 eine glaͤnzende Partie fuͤr Sie. Ein Herzog hat bei mir um Ihre Hand geworben. Der Mann iſt zwar etwas alt und dumm, aber reich, ſehr reich... Ein Herzog glaube ich, ſei nicht zu verachten. — Es giebt der Herzoͤge ſo viel, meinte Frau von Maintenon. — Wollen Sie noch hoͤher ſteigen? — Ich bleibe ledig, Frau Marquiſe. — Der Wittwenſtand hat manches Angenehme, doch auch fuͤrwahr viel Druͤckendes. — Ich fuhle mich als Wittwe gluͤcklicher, wie damals als Frau.. — Scarron war ein armer Dichter und da⸗ bei ein Kruͤppel, der Herzog aber, wie geſagt, iſt reich. — Reichthum macht nicht gluͤcklich. Ich bleibe Wittwe, Frau Marquiſe. — Denken Sie an die Zukunft. WMeine Kinder wachſen jetzt heran; Sie koͤnnen doch nicht ewig Gouvernante bleiben! 206 — Des Koͤnigs Huld hat mich mit ſo viel Guͤtern uͤberhaͤuft, daß meine Zukunft jetzt ge⸗ ſichert iſt. — Und wem verdanken Sie dies Alles? — Ihnen Frau Marquiſe. — Undank iſt der Lohn der Welt. Sie wer⸗ den aͤlter, heirathen Sie... — †ch bleibe Wittwe, Frau Marquiſe. Es gab nun immer Zank und Hader. Der Koͤnig mußte, ſo oft er kam, ſie wieder verſoͤhnen. — Ich befehle Ihnen, Sich zu vertragen, ſonſt werden Sie mich boͤſe machen. Kommen Sie, meine Damen, wir wollen eine Partie Lhombre ſpielen. Achtzehntes Capitel. Die Andere fällt. sso.) — Frau von Monteſpan, ſagte Ludwig eines Tages zur Marquiſe von Maintenon, faͤngt mich zu langweilen an. Es giebt Augenblicke, wo ich, vor mir ſelbſt erroͤthend, frage, wie es moͤglich war, daß dieſe Frau ſo lange mich gefeſſelt hielt. — Sire, Frau von Monteſpan hat Reize... — Die mich ſchon lange anekeln... — Frau von Monteſpan hat Geiſt... — Dem Ihren gegenuͤber nimmt er ſich aus wie Albernheit. — Frau von Monteſpan hat manche gute Eigenſchaften. — Meinen Sie ihre Prachtliebe, ihren Hang zum Luxus; ſie haben Millionen verſchlungen. 208 Frau von Monteſpan iſt eitel und ſtolz. Sie, Frau von Maintenon, ſind beſcheiden und anſpruchs⸗ los, Jene iſt zaͤnkiſch und unvertraͤglich, Sie Ma⸗ dame, ſind ſanft und gut, Jene kennt die hehre Himmelstochter Religion nur dem Namen nach, Sie, meine Theure, ſind ein Muſter ſchoͤner Froͤmmigkeit. — Sire, die Religion gewaͤhrt eine ſuͤße Be⸗ ruhigung. Sie lehrt uns, daß die erſte unſerer Pflichten Tugend ſei. — Frau von Monteſpan hat hundert Laſter, Sie meine Liebe, ſind ein Inbegriff aller Tugenden. — Fugend, Sire, iſt der Quell der reinſten Freuden. W — Erſt ſeitdem ich Sie kenne, iſt es mir ver⸗ goͤnnt, an dieſem Quell mich zu laben, ſprach Ludwig, zartlich ſeinen Arm um ihre Huͤften ſchmiegend. — Laſſen wir das, ſagte Frau von Mainte⸗ non, ihn davon zuruͤckhaltend. — Wie kann Ihr frommes Herz ſo grauſam ſein? Iſt denn Liebe eine Suͤnde? 209 — So lang ſie frei ſich haͤlt vom Schmutz der Sinnlichkeit, iſt Liebe eine Tugend, doch wenn ſie in den Schlamm der Wolluſt ſinkt, verliert ſie ihren Glanz und wird zum Laſter. Das war jene feine Politik, durch die Frau von Maintenon den glimmenden Funken zur lo⸗ dernden Flamme anblies, das war jene feine Po⸗ litik, durch die ſie den Koͤnig mehr und mehr umgarnte. Ludwig, ullmaͤlig durch ſie zum reuigen Suͤn⸗ der bekehrt, warf ſich nun aus den Armen der Liebe in die Arme der Religion. Frangvis de la Chaiſe(geb. 1624 zu Air in Forez), ein kluger Jeſuit, der nach Ferriers Tode Beichtvater des Koͤnigs geworden, war einer der treueſten Anhaͤnger der Frau von Maintenon, die ihn durch ihre Schlauheit dergeſtalt fuͤr ſich ein⸗ genommen, daß er, ohne es zu wiſſen, ein Werk⸗ zeug ihres Willens, das Sprachrohr war, durch das ſie mit dem Koͤnig ſprach. — Sire, ſagte Pere Lachaiſe, wenn Ihre Reue Ernſt, ſo bannen Sie aus Ihrer Naͤhe jenen boſen II. 10 21¹0 Geiſt, der ſtets von Neuem Sie zur Suͤnde reizt. So lange Jene noch an Ihrem Hofe weilt, harrt Verfuͤhrung an der Schwelle Ihres Herzens. Sire reißen Sie die Suͤnde mit der Wurzel aus, ſonſt keimt und wuchert ſie von Neuem. Der Koͤnig, gegaͤngelt von dem WVillen ſeines Beichtvaters, ſprach bald darauf mit ſeinem Kriegs⸗ miniſter. — Louvois, ſorgen Sie dafuͤr, daß Frau von Monteſpan, ſo bald als moͤglich, unſern Hof ver⸗ läßt: ich kann, ich mag ſie nicht mehr ſehen. Der Miniſter begab ſich zur Frau von Mon⸗ teſpan. — Frau Marquiſe, ſprach er mit erkuͤnſteltem Mitgefuͤhl, ich bringe ſchlimme Botſchaft. — Reden Sie, Marquis, laͤngſt bin ich auf das Schlimmſte ſelbſt gefaßt. — Es ſchmerzt mich, Ihnen ſagen zu muͤſſen, daß Sie bei dem Koͤnig in Ungnade gefallen. Seine Majeſtat haben mich beauftragt, Ihnen die Wei⸗ ſung zu ertheilen, ſo bald als moͤglich.. Lou⸗ vois hielt inne. 21¹¹ — Fahren Sie fort. — So bald als moͤglich den Hof zu ver⸗ laſſen — Alſo das der Lohn, rief die Marquiſe, als Louvois ſie verlaſſen hatte, fuͤr jene tauſend Won⸗ nen, die ich ihm bereitet? O Gott, wie hab' ich mich vergeſſen konnen, dieſen Mann zu lieben! O, warum blieb ich nicht bei meinem Mann! Sie warf ſich auf ihr Bett und brach in Thraͤ⸗ nen aus. Der Koͤnig bewilligte ſeiner verabſchiedeten Maitreſſe eine monatliche Yenſion von 1000 Louisd'or. Frau von Monteſpan ließ ſich bald darauf durch ihren Beichtvater de la Tour wieder ihrem Gatten antragen. Aber Herr von Monteſpan ver⸗ ſpuͤrte keine Luſt, ſeine Gemahlin zuruͤckzunehmen. — Madame, ſagte er zum Beichtvater, iſt ſeit zwoͤlf Jahren eine koͤnigliche Domaine.. Ich mache keinen Anſpruch darauf. Frau von Monteſpan huͤllte ſich in ein Buß⸗ kleid, wurde eine Froͤmmlerin, vertheilte Almoſen 10* 2¹2 und zog ſich auf einige Zeit ins Kloſter des hei⸗ ligen Joſeph zuruͤck. Um dieſe Zeit erſchienen in Paris Doſen, worauf Ludwig, umgeben von ſeinen vier Mai⸗ treſſen abgebildet war. Die Herzogin de la Val⸗ liere griff nach ſeinem Herzen, die Herzogin von Fontanges nach ſeiner Börſe, die Frau von Main⸗ tenon nach ſeiner Krone und die Frau Marquiſe won Mönteſpan Neunzehntes Capitel. Das Ende der Herzogin von Fontanges. a681.) In der Abtei Port⸗royal zu Paris lag eine junge, bleiche, kaum zwanzigjaͤhrige Dame, die, vor drei Stunden von einem todten Kinde ent⸗ bunden, mit dem Tode rang. Vor ihrem Bette ſtand ein Mann, der, tief geruͤhrt von ihren Schmerzen, Thraͤnen vergoß, die auf ihre abge⸗ zehrte, fieberhaft brennende Hand fiel. — Wie iſt Dir? fragte der Koͤnig das Fraͤu⸗ lein von Fontanges, als ſie das todesmatte Auge zu ihm aufſchlug. — Wohl iſt es mir, denn Du, Du biſt ja bei mir? — Haſt Du geſchlafen? fragte er beſorgt.. 2¹4 — Geſchlafen und getraͤumt, ſchwer getraͤumt. Ich ſah neben meinem Bette eine ſchoͤn geputzte Frau ſtehen, die mir eine Blume gab, an die ich riechen ſollte. Ich thats— bald darauf empfand ich in allen Gliedern des Koͤrpers einen brennend⸗ heißen Schmerz tauſend gluͤhende Sonden durchbohrten meine Eingeweide. Gift, Gift! ſchrie ich und ſtarb. Ich ſah zwei Maͤnner, die mich in den Sarg legten... Gott im Himmel! rief ſie ploͤtzlich, und ſtarrte in die Ecke des Zim⸗ — Warum erſchrickſt Du, armes Kind? — Siehſt Du nicht— dort, dort in der Ecke ſtehen zwei ſchwarze Maͤnner— ſie kommen um mich abzuholen. Weg, weg! Louis, Du biſt Koͤ⸗ nig, befiehl ihnen zu gehen... Weh mir, ſie kommen naͤher, ſie packen mich, ſie ſchnuͤren mir die Kehle zu, ſie erwuͤrgen mich, Luft, Luft!!! Laßt mich os Hilſ ſierbe Der Koͤnig ſchellte. Guenand, ſein Leibarzt und die Frauen der Herzogin ſtuͤrzten herein. 2¹5 Guenand legte ſeine Hand auf ihr Herz und rief: — Zu ſpaͤt! Der Koͤnig warf ſich auf die junge im Lenz des Lebens geknickte Roſe, benetzte ſie mit ſeinen Kuͤſſen, und ſprach, Thraͤnen im Auge: — Ein Engel kehrt zum Himmel zuruͤck. Die Marquiſe von Monteſpan, die mit Schrecken gewahrte, daß Ludwig ihr untreu geworden, hatte den Entſchluß gefaßt, ihre Nebenbuhlerin, die vom Koͤnig kurz vor der Entbindung zur Herzogin von Fontanges ernannt worden war, ſchnell aus dem Wege zu raͤumen. Eine Stunde vor der Entbin⸗ dung hatte ſie der Herzogin einen Beſuch abge⸗ ſtattet und ihr eine Blume geſchenkt. Dieſe Blume ſagt man, ſei vergiftet geweſen. Zwanzigſtes Capitel. Ein Geheimniß. (1685.) Maria Thereſia, die 1683 geſtorben war, hatte zwei Stunden vor ihrem Tode, geruͤhrt durch die erheuchelte Theilnahme der Frau von Maintenon, die beim koͤniglichen Krankenlager ganze Naͤchte durchwacht, derſelben jenen Ring geſchenkt, den ſie einſt von der Priorin des Klo⸗ ſters zu Chaillot erhalten. — Tragen Sie dieſen Ring zur Erinnerung an die Koͤnigin, die Ihnen fuͤr die treue Pflege, die Sie ihr angedeihen ließen, ſterbend ihren Dank ſtammelt. Ludwig hatte die Kunde von dem Tode ſeiner Gattin mit ſteinerner Ruhe angehoͤrt. 217 — Requiescat in pace, hatte er ausgerufen und war dann zur Frau von Maintenon gefah⸗ ren, die, eine Meiſterin in der Kunſt zu heucheln, die Miene der tiefſten Trauer angenommen. Bald nach dem Tode der Koͤnigin drang Pere Lachaiſe, der jeſuitiſche Mephiſtopheles, in den Koͤnig, ſich mit Frau von Maintenon zu verhei⸗ rathen. — Was muthen Sie uns zu, rief der Koͤnig voll Unwillen. Der Enkel des großen Heinrich ſoll die Wittwe Scarron heirathen? — Sire, Ihr erlauchter Großvater, wollte er ſich nicht mit Gabrielle d'Eſtre vermaͤhlen? Das hatte gewirkt. Es war eine kalte, mondloſe Winternacht, als drei verdeckte Wagen, denen ein Reiter vorange⸗ ſprengt war, von Verſailles nach Maintenon fuhren. Im erſten Wagen ſaßen: der Koͤnig, Herr von Harlay, der Erzbiſchof von Paris, und Pere Lachaiſe, der Beichtvater des Koͤnigs. 10** 218 Im zweiten Wagen ſaßen die Marquiſe von Maintenon und Bontems, der Gouverneur des Schloßes von Verſailles. Im dritten der Marquis von Louvois und Herr von Moncchevreuil. Der Koͤnig war ſehr niedergeſchlagen; er ſprach wenig und ſeufzte viel. Frau von Maintenon ſchien ſehr aufgeregt und ungeduldig. — Noch nie kam mir dieſer Weg ſo entſetz⸗ lich lang wie heute vor. — Gedulden Sie Sich, Frau Marquiſe, wir ſind bald am Ziele. — Die Pferde kriechen wie die Schnecken; treiben Sie die Kutſcher zur Eile an. — He, Kutſcher, tummle Dich! rief Bontems zum Wagenfenſter hinaus. Weit luſtiger war die Unterhaltung im dritten Wagen. — Erinnern Sie Sich noch der Zeiten, Mont⸗ chevreuil, wo Ninon de Lenclos Ihnen ihr gelbes 2⁴⁰ Zimmer eingeraͤumt, um dort mit der Wittwe Scarron allein und ungeſtoͤrt zu ſein? — Das ſind jetzt 22 Jahre her. Die huͤbſche Wittwe war damals.. — Acht und zwanzig Jahre alt. — Ganz recht, Marquis. Erinnern Sie Sich noch der Zeiten, wo die Wittwe Scarron faſt jede Woche Sie beſuchte, unter dem Vorwand, Ihnen eine Bittſchrift zu uͤberreichen? — Das war... — Gerade in derſelben Zeit, Marquis. Wir waren damals nicht die Einzigen. — Wer haͤtte damals wohl geglaubt, daß dieſe unermuͤdliche Bittſtellerin, von der unſer großer Ludwig nie etwas hoͤren wollte, einſt an ſeinem Hofe folche Rolle ſpielen wird? — Wer haͤtte es damals geahnt, daß die ge⸗ faͤllige Wittwe aus der Antichambre der Frau von Monteſpan ins Bett des ſtolzen Ludwig ſteigen wird? — Tempora mutantur et nos mutamur in illis! ſprach Marquis Louvois. 220 — Ich verſtehe Sie nicht, Marquis. — Das glaube ich Ihnen, lieber Freund; doch halt, da faͤllt mir eine Anekdote von Scarron ein. — Ich bitte, erzaͤhlen Sie. — Als der Notar beim Aufſetzen des Heiraths⸗ contractes ihn fragte, welches Witthum er ſeiner jungen Braut ſichere, erwiederte der junge aufge⸗ blaſene Dichter: die unſterblichkeit. Die Prophezeiung des Rolands der Koͤnigin von Schweden geht in Erfuͤllung. Seine Wittwe, un⸗ ſere Freundin, die wir ſo getroͤſtet, faͤhrt jetzt der Unſterblichkeit entgegen. Die Wagen hielten jetzt vor dem Eingang des Schloßes. Flur und Treppen waren ſo matt er⸗ leuchtet, daß Ludwig der Große beim Hinaufſtei⸗ gen ſtolperte und beinahe gefallen waͤre. Man verfuͤgte ſich geraden Weges in einen klei⸗ nen ſchlecht erleuchteten Saal, in dem ein Altar aufgeſtellt war. Pere Lachaiſe las die Meſſe und Bontems miniſtrirte. Darauf ſchritt der Erzbiſchof— zur Trauung. 221 — Willigen Sie ein, die Gemahlin Sr. Ma⸗ jeſtät zu ſein? fragte Pere Lachaiſe die Frau von Maintenon. — Ja, antwortete die Gefragte mit lauter, feſter Stimme. — Sire, willigen Sie ein, der Gemahl der Marquiſe von Maintenon zu ſein? Der Koͤnig zauderte einige Minuten, dann ſprach er ſo leiſe, daß man es kaum hoͤren ge⸗ konnt: — Ja. — Conjungo vos, rief der Erzbiſchof, legte ihre Haͤnde in einander und ſegnete ſie. Gleich nach der Trauung, die ſo heimlich voll⸗ zogen worden war, daß außer Jenen, welche Zeuge derſelben geweſen, Niemand davon etwas erfahren hatte, kehrten der Erzbiſchof und der Beichtvater in dem einen, die Herren von Lou⸗ vois und Montchevreuil in dem andern Wagen nach Verſailles zuruͤck. Der Konig und ſeine zur linken Hand Ange⸗ 222 traute und deren treuer Diener Bontems, uͤber⸗ nachteten im Schloße zu Maintenon. Dieſe Trauung, die dem Hofe und der ganzen Welt ein Geheimniß geblieben war, hatte den Ehrgeiz der Frau von Maintenon noch immer nicht befriedigt. Sie wollte dieſe heimliche Ehe oͤffent⸗ lich anerkannt ſehen. Nach dem Tode Sr. Heiligkeit Innocenz XI., der den hochfliegenden Planen der Frau von Main⸗ tenon nicht gewogen war, beſtieg(1689) Alexan⸗ der VIII. den paͤpſtlichen Stuhl. Die Marquiſe beauftragte den franzoͤſiſchen Geſandten zu Rom, den neuen Pabſt zu bewegen, ihre Ehe durch ein Breve oͤffentlich anzuerkennen. Um Seine Heilig⸗ keit dafuͤr geneigt zu machen, verſprach ſie, den Koͤnig zu bewegen, die Grafſchaft Avignon, die Frankreichs Waffen der roͤmiſchen Tiara entriſſen hatten, dem paͤbſtlichen Stuhle zuruͤckzugeben. Louvois, von dieſem Handel, bei dem Pere Lachaiſe und Abbé Gobelin ihre Haͤnde im Spiele gehabt, fruhzeitig genug unterrichtet, hatte die De⸗ peſche auffangen und dem Herzog von Chaulnes 223 Winke zukommen laſſen, daß, im Fall er zu Gun⸗ ſten der Frau von Maintenon intervenire, er ſich gefaßt machen muͤßte, von ſeinem Geſandtſchafts⸗ poſten augenblicklich abgerufen zu werden. Der Geſandte, dadurch eingeſchreckt, hielt es fuͤrs Beſte, ſich neutral zu halten. Die Marquiſe harrte auf Antwort; aber ſie kam nicht. Da entſchloß ſie ſich, den Abbé Go⸗ belin nach Rom zu ſenden. — Bringen Sie mir das pabſtliche Breve, ſo ernenne ich Sie zu meinem erſten Almoſenier und zum Biſchof in partibus. Kaum hatte Louvois dies erfahren, als er ent⸗ ruͤſtet zum Koͤnig eilte. Nachdem er Ludwig von Allem unterrichtet, bat und beſchwor er ihn, dieſen Plan aufzugeben. — Verlaſſen Sie mich, Louvois, rief der Koͤnig. — Sire, rief der Miniſter, nicht eher, als bis Sie mir Ihr konigliches Wort ertheilt, jenes Vor⸗ haben, durch das Sie Sich vor den Augen von ganz Europa erniedrigen wollen, aufzugeben. — Gehen Sie, Louvois, gehen Sie.. 224⁴ — Sire, rief der Miniſter, ſeinen Degen zie⸗ hend, hier iſt mein Schwerdt; durchbohren Sie damit die Bruſt des treueſten Ihrer Diener, denn nicht eher weicht er von dieſer Stelle, bis Sie ihm gelobt, den Nimbus Ihres Ruhms zu wahren. — Louvois, das ſoll geſchehen. Abbé Gobelin, der in Rom alle Minen hatte ſpringen laſſen, um der Marquiſe die Krone und ſich die Biſchofsmuͤtze zu verſchaffen, hatte endlich das erlangt, was er gewollt, und kehrte ſieges⸗ trunken nach Paris zuruͤck. — Hier, hier iſt das Breve! rief der Abbé. — Abbé, der Wiſch kommt zu ſpaͤt. — Zu ſpaͤt? — Louvois hat unſern ſchoͤnen Plan zerſtoͤrt. — Rache, Rache! rief der Abbé. — Verlaſſen Sie Sich darauf, ſprach die Mar⸗ quiſe mit feierlichem Tone. Aber ſchneller als ihre Rache erreichte ihn der Tod. Frangois Michel Le Tellier, Marquis von Louvois, ſtarb am 6. Juli 1691 zu Verſailles. — Ich habe dieſem Manne manchen Sieg zu 22⁵ danken, ſagte Ludwig, aus deſſen Auge ſich eine Thraͤne ſtahl. — Frau von Maintenon, die morganatiſch ange⸗ traute Gemahlin des Koͤnigs, erhielt eine jaͤhrliche Penſion von 48,000 Livres. — Seine Maitreſſen, ſagte ſie zum Poͤre La⸗ chaiſe, haben ihm in einem Monat mehr gekoſtet, als ich in einem ganzen Jahr. Ich bin zu gut fuͤr dieſen Egoiſten!. Ein und zwanzigſtes Capitel. Das Ende der Marquiſe von Monteſpan. Dieſe ſchoͤne Frau, einſt der glaͤnzendſte Stern am Hofe Ludwigs XIV., ſtarb am 28. Mai 1707, vergeſſen von aller Welt, in den Baͤdern von Bourbon lArchambault. In einem Codicill ihres Teſtamentes hatte ſie den Wunſch ausgeſprochen, man ſolle ihre Einge⸗ weide nach Paris bringen und ſie dort im Kloſter des heiligen Joſeph beiſetzen; aber die große Hitze hatte ihre Eingeweide ſo ſchnell in Faͤulniß uͤber⸗ gehen laſſen, daß der Traͤger, der ſie nach Paris bringen ſollte, bald wieder umkehren mußte. In Bourbon uͤbergab er ſie den Capuzinern. — Was ſtinkt hier ſo ſtark, fragte der Pater Guardian? W7 — Es ſind die Eingeweide der Frau von Mon⸗ teſpan. — Werft ſie den Hunden vor! befahl der fromme Capuziner. Und das geſchah denn auch. Frau von Monteſpan hatte dem Koͤnig fol⸗ gende Kinder geboren: 1) Ludwig Auguſt von Bourbon, Herzog du Maine, geboren am 31. Maͤrz 1670(er ſtarb am 14. Mai 1736 zu Sceaux). 2 Ludwig Caͤſar von Bourben, Graf von Vexin, geboren am 20. Juni 1672(geſtorben am 10. Januar 1683). 5 3) Louiſe, Fransoiſe von Bourbon, genannt Fraͤulein von Nantes, geboren am 12. Mai 1673, vermählt 1685 mit Ludwig III. von Bourbon, dem Enkel des großen Condé. 4) Louiſe Marie von Bourbon, genannt Fraͤu⸗ lein von Tours, geboren im Januar 1676(geſt. am 15. September 1681 in den Bädern von Bourbon). 5 5) Frangoiſe Marie von Bourbon, genannt 28 Fraͤulein von Blois, geboren am 5. Mai 1677, vermaͤhlt 1692 mit Philipp Herzog von Orleans, ſpaͤter Regent von Frankreich(geſt. am 1. Februar 1749). 6) Ludwig Alexander von Bourbon, Graf von Toulouſe, geboren am 6. Juni 1678(geſtorben am 1. December 1737 zu Rambouillet*). Alle dieſe Kinder hatte der Koͤnig legitimirt. Ein Edict vom 2. Auguſt 1714 ſetzte den Her⸗ zog du Maine, den aͤlteſten dieſer legitimirten Prinzen, zum Thronerben ein. *) Mit ihrem Gatten hatte ſie Ludwig Anton von Pardaillan und Gondrin, Herzog von Antin gezeugt (geboren 1665, geſtorben 1736). 0 Zwei und zwanzigſtes Capitel. Das Ende der Herzogin de la Vallière. „Mon Dieu, donnez- moi ce coeur contrit et humilié dons vous ne rejetez jamais les gemissements; je veux dire: Seigneur inspirez moi par vötre sainte gräce les mémes dispositions avec lesquelles la pau- vre Cananéenne se vint prosterner à vos pieds.« Reflexions sur la miséri- corde de dieu*). Auf dem vaſten Terrain, der ſich von der Rue d'Enfer bis zur Rue Saint Jacques hinzog, lag das ehrwuͤrdige Kloſter der Karmeliterinnen. Die Kirche dieſes Kloſters, eine der reichſten von ganz *) Titel eines frommen Buches, das die Herzogin de la Valliére in den letzten Jahren ihres Lebens ſchrieb. 230 Frankreich, glaͤnzte von Gold und Edelſteinen. Die marmornen Waͤnde waren mit Meiſterwerken von Guido Reni, Philipp von Champagne und Laurent de la Hire geſchmuͤckt. Aber alle dieſe Gemaͤlde, wie ſchoͤn ſie auch waren, wurden von einer buͤßenden Magdalena uͤberſtrahlt, die Charles Lebrun, erſter Maler Ludwigs XIV. nach einer ſchoͤnen frommen Nonne gemalt, die im Schooße dieſes Kloſters unter dem Namen Schweſter Louiſe von der Erbarmung Gottes ihre Suͤnden abbuͤßte. Bei ihrem Eintritt ins Kloſter hatte ſie das Geluͤbde gethan, bis zu ihrem Tode ein und daſ⸗ ſelbe Kleid, ein und daſſelbe Hemd zu tragen. Die ſtrenge Regel des Ordens erforderte, daß ſie eine grobe Kutte trage und baarfuß gehe. Sie, die fruͤher auf ſchwellendem Pfuͤhl geruht, ſchlief jetzt auf harter Erde.. ihr Haupt ruhte auf einem Steine. Zwei Stunden vor Aufgang der Sonne verließ ſie ihre oͤde, finſtere Zelle, um vor den Stufen des Altars den Himmel um Vergebung ihrer Suͤnden anzuflehen. Ihre einzige Nahrung 231 beſtand aus Brodt und Fruͤchten.. ſelbſt im ſtrengſten Winter verſchmaͤhte ſie den Genuß war⸗ mer Speiſen. Drei Tage in der Woche faſtete ſie. Abgeſchieden von den andern Nonnen, ſaß ſie Tagelang zuſammengekauert, in ihrer Zelle, inbruͤnſtige Gebete zum Himmel ſendend. Reue und Thraͤnen waren ihr einziger Troſt. So lebte ſie ſechs und dreißig Jahre. Das allzuhaͤufige Faſten, das ewige Kaſteien hatte nach und nach ihre Geſundheit untergraben. Durch Erkaͤltung hatte ſie ſich eine Fußroſe zuge⸗ zogen, anſangs nicht darauf geachtet und das Uebel dadurch verſchlimmert. Sie ward ins Kranken⸗ zimmer gebracht, aber kein Zureden war im Stande, ſie zu bewegen, aͤrztliche Hilfe anzunehmen. Der Schmerz gewaͤhrte ihr Genuß. Man haͤtte ſie kneifen duͤrfen mit gluͤhenden Zangen, Schweſter Louiſe haͤtte nicht gemurrt, denn alles, was der Himmel uͤber ſie verhaͤngt, betrachtete ſie als ge⸗ rechte Strafen ihrer Suͤnden. Eines Morgens(am 6. Juni 1710) war ſie 232 fruͤher als gewoͤhnlich aufgeſtanden, um am heiligen Altare die Reue ihres Herzens auszugießen. — Barmherziger Gott, eine Suͤnderin, die gefrevelt gegen Dein heiliges Gebot, eine Suͤnderin, die Deine Lehren frech verhoͤhnt, eine Suͤnderin, unwuͤrdig Deiner gottlichen Gnade, ſinkt nieder vor die Stufen Deines glanzumſtrahlten Thrones, um auszuſchuͤtten vor Dir ihr Herz und ſeine Reue. Groß iſt die Reue, aber groͤßer noch ihre Schuld. Gerechter Gott, leere die Koͤcher Deines Zornes, vergroͤßere das Maß meiner Leiden, mehre meine Schmerzen, denn Balſam iſt die Strafe, die man verdient. Allmaͤchtiger Gott, laß hinnieden mich abbuͤßen meine Schuld, auf daß ich, gereinigt von den Schlacken der Suͤnde, gelaͤutert eingehen darf in Dein goͤttliches Reich und aufblicken darf zu Deinem gnadenſpendenden Antlitz. Barmherziger Gott, erhoͤre mein reuiges Flehen, kraͤftige meinen Geiſt, auf daß er muthig ertrage, die Strafen, die Deine Huld ihm auferlegt, erleuchte mein Herz, auf daß es nie aufhoͤre zu benedeien Deinen Na⸗ men, zu preiſen Deine Guͤte. Amen! 233 Die letzten Worte des Gebetes waren kaum verhallt, als ſie, vom Schmerz uͤberwaͤltigt, in Thraͤnen zerfloß. Und als die Hora die frommen Schweſtern zum Gebete in die Kirche rief, fanden ſie die Schweſter Louiſe bewußtlos am Fuße des Altars liegen. Sie trugen die Ohnmaͤchtige ins Kranken⸗ zimmer und wandten hundert Mittel an, um die flichende Seele ins Leben zuruͤckzurufen. Die Sterbende ſchlug die Augen auf. — O, meine Schweſtern, rief ſie aus, warum habt Ihr mich geweckt aus meinem ſchoͤnen Traume! Es wuchſen mir Fluͤgel, die mich hinauſtrugen zum Throne des Herrn. Engel waren mir vorangeeilt um fuͤr mich zu beten. Und der Ewige, der die Thraͤnen meiner Reue gezaͤhlt, winkte mich zu ſich heran und ſprach: ich vergebe Dir. jetzt iſt mir wohl.. jetzt mocht' ich ſterben. Da trat eine holde Frauengeſtalt, ſchoͤner als die Engel im Himmel, an ihr Sterbelager. Es war die Prinzeſſin von Conti*). *) Modemoiſelle de Blois hatte ſich am 16. Januar H. 11 234 — Mutter, arme Mutter, hauchte ihre von Thraͤnen gebrochene Stimme. — Weine nicht, mein ſuͤßes Kind. Der Tod bringt Deiner Mutter den Kuß des ewigen Friedens. Empfange den Segen einer Sterbenden: bleib' fromm und gut. Mit dieſem Segen empfing die Prinzeſſin von Conti den letzten Hauch ihrer Mutter, die mit ſeligem Laͤcheln verſchied. In der Kirche wogten die Toͤne der Orgel und die frommen Schweſtern ſangen: MDe profundis.« Ludwig befand ſich bei der Marquiſe von Maintenon, als er die Nachricht vom Tode der armen Nonne empfing. 1680 mit Louis Armand, Prinzen von Conti, vermählt die Prinzeſſin war ſo ſchön, daß ihr Portrait, das der Prinz von Conti in einem Felozug gegen die Türken ver⸗ loren hatte, von einem afrikaniſchen Völkerſtamm, dem es in die Hände gefallen war, göttlich verehrt ward. Die Prinzeſſin von Conti ſtarb am 3. Mai 1739. Ihr Bruder, der Graf von Vermandois, war am 18. Nov. 1683 ge⸗ ſtorben. 235 — Man ſchicke zu Maſſillon, ſagte der König, er ſoll an ihrem Sarge eine Predigt halten. Wenn es Ihnen gefaͤllig iſt, Madame, ſo wollen wir jetzt ein Paar Partieen Riverſis ſpielen. Drei und zwanzigſtes Capitel. Das Ende Ludwigs und der Frau von Maintenon. Ludwig ſtarb am 1. September 1715. Am andern Morgen wurde ſein Teſtament, das den Herzog du Maine, den aͤlteſten Sohn der Marquiſe von Monteſpan, zum Thronfolger eingeſetzt, vom Parlament fuͤr null und nichtig erklart und der Herzog von Orleans bis zur Voll⸗ jaͤhrigkeit Ludwigs XV. zum Regenten proclamirt. Ludwig der XV., der alteſte Konig ſeiner Zeit, erlebte vier Koͤnige in Daͤnemark: Chriſtian W., Friedrich III., Chriſtian V. und Friedrich W. Vier Konige in Schweden: die Konigin Chri⸗ ſtine, Karl X., Karl XI. und Karl MII. Fuͤnf Koͤnige in Polen: Wladislaus W., Jo⸗ 237 hann Caſimir, Michael Johann Sobiesky und Frie⸗ drich Auguſt. Einen Churfurſten und zwei Koͤnige in Preu⸗ ßen: Friedrich Wilhelm, Friedrich III. und Frie⸗ drich Wilhelm l. Fuͤnf Czaaren in Rußland: Michael III., Fev⸗ dorowitſch, Alexis Michaelowitſch, Feodor III., Jwan III. und Peter I. Sieben turkiſche Kaiſer: Murad W., Ibra⸗ him, Muhammed IV., Soliman III., Achmed M., Muſtapha II. und Achmed MI. Vier deutſche Kaiſer: Ferdinand III., Lev⸗ pold I., Joſeph I. und Karl VI. Drei Koͤnige in Spanien: Philipp IV., Karl I. und Philipp V. Funf Koͤnige in Portugal: Philipp IV., Iv⸗ hann IWV., Alphons VI., Peter II. und Johann V. Sechs Koͤnige in England: Karl I., Karl I., Jacob II., Wilhelm III., die Koͤnigin Anna und Georg l. Neun Päbſte: Urban VIII., Innocenz X., Alexander VII., Clemens M., Clemens X., In⸗ 238 nocenz XI., Alexander VIII., Innocenz XII. und Clemens Xl. Alſo 55 gekroͤnte Haͤupter Europas. Ludwig XIV. hinterließ eine Schuldenlaſt von 2600 Millionen Livres. Sein Tod verbreitete in Frankreich großen Jubel. Das Volk zuͤndete Freudenfeuer an und machte ſeinem Haſſe durch Spottlieder Luft. Vier Jahre ſpaͤter ſtarb Frau von Maintenon. Die Gazette de France zeigte ihren Tod in drei Zeilen an. vAm 15. April 17¹9 verſchied Frau von Main⸗ tenon in einem Alter von 84 Jahren. Sie wurde in der Kirche Saint-Cyr beerdigt. Abbé Vertot hat ihre Grabſchrift gedichtet.« Frau von Maintenon hinterließ vier Millionen Franck, die Adrien Maurice, Herzog von Noeilles, der Gemahl ihrer Nichte, Frau von Caylus, geerbt. Ihr Bruder Charles d'Aubigné war Gouver⸗ neur der Provinz Berry und Ritter des Heiligen⸗ Geiſt⸗Ordens geworden. Eilfter Abſchnitt. Ludwig XV. Geboren zu Verſailles am 15. Februar 1710. Koͤnig am 1. September 1715. Volljährig erklaͤrt am 22. Februar 1723. Geſtorben zu Verſailles am 14. Mai 1774. Erſtes Capitel. Ein Miniſterial⸗Beſchluß. (1741.) Am Kaminfeuer eines der ſchoͤnſten Boudoirs von Paris ſaß der Cardinal Fleury, ein ruͤſtiger Greis von neunzig Jahren, neben der Prinzeſſin von Carignan, die, erſt halb ſo alt, ſeine Mai⸗ treſſe und Rathgeberin war. — Cardinal, ſprach die Prinzeſſin, haͤtten Sie dem Koͤnig, Ihrem liebenswuͤrdigen Zoͤgling wohl ſo viel Beſtändigkeit zugetraut? — Beſtaͤndigkeit? Inwiefern Prinzeſſin? fragte der Premierminiſter mit diplomatiſch feinem La⸗ cheln. — Ludwig iſt nun ſchon neunzehn lange Jahre mit Maria Leszinska, der Tochter des ci- devant Polenkdnigs Stanislaus, vermaͤhlt, und noch im⸗ 11 242 mer haͤngt ſein Herz an dem ihrigen mit wahr⸗ haft buͤrgerlicher Treue. Iſt das nicht uner⸗ hoͤrt? — Unerhoͤrt, in wiefern, Prinzeſſin? — Bedenken Sie, Cardinal, daß der Koͤnig um zwolf Jahre juͤnger iſt als die Koͤnigin.. Mir ſcheint dies ſehr gefaͤhrlich... — Gefaͤhrlich, in wiefern, theure Freundin? — Bedenken Sie, wie leicht es moͤglich iſt, daß der Konig ihrer endlich uberdruͤſſig wird und ſich in die Arme einer Ehrgeizigen wirft, die Sie und uns Alle ſtuͤrzen kann. — Sie haben Recht... Auch ich habe im Stillen laͤngſt daruͤber nachgedacht. Doch was rathen Sie mir? — Wir muͤſſen uns bei Zeiten um eine Mai⸗ treſſe fur ihn umſehen und zwar um eine ſolche, die uns nicht gefaͤhrlich werden, im Gegentheil uns dadurch nuͤtzen kann, daß ſie den Koͤnig, wel⸗ cher angefangen hat, ſich in Staatsgeſchaͤfte— in Dinge, die ihn nichts angehen— zu miſchen, in einen Strudel von Vergnuͤgungen zieht. So lange 243 Ludwig XIV. in den Liebesbanden der La Val⸗ liere geſeufzt, hat er ſich wenig oder gar nicht ums Regieren bekuͤmmert... Ein Miniſter, dem daran gelegen iſt, die Ruder des Staates zu fuͤh⸗ ren, muß Sorge dafuͤr tragen, daß der Konig ſich niemals langweile. — Ich verſtehe Sie Wo aber finden wir ein Weib, das ganz in unſere Plane paßt? Wie waͤrs, wenn wir die Herzogin von Gontaut, die Tochter des Marſchalls von Grammont?.. — Der Koͤnig will von ihr nichts hoͤren... — Und warum? — Weil der Herzog von Gevres, der ver⸗ ſchmaͤhte Anbeter ihrer Reize, dem Konige einge⸗ redet, daß ſie an einer gewiſſen Krankheit leide, die Seine Majeſtat, wie Sie wiſſen, im hoͤchſten Grade furchtet und verabſcheut... — Und die Herzogin von Rochechouart? — Sie iſt zu mager. Wir Frauen haben ein ſchaͤrferes Auge als Ihr Herren Premiermini⸗ ſter.. Seine Majeſtat lieben, wie ich bemerkt habe, Damen mit ſtarkem Buſen.. M4 — Dies war auch ſeines Vaters ſchwache Seite.. Halt, da faͤllt mir die Herzogin von Broufflers ein. — Die iſt ſchon beſetzt... die hat den Gra⸗ fen von Riom, den Herzog von Louxembourg und ein Dutzend Andere.. Cardinal, da weiß ich eine Beſſere fuͤr den Koͤnig. — Und die waͤre? — Die Graͤfin von Mailly.. — Die Palaſtdame der Koͤnigin?.. — Dieſelbe. Die Wahl, die ich getroffen, ſcheint mir fuͤr den Koͤnig und unſern Plan ganz geeignet.. — Sie iſt nicht mehr jung. — Aber gewandt und erfahren.. — Sie iſt nicht mehr ſchoͤn... — Aber derb und geſund.. — Mein Zogling iſt noch ſehr blöde.. — Die Graͤfin iſt ſehr keck.. — Ob ſie dem König gefallen wird? — Wenn ſie's darauf anlegt gewiß! 24⁴⁵ — Wie aber bringt man die Leutchen zuſam⸗ men? fragte der Premierminiſter und ſchuͤrte im Kamine die Kohlen zuſammen... Ich muß da⸗ bei aus dem Spiele bleiben... Ich druͤcke ein Auge zu, das iſt Alles, was ich dabei thun kant — Mehr verlange ich auch nicht... Fuͤr das Uebrige wird unſer gemeinſchaſtlicher Freund, der Herzog von Richelieu, ſorgen, der in einigen Ta⸗ gen von Wien zuruͤckkehrt. — Fh bien! Ihr Vorſchlag, Prinzeſſin, iſt genehmigt. Die Graͤfin Mailly werde des Koͤnigs Maitreſſe.. Wenn's Ihnen mun gefaͤllig iſt, ſo wollen wir, um die Zeit zu kuͤrzen, ein Paar Par⸗ tieen Riverſis ſpielen.. — Mit Vergnuͤgen, Cardinal... — Aber nicht hoch... zehn Sous die Par⸗ — Freund, wie kann ein Mann wie Sie, ſo geizig ſein. — Ich bin nicht geizig, nur ein Bischen oco⸗ 246 nomiſch, ſprach der Cardinal und loͤſchte zwei Kerzen aus. — Ei, warum thun Sie das? — Vier Kerzen halte ich fuͤr Lurus; man ſieht ſchon bei zweien genug... — Himmel, welch ein Geiz! Ich wuͤrde glau⸗ ben, daß Ew. Eminenz ein Jude, waͤr' ich nicht vom Gegentheil uberzeugt. JZweites Capitel. Ein Tag im Schloß zu Verſailles. (17 4 1.) * In einem abgelegenen Theile des weitläufi⸗ gen Schloſſes, das ich ſpater fluchtig beſchreiben werde, lag eine große helle Kuͤche, der wir uns ganz leiſe naͤhern wollen, um durch eine guͤn⸗ ſtige Ritze einen Blick in ihr Inneres zu werfen und unſichtbarer Beobachter einer drolligen Scene zu ſein. In dieſer Kuͤche, an dem marmornen Heerde, auf dem ein kleines Feuer brennt, ſteht ein ſcho⸗ ner, großer, ſchlanker Mann, welcher Schlafmuͤtze, Jacke und Schuͤrze tragt und ſo eben Eier quirlt. Man mochte wetten, daß dies Beccari, der Kuͤchen⸗ meiſter des Koͤnigs iſt. Gefehlt, gefehlt! Dieſer Mann mit dem Quirl in der Hand, iſt kein 28 Anderer, als Ludwig XV., par la gräce de Dieu Roi de France et de Navarra. Der Koͤnig hat zwei Kuͤchengehulfen. Der Eine, der hier in der Ecke Zucker reibt, iſt der Chevalier de Bruſſe, der Reiſeſtallmeiſter, und der Andere, der dort Zimmt ſtoͤßt, iſt Saintſau⸗ veur, der Brigadechef der Garde du Corps. Die vier Kuͤchenjungen ſind Pagen des Koͤnigs. Der Eine, der das Holz ſpaltet, iſt der Chevalier de Roſtaing; der Zweite, der die Meſſer putzt, heißt Bordat; der Dritte, der die Aepfel ſchaͤlt, heißt Lugnac und der Vierte, der die Huͤhner rupft, heißt. du lieber Gott, wer kann ſich die Na⸗ men aller Affen behalten, die bei Hofe den Pa⸗ gendienſt verſehen. Seine Majeſtaͤt der Koͤnig geruhten Eierku⸗ chen zu backen und bei der Arbeit ein Liedchen zu ſummen. — Butter her! rief der Koͤnig. — Sire, hier iſt Butter, ſagte ein Page und legte die Butter in die Pfanne. W9 Seine Majeſtaͤt der Koͤnig geruhten die Pfanne uͤbers Feuer zu halten und allergnaͤdigſt um⸗ zuruͤhren. — Aepfel her! rief der Koͤnig. — Sire, hier ſind Aepfel, ſagte ein page und brachte einen Teller mit Aepfelſcheiben. Seine Majeſtaͤt geruhten die Aepfelſchnitte auf den Teig zu legen, der bereits zu braten anfing. — Sind die Huͤhner fertig? fragte der Koͤnig, der den Teig in der Pfanne umwandte. — Noch nicht! ſchrie der rupfende Page. — Junge, tummle Dich! rief der Koͤnig und traͤllerte ſein Liedchen fort. Aber ploͤtzlich hielt er inne und fing zu ſchreien an— Au, au! das thut weh. — Sire, was iſt geſchehen? fragten Alle. — Ich bin dem Feuer zu nahe gekommen und habe mir die Finger verbrannt... — Eure Majeſtat muͤſſen ſie in die Dinte ſtecken, rieth Roſtaing, der keckſte dieſer Pagen mit lachender Miene. — Schlingel, halt er ſein Maul! rief der *. 250 Koͤnig und hielt die verbrannten Finger ans Ohr⸗ laͤppchen. Nach einem Weilchen rief er: Zucker her! — Sire, hier iſt Zucker, ſprach der Reiſe⸗ ſtallmeiſter. — Zimmt her! — Sire, hier iſt Zimmt, ſprach der Briga⸗ dechef. Seine Majeſtaͤt der Koͤnig geruhten Zucker und Zimmt auf den Eierkuchen zu ſtreuen. — Der Eierkuchen iſt fertig, raſch angerichtet! Der Eine der Pagen deckte den Tiſch, der Andere brachte die Teller, der Dritte die Meſſer und der Vierte die Servietten. — Schuͤſſel her! rief der Koͤnig. — Sire, hier iſt eine Schuͤſſel. Seine Majeſtaͤt der Koͤnig geruhten den Eier⸗ kuchen auf die Schuͤſſel zu legen. — Setzen Sie Sich Bruſſe und Saintſauveur, erſt kommen Sie, dann kommen die Pagen und dann komme ich. — Eure Majeſtaͤt ſollten geruhen, ſagte Bruſſe.. 251¹ — Den Anfang zu machen, fuhr Saintſau⸗ veur fort. — Machen Sie keine Umſtaͤnde Meſſieurs, eſſen Sie, ſonſt wird die Speiſe kalt. Der Page ſetzte die Schuͤſſel auf den Tiſch. — Guten Appetit, meine Herren, ſprach der Koͤnig. Waͤhrend Sie den Einen verſpeiſen, backe ich einen neuen Eier her! — Sire, hier ſind Eier, ſchrien alle vier Pagen. Seine Majeſtaͤt der Koͤnig geruhten die Eier zu zerſchlagen. — Ein himmliſcher Eierkuchen! rief der Stall⸗ meiſter. — Eine gottliche Omelette! rief der Brigade⸗ chef. 2 — In meinem ganzen Leben hat mir noch kein Eierkuchen ſo gut als dieſer geſchmeckt, ver⸗ ſicherte Bruſſe. — Wie Schaum zerfließt er auf der Zunge, betheuerte Saintſauveur. — Es freut mich, wenn er Ihnen ſchmeckt, 252 ſprach der Koͤnig, der huldreichſt zu quirlen ge⸗ ruhte. — Ew. Majeſtaͤt ſind der beſte Koͤnig, ſagte der Stallmeiſter. — Und der allerbeſte Koch, ſetzte der Briga⸗ dechef hinzu. — Vive le Roi! riefen die Pagen und ſchwan⸗ gen ihre Nachtmuͤtzen. — Quel bruit pour une omelette, erwiederte der Koͤnig. — Ein Witz! ſagte Buuſe — Ein koͤſtlicher Witz! ſagte Saintſauveur. Und alle Sechs wollten ſich todtlachen. — Eſſen, eſſen Sie, auch der zweite wird bald fertia ſein. Aber was ſeh ich? Sie haben ja nichts zu trinken.— Champagner her! — Champagner! Champagner! riefen die Pa⸗ gen und ſchleppten einen ganzen Korb herbei. In einem Nu flogen zwei Champagnerkorke in die Luft. Nun ging das Trinken los. — Schuͤſſel her! rief der Koͤnig, expedirte den zweiten Eierkuchen und fing den dritten an. 253 Es gab wenig Koͤche, die ſo große Virtuoſi⸗ tät im Eierkuchenbacken beſaßen, als der Koͤnig von Frankreich und Navarra. Bruſſe und Saintſauveur waren ſatt. Jetzt kam die Reihe an die Pagen. Sie ſetz⸗ ten ſich alle Viere an den Tiſch; der Koͤnig buck und die beiden Cavaliere bedienten ſie. Die Jungen hieben tuͤchtig ein, tranken wacker zu, lobten Speiſe und Wein und riefen nach je⸗ dem Biſſen und nach jedem Schluck:— Vive le Roi! vive le Roi! Als auch die Pagen abgefertigt waren, ſprach der Koͤnig. — Jetzt iſt die Reihe an mir. In einem Nu war auch der ſiebente Eierkuchen fertig. Der Eine der Pagen ſetzte dem Koͤnig einen Stuhl, der Andere band ihm die Serviette um den Hals, der Dritte ſchnitt Brodt fuͤr ihn ab, und der Vierte ſchenkte Wein fur ihn ein. — Assen! assez! ſagte Ludwig, indem er ſich 24 von der Tafel erhob... jetzt will ich die Huͤh⸗ ner braten. Seine Majeſtaͤt geruhten einige Huͤhner an den Spieß zu ſtecken, und ſie allergnaͤdigſt mit But⸗ ter zu begießen, da meldete der Kammerdiener die Ankunft des Herzogs von Richelieu, der ge⸗ ſtern von ſeinem Geſandtſchaftspoſten aus Wien zuruͤckgekehrt war. — Sire, ſoll ich den Herzog abweiſen? fragte Linet. — Abweiſen? und weshalb? Etwa darum, weil ich am Heerde ſtehe? Der Koͤnig von Frankreich braucht ſich vor Keinem zu geniren. Man laſſe ihn herein. Der Herzog von Richelieu, im groͤßten Galla⸗ ſtaate, machte eine tiefe, ehrfurchtsvolle Vernei⸗ gung. — Willkommen, Herzog, ſprach der Koͤnig, was bringen Sie uns Neues aus Wien? Einen Gruß von Ihrer Majeſtaͤt der Kaiſerin Maria Thereſia... — Sonſt nichts? 255 — und dies Schreiben von ihr... — Legen Sie es dort auf den Kamin, ich werde es ſpaͤter leſen, jetzt, lieber Herzog, bin ich ſehr beſchaͤftigt: ich muß, wie Sie ſehen, Huͤhner bra— ten. Wollen Sie mit mir fruͤhſtuͤcken? Richelieu verneigte ſich und zwar noch tiefer als das erſte Mal. Der Koͤnig gab ſeinen Kuͤchen⸗ gefaͤhrten einen Wink, ſie entfernten ſich ſchnell. — So, nun koͤnnen wir ungenirt mit einan⸗ der plaudern. Wann ſind Sie angekommen? — Geſtern Abend, Majeſtat. — Sie kommen mir wie gerufen. Wiſſen Sie etwas Neues? Ich bin verliebt, ja, ja ver⸗ liebt, und wiſſen Sie, in wen? in eine Ihrer Freundinnen, in die Graͤfin Mailly... — Ew. Majeſtaͤt belieben zu ſcherzen... — Nein, Richelieu, nein ich bin ver⸗ liebt, raſend verliebt.. — Und weiß ſie es? — Nein. Aufrichtig geſagt, ich bin zu blode, ihr meine Liebe zu geſtehen... ich ſehe ſie alle Tage, wage aber nicht, ihr zu nahen.— Sie, 256 Herzog, ſind ein gewandter Mann... Sie wer⸗ den ſuchen die Sache einzufaͤdeln und ins Reine zu bringen, aber Alles, was darin geſchieht, muß geheim gehalten werden, denn nicht um Alles in der Welt moͤchte ich, daß meine Gemahlin etwas davon erfuͤhre. Sie mochte ſich gekraͤnkt fuͤhlen, und das wuͤrde mir leid, ſehr leid thun; denn die Koͤnigin iſt eine gute, wackere Frau. Pas Sons la-dessus... die Huͤhner ſind gar.. Herzog von Richelieu, ich erlaube Ihnen, Sich zu ſetzen. Drittes Capitel. Die Gräſin Mailly. (17 41.) Der Marquis de Nesle hatte ſich 1709 mit Mademoiſelle de Laporte⸗Mazarin vermaͤhlt. Dieſe war 1729 geſtorben und hatte ihrem Gatten fuͤnf Toͤchter hinterlaſſen: Louiſe Julie(geb. 1710), Pauline Felicité(geb. 1712), Diane Adelaide(geb. 1714), Hortenſe Felicité(geb. 1715) und Marie Anne(geb. 1717). Die aͤlteſte, Louiſe Julie de Nesle, hatte ſich, ſechszehn Jahre alt, mit ihrem Neffen Louis Alexander Grafen von Mailly vermaͤhlt. Aber dieſe Ehe war aus mehr als einem Grunde keine gluͤckliche. Die Graͤfin von Mailly, eine jener nicht mehr jungen Frauen, die mehr imponiren als gefallen, II. 12 258 mehr reizen als feſſeln, war groß und ziemlich derb. Die Zuͤge ihres nicht ſonderlich ſchoͤnen Geſichtes hatten, wie die ihrer Schweſter etwas Maͤnnliches: ſie hatte einen ziemlich großen Mund und eine ziemlich lange Naſe, aber ſchoͤne, ſchwarze Augen und blendendweiße Zaͤhne. Hand und Fuß haͤtte man eher groß als klein nennen koͤnnen. Die meiſte Anziehungskraft beſaß ihr Buſen, der von bedeutendem Umfang und blendender Weiße war. Die Grafin ſchien es zu wiſſen, daß dieſer Theil etwas Verfuhreriſches habe, denn ſie trug ihn ziem⸗ lich offen zur Schau. Der keuſche Ludwig XIII. wuͤrde beim Anblick eines ſolchen Buſens das Auge niedergeſchlagen haben und roth geworden ſein, aber der funfzehnte Ludwig war in dieſem Punkte weniger penible.— Der Gang der Graͤfin war maͤnnlich, keck, man konnte ſagen frech, auch ihre Stimme hatte etwas Rauhes, Maͤnnliches, mit einem Worte: Frau von Mailly war ein Mann⸗ weib; ſie beſaß wenig Geiſt aber deſto mehr Rou⸗ tine; ſie war voll Scherz und Laune, immer heiter, immer luſtig, oft ſogar fidel und— W — Graͤfin, ſagte der Herzog von Richelieu, der neben ihr auf dem Divan ſaß, Seine Majeſtaͤt der Koͤnig haben ein Auge auf Sie geworfen. — Auf mich, Herzog? fragte die Graͤfin und fing zu lachen an. — Ja, ja, auf Sie. Der Koͤnig wuͤnſcht Ihre Bekanntſchaft zu machen. Ich bin beauftragt worden, Sie in die kleinen Gemaͤcher einzufuͤhren. Schoͤne Frau, darf ich um Ihren Arm bitten? — Wie, jetzt gleich? — Je fruͤher, je lieber, ſprachen Seine Ma⸗ jeſtät. — Aber Sie werden doch einſehen, daß es von meiner Seite gewiſſer Vorbereitungen be⸗ darf. — Wozu? Um das Herz des Koͤnigs zu er⸗ obern, bedarf es nur eines jener zuͤndenden Blicke, die Sie ſo ſehr in Ihrer Gewalt haben. Seine Majeſtaͤt ſind etwas bloͤde, Sie, ſchöne Graͤfin, muͤſſen die Trancheen eroͤffnen. — Wie meinen Sie das? 12 ½ 260 — Sie muͤſſen dem Koͤnig auf halbem Wege entgegen kommen. — Das wird mir ſchwer werden. — Keine Ziererei, liebe Graͤfin, oder wollen Sie, daß ich dem Koͤnige ſagen ſoll: Sie haͤtten keine Luſt, Ihr Gluͤck zu machen. Eh bien! da Sie einen ſo ehrenvollen Antrag zuruͤckweiſen, ſo werde ich bei einer Ihrer Schweſtern anklopfen.. Adieu, Madame.. — Bleiben Sie, Herzog, ich will Alles thun, was Sie verlangen, ſprach die Gräfin und gab dem Herzog ihren Arm. — Sie werden es nicht bereuen, erwiederte Ri⸗ chelieu und fuͤhrte ſie zu ſeinem Wagen. Sie fuhren ins Schloß. Seine Majeſtaͤt der Koͤnig ſtand an der Drech⸗ ſelbank, der Herzog von Richelieu trat ein. Sire, ſprach er nach einer tiefen Verbeugung, ich habe mich Ihres Auftrags von geſtern entle⸗ digt. Im Vorſaal harrt die Graͤfin Mailly. — Die Graͤfin Mailly? rief der Koͤnig und wurde feuerroth. 261 — Darf ich ſie einfuͤhren? fragte der Herzog. — Mein Gott, das kommt ſo raſch und un⸗ erwartet. Warten Sie noch einen Augenblick, daß ich mich ſammeln kann. Auch muß ich mich erſt ankleiden ich kann ja nicht im Schlafrock ſie empfangen. — Ei warum nicht? Ew. Majeſtaͤt ſind ja bei Sich zu Hauſe. — Vor einer Dame, die man das erſte Mal empfaͤngt, kann man doch unmoͤglich im Négligé erſcheinen.. — Der Koͤnig von Frankreich braucht ſich vor Keinem zu geniren. — Sie haben Recht, Herzog.. Die Graͤfin mag kommen. Waͤhrend Richelieu die Graͤfin holte, warf Ludwig einen Blick in den Spiegel, um ſein Haar zu ordnen. Der Herzog fuͤhrte die Graͤfin ein. — Stoͤr' ich Ew. Majeſtaͤt? fragte Frau von Mailly ſich tief verneigend. 262 — O— nein— ganz— und— gar nicht ſtammelte der Koͤnig. — Ew. Majeſtaͤt drechſeln, wie ich ſehe... — Ja, ich drechsle. — Neulich war ich ſo glucklich, eine Doſe Ihrer Arbeit zu ſehen. — Gefiel ſie Ihnen? — Außerordentlich. — Nun denn, ſo erlauben Sie, daß ich eine fur Sie anfertigen darf.. Aber ich bitte, Graäfin, wollen Sie nicht Platz nehmen, ſprach der Koͤnig, der ſich geſammelt hatte. — Sire, ſprach Richelieu, ein Buch vor die Naſe haltend, erlauben Sie, daß ich mich entfernen darſ — Warum eilen Sie ſo, Herzog? — Sire, ich blute aus der Naſe.. — Ei, da will ich Sie nicht laͤnger aufhalten, ſagte Ludwig, den Herzog mit einer Miene ent⸗ laſſend, die aͤuß erſt gnaͤdig war. 263 Bald darauf erhielt der Herzog von Richelieu den Orden des heiligen Geiſtes. Graͤfin Mailly, die Maitreſſe des Koͤnigs, er⸗ hielt fuͤnfmalhunderttauſend Francs. Dem Vater, der Moral predigen wollte, gab man zweimal⸗ hunderttauſend Francs und er war ruhig. Alexan⸗ der von Mailly, der Gemahl der Graͤfin, raſte, tobte, fluchte.. er bekam einen Geſandſchafts⸗ poſten und— ſchwieg.— Viertes Capitel. Ein Souper in Chviſy. (1241.) Wie doch der Menſch ſich aͤndert! Ludwig MV., vor Kurzem noch ein gewiſſenhafter Ehemann, war, durch die Frivolitaͤt ſeiner Maitreſſe verfuͤhrt, ein ausſchweifender Sybarit geworden: das Schaf hat ſich in einen Bock verwandelt. Ich bitte meine Leſer, mich nach Choiſy zu begleiten, um dort einem Souper beizuwohnen, das der Sultan ſeinen Odalisken giebt. Ludwig ſitzt zwiſchen der Graͤfin Mailly und ihrer zweiten Schweſter, Pauline Felicité de Nesle; ihm gegenuͤber ſitzt die Prinzeſſin von Charolais und die Gräfin von Toulouſe. Vergebens ſieht ſich der Leſer nach Bedienung um. Der Koͤnig von Frankreich will mit ſeinen Damen allein ſein. 265 — Ph bien, Kinder, wie ſchmeckt Euch das Ragout? ſprach der Koͤnig. — Delicat, Delicat, rief einſtimmig das Klee⸗ blatt. — Kein Wunder, denn ich ſelbſt hab' es zubereitet. — Du ſelbſt? fragte Graͤfin Mailly. — Ja, ja, mein Schatz, ich ſelbſt. — Dafuͤr ſollſt Du einen Kuß von mir haben. — Nur Einen? — Naͤrrchen, ſo viel Du willſt, erwiederte die Maitreſſe, ſein Kinn ſtreichelnd. — Es iſt doch recht Schade, daß Sie Koͤnig von Frankreich ſind, ſagte das Fraͤulein de Nesle. — Schade, und warum? — Ich haͤtte Sie gern zu meinem Leibkoch gemacht, entgegnete das Fraͤulein. — Der Himmel behuͤte mich vor ſolchem Koch, ſprach die Prinzeſſin Charolais. Verliebt wie die⸗ ſer, wuͤrde er zu oft die Speiſen verſalzen... — Genug des Scherzes, ſagte die Graͤfin von Toulouſe, eine reizende Wittwe; ſagen Sie mir, 123 266 ob wir noch etwas zu eſſen bekommen.. ich verſpuͤre noch einigen Appetit. — Geduld, Geduld, rief der Koͤnig. Er ſetzte mit dem Fuß einen Mechanismus in Bewegung: der Tiſch verſank und wurde zwei Minuten ſpaͤter, mit einer Fiſchpaſtete beſetzt, von unten wieder hinaufgeſchoben. Dieſe Tafel, der magiſche Tiſch genannt, war eine Erfindung der Grafin Mailly. Die Damen vertieften ſich in die neue Speiſe Graͤfin Mailly leerte ihr Glas und wollte es von Neuem fuͤllen, ſah aber, daß alle Flaſchen bereits geleert waren. — Louis, es iſt kein Wein da! — Wie, habt Ihr die vier Flaſchen Cham⸗ pagner ſchon ausgetrunken? — Sire, wundert Sie das? Drei davon hat meine Schweſter allein auf ihrem Gewiſſen, ſprach Fraͤulein de Nesle. — Schatz, Du trinkſt wie ein Schwamm, ſagte der Koͤnig zu ſeiner Maitreſſe. 267 — Iſt es Ew. Majeſtaͤt vielleicht nicht recht? fragte die ſchmollende Graͤfin. — Kind, ich ſcherze ja nur. Trinke ſo viel wie Du willſt; aber nimm Dich in Acht, daß Du nicht wie geſtern, einen Rauſch bekoͤmmſt und unter den Tiſch faͤllſt... — Qu' importe! Wir ſind ja unter uns... Champagner, Du weißt es, geht mir uͤber Alles. — Schatz, welche Sorte befiehlſt Du? — Oeil de Perdrix. — Und Ihr? — Wir bitten um Sillery, ſagten die Andern. An jeder Seite der Tafel ſtand ein kleines Weintiſchchen, auf dem Papier und Bleiſtift lag. Der Koͤnig ſchrieb ein paar Worte. Ein Druck: das Tiſchchen mit den leeren Flaſchen verſank und kam, fuͤnf Minuten ſpaͤter, mit zwei Flaſchen Oeil de Perdrix und zwei Flaſchen Sillery zum Vor⸗ ſchein Jede Dame entkorkte eine Flaſche. Grafin Mailly, die zuerſt damit fertig war, ließ aus der 268 Hoͤhe herab den roſenrothen Strahl in ihr Spitz⸗ glas fallen. Die andern Damen folgten ihrem Beiſpiel. — Vive le Champagne! rief die Grafin, hob das gefuͤllte Glas in die Hoͤhe und ſang ihr Lieb⸗ lingslied: O laßt nur immer fließen Das roſenrothe Blut, Es ſtärkt die Lebensgeiſter, Entflammt der Liebe Gluth. — Stoßt an und ſingt mit mir! rief die Graͤfin. O laßt nur immer ſchäumen Den hellen Perlenſaft, Der uns in ſüßen Träumen Die Erd' zum Himmel ſchafft. Der Koͤnig und die andern Damen wiederhol⸗ ten, als Chorus, die zwei letzten Verſe. Drauf leerte man die Glaͤſer und fuͤllte ſie von Neuem. Ludwig, fruͤher nur Stuͤmper, war jetzt Vir⸗ tuoſe im Trinken. Er hatte dieſe Tugend von der Mailly gelernt, die es in dieſem Punkte ſelbſt mit Bacchus aufnahm. 269 — Du ſcheinſt ſchon einen kleinen Hieb zu haben, ſagte Ludwig laͤchelnd zu der Grafin. — Ich, einen Hieb? Haſt Du Luſt zu wet⸗ ten, daß ich innerhalb zehn Minuten noch dieſe Flaſche leere? Wenn ich gewinne, was bekomme ich? — Dieſen Diamant, ſagte Ludwig, den Ring des Noſtradamus vom Finger ziehend. — Ach, welch ein ſchoͤner Ring! ſagte die Graͤfin. — Als Knabe erhielt ich ihn von der Mainte⸗ non... Gewinnſt Du die Wette, ſo darfſt Du ihn behalten. Die Mailly entkorkte die letzte Flaſche. Der Koͤnig ſah auf ſeine Uhr: es war fuͤnf Minuten nach Mitternacht... Die Graͤfin trank ein Glas nach dem andern... nach Verlauf von einer hal⸗ ben Stunde war die Bouteille leer. — Gewonnen, gewonnen! riefen Alle. — Den Ring, den Ring! rief die Mailly. Aber fuͤnf Minuten ſpaͤter fiel ſie vom Seſſel herab. Die Prinzeſſin von Charolais und die Grafin von Toulouſe trugen die Mailly ins an⸗ ſtoßende Gemach, in welchem zwei Betten ſtan⸗ den. Die beiden Damen zogen ſich von hier in ihre Zimmer zuruͤck, denn auch ſie hatten mehr getrunken als ſie vertragen konnten. — Wir ſind nun allein, Pauline, ſagte der Koͤnig zum Fraͤulein de Nesle, kommen Sie her, mein Schatz, ſetzen Sie Sich auf meinen Schooß und eſſen Sie noch ein paar Fruͤchte mit mir. Das Fraͤulein, gekitzelt vom Kohlenſtoffgas des Champagners, ſetzte ſich auf ſeinen Schooß, um⸗ ſchlang mit beiden Armen ſeinen Hals, ſchaute in ſein liebegluͤhendes Auge und ſagte zu ihm: — Schelm, ich errathe Ihre Abſicht. Sie wollte weiter reden, der Koͤnig verſiegelte ihren Mund mit heißem Liebeskuß. Arme Schweſter, die du drinnen ſo ſorglos deinen Rauſch ausſchlaͤfſt, erwache, erwache aus deinem Traume! Der Koͤnig erhob das Fraͤulein Pauline Feli⸗ cité de Nesle zu ſeiner Maitreſſe und vermaͤhlte 271 ſie mit dem Neffen des Erzbiſchofs von Vinti⸗ mille, den er auf Reiſen ſchickte. Sechs Monate nach dieſer Scheinvermaͤhlung ward die Graͤfin von Vintimille von einem Kna⸗ ben entbunden, der in der Taufe den Namen Comte de Luc erhielt. Der Koͤnig war gluͤcklich, die Graͤfin Mailly verzweifelte. — Das Ungeheuer, ſprach ſie zu ſich ſelbſt, hat mir die Liebe des Konigs geraubt. Er wird mich verſtoßen... meine Schweſter wird trium⸗ phiren. Triumphiren! Beim Himmel, das ſoll ſie nicht... noch giebt's ein Mittel, dies zu ver⸗ hindern.. Fuͤnf Tage nach ihrer Entbindung ſtarb die Marquiſe von Vintimille, vergiftet von ihrer Schweſter, der Graͤfin Mailly. Fünftes Capitel. Eine verdrängt die Andere. (1743.) WDes soeurs en soeurs le fils d'Alcméne Courait jadis la prétentaine Toutes lui livraient leurs appas. Il exploita la cinquautaine. Louis le suit ä petits pas, Il n'est encore qu'ä la troisiéme. Epigramme de MaunßpPAs. Nach dem Tode der Marquiſe von Vintimille die man unbeweint ins Grab geſenkt, war der Stern der Graͤfin in neuem Glanz erſchienen. Bald aber war am Liebeshimmel des Koͤnigs eine neue Sonne aufgegangen, die den alten Stern verdunkelt hatte; Ludwig, der Mailly uͤberdrußig, hatte ſeine Neigung auf die dritte Tochter des Marquis de Nesle üͤbertragen. Diane Adelaide de Nesle, geb. 1714, war an die Stelle ihrer Schweſter getreten und, pro forma, mit Louis de Brancas, Herzog von Lauraguais vermaͤhlt worden, dem man Geld zum Reiſen gegeben; allein auch dieſe Sonne ward leider nur zu fruͤh von einer andern uͤberſtrahlt; Goͤttin Nemeſis hatte die Caprice, eine Schweſter durch die Andere zu zu verdraͤngen. — Herzog, ſagte der Koͤnig eines Morgens zu Richelieu, die Familie Nesle iſt eine gute Race: drei Blumen dieſes Roſenſtocks ſind bereits ge⸗ pfluͤckt... die Vintimille iſt todt... der Mailly und Lauraguais bin ich uͤberdruͤſſig... wir wollen es nun mit der vierten Tochter, mit Frau von Flavacourt verſuchen. — Sire, ich rathe Ihnen, davon abzuſtehen... — Warum Herzog? — Hortenſe de Nesle liebt ihren Gemahl. Herr von Flavacourt iſt ein Mann, der kei⸗ nen Spaß verſteht. Seine Ehre iſt in dieſem Punkt verdammt kitzlich. — Wir wollen ihm Gold in die Augen ſtreuen. — Herr von Favacourt iſt kein Mailly. Er 24 wuͤrde den, der ihm ſeine Frau raubt, erſchießen— quand méme, fuͤgte er hinzu. — Ehrenmaͤnner ſolchen Schlages ſollte man in die Baſtille ſchicken und ſie ſo lang ſitzen laſſen, bis ſie verſtaͤndig werden. — Sire, bei ſolchen Haͤndeln muß man das Aufſehen vermeiden. — Sie haben Recht, Herzog, da iſt aber noch eine fuͤnfte Tochter. — Die Marquiſe de la Tournelle... — Glauben Sie?.. — Wir wolllen es verſuchen, ſprach der Herzog. Anne Marie de Nesle, die juͤngſte der fuͤnf Schweſtern, war 1717 geboren und 1734 mit dem Marquis de Tournelle vermaͤhlt worden. Sechs Jahre nach der Vermaͤhlung hatte ihr das Schickſal den Gefallen erwieſen, ihren Herrn Ge— mahl, Obriſt des Regiments Condé, in die Gar⸗ niſon des Jenſeits zu verſetzen. Eine Wittwe von 23 Jahren hat Anſpruͤche auf neue Eroberungen, zumal wenn ſie ſo ſchoͤn, wie die Schweſter der Graͤfin Mailly iſt. Die Grazien hatten uͤber 5 1 ſie das Fuͤllhorn ihrer Reize ausgegoſſen. Durch die langen Wimpern ihrer Augen ſandte der Schalk Cupido ſeine herzverwundenden Pfeile ab. Es gab 1 keinen zweiten Mund, dem ein ſuͤßeres Lächeln zu Gebote ſtand, als dem ihrigen. Der Herzog von Richelieu trat als Parlamen⸗ tair auf. Die ſchoͤne Wittwe, kluͤger und ehrgei⸗ ziger als ihre Schweſtern, machte Schwierigkeiten. — Warum? fragte Richelieu, der fruͤher mit ihr auf ſehr vertrautem Fuße gelebt, denn er und der Herzog Agenois waren, nach dem Tode ihres Gemahls, die Koriphaͤen ihres Hofes. — Das Beiſpiel meiner Schweſtern, erwie⸗ derte die Marquiſe, hat etwas Abſchreckendes. 1 Die Armen opferten den Schatz ihrer Reize den Luͤſten des Koͤnigs. Er ſog ſie aus und warf ſie weg, wie die Schalen einer Citrone, deren Saft man ausgepreßt. Was haben ſie fuͤr ihre Opfer eingeerndtet? Schmach von der einen und Undank ½ von der andern Seite. Nur dann Herzog, konnte ich mich zu gleichem Opfer verſtehen, wenn ſich 276 der Konig geneigt finden ließe, einige Bedingun⸗ gen zu erfuͤllen. — Eh bien, was verlangen Sie? — Erſtens verlange ich, daß meine Schweſter Mailly vom Hofe entfernt und ins erſte beſte Kloſter geſperrt werde. — Zweitens.. — Verlange ich, daß der Koͤnig das fuͤr mich thue, was ſein Vorfahr fuͤr Louiſe de la Val⸗ liere gethan... ich muß Herzogin ſein. Drittens.. — Verlange ich eine lebenslaͤngliche Penſion von 100,000 Francs, die mir vom Koͤnig garan⸗ tirt werden muß. — Viertens. — Verlange ich, daß der Koͤnig ich ſofort an die Spitze ſeines Heeres ſtelle, um den Ruhm unſerer Waffen zu retten. — Dieſer Punkt iſt etwas kitzlich. Seine Ma⸗ jeſtät ſind kein Freund vom Blutvergießen. Sie kochen und drechſeln lieber. W7 — Memmen liebe ich nicht, ſagen Sie das dem Koͤnig. Richelieu begab ſich zu Seiner Majeſtaͤt. — Nun, Herzog, welche Botſchaft bringen Sie? — Die Marquiſe macht Bedingungen. — Welche? — Sie verlangt, daß Graͤfin Mailly vom Hof entfernt und in ein Kloſter geſperrt werde. — Bewilligt! — Sie verlangt eine lebenslaͤngliche Penſion von 100,000 Francs. — 100,000 Francs? Viel, ſehr viel Geld. Die Mailly bekam nur 60,000, die Lauraguais nur 40,000 Francs, ſie ſoll 80,000 haben. — Außerdem verlangt ſie.. — Was denn noch? fragte Ludwig etwas ai⸗ grirt?. — Daß Eure Majeſtaͤt Sich an die Spitze Ih⸗ res Heeres ſetzen und den Ruhm unſerer Waffen retten ſollen. — Dummes Zeug, wozu hab ich Generale?! 278 Vier Wochen ſpaͤter ward die Graͤfin Mailly aus der Zahl der Hofdamen geſtrichen und die Marquiſe de la Tournelle, durch Lettres paten- tes vom 21. Oct. 1743 zur Herzogin von Cha⸗ teauroux ernannt, an ihre Stelle geſetzt. Philippeaux, Graf von Maurepas, Miniſter der Marine, nebenbei einer der geiſtreichſten Spot⸗ ter, dichteze darauf folgendes Chanſon: i Mailly est en désarroi, V la c'que c'est qu' d'aimer le Roi La Tournelle a prisson emploi Et la Vintimille De la méme famille Avant subi la méme loi: V la c'que c'est qu' d'aimer le Roi.“ Ludwig wollte ſeinem Miniſter das Portefeuille nehmen. echſtes Capitel. Marquis Quinola. 1243.) Die Herzogin von Chateaurour, war eine lei⸗ denſchaftliche Spielerin. Ganze Naͤchte hindurch hatte ſie bei ihrer Tante, der Herzogin von Ma⸗ zarin, Pharo, Biribi, Rouge et Noir, Cinque et Neuf, Quinze, Vingtun und Trente et quarante geſpielt. — Spielen, ſagte ſie zu Ludwig XV., iſt eine edle Leidenſchaft, denn es gehoͤrt Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit dazu, mit dem Zufall, dem boshaf⸗ teſten aller Kobolde, in die Schranken zu treten, um ihm einen Gewinn abzutrotzen. Das Trinken macht uns ſtumpf, das Spielen regt uns auf; der Trunk macht uns feig, das Spiel macht uns kuͤhn und dem Kuͤhnen laͤchelt das Gluͤck. 280 Und ſo kam es, daß Ludwig XV. das Spiel, das er fruher gehaßt, ſpaͤter ſo lieb gewonnen, daß kein Abend ohne Spiel verging. Er pflegte gern hoch zu ſpielen und gewann in der Regel. Verlor er aber, und waren es auch nur hundert Francs, ſo konnte ſein Geiz ſich nicht beruhigen. Da war Louis Dieu-donné ein anderer Mann. Eines Abends hatte er mit dem Marquis Dangeau Ri⸗ verſis geſpielt und in zwei Stunden mit kaltem Blute 38000 Francs verloren. Ein ander Mal hatte er mit Frau von Monteſpan im Baſſetſpiel 400,000 Piſtolen gewonnen. Die Marquiſe hatte ſo lange fortgeſpielt, bis ſie dieſe Summe zuruͤck⸗ gewonnen, was ihr um 4 Uhr Morgens gelungen war. Bald darauf verbot Ludwig XiV. das Baſſetſpiel. Um jene Zeit, als die Herzogin von Chateau⸗ rour auf dem Roſenthron der Liebe ſaß, ward in Frankreich die Zahlenlotterie eingefuhrt. Die Geſchichte hat wenig Erfindungen aufzuwei⸗ ſen, die fuͤr die Welt ſo unheilbringend geworden, als 28 1 ¹ das Lotto. Ueber die Entſtehung dieſes verderb⸗ lichen Spieles erzaͤhlt man Folgendes: Die Re⸗ public Genua hatte jährlich aus 90 Nobili 5 Se⸗ natoren zu erwaͤhlen. Um keinen der Candidaten zuruͤckzuſetzen, hatte der hohe Rath einſtimmig be⸗ ſchloſſen, die Wahl dem Zufall anheim zu ſtellen. Die Namen der 90 waͤhlbaren Nobili, wurden auf einzelne Zettel geſchrieben, zuerſt in einen Topf (Seminario) und ſpaͤter in ein Gluͤcksrad geworfen, 1 woraus eine Jungfrau, der man die Augen ver⸗ band, fuͤnf Namen zog. Einer der Nobili, Namens Benedetto Gentile, hatte die Andern zu Wetten aufgemuntert, welche von den Neunzig gezogen werden wuͤrden. Durch dieſe Wetten, welche Signor Gentile alle uͤbernommen hatte, ſoll ſich mancher Reiche gaͤnzlich ruinirt haben, denn ſie verloren faſt immer. Der Name Gentile war niemals herausgekommen, was im Volke den Aberglauben erweckt hatte, daß er und ſein Name, zur Strafe 1 ſeiner hoͤlliſchen Erfindung, vom Teufel geholt worden ſei. Spaͤterhin wurden die Namen in Zahlen umgewandelt und ſo entſtand die Zahlen⸗ Il. 13 282 lotterie, die ſich nach und nach durch ganz Europa verbreitete. Die Herzogin von Chateaurour, eine der leiden⸗ ſchaftlichſten Spielerinnen ſpielte ſeit drei Jahren fuͤnf Nummern, hatte aber das Ungluck, das ſie während der ganzen Zeit nicht eine einzige Ambe gewonnen. Je mehr ſie verlor, deſto erpichter ward ſie auf das Spiel. — Einmal muͤſſen ſie doch herauskommen, ſagte ſie, und ſpielte dieſelben fuͤnf Nummern noch zwei Jahre fort. Aber ſie kamen nicht— die ungezogenen Nummern. — Du ſollteſt Dir fuͤnf andere waͤhlen, rieth ihre Schweſter, die Graͤfin von Lauraguais. Die Herzogin befolgte den Rath und nahm fuͤnf andere Nummern— in der naͤchſten Ziehung kamen drei von jenen heraus, die ſie fruͤher beſetzt hatte. — Du haſt mich um eine Terne gebracht, rief die untroſtliche Herzogin. 3283 Die Zahlenlotterie beſchaͤftigte ſie dergeſtalt, daß keine Nacht verging, in der ſie nicht Nummern traͤumte. Sie beſetzte die Nummern, gewann aber niemals. Eines Abends ließ ſich ein Italiener bei ihr anmelden, der ſich Quinola nannte und fuͤr einen Marquis ausgab. Es war ein kleiner Mann mit fuchsrothem Haar und meergruͤnen Augen. An jedem Finger blitzte ein Ring und auf der Bruſt prangte der Orden des goldenen Sporns. — Durch Zufall, ſagte der Marquis, habe ich erfahren, daß Sie, Frau Herzogin, eine leiden⸗ ſchaftliche Liebhaberin des Lottoſpiels ſind. Nach zwanzig Jahren raſtloſen Studiums und Eindringens in die tiefen Schachten der Algebra, in die Ge⸗ heimniſſe der Logarythmen und Combinations⸗ rechnung, iſt es mir endlich gelungen, den Lauf des Spieles zu berechnen, daß von fuͤnf Num⸗ mern, welche gezogen werden, ich vier vorausſagen kann. — Herr Marquis, ſprach die Herzogin, glau⸗ 1 284 ben Sie ein Kind vor ſich zu haben, dem man ungeſtraft alberne Maͤhrchen aufheften kann? — Wenn ich Ihnen ſage, daß ich in Folge untruͤglicher Berechnung im Laufe des letzten Monats zwei Quaternen gewonnen habe, ſo werden Sie unglaͤubig den Kopf ſchuͤtteln. Um Ihnen den Glauben zu benehmen, daß ich Sie myſtificiren, taͤuſchen oder gar betruͤgen will, erlaube ich mir, Ihnen einen Vorſchlag zu machen. Morgen iſt Ziehungstag. Fuͤr dies Mal will ich Ihnen nur zwei Nummern ſagen, die, in Folge genau ange⸗ ſtellter Berechnung, gezogen werden muͤſſ en. — Dieſe beiden Nummern? fragte die Her⸗ zogin aufs Hoͤchſte geſpannt. — Sind 25 und 45. In einigen Tagen werde ich wiederkommen. Er empfahl ſich. Die Herzogin beſetzte dieſe zwei Nummern. — Habe ich Sie betrogen? fragte der Mar⸗ quis Quinola, als er wiederkam. — Nein, Herr Marquis. Die beiden Zahlen 285 ſind wirklich gezogen worden— ich habe eine Ambe gewonnen. — Das kann Zufall ſein, werden Sie ſagen. Zugegeben! Um Sie aber zu uͤberzeugen, daß dies kein Zufall, ſondern Berechnung iſt, werde ich Ihnen diesmal drei Nummern ſagen. Wollen Sie eine Terne gewinnen, ſo nehmen Sie 7. 14. /. In einigen Tagen werde ich wiederkommen. Er ging. Die Herzogin beſetzte die drei Num⸗ mern. — Nun, Frau Herzogin, fragte der Marquis, als er ſie wieder beſuchte, iſt meine Weiſſagung eingetroffen? — Ja, Marquis, ich habe eine Terne ge⸗ wonnen. Ich fange an, Sie fuͤr einen Heren⸗ meiſter zu halten und bekomme Reſpect vor Ihnen. — um Ihnen noch mehr Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen, daß meine Berechnung mich niemals irre fuhrt, will ich Ihnen heute vier Nummern ſagen. Wollen Sie eine Quaterne gewinnen, ſo nehmen Sie 8. 60. 80. 89. In einigen Tagen werde ich wiederkommen. 286 Die Herzogin beſetzte die vier Nummern mit zehn Louisd'or. — Marquis, Sie ſind ein Engel! rief ihm die Herzogin entgegen, als er wiederkam. Ich habe eine Quaterne gewonnen. Ja nun glaube ich an Ihre Berechnung. — Ich will Sie einweihen in das Geheimniß meiner Berechnung, wenn Sie mir eine Gefalligkeit erweiſen wollen. — Alles, was Sie wuͤnſchen, ſei Ihnen im Voraus gewaͤhrt. Was verlangen Sie? — Weiter nichts, als den Orden des heiligen Geiſtes*). — Alle Orden Frankreichs ſollen Sie haben, wenn Sie, goͤttlicher Marquis, mir das Geheimniß enthuͤllen wollen. — Ich brauche Ihnen nur eine arithmetiſche *) Geſtiftet am 30. Dec. 1578 von Heinrich III. Dieſer Orden zählte 100 Mitglieder, von denen die 30 älteſten 6000 und die übrigen 3000 Livres jährliche Penſion erhielten. 287 Formel zu dictiren. Setzen Sie Sich gefaͤlligſt an Ihr Pult und ſchreiben Sie. Die Herzogin von Chateaurour wollte eben die Feder eintauchen, da—— erwachte ſie aus ihrem Traume. Der Marquis Quinola kam nicht wieder.— Siebentes Capitel. Zwei Schweſtern. Mitten in einem durch zwei Gueridons er⸗ leuchteten Boudoir, ſaß die Herzogin von Cha⸗ teauroux, die neue Geliebte des Koͤnigs, umgeben von drei Kammerfrauen, die emſig beſchaͤftigt wa⸗ ren, die Toilette ihrer reizenden Gebieterin zu vol⸗ lenden. Eine dieſer Frauen wand um das feinge⸗ drechſelte Bein der Herzogin die weißen Baͤnder der Atlasſchuhe, die Andere ſchmuͤckte den vollen Arm und die Handgelenke mit diamantenen Bra⸗ celets, die Dritte befeſtigte in der Lockenfuͤlle ihres Haares eine blaßrothe Roſe.. — Wir ſind fertig, riefen die Frauen. — Voyons, ſprach die Herzogin, ſich vom Stuhle erhebend und einen Blick in den Spiegel werfend. Ob ich dem Koͤnig ſo gefallen werde? 289 — Gewiß, gewiß, verſicherten die Frauen. — Iſt der Wagen ſchon da? fragte die Her⸗ zogin, im Spiegel ihre ſchoͤnen Formen beſchauend. — Er harrt ſchon ſeit einer Stunde. — Wohlan, ich komme. Eben will ſie fort, da meldet Mademoiſelle Hebert, ihre Duenna, die Ankunft der Grafin Mailly. — Was wrill ſie?! rief die Herzogin. Mir etwa ihren Kummer klagen? Jetzt bin ich nicht aufgelegt, ſie anzuhoͤren. Sie moͤge morgen oder uͤbermorgen kommen. — Heute, jetzt gleich muß ich Dich ſprechen, ſprach die Graͤfin Mailly, die ins Boudoir einge⸗ drungen war. — Ich muß nach Choiſy.. der Koͤnig er⸗ wartet mich. — Schenke mir fuͤnf Minuten. — Was willſt Du von mir? — Ich habe Dir etwas mitzutheilen, was ich nur Dir allein anvertrauen darf. Entferne Deine Frauen. 13 XX 290 Die Herzogin gab ihren Leuten einen Wink, ſie entfernten ſich. — Nun, was haſt Du mir zu ſagen, fragte die Herzogin, die wie auf Stecknadeln ſtand. — Ich bin beim Koͤnig in Ungnade gefallen. — Wer iſt Schuld daran? — Du, Schweſter, Du! Aber ue nicht, daß ich gekommen ſei, um Dir Vorwuͤrfe zu ma⸗ chen. Ich goͤnne Dir Dein Gluͤck und wuͤnſche, daß es ſich niemals von Dir wende. — Zur Sache, Schweſter, was willſt Du? — Ich will der Welt und ihren Freuden ent⸗ ſagen und durch Reue Gott und die Koͤnigin, die ich beleidigt, verſoͤhnen. — Thue, was Dir gut duͤnkt, Schweſter Mailly, aber halte mich nicht auf... ich muß fort... der Koͤnig erwartet mich.. — Ich komme, um Dich zu bitten, beim Koͤ⸗ nig ein gutes Wort einzulegen fuͤr Deine arme, ungluͤckliche Schweſter.. — Was kann, was ſoll ich fuͤr Dich thun? — Ich bin verſchuldet. Die Nachricht von 291 Deiner Erhebung hat ſich wie ein Lauffeuer durch ganz Frankreich verbreitet. Die Leute wiſſen, daß mein Stern erloſchen iſt. Vor acht Tagen lag noch der ganze Hof zu meinen Fuͤßen, jetzt ſtehe ich allein und verlaſſen... meine Glaͤubiger draͤngen und verfolgen mich. — Wieviel brauchſt Du? — 800,000 Francs. — Und die ſoll der Koͤnig fuͤr Dich zahlen? ſagte die Herzogin, ihre parfumirten Handſchuhe anziehend. — Wenn Du bitteſt, wird er mich erhoͤren. — Du biſt eine Verſchwenderin, die eigentlich kein Mitleid verdient. Du haͤtteſt, ſo lang das Gluck Dir guͤnſtig war, ſparen ſollen auf Dein Alter. Die Gunſt eines Koͤnigs— Du haͤtteſt das bedenken ſollen— iſt vergaͤnglich wie der Duft einer Roſe... im Gluͤcke muß man an die Zu⸗ kunft denken. — Ich hatte nie mehr als 25,000 Francs. — Eine Naͤrrin, die ihre Reize ſo gering an⸗ ſchlaͤgt. Du kannſt nun betteln gehen. 292 — Dein Einfluß kann mich retten.. ſprich mit ihm und ſchildere ihm meine Lage Du biſt ſo ſchoͤn.. wie Seide kannſt Du ihn um Deinen Finger wickeln. — Gut, es ſoll Dir Huͤlfe werden, aber dann erſt, wenn Du geneigt biſt, mir eine Bitte zu erfullen. — Sprich, Schweſter, was verlangſt Du? — Haſt Du noch jenen Ring, den Dir einſt der Koͤnig gab? — Er iſt ſeit jener Stunde nicht von meiner Hand gekommen. — Der Ring gefaͤllt mir... gieb ihn mir... — Er iſt das einzige Andenken.. — Ich verlange, daß Du mir ein Opfer bringſt. gieb mir den Ring und morgen hat Deine Noth ein Ende... — Nimm Alles, was ich noch beſitze, aber laſſe mir den Ring. — Ich muß nach Choiſy... der Koͤnig war⸗ tet entſchließe Dich. 203 — Du nimmſt mit dieſem Ringe mir mein halbes Leben. — Behalte ihn und bitte ſelbſt fuͤr Dich. — Das iſt grauſam, Schweſter. — Haſt Du mir ſonſt noch was zu ſagen? — Schweſter, erbarme Dich meiner Noth.. — Der Ring gefaͤllt mir, gieb ihn mir. — Nun denn, ſo fahre hin du letztes Zeichen meines alten Gluͤcks. Hier iſt der Ring... nimm ihn. — Ich will Dein Opfer koniglich belohnen. Die Herzogin von Chateaurour begab ſich nach Choiſy. Achtes Capitel. Escamotagen. (12 4 3.) ⸗ vll trompe, mais il trompe honnettement.« Mnncun c4rAnr. Zur Zeit der Graͤfin Mailly, war Choiſy von allen Schloͤſſern des Konigs das unbedeutendſte. Aus Liebe zur Herzogin von Chateaurour, die ſich hier beſſer als in Verſailles gefiel, hatte er das kleine Choiſy vergroͤßern und dergeſtalt verſchoͤnern laſſen, daß ſich die Koſten dieſer neuen luxurioͤſen Ausſtattung auf 1,200,000 Livres beliefen, eine Summe, die Orry aus den Staatscaſſen herbei⸗ ſchaffen mußte. Zur Einweihung dieſes Schloſſes, das jetzt ein blendender Feenpalaſt war, hatte Ludwig MW. ein Feſt veranſtaltet, zu dem er nur die naͤchſte Um⸗ 205 gebung des Hofes eingeladen. Die Prinzeſſin de Roche⸗ſur-Yonne, die Herzoginnen de Chevreuſe, d'Antin, de Ruffec und Lauraguais, der Herzog von Richelieu, das Factotum des Koͤnigs, der Her⸗ zog von Gevres, der erſte Kammerherr, der Her⸗ zog d'Ayen, Capitain der Garden, der Graf de Coigny, Gouverneur von Choiſy, der Marquis d'Argenſon, Miniſter des Krieges, der Graf von Maurepas, Miniſter der Marine, Orry, General⸗ controlleur der Finanzen, und Amelot, Staats⸗ ſecretair, bildeten die Radien eines Kreiſes, in dem der Koͤnig der glaͤnzende Mittelpunkt war. Zur Erheiterung ſeiner Gaͤſte hatte Ludwig XW. den beruͤhmten Taſchenſpieler Joſeph Pinetti ein⸗ geladen, der erſt vor Kurzem aus Italien heruͤber⸗ gekommen war. Die hundertzuͤngige Fama, der Mercure galant und viele andere Journale hatten von dieſem Manne ſo viel Wunderdinge erzaͤhlt, daß der ganze Hof geſpannt war, die Bekannt⸗ ſchaft dieſes Quaſi⸗Zauberers zu machen. Die Vorſtellung haͤtte laͤngſt beginnen koͤnnen, allein noch fehlte die Koͤnigin des Feſtes.— Der . 206 Koͤnig, der das Erſcheinen der Geliebten faſt nicht erwarten konnte, hatte ſchon mehr als ein Mal auf ſeine Uhr geſehen. Er wurde unruhig. — Die Herzogin von Chateaurour! rief plotz⸗ lich die Stentorſtimme des erſten Kammerdieners, der am Eingange des Saales hingeſtellt war, um der Geſellſchaft die Namen der ankommenden Gaͤſte zu annonciren. Aller Blicke wandten ſich jetzt auf die Eintre⸗ tende, die, angethan mit allem Zauber einer rei⸗ zenden Toilette, vom Grafen von Coigny zu dem fur ſie beſtimmten Platz zur Rechten des Koͤnigs geleitet ward. Die Herzogin von Chateauroux hatte, nachdem ſie den Koͤnig ehrfurchtsvoll begruͤßt, ſich neben ihm auf ihr Fauteuil niedergelaſſen, als auf ein vom Herzog von Gevres gegebenes Zeichen das kleine Orcheſter die Ouverture aus Rameau's Pyg⸗ malion begann, eine Muſik, die, en passant ge⸗ ſagt, damals ſehr beliebt war. — Wir haben Sie, theure Freundin, ſchon weit fruͤher erwartet. 297 — Verzeihung, Sire, meine Schweſter Mailly hat mich aufgehalten. Sie hat mir ihren Kum⸗ mer geklagt. — Was fehlt ihr? fragte der Koͤnig mit der gleichgiltigſten Miene. — Geld, um ihre Schulden zu bezahlen. — Wieviel braucht ſie? — 800,000 Francs. — Sie erſchrecken mich! rief Ludwig, der wirk⸗ lich ganz bleich geworden war. — Sire, vergeſſen Sie nicht, daß meine Schweſter Ihnen groͤßere Opfer gebracht. — Gut, gut, ihre Schulden ſollen bezahlt werden. — Danmit iſt ihr nicht geholfen. Wovon ſoll ſie leben? — Wir wollen ihr eine jaͤhrliche Penſion von 10,000 Francs ausſetzen. — Sire, ſo viel giebt der aͤrmſte Ihrer Ca⸗ valiere einer bei ihm in Ungnade gefallenen Opern⸗ taͤnzerin. — Nun gut, ſo ſoll ſie 20,000 Froncs haben. 298 — Sire, die Graͤfin Mailly hat Ihnen ihre Tugend, ihre Ehre aufgeopfert; geben Sie Ihr keinen Grund, Ihnen Undank vorzuwerfen. — Wohlan, ich gebe ihr 30,000 Francs. — Um anſtaͤndig zu leben, braucht ſie min⸗ deſtens 40,000. — Ph bien, die ſoll ſie haben. Sind Sie nun zufrieden mit mir? — Sire, von den Tugenden eines Koͤnigs iſt Großmuth nicht die kleinſte. Bald darauf war die Ouverture zu Ende und der Vorhang rollte auf. Der glaͤnzende Zauber⸗ apparat, amphitheatraliſch aufgeſtellt und beleuchtet von hundert ambrahauchenden Wachskerzen, machte einen guͤnſtigen Eindruck. Der Kuͤnſtler erſchien in ſchwarzſammetner altdeutſcher Tracht. Er machte drei ungemein tiefe Verbeugungen, legte die Hand aufs Herz, ſtotterte eine Rede, bat um Nachſicht und begann mit dem keinesweges ſchwierigen Kunſt⸗ ſtuͤcke, daß er mitten in der Rede ſtecken blieb. Der galante Hof Ludwigs XV. applaudirte, um den Kuͤnſtler aufzumuntern. 299 Pinetti hatte bereits zehn bis eilf Kunſtiſtuͤck⸗ chen gezeigt, aber keines von Allen hatte großen Effect gemacht. — Dieſer Magier wird etwas langweilig, lis⸗ pelte die Herzogin von Chateauroux. — Nur Geduld, theure Freundin, das Amuͤ⸗ ſante kommt vielleicht erſt ſpater, meinte der Koͤnig. — Messeigneurs et Dames! ſagte Pinetti, der, beilaͤufig geſagt, ſchon etwas zu ſchwitzen an⸗ fing, hier iſt eine weiße und eine ſchwarze Taube. Mit Ihrer Erlaubniß werde ich beiden die Koͤpfe abſchneiden. — Die armen Thierchen, jammerte die Her⸗ zogin von Chevreuſe, die zur Linken des Koͤnigs ſaß. — Sein Sie unbeſorgt, ich habe die Kraſft, ihnen die Koͤpfe wieder aufzuſetzen. Er nahm drei elfenbeinerne Kaͤſtchen und zeigte, daß ſie leer ſeien. Dann nahm er die beiden tod⸗ ten Tauben und ſteckte jede in eines dieſer Kaͤſt⸗ chen, dann nahm er ihre beiden Koͤpfe, ſteckte ſie in das dritte Kaͤſtchen, das in der Mitte ſtand, und verſchloß nun alle drei Käſtchen. 300 — Messeigneurs et Dames! ich werde nun dieſe drei Kaͤſtchen mit meinem Zauberſtaͤbchen be⸗ ruͤhren. Er thats und oͤffnete dann die Kaͤſtchen. Aus dem einen flog eine weiße Taube mit einem ſchwarzen Kopfe und aus dem andern eine ſchwarze Taube mit einem weißen Kopfe heraus. Der ganze Hof, uͤberraſcht von dieſem Expe⸗ riment, zollte dem Kuͤnſtler uͤberreichen Beifall. Pinetti oͤffnete nun das dritte Kaͤſtchen, in dem, ſtatt der zwei abgeſchnittenen Koͤpfe, zwei Eier lagen. Er zerſchlug ſie mit ſeinem Zauber⸗ ſtab und aus beiden krochen zwei Canarienvoͤgel heraus. — Allez, parlez! rief Pinetti. Und der eine dieſer Voͤgel flog nun auf die Schulter des Koͤnigs, der andere auf die Schulter der Herzogin von Chateauroux. Der ganze Hof zerſchlug ſich die Haͤnde. Der Applaus wollte nicht enden... Pinettis Ruf war gerechtfertigt. 301 — Messeigneurs et Dames! ſagte der Kuͤnſi⸗ ler, der nun neuen Muth geſchoͤpft hatte, ich erlaube mir von Ihnen Uhren, Ringe, Tabacksdoſen, Ket⸗ ten, Armbaͤnder und mehr dergleichen zu erbitten. Er nahm ſeinen Teller und ſammelte damit die geforderten Gegenſtaͤnde ein. Der Konig gab ihm eine kleine mit Brillanten beſetzte Uhr, ein theures Andenken von Ludwig XIV. Die Her⸗ zogin von Chateauroux reichte ihm den Ring des Noſtradamus, den ſie kurz vorher von ihrer Schwe⸗ ſter erhalten. Pinetti hatte ſich die beiden Stuͤcke gemerkt. — Messeigneurs et Dames! ſagte der Kuͤnſt⸗ ler. Sie ſehen hier eine kleine Uhr und einen Diamantenring. Mit Ihrer Erlaubniß werde ich beides in dieſen Moͤrſer werfen und zerſtoßen. Geſagt, gethan. — Meine Uhr! rief der Koͤnig. — Erſchrecken Sie nicht, ich habe die Macht, Zerbrochenes wieder ganz zu machen. Ich bitte nur um einen Augenblick Geduld. Er warf das Zerſtoßene in eine goldene Urne, goß einen roth⸗ 302 flammenden Spiritus hinein, ruͤhrte den Inhalt mit ſeinem Zauberſtaͤblchen um und deckte, als die Flamme erloſchen war, die Urne mit einem Deckel zu. Alles war geſpannt, was daraus werden ſollte. — Messeigneurs et Dames! ſagte der Kuͤnſt⸗ ler, jetzt kommt das letzte Experiment.— Sie ſehen hier eine Apfelſine... ich lege ſie auf dieſen Tiſch und decke ſie mit dieſer großen Pyramide zu. Ich beruͤhre ſie mit meinem Zauberſtabe und die Apfel⸗ ſine wird ſich verwandeln. Er nahm die Pyramide weg und die Apfel⸗ ſine hatte ſich in ein kleines, allerliebſtes Maͤdchen verwandelt, das als gefluͤgelter Genius gekleidet, ein goldenes Fruchtkoͤrbchen in ſeinem Arme hielt. Sylphenleicht flog ſie vom Tiſche herab und gab nun zuerſt dem Koͤnig, der Herzogin von Chateau⸗ rour und dann jedem der Gaͤſte eine Apfelſine. — Welch ein reizendes Kind! rief der Koͤnig. — Wie heißt Du, mein Engel! fragte die Herzogin. — Ich heiße Guimard, antwortete die lachende 303 Sylphe, die ſpaͤter eine der beruͤhmteſten Ballet⸗ taͤnzerinnen Frankreichs ward. — Messeigneurs et Dames! ſprach der Kuͤnſt⸗ ler ſich tief verneigend, die Vorſtellung iſt beendigt. — Aber wo iſt die Uhr? — Und wo mein Ring? fragten Beide faſt zu gleicher Zeit. — Uhr und Ring ſind bereits in Ihren Haͤnden. — Sie irren. — Ich bitte um Entſchuldigung, oͤffnen Sie gefälligſt Ihre Apfelſinen. Pinetti reichte dem Koͤnig ein Meſſer. Ludwig oͤffnete die Frucht, und fand darin den Ring der Herzogin. Die Herzogin fand in der ihrigen die Uhr des Koͤnigs. Beide Kleinodien waren trotz des Zerſtoßens, ganz unbeſchaͤdigt geblieben. Eine dreifache Beifallsſalve kroͤnte das Verdienſt des Kuͤnſtlers. — Herzogin, ſprach der Koͤnig, behalten Sie die Uhr, und laſſen Sie mir dafuͤr den Ring. — Ihr Wille iſt mir Befehl. In demſelben Augenblick verbreitete ſich ein 304 dumpfes geheimnißvolles Fluͤſtern, das von Mund zu Mund lief und alle Phyſiognomien, die noch vor Kurzem ſo heiter waren, plotzlich verduͤſterte. — Was iſt vorgefallen? fragte der Koͤnig, den hinter ihm ſitzenden Kriegsminiſter. — Sire, ſprach der Marquis d'Argenſon, ſo eben iſt eine ſehr betruͤbende Nachricht eingelaufen. — Was giebts? reden Sie.. — Der Premierminiſter Ew. Majeſtaͤt, der Cardinal André Hercule de Fleury, iſt vor zwei Stunden auf ſeinem Landſitze zu Iſſy geſtorben. — Geſtorben? rief der Koͤnig, aufs Tieſſte ergriffen! Mein alter Lehrer— ein harter Schlag! Das Feſt war geſtoͤrt. Durch den Einfluß der Herzogin von Chateau⸗ roux trat bald darauf an die Stelle des Cardinals von Fleury einer ihrer Freunde, der Herzog von Noailles. Neuntes Capitel. Das Ende der Herzogin von Chateauroux. (17 4 44) Am 2. Mai 1744 war der Koͤnig, angeſpornt von dem Ehrgeiz ſeiner Geliebten, zur Armee ab⸗ gereiſt, um durch ſeine Gegenwart ſein Heer zum Siege anzufeuern. Am 8. Juni war die Herzogin von Chateau⸗ roux, begleitet von der Prinzeſſin von Conti, der Herzogin von Chartres und der Herzogin von Lauraguais, dem Koͤnig nachgereiſt. Am 8. Auguſt, waͤhrend man in Metz zur Feier des Sieges bei Chateau⸗Dauphin in allen Kirchen ein Te Peum ſang, war Ludwig XV., nicht gewoͤhnt an die Strapazen des Krieges und geſchwaͤcht durch die Freuden der Wolluſt, die er in den Armen ſeiner Agnes Sorel genoßen, ge⸗ lI.. 14 fahrlich erkrankt. Sein Großalmoſenier, der Bi⸗ ſchof von Soiſſons, und ſein Beichtvater, der Pere Peruſſeau, hatten dieſe Gelegenheit benutzt, ihm fromme Vorſtellungen zu machen. — Sire, hatte der Biſchof von Soiſſons ge⸗ ſagt, betrachten Sie dieſe Krankheit als eine Strafe des Himmels. Die Herzogin von Chateaurour iſt der boͤſe Geiſt, der den Zorn des Ewigen geweckt. — Sire, hatte der Pater Peruſſeau hinzuge⸗ gefuͤgt, der Himmel wird Sie dann erſt geneſen laſſen, wenn Sie dieſen boͤſen Geiſt aus Ihrer Naͤhe bannen. — Man ſage der Herzogin, daß ich ſie nicht mehr ſehen mag. Argenſon, ſagte Ludwig zu ſei⸗ nem Kriegsminiſter, ertheilen Sie ihr den Befehl, uns ſofort zu verlaſſen. Die arme Herzogin hatte mit Schimpf und Schande beladen Metz verlaſſen und mit ihrer Schweſter nach Paris zuruͤckkehren muͤſſen. Der Poͤbel hatte ſie ſteinigen wollen. Aber kaum war Ludwig von ſeiner Krankheit geneſen, als ſeine Liebe zu ihr von Neuem er⸗ 307 wacht war. Er war eilig nach Paris zuruͤckge⸗ kehrt und in ihre Arme geſtuͤrzt. Aber nicht lange waͤhrte ihr Gluͤck. Die Her⸗ zogin erkrankte. — Man hat mir Gift gegeben, ſagte ſie zu ihrer Schweſter Mailly, die ſie mit treuer Liebe pflegte. — Vergiftet? Wann? — Geſtern Abend aß ich eine Paſtete, ſie war vergiftet. — Beruhigen Sie Sich, Herzogin, die Arze⸗ nei wird ihre Wirkung nicht verfehlen, ſagte der Leibarzt des Koͤnigs. — Ich will alle Arzeneien nehmen, die Sie mir geben, aber ſie werden nichts fruchten, ich fuͤhle, daß ich ſterben muß. Die Herzogin von Chateauroux verſchied am 8. December 1744. Die Aerzte waren einſtimmig der Meinung, ſie habe ſich dadurch den Tod zu⸗ gezogen, daß ſie vor Ungeduld, ihren koͤniglichen Geliebten zu empfangen, fruͤher gebadet habe, als es den Frauen zu gewiſſen Zeiten erlaubt iſt. 14 ℳ Zehntes Capitel. Ein Feſt im Hotel de Ville. 243.) Das Herz der Koͤnige ſcheint von anderm Teig geknetet zu ſein, als das unſerige. Stirbt uns eine Frau, die uns geliebt dann blutet unſer Herz; wir ſtehen weinend an ihrem Grabe und ſind untroͤſtlich. Aber die Herren Koͤnige find weit vernunftiger; ſie halten es unter ihrer Wuͤrde den Tod einer Geliebten zu betrauern: ſie denken, es giebt der Frauen ſo viele. Die Herzogin von Chateaurvur war laͤngſt vergeſſen. Ludwig ſehnte ſich nach einem neuen Gegenſtand. Sein Kammerdiener Binet fuͤhrte ihm jede Nacht eine andere Schoͤne— heute eine Graͤfin aus dem Faubourg St. Germain— mor⸗ gen ein Buͤrgermaͤdchen aus der Rue St. Denis— und uͤbermorgen eine Bauerdirne zu. Genau inſtruirt, benutzten ſie des Konigs ſchwache Seiten, 309 um ihn zu feſſeln, doch vergebens. Schon am andern Morgen war er ihrer uͤberdruͤßig und ſo kam es, daß der Thron der Chateaurour eine Zeitlang unbeſetzt blieb. Um dieſe Zeit gab die Stadt Paris zur Ver⸗ mählungsfeier des 13 jaͤhrigen Dauphins mit der Infantin Maria Thereſia ein Maskenfeſt im Hötel de Ville. Die Stadt hatte eine aus den reichſten Buͤrgern erwaͤhlte Deputation nach Verſailles ge⸗ ſchickt, um auch den Konig einzuladen. Die De⸗ putirten harrten im Vorſaal auf die Antwort Sr. Majeſtat. Ludwig ſchien wenig Luſt zu haben, die Einladung anzunehmen. — Ew. Majeſtaͤt, ſprach der Kammerdiener, ſollten dieſen Ball nicht verſaͤumen; die gute Stadt Paris hat die ſchoͤnſten Frauen dazu einge⸗ laden... es waͤre leicht moͤglich, daß eine unter ih — Gut, ſag' den Leuten, daß ich kommen werde, ſprach der Koͤnig. 31⁰ — Seine Majeſtaͤt werden erſcheinen, ſagte Binet zur Deputation, die ſich ſogleich nach Paris verfugte. Abends war das Stadthaus glaͤnzend illuminirt. Der Gréve⸗Platz, erleuchtet durch Fackelſchein, war mit Wagen angefuͤllt. Im Innern des Stabt⸗ hauſes wogte ein Meer von Masken, welche unge⸗ duldig die Ankunft des Koͤnigs erwarteten. Endlich erſchien Seine Majeſtaͤt, begleitet von dem erſten Kammerherrn, dem Herzog von Riche⸗ lieu. In das Schmettern der Fanfare miſchte ſich der tauſendſtimmige Ruf: Vive le Roi, vive le Roi! Wie Motten um das Kerzenlicht, ſo kreiſte nun ein Schwarm ſchoͤner Frauen um den Koͤnig von Frankreich. Mit Wolluſt irrte ſein Auge durch die wandelnden Blumen... da nahte ſich ein roſenfarbener Domino... — Sire, ſagte die Maske zum Koͤnig, ich hoffe Ihnen einen Dienſt zu erweiſen, wenn ich Sie 314 auf eine Dame aufmerkſam mache, die nur Ihret⸗ wegen hergekommen... Sehen Sie dort am Fenſter jene Diana? Auf ihrem Haupte glaͤnzt der halbe Mond... auf dem Ruͤcken der gefuͤllte Koͤcher... in der Hand der blitzende Pfeil... — Ja, ja, ich ſehe ſie... Wer iſt dieſe Dame? — Sire, das darf ich nicht ſagen, erwiederte der Domino und verſchwand im Gedraͤnge. — Sonderbar, ſprach der Koͤnig zu ſich ſelbſt und ſuchte, vom Reiz der Neugierde getrieben, die bezeichnete Maske auf, die bald da, bald dort war. Mehr als ein Mal ſchien ſie ihn zu ſich heran⸗ zuwinken, aber wenn er ihr nah war, floh ſie und verſchwand. Erſt nach einem Weilchen kam ſie dann wieder zum Vorſchein... und wenn ſie Ludwig erhaſchen wollte, war ſie wieder entflohen. Der Koͤnig wurde von Minute zu Minute neu⸗ gieriger.. er folgte ihr Schritt auf Schritt... endlich gelang es ihm, ſie feſt zu halten. — Schoͤne Maske, ſprach der Koͤnig, warum flieheſt Du? — Ich fuͤrchte mich... 312 — Und vor wem? — Vor dem Blick Deines Auges. — Willſt Du mir nicht Dein holdes Antlitz zeigen? — Wozu, Du kennſt mich ja! — Ei, wer biſt Du denn? Die Maske nahm raſch die Larve ab und verſchwand. — Himmel! rief der Koͤnig, das iſt die ſchoͤne Frau, die ich oft im Walde von Senart geſehen.. Trotz aller Muͤhe konnte ich nie erfahren, wer ſie iſt und wie ſie heißt... Heute muß ich es er⸗ fahren. Da naͤherte ſich der roſenfarbene Domino. — Sire, iſt es erlaubt zu fragen, wie die Dame Ihnen gefaͤllt? — Ich finde ſie reizend... — Das freut mich, ſprach der Domino und verſchwand. — Der Teufel kann aus dieſer Maske klug werden, ſprach der Koͤnig zu ſich ſelbſt und ließ ſeine Blicke durch den Saal ſchweifen, um die 313 Amazone aufzuſuchen. Aber vergebens: er fand ſie nicht Da nahte ſich wieder der Domino. — Sire, wen ſuchen Sie? fragte die Maske.. — Ich ſuche meine ſchoͤne Amazone.. — Sie wartet auf Sie.. — Wo? fragt der Koͤnig. — In Ihrem Wagen, Majeſtat. — In meinem Wagen? — Ja, Sire, belieben Sie mir zu folgen, um Sich von der Wahrheit meiner Ausſage zu uͤber⸗ zeugen. Der Domino ging voran— der Koͤnig folgte ihm... Die Maske oͤffnete den Wagenſchlag... der Koͤnig warf einen Blick in das Innere des Wagens und rief erſtaunt: — Wahrhaſtig! Doch bevor ich einſteige, muß ich wiſſen, wer Sie ſind.. Der Domino nahm ſeine Larve ab und ſagte: — Sire, ich bin Ihr Kammerdiener Binet. — Tauſendſaſa! rief der Koͤnig und ſtieg in den Wagen. 4 314 Der Kammerdiener ſchwang ſich auf den Bock und ſagte zum Kutſcher... — Langſam! Der Wagen fuhr nach Choiſy. Eilftes Capitel. Ihre Lebensgeſchichte. Die keuſche Diana, die mit Seiner Majeſtaͤt dem Koͤnige in einem dichtverſchloſſenen Wagen langſam nach Choiſy fuhr, war Madame Lenor⸗ mand d'Etioles. Die Mutter dieſer ſchoͤnen Frau war eine Anhaͤngerin der Polygamie, die außer einem Manne, welche Poiſſon hieß und Fleiſcher war, noch zwei Liebhaber gehabt, von denen Herr Paris von Montmartel, ein reicher Financier, und Herr Lenormand de Tournehem, ein ſteinreicher Generalpaͤchter war. Wer von dieſem ehrenwer⸗ then Kleeblatt die gerechteſten Anſpruͤche auf den Vatertitel dieſer ſchoͤnen Tochter gehabt, iſt leider nicht erwieſen. Als Vater Poiſſon, Unterſchleifs halber, die Flucht ergriffen, hatte Vater Tournehem ſich des 316 ſchoͤnen Kindes angenommen und es fuͤrſtlich er⸗ ziehen laſſen, denn Antvinette war ſein Augapfel, ſeine Puppe, ſein Abgott. Zwanzig Jahre alt, war Demoiſelle Poiſſon mit Herrn Lenormand d'E⸗ tioles, dem Neffen ihres Pflegevaters, vermaͤhlt worden. Mad. d'Etioles war eine der ſchoͤnſten Frauen von Paris. Die Grazien hatten das ganze Fuͤll⸗ horn weiblicher Reize auf ſie ausgegoſſen; ihr Ge⸗ ſicht war ein Moſaik der feinſten ausdrucksvollſten Zuͤge, das veilchenblaue Auge, der roſenfarbige Mund, das goldene Haar bildeten ein Potpourri fruͤhlingduftender Liebenswuͤrdigkeiten, deren magne⸗ tiſcher Zauber alle Herzen an ſich riß. Madame Poiſſon, vernarrt in die Schoͤnheit ihres Kindes, hatte oft geſagt: Meine Antvinette iſt zu ſchoͤn fuͤr einen Unterpaͤchter— ſolch ein Engel verdient das Bett eines Koͤnigs zu theilen. Herr Lenormand d'Etioles war ein Prisma aller Hoͤflichkeiten— kein Wunder, daß ſeine Frau dem Abbé de Bernis, ihrem Lehrer in der Mu⸗ ſik, und Herrn von Bridge, der ihr Unterricht 317 im Reiten gab, den Vorzug gegeben. Auch Vol⸗ taire, entzuͤckt von ſo vielen Reizen, bezaubert von ſo vieler Anmuth, hatte gewagt, ſich auf die Liſte ihrer Anbeter zu ſchreiben. Täglich hatte ihr der Koͤnig der Dichter ein neues Madrigal, eine neue Canzone zu Fuͤßen gelegt. Mad. Poiſſon war damit nicht zufrieden. Bernis, ſagte ſie zu der Tochter, iſt nur ein armer Abbé, Bridge nur ein armer Stallmeiſter, Voltaire nur ein armer Dich⸗ ter— ſie alle zuſammen ſind nicht werth, die Riemen Deiner Schuhe zu loͤſen. Ich wuͤnſche, der Koͤnig ſähe Dich! Der Bock wurde Feuer fan⸗ gen und ſeine Krone und ſein Reich Dir zu Fuͤßen legen, wenn Du ihn erhoͤren willſt. Die gute Frau hatte ſich hinter Binet geſteckt, der mit ihr verwandt war. Auf Binets Geheiß war Mad. d'Etioles dem Koͤnig im Walde von Senart begegnet, auf Binets Geheiß war ſie ohne Wiſſens ihres Gemahls, auf dem Ball im Stadt⸗ hauſe erſchienen, auf Binets Geheiß war ſie in den Wagen eingeſtiegen. Der Koͤnig ſchwelgte an der Seite der ſchoͤnen 318 Frau im ſeligſten Entzuͤcken. Er ſchloß ſie liebe⸗ gluͤhend in ſeine Arme, ſie ſchmiegte ſich zitternd an ſeine Bruſt. — Sire, ſagte Mad. d'Etioles zum Koͤnig, was wird mein Gemahl ſagen, wenn er in mein Schlafgemach tritt und es leer findet?. Weh mir! er wird mich morden... — Ich werde Sie vor ſeinem Zorn zu ſchuͤtzen wiſſen. — Aber wie, Sire? — Ich werde Ihnen eine Wohnung in mei⸗ nem Schloſſe anweiſen.. — Er wird mich verfolgen... — Ich werde ihn auf Reiſen ſchicken... — Er wird Paris nicht verlaſſen wollen.. — Ich werde ihn als Geſandten nach Con⸗ ſtantinopel ſenden. — Wer wird dann fuͤr mich ſorgen? — Der Koͤnig, der Sie hiemit zur Marquiſe von Pompadour ernennt und Ihnen eine Penſion von 300,000 Francs bewilligt. 319 — Sire, womit kann ich ſo viele Huld ver⸗ gelten? — Durch Liebe. — Seine Majeſtät der Koͤnig ließen die Wa⸗ genfenſter herab. — Wie gefaͤllt Ihnen dieſes Schloß? fragte der Koͤnig am andern Morgen, als er die Mar⸗ quiſe aus einem Zimmer ins andere fuͤhrte. — Außerordentlich. — Marquiſe von Pompadour, der Koͤnig macht Ihnen ein Geſchenk damit. Die Marquiſe ſtieg von Tag zu Tag, von Stund zu Stund in der Gunſt des Koͤnigs. Er ſchenkte ihr Choiſy, Crecy, Bellevue und andere Schloͤſſer. Zwölftes Capitel. Ein Liebhabertheater. (1745.) Frau von Pompadour hatte von Jugend auf große Neigung fuͤrs Theater. Madame Proiſſon, ihre Mutter, hatte oft geſagt: Meine Antoinette iſt ein Univerſalgenie: ſie zeichnet, ſie malt, ſie ſingt, ſie tanzt, ſie dichtet und declamirt beſſer als Adrienne Lecouvreur. Ihr Toͤchterchen beſaß in der That ein nied⸗ liches Talent: ſchon als Maͤdchen von 14 Jahren hatte ſie auf dem Geſellſchaftstheater des Herrn von Tournehem, ihres Vice⸗Vaters, glaͤnzende Proben abgelegt und fpäter, nachdem ſie geheira⸗ thet, auf dem Theater der Frau von Villemuͤr im ſtrengſten Sinn des Wortes Furore gemacht. Vol⸗ taire, Marmontel und Crebillon der Aellere hatten 321 ihr ſchon damals Lob und Weihrauch, Blumen und Verſe geſtreut. — Schade, ewig Schade, hatte Voltaire ge⸗ ſagt, der ſich beſſer als mancher Andere auf die Kunſt zu ſchmeicheln verſtand, daß Sie, gnädige Frau, nicht Schauſpielerin geworden. Ich haͤtte Stuͤcke fuͤr Sie geſchrieben und Ihnen Rollen ein⸗ ſtudirt. Melpomene und Thalia haͤtten in Ihnen eine ihrer talentvollſten Prieſterinnen begruͤßt. Sie waͤren das glaͤnzendſte Geſtirn der Buͤhnenwelt, der Abgott des Publikums, das Schooßkind der Kritik geworden. Frau von Pompadour hatte das nicht vergeſſen. Eifrig bemuͤht, ſich dem Koͤnig ſtets von einer neuen angenehmen Seite zu zeigen, hatte ſie den Entſchluß gefaßt, im Schloß zu Verſailles ein neues Liebhabertheater zu errichten. Das Medail⸗ lencabinet wurde in eine Buͤhne verwandelt. Frau von Pampadour theilte hier, wie in der politiſchen Welt, die Rollen aus. Der ganze Heof riß ſich um die Gunſt, ein Roͤllchen zu erhalten, war es auch noch ſo klein und unbedeutend. Ein bekann⸗ 322 ter Marquis, reich aber dumm, verſprach der Ma⸗ dame du Hauſſet, der Kammerfrau der Marquiſe, ein bedeutendes Cadeau, wenn ſie es durchſetzen koͤnnte, daß auch er einmal mitſpielen duͤrfte. Ich verlange keine große Rolle, ſprach der gute Mann, ich bin zufrieden, wenn ich einen Bedienten ſpielen kann, der einen Stuhl oder Brief heraustraͤgt. Der Marquis bekam eine Rolle(den Polizei⸗ bedienten im Tartuͤffe) und die Kammerfrau er⸗ hielt das Cadeau(5000 Francs). Der Herzog von Lavrilliöre war Director, Herr von Arboulin Regiſſeur und Abbé Lagarde war Suuffleur. Lonjou wurde als Theaterdichter an⸗ geſtellt. Die Herzoge von Chartres, d'Ayen, de Nivernois, Duras und Coigny, der Marquis d'En⸗ tragues und der Graf von Mallebois bildeten das Perſonal des Schauſpiels. Deheſſe, Mitglied des italieniſchen Theaters, fungirte als Cäpellmeiſter. Das Corps de Ballet beſtand aus Knaben und Maͤdchen von 8— 12 Jahren. Die Herren von Langeron, Courtenvaur, Beuvron und Melfort fuͤhrten im Verein mit den Graͤfinnen d'Ambli⸗ 323 mont, d'Esparbes, Chateau⸗Renaud und d'Eſtra⸗ des die Soli aus. Zuweilen tanzte auch die Mar⸗ quiſe und es gab dann mehr als einen Schmeichler, der ſie mit der Camargo verglich, die um dieſe Zeit der Sirius aller Operntaͤnzerinnen war. — Sie ſingen wie ein Gott und tanzen wie ein Engel, ſagte Crebillon der Aeltere. Frau von Pompadour ſchaffte ihm bald darauf eine Penſion von 1000 Francs, eine Anſtellung bei der Bibliothek und das Cenſoramt. Im September 1745 wurde zur Feier des Sie⸗ ges bei Fontenoy ein Ballet,„der Tempel des Ruhms«, in Scene geſetzt. Voltaire hatte, auf den Wunſch der Frau von Pompadour, das Pro⸗ gramm gemacht, das eine Apotheoſe auf Ludwig war, der in dieſem Ballet als Trajan erſchien. Ganz Paris war geſpannt darauf. Der Raum fuͤr die Zuſchauer war aber ſo klein, daß er kaum hundert Perſonen faſſen konnte. So kam es, daß nur die naͤchſte Umgebung des Hofes Zutritt erhielt. Der Marquis, der im Tar⸗ tuͤffe den Polizeidiener geſpielt, verſprach der Ma⸗ 324 dame de Hauſſet abermals ein Cadeau, wenn ſie ſich fuͤr ihn verwenden wollte, daß auch er Zutritt erhalte. Ich verlange keinen Platz in der koͤnig⸗ lichen Loge, ſprach der Bonhomme, ich bin zufrie⸗ den, wenn Sie mir das kleinſte Plaͤtzchen auf der letzten Gallerie verſchaffen. Der Marquis erhielt eine Eintrittskarte und die Kammerfrau erhielt ein Cadeau, abermals 5000 Francs. Das Auditorium war hoͤchſt glaͤnzend. In der Hofloge befand ſich der Koͤnig und die Koͤnigin, der Dauphin und die Dauphine, der Herzog von Orleans, der Herzog von Chartres, der Prinz von Conti und der Prinz von Sachſen; die Herzogin von Luynes, Ehrendame der Koͤnigin, und die Her⸗ zogin Brancas, Ehrendame der Dauphine; der Herzog von Bouillon, Oberkammerherr, und der Herzog von Larochefoucault, Obergarderobenmei⸗ ſter des Koͤnigs. Auf den letzten Reihen ſaßen der Graf von Maurepas, Miniſter der auswaͤrti⸗ gen Angelegenheiten, der Graf d'Argenſon, Mini⸗ ſter des Krieges, der Graf von St. Florentin, Miniſter der Marine, der Graf Machault d'Ar⸗ 325 nouville, Generalcontrolleur, der Marquis von Marigny, der Generalbaudirector und— Voltaire, der, bei Hofe nicht ſehr beliebt, nur auf den Wunſch der Marquiſe Zutritt in die Hofloge er⸗ halten. Voltaire war ein großer Dichter, aber ein eitler Narr, der ſich gluͤcklich ſchaͤtzte, in der Hofloge des Konigs brilliren zu können. Die Hof⸗ damen kokettirten mit dem Dichter, der verlegen mit ſeinen geſtickten Manchetten ſpielte. In einer dunklen Loge ſaßen zwei andere Dich⸗ ter: Greſſet, der beruͤhmte Verfaſſer des Gedichts NVertvert«, und Desforges, Verfaſſer einiger nied⸗ licher Luſtſpiele. Jetzt rollte der Vorhang in die Hoͤhe. Frau von Pompadour, die als Goͤttin des Ruhms er⸗ ſchien, ſprach einen von Voltaire gedichteten Pro⸗ log, der wegen ſeiner ſchmeichelhaften Anſpielun⸗ gen auf den Koͤnig vom ganzen Hofe rauſchend beklatſcht wurde. Am Schluß ſprach ſie einen Epi⸗ log und bekraͤnzte den Trajan. Das Hofgeſindel klatſchte ſich die Haͤnde wund, aber Desforges, ein Feind der Luͤge und Heuchelei, knirſchte mit 326 den Zaͤhnen und verließ, gluͤhend vor Zorn, ſeine Loge. Voltaire naͤherte ſich dem Koͤnig, klopfte ihm leiſe auf die Schulter und fragte: — Nun, Trajanchen, haſt Du Dich erkannt? Der Koͤnig, entruͤſtet uͤber dieſe freche Vertrau⸗ lichkeit, gab dem Herzog von Bouillon einen Wink. Zwei Garden traten ein, die Herrn von Voltaire mit der groͤßten Artigkeit heraus noͤthigten. Bald darauf erſchien uͤber Voltaire und ſeinen ſpeichelleckenden Prolog eine ſehr beißende Kritik. Sie war von Desforges und enthielt manche boß⸗ hafte Anſpielung auf Frau von Pompadour. Der arme Dichter wurde verhaftet und auf dem Mont⸗ Saint⸗Michel in einen eiſernen Käͤfig eingeſperrt, in dem er acht lange Jahre ſaß und erſt dann durch Vermittelung des Herrn von Broglio, Abtes von Saint Michel, die Freiheit wieder erhielt. Dreizehntes Capitel. Frau von Pompadvur und der Tambvur. (1746.) Eines Morgens kam ein junger Tambour. — Wohnt hier Frau von Pompadour? fragte er den Kammerdiener, der gravitaͤtiſch im Lehn⸗ ſtuhl ſaß und eine Zeitung las. — Ja, was wollen Sie? — Ich will angemeldet ſein, erwiederte der brusque Tambour und ſetzte ſeine Trommel nieder. — Wer ſind Sie? fragte Gourbillon, den Fremden vom Czako bis zur Fußſohle meſſend. — Ich bin Tambour, wie Sie ſehen. — Ihr Name? — Ich heiße Poiſſon und bin der Cvuſin der Frau Marquiſe, ſprach der ſtolze Trommelſchlaͤger 328 und drehte mit beiden Haͤnden die Enden ſeines ſchwarzen Schnurbarts. — Wie? fragte verwundert der Kammerdiener. Sie ſind — Der Couſin der Frau Marquiſe, und wenn Sie ſich erdreiſten ſollten, daran zu zweifeln, ſo werden Sie die Guͤte haben, Sich mit mir zu ſchlagen, erwiederte der Tambour und legte ſeine Hand an den Griff ſeines kurzen Säbels. — Beruhigen Sie Sich, ſprach der feige Livre⸗ held, ich werde Sie anmelden. — Aber etwas raſch, wenn ich bitten darf, ſagte der Tambour, ſtellte ſich vor den Spiegel, ſetzte ſeinen Czako zuruͤck, drehte ſeine Seitenlocken und trällerte ſeinen Lieblingsmarſch. Die Mar⸗ quiſe wird ſich nicht wenig freuen, wenn ſie meine Bekanntſchaft machen wird... Charles, du biſt, weiß Gott, ein huͤbſcher Kerl, ſprach der eitle Tambour zu ſich ſelbſt und ſchlug ſich ſelbſtgefällig mit der rechten Hand auf die linke Achſel. — Gnaͤdige Frau, ſagte der Kammerdiener zur Marquiſe, im Vorſaal iſt ein Mann, der Sie zu ſprechen wuͤnſcht. — So fruͤh ſchon?... ich bin ja noch nicht angekleidet. Wie heißt er? Was iſt er? Was will er? — Er heißt Poiſſon... — Poiſſon? wiederholte die erſchreckte Marquiſe. — Er giebt vor, der Couſin der gnaͤdigen Frau zu ſein. — Mein Couſin? Ich habe keinen Couſin, habe wenigſtens nie etwas von ihm gehoͤrt... — Der Mann muß verruͤckt ſein, denn als ich es wagte, einen kleinen Zweifel zu erheben, woie e — Nun was denn?.. — Sich mit mir ſchlagen... Soll ich ihn abweiſen? — Das verſteht ſich. Der Kammerdiener eilte in die Antichambre zuruͤck. — Lieber Mann, ſagte der Kammerdiener, die Frau Marquiſe iſt heute nicht zu ſprechen. II. 15 230 — Warum nicht? — Sie iſt unwohl. — Kerl, er luͤgt! rief der Tambour, nahm ſeine Trommel, ſtieß den Kammerdiener bei Seite und ſtuͤrzte sans fagon ins Zimmer der Mar⸗ quiſe. Er legte ſeine Hand an den Czako und ſprach: — Ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Morgen zu wuͤnſchen. — Wer ſind Sie? fragte die Marquiſe, auf⸗ gebracht uͤber die Keckheit dieſes Mannes — Ich heiße Charles Poiſſon, bin Tambour im Regiment Piemont und habe die Ehre Ihr Couſin zu ſein.. — Mein Couſin? — Ja, ja, Frau Couſinchen Mein Vater und der Ihrige ſind leibliche Bruͤder. — Sie kommen? — Aus Nantes. — Und warum ſind Sie nicht dort geblieben? — Angelockt von dem Ruhm meines Couſin⸗ .—— b——— —,— —— 331 chens, habe ich mich auf den Weg gemacht, um mich bei ihr vorzuſtellen.. — Was wollen Sie von mir? — Nichts weiter als ein Lieutenantpatent... — Sie muͤſſen Sich an Herrn d'Argenſon — D'Argenſon, wer iſt das? — Er iſt Kriegsminiſter. — Ach, was geht mich der an... Man hat mir geſagt, daß Sie mehr als alle Miniſter vermoͤgen. Ich erſuche Sie alſo, Frau Couſine, mir ein Patent auszufertigen... — Das geht nicht — Wie ſie wollen nicht? Couſinchen, machen Sie mich nicht boͤſe. wenn Sie mich nicht auf der Stelle zum Lieutenant machen, ſo fange ich dermaßen zu trommeln an, daß das ganze Haus zuſammen laͤuft— dann ſage ich nur ein Wort, nur ein einziges Wort, und Couſinchen iſt verloren. — unerſchaͤmter! Sie wagen... — Die Stelle oder ich fange zu trommeln an.. — Ich werde Sie arretiren laſſen.. 5 332 — Und ich... ich werde ſagen, was mir mein Vater von Ihnen erzaͤhlt hat... Couſin⸗ chen, wenn das der Koͤnig erfaährt... — Himmel, welche Frechheit! — Die Stelle, oder ich fange zu trom⸗ men an — Was wiſſen ſie von mir? — Ein Geſchichtchen, daß Ihnen, mit Reſpect zu ſagen, den Hals brechen koͤnnte... Der Tambour ruͤckte naͤher und raunte ihr ganz leiſe einen Namen ins Ohr. Die Marquiſe wurde bleich wie der Tod. — Nun, Couſinchen, was ſagen Sie? fragte der Tambour. Die Stelle oder ich fange zu trommeln an. Die Marquiſe uͤberlegte... Der Jambour ſetzte ſeine Schlaͤge in Bewegung... Frau von Pompadour fiel ihm in den Arm... — Schweigen Sie, Herr Lieutenant. — Ach Couſinchen, das klingt ganz anders.. Wann darf ich mir mein Patent holen? — Morgen, Herr Lieutenant. —— —— 333 — Couſinchen, ich habe die Ehre, mich Ihnen beſtens zu empfehlen, ſprach der avancirte Tambour, legte zwei Finger an ſeinen Czako und ging. Am andern Morgen erhielt Herr Charles Poiſ⸗ ſon, der den Namen Malvoiſin annahm, das Lieu⸗ tenants⸗Patent. Einen Monat ſpaͤter wurde Herr Malvoiſin Capitain bei den Dragonern. gZwei Monate ſpaͤter wurde Herr Malvoiſin Obriſtlieutenant bei den Huſaren. Drei Monate ſpaͤter wurde Herr Malvoiſin DObriſt bei der Garde du Corps. Ach beſaͤße doch jeder Lieutenant ſolch ein Geheimniß! Vierzehntes Capitel. Ein Abend bei Frau von Pompadour. (1258.) Die Margquiſe war unwohl. Sie mußte in Choiſy bleiben und das Bett huͤten. Um den lan⸗ gen Winterabend zu verkuͤrzen, hatte ſie ihre ver⸗ trauteſten Freunde eingeladen: den Grafen Stain⸗ ville(der, durch ihre Protection zum Pair und Herzog von Choiſeul erhoben, nach Abdankung des Cardinals Bernis, das Portefeuille eines Pre⸗ mierminiſters erhalten), die Herzogin von Choiſeul, deſſen Gemahlin, den Herzog von Gontaut, deſſen Schwager, die Marſchallin von Mirepoix, den Grafen und die Graͤfin Baschi, den Marquis von Marigny, ihren Bruder, den ſie zum General⸗ baudirector, und Herrn Quesnay, den ſie zum ——— — „ — —.— 335 Leibarzt des Koͤnigs gemacht. Auch Jannette, der » Poſtintendant, eine ihrer intimſten Creaturen, war eingeladen aber nicht erſchienen, denn er mußte, wie gewoͤhnlich, auf der Poſt alle Briefe erbrechen und Auszuge daraus machen, um ſie am nächſten Sonntag der Frau von Pompadour zu bringen, die ihn dazu bevollmaͤchtigt. — uUm Ihnen, meine lieben Freunde, eine kleine Unterhaltung zu bereiten, ſprach die Mar⸗ quiſe, habe ich einen hoͤchſt intereſſanten Mann d eingeladen. Rathen Sie, wen? Nun ging das Rathen los. — Herrn von Voltaire? 6 — Herrn von Marmontel? — Duclos oder Crebillon? — Nein, nein, nein!!! — Ei, wen denn ſonſt? fragten Alle. — Den Grafen St. Germain, einen Wunder⸗ mann, der jetzt großes Aufſehen erregt. Wie, Sie haben von dieſem Zauberer noch nichts gehoͤrt? — Nein! riefen Alle. — So hoͤren und ſtaunen Sie. Graf St. 336 Germain iſt in mehr als einer Beziehung eine merkwurdige Erſcheinung. Man weiß weder wann, noch wo er geboren. Alle Erkundigungen, die ich uber ihn eingezogen, ſind dunkel und zweifelhaft. Der Eine meint, er heiße Aymar und ſei ein Ba⸗ ſtard des Koͤnigs von Portugal; der Andere ſagt, er ſei ein ſpaniſcher Marquis de Bethmar„ der Dritte behauptet, er ſei der Sohn eines juͤdiſchen Arztes, heiße Daniel Wolff und ſei 1704 zu Straß⸗ burg geboren. Dieſer letzten Meinung iſt auch unſer Polizeiintendant, welcher Nachforſchungen angeſtellt und durch den Baron von Breteuil dem Geheimniß auf die Spur gekommen. Mag er nun heißen, wie er will, mag er Chriſt oder Jude, in Liſſabon oder Straßburg geboren ſein, er bleibt auf jeden Fall ein merkwuͤrdiges Indivi⸗ duum. Er giebt vor, 32 Jahre vor Chriſti Ge⸗ burt geboren worden, jetzt alſo 1791 Jahre alt zu ſein. Er erklaͤrt, Jeſus Chriſtus eben ſo genau als den Kaiſer Tiberius gekannt zu haben. Nach ſeiner Ausſage war er ein intimer Freund des großen Herodes und des roͤmiſchen Statthalters Pontius 337 Pilatus; von jenem hat er ein Buͤſchel brauner Haare, von dieſem einen Siegelring als Andenken aufzuweiſen. Er behauptet, daß er niemals ſter⸗ ben koͤnne, weil ihm ein arabiſcher Arzt ein Re⸗ cept zu einem Lebenselixir mitgetheilt, das nicht bloß jede Krankheit heilt, ſondern auch die Kraft beſitzt, alte Leute wieder jung zu machen. Er ſelbſt, obgleich ſchon gegen 1800 Jahre alt, ſieht wie ein Funfziger aus, der ſich gut conſervirt hat. — Merkwuͤrdig! rief die Marſchallin von Mire⸗ poix, die ſtaunend zugehoͤrt hatte. — Himmel, am Ende iſt der Graf St. Ger⸗ main der ewige Jude! rief die Graͤfin Baschi. — Der ewige Jude? Was iſt das jur ein Subject? fragte die Herzogin von Choiſeul. — Wie! rief Graͤfin Baschi, Sie haben noch nichts von Ahasverus gehoͤrt? Ahasverus ſoll nach Johannes 21, 23 ein juͤdiſcher Schumacher gewe⸗ ſen ſein, der, weil er unſern Heiland, als dieſer von Jeruſalem nach Golgatha zog, mit einem Lei⸗ ſten von ſeinem Hauſe fortgejagt, verdammt wor⸗ 15 338 den iſt, ewig, ohne Raſt und Ruhe, die Welt zu durchwandern. — Liebe Freundin, ſprach die Marſchallin von Mirepoir, erzählten Sie nicht, daß dieſes Lebens⸗ elirir auch die Kraft beſaͤße, alte Leute wieder jung zu machen? — Ganz recht! — Ach, da will ich mirs bei Zeiten anſchaf— fen, erwiederte Frau von Mirepoir. — Das Elirir iſt ſehr theuer, meinte Frau von Pompadour, eine Phiole, worin hoͤchſtens 40 Tro⸗ pfen dieſes aͤtheriſchen Liqueurs enthaltend ſind, ko⸗ ſtet 5000 Francs. — Und ſollte ſie das Doppelte koſten, ich muß eine haben! rief Frau von Mirepoir. — Ich habe zwei Phiolen gekauft— darf ich Ihnen mit einer davon ein Geſchenk machen? fragte Frau von Pompadour. — Sie wuͤrden mich gluͤcklich machen. — Madame du Hauſſet, meine Kammerfrau, ſoll ſie Ihnen morgen fruh zuſtellen.. Weil gerade vom Alter hier die Rede iſt, ſo will ich, — —— — — 339 auf daß ichs nicht vergeſſe, gleich hinzufuͤgen, daß der Graf einen jungen Burſchen von Bedienten hat, der, wie's aus ſeinem Taufſchein hervorgeht, ſchon 365 Jahre alt iſt. Alle zehn Jahre giebt der Graf ſeinem Bedienten 20 Tropfen, die ihn wieder verjuͤngen... — Ach, lieber Charles, ſagte die Herzogin von Choiſeul zu ihrem Gemahl, wie waͤrs, wenn Du auch mir eine Phiole?.. — Laſſen Sie mich dafuͤr ſorgen, fiel die Marquiſe der Herzogin ins Wort. — Sie ſind ſo guͤtig, theure Freundin. — Revenons à nos moutons, ſprach die Mar⸗ quiſe und fing wieder vom Grafen St. Germain zu erzaͤhlen an. In der That, dieſer Mann kann mehr als Brod eſſen. Er ſpricht, wie jener Mi⸗ thridates, 22 alte und neue Sprachen und alle ſo gelaͤufig wie das arabiſche, das er fuͤr ſeine Mut⸗ terſprache ausgiebt. Auch das Franzoſiſche ſpricht er wie ein Franzoſe, wenn gleich ſein Accent etwas an den Elſaß erinnert. Er ſpielt faſt alle In⸗ 340 ſtrumente, unter andern auch die Violine, und zwar ſo, daß man nicht ein oder zwei, ſondern zehn Inſtrumente zu hoͤren glaubt; das meine werthen Freunde, habe ich mit meinen eignen Oh⸗ ren gehoͤrt. Er ſchreibt zu gleicher Zeit mit der rechten und mit der linken Hand und mit beiden ſo ſchon und gleichmäßig, daß man das Eine von dem Andern kaum zu unterſcheiden vermag. Mit verbundenen Augen ſpielt er Schach, beſſer als unſer Philidor, der jetzt, beilaͤufig geſagt, in Ber⸗ lin iſt. Er malt, und weiß namentlich die Edel⸗ ſteine ſo taͤuſchend nachzuahmen, daß Jeder glaubt, es ſeien wirkliche. Das Alles aber iſt noch das kleinſte von ſeinen Wundern. Der Graf— nun kommt das Beſte— hat das große Problem der Adepten geloͤſt, er hat den Stein der Weiſen gefunden, er kann, hoͤrt, hoͤrt! Perlen und Dia⸗ manten machen!!! — Wenn das wahr, wirklich wahr iſt, rief die entzuckte Herzogin von Choiſeul, ſo koͤnnte ich mich in den Teufelskerl, ohne ihn geſehen zu haben, naͤrriſch verlieben! 341 — Ei, ei, ſagte Frau von Pampadour und drohte lächelnd mit dem Finger. — Ach, lieber Charles, ſprach die Herzogin zu ihrem Gatten, wenn es wirklich wahr iſt, daß der Graf Diamanten machen kann, ſo mußt Du.. — Was denn, liebes Kind? — Unterricht bei ihm nehmen und ſollteſt Du fuͤr jede Lection 100,000 Livres bezahlen. — Ach Kind, ich glaube nicht an ſeine Kuͤnſte... — Auch ich kann nicht Alles, was er ſagt, verbuͤrgen; ſo viel aber iſt gewiß, daß er Perlen vergroͤßern und ihnen die ſchoͤnſte Farbe geben kann; davon habe ich mich ſelbſt uͤberzeugt, ich gab ihm vor 14 Tagen eine Schnur kleiner Perlen, die ich fuͤr 5000 Francs gekauft, er nahm ſie nach Hauſe und brachte ſie mir nach 3 Tagen wieder Die Perlen, noch einmal ſo groß und ſchoͤn, ſind jetzt, wie mein Juwelier ſagt, gering angeſchlagen, das Doppelte werth. Wie erklaͤren Sie Sich das? — Mein Gott, das iſt ſehr einfach: er wird die Ihrigen gegen beſſere vertauſcht haben. — Was ſagen Sie dazu, Doctor? fragte Frau von Pompadour ihren Leibarzt. Dr. Quesnay hatte jetzt eine Gelegenheit, den ganzen Fond ſeiner Gelehrſamkeit auszukramen. Er raͤuſperte ſich und ſprach: — Ich halte die Kunſt, Perlen zu machen, nicht fuͤr unmoͤglich. Die Perlen, die man am haͤufigſten in der Perlenmuſchel findet(mytilus margaritiferus), ſind, meiner Anſicht nach, weiter nichts als kleine, durch Zufall in die Muſchel— ſchale hineingefallene Steinchen, welche das in⸗ wohnende Thier, das ſich dadurch gedruͤckt und belaͤſtigt fuͤhlt, mit ſeinem Schleime uͤberzieht. Philoſtratos erzaͤhlt, daß ſchon zur Zeit der Ro⸗ mer die Orientalen kuͤnſtliche Perlen dadurch er⸗ zeugten, daß ſie die Muſchel anbohrten, kleine Steinchen hineinpracticirten, die Muſchel wieder ins Waſſer warfen und ſie da einige Jahre liegen ließen, ſpäter herausgefiſcht, die ſchoͤnſten Perlen enthielten. Die Perle bedarf ſieben Jahre zu ihrer Ausbildung— das Thier ſtirbt dann an Indi⸗ geſtion. Erſt vor Kurzem habe ich irgendwo ge⸗ 8— 343 leſen, daß ein ſchwediſcher Naturforſcher, Linné, ein Arcanum zur Bereitung von Perlen fuͤr 500 Ducaten zu Upſala verkauft haben ſoll— vielleicht hat es der Graf St. Germain von ihm gekauft. — Leicht moͤglich, meinte Frau von Pompa⸗ dour, hoch erſreut uͤber den Scharfſinn ihres Arztes, den der Koͤnig ſeinen»Denker«(penseur) genannt. Die Marquiſe wollte eben mehr von ihm er⸗ zaͤhlen, als der Kammerdiener eintrat, um den Grafen St. Germain anzumelden. Alles war geſpannt, den Mann, von dem Frau von Pompadour ſo viel Wunderbares zu erzaͤhlen gewußt, perſoͤnlich kennen zu lernen. — Ich werde Keinen von Ihnen vorſtellen, er kennt alle Leute, ohne ſie jemals geſehen zu haben, er erraͤth Vor- und Zunamen— Sie ſollen ſich ſelbſt davon uͤberzeugen. Der Graf St. Germain trat ein: ein großer ziemlich robuſter Mann, mit einem Wald von weißen Haaren, einem weißen Backenbarte und weißen Augenbraunen; dennoch ſah er kaum ſo alt als ein Funfziger aus. Sein Auge war ſehr klar, 344 ſeine Haut ſehr friſch, ſein Gang ganz jugendlich. Sein Anzug war etwas geſucht und uͤberladen, an jedem Finger blitzten 3— 4 koſtbare Ringe— Uhr und Doſe, Schuhe und Hoſenſchnallen waren mit großen Diamanten beſetzt... die Ermelknoͤpfe ſeines blauſammetenen Rockes waren funkelnde Rubinen. Gering angeſchlagen waren die Edelſteine, die er an ſich trug, 300,000 Francs werth. Die Marquiſe von Pompadour ſtellte ihn der Geſellſchaft mit den Worten vor: — Dies, Messieurs et Dames, iſt der beruͤhmte Graf Germain, von dem ich Ihnen heute ſchon ſo viel erzaͤhlt habe. Knire, Verbeugungen, Buͤcklinge, Kratzfuͤße c. — Ich wuͤrde Ihnen meine Freunde vorſtellen, lieber Graf, waͤre ich nicht uͤberzeugt, daß Sie ſchon laͤngſt errathen, wer Jeder iſt, wie Jeder heißt. — Wenn ich nicht irre, erwiederte der Wun⸗ dermann, ſo iſt dies der Herzog und die Herzogin von Choiſeul, der Graf und die Graͤfin Baschi die Frau Maſchallin von Mirepoix... 345 — Und ich, wer bin ich? fragte neugierig Herr von Marigny. — Sie, mein Herr, ſind der Bruder der Frau Marquiſe und Sie, mein Herr, ſind Dr. Quesnay. — Der Teufel, woher wiſſen Sie das? — O ich kannte Sie ſchon als einen Knaben von fuͤnf Jahren. Sie wurden 1694 zu Ecque⸗ ville geboren und ſind jetzt 65 Jähre alt. Auch Ihren Herrn Papa habe ich gut gekannt, er war zwar nur ein Tageloͤhner, aber ein ehrlicher, kreuz⸗ braver Mann. — Wayr, ſehr wahr, ſagte der Dr. Quesnay und bot dem Grafen eine Priſe an. — Auch Ihre Voraͤltern, Herr Herzog, habe ich ſehr genau gekannt. Sie ſtammen von einem alten ſehr beruͤhmten Adel her, der ſeinen Urſprung vom ſouverainen Grafen von Champagne ableitet. Ein Charles von Choiſeul wurde 1610 von Lud⸗ wig XIII. zum Großmeiſter und 1619 zum Mar⸗ ſchall von Frankreich erhoben. Ich kannte ihn... — Wie, Sie kannten ihn? fragte der un⸗ glaubige Herzog. 346 — Er zeichnete ſich zuerſt im Jahre 1575 bei der Belagerung von la Fère aus, bei welcher auch meine Wenigkeit zugegen war. — Ei, wie alt ſind Sie denn, lieber Graf? fragte der Herzog. — Wie alt? Man ſpricht nicht gern davon. — Warum nicht? — Wuͤrden Sie es glauben, Herr Herzog, wenn ich Ihnen ſagte, daß ich vor drei Wochen mein 1791ſtes Jahr zuruͤckgelegt? — Nein, Herr Graf, das wuͤrde ich nicht glauben. — Das kann ich Ihnen nicht veruͤbeln und dennoch koͤnnte ich auf zehn verſchiedene Arten Ihnen beweiſen, daß ich 32 Jahre vor Chriſti Geburt das Licht der Welt erblickt.(Der Graf zog jetzt aus der Seitentaſche ſeines Rockes ein Buch hervor.) Werfen Sie gefaͤlligſt einen Blick in dieſes Stammbuch. Ich habe es mir vor un⸗ gefaͤhr dreihundert Jahren angelegt. Sie werden darin Verſe von Franz dem Erſten, von Diana von Poitiers, von Maria Stuart und Magarethe —— 347 von Valvis, von Karl IX. und Heinrich IV. und von andern gekroͤnten Haͤuptern finden, die mir die Ehre erwieſen, ſich mit hoͤchſt eigner Hand einzuſchreiben. — Das muß ich leſen, rief Frau von Pom⸗ padour. — Auch ich, auch ich! riefen Alle. — Das Stammbuch des Grafen machte jetzt die Runde durch alle Haͤnde. — Am beſten, ſagte die Marquiſe von Pom⸗ padour, gefallt mir der Vers, den die ungluͤckliche Maria Stuart gedichtet. »„Adieu plaisant pays de France, Adieu ma patrie la plus cherie, Que'a nourri ma tendre enfance Adieu ma France, adieu ma patrie!« — Ich ziehe jene vor, ſagte die Graͤfin Baschi, welche Franz I. unter ein Bild der Agnes Sorel geſetzt. »Plus de lonange et d'honneur tu mérites La cause etant de France recouvrer Que ce que peut dedans un cloitre ouvrer Close nonain on bien dévots hermites. — Sie finden in dieſem Album auch Frag⸗ mente von Dichtern damaliger Zeit: von Clement 348 Marot, Pierre Ronſard. Von dem Letztern, der einer meiner intimſten Freunde war, ruͤhrt das be⸗ ruͤchtige Epigramm auf Catharina von Medicis her. — Leſen Sie, leſen Sie! riefen Alle. Der Graf begann: »L'on demande la convenance De Cathérine et Jsabel L'une, ruine d'lsrael, Lautre, ruine de la France L'une etoit la malice méme, Lautre est la malice extréme. Vnfin le jugement est tel Par une vengeance divine Les chiens mangèrent Iabel La carogne de Catharine Sera differente en ce point Car les chiens nen voudront point.« Man fand das Epigramm ſehr treffend und applaudirte. — Iſt es war, lieber Graf, fragte der Herzog, daß Sie ein Elixir bereiten koͤnnen, das die Kraft beſitzt, dem Menſchen langes Leben zu verleihen? — Ich zwinge Keinen, daran zu glauben— ich ſelbſt aber bin davon ſo feſt uͤberzeugt, daß ich darauf ſchwoͤren moͤchte. —— 349 — Sie hoffen alſo noch recht lange zu leben?.. — Ich hoffe, Herr Herzog, niemals zu ſterben. Nur dann koͤnnte es geſchehen, wenn ich ſo un⸗ gluͤcklich waͤre, das Recept zu dieſem Elirir zu verlieren... Sie werden es nicht glauben, wenn ich Ihnen ſage, daß 777 verſchiedene Stoffe zur Berei⸗ tung dieſes Arcanums noͤthig ſind, und daß alle ihre Kraft verlieren, wenn auch nur Eines daran fehlt.. — An Ihrer Stelle, ſagte der Herzog von Gontaut, wuͤrde ich Abſchriften von dieſem Recepte verkaufen. — Nicht um Alles in der Welt... Die Be⸗ reitung dieſes Elixirs bleibt mein Geheimniß. — Iſt es wahr, fragte die Marſchallin von Mirepoir, daß Ihr Elirir auch die Eigenſchaſt beſitzt, alte Leute zu verjuͤngen? — Ich zwinge Keinen daran zu glauben— ich ſelbſt aber bin davon ſo feſt uͤberzeugt, daß ich darauf ſchwoͤren moͤchte... — Haben Sie denn ſchon Beweiſe gehabt, fragte der Herzog, daß Ihr Arcanum in dieſer Hinſicht probat iſt? — Hundert Beweiſe... Die Marquiſe d'Urfé die Sie wahrſcheinlich kennen werden, hat ſich durch den Gebrauch meines Elixirs dergeſtalt ver⸗ juͤngt, daß man die ſiebenzigjaͤhrige Dame fuͤr ein Maͤdchen von 20 Jahren haͤlt... Das Arcanum wirkt freilich nicht auf der Stelle, ſondern nach und nach, und oft bemerkt man erſt nach 4—5 Jahren ſeine Wirkung. — Das Arcanum iſt wohl ſehr theuer? fragte die Herzogin von Choiſeul. — Ich verkaufe ganze und halbe Phiolen, dieſe zu 2500, jene zu 5000 Francs. — Und wieviel Phiolen braucht eine Dame von funfzig Jahren, die ſich um zwanzig Jahre verjuͤngen moͤchte? fragte die Marſchallin von Mi⸗ repoir. — Es iſt hinreichend, wenn ſie monatlich zwei Phiolen nimmt... — Pieu de Dieu, das macht 10,000 Francs! rief die Graͤfin Baschi.. — Das iſt freilich ſehr viel, aber ich kann ſie darum nicht billiger herſtellen, weil die 777 351 Stoffe, die dazu gehoͤren, hoͤchſt koſtſpielig ſind. Ich verdiene bei jeder Phiole nicht mehr als 40 Francs. — Da ſind Sie in der That ſehr uneigen⸗ nuͤtzig; ſprach der unglaͤubige Herzog von Choi⸗ ſeul und wandte dem Grafen den Ruͤcken, um ihm nicht ins Geſicht zu lachen. — Sie koͤnnen, wie ich gehoͤrt, auch Perlen und Diamanten machen, ſagte die Herzogin.. — Ich zwinge Keinen es zu glauben, aber alle dieſe Diamanten, die ich trage, habe ich mei⸗ ner Kunſt zu verdanken. — Ich erzaͤhlte meinen Freunden, wie groß Ihre Virtuoſitaͤt auf der Violine iſt, ſprach Frau von Pompadour. Sie wuͤrden mich ſehr verpflich⸗ ten, lieber Graf, wenn Sie... — Ich bin Ihrem Wunſche zuvorgekommen und habe meine Violine mitgebracht. — Wo iſt ſie? — Im Vorſaal, Frau Marquiſe... — Ich werde ſie holen, ſagte Herr von Ma⸗ rigny. 352 Der Graf ſpielte ein Concert von ſeiner eignen Compoſition und zwar mit einer ſolchen Bravour, daß Alles in Entzuͤcken ſchwamm und, von En⸗ thuſiasmus hingeriſſen, Beifall jauchzte. Sein Adagio war ſo ſchmelzend, daß jeder Ton zu Thraͤnen ruͤhrte; ſein Allegro hingegen ſo keck und feurig, daß man drei Violinen zu hoͤren glaubte. Frau von Pompadour, ganz außer ſich, waͤre aus dem Bette geſprungen und ihm um den Hals gefallen, haͤtte ſie ſich nicht vor ihren Gaͤſten genirt. Auch die andern waren dergeſtalt in Ex⸗ ſtaſe gerathen, daß ſie den Grafen fuͤr ein uͤber⸗ irdiſches Weſen hielten, das ſie in dicke Weihrauch⸗ wolken einhuͤllten. Mit der liebenswurdigſten Be⸗ ſcheidenheit wies er das Lob zuruͤck, das ihm in ſo uͤberreichem Maße gezollt ward. Man plauderte noch ein Weilchen und ſetzte ſich dann im Nebenzimmer zur Tafel. St. Ger⸗ main war der Einzige, der nicht aß. Als der Graf ſich ſpaͤter entfernte, ſchenkte er dem Kammerdiener, der ihm leuchtete, einen Dia⸗ mantring. Gourbillon zeigte ihn der Kammerfrau 353 und Madame du Hauſſet zeigte ihn der Marquiſe von Pompadour, die ſich beſſer, als mancher Ju⸗ welier auf Diamanten verſtand. — Dieſer Ring, ſagte ſie zu de⸗ Kammerfrau, iſt unter Bruͤdern 5000 Francs werth. Der Graf wirft mit Diamanten um ſich, als waren es Kie⸗ ſelſteine. ** ℳ Der Graf St. Germain wohnte zu Paris in der Rue Foſſes St. Victor No. 5. Seine Zim⸗ mer waren ſehr anſtaͤndig, aber ohne großen Lurus moͤblirt; er hielt ſich Wagen und Pferde, zwei Lakaien, einen Kutſcher, einen Bedienten, aber weder Koch noch Koͤchin, denn er aß niemals zu Hauſe, und auch anderswo hat man ihn niemals eſſen ſehen. Lachend ſagte er: er lebe von der Luft. Zwei bis drei Mal im Jahre pflegte er mit ſeinem Kammerdiener(einem aͤußerſt verſchmitz⸗ ten Burſchen) unſichtbar zu werden. Keiner wußte dann, welchen Weg er genommen und wo er hin⸗ gekommen. Selbſt die Argusaugen der Polizei, die ihm auf Befehl des Koͤnigs nachſpuͤrten, konn⸗ 16 354 ten nicht herausbringen, wo er ſich waͤhrend die⸗ ſer Zeit aufgehalten haben mag. Plotzlich kam er dann wieder zum Vorſchein, und fragte man ihn, wo er geweſen? ſo ſagte er: das iſt mein Ge⸗ heimniß. Ludwig XV., der durch Frau von Pompadour, mit ihm bekannt geworden war, hielt große Stuͤcke auf ihn. Der Graf, der auch Chiromant war, weiſſagte, daß der Koͤnig an den Blattern ſterben werde, eine Prophezeihung, die, wie man weiß, auch eingetroffen iſt. Gleich nach dem Tode der Frau von Pompa⸗ dour verließ er Paris, ging nach Hamburg und von dort zum Landgrafen von Heſſen-Caſſel, der ihn gaſtfreundlich bei ſich aufnahm. Der arme Graf muß ſpaͤter das Ungluͤck ge⸗ habt haben, das bewußte Recept zu verlieren, denn im Jahre 1784 rief ihn der Tod, wie jeden An⸗ dern, von der Erde ab. Graf St. Germain ſtarb, von Gewiſſensbiſſen gequaͤlt, in Schleswig. Sanft ruhe ſeine Aſche! n n 9 17 18 10 1 6 7 8 5 W