— 6 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6duard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines getiehenen Buches wird von d jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenymmen. 2 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine vem Werthe veſſelben entſprechende Summe Fi welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: auf 1 Monat;: TN 1 2 und Zurückſ endung für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unt defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen [biithet ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. v——— der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —— Der Uing Moſtradamö. Hiſtoriſcher Roman * von N „Eduard Maria Hettinger. Erſter Band. Zweite, vermehrte Ausgabe. ——S——— Leipzig, 1845. Druck und Verlag von Otto Wigand. 9 Einleitung. Geſchichte iſt das Vermächtniß der Ver⸗ gangenheit. Die Gegenwart, Erbin dieſes Schatzes von Erfahrungen, lernt in den Bil⸗ dern hingeſchiedener Zeiten ſich ſelbſt erkennen und den Gang der Zukunft ahnen. Clio öffnet uns das Buch der Bücher, aus dem die Thaten der Vergangenheit nackt und unge⸗ ſchminkt, hier als ruhmgekrönte Vorbilder er⸗ habener Tugend, dort als gebrandmarkte Ma⸗ IV nen verworfenen Laſters, hier abſchreckend, dort anſpornend uns entgegentreten. Als weiſe, vorurtheilsfreie, unbeſtechliche Richte⸗ rin ſteht die Geſchichte, die Nemeſis der Zei⸗ ten, zwiſchen dem Capitol und dem tarpeji⸗ ſchen Fels, rügt ſonder Haß das Für und Wider, reißt den angemaaßten Lorbeer von der Stirn der nichtigen und ſchmückt damit die Schläfe der wahren Größe; hier frei⸗ ſprechend, dort verdammend; hier für die Ewigkeit aufbauend, was rachedurſtiger Fana⸗ tismus, engherzige Selbſtſucht und bedauerns⸗ werthe Dummheit auf Augenblicke zertrüm⸗ mert; dort zertrümmernd, was elende Heu⸗ chelei, ſchaamloſe Lüge und feiler Enthuſias⸗ mus leichtfertig aufgebaut haben.— Als milde Vermittlerin, als verſöhnendes Princip tritt die Geſchichte zwiſchen Herrſcher und Be⸗ herrſchte, Völker und Fürſten an die ewige Wahrheit mahnend, daß die Völker nicht der Fürſten, wohl aber die Fürſten der Völker wegen da ſind. Denn was iſt ein Fürſt ohne Volk? Ein Jupiter ohne Blitz, ein Mars ohne Schwert, eine Null ohne Eins. Der Fürſten Macht und Größe, der Fürſten Ruhm und Herrlichkeit iſt eine Emanation ihrer Völ⸗ ker. Das Volk iſt der Grundſtein, worauf der Fürſt die klingenden Pyramiden ſeines Ruhmes baut; aber dieſer ſtolze Pharavnen⸗ bau ragt nur ſo lange himmelan, als er auf feſter Baſis, auf der Liebe der Unterthanen ſteht; iſt dieſe erſchüttert, dann ſinkt der Bau in Trümmer zuſammen. Jene Fürſten aber, die ihre Macht und Größe, ihren Ruhm und ihre Herrlichkeit auf die ihrer Völker gründen, gleichen den Pyramiden von Dſchiſeh, an de⸗ ren Füßen die feindlichen Wogen, die empör⸗ ten Brandungen aufgeregter Zeit machtlos zer⸗ V ſchellen. Heil den Fürſten, Heil den Völkern, die dem Rathe der Geſchichte Gehör leihen! In den nachfolgenden Blättern habe ich verſucht, die Geſchichte des franzöſiſchen Ho⸗ fes zu ſtizziren, an dem Blicke meiner Leſer drei Jahrhunderte mit ſeinen wichtigſten Ereig⸗ niſſen, mit den gottgeſalbten Häuptern, mit den tapferſten Feldherrn, mit den hervorra⸗ gendſten Staatsmännern, mit den berühm⸗ teſten Gelehrten, mit den ausgezeichnetſten Künſtlern, vor Allem aber mit den einfluß⸗ reichſten Frauen, die in das geheimnißvolle Räderwerk der Politik eingegriffen haben, in ſcharfgezeichneten Umriſſen vorüberziehen zu lafſen, hier das Verdienſt, gleichviel ob es in glänzendem Fürſtenmantel oder in ſchlich⸗ tem Volkskleide aufgetreten iſt, würdig zu be⸗ — —— —— VII tränzen, dort das Laſter, gleichviel ob es ſich in einer Frauenrobe oder in einer Mönchskutte geltend gemacht, rückſichtslos zu entlarven. Der rothe Faden, der die einzelnen Skiz⸗ zen zu einem Ganzen verbindet, iſt die Liebe in ihren tauſendfachen Geſtaltungen, hier fri⸗ vol, dort ſentimental, hier naiv, dort tra⸗ giſch, hier wahr und dort erheuchelt! Dieſer rothe Faden zeigt dem Leſer, daß Liebe, nichts als Liebe, die geheime Triebfeder iſt, welche die meiſten Figuren der großartigen Schau⸗ bühne, auf der die Weltgeſchichte ſpielt, in Bewegung ſetzt. So ſteigt nun herauf, ihr allerchriſtlich⸗ ſten Könige von Frankreich und Navarra, ſteigt herauf ihr gottgeſalbten Häupter des ſchönſten Thrones der Chriſtenheit, ſteigt herauf aus Euern Gräbern, Ihr Könige par la gräce de Dieu, von Franz l. bis zu Napoleon par la VIII grace du Peuple. Ich bringe als Schilde⸗ rer Eurer Thaten weder Liebe für den Einen, noch Haß für den Andern mit und ſage wie Tacitus: „Mihi Galba, Otho, Vitellius, nec beneficio, nec injuria cogniti.“ Erſter Abſchnitt. Franz l. Geboren am 12. September 1494 zu Cognac. Koͤnig am 1. Januar 1515. Geſtorben am 31. Maͤrz 1547 zu Rambouillet. Erſtes Capitel. Der König und ſein Narr. (1536.) Tout est perdu hormis Phonneur. Fnangors I. Im Louvre ſchien ſchon Alles zu ſchlafen. Nur im ſuͤdoͤſtlichen Thurme der Citadelle ſchimmerten noch zwei Lichter durch das naͤchtliche Dunkel. Die⸗ ſen Theil des Schloſſes bewohnte Franz der Erſte, der ruhmgekroͤnte Sohn Karls von Orleans und Louiſens von Savoyen. Auch heute hatte der Koͤnig, begleitet von ſei⸗ nem Narren Triboulet, auf Abenteuer ausgehend, ſeinen mitternaͤchtigen Spaziergang durch die Stra⸗ ßen von Paris gemacht. Erſt vor einer Stunde war er heimgekehrt; ernſt und nachdenkend, das 1 4 gedankenvolle Haupt auf die blendendweiße Hand geſtutzt, ſaß er auf einem großen Lehnſeſſel vor dem Kamine. Nicht fern von ihm kauerte Tri⸗ boulet, die erloͤſchenden Kohlen zu neuem Leben anfachend. Im ganzen Louvre herrſchte tiefes Schweigen, nur durch das einformige Tiktak der großen Wanduhr und die wiederhallenden Tritte der Wachen unterbrochen, die im Hofraume und in den Corridors langſam auf und abgingen. Finſterer Ernſt lag auf der Stirn des Koͤnigs. — Heute alſo, ſprach Franz der Erſte, iſt der fuͤnfzehnte September. Vor zwanzig Jahren ſchlug ich an dieſem Tage die Schweizer bei Ma⸗ rignano; heute vor zwanzig Jahren ſchwelgte ich im Rauſche des erſten Sieges; heute vor zwan⸗ zig Jahren gruͤnte auf meiner Stirn der erſte Lorbeer; ermuͤdet von der Schlacht, die mein al⸗ ter Marſchall Trivulce* Combat de géants« ge⸗ nannt, ſchlief ich auf dem Laufe der eroberten Ka⸗ none. Er hielt inne und ſeußzte. — Ich bin traurig, Triboulet, fuhr er fort; 5 ſcherze von meiner Stirn, auf der der Lorbeer zu welken beginnt, die grauen Wolken des Miß⸗ muths weg. Sei luſtig, mein Junge! — Luſtig, luſtig und immer luſtig! Glaubt Ihr denn, Herr Vetter, daß Wir, von Gottes Gnaden, fou du Roi en titre d'office immer und ewig aufgelegt zum Spaßen ſind? — Ei, Burſche, wozu hab' ich Dich? Wo⸗ fuͤr zahl' ich Dir jaͤhrlich hundert Roſenobles? Kannſt Du mich nicht mehr erheitern, ſo jage ich Dich fort und ſuche mir einen Andern. Es giebt in meinem Frankreich— Dank dem Himmel— der Varren. — Mehr als zu viel, Herr Vetter. — Narren, die tauſendmal fleißiger... — Aber gewiß nicht ſo ſchoͤn und liebenswuͤr⸗ dig ſind als Euer treuergebener Triboulet. Der Koͤnig betrachtete ihn mit großen Augen und ſchlug ein lautes Gelaͤchter auf. — Dieſer Menſch— Gott und der Pabſt ver⸗ zeihe mir die Suͤnde— dieſes Monſtrum wollt' ich ſagen, dieſes Ungethuͤm mit ſeiner Kuͤrbisnaſe 6 und ſeinem Gnomenbuckel ſchmeichelt ſich, ſchoͤn und liebenswuͤrdig zu ſein. Iſt das nicht zum Todtlachen? — De gustibus non est disputandum. Um Euch, Herr Vetter, die Muͤhe des Ueberſetzens zu erſparen, ſei hinzugefugt, daß dies ſo viel als:»In Geſchmackſachen iſt nicht gut ſtreiten« heißt. Mein Spiegel ſagt mir, ich ſei der ſchoͤnſte Mann an Eurem Hofe.. — Der Schoͤnſte?! — Verſteht ſich nach Euch, und moͤgt Ihr mir's glauben oder nicht: es giebt Augenblicke, wo ich erroͤthend mir geſtehen muß, daß ich, von der guͤtigen Natur mit Reizen jeder Gattung verſchwen⸗ deriſch ausgeſtattet, gleichſam dazu geſchaffen bin, die Herzen aller Maͤnner, wollte ſagen aller Frauen, zu beſiegen. Der Koͤnig wollte berſten vor Lachen. — Lacht nur, Vetter, lacht nur. Genirt Euch nicht, Ihr ſeid ja Koͤnig, und ein Koͤnig darf thun, was ihm beliebt. Behauptet immerhin, ich ſei eine Mißgeburt, ein Schreckgeſpenſt, ein Un⸗ — gethuͤm. Ich weiß, was ich weiß. Dieſer unbe⸗ ſtochene Richter(bei dieſen Worten zog er einen kleinen Spiegel aus ſeinem Wams) ſagt mir klar und deutlich, daß ich mit Liebreiz ſo zu ſagen uber⸗ goſſen — Das iſt zum Todtlachen! — Schoͤn wie jener bithyniſche Juͤngling aus Claudiopolis, ein zweiter Antinous bin, und waͤrt Ihr ſo gerecht als Kaiſer Hadrian, beſaͤßet Ihr ſeinen Geſchmack, ſchon laͤngſt haͤttet Ihr, gleich Jenem, auf Euren Pagen Muͤnzen praͤgen, ihm zu Ehren Statuen und Altaͤre und einen Tempel auf Man⸗ tinea errichten laſſen. — Kerl, Du biſt verruͤckt, rief der Koͤnig, der ſich vor Lachen die Huͤften hielt. — So ſpricht der Neid! — Haſt Recht, mein Junge. Waͤr' ich nicht Franz der Erſte, ſo moͤcht' ich Triboulet, ſein er⸗ ſter Hofnarr, ſein. — So ſag auch ich. Waͤr' ich nicht Narr, ſo moͤcht' ich Koͤnig von Frankreich ſein. Ah, Ko⸗ nig ſein iſt fuͤrwahr ein huͤbſches Metier! Seine 8 Soldaten fuͤhren Schlachten, und er— er ſam⸗ melt die Beute; ſeine Unterthanen zahlen Abgaben, und er— er verpraßt ſie; ſeine Raͤthe denken fur ihn, und er— er glaubt, Gott weiß wie ſehr gearbeitet zu haben, wenn er unter das, was An⸗ dere geſchrieben, ſeinen Namen klext. — Junge, nimm Dich in Acht! — Nulla regula sine exceptione, und um Euch die Muͤhe des Ueberſetzens zu erſparen, ſei hinzugefuͤgt, daß dies ſo viel als:„Keine Regel ohne Ausnahme« heißt. Ihr, Herr Vetter, ge⸗ hoͤrt zu den Ausnahmen, das verſteht ſich von ſelbſt. — Nur ein Narr, wie Du, kann glauben, daß das Loos der Koͤnige zu beneiden ſei. Wir Koͤnige ſind ja auch nur Menſchen und haben, wie alle Andern, unſern Kummer, unſere Sorgen... — Ihr ſeid traurig, ſagtet Ihr vorhin; quel mouche vous a piqué? — Der Himmel gab uns ein geſalbtes Haupt und ein gebrochenes Herz... — Seid Ihr ungluͤcklich? Koͤnnt Ihr die 9 fromme Claudia, Eure erſte Gemahlin, noch nicht vergeſſen? Ich bitt' Euch, Vetter, laßt die Todten ruhen. Oder iſt Eleonore, Eure jetzige Gemahlin, die Wurzel Eures Kummers? Liebt ſie Euch oder liebt Ihr ſie nicht? Je nun, machts wie Euer Nachbar, der achte Heinrich von England.— Vor vier Jahren trennte er ſich von Katharina von Aragonien und heirathete eine Eurer Hofdamen, die ſchoͤne Anna Boulen; vor Kurzem ließ er ſie enthaupten, und drei Tage ſpaͤter vermaͤhlte er ſich mit Johanna Seymour. Der Mann conſumirt viele Frauen, er verſtoßt jeden Tag eine Andere. Wer kann es ihm wehren? Er iſt ja Koͤnig, und ein Konig darf thun, was ihm beliebt. Seid Ihr der Koͤnigin uͤberdruͤßig, ſo laßt Eleonoren, die Tochter Philipps des Erſten von Spanien, die Schweſter Karls des Fuͤnften aufs Schaffot ſchlep⸗ pen, und waͤhlt Euch unter den Damen Eures Ho⸗ fes eine Andere. Ihr ſeid ja Koͤnig, und ein Koͤnig darf thun, was ihm beliebt. — Schweig, Narr! Ich liebe die Koͤnigin, ob unſere Ehe gleich kinderlos, aber.. 1* 10 — Ihr liebt außer Ihr noch eine Andere. Nicht wahr? — Wer ſagt das? — Ein Narr, und Kinder und Narren pflegen die Wahrheit zu ſagen... — Ja, Triboulet, ich mags Dir nicht verhehlen, ich liebe.. — Aber wen? — Frangoiſe de Foir. — Die Graͤfin von Chateaubriant? — Die Hofdame der Koͤnigin. — Vergeßt ſie, Vetter.— Die Dame, die Ihr genannt, iſt fabelhaft keuſch, und ihr Gemahl kannibaliſch eiferſuͤchtig; mit Argusaugen be⸗ wacht er jeden ihrer Schritte, und lieber toͤdten wurde er ſie, als zugeben, daß ſie als ein Opfer Eurer Luͤſte falle. — Du haſt Recht, ſprach der Koͤnig, und holte tiefen Athem. — Es giebt dreimal juͤngere und zehnmal ſchoͤnere Frauen an Eurem Hofe, waͤhlt Euch eine Andere. 11 — Ach, wer doch ein Mittel beſaͤße, jede Frau, die man liebt, ſchnurſtracks in ſich verliebt zu machen! All' meine Schloͤſſer, meine Krone, mein ganzes Koͤnigreich fuͤr einen Talisman, der die Zauber⸗ macht beſaͤße, dieſem Weibe, das ich liebe mit nie gefuͤhlter Gluth, Gegenliebe fuͤr mich einzufloͤßen. Triboulet, Du biſt ein kluger, pfiffiger, verſchmitzter Kauz, weißt Du keinen Rath, mein Junge? — Ich bin ja nur ein armer Narr, ein ein⸗ faͤltiger Tropf.— Sprecht mit Eurem Weiſen, mit Eurem großen, ſupperklugen, hochgelahrten Noſtradamus, der die Weisheit mit Loͤffeln gegeſſen und am Hofe, wie beim Volke, im Geruch der Zauberei ſteht. Er koſtet Euch ſchweres Geld und was thut er dafuͤr. Er guckt in die Sterne, treibt Alchymie und verſchreibt Euch ein Pulver oder Traͤnkchen, wenn Euer allergnaͤdigſter Unterleib ver⸗ ſtopft zu ſein geruht. Er, welcher vorgiebt, Alles zu wiſſen, wird doch wohl ein Arcanum oder einen Talisman kennen, die vermoͤgend ſind, Euch zum Ziele Eurer Wuͤnſche zu fuͤhren? Sprecht mit dieſem großen Magos, ſetzt ſeine Weisheit auf die * 12 Probe, fuͤhlt ſeiner Klugheit auf den Zahn es kann ihr gar nichts ſchaden... — Haſt Recht, mein Junge, das will ich thun und zwar noch heute... jetzt gleich. Es iſt doch noch Licht in ſeinem Laboratorium? — Ei freilich! Seine Eminenz legt ſich ja dann erſt nieder, wenn die Sonne und wir anderen ehrlichen Leute wieder aufſtehen. — Komm, leuchte mir! Sie erſteigen eine hohe, ſchmale Wendeltreppe. Zweites Capitel. RNo ſtradamus. Nostra damus, cum falsa damus, nam fallere nostrum est; Et cum falsa damus, nil nisi nostra damus. FrIERNME JopRrTR. Mitten unter Folianten, Todtenkoͤpfen, Sand⸗ uhren, Himmelskarten, Zirckeln, Fernroͤhren, Re⸗ torten, Schmelztiegeln, Recipienten und andern chaotiſch durch einander geworfenen chemiſchen Ap⸗ paraten, ſaß ein langer, hagerer Mann in einem weiten, ſchwarzen Talare, den um die Huͤften ein weißer, mit Hieroglyphen uͤberſaͤtter Guͤrtel zu⸗ ſammen hielt. Dieſer Mann war Noſtradamus, den Katharina von Medicis, die Gemahlin des Dauphins, an den Hof berufen. Michel de Noſtradamus, 1503 zu St. Remy in der Provence geboren, ſah, ob er gleich erſt 14 drei und dreißig Jahre zaͤhlte, wie ein Greis von hundert Jahren aus. Nachtwachen und Studien, welche Geiſt und Koͤrper in gleichem Maße an⸗ geſtrengt, hatten ſeiner hohen Stirn tiefe Furchen eingepraͤgt; duͤnnes, ſpaͤrliches Haar umflatterte ſeinen halbkahlen Scheitel; ein langer, wilder, ver⸗ worrener, ins Graue ſpielender Bart bildete den Rahmen ſeines abgelebten, eingefallenen Geſichts, in deſſen Zuͤgen etwas Geſpenſterhaftes lag, das in hohem Grade abſchreckend, man konnte ſagen: grauenhaft war. Jeder, der dieſen Mann zum erſten Male ſah, fuͤhlte bei deſſen Anblick ein un⸗ 5 heimliches, beengendes Froͤſteln. Das kam daher: der allgemeine Ruf bezeichnete ihn als einen tief⸗ gelahrten, aber hoͤchſt gefaͤhrlichen Menſchen, der mit unterirdiſchen Geiſtern ein Buͤndniß geſchloſſen und ihnen ſeine Seele verſchrieben. Der Teufel, hieß es, habe ihn dafuͤr in die geheimſten Geheim⸗ niſſe der Natur eingeweiht, ihm Dinge offenbart, die fruͤher noch kein Sterblicher erforſcht: er koͤnne in den Sternen das Schickſal der Sterblichen leſen, die Zukunft weiſſagen, Arcana bereiten, die dem 15 Menſchen ewige Geſundheit ſichern und— was das non plus ultra ſeiner diaboliſchen Weisheit war— aus unedlen Metallen Gold, echtes Gold, brauen. Es gab mehr als einen Leichtglaͤubigen, der ſich ruͤhmte, Roſenobles zu beſitzen, die aus dem Schmelztiegel des großen Adepten Noſtrada⸗ mus hervorgegangen.— Von juͤdiſcher Herkunft, hatte er ſich von Jugend auf mit dem Talmud beſchaͤftigt und die dunkeln Quellen der Kabbala ſtudirt, woraus er das Geheimniß erlernt, durch Talismane Wunder zu uͤben. Er formte aus Lehm ein geheimnißvolles Weſen, dem er ein Zauberwort auf die Stirne ſchrieb, wodurch es Leben bekam. Einmal ſogar ſoll er einen Todten, durch Einfluͤ⸗ ſterung einer kabbaliſtiſchen Formel, wieder ins Leben gerufen haben. Dies alles, halb Erfindung, halb Wahrheit, lieh ſeiner Erſcheinung einen Nimbus, der auf alles, was ihn umgab, einen unheimlichen Glanz warf. Er ſaß und ſchrieb und war ſo vertieft in ſeine Arbeit, daß er nicht das Klopfen an die Thuͤr vernahm. 16 Man pochte jetzt ſtaͤrker. — Wer da? rief Noſtradamus, aufgeſchreckt durch das Geraͤuſch. — Der Koͤnig! Noſtradamus ſchob den Riegel zuruͤck und oͤffnete. — Salut, salut, mon Vieux, rief der Koͤnig und luͤftete ſein Barett. — Ich flehe auf Euch den Segen des Him⸗ mels herab. — Danke, danke, mein Alter. — Darf ich fragen, was Euch noch zu ſo ſpaͤter Stunde zu Eurem treuen Diener fuͤhrt? — Das ſollt Ihr gleich erfahren, lieber Meiſter; doch zuvor erzaͤhlt mir, was Ihr da geſchrieben habt. — Ich pflege das, was ich im Sternenbuche des Himmels geleſen, allnaͤchtlich aufzuzeichnen. — Und darf man wiſſen, was Ihr heute im Sternenbuche des Himmels geleſen habt? — Viel und Mancherlei, aber leider wenig Gutes. 17 — Stand nichts vom Koͤnig Franz in Euren Sternen da oben? — Ihr habt Euch, wie Julius Caͤſar, vor dem Maͤrz⸗Monat zu huͤten, der Eurem Leben Gefahr droht. — Im Februar, mein Alter, wird es Zeit ſein, ſich vor dem ſchlimmen Maͤrz zu huͤten. Doch ſagt, was habt Ihr da fuͤr Verſe geſchrieben, fragte der Koͤnig, ſeine großen Augen neugierig auf ein Papier heftend, worauf folgende Verſe ſtanden: „Le lion jeune le vieux surmontera En champ bellique par singulier duel, DPans cages d'or les yeux lui crevera Deux plaies une, puis mourir mort cruel.“ — Was bedeutet dieſes Quatrain? — Sire, es iſt eine truͤbe Prophezeihung, die ſich auf Euren Sohn Heinrich bezieht, der— ſo ſteht es in den Sternen— in einem Tourniere verwundet und in Folge dieſer Wunde ſterben wird. — Koͤnnt ihr mir ſagen, Meiſter, woran wohl ich ſterben werde? — Ihr werdet ſterben an einer unheilbaren Krankheit. 18 — Natuͤrlich, ganz natuͤrlich; denn wenn die Krankheit heilbar waͤre, wuͤrde ich nicht daran ſter⸗ ben. All' Eure Weiſſagungen, die Ihr centurien⸗ weiſe in die Welt ſchickt, ſind doppelſinnig, unklar und myſtiſch wie die Ausſpruͤche der alten Pythia.... Doch nun zu etwas Anderm!— Ich weiß, Ihr ſeid ein Tauſendſaſa, ein Schwarzkuͤnſtler, ein Kab⸗ baliſt und halber Hexenmeiſter, dem, wie Ihr oſt ſelbſt geſagt, maͤchtige Geiſter das goldene Buch der Geheimniſſe aufgeſchloſſen, worin Ihr geleſen habt alle Myſterien der Natur.— Koͤnnt Ihr mir wohl ein Arcanum, einen Talisman oder ſonſt ein Mittel verſchaffen, das mich, den Mann von zwei und vierzig Jahren, bei jeder Frau, die mir gefaͤllt, angenehm und beliebt macht? Meiſter, giebt es ſolch ein Mittel? — Ja, es giebt ein Mittel! — Ihr ſcherzt, Meiſter. — Das Leben iſt zu ernſt... der Scherz iſt mir verhaßt... — Ihr glaubt alſo wirklich, daß es Mittel gaͤbe, die mich zum Ziele fuͤhrten? 19 — Nennt mir Euer Ziel! — Ich liebe die ſchoͤnſte Frau meines Reiches: die Graͤfin von Chateaubriant. Ihre Liebe iſt das Ziel, das meine Seele zu erreichen ſtrebt. — Sire, Euch kann geholfen werden. — Ihr macht mich gluͤcklich... — In drei Tagen erhaltet Ihr von mir einen Talisman, den Schluͤſſel zu dem Herzen Eurer Dame, aber.. — Sprecht, Meiſter, ſprecht! — Zur Bereitung dieſes Talismans braucht Euer Diener.... — Gold? Wieviel, wieviel? — Fuͤnftauſend Roſenobles. — Das Doppelte, mein Alter, wenn die Graͤ⸗ fin ſich mir ergiebt... in drei Tagen alſo... — Habt Ihr den Talisman... — Und Ihr, Meiſter, zehntauſend Roſenobles. Habt Ihr mich aber nur getaͤuſcht, verfehlt Euer Mittel ſeine Wirkung, ſo tragt Ihr— ich ſchwoͤr's bei unſerer lieben Frau, der gebenedeiten Mutter Gottes— Euern Kopf aufs Schaffot. Und nun — 20 gute Nacht, Herr Doctor; in zwei Stunden kraͤht der Hahn ſein Morgenlied; legt Euch ſchlafen, Meiſter, gute Nacht, gute Nacht! Der Koͤnig wollte gehen. — Halt, noch Eins, ſprach er umkehrend. Nur Ihr und Triboulet wißt um das Geheimniß meine Herzens. Wehe dem, der einem Dritten es verraͤth. — Meinetwegen ſeid unbeſorgt, ich kann ſchweigen wie ein Grab, wie aber, wenn Euer Va — Kuͤmmert Euch nicht um Andere.— Tri⸗ boulet weiß zur rechten Zeit zu ſchwatzen und zur rechten Zeit zu ſchweigen. Und ſomit Gott be⸗ fohlen! — Der Himmel ſchenke Euch einen ruhigen Schlaf.— Franz nickte freundlich und ging. Auf der Treppe harrte Triboulet mit der Leuchte. Drittes Capitel. Die Gräfin von Chateaubriant. Auf einem gelbdamaſtenen, reichbrochdirten Ruhebette lag, in ein uͤppiges Negligé gehuͤllt, eine Dame von bewundernswerther Schoͤnheit. Es war Frangoiſe de Foix, Graͤfin von Chateaubriant'“). Zu ihren Fuͤßen ſaß Deniſe, eine bildhuͤbſche Kam⸗ merzofe, die ihrer Gebieterin ein Buch vorlas. — Wie iſt es moͤglich, ſprach die Graͤfin, die Vorleſung unterbrechend, daß die holde Muſe der Dichtkunſt, herabſteigend von ihrer Sonnenhoͤhe, ſich ſo tief erniedrigen kann? Wie iſt es moglich, *) Ihr Vater Phöbus de Foir, Vicomte de Lautrec, und ihre Mutter Jeanne d'Aydie, die älteſte Tochter Odet's d'Aydie, Grafen von Comminges, erkannten nur die Prin⸗ zen von Geblüt über ſich.— Frangoiſe de Foir wurde 1495 geboren und, vierzehn Jahr alt, mit Jean de Laval Montmorency, Grafen von Chateaubriant vermählt. 2 frage ich, daß Clement Marot, der Sohn eines Kammerdieners, ſo ſchoͤne Verſe dichten kann?— Ich wage es kaum zu geſtehen, daß mir das Ta⸗ lent dieſes Menſchen einen Anflug von Bewun⸗ derung abtrotzt.— Einem Plebejer haͤtte ich nie⸗ mals ſo viel Poeſie zugetraut.— Welch' ein Schatz von Phantaſie, welch' eine Fuͤlle von Gemuͤth! Waͤre er nicht der Sohn eines Kammerdieners, man koͤnnte ihn ſogar liebenswuͤrdig finden.. — Ihr werdet es nicht glauben, meine Gebie⸗ terin, wenn ich Euch ſage, daß Clement Marot die Verſe, die Ihr ſo ſchoͤn gefunden, auf mich gemacht.— — Auf Dich? wiederholte ſpitz die Grafin und zuckte die Achſel. — Ja, auf mich, gnaͤdige Frau! — Einem Menſchen, dem die Gabe verliehen, ſo hubſche Verſe zu machen, haͤtte ich, nimm es nicht uͤbel, mein Kind, einen beſſern Geſchmack zugetraut.. — Bin ich denn ſo haͤßlich? fragte das arme huͤbſche Kind. — 23 — Dies eben nicht, aber Du biſt ja nur ein Kammermaͤdchen. Deniſe ſchwieg.. es koſtete ihr Muͤhe eine Thraͤne zu verbergen, die ſich aus ihrem großen, blauen, ſeelenvollen Auge ſtahl, das der Dichter, der ſie beſungen,»miroir du ciel« genannt. Zum Gluͤck trat ein Page ein. — Gnaͤdige Frau, ſprach der kleine Blondkopf, der Doctor Noſtradamus bittet um die Erlaubniß, vorgelaſſen zu werden. — Er mag eintreten. Geh, Deniſe! Die ſchoͤne Kammerzofe erhob ſich von ihrem Polſterkiſſen und entfernte ſich. Als ſie im Vor⸗ ſaale war, trocknete ſie mit ihrem Schuͤrzchen die Thraͤnen, die wie blitzende Thauperlen an den langen Wimpern ihrer Augen hingen. Die Graͤfin richtete die ſeidenen Kopfkiſſen em⸗ por.— Der Page fuͤhrte den Doctor ein und entfernte ſich ſchnell. — Friede mit Euch, Frau Graͤfin von Cha⸗ teaubriant, ſprach Noſtradamus. M — Ich heiße Euch willkommen, Doctor. Ihr findet mich unwohl. — Was fehlt Euch, ſchone Graͤfin? — Ich habe mich auf dem letzten Hofball im Louvre etwas erhitzt und dann erkältet. Nichel de Notre⸗Dame fuͤhlte ihren Puls. — Seid unbeſorgt.. morgen ſeid Ihr wieder wohl. — Schon lange hatte ich nicht das Glůck, Euch bei mir zu ſehen; iſt es erlaubt zu ftagen, was mir heute die Ehre Eures Beſuches verſchafft? — Ich komme mit froher Botſchaft.... — Ihr macht mich neugierig, Doctor. — Als ich in vergangener Nacht in den Him⸗ mel und ſeine Myriaden Augen geſchaut, entdeckte ich ein glänzendes Geſtirn, das Euch, holde Gräͤfin, großes Gluͤck verheißt. Wenn des Himmels Sterne und meine Augen mich nicht trůgen, ſo ſeid Ihr zu etwas Großem auserkoren.— Euer Stern iſt der nächſte an dem Jupiter.... Jupiter iſt der groͤßte aller Sterne... der Konig der Goͤtter... Habt Ihr mich verſtanden, Frau Graͤfin von Chateaubriant? 2 — Ihr redet unklar. Sagt's mir klar und unumwunden, was Eure Sterne mir verheißen. — Nun denn: der Koͤnig liebt Euch! — Der Koͤnig?! rief Frangoiſe de Foir freu⸗ dig erſchreckt. Doctor, ſprecht nicht ſo laut! Die Waͤnde haben Ohren: hinter jeder Thuͤr im Louvre lauſcht ein Verraͤther. Was Ihr ſo eben geſagt, hat mein Gemahl ſchon laͤngſt geahnt, ſchon laͤngſt gefuͤrchtet. Seine Eiferſucht kennt keine Grenze: er hat mich, waͤhrend ſeiner Abweſenheit, mit Spionen umgeben, die jeden meiner Blicke beob⸗ achten, jeden meiner Schritte bewachen... — Auch Argusaugen werden eingeſchlaͤfert, wenn man vorſichtig iſt. — Es iſt alſo wahr, wirklich wahr, daß er mich liebt? O wiederholt es mir noch zehn, noch tauſend Mal, daß er yich liebt, er, der Koͤnig! — Die Sterne luͤgen nicht, der Koͤnig liebt Euch! — O wuͤßtet Ihr, wie gluͤcklich Ihr mich macht! Auch ich liebe den Koͤnig, liebe ihn ſeit jenem Tage, wo es zum erſten Male mir vergonnt . 2 26 war, mich in dem Strahle ſeiner Augen, in der Glorie ſeiner Majeſtät zu ſonnen. Ach, was hab' ich nicht Alles verſucht, ſein Bild, das ſich in die tiefſte Tiefe meiner Seele eingepraͤgt, zu verloſchen, was hab' ich nicht Alles verſucht, um die maͤchtig wuchernde Liebe, die jetzt all meine Sinne, mein Herz, meine Seele umrankt, ſchon im Keime zu erſticken! Die Pflicht hat mit der Liebe, die Gat⸗ tin mit der Geliebten gekaͤmpft; vergebens, die Liebe hat geſiegt! — Nun denn, ſo hoͤrt: Nicht von den Sternen nur, auch aus des Koͤnigs eignem Munde weiß ich, daß er Euch liebt. Vertrauen weckt Ver⸗ trauen.— Geſtern, lange nach Nitternacht, be⸗ ſuchte er mich in meinem Laboratorium und be⸗ fahl mir, ihm innerhalb drei Tagen einen Talis⸗ man zu ſchaffen, der die Macht beſitze, Euch Liebe für ihn einzufloßen. Ihr kennt den Koͤnig. Ich verſprachs. Freitag iſt wieder Ball im Louvre. Der Koͤnig wird Euch einen Ring ſchenken.. dieſer Ring kommt von mir hhr nehmt den Ring und ergebt Euch Eurem Herrn und — Koͤnig. Eure Tugend erliegt dann nicht dem Ge⸗ fuͤhle Eures Herzens, ſie folgt nur der Gewalt des Zaubers, und Euch und mir iſt dann geholfen. Sprecht, Graͤfin, ſeid Ihr bereit, zu thun, was ich verſprochen? — Ich will das und mehr noch wagen, um ihn, den Koͤnig, zu feſſeln. — Gott ſegne Euch dafuͤr, ſprach Noſtrada⸗ mus, legte ſeine fleiſchloſe, runzelige Hand auf ihr Haupt, murmelte eine unverſtaͤndliche Formel und entfernte ſich. W Viertes Capitel. Ein Ball im Lonvre. Une cour sans femmes— une année sans printemps— un printemps sans roses. Fnancors I. Der ganze Louvre war feenhaft erleuchtet. Der zauberiſche Glanz, den die Luͤſtres und Girando⸗ len durch die Fenſter warfen, erhellte die Nacht und den Quai, der die traͤumeriſch voruͤberziehende Seine einfaßt. Im Innern des Louvre erſchallte eine uͤppig rauſchende, frohlich laͤrmende Mufik, die dumpf herubertonte bis zum Pré aut Cleres, jenem welthiſtoriſchen Platze, von dem Brantome, der glaubwuͤrdigſte Geſchichtsſchreiber jener Zeit, uns erzählt, daß hier, oft wegen der nichtigſten Kleinigkeit, das Blut der tapfeſten Ritter floß. Man konnte ſagen, daß es in Paris keinen zwei⸗ — 29 ten Ort giebt, an dem mehr Blut klebt, als an dem Pré aux Cleres, wo oft an einem Abend vierzig, funfzig Duelle ihre blutige Spur zuruͤck⸗ ließen. In den Saͤlen des Louvre prangte der Flor des Hofes und die Bluͤthe der Ritterſchaft. Franz der Erſte und Eleonore von Portugal, der Dauphin und ſeine Gemahlin, Katharina von Medicis, mit dem hundertaͤugigen Pfauenſchweif ihrer Hoffräu⸗ lein und dem vielgoldigen Schwarm der Groß⸗ Dignitaires bildeten das impoſanteſte Gewuͤhl, das man ſich denken kann. Aus dem Kranz der Frauen ſtrahlten zwei Blumen hervor, die alle anderen verdunkelten: Frangoiſe de Foir, Graͤfin von Chateaubriant und Anne de Piſſeleu; dieſe eine Cleopatra, die im Sturm die Herzen der Maͤnner erobert, jene eine Aspaſia, die einſchmeichelnd ſich der Herzen be⸗ meiſtert; dieſe eine anziehende, jene eine feſſelnde Schoͤnheit; aber Jede von ihnen ein Engel an Liebreiz, obwohl die Erſtere viel älter als die Letztere war. 30 Auch Noſtradamus, der große Weiſe, und Tri⸗ boulet, der kleine Narr, fehlten nicht. Hier, wie uͤberall im Leben, ſah man Eytreme ſich beruͤhren. Des Koͤnigs Auge flog, dem Schmetterlinge gleich, von einer Blume zu der andern, um aus allen Honig zu naſchen; lͤſtern umſchwaͤrmte es den ganzen Flor, doch am laͤngſten und liebſten hing es an der Wimper der zuͤchtig verhuͤllten, lieblich verſchaͤmten Graͤfin von Chateaubriant. Die Liehe betrachtet ihren Gegenſtand mit Augen, die ſelbſt das Haͤßlichſte fuͤr ſchoͤn und reizend an⸗ erkennen; kein Wunder, daß ſie ihm von Allen die Schoͤnſte ſchien! Sein liebetrunkener Blick weilte mit zitternder Wolluſt auf dem Bouquet ihrer Reize: er konnte ſich nicht ſatt ſehen an ihrer uͤppigen Geſtalt, an ihrem ſchoͤn geformten Arm, an ihrem feingedrechſelten Fuß und an dem vollen Nacken, deſſen blendend weißer Schnee ge⸗ hoben wurde durch ein winzig kleines, dunkelbrau⸗ nes Maal. Von allen Nacken, ſagt man, ſeien dieſe die gefaͤhrlichſten. Der Koͤnig ſchwelgte in der Vorahnung der 31 hoͤchſten Seligkeit. Wenn ihr Blick dem ſeinigen begegnete, da klopfte ihm das Herz und er druͤckte den Ring, den ihm Meiſter Noſtradamus als Ta⸗ lisman an den kleinen Finger der linken Hand geſteckt. Es war ein breiter, maſſiv goldener Reifring mit einem roſenfarbenen Diamanten; an jeder Seite dieſes ſeltenen Steines waren zwei Buchſtaben eingegraben, auf der einen A. M., auf der andern M. A. Als der Koͤnig ihn be⸗ fragte, was dieſe Zeichen zu bedeuten hätten, ſagte Jener, es ſeien kabbaliſtiſche Charactere, die eine Zauberformel enthielten, der ſich alle Geiſter der Liebe unterwerfen muͤßten. Triboulet aber legte die vier Buchſtaben ſo aus: Aimez-moi, mon Ange, fuͤgte aber ſarkaſtiſch laͤchelnd hinzu, daß es auch wohl anders heißen koͤnne——— Franz nahm den Scherz ſeines Narren ſehr uͤbel, denn er ſetzte auf dieſen Ring ſeine ganze Hoffnung. Noſtradamus und ſein Talisman konn⸗ ten und durften nicht taͤuſchen, dafuͤr buͤrgte der Kopf des großen Magos. Die Glocke von St. Germain des Prés hatte 32 eben die zehnte Stunde verkuͤndet, als ſich der Hof von der Tafel erhob. Die Graͤfin von Chateaubriant fluͤchtete in einen der Nebenſaͤle, um dort, von keinem Auge beobachtet, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Der Koͤnig folgte ihr. — Verzeihet, ſchone Graͤfin, daß ich Euch uͤberall verfolge. Trabanten muͤſſen, ſie moͤgen wollen oder nicht, dem Laufe ihrer Sonne folgen. — Mein Koͤnig, hauchte die Graͤfin, und ſenkte erroͤthend ihr Auge nieder. — Wenn Ihr auf allen Euren Wegen mir begegnet, ſo glaubt es nur, ich bin nicht Schuld daran. Dem Schatten gleich an Eure Ferſe feſt⸗ geſchmiedet, muß ſtets mein Fuß der Spur des Euren folgen... In Eurer Naͤhe bluͤht mein Gluck — Sire, Ihr ſpottet meiner.. — Wie wenig kennt Ihr Eure Reize, wenn Spott Ihr nennt, was Ehrfurcht und Bewunde⸗ rung ſpricht. — Ihr ſeht mich tief beſchaͤmt... 33 — O wendet Euch nicht ab es iſt ſo ſchoͤn, auf Eurer Wange Hermelin den Purpur holder Scham zu ſehn. Vergoͤnnt mir Eures Auges Licht und hoͤrt mich an: Seit jenem Tage, an dem, auf mein Geheiß, Ihr an dem Hof er⸗ ſchient, ſeit jenem Augenblick, wo ich zum erſten Male Euch geſehen, fuͤhl ich fuͤr Euch, was ich fur Keine noch gefuͤhlt. Ich lieb Euch, Frangviſe, lieb Euch Eurer Schoͤnheit, Eurer Tugend willen und kann nicht laͤnger leben ohne Euch. Im Staube liegt vor Dir Dein Konig, er kuͤſſet Dei⸗ nes Kleides Saum und fleht Dich an um Gegen⸗ ebe Franz beugte ſeine Knie. die Graͤfin erhob ihn raſch und ſank, mit Freudenthraͤnen in den Augen, an ſeine Bruſt. — Wer dieſem Koͤnig widerſtehen kann, iſt mehr als Weib, rief Frangoiſe de Foir, in Wonne aufgeloͤſt. Mein koͤniglicher Herr, hoͤrt nun auch mein Geſtaͤndniß an. Auch ich hab' Euch im Stillen laͤngſt geliebt, geliebt mit allen Kraͤften meiner Seele... O ſuͤße Wonne, daß ich es 0* 34 ſagen darf, daß Ihr die Sonne meines Lebens, der Hymnus meiner Liebe ſeid... Sie lagen Bruſt an Bruſt und hoͤrten die lauten Schlaͤge ihrer Herzen. — Komm, Frangviſe, ſprach der Koͤnig und zog ſie ſanft auf den Divan, komm, ſetze Dich zu Deinem Frangois und nimm von ihm, als Angedenken dieſer ſchoͤnen Stunde, dies kleine Zeichen ſeiner Liebe an. Bei dieſen Worten zog er den Ring des Noſtradamus von ſeinem Finger und ſteckte ihn an den Mittelfinger ihrer rechten Hand, denn der Meiſter hatte geſagt, daß der Talisman an jedem andern Finger ſeine Wirkung verlieren wuͤrde. Der Ring ſtack kaum an dem bezeichneten Finger, als ſie ſich liebegluͤhend zu ihm neigte und ihm als Dank fuͤr ſeine Gunſt den erſten Kuß als Zeichen ihrer Liebe reichte. Die Muſik tonte von dem großen Saale, in dem getanzt wurde, nur leiſe heruͤber. die Liebenden ſaßen Aug an Aug, Mund an Mund, Herz an Am andern Morgen erhielt Meiſter Noſtrada⸗ mus von Florimond Robertet, Geheimſchreiber und Schatzmeiſter Seiner Majeſtaͤt, 10,000 Roſenobles ausgezahlt. Ob aus dem oͤffentlichen Staatsſchatz oder aus der Privatchatulle des Koͤnigs, iſt unbe⸗ ſtimmt. Die Koͤnige damaliger Zeit waren weit beſſer daran, als die jetzigen. Sie wußten nichts von Budgets und Civilliſten und durften ſo viel verſchwenden, als ihnen gefaͤllig war. Schoͤne Zeit, warum kehrſt du nicht zuruͤck! Fünftes Capitel. Das Ende Noſtredame's. (1566.) „Alles iſt eitel!“ König Salomo. Dieſer Noſtradamus, der ſpaͤter unter Katha⸗ rina von Medicis, die ihn zu ihrem Leibarzt er⸗ nannt hatte, eine große Rolle geſpielt, ſtarb am 2. Juli 1566 zu Salon in der Provence. Er hatte den Tag und die Stunde ſeines Todes vor⸗ ausgeſagt, indem er am Ende des Juni im Ka⸗ lender des Jean Stadius die Worte: hie propre mors est(hier iſt mein Tod nahe) beigeſchrieben hatte.. Er wurde in der Franziskaner Kirche begra⸗ ben, wo man ihm ein Denkmal ſetzte. Die vollſtaͤndigſte Ausgabe ſeiner prophetiſchen 37 Centurien erſchien im Jahre 1668 gedruckt von Elzevir in Amſterdam. Unter der Unzahl ſeiner Prophezeihungen iſt folgende am merkwuͤrdigſten: Anno willeno....... 1000 Bis ter centeno.... 600 Ter quadrageno..... 120 Bis ter bis nono...... 24 Finem tibi, Gallia, pono 1744 Hans Sachs hat dies ſo uͤberſetzt: Wenn man ſchreibt tauſend an der Zahl 1000 Fortan dreihundert zu zweimal 600 Und wieder vierzig zu dreimal.. 120 Dann zweimal drei zu zweimal neun. 24 So wird es aus mit Frankreich ſein 1744 Man ſieht aus dieſer Berechnung, daß auch Propheten irren konnen*). In einem eiſernen Kaſten, der in der Wand eingegraben war, fand man 50,000 Roſenobles, die, wie man aus einem beigefugten Zettel erfuhr, der Meiſter ſelbſt fabricirt hatte. * Im Jahre 1781 wurden Noſtredame's Weiſſagun⸗ gen, weil ſie den untergang des Pabſtthums prophezeit, von Pius VI. verboten.— 38 Ein Chemiker ſpaͤterer Zeit, der mehrere dieſer Roſenobles chemiſch zerſetzt hat, gab folgende Be⸗ ſtandtheile an: ein Zwanzigſtel wirkliches Gold, ein Viertel Queckſilber, ein Viertel Kupfer, ein Scrupel Eiſen, ein Achtel Zinn und das Uebrige eine unbekannte Miſchung. und dennoch waren die Roſenobles lange Zeit ſehr geſucht, denn der Aberglaube des Volkes lieh dieſer falſchen Muͤnze magiſche Kraͤfte. Man be⸗ trachtete ſie als ein Praͤſervativmittel gegen anſtek⸗ kende Krankheiten und zahlte fuͤr ſie oft das Doyp⸗ pelte ihres Werthes. Sein Bruder Jean de No⸗ ſtredame war Procurator beim Parlament zu Air und ſchrieb provengaliſche Gedichte, die ſchon, aber hochſt ſchlupfrich ſind. Auch ſchrieb er eine»Ge⸗ ſchichte der Troubadours,« die im Jahre 1575 erſchien, aber ſehr unvollſtaͤndig iſt. Ein Sohn von Michel, Céſar Noſtredame, machte ſich ſpaͤter durch eine Chronik der Pro⸗ vence bekannt. Sechſtes Capitel. Anne de Piſſelen. Elle etoit la plus sage des pelles et la plus belle des sages. CRAnTLRS DE SaIRTR- Manruß. Es iſt das Loos der Frauen geliebt und— vergeſſen zu werden. Die Graͤfin Chateaubriant hatte dem Koͤnig ihre Tugend, ihre Reize geopfert; Franz hatte ſie geliebt, vergottert, angebetet; er hatte ihr ewige Liebe, ewige Treue geſchworen. Aber weh Euch armen Frauen, die Ihr auf Koͤnigs⸗ ſchwuͤre baut! Ihr werdet, fruher oder ſpäter, uber Undank, uͤber Meineid weinen. Frangviſe de Fvir glaubte ſich noch immer ge⸗ liebt, als des Koͤnigs treuloſes Herz lange ſchon fur eine Andere ſchlug. Anne de Piſſeleu, Ehren⸗ dame der Koͤnigin Mutter, ein ſchones, kluges, geiſtreiches, aber ſtolzes, habgieriges, herrſch⸗ und tapferer, ruhmgekroͤnter Held, der Erſte unſerer 40 raͤnkeſuͤchtiges Weib, hatte ſich ſpielend, wie ein Zephir in den Kelch der Blume, in das Herz des Koͤnigs eingeſchlichen und ſich allmaͤlig ſeiner Ge⸗ danken und Gefuͤhle bemeiſtert. — Ihr liebt mich, ſagte ſie zum Koͤnig, der ſchwaͤrmend zu ihren Fuͤßen lag, und wollt, daß ich Euch wieder lieben ſoll.— Euer Herz, mein Koͤnig, iſt getheilt zwiſchen mir und einer Andern, die, verzeiht mir, wenn ich offen rede, nicht werth iſt, Eurer Fuͤße Staub zu kuͤſſen. Ich will Euch ganz und ungetheilt beſitzen; Ihr habt zu waͤhlen zwiſchen ihr und mir. Sie hielt inne und harrte auf Antwort. — Fallt Euch die Wahl ſo ſchwer, mein Koͤ⸗ nig, fuhr ſie fort. Scht, haͤtte ich zu waͤhlen zwiſchen Euch und einer ganzen Welt, Euch wuͤrde ich den Vorzug ſchenken. Und Ihr, Ihr koͤnnt Euch nicht entſchließen? Sie lebt fuͤr Euch, ich mochte fuͤr Euch ſterbenz ſie liebt Euch, weil Euch eine Krone ſchmuͤckt, ich lieb Euch, weil Euch jede Tugend ziert, lieb Euch, weil Ihr ein 41 Ritter ſeid. Fragt nun Euer Herz, mein Koͤnig, wer von uns Beiden mehr Euch liebt? — Ihr liebt mich Beide... — Sie liebt, wie tauſend Andere lieben, heut den und morgen einen Andern... — Haltet ein, Anne de Piſſeleu! Ihr moͤgt ſie alt, Ihr moͤgt ſie haͤßlich finden, doch laͤſtert ihre Tugend nicht. — Sire, wollt Ihr mich zum Lachen reizen? Ich koͤnnte einen Namen nennen, der Eurer Wange friſches Roth in bleiches Weiß verwandeln wuͤrde. — Nennt mir den Namen, rief der Koͤnig, ſchwer entruͤſtet. — Bonnivet! — Er mein Nebenbuhler? — O Schmach, daß ich's bejahen muß! Ich wuͤnſch Euch Gluͤck zu Eurem Admiral, der auch zu Lande Siege feiert. Als Ihr das letzte Mal ganz unerwartet ſie beſuchtet, war Bonnivet bei ihr verſteckt... — Wo, wo? — Hinter gruͤnem Laubwerk... im Kamine! 42 — Anne de Piſſeleu, Ihr lugt! — Sire, wenn es Euch Troſt gewaͤhrt, ſo ſag' ich Ja! — Nein, ich glaub Euch, glaub Euch mehr als Allen. Wißt, auch Triboulet hat mir geſagt, daß Bonnivet an jenem Abend bei ihr war. Ich Thor, der ich dem Narren nicht geglaubt! O Himmel, giebt es nicht ein einzig treues Weib auf dieſer großen weiten Erde! — Die Treuſte„Sire, liegt jetzt zu Euren Fuͤßen. — Komm an mein Herz, du weißer Rabe; ich will Dich reich und gluͤcklich machen, will Liebe Dir mit Liebe lohnen. Noch an demſelben Tage erhielt die Graͤfin von Chateaubriant den vom Koͤnig eigenhaͤndig ausge⸗ fertigten Befehl, in vier und zwanzig Stunden den Hof und die Hatptſtadt zu verlaſſen. Sie wollte zum Koͤnig; die Wachen ſtießen ſie hoͤh⸗ niſch zuruck; ſie ſchrieb an ihn, betheuerte, daß 43 ſie unſchuldig ſei, daß Triboulet, erkauft von ihrer Nebenbuhlerin, eine freche Luge erſonnen; der Koͤ⸗ nig ſchickte ihren Brief unerbrochen zuruͤck. Frangoiſe de Foix, rettungslos verloren, verließ Paris und kehrte gramgebeugt nach Chateaubriant, in der Bretagne, zu ihrem Gatten zuruͤck. Acht Tage ſpaͤter vermaͤhlte ſich Anne de Piſ⸗ ſeleu, auf Geheiß ihres koͤniglichen Geliebten, mit Jean de Broſſe, dem Sohne René de Broſſe's, der Einer der Haupttheilnehmer der Emporung des Connetable von Bourbon) in der Schlacht von Pavia unter den Feinden Frankreichs gefallen war. Jean de Broſſe, der ſeinen Namen zum Deck⸗ mantel der koͤniglichen Schande hergab, erhielt die confiscirten Guͤter ſeiner Familie zuruͤck, ward zum Gouverneur der Bretagne ernannt und bekam die Graſſchaft Etampes, die der Koͤnig zum Herzog⸗ thum erhob. Die Herzogin von Etampes, nunmehr offi⸗ cielle Geliebte Seiner Majeſtaͤt des Koͤnigs, er⸗ hielt mehrere Palaͤſte in Paris, mehrere Schloͤſſer und ſehr betraͤchliche Beſitzungen. Eines dieſer 44 Palais lag am Ende der Straße Git-le Coeur, da, wo ſie eine Ecke mit der Straße Hurepoix bildet. Dieſes kleine Schloß, das mit einem gro⸗ ßern zuſammenhing, welches die Herzogin in der Straße Hrondelle beſaß, ſoll 50,000 Roſenobles gekoſtet haben. Die Frescomalereien, ſchreibt St. Foir, die Gemaͤlde, die Teppiche, die Salamander (die Deviſen⸗Figur Franz des Erſten), die zarten Embleme und ſinnigen Deviſen— kurz Alles in dieſem Palais verkundeten den Gott und die Ver⸗ gnuͤgungen, denen es geweiht war. In dem Salle de joie ſah man brennende Herzen zwiſchen einem Alpha und Omega, in dem Salle de bain den heidniſchen Jupiter, wie er, in ſchwarze Wolken gehuͤllt, die ſchoͤne Jo umarmt. Das Eine dieſer Frescogemaͤlde hatte Roſſo de Roſſi, das Andere Francesco Primaticcio gemalt. Koſtbare Eiſelir⸗ arbeiten von Benvenuto Cellini und reizende Statuen von Jean Goujon ſollen dieſe Halle zum Kunſt⸗ tempel erhoben haben*). *) Im Jahre 1835, als ich das letzte Mal in Paris 45 Es giebt wenig Maitreſſen, die eine ſo große, unumſchraͤnkte Macht beſaßen als die Herzogin von Etampes. Der ganze Hof lag zu ihren Fuͤßen. Alle Dichter ihrer Zeit beſangen den Flor ihrer Reize. Charles de Sainte⸗Marthe und Clement Marot flochten taͤglich neue Lieder fuͤr ihre Schlafe und Jean Clouet malte die Beſchuͤtzerin der ſchoͤ⸗ nen Geiſter als Juno, Minerva und Venus. Ihr Einfluß, ihre Macht war, wie geſagt, un⸗ begrenzt. Ihr muͤtterlicher Oheim, Aimé Sanguin, wurde Abt von Fleury⸗ſur-Loire, Biſchof von Orleans und endlich Cardinal und Erzbiſchof von Toulouſe. Ihre drei Bruͤder Charles, Frangois und Guillaume de Piſſeleu erhielten die Bisthuͤmer Condom, Amiens und Pamiers. Wie Mancher von uns mag ſſch ſolch eine Schweſter wuͤnſchen! war, ſah ich von all' dieſen Herrlichkeiten nichts mehr, als ein Paar finſtere Stuben, worin eine Hebamme reſidirte. Siebentes Capitel. Das Ende der Gräfin von Chateaubriant. (1532.) 66 „Dispear and dear. CRaTTEnron. Waͤhrend die uͤbermuͤthige Herzogin von Etam⸗ pes auf des Gluckes Rieſenleiter täglich hoͤher ſtieg, ſank die arme, ungluͤckliche Graͤfin von Chateau⸗ priant ſtundlich tiefer in des Elends jaͤhen Ab⸗ grund. Ihr ſchwer beleidigter Gemahl hatte, um ſie fur ihre Untreue zu beſtrafen, eine grauſame Folter fur ihr Gewiſſen erſonnen. Gleich nach ihrer Ruͤck⸗ kehr zu ihm hatte er ſie in ein ſchwarz ausgeſchle⸗ genes Zimmer eingeſperrt, das Tag und Nacht nur durch den kargen Schein einer Lampe erhellt ward. 47 Die Fenſter waren ſo dicht verſchloſſen, daß nie ein Sonnenſtrahl den Weg zu ihrem Kerker fand. Ueber ihrem Strohlager hing das Bild ihres Verfuͤhrers und neben dieſem das Bild ihres Gatten; beide ſo ſprechend aͤhnlich, als ob ſie le⸗ bend vor ihr ſtaͤnden. Dieſe Bilder, die ſie ewig mahnten an eine Schuld, die ſie jetzt bereute, dieſe Bilder, graͤßlicher als alle Qualen der Hoͤlle, peinigten ihr Gewiſſen, folterten ihre Einbildungs⸗ kraft und bohrten ſich, wie gluͤhende Sonden, in ihre Seele ein. Ihre Phantaſie lieh dieſen Bildern Leben, Ausdruck, Sprache. Das Geſicht des Ko⸗ nigs ſchien ſie hoͤhniſch anzugrinzen und ihr zuzu⸗ rufen:»Albernes, ehrvergeſſenes Weib, Du glaub⸗ teſt Dich von mir geliebt, ich heuchelte Dir Liebe, um meinen Sinnenkitzel zu befriedigen; jetzt da meine Wolluſt abgekuͤhlt, jetzt haſſe, jetzt verachte ich Dich. Aus meinen Augen, ehrloſes Weib, Du ekelſt mich an, Du biſt mir ein Graͤuel! Das Antlit des Gatten aber ſchien ſie freundlich anzu⸗ lächeln und ihr Worte des Troſtes zuzufluͤſtern: »Armes, betrogenes Weib, er hat Dich entehrt, „. 48 er hat Dich geſchaͤndet, und dennoch liebe ich Dich und verzeihe Dir; Du biſt ein gefallener Engel, durch Buße wirſt Du Dich wieder erheben aus dem Pfuhl der Schande zur Sonnenhoͤhe der Tu⸗ gend. Suͤhne durch Reue Dein Vergehen, loͤſche durch Thraͤnen das Brandmal Deiner Schmach, den Schandfleck Deiner Ehre weg!« Aber manchmal war es anders. Daſſelbe Bild, das ſie fruͤher freundlich angelaͤchelt, fing plotzlich zu grollen, daſſelbe Bild, das ſie fruͤher hoͤhniſch an⸗ gegrinzt, fing plötzlich zu laͤcheln an. — Vergieb mir, holdes Weib, ſprach des Ko⸗ nigs Antlitz, man hat Dich verlaͤumdet, ich habe Dich gekraͤnkt, verſtoßen, vergieb, vergieb mir! Dann klopfte ihr das Herz, denn es war das alte Lächeln, der alte Blick, deſſen Zauber ſie von Neuem hinriß und verfuͤhrte. Da fiel ihr Blick auf des Gatten zurnendes Bild... ſeine Augen durchbohrten ſie. — Treuloſes Weib, rief er mit donnernder Stimme, ich haſſe, ich verabſcheue Dich, denn Dein Schmerz iſt nicht wahr und Deine Reue iſt erlo⸗ „ „ 8 49 gen... Du liebſt ihn, wie fruͤher, ihn, der Dich getauſcht, betrogen, entehrt, geſchaͤndet hat. Dann erwachte von Neuem die Reue: ſie ſank auf ihre Knie und bat ihrem Gatten haͤnde⸗ ringend ihr Unrecht ab. — Jean de Laval⸗Montmorency, rief ſie mit Thraͤnen in den Augen, ich habe Deinen und Deiner Ahnen Namen befleckt, ich habe den Schwur der Treue gebrochen, vergieb, vergieb! Dir aber, Rau⸗ ber meiner Tugend Schaͤnder meiner Ehre, rief ſie mit zornflammender Miene, Dir, Koͤnig von Frankreich, Dir fluche ich! Dieſer ewige Kampf zwiſchen Suͤnde und Reue hatte ihre Lebenskraͤfte aufgezehrt. Die Grafin, vor kurzem noch eine der ſchoͤnſten und uͤppigſten Frauen Frankreichs, war jetzt ein abſchreckendes Skelett. Sechs lange Monate ſaß ſie bereits in dieſem oden, ſchauerlichen Kerker. Durch eine Oeffnung, die in der Thuͤr angebracht war, reichte ihr jeden Morgen ein Vermummter friſche Nahrung, die aus 3 50 Brodt, Wein und Fruchten beſtand. Auf keine ihrer Fragen erhielt ſie jemals Antwort von ihm. Nachts quaͤlten ſie die graͤßlichſten Traume; die Bilder ſtiegen aus ihren Rahmen heraus: der Konig wollte ſie umarmen und ihr Gemahl ſie er⸗ morden, ſie ſchrie, erwachte und konnte dann nicht wieder einſchlafen, denn dieſe Bilder peitſchten, wie Furien, den Schlaf aus ihrer Naͤhe fort. Eines Abends(es war am 16. October) war ſie ermat⸗ tet auf ihr Lager hingeſunken und eben eingeſchlum⸗ mert, da offnete ſich die Thuͤr ihres Kerkers und ein Mann, eingehuͤllt in einen rothen Mantel, das Geſicht mit einer ſchwarzen Sammetlarve bedeckt, trat vor ihr Lager hin. — Frangviſe de Foir, rief er mit dumpfer Stimme und ruttelte die Schlafende aus ihrem Schlummer auf. Wach auf, rief er, wach auf! Die erwachende Graͤfin ſtieß beim Anblick die⸗ ſer geheimnißvollen Erſcheinung einen gellend⸗craſ⸗ ſen Schrei des Schreckens aus. — Wer ſeid Ihr, ſtammelte ſie, was wollt Ihr? 51 — Wer ich bin, das braucht Ihr nicht zu wiſſen, doch was ich will, das ſollt Ihr gleich erfahren. Und in demſelben Augenblick traten drei Leute, vermummt wie er, in ihren Kerker ein. — Fransoiſe de Foix, rief der Unbekannte, bete zu Gott um Vergebung Deiner Suͤnden. — Beten? Grade jetzt? Warum? — Die Stunde Deines Todes hat geſchlagen. — Ihr wollt mich toͤdten? Moͤrder, Moͤrder, ſchrie ſie mit verzweifelter Kraft und raffte ſich von ihrem Lager auf, man will mich morden, Hilfe, Hilfe! Niemand kam. Der Unbekannte gab ſeinen Leuten einen Wink und verſchwand. Zwei dieſer Leute ergriffen die Graͤfin und banden ſie, der Dritte ſchnitt ihr die Adern auf. Die Graͤfin, die ſich Anfangs mit der Kraft eines Loͤwen gewehrt, war endlich erlegen. All⸗ maͤhlig ſchwanden ihre Kraͤfte... ſie verblutete ſich. ₰ 52 Am andern Morgen fand der Unbekannte die Leiche in ihrem Blute ſchwimmend. Von ihrem Finger zog er den Ring, den ſie einſt vom Ko⸗ nig erhalten. Bald darauf verbreitete ſich das Geruͤcht, der Graf von Chateaubriant habe in Erfahrung ge⸗ bracht, daß der Konig Frangoiſe de Foix habe be⸗ gnadigen und nach Paris zuruͤckberufen wollen. um neuer Schmach vorzubeugen, habe der Graf ſeine Gemahlin ermorden laſſen. Die Graͤfin wurde in der Mathurinenkirche zu Chateaubriant beerdigt. Ihr Gemahl ließ ihr ein prachtvolles Denckmal errichten, worauf ihr Bild⸗ niß und eine von Clement Marot gedichtete Grab⸗ ſchrift zu leſen war. Den Ring ſchickte er dem Koͤnig zuruͤck, der ihn noch an demſelben Tage ſeiner Maitreſſe, der Herzogin von Etampes, ſchenkte. Achtes Kapitel. Künſtlerſtolz. 540.) Am Ende der Straße Git⸗le⸗Coeur lag das Lieblingsſchloß der Herzogin von Etampes, die hier der Kunſt und dem Vergnuͤgen lebte. In einem der reichgeſchmuͤckten Saͤle ſaß die Geliebte Franz des Erſten auf den ſchwellenden Kiſſen einer Ottomane. Sie ſah auf die Uhr, deren Zeiger auf die zehnte Stunde wies. — Er muß bald kommen, ſprach ſie zu ſich ſelbſt. O Gott, wie ſchlaͤgt mein Herz! Ach, waͤr' er doch ſchon hier, er, dem ganz Frankreich hul⸗ digt, dem die Kunſt den ewig gruͤnen Lorbeer flicht, dem die Welt Bewund'rung zollt. Ach, wuͤßte er, wie ich ihn achte, ſchaͤtze, liebe, er wuͤrde 54 nicht ſo kalt und ſtolz auf mich herniederſehen, er wuͤrde Mitleid mit der Armen fuͤhlen, die ſich in ſtiller Gluth verzehrt. Voll Wonne bebt mein armes Herz, wenn ich den Namen hoͤre, der die Welt mit ſeinem Ruhm erfuͤllt. Von ihm ge⸗ liebt zu werden, muß Götterwonne ſein! Sie hörte Schritte im Vorſaale. — Er kommt, ſprach ſie, o faſſe Dich, mein Herz! Ein ſchoͤner, hoher Mann mit glatt geſcheitel⸗ tem Haar und vollen Locken, die uber den Hin⸗ tertheil des Kopfes auf die breiten Schultern fielen, trat in den Saal. Dunkles Haar umwallte das gebraͤunte Kinn. Der Schnitt ſeines ſcharfmar⸗ kirten Geſichtes, die Gluth ſeiner ſchwarzen Au⸗ gen verriethen den Italiener, ſeine ſtolze Stirn, ſein edles Benehmen den Kuͤnſtler. Voll Ehr⸗ furcht blieb er an dem Saum der Thuͤre ſtehen und verneigte ſich. — Willkommen, Meiſter Benvenuto, rief Anne de Piſſeleu mit ſichtbarer Freude. 55 — Seid gegruͤßt, Frau Herzogin, erwiederte Cellini, kalt und ernſt. — Ich hab' Euch rufen laſſen, Meiſter, um Euch aufzutragen, fuͤr des Koͤnigs Majeſtät einen Becher anzufertigen.. — Ich fuͤhle mich durch Euren Auftrag hoch⸗ geehrt. Wann ſoll der Becher fertig ſein? — Am zwoͤlften Tage des Septembers iſt des Koͤnigs Geburtsfeſt, bis dahin habt Ihr Zeit, die Arbeit abzuliefern.. — Schon morgen fang' ich an... Lebt wohl, gnaͤdige Frau! — Ihr wollt ſchon wieder fort? Ich bitt' Euch, bleibt! Ich hab' Euch Manches noch zu ſagen... — Sprecht, hohe Frau, womit kann ich Euch ſonſt noch dienen? — Ihr habt ein Crucifir fuͤr mich gemacht... bewundert hab' ich Eures Griffels Meiſterſchaft... es iſt ein Kunſtwerk, ſchoͤn und groß, wie Alles, was Ihr ſchafft. Begehrt dafur ſo viel Ihr wollt! — Fuͤr Gold und Arbeit hab' ich vier und zwanzig Roſenobles zu verlangen. 56 — Ihr ſchlaget Eure Kunſt zu niedrig an... ich will das Doppelte Euch zahlen.. — Gebt Ihr mir mehr, als ich verdiene, ſo kraͤnkt Ihr mich. — Ihr achtet nicht das Gold, drum weiſtt Ihr es zuruͤck, doch weiß ich beſſer Euch zu loh⸗ nen. Seht dieſen Ring, der Koͤnig hat ihn mir ge⸗ ſchenkt. Ich bitt' Euch, Meiſter, nehmt den Ring und tragt ihn als ein Zeichen meiner Achtung. — Ich bin nicht wuͤrdig ſolcher Gunſt, behal⸗ tet Euren Ring. — Ich fuͤhle mich geehrt, wenn Eure Hand ihn traͤgt... ich bitt' Euch, Meiſter, weiſ't mein Geſchenk nicht hart zuruͤck. Sie ergriff ſeine Hand und ſteckte den Ring des Noſtradamus an ſeinen Finger. — Kommt, Benvenuto, ſetzt Euch her zu mir, ſprach die Herzogin und zog ihn ſanſt auf die Ottomane. Von allen Kuͤnſtlern, die am Hofe Frankreichs leben, acht' ich Keinen mehr als Euch. Ihr, Cellini, ſeid der groͤßte aller Meiſter, Ihr Cellini, ſeid der großte Eurer Zeit. 37 Kalt und gefuͤhllos wie ein Automat ſaß Cel⸗ lini an der Seite der Liebegluͤhenden. — Ihr ſcherzt, Frau Herzogin, noch giebt es andere Kuͤnſtler, die Eures Lobes wuͤrdiger, als ich — Der wahre Kuͤnſtler iſt beſcheiden: er duͤnkt ſich kleiner als er iſt. Die Tugend hat mir ſtets gefallen, und darum acht ich, darum lieb' ich Euch. Hoͤrt Ihr, Cellini, die Herzogin von Etampes.. — Liebt den Koͤnig, ſprach er ſchneidend kalt. — Nein, Dich, Dich liebt ſie. — Ich bin ein armer Kuͤnſtler, er aber iſt ein reicher Fuͤrſt.. — Wie klein und nichtig ſind die Fuͤrſten dieſer Erde gegen Dich, Du großer Mann! Heute ſtirbt ein Koͤnig.. Niemand trauert, Niemand weint, denn ſchon morgen ſitzt ein neuer auf dem Throne. Wenn aber ein Cellini ſtirbt, dann weint und trauert eine ganze Welt, denn nicht in hundert Jahren kehrt ein neuer wieder.. Zu meinen Fuͤßen kriecht ein ganzer Hof von Fuͤrſten und von Gra⸗ 3* 58 fen.. ich haſſe dieſes Schmeichelvolk... Du aber biſt ein rauher, ſtolzer Mann, Du haſt mir nie geſchmeichelt und darum acht' ich, darum lieb' ich Dich... Dem Konig, all meiner Macht und Herrlichkeit will ich entſagen, Dir mein Leben, meine Liebe weihen. Verlaſſen will ich dieſes Reich und Dir folgen bis ans Ende dieſer Welt: Deine Muͤhen, Deine Sorgen will ich theilen, will Dich lieben wie ein Held den Ruhm, will Dich pflegen, wie die Tochter ihren Vater pflegt, will wie Deine Magd Dir dienen, mit Dir leben, mit Dir ſterben.. Nachſinnend blickſt Du auf die Erde hin... wo⸗ ran denkſt Du, Benvenuto? Cellini erwachte aus ſeinem dumpfen Hinbruͤten. — Noch eine Frage, hohe Frau! Soll von Silber oder Gold des Konigs Becher ſein? — Himmel! — Wos iſt Euch, hohe Frau? — Cellini, Ihr habt ein Herz von Stein. blind iſt Euer Auge, taub iſt Euer Ohr fuͤr mich. Ihr ſeid ein kaltes Marmorbild... geht, Meiſter, geht! 59 — Ihr heißt mich gehen... Ihr waͤlzet eine ſchwere Laſt von meiner Bruſt. lebt wohl, Frau Herzogin, lebt wohl. Cellini eilte fort; die Herzogin von Etampes bedeckte mit beiden Haͤnden ihr gluͤhendes Geſicht und fing heftig zu weinen an. — Ich liebe ihn und er, er haßt, verachtet mich. Und hat er denn nicht Recht? Er, er iſt ein ruhmgekroͤnter Kuͤnſtler und ich, ich bin die ſchmachbeladene Concubine eines Koͤnigs! Ohnmaͤchtig ſank ſie auf die Erde nieder. Noch an demſelben Tage verließ Benvenuto Cellini die Hauptſtadt des franzoͤſiſchen Reiches und kehrte nach Italien zuruͤck. Acht Tage ſpaͤter erhielt der Koͤnig, der ſich damals im Schloß zu Chambord aufhielt, ein kleines Kaͤſtchen, begleitet von folgendem Briefe: 60 Sire, »Dieſen Ring erhielt ich von Eurer Maitreſſe. Bewahrt ihn als ein Zeichen meiner treuen Ge⸗ ſinnung.« Benvenuto Cellini. Der Koͤnig trat ans Fenſter und preßte die gluͤhende Stirn an die kalten Scheiben. Lange ſchien er nachzuſinnen, was er thun ſollte. Endlich nahm er den Ring und ſchnitt mit dem Diamanten folgenden Vers in die Scheibe: „Souvent femme se varie, Mal habile qui s'y fie.“ Und noch jetzt, nach dreihundert Jahren, zeigt man dem Fremden, der das Schloß von Chambord beſucht, jenen Vers von Franz dem Erſten. Neuntes Capitel. La belle Feroniere. (1 5 4 0.) Franz der Erſte, obgleich noch immer in den Banden der ſchlauen Herzogin von Etampes, war doch nach und nach kaͤlter gegen ſie geworden. Zartgefuͤhl, vielleicht auch andere Gruͤnde, hatten ihn bewogen, den Ring zu behalten, ohne ſeiner Maitreſſe zu ſagen, daß Cellini ihn zuruckgeſchickt. Der Koͤnig hatte unterdeſſen die Bekanntſchaft der belle Feronisre gemacht, die, nach Mezeray und Saint⸗Foix, die Frau eines Eiſenhaͤndlers, Namens Lunel, nach Dreur du Radier und Guyon aber die Gattin eines Advocaten war, welcher Feron hieß. Jedem, der die Bildergallerie im Louvre durch⸗ ſtreift, wird in einem der Saͤle ein Frauenkopf von 62 ſo vollendeter Schoͤnheit auffallen, daß er ſtaunend ſtehen bleiben und die ſchone, erhabene Stirn, mit einem Bande geſchmuͤckt, die großen dunkelbraunen Augen, die wohlgeformte Naſe, den kleinen, gra⸗ cieuſen Mund, den reizenden Buſen, den uͤppigen Nacken, das glaͤnzende Schwarz ihrer ſauberge⸗ ſcheitelten Haare und die blendende Weiße ihres Teints bewundern wird. Dies iſt das Original⸗ bildniß der belle Feronière, gemalt von Frangois Clouet, dem erſten Portraitmaler jener Zeit. Wenn jemals eine Frau ſchoͤn genannt zu werden verdiente, ſo war es dieſe. Es war an einem Sonntag, als der Koͤnig (um nicht erkannt zu werden, in einen ſchlichten Mamtel eingehuͤllt) die Kirche Saint Germain PAuxerrois beſucht. Hier ſieht er ſie zum erſten Mal. Sie betet. Verſunken im Anſchauen ihrer fruhlingfriſchen Reize, ſteht er, an einen Pfeiler angelehnt, an ihrer Seite und verwendet keinen Blick von ihr... und als ſie aus der Kirche tritt, da ſteht er an der Thuͤr und grußet ſie; ſie aber dankt ihm nicht. 63 Das Gebetbuch in der Hand, den Blick zur Erde geſenkt, kehrt ſie nach ihrer Wohnung heim. Am andern Morgen tritt eine alte Frau mit Blumen bei ihr ein. — Gott gruͤß' Euch, ſchmucke Dame. — Was bringt Ihr, gute Frau? — Blumen, die ein Herr Euch ſchickt, der Euch geſtern in der Kirche hat geſehen. Entzuͤckt von Eurer Schoͤnheit tauſendfachem Reiz, war er Euch nachgegangen... — Wohl hab' ich es bemerkt... ſagt, kennt Ihr jenen Herrn? — Ich ſah ihn heut zum erſten Mal... — Wer mag es ſein? — Vermuthlich wohl ein reicher Edelmann. Er kauft mir dieſe Blumen ab und giebt mir— denkt Euch, ſchmucke Frau, mein Gluͤck— einen ganzen Roſenoble... — Und was ſagte er? — Tragt dies Bouquet zur Schoͤnſten aller Frauen und bittet ſie im Namen eines Fremden, der ihr Dinge hat zu ſagen von der groͤßten Wich⸗ * 64 tigkeit, heut, ſo bald es dunkel wird, in St. Ger- main PAuxerrois zu ſein.«— Ich habe redlich ſeines Auſtrags mich entledigt.. Lebt wohl und ſeid mir ja nicht boͤſe, daß ich gewagt, ſo mir nichts, dir nichts bei Euch einzutreten. Die belle Feronière war in tiefes Nachſinnen verſunken. Endlich erwachte ſie wie aus einem langen Traum, ihr Auge fiel auf die Blumen, die ſie zitternd in ihren Händen hielt. — Ich hätte ſie nicht annehmen ſollen, denn ſie kommen von einem fremden Mann, der gewiß nichts Gutes im Sinne fuhrt. Noch immer ſeh' ich ihn, wie er, an dem Pfeiler angelehnt, dicht an meiner Seite ſtand. Seine Augen verſchlangen mich. ich wollte nicht hinſehen nach ihm, aber eine geheimnißvolle, unwiderſtehliche Gewalt lenkte meine Blicke ſtets von Neuem nach jenem Pfeiler hin. Ich wollte beten, nur an Gott und an den Heiland denken.. ich vermochte es nicht, denn ich dachte nur an ihn. Voll Angſt und Beben eilte ich aus der Kirche meiner Wohnung zu... er folgte mir... ich zitterte. Als ich allein in 65 meinem Zimmer war, da fing ich laut zu weinen an, denn ich fuͤhlte etwas, was ich nie gefuͤhlt.. Schon fruͤh ging ich zu Bett.. ſein Bild wob ſich in meinen Schlaf, in meine Traͤume ein: er lag zu meinen Fuͤßen, umfaßte meine Knie, geſtand mir ſeine Liebe und ich— o ſchwerer Frevel!— ich erhoͤrte ihn... Weh mir, dieſe Blumen ſagen, daß mein boͤſer Traum zur Wahrheit wird! Ich ſollte dies Bouquet... Sie hielt inne und verſank von Neuem in truͤbe Traͤumerei. — Ja, rief ſie entſchloſſen aus, ſo ſoll, ſo muß es ſein! Sie zerriß das Bouquet... da fiel ein be⸗ ſchriebenes Blatt heraus... ſie hob es auf und las ſo leiſe, daß kaum ſie ſelbſt es hoͤren konnte: »Ich hab voll innigem Verlangen Zwar ſchon in manches Aug' geblickt Und dort voll wonnig ſüßem Bangen Manch liebes Veilchen abgepflückt; Doch kann mich Eins nur noch beglücken, Das Eine, das ſo himmliſch iſt: Von allen Augen, die entzücken, Das Deine doch das ſchönſte iſt!« 66 Die arme Frau, die aus dem Munde ihres ſchlichten Mannes noch niemals eine Schmeichelei gehort, ließ ſich vom Klang der ſuͤßen Worte hin⸗ reißen, ſie noch einmal zu leſen. — Mein Auge, ſagt er, ſei das ſchoͤnſte.. das hat mein rauher Mann mir nie geſagt! Sie erſchrak üͤber ihre eigenen Worte. — Weh mir, welch ei boͤſer Zauber umſtrickt meine Seele? Zerreißen moͤchte ich das Blatt, aber ach, ich kann es nicht. Dieſe Blumen haben mich behert. Gott im Himmel, warum ſchlaͤgt mein Herz ſo bang und ungeſtum?... Heut, ſo bald es dunkel wird, ſoll ich in der Kirche ſein... er hat mir Dinge von der großten Wichtigkeit zu ſagen! Nein, ich will, ich mag nichts horen! Ihr Auge ſiel auf das Blatt, ſie las noch einmal. — Wie ſchoͤn doch dieſe Verſe klingen! Aus jeder Sylbe athmet Liebe. Und ich, ich ſoll ſo grauſam ſein, die erſte Bitte, die er wagt, ihm abzuſchlagen... Geh' ich doch taglich in die Kirche, warum ſoll ich heute, grade heute... Weh mir, 67 ich bin ein ſchwaches Weib... barmherziger Gott, fuͤhre mich nicht in Verſuchung. Da hoͤrt ſie Schritte nahen.. aͤngſtlich ſchiebt ſie das Blatt in ihr Mieder... ihr Mann tritt ein. — Liebes Weib, ſprach er, ſo eben erhalte ich dieſen Brief: ein wichtiges Geſchaͤft, das keinen Aufſchub leidet, ruft mich fort von hier.. — Wie, rief ſie erſchreckt, du willſt verreiſen? — In einer Stunde ſchon, mein gutes Weib. — Wohin? — Nach Orleans! — Und denkſt Du lange fortzubleiben? — In vierzehn Tagen bin ich wieder hier.. Du zitterſt, Du wirſt blaß... was fehlt Dir? — O reiſe nicht, ich bitte, ich beſchwoͤre Dich.. — Warum die Angſt? — Ich hatte boͤſe Traͤume in vergangener Nacht.. verſchiebe Deine Reiſe... es koͤnnte ſonſt ein Ungluͤck Dir begegnen... — Sei unbeſorgt, mein braves Weib... — Mir ahnt nichts Gutes... 68 — Gieb Dich zur Ruh.. Du ſiehſt Gefahr, wo keine iſt.. — Meine Träume gehen in Erfuͤllung.. bei allen Heiligen beſchwor' ich Dich. bleib hier! — Ich muß fort! So nimm mich mit, horſt Du, nimm mich mit! — Narriſch' Kind, wer ſoll mein Haus mir huͤten, ſprach der rauhe Mann und ging in den Hof hinab, um Anſtalten zur Reiſe zu treffen. Sie lief ihm nach und bat und flehte... um⸗ ſonſt!— Noch war keine Stunde verfloſſen, als er, reiſefertig, von ihr Abſchied nahm. — Leb wohl, mein liebes Weib, bleib mir gut und treu, ſprach er und kuͤßte ſie. Sie wollte reden, aber Thraͤnen erſtickten ihre Stimme. Der Wagen rollte von dannen... — Da fährt er ſorglos hin und laͤßt mich ganz allein... Der Himmel will mich in Ver⸗ ſuchung fuͤhren... O Gott, gieb mir die Kraft, mich ſelber zu beſchutzen! Bleib mir gut und treu... das waren ſeine letzten Worte.. ſie mahnen mich an eine heilige Pflicht.. ich werde ſie erfullen. 69 Doch als es zu dunkeln begann, da hatte ſie keine Ruhe mehr, da trieb ſie ein maͤchtiges, un⸗ widerſtehliches Gefuͤhl in die Kirche Saint-Ger- main IAuxerrois. Sie war ſchon am Eingang, als ſie wieder umkehren wollte... ſie kampfte lange mit ſich ſelbſt und gab endlich der Stimme ihres Herzens nach. Sie trat in die Kirche ein, ſank auf die Knie und betete ein Vater-Unſer. Und als ſie an die Stelle kam: „Herr fuͤhr' uns nicht in Verſuchung!« da fiel ihr Auge auf den Konig.— Sie erbebte, 2 ſich empor, zeigte ihm ein Blatt, das ſie auf die Erde warf, und ſoh als haͤtten Furien ſie gepeitſcht, aus der Kirche hinaus. Franz hob das Blatt auf, eilte in die Naͤhe eines Candelabers und las: »„Geſchaͤfte haben meinen Mann nach Orleans gerufen... ich bin allein. Um Mitternacht, wenn Alles ſchlaft, erwart' ich Euch in meiner Wohnung.« — Triumph, Triumph! rief der Koͤnig. Zehntes Capitel. Die erſte Nacht. um Mitternacht ſchlich der Koͤnig, in einen Mantel eingehuͤllt, durch das Labyrinth der dden, menſchenleeren Straßen nach der Rue St. Denis. Hier wohnte ſie in einem aͤrmlich kleinen Hauſe. Wie klopfte ihm das Herz, als er auf dem weißen Vorhang ihres Fenſters ihren Schatten zittern ſah, wie bebten ſeine Pulſe, als er die ſchmale, dunkle Vieppe erſtieg! Er ſtand jetzt an der Thör es war ſtill in ihrem Zimmer.. er faßte Muth und klopfte leiſe an. Eine zarte Stimme rief herein! — Verzeihet einem Fremden, der zu ſo ſpaͤ⸗ ter Stunde die Schwelle Eures Heiligthums be⸗ tritt... Ihr habt es ihm erlaubt, doch wenn ſein Kommen Euch betrubt, ſo ſprecht ein einzig 74 Wort und er wird gehen, wenn auch das Herz ihm bricht. Bhhr ſchweigt! O laßt mich ho⸗ ren, ob ich gehen oder bleiben ſoll. — Geht, ich bitt' Euch, geht! — O weiſ't mir nicht die Thuͤr! Ich bin ein Bettler, der um eine Gabe fleht.. habt Mitleid mit dem Armen, der Euch voll Vertrauen ſeinen Kummer klagt.. — Ihr habt Kummer... ſprecht, kann ich, ſelber arm, Euch helfen? — Wohl koͤnnt' Ihr's, wenn Ihr wollt... — Was verlangt Ihr? — Ein Almoſen, das den Bettler kann zum Croͤſus machen... O laßt mich unumwunden ſa⸗ gen, was mir auf dem Herzen liegt.. Eurer Schoͤnheit ſuͤße Allgewalt, Eurer Reize wun⸗ derbare Macht hat meiner Seele goldnen Frieden mir geraubt ich liebe Euch... — Weh mir, mein Traum! — Ja, ich lieb' Euch und mein Herz.. es wird erſt dann geſunden, wenn Ihr ihm Gegen⸗ liebe ſchenkt. . 72 — Mein Traum, mein boͤſer Traum! — Ihr ſeid beſtuͤrzt.. hat mein Geſtänd⸗ niß Euch verletzt? — Wohl haͤtt ich Grund mit Euch zu ʒirnen, wohl haͤtt ich Urſach, Euch zu haſſen, aber ach! ein boſer Zauber hat mein Herz umſtrickt es fuhlt fuͤr Euch, was es fuͤr Keinen noch gefuͤhlt. Ich mag mich ſträuben, wie ich will... ein Blick aus Eurem Aug', ein Wort aus Eurem Mund macht mich zur Sklavin Eures Willens. — Ihr liebt mich alſo? — Ich lieb' Euch, wie die Blume liebt das Licht, das ſie erwaͤrmt, den Thau, der ſie er⸗ friſcht betend mocht ich vor Euch niederſin⸗ ken, dankend Eure Haͤnde kuͤſſen. — O namenloſes Gluck... ſo koͤnnen nur die Engel lieben! Fruͤher glaubte ich zu lie⸗ ben, jetzt erſt fuhl' ich, daß ich nie geliebt. Du, holder Engel, haſt die Liebe mir gelehrt, Du haſt den Himmel mir erſchloſſen.. ich tauſche jetzt mit keinem Gott! 73 — Geliebter, ſag mir, wie Du heißeſt, Ge⸗ liebter, ſag mir, wer Du biſt? — Fraͤgt die Liebe je nach Rang und Namen? — O glaube nicht, daß eitle Neugier mich verleitet; nur darum moͤcht ich Deinen Namen wiſſen, um ihn einzupraͤgen in mein Herz... — Ich heiße Frangois.. — Du biſt ein Edelmann? — Ich bin noch mehr... — Ihr ſeid ein Graf? — Noch hoͤher mußt Du ſteigen.. — Ein Herzog oder gar ein Prinz? — Ich bin der Koͤnig, ſchoͤnes Kind. — Du der Koͤnig? Holder Engel, wenn ich luͤge, magſt Du ſelber mich beluͤgen. — Ja, Du ſprichſt die Wahrheit, auf Dei⸗ ner Stirne thront die Majeſtaͤt. O Gott, mein Herz weiß ſich vor Freude kaum zu faſſen.. Herr, zu Deinen Fuͤßen iſt mein Platz.. — Steh auf, Du holdes Weib, an meinem Herzen ſollſt Du ruhen. Ich will Dich huͤten, . 4 74 wie der Gaͤrtner ſeine Blume, will Dich ſchuͤtzen, wie die Muſchel ihre Perle ſchuͤtzt... O wuͤß⸗ teſt Du, wie ſchoͤn Du biſt! Dein Mund iſt eine junge Roſe, Dein Aug ein blauer Veilchenkranz. Um Dich wuͤrdig zu beſingen, mocht' ich Clement Marot ſein! Er ſchloß ſie feſt in ſeine Arme. ———— Erſt als es zu tagen begann, ſchlich der gluͤck⸗ liche Konig nach dem Louvre zuruͤck. Doch jeden Abend, ſo bald es dunkel ward, kam er wieder. und Beide traͤumten dann im Pa⸗ radis zu ſein. Eilftes Capitel. Er rächt ſich. „In Verzweiflung über eine Schmach, welche von den Hofleuten bloß Galan⸗ terie genannt wird, beſucht er ſchlechte Häuſer, damit ſeine Frau erkranke, und ſo ſeine Rache bis zu jenem dringe, der ihm ſeine Ehre geraubt.“ Mezeray. Die Liebe des Koͤnigs war nicht lange Ge⸗ heimniß geblieben. Die Nachbaren der belle Fe- ronière hatten neugierig die Koͤpfe zuſammenge⸗ ſteckt und ſich Manches, was nicht laut werden durfte, leiſe ins Ohr gefluͤſtert. — Wißt Ihr, ſagte Einer zu dem Andern, wer der Vermummte iſt, der jede Nacht, ſcheu und ngſtlich wie ein Dieb, da druͤben in das Haus ſich ſchleicht? — Wer anders als ein junger Taugenichts... 4* 76 — Nit Nichten, Freund, es iſt der Koͤnig. — Wie, unſer Koͤnig par la Gräce de Dieu? — Der und kein Anderer.. — Wir ſollten einmal auf der Lauer liegen und ihm tüchtig.. — Still, das wär' ein Majeſtatsverbrechen! Ja, wenn es unſer Einer waͤr', dem koͤnnten ein paar Pruͤgel gar nichts ſchaden; er aber iſt ja unſer Koͤnig. und großen Herren muß der Kleine hoͤflich aus dem Wege gehn. Auch iſt es ja nicht unſre Frau!»Wer loͤſchen will, was ihn nicht brennt, der ohne Noth ins Ungluͤck rennt.« — Was thun wir alſo? — Wir ſagens ihrem Man, ſobald er wieder⸗ kehrt; der mag dann machen, was er will. Nach Verlauf von vier Wochen war er wieder in Paris und fruͤh genug in das Geheimniß ih⸗ rer Schuld eingeweiht. Ein Mann von Ehre kann ſolche Schmach nicht lang ertragen. Wuͤthend ſchritt er in der Straße auf und ab. 77 — Du großer, ritterlicher Koͤnig, was hab' ich jemals Dir zu Leid gethan, daß Du ſo grauſam mir mein Gluͤck zerſtoͤrſt? Du haſt mein gutes, braves Weib verfuͤhrt und ihren Namen an den Pranger hingeſtellt. Mit Fingern weiſ't man auf mich armen Mann und raunt ſich laͤchelnd dann ins Ohr: Ider Koͤnig liebt ſein ſchmuckes Weibe... Du haſt die Ehre meines Hauſes, den Frieden meines Herzens mir geraubt. Glaubſt Du, weil Du Koͤnig biſt, daß ich die Schmach, die Du mir zugefuͤgt, geduldig tragen werde, glaubſt Du, weil Du Koͤnig biſt, daß Du ungeſtraft mein Gluͤck mit Fuͤßen treten darfſſt? O! triumphire nicht zu fruͤh.. bald ſchlaͤgt die Stunde der Vergeltung: ich will mich raͤchen, wie noch Keiner ſich geraͤcht ja, Beide ſollt Ihr fuͤr den Frevel buͤßen! Zornig ſtuͤrmt er durch die naͤchtlich ſtillen Stra⸗ ßen nach dem Wunderhof. In dieſem Theil der Stadt, wo jedes Laſter eine Freiſtatt fand, lag eine jener widerlichen Hoͤh⸗ len, wo liederliche Dirnen mit geſchminkten Wan⸗ 78 gen und verpeſtetem Athem, der Venus cloacina Opfer weihend, ihren frechen Unfug trieben. Es iſt das erſte Mal, daß ſein Fuß die Schwelle des Laſters betritt. Widerwille und Ekel halten ihn zuruͤck, aber ein bitteres Gefuͤhl, maͤchtiger als ſein Abſcheu vor dem Laſter, ruft ihm zu: Raͤche Deine Schmach! Da ermannt er ſich und tritt hinein. Ein wildes Freudengeſchrei zerreißt ſein Ohr.. eine verpeſtete Luft erſchwert ſein Athmen.. er ſieht die Suͤnde in ihrer ſcheußlichen Nacktheit und will umkehren; allein zu ſpaͤt! Schon ſieht er ſich umringt von einem Schwarme frecher Nymphen, die, den Ueberreſt ihrer vergifteten Reize halbnackt zur Schau tragend, ihn mit Liebkoſungen zu Tode martern. — Nimm mich, nimm mich! rufen Alle. Er aber waͤhlt die Scheußlichſte, Verworfenſte aus dieſem Kreiſe. Ein zotig Lied trallernd, zerrt ſie ihn in ein Nebenzimmer und druckt ihn mit erkuͤnſtelter Gluth an ihr eisſtarres Herz. Er laͤge lieber auf der 79 Folter, als an ihrer Bruſt... viel gefaßter er⸗ truge er das Kneifen gluhender Zangen, als das Schmeicheln ihrer ſchweißigen Haͤnde, denn Ekel martert mehr als Schmerz. Sie moͤchte ihn kuͤſ⸗ ſen.. er moͤchte ins Geſicht ihr ſpeien, denn ſie ekelt ihn an; und dennoch bleibt er, denn er will ſich raͤchen, wie noch Keiner ſich geraͤcht Es iſt Er wirft r ein Getfüc in den Schooß und eilt aus der Hoͤhle des Laſters in die Arme ſeiner Frau. Arme Feroniere.— Das Werk der Rache iſt vollbracht! Zwölftes Capitel. Franz IH. ſtirbt. „Franz ward von der neapolitaniſchen Krankheit heimgeſucht, litt ſieben volle Jahre daran und empfand oſt ſolche Schmerzen, daß er ausrief: Gott ſtraft mich, ſo wie ich geſündigt habe.“ Mémoires historiques et secrets sur les amours des Rois de France. Die Weiſſagung des Noſtradamus erfuͤllte ſich. Franz der Erſte ſtarb am 31. Maͤrz 1547(im Schloß zu Rambouillet) an einer Krankheit, fuͤr welche die Aerzte damaliger Zeit noch kein Heil⸗ mittel gekannt. Die belle Feroniére, die Urſache ſeines Todes, war drei Jahre fruͤher geſtorben.. Franz der Erſte war ein ritterlicher Koͤnig, aber ein ſchlechter Monarch, der durch eitle Erobe⸗ rungsſucht die Kraͤfte Frankreichs erſchoͤpft hatte. 81 Und dennoch knuͤpft ſich an ſeinen Namen manche ruhmwuͤrdige Erinnerung. Franz war der großherzige Beſchuͤtzer der wiederauflebenden Kunſt, der Befoͤrderer der Wiſſenſchaften. Im Jahre 1539 hatte er zu Paris eine Profeſſur der franzoͤſiſchen Sprache begruͤndet und ſie bei den Gerichtsverhand⸗ lungen eingefuͤhrt, wo die lateiniſche Sprache bisher die herrſchende war. Franz war es, der einen Benvenuto Cellini, Leonardo da Vinci, Andrea del Sarto, Francesco Primaticcio, Roſſo de Roſſi(le maitre Roux) und andere Koriphaͤen der italieniſchen Kunſt nach Frankreich gezogen. Unter ſeiner Regierung bluͤhten Frangois Clouet, der erſte Portraitmaler, von dem wir Bildniſſe von Franz I. und Heinrich II. be⸗ ſitzen, und Jean Goujon, der erſte Bildhauer, der franzoͤſiſche Phidias, der Correggio der Bild⸗ hauerkunſt, der die Fontaine des Innocens und viele andere Meiſterwerke ſchuf. Unter Franzens Regierung bluͤhte Clement Marot, der erſte Lyriker Frankreichs, der Refor⸗ mator der franzoͤſiſchen Sprache, der Gruͤnder des 4** 82 Style Marotique, und Lnuiſe Labbé, die ſchoͤne Seilerin, eine beruͤchtige Frau, aber eine beruͤhmte Dichterin, die der Nachwelt funf Elegien, vier und zwanzig Sonette und eine Art von Drama: Weébat de la folie et de Famour« hinterließ. Unter Franzens Regierung bildete ſich das ſpaͤter ſo beruͤhmt gewordene„Siebengeſtirn«*): Etienne Jodelle, der Begruͤnder des franzoſiſchen Sonetts, der erſte Theaterdichter Frankreichs(Verfaſſer der Trauerſpiele Cleopatra und Pido, und des klaſſi⸗ ſchen Luſtſpiels„Eugène*); Pierre de Ronſard, der Oden⸗Hymnen⸗ und Idyllen⸗Dichter; Guil⸗ laume du Bellay(Autor des Epitome de anti- quité des Gaules et des Frances); Jean Antoine de Baif(Ueberſetzer vieler griechiſchen und lateini⸗ ſchen Theaterſtuͤcke, und der erſte, der den Hexa⸗ meter und andere reimfteie Versarten(vers Baifins) eingeführt; Pontus de Thylard, Remi Belleau (der Dichter der„Bergéries,“ den Ronſard den ²) Plejade francoise, eine Nachahmung des Alexan⸗ driniſchen Siebengeſtirns. 83 Maler der Natur« genannt) und Jean Dorat (der franzoͤſiſche Pindar, der Gedichte in lateiniſcher, griechiſcher und franzoͤſiſcher Sprache, zuſammen uber 50,000 Verſe, geſchrieben und das franzoͤſiſche Anagramm erfunden), derſelbe Dorat, den ſpaͤterhin Karl der Neunte zum Hofdichter ernannte, eine Charge, die ihm jährlich 2000 Thaler eintrug. Franz, ein Freund der Muſik, hatte eine eigene Capelle, deren Dirigent Mouton hieß. Die be⸗ ruhmteſten Virtuoſen dieſer Capelle waren Fervim, Arcadet, Verdelot und Goudimel. Franz vergroͤßerte und verſchoͤnerte das alte, ehrwurdige Louvre und baute viele neue Schloſſer: Madrid, Fontainebleau und Chambord. Das erſte dieſer Schlöſſer, am Ende des Bois de Boulogne, in Form des Schloſſes zu Madrid erbaut, hatte ſo viel Fenſter, als Tage im Jahr; das zweite, aus vier großen Gebaͤuden beſtehend, 900 Zimmer und vier große Gaͤrten; das letzte 440 Zimmer und einen großen Park, eingeſchloſſen von einer 8 Stunden langen Mauer. Der Bau dieſes Schloſſes, woran 1800 Menſchen ununterbrochen 84 zwoͤlf volle Jahre gearbeitet, ſoll zwei Millionen Roſenobles gekoſtet haben. Wohl Keinem ging der Tod des Konigs mehr zu Herzen, als ſeiner Schweſter.— Margarethe von Valois(geb. am 11. April 1492 zu Angoulème) war, als ſie erfuhr, daß ihr Bruder erkrankt ſei, in Thraͤnen zerfloſſen.„Quiconque viendra à ma porte, ſchrieb ſie, m'annoncer la guẽrison du Roi, mon frère, tel courier, fut il las, harrassé, fan geux et mal-propre, je Firai baiser et raccoler comme le plus-propre prince et gentilhomme de France. S'il avoit faute de lit pour se delasser, je lui donnerois le mien et coucherois plutòt sur la dure.« Margarethe von Valvis, am Hofe Ludwigs KII. erzogen, ſchoͤn, klug, geiſtreich, hatte ſich 1509 mit dem Herzog Karl von Alengon und zwei Jahre nach deſſen Tode(1527) mit Heinrich d'Albert, Konig von Navarra vermaͤhlt, dem ſie die be⸗ ruhmte Jeanne dAlbert, die Mutter Heinrichs W., gebar. Auch Margarethe beſchuͤtzte die Literatur ——— 85 und ſchrieb unter dem Titel Meptameron« einen Cyclus reizender Novellen, die ein Muſter von Naivitaͤt ſind. Mle les composait, ſchreibt Bran⸗ tome, dans sa litiére, en allant par le pays. Den Tod ihres Bruders uͤberlebte ſie nicht lange, ſie ſtarb 1549 auf dem Schloſſe Odes zu Bigorre. Zwei Jahre nach ihrem Tode gab ihr Kammerdiener, Jean de la Haye, ihre geſammelten Schriften unter dem Titel: vles Marguerites de la Marguerite des Princesses« heraus. Ihre Zeitgenoſſen hatten ſie die zehnte Muſe und die vierte Grazie genannt. Eleonore(geb. 1498 zu Loͤwen, ſeit 1519 mit Emanuel von Portugal, und nach deſſen Tode [1530) mit Franz I. vermaͤhlt) ging nach dem Ableben ihres zweiten Gatten in die Niederlande und 1556 nach Spanien, wo ſie 1558 zu Talavera ſtarb. Franz hinterließ von ſeiner erſten Gattin, Claude de France(Tochter Ludwigs XII. und der Anne von Bretagne, geb. 1499 zu Romorantin, 1514 86 zu Saint Germain⸗en⸗Laye mit Franz vermaͤhlt und 1524 geſtorben auf dem Schloß zu Blois), drei Soͤhne und vier Tochter. Ihm folgte ſein zweiter Sohn Heinrich. —— Zweiter Abſchnitt. Heinrich U. Geboren am 31. Maͤrz 1518 zu St. Germain⸗en⸗Laye. Koͤnig am 31. Maͤrz 1547. Geſtorben am 10. Juli 1559 zu Paris. Erſtes Capitel. Ein Bekenntniß. Heinrich der Zweite hatte die Großen ſeines Reiches, die ihm huldigend den Eid der Treue dargebracht, gnaͤdig entlaſſen, da trat ſeine Ge⸗ mahlin, Katharina von Medicis, die Tochter des Großherzogs Alexanders von Florenz, die Nichte Clemens VIM. ein. Sie beugte ihre Knie und ſprach: — Erlaubt, mein koͤniglicher Herr, daß eine Unterthanin den Stufen Eures glanzumſtrahlten Thrones nahe, um Euch tauſend Wuͤnſche ihres treuen Herzens darzubringen. O glaubt mir, mein Gebieter, es giebt in Eurem Reiche keine zweite Seele, die an Eurem Heile waͤrmern Antheil nimmt, als ich... — Steht auf, Katharina. Ich hab' an Eurer Liebe, Eurer Treue nie gezweifelt... 90 — O koͤnntet Ihr in meinem Herzen leſen, wie wahr und rein, wie feſt und unverbruͤch⸗ lich es fur's Eure ſchlaͤgt, von Neuem wuͤrde mir die Sonne Eurer Liebe leuchten... — Ihr thut mir Unrecht, wenn Ihr Euch und mich zu uͤberreden ſucht, daß ich Euch nicht mehr liebe. Ihr mogt getroſt mir glauben, Ka⸗ tharina, daß Ihr die Naͤchſte meinem Throne ſeid. — Die Naͤchſte Eurem Throne! Das will ſo viel als gar nichts ſagen. Die Nächſte Eurem Herzen moͤcht' ich ſein.. in Eurem Herzen mocht' ich thronen; doch— weh mir, daß ichs ſagen muß!— ein Weib, ſchoͤn wie die Frucht im Paradieſe, aber liſtig wie die Schlange, hat aus Eurem Herzen mich verdraͤngt.. — Katharina, glaubt nicht Alles, was Ver⸗ laͤumdung ſpricht... — Ich glaub' nur das, wovon ich ſelbſt mich uberzeuge. Noch niemals hab' ich Euer Ohr durch eitle Klagen ennuirt... heut iſt's das erſte Mal, daß ich es wage, mit Euch von einer Frau zu reden, die meines Lebens hoͤchſten Stolz, meines 91 Daſeins hoͤchſte Wonne, Eure Liebe mir ge⸗ vaubt — Ich ehre ſie als eine Freundin, die oft mit ihrem Rath mich unterſtuͤtzt.. — Ihr liebt ſie! rief die Koͤnigin von Wuth entbrannt. — Reizt nicht meinen Zorn! Wißt Ihr, Ma⸗ dame, nichts Beſſ'res mir zu ſagen, ſo ſchweiget lieber oder geht! Katharina von Medicis bekaͤmpfte ihre Wuth und ſprach gelaſſen: — Es ſind nun vierzehn Jahre, Sire, daß unſere Vaͤter, glorreichen Andenkens, uns verbunden haben. Erinnert Euch des ſchoͤnen Tages, an dem wir uns zum erſten Mal geſehen. Ich kam von Florenz.. Ihr eiltet Eurer Braut, die, damals dreizehn Sommer zaͤhlend, in der Bluͤthe ihrer Schoͤnheit ſtand, bis nach Marſeille entgegen. Ich brachte Euch zehn Millionen Scudi und, was mehr als alle Schaͤtze gilt, ein Herz voll heißer Liebe mit. Clemens VII., der heilige Vater, mein Oheim, der mich nach Marſeille gebracht, ſegnete 92 nuſern Bund. Mit lautem Jubel ward dort unſer Hochzeitfeſt gefeiert*). Wer hätte damals es ge⸗ glaubt, daß Heinrich, des Koͤnigs zweiter Sohn, mein Gemahl, einſt Herrſcher dieſes Landes, Zierde dieſes Thrones wuͤrde ſein? — Das Schickſal raubte mir den ältern Bruder**). — Das Schickſal ſaget Ihr? Thut ihm nicht Unrecht, Sire! Euer Bruder Franz.. er lebte wohl noch heute, wenn nicht eine andre Macht... — Eine andre Macht?! Sprecht deutlicher, Madame! ⸗ — Weißt Du, Heinrich, was Lady Macheth einſt gethan? Um ihren Gatten auf dem Thron zu ſehen, reizt ſie ihn auf zum Koͤnigsmord.. der alte Duncan faͤllt und Macbeth wird der Schotten Koͤnig. Weißt Du, Heinrich, was Katharina hat *) Am 4. October 1533. *) Franz, Heinrichs älterer Bruder, kaum neunzehn Jahre alt, ſtarb am 11. Auguſt 1536 zu Tournon. Der Jeſuit Daniel und einige andere Geſchichtsſchreiber ſagen, der Dauphin ſei von Sebaſtian von Montecuculi, auf Anſtiften des Kaiſers Karls V. vergiftet worden. — 93 gethan? Um ihren Gatten auf dem Thron zu ſehen, hat ſeinen Bruder ſie vergiftet. — Weh mir, was hoͤr' ich! Hat Fieberhitze oder Wahnſinn Dich umſtrickt? Du, Du haſt mei⸗ nen Bruder, haſt den Dauphin vergiſtet? — Ich that es Deinetwegen.. — Du luͤgſt.. Du haſt ihn nicht gemordet... Du prahlſt mit einem Frevel, den Du nicht be⸗ gangen... O widerrufe, was Du mir gebeich⸗ tet — Ich kann es nicht.. — Leugne Deine Schuld! — Ich mag es nicht... — Du kannſt, Du ſollſt, Du mußt es thun, wenn nicht, ſo laß ich Dich noch heute vor die Schranken meines Parlaments fordern und klage Dich, im Angeſicht des ganzen Volks, des Koͤnigs⸗ mordes an. — Heinrich, ich verlache Deine Drohung, denn wie willſt Du meinen Frevel mir beweiſen? Dein Zeugniß, das verwerfe ich. Um der Ehe laͤſtig Band zu trennen, willſt Du aufs Schaffot mich 94 bringen, um Dich frei und ungeſtoͤrt in die Arme Deiner Buhlerin zu werfen. — Aus meinen Augen, freches Weib! Dein Anblick ſtraͤubt mein Haar empor, reizt jede Faſer meines Seins zum grimmen Zorne auf. So iſt es wahr, was Frankreich ſagt: daß Du nicht Schminke bloß, daß Du auch Gift und Dolch und Tuͤcke und Verrath und alle Laſter Deines Vater⸗ lands an unſern Hof gebracht! Ehrloſes Weib, ich konnte Dich mit Fußen treten, wenn Du nicht Mutter meines Kindes wärſt! — Gebiete Deinem Zorne, Heinrich, bedenke, daß ich Deinetwegen nur gefrevelt. Macht⸗ und glanzlos waͤr' Dein Leben hingewelkt; jetzt biſt Du Koͤnig, kannſt die Welt mit Deinem Ruhm erfuͤllen und den Lorbeer der Unſterblichkeit erringen. — Die Krone, die Dein Frevel mir aufs Haupt geſetzt, iſt eine Laſt, die mich erdruͤcken wird.. Dein Lorbeer iſt mit Blut befleckt.. — Blut iſt Purpur, Purpur iſt Macht und Macht iſt etwas Goͤttliches. 95 Da trat ein Page ein. — Sire, die Wittwe des Großſeneſchalls der Normandie, Graͤfin von Maulevrier, bittet Ew. Majeſtat um die Gnade vorgelaſſen zu werden. — Sie iſt uns jeder Zeit willkommen. Der Page entfernte ſich. — Verlaſſen Sie uns, Madame, ſprach der Koͤnig kalt und ernſt zu ſeiner Gemahlin. Die ſtolze Katharina unterdruͤckte ihre Wuth und wankte, bleich wie der Tod, zum Saal hinaus. Zweites Capitel. Diana von Poitiers. Die Dame, die der Page eben gemeldet, iſt Diana von Poitiers, Graͤfin von Saint-Vallier, geboren am 3. September 1499. Kaum funfzehn Jahre alt, mußte ſich das ſchoͤne Kind, auf Be⸗ fehl ihres Vaters, mit Louis von Brézé, Grafen von Maulevrier vermaͤhlen. Dieſer Herr, Groß⸗ ſeneſchall der Normandie,(ein Sohn Charlottens von Frankreich, einer naturlichen Tochter der Agnes Sorel und Karls VII.) war, wie mehr als eine Chronik uns berichtet, ein Muſter von Haͤßlichkeit: klein, krummbeinig und verſchroben. Und dennoch ſoll die ſchone Diana ihn geliebt, zaͤrtlicch geliebt haben. Vielleicht, ſagt eine Chronik, beſaß der Herr Seneſchall verſteckte Schoͤnheiten.— Diana war bereits mehrere Jahre mit ihm vermaählt, als 97 ihr Vater, der Graf von Saint⸗Vallier, ein Greis von acht und ſechzig Jahren, als Anhaͤnger des Connetable von Bourbon, als Theilnehmer der Verſchwoͤrung gefangen genommen, verhaftet und zum Tode verurtheilt ward.— Die zaͤrtliche Tochter, geruͤhrt vom Ungluͤck ihres greiſen Va⸗ ters, verlaͤßt heimlich in der Nacht das Schloß ihres Gatten, eilt nach Paris, dringt in den Lou⸗ vre, wirft ſich dem Koͤnig zu Fuͤßen und fleht um Gnade fuͤr den verurtheilten Vater. Franz der Erſte, entzuͤckt vom Zauber ihrer Schoͤnheit, ver⸗ langt fuͤr ihres Vaters Kopf ein Loͤſegeld.»Gnade fuͤr Gnade, ſpricht der Koͤnig. Laßt eine Stunde mich in Euren Armen, an Eurem ſchoͤnen Buſen ruhen und ich will dem Vater, der dem Henker⸗ beil verfallen, das Leben und die Freiheit ſchenken. Dort ein Schaffot, hier ein Divan... dort ein Henker, hier ein Koͤnig.. waͤhlt nun, ſchoͤne Graͤfin!« Sie ringt die Haͤnde, fleht und weint— umſonſt! der Koͤnig hat ein Herz von Stein! Da wirft ſich nun die fromme Taube in die Klauen des Geiers: der Koͤnig ſchaͤndet die Tochter und . 5 98 begnadigt den Vater. Vier Jahre ſpaͤter, am 23. July 1531 ſtirbt ihr Gemahl. Gleich nach ſeinem Tode zieht ſie ſich mit ihren beiden Toch⸗ tern, Diana und Franziska, auf ihr Landhaus Anet zuruͤck und beſchließt, um den Hingeſchie⸗ denen Trauer anzulegen fuͤr ihr ganzes Leben. Es giebt Geſchichtsſchreiber, welche an der Auf⸗ richtigkeit ihres Grames zweifeln. Brantome z. B. behauptet, daß Diana die ſchwarzen Trauerkleider nur darum niemals abgelegt, weil ſie die blen⸗ dende Weiße ihres Buſens erhoͤhten. Fuͤnf Jahre nach dem Tode ihres Gatten fuhrte der Zufall ſie mit Heinrich zuſammen, der damals noch Herzog von Orleans war. Die Wittwe des Oberſene⸗ ſchalls zaͤhlte damals ſechs und dreißig, Heinrich nur achtzehn Jahre; doch trotz dem, daß die Graͤfin Maulevrier noch einmal ſo alt als Heinrich war, machte ſie durch den Zauber ihrer Schoͤnheit den tiefſten Eindruck auf ihn. Ihr Geſicht, ein Bou⸗ quet lachender Roſen, ihr Teint, weiß wie friſch⸗ gefallener Schnee, ihre dichten Locken, ſchwarz wie die Schleier der Nacht, ihr himmliſcher Buſen, 99 ihr herrlicher Wuchs, hoch und ſchlank wie die Ceder, ſchlugen ſein Herz in die goldene Feſſel der Liebe.— Der Hof und ganz Frankreich ſtaun⸗ ten ſchon damals uͤber das ungleiche Alter der Liebenden; Aberglaͤubige erklaͤrten geradezu, die Wittwe des Oberſeneſchalls habe den Herzog von Orleans behext, und ſelbſt aufgeklaͤrte Koͤpfe, de Thou und Pasquier, zwei Geſchichtsſchreiber jener Zeit, waren der Meinung, Diana habe ſich eines Zaubermittels bedient, um das Herz des jungen Prinzen zu erobern. Eine im Jahre 1540 zu Lyon erſchienene Chronik erzaͤhlt, ſie habe von einem Italiener, der mit Katharina von Medicis nach Frankreich gekommen, ein Recept zu einem Liebestrank erhalten, durch deſſen Hilfe ſie ihr Ziel erreicht haben ſoll— ein Maͤhrchen, dem man heut zu Tage keinen Glauben ſchenkt; das aber iſt gewiß: ſelten, vielleicht niemals ward ein Weib waͤrmer, inniger, anhaltender geliebt, als Diana von Heinrich, und ſelten, vielleicht niemals ward ein Koͤnig von dem Willen eines Weibes mehr beherrſcht, als Heinrich von Diana. Nach und 5* 100 nach errang ihr Geiſt uber ſein Herz eine ſo un⸗ umſchraͤnkte Herrſchaft, eine ſo deſpotiſche Gewalt, daß Heinrich ein Spielball ihrer Launen, ein wil⸗ lenloſes Werkzeug ihrer Macht ward. Katharina von Medicis wußte es und ſchwieg. Sie hegte die Hoffnung: Dianens Schoͤnheit wuͤrde nach und nach verwelken und ihre Herrſchaft dann zu Ende gehen.— Zehn Jahre ſah ſie ihren Gatten feſtgeſchmiedet an dem Siegeswagen dieſer Zauberin, noch immer hoffte, harrte ſie; allein ſie taͤuſchte ſich; Dianens Reize, Heinrichs Liebe trie⸗ ben, ſtatt zu welken, neue Bluͤthen, die Jahre knuͤpften jenes Band noch feſter. Katharina kaͤmpfte einen ſchweren Kampft ihr Stolz gebot zu reden, die Politik gebot zu ſchweigen und ſie ſchwieg. Erſt als ihr Gemahl den Thron ſeines Vaters be⸗ ſtiegen, erſt als ſie einſah, daß das Band zur Kette geworden, wagte ſie, dem Koͤnig ſein Un⸗ recht vorzuwerfen. Der Leſer weiß, was geſchehen. Drittes Capitel. Der König und ſeine Maitreſſe. Diana von Poitiers, in tiefe Trauer eingehuͤllt, trat jetzt in den Thronſaal ein. Der Koͤnig eilte freudetrunken ihr entgegen. — Diana, Bluͤthe meines Lebens, Perle meines Reiches, ſei gegrußt! — Sire — O nenne mich, wie Du fruͤher mich ge⸗ nannt. Ich bin nur Koͤnig fuͤr mein Volk, fuͤr Dich Diana.. — Fuͤr mich, mein Heinrich, biſt Du mehr als Koͤnig, fuͤr mich biſt Du ein zweiter Gott. Ich komme aus der Kirche Notre⸗Dame. Wei⸗ nend lag ich auf den Knien, betend fuͤr Dein Leben, betend fuͤr Dein Wohl. Der Himmel wird mein heißes Flehen erhoͤren, wird Dein Leben ſchutzen 102 und beſchirmen und das Fuͤllhorn ſeiner Gnade ausſtromen laſſen auf Dein theures Haupt. — Wenn ſolche Engel fur uns beten, kann des Himmels Segen uns nicht fehlen. Komm an mein Herz, Du holder Schutzgeiſt meines Le⸗ bens, und breite Deine Cherubsfluͤgel uber meines Thrones Saͤulen aus... Ich habe Vieles gut zu machen, was mein Vater einſt an Dir verſchuldet... o wohl mir, daß ich Koͤnig bin und Deine Liebe, Deine Treue jetzt belohnen kann. Sieh dieſen Ring.. mein Vater trug ihn bis ans Ende ſeines Lebens.. jetzt ſoll er Deinen Finger zieren. Trag ihn holdes Weib, als Unterpfand der Liebe, die Alles, was Du wuͤnſcheſt, Dir gewaͤhren wird. Nit dieſem Ringe leg' ich meine Macht in Deine Hand: Du ſollſt herrſchen, Du ſollſt Koͤnig ſein: Dein Wille ſoll Geſetz und Dein Geſetz mein Wille ſein. — Ich nehme dieſen Ring und will ihn tragen als ein Zeichen Deiner Huld; doch, Herr, vergieb, wenn ſeine Kraft ich alſogleich erpruͤfe. — Haſt Du Wuͤnſche, ſprich ſie aus! 103 — Deines Vaters Buhlerin, Anne de Piſſeleu, hat mich mehr als einmal frech verhohnt... ge⸗ duldig hab' ich ihren Spott ertragen zehn Jahre lang. Jjetzt aber.. — Sprich, was ſoll geſchehen? — Du ſollſt zur Strafe, ſie verbannen.— Der Connetable, den Dein Vater ins Exil geſchickt, verdient ein Pfeiler Deines Throns zu ſein.. — Wos ſoll ich thun? — Zuruͤckberufen den Verbannten.— Der Car⸗ dinal von Tournon iſt ein ſchwacher Mann, un⸗ faͤhig der Geſchaͤfte, die Deines Vaters Gunſt ihm anvertraut... — Alſo ſoll ich.. — Seines Amtes ihn entſetzen.— Annebaut, zur See ein großer Held, zu Land ein ſchwacher Feldherr nur, er bleibe Admiral.. — Doch ſeine Marſchallswuͤrde? — Magſt Du in Gnaden einem Andern ver⸗ leihen. — Wem, Diana, wem? — Saint⸗André iſt der Mann dazu. 104 — Nur fuͤr Fremde kannſt Du bitten, o bitt' auch einmal fuͤr Dich ſelbſt. — Fuͤr mich hab' ich nur einen Wunſch. — Er lautet? — Bleib' mir gut! — So lang' ich lebe, ſchwur der Konig und ſank an ihre Bruſt. Heinrich II. verlieh bald darauf ſeiner Ge⸗ liebten das Herzogthum Valentinois. Diana von Poitiers nahm davon den Herzogstitel an. Ihr altes Landhaus zu Anet wurde niedergeriſſen und an ſeiner Stelle ſtieg, wie eine Phoͤnir aus der Aſche, einer der ſchoͤnſten, großartigſten, prachtvoll⸗ ſten Palaͤſte empor, der den Namen ſeines Erbauers Philipp Delorme verewigt hat. Im Innern dieſes Schloffes, ausgeſchmuckt durch Couſin's Pinſel und Goujon's Meiſel, breitete ſich ſolch ein Lurus, ſolch ein Reichthum aus, daß man ſich in ein Feenſchloß verſetzt glaubte.— Außerdem ſchenkte 105 ihr der Koͤnig das nicht minder prachtvoll ausge⸗ ſtattete Luſtſchloß Chenonceaur. Die Herzogin von Etampes, die Maitreſſe Franz des Erſten, wurde vom Hofe verbannt und zog ſich auf ihr Schloß Villemartin zuruͤck*). Der Connetable von Montmorency, zuruͤckbe⸗ rufen aus ſeinem Exil, erhielt in Gemeinſchaft des Marſchalls Jacques de Saint-André und des Her⸗ zogs Franz von Guiſe die oberſte Leitung des Kriegs⸗ weſens und das Commando der Armeen. An die Stelle des abgeſetzten Cardinals von Tournon trat der Cardinal Karl von Lothringen, Herzog von Aumale, der, wie de Thou und andere authentiſche Geſchichtsſchreiber behaupten, mit der Geliebten des Koͤnigs in einem ſehr innigen Verhaͤltniß gelebt hat, was um ſo ſtrafbarer er⸗ ſcheint, da der Cardinal, ſeit 1546 mit ihrer zweiten Tochter, Franvoiſe de Brézé vermaͤhlt, ihr Schwie⸗ gerſohn war. *) Vergeſſen von aller Welt, von Niemand betrauert, ſtarb ſie um das Jahr 1576. Der letzte Seufzer, der über ihre ſterbende Lippe glitt, war— Benvenuto! 5 106 Nicht lange nachher ſiel der Kanzler Olivier in Ungnade. Auf Befehl der Herzogin von Va⸗ lentinois wurde ihr Schutzling Bertrandin, Praͤ⸗ ſident des Parlaments, zum Großſiegelbewahrer, und Gilles⸗le⸗Maitre, ein anderer Guͤnſtling der Herzogin, zum Praͤſidenten des Parlaments ernannt. So wurden nach und nach alle erſten Juſtizſtellen, alle hohen Finanzaͤmter, alle Praͤſidentenſtuhle der Parlamente Dianens Creaturen verliehen; auf dieſe Weiſe verſicherte ſie ſich des Miniſteriums, der Armee, des Schatzes und der Geiſtlichkeit. Die Herzogin von Etampes hatte die Refor⸗ mirten begunſtigt; mehr aus Widerſpruch als aus ueberzeugung nahm ſich die Herzogin von Valen⸗ tinois der Katholiken an. Einverſtanden mit der Geiſtlichkeit, begann nun eine Ketzeriagd, die um ſo eifriger betrieben ward, da die confiscirten Guͤter der Calviniſten ihr zur Beute anheim fielen. Da⸗ durch, und durch das Confirmationsrecht, das vor Einfuͤhrung der die Aemter erblich machenden Pau⸗ lette darin beſtand, daß jeder Beamte, der beſtätigt S — 107 werden wollte, an die Herzogin von Valentinvis eine beſtimmte Abgabe entrichten mußte, machte ſie ſich dergeſtalt verhaßt, daß halb Frankreich ſie verwuͤnſchte. Viertes Capitel. Ein Tournier in der Rue St. Antvine. (15 5 9.) Le lion jeune le vieux surmontera En champ bellique par singulier ducl, En cages d'or les yeux lui crevera Des plaies une, puis mourir mort cruel. Erſte Centurie, 35. Quatrain von Michel de Noſtradamus. In der Mitte Junys waren die Abgeſandten des Koͤnigs von Spanien in Paris angekommen, um im Namen ihres Souverains die aͤlteſte Tochter des Konigs von Frankreich zu heirathen. Heinrich II. hatte zur Feier der Vermaͤhlung ein großes Tournier veranſtaltet. Auf einer großen, terraſſenformig ſich erhe⸗ benden Tribune ſah man die Konigin Katharina von Medicis, umgeben von ihren Kindern; den 109 Dauphin Franz und ſeine Gemahlin, Maria Stuart; Eliſabeth, die Braut Philipps des Zweiten von Spanien; Margarethe von Valvis; Karl, Herzog von Orleans; Heinrich, Herzog von Anjou und Franz, Herzog von Alengon; in der zweiten Reihe: Margarethe von Frankreich, Schweſter des Koͤnigs, und ihren Braͤutigam Philibert, Herzog von Sa⸗ voyen; dann die Herzogin von Valentinois und ihre beiden Eidame, die Herzoge von Aumale und Bouillon; in der dritten Reihe: die Abgeſandten des Koͤnigs von Spanien: den Herzog von Alba, den Prinzen Wilhelm von Oranien und den Grafen von Egmont; in der vierten Reihe: den Herzog von Guiſe, den Connetable von Montmorency, den Marſchall Frotzi, den Vetter der Koͤnigin, den Marſchall von Saint⸗André, den Marſchall von Briſſac und den Grafen von Gondi⸗Retz, den Hofmeiſter der koniglichen Prinzen; in der funften Reihe: den Großſiegelbewahrer Bertrandin, den Praͤſidenten des Parlaments Gillis⸗le⸗Maitre, den Praͤſidenten des Rechnungshofes Alleman und Nan⸗ touillet, den Stadtſchuldheißen von Paris. 110 Am zweiten Tage des Tourniers beſchloß der Koͤnig, um ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen, ſelbſt Theil zu nehmen. Unter dem jubelnden Beifall der zuſchauenden Menge brach er mehrere Lanzen mit dem Herzog von Guiſe, mit dem Herzog von Nemours und dem Prinzen von Ferrara. Damit nicht zufrieden, fordert er den jungen Grafen Ga⸗ briel von Montgommery, den Capitain der ſchotti⸗ ſchen Leibwache, zu einem Wettkampf mit geoffnetem Viſir heraus. Der Graf ſtraͤubt ſich, denn ein dunkles Vorgefuͤhl ſagt ihm, daß dies luſtige Spiel traurig enden werde. Der Konig aber, der auf ſeinen Willen beſtand, ſchickte dem Grafen eine Lanze. Unter dem Geſchmetter der Fanfare und dem lauten Jubel der Menge reiten beide Streiter(der Koͤnig auf einem weißen, der Graf auf einem ſchwarzen Roß) in die verhängnißvollen Schranken. Der Kampf beginnt... die Bravour des Koͤnigs ſcheint den Sieg davonzutragen. da ertont ein furchtbarer Schrei... Heinrich faͤllt verwundet vom Pferde. 111 Montgommery's Lanze war gebrochen, und ein Splitter derſelben dem Koͤnig ins rechte Augenlied gefahren. Man ſchreit: der Koͤnig iſt verwundet... die Herzogin von Valentinvis ſinkt in Ohnmacht. Montgommery benutzt den Augenblick der Ver⸗ wirrung und entflieht durch die dichten Reihen der vor Schreck verſteinerten Volksmaſſe. Der Koͤnig, der Sprache und Beſinnung verloren hat, wird ins Hötel des Tournelles*) gebracht. Eilf Tage ſpaͤter, am 10. July, erfuͤllte ſich die Weiſſagung des Noſtradamus: der Koͤnig ver⸗ ſchied unter graͤßlichen Schmerzen. Die Koͤnigin Wittwe ſetzte auf den Kopf Mont⸗ gommery's, der nirgends zu finden war, einen Preis von 10,000 Roſenobles aus. Der Graf war nach England entflohen. *) Dieſer Palaſt, der wegen ſeiner vielen Thürme das Anſehen einer gothiſchen Cathedrale hatte, lag an der Porte St. Antoine und gehörte früher dem Grafen von Bedfort. Karl VII. und Ludwig XI. ließen den Palaſt vergrößern; er enthielt zehn Höfe, zwölf Gallerien, zwan⸗ zig Capellen, ein Labyrinth, zwei Parke, ſechs Gärten und ein großes Getreidefeld. Karl IX. ließ den Palaſt 1565 abtragen. Fünftes Capitel. Das Ende Dinnens von Pvoitiers. „Ich ſah ſie ſechs Monate vor ihrem Tode und ſie war noch ſo ſchön, daß nur ein Felſenherz davon ungerührt bleiben konnte.“ Brantome. Der Koͤnig war noch nicht beerdigt, als Ka⸗ tharina von Medicis ihrem langgenahrten Grolle freien Lauf ließ: die Herzogin von Valentinois, heruntergeſtuͤrzt vom Gipfel ihrer Macht, mußte die Kronjuwelen und viele andere Geſchenke, die ſie der Gnade des Koͤnigs verdankte, zuruͤcker⸗ ſtatten. Freiwillig ſchickte Diana den Ring zuruͤck, der einſt Heinrichs ganze Macht in ihre Hand gelegt; jetzt, nach ſeinem Tode, hatte der Ring keinen Werth mehr fuͤr ſie. Katharina nahm ihr das 113 Luſtſchloß Chenonceaur und trat ihr dafuͤr das Schloß Chaumont an der Loire ab. Die Herzogin von Valentinois zog ſich nach Anet zuruͤck, lebte dort in der Einſamkeit ihres Schloſſes und ſuchte Troſt in den Armen des Marſchalls von Briſſac, mit dem ſie ihren Reich⸗ thum theilte, und der ihr, vielleicht nur aus die⸗ ſem Grunde, bis ans Ende ihres Lebens treu er⸗ geben blieb. Am 22. April 1566 ſtarb Diana in einem Al⸗ ter von faſt 67 Jahren. Brantome, der ſie noch kurze Zeit vor ihrem Tode geſehen, war entzuͤckt von ihrer bluͤhenden Schoͤnheit und betheuert, ſie habe damals nicht viel älter als ein Maͤdchen von achtzehn Jahren ausgeſehen. Dianens ewige Jugend hat zu vielen Maͤhr⸗ chen Anlaß gegeben. Ich will nur das Eine er⸗ zaͤhlen, das ich in einer alten Chronik vom Jahre 1624 aufgefunden. Ein Jahr nach dem Tode des Großſeneſchalls, Grafen von Maulevrier, erblickte die ſchoͤne Wittwe, als ſie eines Morgens ihr Antlitz im Spiegel ſah, 11¹4 da, wo die zwei Augenlieder, unfern der Stirn, zuſammenlaufen, eine garſtige Runzel. Die Gra⸗ fin erſchrack, denn es war die erſte Runzel. Sie verzweifelte und ſchloß drei Naͤchte kein Auge zu. In der vierten Nacht fing ſie mit ihrem Geſchick zu hadern an. Satan, rief ſie voll Verzweiflung, ich will meine Seele Dir verſchreiben, wenn Du mir bis ans Ende meines Lebens das Gluͤck der ewigen Jügend gewährſt. Da ertonte ein furcht⸗ barer Donnerſchlag... das Licht erloſch und Diana fuhr vor Schreck zuſammen, denn eine un⸗ heimliche Geſtalt, roth wie Zinnober, ſtand vor ihrem Bette. Sie ſchrie und druͤckte die Augen zu, um nicht das grinzende Laͤcheln, den hoͤhni⸗ ſchen Blick des Unbekannten zu ſehen. Da er⸗ ſchallte ein lautes, hohniſches Gelächter, die Ge⸗ ſtalt verſchwand und Diana ſank in Ohnmacht. Am andern Morgen, als ſie erwachte, glaubte ſie das Alles nur getraͤumt zu haben. Sie kleidete ſich an, hatte aber Angſt in den Spiegel zu ſchauen, denn ſie furchtete, auf ihrem Antlitz eine neue Run⸗ zel zu entdecken. Endlich faßte ſie Muth, ſchaute 115 hinein und ſah, daß auch die erſte Runzel ver⸗ ſchwunden und ihr Geſicht wieder ſo glatt und ſchoͤn als fruͤher war. Es ſchien, ſagt die Chro⸗ nik, als habe der boͤſe Geiſt ihren Wunſch erhoͤrt, denn die Jugend, dieſe liebliche Goͤttin, die fluͤch⸗ tig, wie der ſchnellfuͤßige Mai an uns voruͤber⸗ zieht, blieb ihr bis ans Ende des Lebens getreu. Erſt als der Tod ihre ſchoͤnen Augen zugedruckt, war ihr Geſicht zuſammen geſchrumpft, mit tau⸗ ſend Runzeln bedeckt und ſo ſcheußlich wie das Haupt der Meduſa anzuſehen. Andere Geſchichtsſchreiber erklaͤren ſich ihre ewige Jugend viel einfacher; ſie ſagen: Diana ſei in ihrem ganzen Leben niemals krank geweſen, habe ſich, ſelbſt im ſtrengſten Winter, mit kaltem Brun⸗ nenwaſſer gewaſchen und niemals Schminke auf⸗ gelegt; jeden Morgen ſei ſie um ſechs Uhr auf⸗ geſtanden, ein paar Stunden in freier Luft her⸗ umgeritten, dann wieder zu Bett gegangen, und nicht eher aufgeſtanden, als es Mittag war. Kurz vor ihrem Tode hatte Diana, um den Himmel, gegen den ſie in mehr als einer Bezie⸗ 116 hung, geſuͤndigt hatte, wieder auszuſoͤhnen, einige Hoſpitaͤler und eine Capelle geſtiftet, die der un⸗ befleckten Jungfrau Maria gewidmet war. Ihre beiden Tochter, die Herzoginnen von Au⸗ male und Bouillon, theilten die ungeheuren Schaͤtze ihrer Mutter. Dem Marſchall von Briſſac hatte ſie, als Anerkenntniß der treuen Dienſte, die er der verlaſſenen Wittwe geleiſtet, 100,000 Gold⸗ laͤmmer*) hinterlaſſen. Das ſchoͤne Schloß Anet, in welchem Diana beerdigt ward, hat, wie manches andere Denkmal koniglicher Schwaͤche, die Welle der Zeit wegge⸗ ſpult; doch hat man in neueter Zeit einige Trum⸗ mer, und darunter Dianens Grabmal: eine lie⸗ gende, nackte Statue, Diana als Gottin der Jagd dargeſtellt(von Jean Goujon), aufgefunden. Diana von Poitiers iſt die einzige Maitreſſe eines Koͤnigs von Frankreich, der zu Ehren Me⸗ *) Eine goldene Münze(ungefähr 11 Francs werth), auf der einen Seite war das franzöſiſche Wappen und der Name Johanns, auf der andern Seite das agnus Dei, wovon die Münze ihren Namen erhielt. 117 daillen gepraͤgt worden ſind. Darunter befindet ſich eine von Kupfer, auf deren Vorderſeite ihr Bild mit der Umſchriſt: Diana dux Valentino- rum clarissima,« und auf der Ruͤckſeite»Victo- rem omnium vici« eingepraͤgt iſt. Im Louvre ſieht man noch heutigen Tages Dianens Bild von Jean Couſin auf Glas gemalt. Dritter Abſchnitt. Franz. Geboren am 19. Januar 1544 zu Fontainebleau. Koͤnig am 10. July 1559. Geſtorben am 5. December 1560 zu Paris. Der König ohne Laſter. Der Sohn Heinrichs II. und Catharinens von Medicis war ein Juͤngling von funfzehn Jahren, als er den Thron ſeines Vaters beſtieg. Neun Monate vor ſeiner Thronbeſteigung, am M. April 1558, hatte man ihn mit Maria Stuart, Tochter Jacobs V. von Schottland und Mariens von Lothringen, vermaͤhlt. Maria Stuart(geb. am 7. December 1542 zu Linlithgow) hatte acht Tage nach ihrer Geburt den Thron ihres Vaters geerbt. Heinrich VII. von England hatte das koͤnigliche Kind zur Braut fuͤr ſeinen Sohn Eduard begehrt. Aber Marie von Lothringen, nicht gewillt, Schottland mit England vereinigt zu ſehen, hatte ihr Kind fuͤr den Dauphin von Frankreich beſtimmt. . 6 * — S——— ——— 122 Die Regierung Franz des Zweiten waͤhrte nicht laͤnger als ſiebzehn Monate. Waͤhrend dieſer Zeit grundeten die Oheime der Koͤnigin, der Herzog Franz von Guiſe und der Cardinal von Lothringen, an die Spitze des Staates geſtellt, jene Macht, die unter Heinrich III. dem Throne ein ſo gefaͤhrlicher Nebenbuhler ward. Franz II. ſtarb am 5. December 1560 an einer Ohrfiſtel und hinterließ ſeinem Reiche eine Schuldenlaſt von 42 Millionen Livres. Das Hofgeſinde, ſtets bereit, ſelbſt dem untaug⸗ lichſten Herrſcher Weihrauch zu ſtreuen und ſeinen Namen in die Strahlen des Ruhmes zu huͤllen, nannte ihn le Roi sans vices; Clio, die richtende Geſchichte, nennt ihn mit groͤßerm Rechte le Roi sans vertus. Maria Stuart kehrte nach dem Tode ihres Gatten nach Schottland zuruͤck. Noch in demſelben Jahre, am 10. Juni 1560, verlor ſie auch ihre Mutter, die waͤhrend der Toch⸗ ter Abweſenheit, als Regentin Schottlands, mit 193 dem Grafen Arran, dem Vormunde ihres Kindes, die Zugel des Staates geleitet. Mariens fernere Schickſale, ihre Vermaͤhlung mit Heinrich Darnley, ihre Liebſchaft mit dem Saͤn⸗ ger David Rizzio, ihre Feindſchaft mit Eliſabeth von England und ihr trauriges Ende gehoͤren der Geſchichte Englands an. Franz dem Zweiten folgte ſein Bruder Karl IX. 6* Vierter Abſchnitt. Karl MX. Geboren am 27. Juni 1550 zu Saint Germain⸗ en⸗Laye. Koͤnig am 5. December 1560. Geſtorben am 30. Mai 1574 zu Vincennes. Erſtes Capitel. Der König und ſeine Hunde. (1569.) Chaque fou a sa marotte. Nicht nur die Narren, auch die Koͤnige haben ihren Sparren. Der neunte Karl, in dem jeder Zoll ein Narr, jede Linie ein Hanswurſt war, hatte viel und mancherlei Marotten: er ſchmiedete Helme und praͤgte Muͤnzen, er dichtete, blies das Waldhorn, trieb ſich mit Dirnen und Jagd⸗ hunden herum und uͤberließ das Scepter und die Sorge des Regierens ſeiner herrſch- und raͤnke⸗ ſuͤchtigen Mutter. Denkt man ſich einen langen, krankhaft ma⸗ gern Koͤrper, der auf duͤnnen Beinen und unver⸗ haͤltnißmaͤßig kleinen Fußen ruht, denkt man ſich einen kleinen, etwas ſchiefen Kopf mit großen, 128 grauen, tiefliegenden, finſterrollenden Augen, blei⸗ chen, eingefallenen Wangen, ſtark hervortretenden Backenknochen, mit ſchwarzen, dicht auf dem Schei⸗ tel liegenden, borſtenaͤhnlichen Haaren, mit einer ſchoͤngeformten Habichtsnaſe und einem Mund mit ſtark hervorragender Oberlippe und einem boshaf⸗ ten Laͤcheln, das an Grinzen ſtreift, dann ſteht das Bild von Karl den Neunten wohlgetroffen vor den Blicken des erſtaunten Leſers. Farl ſah abgezehrt und verlebt, mehr einem Greis als einem Juͤngling ähnlich, der in dieſem Jahre ſein neun⸗ zehntes Geburtsfeſt gefeiert. Sein Anzug war bi⸗ zarr, wie er ſelbſt: gewoͤhnlich trug er einen kur⸗ zen Jagerrock von gruͤnem Sammet mit Puffen von weißer Seide— Hals und Bruſt entbloͤßt— eng anſchließende Beinkleider von fleiſchfarbenem Tricot mit hochrothen Puffen, einen hellblauen goldgeſtickten Guͤrtel und ſchwarzſammetene Schuhe mit Goldplatten und Edelſteinen geziert.— War er nicht in ſeiner Schmiede, ſo war er auf der Jagd, war er nicht bei ſeinen Hunden, ſo war er bei dem Hoſgeſindel im Schloß Madrid zu fin⸗ 129 den. Er ſprach italieniſch lieber als franzoͤſiſch, ſchimpfte wie ein Fiſchweib, und ſtieß in jeder Mi⸗ nute ein Dutzend Fluͤche aus. Das war Karl der Neunte, der wohlgerathene Sohn Katharinens von Medicis, par la gräce de Dieu Roi de France. Heute war der Koͤnig muͤrriſcher als je. Man glaube nicht, daß er ohne Grund ſo mißvergnuͤgt und traurig war. Geſtern, als er, begleitet von ſeinem Falkonier und zwanzig Jagdhunden, im Gehoͤlze von Montmartre gejagt, fiel einer ſeiner Hunde, Aéllo(ſo genannt nach jenem Hunde, wel⸗ cher Aktäon, ſeinen Herrn zerriß), blind durch allzu großen Eifer in die Seine und ertrank.— Farl war außer ſich, denn Aéllo war ſein Liebling. Eine Mutter kann uͤber den Verluſt ihres Kindes, ihres einzigen Kindes, nicht untroſtlicher ſein, als der Koͤnig von Frankreich uͤber den Tod ſeines Jagdhundes war. Karl konnte vor Schmerz nicht eſſen, nicht trinken, nicht ſchlafen; er geberdete ſich wie ein Menſch, dem der Gram den Verſtand geraubt.— Amadis Jamin, ſein Geheimſecretaͤr, halb Poet, halb Narr, ließ alle Minen ſeines 6** 130 Witzes ſpringen, um ſeinen Collegen aufzuheitern — umſonſt, der Koͤnig, der, ohne ſich Gewiſſens⸗ biſſe zu machen, zwanzig Colaskuͤhe(ſo nannte man damals die Anhaͤnger Calvins) mit kaltem Blut erſchoſſen haͤtte, weinte wie ein Kind uͤber den Tod eines Hundes! Er ſelbſt verſuchte jetzt ſich aufzuheitern: er nahm das Waldhorn zur Hand, und blies, um den Schmerz von ſeiner Bruſt zu waͤlzen, die ruͤhrendſten Symphonien und Trauer⸗ maͤrſche. Amadis Jamin, ein ſchlauer Schlingel, der ſeines Herrn ſchwache Seiten kannte, ſtellte ſich bei Anhoͤrung dieſer Jeremiaden auf dem Wald⸗ horn, als ob ihm das Herz braͤche: er fing erſt leiſe zu ſchluchzen, dann laut zu heulen an. — Ew. Majeſtaͤt blaſen wie die Engel im Himmel und reißen Einem mit ihren Toͤnen das Herz aus dem Leibe heraus.. Man muß weinen, weinen wie ein albernes Kind. Der Koͤnig wurde dadurch noch truͤber ge⸗ ſtimmt. Er warf das Waldhorn bei Seite, ſtreifte ſeinen Jagdrock ab, ſchnallte das Schurzfell um, krempelte die Aermel ſeines feingeſtickten Hemdes 131 auf, ſetzte eine lederne Kappe auf und fing an zu ſchmieden. Ploͤtzlich aber warf er Hammer und Zange weg und rief: — Cospetto di Bacco! da faͤhrt mir ein klu⸗ ger Gedanke durchs Gehirn. — Darf man fragen, Majeſtat.. — Ich will dichten, und weißt Du was? — Nun was denn, Majeſtaͤt? — Eine Elegie auf meinen ins Jenſeits hin⸗ uͤbergeſchwommenen Jagdhund. — Eine Elegie— Sangue di Dio!— eine koͤſtliche Idee, ein herrlicher Gedanke. So etwas kann aber nur einem Koͤnig von Frankreich ein⸗ fallen! — Nicht wahr, eine himmliſche Idee! Poz Galgen und Crucifix! Jetzt packe Dich. Eſel, jetzt laſſe mich allein, jetzt will ich dichten, was das Zeug haͤlt. Bis Abend bin ich mit der Elegie fertig, ich leſe ſie dann der Koͤnigin Mutter vor... Mille moustaches!— die wird ſich freuen. — Das glaub' ich, Majeſtaͤt. Aber hat ſie denn nicht Grund dazu? Nicht jeder Mutter hat 132 der Himmel ſolch' ein Genie von einem Sohn beſcheert. — Doa, Schlingel, nimm, das ſchenk' ich Dir. Bei dieſen Worten warf er dem Geheimſecretaͤr eine goldgefullte Börſe an den Kopf, Jamin fing ſie mit beiden Haͤnden auf, kußte den Zipfel des koniglichen Schurzfells, bedankte ſich und tanzte frohlich zur Thuͤr hinaus. Der Koͤnig ſchmiedete jetzt Eiſen und Verſe. Nach den Schlaͤgen ſeines Hammers richtete ſich der Rhythmus ſeiner Verſe. Er haͤmmerte und verſelte friſch drauf los, aber ploͤtzlich ruhte der Hammer: der Koͤnig verſank in tiefes Nachdenken: die Elegie war fertig, es fehlten nur noch die zwei letzten Zeilen; zum ungluͤck aber konnte er auf die beiden Worte: souviens und amour keine paſſenden Reime finden: er zerbrach ſich den Kopf, zerſann ſich alle Faſern des Gehirnes, dicke Schweiß⸗ tropfen ſtanden auf der gekroͤnten Stirn. er ſtampfte mit den Fußen, tobte, ſchimpfte, fluchte, lief wie ein Wahnſinniger auf und ab und rannte mit dem Kopf an die Mauer— alles vergebens! 133 Jetzt wußte er ſich keinen andern Rath, er rief ſeinen Geheimſetretaͤr, der ihm ſchon oft geholfen, zur Zeit der Noth einen paſſenden Reim zu er⸗ wiſchen. — Amadis, meine Elegie iſt fertig. — Wie, ſchon jetzt, unmoͤglich, Majeſtät. — Tete-bleue, ich ſage Dir, ſie iſt fertig— es fehlen mir nur die beiden letzten Zeilen. — Wie lauten die zwei vorhergehenden? — Je m'en souviens De ton amour. — Je m'en souviens de ton amour wie⸗ derholte Amadis Jamin, rieb ſich die Haͤnde und ſtrengte ſein Gehirn an, um auf dieſe Zeilen einen Reim zu finden. — Toͤlpel, ſchaffe mir den Schluß oder ich erwuͤrge Dich, rief der Koͤnig und faßte ſeinen Ge⸗ heimſecretaͤr bei der Gurgel. — Ich hab' ihn, ich hab' ihn, ich hab' ihn! ſchrie der Narr, der ſich losmachen wollte... Der Reim iſt gefunden! Heraus mit der Beſtie! ſchrie der Konig. 134 — Je m'en souviens De ton amour, Dors, dors mon chien, Mon troubadour! — Gut, ſehr gut! rief Seine Majeſtat. — Den Hund mit einem Troubadour ver⸗ gleichen— bei meiner Ehre, das iſt noch nicht da geweſen! Selbſt Jean Dorat, der Hofdichter Ew. Majeſtaͤt koͤnnte keinen paſſendern Schluß auffinden, als dieſen. — Mille moustaches! die Elegie iſt fertig, raſch die Hunde losgelaſſen und hinaus, hinaus auf die Jagd! Doch halt, Schurke, damit Du ſiehſt, wie dankbar ich bin, ernenne ich Dich hiemit zum chevalier de Fordre St. Michel*). — Vive le Roi, vive le Roi! rief der neuge⸗ backene Ordensritter und warf ſeinen weißen Filzhut an die Decke. — Sire, ſprach ein Page, der ſo eben eintrat, *) Dieſer Orden, 1469 von Ludwig Kl. auf dem Schloſſe Amboiſe gegründet, verlor dadurch, daß Karl ihn an jeden Lumpen vertheilte, ſo ſehr ſein Anſehen, daß er ſpottweiſe le collier à tous les bétes genannt wurde. 135 der Kanzler und Großſiegelbewahrer Birago harrt im Vorſaale. — Der Teufel ſoll ihn holen, ich habe keine Zeit, ich muß auf die Jagd, rief der Koͤnig und ſtuͤrmte zur Thuͤr hinaus. Eine Stunde ſpaͤter jagten Seine Majeſtaͤt der Koͤnig von Frankreich im Gehoͤlze von Vin⸗ cennes. Karl M. ſchoß an dieſem Tage 42 Haſen. Sonderbar, die Chronik erzaͤhlt uns von den Koͤ⸗ nigen, wie viel Haſen ſie erlegt; doch wie viel Boͤcke ſie geſchoſſen, davon ſchweigt ſie. Zweites Capitel. Ein Tag im Schloß Madrid. (1520.) Im Walde von Boulogne lag ein Schloß, das, von Franz I. erbaut, Madrid hieß und dadurch hiſtoriſch geworden, daß Franz, der nach einem Artikel des pariſer Friedens gehalten ſein ſollte, in Spaniens Hauptſtadt als Gefangener zu leben, dieſen Artikel dadurch umgangen hatte, daß er ſich eine Zeitlang, ſtatt in Madrid am Manzanares, im Schloß Madrid an der Seine aufhielt. Dieſes Schloß war der Lieblingsaufenthalt des zwanzigjaͤhrigen Karls, der hier, umgeben von einer Kette italieniſcher und franzoͤſiſcher Sirenen, die in der hohen Schule ſeiner Mutter alle Kuͤnſte der Verfuͤhrung erlernt, wie ein Sultan in ſeinem Harem lebte und tagtaglich und nachtnachtlich wilde 137 Gelage feierte. Madrid war das Aſyl der frechſten, ſchamloſeſten und verworfenſten Ausſchweifungen. Meine Feder ſtraͤubt ſich, die Sunden dieſes Schloſſes, das ein kleines Sodom und Gomorrha war, weiter auszumalen: das Papier, worauf ich ſchreibe, muͤßte erroͤthen und die Dinte erblaſſen vor Scham, wollte ich verſuchen, von den Orgien, die man hier gefeiert, den Schleier wegzuheben und Wolluſt und Laſter, die ſich hier verſchwiſtert hatten, in ihrer ekelerregenden Nacktheit zu zeigen. Katharina von Medicis, des Koͤnigs Mutter, unter deren Augen dies Alles geſchah, war das gemeinſte, nichtswurdigſte Weib, das jemals auf dem Throne ſaß, eine Beſtie, deren Namen ein Schandfleck in der Geſchichte Frankreichs iſt, ein Schandfleck ſo groß, daß Jahrhunderte nicht hin⸗ reichen werden, ihn auszutilgen. Katharina wollte ihren Sohn, der im zehnten Jahre den Thron ſeines Vaters beſtiegen, phyſiſch und moraliſch zu Grunde richten, um ihn untauglich zum Regie⸗ ren zu machen. Die frechſten Buhldirnen, die ſchamloſeſten Maͤnaden und Hetaͤren mußten die 138 Kraͤfte ſeines Koͤrpers, ſeines Geiſtes, ſchon im Keime verpeſten und zerſtoren, jede Regung ſeines beſſern Gefuͤhls unterdruͤcken, ihn koͤrperlich ent⸗ nerven, geiſtig entmannen. Karl war vein ge⸗ flicter Lumpenkoͤnig«, aber nicht ihn, nur ſeine nichtswuͤrdige Mutter treffe der Fluch der franzo⸗ ſiſchen Nation, der Haß und die Verachtung der Nachwelt, der Bannſtrahl der Geſchichte, denn ſie, nur ſie war Schuld, daß Karl, der vermoͤge ſeiner ſchonen Faͤhigkeiten und mancher guten Eigenſchaften, die man in ihm nicht auszurotten vermocht, eine Zierde des Throns, ein Denkmal ihres Ruhmes haͤtte werden koͤnnen, ein Brandmal Frankreichs, ein Pranger ihrer Schande geworden iſt, an den Clio mit unverloſchbaren Zuͤgen den Namen„Ka⸗ tharina von Medicis« geſchrieben. Horch, welch ein Lärmen?! Hornerſchall, Hundegeklaff, Pferdegetrappel, Peitſchengeknall und Sporengeklirr— der Koͤnig kehrt ſo eben von der Jagd zuruͤck. Und dreißig Hofftaͤulein(größ⸗ tentheils feurige, uͤppige, wolluͤſtige Italienerinnen, Eine ſchoͤner, aber auch frecher als die Andere) 139 eilen ihm auf der Treppe entgegen, kuͤſſen und um⸗ halſen ihn und zerren ihn, lachend und ſingend, in den Saal, wo ſchon die Tafel gedeckt iſt. Schnell werden, ob es gleich erſt vier Uhr Nachmittag iſt, die Lichter angezuͤndet und die Laͤden der Fenſter geſchloſſen, denn die Sonne, die draußen noch ſo hell und unverdroſſen freundlich ſcheint, incommo⸗ dirt: der Koͤnig will ungenirt ſein und beim Ker⸗ zenſchein ſehen die geſchminkten Geſichter ſeiner Odalisken viel ſchoͤner als beim Tageslicht aus, wo die ſchwarzen Ringe um ihre ausgegluͤhten Augen und ihr welker Teint einen ſchneidenden Contraſt zu ihrer Jugend bilden; uͤberdem kann man, wenn die Laͤden geſchloſſen ſind, das Laͤrmen und Toben nicht hoͤren, das nun beginnt. Im anſtoßenden Gemache erſchallt muntere Hornmuſik, man ſetzt ſich zur Tafel, der Koͤnig ſitzt zwiſchen der Graͤfin la Beuyere, einer kecken Franzoͤſin, und der Graͤfin Gondy, einer frechen Italienerin. Die Nymphen, die dem Koͤnig gegenuber ſitzen, werfen ihn mit Brodkuͤgelchen und ſuchen unter dem Tiſche ſeine Fuͤße auf. Die Andern ſchmollen 140 lächeln, kichern, ſticheln, ſpotteln, reißen Witze, die roh, und Zoten, die nur halbverbluͤmt ſind. Der Becher macht die Runde, man trinkt und wird heiter, luſtig, muthwillig, keck, ausgelaſſen und endlich frech. Nan ſinkt und trinkt, man ſcherzt und lacht, man kuͤßt und wird gekuͤßt und ſteht endlich nach vier langen Stunden, von der Tafel auf... die Thuͤren werden geſchloſſen, man tanzt, man wird warm, die Einen loͤſchen die Lichter aus, die Andern zuͤnden ſie wieder an, denn außer dem Koͤnig, vor dem man ſich nicht zu geniren braucht, iſt kein einziger Mann im Saale. Karl iſt der Bacchus, um den ſich der Zug der Manaden in wilder, ausgelaſſener Luſt dreht.. man kuͤßt und tanzt bis die Nacht entweicht und die Morgenrothe durch die Ritzen der Fenſter dringt. Erſchoͤpft eilt der Koͤnig und ſein bacchantiſches Heer in die Arme des Schlummers. Es ſchlaͤgt Sechs. Werft einen Blick in den Louvre: hier kniet vor dem Crucifir die ſchoͤne, fromme, gottergebene Eliſabeth von Oeſterreich, die 141 Tochter des Kaiſers Maximilian II.*). Sie faltet die Haͤnde, blickt zum Himmel und betet fuͤr das Wohl des Koͤnigs von Frankreich, dem ſie ſeit fuͤf Monaten vermaͤhlt iſt, und fuͤr das Kind, das ſie unter ihrem Herzen traͤgt. 6) Die Vermählung Karls mit Eliſabeth von Heſtreich fand am 22. October 1570 ſtatt. Drittes Capitel. Marie Tvuchet. „Amavit Mariam Tochetiam, Aurelianensis Unguetarii filiam.“ Panns MaAsso. Am außerſten Ende der Vorſtadt Saint⸗ Marceau lag ein kleines Haus, eingehuͤllt in den gruͤnen Schatten eines Kaſtanienbaumes, deſſen Aeſte neugierig in ein freundliches Stuͤbchen ſchau⸗ ten, in dem ein wunderhuͤbſches Maͤdchen wohnte, das Marie Touchet hieß und das einzige Kind eines alten Apothekers in Orleans war, den ſie vor zwei Jahren verlaſſen, um einem jungen Manne zu folgen, der, angezogen vom Magnet ihrer wun⸗ derholden Schoͤnheit, ſich in ſie verliebt und ſie zur Flucht beredet hatte. Erſt in Paris hatte das arme Kind erfahren, daß der junge, ſiebzehn⸗ 3 143 jaährige Karl Valvis, der ſich fuͤr einen Officier der koͤniglichen Leibwache ausgegeben und ſie zu heirathen verſprochen, kein Anderer als der Koͤnig von Frankreich geweſen. Vergebens hatte ihr alter Vater ſie zur Ruͤckkehr ermahnt: ihr Herz, eine jungfraͤuliche Knospe, durchzuckt vom Sonnenſtrahl der erſten Liebe, hatte den vaͤterlichen Rath ver⸗ achtet. Der Greis war bald darauf, von Gram gebeugt, geſtorben und Marie Touchet, die von aller Welt verlaſſene Waiſe, die Maitreſſe des Koͤnigs geworden. Ihre Schoͤnheit, ihre Unſchuld, ihre Liebe und Treue hatten auf das junge Herz des Koͤnigs den tiefſten Eindruck gemacht; er hatte ſie achten und lieben gelernt und ihr ewige Treue geſchworen. Marie Touchet war in der That ſehr liebens⸗ wuͤrdig. Das niedliche, apfelrunde Geſicht, die treuen, lebhaften Augen, die kleine anmuthige Naſe, der ſchoͤne kuͤßliche Mund und das bewunderns⸗ werth runde Kinn bildeten ein Ganzes, das durch Unſchuld und Naivitaͤt einen eigenthuͤmlichen Zau⸗ ber ethielt. Wenn man die Buchſtaben des Na⸗ 144 mens„Marie Touchet 4 anagrammatiſch verſetzt, ſo bringt man„ Je charme tout« heraus, drei kleine Worte, die Mariens reizende Anmuth genau charakteriſiren. Karl M., im Umgang mit den ſcham- und ſittenloſen Damen ſeines Hofes ein roher Wuͤſt⸗ ling, ſchien, ſo oft er ſeine Geliebte beſuchte, me⸗ tamorphoſirt zu ſein: er war ſanſt, ſchuͤchtern, harmlos und froh wie ein Kind. So oft er kam, brachte er ihr Blumen, die er ſelbſt gepfluͤckt, Verſe, die er ſelbſt gemacht; er ſetzte ſich zu ihren Fuͤßen, legte ſeinen Kopf in ihren Schooß und war glucklich, wenn ihre kleine Hand ſein ſtarres Haar ſtreichelte.— War er einmal verdrießlich, ſo konnte ſie ihn aufheitern, wenn ſie ſeine Lieb⸗ lingslieder ſang, dann begleitete er ſie auf der Mandoline und ſang oft ſelbſt mit. Nicht ſelten vertrieben ſie ſich, wie harmloſe, gluckliche Kinder, die Zeit mit unſchuldigen Spielen. Sie ließen Seifenblaſen in die Luft ſteigen oder ſpielten Ball mit einander; ſie neckten, herzten und kuͤßten ſich und waren ſelig froh. 6 145 Eines Tages— es war am 3. Auguſt— kam er fruͤher als gewoͤhnlich. — Weißt Du, ſuͤßes Kind, was mich ſo fruͤh ſchon zu Dir fuͤhrt? Der heutige Tag iſt meinem Herzen ein Tag der Freude: heut' vor neunzehn Jahren ſtieg ein Engel vom Himmel hernieder, um troͤſtende Sterne in die Nacht meines Lebens zu flechten. heut' iſt Dein Geburtstag, Marie, ſprach Karl mit kindlicher Ruͤhrung und ſchloß ſie ſanft in ſeine Arme. — Du lieber, guter Karl, hauchte Marie mit Thraͤnen in den Augen. — Ich kenne Dich nun ſchon ein ganzes, liebes Jahr; allein noch haſt Du nicht, ſo ſehr ich Dich auch bat, ein Geſchenk von mir annehmen wollen. Brachte ich Dir Perlen, Juwelen oder andern Schmuck, ſo fuͤhlteſt Du Dich gekraͤnkt und ftag⸗ teſt mich, ob ich Deine Liebe mit ſchnoͤdem Tand bezahlen wolle. Heute, an Deinem Geburtstag, wirſt Du ein kleines Zeichen meiner Liebe nicht zuruͤckweiſen. Es iſt nur eine werthloſe Kleinig⸗ keit, aber eben darum wirſt Du ſie nicht ver⸗ I. 7 146 ſchmaͤhen. Haſt Du mich noch ein Bischen lieb, ſo nimm dieſen Ring, den mir einſt meine Mut⸗ ter geſchenkt. — Mit Freuden erfulle ich Deinen Wunſch; doch ſei nicht boſe, lieber Karl, wenn ich mir heut' noch ein anderes werthvolleres Geſchenk von Dir erbitte. — Willſt Du mich gluͤcklich machen, ſo bitte mich taͤglich, ſtundlich um etwas Anderes: was begehrſt Du, Marie? Etwas, was ich ſchon lange mir gewuͤnſcht. — Willſt Du eine Herzogskrone? — Nein, Karl, laß mich bleiben, was ich bin: ich kenne Ehrgeiz nur dem Namen nach... — Begehrſt Du Schloſſer? — Nein, Karl, in meiner kleinen Behauſung fuͤhle ich mich gluͤcklicher, als manche hohe Dame in den vergoldeten Sälen ihrer Paläſte. — Sprich, was kann Dich gluͤcklich machen? — Eine Locke von Deinem Haar. — Du liebes, gutes, ſuͤßes Kind, wie klein und harmlos ſind Deine Wuͤnſche! Habſucht, Ei⸗ gennutz ſind Deinem Herzen ſo fremd wie Suͤnde und Laſter! Du biſt ein Engel, zu gut fur dieſe boͤſe Welt! O Mutter, Mutter, warum haſt Du mich verkuppelt an die Tochter eines Kaiſers. — Karl, ſchmaͤhe nicht Dein Weib: Eliſabeth von Oeſtreich iſt fromm und gut... — Fromm und gut, aber weiter nichts, rief der Koͤnig, deſſen Sanftmuth ſich ploͤtzlich in Jah⸗ zorn verwandelte. Eliſabeth iſt eine Betſchweſter, die vom fruͤhen Morgen bis in die ſpaͤte Nacht vor dem Crucifix liegt und mir immer und ewig Moral predigt und die Ohren voll heult... Cinque cent mille diables, ich wollte.. — Karl, vergißt Du, was Du mir verſprochen? — Was hab' ich Dir verſprochen, rief der Koͤnig aufgebracht. — In meiner Gegenwart nie zu fluchen, nie wild und jaͤhzornig zu ſein. Zorn iſt die niedrigſte aller Leidenſchaften.. ein Koͤnig muß niemals zurnen. Der Konig ſoll ein Abglanz Gottes ſein und Gott iſt milde, alſo ſollſt auch Du es ſein! . 148 — Verzeihe mir, Marie, wenn ein rauhes Wort Dein Ohr beleidigt hat... ich will mich beſſern, ſprach der Konig und reichte ihr ſeine Hand. — Du biſt ein guter Menſch, rief ſie voll Freude und preßte ſeine Hand an ihre Lippe. — Komm, ſuͤßes Kind, laß uns Ball ſpielen. Neun Monate ſpaͤter, am 28. April 1573, wurde Marie Touchet im Schloß Fayet in der Dauphiné von einem Knaben entbunden, dem der Koͤnig den Namen Karl von Valois, Graf ven Auvergne und Ponthieu gab*). *) Der Graf von Auvergne wurde ſpäter Herzog von Angouleme. Viertes Capitel. Das Ende Karls IX. (30. Mai 1574.) Im Schloſſe zu Vincennes lag der Koͤnig mit dem Tode ringend. Seine Leibaͤrzte, Miron und Eſchilius, hatten vergebens alle Mittel aufge⸗ boten, ſeiner Krankheit Schranken zu ſetzen. Seit jener ſchreckenvollen Bartholomaͤusnacht, ſeit jener graͤuelhaften Bluthochzeit, wo er, eine Arquebuſe in der Hand, aus einem Eckfenſter des Louvre auf die fliehenden Hugenotten herabgeſchoſſen, war in ſeine Seele tiefe Schwermuth eingezogen. Seine Mienen waren bleich und verzerrt, ſeine Blicke 150 ſcheu und wild geworden. Reue und Gewiſſens⸗ biſſe hatten mit tauſend Qualen ſeine Seele ge⸗ martert: kein ruhiger Schlaf hatte ſich ſeitdem auf ſeine todesmuͤden Augenlieder geſenkt; wenn er eingeſchlafen war, hatte ihn das Heulen und Win⸗ ſeln, das Schreien und Wimmern ſeiner Unter⸗ thanen geweckt, die man auf ſein Geheiß meuchel⸗ moͤrderiſch hingewuͤrgt. Tag und Nacht hatte er die Glocke gehoͤrt, die in jener verhaͤngnißvollen Nacht das Signal zum Blutgemetzel gegeben, das ſich gleich einem Heere wuͤthender Hyaͤnen, ange⸗ fuhrt von dem Herzog von Guiſe und dem Mar⸗ ſchall von Tavannes, durch die Straßen von Paris gewalzt; immer und ewig ſtand die Nacht des W. Auguſt mit ihrem Angſtgeſchrei und ihrem Todesrocheln, mit ihren Moͤrdern und Leichen vor ſeiner angſterfuͤllten Seele. Vergebens hatte ſeine ſcheußliche Mutter, Katharina von Medicis, ihn zu tröſten und zu uberreden geſucht, daß die Bar⸗ tholomaͤusnacht ein nothwendiges, gottgefaͤlliges Opfer geweſen, das man der heiligen Kirche, der allein ſeligmachenden Religion gebracht; daß der 151 heilige Vater, Gregor XlIl. der Stellvertreter Gottes, der Statthalter Chriſti dieſen»Aderlaß« gebilligt und heilſam gefunden*). Aber Karl war nicht zu troͤſten; die Reue nagte an ſeinem Ge⸗ wiſſen. Um ſeinen Schmerz zu betaͤuben, hatte er ſich, noch mehr als fruͤher, der ausſchweifend⸗ ſten Wolluſt hingegeben. Seine Frau, ſeine Mai⸗ treſſe hatten ihm nicht genugt: er hatte neuen Reiz in der Blutſchande geſucht, die er mit ſeiner juͤng⸗ ſten Schweſter, der ſchamloſen Koͤnigin von Na⸗ varra, Magarethe von Volvis getrieben. Um ſeine Reue einzuſchlaͤfern, um ſeinen Schmerz zu toͤdten, hatte ſie ſich ſtundenlang mit ihm in die duͤſtern Gemaͤcher Madrids eingeſchloſſen und ihn durch wolluͤſtige Lieder, durch obſcoͤne Bilder und *) Katharina von Medicis hatte das Haupt des ge⸗ mordeten Admirals an den Pabſt geſchickt, der dieſen Meuchelmord durch ein Gemälde verewigen ließ, das ſich noch jetzt im Vatican befindet und worunter man die Worte lieſt:»Der Pabſt billigt den Tod Colignys.«— Gregor XIII. ließ zur Erinnerung der Vartholomäusnacht »Hugenotten⸗Scudi« ſchlagen. 152 nackte Schamloſigkeit zur Blutſchande gereizt. Dieſe Ausſchweifungen hatten ſeine Kraͤfte auf⸗ gezehrt und ihn in ein bleiches Skelett ver⸗ wandelt. Karl lag jetzt im Sterben. Vor ſeinen todes⸗ matten Blick, vor ſeine reuegepeinigte Seele traten die Geiſter der Erſchlagenen und forderten Rechen⸗ ſchaft von ihm. — Weg, weg, ihr blutigen Schreckengeſpen⸗ ſter, mahnt mich nicht ewig an meine Schuld, an meine Schande. Jene Nacht, in der das Blut von zehntauſend meiner Unterthanen floß, war das Werk meiner Mutter, meiner boshaften, ſcheußli⸗ chen Mutter, die mich zu dieſer Unthat verleitet hat. Man hat mich gehetzt.ich mußte es thun. O Gott im Himmel, vergieb mir, daß ich es gethan!... Geht, geht, ruft mir Ducau⸗ roy, meinen Kapellmeiſter... Muſik, Muſik! Gebt mir mein Waldhorn. ich will blaſen, bla⸗ ſen, daß die Waͤnde einſtuͤrzen und Euch und mich begraben. Geht, koppelt meine Hunde los, ich 153 will ſie auf den Satan hetzen, der grinzend zu meinen Fuͤßen ſitzt und mir die Nacht des 24. Auguſts aufrollt... Geht, ſattelt mir mein Roß, ich will hinaus auf die Jagd... Blut, Blut muß ich ſehen! Weh mir, was hoͤr ich? die Sturm⸗ glocke, das fuͤrchterliche Signal: aha, nun faͤngt ſie an die blutige Tragoͤdie; Guiſe, Montpenſier, Angoulème, Nevers, Tavannes, ſchießt, ſchießt auf die Hugenottenhunde, daß keiner mir entrinnt. Tuez, tuez, le Roi le commande! Weg, weg, blutiger Schatten, bleicher Banquo... ich kenne Dich, Du biſt Coligny, der tapfere Admiral, dem le Behme auf mein Geheiß das Schwert ins Herz geſtoßen, Du biſt Coligny, den Heinrich Guiſe, als Du in Deinem Blute ſchwammſt, mit Fuͤßen getreten;— Du biſt Coligny, den Petrucci und Sarlabous durch's Fenſter auf die Straße gewor⸗ den; Du biſt Coligny, den man, von tauſend Lanzenſtichen durchbohrt, nach Montfaucon geſchleppt und an den Galgen gehaͤngt, wo man Deinen ſterbenden Leichnam, in tauſend Stuͤcke zerfetzt, den Hunden zur Atzung hingeworfen.. weg, 154 weg, Dein Anblick peinigt, foltert, toͤdtet mich. Aun hugenots, aux hugenots! Was wir begon⸗ nen, muͤſſen wir vollenden... Eine Buͤchſe her! Ich ſelbſt, der Koͤnig von Gottes Gnaden, will auf die Calviniſtenhunde ſchießen: es ſoll, es muß Blut fließen, denn die Mutter befiehlt, und der Sohn muß gehorchen! Seht, bin ich nicht ein guter Schuͤtze? Trifft nicht jeder Schuß? Cinque cent mille diables, wie waͤchſt das Blut... Mutter, freue Dich, der Strom wird zum Meere! Muſik, Muſik! damit ich das Roͤcheln der Ster⸗ benden nicht hoͤre... Mille moustaches, wer lacht da? Du biſt es, Gretchen, meine ſuͤße Schwe⸗ ſter, meine zaͤrtliche Taube, komm, gieb mir einen Kuß, mein Schaͤtzſchen. O ſtraͤube Dich nicht, ich weiß, Du giebſt ihn mit Freuden. Weg, weg, lieber ertrage ich das Grinzen des Teufels, als Dein Laͤcheln. Hier Blut, dort Blut und uͤberall Blut. die rothen Wogen rollen naͤher, ſie waͤl⸗ zen ſich durch die Fenſter in mein Zimmer, in mein Bett hinein, weh mir, ich ſchwimme im Blute meiner Unterthanen... Mutter, ich fluche 155 Dir, fluche Dir, daß du mich gezeugt, gezeugt zu Deiner und ganz Frankreichs Schande ¹)! Sein Blut entzuͤndete ſich, ging in Faͤulniß uͤber und drang durch die Schweißloͤcher durch: er 4 ſtarb einen graͤßlichen Tod. Bald nach ſeinem Tode ſtarb ſeine einzige Tochter, Marie Eliſabeth, im fuͤnften Jahre ihres Lebens. Seine Gemahlin, die fromme, gottergebene Eliſabeth von Oeſtreich, ging nach Wien, ſtiftete dort ein Kloſter, in dem ſie im Jahre 1592, be⸗ weint von Allen, die ſie kannten, ihr tugendhaftes Leben beſchloß. *) Zwei hundert und achtzehn Jahre ſpäter, decre⸗ tirte der Nationalconvent unter das Fenſter, aus welchem der König auf ſeine unterthanen ſchoß, folgende Worte zu ſetzen: „C'est de cette fénétre que Pinfame Charles IX. d'exécrable mémoire, a tiré sur le peuple avec une carabine.“ Dieſe Worte, geſchrieben mit zwei Fuß hohen Buch⸗ ſtaben, waren noch im Jahre 1802 zu leſen und ſind erſt ſpäter, als Napoleon den Thron beſtieg, ecraſirt worden. 156 Vier Jahre nach dem Tode des Koͤnigs ver⸗ maͤhlte ſich ſeine Maitreſſe, Marie Touchet, mit Frangois Balzac d'Entragues, Gouverneur von Orleans, deſſen erſte Frau, Jacqueline von Ro⸗ han, am 4. Mai 1578 geſtorben war. „ Fuͤnfter Abſchnitt. Heinrich MM. Geboren am 19. September 1551 zu Fontainebleau. Koͤnig am 30. Mai 1574. Ermordet am 1. Auguſt 1589 zu Saint⸗Cloud. Erſtes Capitel. Ein Tag im Schloß zu Krakau. (1524.) Der Leichnam Karls des Neunten war kaum erkaltet, als die Koͤnigin Mutter, Katharina von Medicis, an ihren Lieblingsſohn von Valvis(den die polniſche Nation kurz vorher, als in Sigis⸗ mund Auguſt die Jagelloniſche Dynaſtie erloſchen und der Thron erledigt war, zum Koͤnig erwaͤhlt hatte) folgenden Brief in italieniſcher Sprache ſchrieb: Mein vielgeliebter Sohn! Ich beeile mich, Dir die frohe Nachricht mit⸗ zutheilen, daß Dein Bruder Karl ſo eben verſchie⸗ den iſt. Frankreichs Thron iſt erledigt... mein Wunſch und der Deinige ſind erfullt... verlaſſe, ſo ſchnell Du kannſt, das langweilige Polen und 160 kehre ſchleunigſt nach dem ſchoͤnen Frankreich in die Arme Deiner zaͤrtlichen Mutter, in die Mitte Deines treuen Volkes zuruͤck, das den Sieger von Jarnac und Montcontour*) mit Jubel empfan⸗ gen und als Koͤnig begruͤßen wird. Katharina von Medicis. Nachſchrift. Meine Feinde haben das Ge⸗ ruͤcht verbreitet, Dein Bruder Karl ſei durch mich vergiftet worden. Was man Deiner armen Mut⸗ ter nicht alles aufbuͤrdet! Paris am 30. Mai 1574. Noch an demſelben Tage ſandte die Konigin Mutter die Herren von Chemeraut und Neuvi nach Krakau ab, um ihrem Sohn die Nachricht vom Tode ſeines Bruders zu uͤberbringen. Heinrich von Valvis, der am 9. Mai 1573 auf den polniſchen Thron berufen und am 15. Fe⸗ bruat 1574 gekroͤnt worden war, konnte ſich in *) Der Herzog von Anjou war erſt 18 Jahre alt, als er, an die Spitze des Heeres geſtellt, zwei glänzende Siege über die Hugenotten errang. 161 ſeinem Reiche nicht heimiſch fuͤhlen. Die fremde Sprache, die ungewohnten Sitten, das einfoͤrmige Leben ſagten dem lebensluſtigen, vergnuͤgungsſuch⸗ tigen Character des jungen Königs ſo wenig zu, daß er, von Langeweile gequaͤlt, ſich taͤglich, ſtuͤnd⸗ lich nach Paris ſehnte, wo er eine Liebſchaft, Re⸗ née de Rieurx, zuruͤckgelaſſen. Von allen Seiten wurde er jetzt mit Heiraths⸗ projecten beſtuͤrmt: ſeine Mutter wollte ihn mit Eleonore von Schweden, der polniſche Adel mit Anna von Jagello, der Tochter des vorigen Koͤ⸗ nigs Sigismund I., vermaͤhlen. Anna(geboren 1515) war damals 59 Jahre alt. Heinrich wollte weder die Eine noch die Andere; um aber weder die Großen ſeines Reiches, noch Katharina von Medicis gegen ſich aufzubringen, verſchob er die Entſcheidung von einem Monat zum andern und ſchrieb unterdeſſen einen Liebesbrief nach dem an⸗ dern an Renée de Rieux und unterzeichnete alle dieſe Briefe, nach der Sitte der damaligen Zeit, mit ſeinem Blute.— Anna von Jagello, die hei⸗ rathsluſtige Polin, wurde endlich ungeduldig: ſie 162 wollte wiſſen, woran ſie war. Der Adel drang in den Koͤnig, ſich endlich zu entſchließen; Hein⸗ rich erbat ſich die lette Friſt von vier Wochen. Doch als auch dieſe abgelaufen war, ſchickten die Magnaten eine Deputation ab, um vom Koͤnig eine definitive Erklaͤrung zu erhalten. Um Ruhe zu haben, erklaͤrte er den Deputirten, daß er ent⸗ ſchloſſen ſei, Anna von Jagello zu heirathen. — Wann? fragte die Deputation, die, muͤde des Hin⸗ und Herzoͤgerns, endlich Gewißheit ha⸗ ben wollte. — Meinetwegen morgen, rief der Konig auf⸗ gebracht. Die Deputirten hatten ſich kaum entfernt, da trat ein Page ein, der die Ankunft der Abgeſand⸗ ten aus Paris anmeldete. — Die Herren von Chemeraut und Neuvi bitten Ew. Majeſtaͤt um Audienz. — Heute bin ich nicht aufgelegt, ſie anzuho⸗ ren, ſie ſollen morgen kommen. — Sie bringen wichtige Depeſchen, ſagen ſie.. 163 — Nun denn, zum Teufel, ſo moͤgen ſie ein⸗ treten! Die Herren von Chemeraut und Neuvi uber⸗ reichten dem Koͤnig einen ſchwarzgeſiegelten Brief, den er haſtig erbrach und eilig durchflog. Sein Geſicht, anfangs finſter und muͤrriſch, hatte ſich plotzlich aufgeheitert. — Mein Bruder Farl iſt alſo todt? — Gottlob! riefen die beiden Hoͤflinge. — Schade, daß er nicht ein paar Tage fruͤ⸗ her geſtorben. Die Koͤnigin Mutter ſchreibt uns, daß wir ſo ſchnell als moͤglich Polen verlaſſen ſol⸗ len.— Das wird nicht gut angehen, meine Herren. — Weshalb, Ew. Majeſtaͤt, fragte Herr von Chemeraut, kleinlaut. — Vor fuͤnf Minuten habe ich einer Depu⸗ tation des Adels mein Verſprechen gegeben, die alte Matrone Anna von Jagello zu heirathen. — Wann, Ew. Majeſtaͤt, fragte Herr von Neuvi ganz verduzt.. — Morgen ſchon. 164 — In dieſem Fall waͤr' es rathſam, ſtotterte Herr von Chemeraut.. — Daß Ew. Majeſtäͤt noch heute die Haupt⸗ ſtadt Ihres Reiches verließen, fuͤgte Herr von Neuvi hinzu. — Ihr ſtellt Euch das ſo leicht vor, meine Herren. Die Polen trauen mir nicht... ich bin von Spionen umringt, die jeden meiner Schritte beobachten. In einer Stunde, Ihr ſollt es ſehen, iſt meine Braut hier.. was an⸗ fangen? — Ew. Majeſtaͤt muͤſſen ſich krank melden, rieth Herr von Chemeraut. — Das erregt Verdacht, meinte der Koͤnig, ihre Spione werden dann noch aufmerkſamer.. das geht nicht; kommt die Prinzeſſin, ſo muß ich ſie empfangen und ihr ſagen... — Daß Ew. Majeſtät feſt entſchloſſen ſind Ihr Wort zu halten, fiel Herr von Neuvi ein. Um jeden Argwohn zu beſeitigen, bitten Ew. Ma⸗ jeſtaͤt Ihre Braut, alle Anſtalten zur Hochzeit zu 165 treffen. Wenn ſie fort iſt, machen Ew. Majeſtät ganz im Stillen Anſtalten zur Abreiſe.. — Wie, zum Teufel, komm ich aber zum Schloß heraus? — Wenn es dunkel geworden, ſchleichen Ew. Majeſtaͤt verkleidet zum Schloß heraus... Eine Stunde vor dem Thore harrt der Wagen, der Sie pfeilſchnell uͤber die Grenze bringt. — Gut, ſo ſei es, Herr von Chemeraut. Aber halt, noch Eins, zum Reiſen gehoͤrt Geld, viel Geld. — Der Staatsſchatz, bemerkte Herr von Neuvi. — Iſt leider ganz erſchoͤpft. Wir muͤſſen zu einem andern Mittel greifen, ſprach der Koͤnig. — Die Krone, ſagte Herr von Chemeraut. — Sie bringen mich auf einen guten Gedanken. Ja, ja, ſo wird es gehen. Meine Herren, halten Sie ſich reiſefertig... wenn es dunkel geworden... — Harren wir mit den Pferden vor dem Thore. Die Abgeſandten entfernten ſich. Der Koͤnig rief ſeinen Zwerg.. — Joly, Joly! 166 — Sire, rief der Zwerg, was ſteht zu Befehl? — Kannſt Du ſchweigen? — Wie ein Fiſch. — Nun denn, ſo hoͤre: mein Bruder Farl iſt crepirt. — Victoria, Victoria! nun ſind wir Koͤnig von Frankreich, rief der Zwerg, der vor ausge⸗ laſſener Freude auf den Thron und vom Thron auf die Erde ſprang und in einem Nu ein Dutzend Purzelbaume ſchoß. Sire, wann reiſen wir? — Noch heute, beim Anbruch der Nacht... — Was werden die Polen und die junge Braut dazu ſagen, fragte der Zwerg, ſich angſtlich hinterm Ohr kratzend. — Sie moͤgen ſich nach einem Andern umſehen. Ach, war' ich doch ſchon in meinem Frankreich! Dort kann ſich ein Konig amuſiren; aber hier, in dem verdammten Polen, kann man ſterben vor Langeweile. Dieu de Pieu! wie freu' ich mich, Paris und meine alte Flamme, die ſchoͤne Renée 167 wiederzuſehen! Heiſa, das ſoll ein Leben werden! Raſch meine Sachen eingepackt! Das geſchah am 8 Juni 1574. Am andern Morgen erfuhr Krakau, daß Seine Majeſtaͤt der Koͤnig, als Dame verkleidet, bei Nacht und Nebel durchgegangen, ſein Reich und ſeine Braut verlaſſen und in der Eile weiter nichts als die Kronjuwelen mitgenommen. Ein armer Teufel, der einen Rock geſtohlen, wird mit Steck⸗ briefen verfolgt; ein Koͤnig, der eine Krone geraubt, geht ruhig ſeine Wege: die kleinen Diebe haͤngt man, die großen laͤßt man laufen. Zwei Tage ſpaͤter kam Heinrich in Wien an: Maximilian II. ſorgte fuͤr deſſen Fortkommen. Von Wien ging er uͤber Graͤtz nach Venedig, wo er vom Dogen Aloyſius Mocenigo mit feierlichem Pompe empfangen und koͤniglich fetirt ward. Von Venedig begab er ſich nach Turin. Seine Tante Margarethe von Frankreich, Gemahlin des Herzogs Emanuel Philibert von Sovoyen trieb die Gaſt⸗ freundſchaft ſo weit, daß ſie den koͤniglichen Neffen 168 eine Nacht in ihren Armen ruhen ließ— eine Gunſtbezeugung, die ihm theuer zu ſtehen kam, denn die kluge Frau ſchwatzte ihm dafuͤr Pignerol, Sa⸗ vigliano und Peroſa ab. Am 28. Auguſt verließ er Turin, begleitet von einer Sauve⸗Garde von 7000 Mann und kam endlich in Lyon an, wohin ihm Katharina von Medicis, der Herzog von Alengon, ſein Bruder, und der Koͤnig von Na⸗ varra, ſein Schwager, entgegen geeilt waren, um in ſeine Hand den Eid der Treue zu ſchwoͤren. Hier, in Lyon, ſetzte er ein neues Cabinet zuſammen, das aus der Konigin-Mutter, dem Kanzler René von Birago, Albert von Gondi Grafen von Retz Philipp Herault Grafen von Chiverny, Pomponne de Bellievre und Sebaſtian de lAubeſpine, Biſchof von Limoges, beſtand. Der Herzog Heinrich von Guiſe behielt den Oberbefehl der Armee, die Herren von Villeroi und Sauve blieben Staatsſecretairs und an die Stelle des Herrn de la Tour⸗Gondi wurde Herr von Souvré, der mit dem Koͤnig in Polen geweſen war, zum Obergarderobemeiſter ernannt. 169 Noch in demſelben Jahre vermaͤhlte ſich der Koͤnig mit Louiſe von Lothringen, Tochter des Herzogs Nicolaus von Lothringen, geboren 1554 zu Nomeny. Die Polen, die ſich uͤber das Davonlaufen ihres Koͤnigs ſchnell getroͤſtet hatten, erwaͤhlten Stephan Bathory, den Woiwoden von Sieben⸗ buͤrgen, zum Nachfolger, jedoch nur unter der Bedingung, daß er ſich mit der alten Anna von Jagello vermaͤhle. Solches geſchah im Jahre 1576. Zweites Capitel. Renée de Rieux genannt Die ſchöne Chateauneuf*). (1574.) Beaux noeuds crespés et blonds nonchalement 6pars, Dont ce Vainqueur des Dieux s'emprisonne et se lie! Front de marbre vivant, table claire et polie, Ou les petits Amours vont eguiser leurs dards, Epais monclou de neige, aveuglant les égards, Pour qui de tout objet mon oiel se desalie. Et toi guerriere main, de ma prise embellie Qui peut nue acquerir la victoire de Mars! Veux, pleurant à la fois tout d'aise que de martyre! Souris, par qui Famour entretient son empire! *) Renée de Rieur, geboren um das Jahr 1552, war die Tochter des früher zum geiſtlichen Stande beſtimmt geweſenen Jean de Rieux, Herrn von Chateauneuf, und Beatricens de Joncheres. 171 Vois, dont le son demeure du coeur si longuement Esprit, par qui le fer de notre age se dore Beautés, gräces, discour, qui m'allez transforment Las! Connoissez vous point comme je vous adore? PnirNppz Dxsponrxs*). Sie war des Koͤnigs erſte Liebe. Schon als Herzog von Anjou lag er zu den Fuͤßen des wun⸗ derholden Hoffraͤuleins, die ſein Herz mit unzer⸗ reißbaren Faͤden umſponnen hatte. Die ſchoͤne Renée war damals ſechszehn, Heinrich ſiebenzehn Jahre alt. Ihre Liebe, anfangs rein Platoniſch, war frei vom Schmutz der Sinnlichkeit. Der junge Prinz weihte den Dichter Desportes,»den Catull damaliger Zeit,« in das Geheimniß ſeiner Liebe ein und bewog deſſen Muſe, in Liedern und Sonetten die Schoͤnheit ſeiner Geliebten zu preiſen. Desportes ließ ſich vom Golde des Herzogs von *) Dieſes Sonnet, das Philippe Desportes auf Be⸗ fehl des Herzogs von Anjou gemacht, verſchaffte ihm einen Jahrgehalt von 2000 Thalern. Derſelbe Dichter erhielt für ein anderes Sonnet eine Abtei vom Herzog Abmiral Anne de Joyeuſe, Schwager Heinrichs III. 8* 172 Anjou begeiſtern, taͤglich ein neues Lied auf den Altar ihrer Reize als Opfer der Huldigung zu legen. Das ſchoͤne Kind, berauſcht vom ſuͤßen Weihrauch der Poeſie, entzuͤckt vom n der erſten Liebe, war ſelig wie die Roſe, die ſich geliebt weiß von der Nachtigall. Aber Katharina von Medicis, ein Weib ohne Tugend, ohne Ehre, ſtreifte von der Knospe ihrer Liebe den zarten Schmelz der Keuſchheit, hauchte von den Wangen der jungen Roſe den Purpur der jungfraͤulichen Scham und weckte in ihrem Buſen die Gluth der Sinnlichkeit.— Heinrich und Renée liebten ſich dann, wie profane Menſchen ſich zu lieben pflegen. Als der Herzog von Anjou, der eben la Ro⸗ chelle, das Bollwerk der Hugenotten belagert hatte, zum Koͤnig der Polen ernannt, nach Krakau ge⸗ gangen war, hatte er ſeine Flamme mitnehmen wollen, Renée aber, die ſich am wolluͤſtigen Hofe Katharinens zu gefallen anfangen, Renée, die in jeder Stunde das Heer ihrer Anbeter wachſen ge⸗ ſehen, hatte damals keine Luſt gezeigt, ihre Stel⸗ lung aufzugeben. 173 — Reiſe mit Gott, hatte ſie zum Koͤnig von Polen geſagt und war in Paris geblieben. Heinrich hatte ſich um ſo leichter getroſtet, da er gegen ihre Reize, die er alle durchgekoſtet, endlich gleichgultig geworden war. Trennung iſt der Phosphor der Liebe. Schon auf dem Wege nach Polen hatte der Koͤnig in ſeinem Herzen den halberſtorbenen Funken zu neuer Gluth auflodern gefuhlt, ſchon unterwegs Heimweh und Sehnſucht verſpuͤrt; die Reize Renée's hatten ihn Frankreich, der Glanz der Krone hatte ihn Polen gelockt. Er hatte wie Her⸗ ide geſtanden und waͤre auf haͤtte nicht der Ehrgeiz, als die ihm zugerufen: Heinrich von Valo, ſei kein ps, nicht alle Tage kommt ſo leicht zu einer Krone, der gris zuruͤckgekehrt, war er zuerſt in die eliebten geeilt. * 174 — Heinrich, ſuͤßer Heinrich, was haſt Du mir mitgebracht, fragte die ſchoͤne Chateauneuf. — Einen goͤttlichen Papagey von meiner Tante. — Und außerdem? — Einen himmliſchen Affen vom deutſchen Kaiſer. — Und dann? — Einen ganzen Koffer voll Pretioſen. 2ch Du lieber, ſuͤßer Heinrich, wůßteſt Du, wie ich mich nach Dir geſehnt... — Schweige! Ich weiß, wie Du Dich waͤhrend meiner Abweſenheit aufgefuͤhrt, kne all Deine liederlichen Streiche, weiß, daß Du Heuchlerin Vorwuͤrfe, Fluͤche, Pruͤgel ver dent, aber der Koönig von Frankreich vergiebt ir nd Herzog von Anjon verbrochen haſt. ℳ — Sit, ich beſchwoͤre Sie.. — Schweige, ſag' ich. Ich will ibe Alles,. was geſchehen, einen dichten Schleier werfer alles, was meine Mutter mir von fuͤr Maͤrchen halten, die ſie aus de hoͤrſt Du!... Nun aber eſſ Dich und ſei auf 175 Deiner Hut! Du gehoͤrſt nun wieder mir, ganz mir, nur mir: wehe Dir, Renée, wenn der Konig Dich auf einer Untreue ertappt. Heinrich durchbohrte ſie mit zornflammenden Blicken. Reneée ſchlug die Augen nieder ſie erbebte und wurde bleich wie der Tod. — Rence, ſprach der Koͤnig, ein goldenes Crucifir aus ſeinem Buſen ziehend, ſchwoͤre beim Heiland unſerm Herrn, mir von heut' an treu zu bleiben auf ewig! — Ich ſchwoͤre, ſprach Rense mit tonloſer Stimme und legte, zitternd wie Espenlaub, ihre Hand aufs Crucifix. — Nun zu etwas Andrem, ſprach der Koͤnig... ich habe Durſt, gieb mir Wein, mein Schatz. credenzte ihm einen vollen Pokal. Auf Deine Treue, rief der Koͤnig, den Becher leerend. Komm, gieb mir die Mandoline.. ich will Dir eine Barcarole ſingen, die ich von den Gondylieren in Venedig gehoͤrt. Rense reichte ihm die Mandoline. Heinrich ſetzte ſich zu ihren Füßen und ſang: 176 »Milde Mandolinenklänge Zittern durch die ſtille Nacht, Horch, das iſt die Barcarol Die die Liebe ſich erdacht: e Dort auf ſpiegelhellen Wellen Von dem Mondlicht angelacht, Schwimmet eine kleine Gondel Durch die ſternenhelle Nacht. In der Mitte dieſer Gondel, Deren ſchwarze Flagge weht, Sitzt ein kleiner Gondoliere, Der das Lenken gut verſteht. und dabei ein kecker Schütze, Der gewandt mit Pfeilen ſpielt; Hütet Euch vor dieſem Schützen, Immer trifft er, wenn er zielt. Hier auf ſpiegelhellen Wellen Von dem Mondlicht angelacht Schwimmet eine kleine Gondel Durch die ſternenhelle Nacht. ⸗ ₰ — Dieſe Gondel iſt Dein Auge Licht und klar wie Mondennacht, Amor iſt der Gondoliere, 2 Der aus Deinem Auge lacht.« ℳ Er warf die Mandoline auf di an ihre Bruſt.. 45 e 6 und ſank Drittes Capitel. Ligneroles. (1525.) Am Hofe Heinrichs III. gab es eine Race elender Cavaliere, die, aus wohlbekannten Gruͤn⸗ den Mignons du Roi genannt, die hoͤchſten Stu⸗ fen der Macht erſtiegen. Montluc war zum Mar⸗ ſchall von Frankreich, Arques zum Herzog von Joyeuſe ernannt. Zu dieſen Lieblingen des Koͤnigs gehoͤrte auch Ligneroles, ein junger, ſchoͤner Mann, der, getrie⸗ ben von Ehrgeiz, verleitet durch das Beiſpiel An⸗ derer, der ſchaͤndlichen Neigung Heinrichs II. Gehoͤr geſchenkt hatte. Heinrich liebte dieſen Guͤnſtling, wie Alexander einſt den Hephaͤſtion geliebt. Ligneroles aber liebte das Fraͤulein von Chateauneuf und Renée, * 8** 178 gewohnt ihre Schwuͤre zu brechen, erhoͤrte ihn, ſchneller als er es hoffte. Das Geheimniß ihrer Liebe wurde aber bald verrathen. Fraͤulein von Mon⸗ tigny, eiferſuͤchtig auf das Gluͤck Renée's von Chateauneuf, hatte den Koͤnig von den geheimen Zuſammenkuͤnften, die ſein Mignon mit ſeiner Maitreſſe bald in dieſer, bald in jener Kirche pflog, unterrichtet. Heinrich ließ nun Beide durch Villequier beobachten. Eines Abends ſchlich Ligneroles durch einen unterirdiſchen Gang ins Schlafkabinet des Fraͤuleins von Chateauneuf, das ihm ein Stelldichein gegeben. Das Zimmer war nur matt erleuchtet, Renée lag halb entkleidet auf ihrem Divan und harrte mit pochendem Herzen des Geliebten. Da hoͤrte ſie Schritte. — Er iſt's, rief Renée und ſchob den Riegel zuruͤck. — Rense, Du haſt mir die Pforten des Pa⸗ radieſes geoffnet. — Es hat Dich doch Niemand geſehen? — Niemand, Niemand! 179 — Wohlan, dann haben wir nichts zu furch⸗ ten. Beide Eingänge zu dieſem Zimmer ſind ver⸗ ſchloſſen. — Und der Gang durch den ich kam? — Kennt im Louvre außer mir und Dir kein Dritter. Wirf nun Deinen Mantel weg, guͤrte Dein Schwert los und laß Dich ruhig an mei⸗ ner Seite nieder. — Rence ich weiß nicht, was mich ſo aͤngſt⸗ lich und beklommen macht. Glaubſt Du nicht, daß wir zu viel gewagt, hier im Louvre, wo hin⸗ ter jeder Thur Verraͤther lauſchen... Himmel, wenn der Koͤnig es erfuͤhre! — Wer haͤtte dann wohl mehr zu fuͤrchten? Ich oder Du? Ich habe auf das Crucifix geſchwo⸗ ren, ihm treu zu bleiben bis zum Tod. Du ſiehſt, ich weiß was Liebe, nicht was Furcht iſt. Bezaͤhme Deine Angſt und komm an mein Herz, das Dir ungeſtum entgegenſchlaͤgt. das Licht, das unſere Schatten auf den weißen Vorhang die⸗ ſes Fenſters zeichnet, wollen wir loͤſchen und den Vorhang in die Hoͤhe ziehen. Am Himmel ſcheint v 180 der Mond.. er wird ſein mildes Licht auf dieſen Divan ſtreuen, auf dem wir, Arm in Arm, die Nacht durchwachen wollen; wann dann der letzte Stern erliſcht, kehrſt Du, Geliebter, auf demſel⸗ ben Wege, den Du kamſt, nach Hauſe in des Schlummers Arme. — Rense, fluͤſterte Ligneroles und ſchlang ſei⸗ nen Arm um ihren Nacken. Die Stunden flogen wie Minuten voruͤber. Es fing bereits zu tagen an. — Der Morgen graut... nun mußt Du fort, ſonſt drohet Dir Gefahr. — Yoch einmal, eh' ich von Dir ſcheide, laß mich, an Deinem Munde haͤngend, die Schlaͤge Deines Herzens zaͤhlen. Deine Kuͤſſe ſind ſo ſuͤß, daß man nicht ſatt wird Dich zu kuſſen. — Schon glaͤnzt der Morgenſtern, o eilc, eiles. Ligneroles huͤllte ſich in ſeinen Mantel, guͤrtete ſein Schwert und eilte fort. Als er ans Ende des dunkeln, unterirdiſchen Ganges kam, rief eine Stimme: 181 — Schießt ihn nieder! Und Ligneroles ſank von drei Kugeln durch⸗ bohrt zur Erde nieder. Villequier hatte den Be⸗ fehl des Koͤnigs vollſtreckt. Renée de Chateauneuf erhielt den Befehl, den Hof zu verlaſſen. Bald darauf vermaͤhlte ſie ſich mit dem Florentiner Antinotti; doch bald nach der Hochzeit ertappte ſie ihren Gatten auf einer Un⸗ treue und gab ihm Giſt. Hierauf vermaͤhlte ſie ſich mit Philipp Altoviti, und Heinrich III., der noch immer juͤr ſie eingenommen war, ſchenkte ihr am Tage ihrer Hochzeit die Baronie Caſtellane. Viertes Capitel. Der König rächt ſich. (15 88.) Das Volk, das vom Sieger von Jarnac große Heldenthaten erwartet hatte, ſah ſeine Hoffnung bald vereitelt. Heinrich III., der als Herzog von Anjou der Abgott Frankreichs geweſen, wurde bald darauf, als er den Thron beſtiegen, ein Ge⸗ genſtand allgemeiner Verachtung, und wohl nie⸗ mals war der Haß eines Volkes gerechter, denn Heinrich war, wie ſein Bruder Karl, unſeligen Andenkens, ein Lumpenkoͤnig, weibiſch, faul, zag⸗ haſt, unentſchloſſen, aberglaͤubiſch, ausſchweifend und verſchwenderiſch; ſein unſinniges Betragen machte ihn von Tag zu Tag verhaßter. Des Morgens ſah man ihn, wie Sardanapal, in Frauenkleidern mit weiblichen Arbeiten beſchaͤftigt; 183 des Abends trug er einen groben Kapuziner⸗ kittel, und ſtatt der Schnallen kleine Todtenſchaͤdel auf den Schuhen; mit dem Roſenkranz in der Hand ſpielte der koͤnigliche Suͤnder den Andächti⸗ gen, der mit glaͤubig verdrehten Augen Froͤmmig⸗ keit heuchelte und Gebete murmelte. Sein Hof wimmelte von Atheiſten, Gotteslaͤſtrern, Hofſchran⸗ zen, Speichelleckern, Wahrſagern, Sternguckern, Geiſterſehern, Buhldirnen und Luſtigmachern. Das Geld, das dem Staate gehorte, verſchwendete er an Affen, Papageyen, Pudelhunden und andern Seltenheiten, die er aus andern Laͤndern kommen ließ. Sein wahnſinniger Lurus war ein unerſaͤtt⸗ licher Schlund, der die Einkunfte des ganzen Lan⸗ des verſchlang. Ihm und ſeiner Verſchwendung verdankt Frankreich die verfluchte Erfindung des Papiergeldes(acquits comptus), jenes bos⸗ artige Geſchwur, das, immer weiter um ſich grei⸗ fend, das geſunde Mark der Finanzen aufzehrt. Das Volk fing zu murren an. An der Spitze der Unzufriedenen ſtand der ehrgeizige Heinrich, Herzog von Guiſe, der Chef der Ligue, der ſich 184 durch ſeinen Muth, ſeine Tapferkeit und ſeinen gluhenden Eifer fuͤr den Katholicismus die Gunſt des Volks errungen hatte. Katharina von Medicis, die mit Schrecken die Macht der Guiſen wachſen ſah, ruttelte ihren Sohn aus ſeiner Sorgloſigkeit auf. — Erwache aus Deiner Apathie, ſagte ſie zum König, der, auf einer Leiter ſtehend, die Waͤnde ſeines Zimmers mit Kupferſtichen beklebte; ſieh um Dich, Heinrich.. es droht Dir Ge⸗ uͤberall Geſpenſter.. — Welcher Daͤmon hat Dich verblendet? Siehſt Du nicht, daß Balafté Dich verdraͤngen wi — Dummes Zeug! Sieh mal, Mutter, wie gefallt Dir dieſer Kupferſtich? — Heinrich, ich bitte, ich beſchwore Dich, hore die Stimme der Warnung. Siehſt Du nicht, daß Balafré nach dem Throne ſtrebt? — — Ah bah, liebes Muͤtterchen, Du ſiehſt 185 — Muͤtterchen, was meinen Sie, ſoll ich das Bild hier oder dort aufkleben? — Welch ein Leichtſinn! Sagt Dir nicht Dein Ehrgefuͤhl, daß Du den verwegenen Knecht, der ſich uͤber Dich zu erheben wagt, demuͤthigend zu Boden ſtuͤrzen mußt? Willſt Du Frankreichs Krone Dir entreißen laſſen? — Zum Teufel nein, das will ich nicht, rief Heinrich wie aus einem Traum erwachend und zornig von der Leiter ſpringend.— Du haſt Recht, Mutter, Guiſe wird uͤbermuͤthig und gefaͤhrlich... — Trotz Deines Verbotes iſt er nach Paris gekommen... Das Volk hat ihn mit Jubel be⸗ gruͤßt.. ſchaarenweiſe lief es zuſammen und rief: es lebe der Herzog von Guiſe!.. alle Straßen waren mit Blumen beſtreut das Volk beugte ſeine Knie und kuͤßte deſſen Hand und rief: es lebe der Herzog von Guiſe, der edle Beſchuͤtzer der Katholiken!... — Das Volk iſt eine Canaille, deſſen Gunſt veraͤnderlicher als Aprilwetter iſt. Heute verflucht es den, den es geſtern noch geſegnet. Ich war 186 ein Knabe noch, da rief es jubelnd: vive le Puc d'Anjou!... — Jetzt ruft es: à bas le Roi! — Die Peſt auf das Volk— doch ſprich, was ſoll ich thun? — Du ſollſt Dich raͤchen an dem Frechen, der Dich zu verdraͤngen wagt. — Du haſt Recht, Mutter, ich will mich raͤ⸗ chen an dem ſtolzen Balafré, raͤchen wie noch Kei⸗ ner ſich geraͤcht. Der uͤbermuͤthige, eitle Narr! Ich will ihm zeigen, daß ich noch Koͤnig bin.. Geh, Mutter, geh... ich will noch dieſe Bil⸗ der aufkleben und dann zu Dir kommen, um mich mit Dir zu berathen. Katharina kehrte in ihre Gemaͤcher zuruͤck, Heinrich traͤllerte ein zotiges Lied. Bald darauf kugelte ſich Joly durch die Thuͤr ins Zimmer hinein. — Sire, ſprach er mit halblauter Stimme, im Vorſaal harrt das niedliche Blumenmaͤdchen, das Euch am letzten Sonntag in der Kirche Notre Dame durch ihre Schoͤnheit aufgefallen... Ich 187 habe mir Muͤhe gegeben, ihre Wohnung ausfin⸗ dig zu machen und ſie uͤberredet, ins Schloß zu kommen. — Teufelsjunge, fuͤhre ſie herein.. Zwei Tage ſpaͤter, am 23. December, als der Herzog Heinrich von Guiſe ins Cabinet des Koͤnigs eintreten wollte, warfen ſich neun Tra⸗ banten uͤber ihn, die ihn ruͤcklings erdolchten. An demſelben Tage ward Ludwig Cardinal von Guiſe, der Bruder des Herzogs, verhaftet und einen Tag ſpaͤter im Gefaͤngniß durch vier Morder niederge⸗ hauen. Fünftes Capitel. Das Ende Heinrichs III. (am 1. Anguſt 1588.) Die Ermordung der Guiſen hatte ganz Frank⸗ reich in Alarm geſett. Das Volk, das ſeinem Schmerz und Rachegefuͤhl freien Lauf gelaſſen, hatte des Koͤnigs Bildniſſe zerriſſen, ſeine Statuen zertruͤmmert, ſeine Wappen in den Koth getreten. — Die Kirchen hatten ſich mit Menſchen ange⸗ fuͤllt, die vor den Altären lagen, um vom Him⸗ mel den Tod Heinrichs von Valvis zu erflehen. Die Sorbonne(die theologiſche Facultät) hatte das Volk vom Eid der Treue losgeſprochen und es aufgefordert, ſich gegen den Tyrannen zu be⸗ waffnen. Sirxtus V. hatte vom Vatican herab den Bannſtrahl auf ihn geſchleudert; die Geiſtlich⸗ keit, aufgemuntert durch das Beiſpiel des heiligen Vaters, hatte von der Kanzel herab die Gemuͤther 189 des Volks erhitzt und Koͤnigsmord gepredigt. Tod⸗ tet dieſen Judas Iſchariot und die Kirche wird euch ſegnen und heilig ſprechen, ſo ſchloß eine Pre⸗ digt, die Jacques Leboſſu hielt. Heinrich III., in ſeiner Hauptſtadt nicht mehr ſicher, hatte die Flucht ergriffen und ſich nach Pleſſis les Tours begeben, um(weil es das einzige Rettungsmittel war) ſich mit dem Koͤnig von Navarra, dem Chef des Cal⸗ viniſtenheeres, auszuſoͤhnen und mit ihm ein Buͤnd⸗ niß zu ſchließen gegen die rebelliſche Ligue, an deren Spitze der Herzog Karl von Mayenne ſtand, der zum Generallieutenant des Staats und der Krone Frankreichs ernannt worden war. Die Koͤnige von Frankreich und Navarra wa⸗ ren mit einem Heere von 40,000 Mann gegen Paris vorgeruͤckt, um es zu belagern. Die beiden Heinriche ſtanden auf den Hoͤhen von St. Cloud. — Paris, rief Heinrich von Valvis, ſtolzes, uͤbermuthiges Haupt meines Reichs, du haſt einen Aderlaß noͤthig, um geſund zu werden; nach we⸗ 190 nig Tagen wird nichts von Dir zu ſehen ſein, als die Erde, worauf Du geſtanden. — Sire, ſprach Heinrich von Bourbon, der Sieger wird mit dem Beſiegten Mitleid haben. — Nein, nein, rief Heinrich von Valvis rache⸗ gluhend, Paris ſoll in Flammen aufgehen und, wie Nero, will ich mich an dieſem Schauſpiel wei⸗ den; es iſt Schade um eine ſo gute, ſchoͤne Stadt; aber meine Ehre verlangt, daß ich die Rebellen, die mich ſo ſchmachvoll daraus vertrieben haben, furchtbar zuchtige. Weh dir, Herzog von Mayenne, wenn du in meine Haͤnde fällſt.. ich will eine Strafe fuͤr dich erfinden, die ſo ſchrecklich wie dein Frevel ſein ſoll. Am 1. Auguſt, einige Tage nach ſeiner An⸗ kunft in St. Cloud, ſtellte ſich um ſieben Uhr Morgens, ein junger, zwei und zwanzigjaͤhriger Jacobinermoͤnch, Namens Jacques Clement, ge⸗ buͤrtig aus dem Dorfe Sorbonne, beim General⸗ procurator ein. — Was wollt Ihr, fragt Laguesle. — Ich wuͤnſche den König zu ſprechen.. 191 — Weshalb? — Ich habe ihm einen Brief und ein hochſt wichtiges Geheimniß mitzutheilen, das ich nur ihm allein anvertrauen darf. Der Moͤnch wird angemeldet und vorgelaſſen. Die Hoͤflinge entfernen ſich. Jatques Clement uberreicht den Brief— der Koͤnig wendet ihm den Ruͤcken zu und lieſt; waͤhrend des Leſens zieht der Moͤnch einen Dolch aus der Taſche und ſtoßt ihn dem Koͤnig in den Unterleib. — Moͤrder, Moͤrder, ruft Heinrich, den Dolch aus der Wunde ziehend und ſeinen Moͤrder damit verwundend, Moͤrder, Moͤrder! Man ſtuͤrzt hinein, ſieht, was geſchehen und durchbohrt den Meuchelmoͤrder. Eine Minute ſpa⸗ ter ſturzt Heinrich von Bourbon ins Cabinet. — Himmel, was ſeh' ich, ruft er und ſtuͤrzt zu den Fuͤßen des verwundeten Koͤnigs. — Mein Bruder, ſprach Heinrich von Va⸗ lois, deſſen Kraͤfte zu ſinken begannen: Ihr ſeht, 192 wie meine Feinde und die Eurigen mich behandelt haben; ſeid auf der Hut, auf daß es Euch nicht auch ſo gehe. Ich fuͤhle, daß ich ſterben muß.— Meine Herren, ſprach er mit erloͤſchender Stimme zu ſeiner Umgebung, ich bitte Euch als meine Freunde und befehle Euch als Euer Koͤnig, nach meinem Tode meinen Bruder, Heinrich von Bour⸗ bon, als Euren Souverain anzuerkennen, und ihm mit der Treue zugethan zu ſein, die Ihr mir Sicent— Bald darauf hauchte der Konig ſeinen kehen Seufzer aus. Er ſtarb im 39. Jahre ſeines Le⸗ bens und im funfzehnten ſeiner Regierung. Mit iom erloſch die Dynaſtie der Valois, die 1328 mit Philipp VI. den Thron beſteigend, 260 Jahre uͤber Frankreich geherrſcht und ihm dreizehn Ko⸗ nige gegeben. Der Tod des Koͤnigs verbreitete großen Jubel. Das Volk uͤberließ ſich der ausſchweifendſten Freude. In den Straßen zuͤndete man Freudenfeuer an. Die Herzogin von Montpenſier, die Schweſter des 193 Herzogs von Guiſe, ein wildes rachſuͤchtiges Weib, das an dem jungen Moͤnch ihre wolluͤſtigen Lieb⸗ koſungen verſchwendet hatte, um ihn fuͤr ihre Rache zu gewinnen, fuhr durch die Straßen von Pa⸗ ris und rief frohlockend: Juble Frankreich, die Schlange iſt getoͤdtet! Das Bildniß des Koͤnigs⸗ moͤrders wurde in den Kirchen aufgehaͤngt. Die Mutter Clement's, eine arme Bauerfrau, erhielt von der Ligue eine Penſion. Als Sirtus V. die Nachricht von der Ermordung Heinrichs III. em⸗ pfing, ſagte er in Gegenwart vieler Cardinaͤle: die Zahl der Fuͤrſten iſt um einen dummen Kerl kleiner geworden. Seine Heiligkeit wollten den Moͤnch als Maͤrtyrer der Kirche heilig ſprechen, verglichen ihn mit Eleazar und nannten ihn einen zweiten Erloͤſer. Heinrich von Bourbon aber verurtheilte den Leichnam des Moͤrders zum Viertheilen und Ver⸗ brennen. Die Hoͤflinge fanden in dem Namen des Moͤnches»Freère Jacques Clement« das Ana⸗ gramm: . 9 194 „U est Fenfer qui Pa crée.« Die kinderloſe Königin begab ſich nach dem Tode ihres Gemahls nach Chateau des Moulins, wo ſie 1601 von dieſer Erde ſchied. Sechſter Abſchnitt.„ —— Heinrich W. Geboren am 13. December 1553 zu Pau. König von Navarra am 2. September 1572. Schwoͤrt den reformirten Glauben ab am 2. Sep⸗ tember 1572. Proteſtirt gegen dieſe Abſchwoͤrung am 12. Febr. 1576. Koͤnig von Frankreich am 2. Auguſt 1589. Schwoͤrt nochmals den Calvinismus ab am 25. Juli 1593. 9*. Erſtes Capitel. Heinrich IV. (1889— 1610.) Heinrichs Jugendiahre. 8 Am 14. December des Jahres 1553 wurde, im Schloß zu Pau, Jeanne d'Albert, Tochter Heinrichs II., Koͤnigs von Navarra, und Gemah⸗ lin Antons von Bourbon, Herzogs von Vendöme, von einem Knaben entbunden, der in der Wiege Prinz von Vianne, ſpaͤter Herzog von Beaumont und zuletzt Prinz von Bearn hieß. Vier und zwanzig Tage nach ſeiner Geburt wurde er vom Cardinal d'Armagnac, Biſchof von Rhodez und Vice⸗Legat von Avignon, getauft; Heinrich I., Koͤnig von Frankreich, und Heinrich dAlbert, Kö⸗ nig von Navarra, waren ſeine Pathen. Ma prebis a enfanté un lion, rief der gluͤck⸗ 198 liche Großvater und beſtrich die Lippen des neu⸗ gebornen Prinzen, den er von Jugend auf ab⸗ haͤrten wollte, mit Knoblauch und floßte ihm Wein ein. Der junge Heinrich wurde unter Aufſicht Su⸗ ſannens von Bourbon, ſeiner Tante, im Schloſſe Coaraſſe wie ein Cyrus erzogen. Barhaupt mußte er die hoͤchſten Gebirge erſteigen, die ſteil⸗ ſten Felſen erklimmen, Hunger und Durſt, Hitze und Kaͤlte ertragen, lernen an Helm und Panzer ſich gewoͤhnen und ſich fruͤhzeitig in den Waffen uͤben. Die Bildung ſeines Geiſtes wurde einem weiſen, aufgeklaͤrten Manne, Namens La Gau⸗ cherie, anvertraut. Nach dem Tode ſeines Großvaters, der im Jahre 1555 zu Egmetau geſtorben war, folgte ſein Vater, Anton von Bourbon, und als dieſer 1562 bei der Belagerung von Rouen verwundet, den Tod fand, beſtieg Heinrichs Mutter den Thron. Der Herzog von Beaumont beſuchte nun das Collegium von Navarra, wo der Herzog von An⸗ jou und der Herzog von Guiſe ſeine Schulkame⸗ 199 raden waren. Wer haͤtte ahnen ſollen, daß dieſe drei Heinriche, hier ein unzertrennliches Kleeblatt, einſt die unverſoͤhnlichſten Feinde werden wuͤrden? Eilf Jahre alt kam der Prinz von Bearn an den Hof ſeiner Mutter. Unter der Leitung ſeines Lehrers, Florent Chreten, machte er reißende Fortſchritte. In ſeinem zwolften Jahre uͤberſetzte er den Julius Caͤſar. Am 14. Juni 1572 ſtarb Jeanne d'Albert, man ſagt an Giſt. Heinrich beſtieg den Thron ſeiner Mutter und vermaͤhlte ſich am 18. Auguſt deſſelben Jahres mit der juͤngſten Schweſter Karls M., der zwanzigiährigen Margarethe von Valois. Ihre Kroͤnung wurde mit großem Pomp in der Kirche Notre-Dame vom Cardinal von Bourbon vollzogen. Das Hochzeitfeſt waͤhrte drei Tage. Vier Tage nach dieſem allgemeinen Jubel, der die Proteſtanten in Sicherheit gewiegt, wurde Pa⸗ ris der Schauplatz der bekannten Bluthochzeit. Meine Feder weigert ſich, die Graͤuelſcenen zu be⸗ ſchreiben, die auf die Stirn Karls X. und ſeiner ruchloſen Mutter, Katharina von Medicis, das 200 Brandmal ewiger Schande gedruͤckt. Nur ſo viel ſei geſagt, daß in dieſer Nacht das Blut von 10,000 Proteſtanten floß. Auch Heinrich IV. ſollte als ein Opfer des Fanatismus fallen. — Choisissez: mort, messe ou Bastille! rief Karl IX. Der Koͤnig von Navarra, der Gewalt unter⸗ liegend, trat in derſelben Nacht zur katholiſchen Religion uͤber. Aber man traute ihm nicht und bewachte ihn wie einen Gefangenen. Heinrich taͤuſchte ſeine Spaͤher, entwiſchte, trat wieder zu den Proteſtanten uͤber und ſtellte ſich an die Spitze ihres Heeres. Seine Schlachten und Siege gehoͤren vor das Forum der Geſchichte— Clio mag ihm den Lor⸗ beer reichen, der Roman will ſeine Stirn mit Muyrthen ſchmuͤcken. Das geheime Archiv ſeiner Liebſchaften iſt ſo reich an Namen und Abenteuern, daß man damit zehn Baͤnde fuͤllen koͤnnte. Es ſei uns vergoͤnnt, aus den Annalen des galanteſten Königs nur die beruhmteſten Seiten 201 mitzutheilen. Heinrich war erſt in Frangviſe de Montmorency(fuͤnfte Tochter des Perrè de Mont⸗ morency und Jacquelinens d'Avaugour), bald dar⸗ auf in die Coriſande von Guiche(Tochter des Vi⸗ comte Paul de Louvigny und Marguerite de Caunay), ſpaͤter in die Aebtiſſin Marie de Beauvilliers(Toch⸗ ter des Claude de Saint⸗Aignan und Mariens Ba⸗ bou de la Bourdaiſſere) und Charlotte von Sau⸗ ves(Tochter Jacobs de Beaune⸗Samblangay) verliebt; aber alle dieſe Liebſchaften waren fluchtig wie der Duft einer Roſe, und jeder dieſer Namen war ſchnell verklungen wie der Ton einer Harfe. 1589 beſtieg Heinrich den Thron Frankreichs. 9** Zweites Capitel. Gabrielle d'Eſtrée. (15 9 0.) D'Estrée etait son nom, la main de la natnre De ses aimables dons la combla sans mesure Telle ne Prilloit pas aux pords de IEurotas La coupable beauté qui trahit Ménélas; 5 Moins touchante et moins belle à Tarse on vit paraitre Celle qui des Romains avoit dompté le maitre Lorsque les habitans des rives de Cydnus L'encensoir à la main la prirent pour Venus. VonTArRx. Ganz Frankreich ſchwaͤrmte damals fuͤr ein Mädchen, das unter dem Namen la belle Ga⸗ brielle ſo bekannt war wie die belle Feronière zur Zeit Franz des Erſten. Ihre Schoͤnheit war zum Spruͤchwort geworden, denn wenn man einer Dame verbluͤmt geſtehen wollte, daß ſie ſchoͤn 203 wie ein Engel ſei, ſo verglich man ſie mit Ga⸗ brielle. Gabrielle war die Tochter Antoine's d'Eſtrée, Großmeiſters der Artillerie. Angelockt von dem Rufe ihrer Schoͤnheit brannte Heinrich W. ſie kennen zu lernen. Gelegenheit dazu ward bald gefunden. Es war im Schloß zu Coeuvres, wo der Koͤnig zum erſten Male die beruͤhmte Schoͤnheit ſah. Ga⸗ brielle d'Eſtrée, damals 16 Jahre alt, war ein Engel an Liebreiz, ſchoͤn wie jene Anaxarete, die, zur Strafe ihres liebloſen Herzens in Stein ver⸗ wandelt, zu Salamis im Tempel der Venus pro- spiciens ſtand. Gabrielle minder hart, ſchmachtete damals fuͤr Roger de Saint Lary, Herzog von Bellegarde. Und auch er, ſagte man, ergluͤhe in Liebe fur ſie. Der Koͤnig ließ den Herzog rufen. — Iſts wahr, mein Freund, daß Euer Herz fuͤr Gabrielle brennt? — Ja, Sire, ich liebe ſie. 204 — Herzog Bellegarde, wollt Ihr Eurem Koͤ⸗ nig einen Dienſt erweiſen. — Sire, was befehlen Sie? — Ich befehl Euch, Gabrielle zu vergeſſen. — Weshalb, Majeſtaͤt? — Weil ich ſie liebe. — Seit wann, Sire? — Seit jenem Tag, ſeit jenem Augenblick, wo ich zum erſten Male ſie geſehn. Vier Wochen ſinds.. — Ihr kennt ſie erſt ſo kurze Zeit.. — Vire Pieu! ſchon lang genug. Wißt es, lieber Herzog, ich dulde keinen Nebenbuhler. Gern raͤum ich Euch ein andermal den Platz, nur dies⸗ mal nicht... Und habt Ihr einen Wunſch, ſo ſprecht; im Voraus ſei er Euch gewaͤhrt, wenn Ihr das Opfer bringt, das ich von Euch begehre. — Mein Koͤnig ſcherzt... — Bisweilen, aber diesmal nicht. Ich bitt' Euch, Herzog, lernt die Kleine huͤbſch vergeſſen. — Sire, das kann ich nicht. 205 — Ihr muͤßts... Ein Weib vergeſſen, iſt nicht ſchwer. Ich hab's ſchon oſt verſucht, ver⸗ ſucht's auch Ihr einmal... — Und wenn das Herz mir bricht? — Wo denkt Ihr hin, es iſt ja nicht von Glas. — Geſetzt, mein Koͤnig, ich vergaͤße ſie. Doch ſie, ſie wird mich nie vergeſſen. — Herzog, das iſt meine Sorge. Die Weiber! Sie vergeſſen ſich und uns, vergeſſen Alles, nur das Vergeſſen nicht.. — Gabrielle — Iſt nichts beſſer, als jede Andere. Ich liebte einſt ein Maͤdchen... Sie hieß Coriſande und war ſchoͤn, ſchoͤn wie Gabrielle. Ich liebte ſie, ſie liebte mich, bald kam ein Andrer, der ihr mehr gefiel, ſie nahm den Grafen und vergaß den Koͤnig.. — Gabrielle wird mich nie vergeſſen... — Wollt Ihr wetten, Herzog? — Um mein Leben! — Seid kein Thor! — Sie ſchwur mir ewige Liebe, ewige Treue... 206 — Frauen⸗Schwuͤre ſind nur Seifenblaſen.. Auch mir ſchwur man Liebe, auch mir ſchwur man Treue... Die Seifenblaſen ſind zerplatzt... Herzog, geht und ſeid vernuͤnftig. Bellegarde verneigte ſich und ging mit ſchwerem Herzen. Und in demſelben Augenblick trat durch die andre Thuͤr eine zarte weibliche Geſtalt in Maänner⸗ kleidung ein. Der Koͤnig ſtuͤrzte in ihre Arme, denn es war Gabrielle d'Eſtrée. Ihre Liebe zum Koͤnig hatte ſie vermocht, ſeiner Einladung Folge zu leiſten. Um unerkannt ins Schloß zu gelangen, hatte ſie ſich in Männerkleidung gehuͤllt. Armer Bellegarde, haͤtteſt Du eine Minute laͤnger hier verweilt, wuͤrdeſt Du Dich uͤberzeugt haben, daß Gabrielle, deren Treue Du geruͤhmt haſt, Gabrielle, die Dich nie vergeſſen wird, ein Weib wie jedes andere iſt. Einem Koͤnig giebt man ungern einen Korb— und nur wenig Frauen leben, die der Bewerbung eines Koͤnigs widerſtehen koͤnnen. Heinrich war außer ſich vor Freude. Er druͤckte ſie in ſeine Arme und kußte ihre Stirn, ihre Augen, 207 ihren Mund, und dieſer Mund, der ſo ſchoͤn, ſo ſuͤß und wuͤrzig war, er blieb nichts ſchuldig. Der Koͤnig zog ſie auf den Divan. Hier in dieſem Schloß, in dieſem Zimmer und auf dieſem Sopha, wo 54 Jahre fruͤher Franz der Erſte und Fran⸗ goiſe de Foir, Graͤfin von Chateaubriant, von Liebe berauſcht ſuͤße Kuͤſſe getauſcht, hier trug Heinrich IV. uͤber Gabrielle dEſtrée den erſten Sieg davon. — Gabrielle, rief der Koͤnig, Deine Liebe hat mir die Erde zum Paradies gemacht. Ich habe die Freuden des Himmels gekoſtet, und bin gluͤcklich, gluͤcklich wie kein Zweiter auf Erden. — Der Koͤnig hat in meinen Armen geruht, meine Lippe hat die ſeinige gekuͤßt.. ich bin glůͤcklich, namenlos gluͤcklich... — Sprich, ſuͤßes Kind, was ſoll ich thun, Dir zu beweiſen, daß ich Deiner Gunſt nicht un⸗ werth bin. Erbitte Dir eine Gnade.. ſie ſoll Dir gewaͤhrt ſein. — Erfullt mir eine Bitte, Sire; befreit mich von dem ſklaviſchen Joch meines Vaters, der mit gehaͤßigem Auge jeden meiner Schritte bewacht. 208 Er hat mich vor Euch gewarnt.. erfuͤhre er, daß ich trotz ſeiner Warnung der Stimme meines Her⸗ zens gefolgt, erfuͤhre er, daß Eurer Bitte ich Gehoͤr geſchenkt— er wuͤrde mich toͤdten? — Es giebt nur ein Mittel, dem Joche Deines Vaters zu entrinnen: Du mußt heirathen. — Aber wen, mein Koͤnig? — Einen Edelmann, der Deiner wuͤrdig iſt.. — Wo find' ich ihn? — Waͤr' ich frei noch heute fuͤhrt' ich Dich zum Traualtar; da dies leider nicht geſchehen darf, ſo will ich ſelbſt einen Gemahl fuͤr Dich waͤhlen... — Ich ſoll einen Andern lieben? — Lieben, Ventre gris! wer ſagt das? Du ſollſt ihn nur heirathen. Bald darauf vermaͤhlte ſich Gabrielle d'Eſtrée mit Nicolas d'Amerval, Seigneur de Liancourt. Der Gemahl, entzuͤckt von ihrer Schoͤnheit, be⸗ zaubert von ihren Reizen, wollte ſeine Rechte geltend machen, aber wie erſchrack er, als er die Thuͤr des Brautgemachs verſchloſſen fand. 209 Als er am Morgen nach der Hochzeit ſie daruͤber zur Rede ſtellte, gab ſie ihm locker zur Antwort: von dem Punkt, den Sie beruͤhren, ſteht keine Sylbe in unſerm Contract; Sie muͤſſen ſich mit meiner Freundſchaft begnuͤgen, oder, auf Scheidung antragen. Der arme Mann, er wußte nicht, was er an⸗ fangen ſollte! Drittes Capitel. Der König und ſein Nebenbuhler. G533.) Das Herz der ſchoͤnen Gabrielle ſchlug, trotz der Liebe zu dem Koͤnig, noch immer, wenn gleich leiſer als fruͤher, fuͤr den Herzog Bellegarde, der, ob er gleich wußte, daß ſie den Schwur ewiger Treue gebrochen, ſie dennoch liebte mit der alten Gluth. Der Herzog war ein eitler Mann, der ſich geſchmeichelt fuͤhlte, eines Koͤnigs beguͤnſtigter Nebenbuhler zu ſein. Gabrielle gab ihm, wenn ſie ſich vor jedem Ueberfall ſicher glaubte, ein Rendezvous. Freilich geſchah dies nur hoͤchſt ſelten, da der Koͤnig ſie faſt taͤglich beſuchte, und ſie außerdem aus Eifer⸗ ſucht, mit Spionen umgab, die ſie bewachten, wie einſt Argus die Jo bewachte. Die Liebenden hatten ſich ſchon lange nicht 24¹¹ geſehen. Beide ſehnten ſich nach dem Augenblick, wo ihnen nach ſo langer, langer Zeit, wieder ver⸗ goͤnnt ſein wuͤrde, ſich, liebetrunken in den Ar⸗ men liegend, ihre Herzen gegenſeitig auszuſchutten und ſich zu entſchaͤdigen fuͤr das, was ſie ſo lang entbehren mußten. Eines Tages, als ſie wußte, daß der Koͤnig auf die Jagd zu reiten und erſt am andern Mor⸗ gen heimzukehren beſchloſſen, ließ ſie durch Ar⸗ fure, ihre Vertraute, den Herzog zu ſich einladen. Wonnetrunken eilt er in die Arme der Geliebten. — Roger, mein theurer Roger, rief Gabrielle, als der Herzog ſich zu ihren Fuͤßen warf. — Gabrielle, heißgeliebte Gabrielle, rief der Herzog, als Gabrielle ihn in ihre Arme ſchloß. — Weißt Du, Roger, wie lange wir uns nicht geſehen? Ein ganzes langes Jahr. — Ein Jahrhundert willſt Du ſagen. Ach, Theure, wuͤßteſt Du, was ich ſeitdem gelitten, gelitten Deinetwegen, Du wurdeſt Mitleid mit mir haben und meinem kranken Herzen den Balſam Deiner Liebe ſchenken. O welche Qual, 212 zu wiſſen, daß der Engel, den man liebt, am Her⸗ zen eines Andern ruht! In jeder Nacht erſchienſt Du mir im Traume. Ich ſah Dich, ſah Dich, wie Du Deinen weichen Arm um ſeinen Nacken ſchlangſt, ſah, wie Deine Lippen an den ſeinen hingen und verzweifelte..— Kein Tag, kein Augenblick verging, an dem ich Deiner nicht ge⸗ dacht. wohin ich ſah, ſah ich Dein theures Bild. — So gings auch mir. In jedem Veilchen glaubte ich Dein Auge, in jeder Roſe Deinen Mund zu ſehen. In der Baͤume leiſem Rauſchen, in der Quelle munterem Geſchwaͤtz, in der Voͤgel lieblichem Geſang, in der Blumen holden Duft vernahm ich Deiner Stimme ſuͤßen Hauch und labte mich daran.. — Wenn Nachts die Sterne in dem blauen Aether ſchwammen, glaubt' ich in jedem Stern Dein holdes Aug' zu ſehen— ich blickte auf zu ihm, ſog gierig ſeine Strahlen ein und ſchickte tau⸗ ſend Gruͤße, tauſend Kuͤſſe durch die Nacht. Die Sterne haben mich verſtanden; ſie lachten freund⸗ lich mild zu mir herab und floͤßten Troſt in mein 2¹3 gebroch'nes Herz... Der Koͤnig iſt nach Fon⸗ tainebleau und kehrt erſt morgen nach Paris zu⸗ ruͤck. Heute, Geliebter, bleibſt Du bei mir, bleibſt bei mir, bis die Sterne untergehen und der Hahn den Morgen kuͤndet. Komm, Roger, in meine Arme laß mich die Schlaͤge Deines Herzens zaͤhlen, von Deinen Lippen Balſam pfluͤcken, aus den Augen Nektar trinken. Die Liebenden ſanken 3 ein uhebet, als ploͤtzlich geklopft wurde. — Arfure, was giebts? — Elilt, eilt, der Koͤnig naht.. Der Schreck riß Beide aus ihrer ſuͤßen Apathie! — Fort, fort, Roger. — Wohin? — In dieſes Zimmer. Der Herzog zog ſich raſch zuruͤck... Gabrielle verſchloß die Thuͤr, ſteckte den Schluͤſſel in die Bruſt, warf ſich aufs Ruhebett und nahm die Miene einer Schlafenden an. Eine Secunde ſpaͤter trat der Koͤnig mit Ar⸗ fure ein 2¹4 — Seit wann ſchlaͤft ſie? — Seit einer Stunde, Majeſtaͤt.. Der Koͤnig gab der Zofe einen Wink. ſie entfernte ſich. Heinrich ſchlich auf den Zehen naͤ⸗ her und gab ſeiner Maitreſſe einen Kuß. Gabrielle fuhr erſchreckt empor und ſtieß, um die Taͤuſchung zu erhoͤhen, ein Schrei aus.. — Erſchrick nicht, liebes Kind, ich bin's. — Du biſt es, Heinrich, ſprach Gabrielle und erhob ſich... Ich glaubte Dich noch auf der — uUm Dich zu uͤberraſchen, bin ich fruͤher heimgekehrt, als ich mir vorgenommen... Wie kommt es, Gabrielle, daß Du Dich zu ſo unge⸗ wohnter Zeit dem Schlummer hingegeben? — Ich thats aus Langeweile, ſprach Gabrielle, ſich die Augen reibend. — Deine Wange gluͤht... Deine Stirne brennt, fehlt Dir was, mein ſchoͤnes Kind. — Erſchrick nicht, guter Heinrich, wenn ich Dir ſage, daß ich mich nicht ganz wohl fuͤhle.. 21¹5 Sogleich ſoll man zu La Rivière, meinem Leibarzt ſchicken.... — Sei unbeſorgt... Es iſt ein Schwindel nur, der bald voruͤbergeht.. Komm, Heinrich, ſetz Dich her zu mir... Du biſt der beſte Arzt.. ein Kuß von Deinem Mund die beſte Arznei.. — Du liebes, ſuͤßes Weib! Ventre gris! Was ſeh ich? Hier liegt ein Männerhandſchuh... Iſt es erlaubt, Madame, zu fragen, wem er an⸗ gehoͤrt? — Liancourt, mein Herr Gemahl hat mich beſucht... — Was wollte dieſer Mann?... — Nach meinem Wohlſein ſich erkundigen. — Das ſoll er bleiben laſſen.. — Das hab ich auch geſagt.. Ich war erſtaunt, daß man ihn vorgelaſſen und hab Be⸗ fehl ertheilt, daß man in Zukunſt... — Vive dieu! die Thuͤr ihm weiſen ſoll... Welch eine Keckheit, die ſchoͤne Gabrielle zu be⸗ ſuchen, die der Koͤnig liebt... 2¹6 — Herr d'Amerval de Liancourt iſt mein Ge⸗ mahl. — Pro forma nur... Weh ihm! wagt er noch einmal, durch ſeine Gegenwart uns zu be⸗ läſtigen... Par dieu! Wer iſt da drin in die⸗ ſem Zimmer?.. — In dieſem Zimmer? Niemand? — Ich hoͤrte Sporen klirren.. — Sire, glaubt Ihr meinem Worte nicht... — Shr ſeid ein Weib— ich muß mich uber⸗ zeugen... die Thuͤre iſt verſchloſſen... den Schluͤſſel... — Hat Deniſe, mein Kammermädchen.. — Ventre gris! in jenem Zimmer iſt ein Mann verſteckt... Schafft den Schluͤſſel... — Sire, ich hab' ihn nicht.. — Es wird auch ohne Schluͤſſel gehen, ſprach Heinrich und ſtieß mit dem Fuße die Thuͤre ein, was ihm um ſo leichter gelang, da es nur eine leichte Tapetenthuͤr war.. — Himmel! rief Gabrielle, außer ſich vor Schreck. 217 Heinrich ſtuͤrzte ins Zimmer, fand es aber leer.. Das Fenſter dieſes Cabinets ging auf den Garten hinaus. Herzog Bellegarde, der das ganze Geſpraͤch belauſcht, hatte zur rechten Zeit die Flucht ergriffen. — Ich that Dir Unrecht, Gabrielle. Kannſt Du mir verzeihen, ſprach der Koͤnig und ſank auf ſein Knie. Gabrielle hatte ſich ſchnell geſammelt. — Ich ſollte boſe ſein, ſprach ſie, daß Du mich immer noch durch Deinen Argwohn kraͤnkſt... Vertraue mir: ich liebe Dich, wie Dich auf Er⸗ den noch kein Weib geliebt. — Jetzt glaub' ich Dir, rief Heinrich und ſchlang ſeine Arme um ihren Nacken, und kuͤßte ihre Schulter, ihren Hals, ihren Mund, ihre Augen, ihre Stirn. Neun Monate nach dieſem Tage, im Juni des Jahres 1594 wurde Gabrielle von einem Knaben entbunden, der in der Taufe den Namen Césſar de Vendome erhielt. 2¹8 Bald darauf wurde Gabrielle, auf Befehl des Konigs, von ihrem Gatten getrennt; Le Seisneur de Liancourt, ſagt ein franzoſiſcher Geſchichts⸗ ſchreiber, deposa chez deus notaires un acte, par lequel il protestoit que c'etoit contre sa volonté et par force pour le respect de Roi, et de crainte de perdre la vie, qwil consentoit à sa dissolution. Der Koͤnig ernannte Gabrielle de Liancourt zur Marquiſe von Monceaux, ſ chenkte ihr bald darauf die Grafſchaft Beaufort und erhob ſie zur Herzogin. Ihr Sohn, Céſar de Vendome, wurde im Januar 1595 fur legitim erklaͤrt und drei Jahre ſpaͤter zum Herzog von Vendome*) ernannt. Im Maͤrz 1597 wurde Gabrielle von einer Tochter, Katharina Henriette**) und im April *) Ceſar, Herzog von Vendome vermählte ſich ſpäter mit der einzigen Tochter des Herzogs von Mercoeur, ſtarb 1665. **) Vermählte ſich im Jahre 1619 mit Claude de Lorrain, Herzog d'Elbeuf, und ſtarb im Jahre 1663. 2¹⁰ 1598 von einem zweiten Sohne, Alexander von Vendome*) entbunden. *) Starb als Gefangener im Schloß zu Vincennes 1629. 10* — Viertes Capitel. .„ Gabrielle's Ende. (1599.) C'est une merveille, que cette femme, dont Pextréme bonté ne tenoit rien de lascif, ait pu vivre dans cette cour avec si peu d'ennemis. AcRppE p'Arnronz. Gabrielle ſtand jett auf dem Gipfel ihrer Macht. Heinrich, in dem Zaubernetz ihrer Reize gefangen, war ein Sklave ihres Willens. Ihr Wunſch war ihm Geſetz: was ſie wollte, geſchah. Eitel und ehrgeizig, ſtreckte ſie ihre Hand nach der Krone aus und verlangte, daß Heinrich ſie zur Koͤnigin von Frankreich erhebe. Der Koͤnig, gegaͤngelt von ihrem Willen, faßte den Entſchluß, ſich von ſeiner Gemahlin zu ſchei⸗ M1 den und ſeine Maitreſſe auf den Thron zu erhe⸗ ben. Sully, ſein beſter Freund und erſter Mini⸗ ſter, verſuchte hundert Mittel, ihn von dieſem Vor⸗ haben abzubringen. Vergebens! der Kanzler Chi⸗ verni, der Staatsſecretair Forget und der ganze Queue der Hoͤflinge, Gabriellen mehr zugethan, als der Koͤnigin, fachten den Funken zur Flamme an. Heinrich ſchickte einen Geſandten nach Rom, um vom Pabſte die Scheidung aus dem Grunde zu verlangen, daß ſeine Ehe mit Margarethe von Valvis kinderlos geblieben. Die Koͤnigin, belei⸗ digt, daß ihr Gemahl ein Weib von gewoͤhnlicher Herkunft der Tochter eines Koͤnigs vorzoͤge, pro⸗ teſtirte gegen dieſe Scheidung. Der heilige Vater (Clemens VIII.), der dem Koͤnig eben nicht ge⸗ wogen war, widerſetzte ſich dem Geſuche Heinrichs. Sully trat als Vermittler auf. Magarethe er⸗ klarte nun, ſie wolle in die Scheidung einwilligen, wenn Heinrich Gabriellen entſagen und ſich mit einer Andern vermaͤhlen wolle. Der Koͤnig, durch dieſen Widerſtand gereizt, war nun entſchloſſen, die Koͤnigin, um ſeinen Willen durchzuſetzen, des 222 Ehebruches anzuklagen. Magarethe war emport, doppelt empoͤrt, weil ihr Gewiſſen ihr zufluͤſterte, daß ſie wirklich, mehr als ein Mal, gegen das ſechſte der zehn Gebote geſuͤndigt. — Es war gegen Ende der Faſten. Gabrielle wohnte mit dem Koͤnig im Schloſſe zu Fontaine⸗ bleau, Pater Coton, der Beichtvater des Konigs, ein guter, alter Herr, machte dem 46 jährigen Beichtkinde daruͤber Vorwuͤrfe. — Sire, ſprach er, lieben Sie Ihre Maitreſſe, aber vermeiden Sie als guter Chriſt und als Ko⸗ nig, der ſeinen Unterthanen mit gutem Beiſpiel vorangehen ſoll, das Aufſehen und den Scandal. Wie ſoll Ihr Volk Sie achten, wenn Sie Sich ſelbſt nicht achten? Ein Koͤnig muß ſich vor dem Volke mehr geniren, als jeder Andere. Hermelin und Purpur ſind zwei Dinge, die keinen Fleck vertragen. Wollen Sie Ihren Nimbus zerreißen und Sich der Verachtung Preis geben? Sire, fol⸗ gen Sie mir, ſchicken Sie Ihre Geliebte nach Pa⸗ ris.. dort koͤnnen Sie ungenirter lieben, als hier — 23 Heinrich, einer jener wenigen Monarchen, deren Ohr an Wahrheit gewoͤhnt war, nahm ſich dieſe Ermahnungen zu Herzen. Ein guter Hofnarr und ein ehrlicher Beichtvater ſind oft die beſten Raͤthe der Koͤnige. Schade, daß man jene ab⸗ geſchafft und dieſe behalten hat, denn ein Narr iſt viel billiger als ein Beichtvater und nicht jeder Beichtvater iſt ſo ehrlich, als der des Koͤnigs Heinrich. Der Koͤnig bat Gabriellen, das Oſterfeſt in Paris zuzubringen. Sie ſtraͤubte ſich Anfangs, ſchmollte, ſchluchzte, weinte, gab aber, auf vieles Zureden, endlich nach. Der Koͤnig begleitete ſie bis nach Maleu. Hier nahmen ſie von einander Abſchied. — Leb' wohl, Heinrich, leb' wohl. Mein Herz ſagt mir, daß wir uns niemals wieder ſehen, ſprach Gabrielle in Thraͤnen zerfließend. — Naͤrriſches Kind, weg mit den truͤben Ge⸗ danken. In acht Tagen und vielleicht ſchon fruͤ⸗ her, bin ich bei Dir in Paris. — Leb' wohl, Heinrich, leb' wohl auf ewig. 224 Doch bevor wir ſcheiden, hab' ich eine Bitte noch an Dich.. — Sprich, liebes Kind— Du weißt es ja, daß ich Jede Dir erfuͤlle. — Mich, Heinrich, magſt du vergeſſen, aber meine Kinder nicht, meine ſuͤßen Kinder nicht. Gruͤße unſern Céſar, unſern Alerander, unſere Ka⸗ tharina. Sei ihnen ſtets ein guter, liebevoller Vater und laß ſie niemals fuͤhlen, daß ſie ihr Leben der Suͤnde ihrer Mutter danken. Die ar⸗ men Engel— laß ſie nicht bußen fur die Schuld ihrer Mutter. Gabrielle weinte lange und heftig— Hein⸗ rich ſchloß ſie in ſeine Arme und kuͤßte ihre Thraͤ⸗ nen weg. — Nimm, holdes Weib, bevor wir ſcheiden, dieſen Ring von mir. Trag ihn als Zeichen un⸗ ſerer Verlobung, denn bin ich erſt geſchieden, dann, ich ſchwor's bei meiner Krone, wird die Herzogin von Beaufort Frankreichs Koͤnigin. Ein Kuß beſiegelte das feierliche Verſprechen— eine Thraͤne ſeines Auges floß auf Gabriellens 2⁵ Wange herab. Sie ſagten ſich noch einmal Lebe⸗ wohl und ſchieden dann mit ſchwerem Herzen. In Paris angekommen, ſtieg ſie bei dem reichen Financier Zamet, ci-devant Schuhmacher Hein⸗ richs III., ab, der zur Feier ſeiner hohen Gaſtin ein Feſt veranſtaltete, das am 10. April, am Vor⸗ abend vor Oſtern, auf ſeinem Landgut, in der Naͤhe von Paris, gefeiert ward. Gabrielle wurde dort wie eine Koͤnigin empfangen und gleichſam im Triumph in den feſtlich geſchmuͤckten Garten eingefuͤhrt. Junge Maͤdchen in weißen Kleidern ſchritten voran, um den Weg, den Gabriellens Fuß betrat, mit Blumen zu beſtreuen. In einer großen Lonicera-Laube hing Gabriellens und des Koͤnigs Bild, mit Guirlanden bekraͤnzt. An jedem Baume hingen Feſtons mit den Buchſtaben G. H. und uͤber dieſen beiden eine Krone aus Lorbeer und Myrthe geflochten. Man ſetzte ſich zur Tafel. Es wurde auf ſil⸗ bernem Service geſpeiſt. Ein Toaſt folgte dem andern und jeder huldigte der reizenden Gabrielle. Am Schluß ſang man einſtimmig das Volkslied: 10*5 26 Vive Henri, vive Gabrielle*)! Beim Deſſert wurden die koſtbarſten Fruͤchte gereicht. Gabrielle aß eine Orange. Eine Stunde ſpaͤter war ſie todt. Sie, die im Leben die ſchoͤnſte Frau von Frankreich war, war im Tode haͤßlich zum Erſchrecken. Die Einen ſagen, ein Schlag habe ſie geruͤhrt, Andere ſagen, ſie ſei vergiftet worden auf Anſtiften der Koͤnigin, die, einſehend, daß Heinrich ernſtlich entſchloſſen ſei, ſie zu ver⸗ ſtoßen, auf Rache geſonnen. Die Leiche Gabriellens wurde zu Frau von Sourdis, ihrer Tante, ins Kloſter St. Germain gebracht. Der Koͤnig befand ſich auf dem Wege nach Paris als er, vier Meilen davon entfernt, die Nach⸗ richt ihres Todes empfing. Sein Schmerz war grenzenlos, er wurde ohnmaͤchtig im Wagen. Als er wieder zu ſich gekommen, zwang man ihn nach Fontainebleau zuruͤckzukehren. Der ganze Hof mußte Trauer anlegen. Das Parlament ſchickte *) Der Compoſiteur dieſes Liedes iſt Euſtache Du⸗ cauroy, Kapellmeiſter Karls M. und Heinrichs IV. 27 eine Deputation ab, um dem Koͤnige, wegen des Verluſtes, den er erlitten, Beileid zu bezeigen. Acht Tage ſchloß er ſich in die innerſten Gemaͤcher des Schloſſes ein, in dem er ſo viele ſuͤße Stunden mit ihr verlebt und war nur fuͤr Sully zu ſprechen. Der Miniſter verſuchte den Koͤnig zu beruhigen, aber Heinrich war lange Zeit untroͤſtlich. Folgenden Brief ſchrieb er an ſeine Schweſter: Ma chère soeur, j'ai regu à beaucoup de consolation votre visitè, j'en ai bien besoin; car mon affliction est aussi incomparable, comme l'etoit le sujet, qui me Ta donné. Les regrets et les pleurs m'accompagneront jus- qu'au tombeau.. La racine de mon amour est morte: elle ne rejetera plus; mais celle de mon amitié sera toujours verte pour vous, ma chère soeur, que je baise un million de fois. Henri. Zwei Hundert und zwanzig Jahre ſpäter(1820) wurde dieſer Maitreſſe im Departement de Aisne eine Statue errichtet. Fünftes Capitel. Henriette d' Entragues. (159 9.) Moins pelle, que Gabrielle d'Estrée, elle avoit plus d'agrement dans Pesprit. MnntornEs Dz Surrx. Es war in der Gegend von Malesherbes. Die untergehende Juliſonne ſtreute ihr purpurnes Licht auf die ſmaragdenen Kronen des Waldes. Heinrich W. kehrte mit einem kleinen Gefolge von der Jagd zuruͤck. Der luſtige Hoͤrnerklang, der das ſchweigende Halbdunkel des Waldes belebte, hatte Alle heiterer geſtimmt. Nur der Koͤnig ſchien nachdenkend und traurig. Er ritt langſam voraus, ſuchte die einſamſten Pfade auf und ſprach kein Wort: er gedachte der ſchonen, wonnevollen Zeit, wo er, heimkehrend von der Jagd, in die 229 Arme Gabriellens geeilt war, die am Fenſter wei⸗ lend, mit der Liebe Sehnſucht ihn erwartet hatte. Wie freudig hatte ihm das Herz geklopft, wenn er ſich dem Garten von Monceaur oder dem Schloß von Beaufort genaͤhert, wenn er das Na⸗ hen ihrer Schritte, das Rauſchen ihres Kleides gehoͤrt. Seit drei Monaten ruhte Gabrielle— die Bluͤthe der Frauen— im Schooß des Grabes. Des Koͤnigs Herz, ein Sarkophag der abgeſtorbe⸗ nen Liebe, war oͤde und leer: tiefe Wehmuth ver⸗ huͤllte ſeinen Geiſt mit dunklen Schleiern: hier und dort und überall erſchien ihm das Bild der Hingeſchiedenen und Alles, was er ſah, erinnerte ihn an den erlittenen Verluſt. Er hoͤrte eine junge Bluͤthe von der Krone des Baumes auf die Erde fallen und dachte an Gabrielle— er hoͤrte den verklingenden Ton des Waldhorns und den geheimnißvollen Ruf des fernen Echos und dachte an Gabrielle— er ſah ein friſches Blatt zertreten vom Hufe ſeines Pferdes und dachte an Gabrielle und wurde truͤber und truber. 230 Da naͤherten ſich ſeine Lieblinge: Frangois de Baſſompierre und Theodore Agrippe d'Aubigné. Sie nahmen den Koͤnig in die Mitte und erzaͤhl⸗ ten ihm tauſend tolle Späße, um die Falten ſeiner Stirn zu glätten. Heinrich hoͤrte Anfangs mit halbem Ohr zu, aber nach und nach zerſtreute ſich die graue Wolke der Schwermuth und ſeine Stirn wurde wieder klar und heiter. Am Ausgange des Waldes begegnete der Koͤnig zwei jungen ſtattlichen Damen, die ſtolz wie Ama⸗ zonen zu Pferde ſaßen. Heinrich, entzuckt von ihrer edlen Haltung, gruͤßte ſie freundlich. Die Damen dankten kurz und kalt. — Baſſompierre, kennt Ihr dieſe ſtolzen Damen? fragte der Koͤnig. — Sire, ich ſehe ſie heute zum erſten Nate. — und Ihr Aubigné? — Ich kenne ſie — Ihr Name? — Die aͤltere heißt Henriette, die juͤngere Charlotte. — Ihr Vater? 231 — Iſt Frangois de Balzac, Seigneur dEn⸗ tragues. — Der Gouverneur von Orleans? — Ja Sire. — Und Ihre Mutter? — War die Maitreſſe Karls des Neunten. — Marie Touchet? — Ja, Sire. Nach dem Tode des Koͤnigs war ſie in traurige Lage gerathen: ſie hatte mit Noth und Sorgen zu kaͤmpfen. Vier Jahre nach dem Tode Karls vermaͤhlte ſie ſich mit Balzac... — Lebt ſie noch? — Ja, Sire. — Ich muß ſie kennen lernen. Von allen Meitreſſen meiner Vorfahren war Marie Touchet die beſte, treuſte, uneigennuͤtzgſte. Karl, der flat⸗ terhafte Karl war ihr bis zum letzten Hauche ſeines Lebens treu ergeben.. ein Beweis, daß ſie eben ſo klug als ſchon und gut geweſen... Ihre Toͤchter gefallen mir.. Habt Ihr geſehen, wie kalt ſie meinen Gruß erwiedert? Ich liebe ſtolze Frauen ich muß ſie naͤher kennen lernen. 232 Und das geſchah denn auch. Beide Schweſtern waren mehr pikant als ſchon. Heinrichs empfaͤngliches Herz erbrannte fur die altere, Baſſompierre, ſein Gunſtling, faßte eine Neigung zur juͤngern. Henriette dEntragues ſtolz, ehrgeizig, herrſch⸗ puͤchtig, wußte tauſend Mittel, den Koͤnig, deſſen Herz bald in lichterlohen Flammen ſtand, an ihren Siegeswagen zu feſſeln. Seiner gluͤhenden Liebe ſetzte ſie kalten Stolz entgegen. Sie leerte den ganzen Koͤcher ihrer Klugheit, ſchloß alle Pfeile der Koketterie ab, um das Herz des Konigs zu verwunden und verſagte ihm mit berechneter Hart⸗ naͤckigkeit jenen ſuͤßen Balſam, der dieſe Wunden wieder zu heilen vermag. Noch keine Eroberung war dem galanten Heinrich ſo ſchwer als dieſe geworden. — Ventre saint gris! ſprach Heinrich zu Baſ⸗ ſompierre, es iſt leichter zehn Feſtungen, als das Herz dieſer ſtolzen Arſinos einzunehmen. Noch kein Weib ſah ich ſo gepanzert gegen Liebe, als dieſe.. jeder Pfeil prallt an dem geſtählten Harniſch hri 233 Kaͤlte ab eben dieſe Kaͤlte vermehrt meine Gluth. mein Herz ſteht in Flammen. die Stolze will es nicht loͤſchen... Wie ſteht Ihr mit der Schweſter?.. — Sire, die Feſtung iſt erobert.. — Vive Pieu— auch Henriette wird ſich er⸗ geben!.. Heinrich verſuchte nun das Herz der grauſamen Schoͤnen mit Sturm einzunehmen. Henriette leiſtete koketten Widerſtand. Eines Tages fuͤhrte ſie den Koͤnig durch ihre Zimmer. Er hatte alle geſehen, nur eines nicht. — Sagt mir, holdes Fraͤulein, wie gelangt man zu Eurem Schlafgemach?.. — Sire, zu dieſem Zimmer giebts nur einen Weg. — Er geht?.. — Durch die Kirche. — Ihr wißt, daß ich verheirathet bin.. — Das ganze Volk dringt auf die Trennung Eurer Ehe... muͤßt Euch zum zweiten Male ver⸗ 234 maͤhlen, um dem Thron einen Nachfolger zu ſchen⸗ n — Der Großherzog von Toskana hat mir ſeine Tochter, Maria von Medicis angetragen. Die Großen meines Reiches dringen in mich, ihr meine Hand zu reichen. — und Ihr wollt wirklich?.. — Ich muß es — Weh mir, rief Henriette Senn die Mienen einer Zerknirſchten affectirend. — Beruhigt Euch... Ihr reich' ich meine Hand, Euch ſchenke ich mein Herz. — Mein Herz ſchenk' ich nur dem, der meine Hand nicht verſchmaͤht. Wolltet Ihr nicht Ga⸗ brielle d'Eſtröe zur Königin erheben?.. Duͤnk' ich Euch minder werth als Jene? Ihr Vater war Gouverneur von Jöle de France, der meinige iſt Gouverneur von Orleans... Ihre Mutter war ein obſcures Weib, die meinige war die Geliebte Karls des Neunten, und nur eines Wortes haͤtte es bedurft, ſo waͤre ſie Koͤnigin von Frankreich geweſen. Wer ſaͤße jetzt auf dem Throne? Farl 235 von Valois, Graf von Auvergne, Herzog von Angoulème, der Sohn meiner Mutter... — Nehmt Euch ein Beiſpiel an Eurer Mut⸗ ter. Sie verſchmaͤhte die Krone.. — Das war dumm, ſehr dumm von ihr.. — Ihr ſeid ehrgeizig.. Erhoͤrt mich und ich will Euch reich und maͤchtig machen. — Sire, das ſind Worte nur.. — Durch Thaten will ich Euch beweiſen, wie innig ich Euch liebe... Hundert Tauſend Thaler und ein Marquiſat fuͤr eine Nacht in Euren Armen! — Sire, morgen um Mitternacht erwarte ich Euch. — Wo Fraͤulein, wo? fragte der Koͤnig au⸗ ßer ſich vor Freude... — In dieſem Zimmer! Zwei Tage ſpater erhielt Henriette d'Entragues hundert Tauſend Thaler und Verneuil, ein Mar⸗ quiſat in der Normandie. 236 Am 24. September 1599 wurde Heinrich IV. von Margarethe von Valois getrennt— am 4. December 1600 vermaͤhlte er ſich mit Maria von Medicis, der Tochter Franz II. von Toskana und Jahannens von Oeſtreich. Sechſtes Capitel. Heinrichs Ende. (14. Mai 1610.) Le Roi est mort, vive le Roi! Das Fatum hat es ſo gewollt. Heinrich, der beſte der Koͤnige, ſollte fallen durch die Hand ei⸗ nes Meuchelmoͤrders. Die Geſchichte nennt uns zwei und zwanzig Namen, die ihr eigenes Leben in die Schanze geſchlagen, um dem Leben ihres Koͤnigs ein Ende zu machen. Glͤcklich war Hein⸗ rich all den Schlachten und Verſchwoͤrungen, gluͤck⸗ lich war er den Dolchen Pierre Barrierés, Jean Chaſtels, Jean Dalisle's und anderer Fanatiker entronnen. Sie alle haben ihren Frevel mit dem Tode gebuͤßt und ſich und ihren Namen gebrand⸗ markt auf ewige Zeiten, ich ſage gebrandmarkt, 238 denn kein Grund, wär' er noch ſo edel, iſt hin⸗ reichend, ſolch einen Frevel zu beſchoͤnigen. Zeigt ſich ein Koͤnig unwuͤrdig ſeines Throns, ſo ſchleppt ihn vor die Schranken der Richter, beweiſt ihm ſein Unrecht und uͤberlaßt es dem Geſetze, ihn zu beſtrafen. Sagt das Geſetz, daß er den Tod verdient, ſo falle ſein Haupt; aber Fluch jedem Meuchelmoͤrder, gleichviel ob er den erſten oder letzten eines Volkes, einen Trajan oder Nero ge⸗ mordet. Am 14. Mai, am Geburtstage ſeiner erſten Gemahlin, Margarethe von Valois, einen Tag nach der Kronung der Konigin, Maria von Me⸗ dicis, begab ſich Heinrich, begleitet von dem Her⸗ zog von Epernon und dem Herzog von Montba⸗ zon, von den Marſchällen Lavardé, Roquelaure und de la Force nach dem Arſenal. In der Rue de la Ferronnerie wurde der Wagen, in dem der Koͤnig ſaß, durch zwei Schubkarren aufgehal⸗ ten. Ein Mann, der dem Koͤnig vom Louvre aus gefolgt war, benutzte dieſen Moment, um einen lang gehegten Plan ins Werk zu ſetzen. Mit 239 Blitzesſchnelle ſchwang er ſich auf ein Rad des Wagens, hielt ſich mit der einen Hand an den Kutſchenſchlag und ſtieß mit der andern dem Ko⸗ nig ein zweiſchneidiges Meſſer in die Bruſt. Das Fatum war erfuͤllt. Heinrich, von zwei Stichen durchbohrt; hatte ausgelebt. Sein Moͤrder war Frangois Ravaillac, ein Mann von 28 Jahren, ein kopfloſer Schwaͤrmer, der in Heinrich einen Feind der Kirche gehaßt. Feierlich hatte er ge⸗ lobt, den Koͤnig aus der Welt zu ſchaffen; das Geluͤbde war erfuͤllt: er floh nicht. Das rau⸗ chende Meſſer in der Hand, blieb er unbeweglich ſtehen. Man ergriff ihn und warf ihn ins Ge⸗ faͤngniß, wo er mit ſtoiſchem Gleichmuth die graͤß⸗ lichſten Oualen der Folter ertrug. Am 27. Mai wurde er auf dem Grsveplatz von vier Pferden zerriſſen. Sein Name ward vertilgt und das Haus in Angoulème, wo er ge⸗ boren ward, in Aſche verwandelt.. Es giebt wenige Koͤnige, die ſo viel fuͤr ihr Land gethan, als Heinrich fuͤr Frankreich. Er war ein Muſter der Tapferkeit, ein Vorbild der 1 240 Gerechtigkeit. Die Wiſſenſchaften verloren in ihm einen großherzigen Maͤcen.— Werft einen Blick auf ſeine Zeit: ſeht, welch eine Maſſe von beruͤhm⸗ ten Namen ſich an die Zeit ſeiner Regierung knuͤpft. Montaigne, ein Philoſoph, den in der Kunſt, das menſchliche Herz zu ergruͤnden, noch Keiner uͤber⸗ troffen hat; de Thou, Frankreichs großter Ge⸗ ſchichtsſchreiber, ein neuer Tacitus; Bodin, der Vorlaͤufer Montesquieus; Mornay und d'Au⸗ bigné, beruͤhmt durch Feder und Schwert, Ber⸗ traud, Desportes und Paſſerot, Regnier und Mal⸗ herbe ſind die Sterne ſeines Zeitalters. Heinrich war es, der einen Caſaubonus, Juſtus Lipſius, Bertius und den juͤngern Grotius, die großten Ge⸗ lehrten damaliger Zeit, nach Paris berief. Hein⸗ rich errichtete gelehrte Schulen, ſtiftete Hoſpitäler, grundete die Gobelinfabrik, baute den Pont neuf, verſchoͤnerte den Louvre und die Schloͤſſer von St. Germain und Fontainebleau und verminderte die Laſt der Staatsſchulden. Ein Geſchichtsſchreiber hat die Bemerkung ge⸗ macht, daß die Zahl 14 im Leben Heinrichs W. M1 eine große Rolle geſpielt. Sein Name Henri de Bourbon enthielt 14 Buchſtaben; er hatte 14 Jahrhunderte, 14 Jahrzehnde und 14 Jahre nach Chriſti Geburt das Licht der Welt erblickt; er ward geboren am 14. December und getoͤdtet am 14. Mai, nachdem er 4 mal 14 Jahre, 4 mal 14 Tage und 14 Wochen gelebt hatte. Heinrich hatte 14 Kinder gezeugt. Mit Ma⸗ ria von Medicis: 1) Louis XIII; 2) einen zweiten Sohn, der vier Tage nach ſeiner Geburt geſtorben war; 3) Jean Baptiſt Gaſton, Herzog von Orleans; 4) Eliſa⸗ beth, vermaͤhlt mit Philipp IV. Koͤnig von Spa⸗ nien; 5) Chriſtine, vermaͤhlt mit Victor Ama⸗ deus, Prinzen von Piemont, ſpäter Herzog von Savoyen; 6) Henriette Marie, Gemahlin Karls I. Koͤnigs von England. Mit Gabrielle d'Eſtrée, Herzogin von Beaufort: 7) Ceſar, Herzog von Vendome, 8) Alexander von Vendome, Großprior von Frankreich, und 9) Katharina Henriette, vermaͤhlt mit Karl von Lor⸗ raine, Herzog von Elboeuf. . 11 — — 22 Mit Henriette d'Entragues, Marquiſe von Verneuil: 10) Heinrich, Herzog von Verneuil; 11) Ga⸗ brielle Angelica, Gemahlin des Herzogs von Epernon. Mit Jacqueline de Beuille, Graͤfin von Moret: 12) Antoine von Bourbon, Graf von Moret, getodtet bei der Schlacht von Caſtelnaudari. Mit Charlotte des Eſſarts, Graͤfin von Romo⸗ rantin: 13) Johanne von Bourbon, Aebtiſſin von Fon⸗ tevrauld; 14) Marie, Henriette von Bourbon, Aebtiſſin von Chelles. Noch in demſelben Jahre ließ die Stadt Paris auf dem Pont⸗neuf die Statue Heinrichs IV.(in Frankreich das erſte Denkmal dieſer Art) errichten. Siebenter Abſchnitt. Margarethe von Valvis, erſte Gemahlin Heinrichs des Vierten. Geboren am 14. Mai 1552 zu Fontainebleau. Geſtorben am 27. Maͤrz 1615 zu Paris. 14½ Margarethe von Valvis. Aunque la hermosura desta Reyna fea mas divina que humana, es mas perder y damnar los hombros que salvar los. Don JuAn p'AusrRr4. Die Geſchichte hat wenig Namen aufzuweiſen, an denen ſo viel Schande klebt, als an dem Na⸗ men Margarethe von Valois. Die Tochter Ka⸗ tharinens von Medicis, die Enkelin Franz des Erſten, ſuchte durch Schamloſigkeit den Ruhm der roͤmiſchen Meſſalina zu verdunkeln. Ihre Ober⸗ hofmeiſterin, Frau von Courton, erzaͤhlt, daß die Prinzeſſin, kaum 9 Jahre alt, mit ihren aͤltern Schweſtern, Eliſabeth und Claudia, und mit Ma⸗ ria Stuart bei verſchloſſenen Thuͤren die Frucht verbotener Luͤſte gekoſtet. In ihrem zwoͤlften Jahre 24⁴6 verſchenkte ſie ihre erſten Gunſtbezeugungen an Balzac d'Entragues. Seiner uͤberdruͤſſig warf ſie ihr Auge auf den Prinzen von Martigues. Nach dem Tode ihres Lieblings trat Herzog Heinrich von Guiſe an ſeine Stelle. Nicht lange nachher warf ſie ihr Auge auf ihren Bruder Karl XI. Stundenlang ſchloß ſie ſich mit ihm im Schloß Madrid ein, ſtachelte durch uͤppige Bilder und obſcoͤne Lieder ſeine Begierden an und erloͤſchte auf dieſe Weiſe den letzten Funken ſeines Scham⸗ gefuͤhls. Spaͤter uͤbertrug ſie dieſe Neigung auf ihren zweiten Bruder, Heinrich von Anjou. Im Jahre 1570 ließ Koͤnig Sebaſtian von Portugal um ihre Hand anhalten; ſie gab ihm einen Korb, denn ihr Herz lag damals in den Banden ihres dritten Bruders, Franz von Alengon. Zwei Jahre ſpaͤter, am 18. Auguſt 1572, vermaͤhlte ſie Karl X. mit ſeinem Vetter Heinrich von Na⸗ varra. — En donnant ma soeur Margot au Prince de Bearn, je la donne à tous les huguenots de mon royaume, ſagte der Konig, als er auf Anra⸗ „ 247 then ſeiner Mutter in die Heirath ſeiner Schweſter willigte*). Margarethe ſetzte ihr zugelloſes Leben fort. — On est sans ame quand on est sans amour, ſagte ſie bald nach ihrer Vermaͤhlung zur Herzogin von Nevers, die einen ihrer Freunde, den ſchoͤnen Juͤngling La Mole in die Arme der Koͤnigin fuͤhrte. La Mole aber und Coconas, der Guͤnſtling der Herzogin, ſtarben bald darauf als Theilnehmer an der Verſchwoͤrung des Her⸗ zogs Franz von Montmorency, der ſich an die Spitze der unzufriedenen Katholiken geſtellt. Mar⸗ garethe, die den Kopf ihres Lieblings heimlich ent⸗ wenden ließ, beerdigte ihn mit eigenen Haͤnden zu Montmartre in der St. Martinsrapelle. Nur kurze Zeit betrauerte ſie den Verluſt dieſes Juͤng⸗ lings, den ſie und Du Perron als Hyacinthe in *) Vom König erhielt ſie eine Mitgift von 300,000 Thlr.(den Thlr. zu 54 Sous gerechnet), von der Königin Mutter 200,000 und von ihren beiden Brüdern Franz und Heinrich 30,000 Thlr. Außerdem erhielt ſie das Palais Vendome. * M8 ihren Liedern beſangen, ihre Wolluſt ſuchte ſich bald neue Helden. Die vielverſprechende Geſtalt des Vicomte de Turenne entſprach nicht ihren Erwartungen. Er iſt eine leere Wolke, an der nichts ſchoͤn iſt, als der aͤußere Schein, ſagte ſie und warf ſich in die Arme Buſſis d'Amboiſe. Im Jahre 1577 begab ſie ſich nach den Nie⸗ derlanden, um, wegen ihrer durch zuͤgelloſe Aus⸗ ſchweifung geſchwaͤchten Geſundheit, die Baͤder von Spaa zu gebrauchen. In Namur empfing ſie die Huldigungen des Don Juan von Oeſtreich, der in ihren Armen die Schwuͤre vergaß, die er in Mailand der ſchoͤnen Diana von Falanca ge⸗ ſchworen. Von dort nach Paris zuruͤckgekehrt, erſann ſie tauſend Mittel, den erſtorbenen Reiz von Neuem zu beleben. Sie ließ Tuͤcher von ſchwarzem Taf⸗ fet in ihr Bett legen, und ihr Schlafzimmer mit hundert Wachskerzen erleuchten. Nachts vor dem Schlafengehen ließ ſie ſich von einer ihrer Kam⸗ merfrauen Boccaccio's ſchluͤpferige Novellen und — W49 Aretino's uͤppige Sonnetten vorleſen, um ihrer Seele wollüſtige Traͤume einzuimpfen. Morgens badete ſie in Weinen mit duftenden Kraͤutern und ließ ſich von einem ihrer Pagen mit wohlriechen⸗ den Oelen ſalben. Auf ihrem Buſen trug ſie in einem blauſeidenen Saͤckchen ein ſilbernes Buͤchs⸗ chen mit cabbaliſtiſchen Zeichen, welche die Kraft beſitzen ſollten, jedem Mann Reiz einzufloͤßen. Als Sixtus der Fuͤnfte ihren Gemahl(1585) in den Bann that, verließ ſie ihn und ſchlug in Agen ihren Hoſſtaat auf. Hier war es, wo ſie ihren zugelloſen Luͤſten voͤllig freien Lauf ließ, hier war es, wo ihre ſchamloſe Liederlichkeit den Gipfel erſtieg. Es wurden Baͤlle veranſtaltet, auf welchen ihre Cavaliere und Kammerfraͤulein, in durchſich⸗ tige Flormasken gehuͤllt, maͤnadiſche Orgien feierten. Die Einwohner von Agen, muͤde ſolcher ſitten⸗ verpeſtenden Unzucht, verjagten ſie aus der Stadt. Von hier begab ſie ſich nach der Auvergne, wo ſie, auf Befehl ihres Gemahls, vom Marquis von Canellac gefangen genommen und in das Schloß Ueſſon gebracht ward. Von der Außenwelt ab⸗ 250 geſchloſſen, wählle ſie jetzt neue Guͤnſtlinge aus dem Kreiſe ihrer Dienerſchaft. Hier kam die Reihe an ihren Stallmeiſter Aubiac, den ſie, auf einer Untreue ertappend, in Aigueperſe aufhaͤngen ließ! Von Tag zu Tag ſank ſie tiefer in den Pfuhl der Schande und lebte erſt mit ihrem Koch, dann mit ihren Lakayen. Bei aller dieſer ſchamloſen Unzucht, bei all' dieſer zugelloſen Frechheit ſpielte Margarethe die Rolle einer frommen, gottesfurchtigen Chriſtin. Täglich ließ ſie Meſſen und Vespern leſen. Mit geſchminkten Wangen und geſchminktem Herzen beſuchte ſie taͤglich die Kirche. Hier lernte ſie einen jungen Chorknaben kennen. Er hieß Po⸗ mini, und war der Sohn eines Keſſelflickers. Seine ſchoͤne Stimme, aber mehr noch ſeine friſche, ro⸗ ſige Jugend, gefielen ihr ſo ſehr, daß ſie ihn zu ihrem erſten Muſikus ernannte. Aus der Capelle kam er ins Vorgemach, aus dem Vorgemach in das Cabinet und ſtieg hier von Stufe zu Stufe. Von allen ihren Guͤnſtlingen hatte ſie dieſen am liebſten. Sie beſang ſeine Schonheit, ſeine Reize 21 in zärtlichen Liedern, die damals von Mund zu Mund gingen: vA ces bois, ces prés, ces antres Offrons les voeux, les pleurs, les sons, La plume, les yeux, les chansons D'un poete, d'un amant, d'un chantre.« Als Heinrich IW. den Thron beſtieg, ſchickte er einen ſeiner Raͤthe Sillery nach Rom, um vom heiligen Vater die Trennung ihrer kinderloſen Ehe zu bewirken. Heinrich fuͤhrte zwei und zwanzig Scheidungsgruͤnde an. Clemens VIII., der ſich Anfangs geweigert, das heilige Band der Ehe auf⸗ zuloͤſen, ſprach endlich am 24. September 1599 die Scheidung aus. Margarethe gab ihre Ein⸗ willigung unter der Bedingung, daß der Koͤnig ihr einen Jahrgehalt von 80,000 Thalern feſtſetze. Erſt im Jahre 1605 kehrte ſie von Ueſſon nach Paris zuruͤck und ſtieg zuerſt im Schloß Madrid ab. Spaͤter bezog ſie den Palaſt des Erzbiſchofs von Sens. Hier traten neue Guͤnſtlinge an die Stelle der alten. Ein gewiſſer Vermond ward durch Date, einen jungen Menſchen aus der Provence aus dem 252 Herzen der Koͤnigin verdraͤngt. Vermond hatte ihm Rache geſchworen. Eines Tages, als Date mit der Koͤnigin aus dem Wagen ſtieg, ſchoß er ihm eine Kugel durch den Kopf. Vermond will fliehen, die Haͤſcher packen ihn, Margarethe ſchaͤumt vor Wuth. Bringt ihn um, ruft ſie, hier ſind meine Strumpfbaͤnder, erdroſſelt dieſen Schurken. Zwei Tage ſpaͤter ſah Margarethe mit kalter Miene, wie man vor dem Eingang ihres Palaſtes, dem Moͤrder ihres Lieblings den Kopf herunterſchlug. Vermonds Leichnam ließ ſie in eine Cloake werfen. Bald darauf kaufte ſie einen alten Palaſt in der Rue du Seine. Hier umgab ſie ſich mit einer Schar von Guͤnſtlingen, die ihrer Wolluſt, und einem Hof von Dichtern, die ihrer Eitelkeit frohn⸗ ten. Scipio Dupleix, den ſie zu ihrem Premier⸗ miniſter machte, Pater Hilarion de Coſte, Pierre de Bourdeilles⸗Brantome, huͤllten ihr Bild in Weihrauch, erhoben ihre Tugend bis zu den Ster⸗ nen. Von dieſen Schmeichlern ruͤhren jene beiden Anagramme ihres Namens her: Salve virgo, Ma- ter Dei und Image de vertu royale. 253 Am 27. Maͤrz 1615 ſtarb ſie in einem Alter von 63 Jahren. Ihr Herz ward in der von ihr geſtifteten Kirche des petits Augustins, ihr Leich⸗ nam in St. Denis beerdigt. Margarethe von Valois war in ihrer Jugend die ſchonſte Frau von Frankreich. Schoͤnes ſchwar⸗ zes Haar, wolluſtige Augen, ſanſte einnehmende Stimme, ein uͤppiger Buſen und ein ſchlanker Wuchs machten aus ihr eine verfuͤhreriſche Er⸗ ſcheinung. Brantome ſagt: die Konigin Marga⸗ rethe ſei ſo reizend geweſen, daß Tag fuͤr Tag Fremde nur darum nach Paris gekommen waͤren, um eine Schoͤnheit zu bewundern, deren Ruhm ſich durch ganz Europa verbreitet hatte. Sie hinterließ Gedichte, Memoiren und 300,000 Thaler Schulden. Achter Abſchnitt. Maria von Medicis, zweite Gemahlin Heinrichs des Vierten. Geboren am 19. November 1573 zu Florenz. Geſtorben am 3. Juli 1642 zu Cöln. Erſtes Capitel. Concino Concini. 1610.) Ludwig KIII. war erſt neun Jahre alt. Heinrichs Wittwe, Maria von Medicis, ließ ſich vom Parla⸗ mente zur Vormuͤnderin ihres Sohnes, zur Re⸗ gentin Frankreichs proclamiren. Armes Land, be⸗ klagenswerthes Volk, das verurtheilt iſt, von dem Scepter einer Frau beherrſcht zu werden. Sully, Villeroy, Bellievre, Sancy und Jeannin, Heinrichs treue Raͤthe und Miniſter, wurden ab⸗ geſetzt und ihre Stellen an Mariens Guͤnſtlinge, meiſtentheils Italiener, verſchenkt. An der Spitze der Guͤnſtlinge ſtand der Flo⸗ rentiner Concino Concini. Am dritten Tage nach der Ermordung des 258 Koͤnigs ließ Maria von Medicis ihren Guͤnſtling in den Thronſaal rufen. Die Regentin, ein uͤppig⸗ſchoͤnes Weib von ſechs und dreißig Jahren, in deren Augen die Gluth des italieniſchen Himmels lag, trug tiefe Trauer. Eine violette Sammetrobe umwallte die Junoniſche Geſtalt, deren ſylphenartige Taille, geſchnuͤrt von einem diamantenen Guͤrtel, mit zwei Haͤnden zu umſpannen war. Auf den weißen, goldgeſtickten Stuartkragen floß die reiche Fuͤlle ihrer ſchwarzen Locken herab. Sie trug den Orden des heiligen Geiſtes. — Concino Concini, ſprach Maria von Medicis, ich habe Euch rufen laſſen, um Euch den Tod des Konigs anzuzeigen. Die Wittwe Heinrichs iſt von Feinden umringt, ſie bedarf eines Freundes. — Der treueſte, Koͤnigin, liegt jetzt zu Euren Fuͤßen. — Steht auf, mein Freund, und nehmt an meiner Seite Platz. — Welche Gnade, Koͤnigin! 259 — Ich will Euch eine Geſchichte erzählen.. wollt Ihr mir zuhoͤren? — Mit Freuden, Majeſtaͤt. — Einſt, vor hundert Jahren, lebte an einem italieniſchen Hofe eine Dame, die Coelina hieß. Sie war die Tochter des Fuͤrſten. Coelina ſah eines Tages, als ſie, von ihrem Kammerherrn be⸗ gleitet, die Bildergallerie beſuchte, einen Juͤngling, der ihr außerordentlich gefiel. Cvelina wandte ſich an ihren Cavalier und fragte ihn, ob er den jungen Mann wohl kenne. Wohl kenn' ich ihn, ſprach der Marcheſe.. er iſt eines Senators Sohn und nennt ſich Silvio. Silvio! Welch ein ſchoͤner Name, ſprach die Prinzeſſin zu ſich ſelbſt und wiederholte dieſen Namen wohl tauſendmal und oͤfterer noch, ſchrieb ihn auf jedes Blatt, ſchnitt ihn in jede Rinde ein, auf daß ſie niemals ihn vergeſſe. Seit jener Stunde war Silvio ihrer Seele Ideal, ihrer Tage holde Sonne, ihrer Naͤchte ſuͤßes Mondlicht. Coelina liebte ihn, doch Silvio wußte, ahnte nicht, daß ſie ihn liebe— Als ihr Vater, wider ihren Willen, ſie vermaͤhlte, ſank ſie 260 zu ſeinen Fuͤßen und geſtand ihm weinend: nur Einen könne ſie lieben und dieſer Eine ſei Silvio. Naͤrriſches Kind, ſprach der Vater, lieben darſſt Du Jeden, aber heirathen nur Einen und dieſer Eine iſt der Koͤnig von Frankreich. Cvelina mußte gehorchen dem eiſernen Willen ihres Vaters: ſie vermaͤhlte ſich mit dem Koͤnige von Frankreich und nahm jenen Silvio, an dem ihr Herz und ihre Seele hing, nach Frankreich mit. Um den jungen Mann an ihren Hof zu ziehen, vermaͤhlte ſie ihn mit ihrer Dame d'Atour.. — Mit Leonore Galligai, denn Cvelina iſt Maria von Medicis und Silvio iſt kein Anderer als ich. O Koͤnigin, wo finde ich im Uebermaß der Freude Worte, Euch zu ſagen, wie das Geſtaͤndniß Eurer Huld ſo unausſprechlich gluͤcklich mich ge⸗ macht; Maria liebt mich, hoͤrt es, ihr Koͤnige der Erde, ihr Goͤtter des Himmels und beneidet mich. Ja Concino Concini, ich liebe Euch, liebe Euch mehr als mein Leben, mehr als meine Ehre. Zwoͤlf lange, ewiglange Jahre war meine Liebe zu Euch eine Perle, die keinem Auge ſichtbar, in der Mu⸗ 251 ſchel meines Herzens hat geruht. Ich blieb treu dem Koͤnig, treu meinem Schwure. jetzt, jetzt bin ich frei, jetzt ſoll Frankreich und die ganze Welt es wiſſen, daß Concino Concini der Apfel meines Auges, die Perle meines Herzens, die Bluͤthe meiner Seele, mein Gluͤck, meine Wonne, meine Welt, mein Gott und mein Gebieter iſt. — Die Freude raubt die Sinne mir. Auf meinen Knieen will ich Dir danken fuͤr die Liebe, die Du Deinem Knechte ſchenkſt. — Concino Concini, wie biſt Du doch ſo ſchön. Komm an mein Herz, Antinous, lege Dein ge⸗ locktes Haupt an meine Bruſt und denke Dir, ich ſei Dein Weib. Leonore Galligai, wie oſt hat die Koͤnigin Dich beneidet, beneidet um einen Blick ſeines Auges, um einen Druck ſeiner Hand! Mit Freuden haͤtt' ich all meine Macht und meine Groͤße fuͤr einen Kuß ſeines Mundes hingegeben! O wie glucklich bin ich jetzt Der Koͤnig, der mich nie geliebt, iſt todt. Meine Feinde ſagen, ich wiſſe um den Mord. Concino Concini, das iſt die frechſte Luͤge, die man je erſonnen hat. Ich liebte ihn 262 nicht— das iſt wahr— und dennoch bin ich ihm treu geblieben, bis zum letzten Hauche ſeines Lebens. Jetzt bin ich Wittwe— die Leidenſchaft, die ich zwolf lange Jahre unterjocht— ſie will jetzt ihre Feſſel brechen— das Herz zerſpringt vor Freude: ich darf den ſchoͤnſten Mann in meine Arme ſchließen, und ihm jede Gunſt gewähren. — Maria, rief Concini im Taumel der Freude und ſank an die Bruſt der Konigin.. Maria von Medicis lag in den Armen ihres Guͤnſtlings, im Nebenzimmer lag Heintich W. in ſeinem Sarge. Zweites Capitel. Concino's Glück und Ende. (1 6 1 7.) Siebenzehn Jahre waren ſeitdem verfloſſen. Concino Concini, raſch von Stufe zu Stufe ge⸗ ſtiegen, war Kammerherr, Staatsrath, Gouverneur von Peronne, Montdidier und Roye, Beſitzer des Marquiſats Ancre und der Baronie Luſigny und endlich, ob er gleich nie ein Schwert gezogen, Marſchall und erſter Miniſter geworden. Die Re⸗ gentin, entzuckt von ſeiner maͤnnlichen Schoͤnheit, hatte ihm unumſchraͤnkte Gewalt uͤber ſich, ihren Sohn und ganz Frankreich eingeraͤumt. Der Marſchall d'Ancre und ſeine Frau Leonore Galli⸗ gai, regierten das Land. Ihr jaͤhrliches Einkom⸗ men belief ſich auf drei Millionen Livres. 264 Das Volk, muͤde der Erpreſſungen, fing zu murren, der Adel, neidiſch auf die Macht des Guͤnſtlings, fing zu drohen an. An der Spitze der Unzufriedenen ſtand Marſchall Luynes, der Guͤnſtling des jungen Königs. — Fluch dem hergelaufenen Italiener! mur⸗ melte“ das Volk. — Er falle! ſchrie der Adel. Der Marſchall d'Ancre fing auf der ſchwin⸗ delnden Hoͤhe ſeiner Macht zu zittern an. Schwarze Ahnungen, gewitterſchwangere Wolken umzogen ſeines Gluckes Horizont... Er wurde ernſt und traurig. — Nenne mir den Kummer, der Deine Seele trubt, ſagte die Regentin zu ihrem Guͤnſtling, der muthlos an ihrer Seite ſaß. Sprich, Concino, was fehlt Dir? — Nichts, gar nichts, Maria. — Sei offen. Dein Auge, ſonſt ſo lachend wie der Himmel unſers ſchonen Vaterlandes, iſt jetzt ſo duͤſter und umwoͤllt. Bekenne, was Dich druͤckt.. 265 — Ich bin ungluͤcklich, ſprach der Marſchall, in deſſen Bruſt ein ſchwerer Seußzer wogte. — Du ungluͤcklich! Stehſt Du nicht auf dem Gipfel der Macht— habe ich nicht Alles fuͤr Dich gethan, um Dich zum Groͤßten meines Reichs zu machen. Willſt Du noch hoͤher ſteigen? — Steigen? nein! Mich quaͤlt die Angſt, von der Hoͤhe meines Gluͤckes herabzufallen in mein altes Nichts. — Wer kann Dich ſtuͤrzen, Dich den Maͤch⸗ tigſten meines Reiches?.. — Ich habe Feinde, viele Feinde.. — Verſpotte ihre Ohnmacht.. — Sie werden mich bei Dir verlaͤumden.. Maria, meines Herzens Koͤnigin, wird mir die Strahlenſonne ihrer Gunſt entziehen, und noch ſchneller als ich geſtiegen, werde ich fallen; nacht⸗ naͤchtlich tritt ein Bild vor meine Seele, daß mich mit tauſendfacher Angſt erfuͤllt... das Schickſal Roberts Devereur ſteht vor meinen Augen: ich ſehe den Grafen Eſſer, wie er aus der Sonnen⸗ hoͤhe ſeines Gluͤcks in die Nacht des Kerkers ſinkt... . 12 ———— 266 — Graf Eſſex war ein Heuchler.. ein Ver⸗ raͤther.. ein Schuft. das iſt der Marſchall d'Ancre nicht. Eliſabeth von England war eine Fürie — Maria von Medicis iſt ein Engel, aber können nicht auch Engel zuͤrnen? Weiß nicht Ver⸗ laͤumdung tauſend Mittel, Liebe ſchnell in Haß zu wandeln? Volk und Adel haben meinen Unter⸗ gang beſchloſſen.. ſie werden mich bei Dir verlaͤumden, Du wirſt der Bosheit Glauben ſchenken, und, wie Eliſabeth, mein Haupt dem Henker opfern. — O ſprich, was ſoll ich thun, um dieſen Stein von Deinem Herz zu waͤlzen? Ich weiß ein einzig Mittel nur. Eliſabeth ſchenkte ihrem Guͤnſtling einen Ring und ſprach zu ihm: Du magſt geſuͤndigt haben, gegen mich und das Ge⸗ ſetz, zeige dieſen Ring und ich vergebe Dir.— Als er, vom Geſetz zum Tod verurtheilt, ſeinen Frevel buͤßen ſollte, gab er den Ring der Grafin Nottingham und ſprach: geht hin zur Koͤnigin und zeigt ihr dieſen Ring: Eliſabeth wird mich — S 267 begnadigen. Die Graͤfin aber, von Eiferſucht er⸗ fullt, behielt den Ring und Eſſer ward enthaup⸗ tet.— Nimm Concino dieſen Ring— ich geb' ihn Dir als Talisman, der Dich, ſo lang Du lebſt, vor meinem Zorne ſchuͤtzt. Du magſt ge⸗ ſuͤndigt haben gegen mich und das Geſetz, zeig' dieſen Ring, und ich vergebe Dir, ſrah Maria von Medicis und reichte ihm⸗den Ring de ſtradamus. — Dank, tauſend Dank, Maria, mein Engel, mein Schutzgeiſt; jetzt darf mein Herz von Neuem ſchlagen, verſchwunden iſt die Angſt. ich ſetz' den Fuß auf meines Schickſals Nacken und fordere jetzt den Himmel in die Schranken... Leb' wohl, Maria, Geſchaͤfte rufen mich ins Parlament.. jetzt liegt Dein Knecht zu Deinen Fuͤßen, bald liegt Dein Freund in Deinem Arm. Er beugte ſeine Knie, kuͤßte den Saum ihres Kleides und ging. Im Corridor harrte der Capitain Vitry mit drei Mann Garden. — Marſchall, ſprach der Capitain. 12 — 268 — Nun, was wollt' Ihr? fragte der ſtolze Guͤnſtling. — Euren Degen... Ihr ſeid mein Gefan⸗ gener. ich ſoll Euch verhaften. — Mich verhaften? Auf weſſen Befehl? — Auf Befehl des Koͤnigs. — Lächerlich, zeigt mir Eure Ordre. 8 Hier iſt ſie. — Das iſt ein Wiſch, den ich zerreiſſe. — Soldaten! rief der Capitain, fuͤhrt ihn hin⸗ weg. — Wehe Jedem, der mir naht! rief der Mar⸗ ſchall d'Ancre, ſeinen Degen ziehend. — Marſchall d'Ancre, fragte Vitry, wollt Ihr Euch dem Befehle fuͤgen? — Frecher Bube, nein! — Im Namen des Koͤnigs, gebt Feuer! Die Garden vollſtreckten den Befehl ihres Ca⸗ pitains. Der Marſchall d'Ancre ſank von drei Kugeln durchbohrt. — Ich hoͤrte Schuͤſſe fallen, was iſt geſchehen! 269 ſchrie die Regentin und eilte leichenblaß auf den Corridor hinaus. Der Marſchall d'Ancre ſchwamm in ſeinem Blute. — Weh mir.. Concino todt??? Wer hat's gewagt? — Der Koͤnig, lachte Vitry. — Ludwig, ich verfluche Dich! rief Maria von Medicis und ſank auf die Leiche ihres Guͤnſt⸗ lings. Das geſchah am 24. April 1617. — Habt Dank, rief Ludwig, als er die Nach⸗ richt von Concino's Tod erhielt, jetzt erſt bin ich unumſchraͤnkter Koͤnig. Marquis von Vitry, der Koͤnig ernennt Euch fuͤr den Dienſt, den ihr ſei⸗ ner Krone geleiſtet, zum Marſchall von Frank⸗ reich. Concini's Leichnam, ohne Ceremonie einge⸗ ſcharrt, wurde vom Volke, das ſeiner Rache freien Lauf ließ, wieder ausgegraben und durch die Stra⸗ ßen von Paris bis ans Ende des Pont⸗ neuf ge⸗ ſchleift. Hier hing man ihn bei den Fuͤßen an ————— 270 5 einen der drei Galgen, die er fur ſeine Feinde hatte errichten laſſen. — Vive le Roi! rief das wuͤthende Volk, à bas les Italiens! Dann ſchnitt man ſeinen Leich⸗ nam wieder vom Galgen ab, und zog ihn auf den Greveplatz, wo man ihn in tauſend Stuͤcke zerriß. Jeder Franzoſe wollte ein Stuͤck von dem verxcommunicirten Juden« haben— jedes einzelne Glied wurde an den Meiſtbietenden ver⸗ ſteigert, am theuerſten wurden ſeine Ohren bezahlt. Die Wuth des Volkes war ſo groß, daß Einer ihm das Herz aus den Eingeweiden riß, es auf Kohlen roſtete und vor Aller Augen verzehrte. Seine Eingeweide wurden in eine Cloake gewor⸗ fen und die blutigen Ueberreſte auf dem Pont⸗ neuf vor der Statue Heinrichs IV. verbrannt. Am andern Morgen wurde ſeine Aſche unzenweiſe fur einen viertel Thaler verkauft. Leonore Galligai, die Gattin des Marſchalls d'Ancre, bei der man Schmuck und Edelſteine fur mehr als 120,000 Thaler fand(in den Taſchen ihres Gemahls hatte man den Werth von faſt 20 —— 271 Millionen Livres in Papier, die er aus Vorſorge beſtaͤndig bei ſich trug, und in ſeiner Wohnung, am Ende der Rue Tournon, 2,200,000 Livres baa⸗ res Geld gefunden), wurde der Zauberei angeklagt (man hielt das Agnus Dei, das ſie auf ihrer Bruſt trug, fuͤr einen Talisman) und auf die Folter ge⸗ ſpannt. Als der Praͤſident des Parlaments ſie befragte, welcher Mittel ſie ſich bedient haͤtte, um die Ko⸗ nigin zu behexen, antwortete ſie mit kalter Stand⸗ haftigkeit: — Mein Zauber war die Kraſt, welche ſtarke Seelen uͤber ſchwache Geiſter haben. Am 8. Juli 1617 ward ſie durch Parlaments⸗ beſchluß zum Feuertode verdammt und auf dem Greveplatze verbrannt. — Vive le Roi! rief das entzuͤckte Volk, vive le Roi, à bas les bandits Italiens! Der Sohn des Marſchall d'Ancre, ſeiner Adels⸗ rechte beraubt und aus Frankreich verbannt, kehrte nach Florenz zuruͤck, wo er als Graf von Penna 1623 an der Peſt ſtarb. 25 Maria von Medicis, die urheberin all dieſes Unheils, war verhaftet und am 5. Mai 1617 nach Blois verwieſen worden. Die Perlen und Juwelen, darunter auch den Ring, den der Marſchall einſt von Maria von Medicis erhielt, ſchenkte der Koͤnig ſeiner jungen Gemahlin, Anna von Oeſtreich. ſſ 1 9 10 11 12 18 19