— * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für rene 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —— — ——— —— N ——————————————**———— ——————— Die Heimkehr oder 4 3 f e h lt un5 Eine Erzählung für das Volk von O. Glaubrecht. Denn ſo ſpricht der Herr, Herr, der Heilige in Israel: Wenn ihr ſtille bliebet, ſo würde euch geholfen; durch Stilleſeyn und Hoffen würdet ihr ſtark ſeyn. Jeſaias 30, 15. S Frankfurt a. M. Verlag von Heinrich Zimmer. 184 2. Vorredee. „Was fehlt uns?“ ſo fragt es durch die Welt hin mit gar ängſtlichem Tone; und die Welt und das Herz, die beide des Geiſtes Gottes ſo ſelten voll ſind, zögern nicht lange mit der Antwort.„Gebt uns das Wort frei, daß wir reden können, darnach uns gelüſtet!“ rufen die Gelehrten;„befördert den Verkehr durch die Welt, hebt die Zölle auf und baut Eiſenbahnen!“ ruft der Kaufmann;„fangt Krieg an,“ ſchreit der Soldat,„der Degen verroſtet in der Scheide!“„Nehmt uns Steuern und Zehnten und Laſten ab,“ ruft der Bauer,„dann iſt uns geholfen!“ Wer will ſagen, die Zeit höre nicht auf dieſe Wünſche! Thut ſie nicht Alles, wovon ſie glaubt, daß es dem Menſchenherzen gefalle; ſind wir nicht mitten in einer gelehrten, gewerbreichen, kaufmänniſchen, erleichternden, mit einem Worte, in einer humanen Zeit? Und doch hört die Frage nicht auf:„Was fehlt uns?“ Als ein Schrei des lauten Schmerzes, als ein leiſes Seufzen, nur dem bekannt, der ſein Ohr an die Bruſt des Volkes legt, dringt die Frage:„was fehlt uns?“ durch die Welt. Wenn im Heidenthum die Menſchheit nicht wußte, was ihr fehle, dann ging ſie hin zu den Orakeln und fragte die um Rath, und aus der Prieſter Mund kam der Götter Wille. Nun hat zwar die Menſchheit mehr gelernt, denn in der grauen heidniſchen Zeit; aber auf ihren eignen Füßen zu ſtehen, hat ſie auch heute noch nicht gelernt, wird ſie auch nie lernen. Kinder bleiben wir, ſo lange wir in dieſem Leibe wallen, und als ſolche bedürfen wir der lauteren Milch des Cvangeliums. „Wer das Reich Gottes nicht empfähet als ein Kind, der kommt nicht hinein.“ Und der Herr dieſes Reiches, der weiß, was in dem Menſchen iſt, der das Seufzen der Creatur kennt, der von Gott uns gemacht iſt zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Er⸗ — löſung; der weiß auch, was unſerer und aller Zeit fehlt. „Wenn du es wüßteſt, ſo würdeſt du auch bedenken zu dieſer deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet,“ das iſt allezeit ſeine Antwort auf die Frage:„Was fehlt uns?“ Und er kann dieſe Antwort geben, denn er iſt geſtern, heute und in Ewigkeit derſelbe; er iſt der Weg, die Wahr⸗ heit und das Leben, und Niemand kommt zum Vater, denn durch ihn. Darum in ſeine Schule muß hinein, wer Antwort will auf alle Herzens⸗ und Zeit⸗ und Lebensfragen. Und wer Antwort ſonſtwo ſucht, dem gibt die Schrift, die von ihm zeuget, zu bedenken:„Es iſt in keinem Andern Heil, denn in Chriſto.“ „Iſt das die ganze Antwort auf unſere bange Frage?“ ruft da Einer und noch Einer und auch ein Dritter.„Das wiſſen wir längſt; weiß Niemand eine andere Antwort?“ Ich weiß keine, mein lieber chriſt⸗ licher Leſer; käme ſie aus mir ſelber, vielleicht klänge ſie anders. Andere rathen anders; ſie lehren Gold machen, und den Acker bauen, daß er hundertfältig trage, und beſſern eine Gemeinde mit menſchlicher Kunſt und Schmeichelei; auch heilen ſie Säufer mit Waſſer und Ermahnung. Das Buch, daraus meine Weisheit fließt, ſagt dagegen:„Es ſey denn, daß Jemand von Neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht ſehen;“ und weiter ſagt es:„Trachtet am erſten nach dem Reiche Gottes und nach ſeiner Gerechtigkeit, ſo wird euch ſolches Alles zufallen.“ Und an dieſer Quelle des Segens wollen wir uns gemeinſam niederlaſſen, mein lieber Leſer, und wie die Kranken am Teich Bethesda warten, bis Einer nach dem Andern von unſern Langenfeldern hineingetragen wird. Völlig geheilt kommt Keiner heraus, denn die Schwachheit iſt zu groß; doch ſo weit kann es Jeder bringen, daß er mit Paulus bekennt:„Ich lebe, aber doch nun nicht ich, ſondern Chriſtus lebet in mir!“— L. D. G. 1. Wie ein Fremder in Langenfeld einzog und was ihm da für ein Empfang ward. Es war in der Dämmerſtunde eines hellen Januar⸗ abends im Jahr 18.., da kam eine mit zweien Poſt⸗ pferden beſpannte Chaiſe von dem Hügel herab, an deſſen Fuß das Dorf Langenfeld lag. Der Hügel war gerade nicht ſehr ſteil, aber der Fuhrweg, der in ziem⸗ lich gerader Richtung abwärts ging, war durch Fah⸗ ren und Schleifen des Holzes aus dem nahen Walde ſo glatt geworden, daß der Kutſcher Mühe hatte, die Pferde im Zügel zu halten, die bei jedem Tritt auf dem glatten Schneeboden ausgleiteten. An einer klei⸗ nen Biegung, die der Weg machte, blieb er halten und knallte mehrmals mit ſeiner Peitſche, als wolle er ein Zeichen zum Ausweichen geben. Da das Zeichen nicht beachtet ward, ſo rief er:„Ihr Jungens, aus dem Wege da mit eurem Schlitten! Seht ihr nicht, daß ich Raum haben muß für meine Pferde auf dem glat⸗ ten Wege?“ Ein ſchallendes Gelächter vieler Kinder⸗ ſtimmen war die Antwort auf dieſen Zuruf.„Nun, ihr Rangen, wenn ihr's nicht beſſer haben wollt, ſo laßt euch von meinen Braunen zertreten!“ rief der Kutſcher, um vieles unwilliger, und trieb die Pferde an. Die zogen ſchnell an und ſprangen plötzlich zur 1 2 Seite mit ſolchem Ungeſtüm, daß nicht viel gefehlt, und die Chaiſe wäre umgeſchlagen. Da öffnete ſich plötzlich die Thüre des Wagens, und mit der Miene der höchſten Beſtürzung ſprang ein Mann, mit einem Pelzrock bekleidet, heraus, eilte vor die ſchnaubenden Pferde, und erblickte einen Knaben neben ſeinem Schlit⸗ ten liegend, der aus einer Wunde am Kopfe blutete. Erſchrocken riß der Fremde den Knaben von der Erde auf, während der Kutſcher die Pferde beſänftigte, und fragte mit großer Beſorgniß in Miene und Stimme: „Kleiner, haſt du Schaden genommen?“ Da ſchlug der Junge, der plötzlich aus der Betäubung erwachte, die großen, muthwilligen Augen nach dem Fremden auf, im nächſten Augenblick war er ihm aus den Hän⸗ den geglitten, und im darauf folgenden ſah man ihn in der Mitte ſeiner Geſpielen, die ihn mit ſchallendem Gelächter begrüßten, in das er aus voller Bruſt mit einſtimmte. „Herr, ſteigt getroſt wieder ein“, ſprach da der Kutſcher,„ihr ſeht, es iſt hier Dorfzucht, könnt' ich von meinen Pferden weg, ich wollte die Rangen mit meiner Geißel ſchon Mores lehren! Indeſſen trau' ich dem Frieden nur halb; ich will mit euer Edlen Ver⸗ laub neben den Pferden hergehen, bis vor's Dorf.“ Die Vorſicht des Kutſchers war nicht umſonſt; denn kaum ſaß der Fremde wieder im Wagen und die Pferde hatten angezogen, als ein Hagel von Schneeballen den Kutſcher, die Pferde und den Wagen traf, deſſen vorderes Fenſter klingend zerbrach.„Nein,“ rief der Kutſcher abermals ſtillhaltend und die unruhig gewor⸗ denen Pferde beſänftigend,„iſt denn keine Menſchen⸗ ſeel' in der Nähe, die verwetterten Schlingel zur Ruhe zu bringen?“ Ein neues Gelächter, vor, hinter und neben der Chaiſe, war die Antwort, und ein neuer Hagel von Schneeballen. Da hörte man ein Fuhr⸗ werk auf demſelben Wege von der Höhe herbakommen, und der Bauer, der es führte, hielt hinter der Chaiſe, und rief mit aufgehobener Peitſche:„Wartet, ihr Jungen, der Schulmeiſter ſoll's wiſſen! Schämt ihr euch nicht, vornehme Leute wie Straßenräuber anzu⸗ fallen?“ Das Wort, mit einigen derben Flüchen be⸗ gleitet, wirkte, aber nur ſo viel, daß die Jungen mit dem Werfen einhielten. Schreiend:„eine Chaiſe! eine Chaiſe!“ jubelten ſie hintendrein in's Dorf und durch's Dorf, bis vor die Schenke. Deren Thür' ging ſchnell auf, und herausſtürzte fluchend, aber mit ſehr unſiche⸗ ren Schritten, die Schreckensgeſtalt des Ortsdieners, theilte rechts und links Püffe und Stöße aus, und jagte den Haufen auseinander. Aber hinter jeder Haus⸗ ecke rief's wie zum Hohn:„eine Chaiſe! eine Chaiſe! Eichkätzchen! Eichkätzchen! wie ſchmeckt's Gläschen!“ Der Mann ſelbſt, dem die Spottrede galt, kümmerte ſich nicht im Geringſten darum; ſondern ſelbſtbehag⸗ lich brummend, folgte er dem Fremden in die Wirths⸗ ſtube.„Nicht wahr, Herr“, ſprach er im Gehen, „das hatten wir gut gemacht? Ja, ich ſag's immer, keine beſſere Polizei auf weit und breit, als in Lan⸗ genfeld! Straßenordnung, gute Ordnung! Ortspo⸗ lizei immer dabei! Prügel hageldick!“—„Haben der Herr vielleicht etwas aus dem Wagen zu holen? Steh' ganz zu Befehl! Kalt Wetter heute!“ Damit zerrte der Mann an dem Reiſeköfferchen, das der Fremde unterm Arm trug. „Laßt's gut ſein, Alter“, ſprach der Fremde,„und 1* wollt ihr euch verdienſtlich machen, ſo helft dem Kut⸗ ſcher, daß die Pferde in den Stall kommen; ſie ſind ſehr warm. Dann ſeyd ſo gut, und beſtellt einen Glaſer, daß er das zerbrochene Wagenfenſter wieder macht, das die Schuljugend einzuwerfen für gut fand. Es iſt doch ein Glaſer hier im Orte?“„O, Langen⸗ feld und kein Glaſer drinnen, wie könnt ihr daran zweifeln! Aber ich ſag's immer, und Niemand glaubt's, keine böſeren Buben auf weit und breit, als in Lan⸗ genfeld. Aber wartet nur, ihr Rangen! Dafür bin ich der Mann! Peter Eichmann läßt nicht mit ſich ſpaſſen!“ Da wandte ſich der Fremde plötzlich zur Seite, trug ſeinen Reiſekoffer auf die Bank neben dem Ofen, und unterſuchte und betrachtete ihn von allen Seiten. Dann zog er, noch immer mit dem Rücken nach der Stube hingekehrt, ſein Oberkleid aus und hing es an den Nagel. Mittlerweile füllte ſich die Stube mit Stamm⸗ gäſten; Jeder kam mit einer beſonderen Bemerkung zur Thüre herein, von denen manche belacht wurde, ohne daß der Fremde ihren Sinn verſtand. Weſſen Pfeife ſchon brannte, der that beim Ein⸗ tritt einige ſtärkere Züge, und die ſchon ausgegangenen wurden mit größter Schnelligkeit angezündet. Dann ſchlug jeder erſt das eine Bein über die Bank, und nachdem er einige Minuten mit ſeinem Nachbar geredet und einen Seitenblick nach dem Fremden gethan, ließ er bedächtlich das andere Bein dem erſten nachfolgen. „Wo bleibt denn heut' Abend der Golſerhannes?“ fragte ein junger Mann mit hochgeröthetem Angeſicht, das er auf ſeine beiden Fäuſte ſtützte, und indem er aus der weit abſtehenden Pfeife einige finſtere Wolken 5 zog.„Der Golſerhannes will ein Betbruder werden, ihr Nachbarn!“ rief ein alter ſchnurrbärtiger Mann, mit etwas gekrümmtem Rücken.„Der Golſerhannes ein Betbruder!“ ſchrieen ſie lachend durcheinander. „Ja“, rief der Rothbäckige, er geht aus einem Wirthshaus in's andere; man muß hübſch ſeiner Kirche treu bleiben; zu viel iſt ungeſund!“ Ein wieherndes Gelächter war der Lohn für die gottesläſterliche Rede. Das galt als Witz in Langenfeld. Unter Chriſten gilt das Schriſtwort:„Laſſet kein faul Geſchwätz aus eurem Munde gehen.“„Und ich ſage euch, daß die Menſchen müſſen Rechenſchaft geben von einem jeden unnützen Worte, das ſie geredet haben.“ An das Schriftwort ſchien auch der Fremde zu glauben, denn als die Bauern ſich umdrehten, Einer nach dem Andern, um zu ſehen, wie ihm der Witz ge⸗ fallen, da ſah der Fremde ſo ernſt drein, ſo ſchrecklich ernſt, daß der Jubel plötzlich verſtummte. Nun ſpra⸗ chen die Bauern leiſer mit einander, aber aus ihrem. plötzlichen Auflachen konnte man ſchließen, daß manches Wort da geredet ward, was nicht lieblich war zu hören. Indeſſen brach der Jubel wieder neu aus, als der längſt erwartete Golſerhannes kam. Der trat mit einem pfiffigen Geſicht zur Thür' herein, ſtellte ſich gravi⸗ tätiſch vor den Wirth, machte eine tiefe Verbeugung, und ſprach:„Hochachtbarer Stophel März, König aller Wirthe in Langenfeld und in aller Welt, vergebt mir meine Untreue, ich habe heute aus beſonderem Durſt ein Gläschen bei'm Käsperchen getrunken.“ Der Wirth, der ſonſt in ſolchen Redensarten nicht unbe⸗ wandert zu ſeyn ſchien, ſah den Fremden an, und der 6 Fremde ſah den Golſer an, und der Wirth kam aus der Faſſung und der Golſer auch, und der Witz war nicht gelungen. Das merkte man auch an den Stamm⸗ gäſten; die lachten gar dünn vor ſich hin, und der Golſer ſchlich ſich auf ſeinen Platz, und verbarg ſein Angeſicht in eine dicke Rauchwolke. Da griff, plötzlich gähnend, der Golſer in ſeine Taſche und rief:„Ihr Nachbarn, ich bin heute nicht gut gelaunt und mache mir ſaure Gedanken, laßt uns ein Spielchen machen!“ Damit warf er ein abge⸗ griffenes Kartenſpiel auf den Tiſch und forderte einen Trunk. 2. Was den Langenfeldern nach ihrer Mei⸗ nung fehlte. Als die Stammgäſte nun bei'm Stophel März ſo ſpielten und tranken, auch mitunter fluchten, wenn die Trümpfe nicht recht fallen wollten, da ging die Thüre wieder auf, und herein trat, eine Meerſchaumpfeife in der einen und ein Rohr in der andern Hand, ein gut⸗ gekleidetes Männlein. Das grüßte freundlich rechts und links mit Bücklingen, als wenn es die Hälfte ſeines Lebens wäre Kammerdiener geweſen. Seitwärts ſchie⸗ lend überſah es ſchnell die ganze Wirthsſtube, und als es den Fremden auf der Ofenbank gewahrte, mit ſeinem Abendbrod beſchäftigt, da machte es dem noch einen tieferen Bückling. Dann auf die Seite tretend, aber mit dem einen Aug', das beſonders dazu brauchbar ſchien, den Fremden betrachtend, wollte es ſich auf der Bank, neben den Spielenden niederlaſſen. Doch der Wirth verhinderte das, und einen der Gäſte ſanft vom Großvaterſtuhl ziehend, ſchob er den Kleinen hinein und ſprach:„Seyd willkommen, Herr Jakob!“„Guten Abend, Herr Jakob!“ riefen die Bauern, mit einem Blick vom Kartenſpiel weg.„Ich ſtöre doch nicht, ihr Nachbarn?“ hub Herr Jakob freundlich und mit leiſer Stimme an;„Spielverderber möchte ich nicht ſeyn.“ „O, das iſt der Herr Jakob nie,“ rief da Einer und ein Zweiter und ein Dritter, und die Uebrigen mur⸗ melten auch ſo etwas, und nahm ein Jeder einen Schluck aus ſeinem Glaſe. Und wieder ging die Thüre auf, und es kamen immer Mehrere, und wieder ging ſie auf, und es trat zugleich mit dem Ortsdiener der Schulmeiſter herein; denn alſo wurde er von den Gäſten begrüßt. Sonſt hätte ihn ſchwerlich Jemand für den Schulmeiſter er⸗ kannt; denn ſein Aeußeres ſah nicht darnach aus. Der ſchob ſich neben den Herrn Jakob und ſetzte ſich zu den Spielern auf die Bank. Der Ortsdiener poſtirte ſich mit dem Rücken nach dem Ofen hin und ſuchte ſich dem Fremden gefällig zu machen. Zuerſt räuſperte er ſich, dann nieſte er dreimal und wünſchte ſich ſelbſt Geſund⸗ heit, dann ſprach er vom Wetter und von den guten Straßen um Langenfeld her; dann berichtete er, daß der Poſtknecht bereits ſchlafe, und vor dem Schlafen⸗ gehen dies und das den Langenfelder Buben gewünſcht habe, und daß das Fenſter gemacht ſey und fünf Gro⸗ ſchen koſte, und daß der Herr jetzt gewiß ſicher aus⸗ und einfahren könne, denn er habe die Jungen Mores gelehrt, und dort ſitze der Herr Schulmeiſter, der ſolle ſie morgen noch einmal ſtriegeln. Da gab der Fremde dem Ortsdiener ein Stück Geld, das dem ſehr zu ge⸗ fallen ſchien, denn er ſprach vom Nichtherausgeben⸗ 8 können und vom Wechſelnlaſſenwollen. Als aber der Fremde ihm bedeutete, daß der Ueberſchuß ſein Eigen⸗ thum bleiben ſolle, da ward das Geſicht des Ortsdie⸗ ners wie ein Maimorgen. Aber das Geſicht des Frem⸗ den war wie ein Novemberabend, und er ſah vor ſich nieder, als wenn ein ſchwerer Kummer auf ſeinem Her⸗ zen laſte. Da hub der Schulmeiſter an und ſprach:„Herr Jakob, nichts Neues von Bedeutung?“„Ja wohl Neues, viel Neues, aber nichts Gutes,“ ſprach der, „eben geht Alles darauf hinaus, Langenfeld zu Grund zu richten! Mit dem Gutskauf iſt's nichts!“ rief er mit ſtärkerer Stimme. Da fielen plötzlich die Karten aus den Händen der Spielenden, und ſtarr und fragend ſahen ſie den Sprecher an.„Wie,“ hub endlich Einer mit einem tiefen Seufzer an,„wie mit dem Gutskauf iſt's nichts? War denn etwa das Gebot den Hunger⸗ leidern zu gering?“„Wie ich euch ſagte, ihr Nach⸗ barn, mit dem Gutskauf iſt's nichts,“ ſprach Herr Jakob mit erhobener Stimme weiter.„Ihr könnt euch denken, daß wir dem tauben Advokaten tüchtig zuſetzten, und einmal über das anderemal ein Mehrgebot thaten. Aber ſo taub Herr Habemann iſt, ſo verſchmitzt iſt er auch. Kurz, er zieht nicht, zieht nicht! Es iſt aus mit dem Gutskauf, ſag' ich noch einmal!“„Und wer hat's denn,“ ſchrie der Wirth,„Per hat's denn, frag' ich? Iſt's nicht unſer Gut, unſer Langenfelder Gut, und haben wir's nicht gebaut und unſere Väter auch, bis der Oberſt, hol' ihn der und der! den Lumpen⸗ Krämer als Pachter herſetzte. Wem gehört das Gut, frag' ich, als uns Langenfeldern, und ich will den ſehen, der es pachtet, oder kauft, oder erſchachert! An dem 9 vergreif' ich mich!“—„Nun, nehmt Rath an, thut gemach, Herr Stophel,“ ſprach in begütigendem Ton der Herr Jakob,„das Poltern thut's nicht, damit kom⸗ men wir nicht vom Fleck. Eile mit Weile, iſt ein ſchön Sprichwort.“„Iſt denn gar nichts mehr zu machen?“ frug ein Bauer, nachdem er zuvor einen tüchtigen Schluck gethan.„Mit dem Langenfelder Gut nichts,“ war Herrn Jakobs Antwort,„der ſchlaue Fuchs von einem Advokaten ſchwieg zwar auf unſere Frage nach dem Käufer, und that, als hätte er uns nicht verſtanden; aber ſein Schreiber, mit dem ich mich gut ſtehe, ſteckte mir im Hinausgehen ein Papierchen in die Hand, dar⸗ auf ſtand geſchrieben:„Das Langenfelder Gut hat ein Fremder gekauft!“—„Doch ich kam der Sache noch beſſer auf die Spur, hört!“„Erſt noch ein Friſches, Stophel!“ riefen da Mehrere, das hält ſonſt Niemand aus!“ „Alſo hört,“ fuhr mit größerer Wichtigkeit der Herr Jakob fort.„Wie ich aus dem Haſengäßchen komme, wo der taube Advokat wohnt, und um die Ecke über den Markt weg will, da ruft's hinter mir drein: „Herr Jakob!“ Ich dreh' mich um, da ſteht der dicke Rieſenwirth unter ſeiner Halle und ruft mir zu:„Herr Jakob, wohin ſo eilig, Herr Jakob? auf ein Wort!“ „Ihr Diener, Herr Birnbaum,“ ſagt' ich,„womit kann ich dienen?“„Ei,“ ſagt Herr Birnbaum, und ſchien juſt bei guter Laune zu ſeyn,„Ihr Langenfelder lauft hinter euerm Gut drein, wie der Fuchs hinter dem Hund! Spart Athem und Beine, Männchen, ſag' ich euch; der Gaul iſt geſtohlen; könnt hete und den Stall „Wie ſo, Herr Birnbaum? frag' ich.„Ich bin 1 10 der Mann, der's weiß,“ ſagt er, in meinem Teich hat der Fiſch geſchwommen, und iſt ein fetter Fiſch, ein Golbfiſch, ſag' ich euch, Männchen, oder ich will nicht Rieſenwirth ſeyn. Hat euch der Goldfiſch das Gut vor der Naſe weggeſchnappt; geht nur heim und ſagt euern Langenfeldern, der Rieſenwirth wiſſe, was er wiſſe, und ſie ſollten nur aufpacken und nach Ame⸗ rika gehen, in Langenfeld ſey's aus mit Spiel und Tanz!“ „Ja wohl mit Spiel und Tanz!“ riefen Alle durch⸗ einander. Aber der Teichmeiſter ſchlug auf den Tiſch und ſprach:„Wart nur Fiſchchen!“ Und der Wilddieb ſchrie:„Wart nur Häschen!“ Und der Schnurrbärtige ſchlug auf den Tiſch und ſprach:„Den mach' ich kalt, dafür bin ich der Mann!“„Und was ſagtet ihr denn, Herr Jakob? frug da Einer.„Ich ſagte,“ ſprach Jakob,„Ihr Diener, Herr Birnbaum, ſagt' ich, Dank für die Nachricht, ſagt' ich.“„Und trankt keinen Schop⸗ pen bei ihm?“ riefen Mehrere.„Auch noch trinken; ich hatte genug getrunken, einen Trank getrunken, ſag' ich euch, ſo bitter wie Galle. Aber, ihr Nachbarn, noch iſt nicht Alles verloren. Seit der Gutshandel im Gang war, iſt wenig von Amerika die Rede geweſen; ganz natürlich, ſag' ich, denn ein Haſ⸗ in der Schling' iſt beſſer, als einer im Feld; aber der Haſ', ſag' ich, iſt uns noch nicht entlaufen. Hab' wieder ſchöne Nach⸗ richt bekommen, ſag' ich euch, Nachricht, daß man auf und davon möchte, und das heut noch. Der Prinzen⸗ müller von Eilau, der vor zwei Jahren hineingegangen iſt, hat herausgeſchrieben, er habe ein Gut gekauft von 140 Morgen um einen Spottpreis und gehe ihm gut, und hat ſeinem Brudersſohn Geld geſchickt, ich weiß nicht, wie viel, der ſoll auch hineinkommen. Dann 11 ſchreibt der Schmiedgeſell, der bei dem Schmiedkaspar drunten ein Jahr geſchafft hat und drüber, er arbeite in Baltimore und bekomme wöchentlich 8 Thaler und habe ſich ſchon was Schönes gemacht.“„Ja, das fehlt uns, Gut fehlt uns, Geld fehlt uns, Verdienſt fehlt uns, Alles fehlt uns in dem Rattenneſt Langenfeld!“ rief der Wirth.„Wenn's mir nachging, ich ſteckt's an allen vier Ecken an; lieber nichts, als ſolche Lumperei!“ Während ſo hin und her geredet ward über das, was fehle in Langenfeld, wurde leiſe die Thüre geöffnet, und ein Mägdlein von zartem Alter, es ſchien nicht viel über ſiebenzehn Jahre zu zählen, ſteckte beſorgt den Kopf zur Thüre herein, und die Thränen liefen ihr über die friſchen Wangen. Nachdem ſie ſich in der Stube umgeſehen, aber von Niemand bemerkt worden war, ſchlich ſie leiſe zum Ofen hin, und berührte die Schulter des Ortsdieners, der noch immer an derſelben Stelle ſtand, und bald dem Geſpräch am Tiſche zu⸗ hörte, bald den Fremden anſah, der mit gefaltenen Händen da ſaß und vor ſich hinſtarrte.„Großvater,“ ſprach ſie,„unſer Stophelchen iſt krank, ſehr krank; meine Mutter fürchtet, es ſtürbe heute noch; ſagt mei⸗ nem Vater, er ſolle heimkommen, die Mutter vergeht faſt vor Herzeleid.“„Pah, was ihr Weibsleute auch gleich auseinander ſeyd,“ ſprach leiſe der Ortsdiener; „geh nur wieder heim, Gertrud, und ſag' der Mutter, ſie ſoll nicht einfältig ſeyn, mit dem Sterben ging's nicht ſo ſchnell. Dein Vater kann jetzt nicht heimkom⸗ men; die Geſellſchaft wär' gar zu ſchön, das ſag' dei⸗ ner Mutter!“„Ach Großvater,“ ſprach leiſe das Mädchen, indem ihr die hellen Thränen über die Wan⸗ gen liefen,„ſo kommt doch ihr wenigſtens nach Haus; wir ſind ſo allein und das Stöphelchen iſt gar zu krank!“ „Gertrud, was ſoll ich bei dem Stöphelchen thun, auch wenn es krank iſt, ich bin kein Doctor! Geh nur heim, ſag' ich, Mädchen, und laß die Manns⸗ leute in Ruh!“— Da ſah der Fremde hinter dem Ofen hervor; er ſah, wie das Mädchen erſt ſtarr in das aufgedrungene, gleichgültige Angeſicht ſeines Groß⸗ vaters ſah, wie es denn einen unausſprechlich wehmü⸗ thigen Blick hinüber nach ſeinem Vater warf, der es bemerkt, aber ruhig weiter auf das Geſpräch der Bauern geachtet hatte; er ſah, wie es in ſtummem Schmerz die Hände rang, und wie es endlich laut weinend zur Thüre hinausſtürzte. Da uͤberzog eine hohe Gluth das Angeſicht des Fremden; er ſtand raſch auf und folgte dem Mädchen nach. Einige Schritte von dem Wirths⸗ haus ſah der Fremde es im Dämmerlicht des ſchnee⸗ hellen Abends ſtehn; es ſchien unentſchloſſen zu ſeyn, was es thun ſolle. Bald ſah es nach den Fenſtern der Wirthsſtube, bald blickte es zum dunklen Nacht⸗ himmel hinauf. Dann ging es ſtill weinend weiter. Der Fremde folgte in einiger Entfernung. Da kam aus einem Seitengäßchen ein Trupp Burſche und Mäd⸗ chen, ſingend und ſcherzend; die vertraten der Gertrud den Weg.„Ach, Jungfer Golſern,“ rief ein Burſche, der ſie zuerſt erkannte,„freu' mich, ſie auch einmal auf der Gaſſe zu ſehen; nun muß ſie mit in's Barthel⸗ peters Haus, da gibt's heut' Abend Staubkräppel und Kaffee und ſonſt noch allerlei!“„Laßt mich meiner Wege gehen,“ rief in ſehr entſchiedenem Tone die Ger⸗ trud,„unſer Stophel iſt krank, da vergeht mir der Gedanke an Spiel und Tanz!“„Der iſt der Jungfer Gertrud ſchon lange vergangen, oder auch noch nie ge⸗ 13 kommen,“ rief eine vorlaute, ſpöttiſche Stimme aus dem Haufen;„die geht lieber zu der Jungfer Schulzin ins Gartenhäuschen!“ Ein ſchallendes Gelächter be⸗ lohnte den Witz, und weiter jubelte der Zug. Ein lautes Schluchzen war des Mädchens einzige Antwort; dann ſchritt es weiter. Plötzlich lenkte es ab, und trat auf ein Haus zu. Doch als ſeine Hand kaum den Drücker an der Hausthüre berührte, da hörte man aus dem Innern des Hauſes ein wildes Geſchrei verſchiede⸗ ner Stimmen. Eine Frau, ſo ſchien es, machte mit fürchterlicher Stimme ihrem Manne, der betrunken nach Hauſe gekommen war, Vorwürfe, die dieſer eben ſo brüllend erwiederte, worauf der Mann irgend einen Gegenſtand ergriff und die Frau ſchlug, welche aber dennoch nur um ſo lauter ſchrie. Die Kinder, die aus dem Schlaf erwacht zu ſeyn ſchienen, miſchten ihre ver⸗ ſchiedenen Stimmen in das Gebrüll der beiden Ehe⸗ leute; kurz, es war ein Heidengräuel in dem Hauſe. Nur wenige Minuten hörte Gertrud zu und ſprach halb laut:„Alſo auch in Vetter Marrens Haus iſt der Unfriede eingekehrt! Alſo auch da keine Hülfe! Nun ſo erbarm' du dich über uns, lieber Gott!“ Schnell, daß der Fremde ihr kaum folgen konnte, eilte ſie davon, und trat bald in ein kleines, verfallenes Haus ein. Der Fremde folgte auf dem Fuße und wünſchte eintre⸗ tend einen„guten Abend.“ In dem engen Stübchen ſtanden mehrere Betten, und auf einem Tiſche am Fenſter brannte eine düſtere Oellampe. Zwei Spinn⸗ räder ſtanden unberührt in der Ecke neben der Tiſch⸗ bank. Neben der Wiege am Ofen kniete eine blaſſe, ärmlich gekleidete Frau, und ihre Thränen floſſen auf das bleiche Angeſicht eines kranken Kindes, das in der 14 Wiege lag. Bei dem Gruß des Fremden fuhr ſie er⸗ ſchrocken empor, und Gertrud bedeckte voll Angſt das Angeſicht. Der Fremde ſchritt unter dem fortdauernden Entſetzen der Frauen auf die Wiege zu, faßte die heiße Hand des Kindes, ſah forſchend in ſein bleiches Ange⸗ ſicht, befühlte Stirne und Wangen, und zog dann aus ſeiner Taſche ein Käſtchen, wie ein Buch geſtaltet. In dem Käſtchen ſtanden niedliche Fläſchchen von weißem Glaſe, eins ſo groß wie das andere. Eins dieſer Fläſchchen nahm der Fremde heraus, und beſah ſeine Aufſchrift am Lichte; dann öffnete er das gläſerne Stöpfchen, und zählte einige Küglein, die drinnen wa⸗ ren, auf der Hand ab. Dann trat er zur Wiege des kranken Kindes, öffnete leiſe ſeine Lippen und ließ ein Küglein nach dem andern hineingleiten. Bis dahin hatte Keins in der Stube ein Wort geredet; jetzt aber brach die Mutter des Kindes das Schweigen, und un⸗ ter lautem Weinen ſprach ſie:„Seyd ihr ein Doctor, Herr, oder ſeyd ihr der Engel Gottes, und iſt das Ge⸗ bet meiner Gertrud erhört? Wer ihr ſeyn mögt, habt Dank, habt in Gottes Namen Dank! Ihr habt mei⸗ ner Seele vom Tode geholfen; ich hätte ſchier an Gott verzweifelt!“„Ich bin keins von beiden, weder ein Arzt noch ein Engel,“ ſprach ernſt der Fremde, indem er fortwährend in des kranken Kindes Angeſicht ſah; „ich weiß ein Weniges nur von der Arzneikunde, und will das Wenige mit des Herrn Hülfe an eurem Kinde verſuchen. Ich war im Wirthshaus, als Gertrud den Vater rufen wollte, und dachte:„Vielleicht kannſt du helfen und rathen,“ und ſo bin ich dem Mädchen ge⸗ folgt. Wartet jetzt zwei Stunden, und hat das Fieber bis dahin nicht nachgelaſſen, dann gebt aus dem Gläs⸗ 0 15 chen hier, das ich euch dalaſſen will, zehn Küglein, wie ihr mich habt thun ſehen. Wie es nun ausſchlägt, ob zu Freud' oder zu Leid, ſo vergeßt das Gebet nicht. „Seyd fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübſal, hal⸗ tet an am Gebet,“ und wiſſet:„des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernſtlich iſt,“ und der Herr hat ſeine Verheißung nicht umſonſt gegeben:„Rufe mich an in der Noth, ich will dich retten und du ſollſt mich preißen!“—„Herr, wenn ihr nicht Arzt und Engel ſeyd,„rief da die Frau in hoher Rührung aus,„ſo ſeyd ihr gewiß ein Prediger des göttlichen Worts. Wer ſpräche ſonſt mit uns armen Leuten von Gottes Wort! Ich weiß gar nicht, wie mir geſchieht; in meiner jahre⸗ langen Trübſal hab' ich ſolch' ein Troſteswort noch von Niemand gehört, außer von Frau Schulz und meiner Gertrud! Ach, ſagt mir, wer ihr ſeyd, damit ich euren Namen ſegnen kann.“„Mein Name, gute Frau, thut ja nichts zur Sache; den ſollt ihr aber auch erfahren, und ihr werdet damit merken, daß ich kein Pfarrer bin. Aber heute muß ich euch noch fremd bleiben. Nun ſchlaft wohl, und Gott ſey mit eurem Kinde!“ So wollte der Fremde zur Thüre hinaus; aber des Golſers Hausfrau, denn die war die Mutter des kranken Chriſtoph, vertrat ihm den Weg. „Geh! Gertrud,“ ſagte ſie,„und zünde die Leuchte an, und führe den guten Herrn hinab in's Wirthshaus; er möchte den Weg ſonſt nicht finden!“ Der Fremde ſagte nicht ja und ſagte nicht nein, ſondern er ließ es geſchehen, daß Gertrud die Leuchte anzündete und ihn begleitete. Und als ſie draußen gingen, da fragte er ſie über des Brüderchens Krank⸗ heit, und über die Zahl ihrer Geſchwiſter, und wovon 16 der Vater ſich nähre, und ſeit wann der Großvater den Ortsdienerdienſt habe, und ſchien ein groß Verlan⸗ gen zu haben, Alles zu erfahren. Als er aber nach der Familie Armuth fragte, und woher es komme? da ſprach Gertrud:„Herr, fragt mich nach Allem; ich will euch Alles beantworten; aber das wollt' mir gütigſt erlaſſen, euch zu ſagen, warum wir ſo arm ſind. Mutter will's nicht leiden, daß wir Kinder da⸗ von reden. Ihr ſeyd ja in Märzens Haus geweſen, und habt die Gäſte betrachtet und ihr Geſpräch mit angehört; ſeht, Vater und Großvater ſind auch unter ihnen; nun wißt ihr Alles.“„Kennſt du nicht den Spruch der Schrift, Gertrud,“ fragte der Fremde,„daß der Herr die Herzen der Menſchen wie Waſſerbäche lenket? Zu dem ſtarken Gott, der das thut, da bete täglich auch um deiner Aeltern Heil.“ Damit ging der Fremde in Chriſtophel Märzens Haus hinein.— Wie⸗ der ſtand Gertrud einige Augenblicke vor den Fenſtern des Wirthshauſes, wieder hörte ſie das Lachen und Scherzen der Stammgäſte drinnen. Aber mit anderen Gefühlen hörte ſie jetzt das Lärmen drinnen. Sie löſchte die Laterne aus, denn der Abend war nicht dunkel. Und wie ſie zum Nachthimmel aufblickte, da trat zwiſchen den Schneewolken durch der Vollmond, und der fiel auf zwei thränenfeuchte Augen; aber der den Mond trägt mit ſtarker Hand, der hörte auch das Beten des kindlichen Herzens, und ſein Geiſt flüſterte im Abendwind in's volle, ſehnende Herz der Jungfrau: „Sey getroſt, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen!“ 17 3. Was den Langenfeldern wirklich fehlte. „Das Loos iſt mir gefallen auf's Liebliche, mir iſt ein ſchön Erbtheil geworden,“ ſo ſang einſt David im Vollgenuß geiſtigen und leiblichen Glücks. So hätte auch Langenfeld von ſich rühmen und ſingen kön⸗ nen zu Gottes Preis. Man konnte ſich keine ſchönere Gegend denken, als die von Langenfeld. Wenn man über die Höhe von der Stadt herkam, ſo fiel zuerſt ein altes Schloß in's Auge, wo die Väter der Herren von Langenfeld in der Ritterzeit gewohnt, da man noch Harniſche trug, und die Schlöſſer zu Schutz und Trutz auf die Berge baute. Die Herren von Langenfeld wa⸗ ren allezeit gnädige Herren ihrer Unterthanen geweſen, hatten nie ein unehrlich Gewerbe getrieben, wie Viele ihres Standes, ſondern man wußte von Jedem der ſteinernen Ritter, wie ſie auf ihren Gräbern in der Kirche zu Langenfeld in Reih' und Glied ſtanden, etwas Gutes zu erzählen. Der Eine hatte der Gemeinde ein Stück Wald geſchenkt, der Andere hatte ihr eine Weide zur Huth eingegeben, ein Dritter hatte die Frohnden verringert; aber Keiner hatte gelitten, daß ein Bauer ſich an dem Wild vergriff; in dem Stück verſtanden ſie Alle keinen Spaß. Einem der Herren, man wußte nicht, welchem, mochte es da oben nicht mehr gefallen haben, der war herabgezogen nach Langenfeld, und hatte ſich oben am Dorf ein fein Schlößchen gebaut, ſo nett und freundlich und ſo gut gelegen, daß man von da das ganze Dorf überſehen konnte. Das zog ſich den Krümmungen des Bächleins nach, das klar und friſch von dem Berg der Katzenſprung geheißen, 2 18 in's Thal herabfloß. Das Bächlein nährte mehrere Teiche, die um das Schloß herlagen, und behielt noch Waſſer genug, zwei Mühlen zu treiben, eine oben, eine unten. An Waſſer zur Erquickung und Reinhal⸗ tung fehlte es darum den Langenfeldern nicht, aber auch nicht an Land. Zwar gehörte das großentheils zum Schloß, aber es lag auch viel Eigenthumsgut darunter; die Viehweiden waren gut, die Wieſen waren friſch und zum Bewäſſern gut gelegen, und der Wald warf ein ſchön Sümmchen jährlich ab. Die beßte Frucht auf weit und breit wuchs in Langenfeld. Wenn man ſo in der Frühlingszeit, oder auch, wenn die Saat in Aehren ſtand, von den grünen Höhen herab das Thal überſah, wenn man das Rießeln des Bächleins, das über weiße Kieſelſteine hinſprang, bis zur Höhe hinauf vernahm, und wenn der blaue Himmel mit Gottes lieber Sonne in das Thal hineinſchaute; da hätt' ich den ſehen mögen, in deſſen Herzen es nicht gerufen:„Herr wie ſind deine Werke ſo groß und viel, du haſt ſie alle weislich geordnet und die Erde iſt voll deiner Güte!“ Das fühlten auch die alten Lungenfelber wohl, und war viel Friede und Behaglichkeit in dem Oert⸗ chen, und das Wort Gottes war ein lieber Gaſt in den Häuſern. Wer kein Gut zum Eigenthum hatte, und keines von der Herrſchaft pachten mochte, der trieb eine Handthierung. In Langenfeld fand man faſt alle Handwerker, und die nahe Stadt gab reichliche Be⸗ ſchäftigung. Da kamen die Kriegszeiten und nun ward es anders in Langenfeld. Meinet aber nicht, der Feind habe das ſchöne Dörfchen abgebrannt und die Saaten verwüſtet, glaubet auch nicht, die Einquartirung habe 19 die Langenfelder ſonderlich gedrückt; nein, die Gemeinde kam gar gut weg. Was die Langenfelder verdarb, das war nicht das Unglück des Krieges, ſondern faſt möchte ich ſagen, das Kriegsglück. Als der Krieg begann, da legte man den alten Herrn von Langenfeld zu ſeinen Vätern. Hatte der hochſelige Herr, wie er noch im Ort genannt wird, ſchon den Bauern viel Gutes ge⸗ than, oft zu viel Gutes, ſo that ihnen der Junge, der Junker Franz, mit ſeiner Gutthat Leides. Der ging unter die Kaiſerlichen und blieb viele Jahre weg, und der Advokat Habemann in der Stadt, der ſein Sachwalter war, wußte nichts beſſeres mit dem Herrn⸗ gut anzufangen, als daß er es unter die Bauern ver⸗ theilte. In das Schloß zog der Förſter Nikolaus Klein, auch der dicke Förſter genannt, der beim hochſeligen Herrn Jäger geweſen war. Nun fingen die fetten Jahre in Langenfeld an. Das Herrngut trug reichlich; denn mit dem alten, ge⸗ wohnten Fleiß gingen die Bauern dran, die Früchte galten den doppelten Preis, und das Geld kam in Strömen zu Langenfeld hinein. Als das ſo ein Jahr ging, und noch eins, und wieder eins, da ging's vie⸗ len Langenfeldern wie dem reichen Mann im Evange⸗ lio, deß Feld wohl getragen hatte. Sie gedachten bei ſich ſelbſt und ſprachen:„Was ſollen wir thun? Wir haben nicht, da wir unſere Früchte hinſammeln. Und ſprachen: Das wollen wir thun; wir wollen unſere Scheunen abbrechen und größere bauen, und wollen darin ſammeln Alles, was uns gewachſen iſt und un⸗ ſete Güter.“ Und ſo gaben denn Viele ihr Handwerk auf, das doch einen goldenen Boden hatte, und wur⸗ den Bauern, um ſchnell reich zu werden. Da ſah man 20 aller Orten in Langenfeld die alten Häuſer und Scheu⸗ nen niederreißen und größere bauen. Aber die Bauten, ſo ſchön ſie auch waren, koſteten doch gar viel Geld und das hatten die Langenfelder noch nicht ganz ver⸗ dient. Da mußte denn manch' Kapitälchen geliehen, und das neue, ſchöne Haus auch ſogleich verpfändet werden. Und da viel Muthwill mit dem Bauen ge⸗ trieben ward, und die Wenigſten dem Bauherrn im Cvangelio glichen, der einen Thurm bauen wollte, und zuvor ſaß und überſchlug die Koſten, ob er es habe hinauszuführen;— ſo ſtand zwar auf den neuen Häu⸗ ſern in Langenfeld manch' gottſelig Sprüchlein, aber in den Herzen ſtand das Sprüchlein nicht:„So der Herr nicht das Haus bauet, ſo arbeiten umſonſt, die dran bauen.“ Auch betete Salomo nicht umſonſt:„Armuth und Reichthum gieb mir nicht, ſondern laß mich mein beſcheiden Theil Speiſe dahin nehmen,“ und der Herr, der wußte, was in dem Menſchen war, ſprach nicht umſonſt:„Wo eure Schätze ſind, da iſt auch euer Herz, und ihr könnt nicht zween Herrn, Gott und dem Mammon, zugleich dienen.“ So ſprach dann auch mancher Langenfelder, wenn das Geld in ganzen Haufen einging, die Zinſen be⸗ zahlt waren, und immer noch ein ſchönes Sümmchen übrig blieb, zu ſeiner Seele:„Liebe Seele, du haſt einen Vorrath auf viele Jahre, habe nun Ruhe, iß und trink und habe guten Muth.“ Und die Langen⸗ felder gönnten ſich immer mehr Ruhe, was ſonſt gar nicht Sitte war im Orte; ſie dingten Knechte und Mägde, und die Herren gingen nur ſo ab und zu. Aber da ſie viel aßen und tranken, mehr als für Ma⸗ gen und Kopf gut war, ſo ging's mit dem Ab⸗ und 21 Zugehen auch nicht ſonderlich, und man weiß, daß die guten Knechte, wie Elieſer, und die getreuen Mägde, wie der Judith Magd, gar ſelten ſind. Aber daß ſie täglich Schaden litten durch ihr Geſinde, das merkten die Langenfelder nicht; denn ſie hatten gar guten, fro⸗ hen Muth. Am liebſten gingen ſie, den Rohrſtock mit dem ſilbernen Knopf in der einen, und die Meerſchaum⸗ pfeife in der andern Hand, hinter ihren Wagen drein, wenn die Frucht in die Bäckereien der Stadt fuhren, und wenn dann die Bäcker mit tiefen Bücklingen hinter ihrem Laden hervorkamen, und auftragen ließen, was das Haus vermochte, oder ein Wirth vor die Thüre gelaufen kam, und ſie weit öffnete und mit gar freund⸗ lichem Angeſicht ſprach:„Euer gehorſamer Diener, Herr Langenfelder: als herein, was befehlen der Herr Langenfelder?“ Da ſchwuren die Langenfelder bei ſich ſelbſt:„Es kann im Paradies nicht ſchöner geweſen ſeyn.“ So dachten die Frauen der Herren Langenfelder auch; ſie aßen und tranken auch, was ihnen ſchmeckte, na⸗ mentlich ward der Kaffee, der ſonſt bei beſonderen Ge⸗ legenheiten nur gereicht ward, etwa bei Kindtaufen und Hochzeiten, ein tägliches Getränke, und die Männer wurden ſcheel angeſehen, wenn ſie bei'm Weinglas in der Stadt den Kaffee bei'em Krämer hatten liegen laſſen. Aber bei'm Kaffee blieb's nicht; es wanderte auch aller⸗ lei neumodiſcher Schmuck zu Langenfeld hinein, und mancher alte Thaler dafür heraus. Was die Käthe hatte, das wollte die Bärbel auch haben, und die Lore meinte, ſie könne es noch beſſer, als die Andern, denn warum? ihr Mann ſey reicher noch und darum auch vornehmer. That's nun Eine der Andern dennoch mit 22 Gewalt zuvor, da gab's allerlei Redensarten über die Straße hinüber, und ſie ſahen ſich einander nach mit Kopfſchütteln und Keifern, wenn ſie zur Kirche gingen; auch fing das unleidliche Drängen und Vorlaufen bei'm Abendmahl an, und ſie kamen oft wie die erzürnten Truthähne zum Tiſch des Friedens. Daß die Jungen hinter den Alten nicht zurückblieben, das verſtand ſich von ſelbſt. Da mußte jeder Bube ſchon ſeine Tabaks⸗ pfeife haben, und die Mädchen ließen die Mieder ſchwer mit Gold und Seide ſticken. Kurz, es war gute Zeit in Langenfeld; man aß, man trank, man freiete und ließ ſich freien, und wer ſtarb, von dem ſagte man zwar:„Er hat's gut;“ aber im Herzen dachte man: „Wer will's beſſer haben, als in Langenfeld?“— 1.„Es kann ja nicht immer ſo bleiben, hier unter dem wechſelnden Mond.“ Wenn die Langenfelder nach gethaner Arbeit, wie ſie ſelber ſagten, oder vielmehr, wenn ſie Durſt hat⸗ ten, was oft vorkam, bei'm Lammwirth, dem Käsper⸗ chen, ſaßen, der eine Gartenwirthſchaft angelegt hatte, und bei dem man bas kühlſte Märzbier trank; wenn ſie, ſag' ich, ſo bei'm Lammwirth ſaßen, und ihnen das Herz recht weit und die Kehle recht glatt ward; dann ſtimmten ſie oft gemeinſchaftlich das Lied an:„Es kann ja nicht immer ſo bleiben, hier unter dem wech⸗ ſelnden Mond.“ Daß aber Einer nur gedacht hätte, es würde je anders werden, das könnte ich nicht ſagen. Sie meinten, das Herrngut bliebe ihnen immer, und das Achtel Waizen gelte immer 25 Thaler, und das Bier des Lammwirths ſchmecke allezeit gut und friſch.— Da ward es wirklich in der Welt anders, aber in Langen⸗ feld noch nicht. Der Friede kam, der heiß erſehnte Friede; der Bonaparte ward endlich aus dem Land ge⸗ trieben und feſtgeſetzt, „Und jedes Heer, mit Sing und Sang, Mit Paukenſchlag, mit Kling und Klang, Geſchmückt mit grünen Reiſern, Zog heim zu ſeinen Häuſern.“ Auch die Langenfelder Söhne, die den Krieg mit⸗ gemacht, kamen heim und wußten viel zu erzählen, und bei'm Fragen und Hören ſchmeckte das Märzbier noch beſſer. Und als nun die Freudenfeuer auf allen Höhen im lieben Deutſchland brannten, als in allen Kirchen dem König der Heerſchaaren aus tauſend und aber tauſend dankerfüllten Herzen ein tiefgefühltes: „Nun danket Alle Gott!“ angeſtimmt wurde; da hat⸗ ten auch die Langenfelder ein großes Feuer auf dem alten Schloſſe angemacht; das Käsperchen hatte ein Faß gutes Märzbier hinaufgeſchafft, und um das Feuer ſitzend, ſangen ſie wieder:„Es kann ja nicht immer ſo bleiben.“ Aber Einer war unter ihnen, dem wollte heute Abend das Bier nicht ſonderlich ſchmecken; der ging um das Feuer her mit gar trübſeliger Miene, und wenn die Andern ſangen, ſo dachte er bei ſich ſelbſt:„Singt ihr nur, ich weiß doch, was ich weiß.“ Darüber gab's viel Spottens, und die Jungen meinten, wer heut nicht mitlache und mitſinge, der ſey gewiß ein Franzoſenfreund und kein deutſcher Mann, und wenn der dicke Förſter nicht bald ein ander Geſicht mache, ſo müſſe man ihn mit Gewalt deutſch machen. Die Alten aber meinten, den dicken Förſter dauere das gute Holz, das verbrannt würde, und ſagten ſpottend: X 24 „Förſter, laßt Euch keine grauen Haare barüber wach⸗ ſen; es geht Alles aus Einem Beutel und da iſt viel drinnen, und wenn's Euch dennoch verdrießt, ſo tragen wir Euch was in die Küche und damit Lied am Ende!“ Dem Förſter etwas in die Küche tragen, hieß aber ſo⸗ viel: Wenn Einer in Langenfeld baute, oder ſein Win⸗ terholz ſammelte, ſo ſagte er nicht:„Ich brauche Holz,“ ſondern er ſagte:„Ich will dem Förſter etwas in die Küche tragen.“ Wer dann dem Förſter etwas in die Küche getragen, etwa einen guten Schin⸗ ken, einen Sack mit Erbſen, oder einige Meſten feines Vorſchußmehl; ſo war es, als wenn man den rechten Schlüſſel zu einer Thüre gefunden; der Wald ward aufgethan, die ſchönſten Bäume wurden heimgebracht, das Aſtholz ward liegen gelaſſen, und hintennach mußte etwas bezahlt werden, aber das war wenig.— Nun kann man ſich denken, daß es dabei dem dicken Förſter nicht übel ging, daß er eben ſo froh war, wie die an⸗ dern Langenfelder, und ihm ſein Glas auch nicht ſchlech⸗ ter ſchmeckte, denn ihnen. Aber heute Abend wollte der Mann, trotz Freudenfeuer und Märzbier, nicht froh werden, und als Etliche in ihn drangen, ihnen ſein Gebreſte zu offenbaren, da hub er an und ſprach: „Nachbarn, nehmt mir's nicht übel, und haltet mich für keinen Freund des Bonaparte, wenn ich ſage: Ich wollte, der Bonaparte blieb noch einige Jährchen und drüber bei uns; ihr verlöret nichts damit und ich auch nicht. Nun heißt's: Friede! Friede! durch alle Welt; Nachbarn, es friert mich, wenn ich das Wörtlein rufen höre; es friert mich an den Freudenfeuern. Nennt mich, wie ihr wollt, aber ich traue dem Frieden nicht; für uns kommt kein Friede, dem Langenfeld ſind die 25 guten Tage vergangen.“„Ei, wie das, Herr Förſter?“ riefen die Langenfelder in Einem Ton.—„Seht,“ ſprach er beſorgt weiter,„lebte der hochſelige Herr noch, dann ſollte mir's nicht bang werden, mit dem war gut reden; aber der Junker, ſag' ich euch, mit dem iſt nicht zu ſpaſſen. Der ſteckte ſchon als Kind ſeine Naſe in Alles, was ihn nichts anging, und wäre der hochſelige Herr nicht eine ſo gute Haut geweſen, es hätte ſchon damals einen andern Tanz gegeben. Nun fängt aber ſchon ſeit einiger Zeit ſelbſt der taube Advo⸗ kat an, Pulver zu riechen, und fragt ſo viel über dieß und das, und wird ſo neugierig, daß ich mich neulich habe faſt heiſer ſchreien müſſen. Nachbarn, das bedeu⸗ tet nichts Gut's! Wenn der Advokat anfängt, ſich um Langenfeld zu bekümmern, dann iſt der Junker nicht fern!“ Und der Junker war nicht fern. Einige Wochen nachher gingen einmal an einem ſchönen Morgen alle Fenſter in Langenfeld faſt zu gleicher Zeit auf; denn es kam über den Berg herüber geritten ein Officier, ſtattlich und groß, der ſaß auf einem Schimmel, wie Schnee ſo weiß, und ſein Federbuſch wehete luſtig im Winde, und auf ſeiner Bruſt glänzten eins zwei, drei Orden. So etwas hatte man in Langenfeld noch nicht geſehen.„Wer iſt der fremde Officier?“ fragte Alt und Jung.„Wer anders, rief die Oeſtreicherin, auch die Schloßmamſell genannt, weil ſie viele Jahre Haus⸗ magd bei'm hochſeligen Herrn geweſen war,„wer an⸗ ders iſt es,“ rief ſie,„als unſer Junker! Den kenne ich trotz Schnurrbart und Federhut! Wen die Lore auf Armen getragen hat, den ſollte ſie nicht kennen?“ Und der Junker war's wirklich. Der dicke Förſter ſaß bei'm Morgentrunk, als der Junker in's Schloß einritt, 26 und als er ihn ſah, da fiel ihm die Pfeife aus ſeinem Munde, und es ward ihm zum Sterben wehe. Und obgleich der Junker ihm gar freundlich die Hand gab und ihn ſeinen„lieben, alten Klein“ nannte, und der alte Klein unter Händeküſſen und Bücklingen viel von der Freude des Wiederſehens ſprach; ſo war es ihm dennoch zum Sterben wehe. Der Junker machte ſich's in Langenfeld bequem; es ſchien ihm da zu gefallen; er ging wenig aus zum Beſuch in die Nachbarſchaft, deſto mehr aber ging er durch Wald und Feld, durch Stall und Scheuer, durch Kammer und Stube, und hatte noch eine viel unleid⸗ lichere Neugierde, wie der taube Advokat. Der kam auch bald darauf nach Langenfeld und blieb nah an drei Tagen da, und wenn die Beiden mit einander verkehrten und Acten laſen, die auf Tiſchen und Stüh⸗ len lagen; dann ſtand der Werner, ſo hieß des Jun⸗ kers Diener, an der Thüre, und wehe dem, der nur Miene machte, etwas von dem lautgeführten Geſpräch erſchnappen zu wollen. Daß der Förſter ſeinen Herrn nicht liebte, war gewiß; er hätte ihn viel lieber wieder unter das Kriegsvolk gewünſcht, daß er aber den Wer⸗ ner haßte, das war noch gewiſſer.„Der Werner iſt mein Broddieb,“ ſprach er oft,„ich will nicht Klein heißen, wenn mich der nicht vom Dienſt bringt!“ Daran dachte nun freilich der Werner nicht im Ge⸗ ringſten; er war bis dahin nichts, als ſeines Herrn treuer Diener. Er war der Sohn eines Förſters und aus gutem Hauſe, und hätte er ein„von“ vor ſeinem Namen gehabt; ſo hätte er nicht allein ein Ordenskreuz auf ſeiner Bruſt, ſondern auch einen Officiersdegen an ſeiner Seite getragen. Was den alten Klein gegen den 27 jungen Werner ſo aufhetzte, das war das böſe Gewiſſen in ſeiner Bruſt. Von dem Klein galt auch, was der Apoſtel ſagt:„Die da reich werden wollen, die fallen in Verſuchung und Stricke, und viele thörichte und ſchädliche Lüſte, welche verſenken die Menſchen in Ver⸗ derben und Verdammniß.“ Der Klein hatte vergeſſen des Herrn Wort:„Nun ſuchet man nicht mehr an den Haushaltern, denn daß ſie treu erfunden werden;“ und weiter das Wort:„Wachet, denn ihr wißt nicht, um welche Stunde der Herr kommt.“ Und da den Klein ſein Herr ſchlafend fand in ſeinem Dienſt, ſo machte er es, wie der reiche Mann im Evangelio mit ſeinem Haushalter; er forderte ihn vor ſich und ſprach zu ihm:„Wie höre ich das von dir? Thue Rechnung von deinem Haushalten, denn du kannſt hinfort nicht mehr Haushalter ſeyn!“ Da meinte denn freilich der Klein, er müſſe bei dem gnädigen Herrn verfuchs⸗ ſchwänzt worden ſeyn, treuer wie er habe noch Keiner gedient, und der hochſelige Herr hätte das gewiß nicht gethan.„Um ſeinetwillen,“ ſprach da der Junker gar ernſt,„ſollt ihr auch nicht Mangel leiden, wie ihr es wohl verdient hättet!“— Und der Klein bekam eine Penſion und zog auf Miethe in ein kleines Häuschen, vom Herrnhaus juſt nicht fern, damit er ſeinen Brod⸗ dieb im Aug' behalten könne, wie er ſagte. 5. Was die Langenfelder einem Andern gönn⸗ ten, aber ſich ſelbſt nicht. Und der Werner ward Förſter. Dieſe Nachricht brachte der Heckenjacob am Abend des Tages, da der Klein entlaſſen war, in Stophel Märzens Haus. Dem 28 Heckenjacob ging auch bei der Nachricht das Herz nicht auf Roſen; der ſah den Werner auch als Broddieb an, denn die Haſen und Rehe wollten nun mit größerer Vorſicht aus des gnädigen Herrn Wälder geholt wer⸗ den, ſeit jüngere Ohren auf der Lauer ſtanden. Darob kratzte er ſich beſorgt hinter ſeinen Ohren, und nahm den Schluck aus ſeinem Glaſe noch etwas ſtärker, denn ſonſt. Da ging die Thüre auf, und herein trat mit zornrothem Angeſicht, wie ein Truthahn, der Teichmei⸗ ſter Fröbel.„Auch abgeſetzt!“ ſchrie er und warf ſeine Pelzmütze in eine Ecke.„Auch abgeſetzt und kei⸗ nen Kreuzer Penſion!“ ſchrie er noch wüthender.„Aber ich will nicht Fröbel heißen, wenn ich mich nicht räche, treff ich den Broddieb, den Werner, irgendwo, er ſoll an mich denken!“„Tröſtet euch mit mir, Gevatter,“ ſprach begütigend der Heckenjacob,„mein Pflug ſteht auch ſtill, ſeiidem der Werner den Fuchsſchwänzer macht; ihr ſeyd bis dahin nicht immer mein Freund geweſen und habt mich manchmal zur Straf' helfen brin⸗ gen; aber jetzt müſſen wir gute Kameradſchaft halten; zwei Hunde jagen beſſer, und es gilt nicht allein des Junkers Haſen und Fiſchen, es gilt auch dem verdamm⸗ ten Werner. Ich geh ihm zu Gefallen!“„Ich auch, Bruder!“ ſprach der Fröbel, und reichte dem Hecken⸗ jacob die Hand, und ſie tranken mit einander.— Wenn zween Diebe einig ſind, ſo nennen ſie ihren Bund Freundſchaft. Ein ſolcher Bund aber hat mit der Freundſchaft eben ſo wenig gemein, wie Chriſtus mit Belial. Das Ende ſolcher Bündniſſe iſt wie des Judas Ende, der hinging und warf das Blutgeld in den Tempel.„Ein Freund liebt allezeit und ein Bru⸗ der wird in der Noth erfunden,“ ſagt Salomo, aber 29 der Diebe Freundſchaft endigt ſich allezeit mit der Phariſäer Wort:„Was geht uns das an? da ſiehe du zu „Nun, da ſitzt ihr,“ rief unten vom Tiſche her der lange Ulrich,„und ſchreit über den Werner, als wenn Langenfeld untergehen müßte, ſeitdem der För⸗ ſter geworden iſt. Was thut's, ihr Nachbarn, frag' ich, was thut's? Laßt den Junker draußen ſeyn und wir werden mit dem Werner fertig und der Werner wird mit uns fertig. Im Anfang wird's auch heißen: „Neue Beſen kehren gut, und Herrendienſt geht über Gottesdienſt,“ aber bald wird er auch einſehen, daß eine Hand die andere waſche, und daß allzuſpitz nicht ſteche. Was wollt' ihr wetten, ich habe, ehe 14 Tage vergehen, den Werner im Sack? Wer will wetten? Nur hübſch fein gegen ihn gethan, nur hübſch einge⸗ laden zu Kindtaufen und Hochzeitsſchmäuſen, nur ein⸗ mal Karten mit ihm geſpielt bei'm März, oder bei'm Käsperchen, und ich ſtehe euch dafür, das Männlein wird weich wie Butter. Denkt daran, ich hätt's ge⸗ ſagt! Zudem hat der Werner auch keine Rathsbeſol⸗ dung; wovon will er dann leben, wenn ihm nichts in die Küche gebracht wird?“„Und zudem,“ fuhr Henrich Marr fort, und ſtopfte ſich eine neue Pfeife, „richtig betrachtet, geſchieht es dem dicken Förſter ganz recht, daß er über die Klinge hat ſpringen müſſen. Hat der Kerl nicht gelebt, wie ein Vogel im Hanfſaa⸗ men und ein Sündengeld verdient? Wen hat er über's Ohr gehauen, den gnädigen Herrn oder uns? Uns, ſag' ich, ihr Nachbarn! Wollen jetzt einmal ſehen, ob er ſein Schäfchen geſchoren hat und in ſeiner Wolle warm ſitzt, oder ob er frieren kann! Denkt euch, den 30 dicken Förſter fröre wirklich, wäre das nicht für ganz Langenfeld ein kapitaler Spaß?“ „Sprecht ihr von kapitalen Späſſen,“ rief der Schultheiß Bartholomäus Stöber dazwiſchen, der mit dem Peter Eichmann und mit dem Golſerhannes und mit dem Herrn Jakob haſtig eingetreten war.„Sprecht ihr von kapitalen Späſſen, ſag' ich noch einmal,“ rief er,„und ſitzt wie die alten Weiber hier und merkt nicht, daß Langenfeld untergeht! Damit ihr's mit einmal wißt, der Junker hat den Bauern das Herrngut ge⸗ nommen!“— Da hätte man eine Stecknadel können fallen hören, ſo ſtill war es in der Wirthsſtube, und ſtill blieb es manchen guten Augenblick. Dann aber brach's los an allen Ecken und Enden; über Tiſche und Bänke ſprangen die Bauern; die Bierkrüge fielen um, die Gläſer zerbrachen, und es war in der Wirthsſtube, als wenn Mord und Todtſchlag geſchehen ſollte.„Er⸗ zählt!“ rief's da,„ihr lügt!“ rief's dort;„das wollen wir ſehen!“ ſchrie Einer;„das Gut iſt unſer!“ ſchrie ein Zweiter. Und Keiner verſtand des Andern Wort 5 aber wie ernſt die Sache ſey, das verſtanden ſie Alle. Da gebot der Schultheiß Stille; aber wieder rief's: „Das laſſen wir nicht dabei!“ und wieder:„Wir müſſen das Gut haben!“ und wieder:„Das Gut verloren, Alles verloren!“ und wieder:„Was iſt zu machen?“—„Nichts iſt zu machen,“ ſprach der Schultheiß:„meint ihr, wir hätten, wie ihr, ſchlecht⸗ geſchwatzt, als es beim Junker zum Treffen kam? Ge⸗ murrt haben wir, und gedroht haben wir, und gebeten haben wir, und lamentirt haben wir, und verſprochen haben wir, es half Alles nichts. Der taube Advokat war wieder da und war noch tauber, denn ſonſt, und 31 wollte nichts hören, obgleich mein Tochtermann ſich heiſer ſchrie, und der Junker ſtrich nur in einem fort den Schnurrbart und ſprach nichts, als:„Es kann nicht ſeyn! Es kann nicht ſeyn!“„Und nun geht heim,“ rief der Schultheiß,„und ſagt euren Weibern, ſie ſollten die Kaffeekeſſel dem Heiden⸗Chriſtoph verkau⸗ fen; geht heim und reißt euch einen Zahn nach dem andern aus, erſt den Saufzahn, und dann den Kauf⸗ zahn, und dann nehmt eure Kinder und bringt ſie dem Junker, der mag ſie ernähren, denn der hat ihnen das Brod genommen!“ Auf dieſe Rede brach's wieder los in der Wirthsſtube, und es kamen immer Mehrere und immer Mehrere, ſo daß Kopf an Kopf ſtand. Die ſprachen und ſchrieen und ſchlugen auf Tiſche und Bänke, und hatten ſtarken Durſt. Und als ſie endlich weggingen, ſpät am Abend, da ſagte der Stophel März zu ſeiner Frau, als er ſeine Säcke leerte:„Bärbel, es iſt nichts ſo ſchlimm, es iſt zu etwas gut!“— Iſt das des Chriſten Abendſegen, und meint das der Herr, wenn er ſagt:„Denen, die Gott lieben, müſ⸗ ſen alle Dinge zum Beßten dienen?“ Wem Alles zum Beßten dienen ſoll, dem muß auch Alles von Gott kommen: Glück und Unglück, Leben und Tod, Armuth und Reichthum!— 6. Was ein Dorn werden will, das ſpitzt ſich bald. Nun muß ich dich bitten, mein lieber Leſer, auch einmal ein Stückchen Weg's mit mir zurückzugehen, denn ich habe dir noch etwas zu erzählen, das du noch nicht weißt. Von dem alten Schloß ſoll's nicht 32 handeln, auch nicht von dem neuen, von des Käsper⸗ chens Gartenwirthſchaft auch nicht; ich muß dir viel⸗ mehr von dem Herrn Jakob mancherlei erzählen, damit du begreifen lernſt, wo die Langenfelder eigentlich der Schuh drückte.— Es war noch in den Zeiten des hochſeligen Herrn, wie man in Langenfeld ſprach, da kam oft ein Knäblein in's Ort, das hieß Jakob. Das hatte ein Käſtchen vor ſeiner Bruſt, an einem Riemen befeſtigt, und in dem Käſtchen lagen Feuerſteine und Zündſchwamm, Pfeifendeckel und Knöpfe; es lagen auch wohlfeile Bänder darinnen, und um dieſer willen nannten ihn die Weiber den Bänderjakob. Der Bän⸗ derjakob ging täglich von Haus zu Haus in Langen⸗ feld, Sommers ohne Schuhe und im Winter auch, wenn ſich nicht Jemand über ihn erbarmte und ihm ein Paar Schlappen ſchenkte. Auch die Höschen des Jakob waren nicht immer im beßten Zuſtand, und wo ſie ſchadhaft waren, da hatte er ſie ſelbſt geflickt, und war um die Farbe der Flicklappen gerade nicht verlegen geweſen. Der Bänderjakob war ein ſo gewöhnlicher Gaſt in Langenfeld, daß ihn Alt und Jung kannte, und da er wenig ſprach, und treu war wie Gold, und ehrlich zum Erſtaunen; ſo gaben ihm die Weiber gern ein Stück Brod in den Kauf, auch wenn er nicht darum bat, und ward ihm auch mancher Teller Mittagsſuppe gereicht, den er gerne annahm. Wer ihm aber Brannt⸗ wein reichte, der bekam einen kurzen Dank; denn der Jakob trank keinen Tropfen. Woher der Jakob kam, das wußte Niemand; ich glaube, er wußte es ſelbſt nicht; auch fragte ihn Nie⸗ mand nach ſeiner Herkunft; genug, er kam und ging, und ging und kam, und war wohlgelitten in Langen⸗ 33 feld. Und wenn er Abends ſich ein Plätzchen erbeten hatte zur Nachtruhe, etwa auf des Golſers Heubühne, oder in des Schlagmüllers Scheuer; dann ſchloß er ſein Käſtchen zu, das einen Deckel hatte, ſtellte das in eine Ecke, und ſuchte den Schulmeiſter auf. War der zu Hauſe, was ſich nicht immer traf, ſo bat er ihn um eine Schiefertafel, oder um ein Blättchen Papier, und ſchrieb und rechnete nach Herzensluſt, bis der Wächter die zehnte Stunde abrief. Dann dankte er dem Schul⸗ meiſter für Mühe und Lehre und kroch in ſein Lager. Der Schulmeiſter hatte darob ein groß Vergnügen an dem Bänderjakob, und ſtellte ihn oft ſeinen faulen Schü⸗ lern als Muſter vor; denn der Jakob lernte an Einem Abend mehr, denn die Dorfknaben in vier Wochen. Das machte, der Jakob wollte und die Dorfknaben wollten nicht, und durch den Stock, das weiß man, iſt noch Keiner ein Gelehrter geworden. Nach und nach ward der Kaſten des Bänderjakob etwas größer, und was darinnen lag, das ward auch größer. Man ſah nun Spiegel drinnen und Pfeifen⸗ köpfe, mit und ohne Bilder, und Meſſer für einen Groſchen und drüber, und die Bänder, die er an ſei⸗ nem Stock zum Kauf austrug, waren auch feiner und koſtbarer. Da gewöhnten ſich denn die Männer an ihn und die Weiber, und blieb er einmal mehrere Tage aus, was wohl vorkam, wenn er einkaufte; ſo hieß es in Langenfeld:„Wo bleibt der Bänderjakob? Ich brauche eine Pfeife, und ich einen Ulmer, und ich ein ſchwarzes Band, denn künftigen Sonntag iſt das hei⸗ lige Nachtmahl.“ Die das ſchwarze Band kaufen wollte, das war des Schultheißen Hausfrau, die Margreth. Die ſagte 3 34 einſt zu ihrem Manne:„Barthel, der Bänderjakob iſt nun einmal, als gehörte er nach Langenfeld, wie wär's, wenn wir ihn hier behielten? Es fehlt an Allem im Ort', was zur Haushaltung gehört, an Kaffee und Zucker, an Gewürz und Bänder; nicht ein⸗ mal einen Griffel kann ſich ein Schulkind in dem rei⸗ chen Langenfeld kaufen! Dazu hab' ich's der Boten⸗ lieſe geſchworen, ſie ſoll mir kein Loth Kaffee mehr mitbringen, warum? weil ſie mir die Hühner einſperrt, bis ſie gelegt haben, und ſie dann fortläßt, als wäre nichts vorgefallen!“ Der Schultheiß, der juſt bei guter Laune war, ſagte darauf:„Wir wollen ſehen, Mar⸗ greth, was ſich thun läßt!“ Und als der Bänderjakob nach einigen Tagen ſeine Waare bei'm Schultheiß anbot, da ſprach der:„Höre Jakob, du könnteſt ganz bei uns bleiben und dir ein Lädchen anlegen!“ Da machte der Jakob große Augen und ward roth und ward blaß, und ſtotterte etwas, das der Schultheiß nicht verſtand. Aber es währte nicht lange, da hatte der Jakob im Haus der alten Bergern, dem Schultheiß gegenüber, ſich ein Stübchen gezinſt, und ſtellte zum Aerger der Botenlieſe Brieſchen Tabak und Pfeifen und deutſchen Kaffee an's Fenſter, hing auch Schnüre und Bänder daran, und die Schultheißin rieb ſich die Hände vor Behagen, und ſprach zu ihrem Manne:„Barthel, ſieh nur, der Bänderjakob baut auf, wie der Stolzenkrämer am Markt in der Stadt!“ Und dann ging ſie zuerſt hinüber, und holte ſich ein Viertel Kaffee und trug den in einer offenen Dute über die Straße, und lachte gar wohlgefällig, als es die Botenlieſe bemerkt und im Aerger das Fenſter zugeſchlagen hatte. Und hinter des Schultheißen Hausfrau gingen die 35 andern Weiber drein, und es war des Jakob's Stüb⸗ chen wie ein Wallfahrtsort am erſten und am zweiten und auch am dritten Tage. Jeder wollte ſehen, und Jede wollte hören, was es dort Neues gab. Und wie das Sprüchwort ſagt:„Gelegenheit macht Diebe,“ ſo ward manche Langenfelderin eine Diebin an ihrem eig⸗ nen Hauſe; denn bei dem Bänderjakob kaufen, gehörte zur Mode in Langenfeld. Wer ſich dabei gut ſtand, das war der Jakob. Kaum war der zwei Jahre bei der alten Bergern zur Miethe, da hatte er ihr ſchon das Häuschen abgekauft, und als die fetten Jahre in Lan⸗ genfeld begannen, da ward auch der Beutel des Jakob immer fetter, und als Alles in Langenfeld baute, da baute auch der Jakob. Ein ſtattliches Haus baute er an die Stelle des alten, und von da an hieß er in Lan⸗ genfeld der„Herr Jakob.“ Aber der Herr Jakob ſollte noch viel angeſehener in Langenfeld werden. Eines ſchö⸗ nen Tages ging's wie ein Lauffeuer durch's Ort:„Der Jakob freiet um des Schultheißen Chriſtine!“„Wer's glaubt, der iſt dumm!“ rief die Schlagmüllerin.„Dem gäb' ich kein Mädchen!“ ſchrie über die Straße hinüber des Heckenjakobs Frau der Teichmeiſterin zu.„Ich auch nicht!“ gab die zur Antwort.„Wer möchte einen Eidam, der keinen Taufſchein hat!“„Und ein Betrüger iſt er obendrein,“ entgegnete des Heckenjakobs Anndorth. Und die beiden Nachbarinnen konnten den Schultheiß nicht begreifen. Der Schultheiß aber, dem man auch dies und das von dem Taufſcheine zugetragen hatte, der ſprach:„Taufſchein hin, Taufſchein her! Der Jakob hat allerlei Scheine in ſeinem Hauſe, die mehr werth ſind: Schuldſcheine auf dieſer Schreier Häuſer und Kaſ⸗ ſenſcheine auf unſeres Herrn Namen an denen tröſt' 3* 36 ich mich! Der Schultheiß iſt ſo dumm nicht, als er aus⸗ ſieht!„Das mein' ich auch,“ rief ſeine Hausfrau, und ſtrich ihrer Chriſtine rothe Wangen. Und die Chriſtine lachte und ſagte:„Laßt's gut ſeyn, Mutter; wer zuletzt lacht, der lacht am beßten!“— So etwas meint auch das Verslein, aber doch in etwas anderem Sinne, denn die heirathsluſtige Chriſtine es meinte: „Was man in Gottes Namen thut, Mit frommem Sinn und feſtem Muth, Das muß zuletzt gelingen.“ 7. Wo ein Aas iſt, da ſammeln ſich die Adler. Da ſind wir denn wieder an dem Zeitpunkt ange⸗ kommen, wo der Junker Franz, oder eigentlich der Herr Oberſt von Langenfeld, im Dorfe ankam, wo er, weil er ſehr neugierig war, Manches fand, was ihm nicht gefiel, und darauf den Nikolaus Klein abſetzte und den Heinrich Werner einſetzte, auch den Teichmeiſter ſeiner Mühe überhob, und den Langenfeldern das Herrngut nahm. Wie das die Langenfelder angriff, das haben wir ſchon geſehen, und wie ſie Rache ſchwuren, das haben wir auch gehört; nun aber müſſen wir ſehen, wie ſie Rache nahmen. Es war kein Monat vergangen, da zog ein Pach⸗ ter in's Herrnhaus ein, der hieß Krämer. Der Mann hatte klein angefangen, und ſich was Schönes erwor⸗ ben, da er das Seine zu Rathe hielt, und gedachte nun aus den fetten Aeckern von Langenfeld ſich noch was Schö⸗ neres zu erwerben. Als der zu Langenfeld einzog, da hätte man die Langenfelder ſehen ſollen! Keiner grüßte ihn, Kei⸗ 37 ner half ihm ſeinen Hausrath abladen, Keiner verkaufte ihm einen Halmen Stroh, Keiner wollte ſein Zugvieh herbergen, während die Ställe ausgebeſſert wurden. Und als der Frühling kam und die Lerche den Ackermann in's Feld rief, und der Pachter die Steine und Pflöcke, die das Herrngut in kleinere Theile ſcheideten, ausriß; da ſchwuren die Langenfelder dem Krämer empfindliche Rache. Warum* Weil der Krämer das Gut hatte und ſie nicht. Neid war es, jener Eiter in Beinen, wie Salomo ſagt, Neid war es, von dem der Apoſtel ſpricht: „Wo Neid und Zank iſt, da iſt Unordnung und eitel bös Ding. Und die Unordnung, von der der Apoſtel ſagt, brach bald hervor. Hätten die Langenfelder den Pachter nur nicht gegrüßt auf der Straße, wären ſie nur ungefällig gegen ihn geweſen, hätten ſie ſich nur geweigert, ihm als Taglöhner und Knechte und Mägde zu dienen, ſo wäre das von dem Pachter noch zu er⸗ tragen geweſen, ob es gleich den Langenfeldern ſelbſt Schande machte; daß ſie aber dem Pachter die Bäume abſchnitten, ſeine Saat von ihrem Vieh abweiden und zertreten ließen, daß ſie ihm die Waſſergräben auf ſei⸗ nen Wieſen verſtopften und das Obſt von ſeinen Bäu⸗ men herabſchlugen, noch ehe es reif war; das ſollte nur Rache ſeyn, war aber beides, Rache und Diebſtahl. Und von der Rache ſagt die Schrift:„Du ſollſt nicht rachgierig ſeyn, noch Zorn halten wider die Kinder⸗ deines Volkes,“ und von den Dieben ſagt ſie:„Sie werden das Reich Gottes nicht ererben.“ Auch blieb die Rache für die Rache nicht gar lange aus. Mit Himmelsgeduld hatte ein Jahr lang und drüber der Krämer allen Schaden und Schimpf, den ihm die Langenfelder angethan, ertragen, und gemeint, 38 ſie würden ſich an ihn gewöhnen und dann das Seine in Frieden laſſen; aber die Geduld mußte endlich dem Manne ausgehen. Er nahm ſich einen Advokaten an, und ließ durch den eine ſolche Menge von Klagen auf einmal anſtellen, daß die Langenfelder in ganzen Schaa⸗ ren mußten in die Gefängniſſe wandern. Da hatte denn Mancher Zeit, einen Monat und zwei, über ſich und das fünfte Gebot nachzudenken, wozu bei'm Stophel März oder im Lammwirthshaus nicht recht Zeit kom⸗ men wollte. Manchen ſchien es auch in dem Gefäng⸗ niſſe gefallen zu haben; denn man ſah ſie bald wieder hinein führen. Zu denen gehörten namentlich der Hek⸗ kenjakob und der Teichmeiſter; die ließen erſt den Pach⸗ ter des gnädigen Herrn und dann den Fiſchen und Ha⸗ ſen deſſelben keine Ruhe, und der neue Förſter war gar nicht der Mann, der mit ſich ſpaſſen ließ. Hatte man den Pachter gleich anfangs gequält, ſo that man dem Werner nur Liebes und Gutes. Mit dem machte man's, wie die Diebe mit den Hofhunden der reichen Herrn; aber bei dem Werner war Alles vergeblich. Der ließ ſich im Wirthshaus nicht tractiren und bei Hochzeits⸗ tänzen nicht trunken machen, und wer ihm etwas in die Küche trug, der hatte auch die Mühe des Heimtra⸗ gens noch. Da wendeten denn die Langenfelder das Blättchen herum, und gruͤßten auch den Werner nicht mehr, und thaten auch dem Werner Alles an, wovon ſie dachten, daß es ihn verdrieße. Sie drangen in großen Haufen in die Wälder und frevelten das Holz; ſie be⸗ ſchädigten die Waldbäume und ſtachen die Dämme an den Fiſchteichen durch. Aber damit machten ſie den Wer⸗ ner nur noch eifriger im Dienſte; und als der lange Ulrich ſich an dem Werner vergriff und mit einem Schuß 35 von ihm bezahlt ward, da ſprach das Gericht den Wer⸗ ner nicht nur frei, ſondern den Ulrich ſah man auch gar lange nicht in Langenfeld wieder. Und die nun nicht in's Gefängniß mußten, was trieben denn die zu Hauſe? Das, was ſie in den fet⸗ ten Jahren auch getrieben hatten: ſie ſetzten ſich nieder zu eſſen und zu trinken, und ſtanden auf, um zu ſpie⸗ len. Knechte und Mägde konnten ſie freilich nicht mehr halten, aber Herrn wollten ſie dennoch bleiben und nur die Aufſicht führen. So wurde ihr weniges Gut, das ſie bei Genügſamkeit hätte nähren können, auch noch ſchlecht bebaut, daß es wenig eintrug; den Zimmerleu⸗ ten war die Art zu ſchwer, den Kohlenbrennern war die Arbeit zu ſchmutzig, und die Leinweber meinten, ihr Handwerk ſey zu angreifend, das mache Bruſtſchmerzen. In und um Langenfeld her gab's Arbeit in Menge, da wurden Straßen gebaut und Steinbrüche angelegt; aber ſolche Arbeit war für die Langenfelder zu gemein. Bei'm Stophel März und bei'm Käsperchen, da war's ange⸗ nehmer. Da aber kein Schriftwort trügt, auch das nicht:„Faulheit bringt Schlafen und eine läſſige Seele wird Hunger leiden,“ ſo kam denn auch bald der Hun⸗ ger zu Langenfeld hinein. Die Zinſen, die von den großen, neuen Häuſern bezahlt werden ſollten, die blieb man ſchuldig, eins und das andere Jahr; da griffen denn die Gläubiger zu, und Mancher, der vorher nach ſeiner Meinung mit Chaiſen und Pferden hätte fahren können, mußte froh ſeyn, wenn er als Miethsmann ein Stübchen fand. Und je größer der Hunger ward, deſto elender ſah es in den Häuſern aus. Die Frauen, denen vor etlichen Jahren kein Haubenband breit und fein ge⸗ nug geweſen war, die ließen jetzt die Löcher in ihren 40 Röcken und Mutzen und hatten gar kein Auge mehr für den Unrath, in dem ihre Kinder faſt erſtickten.— Und wo ein Aas iſt, da ſammeln ſich die Adler. So viel Juden hatte man in Langenfeld noch nie geſehen, denn jetzt. Die gingen von Haus zu Haus und nahmen und brachten; aber ſie nahmen allezeit mehr, als ſie brach⸗ ten; ſie gaben Pfennige und nahmen Thaler, ſie gaben Ziegen und nahmen Nilchkühe, ſie gaben Kleider und nahmen die Häuſer. Und ärger denn ein Jude ward von Tage zu Tage der Herr Jakob. Der blieb äußer⸗ lich wie er geweſen, freundlich und ängſtlich, aber in⸗ nerlich ward er täglich mehr einem Vampyr gleich, der ſich an dem Blut der Schlafenden ſättigt, und ſie mit ſeinen Flügeln kühlt. Wer in Noth war und keinen Juden zur Hand hatte, wer zu Trunk und Kartenſpiel wollte und hatte kein Geld, wer Kuchen backen wollte und fehlte ihm an Allem: an Milch und Mehl, an Zucker und Salz, und er ging zu dem Herrn Jakob, da bekam er Alles. Und der Jakob borgte ein Jahr und noch ein Jahr und auch das dritte, und ließ ſich nur von Zeit zu Zeit das Schuldbuch unterſchreiben. Was ſchadet das? Der Name war bald geſchrieben, und Credit war auch wieder da für ein Jahr und darüber. Denn daß den Langenfeldern das Schriftwort gelte:„Der Gottloſe borget und bezahlet nicht, daß auch ihnen der freundliche Zuruf des Herrn geſprochen ſey:„Wenn du wüßteſt zu dieſer deiner Zeit, was zu deinem Frieden diente, ſo könnte dir geholfen werden,“ das Alles ver⸗ ſtanden ſie nicht. Sie glichen dem unklugen Manne im Evangelio, der ſein Haus auf Sand baute, oder jenem Bauer, der, als ihn fror, ſeinen Obſtbaum ab⸗ hieb, der ihm jährlich ein ſchönes Geld eintrug. In 41 Langenfeld dachte man nur an das Heute, was das Morgen betraf, da ließ man Gott einen guten Mann ſeyn. So meint's aber der Herr nicht, wenn er ſagt: „Sorget nicht für den andern Morgen, denn der mor⸗ gende Tag wird für das Seine ſorgen,“ ſondern ſo meint er's:„Es iſt ein groß Ding um einen treuen und klu⸗ gen Haushalter.“ Die Klugheit aber, die an den kom⸗ menden Tag denkt und vor Schuldenmachen bewahrt, die war im Leichtſinn untergegangen, und der verließ die Langenfelder nicht einmal, wenn ſie ſahen, wie der Herr Jakob die Kinder aus den Häuſern trieb, wenn die Aeltern geſtorben waren, und die Leute heimſchickte, die borgen wollten und hatten kein Pfand mehr zu geben. Nur darüber waren Alle einig, der Herr Jakob ſey zwar ein genauer Mann und mache ſich über Vieles kein Gewiſſen, aber ſeine Frau ſey doch noch ſchlimmer, und es fliege kein Vogel über Langenfeld weg, die Chri⸗ ſtine müſſe auch eine Feder von ihm haben.— Das war dieſelbe Chriſtine, die einſt zu ihrer Mutter geſagt hatte, als der Jakob um ſie freiete und die Nachbarn die Köpfe darüber ſchüttelten:„Laßt's gut ſeyn, Mutter, wer zu⸗ letzt lacht, der lacht am beßten!“ Was ein Dorn werden will, das ſpitzt ſich bald, und an der Rede merket man, wie das Herz geſchickt iſt. Ein fauler Baum kann nur arge Früchte bringen. Darum bewahre dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das Leben. S. Wie ſollen ſie aber hören ohne Prediger? Römer 10, 14. Bis jetzt, mein lieber Leſer, bin ich nur in den Straßen von Langenfeld mit dir umhergegangen, und habe dir ſeine Häuſer gezeigt, wie ſie groß und ſchön geweſen, aber allgemach verfielen und die Herrn wech⸗ ſeln mußten, und ſind wir mitunter eingekehrt, ſo war es bei Stophel März und bei dem Käsperchen; aber auch da hat es uns nicht gefallen, und wir ſehnten uns nach einem ſtillen Plätzchen bei guten, frommen Leuten, wo man ein traulich Wörtchen vom lieben Gott und vom Weltlauf reden könnte. Aber ich weiß nicht, wo⸗ hin ich dich führen ſoll in Langenfeld, damit wir uns ausruhen und erquicken. Ach, Ruhe und Friede ſind ja gerade fremde Gäſte in meinem Langenfeld! Willſt du eine Gemeinde kennen lernen nach ihrem Werth oder Unwerth, dann ſiehe nicht auf die ſtattlichen Häuſer, wie man dir zu thun anräth, achte auch nicht auf das Straßenpflaſter, ſchau dich auch nicht auf den Feldern um, wie da die Früchte ſtehen, ſondern in die Häuſer blicke hinein, da hängt das Wetterglas, daran du die Witterung der Zeit ſehen kannſt. Wenn du da ſiehſt, wie die Hausmutter die Kleinen weckt am Mor⸗ gen mit einem freundlichen Kuß, und dann, wenn ſie die hellen Augen aufſchlagen, ihre Händchen zuſammen⸗ legt zum Gebet und ſie ſprechen lehrt:„Es walte Gott, der Vater, der Sohn und der heilige Geiſt über uns Alle von nun an bis in Cwigkeit! Amen;“ wiſſe, dann ſteht's gut im Hauſe. Und wenn dann ohne viel Geſchrei und Rumor ein Jedes bekleidet und gereinigt iſt, Jedes ſeine Milch und ſein Schwarzbrod genoſſen, und die Großen zur Schule entlaſſen ſind, und die Kleinen ihr kleines Geſchäft und Spielwerk empfangen haben; wenn Tiſche und Bänke geſcheuert, die Stube gekehrt und gelüftet iſt, und die Mutter ſchon am Morgen hinter dem Spinnrad ſitzt, und die Mägdlein unterweiſet im 43 Stricken, und die Knaben die Lection abhört, und ein Lied mit ihnen ſingt; wiſſe, dann ſteht's gut im Hauſe. Und wenn die Sonne untergeht, und der Glöckner zieht die Abendglocke, und die Heerden heimziehen und ihre Ställe finden, und der Ackermann heimkehrt von dem langen, ſauren Tagwerk, und die Kinder dem Vater entgegenlaufen, und der Jakob an dem Vater hinauf⸗ klettert und bittet, den Mohren in den Stall reiten zu dürfen, und das Lieschen mit dem Strickzeug gelaufen kommt, und auf dem Arm der Mutter der Säugling dem lieben Bekannten entgegenjauchzt, und ſo recht aus dem Herzen ein„guter Abend!“ geboten wird; da ſteht's gut in dem Hauſe. Und wenn dann der Vater Eins um das Andere nimmt auf ſeinen Schvoß, und von den Häslein erzählt, die im Feld geſprungen, und von dem Hirſch mit ſtolzem Geweih, der drunten am Waldſaum gegraſet, und ein Bißlein Brod aus der Taſche zieht und es den Kindern reicht, als ein mitge⸗ brachtes Haſenbrod; und ſie dann Alle um den Abend⸗ tiſch ſitzen und eſſen ſich ſatt unter Gottes Segen, und bald das Licht gelöſcht wird mit des frommen Gerhard's Wort:„Nun geht ihr matten Glieder, geht hin und legt euch nieder; der Betten ihr begehrt! Fahr' hin, du Erdenſonne! Mein Jeſus, meine Wonne, gar hell in meinem Herzen ſcheint!“— o, da ſteht's gut in dem Hauſe. Da gilt, was unſer Heiland ſprach: „Wo zwei oder drei verſammelt ſind in meinem Namen, da bin ich unter ihnen,“„und was ihr bittet in mei⸗ nem Namen, das ſoll euch gegeben werden.“ Bei den Langenfeldern war aber der Herr nicht mehr; weder in den Herzen war er, noch in den Häu⸗ ſern. Wo er aber auszieht, da zieht Satan ein, und 44 es wird von Tage zu Tage ärger mit dem Menſchen. Folge mir einmal, lieber Leſer, in ein Haus, in dem du ſchon mit mir geweſen biſt, wo ein Fremder ein krankes Kind beſuchte. In dem Haus wohnte ehemals der Johannes Golſer nicht. Der war ſeines Geſchäftes ein Ackermann, und hatte ein kleines Vermögen von ſeinen guten Aeltern geerbt. Wie er des Peter Eich⸗ mann Tochter, die Eliſabeth, geehlicht, da hatte ihm dieſe auch ein Weniges zugebracht, und man konnte ihn einen tüchtigen Mittelmann nennen. Und der Gol⸗ ſer war fleißig und ſein Weib auch, und ſie waren beide unbeſcholten im Leben, und fromm im Herzen. Denn der Eliſabeth Mutter, des Schuſterjeckels Toch⸗ ter, war wohl bewandert in der Schrift, und prägte früh ihren Kindern, deren ſie zwei hatte, das Gott⸗ fürchten und Rechtthun ein. Und als der Eliſabeth Mutter ſtarb, und der Lorenz, des Eichmanns Sohn, nicht wieder aus der Fremde zurückkam; ſo wurde es dem Alten in dem Hauſe zu einſam; er gab die Wag⸗ nerprofeſſion auf und zog zu ſeinem Tochtermann. So hatte alſo der Golſerhannes zwei Häuſer und ein ſchö⸗ nes, eignes Gütchen. Da ward das Herrngut ver⸗ theilt, und der Golſer pachtete ein großes Stück. Das brachte großes Geld und großen Muth, und der Gol⸗ ſer war einer der Erſten, der ein neues Haus baute. Nur eine Zeitlang aber hatte die Eliſabeth, die ein verſtändig Weib war, an dem neuen Haus und an der ſtarken Einnahme ihre Freude; denn ihr Johannes fing auch an, den Knechten und Mägden die Arbeit zu überlaſſen, und ſaß viel in den Wirthshäuſern, und nicht ſelten meinte ſie, einen Rauſch an ihm zu ſpü⸗ ren. Und noch ſchneller ging's mit ihrem Vater bergab, — 45 und der Eliſabeth Herz verging faſt vor Wehmuth, wenn ſie den alten Mann, der ihr ſonſt ſo ehrwürdig erſchie⸗ nen war, am Abend betrunken in ihr Haus taumeln ſah. Doch das war nur der Anfang alles Herzeleids. Wie das Gut genommen war, da ward der alte Eich⸗ mann mit ſeinem Tochtermann zum täglichen Säufer; ein Acker nach dem andern mußte verkauft werden; das große Haus fiel in des Herrn Jakob's Hände, und es war gar keine Seltenheit, daß der Golſer mit verfalle⸗ nem Angeſicht und zerſchlagenen Augen aus dem Wirths⸗ haus heimkam. Gliſabeth verſuchte Alles, ihren Mann zu retten; ſie ſtellte ihm ihre und ihrer Kinder Noth vor Augen, ſie wies ihm die Lumpen ihrer Kleider, die ſie kaum noch zuſammenhalten könne; ſie erinnerte ihn an das Verderben ſeiner Seele, und bat ihn, Muth und Vertrauen zu ſeiner Beſſerung zu faſſen; aber es war Alles vergebens. Mürriſches Schweigen oder Scheltworte und Mißhandlungen waren die Antwort. Da ſchwieg Eliſabeth, aber deſto inbrünſtiger betete ſie, deſto ſorgfältiger erzog ſie ihre Kinder, deſto fleißiger arbeitete ſie, das Verderben von ihrem Hauſe abzu⸗ wenden. Was ihr Mann verdiente, das vertrank er, und nannte auch manch unehrlich Gewerbe ſein Ver⸗ dienſt, und ſaß oft Monate lang und büßte ab, was er in Trunk und Faulheit an fremdem Eigenthum ge⸗ frevelt hatte. Und als der Vater ſich gar nicht mehr zu helfen wußte, da ward er der Ortsdiener in Langen⸗ feld, ein Dienſt, um den ſich damals Viele zankten, weil er wenig Arbeit machte und viel Gelegenheit zu Trunk und Müßiggang bot. Wie aber in des Golſers Haus, ſo ſah es faſt überall in Langenfeld aus, und nicht in allen Häuſern war eine Frau, wie Eliſabeth, die noch etwas auf ſich und ihrer Familie Ehre hielt. Es gab Häuſer im Orte, da war die Frau noch ſchlechter als der Mannz trank wie dieſer, fluchte noch ärger, denn dieſer, half das durchbringen, was der Mann übrig ließ, und lei⸗ tete die Kinder zu allem Schlechten an. So wuchs dann eine Jugend in Langenfeld auf, die Alles lernte, nur nicht Gott fürchten, den Heiland lieben und die Aeltern ehren. Es war weder Zucht noch Sitte in Langenfeld; trotzig war die Jugend und unzüchtig, und trat faſt kein züchtig Mägdlein mehr vor den Altar. Der Brautkranz war längſt abgeſchafft, und Häckſel ſtreuen, wie in den guten, alten Zeiten, das fiel Keinem mehr ein; dazu war das Stroh zu theuer, und das Herz zu lau. Aber nahm ſich denn Niemand des armen Lan⸗ genfelds an? Waren denn Kirchen und Schulen ge⸗ ſchloſſen, und wurde drinnen nicht gezeigt, was der Herr, unſer Gott, von allen Menſchen, auch von den Langenfeldern will? Kirche und Schule waren da; aber in die Kirche zu gehen, hatten die Langenfelder in der guten Zeit verlernt; damals hatten ſie keine Zeit dazu, und in der Schule wurde Frohndienſt gethan, und das Wort Gottes war dort verbotene Waare. Die Gemeinde des Herrn war dort wie Schafe ohne Hirten. Miethlinge weideten ſie und ſahen zu, wie der Wolf die Schafe zerriß und flohen, denn ſie achteten der Schafe nicht. Der Kirche ſtand der Herr Pfarrer Seyfried vor; der war ein alter Mann und hörte ſchwer. Aus Lan⸗ genfeld war der nie gekommen, und wußte wenig von der Welt, und wenig auch von dem Worte Gottes. 17 Doch meinte er es ſonntäglich zu predigen, wenn er Morgens über die Evangelien und Nachmittags über die Epiſteln Jahr aus, Jahr ein einen Vortrag hielt. Der Mann war nicht kalt und war nicht warm. Die Alten meinten, des Herrn Pfarrers Predigten wüßten ſie ſchon längſt, und ſchliefen darüber, und die Jungen wußten ſich in der Kirche viel zu erzählen, wie ſie den Sonn⸗ tag hinbringen wollten. Und der Herr Pfarrer war ein guter Mann, das ward von Alten und Jungen hoch betheuert. Seine Kinder waren verſorgt, und er lebte nach dem Tode ſeiner Frau mit einer alten Hausmagd, die ihm die Wirthſchaft beſorgte. Der Herr Pfarrer gab gerne, drängte ſeine Schuldner nicht, nahm nicht viel übel, und hatte die beßte Mei⸗ nung von ſeiner Gemeinde, auch da noch, als Freſſen und Saufen, Kammern und Unzucht, Hader und Neid längſt eingeriſſen waren, und konnte es nicht leiden, wenn man zu ihm ſagte:„Herr Pfarrer, ihre Lan⸗ genfelder gehen zurück!“ Davon wußte er kein Wort, aber Andere deſto mehr; denn die guten Langenfelder verſchonten auch die Aecker und Gärten des Herrn Pfarrers nicht; ſtahlen da weg, was wuchs und ihnen gefiel, und vervortheilten den Pfarrer auf jede Weiſe. War der Sonntag vorüber, ſo war auch der Dienſt des Herrn Pfarrers gethan; wer ſtarb, wurde in der Stille begraben, wer krank war, mußte ſich ſelbſt trö⸗ ſten, und wer nach Gottes Wort verlangte, der mußte es daheim ſuchen; aber dazu war freilich keine Zeit. So war die Kirche beſtellt. Und wie ſah's in der Schule aus? Der ſtand vor der Schulmeiſter Bären⸗ berg. Der war einſt Kammerdiener beim hochſeligen Herrn geweſen, und als der Schuldienſt juſt erledigt 48 ward, ſo hatte er dieſen aus beſonderer Gnade und als Lohn für treue Dienſte empfangen. Der Mann wußte ſehr wenig; ſang und ſchlug die Orgel wie das Thier, das in ſeinem Namen vorkam, lehrte die Kin⸗ der nothdürftig leſen und ſchreiben, und prügelte ihnen den Katechismus wacker ein. Dazu ging Alles ſehr eilig in der Schule zu Langenfeld, ſo daß des Herrn Schulmeiſters Schnelligkeit war im Orte zum Sprüch⸗ wort geworden. Am liebſten ſaß Herr Bärenberg bei dem Förſter Klein, der mit ihm bei'm gnädigen Herrn gedient. Da ſprachen ſie zuſammen von den guten, alten Zeiten, und tranken auf der alten Zeiten Wohl, und rauchten manch Pfeiflein miteinander, und wenn's Abend ward, ſo fanden ſie ſich wieder zuſammen bei'm Stophel März und ſpielten zuſammen, und waren gar gute, treue Freunde. Der Schuldienſt in Langenfeld war nicht ſehr fett, das ſagten die Bauern ſelbſt, und griffen darum dem Herrn Schulmeiſter gerne unter die Arme; aber umſonſt auch nicht, und der Herr Schul⸗ meiſter hatte oft kaum zwei oder drei um ſich und unter dieſen war dennoch der Herr nicht. Da konnte recht von dem armen Langenfeld geſagt werden, was Jeremias ſpricht:„Darum gehen ſie in der Irre, wie eine Heerde und ſind verſchmachtet, weil kein Hirte da iſt.“ O, die ihr Hirten und Lehrer habt nach dem Her⸗ zen Gottes, ihr Gemeinden Chriſti, habt ſie lieb um ihres Werkes willen und ſeyd friedſam mit ihnen! Ge⸗ horchet euern Lehrern und folget ihnen; denn ſie wachen über eure Seelen, als die da Rechenſchaft dafür geben ſollen, auf daß ſie das mit Freuden thun, und nicht mit Seufzen, denn das iſt euch nicht gut. 49 9. Der Haushalter ſprach bei ſich ſelbſt:„Was ſoll ich thun? Mein Herr nimmt das Amt von mir; graben mag ich nicht, ſo ſchäme ich mich zu betteln.— Ich weiß wohl, was ich thun ſoll.“— Luk. 16, 3. 4. Man kann ſich denken, daß nach Allem, was wir bereits gehört haben, viel Klagens und Fragens in Langenfeld war. Daß ſie der Schuh drückte, das fühl⸗ ten die Langenfelder wohl, aber ſie wollten ihn nicht ausziehen, um zu ſehen, wie dem Druck abzuhelfen ſey. Da machten die Männer den Weibern Vorwürfe, ſie ſeyen ſchuld an dem Elend in den Häuſern, und die Weiber meinten, der Männer Faulheit und Durſt ſey ſchuld. Beide hatten Recht, und was ſie ſagten, das hatte Grund, aber der eigentliche Grund alles Elends lag tiefer. In der Gottvergeſſenheit der Langenfelder, da lag er; das Wort Gottes war ein Fremdling in Langenfeld geworden, den man nicht gern in den Häu⸗ ſern ſah, das Gebet war vergeſſen, die Kirche war ver⸗ achtet, die Sacramente waren geringgeſchätzt. Was fehlt uns? was fehlt uns? rief man von allen Seiten, und Jeder wußte eine andere Antwort, daß aber das Eine fehle, das Noth thut, daran dachte Niemand. Nun iſt's aber mit dem Menſchenherzen wie mit unſerer Welt; wenn die der Sonne nahe ſteht, ſo iſt's Früh⸗ ling darauf und Sommer, und es ſprießt und wächſt und gedeiht und reift Alles; und wenn die von der Sonne weggeht, ſo wird's Winter hier unten, und die Tage werden kurz und erſtarrt Alles, und kann kein Kräutlein hervor an's Tageslicht. Unſeres Lebens Sonne iſt der Herr, und wenn das Herz bei dem 4 50 bleibet, in ſeiner Liebe ruht, und keinen größeren Schatz kennt, als ihn haben und ſeine Gnade; dann iſts im Herzen wie auf der Frühlingsflur, da keimt und treibt und blüht und reift Alles, was wahr⸗ haftig und ehrbar und gerecht und keuſch und licblich und wohllautet, was eine Tugend iſt und ein Lob. Wenn aber das Menſchenherz ſich von Gott geſchie⸗ den hat, dann gleicht es dem Kinde, das ohne Füh⸗ rer an Abgründen und reißenden Strömen wandelt, dann iſt's wie ein Trunkner, der auch von einem Geiſt geführt wird, aber nicht von dem guten, heiligen Geiſt, ſondern von dem Irrgeiſt und Wirrgeiſt. Und von dieſem Geiſt wurden die Langenfelder ge⸗ führt, was Wunder, daß ſie niemals wußten, was ſie wollten und ſollten. Als ihnen die Augen anfingen aufzugehen, was gar ſpät erſt geſchah, nachdem ſie alles das Ihre verzehrt hatten und eine Theurung ward, wie zur Zeit des verlornen Sohnes, und der Herr Jakob anfing, nach der Zahlung zu fragen; da hörte man von allen Seiten die Frage:„Was ſollen wir thun?“ Da ging's dann an ein Planemachen, wie der ungerechte Haushalter, und an ein Probiren, wie der verlorne Sohn, der erſt hinging und ein Schwein⸗ hirte ward, ehe er in ſich ſchlug und zu ſeinem Vater zurückkehrte. Einige borgten auswärts und dachten nicht an's Wiederbezahlen, Andere verſuchten's mit dem Arbeiten, aber das kam ihnen hart an, Andere wurden Speculanten und handelten, aber die verdarben völlig, noch Andere liefen den Schatzgräbern und Kartenſchlä⸗ gern nach, aber denen ging's wie den Vögeln, die nach den gemalten Trauben flogen. Doch als man laut und immer lauter in Langen⸗ 51 feld fragte:„Was fehlt uns?“„Was ſollen wir thun?“ Da ging ein Hoffnungsſtern auf, der verſprach ein gutes Licht für die lange Winternacht. Es hatte ſich in der Stadt ein unruhig Völkchen zuſammengefunden aus allerlei Ständen. Aus deren Munde hörte man, was man bis dahin noch nicht ge⸗ wußt, daß Deutſchland ein armes, gedrücktes, unter⸗ jochtes Land ſey, daß es von Fürſten regiert würde, die ſchlimmer ſeyen, denn Nebucadnezar; daß die den Rahm und das Mark und die Kraft des Landes verzehrten, und nach ihrer Unterthanen Wohl ſo viel fragten, wie der Adler nach den Spatzen. Und es ſey eine Schande, daß man dieſen Druck ertrage und ſich ſchinden und quälen laſſe; man ſolle, wie es einſt die Franzoſen ge⸗ macht, die Fürſten aus dem Land jagen, und Freiheit und Gleichheit einführen. Dann könne Jeder gelten, was er werth ſey, und Jeder leben, wie's ihm gefalle, und Jeder behalten, was er verdiene, und wären keine Advokaten nöthig und keine Richter und keine Amts⸗ diener, und wie die Freſſer Alle hießen, und auch von Steuern ſey keine Rede mehr. Und das war die Haupt⸗ ſache. Da es aber mit dem Fortjagen nicht recht gehen wollte, und die Obrigkeit, die von Gott geordnet iſt, Etlichen dieſer Schreier eine Abkühlung verordnet hatte, da dachten die Andern und ſagten's auch:„Das Volk iſt nicht werth, daß man ihm Freiheit anbietet; das will ein Hund ſeyn, und für's tägliche Brod ſeine Prü⸗ gel nehmen, auf denn! auf nach Amerika! Da iſt Freiheit und Gleichheit und Wohlſtand und Friede!“ Aber unter denen, die ſo riefen, oder von den Andern ſo rufen lernten, denn ſie konnten's Anfangs nicht, war auch Mancher, dem's bis dahin an Freiheit gerade 4* 52 nicht gefehlt, wohl aber am Geld, ſeine Freiheit recht zu genießen. Darunter waren Handwerker, die nicht hatten arbeiten, ſondern lieber trinken wollen, und Kaufleute, die von Millionen träumten, und doch mit Thalern hätten anfangen müſſen, und Studenten, die kein Sitzfleiſch hatten, und die zu Narren geworden waren, weil ſie ſich für weiſe hielten. Faſt von Allen konnte man ſagen, was der Herr ſagt:„Wer Sünde thut, der iſt der Sünde Knecht, ſo euch aber der Sohn frei macht, ſo ſeyd ihr recht frei.“ Wie die erſten Stimmen von dieſer Freiheit nach Langenfeld kamen, da gab's ein groß Getümmel im Ort, und die Geſcheideſten ſchlugen an ihre Köpfe und ſprachen:„Und das iſt uns jetzt erſt eingefallen! Ja, Freiheit fehlt uns! Es iſt nicht zu ertragen unter den Blutſaugern! Amerika, das iſt das Land für uns! Auf denn nach Amerika, Mann für Mann, und dann Langenfeld an allen vier Ecken angeſteckt, das muß ein luſtig Abſchiedsfeuer geben!“—„Nur gemach, ihr Nachbarn“, ſprach da der Schultheiß, der auch keiner von den fetten Bauern mehr war, trotz dem reichen Tochtermann,„nur gemach! Die Häuſer abbrennen, iſt zwar leicht, aber was wollt ihr denn mitnehmen, wenn ihr ſie abbrennt? Laßt uns mit Rath handeln, und Alles hübſch überlegen, und auch die Herren in der Stadt fragen, was ſie eigentlich wollen.“ Und die Herren in der Stadt bearbeiteten die Langenfelder ſo, und tranken ihnen ſo manches Glas auf Freiheit und Gleichheit zu, daß die nicht als gute Deutſche, ſondern als Amerikaner nach Hauſe kamen. Ich glaube, ſie ſchämten ſich ſogar ihrer Sprache und hätten lieber welſch geredet, als deutſch. So ward denn ein großer 53 Rath in Langenfeld gehalten, und Mann für Mann gefragt, ob er mitziehen woe2 Und als der Herr Jakob erklärte, er wolle nicht zurückbleiben, und ſich ſogar, was Viele bis zu Thränen rührte, erbot, die Unver⸗ mögenden zu unterſtützen, und Allen ohne Ausnahme behülflich zu ſeyn, auch die Gelder einſtweilen in Ver⸗ wahrung zu nehmen; da hätte der Herr Jakob nur einen Wink geben dürfen, ich glaube, man hätte ihn zum König gemacht. Da gab's viel Handdrücken und Abbitten und Verſichern von ewiger Freundſchaft, und der Herr Jakob ſchien gar gerührt und ſprach von ſei⸗ nen geringen Dienſten und ſofort; ja der Mann war wirklich ein braver Mann und ein wahres Glück für das arme Langenfeld. Und das arme Langenfeld ſollte jetzt gewiß bald reich werden! Häuſer und Güter wollte man verkau⸗ fen an Fremde, die Gemeindeäcker und Wieſen und Waldung der Herrſchaft verkaufen, und alles Geld, das müßte ein ſchönes Sümmchen werden! dem Herrn Jakob übergeben; wie könnte es da fehlen? Wer bleibt da zurück? Keiner! Einer aber war darunter, der ſchwieg ſtille, und das war der Schulmeiſter. Der hatte mit ſeinem guten Freund', dem alten Förſter, ſchon ausgemacht:„Gevatter, wir bleiben in Langen⸗ feld, und geht Einer, ſo geht der Andere auch; aber beſſer, wir bleiben, wo wir ſind. Der Herr Pfarrer wird auch bleiben!“ Nun ging's an ein Handeln und Feilſchen, an ein Ausbieten und Schachern in Langenfeld, daß es eine Luſt war; aber freilich Alles auf Hoffnung; denn es ward ausdrücklich bedungen, es ſolle Alles hübſch bei'm Alten bleiben, wenn aus dem Zug nach Amerika nichts 54 würde. So hatte es der Herr Jakob angerathen; aber verhindern konnte er doch nicht, daß ſich Dieſer und Jener ſchon ein Sümmchen auf Abſchlag geben ließ, und ſo fehlte es vor der Hand wieder nicht an Abwech⸗ ſelung und Geld. Und wieder gab's was Neues, und der Stophel März, der es zuerſt hörte, rief einmal über das Andere⸗ mal aus:„Unſer Herrgott verläßt uns nicht! Ich hab's ja immer geſagt!! Was war's denn? Etwas Frohes war's nicht, ſondern etwas Trauriges, und doch gab's Jubel darüber in Langenfeld.— In ſeinen beßten Jahren, von ſeinem Herrn geehrt und ausgezeichnet, und im Begriff, ſich zu verehlichen, ſtarb an einer 3 hitzigen Krankheit der Herr von Langenfeld. Als der hochſelige Herr geſtorben war, da hatte man viel Wei⸗ nens im Orte gehört; jetzt aber war viel Jauchzens, und nur Einer war in Langenfeld, dem ſeines Herrn Tod tief zu Herzen ging, das war der Förſter Werner. Da ſagten die Bauern:„Sehet der heult und hat Grund zu heulen; ſein Stündlein hat nun auch geſchla⸗ gen; er wird bald hinter dem Klein drein müſſen, und das ohne Penſion.“ Und auch der Krämer geht hinten drein!“ rief der Müllerkurd, der eilig herzugeſprungen war;„ich hab's eben aus ſeinem Mund gehört; er wär's müde in Langenfeld, und ginge lieber heut' als morgen!“ „Victoria!“ rief's da, und„Juchhe!“ rief's dort. „Jetzt iſt das Gut unſer!“ ſchrie's da.„Jetzt ſind wir geborgen!“ jubelt es dort.„Nun laßt Amerika laufen, wohin's will,“ ſprach der lange Ulrich,„unſer Schäf⸗ chen iſt jetzt im Trocknen!“„Ja, und der Bänderjakob mag auch zu Hauſe bleiben mit ſeinen Plänen,“ ſchrie der Veltenjakob,„jetzt brauchen wir ihn nicht. Jeder 55 hilft ſich ſelbſt am beßten! Victoria, die gute Zeit iſt wieder da!“ Auch ſchien es wirklich, als wenn der Langenfel⸗ der Wunſch ſolle in Erfüllung gehen. Der Herr von Langenfeld hatte keine Leibeserben hinterlaſſen, und die Herrſchaft, der nun das Gut zufiel, wohnte gar weit. So wurde es denn bald zum Kauf ausgeboten; aber es fand ſich lange kein Käufer; denn das Gut hatte keinen ſonderlichen Namen, und der Krämer, der dort ſeine traurigſte Lebenszeit hingebracht, war auch nicht der Mann, ihm einen guten Namen zu machen. Das Alles trieb die Langenfelder an, das Gut an ſich zu kaufen; und es dann unter die Ortsbürger zu vertheilen. Da war auch der Herr Jakob der Mittelsmann, und ging faſt täglich ab und zu bei dem Advokaten Habe⸗ mann in der Stadt; aber der zögerte und zögerte, als warte er auf einen andern Bieter. Woher kam das? Weil Langenfeld in keinem guten Ruf ſtand, und den kann eine Gemeinde eben ſo wenig entbehren, wie ein Einzelner. Da gilt auch, was Salomo ſagt:„Ein gut Gerücht iſt köſtlicher, denn großer Reichthum.“ Wer ein gut Gerücht mitbringt, der bringt ein gut Kapital mit, und findet guten Fortgang, und eine Gemeinde, von der man Gutes redet, braucht nicht lange nach Credit zu ſuchen. Warum aber wollen die reichen Leute in manche Orte kein Geld ausleihen, und von da keine Kuechte und Mägde dingen? Warum? Weil ihr Ruhm nicht fein iſt! Wiſſet ihr nicht, baß ein wenig Sauer⸗ teig den ganzen Teig verſäuert? Feget denn täglich am Sauerteig eurer Gemeinden, ihr Vorſteher, und mei⸗ net nicht, Ein räudig Schaf habe nichts zu ſagen. Ein einiger Bube verderbet viel Gutes, und böſe Geſellſchaft verdirbt gute Sitten. Daß aber den Langenfeldern der Gutskauf nicht gelang, das hatte noch ſeinen beſondern, heimlichen Grund, und den kannte nur Einer, und das war der Herr Jakob. Aber es war doch außer dem Jakob noch Einer, der ihn auch kannte. Der das Ohr gepflanzt hat, ſollte der nicht hören, der das Auge gemacht hat, ſollte der nicht ſehen? Und wie er der Menſchen Gedan⸗ ken von ferne kennt, ſo weiß er es immer zu machen, daß ſein weiſer Rath gelingt und dann das Menſchen⸗ herz bekennt:„Ihr gedachtet es böſe zu machen, Gott aber hat es gut gemacht.“ 2 10. Wie ſich ein Doetor unter den Langen⸗ feldern niederließ, von dem ſie aber nicht curirt ſeyn wollten. Der Fremde, von dem wir im zweiten Kapitel laſen, daß er bei'm Stophel März eingekehrt ſey, machte nach ſeinem Verſchwinden an jenem Abend dem Golſerhan⸗ nes und ſeinen Conſorten viel Rathens. Und als er endlich zurückkam und ſchnell ein Licht verlangte, um auf ſeine Schlafſtube zu gehen; da hätten die Stamm⸗ gäſte noch lieber gewünſcht, zu wiſſen, wer er ſey. Und als der Stophel März nach einiger Zeit wieder in die Wirthsſtube kam, und den Gäſten erzählte, der Fremde habe die Thüre hinter ſich zugeſchloſſen, und gehe ſchnell in der Stube auf und ab, und rede beſtändig welſches Zeug, als wären ihrer Zwei da drinnen; da war es den Stammgäſten, als ſtiegen ihnen die Haare zu Berge, und flüſternd ſagte Einer zum Andern:„Dahinter ſteckt etwas!“ 57 „Wißt Ihr, was hinter dem Fremden ſteckt?“ ſagte der Golſer am andern Morgen zu dem Müllerkurd und dem Oeſtreicher, die wie er zum Morgentrunk wollten, „der Fremde iſt nichts anders, als ein Doctor. In meinem Haus iſt er geweſen und hat meinem Stophel eine Arznei gegeben, und das Weibsvolk iſt ganz ver⸗ narrt in ihn, und meint, der habe dem Kind vom Tod geholfen. Glaub's, wer da will, ich glaub's nicht!“— „Der fehlt uns noch,“ warf der Müllerkurd hinein, „noch einen Freſſer mehr im Ort, haben unſere Laſt mit uns, brauchen keinen Doctor mehr; Amerika, das iſt Doctor und Apotheker zugleich!“ Wie ſie ſo ſpra⸗ chen, da kamen immer Mehrere herzu und hörten auch von dem fremden Doctor, und ſprachen allerlei für und wider; aber darin waren ſie Alle einig, der Mann wäre beſſer aus Langenfeld weggeblieben; ſie könnten ſich ſelbſt curiren. „Was ſchwatzt Ihr doch von Doctor und Apothe⸗ ker, Ihr Nachbarn,“ rief da außer Athem der Schul⸗ theiß, hinter dem der Herr Jakob drein keuchte,„der Doctor iſt nichts anders, als der Fremde, der das Herrn⸗ gut gekauft hat. Schon ſeit zwei Stunden geht er mit dem Krämer und dem Werner auf allen Aeckern umher, wenn ſie nicht jetzt auch in den Wald gegangen ſind. Er ließ mich rufen und ſagte ohne viel Umſtände:„Herr Schultheiß, ich habe das Herrngut gekauft, und ich hoffe, wir werden gute Freunde werden!“„Und was ſagtet Ihr?“ frug da Einer. Ich ſagte:„Ihr Diener, Herr,“ aber ich dachte:„Wärſt du mit deinem Herrn⸗ gut, wo der Pfeffer wächſt“„Da habt Ihr gedacht wie ich,“ rief der Veltenjakob, und wie jeder ehrliche Langenfelder denken ſoll. Ich ſag' Euch, Nachbarn, der muß auch gar gemacht werden, wie der Krämer, daß er bald ſeinen Bündel ſchnürt und hingeht, woher er gekommen iſt.“„Und einen Fuchsſchwänzer heiß ich den,“ ſchrie, mit den Händen vagirend, der lange Ulrich, „der es ihm nicht macht, wie wir's dem Krämer ge⸗ macht haben.“„Und der Werner, ſagtet ihr,“ ſprach der Heckenjakob,„ging mit ihm? Das darf nicht ſeyn, der Werner muß fort, der darf nicht im Dienſt bleiben, das laßt mich machen.“ Wie ſie ſo ſprachen, da kam die Straße herab der Fremde mit dem Werner daher, und der Fremde und der Werner boten den Bauern einen„guten Morgen;“ aber die Bauern ſprachen keinen„ſchönen Dank!“ ſon⸗ dern ſie ſahen trotzig den Beiden in's Geſicht. Dann riefen ſie ſich einander zu;„So war's recht gemacht!“ und ging ein Jeder ſeines Weges. So will's die Schrift nicht, wenn ſie zu uns Chriſten ſpricht:„Einer komme dem Andern mit Ehrerbietung zuvor!“ So gingen einige Tage hin, da zog der Krämer mit Sack und Pack von Langenfeld weg; und als ihn die Bauern ſo ziehen ſahen, mit Freude auf ſeinem Angeſicht, daß er erlöſt ſey, da ward doch eine Stimme in dem Herzen Einzelner laut, die ſprach:„Wir haben nicht recht gethan an dem Mann! Der Mann war doch ſo übel nicht! Wenn doch nur der Krämer ge⸗ blieben wäre! Das Schlechteſte kommt ſicher nach!“ Die Stimme, die da laut ward, als der Krämer ab⸗ zog, die ward auch vorher ſchon bei Einem und dem Andern laut; aber man hörte nicht auf ſie. Und doch iſt die Stimme Gottes Stimme, und liegt für den Frommen viel Troſt in ihr, wie denn Paulus bekannte: „Mein Troſt iſt der, daß ich ein gutes Gewiſſen habe.“ 59 Noch viel ſtiller, als der Krämer, fing der Fremde, oder wie er eigentlich hieß, der Lorenz Arnold, ſein Werk an. Der dingte Knechte und Mägde, der kaufte Vieh und Futter für ſein Vieh, und that gerade, als wenn gar kein Langenfeld da wäre. Wenn er doch wenigſtens nur Einen oder den Andern um Rath ge⸗ fragt, oder um etwas angeſprochen hätte, dann wäre doch noch ein Vorwand geweſen, an ihn zu kommen. So aber war er allezeit höflich und freundlich, mochte man ihn grüßen oder nicht. Sein Geſinde hatte es gut bei ihm, durfte aber kein Knecht in's Wirthshaus, der das nicht laſſen konnte, dem gab er bald den Abſchied. Auch litt er nicht, daß eine Magd mit dem Spinnrad in's Dorf ging; es mußte Alles hübſch zu Hauſe blei⸗ ben. Auch war große Stille auf dem Herruhof, und ging Alles ſeinen Gang, wie in einer Maſchine. Auch geflucht durfte nicht werden, ſelbſt dem Vieh nicht; und wie der Herr Arnold Jedem das Seine gab und Kei⸗ nem mehr zumuthete, als er leiſten konnte; ſo prägte er auch täglich ſeinen Knechten den Schriftſpruch ein: „Der Gerechte erbarmt ſich auch ſeines Viehes, aber das Herz des Gottloſen iſt unbarmherzig.“ Das war Alles ſehr ſonderbar, und die Langen⸗ felder wußten ſich von ihrem Erſtaunen gar nicht zu erholen. Etliche meinten: Dahiunter ſtecke etwas, oder das ſolle was vorſtellen, oder: der Arnold ſey ein Spion, oder: er ſey ein Betbruder; auf jeden Fall habe der Mann kein gut Gewiſſen und ſein Geld ſey nicht ehr⸗ lich verdient; denn ein Chriſtenmenſch in ſeinen Jahren, der lache doch manchmal, der Arnold aber mache ein Geſicht, als wolle er die Pfalz vergiften; auch trinke er keinen Branntwein, und nippe nur, wie ein Mägd⸗ 60 lein, am Glaſe. Das möchte aber Alles ſeyn, wie es wolle, wenn nur der Werner, der unleidliche Förſter, draußen wäre; aber der Werner niſte ſich täglich mehr in des Arnold's Gunſt ein, und ſeitdem ſey gar nicht mehr mit ihm durchzukommen. Der Werner müſſe fort, es möge koſten, was es wolle. So dachte auch der Heckenjakob, und als er eines Morgens in aller Frühe den Herrn Arnold auf ſein Feld gehen ſah; da ſchlich er ihm nach, ging an ihm vorüber, blieb dann ſtehen, lüftete ſeine Mütze und ſprach:„Herr Arnold, ich will nichts geſagt haben, und es geht mich auch eigentlich nichts an; aber es ſtößt mir das Herz ab, wenn ich ſehen muß, wie man mit eurem Eigenthum umgeht. Da iſt der Werner, ich will nichts geſagt haben, der verkauft an den Na⸗ gelſchmied in Bergheim faſt wöchentlich Holz, und der Nagelſchmied holt's bei Nacht und Nebel ab, und eure Kaſſe wird davon nichts gewahr. Da iſt weiter der Werner, ich will nichts geſagt haben, der ſchleppt man⸗ chen Haſen und manches Rehſchlägelchen und manches theure Pfund Fiſch in ſeinem Ranzen hinab auf die Eilau zu dem Zeugförſter, und da leben ſie zuſammen wie die Fürſten von ihrer Herrn Teller.“ Wie der Heckenjakob ſo referirte, und der Herr Arnold ihm ſchweigend zuhörte, da kam ein Hund des Weges gelaufen, der dem Jakob mußte bekannt ſeyn; denn er ſah ſich ängſtlich um, und ſein Geſicht ward kreideweiß, als hinter dem Hund drinnen der Werner kam, mit der Flinte auf ſeiner Schulter. Der Werner grüßte freundlich und wollte weiter gehen; aber der Herr Arnold hielt ihn auf, und erzählte dem Werner Alles bis auf's Wort, was ihm eben der Heckenjakob 61 berichtet. Dem war es dabei wie einem armen Sün⸗ der, dein der Stab gebrochen werden ſoll, und er wußte nicht, ob er laufen oder bleiben ſolle. Der Werner hörte die Rede bis zu Ende, und ſagte kein Wort, und ſah nur den Herrn Arnold an, und der Herr Arnold reichte ihm die Hand, und ſagte auch kein Wort, und dann ſahen ſie beide den Heckenjacob an, der auf die Erde ſah, als ſuche er da etwas Verlorenes. Und dann ging Jeder ſeines Weges, der Arnold ins Feld, der Werner in den Wald, und der Heckenjakob in's Dorf.— Warum erſchrack wohl der Heckenjakob vor dem Hund des Förſters? Er fühlte, was es heißt: „Ein Dieb iſt ein ſchändlich Ding, aber ein Verläumder iſt noch viel ſchändlicher.“ Warum ſchwieg wohl der Werner, als ihm ſo Uebel's nachgeredet ward? Er fühlte mit Paulus:„Unſer Ruhm iſt der, nämlich das Zeugniß unſeres Gewiſſens.“ Und warum reichte der Arnold dem Werner die Hand, als der ſchwieg? „Die Liebe glaubt Alles, ſie hoffet Alles; ſie freuet ſich nicht der Ungerechtigkeit, ſie freuet ſich aber der Wahrheit.“ Der Arnold und ſein Förſter ſtanden in Einer Liebe, in der Liebe Chriſti; darum verſtanden ſie ſich ohne viele Worte. Aber die Langenfelder verſtanden Beide nicht, we⸗ der den Arnold, noch den Werner, und da ſie ihnen keine Gelegenheit gaben, ihren Haß auszulaſſen, ſo brachen ſie die Gelegenheit vom Zaun. Allen erdenk⸗ lichen Schaden fügten ſie dem Eigenthum des Herrn Arnold zu; ſtahlen und verdarben, was ſie nicht mit⸗ nehmen konnten, und vergifteten dem Werner die Hunde. Da wurde denn, wie vorher unter dem Krämer, auch ietzt wieder geklagt, und das ſo anhaltend und mit ſol⸗ * chem Nachdruck, daß wieder Viele mit den Gefängniſſen der Stadt mußten Bekanntſchaft machen. Aber das war wieder ſonderbar, und das hatte der Krämer nicht ge⸗ than, der Herr Arnold verringerte ſelbſt den Schaden⸗ erſatz, der ihm von dem Gericht war zugeſprochen wor⸗ den, und unterſtützte reichlich die Familien derer, die um ſeinetwillen hatten büßen müſſen. Wenn die dann heimkamen, voller Bosheit im Herzen, und bei ſich ſchwu⸗ ren, ſie wollten heute wieder anfangen, wo ſie es ge⸗ laſſen; dann ſtutzten ſie doch und beſannen ſich, wenn ſie das Brod des Herrn Arnold auf ihrem Tiſche ſahen, und Weiber und Kinder ſo viel Gutes von dem Herrn zu rühmen wußten. Doch gab es auch unter ihnen ſolche, die da meinten, daraus ſähe man eben, wie den Mann ſein böſes Gewiſſen drücke; ein ehrlicher Chriſten⸗ menſch laſſe das bleiben. So viel aber richtete der Herr Arnold durch ſeine Leutſeligkeit aus, daß doch Einzelne freundlicher gegen ihn wurden, mit ihm ſprachen, wenn ſie ihm im Felde begegneten, auch wohl in einer Verlegenheit zwiſchen Nacht und Nebel zu ihm kamen. Und die bei ihm ge⸗ weſen waren, die ſagten zwar nichts davon, damit man ſie nicht Fuchsſchwänzer und Blauſtrümpfe heiße, aber ſie dachten bei ſich ſelbſt:„Der Arnold iſt ein wackrer Mann und meint's gut mit allen Menſchen, und es iſt eine Schande, daß man ihn ſo behandelt.“ Während aber Manche ſo dachten, ohne es zu ſagen, ſprach das des Golſers Hausfrau, die Eliſabeth, laut aus, und achtete es nicht, wenn man ihr Namen gab, die Schimpf⸗ namen ſeyn ſollten; denn ſie ſprach:„Ein Mann, der mein Kind beſucht und geheilt hat, und der den Armen Gutes thut, und der Böſes mit Gutem vergilt, der hat 63 ein gut Gewiſſen und glaubt an Gott; den laß ich mir nicht ſchelten.“ Und wenn die Gertrud aus der Kirche heimkam und allemal erzählte, wie ſie den Herrn Ar⸗ nold wieder im Herrnſtuhl geſehen, und wie der ſo an⸗ dächtig mitgeſungen, und auf des Herrn Pfarrers Pre⸗ digt gehört, und wie er ſie bei'm Ausgang aus der Kirche gegrüßt und mit Namen genannt, und nach der Mutter gefragt, und warum die nicht auch zur Kirche gekommen; dann floſſen über die beiden Backen der Eliſa⸗ beth die hellen Thränen, und ſie trug ihr Elend einen Tag lang mit größerer Geduld. Wenn aber der Herr Arnold einem Bauer auf dem Felde begegnete, und der ihm Stand hielt, und er mit ihm über die Wirthſchaft und das Wetter geſprochen hatte; dann brachte er allezeit die Rede auf Amerika, und erzählte dieß und das von dem fernen Lande, aus dem er ſelbſt komme. Viel Schönes ſagte er da von dem Amerika, wie man dort reich werden könne, wenn man es richtig ergreife, aber er erzählte auch ſo⸗ viel vom Unglück, das ein Fremder dort haben könne, und meinte allezeit, es ſey hier zu Land viel beſſer, und die Leute ſollten ſich mit dem Auswandern nur nicht übereilen, ſondern vielmehr bleiben, wo ſie wären, und recht fleißig ſeyn, dann ginge es ihnen auch zu Hauſe gut.„Bleibe im Land und nähre dich redlich, ſagt die Schrift;“ das war immer ſein Schluß. Solche Reden gefielen aber gar nicht in Langenfeld, und wer ſie vorbrachte, der hatte einen ſchweren Stand und mußte ſich viel gefallen laſſen. Da hieß es:„Der Arnold hat drüben ſein Schäſchen geſchoren und ſitzt bis über den Kopf in der Wolle, und nun gönnt er Niemand etwas Gutes. Wir gehen doch nach Amerika, und wenn te 64 hundert Arnolde ſchwatzen wie die alten Weiber; was der kann, das können wir auch!“ Und der Herr Ja⸗ kob war der Giftigſte von Allen, und griff die Bauern ſo an ihrer Ehre an, und wußte immer ſo viel Neues und Schönes von Amerika zu erzählen, und machte ſo viel herrliche Anerbietungen, daß der Golſerhannes aus⸗ rief:„Ein Schuft der, der noch einmal den Arnold über Amerika fragt; was der weiß, das wiſſen wir auch, und der Herr Jakob weiß es noch beſſer.“ Ja, der Ja⸗ kob wußte es wirklich beſſer; aber was er wußte, das ſagte er nicht! 11. Wie der fremde Doctor doch in Langen⸗ feld Patienten fand und Etliche heilte. „Ein Wort geredet zu ſeiner Zeit, iſt wie güldene Aepfel in ſilbernen Schaalen,“ ſagt Salomo. Wenn das doch nur Alle bedächten, die was Rechtes zu ſagen haben, und in Gottes Namen das rechte Wort hin⸗ ſagten, und ſich durch der Narren Gerede nicht irre machen ließen! Unter Vielen, die einer klugen Rede ſpotten, ſind immer Einige, die ſtille ſchweigen, und das Wort mitnehmen, und es in ihrem Herzen bewe⸗ gen, und es drinnen aufgehen und Frucht bringen laſ⸗ ſen in Geduld. So war es auch mit der klugen Rede des Herrn Arnold über Amerika; ſo viel Schreier ſich auch dagegen erhoben, ſo fand doch dieß rechte Wort in Einzelnen die rechte Statt. Die ſprachen endlich mit⸗ einander über Möglichkeit und Unmöglichkeit der beab⸗ ſichtigten Auswanderung, und meinten, der Mann habe doch vielleicht ſo Unrecht nicht, als der Jakob meine, und es wäre gut, wenn man ihm auch einmal das Maul 65 goönne und ſeinen Rath höre. Und ſo beſchloſſen ſie zu thun; aber wie Nikodemus zum Herrn, ſo kamen ſie am Abend einſt in's Schloß, und wurden gar freund⸗ lich von dem Herrn Arnold aufgenommen. Der ſaß in ſeinem Sorgſtuhl, und hatte ſein Abendpfeifchen an⸗ gebrannt, und las in einem Buche. Das Buch legte er ſchnell zur Seite, und hieß die Bauern ſich nieder⸗ ſetzen, und bot Jedem eine Pfeife an, und ließ ihnen ein Glas Bier dazu einſchenken. Als ſie dann ſaßen und miteinander rauchten, auch ſchon über dieß und das miteinander geſprochen hat⸗ ten; da hub einer von ihnen, der Peter Kurz, der des Schultheiß Schwager war, an, und ſprach:„Herr Arnold, ihr habt zu mir und meinem Vetter, dem Kaiſerfried, und zu dem Meinhardt, und zu dem Bern da, ſchon manchmal von Amerika geredet, wenn wir euch im Feld begegnet und mit euch Rath gehalten; nun ſind wir zu euch gekommen, noch Etliches über das Land zu hören, und wie man hineinkommen könne, und wollten euch bitten, uns auf die Spur zu helfen, wenn's euch anders nicht verdrießt.“ Wie nun der Herr Arnold die Bauern verſichert, daß er das gerne thue, und genaue Auskunft über das Land geben könne; da fragte er zuerſt, warum ſie denn von Langenfeld weg wollten? Da gab denn der Eine dieſen, der An⸗ dere jenen Grund an, Alle aber meinten, die Zeiten ſeyen ſchlecht, man könne nicht mehr ſo viel verdienen, als man brauche, man müſſe das, was man ſauer ver⸗ dient habe, auch ſich noch durch Steuern und Zehenten und Abgaben aller Art ſchmälern laſſen; kurz, man bringe es zu nichts, und Langenfeld werde von Jahr zu Jahr dürftiger und elender. Chemals, da ſeyen noch 66 andere Zeiten geweſen; ſeit aber die Gemeinde das Herrngut verloren, möchte Niemand mehr mit Luſt und Liebe arbeiten. Das hörte der Herr Arnold Alles an, und ließ die Bauern klagen, ſoviel ſie wollten. Dann aber ſprach er:„Sagt mir, ihr Nachbarn, ſeit wann iſt in Langenfeld ſo böſe Zeit, wie ihr ſie eben geſchil⸗ dert, iſt's nicht ſo, ſeitdem ihr das Herrngut hattet? So war denn das Herrngut euer Verderben, nicht euer Nutzen. Eure Väter waren auch nicht im Beſitz des Herrngut's, und ging ihnen doch wohl. Die Häuſer, in denen ſie wohnten, die Werkſtätten, in denen ſie für euch arbeiteten, die Aecker, auf denen ſie für euch das Brod zogen, die habt auch ihr noch. Seyd ihr wohl jemals in eurer Jugend hungrig in's Bett ge⸗ gangen, und war nicht faſt in allen Häuſern Weißzeug und Kleidung im Ueberfluß? Und dann iſt euch nicht Gott in den Kriegszeiten beſonders gnädig geweſen, habt ihr nicht einen Frieden mitten im Krieg gehabt?“ Das Alles mußten die Langenfelder zugeben; aber ſie meinten, es ſey doch nun einmal nicht mehr, wie früher, und es ſey, wenn nicht Armuth, doch Mangel in faſt allen Häuſern.„Daran,“ ſprach der Herr Arnold weiter,„iſt wieder nur das Herrngut ſchulb. Das machte euch ſchnell wohlſtehend, euer Wohlſtand machte euch ſtolz, euer Stolz machte euch träge, eure Trägheit gewöhnte euch an eine Menge Bedürfniſſe, die ihr früher nicht kanntet. Und nun, da die Zeiten ſich geändert haben, wollt ihr euch nicht mit ihnen än⸗ dern; ihr wollt nicht lernen, euch nach eurer Decke zu ſtrecken. Die alten, böſen Gewohnheiten ſind es, die euch arm machen; denen wollt ihr nicht entſagen, von denen euch trennen, heißt ihr Hand an euer Leben legen. Es 67 iſt die größte Lüge, die es geben kann, Deutſchland könne ſeine Bewohner nicht mehr nähren; ſie müßten auswandern, ſonſt zehrte Einer den Andern auf. Nein, unſer lieber Gott hat ſo ſtiefmütterlich nicht an unſerm Vaterland gehandelt, daß ſeine Kinder müßten als Bett⸗ ler ausgehen, ſich ein Stück Brod an fremden Thüren zu ſuchen. Wo iſt's beſſer leben, und wo bringt ein Land mehr ſein Gewächs, und wo iſt's ſchöner, und wo iſt ein beſſer Regiment, als im lieben Deutſchland? Glaubt mir, Nachbarn, ich bin weit geweſen in der Welt, und laſſe mir Amerika am wenigſten ſchelten; aber was mich zurückgetrieben hat in mein liebes Va⸗ terland zur Zeit, wo die Haare meines Hauptes an⸗ fangen, grau zu werden; das iſt allezeit meines Herzens Stimme geweſen:„Nirgends iſt's ſchöner und beſſer, als im lieben Deutſchland!“ Ihr wollt nach Amerika; ich habe nichts dagegen: aber fragt ihr mich, ob ihr hingehen ſollt, ſo ſag' ich:„Nein!“ Die Rede ſchien den Langenfeldern nicht zu gefal⸗ len; denn ſie rutſchten auf ihren Stühlen hin und her, und ſagten lange nichts; endlich aber meinten ſie, der Herr Arnold nähme die Sache wohl zu ſpitz und gönnte ihnen ihr Glück nicht recht. „Nachbarn,“ hub da der Herr Arnold mit gar errnſter Stimme an,„ich gönne euch alles Gute, und rathe auch nicht Jedem ab, ſein Glück in Amerika zu ſuchen. Die Erde iſt überall des Herrn, und ſo lieb auch das Vaterland allen Chriſtenmenſchen ſeyn muß, ſo kann es ſelbſt oft Gottes Wille ſeyn, daß ich in einem fremden Lande mein Haus mir bauen ſoll. Abraham reißte in ein fremdes Land, das er nicht kannte, und war gehorſam dem Befehl des Herrn; ſo 5* 68 ſoll auch uns bei allen Unternehmungen des Abrahams Gebet gelten:„Herr rede, dein Knecht höret!“ Wir ſollen nichts thun, ohne des Herrn Rath; denn er iſt's, der beides in uns wirket, das Wollen und das Voll⸗ bringen nach ſeinem Wohlgefallen. Wer dürfte alſo einen ſo großen Entſchluß faſſen, wie die Auswande⸗ rung iſt, ohne in Gottes Namen zu prüfen, was nützt oder ſchadet, was dafür und dawider ſpricht? Euch iſt Alles, in und außer euch, unleidlich, ihr ſeyd es hier zu Lande bis über die Ohren hinaus müde, ihr wollt etwas Anderes; etwas Neues, was? das wißt ihr ſelbſt nicht recht; und nun meint ihr, in Amerika da ſey das Paradies, wo ohne Arbeit Alles von ſelbſt wachſe! Habt ihr noch nicht das ſchöne Gotteswort im Jakobus geleſen, ſo leſet es jetzt, euch Langenfeldern gilt es beſonders:„Wohlan, die ihr nun ſaget: Heute oder morgen wollen wir gehen in die oder die Stadt, und wollen Ein Jahr da liegen und handthieren und gewinnen; die ihr nicht wiſſet, was morgen ſeyn wird. Denn was iſt euer Leben? Ein Dampf iſt es, der eine kleine Zeit währet, darnach aber verſchwindet er. Dafür ihr ſagen ſolltet: So der Herr will und wir leben, wollen wir dieß oder das thun.“ Daran ſcheint ihr nicht gedacht zu haben, weder als ihr das Herrn⸗ gut gepachtet, noch als ihr die neuen Häuſer bautet, weder als ihr das Herrngut kaufen wolltet, noch jetzt, wo euer Sinn nach Amerika ſteht. Was nun ohne Gott begonnen wird, das gelingt nicht, und wär's noch ſo klug ausgedacht. An ihn denlet zuerſt, vor ihm prufet euer Thun, den Ausſprüchen ſeines Wortes lernet zuerſt glauben, ſeinen Verheißungen lernet trauen, ſeine Drohungen lernet fürchten. Ringet erſt darnach, — 69 daß ihr ſtille ſeyd und das Eure ſchaffet; durch Stille⸗ ſeyn und Hoffen werdet ihr ſtark ſeyn. Wie ihr jetzt noch ſeyd, der Mehrzahl nach, da gleicht ihr einem Trunkenen, der nicht auf Rath hört, und wenn er jeden Augenblick hinfällt.“ „Und wiſſet, Nachbarn, Eins betrübt mich beſon⸗ ders an euch, ihr habt euer Gotteshaus ſchier ver⸗ geſſen. Ich bin ein Fremdling bis dahin unter euch, aber ich glaube mit euch an Einen Gott und an Einen Heiland, und es bricht mir das Herz, wenn ich Chriſtenmenſchen thun ſehe, wie ihr thut. Alles thut ihr, was ſich nicht ziemt am Sonntag zu thun, und was gethan werden ſoll, das laßt ihr. Kaum Zwei oder Drei ſind ſonntäglich im Gotteshaus. So iſt's nicht Sitte in dem Land, dahin euer Sinn ſteht; die dort eine Kirche haben, die danken Gott für dieſe Gabe, und haben lieb die Stätte ſeines Hauſes und den Ort, wo ſeine Ehre wohnt; und die keine haben, die ſcheuen eine Reiſe von vielen Meilen nicht, um einmal mit David zu fühlen:„Wie lieblich ſind deine Wohnungen, o Herr, da man höret die Stimme des Dankes und da man predigt alle deine Wunder!“ „Wie wär's, Nachbarn, wenn wir uns, wie heut' in meinem Haus, auch nächſten Sonntag zuſammen in der Kirche fänden?“— Da gaben die Bauern dem Herrn Arnold die Hand und wünſchten ihm eine gute Nacht; und wenn ich ſie ſo ſtill und nachdenkend heim⸗ gehen ſehe, ſo iſt es mir, als müßte der Abendſegen ihnen tiefer aus dem Herzen gekommen ſeyn:„Das walte Gott Vater, Sohn und heiliger Geiſt über mich, all' die Mtinen und ſein ewiges Reich!“ Amen. 70 12. Das Scheiden und Meiden thut weh. Es mögen wohl etliche Tage nach jenem Abend⸗ geſpräch in der Stube des Herrn Arnold vergangen geweſen ſeyn, da kamen an einem Abend, als ſchon längſt Keiner den Andern auf der Straße mehr erkennen konnte, der Peter Kurz und der Kaiſerfried und der Meinhardt mit gar geheimnißvoller Miene in das Haus des Bern⸗ peter, der auch mitgeweſen war bei Herrn Arnold, und luden den, mehr durch Zeichen, als durch Worte, ein, ſie zu begleiten. Der Bernpeter aber machte ein fürch⸗ terliches Geſicht, und ſagte ſehr laut:„Hört, ihr Nach⸗ barn, mit euch hab' ich keine Kameradſchaft mehr, ſo lang ihr zu dem Arnold da geht. Einmal mitgegan⸗ gen, und nie wieder; ich kenne jetzt den Fuchs. Der will wiſſen, was uns fehlt, ei, der ſoll erſt lernen, was ihm fehlt! Wenn ich ſpielen geh', dann will ich keine Predigt hören! Der Arnold mag predigen, wem er will, mein Pfarrer iſt er nicht! Bin ich noch den an⸗ dern Tag umhergegangen, wie ein verſcheucht Hinkel, und wußt' mir keinen Rath! Da kam zum guten Glück der Herr Jakob zu mir, und peinigte mich ſo lange, bis ich ihm Alles ſagte. Da ſagte der Herr Jakob, und was er ſagte, war ein wahr Wort, Männchen, ſagt' er, laßt euch doch von einem ſolchen Duckmäuſer, wie der Arnold iſt, nicht zum Betbruder machen; dazu habt ihr Zeit, wenn wir erſt in Amerika ſind. Ich weiß euch was anders, das beſſer iſt. Da iſt der Chriſtian Both von der Eilau, der hat Luſt an euer Haus und Aecker, und bietet ein ſchön Sümmchen, und will mit euerer Erlaubniß ſchon morgen die Hälfte bezahlen, wenn der Kaufbrief ſogleich gemacht wird. Wär' ich da nicht 71 ein Narr geweſen, wenn ich Nein geſagt? Kurz, der Kaufbrief iſt gemacht; ich geh' mit dem Herrn Jakob nach Amerika, und ihr mögt gehen, wohin ihr wollt!“ Wie das der Bernpeter ſagte, und dabei ein feuer⸗ rothes Geſicht bekam, ſo ſtöhnte es hinter den Bettvor⸗ hängen zum Herzbrechen; die thaten ſich auseinander, und des Bernpeters Hausfrau, die Kunigund', ſah mit rothgeweinten Augen hervor, und rief unter lautem Schluchzen:„Nachbarn, da ſeht den Seelenverkäufer, der Weib und Kind in's Elend führen will! Beſchwatzt hat er mich wie einen Schelm, daß ich meinen Namen unter den Kaufbrief geſetzt; ich bin ein dumm Weibs⸗ bild, und kann Geſchriebenes nicht leſen; aber ſo dumm bin ich nicht, daß ich nicht wiſſen ſollte, was dahinter ſteckt. Lauter Schelmerei und Betrug! Der Schultheiß iſt ein Schelm, und der Both iſt ein Schelm, und der Bänderjakob iſt ein Erzſchelm, und der Bern iſt ein Narr, und ich will den ſehen, der mich aus meinem Haus bringt! Von mir kommt's her, nicht von ihm, und ich will nicht fort, und ich will nicht nach Ame⸗ rika, und wenn der Peter fort will, ſo mag er laufen!“ und ein lautes Jammern beſchloß ihre Rede. Als das die Männer hörten, da ſahen ſie ſich ſchweigend an, und Einer ging hinter dem Andern drein zur Stube hinaus. Vor dem Hauſe aber blieben ſie ein Weilchen ſtehen und horchten; denn in der Stube des Bernpeter ging's toll her; es ſchien, als wenn Katzen und Hunde ihre Erbfeindſchaft da drinnen ausföchten; auch ſchien es, als wenn der Bernpeter den Sieg davon trüge, denn man hörte ſein armes Weib nur leiſe wimmern, und der Peter ſprang bald an den Horchenden vorüber, und ſchlug den Weg nach dem Wirthshaus ein. 72 Da mochte denn Jeder der drei Männer ſich ſeine Gedanken machen über das, was er gehört und geſehen; aber es ſprach Keiner ein Wort, und ſchweigend ſchrit⸗ ten ſie dem Herrnhaus zu. Wie ſie eben in's Thor hinein wollten, da traten aus dem Seitengäßchen, das hinter der Herrnſcheuer her führte, mehrere Männer auf ſie zu, und der vorderſte, es war der Naumann aus dem Erlengäßchen, der ſprach zu ihnen:„Ihr Nach⸗ barn, nehmt uns mit hinein zu dem Herrn Arnold, und gönnt uns etwas von dem, was dort geredet wird; wir ſind auch neugierig, und es ſcheint uns nicht Alles geheuer mit dem Jakob da!“ Darob ſtutzten die drei zwar, aber ſie ſagten doch nichts, obgleich ſie innerlich viel dawider hatten, und ſo ging denn der ganze Zug in's Herrnhaus hinein. Der Herr Arnold empfing die Bauern faſt noch freundlicher, denn das Erſtemal; aber er erſchrack faſt, und die Gäſte mit ihm, als hinter dem Letzten auch noch der Ortsdiener Eichmann drein kam. Das wußten Alle, auch der Herr Arnold, daß der um dieſe Tages⸗ zeit nicht ſonderlich bei Sinnen war, und dann gar verkehrt ſprach. Indeſſen hieß auch ihn der Herr Arnold willkommen, und gab ihm ſeinen Sitz, wie den Andern. Und der Ortsdiener ſchien heute Abend nüchtern zu ſeyn. „Ihr möchtet wohl wieder etwas von Amerika hören, ihr Nachbarn,“ hub der Herr Arnold an,„und euer Wunſch freuet mich. Gilt doch das Sprüchwort, „„man ſoll keine Katze im Sack kaufen,““ beſonders von dem Amerika; auch das kennt ihr:„„Vorgethan und nachbedacht, hat Manchen in groß Leid gebracht.““ Es mag unſerm Nachbar Kurz und Meinhardt und 73 Kaiſer da wohl geſchienen haben, als wollt' ich kurz⸗ weg einem Jeden rathen, daheim zu bleiben; aber dem iſt nicht ſo. Dächte ich ſo, dann hätte ich ſelbſt daheim bleiben müſſen. Was ich meinte, das war vielmehr das: Es ſoll Keiner aus ſeinem Vaterland wegziehen, es habe denn ſein Gott und Herr zu ſeinem Entſchluß zuvor Ja und Amen geſagt; denn ohne Gottes Willen kommt Keiner hin, und muß zurück, und ſollte ihn Gott in eines Wallfiſches Bauch zurückbringen, wie den Jonas. Das iſt aber der Wille unſeres Gottes auch hierbei, daß man das Für und Wider wohl überlege. Biſt du ein junger Mann ohne Weib und Kind, haſt du nicht Vater und Mutter, die auf dich warten in ihrem Alter; iſt dir kein Erbgut zugefallen, haſt du aber dafür herzliche Luſt an der Arbeit, und Trieb, dich in der Welt umzuſehen; dann nimm in Gottes Namen dein Bündel auf den Rücken, und ſuche dein Glück in der neuen Welt, die auch des Herrn iſt. Oder haſt du ein Haus voll Söhne und Töchter, alle friſch und geſund, alle gut gezogen, keine Müßiggänger, keine Säufer, keine Buhler drunter, und bekümmert es dich, wie du ſie ernähren und verſorgen ſollſt, und glaubſt du, die Abgaben nicht erſchwingen, und als ein ehrlicher Mann, der Niemand nichts ſchuldig iſt, im Vaterland nicht ferner leben zu können; dann nimm Weib und Kind mit dir, und ſuche dir eine neue Heimath.“ „Aber daß ſie ſo leicht gefunden wird, das glaube Keiner. Unſer Gott im Himmel wußte wohl, warum er dem Menſchen eine ſolche Liebe zu ſeiner Heimath ein⸗ pflanzte; er ſollte mehr ſeyn, denn das Thier, das Vater und Mutter vergißt, wenn es ſich ſelbſt nähren kann. Wäre der Heimathtrieb nicht in uns, es könnte keine Ge⸗ 7⁴ meinde und kein Staat beſtehen, und der Menſch wäre ein Wanderer und Pilgrim in anderem Sinne noch, denn ihn die Schrift ſo nennt. Was die Heimath ſey und der liebe Ort unſerer Kindheit, wo wir zuerſt Gottes Sonne geſchaut, und auf Gottes Flur geſpielt, und Vater und Mutter geliebt haben; das fühlt man erſt recht, wenn's heißt:„O du Deutſchland, ich muß reiſen!! Wenn da ein Fremdling kommt, und zieht in's gewohnte, liebe Haus hinein; wenn da Kiſten und Kaſten aufgeladen ſind, und die Pferde doch noch ſtehen, eine und zwo Stunden, und aus allen Häuſern noch die Nachbarn kommen, und die Hand zum Abſchied, zum Abſchied auf Nimmerwiederſehen in dieſem Leben, reichen; wenn die alte Mutter, die nicht mit will, an des Sohnes Hals hängt, oder der Jüngling der Ge⸗ liebten ſeiner Jugend, die nicht folgen darf, ein thrä⸗ nenreiches Lebewohl ſagt; da möcht' ich den ſehen, der nicht zurückginge, wenn's noch möglich wäre! O, wenn ich euch Langenfelder jubeln und die Heimath verwün⸗ ſchen höre, dann iſt's mir, als wär' ich nicht unter Chriſtenmenſchen. Der Branntwein hilft über das Ab⸗ ſchiedsſtündlein wohl Manchem weg; aber das Heim⸗ weh hat er, möcht' ich ſagen, in ſeine Kaſten mit ein⸗ gepackt; es bleibt bei ihm.“ „Wir wohnen weit von der See weg; iſt alſo bis an's Waſſer ſchon eine mühſame, koſtſpielige Reiſe. Bis ihr nun im Schiffe ſeyd, das euch der neuen Hei⸗ math entgegenbringen ſoll, da habt ihr Hunderte von Plackereien zu ertragen. Allein könnt ihr euch nicht helfen; ihr müßt euch an Makler und Unterhändler wenden; die betrügen euch, ihr mögt euch ſtellen, wie ihr wollt; die nöthigen euch eine Menge ſchlechter Dinge 75 auf, und verſichern euch, ohne die könntet ihr nicht geſund hinüber kommen. Die verkaufen euch vielleicht an einen gottloſen Schiffskapitain, denn ſolcher Schur⸗ ken gibt es auch, der euch nicht ſatt zu eſſen und zu trinken gibt, deſſen Sprache ihr nicht verſteht, der euch in einer ganz andern Stadt an's Land ſetzt, als wohin ihr gewollt. Da könnte ich euch Hunderte der ſchreck⸗ lichſten Beiſpiele erzählen, wenn's die Zeit erlaubte.— Und vor Allem, wie ſteht's mit dem Beutel? wenn's jetzt noch Zeit iſt, zwiſchen Waſſer und Himmel daran zu denken. Es hat mancher Auswanderer auch in die⸗ ſem Stück die Rechnung vor dem Wirth gemacht, und hat umkehren müſſen, von wannen er gekommen, oder iſt als ein Bettler an das erſehnte Land geſetzt worden. Und ſo fürcht' ich, wird's manchem Langenfelder gehen, wenn's wirklich zur Auswanderung kommt. Was ich täglich vom Verkauf der Häuſer und Güter höre, das überzeugt mich mehr und mehr, daß ſchlechte Rathgeber die Hand im Spiel haben; denn wie Blinde ſtürzen ſie ſich Alle in Einen Abgrund, und der heißt:„Herr Jakob!“ Da ſen ſich die Langenfelder an mit ſonderba⸗ ren Blicken, und murmelten etwas vor ſich hin, und ſahen ſich wieder an; aber Keiner ſagte ein Wort. „Meinet nur nicht, ihr Nachbarn,“ fuhr da der Herr Arnold fort,„ich wollte euch mit Verläumdungen über einen unſerer Nebenmenſchen hier unterhalten; aber ich wäre kein ehrlicher Mann, wenn ich euch nicht die Au⸗ gen öffnete. Was Herr Jakob will, das weiß ich bis jetzt noch nicht, was er aber thut, das ſehe ich, und das würdet auch ihr ſehen, wenn ihr nicht ganz ver⸗ blendet wäret; er beſtiehlt euch täglich, und ihr ſelbſt 76 macht ihm die Thuͤre dazu auf, daß er's recht bequem habe, und helft ihm dabei. Warum iſt, frag' ich, der Herr Jakob euer Einnehmer, könnt ihr nicht ſelbſt eure Reiſegelder aufheben, oder ſie in treuere Hände legen, wenn ihr euch ſelbſt nicht traut?“— Da ſahen ſich die Langenfelder wieder an, und wurden noch unruhi⸗ ger auf ihren Stühlen, und Etliche kratzten ſich hinter den Ohren, warum? das wußten ſie ſelbſt am beßten; aber es ſprach dennoch Keiner ein Wort. Hätten ſie ſich unter einander getraut, ich glaube, ſie wären mit der Farbe herausgerückt. Vielleicht auch mochten ſie des Werners wegen nicht reden, der eben eingetreten war, und auf ſeines Herrn Wink einen Sitz genommen hatte. Dem Werner traute Keiner, und doch war der Werner ein Ehrenmann. Wäre er der nicht geweſen, ſo hätten ſie ihn wohl gelobt. Unſer Herr, der wußte, was in dem Menſchen war, muß wohl alle treuen Haushalter im Auge gehabt haben, wenn er ſpricht; „Wehe euch, wenn euch Jedermann wohl redet!“ „Nun,“ fuhr Herr Arnold fort,„geſetzt, ihr wä⸗ ret zu Schiffe gegangen, hättet zur Ueberfahrt Geld, und auch noch etwas drüber, wäret beim Einſchiffen in redliche Hände gefallen, und ſchwebtet jetzt auf dem Schifflein dem gelobten Lande eurer Wünſche zuz mei⸗ net nicht, daß man das andere Ufer ſo bald erblicke, auch nicht, daß auf dem Schiffe fahren etwas ſo Leich⸗ tes ſey. Das dachte ſich Mancher ſchon gar luſtig, wenn er ſo zwei, auch drei Monate die Hände in den Schvoß legen könne, und für ſein Geld täglich ſeine Nahrung empfange. Ach, dem iſt die Luſtigkeit ſchnell vergangen! Auf dem Waſſer gibt's noch andere Stöße, denn auf den ſchlechten Wegen um Langenfeld her. ——————— ———— 77 Auch bei dem klarſten Wetter ſteht das Schiff keinen Augenblick ruhig, und der Landbewohner, der es zum erſtenmal betritt, taumelt beſtändig wie ein Betrunkner umher, und kann ſich nirgends halten, und wird von den Matroſen in ſeiner Angſt noch ausgelacht, die wie die Katzen allezeit auf ihren Füßen ſtehen, und dazu noch wie die Eichhörnchen den Maſten und Seilen hin⸗ auf laufen. Durch das Schaukeln des Schiffes wird aber noch ein anderer Feind wach, die Seekrankheit, der nicht leicht Einer entgeht. Da wird's den Men⸗ ſchen zum Sterben wehe; da können ſie ſich nicht auf den Beinen halten, und liegen darum, wo ſie liegen, und haben einen Abſcheu vor aller Nahrung, und wenn man ihnen Leckerbiſſen aus eines Königs Küche böte. Die Krankheit geht nun zwar nach etlichen Tagen vor⸗ uber, aber die Reiſe damit nicht. Schon iſt man einen WMonat auf der See, und noch will ſich kein Land zeigen. Nichts als Himmel und Waſſer, ſoweit man ſehen kann. Kein Vogel am Himmel, nur manchmal in der See ein Fiſch, und der erſcheint wie dem Sterbenden der Todtengräber; der folgt dem Schiff nach, wie das böſe Gewiſſen dem Sünder, und wartet, bis ein Menſch ſtirbt und hinabgeſenkt werden muß in's naſſe Grab. Und daß Einer ſterbe, iſt auf den Schiffen gerade nichts Seltenes, und weiß auch der Chriſt das Troſtſprüchlein wohl:„Sterben wir, ſo ſterben wir dem Herrn, und ob wir leben oder ſterben, ſo ſind wir des Herrn,“ ſo möchte doch Jeder lieber, daß ſein Gebein ruhe unter dem grünen Raſen, denn daß es verweſe in eines Fi⸗ ſches Bauch.“ „Aber die See hat noch andere Gefahren. Räu⸗ ber braucht man jetzt nicht mehr zu fürchten, wie zu 78 unſerer Väter Zeit, die den Auswanderer wohl nackt und bloß an die Ungläubigen verkauften; aber die See ſelbſt iſt der Räuber. Was die ſchon all' geraubt hat, und da drunten in ihren Tiefen verkrgt, und drüber ſitzt, wie der Geizhals über ſeinen Kaſten, das dürfte leicht aller Könige Schätze überwiegen. Und faſt an jedem Schifflein klopft und rüttelt und hämmert ſie, und möchte auch das, wie der ewige Nimmerſatt, in ihren Rachen. Wenn ſo ein Sturm ausbricht, und der Wind die Wellen aufwühlt, daß ſie über das Verdeck wegfahren, und das Schifflein mit ſeinen bebenden Be⸗ wohnern bald wie eine Nußſchaale thurmhoch gehoben, bald wie in einen Brunnen hinabgeſenkt wird; wenn das Waſſer zu allen Fenſtern und Fugen eindringt, die Maſten wie Strohhalmen zerknicken, und das Schiff ächzet und ſtöhnt, daß man von Minute zu Minute meint, es breche auseinander, o wer da nicht mit Paulo bekennen kann:„Chriſtus iſt mein Leben und Ster⸗ ben mein Gewinn;“ der ſtirbt eines hundertfachen Todes.“ Und nicht immer kann der Geretteten Dank⸗ lied den Unbegreiflichen preiſen mit den Worten des Pſalms:„Er ſchickte aus von der Höhe und holete mich, und zog mich aus großen Waſſern“, gar oft übertäubt auch der Sturm die letzten Seufzer der Er⸗ rrinkenden, und Ein großes, naſſes Grab faßt ſie Alle in ſich, und es kommt Keiner heim, um über die Ver⸗ lorenen zu weinen.“— Und wie der Herr Arnold das ſprach, und den Langenfeldern das Herz in der Bruſt ſchlug; da ſahen ſie, wie der Mann weiß ward im Angeſicht, einer Leiche ähnlich, und wie die Thrä⸗ nen ihm über die blaſſen Wangen liefen, in großen, heißen Tropfen, und wie er die Hände rang. Dann 79 aber ward er ſchnell ruhig und ſprach vor ſich hin: „Herr, dein Wille geſchehe!“ Da ward es ſtill, wie im Gotteshaus, und in jedem Herzen ſprach's:„Herr, dein Wille geſchehe!“ Und als des Nachtwächters Lied verklungen:„Und lobet Gott den Herrn!“ da reichte Einer nach dem Andern dem Herrn Arnold die Hand und ging heim.— Warum der Herr Arnold wenig lachte, und warum ſeine Wange ſo blaß, das wußten ſie nun; aber das wußten ſie noch nicht, wie ein gläubig Herz mit dem Apoſtel ſprechen könne:„Wir rühmen uns der Trüb⸗ ſal, weil wir wiſſen, daß Trübſal Geduld bringt; Ge⸗ duld bringet Erfahrung, Erfahrung bringet Hoffnung, und Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden.“ 13. Sehet mich an⸗ ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt, und habe großen Troſt gefunden. Sirach 51, 35. Als es nun wieder Abend ward, und im Stern⸗ wirthshaus um den Herrn Jakob her die Stammgäſte ſaßen, der lange Ulrich und der Henrich Marr und der Müllerkurd und der Heckenjakob und der Fröbel, und wie ſie Alle heißen mochten, die Schnappsbrüder; da er⸗ zählte ihnen der Wunderdinge von Amerika, und wie ſie es bald ſo gut dort haben würden, und wie die Ar⸗ beit dort der Rede nicht werth ſey, und wie nun die Er⸗ laubniß zur Auswanderung mit jedem Tag zu erwar⸗ ten ſtünde.— Und als es wieder Abend ward, und die Männer im Wirthshaus ſaßen, da brachte die Eliſabeth, des Golſers Hausfrau, ihre Kinder halb mit Bitte, halb mit Drohung in's Bett; denn die Kleinen riefen nach 80 — Brod, und es war kein's im ganzen Hauſe, und die heißen Thränen rollten über ihre abgehärmten Wangen, als ſie mit ihnen zum lieben Gott betete, der die jun⸗ gen Raben nicht verſchmachten läßt.— Und als es wieder Abend ward, und des Herrn Arnolds Tagwerk vollbracht war, und das Feuer in ſeinem Ofen eine lieb⸗ liche Wärme in der Stube verbreitete, und es immer behaglicher ward und immer friedlicher; da kam Einer nach dem Andern von denen, die geſtern da geweſen; da war Keiner ausgeblieben. Auch der Ortsdiener kam wieder, und war wieder nuͤchtern, daß ſich Alle darüber im Stillen wunderten. „Heute Abend,“ hub da Herr Arnold an,„wollen wir das Schiff mit deutſchen Auswanderern im Hafen des neuen Landes einlaufen ſehen, und dann ſeine Mann⸗ ſchaft an's Land begleiten. Seht, wie auf den Ruf: „Land!“„Land!“ der vom Maſtkorb erſchallt, Alles auf's Verdeck läuft, wie man die Kranken und Schwachen der Schiffstreppe hinauf führt, damit ſie ſich am längſt⸗ erſehnten Anblick laben! Sie achten nicht mehr der Schiffe, die nun auf allen Seiten an ihnen vorübergleiten, ihr Blick iſt auf den fernen Punkt gerichtet, der von Minute zu Minute ſich zu vergrößern ſcheint. Noch wenige Stun⸗ den banger Erwartung, und der Anker fällt in den Grund, und die Kanonen im Hafen begrüßen das Schiff, und „willkommen!“ ruft's vom Land aus den Schiffern ent⸗ gegen. Aber von dem„Willkomm“ gilt nichts den Ein⸗ gewanderten, die kennt Niemand; um die kümmert ſich Niemand; die Sprache der Amerikaner verſtehen ſie nicht. Sie fragen nach Landsleuten. Man weiſt ſie an Ar⸗ beiter im Hafen, denen der Kummer auf dem Angeſicht geſchrieben ſteht, und die geben kurze Antwort. Wie 81 — ſie noch rathlos ſtehen in Mitte ihrer Kiſten und Hab⸗ ſeligkeiten, die man an's Ufer hingelegt hat, und Weib und Kind immer ängſtlicher nach einem Obdach fragen, da naht ſich ein Landsmann, den Geſchäfte nach dem Hafen getrieben, und den der lieben Deutſchen Verlegen⸗ heit rührt. Er fragt ſie nach Heimath und Vorhaben. Sie wollen Land kaufen und Ackerleute werden, ſo geben ſie zur Antwort.„Dann müßt ihr weiter gehen,“ ſpricht er,„auf hundert Stunden in die Runde iſt kein Plätz⸗ chen fur euch, hier gilt das Land zehnmal ſo viel, als bei euch zu Hauſe. Miethet euch nur bald in's Dampf⸗ ſchiff ein; neunhundert Meilen von hier iſt gutes Land; dahin geht, und Gott ſey mit euch!“„Neunhundert Meilen!“ ruft der Auswanderer und hebt die Hände zum Himmel,„Gott, was ſoll aus uns werden!“— Die Antwort wird ſchnell gegeben.„Könnt ihr ein Handwerk?“ ruft da ein reichgekleideter Landsmann. „Verſtehen eure Söhne mit Pferden umzugehen und ſind ſie keine Trinker?“ fragt da ein Zweiter.„Ich gebe dem Mägdlein da drei Thaler die Woche, wenn mir's treu dient!“ ruft da eine Dame.„Und ich nehme die Große da in Dienſt, wenn ſie will; ſie ſoll guten Lohn haben!“ ſagt eine andere Frau von Stand. Ehe eine Stunde vergeht, iſt die ganze Familie verſorgt; denn man ſucht in Amerika den fleißigen Deutſchen, und ge⸗ winnt ihn in ſeinen Dienſt, ehe er das Land kennt, und weiß, wie drüben alle Hände zu brauchen ſind.— Und kaum iſt der Deutſche einige Wochen in dem neuen Land, da gehen ihm erſt recht die Augen auf Er ſieht, wie ein reiches, prächtiges Land das Amerika iſt, aber er ſieht auch, daß es drinnen iſt, wie in einem Ameiſen⸗ haufen, wo jedes Thierlein ſeine Geſchäfte hat. Er ſieht, 6 82 wie ein Jeder vom Morgen, bis in die Nacht ſchafft und ſich müht und erwirbt, wie Faulenzer und Bettler und Trunkenbolde beinah nicht zu ſehen ſind, wie der Sonn⸗ tag heilig gehalten wird, die Kirchen bis zum Drücken voll ſind, und ein anſtändiges, feines Volk in dem Land lebt, gemiſcht aus allen Nationen, die unter dem Him⸗ mel ſind. Dazu iſt das Volk ein freies Volk; hat we⸗ der Fürſten, noch viel Soldaten; aber ein Geſetz hat's dennoch, und wer das übertritt, der wird derb gezüch⸗ tigt. Und noch ſchärfer, als das Geſetz, züchtigt die Mei⸗ nung des Volkes, und Unehrliche und Diebe und Brannt⸗ weinſäufer und Kirchenverächter ſtößt man aus, wie das Quellwaſſer den Schmutz, und ſie müſſen andere Men⸗ ſchen werden, ſonſt iſt ihres Bleibens nicht in dem Lande.— Hat das der fleißige Deutſche ſo etliche Jahre mit angeſehen, hat er gelernt des Landes Sitte und des Landes Sprache, hat er oft mit Sehnſucht den Zügen ſeiner wohlſtehenden Landsleute nachgeblickt, die hinaus⸗ zogen in's weite, breite Land und dort ihr Glück geſucht; dann ruft er die Seinen zuſammen, und ſie überzählen ihr verdientes Geld, und dann heißt's auch bei ihnen: „Wohlauf nach Weſten!“ Da wird denn die Habe auf ein Dampfſchiff gebracht, von denen Hunderte die Flüſſe befahren, Flüſſe ganzer Stunden breit; und nun geht's in die Wälder hinein, neunhundert und mehr Meilen weit. Dort, wo noch vor wenigen Jahren der Wilde gewohnt, wo Wälder und Wieſen in nie geſehener Pracht liegen, dort wird um ein geringes Geld ein ſchönes Stück Land gekauft. Gilt aber je das Sprüchwort:„Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brot eſſen,“ ſo gilt es dem Farmer, wie der Bauer dort heißt. Mit eigner Hand und mit ſeiner Kinder Hülfe muß er den 8* Wald umhauen und ſein Haus erbauen; muß den Bo⸗ den, der nie einen Pflug geſehen, von Dorn und Un⸗ kraut ſäubern, und nun auf Hoffnung die erſte Saat⸗ frucht ausſtreuen. Da iſt auch oft auf lange noch der Mangel ſein Begleiter, und die Früchte des Waldes und die Thiere des Feldes müſſen oft ſeine Nahrung ſeyn, bis der fette Boden ſein reichliches Gewächs ge⸗ geben hat. Dazu muß er ſein eigner Zimmermann und Schuhmacher und Wagner und Schneider ſeyn, und ſieht oft auf Monate kein fremdes Geſicht in ſeiner Nähe. Aber es beunruhigt ihn auch Niemand; ſeine Thüre braucht er nicht zu verſchließen, und für ſein Eigenthum nicht zu fürchten. Fünf Jahre iſt er von allen Steuern frei, und ſeine Söhne werden nicht als Soldaten begehrt. Wenn aber ein Feind das Land bedroht, dann hat ſich Jeder zu ſtellen, und wo ein Weg zu bauen iſt, da muß Jeder mithelfen, ob er daheim ein Bauer oder ein Graf geweſen; denn dort gilt Einer wie der Andere. Sind dann die erſten Jahre der Mühe vorüber, dann kommt Ueberfluß in's Haus, und ſitzt dem Farmer anders das Herz auf dem rechten Fleck, iſt er gottſelig und begnüg⸗ ſam, ſo kann er mit David ſagen:„Mir iſt das Loos auf's Lieblichſte gefallen, mir iſt ein ſchön Erbtheil ge⸗ worden.“ Eines nur fehlte ihm, was er hier zu Land hatte, und doch oft ſo wenig achtete, Kirche und Schule. Da muß denn Jeder, nach der Gabe, die ihm verliehen iſt, ſein eigner Prieſter ſeynz und ſo ſteht denn manches Farmerhaus als Kirchlein Gottes mitten im Walde. Keine Glocke läutet da den Sonntag an, und doch ruhen die Hände von der Arbeit, und das Wort Gottes liegt aufgeſchlagen den ganzen Tag, und zu des Herrn Wohl⸗ 81 gefallen tönt auch dort zum Himmel auf:„Wer nur den lieben Gott läßt walten.“ Wie der Herr Arnold ſo ſprach, und Allen das Herz weit ward, die zuhörten, da ſaß der Ortsdiener da, als wäre er weit weg mit ſeinen Gedanken, und die Thrä⸗ nen floßen ihm über die Backen; er konnte ſie nicht mehr halten. Und als Herr Arnold ihn freundlich fragte, was ihn betrübe? da ward der Ortsdiener ſo weich wie ein Kind, und weinte, daß es zum Erbarmen war, und rief einmal über das Anderemal:„O mein Lorenz, mein Lorenz!“ „Wiſſet,“ ſprach da der Naumann,„der Ortsdie⸗ ner denkt an ſeinen Lorenz. Es ſind jetzt 25 Jahre, es denkt mir noch, als wär' es heute, da iſt des Eichmanns Lorenz von Langenfeld in die Fremde gegangen und nicht wiedergekommen. Dann hat er geſchrieben aus Amerika, wie vielmal weiß ich faſt nicht, und hat Geld geſchickt, denn es ging ihm wohl, und Vater und Mutter und ſeinen Schwager mit ſeinem ganzen Haus zu ſich ein⸗ geladen.“ Ja ſo iſts,“ hub da der Ortsdiener an, der ſich wieder geſammelt hatte;„der Junge hat Alles gethan, was er thun konnte, und uns wiederholt zu ſich haben wollen; aber wer mochte aus Langenfeld weg, als es noch andere Zeit war? Jetzt wär' ich gerne bei meinem Lorenz, jetzt ſähe ich ihn gerne noch einmal wieder; denn ich bin ein alter Mann, und habe nur noch wenig vor mir. Wie ihr nun von Amerika ſprachet, und ſo ſchön erzähltet, wie der liebe Gott dort den Fleißigen und Guten ſo wohl thue, da war mir's, als müßt' ich hin⸗ über zu meinem Lorenz, dem's auch gut geht. Aber wer weiß, ob er noch lebt; weil ihm Niemand, was 85 auch nicht recht war, auf ſeine Briefe Antwort gab, da hat er das Schreiben ſeyn laſſen. Jetzt möcht' ich wiſ⸗ ſen, wie es ihm geht, jetzt möcht' ich zu ihm; aber wer giebt mir das Geld dazu und zeigt mir den Weg?“ „Nun,“ ſprach er plötzlich gefaßt,„ich bin auch nicht werth, mein Kind wieder zu ſehen, und ſo mag's denn Gott mit meinem Lorenz gut, und mit mir gnädig machen!“ 14. Des Cbriſten Herz auf Roſen geht, Zumal wenn's unter'm Kreuze ſteht.— Ich habe ſchon manchmal die Erfahrung gemacht, und gewiß auch du, lieber Leſer, mit mir, wenn das Herz recht voll war von einem ſchönen, heiligen Gedan⸗ ken, daß dann gewiß ein Gedanke hinein wollte, der ge⸗ rade das Gegentheil war und nicht hineingehörte. Auch iſt das gewiß, wenn zween Gleichgeſinnte mit einander traulich reden, und ihre Gefühle und Erlebniſſe ſich mit⸗ theilen, und ſo recht fröhlich im Geiſte ſind, daß dann irgend ein Tollpatſch zwiſchen ſie fährt, und verdirbt ihnen mit ſeinen rohen Reden die ganze Freude. So ging es auch den Langenfeldern bei'm Abendgeſpräch im Hauſe des Herrn Arnold. Sie wollten noch Vieles fra⸗ gen, und der Herr Arnold noch Vieles ſagen, da hörte man draußen auf der Straße vor dem Herrnhaus ein Geſchrei, als wenn das ganze Dorf im Brand ſtünde.— Wie nämlich die Amerikaner, wie ſie ſich ſelbſt gerne nannten, um den Herrn Jakob herſaßen, da kam der Bernpeter jauchzend herein geſprungen, und zeigte ein Schreiben, das er an den Schultheiß aus der Stadt mitgebracht, und das dahin lautete,„daß den Langen⸗ 86 feldern hiermit die Erlaubniß zur Auswanderung gege⸗ ben werde, daß aber das Gemeindegut unverkauft blei⸗ ben ſolle, weil nicht die ganze Gemeinde, ſondern nur ein Theil ſich zur Auswanderung entſchloſſen hätte.“ Das war nun zwar ein kleiner Strich durch die Rech⸗ nung; aber in dieſem Augenblick war ihnen Alles einer⸗ lei, konnten ſie doch jetzt gehen, wann ſie wollten. So⸗ gleich liefen Etliche von Haus zu Haus mit der Freu⸗ denbotſchaft, und ehe eine Viertelſtunde vergangen war, wimmelte es in der Schenke wie in einem Ameiſenhau⸗ fen, nur daß es nicht ſo nüchtern und ordentlich her⸗ ging, wie unter dieſem fleißigen Völkchen. Der Herr Jakob ließ auftragen, was der Sternwirth an Geträn⸗ ken in ſeinem Keller hatte, und da hieß es denn:„Herz was begehrſt du?“ Da wurden Brüderſchaften gemacht auf Leben und Tod, da wurden Streitigkeiten geſchlich⸗ tet, die kein Richter mit zween Advokaten hatte zu Ende bringen können; da lagen ſich die Haſſer und Neider einander in den Armen und baten ſich alles angethane Unrecht ab, und als die Rührung der Herzen am höch⸗ ſten ſtieg, ſetzten ſie den Herrn Jakob auf die Schultern, und trugen ihn unter dem Geſang:„Ein freies Leben führen wir, ein Leben voller Wonne!“ nach Hauſe. Aber damit war noch keine Ruhe in den Herzen; die Amerikaner beſchloſſen, auch dem Arnold und ſeinen Gäſten einen rechten Schimpf anzuthun, und rückten darum vor das Herrnhaus, indem ſie Spottlieder ſan⸗ gen auf die Stubenhocker da oben. Die ergrimmten darüber ſehr, und hätte ſie der Herr Arnold nicht be⸗ gütigt und abgehalten, es hätte blutige Köpfe an die⸗ ſem Abend in Langenfeld genug gegeben. Was iſt doch für ein großer Unterſchied zwiſchen 87 Freude und Freude! Auch da gilt des Herrn Wort: „An ihren Früchten ſollt ihr ſie erkennen.“ Wenn die Weltmenſchen ſo recht froh ſind, dann reden und thun ſie, daß den Stillen bange wird, und während ſie die ganze Welt zu lieben ſcheinen, ſind ſie ihre und aller Guten Feinde. Wir leſen auch von einer großen Freude in der heil. Schrift, die muß aber eine andere Quelle gehabt haben, denn die Freude der Langenfelder an je⸗ nem Abend, denn ſie hatte andere Früchte.„Die Menge der Gläubigen,“ heißt es in der Apoſtelgeſchichte, „war Ein Herz und Eine Seele, und Keiner ſagte von von ſeinen Gütern, daß ſie ſein wären, ſondern es war ihnen Alles gemein. Und der Herr that hinzu täglich, die da ſelig wurden, zu der Gemeinde.“ Solche, die nach ihrer Meinung ſelig wurden, gab's nun täglich in Langenfeld immer Mehrere. Fremde gingen aus und ein, Juden und Spekulanten zogen ſtraßauf, ſtraßab, und es war ein Feilſchen und Han⸗ deln, ein Verkaufen und Rüſten, daß man hätte mei⸗ nen ſollen, jede Stunde ſey den Amerikanern läſtig, die ſie noch auf deutſchem Boden zubringen müßten. Aber zwiſchen dem Handeln und Freuen gab's in den Häu⸗ ſern und auf den Straßen manches Herzeleid, das grell abſtach gegen die hellen Farben der Luſt. Mehrere Wei⸗ ber und Kinder wollten durchaus nicht mit nach Ame⸗ rika, und da gute Worte nicht zu helfen ſchienen, den ſtarren Willen zu beugen, ſo gab's auch viel böſe Worte und böſe Thaten. Zu den Widerſpänſtigen, wie man ſie hieß, gehörte auch die Eliſabeth, des Golſers Haus⸗ frau. Was nur Menſchenkraft vermag, das hatte die aufgeboten, ihren Mann auf andere Gedanken zu brin⸗ gen; aber es war vergeblich. Unter Mißhandlungen 88 war ſie gezwungen worden, ihre Einwilligung zum Ver⸗ kauf des Häuschens zu geben; aber ſie gelobte ſich, lie⸗ ber für ihre Kinder betteln zu gehen, denn daß ſie ihrem verdorbenen Manne in die Ferne folge. Dem war das eben recht, und mit ſichtlicher Freude ſtrich er die erlöſte Summe ein und trug ſie zu Herrn Jakob. Da brach das Herz der Eliſabeth, und einer Todten ähnlich, ſank ſie auf ihr Lager. Gertrud weinte, und bat die Mut⸗ ter, ſich zu ſammeln und auf Gott zu vertrauen, ſchmei⸗ chelnd hingen ſich die Kleinen an ihren Hals. Sie ſchien es nicht zu ſehen und zu fühlen; ſtumm, und den Blick ſtarr an die Decke gerichtet, lag ſie da. Von Minute zu Minute ward es der Gertrud ängſtlicher; der Abend brach an, und noch immer lag die Mutter da und ein kalter Schweiß bebeckte ihre Stirne. Da ſtand Gertrud, die lange mit ſich gekämpft zu haben ſchien, ſchnell von ihrem Sitz am Bette der Mutter auf, öffnete haſtig die Thüre, und nach wenigen Minuten ſtand ſie athemlos und keines Wortes fähig, vor Herrn Arnold. Der ſah erſchrocken in des Mädchens Angeſicht, und fragte ſie nach ihrem Kummer, und erſt als er ſie zum Sitzen genöthigt, ſie freundlich bei der Hand gefaßt, und wie ein Vater ſie gefragt hatte:„Liebe Gertrud, was fehlt dir?“ da floſſen aus der Gertrud ſtarren Augen die erſten Thränen, und ihr Mund öffnete ſich zu dem Ruf: „Helft, helft, meine Mutter ſtirbt!“„Das wolle Gott verhüten!“ rief Herr Arnold, und mit größter Schnel⸗ ligkeit ein Fläſchchen mit ſtärkenden Tropfen aus dem Wandſchrank nehmend, folgte er der eilenden Gertrud nach in's Häuschen des Golſer.— Noch lag die Mut⸗ ter in demſelben Zuſtand. Da bog ſich, die Hand auf ihre Stirne legend, der Herr Arnold über ſie hin und 89 ſprach nur das eine Wort:„Eliſabeth!“ Auf das Wort ſah das Weib empor, ſtarrte erſchrocken den Ar⸗ nold an, und ſank dann wieder zurück. Aber der Ar⸗ nold hob ihr ſanft das Haupt wieder empor, und mit einem Löffelchen, das ihm Gertrud reichen mußte, flößte er ihr einige Tropfen aus dem Fläſchchen ein. Die mußten ſchnell ihre Wirkung geäußert haben, denn ſtatt des kalten Schweißes trat auf die Stirne der Kranken ein warmer ein, und nach wenigen Minuten hörte man ſie ruhig athmen wie im ſanften Schlaf. „Nun wird's wohl gut werden mit Gottes Hülfe,“ ſprach der Herr Arnold, und dann ſich zu Gertrud wen⸗ dend, ſagte er:„Gertrud, der Herr prüft euch hart; aber haltet ihm getroſt ſtille, und murret nicht wider ſein unbegreiflich Thun. Noch hat er euch nicht mehr auferlegt, als ihr tragen könnt; bleibt nur im Herzen treu und fromm, und haltet euch recht; denn ſolchen wird es zuletzt wohl gehen. Wenn die Mutter erwacht, ſo ſag' ihr von meinetwegen, ſie ſolle ohne Sorge ſein, und dem Herrn ihr Schickſal befehlen, ſo lange ich lebe, ſolle ſie keinen Mangel leiden. Aber bei ihrem Vorſatz ſolle ſie beharren und in Langenfeld bleiben, und den Golſer ziehen laſſen, wenn er durchaus ſo wolle.“ „Und du, Gertrud, halte es nicht für einen Fluch, daß deine Jugend ſchon ſo ſchwer und freudlos iſt, und meine nicht, du dürfteſt des Herrn Hand loslaſſen, weil ſie ſo ſchwer auf dir ruht. Was der Herr jetzt an dir thut, das weißt du nicht und kannſt es nicht verſtehen; aber warte nur getroſt, wenn das Stündlein der Prü⸗ fung vorüber iſt, dann lernſt du den Herrn auch für das Leid deiner Jugend preiſen; denn er wird Großes auch an dir thun über Bitten und Verſtehen. Jeremias 90 ſagt:„Es iſt ein köſtlich Ding einem Menſchen, daß er das Joch in ſeiner Jugend trage.“ Da weinte Ger⸗ trud, aber ihre Thränen waren neue Gelübde dem Herrn, und Dankesthränen, die ihrem Freund und Wohlthäter galten. Und unter ihrer Gertrud Küſſen erwachte Eliſa⸗ beth, und die Krankheit des Leibes war vorüber, und der Zweifel im Herzen war verſchwunden, und durch den Nebel der Sorge brach das Licht:„Ich weiß, an wen ich glaube.“— 15. Ein Kapitel, in welchem erzählt wird, wer Recht behielt, und in welchem Sinne des Bänderjakobs Frau das Wort gemeint: Wer zuletzt lacht, der lacht am Beßten. Die Unvorſichtigen in Langenfeld hatten ihre Häu⸗ ſer und Güter verkauft, die Vorſichtigen wollten es aber damit bis zur beſtimmten Zeit der Abreiſe bewenden laſ⸗ ſen. Alle aber hatten die Kiſten und Kaſten ſchon auf dem Speicher ſtehen, in denen die Habſeligkeiten ſollten verwahrt werden; Manche hatten auch ſogar ſchon die Wagen gerüſtet, die ſie bis Bremen führen ſollten, und gaben dem Klepper täglich etwas Futter mehr, damit der die weite Reiſe ertragen könne. Um nun ganz ſicher zu gehen, ſo beſchloſſen die Auswanderer, Einen aus ihrer Mitte nach Bremen zu ſenden, damit der ein Schiff ausmache, und Alles zur baldigen Abreiſe ſchicke. Ob der Plan von dem Herrn Jakob ausging oder nicht, das wiſſen wir nicht; aber das wiſſen wir, daß er dazu auserwählt ward, den Auftrag ſehr gern übernahm, zuvor ſein Haus und ſeine Aecker gut verkaufte, und in längſtens drei Wochen wieder da zu ſeyn verſprach. 9¹ Die Langenfelder vertrieben ſich derweilen die Zeit, ſo gut es ging. Der Frühling war gekommen und war ein ſchöner, baldiger Frühling, und es ſaß ſich ſchon ganz behaglich im warmen Sonnenſchein bei'm Käsper⸗ chen im Garten. Auch gab's allerlei Kurzweil, wenn ein Auswanderer einen Juden mit einem Stück Haus⸗ rath glaubte angeführt zu haben, oder wenn der Herr Arnold wieder etwas geſagt und gethan, was nach den Begriffen der Amerikaner ſo eine rechte deutſche Dummheit war. Aber der größte Spaß war es, wenn an Käsperchens Garten vorbei die Ackerleute in's Feld fuhren, um die Aecker für die Sommerfrucht zu beſtel⸗ len. Daß ſie das in dieſem Jahre nicht brauchten, daß ihre Erndte in Amerika bereits reife, das war den Amerikanern ein ſolch ſeliges Gefühl, daß ſie Keinen der armen Bauern konnten ungeneckt vorüber gehen laſſen.— Auch der Chriſtine, des Jakobs Hausfrau, mochte bald nach ihres Mannes Abreiſe die Zeit in Langenfeld lang werden; denn ſie war auf einige Tage nach der Stadt gegangen, um noch Einiges zur Ab⸗ reiſe einzukaufen und etliche Ausſtände einzukaſſiren. Ihr Ladenbübchen hatte ſie bei ihrer Mutter in die Koſt gegeben, und die Magd, die von Außen her war, nach Hauſe gehen laſſen. So waren die drei Wochen hingegangen, die der Herr Jakob ſich ſelbſt zur Hin- und Herreiſe beſtimmt, und man erwartete ihn täglich. Es fiel auch Niemand auf, daß die Chriſtine noch nicht zurückgekehrt ſey; denn das Ladenbübchen gab Kaffee und Zucker, wie frü⸗ her, und auch an den übrigen Waaren war kein Man⸗ gel. Aber die Schultheißin ging, ſeit länger als acht Tagen, wie ein Schatten umher. Sie war in der 92 Stadt geweſen, und hatte bei allen Bekannten nach der Chriſtine gefragt; aber Niemand hatte ſie geſehen. Der Schultheißin mußten darüber allerlei Gedanken durch den Kopf gehen, denn ihre Angſt ſtieg von Tag zu Tag, und doch wagte ſie nicht, Einem ihr Herz aufzuſchließen. Aber es ward bald mit Gewalt aufge⸗ ſchloſſen. Die Amerikaner kamen, nachdem ein Monat ſeit des Jakobs Abreiſe vergangen war, Stunde für Stunde gelaufen, und wollten wiſſen, wo der Jakob bliebe und warum die Chriſtine noch nicht zurückgekehrt ſey? Und wann die geängſtigte Frau Einen beſchwich⸗ tigt hatte, ſo kam ein Anderer, und die Leute wurden immer dringender und ungeſtümer, und man ſah es ihnen an, daß eine fürchterliche Ahnung in ihnen auf⸗ ſtieg, die ſie aber nicht ausſprechen wollten. Als die Schultheißin eben wieder Etliche mit Vertröſtungen ab⸗ geſpeiſt, und ſie mit ihrem Manne allein war, und die Angſt ihrer Seele den höchſten Grad erreicht hatte; da ſprach ſie, mit den Zähnen klappernd von innerer Aufregung:„Barthel, mir ahnt nichts Gutes; gieb Acht, der Jakob iſt mit der Chriſtine auf und davon, und hat Alles mitgenommen, unſer Geld und der Nach⸗ barn Geld!“— Da ſtand der Schultheiß da, wie ein Kind, das etwas verbrochen hat und die Ruthe fürchtet, und ward bleich und ſtumm; und als eben wieder Etliche hereinkamen, nach dem Jakob zu fragen, da brach den beiden Alten das Herz, und ſie bekannten, was ſie fürchteten. Als die Männer das hörten, da faßte der Eine den Schultheiß an der Kehle und wür⸗ gete ihn, daß er dem Erſticken nahe war, und ſchrie ihm mit wuthzitternder Stimme zu:„Mann, ſagt, wo der Jakob iſt, oder ich mache euch kalt!“ Der 93 Andere lief, ſo ſchnell er konnte, in's Dorf; und als wenn Feuer ausgebrochen wäre, ſo ſtand plötzlich die halbe Gemeinde ſchreiend vor des Schultheißen Haus. „Brecheiſen her!“ rief es dann in der Menge, und mit Hämmern und Eiſen bewaffnet, ſtürzten ihrer wohl ein Dutzend in des Jakobs Haus, warfen das Laden⸗ bübchen über den Haufen, und rannten die Thüren ein. Als die aufflogen, eine nach der andern, da wa⸗ ren die Stuben leer, bis auf einige Stücke alten Haus⸗ raths, und vor Schrecken ſtumm, ſtanden die Eindrin⸗ genden vor einem Bogen Papier, der mit einer Steck⸗ nadel an die Wand geheftet war; auf dem ſtanden die Worte: „Der Jakob grüßt die Langenfelder ſchön; er iſt einſtweilen vorausgereiſt nach Amerika und wünſcht baldige Nachfolge.“ Die den Unglücksbogen gefunden, ſtürzten heulend auf die Straße und hinüber in des Stöbers Haus; als ſie den aber auf dem Boden liegen fanden in einer Ohnmacht, und ſahen, wie die Margreth ſich die Haare ſchier ausriß, da ſtürmten ſie die Straße hinauf auf das Herrnhaus zu. Der Herr Arnold, der ſonſt ge⸗ rade keine Furcht kannte, erſchrack heftig, als er den wüthenden Haufen in ſeinen Hof dringen ſah; als er aber einen Blick auf das Papier geworfen hatte, da traten ihm die Thränen in ſeine Augen und er ſprach: „Nachbarn, es iſt euch gegangen, wie es Vielen geht, die ihrer eignen Weisheit mehr vertrauen, denn der Erfahrung guter Freunde. Ein Schurke hat euch be⸗ trogen; und ob ich gleich von euch ein Lügner genannt ward, weil ich euch die Augen öffnen wollte, ſo kann ich mich doch über euer Unglück nur herzlich betrüben, 9⁴ und will mir Mühe geben, daß der Schaden wieder gut gemacht wird, ſoweit es möglich iſt.“ Und als er das geſprochen, da rief er den Werner zu ſich und ſchrieb in aller Schnelle etliche Briefe, gab ihm einen Beutel mit Geld in die Hand, und ſchon nach einer Viertelſtunde ſah man den Werner auf ſeines Herrn Reitpferd nach der Stadt jagen, daß die Funken aus dem Steinpflaſter ſprangen. Und was thaten die Amerikaner? Wenige nur ſchlugen an ihre Bruſt und gingen heim; das waren die Klugen, die ihr Geld in Händen behalten hatten. Die Unklugen aber kehrten, wie ſonſt, bei dem Stophel März, der auch zu den Klugen gehörte, ein, und hat⸗ ten ſie ſonſt aus Freude ein Glas über den Durſt ge⸗ trunken, ſo wurde nun eins und noch eins zugeſetzt, damit die böſen Gedanken vergingen, und der Stophel konnte wieder ſagen, als er den letzten Betrunkenen vor die Thüre geführt und ſeinem Schickſal überlaſſen hatte: „Bärbel, das hieß mit einem blauen Aug' davon ge⸗ kommen. Ich habe dem Jakob niemals getraut!“ „Und ich der Chriſtine auch nicht,“ ſprach die Bärbel, „und der Schulzengrete gönn' ich's auch; die hat immer mit dem Jakob groß gethan und gemeint, ſie könnt' Unſereins über die Achſel anſehen. Nun hat ſie's.“— Ja wohl hatte die Schulzengrete ihr bös Theil bekommen; aber die Sternwirthin durfte doch alſo nicht ſprechen, wie ſie that.„Freue dich des Fall's deines Feindes nicht, und dein Herz ſey nicht froh über ſein Ungluͤck,“ ſagt die Schrift, und will daran den Chri⸗ ſten erkennen, wie er ein ſelbſtverſchuldet Unglück an dem Nächſten betrachtet. Wer über ſeines Feindes Un⸗ glück ſich freuen kann, der hat vergeſſen was der Herr ———— 95 ſpricht:„Wer biſt du denn, daß du einen fremden Knecht richteſt,“ auch vergeſſen,„wie wir allzumal des Ruhmes mangeln, den wir vor Gott haben ſollen,“ auch vergeſſen,„daß wir dem Herrn auf Tauſend nicht Eins antworten können, wenn er mit uns rech⸗ ten wollte.“ Aber das war gewiß, die Margreth trug nur, was ſie ſelbſt verſchuldet, und das mochte ihr nun ſchwer auf's Gewiſſen fallen. Sie hatte ihre Chriſtine nicht erzogen, ſondern verzogen, und immer gemeint, das ſey die Hauptſache, wenn man ein Kind recht klug und pfiffig und ſtolz mache. Darum hatte immer der Grundſatz nur gegolten:„Was werden die Leute ſagen?“ und:„Das ſteht nicht ſchön,“ und: „Das hilft nicht durch die Welt,“ ſtatt daß ſie hätte ſagen ſollen:„Bleibe fromm und halte dich recht, denn Solchen wird es zuletzt wohlgehen.“„Und was du thuſt, das thue dem Herrn und nicht den Men⸗ ſchen,“„und was huͤlfe es dich, ſo du die ganze Welt gewönneſt und nähmeſt doch Schaden an deiner Seele?“ Die Aeltern, die, wie die Margareth, ihre Kinder nicht für das Himmelreich, ſondern für die Welt er⸗ ziehen, die müſſen ſich auch gefallen laſſen, daß dieſe an ihnen thun nach der Luſt dieſer Welt.„Denn wie man den Knaben gewöhnt, davon läßt er nicht, wenn er alt iſt,“ und ſoll die Thränenſaat der Kinder⸗ Erziehung zur Freudenerndte für Vater und Mutter werden, dann muß die Sonne Chriſti im Hauſe nicht untergehn, und allezeit fallen auf den Spruch:„Wer ärgert dieſer Kleinen Eines, die an mich glauben, dem wäre beſſer, es würde ein Mühlſtein an ſeinen Hals gehängt, und er erſäuft im Meer, da es am tiefſten iſt.“— 96 16. Mit ſehenden Anugen ſehen ſie nicht und mit hörenden Ohren hören ſie nicht. Matth. 13, 13.— D Land! Land, Land! höre des Herrn Wort! Jer. 22, 29. Schneller als man es gedacht, aber freilich für die ungeduldigen Langenfelder nicht ſchnell genug, kam der Werner wieder von Bremen zurück. Er hatte Tag und Nacht gefahren, hatte ſich kaum ein Stündlein Ruhe gegönnt, und ſah blaß und angegriffen aus; aber den Bänderjakob, wie er nun wieder hieß, brachte er nicht zurück. Nur das erfuhr er von ihm, daß er mit Sack und Pack in See gegangen ſey. Nun war für die Amerikaner, wie ſie jetzt nicht gern mehr genannt ſeyn wollten, der letzte Hoffnungsſtern untergegangen, und gleich einem Schifflein, das von ſeinen Ankern losgeriſ⸗ ſen, bald wider die Felſen, bald auf Sandbänke getrie⸗ ben wird; ſo trieb nun der Sturm des Geſchickes die Langenfelder mit ſich fort, und Trümmer, und nichts als Trümmer, ſah man auf dem Meere, das ſie beſchifft. Daß ſie es geweſen, die den Sturm herbeigeführt, daß ſie es geweſen, die den letzten Rettungsanker muthwillig von ſich geworfen, daran dachte Keiner. So iſt aber das Menſchenherz, dieſes trotzige und verzagte Ding; mit ſeinem Gotte hadert es gerne und wirft ihm ſein Thun vor; aber mit ſich zu hadern, und in ſich die Quelle des Unglücks zu finden, das fällt Wenigen ein. Wie ſchön bezeichnet dieſe Untugend Jeremias, wenn er ſagt:„Wie murren doch die Leute im Leben alſo! Ein Jeglicher murre wider ſeine eigne Sünde.“ Und weiter ſagt er:„Laſſet uns forſchen und ſuchen unſer Weſen, und uns zum Herrn bekehren.“ 7 Das wollte Keiner, ſo dringend auch der Herr Ar⸗ nold ſie dazu mahnte, und ihnen ſagte, ſie ſollten ſich dieſe Trübſal zum Beſten dienen laſſen.„Der ſoll nur ganz das Maul halten,“ ſagten ſie,„und die übrigen Prahlhanſe mit ihm, denn wir verſtehen jetzt noch we⸗ niger Spaß, wie früher, und wer uns Amerikaner nennt, dem wird das Maul geſtopft, daß ihm das Aufthun ver⸗ geht!“ Und der Herr Arnold nahm ſich doch der Ver⸗ laſſenen ſo freundlich an; er bot Allen von ſeinem Gut gegen eine geringe Pachtſumme an; er unterſtützte die Hungernden mit Brod und anderen Lebensmitteln, und man hätte glauben ſollen, ſie würden ihn als ihren Wohl⸗ thäter auf Händen getragen haben. Die ihr aber ſo meint, ihr kennt das menſchliche Herz nicht. Sein Dich⸗ ten und Trachten iſt böſe von Jugend auf, und es ge⸗ hört ein durch Chriſtum wiedergeborenes Herz dazu, wenn die feurigen Kohlen der Vergebung nicht den Ver⸗ ſtand vollends verbrennen ſollen, daß er wirre wird und wüſt. Hörte man doch, wenn nicht laut, doch leiſe von dieſen Verblendeten ſagen:„Der Herr Arnold habe dem Bänderjakob durchgeholfen, und der Werner habe den Auftrag gehabt, ihn ruhig entwiſchen zu laſſen, damit ſein Herr nur Alles an ſich reißen könne.“ Herr Ar⸗ nold aber ſagte, als er das hörte, weiter nichts, als: „Vater vergieb ihnen, ſie wiſſen nicht, was ſie thun!“ Aber die Auswandrer ſollten für ihr leichtſinniges Unternehmen noch härter gezüchtigt werden, die Frem⸗ den, an die ſie in ihrer Verblendung ihre Häuſer und Güter verkauft, die kamen mit ihren Kaufbriefen an, und wollten Beſitz nehmen von ihrem wohlerworbenen Eigenthum. Manche fügten ſich in Geduld in das Un⸗ vermeibliche, und zogen bei Nacht und Nebel, voller 7 98 Schaam und Schmerz, in die gemietheten Hinterſtübchen, Andere aber ſetzten ſich tollkühn zur Wehre, und mußten mit Gewalt ausgetrieben werden; noch Andere liefen an die Gerichte und fingen Prozeſſe an, obgleich vorauszu⸗ ſehen war, daß ſie wenig gewinnen würden. Die fremden Einzüger hatten einen böſen Stand in Langenfeld: die ſah man allerwegen ungern, und nannte ſie Spitzbuben und Broddiebe, und gab ihnen allerlei Namen, die ſie kränken ſollten. Da hieß der Eine„der Wachtelpeter,“ warum? weil ihn der Hecken⸗ jakob hatte durch's Feld ziehen ſehen mit ſeinem Haus⸗ rath, als juſt eine Wachtel ſchlug. Ein Anderer hieß „der hinkende Bot',“ weil der Mann Both hieß, und zu⸗ fällig beim Einzug ein lahmes Pferd hatte. Am übel⸗ ſten aber kam der davon, der aus zweiter Hand des Bänderjakobs Haus erkauft hatte; der ward„der Ameri⸗ kaner“ genannt, und wo er ſich auf der Straße ſehen ließ, da rief's hinter ihm drein:„Amerikaner, Ameri⸗ kaner!“ Der Amerikaner aber war ein ſchlichter Strumpf⸗ weber. Der fing ſein Geſchäft am erſten Tag ſchon mit allem Eifer an, ſchlug die Pfähle und Stangen Morgens mit der größten Seelenruhe wieder in ſein Hausgärtchen ein, die zum Trocknen ſeiner Waaren be⸗ ſtimmt waren, wenn man ſie ihm Abends im Muth⸗ willen ausgeriſſen hatte. Und wenn die Säufer Abends heimtaumelten, dann hörten ſie den Weber noch an ſei⸗ nem Stuhle arbeiten, oder wacker mit den Seinen das Abendlied ſingen:„Ach, bleib bei uns, Herr Jeſu Chriſt, weil es nun Abend worden iſt!“ Und der Herr Arnold, der das auch hörte und der Einzüger Fleiß ſah, der ſprach bei ſich:„Das dient auch zum Beſten; ſo lernen auch die Langenfelder eine neue Sitte, und mit 99 ihr die Wahrheit:„Bet' und arbeit', dann hilft Gott allezeit.“ Es war ſo um die Zeit, wo man in Langenfeld die erſten Nachtigallen hörte, und die Wieſen grün wur⸗ den, und der fleißige Landmann ſein Kartoffelfeld baute, während die Kinder die Gänschen zur Weide trieben, und Pfeifen ſchnitten, und darauf ſpielten, daß es eine Luſt war. Da kam Eliſabeth, des Golſers Hausfrau, blaß und kummervoll zu dem Herrn Arnold in's Herrn⸗ haus.„Herr Arnold,“ ſprach ſie,„ihr habt bis dahin ſchon Großes an uns gethan, und mein und meiner Kinder Leben erhalten, vergebt mir, daß ich noch ein⸗ mal euch beläſtigen muß. Daß wir von Haus und Hof getrieben ſind, und auf Miethe wohnen, das wißt ihr; auch daß der Golſer ſein wüſtes Leben noch nicht ein⸗ geſtellt hat, und nach Weib und Kind nichts mehr fragt. Nun hat uns geſtern auch der Both den letzten Acker genommen, der ihm freilich von Rechtswegen gehört; aber ich hab' gemeint, es würde mir mit ihm das Le⸗ ben genommen. Wenn ich nichts hinausſtelle, ſo haben meine Kinder wieder keine Nahrung für den Winter; und ſo wollt' ich euch denn bitten, mir ein Stückchen Land gegen Zins zu geben, wie ihr es angeboten. Ich hoffe, euch den Zins nicht ſchuldig zu bleiben.“„Das ſollt ihr haben, Eliſabeth, und recht gern,“ ſprach der Herr Arnold;„aber wie ſteht's mit der Saat und mit den Steckkartoffeln, die habt ihr doch gewiß auch nicht?“ „Ach, Herr, darum zu bitten,“ antwortete Eliſabeth unter Thränen,„hatte ich nicht das Herz; die wollte ich mir bei guten Leuten borgen; weil ihr aber ſelbſt daran denkt, ſo helft mir auch damit; in eurer Schuld 5 7* 100 bin ich ja ſchon tief, und ich weiß, ihr meint es gut. Wenn ich euch und die Frau Schulz nicht hätte, ich lebte nicht mehr. Vom Wiedergeben und Vergelten darf ich nicht reden, ich bin gar arm; aber wenn unſer Gott mein Gebet erhöret, ſo wird's euch zeitlich und ewig wohl ergehen!“„Thut nur ſo, Eliſabeth,“ ſprach dar⸗ auf der Herr Arnold,„euer Gebet wird mir wohlthun; ich bin ein ſündiger Menſch, und auch zu Zeiten ein kleinmüthiger; denn auch mich hat der Herr gedemü⸗ thigt, und ſein Rath iſt mir oft dunkel.“— Da ſah die Eliſabeth den Herrn Arnold an; ſein Haar war grau, ſeine Wange blaß und im Aug' ſtand eine Thräne; und wenn ſie den Sinn ſeiner Worte auch nur halb verſtand, ſo verſtand ſie doch den Vers ihres Geſang⸗ buchs jetzt beſſer: „Wahr iſt's, der Fromme ſchmeckt auf Erden Schon manchen ſel'gen Augenblick, Doch alle Freuden, die ihm werden, Sind ihm ein unvollkommnes Glück. Er bleibt ein Menſch, und ſeine Ruh Nimmt in der Seele ab und zu.“ Der Acker war angewieſen, Saatfrucht und Steck⸗ kartoffeln waren gereicht, und der Herr Arnold ging ſeiner Gewohnheit nach durch's Feld, um nach ſeinen Arbeitern zu ſehen. Da kam er auch an den Acker, den Eliſabeth gezinſt hatte, und ſah die Gertrud darauf ſtehen, und das Mädchen hatte einen Spaten in ſeiner Hand und grub rüſtig darauf zu. Wie er ſo ſtehen blieb und ihr zuſah, während die Jungfrau ihn nicht merkte, da kam es ihm vor, als flöſſen über den Spa⸗ ten herab in das friſche Land heiße Thränen aus ihren Augen. Herr Arnold trat hinzu und bot ihr einen 101 guten Morgen; da ſchrack das Mädchen auf, und ſchnell ſich abwendend, und mit der Schürze die Augen trock⸗ nend, erwiederte ſie ſeinen Gruß.„Du weinſt, Ger⸗ trud, ſprach Herr Arnold,„iſt dir die Mühe zu groß, ſt du der Arbeit nicht gewohnt?“ „O, das verhüte Gott,“ ſprach die Jungfrau, „daß mir jetzt ſchon die Arbeit Mühe machen ſollte; nein, Herr Arnold, die iſt meine Luſt; man muß ja wohl weinen, wenn man an ſein Schickſal denkt und kann es nicht ändern, und muß aushalten, ſo lange Gott will!“„Nein, Gertrud,“ erwiederte Herr Ar⸗ nold,„das iſt die Urſache deiner Thränen nicht; zum Weinen über ſein Schickſal kann heute Morgen kein Chriſtenmenſch kommen; dazu iſt er zu ſchön. Höre nur, wie die Lerchen über dir jubeln; ſie mahnen dich, fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübſal zu ſeyn, und anzuhalten am Gebet.“„Ihr habt Recht, Herr Ar⸗ nold,“ ſprach beſchämt die Gertrud;„mein Kummer iſt nicht von geſtern her, ſondern von heute, und ich will euch Alles ſagen. Seht, wir haben keinen Pflug mehr im Hauſe und auch kein Zugvieh mehr. Als ihr uns geſtern den Acker gabt, da ging ich geſtern und heute von Haus zu Haus, und bat die Bauern um einen Pflug, und um ihr Vieh zu unſerm Stückchen da. Die Feinſten aber unter ihnen hatten allerlei Ausrede, und die Gröbſten meinten, ſie hätten ihr Vieh und Ge⸗ ſchirr beſſer zu brauchen, als es zu einem Herrnacker herzugeben. Wer den Acker gegeben, der möge auch das Ackerwerk liefern, und wer zum Arnold laufe, der möge ſich's nicht verdrießen laſſen, noch einmal den Weg zu machen. Und, was das Schmerzlichſte iſt, Herr, mein Vater hat an ſolchen Reden ſein Wohlge⸗ 102 fallen und gönnte mir die Demuͤthigung. Da ich denn keinen Rath weiß, ſo will ich den Acker ſelbſt graben, und die Mutter will mir helfen, und wird bald kom⸗ men, wenn ſie die Kinder verſorgt hat.“„Wenn ich dir nun den Pflug gäbe und die Stiere dazu,“ ſprach der Herr Arnold,„würdeſt du dich da nicht vor der un⸗ gewohnten Arbeit und vor der Leute Geſchwätz fürch⸗ ten, Gertrud?“„Herr Arnold,“ antwortete ſchnell das Mädchen,„ich habe meinem Vater oft beiem Ackern ge⸗ holfen, und getraue mich's zu unternehmen, und was der Leute Geſchwätz betrifft, das hat mich unſer ſchwe⸗ res Schickſal verachten gelehrt. Es gab eine Zeit, wo meiner Kameraden Rede mir ein Evangelium warz ſeit ich aber erlebt, daß wir von Haus und Hof getrieben, und zu Bettlern geworden ſind, iſt mein Stolz dahin, und ich trachte nur noch darnach, wie ich Gott und guten Menſchen gefalle. Wenn ich das noch erlebte, daß die Mutter wieder froh wäre, und die Kinder Brod hät⸗ ten, und mein Vater ſich wieder zu uns kehrte, ſeht, Herr, dann wollt' ich ſterben, und das heute noch!“ Da gab der Herr Arnold dem Mädchen die Hand, und hieß ſie dem vertrauen, der die Herzen der Men⸗ ſchen lenket wie Waſſerbäche; und als wieder Morgen ward, da trieb Gertrud ein ſchönes Geſpann nach ihrem Acker hin und baute das Feld. Gewiß iſt nie von einer treueren Hand ein Feld gebaut worden, wir müßten denn an das denken, von dem der Herr ſpricht:„Sehet, das Feld iſt weiß zur Erndte!“—„Die ihr mit Thrä⸗ nen ſäet, ihr ſollt mit Freuden erndten! Von euch ſagt die Schrift:„Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Saamen, und kommen dann mit Freuden und brin⸗ gen ihre Garben.“ 103 17. Das iſt eine rechte Wittwe, die einſam iſt 55 So war der Sommer gekommen, und die Frucht auf dem Felde um Langenfeld ſtand in vollen Aehren; allein das Feld Chriſti ſtand im Orte ſelbſt nicht ſon⸗ derlich. Das Beiſpiel und die gelegenheitliche Ermah⸗ nung, beſonders aber die gewinnende Freundlichkeit des Herrn Arnold, hatte zwar Einzelne auf ſich ſelbſt auf⸗ merkſam gemacht, und ſo wohnte in manchem Herzen und in manchem Hauſe mehr Friede, denn früher. So zeigte ſich das Schriftwort in ſeiner Wahrheit:„Laſ⸗ ſet euer Licht leuchten vor den Leuten, auf daß ſie eure guten Werke ſehen, und euren Vater im Himmel prei⸗ ſen.“ Aber es gab auch noch Viele in Langenfeld, denen war dieſes Licht ein Aergerniß, die haßten den Arnold um ſeines Beiſpiels und ſeiner Liebe willen; ſie liebten, wie es dort in der Schrift heißt, die Finſterniß mehr, als das Licht, denn ihre Werke waren böſe. Als man die Kartoffeln häufelte, und die Tage heiß waren, da hatte der Herr Arnold im Wieſengrund ein Geſchäft, und als er heim wollte, und eben in den Fuß⸗ pfad einbog, der durch's Fruchtfeld führt, da ſah er auf dem Acker zur Seite die Eliſabeth mit ihrer Tochter, wie ſie emſig die Kartoffeln hackten. Als er ihnen die Zeit geboten und ihren Gruß empfangen, und gefragt, warum er ſie ſo lange nicht im Herrnhaus geſehen, und die Eliſabeth geſagt, daß es die Zeit nicht erlaube; da bat ſie um Erlaubniß, beim Geſpräch mit dem Herrn Arnold fortarbeiten zu dürfen. Und wie ſie in den wei⸗ chen, ſauberen Boden wieder rüſtig die Hacke einſchlug, da ſprach ſie:„Seht, Herr Arnold, wie ſchön die Kar⸗ 104 toffeln ſtehen, und wie dort die Gerſte im Winde wogt! Aus der ſoll euer Pachtzins ſpringen, und was übrig bleibt, das backen wir zu Brod; die Gertrud hat ſich als Schnitterin verdingt an viele Plätze, da wirft's manche Meſte ab, bis die Erndte vorüber iſt. Ach, ſo gut wie jetzt iſt's uns ſeit Jahren nicht gegangen, und das durch euch, durch euch allein. Denkt nur, wir haben jetzt ſogar wieder Milch im Hauſe. Unſer Martin hat von ſeiner Gote, der Veltengrete, ein Ziegenlamm geſchenkt bekommen, das iſt jetzt jährig und hat zwei Zicklein geworfen. An denen hatten die Kinder groß Wohlgefallen und baten mich, Eins an der Alten hän⸗ gen zu laſſen; aber ich mußte ſie auf ein andermal ver⸗ tröſten;„mein Stöphelchen muß Milch haben,“ ſagte ich,„und auch euch wird ſie gut thun.“ Die Zicklein habe ich um 12 Groſchen verkauft; freilich eine kleine Einnahme; aber dafür hat die Bette ein Mützchen be⸗ kommen, das ihr ſehr Noth that, und der Stophel ein Röckchen, und die Gertrud hat beides bei der Frau Schulz gemacht.“ „Wo ſind denn aber eure Kinder, Eliſabeth,“ fragte Herr Arnold,„ſind ſie allein zu Hauſe?“„Nein, Herr,“ antwortete Eliſabeth,„ich laſſe die Kinder nie ohne Aufſicht daheim; da könnte was Böſes draus wer⸗ den. Der Martin bat mich, einem Fremden den Weg über's Gebirge zeigen zu dürfen, und ich erlaubte es, und ſagte zu ihm, als er ging:„Martin, frag' den För⸗ ſter, ob er dir erlaubt, auf dem Heimweg etwas Lesholz zu ſammeln; ſo gehſt du nicht müßig, und bringſt uns Abendholz in die Kuͤche.“„Und die Bette und der Chri⸗ ſtoph, die ſind bei der Frau Schulz im Garten. Die wollte ich mit herausnehmen; als ich aber durch die 105 Gärten ging, und der Frau Schulz einen„guten Tag“ bot, da ſagte die über die Hecke herüber:„Eliſabeth, es iſt ſchwül Wetter heute, und könnte ein Gewitter geben, laßt eure Kleinen bei mir, bis ihr zurückkommt; die Bette kann ſich ja ihr Strickzeug zu Hauſe holen!“ „Das hat ſie ſchon bei ſich, Frau Schulz,“ ſagt' ich, „und wenn ſie's erlaubt, ſo mögen die Kinder eintre⸗ ten.“—„Wer iſt denn eigentlich die Frau Schulz, Eliſabeth?“ fragte da der Herr Arnold;„außer ihrem Namen, und daß ſie das kleine Häuschen in den Gär⸗ ten bewohnt, und ſonntäglich zur Kirche kommt, weiß ich nichts von der Frau. Und wer iſt denn das junge Mädchen, das neben ihr in der Kirche ſitzt?“„Kennt ihr denn die Frau Schulz und ihre Tochter nicht, Herr Ar⸗ nold?“ frug überraſcht die Eliſabeth.„Die kennt ja im Orte jedes Kind. Das iſt eine kapitale Frau, und ihre Tochter iſt ein leibhaftiger Engel an Seel' und Leib. Die iſt meiner Gertrud Kamerädin, und die Gertrud läßt Leib und Leben für ſie. Daß meine Gertrud ein Kind guter Art geworden,(du brauchſt nicht roth zu werden, Gertrud; was ich dir nie geſagt, das darfſt du in des Herrn Gegenwart immerhin hören,)— das hat ſie der guten Frau Schulz und ihrer Tochter zu verdanken. Bei denen hat ſie Alles gelernt, was ſie weiß: Nähen, Bügeln, Waſchen und feine Arbeit aller Art, und vor Allem Gott vertrauen und beten. Die gute Frau iſt in einer ſchweren Prüfungsſchule geweſen.“ Damit ſchwieg Eliſabeth.—„Und woher ſtammt ſie denn, und was hat ſie gelitten?“ frug Herr Arnold weiter.„Seht Herr,“ war der Eliſabeth Antwort,„es ſchickt ſich wohl nicht, daß ich euch ſage, was ich von dem Schickſal der Frau weiß; aber ihr meint es ja gut 106 mit allen Menſchen; warum ſollte ich euch verſchweigen, was euch Frau Schulz ſelbſt ſagen würde, wenn ſie euch kennte, wie ich. Seht, die Frau Schulz war die Tochter eines braven Pfarrers im Hattſteiniſchen; das Dorf iſt mir vergeſſen, und war die einzige Tochter eines wohlſtehenden Vaters. Um ſie freiete der Rent⸗ meiſter des Ortsherrn, und der Vater gab ihm die Toch⸗ ter, weil er ein gutes Zeugniß von ſeinem Herrn hatte und ſein gutes Auskommen, und weil er dem Mädchen gefiel. Aus dem Haus des Wohlſtandes kam ſie in das Haus des Ueberfluſſes, und ſo lebten die beiden Ehe⸗ leute einige Jahre gar vergnügt. Als Emma geboren wurde, ſtarb der alte Pfarrer, und hinterließ ſeiner Tochter ein ſchönes Vermögen. Nun hieß der Mann der reiche Schulz. Aber der Reichthum ward ihm zur Schlinge und Verſuchung; der Mann fing an zu ſpekuliren, kaufte Güter und verkaufte ſie wieder, und ließ auf ſeine Rechnung Wirthſchaft trei⸗ ben. Die Verwalter aber betrogen ihn, die Höfe brann⸗ ten ab, das Vieh fiel, und um ſich zu retten, fing er an zu ſpielen, und verlor und verlor abermals. Davon wußte die Frau nichts; wußte nicht, daß bereits Alles verpfändet war, wußte es nicht, daß bereits in der herrſchaftlichen Kaſſe ein großes Stück Geld fehle; genug, plötzlich kam eine Commiſſion; er ward abgeſetzt, und der Concurs brach aus. Da iſt der Mann plötzlich verſchwunden; Manche ſagen, er habe ſich ein Leid an⸗ gethan, Andere, er ſey unter das Kriegsvolk gegangen. Da ſtarb auch zum Unglück der alte Herr von Hattſtein, der die Frau Schulz aus der Taufe gehoben, und ſie gewiß nicht würde Hunger haben leiden laſſen, und der junge Erbe kümmerte ſich nicht um die Wittwe ſei⸗ 107 nes ungerechten Haushalters. Da hat denn die gute Frau das Hungerbrod eſſen müſſen mehrere Jahre; aber ſie hat ſich ehrlich genährt, und ihr Kind aufgezogen in der Zucht und Vermahnung zum Herrn. Da iſt hier im Orte ein alter Onkel von ihr geſtorben, der alte Marſchkommiſſär Heidolph; der war ein ſonderbarer alter Mann, aber ein Freund von Gottes Wort, und ein Armenfreund, wie's Wenige gibt. Der hatte ſich das Häuschen mitten in die Gärten gebaut mit den vielen Wetterfahnen, an denen er ein ſonderlich Ver⸗ gnügen fand, ſo daß ihn die Schälke im Orte„die alte Wetterfahne“ nannten. Da konnte man wieder recht ſehen, wie die Menſchen mit den Spottnamen einander ſo Unrecht thun! Des Marſchkommiſſärs Wetterfahnen mochten ſtehen, wie ſie wollten, das Fähnlein ſeines Herzens ſtand immer auf gut Wetter; und wer in einer Verlegenheit zu ihm kam, der ging nie ungetröſtet von dannen. Ich für mein Theil laſſe mir den alten Mann nicht ſchelten. Wie oft hat mich mein Großvater, der Schuſterjeckel, Gott hab ihn ſelig! auf dem Arm mit⸗ genommen zu dem Herrn Marſchkommiſſär; denn ihr müßt wiſſen, Herr, mein Großvater war auch ein Lieb⸗ haber von Gottes Wort, und hielt gern einen freund⸗ lichen Rath mit vernünftigen, frommen Menſchen. Wäh⸗ rend dann die beiden Alten ſich vergnügten an Gottes Wort, durfte ich mir das Obſt unter den Bäumen auf⸗ leſen. Und wenn es Abend ward, und mein Bruder Lorenz rief uns zur Abendſuppe nach Hauſe, denn nahm auch der für Mund und Magen noch genug mit heim. Der alte Marſchkommiſſär alſo ſtarb, und vermachte ſein Haus mit dem Garten, und ſeine Kapitälchen der Frau Schulz. Seitdem lebt ſie in Langenfeld, und könnte 108 wohl gut leben von ihrem Geld; aber ſie behält die alte Gewohnheit bei; ſie arbeitet in die Stadt mit ihrer Emma für die Vornehmen. Auch gibt ſie gern den Kindern Unterricht und iſt gar liebevoll und gut, und daß ich nicht vergangen bin in meinem Elend, ehe ihr zu uns kamt, das habe ich nächſt Gott der Frau Schulz zu danken. Als ich krank war nach meines Chriſtophs Kindbett, da hat ſie mich täglich beſucht, ſo daß der Golſer noch jetzt Reſpect vor ihr hat, und ihr aus dem Weg geht. Denn ſie weiß in die Gewiſſen zu reden, trotz einem Pfarrer. Geht doch einmal ſelbſt zu der Frau, ihr werdet es nicht bereuen; ſie ſpricht oft von euch, und meint, ſie wiſſe, was ihr wolltet, und durch euch würde es in Langenfeld beſſer.“ Da wünſchte der Herr Arnold der Eliſabeth und der Gertrud„einen guten Abend,“ und als er in die Gärten kam, und das Häuschen des alten Marſch⸗ kommiſſärs durch die Bäume ſchimmerte im Glanz der Abendſonne; da trat er in den Garten, in dem es lag. Aus einer Hütte von Weinlaub kam ihm Emma ent⸗ gegen, und erkannte ihn auf der Stelle, und ſagte ihm, wie die Mutter ſich freuen würde, ihn bei ſich zu ſehen. Da kam auch Frau Schulz aus der Hütte, und reichte dem Herrn Arnold die Hand, und ſagte mit gewinnen⸗ der Freundlichkeit:„Seyd willkommen, Herr Arnold, in meinem Garten; ich hätte euch gerne längſt bei uns geſehen; wenn Nachbarn ſich ſo lange fremd bleiben, das iſt nicht gut. Nehmt bei uns Platz, oder könnt ihr die Abendluft nicht vertragen, ſo laßt uns eintre⸗ ten!“ Wie nun Herr Arnold ſich's im Garten bequem gemacht, und Mutter und Tochter ihre Arbeit wieder vorgenommen hatten, auch Emma das Strickzeug der 109 Bette unterſucht, die auf einem Stühlchen zur Seite ſaß, indeß der Chriſtoph einen Brunnen in den Sand grub; da ſprachen ſie mit einander von Dieſem und Je⸗ nem, und Herr Arnold lenkte ſchnell das Geſpräch auf Langenfeld und ſeine Bewohner; denn das war ſein Taggedanke und ſein Traum. Er fragte die Frau Schulz, wie es ehemals geweſen, und wie es komme, daß es anders geworden, und wie ſie glaube, daß dem Uebel abzuhelfen ſey? Da ſagte Frau Schulz:„Ich habe in Langenfeld alle möglichen Zeiten erlebt, Zeiten des Friedens und ber Genügſamkeit, Zeiten des Ueberfluſſes und der Ungenügſamkeit, und jetzt müſſen meine Augen ſehen, was ich nie für möglich gehalten. Alles hat ſich herumgedreht, wie in der verkehrten Welt, was ſonſt Schande war, das iſt jetzt Ehre, und mit einem Leichtſinn wird das Böſe geübt, daß es Augenblicke gibt, wo man an ſeinem eigenen Verſtand zweifelt. Aber Alles, was hier geſchieht: Sauferei, Verſchwendung, Buhlerei, Trägheit, Unehrlichkeit, Unfriede im Haus und zwiſchen den Nachbarn, das, glaubt mir, hat nur Eine Quelle, und die iſt der Unglaube. Dies Volk hat ſich vom Herrn losgeſagt, und geht ſeine eignen Wege; darum iſt auch Alles, was es übt, von der Welt, und nicht vom Herrn. Unter Weinen und Heu⸗ len, unter Fluchen und Schelten fragen ſie jetzt, wo ſie alles das Ihre verpraßt haben:„Was fehlt uns?“ Nichts fehlt euch, habe ich ſchon hundertmal geſagt, als Glaube; denn ohne ihn iſt's dem Chriſten nicht möglich, dem Herrn zu gefallen, und nach ſeinen Ge⸗ boten zu thun. Es iſt noch kein Monat her, da war der Rath Neufeld aus der Stadt bei mir, der hatte eine Commiſſion im Orte; der ſprach von der Armuth 110 in Langenfeld und von dem Bänderjakob, wie der die armen Leute betrogen, und wie die Unordnungen und Prozeſſe ſich immer mehr im Orte häuften, und ſagte: „Wenn ich nur ein Mittel wüßte, dem armen Langen⸗ feld aufzuhelfen!“ Da ſagte ich:„Herr Rath! Langen⸗ feld iſt nicht arm, aber die Langenfelder, die ſind ſehr arm; denn die ſind arm am größten Gut, am Wort Gottes. Gebt der armen Gemeinde andere Lehrer und Vorſteher, laßt ſie einmal wieder hören, was der Wille Gottes an ſie ſey, laßt ſie einmal wieder fühlen das ſcharfe und zweiſchneidige Schwerdt des Wortes Gottes, und ich ſtehe dafür, es wird anders werden, und zwar bald!“ Der Herr Rath dachte lange über meine Rede nach, und dann ſagte er:„Ich glaube, ſie haben Recht, Frau Schulz!“„Ja auch noch heute,“ fuhr Frau Schulz fort,„glaube ich Recht zu haben. Der Herr Pfarrer iſt ein guter, alter Mann, und ich will nicht über ihn richten; er iſt mein lieber Freund bis dahin geweſen; aber richtet nicht der Zuſtand ſeiner Gemeinde über ihn? Wenn ich doch nur je aus ſeinem Munde ein Wort der Ermahnung, der Zucht, der Unterweiſung hörte! Es mag um ihn vorgehen, was da will; es mag Tod und Fluch in der Gemeinde ſeyn, oder Leben und Wohlergehen; es kümmert ihn nicht. Und wenn ich gar an den Schulmeiſter denke, dann vergeht mir faſt die chriſtliche Geduld! Denkt euch, Herr Arnold, die Kinder wiſſen faſt nicht, was eine Bibel iſt; den Katechismus lernen ſie, daß es einem Herzbrechen ver⸗ urſacht, ſie anzuhören, und aller Muthwillen wird gut geheißen. Wenn man ſich bei den Rangen nicht ſelbſt in Reſpect ſetzt, ſo iſt's unmöglich, ungerupft durch's Ort zu kommen.“ 111 Die Eliſabeth hatte längſt ihre Bette und ihren Chriſtoph abgeholt, die Sonne war längſt untergegangen, und noch immer ſaß Herr Arnold bei der Frau Schulz und ihrer Emma, und noch immer redeten ſie von Lan⸗ genfeld und überlegten, wie ihm zu helfen ſey. Da ſtand Herr Arnold auf, und als er der Frau Schulz die Hand reichte, da ſprach er:„Es hat lange gewährt, bis wir uns gefunden und kennen gelernt; aber wir haben uns auf einem Wege gefunden, und in einem Geiſte uns kennen gelernt, ſo erhalte uns denn Der, an den wir glauben, in chriſtlicher Gemeinſchaft!“— Wie er nun durch die Gärten dem Herrnhaus zuging, da ſchallte es herüber aus des Käsperchens Garten: „Im Keller, bei'm Branntweinfaß!“ Und doch war der Abend ſo ſchön, und die Sterne glänzten hernieder wie tauſend Gottesaugen, und für ſich und alle Be⸗ kannten und Unbekannten, Nahen und Fernen betete Herr Arnold aus tiefſter Seele: „Gott, laß Dein Heil uns ſchauen, Auf nichts Vergänglich's bauen, An Eitlem uns nicht freu'n. Laß uns voll Einfalt werden, Und vor Dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich ſeyn!“ 18. Die Erndte iſt groß, aber wenige ſind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Erndte, daß er trene Arbeiter in ſeine Erndte ſende. Matth. 9, 38. So war die Erndte gekommen, und war eine reich⸗ geſegnete Erndte, und wer, wie Gertrud, das Herz voll 112 Glauben und Liebe mit hinausnahm in's Erndtefeld, wo die Auen dick mit Korn ſtanden, der mußte aus⸗ rufen:„Kommt herzu, laßt uns dem Herrn froh⸗ locken, und jauchzen dem Hort unſers Heils. Laßt uns mit Danken vor ſein Angeſicht kommen, und mit Pſal⸗ men ihm jauchzen. Denn in ſeiner Hand iſt, was die Erde bringet, und die Höhen der Berge ſind auch ſein.— Heute, ſo ihr ſeine Stimme höret, ſo verſtocket euer Herz nicht!“ Und die Stimme des Herrn, die aus dem Erndteſegen ſprach, die ward auch in Langenfeld von manchem Herzen vernommen. Nicht nur Eliſabeth und ihre Kinder fühlten es:„Der Herr hat Großes an uns gethan, deß ſind wir fröhlich,“ ſondern auch Man⸗ cher von denen, die an ſeiner Hülfe hatten zweifeln wollen, als mit Jakobs Flucht der letzte Hoffnungs⸗ ſtern unterzugehen ſchien; die erkannten es nun:„Die Güte des Herrn iſt's, daß wir nicht gar aus ſind,“ und in manchem Herzen erwachte mit dem Glauben auch die Stimme der Buße:„Weißt du nicht, daß dich Gottes Gute zur Buße leitet?“ Als man nun mitten in der Erndte begriffen war, da rief der Herr der Erndte auch den alten Pfarrer Seyfried ab. Und als die Nachricht von Haus zu Haus und von Acker zu Acker getragen ward, da hieß es aus Aller Munde:„So, iſt er todt? Nun, er war ein alter Mann und konnte abgehen! Er hat lachende Erben!“ Der Pfarrer von Bruchenau hielt ihm die Leichen⸗ rede, und ſprach von frommen und getreuen Knechten, die über Weniges getreu geweſen, und nun über Vie⸗ les geſetzt werden ſollten; ſprach auch von der Herzens⸗ güte des Verſtorbenen; aber keine Thräne floß, und 113 kein Zeichen dankbarer Erinnerung ward ſichtbar. Nur die Vorſteher der Kirche und der Gemeinde waren mit⸗ gegangen. Wen ſein Weg gerade am Friedhof vorbei führte, der blieb wohl ſtehen, und horchte über die Mauer hinüber; auch eine einzelne Frau, mit einem Kind auf dem Arm, ſah man wohl in der Nähe des Grabes; aber im Ganzen thaten die Langenfelder nicht, als ginge ſie der Verſtorbene etwas an. Erſt als die Glocken ausgeläutet, und die Kinder das Lied geſungen hatten:„Nun bringen wir den Leib zur Ruh,“ und Jedes wieder in ſeinem gewohnten Geſchäfte war, da hörte man ſo hin und wieder eine einzelne Stimme: „Der alte Seyfried war ein guter Mann, es iſt ſchade um ihn!“— Und doch war der alte Seyfried über dreißig Jahre in Langenfeld geweſen; man hätte glau⸗ ben ſollen, ſein Andenken müſſe in beſſerem Segen ge⸗ weſen ſeyn. Auch hatte der alte Seyfried den Langen⸗ feldern nie etwas zu Leid gethan, hatte ſie hübſch ihre eignen Wege gehen laſſen; er hatte nie ein Kind belei⸗ digt, und manchen Thaler nachgelaſſen, und manches Stück Brod an die Hungrigen gegeben; und dennoch floß keine Thräne, als er ſtarb, woher kam das wohl? So hab' ich mich auch einſt gefragt, als ich einen Pfarrer half zur Erde beſtatten, der ſehr lange in ſei⸗ ner Gemeinde geſtanden, und dem keine Thräne nach⸗ floß, als er ſchied. Ich kannte damals den Beruf des Pfarrers gar wenig, und meinte, es könne gar nicht anders ſeyn, man müſſe Einen, der für der Seelen Seligkeit arbeite, um ſeines Amtes willen ſchon lieb haben. Jetzt aber weiß ich, daß es faſt in allen Ge⸗ meinden Solche gibt, denen die Predigt vom Kreuze ein Aergerniß iſt und eine Thorheit, und die, weil ſie 8 11¹ den Herrn haſſen, auch ſeine Diener ſchmähen, und die, weil ſie das Brod des Lebens gering achten, auch den Dienern Chriſti das Brod mißgönnen, das ſie im Dienſt des Himmelreichs eſſen. Aber ich weiß ſeitdem auch, warum viele Geiſtliche von ihren Gemeinden nicht geliebt werden, und warum keine Thräne um ſie fließt, wenn ſie ſcheiden. Es gibt Viele im Stande der Predi⸗ ger, die predigen ſich ſelbſt, nicht Chriſtum, daß er der Herr ſey; die tragen ihre eigne Weisheit den Gemein⸗ den vor, nicht die Weisheit Gottes in Chriſto; die pre⸗ digen den Leuten, darnach ihnen die Ohren jücken, ſtatt daß ſie anhalten ſollten nach der Schrift, es ſey zu rechter Zeit oder zur Unzeit. Es gibt ihrer Viele, die wollen Niemand wehe thun, und eben damit thun ſie Niemand wohl. Wer ein Amt hat und wartet ſeines Amtes, der muß auch zu Zeiten Einem oder dem An⸗ dern wider den Kopf ſtoßen; wie vielmehr iſt das un⸗ vermeidlich im Pfarramt. Aber ich habe allezeit gefun⸗ den, daß man die, die nicht um ihretwillen, ſondern um des Amtes willen eiferten, und ihres Herrn Wort und Züchtigung in der Gerechtigkeit in Gottes Namen ausſprachen, mehr Liebe davon trugen, und in treue⸗ rem Gedächtniß blieben, denn die Zarten und Super⸗ feinen, die den Mantel nach dem Wind hingen und der Menſchen Diener wurden. Aehnliches mochte auch der Herr Arnold gedacht haben, als der Herr Pfarrer Seyfried begraben ward, und kein Auge um ihn feucht wurde; und als die Vor⸗ ſteher der Kirche und Gemeinde vom Friedhof mit ihm heimgingen, und man an das Herrnhaus kam; da lud er ſie ein, auf ein Stündchen bei ihm einzutreten, und ſeine Meinung über Einiges zu hören. Das war denen 115 nun gar nicht recht; denn einmal kamen Manche gar nicht gerne mit dem Herrn Arnold zuſammen, weil der Mann das Maul nicht hielt, und die Wahrheit oft etwas derb ſagte, und dann war in der Pfarre der Kaffee gekocht worden, und die Bretzeln und Kringen dazu in großen Körben bereits vor die Tiſche geſtellt, als ſie weggingen. Darum meinten Elliche, ſie könn⸗ ten ja ſpäter wiederkommen, und das habe wohl gerade nichts zu eilen. Aber der Herr Arnold, der ſolche Aus⸗ reden ſchon zum Voraus gewußt, und mit Einzelnen die Verabredung getroffen, gab denen einen Wink, und ſo ſchritten dann der Kaiſerfried, und der Peter Kurz, und der Meinhard, und der Naumann voraus in's Herrnhaus; da mußten die Andern hinten drein, ſie mochten wollen oder nicht. „Ihr Nachbarn,“ hub da der Herr Arnold an, „es iſt nicht gut, daß eine Heerde lange ohne Hirten bleibe, und da keine Wittwe da iſt, die den Pfarrhof bewohnen müßte während des Sterbviertels, ſo dächte ich, wir ſorgten bald wieder, daß wir einen neuen Pfarrer bekämen. Nun gehört mir, wie ihr wißt, von Rechtswegen, die Befugniß, dem Landesherrn einen neuen Pfarrer vorzuſchlagen; aber ich fühle mich dazu doch zu ſchwach, und könnte mich leicht bei der Wahl irren. So wollte ich euch denn bitten, ihr ſollet mir mithelfen zu dem Herrn zu beten, daß er uns nur gute Bewerber ſende, und uns unter den Guten die beſte Wahl treffen laſſe. Denn das wißt ihr ſchon, daß es kein Leichtes iſt, einen guten Schaf⸗ und Kuhhirten zu dingen, und begreift auch wohl, daß es noch ſchwerer ſeyn muß, einen guten Pfarrer zu wählen. Den Hir⸗ ten wählt ihr unter euch, und wiſſet, ob er dem Vieh 8 116 gut iſt, und ihm in allerlei Krankheit helfen kann; aber den Pfarrer müßt ihr von draußen her nehmen, und ſehts ihm von Außen auch nicht an, weß Geiſtes Kind er iſt; darum will die Sache wohl überlegt werden, und dazu ſollt ihr mithelfen!“ Da ſahen ſich die Langenfelder einander an, und wußten nicht, was ſie ſagen ſollten. Eigentlich hatten ſie noch gar nicht daran gedacht, daß der alte Seyfried einen Nachfolger haben müſſe; dann war es ihnen überraſchend, daß der Arnold das Recht haben ſollte, das ehemals die Herrſchaft gehabt, und endlich konnten ſie nicht begreifen, was ſie dabei ſollten. Darum drehte der Mullerkurd, der auch in den Gemeindevorſtand ge⸗ hörte, ſeinen Hut in der Hand umher, und meinte, nachdem er die Andern der Reihe nach angeſehen hatte, das könne der Herr Arnold wohl am beſten allein be⸗ ſorgen; dann habe die Gemeinde auch keine Verantwor⸗ tung. Der Rede nickten die Meiſten Beifall, denn ſie war ihnen juſt aus dem Herzen geſprochen. Aber der Herr Arnold ſagte darauf:„Nachbarn, die Sache, um die ſich's handelt, will verſtanden ſeyn. Langenfeld hat dermalen keinen Pfarrer, und einen Pfarrer muß es wieder haben, und das einen guten. Den braucht ihr ſo gut, wie ich; wer ſoll denn predigen und taufen und copuliren und das heilige Abendmahl halten? Nun kann es euch doch gewiß nicht einerlei ſeyn, wen ihr bekommt, einen der gut, oder einen der ſchlecht predigt, einen der euch liebt, oder einen, mit dem ihr Jahr aus, Jahr ein in Streit und Hader lebt, wie ihr das leider in Eilau ſeht. Da ſollt ihr mir nun beten und über⸗ legen helfen, daß wir den Beſten für uns heraus⸗ finden.“ 117 Jetzt fingen die Langenfelder an zu begreifen, worum es ſich handle; da ſie aber dem Arnold nicht trauten, ſo dankten ſie nicht für ſein Zutrauen, ſondern ſie meinten nur, ſie wollten es der Gemeinde vorſtellen; wenn die es zufrieden ſey, ſo wären ſie es auch zufrie⸗ den. Und damit gingen ſie in die Pfarre, und die Bretzeln und Kringen und der gute Kaffee ſchmeckten viel beſſer, als des Herrn Arnolds Vorſchlag. Der hatte, ſo ſagten ſie, weder Hände, noch Füße. 19. Jeſus ſpricht zu Simon: Simon Johanna, haſt du mich lieber, denn mich dieſe haben? Er ſpricht zu ihm: Ja, Herr, du weißeſt, daß ich dich lieb habe. Spricht er zu ihm: Weide meine Lämmer! Joh. 21, 15. Indeſſen ward im Orte doch viel von der Pfarr⸗ wahl geſprochen, und des Herrn Arnolds Rede hin⸗ und hergeworfen, wie man ſo ſagt. Die noch Liebe zum Gotteswort hatten, die fühlten wohl, was der Mann meine, und wie es gar viel darauf ankomme, welcher Pfarrer einem Orte gegeben wird; nur das war ihnen ſehr unverſtändlich, warum der Herr Arnold wolle, die Gemeinde ſolle mit ihm um einen guten Pfarrer beten. Sie wußten nicht, wie ſie das ſchon oft gethan, viel⸗ leicht heute ſogar, und daß die Bitte im Vater Unſer: „Dein Reich komme!“ nichts anders in ſich faſſe, als: „Gieb mir Zeit und Gelegenheit, daß ich wachſe im Glauben, und zunehme in der Liebe, und völlig werde in der Hoffnung.“ Um ſeiner Seelen Seligkeit ſoll ja der Chriſt täglich bitten, warum nicht auch um das, was ſie fördert, üm das Wohl der Kirche Chriſti? Sagt 118 er doch ſelbſt:„Bittet den Herrn der Erndte, daß er treue Arbeiter ſende in ſeine Erndte!“ Wenn nun die Beſſeren den Wunſch des Herrn Ar⸗ nold nicht begreifen konnten, wie mögen erſt die Schlech⸗ ten darüber gedacht haben! Denen war die Sache gar zu lächerlich, und ſie meinten, der Arnold werde täglich dümmer, und ſie erlebten es ſicher noch, daß er in's Narrenhaus müſſe. So ſagten ſie, eigentlich aber dach⸗ ten ſie:„Pfarrer hin, Pfarrer her! Bei'm Licht be⸗ ſehen, brauchten wir gar keinen. Der verdient unter uns ſein Brod doch mit Sünden.“ Etliche meinten auch, und zu denen gehörte der Schultheiß Stöber,„der Arnold wolle gewiß etwas von der Gemeinde, und thue ihr nur mit dem Antrag, der ihn nichts koſte, etwas Gutes, oder er würfe die Bratwurſt nach der Speckſeite. Aber ſo dumm ſey die Gemeinde nicht, daß ſie nicht wiſſe, was der Arnold wolle. Auch ſey der Werner ſchon lange überaus artig gegen die Ortsbürger; dahin⸗ ter ſtecke etwas!“ Dahinter ſteckte auch wirklich etwas, und das war: Der Arnold wollte mit Gewalt die Lan⸗ genfelder für ihr eignes Heil gewinnen; aber ſie wollten ſich nicht helfen laſſen. Daß ſie ſo Alles von ſich wie⸗ ſen, was er für ſie that, das ſchmerzte ihn tief, und nur ſein feſter Glaube und das Beiſpiel ſeines Herrn hielt ihn aufrecht, und ließ ihn der rechten Stunde war⸗ ten.„Rom iſt nicht auf einen Tag gebaut,“„und kein Baum fällt auf den erſten Hieb,“ das ſind ſo die Sprüchwörter, durch die die Menſchen ſich einander trö⸗ ſten; wer aber für das Himmelreich arbeitet, der be⸗ kommt ein Wort zum Troſt, das iſt mehr als Sprüch⸗ wort, und das heißt:„Fürchte dich nicht, du kleine 119 Heerde; es iſt deines Vaters Wohlgefallen, dir das Reich zu geben.“ Nun kamen die Bewerber um die Pfarre zu Lan⸗ genfeld an; denn der Dienſt war ein guter, und wer da war, der brauchte ſobald nicht wieder weg; ſo hieß es allgemein. Zuerſt kam der Pfarrer zu Bruchenau, und gab die große Zahl ſeiner Kinder an, die ihn nö⸗ thige, ſich um eine andere Stelle zu melden. Zu dem ſagte Herr Arnold:„Herr Pfarrer, wenn ich ihnen in irgend einer Weiſe dienen kann, ſo ſoll das mit Freu⸗ den geſchehen; aber nach meinem Ermeſſen ſind ſie für Langenfeld ſchon etwas zu alt. Der Herr beruft ſeine Diener, wie er ſie braucht.“ Der Mann ſchien den Herrn Arnold zu verſtehen, und blieb lange im trau⸗ lichen Geſpräch mit ihm, und von dem Tage an wur⸗ den die Beiden die beſten Freunde. Dann kam der Pfarrer von der Eilau; der lebte mit ſeiner Gemeinde in beſtändigem Kampf um ein Stück Land, das er ſein nannte und die Gemeinde auch, und wäre lieber heute, als morgen gegangen. Deſſen Bitte geſiel dem Herrn Arnold ſehr übel, und er ſagte zu ihm: „Die Liebe einer Gemeinde muß einem Pfarrer mehr werth ſeyn, als ein Stück Land.“„Wer die Hand an den Pflug legt und ſieht hinter ſich,“ ſpricht unſer Herr, „der iſt nicht geſchickt zum Reiche Gottes.“ Das Wort verdroß den Eilauer Pfarrer gewaltig, und mehr noch, wie ſeine Gemeinde, haßte er von da an den Herrn Arnold. Hinter dem Eilauer Pfarrer drein kam ein Candi⸗ dat aus der Stadt. Der kam in einer Chaiſe gefahren, und ging erſt zum Schultheiß, und bat den um ſeine Fürſprache bei'm Herrn; der wieß ihn an den Schul⸗ 120 meiſter, und der Schulmeiſter an den Werner, und der Werner führte ihn zu ſeinem Herrn. Da packte das Männlein eine Menge Empfehlungsſchreiben aus, und redete viel von ſeinen Gönnern, und berief ſich auf ſeine guten Zeugniſſe, und verſprach ſo viel von ſeinen künf⸗ tigen Leiſtungen, daß der Herr Arnold ſagte:„Er fürchte, Langenfeld ſey für ihn zu gering; er wolle ihm rathen, ſich um eine beſſere Pfarre zu bewerben.“ Da ging der Candidat kopfſchüttelnd weg, und nannte in Langen⸗ feld ſchon den Arnold einen Narren. Das gefiel den Stammgäſten ſehr, und der Golſer ſprach:„Das wäre der Mann für uns, den ſollten wir als Pfarrer wählen!“ Aus dem vierten Bewerber, dem Candidaten Reinau, wußte der Herr Arnold anfangs gar nicht klug zu werden. Der war weit von der Gränze her, und mit ſeinem Schüler auf einer Reiſe begriffen. In der Stadt, wo er bei Verwandten eingeſprochen, hatte er von der Pfarrwahl zu Langenfeld gehört, und erſchien nun ohne Zeugniß und Empfehlung, gerade wie er ging und ſtand. Sein Aeußeres war ſtill und freundlich, und ſeine Stimme klang hell und wohlthuend. Herr Arnold ließ ihn bei ſich bleiben, einen und den andern Tag, und ging mit ihm aus und ein, und aß und trank mit ihm, und ſprach über den Weltlauf, und über das Himmelreich, und über der Menſchen Thun und Laſſen. Und wie der Jüngling warm ward bei dem Herrn Ar⸗ nold, denn der verſtand es ſo recht, des Menſchen Herz in den Mund zu bringen; da ſprach er ſo ſchön von den Ländern, die er bisher geſehen, und von der Hei⸗ math, und von ſeinem Lebensſchickſal, und wie er nicht Vater und Mutter mehr habe, und pries die Liebe Got⸗ tes in ſeiner Lebensfuͤhrung, und ſprach mit ſo inniger, 121 ſtiller Begeiſterung von ſeinem Beruf, daß ihm der Herr Arnold von Herzen gut ward. Und als die Zeugniſſe ankamen, und auch die viel Rühmens von dem Candi⸗ daten Reinau ausſagten, da ward ihm die Probepredigt zuerkannt. Die Kirche zu Langenfeld war wider Gewohnheit voll; denn die Neugierde trieb ihrer Viele hinein, die ſonſt gerade nicht lieb hatten die Stätte, wo Gottes Ehre wohnt. Der Herr Arnold hatte dießmal die Vorſteher der Kirche bei ſich in dem Herrnſtuhl ver⸗ ſammelt, und Aller Augen waren auf den Fremdling gerichtet, der ſeine Probe beginnen ſollte. Mit tiefer Bläſſe auf dem Angeſicht, und mit leiſer, zitternder Stimme begann er das Gebet, und Mitleid ergriff Aller Herzen. Aber wie das Gebet immer heißer und inni⸗ ger aus dem Herzen quoll, da wich auch die Bläſſe des Angeſichts, da verſchwand das Zittern der Stimme, und als der Tert geleſen und die Predigt ſo recht im Zuge war, da ruhte eine Freudigkeit und ein Ernſt auf den Zügen des jungen Predigers, daß die Langenfelder ſich eingeſtanden, ſo hätten ſie noch nicht predigen hören. Sein Tert war:„Es ſey denn, daß Jemand von Neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht ſehen.“ Von der neuen Geburt ſprach er; ihre Nothwendigkeit ſtellte er in das hellſte Licht. Wie wir Alle dem Herrn nicht gefallen könnten, ohne die Erneuerung unſeres in⸗ wendigen Menſchen, wie wir allzumal Sünder ſeyen und des Ruhmes von Gott mangelten, und wie wir uns nicht ſelber retten könnten aus der Sünde und ih⸗ rem Fluch. Hatte er ſchon die Sünde und ihre Qual und die Armuth des Menſchenherzens ohne des Herrn Hülfe mit tiefer Innigkeit geſchildert, ſo ward ſeine 122 Stimme wie ein Engelsgeſang, und ſein Wort wie ein Engelsgruß, als er von der Liebe Gottes gegen uns Sünder ſprach, als er die Treue des Heilands gegen die Verirrten malte; und als er ſchloß mit dem Gebet zu dem Gekreuzigten und Auferſtandenen, da war es, als rief's in alle Herzen hinein:„Kommt, laſſet euch verſöhnen mit Gott!“ Schweigend ging die Verſammlung nach Hauſe; die Herzen waren angefaßt, und der Geiſt Gottes be⸗ gann in ihnen ſein Werk. Doch nur auf wenige Stun⸗ den; dann entſtand ein Zwieſpalt in den Herzen Vieler. Das Wort war an den Weg gefallen, und die Vögel unter dem Himmel fraßen es auf. Der fremde Candi⸗ dat habe zwar gut gepredigt, ſo hörte man ſagen, aber er ſey auf der Kanzel zu ernſt, und dann ſcheine er auch ſchon viel aus Langenfeld zu wiſſen, das merke man an ſeiner Rede gar deutlich, und einen Pfarrer, der ihnen ſchon in der erſten Predigt die Meinung ſage, den wollten ſie nicht. So ſprachen die Männer bei'm Stophel März und bei'm Käsperchen, und die Weiber riefen ſich ihre Mei⸗ nung über die Straße hinüber zu, und die Veltengrete ſagte zu der Frau des Oeſtreichers, als ſie ſich bald dar⸗ auf am Brunnen trafen:„Lore, mir wäre faſt der Eilauer Pfarrer noch lieber, denn dieſer. Gebt Acht, kriegt der die Pfarre, ſo hat Kein's mehr Ruhe; der kommt mir gerade vor, wie das böſe Gewiſſen und der Alp.“„Nun,“ ſagte die Lore,„dazu wird's ja Rath werden; wir haben Manchen ſchon zahm gemacht; hält er das Maul nicht, dann geht ihm Niemand in die Kirche, und damit fertig.“ Aber trotz allem Gerede der Leute ward der Can⸗ didat Friedrich Reinau doch Pfarrer zu Langenfeld, und 123 als ſeine Beſtallung von oben her anlangte, und die Antrittspredigt gehalten war; da lud der Herr Arnold die Vorſteher zu ſich zu Gaſt, und ſprach zu ihnen alſo: „Da iſt euer neuer Pfarrer, ihr Langenfelder. Von Perſon iſt er euch noch ziemlich unbekannt; aber bekannt iſt er euch durch das, was er euch bringt, durch das Wort Chriſti. Wenn er euch das von nun an predigt, oder in eure Häuſer bringt, ſo nehmt es nicht auf als Menſchenwort, ſondern als das, was es wirklich iſt, als Gotteswort. Habt ihn lieb um ſeines Amtes wil⸗ len, und ſeyd friedſam mit ihm, auf daß er ſein Amt mit Freuden thue, und nicht mit Seufzen, denn das wäre euch nicht gut. Und nun reicht euerm Pfarrer die Hand, und verſprecht für euch und für die Gemeinde, daß ihr ihn lieben und ehren wollt.“ Da reichte Einer nach dem Andern dem Pfarrer die Hand, und es wa⸗ ren nicht Wenige, die ſich gelobten:„Wir wollen un⸗ ſer Verſprechen halten.“ An deren Handdruck fühlte der Herr Pfarrer, daß ſie ihn lieb hatten. Und als es Abend ward, und der Herr Pfarrer mit Thränen im Auge dem Arnold noch einmal dankte für dieſen frohen Tag und für das Glück, das er ihm bereitet, ein Pfarramt zu haben; da ſprach der Arnold: „Herr Pfarrer, wie viel ich euch gegeben in eurem Amte, oder vielmehr, wie viel euch Gott gegeben, das wißt ihr heute noch kaum; aber ihr werdet's wiſſen, wenn erſt des Amtes Bürde ſchwer auf eurer Schulter liegt. Wollt ihr ein Diener Chriſti ſeyn in eurem Amte, dann macht euch auf viel Kreuz und Trübſal gefaßt, und lernet die Freude an eurem Amte da ſuchen, wo ſie kein Menſch ſucht, eben im Kreuz und in der Trübſal. Ihr habt in Langenfeld viel zu erfahren; hoffet nicht zu 124 wenig und fürchtet nicht zu viel, und Alles, was ihr thut, das thut dem Herrn und nicht den Menſchen. Mir ſeyd ihr nichts ſchuldig, aber dem Herrn, der euch berufen, Alles. Glaubt ihr mir aber etwas ſchuldig zu ſeyn, ſo will ich es als euern Dank erkennen, wenn ihr mein Freund bleibt, und Vertrauen zu mir behaltet, und mich mithelfen laſſet, für den Herrn Seelen zu gewin⸗ nen. Und ſo geht mit Gott, und möge der erſte Tag in eurem Amt ein Buß⸗ und Bettag für euch werden!“ Und ſo geſchah es; und als aus Abend und Mor⸗ gen der erſte Tag des Amtes ward, da nahm der Herr Pfarrer unter Gebet und Thränen ſeine Bibel, und wie ſich der Wanderer in ein unbekanntes Land einen Wegweiſer macht, ſo machte ſich der Reinau einen Wegweiſer für ſein Amt im Dienſt des Herrn. Willſt du ihn leſen? Hier ſteht er: „Nicht, daß ich's ſchon ergriffen hätte, oder ſchon vollkommen ſey, ich jage ihm aber nach, ob ich's auch ergreifen möchte, nachdem ich von Jeſu Chriſto ergrif⸗ fen bin.“ Phil. 3, 12. „Wer Chriſti Geiſt nicht hat, der iſt nicht ſein.“ Röm. 8, 9. „Dafür halte uns Jedermann, nämlich fuͤr Chriſti Diener und Haushalter über Gottes Geheimniſſe. Nun ſucht man aber nicht mehr von den Haushaltern, denn daß ſie treu erfunden werden.“ 1 Cor. 4, 1 u. 2. „Ich vermag Alles durch den, der mich mächtig macht, Chriſtus.“ Phil. 4, 13. „Befleißige dich Gott zu erzeigen einen rechtſchaf⸗ fenen und unſträflichen Arbeiter, der recht theile das Wort der Wahrheit.“ 2 Tim. 2, 15. 125 „Denn wir predigen nicht uns ſelbſt, ſondern Jeſum Chriſt, daß er der Herr ſey.“ 2 Cor. 4, 5. „Predige ich denn Menſchen oder Gott zum Dienſt? Oder gedenke ich Menſchen gefällig zu ſeyn? Wenn ich den Menſchen noch gefällig wäre, ſo wäre ich Chriſti Knecht nicht.“ Galater 1, 10. „Predige das Wort; halte an, es ſey zu rechter oder zur Unzeit.“ 2 Tim. 4, 2. „Er hat mich geſandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden.“ Jeſ. 61, 1. „Weidet die Heerde Chriſti, ſo euch befohlen iſt.“ „Ich bin ein guter Hirte, ein guter Hirte läſſet ſein Leben für die Schafe.“ Joh. 10, 14. „Leite dich als ein guter Streiter Jeſu Chriſti.“ in 2 „Wenn ihr um Wohlthat willen leidet, das iſt Gnade bei Gott.“ 1 Petr. 1, 20. „Vergeltet nicht Böſes mit Böſem, oder Scheltwort mit Scheltwort, ſondern dagegen ſegnet, und wiſſet, daß ihr dazu berufen ſeyd, daß ihr den Segen beerbet.“ 1Petr. 3, 9. „Ueber Alles ziehet an die Liebe, die da iſt das Band der Vollkommenheit.“ Col. 3, 14. „So habt nun Acht auf euch ſelbſt und auf die ganze Heerde, unter welche euch der heilige Geiſt ge⸗ ſetzt hat zu Biſchöfen.“ Apoſtelgeſchichte 20, 28. „Ich betäube meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht Andern predige und ſelbſt verwerflich werde., 1 Cor. 3, 27. 126 „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten.“ 2 Tim. 4, 7. „Wer iſt nun unſere Hoffnung, oder Freude, oder Krone des Ruhmes? Seyd ihr es nicht vor unſerm Herrn Jeſus Chriſtus zu ſeiner Zukunft? Ja, ihr ſeyd unſere Ehre und Freude!“ 1 Theſſ. 2, 19 u. 20. „Weidet die Heerde Chriſti, und werdet Vorbilder der Heerde, ſo werdet ihr, wenn erſcheinen wird der Erzhirte, die Krone der Ehre empfangen.“ 1 Petr. 5, 4. 20. Des Laſters Bahn iſt anfangs zwar Ein breiter Weg durch Auen; Allein ihr Fortgang wird Gefahr, Ihr Ende Nacht und Grauen. Der neue Pfarrer, der Herr Friedrich Reinau, hatte ſein Amt begonnen, und fand, wohin er ſah, Arbeit in Menge; aber wahr wurde es, was Einer ge⸗ ſagt hatte, nur in anderem Sinne: er mußte mit Sün⸗ den ſein Brod verdienen; die Sünden ſeiner Gemeinde machten ihm volle Arbeit.— Die Erndte war in Langenfeld gethan, und war eine gute Erndte geweſen, und ſo gab's überall ver⸗ gnügte Geſichter und hoffende Herzen. Denn ſo war es nun einmal in Landenfeld ſchon ſeit Jahren, man aß, man trank, man freiete und ließ ſich freien, man war fröhlich und guter Dinge, ſo lange Brod im Hauſe und Geld zu Branntwein und Kaffee in der Hausbüchſe war, und dachte nicht an den kommenden Tag. In ſolchen guten Zeiten hörte man überall das Lied: — ————— — — 127 „Iſt mir Alles eins, iſt mir Alles eins, Ob ich Geld hab' oder keins!“ Wenn aber ein Faſttag ſchnell hinter dem andern drein kam, und die Kinder nach Brod riefen, und der Mann ſeinen Trunk auf die Kreide mußte ſchreiben laſ⸗ ſen, dann ſah man doch, daß das:„Iſt mir Alles eins!“ nicht ſo ernſt gemeint war; denn da gab's ein Lied aus einem andern Ton; da wurde gemurrt, ge⸗ klagt, geſcholten, geflucht, verzweifelt. Das waren die Sünden, die dem Herrn Pfarrer Mühe machten. Doch es ſollte noch beſſer kommen. Wie die Tage immer kürzer wurden, und für den Ackermann draußen nichts mehr zu thun war, und alſo viel Zeit zum Müßiggehen und Beſuchen übrig blieb; da fand ſich an einem Abend, es war Ende Oktobers, eine Geſellſchaft bei'm Stophel März zuſammen; lauter alte, gute Freunde, nur Einer fehlte unter ihnen, der Herr Ja⸗ kob. An den dachten ſie zwar Alle, aber es nannte Keiner ſeinen Namen, und war unter ihnen ausge⸗ macht worden, wer ihn nenne, der müſſe einen halben Schoppen zum Beſten geben, oder ſich einen Schnurr⸗ bart mit Kohlen machen laſſen. Doch es fehlte noch Einer, aber der wurde nicht vermißt und fragte auch Niemand nach ihm, und das war der alte Eichmann, der Ortsdiener. Daß der nicht kam, das ging aber ſo zu: Die Eliſabeth hatte einen Theil ihrer Erndte ver⸗ kauft, und war mit dem Gelde in's Herrnhaus gegan⸗ gen, dem Herrn Arnold den Ackerzins zu bringen. Der Herr Arnold hatte ſie gefragt, ob ſie auch das Geld jetzt entbehren könne? und ſie hatte ihm geſagt, daß ſie reichlich geerndtet, daß Gertrud viel verdient habe, daß ſie eben einen guten Spinnerlohn einnähmen, daß 128 die Kinder geſund wären, und die Mannsleute von ihrem eignen Geld lebten. Da hatte der Herr Arnold das Geld genommen, und für den Martin und die Bette und den Chriſtoph ihr etliche Groſchen in den Spartopf gegeben. Dann hatte er gefragt, ob ſie außer„Arnd's wahrem Chriſtenthum“ noch ein Buch im Hauſe hätten? und als Eliſabeth das verneinte, da hatte Herr Arnold ihr ein Buch mit nach Hauſe gegeben. Als das der Martin aufſchlug, um daraus vorzuleſen, während Mutter und Schweſter ſpannen, kam der Groß⸗ vater zur Thür herein, um ſein Abendbrod zu verzeh⸗ ren, und dann zum Abendtrunk zu gehen. Das Buch, das der Martin aufſchlug, hieß aber:„Gotthold's 400 zufällige Andachten von Magiſter Chriſtian Scriver.“ Der Großvater hörte, während er am Ofen ſaß und ſein Abend⸗ brod verzehrte, mit Aufmerkſamkeit zu. Der Martin las: Die Kohlpflanze. „Gotthold ſah auf einem Acker Weißkohlpflanzen geſetzt, die, ob ſie wohl groß und ſchön geweſen, den⸗ noch nach der Verſetzung die äußerſten Blätter meiſt alle verloren hatten, welche um das Herzkölblein und den ſchwachen Stamm her verwelkt lagen; er gedachte da⸗ bei, das heißt:„Geſtorben zum Leben.“ Wären dieſe Pflanzen an dem Ort, wo ſie aus einem geringen„ Saamenkörnlein erwachſen, unverrückt gelaſſen worden, ſo hätten ſie ihre Frucht nicht bringen können; jetzt aber, da ſie verſetzt ſind, ſtirbt zwar das äußerliche Anſehen, aber die Herzblätter leben, und werden in weniger Zeit durch fleißige Pflege wachſen, ſich ſchlie⸗ ßen, und auf einem ſtarken Stamm das nützliche Kohl⸗ haupt bringen. Mein Gott, ſo machſt du es mit den Gläubigen. In der Welt ſind wir aus ſündlichem 125 Saamen entſproſſen, und würden als Fleiſch vom Fleiſch geboren, Joh. 3, 6., zu keiner heiligen und tauglichen Frucht gelangen. Deine Hand aber, Herr Jeſu, ver⸗ ſetzt uns in deinen Kirchenacker, daß wir ſollen werden Pflanzen des Herrn zum Preiſe, Jeſ. 61, 3. Da über⸗ fällt uns die Kreuzhitze, und was dein wunderbarer Rath, Jeſ. 28, 29., zu unſerm Aufnehmen ſonſt gut befindet; alſo ſterben wir zum Leben. Wir ſterben ab der Sünde, daß wir der Gerechtigkeit leben, wir ſter⸗ ben der Welt, auf daß wir Gott leben; es ſtirbt der alte Menſch, daß der neue lebe, es ſtirbt das Fleiſch, daß der Geiſt lebe und in uns herrſche.„Mein Gott, laß mich eine ſolche Pflanze ſeyn!“— Wie nun Eliſabeth ihren Kindern das Gleichniß ausgelegt, wie ſie ihnen gezeigt, daß es auf ſie paſſe, wie ſie ihnen die Ermahnung gegeben, ſie ſollten nur nicht an Gott irre werden, daß er ſie in ihren jungen Jahren ſchon in eine ſolche Kreuzſchule geſchickt, und vielmehr um ſo feſter an ihm halten und in dem Bo⸗ den des Evangeliums wurzeln; da ſaß der alte Eich⸗ mann immer noch am Ofen und hörte ſchweigend zu. Und als Martin weiter las, und ein Gleichniß ſchöner war als das andere, und Alle ſich der lehrreichen Un⸗ terweiſung freuten: da hörte der Großvater noch immer ſchweigend zu. Als aber das Gleichniß von der Art am Baum, Matth. 3, 10., geleſen ward, da hörte man den Großvater ſeufzen, und ſah, wie er mit der Hand die Augen bedeckte. Das ſahen die Kinder, aber die Eliſabeth ſah mehr; ſie ſah, wie zwiſchen den Fin⸗ gern durch Thräne auf Thräne herabfiel, und ihr Herz jubelte in nie gefühlter Freude:„Du haſt meine Klage 9 130 verwandelt in einen Reigen, du haſt Großes an mir gethan, deß bin ich fröhlich!“ Wie gerne blieb' ich mit dir, lieber Leſer, im Haus des Golſer, und hörte des ſeligen Magiſter Scriver zu⸗ fällige Andachten; es geht mir da auch, wie dem Pe⸗ trus auf dem Berge der Verklärung, ich möchte auch ausrufen:„Hier iſt gut ſeyn, hier laßt uns Hütten bauen.“ Aber ich muß dich aus dem Kämmerlein des Gottesfriedens wieder hinausführen durch die ſtürmiſche Oktobernacht, und hineinführen zum Stophel März. Nicht, daß ich an dem Haus und ſeinen Gäſten ein ſonderlich Wohlgefallen hätte; aber es iſt nun einmal die Schmiede, wo alle Ketten gemacht wurden für Leib und Geiſt meiner armen Langenfelder.— Die Stamm⸗ gäſte aber dachten an dem Abend am allerwenigſten an ihre Armuth, vielmehr waren ſie wohlgemuth, und mancher Rundgeſang erſchallte, und mancher Spaß wurde erzählt und belacht. Da kam der Schlagmüller herein, auch der Müllerkurd genannt, deſſen Mühle aber ſchon längſt kein Oel mehr gab, ſondern der viel in der Stadt ſich aufhielt, warum? wußte man nicht. Alſo der Müllerkurd trat ein und rief:„Guten Abend, ihr Nachbarn; was Neues aus der Stadt!“„Nun, was wird das ſeyn,“ rief der Golſer,„iſt der Bänder⸗ jakob gehenkt?“„Dem Golſerhannes einen Halben erſt auf die Kreide, Herr Stophel, eh' ich erzähle,“ ſprach gravitätiſch der Schlagmüller; dann hub er an: „Ihr müßt wiſſen, Nachbarn, daß der Polack ſchon längſt in ſeinem eignen Lande nicht mehr gut thut; der Ruſſ' ſoll ihm zuviel im Nacken ſitzen, und der Polack ſoll es nicht vergeſſen können, daß er einſt ein anderer Kerl geweſen. Nun kann der Ruſſ' den Polacken nicht 131 mehr bändigen, und will ihm darum ein Stück Land abnehmen und es Fremden geben, die hineinziehen wol⸗ len. Da iſt denn Einer aus Polen in die Stadt ge⸗ kommen, ein Kerl, halb Ruſſ' und halb Polack, mit einem Schnurrbart, vor dem eurer, Herr Oeſtreicher, ein Katzenbärtel iſt, und will Leute ſuchen von hier herum, die mit ihm gehen. Das Polen ſoll ein ſchön Land ſeyn und viel Waſſer drinnen und viel Wald, und man ſoll hauen können, ſoviel man will, und braucht den Hungerleider, den Werner, nicht zu fürch⸗ ten. Dabei ſah er ſich ängſtlich in der Stube um, nahm einen Schluck aus ſeinem Glaſe und fuhr fort: „Auch wird jedem Einwanderer 100 Morgen gutes Land zugeſichert, dazu ein Haus, auch Saatfrucht für's erſte Jahr, und Holz ſoviel Einer will, und was das Beſte iſt,— wer räth's?“„Wildpret, ſoviel man will!“ rief der Heckenjakob;„Fiſche, ſoviel man fangen kann!“ ſchrie der Teichmeiſter;„Schnapps, ſoviel man ſaufen will!“ lallte der Golſer.„Alles fehlgeſchoſſen! Hört, zehen Jahre lang keinen Heller Steuern!“ „Mord und Element!“ rief da der Kaspar Dick⸗ haut, und ſchlug auf den Tiſch,„und da beſinnt man ſich noch? Ich verkaufe heute noch, was ich habe, und gehe morgen auf und davon; wer geht mit?“„Ich!“— „Ich!“—„Ich!“— rief's durch die Stube hin. „Aber, ihr Herrn,“ hub der Schulmeiſter bedäch⸗ tig an,„wie ſteht's mit dem Soldatwerden? Der Ruſſ' ſpaßt nicht; ich hab' gehört, wer von der Mut⸗ ter weg iſt, der ſoll oft in 20 Jahren nicht heimkom⸗ men, und wer durchgeht, der wird gehenkt, ohne viel Federleſens, und Prügel ſoll's dabei geben, daß ſchier Keiner im Land iſt, vom Kaiſer abwärts, der nicht zu 9* 132 Zeiten ſeine Tracht faſſen müſſe.“„Da bleib' ich da⸗ heim!“ rief der Oeſtreicher und rieb ſich den Rücken an der Wand. Das that er jedesmal, ſo oft von Prü⸗ geln die Rede war, und die Schälke im Orte wollten wiſſen, der Rücken des Oeſtreichers ſehe wie ein friſch gepflügt Stück Land aus; aber es wüchſe nichts d'rauf. „Nun, das mag ſeyn, wie's will,“ fuhr der Schlag⸗ müller fort, aber in etwas verdrießlich,„das mag ſeyn, ſag' ich, wie's will, ſo kann man ſich doch die Müh' nehmen, nach dem Plan zu fragen!“„Und ſich eine Naſe drehen laſſen von dem Müllerkurd, wie ehemals von dem Bänderjakob!“ rief ſpitz der Golſer.„Wer ſagt das, will ich wiſſen?“ rief in höchſter Wuth der Schlagmüller, ſprang auf, warf den Wirth, der ab⸗ wehren wollte, zu Boden, und ſchlug mit einem ſchwe⸗ ren Bierkrug dem Golſer auf den Kopf, daß der be⸗ ſinnungslos zuſammenſtürzte.„Ich laſſe meinen Freund nicht ſchlagen!“ brüllte da der Heckenjakob, und im Nu ſaß dem Schlagmüller des Wilddiebs Meſſer zwiſchen den Rippen. Nun ward das Getümmel fürchterlich; der Zank und die Rauferei zog ſich aus dem Wirths⸗ haus auf die Straße; es kamen von Minute zu Mi⸗ nute Mehrere dazu, und ehe der Schultheiß im Namen des Geſetzes Ruhe gebieten konnte, lag da Einer auf dem Straßenpflaſter und blutete, und dort ein Ande⸗ rer.— Und als der Martin eben das Buch geſchloſ⸗ ſen und ſeiner Mutter„eine gute Nacht“ gewünſcht hatte, da trug man den bewußtloſen Golſer in ſein Haus und legte ihn in's Bett.— Ich glaube, es ward in wenig Häuſern an dem Abend der Abendſegen gebetet, und wo's geſchah, da geſchah es unter Seuf⸗ zen und Weinen.„Wo iſt Weh? Wo iſt Leid? Wo 133 iſt Zank? Wo iſt Klage? Wo ſind Wunden ohne Urſache? Wo ſind rothe Augen? Wo man bei'm Weine liegt, und kommt, auszuſaufen, was einge⸗ ſchenkt iſt.“ Sprüche Sal. 23, 29 u. 30. 21. Die Sünde gleicht dem Schlangenſtich, Sie ſchmerzt nicht, aber tödtet dich. Am Morgen nach jener Ungluͤcksnacht ging der Herr Pfarrer in das Haus des Golſer, um zu ſehen, wie die Sachen ſtünden. Welch ein Anblick bot ſich ihm dar! In ſeinem Blute lag der Golſer; ein Arzt und ſein Gehülfe waren eben beſchäftigt, in ſeinen Kopf ein Loch zu bohren, um zu ſehen, ob das Gehirn von dem Schlag keinen Schaden genommen habe. Die Aerzte hatten einen großen Kreuzſchnitt über den Kopf gemacht, und die Kopfhaut hing blutig über die Stirne herunter, und der Golſer fiel aus einer Ohnmacht in die andere. Eliſabeth ſtand bleich und mit rothgeweinten Augen neben den Aerzten und half bei dem blutigen Geſchäfte, ohne daß ihr ein Grauſen anzukommen ſchien. Gertrud ſtand am Fenſter, oder lehnte vielmehr daran, denn ſie ſchien kaum ſtehen zu können, und Thräne auf Thräne floß auf die Charpie, die ſie für die Wunden ihres Vaters zupfte. An dem Ofen ſtand der Großvater; aber es würde ſchwer hal⸗ ten, zu beſchreiben, was Alles auf deſſen Angeſicht zu leſen war. In deſſen Herzen ſchien es herzugehen, wie in einer Schlacht, wo der eben geſchlagene Feind ſich wieder ſammelt und mit erneuter Kraft das Treffen beginnt. Bald ballte er die beiden Fäuſte und knirſchte 134 mit den Zähnen, bald faltete er die Hände und ſchien leiſe zu beten, bald ſah er mit wildrollendem Auge um ſich her, und ſank dann ſchnell in ein dumpfes Hin⸗ brüten zurück. Eliſabeth ſah von Minute zu Minute ängſtlicher in die Geſichter der Aerzte, die ſich durch einzelne Zeichen und Winke über den Zuſtand des Kran⸗ ken verſtändigten. Endlich, nach einer ſchrecklichen halben Stunde, hub der Aelteſte unter ihnen an:„Seyd ge⸗ troſt, gute Frau, euer Mann wird mit Gottes Hülfe leben; die Hirnſchale iſt zwar geſprungen, aber ſie wird ſich bei guter Behandlung ſchließen.“„Gott Lob und Dank!“ rief Eliſabeth mit einem Ausdruck der Stimme, der den Aerzten durch Mark und Bein ging.„Wird der Vater wirklich leben, Herr?“ fragte ängſtlich Ger⸗ trud, die zitternd und bleich herzugetreten war,„wird er leben? O betrügt uns nicht!“„Er wird mit Gottes Hülfe leben, meine Tochter!“ ſagte der Arzt. „Amen, ſo ſey es!“ rief vom Ofen her die dumpfe Stimme des Ortsdieners; dann ſchritt er der Thüre zu. Während noch die Aerzte mit dem Kranken beſchäftigt waren, wanr er ſtill wieder eingetreten, und als Eliſa⸗ beth ſich nach dem Vater umſah, ſtand der in ein lei⸗ nenes Wams gekleidet, an derſelben Stelle, wie früher, „Vater, iſt's euch denn in eurem Dienſtrock zu warm, weil ihr das Hauswams angezogen?“ fragte ſie ihn. „Mit dem Dienſtrock iſt's aus, Eliſabeth,“ ſprach er freundlich,„den habe ich eben dem Schultheiß gebracht; von dieſem Augenblick an bin ich nicht mehr Ortsdie⸗ ner. In dieſer Nacht hat unſer Herr an die alte Kam⸗ mer meines Herzens geklopft, und ich habe ſie ihm aufgethan, und er hat zu mir geſagt:„Aergert dich dein rechtes Auge, ſo reiß' es aus und wirf es von 5 135 dir. Es iſt dir beſſer, daß eins deiner Glieder ver⸗ derbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.“„Hört ihr's, Herr Pfarrer,“ rief mit freude⸗ glänzendem Angeſicht Eliſabeth, das war euer Tert am letzten Sonntag. Seht, ihr ſeyd ein glücklicher Säemann, eure Erndte geht auf über Racht; ſie hat auch bei meinem alten Vater ſchon Frucht gebracht, und nun möge Gottes guter Geiſt ſie behüten!“„Dem gebührt auch der Ruhm,“ ſprach ernſt der Herr Pfar⸗ rer, nicht mir; und kommt zu dem Entſchluß eures Vaters noch das Wachen und Beten, dann iſt ihm ge⸗ holfen!“ Wie nun die Aerzte mit dem Herrn Pfarrer weggegangen waren, und Eliſabeth wieder zum Lager ihres Mannes trat, da ſchlug der die matten Augen auf, und ſah ihr mit einem Blick in's thränenfeuchte Angeſicht, wie ſie ihn lange nicht geſehen, und ſeine kalte Hand legte ſich matt in die ihre. Da ſah Eliſa⸗ beth nichts mehr um ſich her, die Thränen füllten ganz ihr Auge; aber innerlich war es, als ſehe ſie über dunkle Thäler hinweg in den Aufgang der Frühlings⸗ ſonne.— So muß es wohl dem Geiſte des Frommen ſeyn, den der Todesengel eben aus dem Schmerzens⸗ kerker des gebrechlichen Leibes geholt hat, und dem aus dem Lichte von Gottes Thron her die Seligen zurufen: „Was kein Aug' geſehen, was kein Ohr gehöret hat, was in keines Menſchen Herz gekommen iſt, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben!“ Vor dem Hauſe des Schlägmüllers, in das der Herr Pfarrer mit den Aerzten wollte, war ein arges Getüm⸗ mel. Landjäger waren da aufgeſtellt, und hielten die Bauern von der Thüre ab, die hineinwollten. Den Aerzten und dem Pfarrer aber wurde die Thüre geöff⸗ 136 net. Noch bleicher und blutiger, als der Golſer, lag der Schlagmüller in ſeinem Bette, und ſein ſtarres Auge folgte verzweiflungsvoll den Gerichtsperſonen, die, von dem Schloſſer unterſtützt, Schränke und Kiſten auf⸗ brachen, während die Müllerſanne, ſeine Hausfrau, es unter Heulen und Schelten zu verhindern ſuchte.„Da iſt, was wir ſuchen!“ rief einer der Richter, und zog unter einem Bündel Flachs einen ſchweren Beutel mit Geld hervor. Der ward geöffnet, und herausfielen Tha⸗ ler und halbe Thaler und Viertelsthaler, einer weißer und glänzender, als der andere. Da hörte man den Schlagmüller ſeufzen und ſeine Frau ſchrie:„Von dem Geid weiß ich nichts; was kann ich von dem wiſſen, was der Schlagmüller bei Nacht und Nebel mitbringt; ich bin unſchuldig, ſo wahr die Sonn' am Himmel ſteht!“ „Das wird ſich finden,“ ſprach ruhig der Aelteſte unter den Richtern.„Meine Herren,“ ſagte er dann zu den Aerzten,„unterſuchen ſie die Wunde des Mannes dort, und geben ſie ihr Urtheil ab, ob er in die Stadt ge⸗ bracht werden könne, oder nicht? Wir haben in der letzten Nacht eine Falſchmünzerbande in der Stadt ent⸗ deckt und Mehreres, was wir bei ihnen fanden, ließ uns vermuthen, daß der Schlagmüller mit ihnen unter Einer Decke ſtecken müſſe.“ „Alſo der Müllerkurd war ein Falſchmünzer gewor⸗ den, wie ging das zu?“ Ganz natürlich nach dem Gang, den die Sünde nimmt, ſo unbegreiflich es auch den Lan⸗ genfeldern vorkam. Der Müllerkurd war erſt Schlag⸗ müller geweſen, und hatte ſein gutes Auskommen ge⸗ habt; dann war er unzufrieden geworden und hatte ihn geärgert, daß ſtatt der Schlagkuchen nicht Goldklumpen aus ſeiner Mühle hervorgingen; dann hatte er ſeinem 137 Handwerk den goldenen Boden eingeſchlagen und einen hölzernen hineingeſetzt; dann hatte er ſich gebärdet wie ein reicher Mann, als die fetten Jahre in Langenfeld waren; dann hatte er Schulden gemacht; dann hatte er getrunken über Durſt; dann war er ein Müßiggänger geworden, und zuletzt ein Falſchmünzer. Als die Nach⸗ richt:„Der Müllerkurd iſt ein Falſchmünzer!“ wie ein Lauffeuer durch Langenfeld ging, da hieß es:„Daran iſt die Müllerſanne ſchuld, die wollte immer Wurſt zum Weck, und Honig auf der Butter eſſen; nun hat ſie's; ſie wird die Fettaugen auf der Armenſünderſuppe in der Stadt wohl zählen können. Und das Wollſpinnen wird ihr auch wohlbekommen. Wie man's treibt, ſo geht's.“ Während ſo durch Langenfeld geredet ward, und eine Art von heimlicher Freude da und dort auf den Geſichtern zu leſen war, wie das ſo das trotzige und verzagte Menſchenherz thut, ſtatt zu beten bei jedem Gottesgericht:„Wer kann merken, wie oft er fehlet?“— da thaten die Aerzte den Ausſpruch, der Schlagmüller könne auf einem Wagen in die Stadt gebracht werden; ſeine Wunde habe keine Gefahr. Wie das die Müller⸗ ſanne hörte, da wollte ſie auf und davon; aber ein Land⸗ jäger vertrat ihr den Weg, und die Richter erklärten kurzweg, ſie müſſe mit ihrem Manne in's Gefängniß wandern. Und ſchnell wurden zum Abzug die Vorbe⸗ reitungen gemacht. Auch Alle, die in die Schlägerei vom letzten Abend verwickelt waren, wurden nach der Stadt geführt, bis auf den Heckenjakob; der war auf und davon, und ſeine Anndorth' meinte, er müſſe wohl in der Stadt Geſchäfte haben, denn ſie habe ihn ſeit geſtern Morgen mit keinem Aug' geſehen. Als nun der Zug nach der Stadt beginnen ſollte 138 und der Wagen ſchon vor der Thüre ſtand, und die Schlagmüllerin, unter Heulen und wiederholten Betheue⸗ rungen ihrer Unſchuld, ein Bündel für ſich und ihren Mann packte; da kamen die Kinder aus der Schule, und hingen ſich unter lautem Weinen an ihre Aeltern, und es war ein Anblick zum Herzbrechen. Auch die Richter ſchienen ergriffen zu ſeyn, aber ſie gaben den⸗ noch den Befehl zum Aufbruch und hießen den Schul⸗ theiß, die Kinder auf Koſten ihrer Aeltern bei guten Leuten unterzubringen. „Auf Koſten der Aeltern, und bei guten Leuten,“ murmelte der Schultheiß vor ſich hin, als der Zug der Gefangenen abging.„Wo nichts iſt, da hat der Kaiſer das Recht verloren, und die Gemeinde hat Ausgaben genug, und wer wird um Gotteswillen die beiden Freſſer mögen? Heh, ihr Nachbarn,“ rief er in den Haufen der Daſtehenden hinein,„wer verlangt am we⸗ nigſten für des Schlagmüllers Kinder da?“ Keine Ant⸗ wort erfolgte.„Ich meine, Bernpeter, ihr wäret Freund von dem Müller da, wollt ihr die Kinder nicht nehmen?“ „Freund hin, Freund her, Herr Schultheiß,“ rief der, „da könnt' ich bei meiner Kunigund' ſchön ankommen, wenn ich die Kinder mit heimbrächte!“„Nun fordert doch nur einmal, ihr ſollt es ja nicht umſonſt thun,“ ſprach der Schultheiß weiter.„Ich nehm' ſie für 30 Thaler,“ rief da der Kaspar Dickhaut,„aber die Ge⸗ mein' muß die Kleider ſtellen und das Schulgeld bezah⸗ len.“„Nun, wenn's auf's Bieten ankommt,“ fiel ſchnell der Bernpeter ein,„ſo thu' ich's um 25 Thaler!“„Und ich thu's umſonſt!“ rief mit ſtarker Stimme der Herr Arnold in den Haufen hinein.„Bin ich denn hier unter Chriſtenmenſchen, oder unter Seelenverkäufern? Habt — 139 ihr denn kein Herz im Leibe, Schultheiß, daß ihr hier Verſteigerung haltet auf offener Gaſſe in Gegenwart dieſer armen Kinder, die den Aeltern nachweinen. Pfui, über ſolch unchriſtlich Weſen! Will's ſo das Geſetz? Ihr ſeyd ja ärger, denn die Heiden!“ „Kommt mit mir, ihr Kinder,“ rief er dann ſanft den zitternden Kleinen zu,„kommt mit mir, es ſoll euch an nichts fehlen!“ Und während er einen Blick in den Haufen warf, als wollte er die Hartherzigen durchboh⸗ ren, da ſchritt er ohne Gruß mit den Kindern dem Unterdorf zu. Da ſahen ſich die Bauern einander an, und Jeder ging ſchweigend ſeines Weges, und Jeder ſagte bei ſich ſelbſt:„Der Arnold hat Recht.“ Und wohin führte der Herr Arnold die Kinder? Nicht in ſein Haus, was hätten ſie da thun ſollen! Zu der Frau Schulz führte er ſie, und während Emma mit den Kindern redete, und ſie um die Urſache ihrer Thrä⸗ nen fragte; da ſprach leiſe der Arnold:„Frau Schulz, hier bringe ich die Kinder des Schlagmüllers; der Vater und die Mutter ſind eben als Falſchmünzer in die Stadt gebracht worden, und die Kinder wurden auf offner Straße ausgeboten an den Wenigſtnehmenden. Ich habe das geringſte Gebot gethan, und bringe ſie euch, mei⸗ ner Freundin, daß ihr an ihnen thun möget, was Got⸗ tes Wille iſt! Da gab die Frau Schulz dem Arnold die Hand, und ehe eine Stunde verging, war die Lene und die Bärbel, ſo hießen die Kinder, im Haus der Frau Schulz ganz daheim, und Emma war beſchäftigt, für die Jüngſte eine Puppe zuſammenzunähen.—„Was ihr gethan habt Einem unter dieſen meinen geringſten Brüdern, das habt ihr mir gethan.“ Matth. 25, 40. 140 Einige Tage darauf gab's einen ſtarken Zuſammen⸗ lauf in Langenfeld. Auf einer Bahre von Stangen brachte man den Heckenjakob getragen, der durch die Bruſt geſchoſſen war, und kein Zeichen des Lebens mehr gab. Mehrere Tage hatten die Landjäger die Wälder um Langenfeld nach ihm durchſtreift, aber man fand ihn nicht. Nun hatten ihn Langenfelder gefunden, die im Eilauer Wald Holz holten. Eine abgeſchoſſene Flinte hatte neben ihm gelegen, ſonſt wußten ſie nichts anzu⸗ geben.„Der Heckenjakob todtgeſchoſſen?“ fragte man in Langenfeld;„wer wird das anders gethan haben, als der Werner! Ja, der Werner war ihm immer nicht gut; der hat gedacht, jetzt iſt er vogelfrei, alſo nur friſch auf ihn los, dann hat das Wild Ruhe!“„An dem Hek⸗ kenjakob iſt nicht viel verloren,“ hieß es weiter;„aber der Werner muß jetzt über die Klinge ſpringen, und das iſt das Beſte bei der Sache. Der Werner, der Wer⸗ ner hat's gethan!“ die Rede wurde immer lauter. Mittlerweile kam das Gericht aus der Stadt an; das unterſuchte die Leiche, das vernahm die Zeugen, und mußte den Namen des Werner ſo oft hören, daß es end⸗ lich aufmerkſam wurde, und den Förſter vorbeſchied. Der Werner erſchien und gab an: wie er am heutigen Morgen wirklich im Walde geweſen ſey, wo nach der Unterſuchung der Leiche der Mord müſſe ſtattgefunden haben, daß er auch nach der Eilauer Gränze hin, kurz hinter einander, zwei Flintenſchuſſe gehört habe; daß er aber weiter nichts wiſſe. Auch ſpreche das für ſeine Unſchuld, daß man den Heckenjakob in der Eilauer Ge⸗ markung gefunden habe, die ihn nichts anginge. Das Gericht unterſuchte die im Körper des Heckenjakob ge⸗ fundene Kugel; die paßte nicht in des Wilddiebs Stutzer; 141 aber in die Flinte des Werner paßte ſie. Es war alſo unwahrſcheinlich, daß der Heckenjakob ſich ſelbſt erſchoſ⸗ ſen habe, und höchſt wahrſcheinlich, daß der Werner mehr von der Sache wiſſe, als er ſagen wolle. Das Gericht und Herr Arnold redeten ihm zu, die Wahrheit zu geſtehen, aber er blieb bei ſeiner früheren Ausſage, verrieth auch nicht das geringſte Grauſen, als man ihn zu dem Todten führte, in deſſen Bruſt die tiefe Kugel⸗ wunde ſichtbar war. Dennoch verordnete das Gericht ſeine Gefangennehmung, und von zwei Landjägern wurde der Werner in's Ortsgefängniß geführt. Das war ein Anblick für die Schlechten unter den Langenfeldern! und der Oeſtreicher ſchwur hoch und theuer, ſo etwas ſey mehr werth, als der beſte Abend⸗ trunk, und wenn man ihn umſonſt haben könnte! Der Bernpeter aber ſagte zu ſeiner Frau:„Kunigund' man muß Pfeifen ſchneiden, ſo lange Saft in den Weiden iſt; ſo etwas kommt nicht oft vor; heute iſt der Wald offen; ich hol' mir eine Buche und mache ſie klein, und Abends ziehen wir ſie auf der Schleife heim. Das gibt einen köſtlichen Spaß!“ Und die Kunigund' lachte über ihres Mannes guten Einfall und holte ihm ein Pom⸗ merchen mit Branntwein. Und wie er, mit der Art unter dem Klapprock, am Ortsgefängniß vorbeiging, da ſah er die Kinder unter dem Gitterfenſter ſtehen und ſtarr hinaufſehen, und ſagte bei ſich ſelbſt:„Wenn die Katze gefangen iſt, dann haben die Mäuſe einen guten Tag.“ Doch die Freude der Langenfelder, daß der Werner in den Brummer gemußt, wie das Gefängniß auch ge⸗ nannt ward, ſollte nicht lange dauern. Er hatte noch keine Stunde geſeſſen, ſo kam der neue Ortsdiener, der 142 Kaspar Dickhaut, und ſchloß ſchnell die Thüre auf, und rief unter tiefen Bücklingen:„Herr Förſter, die Sach' hat ſich anders herausgeſtellt, kommt nur mit auf's Rathhaus, da ſteht der Thäter ſchon vor Gericht!“ Und wie der Werner auf's Rathhaus kam, da ſtand der Zeug⸗ förſter von Eilau da, und trug den Arm in einer Binde, und gab zu Protokoll:„Er ſey einem Rehbock nachge⸗ gangen, der täglich am alten Steinbruch wechſele, und wie er ſeinen Stand hinter einer alten Eiche genommen, ſo ſey von dem Steinbruch her der Heckenjakob mit ge⸗ ſpannter Flinte hergekommen; er ſey darauf hinter der Eiche hervorgetreten, habe die Flinte geſpannt und dem Wilderer zugerufen:„Jakob, ich kenne Euch, legt die Flinte hin und bittet um gut Wetter, ihr wißt, was Landesbrauch iſt!“ Kaum habe er das ausgeſagt, ſo ſey ihm des Jakobs Kugel in den linken Arm gefahren, er aber habe mit dem rechten Arm allein angelegt und den Wilddieb niedergeſchoſſen. Er habe davon ſogleich bei'm Schultheiß in Eilau die Anzeige gemacht, aber der habe den Todten nicht mehr auf dem Platze gefunden. Er ſelbſt ſey eben im Begriff geweſen, nach der Stadt zu fahren, und ſich dem Gerichte zu ſtellen. Dieſe Selbſt⸗ anklage war deutlich genug, und der Werner ward ent⸗ laſſen, und der Zeugförſter auch, nachdem er eine bedeu⸗ tende Caution geſtellt. Und als er, vom Rathhaus weggehend, den Werner aufſuchte, um ſich bei dem zu letzen, da ſagte die Hausmagd, der Förſter ſey ſehr betrübt vom Rathhaus heimgekommen, ſo habe es ihr geſchienen, habe ſchnell ſeine Flinte ergriffen, und ſie habe ihn mit ſchnellen Schritten den Burgweg hinauf nach dem Wald gehen ſehen. Da hatte der Zeugförſter mit dem Kopf geſchüttelt und vor ſich hin gebrummt, und 143 der Hausmagd war es dabei heiß und kalt geworden, und ſie hatte bei ſich geſprochen:„Wenn er ſich nur kein Leid's anthut!“ So war es Abend geworden, und die Angſt der Hausmagd ward immer größer, denn der Förſter war noch nicht daheim. Es ſchlug acht auf dem Thurme und das Spinnglöcklein wurde gezogen, und der Förſter war noch nicht da. Sie eilte hinüber in's Herrnhaus und entdeckte ihre Angſt dem Herrn Arnold, der mit dem Herrn Pfarrer in traulichem Geſpräch begriffen war; aber der Herr Arnold ſagte:„Sey ruhig, Suſann', der Werner iſt in Gottes Schutz; der iſt wohl bewehrt an Leib und Seele!“ Wie der Hausmagd ging es aber an dieſem Abend noch einer Chriſtenſeele in Langenfeld. Der Bernpeter hatte ſeiner Frau geſagt, daß er vor Nacht heimkommen wolle, und nun war es längſt dunkel und der Peter kam nicht. Die Kunigund' lief von einem Fenſter zum andern, öffnete ein's um's andere, und horchte in die Nacht hinaus; aber ſie hörte nichts, als das Rufen der Eulen drüben im Wald und das Bellen der Hunde im Herrnhof, und die Angſt des böſen Gewiſſens ſtieg von Minute zu Minute. Da kam es ihr vor, als hörte ſie durch die Gärten Fußtritte auf ihr Haus zukommen; ſie eilte in's Hintergärtchen und rief der Geſtalt, die ſich näherte, zu:„Peter, biſt du's?“—„Ich bin's, Kunigund',“ ſprach die ſtarke Stimme des Förſters, und der Kunigund' Herz pochte wie ein Hammer.„Kuni⸗ gund',“ ſprach näher tretend der Förſter,„euer Mann hat Schaden genommen im Burgwald. Ich fand ihn wimmernd im Schnee liegen; eine Buche, die er frevelte, hat ihm das Bein entzwei geſchlagen. Ich habe ihn bis zum Wildhäuschen neben der Burg getragen, da wurde 144 er mir zu ſchwer; habt ihr nicht eine Schleife oder ſonſt etwas, daß wir ihn herabbringen?“ Da zog unter Heulen und Wehklagen die Kunigund' die Schleife aus dem Schoppen, auf der die Buche ſollte heimgebracht werden, und der Förſter und die Kunigund' zogen den Bernpeter vom Berg herab in ſein Haus. Dann ging der Werner ſchweigend heim; ich glaube, er hörte es nicht einmal, wie die Kunigund' ihm Gottes Segen nachwünſchte für ſeinen Liebesdienſt. „Das iſt Gottes Finger,“ rief der Herr Arnold, als ihm Werner den Vorfall erzählte.„Der Golſer zum Tod verwundet, der Müllerkurd im Gefängniß, der Heckenjakob erſchoſſen, der Bernpeter vielleicht lahm auf ſein Lebtag, ſollten da nicht endlich den Langenfeldern die Augen aufgehen? Das iſt Waſſer auf eure Mühle, Herr Pfarrer, und nun nicht geſäumt, und mit Paulus gerufen:„Schaue die Güte und den Ernſt Gottes; den Ernſt an denen, die gefallen ſind, die Güte aber an dir, ſofern du an der Güte bleibeſt; ſonſt wirſt du auch abgehauen werden.“ 22. Wie lieblich ſind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen; die da ſagen zu Zion; Dein Gott iſt König. Jeſajas 52, 7. Es war in der heiligen Adventszeit, wo der Chri⸗ ſten Herzen auf des Herrn Feſt ſich neu bereiten, der da heißet:„Wunderbar, Rath, Kraft, Held, Ewig⸗ Vater, Friedefürſt,“ und wo die Chriſtenältern an die Gaben denken, die das Chriſtkind ihren Kindern mit⸗ 145 bringen ſoll, auf daß ihnen früh das Wort verſtändlich werde:„Alſo hat Gott die Welt geliebt;“ da kam eines Tages der Peter Eichmann zu dem Herrn Arnold, und bat um Erlaubniß, ein Wort mit ihm reden zu dürfen. Als der Herr Arnold ihm freundlich die Hand gereicht, und einen Sitz ihm angeboten, da ſprach der Eichmann: „Herr Arnold, daß ich nicht mehr Ortsdiener bin, wißt ihr wohl bereits, daß ich aber auf dem Wege bin, mit Gottes Hülfe ein anderer Menſch zu werden, das muß ich euch ſelber ſagen; denn ihr glaubt's wohl nicht Ich nehme euch den Zweifel auch nicht übel, denn ihr habt mich geſehen in einer Zeit, wo die Sünde in mir herrſchte, und wo ich that, was ſie von mir wollte. Nun aber hab' ich erfahren, daß der Herr dem verirrten Schafe nachgeht, auch in die Wüſte hinein, und ich kann nicht bleiben, was ich war, ich muß umkehren. Seht, ich war einſt ein anderer Menſch, und gewiß auch ein beſ⸗ ſerer Chriſt, als ich jetzt bin; Faulheit und Wohlleben haben mich arm gemacht am zeitlichen Gut, und noch viel ärmer an meiner Seele. Als ich nun euer Thun ſah, und eure Rede hörte, und manches Wort aus eurem Munde wie ein ſcharfes und zweiſchneidiges Schwerdt in mein Herz drang, da ſagt' ich zu mir: Eichmann, wo will dein Weg hin? Und als ihr uns den neuen Pfarrer gabet, und der Mann von ſeiner Kanzel herab ein Wort predigte, das wir ſeit Jahren nicht gehört,“ da ſagt ich zu mir: Eichmann, das iſt für dich geſagt; kehr' um, ſonſt wirſt du wie der unfruchtbare Baum a apgehauen und in's Feuer der Hölle geworfen. Nun möcht' ich anders werden, und hab's auch ſchon begonnen, aber wovon ſoll ich leben? Haus und Hof und Gut und Handwerkszeug, denn ihr müßt wiſſen, 10 146 ich war ein Wagner meiner Profeſſion, ſind fort, und ich bin ärmer denn Hiob. Da dacht ich: Geh' nur zu dem Herrn Arnold, der weiß dir vielleicht einen Rath. Wißt ihr einen, ſo ſagt ihn mir; ich will arbeiten, was ich noch vermag.“„Den Rath weiß ich, Alter,“ ſprach gar freundlich der Herr Arnold;„bei mir ſollt ihr bleiben; mein Oberknecht geht juſt aus dem Dienſt; deſſen Stelle könnt ihr haben, wenn ihr wollt.“ Von dem Tage an war der alte Eichmann Oberknecht bei dem Herrn Arnold. Das war ein kapitaler Spaß für die Spötter in Langenfeld. Der Eichmann Oberknecht im Herrnhof, nein, ſo etwas hatten ſie doch noch nicht erlebt.„Da hat der Arnold wieder einen ſchönen Streich gemacht,“ ſagten ſie,„hat ſich die Ruthe auf den Rücken gebun⸗ den und den Bock zum Gärtner geſetzt; der Eichmann läßt das Saufen nun und nimmermehr!“ Als die Eliſabeth ihres Vaters Entſchluß dem Golſer mittheilte, da ſagte der:„Der Schwiegervater hat Recht; wenn er's aushalten kann, ſo iſt's gut, ſo iſt er gedeckt. Komm' ich davon, ſo ſoll auch Manches anders werden; was der Alte kann, kann ein Junger auch.“ Und die Eliſabeth wandte ſich zur Seite, daß ihr Mann nicht die Thränen ſehen ſollte, die ſchnell in ihr Auge traten, und leiſe ſprach ſie:„Das walt' Gott!“ Aber woher dieſer Ernſt in der Rede des Golſer? Hatte ihn die Nähe ſeines Todes auf andere Gedanken gebracht, oder hatte der Seinen inbrünſtiges Gebet das Wunder vollführt, oder hatten des Magiſter Scriver's Andachten, die Martin an jedem Abend vorlas, mit der Sonnenwärme des göttlichen Wortes die ſtarre Eis⸗ rinde ſeines Herzens geſchmolzen? Alles zuſammen 147 hatte das Wunder an dem Golſer gethan, denn der Geiſt Gottes, der die Verirrten ſucht, der kleidet ſich in allerlei Gewänder; der kommt in hundert Geſtalten, bald freundlich, bald ernſt, bald bittend, bald ſtrafend. Der war auch in dem Worte des Herrn Pfarrers zu dem Golſer gekommen. Manches Stündlein ſaß der Pfarrer am Bette des Golſer, fragte freundlich nach ſeinen Wunden, redete mit ihm vom Glück ſeiner Wie⸗ dergeneſung, und wie er darin die Liebe ſeines Gottes ſo ſichtlich fühlen könne, und wie er des Danks gegen ihn doch nicht vergeſſen ſolle. Und als der Golſer ſprach, daß ihm das Beten ſo ſchwer falle, da hatte der Herr Pfarrer mit ihm gebetet, ſo heiß und kindlich, daß dem Golſer die Augen übergegangen waren. Und wenn dann das Herz des Kranken mit dem heiligen Pflug des göttlichen Wortes geackert, und mit dem Thau der Thränen genetzt war; dann hatte der Herr Pfarrer, als ein kluger Säemann, der ſeine Zeit wohl kennt, den Samen des Glaubens und der Liebe hinein⸗ geſtreut. Der war an manchen Stellen aufgegangen, aber die alten Gewohnheiten und die Kraftloſigkeit des ſündegewohnten Herzens hatten ihn oft wieder verder⸗ ben laſſen. Da hatte ihn der Herr Pfarrer zur ernſten Selbſtprüfung ermuntert, hatte ihm Abſcheu gegen ſeine Sünde gepredigt, hatte ihn vor der Selbſtgerechtigkeit gewarnt und zur Demuth ermahnt, und hatte ihm das Bild des Heilands, der zu unſerem Leben in den Tod gegangen, in ſo blendenden Farben vor Augen geſtellt, daß der Golſer mehr als einmal ausgerufen:„Was ſoll ich thun?“ Dann war ihm allezeit die Antwort gegeben worden:„Wachet und betet, daß ihr nicht in 10* 148 Anfechtung fallet, denn der Geiſt iſt willig, aber das Fleiſch iſt ſchwach.“ So war das Wunder an dem Golſer begonnen, aber es war noch nicht vollbracht. Die Sünde iſt kein Feind, den man verachten dürfte; ſie kennt alle Kriegs⸗ liſten, und geht dabei ſo klug zu Werke, daß ſie in Freundesgeſtalt, und mit ſcheinbar ſtumpfen Waffen, und mit dem Friedensfähnlein herankommt, nur, damit ſie Einlaß in's ſchwache Menſchenherz finde. Hat ſie aber Einlaß gefunden, dann wirft ſie das täuſchende Kleid der Gerechtigkeit ab, und wird zum Feind, der nicht raſtet, bis er geſiegt.„Darum wachet, ſtehet im Glauben, ſeyd männlich und ſeyd ſtark.“— Einſt war der Herr Pfarrer auch bei dem Golſer geweſen, und als er heimging, ſtand der Oeſtreicher an ſeiner Thüre und ſpaltete Holz. Der Oeſtreicher richtete ſich gerade auf, wie er das als Soldat war gelehrt worden, und bot, die Hand an die Stirne hebend, dem Herrn Pfärrer einen guten Abend. Der dankte ihm freundlich, blieb ein Weilchen bei ihm ſtehen, und ſprach mit ihm über Dieſes und Jenes. Da ſah über die Thüre weg die Lore, ſeine Hausfrau, heraus und ſagte zu ihrem Mann:„Ei Matthes, iſt denn das Lebensart, daß du den Herrn Pfarrer läſſeſt draußen ſtehen, und ihn nicht einläd'ſt, bei uns einzukehren?“ Der Oeſtreicher griff noch einmal an ſeine Stirne, und murmelte dann etwas vor ſich hin, das wie eine Ent⸗ ſchuldigung klingen ſollte. Der Herr Pfarrer trat ein, und die Lore ſprach, indem ſie mit der Schürze über den Tiſch wegſtrich:„Nehmt's nicht für ungut, Herr Pfarrer, daß es heute etwas ungeſcheuert bei uns aus⸗ ſieht; wir haben gebacken, dabei ſtäubt's ein wenig.“ 149 „Davon ſehe ich nichts, Lore,“ ſprach der Herr Pfarrer, „es iſt recht ſauber bei euch; das muß ich loben; wer ſein Haus rein hält, der iſt auf dem Wege, auch das goldene Sprüchlein wahr zu finden:„Selig ſind, die reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen.“ „Ja das Reinhalten und Scheuern hab' ich bei'm hoch⸗ ſeligen Herrn gelernt,“ ſagte ſelbſtzufrieden die Lore; „der pflegte immer zu ſagen:„Rein' Herz, rein Hand, rein' Haus!“„Da hat der hochſelige Herr ſehr Recht gehabt, Lore,“ ſprach der Herr Pfarrer weiter,„aber wie hielt er's denn mit der Kirche, mußten ſeine Leute auch in's Gotteshaus?“„Allemal, Herr Pfarrer,“ rief die Lore,„Kein's durfte zu Haus bleiben, das ent⸗ behrlich war, da ſagte der gnädige Herr:„Kirchen⸗ gehen und Beten macht nicht arm.“„Da wundert's mich aber doch, daß ihr das eine Sprüchlein des gnä⸗ digen Herrn ſo gut behalten habt und das zweite nicht, wenigſtens habe ich euch Beide noch nicht im Gottes⸗ haus geſehen!“—„Seht,“ nahm da der SOeſtreicher das Wort,„nach meiner Meinung hilft das Kirchen⸗ gehen nicht zur Seligkeit: ſondern rechtſchaffen ſeyn, das hilft dazu. Auch hat Unſereins nicht immer die Zeit, und iſt auch nicht immer dazu aufgelegt; die ganze Woche Arbeit vollauf, da muß denn der Sonn⸗ tag ein Tag der Ruhe ſeyn.“„Das ſoll er auch wirk⸗ lich ſeyn,“ hub der Herr Pfarrer an;„aber der Chriſt iſt nun einmal wie der Soldat im Felde, der hält ſeine Ruhe mit den Waffen in der Hand, damit nicht un⸗ verſehens der Feind ihn überrumpele.“„Ja ſo iſt's wirklich, Herr Pfarrer,“ ſprach der Oeſtreicher.„Das Kirchengehen,“ fuhr der Pfarrer fort,„iſt auch ſo ein Ruhen mit den Waffen in der Hand; das iſt ſelbſt eine Waffe gegen einen gar gefährlichen Feind, die Sünde, von der der Herr ſagt,„ſie ſey der Leute Ver⸗ derben, und Trübſal und Angſt müſſe kommen über alle Seelen der Menſchen, die Böſes thun.“ Da wir Chriſten nun abſonderliche Streiter ſind, ſo haben wir auch abſonderliche Waffen nöthig, wie der Apoſtel ſagt:„Die Waffen unſerer Ritterſchaft ſind nicht fleiſchlich, ſondern geiſtlich.“ Dieſe geiſtlichen Waffen haben wir immer bei uns, aber in der Kirche werden wir gelehrt, ſie auch zu gebrauchen. Da, mein Freund Oeſtreicher, iſt der wahre Exercierplatz. Da empfangen wir, wie der Apoſtel ſagt, den Harniſch Gottes, auf daß wir an dem böſen Tage Widerſtand thun, und das Feld behalten mögen. Da wird uns gereicht der Schild des Glaubens, mit welchem wir auslöſchen kön⸗ nen alle feurigen Pfeile des Böſewichts. Da nehmen wir aus des Herrn Hand den Helm des Heils und das Schwerdt des Geiſtes, welches iſt das Wort Gottes.“ „Das iſt Alles recht gut,“ ſprach mit ſchlauem Lächeln der Oeſtreicher,„aber, Herr Pfarrer, wenn man nun kein Rekrut mehr iſt, ſondern ein alter Soldat, der ſchon Pulver gerochen, und alſo die Waffen führen kann, wie ſteht's da mit dem Kirchengehen?“„Lieber Nachbar,“ ſprach da ſanft der Herr Pfarrer,„ich glaube nicht, daß wir auf Erden jemals aufhören, Re⸗ kruten zu ſeyn.„Wer kann merken, wie oft er fehle? verzeihe mir, Herr, auch die verborgenen Fehler,“ ſo betete im Bewußtſeyn ſeiner Schwachheit der König David, und der Apoſtel Paulus, der doch gewiß nach Soldatenbegriff ein General war, der ſagte von ſich: „Nicht, daß ich's ſchon ergriffen hätte, oder ſchon voll⸗ kommen ſey, ich jage ihm aber nach, ob ich's ergreifen 15¹ möchte,“ und unſer Herr, der mehr war, als David und Paulus, der ſprach zu dem, der ihn lobte:„Was nennſt du mich gut? Niemand iſt gut, denn der einige Gott.“ Geſetzt aber, Oeſtreicher, ihr machtet eine Aus⸗ nahme und wäret Officier unter unſers Herrn Strei⸗ tern, und euer König käme zu euch und ſagte:„Oeſt⸗ reicher, ihr habt eure Schuldigkeit gethan, hier nehmt das Ordenszeichen und tragt es vor aller Welt, was würdet ihr da thun?“„Ich würde ſagen,“ ſprach freudig der Oeſtreicher:„Eure Majeſtät, ich bin mit Leib und Leben euer Soldat, und ſo lang das Kreuz auf meiner Bruſt hängt, will ich euch lieben, und für euch ſtreiten, und für euch in den Tod gehen!“„Und ſeht,“ ſprach feierlich der Herr Pfarrer, und legte ſanft ſeine Hand auf des Oeſtreichers Bruſt,„das Zeichen habt ihr wirklich; auch zu euch ſpricht der Herr in ſei⸗ nem Wort:„Haltet meinen Sabbath, denn er ſoll ein Zeichen ſeyn zwiſchen mir und euch auf alle eure Nachkommen.“ Ein Ehrenzeichen iſt alſo der Sabbath, und der Herr will uns nicht für ſeine Streiter erkennen, ſo wir's muthwillig von uns werfen!“— Da wünſchte der Herr Pfarrer dem Oeſtreicher und der Lore„eine gute Nacht;“ und als es wieder Sonntag ward, und die Glocken zur Kirche läuteten, da ging der Oeſtreicher und ſeine Lore zur Kirche, und die Nachbarn ſprachen: „Der Oeſtreicher geht zur Kirche, da iſt ſicher das End' nicht fern.“ Aber des Oeſtreichers Lebensend' war ſo nahe nicht, wie die Nachbarn gemeint, ſondern ich kann dir, lieber Leſer, ſchon jetzt im Vertrauen ſagen, daß der Oeſtreicher mit ſeiner Lore noch manches Jahr zu⸗ ſammenlebte, allein ihre Kirchenfaulheit war zu Ende, und damit auch Manches, was ihnen bisher als Sünde 152 angehangen und was ſie für Tugend gehalten hatten. Der Oeſtreicher ſaß nicht mehr ſoviel im Wirthshaus und fluchte nicht halbmal ſoviel, denn früher, und die Lore hielt nicht allein ihre Stube rein, ſondern ſie fegte auch aus ihrem Herzen manchen alten Sauerteig hin⸗ aus, und ſagte zu ihrer Nachbarin, zu des Hecken⸗ jakobs Anndorth':„Wollt ihr Ruh' haben in eurem Herzeleid, ſo geht fleißig in die Kirche. Seit mein Matthes in die Kirche geht, hat mein Rücken Ruhe“ Der Oeſtreicher meinte nämlich wie Jener:„Die Wei⸗ ber müſſen Schläge haben!“ So war das Wirken des Herrn Pfarrers ein recht geſegnetes, und manche uneinige Ehe ward durch ihn zu einer glücklichen gemacht, und manches trotzige Kind, das Vater und Mutter nicht geehrt, lernte das erſte Gebot, das die Verheißung hat:„auf daß dir's wohl⸗ gehe,“ mit Freuden üben, und dem Stophel März ward mancher Kunde abwendig gemacht. Der war auch lange nicht mehr ſo zufrieden mit ſeiner Wirth⸗ ſchaft, und meinte, die guten, alten Zeiten, wo der Bänderjakob hier Abends den Rath geführt, die kämen ſchwerlich wieder. Seit der Arnold, und gar der Pfar⸗ rer, im Orte hauſten, könne kein ehrlicher Wirth mehr beſtehen. Und der Stophel März war dem Herrn Pfar⸗ rer gar nicht gut, und die Bärbel noch viel weniger; aber ſie tröſtete ſich und ihren Mann oft mit dem Sprüchwort:„Neue Beſen kehren gut.“ Dießmal aber hatte das Sprüchwort der Bärbel gelogen; denn der Eifer des Herrn Pfarrers war nicht ein Stroh⸗ feuer, das aufflackert und ſchnell wieder verliſcht, ſon⸗ dern der war eine ſtille, heilige Flamme, von dem ent⸗ zündet, der da ſprach:„Ihr ſeyd das Salz der Erdez 153 ſo nun das Salz dumm wird, womit will man ſalzen? Darum ſo habt Salz bei euch.“ Das Salz, das eines Pfarrers Herz gegen Fäulniß ſchützt, das Salz, das die Rede würzet und für die Hungrigen ſchmackhaft macht, das hatte der Pfarrer Reinau. Wo er hinkam, da kam er nicht in ſeinem Namen, ſondern als Bote ſeines Meiſters; wo er anhielt in Bitten und Strafen, da that er's nicht aus menſchlichem Geiſt des Eifers, ſondern aus ihm ſprach der Friede Chriſti; und was er lehrte, das war nicht ſein Wort, ſondern deſſen, der der Weg, die Wahrheit und das Leben iſt. Iſt euch Chriſtus der Oberhirte, ihr Hirten eurer Gemein⸗ den, dann iſt euer Hirtenſtab wie der Stab Aarons, der über Nacht grünt, und euer kluger Sinn findet die rechte Weide und den rechten Quell für eure Heerden. Aber wie es in jeder Heerde räudige Schafe gibt, bei denen alles Schmieren und Doctern nichts hilft, ſo gibt's auch in jeder Gemeinde bittere Wurzeln, die nicht heraus wollen an's Himmelslicht des neuen Lebens, ſondern die immer tiefer hinabwuchern in den dunklen Grund der Sünde. Was die austreiben, das ſind nur Zuchtruthen für die Hirten. Eine ſolche Zuchtruthe, die viel Wachen und Beten machte, hatte auch der Herr Pfarrer in Langenfeld, und die war der Bern⸗ peter.— Der Bernpeter? Ei, lag denn der nicht mit einem zerbrochenen Bein im Bette, das er ſich an dem Tage geholt, wo der Heckenjakob war todtgefunden worden? Ja, ſo war's wirklich, aber nur ſein Bein zwar gebrochen, nicht ſein trotzig und verzagt Herz und ſein ſtarrer Sinn, und die Kunigund', ſeine Ehefrau, war noch ſtarrer, und trug noch Holz in den Höllen⸗ brand, den der Mann ſich angezündet hatte. Was 154 konnte klarer ſeyn als das: Der Bernpeter war mit der Art in den Burgwald gegangen, und hatte eine Buche umgehauen, die Buche war umgefallen, und hatte den Bernpeter, der wohl etwas zu tief in ſein Pommerchen mochte geſehen haben, an's Bein getroffen, und ihm das Bein entzweigeſchlagen. So fand ihn der Förſter Werner neben der Buche liegen, und ſchaffte ihn in ſein Haus. Das Gericht kam und verhörte den Bernpeter in ſeinem Bette, weil die Heilung ſeines Beines ſich in die Länge zog. Aber der Bernpeter wußte nichts davon, daß er eine Buche gefrevelt; er war, nach ſeiner Meinung, in den Burgwald gegan⸗ gen, um Wachholderbüſche zu hauen; da war er über die Buche, die ſchon am Boden lag, gefallen und hatte das Bein gebrochen. Man fragte ſeinen Doctor und der zuckte die Achſeln und ſagte:„Es kann ſeyn, aber es kann auch nicht ſeyn!“ Was war da zu machen? Das Gericht that, was in ſolchem Falle lieber nicht geſchehen ſollte, es erkannte dem Bernpeter den Reini⸗ gungseid zu, wieß ihn aber zuvor an den Herrn Pfar⸗ rer, daß der ihn über die Wichtigkeit des Eides belehre. „Jetzt hab' ich gewonnen!“ rief der Bernpeter aus ſeinem Bette der Kunigund' zu, als das Gericht weg war;„das war's, was ich wollte, und mit dem Pfarrer werd' ich auch fertig, vor dem iſt mir nicht bange.“ War es auch dem Bernpeter vor dem Herrn Pfar⸗ rer gerade nicht bange, ſo wurde er doch ſobald nicht mit ihm fertig; denn der nahm die Sache ſo leicht nicht, ſondern ſetzte dem Bernpeter mit dem Worte Gottes ſo zu, daß der mehr wie einmal die Faſſung verlor. Aber jemehr das ſcharfe und zweiſchneidige Schwerdt in ſein Herz drang, jemehr das:„Irret 155 euch nicht, Gott läßt ſich nicht ſpotten!“ ihn ergriff, deſto mehr verſchanzte ſich ſein Herz hinter das Boll⸗ werk der Frechheit und Selbſtverhärtung. Er ward trotzig und hörte nicht mehr auf des Pfarrers Rede, ſondern wandte den Kopf nach der Wand hin, als ſey er die Sache müde. Wenn der Bernpeter gemeint, den Herrn Pfarrer damit aus dem Sattel zu heben, dann hatte er ſich ſehr verrechnet. Der ſprach vielmehr:„Höret Bern, eine Geſchichte, die ſich in dieſen Wochen in L begeben hat: Dort lebte ein Mann, der ſein gutes Auskommen hatte, wenn er auch kein reicher Mann zu nennen war. Der kam von Tag zu Tag immer mehr zurück, hatte Unglück mit Allem, was er unternahm, und jemehr er verlor, deſto mehr trank er. Im Rauſch mißhandelte er Weib und Kind, und machte die tollſten Streiche, und ward zuletzt einem Thiere ähnlicher, denn einem Menſchen. Der Amtmann im Orte, der ihn ſchon mehrmals wegen Straßenunfug hatte ſtrafen müſſen, ſtellte ihn einſt über ſein unchriſtlich Thun zur Rede. Da muß wohl der letzte Funke des guten Geiſtes in ihm erwacht ſeyn, denn er ſagte:„Herr Amtmann, glaubt nur nicht, daß ich an dem Sünd- und Schandleben, das ich führe, ein Wohlgefallen habe; ich ſuche in meiner Sünde nur ein Pflaſter gegen eine Todſünde, die mich drückt. Ich habe falſch geſchworen; ich habe Einem, der jetzt in Amerika iſt, aus der Noth helfen wollen, da man ihn eines Todtſchlags beſchuldigte. Straft mich nur,“ fuhr er fort,„es wird mir dann vielleicht leichter um's Herz.“ Der Amtmann leitete die Unterſuchung ein, aber ehe die noch begonnen hatte, trug man den Unglücklichen eines Abends in ſein Haus, Fiſcher hatten ihn todt aus 156 dem Fluſſe gezogen. Und nun,“ fuhr der Herr Pfar⸗ rer fort,„Bern, wollt ihr dennoch ſchwören, da Gott ſo gewiß und gerecht und oft ſo ſchnell richtet?“„Ich will ſchwören,“ ſagte dumpf und zitternd der Bern. Und der Bernpeter ſchwur am folgenden Tage in Gegenwart des Herrn Pfarrers. Zitternd ſaß er in ſei⸗ nem Bette, und zitternd erhob er die Hand, und bleich wie der Tod fiel er zurück auf ſein Kiſſen. Zwar machte ihm die Kunigund' bald nachher ein warmes Bier und ſchlug drei Eier hinein und brachte ihm das an's Bett; aber der Peter rührte es nicht an.—„Ein gut Gewiſ⸗ ſen iſt ein ſanftes Ruhekiſſen, aber falſch geſchworen iſt ewig verloren.“— 23. Wer nicht ſein Krenz auf ſich nimmt und folget mir nach, der iſt mein nicht werth. Matth. 10, 38. Seit es nun allgemach in Langenfeld ruhiger ward, ſeit die Langenfelder ſich an die fremden Geſichter, wie ſie den Arnold und den Pfarrer und den Werner nann⸗ ten, gewöhnt hatten, ſeit auch viel mehr Friede in den Häuſern und Herzen einkehrte, und Einzelne dankbar des Arnolds Bemühen anerkannten; da hörte man doch manchmal die Frage thun:„Aber ſagt, ihr Leute, wer iſt der Arnold eigentlich? Von Amerika kommt er, ſo ſagt er ſelbſt; aber die Amerikaner ſprechen doch kein Deutſch, und klingt ſeine Rede auch etwas ausländiſch, ſo muß er doch von dieſſeits ſtammen; wer fragt ihn einmal, wie es mit ihm ſteht?“ Aber es mochte Keiner fragen, denn der Herr Arnold war zwar gar freundlich 157 und umgänglich; aber von ſich ſelbſt ſprach er nie, und darum mußte etwas dahinter ſtecken. Dieſelbe Neugierde aber quälte auch den Werner und den Pfarrer und die Frau Schulz und die Emma, und Eins fragte das Andere, nicht um es auszuhorchen, ſondern um eben zu wiſſen, was man nicht wußte, und doch ſo gerne gewußt hätte. Das hatte der Herr Arnold längſt gemerkt, und ſich vorgenommen, ſeinen Freunden ſein Lebensſchickſal zu erzählen; nur bot ſich nicht immer dazu eine gute Gelegenheit. Doch auch die ſollte ſich jetzt finden. Die Frau Schulz hatte zum neuen Jahr einen Wildbraten aus der Herrnküche bekom⸗ men, und da ſie nicht gerne etwas Gutes allein genoß, ſo war der Herr Arnold und ſein Förſter und der Herr Pfarrer dazu eingeladen worden, und die Freunde, die ſich lieb gewonnen hatten, ohne ſich ſonderlich zu ken⸗ nen nach ihren Lebensſchickſalen, ſaßen im traulichen Geſpräch beiſammen. Es war noch wenige Stunden vor Mitternacht, und das Ende des Jahres war nahe. Das iſt ſo die Zeit, wo der Freund gern mit dem Freunde ein traulich Wörtlein redet, und wo des Ehri⸗ ſten Herz ſich ſehnt nach neuer Gemeinſchaft mit dem Herrn, deſſen Jahre für und für währen. Da hub der Herr Arnold an:„Meine lieben Freunde, es iſt eben die Stunde, wo man ſich über das alte Jahr hinüber und in ein neues hineinjubelt; aber ich bin nicht für dieſen Aus⸗ und Eingang bei'm Jahreswechſel; ich laſſe viel lieber das, was ich erlebte, noch einmal an mir vorübergehen, damit ich die Wege Gottes daraus lerne, und mit größerer Sehnſucht nach der Hand des Herrn greife, die bisher geholfen. Wenn ich denn heute ſo thue, ſo trage ich zugleich eine Schuld an euch ab, die 158 ihr mich bis dahin geliebt, ohne zu wiſſen, wer ich bin und was ich erlebte. Wer ich bin? das muß euch auch jetzt noch immer ein Räthſel bleiben; ich habe, das glaubt mir, guten Grund, es euch nicht zu ſagen; aber wenn ein Jahr vorbei iſt, und wir ſind noch vereint, dann ſollt ihr Alles wiſſen; bin ich aber bis dahin ſchon bei'm Herrn, nun ſo tröſtet euch, bis wir uns droben von Angeſicht zu Angeſicht erkennen. Was ich aber erlebte, das ſollt ihr erfahren, und habt ihr mein Schick⸗ ſal gehört, dann fragt mich nicht mehr darüber, aber dann betet um ſo inbrünſtiger für mich.“ „Arm bin ich aus meiner Heimath weggegangen; eine chriſtliche Erziehung und eine leidliche Kenntniß des Wagnerhandwerks war Alles, was ich mitnahm. In meinem Felleiſen ſteckten gute Kleider, und als ich wegging, ſchob meine Mutter mir mehrere Sparthaler in die Weſtentaſche, und reichte mir mit der andern Hand das Paradiesgärtlein des ſeligen Arnd. Das hab' ich mit mir genommen auf allen meinen Reiſen, und habe es erſt verloren, als ich viel Lieberes noch verlor; aber auch das Bild meiner frommen Mutter hab' ich mitgenommen, und ihr treues Wort hat mich behütet an Leib und Seele; es war unſers Heilands Wort. O, warum ſind doch die guten Mütter ſo ſelten gewor⸗ den, es ſtünde beſſer in Stadt und Land, ſo die das Kirchlein Gottes im Haus bauten!— Warum ich weg⸗ ging von Haus? ich weiß es ſelbſt nicht recht. Es trieb mich hinaus, die Welt zu ſehen; ich hatte keine Ruhe daheim; nur, wer die halbe Welt durchreiſt habe, ſo dachte ich, der könne ſich dann getroſt zu Haus in ſeine Werk⸗ ſtatt ſtellen und zehren von der Erinnerung. Meine Mutter war dem Reiſen ſehr abhold, und ſuchte mir 159 andere Gedanken beizubringen; als aber unſers Nach⸗ bar Kaspar war unter die Soldaten geſteckt worden; da packte ſie ſelbſt meinen Ranzen und ließ mich ziehen. So zog ich denn meine Straße fröhlich; ſah vieler Herrn Länder, arbeitete in den größten Städten als Wagner⸗ geſelle, und lernte viel; denn ich beſah, was zu beſehen war, und behielt doch noch ſo viel Geld übrig, daß ich davon nach Haus ſchicken konnte. Nach zwei Jahren kam ich nach Hamburg; da that ſich mir eine neue Welt auf. Noch nie hatte ich in einer Seeſtadt gearbeitet, und das Treiben um den Hafen her, und die aus⸗ und einlaufenden Schiffe, und der Matroſen freies Leben, machte mich ſo verwirrt, daß ich gar nicht wußte, wie mir geſchah. Bisher hatte ich immer das Reiſen auf einem Schiff für einen Abſchied vom Leben gehalten; wie ich aber ſah, daß der Hausvater lachend ſeiner Frau die Hand reichte, um nach Indien zu fahren, und ein Schiffsherr ſeinen Kindern Muſcheln aus Amerika ver⸗ ſprach, wie wir ihnen einen Weck aus der Stadt ver⸗ ſprechen; da gab's auch für mich bald keine Entfernung mehr, und ich hatte keinen größeren Wunſch als den, nach Amerika zu reiſen. Um dort zu bleiben? O be⸗ wahre, daran dachte mein Herz nicht; dazu hatte ich die Heimath und Vater und Mutter zu lieb. Aber ſo auf ein Jahr hinüber, das war mein Wünſchen. Wenn ich aber an Vater und Mutter dachte, dann verging mir der Muth; denn die, fürchtete ich, würden nie ihre Einwilligung geben. Doch ich verſuchte es; ich ſchrieb nach Haus, bekam aber keine Antwort; denn das Kriegs⸗ volk, das zwiſchen Hamburg und der Heimath ſich um⸗ hertrieb, fing damals die Briefe auf. Ich ſchrieb wie⸗ der und erhielt Antwort, und zwar eine, die ich nicht 160 erwartet. Mein Vater ſchrieb mir, ich könnte nach Amerika reiſen, aber ich ſolle in einem Jahr wieder da ſeyn; meiner Mutter dauere mein Reiſen ſchon zu lang. Ich glaube noch heute, die guten Leute wußten nicht, was es mit einer Reiſe nach Amerika auf ſich habe; ſie hatten noch keinen großen Fluß geſehen, geſchweige denn ein Meer, und meinten vielleicht wie jener Aus⸗ wandrer, der mich vor einem Jahre fragte, in 6 bis 8 Tagen ſey Alles überſtanden. Daß dem anders ſey, merkte ich bald; doch ſchlug mir meine Reiſe nach Ame⸗ rika ſehr zum Glück aus; ich glaube noch heute, wenn ich Alles überlege, der Herr wollte mich nach Amerika haben und drüben behalten.— Ich ließ mich, als ich meiner Aeltern Brief erhalten hatte, auf ein amerika⸗ niſches Schiff, das ſich zur Abreiſe rüſtete, führen, und der Capitain, der eine Ausnahme von der Regel machte, und etwas Deutſch verſtand, bot mir eine Stelle auf ſeinem Schiffe an, wodurch ich nicht allein freie Ueber⸗ fahrt, ſondern auch Lohn obendrein erhielt. Ich bekam nämlich das Amt eines Schenkmeiſters, aber nicht des Branntweins, ſondern des Waſſers. Branntwein wurde auf dieſem Schiffe nicht getrunken; der Capitain war mit allen ſeinen Leuten in einer Mäßigkeitsgeſellſchaft. Die Matroſen thaten die ſchwerſten Arbeiten, und brauch⸗ ten dazu keinen Tropfen Branntwein. Das kommt un⸗ ſeren deutſchen Bauern wohl ſonderbar vor; aber ich habe noch hundertmal in Amerika die Erfahrung gemacht, daß der Branntwein nicht zur Arbeit hilft, ſondern die Arbeit nur verdirbt. Wer giebt den Knechten der Far⸗ mer in den Wäldern Branntwein, und dennoch arbei⸗ ten ſie von früh bis ſpät, und bleiben geſund dabei, und drehen ſich nicht, wie die Thür in der Angel, im 1 161 Bette herum, wenn der Hahn kräht.— Mein geſunder Körper und das Paradiesgärtlein in meiner Taſche ließen mich die Ueberfahrt wohl überſtehen; das Meer gab mir tauſend Dinge zu ſehen, an die ich früher kaum geglaubt, und ich lernte manch' Sprüchlein der Schrift mir jetzt deuten, wo ich viel Zeit und tägliche Auffor⸗ derung dazu hatte. Nach einer Fahrt von 7 Wochen landeten wir in Baltimore. Der Capitain wollte mich in ſeinen Dienſten behalten, aber ich dankte für ſein Anerbieten; mich trieb es hinein in das neue Land. Wie ich mir's gedacht, ſo fand ich Amerika nicht; ich muß ſagen, ich war etwas getäuſcht, namentlich wollte es mir nicht gefallen, daß Jeder ſo ſeine eigne Wege ging, und ſich um den Fremden gar nicht kümmerte, und des Fremden Fragen gar nicht hören wollte.„Hilf dir ſelber, ſo iſt dir geholfen,“ das lernte ich da bald. Und ich half mir ſelber. So lange mein Geld noch aushielt, reiſte ich im Lande umher, größtentheils mit den Dampfſchiffen auf den großen, großen Flüſſen, die das ſchöne Land nach allen Richtungen durchziehen, und als mein Geld ausging, und ich mich grade in Washing⸗ ton befand, ſo ging ich dort zu einem deutſchen Wagner in Arbeit. Mein Gott hat mich bis dahin gar treu und gut geführt; auch damals war ſeine Hand über mir, als ich in's Haus des Meiſter Leonhardt zu Washington trat. Der Mann war ein Deutſcher von Geburt, ein Würtemberger, hatte aber eine Amerikanerin geheurathet, und wurde beides im Haus geſprochen, deutſch und eng⸗ liſch. Mein Meiſter war ein Kernmenſch an Leib und Seele; ſo ein rechter guter Deutſcher, bieder, fromm und treu, und in ſeinem Haus war's gut wohnen, und er gab ſeinen Arbeitern guten Lohn, aber noch mehr, 11 162 er gab ihnen auch ein chriſtlich Vorbild. Wer ſein Herz nicht zu zähmen verſtand, der blieb nicht lange bei dem alten Leonhardt, denn Fluchen und Schwören, Saufen und Spielen ward an keinem Geſellen geduldet, und wollte Einer das nicht laſſen, ſo ſagte der Meiſter: „Mer ſcheide, G'ſell du g'fällſcht mer nit!“ Wer aber nach des Meiſters Sinn war, der hatte es gut. Und ich hatte es ſehr gut, und als ich, nachdem das Jahr vorbei war, das mir in Amerika vergönnt war, unter Thränen zu meinem Meiſter trat, und um meinen Abſchied bat; da ſagte der:„Geht mit Gott, Lorenz, und wenn euch auch das Herz bricht; du ſollſt Vater und Mutter ehren, das iſt das erſte Gebot, das die Ver⸗ heißung hat: auf daß dir's wohlgehe. Zieht heim in's liebe Deutſchland, das Gott ſegnen wolle reichlich und täglich! und drückt euch drüben der Schuh, ſo kommt wieder und bringt Vater und Mutter mit; hier iſt für Viele Raum und Brod.“ Und ich ging ſehr betrübt zu Schiffe, und wußte mich nicht zu faſſen; denn des Meiſters Töchterlein hatte auch geweint, als ſie von mir Abſchied nahm, und die gerade hatte ich geliebt, und wollte mir's nicht ſagen und ihr auch nicht. Nun hatte ich ihre Thränen geſehen und die waren wie Feuer⸗ tropfen auf mein Herz gefallen. Aber ich ging und nahm der Clara Bild mit mir im Herzen, und da ſteht es noch bis heute.— Jubelnd war ich vor einem Jahr von dem Schiffe auf's Land geſprungen, weinend be⸗ trat ich jetzt das Schiff.— Doch was geſchah! Des Herrn Rath iſt wunderbar. Noch im Angeſichte der Stadt zog das Schiff Waſſer; es muß ſehr ſchlecht ge⸗ weſen ſeyn; und ſank und ſank immer tiefer.„Alle Mann' an die Pumpen!“ rief der Capitain; aber das Pumpen half nicht, und in größter Eile wurden Noth⸗ ſchüſſe gethan, und die Schaluppe ausgeſetzt. Wie toll ſtürzte Alles hinein, und kaum war das geſchehen, ſo verſank das Schiff vor unſern Augen mit allen Gütern. Die uns zu Hülfe kamen, führten uns als arme Schiff⸗ brüchige an's Ufer. Daß unſer Schiff geſunken, die Nachricht hatte ſich wie ein Lauffeuer in der Stadt ver⸗ breitet, und der Leonhardt war mit ſeiner Clara an's Ufer geeilt, um zu ſehen, ob ich noch lebe. Ich ſah ſie vom Waſſer aus am Ufer ſtehen; ich glaubte die Thränen im Auge des Mädchens zu bemerken; aber ich verſteckte mich hinter meine Reiſegefährten, und als wir das Ufer betraten, eilte ich ſchnell in den dichteſten Volks⸗ haufen. Warum ging ich meinem Meiſter und meinem Glück aus dem Wege? Eben weil es mein Glück war und ich durfte es nicht genießen. Daß ich zurück müſſe, das ſtand feſt; was ſollte ich mich quälen und die Clara mit? Mein erſpartes Geld und alle meine Kleider hatte ich im Schiffbruch verloren, konnte alſo nicht aus Was⸗ hington weg, was ich gern gethan hätte; ich mußte bleiben und Arbeit fuchen. Die fand ich bei einem Wagner in der Vorſtadt, und ſchrieb ſogleich an meine Aeltern, erzählte denen Alles und verſprach bald heim⸗ zukommen. Doch der Menſch denkt's, und Gott lenkt's. Wie ich einſt aus der Kirche gehe, wo ich mir Ruhe erbetet, da fühlt' ich mich am Kragen gefaßt, und als ich erſchrocken herumfuhr, ſo ſtand der alte Leonhardt mit finſterem Angeſicht vor mir und ſprach:„Lorenz, ihr ſeyd entweder, was ihr ſcheint zu ſehn, oder ihr ſeyd keinen deutſchen Albus werth! Redet, Menſch, welcher Teufel ſitzt in euch, daß ihr euch als todt beweinen laſſet und lebt doch!“ Da ſtand ich weinend vor dem — 164 alten Leonhardt, und merkte es nicht, wie die Leute mich für einen entdeckten Dieb hielten. Ich erzählte dem Manne Alles, ich ſchilderte ihm meine Liebe zu ſeiner Clara, und bat ihn, um meiner Aeltern und um des Mädchens willen, mich gehen zu laſſen. Da wiſchte ſich der Alte über die Augen, was ich nie an ihm ge⸗ ſehen hatte, und ſagte nichts, als:„Des Menſchen Herz ſchlägt ſeinen Weg an, aber der Herr machet, daß er fortgehe!“ So führte er mich zurück in ſein Haus; da war Jubel in allen Ecken, da hieß es auch:„Der verloren war, der iſt wieder gefunden worden.“ Sonſt blieb Alles, wie es war; ich war nach wie vor Geſelle bei dem alten Leonhardt und ſah die Clara nur bei'm Eſſen und ſprach wenig mit ihr. Als aber der erſte Brief von Haus an mich kam und den Tod meiner gu⸗ ten Mutter meldete und meine erſten heißen Thränen der Liebe und Dankbarkeit getrocknet waren, da nahm mich eines Tages der alte Leonhardt vor, und ſagte feierlich:„Lorenz, ich weiß, was euch fehlt und der Clara auch; ihr habt euch lieb und begehrt euch zur Ehe; Gott hat euch recht ſichtlich zuſammengeführt, was ſollen Menſchen euch ſcheiden? Drinnen bei der Mut⸗ ter iſt die Dirne, geht hinein und machts richtig, und dann ſchreibt heim und bittet um des Vaters Segen, und ladet ihn ein, herüberzukommen; für das Reiſegeld wolle ich ſchon ſorgen. Das ſchickt einſtweilen dem Alten, das wird ihm wohlthun.“ So ſagte er und reichte mir eine Rolle mit Geld.— Aber auf den Segen des Vaters durfte nicht gewartet werden; der blieb aus ein Jahr und noch eins und endlich gar ein drittes; und ob ich gleich jede Schiffsgelegenheit benutzte, und Briefe uͤber Briefe ſchrieb, ſo bekam ich doch keine Antwort. 165 Viele gingen, ſo denk' ich, verloren; die Kriegszeiten machten Meer und Land unſicher. Nach einem Jahr des Wartens ward Clara mein Weib, und im fünften Jahre unſerer glücklichen Che, an dem Tage, wo mir mein zweiter Sohn, Richard, geboren wurde, kam der erſte Brief aus der Heimath an. Das war ein dop⸗ pelter Freudentag! Mein Vater freue ſich über mein Glück und wünſche mir Gottes Segen, hieß es in dem Briefe, aber zum Reiſen nach Amerika habe er keinen rechten Luſten; es gehe ihm gut, die Zeiten ſeyen gut, was ſolle er in der Fremde thun? Seitdem habe ich nun regelmäßig an jedem erſten Tag im neuen Jahr nach Haus geſchrieben und oft Geld geſchickt; denn ich ward wohlſtehend, ohne daß ich es merkte; aber nur einmal habe ich einen Brief bekommen, in welchem mein Vater ſich bereit erklärte, jetzt nach Amerika zu reiſen, und zwar mit ſeiner Tochter und deren Mann; ich möchte das Reiſegeld ſchicken. Das that ich, und lief Jahre lang in den Hafen, wenn der Donner der Kanonen die Ankunft eines Schiffes meldete; aber ich ging vergeblich. Warum die Meinen nicht ſchrieben und auch die Reiſe nicht unternahmen, das weiß ich jetzt genau; aber davon laßt mich jetzt ſchweigen.“ „Mein Schwiegervater war ein ſehr wohlſtehender Mann, und mir gelang mein Unternehmen faſt noch beſſer. Ich blieb zwar meinem Handwerk treu, aber ich dehnte es ſo weit aus, daß in meiner Fabrik oft 50 Men⸗ ſchen beſchäftigt waren. Ich nahm Theil an der Er⸗ bauung neuer Eiſenbahnen, und gewann damit; ich kaufte Land, in Stücken, größer, als ein ganzes Fürſten⸗ thum, und verkaufte es wieder mit gutem Vortheil. Auf meinen Handelsreiſen habe ich mir denn Amerika ſo recht 166 angeſehen. Ich bin in allen ſeinen größeren Städten geweſen; ich habe die Gegenden beſucht, wo der Kaffee und die Baumwolle gebaut wird, und wo die armen ſchwarzen Sklaven das Zuckerrohr preſſen, deſſen Saft unſern Gaumen kitzelt, während die Sklaven dabei vor Heimweh ſterben; da hat es mir nicht gefallen. Ich habe die Seen beſucht, die faſt kälter liegen als Deutſch⸗ land; ich bin bei den Wilden geweſen in Weſten, wo von Hunderttauſenden, die ehemals den Büffel in den Wäldern gejagt, kaum hundert von einem großen Stamme noch übrig ſind. Und auf allen meinen Reiſen habe ich gefunden, wie ein herrliches, ſchönes, reichgeſegnetes Land das Amerika iſt, und wie ſich's vort gut wohnen läßt, wie aber auch dort das Schriftwort gelten müſſe: „Im Schweiße deines Angeſichts ſollſt du dein Brod eſſen,“„und es liegt nicht an Jemandes Wollen und Laufen, ſondern an Gottes Erbarmen.“ Des lieben Gottes kann man auch drüben nicht entbehren, und ſeine Hand ſchlägt und heilt, ſoweit Menſchen wohnen, und wenn er ſein Angeſicht verbirgt, ſo weinen dort die Augen, wie hier zu Land.“ Und der Herr Arnold zerdrückte eine Thräne in ſeinem Auge, und dann fuhr er fort: „Auf meinen Reiſen hatte ich mir ein Plätzchen ausgeſucht, auf dem wollte ich einſt mit den Meinen wohnen, und ſo es Gott gefiel, auch ſterben. Das lag am Fluſſe Ohio, im Staate Kentuki, nicht fern von der Stelle, wo der Ohio in den Miſſiſippe fällt. Das war eine Gegend, wie ein Paradies; Feld und Wald, wie man's nicht beſſer und ſchöner finden will, und den Ohio vor ſich mit ſeinen ſchönen, klaren Wel⸗ len und ſeinen vielen Dampfſchiffen. Da hatte ich ein großes Landhaus bauen laſſen und Oekonomiegebäude 167 dazu, und ſeit Jahren wartete mein Verwalter auf Nachricht, daß ich mit meiner Familie dort einziehe. Als dann erſt meine Schwiegermutter, und dann in hohem Alter, von vier ſeiner Enkel beweint, der Leon⸗ hardt geſtorben war; da verkaufte ich Haus und Fabrik in Washington, und mit einem Jubel ſondergleichen ſchickten ſich die Kinder an zur Reiſe. Wir fuhren den Ohio hinab mit großer Schnelligkeit, und auf dem Ver⸗ deck mit den Meinen ſtehend, zeigte ich ihnen in der Entfernung die blauen Berge, an deren Fuß unſere neue Heimath lag. Eben hatte ich der kleinen Louiſe, meiner Jüngſtgebornen, von den Thieren des Feldes erzählt, die ſie dort ſehen würde; da erſcholl aus dem Schiff herauf der fürchterliche Ruf:„Feuer!“ Wenn es ſo ruft in Stadt und Dorf, dann weiß man, daß nicht zu ſcherzen iſt; wenn es aber ſo ruft auf dem Schiffe, dann weiß man, daß wenig Rettung möglich iſt; denn zwei Feinde, einer ſchlimmer als der andere, drohen Tod und Verderben. Die Schiffsmannſchaft that, was ſie konnte; es wurde mit größter Aufopfe⸗ rung gearbeitet; aber das Schiff war mit Wolle und Theer befrachtet, und der ganze Raum war ſchon eine Höllengluth, noch ehe man es merkte. Als der Capi⸗ tain ſah, daß keine Rettung mehr möglich ſey, lenkte er ſchnell das Schiff dem Ufer zu; aber auch dazu war's zu ſpät. Die Maſchine, die nicht mehr bedient wurde, ſtand plötzlich ſtill, und ſo ſtanden wir denn händeringend und weinend auf dem Verdeck. Das große Boot wurde ausgeſetzt, aber bei der fürchterlichen Eile, mit der die Menſchen hineinſtürzten, wurde es überladen; es ſchlug um, und wir ſahen, wie die Un⸗ glücklichen vor unſern Augen einen Tod fanden, der 168 uns im kommenden Augenblick auch drohte. Da ging ein Strahl der Hoffnung auf; von beiden Ufern ſtießen mit der größten Schnelligkeit Boote ab, um uns zu helfen; aber der Ohio iſt breit, und wir fuhren auf der Mitte des Fluſſes, und das Feuer leckte ſchon nach unſern Kleidern, und der Boden unter uns drohte jeden Augenblick zu ſtürzen. Die Meinen klammerten ſich an mich; wir waren faſt die Einzigen, die auf dem bren⸗ nenden Schiffe blieben: und als ich ein dumpfes Kra⸗ chen im Rumpf des Schiffes hörte, da gab ich meiner Clara das Jüngſte auf den Arm, nahm das Dritte, und rief den Knaben zu:„Springt hinter mir in's Waſſer und verſucht den Kahn, der dort kommt, zu erreichen!“ Dann mit dem Ruf:„In Gottes Na⸗ men!“ ſtürzten wir Alle zuſammen hinab in den Fluß. Wir waren etwas zu ſpät geſprungen; in dieſem Augen⸗ blicke ſank das Schiff hinter uns und der Strudel, der dadurch entſtand, brachte den Meinen den Tod. Ich weiß nur, daß ich meine Louiſe in dem einen Arm behielt, und mit dem andern zu ſchwimmen verſuchte; dann kam es mir vor, als ſtieß mir etwas heftig wider die Bruſt, und mit dieſem Schmerz verging mir die Beſinnung.— Doch ich ſollte nach des Herrn Rath zum Leben wieder erwachen, um zu fühlen:„Ich muß ſeyn wie einer, der ſeiner Kinder gar beraubt iſt.“ Von einem heftigen Reiben an meinen Fußſohlen er⸗ wachte ich; es war Abend; Ich lag auf einem Lager von dürrem Gras, und neben mir knieten zwei Män⸗ ner, und riefen mir, als ich die Augen öffnete, freund⸗ lich zu:„Willkommen im Leben!“ Trotz meiner Schwäche richtete ich mich ſchnell auf, und mein Blick fiel auf die Leiche meines jüngſten Kindes, das man 169 mir todt aus dem Arm genommen hatte. Ich ſtarrte verzweiflungsvoll in die Dämmerung hinein; da lag mein Weib und mein älteſter Sohn und meine älteſte Tochter;„und wo iſt Richard!“ rief ich,„iſt der ge⸗ rettet?“ Die Männer, die mich in's Leben gerufen, ſchwiegen ſtille und wiſchten ſich die Augen, und ich ſank zurück und verlor wieder das Bewußtſeyn. Seit dieſem Augenblick iſt mein Haar grau.— Rach zwei Tagen ließ ich mich mit den Leichen meiner Lieben den Ohio hinabfahren auf mein Gut, und als ich ſie im Garten, der unſere Luſt ſeyn ſollte, begraben hatte, da ſandte ich Boten aus in alle Staaten am Ohio und Miſſiſippi nach meinem Richard; wer ihn mir lebendig oder todt bringe, ſolle ſich ſelbſt den Lohn for⸗ dern. Die Boten kamen wieder, aber meinen Sohn brachten ſie nicht, auch keine Nachricht von ihm; nur die erhielt ich, es ſeyen mehrere Leichen nicht wieder aufgefunden worden.“ „Da war meines Bleibens nicht mehr in Ame⸗ rika; ich verkaufte Alles, was ich hatte, in großer Schnelligkeit, und ſechs Wochen nachher ſchwamm ſchon das Schiff, das mich trug, auf dem breiten Meer. So bin ich denn hier und bin allein, nur der Herr meines Lebens, der treue Führer meiner Jugend, iſt bei mir, und täglich rufe ich aus:„Wäre dein Wort nicht mein Troſt, ich würde vergehen in meinem Elend.“ Da ſchlug's vom Thurm herab Mitternacht; und wie die Glocken das neue Jahr anläuteten, da fielen die Freunde Alle ein in das Lied, das Herr Arnold anſtimmte: „Nun danket Alle Gott Mit Herzen, Mund und Händen!“ 170 Unter Weinen begann das Lied, aber kräftig und immer kräftiger, ja fröhlich zuletzt, erſcholl die Bitte: „Der ewigreiche Gott Woll' uns in dieſem Leben Ein immer fröhlich Herz Und edlen Frieden geben, Und uns in ſeiner Gnad' Erhalten fort und fort, Und uns aus aller Noth Erlöſen hier und dort!“— 241. Der Stab der Zucht in Schule und Haus iſt der Stab Aarons. Wirft man ihn weg, ſo wird eine Schlange daraus. Stellt man ihn aber in das Heiligthum vor das Angeſicht Gottes, ſo trägt er Blüthe und Frucht. „Aber,“ fragſt du vielleicht, lieber Leſer,„warum hört man denn gar nichts mehr von dem Schulmeiſter, dem Bärenberg? Es ward doch ſo Manches in dem Langenfeld anders, ja es war nach der Meinung Eini⸗ ger, zu denen auch der alte Förſter Klein gehörte, ein wahres Durcheinander in dem Orte; warum ging's nicht auch an die Schule?“ Daß die nicht ſonderlich beſtellt war, das haben wir früher ſchon erfahren, auch wie es in Langenfeld als Sprüchwort galt:„Das währt ſo kurz wie die Schule.“ Daß bei ihm Vieles zu kurz war, das wußte der alte Bärenberg ſo gut wie du, lieber Leſer, und er kratzte ſich gewaltig hinter den Ohren, als von einem neuen Pfarrer die Rede war, zumal von einem jungenz„denn ſo ein junger Naſen⸗ weis,“ ſagte er im Vertrauen zu ſeinem Gevatter, 171 dem Klein,„kümmert ſich um Alles, auch um die un⸗ gelegten Eier.“ Aber der Herr Pfarrer ſchien doch ſo böſe nicht zu ſeyn, nur hielt er den Bärenberg etwas in Athem. Faſt jeden Morgen war er mit dem Läuten in der Schule, half dem Alten in allen Lectionen, hörte ihm auch manch Stündlein zu, als wolle er recht viel noch von ihm lernen, und ging dann heim. Wenn aber der Schulmeiſter meinte, er wäre jetzt allein, und der alte Schlendrian dürfe wieder beginnen, und es wäre jetzt gerade Zeit zum Heimgehen; flugs, war der Pfarrer wieder da; kurz, der arme Bärenberg war ein wahres Laſtthier geworden.„Das mach' ich nicht durch!“ ſagte er ſeufzend zu dem Förſter Klein;„der Herr Pfarrer ſollte doch einem armen Mann, wie ich, das Bißchen Leben, das er noch in ſich hat, gönnen; die Schule, wie ſie der Mann gehalten haben will, nimmt mir vor der Zeit das Leben. Gevatter, ich werde däm'ſch, wann das ſo fortgeht!“„Glaub's wohl,“ gab der zur Antwort;„geht ihm mit dem Pfarrer, wie mir mit dem Werner; Windhunde, ſag' ich, ſind dieſe Fremden, die ſich hier eingeniſtet; die ſind der Haſen Tod. Mein hochſeliger Herr litt ſolch Vieh nie in der Koppel. Bin froh, daß ich mich nicht mehr brauch' jagen zu laſſen; bin Jagens müde. Zieht euch mit Anſtand vom Geſchäft zurück, Gevatter, das iſt mein Rath, und laßt jüngeren Beinen das Revier, ihr müßt am Ende doch, wie ich, in's Gras beißen; ihr mögt wollen oder nicht!“ Daran hatte der Bären⸗ berg ſchon längſt gedacht, denn Ehrgeiz war gerade ſeine ſchwache Seite nicht;„aber,“ pflegte er zu ſagen, „von der Luft kann der Menſch nicht leben, zumal 172 wenn es ſeine Geſundheit verlangt, daß er bisweilen ſein Gläschen trinke.“ Doch auch hierzu wurde Rath. Wie manchmal, vom erſten Tage ihres Zuſammenlebens an, hatten der Herr Arnold und der Pfarrer über die Schule mit ein⸗ ander geredet; hatten es wiederholt für ſich und in der Gemeinde ausgeſprochen, da und gerade da müſſe ge⸗ holfen werden; denn es hieße ein Haus auf Sand bauen, wenn man einer Gemeinde aufhelfen wolle und laſſe die Schule in der Wildniß. Da hatten ſie denn die Vorſteher der Gemeinde vielfach bearbeitet, daß von Gemeinde wegen etwas geſchehe, auf daß man den alten Bärenberg in Ruhe ſetzen und einen rüſtigen Schulmeiſter anſtellen könne. Aber die Langenfelder hatten gemeint:„Sie hätten es auch nicht beſſer ge⸗ habt, was ſollten ihre Kinder es beſſer haben! Zudem, ſo hätten ſie genug bei dem Bärenberg gelernt, mehr als genug; denn ſie wüßten Moſes und die Propheten, und wüßten auch, daß der Bauer ohnehin ein geplagtes Geſchöpf ſey; das brauche kein Schulmeiſter ſie zu lehren; wer einen beſſeren haben wolle, der ſolle ihn anſtellen!“ Das hatte ſich der Herr Arnold auch hinter's Ohr geſchrieben, und bereits bei der Landesbehörde Alles in Ordnung gebracht. Als dann am Neujahrsmorgen der alte Bärenberg üblichermaßen in's Herrnhaus kam, Glück zu wünſchen, da ſagte der Herr Arnold zu ihm: „Herr Schulmeiſter, ihr ſeyd ein alter Mann, und ſchon tief in den Sechszig drein, wie wär' es, wenn ihr euch ein wenig Ruhe gönntet und nähmt euch einen Gehülfen in eurem Dienſt an? Ich wüßte euch einen, der euch keine Ueberlaſt thäte; denn er ſoll bei mir wohnen und eſſen, und der euch auch nichts von eurer Beſoldung nähme, denn ich will ihm geben, was er braucht.“ Da ward das Angeſicht des Bärenberg freund⸗ lich wie der Vollmond, und als er dem Herrn Arnold ge⸗ ſagt: das ſey aller Ehren werth, und er wäre ein Narr, wenn er da nicht zugreife; da eilte er zu ſeinem Gevatter Klein, und beide freuten ſich mit einander über ihr ge⸗ meinſames Schickſal und ihre gemeinſame Ruhe. Aber wer war denn der Gehülfe, von dem der Herr Arnold wußte? Das war der junge Schulmeiſter in Leinau, Peter Hensler geheißen. Den hatte der Herr Arnold gefunden, wie man alles Gute findet; die Welt ſagt:„Durch Zufall,“ der Fromme ſagt: „Durch Gottes Schickung.“ Wer mit dem Herrn im Herzen ausgeht, der ſuchet recht und findet auch. Es war im letzten Sommer geweſen, da war eines Mor⸗ gens in aller Frühe der Herr Arnold nach Leinau ge⸗ ritten, um einen Handel dort abzuſchließen, und wie er ſein Pferd in der Schenke eingeſtellt, da ging er ſeinem Geſchäfte nach. Das führte ihn am Schulhauſe vorbei, und wie er unter den Fenſtern hinging, da hatte eben die Schule begonnen, und mit kräftiger, klarer Stimme ſang der Lehrer mit ſeinen Kindern das Morgenlied: „Aus meines Herzens Grunde Sag' ich dir Lob und Dank In dieſer Morgenſtunde, Und all mein Lebenlang.“ Das alte, herrliche Lied des ſeligen Johann Mat⸗ theſius hatte der Herr Arnold nie ſchöner gehört, als an dieſem Morgen. Er blieb unter den Fenſtern ſtehen, bis der letzte Vers vollendet war: „Fang an mein Werk im Frieden, Wie Gott es mir beſchieden In meinem Pilgerlauf.“ 17⁴¹ Jetzt ward drinnen gebetet; aber man hörte nicht ein eintöniges Geplapper aus dem Munde eines Schul⸗ kindes, ſondern der Lehrer betete ſelbſt, und was er betete, war ſo einfach und herzlich, ſo des Chriſtus⸗ geiſtes voll, daß dem Herrn Arnold das Herz aufging. Das Geſchäft, das ihn nach Leinau getrieben, war für heute vergeſſen, und er trat in die Schulſtube ein. Weder der Lehrer, noch die Kinder ſchienen darob zu erſchrecken, und als Herr Arnold ſich zu erkennen ge⸗ geben, da fuhr der Lehrer in ſeiner Tageslection fort, als wäre er allein mit ſeinen Schülern, und die Schü⸗ ler gaben Rede und Antwort, als wären ſie allein mit ihrem Lehrer. Von dem Cvangelium im Evangelio ſprach der Lehrer mit den Kindern, von dem Wort des Herrn:„Alſo hat Gott die Welt geliebt, daß er ſei⸗ nen eingebornen Sohn gab, auf daß Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, ſondern das ewige Leben haben.“ Eine Stunde und länger hörte der Herr Arnold zu, und als er wegging, da bat er den Lehrer recht freundlich, ihn bald in Langenfeld zu beſuchen. Der kam auch bald nach Langenfeld und blieb lange dort, und als er wegging, wußte Niemand, was er dort gethan, nur der Herr Pfarrer wußte es, und freute ſich von Herzen darüber. Denn ein frommer Schul⸗ meiſter iſt ein Schatz in einer Gemeinde, der nicht ge⸗ nug zu ſchätzen iſt, und den kein Hausvater in ſeinem Gebet vergeſſen ſollte. Wie man das Bäumlein bindet, ſo wächſt es, und die Krüppel im Feld und die Krüp⸗ pel am Herzen, die müſſen wohl keine guten Wärter gehabt haben. Freilich kann der Gärtner und der Leh⸗ rer nicht Alles thun, denn es kommt viel an auf die Art des Gewächſes; aber mit ihrer Macht ſoll's ja ——— —,.—— 175 auch nicht genug ſeyn. Nur das verlangt man von dem Gärtner und dem Lehrer, daß ſie die Gottespflan⸗ zen in's rechte Licht ſetzen. Das rechte Licht iſt aber die Sonne der Gnade, die von Chriſto ausgeht, und alles Schwache zur Kraft, und alles Erſtorbene zur Blüthe, und alles Todte zum Leben ruft. Auch in der Schule iſt Eins Noth, das gute Theil, das darf nicht von ihr genommen werden. Haſt du das in deiner Schule, mein lieber chriſtlicher Lehrer? Du ſagſt: ja, wohl dir, du haſt dein Haus auf Felſen gebaut! Du ſagſt: nein, und ſagſt vielleicht mit Spott nein! Wehe dir, es wird dir ſchwer werden, wider den Stachel zu löcken! Hatte der Pfarrer Rainau einen ſchweren Anfang gehabt in Langenfeld, ſo hatte der Schulmeiſter Hens⸗ ler faſt noch einen ſchwereren. Gegen den Pfarrer ver⸗ ſchworen ſich doch faſt nur die Männer, während die Frauen ihm bald beihielten; aber gegen den Schulmei⸗ ſter waren Männer und Frauen gleichmäßig erboſt. Was er die Kinder lehrte und wie er ſie lehrte, war den Aeltern entweder zum Spott, oder zum Aerger, und an allen Straßenecken, wo ſich die Leute begegne⸗ ten, hieß es immer:„Der Schulmeiſter iſt doch unter Allen noch der größte Narr, den wir bekommen haben!“ Auch meinten nicht Wenige, man müſſe von Obrigkeit wegen einſchreiten, ſonſt mache der Schulmeiſter die ganze Gemeine noch zu Narren; ſchon jetzt hätten die Kinder keinen Blutstropfen im Geſicht vom vielen Sitzen, und es breche einem das Herz, wenn man die armen Würmlein ihre ſchwere Lection lernen höre. Solches Bedauern ging dann den Kindern ſehr zu Herzen, und das Buch ward früher zugemacht, als die Lection im Kopfe war; und ſo gab's denn am andern Tag Vor⸗ 176 würfe und Thränen bei den Kindern, und Schelten und Murren bei den Alten, und Etliche verſuchten es, ihr vermeintliches Recht ſogar mit dem Maul bei dem Schulmeiſter geltend zu machen. Das bekam aber den Schreiern gar ſchlecht, und nach dem Sprüchwort, daß gebrannte Kinder das Feuer ſcheuen, ſchwiegen ſie nunz aber ſie ſchwuren bei ſich ſelbſt, ſie wollten es dem Schulmeiſter gedenken. Und ſie gedachten's dem Hensler vielfach, und waren gar trotzig gegen ihn, und der Mann fühlte das tief in ſeinem treuen Herzen, und flagte oft ſeine Noth dem Herrn Arnold. Aber der ſprach zu ihm freundlich: „Haltet nur ein Jährchen aus, Herr Schulmeiſter, und ihr ſollt ein Wunder erleben. Die jetzt eure Feinde ſind, oder ſich wenigſtens ſtellen, als wären ſie eure Feinde, die werden euch lieben, wenn ſie euren guten Willen ſehen. Iſt euer Wille gut und feſt, ſo tröſtet euch der Hülfe unſeres Herrn; in deſſen Schutz ſtehen alle treuen Arbeiter. Wenn es euch ſauer wird in eurem Amte, ſo denket an Jakobi Wort:„So ſeyd nun geduldig, lieben Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackermann wartet auf die köſtliche Frucht der Erde, und iſt geduldig darüber, bis er empfange den Morgen⸗ und Abendregen. Seyd ihr auch geduldig und ſtärket eure Herzen.“ 177 25. Irret euch nicht, Gott läßt ſich nicht ſpot⸗ ten. Denn was der Menſch ſäet, das wird er erndten! Galater 6, 7. „Eines Chriſten Tod Weiß von keiner Noth! Ruhig lächeln ſeine Mienen, Himmelswonne ſtrahlt aus ihnen, Schön wie Abendroth Iſt des Chriſten Tod.“ Der Fromme, der dieß ſchöne Sprüchlein ſang, muß wohl die beſondere Gnade vom Herrn gehabt haben, an recht erbaulichen Sterbebetten ſtehen zu können. Hab' mir auch ſchon oft dieſen Anblick gewünſcht, da⸗ mit mein Ende werde, wie ſolcher Gerechten Ende. Aber ſo oft ich auch bei Sterbenden geweſen, und ihre letzten Seufzer gehört, und ihre letzten Worte vernommen, da iſt mir immer Pauli Wort in neuer Wahrheit erſchie⸗ nen:„Des Todes Stachel iſt die Sünde!“ Aber das glaub' ich zuverſichtlich, wer in ſeinem letzten Stündlein noch rufen kann, ſo recht aus vollem, gläubigen Her⸗ zen:„Gott ſey Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unſern Herrn Jeſum Chriſtum!“ der kann auch im letzten Kampf noch freudig rufen:„Tod, wo iſt dein Stachel? Hölle, wo iſt dein Sieg?“— Sonſt ſind die meiſten Sterbebetten nicht ſonderlich erbaulich. Die Chri⸗ ſtum nicht kennen, die helfen ihren Sterbenden gewöhnlich . mit allerlei Täuſchung und Blendwerk über die ernſte Scheideſtunde hinüber, oder feſſeln den ſcheidenden Geiſt durch Jammern und Weinen an dieſe arme, thränen⸗ reiche Erde. Auch gibt's Sterbebetten, da weiß man kaum, wann die heilige Minute des Scheidens kommt; da geht die Seele ſo geräuſchlos und ſtill aus dem Ker⸗ 178 ker des Leibes in das Land der Freiheit, daß die Liebe der Menſchen oft noch hofft, während ſchon des Geiſtes Glauben zum Schauen geworden iſt. Das nennt man dann einen guten Tod; ich mag's nicht ſo nennen; ich mag's lieber hören, wenn der Sterbende mit Bewußt⸗ ſeyn ſcheidet, und ſeines Heilands Wort:„Es iſt voll⸗ bracht!“ das letzte iſt, was die ſtammelnde Zunge ſpricht. Das nenn' ich einen guten Tod; wem Chriſtus ſein Leben iſt, dem iſt auch Sterben ſein Gewinn. Aber ich habe dich, lieber Leſer, heute an ein Sterbe⸗ bett zu führen, da ſtarb ein Menſch keines guten Todes; warum?„Die Gottloſen haben keinen Frieden!“ Du gedenkſt gewiß noch des Bernpeters, der an dem Tag, wo der Heckenjakob todtgefunden ward, eine Buche im Burgwald frevelte und verwundet heimgebracht ward, und mit frecher Stirne dann ſchwur, er wiſſe nichts von der That. Seit jenem Abend, an dem der Bernpeter nach aller Menſchen Glauben falſch geſchworen, war der Herr Pfarrer nicht wieder bei dem Kranken gewe⸗ ſen. Er hatte ſeines Herrn Wort dort geredet mit Eifer und Kraft; er hatte ſeines Herrn Drohungen ausge⸗ ſprochen mit Ernſt und Nachdruck; er hatte ſeines Herrn Liebe dem Verirrten und Verwirrten gezeigt in all ihrer Freundlichkeit und Treue; aber es war Alles vergeblich geweſen. So war er denn gegangen und hatte den Unglücklichen der Obhut des Geiſtes Gottes überlaſſen, der da ſucht und findet, und erſchüttert und zerſchmeißt. Jetzt hörte er, denn es waren Wochen drüber hin⸗ gegangen, daß es mit dem Bernpeter kein gutes Ende nähme; ſein Bein, ſo ſagte man, wolle nicht heilen, das ſey aufgebrochen, und man fürchte den Brand an der Wunde. Zugleich hörte er durch die fünfte, dann durch die dritte, und enblich durch die zweite Hand, der Kranke würde es gar gerne haben, wenn der Herr Pfar⸗ rer ihn wieder einmal beſuche und mit ihm bete. Aber der Herr Pfarrer that nicht, als wenn er dieß Winken, wie man in Langenfeld ſagte, merke, ſondern er ſprach bei ſich ſelbſt:„Die Stunde iſt noch nicht da; werfet eure Perlen nicht vor die Schweine und gebt das Hei⸗ lige nicht den Hunden preis.“— Und die Stunde, auf die er gewartet, kam wirklich, und die Kunigund' kam an einem Märzabend unter Weinen und Händeringen in die Pfarre gelaufen, und bat mit unendlichem Schluch⸗ zen den Herrn Pfarrer, hinabzukommen, und mit dem Peter zu beten; es gehe mit ihm zu Ende Das that der Herr Pfarrer; aber welch ein Anblick bot ſich ihm dar! Der Bernpeter war zum Gerippe abgezehrt, die Lippen bedeckten noch kaum die Zähne, und ſein Auge blickte mit Wildheit dem Eintretenden entgegen. Die ganze Stube war voll Menſchen; neben dem Bette ſtan⸗ den ſeine ehemaligen Schnappöbrüder, der Heinrich Marrx, der Teichmeiſter, der Stophel März und noch Einige. Auch der Golſer, der noch den Kopf verbunden hatte, war drinnen, und über ſeine Wangen floß eine Thräne nach der andern, und er vermochte das Auge nicht auf⸗ zuſchlagen. Die Kunigund' bog ſich über den Kranken hin und flüſterte ihm etwas zu, aber der Peter ſtieß ſie unſanft von ſich, richtete ſich mit Mühe im Bette auf, und ſprach mit röchelnder Stimme:„So weit iſt es nun mit mir, Herr Pfarrer, aber nicht nach Gottes Willen, ſondern nach meinem Willen! O, daß ich doch nie geboren wäre! O, wie es hier brennt in meinem Herzen! Habt Mitleid mit mir, Herr Pfarrer, und ſagt mir nur einmal, was der Herr zu dem Schächer am 12 180 Kreuz ſprach!“—„Heute noch wirſt du mit mir im Paradieſe ſeyn!“ ſprach feierlich der Pfarrer.—„Im Paradieſe ſeyn, nein, Herr Pfarrer, das gilt mir nicht; ich bin verdammt! Hört ihr's, ihr Männer, der Peter iſt verdammt!“ rief er in die Stube hinein mit ſtärke⸗ rer Stimme;„ja verdammt, verdammt! Hört es! Ich habe falſch geſchworen!“ Und zurück ſank der Peter und war eine Leiche. Da faltete der Herr Pfarrer die Hände und betete, und wie er betete, da ſank Einer nach dem Andern auf die Kniee, und lautes Schluchzen unterbrach ſein Gebet. Und es war, als wenn die Frühlingsſonne der Gnade endlich die Eisrinde der Herzen geſchmolzen; ein reicher Thränenquell gab Zeugniß davon.„Laßt uns beden⸗ ken, meine Brüder im Herrn,“ ſprach da, hoher Rüh⸗ rung voll, der Pfarrer,„laßt uns bedenken, daß wir ſterben müſſen, auf daß wir klug werden! Täglich laßt uns unſer Haus beſtellen, täglich beten:„Bleib' bei uns, Herr, es will Abend werden, und der Tag hat ſich geneiget! 26. Mein Freund antwortet und ſpricht zu mir: Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her. Siehe, der Winter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin; die Blumen ſind hervorgekommen im Lande, der Lenz iſt herbeigekommen, und die Tur⸗ teltaube läßt ſich hören in unſerm Lande. Hoheslied 1, 10— 12. So war das Oſterfeſt gekommen, das Frühlingsfeſt im Reich der Natur, wie im Reich der Gnade. Die 181 Lerchen ſangen, der Guckuck rief, Pfeifen und Schalmeien tönten von dem Anger herüber, und in der Kirche zu Langenfeld ſang man Loblieder zu des Auferſtandenen Preis. Es iſt eine ſchöne Zeit, die Oſterzeit; wie in der Natur, ſo im Herzen wird die Winterdecke abgewor⸗ fen, und tauſend Blumen der Hoffnung drängen ſich dem Licht des neuen Lebens entgegen. O wohl der Chriſtenſeele, in der der Herr dann ſein Auferſtehungs⸗ feſt feiert; die genießet des Frühlings doppelt. Was draußen in der Natur vorgeht, das geht auch, nur noch herrlicher, in der Menſchenſeele vor; es wird Morgen nach der Nacht, und Erwachen nach dem Schlaf, und Aufſtehen nach der Ruhe, und Leben nach dem Tod, und das Alles wirkt das Licht der Welt! Sey uns drum allezeit ein Feſt des Lebens, du heilige Oſterzeit. Die Frühlirche des dritten Oſtertages war vorüber in Langenfeld und es war noch früh am Morgen; da ſah man von der Höhe herab zween Wandrer auf das Dorf zukommen. Der Eine ſchien über die Jahre der Kraft faſt hinüber zu ſeyn, denn er ging etwas gebuckt, und ſein ſchwarzes Haar zeigte ſchon hier und da das Grau des beginnenden Alters. Rüſtig aber ſchritt der Andere, eine große Jünglingsgeſtalt mit lebhaftem, ſchwar⸗ zem Auge, vor ihm her, und ſchien beſondere Eile zu haben. Auf einem Vorſprung des Hügels aber blieb er ſtehen, um ſeinen Begleiter zu erwarten, legte die Hand auf ſeine Bruſt und ſagte leiſe:„Vater, ich muß langſam thun; ich höre mein Herz in der Bruſt klopfen; faſt kann ich nicht weiter. Da liegt Langen⸗ feld vor uns! O, ſeit wie lange habe ich mich nach dem ſtillen Dörfchen geſehnt, und nun, da ich es er⸗ blicke, wird mir das Herz ſo ſchwer, daß ich wieder fort 182 möchte, nur um an der Hoffnung mich noch länger zu laben; denn vor der Gewißheit iſt mir bange.“„Sey fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübſal, mein Sohn,“ ſprach ernſt der Alte, und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne;„haſt du ſo lange gelebt, wie ich, dann fürchteſt du nicht ſo viel und hoffſt nicht zu wenig.“ „Aber Gewißheit muß ich bald haben,“ ſagte ſchnell der Jüngling;„ich halte dieſe Pein nicht länger aus. Seht, Vater, zu unſern Füßen liegt der Friedhof von Langen⸗ feld, laßt uns hier hinabgehen, und die Inſchriften auf den Kreuzen da leſen, vielleicht geben uns die ſchnell Red' und Antwort. Auch ſehe ich ein Mädchen da unten, das ſchmückt ein Kreuz mit Frühlingsblumen, das weiß uns vielleicht die erwünſchte Auskunft zu geben.“ Der Alte nickte ſchweigend mit dem Kopfe, und ſo ſchritten ſie ſchnell auf den Friedhof zu. Das Mädchen, das ſie vom Hügel aus bemerkt hatten, war eben mit ſeiner Arbeit fertig und wollte weggehen; doch blieb es ſtehen, als es die fremden Männer auf ſich zukommen ſah, und ſprach zu ihnen:„Ihr habt eich wohl vom Wege ver⸗ irrt, tretet dort durch die Thüre, die führt nach dem Dorf hin.“„Nein,“ ſprach raſch der Jüngling,„wir ſind mit Willen hier eingetreten, und möchten dich fra⸗ gen, ob unter dieſen Gräbern eins iſt, in dem ein Eich⸗ mann ruht?“„Hier mag mancher Eichmann ruhen,“ ſprach das Mädchen ernſt;„die Familie iſt alt im Orte; da unter dem weißen Kreuze liegt auch eine Eichmann, die war meine Großmutter; heute iſt ihr Todestag, da hab' ich ihr Grab geſchmückt.“ Der Jüngling trat ſchnell zu dem Kreuze hin, hob den Blumenkranz, der die Auf⸗ ſchrift bedeckte, empor, und las:„Hier ruht Chriſtine Eichmann, geborne Jeckel.“„Und wo liegt ihr Mann?“ 183 ſprach raſch der Jüngling.„Der lebt noch; der ſſt mein Großvater,“ war der Jungfrau Antwort.„Leben ſeine Kinder auch noch?“ fragte mit tiefer Bläſſe auf dem Angeſicht der junge Fremde weiter.„Er hat nur eine Tochter,“ ſagte ſanft die Jungfrau, indem ſie den Kopf ſenkte,„und die iſt meine Mutter; doch ja,“ ſprach ſie weiter,„ich entſinne mich, meine Mutter hatte auch einen Bruder, aber der iſt vor langen, langen Jahren nach Amerika gegangen und nicht wieder gekommen.“ „Und habt ihr nichts von dieſem gehört bis dahin?“ war des Jünglings ſchnelle Frage.„Meine Mutter erzählt zu Zeiten von ihrem Bruder Lorenz,“ antwortete das Mädchen,„daß es ihm wohlgehe; und daß er wie⸗ derholt Vater und Schweſter zu ſich eingeladen; jetzt haben wir lange nichts von ihm gehört.“ Da ſah der Jüngling dem Mädchen in's Angeſicht, erſt ſtarr und finſter, dann aber freundlich und mit Wehmuth, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Doch er zerdrückte ſie ſchnell, und auf ſeinen Begleiter blickend, fragte er: „Könnten wir den alten Eichmann ſprechen?“„Mein Großvater iſt zu ſprechen,“ war des Mädchens Antwort; „aber zu Hauſe trefft ihr ihn heute nicht. Er iſt in Dienſten des Herrn Arnold, der das große Haus da drüben bewohnt, und mit dem iſt er nach der Kirche auf die Burg, die ihr dort oben ſeht, gegangen. Der Herr hält droben ein Feſt, zu dem ich auch geladen bin; wenn's euch nicht bemüht, ſo folget mir; in einer Vier⸗ telſtunde ſind wir droben.“ Da ſprachen die Fremden in einer Sprache zuſammen, von der Gertrud, denn ſie war das Mädchen, das der Großmutter Grab ſchmückte, kein Wort verſtand, und folgten ihr dann ſchweigend nach. So oft der Aeltere unter den Fremden ſtehen blieb, um ſich auszuruhen, denn das Bergſteigen ſchien ſeine Gewohnheit nicht zu ſeyn, da blieb auch Gertrud ſtehen, und der Blick des Jünglings ruhte dann jedes⸗ mal ſo ſinnend und nachdenklich auf ihrem Angeſicht, daß die Gertrud nicht wußte, wohin ſie blicken ſollte. Jetzt war die Höhe erreicht, von dem Hofe der Altenburg, in den Gertrud die Fremden einführte, ſah man im Hintergrunde der weitläufigen Mauern, unter dem Schatten einer Linde, die aus den Steinen zu wach⸗ ſen ſchien, eine kleine, frohe Geſellſchaft. Bei deren An⸗ blick ſtanden die Fremden ſtille, wechſelten wieder einige Worte in ihrer Sprache, und der Aeltere ſprach zu Ger⸗ trud:„Gehe hin, meine Tochter, und rufe uns deinen Großvater her; wir wollen uns hier einſtweilen nieder⸗ laſſen!“ Das that auch der Aeltere ſogleich, der Jün⸗ gere aber blieb ſtehen, und ſchaute auf die muntere Ge⸗ ſellſchaft unter der Linde. Ein recht freudiges Ereigniß mußte die beleben; denn er ſah, wie ein Mädchen raſch von der Erde aufſprang, und ſich in die Arme der Ger⸗ trud ſtürzte, und wie die beiden Jungfrauen ſich lange umarmt hielten, bis ein junger Mann aus der Geſell⸗ ſchaft trat und der Gertrud freundlich die Hand reichte. Das Alles ſah der Jüngling an und er ſeußzte tief, und die Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen und er rief: „Ach Gott! warum bin ich ſo allein?“ Der Alte hatte eben dem Jüngling einige Worte zugerufen, die wie ein Vorwurf oder eine Ermunterung klangen; da ſah man, wie der Jüngling auf den alten Eichmann, der von der Geſellſchaft kam, mit ſchnellen Schritten losging, und mit den Worten:„Großvater! Großvater!“ ſich an die Bruſt des Greiſes warf. Der alte Eichmann wußte nicht, was ihm geſchah; er glaubte 185 einen Wahnſinnigen vor ſich zu ſehen, faßte den Jüng⸗ ling mit feſter Hand an beiden Armen, und ſchritt ſo rücklings auf die Geſellſchaft zu. Da ſprang plötzlich Herr Arnold wie ein Frieberkranker vom Boden auf, und man ſah, wie er mit fürchterlicher Schnelligkeit auf die beiden hineilte, wie er den Jüngling aus der Hand des Alten riß, und mit dem Jüngling in ſeinen Armen un⸗ ter dem lauten Ruf:„Mein Richard! mein Richard!“ ohnmächtig zu Boden ſtürzte. Die ganze Geſellſchaft eilte herbei; alle Hände reichten nach dem Gefallenen hin. Zuerſt ſprang der Jüngling raſch vom Boden auf, und dann wieder zur Erde ſich beugend, bedeckte er ſei⸗ nes Vaters Angeſicht mit Küſſen, während die Thränen in Strömen von ſeinen Wangen fielen.„Vater, Vater,“ rief er,„erwache, erwache, ich bin's ja! Richard iſt wieder da!“ Langſam hob Herr Arnold das Haupt, wirr und ſtarr ſah er ſich um, blickte erſchrocken in des Jünglings Angeſicht, und dann mit einem unausſprech⸗ lich ſeligen Blick zum Himmel:„Herr, du haſt Großes an mir gethan über Bitten und Verſtehen!“„Und du, mein Richard, noch unter den Lebenden?“ rief er dann,„und welcher gute Engel hat dich gerettet, und dich zu mir geführt?“„Vater,“ ſprach Richard,„der Herr, an den du uns glauben gelehret, der hat mich gerettet durch guter Menſchen Hand, und mich behütet in den Tagen meiner Verlaſſenheit, und mich den Va⸗ ter wiederfinden laſſen, ihm ſey Ehr' und Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit!“„Amen!“ rief begeiſtert der Herr Arnold;„und nun, Vater, kommt her, und findet auch in mir euern Sohn wieder! Ich bin Lorenz, euer Sohn, und mein Name iſt von heute an nicht mehr Arnold, ſondern Eichmann. Zürnet mir nicht, daß ich 186 euch bis dahin täuſchte; mein Wille war gut und meine Abſicht iſt ja erreicht, dem Herrn ſey Dank dafür! Heute am Tage ſolltet ihr Alle meinen Namen erfahren! Und du, Gertrud, du treue, gute Seele, ſieh mich nicht ſo ſcheu an, ſondern komm' an meine Bruſt, daß ich dir ſage, wie lieb dich dein Onkel habe; und dann reiche dei⸗ nem Vetter Richard die Hand, und dann laufe hinab, und hole Vater und Mutter, meine liebe Schweſter Eliſa⸗ beth, zu uns herauf, und laſſet uns eſſen und fröhlich ſeyn, denn dieſer, mein Sohn, war todt, und iſt wieder lebendig geworden; er war verloren und iſt gefunden worden.“ „Aber, wo iſt ienn Herr Friedel,“ rief überraſcht Richard aus,„wo iſt denn mein Begleiter? Habt ihr ihn nicht herzutreten ſehen, als ich meinen Vater wieder⸗ fand?“ Aber Niemand hatte den Herrn Friedel ge⸗ ſehen. Alle Winkel und Ecken der ganzen Burg wur⸗ den durchſucht; der ganze Wald wurde durchſtöbert, in allen Wirthshäuſern, und auf allen Straßen, in und um Langenfeld, wurde nach ihm geſucht; aber es war Alles vergebens. Darüber war Richard ſehr betrübt, aber er tröſtete ſich ſelbſt und die Andern, indem er ſagte:„Ein Unglück iſt dem Herrn Friedel nicht zuge⸗ ſtoßen, ſondern er hat nach ſeiner ſonderbaren Weiſe gethan. Wo die Menſchen froh ſind, da iſt er nicht gerne; mit den Traurigen hat er's am liebſten zu thun. Er ſah wahrſcheinlich, daß ich dich, lieber Vater, wie⸗ der gefunden hatte; da war ſeines Bleibens nicht mehr bei mir. Aber er wird wiederkommen; er will Ver⸗ wandte im Hattſteiniſchen beſuchen; hat er die gefunden, dann kommt er ſicher nach Langenfeld, denn er hat mich lieb, wie ſeinen Sohn, und ich habe ihn, ſeit ich 187 den Vater verloren, Vater geheißen, und den Namen ſoll er auch in meinem Herzen behalten; denn er verdient ihn. Ohne den Vater Friedel wär' ich nicht hier; drum möge ihn Gott behüten auf allen ſeinen Wegen und ihn bald wieder zu uns führen.“ 27. Wir ſind in Feuer und Waſſer kommen! aber du, Herr, haſt uns ausgeführet und erquicket. Pſalm 66, 12. Unter dem Hin⸗ und Herſchicken, unter dem Suchen und Fragen nach Richards Begleiter war es faſt Abend geworden. Für die Geſellſchaft war darum der Tag verloren, aber für die Herzen des lieben Freundeskreiſes war er gewonnen, und mit innigem Wohlgefallen ruh⸗ ten die Blicke Aller auf dem Herrn Arnold, wie wir ihn noch einmal nennen wollen, und ſeinem Richard. Ach, ſolche Augenblicke des Wiederſehens, nach langer Trennung, ein ſolches Finden verwandter Herzen muß man ſelbſt erlebt haben, um das Schriftwort zu ver⸗ ſtehen:„Der Herr kann überſchwänglich thun über Bitten und Verſtehen;“ um zu fühlen, es ſey nicht umſonſt, gelebt zu haben, und zwiſchen den Dornen der Erdentrübſal wüchſen auch viel' Hoffnungsblumen. Es war ſo eine rechte ſanfte, ſtille Freude, ſo eine Freude im Herzen, die ihren milden Strahl über die Angeſichter der Gäſte warf, die um Herrn Arnold und Richard herſaßen. Das Wiederfinden der Getrennten war durch zu dunkle Thäler der Trübſal und der Ver⸗ irrung hindurchgegangen, als daß die Freude hätte eine laute werden können. Der alte Eichmann und der Gol⸗ ſer ſaßen faſt ſtill da; eine heilige Schaam„die gött⸗ 188 liche Traurigkeit, die zur Seligkeit eine Reue wirkt, die Niemand gereut, lag auf ihren Geſichtern. Was aber in den Herzen der Eliſabeth und der Gertrud vorging, das zu beſchreiben, iſt die Feder zu ſchwach. Thränen nur ſah man in beider Augen, und doch waren ſie froh, und doch wurde Eliſabeth nicht müde, dem wie⸗ dergefundenen Bruder die Hand zu drücken. Da hub Herr Arnold an:„Unter dem Suchen nach deinem verlorenen Freund, mein lieber Richard, haben wir faſt dich und dein Schickſal vergeſſen, und damit die heiligen Wege Gottes, auf denen er dich wieder an mein Herz geführt hat. O, wie viel Thrä⸗ nen hab' ich um dich geweint, um dich, deſſen Grab ich nicht kannte; und nun, da ich dich wiedergefunden, möcht' ich nicht aufhören zu weinen über mein hohes, unverdientes Glück. Daß mein Lob recht feurig und mein Dank recht heiß werde, daß ich meinen Freunden hier die großen Thaten Gottes noch lauter verkünde, o, dazu hilf mir jetzt und ſag' mir, wie du mir erhal⸗ ten wurdeſt!“ „Vater,“ hub da Richard an,„du haſt viel gelit⸗ ten um meinetwillen, aber ich noch mehr um deinetwil⸗ len. Du hatteſt wenigſtens den Troſt, mich bei Gott zu wiſſen, als deine Hoffnung verſchwand, mich unter den Lebenden wiederzufinden. Aber denke dir meine Qual, der ich den Vater noch am Leben wußte, und konnte ihn nicht finden, der ich aus dem Haus des Ueberfluſſes mich plötzlich in die drückendſte Armuth ver⸗ ſetzt ſah. Ein Kind, das ſeinen Vater ſucht, iſt ein armes, armes Geſchöpf. Wäre des Herrn Wort nicht mein Troſt geweſen, ich wäre in meinem Elend ver⸗ gangen; ſo aber lernte ich Davids Wort verſtehen: 189 „Mein Vater und meine Mutter verlaſſen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“ „Von jenem fürchterlichen Augenblick, wo du uns zuriefſt:„Springt in Gottes Namen mir nach!“ habe ich nur noch dunkle Erinnerung. Ich weiß nur, daß mein Bruder John, der geübter im Schwimmen war, denn ich, mich mit der einen Hand über dem Waſſer hielt, indeß er mit der andern dem Kahn zuſteuerte, der zu unſerer Rettung herankam. Ich fuhr in der Todesangſt mit Händen und Füßen um mich her, und muß damit meinen Bruder vor der Zeit müde gemacht haben. Er ließ mich los und ſank vor meinen Augen unter, mich aber trieben die Wellen immer mehr von dem Rettungskahne weg. Von nun an weiß ich nichts mehr, als daß ich mitten in der Nacht unter den Hän⸗ den eines Mannes erwachte, und ängſtlich nach Vater und Mutter rief. Herr Friedel war es, der mich ge⸗ rettet, als ich ſchon untergeſunken, noch einmal empor⸗ tauchte. Er war gerade am Ufer geweſen, um ſich in unſer Dampfſchiff aufnehmen zu laſſen; ſchnell war er in einen kleinen Nachen geſprungen, und zog mich aus der Tiefe. Er tröſtete mich gar freundlich, als ich er⸗ wachte, ich würde meine Aeltern wiederfinden, und be⸗ ſchwichtigte mich auf Augenblicke, denn ich war fürch⸗ terlich aufgeregt und redete irre. Nun weiß ich wieder nichts von meinem Zuſtand zu ſagen; denn ich lag wochenlang ohne Beſinnung, ein Nervenfieber brachte mich auf's Neue dem Grabe nah. Als ich drei Wochen nach jenem Unglückstag erwachte, ſaß Herr Friedel an meinem Bette, und wehrte mir die Fliegen ab, und gab mir zu trinken und ermahnte mich zur Ruhe. Ach, die Ermahnung hatte er nicht nöthig; ich ſchlief ſogleich 190 wieder ein, und erwachte nur von Zeit zu Zeit, um eine Erquickung aus der Hand des Herrn Friedel an⸗ zunehmen. Als ich ſtärker wurde, erzählte er mir Ge⸗ ſchichtchen, wie man ſie Kindern erzählt, und ich hörte ſie mit Wohlgefallen an, und kam mir ſelber vor wie ein Kind, denn ich lachte und weinte wie ein Kind, und wußte nicht, daß außer meinem Pfleger noch Je⸗ mand auf der Welt ſey, der nach mir frage. Mit der Stärke meines Körpers kehrte aber auch meine Erinne⸗ rung zurück; ich nannte deinen Namen, und den Namen der Mutter; ich nannte unſer Gut am Ohio; ich bat Herrn Friedel, an meine Aeltern zu ſchreiben. Ich ſah auch wirklich, wie er mehrere Briefe ſchrieb und ſie einem Boten gab; ich ſah auch den Boten wiederkom⸗ men, und fragte um Nachricht; aber Herr Friedel wich meinen Fragen aus, und ſuchte mich zu erheitern. Als ich aber, von ihm geſtützt, meinen erſten Ausgang in's Feld that, und mein Auge auf den Ohio fiel, und alle Erinnerungen in mir aufwachten, und ich weinte; da ſprach Herr Friedel:„Richard, du mußt dein Herz ſtärken auf eine Nachricht, die dich ſchwer erſchüttern wird; möge der Herr dich tröſten mit ſeinem Himmels⸗ troſt, wenn ich dir ſage, daß deine Mutter und deine Geſchwiſter nicht mehr am Leben ſind; ſie ertranken im Ohio. Dein Vater aber iſt gerettet, und ich laſſe eben ſeine Spur verfolgen; er iſt, nachdem er das Gut drunten am Ohio verkauft hat, nach den öſtlichen Staa⸗ ten gereiſt.“ Dieſe ſchreckliche Nachricht warf mich auf's Neue in meiner Geneſung zurück; aber ſie gab mir auch ſchneller meine Kraft wieder. Meinen Vater aufzuſuchen, das war mein Taggedanke und mein Traum. Nur halb geneſen, reiſte ich den Ohio hinab auf unſer 191 ehemaliges Gut; ich kniete auf den Gräbern von Mut⸗ ter und Geſchwiſtern, und erbetete mir dort Kraft und Faſſung. Dann reiſte ich, bald hierhin, bald dorthin, von den Geſchäftsfreunden meines Vaters gewieſen, von Staat zu Staat, und glaubte endlich ſicher deine Spur zu haben.„Eilet, Richard,“ ſprach der alte Browen in Louisville,„daß ihr nach Washington kommt, euer Vater iſt vor acht Tagen bei mir geweſen; er weint um euch; ſucht ihn ſchnell auf, daß er die Angſt los wird, bei John Schnappers in der Haſenſtraße werdet ihr ihn finden!“„John Schnappers war bald aufgefun⸗ den, aber der ſagte trocken:„Ich habe euern Vater nicht geſehen, Eichmann; aber gehört habe ich, er ſey nach Carolina gereiſt.“„Ich eilte ſchnell nach Carolina und durchreiſte den ganzen Staat; es hatte Niemand meinen Vater geſehen. So wurde ich ein halbes Jahr lang von einem Staat zum andern gejagt, und endlich traf mich wie ein Donnerſchlag die Nachricht:„Euer Vater iſt nach Europa geſegelt!“„Nach Europa? Ach Gott, jetzt erſt, lieber Vater, glaubte ich dich verloren zu haben. In Amerika glaubt' ich dich finden zu kön⸗ nen, und wenn ich Jahre lang reiſen müſſe, aber Eu⸗ ropa lag nach meinen Begriffen zu fern, um irgend eine Spur verfolgen zu können. Aber ich beſchloß dennoch, dir nachzufolgen; in deiner Heimath, hier in Langenfeld, von dem du uns oft erzählt, hoffte ich dich zu finden; aber von Langenfeld wußte ich nichts, als daß es in Deutſchland liege, aber in welchem Theile, das wußte ich nicht. Als ich betrübt, und doch nicht hoffnungslos, wieder bei Herrn Friedel anlangte, da ſuchte mir der mit allen Gründen eines erfahrenen Mannes von mei⸗ nem Vorhaben abzurathen; er ermahnte mich vielmehr, 192 doch erſt deinen Aufenthaltsort durch Briefe auszumit⸗ teln. Ich ſchrieb darauf gewiß zehen Briefe in alle mir bekannten Länder Deutſchlands; in einem derſelben, dachte ich, wird doch Langenfeld liegen; aber es kam keine Antwort.“ „Ach ich alter Sünder!“ rief da der Eichmann aus.„Zwei dieſer Briefe ſind wirklich hier angekom⸗ men, aber ich mochte ſie nicht einlöſen, denn ſie koſteten mich zuviel, und ſo hat ſie die Poſt wieder genommen. Auch war ich zu leichtſinnig damals, um zu forſchen, was in den Briefen ſtünde. Gott, welche Verblendung! O, was iſt doch die Sünde für eine Finſterniß!“ „Laßt die Vorwürfe, Vater,“ ſprach freundlich ſein Sohn;„es gehörte auch euer Irrthum in den Plan Gottes zu unſerer Freude für dieſen Tag; ich war mehr ſchuld, denn ihr; hätte ich meinen Namen mit dem Aus⸗ tritte vom Schiffe nicht geändert, ſo hätte ich meinen Richard ein Jahr früher gefunden; doch der Menſch denkt's, Gott lenk's. Und nun, lieber Richard, erzähle deine Trauergeſchichte weiter.“ „Nur halb konnte mich Herr Friedel von der Un⸗ überlegtheit meines Planes überzeugen; ich bat ihn täg⸗ lich, mir das Reiſegeld zu leihen; ich flehte ihn unter Thränen an, mich nur ziehen zu laſſen; ich wollte bei den Freunden meines Vaters, und bei den Verwandten meiner Mutter mir die nothwendige Summe zuſammen⸗ betteln; aber er ſprach immer:„Richard, ich bin jetzt dein Vater, und dem mußt du folgen; kommt die Zeit, dann erinnere ich dich ſelbſt an die Abreiſe; aber die iſt noch nicht da!“ Und ich mußte gehorchen, denn Herr Friedel war mir bis dahin ein Vater geweſen. Doch die erwünſchte Zeit kam, und mit lautem 193 Weinen fiel ich dem Herrn Friedel um den Hals; denn er wollte mich nicht allein ziehen laſſen, meinen Vater aufzuſuchen, ſondern er wollte ſelbſt mitziehen, und mir helfen. Jetzt erſt fühlte ich ſeine große Liebe ganz. Er zeigte mir zugleich eine Menge Briefe, die er über mich und meinen Vater mit Menſchen aus allen Gegenden gewechſelt; aber weiter verriethen ſie nicht deine Spur, als bis auf's Schiff,„die Hoffnung“ genannt. Herr Friedel ordnete ſchnell ſeine Geſchäfte, und wir reiſten nach der Küſte ab.— Wir hatten es uns zur Gewohn⸗ heit gemacht, alle Auswandrer aus Deutſchland, die uns aufſtießen, zu fragen, ob in ihrer Heimath ein Lan⸗ genfeld liege? Einſt, ſo glaube ich noch heute, waren wir nahe daran, etwas Gewiſſes über Langenfeld zu erfahren; aber der Hoffnungsſtern ging unter, ſchnell, wie er aufgegangen war. Wir kamen auf der Reiſe nach der Küſte an einem der neuen Kanäle vorbei, die überall in den Staaten zur Erleichterung des Verkehrs angebracht werden, und ſahen mit inniger Betrübniß, wie eine Menge Auswandrer aus allen Theilen der Erde dort beſchäftigt waren, ihr Hungerbrod ſich zu verdie⸗ nen. Ihre Weiber und Kinder, die nicht mitarbeiten konnten, wohuten in ſogenannten Baracken, oder Erd⸗ hütten, und das kalte Fieber, an dem die Meiſten lit⸗ ten, hatte ſie jämmerlich abgezehrt.„Sind Deutſche dabei?“ fragte ich einen Aufſeher, und dieſer wies ſchweigend auf einen kleinen, blaſſen Mann, der unter Mühe nur zu arbeiten ſchien, und uns ſchielend anſah, weil er einen Theil der Frage verſtanden hatte. Wir näherten uns dem Manne, und ich fragte ihn, mit der Thür ſogleich in's Haus fallend, was ich ſehr bereut habe, woher er wäre?„Aus Langenfeld!“ war ſeine 13 ſchnelle Antwort.„Aus Langenfeld!“ rief ich;„o ſagt mir, wo liegt der Ort, oder noch beſſer: Wohnt kein Eichmann dort?“ Da wurde der Mann feuerroth, und war ſtumm wie das Grab; und ob ich ihn gleich flehentlich bat, mir Antwort zu geben, und ob ich ihm gleich viel Geld bot, ſo blieb er doch verſchloſſen, und ſah uns nur von der Seite an. Da kam ſeine Frau herzu, ein Weib in Lumpen gehüllt, und vor Fieber zit⸗ ternd; die hörte meine Bitte an, und ſagte zu ihm: „Jakob, gieb doch dem Herrn Auskunft; es ſcheint ihm ſehr am Herzen zu liegen; oder laß mich antwor⸗ ten, ich weiß auch Beſcheid zu geben.“„Chriſtine,“ rief der Mann in höchſter Wuth,„ſobald du das Maul aufthuſt, ſchlage ich dir mit dem Karſten das Gehirn ein!“ 1 „Wie,“ rief da Herr Arnold in höchſtem Erſtau⸗ nen,„wie, hieß der Mann Jakob? und die Frau Chri⸗ ſtine? war es alſo? und ſie wollten nichts von Lan⸗ genfeld reden? O gerechter Gott, wie unbegreiflich ſind deine Gerichte und unerforſchlich deine Wege! Das war, ſo wahr ein gerechter Gott im Himmel iſt, der Bänderjakob und die Chriſtine, des Schultheißen Toch⸗ ter! Und nun ſage mir Einer noch,“ rief er begeiſtert aus,„unſer Herr ſey nicht ein Gott des Gerichtes und ſeine Gerichte ſeyen nicht groß und unſäglich und ge⸗ recht! O, rufet es aus auf allen Straßen in Langen⸗ feld:„Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre, denn die Zeit ſeines Gerichtes iſt kommen!“ Schweigend und mit verhaltenem Athem hatte der Golſer das Gericht des Herrn an dem Bänderjakob ge⸗ hört; aber keine Freude ſpiegelte ſich in ſeinem Ange⸗ ſicht, ſondern ſeine Hände falteten ſich und ſein Mund — 195 ſprach:„Gott laſſe ihn zur Erkenntniß ſeiner Sünden kommen, ich habe ihm vergeben; er gedachte es böſe mit mir zu machen, aber Gott hat es gut gemacht!“ „Und ihr hörtet nichts,“ frug Herr Arnold weiter, „wie der Mann ſo arm geworden? denn du mußt wiſſen, Richard, der Bänderjakob nahm Tauſende von Thalern mit hinüber, die er durch Wucher und Dieb⸗ ſtahl zuſammengebracht.“„Von ihm ſelbſt,“ war Ri⸗ chards Antwort,„hörte ich nichts darüber; aber ſeine Leidensgefährten ſagten mir, er habe im Schiffbruch Alles verloren, und ſey nackt und bloß an's Land gerettet worden.“ „Nach einer ſchnellen, glucklichen Fahrt,“ fuhr Ri⸗ chard fort,„landeten wir in Hamburg, und nun wur⸗ den alle Karten betrachtet, und auf allen Poſtämtern gefragt nach dem Langenfeld; und die Reiſe begann wie⸗ der. So ſind wir denn aus einem Land in das andere geſchickt worden, denn faſt ein jedes hatte ein Langen⸗ feld; aber in keinem war ein Eichmann zu finden. Daß wir endlich das rechte aufgefunden, das erfuhren wir in der Stadt; daß hier ein Fremder wohne, das ſagte man uns auch, aber der Name Arnold machte uns irre. Kaum aus dem Poſtwagen getreten, eilten wir zu Fuß heute Morgen hier her, und auf dem Kirchhof von Lan⸗ genfeld erwuchs uns das Blümchen der Hoffnung neu. Als ich in Gertrud meine Baſe erkannte, da war es mir, als ſey ich nicht mehr ſo arm und allein, da war es, als rief's von oben herab in mein Herz hinein: „Sey getroſt und unverzagt, was du ſucheſt, das ſollſt du finden!“„Und ich habe dich gefunden, lieber Va⸗ ter, und was fehlt mir nun noch? Daß ich auch mei⸗ 48 196 nen lieben Herrn Friedel wieder hätte; ohne den wäre ich nicht hier.“ „Dein Freuen und Wünſchen, mein lieber Richard,“ ſprach da ſein Vater feierlich,„iſt kindlich und gut, aber vergiß nie in deinem künftigen Leben die Hand, die dich aus großen Waſſern gezogen, und das Auge, das über dir gewacht in Noth und Tod, und die Gnade, die dich behütet und geſegnet und beglückt. Sieh, wie herrlich die Frühlingsſonne dort hinter den Bergen untergeht, möge dein Lebensabend ihrem Untergang gleichen! Sie iſt heute nicht müde geworden zu ſegnen und wohlzu⸗ thun, werde du auch nicht müde; bleibe fromm und halte dich recht, damit dein Gedächtniß im Segen bleibe, und einſt dein Enkel unter Gebet und Dank dein Grab ſchmücke, wie Gertrud heute das Grab deiner guten Großmutter!“ 28. Siehe, ich will ſie heilen und geſund machen; und will ſie des Gebetes um Friede und Trene gewähren. Jeremias 33, 6. Vier Wochen nach dieſem ſchönen Abend waren verfloſſen. In Langenfeld war große Unruhe und große Freude zugleich. Daß der Herr Arnold plötzlich zu dem Lorenz des alten Eichmann geworden war, das kam Allen wie ein Wunder vor, und unbegreiflich blieb es den Meiſten, warum der Lorenz Eichmann ſich nicht gleich hei'm rechten Namen genannt und ſeinen armen Verwandten aufgeholfen habe. Aber den armen Ver⸗ wandten war das nicht ſo unbegreiflich; ſie ſegneten die Uebungsſchule, in der ſie geweſen waren, und Gliſabeth rief einmal über das andermal aus:„O Lorenz, du 197 haſt uns Alle gerettet, meinen Vater, meinen Johannes, mich und meine Kinder, und der Friede in vielen Häu⸗ ſern, das iſt Alles dein Werk!“„Und das Werk des Herrn, das vergiß nicht, Eliſabeth,“ ſprach ernſt Herr Arnold;„ſchickt erſt der Herr Hunger in's Land, nicht nach Brod, ſondern nach ſeinem Worte; wird es erſt ein Feuer, und ein Hammer, der Felſen zerſchmeißt, dann vergeht das Alte, und ſiehe, es wird Alles neu. Denn das Wort des Herrn iſt unſeres Fußes Leuchte und ein Licht auf unſerm Wege, und es heilet die Men⸗ ſchen weder Kraut noch Pflaſter, ſondern dein Wort, Herr, welches Alles heilet.“„Was fehlt uns alſo, uns Langenfeldern und Allen in aller Welt?“ „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“ Eines Tages ward Herr Arnold eilig zur Frau Schulz geholt; er fand Mutter und Tochter in Thrä⸗ nen, und der Herr Pfarrer reichte ihm ſchweigend einen Brief. Der Herr Arnold las: „Bremen den 14. May 18.. „Meine liebe Wilhelmine!“ „Werden die Todten lebendig? höre ich Dich rufen, „wenn Dein Blick auf dieſe Zeilen fällt. Ja, Wilhel⸗ „mine, ich lebe noch, oder vielmehr, ich lebe wieder, und „ein Menſch, dem Chriſtus, der Herr, ſpät zum Leben „geholfen, kommt im Geiſt noch einmal zu Dir und „bittet Dich: Verzeihe mir Alles, was ich Böſes an „Dir gethan. Ich habe Dich dem Mangel preisgege⸗ „ben, als ich hätte für Dich arbeiten ſollen! ich habe „Dich der Verachtung der Menſchen preisgegeben, als „ich durch eigne Bravheit wieder hätte gut machen 198 „ſollen, was ich verdarb; ich habe Dich verlaſſen und „mein einziges Kind, als ich Dir in den Tagen der „Noth ein treuer Gatte, und meinem Kinde ein lieben⸗ „der Vater hätte ſeyn ſollen. Ich habe ſchwer, ſchwer „gefehlt, und erſt ſpät eingeſehen, wie ich gefehlt. Ach, „vergieb mir, und verdamme mich jetzt nicht mehr, wo „ich durch Gottes Gnade angefangen, Frieden zu fin⸗ „den. Als ich nach meiner ſchmählichen Flucht von „Hauſe, wo ich Dich im Elend ließ, nach jahrelangen „Mühen mir endlich wieder ein Haus gegründet; da „wollte ich wieder herüber nach Deutſchland und Dich „mit mir nehmen; aber eine Angſt überfiel mich bei „dem Gedanken, Du möchteſt mir vielleicht nicht fol⸗ „gen, und ich alſo genöthigt ſeyn, in dem Lande mei⸗ „ner Schmach zu bleiben. Ich weiß, daß ich mit die⸗ „ſem Hochmuthe mich auf's Neue an Dir verſündigt „habe; aber er war ja überhaupt der Fluch meines „ganzen Lebens, und erſt jetzt, wo mein Haar grau „wird, da lerne ich den böſen Feind in mir überwin⸗ „den. Richards Rettung und ſein kindliches Verlan⸗ „gen nach ſeinem Vater überwand endlich meinen ſtar⸗ „ren Sinn, und ich beſchloß, ihn zu begleiten und „Dich aufzuſuchen. Ich fand Dich, wo ich Dich nicht „vermuthete, in Langenfeld; hinter einer Mauer auf „dem alten Schloſſe ſah ich Dich und meine Emma, „mein liebes, liebes Kind, und ich mußte laut weinen, „als ich Euch ſah. Aber ich ſah auch, auf Deinem „Angeſicht ſtand es zu leſen, wie Du den Kampf des „Herzens gegen das Fleiſch und die Welt ſiegreich über⸗ „wunden, ſah aus dem Auge meiner Emma einen Frie⸗ „den ſtrahlen, der nur aus einem Herzen kommen konnte, „das Du zum Altar des Herrn gemacht hatteſt; und 199 „ich fühlte mich unwerth, Euch wiederzuſehen. Ich „wäre, wie eine Froſtnacht in der Frühlingszeit, unter „die Blumen Eures ſtillen Lebens gefallen; drum mußte „ich fliehen, Euch zum Beſten und mir zur Buße. „In der Gegend habe ich mich ſchnell hier und dort „nach Euch erkundigt, und Alles, was ich von Euch „hörte, trieb mich nur um ſo ſchneller von dannen. „Unſere Emma iſt Brautz o Wilhelmine, wie mir bei „der Nachricht zu Muthe ward, ich kann Dir's nicht „beſchreiben! Kommt mein Brief an Dich, ſo nimm „meine liebe Tochter in Deine Arme, und ſag' ihr „unter heißen Küſſen:„Liebe Emma, nimm den „beſten Segen von Deinem Vater! Du haſt, wie ich „gehört, gut gewählt; werde eine chriſtliche Hausfrau, „und ſey Deinem Gatten Gehülfin des Lebens und der „Seligkeit! Wenn Du die Pfarrfrau von Langenfeld „biſt, dann ſchreibe an mich; als Antwort ſollſt Du „die Abſchrift meines Teſtaments empfangen; Du biſt „meine Erbin!“—„Und nun, Wilhelmine, vergieb „mir, was ich Dir Uebels that, und bete für mich. „Der treue Gott und Vater nehme Dich und unſer „Kind in ſeinen Schutz, und ſchenke Dir und mir ein „ſeliges Wiederſehen vor ſeinem Thron. Meinem lieben „Richard ſey um meinetwillen gut;z er wird Dir die „Addreſſe meiner Heimath in der neuen Welt ſagen. „Dort am Ufer des Ohio will ich täglich für Dein „Wohl beten!“— 200 29. Der Herr behüte meinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit. Pſalm 121, 8. So weit, mein lieber Leſer, reichen meine ſchrift⸗ lichen Nachrichten über Langenfeld und ſeine Bewoh⸗ ner. Als ich in G. ſtudirte, da fand ich einen Jüng⸗ ling, der hieß Friedrich Reinau, und gleicher Beruf, und Gleichheit der Anſichten, und Gleichheit des Glau⸗ bens band uns an einander, und wir wurden Freunde für Leben und Sterben. Als wir von einander ſchie⸗ den, und er auf Reiſen ging, und ich meinem alten Vater beigegeben ward als Gehülfe im Pfarramt; da gaben wir uns das Verſprechen, uns einander unſere Lebensſchickſale und Erfahrungen mitzutheilen. Das Verſprechen hielten wir treulich, und wie freute ſich mein Herz, als mir Reinau ſchrieb:„Ich bin Pfarrer zu Langenfeld!“ Da war nun mein Freund zwar weit von mir, aber wir waren uns dem Geiſte nach ſehr nahe, und durch ihn erhielt ich, theils in Briefen, theils in Auszügen aus ſeinem Tagebuch, die Geſchichte ſeines Dörſchens, wie ich ſie hier niederge⸗ ſchrieben. Ich hatte ſie eben vollendet mit dem Briefe des Herrn Schulz an ſeine Frau, und wollte alles Uebrige deinem Nachdenken überlaſſen; da ſchrieb mir mein Freund Reinau, ich müſſe nun endlich mein Ver⸗ ſprechen halten und nach Langenfeld kommen; mein Pathe ziehe ſchon die erſten Hoſen an, und es werde ein großes Feſt in Langenfeld gefeiert, bei dem dürfe ich nicht fehlen. Es waren ſeit der Ankunft des Richard drei Jahre verfloſſen, und es verlangte mich aus Her⸗ zensgrund, meinen Reinau wieder zu ſehen, und ſeine —— 201 Emma kennen zu lernen, und meinen Pathen Berthold auf den Armen zu ſchaukeln; auch alle die lieben, guten Menſchen in Langenfeld wollte ich gerne ſehen, und mich an der guten Saat erquicken, die dort unter der Sonne Chriſti reifte. Ich kam in Langenfeld an. Von der Höhe herab ſchon geſehen, nahm ſich das Dorf ſtattlich aus. Ein großes, neues Gebäude, mit einem Thürmchen auf dem Dache, fiel mir in's Auge, und ich fragte einen vorbeigehenden Langenfelder, was das große Haus für einen Zweck habe?„Das iſt unſer neues Schulhaus,“ gab der Bauer freundlich zur Ant⸗ wort.„Und warum iſt das Gebäude ſo groß?“ fragte ich weiter.„In dem Flügel rechts,“ ſagte der Mann, iſt die eigentliche Schule, nebſt der Wohnung des Leh⸗ rers; in dem Flügel links, mit dem großen Garten daran, iſt die Arbeitsſchule und die Schule für kleine Kinder.“„Und aus welchen Mitteln iſt das Alles gebaut?“ frug ich.„O, Langenfeld iſt nicht arm,“ antwortete behaglich der Bauer,„aber freilich hat der Herr Lorenz Eichmann das Beſte dabei gethan; ſonſt wären wir nicht ſo weit.“ Ich wünſchte dem Manne einen guten Abend und trat in's Dorf ein. Die Leute, die mir begegneten, Alte wie Junge, ſahen fröhlich aus, und boten freundlich die Zeit. Ein Knabe, den ich nach der Pfarre fragte, lief ohne meine Bitte vor⸗ aus, mir den Weg zu zeigen. Emma kam mir mit meinem Pathen freundlich entgegen und empfing mich wie einen alten Bekannten, und als ich die erſten traulichen Begrüßungen mit meinem Reinau gewech⸗ ſelt, und ihm Vorwürfe gemacht, daß er mir die Bedeutung des Feſtes nicht genannt, zu dem er mich geladen; da ging die Thüre auf, und Richard und Ger⸗ 202 S trud traten ein, und fuͤhrten ſich an der Hand, und. ich wußte nun, wem das Feſt galt. Morgen ſollte Hochzeit ſeyn, und die Brautleute waren Richard und Gertrud.„Ein ſchönes Paar,“ ſagte ich zu meinem Freunde, als ſie weg waren.„Ja,“ gab der zur Ant⸗ wort;„und ein chriſtliches Brautpaar; den Himmel im Herzen treten die ein in die heilige Ehe; da muß ihr Vorhaben gelingen!“ Das Feſt begann; ein ſtattlicher Mann in Jäger⸗ tracht, es war der Förſter Werner, führte die Braut; eine ſchöne Jungfrau, des Werners Verlobte, die Toch⸗ ter des Zeugförſters von der Eilau, führte den Bräu⸗ tigam. Was mein Freund zu dem Paare ſprach, das verſtand ich Alles, und die Thränen traten mir in die Augen; es war ihr Lebensſchickſal im Lichte des Glau⸗ bens betrachtet, es ging auf das Eine hinaus:„Wir rühmen uns der Trübſal, weil wir wiſſen, daß Trüb⸗ ſal Geduld bringet.“ Als die Trauung vollbracht war, und der ſtatt⸗ liche Zug in's Herrnhaus Frichtehrie da lernte ich ſie Alle kennen, die Langenfelder, von denen ich bereits geſchrieben. Herr Lorenz Eichmann führte ſeinen alten Vater, der gebrechlich geworden war, an dem einen Arm, und der Golſer an dem andern, und auf den Mienen Aller war die herzlichſte Freude und die tiefſte Rührung zu leſen. Mit dem Golſer ſprach ich nach⸗ her lange; ich verſchwieg es ihm nicht, daß ich Vieles aus ſeinem Leben wiſſe, und es zu Nutz und Frommen Anderer wolle bekannt machen; aber er ward darüber nicht unwillig, ſondern ermunterte mich dazu, damit die Welt, die an den Herrn nicht glaube, ſeinen Ernſt und ſeine Güte erkennen lerne.— Wie nun das Gaſt⸗ 203 mahl begann, und die Becher fröhlich klangen, da erhob ſich eine hohe Männergeſtalt, es war der Naumann aus dem Erlengäßchen; der war jetzt Schultheiß und ſprach alſo:„Was fehlt uns?“ riefen jahrelang die Langenfelder, und Jeder wußte eine beſondere Antwort darauf, und Jeder ſtürzte immer tiefer hinab in den Abgrund des Verderbens. Bei uns galt ſo recht das Schriftwort:„Die Sünde iſt der Leute Verderben.“ Da kam ein Fremdling zu uns, und wollte nicht von uns erkannt ſeyn, auf daß er um ſo ungeſtörter die Früchte der Gerechtigkeit unter uns ausſtreuen könnte. Er that's, aber wir verſtanden ſein Thun nicht; wir läſterten und verſchmähten ihn. Er aber ſchalt nicht wieder, da er geſcholten wurde; er fuhr fort zu ſegnen. Und die Saat, die er in des Herrn Namen unter Gebet und Thränen ausgeſtreut, die ging endlich auf. Wir lernten, was uns fehle; die Heimkehr zu Gott, die Umkehr zu dem Heiland fehlte uns. Wie wir das erkannten, da erkannte uns Herr Arnold als ſeine lieben, chriſtlichen Landsleute. Da fanden ſich die Getrennten wieder, der Vater den Sohn, der Sohn den Vater, der Bruder die Schweſter; da fand auch Richard die Gertrud. So iſt die Heimkehr vollbracht; und wer auf des Brautpaars Geſundheit mit mir trinkt, der bete auch im ſtillen Herzen:„Der das gute Werk in uns angefangen hat, der möge es auch vollführen bis an den Tag Jeſu Chriſti!“— —— 3— Die übrigen Schriften des Verfaſſers der„Heimkehr“ ſind: Anna, vbe Bil tegehhän dlerim (i841) 3te Aufl. 1846. 5 Bogen kl. S. geb. 4 ggr. od. 18 kr. Die Schreckensjahre von Lindheim. Ein Beitrag zur Sittengeſchichte des ſiebenzehnten Jahrhunderts. (1842) 2te Aufl. mit einer Abbild. des Hexenthurmes und der Kirche zu Lindheim vermehrt. 6 Bogen in kl. S. geb. 24 kr. od. 6 ggr. Der Ralendermann vom Veitsberg. (1845) 2te Aufl. 1847. 14 Bogen in kl. S. geb. 45 kr. od. 10 ggr. Dieſe vier Erzählungen des Pfarrers R. Heſer ſind von den verſchiedenſten Seiten auf das Beifälligſte aufgenom⸗ men und zu dem Beſten gezählt worden, was unſere neuere Literatur in dieſem Fach aufzuweiſen hat. Alt und Jung, Arm und Reich liest dieſe trefflichen, geſunden Schilderungen aus dem Volksleben mit gleich großem Intereſſe und wahrer Befriedigung. Angezeigt und empfohlen ſind die verſchiedenen Schriften in: Darmſt. Schul⸗Zeitung.— Volksblatt für Stadt und Land.— Didaskalia.— Baſeler Volksbote.— Bruns Repertorium.— Rudelb. und Guerike's Zeitſchr.— Nördl. Sonntagsbl.— Bergedorfer Bote.— Kaiſersl. Bote.— Heſſ. Hausfreund.— Literar. Zeitung.— Zukunft der Kirche.— Ehriſtenbote.— Chr. Hausfreund.— Großherzogl. Heſſ. Zeitung ꝛc. ——— ſſſſſſſſſſiſſſiſſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 8 „ 4