Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — 5 von. 3 6dnard Oltmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Teſebedingungen. Z . — 1 oflensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Stun⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 en angenommen. 1W deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſir wochentlich Ahlcler 4 her Richer: aufz Mont V— 3 Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurücſendung* der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei f orene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 1 r n ſolchen mit Kupfern ꝛ.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ —— der Leſer zum Erſatß des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —,——— — — — — Sämmtllüche hiſtoriſch⸗ romantiſche Erzůhlungen Geſchichten F. Wa. Lips. Dritter Band. Frankfurt am Main, 1834, bei Johann Pavid Sauerländer. ₰ Guy de Saint⸗Flour. Eine Novelle. . Unter der Regierung König Franz des Erſten und Heinrichs des Zweiten hatte der Proteſtantismus in Frankreich Eingang gefunden, Wurzel geſchlagen und war ſchon zu einem kräftigen Baume erſtarkt, deſſen Wachsthum friſch und kräftig noch immer die ſtarken Aeſte weiter verbreitete und den Wipfel fröhlich zum reinen Himmelsäther hob, trotz der Stürme Toben. Denn nicht in ſtiller, heiterer Frühlingsruhe war er alſo gewachſen:— in Stürmen war er ſtark geworden; und wenn ſie auch noch ſo wild in ſeinen Aeſten tobten und wühlten und den Wipfel umherſchleuderten— im⸗ mer tiefer ſenkten ſich die Wurzeln ſeines Lebens. Mit einer Heftigkeit, die man Wuth nennen konnte, mit glü⸗ hendem Fanatismus wurde der Proteſtantismus bekämpft. Scheiterhaufen zündete der Fanatismus unter den über⸗ zeugungtreuen Märtyrern für die lautere Gotteswahr⸗ heit an— aber wenn auch unter Höllenqualen das Le⸗ benslicht dieſer Männer des Lichts erloſch— die Wahr⸗ heit erloſch nicht, und heller ſtrahlte ihr Licht in die Finſterniß. Heinrich der Zweite verfuhr wilder, un⸗ menſchlicher, als der ritterliche Franz der Erſte. Hein⸗ rich wurde von den erbittertſten Feinden des Proteſtan⸗ tismus, den Guiſen, die man mit Recht die Reprä⸗ 3 4 4 ſentanten des Fanatismus, wie des Ehrgeizes nennen mag, gehetzt. Ihre Saat war Haß und Wuth, und die Frucht derſelben Blutſtröme und gräßliche Mordſcenen, Menſchenelend und Bürgerkrieg bis zum Kulminations⸗ vunkte— der Bartholvmäusnacht.— ZJenes gräuliche Edikt von Escouan war ergangen— es ſprach das To⸗ desurtheil allen Frankreichs. Schlau lä⸗ chelnd blikte die verruchte Diana von Valentinvis auf die Folgen dieſes Eoiktes, das ihr und der Guiſen Werk war— denn ſie verſprachen ihren Reichthum zu meh⸗ ren, da die konfiszirten Güter der Proteſtanten, moch⸗ ten ſie nun als Opfer fallen oder den blutbedüngten Bo⸗ den des Vaterlandes fliehen und in wirthlicher Fremde ein freies Daſeyn und Glaubenleben ſuchen, und die daraus erlößten Summen floſſen in ihren Schatz. Schlau lächelnd blickten die Guiſen darauf hin, da auch ſie ihre Rechnung dabei fanden, obgleich nicht ſo materiell wie jene, doch aber ihnen werther— ſie ſahen ihre Macht und ihren Einfluß wachſen. Der König wurde von drei Seiten, den zwei genann⸗ ten und der der Prieſterſchaft, fanatiſirt. Nicht genug ſey es, ſagte man ihm, im reichen Mittelſtande die Ketzer⸗ brut auszurotten; weiter hinauf müſſe die ſtrafende, züch⸗ tigende Hand der Gewalt greifen, in die höchſten Stände, da ſey das Haupt; und ſey das gefallen, ſo fehle die Kraft und leicht ſey der Sieg. Im Parlamente von Paris bezeichnete man dem Monarchen die Ketzer und Anhänger des Pryteſtantismus, ſowohl öffentlichen als heimlichen. Das leuchtete dem Monarchen ein. Das Mittel war bald gefunden, der Weg bald bezeichnet. Glänzende Namen im Parlamente von Paris ſtanden ſchon auf der Liſte, Namen, die man aus guten Grün⸗ — —— —— 5 den am Hof nicht mit den wohlwollendſten Empfindun⸗ gen nannte. Dort, wo talentvolle Redner der Glau⸗ bens⸗ und Gewiſſensfreiheit das Herzen und Geiſter be⸗ herrſchende Wort ſprachen, von wo aus ſo Manches ſo unerwünſcht ſchnellen Eingang beim Volke fand, mußte das Uebel zuerſt gebannt, vertilgt werden. Das lag klar am Tage. Vom Plan zur That war nur noch ein Schritt, und er wurde gethan. Die Merkuriale bot die ſchönſte Gelegenheit dazu dar. Unvermuthet, ſo war der Plan, ſollte der König in das Parlament tre⸗ ten und in eigener Perſon jene Handlung vornehmen, die bisher die General⸗Prokuratoren geübt hatten. Es geſchah. Gerade damals verhandelte das Parlament über die Ausführung des königlichen Ediktes von Escvuan und mehrerer anderer Gegenſtände, Aehnliches bezweckend. Die Fanatiker hatten ſchnell entſchieden— aber da er⸗ hoben ſich Sprecher für Wahrheit und die ewig heiligen Menſchenrechte, deren Wort mit Schwertesſchärfe traf, deren Gründe unumſtößlich erſchienen, und es entſpann ſich ein Kampf, der um ſo wilder wurde, je leichter die Leidenſchaften von der einen Seite, die der andern weck⸗ ten, ein Meinungskampf ſeltener, merkwürdiger Art. Und mitten in dieſem Kampfe öffneten ſich die Flügel⸗ thüren des ungeheuern Saales, und mit allem Pompe königlicher Majeſtät trat der König herein, von einem *) Karl V. hatte ſolche Merkurialen angeordnet. An der letzten Mittwoche(Dies Mercurii, daher der Na⸗ men) des Monats begab ſich der konigl. General⸗Pro⸗ kurator in's Parlament, zu unterſuchen, ob alle Glieder ihre Pflicht erfüllt. Er übte dabei gegen die Fehlenden eine große Gewalt— bis zur völligen Abſetzung. 6 zahlreichen glänzenden Gefolge begleitet. Eine augen⸗ blickliche Wirkung brachte dieſes unerwartete ſeltene Er⸗ eigniß hervor. Tiefe Stille ruhte auf der Verſammlung, und lauernde, triumphirende, hämiſche Blicke flogen her⸗ über zu denen, die es gewagt, eine Sprache zu reden, der man ſo gerne Ohr und Herz verſchloß. Nach der Begrüßung der Verſammlung flog ein bliz⸗ zender Blick des Königs über dieſelbe, und mit herri⸗ ſchem Tone befahl er die Fortſetzung der Verhandlungen. Da hob ſich dort der Muth und hier ſchwoll das Herz von edler Begeiſterung, und der Feuerſtrom der Rede floß wieder ungehemmt. Während unter beifälligem Lächeln des Königs glühender Fanatismus ſeine unbegründeten Machtſprüche donnerte, ſchwiegen Jene. Triumphirend blickten dieſe auf ſie, meinend, nun ſey der Sieg ihr. Waren ſie's?— Ihr Kurzſichtigen! Rein, jetzt ſpra⸗ chen ſie, als dort alle Pfeile verſchoſſen waren— und das Herz ſprach, die Seele, der Geiſt, die Wahrheit, das ewige, heilige Recht—— ſprach mit ſiegender, hinreißender Kraft. Die Parlamenträthe Ferrier, du Faur, du Byurg ſprachen mit einer Freimüthigkeit, die, obwohl ſie ſtreng die Schranke der Beſcheidenheit hielt, dennoch Furchtloſigkeit ſelbſt vor dem Monarchen an den Tag legte, obwohl Zweck der Ankunft der Königs und Abſicht deſſelben von ihnen durchſchaut war. Aber küh⸗ ner noch ſprach der Parlamentrath Claude de Vivle, Herr von St. Flour, ein edler Anvergnate. Wahr iſt's, ſprach er mit einer ſonoren kräftigen Stimme und hinreißendem Feuer, und das Auge ſchoß Blitze unter den buſchigen Wimpern hervor, und die heftige Erregung des Gemüths gab dem ganzen bleichen, von ſchwarzem Haare umwallten Geſichte einen Aus⸗ „ — — —— 7 druck, der an die Propheten Iſraels erinnerte. Wahr iſt's, ſprach er, daß der unheilvolle Religionszwiſt das Vaterland in eine grenzenloſe Verwirrung ſtürzt, daß er alle Bande geſetzlicher Ordnung lößt, daß er die unver⸗ äuſſerlichen Rechte des Menſchen mit Füßen tritt, daß er die Hand bewaffnet, die mit dem friedlichen Pfluge den Acker zu furchen beſtimmt iſt; aber wer ſchuͤrt die Gluth, die zur verzehrenden, Frankreichs köſtliche Güter verzehrenden Flamme wird? Ich bekenne es frei vor Gott und der Welt, daß ich jener Kirche angehöre mit Herz und Seele, die Glaubens⸗ und Gewiſſensfreiheit als ihr Palladium und Gottes reines unverfälſchtes Wort als ihre einzige, aber auch von den Pforten der Hölle nicht zu ſtürzende Stütze hat. Wer, frage ich, hetzt uns wie die wilden Thiere des Waldes? Wer mordet unſer ſtilles Glück?— Wer ſchleppt uns zu Scheiterhaufen? Wer trägt die entſetzliche Schuld? Mit den Worten Elias, des Gottesmannes, ſpreche ich, wie er zum gottloſen Ahab: Biſt du es nicht, der Iſrael verwirret? — Und ſein ſtechender Blick traf den König, daß er erbleichend das Auge niederſchlug, wie der Sünder vor dem Richterſpruche des Reinen, wie David einſt vor Nathan. Der König gewann ſeine Faſſung nicht wieder. Er hob die Verſammlung auf und verließ den Saal in fieberhafter Bewegung. Mit dem herzerhebenden Selbſtbewußtſeyn des Edlen nach vollbrachter Glaubens⸗ und Gewiſſenspflicht, trat Vivle in das Gemach, wo Guy, ſein vierjähriger Sohn, ihm die Aermchen freudig entgegenbreitete, frendiger wie ſonſt, wenn der Vater mit den Wolken des Kummers und Mißmuths auf der Stirne in das Gemach trat; denn heute leuchtete ſein Auge, und über ſein ganzes 8 Antlitz war das Licht der reinſten Seelenruhe und See⸗ lenheiterkeit verbreitet. Er zog den ſchönen kräftigen Knaben an ſein Herz und drückte den Segenskuß auf ſeine Stirne. Der Knabe wußte es, daß er den Vater, wenn er aus dem Parlamente kam, nicht ſtören durfte, da er gewöhnlich Arbeiten mitbrachte, und ſo wandte er denn auch jetzt ſich zu ſeinen Spielen, indeß Viole ſich in einen Polſterſtuhl niederließ und den Begebenheiten dieſes wichtigen Tages nachdachte, nicht ahnend, daß im Pallaſt des Königs ſein und ſeiner Freunde Todesur⸗ theil jetzt eben geſprochen wurde; wie denn der Edle nicht glaubt an der Bosheit Rachepläne, ja ſie nicht den⸗ ken kann, weil er ſelbſt ihrer unfähig iſt. So nahe auch die Gefahr über den Häuptern der Edlen ſchwebte, ſo ſtanden ſie doch nicht allein. Selbſt in des Louvre's Prunkgemächern ſtanden gleichdenkende Freunde, die freilich noch nicht den Muth hatten, öffent⸗ lich zu bekennen ihre heiligſte Ueberzeugung. Kaum wa⸗ ren die Schleier einer mondloſen, von regneriſchen Wol⸗ ken noch verdunkelten Juniusnacht herabgeſunken über die Rieſenſtadt, und kaum wehte linde Kühle nach einem ſchwülheißen Tage, Erquickung dem Müden, da trat, in einen weiten Mantel, faſt unerkennbar eingehüllt, ein biederer, erprobter Freund Viole's in das Gemach. Nicht die heitere Freude, die Viole nach den Vorgängen dieſes Tages in ſeinem Antlitze zu leſen dachte, zeigte es, viel⸗ mehr einen ſchmerzlichen Ausdruck. Der Freund ergriff Viole's Hand. Gott lohn' es Euch, ſagte er mit tiefer Rührung, was Ihr heute ge⸗ than; aber Euer Wort war ein brennender Pechkranz, der zündend in einen Pulverthurm fuhr, deſſen Trüm⸗ mer Euch zerſchmettern, Euch zuerſt, wenn Ihr nicht 9 das einzige noch übrige Mittel wählt, dem Verderben zu entgehen. Euer Urtheil, fuhr er fort, iſt geſprochen— Tod.— 6 Ich ſtehe in Gottes Hand! ſprach Viole, ſich mit männlicher Würde erhebend. Irre ich nicht, fuhr der Treue fort, ſo heißt das ſo viel, als Ihr wollt das Kommende erwarten?— So iſt es; war Viole's Antwort. An Eurem Muthe zweifelt Niemand, nahm jener mit warmem Eifer das Wort, der es vernahm, wie Ihr heute geſprochen; aber als eine Unklugheit der unver⸗ antwortlichſten Art wird es von Jedem erkannt werden, wolltet Ihr Euch ruhig hinſchlachten laſſen, und dem Glauben, dem Vaterlande einen ſo kühnen Streiter— und, ſetzte er mit bebender Stimme hinzu— dieſem unmündigen Kinde den treuen Vater rauben. Ihr müßt fliehen, Vivle, fliehen wie Ferrier, du Faur und du Bourg. Sie ſind's, die Euch mit allen Edlen darum beſchwören laſſen. Sie flohen? fragte erſtaunt Viole. Er dachte einen Angenblick nach. Dann ſah er auf den blühenden Kna⸗ ben, der unter ſeinen Spielen eingeſchlummert war und nun ſo ſanft ſchlief, und ſein Auge wurde feucht. Des Freundes Rede, ſeine Erinnerung an die Vaterpflicht, hatte ihres Zweckes nicht verfehlt. Ja, ja, ſagte er langſam, ſo weit iſt es alſo gekommen, daß Frankreich ſeine Söhne von ſich ſtößt!— Frankreich nicht! ſprach verweiſend Jener, hadert nicht.— Jetzt iſt am wenigſten der Augenblick dazu. Noch einmal erinnere ich Euch an Eure Vaterpflicht, Vivle. Seht den engelſchönen Knaben, mutterlos iſt er — von Euch allein.— 10 Schweig, um Gotteswillen! rief Viole— mahne mich nicht an das, was ich verlor— jetzt nicht! Und dringender wurden des Freundes Bitten. Er konnte endlich nicht mehr widerſtehen. Wohlan, rief Vivle, ich will Eure Stimme als die warnende Stimme Gottes anſehen. Ich will fliehen— aber nur mit dem Knaben, anders nicht, und wie wird das möglich ſeyn? Ich kannte Euer Vaterherz, Vivle, ſprach der Freund, ſeine Hand ergreifend. Es iſt dafür geſorgt, daß Ihr Euer Kind mitnehmen könnt. Nur beſchwöre ich Euch, eilet, ehe es zu ſpät ſeyn dürfte. Die Nacht iſt mild, ſie wird dem Knaben nicht ſchaden, und die Reiſe, wie ich hoffe, eben ſo wenig. Viole ordnete nun ſchnell das Röthigſte, packte Geld und Papiere ein und war bald zu Ende. Ueberlaßt mir das Weitere, ſagte der Freund zu ihm, und ſo ließ ers. Nur ſein treuer Diener, der mit ihm jung geweſen und alt geworden war, begleitete ihn. Dieſer ſchlug Guy in ſeinen warmen Mantel, und unter dem Schutze der Nacht verließen ſie das Haus ſtill und unbemerkt. Der Knabe ſchlief ſanft auf des Dieners Arm⸗ Aber faſt hörbar klopften die Herzen. Sie bogen unfern des eben ver⸗ laſſenen Hauſes in eine kleine, finſtere, dumpfe Gaſſe, und Viole hatte bald die Richtung verloren, in welcher ſie wanderten. Der Freund aber ſchritt raſch zu. Ihm ſchienen dieſe Wege, die durch Paſſagen und Winkelgäß⸗ chen führten und durch Gegenden der Stadt, die Viole nie gekannt, wohl bekannt zu ſeyn. Er ſah ſich nicht einmal um. Nachdem ſie auf dieſe Weiſe in den ſelt⸗ ſamſten Krümmungen und Windungen— nur ſehr ſel⸗ ten über öffentliche Plätze oder volkbelebte Straßen, ge⸗ 4— 11 wandert eine gute Weile, ſah ſich Viole zu ſeiner größ⸗ ten Verwunderung an einem ſüdlichen Thore von Paris, wo er ſich zum erſten Male wieder erkannte, aber auch zweifelte, daß ſie unangefochten durchkommen würden, da eine Söldnerwache das Thor beſetzt hielt. Indeſſen auch hier wurde durch des Freundes Hülfe die Gefahr entfernt. Er raunte der Wache etwas in's Ohr— dieſe grüßte ehrfurchtvoll und— ſie waren auſſerhalb Paris.— Noch eine Weile wanderten ſie ſtille, theils auf Wegen, theils über das Feld hin, bis ſie am Saume eines Gehölzes ankamen, wo auf ein kaum merkbares Zeichen des Freundes alsbald ein Mann aus dem Walde heraustrat, der zwei herrliche Roſſe am Zügel führte. Bis hierher hatte keiner der Flüchtlinge ein Wort geredet. Stumm, wie das Grab, waren ſie dahin ge⸗ ſchritten; mit einer Schnelligkeit, die aber auch keine Unterredung würde zugelaſſen haben. Ermüdet ließen ſie ſich auf des Freundes Geheiß auf den Raſen nieder. Ihr ſeyd nun für's Erſte gerettet, ſprach heiter der Freund, und Gvott wird für das Weitere ſorgen. Jetzt erquicket Euch noch einmal zur weitern Reiſe. Und mit dieſen Worten reichte er Wein und Speiſen hervor, die er aus Beſorgniß ſeinem Diener ſchon gegeben hatte. Nachdem die Diener ſich zurückgezogen hatten, ergriff Viole des Freundes Hand und drückte ſie an ſein Herz, die tiefempfundenſten Dankſagungen ausſprechend, da er wohl jetzt einſah, daß der treue Freund ihn nicht nur gerettet, ſondern auch ſich ſelbſt der größten Gefahr ausgeſetzt hatte. Dieſer aber lehnte den Dank von ſich ab und fragte: Wohin gedenket Ihr nun Eure Flucht zu richten? Das Gerathenſte dünket mir, Ihr wählet la Rochelle!— 12 Viole dachte eine Weile nach, dann ſprach er: Nicht doch, ich gehe nach Auvergne. Dort in den Bergen meiner Heimath bietet ſich mir, wenn mein feſtes Saint⸗ Flour mir keine Sicherheit mehr gewährt, ſo mancher ſichere Schlupfwinkel dar, der dem Fremdling unzugäng⸗ lich und mir durch die Streifereien der Jagd bekannt iſt, daß ich in dieſen Höhlen lange mich aufhalten kann. Und — ſollte auch dort keine Sicherheit mehr ſeyn, ſo wird mich die Hand der Vorſehung, die mich ja der erſten Ge⸗ fahr durch Eure Freundeshand entriß, nach Perpignan oder la Rochelle leiten, wo ich leicht hinüberſchiffen kann nach Englands freier Küſte. Das ſielle ich Eurem Ermeſſen anheim, verſetzte dar⸗ auf der Freund, aber wo erreicht Euch die warnende Freundesſtimme, wenn ſie ſollte Gefahr zu verkünden haben? Schreibt nur an Pierre Rabaud, meinen Kaſtellan zu Saint⸗Flour— oder an Michel Salers, der über meine Forſte bei Saint⸗Flour die Aufſicht führt, dann kommen Eure Briefe ſicher in meine Hand, wo ich auch weilen mag. Noch Vieles beſprachen die Freunde, noch Wichtiges trug Viole dem treuen du Pleſſis⸗Mornay, ſo hieß der Freund, auf.— Dann umarmten ſie ſich unter Thrä⸗ nen und Segenswünſchen, der Diener bettete den Kna⸗ ben warm und ſo ritten ſie ſchweren Herzens in die ſtille dunkle Nacht hinein, indeß du Pleſſis nach Paris zurückkehrte, um ſchnell noch ſo viel von Viole's Ange⸗ legenheiten in Ordnung zu bringen, als vor Tagesan⸗ bruch möglich wäre. Er hatte ſich getäuſcht; denn als er nach einer halbſtündigen eiligen Wanderung bei Viv⸗ le's Wohnung ankam, fand er Alles zertrümmert und 15 geplündert— ein ſchauderhaftes Bild der Zerſtörung. Knirſchend ſah er es. Er trat in das verödete Haus — da ſtürzten noch einige hart mißhandelte Diener des Entflohenen hervor und flehten ihn um ſeinen Schutz, um Unterhalt an. Seyd getroſt, ſprach der edle du Pleſſis, ihr ſollt hinfort in meinem Dienſte bleiben, bis beſſere Zeiten euch wieder dem braven Herrn zuführen. Da umſchloſſen ſie mit ihren Armen ſeine Knie und Freudenthränen gaben ihre Empfindungen kund. Nun fragte du Pleſſis nach dem Grunde dieſer Zer⸗ ſtörung und die Diener erzählten, daß kaum Viole mit du Pleſſis das Haus verlaſſen gehabt habe, als ſchon daſſelbe von Söldnern umſtellt worden und der wilde Marquis von Tavannes hereingetreten ſey, nach Viole zu fragen. Sie konnten nichts ſagen als, er ſey nicht zu Hauſe. Schlau und tückiſch lächelnd, befahl er dar⸗ auf, das Haus zu durchſuchen. Sie fanden Niemanden. Da ergriff eine wahre Berſerkerwuth den wilden Normann. Er raßte und befahl ſeinen Soldaten, Alles zu rauben und zu zerſtören, was dem Ketzer gehört habe. Dieß geſchah mit viehiſcher Wuth, die ſich dann auch in blutigen Mißhandlungen der beiden Diener ent⸗ ud. Erſt nachher bekam Tavannes Beſinnung, Viole'n nachzuſetzen. Dieß unterbrach ihr Zerſtörungswerk; aber auch dieſe Nachſtellungen blieben erfolglos und, ſchäu⸗ mend vor ohnmächtigem Zorne, kehrte Tavannes nach dem Louvre zurück, dem König das Mißglücken des Fanges zu berichten. Auch der König gerieth auſſer ſich vor Zorn und ſeine ganze Umgebung mußte es ent⸗ gelten, daß gerade Viole, den er ſo glühend haßte, ge⸗ rade dieſer, der ihn mit dem zweiſchneidigen Schwerte 14 ſeiner zermalmenden Rede ſo tief getroffen, ihm entron⸗ nen war. Doch Viole war es nicht allein, der ſein Heil in der Flucht geſucht und gefunden, auch Ferrier und du Val waren dem Mörderarm entronnen; du Faur und du Bourg, Foix, Fumée und de la Porte waren ſo unglücklich auf der Flucht ergriffen zu werden. Die Thore der Baſtille ſchloſſen ſich hinter Allen, und hinter den Meiſten derſelben auch bald die Pforten des Lebens. 2. In der, an vulkaniſchen Bergen der ſeltſamſten For⸗ men, ſo reichen Auvergne, die damals noch zum gröſ⸗ ſern Theile von ungeheuern Wäldern bedeckt war, lag in faſt gleicher, beträchtlicher Entfernung von den Städten und Städtchen Pierrefart, Conladez, la Voute und Lon⸗ gert in einem ſehr breiten, lavagrundigen, waldbedeckten Thale in tiefer Abgeſchiedenheit und getrennt von den zu beiden Seiten des Thales in faſt halbſtündiger Entfer⸗ nung ſich hinziehenden Bergreihen, ein einzelner von ſchroffen Felſenzacken bedeckter Berg, deſſen Kegelform, iſolirte Lage, Baſalt⸗, Kalk⸗ und Tuffſteinmaſſen ihn als n einſtmaligen Vulkan deutlich bezeichneten. Er war ſchwindelnd hoch und ſo jäh, daß er nur auf einer Seite und zwar auf einem in die Felſen mühſam gearbeiteten Pfade, der oft die Geſtalt einer Stiege annahm, auf der nur ein einzelner Menſch aufwärts ſteigen konnte, zugänglich war. Der Krater war ſeit Jahrtauſenden ausgebrannt, vielleicht, ja mit Grund zu vermuthen, lag die Zeit, wo dieſer und alle Vulkane, die die Au⸗ vergne bedecken, weit hinter den Grenzmarken aller Ge⸗ ſchichte und Ueberlieferung. Der Krater hatte ſeitdem * — 1⁵ ſich mit Erde angefüllt, geebnet und bot ſo den Vor⸗ vätern der Familie de Viole, die aus der Dauphiné ein⸗ gewandert war, einen höchſt vortheilhaften Platz zum Erbauen ihrer Burg Saint⸗Flour. Die Familie Saint⸗ Flour hatte ſich in zwei Linien getheilt, deren eine auf dieſer Burg, die andere auf dem Schloſſe Arbeque, un⸗ weit Pont de Royan, in der Dauphiné, wohnte. Von Genf herüber war zu ihnen das Licht des Evan⸗ geliums gedrungen, und dieſe Familie war eine der erſten proteſtantiſchen in der Dauphiné und Auvergne. Im Laufe der Zeiten indeſſen war die Familie ſehr geſchmol⸗ zen. Jene, die auf Arbeque wohnte, nannte ſich de Viole dArbeque, dieſe de Viole de Saint⸗Flour, und Claude de Viole de Saint⸗Flour war der letzte Spröß⸗ ling dieſer, Robert de Viole d'Arbeque der letzte jener Linie. Vivle, der Parlamentrath, wohnte auf der Burg Saint⸗Flour und lebte dort die Tage eines ſtillen unge⸗ ſtörten ehelichen Glückes. Innige Liebe hatte ihn mit einer der edelſten Jungfrauen der Auvergne verbunden, und die Tage flohen dahin, wie lauter Sonn⸗ und Feſt⸗ tage des Glücks, da ihre Liebe durch die Geburt Guy's noch heiliger, feſter wurde. Doch es kamen nun auch die Werktage des Elends über die glückliche Familie, da Claude de Viole zum Parlamentrathe zu Paris ernannt. wurde. Dieſes Ereigniß zog ihn hinaus aus dem Frie⸗ den ſeines häuslichen Lebens in das vielbewegte Staats⸗ leben, in die wogende Welt einer Hauptſtadt. Die Chi⸗ märe des Ehrgeizes, der oft auch dem edelſten Herzen zugänglich iſt, zeigte ihm anfangs Alles im Lichtglanze. Sie zerrann bald in ein leeres Nichts. Seine geliebte Gattin raubte der Tod von ſeinem Herzen und bettete das warme friſche Blüthenleben in die kalte Erde. Und 16 mit ihrem Tode fielen alle Blüthen Viole's ab. Schwer lag die eherne Hand des Geſchicks auf ſeinem edeln Herzen. Er wollte fliehen in die Einſamkeit mit ſeinem mutterloſen Säugling, um ganz ihm und der düſtern Erinnerung an das verlorne Glück zu leben; aber das Streben, ſeinen Glaubensgenoſſen Ruhe und Freiheit des Gewiſſens zu erkämpfen, hielt ihn zurück. Noch eine Reihe von Jahren hielt er aus unter ſteten Kämpfen, bittern Kränkungen und betrübenden Erfahrungen. Da trat jenes Ereigniß ein, das Anfangs dieſer Erzählung mitgetheilt wurde und, als Flüchtling geächtet, betrat er ſein Saint⸗Flour wieder, einſt der Wohnſitz der Freude und des Glücks, jetzt der ſtille Ort der Trauer, der Beſorgniß. Zu ſeinem Vetter Robert de Viole auf Arbeque mochte er ſich nicht begeben. Zwieſpalt war unter ihnen. Robert hatte nur ein Kind, eine Tochter. Er ſah ſei⸗ nen Stamm ausſterben, und das ſtimmte ihn mißmuthig, feindſelig. So vft ſie ſich früher geſehen hatten, waren ſie uneinig geworden, und dieſe häufigen Zwiſte waren zuletzt zu offenem, bittern Haſſe und unverſöhnlicher Feindſchaft geworden. Darum war der unglückliche Flücht⸗ ling jetzt ganz auf ſich ſelbſt beſchränkt, war um ſo un⸗ glücklicher, als auch noch der Schmerz ihn traf, ſeinen Guy, das einzige Weſen, was ſeinem Herzen geblieben war, in Folge der Reiſebeſchwerden erkranken, ſchwer erkranken zu ſehen. Tief erſchütterte das ſein, ſchon ohnedem durch die harten Schickſalſchläge verwundetes Herz. Alle Beſorgniſſe wegen ſeiner Sicherheit ver⸗ ſchwanden vor der um des Knaben Leben. Tag und Nacht ſaß er an ſeinem Bette und lauſchte den fieberi⸗ ſchen Athemzügen des Geliebten. Alle Bitten des treuen 17 Rabaud waren umſonſt— er wollte keine Ruhe, keinen Schlaf genießen. Der Schmerz drohte ſeines Lebens Kräfte zu verzehren. Doch die gütige Vorſicht erbarmte ſich des Vielgeprüften. Die Heilmittel brachten günſtige Erfolge hervor. Die Krankheit des Knaben brach ſich, das Fieber ſchwand— aber eine große Mattigkeit blieb zurück, und nur ſehr langſam begannen die verlornen Kräfte zurückzukehren. Jetzt erſt kehrte allmählig Ruhe wieder in das verödete Herz des Unglücklichen zurück; aber es war noch nicht müde, das Mißgeſchick, ihn zu verfolgen. Ein neuer Blitz ſchlug in ſein Leben. Eines Tages, wo wieder Viole an dem Bette des allmählig wiedergeneſenden Sohnes ſaß, trat Raband herein und überreichte ſeinem Herrn ein Schreiben, das eben ein ſtaubbedeckter Eilbote gebracht. Von Pleſſis! rief Viole mit Schrecken aus. Das iſt eine neue Hiobspoſt! Eilig erbrach er das Siegel und las: „Du biſt nicht mehr ſicher, Freund; flieh ſobald Du dieſe Zeilen erhältſt. Saint⸗Flvur iſt konfis⸗ zirt und an Dianen von Valentinvis geſchenkt. Bald nach dem Boten werden ihre Leute eintreffen, die noch den beſondern Auftrag haben, Dich zu fangen, da man Dich in Saint⸗Flour vermuthet. Fliehſt Du, ſo meide die Städte Deiner Nachbarſchaft. Ueberall achtet man auf Dich. Dein Namen iſt an dem Galgen auf Montmartre angeſchlagen. Du biſt geächtet, fliehe ſchnell nach Rochelle! Gott ſey mit Dir! Pe. Als er dieſe Zeilen geleſen, ſank er erbleichend zurück in den Lehnſtuhl, in welchem er ſaß. So iſt denn Alles, Alles verloren! rief er im herzzerreißenden Tone aus. 3. B⸗ 4** 18 Was ſoll ich länger das elende Daſeyn friſten, da das köſtlichſte ſeiner Güter, die Ehre, unwiderbringlich verlu⸗ ren iſt, und Schmach auf meinem Namen laſtet? Da ſtanden die treuen Diener um ihn, Raband und Salers, und ſahen mit Schmerz in das bleiche Antltz des Herrn. Bald wurde es ihnen klar, warum ſo hef⸗ tig ſein Schmerz ſich äuſſere. Und als ſie Alles wuß⸗ ten, da flehten ſie mit Thränen, daß er fliehe. Sie umſchlangen ſeine Knie und beſchworen ihn, ſich zu ret⸗ ten. Er widerſetzte ſich mit kalter Hartnäckigkeit. Euer Sohn iſt uns ein theures Pfand, ſprachen ſie, und wenn die beſſern Tage nach Gottes Gnade bald wiederkehren, dann legen wir das anvertraute Pfand un⸗ verletzt in Eure Hand. Er widerſtand lange— aber endlich übertäubten ſie ihn— er war nur willenloſes Werkzeug in ihrer Hand geworden. Rabaud eilte, Pferde zu beſorgen; und als ſie bereit waren, ſchwang er ſich mit Vivle und dem treuen Diener auf, der bereits mit ihm hierher geflo⸗ hen war. Unbeſchreiblich ſchmerzlich war das Scheiden von ſei⸗ nem Kinde. Sanft ſchlief der Knabe, als er an ſeinem Bette niederkniete und für ihn betete, ihn ſegnete, den Scheidekuß auf ſeine Stirne drückte und dann faſt ſinn⸗ los hinaus taumelte. Die Nacht ſank herab auf die Berge Auvergne's, und dahin jagten auf fliegenden Roſſen die Flüchtigen. Oed und ſtille war es auf Saint⸗Flour geworden. Den erquickenden Schlaf der Wiedergeneſung ſchlief noch im⸗ mer der verwaiſete Knabe, und eine ſanfte Röthe der Geſundheit kehrte auf die bisher ſo bleichen Wangen zu⸗ rück. Es war eine der größten Wohlthaten für Salers, 19 daß der Knabe nicht erwachte bis zum frühen Morgen, wo er friſch und munter die ſchönen Augen, aus denen der Mutter edle Seele und des Vaters Geiſt blickte, aufſchlug; denn in den Stunden der Nacht ſchaffte er Alles, was Werth hatte, hinaus in das Waldhäuschen, wo er wohnte, und verbarg es da, ſo gut er konnte. Wohl fragte der Knabe nach dem geliebten Vater— aber er ließ ſich wieder beruhigen, und verlangte zu Sa⸗ lers Freude aus dem Bette. Der Treue ſorgte nun für grobe Kleider— denn für ſeinen Sohn mußte er Guy ausgeben fortan zu ſeiner Sicherheit. Noch an demſelben Tage zog Salers in das Waldhäuschen, einen Diener Viole's auf dem Schloſſe zurücklaſſend. Die Neuheit der Umgebung, das Zwitſchern der Vögel, das freundliche Waldesgrün— Alles trug dazu bei, Guy zu beruhigen, zu erheitern, und die Liebe des guten Salers wußte ſo viel Abwechslung in die Spiele und Erheiterungen des Knaben zu bringen, daß er bald ſich an dieß Verhältniß gewöhnte und, bei zunehmender Kraft und Geſundheit, ſich bald heimiſch fühlte in dem neuen Verhältniß. Schon am andern Tage nach der Flucht Viole's tra⸗ fen die Beauftragten Diana's von Valentinvis ein und nahmen Saint⸗Flour in Beſitz. Alles wurde durchſucht nach dem rechtmäßigen Beſitzer. Spione durchſtreiften die Wälder. Mit genauer Noth entging Salers der Entdeckung. Auf Saint⸗Flour nahm alles eine andere Geſtalt an. Rabaud's Eigenthum rettete Salers Muth. Aber ſeine Stelle wurde ihm aufgekündigt, und eine Krea⸗ tur Diana's nahm ſeine Stelle ein. Salers war aus der Dauphiné. Nun, wo er brodlos war, faßte er den Entſchluß, ſich dorthin zu begeben mit dem was er von 20 Vivle's Vermögen und dem Rabaud's gerettet hatte, und dem Knaben. In aller Stille verließ er ſeinen bis⸗ herigen Wohnort. Ein Dorf unweit Pont de Royan war ſein Geburt⸗ ort. Dorthin zog er mit Guy und harrte der Wieder⸗ kunft Rabaud's. Erſt nach monatlicher Friſt kehrte er mit der frendigen Nachricht zurück, daß ſein Herr glück⸗ lich nach England entkommen ſey. Von nun an lebten die beiden Männer in einer rührenden Freundſchaft zu⸗ ſammen, und widmeten alle ihre Kräfte der Erziehung Guy's, der überall für Salers Sohn galt. Sie ſuchten ihm jene unerſchütterliche Liebe zu ihrem heiligen Glau⸗ ben einzuflößen, die ihre Herzen erfüllte und ſeinen Geiſt auf das Gute und Edle zu lenken, indeß Rabaud, des Krieglebens nicht unerfahren, einen ritterlichen Sinn und Geiſt ihm einzupflanzen, und ſeine Körperkräfte zu ſtäh⸗ len bemüht war. Täglich ſtreifte er mit dem Knaben in den Bergen und Wäldern herum.— Die Bilder frü⸗ herer Erinnerungen dämmerten allmählig bei dem Kna⸗ ben, und die Liebe zu Salers und Rabaud war ſo feſt in des Knaben Seele, daß der Schmerz um den verlor⸗ nen Vater ſich allmählig milderte. Die Freunde erhiel⸗ ten ohnedem die Hoffnung wach in ſeinem Herzen, daß der Vater wiederkehren würde, wenn günſtigere Zeit⸗ umſtände einträten. So viel ihm dienlich war, hatten ſie ihm von des Vaters Mißgeſchick mitgetheilt. Be⸗ ſonderes Gewicht legten ſie darauf, daß ſein Namen verſchwiegen bleibe und er überall nur für Salers Sohn gälte. Des Knaben Verſtand war reif genug, dieſe Nothwendigkeit einzuſehen, und er leiſtete willig das Ver⸗ ſprechen, nie ihn zu nennen, unter keiner Bedingung. Die freie Lebensweiſe, das Geheimnißvolle ſeines Lebens, 21 das Unglück, was den geliebten Vater heimgeſucht, der glühende Haß, den ihm Rabaud und Salers gegen die Feinde des Vaters, gegen alle Anhänger des Königs und des katholiſchen Glaubens einflößten— dieß ver⸗ eint, gab dem Knaben frühe ſchon einen Ernſt, der noch weit jenſeits der Grenzen ſeines Alters zu liegen pflegt, und eine gewiſſe Feſtigkeit und Entſchiedenheit des Charakters, die ſeinen Jahren eben ſo fremd war. Er verſchmähte die Geſellſchaft der Knaben ſeines Al⸗ ters und lebte nur im Umgang mit ſeinen Pflegern, übte ſich in alle dem, was einſt ihn zu einem tüchtigen Krieger bilden konnte. Neue Hoffnungen dämmerten im Herzen der Freunde, als Franz, der Jüngling, des Vaters Thron beſtieg— denn nun zerrann der Glanz Diana's von Poitiers, ihre den Proteſtanten entzogenen Güter verlor ſie, und konnte es nur der Gunſt der Umſtände danken, daß ſie, ohne Katharina's Rache zu fühlen, ſich auf ihr Schloß Anet zurückziehen durfte. Saint⸗Flour war nicht mehr ihr. Jetzt ſchien ihnen der Zeitpunkt gekommen, wo ihr viel⸗ geliebter Herr wiederkehren würde, das Erbe ſeiner Vä⸗ ter zurückzufordern. Sie hofften vergebens. So gut ſie auch Viole's Charakter zu kennen glaubten, ſo blieb ihnen doch das feine Ehrgefühl deſſelben verborgen und die Reizbarkeit ſeines Gemüths.— Er lebte noch— ſein Blick weilte oft auf Frankreichs Begebniſſen, ſein Herz war ja ganz dort. Manchmal hegte er Hoffnung, daß einſt ſeine Ehre hergeſtellt werde— aber dann ſagte er zu ſich: Nein, der Namen, der einmal gebrandmarkt iſt, wird nie wieder rein, und troſtloſer wurde ſeine Lage. In der tiefſten Verborgenheit lebte er in England— ohne Rachricht von ſeinem Guy, deſſen Spur ſelbſt du 22 Pleſſis nicht entdecken konnte. Seine einzige Beſchäfti⸗ gung war Aſtrologie. Einſt in frühern Jahren ſeine Lieblingsbeſchäftigung, da auch er dem Hange ſeiner Zeit nicht entwachſen war, diente ſie ihm jetzt, des Sohnes Lage und Geſchick zu ergründen und ſeiner Zukunft Räth⸗ ſel in den Sternen zu leſen. Auch die Täuſchung iſt für das leidende Gemüth ein Heil— ſie war es für Viole. 5. Friſch und fröhlich wuchs Guy heran, und wurde kräftig und edel und ſchön, an Leib und Seele. Sein größtes Vergnügen war die Jagd. Tagelang konnte er unermüdet in den Wäldern umherſtreichen und, reich mit Beute beladen, kehrte er am Abend heim. Stets war einer der Treuen ſein Gefährte. So wuchs er urkräf⸗ tig heran. Jahre kamen und flogen dahin in dieſem freien Leben, und während im übrigen Frankreich Ver⸗ folgungen gegen die Proteſtauten wütheten, ruhte ſtiller Friede auf dieſer einſamen Gegend. So war Guy zu einem kräftigen Jünglinge herangereift, als Franz M. plötzlich ſtarb und Carl MK. als Knabe einen Thron be⸗ ſtieg, der eines ganzen Mannes bedurfte und die Zügel der Regierung in die Hand Katharina's von Me⸗ dieis fielen, deren herzloſe ſchlaue Politik zwiſchen den Chatillons und Guiſen ſchwankend, beide benutzte, um ihre hölliſchen Plane zur Reife zu bringen. Condé, dem das Henker⸗Beil an einem Haare über dem Haupt geſchwebt, wurde jetzt befreit, und Katha⸗ rine ſah ſich am Ziele ihrer Wünſche— ſie wurde Re⸗ gentin im vollen Sinne des Worts, da Anton an ihrer Seite blos figurirte. Einer der erſten Schritte dieſer 25 Regierung war ein Edikt, das den Proteſtanten die got⸗ tesdienſtlichen Verſammlungen unterſagte. Des edeln Kanzlers[Hopital milde Rathſchläge wurden nicht ge⸗ hört, und mit Strenge das Edikt durchgeſetzt. Erſt dann hörte man ihn, als in Languedve ernſtliche Unru⸗ hen ausbrachen. Der Hof ſah wohl ein, wozu es füh⸗ ren könnte, wenn er mit Fanatismus jene Abſichten ver⸗ folgee, und[Hopitals Vorſchläge zu einem Religions⸗ geſpräche, zur Ausgleichung der Mißverhältniſſe in kirch⸗ lichen Dingen, fanden Gehör. Viele waren dagegen, fürchtend die ſiegende Gewalt des Proteſtantismus; allein der Kardinal von Lothringen, dieſer eitle Mann, ſah eine Gelegenheit, ſeine Gelehrſamkeit, ſeine Beredſamkeit gel⸗ tend zu machen, und ſo fand es Statt. Aller Augen waren auf die Abtei von Ppiſſy gerichtet; allein dieſer, wie ſo viele ähnliche Verſuche, mißlang. Indeſſen ſchienen günſtige Sterne dem Proteſtantis⸗ mus zu leuchten. Katharina von Medieis neigte ſich ſichtbar auf ſeine Seite— ſie ließ ihn in ihren Gemä⸗ chern predigen; ſie ſchloß ſich enger an Condé, an Cv⸗ ligni an, und täuſchte alle— denn vffenbar hatte mehr das Beſtreben, ſich Condé und Coligni zu gewinnen, um dem ſogenannten Triumvirat Franz von Guiſe's, des Connetable's und des Marſchalls von St. Andrs ein Gegengewicht entgegenzuſetzen, mehr Antheil an dieſem Meinungwechſel, als die Ueberzeugung dieſer, ihren Ge⸗ lüſten nach Macht alles unterordnenden, Fürſtin. Neue Hoffnungen ſchöpften die Proteſtanten, und bis in die Thäler der Dauphiné drang die frohe Botſchaft, die Rabaud von einer Reiſe nach Angers mitbrachte. Neue Hoffnungſtrahlen fielen in Guy's Sohnes⸗Herz. Lebt er noch, der theuere Vater, ſprach zu ſich der Jüng⸗ 2 ling, ſo wird er wiederkehren, jetzt, wo Alles ſich ſo günſtig geſtaltet für die Verfolgten. Auf ſeinen einſa⸗ men Streifereien durch die Wälder träumte der Jüng⸗ ling ſo ſchön von der Zukunft, daß oſt ſein Herz in Entzücken ſchwamm bei dem Gedanken, den Vater wie⸗ der zu umarmen. An einem ſchönen Herbſttage wanderte er, wieder begleitet von ſeinem treuen Hunde, hinaus auf die Jagd. Der Mittag war noch nicht gekommen, und mild fiel der Sonnenſtrahl herab auf die Wälder und machte das Wandeln unter ihrem Laubdach überaus angenehm. Der Jüngling verſank wieder in ſeine Träumereien, und ſchritt, ohne die Richtung zu beachten, kräftig fürbaß. Da ſtand er plötzlich an des Waldes Saum, der eine bedeutende Höhe bekränzte. Vor ihm lag ein Thal mit üppigen Wieſen, in der Entfernung ein Dorf— gerade vor ihm in ſchwindelnder Höhe ein ſtattliches, feſtes Schloß. Er war fremd in dieſer Gegend und erkannte es, daß er ſich ſehr weit von dem Orte der Heimath entfernt. Bald jedoch erinnerte er ſich, von dem Schloſſe Arbeque ge⸗ hört zu haben, und kein anderes konnte das vor ihm lie⸗ gende ſeyn. Er war ermüdet. Brennender Durſt quälte ihn. Er ſpähte rings umher nach einer Quelle. Zu ſeiner Freude entdeckte ſein ſcharfes Auge bald am Fuße eines nicht weit von ihm liegenden Felſens das Ziel ſei⸗ ner Wünſche, einen klaren ſprudelnden Quell. Er wollte eben ſich dahin begeben, als ſein Hund Laut gab und, heftig an ſeinem Riemen zerrend, emporſprang. In dem⸗ ſelben Augenblick faßte eine nervigte Fauſt Guy's Arm. Guy fuhr herum, und vor ihm ſtand ein Fremder. Er war von majeſtätiſchem Weſen. Ein grünes Jagdkleid trug er und eine reichverzierte Büchſe und ein ähnliches 25 Jagdmeſſer. Der Mann war längſt über die Mittag⸗ höhe des Lebens hinaus— ſchon an der Schwelle des Alters. Seine Züge hatten etwas Ernſtes, Finſteres, das beim erſten Anblick abſtieß, doch ein wohlwollender Zug ſchwebte um den Mund und der Blick des Auges war feſt, klar und ruhig. Was ſucht Ihr hier? fragte der Fremde ſtreng. Ge⸗ hört Ihr etwa zu der—— hier herumſtreifenden Zi⸗ geunerbande?— Die erſte Ueberraſchung bei Guy wich ſchnell. Des Mannes herriſches Weſen beleidigte ſein Freiheitgefühl, und ein Stolz regte ſich in ihm, von dem er nie eine Ahnung gehabt. Er machte des Fremden Hand beſchei⸗ den, aber kräftig los, trat einen Schritt zuruͤck und maß ihn mit feſtem Blicke. Ihr habt eine Art zu fragen, ſagte er dann ſcharf, als ob Ihr Prokurator des Parlaments von Paris ge⸗ weſen, dem man bekanntlich eine ganz eigene Redeweiſe zuſchreibt— indeſſen diene Euch zur Nachricht, daß ich Waſſer ſuche, meinen Durſt zu löſchen, und mit Zigeu⸗ nern nichts gemein habe. Nun lebt wohl. Er wandte ſich, nach der Quelle zu gehen; allein der Fremde vertrat ihm den Weg und betrachtete ihn mit argwöhniſchen Blicken, indem er ſagte: Wenn Euch, junger Menſch, meine Art zu fragen auffiel, ſo wiſſet, daß Ihr hier auf meinem Grund und Boden ſteht, und ich ein Recht habe zu fragen, wer Ihr ſeyd.— Das Recht will ich Euch nicht beſtreiten, ſagte Guy, und darum durſtig Euren Grund und Boden verlaſſen. Der Trotz, der in dieſen Worten lag, mißfiel dem Fremden nicht. Er ergriff Guy's Hand. Rein, ſagte er, wer Ihr auch immerhin ſeyn mögt, das ſollt Ihr Lips Erzähl. 3. B. 2 26 nicht Robert dArbeque nachſagen, daß er Euch ohne Erquickung von ſich ließ.— Er langte ſchnell nach einer Feldflaſche und reichte ſie Guy dar. 4½ I„ch danke Euch! ſagte Guy, und wieß ſie hinweg. dArbeque maß ihn mit ſeltſamen Blicken. Ihr ſeyd ſehr trotzig— ſagte er gedehnt. Ich habe Euch belei⸗ diget und das thut mir leid; laßt uns nicht mit Groll ſcheiden! Dieſe Worte waren zu gutmüthig, als daß Guy ihnen zu widerſtehen vermochte. Er reichte ihm ſeine Hand. Ich trinke mit Euch, Herr, ſprach er dann, nahm die Flaſche und ſagte, indem er ſie zum Munde führte: Auf Euer Wohl! Die ungewöhnliche Art und Bewegung ſchien d'Ar⸗ beque zu gefallen. Er verſuchte Guy zu entlocken, was ihn hierher geführt. Dieſer ſagte ihm freimüthig, daß er ſich verirrt habe; er nannte ihm den Ort, wo er wohnẽ, ſeinen Namen Guy Salers. dArbeque glaubte ihm nicht, ſo gerade und ehrlich auch Guy ſprach. dAr⸗ beque vermuthete entweder in ihm einen Ränber oder, was bei ihm überwog, einen Jüngling von Stande. Dagegen ſprach aber die ärmliche Kleidung, die größten⸗ theils aus Hirſchleder beſtand, der Stoff, aus dem da⸗ mals die meiſten Landleute der Dauphiné ihre Kleider bereiteten. Guy's Sitten, ſein Anſtand, ſelbſt das ſtolze Selbſtbewußtſeyn der Freiheit, das in ſeinem ganzen Weſen, ſeiner Rede und Haltung ausprägte, widerſpra⸗ chen der eigenen Auſſage des Jünglings. d'Arbeque lud ihn ein, mit ihm auf das Schloß zu gehen, da er doch jetzt den Rückweg nach der Heimath vor der Nacht nicht mehr erreichen könne, und die Nacht dort zu weilen. Das Nachtlager ſchlug Guy beſtimmt 3 (˙ u R — 27 aus, indeſſen konnte er, ohne unhöflich zu ſeyn, des Ba⸗ rons Einladung nicht ablehnen. Darum ging er mit ihm. Auf dem Wege zum Schloſſe lenkte ſich das Ge⸗ ſpräch auf die Jagd, dArbeque's Lieblingsbeſchäftigung. Hier trafen beide in einem Punkte zuſammen. Mit Begeiſterung ſprach Guy von dem Waidwerk und von dem Wilde, das in den Forſten jenſeits Pont de Royan ſich finde. dArbeque hörté mit immer ſteigendem Wohl⸗ gefallen die Reden und Erzählungen des Jünglings. Bei ſeiner einſamen Lebensweiſe wurde ihm ſelten der Genuß, mit einem tüchtigen Waidmanne zu jagen und von der Jagd zu reden. Darum fand er immer größeres Beha⸗ gen an dem Jüngling, ſo, daß bald der Wunſch in ihm aufſtieg, ihn öfter um ſich zu haben; und in der Auf⸗ wallung der Freude fragte er Guy, ob er nicht in ſeine Dienſte treten wolle? Guy's Stirne faltete ſich. Eine glühende Röthe überzog ſein Geſicht. Ein ſtolzes Wort ſchwebte auf der Zunge, doch hielt er es gewaltſam zurück und ſagte, mühſam ſich ſelbſt bezwingend: Verzeiht, wenn ich es vorziehe, mein eigner, freier Herr zu bleiben— allein, ſetzte er begütigend hinzu, wollt ihr es geſtatten, ſo ſoll es nicht das letzte Mal ſeyn, daß ich Schloß d'Arbe⸗ que ſehe. Der Baron hätte gern das ſchnell entſchlüpfte, un⸗ bedachte Wort zurückgenommen, da in dem Jünßling etwas war, was ihn zwang, ihn anders zu behandeln, als es ſeine äuſſere Erſcheinung mit ſich zu bringen ſchien, und ihn nöthigte, ſich faſt jenes Wortes zu ſchä⸗ men. Freudig ergriff er daher des Jünglings Aeuſſerung, und bat ihn, vft mit ihm die Vergnügungen der Jagd zu theilen. Und nun ſchilderte er auf ächte Waidmanns⸗ o* 2 28 Art in den größten Hyperbeln den Reichthum ſeiner For⸗ ſten an Wild aller Art. Wenn mir, ſetzte er zuletzt hinzu, die verdammte Zigeunerhorde nur nicht Schaden thut. Dieſes heimathloſe Volk der Wüſte pflegt ſich nur zu gern als die Herrn der Wälder zu betrachten, und, bietet ſich zu Raub und Betrug nicht Gelegenheit, das Wild niederzumachen, ohne Rückſicht, ob ſie die Jagd auf Jahre hinaus verderben. Alſo war wirklich ſolch eine Horde in der Nähe, zu der Ihr mich rechnen zu müſſen glaubtet?— fragte Guy neugierig, da dieſes Volk mit ſeiner phantaſtiſchen Lebensweiſe ihn gar ſehr intereſſirte, ohne daß er noch mit ihm irgend je zuſammenzutreffen Gelegenheit gefunden. Allerdings, verſetzte Jener darauf. Schon ſeit acht bis zehn Tagen treibt ſich eine bedeutende Horde dieſes gottloſen Heidenvolkes hier herum. Sie auszukundſchaf⸗ ten war größtentheils meine Abſicht; daher heute mein Irrthum mit Euch. Die Horde zählt leicht an 100 bis 130 Köpfe, und mir ſchien's, als hätten ſie nicht übel Luſt, mir einen Beſuch auf Arbeque abzuſtatten.— Ihr ſcherzt, ſprach Guy, ihn forſchend anſehend. Nicht doch, mein junger Freund, verſetzte Jener. Es wäre nicht das erſte Mal, daß ſie eine Burg zu überfallen und auszuplündern Miene gemacht. Und ich habe darum meine Leute wohl bewaffnet. Unter dieſen Reden kamen ſie am Thore des Schloſ⸗ ſes an, das auf des Herrn Ruf und ſeiner Hunde Ge⸗ bell alſobald geöffnet wurde, indem man die Zugbrücke herabließ. Sie traten ein. Wirklich ſah hier alles krie⸗ geriſch aus, und in Guy wollte ſich eine ſatyriſche Be⸗ merkung eben Luft machen, als aus dem Portale des⸗ jenigen Schloßtheils, der die Wohnung des Herrn um⸗ 29 faßte, eine weibliche Geſtalt heraus und auf d'Arbeque zuflog, ängſtlich nach der Zigeunerhorde fragend. dArbeque lachte. Sey nur ruhig, ſprach er, ſie ſind weit weg, Gabriele! Jetzt ſah Gabriele den Jüngling, der mit glühender Röthe auf den Wangen daſtand, im Anſchauen der lieb⸗ lichen Erſcheinung vertieft. Das Mädchen erſchrack und ſah den Vater forſchend an. Als dieſer lächelte, fiel ihr Blick wieder auf Guy — aber nicht ſcheu und mit Widerwillen, ſondern viel⸗ mehr mit ſichtlichem Wohlgefallen. Wie ſoll ich Euch doch eigentlich meiner Tochter vor⸗ ſtellen? fragte der Vater den Jüngling. Als Guy Salers, wenn es Euch beliebt, erwiederte mit einer anſtändigen Verbeugung der Jüngling. Ich bringe Dir in dieſem jungen Manne einen Gaſt; ich lernte ihn auf der Jagd kennen und wünſchte, daß Du ihn gaſtlich behandelteſt. Gabriele erröthete leicht, neigte ſich und liſpelte mit ſüßem Wohllaut: So ſeyd mir herzlich willkommen! Der Alte führte nun den Jüngling in den Saal, den rings die Bilder der Ahnen des Hauſes de Viole zier⸗ ten. Er führte den Jüngling zu jedem Einzelnen, er⸗ zählte dann, welche Ehrenſtellen ſie an den Höfen der Könige Frankreichs, ſeit Pipin und Carl dem Großen, bekleidet hatten; wie ſie ſich im Kriege ausgezeichnet, welche von ihnen den Kreuzzug unter König Ludwig VII. und den frühern unter Gottfried von Bouillon, Raimund von Tyulouſe, Robert von Flandern und den übrigen Helden jenes abentheuerlichen Unternehmens mitmachten, und all das Heer der Thaten, die ſie gethan und nicht gethan, mit breiter Ruhmredigkeit und großem Stolze. 50 Nie aber nannte er den Namen„de Viole,“ weil er ihn an den verhaßten Parlamentrath, Guy's unglückli⸗ chen Vater, erinnert haben würde; und ſo blieb Guy das nahe verwandtſchaftliche Verhältniß, in dem er zu Arbeque ſtand, unbekannt, da zumal ſeine Freunde Ra⸗ baud und Salers nie deſſen Erwähnung gethan. Er war ein aufmerkſamer Zuhörer, und das machte ihn dem Baron noch werther. Einige Zeit darauf lud die liebliche Gabriele zum Mittagmahle, das ſie in einem andern Gemache mit faſt verſchwenderiſcher Freigebigkeit bereitet hatte. Guy wußte nicht, wie ihm geſchah. Es war das erſte Mal in ſei⸗ nem Leben, daß er ſich in der Nähe eines ſo lieblichen Geſchöpfes befand. Er vermochte kein Auge von ihr zu wenden, und traf ihr Blick den ſeinen, dann ſchlug er ihn doch nieder. Sprach ſie, ſo lauſchte er und hielt den Athem an. Er wußte zuletzt kaum mehr, was er that, ſo hatte ihn Gabrielens liebliches Weſen bezaubert. Sie war aber auch ganz geeignet, ſolchen Eindruck auf ein reines Jünglingsherz zu machen. Mit allen Reizen ih⸗ res Geſchlechts hatte ſie die Natur ausgeſtattet, und dieſe ſchöne Hülle barg ein Herz rein und klar, wie der Himmel, treu und fromm, ſanft und demüthig, und doch war ihr Charakter beinahe männlich feſt. Ihr Weſen war unbefangen und natürlich; ohne alle Zurückhaltung — ſie war ein Kind der Natur, fern von jenem frivo⸗ len Leben, das jene Zeit auszeichnete, und gleich fern von jenem formellen, ſteifen Zwang erzogen, der ſchon damals die höhere Geſellſchaft zu beengen begann. Daß ihr Bild ſein Herz erfüllte, daß eine tiefe, innige Liebe zu ihr in ihm erwachte, war eine nothwendige Folge ihres beiderſeitigen Zuſammentreffens, und beinahe ähn⸗ 31 lich war es bei Gabrielen. Sie ſah in Guy den erſten Jüngling ihres Alters, ſah in ihm den vollendeten, ſchö⸗ nen Jüngling— und auch ihr Herz liebte. Allein fremd und unbekannt war beiden dies Gefühl, um darum er⸗ griff es die unbewachten Herzen um ſo gewaltiger. Nur mit innerm Widerſtreben erhob ſich endlich, als ſchon die Sonne zu ſinken begann, Guy, um an die Rückkehr zu denken. Recht aufrichtig und herzlich bat ihn dArbeque, zu bleiben. Sein Herz wollte ſo gerne; aber ſollt' er die treuen Freunde beängſtigen durch ſein Auſſenbleiben?— Dieſer Grund beſtimmte ſchnell ſeinen Eutſchluß. Mit dem Verſprechen, bald wieder zu kom⸗ men, und mit Gabrielens Bild in der Seele, riß ſich endlich der Jüngling gewaltſam aus den ihn zauberiſch umſchlingenden Feſſeln und eilte flüchtig, wie die Genſe, den Felſenweg hinab, und in den letzten Strahlen der Sonne ſah Gabriele ihn am Saume des Waldes ver⸗ ſchwinden. L. In einem Zuſtande, der dem Traume am nächſten verwandt, trat der Jüngling in die Waldesnacht, und in demſelben Zuſtande ſchritt er, ohne zu bemerken, wohin er gieng, fürbaß. Eine tiefe Finſterniß umgab ihn. Hin und wieder fiel mattes Sternenlicht auf ihn herab, wo der Bäume Laubdach es zuließ; allein es war zu ſchwach, ihn erkennen zu laſſen, wo er gieng und ſich befand. Enger ſchloß ſich der große Hund an ſeinen Herrn an, und gieng vorſichtig nur wenige Schritte vor ihm her. Plötzlich ſtand er und knurrte, und zu gleicher Zeit be⸗ merkte Guy in der Entfernung ein großes Licht, um welches eine raſche Bewegung ſtatt zu finden ſchien, 52 ohne daß er jedoch zu unterſcheiden vermocht hätte, was es ſey, da die Entfernung noch zu bedeutend war. Er gebot dem wohlabgerichteten Hunde Schweigen und ſchritt vorſichtig dem Lichte zu. Als er näher kam, ſtellte ſich ihm ein Schauſpiel der allerſeltſamſten Art dar. Ein großer, freier Raum lag vor ihm, in deſſen Mitte ein großes Feuer flammte. Rings um den Platz lagen auf Matten, oder ſaßen vielmehr mit unterſchlagenen Beinen eine bedeutende Anzahl ſchwarzbrauner, wildausſehender, phantaſtiſch gekleideter Männer und Frauen reiferen Al⸗ ters und Kinder. Um das Feuer tanzten eine gleich⸗ falls nicht kleine Anzahl jüngerer Männer und Mädchen in wilden, mitunter äuſſerſt üppigen Stellungen und Geberden. Sie hatten das Anſehen von Bachanten— ihr Haar flog los im Winde, und ihre durch das Feuer gerötheten Geſichter ſahen wild und leidenſchaftlich aus. Dreie ſtanden da und regelten den Tanz durch eine eben ſo einfache als disharmoniſche Muſik; der eine bearbei⸗ tete den Dudelſack, indeß der andere ein Schellentam⸗ bourin ſchlug, und der dritte auf einer gellenden Pickel⸗ flöte eine wilde Weiſe bließ. Alle Tänzer ſangen— bisweilen ernſt und gemeſſen, dann wilder und lauter und in ſchnellerem Zeitmaaße, und jedesmal richtete ſich der Taaz nach ihrem Geſange. Das iſt die Zigeunerhorde! dachte Guy, und hielt dem Hunde, der Laut geben wollte, den Mund zu. Einige Hunde aber, die bei der Horde waren, witterten alſobald den fremden Genoſſen und ſchlugen an, und in demſelben Augenblick riß ſich Guy's Hund los und fiel jene mit großer Gewalt an. Die Tänzer ſtoben auseinander und die ganze Bande erhob ſich wie mit einem Zauberſchlage, und ehe noch hieeter 55 Guy überlegt hatte, was zu thun, faßten ihn ſchon vier kräftige Arme und riſſen ihn rücklings zu Boden, und blitzſchnell war er geknebelt und am Feuer unſanft auf die Erde geworfen. Nengierig ſtanden die Mädchen und Frauen um ihn, in einer Guy ganz unverſtändlichen Sprache ſich ihre Gedanken über ihn mittheilend. Eine Weile deliberirte die Bande mit einem alten Manne, deſſen gelbbraunes Geſicht den Stempel der Verſchlagen⸗ heit, Liſt und Büberei trug, und der ihr Hauptmann zu ſeyn ſchien. Die Mädchen, denen der ſchöne Jüng⸗ ling gefiel, lächelten ihn an und legten ihr Fürwort für ihn ein— jedoch vergeblich. Während noch die ziemlich ſtürmiſche Berathung dauerte, keuchte eine ſcheußliche Alte, deren Haupt eine thurmartige Mütze ſeltſam zierte, auf ihren Stab geſtützt daher, ergriff einen Feuerbrand und beleuchtete ihn. Während ihr rothes, triefendes Ange ihn belugte, murmelte ſie unverſtändliche Worte in den Bart; dann wendete ſie ſich zu den Männern, die noch immer im Kreiſe berathend ſtanden, und rief mit einer krächzenden, widerlichen Stimme, Guy verſtändlich: Laßt ihn los, die Altmutter befiehlt es. Er iſt kei⸗ ner von der Burg Arbeque, keiner von der feindlichen Brut, die ihr vernichten wollt.— Dieſes Wort wirkte zauberiſch. Schnell waren Guy's Bande gelößt und er ſtand frei unter ihnen. Wer giebt Euch das Recht, mich zu feſſeln? rief er wild aus. Die Altmutter ſah ihn freundlich an, und die Augen der Mädchen ruhten wohlgefätlig auf der ſchönen Geſtalt, die jetzt in der drohenden, gebieteriſchen Stel⸗ lung noch um Vieles ſchöner war. Gebt mir meine Büchſe und meinen Hund und laßt mich meines Weges ziehen! donnerte er jetzt ihnen zu. 54 Still, ſtill, mein Söhnchen! krächzte die Alte. Du biſt jetzt nicht auf Saint⸗Flour, was ohnedem für Dich verloren iſt. Vergiß nicht, daß Du hier nicht gebie⸗ ten, ſondern nur bitten und gehorchen kannſt. Guy erbleichte vor Schreck, das Geheimniß ſeiner Herkunft aus dieſem Munde zu hören. Weib, ſprach er, nach gewonnener, ruhiger Beſin⸗ nung, woher kennſt Du mich? Ey, ey, ſagte ſie in demſelben Tone und auf die⸗ ſelbe widerliche Art, ſollte ich Dich nicht kennen? Habe ich doch in den Bergen von Auvergne zuerſt das Son⸗ nenlicht geſehen, und ſeitdem das Land lieb gehabt und oft dort herum mich aufgehalten, wo Deiner Väter Stammſitz iſt. Sollte ich Dich nicht kennen, der Du Deines Vaters Abbild biſt? Dich nicht kennen, da ich Dich als Knaben fliehen ſah mit Deinem Salers in die Wälder und von da nach Dauphiné? Hat doch Dein Vater mir noch dieß Goldſtück geſchenkt, als er mit Ra⸗ baud durch die Wälder floh, meinend ich(hier wurde ſie wild und zornig und ihr Antlitz glich einer Furie), ich, die ſo oft auf Saint⸗Flour ſich ſättigte, ſo manche Gabe von Deiner Mutter empfieng, ich könne ihn ver⸗ rathen an Heinrichs Bluthund?!— Nein, das konnte ich nicht und es hat mir wehe gethan, und ich habe das Sündengeld aufgehoben bis ich ihn wiederſehe, um es ihm vor die Füße zu werfen. Doch— ſetzte ſie beru⸗ higt hinzu, nach einer Pauſe— ich vergebe es ihm, denn er war in Verzweiflung, Dich krank zurückzulaſſen. Du weißt es nicht, Guy de Viole, daß ich für Salers die Tränke kochte, die Dich geſund machten. Aber frage ihn morgen und er wird Dir ſagen, die alte Adelma war's, die Dich geſund machte. —2 0 Guy traute ſeinen Ohren kaum.— Aber er faßte die dürre Knochenhand der Alten und ſagte: Iſt es, wie Du ſagſt, und wie ich nicht zweifeln kann nach Deinen Worten, ſo nimm jetzt meinen Dank, Adelma. Leider bin ich arm und kann Dir ihn nicht thätig beweiſen. Ey, daß ihr Leute doch alles mit Gold abthun zu können meint! zürnte die Alte. Hat Dich denn das Elend nicht klüger gemacht? Haſt Du denn noch nicht erfahren, daß auch arme— hier wurde ihre Stimme ernſt und feierlich— heimathloſe, verachtete, verſtoßene, mißhandelte Menſchen Gutes thun können ohne Lohn?— Guy drückte ihre Hand— und die frühere Freund⸗ lichkeit kehrte zurück auf ihre tiefmarkirten Züge. Komm, ſagte ſie, ſetze Dich zu mir und ich will Dir erzählen von den Zeiten, die Du nicht kennſt. Weg da! rief ſie— ich nehme ihn unter meinen Schutz— er iſt eines braven Mannes verſtoßnes Kind.— Alle wichen auf die Seite, und die Alte führte Guy zu ihrem Sitze am Stamme einer alten Buche. Gebt ihm ſeine Büchſe wieder, rief ſie, er iſt frei, ich will es!— Einer reichte ihm ſein Gewehr. Der Hauptmann der Horde aber trat jetzt zu der Alten und redete wieder heftig mit ihr in unverſtändli⸗ cher Sprache. Sie erwiederte kurz, aber beſtimmt, einige Worte, und er zog ſich mürriſch und das Haupt mit dem rothen Käppchen ſchüttelnd zurück. Die Narren meinen, ſprach ſie nun halblaut zu Guy, der durch ſeine Dankbarkeit und die Erinnerung an die von ſeinen Eltern empfangenen Wohlthaten ihr ganzes Herz gewonnen hatte; die Narren meinen, Du könnteſt die auf Arbeque warnen, da ſie morgen die Burg zu überfallen denken, da der alte Robert d'Arbeque uns 56 geſchmäht, mißhandelt hat, und ſie ſo eine blutige Rache nehmen wollen; aber ſie wiſſen nichts, als was geſtern geſchah. Sie wiſſen nichts von dem blutigen Haſſe zwi⸗ ſchen Deinem Vater und dem d'Arbeque, der ihn auch bitter gekränkt hat, obwohl er ihm ſo nahe verwandt. Verwandt? fragte Guy, den die Mittheilungen der redſeligen Alten in eine fieberhafte Spannung verſetzten. Die Alte ſchüttelte den Kopf unglaublich. Weißt Du denn nicht, und biſt doch ein ſchmucker Junge, daß die d'Arbequ's Deine Blutverwandten, Deine Vettern ſind? Iſt es Dir denn unbekannt, daß ſie de Viole heiſ⸗ ſen, wie Du? Guy ſah ſie verwundert an. Das Räthſel konnte er nicht löſen. Nie hatte er davon durch Salers oder Ra⸗ baud eine Sylbe vernommen. Ein Gefühl ſtieg in ihm auf, das er nicht nennen konnte, und der Gedanke tagte in ihm, Gabrielens Retter aus dieſer Gefahr zu werden. Schnell ſtand er klar vor ſeiner Seele, und eben ſo ſchnell war ſein Plan entworfen, durch Schmeichelei die Alte zu kirren. Was Du mir ſagſt, Mutter, ſprach er nach kurzem Beſinnen, iſt mir fremd. Nie hat Salers etwas geſpro⸗ chen von dieſem Verhältniß, nie Rabaud. Nie wurde der Namen d'Arbeque genannt. Adelma kennet der Menſchen Herzen, wie die Tage der Zukunft, ſprach wieder die Alte. Weil ſie wußten, wie d'Arbeque Deinen armen Vater gekränkt, darum ſchwiegen ſie, um nicht auch Dir den Haß mitzutheilen. Aber, Knabe, fuhr ſie in höher ſteigendem Affekte ſort, vergiß nicht, was ich Dir ſage, könnte d'Arbeque Dei⸗ nen Stamm mit einem Dolchſtoße niedermachen, er würde nicht eine Minute zaudern. Doch— ſagte ſie, es giebt vielleicht eine Zeit, wo ich Dir mehr ſagen kann, und Du hörſt gewiß lieber von Deiner Mutter.— Guy, ſie war ein Engel. Nur ihr—— gönnte ich Deinen Vater, den ich—— lache nicht des Alters, Knabe, dem freilich die Gefühle der Jugend— nur einer fernen Hei⸗ math ähnlich ſind, zu der das Auge mit einem leiſen Heimweh hinblickt,— den ich liebte, weil er eine Zierde ſeines Geſchlechts war. Damals, Guy, war aber auch Adelma nicht die alte Hexe, wie man ſie jetzt nennt, da⸗ mals war ſie ein blühendes, ſchönes Mädchen, um das mancher ſchmucke Jüngling warb— nur Dein Vater überſah ſie. Ich haßte ihn damals, denn verſchmähte Liebe iſt bittrer als der Tyd; und als er Deine Mutter heimführte, da glich mein Zuſtand der Raſerei, und ich würde ſie ermordet haben—; aber da ſah ich ſie— ſie, die ſchön war, wie ein Engelbild und gut wie ein Engel, und ſie nahm mich, die Leidende, auf das Schloß, und pflegte meiner und haßte mich nicht, obgleich ſie den Grund meiner Krankheit errieth— Guy, da lernte ich ihr Herz anbeten; und als die Kunde kam, ſie ſey zu den Vätern gegangen, da weinte Adelma um ſie, wie Du jetzt— mein Sohn— und mein Herz war ſeit⸗ dem der Altar, auf dem ihrem Andenken oft Opfer der Liebe gebracht wurden. Es war geheilt von der frühern Thorheit, dieſes Herz.— Darum aber danke Gott, daß ich Dich heute fand und Dich vom unvermeidlichen Tode rettete— und daß ich es konnte, Guy— das iſt meinem alten Herzen viel, viel werth, denn ich habe ſo eine Schuld der Dank⸗ barkeit abgetragen. Guy war innigſt gerührt durch die Sprache der Al⸗ ten. Doch konnte er nicht begreifen, wie bei ſolchen 58 wirklich edeln Empfindungen wieder der glühende Haß, ob einer Beleidigung wohnen könnte. Er ſuchte das Geſpräch wieder auf die Unternehmung auf Schloß Ar⸗ beque zu lenken— ſogleich aber waren wieder alle feind⸗ ſeligen Leidenſchaften erregt, und er war froh, als die Alte fragte, wie er doch hierher gekommen? Er konnte ihr leicht ein Mährlein erzählen und ſie glaubte gerne an ſeine Verirrung. Mit Fütem Borbe⸗ dachte erwähnte er nun der Angſt und Beſorgniß, die Salers und Rabaud um ihn haben würden. Ja, da haſt Du Recht, ſagte die Alte. Ich kenne ſie, es ſind gute Menſchen, die Deinen Vater liebten und auch Dich gleichermaßen lieben. Darum thuſt Du wohl, ſogleich mit Tagesanbruch heim zu eilen. Jetzt möchte es zu ſpät ſeyn; denn ſieh nur, wie das Volk ſchläft. Ja, ja, das iſt der Fluch des Alters, daß der ſüße Schlummer ſein Auge flieht— doch es findet Er⸗ ſatz in der langen Vergangenheit, in die es zurück blik⸗ ken kann, wie in ein verlornes Paradies. Obwohl es ſpät iſt, nahm Guy das Wort, ſo möchte ich doch gerne noch in dieſer Nacht heim, zur Beruhi⸗ gung meiner Freunde. Du haſt Recht, ſagte die Alte, die Angſt iſt peinlich. Weißt Du denn den Weg von hier aus? Pont de Royan liegt rechts, Arbeque links, und mitten durch in grader Richtung etwa zwei Stunden weit liegt das Dörſchen. Ich finde mich leicht zurecht, ſprach freudig Guy, der ſo unerwartet die Richtung vernahm, die er nehmen mußte, um Arbeque zu finden, und im Falle ich irrrn ſollte, blicke ich zu den Sternen und finde mich. Ja, die trügen nicht, ſagte ernſt und mit einem tie⸗ fen Seufzer die Alte. 59 Sie gebot jetzt denen von der Horde, die noch wach⸗ ten, ſich niederzulegen, und nahm Guy's Hand— ſah hinein und ſagte dann dumpf— Du gehſt eine blutige Bahn— da ſtürmts— Hu— wie wild— doch— ſey ruhig— das iſt das Glücksrad—— geh, geh— bleibe fromm und treu— und zertritt kein Herz, das Dich liebt— wie Dein— Vater.— Leb wohl!— Sie drängte ihn, fortzugehen. Er drückte ihre Hand und ſagte, zürnt mir nicht, Mutter, wenn ich Euch nicht immer folge. Die Pflicht gebietet oft anderes. Wohl! ſprach ſie, folge der. Ich ſehe Dich wieder. Wie— wo? das weiß ich nicht— doch vielleicht in den ernſteſten Stunden Deines Lebens. Geh, Adelma will Dir wohl— dann Du biſt Deines Baters Sohn und Deiner Mutter Herz ſchlug über Dir.— Leb wohl! 5. In ſüßem Schlummer lag Gabriele— ſie träumte von dem, Jünglinge, der ſo tiefen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Ruhiger, als ſeit den letzten acht Tagen, ſchlief d'Arbeque, da er von der Zigeunerhorde heute in der Nähe um das Schloß nichts entdeckt hatte. Auch die Wehrmänner des Schloſſes genoſſen der Ruhe. Es mochte Zwölfe vorüber geweſen ſeyn, als Guy die Alte verließ. Eine Weile hielt er die Richtung nach ſeiner Heimath, um die, die ihn etwa beobachten möchten, zu täuſchen; dann aber wandte er ſich ſchnell links und hielt, ſo gut er es vermochte, eine gerade Richtung. Lange Zeit wanderte er in der Finſterniß der kühlen Herbſtnacht. Er konnte unmöglich entdecken, wo er ſich befand. Als aber nun die Müdigkeit ſich einſtellte und 40 er den Entſchluß ſchon gefaßt hatte, den Morgen zu erwarten, dünkte es ihm, als würde der Wald lichter. Muthiger ſchritt er nun fürbaß und hatte bald die Freude, die dunkeln Umriſſe der Burg vor ſich, und des Wäch⸗ ters Laterne auf dem höchſten der Thürme zu ſehen. Vorſichtig ſtieg er die felſige Anhöhe hinab. Er ſuchte lange, bis er den Weg fand, der zur Burg wieder am jenſeitigen Berge hinauf führte. Nach langem Suchen traf er ihn endlich. Er ſtieg nun ſo leiſe er konnte hinan, doch vermochte er das Geräuſch, welches durch das Rollen der loſen Steine verurſacht wurde, nicht zu vermeiden, und es dünkte ihm, als er ſchon nahe dem Thore war, einen gellenden Ton, wie den einer Pfeife, zu vernehmen. Da fiel unten im Abhang des Berges ein Schuß— und die Kugel pfiff an ſeinem Ohr vor⸗ über und fuhr ſchmetternd gegen das Thor. ZJetzt pochte Guy heftig. Der Schuß weckte die Wächter; es gab Lärm in dem Schloſſe; aber ein zweiter Schuß fiel bald in größerer Nähe und die Kugel fuhr in Guy's rechten Schenkel, daß er mit einem lauten Schrei des Schmer⸗ zens niederſank. Jetzt kamen Windlichter auf die Mauern — es wurde lebendig im Hofe. Guy's Hund wimmerte, Guy rief mit matter Stimme— aber Niemand öffnete. Wohl vernahmen ſie den Ton des Schmerzes draußen deutlich, und einige der Burgmänner waren der Mei⸗ nung, man ſolle nachſehen. Andere dagegen, vorſichtiger und beſonnener, wendeten ein, daß es unklug ſey, da es leicht eine Liſt der ſtarken Horde ſeyn könne, die Burg 1 mit leichterer Mühe zu überfallen. Der Rath der Letz⸗ 1 tern, des ältern Theiles der ſchwachen Beſatzung, ſiegte, 11 und Guy lag derweile, von einem heftigen Blutverluſte ermattet, auf einem Felsblock, auf den er hingeſunken —— 41 war. Ohnedem ſehr ermüdet, ſanken ihm bald die Au⸗ gen zu. Während in der Burg Alles zur Vertheidi⸗ gung gerüſtet ward und auch d'Arbeque ſich eingefunden — ſchlich leiſe, Verrath ahnend, ein Zigeuner, der mit einigen ſeiner Geſellen zur Beobachtung der Burg ſich im Gehölze am Abhange des jenſeitigen Berges verbor⸗ gen gehalten und jenen, für Guy ſo unheilbringenden, Schuß gethan, leiſe heran, den zu ſuchen, den ſein Blei, wie er nach dem Sichverlieren des Klagelauts ſchloß, getödtet, indem er argwöhnte, es müchte jener Jüngling ſeyn, den Adelma ſo merkwürdig und auffallend in ihren Schutz genommen— gegen den Willen der Horde und des Hauptmannes. Guy's treuer Hund lag zu den Haupten ſeines Herrn. Das treue Thier vernahm den anſchleichenden Zigeuner und ließ ihn nahen, bis er nur wenig Schritte von Guy entfernt war— da ſprang mit fürchterlichem Gebell das ſtarke Thier mit einem Sprunge an des Zigeuners Hals. Paniſcher Schrecken ergriff die⸗ ſen, als er ſich ſo gefaßt fühlte und rücklings ſtürzte ihn das Thier nieder, und wühlte mit ſeinen Zähnen grimmig in der Bruſt deſſelben. Bald ermannte ſich die⸗ ſer wieder und kämpfte nun mit dem Thier einen hart⸗ näckigen Kampf. Kaum drang der Schall dieſes Streites und das Heulen des Hundes zu den Ohren dArbeque's, als er plötzlich den Zuſammenhang ahnete. Schnell ließ er das Thor nieder und ſtürmte heraus. Der plötzliche Lärm zog den Hund einen Augenblick von ſeiner Beute ab, und mit unglaublicher Gewandtheit ſprang der blutende Zi⸗ geuner auf und in mächtigen Sätzen den Berg hinab, im Dickigt verſchwindend. Wüthend rannte das Thier ihm nach— doch bald kehrte es blutend und heulend zurück und kroch zu ſeinem Herrn, den jetzt d Arbeque entdeckte. 3. B. 2** 42 Er ſchrie laut auf, als er den bleichen, blutenden Jüngling ſah⸗ Ha, ich ahne es, rief er, der Jüngling kannte die Gefahr und wollte mich warnen. Armer, Du wurdeſt ein Opfer Deiner Freundſchaft für mich, klagte er. Die Männer waren jetzt zu Guy heran getreten. Er iſt nicht todt, gnädiger Herr, ſprachen ſie, der Blut⸗ verluſt hat ihn blos betäubt! Dieß war eine frohe Botſchaft für d Arbeque. Schnell befahl er, den Jüngling in die Burg zu ſchaffen, und Alles anzuwenden, ihn wieder in's Leben zurück zu rufen. Einige Männer ergriffen ihn und trugen ihn vorſichtig hinweg. Langſam kroch der treue Hund nach, dem das Meſſer des Zigeuners eine tiefe Wunde beigebracht hatte. Im Schloßhofe angelangt, wurde ſogleich das Thor wie⸗ der geſchloſſen, die Zugbrücke aufgezogen und die Wa⸗ chen bezogen mit gemeſſenen Befehlen des Burgherrn ihre Poſten. Gabriele, wähnend, der Kampf tobe ſchon heftig, fuhr, durch den Lärm und die Schüſſe geweckt, aus ihren Träumen empor. Ihre Dienerinnen, ängſtlicher als das muthige Mädchen, ſtanden zitternd um die entkleidete Gebieterin und beteten leiſe. Gabriele ſah ſie an und erſtaunte. Pfni doch, ſprach die Jungfrau, Ihr zittert, wo Ihr handeln ſolltet. Geht und ſucht Leinwand zu bereiten, wenn etwa der Unſern Einer ſollte verwundet werden. Sie trieb ſie weg, kleidete ſich ſchnell an, und eilte dann hinab in den Burghof, wo ſie eben ankam, als ſie den bleichen Guy hereintrugen. Ein Schrei augenblick⸗ lichen Entſetzens entfuhr ihr, und erbleichend ſah ſie den bleichen Jüngling. Sie konnte keinen Zuſammenhang in 45 dieſen Ereigniſſen finden, und fragte nur, ob er noch lebe. Er lebt, ſprach froh der Vater, eile nur und hole ſtärkende Eſſenzen, daß wir den Ohnmächtigen erwecken. Deren aber bedurfte es nicht. Guy ſchlug das Auge auf, blickte um ſich, und als er mit deutlichem Bewußt⸗ ſeyn inne wurde, wo er ſich befand, reichte er d'Arbe⸗ que die Hand, die dieſer mit Rührung drückte. Redet nicht, wehrte er; Ihr ſeyd zu matt! Er trieb die Männer an und bald war Guy im warmen Gemach, wo allmählig wieder Leben in ſeine, von der kalten Herbſtnacht faſt erſtarrten Gebeine kam. Gabriele flog herbei. Liebend beugte ſie ſich über den Jüngling und beſtrich ihn mit ihren Eſſenzen, die der Vater ihr von Paris hatte kommen laſſen. Die Wunde wurde, nachdem ſich die ſittige Jungfrau entfernt, un⸗ terſucht, die Kugel ausgeſchnitten, die zum Glück nicht tief eingedrungen war, und durch den Verband, den ein vielerfahrner Krieger unter den Wehrmännern des Ba⸗ ron's angelegt, fühlte ſich Guy ganz leicht. Er ver⸗ langte aufzuſtehen; doch dArbeque litt es nicht. Ga⸗ briele kehrte wieder und war hocherfreut, den Jüne gün ſo heiter zu finden. Neugierig, aus ſeinem Munde den Zuſammenhang der Ereigniſſe zu erfahren, von dem nur dunkle Ver⸗ muthungen in den Gemüthern der Bewohner des Schloſ⸗ ſes waren, umgaben ſie ſein Ruhebett. Guy erzählte nun, wie er, ſich vom Schloß d'Arbe⸗ que entfernend, die Zigeuner gefunden, und was ſich dort begeben; wohlweißlich verſchwieg er jedoch ſeine Unter⸗ redungen mit Adelma. Ich eilte ſogleich hierher, fuhr er fort, Euch von der Gefahr zu benachrichtigen, die Euch gewiß binnen dieſer und der folgenden Nacht droht. 44 Die Horde mußte jedoch einige von ihren Leuten in die Nähe des Schloſſes zu Wächtern geſtellt haben, und einer dieſer vernahm das Geräuſch der rollenden Steine und traf mich zufällig mit ſeiner Kugel. Vergebt, nahm dArbeque das Wort, daß wir nicht ſogleich Euch zu Hülfe eilten. Hätten wir es ahnen können, daß Ihr es wäret, dann würde Euch ſchnelle Hülfe geworden ſeyn. Wir aber hielten das Wimmern für eine Liſt des Geſindels, uns leichter zu überfallen. Euer treuer Hund wurde Euer Retter; denn erſt als er mit dem Mörder kämpfte, ſtürmten wir hinaus und fanden Euch. Wie ſoll ich es Euch danken, ſprach er dann bewegt, was Ihr für mich, den Fremdling, der Euch gekränkt, freilich wohl ohne Abſicht, thatet? Ihr habt eine große Gefahr entfernt von uns; und nach der Art zu denken und zu handeln, die dieſes Geſindel zu befolgen pflegt, habt Ihr mir und Gabrielen— ja uns allen, das Leben gerettet! Guy wollte das durchaus nicht gelten laſſen; allein dArbeque blieb auf ſeiner Meinung. Glaubt Ihr wirklich, daß ſie einen Verſuch wagen werden? fragte er den Jüngling. Allerdings, entgegnete Guy, und ich freue mich, daß meine Wunde ſo unbedeutend iſt, daß ich mich dankbar für Euere Wohlthat erweiſen kann. BVielleicht noch ehe der Morgen vollends anbricht, werden ſie nahen. Kaum hatte er die Worte geſprochen, als Schüſſe auf Schüſſe fielen, und ein wildes Geſchrei draußen ſich vernehmen ließ. Er hat die Wahrheit geſagt, rief dArbeque, ſie ſind da! 4⁵ Und alles ſtürmte hinaus auf die Mauern und ließ Gabriele und Guy allein. Die Jungfrau, die bisher den lebhafteſten Antheil an allem genommen, ohne doch mit⸗ zureden— ſtand in dieſem Augenblick unſchlüſſig da; denn zwei Pflichten ſtritten in ihrem Herzen um den Vorrang, die mehr dem Manne zukommende, Theil zu nehmen an dem Vertheidigungskampfe, zu der ihr kräf⸗ tiger, entſchiedener Charakter ſie hinzog, und die mehr weibliche, Pflegerin des leidenden Retters zu ſeyn. Doch nur einen Augenblick dauerte jener Streit und die Weib⸗ lichkeit ſiegte. Sie blieb aber in ſichtbarer Spannung. Keins der Beiden war eines Wortes mächtig. Guy horchte eine Zeit lang, dann ſchien er ſeinen Zuſtand zu vergeſſen, riß ſich empor, ſprang vom Ruhebette, auf dem er angekleidet lag, griff nach ſeinem Gewehr und eilte zur Thüre. Um Gottes Willen, bleibt! rief Gabriele voller Angſt. Wollt Ihr denn gewaltſam Euren Zuſtand verſchlim⸗ mern? Kaum aber ſprach ſie das Wort, ſo ließ die Ueber⸗ ſpannung der Kräfte des noch ſchwachen Jünglings nach, und er taumelte und ſank faſt vhnmächtig in die auffan⸗ genden Arme des Mädchens, die, erröthend aus Schaam, Furcht und Liebe, ihn krampfhaft hielt und an ihr Herz drückte. Er ſah matt zu ihr auf, aber mit einem ſeli⸗ gen Gefühl, und dieß ſprach ſich im Blicke klar und deutlich aus. Schnell ermannte er ſich und kehrte gelei⸗ tet von Gabrielen zum Ruhebette zurück. Er reichte ihr ſtumm ſeine Hand, ſeinen Dank an⸗ zudeuten. Glühenderes Roth malte ihre Wange— aber ſie gab ihm die ihre, und Guy dräckte ſie im überwal⸗ lenden Gefühl an ſein Herz. 46 Schnell aber entzog ſie ihm Gabriele— einen faſt zürnenden Blick warf ſie auf ihn und eilte hinaus. Da lag er nun, und bittre Vorwürfe über ſeine Kühn⸗ heit auälten ſein Herz, und die Sorge um Salers und Rabaud, die Treuen, marterte ihn, und draußen hörte er das dumpfe Toben eines erbitterten Kampfes— und jenes konnte er nicht gut machen, das andere für den Augenblick nicht mindern und an dieſem nicht Theil neh⸗ men, da der Blutverluſt ihn zu ſehr entkräftet und der Verband ihn zu gehen hinderte. Und dennoch mußte er in dieſer Lage verweilen noch eine Stunde, die zu einer Ewigkeit heranwuchs. Jetzt aber, als er lange dieſe Pein erduldet, ſchien es ihm, als verlöre ſich das Getümmel, das Schießen wurde ſel⸗ tener— allein er vernahm den Ton der Klage, des Be⸗ dauerns— auf dem Korridor, der an ſeines Gemaches Thüre hinlief, vernahm er ſchwere Männertritte, ſie na⸗ heten ſich— die Thüre öffnete ſich und ſchwer verwun⸗ det wurde dArbeque hereingetragen. Guy ſah nur ihn, nur die bleiche Gabriele, die keine Thränen weinte— in deren Bruſt aber der tiefſte Schmerz wühlte. Guy ſprang von ſeinem Ruhebette auf und die Männer legten den Greis darauf. So ſchwach er war — jetzt fühlte er ſich ſtark. Er unterfuchte des Barons Wunde, ſie war nicht ohne Gefahr. Er wuſch, er ver⸗ band ſie mit vieler Geſchicklichkeit. Dann fragte er, wie es mit dem Kampfe ſtehe?— Sie ſind entflohen, ſagte der Reiſigen Einer, und ihrer Viele decken den Kampfplatz. In den Dörfern läu⸗ tete man Sturm— da flohen ſie in wilder Unordnung und in wenig Stunden ſind ſie ſchon weit weg und die Gegend iſt rein von dem Geſindel. 47 Gut, ſagte Guy, ſo eilt nach dem Dörfchen meiner Heimath und holet meinen Vater hierher; er iſt der Heilkunſt mächtig und weiß der Kräuter Kräfte! Seine Befehle wurden ſchnell vollzogen. Gabriele reichte ihm die erquickenden Spezereien, die er mit kindlicher Sorgſamkeit anwandte, und jetzt erſt vermochte ſie, die Worte hervorzubringen: Iſt es ge⸗ fährlich mit meinem Vater? Und nach dem Worte perl⸗ ten die Thränen herab. Seyd ruhig, edle Jungfrau, erwiederte Guy— noch iſt keine Gefahr, und der Himmel wird ſie von dem theuern Haupte fern halten. Gabrielen's Hände falteten ſich und ihr Blick wandte ſich verklärt empor. Sie wurde ruhiger und vermochte thätiger zu ſeyn um den theuern Vater, konnte Guy's Bemühungen theilen, und es war, als ob Bruder und Schweſter wetteiferten in liebender Sorgfalt um des ge⸗ liebten Vaters Leben. Ihre Bemühungen gelangen. d'Arbeque ſchlug die Angen auf und lächelte ſie an— dann reichte er Ga⸗ brielen ſeine Rechte, Guy ſeine Linke, und ſprach leiſe freundliche Worte und fragte dann, ſchnell ſich beſinnend, wie es ſtehe um die Zigeuner? Sie ſind entflohen, antwortete Guy, und die Wahl⸗ ſtatt decken ihre Leichen. Er lächelte und ſchloß das Auge wieder und ent⸗ ſchlummerte ſanft— doch zuckte manchmal der Schmerz im Schlafe über das Geſicht. An ſeinem Lager ſaßen Gabriele und Guy. Die Sonne hatte geſiegt über den herbſtlichen Morgennebel — der Tag ſchien freundlich und hell durch die Bogen⸗ fenſter des Gemachs. Bleich waren Gabrielen's Wan⸗ 48 gen. Guy ſah dies mit Trauer. Er bat ſie, der Ruhe zu genießen, weil er wache an des Vaters Lager. Ach, antwortete ſie, ich ſollte ruhen können? Und Ihr, der Ihr Ruhe bedürftet, ſelbſt verwundet ſeyd, vergeſſet Euch ſelbſt über meinen Vater, und ich ſollte an mich denken, da ich mich doch ſtark fühle?— Nein — das verlanget nicht, oder Ihr kennet nicht die Kin⸗ desliebe. Guy ſeufzte tief auf; dieſe Worte berührten eine Saite, deren Ton wehmüthig fortklang im Gemüth des Jünglings. Selbſt in der Nähe des Weſens, das er mit aller Kraft eines reinen jugendlichen Herzens liebte, konnte er die Wehmuth nicht bannen, die dieſe Erinne⸗ rung weckte und er verſank in tiefes Sinnen. Wo iſt er jetzt vielleicht, dachte er, der treue, unglückliche Va⸗ ter, wenn er noch lebt? Er bedurfte vielleicht meiner in den trüben Stunden eines freudenleeren Daſeyns, und ich bin fern!— Es vergingen mehrere Stunden bis Salers kam. Tiefen Ernſt, ja eine deutliche Mißbilligung des Vorge⸗ fallenen, glaubte Guy in ſeinen Zügen zu leſen. Er reichte ihm ſeine Hand mit dem Ausdruck der treueſten Liebe. Ich habe Euch Sorge gemacht, mein Vater— verzeiht— es geſchah nicht mit Vorſatz, und daß ich Euch nicht noch in derſelben Nacht wieder ſah, verhin⸗ derte die Erfüllung einer heiligen Pflicht! Salers Züge erheiterten ſich. Ich zürne Dir nicht, Guy, ob Deiner That, nicht ob Deines Ausbleibens— wenn ich auch gleich nicht froh ſeyn kann über das, was geſchah. Oft iſt ein unbedeutendes Ereigniß das Saatkorn einer Zukunft, die reiche Kummererndte lie⸗ fert— doch dieſe Worte ſchienen ihm unwillkührlich 49 entſchlüpft— er ſah jetzt Gabrielen— und erſchrack. Verzeiht, Fräulein, ſprach er ernſt, daß ich Euch zu grüßen verſäumte— ich hatte nur Augen und Sinne für Guy. Nun forſchte er nach der Wunde dArbeque's. Guy ſagte ihm ſeine Bemerkung. Gabrielen's Augen hiengen an Salers Munde, ſie zitterte fieberhaft. Iſt's alſo, dann ſeyd ruhig, Fräulein, und bittet Gott, daß er meine Mittel ſegne. Ich hoffe, Euren Vater zu heilen. Und Du, Guy, fragte er dann— Du ſchweigſt — wie ſteht es um Dich?— Mir iſt ja ſo wohl, Vater, ſprach der Jüngling in einem Doppelſinn, den nur er verſtand— den aber Ga⸗ briele ahnen mochte, denn eine leiſe Röthe flog über ihre bleichen Züge und ſie entfernte ſich. Leiſe erzählte nun Guy die Begebenheiten der jüngſt verfloſſenen Stunden. Salers unterſuchte ſeine Wunde, empfahl ihm Ruhe und Pflege ſeiner ſelbſt und beobach⸗ tete dann den Baron.— Wir haben große Angſt aus⸗ geſtanden um Dich, Guy, ſprach er dann wieder; Gott⸗ lob, daß ſie in einer Hinſicht wenigſtens umſonſt war.— Jetzt ſchlug dArbeque die Augen auf, und richtete ſie feſt und forſchend auf Salers. Es war, als ſuche er in ſeinem Gedächtniß nach dieſen Zügen, die ihm ſchon irgendwo begegnet ſeyen. Gabriele war wieder herein getreten. Was will der Menſch? fragte der Baron heftig ſeine Tochter. Unſer Retter hat ihn beſchieden zu Eurer Heilung, mein Vater, ſagte ſie ſanft.— Es iſt ſein Vater Salers. Lips Erzähl. 3. B. 5 Da richtete ſich dArbeque haſtig auf und ſah ſcharf in Guy's Züge.— Euer Vater? fragte er dann mit einer ſeltſamen Hef⸗ tigkeit. Es iſt mir, als ſey dieſes Geſicht mir begegnet an Orten, die ich nicht liebe, und in der Gemeinſchaft mit Menſchen, die ich haſſe— ſtieß er wild heraus. Ihr täuſcht Euch wohl, ſagte ſanft Gabriele. Ver⸗ traut Euch ihm an.— Er iſt ja der Vater dieſes jun⸗ gen Mannes, dem Ihr ſo viel verdankt. Du haſt Recht, Kind, ſprach er dann— es iſt wohl nur ein Fiebertraum. Und er ließ nun Salers die Wunde unterſuchen— verbinden— jedoch ununterbro⸗ chen firirte er ihn mit ſtechenden Blicken. Salers behauptete einen Gleichmuth, der ſich durch nichts irren ließ. Er that ſeine Pflicht— empfahl Ruhe und ſagte dann— nicht ohne Empfindlichkeit: Es giebt Züge, ge⸗ gen die wir oft einen Widerwillen haben, weil ſie uns an Begebniſſe mahnen— die—— doch, es wird beſ⸗ ſer ſeyn, ich entferne mich— da ich das Unglück habe, Euch zu mißfallen. Zudem bedarf Guy der Wartung und Pflege; darum werden wir uns heimbegeben und ich kehre wieder, wenn der Verband neu angelegt werden muß— auf den Fall, daß Ihr es wünſchet, gnädiger Herr! Gabriele ergriff ſeine rauhe Hand; laßt Euch das bittre Wort nicht verletzen, das vielleicht nur die Fie⸗ berhitze ſprach.— Ich beſchwöre Euch, zu bleiben. Zu⸗ dem darf Euer Sohn nicht hier weg— wir ſind ihm zu hoch verpflichtet.— d Arbeque richtete ſich auf. Nein, ſagte er— das kann nimmer geſchehen, und auch Iyr ſolltet nicht mein — 31 Wort ſo ſcharf nehmen.— Ich bitte Euch, bleibet. In Gabrielen's Auge flimmerte eine Thräne, ſie ſah Guy ſo bittend, ſo flehend an. Guy war in ſeltſamer Lage. Er blickte forſchend in Salers Geſicht, das unverändert den Ausdruck eines finſtern Ernſtes behielt. Er ſah ihn bit⸗ tend an. Wohlan, erwiederte Jener, Euer Wille geſchehe. Er⸗ laubet aber, daß mein Sohn der Ruhe genießen darf. Gabrielens Antlitz erheiterte ſich bei dieſen Worten. Sie flog hinaus, für Guy ein Gemach zu bereiten, und bald ging er, geſtützt auf Salers, dahin. Salers ſetzte ſich zu ihm; aber kein Wort kam über ſeine Lippe. Er ſchien nachzudenken über unangenehme Dinge. Guy war zu begierig, den Zuſammenhang deſſen zu erfahren, was er ahnete, ohne es ſich bewußt zu ſeyn. Er fragte Salers. Ganz wider ſeine Gewohnheit ſchwieg diefer lange— dann ſagte er— laß das jetzt. Nur ſo viel wiſſe— es liegt eine unüberſteigliche Scheidewand zwiſchen uns, Dir und dieſem Hauſe.— Darum— er faßte des Jünglings Hand und drückte ſie mit inniger Liebe— wache über Dich und Dein Herz!— Dein Name muß ewiges Geheimniß bleiben vor d Arbeque's Oh⸗ ren. Es kommt vielleicht bald eine Stunde, wo ich Dir, wenn dieſe Mauern hinter uns liegen, mehr ſagen kann, mehr, ſetzte er mit tiefer Bedeutung hinzu, als Dir und mir lieb ſeyn dürfte. 4 6. Sie blieben beide noch acht Tage. Die Zigeuner⸗ horde war verſchwunden, der Statthalter der Dauphiné ließ ſie verfolgen— aber es ſchien faſt, als ſeyen ſie in die Erde verſunken; denn nirgends wollte man ſie geſehen haben. Guy konnte nach Tagen wieder gehen. Salers Kunſt heilte ſchnell ſeine Wunde; auch d'Arbeque genaß ſchnel⸗ ſc ler, als es ſonſt im höhern Alter der Fall zu ſeyn pflegt. Seit Salers in die Burg getreten war, ſchwebte ein finſteres„unheimliches, Grauen erregendes Weſen über Allen und verſtimmte die Gemüther. Nur Gabriele blieb ſich gleich, und dieſe Heiterkeit, dieſe unverdroßene Thätigkeit, dieſe liebevolle Aufmerkſamkeit zeigte ſie Guy in einem immer liebenswürdigern Lichte. Sprach ſie mit ihm, dann war ſie ernſt, gemeſſen, oft feierlich. Sprach er vom Scheiden, dann umflorte Wehmuth ihren Blick. Bald ſchwamm ſein Herz in einem Meere von Wonne — bald nagten Zweifel an ſeiner Seele. Salers klarer Blick ſah tiefer, er ſah die Liebe kei⸗ men, wachſen und ihn brannte es auf der Burg an die Sohlen. Eine Unruhe, eine Angſt ſonder gleichen trieb ihn um. Auch d'Arbeque ahnete das Geheimniß, das noch tief und unbekannt in Gabrielen's Buſen lag. Der Stolz des Freiherrn empörte ſich gegen dieſe Liebe zu einem Jüngling niedern Geſchlechts. Willkommen war ihm darum eines Tages die Erklärung von Salers, gegen den er ohnedem einen unbezwinglichen Haß im Herzen trng— daß ſeine Gegenwart fürder nicht mehr nöthig ſey. dArbeque wollte ihn reich belohnen, nicht ſowohl um ſeiner, als ſeines Sohnes Dienſte, dem er Lohn zu bie⸗ w ten durch ſeine Hochachtung gegen den Jüngling verhin⸗ dert wurde. Salers ſah ihn groß an. Ich danke Euch, gnädi⸗ ger Herr, ſagte er; gebt die Summe den Armen; ich bedarf ihrer nicht und diene nicht um Lohn. Den Baron verdroß der Stolz des Mannes. Ich weiß es, verſetzte er, daß Ihr deß bedürfet— Ihr ſeyd arm.— Ihr irret, erwiederte Salers— wir haben aus den Stürmen ſo viel gerettet, daß wir leben können, und der Parlamentrath de Viole ließ nie einen treuen Diener darben. Bei dieſen Worten erbleichte d'Arbeque.— So iſt es doch wahr, rief er aus, was ich vermuthete— ſo dienteſt Du dem Verhaßten, und ich ſah Dich auf St. Flvur!2 Euer Gedächtniß täuſchte Euch nicht, fuhr Salers ruhig fort; der Haß ſieht ſcharf. Wohl dem, der ſo ver⸗ gelten kann— wie mir ſich die Gelegenheit darbot! d Arbeque ſchwieg. Er unterdrückte den innern Grimm. In dieſem Augenblicke trat Guy herein. Sein Auge leuchtete— eine unbeſchreibliche Seligkeit lag auf ſeinen Zügen.—— Er hatte von Gabrielen ſich beurlauben wollen—— er fand ſie in tiefe Gedanken verſunken im Saale, wohin er ſich begeben, um noch einmal die Bilder ſeiner Ahnen zu beſchauen; ſie fuhr auf als ſie ihn kommen ſah. Guy wollte zurücktreten— doch ſie bat ihn, zu bleiben. Eine Weile ſtanden ſie ſtumm vor einander. Guy war tief bewegt. Ich muß Euch Lebe⸗ wohl ſagen, Fräulein, ſprach er dann mit zitternder Stimme. Nehmt den Dank eines— treuen Herzens! — Gabrielen's Thränen rannen— ſie gab ihm ihre 54 Hand— ſie bat ihn, nichts von Dank zu reden— ſie gedachte ſeiner Hülfe— daß er ihr Retter geworden. — Guy prieß ſich glücklich— obgleich er beſcheiden das Verdienſt ablehnte. Er hielt ihre Hand noch, er drückte ſie an ſeine Lippen, an ſein Herz. Sein Muth wuchs mit ſeiner Liebe— er wagte, ſie an ſein Herz zu zie⸗ hen. Da fuhr ein Schauder durch Gabrielens ganzes Weſen— ſie ſchlang ihre Arme um ihn, drückte ihr Haupt an ſeine Bruſt— dann riß ſie ſich gewaltſam los und verſchwand durch eine Nebenthüre. Lange ſtand Guy auf der Stelle, wie bezaubert.— Dann gieng er mit einem Himmel in ſeiner Bruſt auf dArbeque's Ge⸗ mach zu, und trat gerade ein, als Salers jenes Ge⸗ heimniß enthüllt. Und dieſer iſt nicht Dein Sohn! rief d Arbeque aus — die Züge ſind de Viole's Züge!— Ihr habt auch das errathen, ſprach mit fürchterlicher Kälte Salers. Es iſt ſein verwaiſetes Kind— Guy de Saint⸗Flvur. Da flammte eine wilde Gluch in dArbeque's Blik⸗ ken auf. Lebt wohl— rief jetzt Salers, und ergriff Guys Hand— Ihr ſeyd des Dankes überhoben! Und raſch zog er den Jüngling mit ſich hinweg— durch die Höfe des Schloſſes. Als das Thor hinter ihnen ſich ſchloß, athmete Salers erſt wieder frei auf. Guy war in einem Traum befangen. Er wußte ſich das, was er gehört, kaum zu deuten— der Kontraſt war recht wie ein Maifroſt in die Blüthen ſeiner Liebe gefallen, die ſich kaum erſchloſſen und ihn doch ſo glück⸗ lich gemacht hatten. Er beſchwor Salers, ihm Rede zu 55 ſtehen. Dieſer aber zog ihn mit ſich fort und beobach⸗ tete ein hartnäckiges Schweigen. So mußte er folgen, ohne zu wollen. Nur als ſi die Höhe jenſeits des Thales erklommen hatten, riß er ſich los, um noch einmal nach dem Schloſſe zu blicken, das ſeine Welt umſchloß. Da wehte ihm Gabrielens Tuch den Scheidegruß zu, und eine innere Stimme rief ihm zu: das ſey der Scheidegruß für dieſe Welt. Er ſchauderte. Noch einmal winkte auch er— und des Waldes Dickicht entzog ihn ihren Blicken. Kräftig ſchritt Salers weiter. Kaum vermochte ihm Guy zu folgen. Auf keine Frage gab Salers eine Antwort, und endlich ſchwieg Guy unmuthig. Erſt als ſie ſchon eine gute Strecke zurückgelegt hatten und eine freie Stelle des Waldes ſich ihnen darbot, ſtand Salers ſtill. Vergib mir, Guy, ſagte er, mein ſeltſames Beneh⸗ men. Es wird Dir mancher Auftritt der letzten Stun⸗ den räthſelhaft ſeyn— ich will Dir die Räthſel jetzt löſen.— Er hob nun an, aus dem frühern Leben ſei⸗ nes Vaters die Begebenheiten mit d'Arbeque zu erzäh⸗ len, nachdem er ihm vorher geſagt, wie nahe ihm dAr⸗ beque verwandt. Guy hörte mit ſteigendem Intereſſe, aber auch mit wachſendem Schmerze der Erzählung zu. Als Salers geendet, ſchien es ihm, als ſchlöſſen ſich des Paradieſes Pforten hinter ihm. Salers letzte Worte fie⸗ len zentnerſchwer auf ſein Herz. dArbeque's Haß, hatte er geſagt, iſt ohne Ziel und Ende. Nie vergiebt er; darum iſt unſeres Bleibens in dieſen Gegenden jetzt nicht mehr lange, zumal er uns kennt. Und wird nicht gerade der Dienſt, den ihm des Feindes Sohn geleiſtet, ſein Herz milder ſtimmen und die Reue über den blinden Haß in ihm wecken? fragte Guy. Kannſt Du die Steine hier erweichen? war Salers Antwort; kannſt Du dem Bache, der dort über die Fel⸗ ſen hinab in den Abgrund ſtürzt, gebieten, daß er ſei⸗ nen Lauf rückwärts nehme? Kannſt Du den ſtarren Winter umwandeln zum blühenden Lenze?— Euer Urtheil iſt fürchterlich hart; verzweifelt Ihr an der Möglichkeit der Beſſerung eines Menſchenherzens?— Nein, Guy. Ich will glauben, daß der Verbrecher ein edler Menſch werden kann, aber nimmer, daß dAr⸗ beques Haß ſich in Wohlwollen verkehre. Ich kenne ihn, ich weiß, was Dein Vater that, ihn auszuſöhnen— aber es war alles umſonſt. Sein Sinn iſt eiſern. Guy brach ab. Schmerz, bitterer, herber Schmerz erfüllte ſein Herz. Er fühlte zum erſten Male die bren⸗ nende Wunde in ſeinem Innern. Gabriele— war für ihn verloren. Die Träume ſeines Glücks, denen er oft in ſtiller Nacht auf Schloß Arbeque Gehör gegeben, ſie zerrannen. Finſter kehrte er zu Rabaud zurück. Der treue Alte ſtarrte ihn an. Was iſt geſchehen? fragte er. Salers winkte Schweigen ihm zu. Dir, Guy, habe ich einen ſeltſamen Gruß, ſagte Ra⸗ baud darauf, ſich zu Guy wendend. Ein Zigeunerweib war hier vor ungefähr acht Tagen, die alte Adelma, die ſo oft auf Saint⸗Flour war. Sie gebot mir, dieſe Zei⸗ len Dir zu reichen. Guy riß das vuh auf. „Sie braußen ſchon die Stürme, die ich Dir ver⸗ kündet, ſchrieb eine faſt unleſerliche Hand; noch iſt ihr Ende nicht da. Erſt wenn Blutſtröme um Dich 57 gefloſſen ſind— erſt dann kommt Frieden— er liegt weit, weit von Dir. Das aber hätteſt Du mir nicht thun ſollen! Ich allein weiß, was geſchah, denn ich folgte Dir. Du haſt gebüßt— wüßten es meine Söhne— Du möchteſt fliechen, wohin Du wollteſt— ihr Dolch fände Dein Herz. Adelma zürnt Dir nicht.—“ Er hatte die Wort laut geleſen. Neue Räthſel! rief Salers— woher kennſt Du das unſelige Weib? Guy erzählte ihnen ohne Rückhalt ſeine Begebenhei⸗ ten mit der Zigennerhorde. Unſtes Bleibens iſt nicht länger hier, ſprach Salers. Unſer Frieden iſt geſtört. Gebe Gott, daß nicht Schlim⸗ meres folge! Guy erhob ſich. Nicht Euer Friede, der meinige iſt geſtört. Darum laßt mich ziehen. Dieſes unthätige Le⸗ ben paßt ohnedem nicht mehr für mich. Ihr kennt die Anzeigen eines blutigen Kampfes der Glaubenspartheien im Vaterlande. Mein Entſchluß iſt gefaßt: ich trete in die Reihen der Kämpfer für meinen heiligen Glauben und ſeine Rechte ein, für die mein Vater mit einem an⸗ dern, ſchärfern Schwerte ſtritt! Ein tiefes Feuer leuchtete aus ſeinen Blicken bei die⸗ ſen Worten. Rabaud ſah ihn erſchrocken, aber mit einer innern Freude an. Er ſchwieg indeſſen, wie Salers, der endlich äuſſerte: Nur nicht zu ſchnell, mein Guy. Laßt uns als beſonnene Männer handeln, wohl erwägen— dann ſey's in Gottes Namen! 7. Die Heiterkeit, der Frieden— der ſonſt in dem en⸗ gen Häuschen der Freunde gehauſet— er ſchien ge⸗ bannt, verſchwunden für immer. Auf Guy's Herzen lag eine Laſt, die er nicht abzuwälzen im Stande war, nicht die Freunde, ſo gerne ſie es gethan hätten. Ruhe war in ſeinem Innern— aber eine kalte Grabesruhe, die Frucht der Reſignation auf des Lebens ſchönſtes, der Liebe Glück. So gerne auch das jugendliche Herz den Anker der Hoffnung noch faßt und feſt hält, ſelbſt an der Gränze der Möglichkeit— ſo gab ihr doch Guy nicht mehr Raum in ſeinem blutenden Herzen. Salers Worte waren zu mächtig von Einfluß auf ihn, und je⸗ nes dunkle Wort Adelma's, ſo frei auch übrigens Guy's Seele war, übte dennoch ſeinen geheimnißvollen Zauber aus und fügte neue Wolken zu denen, die bereits ſeine Seele umnachteten. So floß fortan ſtill und öde das Leben der Dreie hin. Nur der Plan Guy's brachte eine Abwechſelung in das einförmige Treiben. Salers hob einen ſchweren Stein von Guy's Bruſt, als er von dem geretteten Vermögen ſeines Vaters ihm Rechnung ab⸗ legte und es zu ſeiner Verfügung ſtellte. Aber was ſoll ich mit dem, was übrig bleibet, wenn ich mir ein Roß, ein Koller, Piſtolen und Schwert ge⸗ kauft? fragte er. Es ſey Euer, Ihr Treuen, ſprach er. Eures Alters Tage ſollen nicht von Mangel ge⸗ trübt werden. Gott weiß es, ob ich je im Stande ſeyn werde, Euch zu ernähren und die Liebe zu vergelten, die Ihr an mir geübt. Verwalten wollen wir es denn, ſagte Salers— denn unſere Bedürfniſſe ſind klein, und es bewahren für kom⸗ mende ſchwere Zeiten. — 2 — 59 Rabaud beſprach ſich nun mit Guy über ſeine Aus⸗ rüſtung und über ſeinen Eintritt ins Heer. Ich will erſt genauere Kunde einziehen über die Ver⸗ hältniſſe unſerer Glaubensgenoſſen und ihre Stellung gegen den Hof, ehe wir handeln, bemerkte er, und Guy war wohl damit zufrieden. Indeſſen nahmen die Ereigniſſe damals ſchnell eine ernſte Wendung, die Guy's Wünſchen ſehr zuſagte und ihm eine Laufbahn, wie er ſie ſuchte, zu eröffnen verhieß. Die Hinneigung Katharinen's von Medicis zum Pro⸗ teſtantismus trug einen Schein der Aufrichtigkeit, der Montmorèncy und den Marſchall von Saint⸗André mit Furcht und Schrecken erfüllte. Die Proklamation des Ediktes von Saint⸗Germain en Laye mehrte dieſe Furcht. Sie ſahen ihren Fall, den Fall ihrer Macht, ihres Einfluſſes nahen. Es galt ein ſchnelles, kräftiges Handeln, den Strom zu dämmen, der braußend ſich heranwälzte. Franz von Guiſe, der Dritte des unheilvollen, fanatiſchen Bundes, war nicht in Pa⸗ ris. Er weilte ſeit einiger Zeit in Lotharingen, Plane ſchmiedend mit dem ſchlauen Kardinal zu der Ketzer Ver⸗ tilgung, und des eigenen Hauſes Glanzerhöhung und Machtanwuchs. Ein Eilbote Saint⸗André's beſchied ihn nach Paris, wo ſeine Gegenwart jetzt unumgänglich nöthig war, denn man wußte, daß Katharina, den Stolz und die Macht des Triumvirats und des Guiſiſchen Hauſes fürchtend, an Condé geſchrieben, ihn dringendſt gebeten hatte, ſich mit Coligny und Dandelot, ſeinem Bruder, ihrer und des Königs anzunehmen und ſie aus den Banden der Guiſen zu befreien. Man wußte, daß die Proteſtanten im Stillen ſich rüſteten. Franz empfing dieſe Botſchaft 60 mit Freude. Schnell verließ er Lotharingen mit einem bedeutenden Gefolge von Herren, die auf ſeiner Seite ſtanden und einer nicht unanſehnlichen Macht von Sol⸗ daten; Montmorency und Saint⸗André ſammelten eine Armee bei Paris, und bei Orleans machten die Prote⸗ ſtanten, an ihrer Spitze Conde, Coligny, d Andelvt, An⸗ ton von Croi, die Herren von Larochefoucault, Roban, Genlis und Grammont, Miene ſich zu vereinigen. Franz von Guiſe eilte. Es war am 1. März 1362, als er in Vaſſy, einem Städtchen in der Champagne⸗ eintraf, um dort eine kurze Friſt von der angeſtrengten Reiſe zu raſten. Der Herzog ließ alsbald in der Kirche des Orts Meſſe leſen und ſein Gefolge begleitete ihn dahin, jedoch faßte die Kirche die Menge nicht, die mit der Parthei der Guiſen dahinſtrömte, und viele derſelben mußten auſſen weilen. Da erſchallte unweit davon der Geſang der Proteſtanten, die in einer Scheune ihren Gottesdienſt in heiliger Andacht hielten. Es war eine willkommene Gelegenheit für die fanatiſirten Diener und Söldner Guiſes, ſich an den ruhig ihres Glaubens le⸗ benden Proteſtanten zu vergreifen. Sie ſtörten durch Steinwürfe und beleidigende Worte, durch Lärm und Unzucht den Gottesdienſt der Proteſtanten, die in einer nicht kleinen Zahl hier vereint waren. Anfangs litten es dieſe ruhig; aber dieſe Ruhe erhitzte jene deſtv mehr, und bald kam es zu Thätlichkeiten. Die Proteſtanten mußten Gegenwehr leiſten den Angreifenden, und ſo ent⸗ ſpann ſich ein erbitterter Kampf, der von Seilen der wehrloſen Proteſtanten einſtweilen nur mit Steinwürfen geführt wurde. Der Lärmen auſſerhalb der Kirche endigte die Meſſe. Guiſe ſtürzte heraus und ein heftiger Steinwurf traf ihn 61 ſogleich ſo heftig an die Stirne, daß er faſt beſinnungs⸗ los in die Arme eines der Seinen taumelte und mit Blut bedeckt wurde. Das war die Loſung eines entſetzlichen, wuͤthenden Kampfes zwiſchen den erbitterten Partheien. Man er⸗ griff ſchnell die Waffen, und ein unmenſchliches Blutbad erfolgte. Schonungslos wütheten die Guiſiſchen unter den Hugenotten. Sechszig Leichen deckten die Wahlſtatt von proteſtantiſcher Seite, und über 200 Verwundete zählten ſie. Auch die Guiſen hatten gelitten und ihr Verluſt war ebenfalls nicht unbedeutend. Zitternd trat der Richter von Vaſſy vor den grimmi⸗ gen Herzog und flehte um Schonung für die unglückli⸗ chen Proteſtanten, die ja doch den Streit nicht veranlaßt. Seyd Ihr auch ein Ketzer! fuhr ihn zornig der Her⸗ zog an. Nein, ſprach muthiger der Richter, ich bin Katholik, wie Ihr, gnädigſter Herr— aber mein Herz blutet bei dem Morden; um ſo mehr, da es geſetzwidrig, wie un⸗ menſchlich iſt, und das Edikt vom Januar freie Reli⸗ gionsübung den Proteſtanten verheißt. Mit rollenden Augen ſah ihn der Herzog an; dann riß er ſein Schwert aus der Scheide und rief: Dieß ſoll jenes verfluchte Edikt zerhauen!— Der Richter verließ mit tiefem Abſcheu den unmenſch⸗ lichen Herzog. Das Blutbad dauerte fort bis der Schleier der Nacht die Gräuel dieſes Tages umhüllte. Die Pro⸗ teſtanten flohen in die Berge, in die Wälder, und die ſchreckliche Kunde dieſes Tages von Vaſſy drang mit Windeseile durch Frankreich und zu den Ohren Colignys. Die Fackel des blutigen Bürgerkriegs war angefacht! Das 62 blutige Lvos war geworfen in den Schvos einer unheil⸗ ſchwangern Zeit! 8. Auf dem Wege von Grenoble nach Sainte⸗Marcel⸗ line ritt eines Tages in den ſpäten Nachmittagsſtunden Guy de Viole auf einem überaus ſchönen und guten Roſſe, das er eben erſt in Grenoble um hohen Preis erſtanden. Die Ausführung ſeines Vorhabens war nahe. Zu ſeinen Ohren waren ſie ſchon gedrungen, die Gräuel⸗ thaten von Vaſſy.— Es war ihm die Rüſtung ſeiner Glaubensgenoſſen bekannt geworden, und Raband hatte Tages vorher die Botſchaft gebracht, es werbe für Cv⸗ ligny's Heer der Herr von Maugiron in der Dauphiné. Dieſe Kunde beſtimmte den Jüngling zur raſchen Aus⸗ führung. So ſehr aber auch die neue Laufbahn des Jünglings Ehrgeize ſchmeicheln mochte, ſo war doch ſein Herz tief bekümmert. Auch jetzt wieder waren ſeine Ge⸗ danken bei Gabrielen. Es war ſo ſtille und einſam in der Gegend, durch die er ritt. Neben ihm am Wege hin, jedoch in einem beträchtlich tiefen Bette, ſtrömte die Iſere und ihr Braußen war das einzige Geräuſch, das die Stille der Einöde unterbrach, und dieſes Brauſ⸗ ſen wiegte ihn noch mehr in ſeine Träume ein. Die Vergangenheit lag vor ihm mit ihren kargen Freuden, und die Zukunft dunkel und blutig. Gabrielens Bild ſchwebte vor ſeiner Seele. Ihre Liebe war ja der ein⸗ zige Sonnenblick ſeines Lebens, und ſo ſchnell gieng er vorüber, ſo eiſern war das Gebot des Verhängniſſes zwiſchen ihre Herzen getreten! Lebhaft wurde der Wunſch in ſeinem Herzen wieder rege, den er ſo oft ſchon be⸗ kämpft, ſie wieder zu ſehen, noch einmal in ihr Auge 65⁵ zu blicken und dann dem Lebensglück auf ewig Lebewohl zu ſagen. Schon war er im Geiſte bei ihr, ſchon lag ſie an ſeiner Bruſt.— In ſolchen Träumen ſchwelgte das liebende, hoffnungsloſe Herz des Jünglings. Er hatte den Zügel auf des Pferdes Hals gelegt und es gehen laſſen, wie es wollte, ohne darauf zu achten, daß es nahe am ſteilen Ufer der Iſere hinſchritt und nur ein Fehltritt ihn in den Wellen des Stromes begraben konnte. Seht Euch vor, rief plötzlich hinter ihm eine ſtarke Stimme, die einem Reiter angehörte, der in ſauſendem Gallopp ihm folgte, ſonſt liegt Ihr drunten in der Iſere! Der Jüngling fuhr aus ſeinen Träumen auf, ergriff des Pferdes Zügel und riß es mit ſtarker Fauſt herüber in den Weg, und ſah alsbald den Warner an ſeiner Seite. Das hätte leicht ſo einen Sprung zum Leben hin⸗ aus geben können! ſcherzte der Reiter, und ſah dem Jüngling dabei in das bleiche, ſchöne Geſicht. Es war ein junger Mann, von etwa 28 Jahren, in militäriſchem Anzug. Ein breitkrempiger Federhut ſaß recht unternehmend auf einer Seite, und ließ die langen braunen Lockenhaare graziös auf die Schulter wallen. Eine himmelblaue Feldbinde ſchmückte ihn. An ſeiner Seite hing ein ſchönes Schwert. Heiterkeit und Frohſinn ſtrahlte aus ſeinen Blicken. Guy grüßte ihn mit Anſtand und dankte für die Warnung. Habt gewiß ans Liebchen gedacht, mein junger Freund! fuhr lächelnd jener fort. Guy erröthete, verneinte das aber ſtotternd, denn die Lüge wollte nicht über die Zunge, und bemerkte: Es giebt ſo viele Dinge in unſern Tagen, die wohl geeignet 64⁴ ſind, den, der Antheil daran nimmt, in recht ernſte Betrachtungen zu verſenken, Der Reiter neigte ſich vor und ſah ſcharf in des Jüng⸗ lings Antlitz, das ihm dieſer offen zuwendete. Dieß ernſte Wort und die Jugend des Redenden ſchien jenem ſo recht nicht zu einander zu paſſen.— Doch der Blick in Guy's Antlitz ſchien ihm Vertrauen eingeflößt zu haben. Da habt Ihr ein ſehr wahres Wort geſprochen, jun⸗ ger Mann, entgegnete darauf derſelbe; es kommt nur darauf an, mit welchen Augen man die Vorgänge an⸗ ſieht. Habt Ihr von Vaſſy gehört? Wie ſollte mir fremd geblieben ſeyn, was jedes Ge⸗ müth empört? fragte Guy und ſah ſcharf den Fremden an. Da habt Ihr ſehr Recht, antwortete der; ſelbſt der gemäßigte Katholik hörts mit Abſcheu und Entſetzen. Wie vielmehr der Proteſtant, der in dieſen Vorgängen nur das ſieht, was ihn früher oder ſpäter treffen wird und unausbleiblich iſt— fuhr er fort, indem er dem Herzen freien Lauf ließ, wenn nicht wir Proteſtanten uns ſelbſt ſchützen, und uns die Glaubensduldung und Gewiſſensfreiheit erkämpfen, die man uns gutwillig nicht zugeſtehen will.— Aber ſie iſt endlich gekommen, die Stunde, wo die Kraft an die Stelle geduldiger Schwäche tritt. Orleans iſt Zeuge der Vereinigung unſerer Häup⸗ ter, und es ſind Ramen, auf die Frankreich ſtolz zu ſeyn gewöhnt iſt. Guy hatte ihm ſtille zugehört. Jetzt fragte er: Und werdet auch Ihr in ihren Reihen fechten? Auf dieſe Frage möchte ich kaum antworten, verſetzte hitzig der Fremde; jedoch Ihr kennet mich nicht. Wiſ⸗ ſet alſo, ich heiße Maugiron und werbe hier im Lande 63 12 für Coligny's und Condé's Heer, in denen ich Haupt⸗ mann zu ſeyn, mir zur Ehre rechne. Ihr ſucht Waffengefährten? ſprach Guy— wollt Ihr mich dazu, ſo biete ich Euch hier meine Hand. Freudig ſchlug Maugirvn ein. Seyd mir willkom⸗ men! rief er fröhlich aus. Doch ſagt mir nun, da Ihr wiſſet, wer ich bin, auch Euren Namen!— Guy de Viole, heiße ich. Viole? fragte Maugirvn. Viole dArbeque— doch nein, dieſer hat ja nur ein Kind, ein bleiches Mädchen, die ich heute noch ſah. Aber welcher Viole ſeyd Ihr denn? Ich kenne des Namens Niemanden mehr in der Dauphiné und Auvergne, die ich weidlich durchſtreift. De Viole de Saint⸗Flour, verſetzte Guy, deſſen ganze Seele von dem Gedanken an Gabrielen ergriffen war, die Maugiron ein„bleiches Mädchen“ nannte, die er heute geſehen habe.— Gehört Ihr alſo jenem edlen Parlamentrath de Viole an— der— ſo muthig für ſeinen Glauben ſtritt und ſeines Freimuths Opfer wurde? Er war mein Vater, ſprach wehmuͤthig der Jüngling. So ſey die Stunde geſegnet, in der ich Euch fand, rief froh Maugiron; denn im Sohne wird des Vaters Heldenmuth aufleben, und auf ſolche Streiter darf unſere Sache ſtolz ſeyn.— Erlaubt mir eine Frage— unterbrach den Strom ſeiner Rede Guy— Ihr ſagtet eben, daß Ihr meinen Vetter d Arbeque und ſeine Tochter geſehen, darf ich wohl fragen, wo dieß geweſen?— Guy ſprach dieß mit einer Haſt, die Maugiron auffiel. Wohnt Ihr vielleicht zu Schloß Arbeque? fragte er neugierig. 3. B. 5* 66 Nicht doch— verſetzte Guy— ich— könnte dann, wenn ich von Euch Gewißheit erhielte, den Ritt dahin erſparen.— Ich ſah ſie jenſeits Grenoble, in der Richtung von Paris.— Die Tochter, ein ſchönes Mädchen, ſchien krank, ſie ſah ſehr bleich. Der redſelige Maugiron ahnete es nicht, wie er das, ohnedem leidende, Herz durch dieſe Kunde noch tiefer betrübte. Er bemerkte wohl ſeines Begleiters wachſende Verſtimmung und meinte, durch ſeine Redſeligkeit ihn zu zerſtrenen. Er begann demnach die Stärke des Huge⸗ nottiſchen Heeres, die Tapferkeit ſeiner Führer, die Kampfluſt ſeiner Streiter zu ſchildern. Es kam ihm dabei nicht darauf an, ob er mit den größten Hyper⸗ beln ſich ausdrückte. Guy blieb ernſt und ſtille. Er hörte nicht einmal Maugirons Gerede, und erſt als dieſer laut zum zwei⸗ ten Male fragte, wo er wohne— kam er zum klaren Bewußtſeyn zurück. Er ſah die Nothwendigkeit ein, Maugiron ſein gan⸗ zes Verhältniß auseinander zu ſetzen. Mit mehr Ge⸗ duld, als bei dem beweglichen jungen Manne zu erwar⸗ ten war, hörte er ihm zu und bezeugte ihm dann ſeine Theilnahme an dieſem Geſchicke. Guy fragte ihn nun genauer um das Reſultat ſeiner Werbung, um den Ort der Verſammlung und die Zeit des Aufbruchs, indem er den Wunſch ausſprach, recht bald nach Orleans zu kommen. Dazu kann Rath werden, mein junger Waffenbruder, ſprach zutraulich der Hauptmann. Euer Namen ſichert Euch eine nicht unbedeutende Stelle im Heere— dar⸗ um will ich Euch ſogleich zum Führer von 100 Gewor⸗ 67 benen machen, die ſchon beritten ſind und in Sainte⸗ Marcelline meiner warten. Mit ihnen mögt Ihr die Reiſe ſchon übermorgen antreten. Ich werde erſt ſpäter Euch wiederſehen, doch wo möglich noch ehe der erſte Schlag fällt. Dieß war dem Jüngling ſehr erwünſcht. Jetzt, wo Gabriele nicht mehr hier weilte, wo ihn alſo nichts mehr feſſelte, als die Liebe Saler's und Rabaud's, jetzt wollte er hinweg aus dieſen Gegenden, die die Erinnerung an ſein in der Blüthe zerſtörtes Glück ewig wach erhielten, in den neuen Wirkungskreis, und freudig nahm er darum Maugirons Anerbieten an. Sie hatten jetzt Sainte⸗Marcelline erreicht. Schon ſtanden die Sterne am Firmamente, und über den Bergen von Auvergne gieng eben der Mond in ſeiner ganzen Fülle auf und beleuchtete ihren Weg. Guy konnte nicht weiter. Er blieb bei Maugiron und durchwachte mit ihm die Nacht, die Verhältniſſe ihrer Parthei beſprechend und Abrede nehmend über den Zug nach Orleans. Beide gefielen ſich wohl, und ſo ſchloſſen ſie innige Freundſchaft. Am Morgen verſammelte Maugiron ſeine Leute. Er ſtellte ihnen in Guy ihren einſtweiligen Führer vor, gab die genaueſten Befehle zum Aufbruch und ließ ſie Ge⸗ horſam in Guy's Hand geloben. Maugiron mußte wei⸗ ter. Er umarmte Guy, ihm ein herzliches Lebewohl ſagend, nachdem er ihm ein Schreiben an Coligny ein⸗ gehändigt, in welchem er über den Erfolg ſeiner Bemü⸗ hungen Rechenſchaft gab und ihm Guy empfahl. Guy eilte nun, nachdem ihn Maugiron verlaſſen, zu ſeinen Freunden. Freude erfüllte ſie bei Guy's Nach⸗ richt, doch auch Trauer ob der Trennung betrübte ſie wieder. 68 Rabaud prüfte mit kunſtgeübtem Auge Guy's Roß. 5 Er lobte das edle Thier und ließ es ſich nicht nehmen, es ſelbſt zu verſorgen. Ungetrennt verlebten ſie die we⸗ nigen Stunden ihres Zuſammenlebens, die ihnen noch gegönnt waren. Eine tiefe Trauer war über ihre Ge⸗ ſpräche verbreitet. Die beiden Alten liebten ſo innig den Jüngling, ſie waren ſo ſehr an ſeine Gegenwart gewöhnt, daß ihnen unendlich ſchwer wurde, ſich von ihm zu trennen. Liebend bereiteten ſie Alles für ihn vor, und manche Thräne benetzte die grauen Wimpern. So kam der Tag der Trennung, die Scheideſtunde. Tief gerührt ſegneten ſie den Jüngling und drückten ihn 1 an ihr Herz. Auch Guy war erſchüttert. Er liebte die ſeltenen Menſchen ja auch ſo herzlich, ſo kindlich, daß 6 auch ihm die Trennung wehe that, weher, als er es ſelbſt geglaubt. Er mußte ſich gewaltſam losreißen. Tauſend Segenswünſche begleiteten ihn. Er ſchwang ſich aufs Roß und war bald den thränenden Blicken der Alten 1 entſchwunden, deren Schmerz allein darin Linderung fand, daß der Jüngling den Weg ſeines Berufs und ſeines Ruhmes gieng, und ihnen verheißen hatte, recht oft Nachricht von ſeinen Schickſalen zu geben. Auch Guy trocknete ſeine Augen. Auf der Anhoͤhe vor dem Dörſchen hielt er an. Wehmüthige Blicke ſandte er dem Ort, wo er ſo harmloſe und in der letzten Zeit ſo harmvolle Tage verlebt. Ein tiefer Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt.— Er wandte ſein Roß und flog den Weg nach Sainte-Marcelline dahin. Dort traf er ſeine Schaar geruͤſtet und ſeiner har⸗ rend. Ein jubelndes Lebehoch! begrüßte den ſtattlichen Führer, und ohne Zeitverluſt verließen ſie den Ort, ihr Richtung nach Orleans nehmend. — 69 g. Das ſehr bedeutende Heer des Triumvirats ſtand in und jenſeits Paris, welches einem ungeheuern Lager ähn⸗ licher ſah, als der Hauptſtadt eines den Frieden, wenig⸗ ſtens ſcheinbar, wünſchenden Hofes. Obgleich Katharina von Medieis den Prinzen Condé dringendſt gebeten, ſie und den König aus den Händen der Guiſen und ihrer Genvoſſen, des Connetable's Montmorency und des Mar⸗ ſchalls Saint⸗André, zu befreien; obwohl ſie ſogar den Proteſtantismus begünſtigt, ſeine Lehren in ihren Gemä⸗ chern hatte predigen laſſen: ſo war ſie doch viel zu ſehr Meiſterin in der Verſtellungskunſt, als daß ſie dieſes Benehmen nicht hätte bemänteln, es als ein von der Noth des Augenblicks gegen ihre Ueberzeugung ihr auf⸗ gedrungenes, darſtellen ſollen, um ſich die furchtbareu Triumvirn, deren Feſſeln ſie jetzt trug, wieder geneigt zu machen. Ehe ſie die desfallſigen Briefe an Herzog Franz von Guiſe ſchrieb, beſprach ſie ſich mit einem Manne, den ihr der Marſchall Saint-André als einen der erfahrenſten und bewanderteſten Aſtrologen, die je⸗ mals Andaluſien's balſamiſche Luft geathmet und aus den Schachten mauriſcher Weisheit die Kunſt geſchöpft, aus den Konſtellationen des Himmels die Räthſel des Da⸗ ſeyn's zu löſen, empfohlen. Es war dieſes ein finſterer, ſtrenger, ſehr leidenſchaftlicher Menſch— weniger der Rede zugethan, ſich um nichts kümmernd, als ſeine Beobachtungen und Berechnungen, und nur dann An⸗ theil nehmend an den Ereigniſſen des Tages, wenn Ka⸗ tharina ihn befragte, was von ihnen die ewige Sterneu⸗ ſchrift melde, oder wenn ſie in ſchwierigen Lagen ſeines Rathes bedurfte. Katharina's Vertrauen war ſchwer zu erringen, und bei ihrer Abneigung gegen Saiut⸗André 80 würde der finſtere Arevedo ſchwerlich jemals es ſich er⸗ worben haben— hätte nicht des Aſtrologen imponiren⸗ des Weſen, ſeine Sicherheit und Feſtigkeit— ja ſelbſt ſeine genaue Kenntniß der Lage Frankreichs und ihrer ſelbſteigenen, und ſeine geheime Warnungen vor Saint⸗ André und Franz von Guiſe nach ſeinen erſten Beobach⸗ tungen ihm in ihrem Aberglauben einen Freund gewon⸗ nen, deſſen Einflüſterungen auch ihr nicht ſo leicht zu beſiegendes Mißtrauen unterlag. Darum ſuchte ſie den Meiſter ganz in ihr Intereſſe zu ziehen. Sie überhäufte ihn mit Geſchenken. Nicht wenig aber erſtaunte ſie, als er nur einen kleinen Theil derſelben behielt, und die an⸗ dern mit der Katharinen ſchmeichelnden Bemerkung zu⸗ rückgab: Er nehme nur ſo viel, als er bedürfe— ihr Vertrauen ſey ſein reichſter Lohn. Sie ließ ihn genau beobachten. Er hatte mit Niemanden Umgang, der ihr verdächtig war. Er ging nicht aus dem Louvre.— Das Alles ließ nicht länger an des Aſtrologen Treue zweifeln, und Katharina ſchätzte ſich glücklich, ihn ge⸗ wonnen zu haben. Die Lage, in welche ſie ſich jetzt verſetzt ſah, war ſo kritiſch, forderte ſo gebieteriſch Schlangenklugheit mit dem Scheine der Taubenunſchuld, daß ſie nicht ohne Acevedo's Nath handeln mochte. Sie beſchied ihn daher zu ſich. Bleicher als gewöhnlich, finſterer noch als ſonſt, trat er in ihr geheimes Kabinet. Ihr ſeht ſo bleich, Meiſter, ſprach ſie theilnehmend, fühlt Ihr Euch unwohl?— Er verbeugte ſich tief, ſtumm dankend für die Theil⸗ nahme der Königin. Nach einer Pauſe erſt ſagte er mit einer hohlen Stimme: 5e 7¹ In den Sternen habe ich geleſen in letzter Nacht, und kein Schlaf kam in mein Auge. Und das ſollte auf Euch ſo nachtheilig eingewirkt ha⸗ ben, was Euch ſo oft begegnet? Das nicht! antwortete jener, und richtete den durchdringenden Blick des ſchwarzen Auges feſt auf die Königin. So waren's die Dinge, die Euch die Geſtirne kund gaben? fragte ſie in wachſender Spannung. Ich leugne es nicht, ſagte Acevedv. Und was, ich bitte Euch, was laſet Ihr?— Was ſahet Ihr? Ströme Blutes— ſprach er grauenhaft feierlich— die um Eure Majeſtät floſſen, wie ein Meer. Ströme rauchenden Blutes. Und ich? fragte bebend Katharina.— Ihr ſtandet auf einem Felſen und das Blut floß um Euch, und Eure Hand war blutig.— Sie ſchauderte. Wurde Euch keine Kunde von dem Ausgange der jetzigen Verhältniſſe? fragte ſie nach einer Weile ruhiger. Das Schwert wird den Knoten löſen, Tauſende blu⸗ ten— und nichts gewonnen ſeyn.— Nichts?2— Und Guiſe, Saint-André— Ihr Ziel iſt nahe. Ihre Sterne giengen unter, in der Nähe des Mars— ſchnell— ſehr ſchnell— ſie fallen. Guiſe durch Mörderhand. Katharina trat zum Fenſter, die freudige Bewegung ihres Herzens den Augen Acevedo's zu verbergen. Wie aber ſtand es mit den Hugenotten? fragte ſie nach einiger Zeit. 72 Wolken verhüllten mir die Sternbilder. Der Tag war nahe und mein Werk vorüber in dieſer verhängniß⸗ reichen, wunderbaren Nacht. Katharina maß jetzt mit raſchen Schritten das Ge⸗ mach. Es war deutlich zu bemerken, wie die Leiden⸗ ſchaften in ihrem Innern tobten, wie ſie ſich vergebens bemühte, ſie zu beſchwichtigen. Der Aſtrolog ſtand ru⸗ hig und feſt, wie ein Steinbild da; aber ein ſtechender Blick folgte ihr überall und beobachtete ihre Züge, und ein hämiſches Lächeln flog ſchnell über die ſeinen. Nachdem die Königin einige Zeit ſo auf- und abge⸗ gangen war, ließ ſie ſich endlich in die Kiſſen ihres Ruhebettes nieder, dem Aſtrologen einen Wink gebend, ſich unweit von ihr zu ſetzen. Meine Lage iſt Euch kein Geheimniß, Acevedo, hob ſie, nachdem ſie ſich geſammelt, an; Euch ſind meine Plane klar.— Trenne und herrſche, ſagte er, finſter vor ſich hin⸗ blickend. Die Königin verzog unwillig die Lippen, doch wollte ſie es nicht hören und fuhr fort: Ihr wißt, daß ich mich in Condé's Arme zu werfen gedachte, den Guiſen zu entgehen. Es mißlang. Condé zauderte zu lange. Ihr wiſſet, welche Opfer es mich koſtete, dieſen Schritt zu verſuchen, daß ich ſelbſt den Schein aunahm, den Ketzern gewogen zu ſeyn, den Ketzerglauben, den meine Seele, wie die Hölle, haßt, in meinen Gemächern predigen ließ. Sie ſind umſonſt gebracht, dieſe Opfer, und der Haß Guiſes iſt der Gewinn. Gebt mir Euren Rath, wie ich dieſer Lage mich entwinde. Eurer Majeſtät Einſicht bedarf meines Rathes nicht; ſagte ausweichend Acevedo— doch noch einmal, ſage ich 75 hütet Euch vor Saint-André, Guiſe und dem alten Connetable! Katharina ſchwieg mürriſch. Sie hatte Acevedo's Rath erwartet und ſah nun, daß er ausweichen wollte. Ihr habt mir ſonſt Euren Rath nicht vorenthalten, warum wollet Ihr's jetzt? fragte ſie heftig. Ihr ſeht es ein, daß meine Lage nicht die günſtigſte iſt. Mir ſcheint nur ein Weg offen, der— an Guiſe zu ſchrei⸗ ben, ihm meine wahre Geſinnung zu entfalten. Rit einer Lüge muß ich jenes tolle Hinneigen zum Pro⸗ teſtantismus bekleiden. Ich muß Guiſe ſagen, daß ich Condé locken wollte. Sollte das wirklich eine Unwahrheit ſeyn? meine glorreiche Gebieterin, fragte Acevedo mit einem ſchlauen Lächeln. Laßt das und rathet mir, ſoll ich jenen Schritt thun? Wenn die ausgeſprochene Eurer Majeſtät wahre Geſinnung iſt, wie ich nicht zweifle, da ich mich nicht überreden kann, daß es Euch jemals Ernſt geweſen mit Eurer Hinneigung zu den Ketzern, ſo ſtimme ich, wenn meine Meinung bei Eurer Majeſtät Gewicht hat, ganz in die weiſe Abſicht, die Ihr heget. Katharina ſann nach. Es ſey denn! ſprach ſie dann entſchieden. Kommt nach einer Stunde wieder, Meiſter — dann Ihr ſollt an Guiſe die Briefe überbringen. Acevedo neigte ſich tief und entfernte ſich. Katharina ſetzte ſich, ſtützte den Kopf in die Hand— ergriff dann ſchnell den Kiel und ſchrieb. Eine Stunde floß hin, und Acevedo trat wieder in das Gemach der Königin. Sie reichte ihm die Briefe. Lips Erzähl. 3. B. 74 In Franz von Guiſe's eigene Hand! befahl ſie und Acevedo gieng, die Briefe in ſeinem Gewande verbergend. Aber ſein Weg führte jetzt nicht zu Franz von Lo⸗ tharingen— wohl aber in den öſtlichen Theil des Lon⸗ vre, wo er ſeine Wohnung hatte. Er trat hinein und hinter ihm flog die Thüre ins Schloß und ein gewalti⸗ ger Riegel raſſelte. Zwei ganze Stunden währte es, bis er wieder heraus trat und nun ſich zu Franz von Guiſe begab, der jenſeits Paris, doch unweit der Barriere, ſich in der Mitte ſeiner Truppen, umgeben von ſeinen Offi⸗ zieren, in einem prunkvollen Gezelte befand. Er gieng feſten Schrittes durch die Zeltgaſſen, durch die Reihen der, die ſeltſam abentheuerliche Figur des Aſtrologen begaffenden und ſpöttelnden Soldaten auf des Herzogs Gezelt zu. Ein tumultuariſcher Auftritt fand gerade dort ſtatt. Man führte eben einen mit Ketten belaſteten Mann in des Herzogs Zelt, das von Offizieren umgeben war. Un⸗ weit deſſeiben lehnte an einem Baume ein Knabe von etwa 13 Jahren. Bleich, aber ſchön waren ſeine Züge. Reiche Locken floſſen um das ſchöne Geſicht, und heiße Thränen rieſelten über die Wange, die noch kein Flaum bedeckte. Acevedo's Blick fiel auf ihn— doch ſein Auf⸗ trag hatte Eile. Er verlangte zu dem Herzog. Ihr müſſet einen Augenblick verziehen, Meiſter, ſprach der Marquis von Tavannes, der ihn öſters im Louvre geſehen. Mein Auftrag leidet keinen Aufſchub, Marquis, ſprach er gemeſſen, er kommt von der Königin Mutter— mel⸗ det mich! Der Marquis in das Zelt und kam bald wie⸗ der, ihn einzuführen. 75 Saint⸗André, Montlue, Poltrot de Mercy mit dem unſtäten Blick, der ſeinen Glauben verlaſſen, um Guiſe's Mörder zu werden, ſtanden mit mehreren Andern um⸗ her. Der Herzog ſaß in einem Feldſeſſel. In einiger Entfernung ſtand der gefeſſelte Gefangene, den man eben eingeführt, mit dem der Herzog in harten Worten ſprach. Arevedo ſah ihn an und erſchrack. dArbeque! rief er in ſich hinein und wandte ſchnell den Blick ab, den Herzog gebührend zu begrüßen, der ſeinen Gruß nach⸗ läſſig erwiederte und ihn fragte, was er bringe? Mein Auftrag geht an Euch allein, Durchlaucht! er⸗ wiederte Acevedo. Ein Wink des Herzogs und Alle traten ab— ſelbſt Saint⸗André, doch mit Zögern. Arevedo reichte dem Herzog das Billet der Königin. Er las es flüchtig— dann lächelnd noch einmal. Meldet der Königin, ſprach er dann mit herriſchem Stolze, daß ich die Ehre haben würde, meine Antwort mündlich zu überbringen, wenn es Ihrer Majeſtät ge⸗ nehm ſey. Saint⸗Andrs! rief er dann. Acevedo verbeugte ſich und gieng— doch vernahm er noch des Herzogs Worte zu dem Marſchall: Habt die Güte, der Königin den Vorgang mit dem Ketzer zu melden! Acevedo trat aus dem Zelte. Noch ſtand der Knabe an dem Baume und rang die Hände. Das jugendliche leidende Geſicht ſprach zu Arevedo's Herzen. Erx trat zu ihm. Warum weineſt Du, mein Sohn? fragte er ſo ſanft, als es ihm möglich war. 4* 76 Der Knabe ſah ihn zweifelnd an; doch ſchien er Ver⸗ trauen zu faſſen zu dem Einzigen, der ihn hier mit Theilnahme angeredet. Ach, ſagte er, ſie haben meinen Herrn gefeſſelt, wie einen Verbrecher und werden ihn wohl morden, und ich habe Niemanden, der ſich ſeiner und meiner annimmt in der fremden Stadt! Er ſprach das ſo rührend, und doch ſo unſicher, ſo beängſtigt, daß es Acevedo jammerte. Komm mit mir, Knabe, ſagte er dann, vielleicht kann ich etwas für Deinen Herrn thun, und bei mir ſoll es Dir wohl gehen, wenn Du treu und verſchwiegen biſt. Der Knabe ſah ihn ängſtlich zweifelnd an. Ach, ich kann ihn nicht verlaſſen! ſprach er dann. Die Ungewißheit ſeines Schickſals würde mich tödten! Es wird ihm nichts geſchehen; glaube mir, und laß uns eilen, damit ich für ihn thue, was möglich iſt. Er nahm des Knaben Hand und zog ihn mit ſich fort. Faſt willenlos folgte ihm dieſer. Wo führt Ihr mich hin? fragte er ängſtlich, als ſie ſchon innerhalb den Mauern von Paris waren. In das Lonvre, ſagte Acevedo, wo ich bei der Kö⸗ nigin für deinen Herrn ſprechen will. Sie kamen dort an. Weile hier! gebot Acevedo, ich gehe zur Königin. Er meldete der Monarchin des Herzogs Antwort, die ſie mit Wohlgefallen vernahm, und verließ ſie dann ſchnell, um mit dem Knaben in ſein Gemach ſich zu begeben. Dort angelangt, begann er, den Knaben auszufor⸗ ſchen, wie Arbeque nach Paris gekommen? Erröthend und ſtotternd erzählte dieſer, daß er die eigentliche Urſache nicht kenne, doch ſchiene es ihm, als 77 ob er geheime Gründe gehabt, die Dauphiné zu verlaſ⸗ ſen und nach Paris zu gehen, zumal da der Hof ſich auf die Seite der Hugenotten geneigt. An den Vor⸗ poſten habe man ſie angehalten. Montluc habe ſeinen Herrn erkannt und ihn gefangen genommen und als Ver⸗ brecher behandelt. Thränen entquollen ununterbrochen bei dieſer Erzäh⸗ lung den ſchönen ausdruckvollen Augen des Knaben, und tiefer Kummer leuchtete aus ſeinen Zügen. Acevedo betrachtete ihn forſchend. Er ſchlug das Auge nieder. Acevedo faßte ſeine Hand— ſie war zart und weich.— Er ſah ſchnell in das Geheimniß, und es ſchien, als erſchüttere es ſein Gemüth. Gabriele d Arbeque! ſagte er dann, danke dem Herrn, daß ich Dich fand. Ich kenne Deinen Vater, doch wo⸗ Wyer? das frage nicht. Dein Geheimniß iſt mir heilig; mein Arm ſchützt Dich. Vertraue mir und Du wirſt es nicht bereuen! Da ſank der Knabe, einer Ohnmacht nahe, vor ihm nieder und umſchloß jammernd ſeine Knie, und flehte um Schutz zu ſeinem Herzen.. Steht auf, Fräulein, ſprach Acevedo, nur vor Gott müßt Ihr knien. 5 Dann hob er ſeine Hand empor. Gott ſieht uns, ſagte er feierlich, zu ihm ſchwöre ich Euch, daß ich Va terpflicht an Euch erfüllen will! 8* Da drückte das Mädchen ſeine Hand an ihre Lippen und dankte Gott und dem edeln Retter.* Hört mich, ſagte dann Acevedo, der tif erſchüttert war. Der Boden, auf dem wir ſtehen, iſt gefährlich. Euer Geſchlecht muß verborgen bleiben. Du biſt mein * * 78 Diener fortan, Gabriele— meinem Herzen Kind— und ich will träumen— Du ſeyſt mein Sohn—!— Da lag Gabriele an ſeinem Herzen und Acevedo wiſchte die Thränen aus den Augen. Er verließ ſie nun. Saint⸗Andrs konnte jetzt bei der Königin geweſen ſeyn. Und während er mit ſtür⸗ miſch bewegtem Herzen zu Katharinen gieng, lag Ga⸗ briele auf ihren Knien, dem Schöpfer brünſtig dankend für die Rettung zur Stunde der höchſten Noth. Die Königin empfing ihn mit den Worten: Ihr kommt zur guten Stunde, Meiſter, Saint-André hat mich eben verlaſſen. Man hat einen der berüchtigtſten Hugenotten gefangen genommen, der an den Unruhen der Dauphiné und des Venaiſſin den thätigſten Antheil genommen. Der ſchlaue Fuchs iſt ſelbſt in die Falle gelaufen! Saint⸗André meint, man ſollte ein recht gräß⸗ liches Beiſpiel ſtatuiren. Ich bin zu fremd in der Dauphiné, verſetzte Ace⸗ vedo, um ohne genauere Bezeichnung den Mann zu erkennen. Gefällt es Eurer Majeſtät nicht, mir den Namen zu nennen?— Es iſt der Baron de Viole dArbeque. Es iſt doch nicht jener Parlamentrath de Vivle der einſt— Die Züge der Königin entſtellte bei dieſem Namen ine wilde Leidenſchaft.— Ha! wär' es der! rief ſie aus— doch, ſetzte ſie hinzu, der iſt dem Urtheil entgangen, geviertheilt zu werden, und bedarf deſſen wohl nicht mehr! Nennt mir aber nie den Namen mehr! Arevedo lächelte in ſich hinein, ohne daß es Katha⸗ rina ſah, und verbeugte ſich. ⸗* 79 Und was gedenket Eure Majeſtät zu thun? Noch iſt nicht mein Entſchluß gefaßt. Er ſitzt einſt⸗ weilen ſicher in der Baſtille.— Doch muß ich den Triumvirn nachgeben. Müſſen? fragte ſcharf betont Acevedo. Seit wann muß Frankreichs Regentin— ich will nicht ſagen— gegen die Gefühle ihres Herzens— doch gegen die Milde, welche eine umſichtige Klugheit erheiſcht, han⸗ deln?— Katharina erhob ſich ſtolz. Sie warf ſich in die Bruſt. Ihr habt Recht, Acevedo, ſagte ſie— aber ge⸗ bietet nicht eben die Klugheit jetzt Nachgeben?— Ich beſcheide mich, Eurer Maſeſtät Vorſchläge zu malhen, verſetzte jener, allein mit keiner Parthei brechen, mit keiner in allzu enge Verbindung treten und— alle beherrſchen, das war der Weg, den ich Euch mit hoher Bewunderung ſo ſicher, ſo energiſch gehen ſah. Habt Ihr Urſache gehabt, ihn zu bereuen? So ſchlau Katharina war— ſie war Weib. Die Schmeichelei war ſo unabſichtlich geſprochen, kam von einem Manne, der ſich nicht um ihre Gunſt beworben, darum wirkte ſie um ſo mehr. Ein Lächeln des Beifalls überflog ihr Geſicht, doch nur ſchnell vorübergehend. Ich ſehe, Acevedo, Ihr leſet nicht allein in den Sternen! ſagte ſie, und ein freundlicher Blick des ſchwarzen Flammenauges begleitete die Worte. Wie wür⸗ det Ihr in dieſem Falle, jenes Ziel verfolgend, handeln? Kalt und ernſt ſprach Acevedo: Ich würde den Kez⸗ zer in die Baſtille ſtecken und ihn dort feſt halten, as eine Münze, die früher oder ſpäter ihren bedeutenden Werth bei den Hugenotten haben und, zur guten Stunde ausgegeben, einen Schritt näher zum Ziele führen wird.— Dann müſſen dieſe ſchweigen, und jene werden nicht erbittert. Leicht iſt die Ausflucht gefunden.— Die Erklärung, man wvollte mit des Ketzers Hinrichtung bis zu einem Zeitpunkte warten, wo ſolch ein Beiſpiel kräfti⸗ ger wirke, muß Guiſe und Saint⸗Andreé beſchwichtigen. Katharina ſtand einige Augenblicke nachdenkend daz dann ſagte ſie: Ihr habt nicht ſo ganz Unrecht, und es wird Euer Rath ſeyn, den ich befolge. Acevedo hatte ſeine Abſicht erreicht und dankte dem Himmel im Stillen. Katharina's Herz lag zu klar vor ihm enthüllt, er kannte all die geheimen Triebfedern ih⸗ res Handelns zu gut, als daß er nicht mit Gewißheit auf die Erreichung deſſen, was er beabſichtigte, hätte zählen können. Gnädig entließ ihn die Königin, die er um die Er⸗ laubniß bat, vier Tage ungeſtört ſeinen Beobachtungen ſich hingeben zu dürfen. Der Vorabend wichtiger Ereigniſſe ſcheint gekommen, ſagte er, es wird darum um ſo nothwendiger ſeyn, den Schleier der Zukunft zu lüften. Gerne geſtand ſie es ihm zu, und er verließ der Kö⸗ nigin Gemach. Ueber einen weiten finſtern Gang führte der Weg zu ſeinem Gemache. In Mitten des Ganges trat ihm leiſe ein Vermumm⸗ ter entgegen und flüſterte: Du Pleſſis⸗Mornay! Gut, erwiederte Acevedo, reichte ihm ein Blatt, das jener ſchnell verbarg und dann verſchwand. . 81 10. In dem großen ſtattlichen Hauſe des Prevot von Or⸗ leans ſaß der Admiral Coligny an einem großen Tiſche, der voller Papiere und Briefe lag, in das Leſen derſel⸗ ben vertieft. Gegen ihm über ſaß, mit auf die Bruſt geſunkenem Haupte, gedankenvoll ein Unbekannter, der in der letzten Nacht, man wußte nicht wie, unbemerkt von den Wachen, in die Stadt gekommen, und nun ſchon ſeit drei Stunden mit Coligny allein war. Das Gemach, in dem beide ſich befanden, hieng mit einem Vorſaale zuſammen, der jetzt der Aufenthaltort der Offiziere Coligny's war, die ſeiner Befehle dort har⸗ reten und über das unbegreifliche Alleinſeyn des Räth⸗ ſelhaften mit dem Admirale allerlei ſeltſame Vermuthun⸗ gen hegten, ohne doch ins Klare kommen zu können. Aus dem Gemache, worin ſich der Admiral mit dem Fremden befand, führte eine Thüre in den Garten des Prevot, von wo aus man in eine der winkeligſten Gäß⸗ lein der alterthümlichen Stadt gelangte. Die Fenſter des Gemaches giengen ebenfulls nach dieſem Garten, und durch keine gegenüberſtehenden Gebäude beeinträchtigt, verbreiteten ſie ein helles, wohlthuendes Licht in das, durch ein hohes Getäfel von dem koſtbarſten Holze, mit allerlei Schnitzwerk in den ſeltſamſten Formen, Gewin⸗ den und Schnörkeln ohnedem etwas verdunkelte Gemach. Cvligny war in ein einfaches, grünes Gewand geklei⸗ det, über welches er ſeine reichen Waffen und die Feld⸗ binde ſeiner Parthei trug. Der gegen ihm über ſitzende Fremde hatte ein ſehr bizarres Aeußere. Ein langes, rothbraunes, faſt mönchiſch geformtes Gewand, das um den Leib von einer breiten Binde gehalten wurde, floß faltenreich um die große, vom Alter ſchon gebeugte Ge⸗ ſtalt. Sein langes, dunkles, hin und wieder erſt grei⸗ ſendes, Haar fiel auf das am Halſe feſt anliegende Ge⸗ wand, und über die Bruſt wallte ein reicher, ſchöner Bart faſt bis zum Gürtel. Das Geſicht war bleich, die Wangen eingefallen, die Züge ſtarr, der ganze Ausdruck des Geſichtes kalt und fürchterlich ernſt. Das feurige Auge lag tief in ſeiner Höhle. Es allein gab dem kalten, ſtarren, man hätte ſagen mögen, ſteinernen Geſichte Aus⸗ druck und Leben. Man hätte ſchwören mögen, daß über dieſe Züge niemals das Lächeln der Frende glitt. Das ganze Weſen des Mannes war faſt grauenhaft, geſpen⸗ ſtig anzuſehen. Es herrſchte eine tiefe Stille im Gemache. Coligny las ohne aufzublicken, und der Andere ſchien den ernſte⸗ ſten Betrachtungen nachzuhängen. Als der Admiral, deſſen Geſicht, ſonſt ſo ruhig, ſo mild und wohlwollend, den Ausdruck des Unwillens, ja des Zorns angenommen, geleſen, warf er die Papiere heftig auf den Tiſch— ſtand auf und maß mit groſ⸗ ſen, haſtigen Schritten das Gemach, und rief dann end⸗ lich, in der Nähe des Fremden ſtehen bleibend, mit Hef⸗ tigkeit aus: Das iſt eine Verworfenheit, deren ich dies Weib nicht fähig gehalten! Ihre Denkweiſe hat zwar einen ſo ächt italiſchen Anſtrich, daß man ihr wohl ſchon viel zu⸗ trauen darf— Alles— ſchaltete, ihn unterbrechend, der Fremde ein mit einer tiefen, hohlen Stimme. Allein, fuhr Coligny fort, daß ſie ſo mich täuſchen würde, ahnete ich nicht! Er trat wieder zum Tiſche, ſah aufmerkſam in die Papiere und trat dann ſchnell vor den Fremden: —— — Menſch, rief er, wenn Du mich hintergiengeſt? Wenn Du durch Büberei die Fackel des blutigen Krieges anfach⸗ teſt— welche Strafe wäre groß genug für Dich?— Keine, verſetzte der Fremde; aber ſein Geſicht blieb ſich gleich. Seine Ruhe blieb dieſelbe. Er ſah feſt in Coligny's Auge. Eine Weile ſtand der Admiral ſo vor ihm. Sie ſahen ſich Auge in Auge. Kein Wort kam über ihre Lippen. Endlich faßte der Admiral ſeine Hand Meiſter Acevedo, ſagte er, ich faſſe Vertrauen zu Eüt Die Züge der Schrift ſind anthentiſch und es bleibt mir kein Zweifel übrig; allein wie kamt Ihr dazu? Das iſt mein Geheimniß, Herr Admiral; ich habe niemals Euch nach den Eurigen gefragt, auch kein Recht, darnach zu fragen. Ihr gebt mir da einen herben Verweis, ſprach lä⸗ chelnd der Admiral; aber Ihr ſolltet das nicht. Bedenkt Ihr, wie viel dieſe Briefe wiegen, jetzt wo Ihr ſie in die Waagſchaale des Völkerwohles legt, dann werdet Ihr die Frage billiger beurtheilen. Ihr wißt bereits, antwortete Acevedo, daß ich das zweifelhafte Glück habe, Katharinens Vertrauen zu be⸗ ſitzen, daß ich im Louvre in ihrer Nähe wohne, daß ich das einzige Gut, wenn mans ſo nennen will, das man mir ließ, das arme elende Daſeyn, der heiligen Sache meines Glaubens geweiht habe; fragt nun nicht weiter. Doch noch eine Frage müßt Ihr mir beantworten: Wie gelangtet Ihr zu dieſem Vertrauen? Ich leſe in den Sternen die verſchlungenen Wege 6 des Geſchickes, erwiederte er feierlich, Saint⸗André hat mich ihr empfohlen. Und ſie fragte nie nach Eurem Glauben? Niemals. Nie nach Eurer Heimath? Herr Admiral, ſprach mit bitterm Ausdruck der Aſtro⸗ log, ſo viel fragte ſie mich nie, als Ihr. Ihr wißt, Euch diene ich nicht. Lohn fordre und verlange ich nicht. Darum ſchweigt jetzt. Es thut mir weh, Euch das ſagen zu müſſen; allein ich muß. Mögt Ihr den⸗ ken von mir, wie Ihr wollt. Selbſt der Menſchen Mei⸗ nung von mir iſt mir gleichgültig geworden. Einem bin ich Rechenſchaft ſchuldig. Ich habe nichts zu fürch⸗ ten— zu hoffen— nur das Grab. Lebt wohl! Er ſtand auf. Coligny faßte ſeine Hand, ihn zurückzuhalten. Ein tiefes Mitleid bewegte ſein Herz. Armer zi. ſprach er wehmüthig— Euch muß ein ſchreckliches Ldos gefal⸗ len ſeyn. 8 Das ſchrecklichſte, gnädiger Herr, erwiederte der Aſtro⸗ log— doch laßt mir meine Geheimniſſe. Indeſſen drang des Admirals mitleidiger Ton wohlthuend in ſein Herz. Lohn Euch Gott die Theilnahme an einem Manne, den die Menſchheit ausſtieß! ſagte er ſanft. Er machte ſeine Hand aus der des Admirals los und trat zum Fenſter, wie es ſchien, eine ſich ſeiner bemeiſtern wollende Rüh⸗ rung zu unterdrücken. Er verſank dort wieder in ein Sinnen, das ihn völlig theilnahmlos machte, denn er blickte nicht einmal herum, als nun die Thüre ſich öffnete und ein Offizier herein trat, der leiſe dem Admiral rap⸗ portirte, und als dieſer mit dem Haupte ſchweigend ge⸗ nickt, wieder abtrat, und bald darauf wieder mit einem Fremden herein trat. Der Admiral ſchien verlegen. Ihm wäre es lieber geweſen, Acevedo hätte ſich entfernt; allein *„ er dachte zu ſchonend, dieſes wunde Gemüth durch eine derartige Mahnung zu verletzen. Mit dem Offiziere trat ein Jüngling herein, der mit edlem Anſtande den Admiral begrüßte und ihm ein Blatt überreichte. Ah! Maugiron, ſprach dieſer laut, als er die Schrift⸗ zeichen ſah, bringt Ihr mir gute Kunde von ihm? Die beſte, antwortete beſcheiden der Jüngling, den Coligny wohlgefällig betrachtete; ich habe ihn geſund, thätig und in ſeinen Beſtrebungen glücklich verlaſſen!— Das iſt eine frohe, willkommene Botſchaft, ſagte Cv⸗ ligny, das Blatt entfaltend und las dann eifrig. Fhr ſeyd warm empfohlen, ſprach Coligny nach einer Pauſe, in der er den Brief durchgeleſen, und Maugirons Empfehlung gilt viel bei mir, junger Mann; Ihr bringt mir wackere Kämpfer und wohlberitten, wie der Kapitän ſchreibt. Wie viel ſind's ihrer? Hundert, gnädiger Herr, verſetzte jener. Und Euren Muth und Arm dazu! Seyd mir will⸗ kommen! Habt Ihr ſchon gefochten? Unter Eurer Führung, gnädiger Herr, hoffe ich zum erſten Male in meinem Leben den Sieg erkämpfen zu helfen. C6oligny lächelte. Ihr habt die Schaar ohne Anſtand hierher geführt; ſeyd Ihr der Mannſchaft zufrieden? Sehr wohl. Dann mögt Ihr der Führer bleibeni im Feldzug und durch Tapferkeit werdet Ihr mein Vertrauen rechtfer⸗ tigen! Mein Wille iſt gut, ſprach feierlich, die Hand aufs Herz legend, der Jüngling. * — 8. Wohl dann Euch, ſprach Coligny mit einem Seuf⸗ zer, denn der iſt des Menſchen Himmelreich.— Doch, faſt hätte ich etwas Wichtiges vergeſſen, was auch Mau⸗ giron in der Eile, womit er dieſe Zeilen ſchrieb, vergaß, — Euren Ramen?— Guy de Viole de Saint⸗Flour.— Bei dieſen Worten, die der Jüngling laut und ver⸗ nehmlich ausſprach, fuhr, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen— Acevedo herum— der bisher auch nicht die Notiz von dem Vorgange genom⸗ men, nicht einal ſich nach den Eintretenden umgeſchaut hatte. Ein wildes Feuer loderte in ſeinem Auge.— Er ſah den Jüngling an— und er erbebte. Seine Hände falteten ſich ſo krampfhaft, daß alles Blut aus ihnen zurücktrat; ſein Blick haftete durchbohrend auf dem Jüngling. Ein tiefer Seufzer arbeitete ſich aus der Bruſt hervor, und ſein Herz pochte faſt hörbar. Was mit ihm vorgieng ſah der Admiral nicht, der ihm den Rücken zuwandte, und Guy war in dieſem Au⸗ genblicke zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäſtigt, um es wahr⸗ zunehmen, und der Offizier war abgetreten. Beide ver⸗ nahmen nicht den Ausruf, den er jedoch auch gedämpft ausſtieß: Großer Gott!!— De Viole de Saint⸗Flour? wiederholte der Admiral — das iſt ein Namen, der einen hellen guten Klang in Frankreich hat.— Er ſtand am Galgen auf Montmartre! ſtöhnte halblaut Acevedo, und ein Schauder durchrieſelte ſeine Gebeine; aber ſein durchbohrender Blick wich nicht von dem Jüngling, ſein ganzes Weſen war in einer fürchterlichen Spannung.— 87 — Dann ſeyd Ihr ohne Zweifel ein Angehöriger des edlen Parlamentraths de Viole, den man ſo ſchänd⸗ lich mißhandelte?— fuhr Coligny fragend fort. Sein einziger Sohn! ſprach Guy, und das freudige Bewußt⸗ ſeyn, einem edlen Vater anzugehören, hob des Jüng⸗ lings Bruſt. Acevedo's Hände ſanken jetzt ſchlaff herab. Er ſank in einen Stuhl und ſeine Bruſt arbeitete fürchterlich.— Er lehnte ſich weit vor und ſah mit unbeſchreiblichem Ausdruck in Guy's Geſicht. Dann fuhr ſeine Nechte nach dem Herzen und er flüſterte leiſe: Herr, Herr, du thuſt Großes an deinem Knechte! Gieb ihm Kraft, daß er es trage!— — Dann ſeyd mir zwiefach willkommen, fuhr freu⸗ dig Coligny fort, ihm ſeine Hand reichend. Möge des edlen Vaters Sinn und Geiſt und Muth in Euch neu aufleben, zu Heil und Frommen unſers heiligen Glau⸗ bens! Ihr habt ihn frühe verloren, mein Sohn, ſprach er wohlwollend— Frankreich, das undankbare, ſollte blut'ge Thränen weinen am Grabe ſeines edelſten Soh⸗ nes; vor allen aber muß dieß unſere Glaubensgemein⸗ ſchaft; denn ſie hat in ihm eine ihrer kräftigſten Stüz⸗ zen, einen ihrer muthigſten, edelſten und beredteſten Ver⸗ theidiger verloren. Er hätte ſollen an Beza's Seite zu Ppiſſy ſtehen, und noch größer wäre unſer Triumph, noch größer des eitlen, herzloſen Kardinals Niederlage geweſen!— Dieſe Worte des Admirals brachten eine fürchterliche Wirkung bei Guy hervor. Wohl hatten die Freunde Salers und Rabaud auch ſchon die Vermuthung gehegt, die tief betrübende, Guy's PVater ſey nicht mehr; wohl hatte er ſelbſt innig getrauert— aber das jugendliche 88 Gemüth giebt ſie nicht rich auf, die beglückende Hoff⸗ nung, und immer trug ſie Guy noch im Herzen, den⸗ noch einſt den theuren Vater wieder zu finden. Zetzt traf ihn, ſo entſchieden ausgeſprochen, dieſe Nachricht un⸗ erwartet, und darum um ſo gewaltiger. Coliguy's liebevolle Behandlung, die Erfüllung ſeiner allerkühnſten Wünſche, hatten die bleichen Wangen des Jünglings mit dem Roth der Frende ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder gemalt— jetzt erblich er, wie eine Leiche, und mußte einen Stuhl faſſen, um nicht zu ſinken. An ſeinem Grabe? ſagt Ihr, gnädiger Herr— rief er mit bebender, faſt erſtickter Stimme. Coligny ſah ſein Erbleichen und eilte, ihn zu halten. Was iſt Euch? fragte er beſorgt. Wußtet Ihr nichts von des Edlen Tode?— Guy ſah ihn ſtarr an und ſchüttelte das Haupt, gewaltſam die Thränen des Gefühls zurückhaltend, die hervorbrechen wollten. O, dann thut es mir ſehr wehe, daß ich es gerade ſeyn mußte, der Euch dieſen herben Kelch reichen mußte! klagte Coligny; allein es iſt geſchehen und ich kann es nicht widerrufen— er iſt nicht mehr, Euer edler Va⸗ ter; ich habe die ſichere Kunde von Pleſſis⸗Mornay, dem treueſten Freunde Eures Vaters. Da bedeckte Guy mit beiden Händen das Geſicht und ſchluchzte laut.. Coligny hielt den Jüngling, den er vom erſten Au⸗ genblicke an lieb gewonnen, umſchlungen, und eine Thräne des Mitgefühls zitterte im Auge des Helden. Der Aſtrolog war aufgeſtanden. In einer vorge⸗ beugten Stellung ſtand er da, und es ſchien, als wolle — 89 er hinzueilen, um den Jüngling an's Herz zu drücken. Sein Geſicht war leichenblaß, ſeine Lippen zuckten; Thränen ſtanden in ſeinen Augen, aber es waren keine Thränen des Schmerzes— denn über die bleichen Züge des Mannes war eine Verklärung verbreitet— die aus einer andern Quelle mußte entſprungen ſeyn. Coligny wandte ſich jetzt zum erſten Male wieder zu ihm mit den Worten: Wahrlich, Meiſter, man möchte den Vater im Grabe beneiden um die Trauer eines wackern Sohnes! Sey ſtark, mein Herz! ſprach leiſe zu ſich Acevedo, der heftig zuſammengefahren war, als Coligny ihn ange⸗ redet. Mühſam ſammelte er ſich. Einige Offiziere mußten den Ton des Schmerzes ge⸗ hört haben, ſie ſtürzten herein und betrachteten verwun⸗ dert die Sceue, die ſich ihnen darbot, und bei dem An⸗ blick des weinenden Jünglings flog ein ſpöttiſches Lä⸗ cheln über das Geſicht des einen. Coligny bemerkte es. Kapitän, ſprach er ernſt, habt Ihr einen Vater, den Ihr kindlich liebt? Der junge Mann fuhr zurück vor dem ſtrafenden Blicke des Admirals und bejahte verblüfft die Frage. Dieſer junge Mann hat einen Vater verloren, den er, den Frankreich mit Stolz nennt, und erfuhr jetzt eben von mir die Trauerbotſchaft. Dieß zu Euerer Nach⸗ richt, und noch die Bemerkung, die Ihr nicht vergeſſen wollet, daß wer einer Thräne ſpotten kann, keine Thräne verdient.— Laßt uns jetzt allein!— Tief beſchämt entfernte er ſich mit dem Andern. 90 Guy blickte auf. Ich fühle es, ſagte er, daß der Ausbruch meines Schmerzes hier nicht hätte ſtatt finden ſollen; verzeiht mir, gnädiger Herr!— Coligny ſah ihn mißbilligend an und ſagte dann: Ihr habt Euch Eurer Gefühle nicht zu ſchämen, denn auch den grauen Helden ehrt die Thräne des Gefühls. Guy drückte ſeine Hand an ſein Herz. Reden konnte er nicht. Euer Verluſt iſt unerſetzlich, ſagte nach einer Pauſe Coligny; allein bedürfet Ihr jemals väterlichen Rathes, väterlicher Hülfe— dann ſuchet mich auf— ein Va⸗ terherz findet Ihr dann immer! Acevedo konnte ſich jetzt nicht mehr halten. Raſch trat er herzu und reichte Guy ſeine Hand, indem er mit bebender Stimme ſagte: Und hier biete ich Euch die Freundes⸗Hand; verſchmäht ſie nicht! Der Jüngling ſah ihn durch Thränen lächelnd an und drückte die dargebotene Hand herzlich. Da ergriffs mit fürchterlicher Gewalt den Alten. Gott, Gott! rief er aus, und eine heiße Thräne fiel auf des Jünglings Hand. Herr Admiral, rief er dann dieſem zu: Fordert mein Herzblut, und es iſt Euer! Dann eilte er raſch der Thüre zu, die nach dem Garten führte und verſchwand. Seltſamer, räthſelhafter Menſch! ſagte nachdenkend der Admiral. Wie gräßlich muß das Schickſal geweſen ſeyn, das dieſen Geiſt beugte und die harte Rinde um dieſes Herz legte!?— Guy richtete ſich auf in einer heftigen Bewegung. Wer war der Mann? fragte er. 9¹ Das kann ich Euch nicht ſagen, denn ich kenne ihn ſelbſt erſt kurz; allein daß er ein edler, großer Menſch iſt, das weiß ich. Guy entſchuldigte ſich noch einmal. Schweigt, Herr de Viole, antwortete der Admiral, auch ich war Sohn und verlor einen edlen Vater. Er rief jetzt ſeine Offiziere und ſtellte ihnen Guy vor, empfahl ihn ihrer Freundſchaft und entließ mit herz⸗ lichem Wohlwollen den Jüngling. 11. Des Admirals warme Empfehlung erwarb Guy die zuvorkommendſte Behandlung bei den Offizieren, und das öftere Zuſammenſeyn mit dem Admiral, der dem Jüng⸗ ling wohlwollte; die Auszeichnung, die ihm von dem Prinzen Condé bei der Muſterung des Heeres wurde, und die Zuneigung, die Monvans, ſein Obriſt, und der wackere Maugiron, der der allgemeinſten Achtung vb ſei⸗ ner Thätigkeit und Tapferkeit genoß, ihm bewieſen, mach⸗ ten ſeinen Aufenthalt in Orleans angenehm, benahm ihm wenigſtens das Einerlei eines ruhigen Lagerlebens, und die damit für viele der Offiziere verbundene Langeweile. Die erſten Tage ſeines Aufenthalts in Orleans wa⸗ ren traurig, und forderten mitunter ſchmerzliche Opfer. Er ſollte heiter ſeyn unter den Fröhlichen, ſcherzen mit den Scherzenden, jubeln mit den beim Gelage Jubeln⸗ den— und ſein Herz war ſo voll, ſo ſchwer; ſein Ge⸗ müth ſo düſter, ſo wehmüthig ſeine Stimmung, daß er oft meinte das Herz müſſe brechen, während er ſich be⸗ mühte, eine heitere Miene zu machen. Hier hatte er noch keine Seele gefunden, der er ſein Inneres erſchlieſ⸗ ſen konnte. Maugiron war edel und gut— er achtete, ſchätzte ihn; allein er ſtand durch ſein reiferes Alter doch wieder dem Jünglingsherzen mit ſeinen ſchwärmeriſchen Gefühlen zu entfernt; auch war ihre Freundſchaft noch zu jung, um Anſprüche auf ſolche gänzliche Hingebung machen zu können. Allein mußte Guy ſein ſtilles Weh, den doppelten Schmerz, den der Verluſt des Vaters und ſeiner Liebe ſeinem Herzen brachten, tragen. An einem Nachmittage, wo Maugiron ihn gebeten, an einem frohen Gelage Theil zu nehmen, wo aber auch ſein Gemüth ganz beſonders wehmüthig geſtimmt war, vermochte er es nicht, in der Reihe der Fröhlichen zu ſeyn; er ſehnte ſich zudem nach einer Stunde im Freien. Er, der dort in der kleinen Hütte bei Salers und Rabaud nie lange geweilt, beinahe immer im Freien gelebt, er war nun ſchon lange in der Stadt, ohne im Freien die erquickende Luft geathmet und dort Frieden geſucht zu haben für das vielfach gequälte Herz. Darum eilte er hinaus vor die Thore Orleans; aber da war Zelt an Zelt und ein wildes, regelloſes Treiben. Eilenden Schrittes gieng er durch die Zeltgaſſen hindurch, bis er das Freie nun end⸗ lich erreichte. Er ſah ſich nach einem ſtillen Plätzchen um und entdeckte in einiger Entfernung einen Hügel, der, mit Gebüſch bewachſen, eine freie Umſicht verſprach. Die Sonne war ſchon im Sinken. Gluthroth malte ſie den Himmel und in wundervoller Verklärung lag Or⸗ leans mit ſeiner Häuſermaſſe, das Lager mit ſeinem bun⸗ ten Leben und die ganze freundliche Gegend mit dem breiten Silberbande der Loire vor ihm da. Aber alle dieſe Reize giengen faſt unbemerkt für ihn verloren, da er hier einmal ſtill und ungeſtört ſeinen Empfindungen nachhängen konnte. Seine innere, ſo gewaltſam erſchüt⸗ — 95⁵ terte Welt that ſich ſeinem Blicke auf, und ſchmerzlich fiel er auf ein einſames Daſeyn, auf ein im Lenze der Jugend verödetes Leben. Dieſe Betrachtungen drückten den Jüngling nieder. Er vermochte die Thränen nicht zurückzuhalten, die den Augen entquollen, und Alles, was ihn umgab, verſchwand vor ſeinem Blicke. Allmählig ſank die Sonne hinab. Das Gluthroth des Himmels verglomm. Die Tinten wurden immer tiefer und gien⸗ gen zuletzt in ein dunkles Grau über, das nur noch ein Purpurſtreifen ſäumte. In immer dunklere Schatten ſank die Gegend, und der duftige Schleier der Dämme⸗ rung hüllte Alles ein.— Wie es Auſſen dunkler wurde, ſo auch in Guy's Innerm. Immer düſterer wurden die Bilder ſeiner Phantaſie, immer beklommener ſeine Bruſt — immer tiefer ſein Schmerz. Plötzlich berührte eine dürre Knochenhand die ſeine! Salam alecum! ſprach eine widrige krächzende Stimme. Wer biſt Du, daß Du mich ſtörſt? rief Guy und griff nach dem Schwerte, das an ſeiner Seite hing. Eine ſchwere Stunde Deines Lebens iſt gekommen, Guy de Viole, ſagte die alte Adelma.— Friede ſey mit Dir! Das mein Wunſch. Ich halte Wort! Willſt Du Dich meines Elends freuen? fragte, von einer widrigen Empfindung durchdrungen, Guy. Du gleichſt Deinem Vater, mein Sohn, ſprach die Alte, mit hörbarem Schmerz; auch Du ſcheuchſt die Herzen von Dir. O, thue es nicht, Guy de Viole! Adelma ſollte Dir grollen, denn vielen ihrer Kinder grubſt Du ein Grab. Der Sohn der Wüſte haßt und rächt ſich wild— Adelma nicht. Sohn Deines Vaters, Du haſt ihre Liebe geerbt. Sie trauert mit Dir— denn er ſoll todt ſeyn. Er ſoll es ſeyn,— doch— 94⁴ er iſt's wohl auch.— Meine Augen ſehen nicht mehr klar und die Todten ſtehen nicht auf.— Sey ſtark, mein Sohn, fuhr ſie fort, und ihre Stimme verlor das Widerliche— der Kelch iſt bitter.— Ich habe ihn auch getrunken— mein Herz empfand auch einen Verluſt unermeßlich groß, und empfand ihn mit einer Gluth, die Dir fremd iſt— und keine Hoffnung blühté ihm— wie Dir. Verzage nicht! Verzage nicht!— Verlaß den Ort hier— man harret Dein! Das rief ſie aus der Ferne ſchon und der Ton verhallte. Guy legte die Hand auf ſein Herz. Es war ihm — als wäre Frieden ihm gegeben. Adelma war verſchwunden und er kehrte ruhiger heim. Sein Diener meldete ihm, daß Oberſt Mouvans ſchon zu dreien Malen nach ihm geſendet habe. Guy verließ ſogleich ſeine Wohnung, um dahin zu eilen. Er trat in Mouvans Gemach. Da ſaßen drei Krieger noch um ihn— einer mit den Abzeichen der royaliſtiſchen Armee, wie Franz von Guiſe, Saint⸗André und der Connetable die ihrige nann⸗ ten. Dies machte Guy betroffen, denn er konnte es nicht begreifen, wie doch Monvans mit ſeinem glühen⸗ den Religionseifer ſo traulich bei einem Feinde ſitzen könne. Das Räthſel ſollte ſich bald löſen. Mouvans und Maugiron traten ihm entgegen. Ihr habt lange auf Euch wapten laſſen, ſagte ſanft verweiſend der Oberſte, wo wart Ihr doch? Verzeiht, ſprach Guy, daß ich nicht zu Euren Dien⸗ ſten war— es geſchah, ohne daß ich es beabſichtigt. Ich lebte in meiner Heimath ſtets im Freien, und ſo ergriff mich heute ein wahres Heimweh nach der freien — 93 Luft, die ich in Orleans nicht athmen kann. Auch Euch muß ich um Vergebung bitten, Mangiron, daß ich nicht Wort hielt! Fürs erſte Mal ſey es vergeben, wenn Ihr Euch zu beſſern verſprecht, ſagte, ſeine Hand drückend, Maugiron. Mouvans nahm wieder das Wort. Hier iſt ein Edelmann, der ſich ſehr geſehnt nach Euch, Hauptmann de Viole! Er führte ihn zu dem Fremden, vor deſſen Ehrfurcht gebietendem Weſen ſich Guy tief neigte. Darf ich fragen, was mich dieſer Ehre werth machte? fragte Guy beſcheiden. Der Fremde antwortete nicht. Mit verſchränkten Armen ſtand er vor Guy, den das Kerzenlicht beleuch⸗ tete. Es ſchien, als ob eine innere Bewegung ihn am Reden hinderte. Sein forſchender Blick ruhte unver⸗ wandt auf Guy's Geſichte. Endlich ſagte er: Ja, es ſind die Züge ſeines Vaters!— Doch dieſe Worte ſprach er mehr zu ſich ſelbſt, und erſt nach einer kleinen Pauſe ſetzte er bewegt hinzu: Als ich Euch zu⸗ letzt ſah, junger Mann, da waret Ihr noch Kind und ein Flüchtling, wie Euer Vater. Guy ſah ihn ſcharf an. Es dämmerte eine Erinne⸗ rung in ihm. Dieſe Züge waren ihm ſo ſfremd nicht. Die Erinnerung wurde allmählig klarer und mit hoher Freude ſprach er dann—— Du Pleſſis⸗Mornay? Ja, der bin ich, Deines Vaters Freund! rief jetzt ergriffen der Fremde, und zog den Jüngling an ſeine Bruſt. Mit leuchtenden Blicken ſtanden die Andern umher als ſtumme, aber innigſt theilnehmende Zuſchauer dieſer 96 Scene. Selbſt über das düſtre Geſicht des andern Fremden flog der Ausdruck der Rührung. Wie entſannet Ihr Euch doch des Namens noch? fragte du Pleſſis. Ich ſah Euch ſo oft, und mein Gedächtniß hat mir Euer Bild bewahrt und den Namen meines und mei⸗ nes unglücklichen Vaters Retters grub die Dankbarkeit unauslöſchlich in mein Herz, ſagte Guy. Mouvans konnte ſich jetzt nicht mehr halten. Brav, brav, Viole! rief er aus; der verdient es; denn ſeht, er hat uns bisher ſo treue Dienſte geleiſtet im Stillen; und jetzt, wo die Entſcheidung naht, tritt er öffentlich in unſere Reihen! Du Pieſſis zog jetzt Guy an ſeine Seite. Zwiſchen damals und jetzt, zwiſchen dem Knaben Guy und dem Hauptmanne de Viole liegt ein ſo bedeutender Zeitraum, ſagte er zu Guy, und ſo manches mir dunkle Ereigniß, das ich wiſſen möchte, daß ich Euch recht dringend um deſſen Mittheilung bitten muß. Vergeßt dabei nicht, ſetzte er hinzu, daß auch das Kleinſte mir von Bedeu⸗ tung iſt! Guy, der ſich von der Theilnahme des nah Befreun⸗ deten ſo wohlthuend angeſprochen fühlte, erzählte ihm nun, nachdem die drei Andern in einem entferntern Theile des Gemachs mit einander eifrig ſprachen, die Ereigniſſe ſeiner Jugend bis in das kleinſte Detail. Nur eins ver⸗ ſchwieg er, und ein tiefer Seufzer füllte die Lücke aus. Liebevoll und dankbar gedachte er der Freundſchaft Sa⸗ ler's und Rabaud's. Iſt denn niemals nach Euch geforſcht worden? un⸗ terbrach du Pleſſis ſeine Erzählung. 97 Nur dunkel entſinne ich mich, ſprach Guy, daß einſt Rabaud von Grenoble kam und die Nachricht mitbrachte, daß man unſere Spur ſuche; ſonſt nie. Unſer Schlupf⸗ winkel lag ſo verborgen, daß unſte Feinde uns nicht leicht finden konnten. Zudem galt ich für Salers Sohn. Eure Feinde? fragte du Pleſſis. Nein, die forſch⸗ ten nicht nach Euch; wohl aber Eure treueſten Freunde, Euer Vater und ich!— Und nirgends entdeckten wir Eure Spur. O, mein Gott, mein Gott! rief Guy ſchmerzlich aus. So nahe war mir das höchſte Glück meines Lebens— und nun iſt's für immer dahin! Nicht für immer, mein Sohn, ſprach feierlich du Peſſis— unſre Hoffnung, wenn ſie auch hienieden ſtirbt — reicht über das Grab hinaus!— Guy drückte gerührt ſeine Hand. Ach, ſagte er dann — erfüllt mir die einzige Bitte, und ſagt mir, was Ihr von den letzten Schickſalen meines Vaters wißt! Es iſt wenig, was ich Euch ſagen kann, nahm du Pleſſis das Wort, denn meine Kunde reicht ſelbſt nicht weit. Seit Eure Spur ſich im Dunkel verlor, wurden die geheimen Nachrichten von Eurem Vater, die ich durch die Vermittelung des Kardinals von Chatillon erhielt, ſeltener. Einmal hörte ich durch eine Zigeunerin etwas von Euch— aber ich mißtraute dem alten Weibe und hielt es für eine bei dieſem ſchlauen Volke ſo vft vor⸗ kommende Liſt. O, der hättet Ihr trauen dürfen, ſagte Guy, es war ſicher die alte Adelma, die genaue Kenntniß von unſrer Familie hat und einen Antheil an mir nimmt, der über meine Erwartung und Begriffe geht. Lips Erzähl. 3. B. 5 98 Warum wußte ich das nicht! rief Pleſſis. Wie wuͤrde dieſe Kunde ihn beglückt haben! Sie ſchwiegen beide und verſanken in ſchmerzliche Vorſtellungen. Pleſſis nahm darauf wieder das Wort und erzählte Guy, wie nun, nachdem Guy nirgends zu entdecken, auch Salers und Rabaud verſchollen geweſen ſeyen, auch alle Kunde von dieſem gefehlt, und ſelbſt der Kardinal von Chatillon, der die wärmſte Theilnahme für ſeinen Vater vielfältig bewieſen, ſeinen Aufenthalt in England nicht wieder habe ausfindig machen können. Ein Zufall, den er jedoch ſelbſt nicht genau kenne, habe endlich die Kunde von Viole's Tod dieſem gebracht. Mochte Mouvans, wahrnehmend die traurige Stim⸗ mung der beiden, ſie dieſer entreißen wollen, oder war es das eigenthümliche Feuer ſeines Temperaments, das ihn in dieſem Augenblicke hinriß, er rief plötzlich du Pleſſis zu, wenn er mit ſeinem Gefährten noch etwas zu reden habe, müſſe er eilen, da er ſich entfernen wolle, um morgen zur Reiſe rüſtig zu ſeyn. Dieſe Bemer⸗ kung unterbrach jenes Geſpräch, und erſt jetzt erinnerte ſich Mouvans, daß Viole nicht einmal wiſſe, wer jener andere Fremde ſey. Montgommeri! ſagte er, ehemals Hauptmann der königlichen Leibwache. Guy betrachtete jetzt erſt aufmerkſam dieſen und ſah ein bleiches finſteres Geſicht, in das der Kummer ſeine leſerlichen Schriftzüge eingegraben. Seht in mir die unglückliche Urſache von König Hein⸗ richs des Zweiten ſchauderhaftem Tode; ſagte Montgom⸗ meri zu Guy— einen Königsmörder, ohne den Willen zu jener Greuelthat je gehegt zu haben. 99 Mitleidig ſah ihn Guy an. Man ſah, jenes Un⸗ glück, deſſen unſchuldige Urſache er war, lag mit Zent⸗ nerſchwere auf ſeinem Herzen. Du Pleſſis zog ihn in ein Fenſter und ſprach eifrig mit ihm. Und wohin geht der Hauptmann? fragte Guy Mau⸗ giron. Nach Rouen, ſagte dieſer. Condé hat ihm die Ver⸗ theidigung des Ortes anvertraut. Guiſe macht Miene ihn zu belagern. Laßt uns mit ihm gehen! ſprach plötzlich Guy eifrig. Wozu liegen wir hier im trägen Nichtsthun. Laßt uns dort Lorbeern ſammeln! Maugiron legte die Hand an die Stirne und ſann nach. Wahrhaftig, ſagte er dann, Ihr habt da einen herr⸗ lichen Gedanken ausgeſprochen. Wer weiß, wann ſich uns die Bahn öffnet! Es fehlt Condé noch an Geld und Leuten. Zwar hofft er von dem Mannweibe auf Englands Thron Unterſtützung— aber es dürfte ſich noch in die Länge ziehen, bis ſie kommt, obgleich Poinings bereits Havre und Dieppe beſetzt, und nun noch Rouen möchte in ſeine Hände haben.— Er verließ jetzt Guy und ſagte zu Montgommeri: Wie wär' es, wenn wir beide, de Viole und ich, Euch begleiteten? Wollt Ihr uns? Viole ſprach den Wunſch eben aus. Mit Freuden, ſagte jener; allein ohne Conds's und des Admirals Erlaubniß, wißt Ihr, darf ich nicht. Er⸗ wirkt Euch die, und Niemand ſoll mir willkommner ſeyn, als Ihr. Recht freudig blickte du Pleſſis auf den Jüngling, und gleicherweiſe Mouvans. 2 — 5 100 Der Wunſch macht Euch Ehre, Viole, ſagte er zu ihm, denn in Rouen giebt es heiße Tage. Ich werde Euch die Stelle bei Euern Reitern offen halten, und will morgen des früheſten bei dem Admiral Euch vertreten — doch nein— Ihr mögt mich begleiten. Nun ſchieden ſie mit frohen Ausſichten⸗ Auf die herzlichſte Weiſe entließ du Pleſſis den Jüngling. Früh am andern Morgen trat Guy mit Mouvans in das Gemach des Admirals, bei dem ſie ſchon Condé antrafen. Kurz und bündig trug Mouvans Guys Bitte vor. Ich kenne Euren Wunſch ſchon, de Viole, ſprach freundlich der Admiral, und zweifle nicht, daß des Prin⸗ zen Hoheit Euch dieſe Bitte gewähren werde. Geht in Gottes Ramen! ſprach Condé, und käm⸗ pfet wacker für unſere gute Sache. Haltet Rouen und laßt es Euch nimmermehr nehmen! Jetzt war Guy's Wunſch erfüllt, und nach Verlauf mehrerer Stunden ritt er und Maugiron neben Mont⸗ gommeri an Mouvans Quartiere vorüber, der ihnen Heil und Sieg wünſchte, den Weg nach Rouen. Schon unterwegs brachten ihnen Kundſchafter die Nachricht, daß das royaliſtiſche Heer nahe. Schnelle Tagreiſen gab es nun; aber ſie erreichten Rouen noch zu guter Zeit mit ihren Truppen, ehe noch das katho⸗ liſche Heer ſich blicken ließ. Auch Poinings warf noch eiligſt eine kleine Anzahl Engländer hinein, zu Mont⸗ gommeri's Unterſtützung, der ſich nicht ſtark genug fühlte, dem mächtigen Heere, das Guiſe hierher führte, lange zu widerſtehen. Eifrig wurde nun an der beſſern Befe⸗ ſtigung der Stadt gearbeitet. Montgommeri war über⸗ all ſelbſt; und wo er war, da begleitete ihn Guy und 101 Maugiron und theilten ſeine Arbeiten, ſeine Mühen und Entbehrungen. Er verſagte ſich ſelbſt den Schlaf, um ſeiner Pflicht zu leben. 12. Es war in den letzten Tagen des Monats Septem⸗ ber 1362, da eben die Arbeiten zur Befeſtigung Rouens längs den Ufern der Seine unter Montgommeri's Lei⸗ tung vollendet waren— als flüchtige proteſtantiſche Land⸗ leute in die Stadt ſtürzten und die Ankunft des feindli⸗ chen Heeres meldeten.— Montgommeri befahl ſchnell Maugirvn und Guy de Viole, in andern Theilen der Stadt die nothwendigſten Vertheidigungsanſtalten zu tref⸗ fen. Der Jüngling flog dahin, ordnete die Anſtalten aufs Vorſichtigſte und kehrte, nachdem er ſich von allem ſelbſt überzeugt, an Montgommeri's Seite zurück, der auf dem Walle ſtand und dem nahenden Heere entgegen ſah. Bald zeigte es ſich in ziemlicher Nähe. Deutlich ſah man, wie die Regimenter vorüber zogen, ihre Stel⸗ lung in einem bedeutenden Halbkreiſe einnehmend. Der Klang kriegeriſcher Muſik tönte luſtig herüber und man ſah die fliegenden Fahnen. Eine dumpfe Stille lag auf Rouen. Auf allen Geſichtern ſchwebte ein finſterer Ernſt, der jedoch weit von Muthloſigkeit entfernt war. Eine Ahnung künftiger Leiden lag ſchwer auf allen Gemü⸗ thern. Der Bailly, der Prevot waren bei Montgom⸗ meri, an deſſen Seite auch der wackere Vertheidiger des Evangeliums Auguſtin Marlorat, der angebetete Predi⸗ ger des proteſtantiſchen Glaubens, ſtand. Unzählige Menſchen bedeckten die Wälle und ſahen es mit an, wie das Heer der Hoſparthei das Lager ſchlug. Montgom⸗ 102 meri's Falkenauge entgiengen die Streitmaſſen nicht, die ſich dort entwickelten. Im Stillen erwog er ſeine Kräfte im Gegenſatze jener, und ſo niederſchlagend ihm auch die Einſicht der eigenen Ohnmacht wurde— ſo war dennoch heute ſeine Stirne glätter und ſein Auge heiterer als je, und er ſcherzte ſelbſt mit denen, die ihn umgaben. Aller Blicke flogen von dem Lager der Feinde zu Montgommeri's Antlitz, dort neuen Grund zu Beforg⸗ niſſen oder Muth zu ſuchen. Gewiß war des Haupt⸗ mannes und Befehlshabers Heiterkeit von dem beſten Erfolg in dieſen kritiſchen Augenblicken. Noch war das Lager der Feinde nicht vollendet, als der Abend ſich herabſenkte und manchem angſtvoll po⸗ chenden Herzen Ruhe verhieß. In Begleitung Montgommeri's unterſuchten Guy und Maugiron die Poſten, und kehrten mit ihm zum Stadt⸗ hauſe zurück, wo Montgommeri ſein Quartier genom⸗ men. Dort angelangt, überraſchte ſie freudig eine De⸗ putation der Bürgerſchaft und aller Gewerke der Stadt, die den Kommandanten baten, mit den Truppen gemein⸗ ſchaftlichen Antheil an der Vertheidigung der Stadt neh⸗ men zu dürfen. S Montgommeri nahm mit Vergnügen dieſe Anträge auf. Er ließ die Vorgeſetzten der Stadt zu ſich beſchei⸗ den. Die Liſten der waffenfähigen Mannſchaft wurden ihm vorgelegt, und mit Wohlgefallen vernahm der Kom⸗ mandant den bedeutenden Zuwachs ſeiner Macht. Die Bewaffnung wurde angeordnet, mit Beihülfe der Vor⸗ geſetzten der Stadt, die Eintheilung der Bürger beſtimmt, ihre Anführer ernannt, und ehe noch der Tag graute, war das Formelle dieſer wichtigen Handlung vollzogen. Kurze Raſt gönnte ſich Montgommeri und genvſſen ſeine 105 beiden Freunde Mangiron und Saint⸗Flour. Der Mor⸗ gen rief zu neuer Thätigkeit. An Maugirvn und Guy de Saint⸗Flour übertrug nun Montgommeri die Ver⸗ theidigung des Stadttheils, der jenſeits der Seine lag und mit der Stadt durch die Seinebrücke in Verbin⸗ dung ſtand. Geht dort hin, meine Freunde, ſprach er, wo Eure Tapferkeit ein weites Feld findet. Es mag Euch nicht entgehen, daß gerade dort gewiſſermaßen die Vorhut der Stadt, alſo ein gefährlicher, ein um ſo bedeutenderer Poſten iſt. Erwägt darnach das Vertrauen, das ich in Euch ſetze, und die Freundſchaft, die ich für Euch hege. Ich lege Alles in Eure Hand, und was Euch, mein theurer Viole, an Erfahrung noch abgeht, das erſetzt Man⸗ girons Umſicht, und ſomit geht mit Gott ans Werk. Gerührt von des edlen Mannes Freundſchaft ſchie⸗ den ſie und nahmen ihre Stelle ein, die ganz das war, was Montgommeri von ihr geſagt; denn gerade in die⸗ ſer Richtung ſtand die Hauptmacht der Feinde, und es war zu erwarten, daß bei einem Sturme dort gerade der Angriff am hitzigſten werden würde. Mit auſſerordentlicher Schnelligkeit war das feind⸗ liche Lager aufgeſchlagen worden. Katharina von Medi⸗ eis, mit ihren Söhnen Carl dem M. und dem jüngern Heinrich, der Connetable und Saint-André und König Anton von Navarra, waren im Lager gegenwärtig. Franz von Guiſe ſtand mit einer andern Heeresabthei⸗ lung bei Paris, Condé und Coligny, die noch immer in Orleans zauderten, beobachtend und erwartend. Schon am Morgen dieſes Tages erſchien als Par⸗ lamentär der Marquis von Tavannes an den äuſſerſten Linien der Vertheidigungswerke Rouens und verlangte 104 zu den Befehlshabern. Mit verbundenen Augen wurde er vor Maugiron geführt, der bereits an Montgommeri Guy de Saint⸗Flour abgeſendet. Montgommeri lächelte, als ihm Guy ſeine Meldung machte. Die Antwort ſtelle ich in Euren Willen, ſagt das Mangiron, war ſeine Entgegnung, und in fliegender Eile kehrte der Jüngling, der nach Thaten ſich ſehute, zurück. Sagt dem Connetable, der Königin, dem König, wir ſeyen treue Unterthanen Seiner Majeſtät— allein nie werden wir uns freiwillig der Blutgier der Guiſen und ihrer Parthei unterwerfen, ſprach Maugiron mit beſon⸗ nenem Trotze zu Tavannes, und nur über unſere Leichen gehe der Weg nach Rouen. Sagt ihnen, wiederholte er, das Alles auf's Beſtimmteſte und ſpart die Wiederkehr. Er wandte ihm dann höhniſch den Rücken und ſagte zu Guy, laßt uns eine Parthie Schach ſpielen, Herr de Viole! Tavannes Auge fiel bei Nennung dieſes Namens durch⸗ bohrend auf Viole; er zauderte noch. Ihr ſeyd entlaſſen! herrſchte ihm ſchneidend Maugi⸗ ron zu und ſetzte ſich an den Tiſch, auf dem das Schach⸗ brett ſtand. Die Offiziere, die den Abgeſandten begleitet hatten, verbanden ihm die Augen und führten ihn wie⸗ der vor die Werke hinaus. Die Belagerungsarbeiten der Feinde wuchſen rieſen⸗ mäßig und ſchnell. Das Landvolk der Normandie wurde zuſammengetrieben und mußte Hand anlegen zum Ver⸗ derben ſeiner Glaubensbrüder in der Stadt, und bald begann das Feuer des Geſchützes den grimmigen Gruß der Stadt zuzubrüllen. Alles, was in Maugiron's 105 Kräften ſtand, die Arbeiten auſſen zu hemmen, geſchah. Sein wohlunterhaltenes und wohlgeleitetes Feuer zer⸗ ſtörte oft die Arbeiten mehrerer Tage in kurzer Zeit. Häufige Ausfälle thaten den Belagerern heftigen Scha⸗ den und ſteigerten die Erbitterung auf's Heftigſte. Katharina ſah es ungern, daß Rouen ſollte mit Sturm genommen werden. Sie verſuchte Alles, was in ihren Kräften ſtand. Trotz der Wachſamkeit Montgommeri's und Maugiron's, wußte ſie dennoch ihre heimlichen An⸗ erbietungen an die Bürgerſchaft, die ſie durch Montgom⸗ meri beherrſcht und geknechtet glaubte, gelangen zu laſ⸗ ſen; allein ſie erſtaunte, daß ihre Antwort der glich, die Tavannes zurückgebracht hatte. Immer näher rückten indeſſen die Werke der Belagerer— größer wurde im Innern der volkreichen Stadt die Noth, da alle Zufuhr abgeſchnitten war und die Belagerung nun ſchon einen Monat gedauert hatte. Der Connetable, welcher von dem Herzog von Guiſe die bitterſten Vorwürfe, ob ſei⸗ nes Zauderns, empfieng— wollte nicht mehr länger zuſehen und ordnete einen Sturm an. König Anton von Navarra entriß ſich den Armen der buhleriſchen Hof⸗ damen Katharina's, um an dem Sturme ritterlichen An⸗ theil zu nehmen. Er begann mit dem grauenden Mor⸗ gen gerade da, wo Maugiron und Guy befehligten. Mit grimmiger Wuth war der Anfall. Ein mörderiſches Ge⸗ ſchützfener wühlte in den Reihen. Der Wall war ſchon erſtiegen von Tavannes Leuten, als Guy mit einer Ab⸗ theilung Bürger und Engländer ſich auf dieſe ſtürzte und ſie vernichtete. Mit gleichem Muthe ſtritt man berall, und gegen Mittag zogen ſich die Belagerer zu⸗ rück und ließen eine große Zahl der Ihrigen in den Grä⸗ ben als Opfer des Wagniſſes liegen. 106 Auch König Anton von Navarra war verwundet wor⸗ den. Die Wundärzte achteten indeſſen dieſe Wunde ge⸗ ring, und Anton, der nun an der Belagerung keinen Antheil mehr nehmen konnte, faud Zerſtreuung bei den Hofdamen. Unerwartet verſchlimmerte ſich ſeine Wunde, und nach wenig Tagen beſchloß er eine Laufbahn ohne Ruhm und keine Thräne wurde ihm im Lager vor Rouen nachgeweint. Aber ſeit dem Tode Antons von Navarra gewann die Belagerung Rouens einen ernſteren Anſtrich. Unerm⸗ det thätig war der alte Montmorenci. Die Laufgräben wurden eröffnet; die Minen der Belagerer ſprengten die Vertheidigungswerke in die Luft; das Feuer zerſtörte ſie und brachte den Gebänuden der Stadt unerſetzlichen Nach⸗ theil. Mit jeder Stunde wuchs die Gefahr der Bela⸗ gerten, und ihre Noth griff mit Rieſenarmen um ſich⸗ Krankheiten der gefährlichſten Art im Gefolge des Man⸗ gels, der Entbehrung, der Unruhe und Angſt, wütheten gräßlich, ſo unter der Bürgerſchaft als der Beſatzung, und troſtloſer wurde Rouens Lage mit jedem Augenblick. Kummervolle Blicke richteten die Befehlshaber in die Rich⸗ tung von Orleans— aber kein Erſatz, keine Hülfe kam⸗ Unter dieſen Umſtänden ordnete der Connetable Mont⸗ morenci einen Hauptſturm an. Am Abend vor dem Sturme trat ſpät der Diener Guy's de Saint⸗Flour in das Gemach ſeines Herrn, der, erſchöpft von den unaufhörlichen Anſtrengungen, ſich in ſeiner Rüſtung auf das Lager geworfen hatte, einige Stunden der Ruhe zu genießen. So ſchwer es auch der treuen Seele wurde, des Jünglings tiefen Schlaf zu ſtören— er mußte— denn ein unbekannter Menſch hatte ihm einen Zettel gegeben, den er ſehr wichtig ge⸗ 107 nannt, und ihm befohlen, ihn augenblicklich in ſeine Hände zu bringen. Als ihn der Diener ruttelte, fuhr der Jüngling ha⸗ ſtig auf. Was giebt es! rief er dem Diener zu. Dieſer erzählte die Umſtände und reichte ihm dann das künſtlich geſchloſſene Billet. Eine feſte Hand ſchrieb: „Seyd auf Eurer Hut! Montmorenci ſtürmt morgen. Schont Euer Leben, Viole; Rouen könnt Ihr nicht halten. Sichert Euch den Rückweg, die Rettung!“ Wirf ihn in die Flammen des Kamins, den enteh⸗ renden Brief! zürnte der Jüngling und verließ das La⸗ ger, um zu Maugiron und Montgommeri zu eilen. Doch kehrte er wieder um, ſich genauer nach demjenigen zu erkundigen, der die Zeilen gebracht. Der Diener konnte ihm jedoch nur Unzulängliches ſagen, und unbefriedigt eilte er von dannen. Noch graute der Tag nicht, da rückten leiſe und vor⸗ ſichtig die Truppen des Connetable's an. Schlagfertig harrte in tiefer Stille der Theil der Beſatzung, der noch waffenfähig war, unter den Befehlen Maugirvn und Guy's. Jetzt, als die Feinde nahe waren, donnerte mit einem Male ihr Feuer mit entſetzlicher Gewalt unter ſie und ſie wichen.— Froher Jubelruf ertönte auf den Wiällen; aber nur auf einen Augenblick; denn dicht wie Heuſchreckenſchwärme drangen ſie wieder an. Die Sturm⸗ glocke von der Kathedrale heulte entſetzlich in die allmäh⸗ lig dämmernde Nacht. Das Geſchütz brüllte, der Schlacht⸗ ruf ſchallte gräßlich von allen Seiten. Kein Quartier! ſchrien die Feinde. 108 Kein Quartier! brüllten die Belagerten entgegen. Sie hatten den Wall erſtiegen und drangen unaufhaltſam her⸗ ein. Gräßlich war der Tumult. Da mehrte das in dreien Theilen der Stadt ausbrechende Feuer das Schreckliche ihrer Lage. Wüthend kämpfte Guy und Maugiron. Ihre Schwerter mäheten furchtbar. Aber der An⸗ drang war zu heftig. Sie wichen gegen die Seinebrücke zurück. Neuer, mörderiſcher Kampf entſpann ſich da. Ein Wall von Leichen bildete ſich um ſie— aber ihre Reihen wurden lichter und ſchmolzen von Minute zu Minute mehr zuſammen. Vergebens ſahen ſie ſich nach Hülfe von Montgommeri„ von den Engländern um. Auf allen Seiten Ryuens wüthete der Kampf, überall unglücklich für die tapfern Vertheidiger. Allmählig graute der Tag und ließ ſie das entſetz⸗ lichſte Schauſpiel erblicken. Bald erleuchteten gräßlich die Flammen den Kampſplatz, bald hüllten dicke Rauchmaſ⸗ ſen ſie ein und drohten ſie zu erſticken. Schon waren die Feinde in der Mitte der Stadt— ſie war erobert. Noch zogen ſich kämpfend Guy, Maugiron und einige ihrer Leute zurück, und trafen in dem Augenblicke in der Nähe des Stadthauſes ein, als von der andern Seite ein Schwarm Feinde ſie im Rücken anzufallen drohte. Schnell warfen ſie ſich in das Gebände und ſchloſ⸗ ſen das Portal, nicht erwägend, daß ſo ihr Fall um ſo ſicherer war. Jetzt ſtanden die Freunde einen Augen⸗ blick da und überdachten ihre Lage. Unſer Stündlein iſt gekommen! ſagte ruhig Maugi⸗ ron. Laßt uns die Seele Gott empfehlen und einen rit⸗ terlichen Tod ſterben! In dieſem Augenblicke faßte eine unſichtbare Hand beide. Folgt mir! ſprach eine hohle Stimme. ——— „ 409 Willenlos gehorchten ſie. Mit flüchtiger Eile gieng es hinab und hinauf, über lange Gänge, und endlich öffnete ihr Führer eine Thüre und zog ſie hinaus. Und immer weiter gieng es unauf⸗ haltſam.— Nach einer ziemlich langen Wanderung ſtanden ſie am Ufer der Seine. Der Mann, den ſie jetzt erſt, wo die Sonne blutigroth über dem Greuel der Verwüſtung aufgegangen war, deutlicher erblickten, drängte ſie in einen Kahn, ſtieß raſch vom Ufer ab, und dahin glitt der Kahn und war bald, bei der ſchnellen Strömung des durch herbſtlichen Regen angeſchwollenen Stromes, auſſerhalb Rouen. Ihr ſeyd gerettet für's Erſte, ſprach dieſer jetzt, und Guy erkannte in ihm jenen Unbekannten, den er einſt bei Coligny geſehen. Ihr habt Euer Wort herrlich gehalten, edler Mann, ſagte er dankbar, das Ihr mir damals gabt, als ich Euch bei Coligny ſah. Des Alten Auge ruhte wohlgefällig auf ihm. Schade, ſagte er dann, wenn auch das Leben zweier tapferer Streiter noch in der unglücklichen Stadt hätte verblu⸗ ten ſollen! Weiter ſprach er nichts mehr. Sein kräftiger Arm ruderte noch immer den Kahn weiter abwärts. In der Entfernung ſahen ſie jetzt nur noch die Rauchſäulen der brennenden Stadt. An einer Stelle, wo dichte Waldung ſich bis zum Ufer herabzog, legte Acevedo, denn er war es, den Kahn ans Ufer. Ich kann Euch nicht länger dienen, ſagte er, und muß Euch nun Eurer eigenen Klugheit überlaſſen. Hal⸗ 110 tet Euch heute noch in dem Walde verborgen und ſchlagt dann in der kommenden Nacht den Weg gen Orleans ein. Merket Euch die Richtung von Rouen und bleibt möglichſt weit von der Stadt entfernt. Gott ſey mit Euch! rief er aus, und ſprang, ohne auf ihren Dank zu hören, in den Kahn und ruderte ſchnell hinüber an's andere Ufer. Noch einen Gruß warf er ihnen zu und verſchwand dann im Pigt die Geretteten ihrem Nach⸗ denken überlaſſend.“ 2 Der arme Montgommeri! das war Maugirons er⸗ ſtes Wort. Er wird wahrſcheinlich auch gefallen ſeyn. Schade für ihn— er war ein tapferer Mann, ein Held! Die Freunde trauerten um ihn aufrichtig. Maugiron fragte nach ihrem Retter. Guy erzählte, was er wußte, und das war wenig. Sie dachten nun an ihre Sicherheit und ſuchten tiefer im Walde ein Dik⸗ kigt, wo ſie ſich in einem Zuſtande großer Erſchöpfung niederlegten, und nach den heftigen Anſtrengungen einer durchkämpften und durchwachten Nacht, in einen tiefen Schlaf ſanken, der ſie in ſeinen Feſſeln gefangen hielt und faſt einem Zuſtande der Bewußtloſigkeit glich. Der Abend nahte ſchon, und noch immer ſchliefen die beiden Ermüdeten. Guy erwachte zuerſt und fühlte zugleich einen unge⸗ meinen Hunger und Durſt. Er richtete ſich auf und ſah ſich um. Alles war dunkel um ihn. Er fühlte nach Maugiron. Der ſchlief noch feſt. Stören mochte er ihn nicht, und ſo legte auch er ſich wieder auf das Moos, das ſie weicher dieſesmal gebettet, als das weichſte Pfühl. In dieſem Augenblicke dünkte es ihm, als rege ſich etwas in ſeiner Nähe. Er horchte genauer und glaubte 111 keuchende Athemzüge zu vernehmen. Maugiron war es nicht; denn es kam von der andern Seite. Guy de Viole! rief jetzt eine bekannte Stimme, biſt Du erwacht?— Siehe, ich bin Dir nahe in den gefähr⸗ lichſten Stunden deines Lebens. Adelma! rief freudig der Jüngling. Lohne Dir Gott Deine Treue! Stehe auf, ſagte ſie, und wecke Deinen Gefährten, denn es iſt Zeit, daß Ihr eilet. Die Verfolger waren Euch nahe genug. Die Vevfolger? fragte erſchrocken Guy. Ja doch, entgegnete die Alte. Meinſt Du denn, Eure Flucht ſey ſo unbekannt in Rouen? Ich bin dort geweſen, um, wo möglich, Dich zu retten— aber ich ſah Dich nicht. Doch meiner Söhne einer ſagte mir, daß Ihr, in Begleitung eines Fremden, glücklich ent⸗ flohen. Ich eilte hierher, wohl wiſſend, welchen Weg Ihr genommen— aber ich ſah Euch nicht, auch den nicht, der Euch rettete, ſo ſehr ich es gewünſcht. Endlich ent⸗ deckte ich Eure Spur und fand Euch; aber zu gleicher Zeit ſchallte auch der Ton vieler Stimmen vom Ufer her. Ich ſchleiche hin und finde den gräulichen Tavan⸗ nes, der Euch verfolgen will. Er kennt mich und fürchtet mich, da ich ihm ſo Manches prophezeiht, was ihm nicht gefällt, und er forſcht mich aus. Ich erzählte ihm, meine Horde liege in dem Walde und ich weile ſchon den ganzen Tag über hier. Sogleich fragte er nach Euch. Da habt Ihr einen Irrweg eingeſchlagen, Marquis, ſage ich ihm; denn ſeht, da drüben am rechten Seine-Ufer liegt im Schilf der Kahn, der ſie wahrſcheinlich rettete— deutlich anzeigend, 112 in welcher Richtung Ihr ſie zu ſuchen habt. Die Au⸗ gen des ſchlauen Fuchſes entdecken das Schifflein, und alſobald leuchtete ihm meine Weiſung ein. Sie ſetzen über und ſuchen Euch nun dort. Daran mögt Ihr ſe⸗ hen, daß Eures Bleibens hier nicht länger iſt. Guy hatte der Alten mit ſteigendem Erſtaunen zuge⸗ hört. Er weckte Maugiron; aber dieſer nahm Anſtand, ſich ihr anzuvertrauen. Guy verpfändete ſein Ehrenwort für die Alte, die ſich dadurch gewaltig geſchmeichelt fühlte, und da erſt folgte auch Maugiron der Führerin. Ihr Weg gieng durch Dickigt, über Stock und Stein. Die Alte humpelte ſchnell und unermüdet fürbaß; allein ſchon nach einer halbſtündigen Wanderung erklärte Mau⸗ giron, daß er nicht mehr weiter könne, weil er eine gänzliche Erſchlaffung und einen quälenden Hunger und Durſt fühle. Die Alte lachte. Da langet zu, rief ſie, und reichte ihnen ein rauhes Brod, das faſt ungenießbar war. Guy fühlte ſich gewiß in eben dem Zuſtande, wie Maugiron, allein er mochte nichts ſagen. Nun aber griff er haſtig nach der Brodrinde, die ihm die Alte reichte, und aß ſie mit einer Luſt, als wäre es die köſtlichſte Speiſe. Adelma, die die Gegend genau kannte, ſchaffte auch Waſſer, und neu geſtärkt traten ſie dann wieder ihre Reiſe an.— Doch der ſonſt ſo heitere Maugiron, der in jedem Ungemach ſcherzen konnte, war einſilbig und düſter. Das Schickſal Rouens, der Tod Montgomme⸗ ri's, den er als gewiß vorausſetzte, ſchmerzte ihn tief. Er äuſſerte dieß gegen Guy, als dieſer nach dem Grunde ſeiner Verſtimmung gefragt hatte. Da habt Ihr wohl lrſache zu trauern, ſprach in ih⸗ rer gewöhnten Art die Alte. Adelma iſt dort geweſen 115 und hat Greuel der Verwüſtung geſehen, vor der ihr ſchauderte. Großer Gott! rief Maugiron erſchüttert aus, das muß ſchrecklich geweſen ſeyn, wenn es ſelbſt ein Zigeu⸗ nerherz zum Schaudern brachte! Die Alte ſchien es zu überhören, oder wollte es nicht hören. Sie ſchwieg. Guy bat leiſe ſeinen Genoſſen, ſie nicht zu beleidi⸗ gen. Sie allein kann uns vor Irrwegen ſichern, uns retten, da wir von Feinden umgeben und des Weges unkundig ſind. Thut es um meinetwillen, Maugiron, bat er. Ich bin der Alten hoch verpflichtet. Maugirvn lachte. Meint Ihr denn, dieſes Zigeu⸗ nervolk habe ſo feines Ehrgefühl, wie Ihr? ſagte er lachend. Das will ich nicht unterſuchen, entgegnete Guy; allein auch unter der dichten Erdkruſte liegt oft der Dia⸗ mant, und warum wollt Ihr jeden Einzelnen verdam⸗ men, wenn ein Volk ſchlecht iſt! Seyd ruhig, Viole; Ihr nehmet warmen Antheil an der Alten; aber glaubt Ihr, daß ſie dort in Ruuen um menſchenfreundliche Zwecke zu erreichen herum ſtrich oder um im Trüben leichter zu fiſchen?— Adelma war weit voraus— ſie vernahm ihre Un⸗ terredung nicht. Jetzt blieb ſie ſtehen, um Athem zu ſchöpfen, und Guy mußte ſeine Vertheidigungsrede, die er eben ihr zu halten ſich anſchickte, unterdrücken. Glaubt mir, ſagte ſie, in ihrer frühern Erzählung fortfahrend, daß Eure Landsleute in Ronen grimmiger gewüthet, als Barbaren. Ich ſah Säuglinge morden, Weiber und Jungfrauen ſchänden, Häuſer anzünden— Greiſe würgen— ich ſah— und mir liefs eiskalt über 3. B. 5 114 die Haut, einen Greis von hohem Alter und großem Verdienſte, den edeln Marlorat, am Galgen!— Marlorat! riefen in düſterm Schmerze beide wie mit einer Stimme. Ja, fuhr Adelma fort, ſo war es. Und was meint Ihr, daß die Aerndte dieſer Saat ſeyn wird?— Du wirſt uns zuletzt eine politiſche Offenbarung ge⸗ ben wollen! rief jetzt Maugiron; laß das lieber und ſage uns, ob Du den Hauptmann Montgommeri kennſt? Den, der den König aufſpießte im Turnier?— fragte ſie— ja, den kenne ich— er vertheidigte die Stadt. Und weißt Du, was aus ihm geworden?— Er iſt der Strafe entgangen, die den Hauptmann de Croſe traf. Maugiron erſtaunte über des Weibes Kenntniß; aber eine innige Freude erfüllte ſein Herz, da er Montgom⸗ meri gerettet wußte. Iſt es aber auch ſicher, Du Alte, fragte er, daß Montgommeri gerettet iſt? Ich lüge nicht, Hauptmann, ſagte ſie unmuthig. Es war mein eigener Sohn, mein eilfter ſage ich, der ihm durchhalf. Möge ihm der Hauptmann reichlich lohnen, da der Lohn des Himmels nicht hell klingt! rief jetzt heiter werdend Maugiron aus— wahrlich, ſetzte er hinzu, Du Alte haſt Verdienſte! Wer eilf wackere Söhne der Welt ſchenkte, die ſo tapfer die Gefallenen zu entkleiden wiſſen und mit den mitleidigſten Vögeln, den Raben, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld ziehen und mittlerweile El⸗ ſterntugenden üben— der verdient ein Denkmal!! Ihr ſolltet des Alters nicht ſpotten, Hauptmann, ſprach jetzt ſcharf verweiſend die Alte. Es iſt im minde⸗ 6 — 115 ſten Betrachte nicht edel. An Anderes mag ich Euch nicht mahnen! Nun, nun, Mütterchen, werde mir nicht gram! Sieh, ich biete die Hand zum Frieden, und will Dir ſie ſogar mit ritterlicher Cvurtviſie küſſen, wenn Du es verlangſt. Auch gebe ich einem Deiner Eilfe oder Allen die Er⸗ laubniß, alles Geld, was ſie bei mir finden, wenn ich werde gefallen ſeyn, von Rechtswegen zu behalten! Die Alte konnte doch ein Lächeln nicht verbergen uͤber den komiſchen Ausdruck des Hauptmanns, und der Friede war hergeſtellt.. Während Maugirvn mit der Alten ſcherzte, gieng Guy nachdenkend und ſtille neben ihm her. Er dachte an jenen Hauptmann de Croſe, den er in einem Aus⸗ fall als tapfern und menſchlichen Soldaten kennen und achten gelernt hatte. Was ſollte ihm das Todesurtheil zugezogen haben? fragte er ſich ſelbſt und dann laut die alte Adelma. Ey, ſagte ſie, wißt Ihr denn nicht, daß er auf Con⸗ dé's Befehl Havre in der Engländer Hände lieferte? Dafür hat ihn der Connetable viertheilen laſſen. Zwiſchen den Freunden entſpann ſich nun ein lebhaf⸗ ter Streit über die Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit des Todesurtheils über Croſe. Maugiron war empört über jene Handlung Condé's, er nannte ſie frei einen Verrath an Frankreich— ja er ſtellte den Herzog von Guiſe gegen Condé, der Frankreich von ſeinem Erbfeinde befreit hatte, und dieſer lieferte ihm einen Hafen von ſo großer Bedeutung aus, der die Seine beherrſchte und ihm den Weg in das Herz Frankreichs bahnte. Der alten Adelma war nichts, was auf die jetzigen Verhältniſſe Einfluß hatte, unbedeutend. Sie horchte be⸗ 11¹6 gierig auf die Streitenden. Doch wurde ihr Reden end⸗ lich zu laut und ſie mahnte an die nothwendige Klug⸗ heit in ihrer gegenwärtigen Lage, was die beiden wohl einſahen und befolgten. In gerader Linie hatten ſie ununterbrochen ihre Wan⸗ derung fortgeſetzt, denn Adelma wußte ſo geſchickt die beiden Männer in Zigeuner umzuwandeln, daß auch kein Auge ſie zu entdecken vermochte, und nach einer lang⸗ wierigen und höchſt ermüdenden Fußreiſe erreichten ſie endlich Orleans, wo noch immer das hugenottiſche Heer ſtand, in gleicher Unthätigkeit wie früher. Es bedurfte eines Ereigniſſes wie die Eroberung und Zerſtörung von Rouen, und die Ankunft deutſcher Hülfsvölker unter den Befehlen des Herrn von Andelvt, Coligny's Bruder, und des wackern Rodelshauſſen, um endlich neues Leben in dieſe todten Maſſen zu bringen und Euergie in das erſchlaffte Weſen. Condé und Coligny ſaßen vereint in ernſter Bera⸗ thung über die zu thuenden Schritte, nachdem dAndelot angekommen war. Die Ungewißheit über Rouens Schick⸗ ſal lag ſchwer auf ihren Herzen. Noch war keine Kunde zu ihnen gelangt über deſſen Fall, und ſie ſchmeichelten ſich mit dem jetzt möglichen Entſatz, und beſprachen die ſchnelle Ausführung dieſes Planes eben, als man zwei Zigeuner meldete, die, wichtige Nachrichten von Ronen bringend, ſie nur dem Admiral oder Condé'n eröffnen wollten. Sie wurden alſobald vorgelaſſen. Welche Kunde bringt Ihr? fragt Conds haſtig. Kommt Ihr aus der Gegend von Ronen? 147 Aus Rouen ſelbſt, antwortete der Aeltere der beiden Zigeuner— das in den Händen des Connetable's iſt. Das lügſt Du, Hund! rief Condé, aufſpringend und auf ihn zueilend, das iſt unmöglich, tapfere Män⸗ ner vertheidigten die Stadt! Glaubt diesmal dem Kapitän Maugiron, den Ihr ja auch tapfer genannt, gnädigſter Herr, Ronen iſt in Feindes Hand! Maugiron? Ihr?— Leider! ſagte der Hauptmann— leider in ſchimpfli⸗ cher Verkleidung und durch eine ans Wunderbare gren⸗ zende Rettung entgiengen de Viole und ich, und wahr⸗ ſcheinlich auch der tapfere Montgommeri, dem allgemei⸗ nen Blutbade— wollte Gott, ich wäre auf Ryuen's Wällen gefallen! Höchſt betroffen ſtanden beide Anführer der Huge⸗ notten da. Sie trauten kaum ihren Ohren, als Mau⸗ giron nun das erzählte, wovon er Augenzeuge geweſen, und was er von Adelma, deren Wort doch in der letz⸗ ten Zeit bedeutend an Zuverläſſigkeit bei ihm gewonnen, gehört hatte. Den Admiral betrubte das Ereigniß tief— doch er⸗ trug er es ſtille und männlich. Condé klagte bald, bald fluchte und ſchwur er blutige Vergeltung an Paris zu üben, und Marlorat's und Croſe's Tod furchtbar zu rächen. Coligny kannte ſein Temperament, das vyn einem Ertrem zum andern ſprang, und ließ ihn gehen. Im Stillen erwog er den Stand der Dinge, und war nur in ſofern mit Conds einig, daß es jetzt an der Zeit ſey, entſcheidend zu handeln. . 3 —— 1¹8 Maugiron und Guy de Viole verloren nichts in den Augen der Anführer. Aus ihren Erzählungen und aus der langen Dauer der Belagerung gieng es hervor, daß tapferer Widerſtand war geleiſtet worden. Einige Tage nach ihrer Rückkehr in's Lager der Hu⸗ genotten kam auch Montgommeri an und beſtätigte alle ihre Ausſagen auf's Getreueſte. Freudig war das Wiederſehen der drei Freunde. Sie hatten ſich gegenſeitig für todt angeſehen und aufrichtig betrauert.— Als die Nachrichten von Rouen im Heere der Huge⸗ notten bekannt wurden, ſtieg die Erbitterung gegen die Kntholiken furchtbar. Laut verlangte das Heer, endlich in's Feld geführt zu werden, und die Heerführer ſahen ſich genöthigt, dem Wunſche Gewährung zuzugeſtehen. Coligny, den kein Ungemach beugen konnte, war un⸗ ermüdet thätig zur Eröffnung des Feldzugs. Conds kümmerte ſich weniger darum. Sein Gemüth war noch immer in der größten Spannung; und ob auch Coligny ihn noch ſo ſehr bat, nicht des Connetables Grauſam⸗ keit mit Gleichem zu vergelten, ſo vermochte er dennoch den Grimm des Prinzen nicht zu mäßigen über Marlv⸗ rat's Mord, den er perſönlich ſehr hoch geſchätzt, und Croſe's Blutgericht, der nur der Vollſtrecker der Be⸗ fehle des Prinzen geweſen. Er ließ öffentlich als Wie⸗ dervergeltung den Parlamentrath Jean Baptiſte Sapin, den er in Orleans gefangen hielt, und den ihm in die Hände gerathenen Abt von Gaſtines, Jean de Troyes, aufknüpfen. Die Unternehmungen der Hugenotten waren uͤber⸗ haupt von unglücklichen Zufällen begleitet. Ronen war gefallen, uur Lpon und Orleans waren von den bedeu⸗ 419 tenden Städten Frankreichs noch in ihrer Gewalt. Die Engländer, mit denen Condé jenen unglückſeligen Ver⸗ trag geſchloſſen, und denen er Havre und Dieppe über⸗ lieferte, erfüllten ihre Verſprechungen nicht ſo, wie ſie geleiſtet und von Condé erwartet wurden.— Die Kriegs⸗ völker, die Duras aus Guyenne heranführte, wurden von dem grauſamen Montluc geſchlagen und zerſtreut, und nur die Ueberreſte ſammelte Larocheſoucauld und führte ſie gen Orleans. Alle dieſe Mißgeſchicke waren aber nicht im Stande, Coligny's Heldenmuth und den der Seinen zu unter⸗ graben.— Höchſt erwünſcht waren daher die 8000 Deutſchen, die d'Andelot heranführte, obgleich auch ſie vielfach gelitten und nur nach unbeſchreiblichen Mühſe⸗ ligkeiten es ihnen gelang, Orleans zu erreichen. Neuer Muth belebte das Heer, als die Nachricht des baldigen Aufbruchs ſich zu verbreiten anfing. Jubel und Frohlocken war überall. Auch Guy und Maugiron, die nichts mehr wünſchten als Krieg, um die Lorbeeren des Sieges zu erndten, ſahen es mit Freuden. Das hugenottiſche Heer brach endlich auf und erſchien plötzlich vor den Thoren von Paris, wohin der Hof nach der Eroberung Rouen's zurückgekehrt war. Allgemeiner Schrecken ergriff Paris, als es die Feinde vor ſeinen Thoren ſah. Der Hof zitterte, indem er die gerechte Rache der Hugenvotten fürchtete, und aus Condé's Hand⸗ lungen in Orleans ſchließen zu müſſen glaubte, was die Hugenotten thun würden, wenn Paris in ihre Hände fiele. Schnell knüpfte man Unterhandlungen an, die ſich in eine für die Hugenotten ſehr nachtheilige Länge zo⸗ gen.— Der ſtrenge Winter trat indeſſen ein. Paris war ununterbrochen befeſtigt worden. Sechstauſend Spa⸗ 120 uier waren zum Heere des Hofes geſtoßen, und die Un⸗ terhandlungen zerſchlugen ſich endlich ganz. Condé's Heer hatte viel gelitten. Er ſah ſich in die Nothwendigkeit verſetzt, ſich in die Normandie zu zie⸗ hen, um neue Kräfte zu ſammeln und die engliſchen Sub⸗ ſidien zu erzwingen. Kaum aber war Condé von Paris abgezogen, als die bei weitem ſtärkere royaliſtiſche Armee ihm auf dem Fuße folgte. 135. Es war am 19. Dezember, als beide Heere unweit der kleinen, aber alten Stadt Dreur an den Ufern der Blaiſe einander im Angeſichte ſtanden. Coligny und Condé rechneten an dieſem Tage auf kei⸗ nen Angriff; demungeachtet ſtand ihr Heer ſchlagfertig. Unvermuthet griffen die Feinde das Heer der Huge⸗ notten an. Auf die Reiterei, die beſte Heeresabtheilung der Hugenotten, ſtürzten ſich die Feinde mit ſtürmiſcher Gewalt— aber mit Heldemnuth wurde der heftige erſte Angriff zurückgeſchlagen und die feindlichen Truppen ge⸗ worfen. Drauf, Kinder! rief Mouvans freudig, ſie fliehen! Gleich dem reißenden Waldſtrom ſtürzte ſich Mou⸗ vaus Regiment auf die Schweizer, die wie ihre Berge ſtanden und vom alten Connetable von Montmorenci ſelbſt befehligt wurden. Mörderiſch wuͤtheten die Huge⸗ notten in den Reihen der Schweizer, die endlich zu wei⸗ chen begannen. Mouvans Auge ſpähte nur nach dem Connetable— jetzt erblickte er ihn. Guy de Viole, der an ſeiner Seite kämpft, erhielt ſchnell den Befehl, ſich enger an ihn anzuſchließen, und im ſaußenden Galvpp 12¹ giengs weiter— jetzt war der Connetable erreicht, von Guy's Reitern umzingelt. Ergebt Euch! ſchrie ihm grimmig Mouvans zu, in⸗ dem er den Säbel über ſeinem Haupte ſchwang. Der Connetable, wohl einſehend, daß er verloren ſey, ergab ſich an Mouvans und wurde von Guy zurückge⸗ leitet, der alſobald wieder freudig mit ſeinen Leuten in das Treffen zurückkehrte. Condé hatte das Mitteltref⸗ fen des Feindes gänzlich geſchlagen, ſein Fußvolk zer⸗ ſplittert— aber allzu hitzig im Verfolgen des Sieges, den er zu ſeinen Gunſten ſchon entſchieden glaubte, ſein Fußvolk ſelbſt entblößt. Wie ein Tieger ſtürzte ſich Franz von Guiſe, dieß bemerkend, mit ſeinen Gensd'armes auf daſſelbe und ſchlug es in eine regelloſe Flucht. Saint-André warf ſich jetzt zwiſchen die hugenottiſche Reiterei, die noch das feindliche Fußvolk verfolgte, und die Fußvölker, unter denen Guiſe mähete mit unerhörter Wuth— und plötz⸗ lich ſah ſich Condé im Rücken angegriffen. Seine Rei⸗ terei war zerſtreut. Er mit wenigen allein, ſein Pferd war ohnedem verwundet, konnte nicht Stand halten, und wurde von dem Sohne des Connetable's nach hartnäcki⸗ ger Gegenwehr gefangen genommen. Der Royaliſten Jubelgeſchrei erfüllte die Luft; der Sieg ſchien ſich auf ihre Seite entſchieden neigen zu wollen. Coligny, der nie größer war, als im Unglück, ſam⸗ melte hinter einem Gehölze das flüchtige Fußvolk und ſetzte über die Blaiſe, von neuem bei dem Dorſe Blain⸗ ville das Heer des Hofes angreifend. Monvans kämpfte noch immer muthig mit Saint⸗André und zog ſich käm⸗ pfend auf das Dorf zurück, wo Coligny ſich mit ihm vereinigte und ein neuer heftiger Kampf ſich entſpann, Lips Erzdhl. 3. B. 6 122 der hartnäckig bis in die Nacht dauerte. In dieſem Kampfe fiel Saint-André. Mit Einbruch der Nacht zog ſich Coligny zurück. Der Sieg war unentſchieden, der Verluſt gleich groß auf beiden Seiten. Das Schlachtfeld war weithin mit Todten und Verwundeten bedeckt. Auch Guy lag ſchwer verwundet unter ſeinem Roſſe, das zu gleicher Zeit mit ihm tödtlich verwundet worden war. Die Nacht ſenkte ſich kalt über das Schlachtfeld her⸗ ab, die ſchreckliche Lage der Schlachtopfer noch durch ihre Kälte vermehrend. Auch die Royaliſten hatten ſich zurückgezogen und die Verwundeten ihrem Schickſal überlaſſen. Hell und glänzend waren die Sterne heraufgezogen. Ein ſchneidender Oſtwind bließ über das Schlachtfeld hin, wo der Tod in tauſend Geſtalten ſeine Opfer geſucht und gefunden, und gräßlich tönte das Wimmern und das Aechzen der Sterbenden und Verwundeten. Haufenweiſe krochen ſie zuſammen die Unglücklichen, Freunde und Feinde, und ſuchten Wärme in der ſchreck⸗ lichen Nachtkälte, und Mancher, für den noch Rettung möglich geweſen wäre, ſtarb einen gräßlichen Tod. Guy lag beſinnungslos unter ſeinem Roſſe. Er war ſchwer verwundet. Nur einmal kam er zur Beſinnung, aber der Schmerz raubte ſie ihm bald wieder— denn ein feindlicher Säbel hatte einen furchtbaren Hieb über ſeinen Schädel geführt, und nur durch die Wendung der Klinge auf der Hirnſchaale war er dem augenblicklichen Tode entgangen. Dadurch aber war gerade die Wunde fürchterlich groß und breit geworden. In dem Augen⸗ blicke der Beſinnung zog er die Decke ſeines Pferdes über die klaffende Wunde und fiel wieder in Ohnmacht. * 125 14. Eine ſehr wahre Bemerkung war es, die Maugiron einſt über das halbwilde, heimathloſe Volk der Zigeuner gemacht hatte— es folgte in den kriegeriſchen Zeiten, wie der Raben Schwärme, den Schlachtfeldern, um die Gefallenen zu berauben. Ihr ſeltſamer, durch finſtern Aberglauben gleichſam geheiligter Umgang mit den Men⸗ ſchen; ihr herumſchwärmendes regelloſes Beduinen⸗ leben weihte ſie bei ihrer Schlauheit in die tiefſten Ge⸗ heimniſſe ein, machte ſie den Menſchen weniger, als die Menſchen und ihre Verhältniſſe ihnen bekannt, und ſo hielten ſie gewöhnlich auf des Todes Aerndtefelde eine Aehrenleſe, die ihrer Arbeitſchen und Trägheit oft auf lange Zeit hinaus Vorſchub leiſtete. Hauptſächlich im ſüdli⸗ chen Frankreich und in den baskiſchen Provinzen ſich auf⸗ haltend, durchzogen ſie von da ganz Frankreich und kehr⸗ ten mit reicher Beute in ihre pyrenäiſchen Schlupfwinkel zurück. Adelma's Horde, eine der muthigſten und ſtärk⸗ ſten, die damals Frankreich durchzogen, folgte in ruhiger Ferne dem Heere der Hugenotten. Lüſtern nach Beute, harrten alle einer Schlacht. Die Alte allein verwünſchte ſie. Menſchlicheren, ja edleren Gefühlen hatte einſt das leidende Herz des Mädchens auf Saint⸗Flour ſich geöff⸗ net, wo die vollendete Weiblichkeit mit dem hohen Reich⸗ thume der ſanfteſten und reinſten Tugenden und Gefühle in Guy's Mutter als Vorbild ihr leuchtete. Und der Nach⸗ klang dieſes reinen Tones klang, wenn auch nicht ununter⸗ brochen— doch ſtark durch ihr ganzes Leben fort. Sie allein dachte mit Schrecken an eine Schlacht, in welcher Guy, ihr Liebling, ihrer Wohlthäterin Sohn— der Sohn des Mannes, den einſt ihr Herz mit aller ſüdli⸗ chen Gluth geliebt, Schaden nehmen konnte. Sie hatte 6* 124 von den Anhöhen von Montfort die Schlacht beobachtet. Kaum ſah ſie das Zurückziehen der Heere, kaum fiel der ſchwarze Schleier der Nacht über das ſchreckliche Ge⸗ mälde— da brach die Horde auf und nahte ſich durch das Gehölze, das ſich von den Anhöhen von Montfort bis Blainville und zu dem Ufer der Blaiſe herabzog, dem Schlachtfelde, um die Beute zu ſammeln. Mit einer Fackel in der Hand eilte ſie über das Schlachtfeld. Eine bange Ahnung ſchnürte ihre Bruſt ſo feſt zuſammen, daß ſie faſt nicht athmen konnte, und doch mußte ſie dem unbegreiflichen innern Drange fol⸗ gen und eines ihrer Todtenlieder halblaut ſingen. Schauer⸗ lich klang die düſtre ſchwermüthige Melodie, langſam und abgemeſſen geſungen, von der häßlichen Stimme der Al⸗ ten. Sie achtete nicht auf das Treiben der Leute ihrer Horde. Sie beleuchtete jeden Todten, jeden Verwunde⸗ ten, und irrte ſo in allen Richtungen über das Schlacht⸗ feld. Schon zu verſchiedenen Malen war ſie an der Stelle vorüber gegangen, wo der unglückliche Guy lag, und hatte ihn nicht entdeckt. Jetzt kam ſie zum dritten Male dahin und zog die Decke hinweg, die über ſeinem Haupte lag— und— erkannte ihn. Einen lauten Jammerſchrei ſtieß ſie aus und warf ſich dann jammernd über den Jüngling hin. Einige Leute ihrer Horde eil⸗ ten herzu, meinend, es ſey der, von allen geehrten, Ael⸗ termutter etwas Schlimmes zugeſtoßen. Staunend ſahen ſie ihren Schmerz. Es koſtete ſie Mühe, die Alte von dem Körper zu trennen. Sie unterſuchten ihn, und einer ſagte dann: Beſinnt Euch, Mutter Adelma; der, um den Ihr trauert, iſt nicht todt. Zwar iſt er ſchwer verwun⸗ det, eine Kugel iſt tief in ſeine Seite gedrungen und faſt iſt ſein Kopf geſpalten; laßt uns ihn verbinden. Die Alte wurde ruhiger. Sie unterſuchte ſelbſt den Jüngling. Matt ſchlugen die Pulſe— er lebte noch. Sie ließ ihn aufheben, ließ ihm etwas Wein einflößen, ihn ſchnell verbinden, ſo gut es möglich war, und lud ihn dann den beiden Männern auf. Sie wanderten nun über das Schlachtfeld hin, durch die Blaiſe, an der Stelle, wo eine Fuhrt den Durch⸗ gang möglich machte, und kamen nach einer langen Wan⸗ derung bei ihren Zelten an, die bei Montfort im Walde waren. Dort angelangt, wurde Guy in der Nähe des Feuers ſo gut gebettet, als es möglich war, und nun von der Kunſt, deren Mutter Noth und Natur war, verbunden. Der Aeltermutter ſtanden einige Mädchen, ihre Urenke⸗ linnen, mit ſorglicher Treue bei, indeß die Männer in fliegender Eile zu dem Schlachtfelde zurückkehrten. Den angeſtrengteſten Bemühungen der Alten gelang es, den Verwundeten ins Leben zurückzurufen. Matt ſchlug er— aber erſt gegen Morgen, das Auge auf und erkannte bald die Alte. Sie jubelte, als ſie es ſah, daß er ins Leben zurück⸗ gekehrt ſey. Siehſt Du, Guy, ſagte ſie freudig, die alte Adelma hält ihr Wort. Sie iſt Dir nahe in den ſchwerſten Stunden Deines Lebens. O dank dem Himmel, daß ſie es kann! Guy drückte matt ihre Hand und deutete nach oben. Nein, Du ſtirbſt nicht! rief ſie aus, Du darfſt nicht ſterben. Deine Bahn iſt noch nicht am Ziele! Er ſchloß ſein Auge wieder. Die Mädchen ſorgten für ſtärkende Brühen, die Adelma ihm einflößte, und ſo ſchlummerte er wieder ein. ————— 126 Ein allgemeiner Unwille war indeß bei dem männ⸗ lichen Theile der Horde rege geworden, als ſie die An⸗ weſenheit eines Verwundeten vernahmen, den Adelma unter ihre Obhut genommen. Ihr Sohn, der Hauptmann der Horde, machte ihr die bitterſten Vorwürfe. Undankbarer! rief ſie, Du biſt nicht werth, daß Dich Deine Mutter unter ihrem Herzen trug. Des Jüng⸗ lings Mutter rettete mich vom Wahnſinn und Tod, und Du willſt, daß ich ihr Kind dem Tode preiß gebe! Er ſchwieg beſchämt. Dann ſagte er: Wie willſt Du ihn fortbringen?— Wir müſſen ſchnell nach der Dau⸗ phiné aufbrechen und ſo zwiſchen beiden Heeren hindurch ziehen; denn dort links ſtehet das Heer Guiſe's, und Coligny zog ſich nach der Normandie zurück. Die Beute iſt ungeheuer, die wir gemacht. Wie wollen wir ſie fortbringen und den Verwundeten dazu— da hier keine Sicherheit für uns iſt? So zieht hin und laßt mich hier bei ihm! ſagte Adelma bitter, und bei dieſen Worten war ein Blick, in dem ſich Verachtung und Vorwurf ausſprach. Der Zigeuner gieng ſtille hinweg, erſt auſſerhalb des Zeltes wagte er es, murmelnd ſeinem Herzen Luft zu machen; allein er hatte den Muth verloren, weiter zu proteſtiren. Flechtet eine Bahre von Reiſern, befahl er zwei Jünglingen, die alsbald gehorchend ans Werk giengen. Eilig wurden die Zelten abgebrochen, die Beute auf⸗ gepackt und alles machte ſich reiſefertig. Der Hauptmann trat nun mit den Jünglingen und der Bahre zu Adelma. Ausgeſöhnt durch ihres Wun⸗ ſches Erfüllung, ſah ſie jetzt wieder freundlich auf ihren 127 Sohn; und ehe noch eine halbe Stunde verfloſſen war, ſuchte man umſonſt eine Spur von den wandernden Söhnen der Wüſte. Ein Eilbote Guiſe's brachte eine Siegesnachricht im vollen Sinne des Worts nach Paris. Condé iſt gefan⸗ gen, die Hugenotten vernichtet! ſchrie jubelnd der fana⸗ tiſche Pöbel der Hauptſtadt. Das Geläute aller Glok⸗ ken verkündete den Sieg der trunkenen Stadt, und Tau⸗ ſende ſtrömten zum hohen Portale von Notre⸗Dame hin⸗ ein, ein Te Deum zu ſingen für den Sieg über die ge⸗ mordeten Brüder. In ſeinem einſamen Gemache ſaß an einem Folian⸗ ten der Meiſter Acevedo und las eifrig. Der ſchöne, bleiche Knabe Gabriel ſaß, das Köpſfchen in die Hand geſtützt, an einem Fenſter, und ſchien trübe Erinnerun⸗ gen an der Seele vorüberziehen zu laſſen, denn das klare, ſchöne Auge ſchwamm in Thränen. Da ſchlug der Ton des Geläutes an ſein Ohr. Hört, rief er plötzlich aufſpringend— alle Glocken läuten, was bedeutet das?! Acevedo horchte. Er faltete dann ſeine Hände und rief ſchmerzvoll: O Gott, das iſt die Siegesfreude Frank⸗ reichs auf dem Grabe ſeiner Kinder! Ein kalter Schauer rieſelte durch ſeine Gebeine und es ſchüttelte ihn wie Fieberfroſt. Gabriel ſtürzte herzu. Angſtvoll fragte er: Was iſt Euch? Kind, ſagte der Alte, Du haſt einen Vater im Ge⸗ fängniß— wie wäre Dir's, wenn Du hörteſt, die Ge⸗ fangenen werden gerichtet, oder ſie ſind es wirklich? 128 Gabriel erbleichte. Großer Gott, es wäre ſchrecklich! Sieh, ſo iſt es mir, fuhr Acevedo fort. Dort ha⸗ ben Menſchen gefochten, die mir— unendlich theuer ſind. Leben ſie noch? Wer kann mir Gewißheit geben? Ach, ſagte Gabriel, ihr leſet ja in den Sternen— fraget ſie! Acevedo ſeufzte tief. Ach, ſagte er dann, der Tag iſt noch ſo lang— und es iſt eine ſchwere Aufgabe, das eigene Geſchick zu erforſchen! Er ſtand auf, denn eine peinliche Angſt und Unruhe verfolgte ihn. Da klopfte es leiſe an der Thüre des Gemachs. Schnell öffnete Acevedo. Eine Hand reichte einen Zet⸗ tel herein und zog dann die Thüre ſchnell zu, ſo daß der Alte nicht einmal ſehen konnte, wer es geweſen. Haſtig trat er zum Fenſter und las. Darauf trat er zum Kamin und warf den Zettel hin⸗ ein— aber ſeiner Stirne tiefe Falten glätteten ſich nicht. Schweigend verließ er das Gemach. Gabriel legte die Hand auf's Herz. Er iſt ſo gut, ſagte er leiſe, und leidet doch auch ſo viel, der Arme, und die Welt muß ihm viel genommen haben. Ach, mein Vater! mein—— Guy!— ſeufzte er und ſank wieder in ſeine Träumereien zurück. Zur Königin begab ſich der Meiſter. Kommt Ihr, mir Glück zu wünſchen, Acevedo?— fragte mit triumphirendem Lächeln Katharine. Nein, ſprach feſt Acevedo— denn anders iſt das Lvos gefallen. Wie? rief die Königin, Ihr wolltet an dem Siege zweifeln, den Paris mit Jubel verkündet?— Ihr?— 129 Ich, ſagte, ſich gleichbleibend, Acevedo. Zwar noch hörte ich nichts von der Botſchaft, die Ihr wahrſchein⸗ lich von dem Herzoge werdet erhalten haben; allein mag er Eurer Majeſtät melden, was er will— die Ster⸗ nenſchrift lügt nicht. und was meldet ſie? fragte halb enttäuſcht Ka⸗ tharina. 4. Condeé iſt in Eurer Gewalt— Montmorenci in der Coligny's. Saint⸗André hat ſein Geſchick erreicht, wie ich Euch verkündigt— aber es fehlen ſieben Tau⸗ ſende in dem Heere Guiſe's!— Katharina ſtarrte ihn an. So lügt der Siegesbe⸗ richt; das iſt kein Sieg Guiſe's— obwohl es ein Sieg für mich iſt.— Wohl, ſprach Acevedo, denn Saint⸗André iſt nicht mehr, und der, der Euch— vergebt Majeſtät, daß meine Zunge das Gräßliche ausſpricht,— der an Eure geheiligte Perſon frevelnd ſeine Hand legen wollte, Euch in der Seine erſäufen zu wollen ausſprach— er folgt bald ſeinem Bundesgenoſſen. Alſo ſpricht der Sterne Wort. Katharinen's Züge nahmen einen erſchütternden Aus⸗ druck an. Alle Leidenſchaften, deren ihr Herz fähig war, ſtanden leſerlich darauf geſchrieben. Krampfhaft bebte und zuckte ihre Lippe— aber ſie ſchwieg. Sie verſtand den Aſtrologen, der ſo kalt, ſo ruhig daſtand, als ob tiefer Frieden in ſeinem Innern ſey.— Der Aufruhr ihres Innern gieng vorüber. Sie wandte ſich lächelnd zu Ace⸗ vedo. Und, wie wird es dann werden?— Katharina wird Frankreich beherrſchen, ſagte Ace⸗ vedv. Euer eignes Herz beſtimmt das Wiel 130 Eine Glorie verbreitete ſich bei dieſem Gedanken über Katharina's Züge. Was wiſſet Ihr von Condé's Geſchick?— fragte ſie darauf. Eure Majeſtät vergißt es nicht, wie nahe ihr Conde ſteht. Ihr vergebet ihm den Fehler der Uebereilung, zu dem ihn Partheihaß trieb.—* Und wenn ich ihn nun hinrichten ließe, weil er Ha⸗ vre an Eliſabeth verrieth? fragte mit höhnendem Stolze die Königin. Der Herr leitet wie Waſſerbäche der Könige Herzen, ſagte Acevedo, Conds fällt nicht durch Eure Hand!— Was trieb Euch dann aber zu mir? fragte ſie nach einer Weile. Die Bitte, daß Ihr mir es geſtatten wolltet, in das Lager Guiſe's zu gehen, um Euch ſichre Kunde zu bringen! Es ſey, Acevedo! rief ſie aus; doch ſeyd klug. Ich lohne königlich, vergeſſet es nicht. Acevedo's Miene verzog ſich ſpöttiſch. Er eutfernte ſich ſchnell. Er gieng zu Gabriel. Kind, ſagte er, bleibe Du hier— doch nein, Du magſt mich begleiten!— Mein Herz will Ruhe und Frieden! Und wohin führt unſer Weg? Weit, mein Sohn, ſagte Acevedo. Du mächteſt hier nicht ſicher ſeyn; denn ich werde längere Zeit weilen in der Ferne. 15¹ 15. Und weit und immer weiter hinab nach der Au⸗ vergne und Dauphiné zogen die Zigeuner, und in ihrem Gefolge der immer gefährlicher erkrankende Guy⸗ Die alte Adelma verließ ihn nicht mehr. Wäre Gun eines ihrer Kinder geweſen, größere Liebe hätte das Mutterherz nicht üben können. Alle Sorgfalt ſchien indeſſen fruchtlos bleiben zu wol⸗ len. Das Reiſen in dieſer Jahreszeit war dem Leiden⸗ den ſehr nachtheilig, und doch traute die Horde nicht, ſich lange aufzuhalten. Der Unwille über des Kranken Anweſenheit wuchs mit jedem Tage. Adelma ſelbſt be⸗ fürchtete zuletzt eine Frevelthat. Und ſo faßte ſie den Entſchluß, den Jüngling zu Rabaud und Salers zu brin⸗ gen. Wer malt aber die Freude und den Schrecken der treuen Freunde, als der geliebte Jüngling jetzt plötzlich wieder zurückkehrte in die ſtille Hütte und— dem Tode nahe war?— Sie boten Alles auf, ſie wetteiferten mit einander, mit Adelma, die noch weilte bei dem Liebling. Ihren vereinten Anſtrengungen gelang es, ihn in einen beſſern Zuſtand zu bringen. Der Wundarzt von Grenoble, den Rabaud holte, ſprach von zweifelhafter Hoffnung, weil die Wunde ſehr verſäumt und gefährlich geworden ſey. Als Guy zum erſten Male aus der todtähnlichen Bewußtloſigkeit erwachte, und Rabaud und Salers ſah und die bekannten Räume der Hütte— da ſchien es ihm Fiebertraum, und nur ſchwer überzeugte er ſich von der Wirklichkeit des Verhältniſſes. Seine Leiden waren groß und weit hinaus ſchob ſich die immer noch ungewiſſe Wiedergeneſung. 152 Die Nachtheile der Schlacht von Dreur zu vergüten, vereinigte ſich Coligny mit den Engländern in der Nor⸗ mandie. Seinem Bruder Dandelvt trug er die Verthei⸗ digung des wichtigen Platzes Orleans auf, und dieſer warf ſich mit einer nicht unbeträchtlichen Macht hinein. Mouvans und du Pleſſis waren mit ihren Regimentern bei dieſer Heeresabtheilung. Beide und der Dritte im Bunde, der wackere Maugiron, waren höchſt betrübt über den Verluſt Guy's de Saint⸗Flvur. Keiner von ihnen hatte ihn fallen ſehen— darum deutete ihnen ſein räthſelhaftes Verſchwinden auf nichts anders als Ge⸗ fangenſchaft. Mouvans war unerſchöpflich im Lobe ſeiner Tapfer⸗ keit, die er an ſeiner Seite bewieſen, und um ſo mehr bedauerte man ſeinen Verluſt. Doch beruhigten ſie ſich ſchneller— da ſie als Gefangenen wohl— aber ihn doch ſicher wußten und die Hoffnung hegten, ihn wieder zu ſehen. Anders ſollte es ſich nach kurzem Zwiſchenraume ge⸗ ſtalten. Kaum war Dandelot in Orleans eingezogen, als Franz von Guiſe, nun alleiniger Befehlshaber des Heeres, vor Orleans erſchien, um die Belagerung mit allem Eifer zu beginnen; zu Schloß Cornce hatte er ſein Hauptquartier, und von hier aus leitete er die Bela⸗ gerung der Stadt, die Dandelot mit ritterlicher Tapfer⸗ keit vertheidigte. Von Guiſe's Treiben zu Schloß Cornée ſprach man im Heere viel Seltſames und Ungereimtes. Ein geheim⸗ nißvoller Menſch, ein Sterndeuter, hielt ſich bei ihm auf, ſagte man laut, und er habe ihn eingeweiht in die Geheimniſſe dieſer unſeligen Kunſt. Es war nichts Un⸗ 135 wahres, was man ſprach. Seit einiger Zeit war Ace⸗ vedo bei Guiſe, und manche Stunde der Racht brachte er bei dem weiſen Meiſter zu. Acevedo hatte ſich ganz ſeines Vertrauens bemeiſtert. Eines Abends, wo ſie wieder in ihre tieſſinnigen Be⸗ trachtungen ſich vertieft hatten, ſprach Guiſe den ſchon oft berührten Wunſch aus, einige Zeilen in des Conne⸗ tables Hände zu ſpielen, der von Dandelot in Orleans gefangen gehalten wurde. Was er ſchon einige Male abgelehnt, nahm dieſes Mal der Meiſter auf. Ich will es übernehmen, ſagte er, ſchützt mir den Knaben hier, und ſchon morgen bin ich in Orleans. Wie aber wollt Ihr das vollbringen? fragte der Herzog. Dafür laßt mich ſorgen, entgegnete der Aſtrolog. Ich habe in Orleans gelebt, als der Hof ſich dort aufhielt, und weiß Wege, die vielleicht Hunderten in Orleans fremd ſind. Der Herzog war froh, dieß zu vernehmen, und ſchon mit der einbrechenden Nacht trat Acevedo ſeine gefahr⸗ volle Wanderung an. Nach Orleans zu kommen, wo er wußte, daß du Pleſſis war, hatte Acevedo lebhaft gewünſcht; allein ſeine Klugheit ließ es nicht zu, dem Wunſche des miß⸗ trauiſchen Herzogs ſchnell zu begegnen. Jetzt endlich ſah er ſich am Ziele und leicht gelang es ihm, der ſo genau hier bekannt war, in die Stadt zu kommen. Der edle du Pleſſis ſaß allein in ſeinem Gemache und dachte den unglücklichen Folgen der Schlacht von Dreur nach, als ſeine Thüre ſich öffnete, und in einen langen und weiten Mantel gehüllt, ein Mann herein⸗ trat, den er im erſten Augenblicke nicht erkannte, als er 134 aber den Mantel abwarf, flog Acevedo an ſeine Bruſt. Sie hatten ſich kange nicht geſehen, darum war er innig und frendig, der Empfang. Bringſt Du mir Kunde von Guy? fragte du Pleſſis den Freund, und in dem Worte ſprach ſich der herzliche Antheil aus, den er an dem Jüngling nahm. Acevedo erſchrack. Guy? fragte er gedehnt— von Dir erwartete ich ſie!— Großer Gott! rief, von banger Ahnung bewegt, du Pleſſis— iſt er nicht unter den Gefangenen? Acevedo ſtützte ſich auf die Lehne eines Stuhles. Seine Knie wankten. Ich habe ſie alle geſehen, ich habe alle Verwundete geſehen, alle Todte auf dem Schlachtfelde betrachtet mit angſterfülltem Herzen, aber ich ſah ihn nicht! Das ſprach er mit zitternder Stimme. Da faltete du Pleſſis die Hände. So weiß Gott allein, wo er iſt und was ihn traf, ſagte er bewegt, denn er verſchwand im Gefechte, nach⸗ dem er heldenmüthig an Mouvans Seite gekämpft und mit ihm den Connetable zum Gefangenen gemacht; und erſt als die Nacht kam, denn früher verließ er nicht ſei⸗ nen Oberſten, ſeinen Freund Maugiron, verſchwand er. O mein Sohn, mein Sohn! rief herzzerreißend Ace⸗ vedo, ſo fand ich Dich, um Dir unbekannt zu bleiben und Dich wieder zu verlieren! Sey Mann, Viole, ſprach Pleſſis, eine Thräne zer⸗ drückend, und ſchloß den Freund an ſeine Bruſt.— Gerade das Räthſelhafte ſeines gänzlichen Verſchwindens giebt einen Schimmer von Hoffnung. Aler es war umſonſt, den Greis zu tröſten. Tief und erſchütternd war der Schmerz. Er verließ das Ge⸗ 155 mach du Pleſſi's nicht und hieng ganz ſeinem Schmerze nach, der durch den Vorwurf, daß er ſich dem Jünglinge nicht zu erkennen gegeben, unendlich geſteigert wurde. Am andern Tage gewahrten die Belagerten eine un⸗ gewöhnliche Bewegung im feindlichen Lager. Alle waren eines Angriffs gewärtig— aber er erfolgte nicht. Erſt in der Nacht lößte ſich das Räthſel gräßlich durch Kund⸗ ſchaften. An dem mildklaren Februartage war Herzog Franz von Guiſe aus dem Lager vor Orleans nach ſeinem Quartiere, dem Schloſſe Cornée, geritten. In Mitten des Weges lauerte auf ihn des Meuchelmörders frev⸗ leriſche Hand. Poltrot de Meray war es, der, von fa⸗ natiſchem Eifer erfüllt, ſcheinbar zu den Kathyliken ſich hingeneigt und, um die Mordthat an dem gefährlichſten Gegner ſeines Glaubens zu verüben, zu dem Heere der Katholiken übergegangen war. Er erſah den günſtigen Augenblick, wo der Herzog, von einer Anhöhe ſich um⸗ zuſchauen, ſein Roß anhielt, und traf mit tödtlichem Blei Guiſe's Bruſt ſo ſicher, daß er wenige Tage darauf ſei⸗ nen Geiſt aufgab. Dieſe Nachricht weckte den unglücklichen Acevedo aus ſeiner Lethargie. Lebe wohl! ſprach er zu du Pleſſis, ich muß zurück in's Lager, noch eine Pflicht zu erfüllen— zurück nach Paris. Ich fühle, der mürbe Bau dieſer Hülle bricht bald und der Bewohner kehrt zum Lande des Friedens heim. Trauernd entließ ihn der Freund, nachdem er Alles verſucht, ihn zum Bleiben in Orleans zu bereden. Acevedo kehrte ins Lager zurück, wo Gabriel in un⸗ ſäglicher Angſt ſeiner geharret. 156 Er ſah des Mannes tiefen Schmerz und forſchte lie⸗ bevoll. Ach, ſagte er, ich habe das letzte Erdengut verlo⸗ ren— ich bin ein Fremdling hier! Da warf ſich der Knabe an ſeine Bruſt und weinte heiße Thränen, und die ſeinen miſchten ſich mit ihnen. Laß uns nach Paris zurückkehren, Deines Vaters Rettung zu verſuchen! ſagte er zu Gabriel, und ſo ver⸗ ließen ſie das Lager. So weit entfernt auch eine Ausgleichung der Par⸗ theien zu ſeyn ſchien; ja ob ſie gleich, nach den Begeb⸗ niſſen der letzten Zeit, ſelbſt jenſeits der Grenzen der Möglichkeit zu liegen ſchien, ſo war ſie doch näher, als man dachte, und Condé, der ſich den Reizen des üppig⸗ ſten Hoflebens hingegeben, bot die Hand dazu dar. In Orleans wurden die Verhandlungen angeknüpft und nah⸗ men einen ſo günſtigen Fortgang, daß ſie bald ihr Ende erreichten und von beiden Partheien beſtätigt wurden. Die Vergünſtigungen, die Katharina, die ſich nun von zweien ihrer gefährlichſten Feinde befreit ſah, den Prote⸗ ſtanten zugeſtand, beruhigten dieſe, und gerne boten ſie ihre Hand zur Befreiung von Havre, das noch immer in den Händen der Engländer war. Nur der edle Ad⸗ miral und ſein Bruder waren unzufrieden mit Condé's Handlungen. Sie zogen ſich von der Unternehmung gegen Havre aus edlen Beweggründen zurück. Aufrich⸗ tig meinte es Katharina von Medicis nicht. Es galt ihr nur, für den Augenblick Nuhe zu gewinnen. Andre Plane bewegten ihre Seele. Sie fürchtete Conds's Theil⸗ nahme an der Regierung, da er nach dem Tode des Kö⸗ nigs von Navarra, ſeines Bruders, Anſprüche zu haben ſchien. Klug berechnend die Umſtände, ließ ſie durch das Parlament von Rouen Carl den Neunten in ſeinem vier⸗ zehnten Jahre mundig erklären. Die größten Wünſche waren ihr erfüllt. Ihr Herz frohlockte, und Acevedo, der ſo hoch in ihrer Achtung, als ſie niedrig in der ſei⸗ nen ſtand, wagte es zum erſten Male, für Arbeque's Befreiung zu wirken. So erſtaunt auch Katharina über dieſe Bitte war, ſie ſchien nicht abgeneigt, ſie zu gewäh⸗ ren, da Acevedo ihr das Vortheilhafte dieſer Handlung der Milde ins klarſte Licht ſetzte. Aber dieſer Wunſch ſollte ihm nicht erfüllt werden. Arbeque, durch vielfache Leiden aufgerieben, krän⸗ kelte im Gefängniß, und ſein Zuſtand ließ eine baldige Auflöſung erwarten. Acevedo, der dieß erfuhr, wußte ſich die Erlaubniß, ihn zu ſehen, unter der Verſprechung zu erwirken, ihn zum Katholizismus bekehren zu wollen. Arbeque wußte ſeine Gabriele ſicher bei dem men⸗ ſchenfreundlichen Manne, den er nicht kannte. Acevedy hatte ſich Gelegenheit zu verſchaffen gewußt, ihm dieſen Troſt ſchriftlich zu bringen. Jetzt eilte er mit der troſtloſen Gabriele zu dem Va⸗ ter, der ſeiner Auflöſung mit ſchnellen Schritten entge⸗ gen gieng. Erſchütternd war der Augenblick, da Gabriele an des Vaters Bruſt lag— keiner Beſchreibung fähig. Schmerz⸗ lich ergriff ſie den edlen Acevedo, deſſen Herz gebrochen war. Dieſes Wiederſehen griff den Kranken ſo heftig an, daß er dem Tode näher kam, als es vielleicht an⸗ dern Falls jetzt noch geſchehen wäre. 158 Gabriele verließ ihn nicht wieder, und Acevedo kehrte oft zu ihm zurück. Der Hof trat indeſſen jene für die Proteſtanten unheilvolle Reiſe durch Frankreich an, die das Edikt von Rouſſillon gebar, das dem kaum geſchloſ⸗ ſenen Frieden den Todesſtoß zu geben verhieß. Acevedo, den Katharina ſo gerne bei ſich gehabt hätte, blieb in Paris zurück, ſeine wankende Geſundheit vor⸗ ſchützend, eigentlich aber nur um bei Gabrielen zu blei⸗ ben, wenn der Tod den Vater von ihrem Herzen riſſe. Still und trübe floſſen nun ſeine Tage dahin. Sein Auge blickte oft in den ſtillen Abendſtunden ſehnſüchtig hinauf zu der Geſtirne Bahnen. Dort, im Lande des Friedens, war ſein Alles, dieſe Welt bot ihm nichts mehr. Nur die Sorge um Gabriele, die ſeinem Herzen theuer geworden war, gab ſeinem Leben Reiz, und der Gedanke, d Arbeque's Haß in Liebe zu verwandeln, Ver⸗ ſöhnung zwiſchen ihm und ſich zu ſtiften, beſeelte ihn. So wandelte er denn auch einſt wieder zu dem Lei⸗ denden. Weinend empfing ihn Gabriele. Er ahnete, was ihr Herz bewege, und ein Blick auf d'Arbeque zeigte ihm, wie nahe die Scheideſtunde ſey. Der leidende Greis faßte ſeine Hand. Ich fühle es, ſprach er matt, mein Stündlein iſt nahe. Ach, ich wollte gerne die Welt verlaſſen,— aber Gabriele iſt hülflos.— Nein, das iſt ſie bei Gott nicht, rief Acevedo— ſie iſt meinem Herzen theuer, und ſie ſoll mein Kind ſeyn, wenn Ihr ſterbet. Da verklärte ſich d Arbeque's Geſicht. Lohne es Euch Gott, was Ihr an meiner Verlaſſe⸗ nen thut! ſagte er; Gabriele ſagte mir, wie Ihr ſie be⸗ 159 ſchützt, wie Ihr liebevoll für ſie geſorgt, und das giebt mir die Hoffnung, daß Ihr ſie nicht verlaſſen werdet. Acevedo hob ſeine Hand empor. Bei Gott und ſei⸗ ner Gnade, die ich hoffe,. ich es Euch, ſie ſoll mein Kind ſeyn! Da drückte krampfhaft der Kranke ſeine Hand. Gott ſegne Euch! ſagte er mit tiefer Rührung. Ihr hebt eine Laſt von meinem Herzen; ach! ſie war ſo ſchwer, und friedlich kann ich ſterben. Da ergriffs mächtig das Herz Acevedo's.— d'Ar⸗ beque! rief er, Du ſtehſt nahe an der Pforte des Gra⸗ bes, auch mir iſt ſie ferne nicht.— Der Schleier falle — ich bin Viole de Saint Flvur!— d'Arbeque richtete ſich auf. Er zitterte heftig. Du? fragte er, und ſein Auge ruhte forſchend auf de Viole. Du, de Viole? wiederholte er, aber nicht der Haß, den er ſonſt gefühlt, erfüllte ſein Herz. Und Deinen Sohn habe ich fortgeſtoßen, als er mein Leben gerettet und Gabrielen, und ihre Herzen, die ſich liebten, habe ich auseinander geriſſen— und Du willſt Vater meines Kindes ſeyn? Kannſt Du mir vergeben, Du Edler? O, rief er, gieb mir Deine Hand!— de Viole zitterte. Er reichte ihm ſeine Hand. Gabriele kam herein. Kind, rief der Vater, komm— ſieh, ich ſcheide frendig, denn Friede iſt zwiſchen uns— Er iſt Dein Vater, mein Freund! O, komm an mein Herz! Da lagen ſie an ſeiner Bruſt, und das ſelige Gefühl der Verſoͤhnung zog durch Viole's Bruſt.— Als er ſich aufrichtete— ſah er dArbeque's bleiche Züge— er ſank zurück auf's Lager, er war nicht mehr! Und ohnmächtig ſank Gabriele in Vivle's Arme. 140 Er brachte ſie nach dem Louvre vermittelſt einer Sänfte. Still ließ er dArbeque beſtatten. Gabrielen's Schmerz war namenlos. Viole(wie wir ihn jetzt nennen wollen) verließ ſie nicht. Sein Herz fand Frieden bei Gabrielen's Schmerz, und ſie Troſt bei ihm.— Sie hatten ja beide Alles verloren, und nur noch ſich ſelbſt. Aber lange, lange dauerte es, bis die Zeit Gabrielen's Schmerz milderte, bis ſie im kindlichen Vertrauen dem, der jetzt ihr Vater, ihres Guy's Vater war, alle jene Begebenheiten, ſo weit es die jung⸗ fräuliche Schaam zuließ, vertrauen konnte, die d'Arbeque berührt hatte und die Viole unbekannt waren. Auch er fand Beruhigung in der Mittheilung ſeines Geſchickes; aber er verſchwieg Gabrielen den wahrſcheinlichen Tod Guy's. Muthig und ſtark trug ihn der edle Mann. Er erkannte es, daß dieſe Mittheilung ihr Herz ganz brechen würde; aber er weihte ſie ein in ſeine Geheim⸗ niſſe, und höher achtete ſie ihn noch und inniger„da ſie die erhabenen Zwecke ſeines Wirkens erkannte. 16. Den harten, ſchweren Kampf des jungen, unverwüſte⸗ ten, kräftigen Lebens gegen des Todes Gewalt kämpfte Guy lange Zeit. Eine gefährliche Krankheit geſellte ſich zu ſeinem Wundfieber und dem Schmerz ſeiner Wun⸗ den. Lange blieb dieſer Kampf unentſchieden. Alle An⸗ ſtrengungen der Heilkunſt blieben fruchtlos lange Zeit. Endlich, als des Frühlings mildes Wehen neues Leben der Natur einhauchte, und friſche Kraft durch alle Pulſe der Schöpfung wallte, da auch wurde des Jünglings Zuſtand beſſer, und ſeine kräftige Natur entwand ſich den Feſſeln des Todes. 14¹ Aber ſeine Kräfte kehrten nur ſehr langſam wieder. Es vergiengen Monate, ehe er wieder kräftig in den Wäldern umherſtreifen konnte. Seines Herzens innige Sehnſucht zog ihn zu dem Orte hin, wo er die glücklichſten Stunden ſeines Lebens gelebt hatte, nach Schloß Arbeque. Hier hoffte er Kunde von der Geliebten zu erhalten.— Doch er täuſchte ſich. Er kam an eines Tages auf dem Schloſſe. Ein mürriſcher Alter öffnete, der ihn nicht kannte; als er aber ſich zu erkennen gab, da erinnerte ſich der Greis des Jünglings wieder, und mit aller breiten Redſeligkeit des Alters erzählte er von ſeines Herrn unglückſeliger Reiſe; von Gabrielen's Thränen nach Guy's Entfernung, deren Urſache man nicht gekannt; von ihrem Widerwillen ge⸗ gen jene unſelige Reiſe nach Paris, und endlich von des Barons Tode, und wie dArbeque, auf den Fall ſeines Todes, ihm die Verwaltung des Gutes und der Burg fuͤr Gabrielen anvertraut. Wißt Ihr des Fräuleins Aufenthalt?— fragte Guy mit all der namenloſen Angſt, die ihm ihre hülfloſe Lage, ihr Alleinſtehen in der gefährlichen Hauptſtadt einflößte. Leider kenn' ich den nicht, ſprach betrübt der Greis; allein ſie ſelbſt hat mir des Vaters Tod gemeldet, und die nöthigen Weiſungen ertheilt. Und woher? fragte eifrig der Jüngling. Aus Paris, antwortete der Greis. Näheres aber ſagte ſie nicht. Sie nur in Perſon wird Rechenſchaft von mir fordern. Auch weiß ich nicht, wo ſie meine Nachrichten treffen ſollten, da ſie ihren Aufenthalt nicht weiter angab. Wer wird ihr beiſtehen, wer ſie ſchützen? rief Guy mit bangen Ahnungen aus. Ich wilt nach Paris und ſie aufſuchen! 14⁴2 Seyd Ihr jemals in Paris geweſen? fragte theilneh⸗ mend der Greis. In Paris war ich nie, obgleich ich mit Coligny's Heere davor ſtand. Dann will ich mich nicht wundern, daß Ihrs für ſo leicht haltet, dort Jemanden auszukundſchaften, verſetzte Jener. Glaubt mir, junger Herr, fuhr er fort, hielt ich es für ſo leicht wie Ihr, ich würde heute noch aufbre⸗ chen, um meine junge Herrin zu ſuchen; allein Paris iſt mir nicht fremd, und darum habe ich den Wunſch aufgegeben, der oft zum Vorſatz werden wollte. Auch täuſcht Ihr Euch, wenn Ihr glaubet, es gienge ihr ſchlimm. Sie beruhigt mich ihretwegen: ſie ſpricht von edlen Menſchen, die ſich ihrer väterlich angenvmmen. Es müſſen alſo nothwendig Grunde obwalten, die die Verborgenheit ihres Aufenthaltes wünſchenswerth ma⸗ chen, und dieſe zu erforſchen, habe ich oft ſchon umſonſt mich angeſtrengt.— Guy verließ tief bekümmert den Ort. Sie lebt; der Gedanke erheiterte ſein Gemüth, und wie ein freundlich tröſtender Engel zog die Hoffnung in ſein Herz, mit ihr aber auch die Sehnſucht, dorthin zu ziehen, wo die Ge⸗ liebte ſich aufhielt, um, vertrauend auf den himmliſchen Schutz treuer, engelreiner Empfindungen— nach ihr zu ſuchen. Auch dieſem Wunſche nahte Gewährung, obgleich von einer andern Seite. Die Freunde Rabaud und Salers kannten keinen ſehn⸗ lichern Wunſch, als den, ihren Liebling, Guy, im recht⸗ mäßigen Beſitz der Burg ſeiner Väter zu ſehen. Bis⸗ her war Saint⸗Flour noch immer Eigenthum des Staa⸗ 14⁵ tes geweſen, nachdem die verſtoßene Diana de Poitiers die Burg hatte zurückgeben müſſen. Jetzt, wo der Frieden geſchloſſen war, wo der Hof geneigt ſchien, alle Mißhelligkeiten auszugleichen, wo Co⸗ ligny ſich in Paris aufhielt, und des Jünglings Schritte unterſtützen konnte, wo ein edler Mann, wie der Kanz⸗ ler lHopital, ſein Gewicht in die Wagſchaale des Rechts legen konnte; jetzt ſchien der günſtigſte Augenblick ge⸗ kommen.— Darum beſtürmten ſie auf's Neue den Jüng⸗ ling mit ihren Bitten und Vorſtellungen, händigten ihm alle die wichtigen Dokumente ein, die Salers Umſicht zur Zeit der Flucht de Viole's gerettet, und ließen nicht nach, bis Guy ſich zu handeln entſchloß. Guy war nun hergeſtellt. Seine Kräfte hatte er wieder; aber jene Friſche der Geſundheit, jenes blühende, jugendliche Weſen war noch nicht wiedergekehrt, und blaß waren ſeine Wangen noch. Allein ſein männlich ſchönes Geſicht erhielt dadurch einen leidenden Ausdruck, der es anziehender machte. Die warme Jahreszeit war wieder gekommen— ohne Gefahr konnte er die Reiſe unter⸗ nehmen, an deren Ziel die Hoffnung ſo viel Erwünſch⸗ tes verhieß. Guy trat dieſesmal wieder, von den geretteten Schäz⸗ zen aus beſſern Tagen ausgerüſtet, die Reiſe nach Paris an. Der alte Rabaud wollte ſelbſt ihn begleiten, allein dies gab Guy nicht zu, weil er zu ſchwach war, und ſo zog der Jüngling allein des Weges mit einem Herzen voll ſchöner Träume. Der Hof hatte eine Reiſe durch Frankreich unter⸗ nommen. Katharina gab vor, den jungen König ſeinem Volke zeigen zu wollen, und dadurch die Bande der Liebe zwiſchen König und Volk feſter zu knüpfen; aber gewiß 144 lagen andere Beweggründe tief in dieſem Herzen verbor⸗ gen. Sie verſäumte es nicht, den König auf die ver⸗ wüſteten Gegenden, auf die zerſtörten Kirchen und Städte aufmerkſam zu machen, und alle Schuld auf die Proteſtanten häufend, des Königs Haß gegen die Ketzer nur mächtiger zu entflammen. Ueberall trug ſowohl Carl der Neunte, als die Königin Mutter, die voffenbarſte Abneigung gegen die Ketzer zur Schau. Es war die günſtigſte Gelegenheit, den Saamen, der in der Bartholv⸗ mäusnacht ſo gräßliche Frucht trug, auszuſtreuen in Carl's Gemüth, und nichts wurde von allen ſeinen fana⸗ tiſchen Umgebungen verſäumt, was zu dem Zwecke füh⸗ ren konnte. Mit den ſchrecklichſten Entwürfen trug man ſich und Katharina nährte ſie heimlich, wenn ſie auch wohl hin und wieder den Ketzern einen freundlichen Blick gönnte. Nicht Milde war es, die ſie beſtimmte, jenem Bündniß, das zwiſchen dem Pabſt, dem Kaiſer, Spanien und Frankreich zur Ausrottung der Ketzer hatte geſchloſ⸗ ſen werden ſollen, nicht beizutreten, ſondern eine wohl⸗ berechnende Politik, die nur auf ſich ſelbſt ſich ſtützen wollte. Ihrem Ketzerhaſſe bot ſich eine beſſere Gelegen⸗ heit in Bayonne dar, wo die königliche Familie mit Eliſabeth, Philipps I. ſanfter Gemahlin, zuſammen kam. Aber nicht den Ergüſſen der heiligſten Empfindungen mütterlicher und kindlicher Liebe waren die Tage geweiht. Alba, der in ſo naher Wahlverwandtſchaft mit Kathari⸗ nen ſtand, der gräßliche Blutrichter, der allen Geſetzen der Menſchlichkeit Hohn ſprach, war hier ihr ſteter Ge⸗ ſellſchafter. Während der Hof in üppigen Genüſſen ſchwelgte, beſprach ſie mit ihm das Problem, das zu löſen ihr beiderſeitiger Wunſch war, die Ausrottung der Proteſtanten. Alba legte den Grund eines umfaſſenden 145 Plans in ihre Seele. Gewaltſame Unterdrückung mit einem Schlage, das war ſein Grundſatz. Nicht gerade ſtimmte ihm Katharine bei, aber dennoch faßte ſeine Idee Wurzel, und ſein Wort:„Daß der Kopf eines Lachſes mehr werth ſey, als alle Fröſche in den Sümpfen“ blieb in ihrem Andenken. Allein jene geheime Unterredungen blieben nicht ge⸗ heim. Heinrich von Navarra erfuhr das Geheimniß, und der zwölfſährige Knabe vertraute der hochherzigen Mutter, was er vernommen. Schaudernd begriff die edle Johanna den ſchrecklichen Plan. Ihre Warnungen ſchreckten Conds aus ſeiner Ruhe auf, und machten den Admiral Coligny aufmerk⸗ ſamer auf die Wege der Feinde. Doch zu offener Wi⸗ derſetzung war kein Grund vorhanden, jetzt wenigſtens nicht. Der Hof ſchien friedlich. Katharina nahm ihre Maske vor, und jene Verſöhnung der Häuſer Chatillon und Guiſe war ein verächtliches Spiel, das den Haß tiefer in die Gemüther ſenkte, indeß äußerlich das Hei⸗ ligthum des Menſchenherzens, Freu ndſchaft, erheu⸗ chelt wurde.— Katharine, je mehr ſie die Lage Frank⸗ reichs erwog, je mehr ſie einſah, daß ihre Verſchwendung und die Ueppigkeit des Hoflebens es entkräftete, begann nur im Kampfe der Partheien ihr Heil zu ſehen. Er bot Gelegenheit zu Einziehung von Gütern, bot Gele⸗ genheit, ihrem Lieblingſohne Heinri ch, Herzog von Anjon, eine wichtige Stelle, den Oberbefehl der Armee, zu übertragen, und dem glühenden Ehrgeize deſſelben die Bahn des Ruhmes zu eröffnen. Das neugeſchloſſene Buͤndniß mit dem Pabſte und den katholiſchen Kantonen der Schweiz, die Annahme von 3000 Schweizern in franzöſiſchen Sold, zeigten den Proteſtanten, was ſie zu Lips Erzähl. 3. B. 7 14⁴6 erwarten hatten. Sie blieben nicht unthätig. So rü⸗ ſteten ſich beide Partheien. Katharina's Klugheit hatte leicht einen Vorwand für ihre Ruͤſtungen gefunden. Alba führte ein mächtiges Heer nach den Niederlanden, dort zu thun, was Katha⸗ rina beabſichtigte. Scheinbar äußerte man Beſorgniß ob dieſes Heereszuges an den Grenzen des Königreichs. Die Klugheit rieth, ein Beobachtungsheer zuſammenzu⸗ ziehen, und dies geſchah, indeß der Franziskanermönch Hugo nach Madrid eilte, die wahren Gründe Philipp I. zu melden, der ſeine Rolle mit Sicherheit und Virtuo⸗ ſität ſpielte. So ſtanden die Sachen, als eines Tages Guy de Saint⸗Flour in den Hof des Schloſſes Chatillon ein⸗ ritt, wo Coligny ſich aufhielt. Bei ihm waren Mou⸗ vans und du Pleſſis. Die üble Geſtaltung der Ver⸗ hältniſſe für die Sache ihres Glaubens machte den Ge⸗ genſtand ihrer Unterredung aus. Guy wurde gemeldet. Alle ſahen ſich erſtaunt an, als ſein Namen von dem Diener genannt wurde. Es geſchehen Dinge, die an's Unglaubliche grenzen, ſagte Coligny— ſogar die Todten ſtehen auf! Er hatte dieſe Worte noch nicht ausgeſprochen, als Guy hereintrat, die Herren mit jenem edlen Anſtande begrüßend, der ihm eigen; mit jener Hochachtung, deren ſie würdig, und mit jener Herzlichkeit, zu der ihn ſeine Liebe zu ihnen hinzog. 8 Die Ehrerbietung vor dem Wmiral hielt allein Pleſ⸗ ſis und Mouvans zurück, dem Triebe ihres Herzens Folge zu leiſten, und den Jüngling an ihre Bruſt zu drücken⸗ —,— S — 147 Der Admiral trat ihm entgegen und reichte ihm mit väterlicher Huld ſeine Hand. Gottlob, daß Ihr lebt, Herr de Saint⸗Flour, ſprach er mit Gefühl, wir haben Euch alle als todt betrauert; und der Verluſt eines ſo tapfern jungen Mannes, deſſen Leben und Ruf ſo flek⸗ kenlos, hat meinem Herzen wehe gethan. Mit Freuden heißt es Euch darum willkommen! Der Jüngling drückte mit Rührung die Hand dieſes großen, edlen Menſchen. Jetzt aber konnte ſich der ſtürmiſche Mouvans nicht länger halten. Komm heran, rief er, Du wackrer Freund, der Du ſo ritterlich treu an meiner Seite kämpfteſt, den ich mit Schmerzen verlor! Da flog der Jüngling in des Mannes geöffnete Arme und aus ihnen in die des ſanfteren du Pleſſis. Als das herzliche Bewillkommen vorüber, ſprach der Admiral: Setzet Euch nun an meine Seite, Herr de Viole, und theilet uns umſtändlich Eure Begebniſſe ſeit jener unſeligen Schlacht bei Dreur mit. Sie müſſen ſeltſam ſeyn— denn Euer Verſchwinden war ſo rächſelhaft, als nach ſo langem Zwiſchenraume Euer plötzliches Er⸗ ſcheinen iſt.— Guy ließ ſich nieder. Sechs Augen hiengen an ſei⸗ nem Munde erwartungsvoll. Alles was zwiſchen jener Stunde ſeiner Verwundung und der lag, wo er die Freunde wieder ſah, erzählte er ihnen nun mit Offen⸗ heit und Treue. Voll Erſtaunen hörten ſie zu; machten ihm aber dann bittere Vorwürfe, daß er ſo lange her ſchon nichts habe von ſich hören laſſen. 148 Guy entſchuldigte ſich ſo gut es gehen mochte. Angelegentlich fragte er dann nach den jetzigen Ver⸗ hältniſſen, die ihm in ſeiner Einſamkeit unbekannt ge⸗ blieben. Coligny übernahm das unwillkommene Geſchäft, den Jüngling einen Blick in die verworrenen Verhältniſſe thun zu laſſen, und ihm die feindſelige Stellung des Hofes zu zeigen, deſſen Treuloſigkeit keinen Glauben, kein Zu⸗ trauen mehr verdiente. Wie ſchmerzlich ſah ſich Guy getäuſcht. Alle ſeine Hoffnungen ſanken nun zuſammen. Er äußerte ſein Vorhaben, nach Paris haben gehen zu wollen, dort die Zurückgabe von Saint⸗Flour zu betreiben. Der Admiral lächelte wehmüthig. Dieſe Hoffnung müßt Ihr aufgeben, Herr de Viole, ſprach der Admiral; denn des Hofes feindſelige Stellung deutet genugſam an, wie wenig man Eure gerechte For⸗ derung beachten würde; aber auch den Fall angenom⸗ men, der Hof wäre unſern Glaubensgenoſſen günſtig, dennoch würdet Ihr nur eine trügliche Hoffnung näh⸗ ren, da Katharina den Schatz, der vhnedem durch die Kriege und die Verwüſtungen, die in ſeinem Gefolge ſind, erſchöpft iſt, noch mehr durch ihre unſelige Reiſe und ihre Verſchwendung in üppigen Hoffeſten erſchöpfte. — Wie wolltet Ihr da hoffen, daß ſie eine ſo reiche Beſitzung, als Saint⸗Flour iſt, zurückgäbe?— Dieſe Gründe waren zu einleuchtend, als daß ſie bätten widerlegt werden können. Guy ergab ſich in ſein Geſchick; aber jener andere Gedanke, der ſeine Seele be⸗ herrſchte, wurde ſo leicht nicht aufgegeben. Das Geſpräch wandte ſich nun auf die nothwendi⸗ gen Rüſtungen der Hugenotten. Der Admiral theilte 14¹9 ihnen nun mit, was bereits geſchehen und wie viel noch geſchehen müſſe. Und zu dem, was ich thun muß, fuhr er fort, be⸗ darf ich treuer, muthiger und unternehmender Männer, wie die ſind, in deren Mitte ich jetzt ſtehe. Ihr, du Pleſſis und Oberſt Monvans, kennt ſchon die Aufträge, die Ihr zu erfüllen Euch entſchloſſen; Ihr aber, de Viole, noch nicht. Auf Euch rechne ich, und darum wünſche ich, daß Ihr in meiner Nähe bleibet; wollt Ihr das?— Ein Schmerz zog durch des Jünglings Bruſt— aber er richtete ſich männlich auf und gab feierlich ſein Wort, zu jeder Unternehmung bereit zu ſeyn. Coligny drückte ſeine Hand. So kannte ich Euch, ſagte er, und mein Vertrauen, das mich vft täuſchte, hat ſich in Euch herrlich bewährt, und dieſe iſt eine von den freudigen Erfahrungen, an denen das Leben nicht eben reich iſt. Bis tief in die Nacht blieben Mouvans und du Pleſ⸗ ſis in Chatillon— dann aber verließen ſie den Admi⸗ ral; Guny blieb in ſeiner Nähe und mußte den Plan, den ſein Herz entworfen, für jetzt aufgeben. Zu dem Vater über den Sternen betete er, und ſeinem Schutz empfahl er die Geliebte vertrauenvoll, und Frieden kam, des Gebetes reicher Segen, in ſeine bewegte Bruſt. Katharinas Kundſchafter umgaben mit Argusaugen den Admiral ſowohl als Condé, der ſich damals im Noyers in Auxerrvis aufhielt, und hinterbrachten ihr je⸗ den Schritt.— Damals wurde zum erſtenmale am Hoſe und im Kabinet Katharina's der Namen eines jungen Mannes genannt, der Katharina's wildes Herz durch die Erinnerung, die er heraufrieſ aus der Vergangenheit, 150 in ſtürmiſche Bewegung brachte. Guy de Viole de St. Flour nannte man als Coligny's Vertrauten, als den, der die geheimen Aufträge nach Noyers zu dem Prinzen Condé bringe, der ſelbſt in der Nähe Johanna's von Navarra zu Nerac ſey erblickt und von ihr ausgezeich⸗ net worden. Man ſchilderte ihn als einen der muthig⸗ ſten Männer der Hugenotten, der, noch Jüngling, in der Schlacht bei Dreux mit Mouvans den Connetable zum Gefangenen gemacht, und durch ſeine Tapferkeit in jener Schlacht dem königlichen Heere beträchtlich geſcha⸗ det. Es war wirklich an dem. Unbedingtes Vertrauen ſchenkte der Admiral dem jungen, fähigen Manne, und die Klugheit, womit er ſich der wichtigſten Aufträge ent⸗ ledigt, der nie raſtende Eifer für die Sache ſeines Glau⸗ bens, ſtellte ihn noch täglich höher in des Admirals Achtung und Werthſchätzung. Es war zu Monceaur en Brie, wo ſich damals der Hof aufhielt, und wo Katharina, bei dem ſich allmählig mit Wetterwolken umlagernden Horizont, das in ihrem finſtern Aberglauben wurzelnde Bedürfniß fühlte, den ihr ſo treu ergebenen Aſirologen Acevedo, der noch immer in Paris in faſt klöſterlicher Einſamkeit lebte, wieder um ſich zu haben, und den ſie darum zu ſich beſchied. Acevedo verließ ungern Paris, aber er, der durch die Nachricht von Guy's Wiedererſcheinen, die ihm ins ge⸗ heim du Pleſſis mitgetheilt, ein neues Leben gewonnen, er ſah jetzt, wie nothwendig es ſey, ſeine Stellung zu behaupten, und ſich tiefer in das Geheimniß zu hüllen, das ihn bisher verbarg; und ſo folgte er dem Rufe der Königin, das Wiederſehen des geliebten Sohnes beſſern Tagen übergebend. 15¹ Er wußte ihn ja jetzt am Leben; er wußte die ans Wunderbare grenzende Erhaltung des Jünglings, und ſeine dankbare Seele ſchwur aufs neue, ſich der heiligen Sache ſeines Glaubens zu weihen, und im Dunkeln die Blitze abzuleiten, die ihm Verderben droheten.— Ga⸗ briele ſah freudig die Aenderung des Weſens bei dem Manne, der jetzt ihr Vater war, den ſie ſo innig ver⸗ ehrte und liebte. Sie fragte ihn nach dem Grunde ſei⸗ ner erneuten Lebensluſt, die ihr um ſo weniger begreif⸗ lich war, da ſie durch ihn die ſich immer mehr verfin⸗ ſternden Ausſichten für die Glaubensgenoſſen kannte. Gabriele war ja das einzige Herz, das in Liebe ihm nahe war, in aufopfernder Kindesliebe— ihr erſchloß er ſein Herz und ſagte ihr, wie der Sohn, um deſſen Tod er getrauert, lebe und wiedergefunden ſey. Er ſprach jetzt begeiſtert von ſeinem Vaterglück, und von der Hoffnung, endlich ihm nahe ſtehen, ihn an's Vaterherz drücken zu können. Jener frühern Ereigniſſe ſeines Lebens gedachte er nicht, aus Schonung für Gabrielen, da er nothwendig des liebloſen Benehmens ihres ver⸗ ſtorbenen Vaters hätte gedenken müſſen, und ſo blieb es ihr unbekannt, wie nahe ihrem Herzen die ſer Guy ſtand, deſſen Namen ihrem Herzen ſo ſchmerz⸗ lich ſüße Erinnerungen zurückrief, und das Bild des Jünglings, den ſie liebte, in dem ganzen Farbenſchmuck der erſten Liebe zurückzauberte— den ihr Vater ſo hart, ſo undankbar von ſich geſtoßen, und nie ihr geſagt warum. Viole blickte mit unausſprechlicher Liebe auf das Mädchen. Er ſah, wie bei der Nennung des Namens „Guy' eine Flammenröthe ihr ſchönes Antlitz überzog. 152 Dann forſchte er leiſe und vorſichtig, ob wirklich Guy's wahre Verhältniſſe ihr fremd ſeyen. Er nannte den Namen„Salers⸗ wie zufällig und beobachtete ſie. Eine unausſprechliche Verwirrung bemeiſterte ſich Gabrielen's. Sie beugte ſich tief herab, denn ſie fühlte, daß Acevedo's Auge auf ihr ruhe. Nachdem ſie ihre Faſſung wieder gewonnen, fragte ſie, anſcheinend gleichgültig, aber mit zitternder Stimme, nach dem alten Salers, der einſt ihres Vaters Wunde geheilt. Viole, der jetzt genug wußte, ſagte leicht hingewor⸗ fen, der Alte lebe noch in der Dauphins. Ein tiefer Seufzer arbeitete ſich aus des Mädchens Bruſt herauf; aber ſie ſchwieg. 17. Die Hugenotten ſahen mit jedem Tag ihre wachſende Gefahr mehr ein, denn immer bedeutender wuchs das Heer des Hofes an, und immer deutlicher trat das Mähr⸗ lein von einer Beobachtungsarmee in's Licht. Zu Vallery und zu Chatillon hatten ſie bereits zahlreiche Verſamm⸗ lungen gehalten, worin beſchloſſen wurde, eine kräftige Stellung anzunehmen. Im engern Rathe zu Chatillon war ein Plan entworfen worden, der beſonders Condé, Mouvans und andre feurige Häupter der Hugenotten für ſich hatte, und da er am ſicherſten zum Ziele führen konnte, auch zuletzt des Admirals Beifall erhielt, der nimlich, den Hof in der Stille in Monceaux en Brie, wo Carl der Neunte die Freuden der Jagd genoß, auf⸗ zuheben, was um ſo leichter war, da Monceaur nicht befeſtigt, alſo auch um ſo ſicherer einzunehmen war. —— 135 Zu dieſem Schritte wurde nun Alles in der Stille vor⸗ bereitet.„ Guy de Viole war in dieſes Geheimniß eingeweiht, und war von dem Admiral erſehen, die Kunde davon nach der Meardie zu bringen, wohin ſich du Pleſſis⸗ Mornay begeben, um Truppen zu werben und den pro⸗ teſtantiſchen Adel der Pieardie für die neuen Unterneh⸗ mungen zu gewinnen. Mit den nöthigen Schriften verſehen, die er heimlich auf ſeinem Leibe trug, verließ Guy Chatillon, und trat, blos von ſeinem Diener begleitet, die Reiſe an, die bei dem immer mehr wachſenden Mißtrauen und bei der jetzt ſich mehr und mehr anfachenden Gluth des Fanatismus viele Umſicht forderte, wie ſie auf der andern Seite nicht ohne große Gefahr war. Mit den aufrichtigſten Segens⸗ wünſchen entließ ihn der Admiral, deſſen Herz doch ein wenig pochte bei dem Gedanken, wie doch ein unange⸗ nehmer Zufall das Geheimniß enthüllen könnte⸗ Die reizende Lage des Schloſſes Monreaur en Brie, mehr aber noch der große Reichthum der das Schloß umgebenden herrlichen Buchenwälder an Wild aller Art, feſſelte Carl den Neunten mit faſt unauflöslichen Ban⸗ den an dieſen Ort. Wie König Carl alles, was er ergriff, mit großer Heftigkeit und Leidenſchaftlichkeit er⸗ griff, ſo war die Jagd ihm wahrhaft zur Leidenſchaft geworden. Ueber ihr vergaß er Alles. Sie nahm un⸗ getheilt ſein ganzes Weſen ſo ſehr ein, daß er durch ſie ſelbſt zum Schriftſteller wurde. Katharina von Medieis wußte gar klug dieſe Leidenſchaft ihres königlichen Soh⸗ nes zu befriedigen, und ihn ſo von den Regierungsge⸗ ſchäften entfernt zu halten. Daher ertrug ſie gerne die traurige Einförmigkeit, die der Aufenthalt in Monceaur für ſie haben mochte— indem ſie klug den kleineren Verluſt des größern Gewinnes wegen trug. Schon lange hielt ſich der Hof in Monceaur auf, und noch immer war keine Ausſicht der Rückkehr nach Paris, da Carl vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend die Freuden der Jagd genoß, und ſelbſt oft die Damen des Hofes zu dieſen Freuden, ſo unweiblich ſie auch ſeyn mochten, hinzog. Vor allen gefiel ſich Mar⸗ garethe von Valvis, Carls Schweſter, in dieſen Ver⸗ gnügungen. Heiter und lebensfroh, im Mai ihrer Tage ſtehend, geſchmückt mit der reicheſten Fülle weiblicher Schönheit, fand ſie Erſatz für die Einförmigkeit Mon⸗ ceaur's in dieſen Zerſtreuungen, da ihr Sinn an die immer jungen Freuden des galanten und üppigen Hofle⸗ bens gewöhnt war. Es war am Ende Septembers, als Carl eine große Hetziagd angeordnet hatte, zu der die verſchwenderiſchſten Vorbereitungen gemacht worden waren, an der der ganze Hof Theil nehmen ſollte. Einer der freundlichſten Herbſt⸗ tage lächelte dem wilden Feſte. Frühe ſchon, denn im Walde ſollte das Mittagmahl in einem prachtvoll ge⸗ ſchmückten Zelte eingenommen werden, ſammelte ſich das Jagdgefolge im Hofe des Schloſſes. Die Herren des Hofes wetteiferten in Galanterie gegen die Damen, die in den reichſten und anmuthigſten Jagdkleidern, auf den zierlichſten Zeltern ſitzend, des Hofes Krone, die ſchöne Margarethe, erwarteten. Einer der ſchönſten ſchneeweiſ⸗ ſen Araber harrte, koſtbar aufgezäumt, der lieblichen Rei⸗ terin, die endlich an ihres königlichen Bruders Hand aus dem Portale des Schloſſes trat. Ein allgemeines Ah! der Bewunderung wurde laut, als die Herrliche hervor⸗ trat im grünen Jagdkleide, von goldner Stickerei über⸗ — 155 deckt. Sie war heute ſchöner als je, das geſtand ſelbſt die eitle, gefallſüchtige Luſtrac, Saint⸗André's ſchöne Wittwe. Ein leichtes Roth malte die Wangen der lieb⸗ lichen Prinzeſſin, und das dunkle Gewand hob recht die blendende Weiße ihrer Lilienhaut. Selbſt Carls dunkles Auge blickte mit Wohlgefallen auf die ſchöne Schweſter, die ſich ſo leicht, ſo anmuthig auf das ſchöne, ſtolze Thier ſchwang, und rief dem Mar⸗ ſchall von Tavannes zu: Unſre Jagd muß heute glücklich ſeyn, Marquis, denn ſeht nur, die reizende Göttin der Jagd, Diana ſelbſt, begleitet uns!— Lauten Beifall und einmüthigen erhielt die Galante⸗ rie des Königs. Höher färbten ſich Margarethens Wan⸗ gen; die Hörner erſchallten in luſtigen Fanfaren, und des Königs Aufſitzen gab das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Katharina ſtand auf dem Balkon und wei⸗ dete ihre Blicke vielleicht ſeit langer Zeit zum erſtenmale mit reiner mütterlicher Freude an der Tochter Liebreiz, der mit zauberiſcher Macht aller Augen auf ſie zog. Sie allein nahm nicht Theil und der Liebling ihres Herzens, Heinrich von Anjon, der eine Unpäßlichkeit vorgeſchützt. Bald war das Jagdgefolge der königlichen Geſchwiſter dem Blicke entſchwunden, und nur noch aus der Ferne klangen luſtig die Hörner zum Schloſſe heruber, und bald verlor ſich in reizendem Dekreszendo der liebliche Klang, dem Katharina gelauſcht, und ſie verließ den Balkon, ſich in ihre Gemächer zu begeben, um über wichtige Dinge mit Heinrich von Anjou zu verkehren. Alba's Saat, ausgeſtreut in den ſtillen Zuſammen⸗ künften zu Bayonne, begann zu keimen. Katharina's Gemüth hatte den Funken aufbewahrt, den der Würger ſo leicht in daſſelbe geworfen, als handle es ſich um ein Würfelſpiel. Oft ſah man ſie ſeit jenen Tagen bräten über finſtern Gedanken öfter verkehrte ſie mit dem fa⸗ natiſchen und grauſam en Heinrich dem Vertrauten ihrer blutigen Entwürfe. Auch die Stunden dieſes ungeſtörten Tages wollte ſie mit ihm verbringen in vertrauter Berathung. Sie war kaum in ihr Kloſett getreten, als der hoch⸗ fahrende Prinz, der in Carls ſchwächlicher Geſundheit die Hoffnung künftiger Thronfolge ſah, auch ſchon her⸗ eintrat und ſich zur Mutter ſetzte. Ihr Geſpräch drehte ſich fürs erſte um den nahen Ausbruch der Feindſeligkeiten. Gedenkt wirklich Carl dem Connetable das Kommando zu? fragte er die Mutter mit einem Tone, der nur zu deutlich das Mißvergnügen an dieſer Idee des Königs ausſprach. Urtheile nicht unbillig, Heinrich, erwiederte Katha⸗ rina; er muß dem Alten ſeine Gerechtſame laſſen. Ge⸗ dulde Dich nur eine kurze Friſt— ich weiß es, daß ſein Ziel nahe iſt.. Heinrich ſah ſie erſtaunt an. Acevedo, fuhr ſie fort, hat ihm das Horoscop ge⸗ ſiellt— er endet ſchnell, wie er behauptet, vielleicht in der erſten Schlacht.„ Heinrichs Antlitz erheiterte ſich. Wnd was gedenkt dann meine theure Mutter zu thun? fragte er. Du biſt dann am Ziele Deiner Wünſche— Du er⸗ hältſt dann den Oberbefehl, und Tavannes und Coſſé ſtehen mit ihren reichen Erfahrungen Dir zur Seite und winden die Lorbeern zu Deinem Siegerkranze. Voll dankbarer Freude küßte der Prinz der Mutter Hand. B5 ———— — — * — 157 Ihr ſollt Freude erleben, ſprach er, denn ich will ſie hetzen, die Ketzer, wie des Waldes Thiere, die Carl jetzt hetzet, während er die Ketzerbrut gewähren läßt nach ihrem verſtockten und verruchten Sinn. Säße ich an Carls Stelle auf Frankreichs Thron, anders ſollte es ſich geſtalten und bald ſollte Frankreichs Boden kein Ketzer mehr entweihen, und unſere heilige Kirche uneingeſchränkt herrſchen, ſo weit Frankreichs Zunge gehört wird. Du ſprichſt mir aus der Seele, ſagte vertraulich die Königin. Zu einſeitig, zu kraftlos war bis hierhin das Verfahren. Schlagt der Schlange den Kopf ab, ſagte Alba in Bayonne, und ihr zertretet das ohnmächtige Thier mit einem Tritt. Viel zu ſehr habe ich nach⸗ gegeben, und durch dieſe Milde, die ich unzeitig nen⸗ nen muß, ſind ſie ſo kühn geworden, daß ſie trotzen unſerer Macht. Heinrich ballte wild ſeine Fauſt. Mit einem Tritt ſie vernichten, das wäre allein der Weg zum Heil; denn ſo wachſen ſieben neue Köpfe, wenn einer vom Schwerte gefällt wird. Die Königin lächelte teufliſch in ſich hinein: Das iſt Alba's Meinung. Sie locken an einen Ort und ſie niedermachen, die Häupter, und dann durch Frankreichs Statthalterſchaften, die vorher mit vertrauten Leuten be⸗ ſetzt werden müßten, ein Gleiches thun— ſo wäre kurz und ſchnell das gute Werk vollbracht. Vergeßt es nicht, ſprach beſonnen der Prinz, daß ſo lange Hopital Kanzler iſt, ſein eiſerner Sinn und ſeine Neigung für die Ketzer Euch indirekt hemmend im Wege ſtehen wird. 158 [Hopital? fragte die Königin, und ein Zug bittern Hohnes um den Mund wurde ſichtbar; wer hält ihn, wenn deine Mutter will, daß er falle?— Wer aber wäre geeignet, ſeine Stelle nach unſerm Sinne zu ver⸗ treten? Morvilliers! ſprach der Prinz. Seine Geſin⸗ nung iſt die meine und die Eure.— In der That, Heinrich, Deine Wahl iſt gut, ſagte nach einigem Nachſinnen die Königin, und den Namen werde ich nicht vergeſſen. Ueberhaupt werde ich das, was wir hier beſprochen, wohl erwägen. Es wird ſich ein günſtiger Zeitpunkt finden, wo der Plan zur That wird. Gebraucht Ihr indeſſen einen tüchtigen Menſchen, deſſen Gewiſſen ſo weit iſt, daß die Sünden von ganz Frankreich es nicht füllen— ſo gedenkt des Namens: Maurevel! Eine Hofdame, die jetzt nahte, unterbrach das Ge⸗ ſpräch, das ohne Zweifel die hölliſchen Pläne noch weiter würde ausgeſponnen haben— indem ſie meldete, eben ſey Meiſter Acevedo von Paris angekommen und wünſche Ihrer Majeſtät Befehle zu vernehmen. Laß mich allein mit ihm, Heinrich, bat freundlich die Mutter, und der Prinz entfernte ſich. Im Vorſaale be⸗ gegnete er dem Meiſter, der ihn ehrerbietig grüßte. Leicht erwiederte der ſtolze Heinrich den Gruß. Sein blitzen⸗ des Auge ruhte auf Gabriels ſchönem Geſichte, der er⸗ rothend das Ange ſenkte. Der Prinz blieb ſtehen, ſah noch einmal um und verließ dann erſt den Saal, indem er unverſtändlich etwas in den Bart murmelte. Acevedo trat in der Königin Gemach. Sein Gruß war ernſt, aber ehrerbietig. Sein durchbohrender Blick 1⁵9 faßte die Königin ſo ſcharf, daß ſie faſt verwirrt ihr Auge niederſchlug. Seyd mir willkommen, Meiſter, ſprach ſie freund⸗ lich; lange waret Ihr fern, zu lange für meine Wünſche. Was hielt Euch doch ſo feſt in Paris? Die Laſt der Jahre drückt Euren Diener nieder, und der Fluch der Creatur, des Alters Leiden und Wehe ſucht ihn heim— alſo Acevedo mit hohlem, faſt geiſterhaftem Tone. Die Königin maß ihn mit ihren Blicken. Ihr ſeyd ſo rüſtig noch, ſagte ſie. Könnt Ihr es dem Baume anſehen, wenn ſein Mark faul und ſein Herz verdorret iſt? fragte er. Ich hoffe nicht, daß Eure Krankheit Euch in Euren Beobachtungen ſtörte? fuhr die Königin fort, denn gar Manches hat ſich ereignet, ſeit ich Paris verließ, über das ich den Willen des Schickſals zu befragen wünſchte. Ich gleiche der Nachteule, erwiederte Acevedo; die Nacht iſt meine Zeit des Wirkens— aber wie des Käuz⸗ lein's Ruf nur Unheil verkündet— ſo auch ich! Fra⸗ get nicht weiter, meine Gebieterin! Die Königin erſchrack heftig. Acevedo's Rede hatte ihre Neubegierde auf's Heftigſte erregt. Alſo Unglück weiſſagen die Sterne— Unglück mir!? — Redet, Acevedo! Ich bin Weib— aber meine Seele iſt ſtark, ſie kann auch Schreckliches tragen und hat es getragen bereits. Wohlan, Euer Wille geſchehe, ſprach Acevedo. Er richtete das brennende ſchwarze Auge feſt auf die Köni⸗ gin. Seine Stellung war imponirend; ungewöhnliche Gluth übergoß ſein Geſicht, und ſeine Rechte war erho⸗ ben. Höret, was die Sterne ſagen: Frankreichs Köni⸗ 160 gin, ſprach er mit prophetiſchem Feuer, und ſeine Stimme ſchien aus einer Grabeshöhle zu kommen: Frankreichs Königin, Blut— Blut— Bürgerblut— umwallt Dich in rauchendem Strome, und es ſchreiet um Rache zu dem Herrn, der ein Vergelter iſt alles Thuns! Blut düngt Frankreichs Boden— aber keine Saaten ſprieſ⸗ ſen, wo unſchuldig Blut floß.— Mutter— Dein Stamm erliſcht— ſchrecklich!— ein Aſt dorret ab nach dem andern— und iſt der Stamm gefallen, fället des Meuch⸗ lers Dolch auch den letzten Sprößling, der Todesengel wird ſein Schwert über Tauſende ausrecken, und ſein Schwert biſt Du!— Und Wüſteneien werden ſeyn, wo blühende Fluren ſind, und rauchende Trümmer, wo die friedliche Hütte ſteht— und von Süden her wallet der Blutſtrom!— Du— Du— leiteſt ihn!— Wehe! Wehe!— ruft die warnende Stimme!— der Fluch fol⸗ get, wo der Menſch frevelt in ſeinem gräulichen Wahn!— Katharina hatte vor ihm geſtanden und ſich auf einen Lehnſtuhl geſtützt.— Ihr Weſen war in einer faſt fie⸗ berhaften Spannung. Ihr Blick hieng begierig an ſei⸗ nem Munde, und alle Seelenkräfte ſchienen in dem Sinne des Gehörs ſich konzentrirt zu haben. Der Anblick des Mannes, wie er jetzt ſo vor ihr ſtand und das lange Gewand ſo loſe um die dürre Geſtalt hieng, der ſchnee⸗ weiße Bart über die Bruſt herabwallte, und das Ange aus ſeiner tiefen Höhle ſo zermalmende Blitze ſchoß, war der Art, daß ein unheimliches Grauen ſie ergriff, das ſie gewaltſam unkerdrücken wollte, aber nicht zu verdrän⸗ gen vermochte. Als er aber jetzt langſam und dumpf— die Worte— Blut— Blut— Bürgerblut ausſprach, und ſeine Stimme mit jedem Augenblicke mehr hob, alſo daß ſie gegen das Ende ſeiner Rede wie dumpfer Don⸗ 161* ner rollte— da durchfuhr eine Todeskälte ihr ganzes Weſen— das Blut wich aus ihrem Geſichte, ihre Zähne ſchlugen wie in fieberiſchem Froſte aneinander— ihre Hände zitterten, ihre Kniee wankten— ſie ſank, einer Ohnmacht nahe, in den Lehnſtuhl, und bedeckte ihre Au⸗ gen mit den Händen— indem ſie mit verzweifelndem Tone rief: Schweig, ſchweig, Du Schrecklicher! Acevedo blieb wie ſtarr in ſeiner Stellung.— Und als nach einem langen Zwiſchenraume Katharine mühſam ihre Faſſung wieder errungen, ſtand er noch ſo da, und aufs neue ergriff ſie Furcht und Entſetzen. Geht ins Vorzimmer, rief ſie ihm zu— Euer An⸗ blick tödtet mich!— Acevedo drehte ſich um und verließ, ohne ein Wort zu reden, das Gemach, und überließ Katharinen ſich ſelbſt und ihrem furchtbar erregten Gewiſſen. Aber wie er draußen im Vorſaal an das Fenſter trat— da faltete er ſeine Hände, und ſein Ange blickte empor zum Himmel, indem er leiſe ſprach: Herr, voll⸗ ende Du!— Eine Stunde floß hin, ohne daß ſich in Katharinas Gemach etwas regte. Acevedo mochte ſich nicht entfer⸗ nen; er kannte ſie zu gut, um nicht auch berechnen zu können, was nnn erfolgen würde. Sie kämpfte einen furchtbaren Kampf. So war noch nie die Hölle in ihrem Innern erwacht, als durch des Aſtrologen fürchterliche Worte. So oft ſie auch meinte, gefaßt zu ſeyn, ſo ergriff ſie das Zittern wieder. Sie verſuchte, was ſie in ähnlichen Fällen mit Glück ange⸗ wendet, mit Sophiſtereien des inneren Richters Stimme zum Schweigen zu bringen; aber es gelang nicht. Auch das kalt ſpottende Hinwegſetzen über das Gerede des 3. B⸗ 162 Mannes blieb erfolglos— denn zu mächtig hatte er ſie erſchüttert, zu genau hieng ſeine Rede mit dem eben erſt unterbrochenen Geſpräche zwiſchen ihr und Heinrich von Anjon zuſammen. Endlich gelang es doch der Erfahrenen, ihrer ſelbſt, wenn auch nur ſcheinbar, Herr zu werden. Sie trat vor den Spiegel und ſuchte ihren Zügen eine ruhige Faſ⸗ ſung zu geben.— Dann rief ſie den Aſtrologen zurück, allein faſt hätte ſein Anblick das mühſam erkünſtelte Werk wieder vernichtet. Ihr wart Zeuge einer augenblicklichen Schwäche, hob ſie nach einer Weile an, deren ich mich ſchäme.— Acevedo ſah ſie ſcharf an und murmelte in ſich hin⸗ ein: Du täuſcheſt mich nicht, Heuchlerin! Laßt uns, fuhr ſie fort, unſere Zwieſprache fortſetzen. Sagt mir, was von der nächſten Zukunft Ihr wiſſet!— Wenig, erwiederte Acevedo, wenig iſt es, was ich Euch ſagen kann— nur das Eine, daß Euch vielleicht eine nahe Gefahr drohet—— Welcher Art und von Wannen?— fragte ſie mit bebender Stimme, die es klar erwieß, in welchem wil⸗ den Aufruhr ihr Inneres war. So weit reicht meine Kunde nicht, verſetzte der Aſtro⸗ loge, doch geſtattet mir, daß ich heute und morgen der Himmelszeichen Lauf beobachte, und vielleicht iſt es mög⸗ lich, Euch genauere Kunde zu geben.— Gut, ſagte Katharina— thut das. Sie rief nun eine ihrer Hofdamen, und ließ dem Aſtrologen ein Gemach anweiſen, das ganz nahe an ihre Gemächer ſtieß. Acevedo verließ ſie nun, und gieng mit Gabriel in das angewieſene Gemach. Katharina aber beſchied ihre Frauen zu ſich, um im leichten Scherze und in flüchtiger Unterhaltung das er⸗ regte Gewiſſen zur Ruhe zu bringen, und in ihrer Ge⸗ ſellſchaft ſich ſelbſt wiederzufinden⸗ Einſamkeit konnte ſie jetzt nicht ertragen, da der Hoͤlle Furien ſie erfaßt hatten. Eine Stunde rechts von Monceaux breitete ſich der herrliche Hochwald aus, in dem Carl jetzt mit all der ihm eigenen Leidenſchaftlichkeit ſeine Lieblingsvergnügun⸗ gen genoß. Am ſüdlichen Saume deſſelben zog ſich die Heerſtraße hin, die nach der Picardie führte. An ein⸗ zelnen Stellen trat der Hochwald bis an die Heerſtraße vor, an andern begrenzte ſie blos ein hohes Gebüſch, indeß auf der andern Seite Fruchtfelder und ſaftige Wie⸗ ſen eine reizende Fläche bildeten. Recht warm für die herbſtliche Zeit ſchien die Sonne, und der Himmel war ungewöhnlich klar. Fernhin hörte man das wilde To⸗ ben und Treiben der Jagd; friedliche Stille lag auf der Ebene. Still ritt auf der Heerſtraße ein Jüngling daher auf einem gar ſchönen Roſſe, nur von einem in anſtändiger Entfernung folgenden Diener begleitet. Sein Aeußeres verrieth adeliche Herkunft— allein es war weit entfernt von jenem eitlen Prunke und Flittertante, wie ihn die jungen Edelleute am Hofe Katharina's liebten. Kein Ab⸗ oder Feldzeichen verrieth, ob er der Parthei der Chatillons oder Guiſen angehöre. Einfach, wie ſeine Kleidung, waren auch ſeine Waffen; aber in der ganzen Erſcheinung des Jünglings lag etwas Hohes, Ehrfurcht⸗ gebietendes. Es war eine männlich ſchöne Geſtalt; allein jene friſche Blüthe der Jugend gieng ihm ab; vielmehr trug ſein Geſicht einen Ausdruck eines leidenden Gemü⸗ 164 thes, und der tiefe Ernſt, der aus dem dunkeln, geiſt⸗ vollen Auge ſprach, hatte für ſeine Jahre etwas Fremd⸗ artiges. Alle Unterhaltung mit ſeinem dieß ungern ſe⸗ henden Diener verſchmähend, hieng der Jüngling ernſten Betrachtungen nach, und ſchien es nicht einmal wahrzu⸗ nehmen, daß der Rappe, den er ritt, und dem er nach⸗ läſſig den Zügel auf dem ſchön bemähnten Halſe ruhen ließ, einen recht gemächlichen Schritt gieng. Aufmerkſam horchte der Diener dem bisweilen näher ſchallenden Jagdgetöſe, und wartete ungeduldig auf die Gelegenheit, ſeinem Herrn ſeine Meinung darüber zu ſagen. Der ſchien es nicht zu hören. Endlich konnte er es nicht länger ertragen und ſagte: Ihr ſcheint heute gar keinen Antheil an dem zu neh⸗ men, was Euch umgiebt! Der Jüngling ſah, ohne zu antworten, ihn an. Dort geht es luſtig zu, fuhr der Redſelige fort— König Carl hat eine große Jagd. Woher weißt Du das? fragte jetzt aufmerkſam ſein Herr. Man ſprach in unſerer heutigen Herberge davon, fuhr der Diener fort, daß heute eine der glänzendſten Jagden in dieſem Forſte gehalten wurde.— So ſind wir wohl nahe bei Monceaur? fragte wie⸗ der der Jüngling. Das mag höchſtens eine Stunde links abliegen, ver⸗ ſetzte der Diener, und wenn Ihr Luſt traget, dort Euch umzuſehen, ſo mögte wohl jener Waldweg, den Ihr dort ſehet, ſicher dahin leiten. Dazu fühle ich eben keine Luſt, antwortete Jener, und es wäre mir weit lieber geweſen, Du hätteſt mich davon unterrichtet, daß dieſer Weg ſo nahe bei Mon⸗ 165 ceaur voruͤber fuͤhre, da Du der Gegend kundiger biſt als ich, der ich zum erſtenmale hier vorbei komme. Dieſer ſcharf ausgeſprochene Tadel brachte den Die⸗ ner wieder zum Schweigen. Der Jüngling faßte des Roſſes Zügel und der Sporn trieb das Pferd zu raſchem Lauf. Es ſchien, als wolle er gerne ſchnell aus dieſer ihm unheimlichen Nähe. Die alte Stille trat wieder ein. Das ſtille Hinbrüten des Jünglings machte aber jetzt einer wachſamen Aufmerk⸗ ſamkeit Raum. Er warf von Zeit zu Zeit ſpähende Blicke nach dem Walde, und trieb ſein Pferd immer wieder auf's Neue an. Er lauſchte jetzt ſelbſt aufmerkſamer dem Jagdgetöſe. Plötzlich aber hielt er ſein Roß mitten im Laufe an; denn ein gellender Schrei ſchnitt durch ſein Gehör. Was war das? fragte er den Diener, der auch mit offenem Munde horchte und ſein Roß anhielt. Das ſchien der Nothſchrei eines Menſchen, antwor⸗ tete er— und wenn mich mein Gehör nicht täuſchte, von einer weiblichen Stimme herzurühren. Kaum hatte der Diener geendet, als ein wildes Rau⸗ ſchen in den Zweigen gehört wurde und ein heftiges Schnaufen. In dem Jüngling regte ſich die Jagdluſt. Er ſpannte ſeine ſcharfgeladenen Piſtolen, indem er ſagte: Das iſt ſicher ein verfolgter Hirſch. Er ſah mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die Ge⸗ gend, woher das Geräuſch kam, das jetzt immer deutli⸗ cher zu vernehmen war. Es iſt kein Hirſch— ſagte der Diener, wohl aber das Schnaufen eines wild gewordenen Roſſes! 466 In demſelben Augenblick beſtätigte ſich dieſe Vermu⸗ thung. Ein ſchneeweißes Roß flog wild aus dem Walde heraus. Die Mähne flatterte, und in geſtrecktem Gal⸗ loppe flog es dahin über die Ebene. Da iſt ein Unglück geſchehen, ſprach der Jüngling— denn das Roß iſt reiterlos! der Reiter iſt geſtürzt, und von ihm kam der Schrei. Ihr wollt ſagen, belehrte der Diener, die Reiterin ſey geſtürzt, denn das ſchöne Thier trägt einen Damen⸗ ſattel.— Das iſt Eins, rief jetzt der Jüngling, jage Du dem Roſſe nach und ſuche es einzufangen, derweile ich den Verunglückten ſuche. Das iſt kein leichtes Stück Arbeit! brummte der Diener, indem er das Pferd ärgerlich herumwarf und ihm nachjagte. Der Jüngling ritt nun ſelbſt ſchnell in den Wald hinein, in der Richtung, in welcher das Roß heraus⸗ gekommen. Bald jedoch mußte er ſein Pferd anbinden, denn es war durch das Dickigt unmöglich gemacht, rei⸗ tend vorwärts zu kommen. Daher ſuchte er nun nach der Spur mit aller Sorgfalt. Allein dies Bemühen war ſehr fruchtlos, da bei der Dürre des Pferdes flücht ger Huf kaum eine Spur im Mooſe, das den Boden be⸗ deckte, zurückgelaſſen. Jemehr indeſſen die Schwierigkei⸗ ten ſich häuften, deſto ſtärker wurde der Zug ſeines men⸗ ſchenfreundlichen Herzens. Vorſichtig knickte er auf ſei⸗ nem Wege die Zweige, damit er nicht nur den Rückweg finden, ſondern auch ſein Diener ihn nicht verfehlen möchte. Ehe er noch eine Spur der Verunglückten entdeckt hatte, vernahm er ſchon das Selbſtgeſpräch ſeines Dieners, „ „ 167 der, ſiets laut zu denken gewohnt, vernehmlich des ein⸗ gefangenen Roſſes wundervolle Schönheit lobte. Eine bedeutende Strecke mochte wohl der Jüngling ſchon ſuchend fortgeſchritten ſeyn, als er durch das Ge⸗ büſch etwas Weißes ſchimmern ſah. Die Zweige aus⸗ einander theilend, entdeckte er ein weibliches Weſen, das in einem reichen, goldgeſtickten Jagdkleide vhnmächtig am Fuße einer Buche lag. Der weiße Schleier war mit Blut befleckt. Das Geſicht konnte er nicht ſehen. Ein Sprung über das Strauchwerk— und er ſtand an der Seite der Ohnmächtigen. Seinen Mantel breitete er ſchnell auf das weiche Moos und ergriff dann mit ſtarken Armen die ſchlanke, ſchöne Geſtalt des Mäd⸗ chens, und legte ſie auf den Mantel nieder. Sie war nur leicht am Halſe von einem Dorn geritzt. Schnell wickelte er den feinen Schleier um den ſchönen Hals, nachdem er vorher mit demſelben das Geſicht vom Blute gereinigt hatte. Züchtigen Sinnes verhüllte er die jung⸗ fräuliche Bruſt, und pfiff nun dem Diener. Dieſer war nahe. Der Befehl ſeines Herrn trieb ihn an, Waſſer zu ſuchen, um die Ohnmächtige damit ins Leben zurück⸗ zurufen. Jetzt erſt warf er einen prüfenden Blick auf die Jung⸗ frau und erſtaunte über ihre blendende Schönheit. Solche Reize hatte er noch nie in einem weiblichen Weſen ver⸗ eint geſehen. Sie wurden noch erhöht durch die rei⸗ zende Unordnung, in welcher ihrer Locken reiche Fülle um den ſchönen Kopf und auf den vollen, ſich nur leiſe hebenden Buſen wallten. In ſüßes Anſchauen ver⸗ ſank der Jüngling. 168 Der Diener kam zurück mit friſchem, klarem Waſſer, womit der Jüngling nun die Dame anwuſch, und dann dem Diener gebot, ſich zurückzuziehen. Bald darauf ſchlug die Schöne die Augen auf. Sie ſtarrte den Jüngling an und rief, ſich aufrichtend: All' ihr Heiligen, wo bin ich?— Beruhigt Euch, Fräulein, ſprach ehrerbietig der Jüng⸗ ling, Ihr befindet Euch in dem Schutze eines Edel⸗ mannes, der die Geſetze der Ehre heilig achtet, und weiß, was er den Frauen ſchuldig iſt. Er hatte die Hand auf's Herz gelegt, und der Ton, mit dem er ſprach, war ſo treu, ſo rührend herzlich und wahr— daß der Jungfrau Blick jetzt heiter und ru⸗ hig wurde. Ich vertraue Euch! ſagte ſie matt. Sagt mir nun vor allen Dingen, fuhr der Jüngling angelegentlich fort: fühlet Ihr irgendwo Schmerzen?— Ihr ſeyd geſtürzt, und Euer flüchtiges Roß verrieth mir, daß ein Unglück geſchehen. Nein, ſagte ſie, mit zauberiſchem Liebreiz ihm zulä⸗ chelnd, ich fühle keinen Schmerz, auſſer in meiner Hand, die wahrſcheinlich beim Falle litt, und hier am Halſe brennet es. Ihr habt Euch blos geritzt, und ich hielt es für gut, Euern Schleier als Verband anzulegen. Eine glühende Röthe überflog jetzt ihr Geſicht, und eine peinliche Verlegenheit bemeiſterte ſich ihrer. Erlaubt mir, daß ich Eure Hand unterſuche! bat er, und erröthend reichte ſie ihm die ſchön geformte, blü⸗ thenweiße Hand dar. —— 169 Faſt zitternd nahm ſie der Juͤngling in die Seine und unterſuchte ſie. Gott ſey Dank! ſagte er darauf, ich finde keine Ver⸗ letzung. Die Jungfrau ſah ſeine Verlegenheit. Ihr Herz ſagte ihr, daß ihre Reize den Jüngling bewegten, und ſie ſelbſt nahm es wahr, welch ein wohlgebildeter ſchöner Mann ihr menſchenfreundlicher Retter ſey. Jedes weibliche We⸗ ſen freut ſich ſeiner Triumphe, und auch die Jungfrau empfand eine leiſe Freude über die gemachte Bemerkung. Nach einer kleinen Pauſe ſagte der Jüngling: Ueber Euer Roß könnet Ihr gebieten, und ich bin Eurer Befehle gewärtig, wohin ich Euch bringen ſoll; denn Ihr bedürfet jetzt der Ruhe. So bringet mich nach Monceaux en Brie! bat die Jungfrau. Auf des Jünglings Befehl rüſtete der Diener die Pferde. Er bot der Jungfrau ſeinen Arm. Sie ſtützte ſich feſt auf ihn und wollte mit ihm nach der Landſtraße ge⸗ hen, als das Jagdgetöſe ſich näherte. Laßt uns bleiben, ſprach das Fräulein, denn mir ſcheint, daß des Königs Jagdgefolge meine Spur ent⸗ deckt hat und mich aufſucht. Bald darauf ſprengte wirklich ein Jäger durch das Dickigt. Es war ein reich gekleideter, junger, hagrer Mann. Seine Stellung war etwas ſtark vorgebengt, ein Zeichen einer ſehr ſchwachen Bruſt. Ein ſchwarzes großes durchdringendes Auge ſchoß Blitze. Sein Ge⸗ ſicht war gelblich und bleich, ſein Haar rabenſchwarz. Der Eindruck, den er machte, war keineswegs angenehm. Lips Erzähl. 3. B. 8 170 Er erblickte kaum die Gruppe der Jungfrau und des Jünglings, als er ſich vom Pferde ſchwang, es einem der ſchnell folgenden Herrn überließ, und mit den Wor⸗ ten vor ihnen ſtand: Haſt Du Schaden genommen, meine Schweſter?— Dankt es Gott und dieſem edlen jungen Manne, daß Ihr mich ſo heiter ſehet, mein königlicher Bruder, ſprach Margarethe von Valois zu Carl dem Neunten. Anſſer einer kleinen Verrenkung bin ich glücklicher gewe⸗ ſen, als es zu erwarten ſtand. Du biſt alſo wirklich geſtürzt? fragte weiter der König. Soviel weiß ich noch, antwortete Margarethe— laßt Euch das Uebrige von meinem Retter ſagen, der mehr davon weiß, als ich ſelbſt. Der König wandte jetzt ſeinen durchdringenden Blick auf den Jüngling, ließ ihn eine Weile auf ihm ruhen, wo er denn von Sekunde zu Sekunde mehr von ſeiner ſtarren Härte verlor und freundlicher wurde.— Dann fragte er: Wer ſeyd Ihr, junger Mann? Eurer Majeſtät getreuer Unterthan, Guy de Saint⸗ Flour.— de Viole? fragte raſch Carl, und ſein Mund verzog ſich auf eine höchſt abſchreckende Art. Eure Majeſtät nennt den Namen meiner Familie, verſetzte Guy. Die ſcheint nicht ſehr bedeutend mehr! ſprach mit einem höhnenden Lächeln Carl. Eine dunkle Röthe des Unwillens flog blitzſchnell über Guy's Geſicht. Er richtete ſein Haupt empor und 17¹ ſah muthig dem König in's Auge, und ſagte dann mit Nachdruck: Sie war es einſt, mein König und Herr, und ihre Verdienſte nicht klein um König und Vaterland, und wo man die Namen Montmorenei, Montesquieu, Eroi und Rohan nannte, da vergaß man der Vivle's nie!— Der König ſah ihn zornmüthig an. Seine Augen⸗ braunen zog er finſter herab, und unheilverkündend blitzte das Auge.— Doch ein Blick Margarethens, die, ihm nahe tretend, die Hand wie bittend auf ſeinen Arm legte, — verſcheuchte das drohende Unwetter. Wenn Ihr auch nichts ſonſt von Eurem Vater ge⸗ erbt habt, ſprach Carl ſcharf, ſo ſcheints doch der Man⸗ gel an Achtung und Ehrerbietung in der Nähe Eures Könias zu ſeyn! Er drehte ſich um und gieng dem allmählig ſich ein⸗ findenden Gefolge entgegen. Margarethe war bleich. Man ſah, es ſchmerzte ſie tief, daß der König ſo ſchonungslos gegen den Jüng⸗ ling war, der ihren wärmſten Dank und— ihr Wohl⸗ gefallen ſich erworben. Sie ſah Guy mit rührender Freundlichkeit an, gleich als wolle ſie das harte Beneh⸗ men ihres Bruders vergüten. Aller Augen waren auf den König gerichtet. Mar⸗ garethe nahm dieß wahr und trat Guy näher: Vergebt es ſeinem leidenſchaftlichen Gemüthe, flü⸗ ſterte ſie zutraulich. Nicht jedes Herz iſt undankbar. Ihr begleitet uns doch nach Monceaux?— Guy wußte nicht, was er thun ſollte. Die Bitte war ſo herzlich— er konnte nicht wohl widerſtehen. Eurer Bitte widerſteht Niemand! ſagte er, ſich nei⸗ gend. 8* 172 Margarethe erröthete. Sie war der Schmeicheleien gewohnt— aber aus dieſem Munde ſchien ſie ihr mehr zu ſeyn. Allmählig war das ganze Gefolge angelangt. Jeder drängte ſich zur Prinzeſſin— ihr ſein Bedauern zu bekunden. Ein dichter Schwarm umgab ſie. Guy ſtand allein. Der alte Connetable Montmorenei, der ſich durch Carls Wunſch hatte beſtimmen laſſen, Theil an der Jagd zu nehmen, trat nun auch herzu und mit ihm der Kö⸗ nig. Montmorenci hörte eben von Margarethen die Worte: Dieſem wackern Edelmanne danke ich meine ſchnelle Herſtellung! indem ſie auf Guy deutete, und blickte jetzt auf ihn. Schnell verließ der alte Held die Prinzeſſin und trat zu Guy, dem er mit Achtung ſeine Hand bot: Grüß Euch Gott, junger Held! ſprach er zu ihm. — Ich freue mich, daß wir uns noch einmal begegnen. Guy erglühte und neigte ſich ehrerbietig vor dem Greiſe, der ihn mit Wohlgefallen anſah. Ihr kennet den jungen Mann, Montmorenci? fragte neugierig, und wie es ſchien, ſeine frühere Härte berenend, der König. Sehr gut, erwiederte Montmorenci. Zweimal ſchon hat mir der junge Mann tapfer gegenüber geſtanden bei Rouen und Dreux. Bei Dreur gab ich mein Schwert in ſeine Hand— und ſie war nicht unwerth, das Schwert des Connetable's zu empfangen, denn Tapfer⸗ keit, Muth und Edelſinn verdient auch am Feinde Ach⸗ tung und Ehre! Wahrlich! rief plötzlich, wie von einer Rührung er⸗ griffen, der König, wer ſo fremdes Verdienſt ehret— — — 175 auch am Feinde, der verdient dreifach des Ruhmes Lor⸗ beerkrone! Und zu Guy wendete er ſich freundlicher: Ich hoffe, Ihr vergeßt das Frühere und begleitet uns nach Monceaux. Guy verbeugte ſich: Eurer Majeſtät Wunſch iſt mir Befehl! ſagte er, das bittere Gefühl unterdrückend. Guy's Diener brachte Margarethen's Pferd. Sie ſchwang ſich leicht in den Sattel, lächelte Guy freundlich zu und ſprach zum König: Geſtattet es mein königlicher Bruder, daß mein Retter an meiner Seite reite? Das iſt der Platz, den er verdient, antwortete der König, und winkte Guy, der alsbald ſich in den Sattel ſeines Rappen ſchwang, und die ehrenvolle Stelle an der Seite der liebreizenden Margarethe einnahm. Unter Hoͤrnerklang begab ſich die Geſellſchaft zum Zelte, wo das Mahl ihrer harrete. Guy durfte Mar⸗ garethen nicht verlaſſen. Ununterbrochen wechſelte ſie wohlwollende Worte mit ihm, und es ſchien, als finde Margarethe den Jüngling aus mehr als einem Grunde ihrer Dankbarkeit und ihres Wohlwollens werth, denn ihr Blick ruhte ſo wohlgefällig auf ihm, und ſie ſuchte, ſo ungezwungen als möglich, das Geſpräch mit ihm zu unterhalten. Ihr werdet doch einige Tage in Monceaur weilen? fragte ſie, als die Tafel ihrem Ende nahe war. Ihr macht, daß ich mit ſchwerem Herzen dieſe Frage verneinen muß, antwortete der Jüngling. Hat Eure Reiſe ſolche Eile, daß Ihr dieſen Wunſch mir abſchlagen müßtet? fragte ſie mit herzgewinnen⸗ der Freundlichkeit. 174⁴ Guy blickte in das ſchöne blaue Auge der Prinzeſ⸗ ſin, und es war ihm, als ſey er in einen Zauberkreis von dieſem Weſen gebannt. Ein Seufzer hob ſeine Bruſt.— Ein glühendes Roth übergoß ſeine Wangen. Er fühlte, es koſte ihn Ueberwindung— aber heiligere Pflichten lagen ihm ob. Und doch mußte er lügen, um ſeinen Zweck zu erreichen. Vergebt, Prinzeſſin, ſprach er, daß ich, ſo wehe es mir thut, Euch dennoch nicht zu Willen ſeyn kann; die heiligſte aller Pflichten, die Kindespflicht, ruft mich nach Paris. Dann muß mein Wunſch ſchweigen, ſagte Marga⸗ rethe. Habt Ihr etwa einen kranken Vater dort? Wollte Gott! antwortete der Jüngling mit Weh⸗ muth. Solch' ein glücklich Lvos iſt mir nicht gefallen. Ich ſtehe allein in der Welt— fremd— ohne Theil⸗ nahme.— Sagt das nicht ſo allgemein! flüſterte halblaut Mar⸗ garethe.— Da durchzuckte ein ſeltſames Gefühl den Jüngling, und ſein Auge traf mit Feuer die Prinzeſſin, die das ihre niederſchlug.— Der König hob jetzt die Tafel auf. Unſere Jagd war glücklich, den einzigen Unfall unſe⸗ rer theuern Schweſter ausgenommen, ſagte der König— und da ſie der Ruhe bedarf, ſo kehren wir nach Mon⸗ ceaur zurück.- Guy hörte das nicht. Ein ihm unbekanntes Gefühl durchbebte ihn bei dem Gedanken an Margarethen's Worte, die ihr ſo unbewacht entfahren waren, daß ſie ſelbſt höchſt verlegen ſeinen Anblick mied. 173 Man brach auf. Guy nahm ungeheißen die Stelle auf Margarethens linker Seite ein. Er bot ihr die Hand beim Aufſteigen— und ein freundlicher Blick des ſchö⸗ nen Auges lohnte reich. Kaum aber begriff er wenige Augenblicke ſpäter ſeine Kühnheit. Der Jüngling war ein Gegenſtand allgemeiner Neugierde und mitunter des Neides. So mancher junge Mann hatte ſich um einen Blick der Huld von der ſonſt ſo ſtolzen Schönheit be⸗ worben und vergeblich ſich beſtrebt, und dieſer erhielt ſo ſichtbare Beweiſe ihrer Huld, ohne daß er ſich ſonderlich darum zu bewerben ſchien, und war dazu ein Ketzer; und doch war ihm eine Ehre vom alten Montmorenci widerfahren, die ſelten einem ſo jungen Manne wurde. 18. Die ſich ſchon neigende Sonne begrüßte eben das Schloß Monceaur über die Waldwipfel herüber, als ſich die Jagdgeſellſchaft dem Schloſſe näherte. Der Hör⸗ ner froher Schall rief Katharina auf den Balkon. Fern⸗ her grüßte ſchon Margarethe und der König. Katharina gieng ihnen bis zum Portale entgegen. Heiter hüpfte ihr Margarethe entgegen. Bald hättet Ihr mich lebendig nicht mehr geſchaut, ſprach ſie lächelnd zur Mutter. Denkt nur, mein Ara⸗ ber warf mich ab. Die Mutter forſchte ängſtlich, ob ſie Schaden gelitten. Beruhigt Euch— ſagte ſie zu Katharinen, es fehlet mir nichts. Ein junger Edelmann wurde mein Retter⸗ Sie rief nun laut: Herr de Viole! Beſcheiden trat Guy hervor. ———— . 176 Seht, theure Mutter, hier meinen Retter. Ihr dankt ihm gewiß für das, was er an Eurem Kinde that. Ein fteudiger Schrecken durchbebte Katharinen, als Margarethe den Namen des Jünglings ausſprach. Das war ja der Vertraute Coligny's, der ſo unvermuthet in ihrer Gewalt war. Schnell überſah ihr Scharfſinn die Vortheile, die ihr aus dieſem Umſtande erwachſen konn⸗ ten. Jetzt galt es, den Jüngling zu gewinnen. Alle ihre Freundlichkeit bot ſie auf, ihm zu danken. An ihrer Hand mußte Guy die Treppe hinaufſteigen und dort an ihrer Seite niederſitzen. Margarethens Antlitz ſtrahlte die Freude über dieſe Behandlung Guy's zurück, die ihr Herz empfand. Sie ahnete nicht die Argliſt, die hinter dieſer Freundlichkeit lauerte. Katharinen mußte Guy Alles auf's genaueſte berich⸗ ten. Unvermerkt kam ſie auf den Zweck ſeiner Reiſe. Berlegen wiederholte Guy noch einmal die Unwahrheit, die er Margarethen geſagt. Katharinen entgieng dieſe Verlegenheit nicht, und ihr Argwohn hatte neue Nah⸗ rung. Sie wußte, daß du Pleſſis⸗Mornay in der Pi⸗ cardie warb. Sie witterte bald den Zuſammenhang, und ob ſie gleich keine Gewißheit hatte, ſo war doch eine lebhafte Vermuthung in ihr rege, Guy müſſe Brief⸗ ſchaften bei ſich tragen, die für ſie von Wichtigkeit ſeyen. Margarethe mußte den dringenden Bitten nachgeben und ſich in ihre Gemächer zurückziehen, ſo ungern ſie es that, da ihr Herz ſie an die Nähe von Guy zu feſſeln begann. Sie bat ihn vorher, wenn er durchaus morgen Monreaux verlaſſen müſſe, ja nicht zu frühe ſich zu ent⸗ fernen. Guy verſprachs, und ſo begab ſie ſich hinweg, in dem Scheideblicke allen Zauberreiz ihrer Freundlich⸗ „ haglicher in dieſem Kreiſe, als er es ſich gedacht hatte; 177 keit vereinigend. Lange indeſſen floh der Schlaf das jung⸗ fräuliche Lager. Guy's Bild umſchwebte ſie, und es wand ſich in alle ſüßen Bilder des Traumes— als der Schlaf endlich ſie beſiegte. Ehe man zur Abendtafel ſich begab, zog ſich die Kö⸗ nigin auf eine kurze Zeit zurück, die Guy im Geſpräche mit dem Connetable, der ihn noch immer ehrenvoll aus⸗ zeichnete, hinbrachte. Kaum war Katharina in ihrem Gemache angelangt, als ſie ein geheimes Gefach aus einem Schranke her⸗ auszog, ein weißes Pulver zurecht legte, und dann eine ihrer vertrauteſten Hofdamen, die Frau von Martignac, zu ſich beſchied, von der ſie wußte, daß ſie ſelbſt ein Verbrechen zu begehen bereit ſeyn würde, wenn es Ka⸗ tharina verlange. Ohne Zweifel wißt Ihr, redete ſie die Eintretende an, was ſich mit Margarethe und dem jungen de Viole zutrug?— Die Martignac bejahte. So wiſſet, daß dieſer junge Menſch der Vertraute Coligny's iſt, daß er geheime Papiere bei ſich trägt, die zu erhalten für mich von dem größten Vortheile ſeyn wird. Miſcht ihm dieß Pulver geſchickt in ſeinen Wein⸗ Es iſt ein betäubendes doch unſchädliches Mittel. Er wird dann ungemein feſt ſchlafen, und es wird dann leicht ſeyn, ihm die Papiere zu entwenden. Die Martignac war willig zu dieſem Bubenſtück. Sie nahm das Pulver und entfernte ſich ſchnell, die gün⸗ ſtige Gelegenheit wahrzunehmen. Die Tafel begann. Guy fühlte ſich bei weitem be⸗ denn nicht die entfernteſte Andeutung uber religiöſe Ge⸗ 178 genſtände wie uͤber die politiſchen ließ man fallen; viel⸗ mehr flog heiterer Scherz umher, und fröhliche, leichte Unterhaltung vergnügte alle. Seltſam aber war es Guy, daß er gegen das Ende der Tafel eine ſo unbezwingliche Neigung zum Schlafe fühlte, daß er kaum das Ende erwarten konnte. Katharina ſah triumphirend die Wirkung ihres Mit⸗ telchens. Guy begab ſich ſogleich zur Ruhe, und kaum war er in ſeinem Gemache, als er auch ſo heftig vom Schlafe berfallen wurde, daß er ſich, ohne ſich auszukleiden, auf das Bette warf. Er mochte etwa eine Stunde geſchlafen haben, da öffnete ſich leiſe eine geheime Tapetenthüre, und ein Mann ſchlich herein vorſichtigen Trittes. Er nahte ſich dem Bette. Noch war die Kerze im Brande, die Guy nicht einmal zu löſchen vermocht. Der Mann unter⸗ ſuchte nun alles an ihm genau, fand aber nichts; end⸗ lich entdeckte er eine mit einer Schnur am Halſe befe⸗ ſtigte ſeidene Taſche. Darin waren Schriften. Dieſe nahm er heraus, ſteckte unbeſchriebenes Papier hinein, ſchloß ſie wieder und knöpfte das Kleid wieder zu. Darauf entfernte er ſich wieder eben ſo leiſe, und brachte Catharinen die Schriften, ihr berichtend, wie und wo er ſie gefunden. Die Königin lohnte reich das Bubenſtück. Der Menſch entfernte ſich, und ſie ſetzte ſich zu der Kerze und las. Aber mit jedem Athemzuge wurde ihr Auge glühender, ihr Geſicht bläſſer. Faſt ſtockte ihr Athem. Als ſie die Schriften geleſen, warf ſie ſie wüthend auf den Tiſch und ſchritt heſtig auf und nieder. Bald aber legte ſich ihre Wuth, und Frende nahm ihre Stelle ein. 179 So hätte ich alſo die Falle ergriffen, worin Ihr uns fangen wolltet! rief ſie triumphirend. Das wird Euch nicht gelingen!— Aber welche Schändlichkeit! rief ſie nach einer Weile wieder. Sie klingelte nun. 3 Ruft mir Acevedo! ſprach ſi ſe e z Hofdame, und ſagt einem Herrn, er ſolle dem Könige melden, ich müſſe ihn noch ſprechen dieſe Nacht!— Nach einigen Augenblicken kam Acevedo. Ihr habt mir Wahrheit geſagt, Meiſter, ſprach die Königin, eine ungeheure Gefahr drohte dem König und mir— die Hugenotten wollten uns heimlich hier auf⸗ heben. Acevedo ſah ſie zweifelnd an. Woher wißt Ihr das ſo ſicher?— Iſt Euch denn das Ereigniß von heute ſo unbe⸗ kannt?— Margarethe von Valois ſtürzte im Walde. Ein junger Edelmann ritt nahe vvrüber, ſah das reiter⸗ loſe Pferd und rettete ſie. Und wer meint Ihr wohl, daß dieſer ſey?— Ich kenne zu wenig die bedeutenden Leute der Hu⸗ genotten! ſagte Acevedo. Der Vertraute Coligny's, fuhr eifrig und frendig die Königin fort— Guy de Saint⸗Flour— der Sohn je⸗ nes verruchten Ketzers Viole.— Ein heftiger Schrecken durchfuhr Acevedo. Er zit⸗ terte. Zum Glücke fiel der Schatten des Schirms vor Katharinens Kerze auf ihn, und ſie gewahrte es nicht und fuhr fort: Mir ahnete, daß er im Auftrage Cv⸗ lügny's nach der Picardie ziehe, wo du Pleſſis⸗Mornay iſt, und daß er Schriften von Wichtigkeit mit ſich führe. Die Martignac miſchte einen Schlaftrunk in ſeinen Be⸗ 180 cher, und ſo wurde es mir leicht, ihm die Schriften mit leeren Papieren verwechſeln zu laſſen. Denkt Euch nur, es ſind eigenhändige Briefe Coligny's und Condé's, worin ſie du Pleſſis von dem Plane unterrichten, den Hof in der Stille zu Monceaux aufzuheben, und ihn dann zu allem zu zwingen, was ſie wünſchten! Acevedo faltete ſeine Hände und ſagte mit bebender Stimme, obgleich nur mit dem Gedanken an Guy: Es iſt entſetzlich! Weiß es der König ſchon? Nein, verſetzte Katharina, ich wollte mich erſt mit Euch berathen. Meiner Meinung nach, entgegnete Acevedo, iſt nichts klügeres zu thun, als morgen in der Stille eine Ab⸗ cheilung oder alle Schweizer des Oberſten Pfyffer nach Monceaux zu ziehen, und unter ihrem Schutze nach Paris zurückzukehren. Das wird aber, verſetzte die Königin, noch mehrere Tage zugehen.— Ihr ſaget ja ſelbſt, daß Saint⸗Flour in Euren Hän⸗ den iſt— er kann alſo auch unmöglich die Kunde zu du Pleſſis bringen— und es ſcheint mir, daß ſie ohne dieſen nichts unternehmen wollen. Gut, ſprach Katharina zum Fenſter tretend, geht jetzt wieder zu Euren Vychhß denn der Himmel iſt hell und klar. Ihr habt mich darinnen eben geſtört— ſagte Acevedv. Geht nur, verſetzte ſie, Ihr ſollt heute nicht wieder geſtört werden. Acevedo entfernte ſich; aber er gieng hinab in das Souterrain des Schloſſes, wo er Guy's Diener bei einer Flaſche Weines eingeſchlummert fand. Er weckte ihn und zog ihn bei Seite. 6 18¹ Deinem Herrn droht große Gefahr, ſprach er heim⸗ lich; könnteſt Du Eure Pferde, ohne Aufſehen, etwa ei⸗ nige hundert Schritte vom Schloſſe hinbringen und ſie ſchnell zur Flucht bereiten?— Der Diener ſah erſchrocken den Aſtrologen an. Das ließe ſich thun, wenn es Noth hat— denn die Ställe liegen entfernt und die Knechte ſind trunken. Aber wie würdeſt Du ſie ohne Geräuſch heraus⸗ bringen? 3. Dafür laßt mich ſorgen, antwortete der Diener, ich umwickle die Hufe, ſo geht es. So eile, befahl Acevedo, in einer halben Stunde bringe ich Deinen Herrn. Wohin denn? fragte der Diener. Acevedo beſtimmte den Ort und gieng wieder unbe⸗ merkt hinauf in ſein Gemach. Gabriele, ſprach er da, wir haben ein wichtiges Werk zu verrichten. Ein hugenottiſcher Jüngling iſt im Schloſſe, dem Todesgefahr drohet— Er muß gerettet ſeyn. Man hat wichtige Papiere bei ihm gefunden. Wie heißt er, fragte mit bangen Gefühlen das Mäd⸗ chen?— Guy Salers, erwiederte Acevedo, er iſt Coliguy's Vertrauter. Gabriele wankte. Ein tödtlicher Schrecken ergriff ſie. Was iſt Dir? fragte innigſt bewegt der Greis. Ach, ſtotterte ſie, es iſt der Sohn— des Mannes, der einſt meines Vaters Wohlthäter wurde; er ſelbſt rettete uns einſt von dem Tode. Dann danke Gott, daß er Dir Gelegenheit giebt, zu vergelten! ſagte Acevedo. Doch laß uns eilen. Rüſte 182„ die Blendlaterne— hülle Dich in einen Mantel und komme! Er ſelbſt ergriff einen weiten Mantel für ſich und ein Gebund Schlüſſel, und ſo folgte das zitternde Mäd⸗ chen dem Manne. Sie kamen an Guy's Gemach. Es war Alles in dieſem Hintertheile des Schloſſes todt und ſtille, wie im Grabe. Acevedo löſchte die Lichter aus, die auf den Gän⸗ gen brannten. Er öffnete des Jünglings Thüre. Noch lag er unausgekleidet in tiefem, bewußtloſem Schlafe. Gabriele leuchtete ihm in's Antlitz. Ja, er iſt's! ſprach ſie leiſe und betete dann: Herr, laß es wohl gelingen.. Acevedo rüttelte den Schlafenden leiſe, dann hefti⸗ ger. Vergebens.— Er erwachte nicht. Großer Gott! rief er dann halblaut, der Schlaf⸗ trank iſt ſtark. Wie wird das werden!— Doch beſann er ſich nicht lange— er faßte den Schlafenden; auf ſeine Schultern lud er ihn, und ſo ſchritt er vorſichtig mit ſeiner thenern Laſt dem bebenden Mädchen nach.— Sie waren bald über die Gänge, und gewannen nun die Treppe nach dem Garten. Eilenden Schrittes giengen ſie durch die verſchlungenen Wege des Gartens. Jen⸗ ſeits der Gartenpforte wartete der Diener mit den Pfer⸗ den; aber ein neues Hinderniß ſtellte ſich ihnen hier dar. Wie ſollten ſie den noch immer Betäubten fortbringen?— Acevedo verſuchte auf's neue ihn zu wecken. Erſt als er ihn mit kaltem Waſſer beſprengte— erwachte er. Gabriele hüllte ſich tief in ihren Mantel. Ihr Herz pochte hörbar, und die Hand vermochte kaum, die La⸗ terne zu halten. ₰ „ 185 Ihr ſeyd in großer Gefahr, ſprach jetzt eifrig Ace⸗ vedo, flieht, ſo ſchnell Ihr könnt, nach Chatillon zurück, und ſaget Coligny, der Plan, den Hof aufzuheben, ſey verrathen. Wie das zugieng, werdet Ihr finden. Man hatte Euch einen Schlaſtrunk gegeben. In einigen Ta⸗ gen bricht der Hof nach Paris auf. Eilt jetzt, ſo ſchnell Ihr könnt. Trinkt dieß, ſetzte er noch hinzu, indem er ihm eine kleine Phiole reichte, es wird Euch munter erhalten. Guy druckte dankbar ſeine Hand, ſchwang ſich auf ſein Roß, und bald waren ſie im Walde verſchwunden. Acevedo hatte noch nicht lange das Gemach der Kö⸗ nigin verlaſſen, als ſie ſich zu ihrem Sohne, dem Könige, begab, der ſie mit Sehnſucht erwartete. Sie legte ihm die erbeuteten Papiere vor. Sein Zuſtand grenzte an wahnſinnige Wuth, als er ſie geleſen. Er ſchwur Tod und Verderben allen Kez⸗ zern. Katharine ließ dieſe Stimmung nicht vorüberge⸗ hen, ohne ſie gehörig auf den Punkt zu leiten, den ſie mit Anjou beſprochen. Doch hatte ſie den Muth noch nicht, mit dem ganzen hölliſchen Plane hervorzutreten, fürchtend, es möge ſich in Carls Bruſt durch die allzu große Verworfenheit deſſelben das Gegentheil erzeugen von dem, was ſie wünſchte. Carl wollte Guy de Saint⸗Flour ſogleich ergreifen und in Feſſeln ſchlagen laſſen. Er war um ſo ergrimm⸗ ter gegen ihn, da er ſich noch der Kühnheit erinnerte, welche Guy gegen ihn bewieſen. Dazu iſt morgen noch eben wohl Zeit, ſprach die Kö⸗ nigin, er liegt noch in halb bewußtloſem Schlafe, denn ich ließ ihm einen Schlaftrunk reichen, und gelangte auf dieſe Weiſe zu den Schriften. 184 Er ſoll ſchrecklich beſtraft werden! rief Carl. Laßt uns von Anderm reden, mein Sohn, nahm Ka⸗ tharine das Wort: Was denkſt Du von unſerer Ab⸗ reiſe?— Je eher, je ſicherer und beſſer, meinte der König. Katharina entwickelte ihm Acevedo's Plan, den ſie natürlich als die Frucht eigenen Denkens darſtellite. Carl gab ihm Beifall. Noch vieles wurde nun über die vergebliche und un⸗ zeitige Milde gegen die Ketzer geſprochen. Katharina ſchien leiſe auf l'Hopital zu deuten, als den Urheber die⸗ ſer milden Geſinnungen und Maßregeln. Ueber[Ho⸗ pitals eigene religiöſe Denkart ließ ſie einigen Zweifel blicken. Carl achtete den trefflichen Mann hoch; allein er wußte zu gut, daß lHopital allerdings immer fuͤr Milde ſtimmte, und ſchon manches drohende Unwetter von den Häuptern der Hugenotten abgeleitet, als daß nicht dieſe Andeutungen in ſeinem ſo leicht erregbaren Gemüthe den Argwohn gegen den Kanzler hätten erre⸗ gen ſollen; jedoch ließ er ſich jetzt nicht weiter darauf ein, und die Königin⸗Mutter verließ ihn— aber ſie ſandte dieſe Nacht noch Eilboten an Pfyffer. In der Frühe des kommenden Morgens traten be⸗ waffnete Gardes⸗du⸗Corps vor Guy's Gemach. Die Königin hatte es, nach ihrer Rückkehr von dem König, von Auſſen ſorgfältig verſchließen laſſen. Es wurde jetzt geöffnet, und— es war leer. Katharinen wurde der unerwartete Vorfall ſogleich gemeldet. Sie erſchrack heftig und eilte ſelbſt, ſich von der Wahrheit der Sache zu überzeugen.— Der König war auſſer ſich, und gab ſeiner Mutter allein die Schuld des Mißglückens. Das ganze Schloß wurde durchſucht. 485 Nirgends entdeckte man eine Spur. Die Reitknechte wurden vernommen— ihnen war es unbegreiflich, wie Guy's Roſſe hatten entkommen können. Von ihrem Rauſche, der Folge eines Bacchanals, ſchwiegen ſie weißlich. Katharinen's ſtiller Verdacht fiel auf Acevedo; allein ſie wagte nicht ihn laut werden zu laſſen. Sie brauchte den Aſtrologen zu nothwendig, darum mochte ſie auch nicht einmal den Schein eines Verdachtes auf ihn laden. Sie wollte ihn prüfen und ließ ihn zu ſich beſcheiden. Acevedo erſchien. Sie ſuchte fein und liſtig ihn zu fangen, aber ihr Bemühen blieb fruchtlos. Die vollkommenſte Ruhe zeigte er, und ſein Auge blickte ſo frei, ſo ſicher auf ſie, daß ſie den gehegten Argwohn wieder aufgab.— Sie fragte ihn nach ſeinen Beobachtungen in letzter Nacht. Sie waren ſehr begünſtigt durch den klaren Himmel, verſetzte der Meiſter. Was wiſſet Ihr mir davon zu ſagen? fragte ſie. Ihr werdet glücklich Paris erreichen— verſetzte er, aber was ich Euch geſtern geſagt, ſchrecklicher noch bot es ſich mir von neuem dar. Davon wollte die Königin nichts weiter hören, und ſo verließ er ſie. Auf Niemanden wirkte Guy's Flucht ſchmerzlicher, als auf Margarethen von Valvis. Sie konnte es kaum erwarten, ihn wiederzuſehen, und ihre Seele nahm ſein Bild ein. Das geſtand ſie ſich ſelbſt— nie habe ein Jüngling ihr Herz in dem Grade bewegt, als Guy— und nun wurde ihr die ſeltſame, ſie erſchütternde Kunde⸗ Eine Thräne zerdrückte ſie im Auge, als ſie ſeine Flucht vernahm. Ihre Wangen blieben mehrere Tage hindurch 3. B. 186. bleich.— Doch ihr Leichtſinn vergaß bald das ſchöne Bild wieder, ſich andern flüchtigen Eindrücken öffnend. 19. Es lag eine finſtre Nacht über der Umgegend von Chatillon. Der Wind pfiff kalt über die Felder, und in Maſſen ſtürzte der Regen herab. In dem Schloſſe des Admirals Coligny war ein reges Leben. Die hohen Fenſter des großen Saales, der in der Mitte des Ge⸗ bäudes lag, waren erhellt, und man ſah von auſſen ſich viele Geſtalten bewegen. Viele der Häupter der Huge⸗ notten waren darin bei Coligny, denn immer näher kam der Plan des Feldzugs zur Reife. Da trabten in dieſem entſetzlichen Wetter zwei Rei⸗ ter in den Hof des Schloſſes, und bald wurde Coligny gemeldet, Guy de Saint⸗Flour wünſche ihn zu ſprechen. Da iſt ein Unglück vorgefallen! rief Coligny, und eilte ihm entgegen und führte den durchnäßten Jüngling in ſein Gemach. Hier erſt betrachtete Coligny das bleiche Geſicht, das vor ihm ſtand, und die faſt gebeugte Ge⸗ ſtalt, die ſonſt ſo ſtolz aufgerichtet dazuſtehen pflegte. Was iſt Euch begegnet? fragte mit aufrichtiger Theil⸗ nahme der Admiral, Ihr ſeht ſehr bleich.— Ihr waret unmöglich bei Pleſſis noch?— Ich war in Monceaur! erwiederte mit kalter Ver⸗ zweiflung der Jüngling. In Monceaux— Ihr? fragte mit neuem Erſchrek⸗ ken der Admiral. Und die Papiere?— Hört mich ruhig an, gnädiger Herr, ſprach Guy— dann richtet, dann— entzieht mir Euer Vertrauen, wenn ———— 187 ich es nicht mehr verdiene, und laßt mich als einen Verräther erſchießen.— Coligny faßte ihn bei beiden Schultern u ſah ihm in's Auge.— Junger Menſch! rief er aus, ſeyd Ihr wahnſinnig geworden?— Redet deutlicher, ich ahne Ent⸗ ſetzliches. Guy erzählte ſeine Begebenheiten bei Monceaur— im Schloſſe ſelbſt; erzählte von dem Schlaftrunke, von ſeiner Rettung durch Acevedo, der ſicher genauer über die Sache unterrichtet ſeyn müſſe, und nun ſprach er die ſchändliche Verletzung des Gaſtrechts an ihm, die Ent⸗ wendung der Papiere aus. Guy rechnete auf einen wilden Ausbruch des Zorns bei Coligny, auf ein hartes Urtheil, wenigſtens auf Ent⸗ ziehung ſeines Vertrauens, ſeiner Achtung.— Coligny ſtand eine Weile mit verſchränkten Armen vor ihm. Ich bin ſchuldig, ſprach er zu ihm— richtet mich, auch die härteſte Strafe will ich tragen— nur— ver⸗ achtet mich nicht!— Coligny lächelte wohlwollend. Nun, mein Sohn, ſprach er— endlich ruhig, nicht Du trägſt allein die Schuld.— Zwar Du hätteſt genauer Dich erkundigen ſollen— allein wer ahnete ſolche Verworfenheit? Du thateſt, was du Dir als Mann zu thun, und als Edel⸗ mann doppelt zu thun ſchuldig warſt, und mich freut die Ehre, die Dir Montmorenci erwieß— ſie hebt Dich hoch empor. Es ſollte ſo ſeyn, fuhr er fort. Es war der Wille des Himmels. Nimm hier meine Hand zur Verſicherung, daß Du dadurch nichts in meiner Ach⸗ tung, nichts in meinem Vertrauen einbüßeſt. „ 188 Da ergriff der Jüngling des großen Mannes Hand und drückte ſie an ſeine Lippen, und eine heiße Thräne träufelte darauf herab. Reden konnte Guy nicht, ſein Herz war viel zu ſehr ergriffen. Jetzt kleidet Euch um, ſprach der Admiral, dann tre⸗ tet heitern Muthes vor die Männer, die ich bei mir zu ſehen die Freude habe, und Ihr werdet keine Mißbilli⸗ gung in ihren Blicken ſehen. Mit einem freundlichen Nicken des Hauptes verließ ihn der Admiral und trat in den Kreis der neugierigen Freunde. Er theilte ihnen das Ereigniß zu Monceaux mit. Allgemeiner Unwille über die Schändlichkeit und Undank⸗ barkeit dieſes Verfahrens, aber durchaus kein Tadel des Jünglings. Im Gegentheil wünſchte jeder aus ſeinem Munde den Hergang zu vernehmen. Er trat nun end⸗ lich leichtern Herzens unter ſie, und als er die allge⸗ meine Theilnahme ſah, da wurde ſein Gemüth wieder frei und heiter. Nach kurzer Berathung eilten, trotz der ſchrecklichen Nacht, einige der jüngern Herren von dan⸗ nen, um die Verhaltungsbefehle zu überbringen, und einer begab ſich nach Vallery zu Condé, ihn vom Her⸗ gang in Kenntniß zu ſetzen. Frankreich hatte ſeit dem letzten Vertrag einen An⸗ ſchein von Ruhe gehabt, aber ruhig wandelten die Sorg⸗ loſen über dem brennenden Vulkan. Kaum war die Nach⸗ richt von dem verrathenen Plane, den Hof in Monceaur aufzuheben, unter den. Proteſtanten bekannt, als auch mit einem Male alle Heerſtraßen Frankreichs von Bewaffne⸗ ten wimmelten. Es waren Edelleute mit ihren Dienern und Vaſallen, die nach Vallery und Chatillon eilten, die Macht ihrer unglücklichen Bruder zu vermehren. — — 189 Der Hof vernahm dieſe Kunde und erſchrack. Er verließ ſchnell Monceaur und eilte nach Meaux. So ſehr ſich auch der edle[Hopital dem Plane widerſetzt hatte, die Schweizer nach Meaux kommen zu laſſen, um nicht zuerſt die Fackel des Kriegs zu ſchwingen, ſo geſchah es doch, und ſie erſchienen Abends nach einem angeſtrengten Marſche am Ende Septembers in Meaux. um Mitternacht brach in Eile der Hof auf, denn es war Kunde gekommen, daß Condé mit Bewaffneten ſich habe in der Nähe blicken laſſen. Bald beſtätigte ſich dieſe Botſchaft als Wahrheit. Condé erſchien bald mit ſeiner Reiterei, und ſchien zum Angriff des Hofes be⸗ reit, der ſich in der Mitte der Schweizer befand, die ein Viereck geſchloſſen hatten und ſich ſo langſam fort⸗ bewegten. Kaum erblickte man Condé's Reiterei, als man Halt machte und ſich zum Kampfe bereitete, der unausbleiblich ſchien. Condé's Reiterei theilte ſich in drei Haufen, de⸗ ren einen er ſelbſt, den andern der Herr von Andelot, des Admirals Bruder, und den dritten der heldenkühne Larochefoucault befehligte. Sie ſchwärmten unaufhörlich um den Zug herum, eine günſtige Gelegenheit zum An⸗ griff erwartend; kleine Scharmützel fielen vor, aber zu einem Kampfe kam es nicht. König Carl war in unausſprechlichem Grimm. Er wollte ſich durchaus nicht abhalten laſſen, die Ketzer an⸗ zugreifen, und die Königin-Mutter und Montmvrenci mußten Alles aufbieten, ihn zu beſänftigen. So kam die Nacht, und noch war Paris ziemlich entfernt. Durch die immerwährende Erwartung eines Angriffs war die Bewegung des Zuges ſehr gehemmt worden. 190 Man beſtuͤrmte den König mit Bitten, unter dem Schutze der Nacht den Schweizern voraus nach Paris zu eilen, weil er ſo ſicherer dort eintreffen würde. Hier fand man in Carls Ehrgeiz ein heftiges Hin⸗ derniß. Es iſt Flucht, ſprach er, feige Flucht, und Frankreichs Könige dürfen nicht fliehen! Alle aber beſtürmten ihn mit ihren Bitten, ſtellten die Gefahr ihm rieſengroß dar, und da endlich, als man ihm die Nothwendigkeit in's Licht ſetzte, ſich für Frank⸗ reichs Wohl zu erhalten, als der tapfere Nemvurs ſelbſt bat, ſich ihm anzuvertrauen, gab Carl nach, und ſo gieng der Hof unter einer kleinen Bedeckung, die Ne⸗ mours befehligte, von den Schweizern ab, denen die Hugenotten, je näher ſie Paris kamen, deſto mehr zu⸗ ſetzten. Der Hof erreichte unter dem Schutze der Nacht glücklich Paris. Unerwartet ſchnell ſtanden die Hugenotten vor Pa⸗ ris. Muthig und kühn, wie immer, benahmen ſie ſich auch hier. Mit großer Umſicht ſchloß Condé Paris ein. Ihre Abſichten giengen dahin, ohne Blutvergießen den König zu nöthigen, ihnen freie Religionsübung zu ge⸗ währen. Katharina, die Schlaue, nahm ihre Zuflucht zu Unterhandlungen, die jedoch nicht zu Stande kamen, um ſo weniger, da die Vorſchläge der Proteſtanten über⸗ ſpannt, und ihre Beſchwerden in beleidigenden Ausdrük⸗ ken abgefaßt waren— wenigſtens nach den Anſichten des Hofes.— Der König ſandte einen Herold nach Saint⸗Denys, der die Häupter der Hugenotten zur Un⸗ terwerfung auffordern, und, im Weigerungfalle, ihnen die härteſten Strafen drohen ſollte. Sie antworteten mu⸗ thig und feſt, und machten ihre alte Forderung auf's Neue. Eine Ausgleichung war unmöglich, und der zau⸗ 19¹ dernde Connetable Montmorenci rückte Condé bei Saint⸗ Denys entgegen. Obgleich das Heer der Hugenotten ſehr im Nachtheile ſtand gegen das königliche, da es an Zahl viel geringer war als jenes, und dabei noch alles Geſchützes ermangelte, ſo ſtellte es ſich doch muthig je⸗ nem entgegen; und in den Tagen des kalten Novembers wurde bei Saint⸗Denys eine Schlacht geliefert, die, ob⸗ wohl ſie den Hugenotten den Sieg nicht, doch aber einen Ruhm unerſchütterlicher Tapferkeit brachte. Sie war die letzte, die Montmorenci kämpfte— er fiel, der alte Held, im achtzigſten Jahre ſeines thatenreichen Lebens. Katharina konnte nun frei aufathmen. Sie waren nun alle gefallen, die Männer, die ſie einſt fürchtete und fürchten mußte, und Heinrich von Anjon, der er⸗ bittertſte Feind des Proteſtantismus, ſah ſich am Ziele ſeiner Wuͤnſche.— Katharina erhob ihn zum General⸗ ſtatthalter des Reichs, und gab ihm den Oberbefehl über das Heer, unter Coſſé's, Aumeles und Tavannes Mitwirkung. Hoch klopfte Heinrichs Herz. Die Bahn des Ruh⸗ mes war ihm nun geöffnet, und er brannte vor Begierde, ſeinen Muth an den Proteſtanten kühlen zu können. Das Heer dieſer war durch Johann Caſimirs von der Pfalz Hülfsvölker jetzt bedeutend angewachſen. Von Lothringens Grenzen, wohin ſie ſich nach der unglückli⸗ chen Schlacht bei Saint-Denys zuruͤckgezogen hatten, rückten ſie in Frankreich ein, und begannen die Belage⸗ rung von Chartres. Paris und der Hof zitterte, und man ſah ſie ſchon im Geiſte vor den Thoren der Haupt⸗ ſtadt. Zu ihrem alten Hülfsmittel, das ſich ſo oft be⸗ währte, nahm Katharine auch jetzt wieder ihre Zuflucht. Sie eröffnete ihre Unterhandlungen, die bald zum Frie⸗ 192 den fuͤhrten; dieſen Frieden, der zu Longjumeau zu Stande kam, nannte man den„kleinen Frieden,“ weil er kaum ein halbes Jahr dauerte. Coligny war ſehr mißvergnügt mit dieſem unreifen, unzeitigen Frieden. Er zog ſich nach Chatillon zurück und mit ihm Guy de Saint⸗Flour, der ihn in allen den bisherigen Kämpfen treu, wie ſein Schatten, be⸗ gleitet hatte. Was Coligny befürchtete, traf ein. Es war, wie mit allen Friedensſchlüſſen, auch mit dieſem nicht Ernſt. Kaum war das hugenottiſche Heer auseinander gegan⸗ gen, als auch ſchon wieder die gräßlichſten Verfolgungen uͤber die Proteſtanten ergiengen. Im Laufe eines Vier⸗ teljahres wurden an verſchiedenen Orten an 2000 der friedlichſten Proteſtanten auf's Grauſamſte durch Feuer und Schwert hingerichtet. Und der Hof wußte es, duldete es, freute ſich und ſchwieg. Auf's tieſſte em⸗ pörte dies Verfahren Coligny. Er ſah ſeine Vermu⸗ thungen gerechtfertigt, und machte Condé heſtige Vor⸗ würfe wegen ſeiner Leichtglänbigkeit. Bald aber ſollte Condé ſelbſt Erfahrungen machen, die ihn ſelbſt zur Reue führten. 20. Es war am 18. März 1368, als in aller Frühe der Admiral Coligny mit ſeiner Familie die Reiſe nach Noyers antrat, dem Prinzen Conds daſelbſt einen freund⸗ ſchaftlichen Beſuch abzuſtatten. Guy de Viole, der die Stelle eines Adjutanten bei Coligny verſah, war die⸗ ſesmal nicht in der Nähe des von ihm hochverehrten Helden— da eine Unpäßlichkeit ihn in Chatillon zurück hielt. Sich allein überlaſſen— gab ſich der Juͤngling 195 ernſten Betrachtungen über die jüngſte Vergangenheit hin. Jene Vorgänge in Monceaur en Brie ſchienen ihm ſchnell vorübergehende Traumbilder geweſen zu ſeyn— und wirklich hatten ſie durch die Schnelle und das ſelt⸗ ſame Zuſammentreffen der Ereigniſſe, der Gefahr und Rettung durch den, ihm von dem erſten Zuſammentref⸗ fen bei Coligny noch erinnerlichen, ihn damals ſchon ſo unbegreiflich anziehenden, in ſeinem Weſen ſo ſeltſamen Aſtrologen— etwas Traumartiges und Wunderbares. Nur Eins hatte er ſich dabei vorzuwerfen, jenes augen⸗ blickliche Wohlgefallen, jenes Aufblitzen einer Neigung zu der ſchönen Margarethe von Valois. Ihm erſchien es als Untreue gegen Gabrielen. Er fühlte ſich da⸗ durch erniedrigt. Sein Gemüth war in ſich ſelbſt zer⸗ fallen, und eine tiefgefühlte Schaam drückte ihn nieder. Gabrielens Bild trat in ſeiner himmliſchen Reinheit und Unſchuld wieder vor ſeine Seele, und er bat es um Vergebung ob der augenblicklichen Verirrung.— Doch — wo war ſie? Lebte ſie noch, und wie und wo?— Ach, er hatte ja nichts gethan für ſie, nichts, ſie aufzu⸗ finden! Heftige Vorwürfe machte er ſich. Er ertrug dieſen Seelenzuſtand nicht. Sein Entſchluß war ſchnell gefaßt, er wollte nach Paris— obwohl heimlich— er wollte zu Acevedo ſeine Zuflucht nehmen, und vereint mit dem Greiſe, der ſo wohlwollend ihm ſchon einige⸗ male nahe getreten— mit Hülfe ſeiner Kunſt die Ge⸗ liebte aufſuchen, ehe denn wieder auf's neue des Krie⸗ ges Fackel loderte, wie der Admiral glaubte. Was die⸗ ſen Gedanken in ihm noch mehr beſtärkte, war die ge⸗ wiſſe Kunde, daß Adelma's Horde in der Nähe ſey⸗ Die Alte wollte er aufſuchen, und mit Hülfe derſelben unentdeckt nach Paris kommen, da er es öffentlich nicht Lips Erzähl. 3. B⸗ 9 194 durfte; denn der Admiral wußte aus ſicherer Quelle, daß ihm dort Tod und Verderben drohte— und das hatte er ihm geſagt. Guy ſetzte ſich ſchnell und ſchrieb an den Admiral mit der Offenheit und dem Vertrauen des Sohnes an den Vater. Er legte ihm klar ſein Verhältniß zu Ga⸗ brielen an den Tag, was er mündlich nicht würde ge⸗ konnt haben. Er bat ihn dringend, ja nicht ſeine Un⸗ päßlichkeit als einen Vorwand anzuſehen, da vielmehr erſt das Alleinſeyn und das ſtille Nachdenken über ſich ſelbſt ihn an ſeine Pflicht gemahnt und die Sehnſucht ſeines Herzens auf's Lebhafteſte geweckt habe, der er nicht länger widerſtehen könne. Zuletzt ſprach er die Hoffnung aus, durch Acevedo vielleicht manches wichtige Ergebniß der Politik des Hofes erfahren zu können, und verſprach, in der kürzeſten Zeitfriſt zurückzukehren. Ein Eilbote brachte dem Admiral dieſe Zeilen, und Guy, im Voraus von der Gewährung ſeiner Bitte über⸗ zeugt, befahl ſeinem Diener, ſein Roß zu ſatteln. Noch war es nicht Mittag, als Guy ſchon, den Weg von Cha⸗ tillon nach Paris einſchlagend, mit Windeseile dahin flog. Die Stimme ſeines Herzens ſprach jetzt ſo ſtark, ſo leb⸗ haft, daß die Schnelle, womit ſein Roß dahin eilte, ihm zu langſam dünkte. Als er in die Gegend kam, wo er die Horde Adelma's vermuthete, fragte er jeden Vor⸗ ubergehenden nach ihr. Endlich wieß man ihm einen weithin ſich ausdehnenden Wald als den momenta⸗ nen Wohnort des wandernden Völkchens, und dahin richtete er ſeinen Weg. Er war noch nicht weit in den Wald hinein gerit⸗ ten, da vertrat ihm ſchon ein baumſtarker Zigeuner den Weg, indem er kaltblütig ſeine Flinte ſpannte. 19⁵ Wo iſt Adelma, Eure Aeltermutter? fragte er ihn heftig. Kennt Ihr die? fragte mißtrauiſch darauf dieſer. Was wollt Ihr bei ihr?— Schweig! donnerte ihm n Jüngling zu.— Wo iſt ſie? Der Zigeuner ſetzte erſchrocken das Gewehr zum Fuße und ſagte kleinlaut: Wendet Euch dorthin, und reitet in ſtets gerader Richtung fort, ſo könnt Ihr nicht fehlen. Ohne ſich nach ihm umzuſehen, warf Guy ſein Pferd herum und jagte dahin, wohin ihn der Zigeuner gewieſen. Wirklich ſah er nach kurzer Friſt einen Haufen Zelte auf einem freien Raume des Waldes, und ſein ſcharfes Auge erkannte ſogleich die alte Adelma, wie ſie auf ei⸗ nem Polſter ſaß mitten im Kreiſe jüngerer Frauen und Mädchen. Staunend blickten alle den ſchmucken Reiter an. Adelma erkannte ihn und ſtreckte ihre gelbe, duͤrre Hand nach ihm aus. Haſt Du Dich verirrt, oder ſuchſt Du endlich ein⸗ mal die Menſchen auf, die es wohl mit Dir meinen? rief ſie ihm entgegen. Ich ſuche Euch! antwortete Guy. Dann ſey mir dreimal geſegnet, rief ſie, und eine ungetrübte Heiterkeit flog über die ſchroffen Züge ihres abſchreckenden Geſichtes. Was ſuchſt Du denn bei mir, mein Sohn? fragte ſie zutraulich. Guy blickte im Kreiſe der ſie noch gaffend umſtehen⸗ den Weiber und Mädchen umher.— Adelma verſtand ihn. Geht Kinder, ſagte ſie, laßt mich mit ihm allein. N 196 Gehorſam zogen ſie ſich zurück. Guy band ſein Pferd an und ſetzte ſich dann zu der freundlichen Alten. Du haſt mir einen ſauern Gang erſpart, hob ſie an und ich danke es Dir; denn zwiſchen heute und dem Vollmond, der in zwei Tagen eintritt, mußte ich Dich in Chatillon ſprechen. Wußtet Ihr denn, daß ich dort war? fragte er erſtaunt. Mein Auge begleitet Dich allerwegen mit treuer Sorg⸗ falt— Du entgehſt ihm nicht. Nur einmal kam ich zu ſpät, Dich zu warnen— Du warſt ſchon in Monceaur en Brie— ſchon im Garn einer Schlange und— ei⸗ ner Buhlerin.— Einer Buhlerin? fragte Guy mit Staunen. Wen nennt Ihr ſo? Margarethen von Valvis, die ſtolze Schönheit, die ſo leicht beſiegbar iſt, wenn das Geheimniß ihre Wege einhüllt.—— Doch laß das, wie gieng es Dir in Monceaux, und wie entkamſt Du der Gefahr? Kanntet Ihr ſie? Ich wußte, warum Du nach der Pieardie giengſt— ich vermuthete es wenigſtens, und ahnete, wie man mit Dir dort handeln würde. Du warſt glücklich bei Margarethen— man ſagte, Du habeſt ihr gefallen. Schweigt! ſagte ernſt Guy, in deſſen Innerm wie⸗ der ein heiteres Gefühl erregt wurde. Sie ſah ihn ſelt⸗ ſam an.— Nun, ſo ſage mir doch, wie Du dort entkamſt? Wie aus Rouen— dieſelbe Hand rettete mich. Dieſelbe? fragte Adelma, und verſank in Nachdenken. Dieſer Mann—— fuhr ſie dann langſam fort— trügt mich mein Gefühl nicht— ſteht Dir ſehr nahe⸗ . 1* *— „ *— 197 Guy. Ich ſah ihn noch nicht— doch vorübergehend, und geſchickt weiß er meinem Blicke auszuweichen. Er iſt ein edler Menſch, Adelma, verſetzte Guy, ſey er, wer er wolle. Laßt uns abbrechen und ſagt mir, wie ich unerkannt nach Paris komme. Was willſt Du dort?— fragte ſie. Guy wurde verwirrt.— Mich zieht ein geheimes Geſchäft dorthin, ſagte er. Das Herz? Guy! Sey offen, mein Sohn. Sollte Margarethe?— doch nein, Du biſt zu edel, zu gut.— Nennt mir den Namen nicht wieder, wenn Ihr nicht wollt, daß ich ſogleich Euch verlaſſe! rief er heftig. Gottlob dann! ſagte ſie. Aber was denn ſonſt? Die Gefahr iſt groß für Dich. Carl wüthete, als Du entflohen. Adelma kann Dich nach Paris führen, aber — ob ſie Dir heraushelfen kann, das weiß ſie nicht. Dafür laßt mich ſorgen, ich muß.— Aber wenn nun eine nähere, heiligere Pflicht Dich nach Noyers oder Chatillon triebe?— Es giebt jetzt keine heiligere, als die mich nach Pa⸗ ris zieht!— Lies dieſen Brief erſt, Guy de Viole, ſprach Adelma, ihm ein erbroch'nes Schreiben reichend— und dann ſage mir, was die Pflicht Dir gebeut! Haſtig ergriff es Guy. Er las: „Die Jagd iſt bereit; der Hirſch im Netze. Cv⸗ ligny geht dieſer Tage nach Noyers zu Condé; dort nehme ich ſie beide gefangen. Tavannes.“ Guy erbleichte. Es waren Tavannes, des Statt⸗ halters von Burgund, Schriſtzüge unverkennbar. Der 198 Brief war an einen ſeiner Freunde in Paris gerichtet. Wie kommt Ihr zu den Zeilen? fragte cr. Gehſt Du noch nach Paris? fragte lächelnd Adelma. Nein, jetzt nicht— ich darf ja nicht! rief Guy— antwortet mir— wie kamt Ihr zu dem Briefe?— Einer von der Horde, ein wilder Burſche, erzählte Adelma, ſtrich umher. Da ſah er einen Reiter die Straße eilend nach Paris, nach deſſen Geldbeutel es ihn gelüſtete. Er hielt ihn an. Der Burſche ſcherzte nicht und ſchoß nach ihm. Das reizte den Grimm des wil⸗ den Sohnes der Wüſte und er legte ihn in's Gras. Auf ſeinem Leibe trug er dieſe Zeilen, die er mir brachte, da die ganze Horde den warmen Antheil kennt, den ich an Deinen Glaubensbrüdern nehme. In Deine Hände mußte er kommen, das ſah ich, und ich war entſchloſ⸗ ſen, ihn Dir ſelbſt zu bringen— da kamſt Du. Dank Euch! rief er aus. Jetzt muß ich eilen, ehe es zu ſpät iſt! O, mein Gott, rief er ſchmerzlich in hal⸗ ber Selbſtvergeſſenheit aus, warum kann ich denn nie meinen heißen Wunſch befriedigen, und Ihre Spur aufſuchen! Adelma blickte ihn forſchend an. Warſt Du denn ſo ſicher, ſie zu finden? fragte ſie. Wen?— forſchte der Jüngling, und eine dunkle Röthe ergoß ſich über ſein Antlitz.“ Gabrielen dArbeque, ſagte Adelma. Weib! rief Guy— kennſt Du der Herzen Tiefe 2— Das Deine, mein Sohn, kenne ich, und freue mich, daß Du treu biſt der erſten Liebe Deiner Jugend. Bleibe Du treu— vielleicht iſt's der Wille des Himmels, daß Du ſie wieder ſiehſt. Ich will nach ihr forſchen, und glaube Du mir, Du haſt es einem treuen Herzen ver⸗ *„ 199 traut, was das Deine bewegt. Findet ſie Adelma nicht, ſo ſuchſt Du vergebens. Nun gehe mit Gott, Du mußt eilen. Guy ſchwang ſich auf ſein Roß und jagte wieder den Weg, den er gekommen, doch jenſeits des Waldes nahm er die Richtung von Noyers. Das angeſtrengte Reiten ermattete ſein Roß, und als die Nacht kam, vermochte es nicht weiter. Ein einzelner Hof nahm ihn gaſtlich auf. Er pflegte das müde Thier. Sich ſelbſt gönnte er keine Ruhe. Er hatte noch vier Stunden bis Noyers. Der Mond gieng indeſſen auf, und als das Pferd einige Stunden geraſtet, zog es Guy wieder hervor und trat die Reiſe wieder an. Er mußte jetzt aber ſeine Eile mäßigen, um das edle Thier nicht ganz unbrauchbar zu machen. Es war lange ſchon Mitternacht vorüber. Der Mond ſchien hell und klar. Guy ritt eine Anhöhe hinan, und entdeckte zu ſeiner größten Freude nahe vor ſich die Thürme von Noyers. Bald erreichte er es. Im Schloſſe Condé's lag Alles in des Schlafes Feſſeln— aber Condé war nicht ſo ſorglos wie Coligny zu Chatillon. Die Wächter riefen ihn an, ſobald er ſich dem Schloſſe näherte. Guy gab ſich zu erkennen. Bald wurde er eingelaſſen, und den Wächtern ſein müdes Roß überge⸗ bend, eilte er in das Schloß, und ließ ſogleich Coligny und Condé wecken. Die Noth drang auf Eile. Er ließ ſich im Saale auf einen Seſſel nieder und überdachte die wunderbaren Wege des Geſchickes, das ihn zum Ret⸗ ter Coligny's beſtimmte aus dieſer großen Gefahr. Er dankte dem Lenker der Schickſale, und legte die heißen Wünſche ſeines Herzens in ſeine Vaterhand demüthig und vertrauenvoll, und das ſüße Bewußtſeyn, der Pflicht des Herzens Wünſche geopfert zu haben, gab ihm Frieden. Nach einiger Zeit trat gug herein. Er ſtaunte den Jüngling an. Viole, ſprach er dann ernſt, Ihr ſeyd mir ein Räth⸗ ſel geworden, das ich nicht löſen Lann. Heute frühe ſchreibt Ihr mir, Ihr müßtet nach Paris, und jetzt ſeh ich Euch in Noyers? Vergebt mir, gnädigſter Herr! rief der Jüngling. Ich folgte nur der unbezwinglichen Sehnſucht meines Herzens, und es war— Darüber tadle ich Euch nicht. Ich war jung, Vivle, wie Ihr, und habe geliebt wie Ihr— darum nur möchte ich Euch tadeln, daß Ihr ſo unbeſtändig in Euren Ent⸗ ſchlüſſen ſeyd. Es war Euer und des Prinzen und der Eurigen Glück, daß ich jenem Zuge meines Herzens folgte, nur dadurch war es möglich, daß ich Euch vom Verderben retten konnte. Leſet dies und urtheilt dann. Condé fand ſich nun auch ein. Was habt Ihr denn Wichtiges, daß Ihr unſre Ruhe ſtört, Hauptmann Viole, ſagte er halb mürriſch. Euch hätte ich wahrlich heute eher in den Armen Eurer Ge⸗ liebten geſucht, als in Noyers! ſetzte er, jedoch i in Scherz übergehend, hinzu. Der Admiral hatte das Billet geleſen und Tavannes Handſchrift ſogleich erkannt. Er reichte es Condé mit den Worten: Wenn wir nicht eilen, ſo ſind wir verloren! Condé durchflog das Blatt. Der Schrecken bleichte ſeine Wangen. Wo habt Ihr das Blatt her? rief er Guy zu. 201 Dieſer erzählte nun, wie er dazu gekommen ſey, und jeder Zweifel ſchwand. Aber die Verlegenheit war groß, in welcher ſie ſich befanden, denn ſie waren in dieſem Augenblicke nicht gerüſtet zu einer Flucht. Coligny allein behauptete die ihm eigne Ruhe und Feſtigkeit. Laßt uns die Unſrigen und uns retten und la Ro⸗ chelle zu gewinnen ſuchen, das iſt das einzige Mittel. Er gab Guy, dem er dankbar die Hand drückte, den Auftrag, ſo ſchnell als möglich, Alles zur Flucht zu bereiten. Die Leute des Prinzen wurden geweckt, aber es war eine Unordnung unbegreiflicher Art in dem Schloſſe, da einer gegen den andern rannte, und alle den Kopf verloren hatten, indem ſie ſich die Gefahr ſo nahe dachten, daß man ihr nicht mehr entgehen könnte. Guy war überall: Er fuhlte keine Müdigkeit. Er brachte Ordnung in das Ganze. Die Wagen des Prinzen und des Admirals wurden reiſefertig gemacht; alle Diener be⸗ waffnet. Gegen Morgen war Alles im Stande, zur Abreiſe bereit, und mit dem kommenden Tage verließ der Zug Noyers. Guy war das Haupt der Bedeckung. Er war überall, ſorgte, wirkte, ermunterte. Nur langſam konnte ſich der Zug fortbewegen, und auch in der Wahl der Wege mußte große Vorſicht an⸗ gewendet werden, um nicht Aufſehen zu erregen, und dadurch in Tavannes Hände zu gerathen. Condé hatte eine Klageſchrift über das treuloſe Benehmen des Hofes an den König eiligſt noch von Noyers abgeſendet, worin er zu verſtehen gab, daß es ihm lieb ſey, des Königs Antwort in Noyers zu erhalten. Dies täuſchte Katha⸗ rinen. Sie hielt ihren Plan für gelungen und trium⸗ phirte ſchon, Conds, Coligny und die Königin von Ra⸗ 202 varra, die Montluc gefangen nehmen ſollte, in ihrer Gewalt zu haben. Condé und Coligny erreichten indeſſen glücklich Ro⸗ chelle, wo bald darauf auch Johanna von Navarra mit ihrem Sohne Heinrich von Bearn anlangte, die durch ein Schreiben von unbekannter Hand aus Paris, von der Gefahr unterrichtet, glücklich den Nachſtellungen Montluc's entgieng. Grenzenlos war die Wuth Katharina's, ſo gänzlich ſich in ihren Erwartungen getäuſcht zu ſehen. Sie ahnete Verrath in ihrer Umgebung, und doch wußte ſie nicht, auf wen ſie ihren Verdacht werfen ſollte. Da fiel ihr Acevedo ein. Sie überdachte ſein Benehmen, und jene ſie ſo fürchterlich erſchüttert habenden Worte in Monceaur fielen ihr ein, Guy de Viole's an's Wunder⸗ bare grenzende Flucht aus dem Pallaſte beſtärkte ihren Verdacht auf's Neue. Doch der Aſtrologe hatte in ih⸗ rem finſtern Aberglauben einen zu beredten Vertheidi⸗ ger; er hatte ſchon ſo oft ihr Beweiſe von Treue und unpartheiiſcher Ergebenheit gegeben, daß ſie nicht leicht⸗ hin ſich eines ſo wichtigen Mannes berauben, ſondern erſt prüfen und beobachten, dann aber um ſo entſchiede⸗ ner handeln wollte, wenn ihr Verdacht ſich irgend recht⸗ fertigen würde. Sie beſtellte daher vertraute Leute, die auf allen Schritten und Tritten ihn beobachten mußten. Auſſer ihm zog der edle, biedere, vorurtheilloſe Kanzler Hopital ihren Verdacht auf ſich, der um ſo ſchwerer war, da der Haß gegen ihn ihm zur Seite ſtand. Dieſe Treuloſigkeit des Hofes weckte auf's Neue die Proteſtanten. Ueberall loderte wieder die wilde Flamme des Bürgerkrieges, und unmenſchliche Grauſamkeiten wur⸗ den verübt von beiden Seiten; beſonders zeichneten ſich — —— 205 aber Ludwig von Bourbon, Herzog von Montpenſier, Tavannes und Montluc durch ihre Wildheit und Grau⸗ ſamkeit gegen die Proteſtanten aus. In einer Berathung bei dem König kam dies zur Sprache.[Hopital ſprach mit edler Entrüſtung über ſolch' ſchändliches Verfahren. Da konnte ſich Katharina nicht halten. Iſt es Euch vielleicht unbekannt, Herr Kanzler, rief ſie in heftigem Zorne dieſem zu, was dAcier in Langne⸗ doc und Dauphiné verübt? Wiſſet Ihr nichts davon, daß er die Katholiken mordet, die Mönche martert, die Kirchen niederreißt und die Orte niederbrennt? Iſt Euch noch nichts zu Ohren gekommen von dem Halsbande aus Mönchsohren, das Briquemont trägt? lHopital hörte ruhig zu. Eure Majeſtät, ſagte er dann, vergeſſen, daß fort⸗ geſetzte Unterdrückung und Grauſamkeit auch den Sanft⸗ müthigſten wild machen kann. Katharina wollte aufbraußend antworten. Carl bat ſie, ruhig zu bleiben. Gebt Eure Siegel ab— ſprach er zu[Hopital, Ihr ſeyd Eurer Würde enthoben. Hopital verbeugte ſich. Gott gebe Eurer Majeſtät einen treuern Diener, ſprach er, und gieng dann ſtolz hinweg, mit dem Bewußtſeyn eines reinen Herzens. Morvilliers, der ſchmiegſame, fanatiſche Biſchof von Or⸗ leans, nahm ſeine Stelle auf Katharina's Empfehlung ein.— Er war nun auch entfernt, der Mann, deſſen Recht⸗ lichkeit bisher durch die Achtung, die ſie König Carl ein⸗ ſlößte, eine große Gewalt über ihn geuͤbt, und oft das Gegengewicht gegen Katharina's Argliſt geweſen war. 204 Ihre Spivne meldeten ihr von Acevedo, daß er oft den Louvre verlaſſe und in Paris verweile, doch könne man nicht entdecken, wo er ſich hinbegebe, da er mit auſſerordentlicher Liſt die verworrenſte Wege gehe. Sie wollte ihn genauer prüfen, und brachte darum bald dar⸗ auf das Geſpräch auf die Lage Frankreichs und der Hu⸗ genotten. Acevedo, zu viel vertrauend auf ſeine Macht über der Königin Gemüth, ſprach zu warm für die Unter⸗ drückten. Katharina entließ ihn kalt. Sie war jetzt überzeugt, er müſſe wenigſtens Antheil an dem Ver⸗ rath ihrer Geheimniſſe haben, und auch ſein Loos war geworfen. 21. Adelma war eingedenk des Verſprechens, das ſie Guy gegeben. Dieſes und eine auch ihr beſonders wichtige Angelegenheit zog ſie nach Paris. Nur einmal und zwar ſchnell vorübergehend ſah ſie einſt Acevedv. Ihr ſchien der Mann bekannt— ſie ſah ihn genauer an, und ſie fand Züge, die dem Parlamentrath de Vivle glichen, den ſie einſt mit der ganzen Gluth ihres Her⸗ zeus geliebt hatte; aber zu ſchnell verſchwand der Aſtro⸗ loge, als daß ſie hätte ihre Vermuthung vergewiſſern können. Seitdem verfolgte ſie der Gedanke, daß Viole noch lebe, daß Acevedo es ſey. Die Theilnahme an Guy, ſeine zweimalige Rettung durch ihn— das Alles machte ihr die Sache gewiſſer, glaublicher. Sie gieng oft nach Paris, ſie wußte ſich ſelbſt Eingang in den Louvre zu verſchaffen; aber Acevedo hatte ſie erkannt und entzog ſich ihrem Anblick, da er noch das Geheimniß nicht ent⸗ hüllen durfte. ——— 20⁵ Auch jetzt trieb ſie dieß nach Paris noch mehr, als die Nachforſchungen nach Gabrielen, die ihr ohnedem in ihrer ganzen Schwierigkeit erſchienen. Die Zigeuner hatten ihre Verbindungen in Paris, wo ſie die Beute zu verkaufen pflegten. Es waren die Schlupfwinkel des Laſters und der Verworfenheit— allein ſicher vor dem Auge der Gerechtigkeit, das ohnedem in jenen Tagen innerer Zerriſſenheit und geſetzloſer Willkühr blind ge⸗ worden. An ihren Staab gelehnt, ſtand ſie am Hofe des Lou⸗ vre, überlegend, wie ſie am ſicherſten ihre Abſicht errei⸗ chen möchte. Unterdeſſen ereignete ſich in Acevedo's Gemache et⸗ was Unerwartetes.— Schon längſt hatte Anjou's Spaä⸗ herblick in dem Acevedo ſtets begleitenden Knaben das reizende Mädchen entdeckt, und den glühenden Wunſch gehegt, ſie zu beſitzen. Acevedo durchſchaute das Ge⸗ webe der Bosheit, das man angelegt, Gabrielen zu ver⸗ derben. Es war eine ſchwer zu löſende Frage, wie er das Mädchen in Sicherheit bringen möge und wo?— Er hatte zwar an du Pleſſis Freunden Freunde, aber ihnen durfte er ſie nicht anvertrauen. Da begegnete ihm einſt ein Menſch, der ihm bekannt ſchien. Er betrachtete den alternden, ärmlich gekleideten Mann genauer, und nun erkannte er in ihm einen ſeiner frühern treuen Die⸗ ner, der in Paris zuruͤckgeblieben war. Er folgte dem Manne von Ferne bis zum Marais, wo er in eine ärmliche finſtre Wohnung trat. Es war die Seine. Acevedo's Ankunft erſchreckte den armen Mann. Als er aber ſich ihm zu erkennen gab, wäre er faſt vor ihm niedergefallen. Eine höhere Freude konnte es für die treue Seele nicht geben, als ſeinen alten, geliebten Herrn —— 206 wiederzuſehen. Bei ihm war Arevedo's Geheimniß ſicher. Mit ihm ſprach er wegen Gabrielen. Gerne verſtand ſich der treue Alte dazu, ſie verborgen zu halten, bis Viole ſie zurückfordern würde. Freudig kehrte er zu Gabrielen zurück und ſchilderte ihr die drohende Gefahr. Eine unnennbare Angſt ergriff die Jungfrau. Sie bat unter Thränen, je eher je lieber ſie aus dem Louvre dorthin zu bringen. Laß nur den Abend kommen, ſagte Acevedo, dann führe ich Dich unbemerkt dorthin; allein kaum daß dies Wort über ſeine Lippen gegangen, da klopfte es heftig an die Thüre. Nicht ohne eine geheime Angſt öffnete Acevedo, und ſeine Furcht war gerechtfertigt. Montesquion, der Hauptmann der Schweizergarde des Herzogs von Anjou, begleitet von vier bewaffneten Schweizern, trat herein. Ihr ſeyd mein Gefangener im Namen der Königin, ſprach er barſch zu dem Aſtrologen; folget mir. Montesquivu's Blicke ruhten lüſtern und durchboh⸗ rend auf Gabrielen's ſchöner Geſtalt. Sie erbleichte, wankte und ſank ohnmächtig in einen Stuhl. Ich folge Euch, Herr Ritter, ſagte gefaßt Acevedo, nur geſtattet mir, daß ich mich meines Sohnes annehme, deſſen Zuſtand ihr ſehet. Das iſt eine Ohnmacht, wie ſie Knaben ſonſt nicht eigen iſt, erwiederte Montesquivu. Er iſt ſtark, und wird ſchon zu ſich kommen. Da er unſchuldig iſt, werde ich ihn der Gnade der Königin empfehlen, ſetzte er mit einem Satyr⸗Lächeln hinzu. Gebt mir den Schlüſſel Eurer Thüre, damit ich ſie verſchließe— es möchte dem Knaben ſonſt vielleicht gar eine Gefahr drohen! ——— 2 6— — 6— 207 Acevedo ſah ein, daß hier nichts zu ändern war. Er gab ihm den Schlüſſel und ſagte. Ich rechne auf Eure Ehre, Herr Ritter. Das dürft Ihr, antwortete der Maltheſer, und je⸗ nes ſataniſche Lächeln ſchwebte wieder um ſeinen Mund. Er ſchloß ſorgfältig die Thüre ab und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Herr Ritter, hob Acevedo an, eine Bitte gewähret mir, fuͤhrt mich zur Königin! Das kann nicht ſeyn, herrſchte ihm der Maltheſer zu und führte ihn nun ſchnell über die Gänge aus dem Pallaſte. Adelma ſtand draußen und erblickte nun plötzlich den Gefangenen. Sie erſchrack. Ja, es iſt Viole! rief ſie in ſich hinein. Auch Acevedo ſah und erkannte ſie. Eine dunkle Ah⸗ nung, als könne ſie Gabrielen vielleicht nützen, bemäch⸗ tigte ſich ſeines Gemüths. Er zog ſchnell den Treuring ſeiner verſtorbenen Gattin vom Finger, ließ ihn vor ihr unbemerkt fallen, und ſagte zu ihr gewendet: Liebe Adelma, nimm Dich meines Sohnes Gabriel an! Montesquivu blickte auf die Alte und ſchlug eine laute Hohnlache auf. Da habt Ihr Euch einen wackern Vor⸗ mund beſtellt, Meiſter! rief er aus. Sie traten nun aus dem Hofe des Louvre und wa⸗ ren dem Blicke Adelma's entzogen. Dieſe ſtand bebend noch auf derſelben Stelle. Sie hatte den Ring aufgehoben, ihn an ihre Lippen gedrückt, denn ſie erkannte ihn. O, rief ſie freudig aus, er hat noch Vertrauen zu mir!— Ach, ſetzte ſie hinzu, hätteſt du früher einmal „liebe Adelma“ geſagt, der Himmel wäre in dieſe 208 Bruſt eingezogen, und das arme Herz hätte doch eine ſchöne Erinnerung gehabt. Der Auftritt hatte ſie ſo ſehr ergriffen, daß ſie nicht im Stande war, von der Stelle zu gehen. Sie dachte ihm nach. Gabriel? fragte ſie ſich. Guy war doch ſein einziger Sohn. Sollte er noch einmal geheirathet haben?— Dieſe Worte Viole's wa⸗ ren ihr unerklärlich. So viel aber ſah ſie ein, ſie müßte noch hier weilen. Sie ſetzte ſich auf die Stufen des Portals, vielleicht eine Gelegenheit zu entdecken, wodurch ſie genauere Kunde erhalten könnte. Gabriele erwachte aus der Ohnmacht und fand ſich eingeſchloſſen. Ihr erſchien ihres Pflegevaters Gefan⸗ gennehmung genau mit Anjon's verworfenen Planen zu⸗ ſammenzuhängen. Ein tödtlicher Schrecken bemeiſterte ſich ihrer. Was ſollte ſie thun?— Hier konnte, hier durfte ſie nicht bleiben, mochte auch ihr Schickſal ſeyn, welches es wollte— ſchlimmer als das, welches hier ihrer wartete, konnte ja keines ſeyn.— Sie erinnerte ſich, daß Acevedo allerlei Schlüſſel beſaß. Sie ſuchte ſie hervor. Sie lagen unter Papieren. Dieſe Papiere könnten ihm ſchaden, dachte ſie in dieſem Augenblick. Sie warf ſie in die Flammen des Kamins— dann ver⸗ ſuchte ſie die Thüre zu öffnen. Es gelang zu ihrer un⸗ ausſprechlichen Freude. Schnell ſteckte ſie das wenige Geld, was ſie in Acevedo's Habſeligkeiten fand, zu ſich, warf ſich auf ihre Knie und betete inbrünſtig für ihn und für ſich, und eilte dann, in einen Mantel gehüllt, aus dem Louvre, völlig ungewiß, wohin ſie ihre Schritte lenken ſolite. Sie eilte über den Hof weg. Sie hörte nicht, daß ihr Jemand nachrief. Erſt vor dem Hofe, wo ſie ſtille ſtand, einen Augenblick zu überlegen, wohin ſie ihre Rich⸗ „ 209 tung nehmen ſollte, gelang es Adelma, den flüchtigen Knaben zu erreichen. Heißt Du Gabriel? fragte ſie zutraulich— dann habe ich einen Auftrag von Acevedo, oder beſſer von de Viole an Dich. Gabriele erſchrack. Sie ſah die Alte und wollte ihr entfliehen— da ſeit jenen Tagen auf Arbeque der Name Zigeuner ſchon ihr fürchterlich war. Die Alte ergriff ſie jedoch. Kind, fliehe nicht, ich bitte Dich! ſagte ſie. Sieh hier Acevedo's Ring, er iſt das Zeichen, daß Du mir vertrauen darfſt. Gabriele erkannte den Ring, und ſie dachte, daß doch vielleicht die Alte nicht löge. Als ſie ihr aber in das abſchreckende Geſicht blickte und die krächzende Stimme mit ihrem widerlichen Tone an ihr Ohr ſchlug, da erbebte die vielfach Geängſtete wieder. Adelma betrachtete den Knaben, die feine, ſchöne Ge⸗ ſtalt, und ſie begann an dem Geſchlechte deſſelben zu zweifeln. Vertraue Dich mir an, mein Kind, ſagte ſie ſo herzlich, als ſie nur konnte. Du biſt verlaſſen hier, und was wollteſt Du ohne Hülfe beginnen in der ge⸗ fahrenreichen Stadt, in dem wildbewegten Lande. Viole kennt mich, mir rief er, als die Schweizer ihn vorüber führten, zu: Adelma, nimm Dich meines Sohnes Ga⸗ briel an! Kind, ich bin ihm hochverpflichtet— ſage, wohin ich dich bringen ſoll!— Wo iſt Viole? fragte Gabriele jetzt, wie wenn ihr ſeine Gefangennehmung erſt jetzt zum klaren Bewußt⸗ ſeyn käme. 3. B. 4 3 210 Das kann ich Dir nicht ſagen, verſetzte Adelma, da ich auf Dich wartete, konnte ich ihm nicht folgen; doch das wollen wir auch erfahren. Sie ergriff nun Gabrielen's zarte Hand und zog ſie mit ſich fort bis zu einem Durchgange, wie ſie ſich in Paris häufig finden, wo man nämlich durch ein Haus von einer Straße in die andere gelangt. Hier blieb Adelma keuchend ſtehen. Es war dunkel geworden. Ga⸗ brielen's Gemüth, ſo furchtbar erſchüttert durch die Er⸗ eigniſſe dieſes Tages, ſchloß ſich jetzt mit mehr Furcht als Vertrauen an die Alte an. Kind, fragte dieſe, haſt Du Jemanden in Paris, zu dem ich Dich bringen könnte? Ach! rief angſtvoll Gabriele, ich kenne hier Nieman⸗ den, nicht einmal den Ort, wo meines Vaters Grab iſt. Deines Vaters Grab? fragte Adelma geſpannt. Viole nannte ſich Deinen Vater. O, das iſt er auch der Waiſe geworden, die ohne ihn verloren war. Wo iſt denn Deine Heimath? fragte wieder die Alte. In der Dauphiné, antwortete Gabriele. Ohne daß ſie ſich eines Vermuthunggrundes bewußt geweſen wäre, ſprach die Alte: vielleicht zu Schloß Ar⸗ beque?— Richt wahr, du biſt Gabriele d Arbeque? Kennſt Du mich? fragte ängſtlich Gabriele, die kaum ihrer Beſinnung mächtig war. O, ich kenne Dich, Mädchen, ſagte darauf freudig Adelma, und weiſeſt Du nicht kalt und ſtolz ein treues Herz zuruck, ſo ſollſt Du in mir eine mütterliche Freun⸗ din gewonnen haben, die Dir in dieſer drangſalvollen Lage alles leiſtet, was in ihren Kräften ſteht. 211 Gabriele druckte dankbar ihre Hand. Allmählig ver⸗ traute ſie der Alten. Je ruhiger ſi ſie zu werden begann, deſto mehr erkannte ſie das Hülf⸗ und Troſtloſe ihrer gegenwärtigen Lage und die Nothwendigkeit, ſich der ehr⸗ lich ſcheinenden Zigeunerin hinzugeben. Rachdem Adelma ausgeruht, ſetzten ſie ihren Weg fort, und erreichten ſpät eine elende, ſchmutzige Hütte in einem finſtern Gäßchen. Von einem wild ausſehen⸗ den Menſchen wurden ſie freundlich aufgenommen. Ga⸗ briele konnte nichts genießen, und ſank bald auf einem harten Lager, über welches ſie ihren Mantel gebreitet, in tiefen Schlaf. Als ſie am Morgen erwachte, ſaß Adelma an ihrem Bette. Freundlich grüßte ſie die Erwachende. Gabriele fühlte neue Kraft. Wir wiſſen jetzt ſchon ſoviel, als vorerſt möglich, aber Viole, hob ſie an; er iſt in eins der minder har⸗ ten Gefängniſſe gebracht worden, und wir können für's erſte ruhig ſeyn. Dieſe Nachricht erleuchtete Gabrielen's Gemüth. Sie konnte jetzt ruhiger ihre Lage überdenken, die dennoch nichts an ihrer Troſtloſigkeit verlor. Könnte ich nur auf das Schloß Arbeque kommen, dann wäre ich geborgen! ſagte ſie zu Adelma. Da kannſt Du hinkommen, Gabriele, antwortete ihr Adelma. Nur darfſt Du unſer wildes, unſtetes Leben nicht fürchten. Wir ziehen mit unſerer Horde dahin. Gabriele legte die Hand an die Stirne und ſann nach. Dein Namen und dein Geſchlecht muß ein Geheim⸗ miß, und Du ſelbſt ſtets in meiner Nähe bleiben, dann biſt Du gerettet, ſetzte Adelma hinzu. „ 2¹2 Es ſey, ſagte ſie endlich mit Feſtigkeit. So ſehr ich es wünſchte hier zu bleiben, um bei Viole zu ſeyn, ich ſehe es ein, daß es unmöglich iſt. Sie verließen nun Paris und erreichten bald die la⸗ gernde Horde. Bald darauf brach dieſe nach der Dau⸗ phins auf, wo damals d'Atier mit Tavannes und an⸗ dern Häuptlingen der Katholiken ſich herumſchlug, und wild mit den Feinden verfuhr. Dort, wo Unord⸗ nung und Geſetzloſigkeit waltete, war dieſes Volkes Aerndtefeld. Die Feſtung la Rochelle beſaß und genoß das fuͤr die damaligen Zeitumſtände unſchätzbare Vvrrecht, keine königliche Beſatzung ohne den Willen der Bürgerſchaft einnehmen zu müſſen. Condé und Coligny waren dort glücklich angekommen nach mancher Drangſal und Gefahr.. Auch Johanna von Navarra mit dem 45jährigen Prin⸗ zen Heinrich von Navarra und der 43jährigen Katharina, unter Bedeckung von 3000 treuen Bearnern, war da⸗ ſelbſt eingezogen, trotz Montlucs Nachſtellungen. Dan⸗ delot, des Admirals wackerer Bruder, führte 3000 Bre⸗ tagner nach Rochelle. Johanna's Geldzuſchüſſe, Eng⸗ lands und Deutſchlands bereitwillige Hülfe hoben den Muth der Hugenotten, und bald ſtanden ſie ſchlagfertig im Felde. 3 Immer höher ſtieg die Noth der Bedrängten in 1 Frankreich. Nach[Hopitals Entfernung und Morvil⸗ liers Amtantritt, hatte die fanatiſche Geſinnung des Kardinals von Lothringen und Katharina's von Medieis ein weites freies Feld der Thätigkeit vor ſich. Zetzt wurde den Proteſtanten ein Eid abgefordert, der ſie zur 215 Treue gegen den König verpflichtete, und ihnen die Be⸗ waffnung und Leiſtung von Geldbeiträgen zu den Unter⸗ nehmungen Condö's und Coligny's unterſagte, und ih⸗ nen die Verbindlichkeit auferlegte, alles, was von gefähr⸗ lichen Anſchlägen gegen die Regierung bekannt würde, anzuzeigen. Bald darauf erfolgten raſch aufeinander die Bekannt⸗ machungen von drei feindſelig gegen die Proteſtanten ge⸗ richteten königlichen Edikten, deren eines immer heftiger als das andere war, bis zuletzt das Bekenntniß des Evan⸗ geliums bei Todesſtrafe verboten wurde, und man keine andere Religionsausübung duldete, als die römiſche. Dies Alles reizte die Erbitterung auf's Heſtigſte. Die Proteſtanten ſahen es ein, es gelte jetzt einen Kampf auf Leben und Tod. La Rochelle wimmelte jetzt von Heeresmannen, und täglich wuchs die Anzahl. Guy ſah mit Begierde dem Kampfe entgegen. Er, wie ſo viele, ſchwur, nicht eher das Schwert in die Scheide zu ſenken, bis Glaubens⸗ und Gewiſſensfreiheit erkämpft ſey. Das Vertrauen, welches Coligny in ihn ſetzte, und die wohlwollende Auszeichnung, womit der Admiral ihn behandelte, zog ihm die Achtung der ange⸗ ſehnſten Häupter der Hugenvotten zu, und ſelbſt Johanna, die edle Königin von Navarra, ſah es ſehr gerne, wenn Guy in der Geſellſchaft der Prinzen Heinrich von Bearn war, um ſo lieber ſah ſie es, da der Ruf einer unbe⸗ ſcholtenen Sittlichkeit ihm beigelegt wurde von Jeder⸗ mann. Aus dieſen für ihn angenehmen Verhältniſſen riß ihn der eröffnete Feldzug. So ſehr es Heinrich von Bearn wünſchte, ihn bei ſich zu behalten, ſo rief dennoch die Pflicht und die Ehre, und Guy folgte. 214⁴ Bei Jarnae ſiel die erſte Schlacht vor— aber wie⸗ der unglücklich für die Proteſtanten. Dieſe Schlacht, in der Guy zum erſtenmale als Oberſter an der Spitze eines Regiments leichter Reiterei kämpfte, war ſehr un⸗ heilbringend, obwohl die Proteſtanten Wunder der Ta⸗ pferkeit thaten; dadurch aber war ſie dieß beſonders, daß Louis Prinz von Condé ſein Leben im 39. Jahre ſeines Alters auf eine unerhörte Weiſe verlor. Schon bei dem Anfang der Schlacht verwundete ihn das Pferd des Grafen de Larochefoucault durch einen Schlag am Schenkel. Er ſtürzte ſich je dennoch in das tiefſte Kampfgetümmel, als die Seinen zu weichen begannen. Er ſtürzte von dem Pferde mitten im ärgſten Kampf⸗ gewühle, und konnte ſich, ob jener Verwundung, nicht wieder erheben. Knieend kämpfte er noch eine Weile mit Löwenwuth; aber ſeine Kräfte ſanken, keine Hülfe kam— und Herr d Argence, ein Edelmann des rvyali⸗ ſtiſchen Heeres, ſetzte ihm heftig zu. Ihm ergab er ſich, und dieſer ſicherte ihm Pardon zu, obwohl Anjon beſtimmt den Befehl gegeben hatte, des Prinzen auf keine Weiſe zu ſchonen. dArgence wollte eben den Prinzen nach dem Haupt⸗ quartier bringen, als der tückiſche Montesquivu vorüber jagte. Kaum ſah er den Prinzen, ſo riß er das Piſtol hervor und ſchoß Condé eine Kugel durch den Kopf. dArgence war wie vom Donner gerührt. Montesquion aber ſchlug eine teufliſche Lache auf und eilte ſchnell von dannen. So eine Schandthat wurde nie geahndet. Der Tod des Prinzen wurde ſchnell unter den Hugenvtten bekannt und trieb ſie zu faſt wahnſinniger Flucht. Ver⸗ gebens ermahnte, beſchwor Guy ſeine Reiter zum Stich halten. Vergebens drohte er, den Erſten, der es wage 2¹5 auszureißen, niederzuhauen. Seine Stimme, die dem Donner gleich daher braußte, verhallte und— ſie flohen. In Saintes ſah er den Admiral wieder. Grimm und Kummer zeigte ſein Angeſicht. Er vermochte faſt nicht zu reden. Coligny reichte ihm die Hand und ſagte: Seyd ru⸗ hig, mein wackrer Viole— wir leben noch und unſer Muth, und der uͤber uns, verläßt uns nicht!— Ihr habt wacker gefochten, und Eure Erhebung, wärr ſie Euch nicht als Lohn früherer Tapferkeit geworden, ſie würde und müßte Euch jetzt werden! Obgleich ihm dieſes Anerkenntniß wohl that, ſo kounte doch nichts ſeinen Unwillen vernichten. Ein gehaltener Kriegsrath legte in Coligny's Hände den Oberbefehl des Heeres. Er zog ſich auf einen Heer⸗ haufen, den d'Acier befehligte, und welcher keinen An⸗ theil an der Schlacht von Jarnae genommen, zuruͤck, und traf weiſe Anſtalten gegen die nachtheiligen Folgen der verlornen Schlacht. In die feſten Plätze warf er ſchnell hinlängliche Beſatzungen, und ließ dann die Häup⸗ ter ſeiner Parthei in Tonnai⸗Charente zuſammen treten. Die Prinzen Heinrich von Bearn und Heinrich von Conds, des Gemordeten älteſter Sohn, in Geſellſchaft der edlen Königin von Navarra, trafen auch daſelbſt ein. Als alle verſammelt waren, trat die erhabene Für⸗ ſtin in den Männerkreis, an ihrer Seite die Prinzen. Von hoher Begeiſterung erfüllt, hielt ſie eine ſo kräf⸗ tige, eindringende Anrede, daß jedes Herz ergriffen wurde, und ein lauter Jubel erſcholl und alle ſchwuren zu käm⸗ pfen, bis das Ziel ihrer Wünſche, Freiheit des Glan⸗ bens und des Gewiſſens, errungen ſey. Der Mutter hohes Wort war verklungen, der Jubelruf verhallt, da —————— 2¹6 trat Heinrich von Bearn hervor. Sein Auge ſtrahlte, indeß innere heftige Bewegung ſeine blühenden Wangen bleichte. Er erhob ſeine Hand zum Schwur und ſprach mit einer Feſtigkeit, die bei dem 16 jährigen Jüngling in Erſtaunen und Verwunderung verſetzte:„Ich ſchwöre, die Religion zu vertheidigen und bei der ge⸗ meinſchaftlichen Sache zu beharren, bis ent⸗ weder Tod oder Sieg uns allen die gewünſchte Freiheit verſchaffen wird!“ Da donnerte ein Lebehoch! dem Edeln. Da erklär⸗ ten ſie ihn und Heinrich Condé einmüthig zu Häuptern der Hugenotten. Voll mütterlichen Stolzes und mütter⸗ licher Wonne ſchloß Johanna den Sohn an ihre Bruſt, und der alte, ehrwürdige Coligny leiſtete ihm zuerſt den Schwur der Treue, und nach ihm alle mit gleichem En⸗ thuſiasmus. Es war ein erhebender Augenblick, der neuen Muth in jedes Herz ergoß. Nicht weniger erhe⸗ bend war der, als die Prinzen dem verſammelten Heere zu Cognac vorgeſtellt wurden. Hier zitterte die Luft ob des Jubels der Huldigung. Günſtiger als je geſtalteten ſich jetzt die Verhältniſſe der Proteſtanten, denn der heldenkühne Wolfgang von Zweibrücken führte ihnen 6000 Reiter und 5000 Lanz⸗ knechte zu. Nicht zum günſtigſten war die Lage der königlichen Armee. Der Schatz war geleert, die Finan⸗ zen zerrüttet. Schon ein ganzes Vierteljahr blieb der Sold aus, und täglich ſchmolz das Heer. Katharina kam ſelbſt zu ihrem Sohn Heinrich von Anjou in das Lager von Limoges. Sie verſprach Alles. Sie troſtete das Heer mit den Unterſtützungen aus Deutſchland und Italien und den Niederlanden, und hob auf dieſe Art den geſunkenen Muth. 217 Heftig brach nun der Krieg in Poitou aus. Hefti⸗ ger aber wüthete man in andern Gegenden gegen die Proteſtanten. Vorher hatte zu zweien Malen Coligny, um ja Alles verſucht zu haben, Bittſchriften dem Könige vorgelegt, worin er um Freiheit der Religionsübung und Zurücknahme der verfolgenden Edikte bat, und verſprach, ſogleich die Waffen niederzulegen, wenn die Bitte erhört würde; allein man erwiederte mit Grauſamkeiten, vor denen die Menſchheit ſchaudert, dieſe Vorſtellungen. Ja das Parlament von Paris ſetzte einen Preis von 30,000 Goldgulden auf den Kopf des Admirals— ſein Bildniß wurde vor dem Rathhauſe von Paris verbrannt und er ſeiner Admiralswürde entſetzt. Der Admiral, zu groß, um ſich dadurch gekränkt zu fühlen, lächelte über die Luftſtreiche der Ohnmacht; nicht ſo ſeine Freunde, die dadurch auf's wüthendſte empört wurden. Ruhig verfolgte nun Coligny, der den Ober⸗ befehl fort behielt, ſeinen Plan. Die Unternehmungen des Admirals gegen Poitiers führten nicht zum gewünſch⸗ ten Ziel, aber dagegen war Montgommeri in Bearn glücklicher. Anivu zog ſich vorſichtig zurüͤck, da auch ſein Heer viel gelitten, und Coligny folgte ihm. Er ver⸗ mied gerne eine Hauptſchlacht, da das königliche Heer durch die Deutſchen, Italiener und aus den Niederlan⸗ den verſtärkt worden, allein immer allgemeiner und ſtür⸗ miſcher ſprach ſich der Wunſch ſeines Heeres aus, gegen den Feind geführt zu werden. Bei der Stadt Mont⸗ contour trafen ſie am 3. Oktober 1369 zuſammen. Vier Stunden lang wüthete ein gräßliches Geſchützfeuer. um zwei Uhr Nachmittags rückten die Königlichen vor unter Montpenſier, und es gelang ihm, die Reiterei unter Moui, le Noue und Guy de Viole zu trennen. Der Lips Erzähl. 3. B. 10 218 Scharfblick des Admirals erkannte die Gefahr und eilte ſchnell zu Hülfe. Er ſelbſt that Wunder der Tapferkeit, und würde, da ihn eine Kugel in die linke Wange traf, gefangen worden ſeyn, wenn nicht Mansfeld, der nach Wolfgangs Tod(der wahrſcheinlich, wie des Admirals edler Bruder, Dandelot, Gift erhalten hatte) die Deut⸗ ſchen befehligte, ſchnell ihm zu Hülfe geeilt und die Maſ⸗ ſen Montpenſiers in die Flucht geſchlagen hätte.— Anjon ſtürzte ſich nun auf Mansfeld. Muthigen Wi⸗ derſtand leiſtete er; aber auf die Dauer würde er es nicht vermocht haben, wenn nicht der Graf von Naſ⸗ ſau Anjou's Truppen geworfen und zerſprengt hätte. Jetzt wurde das Treffen allgemein und grimmig. Ohne Pardon wurde gemordet. Tavannes und Coſſé jedoch gaben den Ausſchlag zu Gunſten der Katholiken. Die geringere Macht der Hugenotten unterlag nach dem mu⸗ thigſten Kampfe der feindlichen Uebermacht. Zehntau⸗ ſend Todte und Gefangene hatten ſie verloren, und 200 Fahnen zierten als Trophäen dieſes Sieges die Kathe⸗ drale von Notre⸗Dame. Der Sieg war vollkommen. Paris jubelte und feierte Freudenfeſte— denn die Kez⸗ zerbrut war ja vernichtet.— So meinte man. Cvoligny aber glich dem Phönixr. Er zog über Niort nach Montauban; de Piles, der Held von Saint⸗Jean d'An⸗ geli, ſtieß zu ihm. Von allen Seiten ſtrömten Streiter ſeines Glaubens ihm zu, die Verluſte zu erſetzen; und noch ehe das Jahr 4569 hinabſank, rückte er neu ge⸗ ſtärkt nach Burgund vor, behauptete ſich muthig gegen das überlegene feindliche Heer, und errang ſelbſt Vor⸗ theile über daſſelbe. Der Hof war des Krieges müde, der Frankreich verwüſtete und die Staatskräfte verzehrte. Er erkannte des Feindes immer neue Furchtbarkeit an 21¹9 und wünſchte Frieden— um Kräfte zu ſammeln— und endlich dennoch die Ketzer zu vernichten. 25. Nach vielfachen und verwickelten Unterhandlungen kam endlich der Friede in Saint⸗Germain en Laye zu Stande; alle vorhergehenden Friedens⸗Edikte wurden beſtätigt und ienes nachtheilige von Rouſſillon aufgehoben. Den Pro⸗ teſtanten bewilligte man vier Sicherheitplätze: Rochelle, la Charité, Montauban und Cognac, die Hugenotten wurden aller Aemter und Würden fähig erklärt und ih⸗ nen freie Religionsübung zugeſtanden.— Der Frieden war zu günſtig für die Proteſtanten, darum mißtrauten Viele der Aufrichtigkeit des Hofes, der ſchon ſo oft ſie betrogen, und durch anſcheinende Verſöhnlichkeit ſie gelockt hatte. Die da mißtrauten, ſahen tiefer als Coligny, der ſich ganz der ſchönen Hoff⸗ nung hingab, ſeinem theuern Vaterlande den Frieden zurückgegeben zu ſehen. Katharina aber meinte es, wie immer, auch jetzt, nicht treu. Jener Höllenplan, den Alba begründet, den Anjou gefördert, dem ſelbſt Carl MK. in der Aufwallung der Leidenſchaft zugethan ſchien, den endlich Tavannes und Retz als das einzige Mittel, zum Ziele zu gelan⸗ gen, prießen— er lebte jetzt auf's Neue in ihr auf. Acevedo ſchmachtete indeſſen noch immer im Gefäng⸗ niſſe, nichts Geringeres als ſeinen Tod erwartend. Nichts ſchmerzte ihn, als die Unbekanntſchaft mit Guy's und Gabrielen's Schickſal. Ruhig ſah er dem Tode entge⸗ gen, denn ſein Herz war frei von den Vorwürfen, die, wie Harpyen, des Sünders Inneres zerfleiſchen. Tief 10* 220 aber betrübte ihn der Jubel über die Siege von Jarnac und Montevntour, und doch lag die erheiternde Vorſtel⸗ lung ihm wieder nahe, vielleicht droben, im Reiche des Lichts, die wiederzufinden, die er hier verloren. Hätte er gewußt, daß Gabriele den Netzen Anjvu's entgangen, daß dieſer wüthend über ihren Verluſt mit Montesquivu gehadert, daß Guy glücklich und mit dem Lorbeerkranze des Sieges und der Tapferkeit aus den bei⸗ den Schlachten hervorgegangen, eine höhere Freude würde das Vaterherz hienieden erquickt, und die Seele der Erde dennoch wieder zugewendet haben, die nur mit Himmli⸗ ſchem beſchäftigt war. Katharina hatte Acevedo's Papiere genau unterſuchen laſſen, ja theilweiſe ſelbſt durchforſcht. Jener glückliche Gedanke Gabrielen's, die wichtigern zu verbrennen, ent⸗ zog ihn einem Verdachte, der ihn würde das Leben ge⸗ koſtet haben. Katharing fand nichts Verdächtiges. Nur Berechnungen und ſeltſame Fignren, die ſie nicht ver⸗ ſtand, waren da. Selbſt jenes Schlüſſelbund war von Gabrielen entfernt worden, das der Königin ſicher würde die Augen geöffnet haben. Sie hatte bisher den Aſtro⸗ logen ſehr vermißt. Ihre Sehnſucht, mit kühnem Auge in die verborgenen Wege und Plane des Geſchickes zu blicken, fand keine Befriedigung, zumal es jetzt mehr als je erwachte, da ihr Plan der Reife nahte. Sie bereuete es, den Aſtrologen eingekerkert zu haben. Nur die Rück⸗ ſicht auf Anjou, der ihn aus Urrſachen, die ſie nicht be⸗ griff, glühend haßte, hielt ſie bis jetzt ab, ihn ſeiner Haft zu entlaſſen, die für ſie ſchon zu lange gewährt, Endlich konnte ſie nicht länger widerſtehen, und wurde bei ſich einig, den Aſtrologen vor Anjou zu verbergen. 22¹ Sie ließ ihn in der Nacht nach dem Louvre in ihre Ge⸗ mächer bringen, wo ſie mit ihm ganz allein war. Acevedo erwartete ſeine Sterbeſtunde, als zu ſo un⸗ gewöhnlicher Zeit ſeines Kerkers Thüre ſich öffnete. Auf's höchſte überraſchte ihn das Wort: Ihr ſeyd frei! So ſehr er auch ſich mit dem Gedanken an den Tod bekannt und vertraut gemacht hatte— die Liebe zum Leben, die der Schöpfer in das Menſchenherz gepflanzt, die auch den Greis im Silberhaare noch nicht verläßt, ſie regte ſich dennoch jetzt ſtark— und eine aufrichtige Freude erfüllte ſein Gemüth, als Freiheit ſtatt Tod ihm verkündet wurde. Man brachte ihn zu Katharinen. Sie trat ihm ent⸗ gegen ſo freundlich, ſo wohlwollend, als ob nicht Monate einer engen Gefangenſchaft, durch ſie verhängt, zwiſchen der Gegenwart und der Vergangenheit lägen. Aceve⸗ do's Geſundheit hatte gelitten, er ſah kränklich aus. Die Königin reichte ihm ihre Hand zum Kuß. Arevedo ſah ſie feſt an. Seinen Blick konnte ſie nicht ertragen. Warum habt Ihr mich wie einen Verbrecher ein⸗ gekerkert?— Nennt mir meine Schuld! ſprach er wür⸗ devoll. Es genüge Euch, ſagte ſie mild, daß ich Euch für unſchuldig erkläre an dem Verdacht der Untreue, den man auf Euch lud. Vergebt mir mein Untecht. Ich will es gut zu machen ſuchen. Erkennt es, Acevedo, Frankreichs Königin— bittet Euch um Vergebung. Könnt Ihr mir die Zeit des Kummers und des Elends nehmen, die ich durchlebt, oder ſie in Frenden⸗ tage umwandeln?— fragte er bitter. . — —— 222 Das kann ich nicht, Acevedo, erwiederte ſie— aber vergeſſet nicht, daß ſo leicht der Menſch irren kann. An erprobter Treue ſollte er nie zweifeln. Wohl; allein den falſchen Zungen iſt Vieles möglich. So nennt mir ſie, meine Königin! Das kann ich nicht, Arevedo, ich ſagte es Euch ſchon. Ohnedem würde es ja auch das Geſchehene nicht unge⸗ ſchehen machen. Verzeiht, und meine ganze Werthſchäz⸗ zung, mein ungetheiltes Vertrauen ſoll Euch entſchädigen. Es ſey, ſprach Acevedo— doch eine Frage müßt Ihr mir beantworten: Wo iſt Gabriel, mein Sohn?— Katharina ſchlug den Blick nieder. Man ſagte, es ſey ein Mädchen? ſprach ſie kleinlaut. Und wenn ſie das geweſen, und wenn ich mein Kind in Männerkleidung barg, um ſie vor den teufliſchen Nach⸗ ſtellungen Eurer Edelleute— ja Eures Sohnes— ſichern zu können— was that das?— wo iſt ſie?— Gott weiß es. Sie verſchwand, wie Anjon mir ſagte, und nur ſo viel konnte ich erfahren, daß eine alte Zigeunerin ſie mit ſich fortgenommen, aber dann mit ihr ſpurlos verſchwunden ſey. Da kam Frieden in des Greiſes Herz. Sie war gerettet, das wußte er nun mit Gewißheit. Katharina that Alles, was ſie vermochte, ihn zu ge⸗ winnen. Sie ließ ſich nun mit ihm in ein Geſpräch über den jetzigen Stand der Verhältniſſe ein, und ſprach ein Pro⸗ jekt aus, das ihre Seele ſchon längere Zeit beſchäftigte, nämlich Margarethen von Valvis mit Heinrich von Bearn zu vermählen, und dadurch die Hugenotten in ihr In⸗ tereſſe zu ziehen. 22⁵ Acevedo, von dem Wunſche beſeelt, dem für ſeine Glaubensbrüder ſo ſehr günſtigen Frieden alle mögliche Dauer zu verleihen— beſtärkte ſie in dieſer Anſicht. Sie bat ihn, er möge doch ja genaue Beobachtungen anſtellen, um zu erfahren, ob dies gelingen würde. Er bezog nun ſein altes Gemach wieder, nachdem er verſprochen, ſich den Augen Anjou's zu entziehen. Sein erſtes Geſchäft war, dem gütigen Lenker des Ge⸗ ſchickes für Gabrielen's Rettung zu danken, und dann Gelegenheit zu ſuchen, ein Schreiben an du Pleſſis⸗Mor⸗ nay zu richten, über Guy's Verhältniſſe unterrichtet zu werden. Er wußte dieſes Schreiben durch jenen wieder gefundenen alten Diener glücklich zu du Pleſſis⸗Mornay zu bringen, und bald erfreute ein Schreiben des Freun⸗ des, voll Lobes von Guy und mit der Nachricht, wie hoch geehrt er ſey und wie ihn Heinrich von Bearn achte, und er ſtets um die Perſon des Prinzen ſeyn müſſe, wenn nicht ſein Beruf ihn fordere— des Vaters dankbares Herz. Nur von Gabrielen konnte er nichts erfahren. Doch traute er feſt und ſicher der Treue Adel⸗ ma's, und Ruhe kehrte wieder in ſein Herz. Er gab ſich nun wieder ganz ſeinen Lieblingsbeſchäftigungen, den aſtrologiſchen Studien hin, die Geſundheit, die im Ker⸗ ker ſo viel gelitten, ſtellte ſich wieder her, und frohere Ausſichten öffneten ſich ihm für den Abend des Lebens. Keine Ahnung hatte er von dem Höllenplane, den Ka⸗ tharina hegte, den ſie ſo klug zu verbergen wußte. Indeſſen wurden die Unterhandlungen mit der Köni⸗ gin von Navarra eröffnet wegen der Verbindung Hein⸗ richs und Margarethen's. Frankreich ſchien ruhig. Jede Bruſt athmete wieder einmal frei, und Carl der Neunte leitete ebenfalls Unterhandlungen mit dem Kaiſer Maxi⸗ 224 milian dem Zweiten ein, die mit der Vermählung zwi⸗ ſchen Carl und des Kaiſers Tochter Eliſabeth endeten. Froher Jubel erfüllte Paris. Ueberall gab man ſich den ſchönſten Hoffnungen hin, und nur die Erfahrneren trau⸗ ten der Windſtille nicht, die ſo vft ſchon wüthende Stürme geboren hatte. Selbſt der Admiral, ſchon ſeit längerer Zeit Witt⸗ wer, hegte noch einmal die ſüßen Gefühle jugendlicher, weit über ſeinem Alter hinausliegender Empfindungen. Jacobine von Entremont, eine ſehr reiche Dame Sa⸗ voyens, innigſt zugethan dem reinen Evangelium, war von hoher Achtung und Verehrung gegen den Admiral Coligny, den größten Mann und edelſten Helden ſeines Zeitalters, den muthigen Vertheidiger der heiligſten Rechte der Menſchheit, erfültt. Ihr Herz, ſchwärmeriſch alles ergreifend, was Intereſſe für ſie hatte, wurde von der innigſten Liebe zu ihm— erfüllt, der doch um ſo vieles älter war, als ſie. Sie bot dem Admiral ihr Herz und ihre Hand. Das Seltſame dieſer Handlung, die erha⸗ bene Geſinnung, welche ſie ausſprach, gewannen des Ad⸗ mirals Herz. Er veranſtaltete eine Zuſammenkunft, und hier knüpfte ſich das Band unauflößlich. Der Herzog von Savoyen ſuchte dieſe Verbindung zu hintertreiben. Er zog Jacobinens Güter ein.— Den⸗ noch blieb ſie treu und verließ heimlich ihr Vaterland, verließ ihre Reichthümer und wurde in Rochelle des Hel⸗ den Gattin. Alle unheilbringenden Ereigniſſe ſchienen ſich in die glücklichſten aufzulößen— alle Segnungen des Friedens blühten. Coligny ſegnete den Liebebund ſeiner Tochter Louiſe mit dem edeln Teligni, obwohl er nur ein armer Edelmann war.— Heinrich von Condé vermählte ſich mit Marien von Cleve.— Nur des ehr⸗ 22⁵ geizigen Anjou's Plan, Englands Eliſabeth die Seine zu nennen, mißlang zu ſeinem Grimme, und nur ein Staats⸗ bündniß war in dem Körbchen, das er erhielt— magrer Erſatz für Vernichtung ſeiner ehrgeizigen Abſichten. Die Vermählung Heinrichs von Bearn mit Margarethen von Valvis, mit welcher ihre Herzen vollkommen überein⸗ ſtimmten, kam allmählig ihrer Erfüllung nahe zur Freude der Hugenotten, die ſich jetzt im Beſitze des Gutes, wofür ſo viel Blut gefloſſen, glücklich fühlten. Die frohe Ausſicht der Vereinigung der beiden Par⸗ theien in Heinrich und Margarethen, und die ihm heim⸗ lich vertraute Abſicht des Königs, an Spanien den Krieg zu erklären, und dadurch den Niederländern nützlich zu werden, und ihm den Oberbefehl zu übertragen; dies und ſein eigenes, ſo herrlich aufbluhendes häusliches Glück, nahm des Admirals Herz ganz ein. So vft er auch ſchon von dem Hofe, der keine Treue kannte, hin⸗ tergangen worden war; jetzt traute er zuverſichtlich und lächelte oft, ja zürnte ſogar, wenn man Bedenklichkeiten äußerte und Zweifel an der Aufrichtigkeit des Hofes. Er wurde jetzt von Carl dem Neunten eingeladen,— an den Hof zu kommen, um die Angelegenheiten wegen„ des Krieges mit Spanien eifrig zu betreiben. Freudig eilte Coligny nach Paris. Sein Empfang von Seiten des Königs war ſehr herzlich. Jedermann bemühte ſich, ihm ſeine Achtung zu beweiſen. Der König verſicherte ihm: dieſer Tag ſey der glücklichſte ſeines Lebens. Co⸗e ligny wurde in alle ſeine Aemter und Würden wieder eingeſetzt; ja Carl gab ihm eine Stelle im Staatsrath und ein Geſchenk von 100,000 Livres, und überließ ihm ein ganzes Jahr lang die Einkünfte der Pfründen ſeines in London verſtorbenen Bruders, des Kardinals von 5 226 Chatillon, der als Dpfer des Fanatismus gefallen war. Alles wurde verſucht, den Admiral ſo in die Netze des Hofes zu verſtricken, daß er nicht mehr entrinnen konnte, da er ohnedem mit unbegreiflicher Verblendung ſich hin⸗ gab, und alle Warnungen verachtete. Mitten unter den freudigen Vorbereitungen zu der Vermählung des Prinzen Heinrich ſtarb Johanna von Navarra, das große, edle Weib, und dieſer Verluſt war groß für die Proteſtanten; allein dieſer Todesfall änderte nichts in dieſer Angelegenheit. Heinrich von Navarra, in deſſen Nähe Guy de St. Flour war, eilte nach Paris. Sein Einzug war glän⸗ zend, und jetzt jubelte Paris auch dem Ketzer entgegen. Margarethe von Valvis empfand für den ſchönen Hein⸗ rich wirklich Zuneigung; ſie ſah ihm mit Sehnſucht ent⸗ gegen. Da erblickte ſie in ſeiner Nähe den Mann wie⸗ der, für den ſie einſt geglüht, Guy de Saint⸗Flour, und ein freudiges Gefühl durchbebte ſie. Dieſe Neigung war in ihrem leichtſinnigen Herzen jetzt wieder erwacht, und überwog ſelbſt die Neigung zu ihrem jungen Gatten. Sichtbar bewieß ſie ihre Zuneigung zu Guy de Viole. Alle beſſern Gefühle in Guy's Herzen widerſtrebten, und er fühlte eine tiefe Verachtung gegen Margarethen, die die Abſicht zu haben ſchien, mit ihm in eins jener verworfenen Verhältniſſe zu treten, wie ſie damals am Hofe Sitte waren. Er zog ſich von allen Feſtlichkeiten zurück, und lebte faſt ein Einſiedlerleben unter den Freu⸗ den des Hofes. Arevedo beobachtete den geliebten Sohn. Margare⸗ thens unreine Liebe zu ihm war ihm kein Geheimniß, deſto mehr freute ihn Guy's Zurückgezogenheit. Er achtete ſelbſt Heinrichs von Navarra Vorwürfe nicht, 227 und lebte nur in der Verbindung mit Coligny, hoffend auf den Ausbruch des Krieges mit Spanien, wo ſich ihm das Feld des Ruhms wieder zu öffnen verſprach. Aee⸗ vedo ſah er nur ſelten, ſo ſehr ihn auch ſein Herz zu ihm hinzog. Es war eine ſichtbare Verſtimmung in ſei⸗ nem Weſen. Düſter war ſein Sinn. Niemand errieth das Geheimniß, als Coligny und Acevedo. Er forſchte nach Gabrielen, und all ſein Forſchen war fruchtlos. Dieß war es, verbunden mit jener unheiligen Empfin⸗ dung der jungen Königin von Navarra, was ihm den Aufenthalt in Paris zur Laſt machte. Du Pleſſis⸗Mornay gab ſeiner Thätigkeit eine neue Richtung. Die Zeitumſtände ſind günſtig, ſagte er, Heinrichs von Navarra Wohlwollen für Euch, des Königs milde Stimmung, alles verheißt Euch ein erwünſchtes Ziel, wenn Ihr jetzt Eure Güter in der Auvergne zurückfordert. Guy erkannte die Richtigkeit dieſer Anſicht. Er that nun ernſtliche Schritte und hatte die Freude, daß er ſei⸗ ner Wünſche Ziel wirklich nahen ſah.— Man verſprach Alles.— Selbſt Coligny legte es dem König an's Herz. Carl neigte ſich ſo ſichtbar zu Coligny, daß er endlich das Geſuch genehmigte, und Guy in den Beſitz ſeiner Güter ſetzte. Guy wollte ſogleich nach der Auvergne eilen. Nur Coligny's Bitten hielten ihn noch zurück. In einer vertrauten Zuſammenkunft Coligny's mit dem Könige ſtellte ihm Coligny vor, wie ruhmvoll es für ihn ſey, der Sache der unterdrückten Niederländer ſich anzunehmen, und ſelbſt den Feldzug zu leiten. Er deutete darauf hin, daß Katharing ihn bei den frühern Kriegen blos darum zurückgehalten, ſelbſt ritterlich zu kämpfen, um den Herzog von Anjou bei der Nation be⸗ 28 liebt zu machen, und ihn, den König, deſtv beſſer zu beherrſchen. Carl mochte die Wahrheit dieſer Andeutun⸗ gen fühlen. Er ſah, daß Coligny es redlich meine, und es war nahe daran, daß Coligny ein bedeutendes Ueber⸗ gewicht über den König erhielt. Katharina ließ dies Ge⸗ ſpräch belauſchen. Ihr Haß gegen Coligny kannte nun keine Grenzen mehr. Immer feſter wurde die Abſicht, ihn wie alle in Paris verſammelten Hugenotten hinzu⸗ morden. Dies aber gieng nicht ohne des Königs Mit⸗ wirken, und das mußte ſchnell geſichert werden, ehe Coligny ihn noch mehr für ſich einnahm. Katharina kannte ihren Sohn zu gut, um nicht die ſchwache Seite zu kennen, bei welcher ſie ihn faſſen mußte. Sie nahm einen Zeitpunkt wahr, wo ſie ihn allein traf. Sie zog ihn mit ſich in ein einſames Kabi⸗ net und brach in die heftigſten Vorwürfe aus. Mit einer Miſchung von mütterlicher Zärtlichkeit und bitterm Unwillen rief ſie ihm Alles in's Gedächtniß zurück, was ſie als trene Mutter für ihn von der Kindheit hülfloſen Tagen bis zu dieſem Augenblicke gethan, geduldet, ge⸗ opfert. Und nun wende er ſich von ihr zu den Men⸗ ſchen, die ihn glühend haßten, nur ſein Verderben woll⸗ ten; ließe von ihnen ſein Herz beſtricken und abwenden von Mutter und Bruder. Ihre Thränen rannen. Sie affektirte eine wilde Ver⸗ zweiflung. Was ſoll aus mir, was aus Anjon werden, wenn ſie Dich in ihre Netze locken, und an die Spitze der Staatsgeſchäfte treten? Laß mich nach Florenz zu⸗ rück eilen, und dort laß über dem Kummer, einen Sohn verloren zu haben, mein Herz brechen! Das rief in erſchüttertem und erſchütterndem Tone aus. ———— —— 229 Carl ſtand betäubt vor ihr. Cvligny's Bemerkungen waren noch unverwiſcht in ſeinem Andenken. Er wußte ſich ſchuldig. Er flehte die erzürnte, ſo tiefbewegte Mut⸗ ter um Vergebung an und gelobte Beſſerung, gelobte, ihr in allen Stücken zu folgen. Freudig ſah Katharina ihres Verſuches Gelingen; allein ſie hatte gelernt, ſich zu beherrſchen und zu ver⸗ ſtellen. Statt ſich mit Carl auszuſöhnen, rang ſie ver⸗ zweifelnd die Hände und eilte davvn. Carl war auſſer ſich. Er folgte der Mutter, wie ſie es berechnet hatte, in ihre Gemächer, wo er Auiou, Gody⸗Retz, Tavannes und Sauve, die Vertrauten ihrer Mordpläne, bei ihr antraf. Carl ſtarrte ſie an und erbleichte. Er fürchtete ſeine Mutter und den Herzog von Anjou mehr als die Hu⸗ genotten. Ihr Zuſammenſeyn mit dieſen fanatiſchen Män⸗ nern, deren Geſichter alle den Ausdruck der tiefſten Be⸗ trübniß und Sorge zur Schau trugen, ängſtete ihn un⸗ beſchreiblich, und er ahnete für ſich die nachtheiligſten Folgen. Faſt zitternd bat er ſie nun, ihm doch die neuen Verbrechen der Proteſtanten bekannt zu machen, da er ſie ja gar nicht kenne. Da war ihr Wunſch erfüllt, da begannen ſie mit glühenden Farben die Verbrechen der Proteſtanten zu ſchildern, von denen dieſe nichts wußten; da ſagte mau dem König, daß ſie mit der freien Uebung ihrer Reli⸗ gion nicht zufrieden ſeyen, ſondern die Vertilgung der katholiſchen beabſichtigten; daß ſie ſich rühmten, den Kö⸗ nig ganz nach ihren Abſichten lenken zu können; daß beſonders der Admiral ſich geäuſſert habe, blutige Rache wegen ſeiner Achtserklärung nehmen zu wollen. 250 Es lag nicht in Carls heftiger Gemüthsart, etwas ruhig zu prüfen, um Wahrheit von niedrigem und hölli⸗ ſchem Blendwerk der Lüge ſcheiden zu können. Auch jetzt loderte ſeine Hitze auf. Man wußte ſie bis zum raſendſten Zorne zu ſteigern, und er ſchwur, dies den Proteſtanten nicht zu vergeſſen. Jetzt hatte man den König da, wo man ihn haben wollte. In dem Jagdſchloſſe Montpipeau war dies vor⸗ gefallen. Man kehrte nach Paris zurück. Katharine und Anjou mißtrauten der Dauer des königlichen Zor⸗ nes, darum nahmen ſie einen andern Ausweg— Co⸗ ligny's Ermordung. Aber auch hier erſcheint Kathari⸗ nen's teufliſche Liſt. Ihr Beſtreben gieng darauf hin⸗ aus, die Mordthat auf das Guiſiſche Haus zu laden. Teufliſch klug wählte ſie ein Haus, das dem Erzieher der Guiſiſchen Prinzen gehörte, zum Mordplatz. Dort mußte ſich der Mörder verbergen. Es war am 24. Auguſt 1572, als Abends ſpät noch Acevedo ſich zur Königin begeben wollte, um ſie zu war⸗ nen, da Schreckliches ſich bald ereignen müßte, ſeinen Beobachtungen zufolge. Die ſeltſame Erregtheit Katha⸗ rinens, das heimliche Weſen, die glühenden Blicke, die er beobachtet— das Alles deutete dem ſcharfen Beobach⸗ ter auf nichts Gutes und nichts Gewöhnliches. Er kannte ſeinen Einfluß auf die Königin, und hoffte durch denſelben vielleicht Uebeles von ſeinen Glaubens⸗ genoſſen abzuwenden. Als er ſich dem königlichen Gemache näherte, trat Nicvlas Louviers de Maurevel, der Mörder des tapfern Moui— ein Auswurf der Hölle, einſt in Dienſten des Herzogs Franz von Guiſe, heraus, und die ganze Hölle ſprach aus ſeinen Zügen. 251 Ein kalter Schauder ergriff Acevedo bei dem Anblick dieſes Menſchen, und eine bange Ahndung durchzuckte ihn. — Statt ſich zur Königin zu begeben, eilte er aus dem Louvre nach dem Hotel Saint⸗Pierre, in der Straße Betiſy, unfern des Louvre, wo Coligny wohnte. Er ver⸗ langte ſtürmiſch den Admiral zu ſprechen. Doch dies war jetzt nicht möglich, da er bei dem Könige war.— Guy aber traf ihn. Oberſt Viole, rief der Vater dem Sohne zu, be⸗ ſchwört den Admiral, Paris zu verlaſſen, es droht ſei⸗ nem Leben Gefahr. Auch Ihr ſeyd nicht ſicher. Ver⸗ laßt um Gotteswillen Paris, und eilt auf Eure Güter nach Saint⸗Flour! Guy erſchrack. Er zog den Aſtrologen auf die Seite. Er forſchte nach Allem, und Acevedo theilte ihm das mit, was er wußte, und verließ ihn dann ſchnell, um vielleicht dem beabſichtigten Bubenſtück näher auf die Spur zu kommen. Coligny kehrte ſpät heim. Guy theilte ihm ſogleich das mit, was er gehort, und beſchwor ihn, Paris zu verlaſſen. Ihr vergeßt, Oberſt, antwortete Coligny ruhig, daß mich die Pflicht gegen König und Vaterland feſſelt. Ihr vergeßt, daß wir alle in Gottes Hand ſtehen und ſein Schutz uns bewahrt. Von Euch hätte ich ſolche Aengſt⸗ lichkeit nicht erwartet!— Und ruhig legte er ſich zu Bette.„ Am andern Tage, Freitags den 22. Anguſt, begab er ſich frühe nach dem Ballhauſe, wie er es dem Könige zugeſagt. Guy begleitete ihn dahin, und Mouvans und Teligni. Gegen 11 Uhr kehrten ſie nach der Wohnung Coligny's zurück. Der Admiral gieng einige Schritte ₰ ₰ 252 voraus und las amtliche Papiere durch. Als er in die Nähe des Kloſters Saint⸗Germain Auxerrvis kam, fiel plötzlich ein Schuß. Die Kugel riß des Admirals Zei⸗ gefinger an der rechten Hand weg, und drang in den linken Oberarm. Ruhig wieß Coligny nach dem Hauſe, woher der Schuß gekommen. Wüthend viſſen Mouvans und Guy die Schwerter aus den Scheiden und eilten dahin. Sie durchſuchten das Haus— es war leer. Maureval war durch die Vorſtadt Saint⸗Antvine bereits entflohen. Sie kehrten nach fruchtloſem Suchen zu Co⸗ ligny zurück, den ſein Schwiegerſohn Teligni bereits nach ſeiner Wohnung gebracht. Als Guy in das Gemach trat, wo der Held lag, da reichte er ihm die verwundete Hand. Ein wehmů⸗ thiges Lächeln ſchwebte über die edeln Züge, und er ſagte: O, hätte ich der Stimme warnender Freundſchaft ge⸗ folgt! Nun iſt es zu ſpät. Mit der Faſſung des wahren Chriſten und dem Mu⸗ the des Helden ertrug er die ſchmerzhafteſte Operation. Der König war auſſer ſich, als er es erfuhr. Ka⸗ tharina eilte zu ihm, ihren Abſcheu und Groll gegen die Guiſen zu äußern, auf welche ſie, da alle Umſtände ſich dazu vereinigten, die Schuld dieſer Schandthat bürdete. Der König verordnete die Verhaftung des jungen Her⸗ zogs von Guiſe; doch dieſer war entflohen. Carl äußerte wirklich aufrichtigen Abſcheu gegen das Verbrechen, und ſuchte auf alle mögliche Weiſe dieſen zu beurkunden. 3. verbreitete ſich das Gerücht des Meuchelmords an Coligny, als alle proteſtantiſche Edelleute zu Coligny eilten. Allgemein war der tiefe Schmerz, allgemein die grenzenloſeſte Wuth und Erbitterung. Heinrich von Na⸗ varra, Condé und Teligni waren es, die ſich aus den 253 beſten Abſichten, den Frieden nicht auf's neue zu bre⸗ chen, da der Mordverſuch Privatſache ſey, dem Antrage des Vidome von Chartres, Jean de Ferrieres, Paris ſo⸗ gleich zu verlaſſen, widerſetzten. Coligny, welcher ohne⸗ dem ſchon ſeiner Wunde wegen eine Reiſe vermeiden mußte, trat ihrer Meinung bei und äußerte das uner⸗ ſchütterlichſte Vertrauen in die Rechtlichkeit ſeines Kö⸗ nigs. Am Abend deſſelben Tages wurde noch eine Be⸗ rathung an Coligny's Bette gehalten, die gleichen Er⸗ folg hatte. Guy, der auf's heftigſte empört war, erhielt am Mittage noch einmal ein Schreiben von Acevedo's Hand, das ihn beſchwor, ſogleich Paris zu verlaſſen. Er warf es erbittert hin. Nein, rief er aus, und ſollte auch ich fallen, ich kann und darf den Mann nicht verlaſſen im Unglücke, der mein Vater, mein Freund war im Glücke! Und er blieb. Am Nachmittage nach dem Mordverſuche erſchien, auf des Admirals Bitte, der König, begleitet von Ka⸗ tharine von Medicis, Heinrich von Anjon und dem Marſchall von Retz, am Siegbette des Helden. Alle ſprachen die herzlichſte Theilnahme und den größten Un⸗ willen über das Verbrechen aus. Carl ſprach allein mit Coligny. Katharinens Gewiſſen regte ſich— die Furcht— der Sünde Sold, marterte ſie. Sie drang auf dem Rück⸗ wege in ihren Sohn, den Inhalt dieſes Zwiegeſprächs ihr zu eröffnen. Ihren dringenden Bitten gab endlich der König nach und ſagte, er habe ihn zur Selbſtſtändigkeit ermahnt und vor der Abhängigkeit von andern gewarnt. Katharina biß ſich in die Lippen.—— 3. B. 10** 254⁴ Carl hatte verlangt, man ſolle Coligny in den Lou⸗ vre bringen. Heftig widerſetzten ſich indeſſen die Aerzte dieſem Vorſchlage. Mehr Beifall fand Heinrichs von Anjon Vorſchlag, eine Wache vor Coligny's Hauſe auf⸗ zuſtellen, um etwaige Anſchläge der Guiſen zu vereiteln. Auch fand der Antrag Beifall, daß alle proteſtantiſchen Edelleute Quartier in der Nähe des Coligny'ſchen Hau⸗ ſes beziehen ſollten, um ſogleich bereit zu ſeyn, wenn Gefahr drohe. Es mußten Quartiere bereitet werden für ſie, die ſie am andern Tage bezogen. Niemand ah⸗ nete, welche fürchterliche Liſt dieß war. Niemand dachte daran, daß dies nur darum geſchah, um die zu Morden⸗ den ja alle recht nahe beiſammen zu haben, und gleich⸗ ſam mit einem Streiche ſie alle zu fällen!— Am Morgen des 23. Auguſt's begab ſich Heinrich von Anivu in Kathakinens Gemächer. Er traf die Kö⸗ nigin in gewaltſamer innerer Bewegung. Jetzt hat die Stunde geſchlagen, Heinrich, rief ſie aus, wo unſer Plan ausgeführt werden muß. Ich habe bei den Aerzten des Admirals geforſcht, und ſie behaup⸗ ten, ſeine Wunde ſey gefahrlos, er werde bald wieder hergeſtellt ſeyn. Was werden wir von ihrer Rache zu erwarten haben, die Jean de Ferrieres, der Vidome von Chartres, laut ſchwur im Kreiſe der Seinigen!?— So laßt uns ſchnell ihr zuvorkommen. Sie bieten uns ſelbſt durch ihre zahlreiche Verſammlung bei Co⸗ ligny die Hand. Wie ſo? fragte die Königin. Es iſt ja ohne alle Schwierigkeit, den Koͤnig zu über⸗ zeugen und das Gerücht in ganz Paris zu verbreiten, daß ſich die Proteſtanten verſchworen hätten, blutige Rache zu nehmen für den Mordverſuch. 25⁵ Der Gedanke iſt vortrefflich— aber wie ihn aus⸗ führen? Deafür laßt mich Sorge tragen. Biragne, Tavannes und Retz werden es an nichts fehlen laſſen. Dadurch wird der König erzürnt werden, und es wird uns leicht ſeyn, dieſen bis zur Raſerei zu ſteigern, wo er ſicher ſeine Zuſtimmung nicht verſagen wird. Wann aber wollen wir dieſes Werk ausführen?— Morgen um Mitternacht, wenn das ſchon ver⸗ abredete Zeichen mit der Glocke von Saint⸗Germain Auxerrvis gegeben wird, wird des Admirals letzte Stunde ſchlagen, und mit ihm die aller Proteſtanten in Paris. Ich werde ſchnell die gräßlichſten Gerüchte aus⸗ ſprengen laſſen, die geeignet ſeyn werden, Freund gegen Freund, Nachbar gegen Nachbar zu bewaffnen— und frei werdet Ihr, werden wir alle athmen, wenn die Sonne des 28. Auguſt über den Gräbern und Leichen unſerer Feinde aufgehet. Aumale und Guiſe mit ihren Leuten ſind verborgen, und harren der Stunde und des Zei⸗ chens, um ihren Haß im Blute der Ketzer zu tränken. Thut Ihr das Eure, theure Mutter, und bereitet Carl leiſe vor— dann wird Alles gelingen. Heinrich von Navarra und Condé ſchonen wir, ſprach nun Katharine. Ich will Margarethen Befehle geben, in ihres Gemahls Zimmern zu bleiben. Nur noch nicht! rief Anjou— nur vor morgen Abend nicht, ſonſt iſt's verrathen. Ihr kennt den Leicht⸗ ſinn Margarethen's. Sie hat Leute unter den Hugenot⸗ ten, die ihr werth ſind, die ſie gerne retten möchte— wenn ſie es wüßte, und ſo ſehet Ihr wohl, wäre Alles verloren. ſchall von tere beſprach. Acevedo war nun ſchon zu dreien Malen in Katha⸗ rinen's Vorzimmer geweſen. Ihn trieb eine namenloſe Angſt um. ches im Werke, über dem ein dunkles Geheimniß ſchwebte. den Proteſtanten gelten würde. Er warnte ſie. Verge⸗ bens aber den Wind. aber ſie ließ ihn nicht vor. Mit jedem Augenblicke ſtieg ſeine Angſt, denn er ſah nur Anjou und die übrigen fürchterlichen Fanatiker bei Katharinen. Ihm war es klar, es gelte nichts geringeres als Ermordung der Pro⸗ teſtanten. es war umſonſt. An ſo Entſetzliches glaubte man nicht. Am 25. Auguſt endlich hatte er die Freude, du Pleſ⸗ ſis⸗Mornay, der auf die Nachricht von des Admirals Verwundung von ſeinen Gütern nach Paris geeilt war — zu ſehen. Er zog den Freund bei Seite. Ihm ver⸗ traute er ſeine ſchrecklichen Ahnungen. Aber auch Pleſſis glaubte daran nicht, und dies brachte den Alten faſt zur Verzweiflung. Er kehrte zurück in den Louvre, und ſuchte ſich ſelbſt zu überreden, er irre— und doch konnte er die Angſt ſeines Innern nicht beſchwichtigen. Selbſt das Gebet Er verließ die Königin, bei der ſich bald der Mar⸗ 256 Retz einfand, mit dem ſie jetzt noch das Wei⸗ Er ſah an Allem, es war etwas Entſetzli⸗ Er kannte die Verhältniſſe, er wußte, daß es waren ſeine Warnungen. Man ſchlug ſie in Er wollte Katharinen's Gemüth erſchüttern, Was er zu thun vermochte, that er; allein gab ihm keinen Frieden. 257 W. Der Abend des 24. Auguſt's, des Sanct⸗Bartholv⸗ mãus⸗Tages 1572, war gekommen, und eine ſchwüle Nacht ſank herab mit undurchdringlicher Finſterniß auf die Rieſenſtadt, in der eine grauſenvolle Stille herrſchte, die nur hin und wieder durch Waffengeräuſch unterbro⸗ chen wurde. Von dieſem Geräuſch beängſtigt, eilte Guy an des Admirals Lager— es dieſem mittheilend, und ihn auf die verſchiedenen Warnungen Acevedo's aufmerk⸗ ſam machend. Coligny wurde ernſt. Geht nach dem Louvre, Oberſt Viole, befahl er ihm, und fraget den König in meinem Namen, was es zu bedeuten habe?— Guy gieng ſogleich. Alles war ungewöhnlich ſtille. Nur hin und wieder begegnete er bewaffneter Buͤr⸗ germilitz, was ihn noch mehr mit Sorge erfüllte. Guy blieb auf ſeinem Wege einigemal horchend ſte⸗ hen— denn es ſchien ihm, als begleiteten ihn ſchon vom Hotel Coligny's aus drei Männer, deren einer ſich durch ein langes Gewand auszeichnete. Blieb er ſtehen, ſo thaten ſie daſſelbe. Gieng er wieder, ſo folgten ſie ihm von Ferne. Endlich griff er an's Schwert und trat zurück, um ſich genauer zu überzeugen; aber er fand nichts und ſchämte ſich einer Anwandlung von Furcht. Ohne fürder ſich umzublicken, ſchritt er nun raſch zu, und erreichte den Louvre. Er ließ ſich ſogleich bei dem Könige melden und wurde in einen Salon geführt, wo nach Au⸗ genblicken der König ſich einfand. Guy erſchrack vor ſeinem Antliz. Es war wild, bleich, verſtört. Das fenrige Auge war ſchrecklich anzu⸗ ſehen. In ſeinem ganzen Weſen zeigte ſich eine Haſt, 258 eine Unruhe, eine Ueberſpannung aller Kräfte, die auf eine fürchterliche Erregung aller Leidenſchaften bei ihm ſchließen ließ. Guy begrüßte den Monarchen mit edelm Anſtande und Würde; doch erwiederte der König ſeinen Gruß nicht. Finſter ſah er ihn an und fragte: Was iſt Euer Begehren?— Ich komme im Namen des verwundeten Admi⸗ rals, ſprach Guy feſt, jedoch ehrerbietig, bei Eurer Ma⸗ jeſtät unterthänigſt um Erklärung der kriegeriſchen Be⸗ wegungen in der Stadt zu bitten, da ſie den Admiral beunruhigen. Da wurde plötzlich des Königs Geſicht n freundlich. Gehet hin, ſagte er mit anſcheinender Ruhe, und ſa⸗ get dem Admiral, es geſchehe auf meinen Befehl, und meine Abſicht ſey blos, mögliche blutdürſtige Unterneh⸗ mungen der Guiſen zu vereiteln. Bittet ihn in meinem Namen, ruhig zu ſeyn. Er machte eine Bewegung mit der Hand und gieng wieder nach der Thüre, aus welcher er getreten. Im Blicke noch ſah Guy Katharinen und Anjou. Mehrere ſtanden noch umher, die er jedoch nicht mehr erblicken konnte, weil Carl die Thüre ſchloß. Beruhigt, doch nicht ganz ohne Sorge verließ Gy den Louvre und trat in den Hof deſſelben. Hier war Alles todtſtille. Er blieb einen Augenblick ſtehen und horchte in die Ferne;— dann trat er durch das eiſerne Thor hinaus. Kaum aber hatte er den Fuß über die Schwelle deſſelben geſetzt, als ihn vier ſtarke Arme faß⸗ ten und ihn rücklings zu Boden riſſen. Vergebens war die Gegenwehr ſeiner jugendlichen Kraft. Er wurde ge⸗ 2⁵9 feſſelt, der Mund ihm verſtopft und ſo feſt gebunden, daß er ſich nicht regen konnte, trugen ihn in lautloſer Stille die beiden Männer eine Strecke, dann warfen ſie ihn auf einen leichten Wagen, der bereit ſtand, und nun gieng's raſch von dannen. Lange Zeit fuhren ſie ihn, dann wurde er abgeladen, in ein niedriges Haus ge⸗ bracht, wo man ihn ſchonungslos in eine finſtre Kam⸗ mer warf, die Thüre abſchloß und ihn gefeſſelt lie⸗ gen ließ. Vergebens bemühte ſich Guy, ſich zu regen. Er war ſo veſt geknebelt, daß er regungslos liegen mußte. Auch ſchreien konnte er nicht, denn der Mund war ihm verbunden. Er hörte an dem dunkeln Orte, wo er lag, durchaus nichts; nur dann und wann ſchien es ihm, als vernähme er ein leiſes Flüſtern im vordern Gemache. Er mochte vielleicht eine Stunde in dieſer Lage zuge⸗ bracht haben, die höchſt ſchmerzhaft für ihn war, da ließ ſich wieder Geräuſch hören. Man vernahm ſchwere Tritte, und ein zweiter Gefeſſelter wurde in einem glei⸗ chen Zuſtande hereingebracht. Vor Guy's Seele traten nun Acevedo's Warnun⸗ gen. Ihm war es gewiß, daß ſein Tod ihm nahe ſey, und ruhig ergab er ſich in das Unabwendbare, die Stunde erwartend, wo der Mörder Rotte ſeiner Bahn ein Ziel ſetzen würde. In des Königs Kabinet waren Katharina, Anion, Tavannes, Retz, der Herzog von Nevers und Biragne, der an Morvilliers Stelle getreten war. Hier geſtand man es dem König, daß nicht Guiſe, ſondern Katharine und Anjou die Mörder Coligny's ſeyen; daß die Urſache dieſer That nur die Rückſicht auf das Wohl des Staats ſep, indem die Proteſtanten die allerſchändlichſten Abſich⸗ 240 ten gehegt, und man ſie entweder gewaltſam unterdruk⸗ ken oder auf's Neue die Schrecken eines wüthenden Bürgerkriegs über das entnervte Vaterland bringen würde, was jetzt noch ſicherer zu erwarten ſtehe— wenn nicht alle vertilgt würden. Katharine wendete alle ihre Ver⸗ ſtellungskunſt, alle ihre Kunſigriffe an, ihres Sohnes leidenſchaftliche Wuth zu erregen, und alle Anweſenden, zu denen noch Graf Angouleme gekommen war, verein⸗ ten ihre Kraft in Lüge und Verläumdung, ſo daß end⸗ lich, auf's Aeuſſerſte gebracht, Carl ausrief: Par la mort de Pieu! man tödte, weil Ihr es für gut findet, den Admiral; aber ihn nicht allein, ſondern alle Hugenotten, damit nicht Einer übrig bleibe, der uns beunruhige! Fer⸗ tigt ſchnell die Befehle aus! Tavannes erklärte nun, daß er bereits Alles gethan, die Militzen habe wehrhaft gemacht. Es fehle nur noch, ſie mit dem Zwecke bekannt zu machen. In dieſem Augenblick wurde dem König der Obriſt Viole de Saint⸗Flour gemeldet. Alle erſchracken. Der König trat heraus, und Katharina legte ihr Ohr an die Spalte der Thüre, die nur angelehnt war. Freudig vernahm ſie des Königs Verſtellung, und berichtete es heimlich ihren Genoſſen. Tavannes entfernte ſich bald nach des Königs Rück⸗ kehr, und ließ die Vorſteher der Bürger vor den König kommen, wo er ihnen befahl, die Bürgerkompagnien um Mitternacht vor dem Rathhauſe zu verſammeln. Mit Entſetzen fragten ſie nach dem Zwecke. Da enthüllte ihnen Tavannes die hölliſchen Pläne. Bleich vor Schrecken ſahen ſich die wackern Bürger an, und der Muthigſte unter ihnen nahm das Wort, 24¹ erklärend, ſie könnten mit gutem Gewiſſen zu ſolchen Schandthaten ihre Hand nicht bieten. Wüthend ſprang Tavannes gegen ihn und ſprach fürchterliche Drohungen aus. Es gelang ihm, ſie einzu⸗ ſchüchtern, und ſie endlich geneigt zu machen. Er ſagte ihnen nun, daß ein Schuß vom Louvre aus und das Läuten der Glocke vom Kloſter Saint⸗Germain l'Auxer⸗ rois das Zeichen zum Anfang des Mordens geben ſolle. Hierauf müßten ſogleich Lichter und Fackeln vor die Fen⸗ ſter geſtellt, die Straßen mit Ketten geſperrt und auf allen öffentlichen Plätzen Pikete ausgeſtellt werden. Zum Kennzeichen ſollten die Katholiken weiße Kreuze an ihren Hüten und weiße Tücher um ihren linken Arm tragen. Der Herzog von Guiſe und der Graf Angvuleme, des Königs natürlicher Bruder, übernahmen, nachdem Erſte⸗ rer aus ſeinem Schlupfwinkel hervorgekommen war, des Admirals Ermordung mit wilder Luſt.— Alles ordnete ſich im Stillen. Alle Vorbereitungen wurden auf's Zweckmäßigſte getroffen. Unbegreiflich und unerklärbar war die Unachtſamkeit der Proteſtanten. Cv⸗ ligny, durch Acevedo noch einmal gewarnt, ſchnell ſein Haus zu verlaſſen, beunruhigt durch Guy's Ausbleiben, ſandte noch einmal Teligni zum König, und dieſelbe be⸗ ruhigende Antwort, welche Guy erhalten, empfing und brachte er dem Admiral. Nur aus einer Urſache läßt ſich der Proteſtanten Ruhe bei ſo häufigen Warnungen, bei ſo zweideutigen Ereigniſſen, wie ſie dieſe Nacht bot, erklären.— Ihr edler Sinn und ihre rechtlichen Herzen faßten ſolche Verruchtheit nicht; ſie war ihnen undenk⸗ bar. Sie trauten zu ſicher auf das königliche Wort, zu feſt auf Treue, wie ſie zu üben gewohnt waren. Lips Erzähl. 3. B. 11 2⁴2 Schrecklich ſollten ſie erwachen aus dem ruhigen Schlummer, in den ſie der Glaube an die Menſchhelt gewiegt. Selbſt die, die man liebte, gab man als Opfer hin; und Carl, der die aufrichtigſte Zuneigung zu dem heitern Larochefoucauld hegte, ließ ihn dennoch ſeinem blutigen Looſe entgegengehen. Im Erdgeſchoſſe des Louvre befand ſich Katharina, Carl, Anjou und die meiſten der erwähnten Genvoſſen der hölliſchen Pläne. Carls ganzes Weſen war in fieberhafter Unruhe— alle in einer entſetzlichen Spannung— natürlich—!— der Teufel ſelbſt mußte ſchaudern vor ſolcher That!!— Katharina— und weſſen iſt ein Weib nicht fähig, wenn alles Heilige aus ihrem Herzen gewichen iſt?!— Ka⸗ tharina ſprach dem Könige, ſprach den Männern Muth ein, rühmte das Gottgefällige der Ketzervertilgung. Mit aller Gewalt, die ſie über ihn hatte, nöthigte ſie ihn— als zwölfmal der Hammer ſchlug zur Stunde, wo nach altem Volkswahn der Hölle Pforten ihre Scheuſale aus⸗ ſpeien— den ſchrecklichen Befehl zu dem Zeichen zum Beginnen des Blutgerichts, das ſchrecklicher kaum jemals die Welt ſah— zu geben. Schaudernd gab er ihn— —— ein Piſtolenſchuß— wurde gehört, und bald ſchrillte die Glocke von Saint⸗Germain[Auxerrvis greu⸗ lich in die Nacht hinein.— Da faßte ſie alle die Hölle! da trat kalter Todesſchweiß auf ihre Stirnen; da klap⸗ perten ihre Zähne aneinander in wilder Verzweiflung; da rieſelte Todesſchrecken durch ihre Gebeine und ihr Haar ſträubte ſich— da bereuten ſie, an des Welten⸗ richters Vergeltung denkend, den Brudermord; da ſand⸗ ten ſie an Guiſe, an Angvuleme, nach dem Rathhauſe ——— 245 Boren, Je Einhalt gebieten ſollten. Umſonſt! Umſonſt! — Die Pforten der Hölle ſind geöffnet, die Teufel wü⸗ then— nichts hemmt ihre Bahn— ihre Dolche rau⸗ chen ſchon von Chriſten-, von Brüderblut!———2 Als die Todtenglocke von Saint⸗Germain[Auxerrvis den ehernen Mund zum erſten Schrei öffnete— da flog Guiſe und Angvuleme mit 300 bewaffneten Mürdern nach Coligny's Hauſe. Der wüthende Coſſeins fordert mit heftigem Poltern die Oeffnung der Thüre. Bei Co⸗ ligny waren in religiöſem Geſpräche der wackere Corna⸗ ton, der Wundarzt Thomas und der evangeliſche Predi⸗ ger Merlin. Cornaton hört das Geſchrei, ſieht beim Fackelſcheine die Mörderrotte und ruft Coligny zu: Die Stunde iſt da, wo uns der Herr zu ſich ruft! Coligny ahnete das Schreckliche. Heitern Antlitzes ſpricht er: Sein Wille Und nun drängt er die Treuen zur Flucht. Sein Hausmeiſter öffnet unten des Hauſes Thüre, und ſinkt durchbohrt auf die Schwelle. Man ſchleudert den Leichnam hinweg. Guiſe wagte es nicht, den Mord ſelbſt zu vollbringen; aber er hatte ihn in eine geübte Fauſt gelegt. Ein Böhme war ſein Stallmeiſter, mit Namen Dianowicz, gemeinhin le Béme genannt, iſt der Erwählte. Le Béme, Sarlabvur, Attin, Petrucci, gleich Katharinen und Biragne, eine Frucht Italiens, nebſt Scharfſchützen, dringen in Coligny's Gemach. Der verwundete edle Mann war mühſam aufgeſtan⸗ den und erwartete ſie mit der Ruhe des Frommen, der den Richter nicht fürchtet. Le Béme herrſchte ihm zu: Biſt Du Coligny? 11* 244 Coligny ſpricht ruhig— aber empört von des Men⸗ ſchen Frechheit: Ja ich bins— aber junger Mann, Du ſollteſt Achtung haben vor meinem grauen Haaren! Der Unmenſch hohnlacht und ſtößt ihm das vom Blute des Hausmeiſters rauchende Schwert in den Leib, und dreht es wüthend um. Und als ob jeder nach der Ehre geize, dieſe Schandthat zu theilen, durchbohren ihn alle und führen Hiebe nach dem Haupte des bereits Entſeelten, und wer dieß nicht kann, ſchießt ſeine Piſtole auf ihn ab— als ob tauſend Leben in ihm wären. Da ruft mit einer Stentorſtimme der Graf von An⸗ gouleme herauf: Iſt es vollbracht!— Es währte ihnen zu lange. Da faßt le Béme den Leichnam bei den Haaren und ſchleppt ihn zum Fenſter, die Genoſſen helfen, und ſie ſtürzen ihn zum Fenſter hinaus. Ein Jubelruf begrüßt den gemordeten Helden. Guiſe wiſcht das Blut von dem Geſichte Coligny's, um des Todes des Gehaßten gewiß zu ſeyn. Nun weidet er ſein Auge an den Zügen dieſes edeln Geſichtes, das jetzt der Todeskampf kaum zu entſtellen vermocht hatte. Er läßt den Kopf abhauen und als Trophäe nach dem Lou⸗ vre bringen. Den Rumpf wirft man in den Stall, wo des Helden Pferde ſtehen. Aber ſchon bald nachher be⸗ mächtigt ſich ſeiner eine wilde Rotte, verſtümmelt ihn entſetzlich, ſchleift ihn jubelnd durch die Straßen von Paris, und hängt ihn endlich bei den Beinen auf Mont⸗ faucon auf. Carl's Höllenangſt wich jetzt einer Höllenwuth, als das Schreckliche zu verhüten zu ſpät war. Verzweif⸗ lung war ihre Mutter. Mordgeſchrei, Waffengetöſe, Wüthen und Jammergeſchrei reißen ihn völlig zur Wild⸗ heit hin. Er ſelbſt ſchießt auf die unglücklichen Prote⸗ ſtanten, die Rettung im Louvre ſuchen, wo die Schwei⸗ zer, gleich Schlächtern, morden. Von dem Hauſe des Admirals, in deſſen Nähe die meiſten Proteſtanten wohnten, zieht ſich, nachdem dieſe abgeſchlachtet waren, das Morden nach dem Louvre zu, in deſſen Umgebung allein 200 proteſtantiſche Edelleute gemeuchelt werden. Viele, zu denen das Wuthgebrülle der Verzweiflung drang, oder die man blutdürſtig verfolgte, flohen nach dem Louvre, vertrauend dem gegebenen Worte des Königs und des Geſetzes heiliger Schutzwehr. Schreckliche Täu⸗ ſchung! Dort unter den Augen des Königs, wie hier in den ſchrecklich durch Fackellicht erhellten Straßen und in den friedlichen Häuſern floß das Blut der unglücklichen Proteſtanten ſtromweiſe, und es war kein menſchliches Gefühl, keine geheiligte Gewalt, keine Macht des Gewiſ⸗ ſens mehr— die da gehemmt hätte die bluttriefenden und nach Blut nur lechzenden Mörderhorden. Zu den beſtallten Henkern geſellten ſich allmählig nun die Frei⸗ willigen, der zügelloſe, längſt ſchon fanatiſirte Pöbel der Hauptſtadt, und der Greuelthaten war kein Ende, ſie mehrten ſich von Stunde zu Stunde in dieſer entſetzli— chen Nacht. Selbſt Kinder ſpielten und warfen ſich mit den Gliedern der Ermordeten, und man ſah Weiber des Hofes und des Volkes Schandthaten vollbringen, vor denen auch ein männlicher Barbar zurückgeſchaudert wäre. Im Louvre wurden in den Vorgemächern, auf den Gängen und Stiegen proteſtantiſche Edelleute niederge⸗ ſtoßen, ſelbſt vor den Augen Margarethens von Valvis, der Neuvermählten Heinrichs von Navarra, ſo daß das Blut der Gemordeten, die ſie nicht zu ſchützen vermochte, 246 ihre Gewänder beſpritzte. Katharina von Medicis, nach⸗ dem die erſte Regung des Gewiſſens niedergekämpft war von den Leidenſchaften des verruchten Herzens, ſah mit Begierde das Morden, und mit einem Wohlgefallen, das mehr als teufliſch war. Heinrich von Navarra entgieng mit dem jungen Condé kaum der Ermordung. Er mußte Zeuge ſeyn, wie man ſeine Glaubensbrüder ſchlachtete, und konnte ſie nicht retten. Dies Bewußtſeyn brachte ihn faſt auſſer ſich. Carl der Neunte ließ ihn gegen Morgen zu ſich be⸗ ſcheiden mit Condé, und rief ihm, als er erſchien, zu, daß er jetzt Coligny und alle Häupter der Proteſtanten habe ermorden— ihm und ECondé nur darum habe Gnade angedeihen laſſen, daß ſie beide ihrem Ketzer⸗ thume entſagten— dazu— ſetzte er mit auſſerordentli⸗ chem Zorne und Grimme hinzu, gebe ich Euch drei Tage Bedenkzeit; dann aber—— er brach ſchnell ab und wendete ihnen den Rücken und entließ die Erſchütterten, denen die Wonnetage ihres ehelichen Lebens ſchrecklich vergällt worden waren. Niemand wüthete anhaltender, unermüdeter und grau⸗ ſamer gegen die armen unglücklichen Proteſtanten, als Tavannes und die Herzoge von Nevers und Montpen⸗ ſier. Mit dem bluttriefenden Schwerte in der Hand ſchrie Tavannes in entſetzlichem, herzzerreißendem Spotte: Laſſet den Ketzern zur Ader! die Aerzte verſichern, es ſey im Auguſt ſo geſund als im Mai. Solch Beiſpiel entflammte immer wieder von Neuem. Wenigen Proteſtanten gelang es, durch die Flucht ſich zu retten. Die meiſten wurden ergriffen und nie⸗ dergemacht, die ein Gleiches verſuchten; aber nicht blos politiſcher und religiöſer Fanatismus ſchwang das Mord⸗ 247 eiſen— Haß jeder Art und jeden Urſprungs gebrauchte die Begünſtigung einer Zeit des geſetzloſen und rechtlo⸗ ſen Zuſtandes zu ſeiner Befriedigung, und lang gedämpf⸗ ter Leidenſchaften Gluth loderte auf. Alte Beleidigun⸗ gen wurden gerächt; Gläubiger von den Schuldnern erſchlagen, und Neid und Eiferſucht waren ſo blutgierig wie der Fanatismus. Doch nur und einzig nur Prote⸗ ſtanten waren die Schlachtopfer, nur ſie mußten ſter⸗ ben, und nicht Alter, nicht Tugend, nicht Würde, nicht Schönheit, nicht Geſchlecht konnte das Daſeyn nur eine Minute friſten. Der Tag brach endlich an. Die Sonne umhüllte mit dichtem Gewölk ihr Allen lachendes, Alle erquicken⸗ des Antlitz vor den Gräueln, die menſchlicher Wahn verübt. Man möchte die Möglichkeit bezweifeln, daß auch bei dem hellen Tageslichte nicht Schauder und Ent⸗ ſetzen die Tigerherzen ergriffen— und doch blieben ſie ſich gleich; ja noch ſchrecklicher wurde ihr Blutdurſt, da der lang genährte jetzt weniger Opfer fand. Aber es hatte jetzt auch neuen Reiz erhalten, das Morden, da man ſeine Opfer erſt ſuchen mußte. Ohne Maaß, ohne Schranken waren die Greuelthaten der Nacht und des Tages. Erſt gegen Abend gebot ein königlicher Herold, daß Jeder ruhig nach Hauſe gehen und das Morden einſtel⸗ len ſollte. Vielleicht wollte man den ermüdeten Kannibalen Ruhe gönnen, damit ſie nach dem wohlvollbrachten Werke ru⸗ hen und dann des andern Tages neue Thatkraft geſchöpft hätten!?— Umſonſt war dies Gebot. An Gehorſam war in dieſem Aufruhr aller Leidenſchaften nicht zu ge⸗ denken. Im Gegentheile betrachtete man es als einen 248 neuen Aufruf, und es wurde zum Sporne zu neuen Greuelthaten. Der König verſuchte auch nicht weiter, ſie zu hentiikn. Es wurde ihm immer einleuchtender gemacht, welch ein gottgefälliges Werk er verübt, und ſein Eifer wuchs alſo, daß er am 28. und 30. Auguſt erneuerte Befehle an die Statthalter der Provinzen er⸗ ließ, die Proteſtanten ohne Schonung zu würgen, damit auch nicht einer übrig bliebe. Sieben Tage ununterbrochen dauerte das Morden in Paris. Nur in den letzten Tagen geſchah es mit Mäßigung, aber auch mit deſto raffinirterer Bosheit. Man war ermüdet, überſättigt, und nothwendige Er⸗ ſchlaffung folgte der Ueberſpannung. Dreißig Tage hindurch dauerte aber das Morden noch in den Pro⸗ vinzen. Drei tauſend Proteſtanten ſtarben in die⸗ ſen Tagen in Paris; dreißig tauſend inner⸗ halb der Grenzen des Reichs. Aber auch ſchöne Beiſpiele des Edelſinns und chriſt⸗ licher Liebe bewieſen einzelne Katholiken in dieſer ent⸗ ſetzlichen Zeit. Ehre ihnen, den Edlen, die den Muth hatten, Gott mehr zu gehorchen, als dem Gebote eines entmenſchten Königs! Die Statthalter Tendes in der Provence und de Gordes in der Dauphiné, und mehrere andere Statthalter und Städtevorſteher verſagten den Blutbefehlen des Königs muthig den Gehorſam, und ſchützten das Leben und das Eigenthum der Verfolgten, lieber den Zorn des Monarchen auf ſich ladend, als die ſchreckliche Schuld ihrem Gewiſſen. Schnell verbreitete ſich die Nachricht dieſer Gräuel der Bartholomäusnacht in allen Richtungen, und höchſt verſchieden nahm man ſie auf. Während man ihnen zu 249 Ehren in Madrid Freudenfeſte feierte und Stiergefechte hielt, während Cosmo, der Herzog von Toscana, Carl'n und Katharinen Glück wünſchen ließ zur vollbrachten Blutarbeit, und auch ganz Paris mit ſeiner Königs⸗ familie Gott dankte—— erfüllte Zorn und Unwille die deutſchen Fürſtenherzen, und der edle Marimilian der Zweite erklärte lant die Bartholomäusnacht für das gräß⸗ lichſte Brandmal in der Regierung ſeines Eidams Carl's des Neunten. Allen Sophiſtereien der franzöſiſchen Ge⸗ ſandten an den deutſchen Höfen gelang es nicht, das Abſcheuliche, nach franzöſiſcher Weiſe, in ein gefälliges Gewand zu hüllen. Wie das Volk, deſſen Stimme man die Stimme Gottes nennt, urtheilte, das durch keine gefärbte Brille der Politik ſah, iſt begreiflich, und Niemand erfuhr dies empfindlicher, als Heinrich von Anjon, den die Wahl auf den polniſchen Thron rief. Als er durch Deutſch⸗ land reiſte, verfolgte ihn Abſcheu, Hohn und Verachtung überall; und als er gar vor den edeln Kurfürſten Friedrich den Dritten von der Pfalz mit frecher Stirne trat im Schloſſe zu Heidelberg— da hielt ſich der edle deutſche Fürſt für berufen, das Sünderherz des Fran⸗ zoſen zu erſchüttern. Und er that's. Und der Leicht⸗ ſinn und die Verſtockung wich. Der innere Richter er⸗ wachte ſchrecklich, und die Furien der Hölle peitſchten ihn bis nach Krakau, wo er endlich, unfähig länger ſein Inneres zerreißen zu laſſen, ſeine Schuld bekannte, und durch das Bekenntniß eine Ruhe zu gewinnen ſuchte, die ihm fremd blieb bis zum letzten Augenblicke, wo er unter des fanatiſchen Clement's Dolch ſeine Seele ausröchelte. 2⁵0 25. Noch war der Morgen des 25. Auguſts nicht an⸗ gebrochen, noch ſchien er nicht in die enge Kammer, in welcher Guy und ſein Genoſſe noch immer gefeſſelt und geknebelt lagen in der ſchrecklichſten Pein einer immer⸗ währenden Todeserwartung, als gewaltſam die Thüre derſelben aufgeriſſen wurde, und Acevedo, von dem leuch⸗ tenden alten Diener, des Hauſes Beſitzer, begleitet, her⸗ einſtürzte, ihre Feſſeln zu löſen befahl, dann aber, über⸗ wältigt von all dem Entſetzlichen, deſſen Zeuge er gewe⸗ ſen, ohnmächtig niederſtürzte. Der Diener lößte Guy's Feſſeln, und dieſer erkannte in ſeinem Genoſſen erſt jetzt den edeln du Pleſſis⸗Mornay. Als auch er ſeiner Feſſeln ledig war— reichten ſich beide die Hand und eilten dann, den Zuſammenhang ah⸗ nend, zum ohnmächtigen Acevedo, ihm beizuſpringen. Erſt nach vielfältigen Bemühungen gelang es ihnen, ihn in's Leben zurückzurufen. Er ſtarrte z faſt be⸗ wußtlos an. Lebt Ihr wirklich noch, lebe auch ich noch, oder ſind wir ihr ſchon enthoben, dieſer ſündigen, verruchten Welt!? — rief er heftig und doch freudig bewegt aus. Faſſe Dich, Freund, ſprach ſanft du Pleſſis, wir le⸗ ben und Du lebſt; aber ſo vieles Räthſelhafte und Dunkle liegt auf den letzten Stunden und der ſeltſamen Behand⸗ lung, die wir erfuhren, das Du allein, wie ich ahne, zu löſen vermagſt, und was wir von Dir erwarten können. Acevedos Bewußtſeyn kehrte zurück. Er ſtand auf und ſah ſie beide an und ſein Herz floß über, und die Thränen rannen über ſeine Wangen. Er breitete ſeine Arme aus und rief innigſt ergriffen: Kommt an mein 251 Herz, o Ihr, die ich ja allein noch hienieden habe— und Du vor Allen, mein Sohn! 8 Guy wußte nicht, wie ihm geſchah. Ein inneres, gewaltiges Gefühl zog ihn an des Greiſes Bruſt, und doch war es nur ein dunkles Gefühl— aber ein ſo be. ſeligendes, wie er es noch nie empfunden. Er ſank an des Greiſes Bruſt. Ja, Ihr ſeyd mein Vater, rief er mit Rührung, denn Ihr habt mir das Leben ja gerettet. Lange hielt ihn der Greis umſchlungen in ſtummer Rührung, während du Pleſſis lächelte, und doch auch Thränen über ſeine Wangen rannen, deren eine die an⸗ dere jagte. Endlich ließ Acevedo den Jüngling los und umarmte den Freund. Wir ſind quitt! rief er ihm zu, Du haſt einſt mir und jetzt habe ich Dir das Leben gerettet. Dann trat er vor Guy, und beſah ihn mit liebevol⸗ ler Zärtlichkeit. Hinweg, rief er dann aus, du Verhüllung! mein Werk iſt zu Ende. Jetzt kann ich nichts mehr Gutes ſtiften in dir! Guy— ich bin Dein Vater, Dein . vielgeprüfter, vielverfolgter Vater! Da ſanken des Jünglings Arme wie gelähmt herab; aber nur einen Augenblick— dann leuchtete das Auge, dann glänzte es im Thränenthau der Freude, und mit den Worten: So log doch mein Herz nicht! lag er in des ſeligen Vaters Armen. ² du Pleſſis faltete ſeine Hände und blickte dankend gen Himmel. Weinend ſtand der alte treue Diener da und fragte leiſe Pleſſis, ob dem alſo ſey? 252 Als die erſten Wallungen des Herzens vorüber wa⸗ ren, ergriff du Pleſſis die Hand des alten Viole und ſagte: Gieb nun Rechenſchaft von den letzten Stunden! Da rief Viole: Grauſamer, warum miſcheſt Du das Gift in den Frendenbecher?— Pleſſis ſah ihn ſtaunend an. Er begriff ihn nicht. Da ſetzten ſich alle, und Viole erzählte die ſchauder⸗ haften Vorgänge der Nacht, die noch ungemindert fort⸗ dauerten, ob es gleich in dem fernen Winkel, wo ſie ſich jetzt befanden, und wo man keine Proteſtanten wußte, ſtille und friedlich ausſah. Er ſchilderte mit gräßlicher Wahrheit die Mordſeenen. Bebend fragte Guy nach Coligny. Seinen Rumpf ſchleppte das Volk in den Straßen umher, und hieng ihn endlich bei den Beinen an dem Galgen auf Montfaucon auf. Da bedeckte der Jüngling mit beiden Händen ſeine Augen und rief in herzzerreißendem Schmerze: Warum ließet Ihr mich nicht an ſeinem Lager, viel⸗ leicht hätte ich das edle Leben gerettet! O, gieb mir den Vorwurf nicht, mein Sohn, ſprach Viole— Du konnteſt ihn nicht retten. Es war um⸗ ſonſt, es war zu ſpät. Ihr wart alle Verblendete. Ihr hörtet nicht auf meine Warnungen— darum mußte ich Euch hierher ſchleppen laſſen, daß ich Euch retten konnte; denn dort waret Ihr ſicher verloren. Da ſanken ſie ſich auf's Neue an die Bruſt. Und du Pleſſis ſprach: Wir ſind durch Gottes wun⸗ derbare Fügung gerettet, laßt uns ſein nicht vergeſſen. Ihm ſey die Ehre! 2⁵5 Da ſanken ſie auf ihre Knie und dankten ihm be⸗ wegten Herzens. Guy ergriff nun des Vaters Hand und bat ihn um die Erzählung ſeiner Begebenheiten. Nein, Guy, verſetzte der Alte, jetzt nicht. Wir ha⸗ ben jetzt Ernſteres zu erwägen. Wenn wir einſt glück⸗ lich bei Rabaud und Salers auf Saint⸗Flour ſind— dann, ja dann will ich erzählen. Doch, wie kommen wir dahin? Ueberall wüthet der Glaubenshaß und mordet. So ſind wir jedenfalls hier ſicherer in der Wohnung dieſes braven Mannes, als dort, wo wir zur Zeit noch Fremdlinge ſind, meinte du Pleſſis; auch Guy bat, in Paris zu bleiben, ſo dringend, daß man ſah, er hatte noch etwas auf dem Herzen, was er ausführen wollte; allein weder ſeinem Vater noch du Pleſſis ſagte er etwas davon, bis er eines Abends ſpät vermißt wurde. Ver⸗ gebens ſuchten ſie ihn und ließen ihn ſuchen; wo er war, das ahneten ſie nicht. Ohne die Gefahr zu berechnen, die ihm drohte, ſchritt Guy indeſſen auf Montfaucon zu. Die Nacht war fin⸗ ſter— der Weg unbekannt. Oſt mußte er ſtehen blei⸗ ben und ſich umſehen, ob er noch die Richtung habe, die der alte Diener, bei dem er mit ſeinem Vater und du Pleſſis ſich aufhielt, ihm bezeichnet hatte. Endlich erreichte er nach mühevoller Wanderung die Höhe: da ſtand der Galgen mit Coligny's Körper, an dem ſchon Raben nagten. Guy war in einer entſetzlichen Spannung. In ſei⸗ nen Tiefen war ſein Gemüth, ſein ganzes Weſen er⸗ ſchüttert. Er ſank kraftlos an dem Galgen nieder. Nachdem er eine ziemliche Weile gelegen, vermochte er erſt, ſich zu erheben. Er verſuchte es, an dem Gal⸗ 254 gen hinaufzuklettern. Nur nach vieler Anſtrengung ge⸗ lang es ihm, den Leichnam abzuſchneiden. Es war Mitternacht geworden über dieſer Arbeit. Eine Todtenſtille herrſchte auf der einſamen Höhe von Montfaucon, die nur das Gekrächze der Raben und ihr ſchauerlicher Flügelſchlag unterbrach. Eiskalt überlief es den Jüngling an dieſem Orte des Schreckens, wo jeder Tritt, den er that, in den Todtengebeinen der hier gerich⸗ teten Verbrecher raſſelte. Es war allmählig ſternenhell geworden, die Wolken, die den Himmel bedeckt hatten, verloren ſich, und dieſe magiſche Helle vermehrte das Schauerliche des Orts. Jetzt eben wollte Guy den Leich⸗ nam des unglücklichen Admirals auf ſeine Schultern la⸗ den, um mit ihm nach dem Schlupfwinkel zurückzukeh⸗ ren, wo er Sicherheit in der Mordnacht gefunden— als eine ſchwarze Geſtalt langſam heranſchlich. Guy wollte ſich eiligſt entfernen, allein es war zu ſpät, er vermochte nicht mehr, den Blicken des Kommenden zu entgehen. Raſch zog er ſein Schwert und ſtellte ſich ne⸗ ben Coligny's Leichnam, den im Tode zu vertheidigen, den er im Leben nicht hatte retten können. Wer Du auch ſeyſt, ſprach jetzt eine höchſt wider⸗ liche Stimme, hebe Dich hinweg von dem Orte des Schreckens. Adelma! rief Guy, und eine freudige Rührung durch⸗ bebte ſeine Bruſt. Auch ſie erkannte ihn. Biſt Du es wirklich, Guy? fragte ſie.— O Gott⸗ lob, ſetzte ſie hinzu, ich glaubte auch Dich verloren und trauerte um Dich; aber ſage mir, was willſt Du hier beginnen? Ich richte die Frage an Dich, Adelma, was ſuchſt Du hier? 25⁵ Den Leichnam des Admirals! ſagte ſie. Er iſt in meiner Gewalt, ſprach Guy, und meine Pflicht iſt es, ihm ein Grab bei ſeinen Vätern zu Cha⸗ tillon zu bereiten. Gott ſegne Dich für den Entſchluß, mein Sohn! rief ſie freudig aus. Haſt Du es aber auch ſchon bedacht, fuhr ſie fort, wie Du ihn dorthin bringen willſt? Das nicht, verſetzte Guy. Doch läßt mich Gott mein Werk ſo weit bringen, ſo läßt er mich es auch vollen⸗ den— und Du, Adelma, könnteſt mir behülflich ſeyn! Es ſey, ſprach ſie, und pfiff ſchneidend in die Nacht hinein. Der FPfiff ſchnitt fürchterlich durch Guy's Gehör. Unwillkührlich hielt er ſeine Ohren zu. Adelma lächelte. Sie ſtand da wie eine Norne— furchtbar anzuſchauen— allein über ihre häßlichen Züge glitt ein Lächeln, das aus dem Bewußtſeyn, etwas Gu⸗ tes zu thun, erzeugt war. Aus der Nacht hervor traten zwei athletiſche Geſtalten. Wlasko! rief Adelma, kommt hierher. Nehmt den Leichnam und folgt uns in der Entfernung von zwanzig Schritten. Gebt wohl auf das Acht, was Ihr hören werdet! Dann faßte ſie Guy's Hand. Komm, mein Sohn, ſprach ſie ſanft, komm nun in Gottes Namen. Ich ahne, wohin Du mich führſt; die Todten ſind auferſtan⸗ den. Guy— haſt Du ſchon am Vaterherzen Kindes⸗ glück gefühlt?— Er war Dein Retter, ich ahne es, und Adelma will Euch alle retten aus dieſer Mörder⸗ grube! Sie ſchritt raſch vorwärts. 2⁵6 Guy wollte reden. 5 Schweig' jetzt, gebot ſie, denn unſerer droht Ge⸗ fahr!— Still ſchritten ſie nun durch entlegene Gaſſen. Plötzlich ſtand Adelma. Führe Du mich nun, ſagte ſie, denn ich weiß nicht wo er iſt. Guy leitete ſie nun, und bald hatten ſie den Ver⸗ ſteck erreicht. Guy hatte den Leichnam des Admirals in ſeinen Man⸗ tel geſchlagen. Die Zigeuner ließen ihn auf dem Vor⸗ platze des Häuschens, und blieben dabei ſtehen. Guy trat in das ſchwacherhellte Gemach. Alle die Sorgen des Vaterherzens löſten ſich bei ſei⸗ nem Anblick in Wonne auf, doch den Vorwurf konnte es nicht bergen: Wo warſt Du? Und warum thatſt Du uns das? O, tadelt mich nicht, mein Vater, ſprach erſchüttert der Jüngling. Ich konnte nicht ruhen, ſo lange ich den Leib des edelſten Mannes am Schandpfahl wußte, und will nicht eher an meine Rettung denken, bis er in der Gruft ſeiner Väter ruht. Du warſt auf Montfaucon? rief Viole, und drückte ihn mit Hochgefühl an ſein Herz. Gott lohne Dir die That! du Pleſſis umarmte ihn. O, Du haſt längſt Soh⸗ nes Rechte in meinem Herzen gehabt, Guy, rief er be⸗ geiſtert aus— jetzt biſt Du auch mein Sohn! Nehmt mir ihn nicht ganz, ſprach jetzt eine in Rüh⸗ rung gebrochene Stimme, die von der Thüre herkam, wohin der Schatten der Ampel fiel. Seltſam ergriff der Ton den alten Vivle. —,. 257 Adelma! rief er, führt Dich der Himmel wieder zu uns?— Er trat zu ihr und faßte ihre⸗ bebende Hand. Sie war keines Wortes mächtig. Stumm reichte ſie ihm den Ring dar.— Er ergriff ihn frendig und ſah ſie forſchend an.— Es iſt gelungen, ſprach ſie leiſe, Ihr werdet ſie wie⸗ derſehen. Da durchbebte neue Freude des Greiſes Bruſt, und dankbar blickte er nach oben, dankbar drückte er Adel⸗ ma's welke Knochenhand. Noch Eins, ſagte die Alte. Nehmt dies Goldſtück zurück, das wie Feuer auf meinem Herzen brannte. Ihr gabt es mir auf der Flucht nach Rochelles.. Ihr gabt es mir, und ich mußte mich ſelbſt verachten ſeitdem, weil Ihr mich verachtetet. Meine Treue wolltet Ihr er⸗ kaufen! O, Viole, Viole, wie habt Ihr mir wehe gethan. Vor Eure Füße wollte ich es ſchleudern— doch ich konnte nicht— nehmt es zurück, daß ich mich wiederfinde! Viole nahm es und ſchleuderte es weit weg. Vergieb mir, Du treue Seele, vergieb dem unglück⸗ lichen Vater, der in Verzweiflung von dem letzten Gute floh, was ihm geblieben war. Adelma's Hand fuhr nach dem Herzen. O, daß ich jetzt ſtürbe! ſprach ſie leiſe. Doch nein, ſetzte ſie hinzu, mein Werk iſt noch nicht zu Ende, Ihr müſſet weg von hier. Bereitet Alles ſchnell— noch dieſe Nacht muß Paris hinter uns liegen. Freudig ergriffen ſie alle dieſen Vorſchlag, und ehe noch eine halbe Stunde vergieng, folgten ſie ſchon der Alten, die, wohlbekannt mit allen Winkeln der Haupt⸗ ſtadt, ſie glücklich hinaus leitete, bis zum Gehölze von 3. B. 44 2 258 Boulogne, wo ſie Wlasko und ſein Gefährte mit dem Leichnam des Admirals trafen. In der folgenden Nacht erreichten ſie Chatillon. Stille und traurig ſetzten ſie des Admirals ſterbliche Reſte in der Gruft ſeiner Väter bei, und aus den Heldenblicken träufelten Thränen das Todtenopfer dem großen, edlen Gemordeten. Nun iſt mein Herz frei— ſagte Guy, und meine letzte Pflicht gegen den Edeln erfüllt. Schlaf wohl, ſagte er dann weich— ſchlaf wohl, Du Edler! In einer Welt, wo nicht mehr der religiöſe Partheinamen die Hand gegen den Bruder waffnet, wo nicht mehr Prieſterhaß die Herzen entzweit, wo nicht mehr menſchliche Autori⸗ tät das ewige Licht der Wahrheit unter den Scheffel ſetzt— wo nur Tugend gilt und Liebe— da ſehe ich Dich wieder! Sie drückten ſich alle noch einmal die Hand. Jeder legte ſeine Rechte auf den Sarg des Admirals, als näh⸗ men ſie Abſchied von ihm, und verließen dann die Tod⸗ tengruft, um ihre Wanderung fortzuſetzen. 26. Das iſt nicht der Weg nach Saint⸗Flour! ſprach Viole zu Adelma, als ſie unweit Grenoble immer links ihre Richtung nahm. Laßt mich, ſprach ſie ſanft. Es ſchlagen noch Her⸗ zen, denen nach langer Entbehrung eine Frende gebührt. Viole ſchwieg. Er ahnete, was ſie wollte. Sie folg⸗ ten ihr ohne Widerrede. Hinter den Bergen von Au⸗ vergne ſank in wundervoller Schönheit die Sonne hinab und vergoldete ihre Spitzen, wie jene der Berge der 20 S Dauphiné. Guy's Herz war tief bewegt, als er die alte Heimath wieder erkannte. Adelma, Du führſt uns zu Rabaud und Salers? fragte er. Sie nickte. Laßt mich voraus, bat er, die Freude tödtet ſie ſonſt. Er riß ſich los und flog, wie die flinke Gemſe, einen ihm wohlbekannten Bergpfad hinan, der ihn näher und ſchneller zum Dörſchen leitete, als der Weg, den Vivle, Pleſſis und Adelma giengen. Hoch ſchlug ſein Herz, als er der Hütte nahte, und die Greiſe ſo friedlich, ſo ruhig im Widerſcheine des Abendroths auf dem Bänklein vor der Hütte ſitzen ſah, das er gemacht hatte in jener Zeit, wo er hier die Tage eines glücklichen, harmloſen Still⸗ lebens gelebt. Von ihm ſprachen ſie. Da erblickten ſie den zum ſchönen Manne gereiften Jögling wieder, wie er mit ausgebreiteten Armen auf ſie zuflog, und der freudige Schrecken feſſelte ſie, daß ſie nicht aufzuſtehen vermochten. Er aber umarmte ſie frohlockend, und bereitete ſie auf den Anblick ihres alten, lang beweinten, todtgeglaub⸗ ten Herrn vor. Als er ihnen endlich ſagte, er lebe, ſie würden ihn wiederſehen, da fielen ſie auf ihre Knie nieder und dank⸗ ten unter Freudenthränen ihrem Gotte, und Rabaud rief: Herr, nun laß uns in Frieden dahin fahren, da du den höchſten Wunſch uns gewähret haſt! Da trat Viole unter dem Schatten der Bäume her⸗ vor. Sie kannten ihn nicht. Ach, es lag ja ſo manches Jahr und ſo mancher Schmerz dazwiſchen, und jedes 260 hatte ſeinen Tribut gefordert, und jeder Schmerz ſeine Furchen zurückgelaſſen! Aber als der lieben Stimme Klang an ihr Ohr ſchlug, als ſie ihre Namen ausrief, da zuckte des Wie⸗ derſehens Freude durch die Herzen der Greiſe, und ſie wankten ihm entgegen und bedeckten ſeine Hände mit ihren Thränen. Nein, rief Viole aus, hier, hier iſt Euer Platz, Ihr Väter meines Sohnes! und er zog ſie, einen nach dem andern, an ſein Herz! Ihr habt ihn zum Manne ge⸗ macht, und zwar zum wackern Manne, das kann ich Euch nur mit Liebe lohnen. Fortan ſollt Ihr leben mit mir wie Brüder!— Es war ein heiliger Moment, wie ihn ſelten das Leben bietet. Die Greiſe waren verjüngt, und der Him⸗ mel mit ſeinem Frieden zog in das Hüttchen ein. Aber ein Herz empfand tiefe Wehmuth in der Freude aller; denn die Nähe mahnte an den Verluſt, und ſtill und traurig ſchlich Guy umher. Viole verließ ſie eines Tages heimlich. Er gieng nach Arbeque mit Adelma, die ihn nicht verließ. In ſtille, wehmüthige Träume verſunken, in tiefe Trauer gekleidet, fanden ſie Gabrielen. Einen lauten Freudenſchrei ſtieß ſie aus beim An⸗ blicke Viole's, und flog an ſeine Bruſt. Ach, ſie hatte ihn ja auch als todt beweint! Hinweg mit dem Trauergewande, meine Gabriele, ſprach Viole.— Auf Arbeque ſoll die Freude einkehren. Sie lächelte wehmüthig. Das Grab giebt keine Opfer wieder! ſeufzte ſie. Die Todten ſtehen auf, meine Tochter, rief Viole, Du ſiehſt es ja an mir. Kind, gieb die Hoffnung nicht auf. 261 Aber ſie lächelte wieder durch Thränen ſo wehmü⸗ thig, und ſagte dann erröthend— die meine liegt unter dem Raſen. Vivle ſchwieg. Er beredete ſie, ihn am andern Tage zum Dörfchen zu begleiten, um ſeine Freunde nach Ar⸗ beque zu holen. Sie erfüllte gerne ſeinen Wunſch. Sie kamen dort an. Guy ſaß im Gärtchen, in ſchwermäthige Ruͤckerin⸗ nerungen verſunken, unter dem alten Kaſtanienbaume, deſſen Aeſte einſt ſeine Knabenſpiele beſchirmt. Sie nahten ſich unbemerkt und leiſe. Was würdeſt Du ſagen, Gabriele, flüſterte Viole ihr zu, wenn jetzt Guy Salers vor Dich träte und ſpräche: Gabriele, ich bin nicht Guy Salers, ſondern des Man⸗ nes Sohn, der einſt ſchwur, Dein Vater zu ſeyn?— Sie bebte und ſah ihn verwundert an, und eine Gluth übergoß ihr Antlitz. Guy! rief Viole, und Guy fuhr, aus ſeinen Träu⸗ men aufgeſchreckt, herum. Er ſah Gabrielen und ſank, kaum ſeiner mächtig, zurück. Viole ergriff ſeine Hand und führte ihn zu Gabrielen. Es iſt mein Sohn, Gabriele, ſagte er, Guy de Vivle! — Da ſtanden ſie vor einander ſtumm erglühend. Und Vivle legte ihre Hände in einander. Seyd meine Kinder, ſprach er, und ſeine Stimme zitterte. Seyd glücklich.— Eure Liebe hat eine ſchwere Probe beſtan⸗ den— ſie iſt des Glückes werth! Da ſanken ſie einander in die Arme, überwältigt von ihren Gefühlen, und Viole ſegnete ſie. 262 Adelma ſtand von ferne und trocknete ihre Thränen. Viole erblickte ſie. Komm herzu, Du Treue— es iſt ja Dein Werk! rief er ihr zu. Da wankte die Alte heran, ihrer kaum mächtig, und legte ſegnend ihre Hand auf ihre Häupter, und feierlich ſagte ſie: Guy, ich ſagte Dir einſt, Hoffnung täuſchet nicht. Sieh, ich log nicht! Bald umſchloſſen alle, du Pleſſis, Rabaud und Salers, den Kreis, und die reinſte Freude erfüllte ihre Herzen. Sie zogen nun nach Arbeque, wo die Vermählung des glücklichen Paares gefeiert wurde. Nicht lange aber blieben ſie da. Nachdem Viole in Eile ſeine eignen und Gabrielens Angelegenheiten geord⸗ net hatte, verließen die glücklich Geretteten Frankreichs blutgedüngten Boden, und zogen nach Genf. Bis auf die Grenze Frankreichs geleitete ſie Adelma. Sie alle glaubten feſt, die Alte würde ihre Tage nun in ihrem Kreiſe beſchließen, doch ſo wollte ſie es nicht. Das irre Wanderleben ihres Volkes war ihr zur andern Na⸗ tur geworden. Sie konnte die Ruhe nicht ertragen. Auf der Grenze ſtand ſie ſtille. Tiefe Rührung bewegte ihre Bruſt. Sie konnte faſt nicht reden. Zieht in Gottes Schutze, ſprach ſie mit wankender Stimme— ich muß Euch verlaſſen. Die alte Adelma kann nur in Wäldern leben, und an eines Baumes Stamme ſey einſt ihr Grab. Mein irrer Lauf iſt ſei⸗ nem Ziele nah, ſprach ſie feierlicher. Ich habe am Abend meiner Tage noch einmal ſelige Stunden in Eurer Mitte verlebt, in ihrem Nachklang wird dieß Herz bre⸗ chen, wird freudig brechen. O, lebt alle wohl! rief ſie, 263 und ihre Stimme hob ſich, ſie richtete ſich auf, ein ſelt⸗ ſamer Glanz ſtrahlte aus ihren Blicken, und prophetiſch ſprach ſie: Betretet Frankreich nicht wieder. Es wird noch lange in blut'gen Todeskämpfen zucken— bis ihm Frieden wird— und— noch einmal wird es wüthen gegen ſeine eigenen Kinder in fürchterlicher Wuth— dann aber— iſt kein Stäubchen mehr von uns vorhan⸗ den!— Lebt wohl! Mein Auge ſieht in eine glückliche Zukunft für Euch! Vergeßt im Glücke Adelma's nicht. Ihr letzter Laut iſt ein Gebet für Euch! Bei dieſen Worten verſchwand ſie im Dickicht des Waldes, und ihr Andenken ſegnend, zogen die Glückli⸗ chen gen Genf. Gedruckt bei Heller und Rohm in Frankfurt a/M. 9 10 ſſ 1 . 19 b 20