bibliothet iſcher und franzsſiſcher Litera 6duard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Teſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Cantion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſl wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für hentich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— if 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mi.— 5 Answürtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zurkckſendung er Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt er Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſt eſetzt und wird nders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 Geſammelte Erzählungen von 1 W. O. von Horn. Zwölfter Band. Frankfurt am Main. J. D. Sauerländer''s ℳ Geſ amnmeite ehbunaen 5 von „ . W. O. von Horn. Ueue Folge. 6 Vierter Band. 3 ** Trankfurt am M. — „ J. D. Sauerländ er 5 Beba 1856. —— Inhalt. 8 Seite Der Baigneur von Oſtende. Eine Geſchichte. Giezu eine Illuſtration.). Der Seſſel des Ohms Joſeph. Eine Mainzer Stadtgeſchichte aus der goldenen Luft Des Douanen Kind. Eine rheiniſche Schmugglergeſchichte 117 Der Vetter im Conſiſtorium. Eine Geſchichte 0095 Beim Nußkernen. Eine Geſchichte aus dem Rheiniſchen Volksleben. 257 Das Bachgracher Meßſchiff von Anno 1720. Eine Geſchichte. 301 Der Baigneur von Oſtende. Eine Geſchichte. I. Es war im Anfange des Monats Auguſt 1853, als mich der Rath der Arzte nach Oſtende gehen hieß, um Hilfe für ein empfindliches Leiden zu ſuchen, das je länger, je beängſtigender geworden. Obgleich es mir ſchwer wurde, mich aus meinen Verhältniſſen loszuwinden, ſo mußte es doch endlich ſein; aber ich könnte nicht ſagen, daß ich in roſenfarbener Laune die Reiſe angetreten hätte. Dazu ſtimmte vollkommen das Wetter des erſten Reiſetages. Der Himmel war grau, und ein nicht eben feiner Regen träufelte auf die durſtige Erde und auf das Zeltdach des raſchen Dampfers, der mich nach Cöln, zu der„hilligen“ Stadt, trug. Allmählich beliebte es mehrgedachtem Zeltdache, dem Regen freien Durchgang auf Hüte und Röcke zu geſtatten. Die Damen flohen in die Kajüte, und die nicht rauchenden Männer folgten nach. Ich muß es bekennen, daß ich zu dieſer Sorte ucht gehöte, und alſo in die Kajüte mich zu begeben, anſehnliches Bedenken trug. Zu der Vorkajüte fühlte ich keinen Zug des Herzens. So blieb nur das Rauchzimmer übrig. Nun weiß aber jeder rauchende Reiſende, daß ſelbiges Rauchzimmer klein iſt; in der Regel eine anſehnliche Menze Stühle beherbergt, die den kleinen Raum vollends verengern; auch in der Regel bei ſolcher Witterung ſtark beſetzt zu ſein pflegt. Langſam ſchritt ich der Thüre zu, machte ſie auf und— rſn nur Einen in dem Zimmer zu finden, der gemächlich in der Ecke lehnte, und mit ſichtbarem Behagen aus einer Türkenpfeife wohl⸗ N. F. Iv. 1 duftenden Tabak rauchte. Es war ein Mann von etwa vierzig S Jahren, kräftigem, muskulöſem Körperbau und erheblicher Länge. Sein Geſicht trug jenes eigenthümliche Gepräge, welches man wetter⸗ hart nennen konnte. Der Ausdruck deſſelben war ernſt, doch nicht unfreundlich. Sein Anzug war gut, ſein Gehaben unbeengt und frei, wie das eines Mannes, der ſich ſeiner unabhängigen Stellung bewußt iſt. Er machte den Eindruck auf mich, wie ein Mann, der die Welt geſehen, vielfach dem Wechſel der Witterung aus⸗ geſetzt war, aber auch in den Strudeln des Lebens immer wieder das rechte Fahrwaſſer zu finden weiß. Es hat mir immer viel Freude gewährt, im Stillen die Reiſen⸗ den zu taxiren, und auf das Einzelne zu achten, damit ich ihre Signatur recht faſſen und verſtehen lerne. So war ich denn auch ziemlich bald mit mir darüber einig, daß er wohl ein Seemann ſein und die Sonnenſtrahlen der andern Hemisphäre das Ihrige zu dem Braun der Geſichtsfarbe mußten beigetragen haben. Es hat nie zu meinen Privatliebhabereien gehört, mich auf der Reiſe ſchnell mit Jemandem einzulaſſen. Ich ließ ihn daher ruhig vor der einen Seite des Tiſches ſitzen, während ich die andere einnahm und den bei Max Kornicker in Antwerpen erſchienenen: Vohageur en Belgique herauszog, um darin zu leſen: was ſelbſt neben dem trefflichen Reiſehandbuch von C. Baedecker in Coblenz, welches den Titel„Belgien“ führt, Intereſſe gewährt. Ich will es gerne geſtehen, daß ich den Voyageur en Belgique darum vorzog, weil er franzöſiſch geſchrieben iſt, und ich durch die Beſchäftigung mit dem Buche mein gänzlich eingetrocknetes Franzöſiſch wieder auffriſchen und beleben wollte. Das Buch machte eine Scheide⸗ wand zwiſchen ihm und mir. Endlich war ſeine Türkenpfeife leer. Er ſtopfte friſch; als er aber, ſeine Pfeife anzuzünden, gegen die Ecke des Rauchzimmers ſchritt, ſtellte ſich ſchnell die unerfreuliche Thatſache heraus, daß in der Spirituslampe der Spiritus fehlte. Das iſt in Menſchenköpfen und Rauchzimmerlampen eine bedenkliche Sache und das Manco jedenfalls fatal. Schweigend ſchüttelte mein Zimmergenoſſe den Kopf. Im Mitgefühle des ohnehin theilnehmenden Rauchers reichte ich ihm ſchweigend meine Streichfeuerbüchſe. Er nahm ſie mit einem verbind⸗ lichen Worte und gab ſie dankend zurück. Hatte er geſehen, daß ich Franzöſiſches las und mich für einen Franzoſen gehalten oder war er ſelber ein Glied der„großen Nation“— kurz ſeine Worte waren franzöſiſch, aber mit einer auffallend engliſchen Färbung, ſo daß ich über ſeine Nationalität auf's Neue in Zweifel gerieth. Ich nahm indeſſen mein Buch wieder auf und er dampfte ſchweigend weiter. Durch die kleine Gefälligkeit war indeſſen eine Brücke gebaut, wenn auch eine ſehr ſchwankende. Wie es aber zu gehen pflegt, ſo ergab ſich bald wieder eine Gelegenheit zu einem gewechſelten Worte und daraus wurden mehrere, zuletzt ein Geſpräch. In dieſem traf es ſich, daß mir ein franzöſiſches Wort deſertirt war, ohne daß ich, ſelbſt bei eifriger Verfolgung, es finden konnte. Mich beſinnend, brach ich in die deutſchen Worte aus:„Es iſt doch abſcheulich, wie man ſo Alles vergeſſen kann!“ „Aha,“ rief er,„Sie ſprechen deutſch? Nun laſſen Sie uns deutſch reden, zumal wir wohl beide Deutſche ſind und— nehmen Sie's nicht quer!— Beide nicht zum Beſten mit dem fremden Kalbe pflügen!“ Die Folge dieſer Bemerkung war, daß wir Beide laut auf⸗ lachten und uns geſtanden, wofür wir uns gehalten hatten. Er nämlich hatte geglaubt, ich ſei ein Belgier, und wofür ich ihn gehalten, hab' ich bereits angedeutet. „Nein, nein,“ ſagte ich lachend,„ich bin eine ehrliche deutſche Haut und will nur nach Belgien, um im Meer Hilfe gegen ein Leiden zu ſuchen.“ „Alſo nach Oſtende oder Blankenberghe?“ fragte er raſch einfallend. „Nach Oſtende!“ bemerkte ich. „Das iſt ja ſchön,“ ſagte er;„denn ich will auch dahin und zu gleichem Zweck. Auch ich bin Deutſcher; habe aber lange unter der Sonne der Antillen gelebt, daher mein fremdländiſches Aus⸗ hängeſchild im Geſichte. Sie leſen wohl die Schrift, um ſich zu vrientiren in dem Lande, wohin Sie gehen? Da erkenne ich gleich wieder meinen gründlichen Landsmann!“ „Mit Gunſt,“ ſagte ich darauf,„muß ich bekennen, daß das Erſtere allerdings im Vordergrunde ſteht; indeſſen ſteht ein Anderes dahinter, das nicht unerheblich iſt. Seit dreißig Jahren habe ich keine Sylbe Franzöſiſch geredet. So iſt mir denn ſchier Alles, was ich aus dem Wortſchatze dieſer Sprache mir angeeignet hatte, abhanden gekommen. Da wollte ich denn zwei Fliegen mit einer Klatſche ſchlagen, nämlich mein ausgetrocknetes Franzöſiſch wieder beleben und mir einige Localkenntniſſe in und für Belgien zulegen.“ „Sehr praktiſch!“ bemerkte er lächelnd;„aber ich denke, mit einer geringen Kenntniß des Plattdeutſchen wird man in Oſtende weiter kommen; da man das Vlämiſche dort redet, und die eben⸗ genannte deutſche Mundart das Verſtändniß der Landesſprache vermitteln ſoll.“ „Sie mögen Recht haben,“ ſagte ich, und legte meinen Voyageur neben mich hin.„Ich kann ſagen, daß mir das Plattdeutſche nicht ganz ſo fremd geworden iſt, als das Franzöſiſche.“ „Dann ſeien Sie gutes Muthes!“ entgegnete er.„Auch ich verlaſſe mich auf mein Hamburger Platt mehr, als auf das miſe⸗ rable Franzöſiſch, welches ich rede, und das noch übler klingt, als das, welches die langbeinigen Inſulaner jenſeit des Canals vernehmen laſſen.“ So ergab ſich denn zwiſchen meinem Gegenüber und mir gar bald ein lebhaftes Geſpräch, deſſen Gang hier mitzutheilen, uner⸗ guicklich wäre; was mir das Wichtigſte dabei war, das bezog ſich auf meinen Nachbar ſelbſt, ſeine Perſon und ſeine Schickſale. Er war ein vffener, ſchlichter Mann, der kein Hehl über ſeinen Lebensweg hatte. So erfuhr ich denn bald, daß er Verhägen heiße und daß ſein Vater aus Oſtende geſtammt habe. Sein Vater war nämlich der Sohn eines Matroſen geweſen, der auf einer Fiſcherfahrt nach Norwegen umgekommen.— Als Knabe von zwölf Jahren war ſein Vater, deſſen Mutter auch bereits geſtorben war, auf ein Schiff gekommen, wo er die Leidenszeit des Schiffsjungen durchmachen mußte. Als Matroſe blieb er auf dem Schiffe. Sein klarer Verſtand und ſeine Begierde, ſein Wiſſen und Erkennen zu erweitern, ließ ihn zeitig mit dem Gebrauche der nautiſchen Inſtrumente und den Seekarten vertraut werden, und ſeine muſterhafte Aufführung machte ihn dem Capitän werth. Dieſer gebrauchte ihn beſonders zu ſeinen Zwecken und hatte ſeine Freude daran, ihn zu belehren. Verhägen verdankte in eben dem Maße der Gunſt des Capitäns, wie ſeinem Talente, ſein ſchnelles Aufſteigen zum Bootsmanne, dann zum Unterſteuermanne. Als auf der Rück⸗ kehr von einer großen Reiſe der Oberſteuermann ſein Grab in den Wellen der Nordſee fand, wurde er interimiſtiſch deſſen Nach⸗ folger und erhielt endlich, als noch ſehr junger Mann, dieſe Stelle von dem Schiffsrheder auf des Capitäns Empfehlung. Mehrere bedeutende Reiſen machte er mit dem Schiffe. Immer waren ſie glücklich. Nur einmal faßte ein Sturm das Schiff im Canal und warf es mit ſolcher Gewalt gegen die franzöſiſche Küſte, daß es in tauſend Stücke ging. Ein großer Theil der Mannſchaft, und unter dieſen auch der Capitän, kamen in dieſer ſchaurigen Nacht um's Leben. Verhägen rettete ſich auf einergnke an's Uufer. Er hatte Alles verloren und nur das armej nackte Leben gerettet. In Breſt fand er Unterſtützung und ging bald darauf als Oberſteuermann an Bord eines Kauffahrteiſchiffes, das der Rheder gewöhnlich nach den Antillen, am häufigſten nach Trinidad gehen ließ. Jahre vergingen ihm in dieſem Dienſte. Da baute der Rheder ein neues Schiff und machte den braven Verhägen zum Capitän deſſelben. In dieſer Stellung blieb er eine Reihe von Jahren, erwarb ſich ein anſehnliches Vermögen, vermählte ſich auf Trinidad und wurde Beſitzer einer reichen, ſchönen Pflanzung auf dieſer Inſel. Dennoch vermochte er ſich nicht vom Meere zu trennen. Erſt ein neues Unglück und die unabläſſigen Bitten ſeines Weibes brachten es endlich zu Wege, daß er dem Leben des Seemannes entſagte und ſich für immer nach der Inſel begab; dieſes Unglück war das Stranden ſeines Schiffes vor Oſtende. Dort zieht ſich nämlich der ungemein flache Strand ſehr weit in das Meer hinein und bringt dadurch den Schiffen, wenn nämlich der Sturm aus Nordweſt bläſt, große Gefahr. Verhägen kam in einer ſtockfinſtern Novembernacht auf die Höhe von Oſtende. Genau bekannt mit den Gefahren bei ſeiner Vaterſtadt, ſuchte er das hohe Meer zu halten; allein der Nord⸗ weſtſturm, welcher die ſchauerliche Tiefe des Meeres aufwühlte, wurde je länger, je heftiger und wilder. Ein entſetzlicher Stoß riß den Hauptmaſt hinweg, daß er eiligſt gekappt werden mußte. So war das Schiff ſchon ein halbes Wrack, das dem Toben der entzügelten Elemente keinen Widerſtand mehr leiſten konnte. Die Nacht war undurchdringlich dunkel. An dem immer näher⸗ rückenden Lichte des Leuchthurms konnte er das Wachſen der Gefahr erkennen, denn das Schiff nahte bei hoher Fluth ſehr ſchnell der Küſte und ſomit rettungslos ſeinem Untergange. Das, was die Schiffenden voraus ſahen, geſchah. Der Sturm ſchleuderte das Schiff auf den Strand und zwar mit einer ſolchen Gewalt, daß es auseinander borſt. An Rettung war nicht zu venken, denn das Boot, worin ſich ein Theil der Mannſchaft retten wollte, ſchlug um und ließ ſie alle ihren Tod in den Wellen finden. Verhägen wich nicht von ſeinem Schiffe, bis es zu Grunde ging und eine Sturzwelle ihn in die toſende Fluth ſchleuderte. Er war ein guter Schwimmer und hoffte das Ufer zu erreichen, allein die Meerfluth brach ſich mit unausſprechlicher Gewalt an den Dünen zwiſchen Oſtende und dem Fiſcherdorfe Mariakerke. Mehrere Male warfen ihn die Wellen wider die hohen Dünen, ohne daß er dort Halt finden konnte. Seine Kraft ließ nach; ſeine Beſinnung wich und ſein Stündlein war gekommen.— Wenigſtens glaubte er es, befahl ſeine Seele dem Herrn und war leblos, ein Spiel der Wellen. In ſolchen Nächten ſind die Bootsleute und Lootſen von Oſtende keine müßigen Zuſchauer, wie das Meer die feſten Gebäude der Menſchenhand zertrümmert und ihren Wohlſtand und das Leben in ſeinem grauenvollen Schooße begräbt. Die Lootſenglocke wimmert in das angſtvolle Geſchrei det Möven, die zu Tauſenden von dem Meere wegfliehen und Schutz auf dem ſichern Lande ſuchen. Der Damm iſt belebt. Laternen irren hin und her. Mit pochendem Herzen horcht das ſcharfe Ohr in das Heulen des Sturmes und vas entſetzliche Toben des Meeres, ob es nicht Nothſignale vernehme Hört es die Nothſchüſſe, dann wird das auf dem Damme aufgefahrene Rettungsboot ſchnell in See gebracht und die Beherzteſten beſteigen es, begleitet von den Wünſchen und Gebeten der Ihrigen, um den Schiffbrüchigen Hilfe zu bringen, ſofern es möglich iſt. Einer Nacht aber wie die, in welcher Capitän Verhägen's Schiff zertrümmert wurde, erinnerten ſich die älteſten Seeleute des FPlatzes nicht und ſelbſt die Muthigſten fühlten das angſtvolle Beben des Herzens, deſſen ſich Keiner erwehren kann, wenn er die Macht der Elemente kennt, die hier ihre Kraft vereinen, um alle Bemühungen des Menſchen zunichte zu machen. Schon mit der ſinkenden Nacht hatten die ausſpähenden Seeleute das Schiff am Rande des Horizontes beobachtet. Die trefflichen Sehrohre des Lootſenhauſes zeigten von der Galerie des Leuchtthurms, daß es ein tüchtiges Schiff ſei und von einem Manne geleitet werde, der die Gefahren kennen mußte, weil er den Cours nach dem hohen Meere zu halten ſich beſtrebte. Die Sorge für dies Schiff verſchwand. Allein je tiefer die Nacht herabſank, deſto wilder tobte der Sturm Die Fluth ſtieg zu ungewöhnlicher Höhe und erreichte faſt die Höhe des Danmes. Die Brandung war ſo gewaltig, daß man ihre Schläge ſelbſt am entgegengeſetzten Ende der Stadt deutlich vernahm. Jetzt hörte man die Nothſchüſſe des Schiffes, das ſicherlich dem Sturme nicht widerſtehen konnte Die Schüſſe wurden häufiger; man hörte ſie deutlicher und dies war das Zeichen, daß es ſich hilflos dem gefährlichen Strande näherte. Wie beherzt aber auch die Männer waren, Keiner wagte es, das Rettungsbovt zu beſteigen und das eigne Leben einer ſo augenſcheinlichen Gefahr auszuſetzen. Da erſchien ein Mann auf dem Damme, redete männlich feſte Worte zu den Ubrigen, mahnte ſie an ihre Pflicht; aber Keiner trat vor, der es mit ihm gewagt hätte. Da ſpringt er allein in das Boot, ergreift das Ruder und wird von den Wellen hinaus⸗ geriſſen in die grauſenvolle Dunkelheit. Ein Ach der Furcht entfährt jedem Munde. Sein Weib wirft ſich auf die Kniee und ringt verzweifelnd die Hände. Die Arme war zu ſpät gekommen, ihn zurückzuhalten. Er ſteuert der Gegend zu, in welcher er die Schiffbrüchigen vermuthet; aber kein Hilferuf erreicht ſein Ohr. Da iſt es ihm, als ſähe er Einen, der vergeblich die letzten, verzweifelten Anſtren⸗ gungen mache, gegen die Gewalt der Wellen anzukämpfen. Wenige Ruderſchläge, und er iſt bei ihm. Sein ſtarker Arm erfaßt den Ertrinkenden und zieht ihn in's Boot, wo er leblos liegt. Der wackere Menſch ſteuert weiter, aber er kann Niemanden mehr entdecken und ſucht das Ufer zu gewinnen, was ihm nur dadurch gelingt, daß er ein Tau erfaßt, welches ſie ihm von dort aus zuwerfen. Der Lebloſe wird an's Ufer gebracht; ein Arzt iſt bei der Hand, der im Lootſenhauſe die nöthigen Verſuche macht und ihn glücklich in's Leben bringt. Jetzt aber nimmt der wackere Mann den Verunglückten auf ſeine Schultern und ſagt:„Hab' ich ihn allein gerettet, ſo will ich ihn auch allein pflegen!“ Er trägt ihn nach ſeiner Wohnung hinter den Dünen und pflegt ihn treu, trotz ſeiner Armuth, in einer langen Krankheit, von der endlich der Verunglückte geneſet. „Und dieſer Verunglückte war mein Vater,“ ſagte Verhägen. „Er genas langſam. Der wackere Retter that Alles, was er vermochte; wies fremden Beiſtand beharrlich zurück und vollendete ſein edles Werk. „Mein Vater hatte Nichts gerettet, als das nackte Leben und ſeine goldene Uhr. Dieſe allein konnte er dem edeln Menſchen geben und dieſe nahm er erſt an, als ihn mein Vater mit Thränen darum bat Er wurde von dem Magiſtrate von Oſtende mit Reiſe⸗ geld verſehen und ſchied endlich mit tiefer Dankbarkeit von Dem, der ihm das Leben gerettet und ſo unendlich viel Gutes gethan hatte, feſt entſchloſſen, ihm reichlich zu lohnen. Er kehrte nach Breſt zurück und machte nur noch die Reiſe nach Trinidad zu den Seinen, wo er dann bis zu ſeinem Tode blieb. „Die Kriegszeiten kamen ſchnell. Alle Verbindung mit Frank⸗ reich, zu dem Belgien gehörte, war unterbrochen. Mein Vater konnte nicht ausführen, was er ſich gelobt. Auf ſeinem Todtbette machte er mir es zur FPflicht, ſeinen Retter aufzuſuchen, und an ſeiner Statt zu thun, was er nicht konnte. Nach meines Vaters Tode und nach wieder hergeſtelltem Frieden verkauften wir unſere Pflanzung auf Trinidad und zogen nach Hamburg. Alle Erkun⸗ digungen, welche ich einzuziehen mich bemühte, blieben erfolglos und erſt jetzt eile ich nach Oſtende, um vielleicht den Kindern des Mannes zu vergelten, was er an meinem Vater Fethan. Glauben Sie mir, ſchloß er, es waren Umſtände, über die ich nicht gebieten konnte, welche die Ausführung des Planes, ſelbſt nach Oſtende zu gehen, bis jetzt verhinderten; dennoch hoffe ich zu Gott, daß ich den Mann finden werde oder die Seinen.“ „Wiſſen Sie denn ſeinen Namen?“ fragte ich. „Ich glaube, daß er Jan Cornelis hieß,“ erwiederte er. Wie aber dem auch ſei, nicht alle Tradition von jenem Ereigniß wird ja vertilgt ſein.“ „Darf ich Ihnen zu dem Werke, welches Sie vorhaben, meine Hilfe anbieten?“ fragte ich. „Die nehme ich um ſo dankbarer an,“ ſagte er,„als ich wohl fremden Beiſtandes bedürftig ſein werde.“ „So wollen wir, wenn wir erſt feſten Fuß in Oſtende gefaßt haben werden, unſern Operationsplan entwerfen,“ ſagte ich. Der Dampfer landete bald in Cöln. Das Wetter hatte ſich gebeſſert und verhieß auf Morgen einen ſchönen Tag. Es blieb uns noch Zeit genug, die Merkwürdigkeiten Cölns anzuſehen. Hier war ich kundig und konnte Verhägen's Führer werden, was uns noch enger verband. In der Frühe des andern Morgens ſaßen wir in einem Coupé des erſten Bahnzuges beieinander. Um der Ermüdung einer ununterbrochenen Fahrt bis Oſtende zu begegnen, hatten wir bloß bis Lüttich Karten genommen. Dort wollten wir übernachten, um am andern Tage zeitig in Oſtende einzutreffen. Das ſchnaubende Ungeheuer der Locomotive flog pfeilſchnell auf dem künſtlichen Eiſenwege dahin— bald uns durch die infer⸗ naliſche Dunkelheit der Tunnels dahinführend, bald wieder uns dem hellen, heißen Sonnenſtrahle hingebend. Es iſt eine bewundernswürdige Anlage, dieſe Eiſenbahn, die bald die Eingeweide der Berge durchſchneidet, bald über hohe Via⸗ ducte, weit über den Dächern der Menſchenwohnungen, bald über rauſchende Gewäſſer, bald endlich durch liebliche Gegenden, an Dörfern und Städtchen vorübergeht. Es war eine liebliche Gegend, im Schmucke friſchen Grüns, durch die wir hinflogen. Sie bot dem Auge die anmuthigſte Abwechslung, ſo ſchnell auch das Alles an Einem vorübergeht. Die reizende Umgebung Aachens entzückte uns und wir bedauer⸗ ten es, daß wir nicht hier übernachten konnten, weil uns noch Zeit genug geblieben wäre, vom Lousberge aus, den ſchönen Anblick der Stadt und Umgebung zu genießen. „Aachen!“ rief plötzlich der Conducteur in den Wagen. Wir ſtiegen aus, um eine kleine Erfriſchung zu nehmen. „Verhägen, du hier?“ rief da plötzlich ein Fremder und in demſelben Augenblicke lag mein Reiſegefährte an der Bruſt eines Freundes, den er ganz unerwartet hier traf. Als ich meinen Durſt gelöſcht, trat mir Verhägen mit dem Fremden entgegen. „Das unerwartete Wiederfinden eines alten, treuen Freundes,“ ſagte er zu mir,„hat meinen Plan für's Erſte geändert. Ich bleibe einige Tage hier und hoffe Sie dann in Oſtende wieder zu ⸗ finden!“ Wir ſchüttelten uns die Hände, riefen uns ein:„Auf Wiederſehen!“ zu, und ich ſtieg allein in meinen Wagen. Dies Getrenntwerden von dem Manne, den ich herzlich lieb zu gewinnen anfing, war mir unangenehm. Wenn auch noch einige Reiſende einſtiegen, ſo blieben ſie mir fremd und ich ließ meine Blicke auf der Gegend ruhen, die an mir vorüberflog. überall lachendes Wieſengrün, das von wohlgehaltenen Hecken eingefaßt war, auf dem die ſchäckigen Rinder weideten; dann wieder Tunnel auf Tunnel; anmuthige, reinliche Dörfer mit den kleinen, netten Backſteinhäuschen; dann das wunderſame gewerbliche Treiben; die dampfenden Eſſen, die mächtigen Rauchfänge, die kohlenſchwarzen Arbeiter der Eiſenwerke— kurz Ein Bild verdrängte das andere in ſtetem, unterhaltendem Wechſel. So erreichte ich noch bei hellem Tage das ſchöne Lüttich; beſah mir die Stadt, und ruhte dann behaglich in einem trefflichen Bett der„Stadt London“ aus. Ein heller, ſchöner Morgen entführte mich der Stadt und ihrer ſchönen Umgebung. Allmählich ähdert das Land ſeine Geſtalt, die Menſchen ihre Art und Weiſe, die Städte und Dörfer ihr Ausſehen. Das Niederland beginnt. Die Berge ſind verſchwunden. Canäle und Windmühlen erſcheinen. Kein Wald iſt mehr ſichtbar; aber der Anbau des Landes wird ſorgfältiger. Mit Moorgrund wechſelt ſandiger Boden oder Sumpf. Pappeln, Weiden und Erlen ſind es, die dem Auge begegnen und Uhland's ſchönes Lied:„Wer hat dich, du ſchöner Wald, aufgebaut ſo hoch da droben?“ hat hier keine Berechtigung mehr. Immer fremder fühlt man ſich. Die franzöſiſche Zunge flötet, ziſchelt, raſſelt und girrt um die Ohren. Bald nimmt das breite, gemüth⸗ liche Vlämiſche aber vorherrſchend ſeine Stelle ein, und der verwandte Klang thut dem deutſchen Herzen wohl; denn es fühlt ſich in der Mitte eines ſtammverwandten Volkes, das ſich ſeines Urſprungs und ſeiner Brüderſchaft mehr und mehr bewußt wird, und die treue Bruſt erkennt, an der es geruht in der Zeit, da ſein Wohlſtand blühte, ſeine Städte aufwuchſen zu Glanz und Macht, ſeine Kunſt Bewun⸗ dernswürdiges leiſtete und ſeine Volkskraft friſch und markig war. ſind. Die prachtvollen Gotteshäuſer mit ihren weitausſchauenden Thürmen und prächtigen Steinmetzarbeiten ſind Denkmale deutſcher Kunſt und deutſcher Frömmigkeit. Tauſendfach wird das Herz gemahnt an das Vaterland, dem es die ächzende Locomotive pfeilſchnell mehr und mehr entfremdet. An Mecheln, Gent und Brügge flog ich vorüber, als die ſinkende Sonne ihre Thürme zu vergolden begann, ihre nähere Beſchauung der Rückkehr verſparend. Bald erblickte das Auge die Dünenkette, die das Meer verbirgt und die wunderbareSchutzwehr bildet, die dem räuberiſchen Elemente des Waſſers verbietet, hereinzubrechen in das flache Land, wo der Menſch ſich angeſiedelt hat und welches der menſchliche Fleiß dem Sande abrang, der alles Pflanzenleben ertödtet. Sie ſäumen den Horizont; aber ihr Anblick iſt öde und eintönig, und ſie ſind in ihrer gelben Farbe recht geeignet, die Sehnſucht nach den bewal⸗ deten Hügeln und Bergen des Vaterlandes zu wecken und zum Heimweh zu ſteigern. Ich gab mich ſolchen Erinnerungen hin, weil das Ange wenige Punkte mehr fand, auf denen es weilen mochte, und weine Seele war dort, im ſchönen, rheiniſchen Lande— Da rief der Wagenführer:„Oſtende!“ und ich war der Wirk⸗ lichkeit zurück gegeben.— Wir ſtiegen aus. Das Gepäck wurde abgegeben, und bald befand ich mich im Gaſthofe zur Krone in Oſtende, der am Hafen liegt, ganz nahe der Eiſenbahn; wo deutſche Kellner und Diener mir entgegen kamen,—(indeſſen, wie deutſchredende„Commiſſioners,“ bei uns zu Lande: Lohnbediente, gerade diejenigen, vor denen der Fremde ſich am Meiſten zu wahren hat, die überhaupt eine nicht empfehlenswerthe Sorte zu ſein pflegen). Der Leib empfing ſeine Erquickung und dann beherrſchte nur noch Eins meine Seele, das Meer. Ich hatte es noch nie geſehen. Zu ihm hin zog mich eine unwiderſtehliche Sehnſucht. Ich ſchritt die Rue de la Chapelle hinauf, um möglichſt ſchnell den Hafendamm zu erreichen; bog, dem Strome der Menſchen folgend, links ab; überſchritt die Brücke des Die Sprache heimelt an. Es ſind die Klänge, die wir lieb. gewannen in den alten Dichterwerken, die unſer nationaler Schatz Feſtungsgrabens und trat neben dem Kurfaale auf den von Men⸗ ſchen wimmelnden Damm. Welch ein Anblick!— Es war hohe Fluth. Welle auf Welle ſchäumte dem Damme zu und brach ſich brandend an ſeiner ſteinernen Bruſt mit einer Gewalt, daß die mächtigen Schläge donnerähnlich ſchallten. Ich hatte ſie ſchon in der Rue de la Chapelle gehört, ohne aber ihre Natur und ihren Urſprung zu kennen. Noch war es hell genug, den weiten Halbkreis wildrollender Wogen zu überblicken, auf denen dort ein Dampfer dahintanzte, der nach England ging, und einzelne Segel, wie weiße Möven, am Rande des Horizonts und wieder Der Anblick war überwältigend, den das lebenvolle, wildbe⸗ wegte Element darbot. Der Gedanke ſchweift hinaus auf dieſer wogenden, brauſenden Welt der Gewäſſer in eine endloſe Weite; ſteigt dann hinauf zu dem, der das Meer machte und Alles, was darinnen iſt; zeigt die eigene Nichtigkeit dem Sohne des Staubes und lehrt ihn, anzubeten.— Ich ſetzte mich auf eine Bank am Rande des Dammes, wie ſie zur Bequemlichkeit wohl in angemeſſenen Entfernungen angebracht ſind, und hing den Betrachtungen nach, welche der Anblick des Meeres in mir anregte. Der Strom geputzter Menſchen, der, in allen Zungen Europas ſchnatternd, hinter mir auf und abwogte, vermochte nicht, mich auch nur zu einem Umblicken zu bewegen, denn einer der ſchönſten und erhabenſten Momente war nahe, der, wo die Sonne, hinabſinkend, den Saum des Meeres küßt, welcher in weiter Ferne mit dem Himmel ſich zu vereinigen ſcheint. Der Tag war drückend heiß geweſen. Der Abend war gewitter⸗ ſchwül und auf dem Meere ſchienen die ſchneeweißen, alpenähnlichen Wolken zu ruhen, welche in ihrem Buſen den Blitz beherbergten. Jetzt nahte ſich ihnen die Sonne und färbte ſie purpurgluthig und ihren Saum mit glitzerndem Golde. Auf den bewegten Wellen tanzten die Sonnenſtrahlen und wandelten ſie in ſchimmerndes Gold, das zeitweiſe verſchwand, wenn die Sonne hinter Wolken trat, dann aber den purpurnen Schimmer annahm, den die malende Sonne durch die Wolkenhülle durchſchimmern ließ. Dann brach ſie wieder ſiegend durch und der hellleuchtende Goldſtreifen erſchien wieder auf dem Meere, deſſen begrenzende Ränder matter im Purpurroth ſchimmerten. Endlich verſank ſie im Meere. Noch lange glänzten die Wolken und färbten das wogende Meer, bis der Purpur blauer und blauer wurde, der Goldrand erloſch und das Meer dunkel erſchien, faſt grünblau leuchtend und nur noch die Kämme der brechenden Wogen ſchneeweiße, lange, kräuſelnde Linien bildeten. 4 Die Nacht kam ſchneller, als es der Jahrszeit angemeſſen war; denn der Himmel bezog ſich dicht mit Wolken. Einzelne Blitze. ziſchten über das Meer hin und weckten den Glanz des Widerſcheins auf Augenblicke. Der ferne Donner miſchte ſein dumpfes Dröhnen in den Donner der Brandung. Ein friſcher Wind hob mehr und mehr die Wellen und mehrte die weißen Mähnen derſelben, die, ſo weit das Ange reichte, ſich aufbäumten und verſanken. Das Gewitter zog jedoch, vom Landwinde getrieben, tief in das Meer hinein und entſchwand dem Auge zuletzt, und dann lag die Nacht dunkel und warm über der Erde und dem Meere, und nur dann und wann zuckte noch ein Blitzesleuchten am Horizonte auf. Zetzt begann ein neues, nicht minder wunderbares und herr⸗ liches Schauſpiel, das des„Meerleuchtens.“ Jede brechende Woge, ſei es, daß ihr Kamm ſich weit im Meere als eine gerade oder ſchiefe Linie hinzog, oder daß ſie, wider den Steindamm geſchleu⸗ dert, in Schaum aufſpritzte, glänzte in mattem, eigenthümlichem, bald grünlichgelbem, bald weißgelbem Lichte, und jeder aufſpritzende Tropfen ſchien ein Feuerkügelchen oder Sternlein zu ſein Das erneuerte ſich jede Minute, und je bewegter das Meer war, deſto leuchtender wurde es und verbreitete ſein mattes Licht bis weit 3 hinein in die See, wo die eigentliche Rhede ſich hinausdehnt. So wenig übrigens das Wort im Stande iſt, den wunder⸗ 4 vollen Moment des Alpenglühens zu beſchreiben, ſo wenig vermag es das Meerleuchten in ſeiner großartigen Pracht, gehoben von der ohnehin überwältigenden Scenerie des Meeres, auch nur annähernd —— auszumalen. Wer beides nicht geſehen, wird ſich vergebens abmühen, auch nach der naturgetreueſten Schilderung, ſich eine deutliche Vor⸗ ſtellung davon zu machen. Wenn aber die Sonne mit ihrem Glanze die Alpen glühen macht, ſo hat ſie mit der bezaubernden Erſcheinung des Meerleuchtens nichts gemein. Hier iſt es das unbegreifliche Leben im Meere, welches die Erſcheinung verurſacht: es ſind nämlich Millionen von kaum wahrnehmbar kleinen Mollusken, deren Phos⸗ phoresciren dem Menſchenauge dies Schauſpiel bereitet, dem es mit Bewunderung, ja mit Entzücken, ſich hingibt. Ich ſaß lange, ſehr lange und tief in die Nacht hinein auf der Bank des Dammes. Noch immer wogte der Menſchenſtrom auf und nieder. Die vier Locale, welche auf dem Damme errichtet ſind, um Gäſte zu laben, ſtrahlten im Glanze ihrer Beleuchtung. Der Leuchtthurm drunten am andern Ende des Dammes warf aus ſeiner kunſtreich eingerichteten Laterne ſein ſtrahlendes Licht meilenweit in die wogende See. Die Brandung dröhnte in die Klänge einer rauſchenden Muſik, welche vom Kurſaale herſchallte. Es war eine wunderſame Nacht, die ich wohl hier im Freien, einathmend die unfäglich wohlthuende Seeluft, hätte zubringen mögen, wenn nicht die Eiſenbahnfahrt die Gliever gar zu ſehr ermüdet gehabt hätte. Dennoch war die Mitternacht nicht ferne, als ich endlich aufſtand, um die Krone wieder zu ſuchen und durch Schlaf ich zu erquicken. Voll von den wunderbaren Schauſpielen, die ie geſchaut hatte, konnte ich dennoch nicht einſchlafen, und erſt als der junge Tag ſchon gekommen war, ſenkte ſich der Schlummer auf meine Augen, der nach und nach in tiefen Schlaf überging. Es war ſpät, als ich am andern Morgen erwachte. Mein erſtes Geſchäft, als ich ziemlich ſpät ausging, war das, mir eine Privatwohnung zu miethen. Dies Geſchäft gelang zu meiner vollſten Zufriedenheit, billig und gut. Man hat zu ſeiner Einrichtung indeſſen noch mehr zu thun. Da ſind die Badekarten zu löſen, wofür man den Gebrauch eines Badekabinets erhält, welches auf Rädern ſteht und zum Bade in die See gefahren und nach dem⸗ ſelben wieder herausgeholt wird; alsdann muß ein Badekleid gekauft werden, ohne welches man an dem Hauptbadeplatze nicht baden darf, und endlich iſt ein Badediener zu miethen, ein ſogenannter Baigneur,*) welcher in das Bad den Badenden begleitet und ihm die nöthige Handreichung thut. Zu allerletzt endlich muß man, um bei üblem Wetter ein Obdach zu haben und überdies deutſche Zeitungen, ſich in dem Cercle du Phare abonniren, mit andern Worten, gegen eine beſtimmte Zahlung ſich die Erlaubniß erwerben, in dieſen geſchmackvoll eingerichteten Räumen ſich aufhalten zu dürfen, wo denn auch leibliche Erquickung zu verhältnißmäßigen Preiſen gereicht wird. Endlich waren gegen zehn Uhr alle dieſe Geſchäfte vollendet und ich trat gegen die Bruſtwehr, welche hier den Rand des Dammes umgibt, wo die Holztreppe nach dem Strande führt. Ganze Reihen von Badekabineten ſtanden am Strande oder im Meere. In ſeinen Fluthen wimmelte es von Badenden. 46 Da ich noch nicht baden durfte, indem die Zeit des Frühſtücks noch zu nahe lag, lehnte ich hier und ſah mir das eigenthümliche Treiben am Strande an. Zunächſt da, wo der Damm den weit ausbiegenden Halbkreis bildet, auf deſſen Rundung der hohe Leuchtthurm ſein Fundament hat, war das regſte Leben vereinigt. Unaufhörlich ſah man Herren und Damen die Stiege hinabſteigen, oder rückkehrend vom Bade herauf. Neben der Treppe ſtanden die langen Tiſche, auf denen die getrockneten Badekleider lagen, die für Jeden bezeichnet ſind. Baigneure und Baigneuſen liefen umher in geſchäftiger Eile; die zum Reinigen der Badekabinete beſtimmten Frauen und Mädchen waren hier und da mit ihrem Geräthe gruppirt oder thätig. Auf dem weit ausgedehnten zarten und doch feſten Sandboden des Strandes luſtwandelten Herren und Damen in heiterem Geſpräche; Andere ſaßen in Gruppen auf Stühlen und ſtrickten, ſtickten oder *) Mit dem Namen Baigneur bezeichnet man in Oſtende den Badediener, welcher den Badenden in's Meer begleitet und ihm die nöthige Hand⸗ reichung thut. Baigneuſen werden die Badedienerinnen für weib⸗ liche Badende genannt. häkelten. Hunderte lieblicher Kinder liefen jubelnd umher, ſuchten Muſchelchen, oder ſchaufelten mit ihren kleinen, hölzernen Schippchen den Sand zu Hügeln oder Ringwällen auf, oder ritten auf Eſeln umher, deren Treiber mit Hieben die ſtörrigen Langohre zum Galopp trieben. Fltere Knaben ſchaukelten ſich auf den am Strande ange⸗ brachten hohen Schaukeln.— Kurz, es ſtellte ſich dem Auge ein Leben und Weben von der bunteſten und reizendſten Mannigfaltig⸗ keit dar, das in den allerfreieſten und ungezwungenſten Bewegungen ſich nach Belieben erging. Endlich ſchien es mir Zeit, in's Bad zu gehen. Noch hatte ich keinen Baigneur. Als ich von dem weiten Kreiſe deſſen, was ich betrachtend überblickt hatte, mit dem Auge zum nächſten Vorder⸗ grunde zurückkehrte, wurde ich mit Unwillen gewahr, daß alle Baigneure, kenntlich an den hochrothen Flanellkleidern und bloßen Füßen, im Meere waren. Nur Einer lehnte ſtill und unthätig wider dem Badekabinete, welches die Aufſchrift: Bureau trug, und wo man die Badekarten löſt. Es war ein blühend ſchöner Jüng⸗ ling von etwa zwanzig Jahren. Seine Geſtalt war edel geformt, groß und kräftig. Aber auf ſeinem ſchönen Geſichte lag der Aus⸗ druck der Trauer und des Unmuths. Warum nahm ihn Niemand zum Badediener an? Ich hätte das meiſte Zutrauen gerade zu ihm gehabt. Ein alter Bootsmann lehnte neben mir an der Bruſtwehr. Auf ſeinem Geſichte ſtand manche Seefahrt, mancher Sturm verzeichnet. „Wie heißt der junge Baigneur dort?“ fragte ich ihn. Er grüßte höflich und ſagte:„Jvo, Mynheer.“ „Warum miethet ihn denn Niemand?“ Er zuckte die Achſeln und ſagte dann halblaut:„Mhnheer, das hat auch ſo ſeine Zunfturſachen. Verſteht Ihr wohl, der brave, arme Jvo iſt der jüngſte Baigneur. Damen nehmen Anſtand, ihn zu wählen; Herren nehmen ſelten Baigneure, wenn ſie ſchwimmen können. Er kann ſich nicht vordrängen. Da ſitzt er wie ein Fiſch auf dem Strande. Kommen Leute, die einen Baigneur haben wollen, ſo ſchiebt Monſieur Evuard, der Commiſſionär dort in dem blau N. F. w. 2 — und weiß geſtreiften Rocke, mit der Pfeife im Munde, einen der älteren Baigneure vor, die alle ſeine Freunde ſind und bei denen Eine Hand die Andere wäſcht, und Zvo bleibt ohne Verdienſt.“ „Hat er denn böſe Eigenſchaften oder verſteht er ſein Geſchäft nicht?“ „Mynheer,“ entgegnete der Bootsmann,„es antwortet ſich leichter für einen alten Seehund, der den Arm dreimal und das Bein einmal gebrochen hat, wenn er ſitzt und— wenn ein Geneverchen*) die vom Seewind ausgetrocknete Kehle benetzt hat. Laßt uns dort am Lootſenhauſe Platz nehmen und ein Geneverchen trinken, ſo ſollt Ihr Alles wiſſen. Aber redet deutſch, Mynheer; ich bin auch ein Deutſcher, aus Königsberg in Preußen gebürtig, liege aber hier als ein Wrack vor Anker und heiße Meyer.“ Ich fand ſogleich, daß die Bemerkung meines Hausherrn über die Bootsleute auf dem Damme richtig war. Laſſen Sie ſich mit ihnen nicht ein, hatte er geſagt; ſie hängen ſich an Sie wie Kletten, und allemal iſt eine unverſchämte Bettelei im Hintergrunde ihrer Höflichkeit und Freundlichkeit. Ich trat mit ihm an das Lootſenhaus, das aus zwei kleinen, durch einen Mittelbau vereinigten Pavillons beſteht, und zwiſchen dem Cercle du Phure und deft Pavillon du Roi liegt Bei ſchönem Wetter ſtehen da Tiſche und Stühle in Menge und die herum⸗ bummelnden Seeleute ſitzen in großer Zahl daſelbſt, trinken das ſäuerliche, ſtarke Bier, welches den Namen Faro trägt, oder einen Genever, rauchen und plaudern, ſehen durch das Fernrohr auf die See und ſuchen in aller Weiſe die Zeit todtzuſchlagen oder einen Fremden ins Schlepptau zu bekommen, dem ſie ein Glas Faro oder einen Genever herauslocken, indem ſie ihm ihre meiſt wunderſam genug klingende Lebensgeſchichte erzählen. Mein Bootsmann Meyer, dem man indeſſen von der Mundart ſeiner Heimath nichts mehr anhörte und der durch und durch ein *) Wachholderbranntwein. „ * Vläminge geworden war, beſtellte zwei Geneverchen auf meine Rechnung, die ihm natürlich beide zufielen, und als er ſich damit gelabt, hob er an:„Nun will ich Euch antworten, Mynheer, daß Ihr Eure Freude dran haben ſollt. Mit dem Baigneur Jvo hat es ſeine eigne Bewandtniß. Er ſtammt von Mariakerke, dort hinter den Dünen, und ſein Vater war Matroſe auf der„Mevrouw Liſetje,“ einem Schooner von Oſtende, der dem Mhnheer van Straaten gehörte und nach Cadir fuhr, Steinſalz zu holen, das hier raffinirt wird. Die„Mevrouw Liſetje“ war ein gut gekupfert und getakelt Fahrzeug, Mynheer; Bootsmann Meyer verſteht das; aber es gedachte ihm ſchon lange her und es ging ihm wie meinem Wamms hier, die Fugen hielten nicht mehr. Da iſt es denn den Weg aller Schiffe gegangen, die nicht abgetakelt und verbrannt werden— es iſt nämlich untergegangen. Was kann man machen, Mynheer? Mann, Maus und Salz verſchlang das hungrige Meer. Hinterlaſſen hat ihm der Alte etwas weniger als nichts; denn ein Seehund kann nicht ſparen wie eine Landratte. Wel, Mynheer, der Jvo wurde Schiffsjunge auf der„Möwe.“ Er war ein Staats⸗ jung und konnte nicht rühmen, daß ihn ein Tauende geküßt hätte.*) Die„Möwe“ holte dieſelbe Fracht in Cadix und die Schiffsmann⸗ ſchaft hatte ihn lieb, weil er wacker, fix und gefällig war. Da nun der Junge wuchs wie ein Kabeljau in der Nordſee, und rieſen⸗ hafte Kräfte hatte, ſo wurde er bald Matroſe und konnte ſeiner armen Mutter etwas geben, obgleich ſo ein Matroſe nur monatlich ſeine fünf und zwanzig Francs hat, ein Hundegeld, wenn man die Arbeit bedenkt, die ein Matroſe hat. Mynheer, ich bin ſiebenmal in Rio geweſen; dreimal im ſchwarzen Meere; einmal in Archangel und mehr denn zehnmal in Newyork; von England, Italien, Frank⸗ reich, Schweden und Norwegen, auch Dänemark, will ich gar nicht reden, weil es eine pure Lumperei iſt, aber ich ſag' Euch, Mhnheer, es iſt ein Blutgeld, was man verdient, und wenn man ein Wrack *) Kunſtausdruck für: Mit einem Stücke Schiffstau geprügelt werden. 2* 3 geworden iſt, wie ich, keine Takelage mehr hat und nicht mehr See halten kann, ſo ſetzen ſie Einen auf's Trockene und laſſen Unſereins zappeln. Wenn es nicht gute deutſche Mhnheers gäbe, ſo käme kein Faro und kein Genever mehr über die Zunge.“— „Ihr ſeid von Jvo ganz abgekommen, Bootsmann Meyer!“— fiel ich ihm in die Rede, die wieder auf eine Bettelei losſteuerte. „Wel, Ihr habt Recht, Mynheer,“ ſagte er ſich erinnernd. „Nun, der Jvo war ein prächtiger Matroſe, kletterte wie ein Eich⸗ hörnchen; ritt auf einer Raae, wie ein Huſar im Sattel; wickelte ein Tau auf, wie eine Mevrouw ihr Strickgarn, und tanzte Schot⸗ tiſch im Maſtkorb im raſendſten Sturm. Er machte mehrere Reiſen, und als er von einer nach Rio zurückkam, war ſeine Mutter todt. Nun war Jvo frei und blieb auf der„Möve“ bis— Ihr wißt, Mynheer, es iſt Nichts mehr mit einem braven Kerl, wenn er ſich in ein Weibsbild vernarrt. Kurz, der Jvo fing Feuer und ſeitdem war's ab.“ „Wie ſo?“ fragte ich. „Zeker,*) Mynheer, es war ab mit ihm, das will ſagen, er war kein Seehund mehr. Er knauſerte wie eine Landratte; trank kein Glas Faro, kein Geneverchen; ging nicht zum Tanz, und brachte all' ſein Geld dem Mädchen. Als er ſah, daß dies nicht recht voran wollte, denn er wollte reich werden, und daß die Baigneurs ein Heidengeld verdienen, verlockte ihn das. Er verließ, mir nichts, dir nichts, die„Möve“ und wollte Baigneur werden. Wel, Mhnheer, damit hatte es aber ſeine Flauſen“ „Warum, Alter? Ihr habt ja doch Gewerbefreiheit in Belgien und die Baigneure ſind ja doch keine von Eueren ſogenannten alten Societäten? Das Seebad iſt ja erſt ein Kind der neueſten Tage?“ „Zeker, Mynheer, Zeker! aber man hat auch früher in der See gebadet; freiwillig, wenn's heiß war, und unfreiwillig, wenn eine Sturzwelle oder ein Sturmpfiff Einen über Bord warf oder *) Sicher! ——— —— ein Schiff Seewaſſer trank.*) Das iſt wahr. Freilich bekam man dazu keinen Baigneur und es kamen keine Landratten aus der Ferne, die zitternd in das Salzwaſſer gehen und zähneklappernd heraus. Das iſt neu, und darin habt Ihr Recht. Das aber iſt auch wahr, daß die Baigneure und Baigneuſen mit den Badekabineten und dem Herrn van Bruggen, oder wie er heißt, und ſeiner Mas⸗ kopei zuſammenhängen. Das iſt ſo ein Ding, wie die Zunft in Deutſchland. Nun begreift Ihr, daß, je mehr Baigneure da ſind, deſto weniger von den Einzelnen verdient wird. Das haben die Burſchen herausgefiſcht ohne Netz und Harpune, und man braucht nicht nach Norwegen zu fahren, um dieſen Kabeljau am Schwanze zu faſſen. Verſteht Ihr?— Da iſt denn der junge Zvo gekommen und hat gebeten, Baigneur werden zu dürfen. Er hatte gute Papiere und ZJedermann kannte ihn als einen braven Jungen. Die Herren von der Badekarren⸗Societät haben ihn angenommen gegen den Willen der andern Baigneure. Nun ſetzen die ihn auf den Strand, wo ſie können; hängen ihm einen Denkzettel an; drängen ſich vor, und Zvo iſt beſcheiden. So kommt's, daß er faſt brodlos iſt, und ich ſag' Euch, es iſt die bravſte Seehundsſeele, die jemals auf und in dem Salzwaſſer war. Nun, Mynheer, wißt Ihr Alles; vergeſſet aber auch nicht den alten Bootsmann Meyer, der einen Arm hat, der dreimal gebrochen war und ein Bein, das einmal entzwei war. Er war ſiebenmal in Rio, dreimal im ſchwarzen Meere, einmal in Archangel und mehr denn zehnmal in Newyork, von England, Frankreich, Italien, Dänemark, Nor⸗ wegen und Schweden gar nicht zu reden und ein Trinkgeld, ein Pourbvire, kommt ihm allezeit gut!“— Daß das kommen würde, vermuthete ich, nach den Erfah⸗ rungen, die ich bereits gemacht und nach dem, was man mir geſagt hatte. Ich gab ihm ein Zehncentimesſtück und hatte nun an ihm einen Freund gewonnen, der mir jeden Norgen ſagte, aus welcher Ecke der Windroſe der Wind pfiff; welche Schiffe ein⸗ und ausliefen; *) Soviel als: in der See unterging. 8 S —— wann die Fluth käme und wie der Fiſchfang ausgefallen wäre. Daß inzwiſchen dann und wann fünf Centimes abfielen für ein Geneverchen, verſtand ſich von ſelbſt, und war ſo eigentlich das Band der Freundſchaft zwiſchen dem alten Bootsmann Meyer und mir, und die Seeluft macht ſehr durſtig. Für diesmal verließ ich ihn und ſah, wie er ſeine Kaperfahrt nach einem andern Neuling auf dem Damme antrat. Ich ſtieg die Holztreppe hinab, feſt entſchloſſen, keinen Andern anzunehmen als Jvo, ihn aber auch meinen Bekannten, namentlich Verhägen, zu empfehlen, wenn er kommen würde. IHII. „Haben Sie ſchon einen Baigneur?“ fragte Monſieur Eduard im blau⸗ und weißgeſtreiften Röcklein, der Commiſſionär der Bade⸗ karren⸗Maskopei, der Alles hier unten am Strande dirigirt und deutſch redet, auch ziemlich gefällig iſt. „Ja,“ ſagte ich kurz, gab meine Karte ab und trat zu Jvo, der traurig an dem Badekabinet lehnte, das als Bureau dient. „Jvo,“ ſagte ich,„willſt Du mein Baigneur werden? Wie iſts Jongetje?“*) Dies freundliche, vlämiſche Wort ſcheuchte augen⸗ blicklich die Trauer von Jvo's ſchönem Geſichte. „Helass!“ rief er aus.„God zy geloft, Mynheer, ik will!“ 3) und mit Einem Sprunge war er bei mir, und nahm mir Bade⸗ kleider und Linnen ab. „Badet Ihr nur einmal, Mhnheer?“ fragte er. „Nein, Jvo, ich bleibe drei Wochen hier!“ „Welnu!***) Deſto beſſer, Mynheer!“ „Willſt Du alſo die anze Zeit mich bedienen?“ *) Jüngelchen. **) Ach! Gott ſei gelobt! Mein Herr, ich will's! ***) Wohlan! 5 — „Dat is zeker!*) Ich werde für Alles ſo gewiſſenhaft ſorgen, wie wenn Ihr es ſelbſt thätet! Kommt jetzt; die Fluth iſt da!“ Wir gingen. Jvo war ſehr beſorgt; ſchleuderte das Seewaſſer mit dem Eimer, das die Douche vertritt, ſo kräftig, daß mich die Haut brannte und lachte nicht, wie die Andern, daß die Landratte ſich etwas ängſtlich anſtellte. Ich will's bekennen, daß ich Anfangs ängſtlich war, denn ich ſchwimme ſchlecht; und es iſt doch auch etwas ganz anderes, wenn die hohen Wellen kommen und Einen faſt niederſchlagen oder wegſchleudern, als die Wellen eines Fluſſes, die nur plätſchern. Als ich das Bad genommen und aus dem Kabinete trat, reichte er mir ſeine Hand.„Laachtjes vas! Gemakkelyk!“*46) ſagte er,„die Stiege iſt ſteil.“ Als ich ihn bezahlte, dankte er herzlich und bat,„wenn ich etwa Freunde hätte, ihm dieſe zuzuweiſen.“ Das verſprach ich, und wir ſchieden für diesmal. Schon bei Tiſche konnte ich ihm zwei zuweiſen, und ehe zwei bis drei Tage umwarkn, hatte er faſt mehr, als Einer der Andern, die ihn neidiſch zu verdrängen ſuchten. Jetzt war die trübe Miene verſchwunden Er ſang und pfiff den ganzen Tag; aber er wußte auch, woher das kam, und bewies mir eine Liebe und Dankbarkeit, die wahrhaft rührend war. Es gefiel mir wohl, daß ich ihn nie am Lootſenhauſe herum⸗ lungern und bummeln ſah. In der Regel war er von vier Uhr an verſchwunden. Als ich den Bootsmann Meyer fragte, wo ſich Jvo aufhalte, zuckte er ſpöttiſch die Achſeln und meinte,„es gehöre wenig Witz dazu, um das zu errathen; ich ſolle einmal zum Luiſetje gehen, dort würde ich ihn finden. Aber,“ ſagte er,„wenn's ſtürmt auf dem Meere; wenn das Rettungsboot am Leuchtthurm aufgefahren iſt, dann iſt er da, um im Boote immer der Erſte zu ſein; wenn es £ *) Das iſt gewiß! **) Sachte etwas! Langſam! die Rettung Verunglückter gilt. Habt Ihr gehört, Mynheer, was vor acht Tagen geſchah?“ „Nein!“ „Welnu, da iſt ſo ein Milchbart, der daheim in einer Bade⸗ wanne ſchwimmen lernte, hierher gekommen, und meinte, das Baden im Meere ſei nicht viel mehr als das, und bei hoher Fluth zu baden ſei ein Kinderſpiel. Geht da in See mit ſeinen drathdünnen Beinchen und Aermchen und manöverirt da herum, mir nichts, dir nichts! Wider alle Warnung ſchwimmt er gegen die Estacade,*) und es kommt eine plumpe Sturzwelle, faßt das dürre Jongetje und ſchmeißt's an die Balken der Eſtacade, daß es leblos her⸗ unterpurzelt in das Meer. Der war fertig, ſo gewiß ich heute noch kein Geneverchen getrunken habe. Gebt mir doch etwas dafür! — Nun, um wieder auf den Eſel zu kommen, ſo war es Jvo, der ihm zuſah. Wie ein Haifiſch hatte er ihn am Kripps und brachte ihn heraus. Er hatte ihn geentert wie er in Sicht kam. Als er ihn am Strande hatte, lud er ihn auf ſeine Schultern und trug ihn auf den Damm, wo ihn der Doctor bald wieder am Leben hatte, daß er nach Luft ſchnappte wie ein Fiſch. Die patzige Land⸗ ratte kam beſſer davon, als ſie es verdiente.“ „Und Jvo?“ fragte ich. „Wel,“ entgegnete Meyer,„der brave Junge hatte ſich zurück⸗ gezogen und war, als man endlich an den muthigen Baigneur dachte, der ihn gerettet, verſchwunden. Der alte Meyer ſtand dabei und hatte die Geſchichte mit angeſehen. Ich will's Euch ſagen, Mynheers, rief ich. Der brave Junge, der den Tollpatſch da herausgeholt hat, heißt Jvo Verhägen, und ein gutes Pourboire kommt ihm auch morgen noch zu gut, ob er's gleich heute ver⸗ dient hat.“ „Verhägen heißt Jvo?“ rief ich aus. Meher ſah mich betroffen an.„ *) Die beiden Wellenbrecher am Eingange zum Hafen heißen ſo. — — „Mynheer,“ rief er,„ſeid Ihr krank im Kopf?*) Warum ſoll der Jvo keinen ehrlichen Namen haben, wie Ihr und der alte Bootsmann Meher?“ „Verſteht mich doch recht, Bootsmann Meyer! Ich bin ſo nüch⸗ tern, wie Einer, der vor dem Frühſtück baden will, und mag auch dem braven Jvo ſeinen ehrlichen Namen nicht verkümmern; aber ſagt mir, ob Jvo mit dem Seemanne Verhägen verwandt iſt, deſſen Schiff hier einmal ſtrandete und den ein Oſtender Seemann rettete?“ „Wel, Mynheer, Ihr ſeid fremd hier und wißt Dinge, die Wenige hier mehr wiſſen, als der alte Bovtsmann Meyer und noch Einer. Woher wißt Ihr das?“ „Das iſt meine Sache, Bootsmann Meyer! Antwortet mir auf meine Frage.“ „Wel, das iſt leicht geſagt! Mynheer, Ihr ſeht, es weht ein ſcharfer Nordweſt dieſen Morgen und der trocknet ſehr aus. Das Reden wird einem alten Bootsmanne ſchwer, der ſiebenmal in Rio, dreimal im ſchwarzen Meere, einmal in Archangel—“ „Das weiß ich ſchon!“ rief ich. „Deſto beſſer,“ ſagte der Alte,„ſo ſpar'ich das mühſelige Reden; aber ein Glas Faro oder ein Geneverchen ſtärkt das Gedächtniß und macht die Zunge beweglich, wie die Magnetnadel im Compaß.“ Ich ſah wohl, daß nichts übrig blieb, als ihm die Gurgel zu netzen. So trat ich denn mit ihm ans Lootſenhaus, wo er ſchnell ein Geneverchen für ich, und, in ſchlauer Berechnung, daß ich vor dem Bade nichts geilihen würde, ein Glas Faro für mich beſtellte. Dann ſagte er:„Mynheer, ſeit drei Tagen hab' ich kein Prümchen mehr und ſeit drei Monaten hat keine Cigarre meine Naſe erquickt. Seid ſo gut und erfreut mein Herz; dann ſteht die Nadel im Compaß ganz nach der Himmelsgegend, dahin Ihr ſteuern wollt, und alle Segel ſind geſchwellt.“ Der Genever kam und verſchwand. Ich ſchob ihm das Glas Faro hin und eine Cigarre und ſagte:„Nun aber laßt vom Stapel!“ *) Ausdruck der Seeleute für: Betrunken. „Goddam!“ rief er,„Ihr ſeid ein Menſch, der ein Seemann zu ſein verdiente! Ich lieb' Euch, wie mein Schiff, das in der Bai von Biscaja im Meere verfault. Helaas! Mynheer, das will etwas ſagen! Jammerſchade! Es war ein Dreimaſter, wie ein Orlogſchiff und ein Segler, op myne eer!*) wie—“ „Kommt doch zur Sache!“ rief ich ärgerlich aus. „Gemakkelyk! Gemakkelhk! Mynheer— das Herz blutet mir, als ſäß' eine Harpune drin, wenn ich dran gedenke! Aber ich weiß, Ihr wollt etwas von Jvo's Familie hören. Welnu! Ich hab' Euch ſchon geſagt, daß er von Mariakerke ſtammt, das dort hinter den Dünen liegt. Ihr ſeht den Kirchthurm ja! Wel, Mynheer, es gibt ſo viele Verhägen's in Belgien, als Müller und Schulze in Königsberg, wo ich zu Hauſe bin, aber mit dem Verhägen, an den Ihr mich erinnert, mag er immer noch verwandt ſein, denn der ſtammte auch von Mariakerke.“ „Richtig! Nun, was wißt Ihr von dem?“ „Viel, Mynheer, denn ich kannte ihn noch. Er hatte es weit gebracht, denn er war Capitän eines Kauffahrers von Breſt“ „Richtig?“ „Helaas! Meint Ihr, der Bootsmann Meyher führe mit fal⸗ ſchem Winde?“ „Sein Schiff ſtrandete hier—“ „Wel, Mynheer, wenn Ihr's ſo gut wißt, wie ich, warum fragt Ihr mich?“ 6 „Wenn das wirklich wäre, würde ich nicht mit Eurem Winde ſegeln.“ „Op myne eer! Das iſt wahr! Welnu, Mhnheer, es kommt alle Jahre etliche Mal vor, daß Schiffe hier auf den Strand gerathen, wenn der Nordweſt oder Nord bläſt. Dann ſcheitern ſie allemal und iſt nicht zu helfen, denn der Strand von Oſtende iſt flach und reicht weit in See. Iſt nun ſo ein Fahrzeug im Sturme *) Auf meine Ehre! — 27— ein Wrack geworden und nicht mehr coursfähig, ſo ſitzt's blitzſchnell feſt und geht aus einander wie mein Wamms. Ihr ſeid ſo von meiner Statur und könntet mir wohl einen Rock ſchenken!— Da iſt denn einmal Capitän Verhägen von Cherbourg nach Antwerpen gefahren oder von Breſt— ich weiß es ſo genau nicht mehr— und ein Sturm überfiel ihn, daß die Möven Abends zu Tauſenden über die Stadt zogen mit ihrem kläglichen Geſchrei, und feſten Boden für ihre Beine ſuchten. Das, Mynheer, iſt immer ein Zeichen, daß es auf der See arg hergeht. Die Lootſenglocke rief: „Allmann auf den Damm!“ Da knallt's in See. Das war ein Nothſchuß! Gleich wieder einer! Man hörte den viel näher. Das war ein Zeichen, daß das Fahrzeug, das in Noth war, dem Lande zugetrieben wurde. Alles lüſtert.*) Puff! der dritte Nothſchuß! Ganz nahe klang der und man ſah den Aufblitz. Helass! Myn God! Da war kein Zweifel mehr. Selbſt durch das Brüllen der See hörte man das Angſtgeſchrei; aber der Wind war ſo heftig; die See ging ſo hoch, daß faſt kein Menſch auf dem Damme ſtehen konnte. Der Schiffbruch war da, aber Keiner hatte den Muth, in ſolchem ſchrecklichen Wetter ſich hinaus zu wagen. Nur Einer ſprang in's Rettungsboot und ſtieß ab. Herr, das war keine Kleinigkeit. Die Nacht war ſchwarz wie ein Kamin, und ſolch' einen Sturm hatte ich nur einmal erlebt, den, als in der Bai von Biscaja unſer Schiff Seewaſſer trank und doch war ich ſiebenmal in Rio, dreimal im ſchwarzen Meer, einmal in Archangel und—“ „Ich weiß das ja ſchon!“ rief ich.„Wie hieß der Mann, der in's Boot ſprang?“ „Gemaktelyk, Mynheer! zachtjes vas! Es will Alles ſeinen Gang haben. Ihr wollt gleich alle Segel aufſetzen! Jan hieß er, und war ein Kerl wie Jvo; aber ſchon halb ein Gryſaard**) und ein Ehemann, Mynheer, der, 200 waar ik leve! eine vrouw und ein Kind hatte, und doch nicht bangte. Das war ein Kerl, wie's Wenige gibt! Op myne eer!“ *) Horcht. „Hatte er denn keinen andern Namen, als Jan?“— „Op myne eer, Mynheer, Ihr fragt, als ob Ihr leck in de kop*) wäret; freilich hatte er, wie Andere auch, einen Familien⸗ namen! Zeker! Cornelis hieß er, Cornelis, Jan Cornelis!“— Meyer hielt phlegmatiſch inne und trank einen kernhaften Schluck Faro. „Wollt Ihr Euch vor Anker legen mitten im Cours?“— fragte ich ungeduldig, denn nun erſt gewann die Erzählung Intereſſe für mich. „Ihr ſeid ſehr hitzig, Mynheer, und zum Capitän taugtet Ihr kein Stäubertje. Ein Seehund muß ruhig bleiben. Wartet's nur ab. Wel, der Jan Cornelis ſticht in See— und Allmann ſagt; vaarwel, braver Jan! Aber der Jan wußte ſein Boot zu ſteuern, wie ein Capitän ſein Schiff lenkt. Soviel ſah er im Unwetter in den leuchtenden Wellen, daß ein Mann ſich die letzte Mühe gibt, über dem Waſſer zu bleiben, doch keine Kraft mehr dazu hat. Kaum iſt er noch einmal in Sicht, ſo entert ihn der Jan. Er ruft mit ſeiner Donnerſtimme: Hierher Allmann! Aber es bleibt ſtill und die See hat ſie Alle verſchluckt. Die See tobt immer grauſiger. Die Möven ziehen ſchreiend zum Lande. Der Sturm raſt immer mehr. Da denkt Jan: Beſſer Einen, als Keinen. Macht kehrt und kommt zurück. Freilich wär' er ſaſt mit ſeinem Geretteten noch am Damme zu Grunde gegangen; aber ſie werfen ihm ein Tau hinaus, das er glücklich haſcht und er iſt gerettet. „De Heer zy geloft!**) rufen Alle. Ein Doctor iſt da, der an dem Manne, der Seewaſſer getrunken hat, herummanöverirt, bis er endlich doch Zeichen des Lebens gibt. Im Lootſenhaus kommt er zu ſich und fragt, wer ihn gerettet hätte? Da zeigen ſie ihm denn den braven Jan Cornelis, der dabei ſtand und that, als wär's ein Knabenſpiel geweſen. Mynheer, als ſie ihm den Jan Cornelis zeigen, ich ſag' Euch, da fällt er ihm um den Hals und *) Ein Loch im Kopfe hättet, toll wäret. **) Der Herr ſei gelobt! — Vreugdetraanen rollden over zyne wangen;*) Mynheer, das ging einem alten Seehund an das Harije.**) Da hättet Ihr die Herr⸗ lichkeit ſehen ſollen! Aber die wurde noch größer, als ſie hören, daß der Gerettete ein Oſtender Jongetje vos.*86) Und Zeker, es war der Capitän Verhägen, wie Ihr ſchon wißt, der den Jan Cornelis kannte aus den Bubenjahren, der als Schiffsjunge fort⸗ gegangen war. Nun aber nahm ihn der Jan Cornelis mit in ſein Haus hinter den Dünen. Aber, Mynheer, der Hals wird mir trocken; der Nordweſt iſt ſcharf heute. Noch ein Glas Faro!— Nicht?“— Ich nickte bejahend und das zweite Glas Faro kam, dem er bald auf den Boden ſah. „Ihr ſeid ein guter Mann,“ ſagte er mit Salbung. Ich fürchtete wieder eine jener Abſchweifungen, die der Alte ſo ſehr liebte. „Weiter!“ rief ich. „achljes vas!* ſprach er ruhig.„Ihr müßt nicht ſo treiben! Ihr ſeht ja, der Cours iſt gut und ich führe das Steuer ganz nach Euren Wünſchen. Wir werden gleich einlaufen und guten Anker⸗ grund finden.“ „Luistert! †) Der Capitän Verhägen wird aber am andern Tage ſchwer krank und liegt ſieben Wochen bei dem armen Jan Cornelis darnieder. Doch der zuckt nicht. Er iſt alle Tage bei ihm auf dem Hinterkaſteel und wacht an ſeinem Bette und ermüdet nicht in treuer Pflege. Treu' iſt Seemannsart. Endlich wird er wieder geſund; aber er hat nichts mehr als ſeine goldene Uhr, die er auf dem Leibe trug, und die gibt er dem Jan Cornelis, der ſie nicht nehmen wollte. Der Capitän ging endlich fort und bettelte ſich durch bis nach ) Freudenthränen rollten über ſeine Wangen. ***) Ein Oſtender Jüngelchen war. 5 Horcht! — Frankreich. Er hatte viel Geld daheim und verſprach, den Jan Cornelis gut zu bedenken— aber— „Hielt's nicht,“ fiel ich ihm in die Rede. „Wel, Mhynheer; aber ein Oſtender Jongetje hält ſein Wort, wenn er's nur irgend kann. Der Verhägen hat's gewiß nicht gekonnt, und wer weiß, wo er Seewaſſer trank, bis er genug hatte.“ „Und Jan Cornelis?“ „Der hat das auch geglaubt und ging wieder in See, weil er die See lieb hatte, wie ich, Mynheer; denn ſeht, ich bin ein Wrack und liege hier abgetakelt vor Anker, aber daheim halt ich's kicht aus. Ich muß hier auf dem Digue*) ſein von Morgens bis Abends und die See ſehen, ſonſt ſterb' ich vor Heimweh. Helaas! daß ich nicht mehr See halten kann!— Der Jan Cornelis war gerade ſo. Er ſchiffte, für fünf und zwanzig Francs den Monat, mit dem Fiſcherboot ſeines Patrons hinauf nach Norwegen und davon ernährte er ſein Weib kümmerlich eine Reihe von Jahren. Alle ſeine Fahrten waren glücklich und auch der Fiſchfang ſeines Patrons, bis einmal doch ein Unglück über ihn kam, das ihn zum Wrack machte. Und das kam ſo. Als ſie von Norwegen heimſegeln, reich an Kabeljau's, Salmen, Makrelen, Hummern, Tongen und dergleichen, überfällt ſie ein Sturm. Sie arbeiten wacker, aber eine Raae ſtürzt herunter und trifft den armen Jan Cornelis und ſchlägt ihm den Arm entzwei. Als er in das Lazareth kam, war der Arm ſchlimm und der arme Jan kommt einem von den gelehrten Doctoren unter die Finger, die Alles krumm heilen. Der pfuſcht an ihm herum, und als er endlich fertig iſt, kann der gute Jan Cornelis nichts mehr arbeiten, iſt ein Wrack und liegt vor Anker. Und nun iſt er alt, und wenn er das brave Kind nicht hätte, das ihm im Alter geboren ward, ſo müßte er hungern. Doch, Mynheer, die Uhr hat er auch im tiefſten Elend nicht hergegeben, obgleich ſie ihm viel Geld dafür boten. Er trägt ſie auf ſeiner Bruſt. Es iſt ihm ſein theuerſtes Gut, *) Damm. nächſt dem ſchönen Kinde ſeines Alters, bei deſſen Geburt ſein Weib ſtarb.“ „Was ſagt Ihr, er lebt noch?“— „Warum denn nicht?“— fragte Meyer verwundert.„Er iſt ein Gryſaard, noch zehn Jahr älter als ich, aber er iſt noch ſtärker als ich. Freilich, Mynheer, ich war ſiebenmal in Rio, dreimal im ſchwarzen Meer, einmal in Archangel—“ „Richtig!“ rief ich aus.„Ich weiß es. Wo wohnt Jan Cornelis?“ „Welnu, Herr, Ihr laßt Einen ja gar nicht mehr ausreden! Er liegt dort oben hinter den Dünen vor Anker. Ich will Euch hinführen und im Pavillon aux Punes gibt es ein Geneverchen, wie man's hier in Oſtende nicht beſſer trinkt. Verſteht Ihr? Ihr zahlt Eins oder Zwei und Ihr findet den Jan Cornelis, nach dem Ihr ein ſo großes Verlangen habet, daß ich's nicht begreifen kann, op myne eer, Mynheer!— Aber ſagt mir das doch!“ „Ein andermal, Meher!“ „Wel— ſo liegen wir endlich vor Anker!“ „Geloft 2) 6od!“ rief ich aus und eilte nach dem Bade, wo mich Jvo erwartete. Meher ſtand mühſam auf. Ich ſah noch, wie er in bedenklichen Wellenlinien am Cerele du Phare vorüber der Stadt zu ſteuerte. IV. Es war am Nachmittage des folgenden Tages, als ich den Weg hinter die Dünen einſchlug, der dort links abbiegt, wo rechtshin der Weg nach dem Pavillon aux Dunes ſich wendet. Dieſer iſt mit Asphalt ſtellenweiſe befeſtigt, während jener alle Unbequemlichkeiten des Dünenſandes den Wanderer empfinden läßt. Das Morgenbad hatte mich ungemein erquickt, ſo daß ich mich in der heiterſten Stimmung befand. Was ich dort wollte und ſuchte, wohin mich mein Weg führte, war ein Doppeltes. In erſter Linie lag der Gedanke, Jan Cornelis aufzufinden, um das Wort zu löſen, das ich Verhägen gegeben hatte; in zweiter aber die Abſicht, einmal dieſe Dünengegend kennen zu lernen, die ein ſo eigenthümliches Gepräge hat. Es war ein Tag heute, wie ich ihn reiner und ſchöner noch nicht am Meeresſtrande erlebt hatte. Des Himmels Azur war tief geſättigt und dies wunder⸗ bar herrliche Blau ſpiegelte ſich in den leichtgekräuſelten Wellen des Meeres ab, daß dieſes, deſſen Farbenwechſel ſo mannigfaltig iſt, heute in einem milden Blau glänzte, das nur hier und da von weißen Adern leiſe durchzogen war, welche dem weißen Schaume der Wellen ihr Daſein verdankten. Keine Wolke war am weiten Bogen ſichtbar, den das Auge auf dem Damme überblickt. Leuchtend und ſtrahlend ſchritt mähligen Fußes die Königin des Tages dahin und ließ ihr Bild widerſtrahlen vom rieſigen Spiegel, den ihr das Weltmeer entgegenhielt und der ſelber wieder erglänzte von der Glorie des zurückgeworfenen Bildes des„Lichtes, das den Tag erleuchtet.“ Der Seewind blies erquickend aus Nordoſt und brach die Macht der Sonnengluth ſo nachdrücklich, daß ſie nicht einmal drückend erſchien, während ſie im Binnenlande heute zu Boden beugend ſein mußte. Hier und da erblickte das Auge ein Boot, das, von Kur⸗ gäſten beſetzt, eine kleine Rhedenfahrt unternahm oder nach Blanken⸗ burghe ging. Größere Segel ſah man am Saume des Horizonts auftauchen, eine Weile in Sicht bleiben, und dann wieder verſchwin⸗ den. Der„Panther,“ jener ſtolze Dampfer, der die Verbindung mit England unterhält, trat majeſtätiſch aus der Eſtacade heraus und durchſchnitt die Fluth ſo muthig und feſt, daß die Seele ſich dran ergötzte, wie der Menſchengeiſt Ein Element zum Bezwinger des andern ſich unterwirft. Es war ein Bild des Menſchen, der, eines feſten Zieles, eines freudigen Muthes und einer ausdauernden Charakterkraft ſich bewußt, ſeinen Weg unbekümmert verfolgt, was ihm auch bevorſtehe und begegne.— Auf dem Digue oder Damme erging ſich die Badegeſellſchaft, gemiſcht mit der Judenſchaft Oſtende's, die heute, am Sabbath, allen Glanz des Reichthums und der Eitelkeit und Prunkſucht entwickelte. Scherzen, Lachen, Koſen überall, und dabei Kokettiren und Cour⸗ — machen, Adoriren und der weiſen Rede Lauſchen, oder die alberne bewunderungsvoll Belächeln. Stoff zu ſtillen Beobachtungen am Thermometer des geſelligen Umgangs, der herrſchenden Bildung, der Nationalität wäre genug geboten geweſen, wenn mich nicht mein Ziel raſch dieſem Gedränge entzogen hätte. Kaum hatte ich den Dünenweg betreten, als ich mich dieſen Strömungen enthoben und allein ſah, denn ſie bewegen ſich nur vom Pavillon der Dünen bis hinab zum Auſternparke und der Eſtacade hin und her, in einem Einerlei, das nur dann kein ermüdendes werden kann, wenn man tiefere geiſtige Bedürfniſſe nicht kennt, als dieſes Wechſeln leerer Redensarten, oder— wenn wirklich ein Geſpräch von geiſtiger Tiefe in Regionen führt, welche des Denkens würdig ſind. Die Dünen, welche gegen das Meer ſenkrecht abfallen und ſpärlich von dem wohlthätigen, durch ſeine ungeheuern Wurzelfäden ihnen unzerſtörbare Feſtigkeit gebenden Sandhafer bewachſen ſind, ſenken ſich in der entgegengeſetzten Richtung allmählig der Ebene zu. Stellenweiſe bilden ſie in derſelben Richtung mehrere fortlaufende Hügelketten, welche als Damm der Natur gegen das gewaltige Meer dienen. Ihre Landſeite iſt mit verſchiedenen, der Dünenflora aus⸗ ſchließend angehörenden Holz⸗ oder Schaftpflanzen ganz bedeckt und bildet kleine Schluchten und Thäler, denen ſelbſt ein eigenthümlicher Reiz nicht abzuſprechen iſt, wie monoton auch das Anſehen ſein mag. Maleriſch wird dies abſonderliche Bild dadurch, daß in dieſen Thälern und Klüften der Dünen hin und her ein paar bunt⸗ geſchäckte Rinder oder Ziegen weiden, ein Häuflein halbnackter Kinder ſich ſpielend umhertreibt, und hier und da ein kleines Häuschen ſteht, ſo klein, daß wir, die wir aus dem Binnenlande kommen, kaum begreifen, wie eine Familie darin wohnen und leben kann. Sie ſind, wie alle belgiſchen Häuſer, aus Ziegelſteinen erbaut, haben ein Schilfdach oder etwa eins von Plattziegeln; lehnen an den ſchützen⸗ den Dünen; haben je und dann einen Birnbaum zum getreuen, ſchattengebenden Nachbar und einige mit Kartoffeln und Moorrüben N. F. w. 3 — oder Gartenpflanzen beſtellte Felder, welche nur ein eiſerner Fleiß dem Dünenſande abringen, fruchtbar machen und durch Wälle von vier bis ſechs Fuß Höhe vor dem Zuwehen des Dünenſandes ſchützen kann. Eine Schaar Hühner treibt ſich dran herum und vollendet ein vlämiſches Stillleben in ſeiner Einfachheit und Armuth, aber auch Zufriedenheit, welches dem Beobachter dennoch wohlthut und von poetiſchem Reize umfloſſen iſt. Wär' ich ein Maler, gerade ſolch ein Bild würde ich malen, und ich bin überzeugt, wär' es naturwahr und warm, es würde durch ſeinen ganz eigenthümlichen Reiz die Blicke der Beſchauer feſſeln. In weite Fernen zieht ſich vom Fuße der Dünen die Ebene und vereinigt ſich ebenſo mit dem Horizonte, wie auf der andern Seite das lebenvolle, nie raſtende Meer, nur mit dem Unterſchiede, daß, wie dort Schiffe das Auge feſſeln, hier Kirchthürme und, frei⸗ lich ſelten genug, ein wenig Baumgrün dem Blicke den wohlthuenden Ruhepunkt gewähren. Eine wohlthuende Stille herrſcht hier beſtän⸗ dig, die nur durch die Schläge der Fluth an die abgewendete Seite der Dünen, durch das dumpfe Grollen des etwa empörten Meeres, durch ein fernes Geläute, durch das Gackern der Hühner, das Brüllen eines Rindes, das Jauchzen der Kinder und— durch den entſetzlich unmelodiſchen, weither ſchallenden Pfiff der Locomotive einmal unterbrochen wird. Sie thut dem Gemüthe um ſo wohler, als das Gewirre und Geſumme des Menſchenſchwarms auf dem Stranddamme von Oſtende nicht geeignet iſt, ruhige Beſchaulich⸗ keit aufkommen zu laſſen. Des Friedens, der hier waltet, freut ſich das Herz, wenn es aus dem Menſchengewoge hierher verſchlagen wird; denn hier waltet doch einmal— Natur!— So ärmlich auch die Häuschen ſind, die hinter der Dünenkette bis Mariakerke hin eine faſt lückenloſe Kette bilden, freilich nicht nahe an einander liegend, ſondern von ziemlichen Räumen getrennt— ſo haben ſie doch etwas Feſtes, Nettes und Sauberes, was ſie vvn den Wohnungen der Armuth im Binnenlande höchſt vortheilhaft — unterſcheidet. Sie ſind wohl erhalten und in ihrem Beſtande ſogar ſorgfältig gepflegt. Die Fenſter ſind, wenn auch klein, nicht bloß ganz, ſondern klar und hell. Keine Draperien von Spinnen⸗ geweben ſind ſichtbar, keine mit Papier verklebte Scheiben; aber auch kein heimliches Schwalbenneſt erblickt man, keine Tauben. Ueberhaupt zeichnet ſich der Meeresſtrand durch Unbelebtheit von Vögeln aus. Kaum daß in den Gaſſen Oſtende's ein Sperling ſichtbar iſt, der doch, da man alle Abfälle der Wirthſchaft und Küche auf der Straße in Haufen gemüthlich abſetzt, wo ſie lange genug harren, bis ſie entfernt werden, Nahrung in beliebiger Auswahl und in Hülle und Fülle fände. Selbſt die Schwalbe ſcheint hier ihre Nahrung in unzureichendem Maaße zu finden, was auf die Armuth an Inſekten in der mit Salztheilen durchdrungenen Luft ſchließen läßt. Deſto auffallender iſt die zahlloſe Menge der See⸗ vögel, denen aber das Auge weder am Strande, noch auf dem Meere in der Nähe des Landes begegnet. Etſt in dunkeln Sturm⸗ nächten lernt man ihr Daſein kennen, wenn ſie in ununterbrochenen Zügen vom Meere nach dem Lande flüchten und durch ihr angſt⸗ volles, eintöniges Geſchrei ihr Vorhandenſein und ihre zahlloſe Menge verkündigen. Es iſt, als ob das gewaltige Meer alles thieriſche Leben an ſich riſſe und in ſeinem dunkeln Schvoße berge, wie denn das Leben in ſeinen Fluthen alles Maaß überſteigt, welches zur Beurtheilung die Vertheilung des thieriſchen Lebens auf dem Feſtlande uns darbeut. Wie die Natur hier dem Binnenländer gar reichen Stoff zu vergleichender Betrachtung darreicht, ſo auch das Menſchenleben. Abgeſehen von den Sitten und Gebräuchen, die ſich hier auf alte Ueberlieferungen treuer gründen als irgendwo, iſt es die Billigkeit des Lebensunterhalts, auf die ſich die Gedanken nothwendig richten müſſen im Vergleiche mit anderen Zuſtänden und Verhältniſſen. Mag es ſein, daß der Tagelohn geringer iſt als anderswo, ſo ſteht doch das feſt, daß es an Verdienſt nicht mangelt für Den, der arbeiten will. Die Lebensmittel ſind dagegen ſehr billig für den Armen. Für wenige Centimes kauft man ein reiches Maaß der kleinen, nahrhaften Seekrebſe oder Muſcheln. Die kleineren 35 Seefiſche, die ſogenannten„Platjes“ ſind ungemein billig und ihre Zubereitung leicht und wenig koſtſpielig. Ja, ein Netz und eine ſehr kurze Anſtrengung reichen hin, ohne weitere Koſten die Nahrung für eine Familie zu gewinnen. Und daß man dies Fiſchen am Strande nur von Wenigen ausüben ſieht, iſt doch wohl der Beweis, daß die Meiſten durch andere Beſchäftigungen ſo viel gewinnen, um ſich ein zureichendes Mahl zu ſichern. Wie viel ſchlimmer iſt der Arme des Binnenlandes daran, dem höhere Preiſe das Gewinnen des Lebensunterhalts ſo ſehr erſchweren und, namentlich auf dem Lande, die Seltenheit eines ausreichenden, jederzeitigen Verdienſtes, wenn nicht Fabrikanlagen dieſen eröffnen! In ſolchen und ähnlichen Gedanken vertieft, war ich eine Strecke fortgegangen und Manches der niedlichen Häuschen hinter den Dünen lag ſchon hinter mir, als ich mich meines Zweckes wieder lebhaft erinnerte. Ein Mann kam mir entgegen, der auf einem Schubkarren Moorrüben nach der Stadt bringen wollte. „Wohnt nicht hier herum der alte Jan Cornelis?“ fragte ich ihn. „Ihr hättet's beſſer nicht treffen können, Mynheer,⸗ erwiederte mir der Mann,„denn Ihr ſteht gerade ſeiner Wohnung gegenüber. Der Fußweg hier führt Euch zu ihm und dort in der Sonne ſitzt der alte Gryſaard, den Ihr ſucht!“ Damit drückte er ſeinen Schubkarren weiter, er mich freundlich gegrüßt hatte. Meine Blicke wendeten ſich rechts hinab den Dünen zu. Ziemlich hohe Sandwälle friedigten rechts und links von dem Fußpfade zwei ungewöhnlich ausgedehnte Feldſtücke ein, in deren Ecken Pflaumenbäume ein nicht eben fröhlich Daſein friſteten. Gerade da, wo der Pfad gegen die Dünen endete, ſtand eins jener kleinen Häuschen, deren ich gedacht. Es zeichnete ſich dadurch aus, daß es neuer war als die andern und, was immer auf Frauennähe ſchließen läßt, gerade neben der Thüre ein kleines Blumengärtchen hatte, darinnen eine Monatroſe luſtig blühte nebſt Aſtern verſchiedener £ 3 Farbe. Ein alter, für den Sandboden hoher und weitaſtiger Birn⸗ baum beſchattete auf der andern Seite theilweiſe das Häuschen, theilweiſe einen kleinen Raum, der als Hofraum gelten mußte. Hinter dem Häuschen, in einem kleinen Dünenthälchen, ſuchte eine geſchäckte Kuh ihr mageres und hartes Futter, und Hühner und Kaninchen trieben ſich luſtig in den Dünen in der Nähe des Hauſes umher. Unter dem Birnbaum und an ſeinem rauhen Stamme angelehnt ſtand ein ſtrohgeflochtener Seſſel von kunſtloſer Arbeit, in dem ein Greis ſaß, deſſen ſchneeweißes Haar von einem Süd⸗ weſter*) bedeckt war. Sauber und nett war die ganze Umgebung, ſelbſt auf den Feldern erblickte man kein Unkraut. Einen Augenblick betrachtete ich mir das Bild dieſes Still⸗ lebens, aus dem Armuth und Zufriedenheit, Ordnung und Fleiß anheimelnd und wohlthuend mir entgegentrat. Ohne Weiteres ſchlug ich dann den Querpfad ein und ſtand vor dem Greiſe, der ſich auf meinen Gruß mühſam erhob und ſeinen Südweſter achtungsvoll lüftete. Neben ſeinem Seſſel ſtand ein leerer Holzſtuhl und davor das runde Tiſchchen mit allen Geräthſchaften der hier ſehr im Schwunge gehenden Spitzenklöppelei. Eine Spitze war in Arbeit und lag theilweiſe aufgerollt dabei, die ſich durch Schönheit des Muſters und Feinheit der Arbeit vortheilhaft auszeichnete. „Ihr geſtattet wohl, Vater, daß ein müder Wanderer ein Wenig bei Euch raſtet?“ hob ich an. „Mit Vreugde!“*c) erwiederte der Greis.„Nehmet doch Platz auf dem Stuhle. Luiſetje wird ſich einen andern holen, wenn ſie kommt.“ Mit einem Blicke hatte ich das volle Bild des Greiſes in mich aufgenommen. Er mußte wohl tief in den Achtzigen ſein, daran war kein Zweifel. Sein Haar war zu Schnee gebleicht. Tiefe Falten zeigte ſein Geſicht, aber das Auge ſchien noch lebhaft und *) Südweſter heißt hier der wachstafftene Hut der Seeleute, deſſen Krämpe im Nacken länger iſt als über der Stirne. **) Mit Freude! ſcharf. Der Kopf war ſchön und ſelbſt in dieſen hohen Jahren lag noch ein friſches Roth auf den Wangen, denen man es anſah, daß ſie manchem Sturme waren preisgegeben geweſen. Seine Kleidung war ärmlich. Auf dem alten Wamms ſaß mancher Lappen, aber Alles war ſo ordentlich geflickt und ſo reinlich, daß man ſich deſſen nur freuen mochte. „Ihr müſſet mir's ſchon vergeben, daß ich Euch den Stuhl nicht ſtelle, Mhnheer, ich bin ein Grhſaard von acht und achtzig Jahren und ein altes Wrack, das hier vor Anker liegt, ſo lange es Gott gefällt. Ich bin am rechten Arme und Beine gelähmt und das Gehen fällt mir ſchwer, ob ich es gleich noch bis in die Stube riskiren kann.“ Ich beruhigte ihn und ſetzte mich, nahm eine Cigarre und reichte auch ihm eine. „Helaas!“ rief er freudig bewegt aus,„da erweiſet Ihr mir eine große Ehre und Freude. Es iſt lange her, daß Unſereiner keine gute Cigarre mehr geraucht hat!“ Sein Geſicht war ordentlich verklärt in der Vorahnung des lange entbehrten Genuſſes. „Ihr wohnt da ſchön und friedlich,“ ſagte ich, um einen Anfangspunkt für das Geſpräch zu finden, nachdem ich ihm Feuer gereicht. „O ja, Mhnheer, ſchön; aber will ich die See ſehen, ſo muß mich Luiſetje dort den Pfad zu den Dünen hinaufführen. Da mögt Ihr nun wohl denken, daß doch mancher Tag vergeht, ohne daß ich ſie geſehen habe, und doch iſt die alte Liebe zur See in meiner Bruſt noch nicht geroſtet. Das thut mir oft wehe, und doch kann ich dem guten Kinde nicht zumuthen, dieſe ſchwere Arbeit oft zu thun und ſeine koſtbare Zeit zu verſäumen. Friedlich wohnen wir ja, denn kein Unfriede ſtört uns hier, wo Nachbarn ſo ferne ſind, daß man ſie ſelten ſieht.“— „Und Euer Haus iſt neu! Ihr habt es wohl erbaut?“ „Ach ja, Mhnheer,“ verſetzte er mit einem tiefen Seufzer; „wenn ſich nur nicht an dieſen Bau ſo bittere Folgen knüpften und * ſeine Urſache nicht eine ſo harte geweſen wäre. Denkt Euch, es war Anno 1844 beim Neumond im März, als grade eine Spring⸗ fluth war und der Wind aus Nord⸗Nordweſt das Salzwaſſer mit erſchrecklicher Macht gegen Oſtende trieb. Gegen Mitternacht war er zum Orkane angewachſen, der daher raſte. Ich hab' nur Einen ſo erlebt, den, der mich meine geraden Glieder koſtete. Zahlloſe Mövenſchwärme flüchteten auf's Land in ſelbiger Nacht und niemals hab' ich ihren Schrei angſtvoller gehört. Gegen halb Eins in der Nacht war hohe Fluth. Da brach plötzlich das Meer über die Dünen herein mit aller Macht. Ich und mein gutes Kind wären ertrunken, wenn uns nicht ein guter Menſch vor der Gefahr gewarnt hätte. Wir flohen zeitig nach Mariakerke mit unſerm Kühchen, aber unſer Feld wurde verwüſtet, unſere Kaninchen und Hühner kamen um und— unſer Hüttchen ſtürzte ein, denn es war alt und gebrechlich. Da könnt Ihr Euch unſer Herzeleid denken! Iſt man arm und jung, ſo drückt ſo etwas ſchwer, aber iſt man alt, ſo iſt's noch viel ſchwerer, weil aller Verdienſt mangelt.— Ich gab Alles hin, ſelbſt mein theuerſtes Kleinod, meine Uhr verſetzte ich, und baute das Häuschen auf; aber die Schuld drückt und verzehrt meines Kindes Verdienſt und meinen Frieden.“— „Das iſt ein hartes Loos,“ ſagte ich;„wenn aber Euer Kind ſich verheirathet, da wird's den jungen Kräften leichter, die Schuld abzuzahlen!“— „Mein Kind wird keinem Manne zum Altare folgen, ehe und bevor dieſe Schuld getilgt iſt,“ ſagte der Greis.„Es iſt ſein unwandelbarer Entſchluß!“ „Aber warum denn das?“ fragte ich mit Theilnahme. „Weil ſonſt der Jammer in die Ehe hineinragt, und ſie elend machen muß. Eheſtand iſt ohnehin Weheſtand, Mynheer; wenn er aber gar noch mit Schuld und Ungeduld begonnen wird, dann iſt's vollends aus. Da kann ich meinem Kinde nicht Unrecht geben.“ „Aber ihre Jugend wird verblühen.— Iſt denn die Schuld groß?“ „Ach ja, da habt Ihr Recht und das iſt's, was mich bekümmert. Sie beträgt fünfhundert Francs noch. Es war mehr, Mynheer. Hundert Francs hat mein Kind abbezahlt. Es iſt nicht leicht. Helaas! Mhnheer, Ihr glaubt nicht, wie ſie ſpart und arbeitet, und ich glaube, es wäre ihr höchſtes Glück, wenn ſie mir meine Uhr wieder geben könnte, damit ſie nicht der alte Wucherer van Haſſält, dem ſie verpfändet iſt, heimſchlägt.“ „Die Uhr ſcheint Euch beſonders werth?“ „Zeker, Mynheer! Es iſt die Gabe eines Mannes, der in meinem Herzen ſteht und der wohl längſt todt iſt.“ „Da mag ſie Euch theuer ſein! Nicht wahr, die See iſt hier gefährlich?“ „Zeker! Mynheer.“ „Mir wurde da eine Geſchichte erzählt, die ich aber für eine Fabel hielt. Es ſoll nämlich in einer Sturmnacht, wie ſie ſelbſt die älteſten Lootſen von Oſtende nicht erlebt hätten, ein Schiff geſtrandet und vom Meere zertrümmert worden ſein. Ein Mann aber habe ſein Leben gewagt und Einen der Schiffbrüchigen gerettet, den er nachher in langer, ſchwerer Krankheit gepflegt habe.“ „Hm! Mynheer, ganz unwahr iſt die Geſchichte nicht, wie ich glaube,“ verſetzte er. „Aber der Gerettete ſei undankbar geweſen und habe ſeinen Retter nicht belohnt.“ „Das lügen ſie in ihren Hals!“ rief der alte Mann mit Heftigkeit.„Das weiß ich beſſer. Er gab ihm viel Tauſend Dank; war das nicht genug? Und ſeine goldene Uhr. Herr, ſagt, war das nichts?“— „O gewiß,“ ſagte ich;„aber der Lebensretter ſei in Noth gerathen ſpäter und da habe er ſein vergeſſen.“ „Die Welt iſt arg, Mynheer! die Welt iſt arg! Ueber den Mann iſt Unglück oder Tod gekommen, fonſt— doch laßt uns abbrechen.“ „Jan Cornelis,“ ſagte ich,„Ihr weiſt die Sache ab—“ „Woher kennt Ihr meinen Namen?“ „Daher, woher ich den Namen Verhägen kenne!“ — „Mhnheer!“ rief er aus und neigte ſich weit vor, in mein Antlitz zu blicken. Er bebte dabei vor Erregung.„Woher wißt Ihr das?“— „Ich habe Einen gekannt, der den Capitän Verhägen kannte. Der ſagte mir, mit welcher Liebe er Eurer gedacht habe.“ In des alten Mannes Augen traten Thränen. Er faltete ſeine Hände, wie wenn er beten wollte, und tief aufathmend ſagte er: „Ja, das iſt gewiß wahr! Es war ein treues Herz! Gott gebe ihm einen guten Tag, wenn er noch lebt, und iſt er ſchon abgeſegelt und im Hafen der Ruhe, ſo erfreue Gottes Gnade ſeine Seele!“ „Und die Uhr habt Ihr verſetzen müſſen?“ fragte ich.„O es war nicht ſchön, daß Verhägen Eurer vergaß!“ „Wer ſagt das?“ rief er faſt zornig. „Aber hätte er Euch nicht unterſtützen können, als Ihr unglück⸗ lich waret?“ „Mynheer, ich meine, ich hörte den alten Bootsmann Meyer aus Euch reden. Kennt Ihr den?“ „Ja!“ „Und habt mit ihm von Verhägen geredet?“ „Ja, er gab mir Kundſchaft von Euch.“ Eine dunkle Röthe übergoß des Greiſes Geſicht. „Mynheer,“ ſagte er,„der Meyer iſt ein altes Weib; er iſt ſelten nüchtern, das iſt ſein Fluch. Ehrlich iſt er, aber im Trinken redet er, was er nicht verantworten kann. Glaubt ihm nicht. Wie kann er ſagen, Verhägen habe mein vergeſſen? Ihr ſagt ja das Gegentheil! Konnte der edle Mann in der Ferne wiſſen, wie es mir erging? Ein Menſch, wie Verhägen Einer war, vergißt eines Freundes nicht. Ein Oſtender Jongetje iſt nicht undankbar. Sie rechnen aber Alles nach dem Gelde. Auch der alte Meyer. Jan, ſagte Verhägen, als er ſchied, ich habe auf Trinidad eine große Plantage. Komme ich glücklich dorthin, zu Weib und Kind, ſo löſe ich meine Uhr bei dir aus, und du ſollſt ohne Sorge leben bis an dein Ende, und dein Kind auch. Er iſt gewiß nicht hinge⸗ kommen, das weiß ich ſicher. Darauf hab' ich nicht gezählt. — „Manchmal, Mynheer, der Menſch iſt ſchwach— manchmal dachte ich, als mir die See das Haus einriß, die Thiere ertränkte und mich noch härter traf durch das Ueberfluthen meiner zwei Aecker: ach, wenn er's doch wüßte! Aber Gott ſoll mir grollen, wenn ich ihn weniger lieb gehabt hätte. Er war treu wie Gold. Das findet ſich nicht auf allen Gaſſen und die Meiſten wiſſen nicht, was es heißt: Sich lieb haben!“— In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre des Häuschens und es trat ein Mädchen heraus) das höchſtens neunzehn Jahre alt war. Sie trug eine Taſſe Kaffe in ihrer kleinen, weißen Hand, die für den alten Vater beſtimmt war. Als ſie mich ſah, erſchrack ſie. „Komm her, Luiſetje!“ rief der Greis lebhaft.„Der Herr weiß von meinem Freunde Verhägen. Er kannte Einen, der ihn kannte, und der ſagte, er habe meiner in Liebe gedacht. Doch“— wendete er ſich plötzlich wieder an mich—„vielleicht wißt Ihr, ob er noch lebt?“ „Er iſt bei den Vätern, bei ſeinem und unſerm Herrn,“ ſagte ich. Der Greis wurde heftig erſchüttert von dieſen Worten. Seine Arme ſanken herab, ſein Blick war ſtarr auf mich gerichtet. „Todt?“ ſagte er mit großem Nachdruck.„Ja, das hab' ich mir gedacht, als kein Zeichen ſeines Lebens zu mir drang. Nun, ich werde bald folgen. Die Planken halten nicht mehr zuſammen; der Hafen iſt in Sicht“— Luiſetje trat raſch herzu und faßte ihres Vaters Hand und ſagte weinend:„Euer Kind bedarf Eurer noch ſo ſehr; Gott wird mich nicht zur Waiſe werden laſſen!“ Der alte Mann ſah ſie wehmüthig lächelnd an.„Du willſt wohl ſagen: das alte Wrack deines Vaters bedürfe deiner ſo ſehr? Kind, es klingt curios, wenn du ſo redeſt und mußt mir doch die Speiſe ſchier zum Munde führen? Nun, wir wollen Gott gewähren laſſen; er allein weiß wenn es Zeit iſt, die Segel zu ſtreichen.“ Das Mädchen lehnte ſein ſchönes Haupt an die Schulter des — Greiſes, und in dieſer Stellung war es ein Bild wie ich es ſchöner kaum irgendje erblickt habe. Meine Blicke ruhten wohlgefällig darauf, wie ſich das blühende Leben an das hinwelkende Daſein ſchmiegte, wie der grünende Epheu um die Ruine rankt.— Luiſetje? hatte nicht Meyer den Namen genannt, als er von Jvo's Liebe redete? Nun wahrlich, dies herrliche Geſchöpf wäre allein würdig, die Gattin des ſchönen und braven Jwo zu werden! In der That, man konnte nicht leicht ein ſchöneres weibliches Weſen ſehen! Die Frauen Belgiens ſind durchſchnittlich hübſch. Ihre Geſtalten ſind meiſt groß und edel, ſchlank und blühend, und nur in reiferen Jahren neigen ſie zu einer Fülle, die jenſeit der Linie liegt, dieſſeits welcher die Schönheit ihr Herrſchergebiet hat. Ihre Augen ſind groß und ausdrucksvoll, meiſt ſchwarz, wie das ſchöne reiche Haar; dabei iſt die Haut weiß wie Schnee, und die Roſen der Wangen ſo ungemein friſch, wie man ſie ſelten ſieht. Nur Eins entſtellt oft das reizende Geſicht— die allzugroße Naſe, die bei älteren Frauen noch durch häufiges Schnupfen mißhandelt wird. Luiſetje's Wuchs war makellos, ſchlank und doch voll! ihr Geſichtchen wie Milch und Blut; ihr Mund ſchön geſchnitten und klein; ihre Augen groß und glänzend; der Bogen der dunkeln Augenbrauen überaus ſchön geſchwungen; die Grübchen in den roſigen Wangen und im ſchön gerundeten Kinn allerliebſt. Die Fülle ihres ſchönen Haares fügte ſich nur widerſtrebend dem nied⸗ lichen Häubchen, das die Oſtenderinnen ſo ſchön kleidet, und ihre Naſe war die ſchönſt geformte, niedlichſte, zum Geſichtchen paſſendſte, die ich in dem vlämiſchen Lande noch gefunden hatte. Was aber höher ſtand als das Alles, das war die keuſche Zucht, die makelloſe Reinheit, die ſich in ihrem ganzen Weſen und Gehaben mit unaus⸗ ſprechlichem Zauber ausprägte. Sie wäre einer Krone würdig geweſen, dieſe Jungfrau im ärmlichen, aber reinlichen, züchtig verhüllenden Kattunkleide ihres Standes! Ob ſie Ivo's Luiſetje ſei? Das war eine Frage, die ich noch heute mit voller Sicherheit mußte beantworten können. Slie hatte mich mit Einem Blicke gemeſſen und grüßte dann mit —— einfacher Anmuth. Ich reichte ihr die Hand und ſie legte die Ihre ohne Ziererei hinein, eine Hand, für deren Beſitz eine Lady jenſeit des Canals Tauſende von Pfunden würde gegeben haben, hätte ſie ſie ihrem Arme anfügen können. Nun reichte ſie ihrem Vater die Taſſe mit Kaffe zum Munde und der Greis trank, indem er ihr liebevoll in die ſchönen Augen blickte. „Ich habe vorhin deine kunſtreiche Arbeit angeblickt, Luiſetje,“ hob ich an, um dem Geſpräche eine Richtung zu geben, die dem Greiſe woniger Zeit gönnen ſollte, jenen Gedankenkreis weiter fort⸗ zuſpinnen, in den ihn meine Mittheilung geführt.„Sie iſt köſtlich. Nie habe ich das Spitzenklöppeln geſehen; darf ich wohl einmal deiner Arbeit zuſehen?“ „O gewiß, Mynheer,“ verſetzte ſie freundlich;„aber heute werde ich dazu nicht mehr kommen, da die Zeit gekommen iſt, wo ich an die Nachtſuppe denken muß, die der Vater frühe genießen ſoll.“ „So komm' ich einmal wieder,“ ſagte ich. „Thut das ja, Mynheer,“ fiel der Greis ein„Ich habe viel zu fragen.“ „Aber klöppelt man in Eurer Heimath keine Spitzen?“ fragte das Mädchen. „Nein, Luiſetje, obgleich unſere Frauen und Mädchen nicht minder kunſtreiche Arbeiten im Sticken, Häckeln, Stricken und ſolcherlei Arten und Weiſen machen. Wir kaufen die Spitzen von Euch.“. „Helaas! das iſt ſchön von Euch,“ bemerkte ſie mit einem bezaubernden Lächeln.„So wird denn auch unſer Fleiß belohnt von Euch Wo iſt denn Eure Heimath?“ „Weißt du, wo der Rhein ſeine grünliche Fluth in die Berge zwängt, die den köſtlichen Wein erzeugen?“ „Ich habe davon gehört,“ ſagte ſie. „Dort mündet ein kleiner Fluß in den Rhein. Er durchfließt ein Thal von hoher Schönheit. Hohe Berge, breiter Thalgrund, goldne Reben, dunkler Wald, traute Dörfer, blanke Städtchen, reiche Saaten, edler Wein, frohe Menſchen, klarer Himmel— das Alles „8 liegt und findet ſich in dieſem Thale, und da liegt im Schooße einer reichen Flur, umgeben vom Kranze ſchöner Berge im weiten Kreiſe, mein Wohnort.“ Sie hatte mir wohlgefällig zugehört. „Man hört's Euch an, Mynheer, daß Ihr Eure Heimath liebt,“ ſagte ſie lächelnd.„Sie muß ſchön ſein, weil Ihr ſie ſo liebt. Und dort habt Ihr Eure Familie zurückgelaſſen? Es iſt wohl weit?“—* „Trotz Eiſenbahnen, Dampfbooten und Eilwagen— zwei Tag⸗ reiſen, mein Kind. Ja, ich habe dort mein Weib und meine Kinder zurückgelaſſen, um hier im Meere meine Geſundheit wieder zu erlangen mit Gottes Hilfe.“ „Nun, Gott wolle Euch das Bad ſegnen!“ ſagte ſie theil⸗ nehmend. Als Luiſetje hörte, daß ich Familienvater ſei, wurde ſie zutraulicher. „Wie lange denkt Ihr denn in Oſtende zu bleiben, Mynherr?“— „Drei Wochen, wo möglich!“ „Kriegt Ihr denn das Heimweh nicht?“ fragte ſie naiv. c glaube, ich bekäme es, wenn auch der Dünenſtrand ſo ſchön nicht iſt wie Euer Thal.“ „Und wenn es Stunden gäbe, wo ich es hätte, mein Kind?“— Sie ſah mich mitleidsvoll an.* „Ach, das thut mir leid für Euch; aber ich glaub' es. Man ſagt, das Reden von den Lieben daheim heile es. Habt Ihr keine Freunde hier?“ „Nein!“ „Ei, da kommt zu uns und erzählt uns von Weib und Kindern, von dem ſchönen Lande und ſeinem Weſen. Wir wollen gerne zuhören, und dann wird's Euch wohl werden.“ „Thuet das, Mhnheer,“ ſetzte Jan Cornelis hinzu.„Ich weiß gar wohl, wie das Heimweh thut. Hatte ich es doch da droben in Bergen in Rorwegen, als mir die Raae Arm und Bein zerſchmiß, in's Lazareth tragen mußten. Ich wäre dran geſtorben, — 6 wenn nicht ein Kamerad von derſelben Raae auch einen Schmiß gekriegt und mit mir im Lazarethe gelegen hätte. Mit dem plauderte ich von Euch, von dir, Luiſetje, und deiner lieben, ſeligen Mutter, die ſo K war. Das machte mein Herz wieder heil.“ ekommt Euch das Bad denn auch gut?“ fragte ſie mit einem Tone, wie wenn der leiſe Lufthauch durch die Saiten einer Aeolsharfe zieht. 6elolt z 60d! 4) ſagte ich mit Nachdruck,„ich fühle mich ſchon beſſer.“ „Ihr ſprechet vlämiſch?“ rief ſie und ſchlug freudig ihre Händchen zuſammen.„Das iſt ja ſchön!“ „Nun, es iſt nicht weit her! Ich hab's von meinem lieben, braven Baigneur gelernt.“ Jan Cornelis ſah mich fragend an, während Luiſetje faſt ahnend und verlegen unter ſich ſah. „Wer iſt denn Euer lieber und braver Baigneur?“ fragte der Alte neugierig. „Er trägt den Namen, der Euch theuer iſt,“ ſagte ich:„Jvo Verhägen!“ Mit dieſen Worten blickte ich in Luiſetje's Auge. Sie ſchlug es ſchnell und über und über erröthend nieder, und bückte ſich dann ſehr tief, um ein Federchen von ihrer Schürze wegzuthun, das ſie ſicher zu anderer Zeit nicht bemerkt haben würde, ſo klein und unſcheinbar war es. „Nun, der verdient dieſe Bezeichnung, die Ihr ihm gabt,“ verſetzte mit dem Tone der Ueberzeugung Jan Cornelis.„Ich kenne ihn wohl und vielleicht iſt er auch weit, aber ſehr weit, mit meinem Freunde Verhägen verwandt. Er war es, der uns noch rechtzeitig vor der nahen Springfluth warnte und uns retten half, was uns theuer war, ſonſt— Mynheer, ſäßen wir hier nicht bei einander und über unſer Grab führe der ſcharfe Wind, den ich, über die Dünen herziehend, jetzt empfindlich fühle. Das Alter macht i Es wird Zeit ſein für mich in's Haus zu gehen.“ *) Gelobt ſei Gott! — = 7— Der Greis ſtand auf, reichte mir die Hand und ſagte mit treuherzigem Tone:„Adieu, Mynheer! Kommt bald einmal wieder!“ Er ging langſam und ſchwerfällig dem Häuschen zu, in deſſen Thüre er bald meinem Blicke entzogen war. k Luiſetje weilte noch Sie nahm das Koppje, woraus ihr Vater den Kaffe getrunken hatte und, indem ſie mir zurief:„Ich komme gleich wieder,“ eilte ſie dem Greiſe nach. Ich ſtand allein. Nun wußte ich genug von ihrer Liebe zu Jvv. Wenige Augenblicke ſpäter kam ſie zurück, um den Seſſel dem Greiſe nachzutragen. Der Seewind ſtrich ungewöhnlich kühl über die Dünen herüber und die Sonne mußte ihrem Niedergange nicht mehr ferne ſein. Auch für mich war es Zeit. Ich ergriff ihre Hand. „Gute Nacht, Luifetje,“ ſagte ich.„Ich will bald wiederkommen, um dich Spitzen klöppeln zu ſehen und mit dir von den Meinigen zu reden.“ „Thuet das, Mynheer,“ ſagte ſie freundlich. „Und Jvo darf ich einen Gruß bringen?“ flüſterte ich ihr zu. Sie bückte ſich, Etwas aufzuheben, und ihr Erröthen zu ver⸗ bergen. Dabei that ſie, als habe ſie die Frage nicht gehört; aber ſie ſah auch mich noch einmal mit einem ſchalkigen Lächeln an, und dies Lächeln war ſicher keine Verneinung. „Gute Nacht!“ hauchte ſie leiſe hin und verſchwand in der Thüre des Hauſes. Ich ging zurück und fand auf dem Damme noch den dichten Menſchenſchwarm. Nur Verhägen fand ich nicht. Die Feſte in Brüſſel zur Feier der Vermählung des Herzogs von Brabant mit der jugendlichen Erzherzogin von Oeſterreich waren das allgemeine Geſpräch. Sie waren nahe. Geſellſchaften bildeten ſich, dorthin zu gehen. Auch mich drängte man; allein mir war das Bad Hauptzweck, das ich hätte mehrere Tage unterbrechen müſſen. So lehnte ich es ab. Kommen ja doch auch die Herrſchaften nach Oſtende; werden ja doch auch hier großartige Vorbereitungen * getroffen, der jungen Fürſtin die aufrichtige Liebe zu beweiſen, die ihr überall entgegengebracht wurde. Ohne Zweifel war Verhägen von ſeinem Freunde beſtimmt worden, mit ihm nach Brüſſel zu gehen, und dies der Grund, warum er ſo lange ausblieb, was ſonſthin ganz gegen ſeinen urſprünglichen Plan ging. Noch einigemal wandelte ich die Länge des Dammes hinab und hinauf. Im Gedränge glaubte ich Jvo geſehen zu haben, der gegen die Dünen eilte; allein ich hatte ihn in einer andern als der rothflanellnen Badekleidung noch nicht geſehen, und darum war ich meiner Sache nicht gewiß. Die Sonne war untergegangen und in der leichten Kleidung, die ich trug, wurde mir's kühl; darum ſchlug' ich den Heimweg ein. V. Als ich am andern Morgen gebadet hatte, ſagte ich zu Jvo: „Soll man wohl heute Abend das Leuchten des Meeres ſehen? „Es iſt warm, Mynheer, uhd wolkig; darum kann's wohl kommen. Die Fluth kommt um zehn Uhr in der Nacht.“ „Da müßte es auf der Eſtacade draußen herrlich ſein!“ „Zeker, Mynheer!“ „Indeſſen möchte ich doch im Dunkel nicht alleine dahin gehen, denn man könnte einen Fehltritt thun, Schaden nehmen und könnte dann, da man den Nothruf kaum vor dem Lärm der Brandung hört, die Nacht dort bleiben müſſen.“ Er lächelte heimlich, und dies Lächeln, das aber blitzſchnell vorüber ging, galt der Landrattennatur, die ihre Beſorgniſſe, ſeiner Meinung nach, übertrieb. „Darf ich Euch meine Begleitung anbieten?“ fragte er beſcheiden. Ich will es nicht leugnen, daß ich dieſe Frage erwartet hatte. Weniger um das Meerleuchten, als um das ungeſtörte Alleinſein mit ihm war es mir zu thun. Ich nahm nun einmal den wärmſten 3 Antheil an den Menſchen, in deren Kreis ich ganz ungeſucht gerathen war, und es kam mir vor, als ſei ich vom Herrn beſtimmt, in ihr Loos einzugreifen. Ich mußte darum ſo klar als möglich die Lage kennen lernen, wie die Perſonen. Mit ZJvo ein Wort allein zu reden, war am Tage, in dieſem ewig hin und her fluthenden Treiben, unmöglich. Wollte ich es, ſo mußte ich eine Stunde und einen Ort wählen, wo ich rechnen durfte, auch mit ihm ein ungeſtörtes, zutrauensvolles Zwiegeſpräch führen zu können. Ich nahm daher ſein Erbieten gern an und beſtellte ihn, mich am Leuchtthurme oder am Eingange zur Eſtacade zu erwarten. Der Tag verging mir in dem gewöhnlichen Treiben der Kurgäſte zu Oſtende: Herumbummeln auf dem Damme oder am Strande; Weilen beim Mittagstiſche; Plaudern mit Bekannten; Anhören der Muſik im Prinzengarten; Leſen deutſcher Zeitungen und Rauchen. Endlich kam die Nacht und mit ihr die Stunde, in der mich Jvo erwartete. Sch fand ihn, am Eingang lehnend und ein Pfeifchen rauchend. Er wollte es löſchen; allein mir galt es, ihn in gemüth⸗ licher Traulichkeit zu erhalten, darum bat ich ihn fortzurauchen, worin ich ihm Geſellſchaft leiſten wollte. Es war etwa halb zehn Uhr. Die Nacht war dunkel aber warm. Das Meerleuchten zeigte ſich in wundervoller Pracht. Auf der Eſtacade war es leer und man hörte nichts als das Branden der Wellen an den Balken der Eſtacade; aber grade dies Branden zeigte eine Pracht des Leuchtens, wie ich nie Aehnliches erblickt, ja, ich darf ſagen, nie geahnt hatte; denn die Tauſende von Tropfen, in die das mächtige Schlagen wider das Gebälke die Wellen auflöſte und brach, waren ebenſo viele matt leuchtende Feuerkügelchen, die in ihrem ſteten Wiederholen und Erneuern ein Bild darboten, für welches die Sprache keinen Ausdruck hat. Die ganze Eſtacade mit ihrem gewaltigen Balkenbau ſtand in ſtetem Feuer, und ſelbſt die am Gebälke herabrinnenden Tropfen ließen dies in hellem Feuerglanze erſcheinen. Lange gab ich mich in anbetender Stimmung dieſem Anblicke hin; dann erreichten wir den Kopf der Eſtacade. Leider waren noch Leute da, die, wie ich, dem Schauſpiele ſich hingaben. Sie verloren ſich nach und nach, und ich war mit Zvo allein. N. F. w. 4 „Höre, Jvo,“ begann ich,„du lebſt kümmerlich, wie mir der alte Meyer ſagte. Wo wohnſt du denn?“ „In der Rue des soeurs blanches,“ erwiederte er,„bei dem Lootſen Kuiper und ſeiner Frau, alten, braven Leuten. Da hab' ich ein ärmlich Kämmerlein, ein dürftig Bett, und die Mutter Kuiper ſorgt mir für meine Sachen, näht und flickt mir und kocht mir mein Koopchen Kaffe. Ich kann's nicht beſſer finden, Mynheer, ich möchte in Oſtende ſuchen, wo ich wollte.“ „Mag ſein, aber wie viel bringſt du davon im Jahre?“ „Nicht viel, Mynheer!“ „Glaub's Jvo, Warum gründeſt du keinen eigenen Haushalt? Du kommſt weiter, wenn eine brave Frau dir haushält.“ „Ach ja, Ihr habt gut reden, Mynheer; da ſteht viel im Wege.“ „Nun, weißt du vielleicht keine Frau zu finden? Hch wüßte dir eine!“ „Ihr, Mynheer?— Das wär' ja eine ſeltſame Geſchichte!“ „Nun, geſtern hab' ich ſie gefunden. Ich ging hinter die Dünen und fand das Haus des Jan Cornelis und ſah das Lui⸗ ſetje. Da dachte ich, das wäre eine Frau für dich!“ „Herr!“ rief er,„ich wette Alles, was ich habe, gegen einen Centime, da ſteckt der alte Bootsmann Meyer dahinter!“ Ich mußte lachen.„Und wenn er dahinter ſteckte, was wär's denn weiter? Ich bliebe doch bei meiner Meinung. Du nicht auch?“ „Was ſoll ich's läugnen, Mynheer? Za, ich habe Luiſete lieb und ſie mich, das weiß der alte Meyer, der Alles ausknöchelt.“ „Gut, laß ihn ausknöcheln, Jvo. Iſt es darum weniger wahr? Und warum wrillſt du uic deſſen ſchämen vor den Menſchen?“ Nein, nein, Mynheer, das will ich ja auch nicht und hab's auch nicht nöthig, aber es iſt doch einmal ſo, daß man— ſo etwas— nicht gern an die Flaggenſtange hängt, wo es Jeder ſieht. 3„Mag es ſein, Ivo; warum aber heiratheſt du Luiſetje nicht? — Sie hat dich lieb, und damit du ſiehſt, daß ich ſie kenne und ſie mich, ſo richte ich dir ihren Gruß aus“ „Ich weiß es,“ ſagte er verſchämt.„Sie hat es mir geſagt.“ „So?— Nun, dann antworte mir auf meine Frage!“ „Huwelyk*) können wir noch nicht halten, weil—“ „Will's der Vater nicht?“ „O das nicht— Luiſetje aber—“ 3„Was? Sie will dich nicht?“— 00 waar ick leef!*) Sie iſt mir gut.“ „Oder willſt du nicht?“— „Op myue eer, Mynheer, da habt Ihr einen falſchen Cours!“ „So? Dann weiß ich nicht, woran es denn liegen ſoll. Man hat mir geſagt, Luiſetje y een voorbeeld von Zachtaardigheid, Beminnelpkheid, 6oedhartigeid en Godsvrucht! ii) das gibſt du gewiß zu?—“ „Zeker, Mynheer!“ 5„Und woran liegt's denn? Habe doch Vertrauen zu mir, Jongelje!“ Da ging ihm das Herz auf und er erzählte mir, was ich eigentlich ſchon vom Alten wußte, daß nämlich ſie erſt dann ſich heirathen wollten, wenn die Schuld bezahlt ſei. Er erzählte mir, daß er, nachdem ich ihm ſo viele Kundſchaft zugewieſen, wohl an die ſechzig Franken zu gewinnen hoffe. Das bringe er ſeinem Luiſetje, und da ſie auch ſich etwa vierzig Franken verdient habe, ſo kämen 8 einhundert Franken herunter und ſie ihrem Ziele um ſo viel näher. „Aber wie vermag ſie das?“ fragte ich erſtaunt. „O Mhnheer!“ rief er begeiſtert aus,„Ihr wißt nicht, wie das Mädchen ſich Alles verſagt; wie ſie die Milch, die ſie nicht ²) Huwelyk= Hochzeit. So wahr ich lebe! ***) Ein Vorbild von Zartheit, Liebenswürdigkeit, Gutherzigkeit und Gottesfurcht. ℳ — 4* — 52— für ihren Vater braucht, nach der Stadt verkauft; ſo die Eier ihrer Hühner und die Kaninchen, die die reichen Leute eſſen. Dabei klöppelt ſie Spitzen und Ihr glaubt nicht, wie ihr das von der Hand geht. Sie gehört zu den geſchickteſten und fleißigſten Arbeiterinnen hier; aber die Arbeit wird ſchlecht bezahlt; das iſt das Unglück.“ „Geſetzt nun,“ fuhr ich fort,„Ihr habet einmal die Schuld abbezahlt; wie wollt Ihr dann Euch einrichten?“ „So lange der Vater lebt bleiben wir in dem Hauſe hinter den Dünen. Ich baue das Feld und diene als Baigneur hier. Luiſetje thut, was ſie jetzt thut. Aber wenn einmal der liebe Gott über den Vater verfügt, ſo verkaufen wir das Haus und das Feld und ziehen nach Oſtende. Ich kenne viele Schiffcapitäns in Oſtende und Antwerpen Von denen kaufe ich dann ſchöne Schaalken,*) die ſie mitbringen aus Amerika, Aſien und Afrika, und Luiſetje hält auch ſo einen Muſchelladen wie Ihr ſie ſehet am Cerele du Phare, am Kurſaal und am Prinzengarten, und bei ihr kaufen gewiß die Herrſchaften am liebſten. Auch kann ſie Cigarren feilhalten, und ich bleibe Baigneur.“ „Kommt denn dabei etwas heraus?“ „eker, Mynheer! Es wird viel dabei verdient. Man kauft ſie in Antwerpen billig ein, wenn man ſelber da iſt. Was macht mir das? Ich verdinge mich als Matroſe auf ein Canalſchiff und fahre hin. Da koſtet mich die Reiſe nicht nur nichts, ſondern ich verdiene noch vabei. Bei der Herfahrt iſt die Fracht ſehr gering und mein Matroſengeld geht noch nicht ganz drauf. Hier ſind in der Kurzeit die Muſcheln ſehr theuer. Das bringt etwas ein, und die Cigarren, wenn man ſich gute Waare hält, noch mehr!“ „Der Plan iſt gut, wenn du ihn nur ausführen kannſt. Im Winter aber verdienſt du nichts!“— „Wer ſagt das?“ rief er.„Sahet Ihr nicht den Mann, der neben der Brücke, nächſt dem Prinzengarten die kleinen Bootjes, *) Muſcheln. — Schvoners, Dreidecker und Dampfſchiffe verkauft? Er kann nicht genug machen. Sie ſind ſchlecht gemacht. Ich hab's verſucht und Vater Kuiper ſagt, meine ſeien feiner, ſchöner und natürlicher geſchnitzt. Da mach' ich im Winter einen Vorrath und Luiſetje verkauft ſie mit den Schaalken und Cigarren. Ich hab's mit Luiſetje ſchon beſprochen, und ſie glaubt, daß es herrlich gehe. Sagt aber ja dem alten Meyer nichts, Mynheer! Er iſt gut gegen mich geſinnt, das iſt wahr, aber er iſt, wie auch Jan Cornelis zu ſagen pflegt, ein altes Weib, das Alles an die große Flaggen⸗ ſtange hängt. Schweigen kann er einmal nicht, wenn Faro oder Genever ſeine Zunge vom Stapel läßt. Noch Eins, Mynheer, Ihr wißt, die Feſte, wann der König hierher kommen wird, bringen auch eine Regäte.*) Wenn ich ſo glücklich bin mit dem Gig des jungen, reichen Herrn van Gondeghem zu fahren, ſo wird der erſte Preis unſer, das iſt zeker, und er ſelbſt will nichts gewinnen. Er theilt es unter ſeine Ruderer. Da bekomme ich auf einmal fünfzig Francs, und ſelbſt noch mehr, da der Preis fünfhundert Francs iſt.“ „Und was machſt du damit?“ „Ich löſe die Uhr des Vater Jan ein! Mynheer; das iſt für ihn das größte Glück!“ „Brav, Jongetje,“ rief ich,„brav gedacht. Weißt du was, ich will mit Herrn van Gondeghem reden!“ „Ihr, Mhnheer, Ihr? Kennet Ihr ihn?“ „Ein Freund wohnt bei ihm und ich bin ſchon in ſeiner Geſellſchaft geweſen.“ „O, Ihr ſeid mein Schutzengel!“ rief er begeiſtert und küßte meine Hand. „Verlaß dich drauf, Jongetje!“ ſagte ich mit einer Bewegung, die ich kaum bemeiſtern konnte.„Aber höre, Ivo,“ ſagte ich,„du mußt mir geloben, Luiſetje nichts davon zu ſagen!“ *) Regate, die venetianiſche Regatta, oder ein Fiſcherſtechen, iſt die Wettfahrt mit Booten und Gondeln Gigs) nach einem Ziele. — 54— „Ach, das wird mir ſchwer!“ rief er aus.„Leid kann man ſchon allein tragen, ich weiß das aus Erfahrung; aber Freude—7 Helaas, Mynheer, es wird mir ſchwer werden— doch— ich gelob' es Euch!“ Die kleine Lootſenglocke läutete eben zehn Uhr und ihr ſchriller, ſchreiender Ton drang durch das Poben der Brandung zu unſerm Ohre. Wir gingen zurück und Jvo wachte über jeden meiner Tritte. Bis zur Place d'armes, wo das Stadthaus liegt, neben welchem die Caſinogeſellſchaft ihre Säle hat, begleitete er mich, und dort trat ich ein, ſicher den Herrn van Gondeghem dort noch zu finden. VI. Eine große Geſellſchaft von Einheimiſchen und Fremden be⸗ wegte ſich noch in den Sälen des Caſinos. Wenn auch die ſchrille Lootſenglocke als Polizeiglocke dient, ſo iſt man in Oſtende doch weitherzig genug, die Leute nicht polizeilich in allen Stücken zu maßregeln. Es iſt der perſönlichen Freiheit ein ſehr weiter Spiel⸗ raum gegönnt. Dennoch herrſcht eine Ordnung, die mancher Stadt und manchem Städtchen unſeres deutſchen Vaterlandes zu wünſchen wäre. Hier dachte noch kein Menſch daran, heimzugehen, ſondern in den Leſe⸗, wie in den Spiel⸗ und Converſationszimmern ging es nach Ort und Verhältniß her, wie zu jeder anderen Stunde. Ich ſuchte Herrn van Gondeghem lange, und gab die Hoff⸗ nung faſt auf, ihn zu finden, als ich ihn bei einem meiner deut⸗ ſchen Bekannten ſitzen ſah. Natürlich rückte ich mit meiner Bitte heraus, ſobald ich, ohne das Geſpräch zu unterbrechen, es konnte. Er hörte mich ruhig an. „Ich kenne den Matroſen Jvo Verhägen, der jetzt Baigneur geworden iſt, und weiß, daß er ein ebenſo braver als tüchtiger Menſch iſt. Da Sie ſich ſeiner ſo warm annehmen, ſo macht es mir ein doppeltes Vergnügen, ihn unter die Ruderer zu nehmen. 2. 3. ½ ℳ N —— „ 2. — Sie können ſich gewiß denken, daß die Theilnahme an der Regäte nicht aus Eigennutz hervorgeht; vielmehr überlaſſe ich den Preis meinen Bootsleuten Wenn nur mein Gig die Ehre des Preiſes erringt, ſo iſt mein Wunſch erreicht.“ So ſprach der Herr van Gondeghem, und mir waren ſeine Worte eine Freudenbotſchaft. Jvo tanzte und hüpfte vor Luſt, als ich es ihm am andern Tage ſagte. Er zeigte mir den ſchönen, weiß angeſtrichenen Gig im Hafenbaſſin, wo er vor Anker lag, und pries ſich glücklich dem alten Manne eine ſo große Freude machen zu können. Die wenigen Tage, welche noch bis zum 30. Auguſt, als dem Tage der Feſte, hin waren, gingen mir ungemein ſchnell herum, weil ich einen davon in dem nahen Sluikens zubrachte, wo die Naturalienſammlung, nebſt diverſen Raritäten, wohl im Stande iſt, einen Nachmittag angenehm zu zerſtreuen; einen andern verwendete ich dazu, einen Beſuch hinter den Dünen bei Luiſetje zu machen, wo ich ungemein willkommen war. Das Mädchen hatte alle Scheu abgelegt. Harmlos und zutraulich, dennoch aber ruhig, feſt und gehalten, benahm ſich das Mädchen in einer ausgezeichneten Weiſe. Ihre erſte Frage war, ob ich gute Nachrichten von meiner Familie habe. Das konnte ich freudig bejahen. Sie nahm den wärmſten Antheil daran und wir waren bald bei Jvo und ihrem Verhältniß zu ihm, da ihr Vater heute, eine nahende Aenderung des Wetters in peinlichen Schmerzen fühlend, die Wohnung und das Bett nicht verließ. Sie aber ſaß an ihrem Tiſchcheu unter dem Birnbaume. Nicht ohne Erröthen und jene liebenswürdige Schamhaftigkeit, die aber dennoch nicht zu verhehlen vermag, wie gerne das Geſpräch bei dem Gegenſtande ihrer Liebe weilt, gab ſie mir Ant⸗ wort, wenn ich ſie fragte. Offenbar hatte Jvo ihr Alles gebeichtet, was zwiſchen mir und ihm an jenem Abend auf der Eſtacade vorgekommen war. Nur nicht, daß ich etwas für ihn bei Herrn van Gondeghem gethan Er hatte reinen Mund gehalten, daß er an der Regatta theilnehmen werde. Sie ahnte davon nichts. Mit wahrer Bewunderung ſah ich dem graziöſen Spiel der ſchönen Händchen zu, als ſie ihre Arbeit, an der Spitze zu klöp⸗ — peln, aufnahm, und erſt ſpät kehrte ich nach der Stadt zurück, doch nicht ohne zuvor auch mit dem heute beſonders leidenden Greiſe ein Stündchen geplaudert zu haben. Wie oft beklagte ich es in dieſen Tagen, nicht reich zu ſein, um den trefflichen Menſchen die Sorgen der Schuld vom Herzen nehmen zu können! Manchmal, ich geſtehe es, mißſtimmte mich Verhägen's Ausbleiben aufs Tiefſte. Kam er nicht, ſo fielen alle jene ſchönen Pläne und Hoffnungen in die Brüche, welche auszu⸗ denken mir die Stunden des an ſich ſo langweiligen Lebens in Oſtende ſo unendlich verſüßte und erheiterte. Gewiß, meine theueren Leſer und Leſerinnen fühlen es mit mir, wie mich das im Innerſten meiner Seele beglückte, etwas dazu beitragen zu können, ſie glücklich zu machen. Allein Verhägen kam nicht. Die Feſte in Brüſſel waren ja lange vorüber und er ließ nichts von ſich hören. Ich durchflog jedesmal die Fremdenliſte und wurde jedesmal bitterer, empfindlicher getäuſcht. Wäre es ihm ein Ernſt geweſen, den Wohlthäter und Retter ſeines Vaters aufzuſuchen und zu belohnen, ſo hätte er dies Werk der heiligſten Pflicht nicht aufſchieben dürfen bis zu dem Augen⸗ blicke, wo er kaum mehr die Hoffnung hegen durfte, ihn noch am Leben zu finden. Und wäre es ihm jetzt ein heiliger Ernſt geweſen, wie hätte er nun zehn bis zwölf Tage können herum gehen laſſen, Tage, die in dem Leben eines Greiſes, wie denn doch der Retter ſeines Vaters nothwendig ſein mußte, wenn er noch lebte, von ſo großer Bedeutung waren! Mit Einem Worte, das Benehmen Ver⸗ hägen's mißbilligte ich im vollſten Maße, und dieſe Mißbilligung, im Bunde mit den erbleichenden ſchönen Hoffnungen, verſtimmte mich. Endlich nahten die feſtlichen Tage. Die Straßen der Stadt waren mit Tannen geſchmückt, daß ſie Alleen zu ſein ſchienen. Kronen, Schilder mit Wappen und Sprüchen, Hunderte, ja Tauſende von Fähnchen und Fahnen flat⸗ terten und ſchwebten überall an Seilen mitten in den Straßen und zwiſchen den Tannenbäumen. Ueberall wurden Transparente ange⸗ macht; Gerüſte, um bunte Lampen zur Beleuchtung der Stadt daran aufzuhängen; Tauſende von farbigen Papierlaternen ſchwankten überall; Triumphpforten erho en ſich und Portale in architektoniſcher Schönheit, die beleuchtet werden ſollten. Hunderte von Händen waren thätig, nur der Badegaſt allein wanderte durch die Straßen; beſah ſich die Vorbereitungen; ſtudirte das Programm der Feſte, um ja nichts zu verſäumen, und fühlte in dieſem bunten, frohen Treiben weniger die Tantalusqual der Langweile, welche er zu ertragen hat in Folge ärztlicher Verfügung, die jede leibliche und geiſtige Anſtrengung auf's Strengſte verpönte und nicht einmal das Leſen eines guten Buches geſtatten wollte. Glockengeläute und Kanonenſalven kündigten den Vorabend an und eine ſchöne Feier, die auch die Herzen der Gebeugten erheitern wollte. Der Stadtrath ließ Brod austheilen unter die Armen, daß morgen jedes Herz der jungen Fürſtin froh entgegen ſchlagen könnte. Gewiß, ein ſchöner Gedanke! 2 Obwohl die beſtändig heitere, trockene Witterung, nach Jan Cornelis Vorherſagung, in eine zu Regen geneigte und wirklich naſſe umgeſchlagen war und die vorigen Tage alle faſt mit Regen begannen, ſich aber ſpäter aufgeklärt hatten, ſo begrüßte den 30. Auguſt ein blauer, wolkenloſer Himmel und der Sonne heiteres Angeſicht. Kanonendonner und Glockengeläute hatte zeitig geweckt, und ich, als gewiſſenhafter Badender, eilte frühe in die Wellen des Meeres, die heute wunderbarlich erquickten. Nach dem Bade und Frühſtück galt es, ſich zur Betrachtung des Feſtzugs eine geeignete Stelle zu ſuchen, da die Fenſter meiner Wohnung dazu nicht die geeignetſten waren. Einen ganz eigenthümlichen Eindruck machte es, die feſtlichen Aufzüge der einzelnen uralten Geſellſchaften zu ſehen, die alle irgend welche paſſende hiſtoriſche Darſtellung auf eigens eingerichteten Wagen darboten; ſo die Societäten: Société Amphitrite, Société des fröres d'armes, Société Royale de Guillaume Tell, Société de la Concorde, Société du jeu de Boule, Société Royale de Saint-André, Société Royale de Rhétorique, Société de Saint- Séhastien. Alle dieſe Genoſſenſchaften hatten ihre mitunter alten, koſtbaren Fahnen; — ihre Muſikbande, und die bereits erwähnten Wagen mit theils hiſtoriſchen, theils allegoriſchen Darſtellungen. Kinder in alt⸗vlämi⸗ ſcher oder phantaſtiſcher Kleidung, junge Mädchen in ähnlichem Schmucke, dann die Männer der Societé mit ihren Präſidenten und Vice⸗Präſidenten, geſchmückt mit gewaltigen Ketten von edelm Metalle, an denen die Preismedaillen hingen, welche die Sociecté irgend in Wettkämpfen der Kunſt und Wiſſenſchaft oder leiblicher Kraft errungen hatte, begleiteten die Wagen und Fahnen in geord⸗ netem Zuge. Dieſe überlieferungen eines wackeren Bürgerthums und tüchtigen Sinnes wurden mit faſt religiöſer Achtung von dem Volke betrachtet, das ſich überhaupt muſterhaft benahm, ohne daß man irgend die Polizei wahrgenommen hätte. In und um den Bahnhof ordnete ſich dieſer Zug, den Bürger⸗ militär eröffnete, wie denn auch dieſes die Königliche Familie begleitete. Die Linientruppen ſtanden auf der Place darmes, um an dem Könige vorbei zu defiliren. Andern Antheil nahmen ſie nicht an dem ſchönen Volksfeſte. Endlich brauſte der Zug daher, welcher die Sehnlichſterwar⸗ teten brachte. Ein Jubelruf, der die Luft erzittern machte, galt dem König und der jungen Fürſtin. Der Zug ordnete ſich und bewegte ſich langſam zum Rathhauſe, nachdem die Auctoritäten die hohen Herrſchaften begrüßt hatten. Ueberall jubelndes Begrüßen der jungen Fürſtin, die huldvoll ihr Volk grüßte, das ihr die offenen Herzen entgegen brachte. Es war eine Luſt zu ſehen, wie dieſe Beweiſe der Liebe ſo naturwüchſig, ſo friſch und treu gemeint aus den Herzen kamen, und ſich immer wieder erneuerten, wo das Volk ſeine Regenten⸗ familie erblickte; immer aber blieb die Herzogin⸗Erzherzogin der Gegenſtand, der alle Blicke feſſelte und alle Herzen ſich gewann. Kaum waren die Herrſchaften im Stadthauſe, ſo zog ſich Alles auf den Damm, da um halb ein Uhr die Regatta beginnen ſollte. Mitten im Gedränge flüſterte mir Jemand zu:„Gebt Acht auf den weißen Gig, in dem ſechs weiß gekleidete Ruderer ſitzen, die rothe Scherpen umhaben!“ Ich ſah mich um, allein ich konnte Zvo nicht mehr ſehen, deſſen Stimme es ohne Zweifel geweſen war, die mir dieſe Worte in's Ohr geraunt. Als die Königliche Familie im Kurſaal angekommen war, begann im heiterſten Sonnenlichte die Regatta. Die Schaluppen eröffneten dieſelbe, welche ein eigenthümliches, reizendes Schauſpiel darboten; dann folgten Canots und nun die Gigs. Ich geſtehe, daß mir das Herz pochte, als ich in der Linie den weißen Gig ſah, mit ſeinen ſchneeweiß gekleideten Ruderern. Ein Kanonenſchuß des mächtigen Dampfers, der wie ein ſchwarzer Schwan in den zierlichſten Windungen durch die Linien der wettkämpfenden Boote fuhr, ohne auch nur die geringſte Störung zu machen, eröffnete den Wettkampf, deſſen Preis 500 Franes war. Mit Pfeilſchnelle ſchoſſen die Gigs voran. Eine Weile machte ein ſchwarzer Gig dem weißen den Rang ſtreitig.— Ich begleitete jeden Ruderſchlag mit meinen Blicken. Gewaltig waren die Anſtrengungen; ziemlich lange ſchwankte das Loos der Entſcheidung zwiſchen beiden. Wetten werden contrahirt für den Weißen und gegen ihn; aber bald blieb kein Zweifel. Mein Herz pochte faſt hörbar.— Der weiße Gig blieb Sieger. Er ließ den ſchwarzen mehr als zweimal ſeiner Länge hinter ſich; bald aber noch mehr, und immer größer wurde der Zwiſchenraum, bis endlich der Sieg errungen war und ein lauter Siegesjubel über den Damm hinwirbelte, wo, gering angeſchlagen, zwanzig Tauſend Menſchen dicht gedrängt ſtanden. Es war faſt vier Uhr, als die Regatta endete. Mein Jvo war Sieger und freudig eilte ich zum Mahle, das mir kaum noch in Oſtende in dem Grade geſchmeckt hatte. Leider fiel jetzt ein ſtrömender Regen und drohte die Beleuchtung der Stadt, das Feuerwerk auf dem Meere und die Darſtellung einer Seeſchlacht zunichte zu machen. Es war ein Glück, daß der Regen nach etwa anderthalb Stunden aufhörte. Der Anblick des Seetreffens war ſchauerlich. Das Feuerwerk nahm ſich auf dem Meere prachtvoll aus, und als um zehn Uhr Alles geendet war, — und nun das Meer prachtvoll leuchtete, ging ich über den Damm hin, müde von den Eindrücken des Tages, meine Ruheſtätte zu ſuchen. Doch ſie ſollte mir noch nicht beſchieden ſein! Eben wollte ich in meine Straße einbiegen, als Jemand meine Hand ergriff. Ich ſah in Jvo's leuchtende Augen. „Mynheer,“ rief er,„ſehet den glücklichſten, dankbarſten Menſchen vor Euch! Ich bin Mitſieger in dem weißen Gig und Herr van Gondeghem hat bloß den kleinen Preis, den Ancre en vermeil, für ſich genommen, und uns die 500 Francs geſchenkt. Das dank ich Euch! Nun kann ich die Uhr einlöſen, die nur für fünfzig Francs verpfändet iſt, und noch drei und dreißig Francs in Luiſetje's Hand legen. Und ſie ahnet nichts von dem Allen!“ Er zitterte vor Luſt. „Aber,“ fuhr er fort,„ich habe nun noch eine Bitte an Euch, Mhnheer, die Ihr mir gewiß nicht abſchlaget.“— „Weißt du was, Jvo,“ ſagte ich,„laß uns in dies Kaffehaus eintreten. Ich finde die Nachtluft kalt. Ein Glas Punſch wird dir und mir wohl thun.“ Wir traten ein und fanden in einem Winkel noch Raum. Dort bei dem dampfenden Punſche ſprach er ſeine Bitte aus. Sie betraf nichts Anderes, als daß ich morgen Nachmittag mit ihm zu Jan Cornelis gehen ſolle. Da würde er ihm die Uhr übergeben und, da wohl Cornelis ſeine Liebe zu Luiſetje kenne und billige, er aber noch nicht das väterliche, feierliche Ja habe, ſo ſolle ich für ihn als Freiwerber um des Vaters Segen für ihn und Luiſetje bitten. Das ſagte ich ihm zu, und nie habe ich einen glücklicheren Menſchen geſehen. Lange noch plauderte er treuherzig, bis die Mitternacht nahe war. Wir ſchieden endlich und ich ſuchte mein Lager, wo ich übrigens noch lange den Schlaf nicht fand. Als ich am andern Morgen zum Bade kam, leuchtete Jvo's Antlitz von ſeliger Freude Er drückte meine Hand, daß ſie mir wehe that, und zog dann eine goldene Uhr aus der Bruſttaſche ſeines Flanellkleides, die er mir hinreichte.— „Seht hier das Kleinod!“ rief er fröhlich aus. Es war eine ſchwere, goldene Uhr von engliſcher Arbeit, koſtbar mit Perlen um den Ring des Glaſes beſetzt. Unten war ein Schild, in dem man„H. Verhägen“ las. „Was ſagt Ihr dazu, Mynheer, daß der Capitän, der Jan Cornelis die Uhr ſchenkte, mein Vetter war?“— „Ich denke, es ſoll dir bei Jan Cornelis einen Vorſchub leiſten, wenn ich heute für dich werbe!“— „Ich hoffe es, Mynheer!“ ſagte der Glückliche und wir gingen nach dem Meere. Es war Mittags etwa um ein Uhr, als ich am Kurſaale Jvo traf. Er war ſtattlich gekleidet. Weite, blautuchene Hoſen fielen bis auf die glänzenden Stiefel. Eine lange Jacke, nach Seemanns⸗ art, umſchloß ſeine ſchöne Geſtalt und ein niedliches Matroſenhütchen ſaß leicht auf den braunen Locken, die um ſein blühendes, ſchönes Geſicht wallten, dem das Schnurrbärtchen ſehr gut ließ. Er war ernſt und feierlich. Schweigend zog er ſein Hütchen, als ich zu ihm trat; er drückte herzlichſt meine Hand. Wir gingen. Als der Damm hinter uns lag, wo der ſonnenklare, warme Tag die Menge verſammelte, die aus Badegäſten und Einheimiſchen beſtand, da auch dieſer Tag noch ein Feſttag war und heute im Prinzengarten der Wettſtreit mehrerer Geſang- und Muſikvereine naher Orte ſtattfand, blieb er einen Angenblick ſtehen. „Mir pocht das Herz, Mynheer, daß ich kaum weiter kann, ohne zu raſten,“ ſagte er.„Nicht, als ob ich an des Vaters Jawort zweifelte, denn das iſt mir gewiß, ſondern der Dank, den ich Euch ſchulde; die Freude, die ich dem Grhſaard bereite und das Glück, daß nun Luiſetje meine Braut vor Gott und Menſchen werden ſoll, beſtürmt mich ſo.“ „Sei ein Mann, Jvo,“ ſagte ich.„Man muß auch das Glück tragen können, wenn man das Unglück getragen hat, und — nicht vergeſſen, Dem zu danken, der Alles wohl macht, nicht die Menſchen. Sie ſind nur ſeine Wertzeuge.“ „Wel, Mynheer, Ihr redet wahr. Ich habe heute ſchon auf meinen Knieen dem Herrn gedankt und meine Seele vergißt nicht, was er ihr Gutes gethan hat.“ „Bleibe dabei, Jvo! An Gottes Segen iſt Alles gelegen, und je frömmer und dankbarer wir bleiben, deſto lieber ſegnet uns der Herr. Möge, wenn Gottes Gnade dich ſo führt, daß du Luiſetje heimführen kannſt, dein Haus ein ſtiller Tempel Gottes ſein! Das iſt die dauerndſte Grundlage Eures Glückes. Betet und arbeitet, ſo wird Gott mit Euch ſein!“ „O Mynheer, das gelob' ich Euch!“ rief er aus.„Meine gute Mutter hat mich das gelehrt und Luiſetje iſt ein frommes Kind!“— Unter ſolchen ernſten, unſere Stimmung hebenden Geſprächen kamen wir zu Jan Cornelis' Hauſe. Er ſaß im Lehnſtuhle unter dem Birnbaum und Luiſetje neben ihm an ihrem Spitzenklöppeln. Als ſie Jvo im Sonntagsſtaate kommen ſah, erröthete und erbleichte ſie nach einander. Sie wollte auſſtehen und konnte nicht. Wir grüßten und traten zu ihnen „Luiſetje,“ ſprach der Greis, deſſen heiteres Ausſehen heute auf Befreiung von ſeinen Schmerzen ſchließen ließ,„hole Schemel für den Herrn und Jvo!“—* Sie flog in holder Verwirrung in das Häuschen, brachte zwei lehnenloſe Holzſtühle und wollte ſich wieder entfernen. Jvo blickte ſie bittend an und ſie blieb, aber man ſah es ihr an, daß ſie in eigner Weiſe bewegt war, denn ihre Hände zitterten. „Jvo,“ ſagte der Greis und ſah ihn mit wohlwollendem Lächeln an,„du biſt heute ſo feierlich. Was bewegt dich ſo?“— „Vater Jan,“ ſagte er,„Ihr wißt, wie lieb ich Euch habe—“ „Ich weiß es, Jvo,“ fiel ihm der Greis in die Rede. „Da hab' ich denn durch die Vermittelung dieſes guten Herrn geſtern, im Gig des Herrn van Gondeghem mitrudernd, den Preis erringen helfen.“— ——— „Warſt du im weißen Gig?“ rief Jan Cornelis aus.„Nun, das macht dir Ehre; ich ſaß mit Luiſetje und Nachbar Ruhter auf den Dünen und ſah der Regate zu. Das war ein Meiſterſtück!“ „Wel, Vater Jan; hört aber weiter: der Herr van Gondeghem nahm nur den Anere en Vermeil von dem Preiſe und theilte die fünfhundert Francs unter uns.“ „Was ſagſt du?“ rief der Alte.„Das iſt ehrenwerth!“ Luiſetje hielt ſich krampfhaft an ihr Klöppeltiſchchen; aber ihre Seele lag im Auge, das auf Zvo ruhte. „Nun war das ein Verdienſt, an den ich nicht dachte, und ich meinte, ich könnte keinen beſſern Gebrauch von dem Gelde machen, als dieſen!“— Er zog die Uhr heraus und reichte ſie dem Greiſe. Die Augen des alten Mannes waren weit geöffnet. Er ſtarrte die Uhr an und war leichenblaß. Eine Weile ſaß er ſo da, dann ergriff er ſie, betrachtete ſie von allen Seiten und endlich drückte er ſie an ſeine Lippen und zwei große Thränen rollten über ſeine Wangen. „Melans! Meine Uhr!“ rief er dann aus und der Ton klang jubelnd. Luiſetje weinte vor Freude, und ich will's nicht leugnen, daß mich der Auftritt tief ergriff. „Jvo,“ ſprach er dann,„das thatſt dn mir? Du gabſt deinen hohen Verdienſt hin für mich? Komm' mein Sohn, komm', ich finde keine Worte für den Dank!“ Er zog ihn an ſeine Bruſt und küßte ihn. „Vater Cornelis,“ ſagte ich darauf,„Ihr habt Jvo„Sohn“ genannt. Wißt Ihr, daß Ihr ihn unendlich glücklich machen würdet, wenn Ihr ihn zum Sohne annähmet und Luiſetje's Hand ihm gäbet, deren Herz er doch ſchon hat?“ Cornelis ſah mich lächelnd an.„Ihr alſo ſeid ſein Freiers⸗ mann, Ihr, dem er ſo viel verdankt? Nun, ich weiß wohl, wie's ſteht mit, den Zweien und nahm das ſo als ausgemacht; aber da Ihr ihm eine Form gebet, ſo ſag' ich in Gottes Namen Ja!“— Da that Jvo einen Schrei vor Luſt und das todtbleiche Mädchen war von ſeinen Armen umſchlungen. Er zog ſie zum Vater und im Sande knieten beide vor ihm und er legte ihre Hände in einander und die ſeinen ſegnend auf ihr Haupt. Dann beteten wir Alle ſtille und ſie waren Braut und Bräutigam. „Aber nun Kinder, vergeßt nicht, was ihr dem guten Herrn ſchuldet!“ rief der Greis, und fie traten vor mich hin und küßten meine Hände, wie ich mich auch dagegen wehren mochte. Ich habe, das kann ich ſagen, nie glücklichere Menſchen geſehen. Die beiden Brautleute ſahen ſich nur in die Augen und hielten ſich an den Händen und der Greis betrachtete mit kindiſcher Freude ſeine Uhr. Jvo ſagte indeſſen:„Nicht wahr, Vater, ich darf meine Braut heute auch in den Prinzengarten führen zum Geſangwettkampfe? Sie kommt ja doch zu ſo etwas nicht!“— „Gewiß,“ ſagte Jan Cornelis.„Nachbar Ruhter's Mietje wird ſo lange bei mir bleiben.“ „Dafür ſorge ich,“ rief Jvo.„Du aber, mein Bräutchen, geh und lege Deinen Sonntagsſtaat an. Wir gehen, wenn ich wieder komme.“ Mit dieſen Worten eilte er hinweg und Luifetje hüpfte in das Haus. ch blieb bei dem glücklichen Greiſe, der ſich gar nicht finden konnte, daß er das theuerſte Gut, das Geſchenk des Freundes, das Zeichen ſeiner Liebe und Dankbarkeit, wieder beſaß. Endlich kam Jvo mit einem freundlichen Mädchen zurück, das in das Haus eilte, Luiſetje zu helfen. Zuletzt kam ſie im einfachen Kattunkleide, das niedlichſte Häubchen auf dem reichen Haar, den ſchwarzen, langen Kaputzmantel um die Schultern, ohne eine nie ſich öffentlich zeigt. h aus wie die junge Roſe, die die Morgenſonne mit . trahle aufgeküßt hat; aber es war eine andere — Haltung in dem Mädchen. Würdevoll, ja ſtolz, ſtand ſie da, als die Braut des geliebten Mannes. Sie nahm mit einem Kuſſe Abſchied vom Vater und der Freundin, und wir gingen. Die Blicke der zahlreichen Luſtwandelnden auf dem Damme ruhten auf der ungewöhnlichen Schönheit, die Jvo ſo ſtolz am Arme führte. Dieſe Blicke verurſachten es, daß die reizende Braut die Kaputze über den Kopf zog. Im Prinzengarten fanden wir kaum ein Plätzchen. Mit Ent⸗ zücken lauſchte das Paar den Geſängen, welche als Preislieder die Vereine unter rauſchendem Beifalle vortrugen, während mein deutſches Ohr noch viel ſogenannten„wilden Schlag“ vernahm und die Ueberzeugung gewann, die Geſangeskunſt habe jene Reinheit und Höhe hier noch nicht erreicht, deren ſie ſich in Deutſchland erfreuen konnte. Es war nahe an der Dämmerung als wir den Prinzengarten verließen. Ich begleitete das glückliche Paar bis zum Pavillon aux Dunes und kehrte dann zur Stadt zurück. VII. Es war einige Tage ſpäter, als ich eines Morgens gegen eilf Uhr im Leſezimmer des Cercle du Phare ſaß. Mein Bad hat ich bereits genommen und einen tüchtigen Spaziergang gemacht. Da wurde plötzlich die Thüre aufgeriſſen und— Verhägen ſtand vor mir. „Nun, Gottlob, daß ich Sie endlich finde!“ rief er aus und trocknete ſich den Schweiß von der Stirne.„Laufe nun ſchon mehrere Stunden von Pontius zu Pilatus; frage nach Ihnen auf der heiligen Hermandad, zu deutſch Polizei genannt; dann in Ihrer Wohnung, die ⸗ ich endlich fand, da ſagt man mir, Sie ſeien im Bade. Nun irre ich am Strande umher, frage alle Baigneurs, aber Keiner kennt Sie, bis endlich ein bildhübſcher Junge mir ſagt, er kenne Sie wohl; Sie N. F. w. 5 — — 66— pflegten um dieſe Zeit im Cercle da Phare Zeitungen zu leſen, und in dieſem ledernen Geſchäfte, das nur in orientaliſchen Angelegen⸗ heiten, und nächſtens Bankrutt macht, finde ich Sie denn endlich. Nun, von Herzen Willkommen!“— Ich ſchüttelte die dargebotene Hand und ſagte:„Darf ich von der guten Laune auf Ihr Befinden ſchließen, ſo ſind Sie wohl auf; aber wo, um aller Welt willen, haben Sie geſteckt?“— „Dacht' ich's doch, daß das Ihre erſte Frage ſehn würde! Nun ja, mir iſt es ſo gut nicht gegangen, wie Sie glauben. Doch, kommen Sie, und helfen Sie mir eine Wohnung ſuchen. Wir haben noch Zeit genug, darüber zu ſprechen, wenn wir nur erſt einmal gemüthlich zuſammen ſitzen können.“ „Dafür iſt wohl, wie ich denke, zu Ihrer Zufriedenheit geſorgt. In dem Hauſe, worin ich wohne, ſind noch zwei aneinanderſtoßende Gemächer frei. Sie ſind geſund, freundlich, ſchön eingerichtet, und die Hausleute ſind ein Muſter von Gefälligkeit und Freundlichkeit.“ „Ihre Artigkeit und Zuvorkommenheit ſind unübertrefflich! Kommen Sie denn! Laſſen Sie die vrientaliſche Geſchichte in den Fingern der ſuperklugen Diplomatie einſtweilen ruhen, wo ſie aus Einem Stadium in's Andere rückt, ohne daß eine Katze hinter dem Ofen hervorgejagt wird.“ Wir gingen. Die Wohnung gefiel ihm ſehr wohl, und eine Stunde ſpäter ſaßen wir auf ſeinem Sopha. Er ſchmauchte ſeine Türkenpfeife und ich eine Cigarre, aber in unſeren behaglichen Schlafröcken uns wohl fühlend, was die Hauptſache war. „So hören Sie denn meine Geſchichte ſeit wir von einander ſchieden,“ hob er an.„Den Freund, den ich in Aachen traf, hatte ich ſeit zwanzig Jahren nicht geſehen. Noch in Trinidad lernten wir uns kennen und lieben. Er blieb dort, als ich die Inſel verließ; ging dann nach der Havannah und kehrte ſpäter nach Europa zurück. In Aachen, wo er liebe Verwandte hat, wählte er ſeinen Wohnſitz. Ich mußte ihm geloben, einige Tage bei ihm zu weilen; allein gegen meine Abſicht blieb ich länger, denn ich erkrankte, und nicht unbe⸗ 3 — deutend. Liebevoll wurde ich in dem Hauſe und in der Familie des wackeren Mannes gepflegt, und ſelbſt als ich wieder geneſen war, ließen ſie mich nicht weg.“— „Ich würde Sie in Brüſſel geſucht haben bei den Feſten!“ ſagte ich. „Dort hätten Sie mich vielleicht auch gefunden. Waren Sie dort?“ „Nein.“ „Ich bin mit der Familie meines Freundes dort allerdings geweſen und habe aller Orten nach Ihnen geſpäht. Dies war auch der Grund meines längeren Ausbleibens. Als ich geneſen war, hielten ſie ſich aus, daß ich ſie dorthin begleite und von Brüſſel nach Antwerpen, von wo ich heute hier angelangt bin. Aber warum waren Sie nicht in Brüſſel? Die Feſte waren ſehr intereſſant!— Ich habe Sie oft, ſehr oft zu mir gewünſcht.“ „Weil mir das Bad zu wichtig war, wollte ich es nicht unterbrechen.“ „Wie bekommt es Ihnen denn?“ „Ausgezeichnet!“ „Apropos! Haben Sie meine Herzensangelegenheit nicht ganz aus dem Auge verloren?“ „Ich darf Ihnen ſagen, daß ich mehr fand, als ich zu finden erwartete.“ „O erzählen Sie, ich beſchwöre Sie!“ rief er lebhaft. Und nun hob ich denn an von A bis Tz die ganze Geſchichte, die ich erlebt, zu erzählen. Mit wachſender Aufmerkſamkeit und Theilnahme horchte er mir zu, ſtürmiſche Fragen dazwiſchenwerfend, die ich raſch beantworten mußte. Und als ich zu den letzten Scenen kam, da rollten ihm die hellen Thränen über die Wangen. Als ich geendet, fiel er mir um den Hals. „Wie ſoll ich Ihnen vergelten, was Sie für mich gethan?“ rief er, mich an ſein Herz drückend. „O mein Vater,“ rief er aus,„wie glücklich iſt dein Sohn, daß er deine Schuld abtragen kann, und im Stande iſt, deine letzten Aufträge zu erfüllen!“— Er wollte ſogleich aufbrechen und zu Jan Cornelis eilen. „Darf ich auf irgendwelche Dankbarkeit bei Ihnen Anſpruch machen,“ ſagte ich,„ſo fordere ich, daß Sie auf meine Vorſchläge etwas geben und nicht drauf los ſtürmen.“ „O, Sie ſollen mich ja ganz lenken und leiten,“ rief er aus; „nur muthen Sie mir nicht allzuviel Geduld zu! Allzulange liegt die Schuld auf mir und lag ſie auf meinem guten Vater. Gott gibt mir reichen Segen, daß er mich den Greis noch finden läßt; aber ſeine Tage ſind gezählt. Er muß die Freude noch möglichſt lange genießen, ſeinen Freund als dankbar zu preiſen, an dem er nicht irre wurde, als der arge Schein des Undanks und des Vergeſſens ſeiner aufopfernden Liebe auf ihm lag.“— „Gewiß bin ich darin Ihrer Meinung; aber zu raſches Han⸗ deln könnte des Greiſes Kraft grade lähmen durch die Ueberraſchung. Antworten Sie mir vorerſt auf einige Fragen: Sind Sie geſonnen, die Schuld zu zahlen, die auf dem Häuschen ruht und können Sie es?“— „Beides ja, wie Sie es wünſchen!“ „Gott ſei Dank!“— „Wollen Sie Ihrem Vetter Boo, dem Jungen, der Sie heute zu mir wies,“— „Was? dieſer prächtige Junge iſt mein Vetter, von dem Sie reden?“ „Freilich. Er heißt: Jvo Verhägen und ſtammt von Maria⸗ kerke wie Ihr Vater. Daß er Ihr Verwandter iſt, liegt außer Zweifel, wenn auch ein Diplomat ſeine Arbeit hätte, die Verzwei⸗ gung des Stammbaumes zu enthüllen, um den Grad der Verwandt⸗ ſchaft mit der ſorgfältigſten Genauigkeit nachzuweiſen.“ „Was frag' ich nach Graden?“ rief er aus.„Mir genügt, daß er mir noch angehört. Das Wie liegt ganz außer meiner Sehnſucht.“ „Nun denn, ſo nehm' ich meine Frage wieder auf: Wollen Sie dem trefflichen Jungen, denn das iſt er und dafür bürgt die Handlung mit der Uhr—“ „Wahrhaftig!“— „Wollen Sie ihm eine beſſere Zukunft gründen?“ „Gott iſt mein Zeuge, daß ich es will und kann!“ „Bravo!“ rief ich und umarmte ihn nun meinerſeits nicht weniger herzlich. „Nun hören Sie meinen Plan! Vorerſt gehen wir zu dem reichen Wucherer van Haſſaelt, dem Jan Cornelis die Summe ſchuldet, zahlen ſie bei Heller und Pfennig, nehmen die Schuld⸗ urkunden, nachdem ſie der alte Blutſauger quittirt hat, an uns und gehen hinter die Dünen, um den alten Jan Cornelis aufzuſuchen mit ſeinem engelgleichen Kinde, das geſtern Jvo Verhägen's Braut geworden iſt, bei welcher Gelegenheit ich Freiwerber geweſen bin!“ „Sie Glücklicher, wie beneide ich Sie!“ „Gönnen Sie mir doch auch ein wenig Freude, wenn Sie das reichſte Maaß ernten!“ Er reichte mir ſeine Hand. „O Sie ſollen ſie mit mir theilen!“ rief er.„Sie verdienen es ja, denn ohne Sie, weiß Gott, ob ich mein Ziel erreicht hätte und ſo, wie es jetzt vor mir daliegt.“ Wir kleideten uns jetzt an und Verhägen nahm ein wohl⸗ geſpicktes Taſchenbuch an ſich. Das Haus des Pfandleihers van Haſſaelt hatte ich mir zeigen laſſen. So konnten wir's ohne Zeitverluſt erreichen. Wir fanden einen Junggeſellen von wenigſtens ſiebzig Jahren. Eine rothe Perrücke bedeckte von allen Seiten ſeinen Kopf. In einem abgeblichenen, damaſtenen Schlafroc e man ihn vor etwa hundert Jahren trug, ſteckte eine kleine, gebückte Geſtalt. Das Ausſehen des alten Geizhalſes war entſetzlich. Aus dem gelben — Geſichte blitzten ein Paar unheimlicher, unſteter Augen, deren ſtechen⸗ der Blick durch eine Brille, deren Gläſer ungeheuer groß waren, kaum gemildert wurde. Er ſaß an einem alten, wurmſtichigen Pulte und zählte Geld, als wir eintraten. Schnell ſchloß er die Klappe, ſteckte den Schlüſſel zu ſich und fragte nach unſeren Wünſchen. Da er auch Geldwechsler war, mochte er glauben, daß es uns darum zu thun ſei, fremdes Geld auszutauſchen. Er nöthigte uns zum Sitzen. „Der Matroſe Jan Cornelis hinter den Dünen ſchuldet Ihnen eine kleine Summe?“ ſagte ich. „Eine kleine Summe?“ rief er.„Mynheer, ſie iſt ſehr groß für einen Mann ſeiner Lage!“— „Thut nichts zur Sache,“ fuhr ich fort.„Geſtern oder vor⸗ geſtern zahlte der Baigneur Jvo Verhägen fünfzig Francs ab und empfing das Pfand zurück, eine Uhr. Es ſind alſo noch vierhundert⸗ fünfzig Francs.“ „Ich erſtaune über Ihre genaue Kenntniß der Sachlage!“ ſagte er verwundert.„Und Sie ſind doch ein Deutſcher und hier fremd?“— „Thut nichts zur Sache. Haben Sie die fünfzig Francs gebucht und gut geſchrieben?“ „Zu dienen!“ „So ſeien Sie ſo gut, mir die Schuldurkunde zu zeigen!“— „Es iſt eine Hypotheke auf das Haus und das Feld“— „Weiß wohl! Zeigen Sie ſie mir gefälligſt!“ Er ſah mich verwundert an. „Den Zweck, bitte ich, mir anzugeben.“— „Wir zahlen ſie aus.“ „So? So? Ei, das iſt ſehr ſchön, ſehr edel von Ihnen!“ „Laſſen Sie dieſe Redensarten und beendigen Sie das Geſchäft!“ „Die Zinſen eines Jahres kommen dazu,“ ſagte er, zu dem — — Pulte tretend, deſſen Klappe er nur ſo weit öffnete, daß er ein Schubfach herausziehen konnte, worin das Schriftſtück ſich befand, ohne das Geld jedoch uns ſehen zu laſſen, das darin lag. Er kramte eine Weile in den Papieren, dann brachte er bie Urkunde zum Vorſchein. Verhägen öffnete ſein Taſchenbuch und legte einen Wechſel von vierhundert Francs auf den Tiſch, der auf ein Oſtender Haus lautete. Dann zog er ſeine Börſe und legte noch fünfzig Franes, theils in Gold, theils in Silber, dazu. „Zählen Sie und prüfen Sie den Wechſel!“ ſagte er. Der Alte betrachtete den Wechſel genau und ſagte dann:„Er iſt ſehr gut und die Münze richtig, aber ein Jahr Zinſen fehlt noch!“ Verhägen legte den Betrag von fünf Procent auf den Tiſch. Van Haſſaelt zögerte, aber er ſchien verlegen, etwas zu ſagen. Ich bemerkte es. „Sie pflegen wohl Judenzinſen zu nehmen,“ fragte ich,„weil Sie zögern das Geld einzuziehen?“ „Nun, Sie drücken ſich hart aus, Mynheer,“ ſagte der Alte. „Man verliert ſo viel nach allen Seiten hin, daß ſechs pro cento kaum den vielfachen Verluſt ausgleichen.“ „Sind die belgiſchen Gerichte milder gegen Wucher als die unſrigen?“ fragte ich ſcharf.„Bei uns würde das ſchwer beſtraft. Es ſollte mir Vergnügen machen, den Ausſpruch des Gerichtes über dieſen Punkt zu hören!“ Der Alte erſchrak heftig.„Wir haben dieſes Geſchäft ſo generös und friedlich abgethan, daß Sie doch wohl nicht im Ernſte reden? Auch habe ich viel Güte gegen Jvo Verhägen bewieſen, daß ich ihm die Uhr herausgab!“— „Hatten Sie nicht Unterpfand und Aeckern?“ fragte ich. ₰ Er zuckte die Achſeln, ſtrich haſtig das Geld ein und quittirte. „Bin Ihnen ſehr verbunden,“ ſprach er, mir die Urkunde reichend. „Sollten die Herren etwa Geldwechſelgeſchäfte zu machen haben, ſo halte ich mich Ihnen empfohlen!“ Er verbeugte ſich und wir gingen. „In ſolche Hände fällt die Armuth!“ ſagte ich.„Glauben Sie, daß der Wucherer nur ſechs pro cento nahm? Ich wette, daß Jan Cornelis acht bis neune zahlte!“ „Laſſen Sie's gut ſein! Wir haben unſer Ziel erreicht,“ ſprach Verhägen.“ Der Alte wohnte nicht weit von dem Prinzengarten. Wir ſchlugen daher dieſen Weg nach dem Damme ein, der neben dem Cercle du Phare mündet. Kaum ſtanden wir auf demſelben, als Bootsmann Meyer uns entgegen trat, da er dort, ſo zu ſagen, ſeine Station hat, in der Nähe der Lootſenſchenke nämlich. „Dies alte, verſoffene Original kannte Ihren S noch!“ flüſterte ich Verhägen zu. Meyer blieb wie verſteinert vor uns ſtehen und ſtarrte Ver- hägen an. „Op myne eer!“ rief er aus und vergaß vor Erſtaunen ſeine Mütze zu lüften, was er ſonſt, ſehr höflich, nie verſäumte—„Op myne eer!“ wiederholte er,„wenn der alte Bootsmann Meyer, der ſiebenmal in Rio, dreimal im ſchwarzen Meere, einmal in Archangel, mehr denn zehnmal in New⸗York war, von England, Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen und Dänemark gar nicht zu reden, weil's pure Lumperei iſt, und der ſeinen Arm dreimal und ſein Bein einmal brach, ich ſage, wenn der alte Bovtsmann Meher heute ſchon einen Genever oder ein Glas Faro getrunken hätte oder deren mehrere und nicht klar im Kopfe wäre, er würde fragen: ob das eine Hexerei wäre oder ein Spiel der Fata Morgana bei Neapel?“ F „Wie ſo, Meh ſagte ich.„Mir will's doch vorkommen, als wäret Ihr krank im Kopfe oder hättet ſchief geladen.“ „Wel, Mynheer, op myne eer, ich bin ſo nüchtern wie Ihr vor dem Bade; aber ich möchte ſchwören, der Herr ſei Capitän Verhägen! Gerade ſo ſah er aus, als ich ihn kannte.“ „Nun, Meyher, es gibt ſeltſame Aehnlichkeiten,“ ſagte Ver⸗ hägen zu ihm.„Nehmt dies und trinkt auf das Andenken Capitän Verhägen's. Morgen wollen wir weiter davon reden.“ Meyer blickte in ſeine Hand, worin ein Fünffrankſtück lag. Jetzt riß er ſeine Mütze ab. „Mynheer,“ ſagte er, freudig überraſcht,„Ihr ſeid ſehr gut, Meyher dankt und will Euer Wort in Ehren halten.“ „Wo iſt Jvo?“ fragte ich. „Wel, Mynheer, wie könnt Ihr ſo fragen?“ rief er.„Seit geſtern iſt, wie ich höre, Luiſetje ſeine Braut. Das Baden iſt für heute vorüber. Da müßt Ihr Jvo hinter den Dünen ſuchen, wo Jan Cornelis wohnt.“ „Gut dann, Meyer; laßt's Euch gut ſchmecken,“ rief Ver⸗ hägen und zog mich fort. WMeyer machte unaufhörlich Verbeugungen und wünſchte uns alles Heil, machte aber ſogleich Kehrt und ſetzte ſich am Lootſen⸗ hauſe nieder, wo er ſicher Verhägen's Wort in Ehren hielt; wir aber gingen raſch den Damm entlang, den Dünen zu. VIII. Während dieſes Ganges erzählte ich Verhägen meine Unter⸗ redung mit Jvo auf der Eſtacade und von den Plänen, die der gute Junge für ſeine Zukunft ſich zurecht gelegt hatte. „Ich glaube nicht, daß es gut iſt, wenn Sie Zvo ſeinem Stande enthüben,“ ſagte ich zu ihm.„Leicht könnte er auf Abwege gerathen. Das Glück hat einen ſchlüpfr den, auf dem auch ein feſter Fuß ausgleiten kann, und es gehört mehr moraliſche Kraft dazu, es zu ertragen als das Leid.“ „Das iſt wohl wahr,“ verſetzte nachdenklich Verhägen.„Aber was ſoll ich für ihn thun? Rathen Sie mir doch wieder einmal ſo gut, wie bei Jan Cornelis' Schuld!“ „Wiſſen Sie was, Freund, geben Sie Luiſetje eine paſſende, jedoch nicht überflüſſige Ausſteuer. Machen Sie aus ihnen ein glückliches Paar und geben Sie ihnen ſo viel, daß Luiſetje ihren Muſchel⸗ und Cigarren⸗Handel eröffnen kann, wenn einmal ihres Vaters Augen im Tode geſchloſſen ſind. Wollen Sie mehr thun, ſo deponiren Sie eine Leibrente für Jvo und ſeine Kinder. Davon jedoch dürfte er vorher nichts wiſſen“ Verhägen blieb ſtehen. Er faßte meine Hand.„Sie ſind ein Practicus,“ ſagte er,„und ich kann nichts Beſſeres thun, als ich gebe Ihnen hiemit Vollmacht, ganz ſo zu handeln, wie Sie es für geeignet halten. Ich will bloß Ihre Pläne in Vollzug ſetzen. Wollen Sie mir dieſe Liebe erweiſen?“ „Vorausgeſetzt, daß Sie nach dem alten deutſchen Sprüch⸗ worte nicht bloß mitthaten, ſondern auch mitrathen.“ „Gut,“ ſagte er.„Sie werden aber bald herausfinden, daß ich zum Nürnberger Rathsherrn nicht gemacht bin“ „Ich will das Meine mit Freuden thun,“ ſagte ich. Wir waren jetzt an den Querpfad gekommen, der zur Woh⸗ nung Jan Cornelis' führte. Wir ſahen den Alten ſchon von ferne, wie er in ſeinem Seſſel unter dem Birnbaume ſaß und Jvo an ſeiner Seite. Luiſetje ſaß zur andern Seite des Vaters und klöppelte Spitzen. Jvo ſah uns jetzt. Er kam uns freudeſtrahlend „Der Herr iſt gewiß Euer Freund?“ ſagte er, nachdem er uns begrüßt,„denn er fragte gar eifrig nach Euch. Niemand kannte Euch. Zum icke hörte ich, wie der Herr mit einem andern Baigneur und nach Euch fragte.“ „Ich bin dir dankbar, Jvo,“ ſprach Verhägen, ſeine Hand ſchüttelnd. „Verfängt nichts,“ ſagte Jvv.„Der Herr iſt mein größter Wohlthäter, wie ſollte ich nicht ſeinem Freunde einen ſo kleinen Dienſt leiſten?“ Der alte Cornelis grüßte ſchon von Ferne mit ſeinem Süd⸗ weſter. Ich konnte wahrnehmen, daß Jvo die Sache mit dem Gig des Herrn van Gondeghem bereits haarklein gebeichtet hatte. „Wen bringt Ihr uns denn da?“ fragte der Alte und hielt die Hand über die Augen, daß er beſſer ſehen könne. „Heiliger Gott!“ rief er plötzlich aus:„Verhägen! Stehen die Todten auf?“— Er wollte, ſeine Lähmung vergeſſend, ſchnell aufſtehen, ſank aber wieder in ſeinen Seſſel zurück. Bei dem Ausrufe trat Jvo zurück und ſtarrte Verhägen an. Luiſetje's Arme ſanken nieder. Auch ſie ſtarrte den Mann an, der raſch auf den Greis zuſchritt. „Nein,“ ſagte Verhägen mit tiefer Rührung des Greiſes Hand ergreifend,„nein, Jan Cornelis, das geſchieht erſt am Weltende, wenn der Herr zum Gerichte kommt. Ich bin der Verhägen nicht, dem Ihr eine ſo reiche Liebe bewieſet, aber—“ „So biſt du ſein Sohn!“ rief der Greis aus,„denn der Herr ſchafft nicht zwei Menſchen, die ſich ſo ähnlich ſehen, es ſei denn, daß Ein Blut in ihren Adern rollt!“— Der Greis hatte mit beiden Händen Verhägen's Rechte gefaßt und ſah ihm, ſich weit vorneigend, in's Auge, aus dem ſich jetzt ein paar Thränen lostrennten. „O ſprich es aus! Sprich es aus, daß du ſein Sohn biſt!“ rief der Greis lebhaft bewegt.„Laß mich nicht lange in peinvoller Ungewißheit!“— „Ja, Vater Cornelis, ich bin ſein Sohn,“ ſagte mit zitternder Stimme Verhägen,„und bringe Euch ſeine Segensgrüße, die Ver⸗ ſicherung, daß ſeine Liebe nie gewankt hat! ½ Da ließ Cornelis Verhägen's Hand f ſtreckte beide Hände zum Himmel und rief weinend:„Herr, ich danke dir; nun will ich ja gerne ſterben!“ 6 ſei, deſſen Kraft durch das hohe Alter gebrochen war. 6 Sand neben dem Greiſe, indem er ſein Angeſicht auf die Kniee des Alten legte. Dieſer ließ ſegnend ſeine Hände auf dem Kopfe des Sohnes ſeines Freundes ruhen. tief gerührt.„Gott vergelte dir die Freudenbotſchaft, die du einem alten Manne bringſt, der alle Segel los läßt, um zum Hafen des Friedens zu ſegeln. Er iſt in Sicht; bald iſt er erreicht!“— „O nein, nein!“ rief Verhägen.„Ihr müßt noch bei uns bleiben und uns geſtatten, Euch froh zu machen und glücklich!“ „Kann ich glücklicher werden, als ich bin?“ ſagte Cornelis. „Du kommſt aus der Ferne, den Glauben an meinen Freund wahr zu machen, den mir die Menſchen nehmen wollten!“ In dieſem Augenblicke ſah er mich. „Und Ihr ſteht ferne, der Ihr hier die Hand überall im Spiele habet, wo etwas Gutes für mich herauskommt? Kommet her, Mynheer, und laßt mich Eure Hand drücken, denn Ihr ſeid auch hier wieder wirkſam, das ſagt mir mein Herz!“ „Da habt Ihr Recht, Vater Jan,“ ſprach Verhägen.„Ohne ihn hätt' ich noch lange nach Euch ſuchen können. Er hat mir Alles ausſpionirt.“ Der Alte lächelte ſelig und drückte innig meine Hand. „Ja, ja,“ ſagte er ſcherzend,„er hat's hinter den Ohren—“ „Nein,“ rief Z2.„im Herzen, Vater!“ „Du haſt Re Zvo. Er ſoll uns theuer ſein, ſo lange wir leben!“ biſt mein Vetter,“ ſagte er,„wie ich von dem Freunde dort höre? Das Antlitz des alten Mannes war wie verklärt. So tief mich auch die Scene rührte, deren Zeugen wir waren, ſo ergriff mich doch eine große Furcht, daß das Alles zu ſchwer für den Greis Verhägen war in einer Weiſe ergriffen, wie ich es ihm kaum zugetraut hatte. Er weinte wie ein Kind und kniete nieder in den „Gott ſegne dich, Sohn meines einzigen Freundes!“ ſprach er Verhägen war een Er faßte Jvo's Hand.„Und du Sei mir herzlich gegrüßt! Und du,“ rief er, das holdſelige Luiſetje betrachtend und ihm näher tretend,„biſt Jan's Kind?— Vetter Jvo,“ rief er da plötzlich, in eine heitere Stimmung übergehend, „ich habe Frau und Kinder, du kannſt ohne Mißgunſt und Eifer⸗ ſucht ſein, wenn ich ſie als liebe Schweſter küſſe!“ Und er drückte einen Kuß auf die friſche Lippe des Mädchens, dem es nicht einfiel, ſich zu zieren! „Aber,“ fuhr er dann fort,„ich habe der ſchönen Braut ein Hochzeitsgeſchenk mitgebracht!“ Er zog die quittirte Hypothek heraus, gab ſie dem glühenden Mädchen und ſagte:„Bring's deinem Vater, du liebes, ſchönes Kind!“— Der Alte entfaltete das Papier, ſetzte ſeine Brille auf, las und rief dann faſt außer ſich:„Kinder, er hat van Haſſaelt bezahlt! Wir ſind ſchuldenfrei!“ „Hurrah!“ rief Jvo, und that einen Sprung in die Höhe, „ſo iſt morgen Huvelyk!“*) Dann aber eilte er zu Verhägen und faßte ſeine Hand.„Baas,“**) rief er aus,„wie ſollen wir Euch danken?“ Luiſetje faßte ſeine Linke und ſah ihm in Thränen lächelnd in's Auge.- „Vergeſſet den dort nicht, er hat wieder hier die Hand im Spiele, der treue, liebevolle Spion, der das Alles herausgebracht hat.“ Da ließen ſie ihn fahren und ich hatte ſie am Halſe. „Aber Jvo, mein Vetter,“ ſprach Verhägen, der ſich neben Jan Cornelis geſetzt hatte und ſeine Hand in der ſeinen hielt, „wenn's dem Vater recht iſt, ſo halte ich dich beim Worte und morgen iſt Hochzeit!“*. „Das geht nicht, Kinder,“ ſprach der Greis.„Ihr vergeſſet, *) Hochzeit. **) Die Vlämiſche Sprache hat das männliche n unſerm weiblichen „Bagſe“ noch, an deſſen Stelle im füdlichen Deutſchland„Vetter“ getreten iſt. — daß unſer Geſetz den bürgerlichen Act fordert und die dreimalige Verkündigung, wie auch dieſe der kirchlichen Trauung vorhergehen muß. Dagegen aber habe ich nichts, daß Jvo ſogleich hingeht, um auf dem Stadthauſe und bei dem Pfarrer Alles einzuleiten.“ „Hurrah!“ rief Ivo und eilte in's Haus, aus dem er ſein Matroſenhütchen holte. „Auf Wiederſehen!“ rief er war bald unſeren Blicken entſchwunden. Der hat Eile! dachte der Greis und Luiſetje verbarg ihr Geſicht in der Schürze. Verhägen flüſterte mir zu:„Hätten wir doch einige k Champagner, um ein Glas auf dieſe Freude zu leeren!“ „Ich will ſorgen!“ ſagte ich, nahm meinen Hut und ging nach dem nahen Pavillon aux Dunes, von wo ein Diener mich mit den nöthigen Requiſiten nach Jan Cornelis' Hauſe begleitete. Noch ſaß Verhägen bei Jan Cornelis, wie ich ihn verlaſſen hatte. Luiſetje ſaß an der andern Seite und ſo tief waren ſie im Geſpräche, daß ſie kaum mein Kommen bemerkten. Als endlich Jvo zurückkehrte, knallten die Korke und wir blieben bis die milde Sonne ſchon lange hinabgeſunken war und der Mond die Gegend beleuchtete. Mehrmals erinnerte ich den Alten, in das Haus zu gehen, da es Abend werde. „Laßt mich doch!“ ſagte er lächelnd.„Es iſt ja ſo warm und mir ſo wohl, wie lange, ſehr lange nicht!“ Endlich aber kam doch der kühlere Abendwind über die Dünen her, und wir ſchieden mit dem Verſprechen, Forgen zeitig wieder zu kommen. Verhägen war den ganzen Abend in einer weichen, nehmüthigen Stimmung, und dennoch glücklich dabei. Er drückte mir oft die Hand und in ſeinen Augen glänzten Thränen. Früh am Morgen eilten wir zum Lst wo uns der glückliche, dankbare Jvo erwartete. — — Auf dem Spaziergange, den das Bad heiſcht, ging Verhägen lange in ſich gekehrt dahin. Endlich wandte er ſich zu mir und ſagte:„Warum wollen Sie nicht, daß ich Jvo ſeinen jetzigen Verhältniſſen enthebe? Sie ſind doch ſehr gedrückt?“ „Sie haben meinen Rath gefordert und ich habe ihn gegeben „Gefällt er Ihnen nicht, nun, ſo thun Sie, was Sie wollen und übernehmen Sie die Verantwortung für die Folgen.“ Er ſah mich erſchreckend an. „Freund,“ rief er,„habe ich Sie verletzt, vielleicht mit dem Tone meiner Frage, ſo vergeben Sie mir. Ich wollte es nicht!“— „Gut,“ entgegnete ich,„ſo hören Sie meine Gründe: Jede Pflanze hat ihr Erdreich, ihre Bodenart, in der ſie allein gedeiht, ſich entwickelt, blüht und Frucht bringet. Grade ſo iſt es mit dem Menſchen, und zwar iſt eben der Kreis, in dem er erzogen und herangebildet worden iſt, das ihm allein Zuſagende. Entheben Sie die Pflanze noch jung ihrem Boden, ſo wird ſie ſich leicht an einen andern gewöhnen und bald gedeihlich fortwachſen; iſt ſie aber zu feſt ſchon in ihrem Boden gewurzelt, iſt ſie durch ihre Säfte zu innig mit ihm verbunden, und Sie verſetzen ſie dann in einen anderen, ſo wird ſie kränkeln, verkümmern und hinſterben. Nehmen Sie den jungen Menſchen aus ſeiner Umgebung und verſetzen ihn in eine andere, ſo werden Sie dieſelbe Erſcheinung wahrnehmen. Er wird ſich leicht und ſchnell in die neuen Verhältniſſe finden, und in ihnen und den ihnen angehörenden ſich raſch und freudig entwickeln. Anders aber iſt es mit dem ſchon Erwachſenen. Er gehört mit ſeinem Erkennen, Fühlen und Wollen den Umgebungen und Verhältniſſen an, in denen er aufgewachſen iſt. Kommt er nun in andere, ſo wird er darin nicht glücklich; er wird fühlen, daß ſie ihm nicht zuſagen; er wird ſittlich kränkeln, und es gehört eine gewaltige Dehnbarkeit der Seele dazu, ſich vor den Uebeln zu bewahren, die nahe herzutreten. Das iſt meine Meinung. Thun Sie, was Sie wollen!“ Er ging ſtille neben mir hin. — 8 „Noch Eins,“ ſagte ich.„Geben Sie Jvo ein bedeutendes Vermögen, ſo wird er ein Säufer, wie neun Zehntel aller Seeleute, die vor Anker liegen, oder ein Faullenzer, der noch zu Schlimmerem kommt. Aber laſſen Sie ihn in ſeinem thätigen Leben, bewahren Sie ihn vor Nahrungsſorgen; gründen Sie ihm ein kummerloſes Alter, dann haben Sie für ihn geſorgt und ſo, wie es ihm zuſagt.“ Nach einer Weile faßte er meine Hand.„Grollen Sie mir nicht, theurer Freund!“ bat er.„Mein Herz war mit meinem Kopfe davon gelaufen. Sie haben Recht, ich folge Ihnen!“ Wir gingen zum Bourgmeſtre oder Stadtvorſtand, um die nöthigen Einleitungen zu treffen. Verhägen gründete und ſtiftete ein Capital von bedeutendem Umfange für Jvo und ſeine Frau und ihre Nachkommen. Die Zinſen wurden alſo verwendet, daß Jvo und ſeine Frau eine jährliche Rente erhielten, doch ſo, daß ſie zur erwerbenden Thätigkeit genöthigt waren. Für die Bildung ihrer Kinder wurde eine Summe feſtgeſetzt, und zwar für die Knaben bis zum zwanzigſten Jahre und für die Mädchen ein Heirathsgut. Die Rente ging vom fünfzigſten Jahre an in die Höhe und wuchs bis zu einem beſtimmten Satze, damit ſie im Alter nicht darbten, und dieſe Beſtimmungen blieben in Kraft für alle ihre Nachkommen, jedoch verminderten ſich die Summen in dem Maaße, als die Familie in weiteren Verzweigungen auseinander ging, und ſollte ſie einſt ganz ausgeſtorben ſein, ſo blieb das Capital den Armen von Oſtende. Er war ſehr erfreut, als dies Geſchäft völlig beendet und alles rechtskräftig geſichert war. Dann theilte er es den Glücklichen mit, die des Dankens nicht müde wurden. Für Luiſetje's Aus⸗ ſteuer gab er ihr eine ſchöne Summe, die das verſtändige Mädchen wohl anwandte, aber nur in den Grenzen ihrer Verhältniſſe. Für den Muſchel⸗ und Cigarren⸗Handel händigte er ihr auch das nöthige kleine Capital ein, das ſie aber einſtweilen bei einem guten Bankhauſe verzinslich anlegte, wie denn auch Verhägen für des Greiſes gute Pflege das Nothwendige einſchoß. Der alte Mann ——— wollte nicht aus ſeinem Hauſe, und ſo blieb's denn hier für's Erſte wie es geweſen war.. Nachdem die geſetzliche Zeit der Aufkündigung vorüber war, machte es ein nicht geringes Aufſehen in Oſtende, als mehrere ſtattliche Wagen von dem Häuschen hinter den Dünen nach dem Stadthauſe fuhren, in denen das Brautpaar, der alte Jan Cornelis, Verhägen und ich, nebſt den nöthigen Zeugen ſaßen. Von dem Stadthauſe fuhren wir zur Kirche und dann in unſere Wohnung, wo Verhägen das Hochzeitmahl hatte bereiten laſſen. Wie waren ſie Alle ſo glücklich! Wie ſelig Jvo und Luiſetje! Ganz Oſtende nahm Theil an dem Familienfeſte und freute ſich des Glückes der braven Familie. Nur der Bootsmann Meher war unzufrieden, daß er nicht zur Hochzeit war geladen worden. Verhägen hatte es gewollt, aber Jan Cornelis war dagegen geweſen.„Er wird ſich über⸗ nehmen,“ ſagte er,„und uns unſere Freude verderben. Ich kenne ihn und glaube, er würde uns, wenn er trunken wäre, alle anbetteln. Wer einmal zum Bettler herabgeſunken iſt,“ ſchloß er, „dem iſt nicht mehr zu helfen. Er ſinkt immer wieder in das alte Thun zurück. Schicket ihm, wenn Ihr wollt, eine Flaſche Wein und Eßwaaren. Das wird das Beſte ſein.“ Er nahm es an, aber er brummte doch. Verhägen ſtellte ihn durch reichliche Gaben und eine neue, warme Winterkleidung zufrieden. Verhägen erkannte je länger je mehr, wie richtig meine Anſicht von Jvo und ſeinen Verhältniſſen geweſen war. Selbſt Jan Cornelis, dem er es mittheilte, dankte mir dafür und erkannte es als gut an, was ich geſagt hatte. Der alte Mann lebte friſch auf in der beſſeren Pflege und im Glücke ſeiner Kinder. So lange wir in Oſtende blieben, waren wir jeden Nachmittag ihre Kaffegäſte und freuten uns ihrer Liebe und ihrer Dankbarkeit. Jvo blieb Baigneur und wurde fortan der Beliebteſte unter N. F. w. 6 ihnen. Er ſang und pfiff den ganzen Tag, und Luiſetje war als junge Frau noch viel hübſcher denn als Mädchen, dabei der Fleiß, die Thätigkeit und Heiterkeit ſelbſt. Unſer Scheiden, das immer näher rückte, trübte allein dieſen Frohſinn, und nur unſer Verſprechen, im nächſten Sommer wieder zu kommen, ſo es Gott gefiele, daß wir noch lebten, milderte dieſe Betrübniß, die aufrichtig und echt war. Unter heißen Dankesthränen drückten ſie uns Sclenden die Hände, und auch wir, wie ſehr wir uns auch nach den Unſrigen ſehnten, ſchieden nicht ohne Bewegung von den guten Menſchen. Mit Verhägen reiſte ich eine weite Strecke zurück. Ich glaube, unſere Freundſchaft wird die Probe halten! Der Seſſel des Ohms Joſeph. Eine Mainzer Stadtgeſchichte aus der goldenen Auft. — eS d— I. Gs iſt eine allgemeine Klage, beſonders bei alten Handwerks⸗ meiſtern, daß das fabrikmäßige Betreiben der Handwerke das Verarmen der nicht ſelbſtändigen Meiſter mit reißender Schnelligkeit herbeiführe, indem es ſie zwingt, für Einen ihres Gleichen zu arbeiten, den die Gunſt der Verhältniſſe zum ſchwunghaften Betriebe befähigte, während ſie deſſen abhängige Geſellen werden. So iſt es in der alten Rheinſtadt Mainz auch mit dem Schuſterhandwerk ergangen, und wer in der Schuſtergaſſe und in den neuen Hallen am Rhein, auch wohl in andern belebten Theilen der Stadt, die Schuh⸗ und Stiefelläden ſieht, wer es weiß, daß auf allen nahen und fernen Märkten und Meſſen Mainzer Schuhfabrikanten ihre Läden aufſchlagen mit ihrer wirklich ſchönen, dauerhaften und preiswürdigen Waare, dem wird es begreiflich, daß viele arme, herabgekommene, darbende Meiſter für den Einen reichen Zunft⸗ genoſſen arbeiten, der den Preis beſtimmen kann, um den ſie ſich plagen, und der dem Glücke im Schooße ſitzt, während ſie an der Werkbank, neben demſelben, ihre Tage friſten im Schweiße ihres Angeſichts. Davon wußte mit ſchweren Seufzern Einer zu reden, dem das Glück nie ſonderlich freundlich gelächelt. Es war der alte Meiſter Glöckner, der in der goldenen Luft wohnte, in einer Straße, die jedes Mainzer Kind wohl kennt und auch weiß, wie ſie in ſchweren Zeiten dieſen Namen gewonnen, der heutzutage wie ein bitterer Spott klingt, da dort wohl Luft in Hüll' und Fülle, auch, wie damals, reine und geſunde, zu athmen iſt, des Goldes aber nicht ſonderlich viel gefunden wird. 2 6 Es lagen nun ſchon ſiebzig Jahre auf des braven Nacken und hatten ihn gar tief gebeugt, und der Schnee der⸗ Fahre lag auf dem Haupte nicht erſt ſeit kurzem. Auch er war fröhlichen Muthes aus der Fremde gekommen, weil er etwas Tüchtiges gelernt hatte und jung und kräftig war; auch er hatte den ſtrengen Anfor⸗ derungen ſeiner Zunft in Prüfung und Meiſterſtück genügt und war mit Koſten und Ehren Meiſter geworden; auch er hatte ſich in ſicherer Ausſicht ausreichender Kundſchaft geſetzt, hatte ein Nachbarslind heimgeführt und blickte voll Hoffnung in, die Zukunft, denn man ſagt ja, das Handwerk habe einen goldenen Boden. Es war auch gut gegangen, aber nun kamen Kriegszeiten und das ſind Sorgen⸗ und Jammerzeiten; es kam ein Bombardement der Stadt, eine lange Belagerung, Alles wurde theuer, Jedermann behalf ſich und, was noch ſchlimmer war, es kam eine peſtartige Krankheit. Aller Verkehr ſtockte und auch Meiſter Glöckner wurde von Krankheit und Noth heimgeſucht. Seine Kinder ſtarben dahin, er und ſeine Gattin genaſen zwar wieder, aber er war weit zurückgekommen. Sein Vater⸗ haus, ein zweiſtöckig Haus von altem Anſehen und alter Bauart, war, als ein Holzhaus, baufällig geworden; ſollte es nicht die Bewohner unter ſeinen Trümmern begraben, mußte es erneuert werden. Da blieb denn keine Wahl, er mußte das Haus mit dem kleinen Gärtchen in eine Hyhpotheke legen und es herſtellen. Um aber arbeiten zu können, brauchte er Leder— und Geld fehlte. Es blieb alſo nichts übrig, als daß er borgte bei dem Lederhändler, und das Borgen reimt auf nichts beſſer als: Sorgen alle Morgen. Als er die bekümmerte Miene ſeiner Frau ſah, ſagte er tröſtend: „Nettchen, vom Verdienſte wird's gleich wieder bezahlt.“ Der Verdienſt ging indeſſen nicht gleich ein, da Glöckner auf Rechnung für viele Kunden arbeiten mußte; um zu leben, bedurfte man aber des Geldes, wie beſcheiden man auch lebte, und als die Rechnungen bezahlt wurden,— blieb ein Theil der Schuld ſtehen und neues Borgen ſteigerte des Lederhändlers Guthaben. Glöckner, der früher mit zwei Geſellen arbeitete, ließ einen davon ziehen und ſaß halbe Nächte an der Werkbank. Mittlerweile waren die Zünfte mit der ſr — Franzoſenherrſchaft zuſammengebrochen. Wer ein Patent löſte, durfte ſich als Meiſter ſetzen. Die Zahl derſelben in der goldenen Luft mehrte ſich. Die jungen Meiſter riſſen die Kundſchaft an ſich und drückten die Preiſe. Meiſter Glöckner entließ bald auch den letzten Geſellen und arbeitete allein und hämmerte manchen Seufzer in die Sohlen hinein, die er auf ſeinen Knieen ſchlug. Es ſollte aber noch herber für ihn kommen. Sein Nettchen, die treue Gefährtin ſeiner Tage, ſchenkte ihm noch eine Tochter und ſtand aus dem Wochenbett nicht mehr auf. Das beugte ihn unendlich tief, aber er raffte ſich gewaltſam empor, denn er hatte nun noch ein Weſen, für das er ſorgen mußte, und ein ſo hilfloſes, ſo theuer erkauftes! Durch die lange Krankheit ſeiner Frau war ſeine Kundſchaft noch mehr zuſammengeſchmolzen, da er Krankenpfleger ſein mußte und ſie daher nicht raſch genug bedienen konnte. Da blieb nichts übrig, als auf's Stück für die Schuhfabrikanten in der Stadt zu arbeiten. Er war Zunftmeiſter geweſen und nun war er Geſelle eines Mannes, der bei ihm das Handwerk erlernt und nicht einmal Zunftmeiſter war, ſondern nur ein Patent hatte,— aber es war ſo. Dennoch hatte er ſein Auskommen und konnte auch die Zinſen ſeiner Hypothekar⸗ und ſeiner Lederſchuld bezahlen, denn er nahm Miethsleute in das zweite Stockwerk und behalf ſich mit ſeinem Kinde, das lieblich heranwuchs. Er ließ es im Nähen und Kleider⸗ machen unterrichten und es überhaupt lehren, was er vermochte, um ihm eine beſſere Zukunft zu ſichern. Und das Mädchen hatte viel Geſchick und Verſtand. Aber Glöckner wurde alt und ſchwach. Das Arbeiten während ganzer Nächte ging nicht mehr, der Verdienſt wurde ſchmäler. Waren die Zinſen bezahlt, ſo blieb zum Leben nur zu wenig übrig. Nun, das Entbehren wurde Glöckner nicht ſchwer; war er doch nie ein Wirthshausgänger, hatte ſein Glück nie außer den ſtillen Mauern ſeines Hauſes geſucht und war ſtets mit Wenigem zufrieden geweſen. So konnte er's tragen, wenn nun das Wenige noch weniger wurde, und nur für ſein Käthchen that ihm das Darben wehe. Nach und nach beſſerte ſich das zwar wieder, denn Käthchen ging nun aus in die Häuſer zu nähen und Kleider zu machen. Alle Frauen und Mädchen von der goldenen Luft bis in die Gaugaſſe waren ihres Lobes voll, denn ſie nähte außerordentlich fein und die Nadel flog ordentlich, und dennoch nähte ſie nicht„wie(nach dem rheiniſchen Sprüchworte) der Schneider Puff, dem, was er heute näht, geht morgen wieder uf,“ ſondern es war feſt und dauerhaft. Ueberdies nahm ſie das Maaß aus⸗ gezeichnet, ſchnitt ſicher nach dem Pariſer Modejournal aus freier Hand, ohne Patronen, und hatte einen Geſchmack wie die feinſte Modeſchneiderin auf dem Boulevard des Itliens in Paris. Außerdem konnte ſie die Hüte vom vorigen Jahr nach dem neueſten Pariſer Muſter umarbeiten und machte und verzierte Häubchen zum Küſſen ſchön. Rath wußte ſie in allen Fällen zu geben, wie eine erfahrene Frau, wenn es auf Stoffwahl ankam, ob's zum Geſichte und Haar ſtehe; und wenn etwa an der Geſtalt irgend ein kleiner Mangel war, etwa eine höhere Hüfte oder dickere Schulter, ſo wußte ſie im Korſette die Geſchichte ſo kunſtfertig zu verdecken, daß kein Menſch es ahnte,— und ſie war doch erſt achtzehn Jahre alt!— War ſie ſchon durch ihre Geſchicklichkeit ein Liebling der Leute, ſo war ſie es in eben dem Maaße durch ihre ſtete Freund⸗ lichkeit und Dienftfertigkeit. Auch wenn man nichts als ihren Rath wollte, ſo kam ſie gelaufen und gab ihn mit Freuden. Ihre anmuthige Erſcheinung nahm vollends für ſie ein und der flecken⸗ loſe Ruf vollenbete ihren Werth in den Augen aller Leute. Man wußte, daß ſie mit Schambattiſt Kugler ſo gut wie verlobt war, und das erhob ſie weit über etwaiges böſes Gerede. Aber obgleich Käthchen viel verdiente durch ihren Fleiß und ihre Geſchicklichkeit, ſo konnte das doch den völligen Ausfall des Verdienſtes ihres Vaters nicht erſetzen. Der alte Mann war brod⸗ los, weil er nicht mehr arbeiten konnte. Seine Augen waren blöde geworden, ſeine Arme und Hände kraftlos. Das Alter, eine Krank⸗ heit, die allen andern zur Grundlage dient, war ſchnell und mächtig über ihn gekommen. Der Lederhändler hatte gerade ſo lange Gfduld geübt, als Meiſter Glöckner Leder bei ihm nahm. Da das aufhörte, brach auch der Faden ſeiner Geduld und Milde Er drängte den ——,. — Greis unabläſſig und wurde endlich klagbar, zumal Glöckner etliche Jahre die Zinſen ſchuldig geblieben war. So kam es denn noth⸗ wendig dahin, daß er die Pfändung eintreten ließ. II. Eines Tages ſaß Käthchen am Fenſter und nähte mit großem Fleiße. Sie hob das ſchöne Auge nicht ein einziges Mal zur Höhe des Fenſters, um etwa zu erfahren, wer draußen vorübergehend den Schatten geworfen, der über ihre weiße Näherei hinglitt. Dann und wann ſeufzte ſie tief, doch ſuchte ſie ſolche Seufzer vor dem Greiſe zu verbergen, der in ſeinem Lehnſtuhle mit gefalteten Händen ſaß und ſeine kummervollen Blicke bald zur Decke erhob, bald auf dem lieblichen Kinde ruhen ließ, das ihm Gott als einen Segen ſeines Alters geſchenkt und erhalten hatte. An ſeiner Seele gingen die Erlebniſſe vorüber, deren wenige geeignet waren, heitere Erinne⸗ rungen zu wecken. Sie reiheten ſich in düſterer Folge an einander bis zu den kummervollen Tagen, die er jetzt durchlebte, da er in jedem Augenblicke ein Ereigniß zu befürchten hatte, das, wie kaum ein anderes, ihn drückte. Plötzlich ſtieß Käthchen einen Schrei aus. „Haſt du dich geſtochen, Kind?“ fragte der erſchrockene Greis voll banger Sorge, da er das Mädchen leichenblaß daſitzen ſah. Ihre Hand war herabgeſunken, das weiße Kleid, an dem ſie arbei⸗ tete, glitt langſam neben ihr zur Erde. Sie ſchwieg; aber in dem⸗ ſelben Augenblicke wurde, ohne anzuklopfen, die Thüre geöffnet und zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, traten herein. Was ſie wollten, war weder Glöckner noch Käthchen zweifelhaft. Der ältere war eine lange, klapperdürre Figur, mit einem Geſichte, deſſen Anblick das Herzblut konnte ſtocken machen. Mühſam waren die wenigen langen Haare des Hinterkopfes über den entblößten Schädel geſtrichen, ohne daß ſie die Wüſte, welche dort herrſchte, verdecken konnten. Einzelne derſelben ſtanden gerade in die Höhe, weil ſie ſich dem Striche der Hand entzogen, welche ſie alle paar —— Augenblicke in die gezwungene Lage zu bringen verſuchte. Die Stirne war ſchmal und hoch. Unter ungemein buſchigen Brauen blitzte ein kleines, tiefliegendes Auge hervor. Die große Habichts⸗ naſe ſenkte ihre ſcharfe Spitze weit über den eingefallenen, faſt zahnloſen Mund, und das lange Kinn trat ſo weit in aufwärts gehender Richtung vor, daß es ſchier die Naſenſpitze berührte. Boshaft, tückiſch, gefühllos war der Ausdruck des gelben Geſichtes. Eine Brille ruhte auf dem tiefeingebogenen Sattel der Naſe und ſchien nur die Beſtimmung zu haben, die unheimlichen Blitze der Angen etwas zu verdecken. Es war in der That ein entſetzlicher Menſch und ſeines Zeichens ein Gerichtsvollzieher. Der andere war ein junger Mann, deſſen in Saffian verhüllte Papierrolle ſeine Eigenſchaft als Schreiber des Gerichtsvollziehers Crambolini verrieth. Sein ſanftes Geſicht war der entſchiedenſte Gegenſatz zu dem ſeines Brodherrn. „Guten Tag,“ ſagte der Gerichtsvollzieher barſch und mit einem ſchneidenden Ton, und warf ſeinen Strohhut auf den Tiſch. „Ich bin doch hier recht? Ich ſuche den Schuſter Glöckner?“ In dem Augenblick ſah er Käthchen.„Der Tauſend!“ rief er aus, und ſein diaboliſches Geſicht nahm einen noch widerlicheren Aus⸗ druck an,„der Tauſend, ſolch eine Perle hätte ich in der goldenen Luft nicht geſucht!“ Er faßte ihre kleine Hand und wollte ſie küſſen, doch zog ſie das Mädchen empört zurück, und zwar ſo raſch und heftig, daß ſie mit ſeiner Naſenſpitze in eine ſehr unan⸗ genehme Berührung kam. Der Gerichtsvollzieher fuhr zurück. „Nun, nun,“ ſagte er,„nicht ſo heftig, Mamſellchen! Sprödeſein hat ſein Schönes, doch nur unter Umſtänden. Sehr artig war das ₰. nicht für ein ſo reizendes Mädchen.“ Der alte Mann war beim Eintritt der Beiden aufgeſtanden, um ſie zu begrüßen. Er zitterte vor Schrecken; dennoch ergriff ihn ein tiefer Unwille, und er ſagte:„Arm ſind wir, aber unbeſcholten, Herr Gerichtsvollzieher. Thun Sie, was Ihres Amtes iſt, und laſſen Sie mein Kind in Frieden.“ Roth, wie ein geſottener Krebs, fuhr Crambolini herum. Ein — giftiger Baſiliskenblick aus den kleinen Augen traf den Greis, und heftig ſagte er:„Ihr habt recht. Es ſoll geſchehen. Setzen Sie ſich, Lederer, und dreſſiren Sie den Kopf des Aufnahmeprotokolls. Schonung iſt hier nicht am Orte.“ Der Schreiber gehorchte und der Gerichtsvollzieher ſchlug trotzig die Arme übereinander und blieb mitten in der Stube ſtehen, indem er ſeine Augen auf das Geräthe richtete, welches umher an den Wänden hing und ſtand, was jedoch nicht verhinderte, daß dieſe Augen bisweilen auf Käthchen's Geſtalt weilten, die leiſe weinend in der Nähe der Thüre ſtand, wohin ſie ſich zurückgezogen hatte, um nöthigenfalls ſchnell zu fliehen. Nach einer Pauſe pein⸗ lichen Schweigens, in der der alte Mann dem Gerichtsvollzieher einen Stuhl hinſetzte und ihn einlud, ſich niederzulaſſen, hub der Gerichtsvollzieher an:„Ihr wißt, daß ich hier bin, um in Folge richterlicher Verfügung eine Pfändungsaufnahme für den Leder⸗ händler X. vorzunehmen.“ „Ich weiß es,“ ſagte Meiſter Glöckner mit ſchmerzlichem Ausdruck. „Lederer, ſind Sie fertig?“ fragte der Gerichtsvollzieher, „oder hat Sie das Flennen des ſpröden Gänschens hinter Ihnen confus gemacht?“ Der Schreiber warf dem Langen einen Blick des Unwillens zu und erwiederte:„Dietiren Sie, wenn es Ihnen beliebt!“ „Gut, ſo fangen Sie an: Ein Spiegel, eine Kommode,— wahrſcheinlich liegen darin die Fähnchen des ſchönen Kindes? Muß ausgeräumt werden, weil ſonſt der Inhalt mitgeht.“— So fuhr er fort, alle Mobilien des Zimmers aufzeichnen zu laſſen. „Ein Bild,“ ſagte er nach einigem Schweigen, in dem er die Züge des Bildes mit denen des Mädchens verglichen hatte, denen ſie ſprechend ähnlich waren. „Um Gottes willen, haben Sie Erbarmen, es iſt das Bild meiner ſeligen Mutter!“ rief das Mädchen mit krampfhaft vor der Bruſt gefalteten Händen.„Laſſen Sie es uns; es wird ja doch für ſonſt Niemand Werth haben.“ 9 Er blickte ſie mit einem böſen Blick an und ſagte in ſchnei⸗ dendem Tone:„Wenn es ſo viel Werth für Sie hat, Mamſellchen, ſo können Sie es ja erſteigern und ſo einen Theil der Schuld bezahlen.“ Das Mädchen zuckte in ſich zuſammen. Sie bedeckte ihre Augen mit ihren Händen und weinte wieder leiſe. Er trat zu ihr und flüſterte ihr etwas in's Ohr. Empört ſtieß ſie ihn zurück und eilte hinaus. Der Herr Gerichtsvollzieher lachte hell auf. Der Seecretär beugte ſich tief auf ſein Protokoll, um ſeinen Zorn zu verbergen, und der Greis ſtand da wie eine Bildſäule. Er wollte reden, aber er konnte nicht. Seine Lippe zitterte wie ſeine Glieder. Der Gerichtsvollzieher wandte ſich jetzt gegen ihn und ſah den Seſſel. „Ei,“ rief er aus und trat näher,„wie kommt denn Saul unter die Propheten? Das iſt ja ein köſtlich Stück alter Kunſt. Habt's wohl einmal geſteigert irgendwo? Hm, wirklich ſchön, doch etwas fremdartig.“ Nein,“ ſagte der Greis, der ſich kaum ſammeln konnte,„es iſt ein Erbſtück in der Familie.“ „So?“ fragte höhniſch der Gerichtsvollzieher.„Ihr ſtammt wohl von irgend einer adeligen Familie ab oder von dem berühmten Glöckner von Notré-Dame de Paris?“ „Meine Voreltern waren ehrſame, unbeſcholtene Bürger der Stadt Mainz,“ ſagte der Greis.„Ein Bruder meines Vaters aber war in Oſtindien und dem gehörte der Seſſel.“ „Aha, ich merke,“ ſpottete der Gerichtsvollzieher,„er war wohl Nabob von Myſore?“ „Ich verſtehe Ihre Worte nicht,“ ſprach der Greis,„aber daß es Hohn iſt, fühle ich. Es iſt nicht fein, des Unglücks zu ſpotten,“ ſetzte er hinzu.„Mein Oheim war nur ein Kaufmann, aber ein unbeſcholtener Mann.“ „Ohne Zweifel aber ein Millionär?“ ſagte in etwas verän⸗ dertem Tone der Gerichtsvollzieher, dennoch aber mit ſpöttiſcher Miene. „Auch das nicht,“ entgegnete der Greis.„Unter dem Wenigen, was er hinterließ, war dieſer Seſſel. Mir iſt er ſehr theuer. Mein Vater hat ſchon darin geſeſſen und ſtarb darin. Meine liebe Frau hat ihren letzten Seufzer darin ausgehaucht, und ich dachte vielleicht auch darin einſt ſterben zu können, wenn es Gottes Wille wäre.“ „Wenn das nicht zwiſchen heute und morgen früh neun Uhr geſchieht, ſo wird nichts draus,“ fagte der Gefühlloſe;„denn ich muß ihn wegnehmen. Er iſt weitaus das Beſte, was Ihr habt. Die kunſtvolle, fremdartige Schnitzerei daran dürfte ihn hoch im Werthe bringen. Für Euch iſt ſo etwas ohnehin nicht.“ „O Herr Gerichtsvollzieher,“ flehte der Greis mit gerungenen Händen,„nehmen Sie Alles, was ich habe, nur laſſen Sie mir altem, lebensmüdem Greiſe dieſen Seſſel! Sie wiſſen nicht, welchen Werth er für mich hat.“ „Ihr ſitzet auf einem Strohſtuhle eben ſo gut,“ entgegnete der Gerichtsvollzieher.„Ich kann nicht den thörichten Einbildungen nachgeben. Wenn es von Euch abhinge, ſo bekäme ich nichts. Ab! Schreiben Sie, Lederer: Ein Seſſel von ausländiſchem Holze mit ſchönem Schnitzwerk.“ Der Gerichtsvollzieher verließ nun die Stube, um in die Küche zu gehen. Nach einiger Zeit kam er wieder herein und nannte dem Secretär eine Anzahl Küchengeräthe, welche dieſer aufſchrieb. „Wie ſieht es oben im Häuschen aus?“ fragte er dann den Greis. „Leer,“ verſetzte dieſer ſchmerzlich.„Unſere Miethsleute, die zwölf Jahre bei uns wohnten, mußten ausziehen, ſeitdem wartet das Geſchoß auf neue Miethsleute, die ſich aber in dieſem Theile der Stadt ſelten finden. Wollen Sie die Zimmer einſehen?“ „Nein,“ ſagte kurz der Gerichtsvollzieher.„Schließen Sie ab, Lederer,“ bemerkte er dann und wandte ſich zu dem Greiſe. „Ihr bürgt mit Eurer Perſon und ebenſo Euer Töchterlein dafür, daß von Allem, was ich aufgenommen habe, kein Stück bis morgen früh acht Uhr abhanden kommt. Merkt Euch das. Fehlt das Geringſte, ſo laſſe ich Euch verhaften.“ Er ſetzte ſeinen Strohhut auf und ging. Der Schreiber folgte ihm, zuvor jedoch trat er zu dem Greiſe und ſprach leiſe:„Fluchet mir nicht! Ich weiß, wie es der Armuth iſt; aber ich ſchreibe um mein täglich Brod bei dieſem Menſchen.“ Der Greis ſah ihn freundlich an.„Ach,“ redete er,„auch ihm will ich nicht fluchen. Er hat ſeinen Lohn dahin. Gott vergelte Euch Euer Mitleid.“ Der Schreiber drückte dem Greiſe die Hand und ging ſeinem Meiſter nach. Der Alte aber faltete ſeine Hände und ſprach:„Es iſt eine ſchwere Heimſuchung, aber ich beuge mich demüthig unter deine gewaltige Hand. Nicht wie ich, ſondern wie du willſt, o Herr, ſo geſchehe mir!“ MHI. Die Sonne dieſes für Meiſter Glöckner und ſeine Tochter ſo traurigen Tages war endlich hinabgeſunken und die Dämmerung trat ein. An ein Nachteſſen hatten Vater und Kind nicht gedacht, weil das Bedürfniß vor dem Schmerze nicht aufkommen konnte. Treue Nachbarn und Nachbarinnen waren bis zu der Stunde bei ihnen geweſen, die ſie ſelbſt in den Kreis ihrer Häuslichkeit zurück⸗ rief. Jetzt waren ſie allein und ſaßen ſtill und ihr Loos über⸗ denkend da. Es war nämlich mit Grund zu befürchten, daß nun auch der Hypothekargläubiger ſeine Rechte geltend machen werde und— was ſollte dann aus den Armen werden? Aus den theuren Räumen des Vaterhauſes getrieben, mußten ſie irgend ein Dach⸗ ſtübchen miethen und zu den Koſten der Erhaltung des armen Lebens kam noch die Zahlung der Miethe. Das und anderes bewegte ihre Herzen und machte ſie ſchwerer als ſie ſchon durch die heutige Erfahrung waren. Ach, dachte ſtill in ſich hinein der Greis, Nettchen, dir iſt wohl. Ich habe tief, tief um dich getrauert und doch danke ich heute meinem Gott und Herrn, daß du das nicht haſt erleben und durchmachen müſſen! Wär' ich bei dir, wie wohl wäre mir!— Doch nein, Gott, vergib mir den Wunſch! Ich will warten in Geduld, bis du mich abrufſt. Müßte ich doch mein Kind hier allein laſſen, wo Rohheit ſich alles gegen die Armuth erlaubt. Dieſen Gedankengang unterbrach ein leiſes Klopfen an die Thüre. Auf den Ruf: Herein! traten zwei Perſonen in das Zim⸗ merchen, eine betagte Frau und ein junger Mann. „Guten Abend!“ grüßten ſie vertraulich. „Ach, dacht' ich's doch, Ihr kommt heute zu uns an dieſem ſchweren Tage!“ ſagte Glöckner und räumte der Frau den Seſſel ein, die ihn jedoch nöthigte, ſitzen zu bleiben und ſchnell auf einem der Strohſtühle Platz nahm. Der junge Menſch war zu Käthchen getreten und hatte innig ihre Hand gedrückt. Sie ſprachen leiſe miteinander, während Meiſter Glöckner der Frau Alles berichtete, was an dieſem traurigen Tage ſich ereignet hatte. Es war Frau Kugler und Schambattiſt, ihr Sohn, Käthchen's Bräutigam, wie man in der goldenen Luft unbedingt anzunehmen ſich für berechtigt hielt. Frau Kugler war die Wittwe eines Muſikanten, der ſeine erſte Geige ganz wacker geſpielt hatte, ſo lange er konnte; aber eine langſame Zehrung hatte ihn vor zwei Jahren weggerafft. Lange Jahre waren Kugler's Miethsleute Meiſter Glöckner's geweſen und all' die vielen Jahre war die Freundſchaft der Familien nicht einen Augenblick unterbrochen wörden. Die Kinder wuchſen auf wie Geſchwiſter, und erſt in ſpäteren Jahren zeigte es ſich, daß eine tiefe und treue Liebe ihre Herzen verband. Dagegen hatten die Eltern nichts einzuwenden, und ſo waren ſie denn als ein Paar betrachtet worden, das ſo recht für einander beſtimmt ſei, und ſie ſelbſt fühlten ſich unendlich glücklich in dieſem Verhältniß und Bewußtſein.. Schambattiſt war ein braver Schüler der Realſchule geweſen, und als er dieſe durchlaufen hatte, Schreiber bei einem alten Notar geworden, was ihm ein recht hübſches Stück Geld abwarf. Nebenbei beſorgte er von dem Notar, der ihn als treu und zuverläſſig empfahl, ihm zugewieſene Geſchäfte und zeichnete auch, da er in — dieſer ſchönen Kunſt ſich ausgebildet hatte, allerlei zierliche Titelbogen für eine große Muſikalienhandlung in der Stadt. Da er zu weit zum Notar zu gehen hatte und zu viel Stiefel zerriß, gab die Mutter die Wohnung auf und zog in die reiche Clara⸗Gaſſe, in ein enges Stübchen; aber die lieben Freunde in der goldenen Luft vergaßen ſie nicht, obgleich Schambattiſt nie ohne die Mutter in das Haus ſeiner Braut trat. Er plagte ſich recht; aber viel brachte er doch nicht vor ſich, da auch die Wittwe wegen der langen Krankheit ihres Gatten noch Vieles zu zahlen hatte. Wie traf ſie das Schickſal ihrer Freunde ſo ſchwer! Wie innig fühlten ſie es mit, wie trauerten ſie mit ihnen! „Ach,“ flüſterte Käthchen,„denke dir nur, Schambattiſt, der abſcheuliche Crambolini hat ja meiner Mutter Bild mit aufgenommen! Vergeblich hab' ich ihn um Schonung dieſes theuren Gutes gebeten. Der Menſch hat einen Stein, wo andre Menſchen das Herz haben.“ „Sie ſind Blutſauger,“ ſagte Schambattiſt.„Ich möchte ſolch ein Amt nicht und wenn es noch ſo viel einbrächte.“ „Ach, da haſt du recht, lieber Schambattiſt,“ verſetzte das Mädchen.„Es iſt entſetzlich, Andern gefühllos das Theuerſte zu nehmen.“ „Und doch müſſen ſie's,“ ſagte Schambattiſt;„aber ihrer harten, gehäſſigen Pflicht das Bittere, das Verwundende zu nehmen, verſteht kaum Einer der Berufenen, die Gewohnheit erſtickt das Gefühl. Was das Bild betrifft, Käthchen, ſo gräme dich nicht, du wirſt es nicht verlieren.“ „O du Guter!“ lispelte das Mädchen und lehnte ihren Kopf an ſeine Schulter. 2 Er drückte ſie innig an ſich.„Hätte ich nur die Mittel, Euch Alles zu erhalten,“ meinte er bewegt.„Aber leider konnte ich das nicht ahnen, und erſt heute habe ich unſere Miethe bezahlt.“ „Ich wollte gern Alles miſſen,“ ſprach im Laufe der Erzählung Glöckner zur Frau Kugler,„könnte ich nur zwei Dinge retten: das Bild meiner Frau und den Seſſel— Ihr wißt ſchon warum, Frau Kugler.“ —— „Hat er auch das aufgenommen?“ fragte ſchmerzlich berührt die Wittwe.„Wohl kann ich mir denken, wie Euch das drückt. Ach, wer doch die Mittel hätte!— Nun, wenn's nicht unſere ſchwachen Kräfte überſteigt, wird mein Schambattiſt ſchon ſorgen,“ ſetzte ſie nach einigem Sinnen hinzu. Glöckner faltete ſeine zitternden Hände und ſprach halblaut: „Ach, wenn er das könnte!“ „Wir wollen hoffen,“ ſagte bedeutſam Frau Kugler. „Wie iſt das eigentlich mit dem Seſſel?“ fragte Schambattiſt. „Vater Glöckner, Ihr habt mir nie geſagt, wie Ihr dazu kamet.“ „Das will ich dir erzählen, mein Sohn,“ verſetzte der Greis. „Es ſind ſchmerzliche Erinnerungen, die ſich daran knüpfen, ſo früh als ſpät. Zuerſt reiht ſich daran eine bittere Täuſchung. Von der will ich reden, das Spätere erläßſt du mir heute. Mein Vater hatte einen Bruder, der frühe ſchon ein unruhiger Geſelle war; ſein Sinn ſtand immer in's Blaue hinein und oft, wenn er ſein tolles Weſen trieb und mein Großvater ſagte: Junge, ich wollte, du wärſt wo der Pfeffer wächſt!— entgegnete er: Da geh' ich auch einmal hin! Wie oft, erzählte mein Vater, lachten wir über dies Wort; aber es ſaß ihm feſt im Kopfe und wurde auch wahr. Er lernte wenig, aber er hatte beſondere Gaben. Um jedoch für ſeine Zukunft zu ſorgen, that ihn mein Großvater zu einem Sattler in der Schuſtergaſſe. Kaum war er Geſelle, ſo ging's in die Welt und Niemand hörte etwas von ihm. Jahre gingen hin und ſie hielten ihn für todt oder doch verſchollen. Er war wirklich hinge⸗ zogen, wo der Pfeffer wächſt, nämlich nach Oſtindien. Dort war er aber vom Sattlerhandwerk abgegangen und wurde Bedienter bei einem reichen Engländer, der ledig war und ihn beſonders lieb⸗ gewann. In ſeinem Teſtamente bedachte ihn der Herr wie es ſchien reichlich. Jetzt hatte er Mittel und ſein Speculationsgeiſt trieb ihn an, Handelsgeſchäfte zu machen, wie er ſie bei ſeinem Herrn kennen gelernt hatte, erſt klein, dann, als ſie glückten, größer und umfangreicher, bis er endlich einen blühenden Handel hatte und ſchweres Geld erwarb. Er verheirathete ſich dort, aber ſeine Ehe N. F. w. 7 war kinderlos, und als er alt wurde, kam ihm der Gedanke an die Heimath wieder, wie das allemal ſein ſoll bei Leuten, die in der Fremde alt werden. Er war aber ein Krittelkopf, dem es ſelten Jemand recht machte, und hatte ſich gewöhnt, alles nach ſeinem Kopfe zu machen. Seine Frau ſtarb ihm noch in Oſtindien, und nun bekam er noch mehr ſeltſame Gewohnheiten und fing ein einſiedleriſches Leben an. Er wurde mißtrauiſch, und es war recht ſchwer, mit ihm zu leben und umzugehen. Endlich kam er wieder nach Mainz. Mein Großvater und meine Großmutter waren todt und Geſchwiſter hatte er weiter keine als meinen Vater, der ein armer Schuſter war und viele Kinder hatte. „Die Freude war ungeheuchelt und groß, den verlorenen Bruder wiederzuſehen, denn mein Vater war ein gar treues Gemüth; weil er aber arm war, ſo meinte der Ohm Joſeph, die Freude gälte bloß ſeiner Habe, ſeinem Gelde. Er mochte, das will ich nicht leugnen, bittere Erfahrung von Habſucht und Scheinheiligkeit gemacht haben, daß er kopfſcheu wurde— aber er hätte doch nicht in Bauſch und Bogen urtheilen und richten ſollen. Das war unrecht. Mein Vater fragte ja nicht: Haſt du etwas oder biſt du wie eine Kirchenmaus aus dem Lande gekommen, da der Pfeffer wächſt? Er lieferte ihm das kleine väterliche Erbe aus, das er auch nahm, und blieb ſich ein ſeiner Liebe gleich. „Ohm Jroſeph blieb nicht lange in Mainz. Gott weiß, was ihm im Kopf ſteckte. Was kann man ſagen von den Gedanken der Menſchen? Wer kennt ſie? Er nahm ſeine ſieben Sachen, darunter auch den Seſſel, den er aus Indien mitgeſchleppt hatte, und zog nach Aſchaffenburg. Mein Vater hörte wenig und ſah noch weniger kam von Zeit zu Zeit ein Päcklein Geld, das bald hier, bald da zur Poſt gegeben worden war, bei meinem Vater an, und das half manches Schwere überwinden. Niemals war etwas dabei geſchrieben, aber mein Vater wußte wohl, woher es kam, und dankte es ſeinem Bruder herzlich. „Es iſt ein altes Wort: Alter ſchützt vor Thorheit nicht, und von ihm. Erſt nach längeren Jahren, da wir Buben groß wurden, 3 wahr iſt es allewege. Der Ohm Joſeph heirathete plötzlich ein blutjunges Mädchen, die Tochter ſeiner Hausleute. Wie das gekommen war, weiß ich nicht, nur das weiß ich noch, daß mein Vater die Achſeln zuckte und zu meiner Mutter ſagte:„Das iſt Joſeph's dummſter Streich. Es iſt gut, Mutter, daß wir auf eine reiche Erbſchaft keinerlei Hoffnungen gebaut haben.“ Ich war der Aelteſte und arbeitete bei dem Vater. Daher hörte ich denn auch manchmal ein Wörtlein über die Wirthſchaft des Ohms Joſeph in Aſchaffenburg. Sie muß capitaltoll geweſen ſein, denn mein ſonſt ſo mild richtender Vater äußerte ſich oft herbe darüber. „Weißt du was, Mutter,“ hörte ich ihn einſt zu meiner Mutter ſagen,„wenn's die Frau Schwägerin in Aſchaffenburg ſo forttreibt, ſo kann's noch kommen, daß mein Bruder in ſeinem Alter lernt, wie das Brod der Armuth ſchmeckt“ „Es ſchadet ihm nichts,“ erwiederte ſie„Er hat's ja ſo haben wollen. Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich oder ſeine Hölle“„Wenigſtens die Thüre dazu,“ ſprach ſeufzend mein Vater.— Kinder hatten ſie in Aſchaffenburg nicht und es muß doch recht arg im Hauſe hergegangen ſein, denn mein Ohm Joſeph trennte ſich von ſeiner Frau, das heißt, von Tiſch und Bett, weil er nichts mehr von ihr wiſſen wollte. „Wie's nun ging, weiß ich ſelber nicht genau, aber es ſcheint am Ende ſeines Lebens eine Verſöhnung Statt gefunden zu haben, denn als ſein Ende nahe kam, war ſeine Frau wieder bei ihm und Alles ſcheint gut geweſen zu ſein. „Plötzlich erhielt mein Vater einen Brief von der Frau Schwä⸗ gerin, die er nie geſehen hatte, darinnen ſtand, daß Ohm Joſeph nicht mehr ferne von der dunkeln Pforte ſtehe, die in's andere Leben führt, und daß er den Bruder noch einmal ſehen wolle. „Mein Vater machte ſich auf die Socken und ging nach Aſchaffen⸗ burg, denn ſeine Armuth erlaubte eine andere Art des Reiſens nicht. Er traf ſeinen Bruder noch am Leben. Er nahm ihn liebe⸗ voll auf und ſagte ihm: er habe ihn bedacht im Teſtamente. Vor⸗ ugsweiſe vermache er ihm dieſen Seſſel. Er ſolle ihn in Ehren 7* halten, denn es ſei ein theures Gut, deſſen Werth er erſt kennen lernen werde. Mein Vater mußte ihm ſchwören, ihn mit nach Mainz zu nehmen und ihn nie in fremde Hände kommen zu laſſen. In dieſer Unterredung wurde er durch die Schwägerin unterbrochen, die nun dafür ſorgte, daß er meinen Vater nicht mehr allein ſprach. In der folgenden Nacht wurde er ſchwächer und ſchwächer und ſein Ende nahte ſchnell. Kurz vorher wollte er meinem Vater noch etwas in das Ohr flüſtern, aber es war zu ſpät— ein Schlag endete ſein Leben, ohne daß er es vermocht hatte. „Als das Teſtament eröffnet wurde, zeigte es ſich, daß er ſeine Frau als Haupterbin eingeſetzt hatte. Mein Vater erhielt zwei⸗ hundert Gulden und den Seſſel. Das war Alles.— Die zwei⸗ hundert Gulden reichten hin, eine Schuld zu zahlen und mein Vater ſegnete den Verſtorbenen dafür. Seinen Schwur hielt er. Der Seſſel, obgleich er viele Liebhaber fand, blieb ſein und wurde ihm in ſeinen alten Tagen und in ſeiner langen Leidenszeit ein rechter Segen, ſo daß des Verſtorbenen Wort recht prophetiſch war. Er ſtarb darin. Und mir iſt er auch ein Segen im Hauſe geweſen — doch, was hilft's, wenn ich die Leiden vergangener Tage wach rufe im Herzen? „Ihr, liebe Frau Kugler, wiſſet, was ich fagen müßte; Ihr habt meine ſchweren Prüfungstage treu mit durchgemacht. Ihr wißt auch, warum dieſer Seſſel mir ſo theuer iſt. Ach, ich hatte gehofft, auch einſt darinnen zu ſterben. Das iſt nun vorüber“ Er ſchwieg und die liebenden Herzen, die ihn umgaben, fühlten ſein Weh recht tief mit. Ihre Thränen waren Zeugen davon. Dies Geſpräch war im dunkeln Gemache geführt worden, weil es ſich ſo traulicher redet. Keins ſah den Schmerz in des Andern Zügen und doch empfanden ihn Alle gleicherweiſe. Es trat ein langes Schweigen ein, das nur durch Käthchen's Schluchzen unter⸗ brochen wurde. Endlich ſchieden die Freunde in der Noth und ſtumm drückten ſie ſich die Hände. . In Bingen wohnte zu damaliger Zeit ein Geſchwiſterpaar, das in ſeiner Art ganz eigenthümlich war. Es waren ledige Leute von etwa fünfzig Jahren, mit allen Launen behaftet, die das eheloſe Leben in Hageſtolzen hervorzurufen pflegt. Umgang hatten ſie mit Niemand, und wenn ſie genöthigt waren, die Dienſtboten zu wechſeln, was freilich ſelten geſchah, ſo war die erſte und oberſte Bedingung der Auf⸗ und Annahme die, daß ſie ſich mit Niemand in der Stadt einlaſſen wollten und ſollten. Sie waren Bruder und Schweſter, reich und bei allen Beſonderheiten ſeelengut. Zedes der Geſchwiſter bewohnte die eine Hälfte des Hauſes und trieb dort ſein Weſen in ſeiner Art, ungeſtört vom andern; denn ſie kamen niemals zuſammen, außer bei Tiſche. Wer aber hätte ſchließen wollen, ſie ſtünden deßwegen feindlich gegen einander, der hätte ſich ſehr getäuſcht, denn ſie waren höchſt innig und einträchtig. Der Bruder, in der Stadt lediglich unter dem Namen Monsieur oder, wie man's dort ausſprach: Musje Anton, bekannt, hatte alle Räume ſeiner großen Haushälfte mit tauſendfach verſchiedenem alten Zeuge angefüllt. Bilder, die ſo gedunkelt waren, daß man nicht mehr erkennen konnte, ob der Gegenſtand eine Land⸗ ſchaft oder ſonſt eine Darſtellung ſei; alte Bronce- und Porzellan⸗ figuren oft fratzenhafter Art; chineſiſche Taſſen und Schüſſelwerk; römiſche Alterthümer, beſtehend in zerbrochenen Urnen und der⸗ gleichen; Schwerter, Lanzen, Harniſche und Helme aus den Zeiten des Ritterthums; Armbrüſte, Morgenſterne und Waffen aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges; dann altes, ſchönes Schrein⸗ und Schnitzwerk verſchiedener Art und zu den verſchiedenſten Zwecken beſtimmt. Es war in den weiten und ſchönen Gemächern kaum ſo viel Raum, daß man ſich frei bewegen konnte. Obwohl dies in Wahrheit der Fall war, ſo reiſte er doch jedes Jahr nach Mainz, und die Trödler und Antiquare waren nie froher, als wenn ſie Herrn Anton Drewes, denn das war ſein eigentlicher Name, daherkommen ſahen. Was kein Menſch kaufte, dafür gab er namhafte Preiſe, wenn es nur irgend ſeinem barocken Geſchmacke zuſagte. Seine Schweſter, Mamſell Julchen, hatte ihre Liebhaberei an ausländiſchen Vögeln. Ihre Gemächer waren eine wahre Menagerie von Papageien, Kakadu's, Ara's und dergleichen, deren Geſchrei jeden andern Menſchen längſt um ſeinen Verſtand gebracht hätte. Mamſell Julchen that's unendlich wohl, weil ſie an einem beträcht⸗ lichen Gehörmangel litt. In der Wartung und Pflege dieſer Schreihälſe, die eine Plage für die Nachbarſchaft in weiteſter Entfernung waren, ging ihr ganzes Leben hin. Schiffer, die nach Holland fuhren, machten ihre Sammlung ſtets reicher und voll⸗ zähliger— und keine ſchlechten Geſchäfte dabei, denn ſie zahlte reichlich, wenn ſie nur etwas Beſonderes brachten⸗ So mild und freundlich Bruder Anton war, ſo kam's doch vor, daß er, wenn die Beſtien der Schweſter einmal im Chore ſchrien, ſie auf den Blocksberg wünſchte und ſeinem Aerger durch einen halblauten Ausbruch der Erregung Luft machte. Das änderte aber im Gange der Dinge nichts. Die Zeit war denn nun auch wieder gekommen, daß Herr oder Musje Anton nach Mainz ging, und grimmig ärgerte es ihn, daß einer der ſpottſüchtigen, ſcharfzüngigen Schiffer, der ihn an die Diligence wie man damals die kleinen Yachten nannte, welche in unausſprechlicher Langſamkeit den Verkehr zwiſchen Mainz und Coblenz unterhielten) fuhr, fragte:„Gehen Sie wieder nach Mainz, Herr Drewes, altes Gerölle kaufen?“ Er ſtrafte ihn mit S Verachtung und ſchwelgte in dem Gedanken, daß und wie er ſeine ſchöne Sammlung würde bereichern können. Die Lichter der Häuſer am Rhein, ſo zu Kaſtell wie zu Mainz, erglänzten ſchyn in langer Reihe in die dunkle Nacht hinaus und das Geplätſcher der Wellen am Bord des Fahrzeuges miſchte ſich in das allmählig näher rückende Rauſchen der Rheinmühlen, als — 103— lautes Lärmen und Rufen auf dem Verdecke dem Alterthumsfreunde das Zeichen gab, daß endlich das alte, goldene Mainz erreicht ſei. Bis zum wirklichen Landen war es nun freilich noch weit, allein ſein Herz hüpfte vor Freude, denn morgen war Fruchtmarkt, dann wurde regelmäßig am Theater eine Verſteigerung alten Trödels und gepfändeter Mobilien gehalten. Da hatte er ſchon manchen köſtlichen Fang gethan, und es wollte ihn gemahnen, als ſei morgen wieder ſo eine Glücksſtunde für ihn. Er nahm daher auch immer ſeine Wohnung im rothen Hauſe, aus deſſen Mittelſtockfenſtern er eine Ueberſicht alles deſſen hatte, was dem SanRſige dargeboten und angeprieſen wurde. In ſüßen Hoffnungen ſeine Seele wiegend ſchlief er endlich ein; aber kaum erklangen die Glocken zur Frühmeſſe, ſo lag er ſchon, völlig angekleidet, am offenen Fenſter, ſchmauchte ſeine Morgenpfeife und ſah dem erheiternden Treiben zu, das ſich überall zu entfalten begann. Die Dorf⸗Frauen und Mädchen der benachbarten Orte kamen mit ihren Gemüſen und Früchten und ſchichteten ſie lockend auf. Wagen mit hoch aufgethürmten Frucht⸗ ſäcken ſchwankten heran. Mit jeder Minute wurde das Leben und Weben bunter, mannigfaltiger und anziehender. Er nahm raſch ſein Frühſtück, das man ihm auf die Stube brachte, und poſtirte ſich dann wieder an's offene Fenſter. Zetzt rollten die langen Schiebe⸗ karren daher, belaſtet mit Bettladen, Kommoden, Spiegeln, Bettzeug, Tiſchen und Stühlen. Alles wurde aufgeſtellt; ein langer Tiſch diente dem Ausrufer, der, Herrn Drewes wohl kennend, herauf grüßte und ihm ſein: Auch einmal wieder hier?— zutraulich zurief. Die Karren kamen und gingen. Der Schreiber ſaß ſchon da. Alte Frauen muſterten die käuflichen Gegenſtände, aber noch hatte ſein Auge nichts entdeckt, was es hätte feſſeln können. Da— ſein Ange öffnete ſich wieder, ſein Herz ſchlug heftiger— kam der lange Schiebekarren noch einmal und trug einen Seſſel von ſo abſonder⸗ licher Form, ſo ſeltſamer und ſchöner Arbeit, wie er weder etwas Aehnliches beſaß, noch jemals geſehen. Er warf ſeine Pfeife rück⸗ ſichtslos in eine Ecke und ſtürmte über den engen Gang, die Stiege hinab, auf den Platz. Hier unterſuchte er den Seſſel, um den ſchon Neugierige geſammelt hatten. Er war aus einem unbekannten, aber ſehr feſten, dunkeln Holze gefertigt. Ueberall bedeckten Schnitzereien das Holzwerk, und dieſe beſtanden aus Zuſammenſtellungen und Verſchlingungen von Thiergeſtalten und Pflanzengewinden. Die eine Armlehne zeigte einen Löwen, den eine gräßliche Rieſenſchlange umwand, im Todeskampfe rang der König der Thiere, und dieſer war mit eben ſo viel Kunſt der Arbeit, als richtigem Ausdrucke dargeſtellt; die andere zeigte den Kampf eines Tigers mit einem Krokodile. Jeden Zwiſchenraum, den die Thierformen ließen, füllten Blumen und Blätter von der zierlichſten Arbeit. Ebenſo zeigten die Füße verſchiedene Affenarten in den ſeltſamſten, bald kämpfenden, bald luſtig ſpielenden Stel⸗ lungen. Der Bezug des ungemein bequemen Seſſels war gepreßtes Leder, deſſen Farbe aber längſt verblichen und verfleckt war, ſo daß ein neuer Bezug geboten war für den, welcher in den Beſitz des Kunſtwerks gelangte. Immer größer wurde der Kreis der neugierig Beſchauenden um das ſchöne Stück. Niemand beachtete es, daß in eben dem Maaße als ſich jener Kreis vergrößerte, die Miene eines jungen, ſchönen Mannes ſich verdüſterte, welcher ſich gegen die Mauer gelehnt hatte und dem Treiben der ſich mehrenden Menge zuſah. Neben dem jungen Manne ſtand der Schreiber Crambolini's, des Gerichtsvollziehers.„Lederer,“ hatte dieſer zu ihm geſagt, „das Bild aus Glöckner's Wohnung muß ich haben. Sie erſteigern es um jeden Preis.“ Der Schreiber, der Zeuge des Auftritts im Hauſe des armen Glöckner geweſen, empfing mit innerer Unzu⸗ friedenheit und Empörung dieſen Auftrag. Gern hätte er dem Mädchen das Bild zurückgegeben. Um aber doch ein Maaß zu haben, bat er um nähere Beſtimmung des Preiſes; es ſei nur mit Wafferfarben gemalt und ſchlecht dazu. „Das iſt richtig,“ verſetzte Crambolini.„Man kann Butter zu theuer bezahlen, und die iſt doch lauter Fett, ſagen die Frauen, und das Bild iſt nichts Beſonderes. Nun, es werden wahr⸗ ſcheinlich auch keine Liebhaber dafür ſich finden. Geben Sie etwa drei Gulden dafür; ſteigert aber das Mädchen, welches Sie ja auch geſehen haben und kennen— dann gehen Sie mit, wie hoch es auch komme.“ Der Schreiber ſah ſich jetzt auf dem Platze überall um, aber das ſchöne Mädchen konnte er nicht erblicken. Die Verſteigerung begann mit Bettladen, Tiſchen und der⸗ gleichen. Endlich kam das Bild. Der junge Mann neben dem Schreiber des Gerichtsvollziehers bot dieſen ab.„Für wen bieten Sie?“ fragte er ihn freundlich. „Für Jemanden, dem das Bild überaus theuer iſt,“ war die Antwort. „Vielleicht für Glöckner?“— „Ja.“ S „Nun, ſo iſt das Bild für Sie,“ ſagte der Schreiber und entfernte ſich. Schambattiſt, denn der war's, der geboten hatte, ſah dem jungen Menſchen bewegt nach. Er kannte ihn nicht. Nach kurzer Zeit kam er jedoch wieder, weil er im Auftrage des Gerichtsvollziehers anweſend ſein mußte.„Haben Sie das Bild?“ fragte er Schambattiſt. Dieſer reichte ihm die Hand und ſagte:„Ich danke Ihnen! Doch ſagen Sie mir, was bewegt Sie, ſolchen Antheil an der Familie zu nehmen?“— „Ich bin ſo unglücklich, Crambolini's Schreiber zu ſein,“ entgegnete Lederer offen,„und war daher geſtern Zeuge von Auftritten, die mir tief in das Herz ſchnitten. Könnten wir dem braven Greiſe doch auch den Seſſel erhalten!“ Schambattiſt blickte ihm dankbar in die treuen Augen.„Wenn er nicht allzu hoch kommt, werde ich ihn ſteigern,“ ſagte er zu Lederer;„allein mehr als fünf und zwanzig Gulden hab' ich nicht.“ „Victoria!“ rief Lederer,„ſo iſt er unſer, denn zehn Gulden leg ich dazu; ich hab' es heute vor Gott gelobt.“ Schambattiſt hatte nicht Zeit, ſeiner Dankbarkeit Worte zu leihen, denn ſchon rief der Ausrufer:„Ein Seſſel von koſtbarer indianiſcher Arbeit, aus Oſtindien ſtammend! Wer bietet?“ „Fünf und zwanzig Gulden!“ ſagte Anton Drewes mit vor Begierde nach dem Seſſel zitternder Stimme. „Sechs und zwanzig!“ rief Lederer. „Sechs und dreißig!“ Drewes.— Schambattiſt erbleichte—„Muth!“ rief Lederer leiſe ihm zu; Vierzig! „Fünfzig!“ bot Drewes.— „O mein Gott!“ ſeufzte Schambattiſt.— „Gut!“ ſagte Lederer.„Der Kerl ſoll ihn bezahlen, wenn er ſo darauf erpicht iſt.— Sechszig!“— „Siebzig!“ rief Drewes, erſtaunt nach dem Mitbietenden blickend.— „Achtzig!“ ſetzte Lederer darauf.— 5 „Ich bitte Sie um Gottes willen!“ ſagte Schambattiſt, ſeine Hand faſſend.— „Laſſen Sie mich!“ flüſterte Lederer.„Ich kenne den Narren. Er läßt nicht nach. So retten wir wenigſtens das Uebrige für die Familie, denn der muß Capital und Zinſen des Lederhändlers bezahlen“ Drewes blickte auf den Seſſel und bot hundert Gulden. Aller Augen richteten ſich auf die beiden ſich ſteigernden Lieb⸗ haber.„Der Schreiber Crambolini's hat Aufträge von hohen Perſonen, die Geld haben!“ ſagte Jemand halblaut.— „Das hab' ich auch!“ ſagte Musje Anton, und lief kirſch⸗ roth an. „Gut,“ verſetzte der Mann,„ſo bieten Sie!“ Drewes hatte im heiligen Eifer vergeſſen, daß er der Letzt⸗ bietende geweſen und bot fünfzig Gulden weiter. Ein ſchallendes Gelächter erhob ſich. Lederer ſchüttelte ſich vor Luſt und rief:„zweihundert Gulden.“ „Noch fünfzig!“ ſchrie Drewes. „Dreihundert!“ rief Lederer in luſtigſter Stimmung. „Noch fünfzig!“ war Drewes' Gebot. „ — 107— „So!“ ſagte Lederer und rieb ſich die Hände vor Luſt.„Nun bleibt nach Abzug der Koſten eine hübſche Summe übrig. Dafür kaufen wir in Bembe's Magazin dem alten Manne einen gepol⸗ ſterten Seſſel und das übrige Geräthe geht zurück.“ Schambattiſt ſtand wie eine Bildſäule dabei. Lederer trat zum Ausrufer. „Halten Sie ein,“ ſagte er,„die Summe iſt gedeckt.“ Das Protokoll wurde unterzeichnet, das Geld baar erlegt und ein langer Schiebekarren lud Glöckner's Geräthe auf, um es heim⸗ zufahren. Schambattiſt, ſein Bild unter dem Arme, folgte dem Karren, während Lederer als Bevollmächtigter ſein Geſchäft mit dem Ausrufer abmachte. Als dies beendet war, trat er zu Drewes und ſagte:„Sie haben da einen Erwerb gemacht, wozu Sie ſich gratuliren können. Wollen Sie übrigens den Seſſel abgeben, ſo bietet Ihnen Jemand das Doppelte.“ „Nicht für tauſend Gulden!“ lachte Herr Drewes und folgte den Trägern, die den Seſſel in's rothe Haus trugen. „Und doch,“ ſprach Lederer, der ihm beharrlich folgte,„würden Sie als reicher, aber ehrenhafter Mann ſich nicht glücklich im Beſitze fühlen, wenn Sie wüßten, was ich von dem Seſſel weiß.“— „So?“ erwiederte Drewes, deſſen Gutmüthigkeit ſich zu regen begann.„Was wiſſen Sie denn?“— „Wenn Sie mir erlauben, Sie zu begleiten, theile ich Ihnen Alles mit.“ „Thun Sie das,“ ſagte Drewes, und Beide ſchritten der nahen Thüre zu, innerhalb welcher bereits die Träger des Seſſels verſchwunden waren. Lederer, der ſchnell den Mann durchſchaut hatte, mit dem er verhandelte, ſetzte ſich in der Stube zu ihm und erzählte, was er am geſtrigen Abend erlebt und was er aus dem Zwiegeſpräche des Gerichtsvollziehers und des alten Glöckner von dem Seſſel vernommen. Er hatte die Gabe, recht beweglich zu erzählen und that's nach beſter Kraft. Die Erzählung fand den Weg zum Ziele, dahin ſie wollte und ſollte. Drewes war tief ergriffen, aber es entſtand ein Kampf in ſeiner Seele zwiſchen dem Gedanken, den — 108— Lederer's Erzählung geweckt, und ſeiner Liebhaberei. Unruhig rückte er auf dem Sopha hin und her, darauf Beide ſaßen. Hätte nicht der Seſſel mit ſeiner unübertrefflich ſchönen Arbeit vor ſeinen Augen geſtanden und dieſe immer auf's neue die Luſt des Beſitzes geweckt, Lederer hätte ohne allen Zweifel ſein Ziel erreicht. Als er ſchwieg und auf dem Geſichte ſeines Nebenmannes den Eindruck ſeiner Erzählung zu leſen ſuchte, ſagte dieſer:„Freilich, freilich— ich erkenne, wie theuer dies Gut dem Manne ſein muß, aber— thut's denn nicht ein anderer Seſſel auch?— ich— würde — im Nothfalle—“ „Wir haben geſchickte Arbeiter hier,“ fiel ihm Lederer in's Wort.„Ich würde mich verpflichten, Ihnen einen auf's Haar dieſem gleichen Seſſel zu ſchaffen.“ „Aber der wäre ja nicht alt, nicht aus Indien!“ unterbrach ihn Drewes. „Hören Sie, Herr, nehmen Sie mir's nicht übel, das iſt ſo ein Päcklein Narrheit,“ rief Lederer aus.„Ich wollte dem neuen Seſſel das älteſte Anſehen geben laſſen und— bei Liebhabereien läuft immer ein bischen Lüge mitunter. Entweder belügt man ſich ſelbſt und Andere, oder wird belogen. Was hätte es denn auf ſich, wenn Sie daheim ſagten: Er iſt aus Tippo⸗Sahib's Palaſt und ſtammt von deſſen Urgroßmutter, die ihn in Kairo von dem Paſcha von Egypten als Alterthum zum Geſchenk erhielt,— denn er ſtammt aus der Nachlaſſenſchaft des Pharao, der im rothen Meere ertrank, und kam Erbtheilungshalber in andere Hände u. ſ. w. Ich wette, die Leute glauben's.“ Drewes mußte lachen.„Sie haben eine gute Anlage zum Antiquar und Advocaten,“ ſagte er.„Ich will mir die Sache überlegen. Kommen Sie morgen wieder zu mir.“ Damit hatte die Unterredung ein Ende und der junge Menſch ging, freilich um ein Bedeutendes an Hoffnung ärmer als er heraufgekommen war. — 109— V. Als Lederer weg war, beſah ſich Drewes ſeinen Seſſel von allen Seiten. Es iſt ein Prachtſtück, rief er, von Freude ſtrahlend, aus. Alles, was ich daheim habe, iſt purer Schund und Trödel dagegen. Er ging zehnmal drum herum und in jeder Minute wurde er des Beſitzes froher. Was thut's denn, ſagte er zu ſich, wenn der alte Schuſter einen neuen Seſſel erhält? Kann ja auch darin ruhen, und, wenn er's abſolut ſo will, auch meinetwegen— ſterben. Selbſt wenn ich ihm einen der koſtbarſten Seſſel kaufe, iſt dieſer noch ſpottwohl⸗ feil.— Er ging wieder drum herum— kauerte ſich auf die Erde und betrachtete die Schnitzerei. Prachtvoll! rief er aus. Drewes, du wäreſt ein coloſſaler Simpel und in Erz gegoſſener Narr, wenn du um der Grille eines alten Schuſters willen dir dies Prachtſtück wegmanipuliren ließeſt. Bei dem Manne iſt es ſentimentale Faſelei. Den eigentlichen künſtleriſchen Werth capirt er nicht.— Aber— fuhr er plötzlich auf— das alte, nach Pech riechende, verblaßte und verrutſchte Leder muß herunter, heute noch herunter. Ich gehe zu einem tüchtigen Tapezirer und dann zu Muffany's und kaufe Purpurſammet zum Ueberzug. Ein Schreiner muß ihn abpoliren und— ganz Bingen muß in Aufruhr kommen über den Seſſel, der eines Königs würdig iſt. Er nahm den Hut und Stock, ſchloß vorſichtig ab und rannte fort. Es war Mittags zwei Uhr, als der Sattler mit ſeinen Werk⸗ zeugen in die Stube trat, wo ihn Drewes mit Ungeduld erwartete. Nachdem der kundige Mann den Seſſel nach Verdienſt bewundert hatte, gab er ſich daran, die Nägel auszuziehen.„Herr,“ ſagte er, dieſe betrachtend,„der Seſſel muß ſeiner Zeit in reichen Händen geweſen ſein, dieſe Nägel ſind von Silber!“ „Was ſagt Ihr?“ rief Drewes und ſprang haſtig auf. Er unterſuchte die Nägel— es war richtig.„Wahrlich!“ brummte — 110— er in den Bart,„der arme Schelm von Schuſter wußte nicht, was er da hatte. Dafür ſoll er aber von mir entſchädigt werden, denn vor einem Unrecht bewahre mich Gott.“ Der Sattler arbeitete weiter. Als er die Roßhaare wegnahm, um ſie auszuſtauben, rief er aus:„Was zum Kuckuck iſt denn da?“ „Was?“ fragte Drewes und drängte ihn zur Seite. „Da ſehen Sie nur, da iſt ja ein verborgenes Schubfach an der Rückſeite des Sitzumfangs und— richtig! Hier die Feder öffnet es!“ Der Arbeitsmann wollte auf die Feder drücken, aber Drewes riß ihm die Hand weg.„Halt!“ rief er,„was da drinnen iſt, gehört dem Manne, von dem ich ihn erſtanden.“ „Fehlgeſchoſſen, Herr,“ bemerkte der Meiſter.„Sie haben den Seſſel, wie Sie mir ſagten, in öffentlicher Verſteigerung erſtanden und ehrlich bezahlt. Es iſt Alles ihr Eigenthum, da beißt keine Maus einen Faden ab.“ „Wie Ihr denkt, geht mich nichts an,“ erwiederte Drewes. „Jetzt kommt mit mir. Es muß Alles ſo bleiben wie es iſt. Wir gehen zum Friedensrichter. Der muß die Feder öffnen.“ „Sie ſind ein grundehrlicher Mann,“ ſagte lächelnd der Meiſter, „und ich bewundere Ihre kitzliche Rechtſchaffenheit, obgleich—“ „Still, ſtill!“ rief Drewes und zog ihn fort, indem er ſorg⸗ fältig abſchloß und den Schlüſſel in die Taſche ſteckte.„Kommt!“ Beide gingen, und der Meiſter führte Herrn Drewes zu dem. Friedensrichter, der ſich mit ihnen ſofort an Ort und Stelle verfügte. „Seien Sie ſo gütig, ein Protokoll aufzunehmen, Herr Friedens⸗ richter, ehe wir zur Oeffnung ſchreiten. Doch halt!— Der Meiſter Glöckner muß ſelbſt hierher. Er muß dabei ſein, warten Sie noch, bis er da iſt“ Er klingelte, und der Hausknecht mußte eilends in & die goldene Luft laufen, um den alten Glöckner herzuſchaffen. Dort ſaß Schambattiſt bei dem alten Mann und Käthchen, die ihre Augen nicht von dem lieben Bilde der Mutter wegwenden konnte, und wenn ſie es that, ſo geſchah es nur, um ſie mit dem Ausdrucke von vollſter Liebe und Dankbarkeit auf dem Manne 111 ruhen zu laſſen, den ihre Seele liebte. Zwar theilte der Greis die innige Freude ſeines Kindes über das wiedererhaltene Bild der Verſtorbenen in vollſtem Maaße, aber ſein Geſicht trug doch den Ausdruck eines wehmüthigen Gefühls über den Verluſt des Seſſels, der ihm ein ſo werthvolles Gut geweſen war. Er ſegnete den braven Lederer und ſeine uneigennützige Menſchenliebe; er freute ſich der wiedererlangten Mobilien, der vollſtändig bezahlten Schuld, aber als Schambattiſt den Plan ausſprach, den Lederer erſonnen, vom Ueberſchuß einen bequemen Seſſel zu kaufen, da ſchüttelte er das ſchneeweiße Haupt. „Nein,“ ſagte er,„nicht nach dem behaglichen, bequemen Sitze gelüſtet es mich, Crambolini hat recht, ich ſitze ebenſo gut auf dieſem Strohſtuhle. Es waren andere Dinge, die mir den Seſſel ſo werth machten, die Erinnerungen— und die, guter Schambattiſt, kann mir ſelbſt der koſtbarſte Prunkſeſſel nicht wiedergeben, die knüpfen ſich allein an den alten Stuhl.“ Schambattiſt hatte das vorausgeſehen. Er ließ den Kopf traurig ſinken.„Ach,“ bemerkte er,„warum bin ich nicht ſo reich, daß ich dem Alterthumsnarren den Seſſel abringen könnte!“ „Es ſoll nun einmal ſo ſein,“ meinte mit Ergebung Meiſter Glöckner.„Ich habe Theureres hingeben müſſen. Ich will mich um ein Stück zerbrechlichen Geräthes nicht kränken. Es iſt Gottes Wille, redet nicht mehr davon.“ So ergeben auch ſeine Seele ſich in dieſen Worten ausſprach, der Ton, in dem ſie geſprochen waren, deutete doch auf tiefes Weh, das durch die Seele des alten, vielgeprüften Mannes zog. Es trat eine lange Pauſe ein, in der Jeder ſeinen Gefühlen Raum gab. In dieſem Augenblicke klopfte es an, und Lederer trat mit freudeſtrahlendem Geſichte herein. „Ach,“ ſagte er,„ich habe einen Wetterſturm ausgehalten wegen des Bildes— aber er hat mich doch nicht gebeugt. Crambolin wüthete; doch ſein Zorn überſtieg alles Maaß, als er, nach Abzug der Koſten, mir dieſe Quittung des Lederhändlers und dieſe ſchöne Summe baaren Geldes einhändigen mußte, um ſie Euch zu bringen, — 112— Meiſter Glöckner. Dafür aber müßt Ihr Euch einen andern Seſſel kaufen, denn der Drewes iſt zwar ein grundguter und ehrlicher Menſch, aber in ſeiner Narrheit ſo verrannt, daß er wohl ſchwerlich den Seſſel hergeben wird. Ich hab' ihn nach allen Kanten bearbeitet, aber es verfing nicht. Zwar beſtellte er mich noch einmal auf morgen früh— und ich glaube, er kauft Euch am Ende noch einen andern Seſſel, aber den ſchönen, alten werdet Ihr verſchmerzen müſſen.“ Den Strom der Dankbarkeit, welcher eben aus drei Herzen brechen wollte, unterbrach der Hausknecht aus dem rothen Hauſe, der faſt athemlos hereinſtürzte.„Ihr ſollt ſogleich in's rothe Haus kommen, Meiſter Glöckner, zum Herrn Drewes von Bingen,“ berichtete er.„Sogleich, habt Ihr's gehört? Es eilt!“— „Was iſt denn zu thun?“ fragte Schambattiſt, als Glöckner vor Erſtaunen nicht zum Wort kommen konnte. „Was weiß ich?“ verſetzte der Hausknecht.„Macht Euch nur ſchnell auf die Lappen. Der Drewes kann nicht lange Aufſchub vertragen, ich kenne ihn. Der bremmſt mich was herum.“ „Gebt Acht,“ rief, die Hände vor Luſt reibend, Lederer,„mein Wort hat doch bei Dem durchgeſchlagen. Nun aber Meiſter Glöckner, macht, daß Ihr geht!“ Käthchen eilte, des Vaters Hut und Rock zu holen, den er Sonntags zu tragen pflegte, wenn er nach dem Dom ging.. „Ich denke, wir Beide gehen mit dem alten Manne,“ ſagte der ehrliche Lederer zu Schambattiſt. Käthchen, die vor Freude ſtrahlte, ſtimmte ein, und bald gingen alle Drei hinaus. Dem alten Manne wurde der Weg aus der goldenen Luft bis zum rothen Hauſe hinab recht beſchwerlich. Obwohl ihm Schambattiſt den Arm reichte, wurde es doch ziemlich ſpät, bis ſie in das Gemach traten, wo Drewes, der Richter und der Sattler in geſpannter Erwartung ſaßen. „Aha,“ rief Drewes,„kommt Ihr endlich!“ zerriſſen in der Mitte des Zimmers ſtand.„Was ſoll ich hier?“ Glöckner's Blicke ruhten mit Schmerz auf dem Seſſel, der wie — 113— fragte der alte Mann unwillig.„Wollt Ihr mir den Schmerz bereiten, mein theuerſtes Eigenthum zu erblicken, das Ihr mir entriſſen und nun zerreiſſet? Wollt Ihr Euch an meinem Schmerze weiden?“ Drewes' ging das Wort des alten Mannes durch die Seele. Er faßte ſeine Hand und ſagte:„Glaubet das nicht, Meiſter Glöckner, ich weiß von dem braven jungen Manne dort, wie Ihr zu dem Seſſel ſteht; aber— da iſt etwas ſichtbar geworden, das nur in Gegenwart des Herrn Friedensrichters und Eurer geöffnet werden darf, da ich kein Recht daran habe. Herr Richter, laſſen Sie gefälligſt öffnen!“ Verwundert blickten Alle auf den Sattler, der jetzt auf eine kaum bemerkbare Feder drückte. Ein Käſtchen ſprang auf. Es lag ein Papier darin, etwa zehn lange Rollen und eine kleine Schachtel. „Bitte, leſen Sie die Schrift, Herr Friedensrichter,“ ſagte Drewes. Dieſer entfaltete das ziemlich vergilbte Papier und las: „Mein lieber Bruder! „Als ich noch in Benares wohnte und Geſchäfte trieb, kaufte ich einſt dieſen Seſſel von einem alten Hindu, den ich nicht kannte, auch nicht habe wieder auffinden können. Woher er ſtammt, weiß ich nicht. Als ich ihn genau unterſuchte, berührte ich unvermuthet eine Feder und die Rückplatte des Sitzes ſprang auf. In dem Käſtchen lag ein Schatz von Gold und Edelſteinen. Sie legten mit dem Golde den Grund meines Reichthums. Einen Theil der Edelſteine behielt ich. Sie ſind von hohem Werth und liegen in dem Käſtchen. Ich brauchte ſie nicht zu veräußern und hielt ſie für etwaige Wechſelfälle in meinem Leben zurück. Gott ſei Dank, dieſe ſind nicht eingetreten! Gott ſegnete mich mit Reichthum, aber ich wurde hart und mißtrauiſch. Ich kam nach Mainz zurück und Deine Liebe ſah ich für Heuchelei und Streben nach meinem Erbe an. Gott verzeihe mir's! Du weißt, ich verheirathete mich, weil — ich bethört wurde; aber ich lernte mein Weib kennen und verließ ſie. Wem ſollte ich meine Habe zuwenden, als Dir? Aber Du ſollteſt es nicht gleich ahnen, deßwegen verbarg ich den Dir zuge⸗ N. F. Ww. S 1 — dachten Theil in dem Seſſel, den ich Dir hinterlaſſe. Die Feder zeige ich Dir, ehe ich ſterbe Vergib meine Thorheit und bete für Deinen Bruder Joſeph Glöckner“ Der Friedensrichter hatte längſt das Papier neben das Käſtchen gelegt und noch dauerte die tiefe Stille fort, die während des Leſens geherrſcht hatte. „Ach, nun weiß ich, warum mein Ohm Joſeph meinem Vater den Seſſel ſo gewaltig auf die Seele band. Nun weiß ich, was er ihm in's Ohr flüſtern wollte, als der Tod das Band ſeiner Zunge feſſelte,“ ſagte mit Thränen im Auge Meiſter Glöckner. Drewes ſtand mit heiteren Zügen neben ihm.„Nehmt Euer Eigenthum, Meiſter,“ ſprach er,„und den Seſſel ſchenke ich Euch dazu. Ihr, junger Mann, habt mir heute verſprochen, daß Iht. mir ein gleiches Kunſtwerk hier wollet machen laſſen. Ich halte Euch beim Wort.“ „Das ich halten werde,“ ſagte freudig Lederer. „Meiſter,“ wandte ſich Drewes darauf an den Sattler,„nagelt den Bezug wieder drauf.“ „Mit den Nägeln von Silber?“ fragte dieſer bedenklich. „Verſteht ſich— denn mich geht er nichts mehr an. Ihr habt ja gehört, daß ich ihn Meiſter Glöckner geſchenkt.— Meiſter, nehmt Eure Schätze!“ „Stille,“ ſagte der Richter„Wir wollen erſt ſehen, was in den Rollen iſt.“ Er nahm eine heraus und öffnete ſie. Es waren Doppelguineen.„Empfangt Euer rechtmäßiges Erbe,“ ſprach er zu dem tiefgerührten Greiſe.„Ich wünſche Euch Glück!“ VI. Ein Jahr ſpäter ſagte Drewes zu ſeiner Schweſter, unter deren Papageien ein arges Sterben gekommen war:„Julchen, in Mainz iſt der van Aacken mit ſeiner Menagerie. Laß uns zuſammen — dorthin reiſen, dann kannſt du dir neue Eremplare kaufen. Ich 5 muß doch hin, denn der alte Glöckner hat mir geſchrieben, mein Seſſel ſei fertig, aber ich müſſe ihn ſelber holen, zumal ich Pathe bei dem Erſtgeborenen ſeiner Tochter geworden und die Kindtaufe bis zu meinem Kommen ausgeſetzt ſei.“ Das gefiel Jungfer Julchen über die Maßen, und die zwei Geſchwiſter reiſten zum erſten Mal in ihrem Leben mit einander nach Mainz. In einem ſtattlichen, ſchönen Hauſe auf der großen Bleiche hielten ſie an. Zwei junge Männer und ein Greis empfingen ſie wie alte, liebe Freunde an der Thüre. „Nun, das iſt ſchön,“ ſagte Drewes, daß ich auch Sie hier finde,“ und reichte mit dieſen Worten Lederern die Hand. „Wiſſen Sie denn nicht, daß wir einen Holzhandel in Gemeinſchaft führen, Kugler und ich,“ fragte Lederer,„und daß er köſtlich geht?“ „Nein,“ ſprach Drewes,„aber das freut mich. Ihr ſeid zuſammengeführt worden in den Tagen der Sorge und des Unglücks, ſo müßt ihr auch zuſammenbleiben in den Tagen des Glückes.“ Die Alten wurden hinaufgeführt und ein ſchönes, blühendes Weib brachte einen prächtigen Knaben dem Herrn Drewes entgegen und ſagte:„Segnen Sie Ihren Pathen, der mit ſeinen Eltern Ihnen Glück und Segen verdankt.“ Drewes beugte ſich über das Kind und küßte es auf die Stirn, und es währte länger als ein gewöhnlicher Kuß, bis er ſich aufrichtete, weil— er eine Thräne verbergen wollte, die dagegen Käthchen ſich keine Mühe gab, in ihrem ſchönen, glänzenden Mutter⸗ auge zu verbergen. Nachdem ſich die beiden Ankömmlinge von Bingen einigermaßen erholt hatten, nahm Glöckner Drewes an der Hand und führte ihn in ein größeres, nebenanſtoßendes Zimmer. Dort ſtanden zwei Seſſel— einer wie der andere, beide gleich mit purpurrothem Sammet bezogen. „Nun, theurer Freund,“ ſagte Glöckner,„welches iſt der alte, echte Glücksſeſſel?“ Alle waren gefolgt. Drewes ging prüfend um beide herum. Er beſah alles ſo genau wie möglich. Endlich, nach langer Prüfung, 8* — richtete er ſich auf, ging auf Lederer zu und ſprach:„Sie ſind ein wahrer Hexenmeiſter!“ „Ich nicht,“ lachte dieſer,„ſondern einer unſerer geſchickten Arbeiter. Nun, welcher iſt's?“ „Ehrlich geſtanden,— ich weiß es nicht,“ meinte Drewes etwas kleinlaut. 3 „Da ſehen Sie, wie wahr das iſt, was ich Ihnen im rothen Hauſe ſagte. Man kann die Leute mit ſehenden Augen blind machen und mit der Alterthümelei geht's in der Regel auf ein bischen Lug und Trug hinaus. Herr Glöckner,“ fuhr er fort, „zeigen Sie ihm den neuen, denn— ich kenne ihn ſelber nicht mehr.“ Glöckner drückte auf die geheime Feder und ſagte:„Dies iſt der alte.“ Wirklich war der neue ein Meiſterſtück und der Schreiner, der ihn gefertigt, hatte durch künſtliche Beize dem Holze auf's Täu⸗ ſchendſte dieſelbe Farbe gegeben. Glöckner zog Drewes in den neuen Seſſel, wo er ſich ſetzen mußte. Dann umarmte er ihn und ſprach:„Gott laſſe Sie lange darin geſund und ohne Sorgen ruhen!“ Alle ſtimmten in dieſen Wunſch aus treuem Herzen ein. Am folgenden Tage war die Kindtaufe, wo dann der Friedens⸗ richter und der Sattler, wie auch der öffentliche Ausrufer nicht fehlten, der Drewes den Seſſel zugeſchlagen. Sie verlebten einen glücklichen Tag, und Drewes und ſeine Schweſter ſonnten ſich recht in der Liebe, die ihnen ſo innig gezollt wurde. Sie blieben mehrere Tage bei ihnen in Mainz. Schambattiſt half Jungfer Julchen die ſchönſten Papageien kaufen, und als ſie endlich ſchieden, war das kleine Verdeck der Diligence ganz von den Käfigen der ſchreienden Vögel bedeckt, aber die Mitreiſenden hatten nur Augen für den köſtlichen Seſſel, der in der Kajüte ſtand, was Drewes große Freude bereitete, zumal ihn Jedermann für alte, köſtliche Schnitzarbeit anſah. 5 —— —— Des Donanen Kind. Eine rheiniſche Schmugglergeſchichte. I. Wo zwiſchen Bingen und dem Dorfe Heimbach die Burg Soneck hoch auf einem Felſen thront, beginnt der Soon, ein mächtiger Wald, welcher ſich über die Berge hinzieht, die das reizende Nahethal gegen Norden begrenzen und ſchützen. Seine Längeausdehnung beträgt wenigſtens vierzehn und ſeine Breite durchſchnittlich vier Stunden. Bäche, welche von der Waſſerſcheide des Hunsrückens ſich zur Nahe hinwinden, haben an vielen Stellen die Berge durchbrochen und ſchauerliche Schluchten in das ſchwarze Geſtein geriſſen, wo ihre Wellen im weißen Schaume ſich an den Felſen brechen; an anderen Stellen ſchneiden liebliche Thäler in die Berge ein, wo ſich der fleißige Menſch angebaut und ſeine Dörfer gegründet hat; aber auch auf den ſüdlichen Abhängen des dunkeln Soon hat in früheren Zeiten ſchon die Art gelichtet, und wo einſt der Wald herrſchte, da zieht jetzt der Pflug ſeine Furchen, und die goldene Aehre reift im Strahl der Sonne auf weiter Flur. Dort, am ſüdlichen Abhange, wo unfern auf hoher Kuppe eine alte Wildgrafenburg über die weite Gegend ſchaut, liegt ein Dorf, das gegen Norden den die Höhe bedeckenden Hochwald Soon zum Schutze hat, deſſen Fluren ſich rechts und links ausdehnen und an deſſen Häuſer ſich ein grüner Gürtel von Wieſen anſchmiegt, ſo ſaftig und friſch, daß das Auge ſchon von Ferne ſich daran erlabt. Ein Wald von Obſtbäumen umſchließt das Dorf, aus dem ſein Kirchthurm recht hoch herausſchaut. Unfern des Dorfes ſtürzt ein Bach in eine tiefe Schlucht, die auf beiden Seiten mit dichtem Gebüſche bewachſen iſt, aus welchem einzelne Hochſtämme ſchlank in die Freiheit hinaufſtreben. Weiter unten wird der Fluß des Baches ruhiger, denn die Thalſohle wird breiter und ebener, und dort liegt die„rothe Mühle,“ ſo genannt, weil das Balkenwerk roth angeſtrichen iſt ſeit alter Zeit, und die Gefachſpiegel weiß ſind. Damals, als unſere Geſchichte ſich dort ereignete, wohnte hier ein alter Junggeſelle und trieb das Geſchäft des Mahlens mit Erfolg. Wenn man von der Mühle den gewundenen Felspfad hinauf nach dem Dorfe ſteigt, ſo geleitet er durch den Wieſengürtel des Abhangs in einen breiteren Pfad, der, auf beiden Seiten mit Hainbuchen bewachſen, nach dem Dorfe führt. Links, wenn man in's Dorf tritt, ſteht ein Bauernhaus, mit Stroh gedeckt, wie alle. Das Strohdach läuft aber gegen die Wieſe, die ſich daran ſchließt, und die eine beſchorene Hainbuchenhecke einfriedigt, weit vor, ruht auf vier gewaltigen Stämmen, und bildet ſo eine eben ſo kühle als anmuthige Wagner⸗Werkſtätte. Dieſes Haus bewohnte der alte Fehringer mit ſeinem Sohn und der alten Baſe Lene, Lenebas ſchlechthin genannt. Gegenüber, und nur durch den Pfad getrennt, ſtand ein kleines Haus, einem reichen Bauer Namens Ries gehörig, das aber an den Douanen Dollart vermiethet war. Aber, fragen vielleicht meine Leſ ſerhnen⸗ wer war denn das? Was heißt denn ein Douane und wie kommt der hierher?— Darauf muß ich freilich antworten, und bin genöthigt etwas weit auszuholen. Als Napoleon die Welt beherrſchte, oder doch einen großen Theil davon, trug er, wie bekannt, unerſättlichen Haß gegen Eng⸗ land, deſſen Macht zu brechen ſeine höchſte Aufgabe war. Gerade am allerverwundbarſten Siegfriedsfleckchen faßte er's, nämlich an ſeinem Gewerbfleiße und Handel. Er verſchloß nicht enur allen engliſchen Waaren ſeine Grenzen, ſondern ſelbſt denen, welche durch engliſchen Verkehr uns zugeführt werden. Darum zog er eine doppelte Zollwächterlinie um das Reich. Am Rheine ſtanden dieſe „Douanen“ enge, und man begegnete den bewaffneten Grünröcken überall bei Tag und bei Nacht, denn ſie gingen von Poſten zu Poſten, um ja jede Regung auf den Fluthen des Rheines zu —— — 121— beobachten, und es war kaum möglich, daß vom jenſeitigen Ufer ein Kahn landen konnte, ohne daß Einer dieſer den Uferbewohnern verhaßten Unglücksvögel zur Hand geweſen wäre, ſchonungslos den Landenden zu betaſten und zu unterſuchen bis auf's Hemd, ob er keine verbotenen Waaren einſchwärze oder, wie man ſagte: ein⸗ ſchmuggle. Eine zweite Linie, freilich weiter auseinander ſtehend, zog ſich über die Höhen und Berge hin, welche etwa zwei bis drei Stunden vom Rheine entfernt waren, und zu dieſer, der ſogenannten „ſchwarzen Brigade“ gehörte Dollart, welcher in dem Hauſe neben Fehringer wohnte, mit ſeiner Frau und ſeiner Tochter Claire einen kleinen Haushalt bildend. Im Lande koſtete Salz, Tabak, Kaffe und Zucker horrendes Geld, und über dem Rheine, in den Uferorten, nur ſehr wenig. Wenn nämlich im Lande der Kaffe das Pfund zu zwei bis drei Gulden bezahlt wurde, ſo koſtete es drüben etwa ein Sechstel oder Siebentel dieſes Preiſes, und ſo im Verhältniſſe Alles. Engliſche Stoffe aber erreichten eine Preishöhe, die fabelhaft heute klingen würde. Es iſt eine uralte, ſelbſt im Paradieſe begründete Wahrheit, daß eben das Verbotene reizt. Hier kam indeſſen auch noch das Bedürfniß hinzu, um den Schmuggel zu begründen. Es war das einträglichſte Geſchäft für die Schiffer und Rheinuferbewohner, zumal Schifffahrt und Handel unglaublich ſtockte. Aber es hatte dies Gewerbe ſeine Schwierigkeiten und Gefahren. Wurde ein Schmuggler ergriffen, ſo war die Galeere ſein Erbe, Hab und Gut wurde als Staatseigenthum verkauft, wenn man in einem Hauſe ausländiſche Waaren fand, die unver⸗ zollt eingefühtt waren. Die Zölle aber glichen in ihrer enormen Höhe einem völligen Verbote wie ein Ei dem andern. Da lockte der große Verdienſt, und die Schlauheit mußte das Aeußerſte aufbieten, wenn ſie die Liſt der Douanen überliſten wollte; es ſei denn, daß ſie, die ſehr geringe beſoldet waren, die Hand mit den Schmugglern im Spiele hatten und gefällig rheinaufwärts gingen, wenn rheinabwärts ein Kahn mit verbotenen Waaren landete. Raſch warfen dann die Schmuggler ihre Bündel, welche mit Saalband⸗ trägern verſehen waren, über, und mit Windeseile ging's den Berg hinan, wo oben der Wald ſie in ſeinen dunkeln Schutz nahm. Waren ſie glücklich über die erſte Douanen⸗Linie draußen, ſo war das Spiel ſchon halb gewonnen. In einer Mühle, einem Förſterhauſe, oder in einem einſam ſtehenden Hofe wurden dann die Bündel abgelegt; Andere, Landeskinder, welche die Wälder und Schliche kannten, nahmen ſie hier auf und trugen ſie bis hinter die zweite Douanen⸗Linie, und jenſeits dieſer war der Sieg errungen und die Waaren gingen bis Paris, wo die Damen des Hofes Napoleon's bei den kaiſerlichen Feſten in den Roben engliſchen Stoffes und im Schmucke engliſcher Spitzen ſich bewundern ließen; ſelbſt der duftende Kaffe auf den Tafeln in den Paläſten Napo⸗ leon's war geſchmuggelter, dem man's freilich nicht anſchmeckte. So ſtand's damals am Rheine und in den Bergketten, die ſeine Ufer bilden. Auch in dem Dorfe, deſſen Lage ich eben geſchildert, war ſeit Kurzem, es war im Jahr 1813, eine ſchmuggleriſche Verbindung angeknüpft, und der Wirth Kamper ſuchte eine Schmugglerbande zu bilden. Es war an einem Sonntagnachmittage, ſchon gegen Abend, als alle die Leute heimgegangen waren, da ſaß der alte Fehringer allein noch bei dem Wirthe und blickte wehmüthig auf ſein Glas, in dem nur noch wenige Tropfen ſtanden. Der Wirth raſſelte mit der Rechten in ſeinem Sacke mit Geld⸗ während er mit der Linken mit ſeinem vollen Glaſe ſpielte. Sein Auge ruhte dabei mit einem pfiffigen Ausdruck auf dem Fehringer.— Endlich ſagte er:„Was denkſt du jetzt Fehringer?“ „Was ich denke?“ war deſſen Antwort,„daß mein Handwerk, ſeit der Jörg ſich hier als Wagner geſetzt hat, mir nicht mehr ſo viel gibt, daß ich leben kann—“ „Und trinken!“ fiel der Wirth ein und lachte dazu. ——— ———————— — 123— „Auch das,“ fuhr Fehringer fort.„Du raſſelſt im Gelde, und wenn du mich auf den Kopf ſtellſt, fällt kein Pfennig heraus; du haſt ein volles Glas und das meine iſt leer. Das iſt unan⸗ genehm, ob ich gleich kein Säufer bin.“ „Da trink' einmal mit mir,“ ſprach der Wirth, und ſchob ihm ſein Glas zu.„Aber biſt du daran nicht ſelber Schuld?“ fragte mit einem Tone des Vorwurfs der Wirth. „Das verdien' ich nicht,“ ſprach mit Feſtigkeit der alte Fehringer. „Niemand wird mir und meinem Martin abſprechen, daß wir uns ehrlich umthun; daß wir arbeiten mit Freuden, wenn wir Arbeit haben; allein es geht ſo in der Welt, daß Alles dem neuen Wagner zuläuft, weil neue Beſen gut kehren. Mein Gut iſt geringe. Es nährt mich nicht. Das Handwerk wirft nichts mehr ab. Da haſt du gut reden.“— „So hab' ich's ja gar nicht gemeint,“ nahm der Wirth das Wort.„Ich weiß ja, wie es euch geht, und ſelbſt das weiß ich, daß du mit deinem Schwager zerfallen biſt, der dir helfen könnte, der Müller in der rothen Mühle nämlich. Ich dachte an ein Anderes.“ Und nun neigte er ſich flüſternd zu Fehringer's Ohr und ſagte:„Du könnteſt mit deinem Sohne alle Woche zwei, auch vier Kronthaler verdienen, und zwar wenn Andere ſchlafen! Verſtehſt du mich?“— Fehringer fuhr auf. Wie meinſt du das?“ fragte er betroffen. „Nun“ entgegnete der Wirth,„die ganze Arbeit beſtünde darin, daß ihr zwei Bündel trüget. Für jeden fällt ein Kronthaler ab.“ „Aha, ſchmuggeln,“ ſagte Fehringer. „Ja, ſchmuggeln,“ war des Wirthes Gegenrede.„Ihr nehmt die Bündel und tragt ſie nach dem Schwarzfelſer Hof dahinten. Es ſind drei Stunden Weges. Den Weg kennſt du, wie du deine Weſtentaſche kennſt, und gehſt ihn im Dunkeln ſo ſicher, wie am ⸗ Tage.“ „Ja, wenn der Dollart nicht wäre!“ — „Was Dollart?“ rief zornig der Wirth.„Sich nicht fangen laſſen, iſt die Kunſt.“ „Dem trau' Einer!“ ſagte Fehringer.„Ich weiß mehr, als du!“ „Nun was weißt du denn?“ fragte ſpottend der Wirth. „Wir ſind allein,“ ſprach mit feierlichem Ernſte Fehringer, „da kann ich reden. Du weißt, ſie ſagen, der gehe nicht mit rechten Dingen um; er habe— einen Pakt mit dem Böſen, und darum fange er die Schmuggler ſo oft. Ich hab's geſehen, daß ₰ es nicht juſt iſt mit ihm Glaub' mir's. Ich bin kein Haſe, aber es gibt Dinge, die Einem eiskalt machen.“ „Du abergläubiſcher Narr!“ rief zornig der Wirth.„Wenn er Alles wüßte, ſo wären die Schmuggler nicht geſtern ihm vorbei „Mag ſein,“ entgegnete Fehringer,„aber was meine Augen ſehen, das glaubt mein Herz Es war heute vor drei Wochen, am Samſtags Abend. Ich war im Walde, um mir eine Laſt guter Schippenſtiele zu hauen. Der Mond ſchien hell wie am Tage. Ich lag, weil ich den Förſter witterte, im Buſch und hielt mich ſtille, wie der Haſe im Lager ſitzt, und duckte mich. Da ſah ich Einen am Saume des Waldes ſchleichen; aber es war der kleine dicke Förſter nicht, ſondern die lange, hagere Geſtalt des Douanen Dollart. Nicht weit von mir ſtand ein alter Ständer, du weißt ja die hohe Eiche am Senpnnen Da ſah ich ihn ſtehen, mutterſeelen allein. Da pfiff er plötzlich kurz, hell und gellend, und blitzſchnell war noch Einer bei ihm, auch angethan wie ein Douane, eine Flinte im Arm, einen Hut auf, wie Dollart. Sie flüſterten mit einander. Plötzlich dreht ſich der Fremde um und ſein Geſicht war— rabenſchwarz!— Gleich drauf gingen ſie nach dem Sillrotherwalde hin und Piff! Paff! hör' ich die zwei Flinten knallen, und ſie hatten die Waare der Schmuggler, zehn reiche Bündel, die ihm ein hölliſches Geld einbrachten. Was meine Augen ſehen, glaubt mein Herz, Kamper. Ich weiß, daß weit und breit kein Douane iſt, als er, und ich hab' ihn allein aus ſeinem Hauſe — v— — 125— gehen ſehen und allein heim gehen Mach's rund, wenn du kannſt!“— Der Wirth ſchwieg und es rieſelte ihm kalt über den Rücken, eiskalt, denn die Schmuggler hatten den Schwarzen auch geſehen, als ſie von ihm betroffen wurden, und ſie ihre Bündel abwarfen und davon liefen. „Larifari!“ ſprach er;„ihr habt in der Angſt Alles doppelt geſehen, und ſchwarz ſehen in der Nacht alle Katzen aus. Du könnteſt als Schmuggler mehr leiſten, als Alle zuſammen, weil du den Spitzbuben auslauern könnteſt; ja dein Märtin, der mit der ſchönen Claire gar gut ſtehen ſoll, wie der Adam Ries will heraus⸗ gefunden haben, könnte es erſt recht ausluken, wohin der lange Dollart geht. Ginge er rechts, ſo ginget ihr links, dann wäre das Fangen denn doch eine Kunſt.“ „Mein Martin hat nichts mit dem Douanenmädel zu thun!“ rief Fehringer zornig.„Der Neidſack, der Adam Ries, hätte das Mädel gern zur Frau, aber es mag ihn nicht, und daher meint er, mein Martin, der ein bildhübſcher Jung' iſt, müßt mit dem Mädchen Liebhaben ſpielen. Glaub' dem Lügner nichts. Der hält's mit dem Dollart, und könnte er, ſo verriethe er ihm Alles.“ „Mag ſein,“ verſetzte der Wirth,„aber ausſpioniren könntet ihr den Dollart doch und ſchmuggeln helfen. Iſt dir's recht, ſo ſchlag ein; aber ein Schloß vor d Mund, hörſt du, und morgen beginnt Arbeit und Verdienſt.“ Fehringer'n ſtieg das Blut in den Kopf, daß er ſchier ſchwindelig wurde Eine Weile ſaß er da und wußte nicht, ſollte er einſchlagen oder nicht— dann aber ſchlug er raſch ein. „So iſt's recht,“ ſagte der Wirth.„Nun will ich dir auch vertrauen, daß in meinem Hauſe die Bündel liegen und ihr von hier aus ſie auf den Hof traget. Ich zahle euch den Lohn aus und ein ſolcher Verdienſt läßt ſich hören.“ Noch eine Weile redeten ſie halblaut, dann ging Fehringer heim und Martin trat ihm aus der Werkſtatt entgegen. II. Dollart war ein Elſäſſer, und dazu ein pfiffiger Menſch, was nicht alle Elſäſſer ſind; aber was ſie meiſt ſind, von Herzen gut⸗ müthig. Er ſuchte ſeine Familie ehrlich zu nähren. Wenn ihn der Dienſt nicht in Anſpruch nahm, ſaß er an ſeinem Webeſtuhl und wob Damaſtleinen, in welcher Kunſt er Meiſter war. Seine Frau ſtand mit den Bauersfrauen ungemein gut; denn ſie verſtand die Hauben zu machen, zu waſchen und zu bügeln, und Claire half wacker. Dollart's waren nicht ſtolz, kleideten ſich beſcheiden und Claire ging mit den Mädchen freundlich um, und wenn die Burſche und die Mädchen Sonntag Abends vor's Dorf ſpaziren gingen, und ſangen, da war ſie dabei, und ihre glockenreine Stimme hörte man vor allen. Die Mädchen waren freilich mit Claire nicht zufrieden; ihr aber konnten ſie doch keinen Vorwurf machen, weil ſie im Grunde unſchuldig daran war. Das lag nämlich ſo. Claire war achtzehn Jahre alt und ſchön, wie ein Engel. Eine hohe, ſtolze Geſtalt, mit braunem Haar, ſo glänzend wie die Schale der reifen Kaſtanie, wenn ſie aus der Kolde fällt; mit Augen ſo groß, ſo klar, ſo freundlich, daß man nichts icheres ſehen konnte; mit einer Hautfarbe, wie der junge Schnee, auf dem die Morgenſonne ruht im erſten Strahle; mit einer Leichtigkeit des Ganges und der Bewegungen, als hingen alle dieſe reizenden Glieder in feinen Drähtchen— kurz— ſchöner war weit und breit kein Mädchen, obgleich im Dorfe die Schönſten der ganzen Soonhöhe zu finden waren, und die auswärtigen Burſche ſich manch' Mädchen heim⸗ holten zum Aerger der Einheimiſchen. Seit Claire im Dorfe war, hatten alle Burſche nur Augen für ſie, und es ſchien, als ſeien die anderen bildhübſchen Mädchen gar nicht da; aber Claire gab doch gar keine Veranlaſſung dazu. Sie zeichnete Keinen aus, ging Keinem zu Gefallen, und, wenn ſie — auch gegen Keinen unfreundlich war, ſo hatte ſie doch ſo eine merk⸗ würdige Art, daß es Keiner wagte ſich ihr zu nähern, oder einen Scherz mit ihr zu machen. Es war ordentlich ein Reſpekt, den ſie vor dem muntern Mädchen hatten, als ob's die Pfarrerstochter wäre. Wenn nun auch ſo ein heimlicher Neid in den Herzen der Mädchen ſaß, ſo ließen ſie's denn doch die herzliebe Claire nicht entgelten; denn das hätten ſie gar nicht fertig gebracht, weil ſie zu gut, freundlich und lieb war gegen Jedermann, ohne Ausnahme. Und wenn auch die ſchöne Claire keinen der Burſchen auszeichnete, ſo war doch Einer, der es beſſer wußte, als alle, wie es um ihr Herz ſtand, und welch' eine Seligkeit es war, von ihr geliebt zu ſein — und das war—— Fehringer's Martin, ihr Nachbarsſohn. Martin war ſo alt als Claire, und die Mädchen im Dorfs waren alle einſtimmig darin, er ſei der ſchönſte, bravſte und beſcheidenſte Burſch im Lande; das konnte ihm aber auch ſelbſt der Adam Ries nicht ableugnen, der's doch ſo gerne gethan hätte, weil er ihn beneidete.— Martin war groß, ſtarkgebaut und doch ſchlank. Seine Haltung war kerzengrade. Um ein blühendes Antlitz ſproßte der junge Bart und gab ihm eine dunklere Beſchattung, auch wenn er ihn ſorgſam abrafirte. Dunkle Locken fielen in krauſen Ringeln um das ſchöne Oval ſeines Geſichts und ſeine Augen leuchteten wie zwei Sterne. Seine Haltung war ſtille und ernſt; ſein Leben fleißig und vor⸗ wurfsfrei. Daß er arm war, that nichts; denn der Müller in der rothen Mühle war ſein Ohm und Pathe, und er ſein Liebling, wenn er auch ſeinen Vater nicht leiden konnte, der ſeine ſelige Frau, des Müllers Schweſter, übel behandelt hatte. Stand auch das Erbe im weiten Felde, ſo kam's doch einmal ſicher, und wenn jetzt der Müller die Hände feſt zuhielt, ſo kam das ja dem Martin allein zu Gute. Seit Dollart's Claire im Dorfe war, konnte man freilich an dem Martin etwas merken. Er hatte kein Mädchen, keinen Schatz, und wahrhaftig, jede hätte ſich glücklich geprieſen, die ſich hätte ſagen dürfen, ſie ſeis, die er erkoren. Manchmal ſagten die Mädchen unter ſich: Es iſt mit den Zweien, der Claire und dem Martin, nicht richtig; denn heute hatte die gemeint, ſie hätte Martin auf einem Blicke ertappt, der unbewacht zu Claire geft und die Fülle einer innigen Liebe verrathen; morgen meinte j ſie habe es geſehen, wie Claire's wundervolle Augen lange und ausdrucksvoll auf Martin geruht, und ſie roth geworden ſei bis an die Ohrläppchen, als ſie ſich bemerkt und beobachtet geſehen; allein dabei blieb's, und ſichere Beweiſe fehlten, wie ſorglich auch die war. Die Liebe, auch die reinſte, iſt ſchlau. Das iſt eine Welt⸗ erfahrung und eine Thatſache, für die tauſend Beweiſe vorliegen. Das Geheimniß iſt ſo ſüß; iſt ein ſo gewaltiger Zauber, daß ſeine Macht unendlich groß und weitreichend iſt. Das ſelbſteigene Wiſſen um die Liebe des geliebten Weſens entſchädigt für Alles und ein Augenblick glücklicher Gemeinſchaft reicht hin auf lange Zeit des Entbehrens. Das zeigte ſich bei Claire und Martin im hellſten Lichte. Sie hatten ſich liebgewonnen, ehe Eins dem Andern nur irgend ſeine Liebe verrathen. Ein Moment aber war entſcheidend geweſen. Claire ſtand einſt am Bache, Waſſer zu ſchöpfen. Ein von ihr ſehr geliebtes Kind einer benachbarten Familie war ihr gefolgt und ſürzte in den Bach, der es mit ſich fortriß. Ver⸗ zweifelnd ſchrie das Mädchen um Hilfe. Martin kam grade am Ufer des Baches durch die Schlucht herauf. Er vernahm den Ruf; erkannte die Stimme und beeilte ſeine Schritte. Da ſah er das Kind, ſtürzte zum Ufer, in den Bach und rettete das Kind. Keine Menſchenſeele war weit und breit zu ſehen. Martin trug das Kind zu Claire und Beide brachten es in das Leben zurück. Claire eilte hinweg, trockene Kleider zu holen, was ihr unbemerkt möglich war, da die Eltern des Kindes auf dem Felde arbeiteten, Claire aber im Hauſe ſehr befreundet und bekannt war. Beide kleideten das Kind um und pflegten es, bis es wieder ganz munter wurde. Nun reichte Claire Martin ihre Hand, die er nicht wieder loslaſſen wollte und die ihm Claire auch gerne ließ. ——— — Während das Kind vor Erſchöpfung Un Claire's Schvoß einſchlief, plauderten Beide traulich, und das ſüße Geheimniß der ſtillen Bruſt fand ſeinen Weg über die Lippe, und über dem ſchlafenden Kinde wurde der Bund der Herzen geſchloſſen, aber auch das gegenſeitige Gelöbniß abgelegt, daß Niemand ihre Liebe ahnen dürfe. Das hielten ſie treu und jene Aeußerungen der Mädchen waren mehr eine Zuſammenſtellung von Vermuthungen, als wirkliche Thatſachen. Daß ſie beobachtet wurden, wußten Beide nur enn Adam Ries verfolgte die liebliche Claire mit ſein Lie die Mädchen wollten auch, wie dieſer, um jeden Preis dahinter kommen, ob denn, wie ſie ſagten, Claire ein Herz von Stein habe, und ob denn Martin abſolut in's Kloſter gehen wolle, da er doch Proteſtant, und nicht einmal ein Kloſter im Lande ſei. Zu dieſem Geheimniß trieb ſie auch noch ein Anderes. Claire's Vater war ein ſtrenger Mann und ürde eine Neigung ſeines Kindes zu einem bloßen, dazu unbemiiit ten Bauerburſchen durchaus nicht gebilligt haben, und der Müller in der rothen Mühle war ein ſo erbitterter Franzoſenfeind, daß er eine ſolche Verbindung ſeines lieben Pathen und Erben in Hoffnung nicht würde geduldet haben. Hoffnung iſt allerwege die Begleiterin der Liebe. Auch Martin und Claire hofften und um ſo mehr, als ihre Liebe in ihrer Lauterkeit gewiß des himmliſchen Schutzes würdig war. Dem Bedürfniß der liebenden Herzen genügte es, ſich ſelten zu ſehen Da die Hauswieſen an einander ſtießen und Martin jede Stunde des Tages in der Werkſtatt hinter dem Hauſe ſaß, ſo fehlte es nicht an dem, was das Herz erſehnte. Sie ſahen ſich, ſie wechfelten über den Zaun weg ein Paar ſüße Worte, drückten ſich die Hand, und wenn an den Sonntagsnachmittagen die Burſche und Mädchen in hellen Haufen ſpaziren gingen und Lieder ſangen, ſo ſahen und hörten ſie ſich, und das genügte den beſcheidenen Herzen, und mehr heiſchten ſie nicht. Auch an dem Abende, als Martin's Vater den Bund mit dem N. F. w. G 1 Wirthe Kamper* und Martin ihm aus der Werkſtatt entgegen⸗ kam, hatten Beide ein halbes Stündchen unbemerkt gekoſt, und voll ſtiller Freude war Jedes in das Haus getreten. Wenn auch die gute Lenebas, die Fehringer's Hausweſen leitete, um die Liebe der Beiden alleine wußte, ſo ſprach ſie doch kein Wort darüber und weder ein Scherz, noch eine leiſe Andeutung färbte jemals Martin's Wangen höher. Die alte gute Seele hatte ihren braven Martin viel zu lieb, und auch das freundliche Douanenkind liebte ſie, wie einande that ſie es gewiß. Sie wachte ordentlich oben im Hauſe am Dach⸗ fenſter ihres Kämmerleins, wenn etwa Jemand käme, der ſie überraſchen könnte und machte dann irgend ein Geräuſch, das die Liebenden ſchnell auseinander trieb, ehe die Gefahr nahte. Wie ein treuer Schutzgeiſt wachte ſie über ihrer Liebe, ohne daß ihr das Schweigen Martin's wehe 6 hätte. Einen Mangel an Ver⸗ eine Sie war der Meinung, Beide ſeien ſo recht für trauen erblickte ſie darin gat nicht. Fehringer's ſah ſie auch heute kommen und rief laut einer Nachbarin ein Paar gleichgültige Worte zu, welche ſchnell die Unterredung der Beiden beendeten. Fehringer trat zu Martin. „Laß uns in die Stube gehen, Martin,“ ſagte er.„Ich habe dir Wichtiges zu ſagen. Wir find jetzt noch allein.“ Martin folgte ſeinem Vater und dieſer theilte ihm das mit, was eben zwiſchen ihm und Kamper ſich zugetragen. Martin erſchrak. Er überblickte ſchnell das Gewagte des Unter⸗ nehmens und eine Stimme in ſeinem Innern ließ ihn das Unrechte deſſelben richtig erkennen— ſowie die Gefahr, die dieſer Erwerb ſeiner Liebe drohte. Er ſprach tiefbewegt ſich aus. Der Vater hörte ihn ruhig an. „Martin,“ ſagte er,„du biſt verſtändig genug, einzuſehen, daß wir ſo, wie es jetzt um uns ſteht, nicht lange beſtehen können. Alle Bauern laufen zum Wagnerjörg, der gut und wohlfeil arbeitet, wohlfeiler, als wir es können. Wie er das fertig bringt auf die Dauer, wo doch das Nutzholz ſo theuer iſt und alle Tage theurer affen, und konnte ſie irgend eine Gefahr abhalten, ſo . — 131— wird, weil die Förſter mit dem Fällen geizen, das weiß ich freilich nicht, und iſt auch ſeine Sache; aber das weiß ich, daß ich ſo an den Bettelſtab komme und bald. Schulden drücken uns jetzt ſchon. Wohin ſoll es kommen? Seit hundert Jahren waren in unſerm Dorfe keine Bettler, ſollen wir die erſten ſein?“— „Vater,“ ſagte Martin,„ich will Holzhauer werden!“— „Das iſt ein ſchlechter Verdienſt,“ antwortete der Vater. „Wenn's gut geht, verdient Einer das Waſſer, das er trinkt. Die Förſter haben Alles ausgeſpitzt“ „So will ich mich als Knecht verdingen; Ihr mit der Bas bringet Euch durch, und von meinem Lohn will ich Alles abgeben, was mir von meiner nothwendigen Kleidung übrig bleibt.“ „Das iſt gut, aber reicht nicht aus,“ fuhr Fehringer fort. „So viel, wie wir da verdienen, kannſt du nicht erwerben.“ Nun ſtellte er ihm das, was verdient werde, in's Licht; redete dem braven Sohne zu, bis dieſer endlich aus kindlichem Gehorſam nachgab und einwilligte. Als aber der Vater vom Ausſpioniren des. Douanen Dollart zu reden begann, wies Martin dies mit einer Haſt und einem Eifer zurück, daß Fehringer zu argwöhnen begann. Indeſſen ſchwieg er darüber doch und entſchloß ſich, dies Geſchäft ſelbſt zu übernehmen. Martin ahnte, was in der Seele ſeines Vaters reifte, und ſah darin eine neue Gefahr, die dem Geheimniß ſeiner Liebe drohte. Als ihm Fehringer von dem Schwarzen zu reden begann, den er ſelber geſehen hatte, wurde Martin betroffen. Von dem Aber⸗ glauben ſeines Vaters war er frei; aber es dämmerte in ſeiner Seele eine Ahnung, die ihn tief ergriff, die ihn ernſt und traurig ſtimmte, weil die Möglichkeit eines unglückſeligen Ausgangs ihm wie ein drohendes Geſpenſt entgegen trat. Seinem Vater äußerte er nichts; allein hinter dies Geheimniß mit dem„Schwarzen“ zu kommen, war ihm eine Angelegenheit, welche ſeine Seele nicht zur Ruhe kommen ließ und den Schlaf von ſeinen Augen ſcheuchte, als er ſpät und bekümmerten Herzens ſein Kämmerlein aufſuchte. 9* — 132— Drüben aber, im Nachbarhaufe, ahnte das liebende Mädchen nicht wie tiefbewegt des Jünglings Bruſt war, und ihre Silber⸗ ſtimme klang noch lange hell und rein in ſein Ohr. Es war, als wollte ſie ihm von ihrer Liebe reden, denn das Lied, das ſie ſang, drückte das tiefſte und reinſte Gefühl aus, das ſie in ihrem Herzen trug. III. Dollart hatte im Laufe des Sommers mehrmals glückliche Fänge gemacht und das verdankte er— ſeiner Claire. Der Schmuggel wurde mit einer ſeltenen Frechheit betrieben in den letzten Jahren. Es kamen Fälle vor, daß Douanen erſchlagen oder doch auf den Tod mißhandelt wurden. Ihren Vater allein dieſer Gefahr bloßgeſtellt zu wiſſen, ertrug Claire nicht. Sie hatte keine Ruhe daheim in den dunkeln Nächten, wenn ſie wußte, daß er im dunkeln Walde allein einer wilden Rotte geſetzloſer Menſchen, Waghälſe, die der Gefahr trotzten, die ihnen drohte, mitunter ruchloſer, in Frevel gegen das Geſetz verhärteter Böſe⸗ wichte, gegenüberſtand. Aus alten Uniformſtücken ihres Vaters hatte ſie ſich mit gewandter Hand eine völlig paſſende Uniform bereitet. Ein alter Säbel mit dem gelben Lederbandelier hing noch da und auch eine Flinte; ein alter Hut vollendete ihre Maske. Aber durfte ſie ihr reizendes, zartes Geſichtchen ſehen laſſen, ohne daß ſie hätte befürchten müſſen, auf der Stelle erkannt zu werden, was dann ſchlimmer würde geweſen ſein, als das völlige Allein⸗ ſein ihres Vaters, dem es an Muth nicht gebrach? Auch hier fand ſie ſchnell ein Auskunftmittel. Ein Trauerflor, vor das Geſicht geheftet, erfüllte vollkommen den Zweck, wenn er auch weidlich unbequem war. So ſtellte ſie ſich einſt ihrem überraſchten Vater vor und dieſer, trotz ſeines herzlichen Lachens, erkannte ſchnell den großen Vortheil, welcher in der Bitte des muthigen Mädchens lag, ihn auf ſeinen nächtlichen Wanderungen zu begleiten Er kannte zu gut — 133— den tief gewurzelten Geiſter- und Geſpenſterglauben des Volkes, der nirgends mächtiger ſich geltend macht, als in Gebirgsgegenden und Landſchaften, wo die wilde Natur und die romantiſche Staffage in Burgen und Ruinen alter Klöſter eine ſo ſichere Handhabe darreicht und die ſchaffende Phantaſie des Volkes nicht ſäumt, in Sagen und Legenden ſeinem Aberglauben, den das Volk mit der Muttermilch einſaugt, Vorſchub zu thun, um nicht einen ſicheren Bau darauf zu gründen. So war denn Claire, ohne daß es Jemand ahnete, faſt allnächtlich der Begleiter ihres Vaters, und, da ſie mehrfach in der Nähe geſehen worden war, auch der Grund jener abenteuer⸗ lichen Mährchen, mit denen man ſich trug. Allgemein war ſeitdem Dollart gefürchtet und gemieden. Adam Ries allein wurde ſeiner Furcht und Scheu Herr, weil ſeine Liebe zu Claire Alles überwand. Er ſuchte überall die Schmuggler auszuforſchen und machte ſich ein Geſchäft daraus, das Erkundete Dollart mitzutheilen. So war es dieſem gelungen, ſie zu treffen und ihnen ihre Waare abzunehmen. Durch des alten Fehringer's Beobachtungen kamen indeſſen die Schmuggler hinter ſeine Schliche und Kniffe, und ihr Haß gegen ihn kan. te kaum eine Grenze. Ziemlich oft gelang es dem alten Fehringer, Dollart's Gänge auszukundſchaften und die Gänge der Schmuggler waren alle⸗ mal dann ſicher und von gutem Erfolg. Der Schmuggel nahm in der Richtung über das Dorf einen bisher nie gekannten Auf⸗ ſchwung. Fehringer ſah mit Freuden, wie er nun wieder frei athmen konnte, daß es ihm möglich war, ſeine Zinſen zu bezahlen, ja nach und nach ſelbſt das kleine Schuldeapital abzutragen, das ihn drückte. Dollart wußte, wie der Schmuggel eifrig betrieben werde, und konnte doch nicht dahinter kommen. Er zerbrach ſich den Kopf, wie das möglich ſei, und kam an kein Ziel. Die Nach⸗ richten vom Rheine ſetzten es außer Zweifel, daß im Dorfe eine Schmugglerbande beſtehe, die raſtlos thätig ſei; daß im Dorfe eine Niederlage ſein müſſe oder nahe dabei, und doch konnte er keine — 134— Spuren finden. Es war außer Zweifel, daß er beobachtet wurde, und doch blieb es ihm ein Räthſel, wie dies geſchähe. Er äußerte dies einſt gegen den ſich mehr und mehr an ihn drängenden Adam Ries. Der lächelte pfiffig. „Ich glaube, ich könnte Euch die Fährte zeigen,“ ſagte er. „Du?“ fragte Dollart erſtaunt.„Warum thuſt du's nicht, da du es doch ſonſt mehrmals gethan?“ Ries zuckte die Achſeln und lächelte; aber er ſchwieg. Dollart kannte ſeinen Mann. „Ries,“ ſagte er,„gibt es nicht einen ſilbernen Schlüſſel, der die Thüre deines Mundes aufſchließt?“ „Nein,“ erwiederte Ries mit Feſtigkeit,„ich bin reich und Geld mag ich nicht.“ „Alſo etwas Anderes?“ fragte Dollart.„Was könnte das ſein? Rede doch, Adam!“ Ries erröthete vor Verlegenheit. Er rieb die Hände, trippelte hin und her und konnte das Wort nicht finden. „Nun, nun?“ rief Dollart eifrig. Adam Ries ſetzte ſich endlich. „Sind wir allein?“ fragte er. „Meine Frau und meine Claire ſind in das Dorf gegangen,“ antwortete er mit Heftigkeit, welche ſein Verlangen bezeichnete. „Wir werden von Niemandem gehört, von Niemandem geſtört.“ „So hört mich ruhig an,“ ſprach Adam Ries.„Ich bin meines Vaters einziges Kind aus zweiter Ehe und der Erbe eines anſehnlichen Vermögens. Ihr wißt es, Herr Dollart, es kann ſich kein Bauer mit uns meſſen. Alles iſt freies Eigenthum. Mein Vater iſt alt. Alle meine rechten Geſchwiſter ſind geſtorben und die Stiefgeſchwiſter ſind abgefunden; ich, der jüngſte, lebe allein noch. Auch meine Mutter iſt ſchon lange todt, und da mein Vater ſtets krank iſt und Mägde ihn nicht ſo pflegen, wie ſie ſollten, ſo— wünſcht er, daß— ich heirathe. Ueberall wären mir, als Freier, die Thüren offen; aber ich will nur eine Frau nehmen, die ich lieb habe, und— da— wäre— Eure Claire grade die, welche ———,——— — 135— ich über Alles liebe! Gebt mir ſie zur Frau, Herr Dollart! Sie ſoll es gut haben; ſie kommt in eine volle Haushaltung. Gebt mir Claire zur Frau, und ich rede ohne Rückhalt von der Leber weg und enthülle Euch Alles!“ Er hatte mit ſtockendem Athem zu reden begonnen. Man hörte es ihm an, daß es ihm zentnerſchwer auf der Bruſt lag. Die Worte wollten gar nicht heraus. Jetzt aber, wo es von der Bruſt gewälzt war, das zentnerſchwere Geheimniß, das ihn ſchon ſo lange gedrückt und dazu ſich die Gelegenheit ſo wunderſchön gemacht, jetzt war ihm wohl. Er zog tief Athem aus der freien Bruſt und ſah Dollart triumphirend an; denn er war ſich bewußt, mit großer Klugheit Zeit und Stunde, wie auch die Umſtände, benutzt zu haben, und trug die Ueberzeugung in ſich, ſein Antrag ſei unab⸗ weisbar und der blutarme Dollart werde mit beiden Händen in der Fülle ſeines Herzens zugreifen. Dollart hatte ſo etwas geahnet, als Adam Ries ſeinen Anlauf zu der Rede nahm. Er ſah unter ſich und ſeine Stirne legte ſich in immer engere, kleinere Falten. Es ſtieg ein Unmuth in ihm auf, der am Hervorbrechen war. Von Adam Ries hegte er keine beſondere Meinung. Ein Verräther kann nie Achtung von dem erwarten, dem er dient. Dollart kannte Ries genau. Er wußte von ſeinem ſchmutzigen Geize; von ſeinem Bauernſtolze; von ſeinem rohen Uebermuthe; von ſeiner tückiſchen Hinterliſt. Daß er ihm ſein Kind abtrotzen wollte; es zur Bedingung eines neuen Verraths machen wollte, das ergrimmte ihn noch mehr; indeſſen rieth ihm die Klugheit, ſich zu mäßigen, deng er wußte auch recht gut, wie ſchlimm es ſei, einen Menſchen, wie Ries, vor den Kopf zu ſtoßen. Konnte er als Freund ihm nicht viel nützen, ſo konnte der boshafte Menſch ihm mit ſeiner verläumderiſchen Zunge deſto mehr ſchaden, da ihm die Beamten des Zollamts, unter welchen er als Grenz⸗ wächter ſtand, nicht unbekannt waren. Sie liehen ohnehin gerne jeder Mähr ihr Ohr. Er hatte übrigens Zeit, ſich die Sache zurecht zu legen, ſich zu ſammeln und den Entſchluß über das feſtzuſtellen, wäs er ihm ſagen wollte, da Adam's Rede ziemlich lang war. 5 — 136— Als nun endlich Adam ſchwieg, ſagte Dollart:„Du haſt eine Bedingung geſtellt, Adam Ries, die ich dir, ſo gerne ich auch etwa möchte, nicht erfüllen kann. Ich will dir's genau ſagen, wie es mit Claire iſt. Sie iſt mein Ein und mein Alles. Meiner Frau hab' ich ſchon lange gelobt, niemals Claire zu einer Heirath zu bewegen, die ſie nicht freiwillig eingeht. Wählt ſie dich, ſo iſt mir's recht; aber wählt ſie dich nicht, ſo iſt's rein aus mit deiner Hoffnung. Ich zwinge ſie niemals zu einem Schritte, von dem das Glück ihres ganzen Lebens abhängt.“ Adam Ries war bleich geworden.„Ich merk's ſchon,“ ſagte er aufſtehend, und ſein Zorn wallte auf,„ich merk's ſchon, das iſt ein Körbchen, ein Nein, nur verzuckert. Es iſt gut,“ ſetzte er hinzu. „Da drüben der, der Euch die Poſſen ſpielt, hat's mit dem Mädel, der Lump, der Schmuggler. Machet Gemeinſchaft mit ihm,“ rief er zornglühend,„und mit dem Kamper. Theilt den Gewinn!“— WMit dieſen Worten rannte er wüthend hinaus und ließ den Douanen in einer Stimmung zurück, die zwiſchen Zorn und Un⸗ muth über dieſe Wendung, aber auch gerechtem Erſtaunen die Mitte hielt.. „Was hat er gemeint, der dummſtolze Bauernbube?“ rief. endlich Dollart aus.„Da drüben der Lump— das iſt Fehringer! Der Martin ſoll's mit Claire haben? der Martin ein Schmuggler ſein?“— Alle Teufel! wenn das wahr wäre?“ Es war ein Glück, daß jetzt Claire ſich nicht im Hauſe befand; denn es hätte ohne Zweifel eine ſchlimme Geſchichte abgeſetzt, und Claire hätte kaum die Feuerprobe beſtehen können, dem ſcharfen Blicke des Douanen gegenüber. Nun war er allein und hatte Zeit, ſich das, was Adam Ries ausgeſtoßen, zurecht zu legen, ſich zu ſammeln und kälter zu werden. Er ſann ſich ſeinen Plan aus. Die Mutter ſollte zuerſt in's Gebet genommen werden. Sie kam auch allein und frühe heim, da Claire noch bei den Mädchen blieb, eigentlich aber hatte ſie die Hoffnung, da es Sonn⸗ tag Abend war, Martin einen Augenblick an der Gartenhecke zu * ⸗ — 137— ſehen. Sie ging daher erſt ſpät nach Hauſe, und zwar über die Wieſen.. Als Frau Dollart heim kam, ſah ſie an ihres Mannes Geſicht, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war. Er war nicht freundlich, wie ſonſt.„Setze dich einmal, Marie,“ ſagte er zu ihr„Ich habe etwas mit dir zu reden.“ Voll Erwartung ließ ſich die umfangreiche Frau in dem Seſſel nieder, in dem ſie ihr Mittagsſchläfchen zu machen pflegte. „Was gibt's denn?“ fragte ſie.„Haſt du Nachricht von den Schmugglern?“ „Ja, freilich,“ ſagte er unmuthig,„aber nicht von denen, die die Waaren tragen, ſondern von einem Schmuggler, der uns unſer Kind rauben will.“ „Was?“ rief Frau Dollart und wurde wachsbleich. Dollart erzählte ihr nun den ganzen Hergang. „Da haſt du recht gehabt, Peterchen,“ ſprach ſie vergnügt; „der Schleicher kann mir nicht gefallen, und wenn er auch voll Gold hinge. Was hätte denn da unſere gute Claire? Das arme Kind wär' eine geplagte Bauernfrau bis an's Grab; aber ſie will ihn auch nicht! Er ſcharwenzelt um ſie herum, aber er iſt dem Kinde wie Gift und Popperment. Drüben Fehringer's Bas hat mir's ſchon gar oft geſagt. Aber was willſt du mit einem Anderen, der uns das Kind entführen und rauben wollte?“ „Ach,“ ſagte ärgerlich Dollart,„da ſpuckt dir wieder die alte Rittergeſchichte im Kopfe, die du ſchon mehr als dreißigmal geleſen haſt. So meint's ja kein Menſch, und ich am wenigſten; denn ich würde ihm eine Kugel durch den Kopf jagen! Nein, er ſpielt auf den hübſchen Martin Fehringer an.“— „Ja, das iſt etwas Anderes!“ ſagte Frau Dollart beruhigt. „Der entführt das Kind gewiß nicht. So Einer weiß gar nicht, was das iſt, und hat auch die Conduiten dazu nicht im Kopfe, wie ein alter Ritter zu ſeiner Zeit.“ „Mach' mich doch nicht toll!“ rief zornig Dollart.„Er ſoll einen Liebeshandel mit Claire haben.“ „ 46 — 138— „Liebeshandel?— Nein, das glaub' ich nicht,“ ſagte Frau Dollart.„Daß ihn Claire gerne ſieht, glaub' ich, denn der Martin iſt der hübſcheſte Burſch im Dorfe, und er ſie, denn, meiner Sechs, Claire iſt erſtaunlich ſchön.“ „Das iſt's ja eben, was ich meine,“ rief Dollart. Sie ſah ihn ganz verblüfft an. „Iſt das die ganze Geſchichte, die dich ſo ereifert?“ fragte ſie. „Ei, das iſt ja eine tolle Geſchichte, ſich ſo ereifern zu laſſen über ſo eine Kinderei.“ „Kinderei!“ zürnte Dollart.„Iſt etwa Claire ein Kind?“ „Doch unſeres, Peterchen,“— ſagte ſie freundlich. Dollart mußte lachen, trotz ſeines Aergers, denn ſeine Frau ſagte das ſo komiſch, daß er nicht widerſtehen konnte; indeſſen ſ er ſchnell wieder in ſeine vorige Stimmung. „Wie du da alberne Späße machen kannſt, begreif' ich 3 Meinſt du denn, ich würde zugeben, daß Claire den Martin heirathe?“ rief er aus. „Heirathen? Peterchen,“ fuhr ſie in ihrem Tone fort.„Wer denkt daran? Das ſind ſo Poſſen! Du lieber Gott, wenn ich die Alle hätte heirathen ſollen, die mir, als jungem Mädchen, einmal ein Bischen gefielen, da hätte ich ja eine Reihe von einem halben Dutzend heirathen müſſen! Du gefielſt mir am Ende am Beſten und ich wurde deine Frau. Willſt du das Kind hinter Schloß und Riegel ſetzen, weil es einmal mit dem Martin ſcherzt? Geh', du haſt Grillen! Laß ſie fahren, Peterchen! Und er ſoll ein Schmuggler ſein?— Nein, Peterchen, das laß dir ausreden. Die giftige Kreuzſpinne, der Adam, hat dir den Kopf heiß gemacht. Ich weiß, er haßt den Martin, und die Bas ſagte mir, ſie habe ihn um das Haus ſchleichen ſehen, wie einen Marder um's Hühner⸗ haus. Er iſt dem Martin falſch, weil er wittert, daß er unſerem Kinde beſſer gefällt, als er, der Schleicher und Bösfeind.“ Dollart's Grimm begann zu verrauchen. Er ſchwieg eine Weile; dann ſagte er:„Ich will die Claire auf's Korn nehmen!“ „O, ihr ſuperfeinen Mannsleute!“ höhnte die dicke Frau. — — —,. — 139— „Da biſt du wieder drauf und dran, etwas recht Unbeſonnenes zu thun! Mach' das Mädchen doch erſt aufmerkſam, daß es der Martin lieb habe und es ihn!— Dann gießeſt du erſt Oel in die Gluth, wenn eine da ſein ſollte, was ich aber bezweifle. Du könnteſt ſo aus dem Funken ein rechtes Feuer machen. Geh' mit deinem Zutappen. So etwas muß ganz anders angefangen werden, wenn's nicht die Geſchichte ärger machen ſoll. Laß deine Finger davon, Peterchen! Unſereins verſteht ſich beſſer darauf. Verlaß dich auf mich, ich will ſchon Waſſer drauf gießen!“ Dollart hatte während dieſer nicht allzuſchnell vorgetragenen Rede Zeit, das als richtig anzuſehen. Seine Frau war bei ihrer Ruhe doch geeigneter, als er, das Rechte zu finden. Sie mußte aber freilich Zeit dazu haben. Sie war von aller Eile eine geſchworene Feindin. Er griff nach ſeinem Hute, hing Flinte und Säbel und Patrontaſche um, ſchnitt ſich ein tüchtig Stück Brod ab, ſchob es in die Taſche, das Branntweinfläſchchen dazu, und ſagte, in der Thüre ſich umwendend:„Claire ſoll mir heute nicht nach⸗ kommen. Ich will's nicht haben. Dir aber bind' ich's auf die Seele, daß du mir die Geſchichte abſchneideſt, wenn's nämlich eine iſt zwiſchen Claire und dem Martin. Adieu!“ Er ging haſtiger, als ſonſt, von dannen. „Der dumme Adam Ries!“ ſagte Frau Dollart.„Der häß⸗ liche Menſch, der ausſieht wie eine Meerkatze, der will meine Claire? Proſit die Mahlzeit! Da müßte ich auch dabei ſein! Es iſt aber gut, daß Dollart ihn auch nicht leiden kann und ihn heim⸗ geſchickt hat. Was er aber mit dem guten Martin will? Der erbt einmal die Mühle und iſt ſchön und brav. Nein— ich waſche meine Hände und laſſe Gottes Waſſer über Gottes Land laufen! Sollt' ich das abſichtlich hintertreiben, was meiner Claire Glück ſein kann, ja, ich ſage, ſein wird? Da müßt ich Nachtwächter ſein und dazu habe ich gar keine Neigung, weil ich gerne und gut ſchlafe. Lieber Gott, es gibt ja doch nur ein paar Dinge, deren ſich eine brave Frau freuen kann; das iſt der Kaffe, die Ruhe und ein Bißchen Putzen Das bleibt am Ende auch meiner Claire, — 140— wenn die Zeit der Jugend abgeblüht hat. Und ich ſollte ihr das unſchuldige Liebesglück rauben? Nein, Dollart, da irrſt du dich, und deine Frau hat auch ihren Kopf.“ Sie pochte mit der Fauſt auf das Knie, was bekanntlich den gefaßten Entſchluß erſt recht befeſtigt. IV. Am Mittage dieſes Tages, nachdem der Mittagsſchlaf geendet war(denn Mittags⸗Gottesdienſt war im Dorfe nicht, ſintemal es die Tochterkirche des benachbarten Dorfes war, wo der Pfarrer wohnte), ging Martin die Schlucht hinab nach der Mühle, weil es da näher war, und ſodann, weil er ſich jedesmal daran erinnerte, daß er hier ſeine geliebte Claire gewonnen. Früher am Tage würde er den Müller geſtört haben, der in der Regel, wenn er ſein Kapitel in der Bibel geleſen, mit der Naſe auf dem heiligen Buche liegen blieb und ſeine Stunde herunterſchlief. Langſam ging er den Weg hinab. Drüben am Rain ſaßen Mädchen, ein ganzer Rudel, und ſangen. Er horchte, ob er nicht Claire's Silberſtimme vernähme? Sie zu erkennen, waren ſie doch zu entfernt für das Auge. Es dünkte ihm, ſie ſei drunter, denn da klang eine Stimme ſo glockenhell und rein, ſo melodiſch und wohllautend, und dieſe Stimme beherrſchte den Geſang der Uebrigen, behütete ihn vor Schnörkeln und Längeziehen und regelte ihn ſo, daß es wirklich eine Luſt war, zuzuhören. Plötzlich legte ihm Jemand die Hand auf die Schulter.„Horchſt du auch dem ſchönen Geſange?“ fragte der Müller ſeinen Pathen; aber der Ton war weniger herzlich und liebevoll, wie ſonſt. Martin bejahte und grüßte den Pathen und Onkel. „Sage mir nur einmal, Martin, wem iſt denn die Stimme, die man nicht ſatt wird, zu hören? Und die klingt, als ſängen ein Paar Engelein im Himmel.“ Martin lächelte ſelig. 6 „— — 141— „Die Stimme gehört der Claire Dollart an; wißt Ihr, der Tochter des Douanen?“ „Da iſt mir's doch auch leid, daß ſie keinem andern Mädchen angehört. Komm' Martin, ich kenne das Franzoſenpack nicht und will ſie nicht kennen, weil ich ſie haſſe aus dem Grunde meiner Seele“ Das ſagte der Müller mit dem Ausdruck eines Grimmes, der aus dem tiefſten Innern kam. Der Mann war zwar ein Sechsziger, aber er war noch friſch und lebendig für ſein Alter⸗ „Wenn Ihr die Franzoſen nicht leiden könnet, Pathe,“ ſagte Martin,„ſo ſtimme ich Euch bei; aber Dollart's ſind keine Franzoſen Es ſind ehrliche Elſäſſer, alſo Deutſche, wie Ihr wiſſet, wenn ſie— auch, gleich uns am Rheine jetzt, unter der Zuchtruthe der Fran⸗ zoſen ſtehen.“ „Ah, was! Halt mir's Maul, Junge. Der Kerl dient doch den Franzoſen und hilft uns quälen! Und die Elfäſſer haben längſt ihrer deutſchen Abſtammung abgeſagt.“ „Lieber Gott,“ entgegnete Martin,„was kann denn er dafür? Deß Brot ich eſſe, deß Lied ich ſinge, ſagt das Sprichwort. Er muß das Geſetz vollſtrecken helfen, und dafür wird er ernährt. Wär' unſer Syndik, Notär, Maire nicht ebenſo ſtrafbar?“— Der Müller ſchwieg einen Augenblick, weil er darauf nicht eben etwas zu ſagen wußte; aber ſchnell fiel er wieder ein:„Steht etwa auch das im Geſetze, daß der Kerl, der Dollart, meine Mühle, das Haus eines ehrlichen Menſchen, umkreift, als wär's eine Diebs⸗ höhle und Mördergrube?“ „Habt Ihr ihn geſehen?“ fragte Martin. „Ja freilich,“ rief zornig der Müller,„und hab' ihm aus dem Fenſter zugerufen, wenn er nicht ginge, ſo würde ich ihm eine Kugel hinüberſchicken, die ihm ein Löchlein in's Oberleder mache! Ich hätt's gethan in meinem Zorne, Martin, wenn er nicht weg⸗ gegangen wäre.“ „Aber habt Ihr denn gewiß geſehen, daß er's ſelber war? „He! Bübchen,“ rief der Müller,“ deines alten Pathen Augen — 142— ſind noch ſcharf wie die eines Habichts, und der Mond machte es ſo klar, als ſei es Mittag im November. Ja, ich will dir noch mehr ſagen, nicht weit von ihm ſtand der ſogenannte„Schwarze,“ der ihn oft begleitet und weiß kein Menſch, wer's iſt.“ „Habt Ihr ihn geſehen?“ rief Martin. „Nun,“ ſagte der Müller,„was iſt's denn weiter? Glaubſt du etwa auch, es ſei der— Gott ſei bei uns? Nein, ſo dumm biſt du nicht. Ich will dir's ſagen, wer's iſt;— es iſt ſein Kind, die ſich das Geſicht färbt! Da haſt du's. Ich hab's gleich „ E gehabt.'s iſt eine Weibsfigur, aber eine ſchöne, Martin, das muß wahr ſein, und als ſie endlich mit einander gingen, da ſah ich . Beutuch eine Haarflechte, die ihr bis an die Kniee hing. Auch ihre Angſt, als ich mit einer Kugel drohte, zeigte das Wtch und — die Liebe des Kindes zum Vater.“ Martin verſank in ein ſtilles Sinnen, während der Müller noch fortredete. So waren ſie endlich zur Mühle gekommen. Der Müller war ein„kurioſer Heiliger,“ wie man zu ſagen pflegt. Niemand war grillenhafter, als er. Hatte er einmal eine Ratte, ſo fing ſie auch kein Menſch mehr ein. So kam er, ſeit ſeine Schweſter, Martin's Mutter, todt war, nie mehr in's Dorf. Sein Mahlknecht beſorgte das Geſchäft. Er kam in ſeine Aecker bis an's Dorf, nie aber trat ſein Fuß mehr hinein, da dort ſeine arme Schweſter ihr Kreuz getragen hatte durch die Härte und Rohheit des alten Fehringer, ſeines Schwagers. Er ging jeden Sonntag den weiten Weg in die Mutterkirche, um ja nicht in das nahe Dorf, zu dem die Mühle gehörte, gehen zu müſſen. alten Fehringer wollte er nicht mehr ſehen und dieſer mied i auch, da er wußte, wie es ſtand. So kam es, daß er nir Claire nicht kannte, die ohnehin nicht viel ausging. Da er nun ein erbitterter Franzoſenfeind war, ſo faßte er Alles, was nur irgend mit den Franzoſen zuſammenhing, in Bauſch und Bogen zuſammen und verdammte es ein für allemal. Da war auch nichts weiter mit ihm zu machen Als er nun in ſeinem Sorgſtuhle —,— — 143— ſaß und Martin am Tiſche in der Ecke des Fenſters, hob er wieder an: „Weißt du auch, was der Spitzbube meint? Er glaubt, meine Mühle ſei die Herberge der Schmuggler, und die ſind doch auch Spitzbuben. Wer mich für einen Diebeshehler hält, hält mich für einen Dieb, denn das Sprüchwort ſagt ſehr wahr: der Hehler iſt noch ſchlimmer wie der Stehler.“ „Woher wiſſet Ihr denn das?“ fragte Martin. „Von dir nicht, Martin, denn du hältſt hinter'm Berge vor mir; will dir's nur ſagen! Der Adam Ries hat mir das und Anderes geſagt, was meinen Unwillen erregt hat. Er hat's zwar verboten, daß ich ſagen ſollt, woher ich's habe; aber, was liegt mir dran: Da es dich angeht, ſollſt du auch wiſſen, woher es kommt.“ Martin erbleichte.„Alſo hat die giftige Schlange auch den Weg zu Euerem Ohre gefunden?“ Der Miller riß die Augen auf.„Was ſagſt du da?“ ſprach er. „Daß der Adam eine giftige Schlange iſt, hab' ich geſagt, lieber Path! Ich weiß Alles, was er Euch geſagt hat; Ihr braucht mir's nicht erſt zu ſagen, denn er verfolgt mich überall, wo und wie er nur kann, und möchte auch Euer Herz von mir abwenden. Alles iſt Lüge! Nur das iſt wahr, daß er ſelbſt dem Dollart geſagt hat, bei Euch ſei die Niederlage der Schmuggler. Ich kenne den Grund. Meinem armen Vater und mir iſt er auf der Fährte. Euch will ich's geſtehen, wir tragen Schmugglerbündel, mein Vater und ich— weil wir uns nicht mehr ernähren können, trotz meines und ſeines Fleißes. Alle Bauern laſſen bei dem Wagnerjörg arbeiten, weil er's wohlfeiler macht, als wir es können. Ihr ſelber laßt ja bei ihm ſchaffen, weil Ihr meinen Vater nicht leiden möget. Gott wolle es beſſern! Was bleibt uns da? Sollen wir betteln? Deß ſchämen wir uns. Stehlen? Das verbietet Gott in ſeinem Worte und im Gewiſſen. Arbeiten? Ach, wie gerne! Ich habe im Taglohn gearbeitet, ſo lange es zu thun gab; mein Vater auch. Nun iſt die Heumahd und die Ernte vorüber und auch der Taglohn. — 144— Ich wollte mich verdingen; das litt mein Vater nicht; ich wollte Holzhauer im Svonwald werden; das wollte er auch nicht, weil bei dem Schmuggeln mehr verdient wird. Wir haben alle Woche unſern Karolin. So hat mein Vater ſchon ſeine Schulden alle abbezahlt, und nun können wir uns für den Winter ſparen. Es iſt unrecht, ich weiß es und wehrte mich davor; aber ich muß meinem Vater gehorchen. Nun wiſſet Ihr Alles“ Er ſchwieg. Auch der Müller ſchwieg und ſtützte ſeinen Kopf in die Hand.„Ich weiß noch nicht Alles!“ ſagte er mit einem dumpfen Tone. Martin erglühte und erbleichte wechſelsweiſe. „So will ich Euch das Letzte auch bekennen. Er hat Euch geſagt, ich hätte Umgang mit Dollart's Claire!“— Dieſe Worte ſtieß er heraus mit einer Gewalt, welche die Anſtrengung nachwies, die es ihn koſtete, das tiefſte Geheimniß ſeiner Seele kund zu thun. „Ja, das hat er geſagt,“ ſprach der Müller. „Er hat es geſagt, weil er das Mädchen gern freien möchte, und es den heimtückiſchen Spitzbuben nicht mag, der nach ſeinem kranken Vater nicht ſieht und ihn den Mägden überläßt, während er von Haus zu Hauſe geht, die Leute einander zu verfeinden.“ „Hat er denn daran gelogen, Martin?“ fragte der Müller mit Nachdruck und ſah ihn an, wie er ſo in Gluth daſtand, als wollt' die Flamme aus ſeinem Geſichte herausſchlagen. „Nein,“ ſagte kleinlaut Martin,„nicht ganz. Ich hab' das Mädchen lieb, Path! ich leugne es nicht, weil es ſo brav als ſchön iſt, und auch die giftige Zunge Adam's ihm nichts nachſagen kann Ich hab' es lieb, wie mein eigen Leben, aber in Zucht und Ehren, Path, und was man ſagt, Umgang, den hab' ich nicht mi der Claire. Hadert nicht mit mir! Ihr ſeid auch jung geweſen — Es wird Alles ein ſchnelles Ende nehmen. Ich bin im Zuge. In drei Wochen iſt Ziehung. Da drüben in Deutſchland klopfen ſie auf den Franzoſen, und das Ende vom Liedchen iſt nahe Ent⸗ weder fall' ich im Kampf; dann hat Lieb und Leid ein Ende; oder die Claire zieht, wenn die Deutſchen kommen, nach Frankreich, und —— — 145— dann iſt's ebenſo aus.“— Seine Stimme war wankend geworden, als er das ſprach. Er nahm ſeine Mütze.„Adjes, Pathe,“ ſagte er.„Ich will gehen, denn was wir noch reden könnten, iſt nicht gut. Ich kenne Eure Geſinnung, und weiß, wie es um mein Herz ſteht. Das läßt ſich nicht mit einander zuſammenſchweißen, wie der Schmied das Eiſen ſchweißt. Da iſt's beſſer, ich gehe.“ Der Müller ſchwieg und rührte ſich nicht, und Martin ging langſam von dannen. Er rief ihn nicht zurück; aber er ſah ihm nach, ſo lange er ihn ſehen konnte, und dann wiſchte er ſich etwas aus dem Auge. Martin ahnete nicht den Eindruck, welchen ſeine einfachen Worte auf den Müller gemacht. Er hatte ſein Gewiſſen tief erſchüttert; weil er ihm einfach nachwies, wohin ſein Haß ſeinen Vater und ihn gebracht hatte; denn es unterlag keinem Zweifel, daß, als der Müller bei dem neuen Wagner, dem Wagnerzjörg, arbeiten ließ, dies Beiſpiel Viele nach ſich zog. Nun ſah er, daß er ſeinen Schwager und deſſen Sohn einem Verderben drohenden Erwerbszweige in die Arme geführt. Er hätte helfen können, wenn er hätte vergeben mögen. In Fehringer's Bruſt nagte ohnehin der Wurm der Reue, der nicht raſtet, über die Art und Weiſe ſeines Betragens gegen ſeine ſelige Frau. Was Martin über ſeine Liebe zu Claire geſagt, traf ihn noch tiefer, denn es that ſich vor ihm die Vergangenheit auf, wo einſt ſein Vater ihm Aehnliches vorge⸗ halten und er ähnlich bekannt hatte. Seine Liebe legten ſie in's Grab, und er ging verarmt am Herzen und am Glücke des Lebens dem Grabe zu. Da klopfte eine unſichtbare Hand an ſein Gewiſſen, an ſein Herz, und ſein Gewiſſen erwachte, ſein Herz blutete. Sollte ſein Martin, das einzige Weſen, das er liebte auf Erden, an dem ſein Herz hing, weil er einer theuern, unglücklichen Schweſter Ebenbild war, untergehen, untergehen durch ſeine Schuld? Das, was den Alten bewegte, ahnete, wie geſagt, Martin nicht; aber es war ihm ſo ſchwer; es lag eine Laſt auf ſeiner Seele, wie noch nie. Langſam ging er den Pfad durch die Schlucht hinauf. Es begann zu dunkeln, als er unter dem Baume ſich erhob, wo er ſich N. F. W. 40 — 146— in das Gras gelegt und es mit ſeinen Thränen benetzt hatte. Er wollte von Niemandem geſehen ſein. Langſam ſchritt er den Pfad entlang, der die Wieſen quer durchſchnitt und nach dem Wege hin⸗ leitete, welcher zwiſchen Dollart's und ſeines Vaters Wohnhauſe durchlief. Dort begrenzte die Hainbuchenhecke zu beiden Seiten den Weg. Dort hatte er ſo oft Worte der Liebe mit Claire gewechſelt. Zetzt hoben ſchwere Seufzer die belaſtete Bruſt und Claire war ferne.— „Martin, tieber Martin!“ flüſterte es leiſe neben ihm in dieſem Augenblicke. Es war Claire. Hatte ihn ſonſt dieſer füße Ton freudig überraſcht; heute erſchrak er heftig. Sie reichte ihre kleine Hand über die Hecke. Er ergriff ſie und ſagte:„Ach, Claire, es iſt Unheil über uns gekommen. Der Adam hat's endlich fertig gebracht. Er war bei meinem Path in der Mühle, und ich ſah ihn in deines Vaters Haus gehen. Dort iſt's ihm gelungen; gib Acht, auch hier!“ Das Mädchen erbebte. „Meinſt du?“ fragte ſie angſtvoll.„Ach, was wird's dann mit uns werden?“— „Ich ahne es,“ ſagte er darauf,„die Tage unſeres Glückes ſind vorüber. Dich erwartet Leid, mich hat's ſchon getroffen. In drei Wochen werd' ich Soldat. Dann iſt's aus.“ 5 Claire war eine ſtarke Seele. Ein männlicher Muth wohnte in dem Mädchen; aber das war doch zu viel. Sie wäre ſchier zuſammengebrochen. Der Athem in ihrer Bruſt ſtockte. Endlich brach ein Thränenſtrom hervor, aber reden konnte das arme Mädchen nicht. 4 Auch Martin war tief bewegt. Er rang nach Faſſung. 6 gelang ihm endlich, ſie zu gewinnen. „Eins noch, Claire— denn wir müſſen uns trennen— du biſt's, die deinen Vater begleitet mit geſchwärztem Geſichte. Du warſt mit an der Mühle, als dein Vater dort ſpionirte. Ich weiß, daß das auf Adam's Angabe geſchah. Der alte Path hat dich erkannt. Thue es um Gottes Willen nicht mehr! Auch bringe — 147— deinen Vater ab davon, daß dort eine Schmugglerniederlage ſei. Adam hat ſchändlich gelogen, um meines Pathen Haß auf euch zu werfen. Der Alte iſt außer ſich. Iſt's möglich, ſo ſchießt er euch Beide nieder. Auf mein Wort baue feſt: dort iſt nichts zu ſuchen. Mein Path verabſcheut den Schmuggel, wie die Franzoſen“— „Claire!“ rief in dieſem Augenblicke Frau Dollart, die wohl denken mochte, ſie ſei nicht fern. Das Mädchen drückte noch einmal Martin's Hand, dann flog ſie, wie das Reh des Waldes, dahin.— V. Am Montag Morgen lag, als Frau Dollart aufgeſtanden war und zuerſt an die vordere Thüre des Hauſes kam, ein Zettel da, den Jemand durch die gebrochene Thüre(wie man die landesüb⸗ lichen Thüren nennt, die in zwei Hälften quer aufgehen) geſchoben hatte. Er war an Dollart gerichtet und verſiegelt. Sie trug ihn zu ihrem Manne, der eben erſt erwacht war. Er riß ihn haſtig auf.„Heute Nacht,“ hieß es darin,„gibt es einen Hauptſchmuggel. Der Weg geht über die Kreuzhecke.“ Das war Alles. Die Hand war unbekannt, allein es war die verſtellte Schrift Adam's, wie Dollart vermuthete und richtig traf. Zu der Nachricht war er ſo gekommen. Sonntag Abends hatte er Fehringer's Haus umſchlichen, weil er Claire und Martin zu belauſchen hoffte. Er kam aber zu ſpät. Nachdem er lange in dem von den Hainbuchenhecken eingefriedigten Wege geſeſſen, und die Hoffnung aufgeben mußte, ging er leiſe über die das Dorf gegen Süden begrenzenden Wieſen, wo er zum Hauſe Kamper's, des Wirthes, gelangen konnte. Er hoffte dort Martin zu treffen, mit dem er gerne in Hader hätte kommen mögen, da er mit ſeinen Spießgeſellen verabredet hatte, ihn zu reizen und ſeine Rache an ihm zu kühlen. Als er ſo dahin ſchlich, wie das nächtliche Raubthier, das auf 10* — 148— Beute ausgeht, und nahe dem Wirthshauſe gekommen war, wollte es ihn bedünken, als höre er halblaut hinter dem Hauſe des Wirthes reden. Er kroch nun auf allen Vieren näher, um nicht geſehen zu werden, und gelangte ſo weit zu den Redenden, daß er jede Sylbe verſtehen konnte. Es waren zwei unbekannte Stimmen. Die dritte war die des alten Fehringer's. „Hörſt du,“ ſagte einer von den Fremden,„Unſerer ſind zwanzig, aber nur zehn können mit Euch gehen. Die Anderen müſſen zurück, um noch einmal Bündel zu holen, die hier bleiben bis Mittwoch. Ihr müßt alſo von hier aus zu zehn ſein.“ „Gut,“ erwiederte Fehringer.„Es wird beſorgt. Wenn's auch nur neune ſind. Mein Martin trägt zwei Bündel; verſteht ſich aber für doppelten Lohn.“ „So viel Bündel, ſo viel Kronthaler,“ entgegnete der Andere. „Meinetwegen mag Einer die zehn tragen, er kriegt den zehnfachen Lohn. Alſo, wo die Kreuzhecke die Ecke bildet gegen das Wieſen⸗ thälchen, da ſchlägſt du dreimal Feuer mit dem Stahle, und zwar in Zwiſchenräumen von Viertelſtunde zu Viertelſtunde, bis du ſiehſt, daß im Thälchen ebenfalls dreimal Feuer geſchlagen wird. Das iſt das Zeichen, daß wir es ſind. Seid aber vorſichtig. Der Dollart iſt ein Halunke.“ „Wie iſt das mit dem Schwarzen?“ fragte der erſte der Fremden wieder. „Gott weiß es,“ ſagte Fehringer.„Die Sache iſt außer Zweifel.“ „Wenn er nur Fleiſch und Bein hat,“ ſagte der Fremde,„ſo will ich ihm ſchon Eins zu beſehen geben!“ „Ja, Fleiſch und Bein,“ ſeufzte der alte Fehringer,„da liegt's!“ „Nu, altes Weib,“ rief ärgerlich der zweite der Fremden, „meinſt du wieder, es wäre der Teufel? Kann's nicht irgend Einer aus dem Dorfe ſein, der ſich das Geſicht ſchwärzte?“ In dieſem Augenblicke vermochte Adam Ries das Nieſen nicht — 149— mehr zu bewältigen, das wohl durch das feuchte Gras gekommen war, in dem er zuerſt gekniet und in das er ſich jetzt niedergelegt hatte. Ob er gleich die gewobene Wollmütze ſchnell vor die Naſe preßte, ſo gab es doch einen eigenthümlichen Laut. Die Schmuggler ſchwiegen und horchten; dann machten ſie ſich ſchnell aus dem Wieſengarten des Wirthes weg, und Adam Ries kehrte auf demſelben Wege wieder zurück, wie er gekommen war; eilte heim, ſchrieb den Zettel und ſchob ihn durch die Thürritze, als nach zwölf Uhr Dollart zurückgekehrt war. Obgleich Dollart vermuthete, von wem die Nachricht käme, und anfänglich zweifelte, ob ihn, nach dem Auftritte mit ihm, der Adam Ries nicht hänſeln wolle, ſo ſchien ihm doch die Sache nicht ganz grundlos zu ſein. Je länger er darüber nachdachte, deſto wichtiger wurde ſie ihm. Er brachte im Laufe des Tages in Erfah⸗ rung, daß mehrere fremde Leute im Wirthshauſe geweſen waren, die viel mit dem Wirthe verkehrt hatten Da wurde es ihm dann zur Gewißheit, daß etwas Wichtiges im Werke ſei. Als er nach Hauſe kam gegen Abend, ſagte er zu Claire:„der Schwarze kann mich heute gegen die Kreuzhecke begleiten!“ Damit war es genug. Claire war nur glücklich, daß ihr Vater wieder freundlicher wurde. War er doch den ganzen Tag und ſeit Sonn⸗ tag unfreundlich und mißmuthig geweſen. Als die Sterne matt flimmerten und der Halbmond ſich lang⸗ ſam über die Berge zu erheben begann, ging Dollart aus ſeinem Hauſe und Claire ſchlich zur Hinterthüre hinaus. Im Wieſen⸗ grunde vereinigten ſich Beide und ſchritten dem Walde zu, in deſſen Dunkel ſie bald verſchwanden. Durch das Wieſenthal herauf, welches gegen die Ecke der Kreuzhecke, wie ein Schlagwalddiſtrikt hieß, mündete, konnte man im Zwielichte des aufgehenden Halbmondes ein ſeltſam Gewimmel wahrnehmen. Dunkle Geſtalten drückten ſich langſam gegen den Saum des Waldes hin, ſichtbar beſtrebt, den Schatten der Bäume zu gewinnen. Plötzlich waren ſie alle verſchwunden. Auch das geübteſte Auge würde keine Geſtalt mehr haben entdecken können. Ein leiſer Schlag wider einen Baum und der Lockruf des Käutzchens hatte das bewirkt. Die Schmuggler hatten den Punkt erreicht, wo ſie das Zeichen der Gefährten von der Spitze der Kreuzhecke her erwarteten. Jenes Zeichen ließ ſie ſich alle in das hohe Wald⸗ gras niederwerfen. Aller Blicke waren gegen die ſcharfvortretende Spitze des Schlagwaldes gerichtet, von wannen ein anderes Zeichen kommen mußte, wenn ſie ein Weiterſchreiten wagen ſollten. Sie lagen vielleicht eine Viertelſtunde oder noch nicht ſo lange, da wurde droben dreimal Feuer geſchlagen. „Haſt du das geſehen?“ ſagte Dollart zu Claire, die Beide hinter zwei gewaltigen Eichbäumen ſtanden, vielleicht nur zwei⸗ hundert Schritte von der Spitze der Kreuzhecke, jedoch mehr links, daß ſie die Spitze der Hecke im Auge hatten. Claire bejahte leiſe und man hörte an der zitternden Bewe⸗ gung der Stimme, daß eine fieberiſche Erregung ſie beherrſchte. Jetzt wurde auch etwas tiefer im Wieſengrunde dreimal Feuer geſchlagen, und bald ſah man deutlich die lange Reihe der Schmuggler, einzeln, ſchwer beladen und mit furchtbaren Stöcken bewaffnet, in die Kreuzhecke treten. Die Fremden gaben hier an Kamper und ſeine Gefährten zur Hälfte ihre Bündel ab. Einige Augenblicke wurde leiſe verkehrt; die Parole gewechſelt und mitgetheilt, an der man am Ziele die Freunde und Helfer erkannte; dann wurde noch einmal auf gut Glück getrunken und Einer der Fremden, der indeſſen hier unge⸗ mein bekannt war, der aber keinen Bündel trug, ſondern nur den Stock, brach auf, um in einer Entfernung von einigen Hundert Schritten dem Troſſe voraus zu gehen, damit jede verdächtige Erſcheinung ſchnell den Folgenden bekannt würde, um ſich zeitig mit den Waaren zu retten. Für jede Erſcheinung hatten ſie eigene Stichworte, die in ihrer Bedeutung nur den Eingeweihten bekannt waren. Er ging anſcheinend ſehr ruhig und gleichgültig ſeines Weges — 151— dahin; aber wie der Stoßfalke ließ er ſein ſcharfes Auge rechts und links ſpähen. Plötzlich blieb er in der Nähe der Eichen ſtehen und ſagte laut:„Meine Pfeife hab' ich doch vergeſſen!“— Das Wort Pfeife wurde ſcharf von ihm betont. Das laute Geräuſch der Tritte ſeiner Gefährten verhallte in dieſem Augenblicke, wie mit einem Zauberſchlage. „Guten Abend!“ ſagte er darauf, näher gegen Dollart heran⸗ tretend, indem er den Handriemen ſeines Knotenſtockes feſt um die Handwurzel ſchlang.„Kriege ich noch Geſellſchaft?— Ah bon soir, Monsieur Dollart? So ſpät noch hier?“ Dollart trat vor. Claire blieb auf ihrem Poſten und fällte ihren Gewehrlauf. Das ſah der Führer wohl; allein verſchmitzt, wie er war, berechnete er ſchnell, daß, wenn er mit Dollart in's Handgemenge geriethe, der Andre nicht würde ſchießen können. Zudem entging ſeinem Blicke nicht, daß er keine feſte Haltung hatte. Als darum Dollart nahe genug war, um auf ihn etwa anzu⸗ legen, that er, als ſtolpere er über etwas und falle zur Erde. Dadurch kam er Dollart näher. Schnell, wie eine Katze auf die Maus einen Sprung macht, ſchnellte dann der gewandte Menſch in die Höhe, und ehe ſich Dollart deſſen verſah, hatte er ihn an der Gurgel und er lag rückwärts auf der Erde. Seine Flinte ging los, aber in die Luft. Jetzt ſchoß auch Claire, aber der Schuß ging über den Führer der Schmuggler weg. „Holla, Brüder,“ rief er,„Einer liegt, der Andre verſteht das Schießen nicht! Raſch drauf!“— Mit Rieſenkraft hielt er Dollart nieder. Auf Claire ſprang Martin zu. Sie zog ihren Säbel und ſtieß nach ihm, aber ſein Stock ſchlug die ungelenk geführte Waffe nieder. „Claire, um Gottes Willen, laß dich fallen und thun, als könnteſt du dich nicht regen, als wärſt du todt, ſonſt kann ich weder dich, noch deinen Vater retten,“ rief er ihr leiſe zu. — 152— „Martin!“ ſagte vorwurfsvoll das Mädchen! Allein ſie begriff, wie wahr das ſei, was er geſagt. Sie ſtürzte nieder und that nur einen Schrei! Martin faßte ſie, die ſich gewehren ließ, in ſeine Arme, trug ſie tiefer in den Wald, warf ſie etwas unfanft nieder und ſagte: „Da, Canaille! der hat ſeinen Theil Schnell eilte er dann zurück zu Dollart. Er war gebunden an Händen und Füßen und die Schmuggler, nachdem Martin mit ent⸗ ſetzlichem Lachen erzählt, er habe dem Andern Eins mit dem Stocke gelangt, daß er ſich nicht rühre, beriethen, ob ſie Dollart todtſchlagen ſollten. Martin ſagte:„Begehet keinen Mord! Er kennt den Führer nicht und uns ſah er nicht. Laßt mich bei ihm und nehmt die Bündel. Dann raſch fort und Alles iſt in Sicherheit!“ „So ſoll's ſein!“ ſagte der Führer.„Mach' mit ihm, was du willſt, Martin!“ Ohne Weiteres wandten ſie ſich zu den Bündeln. Zu beſorgen war nun nichts mehr. Nur der alte Fehringer trat zu Martin und fragte leiſe: „War's der Schwarze?“ „Nein,“ ſagte Martin. „So ſei menſchlich, Martin, und laß ihn laufen, nachdem er dir verſprach, dich nicht anzuzeigen!“ „Geht, geht,“ rief ihm Martin zu.„Ihr habt keine Zeit zu verlieren, er regt ſich ſchon. Martin's Bündel nahm nun der Führer, und bald war der Trupp, der nun noch aus neunzehn kräftigen Männern beſtand, im Walde verſchwunden. Martin zog ſchnell Dollart's Säbel heraus und verbarg ihn, ſammt ſeinem Gewehre im Graben unter den Geſträuchen. Dann ſchnitt er Dollart's Bande durch, riß das Taſchentuch vom Munde und ſchöpfte am Graben Waſſer mit einem Lederbecher, wie ihn die Schmuggler zu führen pflegten, um ihn auszuwaſchen. Er erwachte ſchnell und richtete ſich in ſitzender Stellung auf. Tief aufathmend, ſagte er:„Wo iſt Claire?“ „Seid ſtille, Meiſter Dollart,“ ſagte Martin.„Sie iſt gerettet. Ich will ſie herbeiführen.“ — 153— Claire trat ihm entgegen. „Martin, du ein Schmuggler?“ ſagte das Mädchen. „Ich danke nun Gott, daß ich mich dazu mißbrauchen ließ. Ohne mich wäret ihr Beide des Todes.“ „O das iſt wahr!“ ſagte Claire und faßte dankbar ſeine Hand.„Vater,“ ſagte ſie dann,„wie iſt es Euch?“ „Gut, gut,“ ſprach Dollart eifrig,„aber meine Glieder thun mir wehe und mein Nacken. Der Spitzbube hat mir abſcheulich unter das Kinn geſtoßen.“ „Dankt Gott, daß er Euch nicht todt ſchlug,“ ſprach Martin. „O ſie wollten es, als Ihr bewußtlos dalagt,“ ſagte Claire; „aber der gute Martin bat für Euer Leben. Ich bin Zeuge. Ich ſtand nahe genug, um es zu hören.“ In Dollart's Bruſt ſtürmten die wildeſten Gefühle. Daß ihm dieſer Fang entgangen, das wurmte ihm unabläſſig; daß er nun dem Martin ſein und ſeines Kindes Leben verdankte, war ihm noch bitterer. „Martin,“ ſagte er,„du haſt ſie Alle gekannt und biſt ihr Genoſſe, nenn' mir ihre Namen. Du ſollſt frei ausgehen, das gelob' ich dir!“ „Kommt nur erſt heim, Meiſter Dollart,“ ſagte er,„ſo ſollt Ihr Alles erfahren. Was hlilft's, wenn ich ſie Euch hier Alle nenne? Ihr vergeßt ſie ja, bis Ihr heimkommt!“— Das leuchtete Dollart endlich ein. Der Martin entging ihm jä nicht! Er war indeſſen von den Mißhandlungen doch der Art ange⸗ griffen, daß er kaum gehen konnte. Claire und Martin mußten ihn führen. Martin, der Dollart's Waffen entfernt hatte, weil er einen wilden Ausbruch ſeiner Wuth gefürchtet hatte, ihn daher wollte an einem Angriffe gegen ihn hindern, trug nun dieſe Waffen und die Claire's dazu. Langſam nur konnten ſie vorwärts ſchreiten, denn von dem feſten Binden mit den Stricken waren Dollart's Beine geſchwollen. Erſt gegen Ein Uhr erreichten ſie das Dorf, wo Frau Dollart nicht wenig „— 154— über den Anblick ihres Mannes erſchrak. Er legte ſich ſogleich zu Bette und verlangte, Claire ſolle Martin's Geſtändniſſe nieder⸗ ſchreiben. Martin weigerte ſich, irgend eines zu ſagen. „Sei du nur ruhig,“ ſagte mit verbiſſener Wuth Dollart. „Ich will dir ſchon die Zunge löſen. Dich hab' ich, die Andern krieg' ich, das ſteht feſt, und dann verlierſt du das Recht auf mein Gelöbniß, daß du frei ausgehen ſollſt.“ Martin wandte ſich, wegzugehen „Zum Verräther ſollt Ihr mich nicht machen, denn mich bindet ein feierliches Angelöbniß. Nun laßt kommen, was da komme. Gute Nacht und gute Beſſerung!“ Er ging. Draußen ſtand Claire weinend„Ach Martin,“ ſchluchzte ſie,„was wird das werden?“ „Nichts, Claire, denn ich muß flüchtig werden. Lebwohl! Möge Gott uns ein fröhlicheres Wiederſehen ſchenken!“ Er ſchloß ſie in ſeine Arme; drückte den erſten Kuß auf ihre Lippen und war verſchwunden. VI.* Für Martin blieb keine Wahl; kein Aufſchub war zuläſſig, ſollte er nicht in die Hände der Franzoſen fallen. Es unterlag keinem Zweifel, daß man ihn ſo lange quälen würde, bis er die Namen nenne; dann war ſein Vater, dann waren zwanzig Familien dem Verderben geweiht. „O das iſt die Frucht des verbrecheriſchen Treibens!“ rief er aus,„und ich ernte für Alle, weil ich ſchwach genug war, nicht den Widerſtand zu leiſten, der mich auf rechter Bahn erhalten hätte! O meine Claire!“ ſeufzte er und trat in ſein ſtilles, dunkel daliegendes Vaterhaus. Die Lenebas hörte ihn kommen Sie wußte, was dieſe Nacht vorgehen ſollte. Schnell ſtand ſie auf, warf ihre Kleider über und rief leiſe:„Martin!“ Er kam herauf. Schnell erzählte er ihr — 155— das Vorgefallene.„Ich muß fort,“ ſagte er, ſonſt ſind Viele mit mir unglücklich und mein Vater vorab. „Wohin willſt du, Kind?“ fragte angſtvoll die alte, treue Seele. „Ueber den Rhein, wenn's geht,“ ſagte er. „Aber du wirſt dann nicht wiederkommen dürfen!“— „Wer weiß, wie es Gott fügt,“ ſagte Martin;„doch gebt mir ein Paar Hemden, Lenebas! Geld hab' ich noch für die erſte Zeit. Gott wird mich nicht verlaſſen!“— Sie eilte, ein Bündelchen zu machen. Weinend legte ſie ihren Sparpfennig hinein und ſagte zu ſich:„Er wird's brauchen und es bringt ihm mehr Segen, als das gottloſe Schmuggelgeld.“ Sie brachte es ihm unter lautem Schluchzen. „Sagt meinem Vater, er ſolle um Gottes willen dem heilloſen Geſchäfte abſagen. Es wird ihn auch noch in Ketten und Bande bringen, wie es ihn im Alter ſeines Sohnes beraubt. Sagt ihm, das ſei meine einzige, meine letzte Bitte. Und, liebe Bas, grüßt Claire! Sagt ihr, ich bliebe ihr treu bis in den Tod. Bittet ſie, daß ſie mich nicht vergeſſe— daß— ſie den— Adam nicht heirathe. Der iſt gewiß wieder der Verräther, denn verrathen war's, das ſteht feſt. Ich will Euch ſchreiben, wo ich bin und wie es mir geht. Fragt bei dem alten Werthheimer im Städtchen nach. Sagt auch Claire, was ich ſchreibe— nur aber geheim, ſonſt holen ſie mich ſicher. Lebt wohl, Gott ſchütze Euch!“ Er drückte ihre treue Hand und eilte fort. Der Mond war untergegangen. Wolken umlagerten den Himmel. Es war eine ſtockfinſtere Nacht. Man ſah keine Hand vor den Augen Martin eilte ſchnellen Schrittes durch's Dorf. Die Wege waren ihm alle bekannt. Es galt, noch vor dem hellen Tage das Städtchen und das Haus Werthheimer's zu erreichen, deſſen Sohn unter denen war, die zurückgegangen, alſo daheim waren. Auf dem gewöhnlichen Wege hatte er vier bis fünf Stunden. Da mußte ihn der Tag ereilen, ehe er ankam; aber es gab Pfade, die nur Wenige kannten, Pfade der Schmuggler, die durch Wald — 156— und Geſtrüpp, über Höhen und durch Thalſchluchten führten. Auf dieſen Pfaden ſchnitt er ein großes Dreieck ab und ſparte wenigſtens zwei Stunden. Er verließ daher den gebahnten Weg, wandte ſich links und wanderte, als wäre ſein Schritt beflügelt— in das doppelte Dunkel des Waldes hinein. Unermüdet ſetzte er ſeinen Weg fort, wenn auch der Schweiß rann, wenn auch heftiges Athmen die Bruſt hob, wenn auch manchmal die Ermüdung ſehr fühlbar wurde. Er gönnte ſich keine Raſt und durfte es nicht.„ Nach ſtundenlangem Wandern lichtete ſich der Wald, und bald darauf ſtand er im Freien Ein ſcharfer Wind wehte von Oſten erquickend her. Schnell erkannte er, wo er ſich befand. Noch etwa drei Viertel Stund, und er mußte die Wellen des Rheines rauſchen hören! Wieder wanderte er in nordöſtlicher Richtung weiter; kam an eine alte, verfahrene Landſtraße und folgte dieſer eine bedeutende Strecke Dann erblickte er vor ſich die Ruinen einer Burg und des Rheines Rauſchen ſchlug an ſein Ohr. Das klang, wie Muſik! Am Fuße des Berges, wo die Burg ſtand, lag das Städtchen, und die erſten Streiflichter rötheten den Himmel im Oſten. Nun war er dem Ziele nahe. Ein Blick nach oben und ein leiſes Gebet erhob ſeine Seele. Schnell ſprang er von der alten Straße hinab und war an den Ruinen. Durch den tiefen Felsgraben führte ein Pfad in das Gemäuer. Er kannte ihn genau. Bald ſtand er mitten in den alten Giebeln und Mauern; aber da war kein Weilen. Der Tag kam ſchnell in dieſer Jahreszeit. Glücklicherweiſe ſtieg ein dichter Nebel vom Rheine auf und wirbelte, vom Bergwinde gefaßt, wild durcheinander und lagerte ſich dann bis zur Hälfte der Berghöhen über das Thal, es ganz erfüllend. Das war für Martin ein großes Glück; denn es waren jetzt nur zwei Pfade, die er wählen konnte. Der Eine führte grade hinab, an der herrlichen Ruine einer gothiſchen Kirche vorüber, die hoch über der Häuſerreihe ſtand, die am Berge hinlief, auf den Kirchhof einer tiefer ſtehenden Kirche, der Hauptkirche des Städtchens. — 157— Den Kirchhof aber ſchloß ein Thor gegen die Stadt hin. Da hätte er ſich verbergen müſſen, bis das Morgengeläute anzuziehen, der Glöckner es öffnete Trat er dann aus dem Thore, ſo konnte ihn leicht Jemand ſehen und— wer weiß— wie es dann kommen konnte? Der Andre führte auf der nördlichen Abdachung des Berges in ein Seitenthal hinab, auf welches das obere, ſtets offene Thor der Stadt mündete; aber dieſe Bergſeite war völlig kahl. Sie führte unten im Thale an den Mühlenteich, über den man leicht ſpringen konnte. Auf dem mit Weiden bepflanzten Damme erreichte man die Mühle, welche grade vor dem Stadtthore lag, und, wenn nicht ein beſonderer Unſtern waltete, konnte er für einen in den Tagelohn gehenden Bauerburſchen des im Thale liegenden Dorfes gelten. Seine Wahl war ſchnell entſchieden. Er„ betrat den letzteren Weg; kam glücklich hinab; ſprang über den Mühlteich; erreichte die Mühle und trat nach wenig Augenblicken in die Stadt, die noch todtſtille dalag. Wenn auch das Herz pochte, er ſchritt langſam die ſich ſenkende Straße hinab, über die kleine Brücke hinüber, am Bache hin und erreichte den Markt, wo die Hauptkirche ſtand. Keine Seele begegnete ihm. Die lange Oberſtraße ſchritt er nun hin, bog dann links in eine Gaſſe, die zum Rheine hinabführte und ſtand in wenigen Augenblicken an der Thüre des Schiffers Werthheimer. Auf ſein eigenthümliches, den Hausbewohnern wohlbekanntes Klopfen wurde bald geöffnet, und er war für's Erſte in Sicherheit. Werthheimer's Sohn erſchrak heftig, als er ihn ſah.„Wie ſtehts?“ rief er aus.„Iſt euch etwas paſſirt?“— „Stille!“ ſagte Martin.„Komm' hinauf in die Stube. Da will ich dir und deiner Mutter Alles erzählen.“ Als er dann ſich an Speiſe und Trank erquickte, erzählte er den ganzen Hergang. Man überlegte her und hin, ob man den Vater abwarten ſollte, ehe für Martin etwas geſchehe. Die Mutter war eine kluge, ſehr beſonnene Frau. Sie entſchied endlich den Streit. — 158— ch weite, ſagte ſie,„der Dollart läßt von hier die Gensd'armen hinauskommen, um den Martin gefangen zu nehmen. Finden ſie ihn nicht, ſo ſuchen ſie nach ihm; es werden ſelbſt Steckbriefe hinter ihm drein geſchickt. Suchen ſie nach ihm, ſo haben wir ſicher zu erwarten, daß auch bei uns Hausſuchung gethan wird, da die Leute wiſſen, daß Werthheimer einmal dabei iſt, wenn's an's Schmuggeln geht. Was dann? Wird er ſteckbrieflich verfolgt, ſo darf ihn jeder Douan anhalten. Iſt er aber über'm Rheine, ſo iſt er in ſeiner Haut ſicher und kräht kein Hahn nach ihm. Alſo iſt mein Rath, ſobald er ſich ſatt gegeſſen und getrunken hat, fährſt du ihn über den Rhein.“ Damit ſtimmte dann auch Martin überein. Der junge Schiffer nahm Riemen, Ruder und Haken, und ging nach dem Rheine; mochte den Kahn zurecht und rief dann Martin. Kein Menſch redete ſie an, und als der Kahn ſich auf den Wellen ſchaukelte, ſagte der junge Werthheimer:„Nun biſt du gerettet!“ Es war aber auch eben gerade Zeit für ihn; denn mit dem grauenden Tage kam ein Bote von Dollart an den Wachtmeiſter der Gensd'armen im Städtchen, welcher eiligſt ſie auf das Dorf berief. Zwei berittene Gensd'armen ſtanden in dem Städtchen, die, da Dollart dringlich geſchrieben, hinausjagten. Als ſie dort ankamen, wurde ſogleich Fehringer's Haus von Dollart und den Feldſchützen, die zur Hand ſein mußten, umſtellt, der Syndic, wie damals der Ortsvorſtand hieß, nebſt den beiden Gensd'armen drangen in daſſelbe ein, um nach Martin zu ſuchen. Der alte Fehringer ſaß am Tiſche und ſeine Thränen floſſen. Erſt vor einer Stunde war er heim gekommen und die Lenebas hatte ihm ſogleich Alles mitgetheilt. Als ſie Martin nicht fanden, und der alte Mann nicht wußte, wo er war, wurde die Mühle und die Häuſer der Befreundeten im Orte durchſucht; aber alles Suchen war umſonſt. Nun nahmen ſie den alten Fehringer mit, um ihm etwas auszupreſſen, allein — 159— ſchon am Abend ließen ſie ihn frei. Mittlerweile war des Werth⸗ heimer's und andrer Schiffer Wohnungen durchſucht worden, die etwa im Verdacht des Schmuggelns ſtanden, und wo ſich etwa Martin könnte verborgen halten. 5 3 Claire lebte Tage des Leids und der Angſt und der Müller, den jetzt die Gewiſſensbiſſe noch herber verfolgten, war ganz troſtlos; das Dorf aber war in der größten Aufregung und der wildeſte Haß Aller warf ſich auf Adam Ries, dem man den Verrath bei⸗ maß, weil Claire hier und da eine Aeußerung hatte fallen laſſen, die auf ihn den Verdacht hinleitete. Martin war in dem Orte auf dem rechten Rheinufer nicht geblieben, das er zunächſt erreichte; denn hier hielt er ſich mit Recht nicht völlig ſicher. Bei dem Orte mündete ein weites Thal, durch welches ein ſtarker Bach floß und ein Verkehrsweg in das innere Land ſich durchwand. Er ſchlug ihn ſogleich ein und wan⸗ derte den Tag über rüſtig, wenn auch in Zwiſchenräumen hier und da ausruhend, voran. An vielen Mühlen kam er vorüber. Endlich, als der Tag ſich neigte und das Thal allmählig höher ſtieg und ſeinem Verlaufe in's Flachland des dort beginnenden Bergrückens nahe war, fand er die letzte Mühle. Sie mochte vier, auch ſechs Stunden von dem Orte an der Mündung des Baches in den Rhein entfernt ſein. Sie lag ſo verſteckt, daß man ſie erſt ſah, wenn man ihr Rädergeklapper hörte. Er trat zur Thüre und bat um eine Nachtherberge, welche die Leute um ſo lieber, nach alter, ehr⸗ würdiger Sitte, zugeſtanden, als Martin's Kleidung und Ausſehen durchaus ihnen die Gewähr zu bieten ſchien, daß er ehrlicher und ordentlicher Leute Kind zu ſein ſchien. Als er nun bei dem Müller, einem alten Manne, unter der Linde ſaß, die im Hofe ſtand, fragte ihn dieſer nach ſeiner Heimath und ſeinen Lebensumſtänden, wie nach dem Ziele ſeines Wanderns. Die Müllersleute waren beide alt. Sie hatten nur einen Sohn und ſonſt keine Kinder, und dieſer Sohn war in den letzten Tagen ſo unglücklich geweſen, beim Aufladen eines Eichſtammes im nahen Walde ein Bein zu brechen. Einen Mahlknecht hatte der — 160— alte Mann ſehr nöthig, aber noch nicht finden können. Auf Martin, der ihm in ſeiner Beſcheidenheit wohl gefiel, war ſein Auge in dieſer Beziehung gefallen, und ſeine Fragen hatten den Zweck, zu hören, ob er eine Hoffnung auf ihn ſetzen könne. Die Fragen des alten Mannes waren ſo theilnehmend und herzlich, daß Martin ihm ohne Hehl ſein Geſchick mittheilte, und auch die unverhehlte Abſicht, ſich ein ehrlich Unterkommen zu ſuchen. „Ich kann tüchtig arbeiten und will mein Brod getreulich verdienen,“ ſagte er offen und ehrlich. Dieſe Rede erfreute des alten Mannes Herz. „Verſtündeſt du nur Etwas vom Mahlweſen,“ ſagte er,„ſo könnteſt du gleich bei uns bleiben;“ und nun erzählte er ihm den beklagenswerthen Unfall ſeines Sohnes. Martin konnte ihm die Verſicherung geben, daß er damit durch ſeinen Pathen, den Müller auf der rothen Mühle, vollkommen vertraut ſei, und ſagte damit eben nur die reine Wahrheit; denn der Müller, ſein Pathe, hatte ihn ja abſichtlich mit dem Mahlweſen und der Einrichtung einer Mühle vertraut gemacht, und als vollends der alte Müller vernahm, daß er das Wagnerhandwerk verſtehe, bot er ihm einen ſo ſchönen Lohn, daß Martin auf der Stelle ein⸗ ſchlug und in der Mühle blieb. Das Alles hatte ſich ſo überraſchend ſchnell und einfach gemacht, daß Martin Gott innig dankte. Zudem war er von ſeiner Heimath, ſtreng genommen, nur eine Tagreiſe entfernt, was ihm eine reiche Beruhigung bot. Schon an dem Abende nahm er dem alten Manne die ſchwere Arbeit des Aufſchüttens ab, der mit Freuden ſah, daß ihm Martin die Wahrheit geſagt hatte. In der ſtillen Mühle lebte er denn nun ſeiner Pflicht mit Treue und Gewiſſenhaftigkeit. Er erwarb ſich ſchnell die Liebe und das Vertrauen der alten Leute und des leidenden Sohnes, den er ſogleich pflegen half. Als dieſer endlich wieder genas, war Martin den Leuten unentbehrlich geworden. War er nicht in der Mühle beſchäftigt, ſo arbeitete er als Wagner in der Scheune, ja — 161— manche Arbeit, zu welcher der Müller den Mühlarzt ſonſt brauchte, welcher ihn ſchweres Geld gekoſtet, machte Martin ſo gut und ächt, daß ſie ſich mit der des beſten Mühlarztes meſſen konnte. Da war denn gar nicht daran zu denken, daß ſie ihn verabſchiedeten, viel⸗ mehr hielten ſie ihn werth wie ihren Sohn. Gleich Anfangs hatte der alte Mann ſelber das Mehl weg⸗ gefahren, um Martin keiner Gefahr auszuſetzen, und als der Sohn wieder hergeſtellt war, übernahm dieſer das Geſchäft, und Martin blieb auf der Mühle, ohne daß ſein Daſein irgend Jemanden auf⸗ gefallen wäre. VII. Jenſeit des Rheines hatten ſich Ereigniſſe zugetragen, welche den Waffen Napoleon's höchſt ungünſtig waren. Die verbündeten Mächte, der Kaiſer von Rußland, der von Oeſterreich und der ritterliche König von Preußen, ſtanden mit ihren begeiſterten Schaaren dem Erbfeinde der Ruhe und des Völkerfriedens entgegen, und brachten ihm eine Niederlage nach der anderen bei. In Spanien trieben die Engländer die Franzoſen vor ſich her und drängten ſie allmählig den Phrenäen zu, der ſtarken natürlichen Grenzfeſte ihres Landes. Die Schlachten waren blutig und mörderiſch. Napoleon's Schaaren lichteten ſich mächtig. Eine ſchnelle Aushebung mußte die Gefallenen und Gefangenen erſetzen, wenn nicht der Kampf eine noch ungünſtigere Wendung für ihn nehmen ſollte. Der Befehl wurde gegeben und ſchnell zur Ausführung gebracht. Bis jetzt hatte man auf den Beſtand eines bäuerlichen Anwe⸗ ſens inſofern Rückſicht genommen, als man den älteſten Sohn frei ließ, der dem Haus und Geſchäftsweſen vorſtand. Wo nur möglich, ſollte nun auch dieſe Rückſicht fallen. Allgemein war die Strenge des kaiſerlichen Befehls bekannt, und Trauer überfiel zahlreiche Familien. Beſonders ſtrenge aber ſollte auch das Geſetz N. F. v. 11 1 — 162— in Ausführung kommen, welches feſtſtellte, daß das Vermögen Flüchtiggewordener vom Staate ſollte eingezogen werden. Traf das Erſte beſonders ſchwer den reichen Adam Ries, ſo fiel die ganze Wucht des Letzteren auf den armen, alten Fehringer, der doch um keinen Preis ſeinen Sohn in die Hände der Franzoſen überliefern wollte, wenn er auch gewußt hätte, wo er eine Zuflucht gefunden. Mit ungewöhnlicher Eile wurde diesmal die Aushebung betrie⸗ ben, was auf die Noth hinwies, während die amtlichen franzö⸗ ſiſchen Nachrichten nur von Siegen redeten, welche der unüberwind⸗ liche Kaiſer erfochten. Endlich kam der gefürchtete Tag. Adam Ries hatte ſeine Thaler ſpringen laſſen, wo nur eine offene Hand war, die etwas zu ſeiner Befreiung beizutragen im Stande ſchien, und der offenen Hände waren damals viele! Die Gründe, die er für ſich geltend ichte, beſtanden beſon⸗ ders darin, daß er das Ackergut beſorgen, den Vater pflegen und in allen Stücken deſſen Stelle vertreten müſſe; allein Adam Ries hatte verſchwiegen, daß er eine Schweſter aus der erſten Ehe ſeines Vaters habe, die im Dorfe verheirathet ſei, und daß ſein Schwager ſeine Stelle ſo gut wie er ſelbſt vertreten könne, zumal die Ehe eine kinderloſe war. Als der Unterpräfekt nach dieſen Umſtänden fragte, die einer der vielen Feinde des Adam Ries mußte angezeigt haben, konnte der Maire ſie nicht in Abrede ſtellen, und alle Bitten blieben erfolglos— Adam Ries wurde Soldat. Das ſchmetterte ihn beiſpiellos nieder, noch mehr aber, daß ſein weinendes Auge ſo manche Blicke begegnete, aus dem klar und beſtimmt die Freude über ſein Unglück ſprach. Troſtlos wankte der Menſch hinaus, der in ſeinem Uebermuth oft triumphirend ausgerufen:„Sein Geld überwinde Alles!“ Als aber nun die Reihe an Martin Fehringer kam, theilte der Maire die Ergebniſſe der Acten über dieſen Entweichungs⸗ fall mit.* — 163— Der Vater wurde vorgerufen und mit harten Worten gefragt, wo ſein Sohn ſei? Als der Greis betheuerte, er wiſſe das nicht, warf man ihn in das Gefängniß, bis er ſeinen Sohn herbeigeſchafft haben würde. Dies konnte er nicht. Nach zwei Monaten ließ man ihn zwar wieder frei, allein Haus und Hof war confiscirt, als das alleinige Erbtheil des entwichenen Sohnes. Adam Ries konnte nicht triumphiren, er ſtand bereits unter den Waffen. Er wäre aber auch der Einzige im Dorfe geweſen; denn alle Einwohner trugen aufrichtiges Mitleid mit dem Greiſe, deſſen Kraft ſeit ſeines Sohnes Entfernung gebrochen ſchien und der leidend war, ſeit er zum erſten Male wegen Martin's Flucht im Gefängniſſe geſeſſen hatte. Er und die alte Baſe mietheten ſich in einem anderen Hauſe ein. Tags darauf, als dies geſchehen war, kam der Müller aus der rothen Mühle und trat in Fehringer's Stübchen. Der alte Mann ſaß im Lehnſtuhle, der ihm geblieben war, und weinte Als die Thür aufging, hob er den müden Kopf in die Höhe, aber zu dem Gegengruße verſagte ihm die Stimme vor Erſtaunen. Der Müller ſetzte ſich, und eine Weile ſchien auch er einen ſchweren Kampf mit ſeinem harten Kopf und Herzen zu kämpfen. Endlich hob er an:„Schwager, du weißt wohl, warum ich Haß gegen dich getragen—“ „Schweig, ſchweig!“ rief der Müller mit gewaltiger Bewe⸗ gung aus;„ich weiß, was du willſt. Iſt es nicht genug, daß Reue und Qual mein Herz zerreißt? Iſt es nicht genug, daß Gottes ſtrafende Hand ſo ſchwer auf mir liegt, daß ich im Alter kinderlos und ein Bettler geworden bin?— Willſt du noch kommen und das Maaß meines Jammers voll machen durch bittere Vor⸗ würfe, deren ich mir ſelber Tag und Nacht mehr mache, als du mir machen kannſt? Geh'! Vierzehn Jahre haſt du meine Schwelle gemieden und mich nicht gekannt; haſt getreulich an meinem Ver⸗ derben mitarbeiten helfen; geh', laß mich in Ruhe ſterben, wenn ich — 164— es kann! Du haſt Rache genug; du brauchſt dir ſie jetzt nicht ſelber zu holen!“ Dieſe Worte ſchnitten in des Müllers Herz. Er wollte ant⸗ worten, aber die Thüre ging auf und ein Mädchen trat herein, deſſen Kleidung etwas anders als die der Mädchen des Dorfes war, deſſen Schönheit aber ſelbſt das Auge des Müllers faſt blen⸗ dete. Sie trug ein Körbchen in der Hand und wandte ſich an Fehringer. „Vater Fehringer,“ ſagte ſie mit einem ſo füßen, herzgewin⸗ nenden Tone, daß der Müller ſich wunderbar bewegt fühlte, „ich habe Eure Worte gehört; ſie ſind mir in die Seele gedrungen. Eigentlich komme ich nur, um Euch eine Suppe zu bringen, aber ich höre, daß ich Frieden zu ſtiften gekommen bin. O,“ ſagte ſie, ſich an den Müller wendend,„ich kann mir nicht denken, daß Ihr dem hartgeſchlagenen Mann ſeine Lage verbittern wollt. Nicht wahr, das wollt Ihr nicht?“— 2 Die letzten Worte ſprach ſie bittend; aber es wäre auch keine Menſchenſeele, ſelbſt die härteſte nicht, im Stande geweſen, dieſen Worten, dieſem Tone zu widerſtehen. Der Müller ſprang auf und unterdrückte mühſam eine Rührung, die ihn überwältigen wollte. „Wer biſt du, Mädchen?“ fragte er, ihre Hand ergreifend. „Wenn das Etwas zur Sache thut, will ich es Euch ſagen,“ ſprach Claire;„ich heiße Claire Dollart und bin des Douanen Kind.“ Der Müller ſah ſie lange, ſehr lange an und in ſeinem Geſichte zuckte es, bis zwei dicke Thränen ihm aus den Augen quollen. „Ich kenne dich nun und danke Gott, daß ich dich kennen lerne, um auch dir das Unrecht abzubitten, das ich, ohne dich zu kennen, an dir that. Kind, ich bin Martin's Pathe. Dir will ich es ſagen, was mich hierhertreibt. Die letzte Unterredung, die ich mit Martin hatte, iſt mir durch die Seele gegangen Seit vierzehn Jahren habe ich keinen Tritt in das Dorf geſetzt bis heute. Ich haßte Dieſen, meinen Schwager, weil— nun das ſoll jä eben —— — 165— „ vergeſſen ſein! Martin weckte mein Gewiſſen, was Keinem gelungen war. Sein Wort traf mich ſchärfer, denn ein zweiſchneidig Schwert. All' das Unglück, das zu Hauf kam in der letzten Zeit; ſeine Flucht, ohne mir Lebewohl geſagt zu haben, hat mich tief und tiefer gebeugt. Endlich iſt der harte Menſch gebrochen worden von der Hand Gottes. Fehringer meinte, ich komme, um ihm Vorwürfe zu machen; aber Gott iſt mein Zeuge, ich komme, um ihm die Hand zur Verſöhnung zu bieten. Ich will in's Grab legen die ganze Vergangenheit und mit ihm leben wie ein Bruder, mit ihm theilen mein Brod, daß er nicht mehr darbe. Dazu bin ich hier, und er ließ mich nicht zu Worte kommen.“ „O dann ſei Gott geprieſen!“ rief das Mädchen aus, und auf ihrem Engelsgeſichte lag eine wahre Verklärung.„So kommt,“ bat ſie,„und laßt mich es ſein, die eure Hände und Herzen wieder vereinigt!“ Sie faßte des Müllers Hand und führte ihn Fehringer'n zu, und legte ihre Hände ineinander.„Siehe, wie fein und lieblich iſt es, wenn Brüder einträchtig beieinander leben! Denn daſelbſt verheißet der Herr Friede und Freude ewiglich! So ſpricht des Herrn Wort.“ Der Müller ſtarrte das Mädchen an; dann aber fielen ſich die beiden Männer um den Hals und weineten faſt laut. Claire wollte ſich wegſchleichen. Das ſah der Müller und machte ſich los. „Bleib', Mädchen, bleib'!“ rief er.„Auch mit dir hab' ich zu reden. Ich haßte dich, weil du und dein Vater einſt meine Mühle umkreift habet und meintet, ich ſei ein Hehler der Schmuggler. Du hatteſt dein Geſicht geſchwärzt, aber ich erkannte in dir das Weib. Zetzt— jetzt— kenm ich dich erſt und jetzt bitt' ich dich, vergieb auch du mir! Ich weiß, daß Adam Ries die Schuld trägt. Willſt du mir verzeihen?“ Claire lächelte durch Thränen. Sie reichte ihm ihre Hand. „Ach,“ ſagte ſie,„ich wußte ja nicht, daß Ihr uns haßtet; aber gerne vergebe ich Euch. Seht, ich mußte meinen Vater begleiten, weil ich fürchtete, die Schmuggler möchten ihm ein Leid zufügen, daran ich ſie hindere. Ich hätte daheim keine Ruhe gehabt. Damit man mich aber nicht erkenne, trug ich einen Trauerflor vor dem Geſicht.“ „Aha, du warſt's?“ rief Fehringer.„Gottlob, daß auch dies Geheimniß ſich ſo ſchön aufklärt!“ „Du biſt eine brave Tochter,“ ſagte der Müller.„Der Segen Gottes wird dir nicht entgehen, denn du haſt den Segen der Ver⸗ heißung für dich! Wer ſo dem Vater Liebe beweiſt, der iſt auch zu jeder guten That fähig.“ In dieſem Augenblicke rief die Mutter unten im Hauſe, da Claire ihr zu lang ausblieb. „Ich muß gehen. Gottes Gnade und Frieden ſei mit Euch!“ rief ſie und eilte zur Thüre hinaus. Was die beiden Männer noch miteinander redeten, war ernſt und bedeutſam, aber bitter war es nicht. In die Mühle wollte Fehringer nicht ziehen; dagegen verſprach der Müller, Alles für ihn zu thun, und hielt treulich ſein Wort. Faſt täglich beſuchte er ihn, bis er wieder geneſen war. Er verſorgte ihn und die Baſe reichlich mit Allem, was die beiden Alten bedurften, und den Haus⸗ zins zahlte er ihm auch. Oft ſagte Claire:„O wenn es doch Martin wüßte!“ Und mit dem Worte hob ſich ein ſchwerer Seufzer von der kummer⸗ belaſteten Seele des Mädchens. Denn es waren nun drei Monate vergangen, und Martin hatte Nichts von ſich hören laſſen. Hatte er ſie vergeſſen? Das glaubte Claire am Wenigſten. Da kam eines Tags, es war ſchon in den Tagen des Octobers, als bei Leipzig die Macht des weltſtürmenden Napoleon's gebrochen wurde, der alte Werthheimer, einſt Fehringer's Schmuggelgenoſſe, in's Dorf und fragte nach ihm. Man wies ihm das Haus, wo der Alte in der Miethe wohnte. Als Werthheimer eintrat, ſaß Fehringer an ſeiner Bibel, denn es war an einem Sonntag Mittage. — 167— Fehringer war freudig überraſcht, als er den Gefährten ſo mancher Schmuggelei bei ſich ſah. „Was führt dich zu mir armen, alten Mann?“ fragte er. „Die Zeit iſt dahin, wo du mich brauchen konnteſt.“ „Darum komme ich nicht,“ ſagte er zu dem Alten.„Es iſt ein Anderes, was mich zu dir führt.“ „Doch nichts Schlimmes?“ fragte ängſtlich Fehringer. „Nein, alter Kamerad,“ entgegnete Werthheimer,„diesmal iſt's nur Gutes. Ich bringe dir Kunde von deinem Sohn. Er kennt das Unglück, das dich traf ſeinetwegen, und das hat ihn tief gebeugt. Gerne wäre er gekommen und hätte ſich geſtellt, um dich aus der Noth zu retten, wenn es die braven Leute zugegeben hätten, bei denen er iſt wie das Kind im Haus, und die ihn werth halten wie den Augapfel im Auge. Sie mußten ordentlich Gewalt anwenden, um ihn zurück zu halten, und erſt, als ſie es ihm klar machten, daß es ja dann für dich nur ſchlimmer würde, wenn er dir ganz genommen und hingeopfert würde, da ergab er ſich. Wo er aber iſt, darfſt du nicht wiſſen;— nicht, wie weit er von dir iſt, damit du, wenn ſie wieder an dich gehen, und das kann kommen, frei fagen kannſt, du wiſſeſt es nicht; aber dies Geld ſendet er dir und bittet dich, du ſollteſt es für dich und die Baſe verwenden. Er hat's ſehr gut und braucht das Geld nicht.“ Da faltete der alte Fehringer ſeine Hände und das ſchneeweiße Haupt, das erſt weiß geworden war ſeit den Leiden der letzten Zeit, ſank auf die gefalteten Hände und er betete, denn ſein Herz war voll Preiſens und Dankens. Werthheimer ging hinaus und ſuchte die Baſe. Ihr ſandte Martin ein warmes Halstuch für den Winter und die herzlichſten Grüße. „Aber,“ ſagte Werthheimer,„noch Eins. Ihr ſollet zum Pathen gehen und ihn viel tauſendmal grüßen und ihm ſagen, er komme bald, denn mit den Franzoſen ſei es Matthäus am Letzten. Dann trug er mir auf, Ihr ſolltet der Claire ſagen, ſie ſolle, wenn 6 das Franzoſenweſen zuſammenbreche, doch um Gottes willen nicht mit nach Frankreich gehen, ſondern da bleiben; er hoffe zu Gott, daß er wiederkehren dürfe, und dann werde ja noch Alles gut werden.“ Das waren Botſchaften, die überall Wonne und Freude berei⸗ teten, wohin ſie gerichtet waren, obwohl Claire an das, was er vom Franzoſenweſen ſagte, nicht glaubte und lächelnd meinte, damit verrechne er ſich doch!„Ach,“ ſagte ſie,„wie wird es gehen? Wird er je wiederkommen dürfen?“ VIII. Claire's ungläubiges Lächeln war der Wiederſchein der uner⸗ ſchütterlichen Meinung ihres Vaters. Dollart, wie viele Tauſende begeiſterter Verehrer Napoleon's, glaubte eher an den Untergang der Welt, als an den ſeiner Macht und ſeines Glücksſterns. Er könne wohl von der Macht der Elemente bezwungen werden, ſagten ſie, wie von einem ruſſiſchen Winter, nicht aber von der Macht der Menſchen. An die Macht Deſſen, der da ſpricht:„Bis hierher, und nicht weiter!“ dachten ſie nicht bei ihrem fleiſchlichen Urtheile. Was er jetzt wohl noch leide, das ſei die Folge jenes Winters; das ſei das Nachweh; aber mit einem Male werde der Adler ſein Gefieder ſchütteln, die Flügel ausbreiten und die Fänge rüſten; dann werde Europa zittern und wieder alle gekrönten Häupter ſich im Staube vor ihm neigen. Wie geſagt, das glaubten Viele, denen die„Bülletins der großen Armee“ eine volle, reine Wahrheit waren. Verwöhnt durch die Siege des Gewaltigen, ſchien ihnen ein Wechſel des Glücks außerhalb der Grenzen des Möglichen zu liegen. In Napolevn ſahen ſie etwas Ueberirdiſches, einen Menſchen, deſſen Wille keine Schranken kenne, wie ſeine Macht und ſein Geiſt. Aber es gab unendlich Viele, die zwiſchen den Zeilen der ruhmredigen Bülletins laſen; die an den bausbackig poſaunenden — 169— Siegesboten einen Zweifel wachſen fühlten, je mehr ſie poſaunten. Es lag wie Blei auf den Geiſtern, als die dreitägige Schlacht geſchlagen war, und die Bülletins weniger rühmten. Es drangen Kunden über den Rhein herüber, trotz der Sperre, und dieſe Nach⸗ richten waren Botſchaften vom Untergange, die da klangen wie ein fernher tönendes Grablied.— Man wagte ſich's nur zuzuflüſtern, und die ſorgenvollen Mienen der hohen Gewalthaber in den Städten, die milderen Saiten, die man hin und wieder aufzog, wo man ſie ſonſt bis auf's Höchſte geſpannt, gaben auch ein Zeugniß, und das Volk deutete es richtig, und die deutſchen Herzen auf dem linken Rheinufer wagten es einmal wieder, zu hoffen auf das Zerbrechen des lange getragenen Jochs. Endlich war es nicht mehr zu leugnen, daß Napoleon's Macht bei Leipzig gebrochen worden war. Die Schlacht bei Hanau vol⸗ lendete die Sicherheit eines gewaltigen Umſchwungs der Dinge. Jetzt kamen die traurigen Beweiſe augenſcheinlich. Trupps von Soldaten kamen bis in eine Entfernung von 10 bis 12 Stunden von Mainz, unter denen noch unverbundene Verwundete waren. Man ſah unter einem Tauſend alle Waffengattungen der ſoge⸗ nannten„großen Armee“ vertreten, und Lumpen hüllten ſie ein, und die bleichen Geſichter ſprachen von Hunger und Elend, und der entſetzliche Geruch, den ſie verbreiteten, von den Keimen tödtlicher Krankheit, die ſie in ſich trugen, bie ſie mitbrachten und die dem Tod eine reichere Ernte verſchaffte, als das Schlachtfeld von Leipzig, wenn ſie auch langſamer eintrat. Da ſagte Dollart, kleinlauter zwar, aber immer noch zuver⸗ ſichtlich:„Zu viele Hunde ſind des Haſen Tod. Es ſtand eine halbe Welt gegen ihn; wie ſollte er Widerſtand leiſten nach ſolchen Leiden, wie ſie ſein Heer erduldet?— Laßt ihn einmal in Paris ſein, und ihr ſollt Wunder ſehen und erleben!“ Er kam ſchnell genug nach Paris. Der Fluch ſeines zer⸗ malmten Heeres folgte ihm; aber die Wunder blieben aus. An Schmuggeln dachte Niemand mehr, aber auch nicht an's Wachen. Alle Bande ſchienen gelockert, wenn nicht gelöſt. Dollart ſaß auf ſeinem Webeſtuhle, ſtatt daß er auf ſeinem Poſten geſtanden hätte, und manchen ſtillen Seufzer, der dem Sturze Napoleon's, ſeines faſt abgöttiſch verehrten Helden galt, wob er in ſein Gebilde hinein. Dennoch ſagte der unbeugſam Gläubige an ſeinen Kaiſer: „Laßt ihn nur machen. Mögen ſich auch da drüben die Ruſſen und Preußen ſammeln, er wird eine Macht an den Rhein ſtellen, die ſie lehren wird, drüben zu bleiben“ Aber auch dieſe Armee, dieſe Macht blieb aus, und die rauhen Decembertage kamen. In den Dörfern lagen zuſammengeſtoppelte Soldatenhaufen. Hier zwanzig, dort dreißig und mehr. Reiter ohne Pferde, Kano⸗ niere ohne Kanonen; ſelbſt Infanteriſten ohne Waffen Und drüben ſah man auf den Bergen oft das Blisen der Gewehre. Am rechten Rheinufer hinauf und hinab ritten Koſacken und riefen ihr:„Franzuski!“ drohend herüber; jagten eine Kugel in den Rhein, und wenn die Douanen eine hinüberſandten, galoppirten ſie lachend davon. Die thun uns Nichts! ſagten ſie. Das iſt feiges Geſindel. Die Stimmung im Lande wurde eine dumpfere. Die fran⸗ zöſiſchen Angeſtellten ſahen traurig drein. Droben in Höchſt am Main ſaß auf ſeiner Trommel der alte Marſchall Vorwärts, der alte Blücher, und bereitete ſeinen Ueber⸗ gang bei der Pfalz zu Caub vor. Die Armeen, welche ſeinen Befehlen untergeben waren, Ruſſen und Preußen, ſammelten ſich bei Wiesbaden und rückten dem Punkte langſam näher, den der alte Held zum Uebergange beſtimmt hatte. Endlich kam ſelbſt ſeine Proclamation an die Bewohner des linken Rheinufers in's Land, ſo zahlreich, als habe ſie ein Sturmwind zu Tauſenden über den Rhein herüber geweht. Die Frarzoſen ſagten es ſelbſt: Die Deutſchen gehen zu Neujahr 1814 über den Rhein und Napoleon gibt euch preis! Da war nicht mehr zu zweifeln, und Dollart ließ das ſorgen⸗ volle Haupt auf die Bruſt ſinken. Was ſollte aus ſeiner Frau, — 171— ſeiner Claire werden, wenn die Ruſſen kamen? Was aus ihm? Das lag auf ſeiner Seele wie eine Centnerlaſt; aber wegwälzen konnte er ſie nicht. Sie wurde mit jedem Tage ſchwerer, je näher das Jahr 1813 ſeinem letzten Tage zuging Sonſt war es ein Tag, der leider, trotz ſeines ernſten und mahnenden Charakters, durchjubelt zu werden pflegte Dieſes Jahr kam er ſo ſorgenſchwer heran, wie kaum irgend jemals, und unter den Seufzern wurde kein Jauchzen vernehmbar. Es war noch ein Anderes, was die Herzen erſchreckte und ſo düſter ſtimmte. Die Krankheit, das Nerven⸗ oder Lazarethfieber, welches die Franzoſen mitgebracht, herrſchte in erſchreckender Weiſe. Faſt kein Haus war, wo nicht Kranke lagen. Die Krankheit ſteckte furchtbar an. Faſt alle Glieder des Hauſes, wo Eins ergriffen wurde, ſanken bald nacheinander auf's Krankenbett und die Meiſten wurden hinausgetragen auf den ſtillen Friedhof, wo die Kreuze zu Häupten daran mahnen, was allein im Tode Heil und Hoffnung geben kann. Jeder fürchtete, wenn er ſich heute noch geſund fühlte, morgen ſchon ergriffen zu ſein Das drückte die Gemüther; das tödtete die Freude; das beugte den Muth; das trübte den Blick in die Zukunft. Tauſendmal dachte Claire an das Wort, das ihr Martin durch die alte, treue Lenebas hatte ſagen laſſen. Sie hatte damals drüber gelächelt; jetzt erſchien es ihr anders, und wenn der gebeugte Vater von der Zukunft ſprach, ſeufzte ſie tief auf. Es war in der Woche des heiligen Chriftfeſtes, als eines Abends, wie er jetzt oft that, der Müller zu Fehringer kam. Sie ſprachen natürlich von nichts Anderem, als vom Ueber⸗ gange der Deutſchen und Ruſſen und wie es werden würde. Der Müller hatte einen franzöſiſchen Offizier im Quartiere gehabt, der deutſch ſprach, einen ältlichen, braven Mann. Als er ſchied, drückte er des Müllers Hand und ſagte:„Gott ſchütze euch! Wenn die Deutſchen an euch thun, wie leider unſere Soldaten drüben gethan, ſo bleibt kein Stein auf dem andern!“ Das Wort lag auf des Müllers Herzen ſchwerer, als ſein — 172— großer Mühlſtein. Er theilte es dem Fehringer mit und ſagte dabei:„Ich meine, es wäre gut, wenn man in ſolchen Zeiten nahe beieinander wäre! Auch will es mir ſcheinen, als ob die Laſt der kommenden Einquartirung von Einem von uns könne abgewendet werden.“ „Wie ſo?“ fragte Fehringer. „Ei nun,“ entgegnete der Müller,„du ziehſt morgen zu mir in die Mühle, da wird dich hier, in deinem Stübchen, kein Soldat beläſtigen und ich kriege dadurch keinen mehr und keinen weniger.“ Fehringer beſann ſich. „Und,“ fuhr der Müller fort,„da es kein Zweifel iſt, daß, wenn heute die Deutſchen da ſind, morgen Martin kommt—“ „Meinſt du?“ rief fragend und freudig der Alte aus, ihn unterbrechend. „Ganz gewiß,“ ſagte der Müller,„denn der junge Werthheimer hat mir geſtanden, daß er gar nicht weit vom Ufer des Rheins im ſichern Neſte ſitzt—“ „Dann,“ fuhr er, bei dem unterbrochenen Gedanken anknüpfend, fort,„kommt er doch in die Mühle, denn du haſt ja nicht Raum für ihn in dieſem engen Behelf. Endlich aber iſt es tröſtlicher für uns Alle, wenn etwa— und wer weiß es?— Eins von uns von der Krankheit heimgeſucht wird. Wir können einander dann um ſo leichter Handreichung thun und Pflege und Erquickung angedeihen laſſen.“ Die Gründe waren gewichtig. Mit Neujahr begann die Miethe neu. Was hinderte es, daß ſie es ausführten? So recht nach allen Seiten hin erwogen ſie die Verhältniſſe und endlich ſtimmte Fehringer und die Lenebas zu, und ſo wurde denn beſchloſſen, daß der Müller am Montage nach dem Sonntage vor Neujahr ſeinen Mehlwagen ſenden ſollte. Darauf ſollte denn alle die geringe Habſeligkeit Fehringer's gepackt und nach der Mühle gefahren werden. Unter manchen Sorgen und bangen Erwartungen war denn endlich der Morgen des Montags angebrochen. Der Müller⸗ wagen kam und Fehringer und die Bas trugen ihre Sachen herunter. Als die flinke Claire dies bemerkte, kam ſie eilig herüber und half. — 173— „Ach, geht Ihr ſo weit fort?“ fragte ſie.„Da werden wir uns ja ſelten ſehen.“ „Aber warum willſt du uns denn nicht in der Mühle beſuchen?“ fragte Fehringer. Claire zuckte die Achſeln.„Ich kenne den Müller nur von dem einzigen Male, wo ich ihn hier bei Euch traf. Seitdem ſah ich ihn nicht wieder“ „Er war ja doch täglich bei uns—“ ſagte der Alte. „Ich wollte nicht aufdringlich ſein,“ ſagte das Mädchen darauf. „Ihr wißt ſchon, wie bös Einem die Leute Alles auslegen und uns vorab, da ſie uns doch Alle haſſen. Lieber Gott, was kann mein armer Vater dafür, daß ſeine Pflicht gebot, ſtrenge zu ſein? Wär' er's nicht geweſen, ſo war es ein Anderer. Aber es thut Einem doch ſo wehe. Er hat ja doch Niemand hier ein Leid angethan, und wir gewiß auch nicht. Was ſoll's nun mit uns werden„ fuhr ſie fort,„wenn die Deutſchen kommen?“ Sie trocknete ihre heißen Thränen. „Sei gutes Muthes, Kind,“ ſagte Fehringer.„Sieh', ſeit ich in Noth war, hab' ich beten gelernt und da iſt in meine Seele ein Vertrauen auf Gott gekommen, das nicht wankend gemacht werden kann. Er macht Alles wohl! Bete, glaube und vertrau', und du wirſt erfahren, wie wahr es iſt:„Rufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erhören, und du ſollſt mich preiſen!“ Dies Troſtwort erquickte Claire's Seele noch lange, nachdem ſchon der Müllerwagen mit den alten Leuten durch's Dorf, den Mühlenweg hinabgerollt war. Die Anzeichen des nahen Uebergangs der Deutſchen häuften ſich mit jeder Stunde. Man bezeichnete laut und beſtimmt Caub als den Punkt. Statt daß eine Truppenmacht dort den Uebergang hätte wehren ſollen,— und es wäre nicht ſchwer geweſen,— zogen ſich alle die zerſtreuten Truppen ziemlich ſchnell in den letzten Tagen vor Neujahr zurück nach der franzöſiſchen Grenze. Dollart hörte und ſah nichts. Es kam kein Befehl; er ſah keinen Collegen vom Rhein oder von der nächſten Seitenſtation —— der ſchwarzen Brigade. Sonſt war alle acht Tage der Brigadier gekommen, hatte den Poſten unterſucht, Befehle gebracht; aber ſeit einem Monate war er nicht dageweſen. So kam der Morgen des Sylveſtertages. Man hatte geſagt, wenn man an der„hohen Buche“ ſtehe, einem der höchſten Punkte der Umgegend, von dem man in die Naſſauer Berge über den Rhein hinüber ſchauen konnte, ſähe man drüben die Wachtfeuer bei Nacht, und bei Tage deutlich die Bewe⸗ gungen der Colonnen der Deutſchen. Die Unruhe in Dollart's Seele war ſo groß, daß er endlich ſeine Uniform anlegte, ſeine Waffen nahm und nach der„hohen Buche“ anfbrach. Sein Weg führte ihn an der Spitze der Kreuz⸗ hecke vorbei, wo ihm einſt das Ereigniß zugeſtoßen war, das noch heute zu ſeinen bitterſten Erinnerungen gehörte. Als er dort ſtand, wo das Wieſenthälchen vom Rheine her gegen die Höhe der Kreuzhecke mündet, ſah er plötzlich zwei Douanen mit Sack und Pack und großer Haſt aus dem Grunde des Thälchens heraufſteigen.. Es war der Brigadier und ein gemeiner Douanier. Sie riefen Dollart ſogleich an und ſagten ihm,„der Befehl ſei gekommen, daß alle Douaniers ſchnell ſich hinter die alte Grenze Frankreichs zurückziehen ſollten.“ „Wo ſind eure Weiber und Kinder?“ fragte er, und der Athem ſtockte ihm ſchwer. „Wo ſind ſie?“ antwortete der Brigadier.„Wir haben ſie Gott und guten Menſchen überlaſſen müſſen; da der Befehl aus⸗ drücklich dahin lautet, daß Weiber und Kinder nicht ſollen mitge⸗ führt werden, ebenſo wenig unnützes Gepäcke. Das Nothwendigſte an Kleidungsſtücken ſoll im Torniſter mitgenommen werden, da der Kaiſer aus ſämmtlichen Douaniers und Gensd'armen ein Corps bilden wolle, das als Grenzvertheidiger thätig ſein ſolle. Morgen,“ ſetzte er hinzu,„oder vielmehr in der nächſten Nacht gehen die Deutſchen bei Caub ungehindert über. Sie werden uns bald auf der Ferſe ſein. In Birkenfeld oder Kuſel iſt unſer Vereinigungspunkt. S Da gilt's Eile, Dollart! Drum ſchnell mit uns nach dem Dorfe zurück, wo nur dein Ranzen gepackt wird. Wir nehmen uns dann einen Leiterwagen und legen die Zeit wieder zu, die wir Beide eingebüßt haben, indem wir hierher mußten, Euch abzuholen, da der Befehl zu ſchnell kam, um ihn Euch vorher mittheilen zu können.“ Das war eine niederdonnernde Nachricht für Dollart. An Weib und Kind hing ſein Herz mit der zärtlichſten Liebe. Sie ſollte er verlaſſen, von denen er nie getrennt gelebt hatte. Sie ſollte er hier laſſen, unter Leuten, die ihm und ihnen ſeines Standes wegen nicht freundlich geſinnt waren, und einer gefahrenreichen Zukunft entgegengehen, die es ſehr in Frage ſtellte, ob er ſie jemals in dieſem Leben wieverſehen würde!. Da läßt es ſich nachfühlen, wie es um das Herz des Mannes ſtand, als er den Weg zum Dorfe mit ſeinen Gefährten eilig durchmaß; da läßt ſich's nachfühlen, welchen Eindruck die Nachricht bei ſeiner Heimkunft auf ſeine Frau und ſeine Tochter machte! Unter Thränen wurde ſein Torniſter gepackt und der Spar⸗ pfennig getheilt; als es aber an's Scheiden ging, da hingen ſie laut jammernd an ſeinem Halſe. Selbſt die beiden Männer, die zur Eile treiben mußten, weinten wie Kinder. War doch die Stunde nicht ſehr entfernt, wo ſie ſich ebenſo hatten losreißen müſſen von den Theuerſten, die ſie auf Erden hatten. Aber helfen konnte Niemand. Es mußte geſchieden, das Schwerſte überwunden ſein IX. Eine Stunde war ſchon vorüber, ſeit Dollart ſich losgeriſſen und hinweggeeilt war, und noch lagen Claire und die Mutter weinend mit den Köpfen auf dem Tiſche. Die Thränen rieſelten ſtiller herab auf den Boden, als früher, und doch waren ſie ſo unfähig, auf das zu achten, was außer ihnen vorging, daß ſie das Heranrollen eines Wagens nicht vernahmen, der an ihrem Hauſe — — 176— ſtille hielt; nicht bemerkten, daß leiſe ſich ihre Thüre öffnete und Jemand hereintrat, der aber in der Nähe der Thüre ſtille ſtand, weil er, ſelbſt überwältigt von dem Schmerze, deſſen Zeuge er war, ihn nicht ſtören mochte in ſeinem Ergießen. Zunächſt der Thüre ſtand der Müller mit verſchränkten Armen. Ueber das rauhe, wetterharte Geſcht des Mannes rollten, ihm unbewußt, heiße Thränen. So rauh auch der Müller zu ſein ſchien, ſo weich war ſein Herz. Er hatte von dem alten Fehringer, der im Dorfe geweſen war, nicht ſobald gehört, wie es um Dollart's ſtand, als ſein Entſchluß reifte. Lebhaft dachte er ſich in die Lage des Mannes hinein, der Weib und Kind in einer zweifelhaften Lage zurückließ, und ſelbſt einer noch zweifelhafteren Zukunft entgegenging: das bewegte ihn im Grunde ſeiner Seele. Was ſollen die armen Frauen machen, wenn nun das halb⸗ wilde Volk der grauſamen Koſacken kommt? Wenn, wie mein Offizier ſagte, hier kein Stein auf dem andern bleiben ſoll? Sie haben keinen Halt, keine Stütze, keinen Troſt, keinen Beiſtand. Es iſt entſetzlich! Und im Dorfe wird Niemand ihnen die helfende Hand bieten, Vaterſtelle an ihnen vertreten! Alter Müller, da iſt's deine Fflicht! Dein Herz ruft,— nein, es iſt Gottes Stimme, die an dein Herz ergeht; drum friſch dran! In und mit Gott gethan, iſt wohlgethan! uUnd wenige Augenblicke ſpäter rollte er mit dem Mehlwagen in's Dorf, ſtatt über Feld, und wieder eine kurze Friſt ſpäter ſtand er in der Stube, wo die Zwei weinten, die ſich ſo verlaſſen fühlten. Claire blickte zuerſt auf. Sie erſchrak, als ſie Jemand daſtehen ſah; aber ſie erkannte ſogleich den Müller, ſtand auf und ſagte:„Was führt Euch zu uns?“— „Ich weiß nicht,“ antwortete der Müller,„was ich dir ſagen ſoll, Kind; aber ich glaube, es iſt Gottes Stimme, die mich zu euch führt; denn als ich's hörte, was euch betroffen hat, da rief's in mir unabläſſig: Geh' hin und hole ſie in deine Mühle, auf ie Schutz haben zur böſen Zeit!“ „So bin ich denn da mit dem Wagen und wollte euch bitten, laſſet uns Alles aufladen und wohnet in der Mühle, wo Platz die Fülle iſt! Ich will für euch ſorgen, als wäret ihr meine Kinder, und ſo lange ich lebe, ſoll keine Ungebühr von Feindeshand euch betrüben!“ Die Mutter ſtarrte erſtaunt den Müller an und hielt ſeine Rede für einen entſetzlichen Hohn, da ſie den Mann nicht im Mindeſten kannte; aber ehe ſie eines Wortes fähig war, trat Claire zu ihm, legte ihre kleine Hand in die ſeine und ſagte:„Ja, ſolche Gedanken hat Euch gewiß Gott eingegeben; aber Lob und Dank auch dem Herzen, das nicht ſäumt, ſie auszuführen. Ja, wir gehen mit Euch, denn wir bedürfen Eures Schutzes, und es könnte ja ſein, daß wir durch Dankbarkeit ſolche Liebe vergelten könnten.“ „Nicht wahr, Mutter, wir gehen mit in die Mühle?“ „Ach Gott,“ ſagte Frau Dollart,„wie biſt du doch voreilig! Wir kennen ja doch den Mann gar nicht—“ „Ich kenne ihn ſchon, liebe Mutter,“ ſagte Claire,„du kannſt ihm vertrauen!“ „Das iſt ſchon gut, aber wir wiſſen ja den Hauszins nicht?“ ſagte darauf Frau Dollart. „Hauszins?“ rief da der Müller aus und er wurde glühend roth im Geſicht.„Hauszins?— Liebe Frau, ich ſehe, Ihr kennt mich nicht und da mag ich's Euch leicht verzeihen, daß Ihr alſo redet. Mich treibt mein Herz, Euch eine freie Wohnung in meiner Mühle anzubieten, hört Ihr's, eine freie Wohnung, die Euch keinen Hauszins koſtet; ich will Euch eines ehrlichen Mannes Schutz anhieten, Euch und Eurem lieben Kinde für die Zeit, wo Ihr deſſen wohl bedürfen könntet; denn was ſoll's mit zwei hilfloſen Frauen ohne männlichen Beiſtand in ſolcher Zeit des Krieges, wie er uns in dieſen Tagen bevorſteht? Seht, gute Frau, das will ich und nichts mehr, nichts weniger; aber Geld will ich nicht; nur Euch bitten, im Vertrauen eine Hand zu faſſen, die ſich Euch darbietet, im Vertrauen auf das Wort eines Mannes, an deſſen Namen kein N. F. 1v. 12 — Makel klebt, am wenigſten der der Unredlichkeit und treuloſer Abſicht.“ Frau Dollart ſa ihre Tochter ungläubig an, denn ſolche Erfahrung hatte ſie in ihrem bisherigen Leben zu machen noch keine Gelegenheit gehabt. Claire aber nahm nun das Wort und ihr gelang es, der Mutter tiefwurzelnde Zweifel zu löſen. Der Müller ſprach ſich nun noch näher aus über ſeine Abſichten, und ſo gewann er endlich das Vertrauen der Frau Dollart. So wurde denn nun ausge⸗ räumt und auf den Wagen geladen was auszuräumen war, und Claire eilte, den Miethvertrag ſofort aufzukündigen, da ihr Vater ſich, bei der Unſicherheit ſeiner Stellung, ſolches ausgehalten. Derſelbe Wagen, der wenige Tage früher Fehringer's geringe Habe hinweggefahren, trug nun auch die Dollart's hinab in's Mühlenthal. Es war gewiß ein guter Geiſt, der den Müller geleitet hatte, als er, von Mitleid bewegt, Dollart's eine Zufluchtsſtätte bot, denn ſchon ſeit einigen Tagen fühlte er eine Schwere in ſeinen Gliedern und ein Fröſteln, das ſelbſt der ſehr warme Ofen nicht vertrieb. Am Sylveſterabend aber trat der mit iſee Macht ein, daß er zu Bett eilen mußte. Das waren die untrüglichen Vorboten der herrſchenden Nervenfieberkrankheit, die denn auch mit aller Heftigkeit bei ihm losbrach. Das war ein rechter Schrecken für das ganze Haus; denn die alten Leute waren in ihrer Aengſtlichkeit recht beſorgt, ja rathlos. Da zeigte ſich Claire in ihrer rechten Wirkſamkeit. Tag und Nacht wachte und hakrte ſie aus am Siechbett ihres Wohlthäters. Sie war ſchon tagelang nicht aus den Kleidern gekommen und hatte nicht geſchlafen, und doch kam kein Mißmuth in ihre Seele. Der Sturm des Rheinübergangs war vorübergebrauſt, ohne daß das Dorf davon bis jetzt wäre berührt worden; allein auch das ſollte nicht ausbleiben. Eine Abtheilung Koſacken erſchien plötz⸗ — lich im Dorf und ein Haufe ſtürmte auf die Mühle, gerade als der Müller in wilden Fieberphantaſieen lag. Der alte Fehringer ſtellte ſich als Hausherr dar; allein den alten, ſchwachen Mann mißhandelten die Unholde und ſpielten die Herren, ja ihre Neigung, zuzugreifen und ſich anzueignen, zeigte ſich im klarſten Lichte, und es war nahe daran, daß eine förmliche Plünderung ſtattfand. Den alten Fehringer hatten ſie gebunden, ebenſo die alte Baſe. Knecht und Magd waren flüchtig geworden und bereits hatten ſie einen Schrank erbrochen, der in der Wohnſtube der Mühle ſtand. Da drang der Ruf um Hilfe zu Claire's Ohr. Schnell bat ſie die Mutter, bei dem Leidenden zu wachen, und eilte hinaus. Ihres Vaters alte Flinte, die ihr einſt gedient, war noch da, ihres Vaters alter Säbel auch. Sie lud ihre Flinte, hing den Säbel um, und— in das Gemach, wo die Gebundenen lagen und die acht Unholde eben den Inhalt des Schrankes ſich aneignen wollten, trat, wie ein zürnender Racheengel, das Mädchen und donnerte mit aller Kraft ihrer Stimme die Koſacken an. Ein Todesſchrecken überfiel ſie, als ſie den Lauf des Gewehres auf ſich gerichtet ſahen. Das Linnen entfiel ihren Händen. Als Claire den Eindruck wahrnahm, den ihre Erſcheinung hervorbrachte, wuchs ihr natürlicher Muth. Sie deutete auf die Thüre, zu deren Seite ſie getreten war, und legte das Gewehr wieder ſchußgerecht an. Sie zauderten noch. Da ſprach ſie noch einmal das gebieteriſche„Vorwärts!“ Die Koſacken kannten das Wort. Langſam ſchlichen ſie zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab, nach dem Stalle. Claire folgte. Mit. ſtreng befehlender Miene deutete ſie auf die Pferde. Die feigen Aſiaten, Räuber und Feiglinge, und nur da muthvoll, wo ihnen Ohnmacht oder Furcht entgegentritt, beeilten ſich, ihre Roſſe zu ſatteln. Während dies geſchah, ſchlich ſich der Knecht wieder in das Haus, und fand, als er in die ſtille Stube blickte, die geknebelten Alten. Er ſchnitt die Stricke entzwei. Fehringer erzählte ihm 1 ſchnell, was Claire gethan, und wie die Koſacken in der Furcht ſeien. Jetzt bekam er auch wieder Muth, holte des Müllers Doppelflinte und eilte zu Claire hinab. Kaum erblickten die Koſacken den Zuwachs der Hilfe, ſo beeilten ſie ſich noch mehr, und ehe eine Viertelſtunde verſtrich, war die Mühle von ihnen geſäubert. „Ach,“ ſeufzte die alte Baſe:„Gib Acht, Kind, ſie kommen wieder!“ „Auf den Fall wollen wir uns vorſehen,“ ſprach feſt das Mädchen. Sie ließ die Thüren verſchließen; löſte den gewaltigen Hofhund von der Kette und führte ihn in's Haus; ließ vom Knecht und der Magd Steine in Körben in die oberen Stuben tragen und rüſtete ſich ſo zu muthiger Vertheidigung. Es war wirklich, wie die Baſe vermuthet. Die acht Koſacken mochten unterwegs denn doch zum Ueberlegen gekommen ſein, daß es eine Schmach für ſie ſei, vor dem Mädchen flüchtig geworden zu ſein. Fehringer war auf den Speicher geſtiegen, um zu lugen, ob ſie nicht zurückkehrten. Jetzt kam er eiligſt herab. „Sie kommen wieder!“ rief er ängſtlich. „Geht in die obere Stube,“ ſagte Claire,„und nehmt die Baſe und die Magd mit. Sobald ſie Miene machen, die Thüre zu ſprengen, ſchleudert Ihr ihnen die Steine auf die Köpfe. Der Knecht und ich wollen ſchon thun, was Noth iſt.“ Es dauerte wirklich nicht lange, ſo kamen tobend die Koſacken zurück. Diesmal ſprangen ſie ſchnell von ihren Pferden und rann⸗ ten drohend gegen die Thüre, wo ſie zu raſſeln begannen. Da hob der Hund ſein wüthendes Gebell an und unerwartet ſchleu⸗ derte Fehringer einen Stein nach den naheſtehenden Pferden Dieſe ſcheuten, bäumten ſich und ſuchten das Weite. Zu gleicher Zeit hagelte es Steine auf die Köpfe der Koſacken, und die Flintenläufe wurden ſichtbar. Der Knecht drückte im Eifer ſeine beiden mit Jagdſchroten geladenen Läufe ab, und einige der Schrote trafen. S — 181— Alles dies war das Werk weniger Angenblicke, aber es war von einem an's Fabelhafte grenzenden Erfolge. Auf einen ſolchen Empfang nicht gefaßt, überraſcht von dem Davonlaufen ihrer Pferde, getroffen von den Schroten, deren brennender Schmerz ſie mit Todesſchrecken nebenbei erfüllte, flohen ſie eiligſt von dannen, dro⸗ hend die Fauſt gegen die Mühle ausſtreckend. „Wir müſſen auf Schlimmeres gefaßt ſein,“ ſagte Claire, ließ wieder Steine in das obere Haus tragen, ließ den Knecht ſein Doppelgewehr auf's Neue laden, und ließ den Hund vor die Thüre hinaus. Es vergingen ſorgenvoll die Stunden des Tags, ohne daß jedoch ſich etwas ereignet hätte. Vor der Nacht aber bangte es Allen. Indeſſen war ihre Furcht diesmal ohne Grund. Die Koſacken hatten bis in die Nacht zu thun, ihre Pferde wieder zu finden, und dann ereilte ſie die Marſchordre mit ſolcher Schnelle, daß an ein Rachenehmen nicht mehr zu denken war. Claire dankte Gott inbrünſtig, als die Nacht glücklich vorüber war, ohne daß ein Angriff verſucht worden wäre, denn in der Mühle wußte man nichts von dem raſchen Abzuge der Koſacken, und erſt am Morgen verkündeten es Leute, welche Frucht zur Mühle brachten und Jammer und Noth berichteten, wie die Unholde in dem armen Dorfe gehauſt. X. Dieſer Sturm der Kriegszeit war der erſte und letzte, den Dorf und Mühle erlebten. Fortab folgte zwar noch mancherlei Einquartirung, allein Aehnliches kam nicht mehr vor. Dennoch war das Leiden Claire's nicht vorüber. Kaum war der Müller auf dem Wege der Geneſung und im Stande, ſie ſeinen Schutzengel zu nennen, da legten ſich der alte Fehringer und die gute Lenebas nieder. Die Erſchütterungen des Gemüths, die Mißhandlungen der Koſacken konnten kaum ohne Erfolg bleiben bei den alten Leuten. Beide erkrankten ſehr ſchwer. Auch hier war Claire der ſchützende — 182— Engel. Ihre milde, beſonnene Pflege, ihre raſtloſe, liebevolle Thä⸗ tigkeit, während ihre Mutter dem Hausweſen vorſtand, konnte dem Müller nicht verborgen bleiben. Er war ja Zeuge davon, hatte das Alles ſelbſt erfahren. Wieder gingen Wochen in's Land, ehe die Hoffnung der Geneſung gehegt werden konnte. Es waren ſchwere Prüfungen für das junge Mädchen, aber ſie zeigte immer eine freundliche Miene. Nur der Müller hörte manchmal ihre unterdrückten Seufzer, und er wußte, wem ſie galten! Vom Vater fehlte alle Kunde und— Martin blieb aus. Von dem Gouverneur Juſtus Gruner kamen fliegende Blätter, welche die Siege der Verbündeten meldeten nach blutigen, mörde⸗ riſchen Gefechten, und vom Vater kam keine Kunde. Der Rhein war offen und frei; der Januar war vorüber und die Sonnenblicke des bald ſcheidenden Februars waren wie Frühlingsboten anzuſehen, — und keine Nachricht von Martin kam. Nicht bloß Claire, auch ihre Mutter, der Müller, Fehringer und die Baſe waren traurig, und doch hatte Keines den Muth, dem Gefühle Worte zu leihen, das ſie Alle faſt gleichmäßig drückte Die Folgen der Krankheit waren auch ſo zerrüttend, daß der Müller, und er war am Weiteſten in der Geneſung vorgeſchritten, es nicht hätte wagen dürfen, den Weg zu Werthheimer zu machen, um Kunde von Martin einzuziehen. So war der letzte Februar⸗Sonntag gekommen. Die ſcharfen Winde und der helle Sonnenſchein hatten die Wege getrocknet. Claire und ihre Mutter waren in der Kirche geweſen und kehrten eben heim in die Mühle, da ſchritt ein Mann die Schlucht herab und fragte nach dem alten Fehtinger Claire ſah ihn forſchend an. „Heißet Ihr nicht Werthheimer?“ fragte ſie bebend. „So heiße ich,“ war des Mannes freundliche Antwort,„und irre ich nicht, ſo ſeid Ihr der„Schwarze,“ der uns ehemaligen Schmugglern ſo viel Schrecken und Angſt gemacht?“ Claire erröthete, aber ſo wenig es ihr auch zu Muthe war, — 183— zu lächeln, ſie konnte es doch nicht ganz unterdrücken, als ſie die Frage des Mannes bejahen mußte. „Das iſt nun Alles vorüber und vergeſſen,“ ſagte er;„aber wie find' ich Euch hier in der Mühle?“ Claire erzählte es ihm kurz. „Das war brav von dem Müller,“ ſagte der Schiffer;„aber dann ſeid Ihr auch das Mädchen, das die Mühle ſo muthig gegen acht Koſacken vertheidigt hat?— Nun,“ fuhr er fort, ohne die Antwort des Mädchens abzuwarten,„da habt Ihr dem Müller reichlich vergolten, wenn Ihr's nicht gethan hättet durch die liebe⸗ volle Pflege der drei Kranken. Die ganze Gegend, bis hinab an den Rhein, iſt voll Eures Ruhms, und er iſt ſogar bis zu einem Krankenbett gedrungen, an dem Ihr wohl noch lieber als Pflegerin geſtanden hättet—“ „Ach Gott,“ fiel Claire ein,„iſt Martin krank geweſen?“ „Red' ich denn von dem?“ ſprach ſchalkig lachend der Schiffer. „Nun ſeh' ich doch wieder, wie wahr es iſt, weß das Herz voll iſt, davon gehet der Mund über!“ Eine brennende Gluth bedeckte Claire's ſchönes Geſicht und ihre Verlegenheit war ſo groß, daß ſie gar nicht wußte, wohin ſie ſich wenden ſollte. „Wiſſet Ihr was?“ ſagte Werthheimer.—„Ich denke, da in der Mühle ſind noch mehr Leute, die auch ein Recht haben, nach Dem zu fragen, deſſen ehrlicher Name eine ſo brennende Gluth auf Eure Wangen gejagt hat.“ Er reichte ihr indeſſen die derbe Hand, und ſagte lächelnd: „Nichts für ungut, liebes Kind! Ein alter Mann darf auch einmal ſcherzen. Kommt mit! Ich mache Alles wieder gut, ſo ri daß Ihr mir ſchon wieder gut werden müſſet!“ 6 Er hielt ihre Hand und trat mit ihr in die Mühle. Wie pochte das liebende Herz! Wie beſtürmten es tauſenderlei Gedanken und Gefühle!— „Werthheimer!“ rief erbleichend der alte Fehringer aus, als — 184— er den alten Kameraden wieder erblickte.„Bringſt du Gutes oder Böſes?“ Der Schiffer reichte ihm die Hand zum Willkommen „Gutes, denke ich,“ ſagte er darauf und ſetzte ſich zu dem Alten, während dieſer zu dem Müller ſagte:„Das iſt der Mann, der die erſte Nachricht von Martin brachte. Auch jetzt bringt er uns ſichere Kunde.“ „Gottlob, daß ich es endlich kann,“ nahm der Schiffer das Wort.„Der hat mir ſo viel Kummer und Sorge gemacht, als euch ſein Nichtkommen, nachdem die Franzoſen endlich fort waren. Da drüben, wo er bei braven Leuten war, die ihn ſehr lieb haben, lag's vor dem Uebergang der Deutſchen über den Rhein ſo hagel⸗ dicht voll Soldaten, daß man ſich nicht regen, noch bewegen konnte. Die natürliche Folge davon war das Ausbrechen der herrſchenden Krankheit, die uns auch die Franzoſen gebracht haben, und die die Gottesäcker überall gefüllt' hat. Alle Drei im Hauſe, der Vater, die Mutter und der Sohn, wurden davon ergriffen. Da lag denn die ganze Laſt des Geſchäftes, der Haushaltung und der Pflege allein auf Martin und einer alten Magd. Da hat ſich der Junge ritterlich gewehrt und durchgearbeitet in dieſer ſchlimmen Zeit. Aber es ging denn doch auch über Rieſenkräfte, was ihm oblag. Als die Hausgenoſſen geneſen waren, wollte er fort,— und eher durfte er ja doch nicht d'ran denken; aber da traten auch bei ihm Spuren ein, daß er dieſelbe Krankheit bekommen würde— Um jeden Preis wollte er jetzt heim; allein ſie hingen ſich ſchwebend an ihn und ließen ihn nicht weg, und es war ein Glück; denn noch in derſelben Nacht brach die Krankheit bei ihm aus. Solche junge, kräftige Naturen hat ſie von jeher abſonderlich gerüttelt und geſchüttelt. So auch ihn. Doch hat ſeine kräftige Natur mit Gottes Hilfe geſiegt, er iſt auf der Beſſerung und— wird bald kommen.“ Alle hatten den Athem angehalten. Aus Claire's ſchönen Augen perlten, unbewacht, die hellen Thränen. Der Müller ſah's und Alle ſahen's, aber Niemand ſchien es zu bemerken. — 185— „Ach, Gott ſei gelobt!“ rief der alte Fehringer aus.„Iſt's aber auch gewiß, daß er bald kommt?“ fragte er. „Bald,“ ſagte der Schiffer,„recht bald,— vielleicht heute noch!“ Da eilte Claire hinaus; aber kaum war ſie draußen, als ſie einen hellen Freudenſchrei ausſtieß. Martin war geneſen, und der Schiffer wollte ihn gerne heim⸗ begleiten, um ſelbſt nach den Vielgeprüften zu ſehen. Sie waren miteinander bis in's Dorf gegangen, wo Martin auf des Wirthes Anrathen ſo lange verweilte, bis Werthheimer die Geneſenden in der Mühle ſo weit würde vorbereitet haben, daß die unverhoffte Freude und Ueberraſchung kein Unheil anrichten könne. Endlich hielt er's nicht mehr aus. Er trat eben in die Thür, als Claire aus der Stube trat. Ihn ſehen und einen Freudenſchrei ausſtoßen, war Eins. Auf den Schrei hin ſtürzten Alle heraus und da ſahen ſie Claire an Martin's Bruſt liegen, umſchlungen von ſeinen Armen. „Kommt herein,“ ſagte der Müller, und zog ſie in die Stube. „Wir haben ihn geſehen, das ſei uns genug, um Gott zu danken. Laßt die Zwei der Freude des Wiederſehens ſich hingeben ohne Zeugen!“ Frau Dollart war am Meiſten erſtaunt. So weit hatte ſie das Verhältniß der jungen Leute nicht gekannt. Der Müller merkte das. „Mutter Dollart,“ ſagte er,„Martin iſt mein alleiniger Erbe. Die Mühle iſt ſein und die Wieſen und das Feldgut ſoweit Euer Auge aus dieſen Fenſtern reicht. Schulden ſind keine d'rauf; wohl aber bleibt ihm noch ein ſchönes Vermögen außerdem. Ich glaube nicht, daß Ihr Euch zu bedenken nöthig habet.“ „Ach,“ ſagte Frau Dollart,„mir iſt's ſchon lange recht, denn ich weiß ſchon lange d'rum; nur das wußte ich nicht, daß ſie ſo einig wären; aber was wird mein Mann ſagen?“— „Nun, ich denke, der wird kein Unmenſch ſein,“ erwiederte der Müller.„In Eurem vielgeprieſenen Frankreich werden Grafen und Herren wohl ihres Gleichen freien.— Glaubt mir, mein Martin dürfte nur die Hand ausrecken, und an jedem Finger hätte er ein reiches Mädchen, ihn zum Mann zu kriegen, ſich glücklich prieſe!“ Die Frau Dollart merkte, daß ſie in ein Wespenneſt geſtochen hatte, denn der Müller war roth angelaufen. „Ach,“ ſagte ſie,„ſo hab' ich's nicht gemeint; vielmehr wollt' ich ja nur ſagen, daß mein Mann doch auch ſein Vaterwort dazu zu geben habe.“ „Die machen aber auch norblangt rief der Werthheimer, der 4 ſich ſtark zuſpitzenden Geſpräche gerne die Spitze abbrechen wollte, und riß die Thür auf. „Martin,“ rief er hinaus,„ſoviel Zeit hab' ich zu meiner ganzen Freierei nicht nöthig gehabt, und Meine hatte ich und hab' ich noch lieb!“ Das wirkte. Im Zimmer lachten ſie und die erröthende Claire flog, wie ein Vogel, die Treppe in's obere Stockwerk hinauf, während Martin nun in die Stube trat und aus dem Arme des Vaters in den des Pathen fiel, und dann kam die Lenebas, die lachte und weinte zugleich vor Luſt und Herrlichkeit. Auch Frau Dollart begrüßte ihn warm und herzlich. Da gab's denn nun ein Fragen und Erzählen ohne Ende. Am angenehmſten war der Müller überraſcht, als er hörte, daß Martin in einer Mühle gearbeitet hatte Werthheimer durfte das nicht ſagen, weil Martin es ihm ausdrücklich verboten hatte. Er gedachte ſeinen Pathen zu überraſchen, wenn er als ein gewiegter, tüchtiger Mühlknappe ſich ihm darſtellen könnte. Der Müller lächelte ſelig, als er das geſtand. „Siehſt du,“ ſagte er,„ſo geht's mit allen Betrügereien. Sie kommen alle an den Tag.“ Dabei faßte er ihn um den Hals und küßte ihn. Lenebas winkte der Frau Dollart. „Kommet,“ ſagte ſie,„wir wollen in die Küche gehen, ſonſt möchte es leicht ſein, daß die liebe Claire uns hungrig läßt oder die Suppe ſo verſalzt, daß wir ſie nicht eſſen können.“ 3 3 — 187— „Da thut Ihr wohl,“ verſetzte der Schiffer.„Ich weiß, wie's in ſolchen Verhältniſſen geht; denn mein eigenes Mädel hat mir's ſo gemacht, wenn ihr Bräutigam da war.“ Der Müller war in der Freude ſeines Herzens gar nicht mehr ſeines vorhinigen Aergers eingedenk; denn als jetzt die Frauen hinausgegangen waren, erzählte er mit dem unverkennbaren Aus⸗ drucke von herzlicher Liebe, Dankbarkeit und Bewunderung, wie Claire an ihm, an ſeinem Schwäher Fehringer und an der Baſe gehandelt, welche Opfer ſie gebracht, und wie milde und unver⸗ droſſen ſie geweſen; ſchilderte den Kampf mit den Koſacken und die Probe ihres Muthes und ihrer Beſonnenheit, und aus jedem Worte ſprach ſein Herz. In Alles ſtimmte Martin's Vater ein und des Jünglings Herz pochte inniger, ſtärker, ſtolzer im Bewußt⸗ ſein, daß dieſes herrliche Mädchen ihn liebe, ihm mit unerſchütter⸗ licher Treue angehöre. XlI. Die Tage, welche nun kamen, waren Tage des Glückes für die Liebenden, Tage eines ſeligen Zuſammenlebens für Alle. Trü⸗ bend war nur der Gedanke, daß Dollart nicht geſchrieben, daß die Seinen ohne alle Nachricht von ihm waren. Als indeſſen Paris eingenommen und Napoleon vom Throne geſtiegen war, da wuchſen die Flügel der Hoffnung wieder, und nicht umſonſt. Es war in einer ſtockfinſtern Nacht am Ende des März 1814, als ein Mann mit rüſtigem Schritte vom Eingange des Dorfes her dem Hauſe zuſchritt, wo Dollart's gewohnt. Die Frühlingsarbeiten hatten begonnen, und die ermüdeten Bauern lagen im erſten, tiefen Schlafe, denn es war eben Mitter⸗ nacht vorüber. Der Wanderer hatte den Wächter Zwölf blaſen hören, als er noch drüben am Walde war. Jetzt fand er nicht einmal mehr den Wächter auf der Straße; denn dieſer war auch, um auszuſchlafen, in ſein Stübchen und Bett geſchlüpft. — 188— Der Wanderer blieb endlich an Dollart's ehemaliger Wohnung ſtehen und ſchaute hinauf zu den Fenſtern. Alles war dunkel und ſtill Er trat zur Thür und pochte; aber Niemand hörte es. „Sie liegen und ſchlafen im Frieden,“ ſagte er zu ſich.„Wozu ihren ſüßen Schlaf ſtören? Ich will in's Wirthshaus gehen.“ Er ging wieder zurück und klopfte Kamper'n heraus. Dieſer rieb ſich die Augen, als er die Thüre geöffnet, und erkannte erſt bei genauerem Betrachten ſeinen Gaſt. „Ach, Monſieur Dollart!“ ſagte er;„willkommen! Ihr waret lange verſchollen! Zetzt ſeid Ihr mir willkommener, als wenn Ihr ein halbes Jahr früher ſo an meine Thüre mitten in der Nacht gepocht hättet! Denkt Euch nur, damals hatte ich oft für viel' Tauſende engliſcher Waaren in meinem Hauſe und führte die Schmugglerbande an“ „Jetzt habt Ihr gut reden,“ ſagte ärgerlich Dollart„Doch laſſet mich in Ruhe, und gebet mir noch etwas Kaltes zu eſſen und ein Glas Wein. Ich bin müde und hungrig; wollte auch die Meinigen droben nicht wecken“ Unter dieſen Worten waren ſie in die Stube getreten. „Droben?“ wiederholte hier Kamper„Da hättet Ihr lange klopfen können!“ „Was?“ rief Dollart erſchreckend.„Wohnen ſie nicht da? Wo dann?“ „Das iſt eine lange Geſchichte,“ ſagte Kamper,„ich will's Euch erzählen, während Ihr eſſet und trinket. Geſund ſind ſie, das will ich Euch zum Troſte vorab ſagen!“ Mit den Worten ging er hinaus und kehrte bald mit Speiſe und Trank wieder. Nun erzählte er ihm denn Alles, wie es ihm getreulich Feh⸗ ringer berichtet, von der Vereinigung deſſelben mit ſeinem Schwager bis zu der Koſackengeſchichte Mehrmals ſtanden helle Thränen der Freude in des Mannes Auge, beſonders über des Müllers Menſchenfreundlichkeit und ſeines Kindes Ruhm. — 189— „Das hätt' ich dem Müller nicht zugetraut,“ ſagte Dollart, „beſonders ſeit er einmal auf mich hatte ſchießen wollen—“ „Und auf den bewußten„Schwarzen,“ wiſſet Ihr!“ ſagte lachend der Wirth. Auch Dollart lachte jetzt. „Nun, nun,“ ſprach der Wirth,„der Müller iſt eine grund⸗ ehrliche Seele, dem der Martin über dieſen Streich die Augen geöffnet hat. Er erkannte, daß der Adam Ries, der Spitzbube, Schuld dran war; denn, wie er Euch belogen, ſo hetzte er den Müller gegen Euch auf,— und wiſſet Ihr warum?“ Dollart ſah ihn fragend an. „Nun, darum, weil er in Euer Kind verliebt war, und die ſchöne Claire ihm etwas pfiff, ſtatt ihn lieb zu haben. Solche Mädels haben auch ihre Augen bei der Hand, wenn's herauszu⸗ finden gilt, Wer der Schönſte im Dorf iſt. Das hat Eure Claire auch bald gefunden, denn der Martin Fehringer gefiel ihr unge⸗ mein wohl, und die Zwei waren lange ſchon einig, ehe der Spitz⸗ bube bei Euch um die Claire anklopfte und Ihr ihm den Lauf⸗ paß gabt.“— Dollart wollte drein reden. „Mit Gunſt,“ ſagte der Wirth,„ſpart Eure Worte noch ein Bißchen! Nun wußte der Neidhammel, daß der Martin den Müller erbt, und das iſt ein Brocken, wie kein zweiter auf zwanzig Stun⸗ den Weges,— und daß der Müller ein Erzfranzoſenfeind war, da dachte er: Wart', Martinchen, dir will ich einen Riegel vorſchieben. Euch hetzte er an den Müller, und dadurch den Müller an Euch, und durch die Mittheilung, daß Martin und Claire ſich lieb hätten und nicht mehr von einander ließen, wollt' er den Martin um die Erbſchaft und um die Claire bringen. Merkt Ihr's?— Nun war der Müller aus Haß gegen Fehringer vierzehn Jahre nicht im Dorfe. Martin aber rührte ihm das Gewiſſen, als er Euch und Eure Claire damals vom ſichern Tode durch die Schmuggler gerettet, und Ihr ihn aus Dankbarkeit außer Landes triebet. War auch kein fein Stücklein von Euch, Herr Dollart, das wird Euch — 190— Euer Gewiſſen ſagen! Nun, nun, es iſt nichts ſo ſchlimm, es iſt für etwas gut. Dadurch, daß der Martin flüchtig wurde, um nicht ſeinen Vater und uns Alle angeben zu müſſen,— kam er von dem Soldatendienſte frei; dadurch wurde ſeinem Vater Haus und Hof verſteigert; dadurch verſöhnte ſich der Müller mit ihm; dadurch lernte dieſer Euer Kind kennen und rettete es vor vielem Ungemach, indem er es und Eure Frau in die Mühle nahm und— ohne Hauszins und Koſtgeld bis heute hielt wie ſeine Kinder. Seht Ihr, wie da Eins an dem Andern hängt, wie der liebe Gott das Alles wunderbarlich geordnet und gefügt hat, und— und— wie Ihr Vieles gut zu machen habt bei dem Martin und dem Müller.“ Dollart ſchwieg. Sein Kopf war auf die Bruſt geſunken. „Ihr kommt gerade zur rechten Zeit,“ fuhr der geſchwätzige Wirth fort,„um die Hochzeit, welche bloß auf Euch wartet, herbei⸗ zuführen!“— „Welche Hochzeit?“ fragte Dollart. „Ei, ſtellt Euch doch nicht, als wäret Ihr ſchief gewickelt!“ rief der Wirth;„die Eurer Claire und Martin's. Ihr werdet doch— nehmt mir's nicht übel— kein Eſel ſein und Nein ſagen wollen, wo Alle, ſelbſt Eure Frau, Ja geſagt? Wollt Ihr Euer Kind elend machen? Und ich dächte, eine gut gebackene Müllers⸗ frau, die ſich in's Fenſter legen und ihr Gut von vierzig Morgen Wieſen, Ackerland und Schlagwald überblicken kann, wär' doch auch ein ander Wort, als eine franzöſiſche Douanenfrau? Ohnehin werden die Grafen und Herren nicht zu Euch kommen!— Wär' ich an Eurer Stelle, ich ließe den Hundedienſt Dienſt ſein. Ihr ſeid auch ſchon ein alter Knaſterbart und werdet's alle Tage mehr. Da ſchmeckt das Schmugglerfangen nicht mehr, beſonders Nachts in Regen und Wind, Schnee und Kälte. Kennt' ich ſo ein fein Hand⸗ werk, wie das Damaſtweben iſt, von der Art ohnehin Keiner auf dem ganzen Hunsrück und am Rhein iſt, ſo wüßt' ich ſchon, was ich thäte!“— „Was denn?“ fragte Dollart düſter. „Nun, ich legte Claire's Hand in Martin's Hand und ſegnete ſie; ſtellte in der Mühle meinen Webſtuhl auf und lebte in Frieden bei meinen Kindern und Verwandten, ſo lange Gott wollte! Nun aber geht ſchlafen! Ich bin müde, und Ihr habt genug gehört, um darüber nachzudenken!“ Der Wirth ſtand auf und Dollart auch. Er ging ſtill in die Stube, wo er ſchlafen ſollte, aber er ſchlief nicht. Was ihm in ſeiner derben Weiſe der Wirth geſagt, das ging ihm im Kopfe herum. Er legte ſich Alles zurecht, aber allmählig wurden bunte Bilder daraus und der Schlaf der Ermüdung kam eben doch. Spät erwachte er. Als er herunter kam, blickte ihm Kamper in die Augen. Er ſah heiter und fröhlich drein. „Ueberlegt?“ fragte der Wirth. „Ja!“ erwiederte Dollart. „Nun, wie lautet's?“ fragte Kamper neugierig. „Wartet's ab!“ trumpfte lachend Dollart, zahlte ſeine Zeche und ging die wohlbekannte Schlucht hinab der Mühle zu. Als er ſich im Schutze der Erlen und Weiden, die den Mühlen⸗ teich bekränzten und begrenzten, näherte, vernahm er Claire's helle, reine Glockenſtimme, die ein Lied ſang. Nicht lange, ſo begann eine ſonore Männerſtimme Claire zu begleiten. Das klang herrlich in die friſche Morgenluft hinein. Als ſie das Lied geendet hatten, ſagte ſie:„Martin, du könnteſt dir einen Orgelkaſten kaufen und dazu ſingen.“ „Wenn du die erſte Stimme ſingſt und mit mir ziehſt!“ erwiederte er. „Da müßt' ich thöricht ſein,“ lachte ſie„Mir gefällt's hier gar zu wohl, und ich möchte hier in der Mühle all' mein Lebtag bleiben!“ „Ich auch,“ ſagte Martin,„und zwar ich der Müller und du die ſchöne Müllerin!“ „Warum nicht gar!“ lachte das Mädchen. — 192— Dollart trat in dieſem Augenblicke hervor. Das Herz pochte in der Bruſt, als wollt's heraus. „Du haſt recht, Claire,“ ſagte er laut,„denn dazu müßte doch auch dein Vater Ja ſagen!“ Da fuhr Claire herum und mit dem Worte:„Mein Vater!“ flog ſie ihm entgegen. Droben aber am Fenſter drehte Einer den glühenden Kopf erſchrocken herum,— und das war Martin. Den Ausruf Claire's hatte aber die Mutter gehört. Sie eilte herbei und fiel in des Gatten Arme. Das ganze Haus wurde lebendig. Der Müller trat in die Thür und rief freundlich:„Claire, willſt du deinen Vater denn da im Hofe beherbergen?“ Da ſchob Dollart ſanft Frau und Kind zurück und eilte auf den Müller zu, deſſen Hand er innig drückte. „Habt tauſend, tauſend Dank, braver Mann, für das, was Ihr an meiner Frau und meinem Kinde thatet!“ Der Müller lächelte, aber man ſah es ihm an, daß ihm etwas das Herz bewegte, und mit faſt wankender Stimme ſagte er: „Seid ſtille, ſeid ſtille! Wenn's da an's Rechnen käme, ſo ſtünd's ſchlimm um mich; denn da würde Euer herziges Kind da mir zu rechnen aufgeben!— Kommt herein und ſeid willkommen!“ Sie traten herein und der alte Fehringer und die gute Lenebas begrüßten ihn. „Aber wo iſt denn der Martin?“ fragte der Müller. Claire erröthete, denn der Müller richtete geradezu die Frage an ſie. Dollart hatte das bemerkt und lächelte. „Droben!“ ſagte Claire.„Soll ich ihm rufen?“ „Freilich!“ ſagte der Müller, und bald hörte man draußen die helle Stimme, die„Martin, komm' ſchnell!“ rief. Endlich kam er denn auch; aber er war ſehr verlegen, obgleich ihn Dollart herzlich bewillkommte. „Wißt Ihr auch, was dieſe Zwei wollen?“ fragte darauf lachend Dollart, der ſich an Weib und Kind nicht ſatt ſehen konnte. „Was denn?“ fragte der Müller. — 193— „Der Martin will eine Orgel kaufen, und dann wollen ſie orgeln und ſingen geh'n.“ Alles lachte. Der Müller aber ſagte:„Hab's wohl gehört; aber die Claire mag nicht. Sie will lieber hier Müllerin werden, wenn der Martin Müller wird.“ Claire barg ihr Geſicht in der Schürze und Martin wußte nicht, wohin er blicken ſollte. „Nun hab' ich dafür geſorgt, daß der Martin hier Müller wird, das heißt, ich hab' einen Act gemacht, wodurch ich ihm die Mühle und Alles, was ich habe, vermache, und mir nur meinen Aufenthalt vorbehalten habe.“ „Nun wär's Eure Sache, Meiſter Dollart, Claire zur Mül⸗ lerin zu machen!“ „Das wird mir ſchon leichter, als Euch,“ ſprach Dollart, ſtand auf und legte Claire's Hand in die Martin's, und Alle ſegneten ſie. Nach drei Wochen war die Hochzeit des glücklichſten Paars, auf der Kamper auch war und meinte, bei ihm könnten ſie ſich bedanken, denn er habe das Eiſen geſchmiedet. Das geſtand Dollart lachend zu. Auf der Hochzeit mußte Dollart erzählen, wie es ihm gegangen und was er auf der eiligen Flucht zur alten, franzöſiſchen Grenze erduldet. Es war Viel und Schweres. Faſt die ganze Zeit lag er im Lazarethe zu Straßburg, von wo er, ſobald er geneſen, hierher gewandert war.„Aber,“ ſprach er,„wen meint ihr wohl, den ich in dieſem Lazarethe fand?“ Alle ſahen ihn geſpannt an. „Den Adam Ries,“ ſagte Dollart.„Er war ſehr krank, und alle ſeine ſchlechten Streiche bekannte und bereuete er, ehe er— ſtarb.“ „Gott ſei ſeiner Seele gnädig!“ ſagten, wie mit Einem Munde, Martin und Claire. „Und ſeinem Vater iſt's auch gut, daß er nicht wieder kam,“ ſagte Kamper,„denn er hatte und hätte ferner ſchlecht an ihm M. F. w. 13 gehandelt. Seit ſeine Tochter und ihr braver Mann ihn pflegen, iſt der alte Mann angegangen wie ein Licht, dem man neues Oel aufgießt. Er kann jetzt wieder ausgehen, hat gute Tage und Tage des Friedens, die er bei dem böſen Buben nie würde gehabt haben— Apropos, Dollart!“ rief er dann, als wolle er den ernſten Ton, den dieſe Nachricht hervorgerufen, verſcheuchen;„Ihr habt meinen erſten Rath prächtig befolgt, wie ſteht's um den zweiten, um den nämlich, daß Ihr Euren Webſtuhl aufſtellet und hier bleibet?“ „Ich hab' mir das Plätzchen dazu ſchon ausgeſucht,“ ſagte Dollart,„und da Ihr ein ſo guter Rathgeber ſeid, muß ich nur, aus Dankbarkeit dafür, auch den zweiten annehmen und befolgen!“ Und er befolgte ihn, und im Wiederſcheine des Glückes Martins und Claire's lebten die fünf alten Leute friedlich und glücklich in der Mühle, bis ſpät der Engel ihre Fackel ſenkte. Der Vetter im Conſiſtorium. Eine Geſchichte. — eS dd 13* —— I. Der Wittwe Stüblein. Es war im Frühling des Jahrs 1786, als in einer kleinen Stadt eine betagte Frau an dem weit geöffneten Fenſterlein ſaß und eifrig ſtrickte. Sie war nahe an den Siebzigen, aber an den Zügen der Matrone konnte man noch wahrnehmen, wie ſchön ſie einſt im Frühling ihrer Tage mußte geweſen ſein. Sie trug eine ſehr einfache, man konnte ſagen ärmliche Kleidung, und auf ihrem edlen Antlitz ſpiegelte ſich das milde Abendroth eines Lebens voll Leiden und Entſagung. Das Häuschen, an deſſen Fenſter ſie ſaß, war eine Gärtnerwohnung, in welcher die Matrone eingemiethet war. Es lag an der Landſtraße, die ſich eine Anhöhe hinaufzog, und aus dem Fenſterlein konnte man dieſelbe, ſo weit es die hohen und weitäſtigen Apfelbäume geſtatteten, welche zu beiden Seiten gepflanzt waren, eine anſehnliche Strecke hin überblicken, — und dorthin richtete das Mätterchen ſeine Blicke mit einer Sehnſucht, die wohl ermeſſen ließ, daß ſie ein theueres Weſen erwartete. Die Sonne war eben hinabgeſunken und ſchon trat der Voll⸗ mond im Oſten in voller Pracht und milde leuchtend hervor. Die Luft war ſo milde und weich, die vom Felde her wehte; ſie trug die wonnigen Düfte der zahlreichen, in vollſter Blüthe ſtehenden Obſtbäume in mächtigen Wellen daher, und eine Nachtigall ſang ihr herrliches Loblied in einem der blühenden Apfelbäume der Landſtraße. — 198— Ueberall war es ſtille, ſeit die Betglocke geläutet und das Menſchenherz zum Danke gegen den gütigen Geber alles Guten aufgefordert, und ſüße Ruhe dem Müden gebracht, der des Tages Laſt und Hitze getragen hatte. Selbſt die Heerden waren längſt heimgezogen, und der Abendſtern erglänzte ſchon neben dem leuch⸗ tenden Mond, und dennoch ſtrickte die fleißige Frau unermüdet fort. Nur dann und wann ſank die Hand auf den Schooß. War das aus Ermüdung oder ruhte ſie nur darum, weil das Mütterchen hinauf blickte, wo der Herr wohnt und waltet, der nach dem heiligen Worte der Schrift„der Wittwen Mann und der Waiſen Vater“ iſt? Noch eher aber war es Beides, denn ſie gönnte ſich kaum auf Augenblicke Ruhe am Tag, und die fromme Seele fandte ihre leiſen Gebete hinauf zu dem Helfer in der Noth, getragen von Seufzern, die aus einer kummerwunden Bruſt emporſtiegen; und wenn ſie ſo hinauf blickte mit dem Ausdrucke betender Inbrunſt, dann ſpiegelte ſich der Mond in zwei Thränen, die langſam die gefurchte Wange herabrollten und es kund gaben, wie es im Herzen ansſah. Eine ſolche Tageszeit iſt erſt recht geeignet, auf die Tage zurückzublicken, die, wie der eben geſchiedene, längſt in's Meer der Zeit hinabgeſunken waren. Es ergreift die Seele dann gern jene ſchwermüthige Stimmung, die ebenſowohl die Erinnerung weckt, als ſie von ihr getragen wird. Auch die betagte Frau gab jetzt jenen längſt verſchwundenen Zeiten Raum in ihren Gedanken, und die wechſelnden Bilder derſelben gingen an ihrem Inneren vorüber. Da ruhte das Auge des Geiſtes auf einem kleinen Pfarrhauſe, das in einem reizenden Thal auf einer kleinen Anhöhe neben der alten Kirche lag, und die Häuſer des Dorfes lagerten ſich darum herum, friedlich und vertraulich, den Segen erwartend, der von der Höhe in's Thal ſich ergoß in unſichtbaren, aber reichen Strömen. Da ruhte der Geiſtesblick auf der Stube dieſes Pfarrhauſes, wo ein blühender Knabe, um Vater und Mutter ſpielend, ſich tummelte; da ſchweifte er dann hinüber auf ein Grab auf dem nahen Friedhofe, von dem ein blühender — 199— weißer Roſenſtock ſeine Blüthenblätter herab ſtreute,— und jetzt ſanken die Hände der Strickerin, und das Auge ſchaute, von Thränen bethaut, hinauf, wo Der ihrer harrte, deſſen theure Hülle jenes Grab barg. In dieſem Augenblicke pochte es leiſe an die Thür und die betagte Frau ſchrak zuſammen, weil das Pochen ſie aus ihren Erinnerungen urplötzlich weckte. Es war die gutmüthige Gärtners⸗ frau, die, ein Töpflein Abendmilch in der Hand, hereintrat. „Guten Abend, liebe Frau Paſtorin,“ ſagte die Frau, welche, im Alter der am Fenſter ſitzenden Strickerin nahe, oft um dieſe Zeit ein wenig mit der Wittwe zu plaudern kam, was ſie beſonders that, wenn Jene allein und dann ihren traurigen Erinnerungen überlaſſen war.„Wieder ſo fleißig bis in die ſpäte Nacht, und wieder ſo traurig?“ fuhr die Gärtnersfrau fort;„wenn ich Sie doch einmal froh fände! Aber das erleb' ich nicht!“ „Es iſt nicht Jedem gegeben, heiter zu ſein,“ ſagte darauf die Wittwe mit einem mild⸗freundlichen Ausdrucke,„zumal wenn die vergangenen Zeiten vor der Seele vorüber gehen.“ „Sie ſollten nicht immer dieſen Erinnerungen nachhängen,“ tadelte ſanft die Gärtnersfrau. „Kann man den Gedanken wehren an ſolchen Tagen?“ fragte die Wittwe mit rührendem Tone.„Heute ſind es gerade fünfzehn— Jahre, da legte ich meinen lieben Mann in's kühle Grab; und was lag vor mir? O, Frau Gebhards, es iſt hart für eine Pfarr⸗ wittwe, nach dem Verluſt ihres Mannes alsbald das Haus ver⸗ laſſen zu müſſen, an deſſen Räume ſich die theuerſten Erinnerungen ihres Lebens knüpfen, und nun, gleichſam hinausgeſtoßen in die Welt mit ihrem Schmerz, eine Wohnung ſuchen zu müſſen, die ihr fremd iſt; mit ſchweren Sorgen ein Ringen und Kämpfen beginnen zu müſſen, das ſie früher nicht gekannt hatte. O, das iſt bitter, ſehr bitter!“ „Glaub's wohl,“ ſagte mit inniger Theilnahme die Gärtners⸗ frau;„aber Sie ſtanden doch nicht allein. Sie hatten Ihren guten Sohn, und der Herr half gnädig durch, daß er ein ſo tüchtiger — 200— und braver Menſch wurde. Er iſt ja ein junger Mann nach dem Herzen Gottes, wie David. Iſt er doch ſchön wie Abſalon, und wenn er auf der Kanzel ſteht und predigt, meint man, er wäre Johannes, der dem Herrn an der Bruſt geruht und den er lieb hatte. Er drückt es Einem ordentlich in die Seele hinein. Bei dem Herrn Inſpector, nun, er iſt ein Ehrenmann und ein gewal⸗ tiger Prediger vor dem Herrn, das muß wahr ſein, aber mir kommt doch bei ihm, Gott verzeih's mir, ſo dann und wann ein Bischen der leidige Schlaf, und ich nicke ein wenig gegen meinen Willen und aus menſchlicher Schwachheit; doch bei dem Herrn Guſtav käme mir kein Schlaf, und wenn er die Predigt verzöge bis in die Nacht, wie es in der Apoſtelgeſchichte ſteht. Ich kann's aber auch nicht laſſen, ſein Lob zu verkündigen, wo die Rede auf ihn kommt. Nun, es kann ihm der Segen Gottes nicht fehlen, und Sie wiſſen's ja, der Mutter Segen bauet den Kindern Häuſer, und den hat er ja reichlich und verdient ihn ſo ſehr.“ Die Paſtorin hatte mit ſeligem Mutterherzen dem Lobe des geliebten Sohnes gehorcht, das über die Lippen der Frau Gebhards floß; aber bei den letzten Worten konnte ſie doch einen leiſen Seufzer nicht unterdrücken, der aber nicht dem Umſtand etwa galt, daß Guſtav nicht in dem Maaße des Mutterſegens würdig geweſen wäre, in welchem Frau Gebhards ihn ihm zuerkannte, ſondern jenem, daß der verheißene Segen dem Mutterherzen zu lang aus⸗ 1 blieb,— eine Ungeduld, die in dem Reichthum der Mutterliebe ihre Quelle hatte; denn Grſtav mußte den Lebensunterhalt für ſich und die theure Mutter mit großer Anſtrengung verdienen, und wenn bis jetzt eine Pfarrſtelle erledigt war, ging es ihm damit, wie dem Kranken am Teiche Bethesda,— wenn er ſich bewarb, hatte ſie ein Anderer ſchon, obgleich Guſtav die herrlichſten Zeug⸗ niſſe vorzuweiſen hatte. Dem ſcharfen Ohre der Frau Gebhards war der leiſe Seufzer der Wittwe nicht entgangen. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie,„es hat ihm bis heute nicht glücken wollen mit einer Anſtellung; aber wer weiß, was der liebe Gott — 201— mit ihm vor hat? Seine Wege ſind nicht unſere Wege und ſeine Gedanken ſind nicht unſere Gedanken; aber ſie ſind höher als die unſrigen, ſo viel der Himmel höher iſt, denn die Erde. Er verläßt fromme Menſchenſeelen nicht.“ Die Wittwe faltete ihre Hände und blickte betend gen Himmel. In ihrem Angeſichte drückte ſich Glaube und Hoffnung aus. „Ja, ja,“ fuhr die redſelige Frau Gebhards fort,„ich meine gewiß zu ſein, daß er eheſtens eine Pfarrſtelle erhalten wird, wenn er auch ſelbſt wieder ohne eine aus der Hauptſtadt käme. Die Hand des Herrn iſt über ihm. Sie wiſſen, Frau Paſtorin, meine Träume ſind ſo ein Bischen prophetiſch. In vergangener Nacht hab' ich geträumt, Sie wären mir mit freudeſtrahlendem Geſicht entgegen gekommen und hätten geſagt: Guten Morgen, liebe Frau Gebhards, wie Sie das ſo freundlich alle Morgen thun. Ei, ſeh' ich Sie denn einmal freudig? ſagte ich zu Ihnen. Was iſt Ihnen denn Gutes paſſirt? fragte ich, und Sie wiſſen's ja, wie lieb ich Sie habe, und wie ich meine, was Ihnen paſſirt, das paſſire mir. Ach, Frau Gebhards, liebe Frau Gebhards, glaub' ich, ſagten Sie da, wie ſollt ich nicht froh ſein? Unſer Leid hat nun ein Ende, denn Guſtav iſt Pfarrer geworden! Wo denn? liebſte Frau Paſtorin, ruf' ich da voller Freude, wo denn? Ei, ſagten Sie darauf, in— und wie Sie den Namen ausſprechen wollten, bin ich voller Freude aufgefahren, und hab' meinen Alten angeſtoßen, daß er und ich wach wurden. Da hab' ich denn meinen Morgenſegen gebetet, und Sie und den Herrn Guſtav auch von Herzen miteingeſchloſſen, und mir iſt's ſeitdem zu Muth, als wär' Ihr Leid am Thorſchluß. Gott geb's!“ „Wohl geb' es Gott!“ verſetzte die Wittwe.„Nicht, als ob ich mich nicht zufrieden und glücklich fühlte; um mich iſt's wahrlich nicht, ſondern um meinen lieben Guſtav, denn er plagt ſich mit dem Unterrichte der Knaben den ganzen Tag. Abendé ſtudirt er bis tief in die Nacht. Sich ſelbſt gönnt er Nichts; nicht einmal eine gute Pfeife Tabak raucht er, um ja auszukommen und keine Schulden zu machen.“* v — „Ach, der liebe, gute Menſch!“ fiel Frau Gebhards ein„Aber ſagen Sie mir doch, warum haben Sie denn auch gar keinen Witt⸗ wengehalt? Ich meine doch, ſonſt hätten die Frauen der Paſtoren einen Gehalt?“ „Ach, leider iſt in unſerem kleinen Lande eine ſolche Anſtalt nicht,“ ſagte die Wittwe,„und— und— meine Bittſchriften an unſern Fürſten und Herrn haben Nichts gefruchtet.“ „Nichts gefruchtet?“ rief Frau Gebhards aus.„Das begreife, wer kann! Unſer Herr iſt doch ſo ein milder Herr, der ſo gerne gibt!“ „Das iſt gewiß und wahr, Frau Gebhards, aber wir haben einen Feind, und der iſt unverſöhnlich.“ „Sie einen Feind? Sie? Das iſt mir noch bunter. Wer, um Gottes willen, könnte Ihnen denn Feind ſein?“ „Ach,“ verſetzte die Wittwe,„das iſt eine alte, traurige Geſchichte, die ich ungern erzähle—“ „Kathrine!“ rief in dieſem Augenblick unten im Hauſe eine rauhe Mannesſtimme,„deine Milch iſt angebrannt!“ „Da ſehen Sie, wie er's macht!“ rief Frau Gebhards.„Hab' ich zu ihm geſagt: Jacob, ſagt ich, ich gehe ein wenig zur Frau Paſtorin hinauf, die iſt heute wieder ſo allein und ſo traurig, da iſts Pflicht, daß man ſie ein wenig aufheitert. Ich ſtelle die Abendmilch auf, fagt ich; kannſt ein Bißchen Acht geben, daß ſie nicht überläuft; heb'ſt ſie ab, wenn ſie ſteigt; aber, ſag' ich, ſchüre das Feuer nicht zu ſtark, daß ſie nicht anbrennt. Ein ſeelenguter Mann iſt's, das muß ich ſagen, der auch ſein Geſchäft verſteht und unverdroſſen arbeitet, aber ein Tollpatſch iſt er, wie alle Männer. Sie verſtehen Nichts von Dem, was Küche und Haushaltung angeht, und lernen's auch nicht.— Nun,“ ſchloß ſie,„ich glaube nicht, daß der Herr Guſtav noch kommt. Es iſt ſchon zu ſpät. Legen Sie ſich zur Ruhe, liebe Frau Paſtorin, Sie ſind müde, und unſeren alten Knochen thut die Ruhe wohl. Gute Nacht, liebe Frau Paſtorin! Ich muß noch einmal Milch abkochen, denn mein Jacob trinkt die nicht, die ſo ein kleines Brändchen hat.“ — Sie reichte der Wittwe die Hand und drückte die ihre herzlich. „Ihre Milch für morgen ſteht hier,“ ſetzte ſie noch hinzu, als ſie ſchon die Thür in der Hand hatte.„Sie koſtet nichts, denn unſere Braune hat nach dem jungen Klee doppelt ſo viel gegeben, als ſonſt. Gute Nacht!“ Mit dieſen Worten war ſie zur Thür hinaus, und die Wittwe konnte kein Wort des Dankes anbringen. „Die gute Seele!“ ſagte ſie vor ſich hin.„Segne ſie Gott dafür! Unſer Monatsgeld iſt auch durch Guſtav's Reiſe recht zuſammengeſchmolzen. Ich habe gewiß geſpart, Gott weiß es, und er auch; aber man muß ja doch leben.— Ach, wie oft hat mich die treue Seele ſchon mit ihrem Troſte aufgerichtet!“ Sie trat zum Fenſterlein, blickte noch einmal auf die vom Monde beleuchtete Landſchaft, und faltete dann ihre Hände. „O, du milder, ſegnender Herr,“ betete ſie,„laß' es in Gnaden wahr werden, was der Mund der gottesfürchtigen Frau mir verkündigt hat!“ Sie wollte zurücktreten vom Fenſterlein, da die Kirchuhr des Städtchens eben die zehnte Stunde ſchlug, da rief von unten herauf eine volltönende, jugendliche Stimme:„Guten Abend, liebe Mutter!“ Und aus dem tiefen Schatten der Bäume trat die Geſtalt eines jungen Mannes hervor. „Ach, mein Guſtav!“ rief die glückliche Mutter und eilte ein Licht anzuzünden. Während deſſen war der Candidat in die Gärtnerwohnung eingetreten. Man mochte es deutlich hören, wie ihn die Gärtners⸗ leute mit warmer Herzlichkeit willkommen hießen und wie er mit ihnen freundlich ſprach. Dann war er in einigen Schritten die Treppe heraufgeſprungen und trat ſtaubbedeckt in das Stübchen der Wittwe, wo ihn die Mutterliebe mit aller Seligkeit begrüßte. — 204— II. Die alte traurige Geſchichte. „Das iſt eine alte, traurige Geſchichte, die ich nicht gerne erzähle,“ hatte die Wittwe der Gärtnersfrau geſagt, und dem war in Wahrheit ſo.— Es war vor vielen, vielen Jahren, da lebte in der Univer⸗ ſitätsſtadt, die dem kleinen Staat angehörte, ein penſionirter Beamter in ganz guten Verhältniſſen. Er beſaß einen reichen Schatz, der ſein Alter erheiterte und ihm jede Stunde verſüßte, ſeine wunderſchöne Tochter. Anna zählte damals neunzehn Jahre, und der unbeſchreibliche Schmelz der friſcheſten Jugend, Reinheit und Unſchuld lag auf dem Geſichtchen und der Geſtalt, die beide kaum ſchöner gedacht werden konnten. In dem Hauſe, welches der Rath Zündler bewohnte, hatten auch zwei Studenten ihre Wohnung, ein Juriſt, aus einer der angeſehenſten Familien des Landes, Gerhard von Laubing, und ein armer Theologe, Guſtav Altenberg. Gerhard von Laubing wohnte im dritten Stock, über der Wohnung, welche der Rath Zündler inne hatte. Er beſaß drei Zimmer, denn er war reich und lebte als Cavalier auf dem üppigſten Fuße. Altenberg hatte ein Dachſtübchen und arbeitete fleißig.. Laubing hielt ſich einen Bedienten und ein Reitpferd, kleidete ſich prachtvoll und war unendlich eitel auf ſeine ſchöne Geſtalt. Daß alle Mädchen der kleinen Univerſitätsſtadt in ihn verliebt ſeien, daran zweifelte er keine Minute; allein dennoch war nur Eine, die er liebte, aber auch mit allem Feuer ſeines Herzens, und dieſe Eine war Anna Zündler. Ihr ſeinen Adel, ſeinen Reich⸗ thum, ſeine glänzende Zukunft zu Füßen zu legen, konnte ihm keine Ueberwindung koſten; war ſie doch ein Engel in allen Beziehungen 4 * 3 und gebildet in jeder Richtung, ſo daß ſie den Cirkeln, in denen einſt ſeine Gemahlin glänzen ſollte, nur Ehre machen mußte. Daß auch ſie ihn liebe,— wie hätte daran ein Zweifel in ſeine Seele tommen können? War er ja doch adelig, reich, angeſehen, ſchön, konnte er ihr doch ein Loos bieten, wie kaum ein Anderer. Und was mochte ihn hindern? Er war unabhängig; als Waiſe Herr ſeines Willens. So ſtanden ſeine Ausſichten, und an ihrem Gelingen war kein Zweifel bei ihm. Droben im Dachſtübchen wohnte der arme Altenberg, und es bemerkte faſt Niemand im Hauſe, daß er da wohne, als ein Paar blaue Mädchenaugen. Mädchenaugen eigneten ſich abſonderlich zur Polizeihandhabung. Die haben in einem Totalblick mehr weg, ſind ſicherer in ihren Ergebniſſen als wir, wenn wir die ſchärfſten und längſten Beobachtungen angeſtellt haben. So hatte Anna bereits bei dem erſten Blick auf Guſtav herausgefunden, daß er wunderſchöne und wundergute Augen habe; daß er um Vieles ſchöner ſei, als alle anderen Studenten; daß er eine große Beſcheidenheit an den Tag lege, dennoch aber ſie allemal mit Erröthen anblicke, wenn er ihr begegne; daß er endlich erſtaunlich fleißig in ſeinem Studium ſei. „Der gute Menſch muß arm ſein!“ ſagte ſie zu ſich mit einem leiſen Seufzer des Mitleids. Das aber ſchadete ihm in den Augen des bildſchönen Mädchens gar nicht; im Gegentheil, indem ſie ſann, wie ſie etwas möchte dazu beitragen können, ſeine Lage zu erleichtern, ſo mußte ſie ſich immer mehr mit ihm in ihren Gedanken beſchäftigen, und wie ſo oft in der Welt, war die Liebe auch hier an der Bruſt eines zarten Mitleids aufgewachſen, ehe Anna das für möglich hielt. Wer war denn aber dieſer Guſtav Altenberg?— Das iſt eben bald geſagt. Sein Vater war ein Pfarrer, der viele Kinder und wenig Einkommen hatte. Er ſelbſt, der wackere, gelehrte Mann, hatte ſeinen Guſtav bis zur Univerſität herangebildet, und zwar in einer Weiſe, wie Wenige die Univerſität beziehen. Der Bibliothekar * 1 — 206— 1 hatte ihn kennen gelernt, und war über das reiche Maaß ſeiner Kenntniſſe wahrhaft erſtaunt. Durch die Empfehlung deſſelben war Guſtav in mehrere Familien der kleinen Univerſitätsſtadt eingeführt worden, und hatte durch den Unterricht, den er in franzöſiſcher und engliſcher Sprache, damals noch eine Seltenheit, ertheilte, ſich ſelbſt eine ſchöne Hilfsquelle für ſeinen Aufenthalt auf der Univerſität eröffnet. Da er zugleich auch muſikaliſch war, und beſonders eine ſehr ſchöne Tenorſtimme hatte, war er überall in dieſen Familien gern geſehen, zumal ſein Wandel auch den leiſeſten Tadel nicht aufkommen ließ. Eine dieſer Familien war mit dem Rathe Zündler befreundet. Dieſer hörte da viel Lobens von einem Hausgenoſſen, den er ſelbſt nicht kannte, und lernte ihn eines Abends kennen, als er am Clavier ſaß und bewundernswürdig ſchön ſpielte, was er aber erſt gethan hatte, als man ihn auf's Dringendſte darum gebeten. Dem alten Zündler gefiel der junge Menſch, dem er mehrmals im Hauſe begegnet zu ſein ſich jetzt entſann. Er ließ ſich mit ihm in eine Unterhaltung ein, die immer lebhafter und intereſſanter wurde. Sie führte Guſtav immer tiefer in das Vertrauen des alten Herrn hinein, und als der Abend nahezu vorüber war, lud ihn Zündler ein, ihn bisweilen zu beſuchen. Dieſe Unterhaltung des alten, reichgebildeten Mannes mit dem jungen Studenten hatten ein Paar Mädchen mit beſonderem Wohl⸗ gefallen beobachtet. Es war die Tochter des Hauſes und Anna Zündler. „Sag', Roſa,“ hatte Anna geſagt,„wie kommt eigentlich der hübſche Altenberg in euern Familienkreis?“ „Das will ich dir erzählen, liebe Anna,“ hatte Roſa geſagt. „Mein Vater iſt der Freund des Bibliothekars. Der hat den jungen Mann verwunderlich herausgeſtrichen und geprieſen als den tüchtigſten aller Studenten, und zugleich als den anſtändigſten und geſittetſten.“ „Das iſt er auch ohne Zweifel,“ ſagte Anna mit Wärme. — „Er wohnt in unſerem Haus, und ich habe ſein Thun und Laſſen beobachtet.“ „So?“ ſagte Roſa, und ſah ihre Freundin ſcharf an, mit einem ſo ſchelmiſchen Ausdrucke, daß Anna unwillkürlich erröthete. „Wie du auch gleich ſein kannſt!“ ſchmollte Anna. „Nun,“ begütigte Roſa,„ich meine nur, daß ein junger Mann, wie der ſchöne, gelehrte und brave Altenberg, ſchon die Aufmerkſamkeit verdient, die ihm meine ſchöne Freundin zollt.“ „Ich bitte dich, Roſa!“ ſagte Anna leiſe, und erglühte im höchſten Purpur. „Iſt denn das etwas Unrechtes?“ fuhr ſcherzend Roſa fort. „Mir gefällt er auch recht gut, und du glaubſt nicht, wie vortrefflich er im Franzöſiſchen unterrichtet und im Clavierſpiel, in dem er, wie du eben ſelbſt hörteſt, ein größerer Meiſter iſt, als unſer alter Muſiklehrer Brenner. Und wie ſingt er ſchön.“ „Wirklich?“ ſagte Anna.„Singen hab' ich ihn noch nicht gehört.“ „So ſoll er uns gleich einmal ſingen!“ rief Roſa und verließ ihre Freundin, die mit den Augen ihr folgte. Roſa trat zu Altenberg. „Meine Freundin Anna wünſcht gar ſehr, daß Sie das ſchöne Lied vortrügen, welches Sie geſtern bei Profeſſor Wagner's ſangen,“ ſagte ſie. Altenberg's Blicke flogen dahin, wo Anna am Fenſter lehnte. Sie ſah dieſe Blicke und erglühte. Sie ſah, wie er ſich nieder⸗ ſetzte, und Roſa ihr winkte. Unwillkürlich fortgezogen, trat ſie zu der Freundin, aber ſie war ſo verwirrt, daß ſie ſich glücklich pries, daß Niemand nach ihr hinſah. Als Altenberg einige Accorde griff und nach einem kurzen, paſſenden Vorſpiel zu ſingen begann, ſtockte plötzlich das Geſpräch bei den älteren Gliedern der Geſellſchaft. Der alte Zündler legte ſeine Tarockkarten nieder und ſagte zu ſeinem Partner:„Da muß man ein Wenig zuhören; wir wiſſen ja, wie das Spiel ſteht.“ — 208— Leiſe begann der Jüngling ſeinen Geſang. Es war, als hauchte er die herrlichen Töne ſeiner ſilberklaren Stimme nur ſo hin; dann ſchwoll ſie an mit allmähligem Steigen bis zur vollen Kraft, und verſchmolz dann gegen das Ende der Strophe wieder ſo leiſe hin, daß unwillkürlich jedes Herz ergriffen war, und in manches ſchöne Auge eine Thräne trat. Auch Anna fühlte, daß ihre Augen feucht wurden. Jede Faſer ihres Herzens bebte. Sie war bis in's Innerſte ergriffen. Athemlos horchte die Geſellſchaft. Das Lied hatte vier Strophen. Als Altenberg mit einer weichen Cadenz ſchloß, trockneten ſich die Mädchen die Augen und dankten ihm mit wenigen, aber bedeu⸗ tungsvollen Worten. Er verbeugte ſich ſtumm, aber man ſah es ihm trotz ſeiner Verwirrung an, daß es ihm unendlich wohlthat.. „Ich habe die Partie verloren!“ rief Zündler, ſeine Karten weglegend, aus.„Der Junge hat mir das Concept total verrückt. Iſt das ein Geſang!“ Er ſtand auf und trat zu Altenberg, von dem ſich die Mädchen in eine Fenſterniſche zurückgezogen hatten. „Hören Sie, junger Mann,“ ſagte er, ſeine Hand mit Wärme drückend,„Sie haben mich in meiner Tarockpartie total verwirrt gemacht. Himmel und Erde, was Sie ſchön ſingen! Sie ſind ja ein Tauſendſaſa, der überall zu Haus iſt. Spielen am Ende auch Violine?“ „Ein wenig, Herr Rath,“ ſagte Altenberg beſcheiden. „Nun, wenn ſo Einer, wie Sie, ein wenig ſagt, ſo weiß man, was das ſagen will. Könnten wohl am Ende auch Geſang⸗ unterricht geben?“ „Ich glaube wohl,“ war Altenberg's Antwort. „Das muß ich ſagen,“ fuhr Zündler fort,„ſitzt man da unter Einem Dach und weiß nichts von einander, bis ein günſtiges — 209— Zuſammentreffen Einem die Augen und Ohren aufthut. Ich liebe die Muſik und habe Sie da vorhin zu mir eingeladen. Jetzt wiederhole ich dieſe Einladung ganz beſonders.“ Auf dem Heimwege ſagte Zündler zu ſeiner Tochter:„Der Altenberg iſt ein Capitaljunge. Hab' mich da mit ihm über Dinge unterhalten, mit denen man ſonſt ſolchen Gelbſchnäbeln nicht ankommen darf, weil es ſpaniſche Dörfer für ſie ſind; aber Der iſt zu Hauſe, wo man ihn anfaßt. Und wie Der ſpielt! Ich ſage dir, Anna, mein Kind, er iſt ein Meiſter. Wenn ich mir da den alten, tauben Brenner denke, dem ich das Heidengeld bezahlen muß, ſo iſt es ja gar nicht zu verantworten, daß man eine ſolche Gelegen⸗ heit unbenutzt läßt. Weißt du was? Ich danke ihn morgen ab!“ Anna zitterte ordentlich, und wußte doch nicht warum. Der ſchöne Altenberg hatte doch ſo gar nichts Erſchreckliches an ſich. „Aber der alte Mann, Vater!“ ſagte ſie, um doch Etwas zu ſagen. „Aber der alte Mann!“ rief Zündler aus.„Bin ich denn mit ihm verheirathet? Und arm iſt Brenner nicht, daß man da aus Barmherzigkeit ein Uebriges zu thun ſich verpflichtet hielte. Soll ich deine gute Stimme unausgebildet laſſen aus Rückſicht darauf, daß dir der Brenner bis jetzt ſchlechten Clavierunterricht gab? Ne, ne, Kindchen, das iſt Nichts. Ich will's ſchon fertig machen. Sorge du nicht, und auf ein anſtändiges Geſchenk zum Abſchied für den Alten kommt mir's auch nicht an. Es ſoll das Billet ſchon verzuckern.“ Unter dieſen Reden waren ſie heimgekommen. Anna ſagte dem Vater gute Nacht und ging in ihr Schlafgemach, um— nicht zu ſchlafen. Wie hätte ſie auch ſchlafen können? Wenn ſie das Alles ſo bedachte, was ihr heute begegnet war, ſo ergriff ſie eine unaus⸗ ſprechliche Unruhe. Der ſchöne Altenberg ſollte ihr nun nahe treten, ſie mit ihm verkehren, ſingen, muſiciren. Das ſagte ihr das Herz, vaß er ihr nicht gleichgiltig ſei. Und ohne zu wiſſen, wie es kam, ſtellte ſie ihn gegen den zudringlichen Laubing, der wohl auch in 14 — 210— ihren Kreis kam Wie hob dieſe Vergleichung den ſtillen, beſcheidenen, talentvollen Altenberg! Nach einer kurzen Beſprechung zwiſchen dieſem und ihrem Vater war die Sache erledigt, und Guſtav übernahm die Lehr⸗ ſtunden, täglich eine. So war er denn mit einem Mal in eine ſeinem Herzen gefährliche Verbindung getreten. Das erſte Zuſammentreffen war peinlich. Das Mädchen aber ermannte ſich ſchnell, und überwand die Verlegenheit. Auch in Altenberg ſtellte ſich dadurch das Gleich⸗ gewicht her, und bald hatten die Stunden ihren Fortgang regel⸗ mäßig und mit ſichtbarem Erfolge. Der Rath wohnte ihnen meiſtens bei, und dadurch war für Beide viel gewonnen; aber die Liebe niſtet ſich ſo ſtille ein, wurzelt ſo ſchnell und tief, daß, ehe man es meint, ſie Herr des ganzen Herzens wird. Laubing kam oft, aber er kam nicht, wenn Altenberg da war. Er ſah und hörte nur die Fortſchritte Anna's. Das war denn Etwas für den alten Zündler, der ſeine Liebe für Altenberg gerne gegen Jedermann ausſprach. Da war denn des Lobens nach allen Richtungen kein Ende und— Laubing ahnte, daß ein gefährlicher Nebenbuhler ihm erwachſe. Indeſſen beruhigte ihn ſein überwiegendes Selbſtgefühl. Wie ſollte ein Mädchen, wie Anna, den bettelarmen Theologen ihm vorziehen?— Allein dennoch trug er ſeitdem einen Haß gegen den Menſchen, der mit Anna in eine nähere Berührung treten durfte, als er; denn Anna hatte eine ſo würdevolle Haltung, daß jede vertraulichere Annäherung faſt unmöglich für Laubing wurde. Er nahm ſich indeſſen vor, mit ſeinen Wünſchen hervorzutreten, wie ſich eine Gelegenheit dazu günſtig würde finden laſſen. An dieſem Plane wurde jedoch durch beſondere Ereigniſſe viel geändert. Laubing hatte ſeine vreijährigen Studien vollendet. Ein alter Oheim, deſſen beträchtliches Vermögen ihm zufallen mußte, wurde gefährlich krank und wünſchte dringend ſeine Rückkehr. Er mußte — 211— ſchnell abreiſen, und zwar zu einer Zeit, wo Zündler mit Anna eine kleine Reiſe zum Vergnügen angetreten hatte. War das auch für Laubing ſehr unangenehm, ſo blieb ihm ja eine ſchriftliche Werbung übrig. Er reiſte ab und fand ſeinen Oheim nicht mehr am Leben. Die verwickelten Vermögensumſtände ließen ihn kaum an etwas Anderes denken. Sie führten ihn in die Reſidenz des kleinen Staates, und dort drang man in ihn, ſeine Prüfung zu machen, weil man den reichen Cavalier dazubehalten wünſchte. Unter dieſen Umſtänden konnte er ſeine Abſicht nicht wohl eher ausführen, als bis er mit einer Stellung im Leben vor Anna hintreten konnte. Dies aber verzog ſich faſt ein halbes Jahr, und dies halbe Jahr wurde entſcheidend für ihn, für Anna, für Altenberg; denn als der Winter kam, konnte Zündler kaum ohne die Geſellſchaft Altenberg's ſein, ſo hatte er ſich an ihn gewöhnt, ſo theuer war er ihm geworden. Da wuchs denn Altenberg mit der Familie in Eins zuſammen. Faſt jeden Abend brachte er mehrere Stunden bei ihnen zu und die gegenſeitigen Gefühle wurden inniger und immer inniger, bis endlich das ſüße Geheimniß über die Lippen ſchlüpfte und der reinſte und heiligſte Lebensbund geſchloſſen war. Roſa hatte wohl da die Hand mit im Spiele; denn ihr ſcharfes Auge war nur zu bald, der Sache auf den Grund blickend, hinter das ſüße Geheimniß Anna's gekommen. Sie wußte es ſo zu leiten, daß die Glücklichen ſich oft allein ſahen. Und wie der alte Zündler zu Altenberg ſtand, ſo war Hundert gegen Eins zu wetten, daß er ſein Ja und ſeinen Segen nicht verſagen werde. Da trat er eines Tages in Anna's Gemach und legte ihr einen duftenden Brief auf ihren Arbeitstiſch. „Lies ihn, Anna, mein Kind,“ ſagte er.„Es iſt eine wichtige, ernſte Sache, die ein Mädchen in deinem und ein Vater in meinem Alter nicht ohne ernſte Erwägung laſſen dürfen. Nur das Eine ſage ich dir. Ich war mit deiner ſeligen Mutter ſo glücklich, wie ich dich mit deinem künftigen Gatten ſehen möchte, und wir liebten 14* — 212— uns. Du ſollſt nie eine Verbindung ſchließen, zu der dich nicht dein Herz hinzöge.“ Mit dieſen Worten ging er und ließ das Mädchen in einer außerordentlichen Spannung und Verlegenheit zurück. Sie ahnete faſt, was der Brief enthalte und von wem er ſei. Mit zitternden Händen ergriff ſie den Brief und enffaltete ihn. Ein kleines Briefchen, an ſie überſchrieben, lag darin. Sie erbrach es zuerſt. Es enthielt St feurige Liebeserklärung; allein es ſprach auch die Ueberzeugung aus, daß ſie ihn liebe. Es ent⸗ hielt ſo viel Selbſtgenügſamkeit, daß es einen höchſt ungünſtigen Eindruck hervorbrachte und die ſchönen Züge Anna's mit einer Gluth des Unwillens bedeckte. „Der eitle Thor!“ rief Anna aus und warf das Blatt mit dem höchſten Unwillen weg. In dem Brief an ihren Vater ſprach er die Ueberzeugung aus, daß Anna ihn liebe; er wies auf ſeinen Reichthum hin und auf die Stellung, als Aſſeſſor des Hofgerichts, wie auch auf ſeine glänzende Zukunft. Der ganze Brief ließ es eben merken, daß er an eine Ablehnung ſeiner Anträge gar nicht dachte, ja er ließ es durchſcheinen, daß ſie keine Ablehnung finden könnten. Anna war erbittert. Sie trat zu ihrem Vater in das Gemach. Der alte Mann ſaß in tiefen, ernſten Gedanken da. „Theurer Vater,“ ſagte ſie,„mich wundert, daß es der Herr nicht deutlicher ausdrückt, wie unverdient die Ehre ſei für ein bürgerliches Mädchen, deſſen Stellung und Habe bei Weitem nicht an die ſeine hinanreicht, ſolcher Anträge gewürdigt zu werden.“ „Nimm's nicht ſo ſtrenge, Anna, mein Kind; du biſt aufgeregt. Laubing iſt kein böſer Menſch.“ k „Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn zu wenig,“ ſagte Anna. „Der eitle Thor iſt mir von je zuwider geweſen. Um kein Gut möcht ich ihm meine Hand geben.“ „Du liebſt ihn alſo nicht? Er meint es aber doch.“ „Nun, ich glaube, er meint, daß alle Mädchen ihn lieben ———— — 213— müſſen, weil er eben der Herr von Laubing iſt. Ich fühle auch keinen Funken von Neigung zu ihm.“ „Darf ich das als deine entſchiedene Meinung hinnehmen?“ „Vollkommen, theurer Vater!“ Der alte Zündler ſeufzte leiſe und ging in ſeine Schreibſtube. Der alte Mann erwog mit kühlem Verſtande die Sache. Es wurde ihm ſchwer, den ſonſt ehrlichen und ehrenden Antrag abzu⸗ lehnen. Er ſchrieb zwar noch nicht gleich und nahm die Sache noch einige Male auf; als aber Anna ſich unumwunden dahin ausſprach, daß ſie lieber als Einſame durch's Leben gehen, als Laubing's Gattin werden wolle, da griff er zur Feder, um die unangenehmen Zeilen niederzuſchreiben und für die Ablehnung wenigſtens die freundlichſte Form zu ſuchen, was ihm wohl auch gelang, ohne daß aber die Sache ſelbſt dadurch für Laubing hätte weniger bitter und niederſchlagend gemacht werden können. Die Wirkung war ätzend, furchtbar. Laubing war außer ſich⸗ Er mußte Urlaub nehmen und eine Reiſe antreten. Verſchmähte Liebe und tief verletzte Eitelkeit ſind bei leiden⸗ ſchaftlichen Naturen ein nachhaltig wirkendes Gift. Die Liebe Laubing's zu Anna ſchlug in einen tödtlichen Haß um, und dieſer Haß wucherte in ſeinem Herzen fort und fort, ſelbſt auch da noch, als er einer Andern ſeine Hand reichte. Genaue Erkundigungen bei Freunden in der Univerſitätsſtadt ließen, da ſie der intimen Verhältniſſe Altenberg's zu Zündler's erwähnten, die Ahnung in ſeiner Seele aufſteigen, dieſer ihm längſt verhaßte Menſch ſei der Grund ſeiner Zurückweiſung von Seiten Anna's, und auch auf ihn warf ſich ſein glühender Haß. Die aber, die dieſer Haß traf, ahnten Nichts davon; konnten es nicht ahnen, daß tauſendfaches Leid in ihm ſeine Quelle finden ſollte. Altenberg hatte endlich auch ſeine Studienzeit vollendet, aber ſeine Anna zu verlaſſen war ein bitteres Weh. Zündler merkte an der elegiſchen Stimmung Beider zuerſt, wie es um die Herzen ſtand. Er beobachtete ſchärfer, und was er nur erſt vermuthet, wurde zur Gewißheit. * — 214— Der Tag des Scheidens kam endlich; ihm ſelber war er ſehr ſchmerzlich, da er Altenberg eben ſo innig achtete, als liebte. Anna war tief gebeugt. Sie konnte den tiefen Schmerz nicht verhehlen, der ihr ganzes Denken und Fühlen ergriffen hatte. Am Morgen traf Zündler ſie in Thränen. Er faßte ihre Hand.„Anna, mein Kind,“ ſagte er bewegt, „es geht ein tiefes Leid durch deine Seele; warum darf es dein Vater nicht theilen, oder— heilen?“ Sie ſank ſchluchzend an ſeine Bruſt, aber reden konnte ſie nicht. In dieſem Augenblicke trat Altenberg ein. Er blieb betroffen ſtehen. „Kommen Sie,“ ſagte der Rath;„Sie kennen den Grund dieſer Thränen, und was ſie hervorruft, theilen Sie.“ Altenberg trat bleich heran. „Herr Rath,“ ſtotterte er,„es iſt wahr. Grollen Sie mir cht, daß ich Anna liebe, mehr als mein Leben.“ „Grollen?“ ſagte der alte Mann und ſeine Stimme wankte.. „Nein, mein Sohn, wenn Anna dich liebt, ſo ſollſt du mir ein lieber Sohn ſein.“ Da fuhr Anna herum und ſah ihren Vater mit einem Blick an, der ihm in's Innerſte der Seele dräng. „Iſt es wahr, mein Vater?“ fragte ſie, und preßte ihre Hände vor das Herz, das zerſpringen wollte. Mit Thränen im Auge nahm Zündler Rechte und legte ſie in die Altenberg's. „Iſt dir dieſe Antwort genug?“ fragte er.— Da ſanken Beide an ſein Vaterherz, und der Herr im Himmel ſagte Amen zu einem Bunde, der ihm wohlgefiel. So war das Schickſal von zwei trefflichen Herzen auf immer verbunden, und Altenberg trennte ſich von Anna, wenn auch den Scheideſchmerz tief fühlend, mit dem ſeligen Bewußtſein, daß ſie ſein ſei. — 215— Noch im Herbſte deſſelben Jahres brachte er ihr ſeine geliebten Eltern, und auch ſie wünſchten ſich Glück zu der lieblichen, trefflichen Tochter. Guſtav machte ſeine Prüfungen und beſtand ſie mit einem ſeltenen, überaus glänzenden Erfolg; aber er mußte eine nur gering dotirte Stelle annehmen, wie es die Einrichtung des Landes gebot. Er führte ſeine Anna heim, in das ſtille Dörfchen, das im waldigen Gebirge lag, und ihr Vater wohnte bei ihnen. Anna wurde es leicht, in der Liebe zu ihrem trefflichen Gatten, die Freuden des geſelligen Lebens in der Univerſitätsſtadt aufzugeben. Sie lebte ihrem häuslichen Berufe, pflegte ihr häusliches Glück, und ihr Vater ſtarb im beglückenden Bewußtſein, daß Anna glücklich ſei, wenn auch Reichthum und Glanz ferne war von dem einfachen, beſcheidenen Leben des Paares, das im Erfüllen ſeiner Pflichten und in ſeiner gegenſeitigen Liebe ſich glücklich fühlte. Der Tod des verehrten und geliebten Greiſes warf einen tiefen Schatten auf ihr häusliches Glück. Es war das erſte Weh, das ſie traf. Es kam nicht unerwartet; es kam vom Herrn. So trugen ſie es im frommen Ergeben in den heiligen Rathſchluß Deſſen, der Alles wohl macht; aber es war, als ob mit dieſem Hinübergehen eines treuen, vortrefflichen Herzens eine Reihe bitterer Erfahrungen beginnen ſollte. Der alte Zündler hatte ſein Vermögen bei einem Handelshaus einer nahen, bedeutenden Handelsſtadt zinstragend angelegt. Urplötzlich traf Altenberg die Kunde, daß dies Haus ruinirt; daß ein treuloſer Bankerott ausgebrochen und der Handels⸗ mann entflohen ſei. Er eilte in die Handelsſtadt; aber er kam zurück mit der troſtloſen Gewißheit, auch nicht einen Pfennig zu retten. Anna war gebeugt, denn ſie trug ein Pfand ihrer Liebe unter ihrem Herzen. „Nicht meinetwegen trauere ich, ſagte ſie mit Thränen im Auge zu dem geliebten Gatten,„ſondern— wegen der Zukunft Deſſen, was uns die Liebe Gottes ſchenken wird.“ — 216— „Du haſt recht geſagt, theures Weib,“ erwiederte Altenberg. „Die Liebe Gottes wird uns ein Weſen ſchenken, in dem unſere Liebe ſich, wie in einem Mittelpunkte, vereinigen wird; aber nicht wahr, meine Anna, die Liebe Gottes, die es uns ſchenken wird, wird auch über ihm und uns walten? Laß den Verluſt uns ver⸗ ſchmerzen. Es iſt eine Prüfung, die unſer Vertrauen bewähren wird. Geld macht nicht das wahre Glück des Lebens aus.“ Solche Tröſtungen gaben Anna ihre Ruhe, ihre volle Samm⸗ lung wieder. Sie ſank an die treue Bruſt des Mannes, von dem ſie lernte, das Unvermeidliche im Glauben zu tragen und dulden. Und der Herr ſegnete ſie mit einem wohlgebildeten Knaben, der nun ihr Glück vollendete. Auch Altenberg's Eltern hatten die Schuld der Menſchennatur bezahlt. Das Erbe, was ſie ihm ließen, war ungemein klein, aber es half doch Sorgen abwenden, denn die Pfarrſtelle verſorgte ſie kaum mit dem Nöthigen. So floſſen Jahre hin. Altenberg hatte ſich um beſſere Stellen gemeldet, aber Andere erhielten ſie, und er darbte. Lange blieb es ihm ein Geheimniß, worin die Urſache lag,— bis er erfuhr, daß Laubing Präſident des Conſiſtoriums geworden ſei. Nun wußte er, wie es um ihn ſtand. Nun kannte er die Quelle ſeines Zurückſetzens. Laubing trug einen unverſöhnlichen Haß in ſeinem Herzen, deſſen Früchte jetzt Altenberg zu ernten begann. Seiner Anna verſchwieg er, was ihn drückte, um ſie nicht noch tiefer zu beugen; aber er war Mann genug, mit der Waffe der Wahrheit und mit der Frei⸗ müthigkeit des guten Gewiſſens auf die Quelle ſeiner ungerechten Zurückſetzung hinzuweiſen. Laubing las mit Ergrimmen dieſe Eingabe, die zuerſt in ſeine Hand kommen mußte. Er unterdrückte ſie; aber ſie blieb nicht unbeantwortet. Eine heftige Zurechtweiſung voll Kränkungen, ſcheinbar aus dem Schooße des Conſiſtoriums ausgegangen, traf Altenberg niederſchlagend; aber er ermannte ſich und forderte That⸗ ſachen und Recht. Auch mit er Eingabe ging es, wie mit der erſten. Er wurde mit harten Worten zur Ruhe verwieſen, und eine leiſe Drohung wies auf Entlaſſung, Entſetzung hin. — 217— Jetzt ſah Altenberg, daß, wenn er nicht Alles auf's Spiel ſetzen wolle, er ſchweigen und dulden müſſe. Innerlich knickte das den ſonſt ſo thatkräftigen Mann; allein Anna ahnete es nicht. Ihr zeigte er nur ein heiteres Angeſicht.— Um ſeinen Verhältniſſen aufzuhelfen, und zugleich die Bildung ſeines Sohnes deſto erfolgreicher bezwecken zu können, entſchloß er ſich, fremde Kinder in Erziehung und Unterricht zu nehmen. Anna nahm gerne die größere Laſt des Hausweſens auf ihre Schultern, da der geliebte Gatte eine ſo viel ſchwerere, verantwortungsvollere übernahm und ihres kleinen Guſtav's Beſtes dabei leitend war. Ein erfreulicher Erfolg krönte dieſe Beſtrebungen, allein eine große Verbeſſerung der äußeren Lage wurde und konnte um ſo weniger erzielt werden, als die Koſten des Hausweſens in faſt gleichem Maaße wuchſen und die enge Pfarrwohnung nur eine kleine Zahl von Zöglingen aufzunehmen geſtattete. Was aber das Schlimmſte war, das blieb Anna's liebendem Auge nicht verborgen: ihres Gatten Geſundheit ſchwankte bedenklich. Sieben Stunden Unterricht täglich waren eine Bürde, die er auf die Dauer zu tragen außer Stande war. Als Guſtav, ihr Sohn, in's fünfzehnte Jahr trat, war die Stunde gekommen, welche das Aufhören des kleinen Inſtituts energiſch gebot. Der befreundete Arzt forderte es gebieteriſch, wenn nicht die Tage Altenberg's ſollten verkürzt werden. So fielen denn die kleinen Hilfsquellen weg und an eine Verſetzung auf eine beſſere Stellung war nicht zu denken, da Lau⸗ bing es nicht unterließ, Altenberg als einen unfriedlichen Mann mißliebig zu machen. Das nagte an dem Herzen des ſchuldlos leidenden Mannes und untergrub vollends ſeine wankende Geſund⸗ heit. Man konnte es ſehen, daß er nicht mehr weit zum Grabe hatte. Als endlich Guſtav nahe deire war, reich an Kennt⸗ niſſen und Gaben Gottes, erkrankte der Vater, der ſeine beſten Kräfte aufgezehrt hatte; hoffnungslos lag er ein Jahr darnieder, und als der Nordwind kälter über die Stoppelfelder ſtrich, als die ½ — Bäume ihre gelben und rothen Blätter auf die Erde ſtreuten und der Wind ſie in den Lüften trillte, als die Wandervögel einer wärmeren Heimath zuzogen, da ging auch ſein Geiſt hinüber in die ſtille Heimath eines Friedens, der nicht mehr geſtört wird. Den Schmerz Anna's und Guſtav's können Worte nicht ſchildern. Nach einem Vierteljahre mußten ſie den Ort verlaſſen, wo das theure Grab war. Sie zogen in das Städtchen, wo wir ſie in der Gärtnerwohnung fanden. Die Wittwe war Anna, und Guſtav, der Candidat, ihr Sohn; und das war die alte Geſchichte, von der die Wittwe ſo ungerne ſprach.— Schrecklich und tief empörend war es, daß der unedle Laubing auch da ſeinen Haß nicht enden ließ, als Altenberg's Herz gebrochen und ſeine Rache an ihm befriedigt war; daß er ihn fort und fort im Herzen nährte, und ihn die arme Anna, die verlaſſene Wittwe, tief empfinden ließ, und jetzt ihren trefflichen Sohn, der mit großer Anſtrengung die geliebte Mutter und ſich ernährte, da Altenberg's Krankheit auch die letzten Sparpfennige aufgezehrt hatte. Da im kleinen Lande manche nützliche Einrichtung fehlte, ſo hatten auch die Pfarrwittwen keine Anſtalt, die ihre Sorgen milderte. Anna hatte auf den Rath der Freunde ihres ſeligen Gatten zwei⸗ mal ſich an den Landesherrn gewendet, um eine Unterſtützung zu erhalten; allein Laubing's Arme reichten ſo weit, daß er auch hier die Hoffnungen vernichten konnte. Alle Bewerbungen Guſtav's um erledigte Stellen ſuchte er zu entkräften, indem er darauf hinwies, daß er durch Errichtung einer Privatſchule ſein reichliches Aus⸗ kommen habe, und Andere es darum eher verdienten, untergebracht zu werden, als er. So wirkte die alte, traurige Geſchichte fort und fort heillos für Mutter und Sohn, und die Tage der Prüfung ſchienen für die Dulderin dieſſeit des Lrnbejß enden zu wollen. 219— III. Die Uachrichten die Guſtav mitbrachte. Aus ſeinem Stübchen trat Guſtav im gemächlichen alten Haus⸗ rock und ſetzte ſich neben die Mutter, die mit bangem Herzklopfen ſeiner Mittheilungen harrte. Sie goß ihm eine Taſſe Thee ein, um die er gebeten hatte, und ſagte dann, ihn wehmüthig anblickend: „Wieder einmal umſonſt? Nicht wahr, mein guter Guſtav? Ver⸗ ſchweige mir's nicht, ich bin ſchon darauf gefaßt!“ „Ich weiß es nicht, liebſte Mutter, ob ich Das, was Sie ver⸗ muthen, ſo gerade beſtätigen kann. Es iſt eine ganz eigene Geſchichte, die ich Ihnen wohl ausführlich erzählen muß. „Sie wiſſen, daß ich erſt am zweiten Tag in die Hauptſtadt kommen konnte, wie wacker ich auch wandern kann. So war es denn Samſtag Abends, als ich in einem kleinen Gaſthofe meine Wohnung nahm. Sonntags iſt's ſo eigentlich nichts mit Beſuchen, und da die Sitzung, welche über die Pfarrſtelle zu Leiendorf ent⸗ ſcheidet, erſt am Freitag gehalten wird, ſo brauchte ich auch gerade nicht zu eilen, zumal ich meine Meldung nebſt meinen Zeugniſſen auf dem Secretariate bereits abgegeben hatte. „Ich ging am Sonntag in den Frühgottesdienſt und dachte den Nachmittag die herrliche Anlage zu beſehen, welche etwa drei Viertel⸗ ſtunden von den Thoren der Stadt entfernt iſt. Ich war nie dort geweſen, und man hatte mir ſie ſo reizend geſchildert, daß ich ein großes Verlangen empfand, mich in ihren Laubgängen zu ergehen, an der rieſigen Fontaine mich zu erlaben und im Waldesgrün einmal wieder zu athmen, was man hier in der flachen Gegend ganz entbehrt. Im Schatten ein ächtigen Allee kam ich hin. „Es war gegen Mittag, einſames Plätzchen ſuchte, um mein beſcheidenes Mahl, das ich in meiner Taſche trug, zu halten. An einem tiefen, ſchönen Teich, um den mächtige Trauer⸗ weiden ihre dünnen Fſte und Zweige im Winde bewegen und mit den Spitzen im klaren Waſſer gaukeln, fand ich das geſuchte Plätzchen, und dort ſtreckte ich die müden Glieder in's Gras. „Es war ſo ſtill in dieſem Theile der Anlage, der eine blumen⸗ reiche Wieſe bildete. Der Wind rauſchte ſo wunderſam in den Zweigen der alten Trauerweiden, daß ich endlich einſchlief. Wie lange ich ſo geſchlafen, weiß ich nicht, aber ein ſeltſam Traumbild umfing mich, als jener Zuſtand eintrat, wo das Erwachen nahe und doch alle Leibes⸗ und Seelenkräfte noch gehalten ſind. Es war mir nämlich, als nahte ſich Jemand leiſe. Ich rang, wach zu werden; aber die Ermüdung von der Wanderung der beiden vorigen Tage war zu groß. Immer näher trat die Geſtalt und endlich bengte ſie ſich über mich, und eine Blume fiel aus einem Strauße, den ſie in der Hand hielt, gerade auf meine Augen. „Ich erwachte und blickte in ein unbeſchreiblich ſchönes Mädchen⸗ geſicht, daß ſich eben niederbeugen wollte, die Blume vom Geſichte des Schläfers wegzunehmen, ſo leiſe als möglich⸗ „Sie fuhr in einer großen Verwirrung mit tiefem Erröthen zurück, und war verſchwunden hinter dem Gebüſche, das an dieſer Stelle ſehr dicht war. „Offenbar war es ihr Zweck geweſen, leiſe einen Büſchel Ver⸗ gißmeinnicht zu pflücken, die gerade neben meinem Kopfe herrlich und üppig blühten. „Die Blume habe ich behalten, liebſte Mutter, denn ſie iſt mir ein theures Andenken geworden. Es war ein Mädchen von vielleicht ſechzehn Jahren, unbeſchreiblich ſchön, und in ihrem k Auge ſpiegelte ſich eine gewiß reine, gute Seele!— „Ich ſtand raſch auf, um— ſie noch einmal zu ſhen allein mein Suchen war umſonſt. Es waren der Fremden ſo Viele in der Anlage, daß mir zuletzt als eine rechte Thorheit vorkam, dem Gedanken taum zu geben, ſie noch einmal zu ſehen „Und d geſchah „Alse ich mich noch einmal der ſchönen Fontaine nahete, ſah ich ſie auf dem Rande des Baſſins ſitzen und einen Kranz winden. — 220 — Jetzt erſt bemerkte ich, daß ſie in Trauer gekleidet war. Vielleicht iſt der Kranz für das Grab einer geliebten Mutter, dachte ich, und die Sehnſucht, die Vergißmeinnicht zu beſitzen, fand darin ihre Erklärung. „Nicht weit von ihr ſtand ein ebenfalls trauernder Herr, der ſchon alt zu ſein ſchien. Er ſprach mit einem Anderen und wandte ihr und mir den Rücken zu. „Ich weiß heute noch nicht, wo ich den Muth hernahm, aber ich nahte mich der Stelle, wo ſie ſaß und an dem Kranze flocht, legte leiſe meinen Strauß Vergißmeinnicht auf den Rand des Baſſins neben ſie hin, und wollte, wie ich hoffte, mich unbemerkt entfernen; aber der Schatten machte ſie aufmerkſam. Sie blickte auf, ſah die Vergißmeinnicht, erröthete tief, aber ſah mich mit einem Geſichtchen an, das ich nie vergeſſen werde, ſo milde, ſo engels⸗ milde lächelnd, als wollte ſie ſagen: du haſt meine Gedanken errathen. Ich danke dir. „Ich ging ſchnell weg, aber als ich noch einmal umſah, nahm ſie die Vergißmeinnicht und blickte noch einmal mir nach. „Von da an ſah ich ſie nicht mehr— bis—“ „Nun, wie hat ſich die Begebenheit weiter abgeſponnen?“ fragte die Mutter. „Leugnen will ich es nicht,“ fuhr Guſtav mit kindlicher Offen⸗ heit fort,„daß es mich nach der Stelle hinzog, wo ſie geſeſſen hatte. Sie war längſt weg, als ich dahin zurückkam. Es lagen Blumen zerſtreut, die ſie zu ihrem Kranze nicht verwenden konnte. „Ich bückte mich, ſie aufzuheben,— da glänzt mir etwas in's Auge. Ich bücke mich tiefer, und— es war ein Ring, ein einfacher Goldreif, mit dunkeln Haaren darein geflochten. Auf dem feinen Schilde ſtanden die Buchſtaben L. L. verſchlungen. „Ich hob ihn auf. „Vielleicht, dachte ich, ein theures Kleinod! Vielleicht die Haare der theuern Mutter, für deren Grab ſie den Kranz gewunden. O, daß ich ſie wiederfinden könnte) denn der Ring war ſicher ihr! Er war ſo enge, daß er nur für den niedlichen Finger eines ſo jungen Mädchens paſſen konnte. — 222— „Ich lief durch alle Gänge des Gartens. Ich fragte die Gärtner, ob ſie nicht ein Mädchen geſehen, deſſen Geſicht und Kleidung ich genau beſchrieb. Sie lachten, aber ſie konnten mir nichts ſagen. „Am andern Morgen nahm ich meinen Ring in die Taſche, und ging vorerſt, meine Meldungsbeſuche zu machen. „Ich fand eine kühle Aufnahme bei den Herren Räthen; der Eine meinte, es wären viele Bewerber da, und ältere als ich; der Andere verwunderte ſich, daß ich unter den Bewerbern erſcheine, da ich mir hier durch die Schule einen Wirkungskreis und ein nährendes Auskommen gegründet habe; der Dritte war am ehr⸗ lichſten. Ich traf ihn in ſeiner Amtsſtube im Regierungsgebäude. Er hörte die Schilderung meiner Lage mit Theilnahme an. „Junger Mann, ſagte er, ich glaube, Ihrem würdigen Vaier iſt ein ſchweres Unrecht geſchehen; aber die Hand, die ihn gedrückt, ruht auch auf Ihnen, wenn auch gewiß ſo unverdient, als auf Ihrem würdigen Vater. Ich zweifle, ob es Ihnen gelingen wird, die treffliche Stelle in Leiendorf zu erhalten. Sie iſt zudem eine Patronatsſtelle Sr Excellenz des Herrn Miniſters, der erſt in dieſen Tagen aus dem Bade von Töplitz zurückkehren wird. Aber wiſſen Sie was, melden Sie ſich ſchriftlich bei Sr. Excellenz und beziehen Sie ſich auf mich. Sie dürfen auf mich zählen. „In dieſem Augenblicke ging die Thür auf, und es trat, einige Actenſtücke in der Hand, ein hoher Mann herein, deſſen Aeußeres finſter war und unangenehm berührte; denn trotz dem Alter, das die Haare ſchon gebleicht, lag etwas Stutzerhaftes in dem Mann, etwas Abſtoßend⸗Hochmüthiges. Ich weiß nicht, daß mich je ein Menſch ſo tief angewidert hätte. „Der alte, biedere Rath verbeugte ſich tief. Kurz und diplo⸗ matiſch⸗einſilbig reichte er dem Rathe die Acten. Mich ſah er nur flüchtig, aber mit einem ſtechenden Blick an, dann beachtete er mich nicht mehr. „Als er ſich entfernen wollte, nahm der Rath das Wort. „Herr vbe ſagte er, erlauben Sie mir, Ihnen hier einen Bewerber um Leiendorf vorzuſtellen, der ſich eben die Ehre geben wollte, Ihnen aufzuwarten, jetzt aber, da Sie nach der Sommer⸗ reſidenz Sr. Durchlaucht ſich zu begeben gedenken, dieſes Glückes nicht theilhaftig werden kann. „So? ſagte er eiſig kalt und blickte mich wieder mit dem ſtechenden, niederſchmetternden Blick an. Wie heißt der Herr? „Ich verbeugte mich tief und ſagte, feſt ihn anſehend: Guſtav Altenberg. „Es war, als ob ihn ein giftig Gewürm in dieſem Augenblicke geſtochen hätte. Es zuckte etwas über ſein Geſicht, das Haß, Grimm und Verachtung einte. „So? ſagte er noch einmal, aber der Ton war entſetzlich, und dies: So? klingt noch in meiner Seele nach. Noch einmal muſterte er mich mit dem Blicke, der etwas Baſiliskenartiges hatte, dann ſagte er mit ſchneidender Kälte: Die Hoffnung auf Leiendorf können Sie fahren laſſen. Excellenz iſt Patron und hat die Stelle ſo gut als vergeben. „Er reichte dem Rathe die Hand und ging, ohne mich eines Blickes mehr zu würdigen. „Das war Herr von Laubing! ſagte mit Wehmuth der alte Rath, als er von der Begleitung des Mannes zurückkam. „Ich wußte es, ſagte ich. „Haben Sie ihn ſchon geſehen? fragte er. „Das nicht, war meine Antwort; aber ich mußte es ſchließen, daß er es war. So würde, wenn ich auch ein Bettler wäre, der um ein Almoſen flehte, Niemand hier mich behandelt haben! „Der Rath ſeufzte tief auf. Leider haben Sie Recht. Er iſt, ſeit ſeine Gemahlin geſtorben iſt und ſeine Finanzen zerrüttet ſind, nur noch abſtoßender und menſchenfeindlicher geworden. „Ich dankte dem wackern Greiſe für ſein Wohlwollen und ging. „Mutter, Mutter, wie war mir, als ich aus dem Hauſe trat! Alle meine Hoffnungen mit einem Male, mit einem Worte ſchonungs⸗ los zertreten! Und dieſer Menſch hatte kein Wort entſetzlich Bittere zu verſüßen, vielmehr drückte e — Stachel recht tief in die Seele des Armen, den er haßt und ver⸗ folgt, wie er es von je gegen den ſeligen Vater gethan!“ Die Mutter hatte ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckt. Sie ſchluchzte laut. Es waren die bitterſten Erinnerungen ihres Lebens wach geworden. Die„alte Geſchichte“ mit all' ihrem Weh und Schmerz ſtand wieder lebendig vor ihr. Guſtav's Züge zeigten einen tiefgenährten Unmuth und Un⸗ willen. Er kannte theilweiſe den Grund jenes Haſſes. Die Mutter hatte einſt unwillkürlich eine Aeußerung fallen laſſen, die ihn ihm verrieth; aber mehr hatte es ein Brief gethan, den er unter den Papieren ſeines Vaters gefunden hatte. Er war an einen Freund gerichtet geweſen, aber wahrſcheinlich nicht abgeſendet worden. Er enthielt die„alte, traurige Geſchichte,“ von der die vielgeprüfte Anna nicht gerne ſprach. Jedes Gefühl, auch das ſchmerzlichſte, erleidet ſeinen Wendepunkt. Ruhiger geworden, ſagte die Mutter:„Du biſt noch nicht am Ende deiner Erzählung, mein Sohn; fahre fort, ich bin gefaßt, noch Bittereres zu hören!“ Guſtav feufzte und fuhr dann fort: „Ich rannte die Straße hinauf, um ſchnell mein Ränzel umzu⸗ hängen und den Staub von meinen Füßen zu ſchütteln. Verwor⸗ rene Gedanken durchkreuzten meinen Kopf, aber keiner kam zur Klarheit als der, ſchnell heimzukehren mit meinen vernichteten Hoff⸗ nungen. „Da kam ich an einer Kreuzſtraße vorüber, wo ein Haufen WMenſchen um einen Ausrufer ſtand. „Wer ihn doch gefunden hätte! ſagte neben mir eine arme Frau. Das machte mich aufmerkſam und brachte den Ring mir wieder in's Andenken. „Ich trat zu dem öffentlichen Ausrufer und fragte, um was es ſich handle. „Es iſt Finder eine bringt, ſagte rn in den Anlagen ein Ring verloren worden, deſſen nliche Belohnung erhält, wenn er den Ring wieder⸗ 2—= „Iſt es ein einfacher Haarring? fragte ich. „Der Mann bejahte meine Frage. „So habe ich ihn gefunden, ſagte ich. Wollen Sie ihn? „Nein, nein, verſetzte der Ausrufer. Sie müſſen ihn ſelbſt hintragen. Es iſt ganz nahe. Dort in dem großen Hauſe, Nro. 41. Ich will Sie hinführen. „Der Mann führte mich einige Häuſer weiter, zog an einer großen Thür die Klingel, und ein Bedienter trat heraus. „Der Herr will den Ring überbringen, ſagte er zu dem Bedienten. „O, das iſt ſchön, verſetzte dieſer. Sie bringen Freude in das Haus. Kommen Sie! „Der Bediente führte mich eine Stiege hinauf, auf der Teppiche lagen. Alles verrieth ein ſehr vornehmes Haus. Endlich öffnete er eine Thüre, bat mich, einzutreten, verbeugte ſich und ging. „Ich ſtand in einem prachtvollen Saal. Ein koſtbarer Teppich bedeckte den Boden. Reiche Geräthe ſtanden umher. An den Wänden hingen herrliche Oelgemälde in breiten goldenen Rahmen. Eines derſelben zog mich vor allen an. Es war, wenn mich nicht Alles täuſchte, das Bild der Schönen, welcher ich die Vergißmeinnicht im Parke gereicht hatte. Ich ſtand im Anſchauen dieſes Bildes ver⸗ ſunken, als ſich hinter mir eine Thüre öffnete. „Als ich mich umwendete, ſtand ſie vor mir in all' ihrem Liebreiz. „Wir ſtanden einander gegenüber, erröthend und ſo betroffen, daß Keines ein Wort zu finden wußte. „Endlich gelang es mir, mich zu ſammeln. „Vielleicht bin ich ſo glücklich, ſtotterte ich, Ihnen ein ſchwer vermißtes Gut wiedergeben zu können. Ich fand geſtern dieſen Ring an der Fontaine, wo Sie— den Kranz wanden. Mit großer Freude lege ich ihn in die Hand der rechtmäßigen Eigen⸗ thümerin.* „O Mutter, da hätten Sie dies Engelsgeſicht ſehen ſollen! Es war in tiefe Gluth getaucht, aber ſie ging in eine Verklärung N. F. M. 15 £ — 226— über, wie ich Aehnliches nie geſehen. Ihre Hand zitterte, als ich ihn hineinlegte. Sie ſah ihn mit Entzücken an, drückte ihn an ihre Lippen, und zwei Thränen, es waren gewiß Freudenthränen, rannen über die Wangen. „Gottlob! Gottlob! daß ich ihn wiederhabe! rief ſie in ſeliger Freude und nun ſchlug ſie das große, herrliche Auge mit unbeſchreib⸗ lichem Ausdrucke zu mir auf. Dank! tauſend Dank Ihnen, der Sie mir dies unſchätzbare Gut wiedergeben. Ach, fuhr ſie in einer ſchönen Begeiſterung fort, wenn ich Ihnen ſage, daß es die Haare einer theuern Mutter ſind, daß ſie mir dieſen Ring am Tage meiner Confirmation gab,— dann erſt werden Sie fühlen, welchen Werth er für mich hat, und wie hoch ich Ihnen verpflich⸗ tet bin. „Die zwangloſe Natürlichkeit, die kindliche Innigkeit dieſer Worte ergriffen mächtig mein Herz. Ich dachte an Sie, meine theure Mutter, und fühlte mich unausſprechlich glücklich, dem treff⸗ lichen Mädchen ein ſolches Gut erhalten zu haben. Alle Scheu, aller Zwang, alle Verlegenheit war von meinem Herzen genommen. „Ich verſtehe dieſe Gefühle; ich kann ſie ganz nachempfinden, ſagte ich, denn auch ich habe eine vortreffliche Mutter. „Sie ſah mich freundlich an, aber mit Wehmuth ſagte ſie: Sie haben ſie noch, o, wie glücklich ſind Sie dann! Jetzt aber erblaßte ſie plötzlich. Sie mochte an die verheißene Belohnung denken, und hatte doch den Muth nicht, ſie mir anzubieten. „Ich ſchätze mich glücklich, hob ich wieder an, um ſie aus 3 der Verlegenheit zu ziehen, Ihnen eine ſo große Freude gemacht zu haben. Die Erinnerung an dieſen glücklichen Augenblick und — an zwei andere wird mir nie erlöſchen. Doch habe ich eine Bitte.— Ich bitte mir eine dieſer Roſenknospen aus, als Erinne⸗ rungszeichen dieſer glücklichen Stunde! „Sie hatze zufällig zwei kaum erblühte Roſenknospen in der Hand. „Obgleich tiefe Gluth ihr Antlitz bedeckte, reichte ſie mir ſchnell. eine dar. *„ — — 227— „Ich dankte innig für die Roſe und verbeugte mich, um mich zu entfernen. „Sie ſah mich an und ſagte: O, möchte Ihnen, wenn Sie einſt ſollten das Unglück haben, ein theures Gut zu verlieren, eben ſo uneigennützig der Finder es zurückgeben. Doch— um Ihren Namen darf ich wohl bitten, damit ich weiß, wem ich ſo hoch ver⸗ pflichtet bin. „Den kann ich dir ſagen, liebe Anna, ſprach in dieſem Augen⸗ blick eine rauhe, unfreundliche Mannesſtimme, der Herr iſt der Candidat Altenberg! Aber was führt Sie zu meiner Tochter? richtete der Unwillkommene jetzt die Frage an mich. „Schon hatte ich ihn angeblickt und Eiſeskälte durchrieſelte meine Adern, denn es war der Präfident von Laubing, der mit entſetzlichem Ausdrucke vor mir ſtand. Er ſah mich ſtarr und zornig an. „Ich verbeugte mich tief und ſagte feſt, denn der Mann hatte mich aus allen meinen Himmeln geriſſen, daß ich ſo glücklich geweſen ſei, den Ring zu finden, den das Fräulein verloren habe. „Aha, ſagte er mit einem zermalmenden Hohne, Sie wollen wohl die Belohnung eincaſſiren, die Anna verſprach?— Geh', Kind, ſagte er zu dieſer, hole Geld, der Herr hat Eile!— „Ich fühlte, wie eine dunkle Gluth in mein Geſicht ſtieg. Jeder Nerv meines Körpers bebte Das Mädchen wurde todtenbleich und hielt ſich an einer Stuhllehne. „Ich richtete mich ſtolz auf, ſah ihm feſt in das Auge und ſagte mit bitterem Tone: Sie irren, Herr Präſident! Ich bin dadurch reich belohnt, daß ich Ihrer Fräulein Tochter ein theueres Gut habe zurückgeben können. „In der That, ſehr generös! ſagte er in gleichem Ton. Ich dächte aber, Sie hätten nichts wegzuwerfen. „Jetzt fühlte ich, wie jede Rückſicht ſchwand, wie ich reden mußte, mochte folgen, was da wollte! „Wenn ich das Lvos der Armuth mit meiner theuern Mutter trage, ſagte ich kalt, ſo trage ich es durch eine fremde Schuld. 15 ½ —— — —= 306 Dem, der ſie trägt, möge es Gott verzeihen; aber unedel muß ich es nennen, einen Gedrückten in ſolch' einem Augenblick an ſein unverdientes Loos zu erinnern. „Ich grüßte kurz und kalt und wendete mich zur Tochter: Nehmen Sie meinen Dank für Ihre milde Freundlichkeit! „Ich verließ das Zimmer. „Ein edler Stolz hob meine Bruſt. Meine Armuth war nicht mehr drückend.“ „O Gott! o Gott! wie wird das enden!“ rief die weinende Mutter und rang die Hände. „Wie Gott es fügt!“ ſagte Guſtav.„Er wird's wohl machen. Ihm habe ich Alles anheimgeſtellt im Gebet, als ich ruhiger geworden war.“ Die Mutter war außer ſich. Sie war troſtlos. Der Sohn bot Alles auf, ſie zu beruhigen, was ihm endlich gelang. „Noch bin ich nicht am Ende, theure Mutter,“ hob er nach einer langen Unterbrechung wieder an„Lernen Sie auch den Hoffnungsſtrahl kennen, der dieſem düſtern Augenblicke folgte. „Ich eilte in mein Wirthshaus, zahlte meine kleine Zeche und eilte zum Thore hinaus. Es war Nachmittag. „Wie mein ganzes Innere in Aufruhr war, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen. Ich rannte die Straße dahin, als brenne mich der Boden an meine Sohlen. Endlich erreichte ich im dichten Wald eine Anhöhe. Ich fühlte, daß ich ruhen mußte, denn meine Kräfte ließen nach Eine Bank am Wege bot einen Ruheplatz. „Aber, wie die leiblichen Kräfte ihre Spannung verloren, ſo auch die des überreizten Innern. Ich ſtemmte meine Ellenbogen auf die Kniee, bedeckte mit beiden Händen mein Geſicht und ein Strom von Thränen brach hervor. Ich war in einer Stimmung, wie noch nie in meinem Leben. Die Welt hätte in Trümmer gehen und mich mit verſchlingen können, ich hätte es nicht bemerkt. „Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter, und eine tiefe, wohlwollend klingende Stimme ſagte: Junger Mann, der Menſch, der verzweifelt, hat keine Religion! — „Ich fuhr erſchrocken auf. „Vor mir ſtand ein alter Herr. Das Haar war ſchneeweiß; das Geſicht edel; die ganze Geſtalt hatte etwas Ehrfurchtgebietendes. „Sie haben Recht, ſagte ich; aber darin irren Sie, wenn Sie einen Verzweifelnden in mir zu finden meinen.— Es gibt Lebens⸗ lagen, die ein Menſchenherz aus den Fugen heben können, das iſt gewiß; aber mein Glaube ſteht zu feſt, als daß ich verzweifeln könnte. „Gut, ſagte er; aber ein Menſchenherz, das aus den Fugen gehoben iſt, dürfte der Verzweiflung nicht ferne ſein! Sehen Sie mich einmal an, fuhr er fort, ich bin dem Grabe nahe, wo man weder mit Worten, noch weniger mit Gefühlen ſpielt. Ich ſage Ihnen, Sie haben mir aufrichtige Theilnahme eingeflößt. Ich habe hier geſtanden, als Sie kamen. Sie ſahen mich nicht. Ich habe Sie beobachtet. Es muß ein entſetzliches Schickſal Sie getroffen haben. Mein Herz iſt Ihnen offen; öffnen Sie einem alten Manne das Ihre. Denken Sie, ich ſei Ihr Freund— Der Arzt kann nur helfen, wenn er die Krankheit kennt. Vielleicht hat mich Gottes Hand hierher geführt, daß ich Ihr Arzt werde. Faſſen Sie Ver⸗ trauen zu mir. Ich bin deſſen nicht unwerth und zum Helfen bin ich bereit, ſofern es in meiner Macht ſteht. „Er ſetzte ſich neben mich, faßte meine Hand und ſagte: Nun, mein Sohn, reden Sie! „Die Laſt meiner Seele war zu ſchwer. Die Bürde mußte abgewälzt werden. Ich konnte nicht anders, ich mußte ihm Alles ſagen, Alles, was mich drückte, Alles, was die trübe Vergangenheit in ihrem Schooße trug und was die Gegenwart ſo unerträglich machte. „Es floß im vollſten, reichſten Vertrauen über meine Lippe, und ich beichtete Alles ohne Rückhalt, ohne Hehl.“ „Nannteſt du auch Laubing's Namen?“ fragte angſtvoll die Mutter. „Nein, theure Mutter; den verſchwieg ich; aber als ich geendet 2 hatte, ſagte der edle Greis: Ich kenne den Mann, den Sie ſo edel waren, nicht zu nennen. Es iſt der Präſident von Laubing. — 230— Er hat Ihnen viel, ſehr viel Böſes gethan, und Sie fluchen ihm nicht, das iſt chriſtlich, das iſt Ihrer würdig. „Wenn ich nun aber die Lage, in der Sie ſich befinden, über⸗ blicke, ſagte er plötzlich von tiefem Ernſt in einen heitern Ton übergehend, ſo will es mir vorkommen, als wären Sie in der Lage des Candidaten in der Chur Brandenburg. Kennen Sie die Geſchichte? „Ich verneinte. „Nun, ſo will ich ſie Ihnen kurz erzählen. In der Nähe von Berlin lebte zur Zeit des kräftigen Mannesalters Friedrich's des Großen auch ein Candidat, der, wie Sie, etwas Tüchtiges gelernt, gute Zeugniſſe und ein achtungswerthes Leben für ſich hatte; aber es wollte ihm durchaus nicht glücken, eine Anſtellung zu finden. Es menſchelt halt überall, und es menſchelte auch ſtark im Con⸗ ſiſtorium zu Berlin. Da galt Gunſt und Empfehlung mehr als Verdienſt, und wer keinen Vetter im Conſiſtorium oder in deſſen Nähe hatte, konnte als Candidat grau werden. Der in Rede ſtehende Candidat entbehrte aller dieſer Vorſchubmittel und hatte auch nicht einmal die Gabe, ſich geltend zu machen. Er war nahe daran, in ſeiner Noth und Armuth zu verkommen. Eines Tages, wo er ſich wieder um eine Stelle beworben hatte und keine Zuſage empfangen konnte, lief er, da er Sansſouci noch nicht geſehen hatte, um ſich zu zerſtreuen, dorthin, und kam in den königlichen Garten. Er kannte den großen Monarchen nicht und hätte ihn wohl gerne einmal geſehen. „Eine beſondere Fügung des Himmels war es, daß Friedrich, luſtwandelnd im Garten, zu ihm kam und ſich mit ihm in ein Geſpräch einließ. „Der Candidat ſprach friſch von der Leber weg, und der König fand Gefallen an ſeinen geſunden Anſichten und gediegenen Urtheilen. Endlich ſagte Friedrich: Nicht wahr, Er iſt Candidat „Ja, Herr! war des Candidaten Antwort. — — 231— „Wie ich merke, fuhr Friedrich fort, blüht Sein Weizen auch nicht. Sein Röcklein iſt ſehr fadenſcheinig. „Ich kann mir kaum ſo viel durch Privatunterricht verdienen, ſagte der Candidat, daß ich mein Leben durchbringe. An Anderes darf ich nicht denken. Seit ſieben Jahren bewerbe ich mich um alle erledigten Pfarrſtellen; aber mir geht's wie dem Kranken am Teiche Bethesda. Wenn ich komme, iſt immer ein Anderer vor mir in's heilende Waſſer geſtiegen. „Wie kommt denn das? Hat Er vielleicht einen Flecken im ſchwarzen Rocke? fragte der König. „Herr, ſagte der Candidat darauf, leſen Sie dieſe Zeugniſſe und ich bin der Antwort auf dieſe ſcharfe Frage überhoben. „Er reichte dem König ein Päckchen Papiere. „Der König öffnete es, las ſie, legte ſie ruhig wieder zuſam⸗ men und gab ſie zurück. „Nun, nahm er darauf das Wort, dieſe Zeugniſſe ſind vor⸗ trefflich; darum begreife ich es aber um ſo weniger, daß Er keine Stelle kriegt? „Ich begreife es leider nur zu gut, ſagte der Candidat: ich habe keinen Vetter im Conſiſtorium. „Steht's ſo? fragte der König und runzelte ſeine Stirne. Weiß Er was, ich will ſein Vetter ſein! „Das wird mir wenig helfen, ſagte lächelnd der Candidat, der den König für einen untergeordneten Beamten hielt. „In dieſem Augenblicke trat ein Adjutant des Königs aus einem Seitenwege, ſtand und grüßte ehrfurchtsvoll. „Der Candidat ſah das, betrachtete ſeinen Begleiter und in dieſem Augenblicke fiel's ihm wie Schuppen von den Augen. „Ach, Eure Majeſtät! rief er bebend aus— „Laß Er's gut ſein, ſagte der König lachend. Ich denke, der Vetter ſoll Ihm ſchon helfen. „Von Kleiſt, rief er darauf dem Adjutanten zu, ſetz' Er ſich gleich mit dieſem Herrn hier in einen Hofwagen und fahr' Er bei dem Oberconſiſtorialrath Teller vor. Sag' Er ihm, dieſer Mann * — 232— habe keinen Vetter im Conſiſtorium, da wolle der König ſein Vetter ſein. Man ſolle ihm auf der Stelle die erledigte Pfründe geben, um die er ſich beworben hat. „Der Candidat wollte ſich entſchuldigen, aber der König ſagte lachend: Geh' Er hin und mache Er Seinem Vetter keine Schande! „Das Ende der Geſchichte iſt kurz dieſes: der Candidat erhielt die Pfründe auf der Stelle, und ihm war geholfen. „Nun bin ich weder ein Friedrich, noch ein Fürſt, ſondern bloß ein Mann, der vielleicht etwas für Sie thun kann. Ich will auch einmal Ihr Vetter ſein, und Sie ſollen von mir hören. Seien Sie gutes Muths. Gott befohlen! „Der Reiſewagen war unterdeſſen zur Höhe gekommen. Der Herr ſprang, ehe ich ein Wort ſagen konnte, hinein und der Wagen rollte fort.“ „Großer Gott! was wird das geben? Wie wird das enden?“ rief angſtvoll die Mutter. Und wieder ſagte Guſtav:„Ich habe die Wahrheit geredet. Gott wird Alles lenken!“ IV. Der Petter im Conſiſtorium. Am andern Morgen begann Guſtav ſeine Schule wieder. Die Knaben drückten alle des geliebten Lehrers Hand, und rüſtig ging es wieder an das Werk. Ihm war dies Wirken eine rechte Wohl⸗ that; denn ſeine Seele wurde aus den Grübeleien und Träume⸗ reien herausgeriſſen, denen er ſich hinzugeben in Gefahr war; allein ſelbſt mitten in die grammatiſchen Regeln trat das liebliche Bild Anna's von Laubing. Die Mutter hatte ſich Alles zuſammengeſtellt, zurechtgelegt, und wie ein Alp lag es auf ihrem Herzen, daß ihres Sohnes Offenheit ſo groß geweſen gegen einen Unbekannten, von dem man ja doch nicht wußte, welchen Gebrauch er davon machte. Zwar hatte der Mann ſich auf eine Weiſe benommen, die Vertrauen erwecken konnte und mußte, allein wie war die Welt heutzutage? Wie waren die ſchönſten Worte oft ſo trügeriſch! Wochen kamen und gingen in's Land und jenes Wort des Fremden:„Sie ſollen von mir hören!“ blieb— ein leeres Wort. Zwar wollte es Anfangs den Jüngling tief niederbeugen; allein er hatte zu oft Täuſchungen erlebt und⸗ erfahren in ſeinem noch ſo jungen Leben, daß er ſich am Ende darein ergab. Er wußte es ja nicht, daß die genaueſten Erkundigungen unter der Hand angeſtellt wurden nach ihm, ſeinen Eltern, ſeinen und ihren Geſchicken, ſeinem und ihrem Thun und Laſſen. Ihm blieb es ja unbekannt, was ſich an dem Orte zutrug, an dem die Ent⸗ ſcheidung erfolgen mußte. Der Miniſter von B. ließ eines Morgens den Präſidenten von Laubing bitten, alle diejenigen Papiere und Acten, ſowie die Meldungen und Zeugniſſe, welche ſich auf die Beſetzung von Leien⸗ dorf bezogen, ihm zu überſenden. Dies geſchah und der Miniſter durchblätterte ſie. Ganz zuletzt fand er die des Candidaten Alten⸗ berg nebſt ſeinen Zeugniſſen in den von dem Inſpector beglaubigten Abſchriften. Im Actenvermerk ſtanden von Laubing's Hand die Worte:„Iſt nicht zu beachten, da er ein unzufriedener Querulant iſt, der das Conſiſtorium bei jeder Vacanz beläſtigt, während er in ſeinem Wohnort eine einträgliche Schule gegründet hat. Zudem ſind Alle, welche ſich beworben haben, als Candidaten älter und müſſen alſo, ohne die Meinung des hohen Herrn Patrons beſchrän⸗ ken, oder Einfluß darauf üben zu wollen, eher berückſichtigt werden.“ Der Miniſter warf die Acten zornig auf den Tiſch⸗ „Alſo immer noch der alte, unvertilgbare Haß aus verſchmähter Liebe. Menſchenherz, Menſchenherz, wie biſt du unergründlich! Laubing iſt ſonſt ein redlicher Mann; er hat ein gutes Herz, möchte ich ſagen; und doch dieſen endloſen Haß! Und er lebte, wie es heißt, nicht unglücklich mit ſeiner verſtorbenen Frau. Sie ſoll, wie man mir ſagte, eine vortreffliche Frau geweſen, und ſeine — 234— Tochter, ihr Abbild, ſoll ein treffliches Mädchen ſein.— Er nannte ſie Anna, wie ſeine erſte Liebe hieß. Sollte dies die Erinnerung ewig wach halten?— Welche Räthſel!“. Einige Tage ſpäter kam der Präſident von Laubing zu ihm, zu einer vertraulichen Beſprechung. Der Miniſter war ein Mann, der in der Schule des Lebens gereift war. Obwohl Diplomat vom Fache und wohl kennend jene feine Kunſt, welche die Sprache nur als eine Gabe anſieht, die Gedanken zu verhüllen und zu verbergen, war er unter anderen Umſtänden, welche nicht in das Gewebe diplomatiſcher Verhand⸗ lungen einſchlugen, wieder ganz Menſch und ein edler Menſch dazu. Eingedenk, daß er zu Guſtav geſagt:— denn er war jener Fremde, der ihm bei der Bank auf der Anhöhe im Walde die Hand auf die Schulter gelegt hatte, und dem Guſtav ſo offen Beichte geſeſ⸗ ſen—„Ich will Ihr Vetter im Conſiſtorium ſein,“ hatte er über ihn, ſeine Thätigkeit und ſein Leben die umfaſſendſten Erkundigungen in der Stille eingezogen, und der alte biedere Rath, der ſelbſt an Guſtav einen ſo warmen Antheil genommen hatte, war ihm dabei die Rechte geweſen, die Alles that, was nöthig war, um den Schleier von dieſen Verhältniſſen wegzuziehen. ZJetzt ſah der Mini⸗ ſter völlig klar. Was Guſtav in offener Zutraulichkeit ihm offen⸗ bart hatte, lag als ſonnenklare Wahrheit vor ihm da. Er erkannte in ihm einen jungen Mann von ausgezeichneten Eigenſchaften und Talenten, wie ihn die Gemeinde in Leiendorf brauchte, und er— der oft den halben Sommer mit ſeiner Familie in Leiendorf wohnte — ſich ihn nicht nur zum Umgange, ſondern zum Unterrichte ſeiner beiden jüngſten Kinder wünſchte. Er war daher entſchloſſen, Guſtav Altenberg zur Ffarrſtelle in Leiendorf zu präſentiren. Daß dieſe Präſentation, wenn er ſeinen Wunſch in die Wagſchale egte durch⸗ gehen würde, konnte kaum bezweifelt werden. So ſtanden die Verhältniſſe, als Laubing bei dem Miniſter eintrat. Das finſtere Antlitz des Mannes war noch finſterer, als ſonſt gewöhnlich, und eine Bläſſe lag darauf, die auf eine große Gemüthsbewegung zurückzuſchließen giet — 235— „Sie ſehen bleich, Herr Präſident,“ ſagte der Miniſter, als Laubing ſich niedergelaſſen hatte. „Wohl möglich, Excellenz,“ erwiederte er, nachdem er für die Theilnahme auf eine feine Weiſe gedankt.„Meine Tochter iſt lei⸗ dend ſeit einiger Zeit, und doch das einzige Gut des Herzens, das mir geblieben, da mag es erklärlich werden, daß die Seele des Vaters ſich gedrückt fühlt.“ „Wiſſen Sie was,“ ſagte der Miniſter,„laſſen Sie ſie auf einige Zeit mit meiner Familie nach Leiendorf gehen; die Landluft wird ihrer Geneſung jedenfalls heilſam ſein.“ Der Präſident verbeugte ſich dankend.„Excellenz begegnen allzu huldvoll in eben dem Grade meinen Wünſchen, als denen der Aerzte.“ „Deſto beſſer,“ verſetzte der Miniſter;„ſo iſt die Sache abge⸗ than. Nächſte Woche reiſt meine Familie nach Leiendorf. Sie wird ſich der Geſellſchaft Ihrer Fräulein Tochter freuen. Doch in Bezug auf Leiendorf: wie ſteht es um die Beſetzung der Pfarr⸗ ſtelle?“ „Das Conſiſtorium harrt der Präſentation, um unbedingt den Wunſch Eurer Excellenz zu erfüllen, da es ganz in Eurer Excellenz Wünſchen liegen muß, die Stelle mit einem ausgezeichneten Manne zu beſetzen. Die Acten ſind in Eurer Excellenz Händen.“ „Ich habe die Acten durchgeleſen und geprüft,“ ſagte der Miniſter;„aber ich finde gerade den, welchen ich präſentiren möchte, als ungeeignet bezeichnet. Ich weiß nicht, ob Sie wiſſen, wen ich im Auge habe?— Iech kann nur allein den Candidaten Guſtav Altenberg wählen.“ Der Präſident verfärbte ſich.„Altenberg?“ rief er dann mit Leidenſchaft aus, ganz die Lage und das Gegenüberſtehen des Miniſters vergeſſend. „Gerade dieſen!“ ſagte der Miniſter kalt, aber betont. „Eure Excellenz werden es entſchuldigen, wenn ich meine Verwunderung vielleicht nicht in der gehörigen Weiſe äußere. Ich kenne dieſen jungen Mann.“ — 236— „Ich auch!“ ſprach der Miniſter kalt und ernſt. „Er iſt hochfahrend, trotzig und anmaßend—“ „Ach, Sie ſchließen das aus der letzten Unterredung, welche Sie mit ihm in Ihrer Wohnung hatten,“ fiel ihm der Miniſter mit ſcharfem Tone ein„Ich glaube, Herr Präſident, wie er da ſich benahm und ſprach, ſo mußte ein Ehrenmann reden, der ſchuldlos zertreten wird, der Dank verdiente und Hohn erntete.“ Der Präſident war ſprachlos. Er wagte es nicht, den Miniſter anzuſehen, der dieſe Umſtände kannte, die ihn, das ſagte ihm ſein Gewiſſen, in einem ſo verwerflichen Licht erſcheinen ließen. „Ich erſtaune, daß Euer Excellenz ſolche ſpecielle Dinge kennen, bei denen nur drei Perſonen anweſend waren, von denen nur Eine die Mittheilung kann gemacht haben, die, wenn ich es nicht unter meiner Würde hielte, es ſo zu bezeichnen, Partei war, und natürlich das, was ſie veröffentlichte, in ihrem eigenen Intereſſe und mit der Schminke der Selbſtſucht verändert verlautbart hat,“ ſagte anſcheinend mit aller Ruhe der Präſident. „Sie mögen von Ihrem Standpunkt aus Recht haben, ſo zu reden, Herr Präſident,“ ſagte darauf der Miniſter und runzelte ſeine Stirne;„aber eine Thatſache darf nicht aus ihrem Zuſam⸗ menhange mit der Vergangenheit geriſſen werden. Bedenken Sie das, und laſſen Sie es mich hier, wo wir, beide Greiſe, vor Gott ſtehen, ausſprechen, daß ich dieſe Vergangenheit bis in Ihre Jugend hinab genau, ſelbſt bis in die feinſten Beziehungen kenne. Ich bin Ihr Richter hier nicht, der iſt über uns Allen, Herr Präſident, und das ſchreckliche Wort: Thue Rechenſchaft! wird an uns Alle ergehen, aber das halte ich für meine Pflicht, Sie daran zu erinnern, daß es Zeit iſt, in ſich zu gehen, daß es Zeit iſt, der unverſöhnlichen Rache ein Ziel zu ſetzen und gut zu machen, was Sie, Herr Prä⸗ ſident, Sie, an einer ſchuldloſen Familie verſchuldet haben. Der Vater ruht im Grabe. Kummer über Verfolgungen hat ihm das Herz gebrochen. Ein edles Weib, hoher Achtung werth, darbt mit ihrem Sohne ſeit Jahren, und die Laſt eines unvertilgbaren Haſſes — ruht auf ihr und ihrem Sohne. Herr Präſident, fühlen Sie, was das heißt? Es iſt Zeit für Sie zur Buße. Machen Sie gut, was Sie übel gemacht. Ich erwarte den Antrag auf eine bedeutende Penſion für die darbende Wittwe Altenberg, und ihr Sohn muß Pfarrer in Leiendorf werden. Ich ſehe, daß meine Worte nicht auf den Weg gefallen ſind, wo ſie zertreten werden. Ermannen Sie ſich! Von nun an ſind die beiden Menſchen unter meinem Schutz, und jede Kränkung würde zur Entlarvung Derer führen, die ſie ſich beigehen ließen. Die Folgen liegen nahe Sie kennen nun unſere gegenſeitige Stellung. Ich laſſe Sie hier allein. Sam⸗ meln Sie ſich, ehe Sie mein Haus verlaſſen. In dieſem Zuſtande darf Sie Niemand ſehen!“ Er ſtand auf und ging in ein Zimmer nebenan und überließ den Zerknirſchten ſich ſelbſt und ſeinem inneren Richter. Er ſaß da wie eine Leiche. Starr waren die aus ihren Höhlen heraustretenden Augen. Er zitterte am ganzen Leib und die Gedanken raſten in ſeinem Kopf umher, weil keiner Halt gewinnen konnte. Sein Herz pochte hörbar und ſein Gewiſſen war in einer Weiſe zum Erwachen aufgerüttelt worden, daß es ſich nicht mehr zur Ruhe einlullen ließ. Alles war wahr, was der Miniſter geſagt. Die Hand Gottes hatte ihn in den Worten dieſes Mannes gefaßt. Lange, lange ſaß er da, nach Faſſung ringend, ohne ſie gewinnen zu können. Endlich kamen ihm Thränen. Er ſchlug an ſeine Bruſt, bekannte dem Unſichtbaren, Ewignahen ſeine Schuld und flehte um Vergebung. Erſt jetzt ſtand er auf und begab ſich, ſo ſchnell er konnte, in ſeine Wohnung. Er ſchrieb mit zitternder Hand den Antrag auf eine bedeutende Penſion für die Wittwe Altenberg. Er faßte das Schreiben ab, durch welches Guſtav Altenberg zum Pfarrer in Leiendorf ernannt wurde, und ſchickte Beides durch den Kanzleidiener an die Räthe, die im erwachenden Gefühle früheren Unrechts, deſſen ſtillſchweigende Werkzeuge ſie geweſen, mit Freuden unterzeichneten, obgleich ſie die — 238— nderſame Geſinnungsänderung des Präſidenten Laubing nicht ifen Als beide Documente wieder in ſeiner Hand waren, legte er das Geſuch um ſeine Penſionirung hinzu, das er, während jene unterzeichnet wurden, abfaßte. Alle drei ſandte er dem Miniſter. Dieſer erſtaunte über das Penſionsgeſuch des Präſidenten. „Der Mann iſt beſſer, als ich gedacht,“ ſagte er, und befahl ſeinen Wagen. Er fuhr zum Präſidenten. Er fand ihn im Bette, fiebernd. Schmerzlich beklagte er dieſe Wendung der Sache. Er bat Laubing, der übrigens ein tüchtiger Mann in ſeiner wichtigen Stel⸗ lung war, das Geſuch um Entlaſſung zurückzunehmen, und verhieß ihm, daß die Kenntniß der vorgefallenen Dinge keinen Einfluß auf ihre gegenſeitige Stellung haben ſolle. Den Miniſter beſtimmte zu dieſem menſchenfreundlichen Schritte das Wiſſen um die ungeheuer zerrütteten Vermögensumſtände des Präſidenten, den Eitelkeit und Prunkſucht in dieſen Abgrund geſtürzt hatten. „Bitte,“ ſagte Laubing,„erwähnen Euer Excellenz der Dinge nicht mehr. Ihre Mahnung an die Buße iſt nicht ohne Erfolg geblieben. Ich weiß, was mich erwartet; aber gerade dieſer Schritt iſt der Anfang meiner Buße. Ich bin unwürdig des Vertrauens, das ich genoß, unwürdig der Stelle, an der ich ſtand. Daß ich um eine Penſion gebeten, iſt nur um meines Kindes willen, denn ich verdiene ſie nicht; aber ich bin ein Bettler. Alle meine Habe wird daraufgehen, meine Schulden zu bezahlen, in die mich meine Eitelkeit geſtürzt hat. Laſſen Sie Alles ſo, wie es iſt, Excellenz.“ Er war nicht zu überreden. Der Miniſter verließ ihn nicht ohne Sorgen für ſein Leben; aber er hatte die Beruhigung, daß es im Innern dieſes Mannes zu einem heilbringenden Umſchlage gekommen war. — — 239— V. Der unerwartete Beſuch. Das, was zwiſchen dem Miniſter und dem Präſidenten vor⸗ gefallen war, blieb ein Geheimniß. Ein Billet des Miniſters an die Räthe des Conſiſtoriums legte dieſen ein unverbrüchliches Schweigen in Bezug auf die Beſetzung der Pfarrſtelle von Leien⸗ dorf auf. Während deſſen ließ er die Beſtallung ausfertigen und ſchrieb einige Zeilen an den Inſpector in dem Orte, wo Guſtav wohnte, deren Inhalt Niemand kannte. In der folgenden Woche ließ der Inſpector Guſtav zu ſich bitten. „Herr Candidat,“ ſagte er zu ihm,„ich fühle mich nicht ſo recht in der Stimmung, nächſten Sonntag zu predigen. Eine Menge unangenehmer Arbeiten laſtet auf mir. Wollten Sie nicht für mich eintreten?“ Guſtav, der ſich glücklich fühlte, wenn er ſeinen heiligen Beruf ausüben konnte, ſagte freudig zu und eilte heim, ſich an die Arbeit zu machen, zu der ihm nicht viele freie Stunden zugemeſſen waren. Die letzte Zeit war für ihn wieder eine rechte Zeit der Prü⸗ fung geweſen; die Hoffnungen, die er hegen zu dürfen geglaubt hatte, waren erblichen, denn der Fremde, der aus ſo tiefem Ernſte plötzlich in einen gewöhnlichen Scherz übergegangen, den er, wie es alte Leute wohl gerne zu thun pflegen, an eine Anekdote knüpfte, hatte auch nicht das Mindeſte von ſich hören laſſen, und der Gedanke lag nahe, daß er ſein Vertrauen an einen Unwürdigen verſchwendet habe; ja noch mehr, er bereuete tief ſeine Unklugheit, ihm zu rück⸗ ſichtslos ſein Inneres, ſeine Verhältniſſe, das Thun Laubing's erſchloſſen zu haben, und manche quälende Beſorgniß kam über ihn, die eigentlich in der Mutter vielbeängſteter Seele ihre Quelle hatte. — 240— Zu dieſem Schmerze hatte ſich ein anderer geſellt, der auch in dem liebevollen Mutterherzen einen, wenn auch ſchweigenden, doch tiefen Anklang fand, ohne daß es übrigens Guſtav ahnete. Daß das holdſelige Kind des gehäſſigen Laubing einen außeror⸗ dentlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte, konnte ihm ſo wenig, als der Mutter verborgen geblieben ſein. Schon im Garten zu W. war ihre Erſcheinung ihm als die lieblichſte vorgekommen. Sie hatte ihn angeblickt, daß ihm der Strahl dieſes wundervollen Auges in die Seele drang. Wer mochte es dem Jünglinge hoch anrechnen, daß er bewegt war, wie nie; daß dies Bild ſich ihm eingeprägt; daß er ſie liebte? Anna ſtand wachend und im Traume vor ſeiner Seele, und nur am Claviere hauchte er ſein Gefühl aus in den weichſten und rührendſten Klängen. Und ſie war Laubing's Tochter; ſie ſtand hoch und unerreichbar über ih nd des Vaters Haß ließ vollends dem ungetrübten Blick eine unübekſteigliche Kluft erkennbar werden. Da hatte er gerungen und war endlich dazu gekommen, ſeine Liebe in's Grab zu legen, wie die Roſenkn hingeſtorben war, die ſie ihm gereicht hatte. Seitdem legte ſich eine ſtille Schwermuth über ſeine Seele, wie der herbſtli Nebel über eine ſchöne Landſchaft. Dennoch war auch hier ſein reli ₰ Gefühl Meiſter geworden über eine Regung des Herzen So ſtand es um ſeine S als der Inſpector ihn bat, für ihn eine Predigt des nächſten heiligen 9es zu übernehmen. Als er ſich niederſetzte und das ige Buch zur Hand nahm, da weilte er bei der herrlichen Stelle des Evangeliums, wo die Jünger mit dem Herrn über den See fahren, er entſchläft und ſich der Sturm erhebt, des See's Wellen aufwühlend, daß ſie das Schifflein zu verſchlingen drohen Sie wecken den Herrn, der ihren Glaubensmangel ſtraft; er ſpricht ein allmächtig Wort; der Sturm legt ſich, und das heilige Buch ſagt ſo bedeutungsvoll:„Und es ward ganz ſtille!“ Er konnte nicht weg von der Stelle, die ſo bedeutſam für ſein inneres Leben war, und er nahm ſie zum Tert einer Predigt, wie ſie inniger, beziehungsreicher, ſalbungsvoller nie — 241— aus ſeiner Seele gequollen war. Er hatte ſie in einem Zuge niedergeſchrieben; er trug ſie die ganze Woche in ſeiner Seele herum, hier und da ändernd und verbeſſernd, bis endlich, heiß erſehnt, der heilige Tag kam, daß et ſie, als ein Zeugniß eigener, innerer Erfah⸗ rung ausſtrömen laſſen konnte im lebendigen Wort. Endlich läuteten die Glocken. Die Gemeinde ſtrömte zum Gotteshauſe. Begeiſtert und begeiſternd ſang die Gemeinde das bedeutungsvoll gewählte Lied Paul Gerhard's:„Befiehl du deine Wege,“ und nun war der Augenblick gekommen, wo Guſtav's Lippe kund thun ſollte, wie jeden inneren und äußeren Sturm des Herrn Wort zur Ruhe bringt, daß es ganz ſtille wird. Nie hatte er inniger und darum hinreißender gepredigt. Die Gemeinde hing an ſeinem Munde; man konnte die Athemzüge hören, ſolche Stille der Andacht, der hingebendſten Aufmerkſamkeit herrſchte in der Kirche. Alle waren ergriffen, erhoben, erbaut. Ueber Alle, wie über ihn, war der Friede Gottes gekommen. Er eilte heim. Seine Seele war ſo voll, daß ſie ſich noch ausſtrömen mußte. Er ſetzte ſich an ſein Clavier. Ohne es ſelbſt zu wiſſen, war es die Melodie des wunderherrlichen Liedes, die er ſpielte, die er kunſtreich und fugenartig behandelte und die ihn noch einmal in die heiligen Regionen emportrug, in denen ſeine Predigt ſich bewegt. Er hatte es nicht bemerkt, daß leiſe die Thüre hinter ihm aufgegangen war und ſich Jemand in des Vaters Sorgenſtuhl am Ofen ſtille niedergelaſſen hatte. Die Mutter war noch zu einer befreundeten Familie gegangen und weilte länger, als ſie ſonſt pflegte. Lange hatte Guſtav geſpielt. Endlich ſchloß er begeiſtert mit einer Fermate, die das Amen zu ſeinem melodiſchen Gebete war. Er ſtand auf und trat gegen das Fenſter mit gefaltenen Händen. Nach einer Weile drehte er ſich um— und vor dem Erſchreckenden ſtand— der Fremde. Er ergriff des Candidaten bebende Hand und drückte ſie mit Wärme. „Sie werden vielleicht an mir irre geworden ſein, mein junger Freund, aber ich nicht an Ihnen. Ein ehrlicher Mann hält ſein N. F. w. 6 — 242— Wort. Ich bin heute Ihr Zuhörer geweſen, und komme, Ihnen zuerſt für die Erhebung zu danken, die mir Ihre vortreffliche Predigt gewährt hat, und habe Ihnen dann noch einen Dank abzu⸗ ſtatten, den für Ihr treffliches Spiel, deſſen ſtiller Zuhörer ich hier geweſen bin, und das vollſtändig den Eindruck Ihrer Predigt fort⸗ geſetzt und vollendet hat.“ Er ſah ſo freundlich in des Candidaten Augen, daß das Erſchrecken ſchnell von dieſem wich. Er bat den Fremden, ſich doch in des Vaters Sorgenſtuhl niederzulaſſen, und ſagte:„Es haben nur gute Menſchen darin geſeſſen!“ Der Fremde lächelte „Nun,“ ſagte er,„möge denn ihr Geiſt auf mich übergehen, wenn ich mich noch einmal darin niederlaſſe! Nun ſetzen Sie ſich aber zu mir. Ich habe Ihnen Mancherlei zu erzählen, denn in der Hauptſtadt, wo ich wohne, iſt Mancherlei vorgegangen, was Sie intereſſiren wird. Zuerſt iſt Herr von Laubing freiwillig von ſeinem Amte zurückgetreten und hat eine ſehr anſtändige Penſion. Er wird Ihnen nicht mehr ſchaden! Mit ihm die beiden alten Räthe, die ſeine Creaturen geweſen ſind. Nur der Eine wackere Mann, der Ihnen ſo freundlich rieth, iſt im Amte geblieben.“ „Großer Gott,“ ſagte Guſtav erbleichend,„es wird doch nicht das, was ich in unbewachter Offenheit Ihnen mitgetheilt habe, die Urſache dieſer Veränderungen ſein? Ich würde mich in meinem Gewiſſen belaſtet fühlen, und habe jene Unbeſonnenheit ſchwer beklagt!“ „Seien Sie ganz ruhig,“ verſetzte der Fremde„Sie haben ja die vollſte Wahrheit geſagt; aber zu Ihrer Beruhigung bemerke ich bloß noch, daß der Rücktritt der Herren freiwillig war. Das iſt aber nicht Alles, was ich Ihnen zu ſagen habe. Auch Leiendorf iſt beſetzt. Sie haben dem guten Rathe des würdigen alten Con⸗ ſiſtorialrathes Folge geleiſtet, und ich, Ihr Vetter im Conſiſtorium,“ ſetzte er lachend hinzu,„habe auch meinen Senf hinzu gethan, und — der Miniſter hat Sie präſentirt.“ „Großer Gott!“ rief Guſtav erſchreckend.„Ich habe erſt — 243— hintennach gehört, daß Leiendorf eine der beſten Stellen des Landes iſt und daß ich darauf nicht die mindeſten Anſprüche habe. Die Stelle gehört einem alten verdienten Manne.“ „Das ehrt Sie, junger Mann,“ erwiederte der Fremde; „aber der Miniſter hat ſich nach Ihnen erkundigt, und was er gehört, konnte ihn nur in ſeiner Meinung beſtärken. Da er den Sommer über in Leiendorf mit ſeiner Familie wohnt, ſo iſt er auch ein wenig eigennützig. Er hat noch, obgleich er den Sechzigern angehört, einen Sohn von vierzehn und eine Tochter von elf Jahren. Sehen Sie, da ſpeculirt der Mann auch ein wenig auf den Unter⸗ richt dieſer Kinder und namentlich auch auf die Muſik, deren Freund er iſt und die er in ſeiner Familie ſehr pflegt. Uberdies wünſchte er dorthin einen tüchtigen Prediger. Ich will Ihnen ganz ehrlich ſagen, daß er mich hierher geſchickt hat, Sie predigen zu hören und Ihnen auf den muſikaliſchen Zahn zu fühlen. Da hab' ich's denn beſſer nicht treffen können, und ich bin in beiden Beziehungen im Stand, Ihnen Zeugniſſe beizulegen, wie ſie eben der Miniſter wünſcht.“ In dieſem Augenblick überhob der Eintritt der Mutter Guſtav's dieſen einer Antwort, zu der ihn ſeine Verlegenheit nicht würde haben kommen laſſen. Guſtav ſtellte ſie vor, die den fremden Herrn demüthig begrüßte. Der Fremde bewies ihr eine hohe Achtung und bat um die Erlaubniß, in ſeinen Mittheilungen fortfahren zu dürfen. „Der Präſident von Laubing ſcheint,“ ſagte er, Siötigens ſich vollſtändig umgeändert zu haben. Wie ich gehört habe, ſo iſt eine ſeiner letzten Amtshandlungen geweſen, für Sie, würdige Frau, eine recht anſtändige Penſion von Sr. Durchlaucht zu erbitten. Ich zweifle nicht an der Gewährung; wie er dann auch auf Ihre Beſtallung als Pfarrer in Leiendorf angetragen hat.“ Die Wittwe ſaß ſtarr da. Sie war bleich geworden und zwei heiße Thränen rannen über ihre Wangen. Ihre Hände waren wie zum Gebete gefaltet und ihre Lippe zuckte. 16* —————— — 244— „Gott ſegne ihn dafür!“ ſagte ſie endlich kaum hörbar. „So iſt's recht, würdige Frau!“ verſetzte mit Rührung der Fremde.„Wir ſollen ſegnen die Hand, die uns geſchlagen hat, und beten für unſere Verfolger. So lehrt's uns der Herr!“ „Und du Pfarrer in Leiendorf?“ ſagte ſie, Guſtav's Hand ergreifend, und ſah ihn dabei ſelig an. „O Herr,“ wendete ſie ſich dann zu dem Fremden,„Sie ſind ein Segensbote Gottes!— Ach— der Abend meiner Tage will ſich noch aufklären! Ja, Guſtav, der Herr hat den Sturm † beſchworen und es wird ganz ſtille! Sein Name ſei gelobt!“ ſetzte 8 ſie begeiſtert hinzu und drückte des Sohnes Hand. „Amen!“ ſprach der Fremde und zerdrückte eine Thräne, die ihm in's Auge trat. Da klopfte es an der Thüre. Der Poſtbote trat herein und überreichte zwei große Briefe, denen Guſtav nicht anſah, daß alle Poſtzeichen fehlten und ſie alſo hier auf die Poſt gelegt waren. Der eine der Briefe war an„ ſeine Mutter überſchrieben. Sie nahm ihn, öffnete ihn und las. Er enthielt die Zuſiche⸗ rung einer Penſion von dreihundert Thalern. Ihre Thränen rannen ungehemmt. „Da lies, Guſtav!“ ſagte ſie.„Dreihundert Thaler Penſion 3 ſichert mir der gnädige Fürſt zu! O, ſo viel hatte dein armer Vater kaum Beſoldung!“ „Es iſt der ſpäte Abtrag einer gerechten Schuld!“ verſetzte der Fremde. Und Guſtav reichte ihr bebend ſein Patent als Pfarrer in Leiendorf. „O Gott, o Gott!“ rief die Mutter.„Es iſt zu viel auf einmal!“ Da ſanken Mutter und Sohn ſich in die Arme und der 4 Fremde ſtand in ſeligem Anſchauen da. Es war eine Scene, die 3 jedes Herz hätte ergreifen müſſen. — 245— „Und Sie, Sie,“ rief Guſtav,„Sie ſind der Wohlthäter meines Lebens geworden!“ Er faßte ſeine Hand und drückte ſie. „Möge Gott Ihnen vergelten in reichem Segen, was Sie für mich thaten!“ Der Fremde ſchüttelte, keiner Antwort fähig, den Kopf, nahm ſeinen Hut und wollte gehen. „Ach,“ ſagte Guſtav verlegen,„verlaſſen Sie uns nicht! Theilen Sie unſer einfaches Mahl! Sie ſind Beſſeres gewohnt, aber— theilen Sie einmal das Mahl der Armuth.“ Er blieb und theilte das höchſt einfache Mahl, man ſah es dem Mann an, wie glücklich er war. Nach Tiſch ſagte er, daß er noch ein Kleines zu beſorgen habe und dann wiederkehren würde. Er ging ſchnell weg— aber er kam nicht wieder, und als Guſtav im Gaſthofe fragte, war er abgereiſt. „Wer iſt's?“ fragte die Mutter den Sohn, und erſt jetzt fiel es ihm ein, daß er nach ſeinem Namen nicht gefragt. Sie blieben ſtill in ihrem Glücke zuſammen dieſen Tag; aber gegen zwei Uhr klopfte es leiſe. Frau Gebhards kam herein. „Ach, du lieber Gott,“ ſagte ſie,„ich habe Sie, Frau Paſtorin, in Thränen geſehen und doch nicht traurig, wie ſonſt. Da mögen Sie es mir ſchon zu gute halten, daß ich, wahrlich nicht aus Neugier, ſondern in herzlicher Theilnahme komme und frage, was Ihnen denn begegnet iſt?“ Nun erzählten ſie es denn der treuen Seele ausführlich. „Sehen Sie,“ ſagte ſie überglücklich,„mein Traum iſt wahr geworden! O, was wird mein Alter ſagen? Nun wird er doch endlich einmal Etwas darauf geben! Ja, ja, mein lieber Herr Paſtor, es iſt ewig wahr, der Eltern Segen baut den Kindern Häuſer! Es bleibt ewig wahr, was Sie heute wieder gepredigt haben. Der Herr hat Ihnen Gnade gegeben. Er ſei gelobt!“ — 246— VI. Der Pfarrer von Neiendorf. Die Wolken waren verzogen. Der Himmel lachte ſo heiter über Mutter und Sohn. Die Theilnahme im Städtchen war aufrichtig und herzlich. So kam denn endlich der Tag der Abreiſe. Alle Bewohner des Städtchens nahmen rührend Abſchied von den beiden trefflichen Menſchen, beſonders leid that es den Familien, deren Kinder Guſtav unterrichtet, und den Knaben ſelbſt, deren Liebe und Hoch⸗ achtung er ſich in hohem Grad erworben hatte. Am ſchwerſten aber war der Abſchied von der guten Frau Gebhards und ihrem Manne, der weniger in Worten ausdrücken konnte, wie er es ſo treu meinte, als ſeine zungenfertige, gut⸗ müthige Frau. Von ihren Segenswünſchen begleitet, fuhren die Glücklichen endlich ihrer neuen Beſtimmung zu. Sie hatten mehrere Tagreiſen. Die Gegend war bergig und rauh, durch welche ihr Weg ſie führte; aber allmählich wurde ſie milder, fruchtreicher. Die Berge waren weniger hoch, die Thäler lieblicher, die Dörfer wohlſtehender. Sie nahten ſich der Gegend, wo in hügeligem Lande reiche Frucht⸗ fluren, üppige Obſtbäume ein mildes Klima weiſſagten. Es war an einem warmen, ſchönen Tag, als ſie endlich Leiendorf im Thale vor ſich liegen ſahen. Dies war ein ſchönes, reiches Dorf, das an einem bedeuten⸗ den Bache lag, der ſich durch ein fruchtbares Thal ſchlängelte, deſſen Höhen ein ſchöner Wald krönte. In Guſtav's Herzen lebten ernſte Gedanken. Sein heiliger Beruf trat in ſeiner Schwere und Verantwortlichkeit vor ſeine Seele; aber auch das Vertrauen wuchs in ſeiner Bruſt, daß der Herr ihm beiſtehen würde, damit er ihn recht ausrichte. —— — — — 247— Herzlich bewillkommnete die Gemeinde ihren neuen Seelſorger, dem ein ſo guter Ruf vorausgegangen war. Wie im Triumphe wurde er zur Pfarrwohnung geleitet. Als ſie dort ankamen, trat ein hoher Mann aus der Thüre ihnen entgegen, ſeine Bruſt war mit Orden geziert. Die Männer der Gemeinde traten ehrerbietig zurück. Staunend erkannte Guſtav— den Fremden. Er reichte ihm herzlich die Hand und ſagte:„Es iſt billig, daß ich Sie auf der Schwelle Ihres Hauſes begrüße. Ich bin der Patron Ihrer Kirche, der Miniſter von B. Dort droben blickt meine Wohnung herüber. Laſſen Sie uns gute Nachbarſchaft halten!“ Da erbleichte Guſtav und bückte ſich tief vor dem Manne, der, ein Werkzeug des Herrn, in ſeine letzten Geſchicke ſo weſentlich eingegriffen hatte. „Nicht ſo, nicht ſo, liebſter Pfarrer!“ ſagte der edle Mann. „Sie kamen mir mit Vertrauen, Offenheit und Freundſchaft entgegen, als Sie mich noch nicht kannten; laſſen Sie denn auch jetzt dies Verhältniß fortdauern, aus dem, wie ich hoffe, manche ſchöne Stunde für uns erblühen ſoll! Schlagen Sie ein, auf gute Nachbarſchaft!“ Er reichte Guſtav ſeine Hand hin, und dieſer ſchlug, über⸗ wältigt von der Güte des Ehrenmannes, ein. „Nun aber kommen Sie,“ ſagte er zur Mutter;„Sie müſſen vor Allem die Wohnung kennen lernen, wo Ihnen ein neues Leben erſtehen ſoll und, ſo Gott es will, wird.“ Er führte die Mutter in's Haus und zuerſt in das Wohnzimmer. Da ſtanden einfache, aber ſchöne neue Mobilien und vorzüglich ein neues treffliches Clavier. Ueberall war für das Nöthige geſorgt in einfacher Weiſe, aber echt und gut. Dann ſagte er den Ueberraſchten:„Das Alles gehört Ihnen! Es fehlt nichts, als eine wackere junge Hausfrau, der lieben Mutter eine liebe Tochter. Da hat aber meine Vetterſchaft ein Ende,“ — 248— ſchloß er lachend;„denn da ziehe ich mich beſcheiden zurück, und laſſe Gott und Sie ſelbſt ſorgen! Heute Mittag aber bitte ich Sie, mein Brod mit mir zu theilen, und da es Zeit iſt, ſo laſſen Sie uns gehen.“ Wie ſtrömten da die Herzen von Dank über, und wie einfach wies ihn der edle Mann ab! Als ſie in's Schloß traten, empfing die Miniſterin auf eine wohlthuende, herzliche Weiſe die Mutter Guſtav's. Bei Tiſch erſchie⸗ nen die beiden kleineren Kinder, die Guſtav unterrichten ſollte, und die älteſte Tochter; allein wie erbebte Guſtav, als Anna, Laubing's ſchöne Tochter, an ihrer Hand eintrat! „Ich habe Ihnen zu ſagen vergeſſen, daß Sie eine Bekannte träfen,“ ſprach der Miniſter, Guſtav vorſtellend. Er kannte die Lage Beider, und nur ſeiner Gewandtheit gelang es, das Bittere, was die Erinnerung hatte, zu tilgen. Anna kannte das Verhältniß nicht, das einſt zwiſchen ihrem Vater und der Mutter Guſtav's beſtanden; ſie wußte es nicht, wie tief die Wunden waren, die ſeine Hand ihr geſchlagen; aber es war ein Zug ihres Herzens, der ſie zu dieſer ehrwürdigen Frau hinlenkte. Sie ſaß neben ihr; ſie erwies ihr eine ungeheuchelte Ehrerbietung; ſie ſchloß ſich mit wahrer Liebe ihr an; aber die Empfindungen ahnete ſie nicht, die das Herz der Vielgeprüften erfüllten; ſie wußte die Thräne nicht zu deuten, die dann und wann hervorbrechen wollte. Und dennoch that der milden Frau dieſe Liebe ſo wohl. Guſtav ſah dies Werben um der Mutter Liebe mit ſeliger Freude! O, auch für ihn hatte ſie manches liebreiche Wort, manchen Blick, der freilich tief in ſeine Seele drang, und einen alten Kampf erneuerte, den er ſiegreich beſtanden zu haben meinte. Wie kamen die ſüßen Erinnerungen über ihn, wie eine erhebende Weihe, als ihn nach Tiſch der Miniſter bat, ſich an das Inſtrument zu ſetzen. Er vergaß ganz ſeine Umgebung, er lebte in der Welt ſeiner ſelig⸗ ſten Gefühle. Die Erinnerungen ſeines vergangenen Lebens und — 249— die helle Ausſicht in die Zukunft— Alles verſchmolz in ſeiner Seele zu einem Ganzen, welches ſich in ſeinem freien Spiel aus⸗ prägte. In einem ergreifenden Adagio hatte er begonnen. Die Accorde waren tief ergreifend. Dann wurde ſein Spiel lebhaft, feurig; die Hoffnung einer beſſern Zukunft tagte; der Sonnenblick der Liebe fiel wonnig in ſein Leben; aber jetzt zogen die Wolken am Horizonte herauf. Ein wilder Sturm brauſte durch die Saiten; doch auch dieſer Sturm legte ſich, und leiſe verſchmolzen die Accorde, faſt hinſterbend. Alle Hoffnungen waren erblichen an Anna's Roſen⸗ knospe; aber aus dieſem tiefen Weh eines hingebenden Schmerzes erſtand ſiegend der Glaube. Ein ernſtes Spiel voll Kraft und Weihe vrückte dies aus, und in dem wieder meiſterhaft fugirten Chorale: Nun danket Alle Gott, endigte der Spielende. Der Miniſter ſtand hinter ihm. Als er geendet, beugte er ſich über ihn und ſagte:„Ich habe Ihr Spiel vollkommen verſtanden. Es iſt das Bild Ihres Lebens in letzterer Zeit geweſen. Ich danke Ihnen für dieſen Genuß!“ Und zu der Familie wendete er ſich und fragte:„Hab' ich zu viel geſagt?“ „Nein, nein!“ riefen Alle begeiſtert. Nur Anna ſchwieg. Sie ſaß ſtille da, aber die innere, tiefe Bewegung ihrer Seele war in ihren Zügen zu leſen. Sie redete den ganzen Abend kein Wort mehr, ſo hatte ſie Guſtav's Spiel ergriffen; aber oft ruhte ihr Blick auf ihm mit dem Ausdrucke reiner Liebe, die ihr Herz bewegte. Von nun an begannen für Mutter und Sohn Tage eines ungetrübten Glückes. Seinem Amt und Berufe widmete ſich Guſtav mit hingebender Liebe und Treue. Der Unterricht im Schloſſe des Miniſters war ihm eine wahre Freude, denn der Erfolg war erfreulich, beſonders in den Stunden der Muſik, welche er der Aelteſten der Kinder des Miniſters gab. Sie hatte eine ſchöne Stimme, und meiſt nahm auch Anna daran Theil. Gegen Abend mußten Mutter und Sohn im Schloſſe ſein. — 250— Das geſtaltete ſich bald zum Herkommen. Da wurde dann muſicirt und die Abende waren genußreich und ſchön. Anna's Geſundheit ſtellte ſich ſchnell her. Sie blühte wie eine junge Roſe, und der Miniſter, deſſen ſcharfes Auge die Ver⸗ hältniſſe ſchnell durchdrang, ſah gar wohl, wie der junge Pfarrer einen gewaltigen Antheil an dieſer raſchen Geneſung hatte, allein er ſah auch, wie gerade dieſer immer mehr an Heiterkeit einbüßte. Er bemerkte ein ſcheues Zurückziehen des jungen Mannes, aus dem dennoch die Ohnmacht der Herrſchaft über ſeine Gefühle oft hervorbrach, und er wußte genug über den Herzenszuſtand Beider. VII. Ein Wendepunkt. Der Präſident von Laubing war in der Hauptſtadt geblieben, als ſeine kränkelnde Tochter mit der Familie des Miniſters nach Leiendorf ging. Er war froh, daß Anna nicht anweſend war, als der Sturm, den er über ſich hereinbrechen ſah, unaufhaltſam kam. Er war in ſeiner Jugend verſchwenderiſch und eitel geweſen und war es geblieben in ſeinem ſpäteren Leben, nur daß ſeine Perſon mehr zurück und ſein öffentliches Leben an deren Stelle trat. In ſpäteren Jahren trafen ihn manche Verluſte. Er wagte Speculationen in Staatspapieren; er ſpielte in Hoffnung eines Alles erſetzenden Gewinnes in auswärtigen Lotterien; aber die Speculationen endeten mit Verluſt anſehnlicher Summen, die Lotterien täuſchten ihn; ſie verzehrten die Einſätze und gaben nichts wieder. Das erfuhr Niemand. Er galt fort und fort als ſehr reicher Mann. Nur er und ſeine auswärtigen Gläubiger wußten, wie es um ihn ſtand, und dieſe Gläubiger nicht einmal genau, weil ja Keiner von dem Andern wußte, und Jeder glaubte, der Einzige zu ſein, der darum ſich hinlänglich geſichert hielt. — 251— Da kam ſein Rücktritt vom Amte. Die Gläubiger ſtellten ſich ein und ſahen nun erſt mit Schrecken, daß ein Concurs eingeleitet werden mußte. Der Miniſter erfuhr wohl dieſen längſt erwarteten Erfolg, allein er verſchloß das für Anna ſo unausſprechlich beugende Verhältniß in ſeiner Bruſt. Er befürchtete noch mehr. So war denn das Unausbleibliche über Laubing gekommen. Alle ſeine Habe; ſein glänzendes Haus, ſeine Pferde und Equipagen reichten nur eben hin, einen Theil ſeiner Schulden zu decken. Nicht einmal das Landgütchen, welches er ererbt, blieb ihm als Zufluchts⸗ ort. Er hatte es ſeinem Hauptſchuldner verſchrieben, der es an ſich zog Da blieb denn nichts übrig, als die Hauptſtadt zu verlaſſen, und, wie es der Miniſter vorausgeſehen, in eine kleine Landſtadt zu überſiedeln, wo eine einfache Miethwohnung ſein ſtiller Aufent⸗ halt wurde. Er ſchrieb das ſeiner Tochter nach Leiendorf ſo ſchonend, als er es vermochte, und drückte den Wunſch aus, daß ſie dort ſeine Einſamkeit theile. Das war ein Blitz aus heiterm Himmel für Anna zunächſt. Nicht daß ſie das glanzvolle Leben vermißt hätte. Ihr Sinn war der ihrer beſcheidenen Mutter. Sie konnte das miſſen, was ihr nie recht zugeſagt; aber was ihr Vater einbüßte, was er litt, das wußte ſie, und das war es, was ſie beugte. Guſtav ſtand ferne; aber es zog ein neues Weh durch ſeine Bruſt. Anna's Leid war ſein Leid; ihr Scheiden ein Ereigniß, an das er nur mit ſchwerem Herzen denken konnte; indeſſen, es mußte ja doch einmal eintreten. Am Abend vor ihrer Abreiſe war er im Garten des Miniſters. Alle waren traurig, weil es der letzte Abend ihres Zuſammenlebens war, das ſo ſchön geweſen. Wie ein Alp lag's auf den Herzen. Guſtav zog ſich in den Garten zurück. Seine Gefühle waren zu mächtig, als daß er ſich nicht hätte Sammlung ſuchen müſſen. Auch Anna wollte noch einmal alle die ſchönen Orte ſehen, an die ſich eine heilige Erinnerung knüpfte. — 252— In einem entfernten Theile des Gartens trafen ſie ſich und ſtanden plötzlich einander gegenüber; aber ſie erſchraken nicht. „Die ſchönſten Tage ſind vorüber,“ ſagte Guſtav und ſein Blick traf den ihren, der feucht war. „Auch für mich,“ ſagte ſie bedeutungsvoll, und ein ſchwerer Seufzer rang ſich aus der gedrückten Bruſt. Sie dachte an ihren Vater, aber auch an das Scheiden von dem Manne, den ſie, das war ihr klar geworden, mit heiliger Liebe umfaßte. „Bei jedem Scheiden, ſelbſt bei dem ſchmerzlichſten, letzten, bleibt uns die Hoffnung des Wiederſehens,“ ſagte er weich.„Das iſt der gold'ne Schimmer, den die untergehende Sonne auf die Landſchaft wirft.“ „Es iſt ſchön, dies Bild,“ erwiederte bewegt das Mädchen, „und in ihm wird Scheiden und Sterben leicht.“ „Das iſt eine heilige Wahrheit,“ verſetzte Guſtav, ihre Hand faſſend.„Gedenken Sie unſers erſten Scheidens? Damals glaubte ich, daß ich nie mehr in Ihr Auge ſehen würde, und jetzt, und ſo oft erfreue und erfreute ich mich dieſes Glückes.“ Er blickte auf den Haarring, den er damals ihr wiedergab, und den ſie als einzigen Schmuck ſtets an ihrer Hand trug. Sie bemerkte das und erglühte. „Dieſer Ring,“ ſagte er,„führe uns einſt wieder zuſammen. Er iſt ein Sinnbild der Ewigkeit. Er verheißt mir ein Wiederſehen!“ „Hier oder dort!“ flüſterte ſie leiſe. „O Anna, Anna!“ rief er dahingeriſſen von ſeinem Gefühl; „es gibt auch eine Ewigkeit des Gefühls! Möge Sie dieſer Ring, der Ihnen ſo theuer iſt, einmal daran mahnen, daß er an ein Gefühl erinnert, das hier lebt.“ Er legte die Hand auf ſein Herz. Beide ſchwiegen, aber Anna's Thränen rieſelten leiſe über ihre bleichgewordenen Wangen. Beide ſtanden lange ſtumm vor einander. „Ich bewahre eine Roſenknospe als ein Heiligthum; ſie iſt erblichen,“ ſagte er;„aber die Erinnerung nicht, die ſich an ſie knüpft. Ich legte damals ein Sträußchen neben Sie nieder. Sie nahmen es auf. Wiſſen Sie den Namen der Blumen noch?“ — 253— Sie erhob feierlich ihr Auge zu ihm. „Ich weiß ihn ſagte ſie ernſt,„und vergeſe ihn nicht!“ Da beugte er ſich auf ihre Hand und hauchte einen Kuß darauf. Er fühlte einen leiſen Druck ſeiner Hand,— wie ein flüchtiges Reh enteilte das Mädchen. Er aber ſtand wie gebannt an der Stelle und ging dann, ohne Abſchied genommen zu haben, aus dem Garten. Niemand erwähnte ſpäter deſſen. Nur der Miniſter war unbe⸗ merkter Zeuge des Scheidens Beider, ihrer Unterredung geweſen. Er vermied es, von Anna zu reden, und wenn auf ſie mit den Worten herzlicher Liebe die Rede kam, zog er Guſtav in ein anderes Geſpräch. Guſtav trauerte lange um Anna. Ihre Gedanken, ihre Gefühle umrankten ſein Bild. Seltſam berührte es ſie, wenn der Vater, war er Herr ſeines Trübſinnes geworden, einmal von ihm, von dem er ja wußte, daß ſie ihm in Leiendorf oft nahe geweſen war, mit Achtung und Anerkennung ſprach. Es that ihr ſo wohl, dieſe Aenderung ſeiner Geſinnung wahrzunehmen; aber ſie ſchwieg dann. Laubing's Kräfte ſchwanden zuſehends. Anna erkannte es mit unſäglichem Schmerze. Schwand ja doch mit dem geliebten Vater ihre einzige, letzte Stütze hin! Darüber ſprach ſie ſich in ihren Briefen an vie mütterlich ſie liebende Miniſterin aus. Die edle Frau, die mit dem Herbſte nach der Reſidenz zurück⸗ gekehrt war, tröſtete ſie mit reicher Liebe und ſagte ihr dann den Schooß ihrer Familie als Zufluchtsort zu. Das richtete den Kranken auf. „O, nur noch einmal möchte ich Anna ſprechen,“ ſagte er. „Welche Anna?“ fragte die Tochter, und kalter Schrecken durchrieſelte ſie, weil ſie meinte, er rede irre. „Komm' Kind,“ ſagte er, ſeine magere Hand nach ihr aus⸗ reckend;„ſetze vich zu mir. Ich muß den Schleier von einer — 254— Partie meines Lebens wegziehen, daß du klar ſeheſt. O, richte mild, mein Kind, über deinen armen Vater!“ Und nun erzählte er ihr, ohne etwas zu verhüllen, ſeine jugend⸗ lichen Beziehungen zur Mutter Guſtav's. Er zeigte ihr ſeine Liebe zu ihr in ihrer Fülle und— auch den Unmſchlag dieſer verſchmähten Liebe in den glühendſten Haß, weil dadurch ſein Leben elend gewor⸗ den war. Er ſprach es aus, daß Altenberg ihrer Liebe würdiger geweſen ſei, als er. Auch die Verfolgungen Altenberg's verſchwieg er nicht, nicht die Härte gegen die einſt ſo geliebte Anna. „Ich habe,“ fuhr er nach einem minutenlangen Schweigen fort, indem er Kraft zum Reden ſchöpfen mußte,„ich habe den Haß aus meiner Seele herausgeriſſen mit der Wurzel; ich habe meine Sünden erkannt und bereue ſie tief, tief! Durch den Miniſter kenne ich die Scene eures Abſchieds. Er war unbeachteter Zeuge derſelben. O, meine Anna, der Gedanke beſeligt mich, daß du Guſtav einſt deine Hand reichen wirſt, wie du ihm dein reines Herz gegeben haſt; er beſeligt mich, weil du, mein Kind, ſo das Unrecht deines Vaters vergüten hilfſt. Ach, mache ihn recht glücklich. Schaffe ihm, wenn du kannſt, das Leben zum Himmel! Und ſeine Mutter, dieſe Anna, die ich einſt liebte und ſo elend machte, o, ich flehe dich an, trage ſie auf deinen Händen. Das wird mir den Tod verſüßen und mich jenſeits erquicken. Sprechen kann ich ſie nicht mehr; aber in meinem Schreibtiſche findeſt du einen Brief an ſie, den gib ihr, ehe du ihre Tochter wirſt. Und nun ſegne euren Bund der Herr im Himmel, wie ich ihn ſegne! Er hat euch zuſammengeführt. Ich ſehe darin einen Lichtſtrahl ſeiner Gnade für mich!“ Er ſank müde zurück. Anna war in einem Wechſel der Gefühle ihm gefolgt, der ihr Weſen tief erſchütterte. Aber welch' ein Troſt kam in ihre Seele! Weinend warf ſie ſich über den Vater. Er umfing ſie mit ſeinen Armen und drückte ſie innig an ſich. Der Arzt kam darauf, nach dem Kranken zu ſehen. Er fand eine merkwürdige Veränderung in ſeinem Zuſtande, das Leben ſchien — 255— allmälich zu erlöſchen, und als die zwölfte Stunde ſchlug, war Anna eine Waiſe. Ihr innerſtes Weſen war durch die Mittheilungen ihres Vaters und durch ſeinen Tod in einer Weiſe erſchüttert, die den Arzt für ihre Geſundheit fürchten ließ; aber Anna's Glaube war ſtark. Sie trug ihr Geſchick als wahre Chriſtin. Als ſie ihre Angelegenheiten geordnet hatte, begab ſie ſich wieder zur Familie des Miniſters. Wie ein Kind in's Vaterhaus, ſo kam ſie dorthin. Sie fand eine Mutter, einen Vater, Geſchwiſter. Ueberall umgab ſie eine Liebe, die ſo rührend als innig war. Dem Miniſter, der ſie mit Liebe um ihr volles Vertrauen bat, und ſeiner edlen Gemahlin, theilte ſie in kindlichem Vertrauen Alles mit, was ihr der Vater geſagt. In dem kommenden Frühling ging indeſſen die Familie nicht nach Leiendorf, ſondern in ein böhmiſches Bad, wo ſie den Som⸗ mer verweilte. Der Miniſter hielt es jedoch für geeignet, Guſtav Eins und das Andere als Wink mitzutheilen. Das war eine Botſchaft, die mit einem Male den ſtillen Trüb⸗ ſinn heilte, in dem er verſunken war. Er ſchrieb an Anna; er legte ihr ſein Herz offen dar, auf deſſen Grunde ſie nur ihr Bild erblickte, umgeben von der Glorie einer reinen, heiligen Liebe. Auch der Mutter hatte er ſeine Liebe zu Anna in kindlicher Offenheit bekannt, und ihr Segen war ihm geworden. Der Winter ging vorüber, ohne daß ſie ſich ſahen; aber mit den erſten Schwalben kam auch die Familie des Miniſters nach Leiendorf. Welch ein Wiederſehen erwartete die Glücklichen! Als Guſtav ſeine Anna vom Schloſſe hinüber zur Mutter führte, da umfing ſie ſie mit den Armen mütterlicher Liebe. Anna war von der Bedeutung dieſes Augenblickes ſo durch⸗ drungen, daß ſie niederkniete und mit demüthig geſenktem Haupt um den mütterlichen Segen bat, und betend legte die Mutter die Rechte ihr auf's Haupt, und die Linke zum Himmel erhebend, ſprach ſie:„O, du Herr aller Gnade, ſegne ſie und laſſ' ihr dein Ange⸗ — 256— ſicht leuchten! Laſſ' aufgehen aus der Saat in Haß eine reiche Ernte in Liebe, aus der Saat in Thränen eine Ernte in Freuden, und wie du hier eineſt, was feindlich getrennt ſchien, ſo eine dort in vergebender Liebe die Vollendeten, und laſſ' uns einſt Alle als Selige dich preiſen!“ Auch Guſtav war neben Anna niedergekniet und„Amen!“ ſagten ſie Alle, und die Mutter zog ihre Kinder an ihr Herz und auch die Jenſeitsverſöhnten waren ſelig in dieſer Stunde. Nicht lange nach dieſem heiligen Augenblicke wurde Guſtav s und Anna's Lebensband geſegnet am Altare des Herrn. Und ihre Tage waren Tage des Glücks, und Anna's Liebe machte der Mutter Lebensabend ſo glücklich, wie es ihr Vater gewünſcht, wie ſie es vor Gott gelobt hatte, und wie ihr liebevolles, treues Herz es ſie lehrte. Beim Nußkernen. Eine Geſchichte aus dem üheiniſchen Polksleben. —6 be N. F. 1v. 17 Wenn der Herbſt eingethan iſt, und das Keltern iſt vorüber, dann iſt Sanct Martinitag nicht ferne, und der Wind brauſt gewaltig um die Häuſer und jagt dicke Regentropfen und wollige Schneeflocken unter einander, daß von ſolchem Wetter die Buben ſagen:, Bäcker und Müller zanken mit einander, wer von ihnen der größte Schelm ſei. Dann ſucht man ſchon den warmen Ofen, und es iſt Einem gar behaglich daran, weil man das kalte Wetter ſich noch nicht angewöhnt hat.*)“ Ehe aber die Frauen und Mädchen das Spinnrad holen können, ſind noch zwei Arbeiten übrig. Der Hanf muß gerieben, gebrochen und gehechelt und die Nüſſe müſſen gekernt werden. Letztere Arbeit iſt ſo recht eine, die in Gemeinſchaft gethan wird, wo dann einmal ein luſtig Lied erſchallt, oder Einer, dem die Gabe geworden, eine Geſchichte erzählt, während die fleißigen Hände die goldgelben Kerne aus den Schalen herauspickeln. Vorher aber ſitzen die Burſche im Kreiſe herum, haben einen Backſtein auf den Knieen liegen, halten in der Rechten den Hammer, und die Linke holt aus den Säcken die Nüſſe, ſetzt ſie mit der ſpitzen Naſe in die Vertiefung, die ſich im Backſtein aushöhlt, und der Hammer trifft die Schale am Stielende, daß ſie ſpringt, ohne daß der Kern zerbrochen wird. Ein daſtehender Korb faßt die auf⸗ geklopften Nüſſe, und dies Aufklopfen iſt ein Meiſterſtück. Während dieſer geräuſchvollen Arbeit kommen die Frauen und Mädchen, ſetzen ſich auf die Bänke, flüſtern, lachen, kichern, necken die Buben und treiben derlei Kurzweil, bis die Körbe nach und nach ſich füllen und Vorrath genug für den langen Abend da iſt⸗ Dann ſetzt man ſich um den Tiſch von Kirſchbaumholz. Das Licht — 260— wird, nachdem ein Haufe aufgeklopfter Nüſſe hoch auf dem Tiſch aufgehäuft iſt, mitten in dieſen Haufen geſtellt, und nun beginnt die Arbeit des Kernens, wobei dann geplaudert, geſungen oder erzählt wird, je nach Luſt und Stoff und— nach dem die Leute ſind.— Wie ich ſo das niederſchreibe, rollt ſich der Vorhang vor einer lieben Jugenderinnerung auf.— Nicht fern von meinem elterlichen Hauſe, von einer ſchönen Wieſe umgeben und beſchattet von vielen hundertjährigen Nuß⸗ bäumen, davon viele auch noch am anſteigenden Berge ſtanden, lag ein ſtattlich Bauernhaus mit ſeinen Ställen und Scheunen. Es gehörte lange vor der Franzoſenzeit einem deutſchen Grafen, ſammt den vielen Morgen von Weinbergen, Aeckern, Wieſen, und der brave Bauer, dem es ſpäter eigen geworden war, ſaß als Hofmann und Pächter darauf, und, da er ſeine Arme nicht in den Schooß zu legen gewohnt war, gute Zeiten hatte, und zu ſparen * verſtand, ſo erwarb er ſich bei dem niedrigen Pacht ein hübſches Vermögen. Dabei ſtand ſich der Graf und ſein Feld prächtig, denn er empfing Punkt Martini ſeinen vollen Pachtzins in hartem Geld, und ſein Feld wurde gut gebaut. Leider verſtand der Graf nicht ſo gut zu hauſen, wie der Pächter. Der wohnte in Mannheim am Hofe des Churfürſten von der Pfalz; machte übergroße Sprünge; war ein Pferde⸗, Hunde⸗ und Jagdnarr und dergleichen, und das koſtet um ſo mehr Geld, je weniger man davon verſteht. Kurzum, der Herr Graf machte Schulden, und die wollten am Ende bezahlt ſein. Da iſt denn Polen bald in Noth geweſen, und der Herr Graf nahm bei dem Hans Geld auf, um den Peter zu bezahlen, was man bei uns„Placken“ nennt und der ſichere Weg iſt, allgemach tiefer in die Brüche zu kommen, was denn auch nicht auf ſich warten ließ. Hierzu kam, daß der Churfürſt einmal den Herrn Grafen nach Wien zum Kaiſer ſandte in Staatsangelegenheiten oder auch nicht (wer kann's wiſſen?), und da kam derſelbe mit einem halben Dutzend ungariſcher Herren zuſammen, die ein Bischen mit ihm — 261— Landsknecht ſpielten,— in Summa— er kam als ein vornehmer Lump heim, wie's auch heute noch ſolche gibt, und da iſt er eines ſchönen Morgens zu meines Vaters Nachbar gekommen und hat geſagt:„Hör' mal, mein lieber Velten, ich will dir den Hof und das Gut zu erb und eigen verkaufen!“ Der Velten erſchrak heftig und ſagte:„Gnädiger Herr, es iſt ja doch Ihr väterlich Erbe! Das geht nicht.“ „Altfränkiſches Geſchwätze!“ lachte der Graf.„Was hhilft mich mein väterlich Erbe, wenn ich Schulden habe, wie ein Land⸗ ſchreiber in Churpfalz? Die Juden machen mich todt, zerreißen mich in der Luft, wenn ich nicht bezahle, und es borgt mir Niemand mehr. Da iſt's am Ende mit dem väterlichen Erbe! Willſt du? Es geht, du kannſt mir's glauben. Biſt du's nicht, ſo iſt's ein Anderer.“ „Ach, Gott!“ ſagte Velten und kratzte ſich hinter den Ohren mit beiden Händen,„wo ſoll ich das Geld herkriegen?“ „Das iſt deine Sache,“ entgegnete der Graf.„Baar muß ich dreitauſend Gulden haben; für das Andere ſetz' ich Ziele. Dir geb' ich's lieber, als einem Juden! Mach's kurz Das Waſſer ſteht mir am Halſe!“ Der Velten beſann ſich. Dreitauſend Gulden hatte er in der Kiſte liegen, weil er dachte, ſeinen Sohn zu verheirathen. Nun konnte der noch warten.— So ging er denn mit dem Grafen zum Landſchreiber und kauft' ihm das Gut ab, und— in acht bis zwölf Jahren war's ſein freies Eigenthum. Der alte Velten war ſchon lange todt, und ſein Sohn war bereits ein ziemlich bejahrter Mann, als meine Erinnerung anhob. Das aber hatte ich von dem Sohne gehört. In dem Hauſe war ich faſt ſtündlich. Die Wieſe war der ſchönſte Spielplatz, und in den Nußbäumen gaukelten die Vögel und bauten ihre Neſter. Da war ſo eine rechte Welt für einen Buben, wie ich. Doch davon wollte ich ja nicht reden, ſondern von einem Abende, der mir unvergeßlich iſt.— — 262— Es war um die Martinizeit, als der nun auch ſchon alte Velten ſagte:„Kommſt du heute auch zu uns, Nüſſe kernen?“ „Gewiß,“ rief ich freudig.„Ich bringe Hammer und Backſtein mit und helfe klopfen!“ „Recht ſo,“ ſagte er.„Dafür will ich dir denn auch etwas verſprechen. Meiner Frau Bruder iſt heute gekommen. Das iſt ſo ein alter Viſikunkus, der erzählen kann wie ein Buch, und man kann ihm acht Tage zuhören und gähnt nicht einmal, ſchläft auch nicht ein. Und erlebt hat er des Kuckucks ſein Zeug, was ihm Alles noch im Kopfe ſteht. Du ſollſt deine helle Pläſir erleben! Dann will ich dir was ſtecken! Er iſt ein grimmiger Franzoſenfeind und erzählt am Allerliebſten ſolche Geſchichten, wo die geprellt werden. Er war ſeiner Zeit ein Erzſchmuggler. Nun weißt du genug. Komm' bei Zeiten!“ Damit ging der alte Velten ſeines Weges. Ich war von je ſein Liebling und hatte ihn mit Erzählen weidlich geplagt, beſonders mit den Geſchichten von dem Schinder⸗ hannes, dem Räuber, der den Hunsrücken und die Pfalz in den achtziger Jahren drangſalirt hatte, und den er noch perſönlich zu kennen, das Herzeleid gehabt. Das fiel mir ein, und ich lief ihm raſch nach. „Veltensvetter,“ rief ich ihn an,„weiß auch Euer Vetter etwas vom Schinderhannes und ſo daherum?“ „Das wollt' ich meinen,“ ſagte er.„Ganz andre Geſchichten, als ich.“ Das Herz hüpfte mir in der Bruſt. Ich eilte heim, ſuchte mir einen Backſtein, klopfte ein Höhlchen hinein und legte den Ham⸗ mer mir zur Hand, und ſobald es vier Uhr geſchlagen, war ich bei Velten's, wo der Vetter Chriſtoffel ſchon am Nüſſeklopfen ſaß. Ich hatte ihn wohl früher ſchon geſehen; aber er war viele Jahre nicht da geweſen, weil er an der Gicht gelitten. Davon hatte ihn nun der Gichtmann zu Windesheim, überm Walde, geheilt, und ſo kam er wieder, um ein paar Wochen bei Schweſter und Schwager zu bleiben. Er war ſchon ein tiefer Sechsziger, — 263— aber eine gar gemüthliche, treue Haut; plauderte und erzählte gern, und hatte viel erlebt, erfahren und gehört, was er in einer prächtigen Weiſe zu erzählen wußte, daß man's ſchier konnte mit den Händen greifen. Es war, wie Velten geſagt. Bei dem kam Einem kein Schlaf.— Himmel! das war Einer für mich, denn das Erzählen war meine Luſt. Ich ſetzte mich denn auch neben ihn, legte meinen Backſtein auf's Knie und fing wacker an zu klopfen, ohne daß ich nach dem „Guten Abend!“ etwas weiter ſagte. Er ſah mir unverwandt zu, und ich hatte es ſchnell weg, daß er meinte, ich verſtünd's nicht recht. Als ich aber meine Nüſſe kunſtmäßig aufſchlug, ohne einen Kern zu zerbrechen, ſchmunzelte er und ſagte:„Alterchen, du biſt ein ausgeheckter Nußklopfer. Ich merk's, du thuſt's auch nicht zum erſten Mal!“ „Gewiß nicht, Chriſtoffelsvetter,“ ſagte ich;„thu's auch lieber, als Kernen, denn dabei ſchlaf' ich ſtracks ein, wenn nicht Einer eine Geſchichte erzählt.“ „Glaub's,“ entgegnete er trocken. „Aber,“ fuhr ich fort,„wenn Jemand etwas Schönes erzählt, ſo vom Schinderhannes oder vom Schmuggeln, wo die Franzoſen gehänſelt wurden, die ich in den Tod haſſe, dann ſchlaf' ich niemals ein.“— „So?“ ſagte er.„Wie kommt's denn aber, daß du die Franzoſen nicht leiden kannſt?— Dir haben ſie ja doch nichts zu Leide gethan?“— „Nun, das iſt doch kein Wunder!“ rief ich aus.„Mein Vater hat mir's oft genug erzählt, wie ſie Anno 1689 unſere ſchöne Pfalz verheert und zerſtört haben; wie ſie die Städte und Dörfer anſteckten und niederbrannten. Alle die Burgen, die auf unſeren Bergen liegen, haben ſie zerſtört, und wo im Lande Trümmer ſind, haben ſie ſie gemacht. Ueberdies haben ſie Anno 93, als ſie kamen und keine Schuhe und Hemden hatten, meinen Vater bis auf's Hemd auf dem Leib ausgeplündert. Meint Ihr, das weckt Liebe? Fehlgeſchoſſen!“ Der Chrißoffelsvetter ſah mich freundlich an und ſagte:„Du haſt Recht und du gefällſt mir, Bübchen. Nu, wart' einmal, ich will dir den Abend eine Geſchichte erzählen, wenn mir eine einfällt.“ „Ach ja, Chriſtoffelsvetter,“ rief ich.„Wir wollen dann auch wacker zuklopfen, daß wir bald an's Kernen kommen. Ich denke, es fällt Euch ſchon etwas ein.“— Allgemach kamen nun die Burſche. Velten's Sohn, der Valen⸗ tin, und andere Nachbars⸗Söhne, die ſich zu uns ſetzten und zu Stein und Hammer griffen. Da ging denn ein Klopfen an, daß es eine Art hatte, und als die Mädchen und Frauen kamen und Velten's zu Nacht gegeſſen und wir zu Hauſe auch, da waren ſo viel Nüſſe aufgeſchlagen, daß es bis jenſeits Mitternacht währen mußte, ehe alle gekernt waren. Draußen war ein ganz abſcheulich Martiniwetter. Der Wind warf den mit Hagel untermiſchten Regen praſſelnd gegen die Läden, und es ſchuckerte Einen, wenn man's hörte; im Zimmer aber war's warm und behaglich; ein Krug mit federweißem Wein ſtand auf dem Tiſche, dabei ein Rumpf mit rothbackigen Birnen und Aepfeln; um den Tiſch ſaßen die Mädchen mit ihren leuchtenden Augen und blühenden Wangen; die freundlichen Frauen; die munteren Burſche und ſelbſt Velten und einige ältere Männer rückten herbei und begannen die Kerne aus den Schalen vollends herauszumachen mit ſpitzen Meſſern oder dergleichen Inſtrumenten. Chriſtoffels⸗ vetter ſaß oben an und ich neben ihm, damit ich kein Wort verlor. Als er mir zu lange machte, ſtieß ich ihn in die Rippen und ſagte ungeduldig:„Nun, Cyriſtoffelsvetter, wird's denn bald? Ihr macht auch recht lange!“ „St!“ flüſterte er.„Du weißt ja nicht, ob's die Anderen auch wollen?“— Da war denn die Reihe an mir. „Hört'mal,“ ſagte ich,„Obermeier's Lieschen hat ſchon dreimal gegähnt! Wißt ihr auch, woher das kommt? Weil Keiner etwas erzählt! Und der Chriſtoffelsvetter hat mir's doch verſprochen.“ Das Lieschen wurde blutroth und warf mir einen zürnenden Blick zu, weil ich es verrathen hatte. Wahr aber iſt's doch geweſen. „Sei mir nicht gram, Lieschen,“ ſagt' ich,„ich wollt' nur den Chriſtoffelsvetter erinnern, daß er mir verſprochen hat, etwas zu erzählen.“ „Ach ja, ja!“ riefen Alle, und der alte Velten ſah mich an, zwinkerte mit den Augen und lachte heimlich, weil er ſah, wie ich den Alten daran gebracht hatte. „Meinetwegen denn,“ ſagte der Vetter;„aber mir fällt da nur eine Geſchichte ein, die ich ſelber erlebt habe. Fröhlich iſt ſie nicht.“ „Thut nichts!“ hieß es aus jedem Munde, und der Alte begann zu erzählen. „Ihr wißt,“ ſagte er,„daß ich drunten am Rheine zu Hauſe bin, wo die Berge wild und grauſig ſich aufthürmen und das Bett des Rheines enge machen. Er iſt da auch wilder, als im Rheingau oder bei Speier und Worms oder weiter unten, wo's gen Holland geht. „Das Dorf, wo ich wohne, iſt nicht groß. Es hat nur Eine Reihe Häuſer, die alle mit der Rückwand am Felſen lehnen, und der ſteht ſo hoch an, daß man vom Speicher in's Freie geht. Gegen den Rhein hin läuft die Straße vorbei, die der Napoleon gebaut hat. Jenſeit dieſer Landſtraße liegen Gärtchen, die zu den Häuſern gehören und, wo dieſe enden, ſteht eine alte, mächtige Mauer, die dem Rheine ſchon ſeit vielen Jahrhunderten trotzt. Er grollt immer gegen ſie und wirft ihr ſchaumige, weiße Wellen bis in die Hälfte ihrer Höhe; drückt im Winter ſeine gewaltigen Eismaſſen dawider, aber ſie kümmert ſich nichts darum, wirft ihm Wellen und Eis zurück und ruckt und zuckt nicht. Das iſt noch altdeutſches Bauwerk, und das iſt probehaltig. Die Burg, auf einem Felſen hinter dem Dorfe, hart an der Mündung eines Seitenthals in den Rhein, iſt auch eine Ruine der Franzoſen. 5 6 — 266— Gerad' unter der Burg ſteht die alte Kirche. Die haben ſie verſchont, was verwunderlich iſt. Sie thaten's ſelten! Das Dorf bildet einen Halbkreis, und die Rheinmauer iſt daher der Schutz des kleinen Hafens, wo die Kähne liegen, da wir Alle nicht bloß Winzer, ſondern auch Schiffer und Fiſcher ſind. Am obern Ende des Dorfes ſtand vor Alters ein Thurm gegen den Rhein. Die Franzoſen haben 1689 die Mauer um's Dorf, die Burg und dieſen Thurm abgeriſſen. Später hat man ihn noch mehr abgebrochen und in der Mitte mit Erde ausgefüllt, wodurch ein hübſcher, runder Platz entſtanden iſt. Da man die Mauer etwa 2 ½ Fuß ſtehen ließ, ſo bildet ſie eine hübſche Bruſtwehr gegen den Rhein, in den die Reſte des ehemaligen Thurmes jäh hinabſteigen, daß er ſich wild an ſeinem Fuße bricht, und gewährt zugleich Abends, wo ſich da die Männer verſammeln, eine prächtige Sitzbank. In der Mitte des alten ausgefüllten Thurmes ſteht eine gewaltige Linde, deren Aeſte den runden Platz ganz beſchatten. Am andern Ende des Dorfes, nicht weit von der Kirche, hat ebenſo ein Thurm geſtanden, der auch ſchier ganz abgebrochen wurde, weil man mit den Steinen die Brücke über den recht oft wildwerdenden Bach baute. Da nun die Franzoſen, als ſie Anno 1808 die Landſtraße bauten, eine Menge Erde überflüſſig hatten, ſo ſchütteten ſie dieſe auf die Mauerreſte dieſes Thurmes auf, drängten dadurch den Rhein weit zurück und bildeten ſo einen oben mit der Landſtraße gleich geebneten Hügel oder Wall, von dem man ziemlich weit den Rhein hinauf und hinab ſehen kann, und oben drauf ſtellten ſie darum ihre Zollwächterhütte, aus der die Grünröcke liſtig herauslugten, ob nicht da oder dort ein Schmugglernachen landete. Sie ſind aber doch gehänſelt worden!“ ſetzte er mit einer liſtig lächelnden Midne hinzu.„Etwas höher am Rheine hinauf liegt jenſeit des Rheines, am naſſauiſchen Ufer, ein Städtchen. Unſere Berge ſind alle mit Reben bepflanzt bis zu zwei Drittel ihrer Höhe. Oben beginnen Hecken und Lohwald bis zur Spitze, und dort iſt entweder Ackerland, oder Wald. 3 1 3 — — 267— „Nun kennt ihr die Lage des Orts und ſeine Art,“ ſagte der Vetter.„Die mußte ich euch erſt ſo ein Bischen ſchildern, weil ihr ſonſt Vieles von Dem nicht recht euch würdet vorſtellen können, was ich nun erzählen will. „Es war etwa um das Jahr 1788 oder 1789,— genau weiß ich's nicht mehr, thut aber auch der Sache und Geſchichte keinen Eintrag,— da lag eines Morgens um die Martinizeit ein entſetzlich dichter Nebel auf dem Rheinthale. Man ſah kaum drei Schritte weit vor ſich, und wer über Feld zu gehen hatte und den Weg nicht recht genau kannte, der mochte zuſehen, daß er nicht weit abkam oder in einen Abgrund ſtürzte. Ihr könnt euch hier in dem ſchönen Flachlande der Pfalz gar nicht vorſtellen, was ſo ein zuſammengeballter Nebel in einem engen Thal iſt! Das wallt und wogt, thürmt ſich auf und rollt auseinander, ſteigt und fällt, daß es ſchier grauſig anzuſehen iſt, zumal, wenn die Sonne ſchon oben drüber her ihre Macht übt, den Nebel drückt und preßt, bis er endlich in die Seitenthäler entweicht, an den Bergwänden ſich emporwindet, oder als kalter Nebelregen zur Erde niederfällt. Steht man auf einer Höhe, die die Sonne ſchon ſiegend beſcheint, und blickt hinab in das wogende, wirbelnde Nebelmeer, ſo gemahnt's Einen, als wichen da unten kämpfend und unwillig die böſen Geiſter gegen die Macht des ſiegenden Lichtes, deſſen Siegesmacht ſie kennen, haſſen, dem ſie widerſtreben und doch endlich weichen müſſen. Man kann da recht ernſten Gedanken nachhängen. „Solch ein Morgen war's, als noch früh am Tage die Thüre des Hauſes aufging, in dem die Wittwe Ackermann wohnte. Aus dem Hauſe traten vier Burſche faſt gleichen Alters. Einer wiſchte ſich die Augen, und drinnen hörte man das laute Weinen der alten Mutter. „Der, welcher ſich die thränenden Augen trocknete, ſtand vor der Thüre einen Augenblick ſtill, gleich als wäre er unſchlüſſig, ob er nicht zurückkehren ſollte. Einer der Anderen legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte: Henner(was Heinrich heißt), ſei kein Kind und mach keine Flauſen! „Das Wort wirkte. Er richtete ſich empor; aber es war, als fiele ihm etwas heiß auf das Herz. Schnell ſprang er einige Häuſer weiter hinab in's Dorf, und noch ehe er ſtille ſtand, reckte ſich ein ſchneeweißer Arm aus dem Fenſter. Er faßte die kleine Hand, drückte ſie feſt, ſtieg auf das Bänklein, das unter dem Fenſter war, und empfing einen Kuß, dann kam er ſchnell zurück, und die Burſche ſchritten raſch dem Ausgange des Dorfes zu, während ein Paar thränenſchwere Augen ihnen nachblickten.“ „Wer waren denn die Burſche, Chriſtoffelsvetter?“ fragte ich neugierig. „Wart's nur ab,“ ſagte der Alte darauf und fuhr fort: „Die Wittwe Ackermann war des verſtorbenen Schreiners Frau, und Henner war ihr einziges Kind. Der Vater hatte dem Knaben ſelbſt das Handwerk gelehrt, und er verſtand's aus dem Funda⸗ mente. Henner war ſchon losgeſprochen von der Zunft und Geſelle geworden, als ſein Vater jählings ſtarb.⸗Die Zunft geſtattete, daß er noch ein Jahr vaheimbliebe und für die Mutter arbeitete, weil ſie noch Schulden hatte Als dieſe aber bezahlt waren, mußte er auf die Wanderſchaft drei Jahre lang, nach Zunftbrauch und Herkommen, und heute zog er in die Fremde, und ſeine Kameraden trugen ihm das Felleiſen und gaben ihm das Geleite bis auf's nächſte Dorf, das ſeine anverthalb Stunden weiter oben lag. So war's Brauch und Herkommen im Dorf. Und die kleine Hand und der ſchneeweiße Arm und die thränenden Augen gehörten Werner's Lieschen, dem ſchönſten Mävchen des Dorfes, das in treuer Liebe an dem hübſchen Jungen hing und nun zum erſten Male fühlte, wie wahr das Lied ſagt: Scheiden, ja Scheiden und Meiden thut weh! „Als ſie die Geſtalten in dem Nebel nicht mehr ſah, ſchloß ſie das Fenſter, aber der Quell ihrer ſchönen Augen rann noch fort und fort, als die Mutter ihr rief, daß ſie Feuer machen ſolle. Ob der, um den ſie floſſen, all der Thränen werth war, ich weiß es nicht; aber ſo viel will ich vorausſagen, daß ich's nicht glaube; denn als die Viere das Dorf hinter ſich hatten, ſtimmte der Eine — 269— ein altes Handwerksburſchenlied an, das am Rheine hin und her wohl bekannt iſt und ſo anfängt: „Das, das, das und das, das iſt ein harter Schluß, Daß, daß, daß und daß, daß ich von dannen muß; Muß laſſen, was mir gut und lieb; Wie gern ich immer bei Ihr blieb', Das kann ich Niemand ſagen, Nur klagen!“ „Und das Lied hat eine gar ſchmerzlich klagende Weiſe, die ſo recht tief in die Seele hineindringt und das Weh des Scheidens auffriſcht. „Als er aber den erſten Vers geſungen, rief ein Anderer: Geh' mir aus dem Wege mit deinem Lamento! Es muß etwas Luſtiges ſein, was wir ſingen wollen! Und er ſtimmte alsbald ſo ein rechtes leichtfertiges Lied an, was ſo anhob: „Aus den Augen, aus dem Sinn, Weil ich jung und fröhlich bin! Ander Städtchen, Ander Mädchen!. Das iſt ſo die rechte Weiſ', Die ich mitnehm' auf die Reiſ'!“ „Da lachten Alle hellauf, und Henner lachte mit, und ſie ſangen die ſieben Verſe des lüderlichen Liedes, und nun war die Bahn gebrochen, und in heiterm Sinn erreichten ſie das nächſte Dorf, als die Sonne ſchon den Nebel beſiegt hatte, traten dort in das Wirthshaus und zechten in luſtiger Weiſe bis gegen 9 Uhr, wo ſie dann endlich mit ſchweren Köpfen ſchieden und Henner ſeinen Weg allein antrat und ein Lied zu pfeifen anfing, das keine andere Weiſe hatte, als die des Liedes, das ſie ſo fröhlich gemacht. Das war kein gutes Zeichen für ſein Herz, wohl aber ein vollgiltiges für ſeinen Leichtſinn— „Wer ſo leichtſinnig und leichtfertig von Hauſe weggehen, ſo ſchnell die alte Mutter und das Liebchen vergeſſen kann, der— fällt nicht ſchwer in's Gewicht, wenn man die Goldwaage zur Hand nimmt, damit man der Menſchen Geſinnung wiegt und ihren rechten Werth.— —— „Henner hatte ſeine Wanderſchaft übel angefangen, und da lag ſo eigentlich ein Fluch darauf und iſt auch darauf geblieben. Er fand wohl in Mainz ſchon Arbeit, aber er kam in lüderliche Geſellenwirthſchaft und wurde bald von ſeinem Meiſter fortgeſchickt Das wurmte ihn dann doch, und er nahm ſich vor, in Frankfurt ſich beſſer zu halten. Er ſah ein, daß er in ſchlechter Kleidung keine Rolle ſpielen konnte, und darum war's dem leichtfertigen Finken gerade zu thun So hielt er ſich denn Anfangs leidlich, bis er ſich feine Wolle auf den Leib geſchafft, dann aber beſuchte er die Tanzplätze in und außer der Stadt, wo Handwerksburſche und Dienſtmädchen ſich zuſammenfinden. „Dort machte er denn auch viel von ſich reden; denn Henner war ein bildſchöner Burſch; groß und ſchön gewachſen, wie eine Tanne; ſein Haar war lockig und braun Seine Geſichtsfarbe war etwas bräunlich, aber ungemein friſch, und die rothen Backen ſtanden ihm ſchmuck, und die dunklen Augen glühten wie pures Feuer. Alle Mädchen wünſchten ſich ihn zum Schatz, denn er tanzte prächtig und wie toll und thöricht, wenn er einmal anfing, und unter den Handwerksburſchen gab er den Ton an, und Alle richteten ſich nach ihm, weil er ſo etwas an ſich hatte, das ein Uebergewicht über die Anderen gab. An tollen Anſchlägen war er unerſchöpflich, und ſeine gute Laune nahm kein Ende. Das war ſo Einer, der Allen gefiel.— „Unter den Mädchen, die ihm wohlgefielen, war eine, die in einem Nachbarhauſe diente. Sie war aus Seligenſtadt am Main und eines braven Bürgers— leichtfertiges Kind. Sie war ein ſchönes, blühendes Mädchen, jung, unbeſonnen, leichtſinnig und, was man ſo verliebt nennt. Ihr ſteckte der ſchöne Heinrich ſchon lange im Kopf, und Niemand war glücklicher, als ſie, da er ſie zu ſeinem Schatz erkor. „Werner's Lieschen, denkt ihr, war da ſchnell vergeſſen? Könnet Recht haben in einer Weiſe; allein er ſchrieb dem lieben, braven Mädchen oft Briefe, die von Lieb' und Treu' überfloſſen, während er mit dem ſchönen Bethchen von Seligenſtadt alle Tage 3 — vertrauter wurde. Das arme Mädchen glaubte feſt, ſie ſei allein ſein Herzblatt, und er hatte mit ihr ausgemacht, daß er ſie heirathen und ſich in Seligenſtadt als Meiſter ſetzen wollte. „Die drei Jahre gingen ihm in Frankfurt herum, wie drei Tage, und das Dorf am Rhein, die alte Mutter und das ver⸗ trauende, ſtill harrende, ſittige Lieschen waren ihm ſicher genug. Er hatte kein Verlangen, heim zu gehen, und wußte denen da drunten, die auf ihn warteten, allerlei himmelblauen Nebel vorzumachen. Er blieb in Frankfurt noch eine Reihe von Jahren. „Mittlerweile war denn bei uns das alte Zunftweſen zuſam⸗ mengebrochen mit der Franzoſenwirthſchaft. Anfänglich hatten ſie's noch ſo hin und fort gehalten; allein kein Menſch kümmerte ſich mehr d'rum. Jeder ſetzte ſich, wenn er Luſt hatte, und trieb ſein Handwerk auf ſeine Fauſt. In unſerm Dorfe war nur ein Schreiner, ſeit Henner's Vater todt war. Der ſtarb, und nun ſchrieb ihm ſein Lieschen und die Mutter, er ſolle kommen; jetzt ſei's Zeit, wenn er Hahn im Korbe werden wolle. „So wenig das ihm früher räthlich geſchienen, ſo angenehm kam es ihm jetzt. Er ſchrieb an die Mutter und Lieschen, ſie ſollten Alles zur Hochzeit rüſten, ſollten beim Pfarrer das Aufgebot beſorgen, er käme und ſchon am andern Tage ſolle Hochzeit ſein. „Es wird euch wundern, daß das ſich ſo machte? Ja, ja, des Henner's ſchlechter Sinn that ſich da recht kund, denn dem armen Bethchen ſagte er, nachdem er zu Pfingſten mit ihr in Seligenſtadt geweſen und von ihrem Vater nicht unfreundlich war aufgenommen worden, er gehe heim, um ſeine Sachen in Ordnung zu machen, ſein Haus und Gut zu verſteigern, und komme dann, ſie zu heirathen. Daran dachte aber ſeine Seele nicht. Das arme Bethchen, das ihm vollauf vertraute, mußte ohnehin ſeinen Dienſt aufgeben, weil es die Arbeit nicht mehr thun konnte.— So ging das Mädchen heim und wartete ſeiner. „Aber welch' eine Aufnahme fand ſie dort, als der Vater ihre Schande wahrnahm? Er ſtieß ſie voll Zorns aus dem Hauſe, und wenn ihre Goth ſie nicht aufgenommen hätte aus Barmherzigkeit, — 272— weiß der gute Gott, was es mit dem Mädchen gegeben hätte, das nun erſt erkannte, wohin es mit ſeinem Leichtſinn gekommen war. „Henner kam heim, und nie hatte man ihn froher und heiterer geſehen. Was ihm auf dem Gewiſſen lag, das ahnete kein Menſch. Das ganze Dorf wurde aufrühreriſch, als Sonntags Ackermann's Henner in der Kirche erſchien in einem Aufzuge, wie ein Kölner Weinhändler. Er ſtolzirte einher, daß man ordentlich einen Reſpekt vor ihm und kaum Courage hatte, noch„Du“ zu ihm zu ſagen, wie vor ſechs Jahren. „Das ſchöne Lieschen war überglücklich, als es ihm Sonntags nach ſeiner Heimkehr angetraut wurde. Henner begann gleich ſein Geſchäft und hatte Arbeit in Hülle und Fülle, und ſelbſt die reichen Leute aus dem naſſauiſchen Städtchen überm Rheine ließen Möbel bei ihm machen, da er ſo ungemein gut und ſchön arbeitete. Er hatte etwas Ordentliches gelernt, das mußte man ihm ſchon zuge⸗ ſtehen. So glücklich auch der Henner zu ſein ſchien, ſo war er doch oft recht ſorgenvoll, und mancher Seufzer preßte ſich aus ſeiner Bruſt herauf Er ging gar nicht aus, nicht einmal Abends unter die Linde, die doch vor ſeinen Fenſtern lag, und wo doch die ehrbaren Männer alle ſaßen, wenn das Abendbrod gegeſſen war. Er ſaß bei ſeiner lieben Frau und Mutter in der Stube, und es wurde ihm alle Tage unheimlicher zu Muthe.— Das Gewiſſen ſchlug ihn!— „Er wußte, warum? Ein Geſelle aus Seligenſtadt, der ihn aber nicht kannte, hatte bei ihm das Handwerk angeſprochen. Bei dem hatte er ſich ſo hinten herum nach dem Bethchen erkundigt, und da hatte er denn erfahren, daß der Vater das Mädchen verſtoßen hatte, und daß ſie bei der Baſe ſei von einem Knäblein geneſen, und daß es ihr doch gar ſo übel gehe, aber von dem ſchlechten Menſchen, der ihres armen Kindes Vater ſei, höre und ſähe ſie nichts, obgleich ſie ihm doch viele Briefe geſchrieben. Sie werde ſich wohl aufmachen und ihm das arme Kind bringen. Er habe ſich, ſagte der Geſelle, erkundigt, wo er wohne, aber ſie habe es ihm nicht geſagt. — 273— „Bei ſolcher Mähr fiel dem Henner das Dach ein! Er hielt ſich indeſſen doch wacker dem Geſellen gegenüber, daß der nicht merkte, wo Barthel den Moſt holt; aber als er fort war, fiel ihm der Hobel aus der Hand, und er ſank auf die Bank hin und zitterte an allen Gliedern, wie Espenlaub im Winde; denn mit den Briefen hatte es ſeine volle Richtigkeit. Die hatte der abſcheuliche Menſch alle erhalten, aber ſeiner Frau darüber etwas vorgelogen, daß die gute Seele kein Arg' hatte; aber nun? Was ſollte es werden, wenn Bethchen mit dem Kinde kam?— Seine Haare ſträubten ſich zu Berge, ſeine Augen traten ordentlich aus ihren Höhlen, und das Herz ſchlug in Todesangſt.— Und doch durfte er ſeine gute Frau Nichts merken laſſen. „Und dieſer Zuſtand einer innerlich nagenden Angſt, einer Qual des Gewiſſens, die ihm keinen frohen Augenblick zu Theil werden ließ, dauerte fort und wurde alle Tage ärger. Er ſah bleich aus, es ſchmeckte ihm kein Eſſen und Trinken mehr. Die Arbeit förderte ihm nicht, und ſeine Frau ängſtigte ſich, er ſei krank, und er wollte es doch nicht Wort haben. Sie quälte ſich ſeinetwegen, daß ſie ſchier auch krank wurde.— „Aber den hatte die Hand Gottes erfaßt! „Eines Abends, es war ſchon nahe der Weinleſe, aber die Octobertage waren noch erſtaunlich mild und man meinte, es wolle noch einmal Sommer werden, da ſtand der Henner am Fenſter und lehnte ſo wider die Mauer. Er rauchte eine Pfeife, aber er biß manchmal auf das Mundſtück, als wolle er's durch⸗ beißen, ſo war's ihm innerlich zu Muthe. Der obere Fenſterflügel ſtand offen, daß er jedes Wort hören konnte, was die Männer unter der Linde ſprachen. Da hörte er, daß Einer ſagte: Seht einmal die arme junge Frau da mit dem kleinen Kinde! Die iſt gewiß krank, denn ſie wankt ordentlich 8 faſt wie ein Schatten und Schemen.— „Dies Wort fuhr wie ein Blitz durch Henner's Seele Bethchen! rief's in ſeinem Innern. Er mußte ſich halten, um aufrecht zu ſtehen, denn ſeine Beine zitterten; die Pfeife entfiel ſeinem Mund N. F. W. 18 — 274— und kalter Schweiß trat auf die Stirn. Es war ein Glück für ihn, daß kein Menſch in der Stube war außer ihm. „Er lehnte ſich zurück, doch ſo, daß er durch das Fenſter ſehen konnte Da wankte ein junges Weib daher, das ein Kind auf dem Arme trug. Ach, ſie war bleich, wie der Tod; die jugendliche Geſtalt war vom Elende zuſammengeknickt; das Geſicht eingefallen und bleich, ein Bild des Jammers,— und doch erkannte er auf den erſten Blick das beklagenswerthe Opfer ſeiner Verführung, das unglückliche Bethchen von Seligenſtadt.— „Er taumelte zurück und ſtürzte bewußtlos zuſammen Mühſam hatte er verborgen, was ſeine Seele folterte;— jetzt brach aber ſeine Kraft, und er lag ohnmächtig da wie eine Leiche. „So kam es denn auch, daß er von dem, was auf der Straße vorging, weder etwas ſah, noch hörte. „Das unglückliche Geſchöpf wankte noch etwa an zwei bis drei Häuſern vorüber, ſank aber dann plötzlich zuſammen. Die Männer unter der Linde ſtießen einen Schrei des Schreckens aus, der zugleich aus Aller Munde kam, und eilten ihr zu Hilfe. Es war juſt vor dem Hauſe der Amme des Dorfes, die eine gute, mildherzige Frau war.-Die Männer rafften die junge Frau auf. Einer ergriff das wimmernde Kind, und ſo trugen ſie ſie Beide in das Haus der Amme, die ſie aufnahm und Alles that, was in ihren Kräften ſtand. „Das lief wie ein Lauffeuer durch's Dorf. Alle Frauen eilten in das Haus der alten Amme, ihr Handreichung zu thun. Der Bürgermeiſter, welcher von der Geſchichte gehört hatte, ſchickte einen Nachen in das Städtchen gegenüber und ließ den naſſauiſchen Doctor holen, den die Leute im Dorf ohnehin Alle brauchten. Truppweiſe ſtanden die Leute auf der Gaſſe und ſprachen von der armen Frau und ihrem Kinde. „Endlich kam der Doctor, trat an das Bett und wollte die Hand ergreifen, aber er fuhr erſchrocken zurück und ſagte: Sie iſt todt! . — 275— „So war es denn auch wirklich. Ein Schlag, hatte der Doctor geſagt, habe das Leben der Armen geendet, die wahrſchein⸗ lich heute einen zu weiten Weg gemacht und ihre Kräfte über die Maßen angeſtrengt habe. Laut weinend hörten die Frauen dieſe Worte des Doctors. Und da ſie nun der unglücklichen Mutter nicht mehr Gutes thun konnten, ſo thaten ſie es dem etwa fünf Monate alten Kinde. Sie legten es an die eigene Bruſt und nährten es, und es wetteiferte Eine mit der Andern, ihm ihre Liebe zu beweiſen. Lieschen, Henner's gutes Weib, war auch unter den Frauen und hatte über dem Leid Alles vergeſſen. „Da wankte Henner's alte Mutter herein und ſagte zu ihr: Komm' ſchnell heim, der Henner iſt ſehr krank geworden. „Voll Schrecken eilte ſie fort; die Mutter aber ſagte zu dem Doctor: Ach, kommt doch einmal mit zu meinem Sohne. „Henner war erwacht aus ſeiner Ohnmacht. Ein wilder Froſt ſchüttelte ſeine Glieder. So ſchnell er konnte, ging er in die Schlafkammer und ſchaffte ſich in's Bett. So fand ihn ſeine Mutter, die nichts Eiligeres zu thun hatte, als ſeine Frau heimzurufen. „Der Doctor fand Henner in einer gewaltigen Gluthhitze, in die der Froſt übergegangen war. Sein Puls ſchlug General⸗ marſch, und der Doctor ordnete dies und das an und ſagte: Morgen komm' ich wieder, da wird es ſich zeigen, was daraus werden will! „Das arme Lieschen ſaß in Thränen an ſeinem Lager und erzählte ihm arglos die Geſchichte von der unglücklichen Frau und ihrem plötzlichen Tode. „Da drückte er das Angeſicht in die Kiſſen und ſchluchzte ſo gewaltig, daß ihm die innere Bewegung ordentliche Stöße gab und er ſich gar nicht beruhigen konnte. Lieschen fuhr fort, ſo recht beweglich ihre Lage zu ſchildern; daß ſie doch ſo ferne von Vater und Mutter und ihrem Manne habe ſterben und ihr Kind allein laſſen müſſen unter wildfremden Menſchen. Sie fühlte das ſo 18½ tief und dachte ſich ſelbſt ſo lebhaft hinein und legte, was ſie dachte und fühlte, ſo in die Worte, die ſie ſprach, daß auch Henner's Mutter mitweinte Endlich winkte Henner, daß ſie ſchweige. Ihre Worte waren giftige Pfeile, die ſein Herz trafen und ihm erſchreckliche Qual verurſachten, ohne daß ſie ein Arg dabei gehabt hätte. „Wie meinſt du, ſagte ſie, als er ſich etwas beruhigt hatte, wenn wir das arme Kind zu uns nähmen? Ich wollt's recht lieb haben und pflegen.— Zetzt fing er auf's Neue an zu weinen und zu ſchluchzen, und ſie mußte aufhören, das ſah ſie ein, wenn ſie ſeinen Zuſtand nicht verſchlimmern wollte. Erſt gegen Mitternacht hörte die Gluth auf, die in ſeinen Adern raſte, und er wurde ruhiger. „Er ſelbſt fing nun an von der verunglückten Frau zu reden und fragte, ob man denn gar nicht wiſſe, wie ſie heiße, woher ſie ſei, und ob ſie zu Niemanden geſagt, wohin ſie wolle? „Er ſprach dieſe Fragen mit einer zitternden Stimme. „Lieschen erzählte, daß ſie keine Shylbe geredet, auch kein Papier bei ſich habe. Selbſt in ihrem Hemd und dem, was das Kind um und an habe, ſei kein Name eingenäht. Der Bürger⸗ meiſter, fuhr ſie fort, wolle den Fall ausſchreiben, und da werde man ja wohl doch erkundſchaften können, wer ſie ſei und woher ſie ſtamme und komme. Das Alles bewegte ihn wieder auf's Heftigſte, und er ſchwieg lange Zeit und wälzte ſich in dem Bett umher in einer Qual und Angſt der Seele, die Lieschen nur in körperlichen Schmerzen ſuchte. Erſt am Morgen fiel er in einen unruhigen Schlaf. „Als am Vormittage der Doctor kam, wußte er aus dem Zuſtande gar nicht klug zu werden. Er verordnete beruhigende Mittel und ging wieder; indeſſen wirkten die Mittel faſt Nichts, und als am andern Tage das unglückliche Bethchen beerdigt wurde, als er den Glockenklang und Grabgeſang hörte, da rang er die Hände und jammerte troſtlos. Seine Frau und Mutter gingen der Armen zu Grabe, und er konnte ſeiner Seelenqual einmal — 277— recht freien Lauf laſſen. Da klagte er ſich denn ſeiner Büberei und Treuloſigkeit an; da klagte er ſich an des Mordes an dem unglücklichen Geſchöpfe; da fühlte er die Folterqual der Hölle in der eigenen Bruſt und war doch keine Linderung, denn er zweifelte, ob Gott ihm dieſe Schuld vergebe, und nur in dem Aufnehmen des Kindes wollte ihm ein Troſt erſcheinen. „Als nun Lieschen mit rothgeweinten Augen heimkehrte, ſtöhnte er vor innerer Qual und ſagte: Haſt du nicht geſtern geſagt, du wolleſt das Kind zu dir nehmen? „Freudig ſagte das brave Weib: Ja, das hab' ich geſagt und will's auch heute noch. Ich hab' nur ſtillgeſchwiegen, weil ich meinte, du habeſt etwas dagegen. Iſt dir's denn recht?— „Ach ja, rief er; hol's gleich und ſei ihm eine barmherzige Mutter. Das brauchte er nicht zweimal zu ſagen!— Es hatte ſchwer auf Lieschen's Seele gelegen, daß er nichts über ihren Vorſchlag geſagt hatte und ſie meinen mußte, er fürchte, einen Eſſer mehr ernähren zu müſſen, da ſie ſelbſt bald Mutter zu werden hoffte. Zetzt erhob ſich ihre Seele, wie eine Blume, die nach der Dürre der Regen erquickt. Freudig eilte ſie zu dem Bürgermeiſter, um ihm das Anerbieten zu machen, das Kind ohne Koſtgeld aufzu⸗ nehmen und zu erziehen, wenn ſich Niemand dazu melde. Der Bürgermeiſter war ein braver, menſchenfreundlicher Mann. Er ſagte: das iſt ehrlich und chriſtlich gedacht, Frau Ackermännin, aber Ihr ſeid keine Leute, die ſolch' ein Opfer der Gemeinde bringen können. Die Gemeinde iſt reich; ſie muß für das Kind ſorgen. Kriegen ſollt Ihr's ſchon, aber das landesübliche Pfleggeld müßt Ihr nehmen. „Lieschen ſah die Wahrheit dieſes ehrlichen und wohlgemeinten Wortes wohl ein und ließ ſich denn das auch gefallen, und der Bürgermeiſter ſchrieb die Geſchichte in einem Contract auf, den Henner und Lieschen unterzeichnen mußten, und ſie bekam das Kind. „Als ſie es brachte, nahm es Henner laut weinend auf ſeine Arme und ſuchte in ſeinen Zügen das Bild der Mutter— oder — des Vaters; aber es glich Beiden nicht; es ſah vielmehr dickköpfig — 278— und mit klotzigen Augen dumm und ausdruckslos in die Welt, während ſonſt Kinder dieſes Alters ſchon recht klug Einen anſehen und fröhlig Den anlächeln, der mit ihnen ſpielt und ſie liebkoſtt. „Als der Doctor wiederkam, fand er ihn zwar beſſer, aber eine tiefe Traurigkeit, eine Art Schwermuth hatte ſeine Seele ergriffen, und die blieb ihm und nagte fort und fort an ſeiner Seele. Dem Pfarrer beichtete er Alles, und dieſer legte ihm eine ſchwere Buße auf, deren leichterer Theil es war, dem Kind eine gottesfürchtige Erziehung zu geben und ſich als ſeinen rechten Vater zu erweiſen. Das gelobte und hielt er getreulich; aber es gab ſeinem Gewiſſen keine volle Ruhe. Er wurde nicht mehr froh, ſelbſt als ihm ſein treffliches Lieschen auch einen kräftigen Knaben ſchenkte. Immer tiefſinniger wurde er, und dies kam daher, weil das arme Kind, deſſen Namen man nicht einmal kannte und das man Jacöbchen nannte, ſich als— blödſinnig erwies. Nach und nach ging Henner's Zuſtand in ein ſtilles Verrücktſein über. Er arbeitete nichts mehr, er nahm an nichts Theil. Selbſt ſein bildſchöner Knabe erfreute ihn nicht. Murmelnd ging er umher, aber was er murmelte, verſtand man nicht. Er kannte ſeine eigene unglückliche Frau und Mutter nicht mehr; aß, wenn man ihn nöthigte; ſchlief kaum eine Stunde in der Nacht, war aber gutartig und beleidigte Niemand. Vor dem armen Jacöbchen ſtand er allein ſtille, rang die Hände, weinte wohl auch leiſe und antwortete nie auf eine an ihn gerichtete Frage. „Lieschen war troſtlos wie ſeine Mutter. Die Nahrungsquelle ſeines Handwerks ſtockte, und das arme Weib mußte im Taglohn etwas zu verdienen ſuchen. „Aber Henner's Kraft rieb ſich auf, und er ſtarb nach zwei Jahren. „Lieschen arbeitete Tag und Nacht. Die alte Mutter ſpann Jahr aus Jahr ein, und ſo ernährten ſie ſich kümmerlich, und das Koſtgeld Jacöbchen's kam ihnen recht zu Gute. Doch hielt ſie ihr Feld gut und ihr Haus. — 279— „Als indeſſen die beiden Knaben zwölf Jahre alt waren, ſtarb auch das vielgeprüfte Lieschen und die alte Mutter folgte bald nach. Jacöbchen kam in Koſt und Pflege bei einem Ver⸗ wandten Lieschen's, der auch ihres Sohnes, der Martin hieß, Vormund wurde, ſo daß beide Knaben zuſammen blieben.“ Der Chriſtoffelsvetter ſchwieg eine Weile. Seine Schweſter, die Frau Velten's ſagte:„Du magſt dich ausruhen und einmal trinken!“ Sie ſchenkte ein Glas des lieblichen, federweißen Weines ein, der molkig drein ſah, aber noch etwas Süße hatte und prickelnd dem Gaumen ungemein behagte. Das Glas ging um, die Aepfel wurden umgereicht und Manche der Zuhörerinnen trocknete ſich eine Thräne weg von den ſchönen Augen. „Seid Ihr denn fertig mit Eurer Geſchichte, die ſo grauſig iſt?“ fragte eines der Mädchen. „Nein,“ ſagte Chriſtoffelsvetter.„Bisher hat's meine Perſon noch wenig berührt, jetzt aber tritt die Geſchichte mir ſelber näher.“ „Ach, ſo erzählt doch weiter,“ baten Alle. „Aber, Chriſtoffelsvetter, wird's dann wieder grauſig?“ fragte eine Andere. Er zuckte die Achſeln und ſagte:„Glaubt ihr, der Fluch der Sünde ſei geſühnt? Das iſt ihr ſchreckliches Wirken, daß ſie immer neues Elend hervorbringt“ Die Frauen ſchauerten in ſich zuſammen, und der Vetter fuhr fort:„Mit dem armen Jacöbchen war's eine merkwürdige Sache. Er war ſehr mißgeſtaltet Sein Kopf hatte eine auffallende Dicke. Sein Haar war dunkel, aber ſtruppig und wild. Seine Augen lagen ordentlich klotzig vor dem Kopf. Er war klein, aber breit und ſehnig, und hatte ſchon als Knabe eine Stärke, die Keiner ſeiner Altersgenoſſen, ja ſelbſt Aeltere nicht, bewältigen konnten. Er war in der Regel theilnahmlos und ſtierte in die Welt hinein, als ob kein Gedanke in ſeinem Kopf und kein Gefühl in ſeinem Herzen ſich rege und bewege. Selten ſah man ihn einmal lächeln; aber gerieth er je in Aufregung, was freilich lange andauerte und — 280— viele und heftige Neckereien vorausſetzte, dann war ſein Zorn fürchterlich und kannte keine Grenzen, und nie vergab er Dem, der ihn in ſolchem Grade gereizt hatte. Er rächte ſich an ihm, wenn es auch noch ſo lange währte, bis er ſeine Rache kühlen konnte. Sonſt war er lenkſam und gutmüthig. Zum Lernen, wenn auch nur der unbedeutendſten Dinge, war er unfähig, und die acht Jahre, welche er in die Schule ging, blieben ſo völlig ohne allen Erfolg, als wenn er noch niemals über die Schwelle der Schulſtube getreten wäre. Nur rudern lernte er, wenn etwa Jemand über den Rhein fuhr, aber einen Kahn zu lenken, brachte er nie fertig; man durfte es ihm aber auch nicht anvertrauen. „So dumm er auch zu ſein ſchien, ſo war es doch verwun⸗ derlich, daß er gar wohl zu Zeiten unterſcheiden konnte. So war er zum Beiſpiel recht gewandt darin, die franzöſiſchen Zollwächter abzulauern, welche das nie ahneten. „Ihr wiſſet's Alle, daß damals das Schmuggeln ein einträglich Geſchäft war; denn was auf dem linken Rheinufer verboten war und heilloſes Geld koſtete, das war auf dem rechten Ufer ſpott⸗ wohlfeil; denn dort waren nicht bloß die engliſchen Waaren aufge⸗ häuft, ſondern auch, was über die See kommt, als da iſt: Kaffe, Zucker, Zimmt und andere Gewürze, Tabak und dergleichen. Das war denn eine Luſt, die Zollwächter, die verhaßten Grünröcke, zu prellen und zu hänſeln, und ſo ſchlau dieſe auch waren, ſie dennoch hinter's Licht zu führen.» „Da mußten ihrer aber Viele ſein, und Augen mußte man überall haben. Der Pflegevater Martin's und Jacöbchen's war ein Hauptſchmuggler, und der hatte das Jacöbchen ſo abgerichtet, daß der die Zollwächter immer im Auge hatte und ihnen Alles ablauſchte, was ſie heimlich verhandelten, ſofern fie eben nur deutſch redeten. Die Meiſten waren Deutſche, aus dem Elſaß und Lothringen, und nur die höheren Beamten Franzoſen. So ging's leicht. „Ich hab's Euch Anfangs geſagt, daß drunten am Eingang des Dorfes von den Franzoſen beim Straßenbau eine Menge — 281— überflüſſiger Erde auf die tief ausgebrochenen Mauern des alten, runden Thurmes war aufgeſchüttet worden. Dieſen mächtig das Waſſer des Rheins zurückdrängenden Erdhügel hatten ſie oben geflacht, und darauf ſtand eine gemauerte Hütte, darein ſich bei ſchlechtem Wetter die Grünröcke verbargen, während zwei Luken, eine hinab, die andere hinauf, dem Blicke den Rhein zu beſchauen geſtatteten. „Vor dieſer Zollhütte kauerte faſt immer Jacöbchen, mehr oder weniger der Gegenſtand der Neckereien der Zollwächter. Seine Lieblingsſtellung war ein Kauern, alſo daß ſeine Kniee dem dicken Kopf als Stützpunkt dienten, während beide Arme um die Kniee oder vielmehr die Beine geſchlagen und durch die ineinander gefalteten Hände gehalten wurden. Eine Stellung, wie dieſe, würde Jedem höchſt unbequem geweſen ſein: Jacöbchen war ſie durch Angewohnheit die liebſte, und nie kann ich mich erinnern, ihn freiwillig in einer andern geſehen zu haben, als in dieſer. „Ueberdies hatte Jacöbchen eine Liebhaberei am Schnupfen. Mit Nichts konnte man ihn ködern, als mit Schnupftabak. Dieſen beſtellte er ſich mit bittender Geberde, wenn ein Schiffer über den Rhein ſetzte; für eine kleine Düte voll ruderte er unermüdet vornan im Kahne. Unter den Zollwächtern war nun Einer, der ebenſo gern ſchnupfte, und die Zollwächter meinten, die Doſe des alten Lutzberger ſei das, was Jacöbchen an die Zollhütte von Morgens frühe bis Abends ſpät feſſele, zumal der gutmüthige Alte gar gern ihm eine derbe Priſe gab. „Darin ſchoſſen aber die ſonſt ſo ſchlaueʒ Füchſe fehl; denn, wenn Jacöbchen ſo da kauerte und in den Rhein hinabſtierte, ſo theilnahm- und regungslos, ſo entging ſeinem feinen und ſcharfen 5„ Gehör auch kein Wort, was ſie flüſterten, und was er dann ſogleich ſeinem Pflegevater hinterbrachte, wenn er zum Eſſen heimſtolperte. In der Regel waren es ihre Verabredungen, wo ſie die Nacht hindurch ſtehen oder herumſchleichen wollten, was auch von den Schmugglern getreulich benutzt und jedesmal probehaltig gefunden wurde. Es iſt auch nie einem Grünrock eingefallen, einen Verdacht — 282— auf den Blödſinnigen zu werfen, mit dem man ſonſt auch nicht im Entfernteſten ein Geſpräch führen konnte, weil er zuſammenhän⸗ gender Gedanken gar nicht fähig war oder doch zu ſein ſchien. „So erfuhren wir allemal, was wir wiſſen wollten, und waren die beiden Zollwächter oberhalb des Dorfes, ſo landeten wir unten, und waren ſie unterhalb deſſelben, ſo landeten wir oben und brachten unſere Waarenballen ohne alle Gefahr an's Ufer, von wo wir ſie auf den Rücken nahmen und auf Wegen, die nur wir betraten, aber nur ſelten auf viel betretenen, in das Gebirg, oft tief in den Hunsrücken hineinbrachten, und einen Gewinn zogen, den uns kein anderes Gewerbe hätte abwerfen können. Jacöbchen's Lohn war dann immer ein Biertelpfund beſonders guten Schnupftabaks, was ihn unendlich glücklich machte. „Das that er als zwölf⸗ und dreizehnjähriger Knabe, und dabei blieb er bis zum neunzehnten, wie er denn auch keine Fort⸗ ſchritte machte in ſeinen Verſtandes-, wohl aber deſto größere in ſeinen Leibeskräften, denn er war von einer Stärke in ſeinem Jünglingsalter, die wirklich rieſenhaft war, und Niemand wagte es, mit ihm zu ringen, wie ſich denn in ſpäteren Jahren auch Jeder⸗ mann wohl hütete, ihn zu reizen, denn er würde ihn ohne Zweifel erwürgt haben. „Wie es mit dem Martin ſtand? werdet ihr wohl gerne wiſſen mögen. Nun, der Martin war einer der ſchönſten Jungen des Dorfes. Sein Vater, der Henner, war ſehr hübſch geweſen, und ſeine Mutter wurde als Mädchen und Frau ſtets„die Roſe des Dorfes“ genannt. Damit iſt genug geſagt. Von ſeinem Vater hatte er die kräftige, mannhafte Geſtalt, die dunklen Haare und Augen; aber von ſeiner Mutter die weiße Haut, die feinen — Geſichtszüge und das liebliche Lächeln. Manchmal, beſonders wenn er ernſt blickte, ſchien es, man ſähe ſeinen leibhaftigen Vater verjüngt; aber wenn er lächelte und freundlich war, hätte man ſchwören mögen, er ſei das Abbild ſeiner Mutter, deren Herzensgüte er auch geerbt hatte. Als er heranwuchs, ſahen alle Mädchen nach ihm.“—* — 283— „O, man meint aber auch,“ ſagte Obermeier's Lieschen und warf dabei die kirſchrothen Lippen ſchmollend auf,„Unſereins ſähe immer nach den Buben! Wär's nicht umgekehrt, ſo wär's lang gut!“ „Wißt Ihr auch, Chriſtoffelsvetter!“ ſprach Velten's Valentin, „wann das Hündlein bellt?“ „Wenn's getroffen wird!“ lachte ſchelmiſch der alte Vetter, und Lieschen bückte ſich erröthend viel tiefer auf die Nußſchale, die ſie in der Hand hielt, um das Erröthen zu verbergen. „Es iſt kein Kern mehr drin,“ verſetzte Valentin ironiſch. „Streng' deine Augen nicht zu ſehr an, Lieschen! Es hilft doch nichts!“— „Haltet Frieden,“ redete der alte Velten drein.„Ich glaub', der Streit läßt ſich am Ende durch ein Sprichwort ſchlichten: Wie's in den Wald ſchallt, ſo ſchallt's heraus!“ Da brachen denn Alle in ein herzliches Lachen aus, und als ſich das gelegt, fuhr der Vetter Chriſtoffel alſo fort:„Es war vielleicht im ganzen Dorfe kein Jungburſch, den Alt und Jung lieber hatte, als den Martin. Ich will da nicht die Weibsleute allein gemeint haben, ob ich's gleich da am Allergewiſſeſten ſagen könnte, ſondern auch die Mannsleute. Ein Handwerk wollte er nicht lernen, am Wenigſten das ſeines Vaters, obwohl man es ihm anrieth. Sein Pflegevater war, wie Alle im Dorfe, Schiffer und Winzer. Da wurde er denn frühe in dieſen beiden Erwerbs⸗ zweigen wacker angeführt, und bei ſeinem offenen, klaren Kopfe begriff er Beides ſchnell und leicht. Da konnte er bald in den Taglohn bei den Reicheren im Dorfe gehen und ſich Kleidung und Schuhe, auch wohl ſein alltägliches Sackgeld verdienen. Als er einmal fünfzehn oder ſechzehn Jahre alt war, ging er mit auf den Schmuggel und wurde bald einer der Rüſtigſten und Gewandteſten unſerer Bande. „Jacöbchen und er ſtanden in einem ſeltſamen Verhältniß. Von Kindheit auf doch aneinander gewöhnt, ſpielten ſie als Kinder nie miteinander. Es war eine unbegreifliche Abneigung, welche — 284— Beide trennte. Jacöbchen konnte Martin nicht leiden, obwohl dieſer ihm nie ein Leid zufügte, nie ihn neckte oder ärgerte. Viel⸗ mehr konnte man ſagen, Martin thue dem Unglücklichen im Gegen⸗ theil nur Gutes. Nie vergaß er, wenn er über den Rhein fuhr, ihm eine Düte Schnupftabak mitzubringen, die aber Jacöbchen nie dankbar nahm, oft nicht einmal ihn freundlich dafür anblickte. Dennoch machte das Martin nicht irre. „Ich war der Einzige im Dorfe, der um die Sache ihrer Herkunft wußte; denn als der Bürgermeiſter den Tod Bethchen's in die Zeitung ſetzen ließ, kam von Seligenſtadt die Nachricht, daß Bethchen's Vater ſie enterbt und verſtoßen habe, und daß der Vater des Kindes der Heinrich Ackermann ſei, zu dem das unglück⸗ liche Geſchöpf in ſeiner Noth und Verzweiflung, nach dem Tod ihrer Goth, habe gehen wollen. Der Bürgermeiſter theilte das dem Pfarrer mit und fragte dieſen, was er thun ſolle. Das war kurz nachher, als Henner dem Pfarrer gebeichtet hatte, dieſer alſo Alles genau wußte. Der Pfarrer, welcher das Beichtgeheimniß bewahren mußte, rieth dem Bürgermeiſter, den Henner zu ſchonen, damit er nicht ganz im Kopfe neben dran komme; das Kind ſei ja nun bei ihm, und das engelsgute Lieschen ſei ſeine zweite Mutter; die in Seligenſtadt nähmen das arme Würmchen doch nicht an, und wenn ſie's thäten, ſo ſtehe es um das Kind vielleicht um Bieles ſchlimmer, als hier; er halte es daher für gut, daß er ſchwiege. Der Bürgermeiſter war, wie ſchon geſagt, ein Ehren⸗ mann. Er verſprach dem Pfarrer, ihm zu folgen, und ich hab's euch ſchon geſagt, wie er handelte. Mir, der ich ſein guter Freund war, vertraute er die ganze Geſchichte unter dem Siegel der Verſchwiegenheit. Das hab' ich auch ehrlich gehalten, und warum ich es jetzt brechen darf, wird euch noch erklärlich werden. „Ihr könnt euch denken, daß ich, ſeit ich die Umſtände kannte, einen noch größeren Antheil an den beiden Kindern nahm, als die übrigen Nachbarn, die aber Alle ſich oft mit ihnen beſchäf⸗ tigten, ohne aber etwas vom wahren Hergang zu wiſſen. Da ich — 285— nun von meinem Haus in den Hof und faſt in das Haus des Pflegevaters der beiden Knaben ſehen konnte, ſo war mir's eine wichtige Sache, die Spiele der Kinder zu beobachten, um zu ergründen, ob denn kein natürlicher Zug die beiden zueinander führe. Wunderbar! Ich begegnete nur einer überall erkennbaren Abneigung des Jacöbchen's gegen Martin. Das ging nicht hervor aus einer dieſen höher ſtellenden Vergleichung. Dazu war Jacöbchen zu ſtumpfſinnig; auch nicht daraus, daß der Mißgeſtaltete den ſchönen Martin etwa beneide; denn auch das lag viel zu weit ſeitab. Aber ich fand einen andern Grund, den faſt noch Niemand bemerkt hatte. „Der Pflegevater der beiden Knaben hatte nur ein Kind, ein Mädchen, ein feines, ſchönes Geſchöpf, das etwa ein Jahr oder etwas mehr jünger war, als ſie. Käthchen hieß das liebliche, ſanfte Weſen. Spielten die Drei, ſo war Jacöbchen ſtets bemüht, dem Käthchen gefällig zu ſein, aber es mochte nichts von ihm wiſſen, dagegen gab es ſich mit ganzer Zuneigung dem gutmüthigen Martin hin, und wollte nur mit ihm ſpielen. Freilich war das Jacöbchen zu täppiſch und plump, wie etwa ein junger Hühnerhund ſich geberdet. Er verdarb Alles, zerbrach Alles; nicht aus böſem Willen, ſondern aus Ungeſchick und Dummheit. „Die Kinder kränkten ihn nicht abſichtlich, ſie ſtießen ihn auch nicht mit Härte zurück; aber ſie konnten ihn, und das ſah ich viel hundert Mal, gar zu nichts gebrauchen. So kam's denn, daß Jacöbchen, mürriſch und mißvergnügt, an die Zollhütte lief und ſich dort hinkauerte, während die Beiden, Martin und Käthchen, gar harmlos, einig und lieblich miteinander ſpielten und nie in Streit oder Zwieſpalt geriethen, und wenn auch ihre Spiele ganze Nachmittage dauerten. „Dies erweckte mit der Zeit gegen Jacöbchen eine Abneigung, und in dieſem bildete ſich ganz daſſelbe aus,— aber merkwürdiger Weiſe kreuzte es ſich. Jacöbchen konnte den Martin nicht leiden⸗ während ſeine ganze Liebe Käthchen behielt; und Käthchen trug einen unüberwindlichen Widerwillen gegen Jacöbchen und eine ſtarke — 286— Zuneigung für Martin. Und dennoch iſt das Entſtehen dieſer Ab⸗ und Zuneigungen ſo leicht erklärlich! „Im Laufe der Zeit wurde Käthchen, wenn auch nicht geneigter gegen Jacöbchen, doch klüger. Sie am beſten kannte ſeinen Grimm, der verzehrend war, und ſah es ein, daß daraus nur Unheil folgen mußte für— ihren Martin. „Ja, für ihren Martin konnte man wohl ſagen, denn die kindliche Zuneigung verwandelte ſich im Laufe der Jahre in eine innige, treue Liebe, welche die Bürgſchaft der Lebensdauer in ſich trug. „Die Eltern Käthchen's ſahen es nicht ungerne, denn der Martin war brav und fleißig; er hatte noch ſein eigen Haus, das mittlerweile vermiethet war, und was er von dem Schmuggeln verdiente, das ſparte er und kaufte ſich hin und wieder ein Stückchen Land zu dem, welches er von ſeinen Eltern ererbt hatte. So ließen ſie die jungen Leute ſtille gewähren; leiſteten zwar ihrer Liebe keinerlei Vorſchub, aber traten ihr auch nicht entgegen. „Die Zwei hatten ihr Getutſchel heimlich. Bei den Eltern oder wenn Jacöbchen dabei war, ſchienen ſie ſich völlig gleichgültig zu ſein. Das war einestheils gut; denn daß Jacöbchen, wie der arme Blödſinnige noch immer hieß, ob er gleich die Kinderſchuhe längſt ausgetreten hatte, das liebliche, friſchblühende Käthchen glühend liebte, wenn man das, was ihn für ſie beſeelte, mit dieſem Namen benennen durfte, darüber war Niemand im Dorf im Zweifel, und leider bildete das gerade den Grund vielfacher Necke⸗ reien, welche die Gluth des Unglücklichen nur ſchürten. „Heiratheſt du bald das Käthchen? fragten ihn die jungen Burſchen oft. Er lachte dann grinſend und ſagte: Zu Neujahr! Das kam daher, daß er, aufgeſtachelt von ſolchen Neckereien, einſt Käthchen gefragt hatte, ob ſie ſich denn bald heiratheten? Darauf hatte ſie lachend geantwortet: Zu Neujahr! Und obgleich der Blöd⸗ ſinnige damit keinen deutlichen Sinn zu verbinden im Stande war, ſo wiederholte er doch dieſe Antwort des Mädchens immer, wenn ihn die Burſchen nach ſeiner Hochzeit fragten. — 287— „Stundenlang konnte er auf einem niedern Schemel vor ihr ſitzen, wenn ſie nähete oder ſponn, und ihr in's ſchöne Antlitz ſehen, bis ſie es müde wurde und ihn fortſchickte, worauf er dann auch folgſam ſich entfernte. Ebenſo ſaß er halbe Tage lang auf einem Holzſtamme, welcher vor dem Fenſter lag, in deſſen Vertiefung Käthchen arbeitend ſaß. Ging ſie mit in's Feld, ſo wollte er auch mitgehen, beſonders, wenn Martin mitging, deſſen Alleinſein mit Käthchen er eiferſüchtig zu verhindern ſuchte, ſeitdem er einmal geſehen, daß Käthchen mit liebendem Blicke dem Martin die Hand gereicht, als er mit ihrem Vater im Ankernachen mehrere Fuder Weines nach Coblenz führte; damals war er ganz außer ſich und drohte mit wüthenden Worten und Geberden dem Martin. Käthchen ergriff eine wahre Todesangſt, wenn ſie an die tückiſche Rachſucht des Blödſinnigen dachte, und wie er ſie gegen Andere ausgeübt, die ihn beleidigt hatten. Daß Käthchen's Furcht nicht aus der Luft gegriffen war, hab' ich euch bereits früher erwähnt. Jacöbchen hatte ein Gedächtniß für Beleidigungen, das unaustilgbar war. „Nachdem ſie ſich lange geängſtigt und ihre Sorge endlich auch ihrer Mutter mitgetheilt hatte, rieth ihr dieſe, Jacöbchen auch die Hand zu reichen und ihn durch freundliche Worte zu ködern. „Wie ſehr es auch ihr widerſtrebte, ſo that ſie es doch, und es ſchien, als ſei ſein Zorn verſöhnt. Es ſchien aber nur ſo. „Martin war von Coblenz zurückgekehrt mit dem Pflegevater und Vormund, und Käthchen bemeiſterte das Glück ihres Herzens über ſeine Rückkehr und ihre Freude, reichte Martin nicht einmal die Hand, daß dieſer faſt erſchrocken ſtand und ſie anſah, als wolle er den Grund dieſes froſtigen Empfangs erforſchen. „Jacöbchen ſah das mit grinſendem Lachen, in dem ſich die Schadenfreude kundgab, aber er ſah auch das Blinzeln mit den Augen, womit ihm das Mädchen zu verſtehen gab, es habe Grund zu ſolchem Thun. Jetzt ſtieg ihm das Blut in den Kopf, und mit geballten Fäuſten ging er von dannen. „Es braucht nicht geſagt zu werden, daß Käthchen ihren Martin mit einem Kuß entſchädigte, von dem ich ſelber Zeuge war, wenn auch nur aus meinem Verſteck; aber auch das nicht, daß ſie das, was ſie verhüten wollte, gerade hervorgerufen, nämlich Jacöbchen's Argwohn eines Einverſtändniſſes zwiſchen Käthchen und Martin. „Zu dem trat ein Anderes. „Eines Abends hörte er zu, wie die Männer ntet der Linde von Martin redeten und mit ſeinem Lobe nicht fertig werden konnten. Sie hoben es hervor, wie er ſchon den Ankernachen nach Coblenz geſteuert habe, während doch gefährliche Stellen da ſeien, wo das„wilde Gefährte“ bei Caub und die Bank bei St. Goar; daß er der geſchickteſte Schmuggler ſei, den nie ein Zollwächter fangen würde, und dergleichen mehr. Da meinte denn Einer, es ſei darum auch dem Pflegevater Martin's nicht zu verübeln, wenn er dem Martin das Käthchen gebe. „Hier war das Geſpräch durch das Hinzukommen eines Andern unterbrochen worden, aber Jacöbchen hatte doch genug oder vielmehr zu viel gehört. Sein Auge rollte wie eine feurige Kugel in ſeiner Höhle herum, und vor ſeinen Mund trat der Schaum, wie es bei einem wilden Thier iſt, das in Wuth geräth. Er rannte weit vor das Dorf hinaus auf die Landſtraße, bis der erſte Aufwall ſeines Grimmes verraucht war. Kühler geworden, ſchien bei ihm ein Nachdenken einzutreten, wie er den Ruhm Martin's, den er preiſen gehört, vernichten könne, und es ſchien, als habe er das rechte Mittel gefunden; denn er kam heim, 4 und ein unheimliches Lächeln ſpielte um ſeinen breiten, wulſtigen Mund. „Am andern Morgen ſagte der Pflegevater zu ihm: Jacöbchen, geh' an die Zollhütte und lunke einmal wieder aus, wohin die Grünröcke heut' Abend gehen! „Jacöbchen ſchmunzelte, denn er hatte gehört, wie der Alte mit Martin von dem Schmuggel des heutigen Abends geredet hatte, als von einer beſonders wichtigen Angelegenheit. „Er ſtolperte daher denn auch hinunter an die Zollhütte und kauerte ſich dahin, nachdem er vom alten Lutzberger eine derbe * — 289— Priſe gekriegt hatte. Eine Stunde ſpäter kam ein Vorgeſetzter mit des alten Lutzberger's Genoſſen den Rhein herauf und trat in die Zollhütte. „Schaffe den Kerl da draußen fort! befahl er, auf Jacöbchen deutend. „O, ſagten Beide, der iſt blödſinnig und ſimpel, und weiß nicht, was wir reden. „Der Fremde ging heraus, ſtieß Jacöbchen an und fragte ihn etwas, worauf aber dieſer mit einem brummenden, grunzenden Ton antwortete. Dies beruhigte ihn, und nun trat er wieder in die Hütte und zog die Thüre an. Darauf begann er den beiden Zollwächtern die Leviten zu leſen und den Kümmel zu reiben, daß es eine Art hatte. Er ſagte ihnen, daß nirgends mehr geſchmuggelt würde, als in unſerm Dorfe, das habe er ſchon längſt erkundet; aber ſeit ſie hier ſeien, habe noch nicht einmal Einer von ihnen einen Schmuggler erwiſcht; entweder hielten ſie es mit den Schmugglern, oder ſie ließen ſich überliſten; er ſei verkleidet drüben im Städtchen geweſen und habe gehört, daß dieſe Nacht der Martin Ackermann und eine Anzahl Anderer eine Haupt⸗ ſchmuggelei vornehmen würden. Nun ſollten einmal die Zollwächter des nächſten Dorfes zu ihnen ſtoßen; ſie könnten vor das Dorf gegen Bingen hin auf Poſten ſtehen, während die Anderen, beherzte Kerle, mit ſcharfgeladenen Gewehren unter dem Dorfe Wache halten ſollten. Es müßte ja mit dem Kuckuk zugehen, rief der Vorgeſetzte, wenn wir die Kerle nicht erwiſchen ſollten, und kriegen wir ſie nicht lebendig,— nun, ſo ſchießen wir ſie Alle todt!— „Bei dem Worte fuhr Jacöbchen in die Höhe, und eine teufliſche Freude blitzte über ſeine groben Geſichtszüge. Er ſtand leiſe auf und trabte heim, wo er denn dem Martin ſagte, die Zollwächter ſtünden oberhalb des Dorfes. „Wir waren voller Freude, ſagte der Chriſtoffelsvetter, denn ich war auch dabei, und wir hatten heute lauter Seidenſtoffe, die nach Paris beſtimmt waren. Da gab's einen guten Verdienſt.“ „Aber, Chriſtoffelsvetter,“ fragte ich,„wer trug denn den N. F. w. 19 — 290— Schaden, wenn die Zollwächter euch erwiſchten und euch die Waaren abnahmen?“ „Nun, die Waaren gingen Dem verloren, der ſie ſchmuggeln ließ,“ ſagte der Vetter;„allein fingen ſie uns, ſo war es aus⸗ gemacht, daß wir auf die Galeeren kamen.“ „Eine ſchöne Ausſicht, meiner Treu!“ „Daher,“ fuhr er fort,„war es wohl auch die Hoffnung des Jacöbchen's, daß Martin entweder todtgeſchoſſen, oder gefangen fortgeſchleppt würde; es iſt wenigſtens kein Zweifel, daß er Aehnliches hoffte. „Wir hatten uns bis jetzt unbedingt auf Jacöbchen's Spioniren verlaſſen können und ahnten auch jetzt im Entfernteſten nicht, daß er uns einen Spitzbubenſtreich ſpielen würde, oder vielmehr dem ihm verhaßten Martin. Wir hätten ihm ſo Etwas nicht einmal zugetraut; aber es trat da recht zu Tage, daß er für das Böſe nicht ohne Klugheit war, während man ihn ſonſt für nicht Viel brauchen konnte. „Als der Abend kam, ſahen wir die beiden Zollwächter durch's Dorf hinaufgehen und waren nun unſerer Sache um ſo viel ſicherer, als wir auch gar nicht daran denken konnten, daß die Strecke unter dem Dorfe, wo viele Weiden am Ufer ſtanden, beſetzt ſein könne. Wir ruderten hinüber, und ſobald die Dunkel⸗ heit einer Neumondsnacht ſich auf den Rhein gelegt, ſtießen wir drüben ab und fuhren pfeilſchnell über die glatte Fläche des Rheines. „Alles war todtſtille, als wir landeten, und Keiner hatte ein Arg. Martin, der ſeinen Bündel an Saalbändern auf dem Rücken hatte und vorn im Kahne ſaß, ſprang heraus, um den Kahn an's Ufer zu ziehen. In dieſem Augenblicke faßten ihn ein Paar kräftige Arme, und eine nervige Fauſt drückte ihm ſchier die Kehle zu. „Verrath! ſchrie er, wandte ſich, ergriff Den, der ihn faßte, und warf ihn mit ſeiner ungeheuern Stärke in den Rhein, daß es — —— — 291— platſchte und das Waſſer über ihm zuſammenſchlug. Dann gab er dem Kahn einen mächtigen Stoß, ſchwang ſich hinein und pfeil⸗ ſchnell war der Kahn gedreht und ſtach wieder in die Fluth hinein. Der in's Waſſer Gefallene arbeitete ſich wieder an den Weiden heraus und ſchrie: Hierher! Da blitzte es zweimal und knallte, und die Kugeln pfiffen uns um die Köpfe wie Hagel. Keiner wurde verwundet, und wir kamen, ehe ſie noch einmal laden konnten, aus der Schußweite und waren gerettet. Zwar ſchoſſen ſie, wie verrückt, noch zwei⸗, dreimal, aber keine Kugel erreichte uns, und wir landeten wohlbehalten am jenſeitigen Ufer. „Was war das? fragten wir uns, als wir dort ſtanden und die Geſchichte uns überlegten. „Sollte Jacöbchen uns treulos verrathen haben?— „Nein, nein! ſagte ſein Pflegevater, das thut er nicht. Gewiß ſind die Hallunken dahinter gekommen, daß er ſie ausſpionirt, und haben ihn ſelber irre geführt. So ſchlimm das für uns war, ſo leuchtete uns das doch ein. „Was ſollen wir thun? fragte ich. „Ei, ſagte Martin darauf, wir ziehen unſern Nachen leiſe vor das Städtchen hinauf und ſetzen oben über; denn nun ſind die Beiden oben herunter gelaufen und glauben, den Anderen zu Hilfe eilen zu müſſen. Sie denken nicht dran, daß wir's heute noch einmal riskirten. „Das leuchtete Allen ein. „Einer ſetzte ſich an's Steuerruder. Ein Riemen wurde als Maſt aufgerichtet, die Leine d'ran befeſtigt, und Alle ſpannten ſich davor. Der Kahn flog durch die Wellen, und ehe eine Viertel⸗ ſtunde vorüber war, hatten wir den Punkt erreicht. Wir ſetzten über, und wirklich dachte Niemand d'ran, daß wir's wagten. Wir brachten unſere reichen Bündel glücklich an Ort und Stelle und waren, ehe der Tag graute, wieder daheim. Der Verdienſt dieſer Nacht überſtieg das Dreifache eines ſonſtigen Schmuggelns Jacöbchen war an dieſem Abend ungewöhnlich lange aufgeblieben. Als die Schüſſe fielen und das ganze Dörſchen in einen wilden 1 — 292— Aufruhr kam, rieb er ſich vergnügt die Hände und ſagte, was Mehrere gehört zu haben ſpäterhin ausſagten: Todtſchießen! Todtſchießen! „Käthchen verzweifelte ſchier, als ſie die Schüſſe hörte und die Gefahr überdachte, die ihrem Vater und Martin drohte. Ihre Mutter war ebenſo troſtlos wie ſie. Viele Leute waren hinunter gelaufen, als die beiden im Orte ſtationirten Zollwächter ſo eilfertig der Stelle des zu vermuthenden Kampfes zurannten Sie brachten endlich mit unverhehltem Frohlocken die Kunde, es ſei Keiner gefangen, aber Einer habe einen Zollwächter in den Rhein geſchleudert, daß er nahezu ertrunken wäre. Zwar flößten die gefallenen Schüſſe Sorge ein, allein die erfahrenen Schiffer meinten, es müßten doch kreuzſchlechte Ruderer ſein, die nicht zwiſchen dem Laden den leichten Kahn aus dem Bereiche der Kugeln ſollten hinausgeſchoben haben; überdies hätten ja die Grün⸗ röcke bei der tiefdunkeln Nacht nicht zielen können, und da hätte es doch verwunderlich zugehen müſſen, wenn ſie Einen ſollten getroffen haben. So richtig dieſe Bemerkungen waren, ſo wurden doch die Betheiligten erſt dann wieder vollkommen ruhig, als die Männer und Jünglinge wohlbehalten zurückkehrten. Wie ſtarrte Jacöbchen am andern Morgen den Martin an, als dieſer wohl⸗ behalten in die Stube trat, um ſein Frühſtück einzunehmen? Hätte Jemand von den Hausgenoſſen einen Argwohn auf ihn gehabt, man hätte müſſen etwas merken. Allein das fiel Keinem ein, und da der Pflegevater in der am jenſeitigen Ufer geäußerten Meinung ſich völlig feſtgefahren hatte, ſo fragte er auch nicht weiter. Man war nur froh, daß Alles ſo vortrefflich gegangen war, und Niemand war glücklicher, als Käthchen, die ihren lieben Martin wohlbehalten wieder hatte. „Indeſſen änderte ſich nun die Sache. Es kamen vier Zoll⸗ wächter in's Dorf, und die alten kamen weg. Als nun Jacsbchen ſich wieder vor die Hütte kauern wollte, jagten ſie ihn von dannen, und lange Zeit lag das einträgliche Schmuggeln ganz darnieder, nicht aber die Luſt, die Zollwächter zu hänſeln. — 293— „Eines Streiches vor vielen anderen,“ ſagte mit Behagen der Chriſtoffelsvetter,„muß ich gedenken, weil es ſich dadurch zeigt, daß wir nicht müßig waren. Der Wahrheit aber die Ehre zu geben, muß ich ſagen, daß Martin die Seele aller dieſer Unter⸗ nehmungen blieb, weil er unerſchöpflich reich war in immer neuen Plänen, wie wir die Franzoſen täuſchten. „Eines Abends war Einer der Grenzwächter oben vor dem Dorf unter den Nußbäumen poſtirt. Martin hatte es erkund⸗ ſchaftet, daß es nur Einer war, während die anderen Drei abwärts vom Dorf eine Landung vermutheten, weil ſie durch falſche Anzeigen irre geleitet waren; er ſelbſt übernahm es nun, den Streich auszuführen. „Der Zollwächter lehnte an einem Nußbaume, deren viele am oberen Ende des Dorfes ſtehen. Plötzlich hört er ein Raſcheln im dürren Laube, das der Vorwinter bereits von den Nußbäumen zur Erde geworfen hatte. „Der Zollwächter horchte hierhin und dorthin. Der Himmel hatte eine nur dünne Wolkenſchichte zur Decke und es fiel ſo viel Licht auf die Erde, daß man, wenn ſich das Auge an die Finſterniß gewöhnt hatte, eine Geſtalt wohl unterſcheiden konnte, die hin und her ſich bewegte. Nun ſtrengte der Zollwächter ſeine Augen an und ſah ziemlich deutlich einen Mann daher ſchleichen, der einen Bündel trug. „Als er ihm nahe genug war, rief er: Halt! „Martin, denn dieſer war es, warf ſeinen Bündel ab und floh in's Weite. Der Zollwächter war nur froh, daß er den ſchweren Waarenballen hatte, der ſich weich anfühlte, alſo engliſche Waaren zu enthalten ſchien; denn er bekam die Hälfte des Werthes als Fanggeld. Schnell lud er ſich den Bündel auf und trug ihn nach der Zollhütte. Darauf hatte Martin gerechnet, vier ſchwer beladene Kähne landeten unterdeſſen, und ihre Waaren wurden ohne alle Gefahr in Sicherheit gebracht, um ſpäter weiter fortge⸗ tragen zu werden. Und in dem Ballen, den der Zollwächter erbeutet hatte, waren— alte völlig unbrauchbare Lumpen. Zu ſpät ſahen — 294— ſie ein, daß ſie geprellt waren, ſtürmten durch's Dorf herauf, durchſuchten Alles, aber die Kähne waren drüben am rechten Ufer und die Waaren hatten in Schlupfwinkeln Raum gewonnen, die ſie nicht kannten. Wir aber waren bereits mit einer guten Ladung ſchon droben im Walde. „So ging es ſchier alle Tage auf eine oder die andere Weiſe, und nie erwiſchten ſie uns auf friſcher That, obgleich es ihnen bekannt war, daß heillos in unſerm Dorfe geſchmuggelt wurde. „Durch große Vorſicht und Schlauheit entgingen wir glücklich allen Nachſtellungen, die ſie in der größten Erbitterung zu einem Ziele zu führen ſuchten. „Gewiß ſah es Niemand weniger gern, daß es ſo kam, als der tückiſche Blödſinnige, deſſen Haß gegen Martin mit jedem Tage ſich ſteigerte Sein Unmuth äußerte ſich ſelbſt gegen ſeinen Pflegevater. Zum Ausſpioniren der Zollwächter ließ er ſich durchaus nicht mehr gebrauchen, weil ihm ein dunkles Vermuthen ſagen mochte, er diene damit dem verhaßten Martin. So kam es denn, daß ſelbſt der Pflegevater mißtrauiſch gegen ihn wurde und jede Unterredung vermied, welche auf irgend eine Verſtändigung ausging, die dem Schmuggeln dienen ſollte. Hätte Jacöbchen ſo etwas gehört, wer hätte uns gegen Verrath ſicher geſtellt?— „Er bewachte ordentlich Käthchen. Dieſe allein vermochte noch etwas über ſeinen Starrſinn. Ganze Tage ſaß er in der Stube und beobachtete ſie, wenn Martin da war. Keinen Blick der Liebe durften ſie tauſchen, kein Wort im Vertrauen wechſeln. Wußte er, daß Martin irgendwohin war, ſo ſchweifte er im Dorfe herum, kam aber ſicher zu der Stunde wieder, wo Martin etwa zurück⸗ kehren mußte. Saß er in der Nähe Käthchen's, ſo ruhten ſeine Blicke mit einer unendlich widerlichen Freundlichkeit auf ihr. Sie blieb nicht mehr allein zu Hauſe, wenn er da war, und ging ihre Mutter aus, ſo folgte ſie ihr aus Angſt vor dem Jacöbchen. Dieſer Zuſtand wurde auf die Dauer unerträglich. Ihr Vater redete darum mit dem Bürgermeiſter, daß er den Blödſinnigen anderswo unterbringe. Dies geſchah zwar, aber Jacöbchen wollte . —— — 295— durchaus nicht weichen. Eine Reihe von Sommernächten ſchlief er auf der Schwelle der Thüre und war nicht wegzubringen, als mit Gewalt, die Niemand bei ihm anzuwenden wagte. War die Thüre offen, ſo ſchlich er ſich in das Haus und trat unerwartet in die Stube, um ſich ſtille an ſeinen gewohnten Platz zu ſetzen. „Gegen Ende des Sommers wurde endlich Martin Käthchen's Bräutigam. Er war jetzt fünf und zwanzig Jahre alt, und die Miether ſeines Hauſes gingen mit dem Gebäude übel um. Es war gut, daß ihre Miethezeit auf Martinitag endete. Martin kündigte ihnen und ſprach nun bei ſeinen Pflegeeltern das aus, was ſie und alle Welt ſchon lange wußten, nämlich, daß er Käthchen zur Frau wünſche. Er empfing das Jawort der Eltern und— daß das glückliche Käthchen nicht Nein ſage, dafür war jede Sorge überflüſſig. „Siehſt du, ſagten die muthwilligen Burſchen zu Jacöbchen, ſie haben dich aus dem Hauſe geſchafft, damit Martin das Käthchen heirathen kann. Sie bedachten nicht, welch' ein Feuer ſie im Gemüthe des unglücklichen Menſchen anſchürten. Alle ſeine wilden Leidenſchaften loderten in unbeſchreiblicher Gluth auf. Er ſtürmte knirſchend fort und gerade in das Haus ſeiner ehemaligen Pflege⸗ eltern hinein. „Dort ſaßen, denn es war ein Sonntag Nachmittag, die Pflegeeltern und eine Anzahl Nachbarn beieinander und ich auch dabei. Wir plauderten gemüthlich von den Ausſichten auf den Herbſt, der nahe war, und von der Güte der Trauben, die der Leſe harrten. Niemand ahnete etwas. „Martin und Käthchen ſaßen wie Brautleute beieinander in der ſtillen heimlichen Ofenecke, flüſterten und koſten, und Niemand wollte es ſehen, wenn ſie ſich heimlich einen Kuß gaben. Da hören wir Alle plötzlich ein Poltern die Treppe herauf und ein Schnaufen, wie wenn ein Thier wild geworden iſt. „Wir horchen noch zu— da wird die Thüre aufgeriſſen, und Jacöbchen, ein blankes Schiffermeſſer in der Hand, glühend vor Zorn und Wuth, ſtürmt herein und ſieht ſich im Kreis um. „ „Martin! ſchreit er in einem Tone der Wuth, der durch Mark und Bein dringt, aber er ſieht ihn noch nicht. „Plötzlich wendet er ſich gegen den Ofen, erblickt das Paar und will ſich mit der Wuth eines wilden Thieres auf ſie ſtürzen. „Wir waren Anfangs ſelbſt überraſcht und erſchrocken von dem Anblicke des Menſchen, der kaum mehr einem Menſchen ähnlich ſah. Zum Glück ermannte ſich ein Nachbar zuerſt, ahnet dunkel, was könnte geſchehen ſein, und was jetzt erfolgen mußte. Er ſprang auf und führte einen ſo gewaltigen Schlag auf Jacöbchen's Arm, daß das Meſſer weit wegflog, dann aber erfaßten wir ihn zu Dritt. Kaum ſind wir im Stande geweſen, ihn zu bändigen. Er ſchlug, trat, biß, wie ein Raſender. Nur mit vieler Anſtrengung gelang es uns, ihn ganz zu überwältigen und fortzubringen. „Wir ſchleppten ihn zum Bürgermeiſter, der mit Entſetzen den Vorfall vernahm und mit uns erkannte, wie ſehr nothwendig es ſei, daß Jacöbchen unſchädlich gemacht würde. Die Nacht wurde er bewacht und auch in den folgenden Tagen, bis vom Unterpräfekten weitere Befehle angelangt ſein würden, an den der Bürgermeiſter berichtet hatte. „Für das Volkswohl thaten die Franzoſen nichts. Eine Anſtalt, wohin man den Unglücklichen bringen könnte, und wo für ihn könnte geſorgt werden, war nicht da. Der Präfekt, ein wohl⸗ wollender Mann, ſah wohl ein, daß da müſſe Rath geſchafft werden. So brachte man ihn denn an den Ort, wo der Präfekt wohnte, und wo in einem ehemaligen fürſtlichen Schloß ein Gefäng⸗ niß war. Dorthin kam der Arme, und die Gemeinde unterhielt ihn mit nicht unbedeutenden Koſten. „Zu Martini wurden dann Martin und Käthchen ein glück⸗ liches Paar, und nichts ſtörte ihre Zufriedenheit, als der Gedanke, daß einſt Jacöbchen wieder kommen könnte. „Leider ſtand dieſe Ausſicht näher, als ſie vermuthen konnten. „Der Bürgermeiſter ſtarb plötzlich, und ſein Nachfolger wollte — 297— ſich dadurch verdient machen, daß er einen ſtrengern Haushalt mit dem Gemeinde⸗Vermögen einrichtete. „Was brauchen wir den Menſchen im Gefängniß zu erhalten, ſagte er, während wir ihn in der Gemeinde um die Hälfte wohl⸗ feiler unterbringen können? „Die Gemeinderäthe machten ihn mit dem bekannt, was vorge⸗ fallen und was wiederkehren könnte. „Er lachte und meinte, dafür wolle er ſchon Sorge tragen. Endlich ſetzte er ſeinen Antrag durch, und Jacöbchen kehrte zurück. „Etwa drei Vierteljahre war's her, ſeit er weggebracht worden war. „Ein ordentlicher Mann des Dorfes nahm ihn in Koſt und Pflege, und verſprach, ſorgfältig über ihn zu wachen. „Anfänglich ſchien Jacöbchen alles Frühere vergeſſen zu haben. Als er aber Käthchen, das blühendſchöne, junge Weib, ſah, da erwachten die alten Erinnerungen und Leidenſchaften in aller Macht und Gewalt; aber er ſchien in ſich den Schluß zu machen, daß er ſich ruhig halten müſſe, um nicht wieder in das Gefängniß gebracht zu werden, wo es ihm übel ergangen war. „Er ſaß wieder tagelang vor Käthchen's Wohnung, aber ſtille und ruhig. Martin verfolgte er mit glühenden Blicken, und di ieſ nahm ſich vor ihm in Acht, ſo viel er konnte „Eines Tages, es iſt mir noch ſo erinnerlich, als wär's heute, hatten wir eine Schmuggelei verabredet. .„Martin ſollte zu Hauſe bleiben und die Zollwächter beob⸗ achten. Er wählte, um nahe bei ſeiner Frau zu ſein, den Platz unter der Linde. Hier ſollte er uns durch dreimaliges Feuerſchlagen das Zeichen geben, daß Gefahr vorhanden ſei. Schlüge er nicht Feuer, ſo könnten wir die Landung wagen. So war die Abrede Wir waren auf die benachbarten Orte gegangen und da übergeſetzt. Die Luft war nebelfrei, aber die Nacht dunkel, ſo daß man den auf⸗ blitzenden Schein des Feuerſchlagens recht genau am jenſeitigen Ufer wahrnehmen konnte. S — — 298— „Da Jacöbchen ſich ruhig verhielt, ſo wurden die Leute in ſeiner Ueberwachung nachläſſig. „Wußte Jacöbchen etwas davon, daß Martin allein am Stamm der Linde ſtehe, oder wollte er durch das Fenſter Käthchen ſehen und beobachten, wer wüßte das? Das aber war Thatſache, daß er ſich aus ſeinem Pflegehaus Abends wegſchlich und unbemerkt an das Haus Martin's kam, welches gerade der Linde gegenüberlag. In Martin's Stube war noch Licht, obgleich es bereits ſtark auf zehn Uhr ging. „Jacöbchen kauerte vor dem Fenſter, wohin ſelbſt von Martin unbemerkt, geſchlichen war. „Als es zehn Uhr ſchlug und ein Zollwächter zum Dorf eben hinausgegangen war, ſchlug Martin dreimal Feuer. Hierdurch erfuhr Jaköbchen, daß dort Jemand ſtehe. „Huſtete Martin, oder ſprach er etwas, woran ihn der Blöd⸗ ſinnige erkannte,— kurz, die ganze ungemeſſene Wuth wurde wieder in ihm rege. Wie ein Tiger ſeine Beute beſchleicht und dann erſt, wenn er die rechte Entfernung hat, den verderbenden Sprung wagt, ſo ſchlich der Blödſinnige heran, dann mit einem Wuth⸗ gebelle, das weithin ſchallte, ſtürzte er ſich auf Martin, der vor Schrecken kaum an ſeine Vertheidigung denken konnte. Jacöbchen faßte ihn an der Gurgel, daß Martin faſt der Athem fehlte; aber er rang mit dem Aufbieten aller Kräfte gegen die rieſige Stärke des Wüthenden. Immer näher drängte er ihn zur Bruſtwehr der Mauer des ehemaligen Thurmes, die zu Sitzen diente und wo unten der Rhein ſeine ſtarken Wellen anſchlug. „Der Schrei, das Brüllen der Wuth, rief zuerſt Käthchen an's Fenſter, die augenblicklich den Zuſammenhang ahnete. Sie ſchrie um Hilfe. Leute aus allen Häuſern ſtürzten herbei. „Als Jacöbchen ſah, daß er an ſeiner Rache gehindert werden ſollte, ließ er plötzlich den halberſtickten Martin los, faßte ihn eben ſo ſchnell an der Hälfte des Leibes und ſchwang ihn über die Mauer hinüber, um ihn in die Wellen des wildangeſchwollenen . —.———— Rheines zu ſchleudern. Martin faßte ſich krampfhaft an den ſtrup⸗ pigen Haaren Jacöbchen's, der ſich immer weiter hinausbog. Das Uebergewicht der Schwere riß Martin hinab, aber Jacöbchen verlor ſelbſt das Uebergewicht, und ehe noch eine rettende Hand ſie Beide faſſen konnte, ſtürzten ſie hinab in die Tiefe, und die ſchäumende Fluth verſchlang ſie.— „Alle hatten den Fall in's Waſſer gehört, und ein Schrei des Entſetzens entrang ſich der Bruſt Aller, die herzugeeilt waren. „Niemand wußte eigentlich, wer hinabgeſtürzt ſei; nur Käth⸗ chen ſchrie verzweifelt: Rettet meinen Martin! Jacöbchen hat ihn hinabgeſtürzt. „Lichter, Laternen werden gebracht und hinabgehalten. Die Schiffer eilten zu den Kähnen. Mit Haken wurde die ganze Nacht gefiſcht; aber die Fluth gab ihre Opfer nicht wieder!“ Aller Hände ruhten. Angſtvoll war jede Bruſt am Tiſche gepreßt. Der Vetter ſchwieg. „Großer Gott!“ ſagte des Velten's Frau,„hat man ſie denn nicht mehr gefunden?“ „Doch,“ erwiederte der Chriſtoffelsvetter.„Nach drei Tagen zog man ſie aus der Tiefe, und Beide hatten ſich noch umklammert. Jacöbchen's, ohnedem ſo abſchreckende, von der grimmigen Wuth entſtellte Züge waren zum Entſetzen. Man wollte ſie in Ein Grab legen, aber die ganze Bürgerſchaft widerſetzte ſich dem, bis endlich der alte Pfarrer, nun, wo das Geheimniß keinen Einfluß mehr üben konnte, die Decke davon wegzog. Da geſtattete man es endlich.“ „Aber Käthchen? Was wurde aus dem armen Käthchen?“ fragten die Mädchen und Frauen. „Die Arme,“ ſprach mit Rührung der Chriſtoffelsvetter, „führte ein trauriges Leben. Sie genaß eines Mädchens, das ſchön war, wie die Mutter. Sie erzog es in der Furcht Gottes; — 300— aber ſo alt ſie auch wurde, der Quell ihres Leides und ihrer Thränen verſiegte niemals. Was ſo die äußerlichen Lebensumſtände anging, ſo fehlte es ihr nicht, und ſie litt niemals Noth. Vor etwa zwei Jahren iſt ſie geſtorben, und ihr braves Kind wird wohl * bald eines braven Mannes Weib werden.“ Er ſchwieg. Die Nüſſe waren alle gekernt und Mitternacht nahe. Als wir weggingen, ſagte er zu uns:„Behüte Gottes Gnade uns Alle vor Sünde und Frevel. Das iſt ihr ſchrecklichſter Fluch, daß ſie immer neue Sünden gebiert!“ Und dies Wort klang ſchauerlich in alle Herzen, und die Geſchichte war der Beleg dazu. Das Bacharacher Meßſchiff von Anno 1720. Eine Geſchichte. — e dd — I. Die Zeit, wo ein ehrlicher, ſchlichter Bürgersmann ſeine freien Stunden, ſei's am Feierabend nach treuer Tagesarbeit, oder ſei's am Sonntagnachmittage, dazu verwendet, die in ſeiner Vaterſtadt ſich ereignenden Begebenheiten in ſeiner ſchlichten, naiven Auffaſſung niederzuſchreiben, iſt ſchon lange zu Grabe gegangen, und der Verluſt iſt groß!— Ich ſage Das mit innigem Bedauern, denn vor mir liegt eine ſolche Chronik aus einem alten Städtlein am Rhein, deſſen„gute Zeit“ längſt vorüber iſt, und das aus ihr nur noch ausgebrannte Thürme ohne Dachwerk, verwitterte Mauern und dunkle Erinnerungen gerettet hat, und deren wenige. Zum Glück hatte es einen Chronikenſchreiber in ſeinem ehrlichen, treuen Sebaſtian Fabian. Es iſt Bacharach am Rhein, welches ich meine. Wer kennt es nicht, das altergraue, ſtille Städtlein am ſchönen Ufer des vaterländiſchen Stromes, das mit ſeinen Ruinen kaum noch etwas mehr iſt, als ſelbſt eine Ruine aus einer glorreichen Zeit? Ich habe aus der an Sondergeſchichten ſo reichen Chronik Sebaſtian Fabian's zwei Geſchichten in den geſammelten Erzählungen mitgetheilt:„Das Gotteshäuschen“ und„der Apoſtelhof,“ und kann mich nicht enthalten, hier eine dritte mitzutheilen, die es zugleich wieder zeigt, wie fein Fabian beobachtete und wie er die Menſchen, die Verhältniſſe kannte, die er ſchilderte Freilich ſchrieb er ſeine Chronik gewiß nicht dazu, daß ſie der Welt vorgelegt werde; aber was könnte mich abhalten, Einzelnes mitzutheilen? Die Menſchen ſind. gemodert, von denen die Rede iſt, und kaum klingt noch ihr Name nach in der Erinnerung. Es wird — 304— kein Lebender dadurch verletzt und— wir blicken in das innere Leben und Spießbürgerthum einer kleinen Stadt vor mehr denn hundert Jahren— und— ſagen vielleicht betroffen: Iſt's denn nicht mutatis mutandis noch eben ſo? Nun, die Röcke haben einen andern Schnitt, die aber d'rinnen ſtecken— bleiben die Alten mehr oder weniger! Nach dieſer kurzen Einleitung, welche mir meine freundlichen Leſer wohl vergeben werden, komme ich zur Geſchichte ſelbſt, die den Titel derſelben, wie er da vornen zu leſen ſteht, rechtfertigen wird. Wenn man aus dem Städtlein Bacharach am Rhein ſüdwärts hinausſchreitet und der Landſtraße folgt, ſo findet man heutzutage etwa ein paar Tauſend Schritte auf der Straße, gegen Rhein⸗ diebach zu, eine lange, hohe Mauer, und zwar rechts von der Landſtraße, die einen einfachen Pflanzgarten trägt. In der Mitte der Mauer führt eine Thüre aufwärts, und über der Thüre ſteht ein einfaches, viereckiges Sommerhäuschen, das nur benutzt wird, um das Gartengeräthe darinnen aufzuheben So breit die Mauer iſt, zieht ſich das Grundſtück am Berge hinauf bis dahin, wo die Felſen aufſtarren, welche Mooſe, Engelſüß, Epheu, rankende Linaria und kurze, niedere Geſträuche bedecken. Das Bergland iſt mit Wallnuß⸗ und anderen Obſtbäumen bepflanzt, und trägt nichts weniger als den Charakter einer Anlage. Alles iſt im Natur⸗ zuſtand und zeigt, wie wenig Sinn man für Schönheit hatte, denn zu einer ſchönen Anlage eignete ſich das Plätzlein trefflich. Das Alles wäre nicht der Beachtung werth, wenn nicht oben in den Felſen ein Plätzchen wäre, wie kaum ſchöner eines zu finden iſt, und der— Name? Bleibe ich zunächſt bei dieſem, ſo trägt das Grundſtück den abſonderlichen Namen: der Berlefick. Woher das kommt, muß ich zuerſt erörtern. Um das Jahr 1710 lebte in der guten Stadt Bacharach, welche damals noch ein churpfälziſcher Oberamtsſitz war mit einem Knäuel hochfahrender, feinſchmeckender Beamten, die um ein leckeres Mittagsmahl die halbe Pfalz dran — 305— gegeben hätten, ein alter Junggeſelle von circa fünfundfünfzig Jahren. Er war ſteinreich und hatte einen ſieben Ellen langen Junggeſellen⸗ zopf, womit ich, ohne Zorn und Abſicht, auf die abnormen Neigungen und Meinungen dieſer Menſchenſorte hindeuten will, ſammt ihren ſchroffen Ecken und Kanten. Er hieß eben Herr Berlefick und ihm gehörte das beſagte Grundſtück, welches damals aber weder einen Garten, noch eine Mauer, noch ein Sommer⸗ häuschen hatte, ſondern am Weg einen einfachen Zaun von Weiß⸗ dorn und eine Lattenthüre ohne Schloß. Auch wuchſen keine Bäume da, vielmehr hatte die Natur freien Spielraum, ihre Haſelnuß⸗, Ahorn⸗ und wilden Roſenſtauden aufſchießen zu laſſen, mit diverſen Brombeerranken, und Niemanden fiel es ein, ihr hindernd in den Weg zu treten. Weil aber das Bergſtück das Lieblingsplätzchen des alten Herrn enthielt, und er da in der guten Jahreszeit von ein Uhr bis ſieben Uhr Abends ausſchließlich ſich aufhielt, ſo empfing es ſeinen Namen und bewahrte ſein Andenken wenigſtens in dieſer harmloſen Weiſe, während es ſonſt von der Erde ver⸗ ſchwunden wäre, wenn nicht— Sebaſtian Fabian, der getreue Chroniſt, ſeiner Vaterſtadt eine Epiſode aus ſeinem Leben, und ohne Zweifel die intereſſanteſte, aufbewahrt hätte in einem eigenen (dem 63.) Kapitel ſeiner„Chronika der alten, berühmten Stadt Bacharach.“ Dieſes Plätzchen hat in ſeiner eigenthümlichen Schönheit ſeinen alten, treuen Freund überdauert, und ich bin als friſcher, fröhlicher Knabe gar oft halbe Tage lang dort geweſen und habe meinen Träumen nachgehängt, ohne daß ich von Berlefick mehr wußte, als den Namen, womit das Feldſtück oder vielleicht nur jenes Plätzchen belegt wurde. Der Felſen tritt nämlich an einer hoch oben liegenden Stelle etwas vor und bildet eine Art natürlicher Grotte, die jedoch oben offen iſt und nach dem Rheinthale zu ſich ausweitet. Schling⸗ pflanzen, beſonders Epheu, hingen damals über jenen Felſen herab und ſchmückten die lange Grotte gar lieblich. Wilde Roſen hingen ihre mit weißen Blüthen und Knospen bedeckten Zweige lang herunter. Zur Seite ſtand dichtverwachſenes Gebüſch und ſchloß N. F. w. 29„ — 306— es ab. Rings herum hatte eine ſinnige Menſchenhand, oder beſſer die Hand eines ſinnigen Menſchen, Sitzbänke aufgemauert, die trocken und bequem waren, und eine bedeutende, viereckige Schiefer⸗ platte, die auf einem Pfeiler ruhte und in der Mitte ſtand, bildete einen Tiſch, der oben flach war und den man nicht leicht umwerfen konnte. Rechts, gegen die Stadt hin, war das Plätzlein offen. Ein prächtiger Nägelchenbaum ſtand da, und Jasmin und Roſen — und— in dem Felſen, der den Boden bildete, war hier eine viereckige Kufe ausgehauen, in welche ein Quell rieſelte, der etwas höher aus dem Geſtein quoll; klar, rein und köſtlich war das Waſſer. Der Ablauf des Quells rann den Berg hinab und diente, als vielleicht achtzig Jahre ſpäter der Garten angelegt wurde, dazu, dieſem die nöthige Befeuchtung zu geben. Es läßt ſich kein lieblicher, anmuthiger Plätzlein denken, als das beſchriebene. Was aber ſeinen Reiz um das Doppelte erhöhte, das war die Ausſicht, welche man genoß. Der Felsboden war geebnet und ſenkte ſich etwas abwärts. Das Gebüſch war niedrig gehalten, was dieſen altanartigen Raum umwob, und ſo ſah man vor ſich den Rhein in ſeiner Breite, wie er an der Wirbellai ſich durchdrängt und an den Felſen ſchäumt; ſah links Bacharach mit ſeinen Thürmen, Kirchen und ſeinem weiten Hafen, welcher damals ſchiffreich war, weil ein Rheinzoll hier erhoben, der aber ſpäter nach Caub verlegt wurde; ſah die ſchöne buſchreiche Heillbſen⸗Inſel, mit dem Häuschen auf der Spitze, wo Guſtav Adolf weilte, als 1632 ſein Heer dort auf einer Schiffbrücke den Rhein überſchritt. Blickte man rechts hinauf, ſo lag Lorchhauſen, das langgeſtreckte Lorch, Rheindiebach mit ſeiner ſtattlichen Burg Fürſtenberg vor dem Auge, und hoch oben blickte das Schlößchen auf dem Nieder⸗ wald, das damals eben erſt erbaut worden war, weiß aus dem dunkeln Rahmen des Waldes. Der Rhein aber bildete ſcheinbar einen See, weil oben und unten die Windungen des ſtolzen Stroms ihm dies Anſehen gaben. Hier brachte Herr Berlefick die Nachmittage zu, ſobald die Witterung es geſtattete. Sein Haus in der Stadt befand ſich, wenn man zum Krahnenthor hinein ging, rechts, das zweite, und — 307— war, wenn auch ſtattlich, doch alt und ſpitzgiebelig, wie er es von ſeinem Herrn Oehm ererbt, an welcher Stelle ſpäter das Gaſthaus zum weißen Roß aufgeführt wurde, ohne daß es als Gaſthof irgendje gedient. Er war von mittlerer Größe, der Herr Berlefick; neigte zu einer anſtändigen Wohlbeleibtheit, wenigſtens hatte ſein Bäuchlein eine ſehr ſtarke Wölbung nach Außen, die den Schneidermeiſter Praſſel, der ihm arbeitete, zwang, der langen, bis auf die Schenkel reichenden Weſte einen abſonderlichen Bogenſchnitt zu appliciren. Wenn er ſo dahinſchritt, das eben ſich ſtark mit Weiß miſchende Haar hinten in einen Büſchel feiner Zöpflein gebunden, die jeden Morgen der Perrückenmacher Stübeng ordnete und flocht, mit dem feinen Dreimaſter bedeckt; mit den kurzen Kniehoſen und Knie⸗ ſchnallen; den ſchwarzwollenen(Sonntags waren es ſeidene) Strümpfen und Schuhen mit mächtigen ſilbernen Schnallen; dem leberbraunen, breitſchößigen Rocke mit kurzem Krägelein und gewaltigen Aufſchlägen an der Hand, und tellergroßen blanken Knöpfen; in der einen Hand das echte Meerrohr mit dem Elfen⸗ beinknopfe, in der andern die feine holländiſche Thonpfeife, die er abſonderlich zu ſchonen wußte,— ſo war er ohne Zweifel eine ſtattliche Erſcheinung Er war auch ein recht hübſcher Mann, aber der Fehler, daß er nie Waſſer trank und einen entſchiedenen Abſcheu vor dieſer, die Augen ſo klar erhaltenden Gottesgabe hatte, und, da er doch eine hitzige Leber hatte und viel, ſehr viel Durſt, den er dann mit dem köſtlichen Weine Bacharachs, Morgens mit rothem, Mittags mit weißem, löſchte, brachte es hervor, daß ſeine Geſichtsfarbe, beſonders die der Wangen, ſehr hochroth und die ſeiner Naſe einen bläulichen Flimmer hatte, der faſt dem Metallglanze nahe kam, und dieſe abnorme Färbung ließ ihn weniger ſchön erſcheinen, woran allerdings ſeine Waſſerſcheu ſtarken Antheil hatte. Wer ſich indeſſen darüber hinausſetzen konnte, der fand ihn auch noch immer ſchön; doch war das nicht Jedermanns Sache. Gut war er von Herzen, denn er tödtete keine Fliege, die 20 — 308— ihn ſtach, auch wenn ſie ſitzen blieb. Er konnte keinem Menſchen ein Leid anthun und nicht leicht etwas abſchlagen, worum man ihn bat; aber er hatte doch einen Hauptfehler, nämlich, er war von ſo auffahrender Hitzeblitzigkeit, daß er dem Pulver glich. Wenn ſolch ein geiſtiger Bremſenſtich kam, hui! dann war's, als ſtünde das Männlein in Feuer und Flamme; dann kollerte er wie ein Welſch⸗ hahn; dann wurde ſein Kopf purpurroth, die Naſe ſtahlblau, und hatte er Einen vor ſich, ſo groß wie der Rieſe Goliath weiland, ſo fuhr er ihm an die Gurgel oder bläuete ihn ab mit ſeinem Meerrohr, daß es eine Art hatte. Mitunter mäßigte er ſich auch, zumal früh am Tage, wo er noch nicht viel Bacharacher getrunken. Hätte der Mann eine Frau gehabt und Arbeit, ſo ſtändige Arbeit, wie ein Beamteter oder dergleichen, er wäre eine Perle von einem Manne geworden, zumal wenn die Frau es verſtanden hätte, das Pantoffelchen weich und zart zu führen und pfiffig, was ſie freilich Alle ſind, wie jeder Ehemann zu erzählen weiß. So aber trank er aus Langweile, wurde ärgerlich, reizbar und jähzornig aus Langweile und meinte, er habe allemal Recht; wurde hitzköpfig und hatte Niemand, der ihm gemüthlich nahe ſtand. Das iſt in Summa der meiſten Hageſtolze Schickſal und das Ende vom Lied, das kein Duett iſt. Solche Einſpänner ſind alle kurioſe Heilige und werfen leicht um. Es ſind nur halbe Menſchen, wie Dector Martinus richtig bemerkt hat. Aber das bleibt feſt, ſie ſind beim größten Reichthum arme Schelme, denen das Leben eine Wüſte wird, weil die Liebe fehlt; deren Alter ein Jammer iſt, weil der geheiligte Kreis der Familie mangelt; an deren Grabe der geheuchelte Schmerz Krokodilsthränen weint, weil innerlich das Herz über das ſchöne Erbe lacht. Solche Gedanken waren in den letzten Jahren, ſeit in dem Hauſe gegenüber ein lieblich Kind zur reizenden Jungfrau erblüht war, auch durch Berlefick's Gehirn gegangen, und die Liebe zu dem engelſchönen Mädchen hatte ein Stockwerk tiefer, nämlich im Herzen, ſich in einem Grad eingeniſtet, der an eine Hochzeit allen Ernſtes denken ließ. Die Sache raſcher zum Ende zu führen, war ——— — 309— ein Entſchluß, der in den Sommertagen des Jahres 1720 raſch reifte, weil mancherlei Umſtände zuſammentrafen, von denen noch die Rede ſein wird und muß, weil's eben in den Gang der Geſchichte gehört. So war er denn an einem gluthheißen Auguſttage des genannten Jahrs an ſein Lieblingsplätzchen gegangen. Der Weg hinauf war jäh, und erſt heute war ihm der Gedanke einer bequemen Serpentine gekommen, der eheſtens ſollte verwirklicht werden, denn wenn er auch zuſammenhielt, geizig konnte man ihn nicht ſchelten. Lief ihm das Herz mit dem Kopfe fort, und das begegnete ihm wohl einmal, ſo gab er mit vollen Händen, und galt es die liebe, herrliche Bequemlichkeit, dann ſparte er nicht, denn er liebte ſie überaus. „Das war ein ſchwer Stück Arbeit,“ ſagte er, als er auf den Vorplatz der Grotte trat und ſich die rinnende Stirne trocknete. „Jetzt darf ich mich auch nicht dahinein ſetzen, wo es ſo kühl iſt! Wer— ſich zu vermählen gedenkt, muß den Leichtſinn ablegen, mit dem die ledige Jugend ſolche der edlen Geſundheit nachtheilige Zuſtände mißachtet. Man betrachtet ſich, als gehöre man ſich ſchon nicht mehr allein an. Ja, heirathen will ich!“ fuhr er im Selbſt⸗ geſpräche fort.„Man hat mir's oft geſagt, es wäre Zeit. Nun, Fünfundfünfzig iſt die Blüthe des männlichen Alters, und der Stübing ſagt alle Morgen, wenn er mich raſirt und friſirt: Conſerviren ſich wie Rieslingwein, der alle Tage beſſer wird. Meiner Six, wie Rieslingwein!— Freilich, meine Haare werden melirt und ſtechen in's Hellaſchgraue, das die Leute falſch Weiß nennen; aber ſonſt bin ich doch noch ein reſpektabler Menſch, auf Ehre!“— Dabei trat er feſt auf den Felſenboden—„Und,“ fuhr er fort,„ich kann Anſprüche machen, denn ich bin reich, wie Keiner in Bacharach. Hätt's übrigens doch früher bedenken ſollen; aber da wählt man und bedenkt und düftelt ſich's heraus und meint, es müßte ein purinziger Engel ſein, und tappt neben d'ran und kommt zu keinem Ziel. Ich Narr! Grade vor der Naſe blüht die reizendſte Roſe, und ich warte bis heute? Eidam's Guſtelchen —— — 310— iſt ein Engel, dafern es einen auf Erden gibt! Zwanzig Jahre, roſig, blauäugig, blondhaarig, gewachſen wie eine Tanne, heiter wie der Himmel über mir, luſtig— ſingt den ganzen Tag wie eine Lerche, flink wie eine Bachſtelze, ſchelmiſch wie ein echtes Bacharacher Kind und rheiniſche Natur! Die ſeh' Einer alle Tage vor ſich, wie er zum Fenſter tritt, und werde nicht kapitalgeckig! Es muß fertig werden, und bald; der Strick, der Ferdinand, ſoll mir nicht mehr dazwiſchen kommen! Nun, der iſt fort, und das war ein Meiſterſtück, wie ich kaum eins fertig gebracht habe. Aus den Augen, aus dem Sinn, heißt's bei den Mädchen, und komm' ich— nun, ich falle in's Gewicht!— Ferdinand iſt blitzſchnell vergeſſen!“ Berlefick trat, trotzdem, daß er noch glühte, in die kleine Grotte und ſetzte ſich nieder, ſchob eine Schieferplatte von der hinteren, an die Felſenwand anlehnenden Bank zurück und nahm einen Weinkrug heraus. Es befand ſich nämlich daſelbſt eine nur ihm allein bekannte, weil von ihm ſelbſt mühſam ausgemauerte Vertiefung, in welcher eine Anzahl Krüge verborgen werden konnte.„Das war auch ein Meiſterſtück,“ ſagte er.„Ich könnte Maurermeiſter werden!“ „Eine Erquickung thut nach ſolcher Strapatze noth!“ ſagte er zu ſich, horchte aber in demſelben Augenblick mit Anſtrengung auf einen Ton, der an ſein Ohr geſchlagen. Es war ein trockenes, metalliſch gellendes Huſten, das allmälig näher kam. „Ei, ſo wollt' ich, daß du dürre Bohnenſtange wär'ſt, wo der Pfeffer wächſt!“ zürnte Berlefick.„Muß mich der Schmarotzer denn bis in dieſen ſtillen Winkel verfolgen, weil er Luſt hat, ſeine durſtige Kehle mit edlem Wolfshöhler oder Leimbacher zu netzen! Nein, mein lieber Rector, diesmal iſt's Numero Null!“ Der Krug verſchwand wieder an ſein Plätzchen und Berleſick nahm eine Stellung ein, als ſitze er in tiefen Gedanken. Nach kurzer Zeit wurde zuerſt ein dreieckiger Hut ſichtbar, dann ein langes, bleiches, mit einer weißen, dickgepuderten Perücke umrahmtes Geſicht, darauf eine lange, ſpindeldürre Geſtalt in — 311— einem ſchneeweißen, breitſchößigen Tuchrocke mit großen, vergoldeten Tellerknöpfen, rother Atlasweſte und ſchwarzen Kniehoſen und weißen Strümpfen, Schnallenſchuhen und einem ungemein langen Meerrohr mit ſilbernem Knopf. Es war der Rector der latei⸗ niſchen Schule, Herr Strunk, ein Mann von Gelehrſamkeit, der aber gerne an fremden Tiſchen Gutes aß und trank, viel redete, ſich in aller Leute Angelegenheiten gerne miſchte als Rathgeber und Freund und unter dem Pantoffel ſeiner Frau ſtand. Kinder hatten ſie nicht, waren von Seiten der Frau reich und kleideten ſich nach der neueſten Mode; dabei war ihr Haus eine Klatſch⸗ anſtalt, die ihres Gleichen nicht hatte. „Servus, Serviteur!“ rief er huſtend.„Serviteur, Herr Ber⸗ lefick! Es iſt aber wahrhaft ſtrafbar, ſeine Freunde zu nöthigen, auf dieſem heilloſen Berge Beſuche zu machen!“ ſagte er, ſich die Perücke gemüthlich abnehmend, um den Schweiß zu trocknen.„Da wird mein Aſthma doppelt quälend! Die Sophie hat's auch geſagt.“ Berlefick brach, überwältigt von dem komiſchen Anblick des kahl geſchorenen Hauptes, in ein unmäßiges Gelächter aus. „Viel Ehre für mich, daß Ihr's doch thuet,“ ſagte Berlefick lachend.„Es zeigt ſich, daß mein Tusculum doch Reiz für Euch hat. So viel ich aber weiß, iſt es das erſte Mal, eß Ihr Eure Atzel hier herauf traget.“ Ein ſtechender Blick des Rectors bewies, wie zornig er war. Er war heftig, aber die Gewöhnung, den Zorn ſeiner Herrſcherin Sophie gegenüber zu unterdrücken, hatte ihm viel Macht über ſich ſelbſt gegeben, dennoch konnte er über eine dreifache Beleidigung nicht ſchweigen. „Euer Lachen iſt beleidigend, beſonders da Ihr ſonſt ein ſo feiner, umgänglicher Mann ſeid,“— hob der Rector mit verbiſſenem Grimm an. „Nehmt's nicht kraus, Herr Rector! Es kann kein Menſch dem Lachreiz widerſtehen, wenn Ihr ſo gemüthlich Eure Atzel abnehmt.“ — „Schon wieder Atzel!“ rief der Rector,—„doch zuerſt ein Anderes. Ich begreife nicht, wie ein Mann, der in literis bewan⸗ dert und von gelehrter Bildung iſt, einen feuchten Winkel, wie dieſen, ſein Tusculum nennen kann. Das iſt doch eine Sünde gegen alle claſſiſche Bildung, und geht mir durch Mark und Gebein.“ „Thut mir herzlich leid,“ ſagte Berleſick lachend;„aber ich glaube, daß ich dieſe Bezeichnung rechtfertigen kann“ „Etwa, wie den gemeinen Volksausdruck Atzel für Perücke?“ rief der Rector, dem die Geduld auszugehen drohte. „Ganz gewiß!“ rief Berlefick, und ließ ſeiner Laune den Ausbruch im allertollſten Gelächter. Der Rector warf ihm einen Blick der Verachtung zu, der indeſſen gar nicht verfing. „Begreift Ihr denn nicht,“ fuhr Berleſick endlich ruhiger fort,„daß das tertium comparationis ſo nahe liegt? Ich erkenne einen guten Witz in dem Namen, den das Volk der unnatürlichen Kopfentſtellung gibt. Die Atzel oder Elſter iſt bekanntlich ſchwarz und weiß und hat einen ungewöhnlich langen Schweif. Nun iſt Eure Haarhaube auch ſchneeweiß von Puder und der gewaltige Schlupf hinten iſt ſchwarz, wie denn auch der Schweif oder Zopf ſchwarz bewickelt iſt, der Euch im Nacken hängt. Begreift Ihr's denn nicht, wie paſſend die Vergleichung iſt?— Ueberdies iſt es noch ein ehrlich deutſcher Name!“ „Was deutſch?“ donnerte der Rector; aber er beſann ſich, um doch nichts zu verderben.„Ihr ſeid und bleibt ein wunder⸗ licher Heiliger, die Sophie hat's auch geſagt! Ihr wollet allerwegen Oppoſition machen gegen die Weltbeherrſcherin, die Mode, und das ſtehet Euch übel zu Geſichte. Wie viel paſſender wäre es, wenn Ihr, ſtatt Euer ſtruppiges Haargewächs in natura zu tragen, wie es der Plebs thut, und das gar keine Farbe mehr hat, dieweil es halb weiß und halb ſchwarz iſt, wie Kümmel und Salz auf den Faſtenbretzeln, mit einer ehrwürdigen Perücke bedecktet! Und aus Gründen, Herr, die mich heute in Liebe zu Euch geführt und — 313— einen anſtändigeren Empfang und Behandlung verdienten. Die Sophie hat's auch geſagt.“ Berlefick wurde ernſt.„Laßt den Streitapfel,“ ſagte er,„und entwickelt dieſe Gründe, wenn es Euch beliebt.“ Der Rector war innerlich wüthend über den Böotier, wie er Berlefick im Stillen nannte. Er ſetzte mit vor Zorn zitternder Hand ſeine Perücke wieder auf, kam aber unglücklicher Weiſe nicht in's rechte Fahrwaſſer und ſetzte ſie verkehrt, ſo daß der Zopf vorn hin kam. Ehe er den Fehlgriff, der ihn doppelt erzürnte, gut machen konnte, brauſte wieder Berlefick's Gelächter los. „Laſſet die Atzel ſo ſitzen!“ rief er aus und bog ſich vor Lachen.„Sie kleidet Euch lieblich und Ihr erfindet eine neue Mode, was doch in Euern Augen ein Verdienſt iſt.“ Der Rector erbleichte vor Zorn über ſeine Dummheit und Berlefichs ärgerliche Rede und Lachen. „Wie Ihr doch kindiſch lachen könnet über einen Fehlgriff, zu dem mich Euer aufregendes Lachen brachte!“ rief der Rector aus und ſchob die Perücke zurecht und drückte ſie feſt. „Ich dachte mir,“ fiel Berlefick in die Rede,„wenn Eure Sophie Euch alſo geſehen, ſie hätte Euch ihre Hand und ihr Herz nicht geſchenkt, denn Euer Kahlkopf hat nichts Reizendes, Ihr könnt mir's glauben!“ „Das wäre meine Sorge geweſen!“ rief der Rector. „Meine Frau hat Bildung genug, das Schickliche im Auge zu behalten, und würde ſich nicht benommen haben, wie ein ungebil⸗ detes Bürgermädchen etwa, das unverdient und als Backfiſch zu Ehren kommen ſoll.“ Das war ein Stich für Berlefick, den dieſer fühlte. Er erinnerte ſich der Aeußerung des Rectors, daß es Gründe gäbe für ihn, eine Perücke zu tragen. Es ahnte ihm, daß zwiſchen dieſer Bemerkung und dem Stiche, den ihm der Rector beigebracht, ein Zuſammenhang ſei, und wurde plötzlich ernſt. „Laſſen wir die Poſſen!“ rief er aus.„Es will mir ſcheinen, daß Euer Beſuch in meinem Bergplätzlein, das zu erſteigen Euch ſo große Moleſte gemacht hat, eine gewichtige Urſache haben müſſe. Ich wünſchte, Ihr redetet von der Leber und Farbe!“ „Das iſt doch ein vernünftig Wort,“ ſprach der Rector, zog ſein zierliches Taſchentuch heraus, legte es auf die Steinbank und ſetzte ſich darauf, während ſeine Augen den ganzen Raum durch⸗ forſchten. Das Reſultat dieſes Blickes war kein erfreuliches, denn der Rector mochte auf ein feines Tröpflein gerechnet haben, konnte aber nichts entdecken, was darauf hätte ſchließen laſſen, daß Berleſick hier ſeinen Nektar habe, wie man ihn ſonſt bei ihm fand. Berlefick hatte mit Genugthuung dieſen Blick beachtet. „Es thut mir leid,“ ſagte er,„daß ich Euch nichts vorzuſetzen habe, als etwa dieſen reinen Quell, bei deſſen Genuſſe man noch ſich niederknien und ſchlürfen muß, wie wir es etwa als Knaben gethan haben.“ „Leide nicht an Durſt,“ warf der Rector hin;„aber Ihr müßt wohl viel leiden, da Ihr doch an Eure Wolfshöhler und Leimbacher gewöhnt ſeid.“ „Wenn ich hier bin, lebe ich als Einſiedler,“ ſagte Berlefick. „Und man ſagt doch, daß das nicht auf die Dauer Eure Meinung ſei, was auch nicht gut wäre, wie die Sophie auch ſagt,“ bemerkte der Rector froh, einen Anknüpfungspunkt gefunden zu haben.„Darum meine ich auch, Ihr ſolltet mehr der Mode huldigen, das gefällt den Weibſen.“ „Meine Erwählte iſt vernünftiger,“ ſprach Berlefick. „Erwählte?“ rief der Rector.„Alſo wirklich ſchon gewählt? Ei! Ei!— Hm! Meinte dazu, Euch einen Beweis meiner Liebe mit gutem Rathe zu geben Die Sophie hat's auch geſagt, man bedürfe deſſen in ſolcher Lage.“ „Danke!“ war Berleficks lakoniſche Antwort. Der Rector ſah verlegen zur Erde und wußte nicht, wie er die Kehr kriegen ſollte. „Ihr vergeßt Eure Gründe, Herr Rector,“ bemerkte lachend Berlefick. — 315— „Nun, ich meinte, wer mit Heirathsgedanken umginge, müſſe nach der Mode fragen, die doch in den Augen der Frauen eine Macht iſt. Da wäre es Fflicht, eine Perücke zu tragen, die Sophie hat's auch geſagt. Es gibt nichts, was den Mann ehrwürdiger, anſtändiger, gehaltener erſcheinen läßt, als die Perücke, die jeder gebildete Mann trägt. Da Ihr nun, wie ich nicht zweifle, den unſinnigen Gedanken aufgegeben, das junge Ding, die Tochter des Schiffers Peter Eidam zu ehelichen—“ Das war Berleſick zu viel. Sein Zorn blitzte auf mit raſender Macht. „Schert Euch zum Henker!“ ſchrie er.„Wer hat Euch berufen, mir vorzuſchreiben, was ich thun ſoll? Ihr und Eure Stadtſchelle, die Sophie, die Alles auch geſagt hat, ſollt Euch um mich nicht bekümmern! Lehrt Eure Schüler, tratſcht mit Eurer Frau über Andere, aber bleibt mir mit Rath vom Leibe!“ Der Rector ſtand erſchrocken auf, nahm ſeinen Hut und machte ſich davon; denn er wußte, jetzt war nichts mehr mit ihm zu machen, und ihm männlich Part zu halten, war ſeine Sache nicht. Aber den Berg hinunter brummte er zornig in den Bart, und verſchwor ſich, ihm nie mehr über die Schwelle zu gehen. Unten am Eingange zu Berlefick's Berg kam ihm der Cantor und Schulmeiſter Schmidt entgegen, ein alter Mann, ſauber, aber beſcheiden, faſt dürftig gekleidet. Dieſer verbeugte ſich, zur Seite tretend, und wünſchte dem Herrn Rector einen guten Abend. „Wohin will Er denn, werther Herr Cantor?“ fragte der Rector, ſtehen bleibend, der ſich um alle Leute und alle Dinge zu ſchaffen machte. „Dahin, woher Ihr kommt,“ ſagte Schmidt,„zum Herrn Berlefick.“ „Da kommt Er eben recht, daß ſich Gott erbarme! Der iſt in einer wahren Berſerkerwuth, ein Krippenbiſſer, ein Maſſik, wie die Pferdejuden ſagen(aber es iſt Hebräiſch), ſchlägt hinten und 6 vornen aus und iſt grob wie Bohnenſtroh. Gehe Er nur hin, Er kriegt auch noch ſeinen Senf.“ „Ei, ei!“ ſagte der Cantor.„Ein Maſſik? Und ſolche Wuth! Ich begreife nicht, wie ein ſo ruhiger Mann—“ „Ruhig?“rief der Rector aus,„dann bleibt auch das Pulver ſtockmäuschen ſtille, wenn Feuer d'ran kommt. Und was war's? Ich ſag' Ihm, Herr Cantor, nichts war's, als daß ich ihm in freundſchaftlicher Weiſe von einem dummen Streiche abrieth, den er zu machen im Begriffe ſtehen ſoll, nämlich des Schiffers Eidam Tochter zu ehelichen, das junge Ding, eben erſt flügge; achtzehn Jahre—“. „Und ein halbes,“ ſagte der Cantor,„das weiß ich genau, denn ich bin ihr Pathe.“ Der Rector ſtutzte.„Da komm' ich ſchön an!“ dachte er. „Iſt denn Alles gegen mich verſchworen?“ Als er betroffen ſchwieg, ſprach der Cantor:„Angenommen, Herr Rector, es wäre ein dummer Streich, was ich, meines Ortes, gar nicht geſagt haben will, da es an und für ſich recht gut iſt, wenn die Frau—“ „Gleichalterig mit dem Mann iſt“ ſiel ihm dennoch der Rector, ſich ermannend, in die Rede„Eure Pathe iſt ein lieblich und recht tugendſam Kind, das wohl einmal zu meiner Frau kommt, von der ein Mädchen etwas lernen kann,— aber der alte Berlefick könnte doch ihr Vater ſein.— Und die will er, wie ich höre, nehmen.“* „Es iſt ein kitzlich Ding, wider den Wind zu ſegeln, wenn man nicht muß,“ ſagte beſcheiden der Cantor,„und Der es unbe⸗ rufen thut, kommt nicht ſelten in die Patſche; wir Gelehrten ſollten das wiſſen!— Guter Rath iſt wohlfeil und doch will ihn Niemand ungefordert.“ Bei dem Worte:„Wir Gelehrten“ zuckte der Rector, als hätte ihn eine Horniſſe geangelt. Er ſah den Cantor mit einem Blicke vernichtender Verachtung an, wollte ihm mit einer Imperatormiene den Text über ſolchen Schulmeiſterdünkel leſen; aber zur rechten — 317— Zeit äußerte die gute Zucht ſeiner Sophie ihre Wirkung und feierte für heute den zweiten Triumph. Er brummte etwas in den Bart, wandte dem Schulmeiſter den Rücken und rannte wie ein Beſeſſener fort, ohne ihm ein herkömmliches Adje zu ſagen. Der Cantor blieb ſtehen und ſah dem Rector nach, ſchüttelte den Kopf und ſagte zu ſich:„Wenn's Dem in Capitolio nicht rappelt, ſo weiß ich nicht mehr, ob das Sprüchlein richtig iſt: daß man den Vogel an dem Geſang und an den Federn erkennen ſolle.— Weiß wohl, was ſeine Frau will! Wie oft hab' ich die Guſtel ſchon vor dieſer Kreuzſpinne gewarnt, die das Mädel wie eine Fliege gefangen hat in ihrem Netz; es hilft aber Alles nichts. ZJeden Abend hat es der Kuckuck bei der gelben Here. Die Frau Apotheker Raspel will ſie ihm freien. Das iſt ſo Eine von ihrer Sorte— Kaffeſchweſter und Räſonnir⸗Raspel, wie ſie in der Stadt heißt. Himmel und Erde, wie ſollten die Zweie ſich Berle⸗ fic's Reichthum zu Nutze machen! Nein, da gönn' ich's doch lieber dem Guſtelchen! Freilich haben die jungen Dinger heutzutage immer die Liebe im Spiel. Das iſt ein unbrauchbar Stück Möbel. Verſorgung iſt Numero Eins! Das iſt die beſte Lieb', die mit der Ehe kommt! Die hält aus, während der dumme Rauſch vergeht. Ich, zum Beiſpiel, und meine Eva, wir kannten uns gar nicht vorher. Ich war fünfzehn Jahre älter als ſie. Mein Collega Rumpel machte die Freierei. Es wurde richtig, und— unſere Ehe iſt ein heiterer Maitag geweſen, trotz Noth und Sorgen, und Gott weiß es, wie inniglich lieb wir uns haben, und nichts mehr wünſchen, als Gott möge uns an Einem Tage zu ſich nehmen, daß nicht Eins das tiefe Weh des Scheidens fühlen und tragen müſſe!“ Er ſah wehmüthig hinab zum Rheinufer, wo ſeine Eva in dem kleinen Gärtlein handthierte, und in dem Blicke des braven Mannes lag die ganze Tiefe einer innigen Liebe. Eine Weile ſah er dem theueren Weibe zu, dann wandte er ſich um, den Berg zu erſteigen,— denn heute war der Verfalltag der Zinſen, die er Berlefick ſchuldete, und der alte Junggeſelle hielt gar viel auf — 318— „ Ordnung, was der ehrliche Schmidt wußte. Er hatte das Geld* mühſam zuſammengeſpart, hatte ſich's mit ſeiner lieben Eva am Mund abgebrochen und fühlte ſich jetzt glücklich, daß er es bezahlen konnte, obwohl auch andere Lücken waren, dahin es gepaßt hätte. Berleſick's Hitzkopf hatte allerdings etwas mit dem Pulver gemein. Er blitzte plötzlich auf, aber wie mit dem Rauche die Wirkung des Pulvers weg iſt, ſo war's mit ſeinem Zorn. Erſt noch rannte er wie ein Beſeſſener herum, dann aber, nachdem er ſich mit einem Dutzend Kraftworten Luft gemacht, ſetzte er ſich ruhig nieder, nahm ſeinen Krug und ſeinen Becher heraus und trank mit Behagen. Da hörte er nahe, leiſe Tritte und ſah den Cantor vor ſich. Bei ſeinem Anblicke ſchwanden die letzten Wolken, die ſeine Stirne noch belagert hielten. Er dachte nicht daran, ſeinen Krug zu verbergen, wie er es bei dem Rector gethan, ſondern erwiederte den achtungsvollen Gruß des Cantors mit aufrichtigem Wohlwollen. „Ich glaubte Euch, geehrter Herr, in großer Aufregung zu finden,“— hob der Cantor an, der nicht wenig erſtaunt war, ſtatt einem Wetter mit Donner und Blitz die ruhigſte Stimmung, die heiterſte Stirne bei Berleſick zu finden. „Fehlgeſchoſſen, lieber Herr Schmidt! Iſt vorüber; war nur ein Bischen Gallenüberſchuß über einen Narren! Der Rector hat mich geärgert.“ „Kann mir's denken,“ war des Cantors zur weiteren Mit⸗ theilung anſpornende Antwort.„Solche Anträge können Einen wohl ärgern.“ „Wie? Was? Anträge?“ rief Berleſick.„Wißt Ihr um die Geſchichte?“ „Nicht mehr und nicht weniger, als was mir der eitle Mann ſelbſt unten, wo er mir begegnete, mitgetheilt,“ ſprach erſchrocken — 319— über die Aufregung Berlefick's der Cantor.„Zürnet mir nur nicht und glaubet nicht, als theile ich ſeine Meinung!“ „Ei, ſo redet doch!“ rief höchſt ungeduldig Berlefick.„Was wollte er denn?“ „Nun,“ ſagte der Cantor zögernd,„Euch eine gefaßte Neigung — wenn ich ſo ſagen darf— ausreden, und eine— Freierei machen“ „Der eine Freierei? Ei, ſo ſoll dich ja!“— rief brauſend vor Grimm Berlefick.„Aber wißt Ihr's denn?“ „Freilich weiß ich's.“ „Und Ihr laßt mich da zappeln, wie ein Fiſchlein an der Angel?“ „Geehrter Herr Berleſick,“ ſagte der Cantor,„ich pflege mich in keinerlei fremde Affairen zu mengen, allerwenigſt in die, ſo da Freiereien und Einſchlägliches tendiren. Dannenhero möget Ihr mir es zu Gute halten, wenn ich hier rede, wo Ihr ſolches entſchie⸗ denſt fordert. Er meinte, das ſchöne Schifferkind Euch aus dem Sinne zu prakticiren und dafür Euer Auge wohlgefällig auf die Frau Wittwe Raspel zu lenken, vornehmen Apothekers Raspel nachgelaſſene, kinderloſe Hausfrau.“ „Die?— Die Raiſonnir-Raspel, wie man ſie hier bezeichnend nennt, die citrongelbe, alte Hexe, die den armen Raspel todt geärgert hat; die Hexe wollt' er mir freien?— Nun, dann mag er von Glück ſagen, daß ihm die Raspel im Halſe ſtecken blieb! Ich weiß nicht, was ich dem Atzelhelden gethan hätte,— aber ich fürchte, die Atzel hätte Flügel gekriegt!— Item— lieber Herr Cantor, ſetzet Euch und trinket einmal! Ich will nicht mehr an den albernen Narren denken“ Er reichte ihm ein volles Glas. Der Cantor trank mit aller der Formalität jener Zeit Berlefics Geſundheit und ſetzte das kaum angenippte Glas wieder auf den Tiſch. „Mein' auch,“ ſogte er dann,„das wär' die Rechte für Euch, wenn Ihr etwa den lobenswerthen Gedanken ausführen wolltet, Euch eine liebevolle Pflegerin zu ſuchen. Eine abſcheuliche Zumuthung! Aber es iſt eine Praktik der Sophie, die iſt mit der Raspel Ein Herz und Eine Seele und die Zwei würden ſich in — 320— Euerem Geld ein Bene zugelegt haben. Da wäre ich denn doch anderer Meinung.“ „So?“ ſagte Berleſick ſchmunzelnd.„Welcher denn, wenn ich's wiſſen darf?“ „Was man denkt, ſoll man auch ſagen dürfen,“ bemerkte der Cantor,—„ich meine ſo Etwas in Euerer Nachbarſchaft.— Da hat meine liebe Eva eine Pathe—“ „Ihr meint Eidam's Guſtelchen?“ fiel ihm der ungeduldige Berlefick in die Rede. „Gerade Die!“ ſagte Schmidt.„Nichts für ungut, Herr Berlefick, aber das Mädel iſt eine Perle.“ „Weiß ſchon, lieber Cantor,“ fuhr ſehr freundlich Berleſick fort—„aber—“ „Aber? Sollte da ein Aber ſein?“ 8„Nun, lieber Mann, man weiß nicht—“ „Was denn, verehrter He „Ob ſo ein Mädchen unſer Einen nimmt, lieber Freund.“ „Unſer Einen? Mit wem ſtellt Ihr Euch denn gleich, verehr⸗ teſter Herr Berlefick? Das liebe Kind wird die Ehre zu würdigen wiſſen, die ihm widerfährt, wenn es Euch ein Ernſt wäre.“ „Freund!“ rief Berleſick, ganz elektriſirt,„es iſt mein voller, ganzer, purer, gründlicher, ernſteſter Ernſt! Ich wäre der glück⸗ lichſte Menſch auf der Erde! Helfet mir wirken, und Ihr ſollt Beweiſe meiner Dankbarkeit haben, die—“ „Bedarf deſſen gar nicht,“ ſagte der ehrliche Cantor.„Aus Hochachtung gegen Euch und Liebe zu dem guten Kinde ſoll's mir eine Hauptaufgabe ſein!“ Berlefick ſchenkte wieder ein und ſchob dem Cantor das Glas zu. „Haltet ein, geehrter Herr,“ rief dieſer.„Mir kommt ſo ein Nektartröpflein ſelten zu; da könnte es leicht die Oberkammern illuminiren und meine alten Beine aus der Linea bringen, wie mich aus dem Renomme. Auch mächte ich primo loco die Ange⸗ legenheit abſolviren, die mich hierhergeführt. Ich habe dem Herrn — 321— Stadtſchreiber und Caſſirer, der des Rechnens nicht recht Meiſter iſt, in meinen wenigen Freiſtunden ſeine Jahresrechnung geſtellt, und mir etwas verdient, auch geſpart, wo und wie es ging, daß ich's konnte zuſammenbringen. Es wird Einem ſchwer bei ſechzig Gulden Gehalt, summa summarum nach der Competenz.“ Berlefick hatte, innerlich bewegt, den Worten des Sorgenvollen gelauſcht. Sein gutes Herz machte alle ſeine Rechte geltend und ſein Auge haftete, feucht werdend, auf dem ſauer erworbenen Gelde, das er nun einſtreichen und in den Geldſack zu ſeines Gleichen ſchieben ſollte. Die Mißſtände des Lebens fielen ſchwer auf ſeine Seele. „Lieber Freund,“ hob er weich an,„habt Ihr denn auch den Apparat zur Quittung?“ „Ich war in Eurem Hauſe und die alte Roſina ſagte, Ihr ſeiet hier. Da hab' ich Papier, Feder und ein transportables Dintenfäßlein zu mir geſteckt, um es Euch bequem zu machen.“ „Stecket das Geld einmal wieder ein,“ ſagte Berleſick. Der Cantor ſah ihn verwundert an. Berlefick ſchrieb und reichte ihm das Papier.„Leſet's,“ fagte er,„es wird ſo richtig ſein!“ Dem Cantor entfiel das Papier vor Schrecken.„Was iſt das?“ fragte er erſchrocken. „Was iſt's denn?“ fragte Berlefick zurück.„Ihr habt die Zinſen für fünf Jahre vorausbezahlt. Damit iſt's abgethan. Dies Geld ſtecket Ihr ein und thuet Euch und Eurer guten Eva irgend ein Beneficium dafür an.“„ Der Cantor glich einer Bildſäule. Allmählich wurde ſein Auge thränentrübe. „Gott vergelte es Euch, edler Herr,“ ſagte er ergriffen.„Nun kann ich wenigſtens das Nöthigſte beſorgen. Gott lohn's.“ Er Berlefics Hand innig, wiſchte ſich die Augen und ging, weil ihm das Herz zu voll war. Berlefick ſah ihm bewegt nach.„Armer, alter Mann,“ ſagte er,„Eine Sorge hab' ich von deinem Herzen genommen!“— Dann N. F. M. — 322— rieb er ſich vergnügt die Hände und ſagte:„Das hört Guſtelchen brühwarm!“ Er trat auf den Vorſprung des Felſens, um dem Glücklichen nachzuſehen, der mit leichtem Herzen heimeilte. Zetzt erblickte er wieder Einen, der auf ihn losſteuerte. Diesmal über⸗ glänzte ſein Antlitz eine neue Heiterkeit. Es war der Schiffer Eidam, Guſtelchen's Vater, ſein nächſter Gegenüber⸗Nachbar. Raſch eilte Berlefick zu ſeinem Weinverſteck, nahm zwei volle Krüge heraus und erwartete dann den ſtämmigen Schiffer, der raſchen Schrittes nahte. „Grüß' Gott, Herr Nachbar,“ rief ihm der Schiffer entgegen. „Weiß ſchon, wo man Euch bei dieſem herrlichen Wetter aufſuchen muß. Bin geſtern Abend von Köln angekommen und hab' Euch da die erſten Häringe mitgebracht, und da ich wohl dachte, der Menſch lebe nicht, wie der Fiſch, vom Waſſer, ſo hab' ich gleich beim Greifenſtein am Krahnenthor ein Weißbrödlein mitgebracht zum Vespern.“ „Habet allezeit vortreffliche Einfälle, Herr Nachbar, und treffet den Nagel auf den Kopf. Seid willkommen, ſammt Eurem Vesperbrode!“ „Mein Guſtelchen hat ſie gleich geputzt,“ fuhr Eidam fort, indem er Blätter von einem Haſelſtrauche pflückte und die Häringe d'rauf und ſein Schiffmeſſer mit dem Burſtiele dazu legte. Während deſſen ſervirte Berleſick den Wein und heitern Humors begannen Beide unter luſtigen Reden ſich zu laben, nachdem Berlefick die Häringe, Eidam den Wein gebührend herausgeſtrichen. Das Glas feierte nicht, zumal die Häringe den Durſt ſchärften, und bald zeigte ſich an Beiden, daß der Wein wohl des Menſchen Herz erfreut, die Zunge löſt, aber auch die ſtrenge Goldwaage der Con⸗ venienz und ihrer Förmlichkeiten zur Seite ſchiebt, um raſcher zu dem Kerne der Dinge zu dringen. „War die Reiſe glücklich?“ fragte Berleſick, als Eidam vag Bezügliches geſagt.* „Könnt's nicht rühmen,“ ſagte Eidam.„Denkt Euch nur, wo die Sieg in den Rhein mündet, hat ſich eine Sandbank angelegt. — 323— Da fuhr meine ſchwer beladene„Stadt Bacharach“ auf und bekam einen Bodenleck. Ich mußte von Bonn ein Lichterſchiff holen und im Schlepptau die ledig gewordene mitführen, den Leck herſtellen laſſen und ſie friſch kalfatern. Da iſt mein ganzer Profit flöten gegangen. Verſtanden, Herr Nachbar? Das iſt Unglück!“ „Thut mir herzlich leid,“ verſetzte theilnehmend Berlefick. „Nun thut ſich mir eine Gelegenheit auf, wo ich den Schaden mit Ueberfluß erſetzen kann,“ fuhr Eidam fort;„Ihr wiſſet, Herr Nachbar, die Stadt Bacharach hat ein altes Recht, zu jeglicher Meſſe der freien Stadt Frankfurt am Main ein Schiff zu ſenden, und auf demſelben Bacharacher Rothwein zu verzapfen. Dieſes Jahr iſt zur Herbſtmeſſe die Reihe an mir. Da ich nun Pech hatte mit dem Leck, ſo muß ich daran denken, den Schaden zu repariren; aber dazu iſt nachbarlicher Beiſtand nöthig.“ „Soll geleiſtet werden, Herr Nachbar, mit Vergnügen. Was braucht Ihr denn?“ „Geld und Wein, Herr Nachbar. Ihr habt das Geld in der Kiſte und den köſtlichen Rothwein im Keller. Wolltet Ihr mir das Nöthige borgen bis nach dem Ablauf der Meſſe? Es koſtet viel. Muß da ein Zelt aufſchlagen, Gläſer und Flaſchen kaufen ꝛc.“ „Thut nichts,“ ſprach Berlefick.„Werde Euch nicht ſtecken laſſen.“ „Dacht' doch gleich,“ ſagte Eidam,„Ihr würdet mich nicht ohne Hoffnungsfracht abſegeln laſſen, ſchiffiſch zu reden.“ „Legt Euch getroſt vor Anker,“ verſetzte Berlefick lächelnd in gleicher Redeweiſe. „Meiner Seel!!“ rief der Schiffer aus,„Ihr ſeid ein Mann, wie ein David, ob Ihr gleich keine Harfe ſpielt. Mein Guſtelchen ſagte, als ich ihr meine Noth klagte: Gehet nur zum Herrn Nachbar, der iſt ein ſeelenguter, liebreicher Mann, der läßt Euch nicht zwiſchen Thür' und Angel.“ Berlefick beugte ſich ordentlich vor, ſah vergnügt in des Schiffers geröthetes, wetterhartes Antlitz und fragte mit dem . Z Ausdrucke ſeliger Befriedigung:„Hat ſie das geſagt, das liebe holdſelige Mägdlein?“ „Meiner Seel'!“ rief der Schiffer und ſchlug auf ſeine Bruſt, daß es nachhallte. „O, wie hör' ich das ſo gerne,“ ſagte mit ſchmelzendem Laute Berlefick.„Eure Tochter iſt die Perle der Töchter unſerer Stadt, ein Schatz, ein Reichthum. Ich kenne keine Jungfrau, der ich ſo gewogen wäre. Immer heiter; ſingt, wie eine Lerche, vom Morgen bis Abend; nie müßig; immer im Walten, Sorgen, Arbeiten; im Hauſe wie geblaſen. Man meint, man wäre in Holland! Sieht man ſo der Jungfrau Walten und Thun, ſo möchte man den Vater beneiden, der ſie immer um ſich hat, und — möchte ſich an ſeine Stelle wünſchen.“ Der alte Schiffer, welcher in Folge der genoſſenen Häringe ordentlich getrunken hatte, war beſonders animirt. Er hörte mit Entzücken des reichen Nachbars Rede, die darauf hinauszuſteuern ſchien, wovon ihm der Vetter, der Cantor Schmidt, ein Wörtlein hatte fallen laſſen, als er ihm begegnet war. Er überlegte, ſo gut er konnte, was hier das Gerathenſte ſein möchte, und es ſchien ihm, als thue er das Rechte, wenn er zu der begeiſterten Lobrede beifällig nicke. Das that er denn auch und das war zugleich ein Sporn für Berleſick, in raſcherem Schlage des Herzens ſein Innerſtes vor dem Auge des Schiffers darzulegen. „Gewiß,“ fuhr er fort,„es iſt das meines Herzens feſte Geſinnung, und ich ſage Euch offen, ich meine mich ſelber, wenn ich ſo im Allgemeinen rede. Doch will ich's nicht hinter dem Berge länger halten, und es frei herausreden: Euer Guſtelchen hat mein ganzes Herz gewonnen. Da wir nun ſo traulich allein ſind, ſo will ich ohne Blume, von der Farbe reden. Ihr kennet mich. Ich bin in der Wolle gefärbt; ich habe ein ſchönes Beſitz⸗ thum; würdet Ihr mir ein Körblein geben, wenn ich um Euer Guſtelchen würbe zu meiner ehelichen Hausfrau. Hab' und Gut verſchriebe ich ihr, ſo ich etwa vor ihr ſtürbe.“ Obwohl der glückliche Cantor berichtet, wie es um des Herrn — 325— Berlefick Herz zu ſtehen ſcheine, ſo war doch Eidam überraſcht, als ihm die Werbung ſo urplötzlich über das Genick kam; indeſſen waren ſeine Gedanken noch klar genug, um ſie zu ordnen. Das erkannte er ſchnell, daß eine ſolche Parthie unter der Sonne für Guſtelchen nicht mehr zu machen ſei, denn Berlefick war unbeſtritten der reichſte Mann im Oberamte Bacharach, und ſicherlich wurde ſein Kind von Hunderten beneidet. Er war alſo raſch entſchloſſen, und als Berlefick geendet und, etwas betreten, unter ſich ſah, ſtand er auf, nahm ſeine Pechkappe vom Kopfe, verbeugte ſich und ſagte:„Herr Nachbar, ich bin von ſolcher Ehre ganz betroffen. Wie hätte ich mir ſollen träumen laſſen, daß mein Kind Eures Herzens Gedanken auf ſich gezogen? Was mich betrifft, ſo ſag' ich mit Freuden Ja und Amen dazu.“ Berlefick ſprang freudig auf, faßte des Schiffers breite, harte Hand und drückte ſie. „Ihr machet mich ſehr glücklich,“ ſagte er begeiſtert.„Ihr ſollt an Eurem Schwiegerſohn Eure Freude erleben. Das Guſtelchen will ich hegen, wie meinen Augapfel und es auf den Händen tragen und wahr machen das Sprüchlein: Bei den Alten iſt man gut gehalten; aber Eins hat mich erſchreckt, ich will's nicht läugnen, das, daß Ihr ſagtet: So viel an mir iſt oder was mich betrifft. Zweifelt Ihr etwa an des Mädchens Einwilligung?“ Eidam war etwas verlegen. Er kannte die Liebe Guſtelchen's und des Ferdinand, eines Neffen Berleſic's von Seiten ſeiner verſtorbenen Stiefſchweſter. Dieſer Ferdinand hatte neben Berlefick's Wohnung, auf der Ecke der Unter⸗ und Krahnengaſſe, bei dem alten Tobias Wink die Kaufmannſchaft erlernt und war als Laden⸗ burſche(wie man damals die Commis nannte) im Hauſe geblieben⸗ Da hatte ſich das Verhältniß entſponnen; aber es hatte keine Ausſicht, denn Ferdinand war blutarm und Guſtelchen's Vermögen war nicht weit her. Ferdinand hätte nur hoffen dürfen, wenn Berlefick ihm jene Stätte bereitet; aber ſo brav auch der Junge war, Berlefick trug ihm tiefen Groll, ſeit er wußte, daß er ihm bei Guſtelchen in's Gehege ging. Deßwegen ruhte der Alte nicht, bis Wink ihn entließ und er nun in der Ferne ſein Fortkommen hatte ſuchen müſſen. Das wußte das ſchelmige Guſtelchen wohl und trug keine Dankbarkeit gegen Berlefick in der Seele, und der Schluß Berlefick's, daß es bei den Mädchen heiße: aus dem Auge, aus dem Sinn, war falſch; denn die Frau Rectorin war die treue Freundin der Mutter Ferdinand's geweſen und hatte auch gegen ihn wie eine Mutter gehandelt, und nun vermittelte ſie zwiſchen den jungen Leuten die Botſchaften. Eidam wußte um dieſe Liebe und kannte ſeines Kindes feſte Seele. Er war verlegen, aber er dachte wohl, ſein Kind werde ſeine Verſorgung beachten. Er ſagte daher:„Nicht, als ob ich daran zweifelte, denn ich glaube nicht, daß mein Kind die Hand ausſchlagen könnte, die Ihr ihm bietet; aber die Mädchen ſind heutzutage anders, als zu meiner Zeit, aber immer ihres Kopfes. Man muß da ſäuberlich verfahren, wie mit dem Knaben Abſalon, wie's in der Bibel ſteht.“ „Da habt Ihr Recht,“ ſagte Berlefick„Ich bin gar nicht der Meinung, mit der Thür in's Haus zu fallen oder mit Sturm und in der Haſt das Alles abzuthun. Gut Ding will Weile haben und ich wollte Euch bitten, einſtweilen unſere Abrede für Euch zu behalten. Ich will mir das Kind geneigt machen und bei ihr ſelber mein Heil verſuchen nach gelegener Zeit und Umſtänden. „Weiſe geredet, wie immer,“ ſagte der Schiffer.„Sind wir hier aber vor Lauſchern ſicher?— Das Feld hat Augen und Ohren!“ „Seid ohne Sorgen,“ ſagte Berlefick in voller Sicherheit. „Es iſt keine Seele hier; aber der Himmel weiß, wie die Plauder⸗ taſche, der eitle Narr, der Rector Strunk, es erfuhr, was ich im Herzen trug ſeit langer Zeit? Hab⸗ ich denn vielleicht meine Augen nicht immer bewacht?“ „Freilich,“ ſagte Eidam,„Ihr gucket viel nach unſeren Fenſtern, und da hätte man Lunte merken können. Ihr wißt, die Welt iſt ſchlimm heutzutage. Thut nichts. Ich will ohnehin das Guſtelchen ihnen aus den Augen rücken für einige Zeit. Ich nehm's mit nach Frankfurt, und dort mag's einige Zeit bei meiner Schweſter 5 —— verweilen, die in Frankfurt verheirathet iſt. Dann denken die Leute nicht an das Mädchen und das Gerede und Genecke hört dann ohnehin auf.“ „Hm! Hm!“ brummte Berlefick in den Bart. Der Plan des Schiffers gefiel ihm im Entfernteſten nicht. Doch wollte er nichts ſagen.„Bin auch noch nicht in Frankfurt geweſen,“ warf er hin. „Ihr? Habet die halbe Welt bereiſt, und nicht in Frankfurt geweſen? Das begreif' Einer! Geht doch über das Bohnenlied!“ „Und geht doch einfach zu,“ ſagte Berlefick.„Ich war noch jung, als mir die Eltern ſtarben und der Gerber Lauer in der Roſengaſſe mein Vormund wurde. Der wollte abſolut, ich ſollte ſtudiren, weil es mein Vater gewünſcht. Ich hatte keine Neigung dazu; allein ich mußte gehorchen und kam einſtweilen auf die Neckarſchule zu Heidelberg. Als ich die envlich hinter mir hatte, ſtarb Lauer, und mein Vetter Olimart, der nun als Vormund eintrat, meinte, ich wäre ein Narr, wenn ich ſtudirte und mich in das Joch eines Amtes ſpannen ließe. Solch eine Rede gefiel mir bei meinem Widerwillen gegen jegliches Studium, den mir die pedantiſchen lateiniſchen Schulmeiſter beigebracht.— Hundert Gulden Beſoldung für ein gelbgeärgertes Leben! rief Olimart aus. Beamtenhudel, Katzenbuckelei nach Oben oder Druck von Oben! Pah, ſei kein Eſel, Junge.— Richtig, ich folgte ihm. Ich reiſte nach England und Frankreich— und ſpäter verwünſchte ich den Rath, weil eine geordnete Thätigkeit dem Leben ſeine Bedeutung gibt und ein Menſch, wie ich, doch eigentlich zwecklos lebt. Doch ich vergeſſe die Hauptſache. Ich möchte einmal das Paradies der Handwerks⸗ burſchen und Dienſtmädchen, nämlich Frankfurt, ſehen.“ „Nichts leichter, als das,“ ſagte darauf Eidam.„Ihr fahrt mit mir hinauf. Das Meßſchiff hat Raum. Ihr wäret dann auch ſtets beim Guſtelchen und könntet die Sache znter der Hand zu Stande bringen, wie es ein weiſer Mann zu machen verſteht.“ „Vortrefflich!“ rief Berleſick.„Doch— wie iſt's mit dem — 328 Eſſen, Trinken und Schlafen? Kann ich das auf dem Schiffe bei Euch haben? Ich zahle beſtens!“ „Verſteht ſich, daß Ihr das könnet. Wir wohnen und ſchlafen ja Alle darauf. Freilich nicht in weiten Sälen. Ihr ſeid ja aber zur See geweſen nach England, und wiſſet, die Kojen ſind enge, aber es geht, und dauert ja auch kein Halbjahr. Ihr könnet ein Bett ſchicken und ich werde ſorgen.“ „Für ein Fäßlein für uns, ſorge ich,“ bemerkte Berlefick. „Gut; aber ſtille nur! Es darf's Niemand wiſſen,“ ſprach Eidam. Da es anfing, kühl zu werden, rüſtete ſich Berlefick zum Heimgang und Eidam machte ſich früher davon, damit eben nicht ſein Zuſammengehen mit Berlefick ein Aufſehen mache. Kaum war Berlefick unten auf dem Weg, als es raſchelte im Gebüſch und ein Kopf zum Vorſchein kam, der ſich überall umſah und, als er ſicher war, auf Entdeckungsreiſen ausging, nicht nach fernen Inſeln, ſondern nach dem Weinbehälter, von dem er gehört. Endlich entdeckte er ihn. Noch zwei Krüge waren da. Den einen ließ er ſich ſchmecken und den andern nahm er mit, als er ſeinen Weg in entgegengeſetzter Richtung einſchlug. Es war ein junger Burſche, und wer ihn genauer angeſehen, der würde in dem Schiffs⸗ jungen auf dem Schiffe Eidam's ihn wieder erkannt haben. Pitt oder Peter war ein ſchlitzöhriger Schelm, aber, wie er auch zu allen Malefiz- und Lumpenſtreichen eine abſonderliche Naturanlage hatte, ſo treu diente er Guſtelchen, die ihn aber auch hegte und pflegte, weil er eine Waiſe war. Der Krug Wein machte ihm viel zu ſchaffen, und es war ein Glück, daß er auf dem Schiffe ſchlief und ſich gleich in die Kajüte legen konnte. Ein ferneres Glück aber, daß Niemand zu Hauſe an ihn dachte, denn dem Vater ging Viel im Kopf herum und der ſchönen Tochter noch mehr, die bei der Frau Rectorin geweſen war. Erſt am andern Morgen brachte Pitt die ganze Begebenheit zu Guſtelchen's Kenntniß und zwar von A bis Z. III. Daß ſich auch der beſte Rechnenmeiſter in der Welt ſchon einmal verrechnet hat, iſt eine Erfahrungswahrheit, aber am aller⸗ meiſten, wenn er Einer iſt, der meint, er ſähe das Gras wachſen und höre die Fliegen huſten. Solch ein Klugpfiffer war Berlefick. Er hatte ſich dennoch arg verrechnet, als er meinte, ſeine Unter⸗ redungen an dieſem Tage ſeien unbehorcht geblieben; darin ferner, daß ſein Weinverſteck ſicher ſei; ferner darin, daß ihm die Frau Rectorin nichts anhaben könne, und endlich in dem Ferdinand und dem Guſtelchen. Das waren Erempla genug, darin er ſich geirrt, und doch verſtand er zu rechnen. Nur in dem Cantor Schmidt und ſeiner Frau war ſeine Rechnung richtig. Als Berlefick am folgenden Tag auf ſein Plätzchen kam, war der Vorrath erſchöpft. Er ſann, und die Sache war ihm bedenklich; aber die Häringe und die Unterredung hatten beide geſtern das Ihrige gethan, und er kam der Sachlage nicht ſicher auf den Grund. Trocken da oben zu ſitzen, oder das Exempel zu machen, das er dem Rector empfohlen, behagte ihm nicht. Er ging heim und Roſina trug darauf einen bedeckten Korb hinauf und Berlefick folgte ihr. Pitt ſaß eben bei Guſtelchen und referirte von geſtern haar⸗ klein jede Sylbe. Guſtelchen wollte berſten vor Lachen. Aber von dem wegſtibitzten Weine ſagte er kein Wort. Hätte indeß Guſtelchen ihn ſcharf angeſehen, als er den Korb ſah, den die alte Roſina ſo vorſichtig trug, ſie hätte die Luſt wahrnehmen müſſen, die über die Züge des böſen Buben hinflog, der ohnehin auf Berlefick ein böſes Auge hatte, weil er ihn einmal abgewalkt, als er ein Vogelneſt auf dem Berge ausheben wollte Wieder lag er heute auf der Lauer in der Nähe Berlefics, wohin er geräuſchlos, wie eine Katze, ſchlich. Ehe er aber dorthin ging, ſagte er zu Guſtelchen:„Sei Sie nur gutes Muthes, dem will ich in Frankfurt ſchon Streiche ſpielen, die ihn kopfſcheu machen ſollen, und auf dem Schiffe ſolbs 30 auch nicht d'ran fehlen.“ Singend und pfeifend ging er dann fort und lag bald in ſeinem Hinterhalt. Indeſſen kam Niemand und Berlefick ging bei Zeiten heim— und als die Nacht kam, war ſein Weinneſt leer! Das verleidete ihm ſein Plätzlein über die Maßen. Er hätte noch ſo viel darum gegeben, wenn er's hätte herausbringen können, wer ihm den Streich geſpielt, aber das lag in undurchdringlichem Dunkel. Das Schlimmſte war, daß Guſtelchen von Allem wußte und nun ihre Maßregeln nehmen konnte. Beſonders bemühten ſich der Cantor und die Pathe Eva, ſie der Heirath mit Berlefick geneigt zu machen. Sie warf die Sache gar nicht weg und meinte eben nur, ſie ſei doch noch zu jung; ſie wolle ſich die Sache über⸗ legen und Herrn Berlefick erſt auch einmal genauer kennen lernen; ſie habe ja noch keine zwanzig Worte mit ihm geredet, und das reiche doch nicht hin, ſich kennen zu lernen. Der Cantor hinter⸗ brachte ihm dieſe Reden des Mädchens und das entzückte ihn. Von da an ging er oft zu Guſtelchen, die ihn immer mit der größten Freundlichkeit aufnahm.— Er hatte ſich allerdings darin verrechnet, daß er Sophia, die Rectorin, für eine nicht zu beachtende Feindin hielt. Der Rector hatte ihr Alles referirt, was ihm auf dem Berge begegnet war, und wenn ſie auch einmal lachte, beſonders über ihres Mannes Zorn wegen der Atzel, ſo blieb doch genug übrig, ſie zu erzürnen, insbeſondere, daß er ſie perſönlich verhöhnt. Es iſt ſchon erzählt worden, daß Guſtelchen heimlich zu ihr kam und daß ſie die Liebe Ferdinand's und Guſtelchen's förderte. Von jetzt an wurden hier alle Pläne geſchmiedet und Berlefick ahnte nicht, daß Alles, was ihm zum Aerger war, von ihr ausging. Et war glückſelig, da Guſtelchen ihm zuvorkommend artig war, wenn er hinüberging. Die ganze Stadt gratulirte ihm, was er mit Behagen annahm, und Guſtelchen erduldete alle jene Necke⸗ reien, deren eine junge, reizende Braut die Fülle ertragen muß, mit dem beſten Humor, und ſo war denn die Sache eine abge⸗ machte. Die Alten lobten des Mädchens Klugheit; die Jungen — — 331— meinten, ſie nähme ihn nur ſeines Geldes wegen, und um ſich über die Maßen putzen zu können; die werde nun die erſte Rolle in der Stadt ſpielen u.ſ. w. Während das Meßſchiff hergerichtet wurde, und namentlich das Leder der Gerber an Bord kam, das zur Meſſe geſandt wurde, ſaß Berlefick oft bei Guſtelchen. Eines Tages geſchah das wieder. „Es iſt hübſch, Herr Nachbar,“ ſagte ſie,„daß Ihr die Reiſe mitmachet.“ „Freueſt du dich, mein Engelchen,“ fragte er ſüß,„auf dieſe Mitreiſe.“ „Gewiß,“ erwiederte ſie.„Angenehmer könnte mir nichts kommen; aber Ihr werdet Mancherlei ertragen müſſen. Da iſt zuerſt der entſetzliche Lohgeruch des Leders und dann— die ſtrenge Zucht, die ich auf dem Schiffe übe. Es muß da Zucht und Ordnung walten, ſonſt geht's nicht“ „Wie ſo, Kind?“ rief Berleſick.„Iſt da was Beſonderes?“ „Nun, ich muß offen reden, ſehe ich,“ ſagte vertraulich das Mädchen.„Sehet, mein guter Vater hat die rheiniſche Natur, gerne Wein zu trinken. Unſer Doctor Silbereiſen ſagte mir aber, wenn er viel trinke, rühre ihn ſicherlich der Schlag, zumal wenn er wenige Bewegung habe. Da muß ich ordentlich wachen über ihn, und es gilt als Geſetz, daß auf dem Schiff nicht ein Tropfen Wein getrunken werden darf, damit er nicht in Verſuchung kommt. Es iſt meine Kindespflicht, dafür zu ſorgen.“ Berlefick erſchrak auf den Tod.„Und das Geſetz gilt auch mir?“ fragte er. „Ei, ſonſt wär's ja kein Geſetz, Herr Nachbar,“ ſagte das Mädchen,„und Ihr werdet doch nicht den Verſucher ſpielen wollen? Ueberhaupt, ſag' ich Euch im Vertrauen, iſt mir ein Weintrinker völlig zuwider Wenn ich einmal Einen heirathen ſoll, ſo darf er nur Waſſer und nichts als Waſſer trinken! Das ſteht unwandelbar feſt. Außerdem wird nichts d'raus.“ Berlefick erbleichte.„Schöne Ausſichten!“ ſagte er zu ſich, während er zu Boden ſah.„Schöne Ausſichten! Waſſer trinken? Da wär' ich in acht Tagen maustodt.“ Er ſeufzte und ſchwieg kummervoll. „Dauert die Fahrt lange?“ fragte er endlich ganz unſchuldig. Ueber Guſtelchen's Geſicht zuckte ein Lächeln eigener Art. „Acht Tage,“ ſagte ſie ruhig.„Euch iſt gewiß vor der Lange⸗ weile bange?“ „Mir? Bei dir? Kind, was fällt dir ein? Mir wär' ſchon recht, wenn ſie gar nicht endete? So enge und nahe, alle Tage beieinander— gibt's Etwas Lieblicheres?“ „Ho! Ho!“ rief Guſtelchen lachend,„das wär' mir denn doch des Guten zu viel. Aber Ihr könnet ruhig ſein. Ich will Alles aufbieten, Euch zu unterhalten. Ich habe noch etwa ſechs Stränge Baumwolle, die ſuperfein iſt, und die mir mein Vater zu Strümpfen mit von Köln brachte. Sie iſt noch nicht gewickelt. Wegen Raum⸗ erſparniß nehme ich keine Krone mit. Die haltet Ihr mit den Armen und ich wickele. Derweilen erzähle ich Euch allerlei Geſchichten. Außer der Baumwolle habe ich noch einige verwor⸗ rene Zwirnſtränge, auch noch Wolle zu wickeln. Das iſt eine ruhige Arbeit Es lernt ſich leicht, und Luſt und Lieb' zu einem Dinge, macht alle Müh' und Arbeit geringe, ſteht im ABC⸗Buch.“ Berlefick zog ein langes, beträchtlich einfältiges Geſicht, als er dieſe Unterhaltung vernahm. So Etwas war ihm im Traume nicht eingefallen und er dachte mit. Entſetzen an des Rectors Wort: daß das weibliche Regiment ihn ſchon noch zur Raiſon bringen würde. Da begann es ſchon.„Geht das ſchon vor dem Braut⸗ ſtand an, was wird's erſt in der Ehe werden?“ dachte er.„Heinen Wein trinken und Garn wickeln! Hilf Himmel, da hören meine Vorſtellungen urplötzlich auf! Armer Berleſick, was ſoll aus dir werden. Freiheit! goldne Freiheit des Junggeſellenlebens, wo flieheſt du hin?“ Guſtelchen achtete die gefaltete Stirne nicht, und nicht den ſtillen Seufzer, der ſich aus der gepreßten Seele herausrang, und fuhr fort:„Noch Eins, liebſter Herr Nachbar,— aber nicht wahr, — 333— Ihr nehmet mir's auch nicht übel?— Ich rede, wie ich denke, und Ordnung muß ſein.“ ₰ „Uebel? Herzchen, was könnt' ich dir übel nehmen. Ich ſage dir's vielmehr im Voraus zu. Du haſt Recht, Ordnung über Alles!“ „Wie Ihr doch gut und liebenswürdig ſeid!“ rief das Mädchen aus und ſah ihn mit einem bezaubernden Blicke an, der ihn alle Höllenqual vergeſſen ließ, welche ihm auf der vermaledeiten Fahrt in Ausſicht geſtellt worden war. „Ihr wiſſet,“ ſagte ſie und lächelte,„mein Vater hat zwar eine fatale Schiffergewohnheit, ich meine das ekelhafte„Prümchen,“ noch nicht die allerekelhafteſte des Rauchens. Das wäre abſolut mein Tod. Ich kann den giftigen Qualm nicht vertragen, ohne daß ich krank werde. Da Ihr mir's nun bereits zugeſagt, ſo halte ich Euch beim Worte, daß Ihr nicht rauchet im Schiffe, was ohnehin polizeilich verboten iſt, von wegen der Feuersgefahr. Es ſteht Euch auch gar übel an. Ihr wäret ein doppelt liebenswürdiger Mann, wenn Ihr der Pfeife Valet gäbet. Ich ſag's Euch im kindlichen Vertrauen, ich heirathe nie einen Mann, der raucht, ſchnupft oder ein„Prümchen“ zerarbeitet. Das iſt Grundſatz bei mir, und der wanket nicht.“ Berlefick fiel ſchier vor Schrecken in Ohnmacht. Er war einer der ſtärkſten Raucher, und es koſtete ihn eine rieſenhafte Ueberwin⸗ dung, ſo lange die Pfeife zu entbehren, als er bei Guſtelchen zu Beſuche war. Acht Tage ohne Rauchen! Und er war durch ſeine Galanterie gebunden.„O der gute Rector!“ ſeufzte er,„der trägt ſein dickes Ehekreuz, aber ich fürchte, das Guſtelchen macht ſeine Sophie noch gut! So ein Stück Weib kann einem das Leben verſalzen und verpfeffern! Ach, was ſoll das werden? Acht Tage? Ja, das ganze Leben! Nein, das ertrag' ich nicht. Die Fiſche im Rheine oder Maine werden meinen Leichnam verſpeiſen! Ach Guſtelchen hörte den Seufzer. „Ach, Herr Nachbar,“ ſprach ſie ſchmelzend,„es thut mir herzlich leid, daß ich Euch ſolche Entſagung auflegen muß. Es iſt 334 aber ja nur auf acht Tage; dann ſeid Ihr wieder frei. Ich ſterbe poſitiv durch den Tabaksqualm. Meine Bruſt iſt ſo ſchwach, daß ſie ihn nicht eine Stunde erträgt.“ „Was das Launen ſind!“ dachte Berleſick.„Man ſollte gar nicht meinen, daß in ſo einem ſchönen Köpfchen ſolche barocke Dinge ausgeheckt werden könnten? Wenn die erſt älter wird? O Zemine! Lüg' du und der Kuckuck! Schwache Bruſt? Singt den ganzen Tag, daß man ſie auf dem Sanct Werner hört! Daß dich Gott beſſere, du ſchöne Hexe!“ „Nun noch Eins! Die Tage der Fahrt gehen herum. Ihr ſollt ſehen, wie ich Euch unterhalte! Aber in Frankfurt dürft' Ihr nicht umhergehen, wie hier! Das iſt die Stadt der Mode. Da müßt Ihr Euch putzen, ſonſt ſeid Ihr dem Uz und Spott ausgeſetzt. Nicht wahr, das wollet Ihr nicht, beſonders, wenn Ihr mich auf die Meſſe führt?“ „Bei Leibe, nein!“ rief Berlefick—„aber—“ „Macht Euch keine Sorgen darüber, wie Ihr die Mode erfahret; ſehet nur den Herrn Rector an. Der iſt nach der neueſten Frankfurter Mode gekleidet und friſirt. Kürzlich war auch Euer Vetter Ferdinand hier, der ſagte—“ Bei dem Namen Ferdinand zuckte Berlefick zuſammen, als hätte ihn eine Tarantel geſtochen. Er wurde kreidebleich. „Iſt Euch Etwas?“ fragte Guſtelchen beſorgt.„Vielleicht das Herzwaſſer? Soll ich Euch ein Neuwieder Kümmelchen holen?“ „Danke, danke!“ ſagte Berlefick.„Es iſt nichts! Fahre nur fort, du ſüßes Plaudermäulchen!“ „Nun, der Ferdinand erzählte mir, in Frankfurt trage alle Welt Perücken. Wer die nicht trage, werde verhöhnt. Und Ihr traget noch Euer altmodiſches Haar. Ich begreife Euch ohnehin nicht! „Ich, eine Atzel?“ rief Berlefick.„Eine Atzel?“ Guſtelchen wollte berſten vor Lachen.„Seid Ihr ſo dagegen?“ fragte ſie.„Aber das hilft einmal nichts. Mit den Wölfen muß man heulen. Ich denke, Ihr werdet mich doch einmal in den — 335— Braunfels und über die Meſſe und in die Schaubuden auf dem Roßmarkt führen?“ „Verſteht ſich,“ erwiederte Berleſick mit Selbſtgefühl. „Aber meinet Ihr, ich wollte es erleben, daß mein Cavalier ausgelacht würde? Ich ſänke in die Erde vor Scham und Aerger! Ich kenne ohnehin nichts Schöneres, Geſchmackvolleres und Kleid⸗ ſameres, als den neuen Anzug des Herrn Rectors. Wie er, ſo geht ganz Frankfurt. Schneeweißer Rock vom feinſten Tuche; purpurrothe Atlasweſte; ſchwarze Sammthoſen mit ſilbernen Knie⸗ ſchnallen; weiße ſeidene Strümpfe und Sabots mit großen Schnallen; dazu einen feinen Hut und ein Meerrohr mit güldenem Knopfe. Herr, das müßte Euch wundergut kleiden und ich würde mich freuen, Euch einmal in ſolcher Kleidung zu ſehen! Sie iſt zum Küſſen ſchön, dieſe Tracht! Und wir haben hier einen Friſeur, wie er weit und breit nicht zu finden iſt, nämlich den alten Stübing, der hat in Paris ſeine Studien gemacht! Laßt Euch doch eine Perücke machen! Ohne ſie könnet Ihr nicht reiſen und Euch nirgends ſehen laſſen. Hier, in unſerem Bacharach, wären wir hundert Jahre zurück, wenn nicht der vortreffliche Herr Rector wäre! Der zeigt uns den Fortſchritt der Zeit und der Bildung. Ohne den verkämen wir völlig. Darum nehmet ihn Euch zum Vorbild, wenn Ihr gefallen wollet.“ Und dabei lächelte ſie wieder, daß es dem guten Berlefick zu ſchwindeln anfing, als hätte er einige Krüge über das tägliche Maaß geleert. Als er nach Hauſe kam, ſetzte er ſich in den Sorgſeſſel und ließ die ganze Unterredung mit Guſtelchen an ſich vorübergehen. „Unerhörte Zumuthungen!“ rief er aus.„Grauſiges Pan⸗ toffelregiment, aber ich habe A geſagt und muß B ſagen. Sollte mir gar der miſerabele Ferdinand den Rang ablaufen, der gewiß in ſolchem Kleide einhergeht?— Nein!“ ſagte er und rief: „Roſina, den Schneider Praſſel, den Friſeur Stübing, den Schuſter Schüppert rufen. Raſch!“* Roſina dachte:„Da brennt's!“ und lief, was ſie laufen konnte. — 336— Die Meiſter kamen. Sie legte ihr Ohr an den Schalter und hörte Alles. Auf's Koſtbarſte beſtellte er den Anzug. Sie nahmen die Maaße und Stübing ſagte:„So eine Perücke ſoll der Bürger⸗ meiſter von Frankfurt nicht haben. Meiner Six!“ Bis zum folgenden Sonntag ſollte und mußte Alles fertig ſein. Auch den feinſten Hut beſorgte Stübing von Bingen. „Den Sonntag werde ich ſie freudig überraſchen!“ ſagte Berlefick und ſchnalzte mit dem Daumen und Mittelfinger, wie ein tanzender Tyroler. Eine Stunde ſpäter wußte Guſtelchen Alles durch die alte Roſina und beugte ſich vor Lachen. Der Sonntag kam. Berlefick ſtand ſchon eine Stunde vor dem Kirchgeläute vor dem Spiegel fir und fertig und betrachtete ſich wohlgefällig.„Meiner Seel'!“ ſagte er,„die Atzel ſteht mir gut. Hätt's nie geglaubt!“ Als es zu läuten begann, ſtand er an der Thüre und lugte durch die Ritze. Als Eidam's Thüre aufging und der alte Schiffer mit dem roſigen Guſtelchen heraustrat, riß er die Thüre weit auf, ſchoß hinüber und machte Kratzfüße mit einem ſo ſelbſtgenüg⸗ ſamen Geſichte, daß es ZJedem erſcheinen mußte, als wolle er fragen, ob man auch die Wandelung beachte, die ſeine liebliche Erſcheinung erfahren und die eine ſo totale ſei, daß er ſelbſt darüber erſtaune. Guſtelchen koſtete es eine rieſenhafte Ueberwindung, nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen, denn das bläulich roth angelaufene Geſicht, die Naſe mit dem Metallglanze nahmen ſich unter der weißen Perücke entſetzlich komiſch aus. Alle Welt ſtaunte. Das junge Volk kicherte und lachte, je nachdem es dem Gegenſtande der allge⸗ meinen Aufmerkſamkeit näher oder entfernter war. Er ging mit Eidam, der ſich ſtolz trug neben dem reichen künftigen Schwieger⸗ ſohne; Guſtelchen aber ſchloß ſich wohlweis lich an die Nachbartöchter an, die es dennoch nicht laſſen konnten, ſie mit Berlefick zu necken. Sie zog ſich klug aus der Affaire, denn ſie lächelte und meinte: Bei den Alten ſei man gut gehalten. Das ſchloß ihnen den Mund und ließ es zweifelhaft, ob es Ernſt oder Scherz geweſen. — 337— Der Rector traute ſeinen Augen kaum, als Berlefick an ſeinem Hauſe vorüberging. „Seh' ich mir den alten Hageſtolz an,“ rief er aus und zog ſeine Sophie an's Fenſter, die laut auflachte,„ſo erinnere ich mich ſeines Uzes auf die Atzeln und nun trägt er eine! Es muß ihm unter der Perücke ein Weniges rappeln?“ „Möglich,“ ſagte Sophie; aber die Macht des Weibes feierte hier einen Triumph, wie ſelten einen höhern. Sie wußte mehr, als ſie ſagte. IV. Es war an einem etwas ſpäten Nachmittag, als von Pferden träge gezogen, das Bacharacher Meßſchiff ſich den Umgebungen von Frankfurt näherte. Berlefick ſtand am Bugſpriet und blickte ſehnſüchtig nach den Thürmen der Reichsſtadt, ſehnſüchtig wie Einer, der die Wüſte durchwandert hat, auf die erſten Palmen⸗ wipfel ſchaut, die über das Sandmeer heraufwehen. Was er durchgemacht, ausgeſtanden, gelitten in acht entſetzlichen Tagen, das drücken Worte nicht aus, aber es ſtand leſerlich auf ſeinen gelb⸗ bleichen, eingefallenen Zügen geſchrieben, in ſeinem trüben, hohlen Auge, in der ganzen ſchlaffen Haltung ſeiner Geſtalt. Er war vom Fleiſche gefallen, daß der Rock um ihn ſchlotterte. Und wer das Alles veranlaßt, das war Guſtelchen mit ihren Launen, ihrem barocken Geſchmack für Unterhaltung, ihrer Abneigung gegen die Pfeife und gegen das Weintrinken. Hätte er noch die gehörige Nachtruhe gehabt! Aber in dem engen Raume, in dem er lag, war es nicht auszuhalten geweſen und allerlei Unweſen war in dem Bett. Bald raſchelte eine Maus drinnen herum; bald krabbel⸗ ten Käfer über ſein Geſicht; bald lag Sand in dem Linnen; bald Nußſchalen, und es war, als ob ein böſer Geiſt jede Nacht auf etwas Anderes ſänne, ihm den Schlaf zu rauben. Selbſt geſchah es einmal, daß, als Nachts Regen ſiel, das Gefüge der Bretter der überwölbten Decke nicht gehörig geſtopft und kalfatert war N. S. w. 22 — 338— und der Regen durch ein Loch wie ein rieſelndes Bächlein auf ihn rann. Das waren unabweisbare Mißſtände eines ſo engen Haushalts, wie er auf einem Rheinſchiffe nicht anders ſein konnte, wie Berleſick, nicht ahnend die neckende Bosheit eines Buben, meinte; es hätte ſich das Alles einmal überwinden laſſen; aber — aber— des Mädchens Launen waren koloſſal; ſie wären, hätte ſie ſie nicht mit einer Engelsfreundlichkeit begleitet, rein zum Desperatwerden geweſen. Erſtlich mußte er jeden Nachmittag von Eins bis Fünf, ja bis Sechs ruhig daſitzen und Garnſtränge halten. Sie wickelte unendlich langſam, trieb Kurzweil und Poſſen dabei, und wenn ihm, weil er Nachts nicht ſchlafen konnte, die Augen zufielen und er ſich vor Schlaf nicht halten konnte, ſchalt ſie ihn ungalant und meinte, ein Anderer ihr gegenüber würde bei zwanzigtägigem Wachen keinen Schlaf kriegen. Welche unerhörte Eitelkeit und Selbſtüberſchätzung war das! Er hätte ſie dem einfachen Bürger⸗ mädchen nie zugetraut. Ja einige Male ſprützte ſie ihm Waſſer in's Geſicht, daß er ſo naß war, wie eine begoſſene Katze. Es war eine reine Folterqual, die er ausſtand. Jeden Morgen putzte ſie ſich ſtundenlang und fragte dann hundertmal, ob er auch glaube, daß ſie ſo den jungen Herren in Frankfurt gefiele?— Mit dem Kochen ging es ſo ſchlecht, daß Eidam wetterte und ſagte:„Daheim kochſt du ſo gut, und auch ſonſt, wenn du mitfährſt auf dem Schiff, aber alle Mittage regelmäßig verſalzte Suppe, halbgares Fleiſch, angebranntes Gemüſe,“— es hielt's kaum ein Menſch aus. Sein Flaſchenkeller mußte vom Schiffe und ſeine Thonpfeifen warf ſie von der Bank, ſammt dem Käſtlein, daß ſie alle in tauſend Scherben gingen, und doch wollte er ja auf dem Schiffe gar nicht rauchen! Während des Garnwickelns entwickelte ſie ihren Lebens⸗ plan als Hausfrau. Himmel und Erde! Es grauſete Berleſick vor ſolcher Wirthſchaft. Denn da ſollten alle Tage Kaffeeviſiten gehalten werden und in allen ſollte die Frau Rectorin Sophie paradiren, auf die ſie dicke Stücke hielt, und die Raiſonnir-Raspel und noch ſo ein paar alte Regiſter, die berühmt waren wegen X — 3³9— ihrer böſen Zungen. Junge, ſagte ſie, würde ſie nie einladen, denn ihr ſchlimmſter Fehler ſei eine entſetzliche Eiferſucht, die ſie nicht ruhen und raſten laſſe. Da hörte Alles auf, und Berleſick wurde täglich bedenklicher und ernſter. Der Unmuth, welcher ſich ſeiner Seele bemeiſterte, wuchs mit jeder Minute, und in eben dem Maaße wuchs ſein leibliches Uebel⸗ befinden, welches aus dem Enthalten altgewohnter Bedürfniſſe entſprang, als da waren: Tabakrauchen und Weintrinken. Wer die Macht ſolcher Bedürfniſſe in den Jahren Berleſick's kennt, begreift es, wie es um ihn ſtand. Und das unbarmherzige Mädchen hatte keine Augen für ſeine Noth, kein Gefühl für ſeinen Jammer! „Es liegt etwas Diaboliſches in dem Mädchen!“ rief er aus.„Wer hätte das denken ſollen? So ſchön und ſo boshaft? — Nun frag' ich aber, wenn das am grünen Holze annähernden Brautſtandes als Blüthe erſcheint, wie wird die reifende Frucht des Eheſtandes ſein? Wenn ſich ſolche Tücken in der blühenden Maizeit des Lebens zeigen, wie wird's werden, wenn einmal das Alter dieſe Launen verſteinert, dieſe Tücken giftiger macht?“ Das waren Vorſtellungen, welche in der Qual ſchlafloſer Nächte ſeinen Geiſt beunruhigten und ihn endlich dahin brachten, daß an die Stelle der Liebe eine ſtarke Abneigung trat; daß er den Gedanken verwünſchte, das Mädchen freien zu wollen; daß er ſeinem Junggeſellenſtande eine Lobrede über die andere hielt. Freilich— wenn nun der Morgen kam und das Mädchen friſch und blühend, wie der junge Tag, aus ihrem kleinen Schlafbehälter trat und ihn anlächelte— ja— dann zerſtob das Alles wieder, wie Nebel vor der Sonne. Indeſſen kehrten dann doch die reumü⸗ thigen Gedanken bald wieder zurück und immer öfter und ſtärker, und ſelbſt die liebreizendſte Huld konnte am Ende nicht mehr Das bewältigen, was ſeine Seele einnahm und je mehr und mehr beherrſchte. Dazu wuchs ſein leiblich Uebelbefinden mit jedem Tag. Endlich erblickte er Frankfurt.„Victoria!“ rief er im Inner⸗ ſten ſeiner Seele aus.„Victoria! Nun wrill ich an's Land und 22* S — reichlich nachholen, was dieſes vermaledeite Meßſchiff mir als Qual bereitete!“ Kaum war das Schiff vor Anker gegangen und der breite, ſolide Steg auf das Ufer gelegt, da ſchlich Berlefick hinaus und an's Ufer, um ein Wirthshaus aufzuſuchen, wo er trinken und rauchen könne, fern von der Macht eines Weſens, das mit ſeinen Launen auf dem Schiffe herrſchte, wie der Sultan in der Türkei und noch ärger. Das Wirthshaus war bald gefunden und auch eine Pfeife und Tabak. Da ſirömte neues Leben durch ſeine Adern. Ein Nebel hob ſich von ſeinem Geiſte; eine Weltlaſt von ſeiner Bruſt. Er zog den Rauch gierig ein und ließ ihn durch die Naſe, um den Genuß doppelt zu haben. Der ksſtlichſte Hochheimer perlte vor ihm im Glaſe und glitt hinunter wie Nektar. Die Umwandlung war wunderbar, die mit ihm vorging. All ſein Leid und Weh, Gebreſte und Noth verſchwand, und es war ihm zu Muthe, als kehre ſeine Jugend zurück. Als gänzlich fremd, ſaß er allein in einer Ecke. Wie hätte er aber auch der Unterhaltung bedurft? Daß aber da Vergleiche nicht ausblieben, war natürlich. Er dachte dieſes ſeligen Allein⸗ lebens, der Herrlichkeit der Selbſtherrſchaft, des Wohlſeins des Junggeſellenſtandes— und des knechtiſchen Joches der Frauen⸗ herrſchaft; der wunddrückenden Feſſeln weiblicher Laune und Tücke; des Beugens unter einen fremden Willen; der täglich ſich erneuernden Qualen des Nichtrauchens und des Waſſertrinkens— kurz— es reifte ein Entſchluß in ſeiner Seele, den er übrigens auszuſprechen ſich hüten wollte. Er war zu weit vorgegangen, um plötzlich zu brechen. Er wollte allmählich zurückgehen und es dahin bringen, daß das Mädchen ſelbſt erklären müſſe, ſie wolle ihn nicht. Aber da trat das reizende Bild wieder vor ſein Auge und drohte, alle Entſchlüſſe rein zu nichte zu machen, die er gefaßt hatte. Er trank, um Courage zu kriegen, und eine Flaſche folgte der andern, eine Pfeife der andern, bis ein Duſel ſeine Seele umfing und nun der Wein erſt recht ſchmeckte und erſt recht zu wirken anfing. Nach — 341— einer halben Stunde war er völlig trunken und ſank in einen tiefen Schlaf. Weckte man ihn aus ſolchem Schlafe, dann wurde er raſend und ſchlug blind um ſich. Pitt hatte immer ein ſcharfes Auge auf ihn und ſah ihn wegſchleichen. Der Schelm ahnte, um was es ſich handelte, und ſchlich ihm nach, bis er ihn in der Thüre des Wirthshauſes verſchwinden ſah. Er kehrte auf's Schiff zurück, ſchlich zu Guſtelchen und referirte, wo denn ein lautes Lachen die unabweisbare Folge war. Vater Eidam bemerkte in ſeiner Geſchäftigkeit gar nicht, was da auf dem Schiffe geſchah. Es war Vieles zu beſchicken, zu ordnen, zu beſorgen; denn je früher das Zelt fertig war, deſto eher ſein Gewinn anging, der um ſo größer in Ausſicht ſtand, als Berlefick ihm köſtlichen Wein zu ſpottbilligem Preis erlaſſen. Da mußte er zum Schreinermeiſter laufen, daß er ihm die Borde beſorge und das Zelt rüſte, und dergleichen mehr. In dieſer Geſchäftigkeit floſſen die Stunden hin, bis das Dunkel eintrat. Da ſchlich ein netter, junger Mann in der anſtändigſten Kleidung vom Schiffe und zwei ſchöne, freudeſtrahlende Augen begleiteten ihn. Pitt lief nebenher und bezeichnete das Wirthshaus⸗ in deſſen Thüre Berleſick verſchwunden war. Dieſer ſchlief unterdeſſen in ſeiner Ecke hart und feſt. Pitt trat in die Stube und fragte den Wirth, ob nicht ein Herr, den er beſchrieb, hier eingekehrt ſei, worauf der Wirth lachend in die Ecke deutete, wo Berlefick ſchlief. Pitt ſchlich zu ihm hin und da er feſt ſchlief, zog er ihm mit großer Gewandtheit den Geldbeutel aus der Taſche und verbarg ihn in der ſeinigen; als⸗ dann kehrte er zum Wirthe zurück, der Gläſer ordnete und ſagte: „Der ſchläft wie ein Sack! Ich kriege ihn nicht wach. Rüttelt Ihr ihn wach, ich will Hilfe holen, daß wir ihn an Bord bringen, denn er gehört auf unſer Schiff.“ Der Wirth ging zu Berlefick und rüttelte ihn. Zornig fuhr er endlich auf und ſchlug dem Wirth in's Geſicht. „Was weckſt du mich?“ rief er aus, und ein zweiter Schlag folgte in rapider Schnelligkeit dem erſten, denn der Rauſch war noch nicht vorüber. Der Wirth ſtammte aus Sachſenhauſen und war nicht geneigt, unerwiderte Püffe hinzunehmen. Schlag auf Schlag folgte raſch und kräftig; aber Berleſick war dem kräftigen Wirthe gewachſen, zumal er noch trunken war. Durch das Geſchrei herbeigerufen, trat ein Knecht für ſeinen Herrn auf den Kampfplatz, der Berleſick bald zu Boden geſchlagen hatte und eben im Begriffe war, einige Stadtknechte oder Geleitsreiter zu rufen, welche die Polizei übten, als Ferdinand mit Pitt hereinſtürmte und den Knecht zurückdrängte. „Was gibt's denn?“ rief er.„Ich höre, daß hier ein werther Verwandter von mir mißhandelt werde?“ „Was? Mißhandelt?“ rief ſchäumend der Wirth.„Angefallen hat mich der Menſch wie ein Bandit! Dort liegt er und hat einen Denkzettel von Sachſenhäuſer Fäuſten! Mein Peter hat ihn zurecht⸗ getrommelt, aber auf die Mehlwage muß er! Ich will mein Recht ſuchen! In meinem Hauſe hat er mich angefallen und mich blut⸗ rünſtig geſchlagen. Ich bin ein freier Reichsbürger!“ „Um Alles bitt' ich Euch,“ flehte Ferdinand,„macht keine Händel, Herr Wirth. Es iſt ein grundbraver Mann. Bielleicht war er etwas ſchlaftrunken.“ „Ja, ſchlaftrunken? Weintrunken war er und hat, ſtatt zu bezahlen, mich angefallen. Thut das ein ehrlicher Mann? Heh?“ ſchrie der Wirth. „Stille nur; er iſt ein reicher Mann, der Euch tauſendmal Das zahlen kann und wird, was er verzehrt hat. Macht nur keinen Lärm!“ bat Ferdinand. Er gab dem Wirthe die beſten Worte, bis dieſer ſich endlich beruhigte und ein Licht holte. Berlefick war, betäubt von den Schlägen des Knechtes und des Wirthes, zuſammengeſtürzt, doch aber gleich wieder zu ſich gekommen. Sein Rauſch war vorbei. Er hörte die Stimme und horchte auf. Ja, das war Ferdinand, der ſo liebevoll für ihn ſprach. Er erkannte ſeine Stimme. Berleſick kroch unter dem Tiſche heraus und ſtand eben aufrecht, als das Licht kam. Das Blut rann ihm über das Geſicht herab und gab ihm einen entſetzlichen Anblick. Jetzt lenkte der Wirth ein und holte Waſſer und einen Schwamm. Ferdinand reinigte ihn und gab ihm die engelsbeſten Worte, ſich ruhig zu halten⸗ Dies Ermahnen und Bitten fand Anklang bei Berlefick. Dadurch aber ſtieg des Wirthes Muth wieder, der mit den Stadtknechten auf's Neue zu drohen begann. Ferdinand machte ihn darauf aufmerkſam, daß er gegen ihn zeugen müßte und ſchlichtete endlich, zu Berlefick's Freude, den unangenehmen Handel. Als aber der Wirth die Zeche forderte und Berlefick bezahlen wollte, fehlte ihm der Geldbeutel. Dies weckte ſeinen Zorn auf's Neue und reizte den Wirth ſo, daß wieder ein neuer und heftigerer Hader zu entbrennen begann. Auch jetzt verſuchte Ferdinand mit Glück das Vermittleramt, während der diebiſche Pitt mit großer 3 Energie d'rein zu reden begann, indem er verſicherte, ein Mann, wie der reiche Herr Berleſick, gehe nie aus ohne einen wohl⸗ geſpickten Beutel; der habe goldene Mücken und deren mehr, als der Wirth kupferne. Berleſick erinnerte ſich, daß er ziemlich viel Geld in ſeinem Beutel gehabt habe; allein er war abhanden gekommen.— Wie2 Das wußte Niemand, ſo wenig als wo und wann? Denn weder dem Wirthe, noch den beiden Anderen kam es in den Sinn, einen Verdacht auf den Schiffsjungen zu werfen, der ſich ſo keck benahm und auch bei ſeinem Diebſtahle geſchickt ſich benommen. Um den Handel zu ſchlichten, zahlte Ferdinand die Zeche und verſetzte, da ſein Geld nicht ausreichte, ſeine Uhr. Damit war denn für's Erſte der Wirth zufrieden, und Ferdinand und Pitt begleiteten Berleſick, der über entſetzliches Kopfweh klagte, hinaus und dem Meßſchiffe zu. ℳ Je mehr Berlefick von ſeinem Rauſche genas, deſto mehr konnte er die fatale Lage überblicken, in welcher er ſich an dem 1 fremden Orte befunden, und deſto höher ſchlug er den ihm von Ferdinand erwieſenen Liebesdienſt an, welchen offenbar ein guter Geiſt gerade zur guten Stunde herbeigeführt hatte. Er ließ ſich von ihm führen, denn die Schläge des Knechtes, 6 3 3 — 344— der ſich wohlweislich aus der Affaire gezogen hatte, ließen ihre Wirkung mehr und mehr hervortreten in heftigem Schmerz in den Schultern, am Rücken und in den Seiten, wie nicht minder am Kopfe. Es waren Püffe geweſen, die ſich ein ſolides Denkmal in blauen Flecken geſtiftet hatten. So brachte ihn Ferdinand in das Schiff, wo Eidam in großer Angſt ſeinetwegen geweſen war. Guſtelchen ſchlug aber bei ſeinem Anblick die Hände zuſammen, denn ſein Kleid war zerriſſen und bot einen Anblick der Verwüſtung dar, welcher ſchreckenerregend war. Es war ein Glück geweſen, daß er ſeine Staatsperücke nicht getragen. „Seht Ihr, Hert Nachbar,“ ſagte ſie,„das iſt die Folge übertretener Schiffsordnung. Hättet Ihr Waſſer getrunken, ſo wär' das Euch Alles nicht paſſirt. Und geraucht habt Ihr auch? Pfui, ich rieche es.“ Damit wandte ſie ſich und ging nach der Küche. „Das fehlt noch,“ ſeufzte Berlefick,„daß ich, ſtatt Mitleid mit meinen zerſchlagenen Gliedmaßen zu finden, eine Strafſtand⸗ rede anhören muß! Lieber, guter Ferdinand, bringe mich in mein Schlafplätzlein“ Dieſer führte ihn hinab. Dort half er ihm ſich entkleiden. Berleſick ſchloß ein Käſtlein auf, griff blind hinein und reichte Ferdinand Geld, ohne es zu zählen.„Da, mein guter Junge,“ ſagte er,„haſt du Geld für deine Auslage und um deine Uhr einzulöſen.“ „Es iſt zu viel, Herr Vetter,“ entgegnete Ferdinand abwehrend; aber das half nichts. Er mußte es behalten und verſprechen, Niemanden von den Bacharacher Gerbern und Krämern, die auf der Meſſe anweſend ſeien, Etwas von dem Vorgefallenen zu erzählen. Dann dankte er auf's Wärmſte für ſeinen Beiſtand und ſeine aufopfernde Bereitwilligkeit, ihm zu dienen und Ferdinand ging, um bei Guſtelchen noch ein Stündchen zu plaudern, wo denn auch Peter Eidam die Vorfälle kennen lernte, und meinte, das ſei die Frucht des langen Faſtens, welches ihm Guſtelchen auf dem Schiff auferlegt. Dennoch konnte der Schiffer ſich nicht entbrechen, in das herzliche Lachen der jungen Leute einzuſtimmen— und geheimen Zweifeln Raum zu geben, ob jemals aus der beabſichtigten Verbindung etwas werden würde. Derweilen lag Berlefick in ſeinem Bett in einer fieberiſchen Gluth und verwünſchte das Meßſchiff und das Mädchen, welches er der Urheberſchaft an dieſem Malheur, wie er ſich gelinde ausdrückte, indirect anklagen mußte. Was hätte er d'rum gegeben, ſäße er in ſeinem weichen Sorgſeſſel daheim und könnte eine Flaſche Leim⸗ bacher als Sorgen⸗ und Schmerzenſtiller leeren? ZJe ſchwärzer ihm des Mädchens Thun erſchien, deſto helleres Licht fiel auf Ferdinand's Benehmen. Bittere Reue erfüllte ſein Herz bei dem Gedanken, wie er den alten Wink gezwickt und mit Einklagen ſeiner Darlehen gedroht, bis er den braven Jungen fortgejaßt. In etwas beruhigte es ihn, daß er ihm ein hübſches Röllchen Kronenthaler in die Hand gedrückt hatte; aber der Wurm der Reue über ſein Verhalten gegen Ferdinand wühlte doch fort und fort noch in ſeinem Innern. Ruhelos und ächzend warf er ſich auf ſeinem Lager herum, bis endlich ſpät der Schlaf ihn ſeinen Vorwürfen und ſeinen Schmerzen enthob. Unterdeſſen ſaß der Tagedieb Pitt in ſeiner Koje und zählte das Geld in Berlefick's Beutel, welchen er ihm entwendet hatte. Den Beutel warf er in den Main; das Geld aber wickelte er ſorgfältig ein und verbarg es in einem Winkel ſeiner Koje. Allmählich wurde es am ufer ſtille und die Nacht legte ihren Schleier über die Begebenheit dieſes Abends, der für Berleſick am ſchlimmſten geworden war und ihn ohne Ferdinand's Dazwiſchenkunft leicht noch in polizeilichen Gewahrſam hätte bringen können. v.„ Als Berlefick am andern Morgen erwachte, war er faſt an allen Gliedern gelähmt. Sie ſchmerzten ihn entſetzlich, und als Pitt nach ihm ſah, rief der Strick:„Ihr ſeid ſo blau im Geſicht, als hätt' Euch ein Blaufärber getunkt! Und blutrünſtig ſeid Ihr dazu! Ihr könnt Euch vor keinem Menſchen ſehen laſſen.“ — 346— „Das iſt ohnehin vorbei,“ ſeufzte Berlefick,„denn ich kann kein Glied regen. Die Burſche haben mich gedroſchen, daß ich d'ran zu tragen haben werde. Rufe mir einen Chirurgus.“ Pitt ging und dachte:„Damit hat's noch Zeit. Was brauche ich um den Alten in der Stadt herum zu laufen, bis ich ſo einen Barbutz finde!“ Der ſchlenderte hinauf und lungerte auf dem Verdecke herum, wo jetzt eine Heidenwirthſchaft begann. Es wurde ausgeladen, was an Leder im Schiffe war, und wenn ſo eine trockene Sohl⸗ lederhaut auf das Vorderdeck geworfen wurde, bebte das Schiff bis in Berleſick's Koje, daß er zuſammenfuhr. Schorcher ſind überall Geſellen, deren Manierlichkeit und Beſcheidenheit mit Fug und Grund in erhebliche Zweifel zu ziehen ſind. Auch dieſe waren der Art, daß das Beſte, was aus ihrem Munde ging, Schimpfen und Fluchen war, was ſie mit aller Macht einer Aepfelweinkehle thaten. Das klang da unten in der engen Zelle, wo Berleſick ſeine Clauſur aushielt, wie ferner Donner. Dies wäre jedoch Alles noch zu ertragen geweſen, wenn nicht Schreiner und Zimmer⸗ leute jetzt gerade über ſeinem zerſchellten Kopfe zu ſägen, zu hobeln, zu hämmern und zu klopfen angefangen hätten, daß ein Geſunder mit klarem Kopfe juſtement desperat geworden wäre. Sie arbeiteten an dem Schenkzelt über ſeinem Kopf, und er hatte, was die Neuzeit einen Katzenjammer nennt, im höchſten Grade Kopfweh, Schwindel, Unbehagen, und dazu kam nun der äußerliche Schmerz von dem Zerbläuen der Fäuſte des Wirthes und des Knechtes, der Aerger, daß er vor dem Mädchen ſich blamirt und von ihr, der naſeweiſen Dirne, eine Strafrede und Levitenleſen hatte ein⸗ ſtecken müſſen, nun hier lag in einem Raume, der ſo enge war, daß ihm ſchier das Bischen Lebensluft ausging, deſſen er bedurfte in ſeinem Elend. Es war zum Verzweifeln! Schmerz, Aerger, Grimm zerarbeiteten ſich in ſeinem Innern, als es an die Thüre ſeiner Kajüte klopfte, als wäre das Fingerchen von Sammt, und ein melodiſches Stimmchen fragte:„Darf und kann ich einmal öffnen?“ — 37— Wie wenn die Sonne durch die Nebel bricht, fuhr plötzlich ein wunderſamlich verklärender Lichtſtrahl über das Antlitz des armen Dulders und gab ihm einen von dem früheren völlig verſchiedenen Ausdruck. „Sie iſt's!“ rief's in ihm.„Sie denkt an mich! Sie hat doch noch ein Herz für mich und bereut gewiß ihr naſeweis Geſchwätze von geſtern.“ „Herein nur, mein Engelchen!“ rief er freudig bewegt, und alles Herzeleid war vergeſſen. Guſtelchen hatte den Kaffee auf einem Vorſtellbrette, öffnete die ſchmale Thüre und ließ ihr holdſeliges Geſichtlein erſcheinen. Aber beinahe hätte ſie Kaffee, Milchbrod und Zucker mit einem Plumps zur Erde fallen laſſen, denn ſie brach bei ſeinem Anblick in ein unmäßiges Gelächter aus. Berleſick's Hitzkopf und Jähzorn regte ſich gewaltig, allein er verſuchte, ihn zu bändigen, was ihm einigermaßen gelang. „Was iſt denn ſo zu lachen?“ rief er mit zornzitternder Stimme.„Ich ſollte denken, daß ich eher Mitleid verdiente.“ Guſtelchen rang und rang, aber immer auf's Neue übermannte ſie der Lachreiz, und ein wahrer Sturm brach los. Endlich wurde ſie Herr über ſich, aber ſtatt ihm Rede zu ſtehen, ſtellte ſie den Kaffee auf das winzige Tiſchlein vor ſeinem Peinlager und eilte hinweg, kam jedoch alsbald mit einem Spiegel wieder und hielt ihm den vor. „Seht ſelbſt,“ ſagte ſie lachend,„ob ich dem Lachreiz wider⸗ ſtehen konnte?“ Berlefick blickte in den Spiegel und lachte trotz Schmerz, Grimm und Aerger laut auf; denn in ſeinem Geſichte ſah man Gelb, Grün, Blau und Schwarz in wunderſamen Uebergängen bis zur intenſivſten Stärke und Sättigung, und namentlich hatte ſich der blaue Metallanlauf der Naſe in ein dunkles Blau verwandelt, das faſt ſchwarz genannt werden konnte. Auf allen dieſen Farben⸗ Nuancen, durch welche ſein Geſicht einige Aehnlichkeit mit der — — 348— Palette eines Malers erhielt, thronte eine ſchneeweiße baumwollene Troddelmütze, weit über die Ohren heruntergezogen, und bildete einen höchſt wirkſamen Contraſt. Guſtelchen reichte ihm jetzt die Hand und ſagte:„Da Ihr nun ſelber mit Eurem Lachen das meine gerechtfertigt habt, ſo laſſet uns jetzt vernünftig werden!“ Sie ſtellte den Spiegel weg; aber trotz des Vorſatzes, vernünftig zu werden, zuckte ihr ſchönes Geſichtchen dann und wann noch einmal, und ſelbſt wenn ihr ſüßer Mund recht verſtändiglich redete, war Berlefick jede Minute gewärtig, daß wieder urplötzlich ſo ein Lachorkan losbrach. Er war verſöhnt. Sie ſprach gar zu lieb, theilnehmend und freundlich; bedauerte den unſeligen Rumor auf dem Verdeck und goß ihm den Kaffee ein. Berleſick hatte keinen Appetit, aber in der Weiſe mußte er trinken und eſſen, und Beides ſchmeckte köſtlich. Er vergaß all' ſein Leid in der Nähe des Mädchens wieder. Endlich ſagte er:„Iſt denn Pitt zu einem Chirurgus gegangen?“ „Nein,“ ſagte Guſtelchen darauf,„Er lungert oben herum. Ich wußte nicht, daß Ihr ihm das aufgetragen.“ „Das iſt ein heilloſer Bube!“ rief zornglühend Berlefick aus. „Erhitzt Euch doch nicht,“ beſchwichtigte Guſtelchen und eilte hinweg. 5 Bald darauf kam ein Chirurg, unterſuchte und ſagte dann ſehr gravitätiſch:„Contuſionen, bedenkliche Contuſionen! Ihr müßt abſcheulich traktirt worden ſein, Herr? Da muß eine kunſt⸗ mäßige Behandlung eintreten. Aber wie ſoll das hier, in dem Neſte, möglich en? Ihr müßt heraus!“ Berlefick wehrte ſich, obgleich der Scandal über ſeinem Kopf in ſtetem Wachſen war, und der Heilkünſtler fügte ſich. Er machte Aufſchläge, legte Pflaſter auf und ging dann. Es war eine einfache Nothwendigkeit, daß ſich auf dem Schiffe faſt Niemand mit ihm befaſſen konnte. Da war Arheit in Hülle — 349— und Fülle, denn je eher die Wirthſchaft auf dem Meßſchiff ersffnet und im Frage⸗ und Anzeige⸗Blatt angekündigt werden konnte, deſto eher begann der Profit des Schiffers Eidam. Deßwegen mußte jedes Glied der Schiffsbewohnerſchaft angreifen und helfen. So lag denn der arme Zerbläute allein in ſeinem ſüdheißen Kämmerlein und blies, wie man ſagt, Trübſal nach Noten. Er hatte Zeit, zu denken. Wie auch des Mädchens Lieblichkeit und Freundlichkeit, Mitleid und Sorgfalt ihm wohlthat, er erinnerte ſich doch wieder aller Quälereien auf dem Schiff; er gab dem Gedanken wieder Raum, was aus ſeinem Behagen werden ſollte, wenn der kleine, eigenſinnige und ſteinharte Kopf ihn unter das Regiment des Pantoffels nehmen ſollte, und der beſonnene Verſtand rieth: Laß die Heirathsgedanken fahren! Der Rector hat recht!— Er ſpann den Faden weiter. Die Erinnerungen an das Herzeleid der Reiſe und was als erſtes Abenteuer in Frankfurt ſich daran knüpfte, traten in ihre Rechte— kurz— ein Heimweh nach ſeinem ſchönen Plätzlein am Rhein, an den weichen Lehnſeſſel am Ofen daheim, an die Stille ſeines Hauſes, an die goldenen Tröpflein aus ſeinem Keller, an die blauen Wölklein des Knaſters— ergriff ihn mit Macht, und mancher Stoßſeufzer entrang ſich der Bruſt. Auch Zorn brach dann und wann los, aber er richtete ſich gegen ihn ſelber, daß er nämlich ſo einfältig ſei und allemal ſich wieder von der ſchönen Hexe bethören laſſe.. In dieſer Gedankenreihe unterbrach ihn Ferdinand, der die erſte freie Stunde benutzte⸗ nach dem Vetter Kreuzträger zu ſehen. Er blieb bei ihm und plauderte mit ihm von allerlei Dingen; erzählte ihm, daß eine große Bude mit Thieren auf dem Roßmarkt ſtehe, allwo jedſtündlich ein Menſchenſtrom aus un einfluthe, weil ſo Außerordentliches in Frankfurt noch nie enen Das unterhielt ihn ungemein angenehm. Was aber Berleſick ungemein alterirte, war die Nachricht, daß ſein Nachbar in Bacharach, der alte Wink, mit Tod abgegangen ſei, welche ihm Ferdinand brachte. Nicht als ob Berlefick etwas für ſeine ihm geliehenen Gelder befürchtet hätte; Wink hatte keine Kinder und war nicht ohne — 350— Vermögen, hatte aber der Gelder zur Reparatur ſeines Hauſes bedurft, das bei einer winterlichen Ueberſchwemmung viel gelitten, ſondern darum griff der Tod des Mannes ihn an, weil er ihm ein guter, braver Nachbar geweſen. „Ferdinand verbreitete ſich über die vortheilhafte Lage des Hauſes, über die Frequenz des Ladens und das blühende Geſchäft, und man konnte merken, wie ein leiſer Wunſch in ſeiner Seele ſich wehmüthig äußerte, dann aber ſich ſchnell wieder verkroch. Berleſick merkte das, und ſein gutes Herz fing an, für den guten Ferdinand zu operiren. Als er endlich weggegangen, überlegte ſich Berleſick die Sache in die Länge und Breite, Höhe und Tiefe, und es kam ihm vor, als ſei er dem guten Jungen ſchuldig für das Herzeleid, ſo er ihm bereitet, einen rechten heilenden, ſein eigenes Gewiſſen befriedigenden Erſatz zu geben; doch kam er noch zu keiner Ent⸗ ſcheidung. Dennoch ging in ſeiner troſtloſen Einſamkeit die Ange⸗ legenheit in ſeinem Kopfe herum, und der Gedanke, daß er nicht ſehr viel auf die Kapitalſchuld Wink's zuzulegen habe, um das Haus an ſich zu bringen, legte ein anſehnliches Gewicht in Ferdinand's Wagſchale. Berlefick war indeſſen nicht der Mann, der raſche Entſchlüſſe faßte. Er mußte eine Sache ziemlich oft drehen und wenden, ehe er ſie gehörig erfaßt hatte, und dazu wurde ihm Zeit gelaſſen, denn der Chirurgus ließ ihn, da er von Pitt gehört, der Alte habe Geld, ſo leicht nicht aus ſeinen Klauen. Er behandelte die Sache mit einer Wichtigkeit, daß es Berlefick manchmal um ſein Leben bange wurde. Er mußte Arznei nehmen, eine ſtrenge Diät halten, und es fehlte nicht an allen erdenklichen Pflaſtern, Einreibungen und Aufſchläge erlefick's Zuſtand war oft unerträglich. Als das Zelt fertig Wät, konnte er deutlich das Gläſerklingen hören, eine tantaliſche Qual für ihn, der nach einem guten Tröpflein ein heißes Verlangen trug; er konnte das Gelächter droben deutlich hören und das Stampfen der Füße, wenn den Leuten der Kopf ſchwer wurde, machte ihn vollends toll. Dann und wann ſah Eidam nach ihm, noch ſeltener Guſtelchen, und nur Pitt ärgerte — ihn alle Tage. Da waren die Beſuche Ferdinand's Labſal für ihn, die denn täglich ſich wiederholten, bis endlich der Chirurgus mit einem Knir ſeine ellenlange Deſervitenrechnung überreichte und zugleich die ſeiner Hausapotheke, welche die Heilmittel geliefert, und ihn für völlig geneſen erklärte.. Freudig ſprang er aus dem Bett und wenige Minuten ſpäter ſaß er oben im Zelte, wo ihm Guſtelchen lächelnd eine Flaſche kredenzte, in deren dunkelm Naß er all' den Jammer der anderthalb Wochen im Schiffsverließe hinabſchwenkte. Das war aber eine Wirthſchaft da oben! Es wimmelte von Trinkenden, und man ſah nur zu klar, die ſchöne Schenkin hatte ſo viel Antheil daran, als der köſtliche Rothwein, den Bacharach's Berge geliefert. Sie wußte aber auch mit ihrer herzgewinnenden Freundlichkeitden edlen Nektar zu würzen. Alle dieſe Freund⸗ lichteit aber, die ſie Jedem erwies, war für Berlefick Gift und Galle, da er ſah, wie gefallſüchtig das Mädchen erſchien, und es kam ihm manchmal vor, als thue ſie es, um ihn zu ärgern. „Aber, Herr Berlefick,“ ſagte ſie eines Tages,„Ihr ſeid doch recht vergeßlich. Auf der Reiſe bot ich Alles auf, Euch die Zeit durch angenehme Unterhaltung zu verkürzen, und Ihr denkt nicht, daß Ihr mir verſprochen habet, mir die Sehenswürdigkeiten der Meſſe zu zeigen?“ „Daß dich Gott beſſere mit deiner Unterhaltung!“ ſprach Berleſick in ſich hinein und gedachte der Qual des Garnwickelns und der ſchauerlichen Schiffsdisciplin, mit der ſie ihn gemartert, und hier, wo alle Leute rauchten, blühte ſie unter Tabaksqualm wie eine Roſe und ſagte nichts, daß er ſelbſt rauchte und trank nach Herzensluſt. Was in ihm vorging, verſchwieg er und entgeg⸗ nete, daß, da morgen Sonntag ſei, er ſie gert dahin führen wolle. Das nahm ſie an. Pitt ſtand dabei, und wer des Buben Geſicht beobachtet hätte, würde darauf einen Plan haben leſen können, der ſicherlich ſeinem Feind ein Ungemach bereiten mußte. „ 6 — — 352— VI. Der Sonntag kam mit ſeinen Glockenklängen und ſeiner Herrlichkeit. Pitt war frühe draußen geweſen, und gegen neun Uhr, als am Mainufer viele Luſtwandelnde erſchienen, ſah man eine große Zahl lotteriger Gaſſenbuben aus der Hefe des Volkes in der Nähe des Bacharacher Meßſchiffes ſich verſammeln, die in lebhafter Bewegung waren. Ihre Blicke waren auf das Schiff gerichtet und man ſah, ſie erwarteten Jemand, um an ihm ihren Muthwillen auszulaſſen. Ahnungslos waren die Bewohner des Meßſchiffes. Wenige Leute kamen, um ihren Frühtrunk zu holen, welche Eidam allein bediente. Ferdinand war zeitig da, und ihm allein waren die Buben aufgefallen, ohne daß er aber einen Argwohn faßte. Der⸗ weile er bei Eidam ſaß und dieſem erzählte, wie glücklich ihn die gänzlich veränderte Geſinnung ſeines Herrn Vetters mache, putzte ſich Guſtelchen in ihrem engen Kämmerlein und Berlefick legte ſeinen höchſten Staat an, den weißen Rock, die hochrothe Weſte, die ſchwarzen Kniehoſen mit Zubehör; er ſetzte des Perücken⸗ machers Stübing Kunſtwerk auf, dem die Puderquaſte neuen Glanz und Schmelz verlieh, und trat endlich alſo im höchſten Putz auf das Verdeck, wo Ferdinand kaum fähig war, der Lachluſt über das grelle Farbenſpiel der Bekleidung ſeines theuern Herrn Vetters den Kappzaum anzulegen. Berlefick war nicht ohne Eitelkeit und gefiel ſich jetzt ſelbſt in dem höchſt modernen Anzuge, deſſen bizarre Farben jedoch bei ruhigerem Nachdenken Ferdinand nicht geringe Sorgen bereite da das Alles zu auffallend war. Berleſick ſe ſich zu ihm, beſtellte bei Eidam eine Flaſche echten Wolfshöhler und war erſtaunlich guter Dinge. Guſtelchen wollte heute auch in reizendſter Weiſe erſcheinen, um Ferdinand recht zu gefallen. Sie machte deßwegen ungemein lange und ließ Berlefick und Ferdinand Zeit, ihre Flaſche zu leeren, wobei jedoch Ferdinand, trotz aller Mahnungen ſeines Herrn Vetters, nur ein — 3. 1 2 — 353— Gläslein trank und alſo Berlefick genöthigt war, die ganze chur⸗ pfälziſche Flaſche, die eine halbe Maaß hielt, zu leeren. Man merkte an der höhern Farbe ſeines Geſichts und ſeiner Naſe, ſowie an der zunehmenden Lebhaftigkeit ſeiner Rede, daß der Wein einige Wirkung zu thun nicht verfehlte. Endlich kam Guſtelchen. Selbſt ihr Todfeind, wenn ſie auf Gottes Erde einen gehabt, hätte bekennen müſſen, roſiger, holdſeliger habe er ſie nie, aber auch kaum jemals und irgendwo ſo ein Mädchen geſehen. Die Wirkung ihrer Erſcheinung war in der That zauberiſch. Höchſt geſchmackvoll war ihr Anzug. Roſenroth und weiß waren die einzigen Farben, welche ihren Widerſchein auf das holdſelige, roſige Geſichtchen warfen, und ſie trat ſo geſchämig, ſo züchtig verhüllt auf, daß gerade dadurch jener Zauber unendlich erhöht wurde. Berlefic's ganze Seele trat in die Augen. Ferdinand wagte nur vann und wann einen entzückten Blick auf ſie zu richten, aber dieſer Blick reichte auch hin, das ganze Wohlgefallen und das ihn durch⸗ ziehende Gefühl auszuſprechen. Selbſt der alte Eidam konnte ſich nicht ſatt an dem lieblichen Kinde ſehen.— Ferdinand mahnte zum Aufbruch. Mit allem Ceremoniell jener umſtändlichen und peinlich artigen Zeit reichte Berlefick Guſtelchen ſeinen Arm, trug in der andern Hand das lange Meerrohr und ſchritt mit den zierlichſten Schritten der Dielbrücke zu, welche zum Ufer führte.. Niemand bemerkte, daß Pitt am Steuerruder ſtand und mit ſeiner Mütze dem Janhagel, den er am Ufer zuſammengetrommelt hatte, ein Zeichen gab. Kaum erſchien Berlefick auf der Landungsbrücke des Schiffes, als die Buben ſich enger ſchaarten und in einen hrüllenden Halloh ausbrachen. „Seht einmal, ein Papagei!“ rief Einer. „Papagei! Papagei!“ ſchrien ein paar Dutzend Kehlen, klatſchten in die Hände und brüllten vor Lachen. „Seht nur, er hat einen blaurothen Schnabel und hinten ein Schwänzlein im Nacken!“ N. F. W. 23 — 354— „Halloh! Ho!“ ſchrie der Haufe und immer toller gebährdeten ſich die Stricke, während Pitt am Steuer ſich wälzte vor Lachen und Luſt. 8 Die Luſtwandelnden ſammelten ſich auf das Geſchrei und bald war eine ungewöhnliche Menſchenmenge hier verſammelt, welche, von der tollen Luſt der Buben und dem allerdings höchſt komiſchen Anzuge Berlefick's erregt, den Lachchor um ein Anſehnliches vermehrten.. Anfangs ſtutzte Berlefick. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß er gemeint, daß er der Gegenſtand dieſes höchſt ärger⸗ lichen Auftrittes ſein könne. Guſtelchen erbleichte und erglühte in Einem Augenblick. Ihrem Scharfblick entging die Gefahr eines höchſt fatalen Auftrittes nicht; denn achtete Berleſick nicht auf die Buben, ſo zogen ſie ihm nach mit ihrem giftigen Witz und Spott, und die Geſchichte wurde mit jedem Schritte, den ſie thaten, ſchlimmer; achtete er auf ſie und erkannte ſich als den Gegenſtand ihres Uzes, dann brach ſein Jähzorn los und nun erſt war das Fatalſte zu gewärtigen. Sie zupfte ihn darum am Arm und ſagte mit zitternder Stimme:„Ach, lieber Herr Berlefick, kommt doch zurück!“ Er blieb ſtehen und ſah ſie verwundert an.„Zurück?“ fragte er erſtaunt.„Was fällt dir ein, mein Kind?“ „Ach, ach— die— Buben dort!“ ſtotterte das angſterfüllte Mädchen. In dieſem Augenblicke fielen die Schuppen von ſeinen Augen, denn er ſah, daß Ferdinand die Buben zu beſchwichtigen ſuchte, freilich wohl völlig vergeblich, denn gerade ſeine Bitten und Ver⸗ ſprechungen reizteg den muthwilligen Uebermuth der Knaben. Immer toller ſchrien ſie:„Papagei! Papagei!“ und ihr Gelächter wurde immer wiehernder. Jetzt entbrannte des Alten Zorn in einer Weiſe, wie er ſelten losbrach Er gab dem Mädchen einen Ruck, daß ſie zwei Schritte zurückfuhr, ſchwang das lange Meerrohr und ſtürzte auf den Haufen zu. Mit großer Kraft faßte er Ferdinand und ſchob ihn aus dem 35— Wege:„Geh',“ rief er ihm zu,„und laß mich an die Meute; ich will ſie kuranzen!“ Vergeblich flehte Ferdinand um Mäßigung und faßte ihn am Arm. Der Wüthende ſchleuderte ihn zurück, daß er ſchier zur Erde purzelte, und fuhr unter die Knaben Dieſe wichen ihm ſchreiend und lachend aus und ſammelten ſich um ſeinen Rücken. Dies ſteigerte ſeine Wuth. Er fuhr herum und lief ihnen nach. Dieſe Hetze machte die Scene ſo unwiderſtehlich komiſch, daß Alle, die müßig und neugierig hier ſtanden, in ein laut ſchallendes Gelächter ausbrachen. Berlefick war völlig von Sinnen. Er ließ die Buben nun und rannte gegen die Erwachſenen, indeß die Buben ihn an ſeinen Rockſchößen faßten und herumzerrten. Während dieſer immer ſchlimmer werdenden Scene war Ferdinand in das Zelt geeilt, um Eidam zu rufen. Dieſer hatte den Lärm gehört, ſich aber in eifriger Bedienung ſeiner wenigen Gäſte wenig d'rum bekümmert. Jetzt eilte er heraus, und kaum überblickte er die ganze Sachlage, als er, die herkuliſche Schiffer⸗ geſtalt, in drei Sätzen bei Berlefick war, ihn an den Lenden faßte, in die Höhe hob und den Zappelnden und ſich wüthend Wehrenden auf das Schiff trug, wo er mit ihm hinter der Bretterwand des Zeltes verſchwand. Dies geſchah unter dem wildeſten Halloh der Buben und dem brauſenden Gelächter der Zuſchauer. Ferdinand war indeſſen weggelaufen, um einige Stadtſöldner zu rufen, welche erſchienen, einige der Buben faßten und die Anderen zerſtreuten. Einem Schlaganfalle nahe, ſank Berlefick auf eine Bank des Zeltes, wo ihn Eidam niederſetzte; er war keines Wortes fähig, ſo kochte der Zorn in ihm. Erſt nach langer Zeit begann ſich ſeine Seele Luft zu machen im maßloſeſten Schimpfen und Fluchen auf ſolch' Geſindel. Ferdinand war derweile wievergekommen und führte ihn in ſein Schlafkämmerlein. Sie mußten an Guſtelchen's Stübchen vorbei, wo weinend über die erlittene Schmach das Mädchen ſaß. Kaum erblickte ſie Berlefick, als ſie ſich nicht mehr 23 — 356— halten konnte und in jungfräulichem Zorn ausrief, nie werde ſie mehr mit ihm einen Schritt vor das Schiff thun. Er ſcheine unter dem Fluche zu ſtehen, daß er hier in der Stadt nur Händel anfange, die zum Verderben oder zur Schmach für ihn und Andere ausſchlügen. Ferdinand winkte und bat, aber das Mädchen konnte es ſich nicht verſagen, ihrem Gefühle Rechnung zu tragen. „Das fehlt gerade noch!“ rief Berleſick und ſein Zorn regte ſich wieder.„Himmel und Erde, was hab' ich den Rackern gethan? Iſt's nicht, als ſeien ſie beſtellt geweſen, um mich zu hänſeln? Und du willſt, daß ich Das in De⸗ und Wehmuth hinnehmen ſoll? Etwa dazu flennen und heulen? Das iſt Weibsart; meine iſt, dreinſchlagen, wenn man mich ſo abſcheulich beleidigt. Bin ich ſchuld? Himmel und Erde! Bin ich ſchuld, daß das Geſindel ſich da ſammelt?— Und mir machſt du Vorwürfe, der ich doch lediglich der leidende Theil bin?— Das fehlt noch, um mir vollends den Leiden zu machen! Verdammt ſei der Gedanke, mit dem langweiligen Meßſchiff nach Frankfurt zu fahren. Verdammt der Gedanke—“ Ferdinand bat eindringlich:„Liebſter Herr Vetter, laſſet uns gehen, ich bitte Euch.“ „Du haſt Recht, Ferdinand,“ rief er nun.„Gehen! das iſt das rechte Wort. Ich will packen und das Schiff, dieſe ſchwim⸗ mende Folterkammer für mich, verlaſſen. Heute noch.“ Er zog Ferdinand mit ſich in ſein Quartierlein. „Ach, mein Gott,“ ſagte hier der Jüngling betrübt,„es thut mir ſo leid, daß Ihr mit Eidam's brechen wollt. Thuet es nicht!“ „Treue Seele,“ ſagte plötzlich beruhigt Berleſick,„du weißt nicht, wie es ſteht; aber ich will dir's nur ſagen. Ich war ein Narr, ein Eſel dazu, und wollte das Mädchen heirathen, das Guſtelchen droben. Ich meinte, ſie ſei ein Engel.“ „Iſt ſie denn das nicht?“ fragte Ferdinand, der ſich meiſter⸗ haft und heldenmüthig hielt. „Ein Engel? Schöner Engel!“ rief der Alte.„Eine Herxe iſt's, die Einen bethört, aber voll Teufelei. Sie iſt an allem Elend ſchuld. Sie hat mich dazu gebracht, mir des Rectors — Narrentracht machen zu laſſen. Ich verſteh's jetzt recht gut, warum die Satanaſſe da draußen Papagei riefen. Seh' ich alter Narr denn nicht ſo aus? Sie hat mich ſchier zu Tode gemartert auf der Her⸗ fahrt mit dem verwünſchten Garnwickeln! Sie hat mir Tabak und Wein verboten und iſt alſo die Schuld, daß ich die Püffe bei dem Wirthe bekam und noch hintennach in die Mehlwaage geſetzt worden wäre, wenn du nicht, wie ein guter Genius, gekommen und mich aus der Tunke gezogen hätteſt. Nein, Ferdinand, ich will nichts mehr vom Heirathen wiſſen. Hoch lebe das edle Junggeſellenthum mit ſeinem Frieden und Behagen!“ „Da ſtimme ich vollkommen bei,“ bemerkte Ferdinand. „So? Du auch? Herrlicher Junge! Weißt du was,“ ſagte, ſchnell in eine heitert Stimmung übergehend, Berlefick,„weißt du was? Ich reiſe ab und du begleiteſt mich.“ „Ach, theurer Herr Vetter,“ bemerkte Ferdinand,„das ginge ſchon, aber es geht nicht, denn ich bin durch meinen Contract bis gen Weihnachten gebunden.“ „Verdammt!“ rief Berlefick und ſtampfte auf den Boden. „Läßt ſich denn das nicht ändern?“ „Wenn— wenn— Ihr vielleicht mit meinem Herrn Principal redetet,“— verſetzte Ferdinand.„Vielleicht wäre es dann thunlich.“ „So komm' gleich!“ ſagte der Alte und griff nach Hut und Stock. „Ach, wertheſter Herr Vetter,“ ſprach ſtockend der Jüngling, „wollet Ihr mir nicht zürnen, wenn ich Euch etwas ſage?“ „Heraus damit!“ rief Berlefick. „Euer Anzug,“ fuhr der Jüngling getroſter fort, iſt auffallend, daß ich fürchte—“ „Das iſt ein vernünftig Wort,“ ſagte ruhiger Berlefick,„bei meiner Seel', das geſcheidtſte, welches ich noch hier gehört! Siehſt du, das ſind alle des Guſtelchen's Tücken! Sie iſt ſchuld! Der Erznarr, der Rector, trägt ſich ſo. Bumms, da mußte ich's auch, und ſie ſagte gar, hier trüge ſich Jeder ſo, und als würde ich in anderm Anzug ausgelacht.“ 6 „Ihr nehmt dem Guſtelchen Alles übel auf. Ich weiß, wie werth ſie Euch hält, liebſter Herr Vetter, und wie ſie Euch — hochachtet. Sie meinte gewiß, es ſei ſo, weil der Herr Rector ſich nach der neueſten Mode kleidet. Hat keine Kinder, der Mann, und iſt vermögend.“ Berlefick hörte geduldig zu und das gab Ferdinand den Muth, weiter zu gehen in ſeiner Rede für den Schiffsfrieden.„Sie hat geweint über den Schimpf, und für ein ehrbares Mädchen iſt ſo etwas keine Kleinigkeit.“ „Du haſt abermals Recht,“ fiel ihm Berlefick in die Rede. „Ich ſehe im Zorn Alles ſchwarz. Es iſt wahr. Nun, nun, geh' hinauf und ſuche den Frieden herzuſtellen. Ich will dir's hoch verdanken! Derweile ziehe ich eine ſchwarze Weſte und meinen Leberbraunen an. Er iſt neu und fein und wird nicht auffallen.“ Er that ſogleich die nöthigen Schritte und war ſchnell damit am Ziel. Als jedoch Ferdinand wegeilte, entſtand auf dem Verdeck ein Zetermordio. Es war eine Bubenſtimme, die ſo ſchrie, als ob ihr Gewalt geſchähe. „Das iſt des Tagediebs, des Pitt's, Stimme,“ ſagte Berlefick. „Ich glaube, der Eidam gibt ihm ein Frühſtück mit dem Tauende? — Hat's oft ſchon verdient, der Racker!“ Beide ſtiegen hinauf und was ſich ihren Augen darbot, beſtätigte Berleficks Vermuthungen, obwohl doch andere Umſtände obwalteten. Während unten in der Kajüte Berlefick und Ferdinand ihr Geſpräch führten, war ein ſtädtiſcher Rumorknecht auf das Schiff getreten und nahm Eidam allein. Er theilte ihm mit, daß der Polizeiherr die Buben examinirt, die dem fremden Herrn den Scandal bereitet, und herausgebracht, daß Pitt, der Schiffsjunge, ſie beſtellt und mit Geld zu dem Rumor gedungen habe. „Mit Geld?“ fragte Eidam erſtaunt.„Der hat nicht ſo viel, als ich in meinem Auge leiden kann!“ „Der Polizeiherr,“ fuhr der Rumorknecht fort,„ſendet mich her, daß wir ihn einmal durchſuchen.“ Eidam ſtand ganz ſtarr vor Erſtaunen da. Er kannte wohl ſeinen Schiffsjungen als einen gutgewickelten Strick, aber ſolche Streiche hatte er ihm nie zugetraut. — 359— „Warum durchſuchen?“ fragte er endlich. „Weil der Herr,“ fuhr der Rumorknecht fort,„der in dem Wirthshauſe die Händel mit dem Wirthe hatte, wahrſcheinlich, wie der Wirth ausſagt, von dem Buben beſtohlen worden iſt.“ Das machte den Schiffer wild.„Kommt,“ ſagte er,„der Bube iſt in die Stadt geſchickt, wir wollen ſeine Koje unterſuchen.“ Das geſchah, und man fand eine anſehnliche Summe Geldes, darunter holländiſche Ducaten. Als ſie mit dem Gelde wieder auf's Verdeck kamen, trat Pitt in das Zelt. Der Rumorknecht faßte ſogleich Pitt mit energiſchem Griffe beim Kragen und rief:„Spitzbube, nun haben wir dich!“ Pitt erbleichte und begann zu zittern. Alle ſeine Frechheit war dahin. Er ſchrie wie ein gefangener Marder und verſprach Alles einzugeſtehen. Zu dieſer Prozedur kam eben Berlefick und Ferdinand recht gelegen. Eidam, der von Zorn erhitzt war, hielt ein getheertes Tauende in ſeiner Hand und dies hochnothpeinliche Zungenlöſungsmittel wirkte Wunder, denn während Pitt voll Angſt ſeine Augen darauf gerichtet hielt, bekannte er ſeinen Diebſtahl und ſeine Aufhetzung der Buben am Strande, denen er das Geld gegeben hatte, welches an der Summe fehlte, die er Berleſick entwendet; er bekannte den Weindiebſtahl eben ſo. Alle ſtanden betroffen da, als der Tagedieb ſeine Verworfenheit und auch den Grund ſeines Haſſes gegen Berleſick eingeſtand. Jetzt erſt erwachte Eidam's Zorn. Er riß den Strick aus des Rumorknechts nerviger Fauſt und maß ihm das Tau unbarm⸗ herzig an. Selbſt Guſtelchen's Flehen half nicht. Als er endlich ſein ſchiffiſches Strafamt vollzogen⸗ übergab er Pitt dem Rumorknecht. „So,“ ſagte er aufathmend.„Jetzt hat die Schiffszucht ihr geheiligtes Recht. Das war für die Streiche, die er auf dem Schiffe verübt. Was er im Wirthshaus, auf Eurem Stadtgebiete gethan, mögt Ihr nach Urtel und Recht beſtrafen.“ ———— — 360— 4 Damit übergab er den böſen Buben dem Rumorknecht, der ihn nach dem Gefängniß abführte. Lange wurde die Geſchichte noch verhandelt an Bord des Meß⸗ ſchiffes, und unvermerkt gelang es Ferdinand, die milderen Saiten anzuſchlagen, deren Ton einen friedlichen Klang annahm. Freilich weigerte ſich Guſtelchen entſchieden, heute in die Stadt zu gehen, unter dem Vorwande, die Gaſſenbuben möchten auf eigene Fauſt dem Herrn Nachbar aus Rache noch einen Denkzettel anhängen. Dabei blieb's denn, und Berleſick und Ferdinand traten allein ihren Weg nach dem Roßmarkt an. Unterwegs ſprach Berleſick feinen Willen auf's Beſtimmteſte aus, Frankfurt am andern Morgen zu verlaſſen, und begab ſich, da die Wohnung von Ferdinand's Principal auf dem Wege lag, zu dieſem. Hier trug Berlefick auf die Entlaſſung aus dem Verhältniß an, in das Ferdinand zu dem Kaufmanne getreten war. So belo⸗ bend ſich auch dieſer über Ferdinand ausſprach, und ſo wenig er ihm im Wege ſtehen wollte, ſo machte er doch darauf aufmerkſam, daß er ihn jetzt, mitten in dem Meßverkehr, unmöglich entbinden könne; er wolle aber, ſagte er, wenn die Meſſe vorüber ſei und er einen andern Ladengehilfen gewonnen haben würde, ihn ziehen laſſen. Das genügte ſowohl Berlefick, als Ferdinand, dem noch die Rückreiſe mit dem geliebten Mädchen in Ausſicht ſtand, vollkommen, und Beide verließen vergnügt das Haus, um nach dem Roßmarkte zu gehen, ja, Berleſick ſchien ſehr geneigt, den Gedanken an eine ſchon morgen vorzunehmende Abreiſe aufzugeben, um alsdann in der alten Geſellſchaft, und frei von Guſtelchen's quälender Schiffs⸗ ordnung, heimzukehren, da ſie jetzt den Tabak herrlich ertrug und nichts dagegen hatte, wenn Berlefick ſich den Rothen im Zelte ſchmecken ließ. Leider aber ſollte ein unerwartetes Ereigniß dieſen ſchnell gefaßten Entſchluß umſtürzen und ihm Frankfurt vollends verhaßt machen. — VII. Die Angelegenheit der Rückkehr Ferdinand's nach Bacharach beſprechend, nahten ſie ſich einer umfangreichen Bude, welche auf dem Roßmarkt errichtet war. Bilder wilder Thiere und ihrer Kämpfe mit Menſchen waren am Eingange zu ſchauen, und ein Mohr lud das Publikum mit den ſeltſamſten Grimaſſen zum Beſchauen der Herrlichkeit ein. Auch die beiden Wanderer nahten ſich der Eingangspforte. Berlefick erlegte für ſie Beide den Eingangspreis und ſie traten in den Raum, wo denn Löwen, Tiger und alle möglichen Thiere zu ſehen waren. Sehr zahlreich waren Vögel fremder Welttheile und Affen vertreten. Beſonders merkwürdig war ein ſogenannter Orang⸗ utang, ein Thier von beſonderer Größe, Wildheit und tückiſchem Weſen. Dieſer zog Berlefick beſonders an, und er trat, trotz der Warnung des Aufſehers, nahe an den Käfig heran. Im Geſpräche mit Ferdinand drehte er ſich einmal gegen dieſen um, der etwas zurückſtand, da fuhr des Affen krallige Hand zwiſchen den Eiſen⸗ ſtangen heraus und erfaßte mit Blitzesſchnelle Berlefick's Perücke. Als dieſer fühlte, daß der Affe ſeine Haarhaube erfaßt habe, ſtieß er einen Schrei des Schreckens aus und bückte ſich ſogleich inſtinktmäßig, um dem feindlichen Angriff zu entgehen. Es war indeſſen zu ſpät. Durch ſein Bücken blieb die Perücke in der Gewalt des Affen, der ſie in den Käfig nahm und ſie grinzend in Fetzen riß. Als ſich Berlefick aus dem Bereiche des unmittelbaren Angriffs des wilden Thieres ſah, erwachte ſein Zorn, und ehe Ferdinand, der ſelbſt höchſt erſchrocken war, es wehren konnte, griff er den Affen mit ſeinem Meerrohr an und ſchrie vor Zorn. Der Affe zog ſich mit wildem Geſchrei in den Hintergrund ſeines Käfigs zurück, erfaßte aber mit einer raſchen Wendung das Meerrohr und zog es an ſich. Berlefick war nicht geſonnen, auch dies Gut der Beſtie zu überlaſſen, und hielt es feſt. Dadurch kam ſein Arm in „ℳ — 362— den Bereich der Eiſenſtangen, und raſch ergriff der Affe den weiten Aufſchlag ſeines Aermels und zog ihn dadurch ſelbſt mit ſolcher Gewalt gegen die Stäbe, daß der Affe ſein Geſicht erreichen konnte. Dies Alles hatte ſich mit ſolcher Schnelligkeit ereignet, daß Ferdinand kaum einſchreiten konnte. Jetzt aber, die Gefahr erkennend, ſchrie er:„Laßt los, laßt los!“ und riß ihn zurück mit aller Gewalt. Mehrere Anweſende, beſonders Frauen, ſchrien heftig, Andere lachten. Durch dieſen Tumult begannen die Thiere zu ſchreien, und Töne, wie ſie nur ſelten in ſolcher Gemeinſchaft hörbar wurden, ließen ſich jetzt von allen Seiten vernehmen. Berlefick tobte wie ein Raſender. Die Wärter eilten herbei und ſchimpften ihn und drohten mit gericht⸗ licher Klage über den Rumor, den er angezettelt. Sie zerrten ihn gegen den Ausgang und ſtießen ihn, wie auch Ferdinand ihn ſchützen mochte, unter dem entſetzlichen Geſchrei der Thiere, dem wüthendſten Schimpfen der Aufſeher und dem wiehernden Gelächter der Menge der Zuſchauer in der Bude zur Thüre hinaus, daß er noch eine Strecke fortſtolperte und ohne Zweifel hingeſtürzt wäre, wenn nicht Ferdinand ihm nachgeeilt und ihn am Arm ergriffen hätte.. Um die Bude herum war eine große Menge Menſchen ver⸗ ſammelt, die auf den Weggang der ſich im Zelte Befindenden warteten, um einzutreten, theils müßiges Geſindel, das ſich hier herumtrieb. Der Anblick Berlefick's bewirkte, daß Alles in ein lautes Gelächter ausbrach. Nicht nur bot ſein kahlgeſchorner Kopf einen komiſchen Anblick dar, auch ſein zerfetztes Kleid diente dazu, jenen Eindruck zu vermehren. Er wüthete vor ohnmächtigem Zorne. „Herr Vetter, um Geotteswillen bitt' ich Euch, ſeid ruhig,“ rief begütigend Ferdinand. Er zog ihn mit Gewalt fort, aber der Alte wollte weder Perücke, noch Meerrohr miſſen, und widerſtrebte. Immer wilder brauſte die Luſt der Zuſchauer dieſes allerdings komiſchen Auftritts auf. — „Herr Vetter, wollt Ihr noch der Polizei anheimfallen?“ rief angſtvoll der Jüngling aus.„Iſt's nicht genug, daß Euch das Volk verhöhnt?“ Dies wirkte gewaltig auf den Erzürnten. Berlefick fühlte an ſeinen Kopf und rief dann:„Fort, Fer⸗ dinand, fort!“ Er erkannte ſeine Lage und empfand plötzlich das Ungemüthliche derſelben. Ferdinand zog ihn eilend hinweg, begleitet von dem Halloh 6 des Pöbels, und erreichte glücklich den Laden eines nahewohnenden Perückenmachers, um Erſatz für einen der wichtigſten Theile des Verluſtes zu finden.. Ein Lärm, wie der vor der Thierbude und in derſelben konnte indeſſen der wachſamen Stadtpolizei, zumal an einem Sonn⸗ tage, nicht unbemerkt entgehen. Dem fragenden Polizeimann höheren Ranges wurde das Haus des Perückenmachers bezeichnet, wohin ſich der Urheber des Lärms geflüchtet. Dorthin eilte er und trat eben ein, als gonz erſchöpft und einer wahren Troſtloſigkeit verfallen, Berleſick in einen Lehnſeſſel geſunken war, während der Haarkünſtler ſich um ihn bewegte. Die Polizei jener Tage litt nicht an Dem, was man Höflichkeit nennt. Polternd trat der Rumorknecht⸗Corporal ein und über⸗ häufte den Alten mit den heftigſten Vorwürfen, indem er ihm befahl, ihm ſofort auf das Polizeiamt zu folgen, denn, ſetzte er hinzu, daß Berleſick derſelbe ſei, der geſtern Abend im Wirthshauſe zum goldenen Apfel Malefiz getrieben, heute Morgen einen Auflauf bei dem Bacharacher Meßſchiff veranlaßt und auch jetzt wieder die Ruhe der freien Stadt und den Sabbatfrieden ihrer hochehrſamen Bürgerſchaft geſtört habe, das dürfe nicht ungerügt bleiben u. ſ. w. Es war nahe daran, daß auch jetzt wieder der Jähzorn Berlefick's losgebrochen wäre und ſeine Lage nur noch verſchlimmert hätte, wenn nicht Ferdinand mit aller Macht ſich in den Riß gelegt. Er erzählte wahrheitsgetreu die drei Vorgänge, welche den Alten in ſolchen ſchlimmen Verdacht gebracht hatten, beſonders aber den letzten bedauerlichen Vorfall. 36 Dieſe Erzählung wirkte ſo gewaltig auf die Lachmuskeln des ehrſamen Polizeimannes, daß er dem Reize nicht zu widerſtehen vermochte und ſich vor Lachen ausſchütten wollte. Nach dieſer für Berlefick allerdings fatalen, dennoch aber höchſt günſtigen Wendung der Sachlage wollte ſich der Polizeimann entfernen; allein ein unabſehbarer Haufe von allerlei Volk hatte ſich vor dem Hauſe verſammelt. Ferdinand befürchtete neuen Scandal und drückte dem Mann der Sicherheit und ausübenden Gewalt ein Geldſtück in die Hand und bat ihn, das Volk zu entfernen, weil ſonſt leichtlich neue unangenehme Auftritte erfolgen könnten. Solch eine mit Nachdruck begleitete Bitte verfehlte ihre Wirkung nicht, wie ſie denn ſelten erfolglos bleiben dürfte; der Officiant ſäuberte die Straße, und es trat nun ſo viel Ruhe ein, daß man an die Bedeckung des entblößten Hauptes durch eine neue Atzel denken konnte. Sie fand ſich endlich und viel weniger auffallend, als diejenige geweſen, welche als Zeichen des Sieges in den zerſtö⸗ renden Klauen des Affen geblieben war. Den Hut hatte Ferdinand gerettet, und auf ſeinen Vorſchlag traten Beide durch eine Seiten⸗ thüre, die auf eine enge Gaſſe mündete, in's Freie und entkamen unbeachtet der Menge, die, wenn auch in angemeſſener Entfernung, eines neuen Schauſpiels zu ihrer Beluſtigung harrte. Berlefick ſprach kein Wort. Sein Geſicht war ungewöhnlich bleich und die Farbe der Naſe war faſt ſtahlblau. Eine ſolche Gemüthsbewegung hatte er noch nicht erlebt. Er war ſo ange⸗ griffen, daß ihn Ferdinand am Arme führte, um das Haus eines Schneiders zu ſuchen, der ſchnell in dieſem Nothfalle die Fragmente des leberbraunen Staatsrockes wieder zu einem Ganzen vereinige. Glücklicherweiſe brauchten Beide nicht weit zu gehen, um zu finden, was ſie ſuchten. Nachdem auch dieſer Schaden geheilt war, fragte Ferdinand den Alten:„Theuerſter Herr Vetter, wohin befehlt Ihr, daß ich Euch führe?“ „Wohin du willſt, mein Sohn,“ ſagte mit wankender Stimme . Berlefick,„nur nicht auf das Schiff, wo ich entweder wieder eine Strafpredigt, oder ein Gelächter zu erwarten habe. Das aber füh ich,“ fuhr er, ſich ermannend fort,„daß ich nach dieſen heilloſen Begebenheiten einer Herzſtärkung bedarf. Ich habe einen reſpectablen Hunger und Durſt. Wähle aber ja keine Kneipe, damit mich in dieſer Unglücksſtadt nicht ein neues Malheur heimſuche. Es wird uns ja Niemand kennen.“ Ferdinand bog nach der Zeile ein und führte ihn dort in eines der erſten Gaſthäuſer. Leider aber mußte Berlefick hier ſeine letzte Unglücksgeſchichte mit allen Nebenumſtänden mit anhören und Zeuge ſein, wie man ſie belachte. Durch die Dienſte, welche er ihm geleiſtet, hatte indeſſen Ferdinand einen ſolchen Einfluß auf ihn bereits gewonnen, daß ſeine Bitten, doch ja durch nichts zu verra⸗ then, daß er der Mann ſei, dem das Abenteuer begegnet, ihn zum Schweigen brachte, obwohl die Ausſchmückungen, welche das Aben⸗ teuer hier erfuhr, ihn mehr denn einmal reizten, die Thatſache ims rechte Licht zu ſtellen. „Laß uns hier bleiben, Ferdinand,“ ſagte Berleſick mit Feſtig⸗ keit, als ſich die Gäſte mehr und mehr verloren hatten.„Keine Macht der Erde ſoll mich vor Nacht auf das Pflaſter dieſer Stadt bringen, die, ſeit ich ſie betreten, nur Unheil über mich gebracht hat.“ Er rief einen Aufwärter und verlangte ein Zimmer für ſich. Als ihm dies angewieſen worden war, beſtellte er Kaffee und holländiſche Pfeifen, und als Beides gebracht worden war und die Pfeife dampfte, kehrte Ruhe in ſeine Seele zurück. Nach einem ziemlich langen Schweigen, welches Ferdinand nicht zu ſtören wagte, hob endlich Berleſick alſo zu reden an: „Mein Entſchluß iſt reif, mein lieber Ferdinand. Mit frühem Morgen beſteige ich das Marktſchiff, welches gen Mainz fährt, um in den Frieden meines Hauſes zurückzukehren. Auf das fatale Schiff kehre ich nicht mehr zurück. Ich bleibe hier. Du geheſt hin, packeſt meine Sachen und läſſeſt ſie hierher tragen, und während dieſer Zeit lege ich mich auf das Ruhebett, um mich zu erholen. Willſt du, nach ſo vielen Liebesdienſten, auch noch dieſen deinem väterlichen Freund erweiſen?“ „Mit Freuden, Herr Vetter,“ entgegnete der Züngling; „aber—“ „Was haſt du für ein Aber?“ fragte raſch Berlefick. „Wollet Ihr ohne Abſchied das Schiff verlaſſen?“ fragte beſorgt Ferdinand.„Sieht das nicht aus, als ſchiedet Ihr mit Groll von dem Schiff und ſeinen Bewohnern?“ Berlefick fühlte, wie wahr dieſe Bemerkung ſei. Er ſchwieg verlegen und kratzte ſich hinter dem Ohr. Endlich ſagte er:„Was ſoll ich hinter dem Berge halten? Ferdinand, es gibt nicht leicht eine Lage, die peinlicher iſt, als Gegenſtand des Gelächters Anderer zu ſein. Ich habe dieſe Pein, ſeit ich hier bin, ſo empfindlich getragen, wie es nur einem Ehrenmann irgend begegnen kann. Ich bin es nachgerade ſatt geworden. Nun muß ich nach Dem, was ich unten im Gaſtzimmer erfuhr, als gewiß vorausſetzen, daß ſie auf dem Schiff Alles wiſſen, denn die Gäſte, die dort ihren Schoppen trinken, werden wohl die Mähr mit allerlei Zuthat hinterbracht haben. Wenn auch der alte Eidam ein geſetzter, verſtändiger Mann iſt, ſo iſt dagegen das Guſtelchen ein Lachtäub⸗ chen erſter Art und wird ſich weidlich d'ran ergötzt haben. Nöthi⸗ genfalls macht ſie's, wie neulich, und hält mir eine Strafpredigt, zu der ich, da ich allerdings ſelbſt an meinem Mißgeſchick Schuld trage, ſchweigen und die Galle verſchlucken müßte. Beides wäre vollends unerträglich. Darum magſt du ihnen mein Adje bringen. Baſta! Willſt du mir noch einen Liebesdienſt thun, ſo ſieh' zu, ob du mein Meerrohr wiederkriegſt. Hier iſt Geld. Löſe es, wenn's die Beſtie nicht zerbrochen hat, aus. Es liegt mir viel daran, es zurückzukriegen, da es ein theures Andenken meines ſeligen Vaters iſt. Ich weiß,“ ſetzte er zögernd hinzu,„es iſt ein kitzlicher Auftrag; aber ich kenne deine treue Liebe und werde dankbar ſein, dankbar, Ferdinand. Du ſollſt mit mir gewiß zufrieden ſein.“ Er reichte ihm Geld, und Ferdinand ließ ſich's nicht merken, wie unlieb ihm dieſer Auftrag ſei, und entfernte ſich eilig, während 8 Berlefick ſich auf das Ruhebett legte und bald in einen tiefen Schlaf ſank.— Zuerſt begab ſich Ferdinand in die Bude, wo die Ruhe mit Mühe wieder hergeſtellt war. Der Wärter hatte dem Affen das Meerrohr entriſſen, ohne daß es verletzt wurde, und gegen ein anſehnliches Trinkgeld empfing es Ferdinand wieder. In Eile wandte er ſich nun dem Meßſchiffe zu. Nicht ohne Sorge fragten Eidam und Guſtelchen nach Berlefick; als ſie aber hörten, er befinde ſich wohl, da machte das Komiſche des letzten Abenteuers auch ſeine Wirkung gewaltig geltend. Alles wußten ſie bereits, denn ganz Frankfurt ergötzte ſich an dem ſpaß⸗ haften Zweikampfe Berlefick's mit dem Affen und ſprach davon. Allerdings berührte des Alten Entſchluß Eidam unangenehm, aber zu machen war da nichts weiter, als daß er ſich entſchloß, ſo wenig er auch abkommen konnte, ihn dieſen Abend noch zu beſuchen. Ferdinand packte ſeine Sachen ſchnell, und da er richtig ſchloß, daß ſein Herr Vetter in den Armen des Schlafes Erſatz für die Leiden dieſes Tages gefunden haben würde, ſo ſetzte er ſich zu ſeinem lieben Guſtelchen. Es währte freilich lange, bis ſie zum Ernſte kamen, denn Ferdinand berichtete getreulich Alles, was vorgefallen und was Berleſick geſagt hatte. Eine Wolke legte ſich auf des Mädchens ſchöne Stirne und umflorte ihr Auge. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie,„ich habe dem herzguten, alten Mann übel mitgeſpielt. Gott vergebe es mir; aber die Rectorin war die Anſtifterin, und— es galt, ihn von einer Thorheit zu heilen, zu der mein Vater und Pathe bereits die Hand geboten hatten. Was der Galgenſtrick, der Pitt, an ihm verbrochen, iſt. nicht meine Schuld. Ich ahnte nichts davon, denn er beſorgte das Bett allein. Das aber iſt doch endlich errungen, daß er mich nicht zur Frau haben will. Er iſt gründlich von ſeiner Thorheit geheilt und du biſt ihm lieb geworden. Ich hoffe, es geht ein neues Morgenroth aus dieſen Trübſalen des armen Mannes für uns auf.“ Auch dieſe Hoffnung und freudig verließ er — 368— das Mädchen, um die Effekten Berlefic's in den Gaſthof tragen zu laſſen, wohin ihn der Schiffer Eidam begleitete. 3 Berlefick war durch den langen Schlaf erquickt. Sein Gemüth war heiter, denn ſeine Pfeife dampfte und eine Flaſche köſtlichen Hochheimers ſtand vor ihm, als Beide bei ihm eintraten. Hocherfreut nahm er das Meerrohr aus Ferdinand's Hand und drückte den Jüngling bewegt an ſeine Bruſt. „Das vergeß ich dir niemals, du mein Schutzgeiſt in dieſer unglückbringenden Stadt. Ohne dich wär' ich ja verloren geweſen in den Drang⸗ und Trübſalen, die mich hier betroffen haben!“ So rief er entzückt aus und reichte mit den herzlichſten Worten dem Schiffer ſeine Hand. Er entſchuldigte ſein Weggehen vom Schiffe mit demſelben offenen Bekenntniſſe, welches er gegen Ferdinand abgelegt, und im beſten Einvernehmen leerten ſie ſelb Dritt noch einige Flaſchen und ſchieden dann auf fröhliches Wieder⸗ ſehen in Bacharach. Ferdinand aber begleitete am andern Morgen ſeinen Herrn Vetter an's Marktſchiff und nahm dort einen warmen Abſchied von ihm, dem hoffnungsreiche Worte beſondern Werth verliehen. VIII. Zum erſten Male fühlte ſich Berlefick wieder vollkommen glücklich, als er in ſeinem Schlafrock in dem weichen Lehnſtuhle ſaß und die theuern Räume ſeiner Häuslichkeit überblickte. „Es iſt doch nirgends beſſer, als daheim,“ ſagte er in echt deutſcher Gemüthlichkeit und blies ein blaues Wölklein edlen Knaſters in die Luft, reichte dann nach einem Glaſe, gefüllt mit goldenem Leimbacher und leerte es mit einem echt rheiniſchen Zuge. „Es war ein unſeliger Gedanke, mit dem Meßſchiffe nach Frankfurt zu fahren,“ ſagte er zu ſich;„aber ein noch heilloſerer, das junge, ſchnippige Ding heirathen zu wollen. Das hat mich kurirt! Meiner Seel, der beſte Doctor hätt's nicht beſſer fertig gebracht. Gottlob, * — 369— es iſt vorbei, und der Erſte, der mir vom Heirathen redet, wird zur Thür hinaus geworfen, daß er kracht! Baſta! Dabei bleibt's! Der Junggeſelle iſt allein ſein eigener Herr und frei. Ja, frei, frei, frei!“ Er trank wieder.„So eine Frau, wie hübſch ſie auch ſein mag, hackt Einem das Mus auf dem Kopf und macht Einen, ohne daß man's merkt, zum Sklaven. Himmel und Erde!— Das Mädel war ja meine Braut noch nicht, und was hat's ſchon Alles aus mir gemacht? Erſtlich einen Narren, der ſich kleidete, wie der verrückte Rector! Zweitens einen Anachoreten, einen Büßer in beſter Form, der ſich nahezu acht Tage das Liebſte verſagte, Wein und Tabak; drittens eine Garnkrone, die mit Engelsgeduld Garn von ſich abwickeln ließ, und endlich ein Stadtgeſpräch— ja — was ſoll ich ſagen?— Alles Weh, das ich in Frankfurt erfuhr, ging ja, freilich ohne ihr Wiſſen und Wollen, von ihr aus. Fort mit dem Joch! Ich will frei leben und ſterben!“ Er ſtand raſch auf und ging mehrmals mit feſtem Auftritt eines vollen Selbſtbewußtſeins die Stube auf und nieder, und ſetzte ſich dann wieder behaglich in den Seſſel. Eine lange Zeit ſandte er dicke Tabakswolken aus, was er immer that, wenn er in Nachdenken verſunken war. Die alte Roſina trug das Abendeſſen auf: er ſah's nicht, obgleich er von der Reiſe müde und hungrig war und ſich gefreut hatte, einmal wieder allein an ſeinem gewohnten Tiſchlein die von der renommirten Köchin Roſina ſchmackhaft zubereiteten Speiſen zu genießen. Sie mußte ihn zweimal erinnern. ſ ſagte er dann, und rückte ſich das Tiſchlein an den Seſſel heran. „Apropos! Roſina,“ ſprach er dann,„rufe mir doch den Herrn Stadtſchreiber noch dieſen Abend.“ Nach dieſem Befehle ließ er es ſich weidlich ſchmecken und kaum war abgedeckt, als auch ſchon der Stadtſchreiber hereintrat. Er machte eine Menge Knire und Kratzfüße und ſagte dann:„Es freut mich über die Maßen, Euch wohlauf zu ſehen, geehrter Herr Berrlefick, beſonders nach ſolchen Drangſalen, wie Ihr ſie in Frankfurt habet erdulden müſſen.“ „Wie? Was?“ rief Berleſick, dem es wie Eis durch die N. F. Ww. 24 A — 370— Adern rann. Er mußte todtbleich geworden ſein, das fühlte er, denn es war ihm kalt vor Schrecken bis an's Herz hinan. Der Stadtſchreiber, der des Mannes Jähzorn kannte, wich bis in die Nähe der Thüre zurück, um nöthigenfalls ſich ſalviren zu können. Er ſagte verlegen:„Die Herren Rothgerber haben gar mancherlei Fatalitäten uns berichtet, die Euch ſollen zugeſtoßen ſein, maßen ich mein Beileid nicht wollte unbezeugt laſſen.“ „Sparet Euer Beileid für dringlichere Fälle, Herr Stadt⸗ ſchreiber,“ eiferte Berlefick,„und ſagt den Herren Rothgerbern, ſie ſollten ſich um ihr Leder kümmern, das ohnehin das ganze Meßſchiff durchſtänkert hat. Es waren kleine, poſſirliche Unfälle, die ein böſer Bube, der Pitt, des Schiffers Eidam Schiffsjunge, mir angezettelt hatte. Er brummt dafür in der Mehlwaage zu Frankfurt. Ab damit! Laßt uns von etwas Anderm reden. Sind die Schulden des verſtorbenen Wink bereits gerichtlich aufgenommen?“ Der Stadtſchreiber, welcher im Stillen Gott dankte, daß er ſo glimpflich weggekommen war, bejahte die Frage und gab ihm ungefragt die Verſicherung, daß auch ſeine zweitauſend Gulden primo loco verzeichnet ſtünden. „Hat er kein Teſtament gemacht?“ fragte Berleſick. „Nein,“ erwiederte der Stadtſchreiber. „So wird alſo das Haus verſteigert?“ Der Stadiſchreiber bejahte abermals mit dem Zuſatze, daß dies ſchon morgen geſchehen würde. Auf die Frage, ob das Haus Liebhaber habe, meinte der Stadtſchreiber, es ſei ſo gut gelegen, daß er kaum daran zweifeln könne. Nach einigen gleichgiltigen Redensarten dankte Berlefick für die Mittheilungen, und der Stadtſchreiber machte ſich eilig aus der Stube. Aber jetzt brach des Alten verhaltener Grimm los.„Alſo auch hier bekannt?“ rief er aus und rannte in der Stube herum, wie ein Beſeſſener. Er fluchte auf die Gerber und auf ſeinen * — 371— Unſtern, denn er dachte ſich's, wie die Sophie, die Rectorin, trium⸗ phiren würde und die Raiſonnir⸗Raspel, die ihm der Rector. zugedacht. Indeſſen ſah er, als er ruhiger wurde, ein, daß da auch nicht das Mindeſte zu machen ſei.„Doch“— ſagte er— „ich habe ein Mittel, ſie davon abzubringen, ich muß in anderer Weiſe von mir reden machen, und das will ich.“ Das Mittel war probat. Als am andern Tage der Ausſcheller die Verſteigerung im Wink'ſchen Haus ausrief, kleidete ſich Berleſick ſtattlich an und ging in das Nachbarhaus, da die Verſteigerung im Hauſe ſelbſt vorgenommen wurde. Das Haus wurde angeſetzt, und nach einigen Geboten blieb Berlefick für 2700 Gulden Letztbietender. Er trat an den Tiſch und ſagte:„Herr Stadtſchreiber, ſchreibet mich nicht als Abſteigerer ein, ſondern meinen Vetter Ferdinand von hier, dermalen in Frankfurt.“ Alle Hälſe wurden lang und Aller Augen richteten ſich fragend auf Berlefick. Er lächelte. Jetzt kamen die Ladeneinrichtungen zum Ausgebot. Auch dieſe ſteigerte Berlefick an. Als er das Protokoll unterſchrieben hatte für Ferdinand, ergriff er Hut und Meerrohr und ging hinaus auf ſeinen Berg, denn der Nachmittag war mild und ſchön.— Jetzt lief das Gerücht von Dem, was geſchehen war, wie ein Lauffeuer durch die Stadt und Niemand war betroffener, als Sophie, die Frau Rectorin, die völlig an Berleſick irre zu werden anfing. Die neue Mähr ließ die alte ganz vergeſſen, und Berleſick hatte ſeine Abſicht erreicht. Was er mit dem Ferdinand beabſichtige, zu errathen, war die Aufgabe. Der Rector kam, ihn zu beſuchen, allein Berleſick bedauerte, wie er ihm durch die alte Roſina, die er gehörig inſtruirt hatte, ſagen ließ, daß er ſeinen Beſuch nicht annehmen könne, den er ſich für immer verbitten laſſe. Das war denn doch dem Rector zu viel. Schäumend vor Zorn eilte er heim, ſeiner Sophie es zu berichten, die denn ihrer Galle recht den Zügel ſchießen ließ. — 372— .„Er iſt ein Narr geworden, die Sophie hat's auch geſagt,“ war des Rectors Rede überall. Unterdeſſen ließ Berlefick alle Bauhandwerker der Stadt kommen und übergab ihnen die Herſtellung des Hauſes, welches er vom Grund auf repariren ließ. Er ſchonte keine Koſten dabei, und als Guſtelchen endlich mit dem Meßſchiffe zurückkam, traute ſie weder ihren Ohren, noch ihren Augen, und die Bruſt ſchlug höher bei dem Gedanken, daß hier des Geliebten Glück blühe und— das ihre. Allein in Berlefick war doch eine gründliche Veränderung vorgegangen. Er ſtand nicht mehr ſtundenlang am Fenſter und blickte nach ihr, wenn ſie drüben am Fenſter ſaß und nähte oder ſtrickte. Er kam nicht mehr herüber, und als der alte Eidam ihm den Wein zahlte und das Darlehen zurückgab, da zahlte er für die Reiſe nach Frankfurt wie ein Fürſt, alſo daß Eivam das Geld nicht annehmen wollte und es nur gezwungen that. Darauf mußte Roſina eine Extraflaſche holen, und als Beide vertraulich beiein⸗ ander ſaßen und Eidam nun die Eröffnungen wegen der Vermäh⸗ lung zu empfangen halb hoffte, halb fürchtete, ſagte Berlefick: „Herr Nachbar, Ihr wiſſet, Alter ſchützt vor Thorheit nicht. WMich hat etwa vor vier Wochen, als wir in meinem Berge bei einander waren, die Angel der Thorheit geſtochen, daß ich noch an's Heirathen dachte, und zwar waren, wie Ihr wiſſet, meine Gedanken auf Euer Töchterlein gefallen. Davon bin ich nun kurirt, und das iſt der Segen der Reiſe mit dem Meßſchiff. Euch bin ich viel zu Dank verpflichtet, einmal, weil Ihr mir das Zutrauen ſchenktet und nichts gegen meine Abſichten einzuwenden hattet, ſodann dafür, daß Ihr mich zu der Reiſe beredetet, die mir die Angen geöffnet hat. Ich will dem Glück Eures Kindes, das mich doch nur gezwungen genommen hätte, nicht im Wege ſtehen und ledig leben und bleiben. Das ſoll aber unſer gutes Einvernehmen und nachbarliche Freundſchaft nicht ſtören, darauf geb' ich Euch die Hand.“ Er reichte ſie dem Schiffer, der in der größten Verlegenheit war und nicht wußte, ſollte er traurig ſein, oder ſich freuen. Er, „ „ — ————— —— — — 373— für ſeinen Theil, hätte es gerne geſehen, denn ſolch einen Schwie⸗ gerſohn bekam er nicht wieder; aber freilich hatte ihm Guſtelchen auf der Heimfahrt ohne Hehl geſagt, ſie werde lieber ſterben, als des Alten Frau werden, und wie es mit dem Ferdinand ſtand, wußte er auch genau, viel genauer, als früher. Die unangenehme Stellung Eidam's bei dieſen Eröffnungen wurde dadurch gehoben, daß der Stadtſchreiber eintrat, um nach Berlefic's Wunſch die Ausgleichung ſeiner Forderungen an die Wink'ſche Nachlaſſenſchaft mit dem zu zahlenden Kaufſchilling vorzu⸗ nehmen. Er ſchob ſich und hinterbrachte ſeiner Tochter die Sache, die ſeelenfroh war, während der Vater ihr über die Behandlung Berleſick's auf dem Schiffe nachträglich noch einmal den Text las und den Kümmel rieb, wie er es während der Fahrt ſelbſt mehrmals insgemein gethan hatte, ohne aber den geringſten Erfolg zu erzielen. Niemand bedauerte aufrichtiger und aus treuerem Herzen dieſe Wendung der Dinge, als der ehrliche Cantor und ſeine Frau, die ihrer Pathe großes Glück frohlockend begrüßt hatten. Berlefick's Herz war ſeitdem leicht und froh. Er ſang und pfiff ſogar, wenn er nicht rauchte, was Roſina nie erlebt hatte und nicht verſäumte, der Jungfer Guſtelchen zu berichten, die ſich ſo herzlich darüber freute, daß auch dieſe Freude der alten Roſina ein Räthſel blieb. In Berleſick's Thun war auch darin eine Aenderung einge⸗ treten, daß er, obgleich das Wetter noch lange hin ſchön blieb, nicht mehr auf ſeinen Berg, auf ſein Lieblingsplätzchen ging. Das hatte aber ſeinen Grund darin, daß es mit Pitt's Bekenntniß auch herausgekommen war, wo er ſeinen Wein verborgen hatte. Damit war ihm ein Reiz des Plätzleins geraubt. Er lebte überhaupt eingezogener und ſtiller; ging bloß zu den Arbeitern im Nebenhaus und leitete die Einrichtung, und Abends machte er einen Spazier⸗ gang. Begegnete ihm da der Herr Rector und ſeine Ehehälfte mit der von ihnen unzertrennlichen Raiſonnir-Raspel, ſo war Berleſick höchſt höflich, aber von drüben herüber grollten ihn zornige Blicke * — 374— und Geſichter an, und ſagte er oft: Die Sophie hat's auch geſagt! So kam denn der Herbſt, welcher dem alten Herrn vielfache Beſchäftigung brachte. Das Haus war nun fir und fertig, und er war froh, daß er hierin Unterhaltung fand. Noch vor Weihnachten traf Ferdinand, wie er ihm geſchrieben hatte, in Bacharach ein und wohnte bei dem Herrn Vetter. Grenzenlos war ſeine Dankbarkeit, als ihn Berleſick in das Haus ſeiner Lehre führte, ihm die Ein⸗ richtung zeigte, die trefflich und zweckmäßig war, und ihm dann die quittirte Kaufurkunde und ſomit das Haus zum Geſchenke machte. Thränen entſtrömten den Augen Ferdinand's, der ohne dieſes Ereigniß das Ziel ſeiner Wünſche in weiter, dunkler Ferne hatte liegen geſehen.. „Nur Eins,“ ſagte Berlefick,„habe ich von dir zu verlangen. Du biſt ein Schüler des Rectors und biſt wohl einmal zu ihm gegangen Ich kann ihn nicht leiden. Verſprich mir, daß du keinen Verkehr mit ihm haben willſt.“ Das that Ferdinand, und Berleſick eröffnete ihm, daß er die völlige Einrichtung ſeines Geſchäftes beſtreiten werde. 3 Ein halbes Jahr ſpäter war Ferdinand's Geſchäft eines der blühendſten in der Stadt. Sein Angeſicht ſtrahlte von Glück. Nichts ſtörte das herzliche Einvernehmen zwiſchen ihm und ſeinem Herrn Vetter, dem er den holländiſchen Knaſter und die hollän⸗ diſchen Pfeifen in köſtlicher Qualität beſorgte. Die Zeit, die manches Unliebe ausgleicht, war denn auch eine Vermittlerin zwiſchen Berlefick und dem Rector geworden, beſonders ſeit die Frau Raspel eine Stätte unter dem Raſen des Sanct Werner gefunden hatte. Sie ſprachen wieder miteinander und nach und nach kam es auch wieder zu Beſuchen. Guſtelchen war gegen den Herrn Nachbar ſehr herzlich, und er freute ſich deſſen, — 375— ohne daß die Gedanken des vorigen Jahrs irgend je und wie aufgetaucht wären. Er war ſehr heitern Gemüths und hatte ſich ſo des Gebens an Ferdinand erfreut, daß er überhaupt eine Frei⸗ gebigkeit annahm, die ihm Niemand ſonſt zugetraut. Er ging auch wieder täglich an ſein Lieblingsplätzchen und empfing dort ſeine Beſuche, doch mußte Roſina ein gewiſſes Deputat Krüge hinauf⸗ tragen, über die hinaus nie gegangen werden konnte, da das kleine Kellerlein bekannt geworden war. Eines Tages ſaß er da in der Kühle am Mittag eines ſengend heißen Junitages. Niemand ließ ſich rings umher erblicken. Die ganze Natur ſchien gelähmt und kein Vögelein ſang in den matt herabhängenden Zweigen. Berlefick dachte darüber nach, daß doch Ferdinand nicht wohl länger eine Junggeſellenwirthſchaft halten und führen könne, als dieſer unvermuther den Berg herauf ſtieg und zu ihm trat. Wie immer, hieß ihn Berleſick freudig willkommen, denn der Jüngling beſaß ſeine ganze Liebe, ſeit er ſo tüchtig ſein Geſchäft führte und die wohlverdiente Achtung der ganzen Stadt genoß. Heute ſah man es ihm deutlich an, daß er etwas Schweres auf dem Herzen hatte, das nicht recht herab wollte. Auch Berlefick merkte das und ahnete, was es etwa ſein möchte, nämlich eine Heirathsangelegenheit.— Lange wurde von Dieſem und Jenem geredet und Berleſick ergötzte ſich an der wachſenden Verlegenheit ſeines Vetters. Er wußte lange, daß zwiſchen ihm und Guſtelchen eine alte Liebe beſtand, zwiſchen die er einſt unſinnig hatte hineintreten wollen. Und doch hatte es ihm Ferdinand nicht nachgetragen, ſondern ihm die viele Lieb' und Treu' in Frankfurt erwieſen. Das ſchlug er ihm doppelt hoch an. Freilich ahnte Ferdinand nicht, wie er dachte, und fürchtete, er möge die Wahl Guſtelchen's aus allerlei Gründen mißbilligen.— Darum wurde es ihm ſo ſchwer, davon zu reden und— es war doch nothwendig, denn ohne eine ſorglich waltende Hausfrau ging's eben nicht mehr. Berlefick wollte ihm endlich doch das Herz erleichtern und ſagte, er meine, es drücke ihn Etwas? — Da brach der Arme die Feſſeln und redete zwar ſorgen⸗ und angſtvoll, aber beredt, weil wahr, über ſeine häusliche Lage und die Nothwendigkeit einer weiblichen im die als ihr eigenes ſein Hausweſen verwalte.——— „In Summa, du willſt heirathen?“ ſagte lachend Berlefick. „Nun, in deiner Lage und in deinen Jahren— haſt du Recht, und ich wüßte dir eine wackere, tüchtige Frau.“ Ferdinand erbleichte. „Brauchſt nicht bleich zu werden,“ rief Berlefick.„Es iſt eine verſtändige—“ „Ach Gott,“ rief angſtvoll Ferdinand,—„ich—“ „Nun, ſo laß mich doch ausreden,“ ſagte Berlefick;„du weißt ja noch gar nicht, wen ich meine.“ „Freilich,“ fiel Ferdinand ihm in die Rede,„aber es könnte mir mit Euch gehen, wie Euch mit dem Rectar, wie Ihr mir einmal erzählt habet.“ „Ich wollte dir,“ fuhr, unbeirrt von dieſer Einſchaltung, Berlefick fort,„nur vorſchlagen. Die Wahl bliebe dein, und da wär's Eidam's Guſtelchen, das ich vorzüglich geeignet fände, zumal das ja dein alter Schatz iſt, bei dem ich alter Narr dir einmal in's Gehege gehen wollte.“ Er hatte die Worte kaum zus ₰ geredet, als Ferdinand ihm um den Hals fiel und ihn herzte und küßte.„Gott hat mir in Euch meinen Vater wieder geſchenkt,“ rief er mit inniger Rührung aus. „Ohne Eure Einwilligung hätte ich nicht geheirathet, und nun trifft Eure Meinung mit meiner Neigung zuſammen. Wer iſt glücklicher, als ich?“ „Ich würde auf Guſtelchen rathen,“ verſetzte Berlefick und wiſchte ſich eine Thräne weg, die Ferdinand's herzliche Worte ihm ausgepreßt.—„Aber, Ferdinand,“ ſagte er,„du ſollſt das Wort vom Vater, den ich dir erſetze, nicht umſonſt gefagt haben. Es fehlt zur Haushaltung noch viel, und Eidam iſt kein reicher Mann. Das Alles beſtreite ich. Baſta! Nun geh' zum alten Eidam und frage, ob du ſein neuer werden dürfteſt? Heute Abend ſoll bei mir Verlobung ſein. Sage mir's aber zeitig.“ 3 — 377— Ferdinand eilte fort und kam ſchon nach einer Stunde, trotz der Hitze, wieder heraufgelaufen. „Richtig?“ fragte Berleſick. „Alles!“ war Ferdinand's Antwort. Da brachen ſie denn ſchnell auf, und am Abend ſaßen um Berlefick der ehrliche Cantor und ſeine Frau, Eidam und das glückliche Paar. Das war die ganze Geſellſchaft, aber ſie waren glücklich, und der Kuß, den Guſtelchen Berlefick unter Freuden⸗ thränen gab, bat ihm alle Unbill ab, die ſie ihm auf dem Meßſchiffe zugefügt. Hier hörte er denn auch, daß des Rectors Sophie das Alles angezettelt hatte; aber er zürnte ihr, er zürnte Guſtelchen nicht mehr. Alles war vergeſſen und vergeben, und als er eine Standreve über die Wahrheit des Sprüchwortes hielt, daß nur Gleich und Gleich ß aut geſelle, da ſchloß er ſie mit des Rectors ſtehendem Rede⸗ und Satzſchluſe: Die Sophie hat's auch geſagt, und Alle lachten aus Herzens Grunde. So heiter, wie er heute war, hatte ihn Niemand jemals geſehen. Er wollte aber auch nur Glückliche um ſich haben. Darum ſtand er auf und holte ein Papier, das er vor Aller Augen zerriß, und es dann dem Cantor reichte, der ihn ſtaunend anſah „Heute,“ ſagte er,„oll jedes Herz froh ſein. Es iſt Eure Schuldverſchreibung, Vetter; ſie iſt nun bezahlt“ Der Cantor verlor ganz ſeine Faſſung über dieſen Schritt Berlefick's; aber ſeine Freude war doch ſo innig und groß, wie ſein Dank. Hier könnte ich enden, da Sebaſtian Fabian nur noch die Bemerkung macht, daß die jungen Eheleute den Herrn Berlefick bis zu ſeinem Ende auf den Händen getragen hätten; allein ich finde einige Seiten weiter noch einen hierher gehörigen Punkt. Er heißt: „Item es iſt in voranſtehender Hiſtoria viel die Rede geweſen von des Peter Eidam ſeinem Schiffsjungen, dem Pitt, ſo ein 24* Galgenſtrick geweſen und allerlei Malefiz dem Herrn Berleſich zugefüget. Selbiger Tagedieb hat in Frankfurt etliche Zeit geſeſſen, worauf ſie ihn alsdann ein Weniges geſtäupet und über das Weichbild freier Stadt hinausgetrieben. jtem, was er vor den Mauern des Arbeitshauſes noch nicht wußte, ſelbiges hat er ſattſam innerhalb derſelben gelernt, wo er mit allerlei Spitzbuben⸗ geſindel zuſammenſaß. War eine gute Schul für ihn! Hernachmals iſt er erſt recht ein Spitzbube worden und hat viel Unfug getrieben, bis der Krug den Henkel brach, der lange zum Waſſer, aber nicht zu dem des Lebens, gangen iſt. Er iſt nämlich nacher etlichen Jahren im Speſſart gefangen worden und ſind ſo viele Malefiz⸗ ſtreiche auf ihn gekommen, daß er iſt nach Verdienſt zu Han⸗a zum Strange verurtheilet und auf der Landesgrenze,„oo, wie jedermänniglich weiß, der Galgen, gleichwie dräorn überm Rhein, gegen Heilloſſen⸗Wörth über, all⸗⸗ Lhurpfalz(Gott erhalt's!) und Churmainz(iſt nicht mein's) grenzet, ſtehet, ihme der Staab gebrochen unv er gehenket worden.“ ſſſ lit 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 3 ** 7„ 6 ₰ †„. 1. Be S.