Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih und Geſebedingungen. 1 oitensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen⸗ 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurikkerſtattet „ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich WBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf! Mrnatt 1 Ft= Pf. W 2W.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. 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Erinnerungen aus dem Leben eines Forſt⸗Eleven 197 Der Bachtanz zu Langenſelbold. Eine Doppelgeſchichte aus pem Jahr 1756 Was mir einmal der Todtengräber erzählte. 337 Verſchiedene Wege. Ein Stücklein aus der guten, alten Zeit. 367 Dreie und Eine. Eine Geſchichte. ————— I. Es iſt eine helle Luſt und Herrlichkeit um ein fröhliches Wanderleben! Aber es wird alle Tage ſeltener, weil die Dampfer und Eiſenbahnen die letzten Reſte der Poeſie des Wanderns zu Grabe tragen, von dannen keine Auferſtehung iſt. Durch die Welt raſen, Alles nur im Fluge betrachten, haſchen und weiter eilen, iſt jetzt an der Tagesordnung. Das iſt ja eben das Charakteriſtiſche des heutigen Treibens, daß es aller Tiefe, Innigkeit und Gemüth⸗ lichkeit ermangelt; daß Alles nur auf Oberflächlichkeit und Schminke hinausläuft; daß es genügt, ſagen zu können: ich bin da geweſen; daß engliſche Touriſtenart im ordinärſten Sinn überall gilt. Das Paradies iſt immer ein verlornes; das goldene Zeitalter liegt immer in der Vergangenheit und das Sehnen, das ſonſt in die Zukunft ging, wendet ſich heute rückwärts. Nicht einmal ein Januskopf iſt einen Pfifferling oder Fettmännchen werth! Miſerable Zeit! Miſerable Welt! Miſerables Treiben! In meiner Jugendzeit ſah man noch überall Leute mit dem Ranzen auf dem Rücken wandern. Wo's ſchön war, weilte man und genoß. Man ſah den Dingen in die Augen und nahm einen bleibenden Eindruck mit. Heutzutage ſieht man ſelbſt die Maler, die noch Poeſie im Leibe haben ſollten, nur ſehr ſelten wandern;ſelbſt die Studenten, die verkörperte Jugendpoeſie, die noch auf Mondſchein, Vergißmeinnicht und Mai, jnclusſpe Nachtigallen, Masliebchen und Veilchen etwas hielt, ſie ſind Philiſter geworden, tragen Fracks, Glacéhandſchuͤhe und rauchen Cigarren. N. F. MI. Noch eine Sorte iſt übrig geblieben aus dem großen Schiffbruch des poetiſchen Lebensgenn und des Reiſens, kennbar an der beſcheidenen Redensart: Erlauben Sie, ein armer Handwerksburſch!— Da rufen die glacébehand⸗ ſchuhten Poeten: Gvethe ſagt: der Lump allein iſt beſcheiden— und der Schluß iſt: der Handwerksburſch iſt ein Lump. Es mag ſein, daß es Strohmer genug gibt in dem Hand⸗ werksburſchen⸗Stande, die Lumpen ſind; aber wenn man die ächte Signatur der Lumpen und Strohmer aufſtellen wollte— o—! wie weit hinauf reckten ſich die Polhpenarme dieſer Zunft und in den Glacshandſchuhen ſteckt eine ſo überwiegende Mehrzahl dieſer Race und Sorte, daß es Einem bange werden könnte, und, bei meiner Treu! ſchon das Goethe'ſche Wort ſtempelt eine ſchöne Portion! Ich meine den Mangel der Beſcheidenheit. Dreh' den Krahnen zu, Schenkmädchen, es läuft trübe!— Wahrlich, dieſe ſprüchwörtliche Redensart kommt zur rechten Zeit, denn— am Schreibtiſche kann Einem auch die Galle überlaufen! Wozu? frag' ich mich— ruhiger geworden. Wozu? Iſt's denn nicht genug, wenn noch Eine Menſchenſekte übrig iſt, als Erbe des pvetiſchen Wanderlebens? Komm an mein Herz, du Reſt der beſſern Zeit, du Univerſalerbe einer ſchönen Vergangenheit, der du noch die Wahrzeichen der alten, trauernden Wittwen aus der Zeit des heiligen Reichs auffuchſt, ich meine der Reichsſtädte ihre, und hineindämmerſt in die Welt ohne Sorgen, und fidel biſt nach Altersbrauch! Ob da ein Mal ein Loch im Armel iſt— der alte Marbel war ein Narr! Ob eine Sohle hungrig und durſtig die Zunge herausſtreckt— was thut's? Ob du einen feinen Herrn anranzeſt mit dem beſcheidenen Wort: Erlauben Sie ꝛc., das gilt gleich. Du lebſt noch im Reiſen, und reiſeſt voll Leben; du bringſt noch eine Mähr heim und keine erlogenen Reiſenovellen; du hiſt noch, wie du warſt und es iſt Hoffnung, daß du ſein wirſt, wie du biſt. Wenn ich mir den rechten Wanderburſchen anſehe, ſo über⸗ kommt mich allemal ein Herzeleid, daß ich alt bin und nicht wandern kann; denn ich würde gleich Einer. Welch' ein Gewinn! Leichtes Herz und leichter Beutel, leichter Ranzen, leichte ——— Sinn! Er ſingt aus friſcher, freier Bruſt:„O Straßburg, Straß⸗ burg, du wunderſchöne Stadt,“ oder:„Nun komm' ich an's Brünne⸗ lein,“ oder:„So viel Stern' am Himmel ſtehen,“ oder dergleichen Lieder, die friſch in Wort und Weiſe aus des Volkes Seele hervor⸗ quollen und darinnen Sitz und Heimath haben, bis die letzte deutſche Seele nach Amerika ausgewandert iſt und dann— ſelber mit auswandern an den Ohio oder einen anderen eio im Yankee⸗ lande; er ſingt ſolch' ein Lied aus friſcher Bruſt; taucht ſein Geſicht in die friſche Morgenluft; bleibt, wo es ihm gefällt; nimmt den friſchen Eindruck mit; ſchreibt's hinters Ohr, was er geſehen und in kein perlgeſticktes Notizbuch, dieſe zerſtörbaren Gedächtniſſe der faſhionablen Welt— und wandert weiter ins Grüne und Blaue hinein, und lächeln ihm unterwegs ein Paar ſchöner Augen zu, ſo ſingt er:„Geh' du nur hin, du haſt dein Theil; du führſt mich nur am Narrenſeil; ohn' dich kann ich ſchon leben, ohn' dich kann ich ſchon ſein!“— Aber er ſchaut vielleicht doch noch ein Mal zurück und denkt: Hübſch ſind ſie!— Doch Lischen's Augen ſind hübſcher! O du ſüße Heimath! Und der Gedanke an die Liebe in der Heimath zieht wie der leiſe, wunderbar ſehnſüchtige Ton einer Aeolsharfe durch ſeine Seele. Das iſt ſein Paradies, das er hienieden wiederfindet. Er hat doch noch Eins! Und alle anderen fürnehmen Weltbürger und Gelbſchnäbel haben keins! Und den nennt ihr Lump? Seh' ich mir den Wanderburſchen an, ſo wird miv's klar, er allein iſt der Glückliche. Das Leben, die Verhältniſſe, dieſer Alp des Lebens, preſſen ihn nicht. Er iſt weder Salons⸗ noch Cvur⸗ fähig. Zu den literariſchen Thees kommt er nicht, höchſtens zu Lindenblüthe oder Flieder, wenn er's im Halſe hat. Das Leben macht an ihn keine Anſprüche und er— er incommodirt's mit den Seinen nicht— als höchſtens mit den Worten: Erlauben Sie ꝛc. um einen Zehrpfennig und das will nichts ſagen, wenn nicht etwa ein Bettelvogt ein Querkopf iſt und ſeit Anno 1850 wieder Courage gekriegt hat, ihm auf den Leib zu rücken. Die Dampfer und Loco⸗ motiven mit ihrem Schweife; die Eilwagen mit den dumpfen — Kaſten und gepreßten Inſaſſen; die Omnibuſſe, die wie die Arche Noah's allerlei Gethier einſchließen, ſie ziehen ihn nicht an. Er wandert. Die großen Gaſthöfe mit dem leidigen Gezüchte der zudringlichen Kellner, die einen ehrlichen Mann nicht einmal in Frieden nießen laſſen, ſondern zu Sieben herbeiſtürzen und nach den Befehlen fragen; mit den ekeligen Lohnbedienten, die Einem das Beſehen der Herrlichkeiten vergällen; mit den ellenlangen Rechnungen, den lügenhaften Weinkarten, die den abſoluten Rachen⸗ putzer Rüdesheimer taufen; mit den Trinkgeldern vom Herrn Oberkellner zum Zimmerkellner, von dieſem zum Salonkellner, von dieſem zum Portier, Hausknecht, Küchenmagd herab; mit den Laſt⸗ trägern, die eines ehrlichen Mannes Gepäcke wie Schund behandeln und doch noch bezahlt ſein wollen— von dieſem Reiſekreuze weiß er nichts. Alle dieſe Qualen des Daſeins, dieſe Muskito's der Civiliſation und des Comforts kennt er nicht. Ich frage: Wer iſt 6 glücklicher? Ja, wenn nur das Geld nicht wäre! ſeufzt eine Philiſterſeele. Geld? O ihr traurigen Mitbürger, ſagte der Revo⸗ lutionsagent von Heimbach, als er eine Dekadenrede hielt und alle Leute wegliefen. O ihr traurigen Mitbürger, ſag' ich, die Ihr um des Geldes willen an keine Poeſie mehr glaubt, wär's umgekehrt, wär's beſſer; aber ſeht auf meinen Schützling! Je weniger Geld, je fideler, je fröhlicher und ſeliger iſt er. Iſt's ihm ausgegangen, ſo ſucht er Arbeit; fehlt's und er findet keine Arbeit,— nun, ſo bleibt die achte freie Kunſt, zu der er Magiſter iſt, wenn auch Leipzig dieſe Würde in den Anderen verſagen müßte, ich meine die reie Kunſt des— Fechtens. Ein Lump bettelt, ein ächter Handwerksburſche ficht. Schon der erſte Gang jagt Hunger, Mangel und Elend über die Menſur. Ein Kreuzer! Freilich für Euch Fein⸗ ſchmecker, die Ihr nach Mock-turtle lüſtern ſeid, reicht der nicht aus; aber mein Schooßkind iſt auch keiner von Euerer verkommenen denen die Seele im Gaumen ſitzt und die Geiſter der Koch⸗ kunſt irgend eines Don Quixote oder ſonſt fahrenden Ritters von jenſeit der Phrenäen, ſtudirt, als ſei der Weisheit Quelle drin. Spttwerden iſt Eſſens Zweck, nicht wie bei Euch, deſſe Qual. Wenig verlangt er im Ganzen; Ihr, wenig von vielen Schüſſeln. Iſt aber der glücklich, der möglichſt bedürfnißlos iſt, ſo iſt er allein der Glückliche, denn an das Comfort macht er wenig Anſprüche. Ihm genügt nach langer Wanderung die harte Herbergs⸗ bank oder ein Bündel Stroh oder der Heuſchober. Regnet's nicht, iſt er geſund— ſo hängt ihm der Himmel voller Geigen und ſein Lauf iſt helle Luſt. Sorgen, dieſen niederziehenden Ballaſt des Lebensſchiffleins, kennt er nicht. Der Abend bringt die Ruhe, und iſt er ſchon Mittags müde, ſo hält ihn kein Amtsurlaub vom Ruhen unter dem belaubten Schirmdache des Baumes ab. Er allein iſt freier Herr ſeiner Zeit. Er legt ſich nieder, das Ränzel als Kopfpfühl unter⸗ gelegt, und ſchläft ein Stücklein Zeit herunter, träumend von der Heimath und ſeiner Liebe. Wer iſt glücklicher?— Nach dieſer Standrede für einen ehrenwerthen Stand komm⸗ ich zu einem Worte meines Spezials, des Doctoris Philovophiae Martinus Zipſel, eines vielgereiſten und weltklugen Mannes, der ſagt: Zwei Menſchenſorten findet man ſelbſt im verborgenſten Coin du monde(ich würde ſagen: Flecklein Erde), nämlich Inden und deutſche Handwerksburſche. Richtig, nur mit dem Unterſchiede, daß ſich die Erſten ſetzen und die Letzten wandern. Selbſt auf einer mit Dünenhafer grünbekleideten Düne an den Geſtaden der Nordſee hab' ich einmal Dreie belauſcht, ſagt er, und will eben ſagen, was er da für Geſchichten gehört. Da fall' ich ihm in die Rede und ſage: Spezial, ſpare das für ein ſpäteres Kapitel, denn die Dreie ſind Nachbarskinder von mir und ich kenne ſie, wie meinen Schlafrock, und ehe ich das niederſchreibe, was du damals gehört, muß ich mancherlei noch mittheilen, damit meine lieben Leſer die Burſche erſt kennen lernen und vielleicht einigen Antheil an ihnen nehmen. Ich wünſchte herzlich, daß ich zuſetzen könnte: Soviel, wie ich ſelber. Ja, ich muß es ſagen, es waren drei Jungen von ſiebzehn Jahren, als ſie aus meinem Wohnort, ihrer Vaterſtadt, einem altersgrauen Städtlein am Rhein, am 11. März, Anno 1845, F — 6 auszogen, wie man ſie prächtiger nicht finden kann, Staatsjungen ſagten alle Leute, die ſie ſahen und kannten Da war friſche Blüthe der Geſundheit, Kraft und Schönheit der Geſtalt, friſcher Muth und heiterer Sinn, und Tüchtigkeit rechtſchaffener Geſinnung, die Frucht chriſtlicher Hauszucht. Sie zogen nicht hinaus, wie Buben, die der ſtrengen Hauszucht mit dem Troſt entweichen, ſich in toller Wildheit, wie junge Fohlen auf der Waldweide für den Pferch des Stalles, ſchadlos zu halten; ſie gingen nicht von dannen, mit dem Herzen voll toller Hoffnungen, die keine Scheidethräne in's Auge kommen laſſen; ſie waren nicht froh, der Heimath Joch abzuſchütteln um des loſen Zügels der Fremde ſich zu erfreuen. Sie wußten, was ſie draußen ſollten, und wollten es ehrlich, und die Rückkehr zur Heimath, an Kunſt und Erfahrung reich, der Achtung und des Vertrauens würdig, ſtand als ſchönſtes Ziel vor ihren Seelen. Das kam daher: ſie waren braver, wohlſtehender, chriſtlicher Familien Söhne aus dem ſchlichten, körnigen Bürger⸗ und Handwerkerſtande, wie ſie ſich, Gottlob, noch finden, wenn auch allmählich als ſeltene Vögel. Sie zogen aus, nicht auf einen Tag, nicht in Einer Richtung. Der Eine wandte ſich der„hilligen“ Stadt Cöln zu; der Andere dem„goldenen“ Mainz; der Dritte ging durch das rheiniſche Paradies, den Rheingau, nach dem Paradieſe aller Handwerks⸗ burſche und Dienſtmädchen, nach Frankfurt, das bei„Bernem“ liegt, wo die Luſt und Herrlichkeit daheim iſt, ſonderlich an den Sonntagen, wo die Tanzmuſik klingt, und der Schein, der von ſolchem Sonntag in„Bernem“ ausgeht, macht in der Regel den Montag himmelblau und den Dienſtag— bläulich. Das kam aber keineswegs zufällig, noch weniger war es das Ergebniß feindſeliger Geſinnung, die etwa ſich gegenſeitig abgeſtoßen hätte, ſondern gerade eine innige Herzenseinigkeit hatte das bewirkt. Die Dreie waren Nachbarskinder und wohnten ſich ſo nahe, daß einer des anderen Wiege hätte können knarren höten, wenn ſie in der Wiege daran hätten denken können, oder eine Mutter hätte alle Dreie durch ihr Eio popeiv einſchläfern mögen, wenn es die Dreie ſo hätten verabreden wollen. Wer nämlich in dem alters⸗ grauen Rheinſtädtlein die Rheingaſſe von Nord gen Süd durch⸗ wandert bis an die ſüdliche Stadtmauer, die unten mit dem Wendelsthore gegen den Rhein endet, und ſich rechts, an dem Zieh⸗ brunnen um die Ecke ſchlägt, der ſteht in der Wendelsgaſſe, die gegen den Berg läuft. Bleibt er an der Ecke ſtehen, und ſieht ſich um, ſo erblickt er vier ganz ſtattliche Bürgerhäuſer, mit alten, ſpitzen Giebeln aus Holz gebaut und die Jahrzahl des einen über der Hausthüre zeigt 1507. Das mag der Geburtsſchein auch für die drei Anderen ſein, denen er fehlt, denn ihre Bauart iſt dem von 1507 gleich, wie ein Ei dem anderen. Die Balken ſind hochroth angeſtrichen mit einem ſchwarzen Einfaſſungsſtreifen und die Gefach⸗ ſpiegel weiß, aber nicht von heute und geſtern, ſondern es mag auch von 1507 ſein, und nur, wo der Kalkbewurf vom Gefachlehm ſich einmal gelöſt hatte, mag die ſorgſam erhaltende Hand ſpäterer Inſaſſen erneuernd, im Einklange mit der erſten Färbung, nach⸗ geholfen haben. Zedes dieſer Häuſer trägt einen alten Spruch in die Pette des erſten Geſchoſſes vom Zimmermanne künſtlich, wenn auch nicht eben orthographiſch richtig, eingehauen. Das erſte an der Ecke rechts, wo der Winzer Rechtling wohnt, zeigt folgende Worte:„Ich ſteh' in Gottes Hand; er behüth' mich vor Waſſer und Brand.“ Das gegenüber, wo der Klempner Dobel wohnt, trägt die Schrift:„Wie Gott will, ſo halt' ich ſtill; er wird's in allen Sachen wohl mit mir machen“ Das Haus neben Rechtling's, wo der Schmid Lichtenauer wohnt, hatte den Spruch„Erbaut bin ich, doch ſteh' ich feſt, wenn Gottes Schutz mich nie verläßt,“ und das neben dem Blechſchmied Dobel bekannte: „Das iſt das Fundament am Haus, wenn Gott hier gehet ein und aus.“ Darin wohnte der Schneider Riffel. Wenn der Geiſt, der aus ſolchen Reimlein ſprach, in den Hänſern allezeit wohnte, ſo ſtand's gut um ſie und ihr Fundament. Damals, als aus dreien die Buben in die Fremde gingen, konnte man ſagen, die Bewohner waren ihm nicht fremd oder entfremdet. Oberhalb dieſer vier Häuſer war in der Wendelsgaſſe eine große Zahnlücke, und die füllten Gärten aus. Es ging eine Sage, daß 1689, als die Franzoſen das Städtlein, ſo damals pfälziſch ſoll geweſen ſein, anzündeten, an dieſer Stelle die Häuſer weg⸗ brannten. Am Ende dieſer Zahnlücke, oben gegen den Berg ſtanden enggedrängt wieder kleine Häuſer auf beiden Seiten, deren Bewohner aber mit den vier Haushaltungen da unten wenig nachbarliche Gemeinſchaft hatten. Deſto mehr aber hatten dieſe ſie unter⸗ einander. Es war auch ein ganz ander Volk da droben, wie über⸗ haupt in der ganzen Ober⸗ oder Berggaſſe. Wenn ſie ſich da droben als einmal aus dem Fundamente hänſelten und kappelten, erſt piano, dann forte und endlich forlissimo und mitunter pinzicato, wie Meiſter Riffel ſagte, der ein Muſikus und unter den Stadtpfeifern war, zuerſt die Frauen mit ſtechender Zunge, und dann als getrene Reſerve die Männer ins Vorder⸗ treffen rückten, wie Lichtenauer ſagte, der bei den Huſaren Anno 1813 gedient, ſo herrſchte zu„Vierhauſen,“ wie man ſpottweiſe die vier Häuſer nannte, wegen ihres getreuen Zuſammenhaltens, ein ewiger Friede, nicht wie ihn die Könige ſchließen, bis zum nächſten Krieg, ſondern ein wirklicher. Aus dreien dieſer Häuſer ſtammten die drei Wanderburſche, welche dazumal der Doctor Zipſel auf der Düne belauſchte, und von denen ich erzählen wollte. Der Winzer Rechtling am Brunneneck hatte mehrere Kinder. Er ſagte daher, als der Gabriel, ſein Alteſter, confirmirt war, zu ſeiner Frau: Margareth, für Zweie reicht das Gut nicht aus. Dem Elias bleibt, wie billig, das Haus, wenn wi ſterben; er kann Wingartsmann werden, wie ich; der Gabriel muß aber ein Handwerk lernen. Nun hat der Meiſter Dobel drüben ein gut Geſchäft. Der Bub wär unter unſern Augen, bliebe an unſerm Tiſch und es koſtete wenig Lehrgeld. Wie meinſt du? Ihr war's ſchon recht und Meiſter Se nahm den braven Jungen gern. Der Schmied Lichtenauer hatte nur Ein Kind, alſo wurde der ſtarke Gerhard Schmied und blieb bei ſeinem Vater. Riffel's hatten auch nur Einen Sprößling, den Joſeph, der mußte natürlich Schneider werden und ſein Vater war ſein Meiſter. Das gute Einvernehmen der Alten ſchien ſich in den Kindern abſpiegeln zu wollen, nach dem Sprüchwort:„Wie die Alten ſungen, ſo zwitſchern die Jungen,“ oder dem Anderen:„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme.“ Die Buben hielten aneinander, wie Kletten im Haar. Als ſie noch Kinder waren, da waren's ihrer vier, denn Dobel's hatten ein Mädchen, das trug den Namen Röschen auch nicht für den blauen Nebel. Das bildhübſche Kind war nur ein Jahr jünger wie die Buben, die in einem Jahre jung geworden waren. Sie ſpielten den ganzen Tag mit einander und haderten nie, und wenn die befreundeten Mütter als einmal zum Fenſter herausſahen, ob die Kinder nicht am Brunnen wären, und ſie ſo fröhlich und einig ſpielen ſahen, ſagten ſie ſich mit lachenden Augen: Mein Lebtag hab' ich keine ſo einigen Kinder geſehen! Es iſt merkwürdig! Das kleine Mädel aber herrſchte unter den Buben wie eine Königin. Sie gehorchten ihm blind. Was es wollte, geſchah, und man hätte ſich todtlachen mögen, wenn man zuſah, wie ſie ihm alle ſchmeichelten und liebkoſten und wie Einer den Anderen in zarter Schonung, Rückſicht und Gehorſam überbot. Das Mädel aber beherrſchte alle gleich, zeichnete keinen aus und hatte ſie alle lieb. Freilich änderte das ſich mit den Jahren; denn als die Kinder in die Schule gingen, ſagte die Mutter Röschen's zu ihr: Kind, nun darfſt du nicht mehr mit den Buben ſpielen! Warum denn nicht? fragte das Kind weinerlich. Es ſchickt ſich nicht mehr. Du biſt zu groß, ſagte die Mutter. In deinem Alter heißt es: Buben bei die Buben, Mädel bei die Mädel. Ei, ſo wollt' ich, ich wär' auch ein Bub! rief das Mädchen. Die Mutter wandte ſich ab und lachte, daß Röschen es nicht ſehen ſollte, und es blieb dabei, da dieſer Wunſch des lieblichen Kindes natürlich unerreichbar blieb. Sie mußte ſich Mädchengeſellſchaft ſuchen; aber wie oft ſtand ſie am Fenſter und ſah betrübt und ſehnfüchtig den gemeinſamen Spielen der drei Knaben zu, und — 0 wenn ſie ihr winkten, zu ihnen zu kommen und mitzuſpielen, ſchüttelte ſie betrübt den ſchönen Kopf und winkte nach der Stube zurück, als wollte ſie ſagen: die Mutter leidet's nicht, und ich muß ſtricken. Mal eine jener bittern Schranken hervor, an denen das Leben ſo reich iſt. Deſto treuer hielten fortab die„Vierhäuſer Buben“ oder das„Vierhäuſer Kleeblatt“ zuſammen, wie ſie die anderen Stadt⸗ buben nannten. angetaſtet hätte. Einer für Alle, und Alle für Einen, war ihr Wahlſpruch, von dem ſie keine Linie wichen. Da ſie nun alle Dreie handfeſte und unerſchrockene Burſche waren, ſo hatten auch die Anderen den Muth nicht, ihnen an den Krips zu gehen, und es blieb in der Regel beim drohenden Fauſtmachen und dem Zuruf: Komm, wenn du das Herz haſt! Auch wohl beim Schimpfgefecht, das die Zunge anhebt, bisweilen auch beendet, wenn es die Fauſt nicht thut. Die Lehrzeit gab dem Verhältniß eine neue Geſtaltung. Mit dem Spielen war's aus; aber nun gingen ſie Sonntag Mittags auf das„Spitzköpfchen,“ wie eine Felſenkoppe vor der Stadt hieß, wo eine herrliche Ausſicht war. Da ſtand ein alter, wilder Birn⸗ baum und gab Schatten. Der Boden war mit Moos bedeckt, wo ſich's herrlich ſitzen und liegen ließ, und hier plauderten ſie, machten Pläne und ſangen ſchöne Lieder, wo es ſich denn gar ſchön machte, ſang der Jroſeph Riffel allemal die erſte, Gabriel Rechtling die — zweite Stimme und der derbe Schmied, Gerhard Lichtenauer, ſang ſeinen köſtlichen Baß. So blieben ſie denn eng, innig und treu verbunden durch die ganze Lehrzeit, und ſolche gute Kameraden waren nicht wieder in der Stadt. Dem Röschen waren ſie alle Dreie herzlich gut, aber Keiner nahte ſich dem immer reizender ſich entfaltenden Mädchen. Die Beiden, Joſeph und Gerhard, beneideten wohl manchmal den * wenn die drei ſchönen reinen Stimmen im Dreiklange ſangen. Hier Das war Trübſal für beide Theile und es trat zum erſten Ich wollt's Keinem gerathen haben, der einen von ihnen Gabriel, daß er viel mehr um das Mädchen ſein konnte, als ſie, aber Keiner ſagte das dem Andern oder ihm ſelbſt. So meinte am Ende Jeder, er liebe das Röschen allein und ahnte nicht, daß daſſelbe holdſelige Bild in des Anderen Seele ſtehe. So züchtig, wie ein Heiligthum, wurde das Mädchen gehalten, daß ſie es ſelbſt vermieden, unter einander von ihr zu reden. Wenn die beiden Anderen aber einmal auf den Gabriel neidiſch waren, ſo hatte das auch nicht die geringſte Folge für ihre Freundſchaft. Es lag in der Natur des Lehrverhältniſſes. übrigens war der Neid auch ohne allen Grund; denn Gabriel ſah Röschen oft kaum einmal am Tag und dann bewies ſie ihm nicht ein Haarbreit mehr Freundlichkeit, als den beiden Anderen. Für ihn war nur die eine Folge daraus hervorgegangen, daß er, der ſie wenigſtens hörte, wenn er ſie auch nicht ſah, mehr an ſie denken mußte, als die Anderen; daß ſich ihr Bild tiefer in ſeine Seele drückte; daß er ſie heißer und inniger liebte, als ſie vielleicht. Indeſſen war ſeine Lage dennoch nicht beneidenswerth. Er hatte auch öfter Grund zu Arger und Unzufriedenheit; wenn ſie in die Werkſtatt kam und kalt wieder ging, oder wenn er ſie liebreich um etwas fragte und ſie antwortete ſo gleichgültig oder kalt. Das ſchnitt ihm allemal tief in das Herz und er litt dadurch viel mehr, denn die Anderen. Manchmal war ſie auch wieder ſo lieb und zutraulich gegen ihn, daß er ſich für den Glücklichſten auf der weiten Erde hielt, aber näher kamen ſie ſich nicht. Gabriel ſah übrigens recht gut, wie das Mädchen täglich roſiger und ſchöner wurde, und das Mädchen hätte blind ſein müſſen, wenn es nicht hätte ſehen ſollen, wie auch der Gabriel ſchöner wurde und— ſie hätte kein Mädchen ſein müſſen, wenn ſie nicht hätte bemerken ſollen, daß, wenn ſie in der Werkſtatt ihm recht nahe ſtand, ſeine Hand bei der Arheit gar nicht ſo feſt war, als ſonſt, und wenn ſie etwas in der Küche zerbrochen hatte und hereinſpringend ſagte: Geh, lieber Gabriel, löthe mir das doch gleich, daß dann eine Flammengluth ſein Geſicht bedeckte. Mädchen von ſechzehn Jahren wiſſen weit beſſer, wo das hinaus will, als Jünglinge dieſes Alters, die dann noch entſetzliche Tollpatſche ſind. Daß ſie das ungerne geſehen, konnte nicht behauptet werden, aber zur eigentlichen Liebe kam's doch nicht, höchſtens verglich ſie die Dreie einmal mit einander, um zu wiſſen, welcher der Schönſte von ihnen ſei; aber damit kam ſie doch nicht ins Klare. Ob ſie ſpäter ins Klare kam, das war ſchwer zu errathen. Endlich kam das Jahr 1845, wo denn Aller Lehrzeit ein Ende hatte und ſie, wie es die Väter wünſchten, auf die Wander⸗ ſchaft gehen ſollten. Es war ein ſchöner Frühlingsſonntag, der ſiebente März ſelbigen Jahres. Sie waren auf das„Spitzköpfchen“ gegangen unter den lieben alten Birnbaum, deſſen Blüthenknospen ſchwollen. Sie waren alle Dreie ſo ſtill und wehmüthig, als ſie den ſchmalen Bergpfad hinauf klommen. Das Scheiden und Meiden, das einem deutſchen Herzen viel weher thut, als einem anderen, lag auf ihnen wie eine recht ſchwere Laſt und Keiner wollte es doch dem Anderen ſagen, weil er ſich ſchämte, weich zu erſcheinen. Als ſie nun da oben ſaßen, preßte es dem Joſeph ſchier das Herz ab, daß Keiner von der rechten Farbe reden wollte. Er platzte endlich heraus und bezwang ritterlich das Gefühl, welches ihn über⸗ wältigen wollte. „Nun geht's bald ans Scheiden, Ihr Brüder,“ ſagte er. „Das wudd uns ſchwer werden! Ich hab' mir's ſo ausgedacht, es wäre doch ſchön, wenn wir, die wir uns ſo an einander gewöhnt haben und ſo treue Kameraden ſind, auch zuſammen fortgingen und draußen überall bei einander blieben, ſo nämlich, daß wenn von uns Einer keine Arbeit kriegte, wir Anderen auch keine in ſelbiger Stadt nähmen.“ „Das ſagte ich auch zu meinem Vater,“ erwiederte darauf Gerhard.„Ihr wißt, der iſt viel gereiſt. Wißt Ihr, was er ſagte: Dummes Zeug! ſagte er. Das könnt Ihr nicht ausführen, und es geht auf die Dauer nicht. Geſetzt du bekämſt gute und lehrhafte Arbeit und die beiden Anderen auch; aber der Eine hätte zufüllig einen ſchlechten Meiſter, mit dem nicht zu leben wäre; ſoll der ſich todt ärgern deinetwegen? Sollſt du die gute Stelle verlaſſen ſeines ſchlechten Meiſters wegen? Dummes Bubenzeug! Ihr kennt die Welt nicht. Steckt's auf!“ „Dein Vater hat da gewiß Recht,“ ſagte Gabriel, der ſich allerwege durch Beſonnenheit auszeichnete.„Nehme ich an, ihr Beide fändet irgendwo gute Arbeit und ich keine; wie könnt' ich Euch zumuthen, um meinetwillen die Arbeit fahren zu laſſen? So ſchön es auch iſt, Joſeph, es geht nicht. „Ich hab' mir's anders ausgediftelt. Wenn wir überall zuſammenſein könnten, und es ginge ſchon, ſo wär's doch Nichts. Wir ſähen überall daſſelbe und wenn wir einmal als Meiſter die Nachbarſchaft„Vierhauſen“ ausmachten und da Abends oder Sonntags Mittags zuſammen auf Dobel's Bank ſäßen, ſo könnten wir nur daſſelbe erzählen und vor Langweile käm' uns das Gähnen. Nein, Jeder zieht eine andere Straße, und zwar Einer nach Cöln, Einer nach Mainz und Einer muß ins Reich, ſo nach Frankfurt oder daherum. Wir wandern, wohin es uns gefällt, aber eine Erzpläfir hab' ich mir ausgedacht; nach zweien Jahren nämlich machen wir uns verbindlich, uns in einer Stadt, wo's auch ſein mag, wiederzufinden. Denkt's Euch einmal!“ „Das iſt prächtig!“ riefen die Beiden aus. „Wenn's Euch denn ſo recht iſt, ſo geh' ich noch weiter und ſchlag Euch vor, damit's Keinem Leid macht, wohin er etwa ziehen möchte nicht hinzukommen, und wir am Ende uns nicht einigen können; wir wollen looſen. Das Löos fällt, wie der Herr will.“ „So iſt's recht!“ riefen die Zweie.— „Aber,“ ſagte Gerhard, der aufgeſtanden war und einige dürre Grashalme gerupft hatte, und eben daran war, ſie in dreifacher Abſtufung zu ſchneiden; wie das Loos fällt, ſo muß es pünktlich gehalten werden, das bedinge ich mir aus.“ Die beiden Anderen gaben nun ihr Wort darauf und Gerhard hielt die Looſe hin und ſagte: „Hört Ihr's, wer das Kleinſte zieht, muß den Rhein hinunter, wer das Mittlere zieht, den Rhein hinauf, und wer das Längſte bekommt, muß ins Reich. — „Ja, ſo ſoll's ſein,“ ſagten wieder die Anderen, und Joſeph, der gerne mit der Naſe vorn war, zog zuerſt und das Kleinſte. „Aha, du mußt nach Cöln!“ ſagte Gerhard.„Glück auf! Zieh Gabriel!“ Gabriel zog das Längſte. „Du mußt ins Reich und ich muß gegen den Strom ſchwimmen, rheinaufwärts.“ as Gottesurtheil hatte entſchieden und alle Dreie waren mit der Entſcheidung zufrieden. „Nur gefällt mir,“ hob Gerhard wieder an,„auch das nicht, daß wir alle Dreie auf einen Tag weg ſollen von daheim. „Das iſt gegen den Brauch. Ihr wißt, wir Vierhäuſer haben keine Kameradſchaft außer uns. Gingen wir auf Einen Tag, ſo würde Keiner von uns begleitet, und es iſt doch die alte, ſchöne Sitte, daß die Kameraden den Scheidenden begleiten. Wer zuerſt von uns geht, den begleiten die beiden Anderen und tragen ihm den Ranzen. Wer zum Zweiten fort muß, den begleitet der Dritte, und nur der Letzte muß allein gehen. Iſt's Euch recht ſo?“ Alle Zweie ſtimmten dem praktiſchen Schmiede zu. „So ſoll das Loos abermals entſcheiden!“ ſagte er, und ging etwas zurück, um wieder Halme zu pflücken. Sie zogen und wieder traf Joſeph das Lvos des erſten Weg⸗ gangs, Gerhard war der Zweite und Gabriel mußte alleine ſeinen Wanderſtab ins Reich ſetzen, ohne daß ihm ein Freund das Geleite gab. So hatte das zweite Gottesurtheil entſchieden, und Keiner ſprach darüber ein Wort des Mißvergnügens aus. Eine lange Weile ſaßeß ſie ſtill und in ſich verſunken neben einander. Jeder dachte an das Scheiden von den lieben Eltern, von dem geliebten Röschen, von der trauten Heimath, und das lag auf dem Herzen wie eine drückende Laſt. Sie ſollten hinausgehen in eine fremde Welt, wo ſie keinen Menſchen, kein Menſch ſie kannte, das machte den unerfahrenen Herzen bange. Nach einiger Zeit ſagte Gabriel:„Das ſteht nun Alles feſt, aber ihr lieben Kameraden, wo ſollen wir uns denn nach zweien Jahren wieder finden? Das war ja auch eure Meinung. „Freilich,“ erwiederte Joſeph. „Das kannſt du beſtimmen,“ ſagte Gerhard zu Gabriel,„denn Ihr habt das große Buch mit den vielen Bildern drin, darin du alle Sonntag ſtudirt haſt, und kennſt ſchon die halbe Welt, ich meine das Buch von dem Sebaſtianus Munſterus, welches Cosmo⸗ graphie heißt. Weißt du nicht?“— „Gewiß weiß ich's,“ verſetzte Gabriel;„aber ſoll's nahe, ſoll's weit ſein, das müßt ihr mir ſagen.“ „Wart!“ rief Joſeph, dem in der Erinnerung an ſeines Vaters Erzählungen der Kamm ſchwoll. „So will ich euch die Stadt Hamburg vorſchlagen, und will euch auch nach dem Buche den Weg dahin aufſchreiben, daß ihr nicht fehlen könnet,“ ſagte Gabriel. Es war ihnen wieder genehm, was er vorgeſchlagen. Sie gaben ſich Wort und Handſchlag und auch das war in Ordnung. Ein Gefühl überkam jetzt die Dreie mit Macht, das ſie durch⸗ rieſelte, wie mit einem kalten Schauder. Sie hatten über wichtige Dinge ihres kommenden Lebens entſchieden, und es war eine der letzten Stunden, die ihnen auf dieſem ihrem gemeinſamen Lieblings⸗ plätzchen vergönnt waren. Sie wurden wieder ſtill und Gabriel's Auge wurde feucht, denn dort unten, am grünen Saume des Rheines, ging Röschen. Er erkannte ſie an der Farbe des Kleides, an dem ganzen Weſen und der Haltung. Ob ſie die Anderen auch erkannt? Keines Auge ſah ſo ſcharf, als das Gabriel's. Sie bewegte Anderes. Die Stelle, wo ſie ſaßen, war unbeſtritten die ſchönſte in der Umgebung der Vaterſtadt. Links lag dieſe mit ihren Thürmen und Mauern; oben drüber die halbzerſtörten Mauern der Burg, die ſie einſt beherrſchte. Kein Thurm war mehr da, aber einzelne Mauer⸗ bruchſtücke ragten noch in die Lüfte. Drüben über dem Rheine ſtrebte ein rebenbepflanzter Berg hoch empor. An ſeinem Fuße brandeten des Rheines Wellen in weißem Giſcht, denn, durch 165 Klippen beengt, trieb des Stromes Macht die Maſſe des Waſſers durch das enge Bette. Weiter aufwärts reichte der Blick auf mehrere Stunden in das Rheinthal. Mehrere Ortſchaften lagen da ſo friedlich in der Sabbatruhe; Burgtrümmer ragten hoch empor hier und da. Auf dem Strome brauſte ein Dampfer hinab mit fliegender Haſt, reich beſetzt von Reiſenden; ein anderer arbeitete ſtöhnend mit ſeinen Schaufelarmen gegen den Strom, während ein Segelſchiff von Halfterpferden gezogen, langſam und träge, das Bild einer untergegangenen Zeit, dem ſiegenden Repräſentanten der Neuzeit folgte. Kähne mit weißen Segeln ſchifften hinüber und herüber und durchſchnitten quer den Strom, wie weiße Möven. Drunten zu ihren Füßen luſtwandelten theils auf der ſchönen Landſtraße, theils am grünbeſäumten Strande die Bürger, luſtwan⸗ delten die Jünglinge und Mädchen. Und darüber war der Himmel ſo rein und blau, die Luft ſo mild und wöhlig, daß ſie die Bruſt mit Luſt einathmete. „Sagt,“ hob da Gerhard an,„was ſitzen wir hier und machen Kalender? Hängen trüben Gedanken nach? Es muß geſchieden ſein, und der iſt der Mannhafteſte, der's am Kräftigſten überwindet. Ein Lied thut wohl zu ſolcher Stunde, laßt uns Eins ſingen.“ Und alsbald ſtimmte er an:„Muß i denn, muß i denn zum Städtle naus, Städtle'naus, und du mein Schatz bleibſt hier ꝛc.“ Und ſie ſtimmten ein, wie's mit ihrer Stimmung im Einklang ſtand, und ſie ſangen's ſo ſchön und es klang ſo wundervoll in der reinen Luft hinaus ins Thal, daß alle Luſtwandelnden ſtehen blieben, wie bezaubert, und dem Geſange lauſchten, bis er wehmüthig und leiſe verklang. Da ſtanden ſie auf und gingen ſtille den ſteilen Bergpfad hinab. Daheim, das war die Abrede noch vor dem Stadthore, ſagten ſie kein Wörtlein von dem, was da droben auf dem„Spitzen⸗ kpfchen“ ausgemacht worden war. Nur Jvſeph erklärte ſeinen Eltern, in acht Tagen wolle er auf die Wanderſchaft gehen. Da wurde denn für den lieben Sohn geſorgt nach allen Richtungen; — unter heißen Mutterthränen das Ränzel gepackt; das Wanderbuch geholt, und jetzt, acht Tage nach jener entſcheidenden Stunde, trat er mit rothen Augen in die Stuben der getreuen Nachbarsleute, um ihnen zum Abſchied die Hand zu ſchütteln. Als er in Meiſter Dobel's Stube trat, und Röschen an der Bibel ſaß, um dem Vater das Kapitel zu leſen, darinnen der Text der heutigen Morgenpredigt ſtand, da pochte ihm das Herz, als wär's ein Eiſenhammer, der von Waſſers Gewalt getrieben auf den Ambos fällt. Sie drückten ihm, Segen wünſchend, die Hand, und als ſie ihm Röschen reichte, da zuckte es ihm bis ins Herz hinein, und ſie lächelte ihn an, daß ihm ſogar Hören und Sehen verging. Den Blick vergeß ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt werde, ſagte er zu ſich, und das Bild des ſchönſten Mädchens der Stadt war damit in ſeine Seele aufs Neue hineingeprägt, daß es nimmer entſchwinden konnte. Den Abend ſaß er alleine bei ſeinen Eltern und der Vater gab ihm gute Lehren und die Mutter weinte. Als aber am anderen Morgen die Sonne ins Rheinthal ſtrahlte, zogen Dreie zum Untex⸗ thore hinaus, denen das Herz recht ſchwer war. Geredet wurde nicht viel, bis der erſte gewaltige Schmerz des Scheidens überwunden war. Eine Stunde oder zwei begleiteten ihn die treuen Kameraden und trugen ihm das Felleiſen. Und als ſie ſchieden, war's ja für zwei lange Jahre, und bis jetzt waren ſie nicht zwei Tage von einander getrennt geweſen. War's ein Wunder, daß ihre Thränen floſſen? War's ein Wunder, daß ſie ſich einander zuwinkten, bis ein Bergvorſprung zwiſchen ſie trat, wie die trennende Nothwendigkeit?— Röschen ſtand am Fenſter und dachte an Joſeph, dem ſie lange ſo nahe nicht geſtanden hatte, und ſagte ſich ſelber: Er iſt doch ein ſtattlicher Junge, und ſchöner geworden, als ich gedacht! Was ſind das ein Paar flammender, brennender Augen, ſo braun, wie eine reife Kaſtanie, die aus der ſtacheligen Kolde ſpringt!— Der Vater aber meinte, es könne einſt ein tüchtiger Meiſter aus ihm werden; aber er werde viel Lehrgeld in der Fremde zahlen müſſen, denn Leichtſinn ſei ein Hühnchen, das Zeder rupfe, N. F. II. und ein Vögelein, das auf jeder Leimruthe leicht hängen bleibe, und das ſei ſchlimm! Röschen aber wollte es bedünken, als die Mutter lächelnd dem Vater zunickte, die Eltern urtheilten da doch zu hart. Acht Tage ſpäter ſtand der alte Lichtenauer neben ſeiner Frau mit der dampfenden Pfeife. Sie packte des Sohnes Reiſebündel, und manche Thräne wurde mit hineingepackt. Der Alte zuckte mit dem Geſichte, preßte die Augen feſt zu und biß auf die Pfeifen⸗ ſpitze, bis das Gefühl bemeiſtert war, das er nicht wollte merken laſſen, und ſagte dann:„Thrine, mach' mir dem Bub das Herz nicht ſchwer und weich! Ein Schmied muß hart ſein, wie ſein Ambos! Ich werd' ihn mehr vermiſſen als du; denn der Lehrling, den ich nun angenommen hab', iſt ein Neſthutſch', der noch kein Armſchmalz hat.“ Als er das heraus hatte, machte er ſich hinaus und ſtellte ſich in die Hinterthür und die Thränen poppelten aus den Augen, wie die der Dachtraufe, wenn's geregnet hat.„Hol's dieſer und der,“ ſagte er.„Das Lügen taugt doch allerwegen Nichts, und das Hartmachen, wenn Einem das Herz blutet, iſt doch auch eine purinzige Lüge.“ Während das in der Schmiede vorging, war Gerhard in die liebe Nachbarſchaft, Adjes ſagen. Dobel's wußten's, daß er käme. „Man meint, die Dreie hätten's ſo abgekartet, daß je nach acht Tagen Einer ſcheidet,“ ſagte Dobel.„Gebt Acht, die nächſte Woche rüſtet der Gabriel.“ Da fuhr Röschen ordentlich erſchreckt auf und ſagte:„Meint Ihr, Vater?“ „Freilich, meine ich's,“ entgegnete Dobel,„und das Meinen kommt mir ſchier ſo ſchwer an, als wärſt du ein Bub und gingeſt wandern. Ich hab' mich an den Jungen ſo gewöhnt, daß ich ihn ſchwer vermiſſen werde, und lieb hab' ich ihn im Herzensgrund.“ „Er iſt auch ſo fleißig, ſo ſtill und ſo brav!“ ſagte die Mutter. Da klopfte es, und Gerhard trat herein. Er war ein bildhübſcher Junge von athletiſcher und doch ſchöner Geſtalt. Das ſchwarze Rabenhaar hing lockig um den ſchönen Kopf und aus dem ſtrahlenden Auge blickte Verſtand, aber auch tiefe, innerliche Gluth. Der Meiſter gab ihm gute Lehren und Röschen reichte ihm die Hand und drückte ſie wärmer als ſie wollte, und lächelte wieder ſo wunderbar und ſah ihm in die Augen, daß leicht ſo ein junges Blut toll werden konnte. Der Gerhard mochte auch ſo Etwas ſpüren, denn er machte ſich raſch von dannen. Und Röschen dachte: Er iſt wahrlich der Schönſte von allen Dreien. Wie's in den Augen lodert! Und die Hand hat er mir gedrückt, daß ſie mir morgen noch weh thut. Vom Herzen kam's, aber es war doch hart!„Schade, daß er ein Schmied iſt!“ Das letzte Wort hatte ſie ahnungslos laut geſagt. „Warum denn?“ fragte ihr Vater. Und ſie erröthete und konnte vor Schrecken kaum antworten; doch ſammelte ſie ſich und ſagte:„Es iſt ein wüſtes, unreines Handwerk!“ „Aber Ein's, das ſeinen Mann ernährt und Frau und Kinder dazu.“ „Ein's, denk ich,“ ſagte er dann zu ſeiner Frau ſich wendend, „was Gerhard meiden muß.“— „Was denn?“ fragte ſie. „Ich meine das Trinken!“ verſetzte Dobel und ging hinaus. Als Gabriel von der Begleitung zurück kam und in die Werk⸗ ſtatt am andern Morgen trat, kam das Bewußtſein des Alleinſeins, des Getrenntſeins von ſeinen liebſten Freunden über ihn mit Macht. Er war ohnehin eine weiche Natur, die Alles tief empfand. Er nahm eine runde, gelbe Blechtafel und den Rundhammer und begann ſie zum Löffel zu ſchlagen, aber alle paar Minuten mußte er eine Thräne wegwiſchen, die darauf herabrieſelte. Er ſaß allein da, denn der Meiſter war zum Kaufmanne nach Blech gegangen. Röschen hatte etwas in der Werkſtatt zu thun oder that auch wohl nur ſo. Sie grüßte ihn mit der glockenhellen Stimme. Sonſt ſah er beim Gegengruß ihr immer in die wundervollen Augen; 2 heute nicht; vielmehr bückte er ſich noch tiefer auf ſeine Arbeit. Das ſiel dem Mädchen auf. Sie ſah ſcharf auf ihn und gewahrte eine fallende Thräne, die er ſchnell wegwiſchte. „Du weinſt?“ fragte ſie, und ſie mochte es fühlen, wie es ihm um das Herz war, denn der Ton, in dem ſie die Frage ausſprach, war wehmüthig, ſanft und theilnehmend. Indeß richtete er das feuchte Auge zu ihr auf. „Warum ſollt' ich's verhehlen, daß mir das Scheiden der treuen Kameraden, die mich ſo lieb haben, wie ich ſie, an das Herz geht?— Ich hab' ſie begleitet, und mir iſt's geweſen, als hätt ich ſie zu Grabe begleitet, ſo weh thut mir's. In acht Tagen muß ich auch fort!“ ſetzte er hinzu. „Du auch?“ fragte ſie noch in demſelben Ton, und nach einem einige Augenblicke währenden Schweigen, ſetzte ſie hinzu: „Und du mußt? Wer zwingt dich, Gabriel?“ „Ich hab' mein Wort verpfändet, und das Loos iſt ſo gefallen!“ ſagte er. „Ei, dann wird's ja ganz ſtill in der Wendelsgaſſe, wenn Ihr Alle fort ſeid!“ ſagte ſie ſo kalt, ſo eintönig, ja faſt gleich⸗ giltig, daß es Gabriel durchs Herz fuhr wie ein zweiſchneidig Schwert. Wie Waſſer, das ins Feuer gegoſſen wird, wirkte dieſe Rede auf ihn. Es wallte ein Zorn in ſeiner Seele auf, der Luft haben wollte; aber er bezwang ſich. Sie war die Meiſterstochter, wenn auch tauſegdmal das Nachbarskind und die Jugendgeſpielin. „Na,“ lachte er in einem Tone, der deutlich genug ſeine Empfindung verrieth,„es wird auch nach Gerhard und mir zu „Vierhauſen“ geklopft und gehämmert werden, denk' ich! Du ſollteſt froh ſein, daß es nicht mehr ſo arg iſt.“ Röschen ſah ihn betroffen an, denn in einem ſo gereizten Tone hatte ſie ihn nie reden gehört. Zum Glücke kam ihr Vater die Treppe ſchnell herauf und ſie ging eben ſo ſchnell in ihre Wohnſtube. Das Wort des Mädchens hatte Gabriel's Seele wieder 56 volle Gleichgewicht gebracht. Ruhig und feſt ſagte er dem vyn „ ihm ſehr geliebten Meiſter, er wolle, da ſeine Lehrzeit zu Ende ſei, nun auch keine Stunde länger daheim bleiben. Er möge ihm doch den Lehrbrief ſchreiben. Nächſten Montag wünſche er von dannen zu ziehen. Der Meiſter ſprach ſein Bedauern aus, daß er ſo ſehr damit eile. Gabriel aber verhehlte es nicht, daß er nun, wo ſeine Freunde fort ſeien, hier ſich nicht mehr geheuer fühle, und ſagte es dem Meiſter auch ohne Hehl, daß ſie ſich verabredet hätten, es ſo zu machen. Der Meiſter verſprach den Lehrbrief und Gabriel ſetzte, wie immer, ſtille ſeine Arbeit fort. Röschen aber ſaß drüben am Fenſter und die Nadel ruhte, weil andere Gedanken ihre Seele beſchäftigten. Wie kam er denn zu dem Tone? fragte ſie. Nun, fuhr ſie in ihrem leiſen Selbſtgeſpräche fort, es war auch eine dumme Rede von mir, recht dumm! Und ich hab's auch ſo gleichgiltig ihm geſagt, ohne eigentlich Etwas dabei zu denken. Es geht Einem einmal ſo, und er hätte auch nicht gleich es ſo ſpitzig zu nehmen brauchen. Es iſt garſtig von ihm!— Freilich, fuhr ſie nach einigen Augenblicken fort, mußte es ihn verdrießen, daß ich zu ihm das Wort ſagte, als er von ſeinem Fortgehen ſprach. Da hätt' ich ihm wohl etwas Anderes ſagen können und müſſen.— Wahrhaftig!— Sie ſann.— Ehrlich geſtanden, ſprach ſie weiter, bin ich daran Schuld, und übel nehmen kann ich's ihm nicht. Ich muß es wieder gut machen! Er verdient's. S iſt doch ein lieber— guter— und — hübſcher Junge—! Und bei dem Worte blickte ſie zufällig in den Spiegel und ſah, daß ſie roth wurde. Wie einfältig! rief ſie. Roth werden, weil's ein hübſcher Junge iſt!— S iſt ja doch wahr, und noch geſtern ſagte Merkel's Annchen, er gefiel ihr am Beſten vom Kleeblatte!— Mag's ſein!— Mit dem Worte ſchloß ſie, aber ſie fühlte dennoch ihr Unrecht und nahm es ſich vor, heute Abend, wenn er ſich zu ihnen auf die Bank ſetz, wie er's alle Abende that, recht freundlich und herzlich zu ſein, weil das Sprichwort ſage:„Ende gut, Alles ßut⸗ . — 22— Der Abend kam und war frühlinglich mild. Nach dem frühen Nachteſſen gingen die Dreie hinab auf die Bank. Rechtling's kamen auch herüber; aber Gabriel nicht. „Wo iſt denn unſer Gabriel?“ fragte Dobel. „Gott weiß, was dem Bub iſt,“ ſagte Rechtling.„Seit die zwei Anderen fort ſind, iſt alles Leben, alle Freude in ihm wie todt, und ſeit heute iſt er noch ſtiller und redet kein Wort, ſelbſt mit dem Eliaschen nicht, den er doch ſo lieb hat.“ Da flammte es in des Mädchens Geſicht, daß ſie es tief herabbeugen mußte. „Nun,“ ſagte Dobel,„Scheiden und Meiden thut weh.“ In dem Augenblicke trat Gabriel aus dem Haus und es ſchien als nähme er die Richtung zur Bank, wie ſonſt auch; als er aber Röschen da ſitzen ſah, grüßte er freundlich und ging nach dem Rheine hin. Aha, dachte ſie, er ſpielt den Verdroſſenen! „Dem Gabriel iſt das Herz ſchwer,“ ſagte Dobel.„Laßt ihn gehen, es will das auch ſein Recht haben!“ Aber es war kein Spielen bei Gabriel. Das Wort des Mädchens klang immer widerlicher in ſeinen Ohren und verwundete immer tief jein Herz. Er hätte jetzt nicht in ihrer Nähe ſein können und auch das freundlichſte Wort hätte ihm wehe gethan, weil er's für unwahr hätte halten müſſen. Röschen war auch ſtille den ganzen Abend, und an ihrem Laden ſtand ſie lauſchend, als er heim ging. Es war leer und ſtill in der Straße. Er blieb an ſeiner Thüre ſtehen und blickte lange nach ihrem Fenſter herauf, das der Laden ſchloß. Endlich ſchüttelte er den Kopf und ging ins Haus. Was mag er gedacht haben? ſagte zu ſich das Mädchen, und warum mag er den Kopf ſo ernſt geſchüttelt haben?— Sie lag noch lange ſchlaflos und in ſtillen Gedanken da, bis ſie verworren unter einander floſſen und der Schlaf ſie umfing. Ruhe hatte ſie am anderen Tage nicht. Es drückte ſie, daß er ihr bös ſei und ſo ſtill und betrübt da ſaß. Sie ging mehrmals 3 — durch die Werkſtatt, aber er war nicht allein. Und ſo war's faſt alle Tage. Er ſah auch gar nicht auf und ſie hätte ihn doch ſo gerne ins Geſicht recht freundlich angeſehen; aber dazu kam's nicht und mit jedem Augenblicke drückte es ſie ſchwerer, daß die letzten Stunden ſo trübe ſein ſollten. So ein Mädchen iſt aller Praktiken voll. Sie zerbrach abſichtlich einen Schaumlöffel und legte ihn hin, und paßte auf, wie eine Katze vor einem Mäuſeloche, bis ihr Vater einmal hinab ins Höfchen ging. Da huſchte ſie herein in die Werkſtatt. „Ich bin doch ein rechter Tollpatſch,“ ſagte ſie heiteren Tones, „da hab' ich den neuen Schaumböffel zerbrochen. Gelt, du machſt mir ihn, lieber Gabriel?—“ Und in die Worte legte ſie den ganzen, bewältigenden Schmelz ihrer herzgewinnenden Stimme. Er durchzuckte Gabriel's Seele, und er war nahe daran, aus der Rolle zu fallen, die er ſich recht mühſam einſtudirt. Kalt erhob er die Hand, ohne ſie anzuſehen, nahm den Löffel und ſagte: „Das übel iſt ja leicht zu heilen!“ Er legte einen Löthkolben in die Eſſe und ſie ſtand noch da, jetzt ſelber verlegen werdend. „Wer wird mir nur das Alles machen, was ich zerbreche, wenn du fort biſt?“ ſagte ſie, und es klang faſt wehmüthig. „Der Vater, oder ſein künftiger Geſelle!“ ſagte ruhig, feſt und kalt Gabriel darauf, und wieder ſah er ſie nicht an. Ihr Vater war ſchon auf der Stiege. Sie hörte ihn kommen. „Biſt du mir bös, Gabriel?“ fragte ſie haſtig. „Nein;“ war ſeine kalte Antwort; und ſie ging ſchnell. Als der Löffel fertig war, nahm er ihn, drückte die Küchen⸗ thüre ein wenig auf und legte ihn auf die Anricht. Sie ſah's, ſprang herzu und flüſterte leiſe:„Ich danke dir.“ „Gern geſchehen,“ ſagte Gabriel und ging. Da ſtand das Mädchen in der Mitte der Küche und wurde bleich wie Schnee. Es zitterte Etwas in ihrem Auge, wie eine Thräne, aber es war eine Thräne des Unwillens. „Was hab' ich ihm denn gethan, daß er ſo— ſo— kalt und unfreundlich iſt?“ ſagte ſie. Dann warf ſie das Köpſchen in die Höhe, und den ſchönen Mund auf und rief unwillig aus: „Mag er! Was liegt mir dran?—“ Aber es mußte ihr doch Etwas dran liegen, denn ſie war mürriſch und kam nicht mehr in die Werkſtatt bis zum Samſtag. Da ſaß er allein da und arbeitete. „Gabriel,“ ſagte ſie,„gehſt du wirklich am Montag?“ „Ja,“ ſagte er kurz. „Du willſt im Hader von mir gehen?“ fragte ſie. „Ich? Nein!“ war ſeine Antwort; ich weiß nichts von Hader.“ „Nun venn, ich auch nicht,“ ſchloß ſie trotzig und ging hinaus. Gabriel ſah ihr nach. Beſſer, ich ſtähle mein Herz, ſagte er zu ſich ſelbſt, als daß ich dem Gedanken Raum gebe, ſie ſei mir gut und ſie iſt's doch nicht.— Wenn's mir auch ſchwer wird. Von da an ſah er ſie faſt nicht mehr. Drüben im Vaterhauſe war Trauer. Hier in Dobel's war's kaum anders, denn dem Meiſter that Gabriel leid; die Meiſterin war ohnehin eine ſtille Frau, und Röschen war's auch ſo trübe zu Sinn, wie kaum je in ihrem Leben. Sonntags Mittag erwarteten ſie ihn frühe; aber er kam nicht, denn er war hinauf auf das Spitzköpfchen gegangen, noch einmal ſtille der Zeit zu gedenken, die er hier ſo glücklich verlebt. Röschen blieb zu Haus; aber um drei Uhr kamen drei Freundinnen, die ihr nicht Ruhe ließen, mit ihnen aien zuh gehen auf ein nahes Dorf. Sie wollte abſolut nicht. Doch endlich redete ſelbſt die Mutter zu und ſie ging. Als ſie vor das Thor kamen, blickte ſie hinauf zum Spitz⸗ köpfchen und ſah ihn da ſtehen, gelehnt an den Birnbaum. Das bewegte ihr Herz. Aber die anderen Mädchen ſcherzten und lachten und ſie ging ein in ihre Scherze, wenn es ihr auch nicht ſo recht um das Herz war. — 25— 5 Gabriel hatte ſie nicht geſehen.. Er kam herunter und ging den ſchweren Gang, dem Meiſter ſein trengemeintes:„Behüt' Euch Gott!“ zu ſagen. Herzlich nahm er ihn auf. Herzlich waren ſeine Ermahnungen und Lehren, herzlich ſein Handdruck und Lebewohl. Die Meiſterin wünſchte ihm Gottes Segen, und daß er geſund wiederkehren möge. „Wo iſt denn Röschen?“ fragte er. „Spazieren!“ ſagte die Mutter. Das fuhr wie Eisluft durch ſeine Bruſt. „Grüßet ſie herzlich,“ ſprach er,„und ich wünſchte ihr alles Gute!“— Er ging, gebeugt, traurig, gedrückt. Es iſt aus, ſagte er zu ſich. Ich war blind, als ich meinte, ſie ſei mir gut. Kaum war er übrigens aus Riffel's und Lichtenauer's heim⸗ gekehrt, wo er inger ſich verweilt, ſo kam Röschen erhitzt und eilig heim, und ihr erſtes Wort war:„Iſt Gahriel dageweſen?“ „Er läßt dich grüßen und wünſcht dir alles Gute!“ ſprach die Mutter. „Sagte er nicht, daß er wieder käme?“ fragte ſie. „Nein!“ war der Mutter Antwort. Da ging Röschen langſam auf ihre Kammer, ſetzte ſich unten auf ihr Bett und weinte. Was iſt's denn, was zwiſchen uns getreten iſt? fragte ſie. war mein Geſpiele und nun ſcheidet er, wer weiß wie lange, und ſagt mir nicht Adje und ich bin wieder die Urſache und er muß meinen, ich ging aus dem Wege!— Das that ihr leid. Sie kleidete ſich aus, ging in die Küche, wuſch ſich die Augen 3 und begann für das Abendbrod zu ſorgen. Das Fenſter der Küche, wie das ihres Kämmerleins, ging auf Rechtling's Thüre. So oft ſie in die Nähe des Fenſters kam, reckte ſie ſich in die Höhe und — * ſah hinaus; aber ſie ſah ihn nicht. Er ſaß bei den Eltern und hatte ſein Brüderchen auf dem Schooße. Röschen dachte, er kommt doch gewiß auf die Bank heute Abend. Allein er kam nicht, und nicht ſeine Eltern. Sie mußten frühe zu Bett gegangen ſein, denn man ſah kein Licht. Röschen ging verſtimmt zu Bett. Ihr Vater hatte ihm aber noch eine Lobrede gehalten und geſagt: Ich preiſe den Vater glücklich, der ſolch' einen Sohn hat. Sie konnte nicht einſchlafen, denn es lag ihr ſchwer auf der Seele, daß ſie ihn nicht mehr ſehen ſollte. Und manches heimliche Thränlein floß dem Mißverſtändniſſe der letzten Tage. Sie hatte es ja doch ſo nicht gemeint, wie er's genommen! Und daß ſie gerade geſtern wegging, daran war doch die Mutter Schuld, und ſie eilte ſich auch, früh wieder zu kommen. Warum war er denn auch ſo aufnehmiſch?— Er hätte ja auch Abends auf die Bank kommen können!— Sie konnte ihm doch nicht nachlaufen!— So erwachte am Ende der Mädchenſtolz mit aller Stärke, und die Schuld lag jetzt allein auf ihm! Sie zürnte ihm und— ſchlief ein. Aber ſie träumte die ganze Nacht von ihm. Bald war er todtkrank in der Fremde und Niemand pflegte ihn; bald ſah ſie ihn in großer Lebensgefahr; bald kam er und brachte eine ſchöne Braut mit; bald ſah ſie ihn todt. Da fuhr ſie auf und erwachte. Es dämmerte in Oſten. Sie ſprang auf und kleidete ſich an. Drüben in Rechtlings war Licht. Er war noch da. Sie ſchlich die Treppe 1 hinab; öffnete leiſe ihre Hausthür und harrte hier. Zetzt hörte ſie, wie der alte Rechtling das Gebet vor der Reiſe aus dem Gebetbuche vorlas. Einige Augenblicke war's ſtille. Dann hörte ſie, wie ihm der Vater mit gebrochener Stimme ſeinen Segen gab, wie die Mutter laut weinend ihn dem Herrn befahl, wie das Eliaschen weinte. Dann knarrte drüben die Thür und Gabriel trat heraus. Er trocknete ſeine Thränen, ſtand auf dem breiten Auftritt und ſah lange hinauf nach ihrem Fenſter und ſagte dann leiſe, nur ihrem Ohre vernehmbar: Leb' wohl, Röschen, leb' 8 wohl! Gottes Engel mögen dich behüten! Da trat ſie in die offene Thüre, weil ſie ſich nicht mehr halten konnte, reichte ihre Hand hinüber und ſagte:„Gabriel, mögen ſie auch dich behüten!“ 6 Wie vom Donner gerührt, ſtand er da.. Aber der Zauber löſte ſich ſchnell. Er ergriff ihre Hand und hielt ſie mit ſeinen beiden umſchloſſen. „Du hier?“ fragte er. „Sollſt du ſcheiden, ohne daß ich dir ein Lebewohl geſagt? Ach, Gabriel, geh' nicht fort im Unwillen! Ich hab' dir nicht Leides thun wollen! Leb' wohl! Gott behüte dich!“ Aber er ließ die Hand nicht los, die ſie zurückziehen wollte und doch konnte er nicht reden. Da drückte er ſeinen Mund darauf, ließ ſie los und war um die Ecke verſchwunden. II. Die letzten vierzehn Tage mit ihren Ereigniſſen waren für die Nachbarſchaft von großem Erfolge begleitet. Es war gerade ſo gekommen, wie Röschen zu Gabriel geſagt, es war ſtille geworden. Nicht als ob die drei Jünglinge Unruhe in die Nachbarſchaft gebracht hätten; nein, dafür waren ſie zu ordentlich, zu beſcheiden und anſtändig; nicht, als ob die Hämmer in Lichtenauer's Schmiede nicht von Morgens bis Abends hellgellend geklungen oder Dobel's Werkſtätte nicht wiedergehallt hätte von ſeinen Hammerſchlägen. Das war Alles ſich gleichgeblieben und doch war's ſtille; denn die Nachbarn waren traurig und Keins rief dem Anderen ein fröhlich Wort zu; man hörte keinen heitern Geſang— das Einzige, woran vielleicht Röschen bei dem Worte gedacht, das Gabriel ſo ſchmerzlich getroffen hatte. Es war in der That ſtille geworden. Auch auf Dobel's Bank; denn da ſaßen Abends die drei Jünglinge bei den Alten, und Scherz und Ernſt wechſelte. Die Alten meinten, ihre Weisheit ziehe das junge Blut an, und es war ganz verwunderlich, daß ſie ſo blind waren oder ſein wollten. Nur 3 Röschen ahnete ſo etwas von der Wahrheit, als die Neckereien ihrer Freundinnen ſie trafen und ſie fragten: Wem ſie denn den Preis gäbe? Verliebt ſeien ſie doch alle in ſie bis über die Ohren. Die hatten ihr eigentlich die Augen gesffnet in der letzten Zeit und noch am Sonntag Abend, auf dem Spaziergange, hatten ſie ſie geneckt, weil ſie ſo heim eilte. Gabriel gehe morgen weg, hatte ſie in ihrer Unſchuld geſagt, dem müſſe ſie doch Adje ſagen. Da kam's wie eine Sturmfluth über ſie von allen Seiten und die Meiſten meinten, der ſchöne, blonde, ſinnige Gabriel ſei wohl doch am Ende das Herzblättchen. Solcher Mädchenwitz hatte übrigens auf Röschen den Einfluß, daß ſie ſich ſelber einmal prüfend gegenüber trat. Sie wog„ab. was hier zum Vortheil, dort zum Nachtheil war, und ſie fand, daß doch ſo recht eigentlich Keiner der Dreie den Vorrang hatte. Das geſtand ſie ſich: die letzten Auftritte mit Gabriel hatten ſie tief bewegt. Der Kuß brannte noch auf ihrer Hand und hätte ſie ſich nicht geſchämt, ſie hätte die Stelle küſſen mögen; aber die Zeit hat wunderliche Kuren in der Welt gemacht, wunderlichere, als alle Wunderdoctoren der Welt. Das Mädchen dachte ſo ziemlich an alle Dreie gleich lebhaft, wenn auch Gabriel, ſchon durch das Zuſammenleben, ihr etwas näher ſtand. Ihr Vater nur urtheilte anders. Er hatte an Joſeph und Gerhard viel auszuſetzen. Gabriel war einmal ſein Liebling. Auf der Bank Abends wurden die drei Wanderburſchen mamnichfaltig beſprochen und die Elternliebe Riffel's und ſeiner Frau, Lichtenauer's und der Seinen, ſtrich ihre Söhne weidlich heraus. Rechtling's, überhaupt ſtille, demüthige Leute, ſchwiegen von ihrem Gabriel, deſſen Partie dann aber Dobel als ein guter Advocat übernahm und mit Wärme führte, was dann Röschen dennoch allemal mit beſonderm Wohlgefallen anhörte. Man zählte wahrhaft die Stunden, bis ſie einmal ſchrieben; aber die jungen Leute, die noch nie weiter, als ein paar Stunden von ihrer Heimath weggekommen waren, hatten noch ſo viel zu *„ ſehen und zu betrachten, daß ſie zum Schreiben eigentlich noch nicht kommen konnten. So verging der März und der wetterwendiſche April und erſt im Mai brachte der Poſtbote den erſten Brief in Riffel's an. Abends kam triumphirend der alte Schneider, der noch heute den wind⸗ beuteligen Charakter ſeiner Zunft nicht abgelegt hatte, auf die Bank. Ich hab's doch gleich geſagt, hob er an, Meiner ſchreibt zuerſt; denn der hat's dick hinter den Ohren, und gewandt iſt er in der Feder wie ein Schulmeiſter. Nun, Nachbar, fragte Dobel nicht ohne Unmuth über den Schneider, ſo zieht einmal vom Leder! Was ſchreibt er denn? Ei⸗ ſagte der Schneider, Ihr könnt Alles hören. Es iſt nichts incognito, wie man ſagt.„Seit ich hier bin,“ ſchrieb Joſeph,„hab' ich ſchon den zweiten Meiſter.“— Halt! rief Dobel, das iſt eine bedenkliche Geſchichte und ich denke dabei immer an den Buben, dem die Mutter immer ſagte, als er auf die Wanderſchaft ging: Du kriegſt gewiß keinen Meiſter! Um ihr nun zu zeigen, wie Unrecht ſie gehabt, ſchrieb er im erſten Brief, er habe in den erſten vierzehn Tagen ſchon ſieben gehabt. Lichtenauer lachte, daß er ſchockelte. Riffel aber fühlte den Stich und ſagte: Laßt mich doch erſt leſen, wie's kam! Und er las weiter.„Das kam aber daher, daß der erſte ein Lump war, der eigentlich gar nicht für einen Geſellen Arbeit hatte, aber um die Leute weis zu machen, er habe viel zu thun, ſich einen halten wollte. Da dacht' ich: Laß mich laufen, und ging los. Wo ich jetzt bin, da iſt's gut. Wir arbeiten aufs Stück. Da wird Geld verdient, wie Bach, weil wir auch den ganzen Sonntag arbeiten. Herzliebſte Eltern, es koſtet Einen hier aber auch Geld wie Bach! Unſer Einer muß ſich flott kleiden und das hat etwas Anderes auf ſich, als daheim, wo ich im Confirmirrock drei Jahre herumlief. Mein Geld iſt all und ich thue Euch bitten, mir im nächſten Brief Etliches zu ſchicken. Was die Stadt betrifft, ſo iſt die entſetzlich groß und ich bin heut noch nicht in allen Gaſſen geweſen, die eng und ſo ſchmutzig ſind, wie daheim das Spurgäßchen. Mein erſter Meiſter, der Windlips, wohnte in der Schildergaſſe; mein alle⸗ weiliger aber wohnt dem Jülichsplatze gegenüber, wo Alles nach ächtem kölniſchen Waſſer riecht. Kirchen ſind ſo viel hier, daß das halbe Land dran genug hätte, ich glaub', daher hieß auch in der alten Zeit die Stadt die„hillige“ oder heilige, nicht vom Hinein⸗ gehen. Da iſt Euch eine verwunderliche Wirthſchaft im Dom. Das muß ich ſagen, es iſt ein erſchrecklich und grauſam Gebäu, und noch begreife ich nicht, warum die alten Narren den Thurm ſo weit davon hingeſetzt haben und oben drauf einen Krahnen. Wenn der die Schiffe aus- und einladen ſollt', ſo müßt ja das Waſſer über die ganze Stadt gegangen ſein, denn er ſteht grauſam hoch droben. Gebaut wird immer, aber uns Allen thut auch kein Zahn mehr weh, wenn der mal fertig werden ſoll. Item es iſt auf dem Domplatz ein Geklopfe und Gehämmer, daß man ſein eig nes Wort nicht hört. Im Dom iſt's lebendig. Mir gefällt's beſonders, daß da Einer im rothen Rock mit einem tüchtigen Stecken herumgeht, der den Leuten in die Rippen ſtößt, die nicht beten wollen. Das hilft aber blutswenig; denn ſie gehen herum, gucken und gaffen nach Guſto, wie's ihnen gefällt. Es hat mir leid gethan, daß ich ein Bischen zu ſpät gekommen bin zu dem ſogenannten Carneval. Das ſoll, wie unſer Obergeſell ſagt, der Latein kann wie Pulver, heißen:„Leb' wohl, Fleiſch!“ Da ſie zur Faſtnacht keins hier eſſen. Dann iſt bei unſerer Garküche das ganze Jahr Carneval, aber Knochenluſt alle Tage. Das mag, wie ſie ſagen, von der Schlachtſteuer kommen und es iſt ſchlimm. Ich kriege alle Tage Heimweh nach der Mutter Küchenſchrank. Sie eſſen hier gern was Guts, aber unſer Einer kriegt's nicht. In der Zeitung zeigen ſie's ſich einander an, wo's was der Art gibt, und trinken können ſie prächtig; aber ich wollt', es gäb' hier eine Räſomirſteuer. Die brächte was ein: Nein, herzliebſte Eltern! daheim wird auch als einmal räſonnirt, aber hier geht's über's Bohnenlied. Da wiſſen ſie Alles beſſer, und wenn einmal der König Miniſter bräuchte und wüßte nicht, wo ſie hernehmen, hier könnte er blind hineingreifen. Cöln iſt die erſte Stadt der Welt 4 3— und wenn ſie ſich nicht allein drum herumdreht, ſo iſt das ein alter Fehler, der reparirt werden müßte. „Um wieder auf die Faſtnacht zu kommen, ſo ſoll da ganz Cöln verrückt geweſen ſein— man merkt's heut' noch; da ſollen ſie Alles gehänſelt haben, und das thun ſie heut' noch; da ſollen die Leute ihr Bett ſelbſt verſetzt haben, um ſich luſtige Tage zu machen, das geſchieht aber auch heut' noch; da ſollen ſie ſich vor lauter Luſtbarkeit Löcher in die Köpfe werfen, die man aber auch heut' noch kriegen kann. Mit Erbſen ſollen ſie ſich werfen, daß ſie Schuh hoch liegen; gäben ſie ſie den Armen, an denen es nicht mangelt! Und mit Mehl ſollen ſie ſich die Kleider bewerfen, daß die Leute ausſähen wie lebendige Mehlſäcke. Was gäb' das Brod! Ein grauſam luſtig Leben iſt hier im Sommer; alle Sonntag hat eine Gaſſe Kirchweih. Da geht's herrlich zu und wer keine Prügel kriegt, war nicht dabei. Die Gaſſenbuben treiben's nach Guſto, ſchießen und knallen auf der Gaſſe. Das ſollt' einmal bei uns geſchehen! Der Bürgermeiſter ſollt' ſie geſcheidt machen. Man ſieht dran, daß nur die kleinen Diebe gehenkt werden. Aber Geld koſtet's, wenn man das Alles ſehen will. Darum ſeid ſo gut, und vergeßt mich nicht! „Was mir extra gefällt, iſt das, daß ſich die Herren nicht ſchämen, die Handwerksburſche aufzuklären. Da hört man's, wie's in der Welt ausſieht, und was Deutſchland, von dem ich daheim nichts hörte, Noth iſt; wie die Ubelſtände, daß es nur Reiche und Arme gibt, abgeſtellt werden müſſen. Da ſtehen Einem die Haare zu Berge; aber die Leute verſtehen's und wiſſen Alles rund zu machen. Das ſind Kapitalkerle! Nun will ich aber mein Schreiben ſchließen, und thue Euch viel tauſendmal grüßen und alle Nachbarn und gute Freund' und wer es getreulich mit mir meint, beſonders das Röschen. Ich hab' mir die Mädels von Cöln alle angeſehen, aber keins iſt ſo ſchön, wie Röschen, das könnt Ihr ihr ſagen. Nun gehabt Euch alle wohl und vergeſſet mir nicht, Geld zu ſchicken. Meine Adreſſe lautet u. ſ. w. u. ſ.%. Als der Brief geleſen war, ſah Riffel die guten Nachbarn nach der Reihe an und ſagte: Gelt, das iſt ein Brief! Ich hätt's dem Teufelsbub mein Lebtag nicht zugetraut. Und macht auch noch Reime, der Strick! Röschen war roth geworden bis hinter die Ohren, aber, daß er in der großen Stadt an ſie dachte, daß er ſie über alle Mädchen von Cöln ſtellte, wo doch gewiß hübſche waren, das gefiel ihrer Eitelkeit nicht wenig und es that ihr im Herzen gut. Wenn auch der Joſeph allerlei tanzmeiſterige Streiche im Kopfe hatte, ſo viel blieb doch, er hatte ſie recht lieb. Sie hätte ja kein Mädchen ſein müſſen, wenn ihr der Weihrauch nicht duftig in das Näschen geſtiegen wäre, und Weihrauch lieben ſie alle, beſonders wenn hübſche Jungen das Rauchfaß außer der Kirche gegen ſie ſchwingen. Meiſter Dobel ſaß ſtille da und ſchüttelte nur leiſe den Kopf. „Nun, Nachbar Dobel,“ fragte Riffel,„warum ſchüttelt Ihr den Kopf ſo bedenklich?“ „Wenn Ihr's wiſſen wollt, Nachbar, ſo ſag' ich's, entgegnete Dobel. An dem Brief gefällt mir Vieles nicht. Erſtlich das nicht, daß er da meinem Mädel mit einfältigem Geſchwätze, denn weiter iſt's nichts, den Kopf verbrühen will. Das ſoll ein ordentlicher Menſch nicht thun. Das iſt ſo ein Geſchäft für Windbeutel. Und er iſt auf gutem Weg, Einer zu werden. Sodann das nicht, daß er ſchon den heiligen Sonntag vergeſſen hat. Das iſt ſchmählich. Wär' ich ſein Vater, ich riebe ihm den Kümmel, daß es oben ſtünde. Drittens, daß er ſo leichtfertig plaudert und ſich mit den Aufwicklern einläßt, denn das ſind ſie alle, die thun, was er da ſchreibt; endlich aber, daß er ſchon Geld braucht und Ihr habt ihn doch nicht wie eine Kirchenmaus gehen laſſen; äuch muß er ja viel Geld verdienen. Wißt Ihr, Nachbar, was ich an Eurer Statt ihm ſchickte?“ „Was denn?“ fragte Riffel betreten. „Einen Katechismus mit einem Eſelsohr bei dem Gebet: „Gedenke des Sabbattags, daß du ihn heiligeſt,“ und einen Rüffel. Das wär auch ein Reim auf ihn.* Riffel war betroffen. Unrecht hatte Dobel nicht, aber es war 3 doch ſein Kind, in das er, wie in einen Spiegel blickte. Endlich ſagte er:„Nachbar, Ihr nehmts auch zu ſpitz. Es liege ja doch auf der flachen Hand, daß es lauter Jugendübermuth ſei und auf lauter Faxen hinauslaufe, wie er denn all ſein Lebtag ein Faxen⸗ macher geweſen ſei. Einen Spaß in Ehren ſolle man doch, meine er, der Jugend nicht wehren. Man ſei doch auch einmal jung geweſen.“ „Meinetwegen macht was Ihr wollt, aber das, was ich von meinent Röschen geſagt, das ſchreibt ihm. Soviel ergab ſich aber doch aus dem gemeinſamen Hin⸗ und Herreden, daß auch Riffel auf andere Gedanken kam und Manches begriff, was er nur von der Scherzſeite genommen. Er war entſchloſſen, ihm kein Geld zu ſchicken und den Bart zu ſcheeren, was er denn auch redlich that. Etwa vierzehn Tage ſpäter brachte auch Lichtenauer einen Brief von Gerhard, der lautete ſo: „Herzliebe Eltern, ich bin nun lang genug allhier in Mainz, daß ich die Stadt und ihre Gelegenheit ziemlich kenne und Euch einmal ſchreiben kann. Ich ſtehe bei dem Meiſter Rinnappel in der Kerbengaſſe in Arbeit, ſchlafe und eſſe im Haus und hab's, ziemlich gut, verdiene auch hübſchen Lohn. Es iſt tüchtig Arbeit da und ich hab' zum Faullenzen keine Zeit. Was mir nicht gefällt, iſt das, daß unſer Handwerk gar nicht eſtimirt iſt unter den Geſellen. Sie 2 heißen uns Rußfinken und geſtern Abend noch hab' ich einem Schneider ſo eine Rußfinke auf's Maul gegeben, daß er genug dran hatte. Man hat ja das Zuſchlagen am Ambos auch nicht umſonſt gelernt! Was die Stadt betrifft, ſo gefällt mir's gut da, ob's gleich lauter Gäßchen ſind, bis auf ein Haar, wie die Ludwigs⸗ ſtraß' und die Bleiche. Aber, liebſter Vater, ich wollt', ihr wärt mal hier bei mir im„Röſſel“ oder in ſo einem Haus in der Gaugaß, wo ſie die grünen Tannen oder Fichtenſträuße heraus⸗ ſtecken. Im Röſſel gibt's Euch ein Bierchen! Granaten! Das † ſchmeckt immer nach mehr. Und man muß ſich hüten, ſonſt kriegt man einen Duſel, wie ich am Sonntag! Da war's ein Glück, daß N. 5 m. 3 die Gaſſen eng waren, denn ich rumpelte immer von einer Haus⸗ wand an die andere, daß mir die Rippen krachten. Bin aber doch endlich heimgekommen, weil mich ein Kamerad führte, der zum Glück nüchtern war. Und in der Gaugaß, rechts neben dem Hutmacher, der den großen Bonepartshut neben der Thür hängen hat, da gibt's für ein Spottgeld ein Weinchen, ſo füffig, wie ich kaum einmal getrunken. Bei uns daheim kriegt man für das Geld kaum abſoluten Rachenputzer und Kühlefit. Da erquick ich mich als einmal am Feierabend und Sonntags. Die Mainzer ſind liebe, gute Leute, aber der Wein iſt ihr Einmaleins. Sie reden nur von ihm vom 1. Januar bis 31. December. Es ſind auch Soldaten hier, blauröckige Preußen und weißröckige Oſterreicher. Sie machen nicht viel mit einander, außer, wenn ſie ſich einmal prügeln. Die Stadt iſt eine Feſtung und Bundesfeſtung. Was das aber für ein Bund iſt, weiß ich nicht. Man merkt auch nichts davon. Nicht weit vom Dom ſteht auch Einer aus Erz, der Gutenberg, der ſoll erfunden haben, wie man die Bücher druckt, und hat ſo ein Schlafkäppchen auf. Mir kommt's immer vor, als wollt' er von dem Ding herunter, auf das ſie ihn geſtellt haben. Es iſt auch ſo puppig klein, daß er ſchwindelig werden könnte. Er ſoll aus Mainz ſein; aber damals, als er auf der Welt war, müſſen ſie Latein geredet haben, denn unten ſteht's lateiniſch, wo er herſtammt. Schade, daß er kein Grobſchmied war! Der hat Fäuſte!— Den Dom ſieht er von hinten an, und ſoll doch ein frommer Mann geweſen ſein. Das mach' mir Einer rund! „Es iſt ein recht vergnüglich Leben hier, beſonders Freitags und Dienſtags; da iſt in der neuen Anlage Mufik. So ſchöne Tänze hab' ich mein Lebtag nicht gehört, aber man könnt' ſie doch nicht alle tanzen. Da iſt Euch aber ein Menſchenſpiel! Man ſollt nicht denken, daß ſo viele in der Welt wären, außer Türken und Mohren, von denen ich aber noch keine geſehen habe. Da iſt ein Staat! Von dem, was da die Weibsleute überflüſſig haben, töunte man die halbe Welt glücklich machen und manch fein Schöpplein trinken. S iſt halt curios ausgetheilt. Es wimmelt da 4 von Offizieren und es wird Einem Angſt und Bang, die Lieutenants brächen in der Mitte durch, wenn der Wind geht, ſo dünn ſind ſie um die Hüften. Ich bräch' ein Dutzend mit einer Hand rack ab. „Nun wünſch' ich Euch alles Liebs und Guts und verbleibe Euer getreuer Sohn Gerhard Lichtenauer, Schmied. „Nachſchrift: Grüßet mir alle guten Freunde und Nachbarn, auch das liebe Röschen nicht zu vergeſſen.“ „Dem ſchmeckt's in Mainz,“ ſagte Dobel, und Röschen wurde abermals roth, daß er ihrer beſonders gedacht und lieb Röschen genannt hatte. Freilich machte es Jroſeph beſſer! Der Lichtenauer lachte zu Dobel's Wort. Es iſt halt eine durſtige Zunft und das macht, daß ſie viel beim Feuer arbeiten! „Ein guter Grund iſt Geldes werth!“ ſagte Riffel. Jetzt gab's gutmüthige, ſcherzhafte Sticheleien auf den Nachbar Lichtenauer, weil der bisweilen auch am Durſte litt. Dieſer nahm's lachend hin und ſagte,„wenn es ein Fehler von ihm ſei, ſo trage ſeine liebe Frau die Schuld, ob ſie gleich ſonſt eine Krone der Weiber ſei, ſie ſalze immer zu ſtark.“ „Warum uns der Gabriel allein nicht ſchreibt?“ fragte Dobel, der es kaum erwarten konnte. „Wir miſſen's abwarten,“ ſagte Rechtling. Er iſt ja ſo ein ſtiller Bub' immer geweſen und hat's mehr innerlich. Endlich kam aber doch Einer und da ließ es ſich Dobel nicht nehmen, den auf der Bank vorzuleſen. Er lautete: „Gott zum Gruße, geliebte Eltern! „Wenn Ihr noch wohlauf ſeid mit meinem lieben Briteren, ſo. will ich Gott danken; ich bin's auch und hat mir noch kein Härlein weh gethan, ſeit ich allhier in Frankfurt bin. Ich verhoffe, daß auch mein lieber Meiſter und ſeine lieben Hausgenoſſen noch friſch und geſund ſind. Grüßet mir ſie alle fein und ſaget meinem lieben Meiſter, daß mein hieſiger Meiſter nh gejagt hut — Rechtling, ſagt' er, wenn Er heimſchreibt, ſo grüß' Er mir ſeine braven Eltern und ſeinen Meiſter. Vor dem Manne hab' ich Reſpect. Der hat Ihn etwas Tiüchtiges gelehrt und das iſt Aller Ehren werth. So hat er geſagt und ſaget's ja meinem Meiſter. Er wird ſich drüber freuen, wie ich mich auch drüber gefreut hab'. berhaupt iſt mein Meiſter ein braver Mann, bei dem man auch noch Manches lernen kann; beſonders in Lampen. Da machen wir jetzt ganz ſonderliche, die brennen herrlich und ſind gar ſchön. Wenn's mein Meiſter einmal erlaubt, mach' ich in den Feierſtunden Eine und ſende ſie Euch. Er hält viel drauf, daß ſeine Geſellen keine Läufer und Windlipſe ſind; auch wird der Sonntag ehrlich gehalten. Die Herbſtmeſſe iſt auch geweſen. Das iſt ein Spektakel! Man iſt vor lauter Georgel, Geſinge und Gedudel ſchier ganz rappelköpfiſch geworden! Und auf den Straßen iſt man ſchier umgerannt worden. Da iſt unſer Martinimarkt nur eine taube Haſelnuß dagegen. Am Main war vor lauter Kramläden kein Ende. Und zu ſehen war Allerlei. Mein Meiſter ſagte: Rechtling, geh' Er auf den Roßmarkt in die vierte Bude rechts. Das iſt allein ſehenswerth, das Andere iſt Fickelfackel. Ich folgt' ihm auch und hab' da alle das Gethier geſehen, das in Noah's Arche war und wovon der Sebaſtianus Münſterus in unſerer großen Cosmographei ſchreibt: Elephanten, Löwen und dergleichen. Auch Schlangen, daß mir eine Gänſehaut über den Leib lief. Ach, was gibt's doch Vieh in der Welt! Ich wollt nur, Ihr und Meiſters wäret hier geweſen: Ihr hättet Euch die Augen weit geſehen!— Auf demſelbigen Roßmarkt ſteht auch Einer, der Goethe geheißen hat und iſt in Erz gegoſſen. Prächtig! Er ſoll ſo allerlei Lieder gemacht haben, wie ſie im Geſangbuche ſtehen. Er war aus Frank⸗ 4 furt. Ein Schneider, der bei mir war, als ich ihn beſah, meinte: der das Bild gemacht hat, hat auch Nichts von unſerer Zunft verſtanden! 4 „Warum? fragt' ich. Ei, ſagt' er, dann hätt' er doch die u am Rg nicht auf die linke Seite geſetzt! — „Jetzt ſah ich's auch. Nun, man muß ſo Etwas mit Zunft⸗ augen anſehen, ſonſt ſieht man's nicht. „Der Goethe muß ein grauſam großer Mann geweſen ſein, denn ich bin doch auch kein Däumling und ſtehe doch wie ein Bübchen vor ihm. So iſt auch jetzt keiner mehr in Frankfurt, obgleich Einem rechte Schlingel begegnen; wächſt auch ſo leicht keiner mehr ſo da. „Was ich Euch noch vermelden wollte, iſt, daß ich auch in die Sonntagsſchule für Handwerksgeſellen gehe. Das iſt eine ſchöne Einrichtung. Da lerne ich Zeichnen, was mir nichts ſchaden kann, und ſonſt noch Manches, was gut iſt, und man kommt nicht in Verſuchung, in ein Wirthshaus zu gehen. Nach Bernem geh' ich nicht. Da geht's oft wüſt zu. Aber heim denk' ich oft,— beſonders an den letzten Morgen! Doch hab' ich das Heimweh überwunden. „Nun will ich mein Schreiben endigen. Gott behüte und bewahre Euch, und nehme Euch, meinen lieben Meiſter und ſeine Familie und die ganze Nachbarſchaft in ſeinen heiligen und gnädigen Schutz! Amen. „Grüßet mir Alle viel tauſendmal. Euer getreuer Sohn Gabriel.“ Der Meiſter Dobel wiſchte ſich die Augen, als er den Brief wieder zuſammenlegte.„Da,“ fagte er,„das iſt doch ein Brief, da ſteckt Etwas drinne! Glaub' wohl, guter Junge, daß du an den letzten Morgen denkſt. Scheiden und Meiden, was man lieb hat, das thut Einem weh!“ „ Röschen, obwohl es ſie ein Bischen kränken wollte, vaß der Gabriel ihrer nicht namentlich gedacht, bengte ſich doch tiefer herab mit dem Köpfchen, wie bei den anderen Briefen, als Gabriel's Worte geleſen wurden: er denke oft des letzten Morgens, und noch tiefer, als es ihr Vater auslegte. Sie allein verſtand, was das zu bedeuten hatte und ſie legte die kleine Hand auf die Stelle, die ſie wohl kannte. Auch grüßte er ſie nicht namentlich, gerade, als ob er ſich ſcheute, den Namen, der ihm der theuerſte war, vor den anderen Leuten auszuſprechen, und doch war es ihr, als klänge der Name„Röschen“ glockenhell durch, wenn er des Meiſters„lieber Familie“ gedachte. So ein Mädel hat ein feines Näschen!— Richtig war's, wie ſie's verſtand, denn als Gabriel den Brief ſchrieb, ſtritt er mit ſich ſelbſt; die Feder wollte allemal Röschen ſchreiben, aber ſein Gefühl ließ es nicht zu, und als er das von dem Morgen ſchrieb, da wurde er ſo roth, wie ſie, als ſie es leſen und auslegen hörte. Und was wollte er eigentlich mit dem Worte?— Röschen wollte er fagen, wie ewig jung und ewig neu die Erinnerung an ſie in ihm lebe, und ſagen wollte er's ihr, daß es Niemand verſtehe, als ſie allein. Sie verſtand's Abends ſagte Meiſter Dobel zu ſeiner Frau, da er noch nicht ſchlafen konnte:„Annſiwelchen, nun hab' ich die drei Briefe geleſen und weißt du, welcher mir allein gefällt?“ „Das iſt doch wahrlich gut rathen,“ ſagte ſeine Frau.„Zunft läßt nicht von Zunft!“ „Meiner Seel' nicht! Annſiwelchen, wenn du meinſt,“ ſagte er,„der Gruß vom Meiſter habe mich beſtochen, ſo biſt du fehl gegangen. Gefreut hat er mich, weniger aber meinet⸗ als des Gabriel wegen. Nein, ſo ſchief hat mich meine ſelige Mutter nicht gewickelt. Daß der Gabriel gut gerathen iſt, das iſt meine Freude. Die Anderen faſeln herum; aber die rechte Lieb' zu den Eltern reckt nirgends die Naſe heraus. Das iſt Eins. So recht heim denkt Keiner. Ich halt's für ſehr ſchlimm, wenn ſo ein junger Kerl nicht das Beſte in der lieben Heimath ſieht und gleich mit dem fremden Strome ſchwimmt. Ein gutes Herz ſpricht ſich bei Allen aus, das laß ich gelten; allein ein frommes Gefühl tritt bei Keinem heraus, wie bei dem Gabriel, das mußt du doch ſelber ſagen?“ „Das iſt richtig,“ ſagte die Frau trocken. „Der Gerhard wird ohne Fehl ein Becherer, der Joſeph ein Windlips, wenn er's nicht ſchon wäre. Ja, endlich ſag' ich dir, ⸗ . Annſiwelchen, mich hat's von dem Joſeph grundwüthig geärgert, daß er unſerem Kinde Würmer in die Naſe ſetzt. So was iſt heutzutage noch nöthig! Sie werden ohnehin früh reif! „Mach' doch keinen Elephanten aus einer Mücke!“ ſagte die Frau.„Man meint, der Hanskaſper, der nur Poſſen macht, hätte das Kind kapitaltoll gemacht! Dazu iſt's zu klug.“ „Mach' mir den Gaul nicht ſcheu!“ rief Dobel.„Ich kenn' deine Sorte! Gleich ſteigt's zu Kopf und Morgens ſtellen ſie ſich vor den Spiegel, lächeln und ſagen: Er hat doch Recht!“ „Mach's noch ärger, Jacob!“ ſprach die Frau halb zornig. „Nun, werd' nicht bös, Annſiwelchen,“ ſagte Dobel.„Es iſt ſo, wie ich ſage. Eigentlich dacht' ich dran, daß ſie doch alle Dreie das Mädchen lieb haben.“ „Merkſt du das jetzt erſt?“ fragte Frau Dobel.„Das weiß ich ſchon lange.“ „Mag ſein!“ verſetzte Dobel,„aber wie ſteht das Kind zu ihnen? Das iſt die Frage.“ „Nun, wie wird's ſtehen?“ fragte Frau Dobel.„Ich denk, es hat ſich darüber noch keine graue Haare wachſen laſſen.“ „Weiß es Röschen denn?“— fragte er. „Nun hör' mal Eins! lachte die Frau. Meinſt du denn, unſer Kind wäre blinder als wir? Meinſt du, ſo ein Mädchen merkt' es nicht, wie's um ein Bubenherz ausſieht? O du Pfiffikus! Sie hätt's ja, wenn ſie's nicht gewußt hätte, aus den Briefen merken müſſen! „Halt!“ rief Dobel.„Der Gabriel allein hat ihren Namen nicht genannt!“ Da lachte aber die Frau laut auf. „Warum lachſt du denn ſo?“ fragte er.„Es iſt mir ohnehin ſo vorgekommen, als wären ſie in der letzten Zeit froſtig gegen einander geweſen.“ „Da haben wir's wieder!“ rief Frau Dobel lachend aus. „Du willſt das Gras wachſen ſehen und tappſt doch neben die Schüſſel am hellen Tage. Was ſich lieb hat, kippelt einmal!“ .— 40— „Aber ſie ſagte ihm nicht Adje?“ „So? Da hat ſie dich wohl gerufen? Du haſtos nicht ver⸗ ſtanden, was das Wort in Gabriel's Brief ſagen wollte: Er gedenke oft an den letzten Morgen. Das iſt mehr als all' die Grüße der anderen Zweie, und Röschen hat's wohl gemerkt, ſo gut wie ich. Siehſt du, du ſchliefſt, wie ein Sack, als ſie drüben in Nachbar Rechtling's Abſchied machten Es ging Einem an's Herz. Ich ſtand auf und ſah durch den Laden und weinte leiſe mit den lieben Leuten. Da war mir's, als hört' ich Röschen's Thüre knarren. Ich ſchlich hinaus und— richtig, ſie war angelehnt und das Bett leer. Wo mag das Kind hin ſein? dachte ich. Da kam ein ſcharfer Luftzug von der Häusthür' herauf. Ich ſchlich die Stiege hinunter. Da ſtand ſie angekleidet in der Thür und weinte. Und als er heraus kam, da reichte ſie ihm die Hand. Sie redeten wenig, aber es kam doch vom Herzen.“ ₰ „Ich ging zurück, aber als Röschen wieder im Stübchen dor hört' ich ſie ſchluchzen.“ „Du haſt einen Stein von meinem genommen, Annſiwelchen,“ ſagte Dobel, legte ſich herum und ſagte mit leichtem Herzen: Gute Nacht! Morgens frühe fing Dobel wieder an, als Ntschen auf den Pochenmarkt gegangen war. „Wenn ſie nun wieder kommen, Anwelcheh E ſagte er mit ſorgen⸗ ſchwerem Herzen,„wem, meinſt du, daß Röschen den Vorzug gäbe?“ „Ei Dobel,“ erwiederte ſie,„wie fragſt du doch kurios. Wer könnte das ſagen? Drei Jahre ſind eine halbe Ewigkeit. Röschen könnte ja mittlerweile einen anderen braven Freier kriegen. Das Mädchen bleibt uns nicht ſitzen. Darüber kannſt du ruhig ſchlafen; denn erſtlich iſt es hübſch und dann haben wir doch auch ſo viel erſpart, daß wir unſer Kind ſo gut ausſtatten können, als irgend ein Bürger der Stadt.“ „Das iſt Alles gut,“ verſetzte Dobel;„aber komme von dem Gedanken nicht los, daß Einer der drei Jungen unſer Schwieger⸗ ſſohn wird. Wer aber?“ „Nun,“ ſagte Frau Dobel,„ich will dir da über meine Meinung klaren Wein einſchenken. Unſer Eins ſieht weiter, als die Kinder, die eben nur von ihrem Herzen ſich leiten laſſen. Man wägt ſo ein Bischen ab, ſo rechts und links, und kommt dann mit ſich auf's Reine. Riffel's und Lichtenauer's Jungen ſind allein Hähne im Korb. Riffel's haben ein hübſches Vermögen. Ein ſchönes Haus, den großen Garten dran und drei Wingerte in der Wolfskehl, der beſten Lage der Gemarkung. Außerdem hat er auch Geld ausgeliehen. Lichtenauer's ſind ärmer und, ſo brav auch der Alte iſt, er hat Durſt und Manches geht von ſeinem ſchönen Verdienſt ab. Rechtling's haben zwei Kinder und man munkelt ſo her und hin, als ſeien auf manche ihrer Güter noch ſtattliche Sümmchen zu zahlen. Da kommt mir's vor, als wär' der Jvſeph die beſte Gelegenheit für unſer Kind, zumal es den Schmied nicht ſehr in den Vorzug geſetzt hat; ob er gleich der Schönſte von allen Dreien iſt. „Das Alles läßt ſich hören,“ ſprach Dobel;„aber ich frage: Haſt du nichts übrig für ein tüchtig Handwerk, wie das meine? Geſetzt, der Mann hätte nichts, gar nichts zu erben, ſo iſt ſein Wiſſen und Können ſein Kapital, und was er damit verdient, das ſind die Zinſen von dieſem ſeinem Kapital. Und ſolch ein rechtes Kapital hat der Gabriel und das beſte Herz dabei. Mir will der windbeutelige Geldverthuer Joſeph gar nicht in den Kopf. Sein Brief hat mir Galle gemacht, ich will's nicht leugnen. Den am Wenigſten möchte ich zum Eidam. Der Gerhard iſt auch ein guter Junge; aber er hat eine gute Anlage zum Trinken und Bechern. Das kann mit den Jahren ſchlimm werden und unſer Kind könnte ins Elend kommen und recht tief.“ „Ich ſeh's ſchon,“ ſagte verdrießlich Frau Dobelin,„wir kommen nicht ans Land an Einer Stelle. Das iſt ſchlimm. Du zielſt dahin, wohin ich nicht ziele.“ „Laß es in Gottes Willen geſtellt ſein, Annſiwelchen,“ ſprach Dobel.„Wir wollen's ihm im Gebet anheimgeben. Er mach's, wie es ihm wohlgefällt, und dann wollen wir uns in Demuth fügen. Du biſt eine gottesfürchtige, gute Frau. Das wird dir recht ſein; aber das wollen wir uns vor Gott geloben, nichts, auch nicht das Geringſte, zu thun, um unſeres Kindes Sinn hier oder dorthin zu lenken. Willſt du mir das vor Gott geloben, wie ich es dir vor ihm gelobe?“ Frau Dobelin beſann ſich kurz. Sie reichte ihrem Manne die Hand und gelobte es ihm feierlich und er ging beruhigt in die Werkſtatt, denn er wußte, daß ſeine Frau von dem Gelöbniß nicht ein Haar breit weichen würde. An demſelben Abend aber, da die Eltern ihr Geſpräch begonnen, das ſie Morgens fortgeſetzt hatten, lag Röschen auch da und konnte nicht einſchlafen, weil ſie immer an die Erinnerung an den Scheide⸗ morgen denken mußte. Es war eine ſtich⸗ſack⸗dunkle Nacht. Da traten die drei Geſpielen vor ihr inneres Auge: der Gerhard mit ſeiner kräftigen, ſchönen Geſtalt; mit dem dunkelſchwarzen Haar und den ſchwarzen, leuchtenden Augen, über denen ſich die Brauen im mächtigen Bogen ſchwangen; mit dem friſchen Mund und dem dunkeln Schnurrbärtchen. Alle Mädchen in der Stadt ſahen ihm nach, wenn er über die Straße ging.— Und dann der Joſeph mit ſeinen ſchelmigen, lachenden, braunen Augen, und dem braunen Lockenkopfe; dem feinen, fröhlichen Geſichte; dem leichten tanzmeiſte⸗ Gange, der ſo ſüß reden und ſchmeicheln konnte; und endlich der blondlockige und blauaugige treue, ſanfte Gabriel, mit der ſtattlichen Geſtalt und dem zarten Geſichtchen, um das noch kein Flaum ſich kräuſelte. Die Wahl, die Qual! Eigentlich konnte ſie ſich geſtehen, daß ſie alle Dreie gleich lieb hatte. Aber— ſie wurde brennend roth im Dunkeln— alle Mädchen von Cöln hat er drauf angeſehen, und keine ſchöner, als ich—! Da ſieht man doch, wie lieb er mich hat! Der Gerhard iſt allewege der Schönſte von Allen. Doch der Gabriel— wie hat er meine Hand ge— drückt und— ge— küßt. Ja, ich hätt' nicht ruhen können, ohne ihm ein: Behüt' dich Gott, geſagt zu haben. Ich— mußte— ihm— die Hand— rei— chen— ich mußte— und mit dem Worte fielen die ſchönſten Blauaugen zu, die jemals Revue gehalten im Dunkeln über drei Jünglinge, von deren Liebe das Herzchen überzeugt war, 3 und der ſüße Schlaf legte ſeine weiche Hand leiſe, leiſe darauf. III. Wenn auch die beiden Väter, der Schneider Riffel und der Schmied Lichtenauer, äußerlich ſich den Anſchein gaben, als legten ſie auf das, was Dobel geſagt, keinen ſonderlichen Werth, ſo war's doch aus zwei Gründen dem nicht ſo, obwohl Keiner dem Anderen es äußerte. Unter den Nachbarn der Wendelsgaſſe oder, wie die vier Häuſer in der Stadt ſpottweiſe genannt werden, zu Vierhauſen, war Dobel durch ſeinen ſittlichen Ernſt, durch ſeine lautere Gottesfurcht und ſtrenge Rechtlichkeit, durch die rückſichtsloſe Freimüthigkeit, womit er das ſtrafte, was ihm mißfiel, eine wahre Macht. Ohne es zu wollen, übte er durch ſein Weſen einen ſolchen Einfluß aus, daß ſein Wort wie ein halbes Evangelium galt. Die drei anderen Nachbarn thaten nichts Entſcheidendes ohne ihn. Sie fragten ihn in allen Dingen um ſeinen Rath, der ſtets einſichtsvoll und wohlmeinend war. Sie hüteten ſich, etwas zu thun, was er ſtrafen konnte; denn das that er immer, zwar in möglichſt ſchonender, dennoch aber nachdrücklicher Weiſe. Selbſt Lichtenauer hätte manchem Schoppen⸗ glaſe mehr auf den Boden geſehen, wenn er ſich nicht im Stillen gefürchtet hätte, Dobel möge ſeinen wankenden Schritt ſehen und ihn dafür treffen. Der zweite Grund war, daß Jeder von den Zweien darauf aus war, das holdſelige und vermögende Kind Dobel's zur einſtigen Schwiegertochter zu kriegen, und es darum nicht im Mindeſten mit ihm verderben und dadurch den Plan zu nichte machen mochten. Darum wurde denn in Wahrheit den beiden Söhnen der Kümmel gerieben, das heißt, der Marſch ordentlich geblaſen. Die beſahen die ſieben Ellen lange Naſen! Erſtlich ſagte ſeinem Joſeph der Meiſter Riffel, was Dobel⸗ geſagt, und knüpfte daran ſehr faßliche Bemerkungen. Zweitens bekam er kein Fettmännchen Geld zu ſehen und der Alte ſagte ihm gerade heraus: Es ſei eine Schande, bei ſolchem Verdienſte noch den Vater und alſo das eigene Erbtheil zu ſtrippen. Auch die Sonntagsentheiligung und den leichtfertigen Ton ſtrafte er derb. Der Lichtenauer ſchlug drauf in ſeinem Briefe, als ſchlüge er mit ſeiner großen„Schlage“ auf den Ambos. Das klippte und klappte und die Funken ſprühten weg. Das„Röſſel“ und das Weinhaus in der Gaugaſſe bekam ſein Theil gehörig. Wie wilſſt du dran denken, Röschen einmal zur Frau zu kriegen, wenn du ein Saufaus wirſt? ſagte er ihm geradezu unter die Naſe. Merkt ſo was der alte Dobel, ſo ſtreich' dein Segel und laß deinen Blasbalg ruhen! Riffel hatte daſſelbe geſagt, nur verblümt; aber die beiden Jungen verſtanden's ohne Dolmetſcher, daß es in„Vierhauſen“ ſeit ihren offenherzigen Briefen nicht ſonderlich für ſie ſtand, und Beide waren zu gut und unverdorben, als daß nicht ſolch' väterlich Mahnwort, das ohnedem einen für Jeden ſo bedeutſamen Hinter⸗ grund hatte, Frucht hätte tragen ſollen. Beide prüften ſich ſelbſt und fanden, wie richtig Dobel's und des Vaters Worte ſeien, und legten ſich eigene Bußen auf. Joſeph blieb ein halbes Jahr bei ſeinem Meiſter, dann ging er nach Minden, wo er bald Obergeſell wurde. Sein Meiſter war ein ſehr achtbarer und ſehr wohlſtehender Mann. Joſeph wohnte bei ihm im Haus und wurde ganz zur Familie gezählt. Sein Betragen war, ſeit er in Cöln die Geſellſchaft mied, in die er gerathen war, ein ganz anderes und geregelteres geworden. Daher kam es denn auch, daß Meiſter Sebald den heimlichen Wunſch hegte, wenn ſein Minchen, das bei einer alten Tante in Hannover war, zurückkäme, ihm und er ihr gefalle. Er ſchrieb auch deßwegen, ohne den Grund anzugeben, daß Minchen kommen möge. Das aber verzögerte ſich faſt um ein halbes Jahr. Endlich kam das Mädchen, deſſen Geſtalt zwar minder reizend, als die Röschen's, deſſen ſtädtiſche Gewandtheit und Manieren aber viel Eim hmendes und Gewinnendes hatten. Der ſchöne Joſeph Riffel geel dem Mädchen auf der Stelle, und es war ihr eine ſorgliche ee heit, ſeine Liebe zu gewinnen. Das war freilich nicht leicht; denn in ſeinem Herzen wohnte Röschen. Und dennoch— der tägliche Umgang, das liebenswürdige Benehmen, die feine Gefallſucht— Joſeph fühlte, es nahe ihm eine Gefahr. Zu Tändeleien war ihm Minchen zu gut und er ſelber zu ehrlich. Auch würde es ſein Vater nie zugegeben haben, daß er in Minden ſich ſetze. Er ſah es ein, daß da nur ein Ausweg war— der, wegzuwandern. Und das that er, obgleich das Leid Minchen's und ihres Vaters gleich groß war, und Meiſter Sebald ihm ſeinen Wunſch ſehr nahe gelegt hatte. Sein Weg führte ihn nach Berlin, wo er bald Arbeit erhielt. Mit Gerhard hatte es auf des Vaters bittern, blitzenden und donnernden Brief auch eine beſſere Wendung genommen. Der letzte Punkt ſeines Briefes, das klare Herausſagen einer Sache, die Gerhard im Schreine der eigenen Bruſt verborgen glaubte, war am wirkfamſten. Er litt zwar keinen Durſt, wie der reiche Mann im Evangelio, aber er hielt Maaß und fand es heilſam für ſeinen Geldbeutel und ſich. Gleich mit dem Briefe ſeines Vaters kam des Meiſters kurze Verabſchiedung. Das gab dem Brief einen ſchlimmen Nachdruck. Er war in der letzten Zeit in mehrere Händel gerathen, was ihm des Meiſters Unwillen zugezogen. Einige Male war er, wie man am Rheine für das Betrunkenſein zu ſagen pflegt, nicht allein nach Haus gekommen. Er brachte einen mit, der mächtiger war, als er ſelbſt, und ihn nicht nur zum Wanken, ſondern ſelbſt zum Falle gebracht, und zwar auf das Straßenpflaſter, was blaue Male gab; ſodann hatte er in der Gaugaſſe Händel und Klopffechterei angefangen, war trotz ſeiner Stärke weidlich gedroſchen und dann von der Polizei gefaßt und eingeſpundet worden bis zum anderen Tag. Er mußte eine tüchtige Strafe zahlen und hatte die Prügel als Zugabe frei in den Kauf gekriegt. Das gefiel dem Meiſter übel, und eines Samſtag Abends ſagte er: Lichtenauer, wir Zweie thun nicht gut zuſammen, wegen des Dritten, der regelmäßig mit Ihm Abends nach Hauſe kommt. Such' Er ſich anderswo Arbeit! — 46— Das wirkte praktiſch zu dem geſchriebenen Wort. Er ſchnallte ſein Ränzel und ging. Da aber in ſeinem Wanderbuche die üble Bemerkung von dem Polizeimanne war gemacht worden, er ſei in betrunkenem Zuſtand, als Tumultuant eingeſetzt worden, ſo mußte er eine ſchöne Strecke wandern, ohne Arbeit zu kriegen. Das Geld ging auf und er mußte zur Fechtkunſt greifen, die er noch nie geübt und die ihm ſchwerer ankam, als irgend etwas in der Welt. Nach langem Umherziehen und nicht im lieblichſten Zuſtand, erhielt er endlich in einem abgelegenen Ort auf dem Thüringer⸗ wald Arbeit bei einer Wittwe, bei der aus dem Grunde ſelten ein Geſelle lange hielt, weil ſie geizig und boshaft war, wie nur Jemand ſein konnte. Er trug aber dies Leid in der Stille und Geduld, denn er mußte bleiben, da er des Fechtens und Stromerns müde war und Kleidung brauchte; denn heim hätte er nicht um Geld geſchrieben, und wenn die Wellen des Elends ihm über dem Kopfe zuſammengeſchlagen wären. Unabweisbar wär' er ja dann als tagediebender Säufer geſtempelt worden. Das war aber eine Buße für den armen Gerhard, bei dieſer alten Hexe auszuhalten. Was aber noch kein Geſelle fertig gebracht, das gelang ihm. Er duldete und hielt aus. Bei jämmerlich ſchlechter Koſt, geringem Lohn und ſchwerer Arbeit gönnte das abſcheuliche Weib ihm kaum die Stunden des Schlafs in der Nacht. Sie weckte ihn, ehe der Tag graute, ſchon wieder zur Arbeit. Als aber die Schäden ſeiner Kleidung geheilt waren und einiges Geld erübrigt hatte werden tönnen, zog er ab. Der Bürgermeiſter gab ihm das trefflichſte Zeugniß, das dem Mainzer die Wage vollſtändig hielt, und nun hielt ihn aber auch keine Macht. Die Alte bot höhern Lohn— aber er ging und ſchüttelte den Staub von ſeinen Füßen. Im Weimariſchen fand er eine gute Stelle, und nun beſchloß er auch zu bleiben, bis das zweite Jahr käme, wo ihn das gegebene Wort gen Hamburg riefe. Anders war es mit Gabriel geworden. Sein Meiſter würde ihn zeitlebens behalten haben; aber ihm ſtand der Wunſch in der * — 47— Seele, die Welt zu ſehen. Ungerne ließ ihn ſein Meiſter ſcheiden, und ſelbſt Gabriel verließ ihn ungern. Er hatte ſich ein ſchönes Geld erſpart, mit dem er ſchon eine weite Reiſe machen konnte. Auf ſeines Meiſters Rath ging er durch Baden über den Bodenſee in die Schweiz, wo die großartige Natur ihn gewaltig anzog. Er durchreiſte die ganze Schweiz, kehrte dann durch Württemberg zurück und durchwanderte Bayern, wo er in München eine längere Zeit in Arbeit ſtand, weil ſeine Barſchaft zuſammen⸗ geſchmolzen war. Von München zog er nach Wien, und weilte auch hier wieder eine längere Zeit. Erſt mit dem Anfange des zweiten Jahres verließ er Wien, um in das mittlere Deutſchland ſich zu wenden, und traf dann im Auguſt des zweiten Jahrs in Hamburg ein, wo er ſogleich in Arbeit trat. Es war ſein erſtes Geſchäft, ſowohl auf der Herberge der Schmiede und Schneider, als auf der Polizei Erkundigungen nach den beiden Freunden einzuziehen; allein ſeine Nachforſchungen waren vergeblich. Noch hatte Keiner von ihnen die Stadt betreten, und es fier erſt jetzt ihm auf die Seele, und zwar recht ſchwer, daß ſie auf dem ſchönen Spitzköpfchen den Zeitpunkt feſtzuſetzen in jugendlicher Unkenntniß vergeſſen hatten, in dem ſie ſich in der Hanſeſtadt treffen wollten. Er bezweifelte aber nicht im Mindeſten, daß Beide, ſofern ſie noch lebten, ihr Wort getreulich einlöſen würden, und harrte deßwegen geduldig, aber dennoch mit heißer Sehnſucht, des Kommens der treuen Kameraden. Mit der Heimath waren die beiden Erſten in nicht immer regelmäßiger Verbindung geblieben.— Nach den väterlichen Herzensergießungen hatten ſie Beide ſogleich herzliche Abbitte gethan und eine tiefeingehende Beſſerung gelobt. Dieſe Briefe waren aber auf der Bank nicht als Gemeingut der lieben Nachbarſchaft behandelt worden, ſondern waren alleiniges Beſitzthum des Vaters und der Mutter geblieben.. Später hatten ſie dann geſchrieben, und Alles wohl vermieden, was Anſtoß hätte geben können, ob ſie es ſich gleich nicht verſagen zu dürfen glaubten, Röschen's beſonders Erwähnung zu thun. Mit den Briefen war Dobel ſchon zufrieden und ſprach die Hoffnung aus, daß doch die verſtändige Lebensrichtung den Sieg zu gewinnen ſcheine. Von Gabriel kam regelmäßig alle Vierteljahr ein Brief. Röschen's Namen wurde von ihm nie genannt, aber in der Regel fand ſich eine Andeutung darin, die ſie wohl herausfand und die des Eindruckes nie verfehlte. Als er den Vorſatz ausſprach, um, wo er ſich Geld geſammelt und geſpart, durch die Schweiz zu wandern und ſo weiter, über Stuttgart, München, Wien wieder zurück, dann nach Hamburg, und daß er dann lange nicht ſchreiben werde, ſagte Dobel, indem er auf ſeinen Schenkel ſchlug: Das iſt ein Kapitalburſche! Laßt ſehen, was da Einer wieder heimkehrt? Er will die Welt ſehen; er will ſeinem Geiſte reichere Nahrung geben; aber das Strohmern will er nicht treiben. Mit Geld will er reiſen und mit ſelbſtverdientem. Proficiat! Da wird die Bürger⸗ ſchaft reicher um Einen, den ſie einmal wird brauchen können, und meine Zunft um einen grundgeſcheidten und erfahrenen Menſchen! Geb's Gott, daß es die anderen Zweie ihm gleich thun! Heutzutage fehlt's an geſunden, tüchtigen, kernhaften Bürgern, die im edlen Bürgerſtande bleiben und nicht hinauf wollen zu den fürnehmen Lumpen und Windbeuteln. Ich könnte toll werden, wenn ich ſehe, wie ſo viele Leute ihre Kinder Schreibergeſellen werden laſſen. Das iſt die miferabelſte Zunft auf Gottes Erde, wenn's eine iſt. Die ſind die Ferkelſtecher und Winkeladvocaten, die heimlichen Ankläger ehrlicher Leute, die Ränkeſchmiede und Prozeßhetzer, die Briefſchreiber und Rechtsverdreher, die die Geſetze auslegen, bis die Leute bis über die Ohren in der Patſche ſitzen. Da geht's aber grade wie mit den Quackſalbern. Die haben mehr zu thun, als die ordentlichen, ſtudirten Arzte, und ein doeternder Schinder gilt tauſendmal mehr als ein Phyſikus und Doctor. Zu dieſem verzwei⸗ felten Schreibergeſindel läuft Bauer und Bürger, und wenn ſie ſie noch ſo ſehr durch ſelbſteigene Dummheit in den Nebel führen. Zu einem tüchtigen Handwerke thun ſie ſie nicht, und die Buben wollen nicht, weil's da Arbeit, ehrliche, aber ſauere koſtet. Das iſt das 5 2 Unglück unſeres Bürgerſtandes und— unſerer Zeit— Arbeitsſcheu und Hochmuth. Alles übel kriecht aus dieſen Eiern, die elterliche Dummheit ausbrütet. Wenn nur der liebe Gott die Jungen geſund an Leib und Seel' erhält! So ſprach der erfahrene Mann, und das klang wie heller Glockenton in Röschen's lauſchende Seele. Ein andermal ließ er ſich ſcharf aus über die Weltverbeſſerer, die ihre Weisheit aus Frankreich holten; namentlich aber die, welche in Cöln dem Joſeph verſucht, Flöhe ins Ohr zu ſetzen, insbeſondere über Reich und Arm und rechte Vertheilung der Arbeit, über die Regierung und ihre Geſetze, Steuern und Ordnungen, über Freiheit und Staatsverfaſſung. Da laufe Alles aufs Theilen hinaus, auf eine Urſpitzbüberei.„Was verſtehen davon die jungen gelbſchnabeligen Kerle?“ fragte er.„Mir geht's über meinen Geſichtskreis ſo weit hinaus, daß mir Alles im Nebel verſchwimmt, und ich denke, das Alter hat doch mehr überlegung, als die heißblütige Jugend? Der Joſeph iſt da auch in einer guten Schule zu Berlin, da iſt auch des Zeugs genug, und er ſchwindelt gerne. Für den Gerhard iſt mir's nicht bange, der iſt zu handfeſt und praktiſch, als daß er ſich von den Seelenverkäufern in ihre Netze locken läßt.“ „Aber,“ ſagte Riffel,„der Gabriel läuft ihnen ja gerade in das Maul hinein. In der Schweiz, da iſt ja ihr warmes Neſt, wie man hört?“ „Für den hab' ich ausgeſorgt,“ ſprach der Meiſter Dobel mit der ganzen Kraft einer abgerundeten, gutbewurzelten überzeugung. „Der hat den Harniſch Gottes an, Riffel. Leſt mal nach, was der heilige Apoſtel Paulus in dem Brief an die Epheſer am ſechsten, Vers 10 bis 17 ſchreibt, da ſteht's, und dann iſt ſeine Seele ſo klar, daß man durch die Augen bis auf den Boden ſieht. Da gelingt's ſo einem Imtrübenfiſcher nicht, das Klare muddelig zu machen; endlich aber iſt er zu verſtändig, um mit ſolchen tollen Redensarten ſich den Kopf toll machen zu laſſen. Ich will kein Prophet ſein, aber ich ſag' wie der Jekuf: Nu— wart's ab!“ Von alle dem nahmen ſich die beiden Väter ſo Eins und das N. F. MI. 4 ihre Wellenberge dem Lande zu, und mit den weißen Kämmen ſahen die Fluthen aus, wie Ungeheuer, die ſich auf das Land — 50 Andere, und trugen's in ihren Briefen warm den Söhnen zu. Das wirkte hier und da. Joſeph wurde ärgerlich über die ſpieß⸗ bürgerliche Dummheit des alten Dobel, der doch kein Zeitbewußtſein, noch weniger Geſinnungstüchtigkeit habe. Ein alter Zopf ſei's am Ende doch, der ſich für das Königthum todtſchlagen laſſe. Pah, das ſeien verroſtete Dinge, und der ſcharfe Zahn der Zeit habe ſie zernagt. Dachte er dann wieder mal ruhiger darüber nach, ſo erſchien ihm dann doch die Sache in milderem Licht und er wurde an der eingeſogenen Weisheit zweifelhaft. Bei Gerhard ſchlug's durch. Er war Einer von denen, die ſich im ruhigen Genuſſe des Lebens nicht gerne ſtören laſſen; war er aber einmal in Flammen, dann ſtand's ſchlimm. Zu dieſen Flammen war noch keine Veran⸗ laſſung geweſen und bei der alten Here hielt er ſich ſelber den Zügel ſtrenge, weil er ſeinen Ruf im Wanderbuche von dem Flecken aus Mainz zu reinigen ſich vorgenommen hatte. Allmählich rückten ſie Hamburg näher und trafen endlich dort alle Dreie zuſammen. IV. Es war an einem Sonntage des Jahrs 1847, ſpät in den Oetobertagen, als auf einer grünbewachſenen Düne am Strande der Nordſee drei Männer ſtanden. Ihre Geſtalten hoben ſich gegen den an dieſem Tag ungemein reinen und klaren Himmel ſcharf ab. Es waren kräftige Geſtalten, eine darunter ſchlanker, eine breiter und ſtammhafter. Sie waren gut gekleidet und nichts als ihre Reiſeſtöcke bezeichnete ſie als Reiſende.* Sie hatten einen glücklichen Tag gewählt, um das Ange ſchauen zu laſſen die Wunder des Meeres. Die Luft war rein. Der Himmel klar. Ein ſcharfer Nordwind blies. Die unendliche Fläche war ſehr bewegt. Jetzt gerade kam die Fluth und wälzte * ſtürzen wollen, um es zu verſchlingen. Der Anblick war großartig und ergreifend. Keiner der Dreie, welche auf der Düne ſtanden, jetzt aber, um nicht von den Stößen des Windes umgeworfen zu werden, ſich niedergeſetzt hatten, ſprach ein Wort, ſo überwältigend war der Anblick des Meeres für ſie, den ſie heute zum erſten Male genoſſen. Möven flogen kreiſchend über ihre Häupter; Boote hoben ſich mit ihren weißen Segeln hier und da und verſanken wieder ins Wellenthal, um ſchnell wieder auf eines Wellenberges weißer Kuppe ein paar Secunden zu ſchweben. Darauf hafteten ihre Blicke mit ungetheilter Aufmerkſamkeit. Da kam aus dem nicht fernen Nordſeehafen mit vollen Segeln ein mächtiges Kauffahrteiſchiff, das mit dem mächtigen Ubergewichte der Größe und der Segel dahintanzte über die Wellen, die ſich an ſeiner Bruſt brachen. Ein Ach entrang ſich der Bruſt eines Jeden dieſer Dreie. Alles Andere verlor ſeine Anziehungskraft. Ihre Blicke folgten dem mächtigen Gebäude der Menſchenhand, dem Wind und Wogen dienſtbar waren. Lange Zeit folgten ihre Blicke ſeiner Bahn, und immer weiter hinaus ſtrebte es; immer kleiner erſchien es. Bald verſchwand es faſt gänzlich, bald ſah man es wie ein Boot, zuletzt wie eine ſtreichende Möve— dann wie einen weißen Punkt, bis es völlig verſchwand. Es war eine geraume Zeit, der ganze Morgen faſt, über ſolchem ſtillen, ſtaunenden Schauen hingegangen, und ein Zeder hatte ſeinen Empfindungen freien Lauf gelaſſen. Jetzt hob endlich Einer an und ſagte, auf das Schiff deutend: „Wer doch da mit hinausſegeln könnte in die Weite!“ und dabei ſtieg ein tiefer Seufzer aus ſeiner Bruſt auf. Beſtätigte er den Wunſch oder ſtrafte er ihn Lügen? Es war Joſeph Riffel, der die Worte an ſeine Freunde gerichtet hatte.„Meiner Getreu!“ ſagte Gerhard,„das wär' ſo was für eine Zeit von einem Jahret Wär auch dabei!“ „Du nicht?“ fragte er Gabriel, der noch in tiefem Sinnen daſaß. „Warum nicht?“ entgegnete dieſer. 4* „Aber ſag'mal, Gerhard,“ hob der Schneider wieder an, „wohin ſegelteſt du?“ „Nach Amerika!“ erfolgte blitzſchnell die Antwort.„Die in Bremen haben mir ſchier den Kopf toll gemacht.“ „Amerika iſt groß,“ ſagte Gabriel.„Es reicht vom Südpol bis zum Nordpol hinauf, und das iſt eine ſchöne Länge. Ich möcht' ſie nicht auswandern.“ „Das verſteh' ich nicht,“ entgegnete der Schmied.„Ich ginge, wenn Eins nicht wäre, nach Nordamerika, wo ſie die Eiſenbahnen bauen. Da iſt ſchöner Verdienſt und es regnet Dollare in des Arbeiters Schooß. Arbeiten kann ich und will ich; aber ſo ein Lohn wird dem Fleißigen hier nicht. Und unſer Handwerk ſchlägt ſo recht in das praktiſche Leben hinein, das in Amerika daheim iſt. Da könnte man was Schönes erwerben, des Lebens froh werden.“— „Eins trinken!“ fügte mit ſchelmiſchem Lachen Joſeph ein.— „Auch das,“ fuhr Gerhard fort,„und dann als gemachter Mann heimkehren und zum Liebchen ſagen, willſt du nun mein ſüßes Weibchen werden? Dann ſagte ſie erröthend Ja, und der Pfarrer ſegnete den Bund und unſer Einer wäre der Glückſeligſte unter des lieben Herrgotts deutſcher Sonne!“ „Da haben wir's!“ rief der Schneider.„Alles geht ihm nur auf das wirkliche Leben, etwas Höheres kennt er nicht. Am Ambos geboren, am Ambos gelebt, am Ambos geſtorben, gehört ihm als Denkmal aufs Grab einſt ein Ambos.“. „Das wäre das ſchönſte und ſolideſte htnal Denk dir aber einmal eine Scheere und ein Bügeleiſen drauf, wenn man an ein lebendiges Zunftzeichen nicht denken will, und ſag', ob nicht alle Welt in ein Gelächter ausbräche, ſtatt ſeinen heiligen Gefühlen ſich hinzugeben?“ „Aha, Praktikus, du meinſt einen Geisbock,“ lnchte de Schneider. „Ich weiß gar nicht, warum man dieſes kühne, muthvolle Thier ſo belacht, und uns, die wir es ſeit unvordenklicher Zeit als Zunft⸗ wappenthier gebrauchen ſollten, aber aus dummer Furcht, uns 3 lächerlich zu machen, unterlaſſen. Was hat denn der edle Adel — für Vieh in ſeinen Wappen? Lauter Raubthiere, Bären, Löwen, Wölfe, Füchſe, Adler, Stoßweihe und dergleichen. Da wollt' ich doch dem Geisbock eher eine Lobrede halten, als ſolchem Gethiere, das vor dem Menſchen davon läuft, während der Bock ſie in graziöſer Fechterſtellung angreift.— Doch laſſen wir das, Praktikus, weißt du, wohin ich ſegelte?“ „Nun?“ fragte Gerhard, der ſeines Lachens kaum Herr bleiben konnte. Des Schneiders Auge funkelte.„Ich ginge nach Californien! Da finden ſie das Gold in Sand und Klumpen, ſo dick wie des Nachtwächters Kopf daheim, und du weißt, Gerhard, den nannten ſie„Ohmkopf,“ weil der Seine nicht viel dünner war als ein Ohmfaß. Mein Meiſter in Bremen war ein leibhaftiges Amerika. Ich glaube, der kannte jeden Winkel. Weil er viele Schulden hatte, ſo war ihm Californien natürlich das wichtigſte. Er ſtudirte alle Zeitungen von Hamburg, Lübeck und Bremen, und wußte Alles bis auf das Tippelchen auf dem J. Der ſagte, man dürfe nur an das erſte beſte Bächelchen gehen, das ſo groß wäre, wie etwa die Mönch⸗ rinne daheim, und dürfe nur hineingreifen mit beiden hohlen Händen und ſchöpfen, ſo habe man gleich für fünf bis ſechs Dollar Gold, und wenn man einen Pickel oder Hacke nähme und grübe etwas tiefer, ſo käme man auf die Klumpen, und da lohne es ſich denn natürlich doppelt der Arbeit erſt recht. Wolle man die ſchwerere Arbeit nicht thun, ſo dürfe man nur im Waſſer puddeln und käme, wenn auch etwas langſamer, doch eben ſo weit. Wenn ich nun über das Schiff zu gebieten hätte, ſo führe ich geradeswegs nach Californien und finge dort das Goldgeſchäft auf meine Fauſt an, und triebe es mit Fleiß und Eifer, und wenn ich dann ein, zwei Jahre ſo verpuddelt und gegraben hätte, dann führe ich heimwärts und der Rothſchild zu Frankfurt wär' ein purer Lump gegen mich. Ja, er verſicherte auf ſeine Ehre, man könnte dann in das mittlere Deutſchland mit der Eiſenbahn auf dem erſten Platze heimfahren, wo die kleinen Fürſten Deutſchlands ſo enge bei einander hocken, wie die Schneider auf der Boutique, und könnte den erſten beſten „* fragen: Durchlaucht, wie hoch halten Sie Ihr Herzogthum oder Fürſtenthum? Setzen Sie vernünftige Preiſe! Ich zahle baar, in echtem Gold und nicht in verrufenen Piſtolen, wie man ſie hier herum kriegt! So ſagte er; aber ich ſage dir, wenn ich ſo gold⸗ beladen heimkäme, mich zög's an den Rhein.“— „Da wachſen unſere Reben!“ ſang Gerhard, ihn unterbrechend. „An den Rhein, ſag' ich, träte hin vor das Liebchen und ſagte: Willſt du eine goldene Krone? Ich kann ſie auf deine Locken und Flechten ſetzen. Und ſie ſähe mich an, reichte mir ihre Hand und ſagte: Dein auf ewig! Alsdann kaufte ich mir einen Platz in der Stadt, aber nicht in der Wendelsgaſſe, ſondern wo man den Rhein ſieht, und baute mir ein Schloß. Und im Marſtall müßten die ſchönſten Pferde ſtehen und in der Remiſe lauter Kutſchen, wie ſie die Stadt Frankfurt ihrem Bürgermeiſter ſtellt. Alle Mittags nach Tiſch rauchte ich eine Havannah⸗Cigarre, aber nur echte, und nicht, wie ſie Einem die Bremer für hohes Sündengeld aufhängen; tränke mit meinem Liebchen eine Taſſe echten Mokka⸗Kaffe, und dann legt ich den Kopf in ihren Schvoß und ſchliefe ein, und wenn ſie mich wachküßte, ſetzten wir uns in den Wagen und wir führen ſpazieren, ſo lang es mir gefiele. Vorn auf dem Bocke müßte ein Kutſcher ſitzen in hochrother Livrée mit ſchwefelgelbem Kragen, eine Viertelelle breite echte Goldborte um den Hut, Stulpſtiefel an den Beinen, ſchwarzlackirtes Leder mit gelben Stülpen; und hinten drauf zwei ditto Bediente und vier rabenſchwarze Rappen an dem Wagen.“— „Hrrrrrrr! Das wär' erſt ein Leben und was ſollten die Leute lange Hälſe machen und ſagen: War der nicht vormals Riffels Joſeph von Vierhauſen?“— Der Schmied biß ſich ſchier die Lippen wund und ſagte:„Auch nicht bitter! Und es iſt nur ſchade, daß es gewindbeutelt iſt!“— „Wohl dem, der ſich erträumt, was ihm die kalte Wirklichkeit verſagt!“ ſprach Joſeph mit theatraliſchem Ausdruck und ſeufzte tief auf.„ „Aber, Gabrielchen!“ rief der Schmied,„du ſitzeſt da und * machſt Kalender für Anno 1848, das uns bevorſteht. Laß ab und ſage: Wo führſt du hin, wenn du das Schiff dort lenken könnteſt?“ „Es iſt fort,“ ſagte Gabriel und ſtand auf.„Hier aber iſt es kalt. Laßt uns gehen. Auch hab' ich Hunger. Die Seeluft ſoll ſehr darauf wirken. Ich hab' mir nun das Bild in die Seele gedrückt, daß es nicht wieder verloren geht. Nun kommt.“ „O ho!“ rief Gerhard. Merkſt du, daß wir dir unter die Weſte wollen und daß du einmal von der Farbe reden ſollſt. Du ſollſt mir hier nicht von der Stelle, bis du mir Rede geſtanden haſt, wohin du ſegelteſt, wenn's ſo ginge?“ „Nun, das iſt kein Geheimniß, Freund!“ ſagte mild lächelnd Gabriel.„Ich ſegelte heim, zu den Eltern und dem Liebchen!“ „Das iſt denn doch eine echte deutſche Einheit!“ rief da der Schneider.„Aller Wünſche Ziel das Liebchen! Aber nun ſagt mal, Kinder, da ſind wir Nachbarskinder, ſind miteinander auf⸗ gewachſen, ſind durchs ganze bisherige Leben unwandelbar treue Kameraden geweſen; haben uns einander ſo lieb wie Brüder, und Jeder hat ein Liebchen, das er in dem treuen Herzen trägt, und doch weiß Keiner etwas von dem Liebchen des Anderen. Iſt das recht, iſt's brüderlich? Wir ſtehen hier ſo gemüthlich bei einander.“ „Dagegen proteſtir' ich denn auch!“ fiel ihm Gerhard in die Rede.„Ich hab' meinen Sommerrock noch an, und hier pfeift ein Zephir, der einem Mark und Bein durchſäuſelt mit ruſſiſcher Kälte. Sodann geht mir's juſtement wie dem Gabriel. Mein rheiniſcher Magen bellt ganz unverſchämt und will ſich nicht länger mit der friſchen Luft hier ſpeiſen laſſen.“ „Du ſollſt zum Schulmeiſter beſtellt werden, Joſeph,“ fuhr er fort,„und wenn wir gegeſſen und getrunken haben und gemüthlich unſer Pfeiſchen rauchen, ehe wir uns wieder landeinwärts machen, ſo darfſt du uns fragen und wir antworten. Nun aber raſch voran!“ Das war denn Allen recht und ſie griffen tüchtig aus. Der Wind hatte an ſchneidender Schärfe ſtets zugenommen, und die etwas dünne Kleidung der drei Wanderburſchen war nicht geeignet, . 56— ihm einen Widerſtand entgegenzuſetzen, wie er hätte ſein müſſen, um nicht durch und durch kalt zu werden. Das Fiſcherdorf, wo ſie übernachten ſollten, war etwa eine Viertelſtunde entfernt, wo eine Bucht des Meeres tief ins Land hereinſchnitt. Sie hatten es bald erreicht und auch das beſcheidene Wirths⸗ haus, wo ſie an friſchen Seefiſchen und goldgelben Kartoffeln ihren anſehnlichen Hunger ſtillen konnten. Wein gab's aber hier nicht, und nur ein ſtarker Schnapps vertrat ſeine Stelle, den indeſſen der Schmied allein trank und ſehr gut fand. Als ſie nun auf dem Wege waren und ihr Pfeiflein dampfte, begann Joſeph das Examen nach dem Liebchen. Gabriel allein wehrte ſich dagegen, aber es half ihm nichts. „Sag' an, Schmied, wer iſt die Holdſelige, die du erkoren!“ fing er hochtrabend an,„und wo weht ihr füßer Athem? Wo ſchreitet ihr leichter Fuß?“ „Ich denke,“ ſagte Gerhard,„es iſt einerlei, ob man die Frage vorwärts oder rückwärts beantwortet, ich meine in der Reihe. So will ich denn bekennen, ſie iſt daheim, wo ich auch daheim bin; ihr ſüßer Athem weht in der Wendelsgaſſe, wo auch ihr leichter Fuß auf dem FPflaſter von Rheinwacken wandelt— und ihr Namen der Duftigſte, den ein Mädchen tragen kann, ſie heißt— Röschen!“ „Dobel's Röschen?“ fragte der Schneider und veränderte die Farbe. „Dobel's Röschen?“ fragte der Blechſchmied Gabriel, und ſeine Wangen wurden wie Schnee und die Stimme zitterte. „Ja, die!“ ſagte Gerhard und ſah ſelber gewaltig erſchreckend die treuen Kameraden an, die plötzlich verſtummten, den Kopf hängen ließen und wie geknickte Halme daſtanden.„Aber, ich bit euch um Alles in der Welt, treue, liebe Kameraden und Brüder, was iſt euch doch?“ fragte Gerhard.„Ihr ſeht ja aus, wie friſcher Reisbrei, und man meint, auf euerem Hinterkopfe läge ein Ambos, ſo bückt ihr ihn herab zur Erde? Was kann denn das engelsliebe Kind dafür, daß ihr euch ſo geberdet?“ W 2— 57— Joſeph ſah zuerſt empor.„Ach, Gerhard!“ ſagte er,„das iſt ja auch mein Lieb, das ich in der Seele trage, ſeit mir's gedenkt! Für das ich ſchwärme, dulde, kämpfe, leide! Für das ich in den Krieg zöge und ſo weiter. Für das ich endlich die ſchönſte Ausſicht in Minden in den Wind geſchlagen habe! Und ich müßte unſeren Gabriel ſchlecht kennen, wenn er nicht auch ſagen müßte: Sie iſt auch meiner Träume Ziel! Denn der hat in ihrer bezaubernden Nähe gelebt drei volle Jahre, und müßte ein Klotz oder ein Ambos ſein, wenn er nicht ſtockthöricht ſich in das Mädchen verliebt hätte. Er glich ja alle Tage dem Schmetterlinge, der um das brennende Licht ſchwirrt. Hätt' er ſich nicht ſollen die Flügel„verbrennen.“ Rede, guter Gabriel, rede; denn jetzt gilt's Wahrheit ohne alle Schminke!“ Gabriel's Bruſt war ſo beengt, daß er nicht reden konnte. E ſah feuchten Blickes den Schneider an und nickte. „Da haben wir's!“ vief diesmal wirklich ergriffen der Schneider. „Da haben wir's! Dreie lieben heiß und innig Eine! Was ſoll das werden? Einer kann ſie nur kriegen, und die zwei Brüder müſſen elend und verarmt durch die Welt gehen. Einer ſoll der Glückliche werden und die Anderen ſollen neben ihm wohnen und vor Liebeskummer ſterben!“ „Gab's jemals in der Welt etwas Rhnliches? Würde das auf dem Theater zu Cöln aufgeführt, die Mädels weinten eine überſchwemmung in das Theater hinein, bei meiner Seele!“ Die drei Freunde gingen ſtille nebeneinander her. Selbſt der Schneider ſchwieg, ſeit die Thränenfluth im Theater ſeiner Seele allerlei Raum bot, ſich das auszumalen, was da Alles werde empfunden werden. Endlich ſprach Gerhard ernſt:„Wahrlich, es iſt mir etwas der Art noch nicht in dieſer Welt vorgekommen, und ich will es nicht leugnen, es liegt mir centnerſchwer auf der Seele.“ „Und ich fürchte, da nur Einer der Glücklichſte ſein kann,“ fuhr wieder der Schneider drein,„es wird auch unſere Herzen ſcheiden und trennen!“ „Nein!“ ſagte da Gabriel,„das wird's nicht. Elend wird's die Zweie machen, das fühl' ich tief in meiner Seele. Mich wird's beugen bis zum Grab; aber dann wollen wir es ausmachen, daß die beiden Anderen in die Welt gehen und nicht daheim bleiben.“ „Du haſt gut reden,“ fagte Gerhard,„deine Eltern haben noch ein Kind. Bei uns Beiden ſteht ihr Glück in uns. Sollen wir ihre Hoffnungen zu Schanden machen? Das geht einmal nicht. Es muß getragen werden, und wenn das Herz brechen ſollte!“ Sie ſchwiegen wieder und ſchritten fürbaß. „Aber,“ hob der Schneider an,„es iſt doch curios. Wir reden von dem Liebchen. Wie ſteht denn Röschen zu uns? Haben wir ein Recht, ſo zu reden, als müſſe ſie Einen von uns nehmen zum Manne? Hat je Einer von uns mit Liebe und von der Liebe zu ihr mit ihr geredet, daß ſie wußte, er hat mich lieber, wie ſein eigenes Leben?— Ich— ſag's— eyrlich— ich nicht!“ „Ich auch nicht! Ich auch nicht!“ ſagten die beiden Anderen. „So haben wir, ſeit wir die Kinderſchuhe austraten, in der Ferne geſtanden, ſie bewundert und geliebt, aber ſtill, wie ein rechter, deutſcher Anbeter voll Mondſchein und Vergißmeinnicht!“ ſagte der Schneider halb ernſt, halb lachend;„grad, wie es geſchrieben ſteht in den Romansbüchern, die ich in Cöln geleſen hab'. Meiner Seel'! accurat ſo! Und wir haben uns alle Tage mehr und tiefer in das wundervolle Kind vergafft und doch ſtill geſchwiegen, und Keiner iſt einen Nadelſtich breit ihrem Herzen näher gekommen als der Andere. Aber hat uns denn das Mädchen je zu erkennen gegeben, daß ſie Einen von uns liebe? Mir war ſie ſo ſeelenvoll freundlich und ſah mir ſo tief in die Augen! Es war beim Abſchied. Und dann gab ſie mir die niedliche Hand.“ „Mir auch ſo, und von dem Blick iſt mir's ſo wirbelig im Kopfe geworden, wie von dem Bier im Röſſel zu Mainz, als ich den Brauknecht über drei Bänke warf, das heißt nachher, als er Streit angefangen hatte,“ erzählte Gerhard. Dadurch, daß br ſo breit erzählte, konnte diesmal Gabriel unbemerkt ſchweigen; denn ihm fuhr es wie ein Schwert durch die * —— Seele, daß ſie dieſem ſo gewaltig bis in die Seele hineingeſchaut, und eines ſo liebreichen Blickes wußte er ſich doch ganz und gar nicht zu entſinnen, da er ſie nie ſo recht anzuſehen gewagt hatte. Aber der letzte Morgen in der Wendelsgaſſe kam ihm wieder in die Erinnerung, und er hing dem Gedanken nach, ohne daß er Luſt trug, ihn zu erzählen. 3„Ich merke ſchon, es iſt Keiner von uns, der ſagen könnte, ich bin's, den ſie euch Anderen vorzieht; aber das könnte anders werden, wenn Einer von uns heim käme und ginge dem Mädchen zu Gefallen und ſuchte ſich ihre Liebe zu erwerben und zu ſichern. Das wäre unehrlich gegen die beiden Anderen gehandelt. Deßwegen muß auch da unter uns ein brüderlich Abkommen getroffen werden. Wie wir damals auf dem„Spitzköpſchen“ uns gelobten, uns in Hamburg nach zwei Jahren zu treffen, ſo ſchlag' ich euch vor, daß wir uns hier unter freiem Himmel vor Gott geloben, daß Keiner von uns eher heimkehren darf, als am erſten Advent 1848, und daß Keiner freie um das Mädchen, bis wir am genannten Tage alle Dreie da ſind und ſie wählen könne unter uns.“ Sie gaben ſich darauf ehrlich die gelobende Hand. „Ach, was ſoll's aber werden,“ ſagte Gerhard,„wann nun die beiden Anderen zu Vierhauſen bleiben?“ „Nun, die müſſen ſich in Gottes Fügung ergeben,“ ſagte Gabriel,„wie ſchwer es ihnen auch werden mag. Ich ſehe ja doch einen anderen Ausweg nicht. Sollt' ich zu den Zweien gehören, ſo ſetz' ich meinen Wanderſtab in die weite Welt, und ein Fleckchen für ein Grab werd' ich ja wohl finden.“ „Und ich gehe mit dir und mach's wie du,“ ſagte Gerhard, dem der Branntwein etwas zu Kopf geſtiegen und der nun ungemein zur Wehmuth geneigt war. Joſeph horchte ihren Reden. Daraus folgte, daß ſie ihn für den jedenfalls Siegenden anſahen, ohne es jedoch beſtimmt auszu⸗ ſprechen. Seiner Eitelkeit ſchmeichelte das ungemein und er begann wieder ein Gebäude der Einbildungskraft anfzuführen. Und wie des Schneiders Eitelkeit jetzt ihr Spiel trieb und ihm ein Paradies 60— vorgaukelte, ſo gingen die beiden Andern in kummervoller Stimmung dahin, weil die Möglichkeit ihnen nahe trat, das Gut zu verlieren, das ſie für ihr höchſtes in dieſer Welt anſahen. Es wollte kein Geſpräch aufkommen, wer es auch anhob. Gleich ſtockte der Redeſtrom wieder. Es wurde ſpät, ehe ſie den Ort erreichten, wo ſie ihre Ränzel gelaſſen hatten. Auch den Abend brachten ſie meiſt im ſtillen Sinnen hin, nur Gerhard trank rüſtig eine Stange Bier nach der anderen und wurde dabei wieder heitern Sinnes. „Ich meine, wir ſollten einſtweilen alle Dreie ſegeln, wie das Schiff, das die unſchuldige Urſache ſo fataler Entdeckungen für uns geweſen iſt, nämlich mit vollen Segeln der Hoffnung. Es geht uns juſt wie allen Denen, die in die Lotterie ſetzen. Sie wollen Alle das große Loos gewinnen und hoffen's, und doch kriegt's nur Einer, und die, welche gar Nichts kriegen, tröſten ſich am Ende doch. Wer's Glück hat, führt die Braut nach Haus!“ „Du haſt Recht, Gerhard,“ ſprach Joſeph. Er ſtimmte mit ihm ein und bald kamen Beide in allerlei Geſpräche, welche eine politiſche Richtung nahmen. Auch hier war Gerhard für das Beſtehende, der Schneider aber für eine Umwälzung aller beſtehenden Verhältniſſe. Gabriel hörte davon Nichts. Seine Seele war bei Röschen und er ſtellte ſich alle Einzelnheiten zuſammen, aus denen möglicher Weiſe für ihn ein beſonderer Hoffnungsſchimmer hätte hervorgehen können; aber ſie wollten dazu nicht ausreichen. Nur der letzte Morgen ließ ihm den matten Schein einer Hoffnung; aber auch der erloſch, wenn er erwog, daß das ja nur eine Folge des ſo natürlichen Gefühls geweſen, da ſie ihm vorher ſo gar nicht begegnet war, wie dem trauten Geſpielen der ſchönen Kinderzeit und dem dreijährigen Hausgenoſſen. Er legte, während die beiden Anderen Röschen ganz in ihrem Diſputiren vergeſſen hatten, den Kopf auf den Arm, und ungeſehen träufelte eine heiße Thräne zur Erde. Wie ſchwer ihm aber auch ein ſolcher Gedanke wurde, wie der, Röschen als die glückliche Gattin eines Anderen zu wiſſen, Gabriel hatte gelernt, zu tragen und zu dulden. Er hatte in — ſeinem religiöſen Gefühl eine aufrichtende Kraft, die den beiden Anderen in dem Maaße nicht inwohnte. Er betete leiſe und, in dem Gebet erſtarkt, richtete er ſich auf und hörte einige Augenblicke dem unfruchtbaren und doch ſo ſehr aufregenden Geſpräche ſeiner Kameraden zu. Da er fürchtete, es möge bei Anderen, die im Zimmer waren, eine üble Aufmerkſamkeit erregen, nahm er das Wort. „Laßt doch dieſe Geſpräche,“ ſagte er,„und legt euch eine ernſtere Frage vor, die nämlich, wohin wir unſere Schritte lenken wollen. Ich habe mit euch Hamburg verlaſſen, aber unſere Geld⸗ mittel dürften in einer nahen Zukunft in einem ſo bedenklichen Maaße ſchwinden, daß wir uns in die ernſte Nothwendigkeit verſetzt ſehen, nach Brod und Erwerb uns umzuſehen. Bei einander, das hab' ich aus eueren Außerungen wohl entnehmen können, werden wir ſchwerlich bleiben. Du, Gerhard, willſt noch an den Nieder⸗ rhein, wo deines Gewerbes Verdienſt gut geht; du, Joſeph, willſt hinauf nach Baden und weiter, und ich möchte Berlin ſehen. Da gehen unſere Wege auseinander.“ „Das iſt richtig,“ verſetzte Gerhard;„aber nach Hamburg müſſen wir alle Dreie zurück.“ „So laßt uns morgen mit dem grauenden Tage wandern, jetzt aber die Ruheſtätten ſuchen.“ Das war Gabriel's weiſer Rath. So geſchah es denn auch. Bis Hamburg führte ſie ihr Weg zuſammen; aber es war ſeltſam, daß Nichts von dem mehr beſprochen wurde, was geſtern ſie alle in eine trübe Stimmung verſetzt hatte. In Hamburg ſchieden ſie, um ſich erſt im Advent 1848 in der ſchönen Heimath am Rheine wiederzuſehen. Es waren glückliche Tage, die ſie zuſammen verlebt hatten, die aber in einer ſo ſchmerzlichen Weiſe getrübt wurden. Gabriel liebte Röschen unſtreitig, und er durfte das ſich ſelbſt ſagen, am Treueſten und Innigſten, und doch hatte gerade er die geringſte Hoffnung, und der Gedanke, den Freunden das Feld zu räumen, kam mauchmal 3 5 in ſein Herz, das vpferfähiger war, als irgend eines der Anderen. — 65— Er kam zurück zu ſeinem Meiſter in Hamburg, um ihm noch ein Lebewohl zu ſagen, da er ihn achtete und werth hielt. Er hatte geglaubt, dort einen Erſatzmann für ſeine Lücke zu finden, aber er fehlte noch. Der Meiſter hatte den ebenſo geſchickten als braven Gabriel nur äußerſt ungern ſcheiden ſehen. Freudig begrüßte er ihn darum, als er noch einmal bei ihm eintrat. Dies Kommen deutete er ſo, als wolle Gabriel gerne wieder bei ihm eintreten. Zwar nahm ihm Gabriel ſchnell dieſen Gedanken; allein der Meiſter bat ſo dringlich, bot ihm ſo ſchönen Lohn, wenn er bis Oſtern bliebe, daß am Ende Gabriel, der ja noch Zeit genug hatte, Berlin zu ſehen, auf ſeine Wünſche einging und blieb. Und dies war eine jener Fügungen der göttlichen Vorſehung, die es klar dem Gemüthe darlegen, wie ein heiliger Wille die Geſchicke der Guten lenkt. Das Jahr 1848 begann friedlich wie ſeine Brüder, die in einer Reihe von Dreißigen hinabgeſunken waren in den dunkeln Schvoß der Zeit; aber ſeine Jugend ſollte die wildeſten Zuckungen erfahren, die wie Blitze bald hier, bald da begannen und der Ordnung und dem Geſetze, der Pietät und dem Gehorſame, dem Frieden und dem Glücke Tauſender ein frühes Grab gruben. Es begann mit einer Aufregung, welche die Klarheit der Gedanken und der Gefühle heillos untergrub. S ein wilder Veitstanz riß der Wahn die Menſchen hin, und nich immer die Schlechteſten waren es, die in den Strudel geriethen und die die wilde Strömung mit fortriß, daß ſie ihre Ni ihr Ziel, ihren Halt und ihre i verloren. Gabriel war in Hamburg bei ſeinem redlichen Meiſter, als Fe Frühlingstage Dinge brachten, die heute einem Mährchen gleichen, aber einem blutigen, entſetzlichen, in dem die Geiſter der Tiefe hervorbrachen mit ihrer verheerenden Gewalt. Er zitterte, als er die Scenen am Unterrheine vernahm, für Gerhard, der einmal aus den Fugen gehoben, zu wildem Treiben leicht hingeriſſen werden konnte, wie ſchwer es auch hielt, ihn aus ſeinen Fugen zu heben. Er zitterte mehr noch für Joſeph, als er die Ereigniſſe vernahm, — 63— die in Baden ſo ſchreckliche Folgen hervorriefen— und ſein Zittern war nicht ohne eine Ahnung deſſen über ihn gekommen, was geſchehen war. Aber auch daheim ergriff eine Todesangſt die Gemüther, als jeder Tag neue Schreckensbotſchaften brachte, und die Empörung von Stadt zu Stadt, von Land zu Land ſich fortwälzte. Nie* hatten die Männer der Wendelsgaſſe Zeitungen geleſen. Die Mähren von den Begebenheiten kamen ihnen geſprächsweiſe zu, und meiſt, wenn ſie längſt in dem Kreiſe der Zeitungsleſer vergeſſen waren. Jetzt aber, wo ſo recht eigentlich die Zeit der Zeitungen war, wo ihre Garben reiften und die Lüge gangbarſte Waare war, jetzt, wo jeder Morgen Neues, Außerordentliches gebar, während das Kreiſen die Nacht bedeckte, jetzt griffen auch ſie zu den Zeitungen und verarbeiteten ſich an dem unverdaulichen Stoffe. Dobel war unſtreitig der Beſtunterrichteſte von ihnen, war * am weiteſten in der Welt herumgekommen und wußte am beſten Beſcheid. Er machte den Vorleſer und Ausleger, und Männer und Frauen ſammelten ſich in ſeiner Stube, um die Geſchichten zu hören, die ſich begeben hatten, zu ſtaunen und zu zittern, und Aller Herzen waren in doppelter Spannung; denn am Niederrheine war Gerhard, in Baden, im unglücklichen, ſchönen Baden, war Joſeph, und ſeine Briefe waren toll genug, um befürchten zu laſſen, daß er dem Treiben dort nicht fremd bleiben werde. Und Gabriel, der ruhige, ſtille, beſonnene Gabriel, hatte geſchrieben im Januar, er werde Anfangs März ſich nach Berlin begeben, und ſeitdem war kein Brief mehr gekommen, da er in dem Briefe geſagt, er werde erſt wieder ſchreiben, wenn er einmal ſich in Berlin würde umgeſehen haben. Und aus Baden kam nun kein Brief mehr, und aus der Gegend von Solingen, wo Gerhard arbeitete, kam auch keiner, und dort und hier und überall brannte es in hellen Flammen. Da floß manche Thräne aus treuen Mutteraugen, da blickte das Vaterauge ſorgenvoll ins Leben, und inniger denn je gedachte 63 Röschen an die drei Jünglinge. Ihr Vater, der mit feſtem, redlichem Ernſte dies Treiben verdammte, ſprach immer die feſte überzeugung aus, daß die Bewegung der Zeit an Gabriel ſpurlos werde vorüber gehen.„Er wird nicht die Hand erheben gegen Gottes und der Menſchen Ordnung,“ ſagte er, und Rechtling ſtimmte ihm aufs Entſchie⸗ denſte bei. „Geſchieht's aber nicht gerade oft,“ ſagte ſeine tieffühlende Mutter,„daß gerade der Schuldloſe, der Friedliche am Argſten in die Geſchichte hineingeräth und Schaden nimmt? Habt Ihr nicht geleſen, wie viel völlig Unſchuldige bei dem Aufruhr in Paris ihren Tod gefunden haben, Weiber und Kinder?“ Dobel ſchüttelte den Kopf.„Sie hätten ihre Naſen zurück⸗ laſſen ſollen,“ ſagte er,„da iſt kein Ort für Nengierige, wo es ſich um wilden Aufruhr und Leben und Tod handelt.„Wer ſich in Gefahr begibt, der kommt darin um,“ ſagt ſehr wahr das Sprich⸗ wort. Ich meine, wir ſollten Gott, den Herrn, gewähren laſſen, der allein ſchützen und bewahren kann, aber auch einen Jeden ernten läßt, wie er geſäet hat; wir ſollten aber auch dem klaren Verſtand und richtigen Gefühle Gabriel's vertrauen.“ Das beruhigte ſie alle und Röschen ſaß da mit gefalteten Händen, und die friſchen Lippen bewegten ſich leiſe. Und wer ſie ſo ſah, der würde geſchworen haben, ſie bete herzinniglich, und er wäre der Wahrheit am Nächſten geweſen. Da kam eines Morgens Röschen von der Poſt, wo ſie die Zeitung geholt hatte, die ſich die vier Väter hielten. Sie ſtürmte die Stiege herauf. Sie riß die Thür auf und war bleich, wie eine Lilie. „Was gibt's?“ rief voll Entſetzen ihr Vater. „Ach,“ ſagte ſie, und es drängten ſich S in die „der z Gabriel!“ Da ſprang der Alte auf und zitterte an allen Gledern.„Was iſt denn mit ihm?“ fragte er haſtig. „Ach, ſie ſagen, auch in Berlin ſei ein wilder, blutiger W und eine Schlacht ſei in den Straßen der Stadt geliefert worden!“ rief das troſtloſe Mädchen. Er riß ihr das Unglücksblatt aus der Hand und las die kurze Nachricht, welche nur den begonnenen Kampf ſchilderte, ohne auf Einzelnheiten noch eingehen zu können. Da ſank der alte Mann in ſeinen alten lederbezogenen Lehnſtuhl und faltete ſeine Hände und betete leiſe für ihn. Die Mutter ſtand weinend da, und Röschen wankte hinaus in ihre Kammer und ſank dort auf ihre Kniee und betete heiß und innig, und erſt jetzt wurde es ihr klar, wie theuer er ihr war. Sie brachte den armen Eltern die Nachricht, aber freudig lächelte der alte Rechtling und reichte ihr einen Brief von Gabriel's Hand, der eben angekommen war. Er meldete von Hamburg aus, daß er noch dort bei ſeinem braven Meiſter ſei, der ihn nicht nach Berlin laſſe, weil er daſelbſt Aufruhr befürchte. Er ließ Dobel's wieder herzlich grüßen, und diesmal— ſein Gefühl hatte ihn fortgeriſſen— zum erſten Male Röschen beſonders. Ach, wie nahm der Brief von ihrem Herzen die Centnerlaſt des Kummers und der Sorge weg; wie eilte ſie hinüber mit dem Brief und— als ſie jenſeit ihrer Thüre war, wo ſie kein Auge ſah, wie drückte ſie ihn an ihre wogende Bruſt und blickte dankbar hinauf zum Herrn; aber ſie flehte auch, daß ſo frohe Kunde komme von Joſeph und Gerhard, damit auch die Herzen ihrer gebeugten Eltern aufgerichtet würden. Dann, als dies Gebet ſich losgerungen vom treuen, theilneh⸗ menden Herzen, flog ſie die Stiege hinauf und rief jubelnd den Eltern zu:„Gottlob, er iſt nicht in Berlin, er iſt noch bei ſeinem Meiſter in Hamburg, der ihn jetzt gar nicht nach Berlin laſſen wollte, weil er dort auch Aufruhr befürchtete.“ „Gott mög' es ihm lohnen, dem Ehrenmanne!“ rief tief athmend Dobel, und es war, als ob ein neues Leben den Mann durchſtröme.„Seht ihr's,“ ſagte er,„ich hatte Recht, Gott kennt die Seinen. O, daß doch auch die beiden Anderen ihm glichen!“ W m. 5 „Wenn Feuer und Schwefel zuſammenkommen, ſo brennt's gern,“ ſagt man im Sprüchwort, und das bewährte ſich an Joſeph leider am Argſten. Die alte, zwei Jahre alte Saat von Cöln lag noch immer in ihm, als er nach einer langen, aber vielfach anziehenden Wanderſchaft in Mannheim ankam, wo dem geſchickten Arbeiter ein gutes Unterkommen nicht fehlte. Wer aber weiß es nicht, wie in dieſer Stadt ſich der Herd bildete für eine Geſinnung, deren Früchte Leid und Weh für das Land waren? Wer weiß es nicht, wie eine feuerige, leicht entzünd⸗ bare Natur in einen Strudel gezogen werden kann, der über dem Kopfe zuſammenſchlägt? Unter allen Zunftgenoſſen im weiten ehrenwerthen Handwerker⸗ ſtande waren es die Schneider, die immer am geneigteſten waren, ſich zu betheiligen. Es iſt eine leicht bewegliche Sorte⸗ die vom vielen Sitzen leicht zum vielen Plaudern kommt, und im Streben, ſich geltend zu machen, gerne die Hand im Spiele hat. Wie es die Erfahrung anderwärts gelehrt, ſo war es auch hier; die Schneidergeſellen waren zu denen zu rechnen, bei denen am Erſten die Theilnahme an ausſchweifenden Richtungen Boden griff. Wer ſich noch des Jahrs 1848, und namentlich ſeiner erſten Monate und der letzten von Anno 1847, erinnert, namentlich in dem Rheinland, dem wird es noch klar vor der Seele ſtehen, wie ganze Schwärme von Handwerksburſchen den Rhein herauf kamen oder über Saarbrücken dem Rheine zueilten und Alle die Richtung nach dem Oberrheine nahmen. Mit dem März 1848 ſah man keine Spur mehr von ihnen. Wenn auch in der Regel zwiſchen Weihnachten und Oſtern der Burſche mehr wandern muß, weil die Winterarbeit gering iſt und die Meiſter, die nicht auf ſtändige Arbeit rechnen können, und Eſſer und am Geldbeutel zehrenden Geſellen ſich vom Halſe ſchaffen, 6— ſo war es doch in jenen Tagen allzu auffallend, daß aus Frankreich der Strom deutſcher Geſellen ſich ſo unaufhaltſam und gewaltig ergoß und die Vermuthung lag nahe, daß ein Tieferes zu Grunde liege. In Baden, in der Pfalz war der Sammelplatz, weil dort insgeheim und ſelbſt öffentlich Dinge vorbereitet wurden, die bald in ihrer Geſammtwirkung ans Licht traten und die vorhergehenden Wanderzüge verſtehen ließen. Jedermann erinnert ſich noch des kecken, frechen Auftretens dieſer Menſchen; ihres verwilderten Ausſehens und unheimlichen Weſens. Joſeph war bald in ſeinem Elemente, wo ſeine Eitelkeit den rechten Wirkungskreis und ſeine reichen Naturanlagen den weiteſten Spielraum zu ihrer Entfaltung fanden. An Arbeit wurde nicht mehr gedacht. Herumſchwärmen, im Wirthshauſe ſitzen, Reden halten, Pläne machen, das war das Hauptgeſchäft jener Tage; dann Exerziren und„Soldatches ſpielen,“ wie man ſich ausdrückte. Woher aber das Geld? Das iſt bekanntlich eine müßige Frage; denn darauf antworten wollen, hieße genau die Gänge kennen, durch die es in die Hände derer ſo reichlich floß, von denen man einen erfolgreichen Beiſtand erwartete. Es war da, das iſt die entſchiedene Thatſache, und war der Säckel leer, ſo füllte er ſich wieder ohne Mühe und Arbeit. Das waren Tage für leichtfertige, windbeutelige, leicht erhitzte Naturen, wie Joſeph eine geworden, und die in Berlin zur Reife gekommen war. Heimath, Eltern, Röschen, Zukunft, Advent 1848— Alles war vergeſſen, und die hohlen Redensarten und das luſtige, köſtliche Leben nahmen ſo von der Seele Beſitz, daß alles Andere in den dunkelſten Winkel zurückgedrängt wurde. Mit Hecker's Ruf war er auch gleich einverſtanden— und 3 war auch wieder in die Schweiz gelaufen mit den Anderen, und als die Preußen ſie abermals hinüberſprengten, war er abermals dabei. Aber was nun? Er war preußiſcher Unterthan und militärpflichtig. Genau * wußte man's nicht, daß er dabei geweſen, weil ſein Name nie — 36 gun worden war. So wagte er's, den kein Hieb gezeichnet, dem keine Kugel ein Loch in die Haut gemacht, der nur einmal bei eilfertigem Laufen im Schwarzwalde geſtolpert und in ein Dorn⸗ geſtrüppe gefallen und ſich eine Schramme an einem ekeligen Hage⸗ dorn ins Geſicht gemacht hatte, die ihn beinahe in die Hände der Pickelhauben gerathen ließ, heimzukehren, ehe der Advent gekommen war, nämlich zur Zeit der Ziehung zum Heer. Eingedenk des Wortes, das er auf der nordiſchen Heide den Freunden gegeben, kam er aber nicht in die Vaterſtadt, ſondern trat in der Kreisſtadt in Arbeit. Vater und Mutter beſuchten ihn dort und die Freude des Wiederſehens ließ ſie Alles vergeſſen, nur nicht den Unwillen, daß er nicht mit heim wollte. Niemand in der Stadt kannte Zoſeph's Geſchicke, als die Eltern und— Dobel; denn ihm allein hatte der kummerbelaſtete Vater Riffel ſeines Sohnes Briefe gegeben, die auf ſeltſamen Wegen in ſeine Hände gelangt waren; ihm allein vertraute er, wie viel ihm Joſeph's Streiche gekoſtet und, als er Dobel's klar ausgeſprochenen Unwillen erwog, mußte er ſelbſt den Unwillen fahren laſſen über Joſeph's Abneigung, heim zu kommen. Dobel billigte dieſes Schamgefühl.„Er ſoll ſeine Schmach erſt abwaſchen,“ ſagte er,„ehe er kommt. Bei mir hat er ohnehin ſein Spiel verloren.“ Joſeph konnte von Glück ſagen, daß ſeine Putſchabenteuer verdeckt blieben. Er wurde Soldat und büßte in den heſſiſchen Büvouaes ſeine Streiche ab, nicht aber die Abneigung Dobel's. Wenn in ſeinem Hauſe der Name Joſeph's genannt wurde, lief er an wie ein wälſcher Hahn und der Koller kam über ihn, wie ſo einem. „Schweigt mir ſtille,“ ſagte er,„und nennt mir den Namen des und pflichtvergeſſenen Menſchen nicht.“ Röschen that das im Herzen leid; aber ihres Vaters Geſinnung ging denn doch unvermerkt auf die Tochter über, ſo daß der ſonſt ſo liebenswürdige nette Joſeph ganz aus ihren Gedanken verſchwand. — „Hätt' ich nur einmal eine Kunde von meinem Gerhard!“ ſagte ſchmerzvoll der derbe, aber ſo weichherzige Lichtenauer zu Dobel.„Sonſt hat er mir ſo regelmäßig geſchrieben und nun ſind's ſchon vier Monate und ich weiß nichts von ihm. Ihr ſeid ein glücklicher Vater, Nachbar,“ fuhr er bewegt fort.„Euer hold⸗ ſelig Kind macht Euch kein Herzeleid; aber ſo ein Bub' iſt ein halber Nagel zur Todtenlade und ein Pfahl im Fleiſche!“ Dobel ſeufzte und dachte an den armen Riffel, dem er gelobt hatte, zu ſchweigen über ſeines Joſeph's Geſchichten.„Ja, ja,“ ſagte er.„Es iſt eine Narrheit von mir geweſen, und ich will's Euch geſtehen, Nachbar, als mir die Amme das Mädel zum Segnen darreichte, da war ich ein Narr, und meinte: Wenn's ein Bub' wäre, würde ich mich viel glücklicher preiſen. Ja, ich war ein Narr, Lichtenauer, und hab's oft Gott abgebeten, daß ich damals nicht ſo ganz zufrieden war. Denk' ich nur an Euer und des armen Nachbar Riffel's Kreuz und Sorgen um die Buben, ſo möcht' ich mir heute noch eine Ohrfeige geben, und eine aus dem Salze.“ „Was aber Euern Gerhard betrifft, ſo weiß ich nicht, ob ich ihn für einen Tollkopf halten ſoll. Er iſt mir zu feſt, zu geſetzt, zu ruhig und— zu— Hm, wie ſoll ich's ſagen? zu ſehr auf ein derbes, praktiſches Weſen hingewieſen, als daß ich glauben könnte, der Aufruhrteufel war ihm auch in die Flanke gefahren.“ „Ihr kennt ihn nicht genug, Nachbar,“ ſagte Lichtenauer.„Es iſt wahr, bei ſeinem ſchweren Körper neigt er nicht leicht dazu, aus der Haut zu fahren; aber iſt's einmal angebrannt, ſo brennt's auch lichterloh bei ihm und ich bin nicht ruhig, wenn ich bedenke, wie's da in dem Elberfeld, Iſerlohn und da herum unterwühlt war und wie's da ausſah. Jetzt haben die Truppen aufgeräumt, aber es ſoll mitunter ſchauderhaft zugegangen ſein. Wär' er dabei geweſen, ich hätte keine Ruhe. Meine arme, gute Alte weint ſich ſchier die Augen aus und ich, geſtehen will ich's mur, ich bin auch keinen Hammerſchlag mehr werth. Gleich wird mir das Herz weich und ich muß auf die Pfeife beißen, daß ich die verdammten Thränen zurückhalte, deren ich mich ſchäme. Ich glaub', das kommende Alter thut's? Ich mein' ich wär' doch ſonſt ſo breiweich nicht geweſen?“ „Nein, Nachbar,“ ſagte Dobel,„für ein Steinherz hab' ich Euch doch niemals gehalten! Und ſo ein Kind geht tief unter die Haut, geht ins tiefſte Herz hinein. Ihr braucht Euch Eures Gefühls nicht zu ſchämen. Ein Vaterherz iſt auch ein Herz. Gut iſts, wenn Ihr Euch Eurer braven Frau wegen härter macht, als Ihr ſeid. An dem Manne richtet ſich das arme, ſchwache Weib auf, wie die Rebe an dem Eichenpfahl. Ubrigens blickt dort hinauf, Nachbar, wo die Wolken ziehen, da waltet Einer in Lieb' und Gnade. Vertrauet dem und betet und es kommt Troſt in die Seele. Der hat Wege allerwegen und an Mitteln fehls ihm nicht. Er wird auch Euch wieder Ruhe und Frieden geben. Glaubt und hoffet nur!“ Der ehrliche Schmied drückte des Nachbars Hand ſo kräftig, daß Dobel hätte die ſeine zurückziehen mögen. „Wenn ich Euch nicht hätte,“ ſagte der Schmied und zerdrückte eine Thräne,„ſo wüßt' ich bei meiner Getreu! nicht, wo ich als einmal Troſt holen ſollte.“ „Der drückt Einem aber die Hand,“ ſagte Dobel, als der Schmied fortgegangen war,„daß man meint, man höre die lieben Engelein muſiciren. Meint wohl, es wär' Alles Eiſen, was er in die Finger kriegt! übrigens dauert er mich von Herzen. Unter der rauhen Rinde ſteckt ein weiches Menſchenherz. Man ſollt's ihm nicht zutrauen!“ Es war aber auch mit ſeinem Gerhard ſchlimm genug. Er kam damals, als er von den Kameraden ſchied, ohne irgend einen unglücklichen Vorfall in das Land der Eiſenarbeit am Unter⸗ rhein und konnte, da er ein tüchtiger Schmied war, ſogleich in Arbeit treten, die ihm einen guten Lohn abwarf. Leider kam er in eine Geſellſchaft, die für ihn nicht die beſte war. Er kam halt wieder ans Trinken und durch das Trinken in die Gemeinſchaft der Schwindelköpfe, die ſich aller Hebel bedienten, ſeine klare, praktiſche Natur in ihr Treiben hinein zu ziehen. * Das gelang ihnen um ſo ſicherer, je ſchlauer ſie es anfingen, und je vorſichtiger ſie bei ihm zu Werke gingen. Schritt vor Schritt wurde er von anſcheinend ruhigen und beſonnenen Leuten bearbeitet, und ſiehe da, der ehrliche, argloſe Gerhard ſah am Ende nur mit ihren Augen die Dinge und Zuſtände an. Seine kräftige Natur warf ſich dann auch mit Entſchiedenheit auf das, was ihm das Rechte zu ſein ſchien und— er war ihre Beute. Es war einige Tage nach der Niederlage von Iſerlohn, daß die Reſte der zerſprengten Haufen ihre Sache verloren gebend, ſich völlig auflöſten, und nun einzeln ihre Rettung verſuchten. Wenn man mit der Eiſenbahn von Düſſeldorf in die Gegend von Duisburg kommt, ſo ſieht man in der weiten Ebene einzelne kleine Gehöfte zerſtreut liegen. Es iſt ein Haus, eine Scheune, Stallung und Schoppen, ein Brunnen, ein paar Bäume und ein kleiner Garten. Drum herum liegt das Ackerland. An ſolch ein einzeln ſtehendes Gehöfte klopfte es in einer dunkeln Nacht, etwa um Mitternacht, am Fenſter. Es war eine Reihe von Tagen nach jenen Ereigniſſen, welche die Truppen mit leichter Mühe zu Meiſtern und Unterdrückern des Aufſtandes und wilden Treibens gemacht hatten. Der Bewohner des Hauſes, ein braver gottesfürchtiger Mann, öffnete das Fenſter und konnte in dem Dunkel der Nacht eine Geſtalt kaum unterſcheiden. „Was gibt's?“ fragte er. „Ach, erbarmt Euch eines Unglücklichen,“ ſprach eine Stimme, der man es anhörte, daß der Froſt den Redenden ſchüttelte, der in drei Tagen unter keinem Obdache war und keinen Mund voll gegeſſen hat.„Ich verhungere. Ich kann nicht weiter!“ „Biſt du Einer von denen,“ fragte der Mann,„die ſich gegen den König empörten, ſo hab' ich kein Brod für dich!“ „Ach,“ ſtöhnte der Unglückliche, wohl bin ich ein Irrgeleiteter!“ „So reden die Schurken alle, wenn ihnen der Strick an der Kehle ſitzt,“ ſagte der Bauer. „Macht einen Unterſchied,“ flehte der Menſch,„zwiſchen dem, 73— der unerfahren ſich verführen ließ und mit bitterer Reue auf ſein Thun zurückblickt und dem gottvergeſſenen Verführer!“ „Ich kenne das Liedlein!“ ſprach kalt der Bauer. „Um Gotteswillen verſtoßt mich nicht,“ flehte der draußen, „ich bin braver Eltern Kind!“ „Auch der beſte Vater kann einen Schurken zum Sohne haben!“ war die Antwort. „Erbarmet Euch, ich bin doch ein Menſch! Soll ich Hungers ſterben vor Eurer Thüre? Nur ein Stücklein Brod gebt mir und ein wenig Stroh, wo ich bis morgen ruhen kann! Seid menſchlich! Seid ein Chriſt!“ Ehe der Bauer antworten konnte, öffnete ſich über ihm ein Fenſter und eine Mädchenſtimme ſprach:„Vater, um Gotteswillen, ſeid nicht hart und unbarmherzig gegen den Mann! Wiſſet Ihr nicht, daß der Herr ſagt:„Ich bin hungrig geweſen und du haſt mich nicht geſpeiſt?“— Stoßt den Mann nicht weg!“ „Du haſt Recht Marie,“ ſagte der Vater, dem von innen auch eine Stimme halblaut zurief, barmherzig zu ſein. Er ſchloß das Fenſter und kleidete ſich an. Dann machte er Licht und kam zur Thür. Ehe das aber geſchah, rief der Unglückliche hinauf zu dem Mädchen:„Lohne dir's Gott, du milder Engel, was du an mir gethan!“ Der Bauer öffnete erſt die obere Hälfte der Thüre, leuchtete vorſichtig hinaus, um ſich zu überzeugen, ob nicht Argliſt hinter dem flehenden Worte ſtecke; als er aber das bleiche Geſicht ſah und die tiefliegenden Augen und die hohlen Wangen, da überlief es ihn kalt. Er öffnete, und zitternd vor Froſt wankte eine Geſtalt herein, die zu den ſonſthin kräftigſten mochte gehört haben. Er führte ihn in die Stube, den Fremdling, der dort halb ohnmächtig auf die Bank hinſank. Schon hörte man draußen das Mädchen Bald praſſelte das Feuer auf dem Herd und ehe eine geraume Zeit vergangen war, duftete der Geruch friſchen Kaffe's belebend in die Naſe des Armen. Jetzt ging die Thür auf und die edle Geſtalt eines Mädchens von etwa achtzehn Jahren trat herein mit dem großen, zinnernen Kaffetopf, an dem vornen das Krähnchen iſt, da heraus der braune Labetrank quillt. Sie ſtellte ihn mit dem Milchkännchen auf den Tiſch, holte dann Brod, geſalzene Butter und das ſogenannte Apfelkraut, und nun erſt richtete ſich der Fremde auf und mitleidig blickte das bildſchöne Mädchen in ein männlich ſchönes Jünglingsantlitz, das aber von Hunger und Elend entſtellt war. Sie goß dem Armen ein; ſie ſtrich ihm das Brod mit Butter und Apfelkraut darüber, wie es landesüblich iſt, und wie er das ſo gierig verſchlang, wurde ihr Auge feucht. Der Bauer ſaß da, rauchte ſeine Pfeife und blickte ſchweigend in das Licht, als ob ihn das, was ſich an ſeinem Tiſche zutrug, gar nichts angehe. Immer neu goß das Mädchen ein und ſtrich Butterbrode, und mit unverſiegbarem Hunger verſchlang ſie der Arme. Auch das Mädchen ſagte nichts, bis der Geſpeiſete dankte, ſeine Hände faltete und ſtill ein Dankgebet ſprach. Jetzt ſagte ſie, mild und freundlich ihm in die Augen ſehend: „Iſt's Euch nun beſſer?“ „Ach,“ ſagte er,„ich war dem Hungertode nahe.„Selig ſind die Barmherzigen,“ ſpricht der Herr. Ihr habt dem Hungrigen Euer Brod gebrochen und den Verlaſſenen in Euer Haus genommen; Gott wolle es Euch lohnen jetzt und in Ewigkeit!“ Bei dieſen Worten ſah ihn der Bauer zum erſten Mal an, und die finſtere Miene ſchien milder und freundlicher zu werden. „Aber,“ fuhr der Fremde fort,„ich habe Eure Ruhe geſtört und ich bedarf ihrer auch. Seid ſo gut und ſagt mir, wo ich meine müden Glieder hinlegen ſoll?“ Marie eilte hinaus, lief die Treppe hinauf und trug bald einen Strohſack herbei, auf den ſich der arme Menſch niederſtreckte, während das ſchöne Mädchen ihm ſanfte Ruhe wünſchte und auch der Bauer ſich wieder legte. Es währte nicht lange, ſo legte ſich der erquickende Schlaf auf die müden Augen. Der Fremdling aber träumte einen ſchönen Traum. Ein Engel reichte ihm Erquickung nach ſchwerer Kriegs⸗ vrangſal, und der Engel glich der ſchönen Marie auf ein Haar, die ihn eben wachend erquickt— und dieſe Röschen. Als der Fremde erwachte, ſtand der Bauer mit verſchränkten Armen vor ihm und betrachtete ihn. Gerhard, denn dieſer war's, richtete ſich auf und ſah ihn fragend an. Bald aber erinnerte er ſich, wo er war, und grüßte den Bauern freundlich. „Ihr habt ſchwer geträumt,“ ſagte der Bauer;„denn Ihr habt faſt laut gejammert!“ „Ja wohl,“ ſagte Gerhard,„ich hab' meinen Vater und meine Mutter geſehen, und ſie haben mich nicht mehr als ihr Kind annehmen wollen, da hab' ich weinend gefleht.“— „Haben ſie euch vergeben?“ fragte er. „Ja, das haben ſie,“ erwiederte Gerhard,„als ſie meine Reue ſahen!“ „Fühlt Ihr die denn?“ fragte der Bauer. „O tief, tief!“ rief der Jüngling aus, und es traten ihm Thränen in die Augen,„die Hand Gottes hat mich ergriffen,“ ſagte er,„und mir die Augen geöffnet, daß ich erkannt habe, wie ſchwer die Sünde iſt, der ich mich theilhaftig gemacht.“ Aber er ſank zurück nach dieſen Worten auf das Lager und vermochte nicht weiter zu reden. „Wie iſt es Euch denn?“ fragte der Bauer. „Ach, mir iſt ſehr übel,“ ſagte Gerhard.„Mein Kopf ſchmerzt mich ſchrecklich und alle meine Glieder thun mir wehe!“ Der Bauer ging, ohne ein Wort weiter zu reden, hinaus. Bald darauf kam hinter dem Vorhange, welcher den hintern Theil der Stube verdeckte, eine Frau heraus, welche dem ſchönen Mädchen glich, welches Gerhard ſo liebevoll geſtern Abend geſpeiſt. Sie grüßte ihn und ſagte:„Ihr ſeid wohl krank? Seid ohne Sorgen! Er iſt wohl hart gegen die Aufſtändiſchen, denn er iſt gut königlich geſinnt, wie hier herum das ganze Volk; aber er iſt kein böſer Mann. Er wird Euch nicht verſtoßen, laßt uns nur ſorgen!“— Sie ging auch hinaus. 8. —— „Was wird das geben, Anneken?“ fragte der Bauer ſeine Frau. „Nun, was denn?“ fragte ſie.„Du wirſt doch kein Unchriſt ſein wollen und den Mann hinausſtoßen, daß er verderbe vor Hunger, oder daß ihn die Soldaten kriegen und ihn todtſchießen wie einen räudigen Hund?“ „Gott hat ihn in unſer Haus geführt!“ ſagte das Mädchen. „Wenn ſie ihn aber ſuchen?“ fragte der Bauer,„und wenn er uns krank wird?“ „Haſt du deine Bibel ganz vergeſſen?“ fragte die Frau. „Weißt du nicht, was der Herr vom barmherzigen Samariter ſagt?“ Damit ſchlug ihn die Frau. „Aber wo ſoll der Menſch denn ruhen?“ fragte er,„und wer ſoll ihn pflegen? Anneken, du bedenkſt's nicht!“ „Wir,“ ſagte die Frau feſt,„Marieken und ich, und ruhen ſoll er in Marieken's Kammer, und ſie legt ſich zum Chriſtinken. Kommen ſie dann auch, ſo finden ſie ihn nicht.“ „Wenn ſie aber fragen?“ „Ei, dann iſt noch Zeit genug!“ entgegnete die Frau.„Geh', Marieken,“ ſagte ſie,„und mache deine Kammer zurecht, ich ſorge für den Kaffe.“. Das ſchöne Mädchen flog wie ein Pfeil die Stiege hinauf, holte dann den Strohſack wieder, da Gerhard ſich aufgemacht und auf die Bank geſetzt hatte. Er konnte es aber nicht aushalten und lehnte den ſchmerzenden Kopf an die Wand. „Iſt's Euch ſo übel?“ fragte mit der wohllautenden Stimme und mit dem Tone der Theilnahme das Mädchen.„Geduldet Euch noch ein wenig! Ich richte Euch ein Bett zu und dann koche ich Euch einen Hollunderthee, der wird Euch Schweiß bringen und dann iſt's wieder gut!“. „O du milder Engel!“ ſagte Gerhard mit Wehmuth.„Dich hat mir Gott geſendet!“ Das Mädchen eilte hinaus mit dem Strohſack, und als das Bett gemacht war, kam der Bauer um Vieles freundlicher herein, faßte ihn unter dem Arm und geleitete ihn hinauf in die jungfräu⸗ liche Kammer. Gerhard aber war ſo matt, daß ihn der Bauer mußte auskleiden helfen. Als er in dem Bett lag, brachte das Mädchen Thee, und er trank ihn; aber er mehrte nur die Gluth, die ihn quälte, und bald ſank er in einen Zuſtand völliger Bewußtloſigkeit. Es war eine ſchwere Krankheit im Anzuge, das ſah man deutlich; aber die beiden Frauen, die von Mitleid erfüllt waren, ſiegten über alle Bedenken des Gatten und Vaters und— des getreuen Unterthans, dem es auf dem Gewiſſen brannte, daß er einen Democraten und Aufſtändiſchen hegen und pflegen ſollte. Gerhard's Krankheit wuchs von Stunde zu Stunde. Er begann irre zu reden. Man konnte es hören, wie er bereute, in die Gemeinſchaft derer getreten zu ſein, die im Unmſturz aller beſtehenden Ordnungen ein Heil zu finden— oder ſich zu bereichern und Ziele des Ehrgeizes zu erreichen ſuchten; denn er klagte ſich ſelbſt an; er flehte Vater und Mutter und Meiſter Dobel an, ihm zu verzeihen. Acht Tage lang lag er im verzehrenden Fieber, und der Bauer hatte nicht den Muth, einen Arzt zu rufen. Endlich am nennten Tage trat ein Schweiß ein und die Krankheit war gebrochen. Unermüdet hatte Marie ihn gepflegt. Mit ihrer Mutter und ihrem Vater abwechſelnd, hatten ſie gewacht an ſeinem Bett und oft innig gebetet, daß der Arzt in Iſrael ihn heile. Sie trug ſo inniges Leid um ihn, als wär' er ihr Bruder, und er hatte ſie doch nie mit einem klaren Blick angeſehen. Am Morgen des neunten Tags, als die Sonne mild durch die Fenſter ſchien, war es, als erwache er aus einem tiefen ſchweren Traume. Sie ſaß traurig an ſeinem Lager und betrachtete das ſchöne Geſicht Gerhard's, als er plötzlich ſich und ſie groß anſah. „Röschen, biſt du's?“ fragte er. „So heiß ich nicht,“ entgegnete das Mädchen mit mildem Ton und liebreichem Lächeln;„aber ich will Euch doch wie eine Schweſter pflegen!“ „Ach, du gleichſt ihr,“ ſagte er,„das ſeh' ich jetzt, und wußt' doch nicht an jenem erſten Abend, warum du mir ſo bekannt ſeieſt.“ „Wißt Ihr denn, wo Ihr ſeid?“ fragte ſie freudig. „O, wohl weiß ich's jetzt,“ ſagte er;„ach, Gott lohn' dir's, du milde Seele, die du mir das arme Leben erhalten haſt. Ich höre ja noch, wie du den Vater für mich bateſt!“ Da jubelte das Mädchen, weil ſie ſah, daß er zum Bewußtſein erwacht war. Es war in ſeiner Krankheit eine Wendung eingetreten, und er betrat den Weg der Geneſung. Seine jugendliche Kraft hatte ſie überwunden; aber es ging nur langſam zum Beſſern vorwärts. Auch der Bauer freute ſich der Wiedergeneſung des Zünglings, um den Mutter und Tochter in Sorgfalt thätig waren. Letztere beſonders und mit einer Theilnahme, die ein tieferes Gefühl ankündigte. Als er zum erſten Mal außer dem Bett ſein konnte, erzählte er ihnen den Hergang deſſen, was ihn zu ihnen geführt. Daraus ergaben ſich die ruchloſen Pläne der Aufwiegler, welche der ehrliche Gerhard erſt durchſchaute, als der volle Sturm ihn umbrauſte und er mit hineingeriſſen war in den Strudel, der ihn faſt verſchlang. Dies ehrliche Bekenntniß und die Erzählung ſeiner entſetzlichen Leiden, als er durch Wald und Feld, über Stock und Stein entfloh und todtmüde, am Hungertode, hier ankam, erwarb ihm des Bauers Zuneigung. Die offene Ehrlichkeit, womit er über ſeine Familie ſprach, befeſtigte ſie noch mehr. Fortan wurde er als ein Glied des Hauſes behandelt, aber immer noch heimlich gehalten, weil Marieken befürchtete, er werde Gefahr laufen, eingezogen zu werden. Niemand ahnte aber ſeine Anweſenheit. Eben dies Geheimniß, das ihn hier umgab, war ſo recht geeignet, die Herzen Gerhard's und Marieken's immer enger zu verbinden. Die Eltern merkten's wohl, aber ſie ſ6ien kein —— Hinderniß in den Weg zu legen, und Marieken und erhard waren in ihrer Liebe unausſprechlich glücklich⸗ Röschen's Ahnlichkeit mit Marieken, die unverkennbar war, die große Dankbarkeit, welche er dem liebenswürdigen Mädchen ſchuldete, waren die Brücke für ſeine Liebe, die täglich inniger wurde. Erſt als er wieder ganz geneſen war, ſchrieb er an ſeine Eltern. Auch hier verleugnete er die biedere Ehrlichkeit ſeiner Geſinnung nicht. Er wob keine Mänteleien um ſein ſtrafbar Thun; er legte den Gang ſeiner Geſchicke klar den Eltern dar, aber auch den ſeiner Enttäuſchung, der Heilung von ſeinem Schwindel, ſeiner Reue und Rettung in dem Hauſe, wo er lebe, und wo ihm eine ſeltene Liebe bewieſen werde. Er ſprach die flehende Bitte aus, daß ſein Vater ſelber komme, um ihn abzuholen. Lichtenauer zitterte, als er den Brief erbrach, und erſt, als er ihn geleſen, rief er voll Freude die kummergebeugte Mutter und las ihr ihn vor; dann war ſein Erſtes, hinüber zum Nachbar Dobel zu laufen. „Endlich iſt ein Brief da!“ rief er ihm zu, und die Seligkeit leuchtete aus den Vateraugen. „Und wie ſteht's?“ fragte haſtig Dobel, zu dem Mutter Annſiwelchen und Röschen herzugelaufen kamen. „Leſt's ſelbſt,“ ſagte Lichtenauer, und ſetzte ſich.„Er iſt auch toll geweſen, wie denn der Tollwurm dem ganzen Volk überall im Kopfe ſaß, und die alten Spitzbuben hatten das Ei hineingelegt und gut ausgebrütet. O, daß es keine Galgen mehr gibt! Aber ſie haben wohlweislich überall die Todesſtrafe abgeſchafft, damit ſie nicht am Halſe gekitzelt werden. Sie merkten wohl, wem das hänfene Halsband und die Erhöhung am Dreibeine gebühre! Leſet's nur!“ Da las denn Dobel den langen Brief vor, den Alle mit großer Aufmerkſamkeit und Theilnahme anhörten. Nur Röschen lächelte manchmal, wenn Gerhard von Marieken ſprach und ſagte, ſie gliche ihr auswendig und inwendig, wie ein Tropfen Waſſers dem anderen, und wenn die Liebe zu dem wackern Mädchen aus überzeugt. All' die Heimlichthuerei zeigt's. Dem hätt's nichts jedem Worte herauswehte. Die Alten ſchienen das nicht zu ahnen; aber ſie verſtand's von ferne und war froh des Glückes Gerhard's, wenn auch manchmal ein leiſer Seufzer ſich hervorarbeitete aus dem Herzen, das ihm ja auch gut war. Als Dobel den Brief geleſen, ſagte er:„Es iſt die alte, derbe, ehrliche Haut, der man nicht bös werden kann. Er bekennt reuig ſeine Schuld und ihm muß vergeben werden.“ „Was denkt Ihr zu thun, Nachbar?“ fragte er Lichtenauer. Der Schmied kratzte ſich und ſagte:„Was wird anders übrig bleiben? Meine Alte daheim packt ſchon an dem Bündel und meint, der Sparpfennig müſſe Flügel kriegen!— Was meint Ihr?“— „Da iſt nichts zu meinen,“ ſagte Dobel.„Eure gute Frau hat ſchon ausgemeint und dazu ſtimm' ich auch. Laßt auch den Sparpfennig drauf gehen. Ihr habt Euer Kind wieder. Dafür vergeſſet nicht, Gott zu danken. Wenn Ihr ihm auch Geld ſchickt und ſchreibt, das iſt Alles nur halbe Arbeit. Mag Euer Ambos und Blasbalg einmal drei Wochen ruhen, Ihr werdet dadurch nicht ärmer. Euer Hauptreichthum iſt geſichert, Euer Kind!“ „Gott lohn's, getreuer Nachbar!“ rief fröhlich der alte Schmied.„Ihr habt das Punktum geſetzt. Nun geh' ich morgen von dannen!“ Er drückte wieder die Hand des alten Dobel, der aber „Langſam!“ rief, und dadurch einer Gefahr entging, die er zeitig abgewendet. Als der Schmied fort war, ſagte Dobel:„Gottlob, daß das Leid von dem ehrlichen Herzen weg iſt. Ich glaube, wenn's nicht bald klar geworden wäre, der Schmied hätte ſich vertrauert. Ich denke, Gerhard ſoll ungerupft davon kommen. Aber in dem braven Burſchen ſteckt doch ehrliche Reue, und ich wette, er wird ein tüchtiger Bürger; aber der Joſeph iſt noch heimlich verbiſſen, wie ein Metzgerhund in den Knochen. Der Heuchelei bin ich todtfeind. Es iſt die größte Niederträchtigkeit. Und er heuchelt, davon bin ich geſchadet, wenn er ein Bischen wäre gehänſelt worden. Gott ehr' mir den Gabriel! der athmete in dem Hamburg doch auch ſein Theil Democratenluft, aber ſie hat ihn nicht können kopfüber ſtürzen in den tollen Strudel der Zeit!“ „Was mir an den Jungen aber dennoch gefällt, iſt das, daß ſie ihr Wort ſo ritterlich halten und keiner vor Advent ſeine Vaterſtadt betreten will. Was ſie nur dabei haben?“— „Der Rechtling hat ſeinen Gabriel darüber gefragt, aber der thut, als ſtünde die Frage gar nicht in dem Briefe. Der Joſeph will vor Advent nicht her und iſt Soldat geworden, ohne ſeine Vaterſtadt betreten zu haben, und Gerhard könnte her, und bittet ſeinen Vater, zu ihm zu kommen!“— „Höre,“ ſagte die Dobelin,„das kann auch einen anderen Haken haben!“ „Welchen?“ fragte der Alte raſch. „Nimm's nicht übel, lieber Mann,“ ſagte⸗ſie,„wenn ich dir antworte, wie du mir einmal geantwortet haſt: Wart's ab, ſagt der Jekuf!“ Und mit dieſen Worten ging ſie lachend hinaus. Mit dem Lachen war's ihr aber doch nicht da recht Ernſt; denn ſie ſah Eine ihrer Hoffnungen nach der anderen hinſiechen und bleichen. VI. Der alte Lichtenauer trat ſeine Reiſe zu ſeinem Gerhard frohen Herzens an. Mit einem Dampfbvote war er noch nicht gefahren, noch nicht mit einer Eiſenbahn. Die fabelhafte Geſchwin⸗ digkeit machte ihn ſtaunen. Den ganzen Tag der Reiſe ſtand er an der Maſchine und beobachtete ihre Arbeit und ihren Gang, und durch das Betrachten der Locomotive auf dem Bahnhof in Düſſeldorf wär' er beinahe um die Mitfahrt gekommen. Es war gegen Abend, als er ſich dem Gehöfte näherte, wo Gerhard weilte. Langſam hatte er den Weg von der Station bis zum Ziele ſeiner Reiſe gemacht, weil ihm das, was er hier ſah, durchaus neu war. Die Ebene zog den Sohn der ſteilen Berge nicht an. Das Entferntſein des Fluſſes, den er ſo lieb hatte, war ihm unangenehm; aber gar noch die Seltenheit der Dörfer; dieſe zerſtreuten Höfe, das Alles kam ihm ſo ſeltſam vor, ohne daß er doch ſagen konnte, es mißfiele ihm gänzlich. So trat er denn endlich an den eingefriedigten Garten. Es arbeitete eine jugendliche Geſtalt darin eifrig, die ihm jedoch den Rücken kehrte. Sollte das Marieken ſein, von dem Gerhard ſo viel Liebes geſchrieben?— Eine ſchöne, ebenmäßige, kräftige Geſtalt war's, mit runden, vollen und weißen Armen. Sie war einfach gekleidet, aber der Schmuck der Reinlichkeit leuchtete dem Alten, der in dem Punkte kitzlicher Natur war, obgleich ſein Handwerk dieſer ſchönen Tugend grade keinen ſonderlichen Vortheil leiſtete, ſchnell in die Augen. „Guten Abend!“ ſprach er endlich.„So fleißig, Marieken?“ Das Mädchen richtete ſich ſchnell auf und blickte den fremden Mann an, der betroffen vor ihr ſtand. „Meiner Getreu,“ ſagte er endlich,„man ſollte meinen, du wärſt Röschen's Schweſter, ſo gleichſt du ihr!“ Jetzt hatte auch das Mädchen in dem Mann in fremder Kleidung und mit ſo fremder Ausſprache die Uhnlichkeit mit Gerhard erkannt, und der Name„Röschen“ vollendete ihre überzeugung, Gerhard's Vater ſtehe vor ihr. Sie erröthete und ſagte:„Ach, Ihr ſeid gewiß Gerhard's Vater? Seid mir herzlich willkommen!“ Sie reinigte ſchnell ihre Hand von der ſchwarzen Erde und reichte ſie ihm dar, die er herzlich, doch minder hart, drückte.„Da haſt du recht gerathen, mein holdſelig Kind!“ ſagte nicht ohne eine tiefere Bewegung ſeines Herzens der Schmied. Ehe er jedoch oder Marie noch ein weiteres Wort reden konnte, ſchrie Gerhard, der ans Fenſter ſeines Kämmerleins getreten war und den Vater erblick hatte, aus Herzensgrund jubelnd: Mein Vater! Und wenige Augenblicke ſpäter ſchloſſen ſie ſich Bruſt an Briſt, lange, lange und ſtumm. nr. 6 Marie träufelten die hellen Thränen aus den ſchönen, tief⸗ blauen Augen. Auch der alte Mann und Gerhard hatten Thränen in den Augen, und die erſte Frage war:„Was macht meine liebe Mutter?“ „Gottlob, ſie iſt geſund!“ ſagte der Schmied,„und grüßt viel tauſendmal. Aber dein Brief hätte nicht viel länger ausbleiben dürfen, ſonſt hätt' ich ſo nicht ſagen können!“ „Seht hier,“ ſprach jetzt Gerhard zum Vater, und führte ihn zu Marieken. die indeß aus dem Garten getreten war,„die Hand, die Euch den Sohn erhalten und gerettet hat!“ Der Alte blickte mit tiefer Rührung in das ſchöne Antlitz. Erglühend ſchlug ſie das Auge nieder. „Komm' Kind,“ ſagte der Schmied,„ich muß dich ſegnen!“ Und er zog ſie zu ſich und küßte ſie auf die Stirne. „Der,“ ſagte er,„Der allein vergelten kann, was die wahre Liebe that, möge dir's vergelten in reichem, nie aufhörendem Segen!“ Marieken war's, als müſſe ſie niederknieen vor dem Manne, der den Segen, ſo tief bewegt, mit bebender Stimme ſprach. Von der Salvatorskirche von Duisburg hörte man das Geläute, welches der Wind herübertrug über das ebene Land. „Es iſt Abend, Vater,“ ſprach Gerhard, und zog ihn ins Haus. Auch die Eltern Marieken's und ihre kleine Schweſter kamen vom Felde heim, und die Alten begrüßten ſich herzlich und Lichtenauer's Dank nahm kein Ende. Als ſie nach dem Mahle bei einander ſaßen, der Schmied aber Gerhard zur Linken und Marieken zur Rechten ſitzen hatte, und Beider Hände in den Seinen hielt, da mußte er dem Sohn erzählen von der Mutter, von den Nachbarn, von den Kameraden. Als er von Joſeph ſprach, ſchlug Gerhard ſeine Augen nieder. „Wir ſind gleicher Schuld theilhaftig und Gabriel iſt immer echter, tüchtiger und beſſer geweſen, als wir Zweie,“ ſagte Gerhard. 4 „Aber Dobel meint,“ fiel ihm der Schmied in die Rede,„e8 ſei zwiſchen dir und Joſeph der großmächtige Unterſchied, daß d eingeſehen deinen Irrthum und Unrecht und vernünftig geworde ſeieſt, während Joſeph, ungeheilt, nur eine Geſinnung heuchele, v er nicht im Herzen trage!“ 2 „Gottlob,“ rief Gerhard,„ſo iſt doch der Ehrenmann mir wieder gut?“ „Gewiß,“ ſagte der Schmied.„Dir iſt vergeben.“ „War denn der Joſeph daheim?“ fragte Gerhard. „Nein,“ ſagte ſein Vater.„Aus Euch Buben kommt man nicht heraus. Er wollte vor dem erſten Advent nicht heim und nahm darum Arbeit in der Kreisſtadt, und ging von da zu den Soldaten und Vater und Mutter beſuchten ihn dort.“ Gerhard wurde roth.„Laßt's gut ſein, Vater, ich kann und darf heimkommen, und es wird Euch Alles noch klar werden; aber nehmet dem Meiſter Dobel die ſchlechte Meinung von Joſeph, und ich ſelber will ſie ihm nehmen. Daß er ſein ehrlich Wort hielt unter ſolchen Umſtänden, das zeigt mir, daß et der Alte noch iſt, und daß das, was ihn zurückhielt, nicht bloß Scham— die mag's auch ſein!— ſondern die ehrliche Treue war, die er ſeinen Kame⸗ raden hielt.“ „Aber ſag' mir nur das Eine, warum wollt Ihr nicht vor dem erſten Advent kommen?“ Gerhard ſah eine Weile unter ſich und rang mit ſich ſelbſt; dann ſagte er:„Wartet nur noch einige Tage und ich ſag's Euch gerne Am anderen Morgen führte der Bauer den Schmied auf ſeine Felder, die um das Haus lagen. Er zeigte ihm wohlgefällig ſein ſchönes Beſitzthum. Sie gingen mit Marieken hinab zum Rheine, wo in den fetten, umhägten Wieſen das ſcheckige Vieh weidete. Marieken trug die glänzenden Blechgefäße für die fette Milch. Und als ſie dort waren, ſtürmten die Kühe mit hochgeſchwung'nem Schweife herbei auf Marieken's Ruf, und ſie und die Mutter 1 entluden die Thiere ihrer ſchneeweißen Laſt, Eine nach der Anderen, ann kehrten ſie heim und Gerhard half die Milchgefäße tragen und ging traulich neben dem Mädchen, und ſie plauderten, ſcherzten lachten. —— 6* — Gerhard wußte es aber ſo einzurichten, daß er mit der lieblichen Marie zurückblieb und die Alten im Zwiegeſpräch und mit ihnen die Mutter, vorangingen, ſo daß bald der Abſtand zwiſchen ihnen groß war. Da blieb er ſtehen unter einem mächtigen Baume, der weithin ſeinen Schatten warf und ſetzte ſeine beiden Milchkannen nieder. „Biſt auch müde, Marieken,“ ſagte er.„Laß uns ein wenig im Schatten ausruhen.“ Das Mädchen ſetzte auch ſeine Bürde nieder. Sie ſtanden einander gegenüber und Gerhard ſagte:„Nun wird's bald aus ſein, Marieken! Geſtern Abend ſagte mir der Vater, daß ich ſchon übermorgen mit ihm heim ſoll zur harrenden Mutter.“ Da erbleichte die roſige Wange zu Schnee. Sie ſah zur Erde und ihre Hand zitterte. „Marieken,“ ſagte er,„es wird mir ſchwer zu gehen und mein Herz bleibt hier, bleibt bei dir. Dich vergeß' ich nimmermehr!“ Sie ſtand noch ſo da, aber ſie kämpfte mit ihrem Schmerz und ihr Buſen hob ſich und ſenkte ſich ſtürmiſch. Sie vermochte es nicht, ihre Thränen zurückzuhalten. Sie rieſelten langſam über die bleiche Wange herab. „Du weinſt?“ ſagte er.„Thut dir's leid, wenn ich gehe? Sag' Marieken?“ Da ſchlug ſie das Auge zu ihm auf, und darin lag ein Ausdruck von Leid und Liebe, wie ihn kein Wort ausdrücken konnte. Er ſelbſt fühlte, wie ſein Herz weich wurde. Er ergriff des Mädchens Hand. „Höre, mein Marieken,“ hob er ſtotternd an,„es iſt ein Mittel, deſſen Macht Alles ändern könnte.“ Jetzt blitzte es in ihrem Auge, wie erwachende Hoffnung. „Welches?“ flüſterte ſie. „Daß du mein liebes Weib würdeſt!“ ſtürmte es heraus, weil er's nicht mehr zurückhalten konnte.„O wie hab' ich dich lieb, du holdſeliges Mädchen, dem ich mein Leben verdanke. Ohne dich weiß ich nicht, ob ich leben möchte und könnte! Sag' Marieken, ſag' vb du es werden willſt, ob du mich lieb haſt?“— Auf Marien's Antlitz wechſelte Gluth und Bläſſe. Sie zitterte ———„—— — am ganzen Leib und mußte ſich an den⸗Baum lehnen. Aber ſie konnte kein Wort reden. „Du redeſt nichts?“ fragte er.„Hab' ich mich dann ſelber getäuſcht, da ich meinte, du ſeieſt mir gut?— Yſt's ein Anderer, den du im Herzen trägſt, dann will ich gehen und mein Leid heimtragen, wie ich's kann; aber mir wäre beſſer, ich wäre Hungers geſtorben vor Euerer Thüre! Sprich Marieken, ich bitte dich! Sag's ehrlich, haſt du mich lieb?“ Das Mädchen richtete ſich jetzt auf und ſah ihn in Thränen lächelnd an:„Weißt du's denn nicht ſchon lange?“ Da drückte er die theure Hand und rief:„Darf ich's denn glauben, Marieken?“ „Ja,“ ſagte ſie leiſe. „Und willſt mein liebes Weib werden und mit mir ziehen in das ſchöne Land der Berge?“ Sie nickte lächelnd; ihr Muth kehrte wieder. Da zog er ſie an ſich, und drückte den ſüßen Brautkuß auf die Lippen des erglühenden Mädchens. Gerade in dieſem Augenblicke blieben die Alten ſtehen und blickten zurück, wo die Beiden weilten. „Seht einmal dort!“ ſagte der Schmied,„die ſind einig, wie es ſcheint. Seid Ihr's denn zufrieden, Vater und Mutter Althaus, daß mein Gerhard das Mädchen heimführt? Ihr habt ihn kennen gelernt. Er iſt brav. Einmal iſt er auf tolle Wege gerathen, aber das iſt Vielen paſſirt, die's beſſer verſtehen konnten, als mein ehrlicher Gerhard. Er verſteht ſein Handwerk tüchtig und meine Habe iſt ſein und meine Kundſchaft. Arm ſind wir nicht und Noth wird Euer Kind nicht leiden.“ „Wir wiſſen's ſchon lange, daß ſie ſich lieb haben, und da Gerhard uns gefiel und ein Handwerk einen goldenen Boden hat, wenn's Einer treibt, der fleißig und gottesfürchtig iſt, ſo ſind wir's zufrieden.“ So ſprach der Bauer Althaus zum Schmied Lichtenauer und ſie drückten ſich die Hände und die Mutter ſtimmte auch herzlich bei. „ Es dauerte lange, bis die beiden Jungen zu den Alten kamen. „Hört einmal,“ ſagte Lichtenauer,„während Ihr dort, wie es uns ſchien, Eure Geſchichte fertig gemacht habt, haben wir Alten es hier auch fertig gemacht. Ihr ſollt ein Pärchen werden, und ich glaube, von Eurer Seite gibt's keinen Einwand, wenn der Pfarrer nächſten Sonntag Euch aufkündigt?“ „Wahrlich nicht!“ rief der glückliche Gerhard aus,„denn wir kommen, Euch um Euren Segen zu bitten!“— Der wurde ihnen unter Gottes blauem, freiem Himmel, und als glückliche Brautleute zogen ſie ein in das ſtille Haus und Chriſtinken machte große Augen, als es hörte, Marieken ſei Gerhard's Braut. Da wurde denn ein fröhlich Verlobungsfeſt gefeiert und der Schmied wünſchte nichts mehr, als daß nur die Mutter da ſei. In Folge dieſer Feier wurde dann verabredet, daß die Hochzeit noch vor Advent ſein ſollte; daß aber jetzt Gerhard mit in die Heimath gehen ſolle, daß ihn die Mutter wiederſehe. Da gab's freilich beim Abſchiede viele Thränen, aber zum Advent war's ja nur noch ſieben Wochen! Unbeſchreiblich groß war die Freude des treuen Mutterherzens, das endlich nach ſo ſchweren Sorgen den geliebten Sohn wieder ſah. Wie ein Lauffeuer ging's durch die Nachbarſchaft, Gerhard ſei da und Dobel war voller Erwartung, ihn wieder zu ſehen. Er drohte ihm aber doch git dem Zeigefinger, als er ihn kommen ſah. „Seid mir wieder gut, lieber Meiſter,“ ſagte Gerhärd.„Ich habe ſchwer gebüßt und ſchwer bereut! Ihr dürft überzeugt ſein, der König hat keinen getreuern Unterthan als mich.“„So ſoll dir's vergeben ſein,“ ſagte der Alte und grüßte ihn e„Du biſt ſtämmig und mannhaft geworden,“ ſagte er. „Wartet nur bis Gabriel kommt,“ fagte Gerhard,&n dem ſollt Ihr erſt Eure Freude haben.“ In dem Augenblicke trat Röschen herein und erröthete, als ſie die Hand in die des ſchönen, jungen Mannes legte. Nachdem er ſie herzlich gegrüßt, ſagte er,„eben habe ich von Gabriel geſagt, daß dein Vater ſtaunen werde, wenn er ihn wieder ſähe. Das iſt — der ſchönſte Junge, den ich je geſehen. Das Weiche und Mädchen⸗ hafte iſt ganz weg, und iſt dem Männlichen gewichen. Ja, meiner Getreu! wenn ich ein Mädchen wäre, ich hätt' mich in ihn ſchnur⸗ ſtracks verliebt.“ „Aber ſage mir, wie kommt's, daß Ihr erſt Alle auf den erſten Advent zurückkommen wolltet? Du biſt allein untreu geworden?“ „Da habt Ihr Recht, Meiſter,“ verſetzte Gerhard.„Ich würde es Euch wohl ſagen, aber ich darf doch nicht aus der Schule ſchwatzen. Meinem Vater hab' ich's geſagt; aber er hat mir unter herzlichem Lachen gelobt, es nicht auszuplaudern. Gabriel wird's Euch ſchon ſagen.“ Unter dem trat der alte Lichtenauer fröhlichen Geſichts ein. „Hat er es Euch ſchon geſagt, Meiſter und viellieber Nachbar?“ fragte der Schmied. „Was denn?“ fragte Dobel zurück. .„Daß er da unten am Rhein ein zweites Röschen gefunden 1 hat und daß es richtig iſt?“ „Glück zu!“ ſagte, Gerhard's Hand drückend, der Alte.„Aber hr ſagt: Ein zweites Röschen? Wie verſteh' ich das, Nachbar?“ Wie's geſagt iſt!“ rief Lichtenauer aus.„Jetzt, wo ich wieder vor dem erſten Röschen ſtehe, fällt mir's noch mehr auf. Ja, 3 Röschen, Gerhard's Braut gleicht dir, wie ein Waſſertropfen dem Anderen und ich glaub', das hat auch die Geſchichte noch ſchneller . zu Stand und Weſen gebracht.“ Röschen erröthete wieder. Ach, die liebe, gute Seele,“ ſagte Röschen,„die hat ſich deine Liebe recht erworben. Halt ſie lieb und werth, Gerhard, und wenn du ihr ſchreibſt, ſo grüß' ſie von mir, und ſag' ihr, ich hätt' ſie ſchon von Herzen lieb und wir wollten recht getreue Nachbar⸗ ſchaft halten, wenn ſie käme.“ „Da es ſich aber nicht paßt,“ flüſterte er ihr ins Ohr,„daß „Er muß es erzählen,“ ſagte ſein Vater,„wie das Alles ſich begeben hat.“ Sie ſetzten ſich und Gerhard erzählte ſeine Geſchichte Wort 3 vor Wort, und ſie hingen Alle an ſeinem Munde. — 65 ein Mädchen und eine junge Frau miteinander gehen, ſo folgſt du bald nach, daß es ſich ausgleicht!“— „Du biſt recht unartig geworden!“ ſagte ſie verweiſend und wollte böſe ſcheinen, aber es ging nicht. „Thue dir doch keine Mühe mit dem Bösſtellen an,“ ſagte er lachend,„es geht doch nicht, und ich weiß mehr wie Andere!“— „Hör' mal,“ ſagte ſein Vater,„ein Bräutigam darf mit einem ſchönen Mädchen nicht flüſtern!“ „Ich darf ſchon!“ ſagte lachend Gerhard, und Röschen ging ſchnell hinaus. Sieben Wochen weilte Gerhard, dann reiſte er mit ſeinem Vater wieder an den Unterrhein, und die fröhliche Hochzeit fand Statt. Viele Verwandte und Freunde von Vater Althaus waren zugegen, und Alle im fröhlichen Geſpräch, als es anklopfte ung ein ſchlanker Soldat hereintrat, den Niemand kannte. Plötzlich ſprang der Bräutigam auf und fiel ihm um den Hals.„Joſeph!“ rief er,„Gott grüß' dich! Wo kommſt du Alle ſtaunten. „Es iſt mein treueſter Kamerad und Nachbarſohn, der Spie genoſſe meiner Jugend,“ ſagte der glückliche und zog zu ſeinem jungen Weibe. „Siehſt du ſie?“ ſagte er zu Joſeph. „Röschen mit Leib und Seele!“ rief Joſeph und drückte v dargebotene Hand der Neuvermählten. „Da bleibt nichts übrig,“ ſagte ſie lächelnd, 9 oder Gabriel ſich noch ein Röschen ſucht, damit doch kein Hader entſteht.“ „Aha!“ lachte Joſeph,„du haſt ausgeplaudert! Nun, es wär! kein Wunder, wenn's Hader gäbe! Das echte Röschen iſt für mich verloren,“ ſagte Joſeph,„das blüht für Gabriel. Ich denke, ich hol' mir Eins vom Oberrheine, wenn ich einmal den rothen Kragen vom Leibe habe!“* „Haſt du dort Eins gefunden?“ fragte Gerhard. „Ich bin keine Plaudertaſche, wie du!“ ſagte lachend der luſtige Soldat.„Hinge ich dir's auf die Naſe, ſo wüßte es gleich die halbe Welt. Aber ſage, iſt mir Dobel noch nicht wieder gut?“ 5 „Nein,“ ſagte Gerhard.„Er hat dich noch auf dem Strich; aber ich denke, du biſt auch vollkommen geheilt!“ „Ach, Gerhard, aus dem Fundamente!“ ſagte Joſeph.„Wahr⸗ lich, ich habe erſt jetzt geſehen und erkannt, wie heillos wir gemißbraucht worden ſind. Wollte Gott, ich hätte früher nach⸗ gedacht, Vieles, was mir begegnete, viel Kummer und Gram meiner guten Eltern wären erſpart worden.“ „Und Röschen?“ fragte Gerhard. „Nein,“ ſagte Joſeph,„auch dann nicht. Es waren bei mir nur Träume und Schäume der Jugend. Ihren hohen Werth nehm' ich ihr nicht; aber ich lernte eine Andere kennen und lieben, die ihn eben ſo hoch hat, als ſie. Wenn ich's ſo recht bedenke, ſo war's doch Gabriel, den ſie am liebſten hatte, meinſt du nicht?“— „Gewiß, gewiß!“ rief Gerhard. „Und der ſie doch heimgeführt hätte?“ Freilich!“ „O, an die hab' ich viel tauſendmal gedacht,“ ſagte Joſeph.„Die weiß aber doch auch, wie wunderlich die Vorſtellungen der Jugend ſind.“ „Gerhard,“ ſagte Marieken,„du ſtörſt durch euer geheimniß⸗ volles Geſpräch die Freude unſerer Gäſte!“ „Ach, es iſt wahr!“ ſagte er. Dem Joſeph ſtand aber noch eine Freude bevor, das Wieetſehen des alten Lichtenauer's, der hinausgegangen war, und jetzt erſt eintrat. Auch er erkannte ihn nicht auf den erſten Blick. Deſto größer war aber ſeine Freude, ihn hier zu finden. Als nach vierzehn Tagen das junge Paar mit dem Vater heimreifte, beſuchten ſie ihn in Düſſeldorf und nahmen die herz⸗ lichſten Grüße in die Heimath mit. Wie war Gerhard's Mutter ſo glücklich mit der lieblichen Tochter! Und wie trefflich ſchickte ſich die junge Frau in die verſchiedenen Formen des oberländiſchen Lebens. Wie wohl that ihr die Wärme und Innigkeit, womit man ſie aufnahm und ihr begegnete! Und ſie mußte es ſelber ſagen, eine große Uhnlichkeit beſtand zwiſchen ihr und Dobel's Röschen, und die innere Ahnlich keit begrün⸗ dete einen Freundſchaftsbund zwiſchen Beiden, wie zwiſchen Schweſtern. VII. Am 1. December war's, und am anderen Tage war der erſte Advent, da ſtand Röschen, obwohl es recht kalt war, an ihrem Kammerfenſter und hauchte ſich ein Plätzchen leer an der eisbedeckten Fenſterſcheibe, damit ſie auf Rechtling's Hausthüre ſehen konnte; denn als ſie heute Morgen die Fenſter aufmachte, nickte ihr Mutter Rechtling ſo bedeutſam zu, als wollte ſie ſagen: Er iſt da! Ob ſie gleich vor Froſt zitterte, ſo ging ſie doch nicht von der Stelle. Sie wollte ihn ſehen, ſie mußte ihn ſehen. Da! Ein Sprung— und er war im Haus und ſie hatte ihn doch nicht geſehen, denn die Stelle war wieder angelaufen. Ach, ſie zitterte ordentlich, wenn nun die Mutter rufen würde. Jetzt hörte ſie drüben laut ſprechen, hirie fröhliche Stnmen. „Röschen!“ rief die Mutter. Sie erſchrak auf den Tod. Als ſie keine Antwort gab, kam ſie und öffnete die Thüre. „Wo ſteckſt du denn?“ ſagte die Mutter, und ihr Geſicht leuchtete vor Freude.„Komm' doch herüber und ſieh', wer da iſt!“ Nun war's nicht anders. Die Mutter war ſchon wieder weg. Noch einmal warf ſie einen flüchtigen Blick in den Spiegel, ſtrich ihr Haar glatt, beſah i von allen Seiten und dann trat ſie zögernd aus ihrem Stübchen und öffnete die Thüre. Da ſtand Gabriel vor ihr und Gerhard hatte nicht gelogen. Wie war er männlich, ſtattlich und ſchöner geworden! Aber ſie wagte es kaum, ihn anzuſehen; denn er faßte ihre Hand gerade wieder ſo wie damals, am letzten Morgen ſeines Hierſeins. Wenn er ſich vergäße und wieder einen Kuß darauf drückte, wie damals? Sie erbebte bei dem bloßen Gedanken und zog ſchnell ihre kleine Hand aus der ſeinigen. Eerſt nach und nach, als ſie ſeiner geihete Erzählung lauſchte, gewann ſie Muth, ihn wieder anzuſehen; und je länger ſie — 5 ihn anſah, je ſchöner und liebenswürdiger er ihr vorkam. Ihr Vater war ganz glücklich mit Gabriel. Er erzählte ihm ſo viel von den Städten, die er geſehen; vom Meer, an dem er geweſen; erzählte ſo ſchön, daß man ihm zuhören mußte von ganzer Seele. Während er bei ihnen ſaß, trat Gerhard mit ſeiner ſchönen jungen Frau herein. „Siehſt du,“ ſagte er,„das iſt der Gabriel, von dem ich dir ſagte, und das iſt mein Marieken, von der ich dir noch nichts habe ſagen können!“ Und die treuen Kameraden fielen ſich um den Hals wie Brüder, und die junge Frau ſagte zu Röschen:„Sie haben ſich ſo lieb, wie wir Zweie uns haben! Aber Gerhard hat Recht, er iſt ein prächtiger Junge! Gelt?“— Röschen wurde roth und die junge Frau blinzelte ihr zu mit den ſchelmiſchen Augen, und das Mädchen wurde noch verlegener. „Du biſt der Einzige, der ſein Wort hielt,“ ſagte Gerhard, der ſeine Luſt daran hatte, Gabriel verlegen zu machen. „Joſeph hat es ja auch gehalten!“ ſagte Gabriel. „Ei, der hätte ſo gut kommen können, wie ich.“ Da erglühte Gabriel, und ſuchte ein anderes Geſpräch auf die Bahn zu bringen. Er bracht's aber nicht fertig, denn Gerhard war ausgelaſſen in ſeiner Freude. „Nun Gabriel,“ ſagte er,„beſieh mir aber einmal die Zweie da! Seh'n ſie ſich nicht gleich, wie zwei Schweſtern? Doch“— fuhr er fort,„was frag' ich denn? der bleibt doch auf ſeinen neun Augen ſteh'n und ſagt: Röschen iſt doch ſchöner! Und das darf ich doch nicht zugeben, ſonſt Adje Hausfrieden!“ „O du abſcheulicher Mann!“ zankte lachend die junge Frau. „Quälſt doch die lieben Leute immer gern.“ So ging's noch lange fort, und Dobel, der ſonſt ernſt war, mußte dennoch lachen über den ausgelaſſenen Schmied. Acht Tage ſpäter ſah's in Dobel's Stube anders aus. Am warmen Ofen ſaßen Gabriel und Röschen und ſahen einander in die Augen, als ſähen ſie da Wunderdinge, und Röschen ſagte:„Was iſt denn das nur mit dem erſten Advent?“— 5 „Ich will dir's jetzt ſagen, ſüßes Bräutchen,“ ſagte Gabriel, und erzählte ihr die Geſchichte treu und wahrhaftig. „Siehſt du,“ ſagte ſie, ſich an ſeine Schulter lehnend,„die zwei Anderen wußten's recht gut, wen ich meinte, und wer mich recht lieb hätte!“ Und ſie legte ihren Arm um ſeinen Hals und barg ihr Geſicht an ſeiner Bruſt. „Das wußte ich auch,“ erwiederte Gabriel,„aber nicht, wen du lieb habeſt.“ „O, wie ſeid Ihr doch blind,“ rief das Mädchen.„Hätteſt du es denn nicht oft genug merken können? Wär' ich Morgens an die Thüre gekommen, wenn ich dich nicht lieb gehabt? Du zürnteſt mir damals, ich weiß es wohl, aber ich dir auch; denn du ſaheſt gar nicht mehr nach mir, aus Leid um die Zweie, und das ließ 8 ich dich fühlen; aber wie hat's mich nachher gereut!“ Und er küßte ſie auf den roſigen Mund, ſo heiß, wie damals auf die Hand. Am zweiten Chriſttage war ihre Hochzeit, und Dobel's höchſter Wunſch war erfüllt. Auch ſeine Frau hatte ihre Berechnung längſt vergeſſen, und das Glück ihres Kindes und ihres Gatten ſöhnte ſie vollkommen aus, wenn es nicht Gabriel's kindliche Liebe gethan hätte. Nach drei Jahren kam Joſeph heim. Er allein hatte dienen müſſen, während die beiden Kameraden ſo hohe Nummern zogen, daß die Reihe gar nicht an ſie kam. Er war ein anderer Menſch geworden. Die Leiden und Strapatzen in Heſſen und ſo manches Andere hatten ſeinen Leicht⸗ ſinn gebrochen. Auch die Zeit hatte das Ihre gethan. Er ſah neidlos das Glück ſeiner Freunde und mit der Einwilligung ſeiner Eltern ging er nach Baden, um eine Schwarz⸗ wälderin heimzuführen. Und zu den glücklichen Alten kamen drei glückliche junge Paare hinzu. Die Liebe und Treue der Eltern ging auf die Kinder über, und der Friede und das Glück, das ſo lange in der Wendelsgaſſe gewohnt, hatte aufs Neue dort Wohnung genommen, um nicht mehr zu entweichen. Die erſte Wohlthat. ———— Im letzten Sommer ſchritten drei Männer in freundlicher und gemüthlicher Unterhaltung auf dem ſchönen Wege durch das⸗ Nerothal bei Wiesbaden. Alle Drei waren Schulmeiſter, aber aus der Region der Gymnaſien, und ihre Unterhaltung über den Werth der Anſchauungen im Jugendunterrichte, nahm, wie das im Gange lebhafter Unterredung zu gehen pflegt, von dieſem Gegen⸗ ſtande die Wendung auf die Macht jugendlich empfangener Eindrücke, und wie ſich dieſe dem Gedächtniß als eine wunderbare Handhabe darbieten. Da nahm der Oberlehrer Driberg das Wort und ſagte: „Davon kann ich euch, lieben Freunde, ein Beiſpiel erzählen, das weit hinabreicht in meine Knabenjahre und doch wieder in den jüngſten Tagen auf eine für mich ebenſo überraſchende, als erhebende Weiſe ſich verjüngt hat. Wollt Ihr mir das Ohr leihen?“ Gerne ſagten wir das zu, und er begann. „Zu den erfreulichſten Erinnerungen meines Lebens rechne ich es, daß meine ſelige Mutter mich zum Träger ihrer großen und doch ſo verſchwiegenen Wohlthätigkeit machte. Das hat meiner Seele einen Grundton gegeben, der in tauſendfachen Schwingungen durch mein ganzes Leben fortklang, und ob ich gleich nicht zu denen gehöre, die ſo voll und reich mit der Rechten geben können, ohne daß es die Linke weiß, ſo hab' ich doch allerwegen mit Freuden mein Brod mit dem Armen getheilt, und es iſt, meines Wiſſens,„ Keiner ohne eine Gabe geblieben, der mir im Leben nahe trat. O, wenn doch alle Mütter es wüßten, welch' einen Segen ſie dem Herzen ihrer Kinder gäben, wenn ſie ſich ihrer kleinen Han bedienen, dem Armen Wohlthaten zufließen zu laſſen. ——— — 96— ₰ „Wenn die Dämmerung kam, ſo begann mein Beruf als Rabe des Elias. Da trug ich im Körbchen dorthin und hierhin den Hungernden Lebensmittel aller Art, je nach Bedürfniß derſelben. Sie kannte dieſe Bedürfniſſe ſehr genau. Da hab' ich viel Segens⸗ wünſche und Dankesworte mit hinweggenommen, und ich ſchlief allemal unendlich glücklich ein, wenn ich recht viel Arbeit gehabt und recht müde geworden war, und es gemahnte mich allemal, als ſchwebten dieſe Segenswünſche und Dankesworte als lichte Engel ſchützend an mein kleines Bett. 5 „Meine Eltern waren nicht reich. Eine Beſoldung von ſiebenhundert Gulden war wahrlich keine unerſchöpfliche Quelle, und unſere Familie beſtand aus fünf Gliedern. Da war kein überfluß, und doch that meine Mutter Vielen, ſehr Vielen wohl. Wie ſie das fertig brachte, iſt ſchwer zu ſagen, aber das reiche Erbarmen eines Frauenherzens iſt erfinderiſch und der Segen Gottes ſeht ihm allemal als ein getreuer Helfer zur Seite. „Dann und wann bekam ich einen Obſtkreuzer, der denn auch, da wir kein Obſt wachſen hatten, regelmäßig vernaſcht wurde, wenn er nicht die zum Spielen nöthigen Klicker beſchaffen mußte. Mehr aber empfing ich nie. „Eines Sonntag Mittags ſaß ich in einer Ecke unſerer Wohuſtube und lernte meine Katechismusaufgabe für den anderen Morgen. Bei meiner Mutter ſaßen zwei treue Freundinnen, ganz ihrer Geſinnung, und ſie redeten von den armen Familien des Städtchens, das in den ſchönen Rheingegenden liegt. Da wurde die Noth dieſer oder jener beſprochen, und wie ſie ſich in die Unterſtützung theilen wollten. Es war zu der Zeit, als Napoleon das Feſtland gegen England zuſchloß. Am Rheine hin ſtanden damals zwei Mauthreihen oder Douanenlinien, eng genug, um nichts durchzulaſſen. Dieſe Leute waren ſehr kümmerlich bezahlt, und hatten ſie große Familien, ſo ihnen kratzig genug. „So lebte in dem Städtchen B... auch ein Douane, Namens g der eine Frau und neun nen Engelchen zu ernähren hatte. Dazu E 6 armer Sold bei Weitem nicht aus, und die„ — der Familie war ſehr groß, da die Kinder nicht betteln durften. Verdienen konnte noch Keines davon etwas, denn das älteſte Mädchen war neun Jahre alt und der jüngſte Knabe etwa ein halbes. Auch der ſehr braven Mutter war jede Erwerbsquelle verſchloſſen, da ſie zu handthieren genug hatte, um das zappelnde Ameiſenhäuflein in Reinlichkeit, Ordnung und ganzen Kleidungs⸗ ſtücken zu erhalten, und die Menge der aufgeſetzten Flicken und Placken gab Zeugniß, daß ihre fleißige Hand von müßigem Raſten nichts wußte. Der Vater war ein geſchickter Drechsler und wenn er bei Nacht auf ſeinem Aufpaſſerpoſten geſtanden, fand man ihn zeitig wieder an ſeiner Drehbank. Das Schlimmſte war, daß dieſe Zöllner vom Volk ebenſo gehaßt wurden, wie die Zöllner von den Juden, wie uns das Evangelium erzählt. Da konnte auf eine mildthätige Unterſtützung nicht gerechnet werden, wenigſtens nicht aus den Kreiſen, welche dieſen Haß blindlings theilten— und die reichten weit herauf im Bürgerſtande. „Die Engel's darbten und die beiden Freundinnen meiner Mutter erzählten erſchütternde Einzelnheiten. Ich war in meiner Ecke ganz Ohr und die Worte drangen zum innerſten Grund einer weichen Knabenſeele; ſie waren aber auch die Urſache, daß mein alter Lehrer mir am anderen Morgen bei'm Herſagen des Katechismus eine geſalzte Ohrfeige zu fühlen gab, deren eigenthümliche Dishar⸗ monie noch in meinen Ohren fortklang, als wir um eilf Uhr der drangſalvollen Schulſtube, wie ein brauſender Waldſtrom entrauſchten. An dieſem Morgen hatte ich mich ohnedieß verſchlafen, und da Beſuch im Hauſe war, der den ſtillen Gang geregelter Ordnung ohnehin unterbrach, ſo achtete Niemand auf mich. Die Mutter meinte, meine Schweſter Minchen hätte mir mein Frühſtück verabreicht, und dieſe glaubte, die alte Eva, unſere Magd, habe es gethan, und doch ſaß ich im Stübchen und zerarbeitete mich an dem Katechismus, der gar nicht in den Kopf wollte. Da ſchlug's acht, und wer ohne gefrühſtückt zu haben in die Schule mußte, war ich. Am Sonntag Abend hatte ich meinen Kreuzer gekriegt. Der tröſtete den bellenden N. F. II. 7 „ Bubenmagen. Ich dachte, wenn ihr um halb zehn die freie Vierte ſtunde habt, ſo rnn du auf den nahen Markt und kaufſt dir goldgelbe Apricofen, um deren Reifzeit es eben war, und die ich in eine ganz abſonderliche Gunſt genommen. Aber es verſchwor ſich an dieſem Unglückstag Alles gegen mich. „Die ganze Bank, die mich zu ihrem Inſaſſen hatte, konnte nichts. Der Alte war wüthend über die Faullenzer und Tage⸗ diebe, wie er uns titulirte, und er fing oben an und zog Jedem eine Geſalzte, wobei ich, wie bereits gemeldet, nicht zu kurz kam. Sein gerechter Zorn hatte aber auch noch die für mich ſchauerliche Folge, daß er die Freiviertelſtunde für heute ſtrich und dieſe Bank, während. die Anderen auf dem Schulhofe jubilirten, zur Strafe ſitzen bleiben mußte. „Alle Zehn waren wir gleicher Sünde und Schuld theilhaftig, aber zwiſchen mir und meinen neun Mitſchuldigen und jetzt Mitlei⸗ denden beſtand der ungeheure Unterſchied, daß ſie alle gefrühſtückt hatten und ich nicht. Nie hat mich eine Strafe empfindlicher getroffen, als dieſe; nie habe ich mehr das Ende der Schule herbeigeſehnt, als damals. Und doch trug ich mein Leid ſtille, weil ich die Neckereien und ſchadenfrohen Sticheleien meiner Leidensgenoſſen fürchtete. „Und es war gerade, als ob der Alte an mir ein Exempel ſtatuiren wollte an dieſem Tage!— Es hatte bereits eilf geläutet und er machte noch keine Anſtalt, uns zu entlaſſen. „Endlich! Ein tiefer Seufzer entrang ſich meiner Bruſt, als er noch eine Strafpredigt an uns Zehn begann, die mit erkleck⸗ lichen Drohungen abſchloß. „Ich war heute ein dreifach Geſtrafter und ſchrieb mir das hinter's Ohr. Ich wundere mich heute noch, daß ſich mein Grimm nicht auf den armen Douanen Engel warf, der doch eigentlich die, wenn auch unſchuldige, Urſache meiner Schulleiden war. Alle Buben liefen ſchnurſtracks heim; denn es war Sitte in dem Städtchen, daß um Eilf gegeſſen wurde; nur in meinem elterlichen Hauſe war, weil mein Vater erſt um Zwölf von der Schreibſtube kam, Zwölf die Stunde, die mir Linderung meiner Hungerqual — verhieß. Bis dahrn waren's noch gut Dreiviertelſtunden! Zu Hauſe wurde auf ſtrenge Ordnung geſehen. Ich erhielt vor Tiſch nichts; da mein Vater ſehr darauf hielt, daß ich bei Tiſch ordentlich aß. Ich konnte dafür bürgen, daß ich heute über das Zuwenig keinen Rüffel erhielt; aber bis dahin noch Dreiviertel⸗ ſtunden! Das war mehr, als der Magen des zehnjährigen, kräftigen Buben ertragen konnte. Als ich in De⸗ und Wehmuth über die Herbigkeit meiner Lage über den Markt ſchlenderte(denn die Eile konnte mir ja zu Nichts helfen!), gedachte ich plötzlich meines Kreuzers, und ein Lichtſtrahl fiel in meine verdunkelte Seele, der ſchmerzliche Ausdruck meines Geſichtes machte urplötzlich lachender „ Freude Platz. „Aber!— dort ſaß die alte Margreth, die Obſtverkäuferin, und ein Berg der herrlichſten, golden mit rothen Bäckchen mich anlachenden Apricoſen zog meine Blicke und Sehnſucht auf ſich und hier war ein Bäckerladen, von dem die friſchen Milchbrode den . reizendſten Duft zu mir herüberſandten. Da ſtand Herkules am Scheidewege! Für meinen Krerzer, der mein ganzer Reichthum war, bekam ich drei Apricoſen, und— einen der großen, prächtigen, duftenden Wecken. „Was ſollte ich thun? Drei Apricoſen, das war ein Waſſer⸗ tropfen auf eine heiße Platte; aber ſo ein Milchbrod, das gewöhnlich mit einer Taſſe Milch mich bis zum Mittag voll⸗ kommen befriedigte, war doch etwas Anderes bei meiner grim⸗ migen Hungersnoth. Zum erſten Male überlegte ich in dieſem . Conflicte und die Klugheit trug den Sieg davon über die Luſt an den herrlichen Apricoſen. „Doch es ſollte anders kommen. „Als ich mich umwandte nach dem Bäckerladen, ſtand des Douanen Engel älteſtes Mädchen vor mir. Es war etwa ſo alt, wie ich, zehn Jahre, und lehnte an der Kirchmauer. Seine Blicke waren ſtarr auf den Bäckerladen gerichtet. Es lag der Ausdruck eines heftigen Verlangens darin. Das Ausſehen des Mädchens, das ein ſehr freundliches Geſichtchen hatte, war leidend, die ohnehin 06 bräunliche Hautfarbe ſchien gelb. Das rabenſchwarze, reiche Haar gab den Zügen einen vollends düſtern Ausdruck. Ihr außer⸗ ordentlich großes, ſchönes, ſchwarzes Auge, ſonſt ſo lebhaft und glänzend, ſah aus der tiefen Höhle ſo eigenthümlich, faſt geſpenſtig, daß mich ein Grauſen überlief. Das Kind ſah nichts, als den Bäcker⸗ laden. Ich trat zu ihr und fragte:„Fehlt dir etwas, Lottchen?“ „Das ſchwarze Auge traf mich. Das Kind zuckte zuſammen und halb flüſternd ſagte ſie:„Mich hungert ſo!“ „Hunger alſo aus Noth, aus Mangel! Gerechter Gott! Mich überlief's eiskalt und meinen eignen Hunger vergeſſend, fuhr ich mit der Hand in das Täſchchen meiner Weſte, nahm meinen Kreuzer und gab ihn dem Mädchen. „Nie hab' ich mehr in dem Grade den plztlichen übergang von tiefem Kummer zu hoher Freude geſehen, als in dieſem Augenblicke. Das Kind fuhr aus ſeiner gebückten Stellung empor, wie wenn es duch eine innere Macht emporgeſchnellt würde. Aus dem dunkeln Auge ſchlug ein lodernder Blitz auf. Die ſchlaffen Geſichtszüge 3 waren plötzlich geſpannt, lebenvoll. Eine blühende Röthe ergoß ſich über das ganze Geſicht. „Sie nahm den Kreuzer, ſah mir einen Moment tief in die Augen und ſagte:„Ach Gott, wie dank ich dir!“ Dann flog ſie in den Bäckerladen.. „Und ich?— Nun— mir war ſo wohl und doch ſo wehe ums Herz, daß ich raſch die Gaſſe hinablief und etwas in meinen Augen verdrückte, was einer Thräne gleich war. „Und mein Hunger? werdet Ihr fragen. Ich antworte einfach und kurz— er war beruhigt. Das ſelige Bewußtſein meiner Noth über der des armen Kindes vergeſſen zu haben, war ſo lohnend, daß ich mit Heldenkraft mein Bedürfniß zurück drängte, aber zu Mittag allerdings einen Vertilgungskampf mit den Auflagen meines Tellers begann, der nur darum unbemerkt und unbelacht blieb, weil unſer Beſuch die Aufmerkſamkeit der Tiſchgenvſſen ungecheil in Anſpruch nahm. Tage ſpäter wurde der Douane Engel verſetzt. 30 3 — 101— ſah das Kind nicht wieder; aber die Hingabe meines Kreuzers iſt mir eine wohlthuende Erinnerung für lange Zeit geblieben. Ihr könnt wohl denken, daß ſie dennoch im großen Grabe der Zeit unterging. „Ich wuchs heran, und wenn auch meine Studien meinen jetzigen Beruf vorbereiteten, ſo blieb mir dennoch Zeit, mich mit Liebhabereien zu beſchäftigen und zu dieſen gehörte das Studium der mittelalterlichen Kirchenbauten. Schon als Knabe zog die romaniſche Hauptkirche der Vaterſtadt, namentlich ihr prachtvolles Chor, mein Nachdenken zu ſich hin; nicht minder die herrlichen Mauerreſte einer Kapelle von Kleeblattform im reinſten deutſchen Style, welche einige hundert Stufen höher als die Hauptkirche am Berge liegt. Die beiden ausgezeichneten Bauwerke regten mit Gewißheit auch jene Vorliebe für die Werke der Baukunſt in mir an. Ich lernte ſpäter alle merkwürdigen Bauwerke, an denen der Rhein ſo reich iſt, genauer kennen. Nur blieb meine Sehnſucht nach den Domen von Freiburg und Straßburg acht und dreißig volle Jahre ungeſtillt. Meine ökonomiſchen Umſtände erlaubten die Reiſe nicht. Erſt in dieſem Sommer wurde es möglich. Ich fuhr von Mannheim mit der Eiſenbahn in einem Zuge bis Freiburg und blieb dort mehrere Tage nur einzig und allein mit dem Dom beſchäftigt und in ſeinem engſten Umgange. So lebte ich Smich ganz hinein. „Von da flog ich zurück über Baden⸗Baden nach Straßburg, S. wo ich dem Münſter auch einige Tage zu weihen und dann wieder heimwärts zu ziehen gedachte. „Begünſtigte mich in Freiburg das klarſte Wetter, ſo traf ich mit Regen in Straßburg ein. „Geduld überwindet Alles. Trotz des Regens eilte ich zum Münſter. Mein Entzücken kannte kein Maaß. Mitten im Regen ſtand ich auf der Plate⸗forme und bewunderte die unausſprechlich herrliche Blumenpyramide des Thurms, bis der Thürmer ſagte: Herr, Sie werden krank. Ihr Paletot trieft ja! „Nun erſt merkte ich's, daß wirklich der Regen zudringlicher S — 102— war, als ich mir gedacht. Stellenweiſe, namentlich auf den Schultern, war er unaufhaltſam bis zur Haut vorgerückt und ſeine feſte Poſition ließ an ein Zurückweichen gar nicht denken. Wenn der Feind einmal ſo weit in den Außenwerken ſich feſtgeſetzt hat, ſo iſt es eine ſchlimme Sache um das Halten der Feſtung und die Schauer der übergabe durchzucken die Beſatzung. Das fühlte ich und der erſte Feind hatte hier oben einen gar böſen Bundesgenoſſen am ſcharf⸗ blaſenden Weſt, der mit dem„lauen Weſte“ der Poeten kaum ſtammverwandt war. „Um mich zu erwärmen, rannte ich, ſofern es die nicht allzu⸗ vortheilhafte Treppe zuließ, hinunter und war bald zu ebener Erde, auf dem Münſterplatz. „Ich gehöre zu den unglücklichen Menſchen, welche gar keinen Ortsſinn, daher keine Verwandtſchaft mit den Tauben haben. Ich laufe mich in dem kleinſten, mir fremden Orte kapitalirre; daher ich denn auch von meinen Jugendbekannten mit dem Ehrentitel des „tollen Huhns“ vielfach bin ausgezeichnet worden, und ſich keine Zunft bei mir in fremden Orten beſſer ſteht, als die Lohnbedienten und das lungernde Geſindel, welches vor den Thoren der Gaſthöfe auf die Zurechtweiſung der Fremden ſpekulirt. „Der reichlich fließende Regen machte Straßburgs nicht eben ſehr reinliche Straßen faſt leer. Nur hier und da erblickte man Geſchäftsmann. Und in meiner Münſterſehnſucht und wohllöblichen Zerſtreutheit ſtand mein Regenſchirm ganz gemüthlich bei meinem Reiſeſack im Gaſthofe, wo die Kehler Omnibuſſe anfahren und wo ich mir ein Zimmer genommen. „Aber wo lag der? Ich konnte ihn wbhl ſuchen, aber ſchwerlich finden, und wenn ich noch länger herumlief, wurde ich noch näſſer. Ohnehin war ich, ſtatt nach der Brücke links umzubiegen, rechts um die Ecke gegangen. „Ich ſah mich um nach einem Gaſihoſe, wo ich mich hätte vor ein Paar krapprothe Hoſen oder einen vorübereilenden, beſchirmten 4 Anker legen können; allein ich entdeckte keinen. Da fiel mein Auge auf ein Bierhaus. ———— — 103— „Ei, dachte ich, die Straßburger ſind doch noch Einvierteldeutſche und die Gemüthlichkeit wird noch nicht ganz flöten gegangen ſein. Da wird ja doch die Frau Wirthin einem hungernden Landsmann etwas verabreichen, wenn's auch nicht in des Hauſes Beſtimmung liegen ſollte. Es war kurz vor Mittag; es regnete immer ſtärker. Meinen Gaſthof wagte ich nicht zu ſuchen. Kurzum, ich trat ein. Es war ein großmächtiger Raum, in den ich trat. überall ſtanden Tiſche und Stühle, lange, kurze, kleine, große, wie man ſie etwa ſuchte. Mächtige Säulen ſtützten die Decke des zweiten Stockwerks und große Rundbogen, vielmehr halbzirkelige Fenſter gaben ſelbſt an dem trüben Regentage Licht in Fülle für den ganzen Raum; aber er war leer und nur hier und da ſaßen ein paar Soldaten und ſpielten Mariage um Bier. „Als ich eintrat, kam mir ein Mädchen, ein ſogenanntes Schenkmädchen, freundlich entgegen und ſetzte mir einen Stuhl. „Sie ſind ſehr naß geworden, ſagte ſie im Straßburger breiten, nichts weniger als ſchönen Deutſch, das mir gegen das melodiſche Allemanniſche, welches ich jenſeit des Rheines gehört, ſehr unmuſi⸗ kaliſch klang. „Ich erzählte der Lächelnden kurz mein Schickſal und wie ich ſo unglücklich genaturt ſei, und fragte dann, ob ich wohl hier ein, wenn auch noch ſo einfaches Mittagsbrod bekommen könne? „Es iſt nicht Brauch bei uns, entgegnete ſie, die nicht übel Luſt hatte, den deutſchen Schulmeiſter auszulachen, für den ſie mich ganz ſicher ſogleich erkannt hatte; aber ich will's der Madame ſagen! Und mit dieſen Worten hüpfte ſie weg. Ich ging derweile im geräumigen Saale raſch auf und nieder, aus Gründen, die ich nicht zu erwähnen brauche. „Gleich darauf öffnete ſich eine Thür aus dem Innern des Gemachs und in einem ſehr guten, aber einfachen Kleide trat eine ſtattliche Frau herein. Sie war Fünfzigerin, aber noch immer eine bildſchöne Frau, die eine Jugendfriſche bewahrt hatte, wie es ſelten vorkommt. Ihre großen, leuchtenden, ſchwarzen Augen ſahen mich ſcharf und ſinnend an, als ſie mir näher trat. Plötzlich nahm ihr — 104— Geſicht einen merkwürdigen Ausdruck an. War's Freude? War's Rührung? War's Beides zuſammen, ich weiß es nicht. Sie faßte ſich indeſſen, grüßte mich mit großer Freundlichkeit und ſagte: Die Kellnerin hat mir Ihr Unglück erzählt. Es hat nicht den mindeſten Anſtand,— wenn Sie mit mir und meinem Manne vorlieb nehmen wollen? Zum beſondern Bereiten eines Mahls iſt es zu ſpät. „Als ich ihr ſagte, daß mir das nur erwünſcht ſein könne, lauſchte ſie ſichtbarlich mehr dem Ton meiner Stimme, als den Worten, und ihre lebhaften Augen muſterten jeden Zug meines Geſichts. „Endlich ſagte ſie: Zum Eſſen iſt noch einige Zeit, da mein Mann noch nicht hier iſt. Legen Sie Ihren naſſen Paletot ab und nehmen Sie Platz. „Die Dienerin nahm mir den Paletot ab, um ihn zu trocknen, und ich ſetzte mich 3 ihr auf ein am obern Fenſter ſtehendes Sopha. „Ihre Mundart, hob ſie ihr Geſpräch an, läßt mich vermuthen, daß Sie aus der untern Rheingegend ſind. „Ich bejahte. „Vielleicht aus B...7 fragte ſie mit etwas beklommener Bruſt. „Auch das bejahte ich. „Dann heißen Sie Driberg und Ihr Vorname iſt Albrecht? ſprach ſie plötzlich mit großer, innerer Bewegung. „Ich ſah ſie erſtaunt an. „Woher, um des Himmelswillen, kennen Sie mich? ſgte ich. „Wiſſen Sie das Sprüchwort nicht, ſagte ſie und ihre ſchönen Augen wurden feucht, Berge kommen nicht zuſammen, weil Thäler dazwiſchen ſind, wohl aber die Menſchen, 6 wenn Berge und Thäler zwiſchen ihnen ſind? „Im Augenblicke ging die Thür auf und ein Mann trat herein, der freundlich auf uns zukam. „Mein Mann! ſagte die Wirthin, mir ihn vorſtellend. „Und der Herr? fragte der Wirth, als ſie mich ihm nicht ſtellte. L ₰ 7 * — 105— „Verzeih' die Unart und verzeihen auch Sie ſie gütigſt! Ich muß erſt noch Allerlei fragen und mittheilen. Setze dich zu uns! bat ſie ihren Mann. „Als er ſich geſetzt, ſagte ſie: Erinnerſt du dich noch des Namens Driberg, lieber Mann? „Gewiß, aus B..., ſagte er. Das iſt ja— „Jetzt muß ich Sie, mein theurer Herr, ins Gebet nehmen. Iſt Ihnen der Name Engel etwa erinnerlich? fragte ſie mich und ihre Stimme zitterte dabei merklich. „Ich ſann.— Außer meiner frühen Jugend iſt mir Niemand erinnerlich, der ihn getragen, ſagte ich. „Ganz recht, dorthin weiſt meine Frage, ſprach die Frau. „Da lebte in B.. ein Douane, der ſo hieß. „Und der war unendlich arm. „Haben Sie nie etwas von ihm und ſeiner Familie gehört? „Nein⸗ „Sie haben wohl die Familie nicht näher gekannt? „Auch das nicht. „Doch erinnern Sie ſich vielleicht noch Eines der Kinder? „Ja, ja, ſagte ich, Lottchen's, des älteſten der Kinder— „In dem Augenblicke ſah ich die großen, ſchwarzen Augen der ſchönen Frau und betroffen ſagte ich: Mein Gott!— „Sie trocknete ihre Thränen und ſagte: Dieſem Lottchen gaben Sie einſt einen Kreuzer, womit es ſeinen Hunger ſtillte, denn e Tage ſchier hatte das Kind gehungert. „Mein Gott, ſagte ich und wurde verlegen, wie können Sie dieſe Einzelheiten wiſſen, wenn Sie— „Nicht Lottchen ſind? rief ſie. Ja, ich bin's. O mein Gott, fuhr ſie fort, meine Hände drückend, mein Mann hier iſt Zeuge, wie viel tauſendmal ich den Wunſch ausſprach, daß mir doch Gott die Freude beſcheeren möge, den Albrecht Driberg wieder zu ſehen. Ich erkannte Sie auf der Stelle, als ich Sie erblickte. Es gibt Lagen und Umſtände im Leben, die uns das Bild eines Menſchen — — 106— ſo tief in die Seele vrücken, daß man es wieder erkennt und wenn auch, wie hier, faſt vierzig Jahre dazwiſchen liegen. Gott ſei Dank, der ſo wunderbar Sie in mein Haus führte. Sieh', lieber F. ſagte ſie zu ihrem Manne, das iſt Albrecht Driberg, der mir ſeinen Obſtkreuzer gab, und meinen Hunger ſo liebevoll ſtillte. „Da ſchüttelte der Mann meine Hand und hieß mich viel tauſendmal willkommen, und mir war ſo ſeltſam, ſo wunderlich zu Muthe, daß ich hätte mit der Frau weinen mögen. Sie wich nicht von meiner Seite und hielt unaufhörlich meine Hand, die Hand, die ihr die größte Wohlthat erwieſen, wie ſie ſagte. „Ich mußte dem Ehegatten nun erzählen, wie ich ins Haus gekommen und wie mir's ergangen. Als ich ſagte, wo ich eingekehrt ſei, ſtand Herr F. auf und ging hinaus. Gleich darauf kam er mit einem Burſchen wieder. Geben Sie mir doch Ihre Karte, bat er; ich gehe, Ihre Effecten zu holen. „Als ich Einwendungen machte, rief er: Wie, Sie wollten nicht bei mir wohnen? Sie? „Seine Frau flehte wahrhaft und ich mußte es zugeben. über Tiſch erzählte ſie mir die Geſchichte ihrer Familie. Sie waren im Jahr 1812 verſetzt worden und zwar nach Mainz, wo ihr Vater eine beſſere Stelle bekam. Noch am Schluſſe dieſes verhängnißvollen Jahres kam er als Douanenlieutenant nach Straßburg, wo er etwas für die Erziehung ſeiner Kinder thun konnte. Das Glück wollte ihnen wohl. Gut erzogen von einer frommen Mutter und einem redlichen Vater, fanden die Mädchen Stellen in guten Familien, die Knaben wurden theils Kaufleute, theils Soldaten. Bei dem zweitälteſten Bruder, einem achtungs⸗ werthen Kaufmann in Straßburg, war Lottchen Ladenmädchen. Dort lernte ſie ihr Mann kennen und, obwohl reich, reichte er ihr doch ſeine Hand, weil er ſie wahrhaft liebte und ganz freier Herr ſeines Willens war. Ihre Geſchwiſter ſeien, ſchloß ſie, alle wohl verſorgt und ihre Eltern hochbetagt in ihren Armen geſtorben. „Das erzählte ſie mir, noch ehe ihr Mann zurück kam. Er „ —— 2— — — 107— brachte meine Sachen und— acht Tage mußte ich bei ihnen bleiben und empfing ein Maaß von Liebe, daß ich euch kaum ſchildern kann. Bis Kehl begleiteten mich beide Gatten noch und dann ſchieden wir herzlich, wie Geſchwiſter, und begleitet von ihren reichſten Segenswünſchen, trug mich die Eiſenbahn ins Unterland, nach Mannheim und von da der Dampfer in meine Heimath. „Sehet,“ ſchloß der Oberlehrer,„das iſt meine jüngſte Erfah⸗ rung über die Macht der Eindrücke und ihre Dauer. Nahezu über vierzig Jahre bewahrte die wackere Frau, die ſich nicht ſchämte, von ihrer einſtigen Armuth zu reden, das Andenken an einen Beweis von Wohlwollen, und meine Züge, die nichts Hervor⸗ ſtechendes haben, am wenigſten etwas Ausgezeichnetes, drückten ſich ihrer Seele mit ſo wunderbarer Kraft ein, daß ſie mich nach einem ſolchen Zeitraume wieder erkannte.“ Wir redeten viel auf unſerem Spaziergange über dieſe Erzählung; unſer Freund aber war ungemein glückſelig an dieſem Abend, wo jene Begebenheit wieder ſo friſch bei ihm geworden war. Seine erſte Wohlthat brachte ſeinem Gemüthe noch in ſeinen Fünfzigen neuen Segen, der Heiterkeit über ſein ganzes Leben und Weſen verbreitete.„Selig ſind die Barmherzigen,“ ſpricht der Herr! Wight und Marie galante. Eine geſchichtliche Erzählung. I. Die Inſel Wight, der Lieblingsaufenthalt von Englands Königin, gehört ohne Zweifel zu den reizendſten Punkten, wo ein penſionirter Schiffscapitän ſeinen Lebensabend in Frieden zubringen kann. Zur„Landratte“ muß er werden, das iſt am Ende ſein Loos; aber von der See ſich zu trennen, ihren Anblick zu entbehren, das wäre eine Aufgabe, die einen„echten Seehund“ über Bord werfen könnte. lber das Können hinaus endet alle Verpflichtung. Daher kam es denn, daß Capitän Roßbridge, als die Admiralität dem verdienten Seemanne mit einer höchſt anſtändigen Penſion die Entlaſſung auf die ehrenvollſte Weiſe ertheilte, ſchnell London mit ſeiner Familie verließ und das väterliche Erbe auf der Küſte von Wight zum Aufenthaltsorte wählte. Zu darben brauchte Roßbridge nicht. Seine Penſion hätte ihn davor geſchützt, wenn er auch nicht das geringſte eigene Ver⸗ mögen beſeſſen hätte; dem war aber nicht ſo. Von ſeinem Vater, deſſen einziger Sohn er war, hatte er außer dem kleinen Landgut auf der Inſel Wight ein hübſches Vermögen Trerbt; ſeine heim⸗ gegangene Frau war eine reiche Erbin geweſen, und er ſelbſt hatte ſich in den fünf und zwanzig Jahren, die er in allen Meeren der Erde zubrachte, auch ein erkleckliches Sümmchen erſpart. Er konnte eine Feder in die Luft blaſen und zog nach Roßbridge⸗Houſe auf Wight, und zwei ſeiner Kinder begleiteten ihn dorthin, die hübſche Ellen von ſechszehn Jahren und der Doctor John von zwei und zwanzig, der eben in Orford ſeinen Doctorhut in der Wiſſenſchaft erlangt hatte, deren Princip es nach Mephiſtopheles ſein ſoll:„es — 112— geh'n zu laſſen, wie's Gott gefällt,“ die man aber ſonſthin Medicin zu nennen pflegt. Der älteſte Sohn diente als Lieutenant in der Marine und hatte ſeine Station dermalen bei Calcutta in Indien. Daß Doctor John nicht in Roßbridge⸗Houſe praktiziren wollte, lag auf der Hand; denn da hätte er auf dem Sande geſeſſen. Das Landhaus lag unmittelbar an der Küſte, die gen Frankreich ſchaut, und von dem nächſten Orte wenigſtens fünf engliſche Meilen entfernt. Er wollte ausruhen von den Studien in Oxford, und dann, da das väterliche Blut in ſeinen Adern auf dem Lande nicht wohl aushalten konnte, als Schiffsarzt eintreten, wozu er die beſten Ausſichten hatte, da ſein Vater mit den edlen Lords der Admiralität auf dem beſten Fuße ſtand. Nun, es iſt in dem freien England wie anderwärts; es gehen nicht alle Wege gerade aus, was man ſchon an den ſogenannten engliſchen Gartenanlagen wegkriegen kann, wenn man ſie mit dem richtigen Blicke betrachtet. Der Geſchmack eines Volkes kommt nicht vom Wind und in den verſchlungenen Wegen engliſcher Gartenanlagen drückt ſich etwas aus. Roßbridge⸗Houſe lag bezaubernd ſchön. Es war keine alte Abtei, keine Burg, wie ſie der hohe Adel in England hat, kein Schloß im gewöhnlichen Sinne. Denn Capitän Roßbridge war kein Baronet und kein Earl. Die Herrlichkeit der Lordſchaft war ihm weder in der Wiege, noch durch Erbſchaft zugefallen. Sein Vater war ein Kaufmann geweſen. Roßbridge⸗Houſe war ein ſtattliches Landhaus; ſolide war es gebaut, daß ihm die Seewinds⸗ grüße und die Umarmungen der Orkane nichts anhaben konnten. Ein Baumkranz von Ulmen und Eichen, von Platanen und Ahornen umgab es und gegen die See war die Ausſicht frei. Man ſah hinaus auf die Salzfluth, bis ſie mit dem Himmel verſchmolz, denn die Küſte Frankreichs war zu weit entfernt, um von dem Auge, ſelbſt wenn es gut bewaffnet war, erreicht werden zu können. Jenſeit des kleinen Parks, der ſich unmittelbar an das Haus anſchloß, um von drei Seiten ihm ein ſchützender Windmantel zu ſein, dehnten ſich Wieſen und Gartenanlagen aus; dann kam die Wohnung des Pächters und das Landgut, das zuſammenhing und — 113— ſeine hundert und fünfzig Morgen hielt. In England iſt das ein kleines Landgut, aber der Capitän war damit zufrieden, und wenn er auf der Loggia ſeines Hauſes ſtand, ſah er das Meer, ſeine Wellenberge und Wogenkämme, ſeine Schiffe und Barken und ſeine Mövenſchwärme; er hörte ſein Heulen und Rauſchen und wenn es an der ſchneeweißen Küſte von Wight heftig brandete, konnte er den Giſcht ſehen, der bis zu dem grünen Pleasure ground vor dem Landhauſe emporſchlug. Dort fiel die Küſte ſteil ab, wie eine ſenkrechte Wand, und der Capitän hatte eine gewaltige Bruſtwehr bauen laſſen, um vor dem Hinabſtürzen den zu bewahren, der keck genug war, dort hinabzuſchauen in das grauenvolle Wellenſpiel einer nie raſtenden Brandung. Die Küſte bildete ein Vorgebirge, wo das Landhaus ſtand, das in faſt runder Bogengeſtalt vortrat, zu beiden Seiten aber ſich zurückzog und rechts und links kleine Buchten bildete, wo zwei anſehnliche Boote vor Anker lagen in einer Ruhe und Sicherheit, die man nicht hätte vermuthen ſollen. Zu dieſen Buchten führten bequeme Wege, von denen der, welcher nach der Bucht zur linken Seite führte, am meiſten betreten war; denn dort lag des Capitäns kleiner Kutter, wie er ſein großes Segelboot nannte, weil es allerdings in ſeiner ſchönen Bildung dem Bau eines Kutters nahe kam. In dieſem Bote machte der Capitän und ſeine Familie ihre kleinen Seefahrten bei ruhigem Wetter, un Southampton ſeine alten Freunde bisweilen zu beſuchen. Mit dem kleineren Boote fuhr er und ſein treuer Tom, ein alter Matroſe, der mit ſeinem Herrn die meiſten ſeiner See⸗ fahrten gemacht hatte, auf den Fiſchfang aus, was zu ſeinen beſonderen Freuden gehörte. Glücklicher konnte kaum eine Familie in Alt⸗England ſein, als die zu Roßbridge⸗Houſe. Liebe und Frieden beglückten ſie im reichſten Maße. Seit Doctor John, wie ihn der Vater mit Stolz und Freude nannte, zu Hauſe war, gab es ſchier alle Tage kleine Seefahrten, und der junge Mann, der recht von Herzen die alte See liebte, nahm gerne Tom mit ſich, der ihn ohnehin wie ſeinen Augapfel N. F. IMI. S — 114— hielt, um von ihm Manches zu lernen, was ihm einmal nützlich werden konnte. Die Vorliebe des jungen Arztes für die wilden, oft ſo erſchütternden Erſcheinungen des Meeres ging ſogar ſo weit, daß er oft halbe Sturmnächte an jener Bruſtwehr ſtand und den tauſendfachen gewaltigen Stimmen lauſchte, welche Meer und Sturm laut werden ließen, in dem entſetzlichſten Zwiegeſpräch entfeſſelter Wuth und grauenhafter Laune. Eines Abends im Herbſt, als eben die Stürme der Herbſt⸗ Tag⸗ und Nachtgleiche das Meer peitſchten, als wolle es die ſchöne Inſel verſchlingen, trat er mit ſinkender Nacht in das Familien⸗ zimmer. Draußen brüllte ein Sturm, wie er lange nicht gewüthet hatte. Der Giſcht der Brandung flog ſo hoch empor, daß Doctor John es für gut hielt, dießmal ſeine Sturmliebhaberei zu bekämpfen, da überdieß der Hagel, den der Sturm ihm ins Geſicht warf, nicht zu den größten Annehmlichkeiten herbſtlicher Stürme zu rechnen war. 8 „Ich dächte, du hätteſt die Nacht draußen zugebracht!“ ſagte der Vater, der behaglich am Kamine bei Ellen ſaß und, ſeine lange, ſchöne Türkenpfeife ſchmauchend, ihr von den Sturmnächten erzählte, die er in den weſtindiſchen Meeren erlebt hatte.„Müßteſt du, von der Pflicht gefeſſelt, auf dem Verdeck eines Schiffes in ſolcher Nacht das Commando führen, wie es dein Vater oft mußte und vielleicht dein Bruder, Gott ſchütze ihn, in dieſer Nacht muß, du würdeſt weniger Luſt dazu fühlen, als du ſie in Roßbridge⸗Houſe fühleſt.“ „Mag wohl ſein,“ ſagte lachend der Doctor,„aber ich ſollte denken, mein Vater zürnte darüber ſeinem Sohne nicht, der vielleicht bald Ahnliches auf den Wellen des Meeres erleben muß, während er hier noch auf dem feſten Boden Englands ſteht—“ „Ich zürne dir nicht, Doctor,“ ſagte lachend der Capitän; „nur hätte ich es lieber gehabt, wenn du hier bei Ellen und mir ſäßeſt, zumal der drohende Krieg mit Frankreich nur zu bald dich von uns wegreißen könnte.“ — 115— „Das würde ich auch ohne Zweifel vorgezogen haben, wenn nicht ein Schiff in Noth wäre,“ ſagte der Doctor. „Was?“ rief der alte Seemann aufſpringend, und die ſchöne Ellen faltete angſtvoll ihre Hände. „Ja,“ ſagte der Doctor,„ſchon ſeit einer halben Stunde höre ich Nothſchüſſe, die indeſſen dem Schalle nach weit von der engliſchen Küſte entfernt zu ſein ſcheinen.“ „Sahſt du den Blitz der Kanonen?“ fragte raſch der Capitän. „Nein, mein Vater,“ entgegnete der Doctor.„Die Nacht liegt ohnehin ſo rabenſchwarz und ſchwer auf dem Land und dem Meere, daß auch ein bewaffnetes Auge nichts zu erkennen vermöchte.“ „Möge Gott ihnen gnädig ſein!“ ſagte der Capitän, und Ellen betete leiſe in zartem Mitgefühle für die Unglücklichen. Die Männer gingen hinaus, kamen aber nach kurzem Verweilen wieder, da man nichts entdecken konnte und nur die Schüſſe in den Zwiſchenräumen hörte, wenn der Wind einen Augenblick auszuruhen ſchien, um neue Kräfte zu ſammeln. „Es ſcheint,“ ſagte der Capitän,„daß ſich das Fahrzeug näher der franzöſiſchen Küſte befindet. Leider werden ſeine Hilferufe umſonſt ſein; denn es wäre wahnſinnig, auch nur den Gedanken zu hegen, daß man in ſolch' einer Nacht mit einem Boot in See gehen könnte, um ihnen Hilfe zu bringen. Das beſte Boot hält nicht See in einem ſolchen Kampf der Elemente. Wir können nichts für die Unglücklichen thun, als was du, gute Ellen, bereits gethan haſt.“ „Ach, könnten wir doch dem Worte der Liebe die That hinzufügen gegen die Unglücklichen,“ ſeufzte Ellen, und bei dieſen Worten öffnete ſich die Thüre des Gemachs und Tom trat ein. Er grüßte militäriſch in kerzengerader Stellung und ſagte:„Herr, ein Schiff in Noth!“ Der Capitän grüßte wieder und entgegnete:„Weiß ſchon, Tom. Aber wo?“ „Nicht weit von uns, Herr!“ verſetzte Tom.„Etwa drei Meilen von dieſer Küſte, ſeewärts, gen Oſten hin.“ 8* „Nicht möglich, Tom, 46 war eben erſt mit dem Doctor an der Bruſtwehr und ſah doch das Blitzen ſeiner Kanonen nicht!“ „Glaub's wohl,“ ſprach Tom.„Ihr ſtandet auch zu hoch und ſahet vielleicht nicht in der rechten Richtung, weil euch der Schall täuſchte. Ich war an der Bucht links und ſah über das Waſſer hin. Da iſt der Blick ſicherer und das Ohr.“ „Du haſt Recht, Tom,“ verſetzte drauf der Capitän. „Es iſt ein Kauffahrer, Herr,“ fuhr Tom fort. „Woraus ſchließeſt du das?“ fragte der Capitän. „Sein Kaliber iſt klein,“ war Tom's Antwort.. „Magſt Recht haben, Alter,“ bemerkte der Capitän.„Ich denke,“ ſetzte er hinzu,„das Schiff wird die See halten, da der Wind—“ „Iſt umgeſprungen, Herr,“ fiel der Matroſe ein;„weht aus Nordoſten und treibt das Schiff der Küſte zu.“ „Barmherziger Gott!“ rief Ellen,„ſo wird es ſcheitern?“ „Warum nicht, Miß Ellen,“ fagte Tom,„das iſt ſo in der Sache begründet. Da hilft das Mitleid nicht. Mag Schiff und Ladung Seewaſſer trinken, wenn's nur die armen Teufel nicht müſſen, die darauf ſind.“ „Worauf gründeſt du den Schluß?“ fragte der Doctor mit großer Theilnahme. „Junger Herr,“ antwortete Tom,„das hat Unſereiner im Griffe. Zwiſchen dem erſten Blitz und dem Knalle zählte ich Zweihundert, zwiſchen dem zweiten, den ich ſah, und dem Knalle, der ihm folgte, konnte ich kaum Hundert und ſiebzig zählen. Ihr ſeht, es geht ſchnell!“ Der Doctor ſah ſeinen Vater fragend an. Der Capitän zuckte die Achſeln.„Wird der Kutter, wenn wir ihn ins Waſſer ſchieben können, See halten, Tom?“ fragte er. „Nein, Herr, nein! Ihr wißt, Tom iſt kein Haſe und wagte mehr als einmal ſein Leben, um ein anderes zu retten; aber hier ſäh' es aus wie Tollkühnheit. Es liegt eine Grabesnacht auf dem Meer, und dem Sturme trotzt die Nußſchale nicht. Der iſt wild. Ich denke, es iſt ein franzöſiſches Schiff. Wenn denn auch ein — 117— paar Dutzend Franzoſen untergehen, was liegt daran. Es iſt des Unraths noch genug da!“ „Das iſt nicht geredet, wie ein braver Engländer reden ſoll, Tom,“ verſetzte der Capitän.„Im ehrlichen Kampfe mit ihnen iſt mir's ſchon recht, wenn das Schiff wie eine gerupfte Ente untergeht; aber es ſind denn doch zuerſt Menſchen und dann Franzoſen. Könnten wir ſie retten, Tom, ich würde doch auf der Stelle in See ſtechen— und du auch. Nicht ſo?“ Tom fuhr mit der Hand über das Geſicht, was er allemal that, wenn eine beſſere überzeugung bei ihm ſiegte.„Nun ja, Herr, meinetwegen. Ein Unmenſch bin ich nie geweſen; aber ich ſag' Euch, jeder Verſuch iſt verrückt, toll, wahnſinnig. Unſer Kutter iſt ein prächtig Schifflein, um bei gutem Wetter in die Bucht von Southampton zu ſegeln; aber der Wind knackt's zuſammen, wie ich hier meinen Nordweſter zuſammenknete. Steckt's auf, Herr! uff!“ 5 Der Capitän kannte Tom's Erfahrungen und achtete ſie.* „Laßt uns einmal ausſchauen!“ ſprach er, und alle Drei gingen hinaus, während Ellen ihre Wünſche, ihr Flehen für die Nothleidenden zum Himmel ſandte. Nach einer kleinen Viertelſtunde kamen ſie wieder. Vom Schiffe hörte und ſah man nichts. Der Sturm war wilder, die Nacht ſchwärzer, die See ungeſtümer geworden. Erſt gegen Mitternacht wurde der Sturm geringer. Trotzdem, daß Tom ein Franzoſenfeind war, wie Einer Englands Boden trat, ſo hatte doch der Capitän recht, wenn er ſeinem Herzen Beſſeres zutraute. Es kam kein Schlaf in ſein Auge und wohl hundertmal ging er hinaus, um wahrzuſchauen, ohne übrigens auch nur etwas Genügendes erzielen zu können. Auch der Doctor war nicht zu Bett gegangen, weil ihn eine innere Unruhe doch nicht würde habe ſchlafen laſſen. Als die erſten Streiflichter des Morgens über das noch immer ſehr hochgehende Meer ſpielten, trat Tom leiſe in des Doctors Schlafgemach. Dieſer ſaß an ſeinem Tiſche, wo eine Küſtenkarte — 118— von Wight und der nächſten Umgebung ausgebreitet lag. Er hatte den Kopf in die Hand geſtützt und war eingeſchlafen. „Uff!“ ließ Tom den eigenthümlichen, Mark und Bein durch⸗ ſchneidenden Ton, womit die Wilden Nordamerikas ihre Verwun⸗ derung, ihre Aufmerkſamkeit, ſelbſt ihren Schrecken, wie ihre Freude, in wunderbarer Nuancirung des Lautes ausdrücken, hören, den er ſo treu nachzuahmen verſtand, daß ein Siour oder ein Chippewaér ihn für national und echt würde erkannt haben. Der Ton hat etwas Entſetzliches, und es gehört genaue Kenntniß dazu, ihn ſo treu nachzuahmen, wie es Tom verſtand. Der Doctor fuhr entſetzt in die Höhe. „Was gibt's?“ fragte er. „Das Wrack iſt in Sicht, Herr,“ ſprach Tom ruhig.„Ich habe des Capitäns Fernrohr gebraucht, und ſehe, daß es auf den Klippen etwa eine halbe Meile von hier aufſitzt. Auf dem Verdecke ſtehen Menſchen, die die Hände ringen und Tücher flattern laſſen. Zest iſt's Zeit, Herr! Der Kutter iſt ſegelfertig. Des Pächters zwei Söhne und ſein Knecht, tüchtige, wetterharte Jungen, die mit der See vertraut ſind, wie mit den Ackerfurchen, harren. Wollt Ihr mit?“ „Verſteht ſich!“ rief der Doetor, und ſprang auf, um ſich die nöthige Kleidung anzulegen. „Nimm Rum und Madeira mit, Tom, und Brod und Fleiſch! Vielleicht bedürfen die Armen deſſen.“ „Iſt Alles ſchon vorgeſehen, Sir?“ ſprach der umſichtige See⸗ mann,„aber ich denke, wir laſſen den Herrn und die Miß ſchlafen?“ „Gewiß, guter Tom!“ entgegnete der Doctor.„Wir ſind unſerer genug!“ Und wie ein Blitz flog er zur T F hinaus, daß Tom kaum folgen konnte. Der Kutter lag bereit. Es war heller geworden. Das bloße Auge ſah einen dunkeln Punkt, an dem ſich die Wellen brachen. Tom ergriff das Steuer, und wie ein Pfeil ſchoß das leichte Fahrzeug mit einer rückſchlagenden Woge hinaus in die mächtig aufgähnende See. 3 — 119— Der Wind hatte ſich noch nicht ganz gelegt; doch war ſeine Kraft ſehr gebrochen und gemindert. Nichtsdeſtoweniger gingen die Wellen haushoch. Ihre Kämme waren wie ſchneeweiße Mähnen und fielen in wunderſamer Lichtbrechung herab von den ſcharfen Kanten der Wogen. Der Kutter war bald auf der Höhe eines ſolchen ſchwindelnden Kammes, bald ſank er in eine ſchauerliche Tiefe, die ihn zu begraben drohte; aber dann ſah man ihn in weiter Entfernung wieder auftauchen. Es bedurfte indeſſen einer ſo ſeekundigen Leitung, wie die Tom's war, ſonſt hätte es leicht kommen können, daß das Schifflein in die Tiefe geſunken wäre. Tom hatte in allen Meeren der Erde geſegelt, und ſein Auge war ſo ſicher, wie ſein Arm feſt. Er wußte die Wellen zu faſſen und zu benützen, daß es eine Luſt war, es zu beobachten. Hier galt es ein Kunſtſtück, und das Herz in ſeiner Bruſt frohlockte, daß es ihm vergönnt war, vor den Augen ſeines jungen Herrn zeigen zu können, daß Tom würdig geweſen wäre, am Steuer einer Fregatte Ihrer brittiſchen Majeſtät zu ſtehen. Nach vielen Beſchwerden, Kämpfen und Manövern ließ Tom den Wildenruf: Uff! wieder hören. Das Wrack trat deutlich in ſeinen Umriſſen am Morgenhimmel hervor. „Tom hat richtig geurtheilt, Herr!“ rief er dem Doctor zu, „es iſt ein franzöſiſcher Weſtindienfahrer; aber der iſt abſcheulich zugerichtet. Uff! Kein Maſt, keine Spiere, keine Steuer mehr, da iſts Noth zu eilen! Länger als eine Stunde halten's nicht mehr aus, dann— Adten partie et patrie! wie die Halunken, die Franzoſen, ſagen.“ Immer näher kam indeſſen der Kutter dem Wrack. Zehn bis zwölf Menſchen ſtanden dichtgedrängt an dem Hintertheile des Schiffes, der hoch emporſtand, während der Schnabel ſich in die See hinabgeſenkt hatte. In weniger als ein paar Minuten hatten ſie ihn erreicht, und vermochten auf der Backbordſeite unter dem Winde das ihnen zugeworfene Tau zu ergreifen. — 120— Zetzt erſt ſah der Doctor, daß unter den vor Froſt bebenden Unglücklichen zwei Damen waren. So ſchnell, als es ſich thun ließ, wurden Alle in den Kutter eingenommen und dieſer ſegelte dem Lande wieder zu. Sie waren noch nicht weit von dem Schiff entfernt, da traf es eine mächtige Sturzwelle und es verſank vor ihren Blicken. II. Capitän Roßbridge hatte gar oft im Laufe der Nacht an die Schiffbrüchigen denken müſſen. Gegen Morgen fiel er erſt in tiefern Schlaf und erwachte ſpät. Beim Frühſtücke den Doctor John vermiſſend, fragte er nach ihm, und Ellen erzählte, wie er und Tom nebſt den Söhnen und dem Knechte des Pächters zur Rettung der Schiffbrüchigen ausgelaufen ſeien. Sie ſei, fuhr Ellen fort, ſchon lange auf der Loggia geweſen und habe mit dem Fernrohre die Schiffer verfolgt; ſie habe geſehen, wie ſie ſie eingenommen, und bald müßten ſie landen. „Du biſt unerfahren in ſolchen Lagen, mein Kind,“ ſagte der alte Capitän und ſprang auf. Sein Klingeln beſchied alle Diener des Hauſes herbei, denen er die gemeſſenſten Befehle gab. Da hieß es hier: Feuer in drei, vier Kamine machen! Dort: die Betten erwärmen! Hier wieder: wollene Decken zurechtlegen und durch⸗ wärmen! Dort: Grog, Punſch, Kaffe, Thee bereiten, Alles ſo heiß als möglich! Die Diener flogen hinweg, und der Capitän genoß ſchnell das Nothdürftigſte und eilte dann mit dem Fernrohr an die Bruſtwehr. Das Wetter hatte ſich merkwürdig verändert. Zwar ging die See noch ſehr hoch, aber es hielt keinen Vergleich mehr mit dem Zuſtande der Gewäſſer am verfloſſenen Abend aus. Der Wind wehte friſch, aber er glich eher einer ſcharfen Briſe, denn einem Sturme. Der Himmel war nur ſtellenweiſe bewölkt. Die Herbſt⸗ ſonne blickte mild und freundlich auf das wogende Meer. — 121— Dieſe Veränderung war ſeit dem Aufgange des leuchtenden Tagesgeſtirnes bewirkt worden. Von einem Wrack erblickte jedoch der Capitän nichts mehr. Den Kutter ſah er, ſtark beſetzt, mit den Wellen kämpfen, um die Inſel zu gewinnen. In Tom's Hand wußte er das Ruder und ſah ruhig ſeinem Steigen und Fallen zu. Endlich rückte er näher und lief dann zu des alten Mannes Freude in die ſchmale Bucht ein. Jetzt rief des Capitäns Stentorſtimme die Diener alle herbei, und was Leben hatte in Roßbridge⸗Houſe, eilte zum Strand. In einem Zuſtande der Ermattung und Kraftloſigkeit, welcher das tiefſte Mitleid weckte, befanden ſich die Geretteten. Es war der Capitän des Wracks, der Steuermann und drei Fremde, die übrigen Leute waren Matroſen. Die Fremden beſtanden in einem Herrn und zwei Damen, einer ältern und einer jüngern. Sie wurden zum Landhauſe getragen und geleitet, je nachdem ihr Zuſtand Eins oder das Andere heiſchte, und dort fanden ſie Alles, was Menſchen⸗ liebe darbieten kann. Ellen beſchäftigte ſich mit den Damen. Der Doctor fand die Hände voll zu thun. Kaum daß er ſeine durch⸗ näßten Kleider ablegen konnte. Die Sorgfalt, welche indeſſen auf alle dieſe Verunglückten verwendet wurde, gab die gegründetſte Hoffnung ihrer baldigen Wiederherſtellung. Als Alle in den warmen Betten Platz genommen und in den Schlaf der völligen Abſpannung nach der überſpannung aller Seelen⸗ kräfte geſunken waren, trat Tom zum Capitän, grüßte und ſagte: „Uff! Herr, es iſt ein himmelſchreiendes Unrecht, daß unſer Herr Doctor nicht Seemann geworden iſt! Seine Ruhe iſt von Guß⸗ eiſen, und ſein Muth unbeſiegbar. Mit dem ſegelte ich, wie mit Ihnen, Herr, vom Nordpol bis zum Südpol hinunter. Uff! Herr! es iſt ſo!“ Der Capitän, der Tom's Weiſe kannte, und wußte, daß, wenn er den Indianerausruf gebrauchte, die Sache eine hohe Wichtigkeit für ihn hatte, lächelte und ſagte:„Meinſt du?“ „Uff! Herr, uff!“ rief Tom und ſchlug an ſeine eiſenfeſte Bruſt, daß es nachklang wie bei einer hohlen Tonne. 12 „Er wird bald in See gehen, freilich als Doctor, aber doch ſo gut ein Seehund werden wie Unſereiner,“ fuhr der Capitän fort, „willſt du ihn da begleiten?“* Tom that einen Satz in die Luft und rief:„Uff! Herr, wenn es Ihr Ernſt iſt“ Der Matroſe blickte forſchend auf des Alten Geſicht. „Der iſt's, Tom,“ fuhr er fort;„aber wer wird mein Steuer nach Southampton lenken?“ Tom blickte zur Erde. „Herr,“ ſagte er endlich,„ich denke, des Pächters Simmy iſt ein Kerl, der das ſchnell gelernt hätte, wenn Sie ſein Schulmeiſter würden. Es iſt ein Kapitalkerl!“ „Alſo iſt's wirklich dein Ernſt, alter Seehund?“ fragte der Capitän, der es gerne ſah, wenn eine bewährte Seele dem theuren Sohne folgte.„So mag's ſein, und es bleibt dabei.“ Er hielt dem treuen Tom ſeine Hand hin, und dieſer ſchlug mit einer Kraft ein, die einer alten Theerjacke Ehre machte. „Aber, Tom,“ nahm der Capitän wieder das Wort,„erzähle mir, wie es mit dem Wrack ging und mit den Schiffbrüchigen.“ „Es iſt wahr, Herr; Sie ſollen Alles hören: die ganze Nacht wachte ich, denn mir lag's im Sinn, es gäbe etwas, und manchmal, wenn der Sturm Athem ſchöpfte, war mir's, als hört' ich das Jammergeſchrei. Herr, das ging mir durch die Seele, Uff!— Richtig! Als der Tag kam, ſah ich das Wrack. Es ſaß auf den ſpitzen Felſen dort ſeewärts, Ihr kennt ſie ſchon. Jetzt galt's! Ich machte den Kutter ſegelfertig, weckte Pächters Simmy und ſeinen Bruder und den Knecht und den Sir John, den Doctor, wollt' ich ſagen, und pfeilſchnell ging's in See. Aber da hieß es bald lagern, bald draufſegeln, je nachdem der Wind umſprang, der wahre Weiberlaunen hatte. Als wir nahe genug waren, ſahen wir, daß das Wrack keine Stunde mehr den Stößen der See Widerſtand leiſten konnte. Und die Leute drauf— Uff! Herr, ſie waren drei⸗ vierteltodt. Das Schiff war die Penelope von Havre, beladen für Marie galante, Ihr kennt ja die kleine ſchwarze Antille? da aber ———————— — 123— hätten Sie, Capitän, den Doctor ſehen ſollen! Uff! Der war wie ein Eichhörnchen auf dem Wrack; ergquickte die Schiffbrüchigen und dann ging's ans Einſchiffen in den Kutter, das war eine Heiden⸗ arbeit, denn die waren ſtarr vor Froſt und kraftlos vor Hunger und Durſt ſeit drei Tagen, wie uns der Sir Doctor berichtete. Gut, wir brachten ſie endlich an Bord, ſtießen ab, und als wir dreißig Kabellängen landwärts waren, krach! da faßte eine lange Sturzwelle das Wrack und fort war's. Die Penelope ging baden ins Meer. Fahr hin, dacht' ich. Da haben die Franzoſen ein Schiff weniger! Nun, Ihr werdet mich nicht tadeln, Capitän, auf der See ſoll nur England Herr ſein und die Landratten auf dem Continent ſollen daheim bleiben. Sie verſtehen doch nichts und die Pfuſcher auf der See müſſen alle Seewaſſer trinken, bis ſie genug haben. Für die Waaren iſt's Schade, die das Wrack barg. Ein Seemann ſagte mir, die Ladung ſei viel Hunderttauſend Franes werth geweſen. Ein Engländer hat dabei nichts verloren und ſo ſchreit keine Möve darnach. Das Meer will auch etwas haben. Nicht?“ Der Capitän lachte, ging an einen Schrank, nahm eine Flaſche alten Jamaica⸗Rum, reichte ſie Tom hin und ſagte:„Da, alter Burſche, die Kehle iſt dir von dem Seewinde trocken!“ Tom ſah liebängelnd die Flaſche an, dankte, grüßte und ging. Im Hauſe war es ſtille wie im Grabe, denn die Meiſten, welche es jetzt einſchloß, genoſſen der langentbehrten Ruhe. Ellen und ihr Vater und einige Hausdiener waren beſchäftigt, die nöthigen Anordnungen für ein kräftiges Mahl zu treffen. Es war ſchon faſt Mittag, als Ellen zu ihrem Vater trat, der die Londoner Zeitungen las. Er legte ſie weg und ſagte:„Wer ſind die Leute, Ellen?“ Ellen ſetzte ſich zu ihm und erzählte, daß es ein Pflanzer von der Inſel Marie galante ſei, nebſt ſeiner Frau und ihrer Schweſter, einem wunderlieblichen Mädchen von ihrem Alter. Sie ſeien in Paris geweſen bei ihren Angehörigen, und auf der Rückfahrt habe ſie im Canale der Sturm ereilt. Das Schiff ſei ein Kauffahrteiſchiff ₰ von Havre. Sie hätten viel erduldet in dieſer Nacht und alle ihre Effecten eingebüßt, doch ihr Geld gerettet. „Nun, das vergißt ſich, Ellen,“ ſagte der Capitän.„Wir wollen ſie ſchon wieder herſtellen. Haben ſie das Geld gerettet, ſo können ſie ſchon wieder auf die Beine kommen.“ „Aber das arme Mädchen, wie ſah ſie aus!“ ſagte mit liebender Theilnahme Ellen. „Thut nichts, Kind!“ entgegnete der alte Seeman„Ich wette, wenn ſie zu Tiſche kommt, ſind die Roſen wieder t auf den Wangen. Jung iſt Herr, Kind. Alte Leute daran zu tragen. Ich denke, du wirſt meinem Hauſe Ehre machen, mein liebes Kind!“ Ellen verſicherte, daß das Alles ſchon geſchehen ſei, und der Capitän griff wieder nach ſeinen Zeitungen. Endlich regte es ſich oben. Der Doctor war der Erſte, der erſchien und ſeines Vaters anerkennenden Handſchlag empfing. Er mußte noch einmal erzählen und dann begab er ſich hinauf zu ſeinen Pflegbefohlenen. Des Capitäns Prophezeihung war eingetroffen. Alles war glücklich überwunden, und der Doctor fand gar keine Gelegenheit, die allerliebſte kleine Hand der jungen Dame ſo oft in die ſeine zu nehmen, als er wünſchen mochte, denn ihr Puls ging ſo regelmäßig, als ob die Sturmnacht mit ihrer Todesgefahr ein Jahrzehent hinter ihr läge. Bei Tiſch gab es dann die reichſten Außerungen des Dankes. Die drei Geretteten und der Capitän nebſt ſeinem Oberſteuermann machten mit dem alten Hausherrn, dem Doctor und Ellen die Tiſchgenoſſenſchaft aus. Die drei Seeleute handelten das Kapitel des Schiffbruchs mit allen Einzelnheiten ab, und Herr Cantrac nebſt ſeiner Frau und Amelie, ihrer Schweſter, unterhielten das lebhafteſte Geſpräch mit dem Doctor und ſeiner ſchönen Schweſter. Cantrac war ein Mann von etwa dreißig Jahren, ein lebhafter Franzoſe, von nicht eben ſehr einnehmendem Weſen. Seine kleinen, tiefliegenden, ſchwarzen Augen hatten etwas Tückiſches und die ſchon tiefgefurchte Stirne zeigte, daß er viele Erfahrungen gemacht hatte und zum klugen Berechnen gemacht ſei. Es lag etwas in ihm, was kein Zutrauen einflößen konnte, und das Lauernde in ſeinem Blicke war ſo katzenartig, daß es einem in ſeiner Nähe unbehaglich werden konnte. Niemand fühlte das mehr als Ellen, auf deren bezaubernder Schönheit ſein Auge gierig haftete. Seine Frau, nur wenige Jahre jünger als er, war eine imponirende Schönheit. Man ſah es ihr an, daß ſie gewohnt war, die Huldigungen der Männerwelt zu empfangen und ihre nicht ſehr feine Koketterie ließ ſchnell ihre Minen ſpringen. Als ſie an dem Doctor, einem blühend ſchönen Mann, erfolglos blieb, ſchien ſie mißſtimmt. Dagegen war ihre junge Schweſter das harmloſeſte, zugleich aber auch anſpruchloſeſte Weſen, das gar nicht zu ahnen ſchien, wie unausſprechlich reizend es ſei, und das daher einen um ſo tiefern Eindruck auf das Herz des Doctors machte, der ſich nur mit ihr unterhielt und dem ſie die wärmſte Dankbarkeit zollte, während ſie ſich mit der ganzen Innigkeit ihres Herzens an die gleichalterige Ellen anſchloß. Als die Seeleute ihr Kapitel abgehandelt, wurde die Unterhal⸗ tung allgemeiner, und der Capitän Robert, der Madame Cantrac ſeine Huldigungen widmete, riß die etwas mißſtimmte Herrſcherin über die Herzen aus ihrer aufkeimenden Ubellaune, indem er ihr den Tribut franzöſiſcher Galanterie darbrachte. Dem alten Roß⸗ bridge war die Unterbrechung des gewöhnlichen Einerlei's ſeines Lebens durch die Anweſenheit der Fremden ſehr angenehm. Es iſt in unſerem Stillleben, was ein hübſcher Sturm auf dem Meer iſt, ſagte er zu Cantrac, der ſich entſchuldigte, den Frieden ſeines Hauſes geſtört zu haben. 3 Während ſo die Unterhaltung ſich mehr zu den älteren Tiſch⸗ genoſſen neigte, plauderten Ellen, der Doctor und Amelie deſto angelegentlicher miteinander. Amelie erzählte von ihrer ſchönen FPflanzung auf Marie galante, und wußte die Reize des Lebens auf den Antillen mit ſo feurigen Farben zu malen, daß die „ — 126— Geſchwiſter mit dem größten Intereſſe ihr das Ohr liehen und der Doctor das wunderſchöne Bild des Mädchens tief in ſeine Seele drückte. Amelie verhehlte es nicht, daß ſie Wohlgefallen an ihm fand. Sie war zu natürlich, um das zu können. Wie ein Kind gab ſie ſich jedem Eindrucke ganz hin, und ihre Seele lag unverhüllt vor dem Auge deſſen da, der mit ihr in irgend nähere Berührung kam. Hier, wo ſie eine ſo heilige Regung, wie die der Dankbarkeit für das gerettete Leben, zu dem jungen Wt hinzog, war dieß um ſo viel mehr der Fall. Je ſcheuer ſich die Engländerinnen in ſich ſelbſt zurückzuziehen pflegen, deſto reizender erſchien dieſe offene Natürlichkeit und Harm⸗ loſigkeit dem Doctor, und er mußte es ſich am Abend des erſten Tages des Zuſammenlebens mit Amelie geſtehen, daß noch kein weibliches Weſen einen tiefern Eindruck auf ihn gemacht habe, und ohne Zweifel konnte Amelie, wollte ſie ſich ſelbſt die Wahrheit geſtehen, ein ähnliches Bekenntniß ablegen. Es iſt eine altbekannte Thatſache, daß man nirgends ungezwungener lebt, als in einem engliſchen Landhauſe. Der Morgen iſt jedes Einzelnen ganz unbeſtrittenes Eigenthum, und erſt bei Tiſche finden ſich alle Bewohner zuſammen. Dieß geſtattet, daß ſich Gleichgeſinnte leicht zuſammenfinden und den Morgen zu Ausflügen benutzen können, wenn ſie es nicht vorziehen, in ihren Gemächern ihn zu verplaudern. Madame Cantrac, die dieſe Sitte kannte, mochte gerne das Innere der ſchönen Inſel kennen lernen, und da es ſchien, als habe der Sturm einen Parorismus der Witterung des ſonſt ſo ſchönen Herbſtes gebildet, ſo trat, nachdem die Natur ſich in ihm aller Launen entladen zu haben ſchien, das herrlichſte Herbſtwetter ein, das ſich denken läßt. Madame Cantrac ließ nun die Pferde, welche Roßbridge ihr zur Verfügung geſtellt, vorführen, und da Roßbridge es für eine wirthliche Pflicht hielt, die Herren und Damen zu begleiten, ſo beſtieg er das ſeine und war ein ſteter Theilnehmer dieſer ſchönen Morgenpartien in die reizenden Gegenden Wights, wo Parks, niedliche Häuſer, Wieſengründe und friſchgrüne in lieblichem Wechſel dem ſich darbieten. — — 127— Die ſchöne Frau fand immer größeres Wohlgefallen an dieſen Morgenritten, die faſt täglich weiter ausgedehnt wurden. Sie war nach wenigen Tagen ſchon ſo daran gewöhnt, daß ſie es unerträglich fand, im Haus einen Morgen zuzubringen. Niemand freute ſich mehr über dieſe Entfernung— als Amelie. Mit ihrer herrſch⸗ und gefallſüchtigen Schweſter harmonirte ſie ſehr wenig. Ihr innerſtes Weſen war ein anderes, als das der ältern Schweſter, die das ſchöne, tiefe Gemüth der Jungfrau nicht verſtand, darum nicht zu würdigen wußte, und oft recht rauh in dieſen ſtillen Himmel mit ihrem gebieteriſchen Weſen hineinfuhr, Amelie tadelte, zurecht wies, ja ſelbſt verſpottete und ſo manche Thräne in das ſchöne Auge lockte. Nun konnte Amelie ungeſtört mit ihrer theueren Ellen und ihrem Bruder verkehren, und dieſe Stunden waren, das ſagte ſie in ihrer lieblichen Naivität ohne Rückhalt, die glücklichſten, welche ſie je erlebt habe. Ganz daſſelbe bekannte der Doctor, und bezog übrigens den Grund allein auf Amelie, während ſie doch zwiſchen zwei ihn vertheilen konnte; allein bald genug wurde ſie es inne, daß der Doctor mehr Antheil an dem Grunde jenes Bekenntniſſes habe, als Ellen, obgleich ſie ſie alle Tage lieber gewann. Oft den ganzen Morgen luſtwandelten ſie in dem Park, oder ſie ſaßen auf ihrem Zimmer und muſicirten, da alle Drei dieſer ſchönen Kunſt kundig waren. Da kam es denn, daß die Wirthſchafterin mit Miß Ellen zu reden hatte und ſie lange entfernt hielt. In ſolchen Augen⸗ blicken ſüßen ſich Amelie und der D etor gegenüber und fanden ſich ſelbſt erröthend darüber, daß Eins dem Augen blickte. Wo es einmal ſo ſteht, bleibt das kühne Wort 3 ſelten lange aus, und ſo kam es denn auch, daß es an einem ſchönen Morgen mit wunderbarer Beredſamkeit über des Doctors Lippe floß, und Amelie bald darnach im ſüßeſten Rauſche des Liebesglücks an ſeiner Bruſt lag. Dem ſcharfen Auge der Madame Cantrac blieb das Geheimniß der jugendlichen Herzen nicht lange verborgen, und ſie ſah die Stunde nahe gerückt, wo ſie Rache nehmen wollte, an dem Undank⸗ deren ſchweigend in die — 128— baren, der ihr Entgegenkommen unbeachtet gelaſſen und ihr ein bitteres Gefühl bereitet hatte, das ſie ihm nicht vergaß. Ob dabei das Herz ihrer lieblichen Schweſter im tiefſten Wehe zucke, was fragte das herzloſe Weib darnach? Wenn ſie nur dem Doctor wehe thun konnte. Und das konnte ſie jetzt aufs Empfind⸗ lichſte, das erkannte ſie klar; denn daß der Doctor die reizende Anmelie liebe, war außer allem Zweifel. Ein gefallſüchtiges Weib, wie Madame Cantrac, vergibt nichts weniger, als ein Nichtbeachten ihrer Reize und der Beſtrebungen zu gefallen. Das verwundet ſie tiefer, das drückt den Stachel des Haſſes tiefer in die Seele, als irgend etwas Anderes es vermöchte. So ſehr ihr Anfangs der Doctor wohlgefallen, ſo verabſcheute ſie ihn jetzt. Zu dem Racheplane, den ſie angelegt, gab übrigens die ₰ allmählich ſich einſtellende Langweile auch ihren Antheil, darum erklärte ſie eines Tags ihrem Gatten, es gehe nicht länger an, die Gaſtfreundſchaft dieſer langweiligen Engländer anzunehmen. Er müſſe ſchnell die Abreiſe herbeiführen und ſchon morgen mußte er die überfahrt nach Liverpool veranlaſſen. Das legte ſie ihm aber als beſondere Pflicht auf, Nichts davon zu äußern und es ihr zu überlaſſen, den geeigneten Zeitpunkt zu wählen, ihre Abreiſe anzukündigen. Cantrac war gewohnt, die Befehle ſeiner Frau unbedingt zu vollziehen. Auch jetzt leiſtete er pünktlichen Gehorſam, und die Umſtände begünſtigten in dem Maaße die Pläne der boshaften Frau, daß ein Schiff von Southampton am dritten Morgen abſegelte, um nach Liverpobl zu gehen. Als die Geſellſchaft Abends beim Thee ſaß, eröffnete Madame Cantrac dem Capitain Roßbridge, daß ſie morgen mit dem Früheſten Alle ſein gaſtliches Haus verlaſſen werden. Die Zeit heiſche ihre Rückkehr nach Marie galante und die Dankbarkeit gebiete, ſeine großmüthige Gaſtfreundſchaft nicht länger in Anſpruch zu nehmen, ſie würden frühe von einem Schiffe von Southampton abgeholt. „Unſere Effecten ſind ſchnell reiſefertig gemacht“ ſetzte ſie — 129— anſcheinend mit harmloſem Lächeln hinzu,„ſeit das Meer uns dieſe Arbeit zu erſparen für gut gefunden hat.“ Vergebens erſchöpfte der Capitän ſeine Beredſamkeit, ſie noch zu einer Verlängerung ihres Aufenthaltes zu beſtimmen; vergebens ſtellte er ſich und die Seinen als diejenigen hin, denen der Dank für die Freude gebühre, welche die Anweſenheit ſo werther Gäſte ihnen bereitet habe. Ihr Entſchluß ſtand wandellos feſt. Wie dies Wort auf die drei jüngeren Perſonen wirkte, läßt ſich kaum ſagen. Amelie war einer Ohnmacht nahe; Ellen hatte Thränen der aufrichtigſten Trauer in den ſchönen blauen Augen, und der Doctor glich einem bleichen Marmorbild. Es war der erſte große Schmerz, den ſeine Seele ergriff, und er ergriff ſie auch mit ſeiner vollen Macht und Gewalt. Er ſtarrte vor ſich hin und tauſend Pläne durchkreuzten ſeinen Kopf. Sollte er ſich ſeinem Vater entdecken? Sollte er ihn um ſeine Einwilligung bitten?— Durfte er es, wo er ſich zum Marinedienſt gemeldet und ſein Vater Zuſicherungen beſtimmter Art empfangen hatte, und der Krieg mit Frankreich auf dem Punkte ſtand, auszubrechen. Konnte er das geliebte Mädchen an ſich feſſeln und ihr zugleich die namenloſe Qual bereiten, ihn in den Gefahren des Meeres und des Krieges zugleich zu wiſſen? Doctor John war eine feſte, biedere, ehrenhafte Natur. Er beſtand den ſchweren Kampf mit dem liebenden Herzen, und als die Stimme des Gewiſſens ihr„Nein“ ausſprach, beugte er das blutende Herz unter das Machtgebot. War der Krieg vorüber, ſo wollte er nach Marie galante eilen und ſein Theuerſtes holen und heimführen. Das ſtand feſt in ſeiner Seele, und ſein Vater, das hoffte er, würde ihn daran nicht hindern; aber mit Amelie mußte er noch reden, das war nothwendig. Ellen ahnte, was in ihres Bruders Herzen vorgehe. Sie bat Amelie, daß ſie den Abend noch bei ihr zubringe, und das geſchah. Hier wurden die Schwüre ewiger Treue gewechſelt; hier der Plan fürs Leben entworfen und hier die heißen Thränen . m. 9 des Schmerzes geweint. Keins von ihnen ahnete den Grund ihrer Leiden, und Madame Cantrac hatte ſo kunſtmäßig ihre Rolle geſpielt, daß die Argloſen keinem Gedanken Raum gaben, wo der ſchnell gefaßte Entſchluß ſeine tiefſten Wurzeln geſchlagen habe. Hätte aber Jemand den Blick triumphirenden Haſſes geſehen, den dies Weib dem Doctor zuwarf, er hätte keine Secunde im Zweifel bleiben können, was eigentlich hier vorwalte. Schon in der Frühe des nächſten Morgens legte ein Sloop in der Bucht ſich vor Anker. Nach eingenommenem Frühſtücke ſchlug die Stunde des Abſchiedes, den aber Alle dadurch weiter hinaus⸗ ſchoben, daß ſie die Gäſte nach Southampton begleiteten, wo ſie Tom mit dem Kutter abholeu ſollte. Als die Sloop dahin fuhr, ſtand Tom am Ufer und ſah ihr nach, wie die Segel ſich im Morgenwinde ſchwellten.„Uff!“ rief er aus,„ich bin ſeelenfroh, daß das Franzoſenvolk endlich zieht! Das kleine, ſchöne, ſchwarzaugige Ding hat meinem jungen Herrn den Kopf rein verrückt, und ich fürchte, auch das Herz dazu. Gut iſt ſie, das muß wahr ſein, gut, wie Miß Ellen, aber ſie iſt doch eine Franzöſin, und ich meine, das gäbe niemals eine gute Fahrt!“ III. Roßbridge⸗Houſe glich einem Sterbehauſe, aus dem man die Liebſten hinausgetragen zur ſtillen Gruft, ſeit die Fremden es verlaſſen hatten. Selbſt der alte Capitän empfand die Lücke ſchmerzlich, denn er hatte die beiden franzöſiſchen Seeleute ſehr lieb gewonnen. An Monſieur Cantrac konnte er keinen Gefallen finden und ſeine Frau war noch weniger geeigenſchaftet, ihm Wohlwollen einzuflößen. Jetzt nahte der Winter mit ſchnellen Schritten und mit ihm die Jahrszeit, die ihn in das Haus zurückdrängte, wo ſelten ein lieber Beſuch die Einförmigkeit unterbrach. Mehr wie er fühlte aber den Verluſt der Freundin die gute Ellen. Amelie ſchloß ſich ſo ſchnell, ſo innig an ſie an, wie es ſelten ein — — 131— Mädchen gethan, und die übereinſtimmung ihrer Anſichten und Gefühle einigte ſie bald aufs Engſte. Zwar überragte Ellen die Franzöſin ſehr an Bildung des Geiſtes; aber ſie beachtete das bei der perſönlichen Liebenswürdigkeit Amelie's um ſo weniger, als ſie die großen Vorzüge ihres vortrefflichen Herzens ſehr hoch⸗ ſchätzte. Nun ſtand ſie wieder allein in dem ſtillen Roßbridge⸗ Houſe und die Wintertage geſtatteten ſo ſelten auch nur ein Ergehen im Freien. Alle ihre Gedanken wären bei Amelie und manche Thräne floß der geliebten Freundin. Am Schwerſten war John getroffen von dieſem Scheiden. Sein Herz umfaßte mit einer innigen Liebe das Mädchen und es war die ganze Fülle einer erſten, heiligen Liebe, die es erfüllte. Da lag Schmerz und f ſeinem Herzen und er ſuchte gefliſſentlich die Einſam⸗ m ſich ſeinen Erinnerungen ganz hingeben zu können. War er bei Ellen, ſo ſprachen ſie nur von ihr, und 8. gewährte allein ſeinem Herzen eine Wohlthat. Der Vater ſchien das Verhältniß gar nicht zu kennen, und doch war er durch Ellen vollkommen eingeweiht. Amelie hatte ihm wohlgefallen, und er hätte unter anderen Umſtänden nichts dagegen gehabt, wenn ſie ſeine Schwiegertochter geworden wäre; allein er billigte John's Benehmen ſehr. Es hätte ihm mißfallen, wenn er unter ſeinen jetzigen Umſtänden um ſeine Einwilligung zu der Heirath gebeten hätte. Soll es ſein, daß er ſie nach wenigen Jahren ſeines Seedienſtes heirathen kann, ſagte er zu Ellen, ſo wird ihm mein Segen nicht fehlen, wenn anders dieſe jugendlich aufflammende Neigung die Prüfung der Zeit aushält. Er verhehlte es ſich aber in ſeines Herzens Grunde nicht, daß es ihm lieber wäre, wenn einſt der Doctor ihm eine Tochter Altenglands zuführe und um ſeinen Segen bitte. Auch hoffte er, der Rauſch werde verfliegen, denn für ein tiefer gewurzeltes Gefühl hielt er es nicht. Es ſchien ihm unter ſolchen Verhältniſſen geeigneter, durch Nichts zu verrathen, daß er mit der Lage der Sachen und mit dem Grunde von des Doctors ſen Weig genauer bekannt ſei. 9* ₰ B S Der Krieg zwiſchen Frankreich und England brach aus, und dieſes Ereigniß brachte abermals eine Inderung in das Leben der Familie des Capitäns. Er ſtand mit den Lords der Admiralität in den freundſchaft⸗ lichſten Beziehungen. Sie hielten ihn ungemein werth, weil eine fleckenloſe, lange Dienſtzeit den Mann mit Recht hochſtellte. Er hatte Altengland große Dienſte geleiſtet. Das vergaß das dankbare Vaterland nicht, und auch die vergaßen es nicht, die der Danlbarkeit des Vaterlandes den Ausdruck zu geben hatten. Der Capitän nahm keinen Anſtand, ſeines Sohnes Wunſch als Marinearzt ſich eine Laufbahn zu eröffnen, den Lords der Admiralität auszudrücken. Sie nahmen den Wunſch des Ehrenmannes wohl⸗ gefällig auf und plötzlich traf das Patent als Marinearzt für Doctor John in Roßbridge⸗Houſe ein, und der Befehl, ſich ſogleich nach Liverpool zu begeben, wo er auf der Fregatte Sr. Majeſtät„der Eridanus“ ſeinen Dienſt anzutreten habe. Das kam zwar nicht unerwartet, aber es wirkte doch durch ſein Eintreffen wieder niederdrückend auf den Capitän und Ellen. So ſchnell als möglich wurde ſeine Ausrüſtung hergeſtellt und von den Segenswünſchen der geliebten Schweſter und denen des treuen Vaters begleitet, eilte der Doctor, gefolgt von dem alten Tom, nach Liverpool an Bord des ſtolzen Schiffes, das die Contre⸗ admiralsflagge trug und von einem Geſchwader begleitet war, deſſen Beſtimmung darin beſtand, im Canale zu kreuzen, um die franzöſiſche Küſte zu blockiren und franzöſiſche Schiffe zu kapern; auch die Bewegungen bei Boulogne zu beobachten, die England mit einer feindlichen Landung bedrohten. Wie es aber im Seeleben häufig iſt, daß ein Schiff heute hier iſt, morgen aber ſchon an einen anderen, viel tauſend Seemeilen entfernten Punkt des Weltmeeres beordert wird, ſo kam nach Ablauf eines Jahres der Befehl, eine Handelsflotte nach den engliſchen Beſitzungen in Weſtindien zu geleiten, für den Eridanus ebenſo unerwartet als unangenehm. Dieſe Nachricht wirkte wie ein Zauber⸗ ſchlag auf des Doctors Trübſinn, den die Secoffiziere Spleen ———,—— ———— S.———— — 133— nannten, ohne daß ſie den tiefliegenden Grund deſſelben ahnten. Sie konnten es ſich gar nicht enträthſeln, wie es doch kommen möge, daß die Veränderung der Station und die weite Reiſe eine ſo wunderbare Veränderung in dem Weſen des Doctor hervorbringen könne, denn er war heiter, wohlgemuth, ja fröhlich, und nicht ſelten vernahm man aus dem Munde des ſo wortkargen, in ſich verſchloſſenen Mannes ein fröhliches Lied oder irgend eine Seemannsweiſe, die er mit ſeelenheiterm Angeſicht am Maſte lehnend vor ſich hinſummte. Der alte Tom aber ſchien jetzt die Rolle mit ſeinem Herrn vertauſcht zu haben, denn in dem Maaße, wie jener fröhlich wurde, zeigte Tom ein mürriſches Weſen und man konnte häufig aus ſeinem Murmeln den Indianerruf: Uff! zu hören bekommen, eine Anzeige, daß ihn innerlich etwas höchſt unangenehm berühre. Der ſegelt jetzt mit friſchem Winde, ſagte er zu ſich in halblautem Selbſtgeſpräch, und alle Wimpel flattern! Ich hoffe, das Schickſal ſoll einen Gegenwind ſenden, der das Einlaufen in den Hafen ſeiner Pläne zu nichte macht! Ich wette, es iſt ſein Unglück! uff! uff! Die Fahrt nach Weſtindien war eine ſehr glückliche. Hundert Handelsſchiffe bildeten die Flotte, welcher die Fregatte Eridanus zum Schutze beigegeben war. Der nächſte Punkt war die Bai von Carlisle. Hier ging die Flotte glücklich vor Anker, und es ſchien, als bleibe Barbadves zuerſt der Ort, wo die Fregatte weilen ſollte. In Bridgetown ſchifften ſich die Offiziere aus, um das Innere der . Inſel ſich anzuſehen. Der Doctor begleitete ſie. Er liebte es beſonders, die Berge der Inſel zu beſteigen, vorzüglich die höchſten, wo ſein Auge Marie galante zu erblicken hoffen durfte. An einen Urlaub zum Beſuch auf Marie galante war gar nicht zu denken, da dieſe Inſel franzöſiſch war und eine kleine Beſatzung hatte, wo es dann, wenn er nicht als Spion ergriffen und gerichtet worden wäre, leicht hätte ſein können, daß er die Freuden einer weſtindiſchen Kriegsgefangenſchaft hätte zu koſten gekriegt in einem Maaße, wie ſie Andere vor ihm wehklagend geſchildert. Er mußte das ſtürmiſch 6 klopfende Herz beſiegen und ſich mit dem Gedanken beruhigen, daß er in ihrer Nähe ſei, daß Eine Welle die Planken ſeines Schiffes und die Küſte ihrer Inſel beſpüle, daß er Eine Luft mit ihr athme, und nur das quälte ihn, daß— ſie es nicht wußte. Tom erkannte, daß das Sprüchlein:„Aus den Augen, aus dem Sinn“ bei ſeinem Herrn nicht verfange, und ſein ſchauerlich tönendes„Uff!“ ließ ſich öfter hören, als ihm eine augenfällige Urſache unterlegt werden konnte. Die Ungeduld, welche den liebenden Doctor auf Barbadves ergriff, ſollte bald auf eine noch ärgere Weiſe hervorgerufen werden. Der Commandant erhielt nämlich Befehl, in den weſtindiſchen Gewäſſern zu kreuzen und ſo viel franzöſiſche Schiffe zu kapern oder in den Grund zu bohren, als nur immer möglich ſei. Sie verließen die Bai von Carlisle, um wieder zu kreuzen und die Beute nach England zu ſchicken, welche ſie durch die Wegnahme franzöſiſcher Handelsſchiffe gewönnen. So ſegelte denn der Doctor gegen ſeinen Willen bald hinab an den Antillen, bald wieder hinauf, und wenn nicht einmal ein Kampf mit einem Franzoſen vorkam, ſo war die drückende Langweile kaum zu ertragen. Um den Doctor vollends in Verzweiflung zu ſetzen, empfing das Schiff den Befehl, von Tortola aus eine Handelsflotte nach England zu geleiten, und dann war vielleicht ſeine Hoffnung vernichtet, Amelie wieder zu ſehen, jedenfalls in eine weite, unbekannte Ferne gerückt. Troſtlos, und wahrhaft ſtumpf gegen jedes Ereigniß, lehnte er am Hauptmaſt, als die Flotte am dritten Tage die Virgin⸗Gordas paſſirte. Mit dem Verſchwinden der Antillen verſchwand die Hoffnung, und er fluchte einem Dienſte, der ſeinem Willen Scla⸗ venfeſſeln anlegte. So machte es keinen Eindruck auf ihn, als mit vollen Segeln eine Brigg der Flotte nachjagte und Depeſchen an den Commodore überbrachte. Er ahnte nicht, daß ſich dieſe Depeſchen auf ihn allein bezögen, bis er zum Commodore beſchieden wurde. „Doctor,“ ſagte Sir Ralph zu ihm,„Sie ſind um die Hoffnung 4, — 135— betrogen, die theure Heimath wieder zu ſehen. Sie müſſen ſogleich mit der Brigg zum Oberbefehlshaber, der Sie im Hafen von Antiqua erwartet.“ Wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte ihn dieſe Botſchaft. Der Commodore ſah ihn mit Erſtaunen an, als die Röthe der Freude plötzlich die bleichen Wangen des Doctors malte und ſein Auge leuchtete wie die Sonne, die plötzlich hinter dem düſtern Gewölke hervortritt. „Ich ſehe, die Botſchaft iſt Ihnen angenehm?“ ſprach Sir Ralph. Der Doctor ſtotterte etwas über die Gründe her, von dem der Commodore kein Jota verſtand, beurlaubte ſichdann, um ſo ſchnell als möglich ſeine Effecten zu ordnen. „Tom,“ rief er dieſem freudig zu,„wir eilen mit der ſch nell* ſegelnden Brigg nach Antiqua zurück! Schnell Alles gepackt!“ „Uff!“ dehnte Tom den eigenthümlichen Laut.„Ich wollte, die Brigg wäre am Cap der guten Hoffnung und wir auf dem Wege nach Wight!“ brummte der Alte.„Iſt's Ihr Ernſt, Herr?“ „Freilich! ſchnell nur!“ war der Doctors Antwort, und Tom ging fluchend nach der Kajüte. Ich erleb's noch, daß wir nach Marie galante gehen! fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräche fort, mitten unter die Hunde, die Franzoſen, und holen das hübſche, ſchwarzäugige Püppchen und führen's als Miſtreß Roßbridge nach Wight! Er würde ſein Selbſtgeſpräch noch weiter geführt haben, wäre ihm nicht der Doctor auf dem Fuße gefolgt. Nie hatte Tom mit größerm Unmuthe ſeines Herrn Befehle gehorcht, als heute; aber es half nichts. Nach Verlauf einer Stunde befanden ſie ſich an Bord der Brigg Pultuks auf dem Wege nach Antiqua. Der Doctor war neu belebt. So heiter hatte ihn Tom lange nicht geſehen, und unwillig ſchüttelte er den Kopf und brummte i in den Bart: Die kleine Hexe hat es ihm angethan! Der Capitän der Brigg war ein heiterer Mann, mit dem der — 136— Doctor bald im freundlichſten Verkehre ſtand. Er war ſchon lange in Weſtindien und erzählte ihm von ſeinen Abenteuern. „Das luſtigſte, welches ich in Weſtindien erlebt habe,“ ſagte er,„war die im letzten Februar vollbrachte Eroberung von Marie galante.“ „Wie?“ rief der Doctor,„wir ſind im Beſitze von Marie galante?“ „Gewiß,“ ſagte der Capitän,„ich war bei der Affaire. Es war ein Faſtnachtsſtreich in beſter Form! Laſſen Sie ſich's erzählen!“ „Auf der Inſel befanden ſich etwa dreihundert Franzoſen. Es war die ganze Beſatzung, das wußten wir ſehr genau; überdies war es uns nicht fremd, daß nirgends auf den franzöſiſchen Antillen der Faſching geräuſchvoller, luſtiger, ja toller gefeiert würde, als auf Marie galante. Der letzte Faſchingsabend, ja die ganze Nacht iſt die allertollſte. Niemand ſchläft. Auf den öffentlichen Plätzen, in Dörfern und Städten wird getanzt und alle Welt iſt maskirt, vom Greiſe bis zum Kind. Im wildeſten Ranſche fliegt die laue Nacht hin und am Morgen liegt die ganze Inſel im eigentlichſten Sinne des Worts im tiefſten, bleiernſten Schlaf. Auf dieſen Umſtand gründeten wir unſer Unternehmen, und unſere Berechnung war mit untrüglicher Sicherheit gemacht. „Noch in der mondhellen Nacht nahten wir uns mit drei Schiffen und etwa zweihundert Mann Truppen der Inſel. Sowohl im Fort, als in der Stadt ſchlief Alles feſt, als wir mit dem Morgen landeten. Unverweilt rückten wir gegen die Hauptſtadt vor. „Es mochte gegen ſieben Uhr des Morgens ſein, als wir an dem Thore der Stadt Halt machten, die uns wie eine Todtenſtadt vorkam, denn kein Leben regte ſich in ihr. „Capitän Pigot, der die Truppen befehligte, theilte dieſe und die Matroſen, welche als Freiwillige Antheil an der Erpedition genommen hatten, in zwei Haufen, deren einen ich befehligte. Unglücklicherweiſe erwachte eine Schildwache und eilte zu dem Befehls⸗ haber. Dieſer, welcher vom Maskenballe kaum erſt zu Bett gegangen war, raffte ſich ſchnell auf, warf ſich auf ein Pferd und 6 8 33 floh nach der nächſten Pflanzung, die einem Franzoſen Namens Cantrac gehört— indem er nur eine Handvoll Soldaten mitnahm.“ „Cantrac?“ rief erblaſſend der Doctor. „Kennen Sie ihn?“ fragte der Capitän,„doch hören Sie weiter— ich komme auf Cantrac zurück, wenn es Sie intereſſirt. Er ſagte den Offizieren im Fort, er wolle die Landwehr der Inſel aufbieten und dann der bedrohten Stadt zu Hilfe eilen. Das war indeſſen auch nur eine Maskerade; denn dem feigen Menſchen war es nur darum zu thun, mit heiler Haut zu entkommen, überdies kannte er die Schwäche des Forts, wußte recht gut, daß nur eine einzige eiſerne Kanone auf dem Walle war und fünfzig Mann Soldaten nicht im Stande wären, das Fort zu vertheidigen. Die übrigen lagen an anderen Orten im Innern, da man an einen überfall von uns gar nicht gedacht haben mochte. „Das Geräuſch der Waffen veranlaßte jedoch, daß eine Anzahl Bewohner der Stadt erweckt wurde, die eiligſt ſich in das Fort warfen, um ſich darin zu vertheidigen. Sie ſandten auf geheimen Wegen eine Botſchaft an den Commandanten nach Cantrac's Pflanzung mit der Frage: Was ſie thun ſollten? „Unterdeſſen rückten wir an und eine Musketenſalve gegen das Fort weckte die Schläfer vollends, die ſich die Augen rieben und voll Erſtaunen engliſche Truppen in der Stadt ſahen. „Der Eilbote kam zurück und meldete den Franzoſen im Fort, ſie ſollten wacker die Kanone auf uns losbrennen. Wir ſtanden indeſſen ſchon, Herren der Stadt, vor dem Fort und richteten unſere Feldſtücke gur Beſchießung. Das bereitete ihnen einen ſolchen Schrecken, daß ſie eine Waffenſtillſtandsflagge aufhißten und einen Unterhändler an Hauptmann Pigot ſandten, der indeſſen mit einem ſchallenden Gelächter antwortete und ihnen ſagen ließ, es ſei nur eine Maskerade und die Kanonen ſeien mit Bonbons geladen! Das aber als baare Münze zu nehmen, trugen ſie doch billiges Bedenken, zumal unſere Schiffe auf der Rhede ihre Kanonen löſten und der Seewind ihren Donner ſehr deutlich herübertrug. „Ehe zehn Minuten vergangen waren, öffnete das Fort ſeine — 138— Thore und wir zogen mit klingendem Spiele und wehender Fahne in daſſelbe ein, wo die tapfere Beſatzung in gemüthlicher Ruhe die Waffen ſtreckte. „Die Bewohner der Stadt kamen indeſſen zum klaren Bewußt⸗ ſein, daß wir ohne einen Blutstropfen Herren der Inſel ſeien, was ſo gut als gewiß war, da wir einmal Herren der Hauptſtadt und des Schlüſſels der Inſel, des Forts, waren. In einer kürzern Friſt, als ich Ihnen das erzähle, wehte Altenglands ſiegendes Banner auf dem Fort, und die Bewohner der Stadt beeilten ſich, die engliſche Flagge mit echt franzöſiſcher Artigkeit überall aufzupflanzen. „Als Capitain Pigot nach dem Commandanten fragte, erhielt er die naive Antwort, er befinde ſich auf einer, etwa eine engliſche Meile entfernten Pflanzung. „Ihn gefangen zu nehmen, war natürlich um ſo wichtiger, als er im Stande war, die franzöſiſchen Truppen aus den verſchiedenen Standquartieren der Inſel, nebſt der Landwehr, die mit jenen eine Truppe von tauſend bis zwölfhundert Mann ausmachten, an ſich zu ziehen, die uns Unbequemlichkeiten bereiten konnten, wenn ſie die umliegenden Höhen beſetzten. „Während Capitän Pigot das Fort und die Stadt beſetzte, 4 erhielt ich Befehl, womöglich die Pflanzung zu umgehen und den Commandanten aufzuheben, der etwa acht bis zehn Soldaten zu ſeiner Bedeckung mit ſich genommen haben mochte, was uns nicht einmal genau angegeben werden konnte, da die Verwirrung Niemand darauf hatte achten laſſen.„ „Zwei kundige Führer leiteten uns und trotz der ſengenden Strahlen, die die Sonne auf uns herabſandte, erreichten wir nach 3 einem kurzen Marſche die Pflanzung, umſtellten ſie und ich rückte mit meiner Colonne an. „Zwar feuerte die Handvoll Soldaten ihre roſtigen Musketen einmal auf uns ab, allein keine Kugel traf und ſchnell waren ſie überwältigt und entwaffnet. Der Commandant wollte entfliehen, fiel aber unſren Leuten in die Hände, und ergab ſich mit Anſtand als Kriegsgefangener.“ —————— geſchah auf der Pflanzung?“ beſter Doctor,“ entgegnete der Capitän der Brigg s daß uns Monſieur zu einem köſtlichen Frühſtück einlud, wozu einen geſegneten Appetit mitbrachten und ſeiner Gaſt⸗ freundſchaft eine Ehre anthaten, über die er, bei ſeinen urbanen Sitten, ſich nicht beſchweren konnte.“ „Aber ſeine Familie? Sahen Sie ſie nicht?“ „Die Wahrheit zu ſagen,“ fuhr der Capitän der Brigg Pulust fort,„ſo hatten wir dieſe Ehre erſt bei der Mittagstafel, bei der es übrigens ſchon ſo cordial herging, als wären wir ſeit hundert Jahren die Beſitzer der ſchönen Inſel. Madame Cantrac war unausſprechlich liebenswürdig und kokettirte wie eine feine Pariſerin. Schöner aber und liebenswürdiger erſchien ihre Schweſter, eine liebliche Erſcheinung, die aber nicht die mindeſte Uhnlichkeit in ihrem Benehmen mit ihrer Schweſter hat, denn ſie war ſehr ernſt und zurückhaltend.“ „Mir that es leid, den ſchönen Aufenthalt verlaſſen zu müſſen, allein ſchon nach Tiſch mußte ich meine Gefangenen nach dem Fort bringen, und habe die Pflanzung nicht wiedergeſehen, da ich auf meine Brigg zurückkehrte, welche nach Barbadves ſegeln mußte. So viel aber kann ich Ihnen ſagen, daß die übrigen Theile der Beſatzung in wenigen Tagen das Beiſpiel ihrer Kameraden nachahmten, und ſeitdem die Inſel, ohne Verſuch der Wiedergewinnung von Seiten der Franzoſen, in unſerer Gewalt blieb.“ Angſt und Sorge hatte die Erzählung in des Doctors Seele anfänglich erweckt, allein ſie ging ſchnell in hohe Freude über. Wußte er ja doch nun, wo Amelie war, daß es ihr wohl ging und daß ſie ihm ihre Treue bewahrt hatte. „Da Sie an Marie galante und namentlich an der Familie Cantrac Antheil nehmen,“ fuhr der Capitin fort, nachdem er einige Befehle dem Lieutenant gegeben hatte;„ſo darf ich Ihnen die frohe Botſchaft melden, daß Sie ohne Zweifel nach Marie galante beſtimmt ſind.“ Der Doctor ſtarrte den Capitän an.„Scherzen Sie nicht!“ Ernſt und Nachdruck. „Behüte, beſter Doctor,“ rief dieſer aus.„D nicht in den Sinn. Was ich Ihnen ſage, hätte Ihnen Ralph ſagen können, denn es ſteht in der Depeſche, weil ich ſie offen von dem Oberbefehlshaber in Antiqua empfing.“ Jetzt pochte des Doctors Herz faſt hörbar. „Hören Sie nur weiter, wie es zuſammenhängt, ob ich gleich fürchten muß, einen recht bittern Tropfen in den Kelch der Freude für Sie zu miſchen. Ich weiß es nicht,“ fuhr der Capitän fort, „ob es Ihnen bekannt iſt, daß die Lage der Hauptſtadt der Inſel und des Forts eine ſehr ungeſunde iſt. Faſt die ganze Beſatzung iſt von böſen Fiebern heimgeſucht und erkrankt. Dieſe Fieber, dort einheimiſch und den Eingebornen weniger gefährlich als uns, die wir an das heiß⸗feuchte Klima nicht gewöhnt ſind, haben ſchon eine Menge der Unſeren weggerafft, ſind aber ſo anſteckend, daß die zum Erſatz hingeſendeten Soldaten ſchnell auch davon ergriffen wurden. Zetzt iſt kein Arzt im Fort, da bereits vier Ihrer Kunſtgenoſſen dort ihren Tod gefunden haben. Ohne Arzt kann der Oberbefehls⸗ haber die Garniſon nicht laſſen, und da wir auf der Flotte keinen Arzt entbehren können, ſo beſchloß er, Sie zurückzubehalten und nach Marie galante zu ſchicken. Gott gebe, daß es Ihnen gelingt, die Krankheit zu bewältigen, und Sie ſelbſt davon verſchont bleiben!“ So weit war der Capitän der Brigg, als ein ſich ſtark. erhebender Wind ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, und er ſchnell zu ſeinem Sprachrohre griff, um die nöthigen Befehle zu ertheilen. Der Doctor dankte Gott im Stillen, daß er Zeit gewann, das Gehörte ſich zurecht zu legen und ſeine Gefühle in ſeine Gewalt zu bekommen. Wie ſtürmte es in ſeiner Bruſt! Wie trat die ſchönſte Hoffnung ſeines Lebens roſig vor ihn hin! Was der Capitän von den Verhältniſſen auf der Inſel ſagte, focht ihn nicht im Geringſten an. Nur an Amelie dachte er, und die Wonne eines nahen Wiederſehens durchzuckte ſein Herz. IV. Was ihm der Capitän der Brigg Pultusk erzählt, beſtätigte ſich vollkommen, als der Doctor auf Antiqua eintraf. Der Ober⸗ befehlshaber theilte ihm mit, daß, nachdem Marie galante ganz in der Weiſe, wie der Capitän erzählt, in engliſchen Beſitz gekommen, vier bis fünfhundert Mann Truppen die Inſel beſetzten. Schon im Vorſommer aber entwickelten ſich Fieber unter der Beſatzung, die einen ſo heftigen Charakter annahmen, daß die davon Befallenen innerhalb vier und zwanzig Stunden eine Beute des Todes waren. Alle Mittel, welche die Arzte anwendeten— oder verbeſſerte der Oberbefehlshaber— die Chirurgen, denn eigentliche, wiſſenſchaftlich gebildete Arzte konnte ich nicht dahin ſchicken, weil ſie uns mangelten — blieben ohne den gewünſchten Erfolg. Wie Schneeflocken fielen die Opfer, und die unabweisbare Folge davon war, daß eine Muth⸗ loſigkeit die Mannſchaften ergriff, die vollends die Wirkung der Medicamente vernichtete. Zuletzt nahmen ſie keine Arzneien mehr, weil ſie ſich als Verlorene anſahen, wenn ſie die Krankheit ergriff. Manche entflohen, und wir hatten Mühe, ſie aus ihren Verſtecken hervorzulocken. Sie ſehen, Sir, ſchloß der Oberbefehlshaber, daß ich Ihnen eine Miſſion anvertraue, die eine doppelte Wirkſamkeit erheiſcht, eine moraliſche und eine ärztliche; allein ich lege ſie in vollem Vertrauen in Ihre Hand, und das Vaterland und ſeine geheiligte Majeſtät werden die Dienſte nicht unbelohnt laſſen, die Sie, ohne Zweifel, in höchſt befriedigender Weiſe leiſten werden. Ich ertheile Ihnen Vollmacht, Alles anzuordnen, was Sie für erſprießlich anſehen. Verfügen Sie über unſere Schiffsapotheken zu Ihren Zwecken und nehmen Sie ſich ſo viele Untergehilfen mit, als Sie deren zu bedürfen glauben. Die Brigg Pultusk ſteht zu Ihrer Verfügung, nur— eilen Sie, da große Gefahr im Verzuge liegt. Das war die Inſtruction des Doctors, und er eilte, ſo viel ² 6 — 142— er konnte. Tom ließ ſein beliebtes Uff! in dieſer Zeit mit beſonderm Nachdrucke hören; allein es blieb keine Wahl, der Befehl mußte ausgeführt werden. Sie ſchifften ſich mit hinläng⸗ lichen Vorräthen an dem, was zur Bewältigung der Epidemie nothwendig war, und vier Lazarethgehilfen ein, und nach kurzer, glücklicher Fahrt ſtiegen die dunkeln und wilden Küſten von Marie galante aus den Wellen, die ſo wunderbar durchſichtig und klar waren, daß man bei einer bedeutenden Tiefe den weißen Meeres⸗ boden ſah und die Fiſche, welche ſtill in die Tiefe gingen und deren leuchtende Farben das Auge ergötzten. Je näher ſie indeſſen der Inſel kamen, deſto ſchöner wurde der Anblick des Pflanzenwuchſes auf derſelben. Wo die Felſen nicht ſchwarz aus dem Meer anſtiegen, ſäumten dicht verſchlungene Gebüſche von Mangle⸗Bäumen die Ufer. Weiter zurück erhoben die Kohl⸗ und Kokospalmen ihre herrlichen Kronen in die reinen Lüfte. An den Bergen ſah man dichte Wälder von wilden Orangen und anderen, dem weſtindiſchen Himmelsſtrich eigenen Baumarten. Schwärme von Seevögeln umkreiſten das Schiff und wiegten ſich harmlos auf den Wogen⸗ kämmen, die ein lieblicher Seewind hob und ſenkte. Des Doctors Bruſt ſchwellten ſelige Hoffnungen und ſein Auge ruhte mit Entzücken auf der ſchönen Inſel, die das Höchſte einſchloß, was ſein Herz kannte. Tom war das Gegentheil ſeines Herrn. Finſter lehnte er an der Galerie des Hintercaſtells und ſah die Inſel mit unwilligen Blicken an. Wäre ſie in die klare Tiefe des Oceans verſunken vor ſeinen Augen, er würde ſtatt ſeines Uff! ein freudiges Hurrah ausgeſtoßen haben. Endlich landeten ſie, und der Doctor eilte, ſich dem Capitän Pigot, der noch als Befehlhaber auf Marie galante weilte, vor⸗ zuſtellen. Aufs Herzlichſte bewillkommte ihn der ſtrenge, aber biedere Mann und führte ihn ſogleich in das Lazareth, wo der Doctor, nachdem es gehörig gereinigt und hergerichtet war, furchtlos die Wohnung ſeiner darin verſtorbenen Vorgänger einnahm. Schon dieſer Umſtand, dann aber die energiſchen Maßregeln, * — 143— die er in Bezug auf Reinlichkeit, Lüftung und Beköſtigung anordnete, und ſein entſchiedenes Auftreten, die feſten und doch zutraulichen, nutheinflößenden Reden, die er an die Leidenden richtete, gewannen ihm ſchnell volles und unbedingtes Vertrauen und einen Einfluß, wie kein anderer Arzt vor ihm ausgeübt hatte; allein nach wie vor raffte der Tod ſeine Opfer hin, bis des Doctors Maßregeln günſtigere Reſultate herbeiführten. Er ließ die Kranken, welche der Geneſung zuſchritten, ſchnell auf höher gelegene Punkte der Inſel bringen und widmete ſich ſeiner Pflicht mit ſolcher Sorgfalt, daß ſelbſt die heißen Wünſche ſeines Herzens zurücktreten mußten. Der Beſuch der hochgelegenen Geneſungsorte machte es ihm endlich möglich, mit dem Gebote der ſtrengen Pflicht, auch den Wunſch ſeines Herzens zu befriedigen. Er hatte genaue Nachrichten eingezogen und wußte nun, daß Amelie auf Cantrac's Pflanzung war und daß dieſe nur eine halbe Meile von der Stadt entfernt, auf einer Höhe lag, zu der man durch ein tiefes, ſchauerliches Felſenthal gelangte. Eines Morgens brach er, von dem mürriſchen Tom jedoch nicht begleitet, dorthin auf. Es war ein wundervoller Morgen. Ein ſanfter Seewind milderte die Wärme, die ſchon früh einzutreten pflegt. Die Düfte der blühenden Orangen und anderer würzige Wohlgerüche aus⸗ hauchender Blüthen und Pflanzen der überaus üppigen Vegetation der Inſel durchwogten die Lüfte. überall blühte, grünte, jubelte es, wie in dem Herzen des Doctors. Es pochte ungeſtüm in ſeiner Bruſt. Wie werde ich ſie wiederfinden? fragte er ſich. Wird ſie mir mit der alten Liebe entgegenkommen? Er ritt jetzt durch das wilde Felſenthal, jenſeit deſſen das Gelände langſam anſtieg. Als er aus den ſchroffen ſchwarzen Felswänden heraus war, erblickte er die Gebände der Pflanzung, die ſich an einen kleinen Park anlehnten. Hohe Kokospalmen ragten mit ihren Kronen über die Gebäude hinaus, während die ſchönſten Gartenanlagen ſich vor der Veranda des Hauſes ausbrei⸗ teten. Etwa hundert Schritte zur Seite des Parkes lagen die Hütten der Neger, deren Ausſehen ein bei Weitem beſſeres war, als es der Doctor auf anderen Inſeln Weſtindiens geſehen hatte. Ein weiter Raum vor dem Garten und Hauſe war umzäunt. Hier ſtieg der Doctor von ſeinem Pferd und ſchritt der Veranda zu, welche blühende Rankenpflanzungen umzogen. Er ſah Frauen⸗ geſtalten darin; allein, ob ſie ihn gleich bemerkt haben mußten, verrieth keine, daß ſie ihn kannte. Dies lag übrigens ganz einfach in ſeiner militäriſchen Kleidung, in der ihn ſelbſt Amelie, die bei ihrer Schweſter ſaß, nicht erkannte. Erſt als er in der offenen Seite der Veranda ſtand und ſeinen Hut abzog, rief Madame Cantrac:„Mein Gott, Doctor Roßbridge! Wo kommen Sie her?“ Jetzt erſt blickte Amelie ihn an, und mit einem Schrei der Freude ſtürzte ſie ihm entgegen und lag faſt ohnmächtig an ſeiner Bruſt. Auch Cantrae eilte herbei und begrüßte ihn freudig. Nach dem erſten Sturme der Wiederſehensfreude mußte er tauſend Fragen beantworten, die ſeinem Vater, Ellen, ſeinen Schickſalen, ſeiner Hierherkunft galten. Amelie kam faſt nicht zu ſich. Sie ſaß an ſeiner Seite und hing mit ihren thränenfeuchten Blicken an ſeinem Mund. Es war, als wollte ſie jedes Wort ihm von der Lippe wegnehmen. Alle jene Schüchternheit, die die Uußerungen ihrer Liebe auf Wight noch zurückgehalten, ſchien verſchwunden. Die ſelige Freude des Wiederſehens hatte ſie verſcheucht. Ihre Seele lag offen da, wie ein reiner Spiegel, den kein Hauch trübt. Seinen Arm hielt ſie umſchlungen, als wolle ſie es verhindern, daß nun noch irgend eine trennende Gewalt zwiſchen ſie trete. Herr und S Cantrac, die in Liebesbeweiſen gegen den Retter ihres Lebens wetteiferten, ſchienen dieſe Beweiſe von inniger Liebe, welche der Doctor und Amelie austauſchten, auch gar nicht zu bemerken, oder doch als Etwas hinzunehmen, was ſich gewiſſer⸗ maßen von ſelbſt verſtand. In dieſer theuren Geſellſchaft flohen dem glücklichen Doctor die Stunden mit Blitzeseile dahin, und die nahende Ruhe des Abends erinnerte ihn erſt an die Scheideſtunde, 6 45— welche die Pflicht gebot. Denn etwa eine halbe Meile hinter der Pflanzung lag das einſame Gehöfte, wo die Geneſenden weilten. Dorthin begleitete ihn Cantrac. Unterwegs ſprach er viel über die ausgebrochene Fieberepidemie und erkundigte ſich ſehr genau, wie der Geſundheitszuſtand im Fort ſei. Arglos erzählte ihm der Doctor Alles aufs Genaueſte, beſuchte dann ſeine Pflegebefohlenen und ritt mit Cantrac wieder nach der Pflanzung, wo er noch blieb, bis die Nacht hereinbrach. Dann erſt ſchied er von der Geliebten und trabte der Stadt zu, gebunden durch das ſo gerne gegebene Wort, jeden Tag die Pflanzung zu beſuchen. Als ihm Tom das Pferd abnahm, ſagte der Doctor:„Miß Amelie läßt dich grüßen, Tom!“ „Miß Amelie, Herr? Uff! wie ſoll die hieher kommen?“ fragte der Alte, und das Mißvergnügen ſtritt mit der Freude, daß die ſchöne Miß ſeiner gedacht. „Sie wohnt hier in der Nähe mit Cantrac und ſeiner Frau, die du retten halfeſt,“ erwiederte der Doctor;„Alle wollen dich ſehen, und morgen reiteſt du mit mir hinaus.“ „Mich ſehen?“ wiederholte Tom, und kein uff! ging über ſeine Lippen und durch ſeine Zähne.„Ich hätte ſo einem Franzoſen⸗ herzen nicht zugetraut, daß ſeine Dankbarkeit weiter reichte, als ſeine Naſe,“ ſagte er.„Meinetwegen, Herr; ich begleite Euch,“ ſetzte er um Vieles freundlicher hinzu. Als der Doctor zu dem Capitän Pigot kam, ſagte dieſer: Iſt Ihnen nichts aufgefallen dieſen Abend, Doctor?“ „Roßbridge ſah ihn fragend an und erwiederte:„Nichts, als daß die Luft eigenthümlich ſchwül, faſt drückend war, und kein Lüftchen wehte.“ „Das iſt's eben,“ erwiederte Pigot.„Wir haben einen böſen Nachbar an dem Vulkane Souffrier. Seit zwei Tagen ſieht man keine Rauchwolken aus ihm aufſteigen; das Meer wirft eine Menge todter Fiſche aus, was auf unterſeeiſche Gasausſtrömungen hindeutet, und dies ſind die zweifelloſen Vorboten eines Erdbebens. 9ch N. F. M. 10 fürchte, wir haben eins dieſe Nacht zu erwarten. Sie ſind auf den Antillen etwas Gewöhnliches, aber in ihren Folgen oft verheerend.“ Der Doctor ſetzte ſich zu dem Capitän und ihr Geſpräch drehte ſich um die Urſachen der Erdbeben, als plötzlich ein Stoß geſchah, der das Gebäude erzittern machte, die Kerzen auf dem Tiſch umwarf und faſt bewirkt hätte, daß der Doctor von ſeinem Stuhle geſtürzt wäre. Der Stoß war ſo plötzlich gekommen, daß beide Männer, heftig erſchrocken, aufſprangen und nach der Thür eilten. Zugleich ließ ſich ein Geräuſch hören, ähnlich dem rollenden Donner, und es ſchien Beiden über ihren Häuptern zu ſein. Wenige Minuten ſpäter folgte ein zweiter und dritter Stoß, der ihnen kaum zuließ, das Gleichgewicht im Stehen zu halten. Jetzt fielen dem Doctor ſeine Kranken ein. Er verließ eiligſt den Capitän, um nach ihnen zu ſehen und ſie zu beruhigen. Er fand ſie alle aus ihren Betten, und ſelbſt die Leidendſten unter ihnen ſtanden vor dem Lazareth, in ihre Decken gehüllt, und zitterten vor Schrecken. Vergebens bemühte ſich der Doctor, ſie in das Haus zu bringen. Die Erdſtöße folgten ſo raſch und ſo heftig, daß das Haus in ſeinen Fugen krachte, als wolle es einſtürzen. „Uff, Herr,“ rief Tom,„machen Sie, daß wir von dieſer verdammten Inſel fortkommen! Goddam! ſie begräbt uns noch unter ihren Trümmern.“ Ein neuer Stoß erfolgte. Die Mauer des Lazareths bekam einen Riß, mehrere Mauern des Forts und ein Stück des Walles ſtürzten ein. Die Verwirrung war grenzenlos. Die Schiffe im Hafen tanzten auf der Fluth, ſo waren die Wellen bewegt. Aus der Stadt drang das Jammergeſchrei herauf. Man ſah die Einwohner in Schaaren auf den öffentlichen Plätzen gedrängt ſtehen. Andere flohen aus den Thoren zum Hafen, wo die Wellen ihnen den Tod drohten; denn ſie traten über die Ufer und brachen ſich an den Mauern der Häuſer, die zunächſt dem Hafendamme ſtanden. Wieder Andere flohen in die Berge, wo ſich n Felſen ſie zu zerſchmettern drohten, die mit grauſigem S8 herabſtürzten. 35 — 147— Zum Glück war es der letzte Stoß. Der umwölkte Himmel klärte ſich auf, und das Auge der Nacht, der Mond, beſchien ein Bild von Graus und Jammer. Man zog Todte, Sterbende, Verſtümmelte unter dem Schutte der eingeſtürzten Häuſer heraus und der Doctor, der mit Capitän Pigot das Lazareth unterſucht hatte, konnte nur mit größter Mühe die Leidenden bewegen, in ihre Hängematten zurückukehren. überall bedurfte man ſeiner Hilfe, und unermüdet leiſtete er ſie die ganze Nacht hindurch. Als endlich der Tag anbrach, konnte er dem Zuge ſeines Herzens nicht länger Widerſtand leiſten. Er ſtieg mit Tom zu Pferd, um nach Cantrac's Pflanzung zu eilen, während Tom unaufhörlich Verwünſchungen über die Inſel ausſtieß, wo das Einzige, was Beſtand haben ſolle, der Boden unter den Füßen, nicht feſt und ſicher ſei. Der Doctor hörte dieſe halblauten Außerungen, und ſo wenig er irgend zum Lachen geneigt war, konnte er dennoch nicht wider⸗ ſtehen; denn es kam ſo komiſch mitunter, daß es ihn überwältigte. Er ſchwieg indeſſen, um nicht dem Strom ein Bett zu geben, der dann— dafür kannte er ſeinen Tom— ohne Maaß daher⸗ gebrauſt wäre. Anmelie flog ihm entgegen, als er endlich anlangte. Sie hatte ſo ſchwere Sorge ſeinetwegen gehegt; verſicherte aber, Cantrac's Schaden ſei unbedeutend und das Erdbeben ſei lange nicht ſo heftig geweſen, als das, welches ſie vor einem Jahr erlebt. Tom hörte ihr zu und betrachtete das reizende Mädchen mit Wohlgefallen, obgleich die Vertraulichkeit mit dem Doctor ihm höchſt mißfiel. Jetzt ſah ſie den alten Tom erſt. „Tom!“ rief ſie aus und kam eilenden Schrittes auf ihn zu —„Tom, ſeid tauſendmal willkommen!“ Sie reichte ihm die kleine, hübſche Hand und in des Alten Augenwinkeln wurde es feucht. „Gott ſegne Sie, edle Miß!“ ſagte er mit wankender Stimme. „Es thut mir ſehr wohl, daß Sie den alten Tom noch kennen!“ 10 — 148— Sie rief einem Neger, der Tom die Pferde abnahm, und nöthigte Tom, in die Veranda zu treten, wo bald Madame Cantrac und ihr Mann erſchienen. Auch ſie begrüßten den Doctor und dankten für ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit und erwieſen dem alten Seemanne eine Freundlichkeit, die ihn tief rührte. Mit wahrer Freude ſah der Doctor, wie die Aufmerkſamkeit, welche Tom empfing, die Kruſte des Widerwillens mehr und mehr ſchmolz, die ſich um ſein Herz gelegt hatte. Mit Blicken des Wohlgefallens und Wohlwollens begleitete er Amelie, wenn ſie ging und kam. Dennoch fiel dem Doctor etwas auf. Als ihn Cantrac fragte, ob das Erdbeben dem Fort geſchadet, und er ihm erzählte, welche Zerſtörungen es hervorgebracht, konnte Cantrac und ſeine Frau ihre Freude kaum beherrſchen, und warfen ſich ſo eigenthümliche, vielſagende Blicke zu, daß die Ahnung irgend einer Gefahr in ſeiner Seele aufſtieg, vhne daß er jedoch ſich deutlich Rechenſchaft geben konnte über die Natur derſelben. Er kannte Cantrac's tückiſchen Charakter nur zu gut, und daß ihm, trotz ihrer Herzlichkeit, Madame Cantrac nicht hold ſei, war ihm ſchon auf Wight kein Geheimniß geblieben. Auch kam es ihm vor, als ob Amelie heute von einer gewiſſen Unruhe angetrieben würde. Sie ſah ihn oft ſo ausdrucksvoll an, ohne aber Etwas zu äußern. Sie ſchien das Alleinſein mit ihm mit ſichtlichem Beſtreben zu ſuchen, allein nie waren ſie es auch nur Eine Secunde. Entweder Cantrac oder ſeine Frau ſuchten ſtets anweſend zu ſein. Nachdem der Doctor ſeine Reconvalescenten beſucht, die ſich von dem Schrecken des Erdbebens wieder erholt hatten, und zur Pflanzung zurückgekehrt war, ſagte Amelie:„Unſer Freund hat die Negerwohnungen noch nicht geſehen, und die alte Hebe iſt ſo krank. Du haſt wohl nichts dagegen, wenn ich ihn dahin führe?“ „Nichts weniger, als Das,“ ſagte Madame Cantrac,„und um Das zu beweiſen, begleite ich euch dahin.“ Amelie war betroffen, da ſie dik Gemächlichkeit ihrer ſehr zur 5 33 — 149— Corpulenz neigenden Schweſter kannte, allein der Verſuch war mißglückt, und der einmal in des Doctors Seele aufgekeimte Verdacht regte ſich ſtärker. Sie gingen durch eine ſchattige Allee blühender Hrangen zu den Negerwohnungen, wo mit ſichtbarer Selbſtgenügſamkeit Madame Cantrac auf den beſſern Zuſtand der Wohnungen, auf das heitere und geſunde Ausſehen der Negerinnen und Kinder hinwies. Der Doctor freute ſich dieſer Erſcheinungen, und bald traten ſie in eine Hütte, wo eine alte Negerin, gepflegt von ihrem Enkel, einem Negerknaben, in ihrem Hamak lag und ächzte. Der Eintritt Amelie's war eine Freude für ſie. Der Knabe flog auf ſie zu und küßte ihre Hand, und Amelie zog ihn vor die Hütte hinaus, während der Doctor den Krankheitszuſtand der Alten erforſchte. Er verordnete ihr alsdann das Nöthige und kehrte mit den Damen nach der Wohnung Cantrac's zurück. Während des Eſſens war Cantrac vorzüglich zuvorkommend gegen den Doctor, und Amelie's ausdrucksvolle Blicke begleiteten ihn unaufhörlich mit einem fragenden, zweifelnden, überraſchten und mißtrauiſchen Ausdruck. Es ſchien, als finde ſie dieſe Auszeichnungen im Widerſpruche mit anderen Außerungen, und manchmal verſank ſie in ein Hinbrüten, das deutlich zeigte, es bewege ſie Etwas, worin ſie noch nicht zur vollen Klarheit gekommen ſei. Erſt nach Tiſch, als der Zeitpunkt der Sieſta nahte, begann Cantrac dem Doctor zu eröffnen, daß er auf den folgenden Tag ein Feſt arrangirt habe zu Ehren des Wiederſehens auf Marie galante, und daß er dazu ſämmtliche engliſche Offiziere einzuladen gedenke und deßwegen ihn nach dem Fort begleiten werde, bei welcher Gelegenheit er denn auch noch Eins und das Andere, zür Erhöhung des Glanzes gehörige, in der Stadt zu beſorgen habe. Die Damen hatten ſich bereits zurückgezogen, und auch der Doctor trat in das Gemach, welches ihm ein Neger öffnete, um ſeine Sieſta zu halten, eine Sitte, welche in den heißen Himmels⸗ ſtrichen nicht wohl zu umgehen iſt. Als der Neger ſich mit ihm allein ſah, reichte er ihm ein zierlich gefaltetes Blatt, legte den Zeigefinger der rechten Hand auf ſeine ſchwülſtigen Lippen, die linke auf ſeine Bruſt, neigte ſich tief und hauchte den Namen„Amelie“ leiſe aus. Dann zog er ſich zurück. Der Doctor ſchloß ſeine Thüre, warf ſich auf die Ottv⸗ mane, riß in heftiger Spannung das Billet auf und las: „Theurer Freund! „überall verhindert, ein Wort mit Dir allein zu reden, muß ich dies Billet in Deine Hand ſpielen durch den mir treu ergebenen Neger Lev. Es geht hier im Hauſe und auf der Inſel etwas vor, was ich leider nicht durchſchaue, weil man mir vorſichtig Alles verhüllt. Es kommen und gehen Leute aus den verſchiedenſten Orten und den entfernteſten der Inſel. Uiber allen den Berathungen ruht ein tiefer Schleier. Meine Angſt um Dich wächſt mit jedem Augenblick, ob ich gleich nicht weiß, warum. Faſt ſcheint es mir, es gelte eure überrumpelung, da ihr jetzt ſo wenig kampffähige Leute habt. Sie können die Schmach nicht vergeſſen, daß die Inſel auf eine ſo fabelhafte Weiſe in eure Gewalt gerieth. Ich befürchte, es droht euch Gefahr. Schone, erhalte, rette Dein Leben! Alle Heiligen mögen Sih ſchützen! Amelie.“ Der Doctor las, las wieder und ſchüttelte den Kopf. Sollte ſie ſich täuſchen? Wie konnte Cantrac gegen ihn treulos handeln? Und doch war ihm etwas Unſtätes, Geſchäftiges auf der Pflanzung aufgefallen, was er freilich dem Feſte ſpäter zuzuſchreiben geneigt war, das Cantrac geben wollte. Allerdings erinnerte er ſich, wie an den zwei Tagen Cantrae ihn ausgeforſcht. Seinem Charakter war eine Hinterliſt nicht fremd. Daß er raſch zurück müſſe zu Capitän Pigot, lag außer Zweifel. Konnten noch Vorkehrungen getroffen werden, ſo mußte das Alles ſchnell geſchehen. Er ſchloß leiſe die Thür auf und ſah den Neger Le avor ſtehen. Dieſer winkte und ſchlich leiſe heran. Er deutete nach den beiden Wänden des Gemachs mit einer Geberde, welche auf mögliches n hinwies, dann neigte er ſeinen Mund zu des Doctors — 151— 8 Ohr und flüſterte: Maſſa, eine Stunde von hier ſtehen franzöſiſche Soldaten im Walde. Kommt Morgen nicht. Ihr ſeid verloren! Der Verrath iſt künſtlich ausgeſponnen. Die Offiziere ſollen gefangen genommen werden. Raſch entfernte er ſich nach dieſen Worten, kam jedoch noch einmal zurück und ſagte: Maſſa, Leo hat eben gelauſcht! Vertrauet ihm! Verrathet ihn nicht. Der Doctor trat in das Gemach zurück, ſank in die Ottomane, um noch ſchnell zu berathſchlagen, und ſchritt dann hinab in die Veranda. Ganz unvermuthet traf er hier Herrn und Madame Cantrac in eifrigem Geſpräche, das jedoch, ſobald man ſein Kommen wahrnahm, in ein heiteres Lachen überging. „Sie haben auch nicht ſchlafen können?“ fragte Cantrac und ſuchte die Befangenheit über des Doctors unerwartetes Kommen zu verbergen. „Die Hitze iſt zu groß,“ ſagte der Doctor ſo heiter als möglich,„und Ihr köſtlicher Wein iſt wie Feuer in den Adern.“ „Uns ging es gerade ſo,“ verſetzte Madame Cantrac.„Amelie trank keinen Wein. Sie ſcheint der Sieſta ihr Recht zu erhalten.“ Ein leichtes Geſpräch kam bald in Gang und der Doctor ſagte:„Da Sie mir die Freude machen wollen, mich zu begleiten, ſo möchte ich bitten, daß wir zeitig abgehen.“ „Warum eilen Sie ſo?“ fragte betroffen Madame Cantrac. „Ich hatte vergeſſen, Ihnen zu ſagen,“ erwiederte der Doctor, „daß wir einige Schiffe erwarten, deren Offiziere mir befreundet ſind.“ Herr und Frau Cantrae erbleichten, aber ſchnell erholten ſich beide wieder. „Wagen Sie ſich denn ans Land bei den Gefahren der Epidemie?“ fragte Cantrac. Der Doctor lachte.„Glauben Sie, unſere Offiziere ſeien ſo feig?“ fragt ſcharf betont.„Sie irren ſich dann ſehr,“ fuhr er fort.„Und gerade die, welche wir mit Landungstruppen erwarten, gehören zu den Tiüchtigſten der Marine und Armee Sr. Majeſtät von England.“ 61 1 1 3 Cantrac ſah einen Augenblick zur Erde; dann hatte er ſich ſchnell geſammelt. „Dürfte ich mir mit dem Glücke ſchmeicheln, auch dieſe tapferen Männer bei meinem Feſte zu begrüßen?“ „Ich zweifle nicht,“ war des Doctors Antwort,„wenn Sie ſie einladen.“ „Falls ſie aber erſt dieſe Nacht kämen oder morgen frühe,“ fuhr Cantrac fort,„ſo könnte ich das nicht ſelbſt. Sie erkennen, daß ein ſo liebes, wichtiges Feſt meine Anweſenheit aufs Dringendſte heiſcht. Dürfte ich darauf rechnen, daß der Capitän Pigot und Sie meine Stelle verträten in dieſem Falle?“ „Ich will es Ihnen gerne zuſagen,“ verſetzte der Doctor,„und da Sie perſönlich den Befehlshaber heute noch einladen, ſo werden einige verbindliche Worte dieſen ohne Zweifel beſtimmen, mit Vergnügen Ihren Wunſch zu erfüllen.“ „Mit der perſönlichen Einladung hat es, wie mir meine theure Frau ſagt, Schwierigkeiten gefunden. Es iſt noch unendlich viel zu beſchicken. Darum wollte ich Sie bitten, dieſe Zeilen an den Commandanten mitzunehmen!“ Er reichte mit dieſen Worten dem Doctor ein Einladungsſchreiben. Der Dector ſteckte es ein und Amelie trat nun zu ihnen. Sie war heiterer, und ein bedeu⸗ tungsvoller Blick des Doctors ſagte ihr genugſam, daß Alles in Ordnung ſei. Jetzt aber eilte er weg und Tom brachte die Pferde. „Alſo auf Wiederſehen morgen!“ ſagte Madame Cantrac, und ihr Gatte ſetzte hinzu:„Je mehr Gäſte Sie bringen, je willkommener ſollen Sie uns ſein.“ Amelie begleitete ihn noch bis zum Thore des Gartens und hier flüſterte er ihr zu:„Ich weiß Alles! Leo iſt bei mir geweſen.“ Darauf ſchwang er ſich aufs Pferd und ritt, ſo lange man ihn ſehen konnte, langſam und nachläſſig des Weges, grüßte noch oft zurück und gab ſich den Anſchein völliger Ruhe und Ahnungsloſig⸗ keit; als er aber aus dem Geſichtskreiſe der Pflanzung war, ſagte er zu Tom:„Nun aber müſſen wir fliegen, und wenn wir die — 153— Die Thiere waren mit Schaum bedeckt, als ſie in das Fort einritten. Der Doctor ſprang ab, warf Tom den Zügel zu, eilte zu Capitän Pigot und trat unangemeldet ein. „Entſchuldigen Sie mein Eintreten,“ ſagte er zu dem Comman⸗ danten;„die Nachricht, die ich bringe, leidet keinen Aufſchub!“ Und nun berichtete er dem Capitän über das ganze Complot, deſſen Seele Cantrac zu ſein ſchien, und ließ ihn Amelie's Briefchen leſen. „Goddam!“ rief Pigot und ſtampfte in wüthendem Verdruſſe den Boden.„Was ſollen wir thun? Die Mauern des Forts und die Wälle liegen theilweiſe in Trümmern, und mit der Handvoll brauchbarer Leute können wir keinen Widerſtand leiſten, da die meiſten leidend ſind. „Geſchwind, lieber Doctor, eilen Sie in den Hafen, nehmen Sie ein Boot und rudern Sie nach der Fregatte Circe, die auf der Rhede liegt. Der Capitän kann und wird uns Hilfe ſchicken! Ich will unterdeſſen die Offiziere zum Kriegsrath verſammeln und alle arbeitsfähigen Soldaten die Palliſaden herſtellen laſſen. Wenn dann auch die Wälle gelitten haben, ſo ſtellen wir gerade an die Breſchen die Kanonen und wehren uns wacker. übrigens iſt es mit dem Complote richtig, denn ſchon vor etlichen Tagen wurde mir eine Anzeige gemacht, daß einige Bürger der Stadt davon geredet hätten, von Guadeloupe würde General Ernauff, der dort Gouverneur iſt, Landungstruppen ſenden, die dann mit Hilfe der Landwehr die Engländer niederwerfen würden. habe es leider nicht beachtet, und das nichtswürdige Erdbeben hat den Hallunken in die Hände gearbeitet, wie es nicht beſſer hätte geſchehen können. in aber eilen Sie, Doctor, wir haben Mondſchein. Es wird eſſer gehen, als wir Alle denken.“ Der Doctor eilte hinweg und Pigot ließ eiligſt die Offiziere berufen.— „ — 154— V. Die Vermuthung des Doctors, daß Cantrac und ſeine Frau die Seele des Verrathes ſeien, war vollkommen richtig. Madame Cantrac gehörte zu jenen leidenſchaftlichen Weſen, die einen tiefgewurzelten Haß nie wieder fahren laſſen. tir wiſſen, daß des Doctors ſchöne Perſönlichkeit ſchon auf Wight ſie mit einer heißen Leidenſchaft für ihn erfüllt hatte; daß aber alle Verſuche, ihm Neigung zu ihr einzuflößen, vergeblich waren. Die tiefver⸗ wundete Frau vergab das nie mehr. Sie mißgönnte ihrer Schweſter des Doctors Liebe, und veranlaßte ihre ſchnelle Abreiſe, um ſich an ihm zu rächen. Das herzloſe, ſelbſtſüchtige, einer edlern Regung unfähige Weib achtete kaum auf den tiefen Schmerz Amelie's. Selbſt keiner tiefen Empfindung fähig, traute ſie auch ihr keine zu und triumphirend ſah ſie des Doctors Leid. Auf Marie galante gelandet, vergaß ſie den Doctor leicht durch den Umgang mit den franzöſiſchen Offizieren. Aufs Unan⸗ genehmſte wurde ſie darum von dem igniß berührt, welches auf eine ſo ſchmähliche Art die Inſel in die Gewalt der Engländer brachte. Gerade ihrem Geliebten gelang es nicht, nach Guadelvupe zu entfliehen. Er wurde Kriegsgefangener und befand ſich als ſolcher in Antiqua, wo ſich die zahlreichen Kriegsgefangenen von anderen Inſeln und den genommenen Schiffen befanden. Nicht gering war ihr Grimm, als plötzlich unerwartet der verhaßte Doctor der Pflanzung erſchien und es ſich nun klar erwies, daß die Liebe des Doctors und Amelie's noch ebenſo jung und friſch, tief und innig war, als auf Wight. Die Klugheit gebot ihr jedoch, jetzt zum böſen Spiele gute Miene zu machen. Ga Meiſterin in der Kunſt der Verſtellung, bewies ſie dem Doctor die dankbarſte Zuneigung, während unter dieſer freundlichen Hülle der wildeſte Haß, der glühendſte Durſt nach Rache verborgen lag, und ſie auf Mittel und Wege ſann, iht derderben, und ſollte Amelie's Herz auch darüber brechen. — 155— Schon längere Zeit, ehe der Doctor auf der Fflanzung erſchien, waren Verbindungen mit Guadeloupe im Werke, durch einen überfall von dort aus die Engländer zu übermannen. Cantrac, von ſeiner ränkevollen Frau angeſpornt, war der Eifrigſte unter den verſchworenen Pflanzern der Inſel. Von ihm gingen alle Fäden der Verbindung mit Guadeloupe aus und in ſeiner Hand liefen ſie alle wieder zuſammen. Nach und nach verbreitete ſich die Verbindung, wie ein Netz über ganz Marie galante. Man fühlte die Schmach zu tief, in die Hand des Feindes ohne einen Blutstropfen, ohne allen Kampf gerathen zu ſein, und wollte ſie gern abwaſchen. So kamen Aller Wünſche mit denen der intriguanten Frau in Einem Punkte zuſammen und die vorſichtig angelegten Pläne reiften ſchnell. Die vielen Kranken im Fort; die Verwüſtungen des Erdbebens und des Doctors ohne Zweifel nahe Werbung um Amelie's Hand ließen die möglichſte Beſchleunigung wünſchen. Darum ſuchten die beiden Gatten vor Amelie ihre Pläne zu verbergen; allein dieſe bemerkte das geheimnißvolle Treiben und ahnte richtig, was im Werke ſei. Der Negerſclave Leo, der älteſte Sohn der alten Negerin Hebe, die ſchon ſo lange litt, kam endlich hinter die Sache und theilte Amelie und dem Doctor mit, wie es geigentlich ſtand. Herr und Frau Cantrac wußten, daß bereits an zweihundert Franzoſen gelandet ſeien. Die Offiziere waren bereits in Civilkleidern theilweiſe auf der Pflanzung geweſen, ohne daß Amelie gewußt hätte, wer ſie ſeien. Der Plan, die engliſchen Offiziere zu einem Feſt einzuladen und ſie dann alle zu überfallen und gefangen zu nehmen, war von Frau Cantrac ausgeſonnen und würde, ohne Amelie's und Leo's Warnungen, ſicher zu ſeinem Ziele geführt haben. Sie ahnte nicht, als der wegritt, daß er Alles wiſſe, und er hatte ſie durch ſeine tellung völlig überliſtet. Während auf Cantrac's Pflanzung die ganze Nacht Alles in Bewegung war, das Feſt ſo glänzend und ſchwelgeriſch als möglich zu machen, rückten die Franzoſen der Pflanzung näher und nahmen ihre Stellungen. Vorpoſten wurden ausgeſtellt, um nicht überfallen — 156— werden zu können, und die Offiziere, viele in das Geheimniß eingeweihte Pflanzer und Beamte ſammelten ſich früh am Morgen zum Frühſtück auf dem ſchönen Wieſenplatze links vom Pflanzer⸗ hauſe, wo der Schatten mächtiger Platanen die Reihen der aufs Opulenteſte beſetzten Tiſche gegen die Gluth der Sonne ſchützte. Die Sache wurde ſehr ernſt beſprochen, man war aber von der Sicherheit des Gelingens aufs Lebhafteſte überzeugt und erwartete mit Sehnſucht die Ankunft der brittiſchen Offiziere. In der Stadt war man indeſſen in der Stille ebenfalls zu feſten Entſchlüſſen gekommen. Die Fregatte Circe lag im Hafen oder vielmehr auf der Rhede vor Anker. Zu ihrem Capitän war der Doctor geeilt, um ihm von dem Verrathe Kunde zu geben. Er ſandte ſogleich alle Mannſchaften, welche er an Bord hatte, nebſt achtzig Seeleuten und zwei Kanonen, wie auch hinlängliche Munition für eine längere Vertheidigung in das Fort und der Doctor traf unter dem Schleier der Nacht mit ihnen ein. Pigot hatte, wie ſchon bemerkt worden, die Offiziere zu ſich beſchieden. Das Fort beſtand aus einem Vierecke, das innen eine ziemlich ſtarke Mauer mit Schießſcharten einſchloß. Vor dieſer Mauer war ein tiefer Graben, dem jedoch in dieſer Jahreszeit das Waſſer fehlte; und ein Wall umgab dieſen Graben nach außen. Vor dem Walle lief eine Palliſadenreihe rings herum. Das Erdbeben hatte indeſſen einen Theil der Mauer zerſtört, einen bedeutenden Theil des Walles niedergeworfen und auch die Palliſadenreihe unterbrochen. Offiziere und Soldaten gingen nun in der Nacht rüſtig an das Werk. Die Mauer wurde mit Sandſäcken ausgefüllt, ſo gut es immerhin ging; der Wall wurde mit Steinen und Raſen, mit! und Holz, kurz mit Allem, was man irgend haben konnte, hergeſtellt und geſtampft. Die Palliſadenreihe war leicht herzuſtellen. Mit Vergnügen überblickte Capitän Pigot die Arbeiten dieſer hellen Mondnacht und mit Erſtaunen betrachteten die Bewohner der Stadt die ihnen unbegreifliche Erſcheinung. Zwiſchen den — 157— Schanzkörben des Walles blickten ein Dutzend Kanonen heraus, und darunter ein vier und zwanzig Pfünder, der keinen Scherz verſtand und keine Heiterkeit einflößte. Die Eingeweihten in der Stadt ließen den Kopf hängen und die Nichteingeweihten fragten voll Erſtaunen, was Das zu bedeuten habe. Als die Offiziere wieder bei dem Commandanten zuſammen⸗ traten, nahm der Adjutant Jones, ein tollkühner, verwegener Menſch, das Wort und ſagte:„Wir haben uns nun in einen achtunggebietenden Vertheidigungsſtand geſetzt, meine Herren; aber wenn nun das Ganze ein übelverſtandenes Mißtrauen Einer Perſon wäre, die dies unſerem ehrenwerthen Doctor wohlmeinend und ehrlich mitgetheilt hätte? Wenn der Neger Leo, wie es ſo oft bei dieſen verſchmitzten Schwarzen iſt, einen glühenden Haß gegen ſeinen Leibherrn hätte und dieſem hier einen Denkzettel anzuhängen beabſichtigte?— Ich bin weit entfernt, unſerem ehrenwerthen Doctor irgendwie zu nahe treten zu wollen; aber die Möglichkeit iſt denkbar, das werden Sie nicht in Abrede ſtellen wollen und können?“ Der Doctor räumte das ein; aber er machte doch aus dem Charakter Cantrac's und ſeiner Frau, aus dem Ausfragen, aus dem Erbleichen und ſeine Perſon⸗Salviren, als er von den zwei Kriegsſchiffen ſprach, ſo viele Gründe geltend, daß die Mehrzahl ihm wieder unbedingt beiſtimmte. „Es gibt ein einfaches Mittel, die ganze Sache zur vollen Gewißheit zu erheben,“ verſetzte der Adjutant,„und dieſes beſteht darin, daß der Herr Commandant mir die Erlaubniß ertheilt, hin zu reiten und mir die Sache anzuſehen. Mein Pferd iſt der beſte Renner, den es geben kann; ich ſehe Alles ſelbſt und kann dann berichten.“ „Wir bitten um dieſelbe Erlaubniß!“ riefen fünf bis ſechs Offiziere zugleich, nebſt dem Doctor. Capitän Pigot runzelte die Stirn. „Es geht nicht an, meine werthen Herren,“ ſagte er ernſt, „daß ich Ihnen ſolches geſtatte. Einem möchte ich es zugeſtehen, zu recognosciren, aber Allen nicht.“ — 158— „So habe ich mit Ihrer Genehmhaltung den Vorzug, weil ich den Vorſchlag gemacht und der Erſte geweſen bin;“ rief der Adjutant. „Es ſei Ihnen geſtattet, Lieutenant Jones,“ erwiederte Pigot, „aber nur unter der Bedingung, daß Sie mit der größten Vorſicht und Schonung Ihres Lebens zu Werke gehen!“ Jones verbengte ſich, und ſchon nach wenigen Augenblicken ſah man ihn gegen die Schlucht hinjagen, daß ihn eine Staubwolke faſt verbarg. Jones ritt völlig ungefährdet in die Schlucht hinein, und als er die Anhöhe erreicht hatte, wo man die Pflanzung Cantrac's vor ſich liegen ſah, konnte er ein großes Gewimmel von Menſchen erblicken, die unter den Bäumen an Tiſchen ſaßen. Es waren Bürgerliche und Offiziere, welche die franzöſiſche Uniform trugen. In dem Augenblicke, wo er eben mit ſich zu Rathe ging, ob er auf die Pflanzung zureiten oder umkehren ſolle, rief ihn eine franzöſiſche Schildwache an:„Oui vive?* Jones war betroffen und ſäumte augenblicklich, die Antwort zu geben.— Da knallte das Gewehr und die Kugel pfiff an ſeinem Ohre. Sie traf glücklicher Weiſe nur den Hut, den ſie ihm aber vom Kopfe wegriß. Durch den unerwarteten Schuß und des Adjutanten Bewegung, nach ſeinem Hute zu greifen, wurde ſein Pferd ſcheu und flog nun unaufhaltſam der Pflanzung zu, zum Thore des Gartens hinein. Jones, ein trefflicher Reiter, ſah wohl, daß er verloren ſei, wenn ihn das Pferd nicht rette, denn mehrere Kugeln waren ihm von verſteckten Soldaten noch nachgeſendet worden. Er gab daher dem ohnehin völlig wilden Pferde noch die Sporen, und wie ein Sturm⸗ wind flog es in den Garten, auf die Tiſche zu, wo alle Daſitzenden voll Entſetzen aufſprangen. Hohnlachend blickte ſich Jones nach allen Seiten um und hatte nur ſo viel Zeit, ihnen die wohlver⸗ dienten Ehrennamen:„Schurken und Meuchelmörder!“ zuzurufen, ſo hatte ſchon ſein Thier über die Tiſche geſetzt und war mit ihm in den Bäumen hinter dem Hauſe verſchwunden. Dort ſetzte es noch einmal über die Umzäunung des Parks und dann erſt leitete 3 i 3 — 159— es Jones von der andern Seite um die Pflanzung herum und ritt die Anhöhe ruhiger hinab. Zu ſeiner nicht geringen Freude ſah er ſeinen durchlöcherten Hut auf dem Felde liegen. Das Pferd ſtand zitternd ſtille, daß er ſich den Hut holen konnte, aber kaum ſaß er wieder im Sattel, als es von franzöſiſchen Soldaten auf allen iten zu wimmeln begann, die auf ihn zuſtürzten.* Jetzt galt es Freiheit und Leben! Schüſſe knallten. Die Kugeln pfiffen um ſeine Ohren, und auf die Gefahr hin, den Hals zu brechen, jagte er die Anhöhe hinab, erreichte die Schlucht und war bald ihren Kugeln, ja ſelbſt ihren Blicken entzogen. Keine Kugel hatte ihn getroffen; aber als er in das Fort hineinjagte, hielt er ſeinen Hut hin und rief:„Es iſt in Wahrheit ſo! der Schurke von Cantrac hat den ſchmählichſten Verrath geübt!“ Schnell erzählte er ſein Abenteuer, und die Offiziere, ſo ernſt auch die Sache war, mußten unwillkürlich über die Erzählung des Adjutanten lachen, der abſonderlich die Purzelbäume komiſch ſchilderte, welche die vor Schrecken, ſammt ihren Stühlen, zur Erde ſtürzenden Pflanzer gemacht hatten. „Ich glaube dieſem nach,“ ſagte Pigot,„daß wir ihr Anprallen baldigſt zu erwarten haben.“ Der Doctor hatte des Adjutanten Erzählung mit großer Theilnahme angehört. Wie gerne hätte er nach Amelie gefragt, aber das konnte und durfte er jetzt nicht. Capitän Pigot ordnete die Vertheidigung an; ließ die ſämmt⸗ lichen Kanonen mit Kartätſchen laden und Alles bereit machen zur nachdrücklichen Vertheidigung gegen einen Anfall, den er, nach den Vorgängen mit Adjutant Jones, nun jede Minute erwarten zu können glaubte. Beſonders erbittert waren alle Offiziere über Cantrac; denn ein Spion aus der Stadt berichtete, daß General Ernouff von Guadeloupe hundert und zwanzig Mann unter dem Befehl eines Obriſten in der Bai habe landen e unter dem Schirm einer dunkeln Nacht. — 160— Cantrac, der in Guadelvupe geweſen war, hatte ſelbſt die angeſehenſten Bewohner der Inſel für das Unternehmen gewonnen, und dieſe die Landwehr aufgeboten. Mit Sicherheit hatte er darauf gerechnet, daß der Doctor ſämmtliche Offiziere auf die Pflanzung bringen würde, die dann in ihre Gewalt fielen, die Engländer ihrer Führung beraubten, und den überfall des durch das Erdbeben ſo ſtark beſchädigten und ſo ſchwach vertheidigten Forts erfolgreich machen müßten. Dieſer wohlberechnete Plan war geſcheitert und die giftigen Blicke, welche Madame Cantrac auf ihre Schweſter ſchleuderte, verriethen ihren Verdacht. „Wir ſind verloren,“ ſagte ſie in einem Augenblicke, wo ſie mit Amelie allein war,„und du haſt uns verrathen!“ Amelie blickte ſie mit Ruhe an und entgegnete ihr:„Ich habe dich vor der ſchweren Sünde bewahrt, dem Retter deines Lebens mit einem Judasundank zu lohnen, und meine Pflicht war es, ihn zu warnen, der mein Bräutigam iſt!“ Sie ſchleuderte ihr einen Blick zu, in dem eine ganze Hölle lag: Zorn, Rache, Drohung, und eilte wie eine Raſende hinweg. Was Hauptmann Pigot erwartet hatte, geſchah. Eine Truppen⸗ abtheilung rückte der Stadt zu. Ein Signalſchuß von der Fregatte Circe, die ſich mit ihren offenen Kanonenlucken der Stadt auf Schußweite genähert hatte, und von deren Maſtkorb jede Bewegung des Feindes bevobachtet werden konnte, warnte in dieſem Augenblicke die Beſatzung des Forts. Gleich darauf wurde eine zweite Abtheilung bemerkt; eine Vedette von ſechzehn Marineſoldaten rückte den Franzoſen entgegen und man vernahm bald das Knattern des Plänkelfeuers, das immer lebhafter zu werden begann. Da ſich die zweite Colonne der Franzoſen mit der erſten vereinigte, ſo vermochten die Seeſoldaten ihnen keinen dauernden Widerſtand entgegenzuſetzen. Sie zogen ſich feſt und geordnet, ohne daß auch nur Einer wäre verwundet worden, in das Fort zurück, und alsbald rückten die Feinde im — 161— Sturmſchritte vor. Zu ihnen ſtießen eine Menge Einwohner der Stadt, die wohlbewaffnet waren. Ein Kartätſchen⸗Hagel begrüßte ſie mit ſolcher Kraft, daß ſie ſogleich wichen, aber bald, wohlgeordnet, wieder anrückten. Die Soldaten, welche hinter den Palliſaden ſtanden, fingen ein mörderi⸗ ſches Feuer an; die Sechspfünder ſpieen Verderben und der Vier⸗ undzwanzigpfünder redete eine ſo nachdrückliche Sprache, daß ſich die Fregatte veranlaßt ſah, auch ihrerſeits eine volle Ladung der Stadt zuzuſenden, die verheerend wirkte. Die Franzoſen warfen ſich in die Häuſer und unterhielten von hier aus ein ſtetes Feuer, das den Engländern um ſo nachtheiliger wurde, als ſie den Schüſſen ausgeſetzt waren, ſie aber in den Häuſern ſichern Schutz hatten. Daß ſie ſo keck den Kampf aufgenommen, war einerſeits die Gewißheit von der geringen Zahl der Vertheidiger des Forts, andererſeits die Erwartung, daß die Colonnen der Landwehr der Inſel ſchnell nachrücken würden. Der Kampf hatte nun ſchon von Morgens ſieben bis Mittags vier Uhr gewährt. Mancher Franzoſe war niedergeſtreckt worden, aber auch manche franzöſiſche Kugel hatte ihr Ziel unter Denen im Fort gefunden. Die Fregatte war in ſtetem Feuern geblieben und die Häuſer am Kai des Hafens waren theils zuſammengeſchoſſen, theils ſo zugerichtet, daß ſie vom Einſturze nicht mehr ferne waren. Gegen vier Uhr erblickte man einen anſehnlichen Heerhaufen, der ſich der Stadt näherte. Man konnte die Kleidung der Anrückenden nicht genau unterſcheiden und die Franzoſen brachen in einen freu⸗ digen Tumult aus, da ſie ſie ſicher für den erwarteten Zuzug hielten; allein in dem Augenblick, als eine bedeutende Entmuthigung das kleine Häuflein im Fort, das durch Verwundete und Todte noch mehr geſchmolzen war, ergriff, ſignaliſirte die Fregatte Circe, daß zwei engliſche Kriegsſchiffe erſchienen ſeien. „Hurrah!“ klang's durch die Reihen der Engländer, raſcher flogen die Kugeln in die Stadt, und die Angſtlichkeit und Verwirrung der Franzoſen bewies nur zu bald, jene Truppenabtheilung ſei eine befreundete für die Belagerten. Von allen Seiten flohen die Fran⸗ N. F. MI. 11 — 162— zoſen aus der Stadt, und die Matroſen der beiden Schiffe, welche ihren Brüdern im Fort zu Hilfe kamen, vereinigten ſich jetzt mit dieſen, um die Franzoſen zu verfolgen und der Vierundzwanzig⸗ pfünder fügte ihnen den größten Nachtheil zu. Die Engländer trieben ſie vor ſich her bis zu Cantrac's Pflanzung, die in Flammen aufging, ob durch die Franzoſen oder die Matroſen, iſt kaum zu erweiſen geweſen; ſo viel aber war gewiß, und Lieutenant Jones verſicherte es dem Doctor, daß das Haus bis auf die kahlen Wände leer, keine Seele darin, nicht einmal ein Negerſclave zu ſehen geweſen ſei. An dieſer Stätte eines ſo ſchändlichen Verrathes übten die Soldaten und Matroſen ihren Zorn aus. Die ganze Pflanzung wurde verheert, nieder⸗ gebrannt und der Erde gleich gemacht. Hätten ſie Cantrac oder ein Familienglied deſſelben gefangen genommen, es hätte kaum zweifelhaft ſein können, daß ſein Tod als Sühnopfer wäre gefordert worden. Wohl war der erſte Anprall des Feindes abgeſchnitten, aber nicht war er von der Inſel vertrieben, nicht ſeine ganze Kraft gebrochen; vielmehr kam erſt am Abend die Landwehr auf einer Höhe an, welche etwa eine engliſche Meile hinter Cantrac's Pflan⸗ zung lag und welche eine vortreffliche militäriſche Stellung bot. Die dort verſammelten Truppen beliefen ſich auf zwölfhundert Mann, und, ergriffen ſie den Angriffskampf, ſo ſtand es leicht um die Engländer ſchlimm. Dieſe rechneten indeſſen darauf, daß der mißglückte erſte Kampf entſcheidend auf die Truppen eingewirkt; daß ferner das Schickſal von Cantrac's Pflanzung die Eigenthümer unter der Landwehr bedenklich machen müſſe über das Schickſal, das ihnen drohen müßte, im Falle des Sieges der engliſchen Waffen, und dieſe Rechnung erwies ſich im Verfolge des Kampfes als richtig, obgleich der Kampf mehrere Tage ruhte, weil beide Theile fühlen mochten, wie gefährlich ein Angriff werden könnte. Die Franzoſen hatten nämlich nach Guadeloupe die Kunde ihres Unfalles gemeldet und um Zuzug gebeten. Das eine der — — 163— beiden Schiffe, eine ſchnellſegelnde Brigg, eilte nach Barbadoes und brachte den Engländern vier Compagnien tüchtige Soldaten, wodurch ſich dieſe nun in den Stand geſetzt ſahen, den Angriffskrieg aufzunehmen, wenn auch der Feind an Macht ihnen anſehnlich überlegen war. Kaum war die Verſtärkung gelandet, als ſie zunächſt die Rädels⸗ führer der Feinde in der Stadt gefangen nahmen und auf die Schiffe brachten. überall erfüllte Wehklagen die Straßen und es ſchien ein namenloſes Elend über die Stadt hereingebrochen. Die Maßregel war indeſſen nothwendig, um der Stadt ſich zu verſichern. Schon am anderen Morgen begann der Zug gegen den Feind. Mit einer halben Batterie Sechspfünder ließ ſich etwas thun, da der Feind nur zwei kleine eiſerne Kanonen hatte, und der Vierund⸗ zwanzigpfünder rückte als Begleiter hinterdrein, wie der ernſte Vater unter den Kindern. Im Fort, das nun keiner Gefahr ausgeſetzt war, bedurfte man der Kanonen nicht mehr. Als die Feinde die Engländer anrücken ſahen, verließen ſie ihre Stellung und zogen ſich in das Innere weiter zurück, wo die Pflanzung eines gewiſſen Labordie, auf einem Hügel liegend, die vortrefflichſte Stellung bot. Die Engländer griffen den Feind entſchloſſen an. Zwar vertheidigte er ſich wacker, mußte aber dennoch weichen, als die Kartätſchen heillos ſeine Reihen zu lichten begannen. Eine große Zahl Gefangener fiel in die Hände der Engländer, und von dieſen erfuhren ſie, daß der Befehlshaber der Franzoſen, an ihrer Sache verzweifelnd, nach Guadeloupe entwichen ſei. Obgleich engliſche Schiffe auf allen Seiten Marie galante umkreuzten, ſo war es ihm doch gelungen in einem Kahne zu entwiſchen. Durch dieſe Treuloſigkeit entmuthigt, hielten die Franzoſen nicht mehr Stich, bis ſich endlich, von allen Seiten abgeſchnitten oder eingeſchloſſen, der Reſt von einhundert und achtzig Mann ergab, worunter denn nicht bloß Soldaten, ſondern Pflanzer, Kaufleute und andere Geſchäftsleute ſich befanden, welche kriegsgefangen auf die Schiffe gebracht wurden. Mit dieſem Ereigniß endete der 1 — 164— Aufſtand und die Inſel war nun um ſo ſicherer in engliſcher Gewalt, als den Einwohnern jede Luſt vergangen war, einen ähnlichen Erhebungsverſuch zu machen, die Franzoſen auf Guade⸗ loupe und den übrigen franzöſiſchen Antillen durch die Verluſte an Mannſchaft, Waffen und Munition ſich geſchwächt hatten in einem Glade, der ähnliche Verluſte nicht mehr wagen ließ, wenn ſie nicht völlig der engliſchen Kriegsmacht ſich preisgeben wollten. Das Gericht aber, welches über die aufſtändiſchen Pflanzer und Grundbeſitzer ergangen war, erſchien ſo arg, daß jeder Gedanke aus ihrer Seele ſchwand, denn überall waren die Wohnſtätten und Pflanzungen zerſtört und die Neger freigegeben worden, die letztere Maßregel traf ſie um ſo ſchlimmer, als in den Negern nicht bloß das Kapital, ſondern auch die Arbeitskraft, und ſomit die Möglichkeit, als Pflanzer fortzubeſtehen, völlig aufgehoben war. über die ganze Inſel herrſchte tiefe Niedergeſchlagenheit und gerne wären manche Pflanzer ausgewandert, hätten ſie ihre Beſitz⸗ thümer verwerthen und überhaupt auswandern können, aber Eine Stimme des Zornes, Haſſes und Fluches war über Cantrac und ſeine intriguante Frau, denen man allein das Complot, aber auch in eben dem Maaße das Scheitern und Mißlingen deſſelben, wie ſeine für Viele zerrüttenden Folgen zuſchrieb. — VI. Seit dem Beginne des Kampfes war der Doctor nicht mehr aus dem Fort und der Stadt herausgekommen. Wenn ihn auch zunächſt ſeine Pflicht anwies, den Kranken und Verwundeten unter 4 3 den Soldaten und Matroſen ſeine hilfeleiſtende Thätigkeit zuzu⸗ 1 wenden, ſo trieb ihn doch die Menſchenfreundlichkeit ſeines Herzens, auch den Verwundeten unter den Bürgern und Gefangenen Beiſtand zu leiſten. Er war unermüdet, und Capitän Pigot, der ihn ſehr hochachtete, bat ihn dringendſt, ſeinem Eifer Schranken zu ſetzen, damit er nicht ſelbſt erliege. 3 — — — 165— Allein den Doctor trieb ein Doppeltes. Einmal hoffte er, nachdem ihm das völlige Verſchwinden Cantrac's und ſeiner Familie, die Zerſtörung ſeiner Pflanzung, die Befreiung ſeiner Neger, bekannt geworden war, eine Nachricht von ihrem Aufenthalte und Ergehen zu erhalten, und dann war ihm in der Stimmung ſeines Herzens dieſe Thätigkeit ein Bedürfniß. Er fand dann keine Zeit, den finſtern Faden ſeiner Befürchtungen fortzuſpinnen und den Gedanken über Amelie's Schickſal nachzuhängen, die wie ein drückender Alp auf ſeinem Herzen lagen. Nirgends zeigte ſich aber auch ein Licht⸗ ſtrahl in dieſer Finſterniß! Tom ſah mit aufrichtiger Theilnahme den Kummer ſeines Herrn. Seine Seelenſtimmung über die Liebe ſeines Herrn zu der reizenden Amelie war eine ganz andere geworden, ſeit er mit dem Doctor am Tage vor dem Ausbruche der Empörung auf der Pflanzung geweſen war. Für Cantrac und ſeine Frau hatten ſich die Antipathien ſeiner Seele nicht in Sympathien umgeſetzt; wohl aber war Amelie's bezaubernde Liebenswürdigkeit das Mittel geworden, jene innere Umwandlung bei dem alten Stock⸗Engländer hervorzubringen. Die Geſchicke der Familie waren ihm bekannt, auch die Warnung Amelie's. Gönnte er Cantrac den wohlverdienten Lohn, ſo war doch Amelie's Geſchick mit dem ſeinen verwachſen. Wohin ſie geflohen, was aus ihnen geworden, das drängte und trieb ihn, überall zu forſchen; aber alle Forſchungen blieben fruchtlos. Endlich entſchloß er ſich, nachdem der Kampf beendet, die Franzoſen gefangen genommen und entfernt waren und man ungefährdet auf der Inſel hingehen konnte, wohin man wollte, nach Cantrac's verwüſteter Pflanzung zu gehen, um hier an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen; aber es war erfolglos. Die alten Neger waren noch in ihren Hütten. Die jüngeren hatten ihre Freiheit benützt, um ſich, je nach Belieben, hier- oder dorthin zu begeben. Dieſe älteren Leute ließen ſich indeſſen nicht mit ihm ein, weil ſie ihn einestheils nicht kannten, anderntheils an ihm einen Spion vermutheten, der nach Cantrae forſche, um ihn in die Gewalt der Engländer zu liefern. — 166— Sie hatten es bei Cantrac unendlich viel beſſer gehabt, als es ſonſt die Neger auf den weſtindiſchen Pflanzungen hatten, und das Gefühl der Dankbarkeit ſchloß den Mnnd über die Herrſchaft, von der ſie ohnehin ſelber ſehr wenig wußten. Dem Doctor war der Zweck ſeines Hinganges bekannt. Er erwartete ihn mit der größten Spannung, aber um ſo tiefer bangte es ihm, als Tom ohue alle Nachrichten heimkehrte. Wochen waren ſo in einer völligen, ſtets troſtloſer werdenden Ungewißheit vergangen. Des Doctors Gemüthszuſtand wurde ſtets düſterer. Capitän Pigot, welcher den pflichttreuen, geſchickten Arzt, den tüchtigen Menſchen ſtets lieber gewann, kannte den Grund ſeiner düſtern Stimmung nicht; obgleich die große Theilnahme ſichtbar war, wenn auf Cantrac und ſein räthſelhaftes Verſchwinden die Rede kam. Endlich brach er ſelbſt das bisher von ihm beobachtete Schweigen. In einer traulichen Stunde ſaß eines Abends der Doctor bei ihm. Mit der Herzlichkeit wahrer Theilnahme und der Offenheit eines redlichen Charakters fragte er den Doctor geradezu nach dem Grunde ſeiner Düſterheit. Dieſer konnte nicht länger zurückhalten, denn es war ihm ſelber Bedürfniß, ſich einmal auszuſprechen. Ohne Hehl erzählte er dem Commandanten die Begebenheiten auf der heimiſchen Inſel, das Wiederſehen auf Marie galante, die innige Liebe zu Amelie und ſeinen Plan, demnächſt ſich mit ihr zu vermählen. Der Capitän, ſelbſt Gatte, vbwohl ſeine Theueren in England lebten, hörte mit der größten Theilnahme der Erzählung zu, und als Roßbridge ſchwieg, ſann er lange in tiefem Schweigen nach; dann ſagte er: „Es iſt wahr, Cantrac's ſpurloſes Verſchwinden iſt räthſelhaft; allein ich glaube, daß er zeitig ſeine Rettung ſuchte. Damals, als wir eben die erſten Angriffe erfuhren und die Niederlage der Aufſtändiſchen durch ihren ſchnellen Rückzug ins Innere der Inſel klar genug eingeſehen werden konnte, war die nördliche Küſte der * D X* — — 167— Inſel unbeobachtet und von dort aus eine überfahrt nach Martinique oder Guadeloupe ohne alle Gefahr. Cantrac erkannte ſeine Schuld; er konnte wohl ermeſſen, daß ohne Zweifel der Strick ſein Lohn ſein würde, wenn er in unſere Hände fiele, und hat daher mit Rettung ſeines beweglichen Vermögens und ſeiner tüchtigſten Sclaven den Weg zu einer dieſer Inſeln eingeſchlagen. Das kann ich Ihnen ſagen, lieber Doctor,“ fuhr er fort,„daß nur alte und kranke Neger auf Cantrac's Pflanzung gefunden wurden und faſt— leere Wände in ſeiner Wohnung. Sollte aber nicht vielleicht die junge Dame doch einen Weg gefunden haben, Ihnen durch einen dieſer Sclaven eine Kunde von ſich zu hinterlaſſen? Waren Sie noch nicht dort?“ Wie ein Blitz fiel dieſes Wort in des Doctors Seele. Er dachte auf der Stelle an die alte Hebe, deren Schützerin und Pflegerin Amelie geweſen, deren Sohn jener Leo war, dem er das Geheimniß des Verrathes verdankte, der ihm auch Amelie's Zeilen gebracht. „Nein,“ ſagte er auf des Capitäns Frage.„Meine ärztliche Pflicht hat mich bis jetzt daran verhindert; aber mein alter, treuer Tom war dort und erfuhr Nichts.“ „Möglich,“ entgegnete der Capitän,„daß Sie ſelbſt, den man auf der Pflanzung beſſer kannte, ein anderes Ergebniß erzielen! Der glückliche Zuſtand Ihrer Kranken und Verwundeten erlaubt Ihnen einen ſolchen Ausflug, und ich bitte Sie, ihn noch heute zu unternehmen. Seien Sie übrigens verſichert, daß ich Alles thun werde, was in meinen Kräften ſteht, Ihnen Kunde zu verſchaffen!“ Der Doctor ritt an demſelben Tage noch hinaus, aber mit welchen verſchiedenen Empfindungen?— Früher wußte er, daß er ſie dort fand, die ſeine Seele liebte, daß ihr ſüßes Lächeln ihn beglückte, ihr Arm ihn umfing und, ungeſehen, ein Kuß ihn beglückte.— Zetzt war es anders. Eine verheerte Stätte erwartete ihn, aus der kein Ton des Lebens ihm entgegendrang. Ihr Fuß trat dieſen Boden nicht mehr; die milde Luft der Anhöhe umwehte nicht mehr ihre roſigen Wangen; ihre ſchlanke Geſtalt eilte nicht mehr durch den Laubgang ihm entgegen. Und wo war ſie? — 168— Mit bebendem Herzen ſtieg er vom Pferde, und kalt überlief es ihn, als er die Trümmer der verbrannten Mauern ſah, innerhalb deren ſo glückliche Stunden ihm zu Theil wurden. Und wie kurz war der Zeitraum, der alle dieſe Verwandlungen bewirkt hatte?— In düſterm Schweigen ſchritt er unter den verbrannten Bäumen hin, durch die Wege des Gartens, wo Weſtindiens üppige Vegetation, ſeit die pflegende Menſchenhand fehlte, mit Macht aus dem Boden hervordrang, um mit wildem überwachſen bald jede Spur kunſtvoller Pflege und Anlage zu verdecken. Endlich kam er in die Nähe der Negerwohnungen. Eben der kleine Knabe, den er einſt in Hebe's Hütte geſehen, ſprang ihm entgegen, faßte ſeine Hand und zog ihn zur Hütte der alten Negerin. Sie kam ihm in der Thür entgegen. Seine Verordnungen hatten wunderbar ſchnell die Alte von ihrem Ubel befreit. War ſie auch noch ſchwach und ſtützte ſich auf einen Stab, ſo war ſie doch ſo weit geneſen, daß ſie ihren Hamak verlaſſen konnte. „Maſſa! Maſſa!“ rief ſie freudig, als ſie ihn ſah, und ging, ſo ſchnell ſie konnte, in die Hütte zurück. Bald darauf erſchien ſie wieder in der Thür und ſetzte ſich dann ermüdet auf der Bank nieder, die neben der Thüre war, beſchattet von einer Kohlpalme. Sie bat ihn demüthig, ſich zu ihr zu ſetzen, und erzählte ihm nun, wie Cantrac, ſobald er von dem Stande der Aufruhrſache die Kunde erhalten, raſch Alles gepackt, ſeine Neger damit belaſtet und geflohen ſei; Amelie ſei händeringend in ihre Hütte geſtürzt und habe weinend ausgerufen, ſie erwarte ein herbes Loos, denn man meſſe ihr allein alle Schuld des Mißlingens bei. Sie(Hebe) habe ihr geſagt, ſie ſolle bei ihr bleiben und ſich verbergen; es würde ja Gelegenheit geben, ſie zu ihm(dem Doctor) zu bringen. Das habe ſie aber mit Erröthen abgewieſen, habe ihr dieſe Zeilen an ihn anvertraut und ſei dann wieder in das Herrenhaus zurückgeeilt; von wo ab ſie ſie nicht mehr geſehen.“ Der Doctor riß ihr das Blatt aus der Hand und las: „Du biſt gerettet, theurer John, dem Himmel ſei Dank! über uns bricht nun der reichſte Lohn der Undankbarkeit und des „ — 169— Verrathes herein, und ich— ich ernte unſchuldig die Früchte der Intrigue meiner Schweſter mit. Uns zu trennen, iſt ihr Ziel, weil ſie Dich glühend haßt. Mir bürden ſie und Cantrac das Mißlingen auf. Ihre Wuth iſt namenlos. Was aus mir wird⸗ weiß nur Gott, dem ich betend vertraue. Wir fliehen. Wohin? — ich weiß nicht, denn ich muß folgen, wie das Lamm zur Schlachtbank. Der treue, dankbare Leo hat aus Cantrac's Munde den Namen„Guadeloupe“ gehört und zieht daraus den Schluß, daß ſie dort ein Aſyl ſuchen. Es iſt möglich. Ich muß folgen, wohin ſie gehen. O mein theurer John! werden wir uns je wiederſehen?— Gewiß! ſpricht in mir der Glaube— wenn es auch auf dieſer Erde nicht mehr ſein ſollte. Nun denn, auf ein Wiederſehen jenſeits! Meine Seele iſt Dein! Amelie.“ Der Doctor wandte ſich ab, um ſeine Thränen zu verbergen, die unaufhaltſam hervorbrachen. Es war ihm, als ſei dies der Scheidegruß für dieſe Welt, und der ganze Schmerz ſeines Verluſtes fiel auf ihn mit einer kaum beſiegbaren Gewalt. Er ging in ein Wäldchen, das ſich jenſeit der Negerwohnungen hinzog, um allein ſich ſeinem Schmerze hingeben zu können. Hierhin ſchlich ihm der treue Tom nach. Er hörte die Worte, in denen ſich ſein Schmerz Luft machte, und ſah, wie er ſeine rinnenden Thränen trocknete. Das ging wie ein Schwert durch die treue Seele des alten Seemannes. Lange überließ er ſeinen Herrn ſeinen Empfindungen. Endlich vermochte er es nicht mehr, ſich zu halten. Er trat zu ihm und faßte ſeine Hand, und in ſeinen Wimpern glänzten ein paar Thränen. „Uff!“ ſtieß er heraus;„Uff! Herr, ermannen Sie ſich. Sehen Sie,“ ſagte er,„mich alten Seehund ergreift Ihr Leid, daß ich weine, und ich ſchwöre es Ihnen, es ſind die erſten Thränen, die ich weine, ſeit ich, als Matroſe gepreßt, zum erſten Male der Küſte Altenglands Valet ſagte! Aber ſeien Sie ruhig. Tom hat's vft erfahren, daß, wenn ſich Etwas machen ſoll, alle Spitzbubenſtreiche der Menſchen umſonſt ſind. Uff und Goddam, — 170— Herr! es iſt mir zu Muthe, als müßte die gute und ſchöne Miß noch als Miſtreß Roßbridge den alten Tom anlächeln, und Gott wird Sie nicht verlaſſen; Sie ſind ſo brav und die Miß auch. Es wird ſich machen, Herr! Uff!“ Er wandte ſich ab, denn ſeine Stimme verſagte ihm und die gewaltige Bewegung ließ ihm kein Wort mehr zu. Der Doctor fühlte tief, daß jetzt der rohe Seemann ihn an Gottes Walten in ſeiner derben Weiſe nachdrücklich erinnerte, und daß dieſer wetterharte Menſch ihn an Glauben und Vertrauen übertraf. Fromm und gottesfürchtig erzogen, gläubig im tieſſten Grunde ſeiner Seele, hatte nur der Schmerz um Amelie, die er zum zweiten Male verlor, ihn überwältigt, und Tom's Worte leiteten ihn wieder in das Geleiſe, aus dem ſeine Seele gedrängt worden war. Er blickte betend zum Himmel, und ſeiner Faſſung wieder Herr und Meiſter, ging er zurück, beſchenkte die arme, alte Hebe reichlich, daß ſie ſich pflegen könne, und ritt dann mit Tom nach dem Fort zurück, wo er ſeinem Freunde, dem Capitän Pigot, die Zeilen Amelie's vertrauensvoll mittheilte und lange bei ihm weilte, bis endlich die Nacht kam, die ihren milden Schleier über alles Menſchenweh breitet und den Schlaf, den Tröſter aller Unglücklichen, ſendet, daß er den gepreßten Herzen Frieden gebe, wenn auch nur für eine kurze Zeit. VII. K Madame Cantrac überſchaute, als der Adjutant Jones den Schrecken unter ihre Tiſchgenoſſenſchaft brachte und über die Herrlichkeiten eines Frühſtücks hinausſetzte, das den Engländern, und wie ſie hoffte, dem verhaßten Doctor ſchlimm bekommen ſollte, ſchnell ihre Lage. Sie rief ihren Mann bei Seite und ſagte: „Den Streich hat uns Amelie geſpielt! Es iſt Alles verloren. Denke an deine Sicherheit und die Rettung deiner beſten Habe!“ — 171— Cantrac ſah ſie mit einem Blick an, in dem ſich eben ſo viel Glauben an das Gelingen des Complottes, als an die Wahrheit des Wortes ſeiner Frau, ausſprach.„Ja,“ ſagte er,„Amelie ſtürzt uns ins Verderben! Hätteſt du ſie dem Doctor auf Wight gegeben, Alles wäre heute anders.“ „Schweig! Nachteule, die ewig denſelben Ruf hören läßt!“ ſchrie die ſchöne Frau, und die Wuth, die dieſe Worte in ihrer Bruſt geweckt, verzerrte ihre Züge zu einem Anblicke, der das Blut in den Adern konnte ſtocken machen. Alle Röthe war verſchwunden. Ihre Geſichtsfarbe war gelblich grau; ihre Augen⸗ brauen, die ſich ſonſt in wundervollen Bogen über dem herrlichen Auge ſchwangen, ſenkten ſich tief herab auf das lodernde Auge, deſſen Blick Cantrac nicht ertragen konnte. „Er ſoll, er darf ſie nicht haben!“ rief ſie und ſtampfte mit dem kleinen Fuße den Boden, daß die Fenſter klirrten.„Lieber will ich ihrer Leiche zum Grabe folgen, als daß er ſie zum Altare 5 führe!“ ſchrie das Weib und ſchäumte dabei in einer grauenhaften Wuth, die es übrigens kund gab, zu welchen Mitteln dies Weib zu greifen fähig ſei, wenn es galt, der Rachſucht, dem Haß ein Genüge zu thun, der in ihrer Bruſt ſeine Stätte hatte. Cantrac war ihr Sclave. Er wußte, daß, wenn ihre Leiden⸗ ſchaft dieſen Höhegrad erreicht hatte, er einlenken mußte. „Du ahneſt Gefahr für uns, ſagſt du, Marion,“ hob er ſanft an,„und ich will dir's geſtehen, ganz ohne Furcht bin ich nicht. Sollten wir das Unglück haben, dieſen verdammten Rothjacken in die Hände zu fallen, ſo—“ „Werden wir aufgehängt wie räudige Hunde!“ ſprach Frau Marion Cantrac, und ihre Wuth ſchien ſich gebrochen zu haben, da ſie in ein anderes Geleiſe ihre Gedanken geleitet hatte. „Schöne Ausſicht!“ ſagte Cantrac. „Damit iſt ſie dir noch nicht verdeckt, Menſch ohne Muth und Kraft!“ eiferte ſie wieder.„Intriguen zu ſchmieden, iſt deine Sache, aber kommt es zur Anforderung einer That, ſo iſt's zu . Ende mit deinem Witze, mit deinem Geiſte, mit deinem Muthe! — 172— Wäreſt du geſtern mit dem verfluchten Doctor geritten, ſo hätte die kleine Kröte ihr Gift in einer geheimen Nachricht nicht ausſpritzen können; aber dir fehlte der Muth, und doch wiſſen wir, daß des Doctors Prahlerei mit den beiden Schiffen nichts war, als eben eine windbeutelige Prahlerei. Mir iſt's Eins, ob die Engländer die Inſel haben oder die Franzoſen, hätte ich nur den Doctor in Guadeloupe in Feſſeln gewußt, dann wäre mein Ziel erreicht! Doch, was rede ich? Willſt du dich von dieſen Rothjacken hängen laſſen?“ „Nein,“ ſagte Cantrac feſt, und ſchüttelte ſich dabei. „So haſt du keine Zeit zu verlieren,“ fuhr ſie fort,„denn dies Pflanzergeſindel vermögen die wenigen Soldaten nicht tapfer zu machen. Sie laufen, ſobald es blitzt und kracht. Unſere Pflanzung bietet, wie der Obriſt meint, eine gute Stellung. Werden ſie geſchlagen, wie es denn, Hundert gegen Eins, iſt, ſo ſind wir ruinirt. Darum raſch ans Werk. Wir müſſen, ſo ſchnell als möglich, das nördliche Ufer der Inſel zu erreichen ſuchen. Der Pflanzer Delarue, der an der ſichern Bucht wohnt, iſt dein Verwandter. Dorthin müſſen wir. Nun ſchnell ans Packen!“ Während vor dem Hauſe noch bei den köſtlichſten Speiſen und Getränken Kriegsrath gehalten, dann die Truppen aufgeſtellt wurden und alsdann der Marſch gegen die Stadt begann, war Marion Cantrac, ihr Mann und einige treue Diener thätig, in Körbe und Kiſten Alles zu verpacken, was irgend von Werth im Hauſe war. Pferde, Maulthiere, Neger wurden bepackt und gingen in der von Madame Cantrac bezeichneten Richtung ab. Neue Caravanen folgten dieſen, wenn wieder Menſchen und Thiere belaſtet werden konnten. So ging es dieſen Tag und den folgenden fort, an dem ſich denn Madame Cantrac's Vorherſagung beſtätigte, aber auch das Wort des Doctors wahr wurde, welches er nur zur Prüfung hier, ohne allen Grund, ausgeſprochen. Während der Zeit, in welcher ſich die Gegner beobachteten und rüſteten, vollendete Marion Cantrac ihr Werk, und ſelbſt der Obriſt, der ihren Reizen huldigte und den ſie ungemein begünſtigte, — 173— hatte ſich keines Blickes, keines Lächelns zu erfreuen, ſo lange noch nicht ihre beſte Habe in Sicherheit war. Amelie ſah kein Auge. Die unnatürliche Schweſter hatte ſie in ihre Zimmer verwieſen und dort eingeſchloſſen. Erſt als die Truppen zurückwichen, ließ Marion Amelie aus ihrem Gefängniß, aus deſſen Fenſter ſie dem kleinen Enkel Hebe's die wenigen Zeilen zuwarf, und wo Leo, des Kleinen Vater, dann und wann ein Wort mit ihr wechſelte, bis auch er mit dem Gepäcke nach der Pflanzung Delarue's aufbrechen mußte. Cantrac hatte dorthin ſeinen Aufſeher vorausgeſendet, der nach Guadeloupe eilen und dort ein Schiff zur überfahrt beſtellen mußte. In der Nacht verließen Herr und Madame Cantrac ihre Pflanzung, und Amelie folgte ſtumm, ohne zu wiſſen, wohin der Weg führe. Marion ſah ſie nicht an, redete keine Silbe mit ihr. Sie behandelte ſie mit einer ſo ſchneidenden Verachtung, daß das zarte Weſen ſchier erlag. Vier Meilen gebirgigen Wegs, über ſchwarze Felſen und einen Boden, der bei jedem Tritte durch die ſcharfen Steine die Füße der Träger der Palankine und Sänften verwundete, hatten ſie zurückgelegt, als endlich das Land ſich zu ſenken begann und dichte Wälder an die Stelle der kahlen Höhen traten. Hier mußten ſie übernachten und erſt am anderen Abend erreichten ſie Delarue's Pflanzung. Dieſe lag in der nördlichen Abdachung der Hochgebirge der Inſel, an einer Bucht, welche tief in das Land ging und zu beiden Seiten von waldigen Höhen eingeſchloſſen war. Dieſe Bucht bot den vortrefflichſten Ankergrund und gewährte den Schiffen eine Sicherheit, wie kaum eine Stelle der Inſel. Die Lage der Pflanzung war die reizendſte, die man ſehen mochte. Marion's Falkenauge entdeckte ſchnell eine niedliche, ſchnell⸗ ſegelnde Brigg, die dort vor Anker lag. Es fiel eine Centnerlaſt von ihrer Seele. War es doch nicht allein die Furcht vor der Rache der Engländer, die ſich ihres Herzens bemeiſtert hatte, ſondern vielmehr die vor dem Triumphe des Doctors, daß ſie in 8 5 4 die Hand ihrer Feinde gerathen und ſeine Geliebte ihm in die Arme geführt habe, welche ſie zu ſolcher Eile ſpornte und ſie mit Angſt und Sorge erfüllt hatte. Der Aufſeher, den ſie vorausgeſandt, war ein Menſch, der ſeine Herrin genau kannte und in ſeinen früheren Jahren ihr nicht gleichgiltig geweſen war. Ihre Gewohnheit war es früher geweſen, Diejenigen, welche ſich ihrer Gunſt hätten rühmen können, durch eine ſchnelle Entfernung unſchädlich zu machen. Dieſe ſchmiegſame Natur, die blind gehorchte und doch dabei für ſo manche andere Pläne ſo brauchbar war, hielt ſie vielmehr in ihrer Nähe, weil ihre Berechnung, immer ſchlau und weitausſehend, ſich ſeiner bedienen zu können, ſicher war, denn er hing noch immer an ihren Blicken mit der alten Hingebung und Selbſtverleugnung. Eine kleine Pinaſſe lag in der Bucht, als er ankam, ſegelfertig nach Guadeloupe. Günſtiger Wind beſchleunigte die Fahrt, und da er mit vollen Händen Geld ſpenden konnte, war es ihm leicht, ein Schiff zu gewinnen, zumal die Gewäſſer zwiſchen Guadeloupe und Marie galante in jenen Tagen durch die Entfernung der beiden Kreuzer, welche den Engländern auf Marie galante die Hilfe im kritiſchen Augenblicke brachten, frei waren. Als die Caravane anlangte, hatte der Aufſeher bereits alle Effecten an Bord gebracht und, da die Rückkehr der beiden Schiffe zu befürchten war, zögerten ſie nicht, ſich noch an Bord zu begeben. Die leichte Briſe ſchwellte die Segel der Brigg und als die Nacht, welche in jenen Breitegraden faſt ohne Dämmerung eintritt, ſich auf das Meer ſenkte, waren die ſchwarzen Gipfel der Berge von Marie galante bereits am Horizonte verſchwunden. In Guadeloupe erwartete man ſie mit großer Spannung. Das ſchnelle Verſchwinden der beiden Kreuzer, welche offenbar eine Nachricht erhalten hatten von dem, was auf Marie galante ſich vorbereitete, erfüllte die Herzen, beſonders das des Generals Ernouff, mit großer Sorge. Sein Adjutant erſchien ſogleich bei den Landenden; aber, ob 1— 175— ſie gleich nicht die Kunde des gänzlichen Mißglückens des Ausfluges brachten, ihre Nachrichten klangen doch wenig tröſtlicher. Entſchieden war es jedoch, daß jene beiden Schiffe in dem Hafen der Haupt⸗ ſtadt vor Anker gegangen und die ausgeſetzte Mannſchaft die 5 Franzoſen zum Rückzuge genöthigt hatte. Schon am anderen Tage ſah man Eins der Schiffe wieder, deſſen Späherauge offenbär den Flüchtigen von Marie galante galt. „Siehſt du es nun, Schwachkopf,“ ſagte in einem Tete- à Teie t Marion Cantrac zu ihrem Manne,„daß ein Weiberauge beſſer ſieht, als hundert Augen ſchafsköpfiger Männer? Und du meinteſt doch, meine Eile ſei unnöthig. Heute wären wir in die Hände dieſer Hunde von Engländer gefallen, denn unſere Brigg hätte vor ihren Kanonen die Segel ſtreichen müſſen!“ Cantrac ſchwieg, weil er die Wahrheit deſſen erkannte, was ſeine Frau ſagte, und auf eine ihrer Klugheit Weihrauch ſtreuende Schmeichelei antwortete ſie ihm mit einem höhniſchen In⸗die⸗Höhe⸗ ziehen ihrer ſchönen Lippen und mit einem Blicke, der mehr ſagte, als jene ehrende Anrede, die er vor wenigen Augenblicken empfangen hatte. Für Madame Cantrac begann auf Guadeloupe ein neues Leben. Hier imponirte ſie durch ihren Geiſt und ihre Reize. Der Schwarm der Offiziere, vom Lieutenant bis zum General, lag zu ihren Füßen. Sie ſchwamm in einem Meere von Seligkeit. Das geſellige Leben der Hauptſtadt der Inſel bewegte ſich im Kreis um ſie. Sie war die Herrſcherin der Herzen. Und dennoch war dies Weib gegen die eigene Schweſter unverſöhnlich, daß ihre Schönheit 7 der Männer Auge oft von ihr abwandte, hatte ſie ihr nie vergeben können; aber den empfindlichſten Schlag hatte ihr des Doctors 7 ezu Amelie gegeben. etzt beſaß ſie Gründe, welche ihre Härte entſchuldigten. Amelie war eine Gefangene im Hauſe der eigenen Schweſter, und Niemand ahnte ihr Daſein. Selbſt wenn die glänzendſten Feſte in Cantrac's Hauſe begangen wurden, durfte ſie nicht dabei erſcheinen. Entbehrte ſie auch leicht dieſen Tand, ſo war doch dieſe 6 Behandlung unendlich beugend für Amelie. Sie ſah leider jetzt erſt ein, was der geheime Grund dieſes Benehmens Marion's gegen ſie war. Die Liebe zu ihrer Schweſter gewann dadurch freilich nicht. So ſehr aber auch der leichtſinnige Charakter der Franzoſen geneigt war, die Freuden des Augenblickes zu haſchen und die Sorgen um die Zukunft wegzuſcheuchen, ſo konnten doch Englands Erfolge zur See ſie nicht über ihre Lage auf Martinique und Guadeloupe beruhigen. Guadeloupe war ſeit der Affaire von Marie galante ſo ſehr von Truppen entblößt, daß General Ernouff mit bangen Sorgen dem Augenblick entgegenſah, wo die Landung der Engländer mit einer Einnahme der Inſel endigen mußte. Er war außer Stande, die Inſel zu halten, zumal zahlreiche Erkrankungen die Reihen täglich mehr lichteten. Man mochte es an allen Maßregeln ſehen, daß er eine Landung fürchtete. Wenn auch immerhin die Begeben⸗ heiten auf Marie galante es bewieſen, daß die Landwehr keine Stütze darbiete, ſo ſuchte der General ſie dennoch möglichſt zweckmäßig einzurichten. Marion Cantrac bemerkte das mit ſchwerer Sorge. Ihr Gewiſſen machte es ſie glauben, es könnten die Engländer ſchon, um ihrer habhaft zu werden, einen Handſtreich mit einer Landung verſuchen. Die neueſten Ereigniſſe bewieſen es ohnehin klar, daß die Engländer geheime Verbindungen auf der Inſel hatten und genau von allen Zuſtänden unterrichtet waren. Eine Frage, die ſie einſt geradezu an den General richtete, brachte ihr als Antwort ein Achſelzucken, begleitet von einem Geſichte, das noch mehr ſchweigend ſprach, als das bedeutſame Achſelzucken. Von dieſem Augenblick an war es um ihre Ruhe geſchehen. Tag und Nacht folterte ſie der Gedanke, ſie könne mit ihrem Mann und Amelie in die Hände ihrer Feinde, in die Fallſtricke ihrer Rache gerathen. Sie ſuchte ſich alle Verhältniſſe der Inſ genau bekannt zu machen, was ihr nicht ſchwer wurde. Sie forſchte die ankommenden Schiffscapitäne aus über die engliſchen Kaper und Kriegsſchiffe, und als ſie hörte, daß man ihnen ſelten — begegne, und dieſe ſogenannten Herren der Meere ſo wenig unüberwindlich ſeien, daß ſelbſt die meiſten Priſen von den franzð⸗ ſiſchen Schiffen gemacht worden ſeien, war ihr Entſchluß gefaßt. Das war nun eine Ruhmredigkeit, die auch nicht den entfern⸗ teſten Schein der Wahrheit für ſich hatte. Im Gegentheile, Frankreichs Schiffe wurden faſt immer eine Beute der Bkitten. Wie dem auch ſei, Madame Cantrac, die man auf der Inſel die Königin von Guadeloupe nannte, fühlte ſich nicht geheuer, da auf dieſer Inſel das Schwert des Damokles nur an einem Haar über ihrem Haupte hing oder in ihren Augen doch zu hängen ſchien. Sie gewann keine Ruhe, keinen Frieden mehr. Unabläſſig beſchäftigte ſie der Gedanke, nach Frankreich zu gehen, um dort ſo lange zu weilen, bis Marie galante wieder in den Händen der Franzoſen ſein würde, was nicht lange konnte auf ſich warten laſſen, wie ſie meinte. Solche Sorgen äußerte ſie gegen den General Ernvuff und fragte ihn um ſeine Meinung, ob wohl eine Fahrt mit Sicherheit könne unternommen werden? Der General meinte, wenn ſie mit den nächſten Schiffen abginge, könne es nicht fehlen, da zwei Fregatten die Reiſe machten. Madame Cantrac war ſchnell entſchloſſen. Amelie mußte aus dem Bereiche, wo ſie der Arm des verhaßten Roßbridge erreichen konnte, ſie ſelbſt wollte Sicherheit für ihre Perſon. So ſchnell al ſich thun ließ, machten ſie ſich reiſefertig und ſchifften ſich dann an Bord einer herrlichen Fregatte ein, die einige Handelsſchiffe zu begleiten hatte, zu welcher noch eine Fregatte von Martinique ſtoßen ſollte. Die unglückliche Amelie wußte wohl, um was es ſich handelte. Sie hatte ja ſchon in ſtillem Schmerz ihrem Glück entſagt. Kam ſie nach Frankreich, ſo ſchwand auch die letzte Hoffnung. Es lag eine Nacht des Kummers auf ihrem Herzen, durch die kein Licht⸗ ſtrahl der Hoffnung mehr brach. Der Eine Wunſch, bald aus dieſem Leben voll Weh und Leid befreit zu werden, wurde mit jedem Tage lebendiger, wurde der Inhalt ihrer Gebete, die ſie, begleitet von heißen Thränen, zum Himmel ſandte. N. F. IM. 12 — 178— Ihr war's, als ſie am Bord der Fregatte ſich einſchiffte, als ginge ſie nun der Stunde der Erlöſung entgegen, und ſo lange ſie Marie galante ſehen konnte, hing ihr thränenfeuchter Blick an der Inſel mit den ſchwarzen Bergen, wo ſie den wußte, mit dem das Leben allein noch Reiz für ſie hatte. Es war für die Schiffenden eine ſchwere Sorge, als die Fregatte von Martinique ausblieb, auf die ſie gehofft, deren Begleitung ihnen, um ihrer Sicherheit willen, ſo nöthig erſchien. Sie wußten freilich nicht, daß die Häfen von Martinique von den Engländern blockirt waren, daß das Auslaufen der Fregatte in das Reich des Unmöglichen gehörte. Der engliſche Oberbefehlshaber hatte dieſe Maßregel angeordnet und deßhalb die Schiffe aus den Gewäſſern von Guadeloupe zurückgezogen. Da blieb denn nun nichts übrig, als die Seereiſe allein anzutreten und die ruhmredigen Offiziere der Fregatte Galathee meinten, ſie bedürften ſolchen Schutzes durchaus nicht. VIII. Auf Marie galante hatte ſich ſeit den letzten Monaten Vieles geändert. Nachdem die einhundert und achtzig Franzoſen ſich auf Gnade und Ungnade ergeben und Capitän Pigot eine bedeutende Zahl dexer eingezogen, welche in Cantrac's Empörung verwickelt waren, ſtieg die Zahl der Verhafteten im Fort und auf den drei Schiffen im Hafen zu einer Höhe, welche ihre Entfernung gebieteriſch heiſchte. Der Oberbefehlshaber ließ ſie nach Antiqua bringen, wo ſich alle Gefangenen befanden, welche man auf gekaperten und geenterten Schiffen genommen hatte. Ihre überfahrt nach England wurde dadurch dringend nothwendig, weil ihre Zahl beläſtigend war, ihre Anhäufung aber das Ausbrechen gefährlicher Krankheiten in der heißen Jahreszeit befürchten ließ. Pigot ſelbſt war auf ſeinen Wunſch von Marie galante abbe⸗ rufen und befand ſich wieder am Bord der Fregatte Eridanus, wonach er, als ächter Seemann, ſich ſchon lange vergeblich geſehnt hatte und deren Commando ihm als Lohn wurde. Auf ſeine ————————— 6 — — 179— inſtändige Bitte war Doctor Roßbridge als Oberarzt auf dieſer Fregatte angeſtellt worden, was die glückliche Geneſung der Kranken auf Marie galante und das völlige Aufhören der epidemiſchen Krankheit, die mit dem Aufhören der Regenzeit zuſammengefallen war, möglich machte. Wenn die beiden Männer, die aufs Innigſte befreundet'waren, auf dem Hinterkaſtelle der Fregatte ſaßen, die in den Gewäſſern der Inſelgruppe, welche den Namen Les Saintes trägt, kreuzte, um auf franzöſiſche Schiffe Jagd zu machen, und Beide in freundſchaftlichem Zwiegeſpräche waren, ſagte oft der biedere Capitän:„Laſſen Sie den Muth nicht ſinken, Doctor! Ich habe die ſichere überzeugung, daß, ſobald Martinique genommen ſein wird, die Reihe an Guade⸗ loupe kommt. Da wird ja der Oberbefehlshaber, wenn auch unſer ſchöner Eridanus nicht ſollte berufen ſein, an dieſem Zuge Theil zu nehmen, es uns Beiden nicht abſchlagen, uns als Freiwillige dabei zu betheiligen. Lieutenant Howard commandirt den Eridanus ſo gut wie ich ſelbſt, und weiß recht gut, wie man ein feindliches Schiff entert. Da können wir abkommen, und ich werde Ihnen noch die Geliebte zuführen; doch ſetze ich die unerläßliche Bedingung, daß ich die Braut zum Altare führen darf.“ „Zugeſtanden!“ ſagte der Doctor; aber ſein Lächeln war nicht das der Zuverſicht; es war ein wehmüthig⸗ſchmerzliches. Der Capitän ließ nicht nach, ihn aufzurichten. 4 Tom ließ ſehr oft ſein indianiſches Uff! in die friſch hinausklingen, wenn er ſeinen Herrn ſo düſter daſtehen die klare Meerestiefe hinabſtarren ſah, wobei es ihm mancht vorkommen wollte, als drücke ſich in des Doctors bleichen Zü der Wunſch aus, daß er da unten ruhen möge, wo auf dem ſchnee⸗ weißen Meeresboden die bunten Algen und Tange ſich ſchaukelten und die Fiſche ſo ſtille gingen, als ob ſie gar nicht ahneten, welch ein rieſiges Gebäude über ihnen hin, vom Winde getrieben, ſegele. Solch ein Gedanke ſchnitt tief hinein in die alte, trene Seele Tom's.„Warum muß auch die liebliche Miß Amelie dem Hunde⸗ geſindel angehören?“ bruhmte er im tiefen Groll Cantrac's 1 „— — 180— gerrath.„Wär' ſie nur mit einem Schwarzen, mit dem Leo etwa, zu uns, dann wär' all das Elend nicht und auf Antiqua hätten ſie können Hochzeit halten. Uff!“— Aber nach einigem Beſinnen ſagte er wieder:„Nein, Tom, du biſt ein Eſel in ſolchen Dingen. Wer nicht gefreit hat, verſteht nichts von dieſen Geſchichten! Das konnte ſie nicht, und ſo hat der Teufel ſein heillos Spiel gemacht und mein lieber Herr hat ſie vielleicht für immer verloren. Wie die es ihr kochen, weiß vollends Niemand; aber Roſentage hat ſie gewiß nicht, denn ihre Schweſter iſt ſo eine Zeſabel!— Doch,“ ſetzte er ſich ſelber tröſtend hinzu,„ich hab' immer daheim gehört, was Gott ne hat, das ſoll und könne der Menſch nicht ſcheiden.“ Um dieſe Zeit ſtießen zwei Briggs zu der Fregatte Eridanus, zwei luſtige Segler, die über die See hintanzten, wie junge Mädchen über die glatte Wieſe, die der Mäher ihres Graſes beraubt und die Sonnengluth ausgetrocknet hat. Es hatte ſich nämlich die dunkle Sage zu dem Ohre des Obercommandanten den Weg gebahnt, daß von Guadeloupe aus ein Convoi nach Frankreich unter Segel gehe. Widrige Winde verhinderten indeß dies Auslaufen um mehrere Tage und die beiden Briggs erreichten den Eridanus, deſſen Capitän den Oberbefehl über das kleine Geſchwader erhielt. Er wies den Briggs ihre angemeſſene Entfernung an, damit jene Schiffe nicht durchſchlüpften. Schon am zweiten Morgen meldete der Matroſe aus dem Maſtkorbe des Hauptmaſtes der Fregatte:„Drei Schiffe in Sicht! Die beiden Briggs hinterdrein mit vollen Segeln! Franzoſen!“ Der Eridanus änderte ſogleich ſeinen Cours. „Die Stückpforten auf! Geladen!“ donnerte des Capitäns Commandowort, und mit einer zauberhaften Schnelligkeit war der Befehl vollzogen. „Die Enterhaken zurecht!“ donnerte es durchs Spruchrohr über das Verdeck hin. Auch dieſer Befehl wurde mit einer faſt fabelhaften Schnelligkeit vollzogen. — — 181— „Alles bereit!“ lautete der dritte Befehl. Alles war in beſter Ordnung. Der Doctpr richtete ſein Verbandzeug her und nahm ſeinen Platz neben dem Capitän. „Wollen Sie Theil nehmen?“ fragte der Capitän. „Soll mich mein alter Tom beſchämen?“ fragte der Doctor entgegen.„Sehen Sie ihn dort mit ſeinem Enterbeil und Haken!“ „Wahrlich!“ ſagte der Capitän, und ſah mit beifülligem Lächeln auf den greiſen, wetterharten und verwitterten Seemann, der mit jugendlichem Feuer im Blick und in jeder Bewegung, unter den Matroſen ſtand, die ihn ganz beſonders hochhielten, weil er der Erfahrungen viele geſammelt und die Kunſt inne hatte, gut zu erzählen. Unterdeſſen waren die franzöſiſchen Schiffe näher gekommen. Der Wind war ihnen günſtig, aber auch ihren leichtſegelnden Verfolgern. Es waren drei franzöſiſche Schiffe: eine Fregatte und zwei Kauffahrer von maſſiger Größe, ſchlankem Bau und tüchtiger Seglerkraft. Mit angehaltenem Athem betrachteten die Bewohner der Fregatte Eridanus die Jagd der Briggs, welche, wie Pigot ſcherzend ſagte, als gute Jagdhunde dem Jäger das Wild in ſchuß⸗ gerechte Lage brächten. Es währte noch etwa eine Viertelſtunde, ſo ſah man es aufblitzen von den Briggs und beide gaben den Kauffahrern volle Lagen, indem ſie die Fregatte dem Eridanus zu überlaſſen ſchienen. Eine zweite Lage folgte ſchnell der erſten, und die Verwirrung auf den Kauffahrern bewies es, daß die Kugeln nicht unbedeutenden Schaden verurſacht haben mochten. Jetzt ſah man die Enterbvote und der ernſte Kampf nahte ſchnell. Der Eridanus hatte, während dies vorging, ſo geſchickt manövrirt, daß er der Fregatte in Schußweite nahe kam und ſeine rechte Lage ihr einen furchtbaren Morgengruß zuſenden konnte, vor dem ſich der Hauptmaſt ſogleich neigte. Er war zerſplittert und mußte gekappt werden. Eine ſchnelle Wendung erfolgte, und die zweite volle Lage raſirte das Verdeck des Feindes! Seine Kanonen brüllten, aber war es Angſt oder Unkenntniß?— ſie waren ſo — 182— ſchlecht gerichtet, daß ſie dem Eridanus kaum einigen Schaden zufügten. Seit der Hauptmaſt der franzöſiſchen Fregatte gekappt war, konnte auf ein Entkommen nicht mehr gezählt werden, vielmehr war nur noch ein Kampf auf Leben und Tod in Ausſicht. Die Mannſchaft that, was in ihren Kräften ſtand. Pigot ließ ihrer Tapferkeit wohlverdientes Lob zu Theil werden.„Dennoch ſind ſie vunſer!“ rief er, freudig die Hände reibend, aus. Ein Hurrah von dem hinterſten Kauffahrer gab Kunde, daß er geentert war. Der zweite ſtrich die Flagge und die ihn verfolgende, ſich eben zum Entern anſchickende Brigg, nahm ihn ſofort in Beſitz. Jetzt galt es der Fregatte. Eine ihrer Batterien war bereits demontirt. Der Ruf: Entert! erſchallte auf dem Eridanus. Während dieſes kurzen Seegefechtes, welches in ſeinen erſten Anfängen für die franzöſiſche Fregatte ſo unheilvoll war, ſchlich eine ſchöne Frau zu einem der Offiziere, einem jungen blühenden Manne, der für ihre Reize ſehr empfänglich war, heran. „Was wollen Sie hier, Madame?“ fragte er ſie mit dem Ernſt und Unwillen, den ihre Erſcheinung zu dieſer Stunde der Gefahr auf dem Verdeck in ihm weckte. „Bitte, ſagen Sie mir doch, wo die Pulverkammer ſprach ſie mit einem Tone, der den Offizier erbeben machte. Ihr Antlitz war bleich, wie das einer Leiche. Das ſchwarze Auge rollte wie das einer Wahnſinnigen, und die Lippe war bläulich. Ihr Anſehen hatte etwas Furchtbares. „Gehen Sie in die Cajüte, wohin Damen in ſo ernſten Augenblicken gehören!“ ſprach verweiſend der Offizier.„Pulver paßt nicht nicht für Sie!“ „Sie haben mir von Ihrer Liebe geredet,“ fuhr ſie ſchmeichelnd fort;„geben Sie mir dieſen vollgiltigen Beweis!“ „Gehen Sie!“ war ſeine Antwort.„Es iſt jetzt keine Zeit, von Liebe zu reden! Sie ſind Paſſagier an Bord; wenn Sie auf Ihrer Frage beharren, laſſe ich Sie einſperren. Was wollen Sie bei der Pulverkammer?“ Ladung und Knall folgten auf dieſem Schlag auf Schlag. —— — 183— „Uns in die Luft ſprengen, damit nicht dieſe Hunde uns nehmen!“ erwiederte ſie in fieberiſcher Aufregung. „Das iſt nicht eines Weibes Sache,“ verſetzte der Offizier. Er rief zwei Matroſen. „Faßt das Weib und bringt ſie in die Cajüte, ſie iſt wahn⸗ ſinnig und will das Schiff in die Luft ſprengen!“ „Feige Canaille!“ knirrſchte Marion Cantrac und ſchleuderte ihm einen ihrer Wuthblicke zu. Die Matroſen machten jedoch kurzen Prozeß und faßten ſie trotz ihrer wilden Vertheidigung und brachten ſie in den Raum. Sie wüthete völlig. Cantrac vermochte ſie nicht zu bändigen und bald war ſie wieder aus der Cajüte in den Raum gedrungen, wo ſie in die Küche zu kommen ſuchte, um ſich eines Feuerbrandes zu bemeiſtern. Auch hier ſtieß man ſie hart zurück, da in ſolchen Momenten ſelbſt die jedem gemeinen Franzoſen angeborene Galanterie ihr Ende erreicht hat. Sie drang wieder auf das Verdeck. Die beiden Schiffe waren ſich ſo nahe gekommen, daß die Beſatzung mit Kleingewehrfeuer die ununterbrochene Kanonade unterſtützte. Auch die eine der Briggs nahm jetzt die Fregatte aufs Korn und die Enterer nahten. Es entſtand ein furchtbarer Kampf auf beiden Seiten des Schiffes, da auch die Brigg unter dem Winde zu entern begann. Marivn entriß einem erſchoſſenen Matroſen ſein Enterbeil und ſtürzte ſich wüthend in den Kampf. „Sehen Sie das merkwürdige Schauſpiel,“ rief der Capitän Pigot dem Doctor zu,„dort kämpft ein raſendes Weib unter den Matroſen!“ Der Doctor richtete ſein Fernrohr darauf und rief erblaſſend: „Capitän, es iſt Madame Cantrac! Sollte Amelie auf der Fregatte ſein?“ „Hurrah!“ ſchrie der Capitän,„das wär' eine Priſe!“ Die Enterer der Fregatte Eridanus hatten jetzt ſiegreich das Bord erſtiegen. Tom, der bereits Marion Cantrac erkannt hatte, ſtürzte auf ſie zu, ergriff ſie an ihren ſchönen Schultern und riß ſie zu Boden. ———————— — „Uff! Uff! Weib, Satan, was treibſt du hier?“ rief er in wilder Wuth. In demſelben Moment aber, als Tom ſie aus dem Kampfe reißen wollte, hatte eine Kugel von der Brigg bereits ihren mörderiſchen Weg in ihre Bruſt gefunden. „Tom!“ rief ſie,„iſt der Doctor da?“. „Ja,“ ſagte dieſer,„er iſt auf der Fregatte drüben und wird bald hier ſein.“ „Gib mir den Reſt, Tom,“ flehte die Blutende.„Erbarme dich meiner!“ —„Ihr habt genug,“ ſagte Tom,„Uff! Macht's kurz. Betet, daß Euch Gott vergebe all' die Miſſethat Eueres Lebens, all' die Undankbarkeit an meinem Herrn!“ „Verflucht ſei er in Ewigkeit!“ ſchrie das entſetzliche Weib. „Verdammt, wie du, Rabe, wie ich!“ Sie wollte ſich aufrichten, aufſpringen; aber der Blutſtrom quoll unaufhaltſam aus ihrer Bruſt. Sie ſank zurück und zuckte 4 convulſiviſch zuſammen. ₰ „Der Tod ſitzt Euch auf der Lippe; betet, daß Euere Seele nicht zur Hölle fahre!“ ſagte Tom, den ein Entſetzen bei ihrem Anblicke durchrieſelte. 4 „Ha! beten! Ich kann nicht beten!“ ſchrie ſie noch einmal auf.„Verflucht ſei—“ Das Wort erſtarb auf der Lippe, und ſchaudernd wandte ſich Tom von der Sterbenden, deren Anblick nur Entſetzen hervor⸗ bringen konnte. 4 Die Mannſchaft der Fregatte hatte bereits das Gewehr geſtreckt.“ Die engliſche Flagge wehte auf den drei Priſen, als— Pigot mit dem Doctor an Bord erſchien. 6 Er hatte Marion fallen und Tom bei ihr knien ſehen. Sogleich eilte er zu ihr hin. 6 Tom vertrat ihm den Weg.„Herr,“ ſagte er,„an der iſt Hopfen und Malz verloren. Der Tod hat ſie geentert. Das Wrack gehört der See! Uff! Uff! Herr, der Teufel hat ſein Erbe Kommt! dort ſind arme, brave Jungen, denen helfet!“ Der Doctor ſtand ſchaudernd da. Er kannte das Weih nicht, deſſen ſchöne Hülle hier todesbleich, mit Blut bedeckt, lag. Er ſah nur in ihr Amelie's Schweſter, und das Mitleid war das alleinige Gefühl, das in ſeiner Seele jetzt Raum hatte. Ein ſtrafender Blick und ein ſcharf tadelndes Wort traf Tom. 5 Wenn auch Tom ſonſt nicht wagte, ſeinem Herrn entgegen zu reden, ſo konnte er doch hier nicht ſchweigen. „Uff! Herr,“ rief er.„Sie war, was ich ſagte, denn ie iſt geſtorben mit einem gräßlichen Fluch auf Euch, den aber mein Gebet gewiß wegmanövrirt hat. Tadelt mich nicht. Ihr werdet wohl noch hören, wie ſie dachte. Uff! Geht, Herr, ich bitte Euch, und zürnet mir nicht!“ Der Doctor wurde in dieſem Augenblicke zu dem franzöſiſchen Arzte gerufen, der ihn bat, ihm in ſeinem Berufe thätig zur Seite zu ſtehen bei den zahlreichen Verwundeten. Kaum aber hatte der Doctor den Rücken gewendet, als Tom Marion's Leichtam faßte, auf die Bekleidung des Verdeckes, die auf dieſer Seite noch ſtand, hob und ihm einen Ruck gab, der ihn in die Tiefe See verſenkte. Das Enterbeil, welches die Wüthende geführt hatte, ſchleuderte er ihr nach. Uff! da ruht der Fluch drauf! ſagte er. Das Verdeck wurde jetzt von den Leichen geſäubert, vom Blute gereinigt und die Schiffszimmerleute arbeiteten ſogleich daran, den Nothmaſt aufzurichten und die Schäden des Schiffes zu heilen. Die beiden Arzte hatten vollauf zu thun mit den zahlreichen Verwundeten, ſowohl auf der franzöſiſchen Fregatte, als auf dem Eridanus und der Brigg, welche mit dem Eridanus die feindliche Fregatte geentert hatte. Dennoch war der Sieg ein — verhältnißmäßig leichter, und Capitän Pigot ließ mit fröhlichem Geſichte die theils auf den Eridanus, theils auf die beiden Briggs bringen, und als endlich die Verwundeten verbunden waren, trat der Doctor Roßbridge zu Capitän Pigot und fragte: „Iſt Amelie hier?“ „Ich weiß es nicht, weil ich ſie nicht kenne,“ erwiederte ihm dieſer,„aber, wenn ſie ſchön iſt wie ein Engel, ſo glaub ich, ſie — ſitzt drunten in der Cajüte und weint heiße 2 Thränen um ihre 3 2 — „ — 186 Schweſter, die im Kampfe gefallen ſein ſoll. Monſieur Cantrac trägt einſtweilen die Ketten, aber Thränen hat er keine für ſeine liebe Frau! Gehen Sie, Doctor, und tröſten Sie Miß Amelie!“ Der Doetor reinigte ſich mit Tom's Hilfe vom Blut und eilte dann hinab in die Cajüte. ſie ihn. „John, mein theurer John!“ rief ſie aus und eilte ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. über Cantrac's furchtfahle Züge fuhr eiu Lichtſtrahl der Freude.„Nun hängen ſie mich gewiß nicht!“ ſagte er;„der wird für mich bitten!“— X. 5„ Im Hafen von Antiqua wurden ſechs Schiffe ſignaliſirt. Als ſie näher kamen, erkannte man den Eridanus, die Briggs Phöbe und Harris, nebſt drei Priſen, einer franzöſiſchen Fregatte und wei Kauffahrteiſchiffen. Capitän Pigot kam allein an den Strand und begab ſich zu dem Oberbefehlshaber, der ihn mit großer Auszeichnung empfing. Die Schiffe waren vor Anker gegangen und die Nacht ſenkte ſich bereits herab, als die Audienz zu Ende war.“ Pigot kehrte an Bord ſeiner Fregatte zurück und mit demſelben Boote wurde Cantrac ausgeſchifft. Amelie, bei der der Doctor war, ahnte es nicht, was vorging, und glaubte auch nicht, daß es auf das Schickſal ihres Schwagers Bezug habe, als ein Auditeur am anderen Morgen mit dem Doctor landete. Als der Doctor in die Wohnung des Gouverneurs und Oberbefehlshabers trat, war ein Kriegsgericht verſammelt. Als Zeugen ſtanden vor demſelben der Neger Leo, drei Pflanzer von Marie galante, der Plantagenaufſeher Cantrac's, Capitän Pigot * und der Doctor. * Als er die Thür aufriß und Amelie erſchreckt auffuhr, erblickte S — 187— Anſtiftung eines Complottes, die Engländer gefangen zu nehmen, die Inſel den Franzoſen zu überliefern, auf Gefangennehmung ſämmtlicher brittiſchen Offiziere bei einem Bankett; auf Mißhandlung und Ermordung der zur Geneſung in die höheren Gegenden Marie galante's gebrachten Kranken, engliſcher Soldaten, und als Strafe; † Tod durch den Strang.*— Cantrac ſaß da wie eine Leiche. Er zitterte am ganzen Leibe, daß ſeine Ketten raſſelten. Zuerſt ſchritt das Gericht zur Abhör der Zeugen. Der Neger „ Leo bezeugte, mit möglichſter Schonung Cantrac's, Alles, was der Anklageact ausſagte. Ebenſo fiel das Zeugniß der Pflanzer aus. Sie ſagten namentlich aus, daß Cantrac von Pflanzung zu Pflanzung geritten ſei und ſich unſägliche Mühe gegeben habe, das Complot zu Stande zu brkugen. Daſſelbe bezeugte der Aufſeher Cantrac's, obgleich dieſer mehr die Schuld des Ganzen auf Madame Cantrac warf, in deren Hand ihr Mann nur das Werkzeug geweſen ſei. Der Doctor konnte nichts bezeugen, als die Einladung zum Feſte, die Warnung Amelie's und Leo's, und Pigot den Kampf und ſeine Folgen. Kein Entlaſtungszenge war vorhanden. Cantrae ſelbſt erhielt das Wort zu ſeiner Vertheidigung. Er rief ſeinen Neger Lev und ſeinen Aufſeher, ſelbſt die Pflanzer auf, daß ſie Zeugniß ablegten, wie er das Werkzeug ſeiner Frau geweſen und, um ihren Willen zu thun, dies Alles unternommen hab Im Zuge ſeiner Vertheidigung zog er den Schleier von dem Thun und Charakter ſeiner Frau mit einer Abſcheu erregenden Gemeinheit. Er enthüllte die Urſache dieſes Complottes genau und ſagte: Es ſei nur auf den Doctor Roßbridge allein abgeſehen geweſen, da ſie, mit grimmigem Haſſe gegen ihn erfüllt, ſeine Verbindung mit Amelie habe zu Nichte machen wollen. Er hatte es nicht hehl, daß ſie ſchon in Wight aufs Heftigſte in den Doctor verliebt geweſen ſei, der aber ſeine Liebe ihrer edeln Schweſter Amelie zugewendet, ihr nicht die geringſte Aufmerkſamkeit bewieſen, als die, welche die edle Hoſpitalität erfordert habe, alle Verſuche ihrer Koketterie ſeien erfolglos geweſen. Da habe ſich die Liebe in bodenloſen Haß ——— umgeſetzt, und dieſer Haß habe ſeine Befriedigung daran geſucht, Amelie und den Doetor für immer zu trennen. Darum habe ſie auf das Complott geſonnen; darum habe ſie Guadelonpe verlaſſen, da ſie befürchtete, es möchte von Engländern genommen und ſie dann in ihre Gewalt, der Doctor zu einem hohen Triumphe kommen; darum habe ſie in blinder Wuth die Fregatte in die Luft ſprengen wollen, und in einer zum Wahnſinne geſteigerten Wuth ihren Tod gefunden. Mit Abſcheu wendeten ſich die Richter von dem Elenden, der den Schleier wie von ſeiner eigenen Schmach, ſo von dem verworfenen Charakter ſeines verſtorbenen Weibes hinwegriß, um ſich das verworfene Leben zu retten. Der Doctor blickte in einen Abgrund von Verworfenheit, vor dem ihm ſchauderte, deſſen Wahrheit ſich ihm aber unwillkürlich aufdrängte, weil er nur ſo den Schlüſſel zu Räthſeln fand, die ihm bis jetzt unlösbar erſchienen waren. Der Gefangene und die Zeugen traten ab. Nach einer halben Stunde kam der Auditeur zu Cantrac und fragte, ob er über ſein Vermögen letztwillige Verfügungen treffen wolle und einen Geiſtlichen ſeines Glaubens verlange, deren Etliche unter den Gefangenen ſich befänden; er habe nur noch wenige Stunden zu leben. Ein Ausbruch der troſtloſeſten Verzweiflung, in der die entſetzlichſte Furcht vor dem Tode ſich ausſprach, war die nächſte, unmittelbare Folge der Erklärung des Anditeurs. Cantrac kam endlich durch das Zuſprechen des Auditeurs ſo weit zu ſich, daß dieſer ein Teſtament aufnehmen konnte, worin er ſeine Schwägerin Amelie zur alleinigen Erbin ſeiner liegenden und fahrenden Habe einſetzte. Als dies unterſchrieben war, nahm es der Auditeur zu ſich, und entfernte ſich, um einen Geiſtlichen zu dem Delinquenten zu ſchicken. Dieſer blieb eine Stunde bei ihm. Hierauf wurde er vor die Stadt zum Richtplatze geführt, wo ein W aufgerichtet war, und nicht lange nachher 5 der Verworf ein Leben geendet. Pigot und der Doctor kehrten auf die Fregatte zurück, wohin ₰ —— — — Amelie gebracht worden war, nebſt allen Effecten Cantrac's und ſeiner Frau. Der Doctor hatte das Teſtament. Er wagte es indeſſen nicht in Amelie's Hände zu geben, wie er auch den Capitän aufs Wärmſte bat, vor Amelie das Ende Cantrac's zu verheimlichen. Indeſſen konnte der Doctor den Eindruck, welchen das Verhör Cantrac's in ihm hervorgebracht, nicht in dem Maaße verbergen, daß nicht das ſcharfe Auge der Liebe ihn hätte heraus⸗ finden ſollen. Es ſtieg eine dunkle Ahnung in ihr auf. Sie fragte nach Cantrac, und als ſie hörte, er ſei ans Land gebracht worden, ſtellte ſie ſich ſelbſt Alles zuſammen und— fragte nun direct den Doctor und Pigot, in deren Geſellſchaft ſie ſpeiſte. Da ſie zu beſtimmt bei ihrer Vorausſetzung blieb, konnten Beide nicht länger die Wahrheit verhehlen. Sie warf ſich laut weinend an des Doctors Bruſt.„Nun bin ich ganz verwaiſt!“ rief ſie tief erſchüttert aus,„verlaß mich Arme nicht!“ Der Doctor umfaßte ſie mit der garzen Innigkeit ſeines Gefühls. Reden konnte er ſelbſt nicht, denn dieſer Auftritt hatte aufs Neue ihn an Alles erinnert, was er gehört und erlebt hatte. Schon früh am anderen Morgen fuhr Capitän Pigot ans Ufer. Er blieb den ganzen Tag aus und kam erſt Abends zurück. Er ließ den Doctor ſogleich zu ſich rufen. „Lieber Doctor,“ ſagte er,„die Verhältniſſe von Miß Amelie ſind der Art, daß der Oberbefehlshaber mit mir darin überein⸗ ſtimmt, daß ſie den Wechſelfällen eines Seekriegs enthoben werden muß. Sie ſoll nach England gebracht werden, zu ihrer Familie nach Wight, wenn ſie es nicht vorziehen ſollte, auf ihre Pflanzung nach Marie galante zu gehen, die doch jedenfalls, da noch Neger darauf leben, nicht völlig preisgegeben werden darf. Stellen Sie ihr das in geeigneter Weiſe vor und bringen Sie mir ihren Entſchluß. Sollte ſie nach England zu gehen ſich entſchließen, ſo möchte der Gouverneur ihr einen Schutz mitgeben, welcher ihr der liebſte und anderweitig der geeignetſte wäre, nämlich einen liebenden Gemahl in Ihrer Perſon. Doctor, was meinen Sie dazu?“ Der Doctor blickte den Capitän voll Erſtaunen an. — 190— * „Es iſt ſo,“ verſetzte der wackere Pigot.„Reden Sie mit ihr, oder ſoll ich es? Wahrlich, Doector, ich finde, daß es für mich paſſender iſt! Warten Sie! Tom!“ rief er,„melde mich bei Miß Amelie!“ Tom ging und kam alsbald zurück, mit der Verſicherung, er werde willkommen ſein. „Die erſte Freiwerberei meines Lebens!“ rief Pigot lachend und ging. Er war lange bei Amelie, die den Freund ihres Geliebten und den Ehrenmann in Einer Perſon gleich hochachtete. Nach Verlauf einer Stunde, die der Doetor höchſt peinlich in der Capitänscajüte verlebte, rief ihn Tom, der ſich mit aller Hingebung des Dienſtes bei der theuern Miß, wie er ſagte, annahm. Er eilte zu den Beiden und der Capitän rief ihm entgegen:„Doctor, ich habe Talente in mir entdeckt, die ich mir nie zugetraut. Miß Amelie willigt in die Verbindung mit Ihnen!“ „Ja,“ ſagte Amelie,„ich willige ein, weil ich erkenne, daß es die Schicklichkeit und der Anſtand fordert. Ich fühle, daß ich unter anderen Verhältniſſen das Trauerjahr mir wenigſtens ausbedingen müßte. Sie reichte unter Thränen dem Doctor ihre Hand, und dieſen Abend blieben Beide bei ihr, in der ihr eingeräumten Cajüte das Abendeſſen einzunehmen. Schon am anderen Morgen meldete Capitän Pigot dem Oberbefehlshaber den Entſchluß Amelie's mit ſeinen Motiven, und zwei Tage ſpäter traute ſie der Geiſtliche auf Antiqua. Capitän Pigot lud die ſämmtlichen befreundeten Offiziere zu einem Gaſtmahl auf den Eridanus, wo auch der Oberbefehlshaber erſchien, um dem jungen Paare ſeine Glückswünſche darzubringen. Bei dieſer Gelegenheit eröffnete er dem Doctor, daß Capitän Pigot eine Flottille nach England commandiren ſolle, um die Gefangenen dorthin zu bringen, und daß es den Lords der Admiralität gefallen habe, den Eridanus, welcher bedeutende Reparaturen nöthig habe, längere Zeit auf den Werften von Liverpool zu laſſen, wodurch es den Offizieren geſtattet ſei, im Schooß ihrer Familien den Winter in England zu verleben. Als — , — — 191— der Obercommandant dieſes Vorhaben der Lords der Admiralität ausgeſprochen, erfüllte ein Jubel die Cajüte, und der edle Ober⸗ commandant, der dies wohlwollend veranlaßt, ergriff freudig ſein Glas, um es auf das Wohlergehen der durch ſeine Mittheilung Erfreuten zu leeren. Mit dem Auslaufen der Flottille ging es jedoch niht ſo ſchnell, da die Schiffe, welche dazu beſtimmt worden waren, erſt von ihren verſchiedenen Stationen zurückgerufen und manche von ihnen erſt noch ausgebeſſert und verproviantirt werden mußten. Das junge Paar benützte dieſe Zeit, um nach Marie galante zurückzukehren und die Angelegenheiten dort zu ordnen. Mit Wehmuth betraten ſie den Ort, wo ſie ſo viele bittere Erfahrungen gemacht hatten, und Capitän Pigot, der ebenfalls den Ort noch einmal beſuchen wollte, der auch für ihn erfahrungsreich geworden war, begleitete ſie auf die zerſtörte Pflanzung. Dort ſah es wüſte und wild aus. Die Pflanzenwelt der Tropen hatte alle ihre Triebkraft angewendet, eine Wildniß zu ſchaffen, wo früher ein feiner Geſchmack gewaltet hatte. Die Neger waren bloß darauf bedacht geweſen, für ihren Unterhalt das Nöthige zu pflanzen, hatten aber im Ubrigen, der natürlichen Indolenz folgend, welche eine ſo große Macht über ſie ausübt, die üppige Produktivnskraft der Natur frei und ungeſtört ſchalten und walten laſſen. Der Doctor ſtaunte über dieſe Erſcheinungen, für die ſein europäiſcher Maßſtab nicht ausreichte. Capitän Pigot rieth Miſtreß Roßbridge, die Beſitzung, wenn ſie anders nicht beabſichtige, mit ihrem Gatten heute oder morgen nach Weſtindien zurückzukehren, zu verkaufen, auch ſelbſt dann, wenn ſie am eigentlichen Werthe derſelben einbüßen müßte, weil jede Verwaltung in ſo weiter Ferne nur zu ihrem Nachtheil ausſchlagen müßte. Das leuchtete klar und ſchnell ein. Zudem zog es Amelie vor, in England, in der Nähe ihrer lieben Ellen zu leben.„Wenn es anders mit deinem Geſchmack übereinſtimmt,“ ſagte ſie, lieblich lächelnd, zu dem Doctvr. Dieſer ſtimmte vollkommen damit überein, der Verkauf wurde — 192— beſchloſſen, und als es bekannt wurde, fand ſich bald ein Pflanzer in der Nähe, welcher ſich zu dem Ankaufe verſtand. Die alte Hebe hätte wohl gewünſcht, ihre gütige Herrin zu behalten, und damit ſtimmten alle Neger überein; allein das ging nun einmal nicht, und Amelie beglückte Leo, den Sohn der alten Hebe, die nun wieder völlig geneſen war, daß ſie ihm und ſeiner Familie und ebenſo der Alten die Freiheit und ein Stück Landes ſchenkte, wo ſie, mit Wenigem zufrieden, glücklich leben konnten. Die übrigen beſchenkte ſie reich. Als ſie ſchieden, gaben ihnen Alle das Geleite, und ihre Segenswünſche folgten ihnen in die Ferne nach. Am anderen Tage wurde in der Stadt, die ſich von den Spuren der Kugeln der Circe befreit hatte, der Kauf vollzogen und die Gatten fuhren mit dem edeln Pigot nach Antiqua zurück und mietheten ſich dort in einem der ſchönen Landhäuſer der Bai ein, bis zum Tage der Abfahrt, der nach langer Friſt endlich kam. Vorher noch hatte mit des Obercommandanten Erlaubniß der Doctor Cantrac's Leichnam ehrlich und chriſtlich beſtatten laſſen und ſo dem Gefühle ſeiner geliebten Amelie ein Genüge geleiſtet. Tom war ungemein froh mit ſeiner jungen Miſtreß. Er ſah nur immer nach ihren Augen und lauſchte ihr jeden Wunſch ab, um ihn zu befriedigen, ehe er noch ausgeſprochen war. Der Doctor hörte ſein ſchneidendes Uff! nur höchſt ſelten und dann war es ein Laut des Erſtaunens und der Freude. Beſonders war dies der Fall, als er ihm ſagte:„Wir gehen nach Wight, Tom!“ „Uff!“ rief er da und machte einen Luftſprung.„Was wird der alte Herr ſagen und Miß Ellen, wenn wir ihnen die liebe, gütige Miſtreß bringen? Uff! Herr, ich bitte Gott, daß er mich die Luſt erleben laſſe! Aber dort auf der ſchneeweißen Küſte unſerer ſchönen Inſel will ich Sie auch daran erinnern, was der alte Tom ſagte, als Sie muthlos und troſtlos den Kopf ſinken ließen!“ „Das brauchſt du ſo lange gar nicht aufzuſparen, Tom,“ ſprach lächelnd der Doctor;„du darfſt es alle Tage thun, wenn du ſiehſt, daß ich es vergeſſen habe; aber glaube mir, alter, treuer Tom, es ſteht in meiner Seele mit Flammenſchrift geſchrieben, und nie werde ich es vergeſſen!“ „„ — 193— Der Doetor hatte das feierlich und mit Gefühl geſprochen. Tom wandte ſich ab und wiſchte an ſeinen Augen. „Was gibt's?“ fragte ein vorübergehender Matroſe. „Es iſt mir Salzwaſſer ins Auge geſpritzt!“ ſagte Tom,„du weißt ja, Bob, wie das brennt!“ Für ſeine liebe Miß Ellen packte er eine Menge Sacherk ein, und der Doctor ließ ihm völlig freie Hand und zahlte gerne. Da ſtanden Kiſten voll der prachtvollſten Muſcheln; Käfige mit den Vögeln der Tropenwelt, die in glühendſter Farbenpracht ſtrahlten. „Herr,“ ſagte er, als er dem Doctor die Herrlichkeiten zeigte, „ich darf doch auch Pächters Simmh einen Papagei mitnehmen? Er bat mich ſo treuherzig darum und verdiente es auch, als er unſere theure Miſtreß retten half.— Nicht?“ „Nimm ihm ein Dutzend mit, wenn du ihm eine Freude damit machen kannſt, guter Tom!“— war des Doctors Antwort. „Und mir ein Affchen?“ fragte er. „Zehn!“ ſagte der Doetor. „Uff! Uff!“ rief Tom und rannte wie beſeſſen herum und wußte nicht, wie er ſeine Freude kund thun ſollte. Endlich lichtete die Flottille die Anker. Ihre Fahrt war glücklich und durch günſtige Winde ſehr kurz. In Liverpool mußte das junge Paar in dem Hauſe Capitän Pigot's und im Schooße ſeiner liebenswürdigen Familie ſich von der Seereiſe erholen, anders that es Pigot nicht, und dann miethete der Doctor eine Jacht, und Pigot und ſeine Familie begleiteten ſie nach Wight. Schon in Liverpool hatten ſie erfahren, daß der alte Capitän Roßbridge der dauerndſten Geſundheit ſich erfreue und Ellen die glückliche Braut eines jungen“Gutsbeſitzers ſei, der mit dem Doctor die Schule zu Eton beſucht und in der freundlichſten Verbindung mit ihm geſtanden, ihn auch oft in Roßbridge⸗Houſe beſucht hatte. Schon damals merkte der Doctor wohl, daß Ellen dem jungen, wackern Manne nicht gleichgiltig ſei und Ellen immer erglühte, wenn er ſich im Geſpräch an ſie wandte. Das waren ihm Vorboten einer keimenden Liebe, die denn nun, gewiß zu Beider N. F. II. 13 Glück und des alten Vaters zu itger vollen Blüthe gediehen war. Auf Wight ahnte man nichts von ihrer Heimkunft. Um ſo größer war die Freude und überraſchung, als ſie in das ſtille Haus unbemerkt um die Mittagszeit eintraten. Ellen ſtieß einen Schrei aus, als ſie Amelie erblickte, und ſchlug ihre Arme in ſeligem Entzücken um die geliebte Freundin. „Ellen,“ ſagte der Doctor,„ſie iſt deine Schweſter!“ Da traten Freudenthränen in das blaue Auge des ſchönen Mädchens, und noch länger und inniger umarmten ſich die einander ſo innig liebenden Schweſtern. Jetzt kam der alte Herr von einer kleinen Tour, die er gemacht, zurück. Er ſah die Jacht in der Bucht vor Anker liegen und ſtand fragend auf der hohen Küſte. Da erblickte ihn Tom. „Uff! Uff! Herr,“ ſchrie er mnd watete bis an die Hüften durch die See, um deſto ſchneller zu ſeinem geliebten Herrn zu kommen, der ihm freudig die Hand ſchüttelte. „Ich bring' ihn geſund und froh wieder, Herr, Uff! und noch Jemand, und unſern Capitän, den Gott ſegne. Herr, eilet, es iſt eine Luſt. Uff!“ Der alte Seemann lachte, und doch ergriff Tom's Glück ſein Herz ſo mächtig, daß er kaum weiter gehen konnte. GRt nach einigen Minuten vermochte er es, während Tom die Söhne des Pächters gerufen, um ihm ausladen zu helfen, wo dann Simmy zu allererſt ſeinen prächtigen Papagei erhielt, den er im Triumphe heim trig. Als der alte Capitän in die Stube trat, ſah ihn Amelie zuerſt. Sie flog auf ihn zu, faßte und küßte ſeine Hand und kniete dann vor ihm nieder. Der alte Mann ſah auf die Kniende und dann auf ſeinen herbeieilenden Sohn, der neben Amelie niederkniete und ſagte: „Theurer Vater, ich bringe Ihnen eine Tochter! Wollen Sie Ihre Kinder nicht ſegnen?“ Da bebte der Greis und ſeine Augen wurden feucht. Er legte Jedem eine Hand aufs Haupt und ſagte tief gerührt:„Segne euch — — 195— Gott, wie ich euch ſegne!“ Und dann zog er ſie an ſeine Bruſt und Amelie weinte Thränen ſeliger Freude an der Vaterbruſt, an die ſie, die früh Verwaiſte, nie ihr Haupt hatte legen können. Es war ein ſo feierlicher Augenblick, daß er ſeine Wirkung auf Pigot und ſeine ſanfte Frau nicht verfehlen konnte. Als ihn der Doctor aufs Herzlichſte dem Vater vorſtelltk und rühmte, ſagte Pigot, ſeine Hand ergreifend:„Sie ſind ein glücklicher Vater, Sir! Gott erhalte Ihnen dies reiche Glück und Sie dem liebenden Kreiſe, der ſich um Sie bildet!“ Das gewann dem biedern Manne des alten Roßbridge Herz, und bald waren die Seeleute Ein Herz und Eine Seele und in eine Unter⸗ haltung vertieft, welche die Anderen, ohne es zu wollen, ausſchloß. Miſtreß Pigot hatte ihre rechte Freude daran, wie ſie ſich denn in dem Kreiſe dieſer liebenswürdigen Familie ſehr glücklich fühlte. Während die Hausgenoſſen mit ihren Gäſten an der Tafel ſaßen, ordnete Tom in Miß Ellen's Gemächern, zu denen er ſich den Zutritt durch ihr Kammermädchen erbeten und verſchafft hatte, alle ſeine Schätze, die er für ſie mitgebracht, gehegt und gepflegt hatte, und als das Mahl vorüber war, mußte das Kammermädchen Miß Ellen rufen. Tom ſtand hinter der Thür, als ſie eintrat und mit freudiger Erregung die Herrlichkeiten der Tropenwelt anſtaunte. „Ach,“ ſagte ſie,„mein lieber, alter Tom hat mir gewiß dieſe Freude gemacht!“ Da fuhr ein Uff! aus Tom's Bruſt heraus, wie er es ſelten glücklicher ausgeſtoßen, denn es hatte ſich unwillkürlich ſeinen Lippen entrungen. Er hatte nur ungeſehen ſich an der Freude der geliebten Miß erquicken wollen, die er ſo oft auf ſeinen Armen getragen und auf ſeinen Knieen geſchaukelt hatte. Jetzt war er verrathen. „Tom, lieber Tom!“ rief das liebliche Weſen und ſprang auf den treuen Menſchen zu und faßte ſeine harten Seemannshände und drückte ſie innig. „Ich ſehe wohl, du haſt mich noch lieb,“ ſagte ſie,„denn du haſt auch in der Ferne an mich gedacht. Wie danke ich dir, guter Tom! Ich will dir's recht durch Liebe vergelten!“ — 196— „Uff! uff! Uff!“ tönte es weich und immer weicher aus Tom's Mund und ein Strom von Thränen rollte über die wetter⸗ harten Wangen. Reden konnte er nicht. Nur den Kopf ſchüttelte er bei den letzten Worten Ellen's, und ſetzte ſtockend hinzu: „Verlangt mein Herzblut, Miß Ellen, es iſt Euer!“ Ellen rief nun den Vater, die ganze Hausgenoſſenſchaft, um ihnen Tom's Geſchenke zu zeigen. Als aber der alte Capitän ſich nach ihm umſah, war er weggeſchlichen. Capitän Pigot weilte mehrere Wochen in dieſem Familien⸗ kreiſe, wo ſich denn auch Ellen's Verlobter einfand, und als er endlich ſchied, ſagte Capitän Roßbridge zu dem neuen, ihm theuer gewordenen Freunde:„Kommen Sie bald wieder und bei Ellen's Hochzeit dürfen Sie nicht fehlen!“ Und er fehlte nicht bei dieſem ſchönen Feſte, das durch die unerwartete Rückkehr des älteſten Sohnes verherrlicht wurde. Als endlich der Frühling kam, wo Pigot, der zum Rang eines Commodore wohlverdient aufgeſtiegen war, mit dem Eridanus wieder ſeine Kreuzfahrten im Kanal beginnen ſollte, fragte er den Doctor:„Nun, Freund, werden Sie mir Geſellſchaft leiſten am Bord des Eridanus?“ „Nein,“ ſagte der Doctor,„ich habe den Bitten des Vaters nachgegeben und bin um meinen Abſchied eingekommen. Ellen iſt mit ihrem Gatten zwar nicht weit entfernt, aber es würde dem Greiſe die pflegende Liebe fehlen, an die er gewöhnt iſt, und Amelie weiß ſo ganz ihm Ellen zu erſetzen.“ Sie haben Recht,“ entgegnete Pigot.„Zwar weiß es Gott, wie gluclich ich wäre, gingen Sie mit mir an Bord, aber ich muß die Kindespflicht höher ſtellen, die uns des Herrn Gebot befiehlt. Gott ſegne Sie; das aber ſag' ich Ihnen, wenn einſt der Herr es mir vergönnt, mich für den Reſt meiner Tage vor Anker zu legen, ſo kaufe ich mich in Ihrer Nähe an, daß wir, wenn auch auf trockenem Lande, mit einander ſegeln, bis es einſt dem Herrn gefüllt, uns vollends abzutakeln!“ Im Walde. Erinnerungen aus dem Leben eines Forſt⸗Eleven. I. Winterabende, ſo lang gedehnt und ſtille, ſind die Zeit der Gemüthlichkeit, wenn man nämlich behaglich am warmen Ofen ſitzt, etwa in einem bequemen Seſſel, und eine gute Pfeife raucht. Je mehr es draußen ſtürmt und ſchneit, oder je heller die Sterne am tiefdunkeln Himmel flimmern und die Eisblumen ſich an den Fenſterſcheiben anſetzen, deſto mehr Behagen fühlt man. Das hab' ich oft erfahren, wenn ich Abends bei meinem Freunde, dem Oberförſter, ſaß und wir uns die Erlebniſſe unſerer früheren Tage erzählten. Einen köſtlichern Erzähler, als den alten Oberförſter Luckow gab's nicht. Man wurde gar nicht müde, ihm zuzuhören, beſonders wenn man dabei wahrnahm, wie ſeine großen Augen leuchteten und die dicken Augenbrauen ſich hoben und ſenkten und wie ſich jedwede Empfindung auf ſeinem wetterharten, tiefdurchfurchten Geſicht abſpiegelte. Das kam ſo recht inwendig heraus. Eines Abends kam auf ſeine Iugendzeit die Rede. Ich bat ihn, mir auch aus dieſer Periode ſeines Lebens Epiſoden mit⸗ zutheilen. Nach einigem Nachſinnen ſagte er:„Ja, lieber Freund, das will ich, und das Se was mir einfällt, mag en Abend ausfüllen. „Du weißt,“ hob er an,„Thüringen, das ſoöne Land der Berge und Wälder, iſt meine Heimath. „Mein Vater war Juſtizbeamter in einem herrſchaftlichen Städtchen, Patrimonialrichter und dergleichen. Ein ſchlichter, — 200— derber, aber wahrhaft frommer Mann war er, was man ſonſt in dieſer Zunft nicht findet, die Luther am beſten charakteriſirt hat in dem bekannten Sprüchlein:„Juriſten— ſchlechte Chriſten,“ das ich auch alle Wege wahr gefunden habe. „In der lateiniſchen Schule des Städtchens fand ich meine Vorbildung bei einem bezopften Rector, der mich weidlich abbläute und mit der Grammatik quälte; dann brachte mich mein Vater nach Erfurt, wo's noch bunter ging, und mich dieſe lateiniſchen Schulmeiſter mit ihrer zunftmäßigen Pedanterie und Nörgelei ſchier zu Tode quälten. Endlich ſchlug dem vielgeprüften Primaner die Stunde der Erlöſung und meine Seele jubelte. „Die blauen Berge mit ihrem Duſte lachten mir entgegen, und die Freiheit und das friſche Waldleben und Herumſchweifen, ich ſage dir, alle der Luſt und Freude thaten ſich vor nir äüſ. „Mein Vater hatte einen Jugendfreund, der im Thüringer Wald Oberförſter war. Zu dem ſollte ich kommen, damit ich den Dienſt von der Pike an lernte. Dann ſollte ich nach Dreißigacker gehen, um mich wiſſenſchaftlich durchzubilden. Mein Vater brachte mich ſelbſt zu dem Oberförſter, einem äußerſt lieben Manne, der mich aufnahm, wie ein Vater ſeinen Sohn. „Nun ſollſt du aber ein Prachtexemplar von einem Förſter kennen lernen, ſagte er meinem Vater. „Bei ihm wird dein Sohn in eine praktiſche Schule gehen, wie es keine zweite in der Welt gibt, und ich ſage dir, der Menſch iſt rein wie eine Jungfrau, treu wie Gold, und ein Forſtmann, der mir ſchon manchen Eleven herangebildet hat, daß mir das Herz im Leibe lachte. Fritz! rief er dem Jägerburſchen, bitte Herrn Gerhard, daß er den Abend mit mir eſſe!— „Das Forſthaus, das muß ich dir vorher ſagen, lag mitten im Gebirge, tief im dunkeln Wald. Es wohnte nur noch der Pächter der Dienſtländereien des Oberförſters da und der Förſter Gerhard. So beſtand der ganze Ort, Hochforſt genannt, aus drei 3 — 201— Häuſern, Scheunen, Remiſen und ähnlichen Räumen, und die Welt mit ihrem Geräuſch und eiteln Treiben lag meilenweit rechts und links ab. „Bald nachdem ihn Fritz geladen, trat Gerhard ein. Es war ein ſtattlicher Mann von etwa ſiebzig Jahren, rauh wie die Rinde einer alten Birke, ſtämmig und breitſchultrig wie ein Athlete, bebartet wie ein Wilder, und beſonders durch einen Schnurrbart ausgezeichnet, deſſen Länge zu beiden Seiten der Mundwinkel bis auf die Bruſt reichte. Haupthaar und Bart waren ſchneeweiß. Und der Alte, ſage ich dir, war ein ſchöner Greis, wie ich kaum einen ſchönern geſehen habe. Wie wild auch der Mann drein ſah, ſo flößte er dennoch auf den erſten Blick Zutrauen ein. „Sie haben befohlen, Herr Oberförſter, und ich gehorche, ſagte er in einem tiefen Baſſe und verbengte ſich. „Der Oberförſter reichte ihm die Hand. „Nichts von Befehlen, lieber Herr Nachbar, ſagte er, ich wollte nur Ihre Gefellſchaft heute Abend, da ein werther alter Freund, Herr Juſtizrath Möll, mich beſucht hat. „Er verbeugte ſich vor meinem Vater mit dem Anſtand eines Weltmannes.* „überdies wollte ich gern Ihr Urtheil über dieſen jungen Mann hören, der Forſtmann werden will und den Sie in die Dreſſur nehmen ſollen, ſagte Moosfeld. „Er ſah mich ſcharf an und ſein Blick war kaum auszuhalten, ſolch eine ſtechende Schärfe hatte er. „Nachdem er mich gemuſtert, ſagte Gerhard: Das Geſtell iſt gut, Herr Oberförſter. Tüchtige Ständer; gutes Gehäuſe für die Luftpumpe; die Lichter ſcheinen ſcharf, und wie es um die Löffel ſteht, werd' ich bald weghaben; wie geſagt, das Gehäuſe ſcheint von gutem Balkenwerk, wie's aber Jonſt drinnen ausſieht, muß ſich zeigen. Ich denke, die Oberſtube ſoll gut meublirt ſein, aber ob's nicht ein verpimpeltes Herrchen iſt? Ich ſage immer: Ein Forſt⸗ mann muß ſchon an der Mutterbruſt fertig ſein. Er muß ſie fahren laſſen, wenn ein Hund bellt, und mit dem Frmchen nach 4 . — 202— dem Schalle greifen, wenn ein Schuß fällt. Dann muß er kein Milchſuppengeſicht werden und Rauh und Bloß vertragen können; darf nicht lüſtern ſein nach den Fleiſchtöpfen Aghptens, und trocken Brod und Quellwaſſer muß ihm ſchmecken wie das Köſtlichſte. „Mein Vater lachte laut auf. „Hörſt du, Wilhelm, ſagte er, was du für Qualitäten haben mußt? „Nein, Herr Förſter, ſagte er zu Gerhard, ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß in meinem Hauſe er nicht verpimpelt worden iſt. Ich denke, Sie ſollen mit ihm zufrieden ſein. Gelernt hat er etwas, und ein guter Wille, noch mehr zu lernen, iſt bei ihm vorhanden. Luſt und Liebe zu ſeinem Berufe ſteckt nicht bloß zwiſchen Haut und Fleiſch bei ihm. „Gerhard ſah meinen Vater freundlich an. „Das iſt mir lieb, Herr Juſtizrath, ſagte er. Da haben wir vor drei Jahren ſo einen verwunſchenen Prinzen, ſo ein Barönchen gehabt, da hinten aus der Waſſerpolackei, wo es von dieſer Zunft ſo voll iſt, wie ein Sumpf voll Fröſche. Das war eine Kreatur, der ich manchmal hätte den Hals brechen mögen. Den Kopf voll Dünkel und Spreu; dabei ſo armſelig, daß er ſchier in Ohnmacht fiel, wenn ich nieſte, und nach einem Lauf von einer Viertelſtunde ſchon ſo marode und waidwund wie ein angeſchoſſener Dreiläufer. Dabei würgte er ſein Butterbrod hinab, daß er die Augen verdrehte wie ein verendendes Schmalthier, und mußte er'mal ſeinen Durſt am Waldbach löſchen, bekam er Bauchgrimmen, als ſäße ihm ein Schuß Nr. Null in den Kaldaunen. Nein, Herr Iuſtizrath, dies freiherrliche Exemplar hat mich nächſt um mein Bischen Gleichmuth gebracht; aber ich habe ihn kuranzt; hab' ihm den Adelsnebel aus den Augen gewaſchen und ihn rangirt, daß er brauchbar wurde und einen Appell hatte wie mein Tiras. Aber ein Vaterunſer hat er für den alten Gerhard ſchwerlich gebetet— doch wird er mir's, hoff ich, danken, wenn er zu Verſtand kommt, etwa mit vierzig Jahren. „Wir lachten Alle hell auf. 1 — 203— „Du mußt, lieber Möll, darum nicht glauben, ſagte der Ober⸗ förſter, daß mein lieber Nachbar dem Püppchen wehe gethan hätte! „Scherz bei Seite! ſagte Gerhard, ein Unmenſch bin ich nicht, und Ihr Sohn da wird's erfahren, daß ich es treu meine. Er ſieht mir gar nicht ſo breiweich aus. „Mir iſt nicht bange, ſagte ich, dem Alten meine Hand darbietend. Sie ſollen ſchon mit mir zufrieden ſein. „Hoff's, ſagte Gerhard, meine Hand ſchüttelnd. „Schon auf der Jagd geweſen? fragte er. „O ja, ſagte mein Vater; ich bin ſo ein Pfuſcher in dem Artikel, und da iſt er oft dabei geweſen. „Glauben Sie das nicht, ſagte der Oberförſter. Der ſpricht viel zu beſcheiden. Ich kenne ſein Viſir. Hat mehr als einen Bock geblatet, und manchen Eber buglahm gemacht. „Ei was! rief Gerhard. So ſollten wir doch morgen dem Herrn ein Plaiſirchen machen, Herr Oberförſter. „Das gerade wollte ich mit Ihnen heute Abend beſprechen, verſetzte der Oberförſter. Ich weiß, Sie wiſſen, wo die Spießer ſtehen und die Zwölfender und drüber hinaus. „Nun, man lernt das ſchon ein Bißchen, ſagte Gerhard. „Wie meinen Sie, Herr Oberförſter? „Wie ſteht's an der rothen Buche? „Nicht ſonderlich! ſagte Gerhard. „So? Meinen Sie denn, im Hirſchſprung wäre ein beſſerer Wildſtand? „Auch nicht viel beſſer wie an der rothen Buche! „So muß es am alten ZJägerhaus vortrefflich ausſehen? „über des alten Waidmannes wetterhartes Geſicht flog ein eigenthümliches Zucken, als der Oberförſter dieſen Walddiſtrikt nannte. „Da können Sie's getroffen haben, erwiederte er kurz. „So ſeien Sie ſo gut und beſtellen Sie die Holzhauer zum Treiben auf morgen früh ſieben Uhr, ſchloß der Oberförſter dieſe Unterredung. — 204— „Wir gingen zu Tiſch, und nach dem Eſſen ſetzten wir uns bei einem Glaſe Punſch zuſammen, und nun ging's an die Jagd⸗ geſchichten, ein Kapitel, das ohne Ende iſt. Was mir aber auffiel, war das, daß kein Latein geredet wurde, was, wie bekannt, ebenſo viel heißt, als„um die Ecke ſchießen“ oder„Blaupfeifen.“ Die alten Männer berichteten von wunderſamen, ernſten und ſpaßhaften Abenteuern, aber es ſtreifte keines an jene feine Grenze, wo der Glaube auf den Roſt des heiligen Laurentius gelegt wird. „Gerhard wurde ungemein lebendig und heiter, und ſeine Art, zu erzählen und darzuſtellen war ebenſo lebhaft als anziehend. Jeden Laut des Hundes, jede Stellung machte er plaſtiſch anſchaulich, ſo daß man die ganze Jagd mitmachte. Ich hatte meine wahre Freude an dem Mann und ſeinen Kernſprüchen, die immer, wie ſeine Kugeln, aufs Blatt trafen. Dennoch verletzte er nie den Anſtand und hielt ſich ſeinen Vorgeſetzten gegenüber in ſo feinen Grenzen, daß ich ihn bewunderte und es wohl wegbekam, daß er einſt eine gute Erziehung genoſſen haben mußte. Familie hatte er nicht, war auch nie verheirathet, obgleich ſeine Stelle eine ſehr gute war und er eine Familie herrlich hätte ernähren können. Er hielt mit einem alten Burſchen Haus, den er einſt als eine Waiſe zu ſich genommen und der ſich ſo in ihn hineingelebt hatte, daß ſie Beide nicht mehr von einander ließen und eine gewiſſe Güter⸗ gemeinſchaft hatten, obgleich der alte Jacoh immer nur„Herr Förſter“ zu Gerhard ſagte.— Der Abend war uns pfeilſchnell herumgegangen. Um zehn Uhr verabſchiedete ſich der alte Gerhard, und wir ſuchten nach der Ruhe, da wir von der Reiſe denn doch ein wenig ermüdet waren. „Schlag fünf Uhr Morgens erwachte ich von einem lang⸗ gezogenen Horntone, dem eine prächtige Fanfake folgte. „Fritz weckte die Jäger. „Ich ſprang aus meinem Bett, legte meinen Naturgrauen an mit dem grasgrünen Kragen; zog meine derben, mit Nägeln Peſchlagenen, doppelſohligen Schuhe an, meine Filzgamaſchen und ſtand bald, die Waidtaſche um, die Doppelflinte in der Hand und in 4 der anderen meinen grünen Tuchhut mit dem Gemsbart, in des Oberförſters Stube. „Er betrachtete mich mit beifälligem Lächeln und ſagte: So recht, Wilhelm; Sie werden Gerhard's Wohlwollen jetzt bald erworben haben! Es iſt ein trefflicher Mann, der Ihre Hochachtung verdient und Sie einſchießen wird, daß Sie Ehre davon haben werden. Vertrauen Sie ihm unbedingt. Er iſt an Kenntniſſen ſeines Berufes tüchtiger wie mancher Oberförſter und würde ohne Zweifel längſt dieſe Stelle bekleidet haben, hätte er— unbegreif⸗ licher Weiſe— ſie nicht ſchon zweimal ausgeſchlagen. Es iſt eine Grille des alten Mannes und die Behörde hatte es ihm nachgeſehen und in ſeiner Stelle ihn ſo verbeſſert, daß er ſich, ohne Zweifel, ſo gut ſteht wie ein Oberförſter. „Mein Vater kam jetzt auch. Wir ſetzten uns zum Frühſtück und waren nun des Signals gewärtig, welches Fritz mit dem Horne geben ſollte. „Wir brauchten nicht lange zu warten. „Mit dem erſten Tone trat Gerhard ein, grüßte höflich und ſagte, es ſei Alles zu Befehl. „Wir gingen. Es war ein herrlicher Herbſtmorgen, aber etwas friſch. Die Nebel wirbelten in den Thälern; ballten ſich zuſammen; dehnten ſich wieder aus; ſtiegen und krochen wieder am Boden hin, bis endlich die Sonne den vollſtändigſten Sieg errang. Baum, Strauch und Gras war mit dem eigenthümlichen Herbſt⸗ 6 gewebe überſponnen. Lange Fäden flogen im Morgenwinde hin und her. Der Nebel hatte ſich in Millionen Thauperlen aufgelöſt, in denen ſich die Sonnenſtrahlen brachen. „Wir ſchritten rüſtig auf dem naſſen Boden hin und folgten dem tüchtig ausgreifenden Oberförſter, der mit ſeinen langen Ständern wahre Siebenmeilenſchritte machte. „Nachdem wir eine tüchtige, vom Fuchs gemeſſene halbe Stunde bergan geſtiegen waren, bot ſich uns ein eigenthümlicher Anblick dar. Auf einer Höhe zeigte ſich eine Ruine, welche keines⸗ wegs ein hohes Alter verrieth, aber einen ſchauerlichen, ich möchte — 206— 5 ſagen, entſetzenerregenden Anblick darbot. Es ſchien einſt ein geräumiges Wohnhaus mit umfangreichen Nebengebäuden geweſen zu ſein. Kein Dach deckte mehr die Innenſeite; keine Spur von Sparren und Holzwerk war mehr ſichtbar, überhaupt kein ſogenanntes Eingebäude. Alles mußte einſt die Flamme verzehrt haben, denn die Mauern waren rabenſchwarz. Nur hier und da zeigten ſich Büſchel von Mauerraute in den Mauern. Man ſah durch die tief am Boden ſich befindenden Fenſteröffnungen in das Innere, wo ein üppiger Baumwuchs von Eſpen, Sahlweiden und anderem Weichholz aufgeſchoſſen war. Die Fenſter- und Thür⸗ gewänder, aus gelblichweißem Sandſteine, ſtachen ſchauerlich von den ſchwarzen Mauern ab. Das Ganze war einem Todtenkopfe zu vergleichen, der Einen aus ſeinen leeren Augenhöhlen gräulich angrinſt. Auf mancher Burgruine des Landes war ich herum⸗ geklettert, aber nie, das kann ich mit voller Wahrheit betheuern, hatte ein Gebäude einen ſo durch und durch ſchauerlichen Eindruck auf mich gemacht. Es überlief mich unwillkürlich eiskalt; aber ich hütete mich wohl, etwas von dem zu verlautbaren, was mich innerlich bewegte. 4 „Auffallend war mir Gerhard's Schweigſamkeit an dieſem Morgen und der unverkennbare Ausdruck von Mißvergnügen oder Widerwillen, welcher ſich in ſeinen Zügen ohne Mühe leſen ließ. „Vielleicht iſt ihm der Oberförſter mit ſeinem Vorſchlage, hier zu jagen, in ſein Lieblingsrevier hineingefallen, dachte ich, mich noch des eigenthümlichen Ausdruckes ſeiner Züge erinnernd, als am geſtrigen Abend der Oberförſter dieſen Walddiſtrikt nannte; vielleicht hat der alte Mann dieſe Nacht ſchlecht geſchlafen, dachte ich, was auch einen Greis übel ſtimmen kann. „Wir waren endlich, ziemlich bis an die Kniee triefend naß, an der Stelle angekommen, wo uns der Oberförſter unſere Stellung anwies. Der Trieb begann alsbald und in einer nicht langen Friſt krachte es rechts, wo der Oberförſter und Gerhard ſtanden, dann krachten zwei Schüſſe links neben mir, wo mein Vater ſtand. „Die Treiber kamen näher mit ihrem Höllenlärm, und plötzlich 3 64 —— 6 raſchelte es im Gebüſch und ein Rehbock ſtreckte naſeweis ſein kluges Geſicht mir auf fünfzig Gänge entgegen und maß mich mit ſeinen klugen Lichtern und ſchnurrte eben, um auf und davon zu gehen. „Da krachte ich und das Thier that einen Satz in die Höhe und ſtürzte auf der Stelle zuſammen. Mir kam leider nichts mehr ſchußgerecht, obgleich es rechts und links forthin noch krachte. Als das Halali geblaſen wurde, erſchien Gerhard bei mir. Etwas geſchoſſen, junger Herr? fragte er. „Ich wies auf den Rehbock und ſagte: Nichts weiter als den da! „Er ging zu dem Thier. „Im Feuer gefallen? fragte er mit beifälliger Miene. „Ja wohl!. „Blitz! rief er, das iſt ein Kernſchuß, ein Meiſterſchuß, den hätte der Oberförſter— und das iſt ein Schütze, vor dem ich Reſpect habe— nicht beſſer treffen können! Grade aufs Blatt! Meiner Treu', junger Mann, Sie machen mir Plaiſir! Aus Ihnen wird Etwas. Solch einen Schuß hätte der käſebleiche Junker Waſſerpolacke nicht fertig gebracht, und wenn ich ihn dreißig Jahre mit dem Stachelband dreſſirt hätte. Das war ein ſtockig Beeſt! Solch ein Stück Menſchenfleiſch nehm' ich nicht mehr in Zucht und wenn der Ober⸗Landforſtmeiſter vor mir auf die Kniee fiele! Mit Ihnen aber beginn' ich morgen ſchon. Proſit! Sie haben ſich gut empfohlen! „Während dieſer Rede kam mein Vater mit Moosfeld. Das iſt ein Kapitalkerlchen, ſagte der Alte zu dem Oberförſter. Da gucken Sie einmal! Sie hätten den Bock nicht meiſterhafter getroffen! „Moosfeld ſchmunzelte. Wilhelm, ich gratulire! ſprach er. Nun ſitzen Sie im Sattel und fallen ſchwerlich mehr heraus. „Mein Vater lächelte vergnügt. „Herr Juſtizrath, ſagte Gerhard zu ihm halblaut, von dem Jungen haben Sie Ehre, und man ſieht's am Jungen, daß der Meiſter ſein Handwerk verſteht. — „Die Wahrheit zu geſtehen, ſo war der Schuß durchaus ohne alle Berechnung, blindlings geſchehen; daß die Kugel den kunſt⸗ gerechten Fleck fand, war durchaus mein Verdienſt nicht. Das aber hier, wo es galt, die Gunſt des Alten mir zu ſichern, einzugeſtehen, fand ich keinen Beruf. „Wiſſen Sie, Herr Oberförſter, warum die oberſchleſiſche Milchſuppe niemals traf? fuhr Gerhard fort; er machte allemal aus ritterlicher Feigheit die Augen zu, wenn er ſchoß, oder zwinkerte und blinzelte. Als ich ihn darüber hernahm, ſagte er, er könne nicht anders; er erſchrecke allemal von dem Knalle. Da müſſen Sie Soldat werden, ſagt' ich ihm drauf. Sie haben dann Ausſicht zum Feldmarſchalle. Warum nicht? ſagte der Pechvogel; unter meinen Ahnen ſind ein Dutzend Generale. „O wären Sie bei Ihren Ahnen! rief ich im Zorne, dann wäre Ihnen und der Welt geholfen! Ich wollt's auch! ſegte er darauf wehmüthig, denn unſer Ahnenſaal iſt daheim im Schloſſe. „Wir brachen Alle in ein lautes Gelächter aus, in das der Alte aufs Herzlichſte einſtimmte. II. „Mein Vater blieb noch etliche Tage, wo Jagd auf Jagd folgte. Endlich mußte er heimkehren und ich blieb dann auf dem Revier und begann bei Gerhard meine praktiſche Laufbahn. „Ich meine aber, der kuranzte mich! Von Morgens fünf bis Abends fünf konnte ich auf keine Ruhe zählen! Es ging von Schlag zu Schlag, von Schonung zu Schonung, von Beſtand zu Beſtand. Saatkämpe und derlei Dinge, wie ſie die lateiniſchen Herren jetzt aushecken, kannte man damals noch nicht, und ich hätte einmal ſehen mögen, was Gerhard geſagt hätte, wenn ihm ſo Einer unter die Beine gekommen wäre! Ich hätt's nicht ſein mögen! Der Mann war ein Kernpraktiker. Alle grauen Theorien machten ihn kopfſcheu; aber er kannte ſein Fach. Er traf den Nagel auf den Kopf. Wollte der Oberförſter, der ihn mit großer Milde und Achtung behandelte, etwas Gutes, aber Neues durchſetzen, ſo ſagte er zu ihm: Mein Großvater, der Forſtinſpector war, ſagt in ſeinem Tagebuche das und das. Was halten Sie davon, Herr Nachbar? „Hm! brummte dann der alte Gerhard, Sie haben mir ſchon Manches von dem alten Herrn geſagt, was ſich bewährt hat. Der iſt mir ſchon ein Gewährsmann. Die Alten waren nicht auf die Naſe gefallen, ſonſt hätten wir längſt keine Wälder mehr. Die ſchief gewickelten Kathedermänner, die's beſſer verſtehen wollen, als der liebe Herrgott, ſind alle keinen Schuß Pulver werth. Ich wette, ſie können, trotz aller maulfertigen Schwatzkunſt, keinen Rehbock ſchießen, wie der junge Möll hier ſeinen erſten geſchoſſen hat! „Nun konnte aber der Oberförſter darauf rechnen, daß Gerhard mit der Sache ins Waſſer ging und fand er's probat, ſo kam er, um dem alten Herrn eine Lobrede zu halten. Der Oberförſter kannte ſeine Leute und ſagte mir das Nöthige, und es fiel keiner Seele ein, dem eiſenfeſten Ehrenmanne gegenüber auch nur einen Mundwinkel in die Breite zu ziehen. „Mich nahm er nun ins Gebet. Zuerſt galt's, die gehörige Jägerſprache loszubekommen. Ein Fehler, ein Verſtoß gegen ſie hatte auf ihn dieſelbe Wirkung, wie ein falſcher Ton auf Mozart's Geſicht. Dieſer zuckte bekanntlich, als ob ihn eine Natter geſtochen; gerade ſo war's bei Gerhard. War der Verſtoß arg, ſo begleitete ihn ein Fluch, der durch die Zähne ziſchte und ſeinem Grimm als Ableiter diente. „Eine Ohrfeige wollt' ich lieber hinnehmen, als wenn ſo ein goldenes Kalb Moſis einen Ausdruck verpfuſcht! rief er aus. Es geht mir allemal durch Mark und Bein. Da hab' ich, ſagte er weiter, mit dem zwerggeborenen Waſſerpolacken meine Arbeit gehabt! der Kerl begriff nichts. Sie Baron von Ochsky! rief ich ihm zu, S ich jage Ihnen noch eine Kugel durch Ihren leeren Hirnkaſten, wenn Sie keine Dreſſur annehmen! Donnerwetter! ich hab' meinen N. F. II. 14. —— Tiras dreſſirt, und das iſt nur ein leidiges Vieh; ich werde doch noch ſo ein polniſches Kameel in Zucht und Ordnung bringen! Ich ſage Ihnen, dann ſtand der lange Eindarm da und machte ein Geſicht, daß er als Rabenſcheuche hätte dienen können! Nal er iſt fort. Dafür ſei Gott gedankt! Nun paſſen Sie auf! Ich will mal ein Eramen mit Ihnen halten, um zu ſehen, ob Sie außer Ihrem Latein und all den Teufeleien, die die Schulmeiſter Ihnen eingepaukt haben, auch etwas von dem Edelſten, was es gibt, der noblen Waidkunſt, wiſſen. Wird freilich ſchlecht genng beſtellt ſein! ſetzte er achſelzuckend hinzu. „Na! was heißt Anſtand? „Der Ort, wo der Jäger ſteht, wenn er weiß, wo das Wild wechſelt. „Aha! was heißt denn: Wechſeln? „Da das Wild ſeine Gänge und Pfade gern einhält, wenn es aus einer Waldparzelle in die andere geht, ſo heißt dies Hin⸗ und Hergehen: Wechſeln, und die Pfade: Wechſel. „Gut. Aber was heißt: Anſitz? „Wenn der Jäger weiß, wo Säue wechſeln, ſo beſteigt er wohl einen Baum, damit das Wild nicht die Witterung kriegt. Da hapert's, junger Herr! rief er aus. Anſitz heißt der feſte Sitz zur Erde bei Sauwechſeln. Hochſitz nennt man den Standort auf einem Baum, aber nur bei Rothwild! Verſtanden? „Ganz wohl, ſagte ich. Werde mir's merken. „Was heißt: Spüren gehen? „Wenn eine Neue gefallen iſt— „Brav! unterbrach er mich. Das iſt ein Kapitalausdruck für friſchen Schnee! „Die Spurfährte ſuchen, vollendete ich. „Richtig. Wiſſen Sie, was eine Keſſeljagd iſt? „Freilich, entgegnete ich, wenn die Treiber von allen Seiten nach einem Mittelpunkte treiben! *„Buſchiren? He?—. „Suchen nach Schnepfen mit dem Hunde! ——— „Wann iſt der Schnepfenſtand? „Frühjahr und Herbſt, gegen Abend oder bei Tagesanbruch! „Kennen Sie das Schnepfenſprüchlein vom Frühjahr? „Oculi— da kommen ſiet „Laelare— da kommen die wahre! „Judica— da ſind ſie auch noch da! „Polmarum— Trallarum! „Sie ſind ein Prachtjunge! rief er aus. Da bleibt uns ja kaum noch etwas zu thun übrig. „Doch halt! Die Sache iſt noch nicht aus! „Was nennen wir Pürſchgang? „Anſchleichen ans Wild auf ſeinen Aßeplätzen oder wo es heraustritt, um ſich zu äßen! „Auf die Suche gehen? „Mit dem Hunde Haſen aufthun! „Saue einkriechen? „Einen Wald umgehen, wenn etwa eine Neue gefallen iſt, um ſich zu vergewiſſern, daß das Wild herein, aber nicht herausging, alſo noch drinnen ſteht! „Hol' mich der Kuckuck! Sie haben's los wie ein alter Jäger, und Ihrem Vater macht's Ehre. Er lüftete ſeinen grünen Hut und ſagte: Reſpect vor dem Manne! „Wiſſen Sie, was es heißt: Einen Hirſch ausmachen? eine Sau feſt machen? „Die Stellen ſicher wiſſen, wo ſie ſtehen. Die Hunde thun ſie auf. „Sie werden einmal ein hirſchgerechter Jäger! rief er aus. „Was iſt das, Herr Gerhard? „So nennt man Einen, der aus der Fährte, der Loſung und anderen Kennzeichen das Geſchlecht und die Stärke des Rothwildes beſtimmen kann. „Ich will's bei Ihnen ſchon lernen! „Er ſchmunzelte. — 212— „Nun laſſen Sie uns mal nachſehen, ob Sie die Thiere gehörig kennen. Was iſt bei Sauen ein Friſchling?— „Ein zweijähriges Thier! „Ein Ktuler oder eine Bache? „Männliches und Mutterſchwein! „Wie heißt ihr Lager? „Keſſel oder Bette! „Wie nennen wir die Hauer oder Fangzähne? „Gewehre! „Das Maul? „Geſpräch! „Fuß? „Lauf! „Wie heißt der junge Hirſch vom Mai bis November? irſchkalb! hab' ich meinen Waſſerpolacken auch genannt, ſagte lachend Gerhard; aber ich ſage Ihnen, da iſt die Periode zwiſchen Wiege und Grab bei dieſem Menſchen! „Nun fragte er nach der Bedeutung der Namen: Schmalthier, Altthier/ Geltthier, Spiſſert, Gabler, Sechſer und ſo weiter bis zur höchſten Sproſſenzahl; dann nach der eigenthümlichen Benennung jedes Leibestheiles beim Hirſch, Reh, Haſen, Fuchs, Wolf, Geflügel — kurz die unendliche Reihe der Kunſtausdrücke durch. Mein Vater hatte ſich den Spaß gemacht, mich das Alles ganz genau zu lehren. Ich beſtand mein halbtägiges Examen aufs Allerglänzendſte, und der Alte fiel mir am Ende um den Hals und ſchmatzte mich ab. „Nein! rief er, ſolch ein Prach texremplar von Eleven iſt noch nicht auf den Ständern geſtanden, ſeit Nimrod ein gewaltiger Oberförſter vor dem Herrn war! Abends machte er die ſchmeichelhafteſten Srnlen i iber mich dem Oberförſter, der darüber vergnüglich lächelte, weil er vurch den Freiherrn Eleven des Herzeleides viel erduldet hatte; denn damals wurde Gerhard nicht fertig mit Klagen über den Stockfiſch von Baron, wie er den Menſchen nannte. — 213— „Alle Tage mußte ich mit ihm hinaus, der Schnee mochte ſo hoch liegen, als er wollte; der Regen mochte ſtrömen; der Wind brauſen, daß man ſich nicht auf dem Weg erhalten könnte. Ich dankte dem Manne viel, auch in Betreff einer äußern Abhärtung und Zähigkeit, die Launen und Unbequemlichkeiten der Witterung zu ertragen. „Abends ſaß ich bei ihm bis zehn Uhr. Das war einmal die Stunde, in welcher er zu Bett ging. überhanpt war eine an Pedanterie grenzende Ordnung in der Eintheilung ſeiner Zeit, wie auch in ſeiner Lebensweiſe, ſelbſt im Eſſen und Trinken hinſichtlich des Maaßes. Und dies iſt es geweſen, was den Mann ſo kerngeſund, ſo jugendlich friſch und rüſtig erhielt. „Anfangs hatte ich ihm gar wenig Gemüthlichkeit zugetraut, aber als ich einmal niet⸗ und nagelfeſt in ſeiner Gunſt ſaß, da kehrte er auch das Innerſte heraus. Nur über ſein eigen's Leben ſchwieg er wie das Grab. Einige Fragen, die ich ganz arglos gethan, wies er kurz ab, und das Runzeln ſeiner Stirn, an dem ich recht deutlich wahrnehmen konnte, wie es unter der Weſte ausſah, ſagte mir, das ſei das Noli me tangere, das„Rühr' mich nicht an“ ſeines Weſens. Ich nahm mich nun ſorgfältig in Acht und berührte Ahnliches nie mehr. Dadurch gewann ich noch mehr Boden und Raum in ſeiner Gunſt, und zuletzt war unſer gegenſeitiges Verhältniß das eines Sohnes zum Vater und umgekehrt, denn ich liebte den Mann von ganzer Seele, und daß er mich lieb hatte, das ließ ſich einmal nicht leugnen, und er wollte es auch nicht. „Ich lernte viel bei dem Manne, mehr wie bei dem Oberförſter Movosfeld, der die Gabe der Mittheilung eigentlich nur in einem geringen Grade beſaß. Bei ihm verrichtete ich nur Schreibereien, und das Einzige, was ich wohl bei ihm gewann, war das Karten⸗ zeichnen und die geometriſchen Aufnahmen, da er ein tüchtiger Meßkünſtler war. Dies konnte jedoch nur in einer Jahreszeit betrieben werden, die durch ihre Milde den Aufenthalt im Freien geſtattete. Bei Gerhard kam's auf die Witterung gar nicht an. — 214— Auch die ſchlimmſte war nicht im Stande, ihn zu Hauſe zu halten. Endlich kam das langerſehnte Frühjahr mit all ſeiner Pracht und Herrlichkeit. Jetzt erſt lernte ich die rechte Poeſie des Waldlebens kennen und dankte Gott, daß der alte Gerhard angewieſen war, mich mit all dem bekannt zu machen, was ich wiſſen mußte, um eine Vorſchule meines Berufes gehörig durchgemacht zu haben. „Oft hatte mich in dieſem Winter die Ruine des alten Forſthauſes eigenthümlich angeregt; oft hatte ich bemerkt, daß der alte Gerhard eine gewiſſe Furcht und Scheu vor der Ruine hatte, ohne daß ich mir das enträthſeln konnte. Ich hatte mir vorgenommen, ihn einmal nach dem Grunde zu fragen, warum doch dies Haus dem Untergange ſei gewidmet worden. Eine alte Ruine war es nicht, und beſſer wäre es in manchem Betrachte e en, wenn der Förſter hier gewohnt hätte, als daß ſeine 8 jett bei dem Oberförſter lag. 9ch kam nun mehr in dieſen Theil des Forſtes, als in den Sn, wo er kaum zugänglich war zu gewiſſen Zeiten. „Eines Tages, es war ſo um die heilige Pfingſtenzeit, wo der Wald jubelt und ſchallt; wo alle Pulſe des Lebens gewaltiger ſchlagen und der Blüthenduft in Wellen daherwallt, kam ich ſpät am Mittage mit Gerhard an eine herrliche Quelle, die plätſchernd über das Geſtein in wunderbarer Klarheit herunterrieſelte. liberall blühten duftige Maiblumen, und rings um die Quelle ſtanden— in dieſem Nadelholzrevier unſeres Forſtes eine Seltenheit— vier wunderſchöne, ſchattenreiche Buchen, daher die Stelle auch der „Vierbuchenborn“ hieß.. „Hier ließen wir uns nieder, um aus der Fauſt unſer Mittagsbrod zu verſpeiſen. Ich hatte mich wahrlich nicht wenig damit abgequält, einen Krug köſtliches Merſeburger Bier mit herum zu tragen, der uns nun aber auch erquicken ſollte. ch wollte Gerhard damit überraſchen, denn er wußte nichts davon. „Unſeren Durſt ſilte die hüpfende Quelle, die ich in der Lederkapſel auffing. Dann lagerten wir uns unter der größten ——— ——————. —.—— — 215— Buche und aßen, Jeder, was er in der Jagdtaſche mit ſich trug, und als der Magen ſein Recht hatte, ſagte Gerhard: Nimm eine Pfeife! „Und einen Trunk Merſeburger Bier! ſetzte ich hinzu und goß ein. „über des Alten Züge flog eine Heiterkeit, wie ich ſie lange nicht geſehen, und dieſe Stimmung benützend, deutete ich auf die Ruine des alten Forſthauſes hin, die man gerade vor ſich hatte, und ſagte: Ich habe Sie ſchon gar oft fragen wollen, was es doch eigentlich mit dieſer Ruine, die immer einen geſpenſtigen Eindruck auf mich macht, für eine Bewandtniß habe?— Bitte, theilen Sie es mir doch mit! „Er ſah mich mit einem Blick an, den ich noch nie an ihm bemerkt hatte. Ich hielt ihn mit der Ruhe aus, die der in ſich fühlt, der ſich einer unlautern Abſicht nicht bewußt iſt. „Ihnen, hob er nach einer Weile an, ja Ihnen will ich die Geſchichte erzählen— einem Anderen—— doch hören Sie denn: „Das Haus, das Sie hier vor ſich ſehen, war vor fünf und ſechzig Jahren die ſtattliche Wohnung des Förſters, deſſen Stelle ich jetzt einnehme. Die Herrſchaft hatte es neu erbauen laſſen, und oabſichtlich mitten in den Wald, weil die Wilddieberei der Bauern aus den nächſtgelegenen Dörfern den Wildſtand des Landes⸗ herrn, der ein leidenſchaftlicher Jäger war, ſehr beeinträchtigte. Von hier aus konnte der Förſter leichter in allen Richtungen das weite Revier begehen und bewachen, als wenn er, wie ich jetzt, drunten bei dem Oberförſter wohnte. „Außerdem mochte auch noch das beſondere Wohlwollen des Landesherrn für die Perſon des damaligen Förſters ſich geltend gemacht haben, daß man das Haus ſo geräumig und ſtattlich aufgeführt hatte; denn er war Leibjäger des Herrn geweſen viele Jahre lang, hatte in unbeſcholtener Treue ihm gedient und einſt, als ſie hier im Forſt eine Saujagd hielten, ihm das Leben gerettet. Ein gräulicher Keuler entging nämlich durch eine Wendung dem Abfangen mit der Nadel, und er wäre unrettbar unter den — 216— Gewehren des Unthiers verendet, wenn nicht der Leibjäger durch einen Meiſterſchuß das Thier niedergeſtreckt hätte. Das vergaß ihm der edle Herr nicht. Als die Stelle hier erledigt war, erhielt er ſie und anſehnliche Dienſtländereien, dieſe ſammt dem prächtigen Neubau, welcher die Wohnung des Oberförſters bei Weitem übertraf, abgerechnet noch, daß man da oben die wundervollſte Fernſicht hatte und die Oberförſterei drunten im Loche liegt. Der Förſter war acht⸗ oder neun und vierzig Jahre alt, als er hierher zog. Der Landesherr richtete ihm ſeine Haushaltung höchſt freigebig ein, und ſo vollſtändig, als hätte er ſchon vierzig Jahre gehauſt. „Da brauchte ſich kein Mädel zu bedenken, in dies warme Neſtchen zu hüpfen. Sie brauchte rein Nichts mitzubringen, da Alles da war, was immer zu einer ordentlichen, vollſtändigen Haus⸗ und Landwirthſchaft gehörte, ſelbſt tüchtige, milchende Kühe und wackere Ochſen zum Feldbau. überdies hatte ſich der Förſter ein ſchönes Kapital erſpart in ſeinem Hofdienſt und war dabei kein unebener Mann, wenn auch ſchon graue Haare ſein Haupt mit der ſogenannten Kümmel- und Salzfarbe bedeckten. „Heirathen mußte der Förſter. Er ging ſeinem Berufe tagtäglich nach. Was ſollte da aus der Wirthſchaft werden, wenn ſie eine bezahlte Schaffnerin hätte führen ſollen? „So ging denn der brave Mann aus, die Töchter des Landes zu beſehen, daß er ſich eine erkieſe. „Der Förſter war ein ſtiller, geſetzter Mann; machte nicht viel Weſens, und ſchöne Redensarten, Schmeicheleien und Koſereien, wie ſie die Mädels lieben, waren eben ſeine Paſſion nicht. Kurz und bündig, ehrlich und treu, das war ſo ſeine Art; aber ein Herz hatte er, wie es wenige gibt. Bös wurde er nicht leicht, aber er konnte es doch werden, und dann war er's ordentlich; allein es kam ſelten an ihn, wie geſagt. Uberall war er geachtet und geſchätzt, und kein Vater und keine Mutter, deren Ehefrüchtlein e gefreit, hätte lange Federleſens mit ihrem Ja gemacht. Er war, die berechnenden Leute ſagen, eine herrliche Partie. er Oberförſter würde nach kurzer Zeit, wenn er's —— — 217— überhaupt wollte, daran war eben gar kein Zweifel, und er wär's vielleicht gleich geworden, hätte der Landesherr Rath gewußt, was er mit dem Oberförſter anfangen ſollte, der die Stelle inne hatte und weder zum Sieden noch zum Braten war. Es war wieder ſo ein Jagdjunker, der ein Kartoffelfeld für eine Eichencultur anſah; ein windiger Herr Von, der vom Hofe weg mußte, weil er nichts taugte und nicht zu gebrauchen war. „Der wohnte in unſerem Forſthaus allein und hatte eine eigene Wirthſchaft, langweilte ſich und trieb Allotria, als Vögel⸗ ausſtopfen und dergleichen, weil er nichts Beſſeres zu thun wußte; las Romane, ſtatt ſeinen Forſten ein Pfleger zu ſein, und hatte den Muth nicht, in den Wald allein zu gehen, weil er die Wilddiebe wie das Feuer fürchtete. „Nicht einmal ein Schütze war er, denn er traf nichts, weil er's machte wie mein Waſſerpolacke, nämlich die Augen zumachte, wenn er losdrückte; da war ein tüchtiger Förſter Noth, der that, was der Oberförſter thun ſollte und nicht that. „Sobald er hörte, daß der Förſter aufzöge, ſagte er, nun ziehe er zu ihm und miethe ihm den Oberſtock ſeines Hauſes ab, den er ja doch nicht gebrauche und, da er ſich verheirathe, ſchaffe er ſeine contracte Wirthſchaft ab und ziehe ganz zu ihm in Koſt und Wohnung. „Das war freilich dem Förſter nicht lieb, aber der Fürſt ſagte: Thu' es, Leopold; du bringſt vielleicht noch etwas an den Burſchen! Das war natürlich für den Förſter ein Befehl. Der Oberförſter war reich und konnte gut zahlen, wollte es auch, und ſo ein Zuſchuß war nicht zu verachten. „Freilich hielt er ſich aus, daß er noch ein Jahr im Forſthaufe bliebe, bis ſeine neue Haushaltung in Ordnung ſei. Das ließ ſich denn auch der junge Herr gefallen und die Sache war gut. „eopold, ſo will ich den Förſter bei ſeinem Taufnamen nennen, fuhr Gerhard fort, ging nun ernſtlich ans Heirathen. „Nun war er mit dem Herrn öfters auf die Balze gegangen 6 in ein Revier, wo es Auerhähne wie Spatzen gibt. Sie wohnten . — 218— dann bei einem Förſter ein paar Tage mitten im Walde. Wenn die Balze nicht war, ſo hatte Leopold Zeit, mit des Förſters Töchterlein zu kirren. Das war ein wundernettes, lebendiges Ding von neunzehn. Jahren, aller Poſſen voll, das mit dem Leopold ſeine Scherze trieb, und er mit ihr. „Ob das Mädel ein Auge auf den Leopold hatte, weiß ich nicht; aber gram war ſie ihm nicht. Er aber kriegte Eins auf ſie, und oft mochte er denken: Wenn du einmal ſo allein im Walde hauſen müßteſt, und ſo ein herzig munter Weibchen dich empfinge, wenn du naß und müde heimkämſt, es wär' doch eine prächtige Sache. Sie war ſchön, hab' ich ſchon geſagt, und auch ein Bischen gefallſüchtig. Nun, ſo etwas ſieht ein verliebter Mann ſelten, weil er meint, ſie ſei's eben nur alleine gegen ihn, und das ſei nichts Anderes als pure Liebe. „Das Mädchen war hoch gewachſen, edel geſtaltet, üppig und voll. Sie hatte Augen wie Kohlen ſo ſchwarz, und leuchtend wie Feuer und Licht; ebenſo ſchwarze, glänzende Haare und eine etwas bräunliche Haut; aber Bäckchen wie Roſen, friſche Erdbeerlippen, und Zähne ſo weiß wie eine friſchgefallene Neue. Dabei war ſie voll Witz und Laune; ſang ſehr hübſch und konnte einem ehrlichen Jägersmanne heiß im Kopf und im Herzen machen, wie ſie es dem Förſter Leopold machte. „Als er denn nun eingerichtet war und ſich bei ſeinem gnädigen Herrn bedankte, ſagte dieſer freundlich ſcherzend: Leopold, allein hältſt du es da droben nicht aus, und deine Wirthſchaft geht flöten ohne eine wackere Frau. Wie ſteht's denn da? Haſt du noch nichts auf dem Korn, nichts im Viſir? „Durchlaucht haben wohl recht, ſagte er, und ich— denke es auch zu thun; aber zum Heirathen gehören Zwei, die Ja ſagen. „Richtig; aber haſt du denn Eine, von der du wünſcheſt, daß ſie Ja ſagte? „Warum nicht, Durchlaucht? „So ſchieß los, närriſcher Kautz! „Ich weiß ja aber doch nicht, ob ſie mich will? — 219— „Iſt denn heuer ein Schaltjahr, lachte der gnädige Herr, daß die Mädchen freien? „Das nicht, das Jahr hat drei hundert fünf und ſechzig Tage! „Ei, ſo mußt du freien! Wohin ſteht denn dein Sinn? Beichte mir einmal. Iſt's ein hübſches Förſterskind? „Ja, Ihro Durchlaucht, ſagt er, des Förſters Kuhn Agneschen. „Ei, ſieh'mal da! rief der Fürſt. Du haſt eine feine Naſe. Iſt ein hübſches Mädchen, und ich glaube, auch brav erzogen. Ihre Eltern ſind wackere Leute!— So mach's kurz! Leopold. Grüße den alten, braven Kuhn, und ſage ihm, ich ſäh's gerne, wenn ſeine Tochter dich zum Manne machte. Du habeſt ein warmes Neſtlein und für deine Zukunft wollte ich ſchon ſorgen. „Leopold verbeugte ſich dankend und ging ſchnurſtracks dorthin, wo das ſchöne Wild ſtand. „Er brachte ſeinen Gruß an den Mann und erhielt mit Freuden das Ja der Eltern, und Agneschen, das ihm ſo Etwas abgemerkt haben mochte, machte ihm auch kein bös Geſicht, und als er ſeine Freiwerberei anbrachte, traf er aufs Blatt und ſie wurde ſeine Frau. „Es gab im ganzen Thüringer Walde keinen glücklicheren Menſchen als Leopold! Er holte ſein Weib heim und ſie lebten ein Jahr in einer Ehe, die glücklicher nicht ſein konnte. Da rückte der Oberförſter wieder mit ſeinem Plane heraus. „Leopold aber hatte nun erſt recht keine Luſt, und das kam ſv. Der hochadelige Herr Oberförſter merkte bald, daß der Förſter Leopold ein Frauchen habe, das nicht ſchöner zu malen ſei. Wenn er einmal ins Haus kam, ſo verſchlang er ſie faſt mit ſeinen begehrlichen Blicken und wußte ſo zuckerſüß zu reden, daß Leopold dachte: Man muß den Taubenſchlag zumachen vor Marder und Iltis. Wer aber ſolche Beeſter im Hauſe duldet, mag ſich ſelbſt anklagen, wenn ſie ihm ſein Täubchen mauſen. „Ex ſagte daher kurz und gut, das ginge nicht; ſeine Haus⸗ haltung ſei zu einfach; er führe keinen Tiſch, und könne ihn nicht führen, wie ihn der Oberförſter gewohnt ſei, und ſchlug's ihm — 220— rund vor der Naſe ab. Damit war auch Agneschen wohl zufrieden, die auch meinte, ſo ein feiner Hofherr, der mache ganz andere Anſprüche, als ſie es gewohnt ſei und— und— da doch vielleicht bald der Storch auf dem Dache klappere, ſo könne ſie es gar nicht manuteniren, und eine Magd wolle ſie einmal nicht noͤch zu der nehmen, die ſie um des Viehſtandes willen ſchon halten müſſe; überdies komme dabei Nichts heraus, wenn auch der reiche Herr Oberförſter uoch ſo flott bezahle; ſie ſelber gewöhnten ſich dann an ein üppigeres Leben, und das ließen doch ihre Einnahmen nicht zu; der junge Herr könne es machen wie ſein Vater, nämlich er könne heirathen, und dann wäre Alles geordnet. „Das waren verſtändige Reden von der jungen Frau. Leopold war ſeelenfroh, ſie zu hören, und die Geſchichte hatte ihr Ende erreicht. „Der Herr Oberförſter ließ allerdings etwas die Flügel hängen uud war ein wenig brummig. Eine Zeitlang machte es der Förſter Levpold gar nicht recht; allein die Sache ordnete ſich doch wieder und der Oberförſter kam manchmal zu Levpold auf ein Stündchen, wenn er gerade in der Nähe des Hauſes war und hielt ſich beſcheiden und anſtändig, ob er gleich die ſchöne, junge Frau immer beſonders auszeichnete. Es blieb Alles im Geleiſe der Ordnung. „Freilich ahnete es Leopold nicht, daß der Oberförſter, der, wie alle dieſe feingebackenen, mürben Herren, lange ſchlief, immer Morgens an ſeinem Hauſe vorüberging, der ſchönen Frau ein paar liebreiche Worte ſagte, einen Kuß zuwarf oder derlei Etwas, was den Weibern nicht zu mißfallen pflegt. „Anfänglich ärgerte ſich Agneschen; ſpäter gewöhnte ſie ſich daran, und nch ſpäter ſaß ſie immer Morgens um die Stunde am Fenſter, denn es ſchmeichelte ihrer Eitelkeit, daß ein ſo vornehmer Herr ſie ſchön fand. „Ihr Wochenbett änderte allerdings die Sache und der kleine, ſchöne Knabe machte die Eltern unausſprechlich glücklich. Es war aber auch ein bildſchönes Kind. Leopolden im Walde. Etwa vier, fünf Tage darauf begegnete der Obeiſtrſter — 221— „Glückauf, Herr Förſter, rief er ihm zu. Man hat mir geſagt, Ihr Familienglück habe nun die Krone empfangen durch einen prächtigen Knaben. „Leopold dankte und beſtätigte das. „Haben Sie denn ſchon einen Pathen? fragte der Oberförſter leicht hingeworfen. „Levpold ſagte, es ſei eine ehrwürdige Sitte, daß der Großvater als Pathe gebeten werde, und da ſeine Agnes das Glück habe, ihren Vater noch zu beſitzen, ſo liege die Verpflichtung ſehr nahe. „Aber könnten Sie nicht noch einen hinzunehmen, fragte der Oberförſter weiter, und ſetzte hinzu, in dieſem Falle würde es ihm eine unausſprechliche Freude gewähren, dieſe Ehrenſtelle einzunehmen, wenn er anders nicht als zudringlich mit dieſem Beweis eines herzlichen Wohlwollens ſei. „Leopold war in einer mehr als unangenehmen Lage. Gerne hätte er den Zudringlichen zurückgewieſen, wenn es nicht eine Beleidigung geweſen wäre, die kaum größer möglich war. Er durfte überdies dem Vorgeſetzten nicht vor den Kopf ſtoßen, und es blieb ihm nichts übrig, als auf den Gedanken einzugehen. „Leopold beſaß Weltgewandtheit genug, dies auf eine Weiſe zu thun, durch welche er ſich ſelber nichts vergab und doch auch den Oberförſter nicht beleidigte. „So war denn der Antrag angenommen und die Sache, wenn auch nicht in der allerliebſten, doch aber in Ordnung. „Sie werden es begreiflich finden, daß der Gevattermann ſeinen Pathen ſehen wollte, und der erröthenden, lieblichen Mutter erklärte, er habe nie ein ſchöneres Kind geſehen, und dann ſpäter behauptete, es gleiche der Mutter wie ein Tropfen Waſſer dem andern. „Dieſe beiden Urtheile hörte die eitle junge Frau, und ſie mochte den Schluß nicht wohl abweiſen können, daß der Herr Oberförſter damit doch ausgeſprochen habe, er kenne keine ſchönere Frau, als eben ſie. „Sie werden es ferner begreiflich finden, daß der Pathe und * die thenere Gevatterin von dem ungemein reichen Herrn Gevatter fürſtlich beſchenkt wurden; daß koſtbare Stoffe zu Kleidern und prunkender, blinkender Schmuck nicht fehlte. Und wenn ſie errö⸗ thend ſagte, das paſſe nicht für ſie, er darauf ihr zuflüſterte: Einem reizenden Weſen paſſe Alles! „Kurz— und das Herz blutet mir, daß ich es ausſpreche, die Schlange hatte den Weg gefunden in das Paradies eines harmloſen häuslichen Glücks, und die Eva darin fehlte nicht, der der Apfel geboten wurde!— „Gerhard ſchwieg hier und ſtand auf, um ſeine Pfeife, die er in ungewöhnlich heftigen und raſchen Zügen ausgedampft, aufs Neue zu ſtopfen. Ich will es nicht leugnen und in Abrede ſtellen: der Ton, in dem er ſprach, hatte mitunter etwas ſo furchtbar Bitteres und Jroniſches; es legte ſich in die Ausdrucksweiſe der entſetzliche Grimm einer Menſchenſeele, die in einer nahen Beziehung zu dem Erzählten ſteht, daß es mich eiskalt überlief und ich es bereute, die Bitte ausgeſprochen zu haben, daß er mir die Geſchichte des zerfallenen Hauſes erzähle. Er fuhr fort: Von da an umſchlich der Wolf die Heerde, ſo oft er wußte, daß der Hirte fehle, und das ſchien er immer zu wiſſen; er ſchlich auch wohl einmal näher herzu.— „Die Gevatterin konnte ja auch nichts dagegen haben, wenn er nach ſeinem herzigen Pathen ſah und ihn küßte. „Ach, armes, ſchwaches Menſchenherz, wo du wachen und beten ſollteſt, leiheſt du dem Verführer ſo gerne dein Ohr! rief Gerhard aus und richtete lange den Blick zum Himmel auf. „Dieſer Teufel berückte das ſchöne junge Weib, mit dem er gleichalterig war; berückte es mit allen Künſten hölliſcher Liſt und berechneter Schlauheit; ſpielte meiſterhaft den unglücklich Liebenden, den Hinſchmachtenden, Troſtloſen, Melancholiſchen, bei dem dann auf einmal die wilde Leidenſchaft aufblitzt und dann wieder ſich ſcheu verbirgt, bis das Herz des Weibes, ſeiner Pflicht abtrünnig, in fündhafter Liebe gegen ihn entbrannte und zuletzt die heilige Schranke göttlicher Ordnung zerſtört war, das heilige S der Pflicht verſtummte in der eignen Bruſt!—— — „Und der trene, ſeiner Pflicht nachgehende Leopold war kirre gemacht durch ſeines Weibes anfängliche Rede; hatte keine Ahnung davon, wie er betrogen wurde.— „Was Weiberliſt und raffinirte Verdorbenheit im Bunde zu erſinnen vermögen, um den Schleier des Geheimniſſes um ihr Thun zu ziehen, das geſchah. Die Lage des Hauſes mitten im Forſte war dazu eben recht geeignet, einen heimlichen Verkehr zu fördern. Hierzu kam, daß der Oberförſter immer mehr und mehr Leopold mit Arbeiten und Aufträgen betraute, die innerhalb ſeines Berufs⸗ kreiſes lagen, aber auch höchſt uneigennützig ihm das überließ, was davon als Beſoldungstheil abfiel. „Levpold war ungemein glücklich, dieſe Verbeſſerungen zu verdienen, und widmete ſich mit dem aufopferudſten Eifer dieſen Thätigkeiten. Weil er es verdiente, konnte er es mit Ehren und gutem Gewiſſen nehmen, anders würde der ſtreng ehrliche Mann auf keinen Fall es angenommen haben. „Der Oberförſter heuchelte ein Unwohlſein, und übertrug ihm namentlich alle diejenigen Arbeiten, welche ihn an die ſehr entfernten Grenzen der Oberförſterei zu gehen nöthigten, von wo er unmöglich an einem Tage heimkehren konnte. Levpold hatte dort ſeine Wald⸗ hütte und ſchlief auf dem Mooslager den guten Schlaf, pflichtmäßiger Thätigkeit treuen Begleiter. „So ging es mehr als ein Jahr, und dieſe Agnes war ſo tief geſunken, daß ſie dem argloſen Gatten eine ſtets wachſende Liebe bewies, und über ſeine vft zwei, ja drei Tage dauernde Entfernung troſtlos ſich geberdete, während ſie ſich doch in des Herzens Grunde dieſer Entfernungen freute, um deſto ungeſtörter mit ihrem Buhlen ſein zu können, der allemal ſich einfand, wenn das Geſinde auf dem Felde war und dann heimlich in dem geräumigen Hauſe verſteckt blieb. Es iſt indeß ein Verhängniß, welches allerwegen das Laſter und die Ruchloſigkeit begleitet, daß es immer nachläſſiger wird im Beachten der Umhüllung, die es dem Auge der Welt verbergen ſoll. Mit ſeiner wachſenden Frechheit nimmt ſeine Vorſicht ab, und ſo legt es ſelber den Grund ſeiner endlichen, oft frühern, oft ſpätern Entdeckung und Beſtrafung. — 224— „Wenn auch das zutrauensvolle Gemüth Leopold's nicht im Entfernteſten Arges ahnte, ſo waren doch andere Augen weniger vom Vertrauen gehalten, als die ſeinigen. Zu dieſen gehörten die des Pächters der Dienſtländereien des Oberförſters. „Der Pächter war ein wackerer junger Landwirth, an deſſen Seite eine ebenſo tüchtige, als ſittige, junge, ſehr ſchöne Frau ſtand. „Dieſe hatte den ſittenloſen Menſchen, den Oberförſter, kennen gelernt, aber mit der ganzen ſittlichen Würde und frommen Zucht eines rein weiblichen Gemüths ihm eine Schranke geſetzt, welcher er nicht mehr nahe zu kommen wagte. Sie hatte ihrem Mann alle die Verſuche des Elenden mitgetheilt, und dieſer hatte ihm unter vier Augen Dinge geſagt, die die Wangen des der Religion entfremdeten Menſchen doch erbleichen machten und ihn innerlich mit einer Gewalt faßten, die ihn, aber leider nur vorübergehend, erſchütterten. „Zudem hatte der Pächter noch eine äußerliche Drohung hinzu⸗ gefügt, nämlich das Hinweiſen auf eine Doppelflinte, deren Bedeutung den elenden Feigling mit Entſetzen erfüllte; denn er kannte von mancher Treibjagd des Pächters wunderbar ſichere Kugel. „Dieſem Paare, das den biedern Leopold hochſchätzte, fiel es natürlich auf, daß der Oberförſter ſo oft nach dem Forſthauſe ſchlich. Sie ahneten ſeine Pläne, aber ſie kamen erſt hinter die Schliche, als ſchon der Schleier des Geheimniſſes von dem Paar im Forſthauſe weniger ſtrenge mehr gehalten wurde, und ſie wähnten leider, es ſei noch Zeit zu einer Warnung und es ſei noch möglich, den Verführer zu ſcheuchen, ehe ſein giftiger Hauch das Herz verpeſte, das er umkreiſe. „Eines Tages war Leopold von dem Oberförſter erſucht worden, in einem Walddiſtrikte, der von ſeinem Hauſe drei bis vier Stunden entfernt lag, das geſchlagene Holz, das bereits von dem dortigen Förſter aufgeſetzt, ſortirt und numerirt war, zu revidiren, zu ſchätzen und ihm dann auch die ſchriftliche Arbeit abzunehmen. Es war dort eine bequeme Waldhütte, wo man übernachten konnte, und Leopold übernahm das Geſchäft gerne, da es ihm eine bedeutende Einnahme abwarf. — 225— „Er nahm früh einen herzlichen Abſchied von ſeiner geliebten Agnes, küßte ſein Kind und ging ſeinem Berufswerke nach. „Sehr müde kam er gegen Abend in ſeiner Hütte an. Wie erſtaunte er, auf ſeinem Mooslager einen verſiegelten Brief von unbekannter Hand zu finden, deſſen Aufſchrift an ihn lautete! „Haſtig trat er vor die Thüre der Hütte, brach ihn auf und las— las noch einmal— und immer bleicher wurde ſein Geſicht, immer entſtellter ſeine Züge! „Eine Weile ſtand er ſtumm und in ſeine Gedanken tief verſunken da; dann rief er mit einem entſetzlichen Ton aus: Sollte er mich deßwegen ſo oft von Hauſe wegziehen, der Verworfene, um mir mein Lebensglück zu zerſtören? „Darauf ſprang er in die Hütte, warf ſeine Doppelflinte um, die mit Kugeln geladen war, ſetzte ſeine Mütze auf und war nach wenigen Augenblicken im Dickicht des Waldes verſchwunden. „Sein Blut kochte. Seine Pulſe ſchlugen heftig. Er konnte faſt keine Luft bekommen, ſo beklommen war ſeine Bruſt. „Der Brief redete nur von des Oberförſters Verſuch, ſein Weib zu verführen. Auch kein Schimmer eines Verdachtes war gegen Agnes ausgeſprochen. Sollte ſie darum ſchon mehrmals ſo bedeutſam gefragt haben: Sage mir doch, bis wann du endlich wieder zu mir und deinem Kinde kommſt? Mir iſt oft ſo bange in dieſer Einſamkeit! hatte ſie ſo nachdrucksvoll hinzugeſetzt. Das Geſinde iſt draußen, weit vom Hauſe; ich mutterſeelenallein mit dem Kind, und zum Schutze habe ich nur den alten Nero! „Sie wagte es nicht, mir es zu ſagen, ſprach er zu ſich, weil ſie mich kennt und vielleicht Auftritte fürchtete, die uns nachtheilig werden könnten. „Mit ſolchen Gedanken war ſeine Seele beſchäftigt, die im wildeſten Zorne gegen den Nichtswürdigen aufloderte. Dabei fühlte er keine Ermüdung mehr und ſchritt in maßloſer Haſt drauf zu. „Es war in den Tagen des Februar, in denen die Dämme⸗ rung noch immer mit winterlicher Schnelle der Nacht voraneilt. Zudem pfiff ein ſchneidender Oſtwind daher, der faſt jeder N. F. IMI. 15 — — 226— Bekleidung ſpottete. Nach einigen ſchönen Tagen war noch einmal eine Kälte eingetreten, deren Heftigkeit um ſo empfindlicher war, als der December und Januar in ſelbigem Jahr unverhältniß⸗ mäßig milde ſich eingeſtellt hatten. Da konnte ſchon ein rüſtiger Jägersmann eine ſchöne Strecke zurücklegen. Dennoch war es bereits eilf Uhr, als ſich Leopold ſeiner Wohnung näherte. „Er ſtand einen Augenblick ſtill und beſann ſich, ob er ſeine Agnes wecken ſolle, die jedenfalls erſchrecken würde, da ſie ihn nicht erwartete. Er hätte wohl können durch den Knecht eingelaſſen werden und im zweiten Geſchoſſe ſich ein Lager ausſuchen; allein das zerfiel bald wieder. Agnes würde am Ende doch erwachen, dachte er, und was ſollte er ſo viel Rumor machen? Beſſer iſt's, ich klopfe ihr am Laden!— „Er wußte, daß Agnes, wenn er früher abweſend geweſen, den Knecht immer im Hauſe ſchlafen ließ, da ſonſt das Geſinde in dem Nebengebäude ſchlief, wo der Backofen und die Waſch⸗ küche war. „Ich habe Ihnen früher geſagt, und Sie haben es ſelber geſehen, daß die Fenſter tief an der Erde waren, ſagte Gerhard, nachdem er ſich einige Augenblicke von der Erzählung erholt hatte, die ihn auffallender Weiſe ſehr angriff. Sonſt konnte er halbe Tage lang plaudern und man merkte nicht das Geringſte, daß es ihn beläſtigte, und jetzt arbeitete ſeine Bruſt heftig und er athmete tief und ſchwer. „Leopold, fuhr er fort, kam allmählich dem Hauſe näher, deſſen Rückſeite ihm zugewendet war. Als er um die Ecke bog, ſah er zu ſeinem Erſtaunen Licht in der Wohnſtube und die Läden waren nicht einmal geſchloſſen, eine Vorſicht, die Agnes ſelbſt dann nicht unterließ, wenn er ſelber zu Hauſe war, und immer ſie ſchloß, wenn ſie Licht in das Zimmer brachte. „Leiſe ſchlich er gegen die Fenſter und blickte in die Stube. „Was er ſah, machte ſein Blut gerinnen, ſein Haar ſträuben, ſeinen Herzſchlag ſtocken! „An einem Tiſch, unfern des Ofens, ſaß der Oberförſter — 227—. und Agnes in traulichem Koſen. Ihre Wangen glühten und ihr Mund lächelte zu den geflüſterten Worten des Verworfenen. Von Zeit zu Zeit legte er ſeinen Arm um ihren Nacken, zog ſie an ſich, und in langem, brennendem Kuſſe weilte Lippe auf Lippe; dann lachten ſie wieder laut auf, und neue Küſſe folgten ſich raſch. „Leopold ſtand da draußen wie eine Bildſäule. Ihm wurde es dunkel vor den Augen; ein Schander ſchüttelte ſeinen Körper— ſein Auge weilte auf der Gruppe vor ihm; aber das Blut ſtieg ihm nach dem Kopfe. Seine Gedanken verwirrten ſich. „Plötzlich, als Agnes mit ſchalkigem Lachen ſich des Ober⸗ förſters Armen entwand, flog das Gewehr vom Rücken, der Kolben lag am Backen. Ein Blitz, ein Knall und Agnes ſtürzte mit zerſchmettertem Haupte auf den Buhlen. „Von maßloſem Entſetzen ergriffen, ſprang der Oberförſter auf und wollte entfliehen; aber ein zweiter Blitz und Knall, begleitet, wie der erſte, vom Geklingel der zerſplitterten Scheiben des Fenſters— und auch er lag, vom Todesblei getroffen, röchelnd am Boden. „Gerechter Gott! rief ich aus, von überwältigendem Entſetzen ergriffen. „Gerhard ſtand auf und ging eine Strecke in den Wald hinein, ohne auch nur ein Wort zu reden. Er blieb länger als eine Viertelſtunde aus. Ich blieb an der Stelle, wo wir geſeſſen, denn Gerhard's Doppelgewehr lehnte am Baume, ſein losgekop⸗ pelter Hirſchfänger lag am Boden, ebenſo ſein Hut. Er mußte wieder kommen. „Ich war von der Erzählung um ſo mehr und um ſo tiefer erſchüttert, als Gerhard's eigenthümliches Benehmen mir den Gedanken eingeflößt, daß er jedenfalls in irgend einer Beziehung zu Levpold ſtehen müſſe. Freilich kannte ich die Fäden nicht, welche hier das Ganze einigten und verbanden, allein daß ſie vorhanden ſeien, davon waltete mir kein Zweifel ob. Daher war ich um ſo geſpannter auf den Schluß der Erzählung, der bei Gerhard's Rückkehr zu erwarten ſtand. 15 — „Endlich ſah ich ihn geſenkten Hauptes wiederkommen. „Er ſetzte ſich wieder auf das trockene Moos und hob nach einigen Augenblicken an weiter zu erzählen, obgleich ſeine Stimmung keine andere, ſeine gewaltige Aufregung um Nichts gemildert worden war. „Die Schüſſe inmitten der Nacht konnten natürlich nicht ungehört an den Dienſtboten vorübergehen, die das ehebrecheriſche Paar wohlweislich in das Nebengebäude geſchafft hatte. „Als Knecht und Mägde herbeiſtürzten, fiel das Licht durch die zerſchmetterten Fenſterſcheiben auf ein Antlitz, vor dem ſie zurückbebten. Es war ihr guter, von Allen geliebter Brodherr; aber dieſes entſetzliche Geſicht, dieſe emporgeſträubten Haare, dieſes toddrohende Auge, dieſe Grabesbläſſe— nein, es war zu viel, zu ſchrecklich, um nicht auf dieſe, wenn auch rohen Nat den tiefſten Eindruck zu machen. „In dieſem Augenblicke hörte man durch den grellen Anſchrei des Entſetzens das Wimmern des Kindes in der Nebenſtube. „Wie ein elektriſcher Schlag durchfuhr es den unglücklichen Vater, als er dieſe Jammertöne der Waiſe hörte. „Nehmt Euch meines Kindes getreulich an, fagte er mit einem Tone, der wie aus einer Gruft heraus tönte, bis ich wieder geſorgt haben werde. Meine Frau und den Oberförſter hab' ich todtgeſchoſſen. Sie liegen drinnen am Boden; laßt ſie liegen, bis das Gericht kommt. Schnell holt das Kind und traget's zu dem Pächter Römer druntet⸗ bei dem Oberforſthauſe, ich gehe voraus dorthin!— „Er wandte ſich und ging mit Krſen Schritten den Waldweg hin. Etwa eine Viertelſtunde ſpäter klopfte an des Pächters Fenſter. „Der Pächter ſtand auf und fragte: Wer iſt da?— ch, Römer, ſagte Leopold in dumpfem Tone. Heute, fuhr er fort, iſt eine ſchlimme Nacht! Ich bin gewarnt worden durch einen Brief, meine Taube vor Geierkrallen zu ſchützen. Der Geier hatte ſie ſchon in ſeinen Krallen. Die Sache war weiter — gediehen, als der wohlmeinende Briefſchreiber dachte. Ich fand die Ehebrecherin in den Armen des Nichtswürdigen und habe Gericht gehalten auf meine Fauſt und nach dem Geſetzbuche meines Gefühls, Römer! Ich hab' ſie eben Beide erſchoſſen! „Ein gellender Schrei aus dem Innern der Stube, ein Angſtruf Römer's unterbrach ihn. „Laß mich reden, Römer, fuhr er fort. Du biſt eine treue Seele. Dir vermache ich mein Kind, hörſt du, mein Kind! Erzieh's gottesfürchtig; du haſt ja keine Kinder und wirſt dich ſein erbarmen, auch wenn es Nichts, gar Nichts hat. Siehſt du, Römer, auf dem Erbe der Ehebrecherin ruht der Fluch. Beſſer, das Kind iſt bettelarm! Knechte und Mägde bringen es eben; ich hör' es weinen! „Die Todeskälte ſeines Weſens brach aber bei dieſem Tone der Stimme des Kindes zuſammen. Er raufte ſein Haar, rang ſeine Hände und weinte laut. „Dann ging er den entſetzten Knechten und Mägden entgegen, ſah das Kind beim Schein ihrer Laterne an, küßte es, und als das Kind vor ſeinem Anblick entſetzt ſich abwandte, ſagte er: Ja, du haſt Recht, mein Kind, wenn du dich abwendeſt von dem Vater, der dir Alles, Alles raubt!— „Darauf befahl er: Gebt's dem Pächter ſchnell zum Fenſter hinein und kommt mit!— „Sie thaten, was er befohlen, und als der Pächter ſeinen Namen rief, war er ſchon weit im Wald, auf dem Rückwege zum Forſthauſe. „Die Diener konnten ihm kaum folgen. „Dort angelangt, ſagte er: Nun laßt das Vieh aus den Ställen und treibet's in den Wald; holt Eure Kiſten heraus. Ich brenne das Haus nieder! „Gerechter Gott! ſchrien Knecht und Mägde: Herr, thut das nicht! „Schweigt! donnerte er ihnen zu. Der Tag darf die Stätte des Glückes nicht mehr ſehen, wo der Teufel es zerſtörte! Nie — — 230— ſoll ein Menſch mehr hier wohnen, denn der Fluch Gottes ruht 6 auf der Stätte, wo Ehebruch und Mord verübt wurde; der Fluch 5 Gottes ruht auf dem Erbe, darum ſoll mein Kind nichts erben, daß es vom Fluche frei bleibe. „Nun aber thut ſchnell, was ich Euch ſage! „Mit dieſen Worten trat er zur Scheune, ſchlug Feuer und fachte einen Bündel Stroh zu lichter Flamme an und ſchleuderte ihn in die Strohvorräthe. „Bald loderte die Flamme hoch empor und leckte mit gieriger Zunge am Dache, Fach⸗ und Balkenwerk, bis Alles in einer Flammenſäule aufloderte, die der ſcharfe Oſtwind über das Dach des Wohnhauſes legte, das alſobald davon ergriffen war. „Die Flamme praſſelte; das Balkenwerk krachte, das Vieh brüllte; die Hunde heulten. Es war ein Moment, der furchtbarer nicht gedacht werden konnte. „Leopold ſtand wie ein Steinbild da und lehnte ſich an den Stamm einer Eiche, die weit genug vom Hauſe ſtand, um nicht einen Waldbrand zu vermitteln. „Da ſtürzte der Knecht herzu. „Herr, rief er, die Leichen liegen noch drinnen! „Laßt ſie verbrennen! antwortete in ſeinem fürchterlichen Tone der Förſter. Der Wind ſoll ihre Aſche zerſtreuen, wohin er will! „Das war das letzte Wort, das man von ihm hörte. „Der weit ins Land leuchtende Brand wurde auch in den umliegenden Dörfern geſehen. Die Sturmglocken heulten jetzt im weiten Umkreiſe und es konnte nicht mehr lange dauern, dann kam Hilfe. 3„Leopold zog ſeine Brieftaſche heraus, nahm den Bleiſtift und ſchrieb. „Hierauf rief er mit ſeiner mächtigen Stimme dem Knechte. „Hier, ſagte er, haſt du ein Zeugniß, daß weder dir, noch den Mägden etwas geſchehen könne. Ich warte nur noch, bis Alles niedergebrannt iſt, ſprach er mit der Todeskälte der * — 231— Verzweiflung, dann gehe ich, mich dem Gerichte zu überliefern. Ihr habt ein ſchauderhaft Beiſpiel, prägt es Euch in die Seele! Nun geh'!— „Ach Herr— begann der Knecht zitternd, fliehet doch! „Thor! rief Leopold, meinſt du, ich hätte das Alles in der übereilung gethan und wollte nun das ſchuldbelaſtete, verarmte Leben retten?— Fort! Komme mir nicht mit ſolchen armen, lahmen Rathſchlägen! Geh'!— „Der vor Furcht und Entſetzen zitternde Knecht ſchlich ſich hinweg und ſagte zu den Mägden, die jammernd beifammen ſtanden: Er iſt irrſinnig, wie ich's vorausgeſagt, daß es kommen würde, wenn er ſein Elend und ſeine Schmach erführe! „Das Dach⸗ und Fachwerk war indeſſen in die Umfaſſungs⸗ mauern zuſammengeſunken. Scheune, Stallungen und Nebengebäude, die aus Holz waren, hatten dem Feuer bis zur Erde Nahrung gegeben. Von ihnen war nur noch ein fortbrennender Trümmer⸗ haufe übrig, als die Bauern anlangten. „Da war nichts mehr zu retten. Nur die brennenden Leichname verbreiteten einen entſetzlichen Geruch, deſſen Grund die Dienſtboten der ſchaudernden Menge mittheilten. „Wo iſt er? fragten die Leute. „Aber als man nach ihm ſuchte, fand ſich auch keine Spur mehr von ihm! III. „Es mochte ungefähr acht Uhr des Morgens ſein, der der Nacht folgte, welche Zeugin dieſer Auftritte geweſen war, als ein Mann in das Gemach des Richters trat, deſſen Bereich auch das Forſthaus umſchloß. „Sein Ausſehen war entſetzlich, verwildert, verſtört. Sein Geſicht war todtbleich; ſeine Augen ſahen trübe und düſter aus tiefen Höhlen; ſeine Kleider hingen in Fetzen um ihn, ein Zeichen, — 232— daß er den Weg nicht eingehalten hatte, ſondern durch Wald und Geſtrüppe gradeaus gegangen war. „Als der Richter von ſeinen Akten aufſah, fuhr er vor dem Anblicke zurück und rief: Herr Förſter, was iſt Ihnen begegnet? „Fragen Sie anders, Herr Richter, ſagte der Mann; fragen Sie, was ich gethan habe, ſo werde ich antworten. Seien Sie ſo gütig, zur Feder zu greifen, ich habe Ihnen eine ſchwere Schuld zu Protocoll zu geben, einen Doppelmord und eine wohlüberlegte Brandſtiftung. „Um Gotteswillen, rief der Richter, ſind Sie bei Sinnen? „So gewiß, als Sie es in dieſem Augenblicke ſind. Erlauben Sie, daß ich mich ſetze! So! Nun ſchreiben Sie! „Mit einer Ruhe, welche den Richter mit Entſetzen erfüllte, berichtete nun der bejammernswerthe Mann Alles, was ich Ihnen erzählt habe, ſagte Gerhard. Der Richter war ſo ergriffen, daß er kaum das Ausſage⸗ und Selbſtanklage⸗Protocoll niederſchreiben konnte. „Endlich war es vollendet. Leopold unterſchrieb es mit feſter Hand, legte dann Jagdmeſſer und Gewehr ab und ſagte: S mich nun in den Kerker abführen! „Unglückſeliger Mann! rief der menſchlich fühlende Richter aus, was haben Sie gethan! Ich muß Sie zur Haft bringen laſſen. „Ich will es, ſagte Leopold. O der Tod iſt mir willkommen! „Er wurde ins Gefängniß gebracht. „Sie mögen ſich's denken, Herr Möll, was das ein Aufſehen in der Gegend machte! Wie die Leute alle wie unter einem Banne des tiefſten Entſetzens gehalten waren. „Der Thatbeſtand wurde erhoben; die Dienſtboten vernommen, der Brief gefunden in der Brieftaſche, welche Leopold dem Knechte gegeben, ohne daß man aber den Schreiber ermitteln konnte. „Der verbrecheriſche Umgang des Oberförſters mit Leopold's Frau unterlag auch nicht mehr dem leiſeſten Zweifel. „So konnte der Prozeß beginnen, der aber den ſchleppenden Gang unſeres Gerichtsverfahrens ging. —— — 233— „Der Urtheilsſpruch konnte indeſſen Niemanden überraſchen, er lautete auf Tod durch das Beil! „Den Landesherrn, der Leopold ſo lieb gehabt, ergriff das Ereigniß außerordentlich. Als ihm der Urtheilsſpruch vorgelegt wurde, hatte er Thränen in den Augen. „Das Gericht ſelbſt hatte in den Motiven des Spruchs und in einer beſondern Denkſchrift den Unglücklichen der Gnade des Fürſten empfohlen.— „Er ſchrieb mit zitternder Hand darunter:„Zu zwanzig Jahren Haft begnadigt.“ „Ach, Ihr Menſchen, wie ſeid Ihr ungnädig mit Euerer Gnade! rief Leopold aus, als ihm die Begnadigungs⸗Sentenz mitgetheilt wurde. „Man brachte ihn in das hochgelegene Burghaus, welches als Gefängniß diente. Der Fürſt ſchrieb eigenhändig an den Director, daß er ihn mit aller Milde und Schonung behandeln ſolle. „Das geſchah in ausgedehntem Maaße. „Stille ſaß er da; ſtille ging er umher. Mit Niemanden ſprach er, als mit dem würdigen Geiſtlichen der Anſtalt; aber an ſeinem innerſten Marke nagte der Tod. „Schon nach einem Jahre brach das arme, ſöneſ Herz unter ſeiner Bürde. „Gerhard ſchwieg. Es war ſein Auge feucht geworden, nir das meine. „Lange Zeit ſaßen wir ſtille da und blickten in das Spiel der Wellen, die von der Quelle über das Geſtein hinabhüpften in eine bedeutende Tiefe. „Endlich ſagte ich: Wie mag die Nachricht auf die alten Eltern der Agnes gewirkt haben? „Der Vater lebte nur noch; die Mutter war ſchon früher geſtorben; aber das Schickſal, das er erleben mußte, die Schmach — kurz Alles, was auf ein ehrlich Vaterherz da mit Einem einſchlug, brach des Greiſes Lebenskraft auch. Er ſtarb etwa vier Wochen nach dem ſchrecklichen Ereigniß am Herzſchlage. . — 234— „Und der Pächter? fragte ich. „Ja, ja, ſagte Gerhard, da meint der Menſch etwas Gutes zu thun, und es wird zum Unheil, zum Verderben! Der ehrliche Mann wußte nicht, wie weit das verbrecheriſche Verhältniß der jungen Förſterin mit dem nichtswürdigen Oberförſter ſchon gediehen war. Er und ſeine brave Frau konnten es ſich nicht als möglich denken, daß das anſcheinend ſo brave Weib den Pfad der Pflicht und der Ehre, der Gottesfurcht und Tugend verlaſſen könnte. Sie wollten warnen aus treuem Herzen, und ihre gute Abſicht ſchlug um und wurde der Grund ſo entſetzlicher Thaten. Da können Sie es ſich wohl denken, daß die guten Menſchen ſich das zu Herzen nahmen! „Der arme Römer fing ſeitdem zu kränkeln an und, da er ohnehin ein ſchwacher Mann war, ſo wurzelte ſich ein Ubel feſt, das nach und nach in eine Zehrung ausartete, welcher er nach einer Friſt von kaum einem halben oder dreiviertel Jahren erlag. „Seine Frau, die ein zartes Gemüth hatte und ſich ſtete Vorwürfe machte, an dem Unglücke ſchuldig zu ſein, wurde in ſpäteren Jahren, wahrſcheinlich in Folge dieſer Gewiſſensvorwürfe, tiefſinnig und ſtarb in einem Landes⸗Irrenhauſe nach einer Reihe von Jahren. „Aber das Kind? das Kind? fragte ich haſtig, da es mir einfiel, ich habe nach ihm nicht gefragt. „Gerhard ſah mich lange forſchend an, als wollte er in meiner Seele leſen, was mich zu dieſer Frage bewege. Nach längerem Schweigen ſagte er: Nun, die Pächtersleute nahmen es auf; aber Sie ſehen es gewiß ein, daß das arme Knäblein unter den obwaltenden Umſtänden nicht bei ihnen bleiben konnte. „Ich weiß nicht, wie es kam, daß der Fürſt ſich einmal nach Leopold's Kind erkundigte und nun von dem Oberförſter, welcher dem ſchändlichen Menſchen im Amte folgte, hörte, wie es um das Kind ſtand. „Noch hatte der edle Fürſt den Mann nicht vergeſſen, der ihm ſo treu gedient und ein ſo ſchreckliches Schickſal gehabt hatte — 235— Es war ein ſchöner Zug ſeines Herzens, daß er ſich des verwaiſten Kindes annahm. Jener Oberförſter war Herrn Moosfeld's Schwiegervater, welcher aber damals am anderen Ende des Landes eben erſt ins Leben hineingeblickt hatte. Der Oberförſter war ein ganz junger Mann und ſeine Frau eine Engelsſeele. Sie nahmen den Knaben zu ſich und erzogen ihn gottesfürchtig. Der Fürſt zahlte die Koſten ſeiner Bildung, da er Forſtmann werden wollte. „Als Movosfeld's Schwiegervater ſtarb, war der Knabe eben zwanzig Jahre alt und der Fürſt nahm ihn als Leibjäger zu ſich, hatte ihn lieb und erwies ihm viel Gutes. Der alte Herr aber lebte nicht mehr lange, und als er ſtarb und der Erbprinz die Regierung antrat, ſollte er Oberförſter werden, allein dieſer Titel und Beruf weckte Erinnerungen der ſchmerzlichſten Art in ihm. Er ſchlug ihn aus und wollte nicht mehr ſein, als ſein armer Vater geweſen war. „Vermählt hat er ſich nie. „Wohl wollte die Liebe auch in ſeinem Herzen keimen, aber er hat den Keim mit ſtarker Hand herausgeriſſen, weil ihm ſeines Vaters Schickſal keinen Glauben an Weibertreue gewinnen ließ. „So weit hatte Gerhard mit tiefer Bewegung erzählt, als er auf zum Himmel blickte und ausrief: Wir verplaudern die ſchönſten Tagesſtunden! Kommen Sie, unſer Beruf heiſcht unſer Aufbrechen! „Wir brachen auf und wanderten an dem zerfallenen Forſt⸗ hauſe vorüber. Aus Gerhard's Seele rang ſich ein Seufzer, und mich durchrieſelte es eiskalt. Ich kam ſpät nach Hauſe. Der Oberförſter Moosfeld erwartete mich im Familienzimmer. „Er fragte nach den forſtlichen Beziehungen, die uns heute beſchäftigt hatten, und ich referirte genau; allein er ſah mir's an, daß ich nicht ſo heiter war als ſonſt. „Iſt Ihnen was begegnet, lieber Wilhelm? fragte er— oder ſind Sie unwohl? 8 „Keins von beiden, ſagte ich. Es hat mich etwas Anderes trübe geſtimmt und ich kann den Kreis von Vorſtellungen nicht verlaſſen; ich bin wie hineingebannt! — 236— „Darf ich nicht wiſſen, was das war? fragte mit großer Theilnahme der wackere Mann. „Doch, ſagte ich: heute Mittag, als wir raſteten, hat mir Herr Gerhard die entſetzliche Geſchichte des verfallenen Forſt⸗ hauſes erzählt, und ich will es nur geſtehen, daß ſie mich auf eine ſo tiefeingehende Weiſe ergriffen hat, daß ich die Begeben⸗ heiten ſo bald noch nicht werde loswerden können. „Das glaube ich Ihnen gerne, ſagte Moosfeld; es iſt eine entſetzenerregende Geſchichte; aber daß Gerhard ſie Ihnen erzählt hat, das mag Ihnen den Beweis liefern, daß er Ihnen eine wahrhaft väterliche Liebe zugewendet hat, denn jede Erinnerung davon iſt ein Stich in ſein Herz. Sie wiſſen doch, daß es die Geſchichte ſeines Vaters und ſeiner Mutter iſt? „Gerechter Gott! rief ich aus, das ahnte mir manchmal. „Ja, ja, ſagte der Oberförſter, er iſt der unglückliche vater⸗ und mutterloſe Knabe und er war der Fflegebruder meiner ſeligen Frau. Nun können Sie es ſich denken, warum er mir ſo werth iſt.“ Se . Bachtanz zu Langenſelbold. Eine Doppelgeſchichte aus dem Jahr 1756. Sonnenſchein und Regen Iſt doch allerwegen Nur des Ehſtands Bild. Altes Lied. Am 15. Auguſt des Jahrs 1756 war es, als der Frfurter Spezereihändler Johann Sebaſtian Linſenmeyer, welcher in der Fahrgaſſe Nummer 81 wohnte, an dem Kaffetiſche ſaß. Der blaudamaſtene Schlafrock hing bauſchig um die weder große, noch corpulente Geſtalt. Die Perrücke, ſchneeweiß gepudert, mit den mächtigen Roll⸗Locken zur Seite der Schläfe und dem unendlich langen, ſchwarzumwickelten Nackenſchweife à la Frederie le Grand, Zopf genannt, ſaß bereits gravitätiſch auf dem Haupte des Mannes und gab ihm, bei einer lebhaften Geſichtsfarbe, ein gar gefälliges Anſehen. Die lange, hartgelbe Weſte fiel bis auf die Lenden und ſtach lebhaft gegen die ſchwarze, kurze Kniehoſe mit ſilbernen Schnällchen ab. Schneeweiße Baumwollſtrümpfe und glänzende Schuhe mit breiten, ſilbernen Schnallen, welche den ganzen Vorderfuß einnahmen, vollendeten den feinen Anzug des Mannes, der nur den Schlafrock abwerfen, in den himmelblauen, kurzen, breitſchößigen Rock mit Armelaufſchlägen bis an den Ellenbogen, und tellergroßen, ſilbernen Knöpfen ſchlüpfen, das kleine Dreimaſterchen aufſetzen und das Dreiviertel ſeiner Leibeslänge haltende ſpaniſche Rohr ergreifen durfte, um, nach neueſter Mode gekleidet, überall auftreten zu können. Dabei ſchmauchte er behaglich ſeine Thonpfeife. Herr Linſenmeyer liebte es, gleich Morgens fir und fertig zu ſein, bis auf Rock, Hut und Stock. Er konnte einmal das fagle Herumbambeln nicht leiden, wie es damals Viele trieben, und heute gerade ſo, beſonders junge Leute. Er hielt das Frankfurter Frag⸗ und Anzeigungsblatt oder vielmehr Nachrichten in der Hand. Seine Augen waren auf eine Anzeige gerichtet, die er geleſen hatte, und in ſeinen Zügen wechſelte der Ausdruck des Vergnügens mit einem düſtern Zuge von Zeit zu Zeit ab. Es war, als ob zwei in ihrem Weſen verſchiedenartige Eindrücke um die Herrſchaft in ſeiner Seele ſtritten, und das genannte Blatt war deren Quelle. Ihm gegenüber ſaß eine Frau von immenſem Umfange. Sie war in einem häuslichen Morgenkleide. Der Pudermantel hing noch um die breiten Schultern und die Nachthaube ſaß etwas auf Krakeel. Sie bildete im Außern das abſolute Gegenſtück zu ihrem, auch etwa zehn Jahre jüngern Gatten. Obwohl ſie bereits ein und fünfzig Jahre hatte, war ſie, ihren abſchreckenden Umfang abgerechnet, eine noch ganz hübſche Frau von blühendem Angeſicht und äußerſt lebhaftem Geiſte, ganz gegen ihren Leibesumfang. Herr Linſenmeyer war einſt Ladenburſch, daſſelbe, was heute feiner Commis heißt, bei der kinderloſen, reichen Wittwe geweſen, und ſie war, obgleich er arm wie Hiob war, doch die Seine geworden, hatte ihn zum Mann und Bürger der freien Stadt gemacht und hielt ihn dafür wacker unter dem Daumen. Die Frucht dieſer Ehe, die, den Geiz der Frau Linſenmeyer abgerechnet, nicht gerade ſehr unglücklich war, ſtand draußen im Laden mit dem Vetter Runkel, einem uralten Junggeſellen, hinter der Theke, und wer nicht blind war, ſah es ein, daß Lieschen das reizendſte Mädchen der Fahrgaſſe, ja der ganzen Reichsſtadt war, und ihr achtzehnter Geburtstag war etwa vierzehn Tage vorüber. „Baſtian,“ hob Frau Linſenmeher an,„nun hab' ich dich mit der Geduld eines Schreibers auf dem Rechnei⸗Amte ſchon eine Viertelſtunde beobachtet und werde nicht klug, was du ſimulirſt. Einmal mein' ich, du ſäheſt einen alten Bekannten, ſo fröhlich zuckt's über dein Angeſicht; dann ſiehſt du drein, als vgir das größte übel begegnet. Sag' mir 323 was für ein plh dir im — 241— Ohre ſitzt?— Dabei wird der Javakaffe eiskalt und deine Dampfwolken verdrängen des lieben Gottes Tageslicht.“ Linſenmeyer fuhr ordentlich empor, als ſeine liebe Frau ihn alſo ungewöhnlich liebreich anredete. 6 „Annechriſtinchen,“ ſagte er,„du haſt richtig geleſen in meinem Geſicht. Es ſind zwei Dinge, die mich gar ſehr hin und her zerren und mich in ganz verſchiedener Weiſe alteriren.“ „Ei, ſo mach' dir das Herz und rede!“ ſprach die dicke Frau. „Denke dir,“ ſagte er eifriger, als es ſonſt ſeine Art war; „der Stengel da drüben, der Schmeerfinke von Sattler, dem ich doch alles Liebs und Guts erweiſe, ruft mir heute Morgen über die Gaſſe zu, als ich an der Ladenthür ſtehe und ſehe, woher der Wind weht: Herr Nachbar, des Ammelsberger's Javakaffe iſt beſſer, als der Eure, und Ihr müßt im Preis herunter, ſonſt könnt Ihr ihn alleine trinken!— Nun ſag', ob etwas ſo erhört iſt allhiero? Solch ein Siebenſortenflegel iſt mir noch nicht vorgekommen!“ „Baſtian, ärgere dich nicht,“ ſprach die ſtattliche Frau,„er iſt ein geborener Sachſenhäuſer und ſeine leibliche Mutter war eine Hockenfrau. Du weißt, was das auf ſich hat.“ „Das iſt richtig; aber er hätt's mir doch nicht zuzurufen brauchen! Du weißt, der Ammelsberger poſaunt ſeinen Javakaffe in den Frag- und Anzeigungsnachrichten mit vollen Backen aus und ich möchte nur wiſſen, wie er, da er ſeinen Kaffe wohlfeiler gibt als ich, die vielen Druck- und Einrückungskoſten herausbringt? Er will einmal abſolut meine Kundſchaft ruiniren.“ „Das gelingt ihm nicht!“ ſagte Frau Linſenmeyer.„Mein Laden hat alten guten Ruf.“ Frau Linſenmeyer hatte das zueignende Fürwort etwas ſtark betont, was allemal auf des Gemahls Angeſicht ein unangenehmes Zucken hervorrief. Diesmal zuckte es auch über ſein Angeſicht; aber er verſchluckte es und ſagte: „Weißt du was, Annechriſtinchen, du könnteſt einmal das N. 5. m. 16 — Nähurſelchen drüben aus dem Hinterhaus in Ammelsberger's chicken, und ein Pfund von dem angeprieſenen Javakaffe, ſo hinterher, holen laſſen, daß man ihn gegen unſeren probiren könnte. Fiele dann die Probe zu ſeinem Nachtheil aus, ſo ſoll ihn dieſer und der! Ich will ihm dann einen Denkzettel in den Frag⸗ und Anzeigungsnachrichten anhängen, daß er an mich denken ſoll und die ganze Stadt Maul und Naſe aufſperrt, ſo wahr ich Linſenmeher heiße!“ „Steht denn was da drin?“ fragte ſie und deutete auf das Blatt, welches er in der Hand hielt. „Nein!“ erwiederte er kurz und biſſig. „Hat er dich denn genannt?“ „Auch nicht; aber er winkt mit dem Stadtthor und ſtichelt, wie mit einer Heugabel. Ein Kind merkt, wo's hinaus will.“ „Baſtian, dann nimm dich in Acht. Es koſtet Druckgeld und er kann dir noch einen Prozeß vor dem Stadtamt anhängen, der mich viel koſtet, denn da gibt's Sporteln, daß Einem Hören und Sehen vergeht, und die Advocaten rupfen Einen, wie einen Krammetsvogel.“ 3 „Meinſt du, ich ſei ein Schafskopf?“ rief er gereizt aus. „Gib Acht, ich laſſe mich auf dem Neſte fangen, wie ein brühendes Rothſchwänzchen! Ich will ihm ſchon ſo hintenherum Ein's geben, daß ihm die Ohren ſauſen und er doch mir nicht ans Kamiſol kann.— Paß auf, der Linſenmeyer iſt ein Hannstappindieſchüſſel! — Laß du nur den Kaffe holen!“ „Das brennt auch noch nicht an!“ ſagte ſie gereizt von der . ——.———— 5 „ Gereiztheit ihres Mannes. Er war aufgeſtanden und lief einige Mal die Stube auf und nieder, dann ſetzte er ſich wieder und nippte an der Taſſe, die vor ihm ſtand. 2 Nun ſag' einmal,“ hob ſie an,„was war denn das Andere?“ „Der Bachtanz!“ ſagte er grollend. Ihr Kopf fuhr bei den Worten ſchnell in die Höhe und ei Zinnoberröthe bedeckte das Geſicht. e — 243— „Bachtanz! Bachtanz!“ rief ſie.„Entweder rappelt's dir unter deiner langgeſchwänzten Perrücke, oder du hältſt mich für einen Narren! Wo iſt der vernünftige Menſch, der in einem Bache tanzt? Einem ſo etwas aufzubinden! Nein, es iſt zu Sie wollte zornig ſich erheben. „Annechriſtinchen!“ rief Linſenmeyer, der Alles in der Welt lieber haben wollte, als ſeine Frau wild machen, weil ſie ſonſt fortbrummte wie eine Baßgeige, aber viel länger als eine ſolche, manchmal eine halbe Woche,„Annechriſtinchen, ſo hör' dann doch mal an, wie's iſt! Ich will dir's ja vorleſen, wie es hier ſteht! So hör' doch nur!“ Sie ſetzte ſich wieder und ſchnurrte: „So mach' fort!“ Er nahm das Blatt der Frankfurter Frag- und Anzeigungs⸗ nachrichten und las: „Nachdeme Montag, den 16ten dieſes, Vormittags gegen 11 Uhr der ſo ſehenswürdige Kirchweiliche Bachtanz dahiero wiederum feierlichſt aufgeführet werden ſoll; Als wird Solches des Endes hiermitt bekannt gemachet, damitt diejenigen, welche dieſen von drei jungen Burſchens und ebenſoviel jungen Mädchens durch eine ziemlich ſtark und breite Bach zu drey wiederholten Malen in einem überaus ſonderen Aufzug zu führenden Bachtanz, welchen ſich niemand, der nicht einen Zuſchauer abgiebet, in ſeiner Seltenheit wunderbarlich genug wird vorſtellen können, mitanzuſehen Belieben tragen, zu obenangeregter Zeit allhiero einfinden mögen. Langenſelbold, den 2ten Auguſt 1756. Fürſtlich Menburg. Amt Ronneburg.“ Frau Linſenmeyer hatte mit wachſendem Erſtaunen zugehört und ſagte, als ihr Gemahl geendet hatte: „Zeig' mir'mal das Blatt!“ Sie traute ihm nicht, weil ihr die Sache zu toll ſchien. Als ſie es aber ſelber geleſen, legte das Blatt auf den Zii und ſagte: — L „Das ganze Amt Ronneburg iſt verrückt, ſammt Langenſelbold! Hab' ich denn meiner Lebtags ſolch' eine Narrheit gehört? Will ſo ein Yſenburgiſcher Amtmann etwa die Bürger ſammt Senat ſelbiger freien Reichsſtadt in den April ſchicken?“ Linſenmeyer wußte ſich über ihren allzu großen Eifer kaum des Auflachens zu erwehren. .„Haſt du denn wirklich nie etwas davon gehört?“ fragte er. „Ich ſage dir,“ antwortete ſie,„wenn ich regierender Bürger⸗ meiſter wäre, ich ließe den Drucker büßen um zehn Albus, weil er zu ſolch einer Schalksnarrheit das Blättle hergibt.“ „So frag' doch einmal das Lieschen!“ bat er. „Auch noch?“ rief ſie.„Soll das Ei klüger ſein, als die Henne? Oder ſoll's über mich lachen?“ 3„Annechriſtinchen, nun nimm doch einmal Verſtand an,“ bat . er dringend.„Ich fage dir, es iſt ein uralter Brauch in Langen⸗ ſelbold, und ich will dir's auslegen, wie es gekommen iſt. Hör' mich nur einmal geduldig an.“ „Nun ſo rede!“ rief ſie aus.„Ich will ſtumm, wie ein Fiſch, deine Langenſelbolder Weisheit anhören, die niemals weit her war.“ 7 urſprunge galt, klopfte ſeine weiße, holländiſche Tonpfeife aus und ſetzte ſich in Poſitur. „Alſo ich ſoll dir die ganze Geſchichte erzählen?“ fragte er, um ſich zu vergewiſſern, daß ſie ihn anhören wolle. „Freilich,“ war die Antwort.„Wenn ich etwas hören will, ſo will ich's auch ordentlich aus dem ff wiſſen. Da dein Vater Schulmeiſter zu Langenſelbold war, ſo denk' ich, du weißt's genau. Haſt ja auch ſollen Schulmeiſter werden; biſt aber aus der Art geſchlagen, weil—“ „Weil ich das Sitzen nicht vertragen konnte, was das Studium fordert,“ fiel Linſenmeher ſeiner Frau in die Rede, weil er mit Grund fürchtete, er kriege wieder einen Puff; denn in ſolcher Stimmung, wie ſie ſie jetzt hatte, theilte ſie ſie rechts und links aus. einſenmeyer verſchluckte die Frankfurter Pille, die ſeinem ————— S und den Profit einer Woche durchzutreiben!“ „Ja, ja,“ ſagte ſie,„weil dir das Sitzfleiſch fehlte. und mit Behagen verdauen, huſch! iſt er fort und drüben 4 Stengel's, wo er mit dem hübſchen Lenchen ſeinen Stuß treibt— Liſenmeyer, der auch bisweilen von der Eiferſucht ein ee zu hören bekam, fiel ſchnell ein: „Hör' denn doch einmal! Du weiſt, Langenſelbold iſt Pſen burgiſch—“ „Schon lange, denn du haſt's oft genug mir vorgeorgelt—“ „Gut denn,“ fuhr er fort;„ich glaub', es war zu der Zeit, wo die Leute ihrer rechtmäßigen Obrigkeit nicht gehorchen wollten — es iſt ſchon lange her—“ „Da biſt du irre, Baſtian, das iſt nagelneu. Es paſſirt alle Tage allhierv in Frankfurt—“ „Jetzt fällt mir's wieder ein,“ ſagte haſtig Linſenmeyer und that, als hätte er nicht gehört, was ſie ſagte, denn unter der rechtmäßigen Obrigkeit allhierv verſtand ſie ſich ſelbſt, weil ſie älter war und der Reichthum von ihr kam,„es war im vier⸗ zehnten Jahrhundert. Es ſoll, wie auch der Lersner in der Chronik der freien Stadt Frankfurt ſchreibt, damals in den Köpfen viel rumort haben und es ſoll Zeiten geben, wo die Leute alle rappelköpfig und verrückt werden—“ „Das muß in Langenſelbold Jahr aus Jahr ein ſein,“ſagte Frau Linſenmeyer,„weil ſie ſogar im Bach tanzen! Man merkt's bisweilen auch an Solchen, die nicht mehr dort wohnen—“ „Hör' mir doch nur einmal zu,“ entgegnete er,„und hör' doch zu ſticheln auf!— Damals brauchte Graf Diether von Yſenburg Geld und verlangte es von den Langenſelboldern, denen er eine Steuer auflegte—“ „Wie's dem Grafen Diether ging, ſo geht's heutzutage oft gewiſſen Leuten,“ ſprach ſie,„die Abends gern ins Wirthshaus gehen, eine Reihe von Schoppen leeren und„grundehrlich“ ſpielen! Oder auch bald auf die Bernemer, bald auf die Niederräder, oder Gott weiß, was für Kirchweihen gehen, um in Floribus zu leben Geht 8 dir heute noch nach. Will ich einmal ſo nach Tiſch ruhig ſitzen — 246— Finſenneyer ſprang auf und ie zweimal die Stube auf und nieder. „Da werde Einer nicht raſend! Du bringſt mich noch unter die Erde!“ Sie war einmal in der Laune zu ſticheln, aber ihn toll machen, wollte ſie doch nicht. Daher ſagte ſie freundlich: „Baſtiänchen, ſetze dich, ich will ſtock⸗mäuſeſtill ſein!“ Er ſetzte ſich, fuhr mit der Hand übers Geſicht, als wolle er ſeinen Zorn wegwiſchen; aber ſchweigen konnte er doch nicht. „Das iſt ein Hundeleben!“ ſagte er.„Wenn man ſich den ganzen Tag abarbeitet, wie ein Galeerenſelav', ſo ſoll man Abends bei guten Freunden auch nicht einmal ein Stündchen froh ſein?— Ich bin doch kein Karthäuſer, oder Trappiſt!“ „O dir fehl's an Gründen nie,“ fuhr ſie auf,„wenn ich einmal einen leiſen Tadel ausdrücke. Bin ich denn etwa auch ſo? Alle Frauen halten Kaffeviſiten und da geht's hoch her; aber ich? Pro die Mahlzeit! Ich gehe auf keine und halte keine! Ich ſpare das Geld, und mein erſter Mann, Gott hab' ihn ſelig! der blieb fein daheim; ließ ſich, wenn er Durſt hatte, ein Glas Vpfelwein holen und lebte auch und war bei den Seinen! Nun ſitz ich in der einen Ecke und Lieschen in der anderen. Wir plaudern nichts und S ſchlafen ein. Da machen wir denn Complimente gegen einander, als wären wir wildfremd und bejahen nickend, was wir träumen — und das iſt grade ſchlimm; denn ſo ein Mädel träumt Dinge, die eine gewiſſenhafte Mutter nicht gutheißen kann, wenn 3 auch ein leichtſinniger Vater wollte. Du verſtehſt mich wohl— „Nur zu gut!“ rief der Spezereihändler in Zorn; aber er moderirte ſich, weil ſie da an einer Klippe ange⸗ kommen war, wo der eheliche Friede leicht auf lange Zeit Schiff⸗ bruch leiden konnte, und dann war es mit dem Plänchen, das er in der Seele trug, völlig aus, und nun hoffte er immer noch die Wendung zu finden, die ſie eie und lachen machte— weit dann Alles gewonnen war. „Dreh' den Krahnen zu, ene es läuft triel⸗ — 247— ſagte er.„Wir kommen ganz aus der Geſchichte. Nun bitt ich dich, komm' mir doch nicht quer in den Weg, wenn ich einmal im Schuſſe bin!“ Sie ſchwieg und er fuhr fort: „So viel iſt gewiß, Graf Diether brauchte Geld und legte ſeinen getreuen Langenſelboldern eine Steuer auf. In ſelbiger Zeit waren die Bauern überall ſchwierig und auch die Langen⸗ ſelbolder hatten nicht die mindeſte Luſt, ſie zu bezahlen. Sie ließen vielmehr ihm ſagen, er ſolle ſelber kommen und die Steuer holen. Da nun das dem Grafen nicht gefiel—“ „Wie mir das Wirthshausgehen und Spielen,“ knurrte die Frau. „So gab's Hader,“ fuhr er fort. „Weiß auch ein Liedlein davon zu ſingen!“ ſagte ſie. „Und der Graf beſchloß,“ erzählte er weiter,„ihnen den Daumen auf das Auge zu ſetzen—“ „Wenn man nicht zu gut wäre,“ ſchaltete ſie ein,„wär' das auch das Beſte; aber was thut man nicht, um des lieben Friedens willen?“ „Er war der Landes herr,“ fuhr Linſenmeyer fort, eine Pille nach der anderen verſchluckend,„und Ordnung muß ſein. Er rückte mit ſeinen Reiſigen vor den Ort, um ſie zu züchtigen, wie fie es verdienten.“ gab?“ „Sollſt's gleich hören!“ fuhr er fort.„Es war ein wider⸗ ſpenſtig Volk, das Recht haben wollte, wo es Unrecht hatte. Sie läuteten Sturm, und Mann und Maus lief zuſammen—“ „Mann und Maus— wer war denn die Maus?“ „Nun, Weiber, Kinder und dergleichen.“ „So? Mäuſe ſollen wir Frauen ſein, die nicht einmal pfeifen dürfen? Sie hatten Recht, ſag' ich!“ „Es iſt ja ſo eine ſprichwörtliche Redensart!“ rief Linſen⸗ meyer.„Magſt auch meinethalben ſagen, ſie hätten Recht gehabt, „So?“ ſagte ſie.„Da möcht' ich doch mal ſehen, was es ——— * ——= was cer in Ewigkeit nicht wahr iſt— laß mich nur einmal ans Ende kommen!“ Sie ſchwieg wieder, faltete die dicken Hände und drehte die Dauien um einander, ſo, daß bald der rechte um den linken lief, bald der linke um den rechten. „Wie geſagt, Alles lief zuſammen, als ſie den Grafen mit ſeinen Reiſigen kommen ſahen. Sie faßten Poſto auf dem Gottes⸗ acker, bewaffneten ſich mit Heu⸗ und Miſtgabeln, Schippen, Dreſchflegeln, Stangen und Etliche hatten auch uralte Morgen⸗ ſterne. Die Frauen und Buben trugen Steine zu Hauf, um zu werfen, und, ſo gerüſtet, erwarteten ſie den Angriff. Das hatte denn doch der Graf nicht erwartet. Er ſtutzte Anfangs und bedachte ſich; als aber das Volk ſchrie und höhnte, da ſprühte ſein Zorn und er griff an mit ſeiner Schaar; aber ₰ die Bauern klopften drauf, wie toll, und die Frauen, Mädchen und Buben ſchleuderten einen Hagel von Steinen auf die Reiſigen. Die Pferde wurden ſcheu, bäumten ſich und rannten zurück. Da 2 flog der Staub weg, ſo klopften die Bauern drauf und die Pickel⸗ hauben und Harniſche hatten manche Beule und das Blut rann aus mancher Quelle— ja, wenn der Graf ſeinen fliehenden Reiſigen nicht gefolgt wäre, ſo hätte er riskiren können, todt⸗ geſchlagen oder gefangen zu werden. „Da hätte denn nun ein Chriſtenmenſch den Jubel des Volkes ſehen ſollen! Das war ein Spektakel und Halloh über alle Maaßen.“ „Das nehm' ich ihnen nicht übel,“ ſagte Frau Linſenmeyer. „Es thut Einem auch einmal ein Sieg gut, wenn man der ſchwächere Theil iſt.“ Linſenmeyer ſchloß ſein Ohr und hielt ſeinen Faden feſt. „„Sie wußten gar nicht, was ſie im Siegestaumel treiben 2 ſollten. Alles jauchzte, hüpfte, tanzte auf offener Stugße. S alte Weiber und Männer folgten den Jungen—“ 8 „So was ſteckt im Langenſelbolder Holze ſeitdem,“ ſuiles Frau Linſenmeher ein;„ich merk's allemal zu Bernem oder wo ſonſt ein dürr' Holz rappelt und du dabei 22 „Schade, daß das Frankfurter Holz ſo ſteif iſt,“ rief diesmal, aus ſeiner Faſſung geriſſen, der geduldige Ehemann. „Was?“ ſchrie aber jetzt die Frau.„Bin ich dir nicht mehr flink genug? Gelt, Stengel's Lenchen nähmſt du lieber, die iſt flink? O, wenn ich dir nur den Gefallen thäte, das Zeitliche zu ſegnen! Aber— dem nicht ſo! Der liebe Gott läßt mich dir zur Strafe recht alt werden, bis dich keine mehr nimmt! Freu' dich nur nicht auf die zweite! Die Gönne thu' ich dir nicht an!“ Die Stimmen waren plötzlich ſo gellend geworden, daß Lieschen die Thür öffnete, welche aus dem Zimmer in den Laden ging, und bittend ſagte: „Vater und Mutter, ich bitt' um Gottes willen, höret doch zu hadern auf! Die Lente im Laden horchen und vor den Fenſtern ſteht ein ganzer Haufe müßigen Geſindels, die ſich halb todt lachen!“ Das wirkte gerade, wie wenn Waſſer in die Lohe gegoſſen wird. Ein Schamgefühl überkam Beide. Es wurde todtſtill im Zimmer. „Das Kind hat Recht,“ ſagte endlich halblaut Linſenmeher und reichte ſeine Hand hin.„Laß uns uns verſöhnen!“ bat er. War ihr Herz gerührt von dieſem Zeichen verſöhnlicher Geſinnung, oder war ſie ſich ihrer eigenen Schuld bewußt geworden — kurz, Frau Linſenmeyer ergriff die dargebotene Hand mit freundlicher Miene und es ſchien, als ſei der Friede hier ſicherer, als er unter Graf Diether zu Langenſelbold war. Wie ging's denn weiter?“ fragte ſie ihren Mann, um den zerriſſenen Faden wieder anznknüpfen. „Ich habe dir geſagt, daß ſie durch das Dorf tanzten, Alt wie Jung. Kein Hinderniß hielt mehr auf, denn die Tollheit wurde immer ausgelaſſener. Jetzt kamen ſie an den durchs Dorf fließenden Gründaubach. Durch! durch! riefen die Tänzer in maßloſem übermuthe. Das erſte Paar tanzt und ſtolpert und ſpringt in die Fluth des Baches hinein, deß Bette eben und ſandig war, und unter gellendem Gelächter und Jubelgeſchrei die ganze, lange Reihe durch.“ — 250— „Das muß ich ſagen!“ rief die jetzt ſehr andächtige Zuhörerin lachend aus.„Man ſollte meinen, denen wär' nun doch der übermuth abgekühlt worden!“ „Das iſt er auch,“ fuhr Linſenmeyer fort;„der Tollmuth endete auf dem anderen Ufer des Baches, denn das Waſſer war kalt. Eigentlich war das Ganze nur ein Höhnen auf deu abge⸗ fahrenen Landesherrn. Der hatte aber in Langenſelbold Leute, die ihm Alles hinterbrachten. Daß ihm das Blut in den Adern kochte, Rache an den übermüthigen Bauern zu nehmen, liegt auf der flachen Hand. Er ſchwur hoch und theuer, er wolle die tanzen lehren und ſeine Schmach gehörig abwaſchen! Daß Wort halten werde, ließ ſich keinen Augenblick bezweifeln, viic die Langenſelbolder ſich in Ruhe wiegten und meinten, er habe ſich einmal die Finger verbrannt, er komme nicht wieder. „Graf Diether ließ in aller Stille auf einen beſtimmten Tag ſeine Vaſallen und Helfer zum Heerbann aufrufen, die denn pünktlich eintrafen, und ſo rückte er mit ihnen eines Morgens vor Langen⸗ ſelbold, und als der Spießmann dem Schultheiß die Kunde brachte, fiel dieſer ſchier in eine Ohnmacht vor Schrecken, denn er hörte ſchon die Geißel ſauſen, die ihre Rücken treffen würde. Sie wollten ſich aber doch nicht wie Mäuſe in der Falle fangen laſſen, in die ſie ihre eigene Dummheit gelockt; daher ließ er denn auf den Rath ſchnell herbeigeeilter Nachbarn Sturm läuten. „Wieder ſammelte ſich Alles, was Leben und Athem hatte mit den ſchon bezeichneten Hausmannswaffen; aber es war ſeltſam, daß aller Muth fehlte. Ehe daher der Graf ernſtlich Miene machte, das Dorf anzugreifen, ſandten ſie den Schultheiß und den ehrwürdigen Pfarrherrn hinaus, daß ſie um gut Wetter anhielten und Friede machten. „Als der Graf ſah, wie ihnen das Herz in die Schuhe gerutſcht war, kam ihm ein ſpöttiſch Lachen an. Er war aber kein böſer Herr, ſondern mildherziger, als man glauben ſollte. Er ließ ſich abfinden; aber eine tüchtige Buße legte er ihnen auf; die Steuer mußten ſie alſobald baar und— damit ſie ihrer Shn — 251— eingedenk blieben, befahl Graf Diether, daß fortab der ihm zum Hohn unternommene Bachtanz auf ewige Zeiten müſſe getanzt werden am Kirchweih⸗ oder Erntefeſte. Vorher aber müſſe in dem Gottesdienſte der Pfarrer ihnen die Gewiſſen ſchärfen und ſie mit ſtrenger Rede gemahnen an die Pflichten der Unterthanen gegen die Obrigkeit. „Siehſt du, Annechriſtinchen, daher kommt der berühmte Bachtanz, zu dem das hochlöbliche Amt Ronneburg die Bürger unſerer freien Reichsſtadt einlädt. Mit dem Verlaufe der Zeit iſt das Unangenehme des Urſprungs ganz verſchwunden und verwiſcht worden, und es wurde ein heiteres, fröhliches Volksfeſt; ja, der Bachtanz iſt eine Ehre für die drei Paare, darauf ſie nicht wenig ſtolz ſind. Die übrigen aber, die zuſammenſtrömen, thun ſich bei Eſſen und Trinken ein Bene.“ Linſenmeyer hielt ein und ſeine Frau blickte ihn fragend an. „Iſt's aus?“ ſprach ſie endlich.„Wär' ich eine Langen⸗ ſelbolderin, ich hätt's nie gethan! Das iſt ja doch eigentlich eine freiwillige Fortpflanzung ihrer eigenen Schmach, da ſie jetzt Niemand mehr dazu zwingen will.“ „Wir Langenſelbolder ſind gutmüthige Leute,“ ſagte Linſen⸗ meher, nicht ohne Beziehung auf die wenige Augenblicke früher dargereichte Hand. „Weiß wohl!“ ſagte ſie ſoobert⸗„Es gibt allerlei Blitzableiter!“ „Wenn ſie nur wirken,“ ſprach lächelnd der Gewürzhändler. „Mehr verlangt man nicht! Drum gib mir deine Hand, Annechriſtinchen!“ Sie wies die ſeine zurück. „Wir ſind lange noch nicht am Ende,“ ſagte ſie.„Warum hat dich die Geſchichte denn alterirt? Hätteſt du nicht etwa Luſt, ſo einen heimathlichen Bachtanz mitzumachen?“ „Warum nicht, Annechriſtinchen, wenn du ihn mit mir tanzeſt! Himmel und Erde!“ rief er aus,„was wär' das ein Tänzerpaar!“ Unwillkürlich drängte ſich ihr das Bild auf. Sie malte es ſich in Gedanken aus, wie ſie, bei ihrem Umfange, ſich ausnehmen müßte, und unwiderſtehlich wirkte das auf ihre — 252— Sie lachte, daß ſie ſchütterte. Es war nun eine Eigenthümlichkeit der dicken Frau, daß wenn ſie einmal urkräftig ins Lachen kam, ein Ende deſſelben als ganz nahe nicht bevorſtand; ja, wenn Das, was urſprünglich den Lachreiz geweckt, fortwirkte, ſo artete es in eine gelinde Sorte des Lachkrampfes aus. Niemand aber war froher über dieſe Wendung der Dinge, als der Linſenmeyer, der am vorigen Abend erſt aus dem Wirths⸗ hauſe mit vollem Kopf und leerem Beutel heimgekehrt war und eine Gardinenpredigt anzuhören bekommen hatte, deren lebhafte Nachklänge ſich durch die Anmerkungen zu der Erzählung über den Urſprung des Bachtanzes zu Langenſelbold auffallend genug hindurchzogen. Es war Sonntag heute und morgen die Feſtlichkeit zu Langen⸗ ſelbold, als am zweiten Kirchweihtage. Langenſelbold war Linſen⸗ meyher's Heimath. An die fröhliche Kirchweihe dachte er noch immer mit Entzücken und es kam eine wahrhaft verzehrende Sehnſucht in ſein Herz, als er die Ankündigung des Amtes Ronneburg geleſen; denn ſeit vielen, langen Jahren war er nicht mehr zur Kirchweihe dort geweſen, obwohl er in Geſchäften bisweilen hinkam, da zwei Kleinkrämer dortſelbſt ihre Waaren bei ihm nahmen, auch hin und wieder ein Kapital auf dem Lande angelegt wurde, das ſonſt würde brach gelegen haben, wie denn auch eines in Langenſelbold ſtand. Seinem Wunſch aber ſtanden drei Dinge im Wege, wahre Berge, die er kaum zu bewältigen hoffen konnte. Wie ſein liebes Weib zu ihm im Geldpunkte ſtand, iſt aus dem Frühern zu ſchließen. Von ihr kam das Vermögen, das übrigens Linſenmeyer durch Fleiß und Tiüchtigkeit ſeit neunzehnjähriger Ehe gehörig vermehrt hatte. Sie war geizig, heftig, reizbar; aber ſie hatte auch ihre guten Seiten und an Gutmüthigkeit fehlte es ihr gar nicht, ſie ſaß nur etwas tief im Fleiſche. Manchmal vergingen viele Wochen in Frieden, aber wenn der unglückliche Linſenmeyer einmal im geſelligen Kreis ein Tröpflein zu trank, ſ 2 — 253— es merkte, oder daß ſie, wenn ſie während er ſchlief und ſie ſeinen Geldbeutel unterſuchte, ihn leer fand, dann ging ein Sturm los, der lange fort brauſte. So war der Geiz und die Furcht, der Laden möchte Noth leiden, obgleich der alte Vetter eine treubewährte Seele war, der Grund, warum ſie ſich hartnäckig gegen eine Landpartie ſtemmte, die ohnehin nur in ihrer Begleitung geſtattet werden konnte, wozu ſie ihre Eiferſucht trieb. Das letzte Hinderniß war das größte und am ſchwerſten zu beſeitigen, zumal gegen einen Ausflug nach Langenſelbold, wie ihn Linſenmeyer aus mehreren Beweggründen lebhaft wünſchte. Linſenmeyer hatte in Langenſelbold einen Bruder gehabt, den er herzlich liebte. Er hatte dort ein Spezereikrämchen gehabt, bei dem ihn der reichere Bruder, ohne daß es die ſcharfaufpaſſende Frau merkte, wohlwollend unterſtützte. Er war frühe Wittwer geworden und hinterließ, als er ſtarb, einen Sohn, den Gabriel, in einem Alter von vierzehn Jahren. Gabriel war ein bildſchöner Knabe, reich begabt und ausgeſtattet mit einem treuen, guten Gemüthe. Der Vater hatte ihm ein kleines Anweſen und einiges Baarvermögen hinterlaſſen. Linſenmeyer wurde ſein Vormund, und nie hing ein Vormund mit ſolcher Liebe an ſeinem Mündel, als Linſenmeyer an Gabriel. Der Knabe war in der Schule zu Langenſelbold von einem tüchtigen Lehrer wohl⸗ unterrichtet worden und der Pfarrer hatte ihm Privatunterricht gegeben, der von dem erfreulichſten Erfolge geweſen. Die Zeit der Wahl eines Berufes war nach der Confirmation gekommen. Gabriel's Neigung entſchied für den Kaufmannsſtand. Es war eine faſt natürlich gebotene Verpflichtung, daß ihn der Oheim zu ſich nahm; aber die Tante willigte erſt ein, als ein tüchtiges Lehrgeld ſtipulirt war.. Die große Bereitwilligkeit, womit Linſenmeyer auf die ſehr hohe Forderung ſeiner geizigen Frau einging, hätte ihr etwa Zweifel einflößen können, ob es bei der Berechnung deſſelben ſo ganz richtig zuginge, zumal Vormund, Lehrherr und innig liebender — *— 3 — 254— Oheim eine und dieſelbe Perſon waren; aber ſo weit verſtiegen ſich doch ihre ſonſt mißtrauiſchen Vorausſetungen nicht. Alſo kam der„Selbolder Gabriel,“ wie ſie ihn nannte, in das Haus Nummer 81 in der Fahrgaſſe, und Niemand freute ſich mehr darüber, als Lieschen, die nur ein Jahr jünger als Gabriel, den ſchönen, muntern, gutmüthigen Knaben ungemein lieb hatte. Sie ſah in ihm einen lieben Bruder, er in Lieschen die liebe Schweſter, und ein Verhältniß zwiſchen Geſchwiſtern konnte nicht inniger und hingebender ſein, als das zwiſchen ihnen, und hinwiederum konnte dies für Niemanden erfreulicher ſein, als für den Oheim und Vater, der ſie als ein glückliches Paar gar lange ſchon in ſeinem ſtillen Herzenskämmerlein für einander eſtimmt hatte. Der ehrliche Kreuzträger wußte indeſſen gar wohl, daß er ſolch einen Wunſch tief in ſich vergraben mußte; denn ſeine Frau war als Reichsſtadtbürgerin ſo ſtolz, wie nur irgend eine Patrizierin hätte ſein können, die aus dem Hauſe Limpurg ihre Geſchlechts⸗ tafeln holte. Ihres Kindes Reichthum und Schönheit verhieß ihrem Geiſt einen Schwiegerſohn, der wenigſtens die drei verhäng⸗ nißvollen Buchſtaben J. U. D. an ſeinen Namen fügen durfte oder ſonſt eine hervorragende Stellung unter den Mitbürgern höhern Rangs einnahm.„ Das geſchwiſterliche Verhältniß der beiden jungen Leute nahm indeſſen in dem Grade ab, als ſie gegenſeitig erkannten, ſie ſeien ſchön und liebenswürdig. Im ſechzehnten Jahre Lieschen's war es rein abhanden gekommen, denn ſie hatten ſich bereits ohne Umſtände ewige Liebe und Treue geſchworen und meinten es damit ſo durch und durch ernſt, daß ſie darauf zu leben und zu ſterben bereit waren. Unglücklicher Weiſe war die Mutter und Tante einmal dazugekommen, als ſie, wer weiß zum wievielten Male, das Gelöbniß mit heißen Küſſen beſiegelten. Armes Paar! Nun war für den Zorn der dicken Frau die Welt zu enge. Sie tobte, raſte, ſchrie wie beſeſſen. Sie war davon ſo alterirt, daß nichts Geringeres als ein Schl — — 255— befürchten ſtand. Ein Arzt wurde gerufen, der aber bei dem runden, fetten Arme der Patientin endlos lange nach dem geeigneten Blutſtrome ſuchen mußte, daß es ſchier zu ſpät war. Endlich fand er ihn, und das entſtrömende Blut, das edelſte Naß, der edelſte Saft, erleichterte ſie ungemein, ohne daß darum ihr Zorn damit entſtrömt wäre. Wollte der arme Linſenmeyer wohl oder übel— der gute Gabriel mußte fort. Wäre er in Frankfurt geblieben, ſo wäre das übel nicht geheilt worden. Obgleich Gabriel, da Linſenmeyer als ein tüchtiger Kaufmann in der Reichsſtadt bekannt und geachtet war, überall mit Freuden wäre aufgenommen worden, ſo kam er in einer letzten, ſchmerzlichen Unterredung mit dem Oheim doch ſelber darauf, daß er dem Frieden des geliebten väterlichen Freundes das Opfer bringen müſſe, jenſeit des Bodens, wo ſein geliebtes Lieschen weilte, ein Fortkommen zu ſuchen. Das ließ ſich nun nicht ſogleich herbeizaubern, und Gabriel entſchloß ſich mit der Billigung ſeines theuern Oheims, der ſeine Liebe kannte und billigte, nach Langenſelbold zu gehen. Dort blühte ihm unerwartet eine köſtliche Ausſicht. Der Schreiber des Herrn Amtsraths war wegen etlicher, erklecklicher Malefizſtreiche, was man ſo nennt, fortgejagt worden und die Stelle zu nicht geringer Unbequemlichkeit des Beamten weder erſetzt, noch ſtand eine geeignete Perſönlichkeit zu greifen. Kaum hörte daher der Herr Amtsrath, der Gabriel Linſenmeyer ſei, nach vollbrachter, wohlbeſtandener Lehrzeit zu Beſuch in ſeiner Heimath angelangt, als der Amtsdiener beordert wurde, ihn vor Amt zu beſcheiden. Gabriel erſchrack, aber ſein Schrecken ſchlug in Freude um, als der freundliche Amtsrath ihm ſeine Eröffnungen machte und ihm ein Gehalt bot, wie er es als Ladengehilfe in Frankfurt oder Gelnhauſen nicht im Entfernteſten erwarten durfte. Da war denn der Pact ſchnell gemacht und Gabriel trat ſeine Stelle zur großen Freude des geſtrengen Herrn Amtsraths ſogleich an, und Seiner Geſtrengen waren in wenigen Tagen ſo weit, ſich glücklich zu preiſen, da der ganze Menſch„gewürfelt und geſchält“ war und — 256— gebraucht werden konnte, wohin man ihn zu ſtellen für gut fand. Gabriel pries ſich glücklich, daß er in tüchtiger Arbeit ein Heilmittel für ſeinen Herzenskummer fand. Aber in Nummer 81 in der Fahrgaſſe zu Frankfurt wurden zwei wunderſchöne blaue Augen nicht mehr trocten. Zwei liebliche Roſen auf den reizendſten Wangen erbleichten und die liebliche Nachtigallenſtimme, deren melodiſche Töne im Hauſe ſonſt wieder⸗ hallten, verſtummte; aber die Mutter ſchien nicht zu bemerken, was dem Vater ſchwer das Herz abdrückte. Wenn nun Linſenmeyer die Heimath gerne wiederſehen wollte, ſo lag dieſem Wunſche der tiefere zum Grunde, Gabriel wieder⸗ zuſehen und ſeinem Lieschen das höchſte Glück zu bereiten. Allein durfte er das hoffen? ⸗ Alle ſeine Beſtrebungen, ſeiner Frau Intereſſe an dem berühmten Bachtanz einzuflößen, war vergeblich geweſen. Glück⸗ licher Weiſe hatte ihr Lachen begonnen. Darauf gründete er noch einige Hoffnung. Sie lachte in Einem fort, daß ſie ſchütterte. Lieschen ſelbſt trat zum Thürfenſterchen, blickte herein und konnte beim Anblicke der lachenden Mutter dem mächtigen Reize kaum Widerſtand leiſten. Frau Linſenmeher ſah ſich noch immer mit ihrem Manne durch den Bach tanzen, hörte das Gelächter der Zuſchauer und lachte immer heftiger. 8 „Wie wär's deny, Annechriſtinchen, wenn wir morgen nach Langenſelbold führen und Einen riskirten?“ ſagte er.„Schlag“ ein!“ er hielt ihr die Hand hin. Sie ſchlug nach ihm, wie ſie das nur in der beſten Laune* that. „Soll ich eine Kutſche beſtellen?“ fragte er. Sie nickte und lachte fort. In ſolchem Zuſtande wüßte ſie kaum, was ſie that. Aber wie ein Blitz fuhr Linſenmeher auf und in ſeinen Rock, ſetzte das Dreimaſterchen auf, ergriff das Rohr und war hinter der Thüre verſchwunden. Sie wollte rufen, aber ſie kam nicht dazu, und als ſie * ſo weit war, daß ſie hätte rufen können, er ſolle dableiben, war es zu ſpät. Als er zurück kam, war der Lachkrampf vorüber, nicht die ungünſtige Stimmung gegen die Fahrt nach Langenſelbold. „Du wirſt doch keine Kutſche beſtellt haben?“ rief ſie ihn an. „Ei gewiß,“ erwiederte er verwundert.„Du haſt es ja befohlen und ich habe als guter Ehemann gehorcht.“ „Das ſind mir ſchöne Geſchichten!“ eiferte ſie.„Beſtell' mir die Kutſche nur fogleich wieder ab.“ „Das geht nicht,“ verſetzte er.„Der Kutſcher ſagte: Iſt es denn auch gewiß? Morgen iſt für Unſereinen viel zu verdienen.“ „Ich werde doch mein Wort nicht brechen!“ verſetzte ich drauf. „Man weiß, wie's geht,“ ſagte der Kutſcher.„Wißt Ihr was, bezahlt mir die zwei Kronenthaler, ſo ſoll's gewiß ſein!“ „Unbedenklich gab ich ſie ihm. Fahren wir nun nicht, ſo ſind die fort!“ „Wenn ſo etwas nach deinem Köpfchen iſt, ſo biſt du wie Pulver!“ eiferte ſie fort. „Annechriſtinchen, es ſind zwei Dinge, um deren willen ich heute oder morgen doch nach Langenſelbold muß. Da geht's ſo in Einem hin.“ 4„Was iſt denn das wieder?“ fragte ſie. „Du weißt, daß ich Gabriel's Vormund bin und vor dem geſtrengen Heyrn Amtsrath meine Vormundſchaftsrechnung ablegen neß, da Gabriel in acht Tagen volljährig wird. Sie iſt geſtellt und ich muß ſie ſelber abgeben, um eine amtliche Quittirung in Händen zu haben. Das iſt das Eine; das Andere aber geht uns ſelber an. Ich habe, wie du weißt, der Wittwe Köhler auf ihr Häuschen dreihundert Gulden geliehen und einen Pfandbrief darüber in Händen. Nun hat die Frau ſeit zwei Jahren ihre . n nicht bezahlt. Da thät's Noth, daß ich einmal Feuer mache. Man kann doch nicht Alles in die Schanze lie Sie ſah lange vor ſich hing und hwiehe — 17 — 258— „Wenn's ſo iſt,“ ſagte ſie endlich,„ſo mag's in des Kuckucks Namen denn dabei bleiben. Du haſt Recht,“ fuhr ſie fort.„Wir ſind ohnehin gegen das Lumpenzeug zu nachſichtig.— Zwei Kronenthaler!“ brummte ſie in den Bart.„Das gibt ein theurer blauer Montag! Aber,“ ſprach ſie laut,„ſind ſie bezahlt und iſt an eine Rückgabe nicht zu denken, ſo wollen wir auch etwas dafür haben.“ „So denk' ich auch,“ verſetzte Linſenmeyer.„Ich hab' die Kutſche auf ſechs Uhr beſtellt, wenn dir's recht iſt?“ „Meinetwegen!“ war die Antwort. „Lieschen fährt doch mit?“ fragte er. „Auch noch?“ rief ſie.„Weißt du nicht, wie viel Uhr es da iſt?“ „Nun, wenn's drei Viertel auf Zwölf wäre, wär's doch eine Schande und Schmach, wenn wir Alten uns einen frohen Tag machten und ließen das Kind daheim. Was würde die Nachbar⸗ ſchaft, beſonders der giftige Stengel ſagen?“ „Sie mag ſagen, was ſie will!“ ſchrie Frau Linſenmeyer. „Ich kann thun, was ich will! Da wird der Gabriel um ſie herumſchwänzeln und am Ende geht's wieder, wie droben im Stübchen, wo ſie ſich herzten und küßten, bis ich dazwiſchen fuhr!“ „Nun, du haſt ſie ja bei dir,“ ſagte pathetiſch der Gewürz⸗ händler.„Wie könnte ſie beſſer bewacht ſeyn? Du liebſt das Bild von der Henne und dem Küchlein,“ fuhr er fort.„Es iſt gewiß ein ſehr richtiges, wenn die ſorgende Mutterliebe alſo abgebildet wird. Ich will darum das Bild auch gebrauchen und dich fragen: Was könnte dem Küchlein begegnen, wenn es unter den ſchirmenden Flügeln der Glucke— Henne, wollte ich ſagen, ſeinen Schutz findet? Siehſt du, ich werde ſchier ein Dichter!“ „Meiner Sechs!“ rief ſie lachend, denn das Bild hatte ihr geſchmeichelt, und alle Einwände, Beſorgniſſe und Zweifel ſanken „Lieſi!“ rief ſie und das engelſchöne Mädchen trat in die Dh „Richte mein voſaſeidenes Kleid, nebſt dem Schlender; das 4 — und auf die waldreichen Höhen, die es umgeben. — 259— Spitzenaufſätzchen und meine Sonntagsſchuhe mit den rothen Abſätzchen zurecht, und ſorg' dafür, daß du dein weißes Kleid in Ordnung haſt.“ „Warum denn?“ fragte faſt theilnahmlos das Mädchen. „Morgen früh um ſechs Uhr fahren wir nach Langenſelbold!“ ergänzte die Mutter.„Es iſt Kirchweih dorten!“ Bei der Nennung des Namens„Langenſelbold“ durchzuckte es das Mädchen. Eine Flamme ſchlug aus ihrem ſchönen Geſichtchen. Sie blickte zweifelnd zu ihrem Vater hin. Der nickte ihr, bedeutſam lächelnd, zu, und ſchnell flog ſie wieder in den Laden. Es war ein Glück, daß Frau Linſenmeyer grade in den Spiegel ſah und in Gedanken erwog, wie ſie in dem roſenrothen, ſchweren Seidenkleide und dem Schlender, nebſt dem Spitzen⸗ aufſätzchen ſich ausnehmen würde und daher weder des Kindes freudigen Schreck, noch ihr Erröthen, noch des Vaters bedeutſames Zunicken ſah. Daß die dicke Frau noch eitel war, konnte nicht auf ihre perſönliche Rechnung geſetzt werden. Sie war ja eine Tochter Eva's und ſo war's— ein Geſchlechtsfehler! II. über Berge und Höh'n, über Flüſſe und See'n— Fehlt Brücke und Steg— Findet Liebe den Weg. Altes Lied. An dem Morgen, als in der Fahrgaſſe zu Franffurt am Main, in Nummer 81, Das ſich ereignete, was das vorige Kapitel erzählt hat, war, was man in der Fahrgaſſe kaum ſah, die Sonne in wunderbarer Pracht an einem völlig wolkenloſen, tiefblauen Himmel heraufgeſtiegen und leuchtete gar herrlich in das ſchöne 102 — 260— In der letzten Nacht war ein Gewitter vorübergezogen und hatte den reichen Segen eines erquickenden Regens über Wald und Flur ausgegoſſen, der um ſo mehr erfriſchte, als acht heiße, trockene Tage ihm vorausgegangen waren und die Natur wahrhaft nach Erquickung lechzte. Es war ein Regenguß geweſen, der nicht ſo heftig war, daß er die Bäche angeſchwellt hätte und doch deichte er hin, ihre Fluth zu mehren und dem Bedürfniß zu genügen. Die kaum gemäheten Wieſen prangten im üppigſten, ſaftigſten Grün, die Erntefelder wogten mit ihrer goldenen Körnerlaſt der nahen Ernte entgegen. Wald und Strauch hauchten belebende Düfte aus, und war auch das Lied der Nachtigall verſtummt, ſo ſchmetterte doch des Finken Lied überall. Die Droſſeln ſangen auf den Höhen; der vielartige Geſang der Golddroſſel klang hell aus dem Wald und ſelbſt der Kuckuck rief noch einmal, wenn auch verſpätet, ſeinen eintönigen Ruf in die reine Morgenluft. Lerchen ſtiegen trillernd aus den Ahrenfeldern auf und wiegten ſich ſingend im reinen Ather, und die Turtel⸗ und Holztaube gurrte fröhlich im Dickicht. Es war einer jener Sommermorgen, wo auch die gedrückte Menſchenbruſt einmal frei aufathmet und freudiger zu Dem aufblickt,. der keines ſeiner Weſen vergißt und ſie zu ſegnen nicht müde wird. Es athmet die Bruſt ſo frei und ein Strahl der allgemeinen Heiterkeit, der in der Schöpfung überall dem Menſchenherzen entgegenlacht, fällt auch in ſeine Tiefe und macht es froh und heiter. So etwas mußte auch der Mann empfinden, der auf dem Röthelberg am Stamm einer uralten mächtigen Buche ſaß und ſein glänzendes Auge über die reiche und ſchöne Landſchaft ſchweifen ließ, die ſich zu ſeinen Füßen ausbreitete. Es war ein Mann in ſeinen beſten Jahren. Er war groß und von männlich edler Haltung. Aus dem ſchöngeformten Geſichte, deſſen Ausdruck viel Herzensgüte verrieth, blickten ein Paar große, geiſtreiche Augen. Er trug ein Kleid, wie etwa ein Revierförſter jener Tage es zu tragen pflegte. Grün war es und von feinem Tuch, und der ganze ſchmale Kragen, der eigentlich nu k 6 66 „ — 261— ein Streifen war, beſtand aus ſchwarzem Sammte. Die Ecken des breitſchößigen Rockes waren auf beiden Seiten umgebogen und durch ungeheure, vergoldete, oben auf ihrer Fläche geriefte Metall⸗ knöpfe gehalten, dergleichen auch je drei auf jeder der Klappen der Seitenſäcke, vornen auf der Bruſt und auf den ungeheuren, faſt bis zum Ellenbogen reichenden Irmelaufſchlägen ſaßen. Die lange, bis auf die Schenkel reichende Weſte war ſcharlachroth und mit Gold⸗ borden beſetzt. Die kurzen Hoſen waren von ſchwarzem Sammt und die langen Stiefel reichten bis zu ihnen hinan. Was am auffälligſten war, beſtand darin, daß er keine Perrücke trug und keinen Puder in dem ſchönen, braunen Haare, das, ſehr einfach friſirt, hinten in einen langen Zopf auslief, wie wir ihn auf den Bildern Friedrich's des Großen zu ſehen gewohnt ſind. Ein dreieckiger Federhut, wie ihn ebenfalls der alte Held zu tragen pflegte, deckte das edle Haupt. Der militäriſche Zuſchnitt ſeines Rockes, der Hirſchfänger mit ſilbernem, reichvergoldetem Heft und das damals noch ſehr ſeltene Doppelgewehr ließ auf einen hochgeſtellten Waidmann ſchließen, wozu denn auch der ſchöne Hühnerhund beitrug, der gehorſam zu ſeinen Füßen lag. Wer ihn ſo ſah und mit den Verhältniſſen des gräflich Menburgiſchen Amtes Ronneburg einigermaßen bekannt war und wußte, daß vor etwa acht Wochen der alte Herr Revierförſter ſeligen Todes verblichen war, mußte auf den naheliegenden Gedanken kommen, das ſei ohne Zweifel ſein Amtsnachfolger, der auf dem Wege nach Langenſelbold ſei, wo ſeine Station war. Nun, der hätte es beſſer nicht treffen können, denn heute war Kirchweihe im Dorfe, wo es hoch her ging, und morgen war der weltberühmte Bachtanz, und ſo etwas Extra's hatte ſicherlich der neue Herr Revierförſter auch noch nicht geſehen. Es war noch ziemlich früh am Tag. Auf der ſchönen Landſchaft ruhte der Sabbathfrieden, der ihr einen bezaubernden Reiz verlieh. Gerade vor dem Blicke des Lagernden lag, in einer Entfernung einer halben Stunde etwa, der große, ſchöne, wohlhäbig ausſehende Ort Langenſelbold, zuſammengewachſen im Laufe der 3 — 262— Zeit aus den Dorfſchaften Oberdorf, Hinſendorf, Hauſen und Kloſterberg, und die Sonnenſtrahlen glitzerten in den großen Fenſtern des ſchön gelegenen höchfürſtlich Wſenburgiſchen Schloſſes zu Langenſelbold. Lange weilte der Blick des Mannes auf dieſem Ort, aber kein Laut verrieth, welche Gedanken durch die Bruſt zogen— bis die Glocken drunten zur Kirche riefen und die Luft den mächtigen Klang des Geläutes zum Ohre des Ruhenden trug; da ſtrahlte ſein Auge eigenthümlich; der Ausdruck ſeines Antlitzes wurde feierlich; die Hände falteten ſich und er blickte ſtarr hinauf zu dem blauen Himmel, der ſich ſo rein über dem Thale wölbte. Der Mann redete aus tiefem Herzensgrunde mit ſeinem Herrn und Gott, und vielleicht waren nicht Viele da drunten in des Dorfes Kirche ſo andächtig, wie er hier, wo die herrliche Schöpfung eine Predigt hielt über den Tert:„Herr, wie ſind deine Werke ſo groß und viel; du haſt ſie alle herrlich geordnet, und die Erde iſt voll deiner Güte!“ und ein ſtilles und doch ſo laut hinſchallendes Loblied anſtimmte, das in des Mannes Bruſt wiederklang und lautete:„Lobe den Herrn, meine Seele, und Alles, was in mir iſt, ſeinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat!“— Das Geläute war lange verhallt, als der Blick des Mannes wieder auf die reizende Landſchaft fiel, aber er war wie verklärt und eine eigenthümliche, wunderbare Heiterkeit lag auf ſeinem Geſichte. Vom Kloſterberge ſenkten ſich, vom Grüne der Gärten und Obſtbäume untermiſcht, die Häuſer Langenſelbolds zum Gründau⸗ thale hinab. Rechts öffnete ſich das flache Land, wo friſches Grün mit dem Golde der reifen Saaten wechſelte, und zog ſich in unabſehbare Ferne bis zu den Höhen, hinter denen der Main und der Rhein ihre Fluthen wälzen und endlich miſchen. Etwas links von Langenſelbold ruhte der Blick auf der nicht allzu weit entfernten, uralten Reichsſtadt Gelnhauſen mit ihren Mauern und Thürmen und der Burg, wo einſt Deutſchlands edelſter Kaiſer, der große Rothbart, weilte und Hof hielt. — 263— Da traten alte Mähren zur Seele des Mannes und eine große, aber ſtürmiſche Zeit ging an ſeinem innern Ange vorüber. Noch weiter links ſtieg die ſteile Höhe aus dem Gründauthal auf, von der die ehrwürdige Bergkirche ſegnend auf die ſieben Dorſſchaften herabblickt, denen ſie der geheiligte Ort ihrer Anbetung iſt, von dannen ſie Troſt und Frieden holen für die Tage des irdiſchen Werkes. Wandte ſein Blick ſich noch mehr links, ſo ſtellte ſich ihm die hoch gelegene, einſt mächtige Ronneburg dar mit ihren Mauerreſten und Thürmen, während der dunkle Vogelsberg den Horizont abſchloß. Grade aus aber, über Langenſelbold hinweg, ſtiegen die dunkeln Höhen des Freigerichts empor und ſetzten dem ſchweifenden Blick eine Grenze. So ſchön aber auch das Rundgemälde war, immer kehrte der Blick des Mannes wieder auf das reiche, geſegnete, vom Gründau⸗ bache durchfloſſene Thalbecken zurück, in deſſen Schvoße Langenſelbold lag im goldenen Lichte der Morgenſonne. Aus den Schornſteinen des Dorfes ſtiegen blaue Rauchſäulen kerzengerade in die reine, von keinem Windhauche bewegte Luft. Der Forſtmann hatte Alles um ſich vergeſſen, bis ihn das Knurren ſeines Hühnerhundes wieder zu dem Orte zurückführte, von wo aus ſeine Gedanken zu den lichten Höhen des Himmels und zu den niedrigeren, dunkelbewaldeten der Erde hingeſtreift waren. „Was haſt du vor, Caro?“ ſagte er und legte ſeine Hand auf den ſchönen Kopf des klugen Thieres. Der Hund hob ſeine Naſe in die Höhe, ſchaute links aus, wo ſich ein Hohlweg aus dem Thale herauf, dem Walde zu wand und gab aufs Neue und ſtärker Laut. Die Augen des Waidmannes folgten der Richtung des Hundes und blickten alsbald in ein friſches, bilvſchönes Jünglingsgeſicht, das neugierig aus dem Hohlweg auftauchte und über den grünen Rand deſſelben zu dem Fremden herüberſchaute. Als der Fremde ihn anſah, lüftete er ſein kleines, grün⸗ tuchenes, mit Goldfäden über den Nähten verziertes und rundum mit dickem Marderpelz verbrämtes Käppchen und wünſchte einen guten Morgen mit jugendlich heiterem, gutmüthigem Ausdrucke. —— — 264— Dem Jägersmanne gefiel das hübſche Geſicht des Burſchen. Er grüßte freundlich zurück und winkte ihm, zu ihm zu kommen. Ein ſchnellkräftiger Sprung— und der ſchlanke, hochgewachſene Burſche ſtand auf dem Ufer des Hohlwegs und bald darauf, das Käppchen höflich in der Linken haltend, an ſeiner Seite. Der Burſche war in die Tracht der Langenſelbolder gekleidet, woher er auch war und jetzt kam. Er trug die bis zur Hüfte reichende blautuchene Jacke und die eben ſo lang herabgehende Weſte von gleichem Stoff und Farbe darunter, die weißen, kurzen Leinenhoſen und die bis zum Knie heraufreichenden Gamaſchen und die weißlinnene Schärpe. In der rechten Hand trug er einen neuen Milchtopf. Durch das Abnehmen ſeines Mützchens quollen die hellblonden Locken in üppiger Fülle um den ſchönen Kopf und er mußte ſie durch eine Bewegung des Kopfes aus dem Geſichte zurückwerfen. „Setz' deine Kappe doch auf,“ ſagte der Jägersmann, den der Burſche neugierig betrachtete und mit den Augen maß. „Gewiß der neue, geſtrenge Herr Revierförſter?“ fragte er und man ſah, es lag ihm etwas daran, über die Perſon ins Reine zu kommen, vor welcher er ſtand. „Und wenn ich das wäre?“ fragte lächelnd der Jägersmann. „Ei, ſo freute ich mich, Euch den erſten guten Morgen zu bieten.“ „Ich aber freute mich darüber nicht!“ ſprach der Jägersmann. Erſchrocken ſah ihn der Burſche an. „Hab' ich Euch denn ein Leides gethan?“ fragte er. „Nein,“ war die Antwort;„aber es würde mich mehr gefreut haben, wenn ich dich nach der Kirche, ſtatt während derſelben hier gefunden hätte.“ „Das heißt, Ihr hättet es lieber geſehen, wenn ich in die Kirche, ſtatt neben dran vorbeigegangen wäre?“ ſprach verlegen der junge Burſche. „Grade ſo meinte ich's!“ „Da habt Ihr Recht, und ich thue es auch niemals; aber heute—“ — 265— „Nun was hat dich denn heute neben die Kirche zu gehen genöthigt?“ „Wollt Ihr mir erlauben, geſtrenger Herr, daß ich mich ein Bischen ſetze, ſo erzähl' ich's Euch ehrlich und nahrgi 4 „Thu's!“ Der Burſche ſetzte ſich und hob an: „Des geſtrengen Herrn Amtsrathes Schreiber, der Gabriel, iſt mein Spiel⸗ und Schulkamerad und Nachbarsſohn. Der war lange zu Frankfurt bei ſeinem Vatersbruder, wo er die Kaufmann⸗ ſchaft lernte. Der Gabriel iſt eine Waiſe, denn Vater und Mutter ſind ſchon gar lange todt, und der alte Linſenmeyer in der Fahrgaß hat ein einzig Kind, ein Mädchen, das juſt ſo alt iſt, wie der Gabriel. Der iſt ein ſauberer Bub und das ſoll auch gar hübſch ſein— kurz— Herr— die hatten ſich lieb. Der Linſen⸗ meyer hätt' nun nichts dagegen gehabt— aber die Mutter, wißt Ihr, das iſt ſo eine aufgeblaſene Frankfurterin; die meinen, weil ſie in einer freien Reichsſtadt zu Haus ſind, ſo ſeien ſie ein gut Theil mehr und beſſer, als ein Langenſelbolder Kind. Kurzum, der Gabriel mußte fort und ſeit Jahr und Tag iſt er nicht in Frankfurt geweſen und hat ſein lieb Lieschen nicht geſehen. Nun weiß der liebe Gott, wie's zugeht, morgen kommen ſie alle hierher, nämlich zum Bachtanz. Da möcht' nun der Gabriel Alles thun, was der hochmüthigen Mutter gefällt. Sie ißt aber nichts lieber, als Erdbeeren. Nun hab' ich ihm verſprochen, die zu ſuchen, weil ich weiß, wo ihrer viele im Walde ſtehen; denn er will ſie damit traktiren— ich weiß nicht— ich glaub' Kaltſchale hat er das Ding geheißen, das er draus machen will. Soll ich ſie ihm Kun holen, ſo muß ich's heute thun— denn heute Mittag k ich nicht und morgen gar nicht, und Ihr wißt doch, daß man einem ſo guten Kameraden Alles thut. Zudem hat er die Nachricht erſt heut' Morgen gekriegt, daß ſie kommen. Ich glaub', das Lieschen hat's ihm geſchrieben, und ſeitdem iſt wieder Leben in den guten, traurigen Jungen gekommen— er war gar traurig— weil er das Lieschen abſolut nicht lieb haben ſollte— und ſo was kann — 266— man doch nicht verbieten und es kann's auch Keiner, wenn's ihm befohlen wird, ſo aus der Bruſt raus reißen, wie das Unkraut im Garten!“ „Ja freilich!“ ſagte der Waidmann;„aber man meint, du redeteſt aus Erfahrung? Wie heißt du denn?“ Der Burſche erröthete wie ein Mädchen und blickte verwirrt zum Mooſe des Bodens, auf dem Beide ſaßen. Er ſagte nach einer kleinen Pauſe: „Ich heiße Jacob Köhler und bin der Sohn der Wittwe Köhler, die neben dem Schulhauſe wohnt.“ Der Fremde hatte das Erröthen und die Verlegenheit wohl bemerkt. Das offene, trauliche Geplauder des gemüthlichen Burſchen gefiel ihm ungemein. Der war indeſſen aufgeſtanden, um in den Wald zu gehen, vielleicht einem Herzensexamen auszu⸗ weichen, das nach den letzten Worten des Waidmanns ihm zu drohen ſchien. Dieſer war indeſſen nicht geneigt, ihn ſich entwiſchen zu laſſen. „Du eilſt ja ſehr?“ ſagte er. „Ich muß, Herr, denn den Topf da voll Erdbeeren zu pflücken, iſt ein Stück Arbeit, zu dem man Zeit nöthig hat, zumal ſie jetzt überreif und zum Theil ſchon abgefallen ſind.“ „Das iſt richtig. Aber weißt du was, Jacob? Ich gehe mit dir und helfe dir!“ „Ach, Ihr ſcherzt, geſtrenger Herr! Wie dürft' ich das annehmen?“ „Wenn's mir nun Spaß macht, närriſcher Kerl? Ich habe nichts zu verſäumen und komme immer noch früh genug zum Bachtanz.“ „Ach, wollt Ihr den auch'mal ſehen?“ „Gewiß!“ „Ich tanze auch mit!“ „Du?“ „Ja.“ „Wieviel Paare tanzen denn?“ „ „Dreie.“ „Thut das, wer will?“ „Ei, bewahre Gott! Die Burſche des Dorfes wählen die Burſche und die Mädchen, die mit ihnen tanzen ſollen.“ „Da kann's ja kommen, daß Einer mit einem Mädchen tanzen muß, das er nicht leiden mag?“ „Man ſieht, Ihr verſteht nichts von der Sache,“ lachte Jacob.„Dafür iſt ſchon geſorgt. Sie wählen nur ſolche, die ſich lieb haben, und wählen nur die, welche ſie überhaupt gut leiden können.“ „Oder die beſonders brav „Auch ſolche! Schlechte Buben und ſolche, die vor beſtraft worden ſind, kommen nicht dazu⸗“ Der Waidmann war aufgeſtanden, hatte ſeine Flinte umge⸗ hängt und war ſchon unter dieſem Geſpräche mit Jacob tiefer in den Wald gegangen. Dieſer kannte genau den Wald. Er führte den Fremden endlich in eine Senkung und dort ſtanden noch eine Menge rothleuchtender, wunderbar duftender Erdbeeren. Schnell hockte ſich nun Jacob und begann zu pflücken. Auch der Fremde folgte ſeinem Beiſpiel, nahm ein breites, tellerartiges Huflattigblatt und pflückte ſo wacker, daß er bald einen rothen Haufen der ſchönſten Früchte auf ſeinem Blatte hielt, und dieſe nun in den Topf ableerte. Er ſah es indeſſen ein, daß Jacob ſich auf das Geſchäft beſſer verſtand, denn er. Nicht nur ging das Füllen des Topfes ſehr langſam vor ſich, ſondern es ging auch eine außerordentlich lange Zeit auf das Fflücken ſelbſt, das auch eine abſonderliche Vorſicht erheiſchte, weil man ſonſt in Gefahr kam, die überreifen Beeren zu zerdrücken. Sie pflückten unermüdlich fort. Endlich ſagte Jacob: „Ach, Herr Revierförſter, ich bitt' Euch inſtändigſt, bemüht Euch doch nicht ſo. Ich pflücke ein Bischen länger und kömme doch dahin.“ Der Waidmann fand doch nachgerade das Bücken uben 8 — 268— und unangenehm; er ſetzte ſich, um auszuruhen, und ZJacob beeiferte ſich um ſo mehr, damit der vornehme Herr nicht noch einmal in ſeiner gar zu freundlichen Geſinnung ſich quäle für ihn. In ſeinem Innern führte er aber ein ſtilles Geſpräch mit'“ ſich ſelber, das etwa ſo lautete: „Nein, das muß ich ſagen, das iſt ein lieber Mann! Der Andere, nun Gott ſei ſeiner Seele gnädig, das war ein Unhold, der immer eine Hetzpeitſche bei ſich trug, und wenn er einen Frevler fand, den als einmal durchkarpatſchte und durchwalkte, daß ſie nach Gott ſchrien; gab auch keinem armen Teufel Streu⸗ laub, wenn Stroh fehlte. Der wackelt gewiß keinen bis auf die wunde Haut durch und gibt mir auch'mal Streulaub, wenn ich kein Stroh habe.“ Als Jacob ſeinen Milchtopf über die Hälfte voll hatte, brach der Waidmann auf und ging, weil es ihm ſonſt, wie er ſagte, zu heiß werde. Jacob führte ihn freundlich in den Weg und wandte ſich dann mehr rechts, jener Gegend zu, wo er den Fremden gefunden hatte. Hier waren aber die Erdbeeren ſeltener, und der Fremde war gewiß länger ſchon als eine gute Stunde in Langenſelbold drunten, da war erſt der Topf voll und Jacob trat aus dem Walde hervor und ſetzte ſich an die Stelle, wo der Waidmann geſeſſen hatte. Lange ſah er ſinnend und ſich ergötzend in die ſchöne Land⸗ ſchaft hinaus, dann ſagte er zu ſich ſelbſt: „Mein' Seel', das iſt ein feiner Herr, ein Menſchenfreund, der Revierförſter! Kümmert ſich drum, ob die Leute in die Kirche gehen. Damit käme man ſo einem verweltlichten Grünrocke gerade an! Die geh'n lieber Sonntags auf die Jagd, als in die Kirche. Ja, er geht mit mir, einem armen Bauernknaben, Erdbeeren brechen! Langenſelbold kann ſich da mal Glück wünſchen! Er will auch den Bachtanz ſehen. Da freut's mich, daß ich dabei bin! Aber— wird's auch der hochmüthige Obermüller zugeben?„Ach, nnchen, du mein Leben! du meiner Seele Luſt!“— Du lieber * — 269— Gott, dem armen Gabriel geht's um kein Haar beſſer wie mir! Hat fort gemußt! Und da iſt's der Sadrach von Frau. Ja, ſo eine alte Hexe kann mit ihrem Geiz und Hochmuth zwei junge Herzen zu Tode bluten machen. Und ſie waren doch auch einmal jung und ſollten doch wiſſen, wie weh es thut, wenn man ſein Lieb meiden muß. „Meid' ich's dann?“ fragte er ſich.„O du pfiffiger Ober⸗ müller, der du das Gras wachſen ſiehſt und die Flöhe huſten hörſt— du wirſt doch mal getrillt! Der Pappelbaum und das Fenſter im Kämmerlein ſind grade nohe genug, daß man einander verſteht, wenn kein Wind in der Krone der Pappel wühlt und rauſcht, und der alte Cartuſch kennt mich von ferne. Ja, ſo einen Köder kann man ſich gewogen machen, aber ſo ein ſtörrig Herz nicht. „Recht iſt's nicht, das iſt freilich wahr, daß ich heimlich das Innchen ſehe und von ferne mit ihm plaudere; aber wer iſt Schuld dran? Ich nicht; Innchen nicht; der Obermüller allein! Gott verzeih's ihm! „Halt!“ rief er plötzlich aus,„was liegt da?“ Er bückte ſich und ſiehe da, es war ein ſeidener Geldbeutel, voll Geldes. „Wie kommt denn der hierher? Ach, der iſt gewiß dem Herrn Revierförſter! Aber wie kommt denn der dazu, ſeinen Geldbeutel da zu verlieren?—— Halt! jetzt weiß ich's! Als er aufſtand, zog er ſein Sacktuch aus der Hoſentaſche, um ſich den Schweiß von der Stirne zu wiſchen, da hat er gewiß den Geldbeutel mit herausgezogen. Da muß ich eilen, ihm ihn zu bringen!“ Er ſprang raſch auf; ſteckte den Geldbeutel ſorgfältig in ſeine Taſche; nahm ſeinen Erdbeertopf und ſtieg ſo ſchnell den Berg hinunter, als es die ſorgfältige Rückſicht auf die weichen Beeren nur irgend zulaſſen wollte. An einem Fenſter ſtand um die Zeit, als Jacob Langenſelbold erreichte, der Waidmann bei dem Amtsrathe. Sie redeten von Jacob, und der Amtsrath lachte gewaltig, wonach er wieder dem — — 270— Herrn Manches erzählte, worauf dieſer ſehr aufmerkſam horchte. Plötzlich erblickte der Waidmann Jacob, der eiligſt daher kam, glühend vor Hitze. Er hatte ſeinen Topf mit Erdbeeren ſeinem lieben Gabriel gebracht und eilte nun zu dem Waidmann, ihm ſeinen verlorenen Geldbeutel zu bringen. Der Waidmann deutete auf Jacob und ſagte: „Sehen Sie, da kommt er!“ Wenige Augenblicke ſpäter klopfte es an. Auf des Amtsraths Ruf: Herein! trat Jacob, ehrerbietig grüßend, demüthig und beſcheiden in das Gemach, aber ſein ganzes Geſicht ſtrahlte von Frende. „Was gibt's, Jacob?“ fragte der Waidmann.„Du biſt ja entſetzlich gelaufen!“ „Ach, geſtrenger Herr Revierförſter,“ ſagte Jacob,„wenn Einem etwas auf dem Gewiſſen drückt, ſo hat man keine Ruhe. Habt Ihr nicht etwas verloren?“ Der Waidmann ſah ihn forſchend an; dann fuhr er in alle ſeine Taſchen. Endlich ſagte, er: „Wirklich, meinen Geldbentel! Den muß ich mit dem Sacktuche herausgezogen haben?“ „Grade ſo hab' ich mir's auch rund gemacht,“ ſagte lachend Jacob.„Und wißt Ihr auch, wenn es geſchehen? Damals, als Ihr aufſtandet und Euch den Schweiß abtrocknetet. Hier iſt er!“ — Er reichte den Beutel hin und ſagte:„Es war ein Gottesglück, daß das Moos von der Hitze gelb war. Wär's grünes Gras geweſen, ſo hätt' ich den grünſeidenen Beutel nicht geſehen. Zählt nach, geſtrenger Herr Revierförſter. Es wird kein Heller fehlen; denn Gott weiß es, ich habe nicht hineingeblickt.“ Mit Rührung blickte der Waidmann lange in das ofſene, treue Angeſicht des Burſchen und ſagte dann zu ihm: „Jacob, ich danke dir von Herzen. Du biſt ein treuer, ehrlicher Menſch und verdienſt es, daß ſie dich zum Bachtänzer erwählt haben. Ein braverer, als du, hat noch nicht durch den Gründaubach getanzt.“ — 271— Er griff in den Bentel, nahm Geld herans und drückte es in Jacob's Hand. „Nimm das von mir und mache dir und deinem Mädchen viele Freude.“ Jacob aber zog raſch ſeine Hand zurück. „Herr,“ ſagte er,„das geht nicht. Ich bin Euch Dank ſchuldig, Ihr mir nicht, und überdies iſt es ein Kinderſprüchlein, das mich meine gute Mutter ſchon frühe gelehrt hat:„Schenken — nicht mehr geben; finden— wiedergeben!“ Das hat all mein Lebtag in meiner Seele gelegen, und was ich gefunden, das hab' ich ehrlich dann zurückgegeben, und ſo auch Euch das Euere; aber dafür bezahlt man Einen nicht, Herr; das iſt hier nicht Sitte. Hätt' ich Euch eine Arbeit gethan im ehrlichen Taglohne, ſo nähm' ich's dankbar; aber ſo— nein, Herr, ich danke!“ Der Waidmann war in Wahrheit verblüfft. Er ſah den Amtsrath an. Der Amtsrath, der beſcheiden zurückgeſtanden hatte, trat jetzt vor. „Jacob,“ ſagte er,„wenn der Herr dir nun etwas ſchenken will, daß du auch einmal eine Kirchweihe halten kannſt wie die anderen Burſche, warum willſt du's denn nicht nehmen? Es kommt ja auch dem Annchen zu gut!“ Jacob ſah erglühend unter ſich. „Und,“ fuhr der Amtsrath fort,„du brauchſt dir keinen Kummer zu machen, der Herr Revierförſter iſt ein ſehr reicher Mann. Was er dir gibt, das kann er auch gut und leicht entbehren. Drum nimm's und ſei kein Narr.“ Jacob ſah ihn groß an. „Herr Amtsrath,“ ſagte er,„Alles in Ehren, aber man ſoll mir nicht nachſagen, ich hätt' etwas genommen für ein gefundenes und zurückgegebenes Gut. Da iſt mir mein Ruf mehr werth!“ Der Waidmann lachte, wotz dem, daß ihm etwas das Herz bewegte. „Närriſcher Kautz,“ ſagte er zu Jacob,„es ſoll ja gar nicht für das gefundene und zurückgegebene Gut ſein, ſondern ich will 1 5 zi 1 . 6 — 272— dir' geben, daß du dir auf meine Koſten einen frohen Tag machen ſollſt.“ „So?“ ſagte Jacob gedehnt.„Wenn das iſt, ſo nehm' ich's mit dee Danke.“ Der Waidmann gab ihm das Geld und Jacob ſah, daß es zwei Goldſtücke waren. „Ne! Ne!“ rief er und that einen Sprung zurück.„Das iſt zu viel für ein Trinkgeld!“ Jetzt lachte der Waidmann aufs Neue. „So ein curioſer Heiliger iſt mir aber noch nicht vorgekommen.“ „Jacob,“ ſagte der Amtsrath ernſt,„nimm dankbar das Geld, du kannſt es brauchen. Der Linſenmeyer aus Frankfurt hat mir vor acht Tagen ein Brieflein geſchrieben. Du weißt ſchon, was drinnen ſteht. Was dir der Herr gab, reicht hin bis auf Weniges.“ Jacob wurde bleich vor Schrecken. „Das dacht' ich mir doch ſchon lange,“ ſprach er mit einem tiefen Seufzer. „So nimm das Geld und bedanke dich!“ Darf ich denn ſo viel nehmen?“ fragte er. „Freilich,“ ſagte der Amtsrath.„Es wird dir ja liebreich geſchenkt. ₰ getzt nahm er es. „Herr Revierförſter,“ ſagte er,„ich bedanke mich tauſendfach. Ihr ſeid, wie ich ſehe, ein reicher, guter Herr und Ihr könnt neiner ſchon entbehren; aber könnt Ihr mich einmal brauchen, etwa wenn unſer gnädiger Herr, der Fürſt, zur Jagdzeit kommt, oder ſonſt, wo Ihr einen ergebenen Menſchen braucht, ſo zählt auf mich.“ Mit dieſen Worten ſchwenkte er grüßend ſein Mützchen und ging. „Ein köſtlicher Kerl,“ ſagte der Waidmann.„Was iſt das mit dem Linſenmeyer— ich glaube, er hat mir den Namen heute ſchon genannt?“ „Er iſt ihm auf ein Kapitälchen noch dreijährige Zigen ſchuldig, weil ſeine Mutter krank war und ihn viel koſtete.“ 4 * — 273— „So,“ ſagte der Waidmann;„zahlt's auf meine Rechnung, Herr Amtsrath!“ Dieſer verbeugte ſich tief und der Waidmann ging aus dem Gemach, und der Amtsrath ſagte, vergnügt die Hände reibend: „Dem ehrlichen Jacob mächt' ich alle Monate ſolch einen ergiebigen Tag wünſchen!“ Jacob rannte wie beſeſſen die Treppe hinunter. Er ſah und hörte kaum vor Luſt. Er wollte eben umbiegen, um vom Schloß, in deſſen einem Flügel der Amtsrath wohnte, nach ſeiner Wohnung zu gelangen, als ihm Jemand rief. Jacob blieb ſtehen und ſah Gabriel, der ihm aus dem Fenſter der Amtsſtube eifrig zunickte. Jacob eilte herzu. „Was gibt's denn?“ fragte er. „Weißt du auch, wer der Herr iſt, den du Revierförſter titulirſt? Es iſt der gnädige Herr, Fürſt Wolfgang zu Yſenburg ſelber, in höchſteigener Perſon! Eben hab' ich ihn geſehen und erkannt.“ „Ach Herr Jeſu!“ rief Jacob aus und ließ ſeine Mütze, die er noch in der Hand hatte, vor Schrecken zur Erde fallen.„Was wird das geben?“ ſagte er faſt zitternd. „Sei nur gutes Muths,“ ſprach Gabriel,„er iſt ein gar leutſeliger, gütiger Herr. übel nimmt er dir's nicht.“ „Ach, da haſt du mir meinen Hirſebrei abſcheulich verſalzt,“ ſprach ganz niedergeſchlagen Jacob. Nach einigem Beſinnen ſagte er: „Weißt du was? Ich gehe zu ihm und bitte um Vergebung!“ „Sei nicht toll!“ ſprach Gabriel.„Ich will's ſchon dem Herrn Amtsrath ſagen. Der macht's rund, und wenn du heute den Trunk ausbringſt, ſo beſinn' dich auf einen guten Spruch, der macht's vollens rund.“ „Meinſt du?“ fragte Jacob. „Gewiß!“ verſicherte Gabriel und getröſtet lief der Glückliche 3 nach der Wohnung ſeiner Mutter, wo er ein Langes und Breites zu erzählen hatte. N. F. 1. 18 — 274 III. Es iſt ſo Brauch in dieſer Welt, Daß, wenn ein Leid uns überfällt, Ein zweites ſich dazu geſellt— Wohl Dem, der guten Muth behält! Alter Spruch. 4 Der Montag Morgen war angebrochen, ſo klar und rein, wie es der Sonntag geweſen war; aber die Nacht war, namentlich in der Fahrgaſſe, ſehr unruhig geweſen. Das war ſo gekommen. Nach einem uralten Brauche gingen Sonntag Abends die Bürger, auch die, welche es die ganze Woche nicht thaten, in das Wirthshaus, ſich ein Bene an einem Schöpplein oder etlichen zu thun und bis zehn, auch wohl länger, da die Polizei Sonntags mildherziger war, als ſonſt in der Woche, mit Befreundeten zu plaudern von den vorfallenden Kriegsläuften, und ob ſich nicht an den Reichsgrenzen eine türkiſche Naſe habe ſehen laſſen, der es um etwas mehr, als etwaiges Schnüffeln zu thun geweſen. Vor dem Erbfeinde, vor deſſen Bewahrung im Kirchengebete Fürbitte gethan wurde, bangte man bis Frankfurt, da die Sage vom Baden türkiſcher Pferde im Main auf einer alten Prophe⸗ zeiung ruhte. So war denn Herr Linſenmeher mit hochobrigkeitlicher Erlaubniß ſeiner Eheliebſten des Weges auch gegangen und ſie hatte die Erlaubniß ſchon mißmuthig gegeben, da die Kutſche nach Langenſelbold netto zwei Kronenthaler koſtete. Gerne hätte ſie dieſen Abend eine vorbauende Erſparniß eintreten laſſen, wenn nicht Stengel's Lenchen herübergekommen wäre zum Plander⸗ ſtündchen und verwundert fragte:„Ob denn der Herr Nachbar heute nicht zum Schöpplein gehe? Ihr Vater ſei ſchon weg. Die Herren müßten doch auch eine Pläſir haben,“ meinte ſie,„beſon⸗ ders, wenn ſie ſo galant wären, wie der Herr Nachbar, und ihre Frauenzimmer zu einer ſo ſchönen Dorfkirchweihe, und namentlich — 275— zum Bachtanz nach Langenſelbold führten, wohin morgen der halbe Rath und ein Drittheil der vornehmen Kaufmannswelt führen.“ „So geh' doch, Baſtian, geh' doch ſchnell!“ rief die Frau Linſenmeher und drängte ihn ordentlich zur Thüre. Linſenmeyer ſchüttelte den Kopf voll Erſtaunens, nahm Hut und Stock, knirte haſtig und eilte von dannen. An der Thüre aber ſtand er ſtill und ſagte zu ſich: „Wenn's der nicht rappelt, ſo muß der jüngſte Tag nicht ferne ſein! So was hab' ich noch nicht erlebt. Geht ſchnurſtracks gegen alle Erfahrung!“ In der Furcht aber, ſie könnte wetterwendiſch werden, machte er ſich doch mit Eifer fort und aus dem Bereiche der Möglichkeit des Zurückrufens hinaus. Frau Linſenmeyer's Gedankengang war ein anderer. Linſen⸗ meyer war erſtaunlich galant, ſonderlich gegen Stengel's Lenchen, ihr ſchönes Gegenüber, das alle Tage etliche Mal nicht nur in den Laden kam, wo er mit ihm ſeine Späße machte, ſondern auch noch meiſt Abends nach Tiſch, wo dann das Plaudermaul bis zehn Uhr alle Stadtgeſchichten erzählte und ſo komiſch, daß man nicht müde wurde, zuzuhören, und oft ſo geſalzeu, daß es zum Berſten war. Daran hatte der Linſenmeyer ſein fabelhaftes Vergnügen zum eiferſüchtigen Arger ſeiner Frau. Heute fürchtete ſie etwas Anderes. Gewöhnlich, wenn's irgendwo hinging, wußte es „Stengel's Lene,“ wie Frau Linſenmeyer in ihrem Grimme ſich ausdrückte, ſo abzukarten, daß Linſenmeyer ſie einladen mußte, mit zu fahren oder zu gehen, wenn's nicht weit war. Dann koſtete es allemal um eine Perſon mehr. Das hätte ſie am Ende noch hingehen laſſen; aber Linſenmeyer tanzte immer mit dem luſtigen Ding, was denn in ihren Augen ein Verbrechen war. Wäre nun Linſenmeher dageblieben, ſo ging's ſicher, wie allemal, denn „Stengel's Lene“ redete ſchon wieder drauf— und ſie kannte ihn zu gut in dem Artikel. 3 Sie wählte daher zwiſchen zweien Ubeln, wie eine eluge Frau, das ihr am kleinſten erſcheinende und ſchaffte ihn fort. 185 — 276— Nun war Stengel's Lenchen ein heiteres, luſtiges, argloſes Mädchen, das mit dem alten Linſenmeher, der ſelber neckiſch und munter war, und den ſchon im weiland Brautſtand Frau Süß, jetzige Linſenmeyer, einen„Schäker“ gar oft in ſüßer Hingebung nannte, ſeine Scherze und Späße trieb. Linſenmeyer mochte ſie wohl leiden als Lieschen's Geſpielin und Nachbarskind und ſah den Umgang, beſonders in letzterer Zeit, um ſo lieber, als Lies⸗ chen's Trauer eines erheiternden Umgangs bedurfte und Lenchen ein vorwurfloſes, braves, aber lebensluſtiges Mädchen war. So kam es denn, daß ſie oft Herrn Linſenmeher auf einen Tanz engagirte bei dem nächſten Ausgang oder dergleichen; ihn foppte und hänſelte, weil ſie wußte, daß der muntere Nachbar es ihr reichlich wiedergab, und das hatte in dem eiferſüchtigen Gemüthe der dicken Frau, die die Jugend ihres Ehegemahls gewaltig überſchätzte, weil ſie zehn Jahre älter war als er, manchen Dorn zurückgelaſſen, an dem Lenchen und Linſenmeyer ſo unſchuldig waren, als am letzten Türkenkriege, der, weil Oſterreich bedroht war, das ganze Reich in Feuer und Flammen ſetzte. So war die Gefahr abgewendet und Frau Linſenmeyer war in ſich unendlich glücklich, ſetzte ſich auch in die Ecke und ſchlief ein, weil Lenchen auch bei ihr ſehr deutlich wegen der Mitfahrt nach Langenſelbold auf den Buſch zu klopfen begann. Endlich ſchlug's Zehn und Lenchen ging. Obwohl Frau Linſen⸗ meher ſo wenig ſchlief, als ihr Gemahl beim Schoppen, ſo ließ ſie doch ein ſo rauſchendes Schnarchen daß Lenchen mit Lieschen leiſe hinausſchlich, um ſie nicht zu wecken und draußen im Laden, in völliger Sicherheit erſt, jubelten die Freundinnen in treuer Liebe über Lieschen's morgiges Glüd. „Vielleicht“ ſagte Lieschen,„bei dem„gute Nacht“ bring' ich's beim Vater noch fertig, daß du mitfährſt.“ Das hörte unglücklicher Weiſe die Mutter und über Lenchen ergoß ſich die Schale des Zornes. „Du brauchſt noch der Schmarutzerin zu helfen!“ rief „Albernes Ding! Du weißt, ich kann einmal das gefallſüch — 277 Ding nicht leiden und will nicht, daß ſie ſich überall an uns hänge, wie eine Klette. Will ſie hinaus, ſo kann ſie ihr Vater hinbringen, der doch unſer Freund nicht iſt. Hat deinen Vater noch heute mit den Javabohnen aufs Blut geärgert, der Sachſen⸗ häuſer Grobian. Ich ſag' dir's, du ſchweigſt. Ich brauch' der Sündenbock für Stengel's Lene nicht zu ſein! Damit Holla!“ Das war allemal das entſcheidende Punktum. Da nun Herr Linſenmeyer Punkt zehn Uhr nicht kam, kochte das Blut, das ſonſt ſchwerfällig durch die Adern rann. Sie nahm das Licht, ſchloß den Laden ab, da der Vetter ſchon lange ſchlief, herrſchte Lieschen ein raſches:„Geh' ſchlafen!“ zu und wackelte dann die Stiege hinauf, ſich zur Ruhe zu begeben. Schlafen konnte ſie indeſſen nicht. Sie lag wach im Bett, zählte ein Viertel; dann Halb; dann drei Viertel; dann Eilf. „Ei, ſo wollt' ich!“ rief ſie zornig aus, aber ſie vollendete den liebevollen Ausbruch ehelichen Gefühls nicht, denn ſie hörte Geräuſch. Es waren Vorübergehende. „Brave Männer,“ ſagte ſie,„die doch um Eilf heimgehen! Meiner bleibt gewiß bis Zwölf!“ Sie zählte wieder bis jenſeit Halb, aber dann ſiegte doch die Macht des Schlafs und bleiern legte er ſich auf die Augenlieder der ärgerlichen Frau. Im Wirthshauſe war es luſtig hergegangen. Linſenmeher hatte einen Haarbeutel zu dem ſeidenen gekriegt, der an der Wurzel ſeines Zopfes ſchwebte. Unglücklicher Weiſe war er dann etwas reizbarer, als ſonſt, und Nachbar Stengel's unartiger Morgenruf lag ihm noch in den Gliedern. Stengel, neckiſch wie ſein Lenchen, doch aber boshafter als ſie, merkte, daß das nachbarliche gute Einvernehmen etwas müſſe alterirt worden ſein. Er dachte nach, wo da der Ausgangs⸗ punkt wohl möchte zu ſuchen ſein und fand ihn bei der Bemerkung über Melchior Ammelsberger's Javabohnen. Kaum war er darin ſicher, ſo flogen auch leichte Pfeile zu ſeinem Nachbar hinüber, die 2 — alle trafen, obgleich er ſich den Schein gab, als gälten ſie ihm nicht. Die Galle ſchwoll aber in eben dem Grad, als er Miene machte, gleichgiltig zu ſein. Das Trinken in den Irger vollendete den Haarbeutel und Schlag Zwölf ſtand er auf, zahlte, nahm ſeinen Hut und verwunderte ſich im Stillen, daß er die Leute alle mit zwei Köpfen ſah. Draußen in der Luft wurde es noch ärger, allein mit Hilfe der Häuſer rechts und ſeines ſpaniſchen Rohres links kam er glücklich nach Nummer 81 in der Fahrgaſſe, wo er aber über Gebühr lange nach ſeinem Ladenthürſchlüſſel ſuchte, den er doch in der Taſche hatte. Dies vergebliche Suchen machte ihn noch ärgerlicher. Stengel war lachend hinter ihm drein gegangen und kam nun zu ihm. „Aber, Herr Nachbar, ſagte Stengel,„im Vertrauen ſag' ich Euch hier unter vier Augen, Euer Javakaffe böckſert und Ihr verkauft ihn doch den Leuten ſo theuer wie Melchivr Ammelsberger den ſeinen, der köſtlich iſt. Lenchen holte geſtern davon und wir verſuchten ihn heute früh— koſtbar, ſag' ich Euch! Ihr müßt herunter, ſonſt gibt's ein Ladenhüter und Ihr müßt ihn ſelber trinken, daß Euch die Angen übergehen.“ „Verfluchter Sachſenhäuſer!“ ſchrie wüthend Linſenmeher, daß es durch die ganze Fahrgaſſe dröhnte und Frau Linſenmeyer mit einem gellenden Schrei auffuhr. Dieſem Ausruf folgte ein Erheben des ſpaniſchen Rohres, das durch die Luft in gewaltiger Wucht pfiff. Der Hieb war nach Stengel's Kopf gezielt. Dieſer aber, weniger belaſtet vom edeln Hochheimer, wich zur Seite aus. Der Stock fand ſein Ziel nicht, brach das Gleichgewicht Linſenmeyer's und dieſer ſtürzte kopfüber in die Gaſſe. Stengel, ſchnell überlegend, was es geben würde, machte ſich aus dem Staub und verſchwand blitzſchnell hinter ſeiner angelehnten Hausthüre, die er leiſe ins Schloß knappen ließ. F. Linſenmeher war, wie alle Trunkene, glücklich gefallen. 6r 5 hatte ſich nicht im mindeſten verletzt; aber ſeine Wuth hatte eine Höhe erreicht wie nie. Brüllend vor Wuth ſuchte er mühſam auf die Beine zu kommen, was er mehrmals umſonſt verſuchte und immer wieder umfiel. Endlich gelang es ihm, und in gradem Schuſſe rannte er über die Straße nach Stengel's Thüre, wo er inſtinctartig den Feind ſuchte. Als er ihn nicht fand, ſchlug er wie raſend mit dem Rohre gegen die Thüre. Der Vetter und Lieschen hatten zum Glücke gleich des Vaters Stimme und Zuſtand erkannt, ſich ſchnell in die Kleider geworfen, und ehe die Schaarwächter nahten, waren ſie unten und brachten den Zornenthrannten glücklich hinter die Ladenthüre, ſchloſſen ab und wendeten ſo die Gefahr, ihn nach der Conſtablerwache gebracht zu ſehen und einer ſtadtkundigen Schmach entgegen zu gehen, ab. Es war aber keine kleine Aufgabe, ihn die Stiege hinauf⸗ zubringen; allein auch das gelang. Aber— jetzt begann ein Zetermordio von Schimpfreden und Zanken, wie es ſeit ihrem neunzehnjährigen Eheſtande noch nicht dageweſen war, und hätte nicht Lieschen und der Vetter der wildgewordenen Frau begreiflich gemacht, ſie ſtünden nicht davor, daß ſie morgen wegen Landfriedensbruch und Störung nächtlicher Ruhe vor das Stadtamt würden citirt werden, und ferner, daß des Vaters Wuth ſich in Mißhandlungen gegen ſie entlade, es würde zum Außerſten gekommen ſein. Der Vetter entkleidete den völlig ſeiner Sinne Beraubten, legte ihn ins Bett und wünſchte„eruhſame Nacht“ Frau Linſen⸗ meher aber, erſchreckt durch die von Lieschen und dem Vetter ihr nachgewieſene Gefahr, ging erſt zu Bett, als Linſenmeyer unzwei⸗ deutig bewies, er ſchlafe feſt und ſicher. Aber wer malt den Zorn, „ ſie verſchlucken mußte, und der um ſo bitterer nachwirkte. Um ihren Schlaf war es geſchehen bis gegen Morgen. Nach einet ſolchen Nacht brach der Morgen düſter im Hauſe Linſenmeyher's an, wenn auch draußen die Sonne in wunderbarer Herrlichkeit die Schöpfung verklärte. Linſenmeher erwachte zuerſt. Die erſten Streiflichter des Mergens erhellten den Himmel eben. * — 280— Sein Kopf ſchmerzte ihn entſetzlich. Es war ihm ſo wüſte und ein furchtbarer Durſt quälte ihn. Allmählich dämmerte die Erinnerung an Alles, was ihm in der unheilvollen Nacht begegnet war, obgleich noch dunkle Partien genug blieben, in die ſein Gedächtniß keinen Lichtſtrahl zu bringen vermochte. Zu dem leiblichen Ubelbefinden geſellte ſich der ſittliche Schmerz, der in der Seele wühlte. Er verdammte ſeine Trunkenheit und ihre Folgen und überließ ſich ganz einer tiefgefühlten Reue. Sie war ſo aufrichtig, daß heiße Thränen in ſeine Augen traten und er nicht, wie es ſo gerne der Menſch thut, die ganze Schuld auf den falſchen Stengel bürdete, der ihn ſo ſehr gereizt. Allmählich wurde ihm Alles noch klarer, und er überſchaute auch das Heer der Folgen für ſeinen häuslichen Frieden und— für den heutigen Tag zunächſt. Linſenmeyer war ein ſeelenguter Menſch; auch kein Gewohn⸗ heitstrinker; allein in Geſellſchaft vergaß er ſich zuweilen; jedoch war ein Vorfall, wie der von letzter Nacht, nie vorgekommen. Er hielt etwas auf ſeine Ehre als Bürger und mochte lieber Vieles dulden, als dieſer einen Nachtheil oder Makel zufügen. Er wußte, daß er als Menſch und Kaufmann Achtung genoß, die er um keinen Preis einbüßen mochte. Und nun hatte er ſich ſo gräulich blamirt; wurde, bei Stengel's Art, die Fehler Anderer bloßzuſtellen, nicht nur der Gegenſtand des wohlverdienten Tadels, ſondern, was ihm noch ſchlimmer war— des Spottes und Gelächters. Das Alles beſtürmte ſein Herz und eine qualvolle Reue wühlte in ſeinem Innetn. Erſt nahm er ſich vor und gelobte es vor Gott, nie mehr ein Wirthshaus zu betreten. Der Durſt, welcher ihn quälte, nöthigte ihn, aufzuſtehen, um ſich Waſſer am Tiſch einzugießen. Das Gluckeln der Flaſche weckte ſeine Frau, die ſich raſch im Bett aufſetzte und, ihn erblickend, ausrief: „Nun, Saufaus, Landfriedenſtörer, ſe ie — haſt du noch nicht genug k⸗ „Ach, Annechriſtinchen, ich trinke ja nur wuſe aw — 281— er mit einer Wehmuth, die ein weniger heftiges Gemüth entwaffnet haben müßte. „O, wenn nur aller Wein Waſſer würde, wenn du ihn an den Mund brächteſt!“ rief ſie im Grimm aus,„daß nicht ſolche Schmach mich träfe, ſolche Schande und Schimpf! Heut' Abend ſpricht ganz Frankfurt davon und ich bin blamirt durch den ſchlechten Mann, daß ich mich ſchäme, mich ſehen zu laſſen!“ Er ſtand ſtill, einer Bildſäule gleich, am Tiſch und ließ den raſch quellenden Strom der Rede ſeiner kollernden Frau geduldig über ſein gebeugtes Haupt dahin brauſen. Er hoffte auf eine Pauſe, wo er mildernd zu Worte kommen könnte, aber das war ein eitler Traum, eine troſtloſe Täuſchung. Das rollte und drängte* ſich über die Lippe, wie die raſtlos zur Tiefe drängende Fluth, die ſich über den Abhang hinabſtürzt, wo kein Aufhalten iſt und kein Stillſtand; das wetterte, ſauſte und brauſte fort, wie das endloſe Geklapper einer Mühle— bis endlich eine Erſchöpfung leiblicher Kräfte eintrat und der Mann, der wie eine begoſſene Katze daſtand, aufathmete. Zetzt gewann Linſenmeyer das Wort und erzählte den Hergang, der ſo Vieles zur Milderung ſeiner Schuld, wie er meinte, in ſich ſchloß; er ließ ſich auf eine Nachweiſe ein, die ſie überzeugen ſollte, daß Ahnliches Anderen begegnet ſei und viel öfter, als ihm, und zuletzt ging er in das Verſprechen über, von heute an nie wieder ein Wirthshaus zu betreten. Als er dies ausſprach, kehrte die erſchöpfte Lebenskraft wie mit einem elektriſchen Schlage zurück. Se fuhr empor, ſah ihn ſtarr an und fragte: „Baſtian, willſt du mir das beſchwören?“ „Ja,“ ſagte er feſt und betheuerte ſeine Zuſage zu ihrer Zufriedenheit.„Aber,“ nahm er das Wort,„ich will auch nicht mehr dies Hundeleben in meinem Hauſe, dieſe Quälerei, dies Nörgeln und Grammeln, dies Schimpfen und Zanken. Ich bin manchmal hinausgegangen, um meinen Irger und Gram zu erſäufen in Wein. Du haſt mich hinansgetrieben und könnteſt mich, wenn es ſo fortginge, aus dem Leben hinaustreiben!“ — Frau Linſenmeyer traute ihren Ohren kaum. Solche Kuraſche hatte er noch nie ihr gegenüber entwickelt. Aber das kam auch aus ſeiner Erregung und weil ſich ſeine Seele zu einem Entſchluſſe ermannt hatte. Sie war verſtändig genug, einzuſehen, daß ein gewiſſer Wende⸗ punkt bei ihm eingetreten ſei, wie bei dem Kranken die Kriſe, und vaß ſie nun das günſtige Spiel nicht durch Unklugheit zerſtören dürfe. Sie erwog, daß Das, was durch ihres Gatten Zuhauſe⸗ bleiben erſpart würde, wohl werth ſei, daß ſie durch Verſöhnlichkeit und friedliche Geſinnung auch ein Opfer brächte, und nun lenkte ſie denn ein und ging ein auf Alles, was er ſagte, und gelobte ihm, da die Urſache des Streites fehle, dieſen zu meiden. Während dieſer Vorgänge war der Tag völlig herangebrochen. Man ſtand auf und der Laden forderte Bedienung. Linſenmeyer ging dahin, ſeines Berufs zu warten, und das Ereigniß, welches jetzt aſoh nam völlig die Laſt von ſeiner Bruſt. Gelächter ſeiner Tochter die Geſchichte erzählte, fand ſie bei dieſer eine ganz unerwartete Aufnahme. Lenchen hatte darüber Gloſſen gemacht, daß ſie nicht ſei einge⸗ laden worden zur Mitfahrt nach Langenſelbold, und fand den Grund in der gerechten Verſtimmnng über ihres Vaters malitiöſen Zuruf am Morgen, den ſie gehört und über den ſie erſchrocken war, weil ſie die Folge ahnete Zetzt war ſie auch um den letzten Funken von Hoffnung betrogen, den ſie noch auf eine nachträgliche, durch Lieschen vermittelte Einladung geſetzt hatte. Sie konnte das nicht bergen und ihr Vater, der es doch mit dem Nachbar nicht ganz verderben wollte, fand es richtig. Er hatte ihm die Streiche im reinen übermuth des Neckens und Utzens geſpielt. Was Lenchen ſagte, war richtig und ihre Thränen über die Zerſtörung des alten, lieben Bandes mit Lieschen thaten das Ihre dazu. Ihr Vater ging ſtille weg und am et Morgen trat er in Linſenmeyer's Laden. Als nämlich eu heimgekommen war und mit wildem — 283— „Bleibt von meiner Schwelle, Judas,“ rief er ihm zu mit einem Grimme, wie er ihn dem Krämer nicht zutraute. Das ließ er ſich indeſſen nicht als Abweiſung dienen, ſondern am erſt recht herein, reichte Linſenmeyer die Hand und ſagte: „Herr Nachbar, ich hab' ſchwer gefehlt; aber laßt's mich und mein Kind nicht entgelten! Von dem, was hier auf der Gaſſe in dieſer Unglücksnacht zwiſchen uns geſchehen, ſoll keine Menſchen ſeele etwas erfahren, und von mir ſoll nichts mehr geredet und gethan werden, was Euch reizen und kränken kann. Verzeiht mir nur diesmal noch!“ Er reichte ihm die Hand dar und— der gutmüthige Linſen⸗ meyer ſchlug ein, worauf ſich Stengel entfernte, weil er dem losbrechenden Wetter der dicken Frau Nachbarin ſich nicht auszu⸗ ſetzen getraute. Linſenmeyer's Seele war überglücklich, da er nun darauf zählte, daß ſein Abenteuer verſchleiert bleibe und der Lacher unſeliger Chor nicht gegen ihn aufträte. Bei'm Frühſtück war der häusliche Himmel reiner, ais Lieschen ihn zu hoffen gewagt. Ihr Herz wurde leichter. Sie hatte ſchon unter sie Thränen auf das Wiederſehen Gabriel's Verzicht geleiſtet. Jetzt begann ſie wieder zu hoffen und dies Hoffen wurde zur Gewißheit, als der Friſeur gerufen wurde, um ſeine Kunſt an den drei zur Reiſe ſich bereitmachenden Köpfen zu üben. Darauf mußte ſie die Mutter in ihr roſaſ ſeidenes Hochzeitskleid ſtecken, den Schlender feſtbinden und ſie von Kopf bis zu Fuß in den größten Putz ſtecken. Der Vater zog ſeinen Lederbraunen an, nahm den feinen Dreimaſter, legte die prächtigen Spitzenmanſchetten an und die ſilberbrokatene Weſte, und ſie ſelbſt mußte eilen, wollte ſie nicht die Mutter durch Verzögerung der Abreiſe zornig machen. Sie kleidete ſich einfach in Weiß; aber auch ihr Feind, wenn ſie einen hätte haben können, mußte bekennen, daß er ſie nie reizender geſehen, als an dieſem Tage. Sie waren alle fix und fertig, als die Kutſche heranrollte und alle Drei mit vielen Umſtänden endlich zu ihren Plätzen kamen. ——— — 284— Drüben hinter Stengel's Vorhängen ſah Lenchen mit einer Thräne des Mißmuths und der Trauer ſie abfahren und ihrem Vater ſagte ſie: „Nun beginne ich zu ernten, was Ihr geſäet. Die Leute ſind mir entfremdet, mit denen ich dann und wann einen glücklichen Tag verlebte!“ Der alte Stengel ſchwieg, aber der Stich traf ihn tüchtig. Die Kutſche, in welcher ſie langſam dahin rollten, hatte auch eine Geſchichte, und zwar eine ſehr lange. In den Tagen ihrer Jugend, wo noch der friſche Schmelz der Farbe und Vergoldung ſie bedeckte, war ſie eine der Staatscaroſſen, welche die freie Stadt ihrem Bürgermeiſter zur Verfügung ſtellte. Nachdem ſie lange demſelben zu Staats⸗ und Spazierfahrten gedient, kam ſie in die Hand eines reichen Kaufmanns und Wechslers. Von dieſem erbte ſie bis zum dritten Glied der Nachkomme. Da war ſchon die Caroſſe alt und geiſterbleich geworden und das Gold hatte Trauer angelegt und war ſchwarz geworden. Sie war in einem Grad außer der Mode, daß ſie an des Wagenvermiethers Vater über⸗ ging. Der ließ ſie friſch firniſſen und anſtreichen und nun diente ſie zu Landpartien und Leichenbegängniſſen und dieſem Berufswege blieb ſie treu bis zur Fahrt nach Langenſelbold, zu welcher Reiſe zwei blinde Gäule vor ihr hertrabten, auf deren Hüftenknochen Herr Linſenmeyer ſeinen Dreimaſter hätte ſicher hängen können, falls in dem großen, der Are e Noah's nicht unähnlichen Kaſten der Raum gemangelt hätte. Der Vergleich gewann bedeutend an Wahrheit, wenn man der Menge der darin niſtenden und arbei⸗ tenden, zerſtörenden Beſtien, als da waren Motten und Holzwürmer, gedachte. Wenn man auch die erſtern nicht auf den erſten Blick wahrnahm, ſo verriethen die Häuflein gelblichen Holzmehles das unermüdete Arbeiten der letzteren, ſobald die Kutſche einige Minuten an einer Stelle verweilte. Da mußte denn die gerühmte Solidität des ſchwerfälligen Gebäudes ſelbſt in den Augen Deſſen, der ſie pries und von hohem Bocke lenkte, in Wahrheit in Zweifel gezogen werden, ob er gleich davon nichts geſtand. Er bewies ihr daher — — 285— auch eine ſehr große Zärtlichkeit und fuhr im gewohnten Schritt, wie er ihn zu halten pflegte, wenn die Caroſſe die Leidtragenden hinter dem Leichenwagen führte. Er wich vorſichtig jedem Stein aus, der einen Ruck geben konnte, deſſen mögliche Folgen nicht zu überſehen und zu ermeſſen waren— und die ſogenannte Leipziger Straße war damals mit ſolchen gefährlichen Klippen noch geſegnet, an denen ein ſolches Räderſchiff ſcheitern konnte. Wenn Frau Linſenmeyer ungeduldig wurde, ſagte der Kutſcher, man müſſe vorſichtig ſein, weil ſeine Gäule, einmal ins Rennen gebracht, wie Pfeile dahinſchöſſen; denn ihr Hafermuth ſei groß, wie ihre Jugend.* Das mußte Frau Linſenmeyer beloben und ergab ſich in Geduld. Mehrmals wurde geraſtet und gefüttert und Linſenmeyer ließ überall durch die Hausknechte die alten Mähren beſonders füttern, ohne daß ein anderes Reſultat hätte können erzielt werden. Endlich war die Hoffnung des Zieles nahe. Da fuhr der Wagen etwa eine halbe oder dreiviertel Stunden von Langen⸗ ſelbold wider einen dicken Eckſtein, da der Kutſcher eingenickt war — und mit einem ſchauerlichen Krache der Achſe— lag der Wagen im Staub der Straße und die Reiſenden kunderbunt über⸗ einander, und ein Zetermordio erſchallte aus dem Innern heraus. Auch der Kutſcher, der hart und feſt geſchlafen, wurde von ſeinem Bock in das hrenfeld hineingeſchleudert, wo ihn die ſich beugenden Halme indeß vor ſchwerem Falle behüteten. Als er ſich aufgemacht und wieder zu ſeinem Wagen kam, ſtand Lieschen todtenbleich ſchon da; Linſenmeyer, der ſich von dem Koloſſe, der auf ihm lag, frei gemacht, kroch mühſam heraus, allein ſein Haupt war ſeines Schmuckes beraubt, und ſein Leber⸗ brauner hatte mehr denn einen weißen Fleck, woran zu erkennen, daß ſeiner Ehehälfte Friſur mit ihm in ungehörige Berührung gekommen. Endlich war auch er auf den Beinen. Drinnen aber geiferte, kollerte und ſtöhnte und ächzte Frau Linſenmeyer in allen Tönen der Tonleiter, bald in Dur, bald in Moll, in halben und ganzen Tönen. mit ſich fortriß und ſomit den Ort des Jammers in einen 7 Linſenmeyer und der Kutſcher hoben den Kaſten ſo viel ſie konnten, und endlich war es möglich, auch ſie zu erlöſen; allein das Spitzenaufſätzchen war weg, die Wulſte des Toupes waren zerſtört; der Puder wirbelte im Wagen wolkenartig auf, aber auf ihrem melirten, ſchwarzweißen Haare fand ſich keine Spur mehr. Der Kutſcher kroch nun hinein und holte Aufſätzchen und Perrücke, die kaum zu erkennen waren. Zu nicht geringem Troſte bei alle dem Unglück und Mißgeſchick gereichte es, daß Niemand ein Glied ſeines Leibes zerbrochen. Nur kleine Quetſchungen hatten Statt gefunden, die indeſſen nicht zu ſo viel Klagen führten, als die, welche Aufſätzchen und Perrücke erlitten. Schnell errichtete Lieschen auf ihren Knieen eine Putzmacherei, und ſtellte mit großem Talente die Spitzenhaube wieder vorwurfs⸗ frei her. 4 Weniger glücklich war Linſenmeher, welcher auf ſeinem Knie als Haubenkopf oder Perrückenſtock ſeine Atzel mit dem langen, zum Glücke wohl erhaltenen Schweif ebenfalls in Stand zu ſetzen ſuchte. Als ihn ſo ſtill und kummervoll Frau Linſenmeher an der Arbeit erblickte, ſchlug plötzlich Grimm und Koller in ein unwider⸗ ſtehliches Gelächter um, deſſen Macht Lieschen, den Kutſcher und ndlich ſelbſt den Dilettanten in der edlen Kunſt des Friſirens ausgelaſſener Heiterkeit verwandelte. Selbſt ein Fünfter, welcher eben von Langenſelbold her um die Ecke bog und in bleichem Entſetzen die Zerſtörung anſchaute, die ſich vor ſeinen Augen ausbreitete, wurde von dem urkräftigen Zuge ſo mächtig fortgeriſſen, daß er unwillkürlich in den Chorus einſtimmen mußte. Kaum erblickte ihn Frau als ſie, alles Grolles baar, ausrief: 5„Liebſter Gabriel, ſiehſt du denn auch, wie dein Oheim Perrückenmacher, Kahlkopf und Perrückenſtock in einer Perſon iſt?“ — 287— Und wieder ſchockelte ſie im raſendſten Gelächter und die übrigen Vier folgten ihrem anſteckenden Beiſpiel, ohne ihrer ſelber Herr werden zu können. Frau Linſenmeyer's unerſchöpfliches Lachen zeigte ſich wieder bis zum Krampfartigen.————— Gabriel, der indeſſen ſich zu beherrſchen verſuchte, grüßte ſie eben ſo herzlich, als ehrerbietig, reichte dann dem lachenden Oheim die Sh und nun erſt dem liebreizenden Lieschen, deſſen Schönheit ihn ſchier blendete, das ihn anlächelte wie ein Engel. Von Lachen unterbrochen, tröſtete er ſeine Tante, daß der Bediente des Herrn Amtsraths ein geſchickter Friſeur ſei und ihm den Liebesdienſt gern anthun würde, ihre Friſuren herzuſtellen. Er wolle ſie auf Nebenwegen zu ſeiner Wohnung bringen, wo ſie Niemand ſehen ſollte, ſagte er, und die Tante nickte ihm ſeelenfroh zu und lachte, daß eine Thräne die andere jagte. Gabriel reichte ihr ſeinen Arm, nachdem Lieschen das Spitzen⸗ aufſätzchen der Mutter aufs Haupt geſetzt. Linſenmeher ſtülpte ſeine Atzel auf, deckte ihre Schande mit dem Dreidecker, und ſtolzirte mit Lieschen hinter den Beiden her. Dem Kutſcher verſprach Gabriel, einen Wagner und Schmied zu Hilfe zu ſchicken. So nahm denn Alles, was ſo endlos übel geſchienen, eine Wendung, die zu neuen Hoffnungen eines beſſern Zuſtandes berechtigte. Der Lachreiz, welchen Frau Linſenmeyer allemal nur ſehr ſchwer überwand, bewirkte wohlthätigerweiſe, daß ſie heiter und guter Dinge blieb, wenigſtens ſo lange, als nicht irgend ein Ereigniß ihrer Seele eine andere Richtung und Stimmung gab. 1 Das wußte aus Erfahrung Der, welcher die nicht leichte Aufgabe übernommen hatte, ſie am Arme nach Langenſelbold zu führen— oder— wie ihr Herr Gemahl in Betracht dieſes( ſchweren Stückes menſchlicher Arbeit zu ſagen pflegte— zu ſchleppen; das wußten auch die beiden Nachfolgenden, nämlich Lieschen und Linſenmeyer. Beide lobten in der Stille ihres Herzens die Hingabe — ——— des ſchmucken Gabriel an die Tante, weil ſie Hoffnungen daran 4 üpften, welche ziemlich übereinſtimmten. 5 * ——— 2 — 288— Gabriel plauderte nur mit ihr, erzählte ihr nur Komiſches, damit ſie in ſtetem heiterm Humor blieb, und es lag unzweideutig vor, daß er in der kurzen Zeit, nach einer unglückſeligen Kataſtrophe größere Fortſchritte in ihrer Gunſt machte, als er jemals zu hoffen gewagt. Er brachte ſie auch glücklich in die Nähe des Dorfes, ohne daß ihnen Jemand begegnet wäre. Dort lag ſeine Wohnung unmittelbar am Ende des Dorfes. Der Grasgarten ſeiner Haus⸗ leute, welcher hinter dem Hauſe lag, grenzte an das Feld und war mit einer hohen Hambuchenhecke eingefriedigt. Zur Thüre nach Außen beſaß er einen Schlüſſel. Er öffnete und geleitete ſie unbemerkt in ſeine Stube. Ein ſolches glückliches Zuſammentreffen ihrer Wünſche mit der Wirklichkeit wirkte auf ihr Gemüth erheiternd und verhieß einen Nachklang für den ganzen Tag. Gabriel, der ſeine Tante genau kannte, hatte ſeine Stube aufs Schönſte herrichten laſſen. Da war Alles ſo ordentlich, ſo reinlich, ſo nett!— Da ſtand ein breiter, gepolſterter Lehnſtuhl, den ihm ſein wohlwollender Principal, der Herr Amtsrath, geliehen Da duftete ein prächtiger Blumenſtrauß und auf dem Tiſche ſtand eine ſchöne Porzellanſchüſſel, angefüllt mit einer feinen Erdbeer⸗ kaltſchale, einer Erfriſchung, welche zu den ausgezeichnetſten Lieb⸗ habereien der Tante gehörte. Kaum ſaß ſie im Seſſel und die Erhitzung von dem Gange, welche durch die ſtechende Sonnengluth noch vermehrt worden war, hatte ſich etwas gelegt, ſo bat Gabriel Lieschen mit einem ſehr bedeutſamen Blicke, doch die Stelle der mangelnden Wirthſchafterin — Hausfrau wagte er nicht zu ſagen— zu ergreifen und die Kaltſchale zu ſerviren, während er nach dem Friſeur laufe. Dies geſchah und Gabriel ſprang fort. „Das muß ich ſagen,“ hob ſchmunzelnd die Tante an,„der Gabriel hat ſich gemauſert wie unſer junger Canarienvogel! Als er bei uns war, ſah's in ſeiner Stube aus, daß Einem die Haare ſich ſträubten und den Puder ſelber abwarfen. Da lag hier ein Stiefel, der andere dort! Hier eine Hoſe, dort eine Weſte oder ein Rock, und ich dachte: der wird ein Plunderpeter bleiben bis an ſein ſelig Stündlein. Aber der hat ſich gemauſert! Hier iſt's ja wie in eines ſaubern Mädchens Stube! Und wie hat er an mich gedacht! Der Seſſel iſt nicht auf ſeinem Felde gewachſen und paßt mir wie angemeſſen! Was aber die Kaltſchale betrifft, die er da ſo ſpät im Jahre noch herbeigehert hat,— das muß ich ſagen— die könnte der regierende Bürgermeiſter eſſen— aber ich auch!“ Dieſe Ausbrüche der Zufriedenheit waren unendlich wohl⸗ thuend für Vater und Kind; allein beide ſchwiegen, um nicht einen Mißton hervorzurufen. Der Frau Linſenmeyer fiel das auf. „Nun, man meint, Ihr wäret mit Blindheit und Geſchmack⸗ loſigkeit geſchlagen!“ rief ſie aus.„Findet Ihr denn das nicht?“ Beide nickten und Lieschen bückte ſich tief herab, um— die Gluth zu verbergen, die ihr Engelsgeſichtchen bedeckte. Frau Linſenmeyer ſah's. „Ei, du biſt ja roth, wie ein geſottener Krebs,“ rief lachend die Mutter aus.„Gelt, daß ich ihn lobe, das gefällt dir?— Der Junge iſt auch ganz anders geworden, mein' Seel'!— Das vermuthete und beabſichtigte ich, als ich ihn des Landes verwies. In dem verliebten Duſel wär' der junge Bub ganz toll geworden. Hat ſich auch gemacht: mein' Seel', er iſt hübſcher, ſtattlicher geworden. Meinſt nicht, Lieſi?“ „Deine Augen ſind recht gut, Mutter,“ ſtotterte das Mädchen. „Ja wohl, eine Brille brauch' ich noch nicht,“ bemerkte ſie. Linſenmeyer ſtand am Fenſter und trommelte vor Pläſir an den Scheiben immer lauter und heftiger, um ſeine ſteigende Luſt abzuleiten, da er nicht reden mochte. „Baſtian,“ ſagte ſie zu ihm,„ich glaub', du willſt den Kirchweihmarſch probiren? Ich ſchlüge die Scheiben ichet% Meinſt du, das koſte kein Geld?“ ₰ N. F. IMI. 19 4 In dieſem kritiſchen Augenblicke, wo ihr Geiſt leicht auf eine ſchiefe Bahn konnte geleitet werden, ging zum Glücke die Thüre auf und Gabriel brachte den Bedienten des Amtsraths, der Puder⸗ mantel, Quaſte und Schachtel trug. „Beſte Tante,“ rief er,„hier bringe ich Ihnen den Helfer aus der Noth!“. „Gott vergelt' dir's, mein lieber Gabriel!“ erwiederte ſie und ſetzte ſich ſogleich in Poſitur. „Geht ein wenig hinaus,“ gebot ſie, und Niemand gehorchte lieber, als das junge Paar, weil es der Vater allein ließ und hinab in den Garten ging. Alles verlief nach Wunſch, und als die Schäden geheilt waren, brachen ſie Alle nach dem Wirthshauſe auf, wo ſie ſich häuslich niederließen und durch Gabriel's Fürſorge eine Stube vorfanden, die vom Tanzſaal durch eine Wand getrennt war. Das Reichſein iſt ein köſtlich Ding— WDoch matht's oft hart und karg! Das Armſein, freilich macht's gering— Doch iſt's nicht gar zu arg! Die Hälfte wünſch'ich mir daher Von beiden— Mittelſchlag!— Nicht arm, nicht reich; nicht voll, nicht leer, Nicht Bettelmann, nicht Millionär— Nicht allzeit: Juchhei! allzeit: Ach! Das wär' nach meinem Sinn, Und ſicherlich Gewinn! Bänkelſängerlied. Wenn man nordwärts zum Orte Langenſelbold hinaus⸗ ſchlendert, ſo kommt man etwa in einer Viertelſtunde an eine ſtattliche Mühle, die Obermühle genannt, die für den Inhaber eine Goldmühle war; denn ſie klapperte den ganzen Tag und die ganze Nacht und der Bach lieferte Jahr aus, Jahr ein Waſſer und die Bauern Frucht. Für den„Molter“ ſorgte der Obermüller ſelbſt. . . — 291— Nun iſt es eine uralte Erfahrung, daß Bäcker und Müller ſchön zuſammenhalten, weil ſie nämlich beide Schelme ſind. So ſagen die Leute, und da ſie das aller Orten ſagen und das Sprüchlein durch alle Zeiten hindurch geht, ſo ſcheint's, es iſt nicht ohne Wahrheit. Zu den Grundſätzen, die freilich die Liebe nicht ausgedacht, von der Paulus an die Korinther ſchreibt, ſondern die der Teufel der Selbſtſucht ausgeheckt hat, bekannte ſich der Obermüller.„Reich iſt die Hauptſache,“ ſagte er, und erwies das dadurch, daß die reichen Bauern am Meiſten mahlen ließen. Er ſelber war ein hartgebackener Mann. Zur Obermühle gehörte damals auch ein Schönes an Wieſen und Ackern, und die große, neue Scheune hatte er nicht erbaut, um ſie leer zu laſſen, ſondern, um ſeine Fruchthaufen nicht draußen ſitzen laſſen zu müſſen. Seine Ställe ſtanden voll glänzenden Viehes, und ſeine Tochter, welche das Hausweſen während ſeines Wittwen⸗ ſtandes leitete, hatte alle S voll zu thun, wenn's ans Buttern ging. Der Obermüller konnte von Glück ſagen, daß er dieſe Tochter hatte, die zwar noch ſehr jung, aber ſehr tüchtig war und mit Milde und Ernſt ein Regiment führte, das manche Frau ſcham⸗ röthlich hätte machen können. Das ſagte er ſelbſt, aber auch alle Langenſelbolder, und die Burſche ſagten noch mehr, als die Alten, die nur Tugenden prieſen— ſie meinten, das Annchen ſei auch engelſchön dazu, und wenn ſie einer heimführte, ſo müſſe man ihm Glück wünſchen, erſtlich zur ſchönſten Frau im Dorfe, zweitens zur bravſten und ſittigſten, und drittens zur Obermühle, mit Dem, was dran hing, denn ſie war die alleinige Erbin. Freilich war der Obermüller auch ein Erbe für ihn, aber darum beneidete ihn grade keine Seele in Langenſelbold. Der Obermüller war ein ſtrenger, harter Mann. Sein Grundſatz:„Reich iſt Herr,“ ſprach's aus, was ihm bei Allem, was er that und dachte, Ziel und Ende war. So ſtand es bei ihm feſt, ein Lumpes bekomme ſein 4 8 — 292— Innchen nicht, und wenn er ein Baron oder Graf wäre. Von den Beamten hielt er auch nichts.„Oben: Hui! Unten: Pfui!“ ſagte er wegwerfend.„Sie thun Alles ums Geld!“ warf er ihnen vor, und ob er es gleich grade ſo und noch viel ſchlimmer machte, ſo galt ihm das doch als ein herber Vorwurf, den er ihnen machte. Seltſam war es dabei, daß er doch einen ordent⸗ lichen Reſpect vor ihnen hatte und gehorſam that, was er ihnen an den Augen anſah. Er räſonnirte auch nur inwendig, weil er fürchtete, ſo etwas könne der Herr Amtsrath erfahren und ihm aufſetzig werden. Es war ihm daher ein Stich ins Herz und ein Feuerbrand Dort ſtand eine hohe, ſchwanke Pappel, etwa ſechs Schritte vo in dem Kopfe, daß ſein Innchen ſo ganz aus der Art ſchlug. Sie hatte nämlich ſchon gar lange einen bildhübſchen, aber armen Burſchen lieb, den Jacob Köhler. Grade Bettler war er nicht. Seine Mutter, eine grundbrave Wittwe, beſaß ein kleines Haus, worauf ſie allerdings an Johann Sebaſtian Linſenmeyer in Frankfurt noch ein Kapital ſchuldete und auch mehrjährige Zinſen; ſie hatte aber auch noch manches Feldgut und Jacob verdiente durch Fleiß im Tagelohn ſchönes Geld. Was ſeine Aufführung betraf, ſo war er allgemein geliebt und geachtet und in allen Stücken ein Muſter eines braven Sohns und jungen Burſchen. Mit Innchen hatte Jacob ſchon lang eine innige Verbindung. Das war eine alte Liebe, die nicht roſtet. Als der Obermüller dahinter kam, gab's Blitz Hagel und Donner die Fülle. Das iſt aber nicht die Art und Weiſe, die Liebe in einem Mädchenherzen todt zu ſchlagen. Sie verkriecht ſich nur tiefer in die 3 Winkel und Falten des Herzens und ſitzt da um ſo feſter und ſicherer. So war's grade hier. Sie durften ſich nicht mehr öffentlich ſehen und mit einander ein freundlich Wort koſen. Nun ſtrebten ſie, es heimlich zu thun. Die Liebe weiß ſchon Rath zu ſchaffen. Jacob war ein gewandter Burſche. Er konnte klettern wie ein Buntſpecht oder Eichhörnchen. Innchen's Kammerfenſter ging nach der großen Wieſe, die hinten an die Obermühle ſtieß. — 293— Kammerfenſter. Da ſtieg der flinke Burſche hinauf in die Aſte der Pappel. Innchen löſchte ihr Licht und ſo lang es die Jahreszeit zuließ, plauderten ſie da bis tief in die Nacht. Dann kehrte er heim und Annchen ſchlief mit dem Gedanken an ihn ſanft ein. Davon wußte kein Menſch etwas. Wär's kund geweſen, ſo hätte ſicherlich Einer dem Obermüller die Sache offenbart, und dieſer hätte in ſeinem ungemeſſenen Zorne die Pappel an der Erde abgehauen und ſein Töchterlein in eine Kammer ſchlafen geſchickt, in die kein Tageslicht gedrungen wäre, und wenn er ſie alle Morgen hätte wecken müſſen. Der Obermüller und noch Einer hatten andere Gedanken und Pläne, und dabei war wieder der Grundſatz:„Reich iſt Herr,“ ſo recht zur Geltung gekommen. Auf eine Neigung des Herzens kam es ihm nicht an. Er hatte ja ſeine Frau auch ſo gekuppelt gekriegt, weil er und ſie hübſches Vermögen hatten und ihre Acker an einander grenzten, daß es rechte Lappen gab. Neigung war keine da und ſie lebten doch zufrieden. Man gewöhnt ſich ſo an einander, ſagte er, und das Lieb⸗ haben iſt lauter einfältig Zeug, was ſie heutzutage im Kopf haben. Da hat man zu meiner Zeit nichts davon gewußt. Den er im Auge hatte, war an Leib und Seele das Gegen⸗ theil von Jacob. Er hieß Conrad Erlinger, aber im Dorfe nur der„Bach⸗Kurt,“ weil er an dem Grundaubach wohnte, grade gegenüber, wo der Bachtanz pflegte gehalten zu werden. Der Bach⸗Kurt war ſchon in jenen Jahren der Reife, die die dritte Null hinter ſich haben, oder, wie man an der Nahe ſagt, er hatte zum dritten Male genullt und zwar ſeit einigen Jahren. Klein und unterſetzt und dickköpfig, mit kurzem Halſe, bildete er eine ſehr unſchöne Figur, ſelbſt wenn man von den Sichel⸗ oder Säbelbeinen abſah, deren Halbzirkelbiegung ſehr beträchtlich war. Sein Geſicht war breit, die Naſe dick und aufgeſtülpt, die Augen gelbgrau und winzig klein und die negerartigen Haare blitzroth; der Mund, den faſt wurſtartige Lippen umgaben, reichte äußerſt nahe mit ſeinen Winkeln an die Ohren, deren ungenbhrlih war 5 — 294— und die, ſaumlos, flach am Kopfe lagen, wie etwa zwei beträchtliche Lappen kalten Pfannkuchens. Da frag' Einer: ob der Bach⸗Kurt einem jungen Mädchen gefallen konnte, und ob die Wahl zweifelhaft, wenn der ſchlanke, bildhübſche Jacob Köhler neben ihm ſtand?— Und ſelbſt wenn er ſeinen beträchtlichen Reichthum geltend machte, konnte er kein Herz erringen. Ja, wenn Eins über das Alles, was ihn ſo wenig in den Augen der Langenſelbolder Mädchen empfahl, hätte wegſehen und vielleicht ſein gutes Herz hätte anſehen mögen, ſeine guten Eigenſchaften und Tugenden— auch das ging nicht; denn alle Welt kannte ihn als einen boshaften, tückiſchen, filzigen Menſchen, deſſen böſe Zunge Niemand ungeſchoren, deſſen niederträchtige Geſinnung Niemand ohne Nachtheil ließ, der ihm etwa im Verkehr, im Handel oder Wandel nahe kam. Man kann von Jemand nicht leicht etwas Schlimmeres ſagen, als: er hat nie einen Freund gehabt, und ſeine Nachbarn wollen nichts mit ihm zu thun haben. Das iſt ein Verwerfungsurtheil, das ſicher einen ſchlimmen, argen Grund hat. Das ſagten die Langenſelbolder alle und namentlich vom Bach⸗Kurt. Sie mieden ihn alle, wie's Feuer, und wo er Sonntag Mittags einmal zu einer Geſellſchaft kam, da ſtob ſie auseinander. Er war, was die Eule unter den Vögeln iſt. Von Glück konnte er ſagen, daß bei ſolcher allgemeinen Abneigung ſein Vermögen ihn völlig unabhängig ſtellte; daß er alſo Niemand bedurfte, als etwa zum Tagelohn, und ſelbſt da hielt es ihm ſchwer, welche zu bekommen. Gar oft mußte er einen Batzen mehr geben, um nur nicht mit ſeiner Arbeit hinter Anderen zurück zu bleiben. Knechte und Mägde mußte er ſehr hoch lohnen und nur das hielt ſie bei ihm. Er hatte nun ſchon weit über zehn Jahre eine Junggeſellen⸗ wirthſchaft geführt“ und ſah es endlich klar ein, ſo ging's nicht mehr. Hier und da hatte er gefreiet, wo er nämlich Geld wußte; aber ſeine Korbſammlung war ſo reich, daß die Tagediebe von Burſchen einſt ein großes Papier an die Thüre klebten, darauf mit mächtigen Buchſtaben zu leſen ſtand:„Hier ſind Körbe um billigen 53 3 — 295 Preis zu haben, alte und neue!“ Das gab viel Gelächter und er ſtecke das Freien für lange Zeit auf. Wo ihm die junge Sippſchaft einen Streich und Schabernack ſpielen konnte, da that ſie es ohne Aufſchub. Nun aber wurde es ihm täglich klarer, daß, wenü er nicht bald eine Frau bekäme, ſeine Ausſichten vollends zu Grunde gingen. Da narf er ſeine Augen auf eins der reichſten und ſchönſten Mädchen des Dorfs, auf Obermüllers Innchen. Vorausſetzend, das Mädchen würde er nicht gewinnen, machte er ſich an den Vater und hier fand er den ſonſt überall vermißten, lebhaften Anklang. „Reich iſt Herr!“ ſagte der Obermüller,„und der Bach⸗Kurt iſt eine Gelegenheit für mein Kind, wie ſie die Tauben nicht feiner hätten ausleſen können. Der paßt zu ihr, wie ein Ei zum anderen. In ganz Langenſelbold iſt kein Burſch mehr, der ſo zu ihr paßt. Sein Alter ſichert vor tollen Streichen, ſeine Sparſamkeit vor Verſchwendung, und was meinem Kind an Erfahrung abgeht, kann er zulegen. Das klappt!“ Das war, als er ſich die Sache zurecht legte, ungefähr ſein Gedankengang. Er hielt auch die Sache für ſo abgemacht, daß er ſofort mit Annchen davon ſprach; aber da hatte er ſich doch verrechnet. Ehrerbietig, wie es dem guten Kinde ziemt, ſagte ihm das blutjunge Ding mit einer überraſchenden Entſchiedenheit, daß es nie den alten Knopf heirathen werde. Der Vater möge machen, was er wolle. Es ginge lieber nach Frankfurt und verdingte ſich, als daß es deſſen Hausfrau würde. Der Vater, fuhr das ſchöne Mädchen fort, ſolle nur nicht glauben, daß es ſich verſchachern oder verkuppeln laſſe; es nähme nur den Jacob Köhler und ſonſt keinen, und dürfe es den nicht nehmen, ſo wolle es mit Ehren eine alte Jungfer werden und als ſolche ſterben. Kaum war es bekannt, ſo war das ganze Dorf wie ein aufgeregtes Meer. Die Frauen ſagten, es ſei eine Sünde und Schande, das bildſchöne Mädchen an den häßlichen Bach⸗Kurt zu 5 — 296— verkuppeln und das blutjunge Kind an den alten Erdſtamm; nein, der Jacob Köhler müſſe es haben, denn den hab' es lieb, und der ſei grade für es geſchaffen. Die Männer meinten, der alte Strolch ſei ein ſchlauer Fuchs; er ſuche Trauben und laſſe die Schlehen hängen; der Obermüller aber ſei ein Geldwolf und Knauſer, der ſich vom Geldſack des Unholdes beſtechen laſſe; da müſſe Himmel und Erde bewegt werden, dem Duckmäuſer das Täubchen abzujagen. Die Mädchen waren alle dafür, der Jacob und kein Anderer ſei der Rechte für Obermüllers Annchen, und die Burſche dachten, und zwar jeder einzelne bei ſich: Wenn ich das herzige Mädchen nicht kriegen kann, ſo gönn' ich's nur dem guten Jacob, aber dem rothen Strunke nicht, und laut ſagten ſie: der darf's nicht kriegen, und der Jacob muß es haben, den es lieb hat. So war das ganze Dorf eine Partei für Annchen und Jacob und gegen den Bach-Kurt, ohne daß es dieſer ahnete und ebenſo wenig der alte, ſtarrköpfige Obermüller, der rundweg zu ſeinem Kinde ſagte: „Du biſt ein dummes Ding und ich dein natürlicher Vormund, und du nimmſt ihn und muckſt nicht!“ Der Bach⸗Kurt wußte wohl, wie das nnchen mit dem Jacob ſtünde, und ſein ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, den Jacob aus dem Wege zu ſchaffen. Wie das aber anfangen? Das war die Frage. Als ein Mittel dachte er ſich, wenn er zu Linſenmeher ginge, um dieſem die Schuld abzuhandeln. Wäre das Kapital ſein, ſo konnte er den Jaceb gerichtlich verfolgen, ihn und ſeine Mutter von Haus und Hof treiben und ſo vielleicht den Jacob nöthigen, daß er ſich auswärts verdingen müßte. Es war ein teufliſcher Plan, der nur in einer ſo verworfenen Seele reifen konnte, wie die des Bach⸗Kurt war. Daß er ihn nicht bisher ausführte, daran war eben die Gewißheit und Sicherheit Schuld, mit welcher er das Gelingen in ſeiner Hand zu haben glaubte, denn er hatte von dem Gerichtsboten gehört, daß er für Linſenmeyer die Wittwe Köhler an die Zahlung des bedeutenden — 297— Zinsreſtes mit Drohung gerichtlicher Verfolgung habe mahnen müſſen. Stand es ſo, dann war der Linſenmeyer gewiß geneigt, mit Vortheil die läſtige Schuld abgenommen zu kriegen. Das aber ſtand feſt, daß er eheſtens den Gang nach Frankfurt machen würde oder beſſer die Fahrt, wenn er ſein neues, ſchönes ungariſches Wägelchen vom Wagner zu Gelnhauſen würde erhalten haben, der es zur Kirchweihe liefern mußte. Mittlerweile arbeitete der Obermüller täglich daran, Innchen's feſten Siun zu brechen. Was er aber auch anwendete, blieb ohne alle Wirkihg Annchen ſchwieg am Ende zu Allem und ging lieber weg, wenn ihr Vater die alte Litanei begann, denn daß ſie ihn Widerſ ſprüche nur um ſo mehr gegen ſie aufreizen wollte. Sie hatte das Außerſte bereits erreicht; ſie hatte ihm geſagt, als davon ſprach, er werde ſie zwingen— noch am Altare werde ſie Nein ſagen. Bach⸗Kurt trug noch eine Hoffnung im Herzen. Er wollte einen Hauptſturm auf Annchen's Herz bei der Kirchweihe machen. Er beurtheilte das Mädchen nur nach ſich, wie denn der Menſch in der Regel unwillkürlich und ohne klares Darumwiſſen den Maßſtab der eigenen Geſinnung an jedweden Anderen legt; darum wollte er ihren Vater und ſie am Kirchweihfeſt in ſein Haus laden, aus deſſen Fenſtern man aufs Herrlichſte den Bachtanz anſehen konnte. Damit ſie aber nicht gehen mußten, wollte er das neue, kornblau angeſtrichene Wägelchen, mit den zwei wunderſchönen Braunen beſpannt, zur Mühle führen, und im Triumphe Vater und Tochter nach ſeinem Hauſe bringen. Dort war Alles aufgeputzt, geweißt, getüncht. Alle Geräthe waren mit Nußöl gerieben, Alles, was prunkte, war auf der Fenſterdiele aufgeſtellt und ein Mahl angeordnet, deſſen Reichthum und Köſtlichkeit das Höchſte zu leiſten beſtimmt war. Selbſt die Ställe wurden geſäubert, das Vieh gereinigt und aus den Ecken gefegt, wie es im Haue ſeit hundert Jahren nicht geſchehen war. Man hätte für ein Spinnengewebe einen Joachimsthaler bieten können, ſo. gewiß konnte man ſein, daß kis mehr zu finden ſei. Er ſelbſt war überall dabei und legte p3* Hand an, und der Bäcker hatte einen Ofen für den Bach⸗Kurt einmal ganz alleine nöthig, weil die Kuchenmenge zu groß war. Solchem Reichthume, ſolcher Fülle und Schönheit o rechnete er mit beglückender Gewißheit, würde Annchen zu hen unfähig ſein. Uberwältigt, ſo hoffte er, würde ſie ih e Hand reichen zum Bunde der Ehe. Darum waren ſelbſt die Ringe bereits fertig und er träumte ſchon von der Genugthuung und dem Triumphe über ſeine Feinde, wenn er nun am Nachmittage mit Annchen, die den Trauring an ihrer kleinen Hand trüge, in den Tanzſaal treten und ſie für ſeine Braut erklären könnte. Mit dieſem Plane war der Obermüller, den er ihm vertraute, ganz einverſtanden. Auch er bemaß ſeines Kindes Herz nach ſeinigen, und ſo gewiß Reichthum ihm jeden leiblichen und Seelen⸗ flecken zudecken konnte, hoffte er, würde auch ſeines Kindes Auge 3 endlich geblendet und ſein Herz beſiegt werden. Während ſonſt Langenſelbold ſich weihe bereitete, lag Bach⸗Kurt's Haus ſtille a w Die Läden blieben oben ſogar geſchloſſen und es wurde nur das wegen des Geſindes nothwendigſte Maaß von Mehl zu Kuchen verwendet. Dieſes Jahr war es anders. Es ſchien, als ſei der Geiz ausgezogen und die Lebensfreude wolle einmal das daran völlig verarmte Haus heimſuchen. Aller Augen ſtaunten über Das, was ſie ſahen. Am Samſtage brachte der geſchickte⸗Stellmacher Pipperlein von Gelnhauſen das wunderſchöne Wägelchen, das nun in dem Schuppen, der jenſeit der Straße dem Wohnhauſe gegenüber ſtand, aufgehoben wurde. Zum erſten Mal in ſeinem Leben zog er dem Meiſter nichts am ausbedungenen Preiſe ab, weil das Wägelchen ihm über die Maßen gefiel.. Die Mägde und eine Tagelöhnerin, welcher Bach⸗Kurt doppelten Lohn verheißen, fegten den letzten Unrath der Maurer und Tüncher weg. Der Bäcker arbeitete im Teige— kurz— alle Welt ſtand und ſtaunte, aber ſie hatte ſchön die ganze Woche geſtaunt, denn es waren Dinge im Hauſe Bach⸗Kurt's vorgegangen, die Alles — 299— überſtiegen, was man für möglich gehalten, namentlich daß er ſein Haus von Außen und Innen neu tünchen und anſtreichen ließ, nämlich die Balken mit engliſch Roth und zu jeder Seite ein ſchwarzes Streifchen und die Gefachſpiegel ſchneeweiß. Die Burſche ſagten: Was bedeutet Das? Die Mädchen fagten: Sollte Aennchen—2 Nein! riefen ſie Alle einſtimmig, eher fällt der Himmel ein. Die Burſche ſagten: Der Obermüller hat ſein Jawort gegeben. Aber ob auch Innchen? Nein! rief Jacob, eher wird aus hellem Mittag noch heute Nacht! Und ſie glaubten es Alle. Aber jetzt gab es geheime Berathungen überall. Die Wahl der drei Paare, welche den Bachtanz zu tanzen die Ehre haben ſollten, war noch nicht vollzogen. Im Wirthshauſe fand ſie Statt und ſie wählten Jacob und Aennchen als das erſte Paar der Tänzer, und als es bekannt wurde, jauchzte Alles Beifall, denn die Zwei waren nicht nur das ſchönſte Paar des Dorfes, ſondern dem verabſcheuten Bach-Kurt geſchah ein Schaber⸗ nack von der größten Art. * Dieſe Wahl war durch Jahrhundert alte Sitte unumſtößlich. Der Vater mußte ſich fügen, wollte er es nicht mit der ganzen Bürgerſchaft verderben, ja der Amtsrath konnte ihn, da er den Bachtanz zu überwachen das Recht und die Fflicht hatte, dazu ſogar amtlich zwingen. Da war alſo nichts zu machen, und es blieb nichts übrig, als ſich zu ärgern und es gehen zu laſſen. Bach⸗Kurt war wüthend. Seine kleinen Augen waren roth unterlaufen und ſeine rothen Haare ſträubten ſich unwillkürlich. Nun war Alles umſonſt; er konnte mit dem Wägelchen Aennchen nicht abholen. Sie kam nicht in ſein Haus—— doch, rief er — doch— ich hole ſie zum Eſſen ab und ſie ſieht doch das Haus! Aber— er vergaß, daß die uralte Sitte dem mit unüberſteiglicher Macht entgegentrat, denn die Bachtänzerinnen mußten von ihren Tänzern auf einem bekränzten Wagen abgeholt werden aus ihren — 300— Wohnungen, und die Muſik ſaß auf dem Wagen und ſpielte luſtig auf. Dagegen ſich ſtemmen wollen, hätte ſo viel geheißen, als dem kommenden Tageslichte wehren wollen, die Welt am Morgen zu erleuchten, zu verklären, zu erwärmen und zu beleben. Eine Revolution in Langenſelbold wäre unausbleiblich geweſen, und wehe Dem, der ſie erregte! Da war's nichts mit dem Abholen, nichts mit dem Mahle, ja er hatte, das lag jetzt am Tag, all das viele Geld rein umſonſt ausgegeben, denn es ſtand ſehr in Zweifel, ob Innchen ſein Haus am Kirchweihfeſte würde betreten können, da die Wahl zur Bachtänzerin ſie zu ihres Tänzers alleiniger Verfügung ſtellte und dieſem das Recht einräumte, nur mit ihr ausſchließlich zu tanzen, und ſie durfte, ohne ſeine beſondere Einwilligung, einen Anderen nicht einmal die Hand zum Tanze reichen. 3 Das ſollte er nun anſehen! Er rannte wüthend im Hauſe herum und weinte vor Zorn und Grimm. Endlich, als es dämmerte, lief er zum Obermüller, bei dem die Burſche noch nicht geweſen waren, um ihm die Wahl Annchen's anzuzeigen. Dieſer war eben ſo ergrimmt wie ſein künftiger Eidam; allein auch er erkannte die Unmöglichkeit, hier gegen den Strom zu ſchwimmen. „Eins aber,“ ſagte Bach-Kurt,„könntet Ihr doch verſuchen, Obermüller, und wenn Ihr auf Eueren neun Augen beſtündet, könnt's durchgehen.“ „Was meinſt du denn, Conrad?“ fragte der Obermüller. „Ihr wißt,“ entgegnete Bach⸗Kurt,„daß ich mit heilloſem Geld das Wägelchen bei dem Pipperlein in Gelnhauſen hab' machen laſſen; es iſt nun da, und ich ſag' Euch, der Fürſt hat kein ſchöneres. Aber nun kann ich Euch nicht in mein Haus mit Annchen abholen. Wenn Ihr nun ſagtet: Ja, ich geb's zu, daß mein Kind den Bachtanz thut, aber Ihr müßt abſtehen vom Abholen in der Mühle, ſondern Ihr holet's ab im Hauſe Conrad's und zwar erſt nach dem Eſſen. Dann hol' ich Euch in der Pracht ab; dann bring ich mein köſtlich Imbis an den Mann, das auch ſo viel Geld koſtet, und Annchen ſieht doch mein Haus und was — 301— drinnen iſt. Wie meint Ihr? Mein' Seel', es iſt doch ſchon zum Berſten, wenn man alles Andere zugeben muß, und der Lumpes, der Jacob, ſie zum Tanze holt! Ich freie dann über Tiſch!“ Der Obermüller ſann eine Weile nach, und nachdem er Alles rechts und links erwogen, rief er aus: „Das iſt ein köſtlicher Gedanke! Ich thue es, verlaß dich drauf.“ Bach⸗Kurt ſah zum Fenſter hinaus, da er Stimmen hörte und Tritte. „Sie kommen!“ rief er und verbarg ſich ſchnell in der Stubenkammer. Mit höflichen Manieren traten die Burſche ein und kündigten dem Vater in wohlgeſetzter, förmlicher Rede die Ehre an, die ſeiner ehr⸗ und tugendſamen Tochter ſei erwieſen worden; ſie ſagten ihm, daß ſie würde abgeholt werden, was vor ein Uhr am Montag Mittage geſchehen werde. Der Obermüller dankte für die ſeiner Tochter erwieſene Ehre, ſetzte aber hinzu, daß es ihm mehr Freude würde gemacht haben, wenn ſie ihr einen anderen Tänzer würden gegeben haben. Endlich rückte er mit ſeiner Bedingung heraus. Die Burſche ſtutzten, weil ihnen etwas der Art noch nicht vorgekommen war. Einer unter ihnen, Bach⸗Kurt's Nachbarsſohn und heftigſter Gegner, der ſich ſchnell beſonnen hatte, ſtieß die Anderen an und ſagte dann: „Das wollen und können wir Euch zugeſtehen, weil ſonſt der ſchöne, rothe Bach-Kurt ſein kornblumenblaues Wägelein nicht könnte benutzen und ſehen laſſen.“ Der Obermüller ſchwieg betroffen und die Burſchen wünſchten gute Nacht und gingen. Kaum waren die Burſche jenſeit der Thürſchwelle, da fuhr BachKurt aus der Thüre hervor und gab ſich, trotz des Grimmes, den ihm die Bezeichnung„ſchön“ und„roth“ geweckt, der höchſten Freude hin, daß ihm ſein wohlausgedachter Plan dennoch gelungen ſei, und er doch nun ſein Wägelchen zu Ehren und ſeine Mahlzeit anbringen könne. — 302— Während auch der Obermüller ſich darüber freute und Beide nun Alles verabredeten, entſtand unter den Burſchen ein unzu⸗ friedenes Streiten, als ſie weit genug von der Mühle entfernt waren, um nicht verſtanden werden zu können. Alle fielen über den Peter Schneider her, der es zugegeben, daß Aennchen nicht in der Mühle abgeholt werden ſolle. Das ſei ein Abweichen vom alten Recht und der alten Sitte, meinten ſie, und die Leute würden es mit Grund hart tadeln. „Sorgt nicht für ungelegte Eier!“ rief der ſchlitzöhrige Burſche, der bei allen Neckereien, die Einem oder dem Anderen zugefügt wurden, die Triebfeder und Seele war, und in deſſen Kopfe mehr Schalksſtreiche und Schelmereien ſteckten, als in hundert anderen. „Was ich ausgeheckt habe, will ich Euch ſagen. Morgen Nacht holen wir das Wägelchen aus dem Schuppen—“ „Ja,“ rief ein Anderer,„der iſt feſt zugeſchloſſen!“ „Laß mich ſorgen!“ verwies ihm Peter.„Bach⸗Kurt's Knecht iſt ein ferner Vetter von mir. Der gibt mir den Schlüſſel. Dann holen wir's, machen die Räder und Deichſel heraus, holen uns zwei Brandleitern, ſtellen die ſo leiſe als möglich an Bach⸗Kurt's 1 Haus, ſchaffen das leichte Ding hinauf auf die Dachfirſte und machen dort Räder und Deichſel wieder dran, tragen unſere Leitern wieder an ihren Ort, und dann kann er erſtens Aennchen nicht holen, und iſt zweitens dem raſendſten Utz und Gelächter aller Leute den ganzen Tag preisgegehen; denn daß er für ſchweres Geld Niemand kriegt, der ihm hilft, es herabzuthun, dafür ſteh' ich ein.“ Der Haufe brach faſt in einen nun aun aus Beſ Schalksſtreich. Peter legte ihnen tiefes Schweigen auf und „Seht, dann muß das Aennchen doch geholt werden und Bach⸗Kurt iſt geprellt— und das wird einen Utz g wie ihn Langenſelbold noch nicht erlebt!“ In voller Fröhlichkeit zogen die Burſche ein ins dunß und — 303— bald nach ihnen Einer, der zwar eine Abſicht erreicht zu haben ſich freute, aber in ſeiner niedrigen Seele noch eine andere trug, die er recht tief hinein verſchloß. Vor dem Bachtanze pflegte der Dorfſpieß, wie man, weil er einen Spieß trug, den Ortsdiener oder Polizeidiener nannte, die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Mit einem ſchweren eiſernen Rechen wurde das Bachbett ſorgfältig an der Stelle des Tanzes durchzogen, damit große Steine entfernt würden, welche etwa ein Paar zum Fall in das Waſſer bringen konnte; denn dies wäre eine unvertilgbare Schmach geweſen, die noch Kindeskindern der Betroffenen aufgerüppelt worden wäre. Der Dorfſpieß war ein alter, armer Mann ohne Familie, der alte Steffen, der dem Bach⸗Kurt ein Kapitälchen ſchuldig war und leider die Zinſen der letzten zwei Jahre nicht hatte erſchwingen können. Den hatte ſich der Bach-Kurt auf dieſen Abend heimlich beſtellt, und der alte Steffen, der Reichsſoldat geweſen war und gewohnt, pünktlich Dem nachzukommen, was ihm oblag, trat, ſobald es dunkel war, in Bach⸗Kurt's neu aufgeputzte Wohnſtube. Bach⸗Kurt, der nie gegen Arme freundlich war, redete diesmal den Steffen mit einer Freundlichkeit und Leutſeligkeit an, die in des alten Mannes Seele ſchnell den Verdacht weckte, dahinter ſtecke etwas Arges, denn ſo war ihm der grobe Bach-Kurt nie begegnet. Womit kann ich Euch dienen, Conrad?“ fragte der alte Solbat, der ſich noch ticht ſtramm hielt und ſeinen Spieß, den er allezeit in der Rechten trug, nöthigenfalls unangenehm verwenden konnte. „Hört einmal, Steffen,“ ſagte freundlich der Rothe,„Ihr wiſſet, daß Ihr mir zweijährige Zinſen ſchuldet. Das macht zu zehn Prozent grade fünf Gulden. Ich weiß, daß Euch das drückt ollte Euch darum einen Weg weiſen, auf dem Ihr ſie mit Einem Ruck abbezahlen könntet, ohne daß es Euch auch nur Einen Heller koſtet.“ — 304— „Ei,“ ſagte Steffen lachend,„ſo möcht' ich auch das Kapitälchen abtragen können!“ „Wer weiß, was geſchieht,“ ſagte Bach⸗Kurt.„Heut möcht' ich's einmal mit den Zinſen anheben. Stellt Ihr Euch ſo an, wie ich's erwarte, ſo gibt's vielleicht mehr Gelegenheit.“ „So rückt einmal'raus!“ ſagte, des langen Vorſpiels müde, der Ortsſpieß.„Ich hab' nicht lange Zeit zum Schmuſen.“ Bach⸗Kurt lief in der Stube auf und ab und rieb ſich die Hände. Man ſah, es wollte nicht recht von der Bruſt, was er ihm ſagen wollte. Es iſt in ſolchen Lagen, als ob die Scham und das Gewiſſen mit ſtarken Armen die Seele zurückhielten, das, was ſie will, in Worte aus ſich heraustreten zu laſſen. So ging's jetzt dem Bach⸗Kurt; aber endlich faßte er doch die nöthige Kuraſche und ſagte leiſe, ganz nahe an Steffen herantretend: „Gelt, Steffen, der Jacob und das Aennchen tanzen zuerſt!“ „Ja.“ „Gelt, Ihr macht den Tanzplatz ſauber mit dem Rechen?“ „Iſt ſchon geſchehen.“ „Hm! Wenn Ihr einen rechten dicken Stein in die Tanzbahn legt, ſo geb' ich Euch die Quittung über die fünf Gulden— und — noch ein baares Trinkgeld dazu. Kein Menſch erfährt's, wer's gethan; aber ich hätt' meine beſondere Pläſir dran, wenn ſie in den Bach plumpſten und alles Volk ins Lachen käme und Aerger und Schmach über ſie!“ Steffen durchzuckte es bei dieſem Anſchlage, wie wenn ein Blitz ihn träfe. Seine Fauſt faßte den Spieß mit einem Grimm, als wolle er das Eiſen zerbrechen; ſchnell aber beſann er ſich wieder.„Wie,“ dachte er,„wenn der rothe Canof einen Anderen anſtellte oder, wenn ich es ihm abſchlage, in der Nacht ſelbſt Steine hineinträgt? Freilich hat er dazu den Muth nicht, denn er iſt ſo abergläubiſch, wie ein altes Waſchweib, und würde mich nicht — Geiz über alle Spitzen hinaus geht. Da geh' ich recht r Scheine drauf ein.“ 6 — — 305— „Das ließe ſich hören, ſagte der Taube, als er eine Ohrfeige bekam,“ ſprach nach einigem, bedächtigem Schweigen der Spießmann. „Meint Ihr?“ fragte mit Entzücken der Bach⸗Kurt. „Das iſt ja ein Leichtes,“ ſprach Steffen, ſeinen Grimm bemeiſternd.„Verlaßt Euch nur unbedingt auf mich,“ und damit brach er auf. Bach⸗Kurt aber eilte an das Wandſchränkchen, holte und reichte ihm die Quittung und Steffen ging. „Dich ſoll dieſer und der!“ rief er draußen, zornig die Fauſt gegen Bach⸗Kurt's Haus ballend, und raſchen Schrittes lief er zum Schultheiß. Dieſer erſtaunte über des Menſchen Bosheit; nahm Steffen zu Protocoll und legte die Quittung deinſelben bei, indem er zu Steffen ſagte, er möge ja gegen Jedermann tiefes Schweigen beobachten, bis die Stunde da ſei, wo er ihn zum Reden auffordern würde. In ſeiner blinden Wuth hatte der rothe Bach⸗Kurt vergeſſen, daß Steffen ein entfernter Verwandter Jacob's war. Der Macht des Geldes vertraute er und im eigenen, verworfenen Herzen fand er den Grund zu der Hoffnung, daß der Arme zu jeder Schandthat fähig ſei, wenn das Geld ſein Auge blende. Diesmal war ſeine Rechnung falſch. Der Sonntag Nachmittag war unter vielen Vorbereitungen zum Bachtanze hingegangen. Der Wagen war mit Grün köſtlich bekränzt, der die Mädchen abholen ſollte. Die größte Heiterkeit erfüllte Alle. Auch in Bach⸗Kurt's Hauſe wurde das Feſtmahl vorbereitet für den andern Mittag und müde gingen die Bewohner zur Ruhe. Bach⸗Kurt ſelbſt ſchlief ein im ſeligen Bewußtſein, ſeinem Feind einen Fuß geſtellt zu haben. Es gab keine größere Schmach, als die, das Mädchen in den Bach fallen zu laſſen oder ſelber den Fall zu theilen. Das ßte Aennchenes Herz von Jacob löſen und die Schmach, die iie traf, führte ſie ſicher ihm zu. So ſchloß und rechnete der R. F. IM. 20 — 506— Unhold und in ſolchen Träumen wiegte er ſich, bis der Schlaf auch ſein Auge ſchloß. Es war Mitternacht vorüber, als Bach⸗Kurt's Knecht dem Peter den Schlüſſel zum Schuppen einhändigte, wo das Wägelchen ſtand. Dunkle Geſtalten trugen Brandleitern herzu, die ſo leiſe und mit ſo wenig Geräuſch als möglich an Bach⸗Kurt's zweiſtöckigem Hauſe angeſtellt wurden. Im Schuppen wurde nun eine große Thätigkeit entfaltet. Es war keine lange Zeit nöthig, die Räder und Deichſel zu entfernen. Jetzt trugen kräftige Jünglingsgeſtalten das leichte Wägelchen daher, die Leitern hinauf und pflanzten es auf die Dachfirſte. Räder und Deichſel wurden wieder angefügt und dann die Leitern eben ſo ſtill entfernt. über der Thüre wurde ein Papier angeheftet, darauf mit mächtigen Buchſtaben zu leſen ſtand: „Gaſthaus zum blauen Wagen.“ Kichern und unterdrückes Lachen wurde erſt hörbar, als ſie mit den Leitern bereits wieder an dem Orte waren, wohin ſie gehörten. Der Knecht empfing wieder den Schlüſſel und Alles war ſtille wie im Grabe. Bach⸗Kurt war durch ein verdächtiges Geräuſch allerdings. erwacht. Anfänglich fürchtete er Diebe; allein dieſe Furcht verging ſchnell, als im Hauſe es ruhig blieb und auch der Spitz, der ſonſt ſo wachſam war, nicht bellte. Jetzt erwachte ſein Aberglaube. Das böſe Gewiſſen begann in ihm zu hämmern. Er betete viel tauſendmal:„Alle guten Geiſter u. ſ. w.,“ kroch tief unter die Decke und hörte endlich Eins ſchlagen und das Geſpenſterweſen ſich entfernen. Alles wurde grabſtill und ſeine Seele genas von ihrem Schrecken. Der Schlaf kam wieder mit Macht und hielt ihn gefangen, bis am Morgen ein heilloſer Lärm, ein wieherndes Gelächter von Hunderten von Stimmen ihn aus dem tiefen Schlafe weckte. In dieſem Augenblicke klopfte auch der Knecht an ſeine Thüre. ung der „Was gibbs?“ fragte voll Schrecken und böſer Ah n Bach⸗Kurt. S B 5 — 307— „Ach Herr,“ jammerte der Knecht,„hört und ſeht Ihr denn nichts? Ganz Langenſelbold ſteht drunten und tobt und lacht.“ „Worüber denn?“ fragte er haſtiger. „Ach du liebe Zeit,“ ſagte der Knecht,„da iſt Euch wieder einmal ein Streich geſpielt worden, wie in Langenſelbold noch nichts iſt erhört worden, ſeit es ſteht. Denkt Euch nur, über unſrer Thür hängt ein großes Papier, darauf ſteht geſchrieben: „Gaſthaus zum blauen Wagen—“ „Ei, du Eſelskopf, warum reißeſt du es nicht ab?“ „Ach du liebe Zeit, das würde wenig helfen, denn droben auf der Dachfirſt ſteht Euer Wägelchen und begreift's kein Menſch, wie das da hinauf gekommen iſt! Ach, Herr, es iſt nicht mit rechten Dingen zugegangen!“ „Das muß ich ſehen!“ ſchrie der Bach⸗Kurt, der den Lärm immer größer werden hörte. „Geht um aller Welt willen nicht vor die Thür'!“ rieth weislich der Knecht.„Sie hänſeln Euch, daß Ihr Euch zu Tode ärgert!“ „Aber wo ſoll ich's denn ſehen?“ „Geht zur Hinterthüre hinaus in den Grasgarten,“ ſprach der Knecht.„Dort ſieht Euch Niemand und Ihr könnt die W Geſchichte ſo genau ſehen wie auf der Gaſſe.“ Der Rath war gut. Bach⸗Kurt rannte hinab, hinaus und— ſtand ſtarr und bleich, wie Lot's Weib zur Salzſäule faſt verwandelt, da. Was er erblickte, überſtieg all ſein Begreifen. Wirklich! Sein Wägelchen ſtand droben auf der Dachfirſte, unverſehrt, mit den Stangen an den Siehlſcheiden, wie er es zum Anſchirren noch am Abend vorher fertig gemacht. Kalter Schweiß trat auf ſeine Stirne. Hatten das die böſen Geiſter in dieſer Nacht gethan, als er das Rumoren gehört? Waren auch unſichtbare Mächte gegen ihn aufgeſtanden, da doch ſo viele ſichtbare ihn genug quälten? „Das haben böſe Geiſter gethan!“ rief er voll Entſetzen. „Das glaub' ich nicht,“ verſetzte klug der Knecht,„denn au 20* — 308— der Bachſeite am Hauſe ſieht man die Löcher, wo die Leitern geſtanden haben, und die vielen Fußtritte ſind im weichen Erdreich am Saume des Baches eingedrückt, die ſind nicht von Geiſtern, ſondern von den Burſchen.“ „Aber,“ rief er plötzlich,„iſt denn der Schuppen erbrochen mit Gewalt?“ „Nein,“ ſagte der Knecht,„da können tauſend Augen auch nicht das Kleinſte ſehen, was auf Gewalt ſchließen ließe.“ „Hatten ſie denn den Schlüſſel?“ „Den tragt Ihr ja in Eurem Kamiſol; ſeht nach, da wird er ſich finden.“ Dies Kamiſol hing aber vor dem Schlafengehen des Bach⸗ Kurt unten in der Wohnſtube auf und er nahm's erſt mit, als er ſchlafen ging, ließ es aber auf dem Treppengeländer hängen, wie er oft zu thun pflegte. Er eilte hinauf und fand den Schlüſſel richtig. Seine Angſt, Verwirrung, Verlegenheit wuchs mit jeder Minute. „Sag', Lips,“ rief er dem Knechte zu,„iſt denn das Wägelchen nicht herabzunehmen?“ „Das iſt leicht geſagt und ſchwer gethan,“ antwortete Philipp, der Knecht.„Ihr wißt ſchon, wie die Leute gegen Euch geſinnt ſind. Und wenn Ihr Hände voll Geld bietet, heute ſteigt Euch da Keiner hinauf und holt's Euch herunter. übrigens müſſen das wenigſtens fünfzehn Mann ſein, ſonſt laſſen ſie's bleiben. Es iſt kein Spaß! Das Haus iſt hoch und der Wagen nicht leicht.“ Das Alles war richtig; er konnte es nicht entkräften; aber eine Fluth von gräßlichen Flüchen und Verwünſchungen quoll aus ſeinem Munde für und über Die, welche des Streiches Urheber waren. 6 Endlich ſetzte er ſich nieder und die im Innern kochende Wuth löſte ſich in einen Strom von Thränen auf. War ja doch nun alle ſein Planen, Dichten, Trachten vernichtet. Er konnte Annchen nicht abholen, das Mittagsmahl blieb ihm alleine, ſie ſah ſein Haus und ſeine Herrlichkeit nicht, und daß er ſo greulich — 309— blamirt, beſchimpft und der Gegenſtand jubelnden Spottes geworden* war, das zerſtörte vollends jede Hoffnung, das Mädchen zu gewinnen. Wie fiel es ihr jetzt ein, ihn zu wählen, der aller Leute Spott war, da ſie, ehe er das geweſen, nichts von ihm hatte hören wollen? Das wurmte und kochte in ihm. Daß bei der Geſchichte auch der Jacob im Spiele ſei, für den alle Burſche, ja das ganze Dorf Partei genommen, das ſtand ihm außer Zweifel, und der Haß wurde ein tödlicher. „Seht'mal, da drüben im Wirthshaus liegt der Linſenmeyer von Frankfurt im Fenſter und lacht ſich mit ſeiner dicken Frau ſchier todt!“ ſagte der Knecht. Der Name Linſenmeyher gab ſeinem Grimm und Haß eine andere Richtung. Er nahm eilig ſein Kamiſol, ſetzte ſein Pelz⸗ mützchen auf und eilte, durch den Garten, auf weiten Umwegen zu Linſenmeher zu kommen. Dort war noch eine Handhabe für eine glühende Rache zu finden! 7 V. Wer Andern eine Grube gräbt, Fällt ſelbſt hinein! Das ſoll Euch Allen, die Ihr lebt, Ne Warnung ſein. Altes Lied. Der Zuſammenlauf des ganzen Dorfs und der hölliſche Lärm, das Gelächter und all der Rumor hatte den Fürſten geweckt. Er fragte den Bedienten nach der Urſache, hörte aber hier Bruchſtücke. „Rufe mir den Amtsrath!“ befahl er und der Bediente 4 hinweg. Bei dem Amtsrathe war eben Gabriel. „Ich habe Sie ſchon frühe rufen laſſen, weil ich mit Ihnen reden müßte, ehe Ihr Onkel von Frankfurt ankommt,“ jagte der Amtsrath. — —— „ — 310— Gabriel unterdrückte ein Lächeln über das Wörtlein„frühe,“ denn der Oheim war ſchon da, und dies Wörtlein hat, je nachdem die Perſon iſt, welche es gebraucht, um auf die Zeit des Fitſens hinzuweiſen, gar verſchiedene Bedeutung. „Mein Oheim iſt ſchon hier,“ ſagte Gabriel.„Ich komme eben von ihm.“ „Wirklich?“ rief der Amtsrath.„Nun, die Frankfurter ſind doch ſonſt keine Rothſchwänzchen, was das Frühaufſtehen angeht.“ „Leider iſt ihm ein Unglück paſſirt,“ ſagte Gabriel mit Theilnahme. „So? Was denn?“ „Er hat eine Miethkutſche von Frankfurt und die brach Knall und Fall zuſammen, etwa drei Viertelſtunden von hier.“ „O, das bedaure ich ſehr!“ Gabriel verbeugte ſich dankend und fuhr fort: „Ich habe den Wagner und Schmied hinausgeſchickt. Die aber kamen eben zurück und ſagten, der Kaſten ſei nicht mehr zuſammen zu flicken, weil er morſch und ſchlockerig, wurmſtichig und verdorben ſei. Nun weiß der Himmel, wie ich die Familie meines Oheims nach Frankfurt zurückbringen ſoll. Das neue Wägelchen des Bach⸗Kurt's, das mir der Geizhals vielleicht geliehen hätte, ſitzt, Sie werden es ſchon gehört haben, oben auf der Dachfirſte ſeines Hauſes.“ „Was ſagen Sie da?“ rief erſtaunt der Amtsrath. „Belieben Sie nur an das Fenſter zu treten,“ ſagte Gabriel, „ſo werden Sie es ſelber ſehen.“ Der Amtsrath lief zum Fenſter, öffnete es, ſah das blaue Wägelchen auf dem Dache, hörte das Halloh des Volkes und brach in ein lautes Gelächter aus. „Welcher böſe Geiſt hat die Burſche regiert?“ rief er aus. „Das iſt ja eine halsbrechende Arbeit. Und das haben ſie in der letzten Nacht ausgeführt? Und Sizunt Erzählen Sie mir's doch!“ Gabriel war hiernach genöthigt, ausführlich dem Amtsrathe — 311— die Lage Jacob Köhler's, ſeine Stellung zu Obermüllers Innchen, die Ränke des Bach⸗Kurt und die Abneigung des Obermüllers gegen eine Verbindung ſeiner Tochter mit dem armen Jacob, aber ſein Feſthalten an der Vermählung mit dem Bach⸗Kurt, ausein⸗ ander zu ſetzen. Er mußte die Theilnahme des ganzen Dorfs an Jacob ihm darlegen und die daraus hervorgegangene Wahl zum Bachtanz. Er erzählte ihm ferner, wie(Bach⸗Kurt's Knecht hatte dem Peter ohnehin Alles verrathen, was Bach⸗Kurt vor hatte) der Bach Kurt ſeinen Plan mit dem Abholen Innchen's angelegt; wie der Obermüller mit ihm unter einer Decke geſpielt; wie die Burſche gegen das Herkommen darauf eingegangen, weil der liſtige Peter bereits ſeinen Plan mit dem Wägelchen Bach⸗Kurt's entworfen gehabt und wie ſie das nun zur Ergötzung des Volkes dieſe Nacht ins Werk geſetzt. Der Amtsrath, der ohnehin für Jacob eingenommen war, klatſchte in die Hände und wollte ſich ausſchütten vor Lachen über dieſe muthwilligen, aber köſtlichen Streiche gegen den von allen Bewohnern Langenſelbolds gehaßten Bach⸗Kurt. „Es iſt ein Act der Gerechtigkeit,“ ſagte er,„den ich freilich nicht beloben darf, der mir aber doch viel Vergnügen macht. Käme nur für den braven Jacob etwas heraus!“ „Bei dem Namen Jacob,“ fuhr er fort,„fällt mir eben ein, warum ich Sie rufen ließ. Seine Durchlaucht, unſer gnädiger Herr, haben mir befohlen, für Jacob die dreijährigen Zinſen zu bezahlen, die er Ihrem Onkel ſchuldig iſt. Da dieſer, wie Sie ſagten, hier iſt, ſo händige ich ſie Ihnen hier ein und bitte Sie, mir die Quittung zu beſorgen.“ Er gab dem freudig erſtaunten Gabriel das Geld. „Noch Eins,“ ſagte er dann;„Sie haben vorhin der Verlegenheit Ihres Onkels und ſeiner Familie wegen der Heim⸗ fahrt nach Frankfurt gedacht. Wenn ich Ihnen damit einen Gefallen erweiſen kann, ſo ſteht meine Kutſche zu Ihren Dienſten.“ Gabriel wollte Das erbitten, was ihm der freundliche Mann zuvorkommend anbot. Er nahm es dankbar an und wollte ſich — 312— eben entfernen, als der Bediente des Fürſten den Amtsrath dorthin beſchied. „Sehen Sie,“ rief der Amtsrath,„wie gut es iſt, daß Sie mir die Geſchichte erzählt; Seine Durchlaucht wollen gewiß Aufklärung über den Volksauflauf, und ich eile, dieſe zu geben.“ Er grüßte Gabriel und ging. Dieſer aber eilte zu ſeinem Oheim, ihm das Geld zu bringen, worüber dieſer eben die Quittung ſchrieb, als der Bach-Kurt glühend und puſtend in die Stube trat. Der Lachreiz der Tante, welcher in einem Jahre nicht ſo viele Anläſſe und Anſtöße erhalten, als an dieſem Morgen, war noch nicht überwunden, als die ſeltſame Geſtalt des koboldartigen Bach⸗Kurt's und die unendlich linkiſche Verbeugung, nebſt Kratzfuß hinten aus, ihn aufs Neue zu einem faſt convulſiviſchen Ausbruche brachte. Alle Mühe, das Lachen zurückzuhalten, war umſonſt; es brach ſo kräftig und ſo hinreißend hervor, daß Lieschen, Linſen⸗ meyer und Gabriel davon ergriffen wurden und faſt willenlos einſtimmten. Der Zorn Deſſen, der ſo komiſch zu wirken das Unglück hatte, ſteigerte ſich ſehr; allein er fand es zu ſeinem Zwecke höchſt dienlich, ſeiner Herr zu bleiben, und wie es auch innerlich in ihm gährte, ſo lachte er doch mit, als ſei er eben nicht im Entfernteſten gemeint. Als endlich der erſte überwältigende Ausbruch vorüber war und Linſenmeyer die Quittung geſchrieben hatte, hob Bach Kurt an, ſein Anliegen auseinander zu ſetzen. „Ihr ſeid ohnehin das Geträndel müde, da der Lumpes Euch keine Zinſen bezahlen kann und ſeid zu entfernt, ihm aufzuknien. Wenn Ihr mir die dreijährigen Zinſen nachlaßt, ſo geb' ich Euch Euer Geld baar und heute noch, und übernehme die Schuld des Jacob Köhler, oder vielmehr ſeines Vaters und ſeiner Mutter.“ „Die Zinſen hat ſo eben Seine Durchlaucht, der Fürſt, der hier iſt, für die Wittwe Köhler bezahlt,“ ſagte Linſenmeyer.* „Auch noch!“ rief Bach⸗Kurt.„Sv wollt' ich, daß——“ S . — 313— Er verſchluckte den Fluch, als er in Gabriel's drohende Miene blickte. „Aber das Kapital könnt Ihr mir doch überlaſſen gegen einen kleinen Nachlaß?“ ſprach Bach⸗Kurt. „Es ſteht mir lang gut,“ entgegnete Linſenmeher. „So geb' ich Euch das Geld baar, rund und ganz, in harten Thalern,“ ſagte Bach⸗Kurt,„und Ihr braucht keinen Pififferling nachzulaſſen.“ „Ich brauche das Geld nicht,“ war Linſenmeher's Antwort. Seine Frau nickte ihm zu, was eigentlich aber von dem Gatten ganz anders verſtanden wurde. Ihr gefiel Bach⸗Kurt's Anerbieten ungemein und ſie wollte ihrem Mann andeuten, er ſoll es annehmen; allein der Lachkrampf ſtieß immer mehr und reden konnte ſie jetzt nicht. Linſenmeyer legte dies Nicken zu Gunſten ſeiner Meinung aus. Bach⸗Kurt kratzte ſich hinter dem Ohr und war eben daran, dem eigentlichen Gläubiger ſelbſt Vortheile zu bieten, um nur ſeinen gehaßten Nebenbuhler in die Hand zu bekommen, als an die Thüre geklopft wurde und auf den Hereinruf Linſenmeyer's der hübſche, freundliche Jacob mit anmuthigem Gruß eintrat. Erſtaunt ſah er den Bach⸗Kurt an, deſſen glühende Geſichts⸗ farbe in eine Todtenbläſſe überging, deſſen Lippe in unſäglichem, wahrhaft tigerartigem Grimme zuckte, und deſſen Augen Todes⸗ pfeile auf Jacob ſchoſſen. „Ich bin der Jacob Köhler,“ ſagte er, ſich an Linſenmeher wendend,„und komme, Euch die rückſtändigen Zinſen zu zahlen.“ „Iſt das der brave Burſche, der die köſtlichen Erdbeeren für die Mutter gepflückt hat?“ fragte Lieschen ihren lieben Vetter Gabriel. „Ja,“ antwortete dieſer und über das noch immer zuckende Angeſicht der Mutter flog ein Ausdruck von Wohlgefallen und Wohlwollen. „Die ſind ſchon bezahlt,“ antwortete ihm Linſeteen„Eben hat ſie der Durchlauchtigſte Fürſt bezahlen laſſen.“ — 314— „Der Fürſt?“ rief Jacob aus und wußte nicht, was er ſagen ſollte.„Der gab mir ja auch das Geld für die Zinſen.“ „Das geht mich nichts an,“ ſagte darauf Linſenmeyer.„Du biſt mir nichts mehr an Zinſen ſchuldig; aber iſt es dir Recht, wenn ich das Kapital hier an den abtrete?“ Er deutete auf den Bach⸗Kurt. Jetzt kam das erſchreckende Erbleichen an den armen Jacob. „An den?“ fragte er endlich.„Ach, Herr Linſenmeyer,“ ſagte er bittend, ja flehend,„ſeid menſchlich! ſeid barmherzig! Ich wollte lieber dem Teufel und ſeiner Großmutter es ſchuldig ſein, als dem!“ Das Wort war kaum ausgeſprochen, als ſich der ungeheuer muskelſtarke Bach⸗Kurt wie ein blutgieriger Tiger auf ſeinen Feind ſtürzte und ſich an ſeiner Kehle feſtkrallte. Jacob verſuchte umſonſt, den Raſenden von ſich ab und ſich Luft zu machen. Sie rangen und taumelten zur Erde, wo denn Bach⸗Kurt, auf Jacob's Bruſt kniend, ihn erdroſſelt haben würde, hätte nicht Gabriel ſeine Hand in deſſen Halsbinde gewühlt und ihn, ſelbſt dem Erſticken nahe, genöthigt, ſein Opfer fahren zu laſſen. Kaum hatte Bach⸗Kurt Jacob wüthend angegriffen, als die beiden Frauen in Todesangſt: Hilfe! Hilfe! zum offenen Fenſter hinausſchrien. Unten am Hauſe ſtand der Schultheiß und Steffen bei einem Haufen Männer. Kaum vernahmen ſie den verzweiflungsvollen Ruf, als ſie herauf eilten und ins Zimmer ſtürzten- 6 Hier hatte ſich unterdeſſen di Lage der Dinge wieder weſentlich verändert. Natürlich war Bach⸗Kurt's Wuth gegen Gabriel gekehrt worden, der ihn gehindert hatte, ſeine Rache an ſeinem Feinde zu üben. Kaum frei von Gabriel's Hand, die er mit eiſerner Fauſt bewältigte, ſo ſchlug er dieſem mit der ganzeu Wucht ſeines Armes ſo gewaltig auf den Kopf, daß er betäubt zur Erde ſtürzte, gab Linſenmeher einen Stoß vor die Bruſt, daß er gegen die — 315— Wand taumelte, und ſtürzte ſich wieder auf Jacob, der ſich eben aufrichtete. Ehe er aber jetzt ſein Ziel erreichte, wurde die Thüre aufgeriſſen und der Schultheiß ſtürzte mit einem Haufen Männer herein. Dieſe ergriffen den wüthenden Bach⸗Kurt und hielten ihn ſo, daß er ſich nicht rühren konnte. Während Gabriel in des jammernden Lieschen's Armen wieder erwachte, erzählte Linſenmeyer den Hergang in der Kürze vollkommen der Wahrheit gemäß, und der Schultheiß ließ den Schäumenden, der ſich gegen vier Männer wehren wollte, in das Ortsgefängniß abführen. Daß dies mit Püffen und Stößen verknüpft war, läßt ſich denken. Als aber die Männer und Steffen mit ihrem Gefangenen vor die Thüre kamen, wendete ſich der ganze Menſchenſtrom gegen den Unhold und begleitete ihn unter Verwünſchungen zum Gefängniſſe, wo der völlig Raſende brüllend ſeine Stirne wider die naßkalte Mauer ſtieß und ſich geberdete, daß ihm Steffen drohte, ihn mit Hand⸗ ſchellen und Ketten zu feſſeln, wenn er nicht zur Ruhe und Vernunft zurückkehre. In dem Zimmer, welches Linſenmeyer mit ſeiner Familie im Wirthshaus inne hatte, war in Kurzem die Scene eine völlig andere geworden. Frau Linſenmeyer war vom Lachkrampfe völlig geneſen und widmete ihre ganze Sorgfalt den beiden Opfern der Wuth des bis zum Rußerſten gebrachten Bach⸗Kurt's. Sie wuſch ſie an, hielt ihr ſilbernes Biſambüchschen ihnen unter die Naſe und fragte hundertmal in Einem Athem: ob es beſſer ſei?— Beide erholten ſich ſehr ſchnell wieder. Der Schultheiß hatte indeſſen am Tiſche Platz genommen und ſchrieb den Kopf des Protvcolls, zu welchem denn zuerſt Herr Linſenmeyer, dann die übrigen nach der Reihe ihre Aus⸗ ſagen gaben. Als es geendet war, begab er ſich mit Jacob auf das Amt, um Bericht zu erſtatten. Mittlerweile wurde denn die Geſchichte in allen Richtungen 8 von der Familie Linſenmeyer beſprochen, bei der Gabriel bleiben mußte, überglücklich, daß die Tante wohlwollend war und er in Lieschen's Nähe ſein durfte, wenn auch die Möglichkeit zu einem vertrauten Geſpräch abgeſchnitten blieb. Uber Tiſch, wo es denn, trotz der Erſchütterungen des Gemüths, welche ſie erlitten, der Frau Linſenmeyer an Appetit durchaus nicht gebrach, fragte ſie Gabriel, ob er denn nichts von der Kutſche erfahren und bis zu Stunde ſie denn wohl fertig ſein würde. Jetzt erſchrak ſie aber denn doch ernſtlich und faſt mehr, als bei Bach⸗Kurt's Fauſtkampf, als Gabriel die troſtloſe Ausſicht eröffnete und hinzufügte, der Kutſcher ſei mit den Pferden bereits auf dem Rückwege, die Rudera der erfahrungsreichen Caroſſe aber im Hauſe des Stellmachers, von dannen für ſie keine Auferſtehung zu hoffen ſei. „Aber um aller Welt willen, wie ſollen wir denn heim kommen?“ rief ſie.„über Nacht bleiben, das geht einmal durchaus nicht, und von Gelnhauſen eine Kutſche holen, das währt am Ende bis zur dunkeln Nacht? Zudem iſt's hier herum niemals ganz juſt geweſen und der Büdinger Wald iſt nächſt dem Speſſart die Generalherberge aller Räuberbanden von weit und breit!“ Sie ſchuckerte, als ſie das ſagte und fuhr eifrig fort:„Gabriel, ich bitte dich um Alles und will dir's hoch anrechnen, hilf, daß ich zu rechter Zeit auf anſtändige Weiſe fortkomme, damit ich in F nicht das Stadtgeſpräch werde!“ „Dafür hab' ich bereits geſorgt,“ ſagte Sieiet„wie könnte ich Sie, theuerſte Tante, nur einen Augenblick in Sorge laſſen. Eben, als ich vorhin bei dem Herrn Amtsrath war, wollte ich ihn um ſeine herrliche, neue Kutſche für Sie bitten; da aber kam er mir unerwartet und ehe ich meine Bitze noch hatte vorbringen können, mit dem Anerbieten entgegen, Sie heimfahren zu laſſen. Sie können alſo ohne Sorgen ſein und nur die Stunde befehlen, wann der Kutſcher vorfahren ſoll.“ Da war's, als ob ein Lichtſtrahl der Verklärung auf das — 317— heiße Antlitz der Frau Linſenmeyer fiele. Voll Entzücken reichte ſie dem Neffen über den Tiſch hinüber die Hand und ſagte: „Das will ich dir nicht vergeſſen! Aber dem Herrn Amtsrath ſollten wir doch eine Dankviſite machen! Das iſt doch ein galanter und ſcharmanter Mann, das muß ich ſagen.“ „Dazu kann heute noch Gelegenheit werden,“ ſagte Gabriel. „Denn wenn der Bachtanz beginnt, müſſen wir doch auf die Brücke dort unten, wo wir näher ſind, und dahin wird auch der Herr Amtsrath mit ſeiner Familie kommen.“ Alles, was ſich ſeit frühem Morgen Unglückſeliges für den Bach⸗Kurt ereignet, wurde dem Obermüller brühwarm hinterbracht. Er war dadurch aus allen Fugen gerückt; ging theilweiſe in ſtillem Ingrimm umher, ſtellenweiſe fluchte er wie ein Türke. Dennoch aber ſchlichen ſich auch andere Gedanken zwiſchen die dem erkorenen Eidam günſtigen hinein, die ſich denn damit zu thun machten, woher es doch kommen möge, daß ihm auch kein Menſch im Orte gut ſei; er müſſe doch daran ſelber die Schuld tragen. Als er nun aber endlich doch vernahm, daß er wie ein Meuchelmörder den Jacob angefallen und ins Gefängniß(in den„Bollos“) ſei geſetzt worden, da ergriff ihn denn doch ein Schauder. „Nein,“ ſagte er,„der ſoll mir nicht kommen! Auf meinem und meiner Vorfahren ehrlichem Namen ruht kein Makel und Flecken. Keiner hat je im Bollos geſeſſen. Das iſt nichts. Hol' ihn der Henker! Rothe Haare und Erlenholz wachſen doch allemal auf Sumpfboden!“ Jetzt kam aber einer der Knechte und ſagte: „Herr, habt Ihr ſch gehört, was der Bach⸗Kurt unſerer Jungfer für eiſten Schihf anthun wollte?“ „Was?“ ſchrie der Obermüller.„Der rothe Hallunke wollte mein fleckenlos Kind beſchimpfen? Lüg' mich nicht an, Stoffel, ſonſt jag' ich dich morgen fort!“ „Gott behüte mich, Herr,“ ſagte der Knecht in aller Ruhe. — 318 „Ich war grad ins Schultheißen, als der Schultheiß das Protocoll las, das am Abend geſtern der Dorfſpieß Steffen gemacht— „Der Steffen iſt ein ehrlicher Menſch,“ fiel ihm der Ober⸗ müller in die Rede.„Was hat der geſagt?“ „Der Bach⸗Kurt ließ ihn geſtern in der Dämmerſtunde rufen,“ fuhr der Knecht fort,„und wollte ihm ſeine zweijährigen Zinſen erlaſſen, wenn er in den Bach, wo der Tanz geſchehen muß, ein paar dicke Steine heimlich lege, damit der Jacob und die Jungfer, wenn ſie zuerſt tanzten, in den Bach fielen! Das hat denn der Steffen zum Scheine zugeſagt und iſt fort und zum Schultheiß gegangen und hat es zu Protocoll gegeben.“ „Ei du Spitzbube!“ rief der Obermüller in größtem Zorn. „Alſo das iſt deine geheuchelte Lieb' geweſen? Da ſoll doch lieber das ſiebzigjährige Löbchen, der Pferdejud von Gelnhauſen, mein Kind kriegen, als der Heimtücker, der Hallunke!“ Das gab dem Alten den letzten Druck. Wie beſeſſen lief er in der Stube auf und nieder, murmelte in den Bart, fluchte, ſaß wieder ſtille da und konnte gar das rechte Gleis nicht mehr finden. Bei Tiſch aß er faſt nichts, ſah in Ein Loch und ärgerte ſich nicht einmal drüber, daß Annchen ſo heiter ausſah wie ein Frühlingsmorgen. Innchen war ſchon ſtattlich geputzt und wenn ihr Vater auf ſie hinſah und das liebreizende Mädchen mit dem alten, rothhaarigen Schurken in Gedanken zuſammenhielt, kam es ihm doch vor, als ſei er auf dem Wege geweſen, etwas zu thun, was weder Gott, noch Menſchen habe gefallen können; aber ganz angethan geweſen, einen giftigen Dorn in ſeine Seele zu ſenken und ſein geliebtes Kind elend zu machen. Er ſeufzte wohl einmgl tief auf und dankte im Stillen Gott, daß es ſo gekommen. Aber was wird's denn nun werden, Wr er, wenn ſie warten, daß mein Innchen komme? Das wär' ja wieder ein Schimpf, den ſie ſchuldlos erlitte? Eine ſolche Reihe von Gedanken quälte ihn, als Annchen nun geſchmückt in die Stube trat. Sie trug die knapp — 319— um die ſchmale Hüfte anliegende Jacke von feinem ſchwarzen Tuche. Vier bis fünf feine Tuchröcke bauſchten die Hüften auf und reichten bis zur Wade. Weiße Strümpfe von Baumwolle und niedliche Schuhe vollendeten den Putz. Auf dem reichen, glänzenden Haare ſaß das niedliche, geſtickte Mützchen. Ein Strauß gemachter Blumen lag an der linken Schläfe und ein Sträußchen natürlicher Blumen hielt ſie in der vor Freude und Luſt bebenden Hand. Etwas Reizenderes konnte man nicht ſehen, als dieſes Mädchen, und die dunkle Farbe des Kleides hob den Schnee der Haut und das ſanfte Roſenroth der Wangen. Die ſchlanke, biegſame Geſtalt und der kleine, wohlgeformte Fuß wurde durch dieſe Tracht ungemein gehoben. Schöner aber als Alles war das, gleich Sonnen ſtrahlende Augenpaar. Der alte Obermüller vergaß bei ihrem Anblick all' das Herzeleid dieſes unglückſeligen Tags. Er wußte es den jungen Leuten Dank, die ſeinem Kinde dieſe Ehre anthaten, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſie, das reichſte Mädchen der Gemeinde, mit Jacob, dem ärmſten Schlucker des Dorfes, tanzte. „übrigens,“ ſagte er vergnüglich zu ſich ſelbſt,„iſt der Jacob unſtreitig der ſchönſte Burſch, der am End' alleine zu meinem Annchen paßt— und— man kann ihm doch auch nicht das Geringſte nachſagen. Er und ſeine Mutter, wie auch ſein Vater, ſind unbeſcholtene, brave Leute.“ Dabei brach er jedoch, ordentlich erſchreckend, ab; es war, als ob er ſich fürchte, einem weitern Gedanken zu Gunſten Jacob's zu begegnen. „Wo ſie nur mit dem Wagen bleiben?“ dachte er; denn auf ſeiner Wanduhr war's bereits halb Eins. Er ging hinaus und ſtieg auf die Anhöhe neben der Mühle, wo er weithin den Weg gen Langenſelbold überſchauen konnte. Annchen war ruhig und in ſich ſeelenvergnügt. Sie wußte beſſer Beſcheid, als ihr Vater; denn in letzter Nacht, es war ſchon gegen Tag, flog ein Steinchen gegen ihr Fenſterlein, das ſie weckte. — — 320— Sie horchte auf. Ein zweites Steinchen war das Zeichen, daß Jacob da war. Sie kleidete ſich raſch an und öffnete. Und nun erzählte er ihr Peter's Schalksſtreich mit dem Bach⸗Kurt und ſagte ihr dann, er würde ſie nun mit dem Wagen und zwar vor allen anderen Tänzerinnen abholen; ſie ſolle nur ſich fein fertig machen und zeitig. Dann war er wieder am Stamme der Pappel hinabgeglitten, wünſchte ihr noch einen ſüßen Schlaf und verſchwand in dem Dunkel. Da wußte ſie nun, wie Alles ſtand, und mit ihrem Eugels lächeln harrte ſie des Augenblickes, wo er käme. Endlich kam ihr Vater eilfertig auf die Thüre zugeſchritten. „Ich höre ſchießen im Dorfe,“ ſagte er,„nun wirſt du nicht mehr lange zu warten brauchen. Ich will mich anthun und gehen,“ ſagte er, legte ſein Kamiſol und ſeine weiße Schürze ab, zog den müllerblauen, langſchößigen Rock mit den tellergroßen Knöpfen an, ſetzte den Dreimaſter auf das grüne Pelzkäppchen, ſtopfte ſeine Pfeife, zündete ſie an und ging. VI. Die Fiedel klingt und hebt die Bruſt, Beſchwingt den Fuß zu des Tanzes Luſt, Und Alt und Jung ſtrömt zu dem frohen Reigen. Lied. Mittag war vorüber. Um die Brücke mitten im Dorfe ſammelten ſich Fremde und Einheimiſche in immer größeren Maſſen. Nur auf die Brücke durfte Niemand und der Raum am Bach unter der Brücke mußte leer bleiben. Wachen ſtanden da mit alten Musketons von Anno 11, aus deren roſtigem Lauf eine Kugel umſonſt den Weg haben würde Petzt ſenelten ſich die Burſche. Kräftige ſchöne Geſtalten waren's, die in den langen, blauen Jacken und Weſten 1 den grünen, runden Pelzkäppchen gar ſchmuck gſ 4 Drei darunter trugen grüne Rosmarinſträuße im Knopfloche. Das waren die Tänzer, und unter ihnen ſtach wieder Jacob beſonders hervor, wie an Größe, ſo an Schönheit der Geſtalt und jugendlicher Friſche. Niemand ſah ihm mehr an, wie nahe er unter der mörderiſchen Fauſt des nun im Bollos raſenden Bach⸗ Kurt's dem Erſtickungstode vor Kurzem erſt geweſen war. Die Kunde hatte ſich verbreitet, der verehrte Fürſt ſei ſelber im Schloſſe. Da galt's, nicht vom geſtrengen Herrn Amtsrathe, ſondern von dem gnädigen Herrn ſelber die Erlaubniß zum Beginne des Feſtes zu holen. Jetzt ging's piff! paff! Ein paar Dutzend Schüſſe knallten und die Schaar der Burſche bewegte ſich zu dem Schloſſe hin und in dichten Maſſen folgte der Haufen Volks. Am Schloſſe angekommen, trat Jacob, als der erſte Bach⸗ tänzer, vor und ſchritt die Treppe hinauf und zu der Thüre hinein. Der Bediente hatte Befehl, ihn einzuführen. Tief neigte er ſich vor dem Landesherrn und ſagte dann erglühend: „Gnädigſter Herr! Geſtern hab' ich dumme Streiche gemacht. Ich war mit Blindheit geſchlagen, daß ich meinen gnädigen Fürſten und Herrn nicht⸗ kannte. Heut' ſind meine Augen klar und ich bitte demüthigſt um Vergebung; aber zugleich komme ich im Namen der Jugend dieſes Dorfs, um die Erlaubniß mir von Eurer Durchlaucht zu erbitten, daß der Bachtanz beginnen dürfe und daß es unſerm gnädigſten Herrn gefallen möge, ihn anzuſehen mit freundlichem Auge!“ 8 Der Fürſt ſah ihn mit Vergnügen an. „Hör' mal, Zacob,“ ſagte er,„ich glaube, heute gefällſt du deinem Mädchen über die Maaßen!“ „Ach,“ ſeufzte Jacob,„was kann mich das helfen?“ „Wie wär's, Alter, wenn der geſtrenge Herr Revierförſter bei dem Obermüller, dem alten Starrkopf, ein gut Wort ejglegte?“ Jacob ſah unter ſich und drehte ſeine Pelzmütze i entſetzlicher Verlegenheit. Endlich ermannte er ſich. 5 2¹ — 3 „Ach, gnädigſter Herr,“ ſagte er,„Ihr habt mich ſo mit Gnade überhäuft, daß—“ „Aha,“ lachte der Fürſt.„Du willſt mich als Freiwerber nicht?“ „Ach, Ihre Durchlaucht,“ ſagte Jacob faſt traurig,„das glaubt ja nicht— aber—“ „Nun— aber?“ fragte der Fürſt, der ſich an der peinlichen Verlegenheit des ſchönen und braven Burſchen weidete. „Ach, nehmt's nicht quer,“ platzte er heraus,„das geht nicht!“ „Da will ich dir doch zeigen, daß es geht,“ rief der Fürſt. „Du ſollſt hören, was ich ihm ſage. Verlaß dich auf mich. Einen guhen Freund darf man in der Noth nicht ſtecken laſſen, und wir ſind, ſeit dem Erdbeerpflücken, gute Freunde geworden. Nun geht in Gottes Namen. Hebt Euren Bachtanz an. Ich will kommen und zuſehen. Mach' aber nur deine Sache gut! Ich will ſchon 1 das Meine thun!“ ½ Jacob verbengte ſich und ging. Der Fürſt lachte herzlich. Jacob aber dankte Gott, daß er von dieſer Unterredung erlöſt war. Als er heraustrat, rief er:„Vivat, unſer gnädiger Fürſt lebe hoch!“ Und das„Hoch!“ wirbelte aus viel hundert Kehlen in die Luft und wieder knallten die Flintenſchüſſe luſtig drein. 3 Als ſie zur Brücke zurückkamen, ſtand der geſchmückte Wagen da. Die Muſikanten ſaßen drauf. Sie begannen zu ſpielen, die Burſche ſchwangen ſich drauf. Die raſchen Pferde zogen an und im Fluge ging's nach der Obermühle. Der Obermüller ſah ihm ſchmunzelnd nach. Während nun das Volk, die Fremden und die unendlich zahlreiche liebe Jugend von nah' und fern den großen Kreis um die Stelle ſchloß, wo der Tanz vor ſich gehen ſollte, kam Steffen in ſeinem beſten Rocke, ſetzte ſich hin, zog Schuhe und Strümpfe aus, nah einen breiten, eiſernen Rechen und unterſuchte noch einmal den Boden des Baches, ob es nicht dem Bosfeinde, dem eingeſetzten Bach⸗Kurt, doch möchte gelungen ſein, ſeinen rachſüch⸗ tigen Plan auszuführen. Als er aber das hier w — 323— Fuß breite Bachbett rein von Hinderniſſen und feſt fand, trug er in die Mitte des Bachbettes einen Tiſch, drückte die Füße in den Kies des Bodens ſo feſt ein, daß die dahinrollende Fluth ihn nicht umreißen konnte, ſtellte eine große Flaſche mit Wein darauf, nebſt einem Glaſe, und kam wieder ans Ufer. Bis jetzt hatte Frau Linſenmeyer mit ihrer ſchönen Tochter im Fenſter ihrer gemietheten Stube dieſen Vorgängen zugeſehen und hinter ihnen ſtanden Linſenmeyer und Gabriel. Die dicke Frau brannte vor Neugierde, den Tanz anzuſehen, und konnte kaum deſſen Beginn erwarten. Sie ſprach das aus. z „So laſſen Sie uns hinunter gehen, beſte Frau Tante,“ ſche Gabriel.„Leider iſt der Standpunkt hier nicht der beſte. Die Brücke verdeckt uns die Tanzenden, namentlich wenn ſie von Zuſchauern bedeckt iſt, aber dann muß es ſchnell geſchehen.“ Er hatte das Wort noch nicht ganz ausgeſprochen, als die Tante ſchon ſeinen Arm ergriff. „Du mußt heute mein Führer und Schützer ſein,“ ſagte ſie vergnüglich lächelnd. Sie gingen und nahmen neben der Brücke Platz. „Warten Sie nur,“ ſagte die Wache,„wenn die Herrſchaft drauf iſt, laß ich Sie auch drauf.“ In dieſem Augenblicke ſtob das Volk auseinander. Die Hüte ind Mützen flogen von den Köpfen. „Der Fürſt! Der Fürſt!“ hörte man halblaut ſummen. und in der Gaſſe kam die ſtattliche Geſtalt des Fürſten Wolfgang zu Yſenburg, nach allen Seiten ſeine Unterthanen und die Fremden grüßend. Die Wache präſentirte den roſtigen Musketon, und der Fürſt trat auf die Brücke. Hinter ihm kam der Amtsrath und ſeine Familie, die Rentei⸗ und übrigen Beamten. Als er ſich Gabriel nahte, ſagte er lächelnd: „Es iſt gut, daß Sie da ſind.“ Zetzt ſah er die Familie — 324— Linſenmeyer. Er grüßte höchſt artig und ſagte zu Gabriel gewendet: „Wohl die werthe Familie Ihres Herrn Onkels aus Frankfurt?“ Nun mußte ſie Gabriel vorſtellen. Frau Linſenmeyer fand ſich unendlich geehrt und ſtattete im Voraus in wohlgeſetzter Rede ihren Dank für die zuvorkommende Güte in Betreff des zu leihenden Wagens ab. Der Amtsrath ging mit der Gewandtheit eines feinen Welt⸗ mannes darüber weg und äußerte nur, daß es ihm doppelt Freude mache, eines Theils einer ſo achtbaren Familie, andern Theils einem ſo braven jungen Manne ſich gefällig erweiſen zu können. . Damit brach er ab und that, als ſähe er jetzt erſt das bildſchöne, ſchamhaft erglühende Lieschen, das ſich ſittig neigte. „Ach,“ ſagte er, zu Frau Linſenmeyer gewendet,„gewiß Ihre Jungfer Tochter und die Braut meines braven Gehilfen? Nicht wahr, Gabriel's Braut?“ Frau Linſenmeyer war in einer entſetzlichen Lage. Sie hielt es für unendlich ungezogen, dem ſo artigen Mann eine Frage zu verneinen— und doch— wir wiſſen ja wie's ſtand, obgleich der Himmel ſich heute ſehr aufgeklärt hatte. Sie konnte, ſie durfte die Antwort nicht ſchuldig bleiben. 4 Tief neigte ſie ſich und ſagte lant:„Ja!“ „Nun, nun, das iſt ja ſchön, daß ſich das ſo gemacht hat, fuhr der Amtsrath fort, der zwar von der eigentlichen Bewandtniß 4 der Entfernung Gabriel's aus Linſenmeyer's Geſchäft und Haus durch ihn ſelber unterrichtet war, aber aus dem Hierherkomme der Eltern und der Jungfrau ſchloß, es habe ſich Alles g und Frau Linſenmeyer's Widerwille ſei verflogen. „Wünſche Ihnen zu dem braven Schwiegerſohne Glück, Herr und Frau Linſenmeyer! Und Ihnen, ſchönes Kind, nicht minder,“ fuhr er fort.„Sie haben gut gewählt; Gott ſegne Ihre Verlobung!“ Dann wandte er ſich an Gabriel und ſagte:„Sie aber haben das große Lvos gezogen, Herr Gabriel, gratulire von Herzen. Ihr Bräutchen iſt ja ein eiiz Engel⸗ Nun, werden Sie ein braver Ehemann!“ Er drückte ihm Hand und wu „Treten Sie doch mit den Ihrigen an die Seite meiner Frau und Kinder!“ Nun begrüßten ſich die Frauen und es regnete Glückwünſche vom Himmel zu Hauf. Frau Linſenmeyer ergab ſich drein. Gabriel aber dachte: Recht iſt Recht! Bin ich Bräutigam, ſo will ich auch bei der Braut ſein, und trat, während die Tante mit der Frau Amtsräthin plauderte und knirte, zu ſeinem Lieschen, das im Purpurglühen füßer Scham nicht wußte, wohin es ſich wenden ſollte. „Braut!“ ſagte Gabriel mit dem ganzen Nachdruck eines unausſprechlichen Entzückens, und Lieschen ſah mit brennenden Wangen zur Erde, aber ihre Hand drückte leiſe die ſeine. Linſenmeher lachte mit dem ganzen Geſicht, und hätte doch weinen mögen vor Luſt und Freude; denn ſein Herzenswunſch war zur Erfüllung gekommen in einer ſo wunderbaren Weiſe, daß er gar nicht ſich zu faſſen wußte. Allen dieſen Seelenſtimmungen machte ein Tuſch der Muſik ein Ende und leitete alle Blicke auf den geſchmückten Wagen, der eben jetzt daher rollte mit den Burſchen und den drei reizenden WMädchen. Der Fürſt ſah ſie an und ſagte zum Amtsrath: „Welche iſt des Obermüllers Tochter?“ Die an Jacob's Seite!“ antwortete der Amtsrath. „Wahrlich,“ ſagte der Fürſt,„die iſt ſo ſchön wie die Braut Ihres Schreibers, die Sie eben beglückwünſcht haben. Ein ſchönes Paar, ma foi! Die müſſen auch ein Ehepaar werden, Herr Amtsrath!“ Der Amtsrath neigte ſich. „Laſſen Sie mir nachher einmal den Obermüller rufen!“ Der Amtsrath lächelte vergnügt und ſagte: „Zu Befehl, Durchlaucht!“ Jetzt traten die Muſikanten in den Bach, wadeten vorſichtig durch und ſetzten ſich auf den Tiſch. Dabei gab's Stellungen, welche das Volk zum S ich, du kannſt für deine liebe, gute Mutter die rückſtändigen Zinſen — 326— hethn. Jeder ließ ſich um ſo ungebundener gehen, als der gnädige Fürſt ſelbſt lachte. Nur Frau Linſenmeher hielt mit Macht an, um nicht in ihr convulſiviſches Gelächter auszubrechen und dann ſelbſt Gegenſtand des Gelächters zu werden. Die Muſikanten ſtimmten und begannen eine Fanfare. Die drei Paare waren abgeſtiegen und ſtanden in Einer Reihe. „Mein' Seel',“ ſagte Frau Linſenmeher zur Frau Amtsräthin, „das Pärchen rechts iſt wunderſchön!“ Dieſe nickte bejahend. Jetzt trat Jacob, ſein herrliches Innchen an der Hand, in den Bach und vor den Tiſch, wo ihm der Muſikanten einer das leere Glas reichte. Er nahm ſein Mützchen ab, verbeugte ſich und hob mit lauter, klarer Stimme an: „Gnädigſter Fürſt und Herr! Erlauben Eure Durchlaucht Eurem geringſten Unterthan, auf Hochdero Wohl zu trinken?“ Der Fürſt nickte lachend mit dem Kopfe. Jacob ſpülte ſein Glas im Bach aus, ließ es ſich füllen hob an: „Liebe Mitbürger und Gäſte! Geſtern war ich auf n Röthelberge und fand dort einen Herrn im grünen Jagdkleide. Der Herr war dem armen Jacob über die Maaßen gnädig, und da vermeinte ich, es ſei unſer künftiger Herr Revierförſter. Gott weiß, ich war wie ein Stockblinder! Als der mildreiche Herr fort war, fand ich ſeinen Geldbeutel, den er verloren. Ihr wiſſet Alle, was man findet, iſt ein geheiligt Gut und es iſt eines ehrlichen Chriſtenmenſchen Schuldigkeit, daß man's wiedergebe. So that ich und finde den Herrn im Schloſſe bei unſerm lieben, gütigen Herrn Amtsrathe. Himmel! wie hüpfte mir das Herz im Leibe, daß ich dem gütigen Herrn den Beutel wiederbringen konnte! Da ſchenkte er mir Gold— ich wollt's nicht nehmen, aber der gütige Herr that's nicht anders und der Herr Amtsrath auch. Da dacht' bezahlen und dankte dem liebreichen Geber und dem lieben Gott; — 32— aber als ich heute meine Zinſen bezahlen will, ſind ſie ſchon bezahlt, und wer hat's gethan? Eben der mildreiche Herr. Und wer war's? Unſer gnädigſter Herr, Herr Fürſt Wolfgang zu Yſenburg! Das mußt' ich Euch erzählen und nun ruf' ich aus Herzens Grunde: Gott ſegne unſeren gnädigen Landesvater reichlich und ewiglich! Und dann heb' ich mein Glas und leer' es auf das Wohl unſeres gnädigſten Fürſten und Herrn! Vivat hoch!“ Er leerte ſein Glas. Tauſendſtimmig klang's!„Hoch, dreimal hoch!“ Und der Jubel wollte nicht enden, obgleich Viele Thränen in den Augen hatten. „Das iſt ein Teufelsjunge!“ ſagte Frau Linſenmeyer zu der Frau Amtsräthin und beide wiſchten ihre Augen. Dem Fürſten ſelbſt war es, das ſah man ihm an, wunder⸗ lich ums Herz. Jetzt erklang die Muſik und Jacob faßte mit einem„Juchhei!“ ſein Annchen und tanzte dreimal um den Tiſch. Dann trat er ans Ufer und führte Annchen in ein nahes Haus, um friſche Strümpfe und Schuhe anzulegen, was er auch that. Nun kam das zweite Paar. Der Tänzer trank auf das Wohl der gnädigen Frau Fürſtin und der hochfürſtlichen Familie und des hochfürſtlichen Hauſes Menburg. Wiederholter und nicht geringerer Jubel erſchallte. Der Dritte brachte das Wohl des Herrn Amtsraths und ſeiner Familie aus und auch hier zeigte ſich die Liebe des Volkes zu dem milden und doch gerechten Beamten durch eben ſo laut hallendes Hoch.. Nun aber drängten ſich alle Burſche mit ihren Mädchen zum Bach und Alles wirbelte, daß das Waſſer ziſchte und ſchäumte. Plötzlich aber kam der Hauptſpaß. Trotz aller Vorſicht der um ſich ſpähenden Muſikanten hatte ſich ein Schalk von jungem Burſchen unbeachtet unter den Tiſch gehockt und plötzlich warf er ihn mit aller Macht um, daß die fünf Muſikanten mit lautem Geſchrei und in den komiſchſten Stellungen kopfüber ins Waſſer fielen. 7 — 328— Dies ſetzte dem Volksjubel die Krone auf. Ein Gelächter, desgleichen man kaum irgend hören kann, wirbelte auf. Selbſt der heitere Fürſt lachte herzlich und dies trug zum immer wieder neuem Aufbrauſen nicht wenig bei. Aber mit Schrecken blickte die Frau Amtsräthin ihre dicke Nachbarin an, die ganz aus allen Fugen war. Ihr Lachen ſchallte wie eine Trompete und dabei rannen ihr die Thränen ſtromweiſe aus den Augen. „Gabriel, um Gottes willen, die Mutter!“ rief Lieschen aus, die vorausſah, daß das ein neues Schau⸗ und Luſtſpiel für das Volk werden würde, und Beide drängten ſich durch, faßten die dicke Frau und führten ſie eilig ins Zimmer des Wirthshauſes. Linſenmeher aber ſagte zur Frau Amtsräthin: „Entſchuldigen Sie das unanſtändige Lachen meiner lieben Frau! Sie iſt mit dem Lachkrampfe behaftet!“ Ind dann eilte er ihr nach. Er fand ſeine Frau im wäthendſten Gelächter, und da er wußte, daß da nichts beſſer war, als wenn man ſie allein ließ, bat er ſie, ſich auf das Bett zu legen und ging mit Gabriel und Lieschen in den Tanzſaal, wo die Muſik ſchon erklang und die Paare i luſtigem Wirbel ſich drehten. Auch Gabriel wollte Lieschen zum Tanze führen. Sie lehnte es ab, denn ihr war heute ſo wunderſam zu Muthe, daß ſie nicht tanzen konnte. Ihre Stimmung war ſo ganz dieſer tollen Luſt entgegen, daß ſie Gabriel bat, mit ihr in den Garten zu gehen. Dort in der ſtillen Laube ſank ſie weinend an des Geliebten Bruſt, aber es waren nicht Thränen des Schmerzes, ſondern die einer ſeligen Freude, denn die Mutter hatte ſie ja als Brautpaar dargeſtellt und die Glückwünſche angenommen. Ihr kühnſtes und ſchönſtes Hoffen war erfüllt und heute gab und nahm ſie den Brautkuß in ſeligem Entzücken. So ſaßen ſie eine Stunde da und ihre Seelen waren voll Dankens und Preiſens; da rief ſie der Vater zur Mutter; der Lachkrampf war vorüber. Sie ſaß da und breitete ihre Arme ihren Kindern entgegen. — 329— „Gott ſegne euch!“ ſagte ſie mit Rührung.„Gott hat es ſo gefügt und ſein Wille geſchehe! Seid gute Kinder, wenn einmal eure Eltern alt werden!“ Auch der glückliche Linſenmeyer, der dem ſeltſamen Ereigniß noch nicht ganz getraut hatte, wagte es jetzt, ſie an ſein glückliches Vaterherz zu drücken und ſie zu ſegnen. „Nun aber, lieber Sohn, ſorge, daß wir in zwei Stunden wegfahren können,“ ſagte die Mutter.„Du fährſt mit uns und bleibſt bei uns.“ Das aber ging nur in ſo weit, daß er ſie nach Frankfurt begleitete. Denn er mußte bei dem Herrn Amtsrath noch drei Wochen ausharren, bis ſeine Stelle erſetzt ſein würde. Das ſagte er der umgewandelten Mutter, die ihm noch die Pflicht auferlegte, den wahren Sachverhalt weder dem Amtsrathe noch ſonſt Jemanden zu ſagen. Während dies hier vorging, kam der Amtsdiener zu dem Ober⸗ müller, welcher hinter ſeiner Flaſche ſaß und dem flinken Paare mit Luſt zuſah, wie ſie ſich im Tanze drehten. Der Amtsdiener winkte ihm. Ei, dachte der Obermüller, was will denn der? Soll ich vielleicht dem Conrad Erlinger, dem vermaledeiten Bach⸗Kurt noch Zeugniß ablegen? Hol' ihn dieſer und der! Ich will dir den Pfeffer ſalzen, wenn ich hin und zum Zeugniß komme. Wart' Spitzbube, ich will dir Steine in den Bach legen! Die ſollen dir an den Kopf fliegen! Er leerte ſeine Flaſche, die ohnehin auf der Neige war, und folgte dem Amtsdiener ins Schloß. Er war während des Ganges immer nur mit ven Bach⸗ Kurt beſchäftigt und ging ſeinen gemeſſenen, gravitätiſchen Schritt. Endlich erreichten ſie das Schloß und der Amtsdiener führte ihn in die leere Amtsſtube. Nach einiger Zeit, die dem hochfahrenden Obermüller äußerſt lang und ärgerlich wurde, kam der Bediente des um ihn in den Saal zu führen. Wie erſchrak aber der Obermüller, als er plötzlich vor ſeinem Landesherrn ſtand, der nicht mehr ſo ſreunich drein ſchaute, als dies auf der Brücke geſchehen. Er war, wie verſteinert vor Schrecken; dennoch ſammelte er ſich ſo weit, daß er eine ehrerbietige Verbeugung zu Stande brachte. „Seid Ihr der Obermüller?“ fragte der Fürſt nicht eben ſehr milde und freundlich. Der Obermüller bejahte. „Ihr habt,“ fuhr der Fürſt fort,„wie ich hier gehört, mit dem Conrad Erlinger, den ſie ſchlechthin den Bach⸗Kurt nennen, eine Verbindung unterhalten, die zur Verheirathung deſſelben mit Eurem Kinde führen ſollte. Kanntet Ihr dieſen verworfenen Menſchen, der Euch und Eurem Kinde die größte Schmach bereiten wollte und den braven Jacob Köhler wie ein Meuchelmörder anfiel?“ Der Obermüller war bleich wie ein Todter; aber er mußte Rede ſtehen. Sein Stolz, der ſich vor Niemand beugen zu müſſen meinte, war darniedergeſchlagen. Er bejahte die Frage, ohne ihren ganzen Sinn begriffen zu haben. „Wie?“ rief der Fürſt, zornig ſich erhebend,„und doch habt Ihr ihm Euer Kind geben wollen, bloß weil er reich war? Pfui der Schmach! Habt Ihr vergeſſen, was ein Vater ſeinem Kinde ſchuldig iſt? Wolltet Ihr es hinopfern dem Mammon, und wußtet doch, daß ihm das Herz brechen würde? Ihr ſeid ein ſet das ſag' ich cuh1* So Etwas war dem Obermüller noch nicht begegnet; ſo hatte noch kein Menſch mit ihm geredet; es würde es aber auch ein Anderer nicht gewagt haben, denn blöde war der Obermüller nicht und ſeine Hände waren ihm gar nicht an den Leib feſtgewachſen, wie man von Denen ſagt, die die Leute gleich beim Kripps faſſen. Hier ſtand er vor Einem, wo das ein Ende hatte oder eigentlich keinen Anfang, nicht einmal das Widerreden. Er war ſo betroffen, daß er den Muth nicht mehr hatte, Etwas vorzubringen. Endlich aber ſagte er: „Ach, gnädigſter Herr, ſo hab' ich das ja nicht gemeint. So hab' ich ihn nicht gekannt, ſonſt hätt' ich ihn am Kripps gefaßt und vor die Thüre geſchmiſſen, daß ihm der Seelſack gewackelt hätte!“ S————— 5 — 331— Der Fürſt fuhr mit ſeinem Taſchentuche gegen das Geſicht, um das Lachen über des Obermüllers derbe Redeweiſe zu verhüllen. „Warum glaubtet Ihr Eurem Kinde, warum anderen Leuten nicht?“ fragte der Fürſt. „Ach, Durchlauchtigſter Herr,“ erwiederte der Obermüller, 2 „Ihr wißt nicht, was das Sprüchwort ſagt!“ „Was ſagt's denn?“ fragte raſch der Fürſt. „Man muß heirathen wollen, um ſchlecht gemacht, und ſterben, um gelobt zu werden,“ verſetzte der Obermüller.„So iſt es mir vorgekommen, als machten ſie den Bach⸗Kurt ſchlecht, um ihm die Braut zu rauben.“ „Hat auch der Jacob Köhler ihn ſchlecht gemacht?“ fragte der Fürſt. Der Obermüller war von der Frage ſehr betroffen. Er beſann ſich eine Weile und ſagte dann etwas leiſe: „Daß ich nicht wüßte!“ „Seht Ihr's,“ fuhr der Fürſt fort;„und der hätt's doch am erſten zu thun Grund gehabt, da ihm der Unhold ſein Mädchen rauben wollte. Ich will's kurz faſſen: der Jacob Köhler iſt mir ſehr werth. Ich kenne ihn als muſterhaft, brav und fleißig. Schon lange iſt es mein Plan, eine neue Mühle in das Gründauthal zu bauen. Die geb' ich dem Köhler als Erblehen.“ Da fiel dem Obermüller das Herz in die Schuhe. „Ach, Ihre Durchlaucht,“ rief er,„dann ſind wir alle Beide caput!“ „Jacob Köhler wird ſich ſchon ſeiner Haut wehren!“ „Aber er verſteht ja das Mühlhandwerk nicht!“ „Da mag er ſich einen tüchtigen Mahlburſchen halten, von dem er's lernen kann!“ „Das lernt ſich nicht ſo leicht. Er kann ja keinen Mühlſtein ſchärfen!“ „Das iſt keine Hererei,“ ſagte der Fürſt.„Er lernt's, denn er iſt jung, eifrig, fleißig. Ich werd' ihm ſagen, er ſoll ehrlich und chriſtlich moltern, und dann bin ich gewiß, daß er eine tüchtige Kundſchaft kriegt, wenigſtens alle Die, welche ſich nicht die Haut wollen über die Ohren ziehen laſſen.“ Der Obermüller verſchluckte die fürſtliche Pille, die nicht verzuckert war, und die ihn gehörig traf, und ſann nach, wie da zu helfen ſei. Nach Allem, was der Obermüller aus des Fürſten Rede herausfingerte, war es deſſen Abſicht, dem Jacob einen Stein ins Brett zu ſetzen. „Vielleicht,“ dachte der ſchlitzöhrige Müller,„kann ich einlenken. Gäb' ich vielleicht dem Jacob das Mädel, ſo ließe der Fürſt den dummen Gedanken fallen, noch eine Mühle zu bauen. Verſuch's einmal!“ dachte er. „Mit der Mühle iſt's eine kitzliche Geſchichte, gnädigſter Herr,“ hob endlich der Obermüller wieder an.„Ich bin ein alter Kerl und brauch' für mich keine Bange zu haben, und meine Nachkommen mögen ſehen, wie ſie thun; aber es iſt nichts; denn alsdann hat keine zu mahlen. Die Obermühle hat ihre zwei Gänge jetzt nicht alle Tage nöthig. Wenn's bloß für den Jacob eine Verſorgung ſein ſollt, ſo wüßt' ich eine beſſere.“ „Laßt mal hören!“ rief der Fürſt, dem es mit der Mühle ſo wenig Ernſt war, wie dem Obermüller, und der die Sache eben nur als einen Schreckenberger benutzen wollte, was ihm halb und halb der Obermüller abgelurt hatte. „Ich muß ſagen,“ begann der Obermüller,„daß mir der Jacob heute ſehr gefallen hat. Hat Haar' auf den Zähnen und hat das Ding mit Euer Durchlaucht ſo gut gemacht, wie ein Pfarrer oder Schulmeiſter. Und wenn ich nehm', wie ſie Alle für ihn ſind, als wären ſie in ihn kopfüber vernarrt, ſo denk' ich, der wird eine Kundſchaft mitbringen.— Wenn darum Euer Durchlaucht von der neuen Mühle wollten abſtehen, ſo— wär' ich nicht ganz abgeneigt—— ihm— mein Innchen zur Frau zu geben.“ 8 Das hatte ihm Mühe gekoſtet, bis er ſich ſelber ſo weit überwunden hatte. Nun wagte er es auch, mal wieder den Fürſten anzuſehen, der ein gar bärbeiſſiges Geſicht vorhielt, während er innerlich hätte vor Lachen berſten mögen. Eine ziemliche Weile ſchwieg der Fürſt, dann ſagte er ernſt: — 333— „Das hättet Ihr eigentlich nicht verdient; allein aus Rückſicht auf den Jacob will ich's thun, wenn er nämlich Euer Annchen will.“ „He, wollen?“ rief, ſich ganz vergeſſend, der Obermüller. „Geht ihm auf Schritt und Tritt nach und leckt die Finger bis an den Ellenbogen! Das Mädel will auch keinen Anderen und lieber eine alte Jungfer werden, wenn's den Jacob nicht kriegt.“ „Das will etwas ſagen,“ verſetzte der Fürſt.„So geht und macht's heute noch fertig.“ „Ich? gnädigſter Herr?“ fragte mit Schrecken der Ober⸗ müller.„Es iſt heuer kein Schaltjahr, daß die Mädchen freien und hier iſt das nicht Sitte; auch iſt mein Kind keine ſo verlegene Waare, daß der Vater ihm einen Mann freien müßte. Mit nichten! Da kann nichts draus werden. Will der Jacob nicht freien, ſo mag er's bleiben laſſen!“ Der Fürſt konnte ſich nicht mehr halten. Er platzt heraus in grundherzlichem Lachen. „So geht nur,“ ſagte er endlich,„und ſeid dem Jacob freundlich, er wird dann ſchon von ſelber anbeißen.“ Der Müller ging, und als er draußen war, athmete er wieder leicht, trocknete ſich den Schweiß ab und ſagte halb laut: „Der kriegt mich auch nicht mehr dazwiſchen! Alle Peſt! Ich freien für mein Mädchen? Wart' ein Bischen! So ein Fürſt verſteht auch nichts vom Freien. Sollt' die Finger davon laſſen! „Schuſter, bleib' bei deinem Leiſten,“ heißt's da auch, und Sirach ſagt:„Was deines Amts nicht iſt, da laſſ' deinen Fürwitz.“ Der Fürſt wollte berſten vor Lachen, als der Amtsrath eintrat, der im Nebenzimmer der Unterredung zugehört hatte und ſelber ſich kaum halten konnte. „Heute geht's wunderlich,“ ſagte er.„Ich habe eine Freierei gemacht, ohne es zu wiſſen und zu wollen.“ „Wie ſo?“ fiel ihm der Fürſt ein. Da mußte denn der Amtsrath die Geſchichte von n erzählen, die ihm Linſenmeher, der ſich für die Artigkeit mit dem Wagen zu bedanken gekommen war, erzählt hatte. „Nein! Das iſt ja wundervoll!“ rief der Fürſt.„Eine — 334— komiſchere Geſchichte, als die hier ſich abwickelt, iſt mir noch nicht vorgekommen. Nun will ich denn auch meine Freierei fertig machen, damit ich Ihnen nicht nachſtehe. Laſſen Sie mir den Jacob rufen!“ Das geſchah, und der liebeglühende, glückſelige Jacob kam. Die freundlichen Worte des Obermüllers, als er vom Fürſten zurückkam und das Zubringen eines Glaſes Wein hatten ſeine Hoffnungen neu belebt. Außerdem hatte ihm ſein theurer Gabriel das ſchöne Lieschen als ſeine Braut vorgeſtellt; er hatte mit Lieschen, Gabriel mit Annchen getanzt— wer war glücklicher, als er?— Als ihn der Fürſt ſah, rief er ihm zu: „Geh' hin und freie um Obermüllers Annchen. Es iſt Alles fertig und du darfſt nur freien!“ „Iſt's wahr?“ ſchrie Jacob und that einen Luftſprung, und ohne weiter ein Wort anzuhören, rannte er fort. Alle dieſe Scenen machten dem Fürſten ein unſägliches Vergnügen. Er ſagte zum Amtsrathe, daß er in Jahren keinen frohern Tag erlebt. Jacob war dann in fliegender Haſt ins Wirthshaus zurück⸗ geeilt und rief Gabriel auf die Seite und bat ihn, ſein Freiers⸗ mann zu werden, da es ſo Sitte ſei. Der ſäumte nicht und der Obermüller nahm ihn ungemein herzlich auf, gab aber nur unter einer Bedingung das Jawort, daß nämlich Jacob nach Hanau in die Herrnmühle gehe und dort das Mühlhandwerk aus dem Fundamente lerne. Das verſprach Jacob mit Freuden und ſo wurde denn ſogleich die Verlobung gehalten und alle Anweſende jubilirten mit, als es bekannt wurde.. Jetzt eilte Jacob zum Fürſten und bat wegen ſeiner Ungehörig⸗ keit um Vergebung und dankte dem edeln Fürſten für ſein Glück. — 335— Erſt mit dem ſinkenden Abend fuhr Linſenmeyer mit den Seinen nach Frankfurt zurück, wo denn Stengel's Lenchen große Angen machte und noch größere der gute, alte Vetter, als Frau Linſenmeyer Lieschen und Gabriel als Brautleute vorſtellte. Gabriel mußte freilich am Morgen mit dem Wagen zurück nach Langenſelbold und noch drei Wochen bleiben, bis der Amtsrath einen gewichsten Schreiber gefunden hatte; allein grade ſo lange dauerte auch die Proclamation in Frankfurt. Als er aber dann dorthin zurückkehrte, war die fröhliche Hochzeit. Linſenmeyer übergab ihm nun Alles und ſetzte ſich zur Ruhe. In ein Wirthshaus ging er, ſeinem Worte getreu, nicht mehr, wie ſehr ihn auch Nachbar Stengel, der nun ganz ordentlich war, dazu einlud. Im Hauſe war Frieden fortan, kleinere Sträuße abgerechnet. Kein glücklicheres Paar umſchloß aber das Gebiet der freien Stadt, als Gabriel und Lieschen. Sie ſegneten den Bachtanz und Frau Linſenmeyer fand keinen Grund, ihm zu fluchen; vielmehr machte ſie es zum Geſetz, ihn alle Jahre zu beſuchen, was ſie auch getreulich hielten. Im Wirthshauſe kehrten ſie aber nie mehr ein, ſondern auf der Obermühle, wo ſie auch auf Innchen's und Jacob's Hochzeit geweſen, wie umgekehrt Jacob und Annchen auf der Gabriel's und Lieschen's. Eigentlich hätte Jacob ſollen zwei Jahre auf der Herrnmühle bleiben; aber der Obermüller meinte, als die Zeit des Bachtanzes im nächſten Jahre wiederkehrte, er habe ſchon etwas Tüchtiges gelernt und das Ubrige könne er noch bei ihm lernen. Er ſei, ſagte er lachend, die verfalzten Suppen ſatt, die ihm das verliebte Annchen auf den Tiſch bringe; er wolle dem Lied ein Ende machen. Und als Jahresgedächtniß war der Kirchweihe Montag das Hochzeits⸗ feſt, und unter den Zuſchauern ſtanden diesmal zwei glückliche Ehepaare, Gabriel und Lieschen und Jacob und Innchen. Drüben aber hinter ſeinem Laden ſchielte der rothe Bach⸗Kurt auf die Glücklichen und ſeine Galle wuchs um ein Anſehnliches. Er hatte die bitterſten Früchte des Bachtanzes allein geerntet. Acht Tage ſaß er in enger Haft, während es in ſeinem Hauſe zuging nach dem Sprüchworte:„Wenn die Katze nicht zu Hauſe iſt, tanzen die Mäuſe auf Tiſch und Bänken.“ Nach acht Tagen nahm ihn der Amtsrath ins Verhör und entließ ihn dann mit einem Ausputzer, der nicht beneidens⸗ werth war. Als er heimkam, fand er eine verzweifelte Wirthſchaft. Die Arbeit lag, wo ſie lag, und Knechte und Mägde thaten ſich gütlich. Das blaue Wägelchen ſtand noch auf dem Dache, zum Anſchirren bereit. Das mußte er herabholen laſſen unter dem Hohngelächter der Langenſelbolder, die nicht müde wurden, ihm einen Schabernack nach dem anderen anzuthun. Das Freien ſteckte er auf. Er führte ein Einſiedlerleben, Alle meidend, und von Allen gemieden, und als er, der Neidſack, der Niemanden das Seine gönnte, ſtarb, folgte ihm faſt Niemand zum Grabe. Lachende Erben theilten ſich in ſeinen Reichthum und ſein Gedächtniß erloſch gänzlich in Langenſelbold. Aber noch heute leben dort die Nachkommen Jacob Köhler's . Wohlſtand und Achtung. Ob in Nummer 81 in der Fahrgaſſe zu Frankfurt noch Linſen⸗ meyer's wohnen, weiß ich nicht; aber es möchte auch ſchwer ſein, das Haus zu finden, da die Stadt anders iſt numerirt worden. Ob der Name noch zu finden iſt, kann ich auch nicht ſagen, da ich dort fremd bin. So viel aber weiß ich, daß noch vor vierzig Jahren Leute lebten, die ſie gekannt hatten, und ſie ſprachen mit Achtung und Liebe von Gabriel und Lieschen, wußten mir noch zu ſagen, Stengel's Lenchen habe einen Sattler geheirathet, nachdem ihr Vater am Schnappstrinken, zu dem er endlich gekommen, geſtorben, und daß ſie mit Linſenmeyers zute Nachbarſchaft und Freundſchaft allezeit gehalten habe. N. F. IM. 22 Was mir einmal der Todtengräber erzählte. Der, welcher dieſe Zeilen ſchreibt, die nur als Einleitung zu dem, was der Todtengräber erzählte, dienen, hatte von mütterlicher Seite einen Großoheim, der ein ſehr hohes Alter erreichte und nahe bis an das Ende des vorigen Jahrhunderts lebte. Er ſelber hat dieſen Großoheim nicht mehr mit leiblichen Augen geſehen, denn er war, als ich geboren wurde, was nebenbei bemerkt 1798 geſchah, ſchon lange zu ſeinem Frieden eingegangen; aber vor die Augen des Geiſtes trat er oft. Selten verging ein Tag im elterlichen Hauſe, daß nicht in Scherz oder Ernſt des Oheims Worte herbeigezogen wurden.„So hat der Oheim Martin geſagt!“ hieß es dann regelmäßig, und alle dieſe Ausſprüche hatten eine ſo körnige Kürze, eine ſo friſche Lebenswahrheit und eine ſo hausbackene, echte geſunde Lebensweisheit, daß Oheim Martin in meinem Denken eine Geſtalt gewann, wozu freilich auch ein Bild beitrug, das ſehr ähnlich ſoll geweſen ſein. Später hab' ich das Bild mit ſchärfer prüfendem Blicke betrachtet; hab' mir von Vater und Mutter vom Oheim Martin Dies und Das erzählen laſſen und glaubte ihn nun zu kennen. Nach dieſen Erzählungen ſtellte es ſich hin, daß Oheim Martin eine grundgutmüthige Natur geweſen iſt, aber dabei ein eig'ner 2 Kautz oder was man im gemeinen Leben einen„kurioſen Heiligen“„ nennt. Vermählt iſt er nicht geweſen; ein Amt hat er nie angenommen, obgleich unausgeſetzte Studien und eine außergewöhnliche Bildung ihn dazu wohl mochte befähigt haben. Ein anſehnliches Vermögen machte ihn unabhängig.„Was ſoll ich mir ſilberne oder oldene Ketten ſchmieden,“ ſagte er,„die mich dennoch feſſeln, auch venn ſie nicht aus gemeinem Metalle gemacht ſind?“ 22* — 3 Eben dieſe Stellung ſetzte ihn in den Stand, ſeinen Lieblings⸗ ſtudien ſich hinzugeben. Welcher Art die waren, zeigte eine anſehnliche Pflanzenſammlung; großmächtige Kiſten und Kaſten voll Mineralien und Verſteinerungen, und eine reiche Bibliothek, die zwar vorzugsweiſe die Naturwiſſenſchaften, aber dann doch auch faſt alle Zweige geiſtigen Regens und Strebens umfaßte. Mit dem erſten Mai jedes Jahres, mochte das Wetter ſein, wie es wollte, nahm er ſeinen Lederranzen und ſeinen Hammerſtock und wanderte aus. Wohin? das wußte er oft noch ſelbſt nicht. Erſt mit dem Oectober kehrte er heim. Mittlerweile kamen ſchwere Kiſten bei meinen Eltern an. Das waren die Zeichen ſeines Lebens und Thuns. Sie blieben unberührt, bis er ſelbſt ihre Siegel löſte. Daß ich aber den Oheim Martin noch nicht nach allen ſeinen Seiten kannte, das wurde mir erſt klar, als ich einſt in den Ferien wieder mal meinen Vater auf einem Spaziergange nach ihm fragte. Er erzählte manche Geſchichte von ihm, die ich theils ſchon kannte, theils zum erſten Male hörte. Er war mal der Gegenſtand meiner beſondern Theilnahme und, ich darf ſagen, meiner Vorliebe. „Aber was hat er denn in der Zeit, wo er bei Euch war, getrieben?“ fragte ich den Vater. „Was weiß ich?“ ſagte er.„Du weißt, mein Amt fordert meine ungetheilte Thätigkeit. Ich habe, da ohnehin ſeine Liebhabe⸗ reien die meinigen nicht waren, mich nicht viel um ſein Treiben bekümmern können, ob wir gleich uns herzlich liebten und nie ein unvergohrenes Wort wechſelten. Alle ſeine Manuſcripte ſind droben auf dem Speicher, in einem zugenagelten Kaſten. Ich dachte, das hätteſt du längſt ausſpionirt und durchſtöbert, da doch einmal der Oheim Martin dein beſonderes Lieblingsſtudium zu ſein ſcheint. Einmal,“ fuhr er fort,„hab' ich in den Kaſten geblickt; als ich aber wahrnahm, daß faſt alle Päcke mit dem nicht archivariſchen Titel:„varia“ begabt ſind, da graute mir's vor dem Chaos, und ich ließ es ruhen.“* Ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen, daß ich, kaum vom Spaziergange zurückgekehrt, mit Hammer und Zange bewaffnet, — zum Speicher hinan ſtieg. Der Deckel wich meiner jugendlichen Kraft ſchnell und bald lag ein ziemlich großer Kaſten voll Manuſcripten vor mir. Da ſtand auf etlichen: Mineralogiſches, auf anderen: Botaniſches. Etliche trugen allerdings die überſchrift, die meinen Vater abgeſchreckt hatte. Einen ſolchen Pack nahm ich heraus, ſchloß den Kaſten wieder nothdürftig und eilte auf meine Stube. Als ich die umſchließende Kordel löſte, ſielen eine Menge Blätter heraus, die Gedichte enthielten.„Alſo auch eine poetiſche Natur?“ rief ich.„O, warum hab' ich dich nicht gekannt, guter Oheim Martin?“ Sie waren allerdings im Geſchmacke ſeiner Zeit, aber voll Tiefe und Innigkeit. Es waren Satyren, Epiſteln. Epigramme, Trivlette; auch Uberſetzungen Horaziſcher Oden und aus der griechiſchen Anthologie. Meine Achtung und Liebe für den ſeltenen Mann wuchs mit jedem Blatte, das ich las. Auch ſeine Reiſetagebücher lagen da, voll intereſſanter Dinge. Da fand ich herrliche Ergüſſe ſeiner Seele; Erzählungen von Erlebniſſen, die mich ganz feſſelten. Manches legte ich mir bei Seite davon. . Nun ſind mehr als drei Decennien dahingegangen im raſchen Hinfluthen der Zeit und des Lebens. An den Großoheim Martin hab' ich ſelten mehr gedacht unter dem Flügelſchlage und den wilden Stürmen der Zeit. Erſt vor wenigen Tagen fiel mir die Mappe in die Hand, worin ſeine Blätter liegen und da iſt mir denn in ſeinem Tagebuche die nachfolgende Geſchichte wieder vor die Augen gekommen. Ich las ſie und glaube, ſie iſt werth, daß ich ſie mittheile. Ich gebe ſie mit gewiſſenhafter Treue, wie ſie von ſeiner ſchönen, feſten Hand niedergeſchrieben worden iſt. Die Erzählung lautet ſo: „Was mir einmal der Todtengräber erzählte“ in einem Dorfe des Thüringer Waldes, mag in meinem Tagebuch eine Stelle finden. Will's nicht Hehl haben, daß mich die Geſchichte tief bewegt hat. Warum doch?— warum klingen leiſe die Saiten* eines Inſtruments, wenn in ſeiner Nähe ein ähnliches geſpielt+ * — 5— wird?— Warum treten Thränen in unſer Auge, wenn wir ſie in einem anderen glänzen ſehen?— Tief in der Menſchenbruſt werden Erinnerungen, die lange, lange ſchliefen, lebendig, wenn die Züge eines Angeſichts, wenn die Fhnlichkeit einer Gegend, wenn die Ereigniſſe eines anderen Lebens ſie wecken oder wenn eine Erzählung unbewußt ähnliche Begeben⸗ heiten berührt. Warum ſoll ich hier Rechenſchaft geben von dem tiefern Grunde jener Erregung?— Der Todtengräber hat's nicht geahnet, wozu ſollen's Die wiſſen, die vielleicht einmal dieſe Blätter ſehen und leſen, wenn mein Staub längſt vom Winde verweht iſt?—— Thüringen iſt ein herrliches Berg⸗ und Waldland; aber ſeine üppigen Thäler, ſeine reichen, fruchtbaren Ebenen ſind nicht minder reizend. Alles iſt da noch friſch, jung, naturwüchſig. Man meint, die große Heerſtraße der Welt führte da weitab vorüber und das Menſchenvolk aus den Städten mit ſeinen gepuderten Perrücken, Affenſchwänzen(Oheim Martin meint ohne Zweifel damit die Zöpfe— die noch ſeine Zeitgenoſſen waren), Narrheiten, ſteifem Geſchraubtſein und ſeiner Schlechtigkeit— hätte dies Land und Volk noch nicht beſucht. Tröſte dich darüber, Thüringen, Land und Volk, du verlierſt nichts und gewinnſt viel dabei. Die Cultur, wie ſie ihre Unnatur nennen, leckt allen Schmelz weg, und was übrig bleibt, ſieht aus, wie ein Geſicht ausſieht am anderen Morgen, das am Abend vorher roſig geſchminkt war. Bin geſtern in dies Dorf gekommen. Seine Lage iſt zu ſchön, als daß ich nicht da hätte Luſt kriegen verweilen, und wandermüde bin ich auch.. Es iſt eines jener ſaftig grünen Lhäler, durch welches ein Bergbach ſilbern hüpft. Wieſen von einem Grün, das ſchöner nicht gedacht werden kann, ſäumen den Bach und wohlbeſtellte Saatfelder reihen ſich voran bis zum Dorfe hin, deſſen Häuſer an der Anhöhe lehnen, auf der die Kirche ſteht. Ringsum ſchließen hohe, dunkel⸗bewaldete Berge das Thal ein, und grade gegen dem Dorf über ruht auf einer wilden Felskuppe eine Burgruine. — 343— Es ruht ein unausſprechlicher Friede über dem Thal. Eine Menge Nachtigallen, Finken und Droſſeln jubiliren in Buſch und Wald, und löſen einander in der Tageszeit ab. Kaum ſah ich geſtern dies Dorf, deſſen Häuſer auch ſo etwas Nettes, Anſprechendes haben, ſo ſtand auch mein Entſchluß feſt, hier einmal einige Wochen auszuruhen. Bin ja auch ſeit vier Wochen viel herumgeklettert und gekrochen in den Bergen. Will mir meine Sachen hierher bringen laſſen und ſie ordnen. Dann hab' ich Arbeit und ruhe doch leiblich aus. Gott weiß es, wie es kommt. Seit ich die vierte Zehn zurückgelegt habe, kann ich nicht mehr ſo viel ertragen, wie früher. Da käme doch das Alter frühe!— Vierzig iſt Stilleſtand, ſagen die Leute. Ob das richtig? In dem Dorfwirthshauſe fand ich Das, was ich vorab ſuche: Reinlichkeit. Man meint, die Leute ſtammten aus Holland. Alles wie geblaſen! Ein Leckermaul bin ich nicht, werde alſo mich zurecht⸗ finden! Die Leute ſind zuvorkommend und höflich und das iſt auch etwas werth.— Heute bin ich auf die Höhe gegangen, wo die Kirche ſteht. Die Ausſicht iſt köſtlich, wenn auch beſchränkt. Wär' ich ein Maler, das gäbe ein Landſchaftsbild; die Kirche iſt eine der älteſten des Landes. Maſſige Mauern; kleine Fenſter im Rundbogenſthl; ein Thurm, deſſen Spitze gemauert iſt; oben drauf das friedliche Storchneſt. Neben der Kirche, etwas in den Gottesacker hinein⸗ gerückt, ſteht eine Linde, die ſicherlich ſo alt iſt wie die Kirche. Krone und Gipfel ſind vom Sturme geknickt; aber ihre Aſte breiten ſich weit aus und bieten Schatten. Man meint, ſie reckte ſegnend ihre Arme über die Gräber aus. Sie grünt noch immer, während ihr Stamm ganz hohl iſt und weit genug/ daß man darin eine Wohnung auſſchlagen könnte. Gar ſehr hat es mich angemuthet, daß die Gräber ſo ſchön gepflegt ſind. Es iſt kein's, auf dem nicht Blumen ſtünden neben dem ſchlichten Kreuze. Nur zwei waren ohne Blumen. Ein drittes daneben aber trug ein Bäumlein von weißen Roſen und drum herum einen Kranz von reichblühenden Monatroſen. Der, welcher da ruht, oder Die— muß viel Liebe verdient haben! — 344— Ich ſtand eben ſo an den hohlen Stamm der uralten Linde gelehnt, und dachte über Das nach, was ich vor mir ſah, als ſich aus einem friſchen Grabe der ſchneeweiße Fopf des alten Todtengräbers erhob und mi grüßte. Wem es darum zu th iſt, manche rührende, auch wohl ſchauerliche Geſchichte zu hören, dem kann man nur den Todten⸗ gräber empfehlen, wenn er alt iſt. Solche Leute ſind die lebendige Chronik für Die, welchen ſie die letzte Ruheſtätte bereitet, und denen ſie den Hügel über dem Herzen wölbten, das gekämpft und gerungen, ſelten geſiegt hat, ſo lange es lebte. 4 Ich war immer ein Freund ſolcher Geſchichten, und jetzt, wo es mir eben ſo zu Muthe war, daß ich gerne der Art etwas gehört, bot ſich mir die reichſte Fundgrube dar. Ich trat, ſeinen Gruß erwiedernd, zu ihm. Das Lob, welches ich der Ordnung und Schönheit des Gottes⸗ ackers wohlverdient ſpendete, gewann mir des Greiſes Wohlwollen. Kam ja doch natürlicher Weiſe viel davon auf ſeine Rechnung. Sein Grab war fertig. Die Gebetglocke hatte ſchon über das tiefer liegende Dorf ihren frommen Mahnruf erſchallen laſſen und den Feierabend geboten. Die Sonne gin hinter den Bergen zur Rüſte⸗ Die Blüthen der uralten Linde chten ſüßen Duft. Der Abendwind zog flüſternd durch ihre ausgebreiteten Aſte. Nachtigallen und Droſſeln ließen ihre Melodien erklingen. Der Alte ſtieg aus dem Grabe herauf. Wir gingen bis zur Linde mit einander, wo eine Steinbank zur Ruhe einlud. 8„Ihr ſeid müde, Vater,“ ſagte ich.„Wollt Ihr nicht noch ein Stündchen hier ausruhen? Wir F ein Bischen mit einander.“ „Wenn ich den Herrn nicht ſtöre,“ g er„ſo nehm' ich das gerne an. Die alten Knochen, die nun ſchon fünf und ſiebenzig Jahre ausgehalten haben, wollen doch nicht mehr recht.“ „Ihr habt wohl die Meiſten, die hier ſchlafen, perſönlich gekannt?“ fragte ich den Sothse um ein Geſpräch einzuleiten. „Allerdings, 2 Perſette er„ich hereite den Leuten ſeit mehr — — 345— als fünfzig Jahren die Ruheſtätten. Manches müde Haupt habe ich da zur Ruhe gelegt; manches ſtürmiſch ſchlagende Herz zugedeckt; manchen Kummer zur Ruhe gebracht, her auch manche geknickte Blume. Lieber Gott,“ fuhr er fort, wird Einem das Amt oft ſchwer, und es ſollte ein Todten er eigentlich kein Herz haben, er wäre beſſer dran. Auf mahes Grab,“ fuhr er nach einem längern Sinnen wieder fort,„habe ich Blumen gepflanzt, wenn es ſie verdiente und wenn keine liebevolle Hand es that oder zu thun da war. Dort liegt Eine,“ ſagte er mit wehmüthigem Ausdruck,„der habe ich das weiße Roſenbäumchen gepflanzt. Eine unbekannte— vielleicht unbekannte— Hand ſetzte dann den Kranz von Monatroſen drum herum, und ich pflege das Grab mit Sorgfalt.“ „Aber warum haben die beiden nächſten Gräber keinen Schmuck?“ fragte ich. „Weil ſie ihn nicht verdienten, Herr!“ erwiederte er raſch. „Weil ſie an dem Tode der unter Blumen ruhenden Blume die Urſache waren! Doch ich ſehe ſchon,“ fuhr er fort,„ich werde Ihnen die Geſchichte erzählen müſſen; obgleich es eine einfache Geſchichte iſt, wie ſie ſich leider gar oft wiederholt in der Welt; aber zum Herzen redet ſie voch.“— Die Sonne war tiefer hinabgeſunken. Der Himmel glühte im Purpur und Gold. Im Dorfe war's todtſtille geworden. Uber dem Thale lag eine eigne Stimmung, die nicht verfehlte, meine Seele zu ergreifen. „Es ſind jetzt zwölf Jahre her, daß ich die drei Gräber grub,“ begann der gr Todtengräber;„allein ſo oft die Gemeinde ſich hier um ein( verſammelt, ruhen die Blicke vieler Leute mit großer Theilnahme auf den drei Gräbern, und doch treten ſie nur an das eine, an das nämlich, das mit Roſen bepflanzt iſt, und beten leiſe. Die Stelle neben demſelben iſt beſtellt— aber die Zeit iſt um.“ „Wie ſo?“ fragte ich. „Hören Sie erſt die Geſchichte!“ ſagte der Alte, mein — 346— Verlangen zur Geduld verweiſend.„Es kann Ihnen wohl kaum, wenn Sie in das Dorf hereingingen, das große, ſchöne Bauernhaus entgangen ſein, welches links vom Eingange liegt. Es iſt das größte und ſchönſte Haus im Dorfe. Hof und Scheune, Stallungen und Schoppen, Alles iſt prächtig und neu. Die Mauern ſchließen es ſammt Garten und Hofraum ein. In dem Hauſe wohnte der reichſte Bauer unſeres Dorfes, der alte Riedel mit ſeiner Frau und ſeinem Sohn, und die Waiſe einer armen, entfernten Verwandten war ſeit etwa vier Jahren ins Haus gekommen, um das Gnaden⸗ brod zu eſſen und die alte Riedelin in ihrem ſchweren Hausweſen und im Regieren des Geſindes zu unterſtützen. Das Gnadenbrod iſt ein rauh und bitter Gebäcke. „Der Riedel und ſeine Frau waren ſtolze Leute. Sie hatten Alles im überfluß. Ihre Ernten waren reich; ihr Viehſtand zahlreich. Kein Unglück ſuchte ſie heim. Geld genug gibt Muth genug— oft mehr als gut iſt, nämlich übermuth. Das Mädchen mußte tüchtig arbeiten und wurde wenig beachtet. „Paul, ſagte der Alte zu ſeinem Sohn, ich will Alles neu bauen und zugleich mir eine Aufenthalts⸗Wohnung bauen im Hauſe. Dann übergebe ich dir W Du kannſt dann heirathen und ich in Frieden leben.“. „Das Erſte geſchah. Wie ſchön und zweckmäßig er Alles neubaute, können Sie ſelbſt ſehen. Als nun Alles fertig war, kam's an die Heirath Paul's, und da gab's denn Händel, die den Frieden der Familie heillos ſtörten. Die Alten hingen an ihrem Reichthume mit ganzer Seele. Daß ihr Sohn nur eine reiche Erbin heirathen würde, hielten ſie für längſt ausgemacht; denn zu dem Gedanken kamen ſie gar nicht, daß Paul aus der Art ſchlagen und eine Arme freien könnte. Paul war indeſſen ein ſeltſamer Burſch. Das kann ich Ihnen ſagen, lieber Herr, ein ſchönerer als er, lebte nicht im Thüringer Walde. Wenn ich hinzuſetze, kein braverer, geſitteterer, ſo hab' ich nur geſagt, was wahr und aller Welt bekannt war. Wenn er hätte freien wollen, ſo war ihm keine Thüre verſchloſſen weit und breit, denn Riedel's — 347 Wohlſtand war im Land überall bekannt und der Ruf ſeines braven— die Mädchen ſetzten hinzu: ſeines bildſchönen Sohnes nicht minder; aber es war eine abſonderliche Sache, daß er keinem Mädchen vorzugsweiſe freundlich und hold geweſen war bisher, weder einer aus dem Dorfe, noch von draußen her.— „Als die Neubauten fertig waren, ſagte der Riedel zu ſeiner Frau: „Nun hab' ich's doch dem Paul geſagt, er ſolle ſich nach einer zu ihm paſſenden Frau umſehen; aber dem liegt das fern. Er macht keine Anſtalten. Ich werde ihm freien müſſen. Es iſt ein curioſer Bub. „Das konnte nun der alte Riedel bleiben laſſen aus zweien Gründen. Erſtens war der Paul keiner von Denen, die ſich eine Frau freien laſſen. Dazu war er zu ſelbſtändig und feſt. Und wenn ihm das gefreite Mädchen wirklich gefallen hätte, würde er ſie nicht genommen haben. Ich meine, damit hätte er. Recht gehabt. Solche gemachte Heirathen taugen in der Regel nichts. Hat ſich da nicht das Herz zum Herzen gefunden von ſelbſt, oder daß ich es richtiger ſage; hat ſie Gott nicht zuſammengeführt in rechter Liebe, ſo gibt's keinen Einklang, und meine reiche Erfahrung ſagt's, daß all das cheliche Unglück und Katzengebiſſe, das den Leuten das Leben zur Hölle macht, aus ſolchen Freiereien ſtammt, die Eigennutz oder Ehrgeiz gemacht hat. So iſt's!— Der zweite Grund aber war, daß Paul Eine ſtill im Herzen trug und von ihr im Herzen getragen wurde. Das ahnete aber Niemand. „Ich hab's vorhin erwähnt, daß ſeit etwa vier bis fünf Jahren die nachgelaſſene Tochter einer entfernten Verwandten, die als Wittwe geſtorben, in Riedel's Haus gekommen war und darin ihr Stücklein Gnadenbrod aß, ob ſie es gleich mehr als verdiente. „Sie hieß Irmgard oder Irmel, wie ſie den Namen hier zu Lande radebrechen. Als ihre Mutter ſtarb, war Irmel ſiebzehn Jahre alt, und eine friſcherblüthe Roſe iſt nicht ſchöner, als Irmel war. Herr, unſer Dorf war ſtolz auf dies Mädchen, ob ſie gleich — 348— arm war wie Hiob. Sie war groß, ſchlank, wie eine Tanne, und doch von jugendlicher Fülle und Friſche. Jede Bewegung der ſchönen Geſtalt war anmuthig, leicht, und doch voller Anſtand. Ihr Gang war ein Schweben, ſo leicht war er. Ein Geſichtchen wie Milch und Blut; große, wunderbar glänzende, blaue Augen; ein blondes Haar, das der Kamm faſt nicht halten konnte, und ein Lächeln, wenn ſie ſprach, das Jeden entzückte; das Alles machte das Mädchen zum Gegenſtand allgemeiner Bewunderung und Zuneigung. „Nun, ſagen Sie einmal, konnte Paul blind ſein gegen ſo viel Schönheit?— Und er ſah ſie immer in ihrem ſtillen Fleiß und liebreizenden Weſen. „Zu den Vorzügen des Leibes geſellten ſich die der Seele. Sie war ſo demüthig, ſo zurückhaltend, ſo beſcheiden, wie ich kein Mädchen jemals beobachtet habe. Eine recht aufrichtige Frömmigkeit erfüllte ihr Herz. Sie hätten ſie in der Kirche ſehetz müſſen, um davon überzeugt zu werden. Und im Hauſe war ſie die Thätigkeit ſelbſt. Wollte die alte Riedelin eine Arbeit thun, ſo hatte ſie entweder Irmel ſchon gethan, oder ſie nahm ſie ihr raſch aus der Hand und that ſie ſelbſt. Das Geſinde gehorchte ihr blindlings, und doch hatte ſie niemals ein bös Wort mit ihm geredet, niemals ihm etwas verwieſen, niemals etwas ihm befohlen. Anders ſagte ſie nicht, als:„Sei jetzt ſo gut, und thue Das oder Jenes!“ Dann liefen die Knechte und die Mägde ſprangen, ihren Wunſch zu erfüllen. Die alte Riedelin ſagte ſelber von ihr:„Es iſt eine wahre Here, das Mädel! Sie leitet und regiert Alles und doch befiehlt ſie nie, und das Geſinde gehorcht ihr mehr, als mir, und iſt ihnen nichts zu ſchwer, wenn die Irmel ſie lächelnd darum bittet. Wie ſie das anfängt, begreife 6 ſelber nicht! Aber es geſchieht und iſt richtig.“ ½ „Ich frage Sie, Herr, ob ein Jüngling mit ſolch' einem Mädchen unter einem Dache wohnen, mit ihr in tauſendfache Berührung täglich kommen, ihre Art und Weiſe beobachten könne, ohne dieſe Eigenſchaften zu bewundern? Und wenn Sie es bejahen .— 335— müſſen, ſo frage ich weiter: Kann da die Liebe ausbleiben, wenn nicht etwa ſchon eine Andere das Herz des Jünglings ganz eingenommen hätte?— Ich ſage einfach: Nein, und Sie können wohl auch kaum anders. Und in Paul's Herzen ſaß keine Andere feſt.“ „Wahrlich, nein!“ ſagte ich aus Herzensgrunde. „Nun ja denn,“ fuhr er fort,„wir ſind einig; aber Paul's Eltern waren blind. Sie konnten es ſich einmal nicht denken, daß ein Mädchen ohne Geld und Gut irgend einen Werth haben könne. So kam kein Gedanke in ihre Seelen, daß die Zwei ſich lieb haben könnten. Freilich ſah's auch Niemand, wie es in den Herzen der beiden jungen Leute ausſah, erſtlich, weil eben kein Auge des Menſchen dahinein blicken kann, wohin nur das Auge des Herrn dringt, und zum Zweiten, weil Beide ſowohl vor einander, als vor Anderen ſorgfältig verbargen, was in ihrem Inneren vorging. Es waren zwei abſonderliche Menſchen. „Das Irmelchen erkannte längſt, daß es Niemanden auf Gottes Erde lieber habe, höher achte und verehre, als Paul; aber es verſchloß ſeine erſte, heilige Liebe in das ſtille, duldende Herz, weil es die Geſinnungen ſeiner Verwandten kannte und die alte Riedelin in ihrer Geſchwätzigkeit dem Mädchen oft genug geſagt hatte, der Paul dürfe im Lande nur wählen unter den reichſten Erbinnen. Da hatte denn das gute Kind ſeine Liebe ins Grab gelegt und den Kranz der Hoffnung welken ſehen. Es fühlte wohl, es dürfe nur ferne ſtehen; es dürfe nur Gott um ſeine Liebe wiſſen. Und dies Bewußtſein läuterte und heiligte ſie ſo, daß das Mädchen ſich glücklich fühlte, um ihn ſein zu dürfen und ſeine Wünſche ihm abzulauſchen, daß es ihnen, wo möglich, zuvorkommen könne. Es mag wohl Stunden eines harten Kampfes und ſchweren Leides und heißer Thränen gegeben haben, bis das arme Kind ſolchen Sieg über ſein Herz errungen hatte. Wenigſtens bildete es ſich ein, ihn errungen zu haben. Nun, es geht ja oft ſo in der Welt, daß man ſich mühſam einredet, man habe etwas überwunden; glaubt's auch; aber wie anders iſt es, wenn nun der Augenblick 6 5 kommt, wo der Sieg als voll, echt und recht ſich erweiſen ſoll?— Herr, dann hapert's leider, wie wir hier zu Lande ſagen! „Der Paul hatte niemals an einem Mädchen Wohlgefallen. Die er um ſich ſah, waren nicht, wie er eine ſuchte. Er hatte an Dieſer Dieſes, an Jener Jenes auszuſetzen. Da kam die holdſelige Irmel ins Haus, und augenblicklich fühlte er es tief im Herzen, die war's, die er geſucht und bisher nicht gefunden. Aber er war im ſeltenen Maaße Herr über ſich ſelbſt. Das Mädchen ſollte es nicht merken, welch ein Gefühl in ſeinem Herzen erwacht ſei. Freundlich, herzlich, zuvorkommend war er gegen ſie, aber ſo, wie es ein braver Bruder gegen die liebe Schweſter iſt. Irmel ſah's wohl einmal, wie er ſie heimlich beobachtete; wie ſein Blick ihr folgte, wenn ſie ging, ſie ſuchte, wenn ſie nicht gleich da war, wenn er ins Haus trat; ſie begegnete manchmal einem Blicke, der mehr ſagte und ihr z helle Gluth ins Antlitz jagte; ſie ſah es, wie er ſie forſchend und mit ungewöhnlicher Theilnahme anblickte, wenn ſie eine halbe Nacht durchweint und die Spuren ſolcher Thränen nicht ganz vertilgt waren; ſie hörte, wie er die Mutter fragte, ob Jemand Irmel wehe gethan?— Aber das war Alles. Nie ſagte er ihr Etwas, was nicht in dieſem Verhältniß gelegen; nie ſuchte er mit ihr irgend alleine zu ſein. Er wollte prüfen, forſchen, erſt ſeiner Sache gewiß werden. „So ſtanden ſie ſich fern und hatten ſich doch ſo lieb! Aber es war ein Feuer, das immer mehr gegen die Decke wuchs, die es verhüllte und einmal hervorbrechen konnte, mit einemmale, mächtig und gewaltig. Verborgenes Feuer brennt doch. „Solch ein Angenblick iſt denn auch gekommen und ziemlich bald. „Sie können es ſich 5 auch andere Leute den Werch der ſchönen Irmel erkannten. So iſt es denn einmal geſchehen daß ein braver Burſch aus unſerem Dorfe, der Irmel lange ſchon lieb hatte, von ſeinen Eltern die Erlaubniß erhielt, um ſie zu werben. Er hatte manchmal in Riedels arbeiten helfen, wenn es ſich in der Ernte drängte oder im Heumachen. Dann hatte er — mit Irmel geſcherzt und ſie war ihm immer freundlich geweſen, ſogar freundlicher als Anderen, weil er ſittiger und anſtändiger war als ſie, und beſcheidener. Da hatte denn der Junge ſchon geglaubt, ſie ſei ihm gut, und er dürfe eben nur beim alten Riedel freien. Das that er denn an einem Sonntage des Morgens in aller Ordnung. Der Riedel hatte ihm geſagt, er habe gar nichts dagegen, nur ſei Irmel grade heute aufs nächſte Dorf, die Tochter des Schullehrers beſuchen, die ſie wohl kenne. Er ſolle morgen ſich das Jawort bei ihr ſelber holen. „Paul hatte das mit angehört und es war eine Angſt über ihn gekommen, eine Qual, eine Unruhe, für die er keinen Namen wußte. Jetzt erſt fühlte er die Macht ſeiner Liebe, wo das Verlieren nahe trat. „Die Eltern ſchrieben das einem anderen Umſtande zu; denn nach der Morgenkirche befahl der alte Riedel dem Knechte, den Wagen mit Sitzen zu verſorgen, ſie wollten frühe zu Mittag eſſen und dann nach A. fahren, und dort bis Abend bleiben. Dies Dorf liegt drei Stunden von hier. Der Müller zu A. aber iſt ein ſteinreicher Mann, gewiß noch reicher als der Riedel. Sein Sohn ſollte die Mühle bekommen, und ſeine Tochter, ein prächtiges Mädchen, hatte eine Mitgift zu erwarten, die zu der Paul's paßte. Die Alten verlangten, er ſolle mitfahren; allein Paul erklärte, 5 das könne er nicht, weil er einen guten Freund beſuchen wolle. „Der Vater drang in ihn. Paul aber, der merkte, wo es hinaus wolle, ſchlug's rund ab. Da gab's denn harte Worte, aber Paul blieb auf ſeinen neun Augen ſtehen. „Da ſagte ihm denn der alte Riedel, er wolle, daß er Müllers Carline heirathe. Sie ſei bedeutend reich, ein unbe⸗ 3 ſcholtenes Mädchen und ſei ſehr hübſch. Da konnte er nichts eeinwenden. „Paul fah ihn groß an. „Meint Ihr, Vater, ſagte er, ich ließe mir eine Frau anfreien, ankuppeln, die ich nicht ſelber gewählt? Da irret Ihr Euch. Ich muß mit ihr leben, nicht Ihr. Seid ohne Sorgen, ich bringe 1 Euch eine Schwiegertochter, wie ſie mir gefällt. Freien laſſe ich mir keine. Das glaubt! „Die Mutter ſtand mit gefalteten Händen dabei. „Ach, du lieber Gott! rief ſie aus; du wirſt uns doch keine Unehre machen, und eine Betteldirne ins Haus ſetzen wollen? Nur Gleich Gleich geſellt ſich gut!— Und wir haben auch da mitzureden, Paul! „Ja, Mutter, entgegnete Paul mit bittern Lächeln, das Sprüchwort iſt nicht ganz. Es gehören die Worte hinzu: So ſagte der Teufel zum Kohlenbrenner, weil ſie alle beide ſchwarz waren!— Schande machte ich Euch nur, wenn ich eine liederliche, verrufene Dirne wählte. Armuth iſt keine Schande, Reichthum keine Ehre. Daß ich Euch keine Schwiegertochter bringe, die mir ſelber größere Schande bereitete als Euch, dafür brauchet Ihr keine Sorge zu tragen; aber wenn mir eine Arme etwa gefiele, ſo wär' mir das kein Grund, ſie nicht zu heirathen; denn ich habe genug an Dem, was Ihr mir erworben, und nach mehr geize ich nicht. Ich ſuche eine Frau, die ich lieb habe, mit der ich glücklich zu leben hoffe. Ob ſie reich oder arm iſt, das ficht mich nicht an! „Das war Hl ins Feuer. „Der alte Riedel brach los mit heftigen Worten. Er wolle für keine Betteldirne ſich geplagt haben; Paul müſſe die Müllers⸗ Carline heirathen; die habe er ihm erwählt und er habe als Vater zu entſcheiden und dergleichen mehr. „Paul ging ſtille hinaus, während der Alte fortkollerte. Und dem alten Riedel ging nun ſo etwas nicht tief unter die Haut. Bei Tiſch war es ſtille. Paul aß wenig. Die Mutter kaum etwas; aber Riedel hatte ſeinen ungeſchmälerten Appetit und der war Nie war ſo ein Auftritt im Hauſe vorgekommen. „Nach Tiſch fuhren die Alten alleine fort, weil Riedel vor dem Knechte ſich keine Blöße geben wollte; aber er war zornig und wild erregt, das fah man ihm an. Auch die Mutter machte ein böſes Geſicht. Mit Paul redeten ſie nicht mehr. Er blieb ſtill und wortkarg. — 353— „So waren die Alten nie von ihm geſchieden, ja, ſo hatten ſie nie mit ihm geredet, er nie mit ihnen. Da lag es denn auch auf Paul's Herzen centnerſchwer, und er ſah einer trüben Zukunft entgegen. „Knechte und Mägde gingen, als das Bieh beſorgt war, zu ihren Angehörigen oder ihrer Geſellſchaft. Paul war allein zu Hauſe. Alles, was vorgefallen war, bewegte ihn. Er ſah ein ſtürmiſch Wetter heranziehen. Das ſtand in ſeiner Seele felſenfeſt, daß er die Müllers Carline, ja daß er überhaupt keine andere heirathen könne— als— Irmel. Er ſprach das aus und fuhr ordentlich vor Schrecken zuſammen, als er das Wort, den Namen genannt. Aber es war auch, als ob mit dem Nennen des Namens „Irmel“ er ein Bekenntniß ſeiner Liebe zu ihr vor aller Welt abgelegt hätte. Heute mußte er es ihr ſelber noch ſagen; ſie fragen, ob ſie ihm gut ſei und Alles klar machen, damit ſein Vater erkenne, wie es ſtehe. An ein Entgegentreten dachte er wohl; aber das glaubte er doch nicht, daß er ſich der Heirath ganz widerſetzen würde, denn er hatte das Mädchen lieb wie ſein eigen Kind. Das ſah man. Eine ſtete Unruhe trieb Paul um. Endlich ſchloß er das Haus ab und ſetzte ſich in den Garten, wo eine dichte, dunkle Hainbuchenlaube ſtand. Sie war Irmel's Lieblings⸗ plätzchen. Hier gab er ſeinen Gedanken freien Spielraum; hier faßte er ſeine Entſchlüſſe, und als er mit dem Allem im Reinen war, dachte er an Irmel; er dachte ſie ſich als ſein liebes Weib und ſank in jene Träumerei, die ſo eigen den Zuſtänden iſt, in denen ſich Paul eben befand. Da rauſchte es— und Irmel ſtand vor ihm. Sie war eben zurückgekommen, hatte das Haus verſchloſſen, die Gartenthüre offen gefunden und dachte, die Riedelin im Garten zu finden. „Als ſie Paul da ſitzen ſah, erſchrak ſie. Eine Gluthröthe übergoß ihr Angeſicht und in einer großen Verwirrung bat ſie ihn um den Hausſchlüſſel. „Irmel, ſagte er, aufſtehend und ihr nahetretend, liebe Irmel, bleib' einen Augenblick hier. Ich habe mit dir zu reden. N. F. M. 23 — 354— „Das Mädchen erglühte noch mehr. Sie ſtand einen Augen⸗ blick völlig unſchlüſſig, was ſie thun ſollte. Liebe Irmel hatte er mit ſolch eigenthümlichem Tone nie zu ihr geſagt. „Aber er hatte ihre Hand gefaßt und zog ſie neben ſich arf * die Bank. Der weiche, ſeelenvolle Ton: liebe Irmel klang noch in ihrem Ohr. Er hielt ihre Hand feſt in der ſeinen und ſah ihr ſo ſeltſam in die Augen, daß ſie die ihrigen niederſchlug und ihre Hand, ja ihr ganzer Körper heftig zitterte. „Liebe Irmel, hob Paul an, die Stunde iſt da, wo es zwiſchen uns klar werden muß. Laß mich dir hier vor Gottes Angeſicht bekennen, daß ich eine heiße und innige Liebe zu dir im Herzen trage, ſeit du in unſer Haus getreten biſt. Ich habe ſie ſtill getragen und bewahrt. Ich habe mich redlich vor Gott geprüft, und nun weiß ich's Irmel, liebe, theure Irmel, daß ich nie eine Andere lieben, nie eine Andere heirathen werde, als dich. „Er ſchwieg; denn Irmel zitterte ſo, daß ſie niederzuſinken drohte. Er ſchlang ſeinen Arm um ſie und rief angſtvoll: *„Was iſt dir, liebe Irmel? „Sie legte ihren Kopf auf ſeine Schulter und in ein krampfhaftes Weinen aus. „Irmel, rief er, biſt du mir nicht gut? Haſt du einen Anderen 3 lieb und ich weiß es nicht?— Rede, um Gotteswillen, rede 2 „Sie richtete ihren Kopf in die Höhe und ſah ihn mit unausſprechlichem Ausdruck an, ſchüttelte langſam den Kopf und ſagte leiſe: „Ach, laß mich zu mir kommen! „Er zog ſie an ſeine Bruſt und ſie ließ es geſchehen. Auch r ſchwieg, denn ſeine Bruſt war zum Zerſpringen voll. 3 „Endlich wurde ſie ruhiger. Sie wand ſich aus ſeinen los, ſah ihm ſchmerzlich ins Auge und ſagte: „Ach, Paul, das hätteſt du mir nicht ſagen ſollen! Wir paſſen nicht zu einander und niemals werden es deine Eltern zugeben. Soll ich lügen, Paul? Nein, wir find hier nicht alleine, Gott kiß — 355— bei uns, ſieht in unſere Herzen. Darum ſoll Wahrheit zwiſchen uns ſein. Ich liebe dich, Paul; ich liebe dich mit einer heiligen, innigen Liebe, ſeit ich dich kenne; aber nun, wo das Geheimniß offenkundig iſt, das ich mit mir ins Grab zu nehmen gedachte, iſt mein Bleiben nicht mehr in euerem Hauſe. Ich muß fort, fort, heute noch. Es ſteht eine Scheidewand zwiſchen uns, die keine Macht der Erde entfernen kann. Es iſt meine Armuth. Ich weiß, was deine Eltern vorhaben. Du ſollſt und wirſt Müller's Carline heirathen. Darum bin ich heute drüben bei Schullehrers Lieschen geweſen. Sie hat mir einen Dienſt im Dorfe drüben ausgemacht, wo ich gleich eintreten kann; denn auch ſo muß ich fort. Es bleibt keine Wahl mehr. „Paul hatte ihr mit Erſtaunen und tiefer Bewegung zugehört. Jetzt zog er ſie inniger an ſein Herz und drückte einen Kuß auf ihre Lippe. „Das iſt vor Gott, mein Brautkuß, meine Irmel! ſagte er mit Feſtigkeit. Du liebſt mich, mein Mädchen? O, nun bin ich der Glücklichſte! Was du von der Scheidewand ſagſt, iſt eine leere Rede, eine Thorheit. Wenn ich erbärmlich genug wäre, ſie dafür anzuſehen, dann wär's eine; aber dann hätt' ich dir nie meine Liebe bekannt und wenn mir das Herz zerſprungen wäre. Ich weiß, wie meine Eltern denken, aber ich bin kein Knabe, den man zu einer Handlung zwingen kann. Es wird einen Kampf koſten, ich weiß es; aber ich fürchte ihn nicht. Und du, Irmel, verſprich es mir vor Gott, du thuſt keinen unbeſonnenen Schritt! Die Wolken verziehen ſich. Meine Eltern achten und lieben dich. Sehen ſie meinen feſten Willen, ſo ſegnen ſie unſern Bund. Du mußt ſein, als habeſt du Ohren und hörteſt nicht; als habeſt du Augen und ſäheſt nicht. Thue deine Arbeit ſtille, wie bisher, und laß mich machen. Es gibt ſich Alles. „Irmel's Auge hing an ſeinem Munde, der ſo ſchön ſprach, ſprach, wie ihr Herz es wünſchte. O ſie hätte ihm ewig ſo gehören, ewig ihn ſo anblicken können. Als er ſchwieg, perlten Thränen über ihre Wangen. — 356— „Ach, Paul, du haſt nicht gehört, was ich gehört habe, geſtern erſt. Ich war in der Kammer, in die man nur durch die Wohn⸗ ſtube kommen kann, und arbeitete darin. Da kam dein Vater und deine Mutter herein in die Wohnſtube, ſetzten ſich und fuhren in einem Geſpräche fort, das ich anhören mußte, weil ich nicht heraus konnte, ohne daß ſie es gehört hätten und geſehen. Ich habe nie gelauſcht. Es iſt ſchändlich; aber hier mußte ich, weil ich nicht anders konnte und ich betrachtete es als eine Fügung Gottes. Dein Vater ſagte: Du kannſt Recht haben, Mutter! Er iſt doch nun im Alter, wo ein Jungburſche nach den Mädchen ſieht und einen Schatz zu haben pflegt. Weißt du noch, bei uns war's eben noch früher— und er ſieht kein Mädchen an, will von keiner wiſſen. Nun ſchlug er heftig auf den Tiſch, fluchte greulich und ſagte: Muß denn ein böſer Geiſt das Bettelkind in unſer Haus führen, daß es dem Buben den Kopf verdreht?— Aber, das ſag' ich dir, die Irmel muß fort, muß morgen fort, es gehe, wie es gehe. Nie, das ſchwöre ich dir, darf er das Bettelmädchen freien. Lieber wollt' ich ihn auf den Kirchhof tragen ſehen.— Deine Mutter ſtimmte dem bei. Heute iſt's zu ſpät, es dem Mädchen zu ſagen, daß es wandern muß, und ſeine Sonntagsfeier will ich Morgen auch nicht ſtören, ſagte ſie mit zorniger Stimme; aber am Montag ſoll es mein Erſtes ſein. Wir haben eine giftige Schlange an unſerm Buſen genährt. Nun ſticht ſie uns, denn es wird harte Nüſſe zu krachen geben.— Ach, Paul, mir ſchwindelte. Man war hinter mein einziges, ſtillverborgenes Geheimniß gedrungen. Da war kein Bleiben mehr, wenn ich auch das Andere nicht gehört hätte. Nun war ich bei Schullehrers Lieschen. Alles iſt in Ordnung. Morgen frühe gehe ich. Ich muß, um meinet⸗ und um deinetwillen, und um eueres Friedens willen. Gottes Gnade behüte mich, daß ich in eine Familie, der ich ſo viel verdanke, eine Brandfackel werfen ſollte. Aber fort muß ich, damit mir nicht ausgeboten wird. Noch heute ſag' ich's ihnen. „Du gehen? rief Paul und ſchlang beide Arme um ſie. Ich will die Macht die ic und mich 5 — — bis ſie weiß, wo ſie unterkommen kann. . — 357— „Frevle nicht, Paul! ſprach ſie ſanft verweiſend. Wer bürgt dir, daß nicht die Macht, die die Welt erſchuf, erhält und regiert, beſchloſſen hat, uns zu trennen? Du ſiehſt nicht in Gottes Rath⸗ ſchluß, und ich nicht; aber willſt du freveln?„Gib dem Könige, was des Königs, und Gott, was Gottes iſt.“ Lerne dich beugen! Ich habe letzte Nacht einen Kampf gekämpft, den nur Gott kennt und ich. Ich habe im Gebet einen Sieg errungen, den du heute mir raubſt. O Paul, Paul, hätteſt du doch geſchwiegen! Es wäre mir leichter geworden— ob— ich gleich—— „Sie ſchwieg. „Was denn, was denn, o rede Irmel! rief er aus. „Nun, in Gottes Namen! ſagte ſie feſt, ob ich gleich— deine Liebe kannte. „Sie verhüllte ihr Angeſicht mit ihren Händen, als dies Geheimniß vom Herzen war. „Du kannteſt meine Liebe und zogſt dich doch ſo kalt in dich ſelbſt zurück? rief er aus. O, du ſtarkes Herz! Er zog ſie an ſeine Bruſt und drückte einen heißen Kuß auf jhre Lippen. „Ach, ſie hatten nicht gehört, daß der Wagen mit den Alten angekommen war. Sie fanden die Hausthüre noch verſchloſſen und, da die Gartenthüre nur angelehnt war, vermutheten ſie, Irmel ſei zurückgekommen und ſitze in der Laube. „Lieſe, ſagte Riedel zu ſeiner Frau, mit der Müllers Carline haben wir's heute richtig gemacht. Knechte und Mägde ſind noch nicht da. Ich meine, wir ſollten jetzt in den Garten zur Irmel gehen und es mit dem Mädel klar machen, damit ſie weiß, woran ſie iſt. Mit leeren Händen ſoll ſie nicht aus meinem Hauſe gehen, das laß ich mir nicht nachſagen. Sie hat's auch grade nicht an uns verdient, bis auf das Eine, was jetzt herunter muß und warum ſie fort muß. Sie hat auch nicht gleich einen Dienſt. Da 3 darf ſie nicht darben. Sie gehört doch zu unſerer Familie und ſoll uns weder Schande machen, noch Noth leiden. Ich denke, ſie wird bei Schulmeiſters Lieschen drüben im Dorfe bleiben können, iſt ein tüchtig — 358— Weibsbild und es wird ihr nicht fehlen. Beſſer wär's, wenn ſie dem Peter, der um ſie freit, ihr Jawort gäbe, dann wär' Alles ab und ausſtatten wollt' ich ſie gerne. Ich denke, wir gehen in die Laube zu ihr und ſagen ihr Alles in der Ordnung. Sie iſt verſtändig, wird's einſehen und dann iſt eine Sorge von uns— ddenn der Paul iſt widerhaarig geworden, aber ich will ihn ſchon beugen, ſo wahr ich der Riedel bin! .„Das Letzte ſagte er mit einem Nachdruck, in dem ſich der Grimm noch ausſprach, der noch von heute Morgen in ihm lag, und den er nur mit Mühe zurückgedrängt hatte. „Sie gingen, während der Knecht die Pferde abſchirrte, in den Garten und traten in die Laube; aber Beide ſtanden ſtarr vor Schrecken, als ſie ſahen, wie Irmel in Paul's Armen lag. „Paul merkte zuerſt an dem Dunkel, daß Jemand im Eingange ſtand. Er blickte auf und ſah ſeine Eltern. Er ſah ihre bleichen Geſichter, aber auch die Wuth in den Blicken ſeines Vaters. 3 „Eiskalt durchrieſelte es ſeine Gebeine. Er ließ Irmel fanft aus ſeinem umſchlingenden Arme und auch ſie erblickte Riedel und ſeine Frau. Sie ſtieß einen Schrei aus und verbarg in beide Hände ihr bleiches Angeſicht. „So! ſo! ſtieß der alte Riedel heraus, und in dem:„So! ſo!“ lag Grimm, Hohn, Verachtung— Alles mit Einem Worte, was in ſeiner Seele gohr, und was ihn durchdrang. Ehe aber die Fluth ſeines Zornes völlig losbrach, ermannte ſich Paul, ſtand auf und ſagte mit einer Stimme, die freilich wankte: „Vater und Mutter, Ihr wollt, daß ich heirathe. Hier iſt meine Braut. Irmel wird meine Frau, wie ich mit ihr mich jetzt vor Gott verlobt habe! „Da brach die Feſſel, den ii 3nben hatte. 5 „Was? ſchrie der Riedel, deine Braut vor Gott? Ler dem Teufel ſag' du, nichtswürdiger Bub! Die Betteldirne, das hergelaufene Weibsbild, wagſt du vor uns, deinen Eltern, deine Braut zu nennen? Verflucht ſeiſt du und ſie, die ihr hinter uns 8 62 — 359— ein ſchandbares Weſen treibt! Das alſo iſt das ſtille Kin)? O du Verworfene!— Doch— Herr, erlaßt es mir, die S zu wiederholen, die Irmel in den Staub traten, ſie zetirtet ſagte der Todtengräber. „Hören und Sehen verging ihr. Leblos war ſie zurückgeſunken wider die Stämme und Aſte der Hainbuchen, die dicht verſchlungen waren zu einer feſten Wand. „Solche Worte, ſolche Flüche, wie ſie der Riedel ausſprach, waren entſetzlich und mußten Paul's Zorn aufs Heftigſte ſteigern. Wüthend trat er ſeinem Vater entgegen und rief: „Schweigt, daß ich nicht vergeſſe, daß ich Euer Sohn bin! „Da war der alte Riedel aus allen Fugen gehoben. Er eßhob ſeine Rieſenfauſt in ſchäumendem Zorn und ein Schlag traf ul, daß er gegen die Wand taumelte. Schnell aber ermannte ſich der Jüngling und ſprang gegen ſeinen Vater. Die Mutter ſchrie und warf ſich ſchnell zwiſchen ſie. Der Knecht war herbei⸗ geeilt und faßte mit beiden Armen den Sohn ſeines Herrn um den Leib, um ihn von dem Frevel zurück zu halten, den er zu begehen bereit war. „Sprudelnd quollen die roheſten Worte aus des Alten Munde⸗ Nur den Schluß will ich Ihnen ſagen: „Fort, rief er, fort aus meinen Augen, du und deine Metze! 4 „Und wundetbar! Paul's Wuth legte ſich bei der ſich ſtets ſteigernden ſeines Vaters. „Kalt, wie der Tod, ſagte er: „Ich gehe, Vater: Ihr ſollt mich nicht mehr ſehen. Ihr habt kein Kind mehr von heute an, aber wagt es nicht mehr, dies ſchuldloſe Mädchen, die wie todt hier liegt, anzutaſten. Gehet, ins Haus. Ich betrete es nicht wieder! 4 „Er ging zu Irmel.§ „Conrad, ſagte er zu dem Knecht(er iſt mein Sohn geweſen, Herr!), hilf mir, ſie wegtragen! Aber Irmel erwachte. Sie ſah wild um ſich. Ihre Gedanken waren wirre. — 360— „Fort! fort! rief ſie. Fort von hier, wo mich der Fluch traf! „Vergebens flehte Paul mit ſanften Worten, daß ſie ſich beruhige. Sie riß ſich los und eilte weg. Paul folgte ihr. Sie lief in ein Nachbarhaus. Dort ſank ſie ohnmächtig zuſammen, aber ihre Glieder zuckten entſetzlich. „Die Bäuerin und ihre Tochter nahmen ſich ihrer an, wuſchen ſie mit Eſſig, entkleideten ſie dann und brachten ſie in der Tochter Bett, die ihre Freundin geweſen war. Als ſie aus der Bewußtloſigkeit erwachte, glühte ſie am ganzen Leibe, als ob Feuer in ihren Adern wäre. Sie redete irre und wollte fort. Paul ſaß in des Nachbars Stube, bleich wie eine Leiche, und ſtarrte in eine Ecke. Nur nach Irmel fragte er und rang die Hände, als ſie ihm ſagten, wie es um ſie ſtünde. „Er blieb die Nacht in dem Hauſe und wachte mit der Mutter des Hauſes an Irmel's Bett. Sie mußten ſie gewaltſam halten, weil ſie immer fort wollte und nur von Riedel's Fluch ſprach, ſich ſelber anklagte, ſie habe Vater und Sohn entzweit und habe Elend in die Familie gebracht. „Noch in der Nacht ſandte Paul meinen Conrad nach dem Doctor. Als der Arzt kam, ſagte er, ihre Krankheit ſei ſehr gefährlich. Von da an wich Paul acht Tage und acht Nächte nicht mehr von ihrem Bett. Sie wurde zwar ruhiger und wollte nicht mehr fort, aber ſie ſprach unaufhörlich, Tag und Nacht, in Einem fort, und immer waren es Klagen gegen ſich ſelbſt, daß ſie Paul's Liebe erwiedert; daß ſie ihn, der ſo gut ſei. elend gemacht. Aus allen Worten ſras ihre Liebe zu Paul. Der A was er konnte, aber alle Mittel blieben fruchtlos. achten Tages wurde ſie ruhiger. Paul's Herz hoh ſich in froher Hoffnung. Gegen Abend ſchlummerte ſie ein. Wer ſie ſah, konnte nur Einen danken haben, den nämlich, daß ſie nicht wieder een nen Uhe es Abends erwachte ſie, richtet f und ſah Paul an ihrem Bett ſitzen. , wie ein Engel, lächelte ſie ihn an. n — 361— „Biſt du bei mir? ſagte ſie und es traten Thränen in ihre Augen. O, du Guter! ſagte ſie und reichte nach ſeiner Hand, die ſie küßte. Paul brach in ein lautes Weinen aus und umfaßte ſie. Ihr Kopf lag an ſeinem Herzen. Nach einiger Zeit blickte ſie ihn an und ſagte: Paul, nicht wahr, du hatteſt mich lieb? „Mehr als mein Leben! rief er weinend aus. „Ach, weine nicht, ſprach ſie matt. Ich finde den Frieden und ſterbe glücklich. O, verſöhne dich mit deinen Eltern, bat ſie. Thue, was ſie wünſchen. Gelt, Paul, du thuſt es? Und dann ſehen wir uns einſt an Gottes Thron wieder. Da trennt Armuth und Reichthum die Herzen nicht mehr! „Das war ihr letztes Wort. Sie legte ſich wieder zurück und ſchlummerte ein. Ihre Hand lag in der Paul's. Sie erwachte nicht mehr. Gegen Mitternacht ſtieß Paul einen entſetzlichen Schrei aus. Ihre Hand war kalt— ſie war verſchieden. „Auf ihrem Angeſichte lag ein wunderbares Lächeln, wie ich es in meinem ganzen Leben an einer Leiche nicht geſehen habe.“ Der Todtengräber ſchwieg. „Ich war erſchüttert, wie ich es nur jemals geweſen bin, denn der Ton, in dem der Greis ſprach, zeigte, wie ſehr ihn ſelbſt die Erzählung angriff. Nach einer Weile ſagte ich: „Was haben denn Riedel's gethan?“ „Nichts, Herr, nichts!“ ſagte mit wahrem Grimme der Todtengräber.„Nicht gefragt haben ſie nach dem armen, ſchuld⸗ loſen Mädchen, nicht nach ihrem Sohne. Der Alte iſt aufs Feld gegangen, als wäre gar nichts geſchehen, und ſie hat im Hausweſen gewirthſchaftet, aber mein Conrad ſagte, der Alte ſei doch ſehr verſtört geweſen und habe manchmal ſelbſt nicht gewußt, was er rede. Widerſprechen habe man ihm aber nicht gedurft. Er ſei aufgefahren und habe dann im wildeſten Zorne geflucht wie ein Türke. Er und ſeine Fra hätten wft laut gehadert; denn ſie habe zu der armen Irmel gehen wollen, was er aber durchaus nicht habe leiden wollen. S. — 362— „Irmel's Begräbniß war ein Zeugniß, was die Leute von ihr hielten. Kein Menſch blieb zurück. Ein lautes Weinen hörte man überall. Paul ging hinter dem Sarge wie ein Steinbild. Er ſah aus wie eine Leiche. Thränen hatte er keine. „In der Nacht, als ſie beerdigt worden war, ging er fort. „Herr, ich wohne dort. Die Fenſter meines Schlaf⸗ kämmerleins gehen auf den Gottesacker. Der Mond ſchien hell und der Kirchhof lag vor mir, hell wie am Tag. Um eilf Uhr lag ich noch wach im Bett. Ich ſtand auf und trat an mein Fenſterlein. Da ſah ich ihn an ihrem Grabe knien; ich ſah, wie er verzweifelnd die gefalteten Hände rang, und mein Herz wollte mir berſten. „Darauf iſt er aufgeſtanden und fortgegangen und im Fort⸗ gehen ſah er mich und kam auf mich zu. „Adam, ſagte er, laßt mir ein Plätzchen neben ihr leer! Ich bitte Euch um das Eine. Verſprecht es mir! „Ich reichte ihm meine Hand zum Fenſterchen hinaus und ſagte: Paul, ſo wahr der Herr uns jetzt ſieht, es ſoll dir geſpart ſein! Aber—. „Still! ſagte er. Wenn ich in zehn Jahren nicht wieder⸗ gekommen bin, dann dürft Ihr einen Anderen dahin legen; dann hab' ich ein Grab ſonſtwo gefunden. Lebt wohl, Adam! Gott ſegne Euren Conrad; er hat mich vor ſchwerer Sünde bewahrt. „Was willſt du thun, Paul? fragte ich. Bleib' hier. Es gleicht ſich Alles aus. „Nein, ſagte er, ich kann nicht. Mein Vater hat mich verflucht, ich muß fort. „ind, Kind, rief ich aus, dein Vater hat's im Zorne gethan; Gott wolle ihm vergeben. Er wird den Fluch zurück⸗ nehmen und in Segen wandeln. Bleib', Paul, bleib'! Er drückte meine Hand ſtillſchweigend und ſagte dann: „Pflanzet Ihr eine weiße Roſe aufs Grab, Adam! Wenn ich einſt wiederkehren ſollte, vergelt' ich es Euch! — 568— iſt er raſch fortgegangen. „Damals, Herr, wüthete der ſiebenjährige Krieg. In Erfurt war eine preußiſche Werbeſtation. Dort ſoll er hingegangen ſein. Nie hat man mehr ein Wort von ihm gehört. Nun ſind viele, viele Jahre darüber hingegangen, mehr als zweimal zehn. Ich hab' mein Wort gehalten. Das Plätzlein neben der ſchönen Irmel iſt heute noch leer. Ich glaube nicht, daß er wiederkehrt; vielmehr will es mir ſcheinen, als habe er im Krieg irgendwo ein Grab gefunden. Gott allein weiß, ww. Mein braver Conrad, der nach meinem Tode das Amt kriegen wird, der mir auch jetzt ſchon hilft, wird's noch offen laſſen, das beſtellte Plätzlein. Ob aber Paul je noch wiederkehren wird, bezweifle ich.“ „Aber,“ ſagte ich,„wer liegt denn in den beiden blumen⸗ leeren Gräbern?“ „Nun, Herr,“ ſprach der Todtengräber,„ich glaube nicht, daß Ihr mich fragt, ohne daß Ihr's ahnet. Da liegt Riedel und ſeine Frau.— „Die haben in ihrem verſtockten Sinne fortgelebt, fünf, ſechs Jahre lang— aber da iſt's ihnen gekommen.. „Sie, die Riedelin, wurde gichtbrüchig. Sie lag zwei Jahre lang ſo armſelig und hilflos da, daß es Einen erbarmen mußte. Aller Reichthum konnte ihr nichts helfen. Sie hatte keine liebe Hand, die ſie pflegte. Alles thaten fremde, bezahlte Leute. An ihrem ſtarrköpfigen Manne hatte ſie keinen Troſt; denn ſeit Paul fort war, lebten ſie, die ſonſt ſo einig geweſen waren, wie Katzen und Hunde. Sie warf ihm vor, er ſei zu hart geweſen gegen Paul; die Irmel ſei ſo ſeelengut geweſen; die hätte eine rechte Tochter für ſie gegeben; an ihr hätte ſie in den alten, kranken Tagen eine liebreiche Pflegerin gehabt, und dergleichen. Er habe ſie kinderlos gemacht und ihren armen, guten Paul in den Krieg und Tod getrieben. Der Riedel warf ihr vor, ſie habe ihn gereizt; ſie habe das Feuer geſchürt; die Steine gerafft, die er geworfen. Dann brauſte er auf in maßloſem Zorn und es ſoll ſelbſt zum Schlimmſten, zu Mißhandlungen, gekommen ſein. War — 364— er ſo im Zorne, ſo ging er ins Wirthshaus und betrank ſich an Nordhäuſer Kümmel. Kam er dann völlig betrunken nach Hauſe, ſo ging der Tumult von Neuem an und mehr als einmal mußte die alte Frau vor ſeinem Zorne flüchtig werden. Immer mehr ergab er ſich dem Trunk und zuletzt wurde er ſelten mehr nüchtern. Hat er wohl die Qual im Gewiſſen damit betäuben wollen? Gott allein weiß es! „Daß bei ſolchem Zuſtand es rückwärts bei ihnen ging im Vermögen, iſt leicht zu begreifen. Es war aber auch grade, als ob aller Segen Gottes von ihnen gewichen wäre. Mein Conrad konnte den ewigen Hader nicht mehr ertragen. Er iſt aus des Riedel's Dienſt gegangen. Nun bekamen ſie untreues Geſinde, denn ordentliche Knechte und Mägde blieben nicht im Hauſe, wo nur Fluchen und Zanken herrſchte. Da ging's, wie's konnte. Ihr Viehſtand litt gar ſehr durch Krankheit und Seuche. Ihre Ernten fielen dünn aus— kurz, es kam dahin, daß Riedel in Schulden kam und zwar in ſchlimme, denn er lieh bei Wucherern und Juden, da er ſich ſchämte, bei einem ordentlichen Manne Geld aufzunehmen. „Seine Frau ſtarb zuerſt. Sie ſoll einen furchtbar ſchweren Todeskampf gehabt haben. „Nun ſtand der Riedel allein und kam nicht mehr aus der Schenke, und ſo iſt er denn auch elendiglich geſtorben. Trunken ging er ſpät in der Nacht heim. Vielleicht habt Ihr, Herr, den Brandweiher geſehen, der drunten im Dorfe liegt? Es unmgibt ihn eine hohe Mauer. Wahrſcheinlich iſt er im Trunk an dieſe Mauer gerathen, hat ſich darüber hingebeugt und iſt hinabgeſtürzt. Niemand bemerkte es. „Morgens kam die Magd ins Wirthshaus, um ihn heim⸗ zuholen, da er nicht nach Hauſe gekommen war, oder doch, um zu ſehen, wo er geblieben ſei. „Der Wirth ſagte ihr mit Erſtaunen, er ſei um halb Eins in der Nacht trunken fortgegangen. „Nun gab's Lärm im Dorfe, der alte Riedel fehle. Die .— 365— Leute liefen zuſammen. Uberall wurde nach ihm geſucht, aber nirgends fand man ihn, bis es Einem einfiel, im Brandweiher zu ſuchen. Richtig, da lag er drinnen. Man mußte die Schleußen öffnen, um ihn herauszuholen. „Ihr könnt Euch denken, daß ihm ſo wenig Liebe und Mitleid folgte, als ſeiner Frau, ja im Grunde noch weniger, weil er ſich ſo ſchlecht aufgeführt hatte. „Dorthin hab' ich ſie neben das ſchuldloſe Opfer ihres Hochmuths gelegt; aber Niemanden iſt es eingefallen, eine Blume auf ihr Grab zu pflanzen, auch mir nicht.— „Kaum war er todt, ſo ſtrömten die Gläubiger zuſammen und mit Erſtaunen hörten die Leute von der Menge der Schulden, die auf Hof und Gut laſteten. Da mußte denn Alles unter den Stecken kommen und iſt verſteigert worden. Der reiche Müller aus A. erſtand das Ganze um eine hohe Summe. Was von den Schulden übrig blieb, wurde, da man von Paul nichts erfuhr, bei'm Gerichte niedergelegt und da wird's noch verwaltet. Und im Hofe ſitzt nun die Müllers Carline und ihr Mann, brave Leute, die das Gut mit Segen bauen.“ Hier endete der Greis. Es war dunkel geworden über ſeinep Erzählung. Ich gab ihm ein Geſchenk und dankend ging er nach ſeinem Häuschen hinüber. Ich warf noch einen Blick nach Irmel's Grab und ging zu meiner Herberge, im Innerſten meiner Seele bewegt. Und warum bewegte mich die Geſchichte ſo tief?— Warum erklingen die Saiten eines Inſtrumentes, wenn ein ähnliches in ſeiner Nähe erklingt?— Warum treten Thränen in unſer Auge, wenn wir ſie in einem anderen glänzen ſehen?— Tief in der Menſchenbruſt werden Erinnerungen wach⸗ die lange, lange ſchliefen, wenn die Züge eines Angeſichts, wenn die Ahnlichkeit einer Gegend, wenn die Ereigniſſe eines anderen Menſchenlebens ſie wecken, oder wenn eine Erzählung ähnliche Begebenheiten unbewußt berührt? Warum?— Warum?——— — 366— Hier endete das Manuſeript des Onkels Martin. Lange ſaß ich in ſchmerzlichem Gefühle da.„Armer Einſamer,“ dachte ich, „riß man auch ein liebend Herz von dem Deinen, daß es fort⸗ blutete, bis es nicht mehr ſchlug?“ Als ich meine Mutter darnach fragte, ſagte ſie: „Das iſt eine traurige Geſchichte geweſen. Ein andermal will ich ſie dir erzählen, jetzt iſt es zu ſpät.“ Verſchiedene Wege. Ein Stücklein aus der guten, alten Zeit. „Aus meiner Knabenzeit erinnere ich mich noch eines alten Herrn Vetters, der in Mannheim Organiſt an der Hauptkirche war. Das Bild dieſes Mannes, der noch ſo ganz nach Form und Weſen der erſten Hälfte des vorigen Jahrhunderts angehörte, ſchwebt mir ſo lebhaft vor, als hätt' ich ihn geſtern zum letzten Male geſehen, und doch liegt zwiſchen unſerem letzten Begegnen hienieden und heute auch die Hälfte eines Jahrhunderts und ſelbſt noch mehr denn ein Jahrzehend drüber hinaus.“ Das waren die einleitenden Worte meines nahezu ſiebzig⸗ jährigen Nachbars zu Heidelberg, bei dem ich gemüthlich ſaß. „Ei,“ ſagte ich zu, dem lieben, geſchichtenreichen Mann,„iſt's denn möglich, daß Sie ſich aller Einzelnheiten entſinnen können?“ „Ja gewiß,“ ſagte er,„und ich will Ihnen zeigen, wie lebhaft mein Gedächtniß geblieben iſt und wie treu, indem ich Ihnen vorerſt den Mann ſchildere und Ihnen dann die Geſchichte ſeines Lebens erzähle, oder doch ein weſentliches Stück davon.“ 6 „Mein Herr Vetter war, wie geſagt, alt, faſt ſo alt, als ich heute, da beſuchte er uns noch einmal hier und lebte ſich in die Zeit zurück, da er auch hier ſtudirt hatte.“— „Studirt?“ fragte ich erſtaunt.„Ein Organiſt und ſtudirt.“ Mein Nachbar lächelte. „Das iſt's ja eben, was Ihnen ſeine Geſchichte intereſſant machen dürfte,“ ſagte der alte Herr.„Nun hören Sie: „Er war damals noch ein kräftiger Greis, der ſich grade hielt; obwohl ſein innerſtes Weſen demüthig war, kam dieſe Haltung Manchem vor wie Hochmuth. Davon war er himmelweit entfernt. Sein Geſicht war friſch und deſſen Ausdruck mild und heiter. Er war ein ſchöner Greis. Sein Haar war reich und ſo gepudert, N. F. 1I. 24 — 370— daß es ſchneeweiß war. Ein Zopf, länger wie der Friedrich's des Großen, hing ihm ſchier bis auf das Kreuz. Er war feſt mit ſchwarzem Band umwickelt und dieſe Operation nahm ihm viel Zeit weg. Oben am Kopfe war ein gewaltiger ſchwarzer Band⸗ ſchlupf, ſo an der Wurzel des Zopfes. Das Haar des Vorder⸗ hauptes trug er in Form des Herz⸗Toupe's, und das ſtand ihm ganz delicat zu Geſichte. Ging er aus, ſo ſaß darauf der Drei⸗ maſter von feinem Filz. Die Halsbinde war ſchneeweiß; die rothe Sammtweſte, mit goldenen Knöpfen und ſchöner Stickerei, reichte von der Halsbinde bis zum Schenkel und war zugeknöpft von oben bis unten. Nur an Sonntagen ſah der breite, unendlich fein gefaltete Jabot coquett daraus hervor. Der Rock war von weißem Tuche, fein und rein, mit zinnoberrothem Schvoß⸗ und Bruſftfutter. Zum Zuknöpfen war er nicht, und lief rund vom fingerbreiten Krägelein über die Bruſt weg zum Schooße, der breit und lang war; dennoch war er auf der rechten Seite mit unendlich großen, ſtark vergoldeten Knöpfen beſetzt; ebenſo die Taſchenklappen und Armelaufſchläge, die faſt bis zum Ellenbogen reichten, und aus denen die Manſchetten lang hervortraten. „Die Hoſe war von ſchwarzem, feinem Pelüche, und reichte nur zum Knie, wo ſie eine feine vergoldete Schnalle hielt. Weiße ſeidene Strümpfe umſchloſſen das ſchön bewadete Bein und feine Jabots den Fuß mit mächtigen, den ganzen Vorderfuß bedeckenden Schnallen von Silber, durchbrochen und ſehr ſchön gearbeitet. Dazu gehörte ein echtes Javarohr mit vergoldetem Knopfe, das zwei Drittheile der Leibeslänge hielt.“— ⸗ „Sie lächeln?“ unterbrach er ſein Porträtiren.„Freilich die flappige Mode dieſer Zeit iſt eine andere; aber ich ſage Ihnen, er ſah ſtattlich aus; es war eine Pracht von einem Manne, der Reſpect einflößte, und dieſe Mode hatte etwas Gehaltenes, Würdi⸗ ges, Ernſtes und Anſtändiges. Es war ſchlechterdings eine Unmög⸗ lichkeit, daß ein Mann in dieſem Coſtüme Dummheiten und Unſinn treiben oder überhaupt die Strenge der Sitten übertreten konn Glauben Sie mir, junger Freund, es war eine Zeit, die ſi — 371— ſondern erzählen. Sehen Sie, ſo ging unſer Herr Vetter aus. War er ſo gekleidet, ſo hielt er ſtreng auf den äußern Anſtand. Daheim trug er Pantoffeln, das Joſeppchen und eine weiße Baum⸗ wollmütze mit langem Zipfel und bedeutendem Klünker—“ „Das Joſeppchen? Herr Nachbar, was war das für eine Kreatur?“ fragte ich. „Für euch junge Leute iſt doch jene Zeit ganz zu Grabe gegangen!“ ſagte er mit beklagendem Ausdruck.„Ich will es Ihnen ſagen. Das Joſeppchen, Seppelchen oder, wie man es ſonſt auch hieß, war ein damaſtner wattirter Schlafrock, der aber nur bis an den Schenkel reichte und mehr die Rockform hatte. Wie geſagt, zu Hauſe trug er dies Kleidungsſtück, das ſehr commode war, rauchte ſeine feine Holländiſche und ſaß im Seſſel. Dann ging ihm Mund und Herz auf. Wir ſetzten uns um ihn und er erzählte viele Geſchichten. „Einſt ſaßen wir auch ſo um ihn und horchten auf ſeine Worte, da kam er auf ſeine eigne Lebensgeſchichte, und um dieſe handelt es ſich ja jetzt. Mir ſchwebt das noch vor wie heute, und ich führe ihn darum auch ſelbſt redend ein. „Ihr lieben Verwandten, ſagte er mit all der ihm eigenen Gemüthlichkeit und blies dabei feine, ringelnde Knaſterwöllchen aus, habt mich wohl bisweilen gefragt, wie ich zum Organiſten gekommen, da ich doch allhier die Gottesgelahrtheit drei Jahre fleißig und eifrig ſtudirt. Glaub's wohl, daß Ihr's Euch nicht reimen könnt, ſeit die uralte Kurpfalz durch die leidigen Franzoſen iſt zu Grabe gegangen. Sie war alt und wackelig geworden, wie das heilige, römiſche Reich, dem ſie als Kur angehörte. Sie hatte dicke Fehler und ich ſelber bin davon ein lebendiger Beweis. Wär's nicht ſo geweſen, wer weiß, welche Stellung ich jetzt einnähme. Doch— es hat ſo ſein ſollen und ich bin ja in meiner Lage recht glücklich, und preiſe die Wege Gottes. Ich bin der einzige Eheſprößling eines armen Mannes. Mein Vater war Schulmeiſter, Cantor, Organiſt und Küſter in Lavenburg, und ſeine ganze Beſoldung betrug hundert und fünfzig Gulden, eine freie Wohnung und einen „ — 372— Garten dabei. Davon lebten wir ſchlicht und recht; aber Sprünge konnten wir keine machen und Schmalhans war Küchenmeiſter. Trotz alle der nothgedrungenen Beſchränkung waren wir Drei, mein Vater, meine Mutter und ich, in Liebe glücklich. „Mein Vater war ein Muſiker, wie es damals wenige gab. Gründlich gebildet, war er ein Meiſter auf der Orgel, der ſeines Gleichen kaum hatte, und ſein gebildeter Geſchmack bewies ſich an der leidenſchaftlichen Vorliebe für alte, gediegene Kirchenmuſik. Ihr mögt es Euch daher erklären, daß er, außer dem regſten Fleiße, den er in und außer der Schule meiner geiſtigen Entwickelung widmete, auch ſehr frühe mit mir Muſik zu treiben anfing. „Der Liebe des Vaters gelang es, die Gottesgabe, die ich empfangen hatte, zu wecken und frühzeitig zu bilden. Die ganze Stadt redete davon, daß ich ſo tactfeſt ſpiele, als ich kaum mein achtes Lebensjahr zurückgelegt. Das wurde dann eifrig fortgeſetzt und der Vater hatte recht ſeine Freude an mir. Chriſchtian, ſagte er in der breiten Pfälzer Mundart, du wirſt einſt ein Orgelſpieler, der ſich gewaſchen hat, und das wird dich nicht gereuen, auch wenn du niemals es als Broderwerb treibſt, wie ich; denn ich⸗ hoffe zu Gott, daß du ein recht tüchtiger Pfarrer werden ſollſt. Dem ſchadet's auch nichts, wenn er etwas von dem Orgelſpiele verſteht. „Das war denn meiſt ſeine Rede und es prägte ſich mir die Beſtimmung tief in die Seele hinein, ehe ich noch die Schwelle jener Vorbereitung betrat, die dies Studium heiſcht. Mich auf einer Schule auswärts zu erhalten, hätten meine armen Eltern nicht zu Wege gebracht; aber der Rector in Ladenburg war ein Gelehrter, der ſich gewaſchen hatte, und man konnte Viel bei ihm lernen. „Durch meines Vaters Privatunterricht war ich früh ſchon reif für den Eintritt in deſſen Schule. Er war ſelber ein Freund und Kenner der Muſik, und daher meines Vaters beſonderer Gönner, der mich mit Liebe aufnahm und behandelte. Mein Eifer und Fleiß hatte an meinem lieben Vater und meiner nie raſtenden Mutter leuchtende Vorbilder, und blieb nicht urüc Der Herr Rector rühmte und b mich deßhalb, was mir ſu — 373— bei meinen Mitſchülern manchen ſchweren Buckel voll Prügel eintrug, die ich, als der Jüngſte und Schwächſte, einrieb und in der Stille verbiß. Das hatte anderweitig ſein Gutes; denn ich lernte frühe die Püffe tragen und dulden, die mir ſpäter das Leben und die Verhältniſſe beibrachten. Abhielt es mich aber nicht im Mindeſten, meinen Fleiß fortzuſetzen, und wenn ich's der Mutter einmal klagte, ſagte ſie: Beſſer Neider, als Mitleider. Und mit dem Sprüchworte tröſtete ſie mich. „Die lateiniſche Schule koſtete mich nichts. Selbſt den Privatunterricht im Griechiſchen ertheilte mir der brave Rector unentgeldlich. So wuchs ich ziemlich heran, und als ich confirmirt war, kam die Zeit, vor der meine armen Eltern oft gezittert hatten, die nämlich, wo es eine unabweisbare Nothwendigkeit wurde, daß ich die Neckarſchule zu Heidelberg beſuchte. Wo, wie und wann ſollten die Eltern das aufbringen, deſſen ich dort benöthigt war, trotz aller Gewohnheit an die ſchmalſten Biſſen? Ich entſinne mich noch eines Abends aus jener Zeit, den ich genauer ſchildern muß. „Es war am heiligen Pfingſttage. Morgens war ich mit meinem Vater auf der Orgel und ich ſollte, da der Herr Inſpector das Lied:„Wachet auf, ruft uns die Stimme ꝛc.“ gegeben hatte, ein fugirtes Vorſpiel vortragen, das mein Vater zu der herrlichen Melodie geſetzt hatte. Es war ein Meiſterſtück, das ich aber auch eingeübt hatte, daß es mir in den Fingerſpitzen und Zehen feſtſaß, mit denen ich Manual und Pedal regieren ſollte. Ich begann. Mein Vater ſtand neben mir und ſein Antlitz leuchtete wie das eines Seligen, als ich meine Arbeit gut machte. Das feuerte mich an und ich ſpielte meinen Satz tüchtig, ging dann in die Melodie über und leitete den Geſang der Gemeinde wie ein Alter. „Als die Kirche aus war, überhäufte der Rector meinen Vater mit Lob und mir drückte er die Hand, was eine Ehre war, die mir ſelten wieder vorkam. Wir kamen beide überglücklich heim und die Thränen der Mutter, die ſchon von den Nachbarinnen Alles wußte, waren nur eine Erhöhung unſerer Freude. Mittags nach dem Gottesdienſte kam der Kirchendiener und lud meinen — 374— Vater zu dem Herrn Inſpector. Da das öfter vorkam, fiel es uns nicht auf; das aber machte uns doch betroffen, daß der Vater bis Nacht ausblieb; denn ſo etwas war in dem pünktlichen Leben deſſelben noch gar nicht dageweſen. Erſt zur Nachteſſenszeit kam er, und ſein Geſicht ſtrahlte. „Komm herein, Mutter, rief er in die Küche, ich bringe eine Poſt, die nicht anbrennen darf! „Die ſtaunende, neugierige Mutter kam; ich machte das Klavierchen zu und der Vater hob an: Vor Allem rufe ich: „Lobe den Herrn, meine Seele, und Alles, was in mir iſt, ſeinen heiligen Namen!“ Was uns beängſtigte, hat Gott wunderbarlich gewendet! Als ich heute in geziemender Devotion in die Studir⸗ ſtube des Herrn Inſpectors trat, ſaß der Herr Rector ſchon da. Nach geſchehener ſtandesmäßiger Begrüßung ſagten der Herr Inſpector: Setz' Er ſich, Herr Cantor, und reichte mir ein Glas köſtlichen Weines, den ſie tranken. Solche Ehre war mir nie widerfahren! Darauf, als ich nach ziemlichen Umſtänden, mich endlich geſetzt, das Glas genommen und mit Reverenz Geſundheit getrunken, hob der Herr Inſpector an zu reden von Chriſchtian's Orgelſpiel von heute und des Herrn Rectors gutem Lobe, redete mit Salbung, wie er ſich an dem Einen erbaut und an dem Anderen erfreut, und wie des Knaben Talent nicht verſumpfen dürfe. Er habe, fuhr er fort, im hohen Kirchenrath einigen Arm und den wolle er geltend machen, daß Chriſchtian an der Neckar⸗ ſchule umſonſt aufgenommen würde. Da das ſo gut wie abgemacht ſei, ſo habe er den Herrn Rector gebeten und mich berufen, um das Weitere in fügliche überlegung zu nehmen. Der Herr Rector ſei ein Heidelberger Kind, habe vermögliche Verwandte und Freunde dortſelbſt und er, der Herr Inſpector, ſei auch nicht ohne Einfluß auf Andere, alſo daß der Bube dort alle Tage, Jahr aus, Jahr ein, ſein Eſſen habe. Er frage mich aber, ob ich ihn wohl in Kleidern werde unterhalten können, bis er ſich durch Unterrichtgeben das ſelber verdienen könne. Des Herrn Rectors Stiefſchweſter, ſo in der Buſemergaß wohne, wolle ihm überdies ein Stüblein und Bett 1. ſo er ihr Peterchen alle S eine halbe Stunde unterweiſe. Die Wäſche könnten wir von hier aus beſorgen und ſo wäre Alles ſonnenklar, wenn ich nur Kleider und Schuhwerk auch wohl Bücher und Schreibmaterialia beſorge. „Was meinſt du, Mutter, wie mir da das. im Leibe hüpfte? Ich ſagte freudig Ja und Alles war in Ordnung und den Herbſt geht er auf die Neckarſchule! Allelujah! „Wir ſaßen da und hatten die Hände zuſammengelegt wie zum Gebet, und ich glaube, wir haben auch gebetet und gedankt Dem, der ſo unverhofft den Wünſchen eine Thüre geöffnet und der Sorge Valet geſagt und gegeben. „Das war ein Freudenabend! Der Hirſebrei, den die Mutter gekocht, und auf den ich früher, nämlich ehe der Vater daheim war, erpicht war wie eine Katze auf die Maus, wurde rein vergeſſen. Freilich war das nicht zu meinem Schaden, denn er zog eine deſto dickere Haut, und das iſt, wie Ihr wißt, am Brei Nr. 1. Nach dem Hirſebrei ſetzte ſich der Vater hin ans Klavierchen und fugirte die Melodie:„Nun danket alle Gott“ auf eine wunderbar herrliche Weiſe, und als er endlich ſie ſpielte, fielen wir alle Drei ein und ſangen das ſchöne Lied, wie's darin auch heißt:„Mit Herz und Mund. „So bin ich denn den Sommer noch da geblieben, und als in den Ferien der Herr Rector nach Heidelberg ging, machte der Alles rund. Mittlerweile war denn ein Umſtand eingetreten, der im Familienrathe verhandelt werden mußte. „Seit meiner Confirmation hatte ich im Wachſen einen ganz unvernünftigen Schuß gethan, gewiß einen halben oder gar drei⸗ viertel Pfälzer Schuh war ich in die Länge gewachſen, und, wie es anderwärts auch geht, mein Röcklein hatte vergeſſen, mitzuwachſen. So war's denn gekommen, daß bei mir die ſogenannte Taille oder Dünnung im halben Rücken war, die Schooßenden aber jenſeit der Hälfte des Oberſchenkels ſaßen und die Hände bis hinter das Handgelenk aus dem Armel hervorguckten, was gar übel ausſah und mich in Betreff der Hände in erkleckliche Verlegenheit ſetzte, da ich gar nicht wußte, wo ich ſie eigentlich hinthun ſollte. Das iſt bekanntlich in dieſem Alter immer der Buben Kreuz, und ich — 36— glaube, es gibt Wenige, die nicht eine ähnliche Geſchichte mit ihren Händen ſeiner Zeit erlebt haben. Es ſind erſchreckliche Gliedmaßen zu ſelbiger Zeit! n „Da ging die Noth an den Mann! Der Vater hatte verſprochen, mich zu kleiden; aber es fand ſich, daß ich ſo ziemlich Alles verwachſen hatte, und das lief ins Geld. In Ladenburg wär's noch gegangen, aber als Neckarſchüler lautete denn doch die Geſchichte anders. „Während mein Vater daſaß und an den Nägeln kaute, nahm meine Mutter das Wort und löſte den Knoten, wie denn die Weiber allemal am Beſten Rath zu ſchaffen wiſſen; denn ſie ſind erſtaunlich kniffig und pfiffig. „Wilhelm, ſagte ſie zum Vater, du gquälſt dich wieder einmal um des Kaiſers Bart, und der Rath liegt ſo nahe! Chriſchtian iſt ja ſo dünne aufgeſchoſſen wie ein Strickſpieß, und mein Vater, ſeliger, war ein Mann, der ins Gevierte etwas maß, da er noch lebte. Du weißt wohl, wir haben ſeinen Hochzeitsrock noch; er iſt von leberfarbigem, ſchwerem Tuch und der Schneider macht ihm einen Staatsrock draus! „Mein Vater ſeufzte tief auf, aber man hörte, mit dem Seufzer ging eine ſchwere Laſt von der Seele weg. „Du ſollſt Rathsherr zu Nürnberg werden, du vortreffliches Weib, ſagte er erleichtert. Geh', hol' ihn'mal. „Das ließ ſich meine Mutter nicht zweimal ſagen. „In weniger Zeit, als man ein Vater⸗Unſer beten kann, war ſie wieder da und hielt triumphirend den Rock in die Höhe. Man hebt doch etwas nie zu lang auf! ſagte ſie freudig. „Ja, das war noch ein Kerntuch, wie man heutzutage keins mehr zu ſehen kriegt! Hier und da hatte zwar eine haushälteriſche Motte für ihre liebe Nachkommenſchaft darin ein zart Bettlein beſtellt und die kleine Brut hatte geweidet; allein das fiel weg bei meinem dürren Häringsleibe, und für den Umſtand, daß ſtellenweiſe die Farbe ihre Treue nicht bewährt, auch diverſe Flecken darin und aus beiden Gründen Braun und Lehmgelb in nachbarlichem Frieden ſich in die Oberfläche des ehrwürdigen Kleidungsſtückes theilten, — 377— wußte unſer Nachbar, mein Pathe, der Färbermeiſter Zobbel, Rath. Als er in den Beirath gezogen wurde, meinte er, er habe Schlimmeres in Einklang gebracht, und wenn er die Flecken im Gewiſſen und Leben, und den Abſchuß der Ehrlichkeit ſo gut vertilgen könnte, wie hier Flecken und Farbeänderung, ſo wolle er dem Papſt in Rom ſchon zu ſchaffen machen und mehr einnehmen, als weiland Tetzel bei ſeinem bewußten, einträglichen Handwerke. „Meine Mutter zertrennte gleich den Rock; Zobbel nahm ihn mit und es war wirklich zum Erſtaunen, wie ſchön er ihm wieder auf die Beine half. Nun kam Meiſter Zinndraht, der berühmteſte Schneider in ganz Ladenburg, nahm das Maaß, beſah den Rock, zeichnete mit Kreide allerlei kauderwälſche Linien darauf, und erklärte endlich, es gäbe einen Rock von perfecter Vollkommenheit. „Acht Tage ſpäter hatte ich ihn am Leibe. Er ſaß königlich und ich war geputzt wie ein Prinz. „Ob ich gleich alle Samſtag Nachmittage heimlaufen konnte, ſo war doch das erſte Scheiden für Eltern und Kind gleich hart und ſchwer. Es floſſen der Thränen viele, und erſt, als ich mit dem Herrn Rector auf dem Leiterwagen meines Pathen ſaß, der uns hinfahren ließ, und Ladenburg hinter uns lag, wurde meine Seele wieder frei und ruhig. „Wir erreichten die ſchöne Muſenſtadt und ich zog in mein Dachſtübchen in der Buſemergaſſe, bei Frau Wittwe Nöthlich, einer kreuzbraven Frau, unterwies das Peterchen im ABC, lehrte es im ſogenannten„Namenbuch,“ der kurpfälziſchen Handfibel, leſen, und brachte es, bei des Knäbleins offenem Kopfe, bald zu etwas Erfreulichem, was mir denn bei der Mutter einen Stein ins Brett ſetzte und mir, da der Schulmeiſter der Stadt keinen Pfiffer⸗ ling werth war, noch mehr Kindlein des Alters zubrachte, die mir ein Weniges bezahlten, mir aber dadurch ein Weſentliches leiſteten, wie ich ſogleich berichten werde. „Das Gnadenbrod iſt ein hartes, bitteres Gebäcke, und wer es gegeſſen hat, weiß ſchon, warum. Ich hatte mein Tageseſſen, vom Frühſtück bis zum Abendbrod, in den Familien, die mir die harrte, bis alleſammt wohlſtehende Bürgers⸗ und Handthierungsleute von — 378— nſpector und Rector zu Ladenburg ausgenacht; aber das waren unterſchiedliche Leute. Die Einen gaben's gern und ſahen nie ſauer, wenn ich kam und demüthig in der Ecke ſtand und Chriſchtian, ſetz' Er ſich an und greif' Er zu! Die Anderen waren unfreundlich, und man ſah, ſie hatten es nur gethan, weil ſie ſich doch ſchämten, Einem der beiden Fürbitter es abzuſchlagen; aber insgeheim wünſchten ſie mich dahin, wo der Pfeffer wächſt. Lieber Gott! ich konnte doch nicht anders und mußte kommen, ſo ungerne man mich auch ſättigte, und das nicht einmal, denn ich aß mich nur dreiviertel ſatt, oft, wenn's im Hauſe brummig war, kaum halb. Wieder Anderen war ich ſchon recht und keine Laſt, wenn ſie allein waren; es waren ſo die vornehmeren Leute; aber war Beſuch da, und ging's hoch her, da war ich ein Dorn im Auge. So Etwas thut erſchrecklich wehe. Ich drückte mich dann ſtille, zog mein Beutelchen, nahm ſechs Kreuzer heraus, was hinreichte für ein Brödlein und etwas Wurſt oder ein Pfund Kirſchen, wenn's um dieſe Jahreszeit war. Damit ſchlich ich auf mein Kämmerlein und verſpeiſte es mit Behagen. Anfänglich merkte das die brave Frau Nöthlich nicht; aber nach und nach kam ſie dahinter, examinirte mich, und kam zur vollen Kenntniß meiner Lage. Sie ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen. „Ja, ja, ſagte ſie bitter; je reicher, deſto geiziger, und je vornehmer, deſto gemeiner! Nein, Musje Chriſchtian, das ſoll Ihm nicht mehr paſſiren, daß Er einen Tag ohne Warmes bleibe! Mit meinem Willen geht Er nicht mehr zu dem reichen, vornehmen Pack. Ich rede mit den Müttern der Kinder, welche er mit meinem Peterchen unterweiſt, und dann kriegt Er Seine Koſt auf Seine Stube und braucht nicht zu kratzfüßeln. „Aber was wird der Herr Rector ſagen? verſetzte ich. „Meinem Herrn Bruder will ich den Staar in einem Briefe ſtechen, der ihm ſeine vornehmen Freunde ins Licht ſetzen ſoll!— rief ſie aus und ging. „Nun waren die Familien deren Kinvlein ich für ein gar Billiges, die Stunde für einen Kreuzer per Kind, unterwies, — 379— 8 altem Schrot und Korn, in der Wolle gefärbt uñadengeid genäht, ſchlicht und recht, aber mildherzig und mir gewogen ihrer Kinder wegen, die mich erſtaunlich lieb hatten. Do Frau Nöthlich auf der Stelle fertig, und ich hattetei alle Tage und bekam's auf die Kammer gebrac einen ſchönen Gruß und ein freundlich Angeſicht dazu. „Wie hab' ich Gott gedankt und der guten Frau Nchliht Nun brauchte ich nicht mehr zu katzenbuckeln, und mich halb und dreiviertel ſatt zu eſſen! Und der Herr Rector muckte nicht. Ich glaub' die Frau Nöthlich, die eine gar geſcheidte und reſolute Frau war, hat ihm das Töpflein der fürnehmen Barmherzigkeit aufgedeckt, daß er auf den Boden ſehen konnte. „Der Erfolg war, daß ich das käſebleiche Anſehen verlor, rothe Backen bekam und auseinander ging, wie eine Dampfnudel von der Hefe. „Unter allen Denen, die mir das Eſſen brachten, war keine herziger, als das Mariechen aus Rudelbachs an der Ecke der Buſemergaſſe, links. Sie war ein Waiſenkind, etwas jünger wie ich, und aß auch das Gnadenbrod im Hauſe, wo ſie war, bei Gefreundten ihrer ſeligen Eltern. Ach, ſie war erſtaunlich ſchön, und noch braver, als ſie ſchön war. Arm wie ich; in vielen Fällen in gleicher Lage und Bedrängniß, da ſchließt ſich das Herz auf und das Vertrauen, das in beiden Seelen wächſt, thut ſich in Eine Pflanze zuſammen, die nun fröhlich gedeiht, und wenn ſie blüht, iſt die Blüthe allemal die Liebe. So war's auch bei uns; aber unſere Liebe war ſcheu und geſchämig, ſie hatte keine Sprache, als die Stimme der Augen und des herzinnigen Lächelns, der Freundlichkeit. Wir Beide aber fühlten das heißeſte Verlangen, bei einander zu ſein, und waren wir's, wenn Mariechen das Eſſen brachte und das Geſchirre holte, ſo wars doch nur wenige Minuten, die wir zuſammen ſein und plaudern konnten. Von der Lieb' kam da nichts vor: wir klagten uns unſere Noth und tröſteten uns beiderſeitig. „Mit dem verdienten wenigen Gelde beſtritt ich nun nicht nur meine Bücher und Schreibmaterialia, ſondern auch noch das Schuh⸗ werk, was meinen lieben Eltern ſehr zu Statten kam, indem dazu⸗ — 380— mal das Pfund Brod um zwei Kreuzer aufſchlug, weil es eine Mißernte geweſen war im Sommer vorher. Der liebe Gott fügte — bald noch beſſer. e Heiligengeiſt⸗Kirche war die Orgel in Unordnung ger nd die Zungenregiſter waren ſtumm geworden, weil Fledermäuſe darinnen überwintert und auch ihre Neſter in Sommers⸗ zeit darinnen hatten. Es kamen daher Orgelbauer aus der Rhein⸗ grafſchaft an der Nahe, ſo Stumm hießen, damals berühmte Leute im Lande weit und breit, die reparirten die Orgel, und als ſie fertig war und probirt wurde, kam auch mein Vater als Probirer und Unparteiiſcher nach Heidelberg. Da war ich denn auch dabei, und mein Vater ſagte zu ſeinem Collegen an ſelbiger Kirche, er ſolle mir auch einmal Eins geſtatten. „In der Kirche waren viel hundert Menſchen als Zuhörer⸗ Der Organiſt ließ es zu, und ich ſetzte mich und ſpielte meines Vaters Satz zu dem Liede:„Wachet auf ꝛc.,“ und ſchloß mit der Melodie. War es nun die Wahl der Regiſter oder die Begeiſterung, die über mich gekommen war, oder die auffallende Seltenheit, daß ein armer Neckarſchüler ſo ſpielen konnte— ich weiß es nicht; aber das weiß ich, daß der Organiſt, ganz erſtaunt, bravo! ſagte, mir auf die Schulter klopfte, mich öfters zum Spielen an Sonn⸗ tagen einlud, und meinen Vater gar ſehr becomplimentirte über mein Spiel. Die Leute machten lange Hälſe, und als ich nachher mit meinem Vater nach der Buſemergaſſe ging, ſah ich wohl mit Erröthen, wie hier und da die Leute mit Fingern nach mir wieſen. „Am anderen Tag, als Mariechen mir die Atzung brachte, gar vortreffliche Leberklöße, die ſie ſelbſt gemacht, fagte ſie: Nun, Musje Chriſchtian, die ganze Stadt iſt ja Seines Lobes voll von wegen Seines erſtaunlichen Orgelſpiels! Mach' Er doch, daß ich Ihn auch einmal höre! Das iſt ja eine Kunſt bei Ihm, die noch kein Menſch gekannt hat! „Die Frau Nöthlich kam dazu und zollte mir auch ihre Freudentheilnahme, und ſchloß ihre Bitte an die des holvſeligen Kindes. Da mußte ich denn verſprechen, nächſten Sonntag Wi in der Kirche zu ſpielen. — 381— „Der Herr Organiſt gab's mit Freuden zu; aber ich weiß nicht, wie es kam, daß die einzige Zuhörerin, die da unten im Schiffe mit den leuchtenden Augen ſaß, mich faſt zittern machte?— Die Frau Nöthlich war's aber nicht, obwohl die neben dran ſaß, und alle Mütter meiner kleinen Schüler und Schülerinnen. Denen hatte es Frau Nöthlich ſicherlich geſteckt. „Der Organiſt mochte es merken, daß es mir nicht geheuer war. Er flüſterte mir zu: Kuraſche, Musje Schneider!— Und das wirkte. Ich griff friſch in die Taſten; ich fußirte tüchtig auf dem Pedal herum, und vergaß ſchier Menſchen und Zeit und Welt, ſo fühlte ich in meiner Seele eine Begeiſterung. Es ging über die Maaßen gut, und der Organiſt ſagte: Nun muß er aber auch den ganzen Gottesgeſang leiten und den Ausgang ſpielen! Das that ich, und ich hatte die Freude, daß, ſtatt daß die Leute aus der Kirche gehen ſollten, ſie drinnen blieben, bis ich geendet, und was ich geſpielt, war ein altes Stück von einem Italiener, aus einer Miſſa das Gloria. „Da war denn des Lobes kein Ende, und Mariechen ſaß drunten im Schiff und trocknete mit den roſenrothen, feinen Fingerſpitzlein eine Freudenthräne nach der andern. Da ſpiele Einer einmal kein Gloria, wenn er das ſieht, und weiß, wieviel Uhr es iſt!— Ich will nicht davon reden, wie die mildherzigen Weiber mir ihren Beifall zollten und mich mit Kuchen regalirten, und die Frau Wirthin aus dem„Reichsapfel,“ deren eheleibliches Töchterlein ich inſtruirte, mir ſechs Krüge Märzbier ſandte, dergleichen ich mein Lebtag nicht getrunken; ſondern davon, daß Mariechen, als ſie mir, wie allemal Freitags, das Eſſen brachte, mir mit einer demanthellen Thräne die Hand reichte und nichts weiter ſagen konnte, denn: Ach, wie ſchön war's! Das galt mir ſelbſt mehr, als eine Poſt, die auch nicht zu verachten war. Montags nämlich, war der Stadtdiener gekommen und hatte einen ſchönen Gruß entboten, von dem geſtrengen Herrn Bürgermeiſter, und er ſei am Sonntag in der Kirche geweſen und ließe fragen, ob ich ſeinem Söhnlein Clavierunterricht geben wolle, und ob ich die Zeit dazu habe, Abends von fünf bis ſechs Uhr? Das Kind habe ein erſtaunlich muſikaliſch lugenium, und er wolle für jede Stunde ſechs Kreuzer gerne zahlen, auch neune, wenn ich wolle i Da griff ich mit Freuden zu, denn dieſe Stunde hatte das war ein ſchönes Honorarium. Ich beſchloß alſo gleich, d das allemal Sonntags ausbezahlt werden ſollte, in dieſer eren Zeit meinen lieben Eltern nach Ladenburg zu bringen, wenn ich Sonntags frühe oder Samſtag Abends heimging, da ich die Stunde Samſtags von Eins bis Zwei gab. Wie groß die Freude meiner Eltern und meiner Gönner, des Herrn Inſpec⸗ toris und Rectoris war, kann ich gar nicht ſagen. „So iſt denn endlich das letzte Jahr herumgegangen, welches ich auf der Neckarſchule zubrachte, und mit dem nächſten Halbjahr ſollte ich Student werden. „In Heidelberg befand ſich nun neben dem Neckarthor ein Haus, das Collegium Sapientiae, oder gemeinhin„die Sapienz“ hieß. Das war eine Stipendien⸗Anſtalt für ſolche, welche arm waren und Theologie ſtudirten. Das war ſo eine fromme Stiftung aus alter Zeit, und die Studenten, welche darin freie Wohnung und freien Tiſch, das heißt, Eſſen, hatten, hörten auch die Vorleſungen an der Univerſität frei, mußten ſich aber einer gewiſſen Hausordnung unter⸗ werfen, und hießen:„Sapientiſten.“ Mich dahinein zu bringen, war der beiden Gönner Beſtreben, und dem Arme, den der gute Herr Inſpector im hohen Kirchenrathe hatte, gelang es leichtlich. So zog ich denn, zu Mariechen's Kummer in die Sapienz; denn nun brachte ſie mir kein Eſſen mehr, und ich ſah ſie und ſie mich ſelten. „Wer aber denken ſollte, ich hätte meine alten Freunde nun vernachläſſigt, der wäre auf falſcher Fährte geweſen; ich ging viel⸗ mehr öfters hin, und da ſie mich lieb hatten, wurde ich auch oft zu ihnen eingeladen. Da ſah ich denn das holdſelige Mariechen, wenn ich auch nicht mit ihr plaudern konnte, wie damals, als ſie mir Freitags die köſtliche Faſtenſpeiſe brachte. Wir waren auch ſo zufrieden, denn daß wir uns lieb hatten, wußten wir ja ohne daß wir es uns zu ſagen nöthig hatten. „In Mariechen's Leben gab's aber um dieſe Zeit eine Anderung, vit noch ſeltener das Sehen zuließ. Der Vormund des Kindes nämlich erkannte, daß für ihre Zukunft beſſer geſorgt ſei, wenn ſie Hauben ſticken lernte, wie man damals ſie trug, wunderſame Gebäude von Spitzen und dergleichen, thurmartig bald, bald in der Mitte eingebogen und neben ausgebauſcht. Curioſe Dinger, ſtanden aber ſchön! Zugleich ſollte ſie lernen, feine Kleider für das Frauenzimmer zu machen und alle die feinen Difteleien, die ſie befähigen konnte, einmal Kammerjungfer bei einer adeligen Dame zu werden, oder ſonſt bei einer diſtinguirten Perſon. „Das war löblich von dem Vormund; aber es that uns doch gar leid! Nur Sonntags ſahen wir uns in der Kirche und auf dem Spaziergange nach dem Stifte Neuburg zu, wo ſie mit einer Freundin ging und ich ſie traf. Da war's ſtill und einſam und die Freundin wußte ſchon, wie es mit uns Zwei ſtand. „Da ich in der Sapienz wohnte, Alles frei hatte und nur etwa drei Stunden Collegia, ſo mögt Ihr denken, daß ich tüchtig Privatunterricht gab, denn durch des geſtrengen Herrn Bürgermeiſters Empfehlung kam es, daß ich faſt mehr Anträge für den Muſik⸗ unterricht hatte, als ich abhalten konnte. Da fiel dann ein Schönes ab für meine lieben Eltern, und an Mariechen's Geburtstag, ſo auf den achtzehnten Junius fiel, konnte ich ihr mit einem feinen ſeidenen Tuche gratuliren, worüber ſie ungemein glückſelig war. „Damals war das Studentenleben anders wie heute, wo die Herren Studioſi mit Degen einhergehen, geziert, geputzt, geſchniegelt und geſtriegelt. Rappiren, Sichſchlagen, Reiten, Fahren und— nichts ſtudiren iſt ſo die Art und Weiſe, dazu Schulden machen, ſaufen, karten und den Eltern das Blut abzapfen. Es war viel ſolider, ſtiller, und vollends in unſrer Sapienz— da ging's ſtreng und pünktlich her. Freilich gab's auch Windbeutel damals, Rauf⸗ bolde, Faullenzer und Tagediebe. Das waren aber ſo der reichen LLeute Kinder, die Herren Cavaliere, die Söhne der Beamten von Mannheim und Heidelberg, letztere„Kümmeltürken“ geheißen. Die trieben allerlei Malefiz, und die Pedelle ſahen ihnen für ein paar alle Finger. halt' nichts Neues unter der Sonne! Mir waren uſcht ein Greuel der Verwüſtung! Ich will mich — 384— nicht ſelber loben, wegen des alltäglichen Sprichwortes vom Eigen⸗ lob, aber ich war fleißig, ſolid, wohlgelitten und von den Herren Sapienz⸗Directoren beſonders bevorzugt. „Unter Allen auf der Univerſität war keiner Fiden als ein gewiſſer F. aus Mannheim, eines Hofgerichtsraths Söhnlein. Dumm, ſa ſtolz und liederlich, das waren ſeine hervorſtechenden Eigenſchaften. Auf Unſereins achtete er nicht, obgleich ich hörte, er ſei bei dem Allem dech, was man„einen guten Kerl“ zu nennen pflege. „Ich weiß es nicht, wie es kam, er ſchien aber an mir eine ertra Freude zu haben. Er ging nicht an mir vorüber, ohne mir einen freundlichen Gruß zuzunicken, und einmal ſagte er zu mir, als wir uns solo auf dem Schloſſe begegneten: Wie geht's, Schneiderus? Ihr ſeid ein ſehr fleißiger, braver Burſch! Kommt doch einmal zu mir; ich wohne auf der Hauptſtraße, Nr. 170, am Ecke der Kettengaſſe bei dem Herrn Kirchenrathe Dr. juris Wundt. „Ich machte meine Reverenz und dachte: Kannſt lange warten und Gott laſſe dich geſund, bis du das erlebſt! „Der wär' gewiß der zweite ewige Jnd' geworden! „Item, wie riß ich die Augen auf, als er eines Tages in mein kleines Stüblein in der Sapienz trat, ſich mit klirrenden Spornen an den Kanonenſtiefeln auf den einzigen leeren Stuhl warf, den Schweiß trocknete, huſtete und ſagte: „Meiner Treu, Schneiderus, wenn man Euch'mal ſprechen will, muß man auf Eure Stube kommen! Ich hab' aber eine intime Bitte an Euch, und weiß, Ihr könnt mir helfen und thut's auch. Dabei bemerke ich, daß ich flott bezahle und Euch thut ein neuer Rock noth, denn der, den Ihr da anhabt, iſt fadenſcheinig, wie mein Fleiß. über letzteren Witz brach er in ein wieherndes Gelächter aus, in das ich, trotz meines Irgers, einſtimmen mußte. „Als das gar nicht zu bewältigende Lachen endlich doch aufhörte, verſicherte ich ihn, ich würde ihm gerne dienen, gpaſetn ich nur mit meinen ſchwachen Kräften ausreichte. 5„Papperlapapp! rief ex, das ſind mauſige Redensa weiß, Ihr ſeid ein Rpitalterl Nun hört: 3 iſt meines Herrn Papa Gebur zu gerne mit einem Carmen erfreuen. Nun geht mir all tstag. Da möcht' ich ihn doch gar „einem Gedichte, zur Gratulation e pvetiſche Ader ab, und ich kann höchſtens die Worte Schmerz und Herz, Bruſt und Luſt und einige dergleichen nennen; aber hab⸗ ich die Reime, ſo fehlt mir der Gedanke dazu, und ich zerbreche mir fruchtlos den Kopf, was allemal meiner ohnehin ſchwächlichen Geſundheit übel bekommt. Da ſeht Ihr wohl, Freundchen, daß ich kein Posta hin und mein Haupt der Lorbeer nie umgrünen wird. Geht's vollends an ein lateiniſches Carmen, wie ich's gerne haben möchte, ſo ſtolpere ich alle fünf Minuten über die Füße, finde den Einſchnitt nicht, und die Hexa⸗ meter ſind fünf Fuß zu lang oder zu kurz, und mit dem Gedanken geht's wie im Deutſchen. Einen Gradus ad Parnassum ſchreibe ich nie, denn die Längen und Kürzen machen mich confus und verrückt. „Da iſt mir denn der Gedanke gekommen, Ihr könntet mir aus der Noth helfen, denn Ihr ſeid Eurer Latinitãt wegen in der Neckarſchule berühmt geweſen, wie mir der Herr Scholarcha, Kirchenrath Fladt, geſagt hat. Wißt Ihr was? Machet mir ein lateiniſches Gratulationsgedicht, und Ihr ſollt ſehen, ich bin dankbar zeitlebens. Nicht wahr, Ihr thut's? „Nun hab' ich meiner Lebtag viel Ver denn unſer Director war ein Verſenarr. Verslein ein: ſe machen müſſen, Mir fällt dabei das „Es hat halt Jeder in der Welt So ſeinen Ertra⸗Sparren. Und wenn man's Lichtlein nahe hält— So ſind wir Alle Narren! Und wenn ein Jeder das erkennt, Nicht ſeinen Balken Splitter nennt, So leben hoch die Sparren!“ „Der hatte den Verſeſparren. Leichtes, ſo ein Dutzend Verſe ihm auch geradezu abſchlagen? wollt's thun! Und er ging. N. 5 m. Da war mir's denn ein zu machen. Warum ſollt' ich's — So ſag' ich denn: Ja, ich — 386— Als er fort war, ſetzt' ich mich hin und macht' ihm ein lateiniſches Gedicht, das einen halben Bogen einnahm und ſuper⸗ fein geglättet, rührend und blumenreich, beſonders aber aus der Götterlehre der Alten gehörig ausſtaffiret war. Das bracht' ich ihm am Abend. *„Er las es, ſprang auf, fiel mir um den Hals und ſtellte ſich wie ein Fohlen, das zum erſten Mal auf die Weide kommt. Ich ärgerte mich ordentlich; aber es war pure Herzensfreude. Dann ſprang er an ſeinen Schrank, zog eine Schublade heraus und vrückte mir Etwas in die Hand, indem er ſagte, das ſei nur ſo ein Wahrzeichen ſeines Dankes. „Wie erſtaunte ich, als ich heimkam und das Papierlein öffnete! Es lagen fünf goldene Ducaten drin! Niemand auf Erden war glücklicher als ich. So viel Geld hatte ich nie beſeſſen, ⸗ vollends Gold, das ich nur einmal geſehen, als mir Mariechen ihren gehenkelten Rheingoldducaten zeigte, den ſie am Tag ihrer Taufe von ihrer Pathe erhalten hatte. Jetzt konnte ich mir ein neues Kleid kaufen, das mir, wie der F.... geſagt hatte, wirklich Noth that. „Dazu ging denn auch das Geld vollends auf. Ich ſchrieb meinen lieben Eltern dieſes Glück, und ſie freuten ſich in eben dem Maaße darüber, wie Mariechen, die übrigens von dem F nichts wiſſen wollte, da er ihr bedeutend mit ſeiner Liebe zugeſetzt hatte. „Es dauerte übrigens kaum acht Tage, ſo kam F.. wieder auf mein Stübchen. .„Ich komme heute zu Euch, Schneider, ſagte er ernſt, in einer Angelegenheit, an der Ihr die Schuld traget, und mir alſo auch heraus helfen müßt. Ich hab' Euer Gedicht ſauber abgeſchrieben und meinem Vater geſchickt. Der hielt es in einem verzeihlichen Irrthume für meine eigenſte Arbeit und, indem er dem Gedicht überſchwängliches Lob zollte, fuhr er fort, daß ein Menſch, der ſolche Verſe machen, ein ſo claſſiſches Latein ſchreiben und damit ſſo gewandt handthieren könne, auch als Doctor der Rechte promo⸗ „ viren könie. Da haben wir's nun! Ich kann nicht Doctor der 3*. — 387— Linken werden, zu geſchweigen eines der Rechte. Und doch muß ich, wenn ich nicht meinen Vater unglücklich machen, mir meine ganze Zukunft verderben will. Nun ſitz' ich feſt, wie ein Vogel auf der Leimruthe, und die Leimruthe iſt Euer ſchönes Gedicht. Bring' ich nun keine Diſſertation fertig, oder iſt das Latein darin ſchlechter, als im Gedichte, ſo bin ich blamirt bis ins Grab. Ihr müßt mir nun eine Diſſertation ſchreiben, das hilft Alles nichts. „Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, ſagte ich, wie kann ich das? Erſtens iſt es ein Betrug.— „Ha, ha, ha! lachte der Andere. Betrug? So hättet Ihr mir auch das Gedicht nicht machen dürfen, das war ja auch Betrug! Ihr müßt mir helfen und mit ſolchen albernen Reden mir vom Leibe bleiben. „Ferner, fuhr ich in großer Verlegenheit fort, bin ich Theologe und Sie ſind Juriſt.— „Das ſind Poſſen! fiel er mir ein. Nehmet irgend eine altteſtamentliche Materie, wie zum Beiſpiel, welches Recht vor der Sündfluth gegolten. Je weniger wir davon wiſſen, deſto mehr Feld zu Hypotheſen und deſto weiter das Gebiet für Redensarten. Oder, was noch beſſer wäre, nehmet die moſaiſchen Ehegeſetze. Da könnt Ihr Euer Hebräiſch an den Mann bringen und eine profunde Gelehrſamkeit an den Tag legen. Kurz, Ihr müßt! Fürs Bezahlen laßt mich ſorgen. Es ſind Leute hier, die nehmen hundert Gulden für eine ſolche Diſſertation; ich geb' Euch zwei⸗ hundert, ungefordert! „Mir ſchwindelte ſchier. „Wie ſteht's aber mit dem Eramen? fragte ich. „Ei, wie ſeid Ihr unerfahren! rief er aus. Je ſchöner die Diſſertation, je eher das Exramen erlaſſen wird. überdies, wenn die Herren nur die Gebühren haben und die Diſſertation, an die ſie ſich halten können, ſo denken ſie an kein Examen, und danken Gott, wenn ſie dieſer Mühe überhoben ſind. „Was wollte ich machen? Er drängte immer mehr, und am Ende mußte ich zuſagen, um ihn los zu werden. * — 388— „Ich ging anfänglich mit innerlichem Widerſtreben an die Arbeit; aber als ich weiter hinein kam, machte ſie mir Freude. Die Bibliothek der Univerſität bot mir einen reichen Stoff dar, den ich verarbeitete, und in vier Wochen händigte ich ihm die dickleibige Arbeit ein und ich empfing zweihundert Gulden! Welch ein Reichthum für mich Armen! Was ſollte ich mit dem Gelde machen? Brauchen konnte ich es nicht. So kam ich denn mit Mariechen's Berathung dahin, es meinen lieben Eltern als Noth⸗ pfennig einzuhändigen. Das that ich; aber wie erſtaunten ſie! „Acht Tage ſpäter ging ich am„ſchwarzen Brette“ vorüber, da ſah ich das Diplom des Studioſus F. als Doctor der Rechte und des Lobes war darin kein Ende. „Die Folge dieſer Doctorpromotion war nun, daß F.... zum Aſſeſſor bei dem kurfürſtlichen Ehegericht in Mannheim ernannt wurde mit einer hohen Beſoldung, und ehe ich die Univerſität verließ, war er einer der gelehrteſten Räthe dieſes angeſehenen Collegiums. Er ſaß dem Glück im Schvoße, hatte ſeine Carrière mit Glanz gemacht und keine Seele ahnete, wer der Urheber einer Diſſertation war, die im Druck unter ſeinem Namen erſchien, und vielfach öffentlich gerühmt wurde. „Und wie wird es dir ergehen, dachte ich. Mein Gewiſſen ſagte mir, daß ich meine Zeit gut angewendet hatte; ich konnte es mir ſelber nicht leugnen, daß ich etwas Tüchtiges gelernt hatte und das zeigte ſich auch im Examen, denn ich erhielt von Zwölfen, die mit mir waren geprüft worden, das beſte Zeugniß. Aber was half's? „In der geſegneten Kurpfalz wimmelte es von Candidaten und es waren welche da, die bereits vierzig Jahre alt waren, und noch das Loos des Kranken am Teiche Bethesda theilten. überdies hatte ſich bei dem edeln Kirchenrath ein Gebrauch ausgebildet, der zu den edelſten der Welt und Geſchichte gezählt werden konnte. Alle Pfarreien des Landes waren nämlich in erſchiedene Klaſſen, je nach der Höhe der Pfründe eingetheilt. hede hatte ihre Taxe, nämlich einen feſt ſtipulirten Betrag, welchen der Candidat an die Herren Kirchenräthe zu bezahlen hatte, wenn — 389— er die Stelle erhielt. Wer reich war, konnte da ſchnell ankommen der Arme verkümmerte in ſeinem Elend. Außerdem waren die Herren beſonderen Einflüſſen zugänglich und die entfernteſte Vetterſchaft wirkte mehr, als die vorzüglichſten Kenntniſſe und der reinſte Wandel. Das waren die Ausſichten, die ich hatte.— Denn der gute Inſpector war geſtorben, deſſen Arm im Kirchen⸗ rath Etwas für mich hätte wirken können. „Ich machte meine Viſiten bei den Herren; erhielt zum Verſprechen goldene Berge— hinter denen eine wüſte Haide der troſtloſeſten Ausſicht lag. So ging ich denn nach Ladenburg, um mit meinen Eltern und dem guten Herrn Rector zu berathen. Die Anſicht des Rectors ſiegte. Er meinte, ich ſollte in Heidelberg bleiben, wo Gelegenheit zum Privatunterricht ſei, und den Tage⸗ dieben von faulen Studenten mit Diſſertationen aushelfen. Die Muſik ſei für mich die allerergiebigſte Hilfsquelle, die ſolle ich recht fließen machen. „So ging ich denn wieder nach Heidelberg und die treffliche Frau Nöthlich gab mir ihr Stübchen wieder umſonſt ein, weil ich dem Peterchen nachhalf, der mittlerweile auf die Neckarſchule gekommen war, und dem es beträchtlich an Dem fehlte, was man nicht kaufen kann. „Nach und nach bekam ich den Muſikunterricht in den erſten Familien der Stadt, auch anderweitigen, daß ich mein Auskommen hatte. An unwiſſende Studenten ertheilte ich den benöthigten Unterricht im Lateiniſchen, Griechiſchen und Hebräiſchen; ich ſchrieb juriſtiſche und philologiſche Diſſertationen, überſetzte mediziniſche in das Lateiniſche und erwarb mir mit der Zeit ein“ ganz anſtändiges Auskommen; allein mein Amt, um meinen Kräften gemäß wirken zu können, blieb ein Gegenſtand der Wünſche und — in weitem Feld. Ich hatte eben kein Geld. Um jede Stelle meldete ich mich, aber ich erhielt keine, weil, wie man mir ſagte, ein älterer Bewerber da war, oder eine hinterlaſſene Tochter des ſeligen Pfarrers mit der Pfarrſtelle mußte werden. „Es wird Euch einleuchten, daß ich eine ſolche Zugabe nicht annehmen konnte— denn— meine Seele hing mit heiligen , ————— * ——————————— — 0 Banden an meinem Mariechen, die ſo manche gute Partie ausgeſchlagen hatte, um mir die Treue zu bewahren. Wir hatten uns lange treu geliebt und in unſeren Herzen heilige Treue gelobt, ehe das Wort über die Lippe ging. Endlich aber war auch die Scheu vor dieſem Bekenntniß überwunden worden, und wir gelobten uns die ewige Treue. Sie war bei der Freifrau von Zilnhardt Kammerjungfer und ſparte ſich zu unſerem Haushalt und ich that desgleichen. Die Sparpfennige wuchſen und die— Jahre, aber die Hoffnung ſchrumpfte immer mehr zuſammen. „Meine lieben Eltern waren alt geworden und mein Vater ſtarb endlich. Ich nahm meine liebe Mutter zu mir und ſie führte unſeren kleinen Haushalt, bis auch ſie dem geliebten Gatten folgte. Ach nun ſtand ich allein. Acht und dreißig Jahre war ich alt, und noch immer Candidat und kein Menſch fragte nach mir, als etwa kranke, faule und zu einer Reiſe luſttragende Pfarrer aus der Umgegend von Heidelberg, für die ich predigen ſollte. Ich that's auch; die Gemeinden hörten mich gern, aber an eine Verſorgung dachte Niemand, am wenigſten die Herren Kirchenräthe, die meine Armuth kannten. Nachgerade wurde ich des Lebens überdrüſſig, troſtlos und ſchwermüthig. „Da dachte ich an den Herrn Ehegerichtsrath, deſſen Doctor⸗ diplom ich erwirkt, und es kam mir der Gedanke, ihn an das Wort zu erinnern, das er mir einſt gegeben, mir Zeitlebens dankbar ſein zu wollen. „Ich reiſte nach Mannheim und ließ mich melden. Obgleich ich meinen Namen deutlich geſagt, wurde ich rei Tage nach einander abgewieſen. Bald war der Herr Ehegerichtsrath in der Sitzung, bald mit Geſchäften überhäuft, bald hatte er vornehme Geſellſchaft. Endlich wurde ich vorgelaſſen. „Er ſah mich befremdlich an, als ich meinen Namen nannte. Habe, meines Wiſſens, nicht die Ehre, ſagte er, Sie zu kennen. „Erlauben der Herr Ehegerichtsrath, ſagte ich innerlich vor 2 Zorn glühend, da ich Sie daran erinnere, daß ich Ihnen die Doctordiſſ ertation ſchrieb.— „Ach ja, ſagte er darauf lächelnd, die Jugend iſt oft träge, — — ————— — 391— und bedient ſich fremder Achſeln für die eigene Bürde, während ſie ſie ſelber beſſer tragen könnte: meines Wiſſens habe ich Ihre Mühe anſtändig honorirt oder ſollte— „Nein, nein, rief ich faſt zitternd vor Entrüſtung; das iſt's nicht, woran ich Sie erinnern wollte, ſondern an Ihr Verſprechen, für mich einmal Ihren Einfluß geltend zu machen. Ich bin acht und dreißig Jahre alt und bin noch Candidat. Kenntniſſe habe ich, das wiſſen Sie am Beſten. Da wollte ich Sie um Ihr Fürwort bitten. Ich habe Sie zum Manne gemacht, Sie ſollten mir zu Brod helfen. Nun ſehe ich, daß ich mich geirrt. Ich habe nichts zu hoffen. Leben Sie wohl, Herr Doctor!. „Ich wandte mich und ging. „Der Menſch ſtand da wie eine begoſſene Katze. Der reiche, mächtige Mann erbleichte, und ich, der arme, vergeſſene, brodloſe Candidat, ging ſtolz wie ein König von dannen. „Es war Samſtag. Ich lief in meiner Aufregung in den Schloßgarten, bis ſich mein Gemüth beruhigt hätte; aber meine Gefühle waren zu ſehr erregt; ich ſetzte mich an eine verborgene Stelle, ſtützte den Kopf in die Hand und— ein Thränenſtrom entquoll meinen Augen! „Vor mir lag ein verarmtes Leben ohne Ziel, ohne Ausſicht. Was ſollte aus mir werden? Konnte ich Mariechen mit mir in das Elend hinabziehen, das ich über mich kommen ſah? Immer trüber wurde es mir um die Seele und immer heftiger rannen meine Thränen. Die Erfahrung, die ich heute gemacht, war die allerbitterſte meines Lebens. Es war ſchon dunkel, als ich in das Wirthshaus zurückkehrte, wo ich eingekehrt war. Der Wirth war ein redſeliger, braver Mann, der ſich Mühe gab, mich zu unterhalten. Er erzählte mir Hof⸗ und Stadtgeſchichten, die ich kaum halb hörte. Endlich ſagte er, der Organiſt an ihrer Kirche ſei geſtorben, und morgen ſei Probe vor der Wahl. Es hätte ſich aber nur Einer für fähig gehalten, die Stelle des ausgezeichneten Mannes anzuneh en, den der Tod der Gemeinde entriſſen. Die Stelle trage ein ſchönes Gehalt ein; das Haus ſei ſehr hübſch, der Garten groß, und da — 392— der Organiſt keine Schulſtelle habe, ſo ſei mit Muſikunterricht viel zu verdienen in der Stadt. „Ich weiß nicht, wie es kam, dies Wort fuhr wie ein zündender Blitz in meine Seele. „Wie? dachte ich, wenn dir der Herr hier eine Ausſicht eröffnete? Iſt's denn nicht auch ein feſtes, ehrliches und löbliches Stücklein Brod, das du dir hier erwerben könnteſt?— „Ich ſann, während der Wirth fortplauderte, und fragte endlich, ob man ſich zum Spiele melden müſſe? Und bei wem? „Er nannte mir einen Vorſteher und ich ging ſogleich hin. „Sie kommen wie gerufen, ſagte mir der freundliche Mann, denn ſo eben hat der Lehrer, welcher ſich um die Stelle beworben, mir abgeſchrieben. Es ſteht alſo bei Ihnen, ob Sie morgen die Orgel ſpielen wollen. So war denn die Sache ſchnell abgemacht. Der Vorſteher, der Gefallen an mir zu finden ſchien, lud mich ein, an ſein Inſtrument zu treten. Ich dachte, das ſoll ſo eine Vorprobe ſein, und ſetzte mich. Das Inſtrument war vortrefflich. Ich hatte lange ſo keines geſpielt. Wie mir's öfter ging, ſo traf ſich's denn auch hier. Ich vergaß, daß außer mir noch Jemand in der Stube war. Alles, was ich heute erlebt, bewegte aufs Neue meine Seele und im wilden Sturm der Gefühle erbrauſten die Accorde. Allmählich legte ſich der Sturm. Eine tiefe Wehmuth zitterte durch die Saiten. Meine Seele klagte dem Herrn, was ſie ſchmerzlich durchgekämpft, und das Bewußtſein, daß er alle Geſchicke der Menſchen zum Beſten lenke, ſprach ſich in milden Weiſen aus, und ging zuletzt in den Choral über: „Befiehl du deine Wege ꝛc.“, den ich variirte und fugenartig durcharbeitete, bis ich mit einem vollen Accorde das Amen ausſprach. Ich ſtand auf. „Mit Verwunderung ſah ich den ganzen Familienkreis verſammelt; die Mutter, zwei Töchter und zwei Knaben, die Söhne des Hauſes, waren meine tiefergriffenen Zuhörer geweſen, ohne daß ich es ahnete. „Herr Candidat, ſagte der Vater mit Begeiſterung, Sie ſind ein Meiſter, wie mir Wenige vorgekommen ſind. Ich bitte Sie, 9 — 393— nehmen Sie die Stelle an. Es wird Sie nicht gereuen. Das Vermögen der Kirche iſt groß. Der Kirchenvorſtand wird einem Mann Ihrer Kunſt gern ein Erkleckliches zulegen. Und dann, bitte ich, geben Sie meinen Kindern Unterricht.— „Die Mutter reichte mir ihre Hand und ſagte, ich danke Ihnen für den Genuß, den Sie uns bereitet und lege zu der Bitte meines Gatten noch Eine ein, ſein Sie heute unſer Gaſt zum Abendbrod, morgen zum Mittage! „Ach ja! Ach ja! baten die Kinder. „Mir wurde ſo eigenthümlich zu Muthe, daß ich faſt meinem Gefühle nicht wehren konnte. Das war ein Abſtand gegen heute früh bei dem Ehegerichtsrath! Ich konnte den Bitten nicht wider⸗ ſtehen und blieb. Während des Eſſens erwiederte ich dem Vater, der mir ſagte, er habe meine Phantaſie ſo recht mit ſeinem Herzen begleitet, wie ſie ſo recht Das, was ich an dieſem Tag erlebt, abgeſpiegelt habe. Ich mußte erzählen und that's. Ich ließ ſie in mein Leben blicken und das gewann mir dieſe edeln Herzen vollends. „Wie empört waren ſie über Das, was ſie hörten! Aufs Neue bat mich der Vater, meinem innern Berufe zur Muſik zu folgen. Er zeigte mir, wie Mannheim gerade der Ort dafür ſei, und malte mir, ohne zu lebhafte Farben, eine ſchöne Zukunft. Es war ſpät, als ich dieſe liebe Familie verließ. Schlafen konnte ich nicht. Frühe hatte der Vorſteher, der ein reicher, angeſehener Kaufmann war, Alles bereits geordnet. In ſeinem Hauſe erwartete ich das Lied. Der Küſter brachte es endlich. Es war wieder das herrliche:„Wachet auf ꝛc.“, und meines Vaters ſchöne Compoſition, die ich unvergeßlich inne hatte, trat mir in die Gedanken. „Es läutete endlich. „Ich ging mit dem Kaufmanne zur Kirche. Sie war gedrängt voll. Ich ſetzte mich auf die Orgelbank und ſpielte meines theuern Vaters Compoſitivn und ſie hob meine Seele zum heiligſten Gefühl. Ich glaube, daß ich nie ſeelenvoller geſpielt habe. Ohne an den Zweck zu gedenken, zu dem ich ſpielte, legte ſich meine ganze Seele in die Töne, die aus dem herrlichen Inſtrumente — 394— wunderbar hervorquollen. Dann ging ich in die Melodie über und leitete den Geſang. Beim Schluſſe deſſelben blieb ich in der Melodie, und ſchloß, indem ich ſie leiſe verhallen ließ. „Der Kaufmann, der neben mir ſtand, preßte meine Hand in die ſeine. Er hatte Thränen in den Augen. Daß ich es kurz mache, der Kaufmann führte mich nach dem Gottesdienſt in die Sacriſtei. Dort waren die Geiſtlichen und die übrigen Vorſteher verſammelt. Alle beſtürmten mich, die Stelle anzu⸗ nehmen, und verſprachen eine Vermehrung der Beſoldung von hundert Gulden für meine Lebenszeit, wenn ich bei ihnen bliebe. „Mein Herz ſchlug heftig. Ich kämpfte einen heißen, innern Kampf. Einem mit Liebe gewählten Berufe zu entſagen und in eine andere Bahn einzulenken, iſt ſchwer. Ich bat mir vierzehn Tage Bedenkzeit aus und reiſte noch vor Tiſche ab, weil es mich drängte, Mariechen Alles zur Entſcheidung vorzulegen. „Ich kam gen Heidelberg mit ſchwerem Herzen. Noch am Abend eilte ich zu ihr, Alles ihr mitzutheilen. „Ich ahnete nicht, daß meine Bewerbung um die Organiſten⸗ ſtelle ſo ſchnell dem hohen Kirchenrathe zur Kenntniß gekommen und allerdings im Schvoße deſſelben einen Sturm hervorgerufen hatte. „Daß ich dem geiſtlichen Amt untreu werden und eine unter⸗ geordnete Stelle annehmen wollte, weil ſie mich hatten viele Jahre darben laſſen, ohne mir ein Amt zu geben, das mußte Aufſehen erregen, mußte harte Urtheile hervorrufen, mußte den allgemeinen Unwillen gegen den Kirchenrath aufſtacheln und konnte möglicher Weiſe zu den Ohren des Kurfürſten kommen. „Die Herren waren zu klug, um nicht die Gefahr und die unabweisbaren Nachtheile zu erkennen, die ihnen drohten. Es galt ihnen, Alles aufzubieten, den Sturm zu beſchwören. Selbſt in ihrer Mitte wurden Stimmen laut, die das Verfahren mit gerechtem Unwillen tadelten und die wurden betroffen, deren Thun am unlauterſten in der Beſetzungsweiſe der Imter hervorgetreten war. Es gingen Brieflein von Einem zum Anderen und auf den folgenden Tag wurde eine Sitzung und Berathung anberaumt, die Mittel ſuchen ſollte, dem drohenden übel zu begegnen. Das 6 — 395— Alles trug ſich zu, als ich bei Mariechen ſaß und ihr meine Erlebniſſe in Mannheim mittheilte. „Sie hörte mir ſtille zu. Es lag eine tiefe Wehmuth in ihren Zügen, die mir recht in das Herz ſchnitt. Als ich ihr die Begebenheit von dem herzloſen Ehegerichtsrathe mittheilte, entfiel ihrem ſchönen Auge eine Thräne. „Wohl dem, ſagte ſie, der ſein Vertrauen nicht auf Menſchen ſetzt! „Recht innig bewegte es ſie, als ich ihr ſagte, wie ich im tiefen Schmerz im Schloßgarten geſeſſen. „Werde nicht muthlos, ſagte ſie, Gott wird dir ja ſchon eine Hilfe bereitet haben, wo du am Gebeugteſten warſt! „Das hat er auch, ſagte ich, und erzählte ihr das Folgende, bei dem Wirth und bei dem Kaufmann Reiter Erlebte. „Sie wurde immer geſpannter, und als ich endlich ſagte, daß ich zum Organiſten erwählt ſei, mir aber Bedenkzeit ausgehalten; daß ſie die Beſoldung verbeſſern wollten und daß ich eine ſorgenfreie Stellung haben würde, da faltete ſie ihre Hände und ſagte: Siehſt du, lieber Chriſtian, der Herr hat Weg allerwegen und an Mittel fehlt's ihm nicht! „Aber was hältſt du von der Sache, liebes Mariechen? fragte ich. Sie erſchrak. „Es iſt deine Sache, Chriſtian, ſprach ſie ruhig und feſt. Mein Wunſch, meine Anſicht, darf nicht im Mindeſten entſcheiden. Du mußt vor Gott prüfen und dann wählen. Du gibſt einen ſchönen Beruf für immer auf, bedenke das; bedenke aber auch, daß dir eine ſchöne, wenn auch untergeordnetere Stellung geboten wird, die aber dennoch eine ſehr ehrenwerthe iſt und zu dem Dienſte des Herrn weſentlich beiträgt, wenn auch in anderer Weiſe. Ich will recht innig zu Gott beten, ſagte ſie, daß er dir Licht gebe, das Rechte zu wählen. „Damit entließ ſie mich, denn die Stunde war da, wo ſie zu ihrer Gebieterin mußte. „Ich ging heim und am Abend kniete ich nieder und betete heiß und innig zu Gott, daß er mir den rechten Weg zeige, und dann legte ich mich nieder und ſchlief bald ein; aber ein ſeltſamer Traum beſchäftigte mich. Ich war in einer ſchönen Kirche und mein lieber, ſeliger Vater ſaß auf der Orgel und ſpielte herrlich. ch horchte mit ganzer Seele den wunderbaren Tönen. Da blickte er mich an und winkte mir. Ich ging zu ihm an die Orgel. Komm', ſagte er liebreich, ſetze dich nieder und ſpiele! Und vor mir ſtand das Choralbuch aufgeſchlagen und die Melodie:„Was Gott thut, das iſt wohlgethan.“ Und ich griff freudig in die Klaviatur und ſpielte die Melodie. Da erwachte ich. Es war heller Tag. „Ich ſtand auf, ſetzte mich nieder und ſchrieb dem Kirchen⸗ vorſtand in Mannheim, daß ich die Stelle annehme. „So wohl war mir lange nicht zu Muthe geweſen. Es war Friede in meiner Seele, denn ich ſah den Traum als eine neue Weiſung Gottes an, die Stelle anzunehmen, die mir ohnehin wie eine Fügung Gottes da entgegengebracht wurde, als ich hoffnungslos und troſtlos daſtand. „Nie ſchmeckte mir mein Frühſtück beſſer, als heute; nie ging ich fröhlicher an die Arbeit. Vorher aber ſchrieb ich Alles Mariechen, und Nöthlich's Peterchen brachte mir die Antwort zurück, die nur aus den Worten beſtand:„Was Gott thut, das iſt wohlgethan, dabei will ich verbleiben!“ „Ganz unerwartet kam am Mittag des Kirchenraths Bote, der mich zu dem Kirchenrathe H.. beſchied. „Was mag der wollen? ich mich verwundert, zog meinen beſten Rock an und ging hin. „Der Herr ſah ſehr finſter drein. ₰„Setzen Sie ſich, Herr Candidat, ſagte er, denn ich habe ein ernſtes und nachdrückliches Wort mit Ihnen zu reden. Ich that, wie er geboten, und er hob an: Es iſt eine Mähr zu Ohren des hochwürdigen Kirchenraths gedrungen, die ihn mit gerechtem Unwillen gegen Sie erfüllt hat. Man hat uns geſtern durch einen Eilboten von Mannheim berichtet, daß Sie geſonnen ſeien, die Organiſtenſtelle anzunehmen, die der dortige Kirchenvorſtand zu beſetzen hat. Wir hoffen, daß es bloß ein blinder Lärm iſt. — 397— „Da er einen Augenblick inne hielt, ſo fiel ich ein und ſagte: Der hochwürdige Kirchenrath hat die volle Wahrheit gehört! „Da ſprang er auf und wurde ganz bleich. Wie? rief er, es wäre wahr? Sie hätten ſo ganz die Würde des geiſtlichen Amts aus dem Auge geſetzt, daß Sie, ein Theologus, eine Organiſtenſtelle anzunehmen im Sinne hätten? „Erlauben Sie, Herr Kirchenrath, ſagte ich, daß ich Ihre Meinung berichtige. Seit vierzehn Jahren bin ich Candidat. Daß ich arm bin und nur mit Kummer und Sorgen mein Brod aß, iſt Ihnen bekannt; daß meine Kenntniſſe tüchtig ſind, haben Sie ſelbſt beurkunden helfen; daß ich mich um jede erledigte Pfarrſtelle im Lande bewarb, iſt weltkundig, wie Das, daß ich keine erhielt. Immer waren Vettern da; immer erhielten ſie Solche, die begünſtigt waren oder die Mittel hatten, ſich die Gunſt zu erwerben und zu ſichern; mehrmals wurden ſchmachvolle Bedingungen gemacht, als da waren: die Heirath der Pfarr⸗ wittwe oder einer Tochter, die ich nicht eingehen konnte. In Summa— für mich fand ſich keine Stelle. Da bin ich der Mißhandlung müde geworden; müde des kümmerlichen Erwerbs; müde des Duldens und Harrens, und habe den ſchönſten Wünſchen meines Herzens, dem mit Liebe gewählten, mit Treue erſtrebten Beruf entſagt. Ich bin erwählter Organiſt. Die Sache iſt zu Ende und ich glaube, auch unſere Unterredung, ſo Gott will, die letzte in dieſer Welt. „Ich nahm meinen Hut, verbeugte mich und wollte gehen. „Ihr hättet den hohen Herrn ſehen ſollen, wie er erdfahl ausſah, wie ſeine Lippe zitterte; wie Grimm und Scham in ihm um den Vorrang ſtritten! „Er faßte krampfhaft meinen Arm und drückte mich auf den Stuhl zurück. „Sie haben da harte Worte geredet, die ich nicht anhören dürfte, ſagte er, nach Faſſung ringend; aber ich will ſie nicht gehört haben, will ſie vergeſſen. Nur das Eine muß ich Ihnen ſagen, Sie müſſen die Zuſage zurücknehmen. Sie beſchimpfen den Stand der Diener der Kirche heillos. Sie bringen den — 398— hochwürdigen Kirchenrath in eine fatale Lage. Das unverdiente Urtheil der Welt wird ihn treffen. Haben Sie das bedacht? Hören Sie weiter! Wir haben heute, in der Vormittagsſitzung beſchloſſen, Ihnen die erſte vacant werdende Stelle zu übertragen. Hören Sie es! Schreiben Sie auf der Stelle ab. Hier iſt Feder und Dinte! „Mir war während dieſer Worte eine Ruhe in die Seele gekommen, die mir eine Feſtigkeit des Willens gab, welche auch dieſe Verſuchung überwand. „Pein, ſagte ich feſt. Zu lange haben Sie mich ſchmachten laſſen. Die Jahre meiner Jugend haben Sie todtgeſchlagen und nun, wo Sie Schmach und Schande wittern, wollen Sie einen Armen anſtellen Ich habe kein Geld, eine Stelle zu bezahlen. Leben Sie wohl!— „Ich ging und ſah noch, wie er die Hände zuſammenſchlug und in ſeinen Seſſel ſank. „Ich hatte mein Herz ausgeſchüttet und war ſtandhaft geblieben. Das gab mir Frieden. „Ich ging heim in mein Stüblein und dachte nach über das unſelige Treiben der Menſchen. „Nach einer Stunde kam der Kirchenrathsbote wieder und brachte einen Brief. „Ich war lange zweifelhaft, ob ich ihn erbrechen ſollte, der Bote war angewieſen, auf eine Antwort zu warten. Er bat mich, wahrhaft flehend, den Brief zu erbrechen c that's endlich. „Es war die Ernennung zum Vicarius des alten Pfarrers bei Mannheim. Ich traute meinen Augen kaum. Den Pfarrer kannte ich wohl. Er war ein noch ſehr rüſtiger WMann, der aber zu bequem war, das Filial zu bedienen, und ſich deshalb einen Vicar hielt. Es war ein Nothſchuß, das lag am Tag. Und Gott weiß, wie lange ich wieder hätte warten können, zumal ich nun den Stab Wehe über meinem Haupte ſah, da ich von der Leber weg geredet F wie man's von einem Candidaten nicht erwartet hatte. „Kurz beſonnen, ſetzte ich mich nieder und ſchrieb, daß ich als wohlbeſtallter Organiſt der Kirche zu Mannheim fürderhin keinen Dienſt als Diener am Worte mehr beanſpruchen könne und dieſe Ernennung nur irrthümlich erfolgt ſein müſſe, indem ich am heutigen Mittage Herrn Kirchenrath H.. meine aller⸗ bündigſte Erklärung abgegeben habe. „Damit war denn für immer die Brücke abgebrochen, die eine Rückkehr möglich gemacht hätte. Ich eilte ſogleich zu Mariechen und theilte ihr Alles mit. „Sie lächelte ſelig. „Ach, ſagte ſie, dir hat Gottes Gnade den rechten Weg gezeigt, nun wollen wir ihm dankbar bleiben unſer Leben lang. Ich ging nun gleich am anderen Morgen nach Ladenburg, wo der wackere Rector noch, hochbetagt, lebte. Auch er billigte vn meinen Entſchluß und wünſchte mir Glück. „Von da ging ich nach Mannheim, wo ich mit Freuden begrüßt wurde. Hier ordnete ich Alles zu meinem Uberzuge. „Von meinem Sparpfennig und dem Mariechen's beſtritt ich unſere beſcheidene Einrichtung. Dann kehrte ich nach Heidelberg zurück und leitete das Nöthige zu unſerer Trauung ein, und als ſie vollzogen war, reiſten wir, reich beſchenkt von der edeln Dame, bei der Mariechen ſeit Jahren geweſen war, an unſeren neuen Wohnort. Wir haben den Schritt nie bereut. Unſere Lage war eine ſorgenloſe und glückliche bis heute. Zwar hat uns der Herr den Kinderſegen nicht beſchert, aber unſere Tage hat er heiter und glücklich ſein laſſen. Dafür ſei er gelobt und geprieſen. „In Mannheim ſind wir allzeit mit großer Achtung und Ehrerbietung behandelt worden, und in dem großen Kreiſe unſerer Freunde war die Familie des braven Kaufmannes Reiter die erſte und theuerſte. „Noch Eins muß ich erzählen, ſagte der Vetter. „Mit dem Herrn Ehegerichtsrath kam ich nie zuſammen; doch grüßte er mich allemal ſehr zuvorkommend, wenn er mir begegnete. Er ſtarb vor etwa ſieben Jahren. In der Todesanzeißtund zu leſen, daß er der gelehrteſte und tüchtigſte Beamte geweſen, und daß es für die Wiſſenſchaft nicht genug zu beklagen ſei, daß er, „da ſeine ebenſo gelehrte als geiſtreiche Doctordiſſertation ſo viele enntniſſe verrathen und noch ſo Schönes habe hoffen laſſen, unter den vielen Berufsgeſchäften, die Zeit nicht mehr habe erübrigen können, den Schatz ſeines reichen Wiſſens der Welt durch weitere gelehrte Werke zu erſchließen. „Ich lächelte, als ich das und reichte das Blatt meiner lieben Frau. „Sie lächelte auch und ſagte: Dieſer ſäet, und Jener erntet. Aber wie erſtaunten wir, als ſich in ſeinem Teſtament ein Codicill fand, das beſtimmte, daß der Herr Organiſt Chriſtian Schneider ein Legat von Tauſend Gulden erhalten ſolle, weil er, der Herr Ehegerichtsrath, ihm vielen Dank ſchuldig ſei. „Siehſt du, ſagte Mariechen, der Menſch war doch noch der ſchlimmſte nicht! „Was mein eheliches Leben betrifft, ſchloß der Vetter, ſo iſt es ein heiterer Frühlingstag geweſen, und der Feierabend wird, Gott gebe es, ein heiterer ſein, denn ich hoffe, wir ſollen nicht lange getrennt bleiben.“ „Sehen Sie, ſprach mein Nachbar, als er dieſe Geſchichte beendet hatte, das iſt ein Stück kurpfälzer Geſchichte. Wenn darum die Leute dies alte Regiment loben, geht's mir allemal wie ein Scheermeſſer durchs Herz. Ja, es hatte ſein Gutes, aber es war ganz abſcheulich viel Schatten bei dem wenigen Licht. „Um aber noch einmal auf meinen Herrn Vetter zu kommen, ſo hatte er eine Vorahnung am Schluſſe ſeiner Erzählung aus⸗ geſprochen, die ihre volle Erfüllung fand. Seine treffliche Frau, mit der er ein Leben wie im Himmel ſchon hier auf Erden geführt, ſtarb zuerſt, und nicht volle acht Tage drauf folgte die ganze Stadt Mannheim dem allverehrten Manne zu Grabe. Einen Organiſten wie ihn konnten ſie nicht wieder finden.“ ſ ſ 6. 8 9 10 11 6 1 ... 12 13 14 15 1 3 18 19