Leihbibliochet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Eduard Olktmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Legepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 Mr 5 Pf. ² Mk.— Pf. 3. B „ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe if auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben! von W. O. von Horn. (Verfaſſer der Spinnſtube.) Fünfter Band. Frankfurt aum Main. ℳ Sauerkänder's Verlag. 1852. „ Das Stabat Mater und Pergoleſe. Eine Geſchichte. 1 Ein Stücklein von der Moſel.(ierzu das Titelkupfer.) 25* 3 k Des Domprobſts Mündel. Eine hiſtoriſch⸗womantiſche Erzäh⸗ . lung aus der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts„ 57 8 . Nußdorfer. Eine Pfälzer Geſchichte aus dem Jahre 1525. 153 Das Stabat Mater und Pergoleſe. Eine Geſchichte. ₰ 3 ₰. —— . Es war im Jahre 1736, als eines Abends ein junger Mann in einen leichten Mantel gehüllt, in einer von Toledo weit entle⸗ genen, engen Gaſſe Neapels langſam einherging. Wie hell auch die Sternennacht unter dieſem wunderreichen Himmel war, ſo wurde es ihm doch ſchwer, die Bezeichnungen und Schilder der Wohnungen zu erkennen. Man ſah, er war noch nicht lange einheimiſch; denn er ſuchte ſeine Wohnung, und wußte ſie nicht zu finden. Die Straße war leer und ſtill. In den weichen Armen des Schlofes lagen Frohe und Trauernde, und für den Jubel, wie für die Wehklage war die Lippe ſtumm geworden. Er konnte alſo Niemanden fragen, wo ſeine Wohnung läge. Endlich blieb er vor einem Häuschen ſtehen, deſſen Dürftigkeit auf den Geldbeutel des Miethers keinen erfreulichen Schluß zuließ. Die Zufriedenheit ſeiner Miene, welche einer wenige Augenblicke vorher noch herrſchenden Spannung gefolgt war, ließ erwarten, daß er gefunden, was er ſuchte. Kein Riegel hemmte den Eintritt, denn der Bewohner mochte entweder auf die ſpäte Rückkehr ſeines Miethers gerechnet haben, oder von dem Bewußtſein geleitet worden ſein, es ſei ihm wenig zu nehmen. Eben als der junge Mann auf die Klinke drücken wollte hemmte indeſſen etwas ſeingVorſchreiten. Er blieb ſtehen und horchte, denn von dem Hauſe gegenüber klang ein Geſang an ſein Ohr, der ihn an der Stelle feſtbannte, wo er ſtand. Wer war aber der, deſſen Ohr hier mit ſolcher Andacht lauſchte, und welcher Art war der Geſang, der ihn ſo feſſelte? Der Fremde hieß Giovanni Pergoleſe. Er war nach Ne gekommen mit ſeiner Violine, ſeiner Begeiſterung für die Tonkun ſeinen feſten Willen, ſich hier weiter auszubilden, wo bei Sa die berühmteſten Meiſter ihren Wirkungskreis fanden, und mit ſo geringen Mitteln, daß wohl ein Anderer würde verzagt ſein, nur er nicht, deſſen Bedürfniſſe ſo gering waren, als ſeine Anſprüche. Die Natur hatte ihm frühe den Beruf gegeben, der Kunſt zu leben und mancherlei Umſtände den Entſchluß zur Reife gebracht, dieſem Berufe zu folgen. So war er nach Neapel gewandert auf gutes Glück und mit heiterm Herzen, als ächter Sohn Italiens. Bei einem Schuſter hatte er ein Kämmerlein gemiethet, wo ein dürftiges Bett, ein Stuhl und ein wackeliger Tiſch das ganze Geräthe ausmachte. Er bedurfte nicht mehr. Wär' es früher am Tage geweſen, ſo hätte das Finden ſeiner Wohnung keine Schwierigkeit gehabt, denn ſein Hausherr, der Schuſter, arbeitete, wie alle Neapolitaner, auf der Straße; allein der Abend auf dem Molo war ſo herrlich geweſen, die Luft ſo weich und balſamiſch, der Himmel ſo tiefblan und die Sterne ſo glänzend, die Wellen des Meeres murmelten ſo eigenthümlich, indem ſie den Damm des Molo berührten; alles war ſo ſtille und droben ſtieg die Flammengarbe des Veſuv ſo wunderbar in die Nacht. Aus der Ferne hallten die melodiſchen Barcarolen der Fiſcher ſo wunderbar ergreifend herüber, getragen von den Wellen des Meeres. Wer konnte es da dem Fremdlinge verargen, daß er träumeriſch daſaß, lauſchte und ſchaute? Wer könnte an dieſen Ufern unter ſolchen Umſtänden an den Schlaf denken? Beſonders war es ein 5 Melodie vernommen, wie dieſe; nie waren Töne ſo tief in ſeine empfängliche Seele gedrungen. Er ſaß noch lange da, als ſie verklungen waren. Die eintretende Kühle, die ein ſich erhebender Seewind brachte, beſtimmte dennoch den Jüngling, endlich ſeine Wohnung zu ſuchen, und in dieſem, freilich wohl ſchwierigen Unternehmen haben wir ihn gefunden. eſang, der immerfort in ſeiner Seele nachklang. Es waren Schiffer und Fiſcher die gen Capri ſteuerten, welche ihn angeſtimmt. Vie hatte Pergoleſe's gebildetes Ohr eine ——— En fleißigſte junge Se in Neapel.“ Was ihn aber jetzt abermals feſſelte, war daſſelbe Lied, das er auf dem Molo gehört. Und doch war es ein ganz anderes. Dort hatten es Männerſtimmen geſungen, hier aber ſang es ein— Engel! In dem Hauſe gegenüber ertönte plötzlich eine Stimme, wie ſie Giovanni kaum jemals ſo friſch, ſo rein, ſo voll, ſo biegſam, ſo klangreich und zart gehört. Sie ſang dieſelbe elogiſche Barcarole, wie dort die Fiſcher, aber hier waltete ein Zauber, eine Macht, die ihm den Athem ſtocken machte. Giovanni's Stimmung, die ſtille, reizende Nacht, die Melodie des Liedes, die Engelſtimme, die es ſang— das Alles wirkte zuſammen, um einen Eindruck hervorzubringen, wie ihn der junge Maeſtro niemals empfunden. Er ſtand da wie eine Bildſäule und wich nicht, ſelbſt: da, als Alles wieder in die frühere Grabesſtille verſunken war. Er meinte immer, die Stimme müſſe noch einmal ſingen; als er aber die Erfolgloſigkeit ſeines Harrens endlich erkannte, eilte er auf ſein Kämmerlein, aber ſelbſt in ſeinen Träumen hörte er 6 den herrlichen Geſang. Am andern Morgen war ſein erſter Gang zu dem luſtigen Schuſter, bei welchem er wohnte. Er erzählte von dem herrlichen Geſang und fragte nach der Sängerin.„Choſpetto! Herr,“ rief der Pechdraht,„habt Ihr endlich das Vögelein gehört? Ja, das iſt eine Nachtigall! Im Tageslicht ſingt ſie ſelten; aber Abends, ja Abends, entzückt ſie die ganze Nachbarſchaft, und wäret Ihr um dieſe Zeit zu Hauſe geweſen, ſo wüßtet Ihr längſt, welch einen Schatz wir in unſerer Gaſſe haben. „Uebrigens meint man, Ihr wäretgein Nordländer. Himmel, wie ich ein Kerl von Euren Jahren war, bei San Gennaro! ich hätte in den erſten zwei Stunden gewußt, daß das ſchönſte Mädchen vom Meerbuſen von Neapel mir gegenüber wohnte!— Doch, ich will Euch nur ſagen, daß ſie beſſere Augen hat, als Ihr, aber doch nicht wie Ihr in die gekritzelten Notenblätter verliebt iſt. Sie hat nach Euch gefragt, und ich habe ihr geſagt, Ihr ſeiet der bravſte , „Laßt die Poſſen,“ ſagte Giovanni,„und kommt endlich zur Sache.“ „Richtig, das heißt, zur Sängerin!“ verbeſſerte der Schuſter. 3„Nun, ſie ſingt wie ein Engel, iſt hübſch wie ein Engel, iſt brav wie ein Engel und heißt Annunciata. Weiter— war ihr Vater ein Fiſcher, daher er auch bei den Fiſchen ſtarb, nämlich am Cap Miſene im Sturm ertrank. Nun lebt ſie mit ihrer Mutter in dem Häuschen da drüben von ihrer ſchönen Hände Arbeit und wird Euch 1 gerne bei ſich ſehen. Soll ich's einleiten?“ Giovanni war von Begierde erfüllt, das ausgezeichnete Mädchen zu ſehen. Er bejahte daher des Schuſters Frage, und dieſer ließ Knieriemen und Ahle fallen und eilte hinüber, nachdem er dem Jünglinge geſagt, er ſolle ein bischen warten. Die weuigen Minuten dehnten ſich zu einem Jahre für den Ungeduldigen. Endlich kam der Schuſter wieder und rief:„Evviva San Gennaro! Ihr dürft kommen. Heute Mittag erwartet ſie Euch. Ich hab' Euch wieder eine Lobrede gehalten, daß Euch die Ohren 7 müſſen geſingelt haben!“ Der Jüngling konnte die Stunde kaum ₰ erwarten. Es war ſechzehn Uhr, nach italiſcher Zählung der Stunden. Die Sieſta war vorüber. Mit ſeiner lieben Geige unter dem Arme, ſorgfältiger als ſonſt gekleidet, ſtieg Giovanni Pergoleſe die leiter⸗ artige Stiege von ſeinem Kämmerlein herab. Der Schuſter ſaß fröhlich auf ſeinem Dreibeine vor der Thür an ſeiner Werkbank und ſah ihn kommen.„Aha!“ rief er,„ich merke, die Geduld iſt ſo kurz wie Eure Sieſta. Geht! San Gennaro geleite Euch!„ Aber davor möcht' ich Euch warnen, daß Ihr nicht zu tief in die Flammenaugen Annunciata's blickt. Da geht's einem jungen Manne* wie dem Schmetterling am Licht. Er verbrennt ſich die Flügel und kann nicht mehr fort.“ Drauf lachte er aus vollem Hals und Giovanni ging, ärgerlich über den tollen Menſchen, in die Thüre des gegenüberliegenden Hauſes. Bald öffnete eine betagte Frau, deren Züge auf einen vollen Jugendreiz zurückwieſen, wie Trümmer auf die einſtige Pracht eines — — Gebäudes, eine Thür und ſagte freundlich:„Tretet hier ein. Ihr ſeid der junge Maeſtro,“ ſetzte mit einnehmender Freundlichkeit die alte Frau hinzu,„der meine Annunciata hören will? Geduldet Euch ein Weilchen, ſie wird bald kommen.“ Giovanni wurde das Herz leicht. Er hatte nicht recht gewußt wie er ſich einführen ſollte, und jetzt machte ſich das ſo leicht und anuuthig, daß er wieder all ſeine natürliche Verlegenheit und Befangenheit ſchwinden fühlte. Er ſah ſich, während ein gewöhn⸗ liches Gerede leicht fortgeführt wurde, in dem Stübchen um. Armuth, tiefe Armuth kündigte ſich überall an, allein die Reinlich⸗ keit und Nettigkeit gab Allem einen Anſtrich des Gefälligen und Anſprechenden. Begonnene Fiſchernetze zeigten, daß die Wittwe mit Netzeſtricken ſich einen Erwerb zu machen verſtand, während andere Zeichen weiblicher Thätigkeit es verriethen, daß Annunciata die Nadel kunſtfertig zu führen wußte. Ees war nach wenigen Augenblicken dem Jünglinge ſo wohnlich und behaglich in dem Stübchen, daß er nun mit um ſo mehr Spannung der Ankunft des Mädchens entgegenſah. Endlich ging die Thür auf und Annunciata trat herein mit einem freundlichen, harmloſen Gruße. Der Schuſter hatte nicht gelogen und ſein Urtheil hatte das Richtige getroffen. 4 Annunciata war eine jener Geſtalten, wie man ſie nicht allzu ſelten an dieſen glücklichen Geſtaden erblickt. Voll, ohne ſtark zu ſein; vom reinſten Ebenmaaße der Formen; vollendet ſchön Haltung und Kopf. Ein Mund ſo roſig und zwei Augen ſo groß und feurig, wie ſie Giovanni niemals geſehen. Dunkelſchwarzes reiches Haar umfloß, von einem Spieße gehalten, den reizenden Kopf. Das unverkennbarſte Wohlgefallen drückte ſich in ſeinen Blicken aus und das Mädchen nahm den Tribut der Huldigung ſo wohlgefällig hin, wie ſie ungeſchent den ihrigen dem Jünglinge zollte. Beide glen ſich vollkommen, das war keine Frage. „Ich habe Euch ſingen hören,“ ſagte er,„und das t noch in meiner Seele fort.“ „Und ich Euch herrlich geigen,“ ſagte ſie lächelnd. „Wollen wir nicht bisweilen zuſammen ſingen und ſpielen?“ „So oft Ihr wollt!“. „Habt Ihr auch ſchon Noten geſungen?“ „Was iſt denn das?“ fragte ſie ungemein naiv. S wenig war Giovanni auf dieſe Frage gefaßt, daß er ſie verblüfft anſah.„Alſo wirklich, Ihr wißt nicht was Noten ſind, ſchöne Annunciata?“ „Ihr ſeid ein ſeltſamer Menſch!“ rief ſie aus.„Was ſollte ich denn lügen? das iſt doch eine Sünde.“ „So will ich's Euch lehren,“ ſagte er und ſetzte ſich an ihre Seite. Es bedurfte nur eines ſehr geringen Aufwandes von Mühe. Sie faßte ungemein ſchnell und leicht. „Seht Ihr nun,“ ſagte er,„daß man eine Engelsſtimme haben kann, ohne gehörig ſingen zu können?“ Etwas gedemüthigt, ſagte ſie:„Ja, nun verſtehe ich Euch und erkenne das; kann ich's denn nicht noch lernen?“ fragte ſie kleinlaut. „Nichts leichter als das!“ rief der Jüngling aus.„Eine Schülerin, wie Ihr ſeid, wird's bald zu etwas Außerordentlichem bringen und ich ſehe Euch ſchon im Geiſt als Prima Doßa in San Carlo!“ Sie ſchlug erröthend die Hände zuſammen. „Glaubt Ihr das?“ fragte ſie. „Es iſt gewiß,“ ſagte er;„denn wahrlich, Italien hat keine zweite Stimme wie die Eurige!“ Der Unterricht begann auf der Stelle. Eine Schülerin von ſo außerordentlichem Talente mußte reißende Fortſchritte machen bei dem Eifer und der Tüchtigkeit des Lehrers. Der Lehrer war entzückt, als er endlich ſchied, und Annunciata war ſehr zufrieden. Die Bitte um baldige Wiederkehr wurde ebenſo freundlich ausgeſprochen als aufgenommen. „Hab ich gelogen?“ rief der Schuſter, als Giovanni aus der Thüre trat.„Nein,“ antwortete er ſich ſelbſt,„ſolch ein Mädchen * 8 ₰ —. * —— S iſt am ganzen Meerbuſen nicht mehr und mögen die Mädchen von Ischia noch ſo berühmt ſein, eine Annunciata, wie dieſe, gibt's dort nicht.“ Konnte es anders kommen, als daß Giovanni halbe Tage lang bei ſeiner ſchönen Schülerin ſaß? 2 Schon nach wenigen Tagen mußte er ſich geſtehen, daß er zu tief in die ſchönen Augen geſchaut; daß er wie bezaubert ſei. Wo er ging und ſtand, ſah er ſie vor ſich. War er nicht bei ihr, ſo fehlte ihm das Beſte. Er war unruhig, zerſtreut. Seine eigenen Studien litten Noth; aber was half's? Er mußte hinüber. Es zog ihn eine Macht, der er keinen Widerſtand hätte leiſten können, auch wenn er gewollt— woran aber ſeine Seele nicht dachte. Der Schuſter lachte wie ein Schelm. Seit Annunciata mit Giovanni zum erſten Mal in San Carlo geweſen war, ſchien ſie verändert. War früher ihr Lernen nur Spiel, jetzt trieb ſie es mit der ganzen Leidenſchaft der Neapolita⸗ nerin. Sie hatte ein Ziel. Ihr Ehrgeiz ſtachelte ſie und ſtündlich wuchs ihr Eifer; aber auch ganz dem gemäß waren ihre Fortſchritte. Giovanni war außer ſich vor Luſt. Und immer inniger wurde das Verhältniß zwiſchen Beiden. Ihre Herzen ſchienen eins. Getrennt waren ſie unglücklich, vereint: — ſelig. Sie ſchwelgten im Vollgenuſſe der Harmonien und nicht minder im füßeſten Rauſche der Liebe. Als Giovanni nach Neapel kam, hatte ihn eins jener glücklichen Ereigniſſe, eine jener wunderbaren Fügungen, die wir Kurzſichtige mit dem inhaltloſen Worte Zufall bezeichnen, in eine Verbindung gebracht, die von dem erfolgreichſten Einfluß auf ſeine Zukunft zu werden verhieß. Er war in Santa Maria bei einer muſikaliſchen Meſſe. Hier ſpielten nur Meiſter. Es war ihm gelungen, auf die Tribüne zu kommen, die dem Hochaltare gegenüber den Muſikern eingeräumt war. Man führte eine der wundervollen Meſſen Guglielmi's auf, in der Giovanni einſt in ſeiner heimatlichen Kirche die erſte Violine geſpielt. —— Plöblich, als eben der Prieſter das herrliche Credo anſtimmen ſoll, ſinkt der erſte Violiniſt ohnmächtig zur Erde. Die Verwirrung war grenzenlos. Wo ſollte man in der Schnelle einen Stellvertreter finden? Nichts konnte dem Maeſtro unangenehmer ſein! Da drängte ſich ein dürftig gekleideter Züngling vor, ergriff die Violine und winkte dem betroffenen Maeſtro, er möge beginnen. „Verſtehſt du, was du unternehmen willſt?“ fragte er raſch und leiſe. Giovanni, denn er war es, nickte ſo zuverſichtlich, daß auſ gutes Glück hin der Dirigent begann. Zu deſſen nicht geringem Erſtaunen führte der unbekannte Jüngling ſeine ſchwere Parthie mit ſolchem Glücke, mit ſolcher Meiſterſchaft durch, daß Niemand die Abweſenheit des Künſtlers merkte. Als die Meſſe vorüber war, umarmte ihn der Maeſtro.„Wer biſt du?“ rief er aus.„Du haſt mich aus einer verzweiflungsvollen Lage gerettet und zugleich eine Kunſt bewieſen, die ich nimmermehr deiner Jugend zugemeſſen hätte!“ Giovanni nannte ſeinen Namen und erzählte unbefangen ſeine Lebensgeſchichte mit einfachen Worten. Das und ſeine Kunſt gewann des Meiſters Liebe. um zu mir, mein Sohn,“ ſagte er,„ich will deine Studien leiten!“ Und von dem Tag an war er des Meiſters eifrigſter und beſter Schüler und die Theilnahme des für ſeine Kunſt begeiſterten Mannes wuchs für ihn mit jedem Tag. Er kannte ſeine Verhältniſſe; denn Giovanni hatte ihm ohne Hehl ſeine Armuth bekannt. Wie ihn der Meiſter liebte und werth hielt, ſo ſann er jetzt darauf, ſeiner Zukunft eine freundlichere Seite zu erringen. Zu den Bekannten und Freunden des Meiſters gehörte der Marcheſe Spineſſa, ein Mann, der in dem Grade, wie er die Muſik liebte, auch bereit war, aufs menſchenfreundlichſte aufkeimende Talente der Atmoſphäre des Elends zu entreißen, in der ſie vergiftet und verkümmert ſterben. Ein unermeßliches Vermögen kam ſeinem edlen Herzen zu 6 „ Toledoſtraße hinauf. Hilfe. Der Marcheſe lernte den Jüngling kennen und gewann ihn lieb. Mit freigebiger Hand unterſtützte er ihn; die koſtbarſten Muſikalien verſchaffte er ihm. Eine der beſten Geigen, welche aus Cremona's Meiſterwerkſtätten hervorgegangen war, ſchenkte er ihm als Lohn ſeines trefflichen Spieles. Der Jüngling blickte dankbar und froh in die Zukunft und warf ſich mit allem Eifer auf ſeine Studien. Da lernte er Annunciata kennen und es war, als habe ein Siroeco alle ſeine Liebe zur Kunſt ausgetrocknet. Der Meiſter ſah ihn kaum mehr, und wenn er kam, ſo war er ſo zerſtreut, hatte ſo wenig Aufmerkſamkeit und Luſt, daß der Meiſter bedenklich den Kopf ſchüttelte. Gerade zu dieſer Zeit traf er den Marcheſe, der längere Zeit auf ſeinen Gütern in Sicilien verweilt hatte. „Wie ſteht's mit unſerm Pergoleſe?“ fragte der Marcheſe. „Uebel,“ entgegnete achſelzuckend der Meiſter.„Alle Luſt und Liebe zur Kunſt iſt weg. Wenn es nicht anders wird, ſo bleibt er ein gewöhnliches, verkommenes Talent und wir Beide ſind genarrt.“ „Das iſt hart, Signor!“ ſagte der Marcheſe.„Künſtler haben ihre Launen.“ „Zugeſtanden,“ ſprach betrübt der edle Meiſter;„aber da iſt mehr als Laune. Eine ſolche währt wohl heute und morgen, aber das dauert ſchon, ſeit Ihr in Sicilien weiltet, und wird alle Tage ſchlimmer.“ Der Marcheſe ſah ihn betroffen an. „Was meint Ihr denn, Signor?“ fragte er. „Was ich meine?“ brummte der Meiſter.„Wenn die Liebe nicht dahinter ſteckt, ſo iſt es der Teufel!“ „Halt!“ rief der Marcheſe;„da müſſen wir forſchen. Am Ende wäre der leichter zu bannen als die Liebe. Wo wohnt der Junge?“ Der Maeſtro 68 Alles genau an und der Marheſe eilte die Nach zwei Tagen trat er mit unmuthigem Ausdruck in ſeinen wohlwollenden Zügen in des Maeſtro's Gemach. „Nun hab' ich die Geſchichte heraus,“ ſagte er,„und Eure Vermuthung iſt richtig. Die Liebe iſt die Kette, welche das Talent des Jungen in ſeinem Fluge zum glänzendſten Ziele feſſelt. Einer meiner Diener kennt den Schuſter, bei dem Giovanni wohnt. Da hielt's nicht ſchwer, den Grund ſeiner Zerſtreuung und Unluſt zu finden, denn der Kerl that ſich etwas zu gute darauf, den ſchönen Jungen mit einem ſchönen Mädchen zuſammengekuppelt zu haben. Sie iſt eines Fiſchers arme Tochter, ſoll hübſch ſingen und ein Paar unwiderſtehlicher Augen im Kopfe haben. Nun, wir kennen dieſe neapolitaniſchen Augen und ihre Gluth! Die haben dem Jungen den Kopf verrückt. Was iſt da zu thun?“ „Seht Ihr's!“ rief der Maeſtro.„Er iſt nicht der Erſte, den mir ſo eine hübſche Hexe verdirbt. Das hab' ich richtig geahnet.“ „Zugeſtanden, Signor, aber was iſt zu thun? Das iſt die Hauptſache, daß wir ihn aus dem Netze herauswickeln.“ Die beiden Männer beriethen reiflich. Pergoleſe war eine weiche Natur. Es war weniger von einem entſchiedenen Widerſtande zu fürchten, als von jener ſtillen Hart⸗ näckigkeit eines Gefühls, das ſeine ganze Seele einnahm und beherrſchte. Es war einige Wochen nach dieſem Zwiegeſpräch, als ein ſtattlicher Wagen zum Thore Neapels hinausrollte. In der rechten Ecke ſaß der Marcheſe Spineſſa, ernſten gehaltenen Weſens; in der linken lehnte ein Jüngling, bleich, kummervoll ausſehend. Sein Auge ſchwamm in Thränen. Es war Giovanni Pergoleſe. Eine diplomatiſche Miſſion führte den Marcheſe an den Hof von Florenz; doch auch in Rom hielt ihn der Auftrag ſeines Hofes einige Zeit feſt. Es war ihm und dem edlen Maeſtro gelungen, den Jüngling aus ſeinem ſeligen Traume zu wecken. Er hatte die Wahrheit deſſen vollkommen erkannt, was dieſe wohlwollenden Männer ihm 1 —— ſagten; aber es hatte ihn auch den ſchwerſten Kampf ſeines Lebens gekoſtet, ſich von der Geliebten zu trennen. Sie hatten ihm vorge⸗ ſtellt, wie er ja das Band nicht zu löſen brauche; hatten das ſüße Glück unzertrennlicher Vereinigung mit Annunciata als ſchönſtes Ziel, als Lohn und Krone ſeines Strebens dargeſtellt, und das hatte bewirkt, daß er einwilligte, Neapel einſtweilen zu verlaſſen und in Rom dem Studium der kirchlichen Muſik ſich hinzugeben, für die das Gemüth Pergoleſe's eine vorherrſchende Neigung hegte, und dann Florenz zu beſuchen, wo ihn Spineſſa erwarten wollte. Die Trennung war bitter; aber die ſchönſte Hoffnung leuchtete den Liebenden. Schwüre ewiger Treue wurden gewechſelt, Thränen⸗ ſtröme floſſen. Dann riß ſich Giovanni los und verließ Neapel. In die Kiſſen gedrückt, gab er ſich dem vollen, tiefen Schmerze hin. Es war ja ſeine erſte, heilige Liebe! Der Marcheſe war ein Mann von tiefem Gefühl. Er kannte den Schmerz, der die Seele des Jünglings durchzuckte, und dachte zu edel, ihn jetzt in ſeinen Empfindungen zu ſtören. Er war aber auch ein zu ſicherer Kenner des menſchlichen Herzens, um nicht zu wiſſen, daß gerade die leidenſchaftliche Heftigkeit dieſes Gefühls den Grund ihrer eignen Abſpannung in ſich trage. Allmählich gelang es ihm, den Jüngling einem andern Vorſtel⸗ lungskreiſe zuzuführen. Er bemerkte, wie er ruhiger wurde, wie er in ſeine Bemerkungen einging, und bald hatte der Zauberkreis der Kunſt ſeine Seele aus den Banden des Schmerzes herausgewunden. Das Kunſiſtück war gelungen und der Marcheſe freute ſich deſſen herzlich. Als ſie Rom erreichten, war Giovanni's Seelenzuſtand ein anderer geworden. Wenn auch noch die früheren Stimmungen wiederkehrten, ſo wußte es der Marcheſe ſo einzuleiten, daß ſie doch nicht mehr ſo ganz Herr in ihm wurden. Der Marcheſe war ein Freund des Cardinals Barberini, eines begeiſterten Freundes der Muſik. Ihm übergab er ſeinen Schützling, indem er ihm die genaueſte Kenntniß aller Umſtände mittheilte, und ihm beſonders bemerklich machte, wie es ſo ſehr noth thue, Pergoleſe — ganz und von allen Seiten in Anſpruch zu nehmen, damit er den Träumereien nicht wieder anheimfalle, die die edelſten Kräfte ſeiner geiſtigen Natur zu lähmen geeignet wären. Das erkannte Barberini vollkommen, und die Thellnihme, welche der Marcheſe ihm für Giovanni einzuflößen wußte, der Beifall, welchen der Cardinal ſeinen Leiſtungen ſchenkte, die Hoffnung, welche des Jünglings Kunſtbegabung ihm beibrachte, bewirkten, daß ihn Barberini in ſeinen Palaſt aufnahm, daß er ſelbſt ſeine Studien zu leiten übernahm, daß er ihn in alle die Verbindungen mit den erſten Meiſtern brachte, welche den glänzendſten Erfolg zu ſichern verhießen. Barberini täuſchte ſich nicht. Giovanni erkannte ſein Ziel und rang mit aller Kraft ſeines Weſens, es zu erreichen. Einzelne Compoſitionen gewannen ungetheilten Beifall. Es war entſchieden, daß die Kirche an dieſem werdenden Künſtler einen Schatz beſaß, deſſen tiefſinnige Fülle zu den ſchönſten Erwartungen vollgiltig berechtigte. Wie es in dieſer Zeit um des Jünglings Herz ſtand? — O, er trug ſeine Liebe warm und innig in ſeiner Bruſt. Er ſchrieb Annunciaten die leidenſchaftlichſten Briefe. Wenn auch das Mädchen, wie alle ihres Standes in Italien, die Kunſt des Leſens und Schreibens nicht verſtand, ſo iſt in Neapel, wie überall in Italiens Städten, für dieſen Fall hinlänglich geſorgt. An allen öffentlichen Orten ſitzen die Schreiber an ihren Tiſchchen, zu jeder Minute bereit, öffentliche und Privatvorträge zu leſen und zu ſchreiben, wie auch den geheimſten Regungen des menſchlichen Herzens in Wort und Zeichen den rechten Ausdruck zu geben. Der füdlichen Natur iſt es eigenthümlich, ſich leicht in jede beliebige Stimmung zu verſetzen und folch ein Escribano ſchreibt Liebesbriefe in all dem ſchwülſtigen, blumenreichen Stile, wie er der Empfindung zufagt, die ſolchen Ausdruck will und fucht. Dabei darf jedes liebeſieche Herz auf 3 Verſchwiegenheit zählen, die das Grab kaum ſicherer gewährt. Dort ließ das Mädchen die räthſel⸗ haften Zeichen ſich deuten und ſog die Wonne ihres Inhaltes mit ſeligen Gefühlen ein; dort ließ ſie antworten, wie des Escribano Feder die Gluth wiedergeben konnte, welche ſie in Worten ——— — So trugen dieſe Briefe die Verſicherungen der Liebe hin und her, und die Trennung gab ihnen einen doppelten Werth, ohne daß dadurch Giovanni's Streben gehemmt worden wäre. Barberini's Briefe an den in Florenz lebenden Marcheſe waren voll des lebhafteſten Lobes des jungen Meiſters, und die entſchiedenen Proben ſeines großen Talentes gaben dem edlen Manne den reichſten Lohn für die Opfer, welche er für Giovanni brachte, ohne daß ſie ihm ſchwer wurden. Ein Jahr war ſo hingefloſſen. Da erſchien plötzlich der Marcheſe in Rom, um ſeinen Schütz⸗ ling nach Florenz zu holen. Was dies bewirkte, war ein Umſtand, den Barberini's ſcharfes Auge entdeckt. Blieben die Briefe von Annunciata länger aus, oder wurden ſie kühler, liebeleerer?— Etwas mußte geſchehen ſein;— denn Giovanni gab ſich ſeit kurzem einem ſtets wachſenden Trübſinne hin, und es ſchien wieder jene geiſtige Lähmung einzutreten, die in Neapel der Liebe Glück hervorgebracht, jetzt aber der Liebe Leid in höherem Grade zu bewirken drohte. Der Cardinal hatte das dem Freunde nach Florenz gemeldet, und dieſer in nie ermüdender Liebe eilte herbei, wieder eine günſtige Wendung, wenn es möglich wäre, herbeizuführen. Es gelang ihm auch, den Jüngling zur Mitreiſe zu beſtimmen. In Florenz ange⸗ langt, zog ihn der Marcheſe in die Kreiſe, welche ihm offen ſtanden. Er führte ihn ſelbſt bei Hofe ein, wo die Muſik geehrt, geliebt, gepflegt wurde mit ſeltener Kenntniß und Geſchicklichkeit. Von allen Seiten in Anſpruch genommen, angeregt, getragen und gehoben, gewann der Jüngling kaum Zeit, an ſich ſelbſt und an ſeine Liebe zu denken. In dem Strome dieſes Lebens, voll der reichſten und edelſten Genüſſe, ſchwamm er wie ein Berauſchter; allein dieſer Zuſtand konnte auf die Dauer dennoch der Stimme des Innern kein Schweigen auferlegen. Sie wurde laut und lauter, und je weniger Kunde von der Geliebten kam, deſto glühender wurde ſeine Sehnſucht nach ihr. Sie war es, die ja, umſtrahlt von allem — Glanze, den eine weiche Künſtlerſeele dem Weſen zu verleihen vermag, dem ſie ſich ganz hingibt, dieſe Seele erfüllte. Er ſchrieb und die Briefe erhielten keine Erwiederung. „Todt!“ war das entſetzliche Wort, das dumpf durch ſeine Seele klang und ſie in ihren feinſten Faſern erſchütterte. Sein Trübſinn nahm zu. Allen ſeinen Tondichtungen hauchte er das Leiden ſeines Innern ein. Nur elegiſche Klänge entſtrömten ſeinem Inſtrumente. Nur Texte, welche fähig waren das Innerſte der Seele zu erſchüttern, konnten ihn begeiſtern, daß er ihre Worte mit Tönen begleitete, was ſie ſagten, in Töne ausdrückte, die aus ſeiner wunden Seele mit erſchütternder Gewalt hervorquollen. Nur ein Text gelang ihm nicht, daß er ihn ſo im Tone wiedergäbe, wie er es wollte und fühlte. Er konnte den rechten Ausdruck nie finden, und doch waren dieſe herrlichen Worte von wahrhaft bezaubernder Wirkung auf ihn. Er konnte ſie nicht aus ſeinen Gedanken verbannen. Das war jenes unübertreffliche Lied des Mönchs Jacopone, welches uns nach den Anfangsworten am lebhafteſten erinnerlich iſt, das„Stabat mater.“ Mit wunderbarer Tiefe ſpricht es der Mutter Weh aus, die unter dem Kreuze des Sohnes ſteht. Der Benedik⸗ tinermönch trug eine wunderbare Fülle der Poeſie in ſeiner Seele, und hauchte ſie in dieſe Worte voll Wohlklang. Daß gerade dies Lied Pergoleſe's Stimmung zuſagen mußte, lag ſo nahe. Die Weiſe, nach welcher man es ſang, war leer. Sie paßte nicht zu der Tiefe und Herrlichkeit des Inhaltes. Da rang ſeine Seele nach dem rechten Ausdrucke für dieſe Worte, und er konnte ihn nicht finden. Je mehr er rang, deſto weiter wich das Ziel zurück. In der diterſten Stimmung ging er umher. Da wollte es ſein Geſchick, daß ihm Annunciata's erſter Brief in die Hand kam, worin ſie mit heißer Sehnſucht ihn bat, zurückzukehren an ihr Herz. Sie würde ſterben, wenn er nicht komme. Gerade jetzt war dieſer Brief unwiderſtehlich. Ohne nur irgend einem Menſchen zu ſagen, was er thun wolle, verläßt er heimlich Florenz. „ 3 * Mit beflügelter Haſt eilt er nach Rem, von Rem nach Neapel. Ze näher er dem Ziele ſeiner Wünſche, der Wiege ſeines Glückes kommt, je mehr der Liebesfrühling wieder in ſeine Seele einzieht, aber auch je ungeduldiger er wird. Alle die Stunden des ſtillen, „ ſo harmloſen Glückes ſtehen wieder vor ſeiner Seele. Alle Selig⸗ keiten, zwiſchen denen nun ſchier zwei Jahre trennend und ſcheidend ſich hineingedrängt, werden in der Erinnerung wach. Nun ſoll ihn nichts mehr von der Geliebten ſcheiden— wenn ſie noch— lebt! Dieſer Gedanke und alle die Sorgen der letzten Zeit werden nun wieder wach und liegen wie Maifroſt auf den wiedererwachten Blüthen ſeines Herzens. In dieſer Stimmung, zwiſchen Furcht und 6. Hoffnung ſchwebend, erreicht er endlich Neapel. Sein erſtes iſt, an das Gäßchen zu eilen, wo die heimliche Wohnſtätte ſeines Glücks iſt— aber: ach, wie verändert findet er Alles dort!— Schwarze Mauertrümmer, einzelne verbrannte Balken, die aus den Trümmern 3 hervorſtehen, ſagen Alles. Er braucht nicht zu fragen. Hier hat ein verheerender Brand gewaltet und das ganze Viertel iſt eine—— Stätte voll Gräuel der Verwüſtung. Hin und wieder iſt ein-neues Häuschen gebant, ſonſt iſt kein Zeichen d das üppige 8 Pflanzenleben des Südens,— mit ſeinen Ranken zu verhüllen ſein erfolg ven begonnen hat. Pergoleſe ſtet, re eine Bildſäule da. Die Krallen eines 3 Lämenloſen heüren Schmerzes ergreifen ſeine Seele, und preſſen ſie Da. 8 er noch, als endlich ein armer Mann aus einem a Sueen tritt und theilnehmend fragt:„Fehlt Euch etwg“ ignor?“ 3 bricht die Gewalt des Innern hervor.„Alles! Alles!“ er aus und mit den Händen bedeckt er das bleiche Antlitz, dem Manne die Thränen zu verbergen, die jetzt endlich hervor⸗ —brechen. „Kann ich Euch dienen?“ fragt von Theilnahme bewegt der Mann.. „Wo iſt Annunciata?“ fragt haſtig Giovanni. 8 „Welche Annunciata?“ fragt der Mann zurück.„Ihr wiſſet, der Name iſt hier ſehr häufig!“ „Annunciata Marini, die dort, gegen dem Schuſter Tibaldi über gewohnt hat, die ſchöne Annunciata, die ſo ſchön ſang?“ „Ich kenne ſie nicht!“ war des Mannes Antwort;„ich kenne den Schuſter Tibaldi nicht.“ Da legt ſich eine Eiſeskälte auf ſein Herz. Stumm wendet er ſich weg und geht zu ſeinem Gaſthofe zurück. „Todt!“ ſagt er,„todt! darum Hct ſie nicht mehr.“ Wie er ſo dahingeht, begegnet ihm ein Weib, die ihn kennt. Ach, Maeſtro!“ fagte ſie,„ſeid Ihr wiedergekommen?“ Er ſtarrt ſie an.„Kennt Ihr mich?“ fragt er. „Wie ſollt' ich nicht? Hab' ich doch ſo oft gelauſcht, wenn die ſchöne Annunciata ſang und Ihr geigtet. Ja, der ſchreckliche Brand hat uns Alle elend gemacht!“ „Wo iſt Annunciata?“ fragt er mit bebender Stimme. —Ach, das iſt eine betrübte Geſchichte,“ ſagte die Frau.„Ich will ſie Euch ucherzihlen, obgleich meine Kinderchen daheim hungern. Sie hatte Euch recht lieb; und-der Schmerz um Euch war groß; aber geſtorben iſt ſie doch nicht davon, wie ſie meinte. Als der unglückſelige Brand kam, war ihre Mutter bereits todt. Da brannte auch ihr Häuschen nieder. Bei Tibaldi wurdeſie aufgenommen, der ſchon früher in eine andere Straße gezogen war, und dort lernte ſie einen Menſchen kennen, der ſie ganz Es war ein Menſch, der eines ſchlimmen Rufes genoß, ein Srroabe ſchön war er, Signor, ſo ſchön als einer an dem Ufer des Mekrbuſens. Er ſpielte die Laute und ſie ſang. Wo ſie ſich blicken ließen, waren gleich Hunderte um ſie verſammelt. Das war kein Wunder, wiſſet ja, wie engelgleich das Mädchen ſang! Um dieſe Zeit finde man eines Morgens einen Nobili, einen Gentiluomo, todt in Toledo. Es mußte ein wilder Kampf zwiſchen ihm und dem Mörder Statt gefunden haben, ehe er unter den Dolchſtößen deſſelben fiel, denn X der Mörder hatte ſeinen Dolch in der Bruſt ſeines Opfers laſſen. Und dieſer Dolch wurde als der Tommaſo's erkannt, und Tommaſo war Annunciata's Geliebter. „Da waren Beide plötzlich ſpurlos verſchwunden. Die Abruzzen wußten, wo ſie ihren Schlupfwinkel gefunden— und bald erfuhren es auch die Leute; denn nie war ein Räuber kecker als Tommaſo; nie war ein Mörder erbarmungsloſer als er. Kein Reiſender war mehr ſicher; kein Schloß war ihm und ſeiner Bande zu feſt; aber auch ſein Weib, die ſchöne Annunciata, erwarb ſich einen Ruhm. Sie ſaß am Wege und ſang. Wenn nun die Reiſenden bei der ſchönen Sängerin verweilten, waren ſie verloren; ja, man ſagte, ſie ſelbſt führe die kühnſten Wagſtücke aus, kühner noch als ihr Mann. Ob aber das auch wahr geweſen, kann ich nicht behaupten. Ihr wißt, ein ſchönes Weib, eine Sängerin wie Annunciata, das Weib eines berühmten Räubers macht ohnehin viel von ſich reden. „Lange Zeit ging das nicht, wie Ihr Euch denken könnt. Es wurden Carabinieri gegen die Räuber ausgeſchickt und ein großer Theil derſelben, auch Tommaſo, gefangen.“ „Und Annunciata?“ fragte mit angehaltenem Athem der Jüngling. 7 „Von ihr weiß man nichts,“ fuhr die Erzählerin fort.„Tom⸗ maſo ſitzt in Sanct Elmo und ſein letzter Spaziergang wird der zum Galgen ſein.“ Das Weib lachte bei dieſen Worten, reckte dann ihre dürre Hand aus und bat:„Gebt mir etwas für meine hungernden Würmchen.“ Giovanni warf ihr eine Gabe zu und— wankte hinweg. Das Weib ſah ihm nach.„Armer Junge,“ ſagte ſie halblaut, „du hatteſt ſie lieber als ſie dich!“ „— Schier zwei Monate waren vergangen, da wälzte ſich eines Tags ein gewaltiger Menſchenſtrom gegen das Thor, unfern deſſen Giovanni's Wohnung gelegen war. Er trat aus ſeiner Thür, 3. um ſich im Freien zu ergehen. Eine große Bläſſe lag auf dem Angeſichte, das einſt ſo friſch geblüht, und man mochte es ſeinem unſichern Gang anſehen, daß er krank geweſen und noch nicht lange ein war. Ohne eigentliche Abſicht ließ er ſich von der Menſchenmenge fortziehen; ohne auf ihre lebhaften Reden zu horchen, blieb er in dem Gedankenkreiſe, dem er vorher ſchon ſich hingegeben. So kam er vor das Thor und ſah nun erſt, daß er Zeuge einer Hinrichtung ſein müſſe, da an eine Rückkehr bei der drängenden Menge gar nicht mehr zu denken war. Ebenſo willenlos, als er dieſe Richtung eingeſchlagen, wurde er in die vorderſten Reihen geſchoben. Jetzt erſt, wo er den Galgen vor ſich ſah, gab er auf die Aeußerungen des Volkes Acht. „Er war einer der ärgſten Bravo's, welche je die Straße von Terracina unſicher gemacht,“ ſagten einige der Leute,„und ihm wird ſein Recht!“„Armer Tommaſo!“ riefen Andere.„Er muß ſterben und weit größere Schurken dürfen leben, weil ſie Gentiluvmi ſind!“ ſagten Andere wieder. Der Name Tommaſo machte Giovanni innerlich erbeben. War das nicht der Name jenes Banditen, der ihm Annunciata's Liebe geraubt? Hatte nicht das arme Weib ihn genannt? Es blieb ihm nicht lange Zeit, dieſen Gedanken nachzuhängen, denn begleitet von den gefürchteten Carabinieri's und einigen Mönchen nahte der Verbrecher. Es war ein ſchöner Mann von etwa fünf und zwanzig Jahren⸗ Seine Haltung war feſt, ja trotzig. Die Reden der Mönche ſchienen auch nicht den geringſten Eindruck auf ihn zu machen. Sein glän⸗ zendes Auge ſah feſt auf die Menge hin. Die Hinrichtung war vorüber. Tief erſchüttert von dem, was er geſehen, wollte eben Giovanni umkehren, als ſich die Vylkshatfen theilten.. „Ach, die Aermſte!“ rief das Volk von allen Seiten. Giovanni konnte nicht ſehen, wem der Ausruf galt; aber eine Ahnung ſagte ihm, daß ihm der gefürchtete Augenblick nahe, Annun⸗ —— —— — ciata wiederzuſehen. Seine Beklemmung wuchs von Minute zu Minute. Jetzt ſtürzte ein junges Weib zu dem Galgen hin. Das lange, 6 rauhe, ſchwarze Haar flog aufgelöſt im Wind. Ihre Kleidung war höchſt bizarr und auffallend, reich, aber unordentlich. Und dennoch ſah man darin die edelſte Geſtalt, die reinſten Formen. Mit einem Mark und Bein durchſchneidenden Schrei ſtürzte ſie am Galgen nieder, und umklammerte ihn mit ihren ſchneeweißen Armen. Mit einem Tone, der wie ein Schwerdt durch Giovanni's Seele drang, rief ſie:„Tommaſo, mein guter Tommaſo!“ Ein Blick hatte genügt, ſeine Annunciata wieder zu erkennen; aber es war nicht mehr dieſe reine, ſchuldloſe Annunciata! Ein wildes Weſen war in ihr, etwas Irres, Wahnſinniges. Der Aus⸗ druck ihres Auges war unſtät und unheimlich. War früher das Volk in ſteter Unruhe, ſo wurde es jetzt todtſtille und es ſchien, als bete Jeder ein Ave oder de profundis mit der Unglücklichen, die einen Moment ſtille auf ihren Knieen lag, die Arme um den Balken des Galgens geſchlungen, das Haupt tief zur Erde geſenkt. Jetzt erhob ſie den Kopf, warf mit heftiger Geberde das dunkle Haar zurück, blickte mit ſchmerzzerriſſenen Zügen zu dem Leichnam auf und begann das„Slabat mater“ zu ſingen. Sie ſang es aber in einer Weiſe, wie ſie noch Niemand ver⸗ nommen. Die Töne drangen aus ihrem Innern und trugen die Worte in wunderbarer, in herzzerſchneidender Art und doch wieder ſo weich, ſo klagend, ſo ſeelenvoll, daß ſie mit nie geahnter Macht jedes Herz hinriſſen ind bewältigten. Der Eindruck war ein außer⸗ ordentlicher. Alle Hände waren gffaltet, in aller Augen ſtanden Thränen, und als ſie geendet, ſchloß das Volk mit einem„Ora pro nobis, was aus tiefſter Seele drang. Jetzt riß der wildeſte Schmerz das unglückliche Weib empor und wenige Augenblicke darnach war ſie verſchwunden. Einen Leichnam, den einige Wochen ſpäter das Meer am Molo auswarf, erkannte das Volk für den Annunciata's. Zu dem Einſiedler, der ſeine Klauſe unweit der Somma beim Veſuv hat, kam nach Verlauf einiger Zeit ein bleicher junger Mann und bat ihn um einen Aufenthalt von mehreren Wochen. Der fromme Greis geſtand ihn um ſo lieber zu, als die äußere Erſchei⸗ nung des Bittenden auf ein leidendes Gemüth ſchließen ließ, das in dieſer Einſamkeit, umgeben von allen Schauern und Schreckniſſen der Natur, Ruhe ſuchte für das, was im Innern ſtürmte. Er beſaß nichts als eine Geige. Still wandelte er in den grauenvollen Einöden des Gebirgs umher und ſaß dann oft auf einem Lavablocke und geigte Weiſen, die wunderbar und gewaltig waren, und doch wieder ſo zart, ſo innig, ſo klagend, daß jede Saite des Gemüthes davon eigenthümlich berührt wurde. Und immer waren es dieſelben Töne, dieſelben Accorde und Harmonien, die er ſpielte. Er ſchien nur ſie zu kennen und nicht müde zu werden, ſie zu ſpielen. Es war Pergoleſe, und dieſe Töne waren die, welche Annun⸗ ciata geſungen. Unauslöſchlich waren ſie ſeinem Gedächtniß einge⸗ prägt. Seine Seele hatte für keinen andern Tongedanken mehr Raum. Vergebens war das Bemühen des Einſiedlers, ihm Rede abzugewinnen. Seine Lippe blieb ſtumm und ſein Auge ſchien flehentlich um Schonung zu bitten. Was aber den guten Einſiedler mit wachſender Sorge erfüllte, war die ſichtliche Abnahme dek Kräfte des Unglücklichen. Man mochte es ohne Mühe erkennen, daß er dem Grabe ſchnellen Schrittes zuwankte. Eines Tages kam eine Geſellſchaft aus Neapel, um den Veſuv zu beſteigen. Schon war der größere Theil derſelben an der Ein⸗ ſiedelei vorüber, da kamen noch zwei Männer in tiefem Geſpräche daher. „Ich habe ſeine Spur verfolgt,“ ſagte der Eine, es war der Marcheſe Spineſſa, zu dem Andern, in dem wir den Maeſtro wieder erkennen,„bis Torre del Grecv. Dort hat er ſich einige Zeit nach der Hinrichtung Tommaſo's aufgehalten, iſt verſchwunden.“ Der Maeſtro blieb plötzlich ſtehen und ſah den Marcheſe mit aber dann 3 dem Ausdruck an, als habe er einen zum Ziele ſührenden, glücklichen Gedanken. „Sollte nicht,“ rief er aus,„der Einſiedler ven ihm wiſſen? Sollte er nicht in der Zerriſſenheit ſeines Innern hierher geflohen ſein, wo das Todesgrauen, das hier herrſcht, mit ſeiner Seelen⸗ ſtimmung im mächtigen Einklange ſteht?“ Ohne zu antworten, zog der Marcheſe den Maeſtro zu der Klauſe und— als ſie eintraten, ſaß Pergoleſe in der Ecke und ſtützte den müden Kopf auf ſeinen Arm. 8 Eine Heiterkeit, wie ſie der Einſiedler nie an ihm geſehen, übergoß das kummerbleiche Geſicht bei dem Eintreten der beiden Männer, die erſchrocken die zerfallene Geſtalt anſtarrten. Ihrer liebevollen Zurede gelang es, ihn zur Rückkehr nach Neapel zum Gebrauch eines Arztes zu bewegen. Beide verließen ihn kaum mehr. Wohl gelang es ihnen auch, dem Leben ihn wieder mehr zu befreunden, aber er war innerlich geknickt. Er ſiechte hin, er welkte dem Grabe zu. Eine Compoſition hatte er in dieſer Zeit vollbracht. Es war die des„Stabat mater,“ wie er es von Annunciata hatte ſingen gehört. Und dies war ſein Schwanengeſang. Im Jahre 1739 ſtarb er in ſeinen ſchönſten Zahren, zu frühe für die Kunſt. Als die beiden Freunde von ſeinem Grabe zurück⸗ kehrten, drückten ſie ſich die Hand und der Maeſtro ſagte mit bebender Stimme:„Ach, hätten wir ihn damals in Reapel gelaſſen!“ Der Marcheſe ſah ſtumm zur Erde und erwiederte darauf: „Wir haben es treu und gut gemeint, das muß uns aufrichten, und die Welt hat das Stabat mater.“ „Und ich, Monſignore,“ ſagte mit einer Thräne im Auge der Maeſtro,„ſo herrlich es auch iſt— ich gäbe es hin— könnt' ich ihn wieder holen!“ —— Ein Stücklein von der Moſel. (Hierzu das Titelkupfer.) Die Wahrheit zu ſagen, ſo hat es mir all mein Lebtag eine große Ergötzlichkeit bereitet, wenn Einer, der das Gras wachſen ſehen und die Fliegen huſten hören wollte, wacker gehänſelt, ein Spitzbube beſtraft wurde nach Verdienſt. Warum ſollt ichs Hehl haben? Tauſende lächeln mir ja bei dem Geſtändniſſe zu und ſagen: Bruderherz, mir geht's aufs Haar ſo! Daher mag es ſich denn auch erklären, daß mir die nachfolgende Geſchichte erkleckliche Luſt bereitete, als ſie mir mein Vetter Stoffel erzählte. Dieſer Vetter Stoffel wohnt zu Cröv an der Moſel und er verdient's, daß ich ſeiner gedenke, wird's ja auch nicht übel nehmen, wenn er etwa dieſe Zeilen leſen ſollte. Dürfen ja doch grundehrliche Leute nicht muckſen, wenn ſie heutzutage in den Zeitungen hin und her gezerrt werden, da wir Preßfreiheit haben, was mitunter ſo viel heißt, als die Erlaubniß, Siehe und Jenem, nach Liebe und Haß, einen Denkzettel anzuhängen. Das aber nur ſo im Vorbei⸗ gehen! Nein, mein lieber Vetter Stoffel zu Eröv, ich grüßſe dich freundlich und ſage dir: du kannſt ruhig ſein, ich zwicke dich nicht, und ich denke, da du nicht ins Parlament gewählt ſein willſt, laſſen dich auch andere Leute in Ruhe! Mein Vetter Stoffel iſt der Stiefſohn der Schwägerin der Frau meines Onkels Peter. Wenn auch die Verwandtſchaft etwas weitläufig ſein ſollte, ſo thut das nichts. Wir ſind außer der Verwandtſchaft die beſten Freunde und haben im neun und zwan⸗ zigſten Regiment in einer und derſelben Compagnie geſtanden(was, glaub' ich, jetzt mit Fähnlein überſetzt wird?) und waren gute Kameraden, die ihr ſchwarzes Lederzeug tapfer putzten, die Knöpfe und Waffen blank hielten und ſomit ihre Garniſo ichten gegen das Vaterland treu erfüllten, einſchließlich des Exercirens und Wachedienſtes. Schon damals lernte ich meinen BVetter Stoffel als einen gemüthlichen Erzähler kennen und manche langweilige Wache kürzte er, und die Wach' raus! waren die Komma und Punkte in der Erzählung. Er fand aber immer den Faden wieder. Wie geſagt, er iſt zu Cröv zu Hauſe und das liegt an der Moſel, und wächſt allda und da herum köſtlicher Wein. Mein Kamerad und Vetter Stoffel iſt ein ächter Moſeler. Erſtlich iſt er treu, offen, fröhlich und ehrlich; zweitens hat er das zirkelrunde Mosler⸗ geſicht; drittens immer Durſt und nie nach Waſſer, und ich habe mir ſagen laſſen, das allein ſei hinlänglicher Beweis, wo er zu Hauſe ſei. Wenn ich ihn oftmals fragte: Stöffelchen, woher kommt's doch? ſo ſagte er: Siehſt du, meine Mutter ſalzte ſtark, was ſie kochte; ſo hab' ich mir's angewöhnt. Item— es muß doch ein ſtarker Salzverbrauch an der Moſel ſein!— Am Cnve ſind die Weiber ſchuld! Um wieder auf meinen Vetter Stoffel zu kommen, ſo ſchied er ein Jahr früher aus der Kaſerne, weil er ein Jahr früher einge⸗ treten war, und ich ſah ihn mit Ach und Weh ſcheiden. Er ging mit Luſt; denn er hatte daheim ein Liebchen, das war ihm hold und tren. Wer mocht's ihm übel nehmen? Es dauerte auch nicht lange, ſo war das Liebchen die liebe junge Frau Stoffelin und ein anderer Cröver, der auch bei uns ſtand, ſagte: das Annlieschen ſei das ſchönſte, bravſte und reichſte Mädchen in Cröv und der Stoffel ſei kein Narr geweſen. Nach einem Jahre ſagte ich auch dem Dienſte Valet, aber meiner harrte kein Liebchen, ſondern die papierſelige Plankammer zu Koblenz und ein Dienſtioch. Wie ungleich ſind doch die Looſe vertheilt, dachte ich mit Wehmuth, wenn ich am Meß oder Schreib⸗ tiſche ſaß und in Gedanken die Moſel hinauf reiſte zu Stoffel u Annlieschen. Dabei blieb's, bis Anno 1847 der Stoffel mir ſagen ließ: Komm, Kamerad und Vetter, und verſuche den Wein, 6 meine Neben getragen. Es wird dich nicht gereuen! 6 — — Da ging mir's wie dem eingeſperrten Zugvogel, wenn die Wanderzeit kommt. Ich hatte keine Ruhe mehr, erwirkte mir Urlaub und ging. Der Frühling iſt überall ſchön, darum auch in dem reizenden Moſelthale noch etwas ſchöner, als in der Mark Brandenburg, des wohlſeligen deutſchen Reiches weltberühmter Sandbüchſe. Die Höhen waren alle mit luſtigem Grün bedeckt; die Weinberge zeigten ihr friſchgrünes Gewand; überall flöteten Nachtigallen und aus den Geſträuchen der Felſen ſchmetterten die Droſſeln ihr Lied. Mir wurde die Bruſt ſo leicht, das Herz ſo friſch in ihr, daß ich's faſt nie ſo gefühlt habe. Um langſam zu reiſen, beſtieg ich die Eiljacht. Wozu hätte ſie und ich eilen ſollen? Es war ja überall ſo wundervoll, daß man's der Moſel hätte übel nehmen mögen, daß ſie ſo raſch dem Rheine zueilte. Ich will die Reiſe nicht beſchreiben, nicht die Gegend mit ihren Burgen und Orten, ſondern will's kurz ſagen, daß ich endlich Cröv erreichte an einem ſchönen Samſtag im Anfange Juni. Als ich in Stoffel's Haus trat, das mir ein Büblein zeigte, kam mir ein nettes blühendes Frauchen entgegen, der ich mich kurz als Vetter vorſtellte und nach Landesbrauch die blühenden Lippen küßte. „Was wird ſich Stoffel freuen!“ rief ſie aus, und das Erröthen machte ſie noch ſchöner.„Wo iſt er denn?“ war meine Frage, und die Antwort:„Im Garten!“ Sie führte mich durch das ſaubere Haus in einen ſchönen, großen Garten, wo Stoffel, ſeine Pfeife ſchmauchend, bei einem anſehnlichen Kruge von des Tages Laſt und Mühen ausruhte. Das war ein Willkomm! Brüder können ſich nicht herzlicher umarmen. Es war ein herrlich Plätzchen, wo ich mich zu ihm ſetzte. Ein weitäſtiger Aepfelbaum wölbte das ſchönſte Laubdach über uns, und Blumen blühten, Näglein dufteten um uns Dort rauſchte die Moſel; vor uns lag die Höhe, wo im goldenen Abendſonnen⸗ ſtrahle die Ruinen des Kloſters Wolf ſich herrlich darſtellte. Im Glaſe perlte ein 1846er, wie ihn der König nicht beſſer trinken kann, und neben mir ſaßen zwei liebe Men Freundlichkeit im Geſicht und Herzen. Sollt's mir da nicht wohl werden?— Sollt' ich mich da nicht glücklich gefühlt haben?—„Hörſt du auch noch gern Geſchichten erzählen, wie ſellmals,*) als du auf der Pritſche lagſt?“ fragte Stoffel lachend, ſo will ich dir morgen eine von dem Kloſter da oben erzählen, die ſo recht nach deiner Liebhaberei iſt.“ Ich hielt ihn beim Wort und als wir andern Tags wieder an dem lieben Plätzchen ſaßen, in ſtiller Ruhe eines Sonntagsnachmit⸗ tags, da begann er alſo zu erzählen, und zwar nach einer hand⸗ ſchriftlichen Chronik von Traben, die er beſaß. Anno 1722 war der ſilberne Schwan zu Traben an der Moſel, ſo gegen Trarbach überliegt, ein Wirthshaus, das ſeines Gleichen ſuchte und nicht fand zwiſchen Trier und Koblenz. Man trank daſelbſt ſein Schöpplein(oder noch mehr) Graacher, Cröver, Zel⸗ tinger, Pisporter, Rißbacher, Enkircher und Trabener ſo gut und rein, daß es der Kurfürſt von Trier und ſeine Kapitelsherren nicht reiner und beſſer hatten, und die wußten, was gut war, und legten ſich keine Abſtinenz auf. Wären auch Narren geweſen! der liebe Gott läßt's ja dazu wachſen! Der Schwanenwirth, der Johannes Molz hieß und meines Urgroßvaters Pathe war, der Kaspar geheißen, war das Muſter eines Wirthes, ein Pfiffikus, der reden konnte wie's einer haben wollte, und lügen wie ein Zeitungsſchreiber. Er verſtand's, mit dem halben Geſichte zu lachen, wenn links ein Luſtiger, und mit dem andern halben zu greinen, wenn rechts ein Betrübter ſaß. Niemals aber vergaß er, wo ſein Säckel war, und brauchte keine Kreide für ſeine Kunden, denn er hatte ein erſchrecklich gutes Gedächtniß. Er wußte, daß die Leute an der Moſel viel Durſt haben und nicht gern Rachenputzer und Kühlefit trinken, daher hielt er ſeinen Wein rein und hatte immer Ertraproben. Niemand ſagte ſchen mit herziger ) Für; dazumal. ihm nach, ſeine Schoppen ſeien zu groß, und er verzapfe ihn zu wohlfeil; aber die Leute kamen doch, weil er gut war. Es gab kein Spiel, das er nicht meiſterlich ſpielte, doch war Landsknecht und Knöcheln ſein Hauptfach und man konnte ihn zu allen Tages⸗ ſtunden mit den Herren Holländern daſitzen ſehen, die dazumal in der Gräfinburg über Trarbach lagen, nachdem die Verbündeten ſie eingenommen. Die hänſelte und zwickte er redlich und man konnte ſeinen Kopf gegen ein Fettmännchen*) wetten, ſie gingen im Säckel leichter und im Kopfe ſchwerer allemal heim, als ſie gekommen waren, und doch blieben ſie nicht weg. Der Schwanenwirth hatte kurzweg den Namen Molzenvetter, weil er ſo aller Welt den Namen Vetter gab. Wir gehen zum Molzenvetter, ſagten Bürger, Bauern, Soldaten, Gemeine und Offiziere. Er war aller Welt Vetter, aber ein theurer Vetter, denn er koſtete Jeden Geld. Ei, da muß er ja reich geweſen ſein! könnte man da denken. Dafür hielt ihn auch alle Welt und er wußte die Leute auch in dem Wahne zu erhalten; allein dem war nicht ſo. Als er das väterliche Erbe ſeiner Frau empfangen, meinte der Molzenvetter, das ſei gar nicht zu verthun, und zechte, ſpielte und ließ andere Leute arbeiten, wobei er nicht müde wurde. Ueberdies meinte er, ein Küfer und Brauer ſei, weil er mit Weinfäſſern umgehe und bodenlos trinken könne, auch ein geborner Weinhändler. Da legte er ſich einen Keller voll theuern Weins ein, und als die Franzoſen kamen, tranken die ihn rein aus und ſparten ihm das Zechemachen und Aufſchreiben. Da war mit einem Knalle ſein Vermögen fort und ihm blieb das Wirthshaus zum Schwan, eine weinende Frau und ein kleines Kind. Er konnte aber ſein Leben nicht laſſen und ſetzte jetzt eine Ehre darein, zu zeigen, daß die Schlappe ihn nicht an den Bettelſtab gebracht, und das war doch geſcheheu. Seine brave Frau nahm's zu H n zu kränkeln, bis ſie krank wurde und— ſtarb. *) Eine kurtrieriſche Scheidemünze. E — 65 Jetzt ſah der Molzenvetter ſein Verderben nahen. Der Tod ſeiner Frau beugte ihn tief. Was ſollte aus feinem Kinde werden, das noch nicht einmal laufen konnte? Hier in Cröv hatte ſeine Frau eine Schweſter, ein reſolutes Weibsbild, reich und ſchön dabei, wenn anch nicht mehr ganz jung. Zu der kam Einer, der um die Ecke ſchießen konnte, und ſagte: „Jungfer Kathrine, Sie hat das Kind Ihres Schwagers zu ſich genommen und will Mutterſtelle vertreten; nehme Sie des Kindes Vater dazu und werde Sie ſo deſſen Mutter! Er hat ſich aus dem Salze gebeſſert und Sie hat Haare auf den Zähnen und wird ihn vollends beſſern, wenn etwa noch etwas ſollte zurückgeblieben ſein!“ „Bleibt mir vom Leibe,“ hat darauf die Kathrinebaf' geſagt, „einen Mohren bleicht man nicht weiß und der Wolf verliert wohl die Haare, aber die Naupen*) nicht. Mein lieber Herr Schwager will mein Geld, aber mich nicht, und ich mag weder ihn noch ſeine Schulden. Sagt ihm das und laßt mir Ruhe!“ Das war deutſch und man konnt's nicht mißverſtehen. Soviel iſt gewiß, daß der Molzenvetter keinen Verſuch mehr wagte in dieſer Art, aber das Sturmlaufen auf der Kathrinebaſ' ihr Geld ließ er nicht. Sie ſah wohl ein, daß es das Kind galt und ſein Erbe. Sie ging daher zu dem kaiſerlichen Notarius in Trarbach, ließ ſich im tiefſten Geheimniſſe Hab' und Gut des Molzenvetters verſchreiben und zahlte ſeine Schulden. „Schwager,“ ſagte ſie liebreich,„reitet Euch nun wieder der Teufel, daß Ihr Euer Lüderleben fortführt, ſo iſt's alle. Ich ziehe Haus und Hof an mich und wenn Ihr dann auf einen Baum ſteigt, habt Ihr auf der Erde nichts mehr zu ſuchen.“ Das war wieder deutſch und der Molzenvetter verſtand's ohne Auslegung. Er ſah nun ein, daß es mit ihm Matthäus am Letzten wäre, wenn er die Kathrinebaſ' wetterwendiſch mache. * . 2. Naupen ſo viel als Tücken, böſe Eigenſchaften. Daher legte er ſich von der flachen auf die hohe Seite und wurde ordentlich. Alle Welt ſagte: Molzenhannes iſt ein andrer Menſch geworden und die Eröver Kathrine hat's fertig gebracht. Die iſt ein rechter Huſar. Schade, daß ſie ihn nicht geheirathet hat! Es war aber wirklich nicht nöthig geweſen. Sie kam dann und wann, ſah nach und hielt den Molzenhannes ſo wacker im Zaume, daß er in ruhigem Schritte blieb und das Hintenausſchlagen ließ. Es iſt aber eine ganz kurioſe Geſchichte, daß ein Bruder Liederlich ſo umſchlagen kann. Irhannes Molz wurde nach und nach ein Knicker, ein Pfennigfuchſer, ein Haltfeſt. Nachdem die Schwägerin zu Cröv ihm Geld geliehen, begann er ſeine Wirthſchaft wieder, und wußte die ſo in Schwung zu bringen, daß Jedermann hinlief. Er trank jetzt nur die Reſte, welche die Gäſte ſtehen ließen; er ſpielte wohl, aber nur, wenn es die Gäſte verlangten, und gewann dann in der Regel unverſchämtes Geld. Nach und nach erholte er ſich und die Leute, denen die Quelle, woraus ſein Geld floß, unbekannt blieb, meinten, er ſei ein reicher Mann geworden, weil er einen Schatz müſſe efunden haben. Er war ein FPfiffikus und ließ ſie drauf. Wenn ſie ihn fragten, ſo lächelte er, und das hieß nicht ja und nicht nein, und die Leute meinten, er wolle es nicht gerade Jedem auf dem Präſentirteller entgegenbringen, und er habe recht, daß er's nicht thue. Derweile die Wirthſchaft des Schwanenwirths prächtig ging, wuchs ſein kleines Töchterlein zu Cröv lieblich heran, ein Kindchen wie Milch und Blut, und im Nachbarhauſe der friſche, rothbackige Jacob ging für das liebliche Käthchen durch Waſſer und Feuer. Als das Mädchen ſechzehn Jahre alt war, ſah er's klar ein, daß Käthchen das ſchönſte, liebſte und bravſte Mädchen im Moſellande ſei, und obgleich das auch Andere erkannt hatten, wußte er's doch am Beſten, weil er ſie alle Augenblicke ſah, mit ihr ſprach und, wenn's ſonſt Niemand ſehen konnte, auch einmal ihre ſüßen Lippen küßte. Sie wehrte ſich freilich tapfer, ſchmollte, wenn's geſchehen W. 3 war; allein der Jacob war gar zu ſtark, ſie konnte ſeiner nicht Meiſter werden, und es war von ihm auch gar nicht bös gemeint, wenn er ſie küßte. Die Baſe war weder blind noch taub, und Beides hätte ſie gründlich ſein müſſen, wenn ſie nicht hätte ſehen ſollen, wie es mit dem Pärlein ſtand. Sie hatte ihre Freude daran, denn der Jacob war brav und hatte das Gebot im Herzen: Ehre Vater und Mutter; und wer das ſagt und übt, der hat die Verheißung, daß es ihm wohl gehe auf Erden. Zwar war er arm, aber da lag ihr nichts dran. War ja doch Käthchen nicht arm, denn es war ja ihr Erbe. Um dieſe Zeit kam der Molzenhannes einmal nach Cröv, wohin er ſehr ungern ging, denn in der Regel holte er ſich eine ordentliche Naſe bei der ſtrengen Kathrinebaſ, zumal er nur kam, wenn er Geld brauchte und ſie losſchneiden ſollte. „Aha!“ ſagte ſie, als er eintrat,„Ihr wollt gewiß wieder Geld; aber diesmal irrt Ihr Euch, Schwäher, ich habe ſelber teins. Der Molz verbiß den Aerger und ſagte:„Dann iſt's gut, daß Ihr Euch irrt. Ich komme heute nicht, um Geld zu holen, ſondern aus anderen Gründen. Ich will's Euch gerade ſagen: ich werde vollends ein Lump, wenn ich noch länger mit Mägden hauſe. Gebt mir das Käthchen, das weiß, wo Barthel den Moſt holt, denn Ihr habt das gelehrt.“ Die Baſ' dachte: ſo unrecht hat er nicht; aber mit dem Käthchen ging ihr das halbe Herz fort. Das Mädchen war ihr Augapfel gemeſen, und die vierzehn Jahre, die ſie es nun um ſich gehabt, waren Jahre des Glücks für ſie geweſen, und nun ſollte ſie es weggeben! das war ein ſchweres Opfer für ihr Herz.„ Sie war aber nicht die Perſon, die greinte und lamentirte, oder die das, was ſie für Recht erkannt, unterlaſſen hätte, weil es ihr wehe that. Sie hatte eine rechte Mannesſeele und überwand ihren tiefen Schmerz.„Es iſt richtig,“ ſagte ſie,„geht in Gottes Namen heim. Ich bringe das Kind.“ Da machte ſich der Schwa⸗ nenwirth, ſeelenvergnügt, daß er ſo leichten Kaufs ſein Ziel erreicht, aus dem Staube, gab dem Jacob, als er ihn über die Moſel ſetzte, S zwei Fettmännchen und pfiff vor Luſt ein Lied, als er an dem Kloſter Wolf vorüberging,— oder um ſich die Furcht zu vertreiben, denn da iſt's nicht juſt, wie die Leute ſagen, und die alten Schmö⸗ ger, die Mönche, ſollen da ſpuken. Als die Baſe dem Käthchen die Neuigkeit ſagte, fiel's zuſammen, wie ein Ulmer Schlocker*) und weinte viel heiße Zähren, die theils dem Scheiden von der lieben Baſe, theils der Trennung vom lieben Jacob galten. Bei dem gab's auch Herzeleid genug, und in dieſem Herzeleid durfte er ſein Mädchen küſſen, ſo viel er wollte, und ſie wehrte ſich nicht. Sie ſchwuren ſich Treue bis ans Grab und darüber hinaus und Käthchen zog endlich nach Traben. Von nun an war das Wirthshaus zum Schwan in Traben alle Tage noch einmal ſo voll wie ſonſt. Selbſt die alten Herren von Trarbach meinten, der Wein ſei um Vieles beſſer, ſeit ihn das engelſchöne Mädchen kredenze, und die Jungen fanden ihn über die Maßen köſtlich; die Offiziere von der Gräfinburg meinten aber vollends, es gäbe ſolchen Trank nicht mehr in der Welt. Und dennoch hatte das Mädchen etwas, was ſie Alle, ohne daß ſie ein Wort ſprach, im Zaum und Zügel hielt, und Keiner wagte auch nur eine Schmeichelei, zu geſchweigen ihre Hand zu berühren. Mit dem Anblicken allein, mit dem freundlichen Erwiedern des Grußes mußten ſie ſich Alle begnügen. Hatte ſie den Wein kredenzt, was ſie nur that, wenn der Vater nicht da war oder nicht konnte, ſo verſchwand ſie ins Nebenzimmerchen, und dahinein wagte ſich Keiner. Der Molzenvetter rieb ſich fröhlich die Hände. Diesmal hatte er die Rechnung nicht ohne den Wirth gemacht. Es war, als ob ein Magnet im Schwanen und alle Männer Eiſen wären. Zu den Eigenheiten des bildſchönen Mädchens gehörte es auch noch, daß ſie Niemanden mehr Wein reichte, wenn er anfing trunken *) Meſſer, welche hinten keine Feder haben und in Ulm gemacht wurden. Früher ſah man ſie im Rhein⸗ und Moſellande häufig. * zu werden. Der erſte Trunkene ſcheuchte ſie weg. Darin wich ſie ganz von ihrem Vater ab. Der hatte dann die Gäſte am liebſten; denn erſtlich, wenn ſie in dieſem Zuſtande nicht mehr unterſchei⸗ dungsfähig waren und riefen: Molzenvetter! Graacher, Pisporter, oder ſonſt einen köſtlichen Tropfen, ſo bekamen ſie vom geringſten und bezahlten den beſten; zweitens konnte er dann ſtatt einem Schoppen zwei ſagen, ohne Gefahr; endlich drittens konnte er ſie dann im Spiele beneppen*) und bemokeln, wie er wollte. Sagten dann die Gäſte: Wo iſt doch Euer ſchön's Töchterlein? ſo ſagte er: Das ſind ſo alte Jungferntriller, die ihr die alte Baſ' in Cröv in den Kopf gearbeitet hat; ich bringe ihr ſie ſchon noch heraus. So kam es denn, daß alle Tage, die Gott kommen ließ, wenn es nicht Knebel und Spieße regnete, die Pont**) zwiſchen drei und vier Uhr Mittags und Sonntags noch früher, ganze Ladungen Trarbacher überſetzte nach Traben, und der Ferge ſagte zu ſeinem Bub: Peterchen, wenn ſie wieder kommen, ſind's ihrer noch einmal ſoviel, denn Jeder hat noch einen bei ſich und wir müſſen die Augen aufthun, weil ſie Alle ſchief geladen haben. Der Junge verſtand's und lachte. Daß dabei die holländiſchen Offiziere nicht fehlten, iſt begreif⸗ lich, denn das Kriegsvolk hat durſtige Lebern, vorab die Holländer, die viele Häringe eſſen. Unter dieſen Offizieren war einer, ein Hauptmann, der Jan van Gorgelfleth hieß der blinzelte allemal dem Fergen mit den Augen, und dieſer wußte, daß das ſo viel hieß als: warte auf mich, wenn's auch ſpät wird. Dieſer Zeſtrenge Herr Hauptmann war ziemlich klein und kurz⸗ beinig, aber anzuſehen wie ein wandelndes Ohmfaß, weil er viel dicker als lang war. Nichts nahm ſich ſchöner aus als der lange Stoßdegen an ſeiner Linken. Seine Soldaten, die ihn wie den böſen Feind haßten und hinter ſeinem Rücken ihn höhnten, nannten *) So viel als: betrügen. Die Worte ſind nur dem Grade nach verſchieden. **) So heißen an der Moſel die breiten flachen Ueberfahrtsſchiffe(pons.) — ihn nur das fette Ferkel am Bratſpieße. Wenn in Feindesland, ſagten ſie von ihm, der Hauptmann in einem Hauſe geweſen, ſei kein Anderer nach ihm hineingegangen, weil er Alles ſo rein aus⸗ gefegt, daß ein Nachſuchen Thorheit geweſen. Von ſeinen Thaten wußte er viel zu rühmen, aber nur er. Es ſollte ganz verwun⸗ derlich geweſen ſein, wie ſchnell er laufen konnte mit ſeinen kleinen Beinen, wenn's rückwärts ging; kam eine Schlacht, ſo hatte er allemal die Kolik, gegen die kein Theriak helfen wollte. Er mußte hinter die Fronte oder ins fliegende Lazareth. War die Schlacht vorüber, ſo war er auch wieder da und ſäuberte das Schlachtfeld. Eine Geſchichte erzählten ſie von ihm, die beſonders luſtig war. Einmal war unter den Wagen auf einem Schlachtfeld auch ein Geldwagen gefunden worden. Da hatte ſich der Hauptmann Jan van Gorgelfleth wohl bedacht. Wohin es aber thun? das war die Frage, zumal er diesmal aus einem Gefechte acht entrinnen konnte. Er hatte ſich ein Roß erbeutet, darauf er ritt. Da war denn kein beſſerer Rath, als das Gold in die Stulpſtiefel zu ſtecken. Nun war aber an einem die Seitennaht auf und das Gold fiel einzeln heraus. Hinter ſich ſehend, bemerkte er die lange Straße vertrip⸗ pelter Goldfüchſe. Raſch ſprang er ab, raffte und ſteckte es in den Stiefel, während ſein Gaul dem Futter nachging. Kaum aber war er etliche hundert Schritte raffend fortgegangen, als er hinter ſich ſah und wieder dieſelbe Straße geſäeter Füchſe erblickte. Er war außer ſich, weil er meinte, das Gold regne vom Himmel— bis er endlich ſah, wie es ſtand. Fluchend band er ſein rothes Tuch um den Stiefel, wo das Loch war, und raffte, bis er's wieder hatte; allein jetzt erſt bemerkte er, daß ſein Gaul weit weg auf einem Kleefelde ſich Gutes that. Was half's? er mußte nach. Kaum aber ſah ihn der kitzliche Gaul, ſo lief er weiter. Gorgelfleth gerieth leicht in Zorn. Er lief dem Thiere nach, lockte und ſuchte es kirre zu machen; aber das half Alles nichts. Dadurch war er weit nebenabgekommen und plötzlich umringten ihn feindliche Reiter. Sie zogen ihn aus, nahmen ſein Geld und was er hatte, und machten ihn zum Gefangenen. Glücklicher, als er es verdiente, war nch denn eine holländiſche Schaar uſni S wieder „ 38— und ſo kam er zurück. Seitdem hieß er auch Hauptmann Raffauf. Lügen konnte er aber wie ein Prälat. Alle Welt macht er weiß, er ſei von altem Adel, und doch war ſein Vater Schuſter in Amſterdam. Er ſprach von ſeinen Gütern und hatte keine hand⸗ breit Erde, die ſein geweſen wäre. Saßen nun die Zwei zuſammen, der Molzenvetter und der Hauptmann, ſo logen ſie ſich an, daß ſich die Dielen in der Stube biegten. Wenn man gefragt hatte: Was zieht den Hauptmann nach Traben in den Schwan? ſo hätte Eins geſagt: der Wein, und das hätte viel für ſich gehabt, denn ſeine Gurgel war weit wie ein Stiefel und ſein Durſt ohne Maaß. Ein Anderes hätte geſagt: das Landsknechten und Knöcheln, und das hätte auch ſchwere Gründe für ſich gehabt, denn er ſpielte ſo gern als einer. Das Dritte hätte geſagt: das Lügen, weil der Wirth ihn geduldig anhört, und wär' nicht weit von der Wahrheit geweſen; allein wenn das Vierte geſagt hätte: das engelſchöne Käthchen, ſo hätte doch das den Nagel auf den Kopf getroffen. Alter ſchützt vor Thorheit nicht, ſagt das Sprüchwort, und das bewies wieder der dicke Holländer, denn er war kahlen Kopfes und die Haare, die ihm geblieben, hatten die Kümmel⸗ und Salzfarbe. Wenn ein altes Haus brennt, ſo brennt's rack ab, ſagt wieder ein Sprüchwort, und das hatte auch hier ſeine Anwendung, denn der Hauptmann war verliebt wie ein Eichhörnchen, alle Verſuche aber, das liebliche Kind für ſich zu gewinnen, blieben von wegen des Jacob's von Cröv erfolglos. Geht's bei der Tochter nicht, gehts doch bei der Mutter, ſagt ein drittes Sprüchwort, und weil hier die Mutter fehlte, machte er ſich an den Vater. Eines Abends ſaßen ſie allein noch bei einander, da alle andere Gäſte heimgegangen waren, und keiner von Beiden wußte, daß hinter der Bretterwand, die das Heiligthum des Nebenſtübchens von der Wirthsſtube trennte, ein engelſchönes Köpfchen in ſüßem Duſel 30 nickte und von dem Liebſten auf Erden träumte; da hob endlich der Hauptmann, der dem Wirthe von ſeinen Gütern in Nordbrabant *) Für Schlummer. v ein Unendliches vorgelogen und von der Erbſchaft eines Oheims, der Statthalter von Java geweſen, und von zwei Tanten, die auf ihren Geldſäcken ſaßen und in zarter Liebe ihres edlen Erben auf der Gräfinburg gedachten, und ihn ganz hitzig gemacht, alſo zu reden an:„Freund Molz, ich hab' oft zu Euch geredet, wie ich ſtehe, und Ihr wißt's ſo genau als ich ſelber, daß ich Euer Käthchen über die Maßen liebe. Gebt mir ſie zum Weib! Ich bin eine Parthie, wie Ihr ſie hier zu Lande nicht findet!“ Nachdem der Wirth auf die kurze Werbung des Soldaten mit vielen Redensarten geantwortet, bemerkte er, daß er die Ehre erkenne und äſtimire, je dennech einige Punkte zu ſetzen habe, über die hinaus Alles ein Ende habe, nämlich erſtens müſſe der geſtrenge Herr Hauptmann ſeinen Abſchied nehmen, dieweil ſein Kind keines Soldaten Weib werden könne; zweitens müſſe er eine Verſchrei⸗ bung bei dem Notarius machen und dem Mädchen ſeine Güter in Nordbrabant und Alles zuſichern, was er jetzt beſitze und künftig von ſeinem Oheime, dem Statthalter von Java, und ſeinen beiden ſteinreichen Tanten zu erben habe; drittens müſſe er zu ihm ins Haus ziehen und Wirth werden; viertens aber das leichtfertige Leben laſſen, denn er(der Wirth) ſähe an ſich und ihm(dem Hauptmann), daß das zu böſen Häuſern führe. Innerlich fluchte der Hauptmann: daß du beim— wärſt! aber äußerlich nahm er ſich zuſammen und ſagte Alles zu. Nachdem das abgemacht war, ſprach der Wirth:„Nun, Herr Schwiegerſohn in Hoffnung, fangt Euer anſtändiges Leben heute an. Es iſt Zeit, daß Ihr geht, denn die Mitternacht iſt da, und da gehen die Geiſter um.“ „Was Geiſter?“ lachte der Soldat.„Ich fürchte keine!“ „Nun, nun,“ ſagte der Wirth,„ſo war's doch eben nicht alle Tage und ich hab' von dem Lieutenant Druckſcheut ein Stücklein von einem Hauptmanne gehört, der gerade ſo heißt wie Ihr, das redet nicht alſo.“ „Was?“ ſchrie der Hauptmann,„was hat der Höllenhund geſagt?“ „Geifert Euch nicht. Ich nehm's Euch nicht übel,“ ſagte der 40 Wirth,„denn ich fürchte mich entſetzlich vor Spuk. Wenn Ihr's aber wiſſen wollt, ſo ſagte er, Ihr wäret auf der Runde geweſen und ein Soldat, der in Berg op Zoom deſertiren wollte, habe Nachts ein weißes Hemd übergezogen und da ſeiet Ihr ſammt Eueren Conſorten davongelaufen, weil Ihr geglaubt, es ſei ein Geiſt, und der Kerl ſei glücklich entwiſcht.“ Der Hauptmann fluchte wie ein Türke und leugnge friſch weg; es ſei pure Verleumdung, ſagte er, und er werde den Lügner im Duell erſtechen. So ging er fort, aber er vergaß ſchon vor der Thür die Geſchichte und dachte nur an ſeine Freierei und an des Alten vier Punkte und an das ſchöne Käthchen. Warte nur, alter Fuchs, ſagte er in ſich hinein; ich kriege dich doch in die Falle! Leſen und ſchreiben kannſt du nicht. Da will ich dir ſchon ſo ſchwer aufbinden als du tragen kannſt, und hab' ich das Mädel, ſo wird ſich Alles finden. Meinen Abſchied hab' ich ſchon gemacht und das Verſchreibungs⸗Inſtrument kann ich leicht machen laſſen. Magſt du nachher die Güter in Nordbrabant ſuchen, die ich ſelber nicht finde, und die Onkeln und Tanten, die nicht zu ſterben brauchen, weil ſie nie gelebt haben.“ Mit ſolchen edlen Gedanken ging er an die Moſel, ſah ſich aber überall ſcheu um, ob nicht ein Geiſt da oder dort ſich blicken laſſe, und fing dann endlich, um ſich die Furcht zu vertreiben, zu ſingen an. Als er die Moſel erreichte, kehrte ſein Muth wieder, denn der Ferge harrte ſeiner und begleitete ihn für ein Trinkgeld bis an die Burg— der Unterhaltung wegen, wie der Kriegsheld ſagte und der Ferge glaubte. Das bildſchöne Köpfchen hinter der Bretterwand war aber über dem Geſpräche der beiden Handelsleute um ihr Lebensglück erwacht und hörte Alles ganz genau. Da fiel der ganze Trabener Berg auf ihre Seele und ſie weinte die Nacht heiße Thränen bis zum Morgen. Zum Glück war andern Tags ein Sonntag und die Cröver Baſe hatte mit dem Vater ausgemacht, alle vierzehn Tage dürfe Käthchen den Sonntag bei ihr in Cröv zubringen. Das war nun gerade der Tag, und ehe der Alte auf war, war ſie ſchon über das —5 Kloſter Wolf draußen und der liebe Jacob harrte ſchon mit dem Kahne. Dem klagte ſie ihr Weh gleich und der Schrecken lähmte faſt ſeine Hand. Kaum war ſie drüben, ſo ſagte ſie:„Wir können gegen Abend noch plaudern, Jacob; jetzt muß ich zu der Baſe. Weiß die keine Hilfe, ſo laufe ich lieber in die Moſel, als ich des alten Sünders Frau werde“ Und leichten Fußes flog ſie dahin und das thränenſchwere Auge des guten Jungen folgte der ſchönen Geſtalt, die blitzſchnell hinter den Häuſern verſchwand. Was machte die Baſe große Augen! „Was?“ ſagte ſie, und die Gluth des tiefſten Unwillens bedeckte das, wenn auch ſtark ausgeprägte, doch immer noch hübſche Geſicht der Baſe,„er will dich verſchachern gleich einem Juden?— Da hat er ſich verrechnet! Erzähle mir die ganze Unterredung, mein Kind!“ Das Mädchen vergaß keine Silbe. Als ſie bei der Stelle ankam, wo des geſtrengen Herrn Haupt⸗ manns Muth eine ſo ſchöne Rolle ſpielte, lachte die Baſe laut auf; allein bald verſank ſie in ein ſtilles Nachdenken und ſagte endlich wie aus einem Traum erwachend:„Das geht ſicher!“ Darauf wandte ſie ſich an das Mädchen.„Kind,“ ſagte ſie,„ſei gutes Muths und laß mich ſorgen. Du wirſt nicht des alten Sünders Frau, du müßteſt denn ſelber lüſtern ſein nach dem ſchönen Titel: Frau Hauptmännin?“— Käthchen bedeckte mit beiden Händen das Geſicht und ſchauderte zuſammen.„Lieber ſterben!“ rief ſie aus. „Oder noch lieber mit dem Jacob leben!“ ſagte die Baſe, und über des Mädchens ſchöne Züge legte ſich das tieſſte gluthigſte Roth. Sie fiel der Baſe um den Hals und hatte den Muth nicht mehr, ſie anzuſehen. „Nun, ſei nicht närriſch, Kind!“ ſagte ſie liebreich.„Ich weiß es ja, daß ihr euch lieb habt, und ich gebe euch meinen Segen. Deinen Vater will ich ſchon dazu bewegen, daß er auch ſeinen Segen gibt. So ſei denn nur heiter und thue, als wüßteſt du von der ganzen Sache kein Wort und als ging dich das Alles nichts an. 42— WMich laß ſorgen und vertraue mir, wie es auch komme. Nur, das halte ich mir aus, daß du aufs Beſtimmteſte Nein ſagſt, wenn der Vater mit dir redet und dich verplaudern will. Sollte er hart gegen dich ſein, ſo weißt du, wo deine Zuflucht iſt und wo dich ein Mutterherz erwartet.“ Wieder umſchlang das Mädchen den Nacken der Laſe und es war ihr, als wäre alles Weh und alle Angſt von ihrer Seele genommen. Was aber eigentlich die Baſe thun wollte, ſagte ſie nicht; auch redete ſie nur von Dingen der Haushaltung und andern Geſchichten, daß Käthchen am Ende alle ihr Weh in Cröv ließ und heiteren Herzens zu Jacob zurückkehrte, der ſchon lange in ſeinem Kahne ſaß, ſie zu erwarten. Er ſah forſchend in ihr Auge. „Du biſt ſo fröhlich und warſt doch ſo tief betrübt?“ fragte er.„Ach, was hab' ich für einen Sonntag gehabt?“ ſagte er ſeufzend.„Gott laſſe mich keinen mehr ſo erleben!“ Sie lächelte ihn herzig an.„Sei gutes Muths, Jacob, die Baſe hat's geſagt, wir könnten's ſein; ſie würde Alles zu nichte machen!“ „Hat ſie das geſagt?“ rief fröhlich der Jüngling aus.„O⸗ dann iſt Alles gewonnen. Sie hat Muth und Kraft wie ein Mann.“ Unter dieſen Geſprächen landeten ſie und ſtiegen langſam die Kloſterhöhe hinauf, und droben in den Ruinen ſetzten ſie ſich unter den Schatten eines Nußbaums auf eine der Trümmer und plau⸗ derten ſüß und traulich wie ſchuldloſe Kinder, bis die Abendſonne hinabgeſunken war und die Nacht kam. An demſelben Nachmittage war früh der Hauptmann wieder da. Die Stube war vollgepfropft, allein die Gäſte verliefen ſich ungemein früh. Zuletzt ſaßen nur noch Zwei bei dem Wirth. Es war eben der Hauptmann und der Rector der lateiniſchen Schule zu Trarbach, ein hagerer Schulmeiſter, den heute der Herr Hauptmann mit beſonderer Freigebigkeit traktirte und davon war der Rector ein Liebhaber.„Wo iſt denn Euer feins Töchterlein?“ fragte der Magiſter.„Hab' ja heute das liebe Kind noch nicht erblickt?“ N 5 „Sie iſt wieder bei der Syſe zu Cröv!“ rief ärgerlich der Molzenvetter.„Ich wollie, die Baſe wär' im Himmel!“ ſetzte er voll Ingrimms hinzu.„Was das für ein Ausbleiben iſt!“ „Freilich,“ ſagte das dürre Rectorlein,„es ſollte ein Mägd⸗ lein in ſolchen Zeitläuften, wie ſothane, nicht in der Nacht gehen!“ „Ja, ja, das ſag' ich hundertmal; aber da predige ich tauben Ohren, denn das Mädel iſt in die Alte wie verhert,“ ſagte der Wirth. „Nun, nun, Herr Molz,“ fiel ihm der Rector ins Wort,„ſo alt iſt ſie noch nicht und immer eine hübſche, ſtattliche Perſon. Nehmt's aber auch Eurem Kinde nicht übel. Die Mutter, Gott hab' ſie ſelig, kannte das liebe Kind kaum, als ſie das Zeitliche ſegnete, und die Baſe erzog es und war ihm Mutter. Da iſt's wohl kein Wunder, daß ſie ihm als Mutter gilt.“ „Freilich,“ ſagte gedehnt der Wirth, der die Wahrheit deſſen fühlte, was der Rector geſagt hatte. „Dennoch,“ rief er aber dann, wieder in den frühern Unwillen zurückfallend,„könnte das Mädel früher heimgehen!“ „Ja wohl,“ ſagte der Hauptmann zuſtimmend, der bis jetzt ſtill in ein Loch geſehen hatte.„Sie könnte einmal recht geängſtigt werden“ „Davor iſt mir nun nicht bange,“ verſetzte der Wirth.„Das Mädel hat Courage wie ein Huſar; aber wie leicht könnte ihr ein Unfall zuſtoßen! Ich meines Orts möchte ſo nicht in der Nacht gehen, denn ſie iſt keines Menſchen Freund, zumal ſie über das Kloſter gehen muß.“ „Ja, richtig,“ ſetzte der Rector mit bedenklicher Miene hinzu. „Hat das Etwas auf ſich?“ fragte neugierig der Hauptmann. Wirth und Schulmeiſter ſahen ſich fragend einander an. „Erzählt Ihr's,“ ſagte der Wirth zu dem Rector,„Ihr ſeid ein Gelehrter.“ Dieſer räuſperte ſich etlichemale und hob dann an:„Allerdings, Verehrteſter, man munkelt allerlei hier herum von dem Kloſter. Ich kanws freilich nicht verbürgen, ſintemalen und alldieweil ich ſelber das Spukweſen noch nicht geſehen habe, jedennoch ſind Leute genng da, die drauf leben und ſterben, es ſei in den alten Mauern nicht juſt. Und wenn man's ſo bedenkt, wie es ſeiner Zeit dort zuging, ſo könnt's einen eigentlich gar nicht verwundern, wenn der Herr ein Exempel ſtatuirte, wie er die Verworfenheit ſtraft.“ „Iſt's denn ein Geheimniß, weil Ihr nicht mit der Farbe heraus wollt?“ fragte der Hauptmann.„Was war's denn für ein Dohlenneſt?“ Dieſe Frage hatte der Rector erwartet, der ſeine Gelehrſamkeit gern an den Mann brachte. „Habt Ihr, geſtrenger Herr Hauptmann und Gönner, ſchon etwas von den Gogel⸗ oder Kugelherren gehört?“ fragte der Rector.„Kugeln habe ich wohl pfeifen gehört, aber nichts von den Kugelherren,“ ſagte lachend der Soldat. „Der Stifter des Ordens,“ verſetzte der Rector,„war Euer Herr Landsmann dazu, nämlich Gerhardus Groot aus Deventer, der Anno 1384 am zwanzigſten des Monats Auguſti mit Tod abgegangen iſt. „Er war ein gar frommer Herr und daneben auch Canonicus in Utrecht; wollte ſeine Seele nach Art ſeines Glaubens zu höherer Seligkeit fördern und ſtiftete darum ſelbigen Orden mit ſonderlicher Regel, und hat ihn der Papſt beſtätigt. Darauf haben die Erſten in Deutſchland Poſto in Geiſenheim im Rheingau gefaſſet und ſind dannenhero nacher Welf gekommen, wo ſie ſich auf ſelbigem Berge ein Kloſter erbauet, welches die Ritter und Grafen des Landes weidlich dotiret mit Gütern, Gülten, Zehnten, Gefällen, Rauch⸗ hafer, Baſtardfall, Rauchhühnern und wie der Segen alle hieß, den ſie dem Kloſter ſpendeten.“ „Iſt das alles?“ fragte der Hauptmann, als das Männlein inne hielt und aus ſeinem Glas einen Moslerzug that, das heißt, der bis auf den Boden reichte. „Nein, nein, geſtrenger Herr und Gönner,“ rief er darauf haſtig,„ich bin noch keineswegs am Ende. Hört nur weiter. „Reichthum macht üppig und liederlich denjenigen, der ſich nicht ſelber beherrſchen und höhern Gebrauch von den Gottesgaben machen kann. Was zur Ehre Gottes und der Armen Heil geſchenkt war, —— Sd kam es denn, daß das ſittliche Verderben mit allen Mächten einriß und das Kloſter ein Pfuhl des Laſters und der Schwelgerei war. Da konnte denn das Straf⸗ gericht nicht ausbleiben. Schirmvogt und Erzbiſchof jagten ſie fort und zerſtörten die Stätte der Unzucht. Und als nun die Mönche hier und dort ſtarben, mußten ihre Geiſter hierher wandern und als Geſpenſter umwandeln, und das müſſen ſie ſo lange, bis ſie ſich ſelber alle begraben haben.“ „Wie?“ fragte Gorgelfleth, den es eiskalt überlief. „Ja,“ fuhr der Rector fort,„alle hundert Jahre finden ſie für einen aus ihrer Mitte ein offenes Grab und legen ihn hinein, der dann erlöſt iſt; daher ſieht man ſie, nämlich wer ein Frohn⸗ ſonntagskind iſt, in langem Leichenzuge vorüberziehen von der Stelle, wo das Refectorium war, bis zum Gottesacker, und wenn ſie kein Grab finden, tragen ſie ihn wieder zurück, und ſo ſoll's alle Abende geſchehen.“ „Huh, huh!“ rief der Hauptmann und ſchüttelte ſich.„Ich ſag' euch, ihr Herren, zehn Lebendige vor die Klinge und ich fürchte mich nicht; aber ſo ein Leichenzug könnte mich aus der eigenen Haut treiben, und die liegt doch recht feſt an, wie ihr wiſſet. Wie möget ihr es doch zulaſſen,“ wandte er ſich vorwerfend gegen den Wirth,„daß das herzliebe Kind zu ſolcher Nachtſtunde über den gefährlichen Weg gehet?“ Dem Wirthe war es graulich geworden und er ſchüttelte ſich mehrmals, der Vorwurf aber ärgerte ihn über die Maaßen. „Was kann ich dafür,“ rief er zornig aus,„wenn die Alte zu Cröv das Kind ſo lange hält? Ich ſollt'mal drüber maulen! Himmel und Erde, wie ſollte dies Zankeiſen mir den Kümmel reiben! Aber wenn ihr Euch ſo für das Mädel in den Riß legt, ſo ſtehet auf und gehet ihm entgegen, es zu ſchützen! Ihr habt ja den Bratſpieß an der Seite!“ Der Rector überblickte ſchnell die Lage der Sachen. Er ſah in des Wirthes Auge den Grimm, in dem des Hauptmanns die Verlegenheit, und mochte gern Beide befriedigen. „Mit Gunſt,“ ſagte er,„ich glaube, daß dies nicht nöthig iſt. Einem ſo frommen, reinen, lichen Kinde thun die Geiſter nichts. Ihr werdet ſehen, daß ſie wohlbehalten ankommt. Auch weiß man hierorts genau, daß ſie Niemanden etwas zu Leide gethan; ſie tragen nur ihre Todten vorüber, damit iſt's aus und fertig.“ „Nein, nein!“ rief der Wirth aus.„Wenn Ihr's mit dem Kind ſo gut meint, wie Ihr ſagt, ſo geht ihm entgegen. Thut Ihr das nicht, ſo—“ „Halt!“ rief der Hauptmann,„ich gehe ſchon!“ Er ſtand auf und faßte den dürren Schulmeiſter am Arm und zog ihn, obwohl er ſich ſträubte, zur Thüre hinaus in die ſtockfinſtere Nacht.. Kaum einige Häufer weiter ſtand er ſtill. „Herr Rector und guter Freund,“ ſagte er,„wenn Ihr meint, ich hätte Luſt nach dem verfluchten Kloſter zu gehen und meinen Hals zu riskiren, ſo ſeid Ihr auf falſcher Fährte. Ihr habt voll⸗ kommen recht, wenn Ihr ſagtet, ſolch frommem Kinde, wie das herzige Käthchen iſt, thäten die geſpenſtigen alten Schmöger nichts. Ich glaub's gewiß; da brauchte ſie uns nicht. Sie wird nun auch ganz nahe bei Traben ſein. Ueberdies iſt es friſch dieſe Nacht, und da ich am Zipperlein laborire, ſo iſt mir die Nachtluft nicht gut. Ich denke, wir wenden uns zur Pont und ſchiffen nach der guten Stadt Trarbach hinüber, legen uns ins Bett und pflegen der Geſund⸗ heit, die doch das edelſte Gut bleibt, das uns Gott anvertraut hat.“ „Da habt Ihr ein weiſes Wort geſprochen,“ verſetzte der Rector, dem eine Gänſehaut nach der andern über den Rücken lief. „So laſſet uns denn umkehren und uns ſalviren.“ Geſagt, gethan. Bald ſtanden ſie in der Pont, und als ſie die Moſel von dem Ufer ſchied, wo die Gefahr drohte, kehrte Beiden der Muth wieder und ein Jeglicher ſuchte ſeine Wohnung. Es war einer jener neckiſchen Zufälle, die im Leben oftmals eintreten, daß das herzige Käthchen längſt ſtille hereingeſchlüpft und hinter der Bretterwand Ohrenzeuge der ganzen Geſchichte war, die, wenn ſie auch ihr einigemal kühl um das Herzchen machte, dennoch Beluſtigendes genug für ſie haben mußte.„Das alles muß die Baſe wiſſen!“ ſagte ſie lachend zu ſich. Als ſie der Vater fand, war er zufrieden und legte ſich gutes Muthes nieder. 4 MW X Mittlerweile war es dem geſtrengen Herrn Hauptmann van Gorgelfeth nicht nach Wunſch ergangen. Das Zipperlein mit all ſeinen Leiden hatte ſich eingeſtellt und ihn auf das Bett der Ehre gelegt, auf dem er fluchend und tobend ausharren mußte. Nur allein der Herr Rector beſuchte ihn da und tröſtete ihn in ſeinen Schmerzen. „Hört, geſtrenger Herr und Gönner,“ hob er eines Tags an, „wie ich habe vermerken können, ſo buhlt Ihr um des Schwanen⸗ wirths Töchterlein. Laßt Euch rathen. Es ſind noch mehr Leute da, die Euch ins Gehege gehen, abſonderlich, wie ich höre, Einer in Cröv; iſt aber ein blutarmer Schelm. Unterdeſſen iſt ein Wei⸗ berherz ein kurios Ding, und wer ihm unbedingt traut, iſt auf falſchem Weg. Ich würde Euch rathen, das Vögelein einzufangen, ſo es eben noch Zeit iſt.“ „Ihr ſeid mein guter Freud,“ ſagte betroffen der Haupt⸗ mann, der nicht im entfernteſten daran dachte, daß ihm Gefahr drohe,„was ſoll ich's Euch verhehlen? Der alte Fuchs hat ſeine Einwilligung an etwas läſtige Bedingungen geknüpft. Verſteht Ihr Holländiſch?“ „Hebräiſch, Syriſch, Chaldäiſch, Griechiſch und Lateiniſch verſtehe ich wohl,“ ſagte der Rector mit Gravität,„aber Hollän⸗ diſch keine Silbe, es müßten denn einige Brocken ſein, die ich von Euch aufgeſchnappt.“ „Blexem!* rief der Hauptmann,„das iſt ſchlimm, iſt denn ſonſt Niemand hier, der deſſen kundig wäre?“ „Keine Seele, wohledler Herr und Gönner!“ verſicherte der Schulmann. Während der Hauptmann das äußerlich bedauerte, jubelte er in ſeinem Herzen, weil er nun vollkommen ſicher war, daß dem Wirthe Niemand ſeinen falſchen Abſchied würde deuten können. „Aber,“ fragte der neugierige Rector,„wenn ich fragen darf, was hielt ſich denn unſer Freund Molz aus?“ „Das ſollt Ihr hören,“ entgegnete der Hauptmann,„denn Ihr ſollt Zeuge ſein bei dem Acte, den ich ſofort will aufnehmen laſſen. Thut mir den Gefallen und ruft mir den öffent⸗ lichen kaiſerlichen Notar Zilleſius hierher.“ „ ——— Der Rector nahm ſein Spaniſchrohr, rückte ſeine Perücke oder Atzel zurecht und ging, ſeines Gönners Wunſch zu genügen. Nicht lang nachher trat der Notarius Zilleſius in das Gemach auf der Gräfinburg, ſetzte ſich nach großen Förmlichkeiten an den Tiſch und begann ſeinen Act, worin der Hauptmann Jan van Gorgelfleth ſeiner Zukünftigen, Katharine Molz, ſeine Güter Har⸗ terdam und Eulendorp in Nordbrabant, und Alles, was er von ſeinen beiden Tanten, Laurentia und Eva van Gorgelfleth, ledigen Standes in Saardam, und ſeinem Oheim, dem Ergouverneur von Java, Herrn van Audermeulen, inskünftige zu erben habe, wie auch alle ſeine fahrende Habe verſchrieb. Nachdem der Act geſchloſſen und verſiegelt war, unterſchrieb der Hauptmann und der Rector als Zeuge. Hierauf nahm der Hauptmann Beiden das Verſprechen der Verſchwiegenheit ab, und die Geſchichte hatte ihr Ende erreicht. Wenn der Soldat auf Verſchwiegenheit rechnete, ſo war ſeine Rechnung falſch; denn der Rector war eine alte Plaudertaſche und der erſte Mährchenträger in Trarbach. Gegen den folgenden Mittag fühlte der Hauptmann ſich ſo munter, daß er hinüber konnte nach Traben. 8 Freudig begrüßte ihn der Molzenvetter, und ſein Geſicht ver⸗ klärte ſich in ſeliger Hoffnung, als ihm der Hauptmann den Abſchied und den Act vorlas und den erſteren verdeutſchte. Er erhielt das Jawort des Vaters in beſter Form. „Was hilft mich das,“ ſagte der Hauptmann;„macht, daß ich das Wort Eurer Tochter und den Brautkuß erhalte!“ „Alles im Sturme!“ brummte der Wirth.„Wartet's ab! Die Zeit bringt Roſen. So ein Mädchen iſt wie eine Feſtung, ſie will belagert und erobert ſein. Das müßt Yhr doch aus Kriegserfahrung wiſſen.“ Das merkte ſich der Hauptmann und bot alle Liebenswürdigkeit auf, die ihm zu Gebote ſtand; allein das Alles erwarh ihm noch keinen freundlichen Blick. Er verſuchte es mit glänzenden Geſchenken, aber ſie nahm ſie nicht an. Als er es dem Alten klagte, rückte der mit Entſchiedenheit vor; aber wie erſtaunte er, als ihm das Mädchen beſtimmt und 6 .————————— feſt erklärte, ſie werde eher in die Moſel laufen, als den Haupt⸗ mann heirathen! Er bat, aber ſie beharrte. Er drohte, aber ſie wankte nicht. Er donnerte, haſelirte wie raſend im Hauſe herum, aber unter Thränen erklärte das Mädchen daſſelbe. Nun war der Friede aus dem Hauſe gewichen. Ebenſo vergeblich blieben die Vorſtellungen aller Vettern und Baſen aus Trarbach, Enkirch und Traben. Was zur Familie gehörte, legte ſich ins Geſchirr, um der Ehre willen; allein das Mädchen begriff die Ehre nicht und ſagte nein. So ſtanden die Sachen, als eines Tags ein Mann von Cröv ſich am Tiſche des Schwanenwirths niederließ. Der Wirth reichte ihm das Schöpplein und ſetzte ſich zu ihm. Vom Wetter anhebend, kam endlich der Mann auf die Heirath zu reden und brachte ſeinen Glückwunſch gehörig an. „Ja, ja,“ ſagte der Molzenvetter,„das Alles wäre ſchon recht ſchön und gut, wenn nur das Mädchen wollte!“ „Aha!“ ſagte der Cröver,„merkt Ihr nichts?“ „Was denn?“ fragte der Wirth mit Neugierde. „Ei, daß die Baſe dahinterſteckt!“ rief der Cröver. „Daß dich das Mäuſel beiß!“ rief Molz aus.„Ich glaube Ihr ſeid auf der rechten Fährte.“ „Ob ich das bin?“ ſagte der Andere,„freilich bin ich's. Dem Perl⸗ huber ſein Jacob löffelt um das Mädchen ſchon ſeit der Confirmation — herum, und die Kathrinebaſ ſieht's gern, weil ſie den Jungen gern hat.“ 3 „Der iſt ja aber ſo arm wie eine Kirchenmaus! Das muß 3 ich ſagen!“ „Es wäre der ein rechter Schwiegerſohn für Euch. Und— wenn Ihr mich nicht verrathen wollt, will ich Euch etwas erzählen. „Erinnert Ihr Euch nicht, daß am Sonntag vor acht Tagen das Käthchen ſpät heimkam?“* „Freilich!“ rief der Wirth. „Nun, da war ich in den Kloſtermauern—“ „Ihr?“ fragte mit Entſetzen der Wirth.„Thaten Euch denn 3 die Geiſter nichts?“ W. 4 N „Das fragt Ihr doch wohl nur im Spaß und Utz,“ ſagte der Cröver,„denn vernünftige Männer glauben an keine Kindermähr⸗ lein. Kurz, ich ſaß da, und alsbald kam Käthchen und Jacob Arm in Arm, und herzten und küßten ſich.“* „Ei ſo fahr' Euch das Wetter in den Lügenhals hinein“ tobte der Wirth.„Das thut mein Kind nicht.“ „Seht's ſelber,“ ſagte der Mann ruhig.„Laßt übermorgen das Mädchen nach Cröv gehen und kommt um acht Uhr auf das Kloſter. Ich erwarte Euch da, und wenn Ihr's nicht ſelber ſehet, was ich ſage, ſo ſollt Ihr das Recht haben, mich einen ſchlechten Mann zu nennen. Ich erwarte Euch.“ Damit zahlte er ſein Schöpplein, ſagte Adjes und ging. Der Wirth war außer ſich. Er rannte wie ein Verrückter umher und durfte doch, wollte er hinter die Geſchichte kommen, nichts ſagen; aber zorniger als je ſprach er ſein Ja, als Käthchen fragte, ob ſie morgen nach Cröv zur Baſe gehen dürfe? Am Samſtag Mittag kam der Hauptmann. Auch ſeine Stirne lag in krauſen Falten, und man ſah es ihm an, daß er etwas Unangenehmes hinter dem Berge hielt. Als ſie allein waren, ſagte er:„Schwiegervater, was hab' ich gehört? Das Mädchen ſoll in Cröv eine Liebſchaft mit des Perl⸗ huber's Jacob haben. Schöne Geſchichten!“ „Hab's auch gehört,“ ſagte verblüfft darüber, daß es der Eidam ſchon wußte, der Molzenvetter.„Ich kann's gar nicht glauben. Um aber dahinter zu kommen, ſchlag' ich Euch vor, daß wir morgen gegen Abend auf das Kloſter gehen und aufpaſſen“ „Auf das Kloſter!?“ rief der Hauptmann und entfärbte ſich. „Was Teufels fällt Euch ein? Wollt Ihr den geſpenſtigen Kugelherren, wie ſie der dürrbeinige Schulmeiſter nennt, in die Mäuler laufen?“ Ach was!“ ſagte der Wirth.„Ich hab' in Cröv einen guten Freund, der iſt ein Teufelsbanner, der wartet auf uns. Soll denn die Sache ſo im Zweifel bleiben? Ihr müßt dahinterkommen und ich auch. Nehmt Euern Palaſch mit und einen Knittel, dann laßt ſie kommen.“ Der Hauptmann wußte nicht, ob er träume, ſo hatten ſich des Molzenvetters Gedanken geändert. Er ſtarrte ihn ungläubig an. „Was guckt Ihr da?“ fragte dieſer.„Soll ich Euch, einen wetterharten Soldaten, an Muth übertreffen? Pfui, die Schande werdet Ihr Euch doch nicht machen?“ „Wer führt Euch aber die Wirthſchaft?“ fragte der Haupt⸗ mann, der nach Abwehr des Anmuthens ſuchte. „Dafür laßt mich ſorgen,“ erwiederte der Wirth.„Mein Vetter, der Küfer Kaſpari, der drunten an der Moſel wohnt, hat ſchon mehrmals meine Stelle redlich vertreten. Alſo bleibt's dabei, Punkt acht Uhr!“ Was wollte der Hauptmann machen? Gab er ſich bloß, ſo war es um ſeine Ehre als Soldat vollends geſchehen; er mußte alſo zuſagen. Die Unterredung wurde durch Gäſte unterbrochen, die Flatz nahmen. Sowohl der Wirth als der Hauptmann waren ſehr zerſtreut dieſen Tag, und Keiner brachte es ſo weit, ein Lanz⸗ knechtchen oder Knöchelſpielchen zu machen. Frühzeitig zog der Hauptmann ab, zumal ſich Käthchen heute gar nicht ſehen ließ. In einem der Keller des Kloſters Wolf auf der Höhe, welche in ſcharfem Bogen die Moſel umkreiſt, war an dieſem heiligen Sonntag ein verwunderlich Treiben. Da lagen zehn Fackeln und eine Laterne, die am hellen Tage brannte. Da ſtand eine Bahre zum Tragen, wie ſie Schreiner haben, um neues Geräth zu den Kunden zu bringen. Da ſtand ein Korb mit weißen großen Tüchern, und dabei ſaßen, leiſe plaudernd, Jacob und neun junge Burſchen aus Cröv. Was aber das Poſſierlichſte war, in einer Ecke lehnte eine Figur, die eine Art holländiſche Uniform anhatte. Sie war aus Stroh gemacht und hatte eine Larve vor und einen Federhut auf. „S iſt doch ein mordpfiffig Weibsbild, die Kathrinebaſ',“ ſagte der Jacob Perlhuber.„Wer wäre auf den luſtigen Einfall gerathen?“ „Wenn du dir den Wanſt von Holländer vom Leibe ſchaffſt — — 55 und das ſchöne Kind kriegſt,“ ſagten die Anderen,„ſo mußt du ihr die Hände küſſen.“ „Will's auch thun,“ ſagte er, und die Hoffnung malte ſich auf ſeinem blühenden Geſichte. „Wißt ihr was,“ hob wieder ein Anderer an,„ich denke, wir nehmen die Kreide und malen uns einſtweilen die Geſichter weiß. Das iſt eine abſcheulich langweilige Arbeit.“ Alle ſtimmten bei und der Burſche begann die Geſichter mit Kreide weiß zu machen. Bald ſahen die blühenden Geſichter der jungen Leute fürchterlich aus, und als der Mann von Cröv, der die beiden Helden erwartete, in das Gewölbe trat, fuhr er faſt mit Entſetzen zurück, ſo ſchauderhaft war in der That der Anblick. An Stoff zum Lachen und zu allerlei Schnacken fehlte es nicht. Als es gegen acht Uhr ging, fragte der Mann einen der Burſchen: „Weißt du auch deine Rede noch?“ „Freilich;“ lachte der, und Zener ging, nachzufehen, ob die Erwarteten recht bald nahten; aber Alles war ſtill, und ſo weit das Auge reichte, konnte man Niemanden ſehen. Endlich, als die Sonne ſchon lange hinabgeſunken war, kamen die beiden Helden langſam den Berg herauf, wurden von dem Wartenden empfangen und hinter das Gebüſch, das ſich erſt mit jungem Grün geſchmückt, geführt, wo man das Innere der Mauern überſehen konnte. S Still ſaßen ſie da auf dem ſchwellenden Moos und harrten des liebenden Pärchens. „Sie kommen nicht und es wird dunkel,“ ſagte mit angſt⸗ bebender Stimme der Hauptmann. „Seid kein Narr, Schwiegerſohn,“ flüſterte ihm der Wirth ins Ohr.„Wollt Ihr Eure Soldatenehre vor dem fremden Manne verlieren? Ich habe Courage, ſo lange der bei uns iſt Der Hauptmann biß ſich in die Lippen. Allmählich wurde es dunkler. „Das Teufelsmädel!“ bruümmte der Wirth, dem es doch auch nicht geheuer war. Er hielt ſich feſt an des Erövers Arm. „Seid doch kein Kindskopf, Molzenvetter,“ ſagte der halblaut. „Ich glaube gar Ihr zittert?“ ₰ — 53— 5 „6 iſt der Grimm über das Mädel!“ rief Molz. Vas Grimm?“ ſagte der Hauptmann, der ſich über die Lüge des Wirths ärgerte, der doch ſo wenig Muth hatte als er ſelber, und jetzt den Eiſenfreſſer ſpielen wollte,„Geiſterfurcht iſts!“ „Nun wird's gut,“ ſagte zornig der Wirth.„Ein Eſel nennt den andern Langohr!“ „Haltet Euer ungewaſchenes Maul, altes Weib,“ fuhr der Soldat auf,„oder ich ſpalte Euch den Kopf!“ „Ei ſieh da,“ ſchrie der Wirth,„wie wird der Held von Bergen op Zoom auf einmal ſo tapfer! Lief dort vor einem Deſerteur fort, der ein weißes Hemd übergezogen, und will mich hier der Geiſterfurcht zeihen! Altes Weib! Wer weiß, wem von uns Beiden der Weiberrock am beſten paßt? Himmel und Erde, wenn ich ſo einen Helden ſehe, der das Ferſengeld zahlt, wenn's in die Schlacht geht! Meint Ihr, Eure Soldaten wären blind und ſtumm? Mich ein altes Weib nennen? Ei da ſoll jun—“ Aber die Verwünſchung blieb ihm in der Kehle ſitzen, die des Haupt⸗ manns Fauſt, in ſolchen Kunſtgriffen geübt, mit Rieſenſtärke gefaßt hatte. Der Wirth war auch nicht ſchwach. Er rang ſich aus den Fäuſten des Soldaten heraus und ſchlug mit aller Kraft auf deſſen weit vorſtehende Naſe, daß ein Blutſtrom daraus hervorquoll. Die Rauferei würde ohne Zweifel noch zu größeren Thätlich⸗ keiten geführt haben, hätte nicht der Cröver überlaut gerufen: „Was iſt das?“ Die Streitenden ließen ſich los und fuhren mit den Köpfen herum. Da kam aus dem Gewölbe ein Zug weißer Geſtalten mit Leichengeſichtern. Ein Jeder trug eine Fackel in der Hand. Lang⸗ ſam ſchritten ſie daher, und in ihrer Mitte erſchien die Bahre mit dem aufgeputzren kleinen dicken Strohmanne. Die Dämmerung ließ das Alles noch ſchauerlicher Von lähmendem Schrecken gehalten, ſtarrten die Beiden, welche eben ſo kampferhitzt waren, den geſpenſtigen Zug an. Sie konnten nicht von der Stelle. — 4 — 54— Da ſprach eine dumpfe Stimme:„Tragt den Hauptmann van Gorgelfleth zu ſeiner Gruft, den Lügner, Säufer, Spieler und Betrüger!“ „Siehſt du, Hund,“ ſchrie der Hauptmann und ſchlug den Wirth zu Boden, das iſt dein Werk!“ ergriffen rannte er über Stock und Stein d raffte ſich aber wieder auf und lief, ſo hinab. Der Cröver winkte, und blitzſchnell waren die Fackeln ſammt den Trägern in dem Gewölbe zurück. Der Wirth lag regungslos an der Erde. Als der Eröver in das Gewölbe lief, rief er:„Jacob, waſche dich ſchnell und komm, der Soldat hat den Alten geſchlagen, daß er ohne Beſinnung iſt.“ Drauf kehrte er zu dem Wirthe zurück, wohin ihm Jacob ſchnell folgte, während die Anderen ihr Geräthe verbargen und gen Eröv hinabliefen unter herzlichem Gelächter über den Poſſen, den ſie Beiden geſpielt. Eben als der Wirth unter den Bemühungen der Beiden erwachte, kam die Baſe mit Käthchen langſam daher. Sie hielt ſich ſehr ernſt, Käthchen ahnte von der Geſchichte nichts, denn die Baſe hatte ſie wohlweislich aus dem Spiele gelaſſen. Wie erſchrack das gute Kind, als ſie ihren Vater leichenblaß ſah und an dieſem Orte. „Wie kommt Ihr hierher, mein Vater,“ fragte ſie angſtvoll. „Iſt Euch etwas paſſirt?“. „Paſſirt? Du ungerathenes Ding,“ kollerte der Alte.„Bin ich nicht deinetwegen mit dem Holländer, dem Flegel, hierher gegangen, und der Kerl haut auf mich wie beſeſſen? Fragſt du noch? Dich wollten wir abfangen mit deinem Buhlen, der hier iſt, und da kommen die Geiſter faſt noch bei hellem Tage!“ Käthchen begriff die Geſchichte nicht. Sie ſtarrte bald ihren Vater, bald die Baſe an. 3 „Es ſcheint, der Wein hat Euch den Kopf verwirrt, Schwager,“ ſagte dieſe;„denn ſonſt könntet Ihr ſo ſinnlos nicht reden. Ohnehin wollt ich Euch ſagen, daß Eure Wirthſchaft mit dem Holländer mir Und von Todesſchrecken avon; ſtürzte zur Erde, ſchnell er konnte, den Berg 7. nicht gefällt, und daß ich im Begriffe bin, mein Teſtament zu Gunſten des hier anweſenden Jacob Perlhuber zu machen. Gebt nun Euer Kind dem reichen Offizier, es bedarf meines Geldes nicht.“ Sie drehte ſich um und ging ruhig den Weg nach Cröv zurück. Eine Weile ſtand der Wirth wie verſteinert; dann lief er ihr nach.„Kathrine,“ rief er,„biſt du verrückt geworden? Mein— deiner Schweſter Kind willſt du enterben? Ich bin ein geſchlagener, ein verlorner Mann!“ „Gebt ſie dem reichen Holländer!“ ſagte unerſchütterlich die Baſe. „Um Gotteswillen, Kathrine,“ rief der geängſtigte Wirth, „glaubſt du denn, ich gäbe dem Menſchen mein Kind, der mich abgebläut hat, der mich erwürgen wollte? Rein, niemals, ſo wahr ich lebe! Haſt du denn das Teſtament ſchon gemacht?“ „Es iſt Alles fertig,“ ſagte ſie.„Geſtern war ich in Trarbach, denn ich hörte, Ihr hättet Euer Jawort gegeben.“ „Iſt's denn nicht mehr rückgängig zu machen?“ fragte er in bebender Angſt. „Ich breche mein Wort nicht!“ ſprach Kathrine. Der Cröver war indeſſen langſam herbeigekommen, während ſich das bebende Mädchen an ihren Jacob lehnte. Erſchrocken fuhr der Wirth herum, als er die Tritte hörte, wurde aber wieder ruhig, als er den Mann erkannte. „Ich wüßte einen Rath,“ ſagte er zu dem Wirthe,„wie nämlich das Vermögen der Kathrinebaſ' dennoch Euerm Kinde bliebe, Molzenvetter. Gebt dem braven Jacob das Käthchen zur Frau, ſo iſt Alles gut. Dem dicken Holländer werdet Ihr ſie wohl nicht geben wollen, denn ich bin Zeuge, daß er Euch den Hals umdrehen wollte. Das iſt ja ein Strauchmörder! Der würde, wär' er Euer Schwiegerſohn, Euch das Mus auf dem Kopfe hacken und dem guten Kind ebenſo. Der Jacob iſt, wie Ihr ſeht, nun ein reicher Burſche, und brav iſt er und treu wie Gold. Beſinnt Euch kurz!“ In fieberhafter Aufregung ſtand der Wirth da. Er wußte nicht, was er thun ſollte. Immer verworrener wurden ſeine Gedanken. * — 56 ₰ — „Ach Gott,“ ſagte er und ſeufzte tief auf,„ich weiß nicht, was ich thun ſoll!“ „Mir iſt recht, was der da geſagt hat,“ ſprach die Baſe in ihrer unüberwindlichen Ruhe.„Bedenkt, Schwager, daß der Jacob ſein Geld braucht und Ihr Alles herausgeben müßt. Da iſt kein Ausweg.“ Da rief, um der Folterqual los zu werden, endlich der Wirth: „So mag er ſie nehmen in Gottes Namen!“ „Kommt her, Ihr Kinder,“ rief da plötzlich in ſeliger Freude die Baſe,„er will euch ſeinen Segen geben!“ Die kamen ſchnell wie der Wind dah Hände in einander, ſah aber immer noch „Nur laßt uns dieſen vermaledeiten Ort verlaſſen, ſo ſchnell als möglich,“ bat der Wirth; und ſie gingen nach Cröv, wo die Verlobung dieſen Abend noch gefeiert wurde. Am andern Morgen mußte Jacob den Schwiegervater und die Braut nach Traben fahren, denn der Wirth wäre um kein Gut mehr über das Kloſter gegangen. Der Hauptmann betrat des Wirthes Schwelle nicht mehr, und da die Probe ſeines Heldenmuths allgemein bekannt wurde, kam es ihm ſehr gelegen, daß ſeine Compagnie bald darauf abgerufen wurde zum größten Leidweſen des Herrn Rectors. Eine fröhliche Hochzeit folgte bald, und Jacob ſchickte ſich ſo gut in die Wirthſchaft, daß der Wirth die geiſterhaften Mönche ſegnete, die ihm einen ſo guten Schwiegerſohn zugeführt. Käthchen kam bald hinter die Geſchichte, aber ſie grollte weder der Baſe noch ihrem lieben Manne. Hier endete mein Vetter Stoffel.„Bravo!“ ſag' mir doch, wo haſt du die Geſchichte her?“ „Ich habe dir's ja ſchon geſagt,“ antwortete et,„aus der Chronik von Traben!“ „ er und er legte ihre ſcheu um ſich. ſagte ich,„aber Des Domprobſts Mündel. Eine hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählung aus der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts. —rronberg er bildete ein Oval, d ſtattlich Gezelt einnahm, on genugſam ſeinen Bewohner wenn nicht zwei Herolde mit dem über dem gelben Rocke dort ſichtbar K Reichsfahne auf der Zinne des Gezeltes At hätte.— Dort wohnte des Reiches ihrem lieben Mann Hier endete mein Vet ſag' mir doch, wo haſt du die G. † „Ich habe dir's ja ſchon geſu Chronik von Traben!“ N I. Einem mehr naſſen als kalten Januar war der milde Februar des Jahres 1349 gefolgt. Ungewöhnlich heiter und warm waren die Tage, und ſchon ſah man das junge Grün auf den Wieſen und die Maßliebchen blickten freundlich daraus hervor, und der Wieſen⸗ ranunkel glänzte goldgelb aus ſeinen ſaftigen Blättern. An ſonnigen Rainen blühte das duftende Veilchen und der wilde Johannisbeer⸗ ſtrauch trieb friſchgrüne Blättlein. Auch die Lerche und der Buch⸗ finke ließen ihr Frühlingslied hören— kurz, überall begann ſich das frohe Auferſtehen anzukündigen, das dem öden Winter folgt und Wonne jeglicher Kreatur bringt. Es war eben um dieſe Zeit, als die Umgegend von Frankfurt am Main einen gar ſeltſamen Anblick darbot. Die Thore waren bewacht und wohl verſorgt. Ueberall ſah man wehrhafte Bürger auf den Thürmen und Mauern. Vor der Stadt dehnte ſich ein mächtiges Kriegslager aus, das rings ein Erdwall und Graben, und innerhalb deſſelben noch eine anſehnliche Wagenburg, umgab. In dem Lager regte es ſich im bunten Gewimmel. Ritter und Reiſige kamen und gingen. Größere Abtheilungen ſchwärmten den Main hinab gen Höchſt, ebenſo gegen das Gebirge bis Kronberg und jenſeit weithin in die Ebene. Das Lager bildete ein Oval, deſſen Mittelpunkt ein gar anſehnlich und ſtattlich Gezelt einnahm, deſſen Ausdehnung und Pracht ſchon genugſam ſeinen Bewohner angekündigt haben würde, auch wenn nicht zwei Herolde mit dem Reichswappen auf der Bruſt über dem gelben Rocke dort ſichtbar geweſen, und die mächtige Reichsfahne auf der Zinne des Gezeltes mit dem Winde geſpielt hätte.— Dort wohnte des Reiches Oberhaupt. — 60. Hatte denn der Krieg ſein en Spiel n nne die Reichsſtadt belagert? Hatte ſie vielleicht rebelliſch ſich aufgelehnt gegen des Kaiſers heilige Majeſtät— denn das große Gezelt mit der Fahne und den Herolden war das Kaiſerzelt. Nichts von dem Allem hatte ſich zugetragen.» Im Prediger⸗Kloſter zu Frankfurt war am 1. Januar 1349 nach manchem Wirren der edle Fürſt Günther von Schwarzburg durch die Kurfürſten von Mainz, von der Pfalz, Sachſen und Brandenburg gewählt worden zum Kaiſer des deutſchen Reiches, da ſie Carl's 1v. Wahl und Krönung für ungiltig erklärten. Günther hatte die Wahl angenommen und nahte ſich der Wahl⸗ und Krönungsſtadt mit einem ebenſo anſehnlichen als auserleſenen Heere, deſſen kriegeriſcher Geiſt ſich nicht verkennen ließ. Wohl dachte der neue Kaiſer nicht daran, daß ihm die Wahlſtadt ihre Thore zuſchlöſſe. Aber das alte Recht war heilig, und es erblickte mit Staunen Günther ſich in die Nothwendigkeit verſetzt, entweder ſchnell den Gegner, Carl IV., aufzuſuchen, ihn zu überwinden und* ſich ſo die Thore zu öffnen, oder ſechs Wochen und drei Tage zu lagern vor den Thoren der Stadt und des Feindes zu harren. Waren dieſe Tage um und der Gegner nicht, ſo zog ungehemmt der Kaiſer ein. Günther war klug genug, die Privilegien der alten Stadt zu ehren. Er ließ ein Lager ſchlagen und bezog es. Der günſtige Winter machte das möglich. Er harrete des Feindes, ſtets gerüſtet, aber er kam nicht. So wurde das Leben im Lager ein fröhliches* Luſtlagerleben, wo die Kurzweil ihre verhaßte Stiefſchweſter nicht zur Herrſchaft kommen ließ. Alle Bedürfniſſe floſſen in reichen Strömen dem Heere zu, und das Geld der kaiſerlichen Kammer⸗ knechte in der Judengaſſe zu Surt fand leichten Weg ins Lager und fröhlichen Willkomm. Es war eben in der erſten Hälfte des Februars 1349, als ſich von Falkenſtein het ein Zug Reiſiger gegen Frankfurt hin bewegte. Es mochten wohl z die dreißig wehrhafte Männer in den beſten ahren ſein, wohl! ritten, bewappnet und gekleidet. Sie führten N. ein Fähnlein, drinnen das Wappen derer von Falkenſtein kunſtreich geſtict war, ein Wappen, das ſchon von eines Zeltes Zinne im Lager gar ſtattlich wehte. An des reiſigen Haufens Spitze konnte man zwei Ritter erkennen. Der Eine, jung, edel gebaut, groß und ſtattlich, trüg eine ſtahlblaue Rüſtung mit dem Wappen der Ritter von Wiltberg auf dem Schilde; der Andere, ein Greis, gebeugt von der Laſt der Jahre, von bleichem, krankhaftem Anſehen, trug ein pelzverbrämtes Sammtkleid von dunkler Farbe, einen Sammthut, der tief herab das ſchneeweiße Haar bedeckte, und einen weiten Mantel darüber, der ihn gegen die möglichen Wechſelfälle der Witterung ſicherſtellen konnte. Der Zug bewegte ſich langſam fort und die Ritter ſprachen traulich, indem der Greis, nach der Alten Art, Geſchichten aus früheren Tagen lebhaft erzählte, die der Jüngere ſchon oft gehört haben mochte, da er mehr ſeinen eigenen Gedanken mnſuhüngen ſchien, als auf jene Geſpräche zu hören. „Siehſt du, Rüviger“ fuhr der Alte fort,„unſere Freund⸗ ſchaft, nämlich die deines Vaters und die meine, datirt ſich von Kaiſer Ludwig's Römerzug. Gott gnade ihm! Damals, als wir ſchon die Wachfeuer des verfluchten unteritaliſchen Geſindels auf den Höhen von der Engelsburg aus deutlich ſahen, als die gährende Stimmung der treuloſen gelben Römer ſich kecker kund gab, merkte der Kaiſer, es ſei Zeit, von dannen zu ziehen. Wir hätten gerne das Neſt der Molche anſtecken mögen; was aber der edle Kaiſer verboten hatte. Wir, dein Vater und ich, gehörten zu den Letzten, die aus dem großen Thore zogen, was gen Deutſchland weißt. Da ſchmiß mir ſo eine gelbe Teufelslarve einen Stein auf den Kopf, daß ich betäubt vom Pferde ſank. Ungemeſſener Jubel umtönte uns. Mit jedem Augenblicke wuchs die Gefahr mit dem Uebermuthe des Geſindels. Da brachte mich dein Vatex mit Gefahr des eigenen Lebens aus der Stadt, wußte mir durch des Kaiſers Leibarzt Hilfe zu verſchaffen und brachte mich unter den größten Mühſeligkeiten, Opfern und Gefahren bis Pavia, wo der Kaer weilte und ich und wige Treue. genas. Damals ſchwur ich ihm ewigen Donk — 62— Leider ſtarb er am Fieber, als wir Bahern erreichten, und meiner Liebe bliebſt nur du, ſein einziges, auch mutterloſes Kind.“ „Ihr habt die Treue edel geübt, Herr Ritter,“ ſprach Rüdiger von Wiltberg.„Ihr habt das aus mir gemacht, was ich bin. Euch danke ich Alles. Vater ſeid Ihr mir, wie Euer edles, in Gott 3 ruhendes Weib mir treue Mutter war.“ „Da haſt du Recht, Rüdiger,“ fiel ihm der Alte ins Wort. „Sie war ein Weib nach dem Herzen Gottes. Ach, daß ſie ſo frühe uns entriſſen wurde und meine Agnes mir als Waiſe ließ!“ Als der Ritter den Namen„Agnes“ ausſprach, drängte ſich aus Rüdiger's Bruſt ein Seufzer; aber kein Wort folgte dem, ſtillen Zeugen inneren Gefühles, wohl aber ſank der Kopf merklich der Bruſt zu. „Iſt dir dein Helm ſchwer, bei dem warmen Wetter?“ fragte liebevoll der Greis den Ritter. 3 Jener lächelte wehmüthig.„Ach nein,“ ſprach er;„wohl aber hat mich ein eigenthümlicher Athem angeweht aus vergangenen † Tagen. Ihr wißt, wie es mir allemal ein Gebreſte macht, wenn ich an den doppelten Verluſt, den ich ſo frühe erlitten, erinnert werde.“ „Ja, ja;“ ſagte ſchmeichelnd der Alte;„doch ſei du zufrieden. Du haſt in mir einen Vater, der auch für deine Zukunft ſorgt.“ 3 Indem der Alte ſo ſprach und ohne Zweifel noch weiter würde darüber ſich ausgeſprochen haben, wie er für Rüdiger's Zukunft ſorgen wolle, da dieſer blutarm war und nur ein unbedeutend* Gan⸗Erbantheil an der Väter Burg hatte, wo ſeine Sippe zuſammen wohnte, wie Häringe in einer Tonne, ritten ſie aus dem Walde heraus, welcher ſich jenſeit Kronberg gegen die Ebene dehnte, und vor ihren Augen breitete ſich jetzt das Lager ſchon aus, obwohl ſie noch weit davon entfernt waren. Dies gab dem Geſpräch eine † ganz andere Wendung. Rüdiger tadelte den Eigenſinn der Frank⸗ furter Ellenritter, wie er ſich nach dem Geſchmacke ſeiner Zeit und ſeines Standes ausdrückte, und meinte, der Kaiſer ſolle nicht ſo viel Federleſens mit ihnen machen. Jetzt aber hatte er ſo recht in einen 3 Bienenſtock geſtochen — 63— „Ei, ei!“ rief der Alte und hielt ſein edles Roß an,„Rüdiger, du weift, ich bin ein Freund der Stadt und halte es mit ihr ſeit langen Jahren, und Geipel von Holzhauſen, der wohledle Schultheiß, iſt mein Freund, mit dem auch dein Vater in gutem Vernehmen ſtand; ich bin anderer Meinung als du in deiner Unerfahrenheit. Die Frankfurter hielten's wahrlich lieber mit dem Günther; aber es iſt ihr gutes Recht und Privilegium, was ſie behaupten. Hat mir doch Geipel ſelbſt, als ich meine Agnes in ſein Haus brachte, das Pergament vorgezeigt, an dem in einer Bulle das kaiſerliche Inſiegel hängt, und deſſen Inhalt vorgeleſen. Da iſt es der Stadt verbrieft, daß ſie nicht gehalten iſt, einem Kaiſer ihre Thore zu öffnen, der zwieſpältig erwählet iſt, und einen Gegenkaiſer hat, es ſei denn, er habe jenen in offener Feldſchlacht beſiegt, oder ſechs Wochen und drei Tage vor der Stadt Thoren und Mauern gelegen und des Gegenkaiſers geharret zum Kampf. Auf ihren Rechten ruhet der Stadt Wohl, und was bleibt ihr, ſo ſie ſich deren ſelber begibt?“ „Das iſt ein Anderes!“ verſetzte ſcheinbar überzeugt der Ritter. „Ja, ja,“ fuhr ZJener fort,„ihr junges Volk meinet mit Euren Trotzköpfen und Schwerdtern Alles rund abzuthun, aber das Recht muß man ehren, dem Unrecht wehren, das iſt Ritter-Art!“ Noch lange demonſtrirte der Ritter ſeinem Begleiter von der Stadt Rechten und Privilegien, während Rüdiger mit ſeinen Gedanken im Hauſe des Schultheißen Geipel von Holzhauſen war; doch nicht aus beſonderem Intereſſe an dieſem, ſondern an einem andern Weſen, das ſeinem Herzen theurer war. Allmählich jedoch wurde der Raum, der ſie von dem Lager trennte, kürzer, und bald hielten ſie an der Holzbrücke, die über den Graben weg zum Lager ſelber führte. Die wachehaltenden Reiſigen riefen an; als aber der Ritter ſeinen Namen genannt, da wurde er mit Ehrerbietung begrüßt und eingelaſſen. In den Zeltgaſſen bewegten ſich umherſchlendernd viele Ritter und Edelknechte, ſowie auch Knappen, Reiſige und Troßbuben⸗ Hierher und dorther grüßten Bekannte und Befreundete, und nach manchem Anhalte gelangten ſie vor das Zelt des Kaiſers, wo die Herolde ihre Namen laut ausriefen. Die Ritter ſaßen ab, die Knappen nahmen ihre Roſſe am Zügel und die Reiſigen blieben auf ihren Roſſen, weitere Befehle erwartend. Eben als der alte Falkenſteiner in das Zelt trat, das eine große Vorhalle bildete, wo viele edle Herren umherſtanden, kam aus der anderen Abtheilung hinter einem Vorhange, den zwei Diener ehrfurchtsvoll erhoben, ein Mann heraus, dem Alles ehrer⸗ bietig Raum machte. Es war eine jener herviſchen Geſtalten, in denen die Natur die Fülle ihrer Kraft vereint zu haben ſcheint. Groß, daß er über die Meiſten der Anweſenden hinausſah, wie einſt der König Saul über ganz Iſrael, nämlich eines ganzen Kopfes Höhe; dabei ſo muskelkräftig und breit an Bruſt und Schultern, daß man ſeine Rieſenkraft auch ohne weitere Proben begriff; ſo wohl genährt, daß ein ſtattlich Bäuchlein ſich vor ihm geltend machte— ſchritt der Mann in ſtolzer Haltung daher, und die Tracht eines geiſtlichen Würdenträgers wollte zu dieſer ritterlichen Geſtalt gar nicht recht paſſen. Seltſam war es zudem denn auch anzuſchauen, daß er ein mächtiges Schwerdt an reichem Wehrgehänge trug, mit dem ſich das große goldene Kreuz auf der Bruſt, das Zeichen der Würde des Domprobſts der Stadt Mainz, ſich ganz friedlich vertrug, alſo daß man ohne weitere Umſtände verſtehen lernte, daß beide oft ſchon gute Nachbarſchaft gehalten in Zeiten des Kampfes und Sturmes. Ueber dieſer breit und hochgewölbten Bruſt erhob ſich ein dicker Hals, den er faſt frei und bloß trug, und über dieſem ein ſtattlicher 8 Kopf, dem man trotz der Größe ſeiner Formen, der mächtigen Naſe und den breiten, ſtrotzenden, rothglühenden Backen, das Zugeſtändniß männlicher Schönheit nicht abſtreiten konnte; denn der Mund hatte ſo viel Einnehmendes und Freundliches, das Ange ſtrahlte ſo geift⸗ voll und muthig, die Stirne wölbte ſich ſo hoch und ſtolz, und die braunen Haare lagen in ſo gefälligen Ringeln um den Kopf, daß man ihn ohne Wohlgefallen nicht ſehen konnte, wenn ſchon mehr als vier Decennien längſt den Schmelz der Jugend abgeſtreift hatten. Beſah man ſich aber das Geſicht genauer, ſo war Liſt und Schlau⸗ heit, Stolz und Herrſchſucht, Hartnäckigkeit und Zähigkeit des Sinnes ſo wenig mißzuachten, als ſich die Ueberzeugung aufdrängen mußte, der trage das Schwerdt nicht zu eitler Schau, ſondern verſtehe ebenſo wohl den Segen des Prieſters, als die kernhaften Hiebe des Kämpfers auszutheilen. Wie ſchon bemerkt, machte ihm die zahlreiche Verſammlung mit ehrerbietiger Scheu Raum. Ueberall grüßte er mit einer gewin⸗ nenden, ſtolz demüthigen Freundlichkeit, und hatte hier und dort Einem ein honigſüßes Wörtlein zuzuflüſtern, worauf ſich denn der alſo Beglückte tief beugte. Auch die beiden Ankömmlinge traten ehrerbietig zur Seite; Rüdiger, ohne alle beſondere Gefühle, denn er kannte den Mann nicht, mit Ausnahme der Neugierde und des Wohlgefallens an ſolcher Manneskraft. Anders war es dagegen mit dem alten Herrn Ulrich von Falkenſtein. Dieſer wurde todtbleich, als er den Dom⸗ probſt ſah. Scham oder Furcht war's jedoch nicht, was ihn beſeelte, ſondern eine Wehmuth und tiefer Schmerz, der ſich deutlich genug in dem Auge ausſprach, das nahe daran war, daß es ſich mit einer Thräne füllte. Der Domprobſt ſchritt raſch voran. Jetzt war er in die Nähe dieſer Beiden gekommen. Ein meſſender Blick flog über Rüdiger's ſtattliche Geſtalt hin. Der Blick war beifällig. Jetzt aber ſah er den gebeugten Greis— und ſein Antlitz entfärbte ſich— er wandte es ab und ging ſchnell vorüber. Rüdiger hatte ſo gut den Blick geſehen, als Herr Ulrich auch, und ſtaunte und ſah den Alten fragend an. Der neigte ſeinen bleichen, zuckenden Mund zu ſeinem Ohr und ſagte, ihm verſtändlich— doch leiſe: „Das war mein Bruder, der Domprobſt Kuno von Falken⸗ ſtein!“ Rüdiger fuhr zuſammen. Er hatte das Unglück, weder Bruder noch Schweſter zu haben. Er dachte ſich das geſchwiſterliche Ver⸗ hältniß ſo zart, ſo ſchön, ſo beglückend, daß er, obwohl er wußte, daß Ulrich und Kuno in alter Spänne lebten, und Letzterer ſeit 5 neunzehn Jahren allen Verkehr mit Ulrich abgebrochen, dennoch ein ſolches Verhalten nicht begreifen konnte. Ein Kämmerling war, während Rüdiger in ſolchen Vorſtel⸗ lungen noch befangen war, zu Ulrich von Falkenſtein getreten, hatte ihn nach Namen und Stand gefragt, war in das innere Zelt gegangen und kam nun, den alten Ritter zu dem Kaiſer zu führen, der even jetzt allein war. Indeß der alte Herr dem Junker folgte, traten zu Rüdiger ein Haufen alter Freunde, unter denen ihm beſonders befreundet war Hans von Waldeck, Marſchalk von Sanecke, ein Ritter des untern, und Heinz Krazz von Scharfenſtein, ein Ritter des obern Rheingan's. Beide waren mit Rüdiger einige Zeit in der weltberühmten Schuljunkerſchaft in Lorch im Rheingaue geweſen. Der Kreis bildete ſich, der Stoff der Unterhaltung war ſo reich, ſo anziehend, daß Rüdiger ſchnell aus dem Ideenkreiſe herausgeriſſen war, der eben erſt ſeinen Geiſt gefeſſelt hatte. In den hinterſten Raum des kaiſerlichen Zeltes wurde Herr Ulrich geführt. Der Vorhang rauſchte zurück und in einem anſehn⸗ lichen Raume, wo rings ſammtgepolſterte Lehnſtühle ſtanden, den Boden ein kunſtreicher Teppich deckte, das koſtbarſte Geräthe umher⸗ ſtand, erblickte er einen Mann von edler und würdevoller Geſtalt, deſſen koſtbarer Anzug ihn ſogleich als den Kaiſer bezeichnete. Seine Geſtalt war weniger groß, als derb und kräftig; das Geſicht edel und ausdrucksvoll, das Ange hell und geiſtreich. Ein rothſammtner Mantel, innen mit Hermelin gefüttert, umwallte die Geſtalt in reichem Faltenwurfe, das Haupt deckte eine Mütze, ähnlich dem Kurfürſtenhut ebenfalls roth von Farbe und mit reichem Hermelin⸗ beſatz. Eine ſchwere goldene Kette hing über das ſchwarze eng anliegende Wamms und ein reich verziertes Schwerdt hing an ſeiner Linken. So ſtand Günther von Schwarzburg auf einer nicht ſehr hohen Eſtrade. Ehrfurchtsvoll grüßte der Greis. Kaum ſah Günther die ſchneeweißen Locken des alten Ritters, als er ſchnell die Eſtrade verließ, ihm entgegentrat, die Hand bot und ihn willkommen hieß. „Es thut uns leid,“ ſagte er darauf zum Ritter in zutrau⸗ lichem Tone,„daß Ihr nicht um eine halbe Stunde früher kommt; Ihr hättet dann Euern Herrn Bruder, den ritterlichen Probſt des Domes zu Sanct Martin in Mainz, getroffen, was Euch doch ſicherlich lieb geweſen. „Ihr irret, Herr Kaiſer,“ ſprach feſt der Ritter.„Was mich heute an Euer Hoflager führet, wäre gerade nicht erfreulich für ſein Ohr geweſen, denn ſeit neunzehn Jahren kehret er mir den Rücken, und ich weiß kaum mehr, daß ich einen Bruder habe. Ihr hättet ſehen müſſen, wie er an mir vorüberging draußen in Euerer Vor⸗ halle, und Ihr würdet erkannt haben, wie ſchwer ſo ein Prieſterherz verzeiht.“ Günther ſchüttelte bedauernd das Haupt.„Wir wollen's nicht hehl haben,“ ſagte er nachdenkend,„daß das Uns keine frohe Bot⸗ ſchaft iſt. Wir möchten alle unſere Freunde als Freunde ſehen, abſonderlich aber Herrn Kuno mit ſeinem eheleiblichen Bruder.“ „Dem Einzigen, den er hat!“ fiel Ulrich in die Rede. Der Kaiſer zog den Ritter in den Lehnſtuhl neben ſich und fragte:„Sagt an, was trennet denn ſo arg die Bruderherzen?“ „Das iſt eine lange Geſchichte, Herr Kaiſer,“ hob jetzt der Ritter an;„allein ſo Ihr ſie wiſſen wollet, will ich ſie Euch mittheilen, damit Ihr ſelber urtheilen möget. „Ich war jung, aber meines Willens eigner Herr, als ich in Frankfurt, in dem Hauſe des Ritters Gisbert von Glauburg, ein Fräulein ſah, das mein ganzes Herz gewann. Auch ihr gefiel ich wohl. Ich kam öfter, ſah ſie, und liebte ſie ſtets inniger. Weß das Herz voll iſt, deß quillet der Mund über. Bei frohem Tanze mochte ich ihr das nicht länger verhehlen, und— ſie erhörte mein Flehen und gab mir ihr Jawort; denn ich meinte es treu. Auch ſie war freie Herrin ihrer Hand, eine Waiſe aus dem Hauſe Glauburg, entfernt mit Herrn Gisbert verwandt. Als ich ſolches dieſem ſagte, erfchrack er und meinte, das würde wohl eitel Haß und Feindſchaft geben, denn mein Bruder, der Domherr in Mainz, habe bei ihm gefreit um Maria's Hand für den Henne Krazz von Scharfenſtein, der ſein Herzfreund ſei, was ich wohl wußte. Item, 5 — 63 das Fräulein verſchmähte den Krazz, ſie wurde mein Weib, und ſeitdem haßt mich der Bruder wie ſeinen Todtfeind; der Krazz ſoll lange getrauert haben um ſeine unglückliche Liebe. Später verhei⸗ rathete er ſich; ſtarb früh und hinterließ, da auch ſein Weib geſtorben, einen Sohn, der meines Bruders Mündel iſt.“ Der Kaiſer wiegte nachdenklich das Haupt.„Neunzehn Jahre!“ ſagte er dann.„Ja, das iſt alter Hader; doch nicht ſo alt, daß wir verzweifeln ſollten, ihn zu enden. Habt auch Ihr Kinder?“ fragte er raſch den Ritter. „Eine Tochter hat mir Gott gegeben. Um ihretwillen bin ich theilweiſe bei Euch heute. Ich trage manches Lehen vom Reiche, das ich Kaiſer Ludwig's Holden danke, aber es ſind alle nur Mannlehen, keins Kunkellehen. So wünſche ich denn, meinem Kinde ſie zu erhalten, daß es ſonder Sorge ſein könne, wenn mein Stündlein nahet, das nicht ferne mehr iſt, wie ich fühle.“ „Habt Ihr die Lehenbriefe bei Euch?“ fragte weiter der Kaiſer. Aus ſeinem Wamms neſtelte nun Herr Ulrich einen ſeidenen Beutel, ihn dem Kaiſer darbietend. Dieſer trat näher an einen Vorhang zur Seite, ſchob ihn zurück und ſprach dort zu einem Mann einige Worte. „Euer Wunſch ſei vollſtändig gewährt,“ Kaiſer zu reden fort—„aber“— „Erlaubt in Gnaden, Herr Kaiſer,“ fiel ihm Ulrich ins Wort, „daß ich Euerer Huld noch eine Bitte ſtelle. Ein Freund, der mir das Leben bei des Bajern Nömerzuge rettete, hinterließ meiner Liebe ein Kind. Ich hab' den Zungen großgezogen, und er iſt ein ſtattlicher Rittersmann worden, den ich Euerem Heere heute mit dreißig wohlbewehrten Reiſigen zuführe, weil ich nicht mehr das Schwerdt führen kann. Er heißet Rüdiger von Wiltberg. Ihm möchte ich, da er eben arm iſt, wie eine Kirchenmaus, etzliche Afterlehen geben, ehe denn ich ſterbe, und ihn aufnehmen in meine Ganerbſchaft zu Falkenſtein. Wollet ſolches in Gnaden beſtätigen. Die Urkunde, ſo der Pater Anſelmus von Weiskirchen, ihm — fuhr nun der mein — 6 Beichtiger, auf Latein verfaſſet, überreiche ich Euch hiermit.“ Er gab dem Kaiſer ein Pergament, welches dieſer dem Kanzler wiederum reichte. „Ihr ſehet, Herr Ritter,“ hob jetzt der Kaiſer an,„daß Wir mi. Freuden Euch willfahren; Wir rechnen nun aber auch feſt darauf, daß Ihr Uns zu Willen ſeid, wenn Wir Euch Vorſchläge machen, um vielleicht die Spänne zu enden, die zwei Brüder trennet. Heinz Krazz von Scharfenſtein iſt ein ſchöner Jüngling, dem Wir den Ritterſchlag heute ertheilt. Wir wiſſen wohl, wie ihn der Domprobſt liebet als ſein eigen Kind. Wie wär's denn nun, wenn Ihr Eures Töchterleins Hand in die des Krazz von Scharfenſtein legtet, alſo begütigend das Weh, das Ihr ſeinem Vater bereitet und zugleich des Bruders Haß? Wir meinen, das ſei der rechte Weg zum Frieden!“ Ulrich runzelte die Stirne.„Ich kenne den Junker nicht!“ ſagte er. „Den ſollt Ihr kennen lernen, heute noch. Und er wird Euch gefallen,“ verſetzte der Kaiſer. „Ob aber Agnes ihn liebet?“— ſprach der Greis. Der Kaiſer lachte.„Iſt das Euere Sorge allein, ſo iſt unſer Spiel gewonnen!“ Aus der verhängten Thüre trat jetzt der Kanzler mit der Urkunde, die der Kaiſer mit einem kräftigen Zuge beſtätigte. Er reichte ſie nun dem Falkenſteiner mit gewinnender Freundlichkeit. „Gerne,“ ſprach der Kaiſer,„erfüllen Wir die Wünſche Unſerer 3 Getreuen und würden Uns glücklich preiſen, könnten Wir ſtets ſo dem Würdigen lohnen. Doch rechnen Wir feſt darauf, daß Ihr Uns willig die Hand darreichet, wenn nun auch Wir von Euch verlangen, daß Ihr williget in Unſern Plan, Euch Brüder zu verſöhnen.“ In dem Herzen des Ritters bewegten ſich widerſtreitende Empfindungen. Nie war ihm der Gedanke nahe gekommen, daß Rüdiger ſein Kind liebe, ſein Eidam hätte werden können, als jetzt. Und dieſer Gedanke trübte die Ausſicht, ſich mit ſeinem Bruder auszuſöhnen. Was ſollte er aber thun? Durfte er dem gnädigen Kaiſer abſchlagen die Bitte, die er doch nur im heiligſten Intereſſe ſeiner Familie that, womit er dem lang und heiß genährten Wunſche ſeines Herzens entgegen kam?— Einwilligen mußte er, das lag klar vor ſeinem Geiſte. 8 „In Gottes Namen, der ja Alles wohl machen wird!“ ſprach der Alte endlich zu ſeinem kaiſerlichen Herrn, und dieſer ließ ihn in eins der Seitengemächer des Gezeltes treten, und rief einen Edel⸗ knaben, den er vor den Domprobſt ſandte, um ihn zu bitten, doch ſogleich zu dem Kaiſer zu kommen. In dem kaiſerlichen Vorzelte war es derweile ziemlich ſtürmiſch zugegangen. Gruppenweiſe ſtanden die Bekannten und Befreundeten zuſammen, um über die politiſchen Verhältniſſe ſich zu beſprechen. Dieſer wußte etwas Neues von Carl's Iv. Zuge gegen Worms, und daß er wohl bald es wagen würde, Günthern aufzuſuchen und in offenem Kampfe zu erproben, wer von Beiden der Krone Deutſch⸗ lands am würdigſten ſeie. Lauter als alle radotirten zwei junge Ritter. Es war Rudolph von Arras, ein Ritter aus dem Moſel⸗ lande, der vorerſt mit Carl Iv. gezogen war, dann aber deſſen Partei verlaſſen hatte, um ſich zu Günthern zu wenden. Es war ein wilder Menſch, von unſtätem Weſen, deſſen Aeußeres keinen wohlthätigen Eindruck machte, weil Falſchheit und Tücke lauernd aus dem Auge ſah. Sein ganzes Antlitz trug den Stempel der Verworfenheit. Umherziehend in Deutſchland, Frankreich und Eng⸗ land, hatte er ſich in Mancherlei verſucht und war wohlerfahren in allen Laſtern. An ihn ſchloß ſich ſogleich Heinrich Krazz von Scharfenſtein, des Domprobſts Mündel, und bald ſah man ſie als unzertrennlich an. Auch jetzt waren ſie es, die vorlaut über Carl's Iv. Feigheit ſich luſtig machten. Das Bemühen, ſich als recht warme Anhänger Günther's zu zeigen, war ſo ſichtbar, daß es faſt auffallend war und beinahe hätte Veranlaſſung geben können, an das Gegentheil zu denken. Vielen mißfiel dies Benehmen. Beſonders Rüdigerien und Saneck, die Beide, in ziemlich gleicher Gemüthsart, die beiden Andern verabſcheuten. Eine günſtige Gelegenheit bot ſich, als Günther's Marſchalk hereintrat, um den Führer der Falkenſteiner Schaar aufzuſuchen, daß er ihm und ihnen die Zelte anweiſe, die ſie beziehen ſollten. Saneck folgte dem Freunde und war erfreut, ihm die Wohnung neben der ſeinen angewieſen zu ſehen. Nachdem dies Geſchäft beendet war, lud Beide der Marſchalk zur kaiſerlichen Tafel. Beide Freunde ergingen ſich noch in den Zeltgaſſen, wo es ſtill wurde allmählich, da Söldner und Reiſige ſich in die Zelte zurückgezogen hatten. Der Mond ſchien hell vem Himmel herab, daß es faſt Tag zu ſein ſchien. Als ſie in die Nähe des Zeltes kamen, wo Krazz und Arras zuſammen wehnten, blieben ſie zufällig im dunklen Schlagſchatten eines gegenüberſtehenden Zeltes ſtehen, leiſe ſich über Beide beredend. „Was dünkt dir von dieſem Arras?“ fragte Rüdiger.„Auf mich hat er ſchlimm gewirkt. Ich kann ihm nicht trauen. Ich weiß wirklich nicht, daß mir je ein Menſch ſo mißfallen hätte.“ „Ich theile deine Empfindung,“ ſprach Saneck.„Als ich in Trier war am Hofe des Kurfürſten, da lernte ich ihn ſchon kennen als ränkevollen Menſchen. Wo eine Gelegenheit war, reizte er Andere und zog ſich dann, ſchlau und erfahren in der Verſtellung, zurück.“ „Und Krazz?“ fragte Rüdiger. „Er iſt das verzogene Kind des dicken Demprobſt. Seines Vaters Freund war der, das weißt du beſſer als ich. Seine Erzie⸗ hung bringt dem dicken Mann indeſſen wenig Ehre. Ohne wahren Muth, iſt er keck und vorlaut, treulos und falſch geblieben, wie wir ihn als Knaben in Lorch ſchon kannten. Beiden traue ich nicht viel Gutes in Bezug auf den edlen Schwarzburger zu. Gott vergebe mir, wenn ich irre!“ Als Saneck dieſe Worte ſprach, ſchlich eine dunkle Geſtalt aus — Arras Zelte hervor. Es war ein Mönch. Liſtig und lauſchend ſah er ſich nach allen Seiten um. Die Freunde bemerkten ihn, er jedoch ſie nicht. Klar war es, daß er Jemanden erwartete. Saneck drückte den Freund zurück und bat ihn leiſe, ſich nicht bemerklich zu machen. Bald vernahm man Schritte. Der Mönch zog ſich etwas zurück. Der Kommende war Arras. Er erſchrack etwas, als er Hemanden in ſeinem Zelte ſtehen ſah. Schnell flog ſein Auge umher. Als aber alles ſtill und ruhig war und er den Mönch erkannte, ſprach er leiſe zu ihm:„Gut, daß Ihr da ſeid; laßt uns ſchnell eintreten, daß uns Niemand ſehe.“— Sie verſchwanden im Zelte. „Bleib du hier,“ flüſterte Saneck, und ſchlich an den Rand des Zeltes. Er lauſchte. Innen wurde lebhaft geflüſtert; allein es war nicht möglich, irgend etwas zu verſtehen. Er kehrte zu Rüdigern zurück und erzählte ihm, daß er nichts habe verſtehen können. Kurz darauf ſchlich der Mönch heraus und verſchwand unter den Zelten. In leiſem Geſpräche, ſich ihren Argwohn mittheilend, ſchritten die Freunde fort, und gelobten ſich Beide, ein wachſames Auge auf dieſen Arras zu haben. Sie waren noch nicht in die Nähe des Kaiſerzeltes gekommen, als ſchon Arras ihnen folgte. „Ihr habt ja noch ſpät Geſellſchaft gehabt,“ ſprach Saneck zu ihm und ſah ihn ſcharf an. Er erſchrack. „Ich?“ fragte er.„Ihr irret, Ritter!“ „Kann wohl auch ſein,“ ſprach jener anſcheinend gleichgiltig; „ich meinte, ſo eine Kloſterratte aus Eurem Zelte ſchleichen geſehen zu haben. Konnte mich auch irren. Es kam mir juſt ſo vor, als hätte der Strolch kein gut Gewiſſen im Leibe. Er ſchlich und flog zugleich, und ſah um ſich, wie ein Rabe im Flug.“ Arras gerieth ſichtlich in Verwirrung und ſchoß giftige Blicke auf den Sanecker.„Jedenfalls,“ ſagte er, endlich bei dem Kaiſerzelt angekommen,„war der, von dem Ihr redet, nicht bei mir. Uebrigens ——. habe ich Niemand geſehen, und Ihr müßt ſehr ſcharfe Augen haben, da Ihr Eurer Sache ſo gewiß ſcheinet.“ „Saneck lachte höhniſch und meinte, ſeine Augen ſeien von jeher ganz beſonders ſcharf für das geweſen, was ſie nicht hätten ſehen ſollen.“ Unter dieſen Reden traten ſie in das Zelt, wo eine lange Tafel ſtand, und viele Fürſten, Grafen, Ritter und Herren vereint waren und des Kaiſers harreten. Er ließ nicht lange auf ſich warten. Heitern Antlitzes trat er aus dem Innern des Gezeltes hervor, an der Rechten den Domprobſt Kuno von Falkenſtein, an der Linken ſeinen Bruder Ulrich führend. Auch die Züge dieſer drückten Befriedigung aus. „Es iſt uns gelungen, alten Zwiſt zu ſchlichten,“ ſprach der Kaiſer,„deß ſind wir fröhlich. Sehet hier die vereinigten Brüder⸗ Möge kein Zwiſt die ſtören und trennen, die ſich unſerer guten Sache angeſchloſſen haben! Nur in der Eintracht ſind wir ſtark unſern Feinden gegenüber!“ Alles neigte ſich gegen den Kaiſer, um ſeines Wortes Wahrheit zu beſtätigen. Noch waren die Truchſeſſen nicht erſchienen. Des Kaiſers ſcharfe Blicke flogen die große und ſtattliche Reihe der edlen Geſtalten hinab und hinauf, und er neigte ſich gegen das Ohr des Ritters. von Falkenſtein. „Wer iſt der Ritter, der dort unten bei dem Ritter Waldeck von Saneck ſteht?“ „Das iſt mein Rüdiger,“ ſprach ſtolz der Alte.„Erlaubt, daß ich ihn Euch vorſtelle, Herr Kaiſer.“ Günther nickte freundlich mit dem Haupt und Ulrich rief ſeinem Pfleglinge. S Rüdiger trat herzu. Seine Begrüßung des Kaiſers hatte etwas Freimüthig⸗Edles. Auch dem Kaiſer gefiel er wohl, und ſelbſt der Domprobſt reichte ihm ſeine Hand unter freundlichen Worten.* Das Mahl begann. Unfern von Rüdiger ſaß Freydank von — Heringen, ein Freund aus jüngſter Zeit, wo oft der Ritter von Falkenſtein gen Frankfurt gekommen war.* Freidank war des Kaiſers Leibarzt. An dieſen drängte ſich auf eine faſt widerliche Weiſe der Ritter Arras, lud ihn zu ſich in ſein Zelt, allwo er ihn mit dem edelſten Moſelweine laben wolle. Auch dieſe Zudringlichkeit fiel den beiden Freunden um ſo mehr auf, als ſie gegen dieſen Arras einen entſchiedenen Widerwillen gefaßt hatten. Gegen das Ende des Mahles, was keineswegs ſchwelgeriſch zu nennen war, erſchien auch Heinz Krazz bei ſeinem Pflegevater, dem Domprobſte. Hier lernte ihn Herr Ulrich kennen. Unwillkürlich ſuchte ſein Auge die edle Geſtalt, die offene, freundliche, treue Miene des edlen Rüdiger und ſtellte Vergleiche an mit dieſem Jüngling, auf dem des Domprobſts Auge mit wahrer Affenliebe ruhte,— und dieſe Vergleiche fielen nicht im Mindeſten zu Gunſten Krazzen's aus. Er ſeufzte tief auf und ſank in ſtilles das dem Glücke ſeines Kindes galt. Früh am andern Morgen begab ſich Heinz Krazz von Schar⸗ fenſtein nach Frankfurt im Auftrage des Kaiſers. Er war an den edlen Schultheiß Geipel von Holzhauſen gewieſen, welchem er auch ein Schreiben des Domprobſtes Kuno und einen beſondern Gruß Herrn Ulrich's an die liebliche Agnes von Falkenſtein zu bringen hatte, mit dem Wunſche, ſie ſelber zu ſprechen, damit er ſichere Kunde könne zurückbringen. Obwohl die Stadt gewiſſermaßen als ein feindlich Gebiet zu betrachten war, da ſie ihre Thore dem Kaiſer verſchloſſen, ſo war doch in der Wirklichkeit die Spannung nicht vorhanden. Drinnen hielt man ſfeſt auf altem guten Recht, und draußen ehrte man das. Ueberdies waren in der Stadt die Meiſten auf Seiten Günther's von Schwarzburg, was ſich bei ſeiner Wahl ſchon beurkundet hatte, und der ſich in ſicherer Be hielt, zählte nur Wenige in ½ — die es mit ihm hielten, und dieſe Wenigen hatten den Muth nicht, ſich aufzuwerfen. So war denn der Verkehr zwiſchen dem Kaiſerlager und der Stadt eigentlich gar nicht ſonderlich geſtört, und Alles, was einen feindlichen Charakter trug, war kaum mehr als eine leere Form. Es hatte daher auch nicht den mindeſten Anſtand, daß, als Schar⸗ fenſtein am Thor erſchien, dies auf ſein Verlangen geöffnet und er eingelaſſen wurde. Ein Stadtwächter geleitete ihn zu dem Hauſe des Schultheißen Geipel von Holzhauſen. Leichtſinnig und forglos hüpfte er die breite Steinſtiege hinauf, geſchmückt, wie nur ein Fant jener Zeit, mit Bändern und allerlei goldenem Zierathe. Sein Gewand war aus Sammt, zierlich mit helleren Einſätzen von Atlas in den Einſchnitten der Arme und Beine verſehen. Um den Hals hing eine goldene Kette von hohem Werthe, welche ihm der Domprobſt verehrt hatte. Froh in ſich, weil er, kennend den Plan, gewiß darauf zählte, das Herz des lieblichen Mädchens zu gewinnen, deſſen Hand ihm zugeſagt war, nahte er ſich der Thüre, durch die er zu ihr gelangen ſollte Noch einmal warf er die Lecken zurück, ließ ſeine Blicke über ſeinen Anzug gleiten, und als er nichts Unſtatthaftes bemerkte, öffnete er raſch die Thür und trat ein. Es war ein ſtattlich Gemach, in welches der junge Ritter eintrat. Alte Bilder hingen in reichgezierten Rahmen an den Wänden umher, die Ahnen der Holzhauſen darſtellend. Denn die Tracht war ſeltſam, und bald weltlich, bald geiſtlich, von höherer und niedrigerer Würde. Flüchtig glitt ſein Blick über die ſtattliche Reihe ſo ernſter und edler Geſtalten hin, deren Blicke mit unheim⸗ lichem Ausdruck auf ihm zu ruhen ſchienen. Sein Auge ſuchte einen Diener; aber Alles blieb ſtille. Ungeduldig ging er auf und nieder, daß ſeine Tritte auf dem harten Eſtrich laut dröhnten und die Sporen raſſelten; aber erſt nach einiger Zeit trat ein alter Diener ein, der ihn mit fragenden Blicken maß. Als ihm, ärgerlich über dieſe Stille und Leere im Hauſe des Schultheißen, endlich der Diener auf eine Thüre deutete, wo er den Herrn Schultheißen F finden würde, trat er ohne alles Weitere ein. An einem Tiſch, auf dem viel alte vergilbte Pergamente lagen, ſaß im pelzgefütterten, weiten Hausrocke, die Tarnkappe über die Ohren gezogen, ein Mann, der nahe an den Sechzigen ſein konnte. Die Geſtalt war ſtark und groß, und das Alter hatte an ihr, wie hoch es auch war, ſeine Macht kaum geübt. Nur das Antlitz war tiefgefurcht und das Haar war weiß geworden wie Schnee. Ein ſcharfer, durchdringender Blick flog dem kecken Ankömmling entgegen, der von einer mißbe⸗ haglichen Miene begleitet war. „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Greis in einem Tone, der jener Miene ganz entſprach, und hob ſich langſam aus dem Polſterſtuhle, den bezeichnend die alte Zeit den Sorgſtuhl nannte. „Mein Name iſt Scharfenſtein,“ entgegnete etwas gereizt und ſchnippiſch der Junker,„und dermalen bin ich ein Abgeſandter kaiſerlicher Majeſtät.“ „Ihr wollt ſagen des Königs,“ verbeſſerte der Schultheiß, „denn noch iſt Günther von Schwarzburg nicht Kaiſer des deutſchen Reichs. Seid mir indeß als ſolcher willkommen, und ſagt an, welche Botſchaft Ihr dem Schultheißen freier Stadt zu bringen habet?“ In Scharfenſtein's Geſicht war die Gluth des Aergers über die meiſternde Rede des Alten emporgeſtiegen und auf ſeinen Lippen zuckte eine ſcharfe Antwort; doch beherrſchte er ſich ſo viel er vermochte. „Noch weiß ich nicht,“ ſagte er gemeſſen,„ob ihr ein Recht habet, mich alſo zu fragen. Meine Sendbotſchaft lautet an den Schultheißen dieſer Stadt, Herrn Geipel von Holzhauſen.“ „Mit dem redet Ihr, junger Herr,“ entgegnete einfallend der Greis.„Ihr hättet das wohl Euch denken können, weil ich, wär ich ein Anderer, wohl hier ſitzen und Euch nicht alſo fragen würde.“ „Gut dann,“ ſprach trotzig der Junker,„ſo nehmet dies Schreiben von dem Kaiſer und dies von dem Domprobſte von WMainz. Außerdem bringe ich einen Freundesgruß von dem Ritter von Falkenſtein.“ — 2„ — Der Schultheiß nahm beide Schreiben und ſagte alsdann: „Ich weiß nicht, ob ich Euch danken darf für den Gruß. Ihr wiſſet, Herr Philipps von Falkenſtein iſt der Stadt und Günther's von Schwarzburg grimmer Feind. Iſt aber der Gruß von Herrn Ulrich, ſo danke ich des Beſten.“ „Herr Philipps iſt auf ſeiner Burg Münzenberg, Herr Schult⸗ heiß, oder drüben am Donnersberg auf ſeiner Burg, wenn er nicht gar im Lager des feigen Böhmen iſt. Herr Ulrich läßt Euch grüßen und bitten, mir zu geſtatten, das Fräulein zu ſprechen, das in Euerer Behauſung weilet; denn er möchte Kunde haben von einem Augenzeugen, wie es ſeinem Kind ergehet.“ Als der Junker Carl's lv. mit ſo unehrerbietiger Rede gedachte, runzelte tiefer noch der Greis ſeine Stirne, der Mund verzog ſich bitter, aber er ſchwieg und entfaltete die Schreiben, die er ſchnell überflog. Am längſten weilte er bei dem Schreiben des Domprobſtes. Es mußte ſehr wichtige Mittheilungen enthalten, denn der Greis las es mehrmals, allein ſeine Züge änderten ihren Ausdruck nicht im Mindeſten. „Ich danke Euch für das Ueberbrachte,“ ſprach er endlich zu dem Sendboten.„Ihr ſollt Antwort mitbringen, wie ich ſehe; allein das geht ſchon ſo ſchnell nicht. Ueber das Erſte der Schreiben muß ich den hochedlen Rath zuvörderſt hören, und über den Inhalt des Zweiten bin ich außer Stande, Euch vor dem morgenden Tage Beſcheid zu geben. Ihr müſſet Euch daher gedulden. Wo gedenkt Ihr Einlager zu halten?“ Scharfenſtein beſann ſich.„Ich kenne die Froſche,“ ſagte er dann.„Dort denk' ich zu weilen.“ „Gut,“ entgegnete Holzhauſen;„ſo folgt mir jetzt, daß ich Euch in das Frauengemach geleite, wo Ihr Agnes, meine Pfleg⸗ befohlene, ſehen und ſprechen möget.“ Der Schultheiß legte die Briefe auf ſeinen Tiſch, und winkte dem Junker etwas freundlicher denn zuvor, indem er eine Thür öffnete. Nach der Art und Weiſe, wie der Schultheiß den Ritter empfangen, ließ ſich der Schluß machen, daß er keineswegs einen günſtigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Indeſſen, als der amt⸗ liche Theil der Unterhaltung vorüber, und Scharfenſtein mehr als Gaſt ſeines Hauſes angeſehen war, entfaltete der Greis eine Freundlichkeit, an die der Junker kaum gedacht, der ihn für einen bärbeißigen Alten zu nehmen geneigt war. Der Schultheiß geleitete ihn in ein prachtvolles Prunkgemach, wo ſich der ganze Reichthum ſeines Hauſes in dem Geräthe und in der Ausſchmückung kund machte. Hier nöthigte er ihn, Platz zu nehmen und gab dann ein Zeichen. Diener kamen mit ſilbernen Pokalen von kunſtreicher Arbeit, welche allerlei Scenen der bibliſchen Geſchichte darſtellte. Der goldene Rüdesheimer perlte, und Scharfenſtein mußte der Wahrheit Zeugniß geben, daß er, ſelbſt ein Rheingauer, und erzogen in dem Haus eines Prälaten, deſſen ſchwelgeriſche Tafel das Köſtlichſte zu tragen pflegte, was die Nähe und Ferne bot, niemals einen köſt⸗ licheren Wein aus den vielberühmten Höhen Rüdes⸗ heims genoſſen. Des Schultheißen Heiterkeit nahm zu während des Morgen⸗ imbiß, den die Diener in ſeltener Leckerhaftigkeit auf die Tafel hinbreiteten. Auch Scharfenſtein ließ es ſich wohl ſein, und der Wunſch, die ſchöne Agnes zu ſehen, trat mehr und mehr in den Hintergrund, während er die Herrlichkeit des Lagerlebens auf dem Kaiſerwahlplatze mit überſprudelnder Laune ausmalte. Wenn auch Manches in der Art und Weiſe der Erzählung und in der Wahl des mitzutheilenden Stoffes dem Greiſe mißfiel, ſo lieh er doch mit ſeltener Geduld den leichtfertigen Reden ſein Ohr. Scharfenſtein beſtand, ohne es zu ahnen, eine ſcharfe Prüfung vor dem Welt⸗ und Menſchenkundigen, den eben ſeine vorlaute Zunge tiefe Blicke in das Weſen eines Menſchen thun ließ, der ihm nur von einer Seite des Beobachtens werth ſchien, inſofern er nämlich zum Gatten der lieblichen Agnes beſtimmt war, die Herr Geipel ebenſo liebge⸗ wonnen, als ſeine wackere Hausfrau und beider Tochter, Si Die fiel aber keineswegs zu Gunſten des Geprüften aus. gnügen zugeſtand. Die Rückſichten jedoch, welche Herr Geipel in dieſem Augenblicke dem Abgeſandten des Kaiſers, dem Mündel des mächtigen Dom⸗ probſts und Stiftsverweſers und ſeinem Waffenbruder Ulrich von Falkenſtein ſchuldig war, ließen es nicht zu, ohne Rückſicht das zu äußern, was er eben fühlte und dachte, ſonſt würde freilich der loſe Junker in ſeiner allmählich ſchwindenden Meinung von des Schult⸗ heißen Bärbeißigkeit ſich zu beſtärken Gelegenheit in Fülle gehabt haben. Der Morgenimbiß hatte ziemlich lange gewährt. Erſt als Herr Geipel ſah, daß ſein Gaſt nicht mehr zulangen konnte, ſtand er auf, um ihn zu den Frauen zu geleiten. Agnes ſaß am Stickrahmen bei ihrer Freundin Hildegard, und die Frau von Holzhauſen war ebenfalls mit einer weiblichen Arbeit beſchäftigt, die ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Als ſich die Thür öffnete und die beiden Herren eintraten, erhoben ſich die Frauen zum ſittſamen Gruß und ſchwiegen dann, bis Herr Geipel ſeinen Begleiter vorſtellte. Scharfenſtein's Blicke verſchlangen faſt die ſchöne Agnes. Auch ein weniger geübtes Auge als das des Schultheißen müßte es augenblicklich bemerkt haben, wie mächtig der Eindruck war, den die Liebliche auf ihn machte. Gewandt wußte der Junker ſchnell ein Geſpräch anzuknüpfen, das anziehend für die beiden Jungfrauen war; beſonders glänzte das ſchöne blaue Ange der Falkenſteinerin, als er von der Verſöhnung ſprach, die des Kaiſers Milde und Lindigkeit zwiſchen den feindſelig ſo lange getrennten Brüdern zu Stande gebracht. Agnes Blicke füllten ſich mit Thränen, und wahrhaft rührend erhob ſie dankend ihr Auge zum Himmel. Die Art und Weiſe, wie ſich Scharfenſtein benahm, bewirkte von Seiten des weiblichen Theiles dieſer Familie ein ſehr freund⸗ liches Benehmen gegen ihn. Er hielt ſich ſtreng innerhalb der Grenzen des allergemeſſenſten Anſtandes, und als er ſchied, hinter⸗ ließ er eine gute Meinung. Er hatte ſich die Erlaubniß erbeten, des andern Tags wiederkommen zu dürfen, was man mit Ver⸗ Wie gerne hätte Agnes etwas von Rüdiger'n hören mögen; allein der Junker erwähnte ſeiner gar nicht. Ihr ſchloß die Sitte⸗ die Lippen. Wie mußte ſie aber von der heiteren Hildegard leiden, die wohl die beſondere Aufmerkſamkeit des Ritters gegen ſie bemerkt, die ihr, der Argloſen, ganz unbemerkbar geblieben. Der alte Schultheiß ſprach nichts über ihn und zuckte, als ihn ſeine treue Hauswirthin fragte, wie der Ritter ihm gefallen, die Achſeln etwas bedenklich. Gerade das Benehmen bei den Frauen, wo er die ſtrengſte Sitte beachtet, ließ ſeiner Meinung, daß dies Gemüth jeder Verſtellung fähig ſei, nur mehr Zuwachs kommen. Der Ritter war indeſſen zeitig aus dem Hauſe des Schultheißen weggegangen; allein ſtatt in das ſtattliche Wohnhaus der edeln Froſche zu gehen, begab er ſich auf die Ritterſtube des Hauſes Limpurg, wo in luſtigem Zechen eine große Anzahl der Genoſſen dieſes Hauſes vereint war, und mit ihnen mehrere Ritter, welche die Stadt in ihre Dienſte genommen, Leute, deren Armuth ſolches gebot, und Umher⸗ treiben in müßiger Luſt oder Noth es wünſchenswerth gemacht. An ſolchen fahrenden Rittern war die damalige Zeit nicht arm. Der Zuſtand Deutſchlands bot ihnen eben recht das Feld für ihr Treiben. Gefiel es ihnen, ſo nahmen ſie bei Fürſten und Herren Dienſt oder traten in den Wehrbann mächtiger Städte zu Schutz gegen den Adel des Landes, der von ſeinen Burgen herab ſie befehdete, raubte und ſtahl. Der Zwieſpalt der Kaiſerwahl gab wieder ein neues Feld frei. Dort jenſeit des Rheines ſammelte Carl Iv. bei Mainz zuerſt, dann bei Worms ſein Heer; hier that's Günther von Schwarzburg vor Frankfurt, und die Stadt ſelbſt, die im Kaiſerſtreite keine Partei zu nehmen für ihr Beſtes erkannte, bedurfte bei manchem gährenden Elemente des Zunftweſens in ihrem eignen Herzen einer Schutzwehr, die des Rathes Gebot unterthänig und ihm ergeben war. So hatten nun manche dieſer adeligen Schnapphähne, dieſer wappen⸗ und turnierfähigen Gaudiebe, ſich ihr ergeben für die Zeit der Gefahr gegen anfehnlichen Lohn, um die Bürger mit i vielerprobten und bewährten Kampfkunſt zu unterſtützen. ———— 8— Daß ſie aber ihren Sinn und Geiſt nicht jenſeit der Thore ließen, das erfuhr der Rath durch mancherlei Sträuße, die täglich vorfielen. Unerwartet traf dann hier Scharfenſtein manchen Bekannten vom Rheine, manchen Genoſſen loſer Streiche, deren unfreiwillige Zeugen die Bürger von Mainz waren, und deren Gegenſtände ihre reizenden Töchter zu ſein ſich keineswegs für Glück und Freude achteten. Ein lauter Jubel empfing den Freund, deſſen glänzende und vollwichtige Turnoſen man kannte vom Würfelſpiele zu Mainz her, deſſen leichtfertige Geſinnung ſo wenig, als ſeine Luſt nach Abentheuern nach ihrem Beſchmack ihnen aus dem Gedächtniſſe gewichen war. Schnell raſſelten die Würfel in den Bechern und ſchäumte der Wein im Pokale. Dabei gab es dann Erzählungen ven den ſchönen Dirnen der Stadt und Kunde von mancher Kurzweil, die hier ihre Abende zu erheitern pflegten. Scharfenſtein war ſelig in dieſem Verein. Er vergaß Kaiſer und Domprobſt, Schultheiß und Braut, ſchwelgte mit den Geſellen ſeiner Mainzer Schwelgereien; erluſtigte ſich in den Erinnerungen an Streiche, die bittere Thränen den zarten Opfern ihrer Verwor⸗ fenheit erpreßt, und ſpielte das gefährliche Würfelſpiel mit jener Rückſichtsloſigkeit gegen Geld und Geldeswerth, die ihm von jeher eigen geweſen. So ſtieg die Luſt, ſo ſtieg der Taumel. Schen hatte er früh des Schultheißen edlem Rüdesheimer die größte Gerechtigkeit widerfahren laſſen, welche einem verwöhnten Gaumen und durſtiger Leber nur immer möglich iſt; jetzt ſetzte er das fort. An ein Mittagsmahl wurde kaum gedacht, weil die Kumpane ſich weder im Spiele noch im Zechen mochten ſtören laſſen, und der mondhelle Februarabend ſank herab und fand ſie noch am Spiel und am Zechtiſch. Unter allen aber zeichnete ſich ein Ritter von Heppenheft als treuer Part des Scharfenſteiners aus. Er hatte dieſem eine große Summe im Spiel abgenommen und war dadurch zu einer ſchrankenloſen Fröhlichkeit geſpornt. Beider Köpfe waren bis zum Taumeln, als ſie den Ort des Bacchanals verließen, um Heppenheft's Wohnung zu ſuchen, die in der Nähe des Stifts lag, wo damals die meiſten Zuden ihre Wohnungen hatten. Arm in Arm ſchwankten laut jubelnd die Trunkenen durch die Gaſſen, und fanden erſt nach langem Suchen den Ort, wo des Ritters Wohnung lag. Laut lachend erzählte er ſeinem Freunde, daß er der Nachbar eines Juden ſei, der die ſchönſte Maid zur Tochter habe, die je die Sonne beſchienen. In Scharfenſtein's Seele regte ſich der lüſterne Wunſch, das Mädchen zu ſehen, welches Heppenheft als die Krone der Dirnen bezeichnete. Während er behauptete, in Mainz wage es Niemand, dem Mäündel des mächtigen Domprobſts zu nahe zu treten, ſchlug er vor, in des Inden Haus zu gehen. Heppenheft ſelbſt, ſeiner Beſinnung nicht Meiſter, willigte um ſo lieber ein, als ihn die Luſt ſtachelte, die Mainzer Abentheuer zu erneuen, und ohne weitere Umſtände ſtürmten Beide vor des Zuden Haus, pochten laut und verlangten Einlaß. Obwohl der Jude keineswegs ſchlief, ſo löſchte er ſchnell die Lampe aus, um ſicherer zu ſein vor den loſen Geſellen. Dies gerade war das Mittel, die Trunkenbolde wild zu machen. Ihr Poltern wurde lauter und heftiger. Je mehr die ſtarke Eichen⸗ thür Widerſtand leiſtete, deſto höher ſteigerte es ihren Frevelmuth und Tollkühnheit. Zum Unglücke lagen unfern des Hauſes einige Balken auf der Straße, die zu einem neuzubauenden Hauſe gehörten. Dieſe ergriffen ſie und rannten damit gegen die Thüre, daß ſie praſſelnd einſtürzte. Jetzt ſtürmten ſie brüllend in das Gebäude ſelbſt; abet der Inde ſchrie verzweifelnd um Hilfe; die Nachbarn kamen aus ihren Wohnungen hervor und der Tumult wuchs mit jedem Momente. Als die Trunkenen einen Haufen Leute vor dem Haus erblickten, zogen ſie in halber Raſerei die Schwerdter und ſtürmten auf die Straße heraus, die Störer ihres Abentheuers zu verjagen. So lange es dem verhaßten Juden galt, waren die Bürger müßige Zuſchauer; als aber die Raufbolde gegen ſie ſelbſt ihre Waffen gebrauchten, da rief die Stentorſtimme eines vierſchrötigen Schläch⸗ ters:„Haut die Krautjunker nieder!“ „Die Krautjunker nieder!“ ſcholl's im mächtigen Chore nach — und bald fielen gewaltige Streiche auf ſie, geführt mit dem Bauholze, das ihnen ſelbſt als Sturmwaffe vor wenigen Minuten gedient. Die Kunde des Tumults war durch die Wächter zu den Ohren des Schultheißen gedrungen. Schnell erſchien er mit einer Schaar bewaffneter Bürger auf dem Orte des wildeſten Kampfs, und noch zeitig genug, um beide Ruheſtörer vor einem ſchmählichen Tode zu retten, den ſie um ſo gewiſſer würden gefunden haben, als mehrere Bürger aus tiefen Wunden bluteten. Dem Schultheißen wichen die ergrimmten Kämpfenden, und auf den Augenblick war die Ruhe auf Seiten der Bürger hergeſtellt; allein die beiden Trunkenbolde rafften ſich jetzt auf und fielen den Schultheißen und ſeine Schaar in entſetzlicher Wuth an. Dies war nun aber auch der letzte Auftritt des Handels. Sie wurden rücklings niedergeworfen und entwaffnet. Der Mond ſchien zwar hell, aber im Schatten per hohen Häuſer war Heir Geipel nicht fähig, diejenigen zu erkennen, welche des Kampfes Urheber waren. Er ließ ſie binden und in das Gefängniß abführen, ohne auch nur weiter zu fragen, wer es ſei, mit dem feſten Entſchluß, ein ernſtes Gericht zu halten am andern Tag über die Störer des Friedens und der Ruhe gemeiner Bürgerſchaft. So ſchnell der Tumult ausgebrochen war, ſo ſchnell kehrte die Ordnung zurück. Die Bürger gingen nach Hauſe und der arme geängſtigte Inde ſuchte den Schaden ſeiner Thüre ſo ſchnell und ſo gut als möglich herſtellen zu laſſen; denn der nahende Sabbat gebot doppelte Eile. Nicht auf die ehrenvollſte Weiſe waren die beiden Ritter zu dem Stadtgefängniſſe gebracht worden. Manche Püffe trugen ſie in verbiſſenem Grimme; denn die Bürger, höchſt ungünſtig gegen die Krautjunker geſtimmnt von denen ſie ſchon ſo manches Bittere 6* erfahren, ſeit ſie ſich innerhalb der Mauern breit machten, pochend auf ihre Verdienſte, benutzten freudig die Gelegenheit, ihre Abneigung an zwei Gliedern dieſer engzuſammenhaltenden Sippſchaft mit thät⸗ lichen Liebkoſungen nach der Weiſe weiland Till Eulenſpiegel's zu beurkunden. Einen Vortheil hatte dieſe bürgerliche Kurzweil für die Ritter. Der benebelnde Rauſch, welcher ſie ganz in ſeine umſtrickende Gewalt bekommen, wich dieſen mannhaften Angriffen ſo ſchnell, daß ſein Abzug mit ſeinem Anzug alle Aehnlichkeit einbüßte. Und wenn noch ein kleiner Reſt übrig geblieben wäre, ſo hätte er weichen müſſen, als der naßkalte Athem des Verließes ſie anhauchte und Moderduft verfaulenden Strohes, das zu ihrer Ruheſtatt für dieſe unheilvolle Nacht beſtimmt war, ihrer Naſe zuſtrömte. Sie wurden von den zahlreichen Wächtern, die ſich ohne Aufforderung zu thätigen Geſellen des Gefangenwärters darboten, in den finſtern Raum hineingeſtoßen, die Thüre raſſelte zu und die Nacht umfing ſie mit tiefer Schwärze; denn des Mondes Silberſtrahl fand keinen Eingang in dieſen Ort des Schreckens. Nur eine ſtille Wuth beherrſchte ihre Seele, die ſich jetzt in Flüchen Luft machte, daß Entſetzen jeden Hörer hätte ergreifen müſſen. Heppenheft hatte nur das Eine zu beklagen, daß der Rath der Stadt ihn, da ſolcher Streiche mehr auf ſeinem ſchon ganz anſehnlichen Frankfurter Sündenregiſter ſtanden, am Ende gar aus ihren Thoren jagen, und ihn alſo früherem Elende preis geben dürfte. Wie anders aber trat jetzt die kahle Kerkernacht vor des Scharfenſteiner's inneres Auge?! Er ſah jetzt die ganze Tiefe des Abgrunds ein, in welchen Frevelmuth und Leichtſinn ihn geſtürzt. Während Heppenheft im lauten, entſetzlichen Fluchen ſeinem Grimme Luft machte, in den ſich allerdings auch noch die Reue über den Streich miſchte, den er ebenſowohl ſich als ſeinem Genoſſen zuſchreiben konnte, lehnte er ſtill und in ſich gekehrt an der Mauer und dachte nach über das Unwetter, das er über dem Haupte heraufbeſchworen und die Wege, es möglichſt ſchadlos vorüberziehen zu machen. — 85— Da ſah er denn, wie ſchnöde er die Würde eines kaiſerlichen Abgeſandten aus dem Auge geſetzt, zu der ihn ohnehin nur unver⸗ diente Gunſt erhoben; da erblickte er des Kaiſers und des Dom⸗ probſtes gerechten Zorn, Agnes Verachtung, des Schultheißen Hohn. Wie ſollte er entgehen dem Heere der Uebel, welches er gegen ſich heranziehen ſah? Sollte er ſtolz auf ſeine momentane Würde pochen?— Das konnte das Uebel nur ſchlimmer machen. Sollte er reumüthig bekennen und büßen?— Das wäre vielleicht das Rathſamſte geweſen, aber dagegen bäumte ſich der Hochmuth und Trotz ſeiner Seele. Er war rathlos und verzweifelte faſt. In dieſer Stimmung kam ihm Heppenheft's Toben und Fluchen höchſt ungelegen, zumal es ſich am Ende gegen ihn kehrte, wie denn überhaupt der Menſch in verzweifelter Lage gerne Schuld und Zorn auf Andere wirft, während er nur ſich ſelber anklagen ſollte. Den guälenden Gedanken zu entgehen, wies er den Fluchenden heftig zurecht und gab Schimpf und Fluch zurück in gleicher Münze. Dies reizte den Raſenden nur noch mehr. Schäumend tappte er in der Finſterniß nach dem, der ihn, nach ſeiner Meinung, unglücklich gemacht, um ihm ſeinen Zorn entgelten zu laſſen. Scharfenſtein war in nüchternem Zuſtande keineswegs ſo muth⸗ voll, als er ausſprach. Er kannte Heppenheft's Berſerkerwuth aus mancher Scene früherer Tage und ebenſo das Uebermaaß ſeiner robuſten Muskelkraft, die mit der ſeinen durchaus in keinem Ver⸗ hältniſſe ſtand. Er fand es daher gerathen, ein ernſtes Blindekuh⸗ ſpiel mit ihm zu ſpielen, das heißt, an der runten Mauer des Gefängniſſes hinzuſchlüpfen, und ſo der Wucht der Fauſtſtreiche zu entgehen, die Jener nach ihm führte; allein er überſah dabei, daß das nur ſeine Wuth ſteigern mußte, und der ſie umſchließende Raum keineswegs groß genug war, um ihn auf die Dauer ſicher zu ſtellen. Er ſchrie alſo um Hilfe. Der Ruf lieferte ihn aber in Heppenheft's Fäuſte. Unbarm⸗ herzig blänete er ihn ab, ſtieß ihm den Kopf gegen die Mauer, bis er wie leblos niederſank. Mehrere Fußtritte waren die letzte Gabe der Freundſchaft, aber anch zugleich die völlige Entladung des Zorns. * = — Er begann jetzt, wieder gute Worte zu geben und ſchrie ärger, als früher Scharfenſtein, um Hilfe. Dieſe kam endlich. Der Gefängnißwärter hörte das Tumul⸗ tuiren wohl, ſchrieb es aber anfänglich nur dem Rauſche Beider zu. Als jedoch der Hilferuf deutlicher ſein Ohr berührte, eilte er herzu und fand Scharfenſtein blutend aus mehreren, doch leichten Kopf⸗ wunden, welche eine Folge des Wiederſchlenderns gegen die Mauer waren. Auch in dieſer Lage hatte feige Liſt ihn nicht verlaſſen. Obwohl die Schläge und Püffe ſeines Freundes heftig genng waren, Schmerz zu verurſachen, ſo waren ſie doch keineswegs der Art, ihn zu betäuben; vielmehr hatte er es gerathener gefunden, ſich ſo zu ſtellen, als ſei er ohnmächtig, um herberen Angriffen zu entgehen, und den Raſenden zu entwaffnen; dies war ihm gelungen, und nothgedrungen mußte er die Rolle weiter ſpielen. Als der Gefängnißwärter die Sachlage erkannt, ſchloß er zornig ab, holte ſich Beiſtand und legte, da er nun Scharfenſtein wieder bei Beſinnung fand, nachdem ſeine Wunden mit Eſſig ausgewaſchen waren, Beiden ſehr ungemächliche Handſchellen an, welche ſich vor⸗ züglich dazu eigneten, jede Erneuerung ihres Streites thatſächlich zu entfernen. So blieben ſie ſich, mit ihrem jetzt in Worten wieder ausbrechenden Streit überlaſſen. 11I. Am andern Tage wählte der Schultheiß das Wichtigere zuerſt zur Erledigung, die Botſchaft des Kaiſers. Saßen ihm ja doch die Ruheſtörer in ſicherer Haft und war keine Gefahr vorhanden, daß ſie ihr entſprängen, da der Gefängnißwärter die Vorgänge des Spätabends getreulich berichtet und auch die Art der Abhilfe nicht verſchwiegen hatte. Die Botſchaft Günther's von Schwarzburg betraf nichts Anderes als das erneuerte Geſuch, ihm, da der Böhme jeden Kampf vermeide, die Thore der Wahlſtadt zu öffnen. Der Rath der Stadt kam gegen Mittag zuſammen. Mehrere Glieder deſſelben, beſonders Herr Froſch, der perſönlich für Günther'n war, ſtimmten für die Oeffnung, da der Kaiſer ſchon lange vor den Thoren gelegen, und wenn man ihn einließe, gewiß zahlreiche Gnaden von ihm zu erwarten ſtänden, die man ja auch zu Gegen⸗ ſtänden einer Unterhandlung machen und als Bedingungen aufſtellen könne. Der Schultheiß hielt jedoch mit eiſerner Strenge auf den Privilegien der Stadt, auf dem Rechte, das ſie beſitze, machte aufmerkſam auf die Gefahr, die für ſie darin läge, wenn ſie tollkühn ſich Einem der beiden Kronanſtrebenden hingäbe, da noch kein Kampf Statt gefunden und man, da Carl bei Worms ſich rüſte, ja doch nicht wiſſe, auf welche Seite ſich die Schale neige. Er ließ, ohnehin mit dem edeln Froſch etwas geſpannt, leiſe einfließen, daß es ſchiene, als habe der Geſandte ihn ſehr für den Kaiſer eingenommen. Froſch fuhr auf und fragte, erzürnt ob des ihm zugefügten Unrechts, welcher Geſandte das ſei? Der Schultheiß nannte Scharfenſtein. Froſch fah ihn erſtaunt an.„Ich kenne den Menſchen nicht!“ rief er aus. Der Schultheiß wußte nicht, was er ſagen ſollte. Er erzählte die Thatſache und das perſönliche Mißverſtändniß löſte ſich ſchnell wieder in den Gang der nöthigen Verhandlungen auf. Dieſe aber zogen ſich bis tief in den Nachmittag hinein und endigten mit einer abſchlägigen Antwort, die jedoch mit den Verſicherungen treueſter Geſinnung verwoben war, um das Bittere zu tilgen. Als der Schultheiß heimkehrte, theilte er ſeiner Familie das ſeltfame Benehmen des Junkers mit und fragte, ob er nicht dageweſen. Als dies verneint wurde, ſtieg ihm eine dunkle Ahnung auf. Er ſann eine Weile nach; dann ſagte er zu ſich ſelbſt:„War der Bube Einer der Ruheſtörer, ſo fühle er den Arm der Gerech⸗ tigkeit und lerne ehren die Ordnung in unſerer Stadt Vielleicht“ — ſetzte er in ſich hinzu,„gibt dies ein Mittel ab, die unglückliche ———— Agnes zu bewahren vor einer Verbindung, die ſie nur elend machen wird.“ So kam die Nacht, und die Ritter ſahen weder die Stunde der Entſcheidung, nech die der Erlöſung. Die Noth zwang ſie zur Ruhe, die Ruhe zur beſonnenen Ueberlegung. Für Heppenheft, der ſtets ein wüſtes, irres Leben geführt, hatte die Lage der Umſtände nur eine unangenehme Seite, die, daß er wohl wieder auf die alte, nur durch die Aufnahme in den Wehrbann der Stadt unterbrochene Bahn würde hingewieſen werden. Anders bei Scharfenſtein, der erſt jetzt das Ganze überblickte, das für ihn von allen Seiten her ſchmerzlich erſchien. So war denn die Unterhaltung ſehr karg, und Jeder hing ſeinen Gedanken nach. Erſt am andern Morgen wurden ſie, gefolgt von den Gaſſen⸗ buben und dem müßigen Geſindel, auf das Rathhaus geführt. Mehr als Todesqual war es für Scharfenſtein, daß er mit Handſchellen durch die Stadt geführt wurde und gar unter den Fenſtern des Hauſes des Schultheißen vorüber Vergehen hätte er mögen, als jetzt Agnes Ange dem ſeinen begegnete, das verſtohlen den Weg nach dem Fenſter nahm. Die Sinne vergingen ihm ſchier und halb bewußtlos kam er oben an, wo mehrere Glieder des Raths und der Schultheiß zu ſcharfem Gerichte ſaßen. „Ihr hier?“ rief der Schultheiß, als er ſeiner anſichtig wurde. „Ihr ein Störer der öffentlichen Ruhe und Ordnung in unſerer Stadt, der im Rauſche des Kaiſers Kammerknechte anfällt?“ Scharfenſtein raffte die ganze Frechheit zuſammen, die er in nicht geringem Grade beſaß, jetzt aber kaum ſammeln konnte. Er machte zu ſeiner Vertheidigung geltend, daß er in die Geſellſchaft alter Bekannter gerathen ſei und unkundig der Tapferkeit im Humpenſtechen ſchnell des Weines Beute geworden, und dann von Heppenheft im Rauſche zu dem Frevel an dem Juden verleitet worden ſei. Ehe noch der Schultheiß reden konnte, fiel Heppenheft ein: „Glaubt's nicht, Herr Schultheiß; er verſteht das Trinken ſo, daß er überall, und ſelbſt in Mainz, als Meiſter gilt, und was das — Kurzweilchen betrifft, ſo iſt er im Mädchenjagen eben auch kein Neuling, und könnte Mancher von ihm mit Gewinn lernen!“ Ein Blick, der Tod und Verderben drohte, flog dem Leichtſinnigen zu, der ſich in ſein Geſchick zu ergeben begann; aber ver würdevolle Greis donnerte dem Unberufenen zu: „Schweigt, bis wir Euch fragen!“ Und zu Scharfenſtein gewendet, ſprach er:„Es thut mir leid um Euch; allein ich kann nichts thun, als was das Recht unabänderlich Euch zuſpricht.“ Zetzt rief Scharfenſtein:„Ich bin des Kaiſers Geſandter! Wagt's, länger dieſe Schmach mich dulden zu laſſen!“ „Der Kaiſer hat Herolde, die ſonſt ſeine Botſchaften bringen. Euch fehlt Wappen und Stab und Rock;“ ſprach mit eiskalter Nuhe der Schultheiß.„Briefträger waret Ihr wohl; aber deſto ſchlimmer, daß Ihr Euch ſo unwürdig betragen konntet. Um es kurz zu machen, ſage ich Euch, Ihr habt die Ruhe der Stadt geſtört durch wilden Frevel, habt mit blanker Waffe Bürger angefallen und verwundet, ſo ſeid Ihr dem Gerichte des hochedlen Rathes verfallen, aus deſſen Buße Ench Niemand befreien kann.“ Die Zeugen wurden jetzt vorbeſchieden. Der Jude und die Nachbarn beſtätigten die bekannten Umſtände des Frevels und ließen keinen Zweifel übrig. Zum Glücke waren die Verletzungen, welche mehrere Bürger erlitten hatten, unbedeutend. Sie wurden in eben der Weiſe wieder in das Gefängniß abgeführt und nichts änderte ſich in dem Zuſtande ſelbſt mehrere Tage hindurch. Im Lager fiel es allerdings, beſonders im Rathe des Kaifers, auf, daß Scharfenſtein nicht zurückkehrte und keine Kunde brachte. Der Domprobſt, deſſen Liebe zu ſeinem Mündel wahre Affenliebe war, konnte kaum ſeine Entfernung dulden. Anfangs überredete er ſich, der Reis der jugendlichen Agnes feſſele ihn ſo ſehr; als aber der dritte Tag hinabſank und keine Kunde kam, da erſchrack er heftig, und noch mehr, als ein Bote endlich die Antwort des Raths überbrachte, der feſthielt an ſeinem geheiligten Recht, aber bereit war, die Thore zu öffnen, wenn die geſetzliche Zeit verfloſſen ſein würde. Der Bote wurde zum Domprobſte be und emhlit — 96 die ganze Mähr von Scharfenſtein's wildem Unfug und des Schult⸗ heißen unbeugſamem Sinne. Den kannte wohl allerdings der Dom⸗ probſt aus früherer Zeit und ihm wurde ernſtlich bange. Wohl ſah er, von Zorn erfüllt, des Mündels Ungebühr ein, aber die Liebe ſiegte und er beſchloß, Alles aufzubieten, um ihn aus Holzhauſen's Gewalt zu befreien. Wie übrigens dieſer fatale Umſtand auf das Verhältniß zu Agnes wirken werde, mochte er ſich jetzt kaum geſtehen, weil der Gedanke, ſie Scharfenſtein vermählt zu ſehen, zu den theuerſten ſeines Herzens gehörte, die er nicht einmal als ſchwierig denken mochte, geſchweige denn als unmöglich. An des Kaiſers Güte ſich zu wenden, ſeine Vermittelung anzuſprechen, war der erſte Vorſatz, zu deſſen Ausführung er ſogleich ſchritt. Günther hörte ihn an mit Aufmerkſamkeit. Er wußte, was er dem charakterfeſten Kirchenfürſten ſchuldete, was er bei der Zeiten und Zuſtände Ungunſt zu ihm ſich zu verſehen hatte. Und doch ließ es ſein biederer, keuſcher Sinn nicht zu, des Junkers Unbill zu entſchuldigen. Nach einigem Schweigen ſprach der edle Schwarz⸗ burger ſeinen ganzen Unwillen gegen die Verletzung des kaiſerlichen Kammerknechts, die Störung des Stadtfriedens und Auflehnung gegen den Rath der Reichsſtadt aus, rügte die loſe und entiittete Lebensweiſe des jüngern Theiles der Ritterſchaft und tadelte des Domprobſts allzu große Nachſicht gegen ſein Mündel. Der Dom⸗ probſt verſchluckte nur ungern die Pillen, welche er empfing; doch ſein Gewiſſen war mit dem Kaiſer im Bund. Er mußte ſich ſelber geſtehen, daß er zu große Schonung dem Knaben und Jüngling erwieſen, der ſchon in Mainz ſo oft die Sitten mit Füßen getreten hatte. Nach ſolchen Aeußerungen fürchtete er faſt, der Kaiſer werde die Bitte, ſich für Heinrich zu verwenden, abweiſen; allein ſein Herz wurde erleichtert, als Günther hierauf lachend ſagte: „Ihr wiſſet, Hochwürdigſter Herr und Freund, daß der Böhme die Fürſten gen Kaſtell, ſo gen Mainz überlieget, berufen hat, zum Heereszuge gegen uns. Wir haben eben dahin ein groß Pournier bei unſern Freunden im Reich anſagen laſſen. Zu ſolchem bedürfen — wir der rüſtigen Kämpfen, wie Euer Mündel iſt. So mag denn Gnade vor Recht ergehen um Euretwillen!“— Er wandte ſich und ließ den Arzt Freydank rufen. Bald darauf trat im ſchwarzen, pelzverbrämten Talar ein Mann herein, deſſen edles Geſicht ſchnell für ihn einnehmen mußte. Er war in den mittleren Jahren und eines ernſten, faſt ſchüchternen Weſens. „Meiſter Freydank,“ redete ihn freundlich, faſt zutraulich, der Kaiſer an,„ich weiß, Ihr ſeid ein Kind Frankfurts, und Eure Kunſt gilt viel in ihren Mauern. Kennet Ihr den Herrn Schultheiß Geipel von Holzhanſen wohl, unſern edlen Freund?“ Der Doctor neigte ſich tief und bejahte die Frage, indem er hinzuſetzte, er habe als Arzt ihn mehrmals behandelt und genöſſe ſeines beſonderen Vertrauens. „Deſto beſſer,“ verſetzte der Kaiſer.„So gehet hin und meldet ihm unſern Gruß und unſern Wunſch, den Ritter Heinrich von Scharfenſtein uns zu überlaſſen, ſintemal er verfallen ſei des Reiches hohem Richteramte durch den Frevel, ſo er geübt an unſern Kammerknechten. Bietet Alles auf, dieſen unſern Wunſch ins Wer zu richten.“ Der Arzt neigte ſich abermals und zog ſich ſtille zurück, W en der Domprobſt den Kaiſer verließ. W Wo der Feldberg ſein dunkelbelaubtes Haupt in die reine Luft erhebt und herrſchend über die anderen Höhen weg ins reichgeſegnete Mainthal und in die blühende Wetterau blickt, da ſiehet das Auge des Wanderers die Ruinen einer Burg, die gebieteriſch noch jetzt in die wald⸗ und fruchtreiche Landſchaft ſchaut, die einſt vor ihr ſich zitternd gebeugt. Obwohl in Trümmern liegend, kündigen doch ihre Mauern, ihre ſtolze Warthe und die kühne Lage es an, daß ſie einſt der Sitz eines mächtigen Geſchlechtes war, und daß da, * — 9 wo jetzt Kautz und Falke horſten, ein fröhlich Ritterleben Säle und Räume erfüllte. Es iſt die Burg Falkenſtein, die Wiege eines großen Geſchlechtes. Die Lage des Schloſſes war kühn und feſt. Noch von den Nuinen ſchweifet der trunkene Blick in eine der ſchönſten Landſchaften, die es geben mag im Reiche. Dort thürmen ſich Altking und Staufen und des Reichenberg's Höhe, hier lehnt ſich die Burg gleichſamn des Feldberges bewaldete Bruſt. Im Vordergrunde ruht hier das alte Königſtein, dokt das nicht weniger alte Kronberg, deſſen Burg einſt ein ruhmvoll Geſchlecht umſchloß, nahbefreundet in Fehde und Luſt den Falkenſteinern. Dörfer, ſo freundlich und friedlich, blicken aus dem Gürtel ihrer Obſthaine hervor, oder ruhen von dunklem Waldkranz umſchloſſen, oder im Schooß einer üppigen Fruchtflur. Mühlen und Höfe blicken hier und dort hervor. Je mehr ſich das Gelände zum ſilberhell dahin⸗ fluthenden Main abſenkt, deſto mehr tritt der Wald ſeine Herrſchaft an den Pflug ab, der ſeine geraden Furchen zieht, um den Segen der Erndte zu bergen, und die weite Ebene bildet ſich, die auf beiden Flußufern ſich hindehnt, hier das freundliche Höchſt mit ſeiner ſchlanken Warthe umſchließt, dort des Landes Schmuck und Segen, die ſtolze Freiſtadt am Maine mit ihren Häuſermaſſen, ihren Thürmen und Warthen und dem Alles beherrſchenden Dome. Es war zur Vesperzeit an einem der ſonnenhellſten Tage des Junius im Jahre 1349, als von Franffurt her ein Fähnlein reiſiger Knechte den Weg gen Falkenſtein verfolgte. An der Spitze des reiſigen Haufens ritt ein junger Mann, deſſen Wangen bleich, deſſen Auge düſter, deſſen Stirne tief geurcht aus dem weitgeöffneten Viſire herausſah. Kaum war Rüdiger's von Wiltberg fonſt ſo heiter lächelndes, blühendes Antlitz mehr zu erkennen. Es lag aber auch ein halbes Jahr voll entſetzlicher Ereigniſſe hinter dem jungen Mann, ein halbes Jahr, das zehn Jahre des Lebens aufwog durch ſeine Erfah⸗ rungen, ſeine Leiden und ſeinen Schmerz. Düſter ritt er dahin. Noch konnte ſein Auge die Burg nicht ſehen, nach der vft ſehnſüchtig ſeine trüben Blicke ſuchten. Die Reiter ehrten die ſchwermüthi Stimmung ihres Führers. Sie ritten in anſehnlicher Entfernung hinter ihm drein und wagten's nicht, durch lautes Geſpräch ihn ſeinen Gedanken zu entfremden. Nur leiſe flüſternd beßprachen ſe GBergangenheit und Sh Auch auf der Burg Falkenſtein ſah es anders aus, als da Rüdiger mit Herrn Ulrich von Falkenſtein in das Kaiſerlager von Frankfurt ritt. Damals war ſein treuer Pflegevater noch rüſtig geweſen⸗ Seitdem aber erlag er ſchwerem Gepreſte. Eine Krankheit hatte ihn, als Rüdiger im Heere Günther's von Schwarzburg in den Rheingau hinabzog, aufs Siechbette geworfen. Zwar ſtand ihm die ſanfte, treue Agnes pflegend zur Seite und eines Frankfurter Arztes weiſe Kunſt hob das Uebel; jedoch nur ſcheinbar. Tief im Innern der Bruſt fraß gierig das ucbel am Leben eines Mannes, der treu und edel war, und zerſtörte die edelſten Wurzeln in langſamem Siechthum. Agnes ſah ſeine Kräfte ſchwinden, und ihr kindliches Herz blutete. Tiefer Kummer nagte ohnehin ſchon an ihrem Innern, ſeit ſie wußte, daß man ſie zur Braut Scharfenſtein's beſtimmt, deſſen ruchloſes Leben ſie verabſcheute. Mit dem Tod ihres Vaters drohte ihr dies Loos noch gefährlicher; denn aledann wurde ja Kuno, der Domprobſt, ihr Vormund, dieſer herrſchſüchtige, nur an Gebieten bei ſich, an blindes Gehorchen bei Anderen gewöhnte Mann. Und der, dem ihr Herz gehörte, war fern. So fehlte ihr Stütze und Troſt in dieſer ſchmerzlichen Lage. Gerade an dem Tag, als Rüdiger ſich der Burg näherte, war Herr Ulrich beſonders übel. Nur ſehr ſchwer konnte er athmen, und es koſtete ihn ſehr viel Anſtrengung, wollte er die hoch ange⸗ ſchwollenen Beine bewegen, um ſeinen Sitz im Lehnſtuhle, wo er halb ſaß, halb lag, zu ändern. Anſelmus, der Beichtvater und Schloßkapellan, auch Pfarrer in Weiskirchen, ſaß bei ihm. Er hatte ihm vorgeleſen aus einer Chronik früherer Tage manche ſeltſame Kunde. Ulrich gähnte beträchtlich bei der trocknen Unterhaltung, und Agnes ſaß unfern des Fenſters, durch welches ihr Blick in die blühende Landſchaft — 5 ſchweiften. Thränen umdüſterten ihn. Sie dachte an des Theuern Tod, an ihr Verwaiſen, an Rüdiger's Fernſein in dieſer ſchweren, ſie ſo tief beugenden Zeit, und ſo ſank ſie in ein Meer von Gedanken, Wünſchen und Hoffnungen, die ſich mit banger Beſorgniß vermiſchten. Endlich löſte ſich all dies widerſtrebende Wünſchen, Denken und Fühlen in ein kindliches Gebet auf, das leiſe, leiſe aus des Herzens Tiefen zu dem emporſtieg, in deſſen Hand die Fäden ruhen, die ſich zum Gewebe unſerer Geſchicke einen und durchkreuzen. Da blitzten plötzlich Lanzen und Helm und Pickelhauben aus der Ferne in ihr Auge. Sie richtete ſich auf; ſie wiſchte die Thränen weg, die des Auges Dienſte hemmten.— Zetzt ſah ſie's deutlicher— ja, das war ein Reiterzug, und an ſeiner Spitze glänzte im ſtählernen Bruſtharniſch ein Ritter.— Eine freudig⸗ bange Ahnung zog durch ihre Bruſt, wie des Windes Hauch durch die Saiten einer Aeolsharfe. Sie wagte noch nicht zu reden.— Da tönte von der Warthe des Wächters Horn dreimal mächtig durch alle Räume der Burg. Der alte Burgherr fuhr auf aus dem Halbſchlummer, in den ihn des Paters Leſen gelullt. Er richtete ſich auf, als wenn die Kraft noch aus beſſeren Tagen in ihm wäre.„Was iſt das?“ rief er aus.„Es nahen Bewaffnete der Burg!“— „Auch ich ſah ſie ſchon eine Weile,“ ſprach zitternd Agnes; denn ſie wagte es noch nicht, auszuſprechen, was die ahnende Stimme der Bruſt ihr verkündete. In dieſem Augenblick ertönte zum zweiten Male das Wächter⸗ horn. Es war ein lang gehaltener, allmählich erſterbender Ton. „Ha!“ rief der Ritter, und ſein Antlitz leuchtete vor Freude, „es ſind Freunde; es iſt ſicher Rüdiger mit meinen Mannen!“ „Er iſts!“ rief jetzt die glückliche Agnes, die ſchon die Farben der Schärpe erkannte, die ſie ſelbſt ihm im Hauſe Herrn Geipel's von Holzhauſen geſtickt, und den Helmbuſch, der vom Kleinode des Helmes hernieder floß. In der ſeines Herzens wollte Herr Ulrich amn 05— aber er ſank ſeufzend zurück in den gepolſterten Stuhl; doch Agnes ließ ſich nicht halten. Sie flog hinab, dem Theuern entgegen. Die Zugbrücke vollte jetzt nieder, das Burgthor auf, und auf dem gewundenen Wege ſtürmte der Ritter heran mit ſeinen Begleitern. Im Hofe drängten ſich die Diener und Mägde. Alles wollte dienen, Alles helfen und gefällig ſein. Ehe noch Rüdiger aus dem Bügel war, ſtand ſchon die Lieb⸗ liche, das Bild ſeiner Träume, vor ihm. Uebermannt von dem Gefühle, das mächtig ſie durchglühte, flog ſie rückhaltlos an ſeine Bruſt. Seliger Moment! Du machſt vergeſſen die Leiden und Schmerzen vergangener Tage, du heiterſt auf den Himmel der Gegenwart und raubſt der dunkeln Zukunft ihre Schrecken! Die Röthe kehrte auf des Ritters bleiche Wangen, die Wonne in den trüben Blick zurück und die Falten der Stirne waren geglättet!— Auch droben im Gemache harrte ſein ein ebenſo herzliches Willkommen, wenn auch andere Gefühle ihm zur Wurzel dienten. Nur Anſelmus war weniger herzlich als ſonſt. Dieſe Aenderung, die jedoch weder der Ankommende, noch Eins der beiden durch ſeine Ankunft Beglückten merkte, hatte ihren guten Grund. Zwar hing Anſelmus mit Liebe an dem Ritter; denn er war ſein Lehrer geweſen und hatte die erſten Keime ſeiner geiſtigen Entwickelung befruchtet, daß ſie zu dem heranreiften, was jene Zeit von dem forderte, dem vorzugsweiſe der ehrenvolle Dienſt der Waffen zum Berufe geworden war. Seine Geſinnung gegen ihn hatte ſich auch eigentlich nicht geändert, aber es waren höhere Rückſichten, welche ihn leiteten. Der Domprobſt war nicht lange nach der Ausſöhnung der Brüder in Falkenſtein geweſen. Er kannte dieſen Anſelmus wohl, wußte recht gut, wie unter dieſer gutmüthigen Miene eine Schlauheit wohnte, die nicht leicht feiner gefunden werden mochte; ihm war es bekannt, daß Habſucht, Genußſucht und Ehrgeiz, die drei Götzen dieſer Welt, eine gewaltige Herrſchaft über dieſe Prieſterſeele übten, unter deren Einfluß jede andere Rückſicht in gemeſſene Schranken gedrängt wurde. Ihm ſchien er ein recht brauchbares Werkzeug, ſeine geheimen Pläne zu erzielen. Es war ihm ſchon längſt bekannt geworden, daß Herr Ulrich durch rechts⸗ kräftige, ſelbſt vom Kaiſer beglaubigte Urkunden Rüdiger in ſeine Ganerbſchaft aufgenommen, Afterlehen von hoher Bedeutung ihm ertheilt hatte. Dieſe zu vernichten und ſomit Rüdiger's Anſprüche gänzlich zu tilgen, jeden Einfluß auf Agnes, den er in ihrer Nähe fürder üben konnte, wegzuſchneiden und ſich ſo den Weg zu bahnen, den Unbequemen zu entfernen, das war der Plan, den der Dom⸗ probſt ausgedacht, zu deſſen vollziehendem Wertzeuge er ſich den Pater Anſelmus erſehen. Die Ausſicht auf eine Domherrnpfründe, die Cuno aus der Ferne herüberſchimmern ließ, reichte hin, den heiligen Mann völlig zu ſeinem blinden Werkzeuge zu machen. Er ſchwur ihm zu, ſeine Abſichten vollſtändig ins Werk zu ſetzen. Ruhig kehrte Cuno nach Frankfurt zurück, wo er ſich noch immer damals aufhielt, weil die Spänne zwiſchen der Parthei Günther's von Schwarzburg und Carl's 1v. noch als unausfüllbare Kluft gähnte. Er war voll⸗ kommen überzeugt, daß Anſelmus Alles aufs Pünktlichſte vollziehen, auch das Herzensbündniß, das, wie er wußte, zwiſchen Agnes und Rüdiger'n beſtand, auf alle Weiſe zu löſen ſtreben würde. Als Rüdiger eintrat, wollte die alte Liebe des Lehrers zum wackeren Schüler ſich wieder regen. Die Schlauheit hätte, wäre ſie wirklich nicht mehr vorhanden geweſen, doch ſicherlich ihr Gewand geliehen; allein es regte ſich das Gewiſſen in der geiſtlichen Bruſt. Was hatte ihm dieſer junge Mann gethan, daß er jetzt ſo tückiſch, feindlich gegen ihn handeln und ihm die Mittel rauben ſollte, die künftig ſeine ehrenvolle Exiſtenz ſicherten? War das der Lohn für die treue Liebe, den unwandelbaren Gehorſam, den ſtets regen Eifer, ihm gefällig zu ſein? In Anſelmus war noch nicht ſo ganz alles Gute erſtickt, daß er nicht ſeine eigene Verworfenheit hätte fühlen ſollen; allein ſo viel Macht hatte er auch wieder nicht, um dem Beſſern den Sieg zu geben. Aus dieſem Zerwürfniß im eigenen Herzen floß die befangene Begrüßung des jungen Ritters. Es war ein Glück für Anſelmus, daß jetzt Niemand auf ihn Acht hatte.— Nicht lange dauerte es, da ſprach er leiſe in ſich hinein:„Ich gehorche meinem Oberen; was habe ich mir über das Wie lange Kummer und Sorge zu machen?“ Er fuhr mit der Hand über die Stirne, als wiſche er damit jeden Vorwurf hinweg, den das Gewiſſen ihm etwa machen könnte. Die Schlangenklugheit hatte nun ihre Obmacht gewonnen— und— heiter lächelnd trat er zu dem Nitter und gab ihm ſeine Benedictien.— Es war eine geraume Zeit unter den Bezeugungen der Freude hingegangen, ehe Rüdiger daran dachte, den Helm und Harniſch abzulegen. Herr Ulrich erinnerte ihn zuerſt daran. Agnes ließ es ſich nicht nehmen, ihm den ſchweren Helm zu löſen und das Wehr⸗ gehänge von ſeiner Schulter zu nehmen. Mit ſeligen Eefühlen im Herzen ließ es Rüdiger geſchehen, und das Bild eines künftigen häuslichen Glückes trat vor ſeine Seele mit allen ſeinen unnenn⸗ baren Zauberreizen. Nur die Vorſtellung, wie ſchwer das geſchehen könne, fiel wie ein dunkler Schatten auf dies lachende Bild.— Er ſtand auf und ging auf ſeine Kammer, um die Gefühle zu verhehlen, die jetzt ſein Herz beſtürmten. Als er darauf wieder in das Gemach trat, harrte ſein ſchon Herr Ulrich und beſtürmte ihn mit Fragen zur Erläuterung der dunkeln Gerüchte, welche zu ihm gedrungen waren. „Er iſt todt, der edle Günther,“ ſprach er,„und Deutſchland hat an ihm einen ſchwerern Verluſt erlitten, als es bis jetzt noch weiß. In ſeiner Hand, die feſt und mild zugleich des Reiches Zügel hielt, hätte wohl allein das Mittel gelegen, die feindliche Spaltung im Reiche herzuſtellen und auszufühnen; ihm allein war es gegeben, indem er Alle in Liebe zu ſeiner Perſon vereint hätte, Schranken zu ſetzen der Anmaßung einzelner Fürſten, beſonders der geiſtlichen Herren, die, wie ſie über die Gewiſſen herrſchen, auch herrſchen möchten in weltlichen Dingen; er hätte den Landfrieden zurückgeführt— er— o daß er geendet, ehe er begonnen! Iſt es dem wahr, mein Sohn, daß das edle Leben durch tückiſches Gift geender?“— „Höret mich an. Ich bin im Stande, genauer den Hergang 7 Euch zu berichten, denn irgend Jemand, weil ich ſelbſt eine Ahnung hatte von dem, was leider ſich dennoch ereignet, und mir zu wachen über das theuere Leben des edeln Kaiſers als heiliges Ziel ſelber vorgeſetzt hatte.“— „Du?“ fragte nicht ohne Erſtaunen Herr Ulrich. „Als wir noch im Lager ſtanden, da fiel dem braven Hans Marſchall von Saneck und mir Einer auf, der ſich Arras nannte und zu Günther's Parthei hielt. Wenn je der Teufel in einer Menſchenlarve ſteckte, ſo war es dieſe. Er hatte mit Niemand engeren Verkehr als— vergebt, wenn ich es gerade ausſpreche, mit Scharfenſtein, dem Mündel Eures Herrn Bruders, des Domprobſts. Durch dieſen ſuchte er ſich an den edeln Meiſter Freidank von Heringen anzuſchmiegen, den ich von früherer Zeit her, wie Ihr wiſſet, kannte; aber der Arzt hatte einen Schrecken vor dem Menſchen, daß ihn in ſeiner Nähe ſchier eine Gänſehaut überlief. Als Freidank acht Tage in Frankfurt zubrachte, um Scharfenſtein zu befreien, der in ſicherer und ſchwerer Haft in Frankfurt ſaß ob ſeiner liederlichen Streiche, da wußte es Arras möglich zu machen, daß er den Knecht des Arztes gewann. Es war ein Böhme von Geburt, rothhaarig, ſcheel und gräulich verwachſen, kurz eine Creatur, die Einen zittern machte, wenn man ihrer nur anſichtig wurde. Ewig ſteckte er im Laboratorium des Doctors, hraute Tränke aus Kräutern und mancherlei anderen Dingen, ſo eine geheime Heilkraft beſitzen. Der Arras hatte Geldes die Fülle. Das war der Schlüſſel zu des Laboranten Herzen. Bald waren ſie einig.— Ich habe, als Freidank wiederkehrte, ihn getreulich gewarnt vor dem gräulichen Unholde, den er hegte und pflegte. Er lächelte nur und meinte, ich ſähe Geſpenſter am hellen Tage. Der Ralph ſei ſo treu wie Gold, und ſolchen Menſchen finde er nicht wieder, wenn er auch die halbe Welt durchziehe. Immer hatte der Arras und der Scharfenſtein heimlichen Verkehr mit dem Ralph. Freidank meinte, ſie möchten wohl ſich Liebestränke und ſolcherlei Arzneien von ihm kaufen, die er beſonders zu miſchen verſtehe, und ſolches ſagte ihm auch der Laborant. So kam es dann, daß wir endlich in die Stadt zogen. Als aber der treuloſe Böhme, Carl IV., den Frankfurtern die Meſſe entzog, um ſie zu ſtrafen für ihre Neigung zu dem Schwarzburger, als er nach Kaſtel bei Mainz des Reiches Fürſten zum Heerbanne gegen Günther aufrief, und der edle Fürſt höhnend ein ſtattlich Turnei nach Kaſtel beſtellte, da war es Zeit, daß wir hinabzogen, um Schwerdt gegen Schwerdt uns zu meſſen mit den Abtrünnigen in ehrlicher offener Feldſchlacht.— Ihr habt von dieſen Begebniſſen gewißlich Alles erfahren, da es in Eurer Nähe ſich zutrug. Nachdem Kaſtel niedergebrannt war, zogen wir gen Eltville im Rheingau und lagen allda. Der edle Fürſt hatte ſich wohl erkältet; denn ihm war's nicht ganz geheuer, und er begehrte von Freidank einen Trank, der einen heilſamen Schweiß hervorrufe und ihn heile. Gerade an dem Abend ſchlichen Arras und Scharfenſtein zu dem Knechte. Einige wollen es mit eigenen Augen geſehen und gehört haben, daß die Beiden ihm viel glänzendes Gold in den Lederſchurz geworfen, und er darauf geſagt habe:„Ihr ſollt ſehen, daß ich euch nicht täuſche.“ Noch ſaß der Kaiſer fröhlichen Muthes bei der Tafel, als die beiden Ritter eintraten und ſich unter die Gäſte miſchten. Darauf trat der Freidank herein, heiteren Antlitzes, und hinter ihm folgte der Ralph mit teufliſchem Grinſen, und trug eine zierliche Schüſſel, darauf ein goldner Becher ſtand. Freidank nahte ſich dem Kaiſer und reichte ihm das Gebräu. Der Kaiſer aber ſagte lächelnd:„Seid Ihr mein abſonder⸗ licher Mundſchenk heute, ſo thut auch Eure Pflicht als ſolcher und kredenzt mir den Becher, den Ihr mir bereitet.“ Freidank neigte ſich lächelnd, nahm den güldenen Becher zierlich in ſeine Hand und that auf ſeines Kaiſers Wohl einen tüchtigen Zug aus dem Becher, und reicht ihn dann dem Kaiſer, der ihn in einem Zuge bis zu den Hefen leerte. Seltſam war es anzuſchauen und unheimlich, als der Arzt trank. Die rothen Haare des Ralph ſträubten ſich empor und ſein kupferig Antlitz wurde weiß wie Kreide. Auch machte er Miene, 7* *— 50 als wolle er den Arm ſeines Herrn faſſen und ihn zurückhalten, daß er nicht trinke; allein es war zu ſpät. Schnell eilte er hinaus, und Arras und Scharfenſtein folgten ihm und verſchwanden alsbald. Aber ein Schiffer erzählte des andern Tags, an ſelbigem Abend ſeien zwei Ritter eilig an den Rhein geſtürmt und hätten verlangt, daß er ſie mit ihren Roſſen überſetze. Für ſchweres Geld hätte er ſich dazu verſtanden. Als ſie eben hätten abſtoßen wollen vom Ufer, da ſei ein kleiner buckliger Menſch in raſender Haſt daher gelaufen und habe mit überſetzen wollen. Das hätten die Ritter anfänglich nicht dulden wollen; doch habe endlich der Eine den Andern beredet, den er Arras genannt, ihn mitzunehmen. Darauf ſei er denn auch eingeſtiegen und habe viel mit dem Arras in wälſcher Sprache geredet. Er, der Schiffer nämlich, habe am Ruder geſtanden und auf den Strom geblickt; da habe es plötzlich einen ſchweren Fall ins Waſſer gethan, er habe einen gellenden Schrei gehört, aber nichts weiter geſehen. Darauf hätte der Arras geſchrien, der Kleine ſei in den Rhein geſtürzt, aber keine Miene gemacht, ihm beizuſpringen, und ſo ſei er elendiglich ertrunken. Ihm aber ſei es unheimlich geworden, weil es ihn bedünken wollen, als hätte der Arras den Kleinen mit Vorbedacht in die Wel geſtürzt.“— Den alten Ritter überlief es bei dieſer Erzählung eistat Agnes hatte ihre zarten Hände angſtvoll gefaltet, und ſelbſt Anſel⸗ mus gab ſich ganz dem Eindrucke hin, den eine Mähr dieſer Art hervorbringen mußte. Rüdiger, ſelbſt bewegt von der ſchmerzlichen Erinnerung an ein Ereigniß, das tief und unheilbringend in ſein Leben einzugreifen drohte, ſchwieg lange, als müſſe er ſich neue Kraft ſammeln, das Entſetzliche zu ſchildern. Alle hingen geſpannt an ſeinen Lippen. „Schon in der Nacht, die auf den Abend folgte,“ fuhr er endlich nach dieſer Pauſe fort,„Zzeigten ſich bei Freidank die Felgen des unſeligen Gebräues, das der ſchändliche Ralph gemiſcht. Des Arztes Körper war ſchwächlich von je. Nachtwachen und eifriges Studium ſeiner Kunſt, die er in ſo hohem Grade beherrſchte, 1 „ — 101— mochten ſeine Kräfte geſchwächt haben, daß ihn ſchneller des genoſſenen Giftes Gewalt anfaßte. Er ſprang auf und rief nach Ralph, aber der Unhold war gänzlich verſchwunden. Dieſer Umſtand beſtärkte ſeinen Verdacht. Ich wohnte ganz in ſeiner Nähe, im Haus eines Hufſchmieds, der früh aufſtand, um das Eiſen zu hämmern. Er ließ mich wecken und kündigte mir an, wie wahr meine Furcht geworden. Schnell bereitete er wirkſame Gegengifte in hinlänglicher Menge und nahm ſie. Doch— was foll ich euch das grauſenhafte Bild ſeines Todes entwerfen! Nach drei leiden⸗ vollen Tagen drückte ich dem edeln Manne die Augen zu und betete ein Ave und Polernoster an ſeiner Leiche.“ „Und der Kaiſer?“ riefen fragend alle Drei faſt zu gleicher Zeit. „Seine Kraft,“ fuhr Rüdiger fort,„ſchien Trotz zu bieten der hölliſchen Gewalt, die in ſeinem Innern wirkte; aber ſie unterlag dennoch. Umſonſt nahm der Edle die Gegengifte, welche Freidank bereitete. Später als bei ihm, aber nicht weniger heillos, wirkte das Gift. An Freidank's Bette war der Kaiſer und vernahm ſeine Unſchuld, die ſein Tod mit aller überzeugenden Kraft beſtä⸗ tigte. Jetzt war des Kaiſers Tod nur zu gewiß, und er ſelbſt war vertraut mit dem Gedanken, ordnete ruhig und Gott ergeben Alles an, und kehrte nach Frankfurt zurück, ſiech und todtmüde.— Es iſt euch bekannt, wie ſich nun der Zwieſpalt im Reiche löſte, wie der edle Günther gegen die namhafte Summe der Krone entſagte, und dieſe Summe nur dazu verwendete, um ſeinen getreuen Freunden die Koſten des Heerzuges zu entſchädigen.— O, ich gedenke noch des Einzugs in die Stadt! Glanz überall, aber keine Freude. Ihr, Pater Anſelmus, habt mir einſt erzählt, wie die heidniſchen Kaiſer nach glücklich beendeten Kriegen im glänzendſten Trinmph in Rom einzogen. Günther's Einzug in die Freiſtadt Kahnte mich lebendig daran; aber der Triumph war ſtille, traurig — es ſchien ein halber Leichenzug zu ſein. Im Johanniterhofe lag der edle Fürſt; dort endete er ſein Daſein zu frühe für das verwaiſte, vielfach bedrängte Reich. Groß war der allgemeine — 102— Schmerz,— doch ſchlecht verhehlt die Freude der böhmiſchen Parthei. Herrlich war Günther's Leichenzug. Zwanzig Grafen trugen die Leiche— und Carl von Böhmen folgte ihr in— Trauer.— Thränen hab' ich geſehen an ſelbigem Tag aus Augen rinnen, die gewiß ſelten geweint! Um meinem Schmerze zu entgehen, ſutzte ich Saneck am Abend auf das Haus Limpurg, wo eine große Gemeinſchaft war. — Denkt euch meinen Grimm! Da ſah ich Arras bei Scharfen⸗ ſtein ſitzen, die luſtig zechten mit dem Heppenheft, der kurz vorher aus Frankfurts Thoren getrieben worden, aber mit dem Böhmen wieder eingezogen war. Auch ich, läugnen will ich es nicht, hatte des Weines mehr genoſſen als gut war. Da trat ich zu Arras und rief:„Gift⸗ miſcher und Mörder, wie magſt du es wagen, hier dich zu zeigen!?“ — Wie wenn der Tod ihn berührt hätte, ſo flog Todesbläſſe über ſein durchfurchtes Geſicht. Er war anfänglich keines Wortes mächtig — doch bald ermannte er ſich, und ein Zweikampf war der Sache Ende. Es war ein Gottesurtheil. Mein erſter Schwerdtſtreich drang ihm zwiſchen Hals und Schulter ein, zerſplitterte das Bein und drang tief in die Bruſt, aus der ein Strom des ſchwarzen Höllenblutes quoll. Er iſt gerichtet, hier und dort.“— Eine Pauſe entſtand jetzt wieder. Rüdiger hing einige Augenblicke ſeinen Empfindungen nach. Agnes ſaß tief erſchüttert da. Schander über⸗ liefen ſie, und ihre Hände waren ſo krampfhaft gefaltet, daß alles Blut aus ihnen zurücktrat. Der alte Ritter ſtarrte ſeinen Pflege⸗ ſohn an, der ſolch erſchütternde Geſchicke im Zeitraume weniger Monde erkebt, wie ſie ihm kaum ſein ganzes Leben bereitet; allein es lag eine ſtolze Freude in ſeinem Antlitz. Anſelmus kreuzte ſich und murmelte leiſe Gebete, indem der Roſenkranz laut durch ſeine inger kugelte. Die augenblickliche Stille unterbrach Herr Ulrich „Gib mir deine Hand, Rüdiger,“ ſprach er, und drückte die argebotene herzlich.„Ich bin ſtolz,“ fuhr er fort,„daß ich dich erzogen. So mußteſt du gegen dieſen Arras handeln; aber ſag' — 103— mir, was iſt aus Scharfenſtein geworden? Ich hoffe nicht, daß du mit ihm einen Strauß hatteſt?“ „Das nicht gerade,“ verſetzte Rüdiger.„Ich hab' ihm den Handſchuh ins Angeſicht geſchleudert in der Hitze, aber er hat es für beſſer gehalten, ſich unſichtbar zu machen. Vielleicht war es auch Herr Cuno, der wieder mit ihm ausgeſöhnt iſt. Ich ritt am Tage nach dem Kampf ab, weil ich viel giftige Blicke ſah, die mich überall verfolgten, abſonderlich von denen, die der böhmiſchen Parthei huldigten.“ Des alten Ritters Haupt ſank ſorgenſchwer auf die Bruſt herab. Dies Letzte beugte ihn tief. Er hatte wohl manchmal noch gehofft, jenes Bündniß würde ſich von ſelber löſen, das er Cuno zugeſagt; allein jetzt ſah er Cuno's wilden Haß gegen Rüdiger auflodern, und dieſer Haß kannte leider keine Grenzen. Es war nicht ganz einen Monat ſpäter, als ein furchtbares Hochgewitter, vom Feldberg abgeſtoßen, ſich langſam gegen die Niederung ſenkte. Es war ſchon ſpät am Abend. Längſt ſchon waren die Felder öde geworden und die Heerden heimgekehrt. Der Sturm tobte um die Burg Falkenſtein, als könne er dem Gelüſte nicht widerſtehen, ſie in ihren Grundfeſten zu erſchüttern. Wie feurige Schlangen ziſchten am dunkeln Nachthimmel die Blitze in gllen Richtungen der Windroſe, und der Donner grollte ſchauerlich bald, bald entlud er ſich in angſterregenden Schlägen. Es war an dieſem Abend, als in der Halle, im Erdgeſchoſſe der Burg, die 67 Knappen und Reiſigen zuſammenſaßen beim labenden Bierkrug, und ſich erzählten mancherlei Mähren und Geſchichten, welche ſie theils ſelbſt wollten erlebt haben, theils als Tradition bezeichneten, jedoch mit aller nöthigen Zuthat von Namen. Umſtänden und Perſonen, um ihnen Glauben zu ſichern. Selbſt der Thurmwart, der droben in der Lüfte freiem Reviere ſeine Wohnung und Gebiet hatte, ſchlich ſich herein und ſetzte ſich, indem er ſagte;„Der Wind ſchaukelt den Wartthurm wie ein Schilfrohr und der Regen ſch ſo zu meinem Fenſterlein herein, daß ich's droben nicht aushe kann.“ 5 — 104— „Was thuſt du auch droben?“ ſprach Kunz, des alten leidenden Ritters Leibknappe.„Der Domprobſt wird ſich nicht tummeln, daß er herkomme, zumal der Sendbote nicht nach ſeinem Sinn iſt.“ „Mag ſein,“ entgegnete der Thurmwart.„Iſt ihm dann der Herr Rüdiger ein Dorn im Auge?“ „Allerdings, ſchon dadurch, daß er, der arme Ritter, das Fräulein liebt, und dieſes ihn, auch der alte Herr ihn gut bedacht hat. Du weißt ja doch die Geſchichte mit dem Krazz von Schar⸗ fenſtein noch, die iſt nimmer aus.“ „Wie ſteht es denn droben im Kämmerlein unſeres Herrn?“ fragte Jener weiter. „Wie's ſteht?“ antwortete Kunz.„Nun, wie bei dem Lichte, das erlöſchen will. Ich glaube nicht, daß er das Tageslicht mehr ſieht“ „Das glaub' ich auch,“ war des Thurmwarts Gegenrede, „denn der Todtenvogel ſchwirrt ſeit dreien Nächten ſchauerlich um die Zinnen der Burg und ruft unaufhörlich ſein Mark und Bein durchdringendes:„Komm' mit! Kemm' mit!“ „Lieber Gott,“ fagte Kunz,„unſere guten Tage ſind auch alle. Wir ſind mit Herrn Ulrich alt geworden, und das Kriegs⸗ werk will uns alten Kämpen nicht mehr recht zuſagen. Wird der Domprobſt Vormund des Fräuleins, ſo iſt nur ein doppelter Weg; entweder es gibt hier eine Pfaffenwirthſchaft, oder der Krazz heirathet das Fräulein, und wir müſſen wieder einmal Wegelagerer werden, denn der treibt's toll genug.“ Die übrigen Knappen hörten dem Worte bedenklich zu. Sie mochten das Wahre an der Sache fühlen. „Ich mein' aber,“ begann Einer zu Kunz,„der Scharfenſtein ſei flüchtig geworden, ſeitdem er mit dem Arras von Eltrille floh.“ „Narr du,“ rief Kunz,„weißt du denn nicht, daß er zu dem nd, erwarb, zur Krönung nach Aachen folgte und dem Dom⸗ wieder feſt in ſeiner Gunſt.“ iſer floh, wo er ſeine beſondere Gunſt, vielleicht aus triftigem ſt zur Ausſöhnung mit dem Kaiſer half? Seitdem ſitzt er — — 105— „Armes Fräulein! armer Rüdiger!“ ſeufzte der alte Thurm⸗ wart.„Ihr Loos iſt jetzt ſchon ſchlimm gefallen. Sie ſchleicht einher wie ein Schatten. Es wär' vielleicht beſſer, der Philipp käme wieder, der auf Münzenberg hauſt. Ich wollt' ihn lieber als den Domprobſt. Er iſt minder ſtolz und herriſch gegen Unſereins!“ „Davor behüt' uns der Herre Gott!“ riefen mehrere der Knappen zugleich.„Der iſt uns auch der Rechte! Das ganze Land der Weiteran bebt, wenn der Name genannt wird, und drüben am Donnersberge ſingen ſie auch ein Liedlein von ihm, das klinget ſchlimm.“ Während die Knappen alſo von der Zukunft redeten, trat eine Magd in die Halle, von deren Wangen Thränen perlten. Alle ſahen ſie fragend an.„Was iſt's?“ rief Kunz, der ein beſonderes Anſehen genoß.„Iſt unſeres Herrn Stündlein da?“ „Wollte Gott, er wäre erlöſt!“ ſeufzte das Mädchen.„Es iſt ein wahres Herzeleid, zu ſehen, wie er Noth leidet und nach Luft ringt. Das arme Fräulein ſitzt zu Häupten des Bettes und zerfließt in Thränen. Zu Füßen deſſelben kauert der Pater Anſelmus und läßt den Roſenkranz durch ſeine Finger rollen, während er wie eine Ratze ſchläft.“ „Der hat's im Griffe!“ ſprach ein Reiſiger, der aus Weis⸗ kirchen bürtig war.„Ich kenn' ihn wohl. Wenn's aber was zu erſchnappen gibt, da kommt kein Schlaf in ſeine rothen Triefaugen, die kaum aus dem fetten Geſichte herausſehen können.“ „Ich fürchte,“ fuhr die Magd fort,„wir tragen, wenn der Herr ſtirbt, das Fräulein bald hintendrein in die Kirche von König⸗ ſtein zu Grabe“ „Das wolle Gott verhüten!“ riefen Alle zugleich. „Und doch muß man dem Ritter die Stunde der Erlöſung wünſchen. Er leidet ſchwer,“ verſetzte die Magd.„Käme der Domprobſt, er würde bald ſterben. Er möchte ſich gerne Herzen mit ihm ausſöhnen und von ihm das Sakrament empfang Sie haben ſich ja im Lager verſöhnt,“ ſprach der Thurmwar „Das iſt wohl wahr,“ entgegnete Kunz,„aber es war ſo ei — 106— Verſöhnung wie zwiſchen Katzen und Hunden, wenn Beide, vom Hunger übermannt, aus Einer Schüſſel ihre Nahrung ſuchen. Es dauert halt nicht lange, ſo iſt's am Ende. Als der Scharfenſtein ſchlechte Streiche machte, hatte unſer Herr nicht mehr eitel Luſt, ſein Töchterlein dem lockeren Zeiſig zu vermählen.“ „Meint Ihr denn wirklich, der Domprobſt käme?“ fragte lachend ein Reiſiger.„Hei, da kennt Ihr die Pfaffenköpfe nicht, wie ich ſie kenne. Ich habe dem Fürſt⸗Abt von Fulda als Reit⸗ knecht gedient und weiß wohl, wie die's zu halten pflegen. Wenn ich zudem an dieſe Nacht denke, wo man ja meinet, des Teufels Großmutter halte goldne Hochzeit, ſo kann ich vollends nicht glauben, daß er komme.“ „Was liegt dem an dem Wetter,“ remonſtrirte jetzt ein Dritter; „ich hab' ihn reiten geſehen in Schnee und Hagel wie der wilde Jäger. Im Kriegshandwerk iſt er auch nicht fremd; dabei kann er Froſt und Hitze ertragen, beſſer noch als Unſereins. Und wie reitet der! Ich möchte ſein Gaul nicht ſein.“ „Hab' auch niemals gehört,“ fiel ihm Kunz ins Wort,„daß er gern einen Eſel reitet, ſondern ſtets derbe Flammänder.“ Obwohl der Zuſtand des Herrn Alle mehr oder weniger berührte, ſo brach doch ein ſchwer zu unterdrückendes Gelächter über den trivialen Witz aus. Die Erſcheinung des vielgeliebten Fräuleins machte dem Geſpräch ein Ende, das nachgerade in den gewöhnlichen Ton ſolcher Unterredungen zu fallen Miene machen wollte. Die bleiche, tief leidende Agnes machte die nöthigen Anord⸗ nungen, wenn etwa der Domprobſt käme, den zu holen Rüdiger gen Mainz geeilt war. Die Diener flogen in allen Nichtungen hinweg, und der Thurmwart ſchlich leiſe die Treppe hinan zu dem weitausſehenden Kämmerlein, das ihm heute nicht ganz geheuer war. znes ging nach ihrem Kloſet, um, da der Vater eben einiger genoß, die müden Glieder etwas zu erquicken durch einige genblicke Ruhe. Unterdeſſen rückte Pater Anſelmus dem Bette näher, zu deſſen „ 6 £ 1 Häupten ein Schränklein in der Wand war, wo, das wußte er wohl, die Urkunden lagen, welche für ihn ſo große Wichtigkeit hatten. Unvermerkt drehte er den Schlüſſel um, öffnete, während der Ritter ſchlief, das Thürlein, griff kundig die rechten Documente und ſchloß ebenſo geſchickt wieder ab, dann legte er den Schlüſſel wieder an den Ort, wo ihn, wohlbemerkt vom Auge des Heuchlers, Agnes bei ihrem Weggange verwahrt. Seine Hand hatte faſt gezittert, als er das Bubenſtück verübte. Jetzt wurde er freudig bewegt und das lockendſte Bild der Zukunft ſtand vor ſeiner Seele. Er ſah das Domherrnkreuz auf ſeiner Bruſt ſich wiegen; er genoß im Geiſte ſchon all die Herrlichkeiten, welche die reiche Präbende ihm ermöglichte, und das Entzücken, welches der Beifall des mäch⸗ tigen Domprobſts ihm gewähren mußte. Plötzlich fuhr der Kranke empor und ächzte laut. Er konnte kaum Luft gewinnen. „Ach,“ klagte er und reichte dem Pater, der andächtig die Augen zu verdrehen begann, die Hand hin;„ach, es nahet das Ende meiner Tage mit Schrecken!“— „Ihr wiſſet, Herr Ritter,“ hob er jetzt halblaut an,„es gibt Mittel, die Schrecken des Todes zu mildern, um ſich theilhaftig zu machen des überflüſſigen Schatzes, der guten Werke der Heiligen, über welche die heilige Mutter, die Kirche, die Verwalterin und Haushälterin iſt. Sie theilt ſie denen zu, welche ſich ihrer würdig machen, und ſie gelten, alſo erworben, vor Gott, als wenn ſie ſie ſelber vollbracht hätten.“ „Und welches ſind dieſe Mittel?“ fragte der ſeinem Ende ſich allmählich nähernde Greis, indem er mühſam ſeinen Kopf zu dem Geiſtlichen wandte. „Glauben, Buße und gute Werke,“ ſprach mit Salbung Anſelmus. „Ich habe nie gewankt im Glauben,“ flüſterte der( „und meine Reue iſt tief, welche ich ob meiner Sünden f „Aber gute Werke, gute Werke!“ rief halblaut A „Wo ſind die aufzuweiſen, Herr Ritter?— Die Kirche muß — 108— Beweiſe ſehen, ehedenn ſie an die Aechtheit der Buße glauben darf.“ „Wie ſoll ich ſie thun?“ fragte von nahendem Huſten beängſtet der Leidende.„Kann ich doch kein Glied rühren!“ „Das thut auch gar nichts,“ verſetzte der Prieſter.„Ihr habt, wie ich merke, gar nicht die rechte Vorſtellung von guten Werken. Ich meine im Geiſte der Kirche nur ſolche gute Werke,“ fuhr ſalbungsvoll der Pater Anſelmus fort,„welche aus dem Glauben und der Reue entſpringen und thatſächlich den Beweis liefern, wie man es mit der Kirche, als der Anſtalt zur Seligkeit, überhaupt gemeint hat; das heißt alſo ungefähr ſo viel, als man durch letzt⸗ willige Schenkungen, Vermächtniſſe und dergleichen darthun, daß es des Herzens letzter Wunſch iſt, ſich auszuſöhnen mit Gott und jene guten Werke aus dem Schatze der Kirche ſich zuzueignen.“ „Iſt's nur das und nichts weiter,“ ſagte, oft von faſt erſticken⸗ dem Huſten unterbrochen, der Greis,„ſo ſetzt eine Urkunde auf, wonach ich den Zehnten von Mammolshain—“ „Dem Altar ad Sanctum Laurentium in Weiskirchen ſchenke— nicht wahr, ſo wollet Ihr ſagen?“ fiel der Seelenhirte ein. „Ja!“ flüſterte der Leidende in äußerſter Mattigkeit. „Ich habe mir wohl gedacht, daß Ihr etwas dieſer Art in Eurer frommen Seele trüget,“ nahm jetzt der Pater das Wort; „daher hab' ich denn eine Urkunde aufgeſetzt und nur noch den Ortsnamen einzuflicken.“ Anſelmus eilte freudig zum Tiſche, neſtelte ſein langes Kleid auf, zog ein Pergament heraus nebſt einem kleinen Gläschen voll Schwärze und einem Kiele. Schnell war der Ortsnamen geſchrieben, und zu dem Bette trat er wieder und ſagte, indem er dem Ritter die Feder darreichte: „Machet nun hier Euer Kreuzlein.“ Kaum vermochte dies Herr Ulrich; allein die Hand des thätigen ers half liebreich nach, und ſo gelang es. mt nun,“ ſprach leiſe der Ritter,„mein Inſiegel und es daran.“ — 109— Auch dies geſchah, und nun ſteckte Anſelmus die Urkunde in ſeine Taſche, ſetzte ſich zum Bett und ſprach:„Selig ſind die Barmherzigen, denn ſie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Darauf betete er laut mit dem Kranken. Inbrünſtig ſprach dieſer die Worte nach und ſank endlich mit größerer Ruhe in einen leiſen Schlummer. Als er nach einiger Zeit aus dem Schlummer etwas geſtärkt erwachte, fragte er nach Agnes. Sie wurde gerufen und eilte mit beflügeltem Schritte zum Kranken, erquickte ihn durch einen Labetrank und ſetzte ſich wieder zum Bette. „Agnes,“ ſagte leiſe der Vater,„ich werde bald zu deiner Mutter gehen. Dich laſſe ich mit ſchweren Sorgen in dieſer Welt zurück. Willſt du Scharfenſtein deine Hand geben?“ Agnes ſchluchzte.„O, Ihr ſterbet mir noch nicht, mein theurer Vater!“ ſagte ſie mit heißen Thränen. „Doch, meine Agnes, das Stündlein naht.— Du weißt, daß ich dem Domprobſt dies Verſprechen gab, und ſo den langen Hader geendet habe, der uns trennte. Gibſt du ihm gerne deine Hand? Sprich frei!“ „Nein, mein Vater,“ antwortete ſie feſt. Ulrich richtete ſich auf mit wunderbarer Kraft und ſtarrte ſie an.„Was ſagſt du? Nein? Haſſeſt du ihn?“ 1 iſt ein Unwürdiger!“ ſprach ſie. „O, das iſt leider wahr.— Doch, Agnes, es iſt Jugend⸗ übermuth. „Wer jung nicht edel iſt,“ ſagte ſie,„wird's nie recht in höheren Jahren. Mir blüht bei ihm kein Glück, und lieber nähm' ich den Schleier.“ „Wohlgeſprochen!“ fiel Anſelmus ein.„Da allein iſt Frieden!“ „Schweigt!“ rief der Greis mit Anſtrengung ſeiner letzten Kraft. Er ſank zurück und der Huſten kehrte wieder. 5 Als ſich dieſer gelegt, winkte er Agnes, ihr Ohr ſeinem Munde näher zu bringen. Sie that's. „Agnes,“ flüſterte er,„du liebſt Rüdiger'n, ich weiß es. Gott — 110— iſt Zeuge, wie gern ich euch geſegnet; aber es war des Bruders Wunſch, der Kaiſer ſprach ihn aus.— Zürne deinem Vater nicht! Gezwungen ſollſt du nicht werden. Du biſt frei und alle Lehen ſind dein. Nimm ihn zum Gatten, den du liebſt. Gott wird mir vergeben, daß ich wortbrüchig werde. Gott wird euch ſegnen, wie ich euch ſegne.“ Agnes ſchluchzte laut. Sie ſank, des Greiſes ſchon erkaltende Hand küſſend, am Bett nieder. Er legte die Hand ſegnend auf ihr Haupt. In dieſem Augenblicke hallte der Ton des Hornes vom Wart⸗ thurme durch den wilden Sturm, der um die Burg heulte. Das Ohr des Kranken vernahm den Ton.„Er kommt!“ ſagte er freudig bewegt. Der Pater flog, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, von ſeinem Sitz auf und zur Thüre hinaus. Bald genug vernahm man lauten Lärm im Burghofe, ſtarke Bewegung in der Burg ſelbſt, und Anſelmus ſtürzte herein mit dem Rufe:„Der Herr Domprobſt iſt gekommen!“— Agnes ſprang auf. Ihr ganzes Weſen war in einer fieber⸗ haften Erregung. Sie fühlte mehr, als ſie es ſich klar bewußt war, daß einer der entſcheidendſten Momente ihres jungen Lebens nahe, und dies Gefühl machte ſie unfähig, irgend einen Entſchluß zu faſſen, ja, es verwirrte ihren Sinn für den Augenblick ſo, daß ſie nicht einmal dem Oheim entgegen ging. Jetzt vernahm man ſchwere Tritte, welche ſich dem Gemache näherten.* Ulrich winkte Agnes, ihm entgegen zu eilen. Sie wankte rathlos der Thüre zu, die ſich eben öffnete— und herein trat Herr Cunv und hinter ihm Scharfenſtein und Rüdiger. Die Nähe des Geliebten gab Agnes ihre Faſſung wieder. Sie neigte das Haupt gegen den geiſtlichen Oheim, der wie zum Segen ſeine Hand daxauf legte und mit den Worten grüßte:„Gelobt ſei Jeſus tus!“„In Ewigkeit!“ flüſterte ſie zum Gegengruße. Betzt erblickte der Domprobſt das Jammerbild ſeines Bruders, das ihm beide Hände entgegen reckte, ſie aber ſchnell wieder ſinken — — 111— ließ. Er ſtand wie eingewurzelt. Ein geheimer Schauder überlief ihn, und die Hinfälligkeit des Menſchen, das Schwankende alles Irdiſchen trat ſeiner erſchütterten Seele näher als jemals. Er faltete ſeine Hände und ſagte, im Innerſten ergriffen:„Mein Bruder, müſſen wir uns denn ſo wiederſehen?“ Der Kranke lächelte ihm wie ein Seliger entgegen. „Dank dir, daß du kommſt, um meine letzten Angenblicke zu erheitern. Sei meines Kindes Schutz und Schirm.— Gib mir, mein Bruder, die heiligen Sakramente, meine Stunde naht.“ Schnell eilte der Pater Anſelmus hinweg, um das Nöthige zu bereiten Die heiligen Handlungen wurden von dem Domprobſt mit tiefer Rührung vollzogen. Als ſie vorüber waren, verlangte der Kranke nach ſeiner Agnes.„Ich gehe zu deiner Mutter,“ fagte er,„Gott wird dich ſchirmen.“ „Bruder,“ ſprach er dann mit erhobener Stimme,„ich lege das Glück meines Kindes in deine Hand. Sei ihr Vater; aber — chue ihr keinen Zw——“ das Wort erſtarb auf der Lippe, und ein leiſes Zucken folgte. Er hatte geendet. Mit einer Thräne im Auge wandte ſich der Domprobſt zu Agnes und ſagte:„Er hat vollendet. Nun bin ich dein Vater!“ Eine Secunde ſtarrte ſie ihn todtenbleich an. Sie begriff das Wort nicht recht. So nahe ſie auch das Ende vermuthete, ſo unerwartet traf ſie es jetzt, einem Donnerſchlag ähnlich. Sie ſank ohnmächtig in Rüdiger's Arme, der weinend hinter ihr ſtand. Der Domprobſt winkte, ſie hinauszubringen und ſie ihren Dienerinnen zu übergeben. Während dies geſchah, trat er zu der Leiche des Bruders, drückte ihm die Augen zu und ſprach:„Requi- escat in pace!“ „Amen!“ wiederholte Anſelmus. Es war Mitternacht. Und bald tönte das Glöcklein der Burg⸗ kapelle durch die Nacht, mit ſeinem hellen Schalle den Tod des Burgherrn verkündigend. Anſelmus ließ die Kerzen am Altare zünden und trat dann mit dem Domprobſt in die Kapelle zur Abhaltung der Sterbegebete und Seelenmeſſe. Alle Bewohner der Burg ſammelten ſich dort in dumpfer Stille, um andachtsvoll für die Seele deſſen zu beten, der es im Leben mit ihnen Allen wohl gemeint hatte. Nur Rüdiger war unbemerkt bei der Leiche des väterlichen Freundes geblieben, und ſank betend am Bett auf ſeine Kniee. Wild ſtürmte es draußen, und wild hatte es geſtürmt in der Seele des jungen Mannes. Nur der Moment, den jetzt ſeine jung 1 Seele feierte, konnte dem tief erregten Gefühle gebieten, daß es ſich legte. Ihn hatte der Verſtorbene gen Mainz geſandt, um den Bruder zu holen, auf deſſen Seele er noch Manches binden wollte, woran ihn leider der ſchneller eintretende Augenblick des Todes gehemmt. Rüdiger war in der Nacht vorher gen Mainz geritten. Der Morgen tagte eben, als er Mainz erreichte. Im Hauſe des Probſts aber war noch Todesſtille; denn ein fröhliches Gelage war ihr Grund, das den Abend vorher dieſe Räume mit bacchantiſcher Luſt erfüllt hatte. Nach vielem Klopfen und Poltern öffnete endlich murrend der Thürwächter und ließ den Ritter und den Knappen ein. Die Roſſe waren mit Schaum bedeckt. Für ſie mußte zuerſt geſorgt werden. Rüdiger trat in eine weite Halle ein, wo Humpen und Becher nebſt Würfeln ankündigten, daß nicht bloß die Herr⸗ ſchaft, ſondern auch ihre Diener des Gelages tolle Luſt getheilt. Ermüdet von dem Ritt und durchſchauert von der Kühle des Morgens, ſchlug Rüdiger ſeinen weiten Reitermantel um ſich, ließ ſich in einen Lehnſtuhl nieder, der, obwehl das Polſter fehlte, dennoch dem jungen Manne zur Ruheſtätte diente. Er ſank in tiefen Schlaf, dem auch die ſpäter entſtehende Bewegung in dem großen Gebäude kein Erwachen brachte. Erſt als die Strahlen der Sonne ſein Antlitz trafen, erwachte er, ieb ſich die Augen und gewahrte Scharfenſtein, der mit einem Angeſicht, auf dem Haß und Neid ſich ſpiegelte, ver ihm ſtand und zu überlegen ſchien, welche —— — 113 Rolle er gegen den Feind zu ſpielen habe. Die durchſchwärmte Nacht hatte vollends alle jugendliche Friſche von ſeinen Wangen getilgt, ſo daß dies Antlitz faſt ſchrecklich anzuſehen war. „Guten Morgen!“ rief Scharfenſtein dem Erwachenden zu. „Ich kann mich kaum vor Verwunderung faſſen, dich hier zu ſehen und zugleich dich ſo ruhig ſchlafend zu finden!“ „Warum ſollte ich nicht?“ fragte nicht abſonderlich freundlich dem Verachtenden gegenüber der Ritter entgegen.„Seit acht Tagen iſt kein Schlaf in mein Auge gekommen, und letzte Nacht ritt ich von Falkenſtein hierher. Mit gutem Gewiſſen ſchläft ſich's ohnehin überall ſüß.“ Scharfenſtein überhörte gern die letzte Bemerkung, und ſagte bloß verwundert:„Von Falkenſtein? Ich glaubte dich in den Forſten des Soon unter dem heimathlichen Dache der Burg deiner Väter.“ „Meine Heimath iſt Falkenſtein,“ ſprach ſtolz Rüdiger.„Dort bin ich Ganerbe.“ Scharfenſtein achtete dieſes Wortes nicht.„Was bringt dich aber hierher? und zu dieſer ungewöhnlichen Zeit?“— fragte er leicht weiter. „Meine Botſchaft lautet an den Herrn Domprobſt“— ſagte kurz der Ritter. ſe zu ſprechen?“ „Da mußt du ſeinen Leibdiener fragen,“ bemerkte ſchnippiſch der Junker,„und noch einige Stunden dich in Geduld faſſen.“ Er fiel jedoch ſchnell wieder in den frivolen Ton und ſagte:„Die liegen gerne weich, zumal wenn ſie, wie geſtern, ſchwer auf das Pfühl ſanken.“ Diener kamen jetzt und brachten dem Ritter das Warmbier zum Frühſtück. Er reichte es Scharfenſtein zuerſt. Ein ſtechender Blick deſſelben ſagte dem Ritter, daß er die Mahnung an Eltville verſtehe. Feig jedoch wie das böſe Gewiſſen, ſuchte er die Empfin⸗ dung ſeines Innern zu bemänteln und trank ihm ben ſchäumenden Silberbecher zu. Nun ließ ſich's der Ermüdete wacker ſchmecken und ſtand dann neugeſtärkt aus ſeinem Lehnſtuhl auf, um ſeinen Anzug, der durch den Nachtritt gelitten hatte, in eine beſſere Ver⸗ Ve 8 6 — faſſung zu bringen. In gleichgiltigen Geſprächen floß eine Stunde hin. Da erſt gelang es dem Sendboten zu dem Domprobſt geführt zu werden. 5 Als Rüdiger in das Gemach trat, war es noch leer. Er hatte Zeit, ſeine Blicke über den glänzenden Reichthum des Geräthes hingleiten zu laſſen. Reiches, mitunter vergoldetes Schnitzwerk zeigte ſich überall. Schwere Gardinen von blauem Damaſte dienten dazu, die Fenſter, die überall von den koſtbarſten Glasmalereien bedeckt waren, ganz zu verhängen und das blendende Farbenlicht zu beſchatten, was in das Gemach fiel, wenn die Sonne darauf ihre Strahlen brennen ließ. Gepolſterte Armſtühle, von ähnlichem Damaſte bekleidet, liefen an der Wand hin, an welcher, der Thüre gegenüber, ein wunderſam Bild im ſchweren Goldrahmen hing. Es ſtellte den Augenblick der Kreuzigung Chriſti vor, wo der Herr ſich zu dem Schächer wendet und ſagt:„Noch heute wirſt du mit mir im Paradieſe ſein!“ Der Blick des Ritters ruhte noch in tiefer Andacht auf dem ſchönen Bild, als eine Nebenthür aufging, und in ſtolzer Haltung, mürriſchen Blickes, der Domprobſt eintrat. Rüdiger beugte ſich tief vor dem Würdenträger der Kirche. Nach einem flüchtigen Kopfnicken fragte dieſer:„Was wollt Ihr von mir?“ „Ich,“ ſprach ſtolz der Ritter, den die Anrede und ihr Ton verletzte,„ich will nichts von Euch, Hochwürdiger Herr, aber ich komme im Namen und Auftrag Eures Herrn Bruders. Er liegt auf den Tod darnieder, und ſeine Tage ſind gezählt.“ „Das ſind auch die unſeren,“ entgegnete der Domprobſt. „Wahr,“ gegenredete der Junker;„allein menſchlichem Dafür⸗ halten nach iſt noch ein Unterſchied. Euer Herr Bruder liegt an der Bruſtwaſſerſucht unheilbar darnieder, und iſt ſo matt, daß ſein Ende ſehr nahe iſt. Er ſendet mich, Euch zu bitten, zu ihm zu eilen, weil er noch einmal ſich der brüderlichen Verſöhnung freuen möchte.“ „Ich habe ihm vergeben, was er an mir geſündigt,“ war des Probſts Antwort. 3 — 115— „Pater Anſelmus hat mich gelehrt, der Herr ſage:„Siebzig⸗ mal ſiebenmal ſollſt du vergeben!“ ſagte Rüdiger.„Es iſt die Bitte eines Sterbenden, laßt ihn nicht ohne Troſt hinüber gehen. Beichten möchte er Euch— und das Vaterherz möchte wohl manchen Wunſch ſagen, den er Euch auf das Herz binden mächte.“ Ueber des Domprobſts Antlitz fuhr ein Blitz des Unwillens, als der Ritter ſo furchtlos vor ihm ſtand und ihm die ernſte Lehre gab. Der Nachdruck des Wortes traf ihn dennoch. Und was er zuletzt geſagt, war wichtiger als Alles. Dennoch ſchwieg der Dom⸗ probſt einige Augenblicke. „Mein Auge,“ nahm Rüdiger indeſſen ſchnell das Wort wieder,„ruht auf dem ſchönen Bilde, das dort hängt. Der Herr gibt auch hier Frieden einer ſcheidenden Seele, und das war die eines Menſchen, der ſelber ſagte, er verdiene den Tod. Und dort ruft ein leiblicher Bruder Euch, der Ihr Chriſti Nachfolger ſeid. Laſſet das Flehen des ſterbenden Bruders nicht unerhört.“ „Ihr ſeid ſehr erfahren in der heiligen Geſchichte,“ bemerkte ſpottend der Domprobſt, und ein markirter Zug von bitterem Hohne ſpielte um ſeinen Mund. „Ich danke das meinem Lehrer Anſelmus;“ war Rüdiger's beſcheidene Entgegnung. „Dem habt Ihr überhaupt viel zu danken!“ ſprach der Dom⸗ probſt lächelnd mit gleichem Ausdrucke zu Rüdiger.—„Doch— laſſet Eure Roſſe ſatteln. Ich werde kommen.“ „Wann gedenkt Ihr abzureiten Hochwürdiger Herr?“ fragte Rüdiger. „Vor ſpätem Nachmittage nicht,“ ſagte der Domprobſt herriſch. „Gut,“ verſetzte Rüdiger.„Mein Roß iſt ſehr müde. Es mag ruhen, und Ihr erlaubt, daß ich Euch begleite.“ Der Domprobſt winkte und Rüdiger ging. Als Rüdiger zur Thüre heraus trat, ſtand Scharfenſtein vor ihm, der gelauſcht. Eine Gluthröthe der Scham bedeckte ſein Geſicht, weil ihn Rüdiger alſo gefunden. Dieſer ſah ihn verachtend an.„Horchen? Pfui über die 8* Schande!“ rief er laut genug, daß es der Domprobſt hatte hören können. „Willſt du mir auch eine Strafpredigt halten, wie dem?“ fragte gezwungen lachend der Ritter und deutete auf die Thüre. „Sie wäre fruchtlos!“ ſprach Rüdiger, und ſchritt ſtolz an ihm vorüber, gab ſeinem Knappen die nöthigen Befehle und verließ das Haus, um eine Herberge zu ſuchen. Erſt am hohen Mittage kehrte er zurück. Der Domprobſt nahm ihn freundlicher auf, als er es ſelbſt erwartet hatte. War es das Gefühl des Unrechts, das er gegen ihn begangen, oder die Achtung, welche das freimüthige, edle, trotzig⸗kräftige Weſen des Ritters ihm abgenöthigt, oder die Klugheit des Alles ſchlau berech⸗ nenden Mannes— kurz, das Weſen des Domprobſts ſchien umge⸗ wandelt. Freundlich war er und blieb er auf der Reiſe, die durch das Unwetter zu den unerfreulichſten gehörte, die man machen kann. Im Gefolge des Domprobſts war Scharfenſtein und zehn reiſige Männer. Während des Rittes, der mehrmals durch längere Raſt mußte unterbrochen werden, weil Sturm und Gewitter zu arg hauſten, hielt ſich Rüdiger ſtets weit von der Perſon des Dom⸗ probſts entfernt, ſo daß er nur wenige Worte mit ihm wechſelte bis zur Ankunft in Falkenſtein, mit Scharfenſtein aber kein einziges. Die Erfahrung, welche er in Mainz gemacht, zeigte ihm zur Genüge, wie es um ſeine Hoffnungen ſtand. Daß Scharfenſtein den Domprobſt begleitete, war ihm Beweis genug, daß der Vor⸗ mund die Abſicht noch nicht fahren laſſen, Agnes dieſem zu ver⸗ mählen. Und das Wort, was aus dem Munde des Sterbenden ein ſchweres Gewicht in die Wagſchale gelegt hätte— das war ja verhallt im Tod, ehe es das Ohr deſſen erreicht, dem es galt. All der Sturm in der Bruſt war ſtill geworden, als der Tod das Auge des Mannes ſchloß, der ihm Vater geweſen war im edelſten Sinne des inhaltſchweren Wortes. An ſeinem Bett kniete er jetzt allein und ſeine Seele ergoß ſich in heiße Gebete für deſſen Seelenruhe, und alles Andere ſchwand. Da fühlte plötzlich Rüdiger eine zarte, lebenswarme Hand die ſeine berühren. Er fuhr empor— und neben ihm kniete eben Agnes nieder. Ihre Hände falteten ſich in einander, und Beide beteten und die Thränen perlten nieder auf den harten Eſtrich des Gemaches. „Schlaf wohl, du theurer Vater!“ ſprach dann Agnes.„O Rüdiger, er iſt hinübergegangen zum Frieden; aber ſein Segen blieb dir und mir. Jetzt, wo heilige Wahrheit durch kein Gefühl gehemmt iſt, höre von mir, daß er unſere Liebe geſegnet hat— und hier vor Gott, hier an ſeinem Sterbebett, verlobe ich mich dir, dir zu ewigem Bunde, den keine Macht der Erde trennen ſoll!“— Sie legte ihre Hand in die ſeinige und reichte ihm die friſche Lippe zum Brautkuſſe dar. Dann ſagte ſie, und heiliger Ernſt lag in ihren Zügen:„Du haſt es gehört, du verklärter Vater, und dein Geiſt hat uns geſegnet!“ Sie ſank nun an des Verlobten treue Bruſt und flüſterte: „Es ſei unſer heiliges Geheimniß!“ So unbemerkt auch Beide zu ſein glaubten, ſo waren ſie es doch nicht. Scharfenſtein ſah in der Kapelle weder Rüdiger'n noch Agnes; ſeiner Seele ahnte es, daß ſie ſich ſuchen könnten. Und er ſchlich herauf und ſah ihre ſtille, vom Schmerze geheiligte Umar⸗ mung, und hatte genug geſehen, um die Hölle in der Bruſt mit hinweg zu nehmen. VI. Der Tag des Begräbniſſes des Ritters war vorüber mit ſeinem Gepränge, ſeinen Ceremonien und ſeinem Schmerze. Der Domprobſt ordnete die Urkunden und Lehensbriefe des Ritters und ſein Verhältniß zu den Ganerben, beſonders zu Philipp von Falken⸗ ſtein⸗Münzenberg, dem Bruder, welcher der Familie ſchon lange den Rücken gekehrt. Alle Lehen des Reichs, und dieſe waren die wichtigſten, ſowie alle, welche der Kurfürſt von Mainz zu ertheilen hatte, waren in Frauenlehen oder Kunkellehen verwandelt. Agnes „ — war eine reiche Erbin. Alle, welche Afterlehen trugen, wurden vorgefordert, daß Agnes ſolche beſtätige oder anders das Verhältniß ordne nach Willkür. Da trat auch Rüdiger in den Saal, wo die Verhandlung vor ſich ging. Als Alles beendet war, fragte er den Domprobſt, wie es um ſeine Afterlehen ſtehe. Der Zeitpunkt ſei da, hierüber zu ſprechen. „Ich weiß von keinem Afterlehen, ſowie ich erſtaunt war, Euch unter den Ganerben zu ſehen,“ ſagte ruhig der Vormund Agneſen's. „Habt Ihr Lehenbriefe, beſitzt Ihr Urkunden, ſo habt die Geföällig⸗ keit, mir ihren Inhalt kund zu thun.“ „Die Urkunden ſchrieb Pater Anſelmus. Laßt ihn reden, und ſo Ihr ſie ſelber leſen wollt, erſucht Fräulein Agnes, das Schränk⸗ lein zu öffnen, ſo zu Häupten des Bettes ihres Vaters in die hintere Wand eingemauert iſt. Dort legte ſie Herr Ulrich nieder und ſagte: Hier ſind ſie gut verwahrt.“ Anſelmus kam. Er bejahte die Frage, daß er die Urkunden gefertigt und der Kaiſer ſie habe beſtätigen ſollen. Ob dies geſchehen ſei, wiſſe er jedoch nicht, ſowie er nicht wiſſe, wo ſie ſeien. Man holte den Schlüſſel des Schränkleins und unterſuchte 3 ſeinen Inhalt. Mehrere wichtige Papiere fanden ſich, auch die Urkunde der Schenkung des Zehntens von Mammolshain an den Altar der Kirche von Weiskirchen, aber keine Spur von Urkunden in Bezug auf Rüdiger von Wiltberg war zu entdecken. Rüdiger ſtand ſtolz dem Domprobſte gegenüber und ſah ihn mit lächelndem, aber durchbohrendem Blick an, den dieſer kaum zu ertragen vermochte. „Es iſt ſeltſam,“ ſprach er,„daß noch vor vier Tagen der 5 Verſtorbene von dieſen Urkunden mit mir ſprach, ſie mir geben 6 wollte, ich jedoch ihn bat, ſie zu bewahren, und er ſie in jenes Schränklein vor meinen Augen legte. Wie es möglich, ſie bei ſeinem Leben zu entwenden, weiß ich nicht; und doch muß es. geſchehen ſein; denn ſeit ſeinem Tode trug Fräulein Agnes den“ Schlüſſel an ihrem Gürtel. Ich werde nicht reicher, Herr Dom⸗* 4 — probſt, als ich war, und jene Güter hätten mich nur vor Noth geſchützt, mir ein Obdach gegeben, was ich nun nicht habe. Beküm⸗ mert Euch darüber nicht. Was die Art und Weiſe der Entwendung betrifft, ſo wollen wir das dem überlaſſen, der ins Verborgene ſchaut und jeden Frevler trifft. Es iſt ein Unglück, daß Herr Günther von Schwarzburg nicht mehr lebt. Ich könnte dann wenigſtens den Beweis führen, daß ſie da waren. Wollt indeß Euer Mündel, das Fräulein, darüber fragen, ſie wird es ebenſo beſtätigen können.“ „Mag ſein,“ verſetzte der Domprobſt, der mit ſeiner Ver⸗ legenheit rang.„Sie fehlen, und ſo iſt's, als ſeien ſie nicht da geweſen. Ueberdies,“ hob er an,„muß ich mit Euch eine ernſte Sache beſprechen. Ihr fühlt wohl, daß Ihr nicht wohl länger hier werdet weilen können. Mein Bruder von Münzenberg müßte Euch denn bei ſich behalten wollen.“ „Ich diene nicht,“ fiel ihm Rüdiger in die Rede,„wo es Wegelagern gilt.“ Der Domprobſt wurde roth bis zur Stirne. Die Wahrheit war jedoch zu ſchneidend und entſchieden— und er ſchwieg..„ „Denn“— fuhr der Domprobſt fort,„es will die Sitte nicht wohl es geſtatten, daß Ihr bei der Jungfran weilet. Habt Ihr noch Forderungen?“ „Keine, die ſich auf Geldeswerth anſchlagen ließen, und andere mache ich keine geltend, weil ſie bei Euch, Herr Domprobſt, keine Anerkennung finden dürften. Nur Eine gilt mir als Preis meines Lebens— die Hand Agneſen's von Falkenſtein. Sie iſt meine Verlobte.“ Der Domprobſt ſprang wie ein Raſender von ſeinem Sitz auf. „Seid Ihr vom Verſtande!“ rief er.„Sie, die ihr Vater meinem Mündel Scharfenſtein verlobte, auch Eure Verlobte?“— „Sie iſt es vor Gott und mit dem Segen ihres Vaters.“ „Ihr lügt das!“ ſchrie der Probſt. Rüdiger's Hand fuhr unwillkürlich nach dem Schwerdte. „Herr,“ rief er mit edlem Unwillen,„wagt es nicht, das noch ——————— einmal zu ſagen. Es hat nie ein Menſch mich einer Lüge beſchul⸗ digt. Ihr dürft es nicht, und ich dulde es nicht, und wäret Ihr Papſt oder Kaiſer!“ „Ruchloſer!“ ſchrie jetzt im Fiteſten Zorne Cuno,„verlaß die Burg auf der Stelle!“ Rüdiger lächelte.„Ruchlos nenne ich Fälſchung und Dieb⸗ ſtahl, Herr Domprobſt. Davon iſt mein Gewiſſen frei.— Ueber⸗ dies ſeid Ihr nicht Herr hier, ſondern das Burgfräulein, die freie Erbin Eures Bruders; Ihr ſeid nur Ganerbe hier, und nichts weiter.“ Cuno war in ſeinem Zorne raſend. Er würde den Ritter zermalmt haben in ſeiner überlegenen Kraft, hätte nicht Rüdiger ſein gutes Schwerdt an ſeiner Seite getragen. Agnes Eintritt veränderte die Scene gänzlich. Der Domprobſt ſammelte ſich und bezwang den Zorn ſo gut es nur immer ging. Mit edler Faſſung ſprach ſie ſich aus über die ſchändlich ent⸗ wendeten Urkunden, und ließ ſelbſt einen leiſen Verdacht einfließen, daß Einer ſeines Gefolges der Dieb ſein müſſe, womit ſie auf Scharfenſtein zielte.—„Es thut Noth, Herr Ohm,“ ſprach ſie endlich,„daß ich Euch über ein Verhältniß aufkläre, welches dies unerklärliche Ereigniß völlig ſeiner Folgen beraubt. Rüdiger iſt mein Verlobter. Der Segen meines ſterbenden Vaters hat uns vereint. 3ch bin freie Erbin meines Vaters und mein Wille iſt frei.“ Sie ſprach dieſe Worte feierlich und würdig. Der Domprobſt änderte mehrmals die Farbe. Es koſtete ihm ſichtlich unſägliche Mühe, eine ruhige, würdevolle Haltung zu erringen, wie ſie nöthig war, um alle die Waffen zu beſiegen, die gegen ihn und die Lieblingsideen ſeiner Seele gerichtet waren. „Du irrſt, meine Tochter,“ hob er endlich an,„wenn du glaubſt, dein Wort genüge hier. Der Rauſch einer jugendlichen Leidenſchaft iſt trügeriſch. Du haſt keinen Beweis für deine Aus⸗ ſage. Zudem biſt du nicht freie Herrin deines Willens. Ich bin an Vaters Stelle dein Vormund. Ich löſe, kraft meines Amtes, das Wort, das Wiltberg, der dich bethört, dir entlockt. Ich muß es löſen; denn du biſt Scharfenſtein vexlobt von deinem Vater, der nie zweizüngig zu reden pflegte. Zuletzt endlich ſteht es dir nicht zu, den edeln Namen, dem du entſproſſen biſt, zu entweihen, indem du einem Junker aus dem niedern Adel des Hunsrücks deine Hand bieteſt. Wiltberg iſt dir nicht ebenbürtig. Bedenke das und nöthige mich nicht, daß ich die Gewalt ausübe, welche mir, als deinem vom ſterbenden Vater verordneten Vormunde, zuſteht. „Umſonſt ſind Eure Reden, Herr Ohm,“ verſetzte mit wun⸗ derbarer Seelenruhe das Mädchen.„Einem Verworfenen, der ſeinen Kaiſer morden half, einem Menſchen, der mit Schmach und Schande ſich bedeckt, einer Schlange, die Ihr im eigenen Buſen genährt und ſo lange pflegt, bis ihr giftiger Stachel auch Euch trifft— nimmer würde ich mich ihm vermählt haben, und hätte ich den Giftkelch leeren müſſen, den er dem Kaiſer miſchen half. Das wußte mein Vater, und darum würde er nie es zugegeben haben. Hätte nicht der Tod ihn zu frühe weggenommen,“ ſetzte ſie hinzu, und ihre Thränen rannen ſtromweiſe—„er würde Euch das geſagt haben, was Anſelmus oft gehört.“ Der Pater, der in einer Fenſterblende zitternd ſtand, trat hervor und verſicherte, er habe das nie gehört. Agnes thränenfeuchtes Auge ruhte feſt auf ihm, als er die Lüge keck ausſprach. Sie ſah gen Himmel und faltete ihre weißen Hände vor der wogenden Bruſt.„Gott,“ ſagte ſie,„wo iſt dann nun noch Treue und Wahrheit?!“ „Ihr habt wacker gearbeitet, Wiltberg, das hör' ich wohl;“ wandte ſich der Domprobſt an dieſen.„Schmach aber Euch, der Ihr ein Mädchenherz berückt, und Lüge auf Lüge, Verläumdung auf Verläumdung häuftet, um Euer ehrgeizig Ziel zu erreichen. Erbſchleicher zuerſt, dann—“ „Haltet ein,“ ſchrie Wiltberg und ſprang vor,„oder ich ſtehe nicht dafür, daß ich Euch zum Schweigen bringe für ewig!“ „Ha, Bube!“ brüllte der Domprobſt und ſtürzte nach der Thüre. Sein Ruf brachte Scharfenſtein und ſeine Reiſigen herzu. Als er ſich umkehrte, hatte Rüdiger das Schwerdt gezogen. — 12 Agnes eilte in ſeine Arme.„Hier vor Allen,“ rief ſie,„ſei es bekannt, daß ich vor Gott die deine bin und nie eines Andern Weib werde!“ „Faßt ihn!“ ſchrie der Domprobſt, und wollte ſelbſt auf ihn eindringen; aber Agnes trat ihm entgegen mit den Worten:„Ueber meine Leiche müßte Euer Weg führen!“ Ruhig ſtand Rüdiger.„Hört an, Ihr Domprobſt von Mainz, was ich Euch zu ſagen habe!“ rief er jetzt aus:„Betrogen um ein ehrlich Gut, um meiner los zu werden, ſeh' ich wohl, ich bin der Zankapfel. Nicht will ich Euren Namen verunehren, nicht mich eindrängen in Eure Familie. Ich gebe dir, theure Agnes, dein Wort zurück. Ich ſcheide. Erntet den Lohn, den Ihr verdient!“ Agnes war ohnmächtig niedergeſunken. Er kniete zu ihr und vrückte den Scheidekuß auf ihre weiße Stirne. Dann ſchritt er ſtolz wie ein König durch die ſcheu zurückweichenden Reiſigen. Den Domprobſt würdigte er keines Blickes, ſo wenig als Scharfenſtein, der in peinlicher Stimmung daſtand. Bald hörte man den Huf⸗ ſchlag ſeines Roſſes. Der Domprobſt rieb ſich düſter die Stirne und herrſchte dem Ritter Scharfenſtein zu:„Geh' nach Mainz, loſer Bube, hier iſt deine Rolle ausgeſpielt!“ Bleich wie der Tod wankte Scharfenſtein hinweg. Cuno folgte ihm auf dem Fuße, während die Dienerinnen Agnes hinweg⸗ trugen. In ſeinem Innern gährte ein Vulkan. Die Auftritte hatten ihm die Augen geöffnet. Er ſah, was er an ſeinem verzo⸗ genen Mündel hatte. Anf ihn warf ſich die Centnerlaſt ſeines bodenloſen Grimmes. Er trat zu ihm in ſein Gemach. „Bube!“ donnerte er ihn an,„Schlange, die ich in eigenem Buſen genährt, für den ich mein Herzblut geopfert— deine Schandthaten brandmarken dich. Aus Agnes Mund hörte ich die Gräuel wieder, deren dich die Welt beſchuldigt. Kaiſermörder, Gift⸗ miſcher, das nannte ſie dich, und— leider— muß ich glauben, daß ſie Wahrheit geſagt. Ihr Gatte ſollteſt du werden— aber lieber will ſie den Giftbecher leeren, den du dem Kaiſer miſchen ließeſt, als die deine werden. Verworfener, iſt das der Dank für meine Liebe? — — 123— — Ich kenne das Heer deiner Laſter; ich habe ſie gedeckt, wo ich konnte. Die Zeit iſt um. Der Schleier falle. Fahr' hin, chrloſer Bube, ich habe keinen Theil mehr an dir!“ Scharfenſtein ſtand wie vernichtet; aber nicht das tiefe Gefühl der Reue war es, was jetzt in ſeinem Innern lebendig war; „Rache, Rache!“ rief es in ihm.„Rache an Allen, zuerſt an dem, der dich heranzog, um dich zu zertreten!“ Wie ein Blitz zuckte es über ſein früh zum Ausdrucke des Greiſenalters heran⸗ gereiftes Antlitz.„Teufel,“ ſchrie er,„der du mich zermalmſt! Stirb!“— Ein Dolch blitzte in ſeiner Hand und fuhr mit Blitzes⸗ ſchnelle gegen die Bruſt des Pflegevaters. Aber Cuno war zu gewandt in jeglicher Kampfesübung, um ſich dem Stoße preiszu⸗ geben. Er ſprang zeitig genug auf die Seite, und ſeine Fauſt fiel mit ſolcher Rieſenkraft auf das entblößte Haupt des Entarteten, daß er mit entſetzlicher Wucht zur Erde ſtürzte. Der Dolch fuhr aus ſeiner Hand, die Klinge ſprang und verletzte ſo heftig ſein rechtes Auge, daß es alsbald ausfloß.— Des Domprobſts Fuß trat dem Hingeſtürzten auf den Rücken. Umſonſt ſchrie er, vom fürchterlichſten Schmerz in ſeinem Auge gefoltert; umſonſt wandte er ſich wie eine Schlange. Der Fuß des rieſig ſtarken Mannes hielt ihn am Boden gefeſſelt. Das Geſchrei rief die Reiſigen und Knappen herzu, die voll Entſetzen zurückwichen. „Holt Stricke!“ donnerte der Domprobſt. Sie zauderten.— Aber als zum zweiten Male der Ruf erſchallte und der Feuerblick dieſes Auges ihn begleitete, da eilten ſie hinweg und waren bald mit Stricken zur Hand. Er feſſelte ſelbſt den Wüthenden. Zwar regte ſich noch einmal die alte Liebe, als er in die leere Höhle des blutenden Auges blickte — aber er gedachte des Dolchſtoßes und rief:„Der Herr hat dich gezeichnet, Porricada!“ und ſtieß den Gefeſſelten den Reiſigen zu, mit dem Befehl, ihn in das tiefſte Verließ zu werfen. Er ſelbſt aber ſchritt in ſein Kloſett, ſchloß die Thür ab und maß mit gewichtigen Schritten das Gemach. „Wohl haſt du Recht, Wiltberg, ich fange an zu ernten wie ich geſäet!“ ſprach er zu ſich ſelbſt, und raufte wild das braune Lockenhaar, das ſeinen Kopf umwallte. Indeß dieſe entſetzlichen Auftritte ſich hier ereigneten, war Agnes troſtlos erwacht. Als man ihr alles Vorgefallene erzählte, ordnete ſie auf den andern Morgen an, daß Alles bereit ſei zum Ritte nach Frankfurt. In den Schooß der Familie, die ſie ſo liebend aufgenommen, wollte ſie flüchten aus dieſen ſchrecklichen Wirren, um zu entgehen der Gewalt eines Vormundes, der ſie doch nur elend machen wollte. Als ſie aber am andern Mergen den Oheim ſah, wie er gebengt, bleich und zerſtört einherſchritt, und er ſie fragte, ob ſie ihn auch verlaſſen wolle, da blieb ſie und hörte die herzergreifenden Klagen über Scharfenſtein's ſchnöden Undank an, entſchloſſen zu warten, bis ihr Oheim Philipp in die Burg einziehen würde; obgleich ſie ſich nicht tröſten durfte, in ſeiner Nähe ruhiger zu leben. Von dem Geliebten ihrer Seele jedoch hörte ſie nichts mehr, und jede Spur von ihm ſchien getilgt. So war denn allſeitig tiefes Weh in die Burg eingezogen, die früher ein Wohnſitz ſtillen Glückes geweſen war. Es ſchien des Ritter Ulrich's Tod der Beginn einer Reihe ſchrecklicher Auftritte zu ſein, die noch langhin in ihr oder von ihr aus walten ſollten über Andere. Der Domprobſt fragte nicht nach dem Gefangenen. Seine Liebe war erſtorben gegen ihn, oder ſie war zum wildeſten Haſſe geworden, der nur in einer Menſchenbruſt wohnen mochte. Ein Knappe aus des Domprobſts Begleitung nur und er allein nahm Theil am Geſchicke des Schändlichen. Er band ihm die Bäuſchlein auf das Auge, das für immer verloren war, weil in ihm der Quell des Lichts erloſchen war. Er gab ihm die Nah⸗ rung, die ſein Leben erhielt; denn Niemand ſorgte für ihn, weil Niemand ſonſt Neigung für ihn hegte. Dieſer Knappe aber war von jeher der Vertraute ſeiner Händel geweſen, hatte oft mit ihm die Luſt getheilt und war erfahren in allen den verſchlungenen Wegen des Laſters, die der Junker zu gehen gewohnt war. Durch — 125— ihn vernahm er den bodenloſen Grimm des mißhandelten Pflege⸗ vaters, und die Gewißheit folgte für ihn, daß nun keine Hoffnung mehr auf Vergehung ſei. Mit dem Knappen verabredete er nun die Flucht, da er befürchtete, der Domprobſt überliefere ihn dem Gericht in Mainz. Sie gelang. Und als die Kunde davon zu des Domprobſts Ohren kam, ſagte er freier aufathmend:„Gottlob, daß ich des Schwerſten überhoben bin!“— Als Rüdiger aus der Burg Falkenſtein ſtürmte, in der er ſo viel Schmerzliches in den letzten Tagen erlebt und doch ſeine ganze Welt zurückließ, da war es ihm, als könne er nun nicht mehr leben. So lange ſein edles Roß es ausdauern konnte, trieb er es im wildeſten Galvpp an; nicht zurück ſah er, auch nicht einmal, weil er ſich das Herz nicht ſchwerer machen wollte, als es an und für ſich ſchon war. Wie hatte das Burggeſinde geweint, als er ſchied! Und nun lag die Welt vor ihm, und doch kein Plätzchen, wo ihm die Ruhe gegönnt geweſen wäre. Sollte er nach Wiltburg zu ſeiner Sippe? Port herrſchte tiefe Armuth, und er wußte im Voraus, daß er ein unwillkommener Gaſt ſei. Da fiel ihm Lorch ein, wo ſein Freund Saneck im ſtattlichen Burgbaue lebte. Dorthin richtete ſich ſein Weg. Mit ſchwerem Herzen ritt er durch den Rheingau. Schmerzliche Sehnſucht ergriff ihn manchmal, wenn er in die grünen klaren Wellen blickte, die ſich raſtlos dem fernen Meere zuwälzten, die ein ſchnelles Enden alles Leides verhießen dem, der ſich in ihren Schooß ſtürzte; aber das Edle und Gute in ihm ließ ihn nicht zur Verzweiflung kommen. Er blickte in innigem Glauben empor und trug mit männlichem Muthe das herbe Loos, das ihm ſo unerwartet gefallen war. Von allen Seiten erwog er das, was in Falkenſtein geſchehen war. Er fühlte, daß er ſo hatte handeln müſſen, und wurde ruhiger. Lebte doch die Hoffnung in ihm, daß dennoch vielleicht ihm noch das Glück blühen könnte, mit Agnes vereint zu werden. Was aber aus ſeiner Zukunft werden ſollte, das war ihm ſelbſt ein Räthſel; denn ſeine Armuth prückte ihn ſchwer. Als er bei Rüdesheim in das wilde, ſchauerliche Rheinthal hineinritt, wurde es ihm recht ſchwer ums Herz; denn — überall erblickte er die Burgen des Domprobſts, des Mannes, der ſein Glück zertrümmert hatte. Hier Klopp bei Bingen, dort Ehren⸗ fels und weiter unten Vautzberg, ſeinen Lieblingsaufenthalt. Freier aber wurde ihm die Bruſt, als er endlich um den letzten Berg⸗ vorſprung ritt und nun das alte, reiche, ſchöne Lorch vor ihm lag, und der große Thalkeſſel des Rheins in ſeiner Pracht. Er hielt das Roß an, ſich zu laben an dem Anblicke, der ihm aus ſeiner Kindheit ſo theuer war; denn hier in Lorch hatte er ja ſeine erſten Jahre verlebt, bis Herr Ulrich nach Falkenſtein holte. Noch war Alles wie damals. Dort unten lag das alte Bacharach im Kranze ſeiner Mauern und Thürme, beherrſcht vom mächtigen Stahleck; dort drüben thronte Fürſtenberg in ſeiner Pracht, und das Dörflein Diebach in ſeiner Armuth ſchmiegte ſich ſchutzſuchend zu ſeinen Füßen. Wieder grünten die Berge und die Traube ſchwoll von ſüßer Fülle, und die Sonne lachte in das Thal ſo freundlich hinein, und ihre Strahlen hüpften auf des Stromes Wellen wie damals— aber— was lag Alles dazwiſchen?!—— Er ſpornte das Roß, als wolle er dieſen jüngeren Erinne⸗ rungen entfliehen— und erreichte Lorch. Herzlich nahm Saneck den Freund auf, und ebenſo herzlich der alte Landmarſchall des Rhein⸗ gaues, der Vater ſeines Freundes. Voll inniger Theilnahme hörten ſie ſein Geſchick, und ſuchten ihn zu tröſten, ſo gut ſie's vermochten. Als Rüdiger mit ſeinem Freunde Saneck auf der Burg Saneck ſaß, wohin Beide ſchon am Abend des Tages ſeiner Ankunft ſich begeben hatten, da erſchloß ſich ſein Herz in ſeiner ganzen Fülle, da theilte er dem Freunde das Erlebte mit. Saneck hörte mit Theilnahme ſeine Ergüſſe an.„Rache dem Domprobſt!“ rief er aus, als Rüdiger geendet. „Nein,“ ſagte dieſer;„das iſt nicht, was ich wünſche. Wollte Gott,— ich könnte glühende Kohlen auf ſein Haupt ſammeln!“ „Das ſind Grundſätze, die ihn nicht leiten, Freund. Wer wird dir die Urkunden entwendet haben, als er?“ „Das kann ich kaum glauben,“ war Rüdiger's Antwort; „vielmehr möchte ich Krazzen eher des Bubenſtücks zeihen.“ — 127— „Aber ſind nicht die Urkunden bei Ulrich's Leben entwendet worden, vielleicht in ſeiner Krankheit? War nicht der Pater Anſel⸗ mus vielleicht ein Werkzeng des Domprobſts, der durch Krazzen von Scharfenſtein Haß gegen dich trug?“ Rüdiger ſchwieg geſenkten Hauptes. Er ſann.„Sollte es möglich ſein!“ rief er endlich aus und ſtellte das Abläugnen deſſelben, daß Ulrich die Verbindung zwiſchen Agnes und ihm gewünſcht, in Verbindung mit Sanecks Vermuthung. „Du biſt verrathen!“ rief Saneck aus.„Doch Freund, laß das Grübeln jetzt. Es kommt ja noch für dich eine beſſere Zeit. Wir wollen jagen im Walde droben auf der Höhe der Berge und von uns treiben die Grillen!“ Er bot Alles auf, den Freund zu zerſtreuen, aber es gelang ihm nicht, und Rüdiger's düſterer Sinn blieb ſich gleich. Konnte er Agnes vergeſſen? An ihr hing ſeine Seele mit der Macht der erſten heiligen Liebe. Sie war ſeine Welt, ſein Alles. Ohne ſie hatte ja ſein Leben alle Bedeutung und Zweck verloren Wenn auch auf kurze Zeit er aufgeheitert wurde, ſo kehrte doch ſchnell der trübe Ernſt zurück, der ſich ſeines Weſens bemeiſterte. So kam denn endlich der Herhſt mit ſeinen Freuden am Rheine. Die Jahrszeit war noch ſommerlich milde, aber die Stimmung des Volkes war gedrückt auf der einen Seite, und wieder oft ausſchweifend auf der andern. Dies verurſachte jene gräuliche peſtartige Krankheit, welche mit Rieſenſchritten durch Deutſchland wanderte und namenloſes Elend verbreitete, der ſchwarze Tod. Fürchterlich war der Schrecken vor dieſer entſetzlichen Krank⸗ heit, die wie ein Würgengel durch Deutſchland ſchritt, die Städte und das platte Land entvölkerte, daß Grauen und Entſetzen ihr vorherging, Grauen und Entſetzen ihr folgte. Es war gegen ſie kein Schutz, kein Heilmittel. Viele verſenkten ſich in die ſtrengſten Kaſteiungen und Bußübungen, weil ſie ihren Tod vor Augen ſahen und ſich ausſöhnen wollten mit dem Himmel. Reiche Gaben floſſen die Säckel der Kirchen und Klöſter. Andere dagegen ſtürzten ſich in den wildeſten Strom der Luſt und wollten den Becher leeren bis zu den Hefen, ehe der furchtbare Feind nahe und ihnen den⸗ ſelben aus den Händen winde. In den meiſten Orten, wo die Krankheit wüthete, kehrte ſich der Haß des Volkes gegen die Juden, deren Reichthum Neid und Mißgunſt längſt geweckt. Von fana⸗ tiſchen Mönchen und Prieſtern geſchürt, loderte ein furchtbarer Brand auf gegen das arme, heimathloſe, verfolgte Volk. Sie ſollten die Brunnen vergiftet und dadurch das Uebel hervorgerufen haben. Mord und Brand waren die Rachemittel gegen ſie, und in das geplünderte Gut theilte ſich ſchwelgend der Pöbel. Auch in Mainz hatte die Peſt ihren Einzug gehalten und furchtbar ihre Verhee⸗ rungen begonnen. Wer fliehen konnte, floh, und glaubte dem Tode zu entgehen. Regellos ſchaltete der Pöbel in der Stadt. Juden⸗ blut floß in Strömen, und im Brauſen der Luſt verflog die gewonnene Beute. Der Kurfürſt war weggeflohen, ebenſo der Domprobſt und die Meiſten der hohen Geiſtlichkeit.— An der Spitze des zerſtörenden Pöbels ſtand ein gräulicher WMenſch. Einäugig war er und wild verzerrt ſein Geſicht. Woher eer gekommen, wußte man nicht. Manchem wollte er bekannt vorkommen; allein er läugnete keck, je Mainz geſehen zu haben, und war doch überall genau bekannt wie ein Einheimiſcher. Als er alle Gräuel gegen die Juden erſchöpft, ſchlug er in einem engeren Kreiſe den Genoſſen vor, ſich des Domprobſts Cuno von Falkenſtein zu bemächtigen und ſeine Schätze ihm abzupreſſen, um luſtig bis zum Ende leben zu können. Der Anſchlag des Einäugigen fand Beifall. Man ſtürmte die Wohnung des Domprobſts, raubte ſie aus, fand aber weder ihn noch die Schätze, deren Bewahrungsort der Einäugige genau kannte und angab. Im wäüthenden Grimme wurde von ihm das Gebäude niedergebrannt. Wohin der Domprobſt geflohen, war von einem ſeiner Diener bekannt worden, der, als er den Einäugigen erblickte, in den Ausruf ausbrechen wollte: Ei, Junker— aber ein ſchneller Dolchſtoß, ſicher geführt, ſchloß den Mund für immer, der Dinge enthüllen wollte, an deren Verborgenheit wohl dem Einäugigen unendlich viel mußte gelegen ſein. „. —— 3 . 3 Der Domprobſt war in Bingen auf dem Schloſſe Klopp, und wie der ermordete Knecht ausgeſagt, mit ihm ſein Mündel— Agnes von Falkenſtein, die ſich entſchloſſen haben ſollte, im Kloſter Rupertsberg, das einſt die heilige Hildegard gegründet, Profeß zu thun. Dieſe Kunde war genug für den Einäugigen, der ſich unter dem Volke Heinz nannte. Er verſchwand plötzlich aus Mainz, wie er dort, einem Irrwiſche gleich, aufgetaucht war. Schon hatte die Weinleſe in Bingens Bergen begonnen, da ſaß eines Abends in einer Kneipe unfern des Strandes ein Haufen Menſchen beim Weinkruge, die zu den unruhigſten Köpfen gehörten, welche Bingen in jenen Tagen loſer Zucht umſchloß. Oben am Tiſche ſaß in unſcheinbarer Tracht ein Menſch, deſſen Wert und Erzählung die Geſellen ſchon lange gelauſcht. Er wußte gar man⸗ cherlei Mähr aus dem Schweizerlande zu erzählen, wo er zu Hauſe ₰ zu ſein vorgab. Es waren Geſchichten, wie ſie die Männer gern hörten, die längſt mit dem ſtrengen Domprobſt unzufrieden waren, der während der Kurfehde eifernes Regiment geführt und die Binger 6 3 an Zucht und Gehorſam ſtreng gewöhnt hatte. Er berichtete nämlich, daß dort die einfachen Hirten die Zuchtruthe ihrer Dränger durch 3 eigne Kraft und freien Muth gebrochen und Tell's Pfeil den Land⸗ vogt Geßler getroffen auf den Tod. So ſei des Landes Freiheit errungen worden. Schlau und mit Gewandtheit hatte er dieſen Geßler gemalt, daß jeder Binger in dem Bild alsbald den Domprobſt Cuno wieder erkannte. Dabei blinzte er ſchalkiſch mit dem einen Auge, das ihm zu Gebote ſtand, denn das andere fehlte gänzlich. Darauf erzählte 8 er, wie das Volk in Mainz auch gegen Cuno geſinnt ſei und ſeine Wohnung niedergebrannt hab. „Alle Teufel!“ ſchrie plötzlich einer dieſer Männer, ein derber Schiffer,„was hindert uns, ebenſo zu handeln? Haben doch heute . ſeine Zehntleute mir abgezehntet, was ich mit ſaurer Mühe im — 13— ſind feige Schafe, die ſich fügen und uns das Fell abziehen laſſen, wenn nur das ihrige ungeſchoren bleibt!“ „Das heiße ich männlich geſprochen,“ ſagte der Einäugige, der Niemand anders als der Mainzer Mordbrenner Heinz war. Die Anderen ſahen ernſt drein. „Es iſt wahr,“ bemerkte ein Zweiter,„er drängt und drückt uns hart; aber was wollen wir machen? Er ſitzt droben auf dem feſten Klopp und ſeine Reiſigen halten ſcharf Wache.“ „Er iſt hier?“ fragte der Heinz, und eine teufliſche Luſt lachte aus ſeinem Auge.„Da könntet ihr ja herrlich den Vogel im Neſte fangen und ihn zwingen, euch alle Freiheiten urkundlich zu leiſten.“ „Ueberdies hat er alle Schätze mitgebracht,“ bemerkte ein Erzſäufer, der mit zur Geſellſchaft gehörte.„Vielleicht holt uns doch der Teufel bald; da könnten wir noch eben erſt recht des Lebens uns freuen. Ich habe die eiſernen Truhen hinaufſchaffen helfen und ei⸗ was das heißt.“ 4 „So dachten auch die braven Mainzer,“ bemerkte Heinz.„Als ſie ſein Neſt ausheben wollten, da war der Vogel weg mit ſammt den goldnen Eiern. Ihr habet Beides nahe, was zaudert ihr?“ „Ihr habt gut reden, Landsmann,“ ſprach der Erſte wieder. „Ihr kennt die Gelegenheit von Klopp nicht— und“ „Da irrt Ihr,“ fiel der Heinz ihm ins Wort.„Ich habe als Landsknecht dem Kurfürſten Heinrich gedient und war mehrmals hier. Aber iſt denn offene Belagerung nöthig? Jetzt, wo Alles in lauter Herbſtluſt hier lebt und die Köpfe benebelt ſind an jeglichem Abend, wär's ja doch ein Leichtes, die Veſte zu überrumpeln. Habt ihr denn gar keine Bekanntſchaft unter den Reiſigen?“ „Gewiß,“ rief Emmerich, der Saufaus,„mein Gevatter Helm⸗ rich von Rüdesheim iſt auf der Burg, der Anton von Kempten und viele Andere, die auch juſt keine Freunde des Domprobſts ſind.“ Die Sache wurde jetzt alles Ernſtes beſprochen. Heinz verband Scharlachberge gewann!— Unſer Schultheiß mitſammt den Schöffen die Anweſenden endlich zum Schweigen. Er ſagte, daß er gerne — 131— mit ſeiner Kriegserfahrung ihnen zur Hand ſein wolle. Nur möchten ſie in der Stille werben und vorſichtig ſein; er wolle ſich hier im Hauſe verborgen halten, und erwarte ſie Abends zum Rath und bald zu friſcher That. Das Fünklein war geworfen. Es nährte ſich, griff um ſich ſchnell und kräftig, denn das Zehnten war mit aller Strenge geübt worden und hatte die ohnehin unruhigen Gemüther heftig empört. Hierzu kam in dieſen Tagen ein Anderes. Der Schultheiß ſtarb, ein hochbetagter Greis. Altes Recht war es in der Stadt, daß die Bürgerſchaft ihren Schultheiß ſelber wählen durfte Bei der überall herrſchenden wilden Sucht, ſich aufzulehnen gegen Geſetz und Herrſchaft, war es dem Domprobſt wichtig, daß ein Schultheiß erwählt werde, der mit Kraft treue Anhänglichkeit an die Landes⸗ herrſchaft in ſich vereine. Die Wahl fiel anders aus und Cuno hatte den Aerger, einen jungen Brauſekopf an der Spitze der ſtädti⸗ ſchen Verwaltung zu ſehen, von dem nichts Gutes zu erwarten ſtand. Die Lombarden, welche einen reichen Handel in Bingen trieben und aus beſonderen Gründen, nämlich weil ſie oft ſchon bedeutende Summen dem Kurfürſten dargeliehen, bevorzugt waren, ſahen die Wahl ungern, und hätten es wohl lieber ſehen mögen, daß der Ihren Einer Schultheiß würde. Ihre Vorſtellungen, die ſo ganz mit den Anſichten Cuno's einſtimmten, bewirkten es, daß er die Wahl umſtieß und Anton Pomaria, den reichſten der lombardiſchen Handelsleute, dazu ernannte. Dumpfe Gährung ſchlich wie ein Geſpenſt durch die Stadt und führte auch die beſſeren Bürger jener Rotte zu, die bereits Gedanken gehegt und Entſchlüſſe gefaßt hatte, die mit jener Gährung in Einklang waren. So bereitete ſich im Stillen ein Unwetter vor, deſſen Blitze auf das Haupt des Mannes gerichtet waren, der am wenigſten an etwas Aehnliches dachte, obgleich das Niederbrennen ſeiner Wohnung in Mainz ihm hätte die Augen öffnen können. Perſönliche Kraft und unerſchütterlicher Muth gibt indeß eine Sicherheit, die nichts fürchtet und nichts ahnt. Einet ſich damit die 9* * — Macht des Herrſchers, ſo iſt es noch gewiſſer, daß die Seele in jene ahnungsloſe Sicherheit eingehüllt wird, die ſo oft dem Frevel und der Frechheit gewonnen Spiel gab. Es war an einem der ſchönſten Herbſtnachmittage, als ein Schiff im Hafen bereitet wurde zur Aufnahme des Domprobſts. Wohin die Fahrt ging, wußten die Schiffer nicht. Nicht ohne Herzklopfen hörte das Heinz, der ſich noch immer in der Kneipe am Strande, dem gewöhnlichen Verſammlungsorte der Schiffer, ſeit Kurzem aber auch der Rädelsführer des heranreifenden Anſchlags auf die Perſon des Domprobſts, verborgen hielt. Er fürchtete mit Grund, daß ihm das Opfer ſeiner Rache entgehen könnte. An einem Fenſterlein, das dicht von Rebenlaub umzogen war, ſtand er und ſtarrte harrend hinaus, bis er käme. Hätte er Bogen und Pfeil zur Hand gehabt, das tödtende Geſchoß hätte er mögen von hieraus auf das Haupt des Verhaßten ſenden; doch das gebrach, und nur zum ohnmächtigen Zuſchauer war er jetzt noch verdammt. Seine Fauſt ballte ſich krampfhaft bei dem Gedanken an die füße Rache, die ſeiner harre, die er ſo lang in der Bruſt ohne Befriedi⸗ gung genährt. Eer mochte noch nicht lang an dem Fenſterlein geſtanden haben, da ſchritt der Domprobſt unten vorüber und— ſein Athem ſtockte, das Auge trat faſt aus ſeiner Höhle— neben ihm eine zarte Frauengeſtalt, in ſchwarze Gewänder gehüllt, aber von dichtem Schleier jeglichem Blicke neidiſch entzogen. Zwei Dienerinnen folgten ihr und mehrere Ritter waren im Gefolge des Dom⸗ probſts. Sie ſchritten dem Ufer zu, traten in das Schiff, das bald das Segel blähte. Die Ruder ſchlugen in einförmigem Takt in die Wellen, und bald erſtwaut das Schiff hinter dem Maus⸗ thurme. 3 „Das war Agnes!“ rief Heinz.„Oder es müßte auch der Teufel mein letztes Ange geholt haben; es müßte nie ihren ſchwe⸗ benden Gang, ihre ſtolze königliche Geſtalt, ihre edle Haltung geſehen haben! Und die ließeſt du entſchlüpfen, Heinz?“— Er fluchte furchtbar.— Doch bald beſann er ſich.„Weit kann ſie — 133 nicht ſein, ſie wird ja wiederkehren!— Und dann!“ Heinz lachte teufliſch und ſchlug ein Schnippchen in die Luft. Und es war wirklich Niemand anders, als Agnes von Falken⸗ ſtein. Nach Ulrich's Tod kam Herr Philipp vI. von Falkenſtein zurück auf die Burg, die je zu einem Drittheil ihm gehörte. Philipp war ein Ritter ſo recht nach dem Zuſchnitte ſeiner Zeit. Ohne Fehde war ihm das Leben eine Laſt. Grimm trug er gegen die Städte im Herzen, die ſich ſo mächtig erhoben und ein ſo mächtiges Gewicht dem rohen Treiben des Adels gegenüber geltend machten. Beſonders war ihm Frankfurt durch beſondere Verhältniſſe ein Dorn im Auge und ein Gegenſtand wilden Haſſes. Hierdurch veranlaßt, begann er ein rechtes Stegreiftreiben. Bis unter die Thore der Stadt hin ließ er verfolgen und verfolgte er ſelbſt die Karavanen der Kaufleute, und raubte ihnen Habe und Gut, oder ſchleppte ſie ſelbſt, ein Löſegeld zu erpreſſen, auf die Burg. Dieſe wurde alſo der Schauplatz roher, oft ſchauderhafter Gewaltthat. Empörend für ihr weibliches Zartgefühl war das Treiben des alten Ritters, und Agnes mußte nicht ſelten Zeuge von Scenen ſein, die geeignet waren, ein männliches Herz zu empören. So wurde ihr Falkenſtein verleidet und ſie floh zu der Familie des Schultheißen von Holzhauſen nach Frankfurt, dort eine Zufluchtſtätte ſuchend. Als aber die Peſt in Frankfurt ausbrach und mit ihr die entſetzlichſten Gräuel roher Geſetzloſigkeit, da holte ſie der Oheim und Vormund in ſeinen perſönlichen Schutz, und ſie begleitete ihn zu den Zerſtreuungen des Herbſtes an die geſegneten Ufer des Rheingaues. Jetzt geleitete er ſie nach Vautzberg, dem herrlich gelegenen Schloß einer wildromantiſchen Thalſchlucht, wo Cuno ſelbſt ſo gerne weilte, ſeit ſein Herz durch den treuloſen Scharfen⸗ ſtein ſo ſchwer getroffen worden war. Mächtig war der Eindruck, den das Rheinthal auf das Herz der Jungfrau machte. Vautzberg, auf ſeinem herrlichen Bergfelſen ruhend und ſtolz hinabſchauend auf das wilde Brauſen des Rheines — — mußte ihr bei ihrer Seelenſtimmung beſonders zufagen. Der Burgmann des Domprobſts, ein alter biederer Ritter, der hier mit ſeiner Gattin hauſte in kinderloſer Ehe, gefiel ihr wohl, und als der Abend kam und ihr Zelter mit den Roſſen des Domprobſts anlangte, um zurück nach Klopp zu reiten, da bat ſie den Oheim, ſie einige Zeit hier allein zu laſſen, an einem Orte, wo ſie ſo ganz ungeſtört ſich ihren Gefühlen überlaſſen könne, an einem Orte, der ihr ſo ungemein zuſage, ſo ganz zu ihrer Stimmung paſſe. Nur ungern fügte ſich der Oheim, der gerne die Jungfrau mit dem Leben ausſöhnen mochte, in ihren Wunſch; allein er konnte den Bitten um ſo weniger etwas entgegen ſetzen, als in Klopp viel ſtörender Tumult war, täglich der Adel des Rheingaues, die Grafen des Nahgaues ſich einfanden und in frohen Gelagen bei dem reichen Würdenträger der Kirche ſich's wohl ſein ließen. Bei ſolchen Veranlaſſungen zog ſich Agnes ohnehin gerne zurück. Endlich machte ſie den Grund geltend, auf Vautzberg genöſſe ſie diejenige Seelenruhe, deren ſie bedürfe, um ſich vorzubereiten zum Eintritt in das Kloſter Rupertsberg, das jenſeit Bingen, Klopp gegenüber, lag. So blieb dann dem Domprobſt nichts übrig, als allein mit ſeinen Begleitern den Rückweg nach Klopp anzutreten. Als ſie durch die Straßen der Stadt ritten, fiel dem Dom⸗ probſt das Haußerordentlich rege Leben auf, welches ſich überall bemerken ließ. Die Vorbereitung auf die morgende Leſe gab jedoch völlig ausreichenden Grund ab, dieſe Erſcheinung zu erklären, die jedoch aus einem ganz andren Grunde hervorging. Heinz hatte genaue Kundſchaft eingezogen und vernommen, der Domprobſt werde gewiß mit ſeiner Nichte am Abend von Vautzberg zurückkehren. So blieb ihm dann nichts zu wünſchen übrig; ſo lag denn des heißeſten Wunſches ſüße Erfüllung nahe vor ihm. Er war aus dem engen Verſchluß, in dem er ſich bis jetzt gehalten, keck herausgetreten, hatte mit den Führern der Bürgerſchaft Zuſam⸗ menkünfte gehalten, hatte ihnen die Gefahr der Entdeckung bei ſo vielen Mitwiſſenden einleuchtend gemacht, und ſie dahin beſtimmt, in der bevorſtehenden Nacht den entworfenen Plan auszuführen, nämlich Klopp zu überfallen und ſich der Perſon des Domprobſts zu bemächtigen und ihm neue Privilegien für die Stadt, beſonders Erlaſſung des Zehntens, abzupreſſen. Sein Vorſchlag fand willige Ohren. Schnell wurde die Sache von Hauſe zu Hauſe mitgetheilt. Man ſuchte Waffen hervor, alte, verroſtete, wie man ſie eben fand und hatte, und harrte dann des Zeichens, das Helmrich, ein Rei⸗ ſiger des Domprobſts, in der Art geben wollte, daß in einem der Stadt zugekehrten Erkerfenſterlein drei Lichter nebeneinander ſtehen ſollten. Gleich darauf würde er die Wache am äußern Thore haben und ſich des Schlüſſels bemächtigen, der die anderen beiden Thore öffnete. Uebrigens ſtand es Vielen nicht an, daß der Einäugige ſich in ihre Sache miſche. Manchen ſchien es, als wolle er eine beſon⸗ dere Abſicht erreichen; als leite ihn lediglich der Gedanke, zu ſtehlen oder an der Perſon des Domprobſts eine alte Rache zu kühlen. Man fürchtete mit Recht Arges von dem Menſchen, deſſen Weſen auch nicht das mindeſte Vertrauen einflöße. So kam es denn, daß mehrere Bürger es über ſich nahmen, ein wachſam Auge auf ihn zu halten, da ſie es nicht wagen durften, ihn auszuſchließen, weil er leicht im Stande geweſen wäre, Alles zu verrathen. Zitternd vor Ungeduld, ſtanden Emmerich und Heinz an einer Luke der Stadtmauer, die gegen Klopp ſah, und richteten ihre Blicke auf die Gegend, wo das Erkerfenſterlein war. Die Nacht war ſtockfinſter. Auch kein Sternlein ſah mildleuch⸗ tend vom Himmel herab, vielmehr deckten ihn große Wolkenmaſſen. Gegen Mitternacht brach ein fürchterlich Wetter los. Der Sturm heulte, als wolle er die Berge zertrümmern. Der Rhein brauſte fürchterlich und der Regen ſchoß von den Dächern in Strömen. Das war ſo recht das Wetter, wie es ſich eignete zu einem Unter⸗ nehmen ſolcher Art, das das Licht ſcheut und das ſcharfe Ohr des Menſchen. Endlich, als bereits Mitternacht da war, zeigten ſich die drei Lichter am Fenſter, die 5 und lockend den Verſchworenen enigegen⸗ ſtrahlten.* 5 * — 136— 3 Nun war kein Säumen. Raſch flogen die beiden durch langes Warten ermüdeten Männer hinab in die Stadt, und langſam zog die Schaar den Berg hinan und ſo leiſe, daß nicht einmal in der Stadt ſelbſt Jemand von denen es ahnte, die nicht um das Geheim⸗ niß wußten. Ebenſo unbemerkt kamen ſie an das Thor. Helmrich hatte Wort gehalten. Er öffnete leiſe. Sechzig Männer folgten ihm jetzt zum zweiten Thor. Auch dieß wurde geöffnet. Das dritte, welches in den eigentlichen Burghof führte, war ein Fallthor, das in Friedenszeiten nie herabgelaſſen wurde. Sie kamen nun in die Burg. Der Herbſt iſt die Jahreszeit, wo nicht nur am Rheine der neue Moſt geſammelt zu werden pflegt, ſondern wo Jedermann darauf ſinnt, durch Wegtrinken des älteren Weines dem jungen Raum zu machen. So war es früher, wie es heute iſt.— In der Halle des Erdgeſchoſſes ſaßen um langhinreichende Tiſche etwa dreißig bis vierzig Reiſige, die ſich, da der Herr ſchlief, gutthaten am Scharlachberger. Es war ein luſtiges Treiben, von dem man oben ſo wenig vernahm als ahnte. Ohne Kampf, denn die Waffen fehlten, wurden alle gefangen genommen und einzelweiſe ſchnell in die Keller gebracht, was um ſo leichter war, als die Meiſten bereits vom Weine ſo gänzlich des Gebrauches ihrer Glieder als ihrer Verſtandeskräfte beraubt ware einz wollte ſchon hinaufdringen, und forſchte bei Helmrich, des Domprobſts Kloſett und das ſeiner Nichte ſei; aber ein Binger Bürger faßte ihn bei der Schulter und fragte, ihn derb ſchüttelnd, ob er etwa auch um ein Quartier im Verließe verlegen ſei? Er ſolle ſich ſtille und beſchee halten, ſonſt könnte ihm das heute noch werden, wenn nicht Schlimmeres gar. Obgleich dies Wort eine höchſt unangenehme Wirkung auf den Angeredeten hervorbrachte und ſchnunſtracks mit ſei Gegenſatz treten mochte, ſo fand de ige u nen Plänen in ge hfür gut, vorſichtig zu ſein, zumal er wo ah,/ daß ihn Augend bdobc hteten, deren Begleiter derbe Fäuſte waren. ————— —————— ——— —, Ruhig und friedlich ſchlummerte der Domprobſt in ſeinem Kloſett, deſſen Thür er nicht einmal geſchloſſen hatte. Arge Träume quälten ihn. Er ſah Verrath ihm nahen; doch dünkte es ihm, er ſei in Mainz und er ſähe Schürfenſtein, wie er den Feuer⸗ brand in ſeine Wohnung ſchleudere. Da dünkte es ihm wieder, er ſähe ſein Gemach erleuchtet und hörte das Geräuſch der Waffen. Er erwachte. Wirklich ſchien es, als ſei der Traum Wahtheit; denn er ſah eben Licht in das Vor⸗ zimmer dringen, und Waffengräuſch und verworrene Stimmen drangen in ſein Ohr. Einen Moment noch lag er ruhig und halb im Zweifel, ob er wache oder träume,— dann ſprang er auf und trat, obwohl im bloßen Hemd, in das Vorgemach: Wer malt ſein Entſetzen? da ſteht vor ihm— Scharfenſtein— mit hölliſchem Hohngelächter und zückt den Dolch nach ſeiner Bruſt. Ein Sprung zurück rettet ihn vor dem Stoß— aber zugleich trifft ein Hieb mit dem Schwerdte den Verruchten, daß er röchelnd niederſtürzt. „Was gibt das?“ ſchrie mit einer Donnerſtimme der Dom⸗ probſt, als er dies und die bewaffneten Bürger Bingens erkennt. „Binger, habt ihr eures Eides vergeſſen? Erhebt ihr Panier gegen euren Herrn?“ „Daß wir weder Mord, noch Brand, noch Raub ſuchen,“ ſprach hierauf ein Bürger,„das zeigt der Mörder, der ſich in unſere Reihe ſchlich, um alte Rache zu nehmen, der nun hier ſein ruchloſes Leben endet. Recht wollen wir, das Ihr uns weigert; Freiheiten, die Ihr uns nahmt. Ihr ſeid unſer Gefangener, folgt uns!“ Der Domprobſt ſann einen Moment, überblickte die Macht, die gegen ihn ſtand— und als er ſchnell und richtig erwogen, daß hier Gewalt brauchen wollen, Wahnſinn ſein würde, da ſagte er ruhig: „Iſt das Bürgerpflicht? Iſt das der Dank für die Güte, welche ihr dem Krummſtabe von Mainz danken ſolltet?“ „Schweigt, Herr Domprobſt,“ herrſchte ihm Emmerich mi lallender Zunge zu,„wir wollen keine Faſtenpredigten von Euch, ſondern Euch ſelbſt, darum beſinnt Euch nicht lange!“ „Ich muß der Gewalt weichen,“ ſprach der Domprobſt,„aber die Folgen über eure Häupter!“ „Das ſollen ſie, das ſollen ſie!“ riefen lachend viele Stimmen jetzt aus.„Macht, daß Ihr uns gutwillig folget, ſonſt brauchen wir Gewalt!“ „Ich kann doch nicht nackt mit euch gehen, ihr Bürger. Bedenkt, daß ein Würdenträger der Kirche nicht eurer Jugend zum Spotte werden darf!“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Bürger, der auf Scharfenſtein den Hieb geführt, und der noch das blutige Schwerdt in ſeiner Rechten hielt, während in gräßlichen Zuckungen zu ſeinen Füßen unbeachtet der Verworfene ſeine ſchwarze Seele aushauchte. Der Domprobſt trat in das Kloſett, deſſen Thür er nur anlehnte, um ſich anzukleiden. Mehrere wollten ihm folgen; aber der Bürger rief:„Beobachtet die Geſetze der Zucht und Wohl⸗ anſtändigkeit, ihr Männer, und vergeſſet nicht, daß wir im zweiten Stockwerke der Burg ſind!“ „Das Kloſett hat keine geheime Thüre!“ rief Helmrich,„ihr könnt ohne Sorge ſein.“ „Wer hat den Meuchelmörder hier uns zugeführt?“ donnerte derſelbe Bürger jetzt die Anderen an.„Schande für uns iſt es, daß eine Dolchſpitze auf unſeres Gebieters Bruſt gekehrt wurde.“ Mehrere nannten diejenigen, welche zuerſt Gemeinſchaft mit ihm gemacht. Dieſe wehrten den Vorwurf von ſich ab. So entſtand ein ziemlich heftiger Wortwechſel, der lange währte. „Schafft den Leichnam des Schurken hinweg. Ein Strolch ſoll unſere That nicht verunreinigen,“ riefen Etliche Andere dagegen wollten, man ſolle ihn liegen laſſen, um eben damit anzu⸗ kündigen, daß ſie nichts mit ihm gemein gehabt. Dieſer Wortwechſel hatte ziemlich lange gewährt. Erſt jetzt — * 3 3 1 . 89„ bemerkte Einer:„Der Domprobſt habe ſich denn doch in dieſer Friſt zehnmal aufs Koſtbarſte ankleiden können.“ Mehrere, welche der Thüre zunächſt ſtanden, ſtießen ſie auf und— blieben wie erſtarrt ſtehen. Das Gemach war leer— nur das Fenſter ſtand auf, das nach dem Burggraben in ſchwindelnder Tiefe hinabging. Schrecken und Entſetzen ergriff Alle. Das Zimmer wurde genau unterſucht. Es blieb kein Zweifel, daß er durch das Fenſter entflohen, in den Burggraben hinabgeſprungen war. „Großer Gott!“ rief der Bürger mit dem Schwerdte,„ſo hat dennoch ſein Anſchlag ſein Leben gekoſtet, denn lebendig iſt er nicht da hinabgekommen. Auf, laßt uns den Leichnam ſuchen!“ Als der Domprobſt in das Gemach trat, maß er mit kundigem Blicke die Höhe, was ihm ein wenig Sternenlicht zuließ, als der heftige Sturm die Wolkenmaſſen von einer Stelle des Himmels weggetrieben hatte. In allen ritterlichen Uebungen erfahren, war der Domprobſt ein kühner Springer.„Lieber todt und frei, als nur eine Minute länger in der Gewalt dieſer treuloſen Bürger zu ſein!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, und— flink wie ein Reh, trotz der Schwere ſeines Körpers, ſprang er durch das Fenſter hinab. Obgleich es als ein Wunder mußte angeſehen werden, daß ein Menſch, ohne Hals und Beine zu brechen, von dieſer Höhe herab⸗ geſprungen, ſo war es dennoch dem Domprobſt gelungen. Nicht die leiſeſte Verletzung hatte er erlitten, obwohl die Schwere ſeines Körpers ſehr beträchtlich war. Hatte ſich der immer wilder brau⸗ ſende Sturm in den leichten Mantel, den er in aller Eile über⸗ geworfen, gefangen, oder was war es, was ihn leicht zur Erde kommen ließ, kurz, anßer einigen Dornritzen, welche er im Graben ſelbſt empfing von rankenden Brombeeren, war ihm nichts. Mit einem ſorgenvollen Blicke nach dem Fenſter, der ihm jedoch die Beruhigung gab, daß die guten Bürger eben jetzt ſich in breiten Wortwechſel ergingen, während ſie ihren fetten Fang durchgehen ließen, kletterte er mit großer Anſtrengung an der jenſeitigen Fels⸗ wand in die Höhe und athmete erſt recht frei, als er ſich nun außerhalb der Burg erblickte. — 140— Ohne ſich aufzuhalten, ohne das Schneiden der Steine in ſeine bloßen Füße zu achten, ohne die verletzenden Dornen zu fühlen, flog der Domprobſt den Berg hinab und erreichte glücklich das Ufer des Rheins. Keine Seele ringsum! Alles Volk ſtand an den Orten, wo es die Burg im Auge hatte, mit angehaltenem Athem harrend auf das Gelingen des Planes. Zitternd zogen ſich die, welche es mit dem Domprobſt hielten, in ihre Wohnungen zurück, weil ſie fürchten mochten, der Pöbel möge am Ende ihre Woh⸗ nungen plündern und ob ihrer Geſinnung Rache an ihnen nehmen. So war dann Alles ſtill und leer in dem Hafen der Stadt, wo nichts weiter als größere und kleinere Kähne vor Anker lagen. Mit Rieſenkraft hob Cune einen dicken Stein auf, weil der Kahn, deſſen er ſich bedienen wollte, mit einer Kette daran geſchloſſen war, legte ihn in den Kahn ſelbſt, ſchob dieſen in das vom heulenden Sturm empörte Element und ſprang dann in den Kahn hinein, indem er das Ruder ergriff und in die undurchdringliche. Dunkelheit kräftig hineinſteuerte— ſein Auge ſtets auf das Licht⸗ lein richtend, das vom Thurme von Ehrenfels matt herüberflimmerte. VIII. Wenn auch im ganzen Rheingau die Weinleſe das ſchönſte und heiterſte Feſt bildete, und Jeder gerne Gäſte in dieſen Tagen bei ſich ſah, die er aufs Beſte zu bewirthen und aufs Angenehmſte 3 zu unterhalten ſtrebte, ſo war das doch nirgends mehr der Fall, 3 als auf dem ſtolz auf ſeiner Rebenhöhe thronenden Johannisberge. 3 Der Abt, einer der reichſten Aebte des Rheinthales, liebte fröhliche Stunden, und hatte ſie lieber alle Tage, denn am Sonntage nur. Man konnte wohl ſagen, daß leckerer nirgends getafelt, köſtlicher nirgends gebechert wurde, denn auf dem Berge, der den Namen eines der enthaltſamſten Anachoreten trug, was denn auch bei den frohen Gelagen zu manchem Witzwort und Kurzweil Anlaß gab. — 141— In der Weinleſe aber floß reicher noch die goldene Fluth, bog ſich noch mehr und ächzender die eichene Tafel von der köſtlichen Speiſen Fülle. Da ſah man hier den Ritterſtand des ganzen NRheingaues vereint, und der Kranz blühender Frauen, welche hierher von Gatten, Brüdern und Vätern geführt wurden, ließ den Aufenthalt noch paradieſiſcher erſcheinen. Niemand verſäumte es, hierher zu eilen, und Jeder war willkommen, am willkommenſten war er aber, wenn er heitere Luſt mitbrachte, um ſeinen Theil zur allgemeinen Frende beizutragen, die ungebunden und ſchrankenlos Jeder hier genießen konnte wie er wollte, da der milde und leutſelige Abt nichts that, um ſie zu verkümmern. Als der Tag der Leſe und des frohen Feſtes bekannt wurde, rüſtete ſich alle Welt, dem Johannisberge zuzuziehen. „Auch du mußt theilnehmen,“ rief der heitere Saneck ſeinem Freunde Rüdiger zu, der ſtill und in ſich gekehrt an einem Fenſter der Burg ſtand und in die vorüberrauſchende Fluth des raſtloſen Stromes blickte, der ſeine Wellen zu Füßen der Burg Saneck vorüberdrängte.„Du bedarfſt der Zerſtreuung, Freund,“ ſprach er liebevoll,„dein Trübſinn führt dich zum Grab.“ Ein Seufzer ſtieg in Rüdiger's Bruſt auf, der vielleicht den Wunſch trug, es möge ſo ſein. Er wandte ſich zu dem gutmüthigen Saneck mit den Worten:„Laß mich hier! Was ſoll ich unter den Fröhlichen? Eure Luſt kann ich nicht theilen; du kennſt meine Stimmung. So fühle ich mich doppelt allein und in mich zurück⸗ geworfen im lärmenden Jubel.“ „Du ſiehſt zu trübe, Rüdiger,“ gegenredete der Freund.„Der Strom reißt die trübe Welle auch mit ſich fort und klärt ſie durch Niederſchlagung ab. Du mußt mit mir dorthin. Und vielleicht— blüht dir das Glück— Angnes zu ſehen. Es iſt wenigſtens nicht ſelten, daß der Domprobſt, der jetzt in Bingen iſt, dort ſich einfindet. Vielleicht kommt auch ſie.“ Rüdiger lächelte.„Sie iſt nicht hier am Rheine!“ ſprach er. wehmüthig.„Und wär' ſie's, was ſollte mir das Wiederſehen helfen? Noch elender mich machen als ich bin, mir die geringe, und doch ſo mühſam errungene Ruhe wieder rauben, das wäre der Gewinn und des Wiederſehens Frucht.“ Aber Saneck ließ nicht nach, bis er endlich, um Ruhe zu haben, einwilligte. Sie ſetzten nach Lorch über und zogen dann mit den Gilchen von Lorch, den Schätzel, den Walderndorf, den Boos von Waldeck und einer großen Zahl Ritter, welche theils in Lorch anſäſſig waren, theils in der Umgegend— dem Johannis⸗ berg unter lautem Geſpräch und heiteren Scherzen zu. Hätte Rüdiger geahnt, daß dort oben das Herz der Geliebten um ihn trauere, als er am Vautzberge vorüberritt, wie anders würde es ihm um das Herz geweſen ſein. So glitt ſein Blick gleichgiltig an den Mauern vorüber, und er folgte in ſtillem Sinnen dem luſtigen Schwarme der Geſellen. Groß war die Zahl der Gäſte ſchon in der Abtei, als ſie dort anlangten, und in jedem Augenblicke wurde ſie größer. Heitere Luſt war der Charakter des Zuſammenlebens. Nach einem Mahle, das Alles in ſich vereinte, was den Gaumen kitzeln und den Durſt reizen konnte, zog Alles hinab in den Weinberg, um der Leſe ſich zu erfreuen. Einzelne Gruppen bildeten ſich hier und dort. Der jüngere Theil der Männer umſchwärmte die Frauen und ergab ſich ſch erzender Kurzweil; die Aelteren beſprachen die Ereigniſſe der Zeit. Zu ihnen geſellte ſich Rüdiger. Hier vernahm er die Auftritte von Frankfurt und Mainz zum erſten Male, vernahm das wilde Leben Philipp's von Falkenſtein, und gedachte mit Beben des Looſes ſeiner geliebten Agnes. Obwohl es ihn drückte, nach ihr ſich zu erkundigen, ſo wagte er das doch nicht um ihrerwillen; aber dieſe Mähren weckten die Erinnerung an die Vergangenheit ſo friſch und lebendig in ſeiner Seele, daß er ſich wegſtahl aus dem Kreiſe der Frohen und ſeinen Gang in den nahen Wald richtete, um ungeſtört ſich ſelber anzugehören. In trübem Sinne floß eine Stunde nach der andern hin. Seine Stimmung war nun durchaus nicht mehr geeignet, zu der Geſellſchaft zurückzukehren. Er ſchlich in die Abtei, ließ ſein Roß ſatteln und entfernte ſich unbemerkt, nur ſeinem Freunde Saneck Kunde gebend von ſeiner Entfernung. * — — 143— Der Abend kam, und mit ihm das wilde ſtürmiſche Unwetter, als er Geiſenheim noch nicht erreicht hatte Die Dunkelheit war der Art, daß man, wie das Sprichwort ſagt, keine Hand vor dem Auge ſah. Der Sturm tobte grauſen⸗ haft, die Wellen ziſchten und brandeten wild am Ufer und der Regen ſchoß in Strömen vom Himmel. Rüdiger ſchien unempfind⸗ lich für dieſen Sturm der Elemente. Sein Roß, das treue Thier, das ihn ſo oft in Sturm und Wetter ſicher getragen, fand, geleitet von ſeinem Inſtincte, den Weg. Als aber nun Rüdiger unterhalb des Ortes Rüdesheim ſich befand, ſchien das Unwetter den höchſten Grad erreicht zu haben. Sein edles Thier ſtand ſtille und ſchien ihn durch Scharren am Boden zu mahnen, ein geheures Obdach zu ſuchen. Wo ſollte er hin? Gen Lorch war unmöglich, da der Weg zu gefahrvoll war. Nach Rüdesheim? Dort war er fremd. Zetzt fiel ſein Blick auf die Lichter, die von Ehrenfels gaſtlich ladend herabſchimmerten. Er kannte den Ritter, der dort Burg⸗ mann des Erzſtiftes war, und ſchnell entſchloſſen, ſchlug er den Burgweg, welcher durch Weinberge emporführte, ein. Luitpold von Ehrenfels war indeſſen auch auf dem Johannis⸗ berge bei der frohen Genoſſenſchaft geblieben. Rüdiger wurde,⸗ nachdem er ſeinen Namen genannt und von dem Thorwart als derjenige erkannt worden war, der oft ſchon bei ſeinem Herrn zu Gaſte geweſen, mit Freuden eingelaſſen. Er kleidete ſich in die Gewänder des Ritters um, da er bis auf die Haut durchnäßt war, ſuchte aber, durchſchauert von dem kalten Regen, ſchnell das Lager und ſank in einen tiefen Schlaf, der heilſam ſeinem Leide war. Nach Mitternacht kam ängſtlich der Thorwart an ſein Lager — und rüttelte ihn aus ſeinem tiefen Schlaf auf. „Herr Ritter,“ ſprach er,„entſchuldigt, daß ich Euch aus Euerm Schlaf aufſtöre; allein ich bin in großer Noth und weiß mir nicht zu rathen. Draußen am Thore der Burg erſcheint in 1 dieſer Nacht, wo alle Teufel ihr loſes Spiel zu treiben ſcheinen, eein Mann, der eingelaſſen ſein will. Er ſagt, er wäre der Herr E — Domprobſt Cuno von Falkenſtein, den die aufrühreriſchen Binger vertrieben hätten. Es iſt des Herrn Stimme und Geſtalt— aber mir kommt die Mähr unglaublich vor, und es will mir ſcheinen, als liege irgend ein Streich im Hinterhalte, weil man weiß, daß der Ritter nicht zu Haus iſt, obwohl ich mir nicht denken kann, wer böſe Abſichten auf die Burg haben könnte. Wollet Euch bemühen und aufſtehen, um ſelbſt in unſeres Herrn Namen, deſſen treuer Freund Ihr ſeid, das Beſte zu rathen und zu wählen.“ „Das iſt eine ſeltſame Mähr,“ ſagte Rüdiger, und ſprang auf, um ſich ſchnell anzukleiden und das Schwerdt an ſeine Hüften zu gürten.—„Doch haſt du wohl gethan, ſo vorſichtig zu ſein,“ tröſtete er den Thorwart. Ziemlich ſchnell war ſein Anzug beendet. Er folgte dem Thor⸗ wart auf ſein Stüblein über dem Thor, öffnete das kleine Fenſter und ſah, wie Jener es gemeldet, den Mann daſtehen, r Froſt zitterte. „Wer ſeid Ihr?“ fragte Rüdiger. „Oeffnet ſchnell, Luitpold,“ rief draußen die Stimme.„Ich ſterbe ſchier vor Froſt. Kennt Ihr Eures Herrn Stimme nicht?“ „Er iſt's!“ rief Rüdiger.„Gott weiß, wie das zuſammen⸗ hängt, aber wir müſſen öffnen.“ „Auf Eure Gefahr!“ ſagte der vorſichtige Thorwart. Das Gatter ging in die Höhe, die Zugbrücke ſank nieder und der Domprobſt ſtürzte mit fieberiſcher Haſt herein. Als er bei dem Lichte des Thorwartes Rüdiger'n etkannte, prallte er mit Erſtaunen zurück. „Wie kommt Ihr hierher?“ rief er aus.„Wo iſt Luitpold?“ „Dies zu heäütworten, hochwürdiger Herr, iſt jetzt nicht Zeit und Stunde,“ entgegnete beſcheiden Rüdiger.„Eilet hinauf in Eure Burg, laſſet Euch warme Kleider reichen und Euch erquicken, dann ſollt Ihr das Alles hören.“ Der Domprobſt fand das wohlgerathen, und alle Drei eilten hinauf, nachdem das Thor ſorgfältig geſchloſſen war, wo dann aufs Beſte für den Flüchtling durch Kleidung und Nahrung geſorgt wurde. — — 145— Nachdem er ſich, ſo gut es gehen mochte, in die Gewänder Ritter Luitpold's gekleidet hatte, begann er kurz die Thatſache zu ſchildern. Er fragte nicht mehr, woher Rüdiger komme, vielmehr benahm er ſich gegen ihn freundlich. Dieſer bot ſich zu allen Dienſten an. Das war ſo recht nach des Domprobſts Sinn. Rüdiger beſtieg ſchnell ein anderes Roß und eilte nach dem Johannisberge zurück, wo er Alles ſchlafend fand, was dort geblieben war vom geſtrigen Abend. Wie ſtaunten ſie aber, als er ſie aufgerüttelt aus ihrem Taumel und er ihnen mittheilte, was in Bingen ſich ereignet habe. Wie vom elektriſchen Schlage getroffen, ſprangen ſie auf und rüſteten ſich, um nach Ehrenfels zu eilen, wo der Domprobſt in ſeinem Grimme ſich aufhielt, aber bereits Eilboten rheinabwärts nach Lorch geſendet hatte. Rüdiger war vom Johannisberg aus mit raſtloſem Eifer weiter geeilt, und als der Abend kam, nahten die Ritter und Reiſige von allen Seiten her zum Entſatze der Burg. Warm drückte der Domprobſt Rüdiger'n die Hand, als er höchſt ermüdet wieder auf Ehrenfels anlangte.„Ich bin Euch ſehr dankbar für die Treue, die Ihr mir erwieſen,“ ſagte er. Wer in ſeiner Seele hätte leſen können, würde ein tiefes Scham⸗ und Reue⸗ gefühl entdeckt e das ſie erfüllte in dieſem Augenblicke, wo das Unrecht, welches er Wiltberg angethan, ihm erſt recht groß und unverzeihlich erſchien. Ueberhaupt hatten des Ritters bleiche, kum⸗ mervolle Geſtalt auf ſein Herz augenblicklich tief eingewirkt. Im Rathe wurde nun beſchloſſen, heute Abend Bingen anzu⸗ greifen und die Burg wieder zu erobern, zumal Kundſch hafter berich⸗ teten, daß die Burg wieder in den Händen der Reiſigen des Dom⸗ probſts ſei. Dies war nämlich ſo gekommen: Als der Domprobſt ſeinen Gegnern entſprungen war, ſtanden ſie anfänglich rathlos, verblüfft da, dann eilten ſie alle weg, um ſich ſeiner Perſon todt oder lebendig zu bemeiſtern. Viele waren vom Schrecken wie gelähmt, weil ſie vorausſahen, der Domprobſt 10 — 146— würde todt im Graben gefunden werden. Andern war es darum zu thun, den Domprobſt in ihre Gewalt zu bekommen. So eilten ſie dann in einem Schwarm hinaus, ihn zu ſuchen, und Keiner dachte daran, die Burg zu beſetzen. Helmrich, dem erſt jetzt die Größe ſeiner Schuld und ſeines Verrathes zum vollen Bewußtſein kam, der wohl ſein Verderben nahen ſah, wenn der Domprobſt glücklich würde entkommen ſein, bereute augenblicklich ſeine That. Er erkannte, daß ihm jetzt die Möglichkeit gegeben ſei, ſich wiederum ſeines Herrn Vergebung zu erwerben, wenn er die Burg ihm rettete. Raſch entſchloſſen, ließ er das Fallthor nieder, ſchloß, als alle weg waren, jedes Thor ab und öffnete die Keller den Reiſigen. Dieſe ſtürmten hervor, beſetzten Thürme und Mauern und rüſteten ſich zu lebhaftem Kampfe. Sie hatten dazu um ſo mehr Zeit, als ie Bürger raſtlos um Bingen Alles durchſuchten und erſt mit dem n Morgen daran dachten, ſich der Burg zu verſichern. Wie ergrimmten ſie über ihr Mißgeſchick und ihre Thorheit, als ſie ein Pfeilhagel und geſchleuderte Steinkugeln ſo unfreundlich empfingen, daß mehrere todt blieben, viele ſchwer verwundet würden. Es blieb nun den Anführern durchaus nichts übrig, als die Burg zu ſtürmen, ehe der Domprobſt ihr zu Hilfe kommen könne. So wurde denn der Sturm auf die nächſte Nacht beſchloſſen. Dieſe kam wieder in einer ſo furchtbaren Art, daß ſie die ver⸗ floſſene bei weitem übertraf. Der Sturm wurde ſo heftig mit dem. Eintritte der Nacht, daß man es kaum wagen konnte, über den Strom zu ſetzen. Der Domprobſt war in Aßmannshauſen mit ſeinem Haufen übergeſetzt und Rüdiger, den er zum Führer des kleinen Haufens beſtimmt hatte, ſetzte mit großer Gefahr beim Eintritte der Dunkelheit unweit Geiſenheim über. Die Binger hielten ſich um ſo ſicherer, je wilder die Nacht erbrauſte. Gegen Mitternacht begann der Sturm mit raſendem Kriegsgeſchrei. Zweimal ſchlugen ihn die Vertheidiger ab; allein beim dritten Sturme waren ihre Reihen ſo gelichtet worden, daß ſie nicht all — — 147— Punkte beſetzen konnten. An mehreren Stellen wurde die Mauer überſtiegen und endlich die Thore geöffnet. Rüdiger war faſt unbemerkt mit ſeinen Reiſigen von Kempten hergenahet. Unaufhaltſam ſtürmte er nun plötzlich hervor und zur guten Stunde nahte er, denn er drang mit den Bürgern zugleich in das Thor ein. Furchtbar mähte ſein Schwerdt, furchtbar würgten ſeine Mannen. Dennoch wäre dieſer Kampf, der ſich bis in den Burghof erſtreckte, erfolglos geweſen, hätte nicht ein ſchreckliches Hilfe⸗ geſchrei aus der Stadt herauf das Ohr der Streitenden erreicht. Als ſie ſich umblickten, loderte eine wilde Feuerſäule zum Himmel auf. „Die Stadt brennt!“ rief es wild durcheinander. In dieſem Augenblicke nahte der Domprobſt mit ſeiner Schaar, der die Stadt hatte in Brand ſtecken laſſen. Neuer Kampf auf Tod und Leben entſpann ſich. Die Bürger ſtritten wie Löwen— aber ſie erlagen, da die Uebung des Kriegshandwerks ihnen abging und der Scharf⸗ blick fehlte, der in ſo hohem Grade den Domprobſt auszeichnete. Dieſer kam nun Rüdiger'n zu Hilfe und die Bürger wurden aus der Burg geſchlagen. Cuno benutzte nun ſchnell die Verwirrung in der Stadt, und machte einen wüthenden Ausfall aus der Burg. Den Bürgern war aller Muth geſunken. Sie flohen jetzt wie gehetztes Wild vor den Verfolgenden her, und dieſe drangen, an ihrer Spitze der tapfere Domprobſt, in die Stadt mit den Fliehenden zugleich ein. Fürchterlich würde das Blutbad geworden ſein, wäre nicht ſett der greiſe Pomaria bittend dem Domprobſt genaht.„Die Stadt wird ein Aſchenhaufen,“ ſagte er, ſich auf ein Knie niederlaſſend, „wenn Ihr nicht Gnade übt und die Bürger löſchen laſſet. Uebt ein ſtreng Gericht morgen, nur heute ſeid gnädig gegen ſie; denn es ſind viele Unſchuldige, die leiden müſſen für die Schuldigen.“ Der Domprobſt gab nach. Er ließ das Feuer ſie löſchen. Gegen Tag war dies geſchehen; aber jetzt übte er Gerechtigkeit. Dreißig der Rädelsführer wurden in die Verließe der Burg gebracht, um peinlich gerichtet zu werden. Umſonſt flehten Weiber und Kinder, umſonſt ſelbſt der alte Schultheiß Pomaria. 0 — 148— Fünfe von denen, die in der Kneipe am Strande den Plan entworfen hatten, wurden noch in der Nacht enthauptet, die Andern ließ er ſpäter wieder frei, nachdem die Stadt aufs Neue Treue geſchworen hatte. Helmrich erhielt Vergebung. Als nun Alle müde und abgeſpannt von den Mühen der Nacht in die Burg zurückkehrten, da bot ſich dem Domprobſt und Rüdiger'n ein furchtbar Schauſpiel dar. Eben ſchleppten die Knechte den Leich⸗ nam Scharfenſtein's, denn als ſolchen erkannten ihn ſogleich Beide, trotz des fehlenden Auges und trotz der fürchterlich klaffenden Kopf⸗ wunde, aus dem Burghof, um ihn den Wellen des Rheines zu übergeben. Mit den Händen bedeckte der Domprobſt ſeine Augen. Und als der Leichnam entfernt war, faßte er Rüdiger's Hand.„Wie wahr ſagtet Ihr und Agnes!“ ſprach er mit bebender Stimme. „Ich habe die Schlange im eignen Buſen genährt, deren Stich mich morden ſollte. Zweimal hat mich Gott wunderbar vor dem Todes⸗ ſtoße dieſes Scheuſals gerettet. Er war es, der die Brandfackel in meine Wohnung zu Mainz warf, weil er mich ſo zu verbrennen hoffte. Er ſtiftete hier die Meuterei an, die mir faſt das Leben koſtete, nachdem ſein Dolch meine Bruſt verfehlt.“ „Ich fühle,“ fuhr er fort,„Gott hat mich gerettet, daß ich ſchweres Unrecht abbüßen kann, welches ich an Euch gethan!— Doch jetzt laßt uns ſehen, wer in unſeren Reihen fehlt, und dann uns die Erquickung gönnen, die uns Allen ſo nöthig iſt.“ Viele von den Streitern des Domprobſts waren verwundet, viele gefallen. Unter dieſen auch der alte Ritter von Vautzberg, der muthig und tapfer gekämpft.* In der Stiftskirche zu Bingen wurden die Ritter beigeſetzt und auf dem Kirchhofe die Reiſigen; aber das Urtheil des ſtrengen Richters verſagte den gefallenen Bürgern das Grab in geweihter Erde. Sie wurden außerhalb der Stadt verſcharrt. Nach wenigen Stunden waren die letzten Spuren der vorher⸗ gegangenen Begebggheiten bis auf den letzten Reſt in und um die Burg getilgt und das Leben in ihr nahm wieder ſeinen gewöhnlichen — 149— Gang an. Der Domprobſt war ungemein heiter. Oft ruhte ſein Blick mit Liebe auf dem tapfern Rüdiger, und es ſchien, als gehe er mit beſonders geheimnißvollen Dingen um, denn oft trat ſein Geheimſchreiber zu ihm und ging dann wieder weg. Als das Abendeſſen alle Ritter vereinte an der Tafel des Domprobſts, da rief er plötzlich aus, nachdem der Geheimſchreiber ihm einige Pergamente gereicht hatte:„Ich bedarf einiger wackerer Zeugen: Hans Marſchall von Waldeck, Ritter Saneck, Ritter Ehren⸗ fels, Vollrath, Brömſer und Boos, wollet ihr es mir leiſten?“— „Mit Freuden!“ riefen Alle. „Wohlan, ſo hänget Euer Siegel daran!“ ſprach er. Der Geheimſchreiber nahte und der Act wurde vollzogen. Hierauf las der Geheimſchreiber laut die erſte Urkunde. Sie ſicherte dem Ritter Rüdiger von Wiltberg die Lehen zu, welche ihm Ulrich von Falkenſtein ertheilt. „Halt!“ rief der Domprobſt.„Höret, edle Herren und tapfere Freunde, ein Bekenntniß, das ich reumüthig hier ablege. Ich hatte ein Mündel, Heinrich Krazz von Scharfenſtein, den Gott gerichtet hat; er war eine Schlange, ein Teufel in der Geſtalt und mit der ſüßen Rede eines Kindes des Lichts. Ich war blind aus Liebe zu dem Knaben. Er hat den Kaiſer Günther höchſt wahrſcheinlich morden helfen und zweimal den Mordſtahl auf das Herz deſſen gezückt, der ihn mehr liebte als ſein eigner Vater, auf das meine. Sein Gift hat auch dieſen edlen Ritter begeifert und mich mit tiefem Groll gegen ihn erfüllt, der zum Haſſe wurde, als er ihn öffentlich Kaiſermörder nannte; als er mein Mündel Agnes von Falkenſtein liebte und ich mich ſeiner in meinem Stammbaume ſchämte, da riß mich Thorheit und Haß hin, durch Anſelmus, den Burgkaplan von Falkenſtein, die Urkunden entwenden zu laſſen, durch die ihm mein ſeliger Bruder die Lehen gab, welche dieſe Urkunde enthält. Ich ſtelle ſie zurück. Meine Reue iſt tief. Möge Gott mir vergeben mein Unrecht, was ich hier bekannt und gut zu machen ſuche. Vergib mir auch du, Rüdiger!“ Er reichte ihm ſeine Hand über den Tiſch, und mit tiefer „ Erſchütterung, keines Wortes mächtig, drückte ſie Rüdiger, deſſen Thränen hervorbrachen. S Alle waren ergriffen und riefen laut ihren Beifall. ₰ Stille!“ ſprach der Domprobſt. Der Geheimſchreiber begann zum zweiten Male zu leſen. Die zweite Urkunde übergab ein Drittheil der Burg Falkenſtein mit allen Rechten, Gerechtſamen, Gütern, Zehnten und hörigen Leuten dem Ritter Rüdiger von Wiltberg als freies Eigenthum. „Es iſt mein Antheil an der Burg meiner Väter,“ nahm der Domprobſt wieder das Wort,„was ich hier als Sühne meiner Schuld und als Zins für vorenthaltenes Gut an den Ritter übergebe. Möge er's beſitzen in Frieden bis in das höchſte Alter!“— Die Becher klangen. Hoch der Domprobſt Cuno von Falken⸗ ſtein! erſcholl der Jubelruf. Nur Rüdiger ſchwieg. Er war auf den Stuhl zurückgeſunken und ſtützte das Haupt in ſeine Hände. Eine ſelige Ahnung durchbebte ſein Herz. „Stille!“ rief zum dritten Male der Domprobſt. Der Geheim⸗ ſchreiber las eine dritte Urkunde. Durch ſie wurde die Burg Vautzberg, mit Allem, was ſie enthält, dem Ritter Rüdiger von Wiltberg zum Lehen übergeben. „Ich belohne ſo die Tapferkeit des Ritters und die Dienſte, die er mir, ſeinem Feinde, geleiſtet. Er hat glühende Kohlen auf mein Haupt geſammelt. Nur Eins muß ich mir aushalten. Auch die Wittwe des gefallenen Ritters iſt in der Burg; ſie gehört nicht zu dem, was die Urkunde umfaßt. Ich werde anders für ſie reichlich ſorgen. Was euch tetrifft edle Herren und Freunde, ſo wird eure Treue, euer tapferer Beiſtand von mir durch beſondere Urkunden belohnt werden, für die mein Geheinſchreiber noch keine Zeit hat finden können. Ich verpfände euch mein Wort darauf; aber auf morgen ſeid ihr Alle meine Gäſte, wir wollen unſern neuen Lehens⸗ träger in ſein Lehen zu Vautzberg einführen. Biſt du zufrieden mit mir, Rüdiger?“ fragte er dieſen, indem er ihm die Hand reichte. Rüdiger drückte ſie innig.„Ihr habt — 151— zu viel, viel zu viel gethan an mir, hochwürdiger Herr!“ rief er aus.„Ich bin deſſen nicht werth.“— „Fehlt noch etwas zu deinem Glücke?“ fragte er lächelnd. „Ich glaube nicht!“ Rüdiger ſchwieg. Die Unterhallung nahm in ihrem heitern Flug eine andere Richtung. Nur Einer war ſtill in ſich gekehrt, obgleich er vielfach beneidet wurde. Der andere Morgen graute kaum, ſo war auf Klen ſchon Alles in Bewegung. „Was mag er wollen?“ fragte ſich Wiltberg. War ſprach er nichts von Agnes, während er mich mit Gütern überhäufte und doch wiſſen muß, daß ſie mir höher ſteht als die ganze Welt?“— Aber der Domprobſt ſchwieg. Sie ritten endlich weg, nachdem mehrere Saumroſſe voraus⸗ geſandt worden waren. Im Weſen des Domprobſts lag etwas Triumphirendes, und doch äußerte er ſich nicht, ſondern ſprach nur von dem geſtrigen Kampf und wie er noch ein ſo rüſtiger Springer ſei. Endlich trat Vautzberg*) auf ſeinem impoſanten Kegel hervor, und Cuno begann der treuen Veſte eine Lobrede zu halten, weil ſie nie den Landfrieden gebrochen, nie Weglagerei, dieſe Schmach des rechten Ritters, ſich habe ins Schuldbuch ſchreiben laſſen. Und ſo ſei er des Glaubens, ſchloß er, daß auch fortab der Friedensengel droben wohnen werde. Dann wolle er noch oft da ſich ſeines Lebens freuen, wo er überhaupt ſo gerne von jeher geweilt. Jetzt waren ſie an dem Burgweg angelangt. Der Thorwart ſtieß ins Horn. Das Thor fiel. Knechte nahmen die Roſſe ab und die Herren ſchritten die Stiege hinauf, die ur Schlußpforte führte Sie traten in die Halle. „Wiltberg,“ rief der Domprobſt hier,„ich habe dir Vautzberg mit Allem, was es umſchließt, übergeben. Sieh' hier, wie ich das meine!“— *) Zetzt Rheinſtein, die erneuerte Burg des Prinzen Friedrich von Preußen königliche Hoheit. ———————— — 152— Er riß eine Seitenthür auf und Agnes von Falkenſtein trat ihm entgegen. „Kommt, ihr Herren,“ ſprach Cuno,„wir ſind hier ſehr überflüſſig.“ Lächelnd folgten ihm die Herren in den Saal, wo der köſtliche Frühtrunk ihrer wartete und ſie auf das Glück des Brautpaares herrlich zechten. „Wir ſind noch nicht am Ende,“ ſagte der Domprobſt und entfernte ſich. Nach einer halben Stunde wurden die Ritter in die Kapelle geladen. Da ſtand im Ornate der Domprobſt am Altar und vor ihm Agnes und Rüdiger. Sie wurden Alle Zeugen des Actes, der die Glücklichen auf immer vereinte. Als die heilige Handlung vorüber war und knieend vor ihm die Glücklichen um ſeinen Vaterſegen baten und ihm dankten, da ſprach er gerührt:„Ich habe euch viel zu vergüten. Scharfenſtein hat mich geheilt. Undank hat mir die Augen geöffnet, mich zum Rechte geführt. Gottlob, daß ich noch gut machen konnte. Ein Mündel wollte ich glücklich machen, und es ſtieß den Dolch nach meinem Herzen. Das Andere wollte ich, vom Wahne verblendet, unglücklich machen— und Liebe und Dankbarkeit iſt mein Lohn für die Rückkehr zur Pflicht. Wir wollen nie ihren Weg mehr verlaſſen! Ihr aber ſeid glücklich und laſſet mir die Freude, aus dem Gewühle der Welt, wo ich nur Undank ernte, in den Schooß eueres häuslichen Glückes zu flüchten, damit ich nicht ganz verarme am Lebensglücke!“ — Die Nußdorfer. Eine Pfälzer Geſchichte aus dem Jahre 1525. I. Es ſind nun ſchon ſechs Jahre her, da führte mich die heitere Frühlingszeit zum erſten Mal in die ſchöne Pfalz. Ich zog durch ihre alten Städte und ihre reichen, ſauberen Dörfer; ich ſtand auf ihren ſtolzen Höhen, wo die gebrechenen Burgen hinabſchauen ins üppig grünende Land, und wanderte durch die geſegneten Felder, wo der gelbe Kohl blühte zwiſchen den grünen Saaten; ich ſah die beweglichen, fröhlichen Menſchen ſich ihres Daſeins freuen und athmete die würzige Luft, und entzückt rief ich aus:„Die Pfalz iſt ein Garten Gottes, ein Paradies!“ Ins Herz aber tönte mir das Pfälzer Sprüchlein:„Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's!“ Mancher denkt, ſolcher Ausruf gehe über die Schnur. Haſt du das Land noch nicht geſehen, das vom Rheine ſanft auſſteigt zu den Höhen, wo aus dunkelm Nadelholze friſchgrün die Maibuche hervorlugt? haſt du noch nicht geſtanden auf dem Trifels oder auf der Maden⸗ burg hinter Landau oder auf der Marxburg bei Neuſtadt? ſo darſſt du nicht drein reden! Standſt du aber auf einer dieſer Höhen im lieblichen Maien und ließeſt die Blicke ſchweifen über das Land, wo Dorf an Dorf ſich reiht; wo die Tranbe ſchwillt von geiſtigem Safte, wo die Kaſtanie ſich bräunt im grünen Laube, wo die Frucht⸗ felder wogen, wo aus dem dunkeln Nadelholze die Burgtrümmer ſich erheben und ein blauer Himmel ſich darüber wölbt, und du ſtimmſt nicht ein in den Ausruf, und deine Lippe wiederholt nicht das Pfälzer Sprüchlein:„Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's!“— ſo warſt du blind, als du dort ſtandſt, oder das Herz iſt dir in der Bruſt geroſtet und das Schöne iſt für dich nicht mehr auf Gottes Erde, und ich bedauere dich! Hab' damals, wo die Gegenwart mich anlachte, der Vergangenheit nicht vergeſſen. Wie es hier war vor — 156— alter Zeit, hab' ich wohl gefragt, Bücher und Menſchen hab' ich gefragt, und Manches gehört, was mir ſeitdem in der Seele lag. Da hat mich Eins gedrückt, daß ich es wieder erzählen muß. Es iſt eine gar bewegte Geſchichte und iſt viel Unheil aus ihr erwachſen, viel Kampf und Blutvergießen, viel Menſchenelend und Jammer. Und gerade die jüngſte Zeit ließ die Bilder, die ich ſeit ſechs Jahren in mir trug, friſch und lebendig hervortreten. Und ob ich auch wieder ein Vorhänglein davorziehen wollte, es rutſchte mir allemal wieder zurück und nur lebendiger, friſcher traten die Bilder hervor. Es geht unſer einem manchmal wunderlich mit ſolchen Bildern, die ein anderes Auge gar nicht ſieht. Das innere Auge kann nicht weg davon und es iſt einmal keine Ruhe, bis ſie dargeſtellt ſind, daß ſie auch andere ſehen. So iſt mir's gegangen, und die mit mir rechten wollen, mögen's thun! Damals, wie oben geſagt, vor ſechs Jahren, war ich auch nach Nußdorf gekemmen, als gerade die Kirchweihfiedel klang. Das war eine rechte Erklärung des Wört⸗ leins:„Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's!“ Da war ein Jubel, ein Singen, Aufſpielen, Tanzen, Trinken, und wenn Einer für ein traurig Geſicht einen Thaler bezahlt hätte, ich glaub', er hätte keins gefunden. Die Kirchweihen, einſt die fromme Feier der Väter, wenn ihr neues Gotteshaus zur Ehre des Herrn geweiht, geheiligt, übergeben wurde, ſind überall ihres chriſtlichen, kirchlichen Weſens entkleidet. Einſt ſo bedeutſam der Gemeinde, daß man in jedem Jahre die Wiederkehr des Tags in dankbarer Feier beging, ſind ſie nun Tage wilder Luſt ſeit langen Zeiten geworden; Volksfeſte kaum, denn ſie haben nichts Eigenthümliches mehr. Es ſind Tage des Schwelgens, der ungemeſſenen Luſt. So war's in Nußdorf. Was aber dieſer Kirchweih, der jede andere gleicht wie ein Ei dem andern, für mich eine Bedeutung gab, das war ein Rückblick in die Zeit vor mehr denn dreihundert Jahren; denn gerade dieſe Kirchweih zu Nußdorf war die Wiege des Pfälzer Bauernkriegs, und das Kindlein fiel recht ungeberdig aus ſeiner Wiege heraus, wuchs ſchnell zum wilden, argen Rangen auf und trieb's bunt genug, bis es das bluttriefende Haupt im Tode neigte. — 157— Sollen wohl noch Traditionen bewahrt werden? dachte ich und fragte hier und da einen fröhlichen Alten, deſſen Züge der Rebenſaft jugendlich geklärt und geröthet hatte. Ei gewiß waren noch Ueberlieferungen da! Ich hörte Namen und Auftritte ſchildern; man zeigte mir Stellen, Häuſer, Orte genug, wo ſich dies und das zugetragen; man wußte noch dieſe und jene Mähr, die Einen tief bewegen konnte. Alle dieſe einzelnen Züge, Bilder, Erzählungen ſammelten ſich in mir wie Strahlen zu einem Ganzen, und als ich heimkehrte, ſchlug ich die Bücher und Chroniken auf, zu ſehen, ob es ſich alſo verhielt, und ſiehe da, das Einzelne reihte ſich zu einem Ganzen zuſammen, das nun heraus wollte in die Welt. Hier iſt es, wie ich's vernahm, wie ich's in den Büchern beſtätigt fand, wie es ſich in meiner Seele zu einem Bilde geſtaltete, wahr und treu! Vergiß es nicht, lieber Leſer, ich gebe wieder, was ich fand. Suche nicht meine Geſinnung in dem, was du lieſt. Ich gebe die Zuſtände, wie ſie waren; ihr Lobredner bin ich nicht! Die letzten Klänge des Geſangs in der Kirche zu Nußdorf waren verhallt. Der Prieſter hatte ſegnend ſeine Hände über die Gemeinde ausgereckt. Aus der Thüre des Gotteshauſes quollen nun die Menſchen im Sonntagsputze hervor. Ob's noch Nachglanz der Andacht war, der die Geſichter der Mädchen und Jünglinge höher färbte, die Augen froher ſtrahlen machte, oder das Vorgefühl der Luſt, die heute kam? Wer möchte fragen? Aber ſie glänzten fröhlicher denn ſonſt. S war ja auch der zweite Oſtertag, und geſtern hatten ſie alle ihre farbigen Eier verkippt in fröhlicher Luſt, und heute war's Kirchweih, und morgen, vielleicht noch übermorgen. Der Himmel war ſo tiefblau und rein, die Sonne ſchien wie zu Pfingſten ſo warm, aus den dunklen Föhren des Gebirges blickte ſchon das hellgrüne Laub der Maibuchen, die Rebenknoſpen ſchwollen ſchon in der wolligen Hülle, die Veilchen dufteten an den Rainen und die Kirſchblüthen ſahen ſchon weiß aus den grünen Käppchen 158 heraus. Der frühe Frühling erfüllte jedes Herz mit der Hoffnung weit und leicht, und es ſchmeckt das Schöpplein Letztjähriger noch einmal ſo ſüß in der Hoffnung des kommenden Neuen. Wer wollt's den Nußdörfern verargen, wenn ſie fröhlich waren? Wirklich war der Winter von Anno 1524 auf 1525 kaum ein Winter zu nennen geweſen. Nur einmal hatte es um Weihnachten hart gebacken, wie die Pfälzer vom Froſte ſagen, und dann war's ſchier am Ende. Milde Tage und Regen wechſelten mit kurz liegendem Schnee, und als Oſtern kam, die in den Monat April fiel, faſt an die äußerſte Zeitgrenze, wo das Feſt hinfallen kann, da war ſchon Alles grün, und der Schnee würde roth vor Scham geworden ſein, wenn er auf die Veilchen hätte fallen wollen, die ſo tiefblau blühten, oder in die rothe Pfirſich⸗ und die weiße Mandel⸗ blüthe. Die Wolken machten ſich ſchnell hinter die Berge fort und räumten der ſiegenden Sonne das blaue Himmelszelt, und dieſe ſah lächelnd auf die ſchöne Erde nieder, die ſich zum Brautfeſt im Maien zu ſchmücken anſchickte, und in der Pfirſichblüthe ſah man ihr geſchämiges Erröthen, und die blauen Veilchenaugen verſteckten ſich im Blättergrün, äugelten aber ſo recht nach Art der Augen junger Bräute, imniglich ſelig nach dem Bräutigam. Nicht weit von der Kirche zu Nußdorf ſtand ein ſtattliches Haus. Es war größer als die übrigen, ſonſt gerade aber nicht ausgezeichnet; denn die Fenſter waren klein, und die Rauten darin glichen den übrigen, und das Strohdach ſah auch nicht weniger moosgrün aus. Vor dem Hauſe lag ein Eichſtamm, der ſollte Weinpfühle geben, diente aber jetzt noch zum behaglichen Sitzen in der abſonderlich warmen Sonne und zum Plauderplätzchen der lieben Nachbarn. Mann aus der Thüre dieſes Hauſes, der ein kräftiges, trotziges bis über die Hüfte herabreichende Sonntagnachmittagswamms von eines geſegneten Weinjahres. Da wird des Winzers Herz ohnedem. Als der Sonntags⸗ oder Kirchenrock abgelegt war, trat ein Weſen an ſich hatte. Er trug de weißen Wollſtrumpf im Bund⸗ ſchuh, die bis unters Knie reichende Hoſe von Hirſchleder, das lang —— Hirſchleder mit gelben glänzenden Buckelknöpfen und ein Käppchen von Marderpelz. Alles drückte Kraft und Entſchiedenheit in ihm aus, Mienen, Auftreten, Bewegungen, Blicke, Worte. Und doch lag mehr denn ein halbes Jahrhundert hinter ihm, und der lange Bart war ſchwarz geweſen, jetzt aber ſo melirt wie Kümmel und Salz auf den Faſtenbretzeln. Er ſetzte ſich nieder auf den Eich⸗ ſtamm und ſagte laut für ſich:„Da iſt's bei meiner Seel' wärmer als in der Kirche, und der liebe Gott beſcheert uns prächtig Kirch⸗ weihwetter.“ „Glaub's auch,“ ſprach in dem Augenblick eine tiefe Baß⸗ ſtimme, die aus der Bruſt des Nachbars klang, der herzutrat. Faſt ganz gleiche Kleidung trug auch dieſer, den ſeine Frau begleitete, die im ſchwarzen Tertenkleid, eine weiße Linnenhaube auf dem Kopfe, recht ſtattlich ausſah, auch eben noch nicht vom Alter gebeugt war. „Setzt Euch her,“ ſagte mit lächelndem Nicken die getreuen Nachbarn grüßend der alte Pfriemer zu Benz und ſeiner Frau. „Ihr habt's ja doch gut, Benzin,“ ſetzte er hinzu,„denn die blühende Tochter kocht den Kirchweihbrei für die Gäſte. In meinem Hanſe Jchaltet leider die fremde Magd, der's nicht am Herzen liegt. S iſt ein armes Leben, wenn die Wirthſchaft von fremder Hand Führt wird.“ „Wird auch einmal anders,“ verſetzte die Benzin. „Ihr könnt's bald anders machen,“ fiel ihr vfriener in die ——————— S1 Noch nicht, Nachbar,“ nahm Benz das Wort,„denn der Vogt Germersheim will gar nicht dran, daß ich mein Kind freikaufeſoll, und als Leibeigene ſoll ſie deinem Sohne nicht angetraut den. Das willſt du ſelber nicht. Mir thut's leid genug, glaubir's.“ — FPfriemer zelte ſeine Stirne. Man ſah, es kochte in ihm ein langgenährter⸗terer Groll, der herauswollte. S Ehe noch der ihen gährende Unmuth das Wort finden konnte, in welchem er ſichz entladen mögen, kamen noch andere „ — 160— Bauern zu ihnen, grüßten und wurden gegrüßt, darunter auch Kirchweihgäſte aus nahen und fernen Dörfern. Benz kannte ſeinen Nachbar und wollte das drohende Wetter ſeines Unmuthes gerne ableiten, wenn's möglich wäre. „Ich glaub',“ ſagte er zu Pfriemer,„wir ſind die Einzigen, deren Gäſte noch fehlen. Wo bleibt nur dein Schwager von Bechingen? Iſt doch ſonſt Keiner, der dein Geſottenes und Gebra⸗ tenes und deinen guten Vierundzwanziger verſchmäht.“ „Weiß nicht, ob ſeine Händel ausgeglichen ſind,“ verſetzte Pfriemer, ohne daß ſich ſeine Stirne glättete.„S iſt eine Schmach!“ „Mit dem Ritter Rudolf von Zeiskam iſt nicht zu ſpaßen,“ ſagte ein Nachbar Pfriemer's, der links neben ihm wohnte, der ſcheele, rothe Märten Streffer, ein Leibeigener von Kurpfalz, der im Geruche ſtand, als brächte er dem Vogte die Mährlein. Er fuhr mit der Hand in ſeine rothen Haare und„Hu, mit dem möcht' ich nicht anbinden!“ „Thuſt auch wohl dran, du feiger Haſe,“ ſagte Pfriemer biſſig zu Märten,„denn wenn du Kirſchen mit ihm äßeſt, würde er dir die Kerne an den Kopf werfen.“ „Das könnt' er Euch auch,“ ſagte zurüche Wiren „Man meint, Ihr wäret ſeines Gleichen!“ „Bin's auch, denn ich ſitze frei auf meinem eigenem Gur fuhr ſetz Pfriemer in die Höhe. „Ho, ho!“ rief Märten Streffer,„habt Ihr etwa den p ſcläg vom Kaiſer gekriegt? Er iſt ein Ritter und des Kurſten Mundſchenk.“ „Und wenn er des Teufels Mundſchenk wäre,“ vczte der alte Pfriemer,„ſo ſoll er den Freiſaſſen nicht hänſelnd büßen, und, weil er die Buße nicht erlegen will, in ſeWurgverlich werfen und drangſaliren wie's ihm beliebt!“ „Warum hat der denn das gethan?“ fracenz. „Weißt du das nicht?“ fragte Pfrie zurück.„V acht Tagen ätzten ſich ein Rudel Hirſche ans Fechenheimer's Sunt — — 161— Der paßte mit der Armbruſt auf und jagt einem Vierundzwanzig⸗ ender einen Bolzen in die Bruſt, daß das mächtige Thier ſich ſtreckt und die anderen blitzſchnell davon fliehen. S war Morgens, als ſich der Himmel röthete. Der Jacob Fechenheimer zieht ſein Meſſer und bricht das Thier auf, weidet's aus und trägt's heim. Des Zeiskamer's Förſter ſieht's, hinterbringt's und der Zeiskamer büßt den Facob Fechenheimer um fünf Gulden! Habt ihr ſo was erhört?“ wandte er ſich fragend an die Bauern. „Hat er die Buß' erlegt?“ fragten Drei zugleich. „Nein,“ ſagte Pfriemer darauf;„aber was thut der Stegreif⸗ held? Er läßt von ſeinen Knechten den Jacob gefangen nehmen und ſteckt ihn ſo lange ins dunkle Loch bei Waſſer und Brod, bis er das Geld zahlt und vyn Hirſch dazu herausgibt. Iſt das erhört? Hat der Bauer dazu ſeine Saat, daß ſie ihm die Hirſche abweiden, damit der Krautjunker jagdbares Edelwild hege? Sind die Hirſche da, des Bauern Schweiß und Mühe zu verzehren? Das muß anders werden!“ „Wenn's nur ſchon wäre! ſagte Märten Streffer ſpöttiſch. Zu Pfriemer's Füßen hatte ſich ein mächtiger, zottiger Hund gelegt, um auch ſein Theil Sonne zu erlangen. Als er jetzt den rothen Märten ſah, richtete er ſich auf und knurrte gegen ihn. „Nicht einmal mein Brummer kann dich Mantelträger und Fuchsſchwänzer leiden,“ ſagte Pfriemer.„Du leibeigener Knecht biſt auch mit der Seele den Rittern eigen. Es iſt fonſt anders; der Hund haßt ſeine Kette, du haſt ſie lieb!“ „Der Hund hat's von ſeinem Herrn,“ ſagte Märten. „Freilich,“ entgegnete Pfriemer.„Einen Mährchenträger haß ich, und der Hund kann die Nachtſchleicher nicht leiden.“ 8 „Wer ſagt das?“ fragte zornig Märten. „Ich, rother Tagedieb, ich!“ rief Pfriemer, dem's heiß m im Kopfe.„Warſt du's nicht, der dem Vogt zu Getmersheim es hinterbrachte, daß ich gemault, daß er im letzten Herbſte ſtatt der Theiltrauben, die er zu Drittheilen hat, mir den Vorlauf aus der Enkbütte ſchöpfte? Dafür hat er mich in zehn Albus Buße W 11 genommen. Theiltrauben hat er zu nehmen und nahm vom beſten Moſte. Meinteſt eine fette Suppe zu verdienen oder gar frei zu werden. Proſt die Mahlzeit! Vogelfrei kannſt du noch werden. Ich erleb' noch, daß er dich mal auspeitſchen läßt, wenn er hinter deine Lügen kommt.“ Dem Märten, der ſich getroffen fühlte, ſchoß die Galle ins Blut.„Was das Peitſchen betrifft,“ ſagte er,„ſo iſt mancher andere Buckel davor ſo wenig ſicher als meiner, auch wenn er ſich hochmüthig aufrichtet.“ „Ich kenne dein Sticheln,“ ſagte Pfriemer zornglühend,„und wenn Elsbeth's Freikauf nicht gelang, ſo kenn' ich halb und halb die Quelle. Sag', wer hat dich vom Hungertode gerettet als Benz und ich, als vor drei Jahren die Noth war? Das iſt des Strolchen Dank!“ Märten wurde glühend roth vor Scham und Zorn. Der Hund zu Pfriemer's Füßen ſah mit glühenden Augen den Märten an, der ſeine Fauſt ballte, als wolle er an Pfriemer's Kehle. Er knurrte laut und ſtellte ſich drohend vor den Rothen. „Sei ſtill, Brummer,“ ſagte der alte Pfriemer zu ſeinem Hunde gewendet;„die Haſen beißen nicht.“ Zu Märten ſagte er: „Geh' hin und ſag' deinem Patrone, was ich geredet. Sie müſſen Alle zu Boden getreten werden, die Blutſauger des Volkes, die Vögte und ihre Helfershelfer. Der Hanf für die Stricke wird heuer geſäet. Will auch drehen helfen! Der Mönch von Witten⸗ berg hat nicht umſonſt ſeine Schrift ausgehen laſſen. Nun wiſſen wir's klar, daß es eine Sünde und Schande iſt, daß die Henkers⸗ knechte uns ſo ſchinden und plagen. Weiß doch die Herrſchaft keine Namen mehr für ihre Auflagen, und Ritter und Pfaffen machen's nicht beſſer. Spann''mal Einer die Armbruſt über Gebühr— patſch! da bricht ſie. Drüben im Reich, am Main und an der Tauber, in Sachſen und Thüringen, wo der wackere Thomas. Münzer dem Bauer den Staar geſtochen, haben ſie das Joch abgeworfen, und in der Ortenau, im Kreichgau, im Elſaß find die Bauern aufgeſtanden, brechen Burgen und Klöſter und 3 — 163— machen ſich frei. Nur der Pfälzer läßt ſich das Fell über die Ohren ziehen und muckſet nicht! Will das der liebe Herrgott? Hat's im Paradieſe Ritter und Knechte gegeben? Hat der liebe Herrgott zu Adam nicht geſagt, herrſche über die Thiere des Feldes? War etwa der Adam ein Ritter? Von den Alten wiſſen wir, daß unſer Volk die Allemannen hieß, die alle freie Männer waren, aber durch Gewalt und Liſt haben ſie uns übertölpelt. Unſer Volk hat auf der Kalmit im Steinringe getagt, Recht geſprochen nach dem Landrechte. Jetzt thuts der Vogt, und wir beugen uns vor ihm. Ich erleb's noch, daß auch wir aufſtehen und die Burgen und Pfaffenneſter brechen!“ „Dann werdet Ihr der ewige Jud'!“ ſagte Märten höhnend. „O du kriechende Katze!“ rief Pfriemer und ſprang auf. Der Hund ſprang auf Märten zu. Benz faßte ihn am Hals⸗ band, und Pfriemer's Sohn, der jetzt auch herzugetreten war, faßte ſeines Vaters erhobenen Arm und ſagte:„Vater, beſudelt Euch nicht!“ Wüthend blickte der Ale ihn an, aber ſein Zorn legte ſich und er ſagte:„Du haſt recht, Heinz!“ Ruhiger ſetzte er ſich nieder. „Ach, Nachbar,“ ſprach die fromme Benzin,„redet doch nicht ſo wild. Ihr bringt uns Alle und Euch mit ins Unglück.“ „Benzin, das verſteht Ihr nicht,“ verſetzte Pfriemer ruhig; „den Kurfürſten will ich nicht förtjagen. Obrigkeit muß ſein, aber die Blutſauger, die Vögte, Ritter und Mönche, die müſſen dran, ſo wahr als ich Pfriemer heiße! Unſer Pfarrer hat es mir aus⸗ gelegt, wie ehemals das Volk mit dem Herrn zu Rath ging. Sollen wir mit thaten, ſo wollen wir auch mit rathen, hatten ſie geſagt, und ſo hielten ſie's getreulich; aber wo iſt das alte Recht?“ „Der iſt auch Einer von den Abtrünnigen,“ ſagte der wider⸗ bellige Märten Streffer, der ſo keck war, weil er den Rückhalt am Vogt in Germersheim hatte.„Dem kecken Pfaffen wird's auch noch übel aufſtoßen!“ 6 „Seht ihr's!“ rief Pfriemer,„ſo redet der Vogt unt nch ihm der feile Knecht. Wer's wagt, dem Pfarrer Böſes nchzureden — 164— der hat's mit mir zu thun. Merk' dir's, Märten! Der Pfarrer meint, und er hat recht, es ſei nicht des lieben Herrgotts Wille, daß ſich Hunderte von Menſchen in Kloſtermauern vergraben, die arbeiten könnten, und es ſei noch weniger ſein Wille, daß ſie dem armen Manne ſein Schweiß und Blut abpreßten, um auf der Bärenhaut zu faullenzen, die Bäuche zu mäſten und ein Paar Horen abzuplärren, wobei ihre Andacht aufs Schlafen oder Wohl⸗ leben geht. Guckt mal hin nach Klingenmünſter und Hördt! Welch ein Reichthum, welch ein Nichtsthun, welch ein Praſſen und Schwel⸗ gen! Und wir geben Zehnten, Dritteltrauben, Beſthaupt, Rauch⸗ hühner, Faſtenhahnen, Oſtereier, Blutzehnten, und Gott weiß, was noch Alles, damit die Kahlköpfe dort jubeln und ſchwelgen, während wir darben? Was haben ſie an den Armen gethan, als die Mißernte uns Mangel und Hungersnoth brachte? Nichts! Und die Bettelmönche ziehen im Lande herum und ſchwatzen den Weibern für Heiligenbildchen das Fleiſch aus dem Schornſtein und den Rahm vom Topfe. Wetter auch, wenn das nicht Mißbrauch iſt, ſo gibt's keinen mehr! Und die Ritter,“ fuhr er fort,„was thun die? Sie brandſchatzen, rauben, nehmen auch Beede wie die Herrſchaft und Lehenszinſe von Gott weiß was. Fordern Frohnden und Heerbann, Baſtardfall und Mordgilde, während kein Menſch weiß, von wannen das ſtammt. Was bleibt uns denn am Ende als zu verhungern? Und ſchützt uns der Kurfürſt?“ „Halt,“ ſagte ein Bauer von Annweiler, der zu Gaſt in Nuß⸗ dorf war,„da haut Ihr über die Schnur, Pfriemer. Ich will Euch eine Geſchichte erzählen, die Euch ſchlägt.“ „Heraus damit!“ ſagte Pfriemer,„zeig' mir mein Unrecht.“ „Da iſt der Ritter von der Hauben,“ ſprach der Bauer von Annweiler,„der—“ „Ich kenne ihn wohl,“ ſagte Märten dazwiſchen. „So macht dir's keine Ehre,“ warf ihm der Annweilerer hin, „denn er iſt ein arger Gaudieb und Straßenräuber.“ „Langfam, langſam, du,“ ſagte Märten;„mach', daß dir die Trifelſer nicht die ſtruppigen Haare kämmen!“ ——— — 165— „Nun iſt meine Geduld aus,“ ſagte Pfriemer und ſprang auf. „Ich ſage dir, rother Galgenvogel, ſchweig, oder mein Brummer bringt dich zum Schweigen!“ Brummer trat mit ſprühenden Augen vor Märten, daß dieſer ſich eilig zurückzog und ſich unter lautem Gelächter der Jüngeren im Haufen hinter andern Bauern verbarg. „So, nun rede!“ ſprach Pfriemer zu dem Annweilerer;„ich will g6 anhören, wenn von Heidelberg Gutes geſagt wird.“ „Der von der Hauben,“ nahm der Annweilerer wieder das Wort,„trieb's arg mit den Bauern im Neckarthal und bei Mosbach. Er ſtahl ihnen das Vieh von der Weide, das Korn vom Acker, den Wein vom Weinberge weg, ſetzte reiche Leute in ſeine Burg, bis ſie ſich löſten, kurz, er macht's, wie man die Alten erzählen hört von den Raubrittern vor dem Kaiſer Rudolphus.“ Hat er's lange ſo getrieben?“ fragte Pfriemer ganz arglos. „Freilich, ſchon ſeit Jahren,“ ſagte der Bauer,„und weil Niemand klagbar zu werden wagte, blieb's ungerächt!“ „Das iſt's ja eben, was ich ſage,“ rief Pfriemer aus.„Hätte das ein anderer Spitzbube gethan, alle Welt hätte auf ihn fahnden und Jagd machen müſſen und auf dem Rade hätte er ſeiner Sünden Menge büßen müſſen nach Urtel und Recht; aber der war ein Ritter, ſo einer von Adel, und da ſchwiegen Vögte und Amtleute, weil ein Wolf den andern nicht frißt. Du haſt da des Kaiſers Rudolphus gedacht. Unſer Paſtor hat eine Chronica von Baſel, da ſteht's von dem Grafen Rudolph von Habsburg zu leſen, daß er um kein Haar beſſer war als alle die Stoßfalken und Raubvögel, die darum die Raubthiere in ihren Wappen führen als Handwerks⸗ zeichen und Sinnbilder. Als er aber Kaiſer wurde, da hing er, wie geſagt, die kleinen Diebe drunten am Rhein, am Main und da herum, aber die großen ließ er laufen, weil die geſagt hätten: Hör', Bruderherz, ſei nicht ſo kurz von Gedanken, das hänfene Halsband paßt deinem Halſe ganz verwunderlich genau! So Paſtor.“ Die Bauern lachten im Chor und Märten Seffer — 166— giftige Blicke auf ihn her. Pfriemer war ſtolz auf ſeine Gelehr⸗ ſamkeit. Der Annweilerer ſagte:„Pfriemer, Ihr ſchüttet das Kind mit dem Waſſer hinaus. Unſer Kurfürſt iſt ein gerechter Herr und mild gegen uns Bauern. Er heißt wohl der Sanftmüthige, aber unter der Naſe läßt er ſich doch nicht kitzeln. Was kann er dafür, wenn es nicht zu ſeinem Ohre kommt, wie's zugeht? Allwiſſend iſt er ja doch nicht!“ „Das iſt Alles richtig,“ fiel Benz in die Rede,„aber warum läßt er die Ritter eine Mauer um ſich bilden? Graf Eberhard im Bart von Würtemberg konnte ſein Haupt in den Schooß jedes ſeiner Unterthanen legen und ſchlafen.“ „Wenn's wahr war!“ ſetzte Pfriemer hinzu und zuckte ſpöttiſch lochend die Achſeln. „Laßt mich denn doch meine Mähr auserzählen,“ ſprach der Annweilerer, und als die Bauern wieder ſchwiegen, fuhr er fort: „Vor noch nicht langer Zeit werden plötzlich eine Rotte Lombarden, die ſo mit Gold, Silber, Adamsäpfeln, Pfeffer und Seidenſtoffen handelnd umherziehen, auf der Landſtraße bis aufs Hemd und die leeren Kiſten und Kaſten ihrer Maulthiere ausgeplündert von Kerlen, die ſich die Geſichter geſchwärzt hatten. Die führten in Heidelberg Klage. Da kam die ganze Geſchichte an Tag. Der von der Hauben war nun erſchrecklich dumm und ließ von den Stoffen verkaufen. Da wurde die Spur verfolgt und er verhaftet und in den Thurm des Heidelberger Schloſſes geſetzt, der der„blaue Hut“ heißt.“ „Kenne ihn,“ ſagte Pfriemer;„iſt der Eckthurm, rechts von der Altane. Ein gut Kämmerlein für ſolche Stoßvögel.“ „Richtig,“ fuhr der Annweilerer fort;„dort ſitzt er und ich möcht' in ſeiner Haut nicht ſtecken.“ „Das könntſt du kühnlich wagen,“ ſagte ein Neukaſtler Bauer, „denn er iſt ſammt dem Kerkermeiſter ſchon vor vier Wochen durch⸗ gebrannt und kämpft mit den Bauern im Elſaß gegen ſein eignes Geblüt, nämlich gegen Ritter und Pfaffen. Ich war ſelmals 3 e als er ſich aus dem Staube machte.“ 167— „Mit den Bauern kämpft er?“ fragte Pfriemer. „Ja, ich weiß es,“ fuhr der Neukaſtler Bauer fort;„ein fahrender Schüler von Straßburg, der gen Köln zieht, hat mir's erzählt.“ „Dann iſt der Hallunke beſſer als ich dachte,“ ſprach Pfriemer. „Ich ſehe, es kann aus dem Volke noch etwas werden, wenn ſie in gute Zucht kommen. Krieg zu führen verſtehen ſie und da mögen die Bauern froh ſein, daß er es mit ihnen hält. Wie lang es aber dauert? Trau', ſchau, wem! ſagt das Sprichwort.“ „Ihr vergeßt, was ich damit ſagen wollte,“ fiel ihm der Annweilerer in die Rede. „Was denn?“ fragte Pfriemer. „Daß es noch Gerechtigkeit in der Pfalz gibt!“ „Gewiß,“ bemerkte ſpottend Pfriemer,„aber ſie iſt blind, ihre Wage iſt lahm und hängt auf eine Seite; ihr Schwerdt iſt verroſtet und hat keine Schneide mehr; ihre Naſe iſt von Wachs, die immer dahin gedreht wird, wo des Bauern Recht nicht iſt.“ Pfriemer blickte triumphirend im Kreiſe herum. „So iſts!“ riefen lachend die Bauern.„Der Pfriemer hat recht!“ Ehe jedoch die Unterhaltung weiter konnte geführt werden, zog ein Lärm die Aufmerkſamkeit auf die Straße, die von Bechingen herführte. Dorther kam ein Trupp jubelnder Kirmeßgäſte, unter ihnen auch Fechenheimer und die Seinen und ein Fremder, der in ſeinem Anzuge vollkommen den Anſchein eines Bänkelſängers zur Schau trug, was denn auch ſeine Zither bewies. Solche Leute waren bei den Kirmeſſen ſehr willkommen, weil ſie durch ihre Lieder die Luſt des Feſtes neu beſchwingten. Jacob Fechenheimer führte den Bänkelſänger an der Hand. Selbſt im ärmlichen Kleide hatte der Menſch eine ſtolze Haltung und ſein Weſen etwas, das mehr * 1 zum Befehlen als zum Gehorchen paßte. Jacob Fechenheimer führte ihn bei Pfriemer mit den Worten ein:„Der ſingt uns eins, wie wir's gern hören!“ und Pfriemer hieß ihn willkommen, führte ihn in ſein Haus, und bald war die Verſammlung vor dieſem verlaufen. — Märten Streffer war einer der letzten, die weggingen. Seine Galle war gereizt. „Wart' nur, ſtolzer Freibauer,“ ſagte er halblaut,„ich brocke dir ein Süpplein ein, das dir ſchlecht ſchmecken ſoll! Wenn du nicht heut' über acht Tage in der Veſte zu Germersheim bei Waſſer und Brod ſitzeſt, ſo will ich dafür ſitzen; aber das hat guten Weg! Und das Mäbchen ſollſt du nicht für deinen Heinz freikriegen, und wenn du dein ganzes Freigut dargäbeſt!“ Als er in ſeiner Stube war, ſetzte er ſich in die Ecke, zu überlegen, und fuhr im Selbſt⸗ geſpräche fort:„Mir ſchwant's, heute gibt's noch allerlei Geſchichten. Aus dem Elſaß brummt's herüber, und der alte Schreier, der Pfriemer, hat Feuer gefangen und die Funken heute ſchon umher fahren laſſen. Es iſt nicht juſt im Lande und der Zeiskamer hat auch nicht zur guten Stunde den Fechenheimer gerippt. Der iſt auch ſo einer wie Pfriemer. Kommt der Stahl an den Stein, ſo gibt's Funken! Was kümmert's mich? Ich gebe dem Fleckenſteiner Kundſchaft, der hat ſein Fähnlein Landsknechte auch nicht umfonſt zu Germersheim liegen. Er wird ſie tanzen lehren und ihnen eins aufſpielen, daß es eine Art hat. An mir ſoll's nicht fehlen, wenn der Pfriemer einen Siebenſprung machen muß. Hinge er nur ſchon! mich ſollt's freuen, und kann ich den Strick drehen, ſo will ich nicht faul ſein! Nicht weit von Nußdorf, gegen Rhodt zu, iſt eine Anhöhe, von der das Auge weit in das ſchöne Pfälzerland hinausſchaut. Damals, nämlich Anno 1525, ſtand auf ſelbiger Stelle ein Nuß⸗ baum, deß Stamm an Dicke einen Kapuzinerguardian übertraf,. ſelbſt den von Speier, der doch des Rufes genoß, eine Ohm. Plempel, wie ſie den Landauer Wein nennen, habe gemüthlich Raum in ſeinem Bauche. Die Aeſte reckte er ganz erſtaunlich weit hinaus, und der Gipfel ragte ſo hoch in die Lüfte, daß man ihn 8— 169— weiter denn eine Stunde Weges ſehen konnte, und wenn ſie ſo lang geweſen wäre wie die von Oggersheim nach Mannheim, die der Fuchs gemeſſen hat, der allemal ſeines Schwanzes Länge beim Sprunge drein gerechnet hat. Unter dem Nußbaume ſtand ein Heiligenhäuschen und darin ein Marienbild, roh und grob aus Kaiſerslauterer Sandſtein gemeiſelt. Der ganze Hügel war friſch grün, und weil ſein ſonniger Abhang von Veilchen wimmelte, war's abſonderlich lieblich daſelbſt. Hierzu kam, daß der Hügel trocken war, man alſo hier behaglich ausruhen ſollte und auch beten, denn dazu lud der vergitterte Schrein des Heiligenhänschens fromme Seelen ein. An dem Nußbaume ſah man ſchon die ſchwarzbraunen Kätzlein hängen und in den Zweigſpitzen die hellgrünen Blüthen, an denen ſchon die Nüßlein ſitzen. Auf ſeinen Zweigen ſchmetterte der Buch⸗ finke ſein Lied unfern ſeines ſichern Neſtes, und ein Kuckuck ſaß oben im Gipfel und rief ſeinen eintönigen Ruf hinaus in das im Son⸗ nenglanze ruhende Land. ⸗ Mehrere Wege kiefen hier fächerartig in einen zuſammen, der gen Nußdorf führte, und es ſoll mich wundern, wenn's nicht mehr iſt Auf allen dieſen Wegen, in größerer oder geringerer Entfer⸗ nung ſah man Haufen herankommen, Männer, Weiber, Jünglinge, Mädchen und Kinder, die alle nur ein Ziel hatten, nämlich die Kirmeß von Nußdorf und deren Fleiſchtöpfe, Weinkrüge und Tanz⸗ plätze. Hier aber mußten ſie zuſammen, wenn ſie nicht querfeldein gehen wollten, und dazu waren doch die Sonntagsſchuhe zu gut, weil das Feld frühlingsfencht war. An dem Heiligenhäuschen ſaß ſchon Einer, aber kein Bauer, denn ſein Kleid war nach Art der fahrenden Schüler und ziemlich lumpig und abgenutzt. Die Pelzkappe, die ſein Haupthaar deckte, ging weit in die Stirne und der Schirm deckte ſchier das halbe Geſicht. Ein Bündelein hatte er nicht zu tragen; ſtatt deſſen aber eine alte Zither. Daran konnte man ſchon ſehen, daß es einer —— — 170— von denen war, die ſich Meiſter und den die Welt Bänkelſänger nannte. Sie zogen landaus landein, und ſangen luſtige und traurige Lieder, Mordthaten und Hochzeitslieder, und erzählten den Leuten wunderſame Mährlein und Geſchichten. Dagegen empfingen ſie Obdach, Speiſe, Trank und, wer's geben konnte und wollte, Geld, waren liebe Gäſte für Alt und Jung, abſonderlich willkommen auf Kirchweihen, Hochzeiten und Kindtaufen und auch ſonſt. Sie lehrten Buben und Mägdlein die Lieder und Weiſen, die dieſe dann fortab weiter ſangen und nicht wieder vergaßen. Der hier ſaß, war ein ſchöner, ſtattlicher Mann von etwa fünf und vierzig Jahren oder ein paar mehr— und das eher, als weniger; denn es zeigten ſich in ſeinem langen Haar und Barte ſchon etliche weiße. Sein Ausſehen, ſeine Haltung, ja ſein ganzes Gehaben wollte ſchier nicht zu dem Kleide paſſen, und ſeine feine Hand ſchien auch nicht zu grober Arbeit geſchickt noch daran gewöhnt. Was konnte man aber ſagen? So ein Bänkelſänger lebte ja vom Nichtsthun, und die Zither mit dem Finger oder Gänſekiel zu ſchlagen und mit der Linken oben die Töne zu greifen, das war keine Arbeit, die Schwielen in die Hand brachte. Der Meiſter- oder Bänkelſänger folgte mit dem Blicke den Heranziehenden, und in ſeinen Mienen lag eine Frende, die er nicht hätte verhehlen können, wenn er es auch gewollt, als er ſie auf ſich zukommen ſah. Zu allernächſt dem Hügel war ein Trupp, der von Bechingen herkam. Vorauf ſchritt die ſtattliche Mannesgeſtalt des Jacob Fechenheimer von Bechingen, eben der, von deſſen Spänne mit dem Ritter Nudolph von Zeiskam der Pfriemer erzählte. Er war ein rieſig großer und ſtarker Mann, ein Wittmann, dem ſeine Söhne und Schwiegertöchter nebſt ihren Kindern folgten und noch andere Bechinger, die ihre guten Freunde in Nußdorf mit Eſſen und Trinken abſtrafen wollten gegen Wiedervergeltung auf der Bechinger Kirmeß. Als ſie ſich dem Hügel nahten, lüftete der Jacob Fechenheimer ſeine Tarnkappe von Wolfspelz, die er zu Ehren eines erlegten mächtigen Wolfes trug, wiſchte ſich den Schweiß ab und ſagte; — 171— „Mein' Seel,'s iſt ein Wetter wie zu Johannis! da jubiliren die Lerchen und Buchfinken; der Kuckuck ruft, daß man das Geld in der Taſche umwende,*) und die Störche ſtreichen über das Land und klappern, daß es eine Luſt iſt; die Vögelein und die Immen**) halten auch Nußdorfer Kirmeß und die Blumen Oſtern, und das Gethier und Gewächſe hält überall Auferſtehung; der Nußbaum hat ſchon Reiher.**6) Das wird heuer ein Weinjahr geben! Da geht's nicht wie das Mährlein vom heiligen Petrus ſagt!“ „Wie lautet denn das?“ fragten die Anderen. Will's Euch erzählen,“ ſagte Fechenheimer. Er blieb ſtehen und ſeine Begleiter ſammelten ſich neugierig im Kreis um ihn. „Einmal,“ hob er an,„als der Herbſt in die Pfalz kam, und die Sonne ſo ſchön in das herrliche Land ſchien und die Menſchen ſo fröhlich waren, gelüſtets den heiligen Petrus, der an der Him⸗ melsthüre Jahr aus Jahr ein ſtehen muß, auch'mal in den Herbſt in die Pfalz zu gehen. Er ſagt zum Herrn:„Lieber Herr, erlaub's, daß ich mal in die Pfalz in den Herbſt geh' und'mal ſehe, was die Pfälzer machen. Mein Bruder, der Jacobus, kann ſich auch mal ſo lange an die Himmelspforte ſtellen, wo's ohnedem zieht, wie auf der Kalmit da unten, daß man Zähnepein kriegt!“ Der Herr ſagt:„Geh' auf acht Tag'!“ Mein Petrus nicht faul und war fluggs zu Nußdorf. Da war eine Herrlichkeit und ein Jubel über die Maaßen, denn die Trauben waren goldgelb und fuchsbraun und dazu ſüß wie Honig. Sie laſen eben und der Petrus half wacker; aß Trauben, daß es eine Art hatte, faulen Käs, dazu Weißbrod und trank Alten wie ein Schwamm das Waſſer. Das gefiel ihm baß. Die acht Tage gingen herum wie ein Gedanke. Nun kam das Keltern und der *) Ein alter Volksglanbe lehrt, man müſſe, wenn man zuerſt den Kuckuck höre, ſchnell das Geld in der Taſche umdrehen, Lann ee es ſich und werde zu Heckeſtücken. **) Bienen. ***) Männliche Blüthen. „. — ſüße Moſt und die gebratenen Kaſtanien dazu. Das ſchmeckte meinem Petrus, und er blieb auf gut Glück noch weitere acht Tage. Endlich wurde es ihm doch heiß und er machte ſich auf, ſeinen Bruder wieder abzulöſen, der den Zug nicht gut vertragen konnte. Als ihn der Herr ſah, blickte er ihn zornig an. Petrus aber ſagte:„Herr, vergib, es war gar zu ſchön, und die Leute ſagten:„Gottlob, was iſt das ein Weinchen! Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's!“ „So?“ ſagte der Herr,„ſagen ſie das, ſo freut's mich, und weil du mir ſagſt, daß ſie dankbar ſind, will ich dir das Ausbleiben diesmal vergeben.“ Wer war froher als mein Petrus? Das Jahr darauf war's anders. Es war ein rauhes Jahr geweſen, kalt, regneriſch und unfreundlich. Die Trauben waren eſſigſauer, und war nirgends Luſt noch Freude. Petrus hatte gar keine Schneide,*) in den Herbſt nach Nuß⸗ dorf zu gehen.„Peter,“ ſprach da der Herr, der's merkte, wie die Gäule im Stalle ſtanden,„geh' wieder in den Herbſt nach Nußdorf und ſag' mir, was die Leute geſagt haben. Ich geb' dir vierzehn Tage Friſt, daß du mir nicht wieder über die Schnur haueſt.“ Was wollte Petrus machen? Er biß in den ſauern Apfel und ging; aber ſchon am andern Tage kam er wieder und trat vor den Herrn und ſchüttelte ſich. „Wie iſt's? Was ſagen die Nußdorfer?“ fragte der Herr. „Was ſagen ſie,“ hob Petrus an—„ſie ſagen:„Donner, was iſt das'ne Brüh! ſauer wie Eſſig und bitter wie Galle! das gibt ein Drehwein!“ „Was ſoll das ſagen?“ fragte der Herr. „Ei,“ ſagte Petrus,„wenn der mal federweiß iſt, muß um zwölf Uhr Nachts der Nachtwächter rufen:„Legt Euch herum!“ „Warum denn?“ fragte abermals der Herr. „Ei,“ ſagte Petrus,„ſonſt frißt er den Magen durch, wenn er zu lang auf einer Seite liegt! Drum, Herr,“ ſagte er,„gib 3) Luſt. ————— —— 173— den guten Pfälzern guten Wein, dann ſind ſie fröhlich und dankbar, und ſingen ihr Liedlein:„Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's!“ „Und,“ ſchloß Fechenheimer, als Alle laut lachten,„da ſeht Ihr, woher das Sprüchlein ſtammt:„Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's!“ Heuer gibt's keinen Drehwein, ſondern einen, dabei es heißt:„Fröh⸗ lich Pfalz, Gott erhalt's!“ Die Wirkung dieſes Stückleins dauerte noch fort, als ſie zugleich mit anderen Kirmeßgäſten, die von anderen Orten herkamen, den Hügel erreichten. Da gab's ein Grüßen und Handdrücken, ein Fragen und Antworten und Wiederfragen, daß ſie gar den nicht ſahen, der hier unter dem Nußbaume ſich ſonnte und luſtig lachend die Begrüßungen und die Freude Aller ſah. „Die luſtige Nußdorfer Kirmeß zieht doch Alles herbei,“ ſagte Jacob Fechenheimer,„was nicht gerne Waſſer trinkt und das dürre Holz*) gerne raſſeln hört!“ „Gehört Ihr denn auch dazu?“ fragte ein Bauer von Eden⸗ koben. „Warum nicht?“ ſprach luſtig Fechenheimer.„Auch altes Holz ſchlägt noch'mal grün aus, das ſeht Ihr an dem alten Kerl, dem Nußbaume hier.“ Alle lachten über des luſtigen Mannes Rede. Der Edenkober ſagte darauf:„Alles macht ſich ſchön. Wir können gleich mit Spiel und Sang einziehen, denn dort ſitzt Einer, der Rath weiß dafür!“ Fechenheimer ſah jetzt den Bänkelfänger. „Mein' Seel,“ rief er,„den hat ein guter Wind juſtement daher geweht. Auf, Meiſter, ſpielt uns eins! oder ſeid Ihr müd'?“ „Könnt's wohl ſein,“ ſagte der Spielmann. „Kommt Ihr denn ſo weit her heute?“ fragte Fechenheimer. „Heute nicht gerade,“ war deſſen Antwort;„aber wenn Einer alle Tage weite Tagfahrten macht, muß er wohl müde werden.“ *) Volksausdruck für Geigenſpiel, Tanzmuſik. — 174— „Freilich,“ ſagte Fechenheimer darauf.„Kommt Ihr denn ſo weit her?“ „Komme ſchnurſtracks aus dem Elſaß,“ ſagte der Bänkelſänger. „Alle Blitz“ rief der Fechenheimer,„ſo könnt Ihr uns auch ſagen, ob's wahr iſt, daß es dort zum Brechen gekommen iſt?“ „Freilich,“ ſagte der Spielmann,„die Bauern ſind dort wie drüben überm Rhein, am Main, am Neckar, in der Ortenau, im Lande Württemberg, einmal wach geworden, nachdem ſie lange geſchlafen und ſich im Schlafe haben das Fell über die Ohren ziehen laſſen. Sie ſahen ein, daß ſie nicht die Lämmer ſind, die Kloſterpfaffen ſcheeren ſollen.“ „Und die Ritter, die Stegreifer und Krautjünker,“ fiel der Fechenheimer haſtig ein.„Iſt's wirklich wahr?“ „Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, was ich Euch ſage!“ verſetzte der Bänkelſänger.„Das ganze Elſaß iſt in lichtem Brand. In hellen Haufen ziehen die Bauern umher, plündern die Klöſter letzen ſich einmal an dem Ueberfluſſe, der dort in Küche, Keller und Speicher herrſcht. Das iſt euch ein Herrenleben! Und wenn ſie geſchmauſt und gezecht haben, wobei die feiſten Kahlköpfe und Kuttenmänner aufwarten müſſen, brennen ſie die Rattenneſter nieder und theilen ſich in das Gut, denn, ſo ſagen ſie und haben Recht, ſie haben's unſeren leichtgläubigen Vätern mit ſchnödem Ablaß und für Heiligenbildchen abgemauſt; wir wollen's ehrlich wiedernehmen; denn wir ſind ihre Urenkel und Erben. Und zu der faulen, dickwanſti⸗ gen Pfaffheit ſagen ſie— Der Herr ſpricht:„Im Schweiße deines Angeſichtes ſollſt du dein Brod eſſen,“ und Sanct Paulus ſpricht: „Wer nicht arbeitet, der ſoll auch nicht eſſen!“ Iſt das nicht recht?“ „Freilich!“ riefen die Bauern mit leuchtenden Augen. Fechenheimer klatſchte auf ſeine Lederhoſe und rief:„Das iſt prächtig! prächtig!“ „Und was machen ſie mit den Rittern?“ fragte Fechenheimer. Etwas zögernd ſagte der Bänkelſänger:„Die es mit ihnen nicht halten, oder die ſie geplagt haben, überfallen ſie und brechen und brennen ihre Burgen.“ — . —.—— — 175— „Herrlich, herrlich!“ ſchallte es aus dem Haufen. „Aber man ſagt,“ fuhr Fechenheimer fort,„die Ritter, der Herzog und die hohe Kleriſei ſtünden zuſammen gegen die Bauern im Felde.“ „Gewiß,“ ſagte der Spielmann;„da geht's nach dem Sprich⸗ worte:„Wenn's einem ehrlichen Manne gilt, ſind die Schelmen einig!“ Ein wieherndes Gelächter, das nicht enden wollte, begleitete die letzten Worte des Spielmannes. „Der ſagt's dick!“ riefen Etliche.„Es iſt die Wahrheit!“ ſchrieen Andere. „Wenn ihr aber meint,“ fuhr der Bänkelſänger fort,„der Herzog und die Ritterſchaft ſammt der Pfaffheit könnten den Strom dämmen, ſo ſeid ihr irre. Sie zittern vor dem ſtarken Arme der Bauern, weil ihr Gewiſſen ſie ſchlägt. Bis jetzt darbte der Bauer und ſie praßten in Hülle und Fülle. Nun wird der Spieß einmal umgekehrt.“ „Ha,“ rief ein Bauer,„das wär' auch'mal bei uns an der Zeit!“ „Gut, wenn ihr das'mal einſehet,“ ſagte der Bänkelſänger. „Komme doch auch in der Pfalz herum, daß ich wiſſen kann, wie es da zugeht. Warum fordert ihr euer altes, gutes Recht nicht? Schlagt mit Knebeln drein wie die Elſäſſer und die anderen. Gut⸗ willig kriegt ihr's nicht. Ja, die Elſäſſer, das iſt ein kernhafter Menſchenſchlag; die laſſen ſich nicht ungeahndet das Fell abziehen wie die Pfälzer. Euch hacken die Mönche und Junker das Mus auf dem Kopf und ihr ſagt noch:„Wohl bekomm's!“ Dort ſchießen ſie das Wild und eſſen's auch, dort fangen ſie ſich die Fiſche und braten ſie ſich auch, hauen ſich Holz, ſo viel ſie bedürfen, aber denken nicht daran es zu bezahlen. Vom Zehnten ſollt''mal Einer reden, von Gülten, Beed, Schätzung oder dergleichen, dem wollt' ich's nicht rathen, daß er lange bliebe! Sie legten ihm ein hänfenes Halsband um. Und überm Rheine machen ſie's gerade ſo. Geht's überall los, ſo mögen ſie ſich einander nicht helfen. Ihr nennt euern Kurfürſten den Sanftmüthigen— trau', ſchau', wem! Ich will euch einmal das Bauernlied aus der Ortenau ſingen, dann könnt ihr ſehen, wie viel Uhr es iſt. Die wiſſen, was ihnen noth iſt.“ „Wir brauchen keine Lieder!“ rief ein Bauer von Edesheim aus.„Was ſoll's mit Liedern, wo es zu Thaten kommen muß! Laßt uns die Kolben faſſen und aufſpielen denen, die uns zu Boden drücken!“ „Nein! nein!“ riefen viele Stimmen,„wir wollen das Lied hören und lernen. Es iſt ſo ein heller Funken, der dort ins dürre Reiſig fuhr. Er ſoll's ſingen!“ „Meinetwegen!“ grollte der Edesheimer.„Singt, ſo lang ihr wollt; die Mönche in den Klöſtern ſingen auch. Die haben vollauf zu leben. Meine neun Kinder ſingen ein Liedlein, das mir durchs Herz geht, und ſind alle neun Leibeigene des Stiftes zu Klingenmünſter.“— Er ging trutzig ſeines Weges nach Nußdorf, und der Sack, der über ſeine Schultern hing, zeigte an, daß nicht die Luſt ihn nach Nußdorf trieb, ſondern die Noth und die Hoff⸗ nung, daß fröhliche Herzen gerne geben. Der Spielmann rührte ſeiner Zither Saiten und ſang mit klangheller Stimme: „Es iſt ganz todt, das alte Recht, Die Freiheit iſt ein' Leichen, Es gibt nur eitel Herr'n und Knecht', Der freie Mann muß weichen! Sie zapfen ab das Blut. Fragt ihr: wer's thut? Die in den Burgen hauſen Und ſchmauſen!“ „So iſt's! ſo iſt's!“ riefen die Bauern.„Der arme Mann 36) darbt und die Ritter führen ein Lotterleben.“ *) So nannte ſich das Volk in jenen Tagen vorzugsweiſe, und noch heute iſt der Ausdruck im Volke derſelbe für denſelben Begriff. — „Seht da hinauf, wo die Thürme der Biſchofsburg ragen,“ rief Einer aus dem Haufen mit mächtiger Stimme.„Der Vogt macht's gerade ſo. Er zapft uns das Blut ab und ſchmauſt alle Tage wie weiland der Sardanapalus.“ „Macht's der Zeiskamer und der Fleckenſteiner zu Germers⸗ heim beſſer und der auf der Käſtenburg?“ fragte Fechenheimer und blickte über die Menge hin, als wolle er Antwort. „Ja! ja!“ riefen Alle,„es iſt wahr!“ „Sie ſollen's am längſten ſo gemacht haben!“ rief Fechen⸗ heimer heftig.„Ich kann reden davon, wie ſie's treiben. Die Elſäſſer haben vorgetanzt; wir folgen.“ „Das wollen wir! das wollen wir!“ hallte es im Chor. „Hört weiter!“ ſagte der Spielmann, ſpielte weiter und ſang: „Der arme Mann, der leidet Noth, Die Pfaffen und Ritter praſſen; Für Weib und Kind hat er kein Brod, Sie haben ihm nichts gelaſſen. Der Zehnte, Beed' und Schoß, Der Bettelmönche Troß, „ Das Wild im Bann!— Wer will tragen Die Plagen?“ „Wir nicht! Wir nicht länger!“ ſchrie der Haufen. „Fechenheimer,“ rief Einer,„du haſt's neuerlich erfahren. Iſt dir's gut gegangen im Verließ zu Bechingen? Hat dir der Zeis⸗ kamer auch ein Stück Hirſchziemer vorgeſetzt?“ Alles Blut ſtieg in des Fechenheimer's Haupt. „Verflucht ſei der Unhold!“ rief er.„Seine Hirſche weideten meine Saat ab. Mein Bolzen ſtreckte einen nieder und er riß mich in das Verließ, bis ich mich löſte, und ich ſitze als freier Bauer auf meiner Hofſtatt? Wer hilft? Der Biſchof? Nein— der Kurfürſt? Nein! und abermals nein!“ „So wollen wir ſelber helfen?“ ſprach der Bauer.„Streit⸗ kolben liefert der Wald.“ W 6 12 — 178— „Ihr dürft ſie nicht abhauen!“ ſagte der Spielmann höhniſch lachend.„Der Wald war Euer— jetzt iſt er dem Herrn! Hört mich weiter,“ bat er dann, und ſang: „In unſrer Sach' ein Andrer praßt, Und thät ſich an den Guten; Die Macht han ſie ſich angemaßt, Und ſtreichen uns mit Ruthen Bis auf das Blut!— Fragt ihr, wer's thut?— Die in den Klöſtern zechen— Ja, zechen!“ „Davon haben ſie die rothen Naſen und dicken Bäuche!“ ſchrieen wild die Bauern.„Unſere Sach' betteln und nehmen ſie!“ „Denkt an die fetten Pfründner in Speier, in Euſſersthal, in Klingenmünſter und Hördt!“ rief der Edesheimer, deſſen Stimme wie ein Heerhorn Alle übertönte.„Es iſt das Gut, welches ſie unſeren Vätern für Ablaß und Seelenmeſſen auspreßten. Solche Worte und noch viel ärgere hörte man, daß Frauen und Mädchen erröthend die Augen niederſchlugen. Es war ein wildes Durcheinanderſchreien, daß man zuletzt ſein eignes Wort nicht mehr hören konnte. Der Spielmann ließ den Sturm austoben. In ſeinen Zügen ſpiegelte ſich die Luſt ſeiner Seele. Er ſah ſeine Saat keimen. Envlich erhob er den Arm und es wurde ſtill. Er ſang: „Hallo! Nur drauf, ihr Männer all, Solch Schand' ſoll nit mehr gehen! Woll'n brechen Zwinger und Zell' zumal, Und ſoll'n nit mehr erſtehen! Fragt ihr, wer's thut? Das thut der Bauer gut! Zu lang hat er's getragen Mit Zagen!“ „Hallo! Hallo! das noch einmal!“ riefen die Bauern, deren Zahl durch die Größe des Haufens und den wechſelnden Lärm ſtets im Zunehmen war. — 179— Die haben's noch nicht gehört!“ ſchrieen ſie, auf die Neu⸗ deutend. Man ſah von allen Seiten Leute eilings herzuſtrömen. Die auf dem Hügel ſtehenden winkten den entfernteren herbei und dieſe beſchleunigten ihre Schritte. Endlich wiederholte der Bänkelſänger ſeinen Vers unter fort⸗ dauerndem Beifalljauchzen der Menge. „Nun kommt das Beſte!“ ſagte envlich der Bänkelſänger. Der Lärm wich aufmerkſamem Zuhorchen. Er ſang: „Das große Faß iſt unſer Faß, Das liegt gefüllt im Keller. Da woll'n wir trinken Alle baß, Und zahlen keinen Heller. Drum drauf, du friſches Blut! Bauernfauſt iſt gut! Will Klöſter und Burgen brechen Und zechen!“ „Aha,“ riefen die Bauern,„das iſt das große Faß, das der Biſchof voll Deidesheimer auf der Käſtenburg liegen hat.“ „Nein,“ riefen die Pfälzer,„es iſt das große Faß zu Heidel⸗ berg im Schloßkeller!“ „Nein, alle beide ſind's!“ riefen wieder Andere.„Recht ſo! Das iſt das ſchöne Ende vom Lied! Wollen auch mal zechen und ſehen, wie's thut. Der Abt zu Limburg trinkt ſich alle Abend unter den Tiſch, und der Graf zu Leiningen und der Pfälzer machen's nicht beſſer. Sollen einmal Waſſer trinken und wir den Wein, ſo iſt's in der Ordnung!“ Allgemeines Gelächter folgte und man ſah in dem lüſternen Flammen der Augen, man hörte im gierigen Schnalzen der Zungen, wie mächtig das reizende Ausſichtgeben des Liedes wirkte. . Der Spielmann hing ſeine Zither um und ſchickte ſich an, ſeinen Weg fortzuſetzen. „Wohin?“ fragte Fechenheimer. „Gen Grünſtadt, dort hinab,“ ſagte er. — 180— „Das wär' mir ſauber,“ entgegnete Fechenheimer.„Ihr wollt fort und in Nußdorf iſt die fröhlichſte Kirchweih des Landes? Nein, ſo fett ſchmälzen wir nicht!*) Der alte Pfriemer zu Nußdorf hat noch Platz auf ſeiner Bank, einen Teller für Euch und ſein Wein⸗ krug hat einen weiten Bauch. Ich käme ſchön an, wenn ich ihm ſagte, ich hätt' Euch ziehen laſſen! Ihr ſeid mein und ſein Gaſt, und meiner Seel! wenn's Euch reut, mitgegangen zu ſein, ſo ſoll mich der Zeiskamer, den Gott verdamme! noch einmal in das dunkle, feuchte Loch ſtecken, in das er mich warf, als ich den Hirſch bolzte.“ Dem Bänkelſänger war's nicht Ernſt mit dem Gehen nach Grünſtadt. Die Nußdorfer Kirchweih hat ihn hergelockt, denn dort trafen viel hunderte von Bauern zuſammen aus der Nähe und Ferne. Dort war der rechte Acker, wo er die Saat der Aufwiegelung des pfälzer Landvolkes mit Erfolg ſtreuen konnte. Hier ſchon ſah er, wie trefflich der Boden ihm bereitet war, wie leicht das Werk, wie augenſcheinlich der günſtige Erfolg. Es war eben nur Spiegel⸗ fechterei, daß er nicht dorthin wolle. Gerne ließ er ſich daher beſtimmen, dem Fechenheimer zu folgen, und der ganze Troß brach zuſammen auf, deſſen Ankunft in Nußdorf ein ſo großes Aufſehen machte. III. Die Wohnungen des Benz und Pfriemer zu Nußdorf lagen neben einander. Die Höfe hinter dem Hauſe ſchied zwar eine Mauer, aber ſie war im Laufe der Zeit mürbe und lückig geworden, theilweiſe ſelbſt bis auf geringe Höhe zuſammengefallen, und da beide Nachbarn ſehr befreundet waren, ſo dachte Pfriemer, dem die Mauer gehörte, nicht dran, ſie wieder aufzumauern. So war ein heimlicher Verkehr möglich, ohne daß man der Straße dazu bedurft hätte. Das war Niemand lieber als dem Heinz Pfriemer und der Elsbeth Benz. *) Sprichwörtliche Redensart, die ſo viel heißt als:„Das geht nicht an.“ 6 Wie zwei treue Nachbarskinder waren Beide ſpielend mit ein⸗ ander aufgewachſen, und die Liebe war in ihre Herzen hineingewachſen ſo feſt und tief, daß ihre Wurzeln mit den Wurzeln ihres Lebens eins geworden waren. Heinz war ein ſchöner Jüngling geworden. Hoch aufgewachſen und ſtämmig zugleich, war er ein Abbild ſeines Vaters. Wie er ihm äußerlich glich, ſo auch innerlich. Feſt, männlich, muthig, bieder und treu ſtand der Jüngling da, die Freude ſeines Vaters, der Liebling ſeiner Altersgenoſſen, und der Mädchen Augen ſtahlen ſich“ ſelbſt während der Meſſe zu ihm hin und betrachteten mit ſtillen, ſüßen Wünſchen den ſchönen Burſchen, deſſen unbeſcholtenes Leben und Reichthum eine wünſchenswerthe Zugabe war, und endlich galt noch mehr, daß er eines freien Bauern freier Sohn war. Nur eine blickte nicht nach ihm, weil ſie ihm alle Tage ganz nahe ins Auge ſah, und ihr Bild drein ſpiegelte. Das war Elsbeth Benz. Es war auch gar kein Geheimniß, daß ſie ſich lieb hatten. Warum hätten ſie's verheimlichen ſollen? Ihre Liebe war alt, treu, lauter und die kenſcheſte Sitte heiligte ſie. Die Eltern wußten's und billigten es. Da war kein Grund für heimliches Schmuggeln. Daß Elsbeth beneidet wurde, lag auf der Hand; aber das kümmerte Beide gar nicht. Ebenſo wenig, daß trotz Elsbeth's Leibeigenſchaft mancher Burſche den Heinz Pfriemer beneidete; denn Elsbeth war ohne Zweifel das ſchönſte Mädchen in Nußdorf, und das ſittigſte, bravſte, häuslichſte dazu, und dort ſind faſt alle Mädchen hübſch. Sie ſahen ſich alle Stunden, plauderten, ſcherzten, lachten und meinten, ihr Glück bedürfe keines Zuwachſes, keiner engeren Ver⸗ bindung, obwohl ſich das mit den Jahren änderte. Der alte Pfriemer und Elsbeth's Eltern waren auch der Meinung, die vom ſiebzehnten Jahre an ihre Kinder gefaßt hatten. Pfriemer war ſchon lange Wittwer. Er hatte ſeinem Sohne die Zuchtruthe einer böſen Stiefmutter nicht aufbinden mögen, nicht das Erbe durch Theilnehmer ſchmälern wollen. Nun wurde er alt und die alte Magd Grete wurde baufällig, und ihr Auge blöde. 3 — 182— Sie war eine verwaiſte Verwandtin von ihm. Verſtoßen ſollte ſie nicht werden, aber der Hilfe bedurfte ſie und das Hausweſen. Sie ſelbſt ſagte oft zu dem Pfriemer:„Mage,*) ſorgt doch, daß die liebe Elsbeth bald Hausfrau wird; meine alten Knochen ſind mürbe.“ Die Benz' ſahen den Vortheil und Segen einer ſolchen Ver⸗ bindung wohl ein, und hätten lieber heut als morgen ihren Segen gegeben; aber Elsbeth war eine Pfälzer Leibeigene. Die paßte nicht gut zu des Pfriemer's freiem Stamme. Benz hatte ſich ein ſchönes Anweſen erworben. Er wollte ſie, koſte es, was es wolle, freikaufen; aber das wollte gar nicht gehen. Der Vogt von Ger⸗ mersheim ſtimmte nicht zu, denn er haßte den freimüthigen Pfriemer und der rothe Märten Streffer goß, weil er mit dem Pfriemer in nachbarlichem Unfrieden lebte, Oel in die Flamme. So waren zum großen Herzeleid der Eltern alle Verſuche bis jetzt geſcheitert. Dies nährte Pfriemer's Grimm, der ohnehin angeweht vom herrſchenden Geiſte des Aufruhrs, ſeit ihn der Vogt geärgert, lichterlohe auf⸗ flammte. Benz wollte nun das Letzte wagen und ſelbſt nach Heidelberg zum Kurfürſten gehen, deſſen Güte den beſten Erfolg verhieß. Pfriemer war dagegen, denn er wollte ihre Freiheit erkämpfen. Das war mehr nach ſeinem Sinne. Benz war eine lenkſame Natur. Wäre nicht ſeine fromme und ſanfte Frau geweſen, er hätte gleich Pfriemer dreingeſchmiſſen, weil dieſer es ſo wollte. Sie aber hielt ihn im Zaume und darum neigte er zum Wege der Güte, wenn er daheim war, zu dem der Selbſthilfe, wenn er Pfriemer's beredte, feurige Worte vernahm. Fechenheimer und die Seinen waren mit dem Spielmann und anderen Gäſten in das Haus Pfriemer's getreten, und der Bänkel⸗ ſänger erzählte lebhaft und viel aus dem Elſaß und den Bauern⸗ aufſtänden dort. Selbſt während des Imbiſſes wurde das Geſpräch *) Verwandter, Vetter, ein alter, jetzt ſeltener Ausdruck in der Pfalz⸗ — 183— lebendig fortgeſetzt, und um ſo lebhafter, als der Steinkrug unauf⸗ hörlich kreiſte, für deſſen Füllung Heinz aus einem ungeheuern alten Kruge höchſt aufmerkſam ſorgte. Das Lied war auch wieder erklungen. Nachbarn ſammelten ſich bei Pfriemer, und mit jedem Augenblicke ſteigerte ſich die Erregung, die der Bänkelſänger wohl⸗ berechnend nährte und pflegte. Wieder war der dicke Krug leer und Heinz ſchritt rüſtig die Kellerſtiege hinab. Der hölzerne Hahn ließ die goldene Fluth in den weiten Krug rauſchen, den Heinz in gebückter Stellung unter⸗ hielt, da legte ſich eine kleine Hand ſanft auf ſeine Schulter. Erſchreckt, denn er hatte keine Schritte gehört, fuhr er empor und— blickte in Elsbeth's wunderſchöne, milde, blaue Augen. „Hab' ich dich fürchten gemacht, Heinzchen?“ fragte ſie ſchmei⸗ chelnd.„Sei mir nicht böſe!“ „Du garſtige Maid!“ ſprach halb zürnend, halb lachend der Jüngling.„Hab' dich doch gar nicht gehört.“ „Biſt mit deinen Gedanken halt immer droben, wo der Bänkel⸗ ſänger die Köpfe toll macht,“ ſagte das Mädchen mit einem Seufzer. „Ach, Heinz, wenn's ſo fort geht, werden wir niemals Mann und Frau!“ „Oho! Elschen, oho! du haſt falſch gerechnet!“ rief er aus und ſetzte den Krug aufs Knie.„Willſt'mal Muth trinken!“ „Nein!“ ſagte das Mädchen;„mir fällt der Muth ſtündlich mehr.“ „Das faſſ' ich nicht,“ ſagte Heinz.„Meinſt du, mit Geld zwäng's dein Vater? Mein Leben nicht! Der Fleckenſteiner zu Germersheim haßt meinen Vater, weil er Haare auf den Zähnen hat, und der rothe Strolch neben uns, der Märten Streffer, mit dem's mein Vater vollends nicht gut kann, der bläſt das Flämmlein zur Flamme. So wird's nicht; aber wenn wir wie die Elſäſſer dreinſchlagen, dann gibt's wieder das alte Recht, die Leibeigenſchaft hat ein Ende und du biſt meine Frau!“ „So leicht geſagt und ſchwer gethan!“ ſeufzte das ſchöne Mädchen.„Ach, Heinz, die Schrift lehrt, wie meine gute Mutter ſagt, unterthan ſein der Obrigkeit, die von Gott iſt. Wer ſich gegen die Obrigkeit ſetzt, der widerſtrebt Gottes Ordnung und wird beſtraft werden. Wer im Aufruhre das Schwerdt zieht, der ſoll auch durchs Schwerdt fallen. Ach, da beb' ich; gingſt du mit, ich ſtürbe! Laß ab, Heinz! Bleib auf Gottes Wegen! Ach, man richtet mit gutem Worte mehr aus als mit wilder Gewalt!“ „Man meint, man hörte deine Mutter,“ lachte Heinz.„Der hat der vertriebene Pfaff, der von Wittenberg kam, den Kopf voll ſolcher Dinge gemacht, und da ſie leſen kann, ihr ein Teſtament gelaſſen oder ein Stück davon, das erſt ganz neu von dem Luther verdeutſcht iſt. Iſt mir auch recht und lieb; aber damit wird's nicht. Hat dein Vater nicht gute Worte gegeben und gutes Geld geboten? Was hat's gefruchtet?“ „Nichts, weil es dein Vater zuſammenriß,“ ſagte ſie. „Schmähe ihn nicht,“ warnte Heinz. „Das ſei fern,“ ſprach aus Herzensgrund das Mädchen; „aber was doch wahr iſt, iſt wahr. Hätte er mit dem Vogt nicht aufgeſetzt—“ „Soll er ſich die Haut über die Ohren ziehen laſſen und ſich dazu bedanken? Damit lockt man die Katze nicht vom Ofen weg, glaub' mir's!“ Elsbeth ſeufzte und ſchwieg. „Was recht iſt, iſt auch recht,“ fuhr Heinz fort.„Dazu konnte er nicht ſchweigen, daß der Vogt unrecht that! Schütte ihm nur nicht Alles in die Schuhe! Doch wozu das Gerede? Hat nicht der Vogt zu deinem Vater geſagt: Da wird nun und nimmermehr was draus! Das iſt doch genug geſagt und deutſch; man kann's leicht verſtehen. Dein Vater will nach Heidelberg? Halbwegs, Elsbeth, halbwegs!“ „O Heinz,“ ſagte ſchmeichelnd das Mädchen und legte ihre Hand auf die ſeine und ſah ihn mit unausſprechlich flehendem Blick an,„hilf zurückhalten! Willige nicht ein! Schließ dein Ohr vor dem Spielmann. Ich hab' ihm in die Augen geſchaut, das ſind böſe Augen; der iſt nicht lauter und meint's nicht tren. Mir iſt das Blut aus dem Geſichte gewichen, als er mich ſo anſah.“ * „Haſt ihm auch gefallen,“ ſcherzte Heinz.„Du thuſt's halt allen Leuten an.“ „O ſcherze nicht, Heinz,“ bat ſie. Mir iſt's gar nicht ums Scherzen. Das Herz iſt gepreßt von Angſt. Was ſoll's werden, wenn ihr zu den Waffen greift? Fällſt du im blut'gen Streite, ſo gräm' ich mich todt! Und zum Kamßfe muß es kommen. Sollt' euch der Herr Kurfürſt gehen laſſen, wenn ihr, wie der Spielmann ſingt, Burgen und Klöſter brechen wollt? Da kommen die Ritter und die Landsknechte. Und was vermögt ihr gegen ihre Spieße und Kugelbüchſen? Mit Streitkolben richtet ihr nichts aus und ſie metzeln euch nieder. Ach, Heinz, ſoll ich denn in meiner Jugend vor Jammer ſterben?“ „Nein, nein!“ rief Heinz;„Hochzeit halten ſollſt du mit mir, als freie Dirne zum Altare treten, wenn ich dich habe freimachen helfen. Sie fallen nicht Alle. Sei ruhig, Kind! ich ſehe als Ziel deine Freiheit, dich als meine Hausfrau, Recht, Zucht, Ordnung im Lande. Da muß man gerne ein paar Tropfen Blut hingeben. Anders geht's ohnedem nicht. Du ſtellſt dir Alles ſo grauſam vor. Laß mal uns Bauern ausrücken zu Tauſenden! da klappt's, und der Pfälzer zieht linde Saiten auf; verlaſſ' dich darauf, er thut's.“ „Der Herr Kurfürſt ſoll euch widerbelligen Bauern nachgeben?“ fragte das Mädchen.„So wenig als ſchwarz weiß wird und Nacht Tag! Und ihr wagt ein Spiel, das euch Leben und Alles koſtet. Abtrotzen wollt ihr, abreißen, nicht abbitten.“ „Das ſind eisgraue Träume! mach' mir meinen Gaul nicht ſcheu! laß mich ſorgen. Du weißt, wie lieb ich dich habe, und wie ich nur ein Glück ſuche— dich. Da ich's nun auf dem Wege der Geduld nicht erreichen kann, will ich's erkämpfen.“ „Heinz!“ rief in dieſem Augenblicke des Vaters mächtige Stimme,„wo ſteckſt du? Haſt du den Krahnen in die Gurgel geleitet und liegſt am Faß?“ „Jeſus Maria!“ rief halblaut das erbleichende Mädchen. „wenn er mich hier bei dir fände?“ — — 186— Sie verſteckte ſich ſchnell, und Heinz antwortete und lief eiligſt die Stiege hinauf, dem Vater entgegen mit dem Krug. Als ihn der Alte kommen ſah, trat er wieder ins Haus, fragte aber rückwärts ſchauend:„Schließeſt du die Kellerthüre nicht?“ „Ich geh' gleich wieder heraus!“ ſagte Heinz. Elsbeth horchte mit angehaltenem Athem auf ihre Entfernung, und als es ſtille geworden, eilte ſie pfeilſchnell in ihr Haus. Heinz konnte kaum durch den Hausflur nach der Stube kommen, ſo voll Menſchen ſtand's da, die nicht müde wurden, das Bauern⸗ lied und die aufregenden Reden des Bänkelſängers zu hören. Kopf an Kopf ſtanden ſie, Alt und Jung, Frauen und Männer. Es war eine gar lockende Ausſicht, die ſich in den Worten des Mannes kund gab, reich zu werden ohne Mühe, und einmal mit den Mönchen und Rittern zu theilen und in ihrem Ueberfluſſe ſich den Guten anzuthun. Je mehr der Bänkelſänger trank, deſto lebhafter, glühender ſeine Reden wurden. Das Volk ſchrie Beifall, und der alte Pfriemer, der ſonſt um keinen Preis ſolchen Zudrang in ſeinem Haus, einen ſolchen Lärm in ſeiner Stube und Flur würde geduldet haben, ſah und hörte das heute nicht. Da viele Fremde, Bettler und Landſtreicher da waren, hatte die alte Grethe alle Räume ver⸗ ſchloſſen, das wußte er, nur den Keller nicht. Darum empfahl er das nochmals ſeinem Sohne Heinz, und dieſer drängte ſich durch. Als er die Kellerthüre, die, weil ſie ſchief hing, von ſelber zufiel, aufzog, rief er leiſe hinab:„Elschen!“ Aber Niemand antwortete, und da von Benz Hinterthür ein leiſes„Bſt!“ herüberklang, ſah er raſch dorthin, wo Elsbeth ſich eben vom Fenſter zurückzog, da der rothe und ſcheele Märten Streffer zu Heinz trat. Heinz theilte ſeines Vaters in gegen den widerlichen Menſchen. „Was wollt Ihr?“ fragte er ihn trotzig.„Man ſollt' ſagen, Ihr ſchämet Euch über unſere Schwelle zu treten, nach dem, was Ihr heute Morgen gehört und erfahren habt!“ — 187— Märten zuckte die Achſeln. „Beſſer Unrecht leiden als Unrecht thun!“ ſagte er.„Daß ich es beſſer mit dir und deinem Vater meine, als ihr alle Beide denkt, will ich dir beweiſen, Heinz!“ „Beweiſt's einem der Juden von Worms,“ ſagte mit einer ſprichwörtlichen Redensart Heinz.„Ich mag's nicht hören!“ Märten blickte ihn zornig an.„Knabe,“ ſagte er,„dich hab' ich auf meinen Knieen geſchaukelt. Darfſt du ſo mit einem älteren Manne reden? Du thäteſt beſſer, du hörteſt, was ich dir wohl⸗ meinend ſagen will.“ Heinz fühlte, daß der Märten recht habe. Er ſchwieg und Märten Streffer fuhr fort:„Kennſt du den, der drinnen in Eurer Stube ein ſo groß Maul führt und ſich als einen ſo getreuen Bauernfreund darſtellt?“ „Es iſt ein fremder Spielmann,“ ſagte Heinz kurz. „Ich kenn' ihn,“ ſagte Märten mit Nachdruck. „Nun, ſo ſeid damit zufrieden,“ verſetzte Heinz, der eine Bewegung machte, ins Haus zu gehen. „Bleib' noch ein Weilchen, ein kurzes Weilchen,“ ſagte eifrig Märten.„Es iſt dir wichtig zu wiſſen, wer's eigentlich iſt, und ich will dir's ſagen. Haſt du heut' Morgen gehört, was der Ann⸗ weilerer ſagte? Haſt du den Namen von der Hauben gehört?“ „Freilich!“ ſagte Heinz mit größerer Aufmerkſamkeit, als er ſie dem Mantelträger*) ſonſt gewidmet haben würde. „Nun, der Bauernquäler und Straßendieb, den der Herr Kurfürſt im„blauen Hute“ ſitzen hatte, und der mit dem Kerker⸗ meiſter zugleich durchbrannte, der im Elſaß mit den Bauern kämpfte, der hier auch Feuer legen will, iſt in Euerm Haus— iſt der Spielmann!“ „Fuchsſchwänzerei und Lüge!“ rief Heinz. „Heinz,“ ſagte Märten,„geh' hin und ſag's n, und ſieh zu, was er macht und ſagt.“ *) Gleichbedeutend mit Ohrendiener, Mährchenträger, Fuchsſchwänzer. „Thut Ihr's!“ warf Heinz hin. „Dein Vater würfe mich zur Thüre hinaus,“ ſagte Märten. „Folgt nur dem Verräther, und ihr fallt Alle in die Grube!“ „Nehmt Ihr Euch nur in Acht!“ ſagte Heinz. „Sorge nicht ſo liebreich für mich, Heinz,“ fuhr ſpottend der Rothe fort;„ich denke, du haſt's nöthiger. Der bringt der Elsbeth Freiheit nicht; aber hätteſt du mir ein Wort vergönnt, für ein ordentlich Botenbrod**) hätt' ich dir's fertig gemacht und will's noch hente. Nur jagt den Spitzbuben fort!“ „Das will ich thun!“ rief Heinz und faßte Märten bei der Bruſt mit ſeiner rieſig ſtarken Fauſt, trug und ſchleppte ihn zur hintern Hofthüre, die nach der Straße führte, und warf ihn hinaus. „So!“ ſagte er.„Ich habe gethan, was ihr gewünſcht!“ „Verfluchter Bube,“ ſchrie Märten und ballte ſeine Fäuſte, „das ſollſt du mir nicht umſonſt gethan haben! Fluch auf dich und deinen meuteriſchen Hund von Vater!“ „Brummer!“ rief Heinz dem Hund. Als aber Märten den Namen hörte, floh er pfeilſchnell davon. IV. Eben, als zornglühend Heinz in die Stube treten wollte, erklang von der Straße her ein mächtig Jubiliren und Jauchzen, und die Töne der Fideln und Zinken miſchten ſich luſtig darunter. Wie ein Blitz war die Hausthüre leer. Alles ſtrömte hinaus. Das helle Kirchweihglöcklein läutete. „Heinz!“ rief Pfriemer,„die Burſche ziehen auf und holen ihre Mädchen und du fehlſt noch!“ Raſch wie ein Gedanke flog Heinz zur Hinterthüre hinaus, warf den Kellerſchlüſſel der alten Grete zu und war ſchnell in Benz' Haus. *) Trinkgeld, Lohn. — 189— „Komm, komm Elschen,“ rief er,„ſie fideln vor dem Hauſe, laß uns eilen!“ Er zog das Mädchen fort und bald ſtand das ſchönſte Paar des Dorfes vorn an in der Reihe. Unter Jauchzen und Muſik zogen ſie weiter. Burſche trugen mächtige Krüge und Becher, und ſchenkten den Alten und Armen ein, auch wohl ihren Befreundeten. Ueberall leerten ſich die Häuſer, und Alt und Jung trat auf die Straße. Manche Burſche hatten alte Muskedonner und krachten ſie mal los, was den Tumult und Lärm noch vermehrte. Bei jedem Hauſe, wo ein Mädchen war, das einen Buben hatte, der es zum Tanze führte, hielt der Zug an, bis Beide kamen. So wurden alle Paare geſammelt; alsdann zogen ſie langſam zum 3 Wirthshauſe, wo der Ausgangspunkt und der Verſammlungsort war. Als der Zug dort anlangte, war überall das Mittagsmahl vorüber. Allmählich reihten ſich Nußdorfer und Gäſte zu Haufen, und zogen auch langſam zum Wirthshauſe, wo der Tanz gehalten 3 werden ſollte. Der Raum war die große Zehntſcheune des Dorfes, die in Länge und Breite alle anderen übertraf. Auf dem Lehmeſtrich tanzte es ſich wundergut. Als die Paare dieſe Stätte der Luſt betreten hatten, und die Muſikanten unmittelbar aus einem Marſchtempo in das eines Tanzes übergingen, ſchaarten ſie ſich ſogleich in Reihen und der Tanz begann. Unter jubelndem Gejauchze ſchwangen hoch die Buben ihre Mädchen, und im wirbelnden Drehen flogen ſie dahin. Allmählich füllte ſich der Raum mit Alten, die an den Tiſchen ſich niederließen und auch die Räume des nahen Hauſes füllten. Pfriemer, Benz, Fechenheimer und der Spielmann ſaßen in des Hauſes geräumiger Unterſtube bei einander und viele noch bei ihnen, die ihres Mundes Feuerrede andächtig hörten. Andere gingen ab und zu. Ganz in einer dunkeln Ecke ſaß Märten Streffer lauſchend auf jedes Wort, wie eine Katze jede Bewegung des Mäusleins belauſcht, das noch nicht recht aus dem ſicheren Loche — 190— heraus will. Hatte der Wein ſchon daheim ihre Köpfe erhitzt, ſo wurde hier noch mehr getrunken, und die Wirkung des genoſſenen Weines immer merklicher an Worten und Geberden. Immer lebhafter ſprach der Spielmann von den Elſäſſern und ihren Thaten und Errungenſchaften. Das Alles klang ſo bockend, daß die Bauern immer lebhafter dafür erweckt wurden, zumal ſie hörten, wie ſie dort die Kloſtergüter theilten, die Wälder ſich zueig⸗ neten, die Klöſter und Burgen plünderten und in ihrem Ueberfluſſe ſchwelgten.„Die Herren ſtellten,“ ſagte der Spielmann,„Urkunden aus, wodurch die Leibeigenen gefreiet, die Abgaben für immer erlaſſen, und die Zehnten an Herren und FPfaffheit für immer aufgehoben würden. Das thäten ſie aber erſt dann,“ ſagte er, „wenn die Bauern im Kampfe es ihnen abrängen.“ Immer voller wurde es in der Stube. Der Raum faßte ſie nicht mehr. Die Fenſter wurden geöffnet, daß die Worte heraus⸗ tönen und auch von den Draußenſtehenden vernommen werden könnten. Der Tanz hörte auf. Da ergriff der Spielmann die Zither und das Bauernlied erklang wieder in ſeiner ergreifenden Weiſe. Da ſprang Pfriemer wieder auf und rief:„Wir wollen's auch ſo machen! Wer geht mit?“ „Wir! wir!“ riefen Alle ohne Ausnahme. „Der Spielmann ſoll unſer Führer ſein!“ ſchrie Fechenheimer. „Ja! ja!“ erklang's im wilden Chor;„aber Ihr, Pfriemer, Euer Heinz, der Fechenheimer und Benz ſollen Unterführer ſein!“ Da trat Heinz Pfriemer vor den Spielmann und ſah ihn durchdringend an. „Warum ſpielt Ihr Mummerei, Ritter von der Hauben?“ fragte er laut, daß es Alle hörten. Erſtaunt ſprangen ſie von ihren Sitzen auf.„Was? Wie?“ ſchrieen ſie durcheinander,„Der iſt's?“ „Werfet die Maske ab,“ ſagte mit feſter Stimme Heinz,„und ſteht Rede, ehe wir Euch folgen.“ Der Spielmann war bleich geworden. Er ſchoß giftige Blicke — 191— auf den kräftigen Jüngling, und es war ihm, als ſtünde er vor einer Macht, die ihn zur Rechenſchaft und Strafe zöge. Endlich ſtand er auf. „Woher kennſt du mich?“ fragte er mit ſchneidendem Tone. „Das thut nichts zur Sache,“ entgegnete Heinz,„wenn Ihr's ſeid. Aber ein andres gilt. Ihr wart ein Bauernſchinder und nun wollt Ihr ein Bauernfreund ſein, wo liegt die Bürgſchaft?“ Von der Hauben bebte im Bewußtſein ſeiner Schuld und in der Gefahr des Augenblicks. Ehe er antworten konnte, fuhr Heinz fort: „Wer es treu mit uns meint, ſei uns willkemmen, aber ich zerſchmettere mit meinem Morgenſtern jedem Treuloſen den Kopf, merkt Euch das. Und nun redet, ob wir Euch trauen können.“ Der Spielmann ſprang auf die Bank empor.„Hört mich Alle!“ rief er.„Es iſt wahr, ich bin Ritter Erasmus von der Hauben, aus altem, edlem Stamm. Es iſt wahr, daß ich mit dem Kerkermeiſter heimlich aus dem blauen Hute entwich; es iſt wahr, daß ich ein Führer der Bauern im Elſaß war und verkappt hierher kam, um auch euch zu helfen, daß ihr frei und eurer Bande ledig würdet, weil ich erkannt habe, daß es ein Unrecht iſt, daß ihr Leib⸗ eigene ſeid und ſo gedrückt werdet. Was ſie mir Schuld geben, iſt nur halb wahr; und geſetzt, es wäre wahr, ganz wahr, kann nicht beſſere Einſicht und Reue das gethane Böſe gut machen? Ich habe es ſchon dadurch gut gemacht, daß ich im Elſaß für der Bauern Freiheit ſtritt und, um euch ſie auch zu bringen, hierher kam. Daß ich es nur in dieſem Aufzuge wagen durfte, mögt ihr ſelber erwägen. „Daß ich die Klöſter brandſchatzte, das iſt meine Schuld, und darin ergriff mich der blödſinnige Pfalzgraf. Verdammt ſollen alle die ſein, die den Jvachimsthaler geſchoren auf dem Kopfe tragen und damit den klingenden in ihren bodenloſen Säckel bringen! Hätt' ich mich ſollen geduldig hängen laſſen?“ „Nein, nein!“ ſchrieen die Bauern,„Ihr hattet recht!“ „Daß ich nun euer bin mit Leib und Seele, das ſchwör' ich euch! Iſt das nicht genug? Findet ihr mich auf fahlem Pferde, ſo geb' ich euch das Recht, mich todt zu ſchlagen wie einen alten Hund.“ „Er ſoll unſer Feldhauptmann ſein,“ riefen die Bauern. Heinz, den die Rede des Mannes nicht überzeugt hatte, wollte nochmals das Wort nehmen; aber ſein Vater gebot ihm Schweigen. Alle Bauern ſtürmten fort, ſich zu bewaffnen, ſo gut ſie konnten. Einige eilten in die Kirche und läuteten Sturm. „Es war acht Uhr Abends, als ſich das Volk unter der Linde ſammelte. Da ſah man die ſeltſamſten Waffen. Kenlen aus Baum⸗ äſten, Heugabeln, Morgenſterne, alte Streitäxte und Streithämmer, Knüttel, Aexte, Spieße, Hellebarden und einige ſchwere Muskedonner mit Stativen dazu; aber in allen brennende Begierde zum Kampfe. Lautes Schreien und Heulen, Jammern der Weiber und Kinder, Jubeln der Aufruhrluſtigen, dazwiſchen das Heulen der Sturm⸗ glocken; es war ein betäubender Lärm. Vergebens war es, daß die Frauen und Mädchen flehten; umſonſt war es, daß der ehrwürdige Pfarrer bat, ſie möchten doch erſt den Weg der Güte verſuchen. Jene mußten verſtummen, dieſer ſich zurückziehen, wenn er nicht wollte ſich den roheſten Ausbrüchen der Volkswuth ausſetzen. Er ſchlich ſich hinweg wie die weinenden Frauen und Mädchen. Der Strom war wild über ſeine Ufer getreten; an ein gutwilliges Dämmen war nicht mehr zu denken, und das war wie ein Blitz⸗ ſchlag gekommen. Als ſich endlich der Tumult etwas legte und die Sturmglocke ſchwieg, trat Pfriemer auf den Steinring, welcher die Dorflinde umgab. 6. „Laßt uns die Sache ordnen,“ rief er,„daß es kein wildes, unordentliches Durcheinander werde. Auf allen Dörfern in der Umgebung hören wir das Sturmläuten, das dem unſrigen folgt; aber die Leute wiſſen nicht, was es gilt. Wir wollen Eilboten an ſie ſenden und ihnen kund thun, was wir wollen.“— „Recht! recht!“ riefen die Maſſen in einem Schalle. „Hört weiter,“ ſagte Pfriemer;„wir müſſen einen Sammelplatz haben, wo wir uns einigen, gliedern, ordnen und beſchließen, was zuerſt geſchehen ſoll.“ „Richtig!“ hallte es durch die Menge. „Ich ſchlage vor,“ fuhr er fort,„daß wir uns mit dem grauenden Tag alle bei dem Geilweilerer Hofe finden. Iſt euch das recht?“ „Ja, ja!“ ſchrieen Hunderte von Männern und Buben. „Dann raſch ans Werk!“ rief Pfriemer. Boten meldeten ſich freiwillig. Kirmeßgäſte waren es meiſt, die ſich erboten, in ihre heimathlichen Dörfer zu eilen, um dort die Kunde hinzutragen. Dieſe ſtoben nun auseinander. Die fünf Führer ordneten die zweihundert Nußdorfer und die Fremden, die da blieben, in vier Haufen. Erasmus ven der Hauben an der Spitze, die Zinkeniſten der Kirchweihe, luſtig blaſend, voraus, ſo brach der Zug im hellen Mondenlichte nach dem Geilweilerer Hof auf unter ungemeſſenem Jubel. Laut aber wurde ſchon der Ruf, daß der Zug nach dem Kloſter Hördt müſſe gerichtet ſein. Das war in Nußdorf reich begütert, und dort war Alles in Hülle und Fülle zu finden. Daheim aber blieben die weinenden Kinder und die jammernden Frauen und Mädchen, deren Kirchweihfeſt ſo bitter unterbrochen und in Leid verkehrt worden war. So bot das erſt noch in Luſt ſchwim⸗ mende Dorf das Bild jenes erſchütternden Wechſels dar, der im Leben des Einzelnen ſo nahe den Schmerz der ausgelaſſenen Freude bringt und das heitere Lachen des Scherzes in bittere Thränen des Schmerzes umwandelt. Nahe dem Ofen in der Wirthsſtube hatte Märten Streffer geſeſſen, tief herabgedrückt, daß ihn Pfriemer's Blicke nicht trafen. Er war Zeuge aller der Auftritte, die ſich dort ereigneten, hörte Alles genau, was vorging. Als die Bauern fortſtürmten, folgte er unter die Linde, damit ja nichts geſchähe, das ihm verborgen bliebe. Als nun dort die Boten ausgeſandt wurden, als der Geilweilerer Hof als Sammelplatz erwählt worden und die Mehrheit der Stim⸗ men auf das Kloſter Hördt gefallen war, das zerſtört werden ſollte, da galt's ihm Eile, gen Germersheim aufzubrechen. Es war Mitternacht geworden im bunten Wechſel dieſer Ereig⸗ V. 13 niſſe. Der Mond ſtand hoch am Himmel und verbreitete faſt Tageshelle über die Gegend. Märten kannte alle Seitenwege und Fußpfade der Gegend ſo genau wie ſeinen Wammsſäckel. Kein Schlupf war ihm im Wald und auf dem Blachfelde fremd; denn er fing heimlich in den Forſten das Wild in Gruben und Schlüpfen und die Droſſeln, die Wachteln, die Krammetsvögel, Haſel⸗ und Birkhühner, um damit den Gaumen des Herrn von Fleckenſtein, der des Kurfürſten Vogt zu Germers⸗ heim war, zu laben und ſich ſeine Gunſt zu erwerben, denn er buhlte um Löſung ſeiner Leibeigenſchaft ſchon viele lange Jähre. So bruch er denn auch jetzt auf und Niemand ſah ihn weg⸗ gehen. Wo ihm aber ein Bote begegnete, wenn er nämlich ihm gar nicht ausweichen konnte, da gab er ſich kecklich auch für einen Boten aus, und ſeiner gewandten Zunge gelang es trefflich, Jeden zu überzeugen, er gehe dieſelben Wege im Dienſte der aufſtändiſchen Nußdorfer. Jacob von Fleckenſtein hieß der Ritter, der des Kurfürſten Vogt zu Germersheim war zur ſelbigen Zeit. Der Ritter von Fleckenſtein war ein dicker, wohlgewampter Herr, deſſen Bauch weit vorſtand, deſſen feiſtes Geſicht den Schlemmer verrieth, deſſen rothe Naſe Kunde davon gab, daß er des Weines goldene Fluth mehr liebe als die augenklärende des Quells. Er liebte die Ruhe wie alle fetten Leute und verſäumte es nicht, wenn er daheim war zu Germersheim, nach dem Morgen⸗ imbiß ſein Schläflein, nach dem Mittagsmahle ſeinen Schlaf zu halten und Abends bei Zeiten das weiche Lager zu ſuchen, wozu ihn dann freilich der ſelige Duſel genoſſenen Weines gar gebiete⸗ riſch mahnte. Sein Regiment im Lande war nicht eben ſtrenge; aber hatte er einen Pick auf irgend Einen, ſo drückte er ihn weidlich oder ließ ihn drücken, und freute ſich deß weidlich, wenn's eben nach Wunſch gelungen war. Abſonderlich haßte er die, welche es wagten laut über Unrecht zu klagen. „Ich will den Maulfechtern das Handwerk legen,“ ſagte er — 195— dann, und er that's auch. So hatte er den Pfriemer zu Nußdorf auf dem Striche. Wo er ihm eins verſetzen konnte, da ſäumte er nicht. Um aber genau Alles zu wiſſen, unterhielt er überall Kund⸗ ſchafter, und Einer der beliebteſten, weil auch gewandteſten, war Märten Streffer. Tief lag der Ritter in den Armen des erquickenden Schlafes jenſeit Mitternacht. Alles war friedlich und ſtille, und keine Seele ahnte die Stürme, welche wie ein Wirbelwind auf der Nußdorfer Kirmeß begannen, dann aber wild und verderbend über das Land hin ſich verbreiteten. Am erſten Oſtertage war Herr Jacob von Fleckenſtein gen Speier geritten, daß er im Dome ſeine öſterliche Zeit hielte, aber daneben auch des Herrn Biſchofs Capaunen zuſprechen könne benebſt dem köſtlichen Weine, der in ſeinen mächtigen ſilbernen Pokalen Perlen ſchlug. Dieſes Mal hatte er's extra getroffen. Der Herr Biſchof war gut auf Kurpfalz zu ſprechen, und der Confrater zu Worms hatte ein Fäßlein jenes herrlichen Weines zum Oſtergruß geſendet, der um die Liebfrauenkirche zu Worms wächſt und den Namen„Lieb⸗ frauenmilch“ trägt. Geizig war der Biſchof nicht. Was er Gutes hatte, das ließ er ſeine lieben Gäſte mitgenießen. Zwar waren nach dem Jäger⸗ ſprüchlein die Schnepfen vorüber, das nach den Sonntagen vor Oſtern alſo heißet: „Oeuli— da kommen ſie; Lätare— da kommen die wahre; Judica— dann ſind ſie wohl noch da; Palmarum— tralarum!“ Aber der Märten Streffer hatte noch ein halb Dutzend Nachzügler in ſeinen Schneußen gefangen, und die hatte der Ritter Fleckenſtein als Vorboten ſeines Kommens dem Herrn Biſchof verehrt. Da war denn der Ritter ein willkommener Gaſt, denn der Herr Biſchof liebte — 196— die Schnepfen über die Maßen, und ſein Koch konnte ſie zubereiten, daß der Kaiſer davon entzückt worden wäre. Als nun der Ritter Fleckenſtein Abends heimreiten wollte, paſſirte es ihm höchſt unangenehm, daß er zwar links aufſtieg, aber rechts heruntergeſunken wäre, wenn nicht ſein Knappe und des Herrn Biſchofs Diener ihn zur rechten Zeit aufgefangen hätten. Sie mußten freilich Hilfe herbeirufen, denn für Zweie war die Laſt zu ſchwer, allein es gelang doch ganz ohne ſein eigenes Zuthun, ihn herunter, die Stiege hinauf und in das Lotterbette zu bringen, wo des Biſchofs Gäſte ihren Rauſch auszuſchlafen pflegten. Da es ihm nun in Speier ſo abſonderlich gut gegangen war, blieb er auch noch den zweiten Oſtertag da und ritt erſt Abends heim und war auch im Stand, allein im Sattel ſich zu halten. Nach ſolchen Anſtrengungen bei Speiſe und Trank hielt ihn keine Macht der Erde bis zehn Uhr außer dem Bett. Ehe er aber das hohe Polſterbett beſtieg, ſagte er zu ſeinem Knappen:„Jochem, geh' in das kleine Kellerchen, du weißt's ſchon, da liegt rechts neben dem Forſter eine Reihe Krüglein, darin ſüßer Franzwein iſt, den mir der Gerolsecker verehrt hat. Hol eins; ich denke es wird mir den Jammer vertreiben, den ich im Kopfe, Magen und Gebeinen fühle.“ Der Knappe ging hinab, wie er geheißen worden, ſetzte aber den Krug an den Hals, trank ihn halb leer und ließ ihn dann an dem Krahnen, der in dem Faſſe Guntersblumer Rothen ſteckte, wieder voll laufen und— kredenzte den Franzwein. Der Fleckenſteiner trank zwar, ſetzte aber ſchnell wieder ab. „Es iſt doch ganz verwunderlich! Mein Magen muß gottlos ver⸗ dorben ſein, denn das köſtliche Tröpflein, das die heiße Sonne Frankreichs kochte, ſchmeckt mir bitter und herbe!“ „Ihr habt des Guten zu viel genoſſen,“ ſagte der Knappe mit eiſerner Kaltblütigkeit;„da iſt am Ende das Köſtlichſte nicht mehr im Stande den Gaumen zu reizen.“ „Verſuch du's mal, Jochem!“ ſagte er und reichte ihm den Becher. Der zog ihn leer bis auf die letzte Thräne. „Herr,“ ſagte er,„es muß mit Eurem Magen übel ſtehen, — — — 197— denn das iſt ein Trank, der den Herrn Biſchof erquicken würde. Wißt Ihr was, nehmt ein Becherlein bitteren Alantweines, wie Ihr ihn von Eurem Collegen in Bacharach bezogen habt und wie ſie ihn dort bereiten. Der wird Euch wieder in den Bügel helfen.“ „Du haſt recht, Jochem,“ ſprach Fleckenſteiner,„geh' und hole. Schütte den Reſt in das Faß Guntersblumer, daß es nicht Kahnen zieht.“ Der Knappe ging und ließ den Rothen in ſeine Gurgel fließen, brachte den Alantwein, und Fleckenſtein ſtürzte ihn mit Todesver⸗ achtung hinunter, verzog aber das Geſicht grimmig.„Es iſt eine rechte Arznei,“ ſagte er,„ſchmeckt aber, als hätt's des Teufels Großmutter ihrem Enkel zur Magenſtärkung gebraut! Nun löſch' das Licht aus und geh, ich will ſchlafen!“ Er legte ſich herum, und ehe noch der lachende Knappe das Vorzimmer ver⸗ laſſen, hörte er ſchon jene langgezogenen, unmelodiſchen Töne, die dem kundigen Ohre den tiefen Schlaf feiſter Leute verkünden. Nicht lange nachher erloſchen die Lichter in der Burg. Es wurde todtſtille und nur der Thorwächter ſaß beim Lichtglanz der Ampel in ſeinem Stübchen— und— duſelte. Die Sterne wollten ſchon bleicher werden, da that es drei mächtige Schläge wider die Zugbrücke, die über den Graben ſumpfigen Waſſers führte. Es waren Steine, die heftig dawider geworfen wurden. Die Hunde begannen im Burghof ein hölliſch Gebelle und der Wächter fuhr aus ſeinem Schlaf auf. „O wärſt du in der Hölle!“ ſagte er für ſich und öffnete das kleine Lugfenſterlein. Da ſah er eine dunkle Geſtalt jenſeit des Grabens ſtehen. „Du Bengel,“ ſo fandte er ſein Willkomm hinüber,„wie magſt du ſo unverſchämt werfen?“ „Du hörſt ja nicht, du Siebenſchläfer, wenn man ſich auch die Lunge aus dem Leibe ſchreit. Mach' ſchnell und laß die Brücke nieder! Es eilt!“ rief Märten Streffer dem ſchlaftrunkenen Wächter zu. 33 8 — 198— „Biſt du's, du rothe, ſcheele Nachteule?“ brummte der Wächter.„Da muß ich wohl aufmachen, denn es muß etwas Abſonderliches ſein.“ Die Zugbrücke raſſelte nieder und der Wächter ſchloß, nachdem er die Hunde durch Schelten beſchwichtigt, das kleine Pförtlein auf, durch welches Märten Streffer, von Schweiß triefend, ſchnell hereintrat. Die Brücke wurde wieder aufgerollt, das Pförtlein geſchloſſen und Märten ſtand im Burgringe. „Schnell, ſchnell,“ drängte er.„Laß mir den Herrn Vogt wecken.“ „Das mag der Teufel thu ſagte der Wächter,„du weißt, der verſteht in dem Artikel keinen Spaß.“ „Und wenn's deinen Kopf koſtete,“ rief Märten,„er muß ſchnell geweckt werden.“ „So leg' deinen hin,“ ſagte ruhig der Wächter„Ich habe nur den einen, und wenn's um den geſchehen iſt, iſt's alle!“ „Mach' keine Späße, Jäckele,“ ſagte Märten.„Die Zeit zum Spaßen iſt jetzt nicht. Das ganze Land am Gebirge iſt im hellen Aufruhr. Du ſiehſt, da iſt der Scherz vorüber! Wecke mir nur den Jochem, das Uebrige überlaſſ' mir.“ Der Wächter erſchrack.„Iſt's wahr?“ fragte er faſt zitternd. „Freilich!“ rief Märten Streffer.„Käm' ich ſonſt um dieſe Zeit und ſo mit Schweiß bedeckt?“ Das machte dem Wächter Beine. Er ſchloß die innere Burg⸗ pforte auf und verſchwand mit Märten innerhalb derſelben. Von des Wächters Laterne geleitet erreichten ſie Jochem's Kammer; aber auch hier koſtete es Mühe den Schläfer zu wecken, auf deſſen Augen der Franzwein eine bleierne Kappe gelegt hatte. Als er aber eben hörte, wie es ſtand, ging er in ſeines Herrn Kloſett. Es war indeſſen auch keine leichte Arbeit, den wach zu bringen, wenn er einmal ſchlief. Nach vielem Rütteln, Schütteln und Ruſen richtete er ſich endlich auf.„Was gibt's, du Hund? was weckſt du mich?“ „ „———————— —— ——— — —.—.——— 09— „Haltet zu Gnaden, geſtrenger Herr, ich muß,“ ſagte der Knappe,„denn es iſt ein Eilbote da.“ „Jochem,“ ſprach der Vogt,„ſag' ihm, es würde keine ſolche Eile haben.“ „Doch, doch, geſtrenger Herr!“ rief Jochem. „Iſt er von Heidelberg?“ fragte der Ritter ſich wieder herum⸗ drehend. „Nein, Herr, es iſt der Märten Streffer von Nußdorf. Er iſt die Nacht gelaufen und trieft von Schweiß. Die ganze Pfalz iſt in Aufruhr!“ rief der Knappe. „Alle Peſt! Wer ſagt das?“ fragte der Ritter und ſetzte ſich hell und klar erwacht im Bett auf. „Ich ſag's Euch ja, der Märten Streffer!“ ſprach der Knappe. „Laß ihn herein, ſchnell, ſchnell! Hol' mir auf den Schrecken gleich einen Krug Franzwein! Hörſt du? Der Schrecken hat meine Gurgel getrocknet. Geſchwind! geſchwind!“ Der Knappe lief was er laufen konnte, und ſogleich trat Märten herein mit demüthigem Neigen des Hauptes und Gruße. „Sag's an, Märten!“ rief ihm der Ritter zu. „Gelt, geſtrenger Herr,“ begann Märten,„Ihr wolltet mir niemals glauben, wenn ich Euch ſagte, das fahrende Volk bringe aus dem Elſaß alle paar Tage neue Mähr, wie es dort gehe; und der alte Pfriemer zu Nußdorf habe Feuer gefangen? Nun brennt's lichterlohe!“ „Wo? Märten, wo?“ rief der erſchrockene Ritter. „In Nußdorf, aber es läutet Sturm die ganze Nacht in allen Dörfern bis auf zwei Stunden von Nußdorf im Umkreiſe.“ Nun erzählte Märten Alles genau, wie es ſich zugetragen, und ſparte nicht die Farben recht dick aufzutragen, da er des alten und des jungen Pfriemer's gedachte. Als er im Verlaufe ſeiner Erzählung auf den Spielmann zu reden kam, ließ er ein Wörtchen fallen, daß er ihn kenne. „Warum nennſt du den Strolch nicht?“ fragte der Vogt. „Ja, Herr Ritter,“ ſagte Märten,„Ihr ſagt immer, Adler⸗ * — augen habe nur ein Ritter. Ich glaube aber, daß ſie dieſesmal der leibeigene Bauer auch hatte; allein Ihr glaubt mir's nicht.“ „Ich will's ja glauben!“ ſchrie Jacob von Fleckenſtein.„Sag' es nur!“ „Es iſt Erasmus von der Hauben, der dem„blauen Hut“ entſprungen iſt!“ ſprach, ſtolz auf ſeine Entdeckung, Märten. Der Vogt ſah ihn betroffen an. „Woher weißt du das?“ fragte er dann—„oder welche Kennzeichen haſt du?“ „Ein Freund in Speier ſagte es mir,“ fuhr Märten fort— „und ich habe ihn ſo oft geſehen. Wenn auch mein Auge ſcheel iſt, ſo iſt doch das andere deſto ſchärfer.“ Der Vogt brummte halblaut:„Der mag von Glück ſagen, daß er dem„blauen Hut“ und dem hänfenen Halsband entſchlüpfte. Heutzutage noch Straßenr—“ das Wort blieb ihm jedoch in der Kehle ſtecken und er ſetzte ſchnell an deſſen Stelle—„Wegelagerei treiben, iſt doch mehr als Keckheit! Der Eſel! die Zeiten ſind herum und andere, noblere Paſſionen gibt es jetzt für den Adel. Der Teufel hat die Donnerbüchſen erdacht! die haben dem Ritter⸗ thum den Hals gebrochen, und das verdammte Reichskammergericht — dieſe langſame Auszehrung! Aber es iſt ſchade um ihn. Er war eine luſtige Haut!“— Laut ſagte er:„Alſo den hätteſt du erkannt? Haſt du dich auch nicht geirrt?“ „So gewiß ich eine Droſſel von einem Stoßfalken unterſcheiden kann! Geſtrenger Herr, glaubt mir, er iſt's. Ich ſagt's dem Heinz Pfriemer, und der freche Bub' hat's ihm ſchnurſtracks unter die Naſe gerieben und ihm vorgehalten, er ſei ein Bauernſchinder geweſen.“ „Was hat er denn da gemacht?“ fragte geſpannt der Vogt. „Nun, was wollt' er machen?“ ſagte Märten;„er hat's bekannt, daß er der Ritter Erasmus von der Hauben ſei, er habe ſein großes Unrecht eingeſehen und wolle ſich beſſern.“ „Das hat er zu den Bauern geſagt?“ fragte der Vogt.— „So ſoll ihn der Blitz mitten auf ſeinen Hundekopf treffen!“ — 201— * „Was wollt' er machen? geſtrenger Herr,“ fuhr Märten fort. „Er findet jetzt nur im Aufruhre ſeine Rache und ſein Fortkommen, denn heimkehren darf er nicht.“ „Verflucht!“ rief der Vogt;„aber, Kerl, du haſt recht und ich ſehe, daß du Verſtand haſt. Sag', waren viele Bauern in Nußdorf?“ „Das mein' ich,“ antwortete Märten.„Unſere Kirchweih iſt die berühmteſte in der ganzen Pfalz. So an tauſend Menſchen mögen leicht im Dorfe geweſen ſein, ein Paar drüber, ein Paar drunter, wer kann's ſo genau wiſſen, ohne ſie gezählt zu haben? Freilich iſt da Weib und Kind, Jung und Alt mitgerechnet.“ „Auf den Dörfern läuteten ſie Sturm?“ fragte der Ritter, wie wenn er träumte. „Hab's Euch ja geſagt, geſtrenger Herr,“ verſetzte Märten Streffer faſt ärgerlich über das tolle Durcheinanderfragen des Vogtes. Der Knappe hatte während der Unterredung den Krug gebracht und ohne Aufhören ſog der Ritter an ſeinem Halſe, bis er ihn geleert hatte auf die Neige. Es war, als ob mit dem Wein erſt Leben in ihn käme. „Hole dem Märten ein Krüglein Plempel und etwas zur Atzung,“ ſagte er jetzt zum Knappen.„Der arme Kerl iſt die Nacht hindurch gelaufen und der Magen mag ihm ſchief liegen. Er muß Kräfte ſammeln, denn ich brauche ihn.“ Darauf wandte er ſich an Märten:„Was haben die Racker von Bauern denn eigentlich für Pläne? Du haſt das ja doch wohl gehört?“ „Meint Ihr,“ entgegnete der Kundſchafter,„der Bauer ſei ohne Verſtand? Fehlgeſchoſſen, geſtrenger Herr! Der von der Hauben iſt ein Mönchs⸗ und Kloſterfeind; die Bauern gehen weiter. Sie wollen die Ritter todtſchlagen, die Burgen verbrennen, die Leibeigenſchaft und alle Abgaben, Zinſe, Theile abſchaffen; freie Jagd, freien Fiſchfang, kurz, der Ritter ſoll Bauer werden oder ſterben, und der Bauer will Ritter ſein. Da habt Ihr's kurz! Iſt's Euch geng?“ ———————— — 202— Der Vogt ſchwieg. „Heute Nacht noch,“ fuhr Märten fort,„ziehen ſie nach dem Geilweilerer Hofe, wo die vielen Pfälzer Zehntweine in den Kellern liegen, dort halten ſie Nußdorfer Kirmeß. Wenn aber morgen Abend von dem Weine noch ein Tropfen übrig iſt, ſo ſollt Ihr mich pflöcken, vorausgeſetzt, daß Ihr ſo ruhig im Bette bleibt und ſie ruhig gewähren laſſet.“ „Blitz und Hagel!“ ſchrie plötzlich der Vogt.„Jochem! Jochem!“ Der Knappe ſtürzte herbei. „Meine Kleider, meinen Harniſch und Helm! Laß die Rott⸗ meiſter der Landsknechte wecken. Alles muß heraus. Wir ziehen mit dem grauenden Tag ab. Das will ich ihnen eintränken, den Hunden!“ ſchrie er. Nun gab's Leben. Er war wie ein Gedanke aus dem Bett und angezogen. „Soll ich Euch den Harniſch gleich anlegen?“ fragte Jochem. „Meinſt du, ich wäre ein Engel, oder könnte vom Morgen⸗ winde ſatt werden, Eſel?“ fragte er zornig.„Nur geſchwind etwas zu nagen her!“ „Das ſag' ich dir, Märten,“ ſprach er zu dieſem,„wenn ſie bloß den Glatzköpfen aufs Tapet wollten, ſo ließ ich mir's noch gefallen; ich kann ſie auch alle nicht leiden vom Papſt bis zum Frühmeſſer; aber wenn ſie an des Landesherrn Recht und Gut und an den Adel wollen, ſo haben ſie's mit mir zu thun.“ „Wie, die Klöſter dürften ſie plündern?“ fragte Märten Streffer. „Wer ſagt das, du Narr?“ fragte er zurück, ſein unbeſonnenes Wort verbeſſernd.„Ich bin des Herrn Kurfürſten Vogt und will ihnen mit meinen Landsknechten am Geilweilerer Hofe ſchon in die kurzen Rippen fahren, daß ihnen das Tanzen auf der Nußdorfer Kirmeß vergehen ſoll. Und krieg' ich den Pfriemer, ſo will ich ihm das hänfene Halsband um ſeinen Spitzbubenhals legen, daß er vom Aufruhre geneſe.“ — — 203— Der Knappe hatte Wein und Speiſen gebracht, dazu dampfendes Warmbier, das der ſchnell geweckte Koch bereitet hatte, weil er die anſehnlichen Nahrungsbedürfniſſe ſeines Herrn genau kannte. Wäh⸗ rend der Vogt zu eſſen und zu trinken anhub und Märten Streffer ſich auch anſchickte, ſeinen Hunger und Durſt zu ſtillen, traten die Rottmeiſter ein. „Halloh, ihr Rottmeiſter!“ rief der Vogt,„es gibt Arbeit. Die Bauern im Gebirge ſind aufſtändiſch geworden. S gibt eine luſtige Bauernjagd. Laßt die Trompeter blaſen, daß man's zu Speier hört, und ſchnell aufſitzen; aber eſſet und trinket erſt, ſetzte er gutmüthig hinzu, daß es den Kerlen nicht unterwegs hohl und ſchwindelig wird!“ „Geſtrenger Herr,“ fiel ihm Märten in die Rede,„wenn Ihr, wie's die Buben bei den Vogelsneſtern machen, die Alten mit den Jungen auf dem Neſte fangen wollt, ſo bitt' ich, thut fein zimperlich und fein ſachte. Sie denken nicht an Euch. Macht Ihr aber viel Lärm, ſo iſt's vorbei. Fangt Ihr den Erasmus von der Hauben und die zwei Pfriemer ſammt dem Jacob Fechenheimer von Bechingen, ſo glaub' ich, wäre dem Aufruhre der Kopf abgeſchnitten; aber der Ritter verſteht das Kriegshandwerk auch und wird ſeine Wachen ausſtellen, daß Ihr ihn ſo leicht nicht überrumpelt. Thut Ihr aber langſam, ſo kann's ſein, daß es Euch doch gelingt, denn die Bauern betrinken ſich, wenn ſie's umſonſt kriehen. 2 „Du haſt recht,“ ſagte der Vogt; dann wandte er ſich an die Rottmeiſter.„Ihr ſeht, man muß im Eifer noch von den Bauern lernen. Geht und thut Alles fein ſtill ab.“ Sie gingen. Der Vogt ſaß ſtill da und aß und trank mit großer Behendigkeit und Eifer. Auch Märten that deßgleichen. Beide gaben ſich ihren Gedanken hin. Der Vogt erwog es, ob er eine Botſchaft an den Kurfürſten ſenden ſollte oder nicht. Märten ſah ſich im Geiſte bei den Bauern. Er überlegte, wie er ſeine Rolle zu ſpielen habe, daß er mit eſſen und trinig rauben und ſtehlen und doch den Verräther ſpielen könne. „Plötzlich rief der Vogt:„So muß es ſein!“ —————————— Er war nun mit ſich im Klaren. Niemand anders als Märten Streffer durfte die Botſchaft übernehmen. Sandte er einen Andern, ſo mußte er einen Brief ſchreiben, und das ging langſam, denn er mußte viel Zeit haben, um ſeine Katzenfüße, die dennoch nicht leicht Jemand leſen konnte, aufs Papier zu malen Der wußte Alles und konnte es mündlich ausrichten.„Höre, Märten,“ ſagte er, „du mußt noch heute nach Heidelberg, um dem gnädigen Herrn Kurfürſten, den du ja kennſt, Alles mündlich zu ſagen.“ Das fuhr quer durch Märten Streffer's Pläne.„Ihr denkt, meine Knochen ſeien von Eiſen,“ ſagte er.„Wie ſoll ich das fertig bringen? Ich kann's nicht!“ „Du mußt!“ rief der Vogt. „Schlagt mich lieber gleich todt!“ ſprach Märten kalt, der wohl erkannte, daß es kein Anderer könne, und ſeine Dienſte im Werthe ſteigern wollte. „Märten,“ rief der Ritter Fleckenſtein,„wenn nun deine Freiheit der Preis wäre?“ „So ging ich in den Plan ein, und wenn ich hinkriechen müßte!“ rief Märten. „Es ſei!“ ſagte der Vogt und ließ ſich den Kaplan rufen. Als dieſer kam, ſagte er ihm, er ſolle an den Kurfürſten einen Brief aufſetzen, worin er ihm meldete, daß er dem todmüden Märten Streffer von Nußdorf, der ihm die Hiobspoſt des Aufruhres ſchnell bringen wolle, die Freiheit als Preis zugeſagt habe. Der Kaplan eilte hinweg, und ehe noch der Ritter völlig geharniſcht war, brachte er das Schreiben wieder, das Fleckenſtein unterzeichnete und Märten übergab. Eine Viertelſtunde ſpäter ritten die Landsknechte mit dem Vogt aus der Burg, nachdem Märten ihnen den Weg beſchrieben, und dieſer ſelbſt eilte pochenden Herzens zum Rheine, wo ihn ein Färcher ſchnell ans andere Ufer führte, von wo er ſo leicht, als habe er die Nacht durchſchlafen, ſeinen Weg antrat. v. In friedlicher Stille lag der Geilweilerer Hof, rings umgeben von Fruchtwäldern, Wieſen, Gärten und Weinbergen. Hohe weit⸗ äſtige Nuß⸗ und Kaſtanienbäume umgaben die Wohngebände und Scheuern und Ställe. Der Hof war ein Regal und der Bauer, der darauf im Erbpachte ſaß, ſtand ſich gut und war allgemein bei Hoch und Nieder, Alt und Jung beliebt. Unter den Gebäuden aber liefen mächtige Keller hin, in denen der Zehntwein der Pfälzer Dörfer lag. In tiefem Frieden lag der Hof, als gegen drei Uhr des Morgens die Hunde zu bellen begannen. Der Hofmann ſprang aus dem Bett und riß den Laden auf. Mit Entſetzen vernahm er den wilden Gefang. des Nußdorfer Haufens, der von der Höhe herabſtieg. Ganz unbekannt mit dem, was das bedeuten ſolle, kleidete er ſich ſchnell an und ging ihnen entgegen. Da vernahm er mit Entſetzen ihre Abſicht; aber er war auch klug genug, dem Strome nicht entgegenſchwimmen zu wollen. Nur flehte er, ſie möchten doch ihn nicht verderben. Dies wurde ihm unbedingt zugeſagt und auch ehrlich gehalten. Da aber die Nacht friſch war, ſo mußte er die Keller öffnen und die Bauern begannen ein Gelage, das kaum irgendje ſeines Gleichen hatte. Im Gemache ſaßen die beiden Pfriemer, Benz und Fechen⸗ heimer. Was ſie beſonders beſchäftigte, war das ganz unerklärliche Verſchwinden des Erasmus von der Hauben. „Wird er uns nicht dem Vogt verrathen?“ fragten ſie ſich. „Dem können wir begegnen,“ meinte Jacob Fechenheimer, „wenn wir ein Dutzend der Zuverläſſigſten auswählen und ſie als Lugpoſten, als Feldwachen ringsum auf die Höhen ſtellen, ſobald der Tag kommt.“ Sie gingen hinaus, ſich Wachen auszuſuchen; aber von allen Seiten ſchallte ihnen der wilde Geſang entgegen: — 206— „Das große Faß iſt unſer Faß!“ Alle ohne Ausnahme waren völlig trunken, und nicht Wenige lagen vom Rauſche überwältigt hier und dort in den Ecken und ſchliefen wie die Säcke. 3 Ehe ſie in der Verlegenheit einen Rath gefaßt, hörte man Pferdegetrappel auf dem Hofe. Nicht ohne Angſt ſah der alte Benz zum Fenſter hinaus und berichtete dann, Dreie ſtiegen eben von ſtattlichen Roſſen, doch ſei es der dicke Vogt nicht; den kenne er auf eine Wegſtunde am dicken Bauche. Bald darauf trat Ritter Erasmus in vollem Schmuck und in der vollen Wehr des Ritterthums in das Gemach. Als er aus dem Elſaß kam, hatte er ſeine Roſſe und ſeinen Knappen mit dem entflohenen Kerkermeiſter im Wald unfern des Dorfes Annweiler verborgen bei einem Köhler, den er durch Geld ſich zu eigen gemacht. Um nicht länger in der lumpigen Tracht eines Spielmannes umher⸗ zugehen und einen größeren Einfluß zu gewinnen, war er dorthin geeilt und war dann in wildeſter Eile hierher geritten, weil er das befürchtete, was bereits in weiteſter Ausdehnung eingetreten war. Zum Glücke für die trunkenen Nußdorfer kamen jetzt von allen Seiten die neuen Zuzüge von Bauern. Der Ritter ſtellte von dieſen Feldwachen aus und bewirkte auch, daß nicht das Uebermaß des Weins auch die neuen Ankömmlinge völlig kampfunfähig mache, wenn etwa der Vogt mit ſeinen Landsknechten käme, ſie zu überfallen. Dennoch ging die großartigſte Trinkerei ihren Gang fort, und die am Abend geendet, begannen am Morgen aufs Neue. Plötzlich aber, nachdem es hell geworden, ſtürmten die Wachen herbei und das Geſchrei:„Der Vogt! Der Vogt!“ brachte eine Verwitrung hervor, die jede Beſchreibung übertrifft. Wild rannten Alle durcheinander, Trunkene und Nüchterne; aber mancher Rauſch verflog ſchnell und gab klarem Bewußtſein der Gefahr völligen Raum. Der Ritter Erasmus und die Nußdorfer Führer eilten hinaus. Die wenigen Büchſenſchützen wurden auf eine Anhöhe hinter dem Hofe poſtirt; Andere ſtellten ſich tiefer und höher auf, und trugen Haufen von Steinen herbei, um mit einem Steinhagel die Lands⸗ —— — —.— — 207— knechte zu begrüßen. Viele ſchlichen heimlich davon, die eigene Haut in hinlängliche Sicherheit zu bringen⸗ Das Land war einem Reiterangriff durchaus ungünſtig; denn ſein Anſteigen legte, wenn irgend ein tapferer Widerſtand geleiſtet wurde, in die Hand der Bauern den Sieg. Sowohl die Führer als der Ritter Erasmus ſetzten indeſſen wenig Hoffnung auf einen Sieg, wozu ſie bei der herrſchenden Trunkenheit und Feigheit der Bauern auch nicht berechtigt waren. Mit unſäglicher Mühe war endlich ſo weit die Ordnung her⸗ geſtellt, als die Landsknechte erſchienen. Schüſſe knallten und ein fürchterliches Halloh der Bauern empfing ſie. Raſch und energiſch war ihr Angriff. Einige Landsknechte fielen, aber auch mancher Bauer. Nach kurzem Kampfe flohen die Bauern den Höhen und dem Walde zu, erſt einzelne, dann in Haufen, endlich alle. Die Landsknechte verfolgten ſie höhnend und ſpottend, und nach wenigen Stunden war um den Hof und in ſeiner Umgebung Niemand von den Bauern mehr ſichtbar als die Todten, die Ver⸗ wundeten und eine Schaar Gefangener, die der Trunk unfähig gemacht hatte zu fliehen. Der Vogt ritt zum Hofe zurück. Seine Wuth legte ſich. Er brach in ein lautes Gelächter aus, das ſo urkräftig war, daß ſein Bauch wackelte und es die Landsknechte ſelber unwiderſtehlich mit fortriß. „Das war ein Stücklein Bauernkrieg,“ rief der Vogt aus— „das den Pfälzer Muth bewieſen hat. Meiner Treu'! er iſt wie Aprilſchnee, der nicht bis zum Morgen währt, wenn er Abends gefallen iſt. Ein ſolches Gelächter nach einer Schlacht iſt unerhört, aber das beſte Siegeslied!“ „Sollen wir ſie verfolgen?“ fragten die Rottmeiſter. „Laßt die Haſen laufen,“ erwiederte gutmüthig der Vogt. „Was ſollen wir ſie todtſchlagen? Ich wette, der Spaß hat ein Ende. Es iſt ſchade, daß es nicht Faſtnacht heute iſt. Dazu wär's eben angethan.“ — 208— „Wir wollen uns laben nach dem Ritte, wenn das Bauernvolk uns etwas übrig ließ, und dann durch die Dörfer reiten, um zu ſehen, was dort geſchieht.“ Wohl hatten die Bauern ordentlich aufgeräumt; aber der Hof⸗ mann konnte doch ſeine Gäſte laben und that's um ſo lieber, als ſie ihn von großer Furcht befreit; denn wenn die Trunkenen ihr gegebenes Wort vergaßen, das erkannte der Mann wohl, war's auch um ihn und ſein Eigenthum geſchehen. Nachdem Hunger und Durſt geſtillt und die Pferde erquickt waren, ſaßen Vogt und Landsknechte auf und ritten mit ihren Gefangenen heim, den Hofleuten es überlaſſend, die wenigen Todten zu beſtatten. Wo der Vogt durchkam, war's ſtille wie im Erabe. Weiber, Kinder und Greiſe verbargen ſich ſcheu, und gegen Mittag ſchon machte der Vogt mit ſeinem Fähnlein Kehrt! und ritt unter Lachen und Späßen gen Germersheim. „Hab's doch gedacht, Jochem,“ ſagte er zu ſeinem Knappen, „daß der Märten aus einer Mücke einen Elephanten gemacht hat! das iſt ſo feiger Bauern Art. Wußt's im Voraus, daß es ſo kommen würde!“ Und dennoch hatte er ſich getäuſcht! Nachdem die Reiter abgezogen waren, fanden ſich die Ent⸗ flohenen wieder zuſammen. Erasmus donnerte in mächtiger Rede ſie an. Er wies auf das Elſaß hin, wo die Bauern tapfer ſtünden und ſelbſt die Ueberzahl ihrer Feinde vertrieben hätten.„Er wolle,“ ſagte er,„nicht länger unter dem Haſenpanier befehlen. Er gehe in das Elſaß zurück, um mit Männern für die Freiheit und das gute, alte Recht zu kämpfen.“ Nach ihm ergriff Pfriemer das Wort. Es ſprudelte über ſeine Lippen. Sein Zorn brach wie ein Waldſtrom hervor, den ein Wolkenbruch geſpeiſt. Scham und Reue malten ſich in allen Geſichtern. Endlich baten ſie den Ritter und ihre Führer, ſie nicht zu verlaſſen, und ſchwuren, künftig feſtzuſtehen und muthig zu ſtreiten. Ein Beſchluß wurde gefaßt, nämlich der, am andern Morgen in der Frühe in — — ————————— — — 200— Nußdorf ſich zu verſammeln und dann gegen das Kloſter Hördt zu ziehen. Die weiter abwohnenden Gemeinden ſollten ſich im Siebel⸗ dinger Thale ſammeln und der Nußdorfer harren. Jetzt ſchieden die Haufen, die ſich wieder geſammelt hatten. Ein Theil zog in das Siebeldinger Thal ab, ein anderer in das von Annweiler und ein dritter gen Nußdorf, wo ſie die Nacht hindurch jubelten und tanzten. Umſonſt waren die Thränen und Bitten der Mütter und Gattinnen, der Bräute, Geliebten und Schweſtern, abzulaſſen von dem verderblichen Treiben, deſſen bitteren Vorgeſchmack der Ueber⸗ fall des Burggrafen und Vogts von Germersheim bereitet habe. Wie von einem tiefwurzelnden, blindmachenden Wahnſinne befangen prallten alle dieſe Vorſtellungen treuer Liebe an ihnen ab, und theils Hohn und Spott, theils harte Worte waren der Bauern Antwort. In Pfriemer's Hauſe war Kriegsrath. Für Hördt ſtimmten Alle. Das war ein reiches Kloſter, deſſen überall ausgebreitete Güter, deſſen innerer Reichthum, deſſen Rinder⸗, Schaf⸗ und Schweineheerden eine ſchöne Erbſchaft ver⸗ hießen. Seine Mönche, Auguſtinerchorherren, waren ihrer Sitten⸗ loſigkeit wegen die verrufenſten und verachtetſten im Lande. Sie drückten ihre Pflichtigen und Leibeigenen am härteſten und— da der Biſchof von Speier Vogt des Kloſters war, ſo war der Germersheimer nicht zu fürchten, denn die Pfalz ſah auf dies altkaiſerliche Vogteirecht mit unfreundlichem Auge, weil allemal in Nothfällen Pfälzer Hilfe geſucht wurde, ohne daß ein dauernder Vortheil für die Kurfürſten von der Pfalz daraus erwuchs. Waren auch die Führer darin einig, ſo entſpann ſich dennoch zwiſchen Heinz Pfriemer und Erasmus von der Hauben eine Spänne über die etwa vorfindlichen heiligen Gefäße des Kloſters von edelm Metall. Erasmus höhnte den Jüngling ob ſeiner religiöſen Bedenken. Heinz wollte die heiligen Gefäße dem Koſter erhalten wiſſen, unan⸗ getaſtet und rein. Erasmus ſah ſie als Güter an, die dem gehörten, der ſie e Auch bei dieſem Streite zeigte ſich eine tiefe Abneigung W. 14 ⸗ Beider gegen einander, die bei Heinz in einer Ahnung lag, für die er noch nicht die Gewißheit hatte, bei Erasmus aber eben in der vollſten Gewißheit, daß Heinz der Geliebte, der Bräutigam des engelſchönen Mädchens ſei, auf das Erasmus ſein unreines Auge geworfen, deſſen Beſitz, ſeit er es am geſtrigen Tag erblickt, ſein Sinnen und Trachten in Anſpruch nahm. Vergeblich hatte er ſie bei dem Tarze geſucht; umſonſt war er um Benz' Haus geſchlichen. Elsbeth ließ ſich nicht ſehen, und doch war Heinz, der verhaßte Glückliche, lange bei ihr geweſen. Heftig vertheidigte der Ritter ſeine Anſicht von der Sieges⸗ beute. Ebenſo heftig verlangte Heinz den Schutz der Heiligthümer. Auf ſeine Seite traten die anderen drei Führer, und Erasmus mußte knirſchend nachgeben, wollte er nicht ſeinen Plan vor die Verſammlung gebracht und dann vielleicht ſeinen Einfluß vernichtet ſehen. Spät ſchieden ſie, um kurzer Ruhe zu genießen. Als aber Erasmus, der in Pfriemer's Hauſe ſchlief, aus ſeinem Kammer⸗ fenſterlein blickte, ſah er mit grimmigem Haſſe Heinz bei Elsbeth ſtehen und vertraulich koſen. Nur die einzige Luſt genoß er, daß er durch das Oeffnen feines Fenſterleins ſie auseinander ſcheuchte. Kaum graute über den dunklen Höhen des jenſeit des Rheines ſich ausbreitenden Odenwaldes der junge Tag, ſo weckte der Zinken durchdringlicher Schall die Streiter. Bald hatten ſie ſich geſammelt und zogen dann in großer Zahl in das Siebeldinger Thal ab. Dort wogte es ſchon von Menſchen. Das Ortenauer Bauern⸗ lied klang hell von allen Seiten aus den Thälern und von den Bergen, und im frohen Vorgefühle der Freude des heutigen Tages ſtimmten nun auch die Nußdorfer die Strophe an: „Das große Faß iſt unſer Faß, Das liegt gefüllt im Keller. Da woll'n wir Alle trinken baß, Und zahlen keinen Heller! Drum dranf, du junges Blut! Bauernfauſt iſt gut! Will Klöſter und Burgen brechen . Und zechen!“ — 211— Mit dieſem lauten Jubelgeſang einſtimmend in den Schall, der von allen Seiten herüber und herauf klang, ſtiegen ſie in das Siebeldinger Thal hinab, wo maſſenhaft ſich das Volk geſammelt hatte und auf die Nußdorfer wartete, die es als ſeinen Kern, deren Führer als ſeine Häupter anerkannte. Ungemeſſener Jubel begrüßte ſie dort. Es ſchien heute ein anderer Geiſt die Maſſen zu beſeelen. Man fühlte das Entehrende der geſtrigen Flucht. Heute ſollte feſtes Stehen Alles gut machen; man erkannte, daß das Verlaſſen der Führer am geſtrigen Tag ein ſchnödes Unrecht war; heute wollten ſie Alle um ſo williger gehorchen. Ueberall ſprachen die Bauern das aus, und dieſe Geſinnung forderte das Werk der Abtheilung in fünf Haufen, deren erſten Erasmus von der Hauben, den zweiten Pfriemer, den dritten Fechenheimer, den vierten Benz und den fünften Heinz Pfriemer befehligte. Dieſer beſtand meiſtens aus Jünglingen ſeines Alters. VI. Am Morgen des dritten Oſtertages waren Märten Streffer und der Burggraf und Vogt von Germersheim, Jacob von Flecken⸗ ſtein geſchieden. Dieſer ging zum Kampfe gegen die aufſtändiſchen Bauern, Zener ſetzte in einem kleinen Kahn eines dem Vogt ergebenen Fergen*) über den Rhein. Die aufgehende Sonne drückte einen kalten Nebel in das Rheinthal; Märten fror entſetzlich. Er hatte nicht geſchlafen, war den weiten Weg gelaufen und fühlte wohl, daß er kaum im Stande ſein werde, den Weg nach Heidelberg zu vollenden, ohne vorher geruht zu haben. Zwar hatte der Koch zu Germersheim in der Burg, der Märten Streffer's guter Freund war, ihm eine halbe Hammelskeule und ein gewichtig Stück guten Brods und Jochem in der Eile noch ein Krüglein Plempel in einen Ranzen geſteckt, den er umhing; *) Fährmann. 14* — — 212— aber er fühlte, daß außer guter Nahrung der Leib doch auch der Ruhe bedürfe. So lang es ging, ſchritt er raſch querfeldein dem Gebirge zu, das er in gerader Linie zu überſchreiten pflegte. Als aber die Sonne warm zu ſcheinen anfing, dachte er, was hilft's, ob ich eine Stunde früher oder, ſpäter ins Schloß komme, meine Hiobspoſt kommt immer noch zu früh und mein Lohn iſt gewiß. Er ſuchte ſich ein ſonnig Plätzlein am Saume des Waldes und ſtreckte die müden Glieder ins dürre Gras und raſchelnde Laub, das den Boden deckte. Bald war Alles, was ſeine Seele bewegte, in den Nebel des Traumes gehüllt und der Schlaf ſenkte ſich mit bleierner Schwere auf ſeine Augenlider. Der Mittag war nicht fern, als ihn das Horn eines Hirten, der nahe weidete, weckte. Er rieb ſich die rothen Augen, blickte nach dem Stande der Sonne und griff dann zum Ranzen, der ſeine Leibesatzung enthielt. Mit einer ungemein großen Geſchwindigkeit arbeiteten ſeine Kinnladen. Neu geſtärkt erhob er ſich und eilte dann in das Waldesdunkel hinein, die Pfade verfolgend, die er wie kein Anderer kannte. Es mochte gegen neun Uhr des Abends ſein, als er ſich dem Schloß übers Gebirg her näherte. Aus allen Fenſtern des Innern, in das ihm die Höhe der Blick gönnte, quoll blendender Lichtglanz. Im Ritterſaale tafelte der Kurfürſt, von dorthin und von dorther ſah er über den Hof die Diener mit Windlichtern eilen in andere Theile der weiten Gebäude, die das mächtige, thurmreiche Schloß der alten Pfalzgrafen bildeten und im Laufe der Zeit wachſend einen weiten Umkreis bedeckten. Der Mond war über dem heiligen Berg aufgegangen und beſchien magiſch die reizende Landſchaft. Nur die Stadt, die zu den Füßen des Schloſſes lag, und die Tiefe des Neckarthales deckte ein dünner blauer Nebelflor. Weniger aber war es dieſer an ſich ſchöne und ein empfänglich Gemüth zu feſſeln fähige Anblick, als die Ueberlegung, wie er einen recht großen Antheil für ſeine Perſon erwecke und ſeine Dienſtleiſtung recht groß erſcheinen mache, was Märten Streffer's Fuß hier feſſelte. Er nahm die Reſte ſeiner Lebensmittel und legte ſie am Fuß eines — 213— Baumes nieder in der Hoffnung reicherer Erquickung an des Kur⸗ fürſten üppiger Hofſtatt. Dann ſann er eine Weile und ſtieg dann rüſtig und kräftig hinab. Als er ſich aber dem Thore nahte, das nach der Stadt hinabführte, am Berge hin, da ſchritt er langſam hinkend und keuchend einher, wie einer, deſſen letzter Reſt von Kraft durch außerordentliche Anſtrengung erſchöpft iſt. Als er am Thore ſelbſt anlangte, legte er ſich hin, ſobald ein Diener nahe, als Ohn⸗ mächtiger gefunden zu werden. Jeder im Schloſſe kannte ihn genau, denn er kam oft mit geheimer Botſchaft des Fleckenſteiner's. Schlau zu rechnen und jeden Vortheil zu benutzen war des Märten Haupt⸗ kunſt. Es dauerte auch keine Viertelſtunde, ſo wurde er gefunden. Im Schloßhof entſtand eine Bewegung. Diener mit Wind⸗ lichtern, begleitet vom Thürmer und Wächter, nahten ſich und hoben ihn auf, als ſie in ihm den Kundſchafter erkannten, der ſie ſo oft mit luſtigen Geſchichten beim Kaminfeuer und in der ſommerlichen Abendkühle unterhalten hatte. In des Thorwarts Kämmerlein trugen ſie ihn, und einer eilte es dem Marſchalk anzuzeigen, der an des Kurfürſten Tafel ſaß. Dieſer theilte ſogleich die Mähr dem Kurfürſten mit, und auf ſeinen Wink eilte der Leibarzt und der Marſchalk hinweg, das Nöthige zur Belebung des Botſchafters vom Ueberrheine anzu⸗ ordnen. Bereits hatten ihm die Diener und Reiſige Waſſer und Eſſig ins Geſicht geſpritzt und Märten ſchlug eben die Augen auf, als die beiden vom Kurfürſten Geſandten in das enge Stüblein traten. Der Leibarzt faßte ſeine Hand und ſagte zum Marſchalk nach einigem Schweigen:„Es iſt wunderlich! Des Menſchen Pulsſchlag geht ſo kräftig als Eurer und meiner, und er iſt geſund wie ein Fiſch im Neckar.“ Darauf fragte er ihn, ob er gefallen ſei, oder ob ihn Jemand verletzt habe? Märten ſchüttelte den Kopf und flüſterte:„Jähhunger!“ „Aha,“ ſagte der Leibarzt;„das iſt allerdings etwas Anderes. Haſt du lange faſten müſſen?“ — 214— „Seit neun Uhr heute früh,“ ſprach leiſe Märten. „Glaub's wohl,“ verſetzte der Arzt.„Holt ihm einmal ein gutes Stück duftigen Hirſchziemers, wie es eben auf meinem Teller an der Tafel liegt und einen Becher alten Rheinweines, ſo wird er fluggs auf den Beinen ſein.“ 22 „Solche Recepte laß ich mir gefallen,“ lachte der Marſchalk. „Verordnet ſie auch nur, wenn ich erkranken ſollte.“ „Alles nach Geſtalt der Sachen,“ ſprach ernſt der Arzt. Die verordneten Erquickungen kamen, und wie es der Arzt geſagt, ſo war's. Märten richtete ſich auf und ſagte:„Gott lohn's, Herr Doctor, Ihr habt mich hergeſtellt, obwohl mein Magen jetzt erſt zu bellen anfängt.“ „So labt ihn!“ befahl der Arzt. Zum Marſchalk aber, der auf Märten's Wink herzutrat, ſagte er flüſternd:„Verſchaffet mir bald, gnädiger Herr, einen Zutritt zu des Herrn Gnaden. Ich bringe wichtigere Botſchaft, als ich ſie jemals getragen, und darum, daß ſie ſchnell komme, bin ich ſeit drei Uhr dieſe Nacht auf den Beinen und unterwegs; aber wenn ich hätte kriechen müſſen, ich wäre hergekommen.“ Der Marſchalk nickte und ging, ſolches zu melden, während die Diener die köſtlichſten Speiſen und Getränke Märten darreichten. Nach Verlauf einer halben Stunde wurde Märten Streffer in das Kloſett des Kurfürſten geführt. Es war ein Gemach von anſehnlicher Größe, deſſen Fenſter nach dem Neckar hinab und hinaus in das Thal führten, wo der Rhein ſich hindehnt. Es lag in dem weſtlichen Eckthurme des Schloſſes, da wo jetzt der Epheu ſich um wüſte Trümmer und zwei mächtige Steinbilder alter Pfalzgrafen rankt. Auf einem koſtbar behängten Tiſche ſtanden zwei große ſilberne Leuchter, deren jeder drei Wachskerzen trug. Hinter dem Tiſche ſaß der Kurfürſt im bequemen pelzverbrämten Hauskleid, eine ſtattliche, edle Geſtalt mit liebreichem Ausdruck im männlich ſchönen Geſichte. Wer ihn ſo ſah, begriff es, warum ihm die Zeitgenoſſen, ſo bereit in bezeichnenden Beinamen für die Landesherren, den des Sanftmüthigen beilegte. Er lehnte in einem reichverzierten, ſammtgepolſterten Armſeſſel und in ſeinen freundlichen Zügen möchte man jetzt unſchwer die Neugierde leſen, die Botſchaft Märten Streffer's zu vernehmen. Zu ſeiner Rechten ſaß im ſchwarzen Kleide mit dem über die Bruſt herabhängenden weißen Barte, geſchmückt mit der güldenen Ehrenkette, ein dürres, kleines Männlein mit klugen, aber ſtechend ſcharfen Augen. Eine gewaltig gebogene, ſchmale Habichtsnaſe trug die großglaſige Brille. Er las in den Papieren, die vor ihm lagen, gar eifrig. Links von dem Kurfürſten ſaß der Marſchalk und zu deſſen Seite der Ritter Rudolf von Zeiskam, des Kurfürſten Mund⸗ ſchenk und Liebling. Sonſt war das Gemach leer und es herrſchte tiefe Stille, als der Leibdiener die Thüre aufſchloß und Märten Streffer ziemlich feſt hereintrat. Keine Verlegenheit offenbarte ſich in dem Weſen des Bauers. Man ſah es deutlich, daß er oft in dem Gemach und in dieſer vornehmen Geſellſchaft geweſen war. Nicht einmal linkiſch war ſein Gruß, ſeine tiefe Verbeugung. Er ſchwieg darauf, harrend der Anrede des Landesherrn. „Wir bedauern deinen Unfall, Märten Streffer,“ hob mit ſanfter Stimme und Ausdruck der Kurfürſt an,„hoffen aber, daß du dich erquickt und erholt haben wirſt. Setzt ihm einen Stuhl, Rudolf von Zeiskam; ein ſo treuer Diener mag auch wohl ſitzen, wenn er in ſeines Herrn Dienſt ſo weite Wege gegangen iſt“ Der Befehl wurde ſchnell vollzogen und Märten ließ ſich wie Einer, der kaum mehr zu ſtehen vermag, nieder. Der kleine Mann mit der Brille, des Kurfürſten Kanzler, wandte nun den Kopf zu dem Kundſchafter und betrachtete ihn mit ſcharfem Blick, indem er die Klammbrille auf die Staatsacten legte, welche vor ihm ausgebreitet waren. „Deine Eile,“ hob wieder der Kurfürſt an,„zeigt, daß du etwas Wichtiges bringſt. Wer ſendet dich?“ „Jacob von Fleckenſtein, Euer Gnaden Burggraf und Vogt,“ ſagte Märten. „So ſag' an, ob du Briefe habeſt,“ fuhr der Kurfürſt fort. — 216— Märten neſtelte ſein Lederwamms auf und löſte von einem Bande, das er um den Hals trug, das Brieflein, und reichte es dem Kurfürſten. Dieſer winkte, es dem Kanzler zu übergeben, welcher es nahm, ſeine Brille aufſetzte und es ſchnell durchlas. „Euer kurfürſtliche Gnaden,“ ſprach der Kanzler,„ſind hier außer einer Bitte an Eure Huld auf den mündlichen Bericht des Boten gewieſen, da der Vegt nicht mehr Zeit fand, Weiteres zu berichten.“ „Das iſt ja ſeltſam,“ verſetzte der Kurfürſt.„Was trieb ihn denn zu ſo großer Eile?“ „Die Gefahr,“ ſagte Märten Streffer. „Welche Gefahr?“ fragte betroffen der Kurfürſt, und der Ausdruck der bangen Sorge war in ſeinen Zügen zu leſen.„Bringſt du Hiobspoſten aus meiner Pfalz?“ „Leider ja,“ verſetzte Märten.„Die Dörfer am Gebirge ſind in vollem Aufſtande.“ „Was ſagſt du?“ rief der Kurfürſt und ſprang auf. Der Kanzler neigte ſein Haupt weit vor und der Marſchalk blickte betroffen in das Antlitz Rudolf's von Zeiskam, deſſen Züge in dieſem Augenblick ſo erdfahl wurden, als ſeien ſie die einer Leiche. „Erlaubt, gnädigſter Fürſt und Herr,“ ſprach jetzt Märten, „daß ich Euer Gnaden Alles genau und ſo erzähle, wie es ſich auf der Nußdorfer Kirmeß entſponnen hat“ Er begann nun zu berichten, wie ſchon ſeit Wochen Kunde aus dem Elſaß gekommen ſei von dem Aufruhr dort, theils durch fahrende Schüler, Landſtreicher und wandernde Handwerksgeſellen.„Das habe,“ fuhr er fort,„ſchon eine bedenkliche Stimmung im Volke, beſonders aber zu Nußdorf erregt, wo der Pfriemer und ſein Sohn und der Benz, widerwillig gegen den Vogt zu Germersheim, zornig gegen die Bedrückungen der Auguſtinerchorherren zu Hördt, die ſeinen Bruder in Leimersheim bedrückt, ſolchen Lehren gerne Gehör gegeben und die Brandfackel in die Gemüther geſchleudert haben. Dazu ſeien an anderen Orten Auftritte gekommen, die alten Groll rege gemacht, beſonders; daß Herr Rudolf von Zeiskam den freien Bauer Jacob Fechenheimer, „ des Pfriemers Schwager, gebüßt, weil er einen Edelhirſch erlegt, der ihm ſeinen Waizen abgeweidet, und als er die Buße habe nicht erlegen wollen, ihn in das Verließ ſeiner Burg zu Bechingen geſteckt habe, bis er die Buße erlegt.“ „Rudolf— das habt Ihr gethan?“ rief unwillig der Kurfürſt. „Wißt Ihr nicht, daß ich ſolche Härte verabſcheue und meinen Bauer nicht gedrückt haben will?“ „Haltet zu Gnaden,“ ſprach mit dem Tone, den das böſe Gewiſſen dem Schuldigen aufnöthigt, Rudolf von Zeiskam;„der Fechenheimer iſt ein Krakeeler, der mit nichts zufrieden iſt. Er ſchoß meinen ſchönſten Hirſch im Forſte nieder, und brach ihn auf und trug ihn heim. „So hättet Ihr es gütlich ſchlichten können und ſollen,“ ſprach ſcharf betont der Kurfürſt.„Wenn ſo die Ritterſchaft ihre Gewalt gegen Recht und Urtel mißbraucht, wird der Bauer zum Schlimmſten getrieben. Herr Kanzler, warum erfahre ich nichts von ſolcher Unbill?“ Der dürre Kanzler ſtand auf, neigte ſich tief und ſagte:„Ich vernehme eben das erſte Wort davon wie meines gnädigen Herrn eigenes Ohr.“ „Laßt eine Schrift ausgehen an alle Amtleute, Vögte und die Ritterſchaft, die in aller Strenge gebietet, daß man ſäuberlich und ſanft mit dem Volke handele!“ Der Kanzler verbeugte ſich, nahm die Feder und merkte ſich ſeines Herrn Befehl auf ein Papier an. „Ritter Rudolph,“ fuhr er dann zu Jenem gewendet fort, „ich erwarte, daß Ihr Euch ſühnet mit den freien Bauern und Eure Hirſche abſchießt. Für ſie und Eure Jagd pflanzen meine Unterthanen ihre Früchte nicht Sie zu ſchützen iſt mein landes⸗ herrlicher Wille!“ „Was hat der Pfriemer gegen meinen Vogt zu Germersheim?“ fragte er mit feſtem Ton und ihn ſcharf ins Auge faſſend den Kundjhafter.„Du mußt es wiſſen. Rede!“ „Er hat im Herbſte Theiltrauben— zu heben bei— dem — 31 alten Pfriemer“— ſagte ſtotternd Märten Streffer, der gern ein Mäntelein darum gehängt hätte. „Du ſtotterſt!“ rief der Kurfürſt.„Ich verlange die ganze Wahrheit.“ „Statt daß er,“ fuhr Märten fort,„die Theiltrauben erhoben hätte, wie es Satzung iſt, hat er ihm den beſten Moſt nach Will⸗ kühr aus der Enkbütte weggeſchöpft.“ „Wieder ein Unrecht, und ein ſchnödes dazu!“ rief zornig der Kurfürſt.„Geht es ſo im Lande zu, dann mag ich's dem Bauer nicht verargen, wenn er ſchwierig wird. Wozu ſeid Ihr da, Herr Kanzler, wenn ſolches in meiner Nähe geſchieht? Iſt es nicht, als ob ſich Alle vereinigt hätten, meine Unterthanen zum Aeußerſten zu bringen? Fällt nicht aller Fluch auf mein Haupt, und ich bin doch nur ein ſchwacher Menſch, der nicht Alles wiſſen kann? Wie gerne will ich meine Unterthanen glücklich wiſſen! Gott weiß es! Aber die, die in meinem Namen handeln, die, die mir nahe ſtehen, zertreten das arme Volk und tödten den Keim des Vertrauens und der Liebe!“ Er ſtieß den Tiſch weg und ſchritt mit ſtarken Schritten in dem Gemach auf und nieder. Endlich ſtand er ſtille. „Da iſt's kein Wunder, wenn das Volk in die Hände ſeiner Verführer fällt; wenn es die Fackel des Aufruhrs ſchwingt.“ Wieder maß er das Gemach mehrmals, dann trat er wieder zu ſeinem Seſſel und befahl Märten weiter zu erzählen. Dieſer fuhr nun fort, das Geſpräch vor Pfriemer's Hauſe zu berichten, und darauf die Ankunft des Spielmanns und ſein Wirken und die nächſten Auftritte, bis er ſelber Nußdorf verlaſſen. Der Kurfürſt hatte ſehr aufmerkſam zugehört. „Wer iſt der Spielmann, deſſen du gedacht haſt, und woher iſt er?“ fragte der Kurfürſt. „Es iſt der Ritter Erasmus von der Hauben,“ ſagte Märten. „Was? der?“ rief der Kurfürſt und ſprang abermals auf. „Seht Ihr's, Herr Kanzler,“ rief er aus,„das iſt die Frucht des langen Verheimlichens. Wäre der Strolch damals geſtört oder — 219 beſtraft worden, als er die Bauern beſtahl und auf ſeiner Burg den Raub verpraßte, es wäre niemals ſo weit gekommen! Hättet Ihr den ſchlechten Klaus, den Ihr damals kennen mußtet, weggejagt, er wäre jetzt nicht mit dem Abſchaume des Ritterthums auf⸗ und davongegangen.“ Wie früher ſo ſchwieg auch jetzt der Kanzler, weil ſich ſo das Unwetter am beſten entlud. Wirklich war die Berechnung richtig, wie der Erfolg bewies. Die natürliche Gutmüthigkeit des Kurfürſten gewann bald wieder die Oberhand. „Was iſt zu thun?“ fragte er, und ſchnell die allgemeine Frage zu einer beſonderen an Märten machend,„was that der Vogt Fleckenſtein?“ „Er iſt mit ſeinem Fähnlein Landsknechte nach dem Geil⸗ weilerer Hofe,“ ſagte Märten,„wo die Bauern lagern.“ „Wird Blut gefloſſen ſein, glaubſt du?“ fragte er weiter. „Wer kann es wiſſen!“ ſagte Märten.„Soll ich aber meiner Vermuthung Raum geben, ſo möchte ich eher glauben, daß die Bauern heimliefen, wenn ſie die Landsknechte ſahen.“ „Das wolle Gott geben!“ ſagte der edle Kurfürſt und blickte mit gefalteten Händen betend gen Himmel. „Glaubſt du aber, daß die Geſchichte aus iſt?“ „Nein, gnädigſter Herr,“ ſagte Märten.„Dazu ſind die Leute, die an der Spitze ſtehen, nicht angethan. Der Ritter Erasmus iſt landflüchtig. Geht's drunter und drüber, ſo hat er er gewonnen und glaubt Euch einen Frieden abtrotzen zu können, der ihm eine ſichere Rückkehr verheißt. Die Anderen wollen Rache, wollen aber dann die Freiheit aller Leibeigenen, das Aufhören der drückenden Abgaben und Zehnten und Theile, und endlich freies Waldrecht und die alte Verfaſſung, da es hieß:„Sollen wir mit thaten, ſo wollen wir auch mit rathen!“ „Das iſt viel, mehr als ich gewähren kann, fürchte ich,“ ſagte der Kurfürſt.„Er ſchwieg und ſagte:„Märten geh', und laß dir's wohl ſein.“ — 220 Zetzt nahm der Kanzler das Wort:„Der Vogt ſchreibt, daß Euer kurfürſtlichen Gnaden den Märten Streffer damit lohnen möchten, daß ihm und ſeinem Hauſe die Freiheit gegeben werde. „Fertigt dieſe Nacht noch das Inſtrument aus,“ ſprach der Kurfürſt,„denn morgen muß er hinüber, um die Befehle der Mäßigung dem Vogte zu bringen.“ Märten wollte auf die Knie fallen und danken, aber der Kur⸗ fürſt litt es nicht.„Sage meinen Pfälzern, ihr Landesherr habe ein menſchlich Herz. Nun geh'!“ Märten ging, aber er wußte nicht, ob er gehe oder ſchwebe. Nun war ſein Höchſtes erreicht. Nun ſtand er Pfriemer'n eben⸗ bürtig. Wer vermöchte das Uebermaaß des Glückes zu ſchildern, das jetzt in ſeiner Seele wohnte? In dem Kloſette des Kurfürſten aber dauerte die Berathung fort; denn in underen Theilen des Landes war auch der Aufruhr ausgebrochen oder drohte auszubrechen. Das Land dieſſeit des Rheines durfte nicht entblößt werden, und doch mußte auch in die jenſeitige Pfalz ein Heer geworfen werden, das drohend daſtehe und Furcht einflöße. Endlich wurde entſchieden, daß der Marſchalk die Landsknechte und Reiſige ſammeln, deren er habhaft werden könnte, und ſich bei Worms, doch dem Rheine nahe, aufſtelle; aber ehe er zu den Waffen greife, jeden Verſuch gütlicher Beilegung mache, der nur irgend zu machen ſei; jedenfalls aber Botſchaft ſende, ehe er etwas Entſcheidendes unternehme. Zuletzt bat Rudolph von Zeiskam, der ſeine Reue ausſprach über ſein Verfahren gegen Fechenheimer, daß ihn der Kurfürſt nach ſeiner Burg Bechingen entlaſſe, damit er ſein Eigenthum ſchütze und bewahre, wenn etwa ein Ueberfall drohe. Der Kurfürſt gab es unter der Bedingung zu, daß er alle Verſuche mache, ſich mit dem Feinde zu verſöhnen. So endete die Berathung. Der Kanzler weilte noch im Kloſette. Der Marſchalk und der Ritter aber traten heraus, und als die Thüre hinter ihnen geſchloſſen war, ſahen ſie ſich lachend einander an. „Er wäre beſſer ein Biſchof geworden oder ein Guardian,“ ———— flüſterte der Marſchalk.„Ein Fürſt ohne alle ritterliche Kraft! Aber laßt mich hinüberkommen, ich will ihnen gute Worte mit Felvſchlangen und Kettenkugeln geben, und zureden mit Lanze und Schwerdt. Niederwerfen müſſen wir ſie, hängen und köpfen wie räudige Hunde, das iſt die Sprache, die ihrer ziemt. Und wenn einmal ein paar Tauſend niedergeſtreckt ſind, dann wird ihr Ueber⸗ muth Demuth werden und ihr Auflehnen Gehorſam.“ Rudolph von Zeiskam drückte ſeine Hand und ſagte:„Das iſt die Sprache, die wir reden müſſen! Glaubt nur, das Herz wollte mir brechen, als ich von Reue reden mußte. Hätt' ich den Bauer aufgehängt, jetzt müßte mir nicht bange ſein um einen Ueberfall meiner Burg; aber das gelobe ich Euch, was mir von dem ver⸗ fluchten Pack in die Hände fällt, das ſoll hängen!“ Sie gingen— und der edle Kurfürſt war Zlücklich in dem Gedanken, daß ſie im Geiſte verſöhnender Milde handeln würden. VII. Als die Nußdorfer im Siebeldinger Thal ankamen bereits ſchon zahlreiche Haufen fanden, rief Ritter Erasmüs der Hauben ſeinen Knappen zu ſich. Er hatte zwei, den mit ihm entflohenen Kerkermeiſter des blauen Hutes, der Claus hieß, und einen andern Namens Jockel, einen treuen Spießgeſellen aus den Tagen ſeiner Heldenthaten an Bauern und ihrem Gut und ihren Frauen und Töchtern. Sie ritten ſelbdritt in einige Entfernung auf einen Hügel, und als Erasmus ſich rings umgeſehen und nirgends einen verdächtigen Horcher wahrgenommen, ſagte er zu Claus:„Für dich hab' ich ein Meiſterſtücklein aufgehoben, wo es gilt zu beweiſen, daß du in alle Sättel paſſeſt.“ „Probirt's, Herr,“ ſagte der Menſch ſpöttiſch lachend.„Gäb mir der Teufel ſelbſt ein Räthſel auf, ich wollt's ſchon löſen.“ „Meiner Treu'!“ fiel Jockel ein,„Herr, der Kerl iſt für v2 — 22 Alles zu gebrauchen, und wenn wir erſt'mal wieder frei in unſere Burg einziehen dürfen, könnt Ihr kecklich etwas zu Dritt wagen!“ Erasmus lachte Beifall.„So hört,“ ſagte er.„Als ich in des alten Pfriemer's Haus war, ſah ich Elsbeth, die Tochter des alten Benz. Es gibt nichts Schöneres auf dieſer Welt! Und dies engelſchöne Mädchen iſt die Braut des Heinz Pfriemer, des frechen Buben, den ich haſſe, der mir überall in den Weg zu treten wagt „Verſteh' ſchon halb,“ ſagte Claus mit einem teufliſchen Lachen. „Das Mädchen muß mein werden,“ ſagte mit wildem, leiden⸗ ſchaftlichem Ausdrucke der Ritter.„Niemand kennt euch in Nuß⸗ dorf. Gebt euch als Landsknechte des Vogts von Germersheim aus und ſagt, ihr hättet Befehl, ſie als Geißel für Pfriemer's und Benz' Rückkehr zur Ordnung nach Germersheim zu holen ſammt der Alten, ihrer Mutter. Habt ihr ſie eine Stunde weit weg⸗ gebracht, ſo jagt die Alte heim und bringt das Mädchen zu dem Köhler, bei dem ihr waret und wo unſere Roſſe ſtanden. Der erl iſt ein ausgeheckter Spitzbube und zu jedem Streiche bereit. Dort verwahrt ihr mir die Dirne, bis ich komme. Reicher Lohn iſt euer!“ „Das Ding iſt herrlich herausgefiſcht,“ lachte Claus.„Verlaßt Euch auf mich und kommt dieſe Nacht in die Köhlerhütte!“ Mit dieſen Worten trabten ſie fort und Erasmus kehrte zu den Bauern zurück, die ungeduldig ſeiner harrten. Die beiden Strolche ritten ſcharf und hatten bald Nußdorf ereilt. Um recht genau des Ritters Plan zu verfolgen, ritten ſie, wohl wiſſend, daß kein Mann und kein Jüngling in dem Dorfe zurück ſei, geradezu an den Brunnen, wo Waſſer ſchöpfend und ſich ihr Leid klagend Frauen und Mädchen ſtanden. „Wie wunderlieb die Nußdorfer Frauen und Mädchen ſind,“ hob Claus zu ſcherzen an.„Wär' ich ein Nußdorfer Bub', zehn Gäule hätten mich an der Kirmeß nicht von meinem Mädchen weggebracht.“ Alle ſenkten bei ſo frecher Rede beſchämt die Blicke. Eine nur ſagte:„Wenn ihr uns Verlaſſene höhnen wollt, ſo reitet nur weiter. Uns iſts nicht ums Scherzen.“ „Mir auch nicht,“ ſagte Claus,„und zum Scherzen hat der Vogt von Germersheim nicht hierher geſchickt.“ „Was wollt Ihr denn?“ fragte die Frau. „Des Benz' Frau und Tochter als Geißel für des Benz' und der beiden Pfriemer Rückkehr zur Ordnung nach Germersheim holen,“ ſagte er pochend auf das Schwerdt an ſeiner Seite. Darauf wandte er mit Jockel die Roſſe, und Beide ritten gegen die Kirche hin, wo am freien Platze Benz' Wohnung lag. „Habt ihr's gehört,“ ſagte die Frau,„was die Strolche wollen? Das ſind keine Landsknechte des Vogts, die ſind anders gekleidet und gewappnet.“ „Du haſt recht,“ ſagte eine andere,„ich ſah ſie alle S bei dem Ritter von der Hauben.“ „Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ rief die erſte⸗ „Soll's nicht am Ende auf das liebe Elschen abgeſehen ſein?“ „Sollen wir überhaupt es zulaſſen, daß ſie ihnen Gewalt anthun?“ fragte eine dritte,„und wenn ſie auch des Vogts herge⸗ ſandte Landsknechte wären?“ „Was würden unſere Männer und Brüder ſagen?“ rief eine vierte. „Auf,“ ſagte die erſte,„laßt uns mit Allem, was wir haben, auf ſie losgehen!“ Das Wort fuhr, wie ein Funke in eine Pulvertonne, in die Herzen der Frauen und Mädchen. Alle verließen den Brunnen, ohne ihre Geräthe zu beachten, und vertheilten ſich ins Dorf. Vor Benz Hauſe hatten indeß die Reiter ihre Pferde angebunden. Die erſte der Frauen ging leiſe hin, band beide Roſſe los und führte ſie, ohne daß es Jemand in Benz' Hauſe wahrnahm, in ihren Stall, der eine ziemliche Strecke davon niji lag, wo ſie angebunden geweſen waren. — 224— Bald darauf gab es in Benz' Haus ein Wehgeſchrei. Die beiden Knappen ſchleppten Mutter und Kind gebunden vor die Thüre, wo ſie ihre Pferde vermutheten. Mit einem fürchterlichen Fluche bemerkte Claus, daß die. fehlten. Er ließ das Mädchen in Jockel's Schutz und eilte ins Dorf, um die Pferde zu ſuchen. Plötzlich aber ſah er ſich von Frauen umringt. Ein Schlag mit einem Moſterkolben traf ſeinen Kopf, daß er taumelnd zur Erde ſank. Schnell banden ihm die Franen Hände und Füße mit Stricken und ſchleppten ihn nach dem Rathhauſe, wo ein Gefängniß für Feldfrevler war, und ſchloſſen es ab. Jockel wartete mit Angſt auf Claus. Da ſah er den Zug der Frauen und Mädchen, und nichts Gutes ahnend, feig dabei, wie der Verworfene ſtets iſt, ließ er ſeine Schlachtopfer zurück und floh ſo ſchnell er konnte zum Dorfe hinaus. Lauter Jubel erfüllte die Luft, als die beiden geknebelten Frauen aus ihren Banden erlöſt waren. Jetzt erzählten ſie ihren muthigen Befreierinnen, daß ſie in dieſen Beiden die Knappen des Ritters Erasmus erkannt hätten, was dieſe auch gar nicht geleugnet hätten. Elsbeth brach in lautes Weinen aus, als ſie den Abgrund ermaß, der ſich vor ihren Füßen geöffnet hatte; aber ſie gedachte des Blickes noch, den ihr Erasmus zugeworfen, und ſchauderte. Wohl hatte Pfriemer recht, als er meinte, ob wohl der ver⸗ worfene Menſch ſeine Naupen*) laſſen werde? Und Heinz, als er ihn ſo hart zur Rede ſtellte. „Hört'mal, Nachbarin,“ ſagte die Frau, die den Anſchlag gegeben,„mein Rath wäre, Ihr gingt zu Eurer Schweſter nach Hardt mit dem Kinde. Die alte Pfriemersgrete und ich füttern Euer Vieh und Euer Haus ſchließen wir zu. Kommt Euer Mann, ſo ſagen wir's ihm; Euch und das Mädchen halte ich hier nicht *) Tücken. — * ——— —— — 225— mehr ſicher. Hat der Strolch das am hellen Tage gewagt, wer ſteht dafür, daß er nicht einmal Euch Nachts überfällt?“ Die Frauen und Mädchen ſtimmten damit alle überein, und die alte Benzin brach noch an dem Tage nach der Hardt auf, wo ſie bei ihrer Schweſter ſichere Unterkunft fand. Als Claus erwachte und ſeine Feſſeln fühlte, die ihn wie Feuer brannten, wüthete er und ſchäumte; aber Niemand hörte das, denn die heldenmüthigen Frauen wußten ihn ſicher verwahrt. Ihn hungern und durſten zu laſſen dünkte ihnen rechte Strafe. Die Pferde aber verſorgten ſie wohl. Während ſich dieſer Schurkenſtreich in Nußdorf auf eine die Frauen ehrende Weiſe löſte, war das Heer, das weit über fünfzehn⸗ hundert Bauern betrug, gen Hördt aufgebrochen. Ungemein freundlich lag das Dorf Hördt auf ſeinen Hügeln zerſtreut. Obſtbäume und Gärten zwiſchen den einzelnen Gehöften erſchien es wie ein fortlaufender großer Garten, an deſſen einem Ende das reiche Kloſter gleichen Namens, von Auguſtinerchorherren beſetzt, lag. Das Kloſter war ein mächtiges Gebäude, das ſich an die Kloſterkirche von der wundervollſten Bauart anlehnte. Die Kirche des Dorfs oder die St. Georgenkapelle lag auf einem ſonnigen Hügel und dicht dabei ſtand das Wohnhaus des Leutprieſters. Um die Kloſtergebäude lief, wie es in jenen unſicheren Zeiten häufig ſtattfand, eine dicke Ringmauer, wohl im Stande, einem heftigen Angriffe Trotz zu bieten. Ein Thor aus ungeheueren Eichenbalken und Eichenbohlen zuſammengefügt, und dicht mit eiſernen Nägeln beſchlagen, war auch geeignet, Stich zu halten, wenn nicht eine ungeheuere Gewalt es bedrängte. Der Probſt Florentius Schlider aus Lachen in der Pfalz bürtig ſtand damals dem Convente vor, der nur aus acht bis zehn Chor⸗ herren meiſt adeligen Stammes beſtand. Gerade der Probſt Flo⸗ rentius Schlider war es, der den Convent in die Verachtung und den Haß hinabſtieß, der ihn drückte. Er ſelbſt, ein Menſch von loſen Sitten, war nicht geeignet, ſeine Conventualen zu einem gott⸗ V. 15 —26— gefülligen Leben anzuhalten. Schwelgereien aller Art entehrten das Kloſter, und wie es in jenen Tagen auch anderwärts zu geſchehen pflegte, ſo wurde nicht ſelten die Clauſur von Dirnen überſchritten, deren Ruf nichts mehr einzubüßen hatte. Ueberdies aber war der Probſt ſeiner Habſucht wegen verrufen und noch verrufener durch die Unbarmherzigkeit, womit er die Abgaben des Kloſters von den hörigen Leuten eintrieb, und ſelbſt Arme und Hungernde mit harten Worten von ſeiner Schwelle trieb, wo Erbarmen wohnen ſollte. Und dennoch hatte der Probſt ſeine Freunde, die ihm die Gefahr meldeten und zur Flucht mahnten. Florentius Schlider lachte der Gefahr.„Unſere Mauern ſind gut, und ſteigen ſie darüber, ſo ſollen ſie erwarten, wie ſie bewillkommt werden!“ ſo ſprach er im unbegreiflichen Uebermuthe, bewaffnete ſchnell die Conventualen und die Kloſterknechte, und harrte des Angriffs. Es war noch nicht zehn Uhr, da ſah man die wimmelnden Schaaren heranrücken. Als ſie das Dorf erreicht und ſich bei dem Kloſter aufgeſtellt hatten, forderte Erasmus die Mönche zur Ueber⸗ gabe auf. Höhnend antwortete Florentius ihm zurück. „Woll'n Burgen und Klöſter brechen Und zechen!“ riefen die Bauern und bald rannten ſie mit Balken gegen das Thor, daß es in ſeinen Fugen bebte. Noch zwei, drei Stöße mit ſolcher Gewalt, und es lag innerhalb des Hofes. Jetzt quoll das Bauern⸗ heer herein. „Wie?“ riefen ſie,„wollen die Kirchenratten beißen?“ als ſie die Mönche und Knechte bewaffnet erblickten. Wenige Augenblicke ſpäter lag der Probſt Florentius in ſeinem Blute ſchwimmend am Boden und die Uebrigen flohen. Jetzt aber begann ein Treiben in dieſen geweihten, leider aber ſchon entweihten Mauern, das jede Vorſtellung überſteigt. Vom Tabernakel wurden die ſilbernen Leuchter, das Crucifix, der Kelch und die Patene geraubt, aus der Sacriſtei die koſtbaren — 5 Paramente. Jeder nahm, was er fand, und kleidete ſich in die heiligen Gewänder. Dann ſtrömten die Haufen in die Keller und Vorrathskammern. Mit Eimern und Butten wurde der köſtlichſte Wein herausgetragen. Andere führten die Kühe aus den Ställen weg und trieben ſie heim; Andere wieder raubten Schafe. Bilder und Statuen der Heiligen wurden ihres Schmuckes beraubt und zertrümmert. Viele hatten Wagen und Säcke mitgebracht, die ſie auf den Speichern mit Frucht füllten und heimführten. Erasmus war der Erſte, der den goldenen Kelch vom Altare raubte und das goldene Ciborium in ſeinem Kleide verbarg. „Darf der's,“ riefen die Bauern,„ſo dürfen auch wir's,“ und nun war dem loſeſten Frevel Thür und Thor geöffnet. Ein barmherziger Bauer des Dorfes ſchleppte den wunden Probſt in ſein Haus und pflegte ſeiner, allein trotz aller Kunſt, welche ſpäter die Aerzte von Speier an ihm verwendeten, ſtarb er dennoch am folgenden Jahr an den Folgen der Verletzungen, die er empfangen. Mitten in dem Plündern trat ſchweißtriefend Jockel zu dem Ritter Erasmus. „Iſt's geſchehen?“ fragte der vom Wein glühende Ritter. Aber mit Jammer erzählte der Schurke, wie es ihnen dort ergangen, wie die Roſſe verloren ſeien und Claus in Haft durch die Frauen liege. Wüthend zog Crasmus ſein Schwerdt und würde Jockel durch⸗ ſtoßen haben, wäre der nicht dem Stoß ausgewichen und dem Wüthenden entflohen. „Zündet das Neſt an!“ rief er, um ſeinem Grimme Luft zu machen. Das Wort war Befehl, und bald loderten die Flammen aus dem Kirchendach und leckten gierig an dem dürren Holz. Als der Abend nahte, lag das Kloſter theilweiſe in Aſche, und das Bauernheer zog trunken und beutereich nach der Gegend von Klingenmünſter ab. Als die Führer von Nußdorf dem Ritter heftige Vorwürfe 15* — 228— über den Brand machten, wagte er es jedoch nicht, ſie mit ſchnöden Worten abzuweiſen, ſondern ſchob die Schuld auf die betrunkenen Bauern. Mitten in der Nacht verſchwand plötzlich Erasmus mit Jockel, dem er vergeben hatte. Er ritt gen Nußdorf, Claus zu befreien und die Pferde wieder zu gewinnen; aber er hatte nicht berechnet, daß Nußdorfer Bauern mit ihrem Raube bereits heimgekehrt ſeien. Als er in das Dorf ſchlich, war er Zeuge, wie ſie Claus an der Linde aufknüpften. Da galt es ſchnelle Umkehr, und ſpurlos, wie er gekommen, aber voll unſäglichen Grimmes gegen Heinz Pfriemer, kehrte er nach Annweiler zurück, wo die Hauptmaſſe des Heeres dieſe Nacht lagerte. Erasmus gehörte nicht zu den verſchlagenen Naturen, die unter dem gleißenden Lächeln, unter der beſtechenden Freundlichkeit den Haß zu verbergen im Stande ſind. Seinen Leidenſchaften den unge⸗ hemmt wilden, natürlichen Ausbruch zu laſſen, war er von Jugend auf gewöhnt, und ſein wildes Leben that dieſer Richtung ſeines Weſens keinen Einhalt. Berechnende Schlauheit war ihm wohl eigen, aber ſie verließ ihn jedesmal, wenn die Leidenſchaft in gohr, oder wenn der Augenblick ihn heftig erregte. So war es heute, als er zu den Führern trat, die in einem befreundeten Hauſe verſammelt waren, um das zu berathen, was weiter zu thun ſei. Er trat herriſch herein und blickte mit finſterem Blick auf ſie hin. „Ohne mich berathet Ihr?“ fragte er drohend. In Heinz' Herzen lebte tiefer Unwille gegen Erasmus, der heute, ohne eine Ahnung deſſen, was ihm derſelbe hatte bereiten wollen, Nahrung genug gefunden. War es doch hinlänglich erwieſen, daß er den Kelch des Altars entwendet und die heilige Religion verhöhnend daraus in den Kellern getrunken hatte; war man doch nun gewiß, daß auf ſein Geheiß die Flamme das herrliche Gebäude der Kirche zerſtörte, deſſen rauchende Mauern einen ſo grauenvollen, — 229— die Frevler anklagenden Anblick darbot; war es doch mehr als gewiß, daß er zum ſchnöden Entweihen der Heiligen dadurch den Anlaß geboten, daß er des Probſtes goldene Inful auf das Haupt geſetzt, ſeine Stola umgehängt, ſein Cingulum als Schwerdtgehänge gebraucht und ein koſtbares Pluviale als Mantel übergehängt. Daher war es denn gekommen, daß mit heiligen Gewändern geſchmückt die Bauern umhertanzten, daß einer, der die Monſtranz erbeutet, damit den entſetzlichſten Frevel trieb. Gerade die Nußdorfer Führer hatten ſich vom Diebſtahle frei erhalten und waren nur bemüht, dem gottesläſterlichen Treiben, wo und wie ſie es vermoch⸗ ten, Einhalt zu thun, was freilich nur felten und nicht in dem Grade gelang, wie ſie es gewünſcht. Sie aber ganz ſchuldfrei zu halten, wäre Unrecht und Unwahrheit. Sie theilten ſich Kloſtergüter zu, weil ſie es ſo für recht hielten, und als Benz in des Probſtes Gemach eine wohlgefüllte Geldkiſte und die Documente des Kloſters in einer eiſernen Kiſte fand, theilte er chrlich mit ſeinen drei Gefährten, und ſie verbrannten jene Documente. Das war in ihren Augen Kriegsrecht und Kriegsbeute; aber an dem durch die Religion Geheiligten vergriffen ſie ſich nicht. Kein Wunder, daß ſie auf Erasmus zürnten. Als er nun ſo kecklich auftrat, erhob ſich Heinz und ſtützte ſich auf das ſchöne Schwerdt, das er einem der Chorherren entwunden hatte, und fagte mit zornglühendem Auge:„Seit wann ſind wir Euch denn unter⸗ than? Seid Ihr nicht als Landſtreicher und Landflüchtiger zu uns gekommen? Wir haben Euch zum Führer gemacht, weil Euer Kriegsberuf Euch größere Fähigkeit dazu gibt, aber nicht zum Herrn über uns, nicht zum Führer in Kirchenraub, im Entweihen des Heiligthums, im Mordbrennen. Das iſt Eurer Standes nicht zu beneidendes Vorrecht geweſen und Euer Anrecht auf den blauen Sut „Bauer!“ ſchrie der Ritter und er ſchäumte vor Wuth,„ver⸗ fluchter Bauer, willſt du mich erniedrigen?“ „Nein,“ ſagte Heinz mit Kälte,„das thut Ihr felber mehr und beſſer, als es Euch ein Bauer lehren könnte!“ — 230— Heinz hatte die Eigenthümlichkeit, daß, ob er gleich jähzornig war, er dennoch einem noch Jähzornigeren gegenüber ſchnell eine Ruhe gewann, die aber dann in ihren Worten zerfleiſchend traf und in ihren Handlungen den entſchiedenen Vortheil der Beſonnenheit ihm zuwandte. „Meint Ihr,“ fuhr er fort,„Ihr fändet willige Werkzeuge Eurer Pläne? Da irrt Ihr! Ihr habt den Kelch vom Altare geſtohlen und ihn entweiht; Ihr habt das Beiſpiel des frevlen Höhners gegeben; von Euch iſt der Befehl ausgegangen, die Kirche anzuzünden; gebt Rechenſchaft! Habt Ihr nicht gelobt, kein Kloſter niederzubrennen? Verſprachet Ihr nicht in Nußdorf, das Heiligthum zu ſchonen?“ Erasmus riß das Schwerdt aus der Scheide und wollte auf Heinz eindringen, aber in dem Augenblick unterlief Pfriemer ſeinen Arm und ſchleuderte ihn an den Boden, daß ein Ach! des Schmerzes ſeinen Lippen entfloh. Die Beſonnenheit war ihm durch dieſes klare Beweismittel wiedergegeben. Er raffte ſich auf. Pfriemer ſagte:„Wagt's nicht noch einmal ſo aufzutreten, Ritter von der Hauben! Ihr habt uns gelehrt, Bauernfauſt ſei gut. Bedenkt's, Ihr ſeid in unſerer Gewalt, wir nicht in der Euern.“ Bleich vor Zorn, aber dennoch erkennend, daß es Noth thue, einzulenken, zog er den Kelch des Altars aus ſeinen weiten Pluder⸗ hoſen und reichte ihn dem alten Pfriemer. „Vergebt,“ ſagte er,„daß meine Hitze mich übermannte Es war nicht meine Abſicht, das Kleinod zu bewahren für mich. Ich nahm's, um es dem Prieſter in Annweiler zuzuſtellen. Thut Ihr's an meiner Statt. Uebermuth des Sieges ließ mich Scherz damit treiben; aber das iſt ſchnöder Lug und Trug, daß ich den Brand befohlen!“ Er reichte Heinz die Hand.„Laßt uns in Eintracht wirken,“ ſagte er, aber die Stimme zitterte und das Auge entſandte giftige Blicke gleich Blitzen. — 231— Heinz wandte ſich ab.„Ich will die Judashand nicht!“ ſagt er mit Entſchiedenheit. Jetzt legten ſich Fechenheimer und Benz ernſtlich darein. Der Ritter hörte mit glühendem Aerger Dinge, die er ſich unter anderen Umſtänden und Verhältniſſen nicht würde haben ſagen laſſen. Er fühlte indeſſen zu ſehr, daß er die einflußreichen Bauern nicht gegen ſich noch mehr aufreizen dürfe, denn das Volk hing an ihnen mit einer abgöttiſchen Verehrung. Waren ſie gegen ihn, ſo war er verloren. Darum bezwang er ſich zum erſten Mal in ſeinem Leben. Und endlich gelang es den beiden Friedensſtiftern, daß auch Heinz ihm die Hand der Verſöhnung reichte und ſo äußerlich ein Frieden hergeſtellt wurde, unter deſſen dünner Rinde das Feuer eines glühenden Haſſes fortloderte. Sie trennten ſich dieſen Abend äußerlich verföhnt, aber die Bauern hatten eine Lehre gewonnen, die nämlich, daß ſie wachſam ſein mußten auf des Ritters herrſche⸗ riſche Gelüſten. Kaum hatte die Tagglocke vom Kirchthurme von Annweiler am andern Morgen geläutet, als ſchon wieder die Bauernhaufen weit zahlreicher als am Tage vorher von Hördt in das Thal herabſtiegen. Aus dem Dahner Thale, aus dem Sibeldinger, aus dem Neuſtädter, von den Gebirgsdörfern und aus der Ebene von Landau ſtrömten ſie raubluſtig herzu. Es war eine unüberſehbare Menge, die, als die Führer erſchienen, die heute alle hoch zu Roß ſaßen, nur ein Wort riefen: Klingenmünſter! Dorthin ſetzte ſich der unabſehbare Zug in Bewegung, denn dort war der Sitz großen Reichthums. Auch hier wiederholten ſich vollkommen die Auftritte von Hördt, nur mit dem Unterſchiede, daß die Heiligthümer unangetaſtet blieben und die Gebände nicht niedergebrannt wurden. Es wurde Abend über dem Werke des wildeſten Raubens, des ausſchweifendſten Lebens. Der maßlos ausgelaſſene Zug ging dann am andern Tage nach dem Biſchofshofe zu Mechtersheim und nach dem reichen Johanniterhofe zu Haimbach. — 232— Am Abend dieſes Tages, wo die Führer in einer Mühle ihr Quartier genommen, kam es zu heftigen Erörterungen. Es war auffallend, daß Erasmus von der Hauben nur dazu aufreizte, Klöſter zu plündern. Kam die Rede auf das Brechen einer der Burgen, die als Zwingburgen des Landes erſchienen, ſo ſuchte er davon abzuleiten, weil ja dort nicht der Reichthum zu finden ſei wie in den Klöſtern und Kloſterhöfen. Mit ſolchen Gründen hatte er im großen Haufen geſiegt und ſich einen namhaften Anhang erworben. Die Nußdorfer und zunächſt Fechenheimer waren anderer Meinung. Sie trugen ebenſo glühenden Haß gegen die Ritter als gegen die Mönche, und da die nächſten, verhaßteſten Klöſter gezüch⸗ tigt waren, erwachte das Verlangen, nun die Burgen am Gebirge zu brechen. Wieder war es Erasmus, der widerſprach und hemmte. „Wir ſehen wohl, wie wahr es iſt, was Heinz Pfriemer ſchon zu Nußdorf ſagte, daß ein Wolf den andern nicht auffrißt,“ ſprach Pfriemer.„Das raubluſtige Geſindel habt Ihr auf Eurer Seite. Wißt Ihr was, zieht Ihr ins Biſchofsland, am Rheine hinab; wir wenden uns gegen das Gebirg und thun, was uns recht dünkt! Da könnt Ihr Klöſter genug finden!“— Das war das Schlußwort langen Streitens und Haderns. „So laßt das Volk entſcheiden!“ rief Erasmus von der Hauben. Damit waren die Nußdorfer einverſtanden. Am andern Morgen ſammelte ſich das Heer, das nun ſchon zu mehr denn zweitauſend angewachſen war. Der alte Pfriemer redete zu ihnen mit der ihm eigenen Kraft. „Wer mit uns hinziehen will, die Raubneſter der Stoßfalken da oben am Gebirge zu zerbrechen, daß ſie nicht mehr erſtehen, wie's im Liede heißt, der trete rechts; wer's aber mit dem von der Hauben hält und in Klöſtern gottesvergeſſenen Kirchenraub treiben will, der trete links.“ So ſchallte es klar und vernehmlich über die Menge hin. Einen Augenbkick hörte man ein Murmeln wie , fernen Donners ſchauerliches Grollen, dann entwirrte ſich der Knäuel und es ſchieden ſich die Maſſen. Erasmus ſah mit höhniſchem Grinſen, daß die Mehrzahl rechts ſich wandte. „So ſei's!“ ſagte er grimmig und gab ſeinem Roſſe die Spornen. Und die Haufen ſchieden unter brüllendem Geſange. Erasmus trug die Flammen des Aufruhrs hinab in die Ebene des Speier⸗ und Wormsgaues, während die tapferſte und größte Schaar mit den Nußdorfern nach dem Gebirge heimkehrte. Wie auf jede heftige Aufregung eine Abſpannung zu folgen pflegt, ſo trat ſie auch hier ein. Die Bauern wollten ihres Gewinnes, ihrer Beute einmal froh werden, wollten die in ihren Gemarkungen liegenden Kloſtergüter theilen und verlooſen; darum trennten ſie ſich auf acht Tage, ſich das Wort gebend, am Morgen des neunten Tages wieder in Nußdorf ſich zu ſammeln. VIII. Als die Nußdorfer heimkehrten, traf ſie das dort Vorgefallene, von dem ſie keine Ahnung hatten, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Noch ſtanden die Roſſe da, noch hing der Gefängniß⸗ wärter Claus an den Aeſten der Linde. Mit Entſetzen erkannten ſie des Ritters Roſſe und ſeinen Knappen.„Da liegt der Beweis ſeiner Verworfenheit,“ rief Heinz und gedachte der Worte Elsbeth's, die ſeine ſtechenden Blicke gerügt hatte. „Es iſt Gottes Urtel an dem Claus vollzogen,“ ſprach Pfriemer;„auch der Ritter wird dem Gerichte nicht entgehen;“ aber die muthigen Frauen empfingen wohlverdientes, ihnen ſchmei⸗ chelndes Lob. In Benz und Heinz erwachte ein dringendes Verlangen die Ihrigen zu ſehen, und Fechenheimer hatte gleiche Sehnſucht nach Bechingen zu eilen. — 234— Da acht Tage Friſt gegeben war, begaben ſie ſich auf den Weg; aber Jeder trug eine Waffe, Benz einen mächtigen Morgen⸗ ſtern, den er in den letzten Tagen geführt, Fechenheimer eine Streitart, die er von ſeinen Vätern ererbt, und Heinz ſein erbeutetes ſtattliches Schwerdt, das eine rechte Wirkung that, zumal wenn die ungeſchwächte Kraft Heinz Pfriemer's den Nach⸗ druck gab. Das herrlichſte Frühlingswetter hatte bis jetzt ununterbrochen eine wahre Sommerwärme verbreitet. Das Pflanzenleben war ſchnell hervorgelockt worden. Wenige Tage waren hinreichend geweſen, die Kirſchbäume in die herrlichſte Blüthe zu verſetzen. Friſches Grün ſproßte überall und der Anblick des Gebirges war ungemein ſchön, da aus dem dunkeln Grün der Föhrenwaldung jetzt überall das ſaftige Buchengrün hervorſah. Der Himmel war wolkenlos und tiefblau. Die Lerche jubelte in den Lüften, der Wachtelruf erſchallte weithin und die Geſänge der Nachtigallen waren an den ſchönen Morgen und Abenden vermiſcht mit dem hellen Schlage der Golddroſſel ſchon aufs herrlichſte zu hören. Es war ein ſonniger Mittag, als die drei Männer Nußdorf verließen, üm gemeinſam bis Edesheim zu gehen, wo dann Fechen⸗ heimer ſich nach Bechingen wenden, indeß Heinz und Benz ihren Weg nach der Hardt fortſetzen wollten. Sie waren durſtig und erſchöpft, als ſie Edesheim erreichten. „Laßt uns bei dem Engelwirth eintreten,“ ſagte Fechenheimer; „er iſt mein Vetter und Gevatter und guter Freund. Da trinken wir einen Becher Forſter oder Deidesheimer, wie kaum am Orte ſelbſt, wo er gewachſen.“ Der Verſchlag gefiel den Geſellen und ſelbdritt betraten ſie das Wirthshaus, wo ſie der Wirth freundlich aufnahm und ihnen bald den perlenden Deidesheimer vorſetzte, der den Durſt löſchte, den Gaumen kitzelte und dem Blut eine belebende Wärme gab. In fröhlichem Geſpräche ſaßen die Drei bei dem Wirth, und die Ereigniſſe der letzten Tage und Woche, die Pläne der nächſten Zukunft waren Gegenſtände ihrer Unterredung. Nur Heinz nahm enh— —.——— wenig Antheil am Geſpräche. Seine Gedanken ſchweiften hinüber nach der Hardt, wo ſeine Elsbeth war. Da vernahm man den Hufſchlag eines Pferdes. Der Wirth ſprang zum Fenſter und rief:„Entfernt euch durchs Hinterpfört⸗ lein, denn der Ritter Rudolph von Zeiskam kommt!“ „Laß ihn kommen,“ ſagte Fechenheimer ruhig.„Wir ſind Gäſte wie er, und wir wollen ihn nicht reizen, aber auch nicht aus dem Wege gehen!“ Rudolph von Zeiskam war von Heidelberg glücklich und unge⸗ fährdet nach Bechingen gekommen; denn damals hatte ſich das Bauernheer nach Hördt und ſpäter weit aufwärts am Gebirge, dann wieder gegen den Rhein hingezogen. Der Theil der Pfalz, den er zu durchziehen hatte, war noch unerſchüttert von dem Kriegsruf, und es ſchien, bei der herrſchenden Ruhe könne dieſer friedliche Zuſtand nicht in jenen umgewandelt werden, der die Gegenden höher am Gebirge jetzt in eine ſo wilde Gährung verſetzte. So bange es ihm geweſen, ſo wuchs jetzt ſein Muth wieder und mit heiteren Ausſichten ritt er gen Bechingen, wo er mit aller Kraft daran ging, vertraute Leute anzuwerben, Hörige, auf die er ſich verlaſſen zu können glaubte, an ſich zu ziehen und die Burg in belagerungsfähigen Stand zu ſetzen. Da er nun doch das Wetter ſich nur gegen die Klöſter entladen ſah, die ſelten ein kräftiger Rittersmann im Herzen trug, ſuchte er ſich zu überzeugen, die Bauern ſeien zu feig, es mit den Rittern und ihren Burgen aufzunehmen. Da wuchs ihm und ſeinen Standesgenoſſen wieder der Kamm ſo friſchroth wie den Hähnen im Frühling. Gerade an dem Tage, als die Drei in Edesheim beim Engel⸗ wirth einkehrten, ſtieg gelockt von der warmen Frühlingsſonne, aber mehr noch von der Neugierde, wie es um die Unternehmungen der Bauern ſtehe, der Ritter zu Roß, empfahl die Burg ſorgfältiger Bewachung und itt allein hinab nach Edesheim. Als er an der Herberge zum Engel vorüberritt, däuchte es ihm, er höre laut und ſtark darin reden. Er ſaß ſchnell ab, gab ſein Pferd dem Wirth und ſchritt mit trotzigem Uebermuth in die Wirthsſtube, wo die Drei in der Ecke ſaßen, ihre Waffen neben ſich. Alle Vier waren betreten über dies Zuſammentreffen. Kein Gruß noch Gegengruß wurde gewechſelt. Hätte Rudolph nur einen Knappen zum Beiſtande gehabt, er würde ſie, ſo dachte er, ſofort zu Gefangenen gemacht und auf ſeine Burg geſchleppt haben. Doch gab er den Gedanken auch ſo noch nicht auf, trotzend auf ſein gutes Schwerdt. Die Drei in der Ecke fuhren, ihrem Geſpräche ruhig fort, wenn Ritter verlangte Wein, den er faſt in einem Zuge hinabſtürzte. Das Zuſammenwirken ſeiner Erregung und des ſtarken Weines brachte bald ſeine Früchte. Der Uebermuth ließ es nicht zu, daß Rudolf lange müßig geblieben wäre, ohne mit den Bauern anzubinden. „Da treff' ich ja ein ſauber Kleeblättlein!“ rief er aus mit einem Tone ſchneidenden Hohns,„und ich glaube gar bewaffnet?“ „Da habt Ihr Euch nicht geirrt,“ ſagte Fechenheimer.„Das Kleeblättlein iſt ſauber von Uebermuth und will jeden ſeines Weges ziehen laſſen; bewaffnet iſt's aber, weil die Zeit herum iſt, daß nur ein Stand das Recht haben ſoll, Waffen zu Schutz und Trutz zu tragen. Der Bauer will ſeine Haut eben nicht mehr gutmüthig zu Markte bringen.“ 3 nachdem ſie ſich geſammelt, in auch weniger laut, und der „Ei, ſieh mal, wie der Bauernkamm gewachſen iſt, weil er ein Paar Neſter voll wehrloſer Kahlköpfe bezwang! Haſt du lange keinen Hirſch mehr gejagt, Jacob?“ fragte er Fechenheimer, mit ſpitziger Hindeutung auf ſeine letzten Erfahrungen. „Nein,“ ſagte ruhig Fechenheimer.„Wär' aber einer auf meine Saat gekommen, und ich hätt' ihn geſehen, ſo wär' ihm gewißlich für das Wiederkommen gethan worden.“ „Das will ſagen, du hätteſt ihm den Bolzen in die Bruſt gejagt?“ fragte ihn Rudolf von Zeiskam. „Wie Ihr ſaget,“ war Fechenheimer's ruhige Antwort. „Du haſt wohl wieder einmal ein Verlangen nach Stock und Verließ?“ fragte der Ritter. 3 —————————— * ————— . — „Das nicht,“ verſetzte der Bauer,„aber darnach, mein Eigen⸗ thum gegen frevelndes Verletzen zu ſchützen, wozu ich ein Recht habe als Freiſaſſe.“ „Verfluchtes Geſindel,“ rief der Ritter,„das auf ein Recht pocht und an den Ketten raſſelt, die es nach Ordnung und Ver⸗ 69 dienſt trägt!“ S „Haltet Maaß!“ bat Benz halblaut ſeinen Nachbar. „Sind wohl die Ketten von Gott beſtimmt dem einen Theile, während der andere faullenzt und praßt?“ fragte Fechenheimer. „Wer ſie zu tragen Luſt hat, mag zuſehen; der freie Mann wird ſie zurück auf das Haupt deſſen ſchlagen, der ſo keck iſt, zu ver⸗ ſuchen, ſie ihm anzulegen „Zweifelſt du daran, frecher Bauer,“ rief Rudolf von Zeiskam, „ob ich ein Recht habe, dich, ſo du mir frevelſt, in Ketten zu legen, ſo ſollſt du es ſchon wieder erfahren wie ſchon einmal.“ Mit dieſen Worten faßte er ſeinen Schwerdtgriff. „Laßt den Flederwiſch ſtecken,“ ſagte Fechenheimer,„ich fürchte ihn nicht, und der Verſuch zu dem, was Ihr eben geredet, möchte meine gute Streitart mit Eurem Schädel in eine ungefüge Berührung bringen. Uebrigens ſolltet Ihr und Eure Zunft bedenken, daß es mit dem vermeſſenen Pochen auf die Macht und Gewalt nichts mehr iſt. Der Mönch von Wittenberg hat ein Wort geſprochen, das gilt. Gleiches Recht vor Gott und vor den Menſchen!“ „Ich bitt' Euch, Herr Ritter, und Euch, Fechenheimer, laßt ab vom Reizen und Rockeln,*) das führt zu eitel Hader,“ ſagte Heinz begütigend. „Nun, du Nußdorfer Finke,“ rief Rudolf von Zeiskam,„biſt du auch ſchon flügge? Willſt du Pater**) werden, weil du ſo guten Rath haſt, oder Prädicant?“***) pz *) Aufiegeln, Kufreizen. **) Mönch.„ ***) Prediger, „Bin weder ein Vögelein, noch ein Pater, noch ein Prädicant,“ ſagte Heinz, dem die Galle ſtieg, vor deren Steigen er eben erſt Fechenheimer gewarnt;„aber ich kann doch ein Liedlein ſingen, das Euren Ohren mißfällt, eine Hora anſtimmen, daß ſie Euch gellen, und eine Predigt halten, die Euch kaum erbauen möchte.“ „Traun, Bürſchlein,“ höhnte der Ritter,„laß hören, vielleicht bekehrſt du mich. Heißeſt du nicht Pfriemer?“ „Das iſt mein ehrlicher Name,“ ſagte Heinz,„und wenn Ihr's denn ſo wollt, ſo will ich Euch den Staar ſtechen. Hätt' ich aber nicht Luſt dazu, ſo ließ ich's fein bleiben. Wißt Ihr, wie der Adel entſtanden iſt?— Ich will's Euch ſagen: Mächtige Spitzbuben und dumme und arme Teufel ſpielten Würfel mit einander. Die Spitz⸗ buben warfen den Paſch, und da die armen Teufel nichts hatten, nahmen ſie die Spitzbuben ganz und gar. Da wurden ſie hörige Leute und der Teufel lachte, daß der Adel da war! Wollt Ihr mehr hören?“— „Das Maul will ich dir ſtopfen, du patziger Bauer,“ ſchrie zornglühend der Ritter und ſprang auf. Blitzſchnell fuhr das Schwerdt aus der Scheide. Aber auch Fechenheimer und Benz ſprangen auf, und während Benz den Hieb, der Heinzen galt, mit ſeinem Morgenſtern alſo auffing, daß die Klinge zwiſchen den Eiſenzähnen tief in das harte Holz drang, unterlief Fechenheimer des Ritters Arm, faßte ihn an der Kehle und warß ihn mit entſetzlicher Wucht zur Erde. Rudolf verſuchte aufzuſtehen und riß ſeinen langen Dolch aus der Scheide. Fechenheimer hatte jede Bewegung ſeines Feindes beobachtet. Wie ein gieriges Raubthier warf er ſich jetzt auf ihn, kniete auf ſeine Bruſt und entwand ihm den Dolch. Mit der Wuth eines blutgierigen Tiegers zuckte er den Dolch nach des Ritters Bruſt und würde ihn durchbohrt haben, wäre nicht Heinz, der erſt, als jene Beiden aufgeſtanden waren, aus ſeiner Ecke konnte, herbei⸗ geeilt, ſeinen Arm zu faſſen und auch ihm den Dolch zu entreißen. „Gib mir ihn wieder!“ ſchrie Fechenheimer,„daß ich das Herz 2 des Drängers finde! Gib mir ihn!“ 23 „Nein,“ ſagte Heinz.„Loß ab! Hat er den Streit begonnen, ſo iſt er beſtraft. Kein Blut fließe und beſudle unſere Hand!“ Fechenheimer fühlte die Wahrheit. Seine ſchnell aufflammende furchtbare Hitze legte ſich ſchnell. Er ſtand auf und ließ den Ritter los. „Gebt mir meine Waffen!“ ſchrie dieſer. „Sie ſind im ehrlichen Kampf erbeutet,“ ſagte Benz,„und alſo unſer. Euch aber rath' ich, ſucht das Weite! Einmal kommt Ihr ohne Blut davon, weil Heinz Pfriemer Euch rettete; das zweite Mal könntet Ihr ſchlimmer wegkommen! Im Liede heißb's:„Bauernfauſt iſt gut! ſie trifft!“ Voll wüthenden Grimms und mit den entſetzlichſten Drohungen eilte der Ritter hinaus, und bald jagte er im wilden Galopp davon. Fechenheimer ſchlug eine gellende Lache an, in der ſich befriedigte Rachſucht und Freude über die ſchmähliche Niederlage eines vermeſ⸗ ſenen Feindes ausdrückte. Der Wirth ſagte:„Gevatter, Euer Lachen iſt zu früh. Den Einzelnen habt Ihr beſiegt; wie aber wird es werden, wenn er nun mit ſeinen Landsknechten und Reiſigen wiederkehrt? Und das wird er, ſo wahr ich lebe! Ich kenne ihn und auch Ihr wißt, wie wenig ſein Stolz einen ſolchen Schimpf erträgt. Und werdet Ihr ſeine Gefangene, ſo macht Euer Teſtament.“ Der Auftritt im goldenen Engel war indeſſen im Dorfe nicht unbeachtet geblieben. Auch aus Edesheim waren Viele mit auf den Zügen nach Hördt, Klingenmünſter, Haimbach und Mechtersheim geweſen. Man hatte die hochgehaltenen Führer in die Herberge treten ſehen, dann auch den Ritter, und Gruppen hatten ſich ſchon geſammelt, als die Niederlage des verhaßten Zeiskamer erfolgte. Jetzt, wo ſie ihn waffenlos und wutherfüllt davon jagen ſahen, wo ſie erwarteten, daß er Hilfe holen würde, drängten ſie in die Thüre der Herberge. „Seht Ihr's,“ ſagte Fechenheimer mit triumphirender Miene, „unſere Brüder laſſen uns nicht im Stiche! Geht heim, ihr Männer,“ fuhr er fort,„und waffnet euch; bald wird unſer Feind kommen, uns niederzuwerfen: Das duldet ihr nicht!“ S — 240— „Nein!“ ſchrieen die Bauern und eilten hinweg, den Rath zu befolgen. Dem Wirthe wurde es nachgerade unheimlich. In ſeinem Hauſe war der Unfall vorgekommen. Lud auch er des Ritters Zorn auf ſich, ſo mußte er alle die Folgen tragen, die aus ſeinem Zorn und Haß unabweisbar erwuchſen. Er bat, er flehte, daß ſie ſein Haus verließen. Aber Fechenheimer zeigte ihm, wie er ſie dann erſt recht in die Hände des grauſamen Feindes ſtieße. Wenn ſie aber auch hätten entweichen wollen, es wäre nicht mehr möglich geweſen; denn ſchon ſammelte ſich das Volk in Schaaren vor dem Hauſe, darinnen ſie waren. Die Sturmglocke heulte hinaus in das Land, und bald antworteten die Glocken hier und dort, und man ſah von ferne die Leute von den Feldern und aus den Weinbergen herzueilen. Den ſchönen Gedanken, nach der Hardt zu gehen, mußten Heinz und Benz jetzt aufgeben, wie Fechenheimer den, ſeine Lieben in dem Dorfe Bechingen wiederzuſehen. Zetzt war jeder Schritt weiter ein verderblicher. Wie es der Wirth vorausgeſehen, ſo kam es. Der Ritter nahte mit einer anſehnlichen Schaar ſeiner Leute, die Alle beritten waren und wohl bewaffnet. Als ſie aber die Bauernſchaaren ſahen und das Sturmgeläute immer weiter vernahmen, da zogen ſie ſich ebenſo ſchnell zurück, als ſie gekommen waren. Ein Hohngelächter im vollſten, brüllendſten Chore folgte den ſich Zurückziehenden, und aus dem Kampfe, der bevorſtand, wurde ein Gelage, bei dem durch den Vortheil des Wirths angſtvolle Züge ſich wieder aufheiterten. Als der Ritter heimkehrte mit namenloſem Zorn und glühendem Rachedurſt, war Märten Streffer in ſeiner Burg. Mit dem Ritter war er in die Pfalz zurückgekehrt, war, nach⸗ dem er die Erfolge der Bauern erkundet, nach Germersheim zum Vogte Fleckenſtein geeilt, der in ſeiner Bequemlichkeit den günſtigen Augenblick verſäumt hatte, den Unfug im Keime zu erſticken, und deſſen Spott über der Bauern Muth nun wie ein Centner auf * — 241— ſeiner Seele lag. Er ſah nun, daß ſeine Macht nicht mehr aus⸗ reichte, den Strom zu dämmen; ja, als ſie Mechtersheim heimge⸗ ſucht, wurde es ihm ſchwül in ſeiner Burg, weil er einen Ueberfall befürchtete und ſich nicht Macht genug zutraute, den Ueberfall abzu⸗ ſchlagen. Märten mußte wieder nach Heidelberg eilen, um dort Alles zu berichten und um Hilfe zu bitten. Der Marſchalk aber gab ſchlechten Troſt; denn er bedurfte der geringen Macht, um einen entſcheidenden Streich gegen Erasmus von der Hauben zu führen, der mit ſeinen Haufen die Niederungen des Altrheins und der Rheinufer ſelbſt mit der Brandfackel durchzog und überall den Auswurf der Dörfer, das Geſindel der Städte und die zulau⸗ fenden Strolche und Landſtreicher in ſeine Schaaren aufnahm. Märten mußte eilen die Botſchaft zu bringen, daß ſich Ritter Fleckenſtein fürs Erſte ſelber helfen müſſe, aber dem Ritter Rudolph von Zeiskam die Freundesbotſchaft des Marſchalks zu melden, daß er vom Rheine her gegen das Gebirge ziehen und ſeine Burg, ſollte ſie belagert werden, ſicherlich entſetzen werde. Dazu fügte der Marſchalk den Rath, ſo viel Geißeln als möglich in ſeiner Burg zu häufen, damit er durch die Drohung, ſie hinzumorden, die Bauern zurückhalten könne. Märten erſchrack, als er von dem Auftritte hörte; der Ritter ſelbſt erzählte ihm Alles und erleichterte ſo ſein Herz einigermaßen. Ein Blitz leuchtete in ſeinem Auge, als Märten die Botſchaft von den Geißeln ausrichtete. Ohne Verzug ließ er Fechenheimer's ganze Familie und die ſeines Bruders aufgreifen und in die Burg ſchleppen. „Darf Euch,“ hatte der argliſtige Märten geſagt, unſer einer einen Rath geben?“ „Heraus damit!“ rief Rudolph von Zeiskam. „Wär' ich an Eurer Statt,“ ſprach liſtig Märten,„ſo holte ich mir einmal zuerſt alle Anverwandte des Jacob Fechenheimer, die alle in Bechingen zur Hand ſind.“ „Du haſt da einen prächtigen Plan!“ rief Rudolph. „Noch mehr,“ fuhr der Tückiſche fort.„Glaubt Ihr, daß die V 16 — 242— Drei heute, wo wieder der alte Brand aufflackert, zu Edesheim bleiben? Ich glaub's nicht. Wißt Ihr aber, wo ſie hinwollten?“ „Nein,“ ſagte der Ritter mit großer Spannung.„Weißt du es denn?“ „Ich weiß es,“ ſagte mit dem Stolze, den der Bauer auf ſein Wiſſen Höheren gegenüber zu legen pflegt, der hier den beſon⸗ dern Nachdruck dadurch erhielt, daß Märten den Werth ſeiner Perſon in das rechte Licht ſetzen, ſeine Unentbehrlichkeit beweiſen wollte.„Der Ritter von der Hauben hat die Tochter des Benz ⁰ ſchön gefunden und den entlaufenen Claus, den Gefängnißwärter im„blauen Hut,“ und ſeinen Knappen heimlich nach Nußdorf geſchickt, das Mädel unter dem Vorwande, der Vogt von Germers⸗ heim wolle ſie als Geißel aufheben laſſen, in ſeine Arme zu liefern. Die Weiber von Nußdorf aber ſtanden zuſammen, fingen den Claus und jagten den andern davon. Bauern, die mit Beute heimkamen, hingen ihn an der Linde auf.“ „Das iſt herrlich!“ rief ganz ſeinen Aerger vergeſſend der Ritter. „Hört weiter,“ fuhr Märten fort.„Da ſich nun des Benz Frau und Kind, das des Heinz Pfriemer, eben deſſen, der in Edes⸗ heim iſt, Liebchen iſt, in Nußdorf nicht ſicher hielten, wichen ſie von dannen und begaben ſich zu einer Baſe auf die Hardt. Dort ſind ſie noch. Was hindert Euch, ſie morgen aufzuheben?“ „Du biſt ein brauchbarer Kerl,“ rief Rudolph,„und ſollſt dafür heute Abend die beſte Kanne Forſter die in meinem Keller zu finden iſt.“ „Noch bin ich nicht fertig, Herr Ritter,“ nahm Märten, den das Lob ungemein ſchmeichelte, das Wort wieder.„Ich fragte, ob wohl die Drei in Edesheim blieben? Darauf antwortete ich mit nein! Offenbar wollte Fechenheimer heim und die zwei Anderen nach der Hardt. Glaubt Ihr aber, daß ſie, wie's nun ſteht, dorthin gehen werden und Jacob hierher?“ Der Ritter beſann ſich einige Minuten, dann ſagte er:„Nein!“ „So mein' ich auch,“ war Märten's Wort.„Sie warten den Abend ab und gehen dann nach— Nußdorf.“ —— ——— — ——————————— —————— — 243— „Meinſt du?“ fragte der Ritter. „Verſteht ſich,“ fuhr Märten fort;„denn ſie müſſen ja doch dort die Geſchichte erzählen, um die Bauern nicht zu Verſtand kom⸗ men zu laſſen! Wie wär's, wenn wir die fingen und ſo der Schlange den Kopf abſchnitten? Ihr hättet ſie dann und die Geſchichte wär' aus und der Kurfürſt wär' Euer großer Schuldner.“ Der Ritter ſah den Rathgeber mit leuchtenden Augen an. „Kerl,“ ſagte er,„du könnteſt Kanzler werden, ſo gute Anſchläge haſt du! Aber wie ſollen wir's anfangen?“ „Ei, nichts leichter als das!“ rief Märten.„Kennt Ihr den dicken Nußbaum bei dem Heiligenhäuschen vor Nußdorf, wo die Pfade zuſammentreffen? Dort verbergt Ihr Euch mit Euern Landsknechten, ſtellt die Gäule im Walde heimlich ein und erwartet ſie. Sie kommen gewiß. Sie ahnen auch nichts. Dann knebelt Ihr ſie, ſchleppt ſie zu den Roſſen und dann geht's haidi— hierher.“ „Wie aber kommen wir unbeachtet dahin?“ fragte der Ritter. „Ei,“ rief Märten,„das iſt ja das Leichteſte! Ich kenne, wie ein Fuchs, der Trauben naſchen will, alle Schliche und Gänge, führe Euch unbemerkt an Ort und Stelle und das Weitere iſt Eure Sache! Ohnehin geht der Mond jetzt erſt ſpät auf.“ Der Ritter ging freudig ein auf den argliſtigen Plan. Er hatte Alles für ſich und das Gelingen ſchien völlig geſichert. Fürs Erſte, da es noch zu früh am Tag war, um aufzubrechen, ließ der Ritter Fechenheimer's ganze Mäge und Sippe*) aufheben und in die Burg ſchleppen. Es war ein entſetzliches Jammern und Schreien, Angſt und Beſtürzung im Dorf über dieſe Gewaltthat, die Märten Streffer unklug genug war, ſelber mit auszuführen, und die mit Rohheit und Härte ausgeführt wurde. Märten genoß ſchon einen Theil ſeiner befriedigten Rache, und ſein Herz pochte lauter bei dem Gedanken, dieſen Abend noch ſie völliger befriedigen 2 Familie und Verwandtſchaft. 16* zu können. Gelang es, was er vorhatte, ſo lag noch der weitere Plan in ſeiner Seele, dann ſogleich Nußdorf zu überrumpeln und Pfriemer'n ſelbſt ebenſo wegzuholen. Sie dann in der Burg zu quälen und dem ſichern Strange zu überliefern war ein Gedanke, der ihn ganz außer ſich ſelbſt brachte.— Sah er ſich ja doch ſchon im Pfriemer'ſchen Haus und Gut als Freibauer durch des Kurfürſten Gnade. Der erſte Streich war gelungen. Die Bechinger ahnten nicht, was in Edesheim geſchehen war und wer dort weile, ſonſt würden Boten dorthin geeilt ſein. Als die Nacht ſich herabſenkte, ritt eine große Schaar mit dem Ritter an der Spitze aus der Burg. Ganz am Gebirgsfuße hin führte ſie der Kundſchafter, jeden bewohnten Ort vermeidend. Ja, daß man ſelbſt der Hufe ſchweren Tritt nicht in der Ferne höre, ließ er ſie umwickeln. So erreichten ſie unbemerkt die Stätte, wo Erasmus von der Hauben als Bänkelſänger zuerſt die Gemüther ſo heftig entflammt hatte, und dort verbargen ſie ſich aufs Sorgfältigſte nach Märten's Angabe und harrten mit Spannung der Heimkehrenden. Das Sturmläuten hatte zeitig aufgehört; aber die Wirkung, die es hervorbrachte, war in ihrem ganzen Umfang und Kraft, wie ſie beabſichtigt worden war, eingetreten. Ganze Schaaren Landvolkes waren nach Edesheim geeilt mit Wehr und Waffen, wie ſie ſie eben hatten und fanden. Der Vorgang dort und des Ritters beabſich⸗ tigter Ueberfall empörte ſie um ſo mehr, als die ganze Spänne von Seiten des Ritters war hervorgerufen worden. Fechenheimer benutzte den Augenblick, der ſo günſtig war, um das Landvolk gegen die Ritter und ihre unerträgliche Gewalt, ihren verabſcheuungswürdigen Uebermuth aufzuſtacheln. Seine eigene Erfahrung und der heutige Auftritt wirkten ſo mächtig, daß das Volk entſchieden erklärte, des Ritters Burg zu Bechingen müſſe gebrochen werden, ehe der mor⸗ gende Tag ſich neige. In oder bei Edenkoben beſchloſſen ſie ſolle der Verſammlungsort ſein. Freiwillige in Menge meldeten ſich in der Nacht noch, die Botſchaft hier und dorthin zu tragen, damit ——,————————, ——— — 245— eine runde, volle Zahl Streiter erſcheine, die auch Brandleitern und Feuerhaken mitzubringen hätten. Die Dämmerung kam ſchnell und in ihrem Schatten wollten die drei Männer den Rückweg nach Nußdorf antreten. Die Edesheimer Bauern ſagten aber:„Ihr lauft dem Zeis⸗ kamer geradewegs in die Falle, wenn ihr allein geht! Meint ihr, der Strolch bedächte nicht, daß ihr heim gingt? Meint ihr, er legte euch nicht hier und dort einen Hinterhalt? Den kennen wir, und wo's einen liſtigen Streich gilt, da iſt er nicht blöde und das Schämen hat er ſchon gar lange verlernt.“ Fechenheimer meinte, er habe für heute genug; aber die Bauern ließen einmal nicht nach zu bitten, daß ſie nicht allein ihres Weges gingen. Endlich gaben ſie es denn zu, daß ihrer vierzig, die am beſten bewaffnet waren, ſie begleiteten. Einer war darunter mit einer Hakenbüchſe, die er auf dem Johanniterhofe zu Haimbach erbeutet, nebſt Pulver, Kugeln und Zündkraut. Er hatte ſich ſchon eingeübt, daß er damit ſchießen konnte. Ehe ſie noch aufbrachen, lud er ſie. Ohne alle Gefährte waren ſie bis in die Nähe Nußdorfs gelangt. Schon ſah man im Zwielicht der Sterne die dunkeln Umriſſe des Nußbaums und des Heiligenhäuschens, und Alles war ſo ſtill wie im Grabe. Schon mehrmals hatten ſie früher die Begleiter gebeten zurückzukehren; dieſe aber hatten's abgelehnt und wollten in Nußdorf herbergen, damit ſie morgen früh genug bei der Hand wären. Plötzlich rief der Hakenbüchsſchütze halblaut:„Halt! dort an dem Nußbaum ſeh'ich Leute! Laßt ſehen, ob's nicht des Zeiskamer's Schnapphähne ſind?“ Er legte Zündkraut auf die Pfanne und der Schuß fuhr mit mächtigem Knalle dorthin, wo er die Bewegung geſehen. Ein Schrei wurde gehört, dann ein Ruf und in geſchloſſener Reihe rückten die Landsknechte heran. Die Bauern ſtanden und bald entbrannte ein wilder Kampf, allein des Ritters Leute waren die geringere Zahl und der Kampf — 246— bald entſchieden. Drei wurden gefangen, Einer lag todt an dem Nußbaume, die Anderen flohen. Eine Weile wurden ſie heftig verfolgt, dann ließen die Bauern ab, denn von Nußdorf her, wo der Büchſenſchuß und das Schreien gehört worden war, kamen Haufen Bauern daher. Der Ritter war glücklich entronnen und Märten Streffer hatte ſich, ſo bald er den Schuß und den Schrei des tödtlich getroffenen Landsknechtes gehört, ſchleunigſt davon gemacht. Er war ſchon vor dem Ritter in der Burg. Schlau und vorſichtig hatte er ſich die Umſtände zuſammen⸗ geſtellt auf ſeinem Weg. Er ſah die Belagerung der Burg voraus, und was ihm dann blühen könnte, wenn man ihn dort finde, das war ihm ſonnenklar. Er ging daher nur in die Burg, um ſein Bündelein zu holen, ſich mit Speiſe und Trank zu verſehen, und dann irgendwo einen Schlupfwinkel aufzuſuchen, an denen er keinen Mangel litt. Als die Sieger in Nußdorf einzogen, begrüßte ſie das ganze Dorf; allein nur mit der Aufbietung ſeines ganzen Anſehens mochte es Heinz Pfriemer gelingen, die Gefangenen dem Zorne der Nuß⸗ dorfer zu entziehen. Nur in ſeinem Hauſe waren ſie ſicher. Die Aufregung hatte wieder ſchnell ihre frühere Höhe erreicht. Man erkannte es in der Gemeinde an, es ſei dringend Noth, an den Geilweilerer Hof eine Verſammlung des Volkes zu berufen, unter dem Vorwande den Brüdern im Elſaß zu Hilfe zu ziehen. Eilboten wurden entſandt, die wieder andere entſenden ließen, und ehe es Mitternacht vorüber war, trugen ſchon in weiter Entfernung die ſchnellfüßigſten der Bauern die Kunde von Dorf zu Dorf, daß morgen am Geilweilerer Hofe das Stelldichein ſei. Am anderen Morgen lag ein dichter Nebel auf dem Lande; daher geſchah es, daß es ein grauenhafter Anblick war, wie aus dem Nebel die Geſtalten heraustraten, die ſchaarenweiſe ſich dem Hofe nahten. Wie wenn ſie Erdgeiſter wären, die aus ihren Erdgängen und Höhlen hervorträten an den nebeligen Tag, ſo war es anzuſehen. Als nun bei Tauſend zuſammen waren, erzählte Heinz Pfriemer mit ſeiner ferntönenden, klaren Glockenſtimme, was geſtern geſchehen ſei. Er ſagte ihnen, wie er nur den Vorwand gebraucht mit dem Zuge nach dem Elſaß, um etwa die Vögte hier und da irre zu leiten. Es gälte die Burgen des Landes zu brechen; denn wie der Verrath ſie überall auf Schritten und Tritten umgebe und umlauere, das habe ſich aus dem Verhöre mit den gefangenen Reiſigen in dieſer Nacht herausgeſtellt; denn nun liege es am Tage, daß Märten Streffer von Nuyßdorf, den der Kurfürſt gefreiet habe, der Verräther ſei, der dem Vogte von Germersheim die Kunde gebracht⸗ daß ſie ſich das vorige Mal am Geilweilerer Hofe ver⸗ ſammeln wollten; daß er ſtets unterwegs ſei, zwiſchen Heidelberg und der Pfalz, und zwiſchen den Burgen der Ritter und Vögte; ſo habe er am geſtrigen Abend den Hinterhalt, der ihm, Benz und Fechenheimer habe gelegt werden ſollen, auf weiten Pfaden an die Höhe geführt und den Anſchlag gemacht, ſeinen Vater auch aufzu⸗ heben. Er ſowohl als der Ritter ſeien in der Burg Bechingen, und da Rudolf von Zeiskam der wildeſte, boshafteſte und hinter⸗ liſtigſte der Ritter ſei, ſo meine er, daß auch ſeine Burg die erſte ſein müſſe, die falle. Als er noch ſo redete, kam ein Eilbote daher, der die Gewalt⸗ that ankündigte, die Rudolf von Zeiskam geſtern an Fechenheimer's Familie und Verwandten geübt. Das würde entſchieden haben, wenn nicht ſchon Alle eines Sinnes geweſen wären. Unter lautem Gebrülle des Bauernliedes brachen ſie auf. Vor⸗ ausgeſendete Boten riefen die bei Edenkoben Verſammelten zur Einigung. Da waren denn mehr als zweitaufend Bauern vereint, die mit Leitern, Haken, Balken, Schmiedhämmern und dergleichen gen Bechingen zogen. Das Bauernlied ſchallte ſchrecklich, von ſo viel rauhen Kehlen geſungen Selbſt den Ritter Rudolf von Zeiskam wandelte etwas Menſchliches an, als er die Macht, als er die Zorngluth der Bauern wahrnahm. Es wollte ihn tief reuen, was er geſtern gethan, und— daß ſich Märten Streffer aus dem Staube gemacht, das dünkte ihm die ſchlimmſte Vorbedeutung, da, wie er — 248— wußte und ſich ſelber ſagte, das Sprüchwort meinte:„Der Fuchs verlaſſe allemal erſt dann den Bau, wenn er ihm keine Sicherheit mehr biete.“ Die dummen Bauern dachte der Ritter damit zu ködern, daß er ihnen die Botſchaft ſandte, er wolle Fechenheimer's Sippſchaft frei geben, ſie ſollten nur heimkehren. „Die wollen wir ſelbe rbefreien, aber die Burg brechen!“ riefen hohnlachend die Bauern, banden den Boten rücklings aufs Pferd, und gaben ihm den Schweif als Zügel in die Hand und ließen dann mit einem Schlage das Pferd laufen. Darauf machten ſie unverweilt Anſtalt die Burg zu berennen. Schnell erkannte Rudolf ſeinen nahen Untergang. Nur geringe war gegen ſolche Zahl ſeine Vertheidigungsmacht; aber er war zu ſtolz, noch einmal Friedensvorſchläge zu machen, da ſie die erſten mit ſolch rohem Schimpf und Hohne zurückgewieſen hatten. Er wandte daher alle Macht an, aber ſie reichte nicht aus. Die Thore ſtießen ſie ein, die Mauern überſtiegen ſie und ehe eine Stunde vorüber war, lagen ſeine Leute theils todt da, theils waren ſie verwundet oder zu den ſiegenden Bauern übergegangen. Er ſelbſt, von Fechenheimer's Streitart getroffen, ſank betäubt nieder und erwachte in den Feſſeln und Handſchellen, die er ſelber hatte Fechen⸗ heimer anlegen laſſen, unter dem Geſange der Bauern: „Bauernfauſt iſt gut! Will Burgen und Klöſter brechen Und zechen!“ Jeder Winkel wurde durchſtöbert, die Schränke und Kiſten ausgeleert und beſonders die Waffenkammer geplündert. Ueberall . herrſchte Gräuel der Verwüſtung, und als die Burg leer war und auch Märten Streffer nicht gefunden worden war, da drohten die Bauern dem Ritter mit der Folter, wenn er nicht geſtehe, wo der Verräther ſei. Es war ein Glück für ihn, daß die gefangenen Reiſigen und Landsknechte es mit betheuerten, daß er ſchon vor des Ritters Rückkehr entwichen ſei. Eins lag ſchwer auf des Ritters — 249— Herzen.— Früh am Morgen noch hatte er Reiſige nach der Hardt geſendet, um Elsbeth zu fangen. Brachten ſie das Mädchen, ſo war es um ſein Leben geſchehen. In dieſer Angſt ſchwebte er, als er hinab in Fechenheimer's Haus abgeführt wurde, wohin die Führer und die Befreiten gegangen waren. Vor der Thüre Fechenheimer's lag ein Balken. Darauf wurde er geſetzt, bewacht von zwei Bauern. Hier hatte man die Burg gerade im Auge. Hier mußte er ſehen, wie die Bauern die Mauern niederriſſen bis gegen Mittag. Das Werk der Zerſtörung war vollendet, ſo weit es die Menſchenhand vermochte. Jetzt ſchlugen himmelhohe Flammen heraus unter einem wahr⸗ haft teufliſchen Jubelgeſchrei der Bauern. Und bis gegen Abend ſaß er da, verhöhnt und verſpottet, immer noch Aergeres erwar⸗ tend, wenn die Reiſigen mit Elsbeth kämen. Schwarz ſtanden die Mauern ſeiner ſtolzen Burg da; nur aus dem Innern brach bis⸗ weilen eine rothe Lohe hervor und ein furchtbarer Qualm, bis endlich auch der erloſch und die Nacht ihren Rabenſchleier über die ſchreckliche Stätte der Verwüſtung breitete. Mit gebrochenem Herzen folgte Rudolph von Zeiskam kettenbelaſtet dem Haufen, der ſich am Gebirge hinzog und in den Dörfern raſtete. Früh am andern Morgen zogen ſie mit vermehrten Schaaren nach der Krobsburg, die auf ihrer ſteilen Höhe größere Schwierig⸗ keiten bot; aber der Muth fehlte den Vertheidigern und leichten Kampfes wurde ſie erobert, geplündert, und wieder am Tage mit Zerſtören und Plündern hingebracht. Großer Gewinn waren die vollen Waffenkammern der Burgen, die Roſſe und Rüſtungen, die nun bald eine ſtattliche Schaar Geharniſchter, wohl beritten, bilden ließen. Von der Krobsburg führte ihr Weg zum Kloſter Euſſersthal. Hier wiederholten ſich die unbeſchreiblich ſchauerlichen Gelage von Hördt und Klingenmünſter. Als der Rauſch ausgeſchlafen war, ſtürmte das Heer die Burg Trifels. Mit jedem Erfolge ſtieg der Bauern Uebermuth und rohe Gewaltthat. ZJede Feſſel war gelöſt, jeder Zügel zerſtört. Der rohen Gewalt wüſter Leidenſchaften waren Thür und Thor geöffnet. — 250— Nach der Eroberung des Trifels fiel die Biſchofsburg Kirr⸗ weiler, und ſiegestrunken zog das ſtets wachſende Heer, mit allem Geräthe nun reichlich verſehen, theilweiſe trefflich bewaffnet, ſelbſt mit Feldſchlangen bereichert nach der reichen Käſten⸗ oder Marx⸗ burg bei Hambach, wo das große Faß lag, von dem 6 ſo lange ſchon geträumt, und von dem ſie ſangen: „Das große Faß iſt unſer Faß, Das liegt gefüllt im Keller. Da woll'n wir Alle trinken baß Und zahlen keinen Heller!“ Die umfangreiche und wohlbewehrte Burg machte den Bauern wohl viel Sorge und Mühe, aber dennoch erlag ſie endlich den vereinten Anſtrengungen, und auch in ihren Mauern begann das Werk ausſchweifendſter Völlerei, des Plünderns und Zerſtörens. Kahle Wände, rauchende Trümmer hinterließen ſie, als ſie nach Neuſtadt hinabzogen. Todesſchrecken überfiel die Bürgerſchaft. Der Rath war ver⸗ ſammelt, konnte aber zu keiner Entſcheidung kommen. Der Gedanke, daß eine wilde Plünderung bevorſtehe, lähmte allen Muth. Lange zu warten war nicht der ſiegestrunkenen Bauern Sache. „Laßt uns das Rattenneſt ſtürmen!“ ſchrieen ſie, und ohne Weiteres wurden die Leitern angelegt, die Thore zerſchellt, und unaufhaltſam drang der wilde Strom in die Stadt. Da rettete der pfälziſche Vogt die Stadt durch Unterwerfung. Zwar hatte er muthig geredet, aber der Muth ſaß ihm nur auf der Zunge. Feig unterwarf er ſich mit ſeinen Landsknechten und war ſo gottes⸗ und pflichtvergeſſen, daß er den Eid ſeinem Herrn, dem Kurfürſten, brach und den Bauern Treue und Gehorſam ſchwur. Märten Streffer hatte in der Nähe alle dieſe Ereigniſſe mit angeſehen. Jetzt eilte er über den Rhein, die Hiobspoſt gen Heidelberg zu bringen. —,—, IX. „ Wenn man im Jahre 1525 durch das kleine Dörflein, das die Hardt hieß, hindurch ging, ſo kam man ganz am nördlichen Ende an ein kleines Hüttchen, deſſen Strohdach hinten auf die Erde niederging und unter ſeiner ſchiefen Höhlung ein Ställchen barg, darinnen zwei Ziegen blöckten. Ein altes Mütterchen wohnte in dem Stübchen, das Küche, Wohnraum und Schlafſtätte zugleich war. Einſam waren des Mütterchens Tage hingefloſſen, denn Gatte und Kinder hatte eine Seuche ihr genommen; Armuth war ihr Loos, und Gebet und Trauer ihr tägliches Brod. Sie bedurfte wenig, und dies Wenige warf ihr Fleiß ab, und was fehlte, erſetzte die Barmherzigkeit der bemittelten Inſaſſen des Dörfleins und ihrer Verwandten in Nußdorf. Plötzlich wurde das Hüttlein belebt; denn ein Weib zog ein mit einem bildhübſchen Knaben, der nun dem Mütterchen Holz las und auch andere Arbeiten ſtill und willig that. Wer die ſchlanke und doch ſo edelgeformte Geſtalt des Knaben ſah, verwunderte ſich darob; aber Niemand dachte daran, daß das Knabenkleid eine Jungfrau verhülle, daß unter der wüſten Pelz⸗ mütze, die der Knabe nicht ablegte, ein reiches, glänzendes Mädchen⸗ haar verborgen ſei, und daß das bleiche Ausſehen des ſchönen Geſichtchens nicht eine Folge der Krankheit, ſondern tiefen Gebreſtes des Herzens ſei. Sie lebten ſo ſtille, mieden ſo ſehr den Umgang Anderer, daß ſie kaum beachtet wurden, zumal denn in ſolchen Zeitläuften die Blicke hinausgerichtet waren auf das wilde Treiben des Bauern⸗ aufruhrs, der ſich mit ſeinen Stürmen immer mehr das Hardt⸗ gebirge herabzg. Ohnedem waren aus dem Dörflein alle Männer und Jünglinge fortgezogen zum Kampf, und jedes Haus war eine Stätte des Leids und ſchwerer, drückender Sorgen. So war's denn auch gekommen, daß, als des Zeiskamer's Reiſige die Leute von Hardt, die ſie auf dem Felde trafen, nach des Benz von Nußdorf Tüchterlein fragten, ſie ohne zu lügen verſichern konnten, die ſei nimmer in Hardt geweſen, noch weile ſie heuer daſelbſt. Sie waren darauf unverrichteter Sache abge⸗ zogen und— da ſie Bechingen und ſeine Burg erobert ſahen, ſchnell nach dem Rheine geeilt, wo der Marſchalk des Kurfürſten den Aufſtändiſchen unter Erasmus von der Hauben entgegenſtand. Elsbeth ahnte nichts von der Gefahr, die ihr gedroht, aber ſie hatte von dem Auftritt in Edesheim gehört, von dem Brechen der Burgen, und da keine Nachricht kam, zog in ihre Bruſt eine namen⸗ loſe Sehnfucht ein, den Vater und Heinz wiederzuſehen, und zugleich eine große Angſt um ſie. Die Mutter aber wandte immer ein, wie ſie ſich auch ſelbſt im Knabenkleide ſo großer Gefahr nicht ausſetzen dürfe. Es könne, ſagte ſie, ihr ja leicht ein Unfall begegnen, der dann ihr Geſchlecht verriethe, und das könne höchſt unſelig gegen ſie ausſchlagen. Immer aufs Neue flehte das Mädchen.„Sind denn nicht vier Männer, die mich ſchützen?“ ſagte ſie zur Mutter.„Und wenn nun einer von ihnen an einer Wunde Schmerzen leidet,“ fuhr ſie fort,„wer ſoll, wer wird ihn pflegen und ſeine Leiden mildern? Und in dem Kampfe, wie leicht iſt es, daß einer von ſolch einem Unglück ereilt werde? O Mutter, laßt mich ziehen, ich ſterbe vor Angſt und Qual!“ Die Mutter verwies ſie zu chriſtlicher Ergebung und Geduld, und wies ſie hin auf das erfahrene Ungemach, das ſie hierher getrieben habe von Haus und Hof. „Der Unhold iſt ja fern, der uns ſolch Leid bereitet,“ ſagte ſie zur Mutter,„und wahrlich bei den Männern bin ich ſicherer, als hier bei Euch, wo Ihr mich doch nicht vertheidigen könnt.“ Dennoch blieb die Mutter unerſchütterlich. Als aber nun die Kunde kam, daß die Marrburg bei Hambach von den Bauern erſtürmt werde, da eilte ganz Hardt auf die Höhe, von wo man Zeuge dieſes Sturmes ſein konnte, wenn auch nur aus der Ferne. Auch Elsbeth und ihre Mutter ſtiegen zur Höhe hinan. Als nun die Alte die Vorgänge ſah, die Stürme, als ſie die Hakenbüchſen und die Feldſchlangen knallen hörte, dann die — 253— 7 brennende Burg ſah, da neigte ſich ihr Herz zu ihres Kindes Wün⸗ ſchen, und am andern Morgen ſagte ſie ſelbſt zu ihr, daß ſie hinab gen Neuſtadt gehe, zu ſehen, wie es um ſie ſtehe. Da aber flog das Mädchen wie ein Pfeil, den die Sehne treibt, und in kürzeſter Friſt trat ſie in das Gemach, wo die Sie Führer beim Ochſenwirth Rath hielten, was nun weiter zu thun ſei. Sie waren im eifrigen Geſpräche, als die Thür aufging und der Knabe hereintrat. Keiner von den drei Männern erkannte ſie, ſelbſt ihr Vater nicht; aber das Auge der Liebe ſieht ſcharf. Heinz rief plötzlich:„Elsbeth, meine liebe Elsbeth!“ Die Männer blickten erſtaunt auf den Knaben, und nun erkannten auch ſie das ihnen allen ſo theure Mädchen. Da gab es ein Reden und Frzählen, ein Fragen und Antworten, das kein Ende nahm. Aber mitten durch die frohen Ergüſſe der Liebe tönte das klirrende Ketten⸗ getöſe aus der Kammer nebenan. Elsbeth vernahm es, und es durchſchauerte ſie allemal, ohne daß ſie die Urſache des entſetzlichen Geräuſches kannte, noch errieth. Endlich fragte ſie Heinz darnach, und dieſer erzählte ihr, wie es gekommen, daß ſie Rudolph von Zeiskam in ſeinen Ketten mit ſich führten. Tief ergriff es ihre Seele, daß ein Menſch von Ketten belaſtet ſei, der doch ein eigentliches Kapitalvergehen nicht begangen habe. Sie legte ſich aufs Bitten.„Laßt ihn Urfehde ſchwören und dann laßt ihn los. O,“ flehte ſie,„erlaubt es mir, daß ich ſeine Ketten und Banden löſe.“ Pfriemer, noch weniger Fechenheimer, war nicht der Meinung, eine ſolche Unklugheit zu begehen; aber am Ende flehte Heinz wie ſie, um ihr eine Freude zu machen, und die Alten willigten ein. Heinz trat mit Elsbeth in das Gemach, wo der Ritter ſaß. „Ritter,“ ſagte Heinz,„hr habt einen guten Engel gefunden! Seht, dies Mädchen, das um ihrer Sicherheit willen im Gewande eines Knaben kommt, bittet für Euch, obgleich ſie Euch nicht kennt. Sie iſt des Benz' Tochter und meine Braut.“ Rudolph von Zeiskam ſchlug beſchämt die Augen nieder, denn — 254— nun fiel es ihm ein, daß er in der feindſeligſten Abſicht das Mädchen hatte wollen gefangen nehmen laſſen. Er wagte ſie kaum anzuſehen. „Ihre Bitte gab Euch die Freiheit,“ fuhr Heinz fort.„Wollt die Urfehde*) ſchwören, ſo ſeid Ihr heute noch frei!“ Da hob der Ritter das Angeſicht gegen das holdſelige Mädchen, das ihn anlächelte wie ein Engel und ſagte:„Iſt es wahr?“ „Ja, ja!“ rief in kindlicher Freude das Mädchen. „Kind, ſo vergelte dir's Gott!“ ſprach feierlich der Ritter, „und kann ich dir oder dir, Heinz Pfriemer, denn du haſt mich menſchlich behandelt, je vergelten, ſo ſoll Gott meiner vergeſſen, wenn ich es nicht thue!“ Heinz löſte ſeine Ketten, und nun ſchwur er die Urfehde und ging. Fechenheimer ſah ihm mit Unwillen nach. Elsbeth ſah es. „O,“ rief ſie,„Herr Ritter, Ihr wollt mir vergelten. Sceht, jetzt ſchon iſt der Augenblick da! Ihr habt dem Fechenheimer Uebels gethan, er Euch. O, gebt euch jetzt, wo Ihr wieder frei einander gegenüber ſteht, die Hand der Verſöhnung!“ In dem Tone des Mädchens lag eine bewältigende Macht. Der Ritter ſtand und drehte ſich um. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„wir ſind quitt. Dies Mädchen übt einen Zauber aus! Sie hat mit ihrem Worte mir das Herz umge⸗ wendet. Hier iſt meine Hand, obgleich du mir ſchrecklich haſt, Jacob!“ 6 reichte ihm auch Fechenheimer die ſeine.„ „Herr Ritter,“ ſagte Elsbeth, kühner gemacht durch ihre „Ihr geht zu dem Herrn Kurfürſten. Er ſoll ſo gut und ſanftmüthig ſein. Redet zu ſeinem Herzen, daß er doch den Leuten nachgebe und ihre Laſten erleichtere, damit doch dies Kriegs⸗ weſen ende!“ *) Urphede, Urfehde ſchwören hieß: durch einen heiligen Eid betheuern, daß man die Waffen in dieſem Kampfe nicht mehr führen wolle. 8 Rudolf ließ lange ſeinen Blick auf den Zügen des Mädchens ruhen. Endlich ſagte er:„Du verdienteſt eine Königin zu ſein mit deinem Herzen! Wiſſe denn aber, Kind, daß ich das dem Kurfürſten ſagen will, ſo wahr mir einſt Gott der Herr helfe!“ Und er ging mit freundlichem Grüßen gegen ſeine Feinde wn dannen. Benz wiſchte ſich etwas vem Auge, was einer Thräne glich wie ein Tropfen Waſſers dem andern. Fechenheimer ſah ernſt unter ſich. Pfriemer's Blicke ruhten mit Wohlgefallen auf dem Mädchen, und ſie legte mit ſeligem Lächeln das Haupt an die Bruſt ihres Heinz, der ſie innig an ſich drückte. Dieſen ſtillen Augenblick, der einem beſſeren Weſen in Aller Herzen den Weg zu bahnen ſchien, ſtörten einige Rottmeiſter des Bauernheeres, die von den Thor⸗ und Lagerwachen meldeten, daß man dort Zwei angehalten habe, die ſich als Boten des Kurfürſten ausgäben. Betreten blickten ſich die Männer an. „Wer weiß,“ ſagte Pfriemer,„vielleicht will er ſich milder geben, als wir glaubten. Wir wollen ſie hören. Laßt ſie kommen!“ Dieſes Unerwartete hing aber ſo zuſammen. Als die Siege der Bauern Schlag auf Schlag folgten, war Märten Streffer mit der Kundſchaft über den Rhein geeilt. War ſie eine Hiobspoſt, ſo erfuhr er eine Freudenbotſchaft, ehe er das rechte Ufer des Rheins erreichte, und dieſe konnte das Bittere der andern verſüßen. Erasmus von der Hauben war wie ein Mord⸗ brenner durchs Land gezogen, und ſein Anhang hatte ſich vermehrt wie der Schneeſturz, der vom Berge herabgleitet. War ſchon oben am Gebirge jede Schranke der Zucht und der Sitte zu Boden getreten, wenn es das Eigenthum der Klöſter und Ritter galt, ſo war es bei ſeinem Zuge nur den Klöſtern zugedacht, daß ſie ver⸗ ſchwänden. Burgen fand er auch nur wenige. Obgleich der Bauernaufſtand im Neckarthale dem Kurfürſten eine Theilung ſeiner Kriegsmacht gebot, ſo zog doch der Marſchalk nach dem Rheine, dem Erasmus entgegen, und da kam es denn zur entſcheidenden Schlacht. So lange die Feldſchlangen nicht 3 — 256— knallten, ſtanden die Bauern; als aber dieſe ihre Verheerungen begannen, ſtiebten ſie wie Spreu vor dem Wind auseinander. Erasmus wandte ſich gen Pfeddersheim, und dort loderte aufs Neue der Brand der Empörung auf, und Wachenheim erntete zuerſt vollen Gewinn des Verderbens von dieſem Aufſtande. Dieſe Kunde brachte eiligſt Märten Streffer dem Landesherrn, und der ſanftmüthige Kurfürſt erkannte es, jetzt ſei die Stunde da, die Hand friedlicher Verſtändigung zu bieten. So zog denn der Kanzler hinüber mit dem Oelzweige des Friedens. Von einer Anzahl bewaffneter Bauern umgeben trat der Kanzler des Kurfürſten, begleitet von einem Schreiber, in das Gemach. Die bewaffnete Schaar von des Marſchalks Heer, die ihm zum Schutze gedient, mußte außerhalb des Lagers und der Stadt harren. In ihre Mitte hatte ſich auch Rudolf von Zeiskam begeben. An einem länglich runden Tiſche im Hauſe des Ochſenwirthes ſaßen die vier Nußdorfer, als der Kanzler eintrat. Ehrerbietig grüßend ſtanden ſie auf und Heinz rückte den Abge⸗ ſandten Stühle zurecht. Die Bauern ſetzten ſich erſt, nachdem der Kanzler ſich niedergelaſſen hatte. Mit gewandter Rede, ſchonend und ernſt mahnend zugleich, wies der Kanzler ſie hin auf das Unrecht, das ſie beginnen, auf das frevleriſche Brennen und Rauben, auf das gottloſe Auflehnen gegen die von Gott eingeſetzte Obrigkeit.„Dennoch,“ fuhr er fort, „biete der Kurfürſt, der mit Recht den Namen des Sanftmüthigen führe, die Hand friedlicher Verſtändigung und hoffe, daß die Auf⸗ ſtändiſchen mit Einſicht und dem Gefühl ihres Unrechts ebenfalls geneigt ſeien, Alles wieder in das Geleis geſetzlicher Ordnung und guten Rechtes zurückzuleiten; damit ſie aber darin nicht etwa eine Schwäche erkenneten und trotzig zu ſein Luſt bekämen, müſſe er ihnen ſagen, daß jenſeit des Rheines der Aufſtand beſiegt ſei, und der Marſchalk die zügelloſen Haufen des Erasmus von der Hauben gänzlich zerſprengt habe und mit raſchen Schritten nahe, um die Schandthaten dieſes Verbrechers und ſeiner neugewonnenen Haufen zu Wachenheim mit der ganzen Schärfe des Schwerdtes zu züchtigen. ₰ 25 Er ſei,“ fügte er hinzu,„beauftragt von ſeinem gnädigen Herrn und Gebieter, den Aufſtändiſchen anzubieten, eine Unterredung mit ihnen in der Rathhausſtube des Dorfes Forſt zu halten, zu welcher er ſelber in hoher Perſon zu kommen gedenke, um ihre Beſchngen zu hören und nach Kräften abzuſtellen, aber auch ihnen diejenigen Bedingungen zu ſtellen, die er als Landesherr ſeinen aufrühreriſchen Unterthanen ſtellen mäſſe. Als Bedingung dieſer Zuſammenkunft habe er die erſte Forderung zu ſtellen, daß der Ritter Erasmus von der Hauben dem Arme der Gerechtigkeit ausgeliefert werde.“ Die gewandte, würdevolle und doch mildgewinnende Weiſe, wie der Kanzler dies Alles vorzubringen verſtand, blieb nicht ohne eine eingreifende Wirkung bei den Bauern. Pfriemer nahm das Wort und ſagte:„Sie erkenneten in den Worten des Kanzlers wohl die ſanftmüthige Geſinnung des Kur⸗ fürſten an, allein ſie hätten auch das Recht auf ihrer Seite und auch die Macht. Wenn der von der Hauben wirklich geſchlagen ſei, ſo berühre ſie das nicht. Er habe ſich ohnehin von ihnen getrennt; auch könnten ſie ihn nicht ausliefern, da er nicht in ihrer Gewalt ſei, ſie nicht einmal wüßten, wo er ſich herumtreibe. Was die Zuſammenkunft beträfe, ſo ſtehe die Antwort darauf nicht in ihrer Macht. Der Herr Kanzler möge weilen, bis ſie das Heer ſelber in ſeinen beſten Männern gefragt. Dies ſolle ſogleich geſchehen; ſie wollten alsdann die Antwort ſchnell überbringen.“ Der Kanzler entfernte ſich, nachdem er ſie nochmals kurz, aber höchſt eindringlich auf die Nothwendigkeit der Beilegung hingewieſen, theils um nicht das Maaß ihrer Schuld noch mehr zu häufen, theils um nicht noch mehr Unheil für Einzelne anzurichten, aber endlich, um nicht durch Vernachläſſigung ihrer ländlichen Geſchäfte Noth und Verderben über ſie und die Ihrigen zu bringen, ja über die ganze Pfalz. Nachdem der Kanzler weggegangen war, berief der alte Pfrie⸗ mer die hervorragendſten und einflußreichſten Männer des Heeres. Er ſtellte ihnen das vor, was der Kanzler geſagt, und die Ver⸗ ſammlung entſchied ſich für die Unterredung mit dem Kurfürſten; V 17 aber, meinten ſie, es ſei nothwendig, daß man ſich darüber einige, wie groß die Begleitung des Kurfürſten ſei, damit nicht irgendwie ein Verrath geübt werde. Dreißig Pferde, meinten ſie, ſei das höchſte, was dem Landesherrn zuzugeſtehen ſei, und mit dreißig Pferden wollten auch ſie gen Forſt ziehen. Die beiderſeitigen Heere aber müßten in ihren Stellungen bleiben. Dieſe Kunde brachte Pfriemer dem Kanzler, und 68 fand keinen Grund, darin etwas Nachtheiliges zu argwöhnen. So wurde es denn feſtgeſtellt, daß bis zur Beſprechung nichts Neues unternommen werden dürfe, und der Tag der Unterredung in Forſt anberaumt. Obwohl Viele im Bauernheere dieſe Löſung wünſchten, ſo war doch auch eine große Zahl Solcher vorhanden, die darein nicht willigen wollten, weil das Leben im Saus und Braus ihnen gefiel, und das Plündern der Burgen und Klöſter ihnen beſſer zuſagte als das mühſelige Arbeiten. Dennoch gelang es den Bſſeren, die Böswilligen zu beruhigen, und das dem Kanzler gegebene Wort wurde gehalten. Am Tage der Unterredung ritten mit den Führern noch ſechs und zwanzig Bauern gen Forſt. Wohlbewaffnet mit ſtattlichen Schwerdtern traten ſie in das Rathhaus der Gemeinde Forſt, des Kurfürſten zu harren. Es waren kernige, mannhafte, kräftige Geſtalten. Die Bauern begriffen die Wichtigkeit des Augenblicks. In ihrem Weſen prägte ſich ein trotziger Sinn, aber auch ein tiefer Ernſt aus. Sie hatten den alten Pfriemer zu ihrem Für⸗ ſprech erwählt, wohl wiſſend, daß er dazu ganz gemacht ſei. Sie ſaßen im Halbkreiſe, Pfriemer in der Mitte, und ver⸗ handelten noch lebhaft ihre Forderungen, als Pferdegetrappel die Ankunft des Kurfürſten ankündigte. Pfriemer hatte vorgeſchlagen, den Kurfürſten an der Thüre des Hauſes zu empfangen, aber die Mehrzahl war aufs ſchärfſte dagegen. So blieben ſie ruhig ſitzen; als aber die Thüre ſich öffnete und die ſtattliche Geſtalt des Kurfürſten hereintrat, da ſtanden ſie Alle auf und neigten ſich vor ihm voll Ehrfurcht. Vor — 259— ihm gingen der Marſchalk und der Kanzler, und die Weiſeſten ſeiner Räthe folgten ihm. Die Geſtalt des Kurfürſten war groß und edel. Um das ſchöne männliche Geſicht, deſſen Ausdruck mild und freundlich war, kräuſelte ſich ein gar ſchöner Bart, der auf die hohe Bruſt fiel. Der mit Hermelin beſetzte Kurfürſtenhut bedeckte ſein Haupt. Ein ſchwarzes Sammtkleid ſtand ihm herrlich zu Geſicht. Enganliegende hirſchlederne Beinkleider reichten bis in die breitüberhängenden Stulpſtiefel. Eine ungemein ſchwere goldene Kette hing auf ſeiner Bruſt, und von einem reichverzierten Wehrgehänge wurde das koſt⸗ bare Schwerdt getragen. Ein kurzer Mantel von Hermelin hing leicht um die breiten Schultern des Fürſten. Es war mehr der leiſe Anflug von Trauer, welcher das Auge des Kurfürſten umdüſterte, als Unmuth. Die tiefen Falten der Stirne zeigten, daß die Regentenſorgen nicht allein dem Kanzler zufielen. Die ſonſt ſo friſche Farbe des Fürſten war einer Bläſſe gewichen, die von dem Leide zeugte, das ſeine Seele trug um die verirrten Unterthanen. Der Gruß des Fürſten war herzlich und volles Zutrauen erweckend. Er allein war bedeckten Hauptes in der Verſammlung.* Kaum hatte ſich das aus dreißig Perſonen beſtehende Gefolge geordnet, als der Kurfürſt ſie Alle niederſitzen hieß. Er nahm das Wort. Aus ſeiner bewegten Seele rangen ſich die Worte los. Sie kamen aus tiefſtem Grunde dieſer edeln Seele. Er ſprach den Schmerz aus, daß der unbändige Geiſt wilder Zerſtörungsſucht, Selbſthilfe und unſeligen Verlangens nach fremdem Eigenthume, der wilde Geiſt der Widerſetzlichkeit gegen das heilige Recht und Geſetz, der durch das deutſche Reich hindurchgehe, auch ſeine lieben, bisher ſo getreuen Pfälzer ergriffen habe, eingehaucht von Verwor⸗ fenen, die ſich dem ſtrafenden Arme der Gerechtigkeit entzogen hätten. Einer dieſer Ruchloſen habe dies beſonders bewirkt. Tief bedauere er es, müſſe es darum auch ſtrenge rügen, daß ſie ſich zu Verbrechen hätten hinreißen laſſen, den Landfrieden zu brechen, die 17 — 260— Stätten des Friedens und der Andacht zu berauben und zu zerſtören, mit den Heiligthümern heilloſen Frevel zu treiben.— Immer mehr ſteigerte ſich bei dieſen Worten der Ernſt des Kurfürſten, ſeine Stimme wurde lauter, der Ausdruck des tiefen Unwillens ſchärfer. Er hielt ihnen alle ihre Verbrechen vor und ſchloß mit dem Alle erſchütternden Worte, daß das eigene Gewiſſen ihnen ſagen müſſe, ſie Alle ſeien dem Schwerdte der Gerechtigkeit verfallen. Hier hielt der Kurfürſt einen Augenblick inne, und ſein feſter Blick traf jeden Einzelnen im Kreiſe, und Jeder ſchlug ſeine Augen nieder im Gefühle der Wahrheit deſſen, was der Kurfürſt geſagt. Darauf fuhr er fort, und ſein Ton wurde väterlich milde,— er ſähe ſie Alle nur als Verführte an, als Irregeleitete, als Ergriffene vom Schwindel einer Freiheit, die nicht Freiheit, ſondern Zügelloſigkeit ſei; denn wahre Freiheit achte und ehre das Geſetz und das Recht über Alles. Und weil er ſie als Verirrte betrachte, ſo ſei er als Vater in ihre Mitte getreten, obwohl er es mit der Strafgewalt der Waffen habe thun können. Statt zu vergelten wolle er verzeihen, wenn ſie in reuevollem Erkennen ihres Unrechtes zu ihren Wohnungen und Geſchäften zurückkehrten und den Frevler von der Hauben auslieferten. Er wolle, ſchloß er, gerne ihre begründeten Beſchwerden abſtellen. Der Kurfürſt hatte geendet. Der Eindruck ſeiner ſo ernſten als milden Worte war tief. Stille ſaßen die Bauern da und blickten unter ſich. Gerade die wildeſten und die größten Schreier, die viel Weſens davon gemacht, wie ſie dem Kurfürſten die gute Wahrheit ſagen wollten, waren bleichen Antlitzes verſtummt. Die Wahrheit hatte ſie ſchwer getroffen. Da erhob Pfriemer das Haupt, und als er ſich überzeugt, der Kurfürſt habe geendet, da ſtand er auf, blickte ehrerbietig aber feſt in des Kurfürſten Auge und hob dann an: Daß ſie in gebührender Ehrfurcht ſein Wort angehört, aber nun auch erwarteten, daß er, der von ſich geſagt, er ſei als ein Vater in die Mitte der verirrten Kinder getreten, nun auch dieſe Kinder hören und ihre Beſchwerden abſtellen werde. Vorerſt beklage er es mit ihm, daß Frevel ſei — 261— getrieben und das Heilige entweiht worden; das ſei nicht ſein, nicht ſeiner Freunde Wille geweſen, auch ſei ihre Hand rein davon; es ſei ſchwer einen Strom zu dämmen, daß er nicht ausbreche und Verderben ſtifte. Wenn aber der Kurfürſt glaube, daß der Aufſtand bloß und lediglich durch den Erasmus von der Hauben hervorge⸗ rufen worden ſei, ſo ſei das falſch. Das Wort des Ritters Eras⸗ mus ſei nur der Funke geweſen, der in das Zündkraut gefallen ſei, und es entzündet habe. Es ſei heute oder morgen doch zum Brennen gekommen, denn die Laſten, die ſie niederdrückten und beugten, der Druck der Frohnden, die Unmenſchlichkeiten der Ritter, die Härte der Vögte, das Unchriſtliche der Leibeigenſchaft, die Scho⸗ nungsloſigkeit, Unſittlichkeit und Habſucht der Mönche, das Alles ſei genug geweſen, das Volk zur Verzweiflung zu bringen, da nirgends Abhilfe geweſen, keine Bitte Gehör gefunden habe. Nach⸗ dem dies im Allgemeinen vorgehalten, ging er ins Beſondere ein. Er belegte Alles, was er geſagt, mit Beiſpielen, und hob beſonders auch hervor, wie die Hördter Pfaffheit in Leimersheim gehandelt, was ſein Schwager Fechenheimer vom Ritter von Zeiskam erfahren, wie ihm der Vogt von Germersheim mitgeſpielt und wie er des Benz Tochter Elsbeth um, keinen Preis habe wollen freikaufen laſſen. In des Kurfürſten Antlitz konnte man den Mißmuth leſen, ſolche Dinge hören zu müſſen. Er blickte den wunderſam beredten Bauer, der ſo frei, ſo ruhig, ſo klar, ſo geordnet ſprach, mit wachſender Theilnahme an und lieh ihm völlig ſein Ohr. „Pfriemer,“ unterbrach er ihn, als er von Elsbeth's Befreiung ſprach,„glaubſt du, daß von dem Allem eine Silbe an mein Ohr drang? O, wie gerne würde ich geholfen haben! Damit du es erkennſt, ſo ſei das Mädchen in dieſem Augenblicke gefreiet durch mein fürſtliches Wort, und Jacob von Fleckenſtein wie auch Rudolph von Zeiskam werde ich zur Rechenſchaft ziehen. Glaubet mir, liebe Pfälzer, mir iſt es eine Luſt zu ſegnen, aber ein bitteres Weh zu ſtrafen! Doch,“ fuhr er fort,„Pfriemer, du haſt geklagt, du haſt deine Klagen mit Beiſpielen belegt, die ich zum Theil — 262— abſtellen kann:— aber iſt das Alles, ſo iſt bald unſer Friede hergeſtellt, und ich will die Stunde ſegnen, die ich hier zubrachte!“ „Nein, Herr Kurfürſt und Pfalzgraf,“ ſagte Pfriemer,„das iſt nicht Alles. Ich will's Euch nun auslegen, was wir wollen. Gewährt Ihr uns das, ſo gehen wir heim in Frieden, vorausgeſetzt, daß alle Unbill vergeben und vergeſſen ſei.“ „Das hab' ich dir zugeſagt,“ bemerkte der Kurfürſt. Pfriemer fuhr fort:„Was wir wollen, iſt dieſes: Ihr löſet die Leibeigenſchaft, wie Ihr ſie Elsbeth Benz gelöſt—“ „Und Märten Streffer von Nußdorf!“ fiel der Kurfürſt ein und meinte etwas recht Dankenswerthes geſagt zu haben. Alle Bauern ſprangen auf, als ob ſie eine Schlange geſtochen. „Was?“ rief Pfriemer.„Den Landesverräther habt Ihr gefreiet? den, dem der hänfene Strick von allem Volke zuerkannt iſt?“ Der Kurfürſt ſtand wahrhaft verblüfft da. Er ſah den Kanzler an, als ob er ſagen wollte:„Hilf du, gewandte Zunge“ Der verſtand den Blick, ſtand auf und nahm das Wort, und es gelang ihm auch Alles wieder rund zu machen. Die Bauern ſetzten ſich beruhigt nieder und dachten wohl, daß die Freiung ihn nicht retten ſolle, käme er in ihre Hand. Pfriemer fuhr fort, nachdem der unangenehme Zwiſchenfall erledigt war, die Forderungen der Aufſtändiſchen geltend zu machen. Aufhebung der Leibeigenſchaft in Summa, wiederholte er, dann Aufhebung des kleinen Zehntens und Blutzehntens, die Erlaubniß, s Wild für ſich zu erlegen, das ihre Saaten abweide; den Wald wollten ſie nicht betreten, ſofern ſie kein Recht dazu hätten. Daran ſchloß ſich die Erlaubniß des Fiſchens in den Waſſern, ſofern ſie ihr eigenes Land oder ihre Almend*) berühren; das Empfangen des nöthigen Bau⸗ und Brenn⸗ und anderweitigen Nutzholzes aus den Wäldern um billigen Geldſatz, damit das Freveln und Büßen**) *) Gemeindegut. **) So viel als ſtrafen. aufhöre; Minderung der vielen harten Frohnden für die Herrſchaft, die Klöſter und Ritter; Rückgabe der ihnen entriſſenen Almenden; Aufhebung des Mord⸗ und Baſtardfalles, von deſſen Urſprung keine Menſchenſeele wiſſe; Milderung der Abgaben überhaupt, da der arme Mann kaum mehr im Stande ſei, die Hälfte derſelben, zuge⸗ ſchweigen das Ganze herbeizuſchaffen; endlich aber verlange das Volk, ſollten ſie mit thaten, auch mit zu rathen, oder mit anderen Worten, die Herſtellung ihrer alten Volksberathung, damit nicht Unrecht ſtattfinde und zeitig zum Ohre des Landesherrn dringe, was Unbilliges irgendwo und wie und wann vollbracht werde und ohne Beirath des Landtages keine neue Laſten ihnen aufgebürdet würden. Gewähre das der Kurfürſt und auch der Biſchof von Speier unter Vergeſſen alles bisher Geſchehenen, und binde es durch Handgelöbniß, ſo wollten ſie friedlich heimgehen, wo nicht— und feierlich erhob er ſeinen Arm, ſprach mit einer wahren Donnerſtimme: ſo möge Gott die Schuld denen zurechnen, die ſie verwirkt! Als Pfriemer mit dieſen Worten ſchloß, erſchallte plötzlich Trompeten- und Zinkenſchall von der Straße her. Erſtaunt und erbleichend blickten ſich die Begleiter des Kurfürſten an. Ebenſo verblüfft ſtanden die Bauern. „Was iſt das?“ rief der Kurfürſt. „Verrath!“ ſchrie der kleine Kanzler, der an das Fenſter getreten war.„Es nahen die Bauernhaufen mit Macht! Das gilt Euch, Herr Kurfürſt!“ Die Begleiter des Kurfürſten waren aufgeſprungen und die Hände lagen am Schwerdtgriffe. „Haltet ein!“ rief Heinz Pfriemer mit ſeiner mächtigen, glockenhellen Stimme und ſprang ans Fenſter. Ein Blick reichte hin, ihm das Räthſel zu löſen. „Herr Kurfürſt,“ rief er,„fürchtet nichts! Wir alle ſtehen zu Euch, wenn der Spitzbube, der das angezettelt hat, der Ritter Erasmus von der Hauben, irgend eine Meuterei im Schilde führen ſollte. Nur über unſere Leichname ſollen ſie an Euch kommen.“ Während dies im Saale vorfiel, waren die Bauern genaht. „ — 264— Achttauſend Männer ſchritten in engern Gliedern, die ganze Straße einnehmend, daher, voraus die rothe Nußdorfer Fahne und Erasmus von der Hauben. Vor dem Rathhauſe hielten ſie an, und im furchtbaren Chor erklang des Liedes Vers: „Es iſt ganz todt, das alte Recht, Die Freiheit iſt ein' Leichen; Es gibt nur eitel Herrn und Knecht', Der freie Mann muß weichen! Sie zapfen ab ſein Blut. Fragt ihr, wer's thut? Die in den Burgen hauſen Und ſchmauſen!“ Es war ein Geſang, ſo wild, ſo erſchütternd, daß eines Jeden Nerven erbebten und er durch Mark und Bein ging. Der Kurfürſt war ruhig, aber die Bläſſe ſeines Geſichtes gab Kunde, daß es ihm kein erfreulicher Gedanke ſei, ſich in ſolcher Gewalt zu wiſſen. Es bewegte ſeine Seele der Gedanke, wie doch ſein armes Volk mißhandelt worden ſei, und nun hatte dies Lied ihn tief erſchüttert. Heinz Pfriemer arbeitete ſich durch, um auf den Balkon zu kommen, der in der ganzen Giebelbreite des Rathhauſes ſich befand. Kaum ſah ihn das Volk, ſo wirbelte ein Jubelruf durch die Lüfte. Heinz winkte und alsbald trat eine lautloſe Stille ein. „Was wollt ihr hier?“ rief er mit mächtigem Schalle;„habt ihr nicht euer Wort gegeben, die Beſprechung nicht zu ſtören? Und nun brechet ihr dies Wort und häufet Schmach und Schande, Treu⸗ bruch und Verrath auf euch und uns! Schämet euch und ſchämet euch um unſertwillen. Trauet ihr uns nicht mehr? Haltet ihr uns für Verräther, ſo ziehet vors Dorf und wir legen unſere Köpfe vor euch auf den Block, ſo ihr uns untreu findet; aber brechen ſolltet ihr eure Zuſage nicht, weil der Strolch von der Hauben euch ver⸗ leitet. Trauet ihr dem Kirchendieb und Bauernſchinder mehr als uns, ſo ſei's. Folget dem Ruchloſen und vollendet das Werk der — 265— Schmach und der Treuloſigkeit. Wo nicht, ſo jagt ihn von dannen und erfüllet, was ihr dem Kurfürſt gelobet durch uns!“ „Er hat recht! er hat recht!“ riefen die Bauern. Von der Hauben würde ihn erdolcht haben, hätte er ihn erreichen können. „Glaubt ihm nicht!“ ſchrie er im wildeſten Zorne. „Er hat meine Braut heimlich rauben wollen. Sein Knappe hängt an der Linde zu Nußdorf!“ rief Heinz.„Trauet ihr ihm mehr als mir?“ Ein wildes Geſchrei ertönte für und wider; aber bald entwirrte ſich der Knäuel. Mit unſäglichem Grimm erkannte Erasmus von der Hauben ſeine Niederlage. Nur ein kleiner Theil der Bauern folgte ihm, die ungleich größere Menge wandte ſich um und kehrte dahin zurück, von wo ſie hergekommen. Der Kurfürſt und ſeine Begleiter athmeten erſt wieder frei, als der ſchwere Tritt der letzten Bauern verklungen war. Als Heinz wieder durch die Thüre des Balkons hereintrat, reichte ihm der Kurfürſt die Hand. „Du haſt dich als ein braver Mann bewährt und ich ſehe, daß ihr alle ſchuldlos ſeid; aber das tritt aufs Neue ins Licht, wie gefährlich der von der Hauben iſt,“ ſagte er.„Er muß der Strafe verfallen.“ „Euer Wille geſchehe,“ ſagte Heinz;„nur können wir's nicht gleich erfüllen, wie es Euer Herr Kanzler verlangte. Er hat immerhin einen Anhang im Volke, der ſeines Gelichters iſt. Gönnt mir Zeit, und ich gelobe es, ihn zur Haft zu bringen!“ „Wohlan, es ſei, wie du ſagſt,“ fuhr der Kurfürſt fort. „Noch Eins, Herr Kurfürſt,“ ſprach Heinz;„uns müßt Ihr einen andern Strolch ausliefern, den Märten Streffer—“ „Was that er Euch?“ fragte betroffen der Kurfürſt. Da brach Heinz' ganzer Zorn hervor. Er wies dem Kurfürſten nach, wie er Lug und Trug auf ſeinen Vater und ihn gehäuft; wie er die Spänne mit dem Vogte von Germersheim geſchürt; aus Rache ſeiner Elsbeth Freikaufung verhindert, die nun der Kurfürſt ſelbſt gefreiet; wie er dem Zeiskamer die heilloſen Rathſchläge — 266— gegeben, und das ganze Sündenregiſter des Kundſchafters entrollte ſich vor aller Augen.. Der Kurfürſt war betreten. Das merkte der ſchlaue Kanzler und nahm das Wort. Glatt wie ein Aal und ſich windend wie eine Schlange war ſeine Rede. Gelahrte Redensarten floſſen drinnen hin. Allmählich lenkte er den Gedankenkreis der Bauern wieder auf das Allgemeine und meinte, es ſei doch heute nicht mehr möglich, die Punktationen einer Einigung aufzuſtellen, da der Vor⸗ gang auf der Gaſſe allzuſehr einen Jedweden erregt habe. Er ſchlage daher vor, daß ſobald als möglich gemeine Landſchaft, Rit⸗ terſchaft, Klerus und Landesherrſchaft zu einem Sendtage oder Land⸗ tage zuſammentrete, um alle desideria und gravamina zu prüfen und in geſetzlicher, ordentlicher Weiſe zu löſen. Bis dahin ſolle der Landfriede wie die alte treuga Dei ausgerufen werden und ein Jeg⸗ licher ſeine Waffe niederlegen und nach Hauſe gehen. „So ſei es,“ ſagte der Kurfürſt, deſſen Bruſt leichter athmete. Obgleich viele Bauern leiſe die Köpfe ſchüttelten und meinten, ein Fuchs habe mehr als ein Loch in ſeinem Baue, ſo hatte doch die Mehrzahl, gerade je weniger ſie das hochgelahrte Gerede des Kanzlers verſtanden hatte, Luſt, ohne Arg in dieſen Vorſchlag zu willigen. Dazu gehörten vorzugsweiſe die Nußdorfer. Endlich ſtimmten, überredet von dieſen, auch die Zweifelnden bei und durch Handgelöbniß wurde das Alles beſiegelt. Die Zeit war weit über Mittag bereits vorgerückt. Der Kur⸗ fürſt lud die Bauern zu Gaſt, die das auch annahmen; nur Heinz ſagte:„Herr Kurfürſt, laſſet mich erſt zum Volke geben. Ihr ſeht, wie leicht der Strolch von der Hauben es irre leiten kann. Draußen ſtehen die achttauſend und harren. Laſſet mich ihnen die Kunde bringen, daß nicht neuer Treubruch vorbereitet werde. Ich kehre nach gethanem Werke zu Euch zurück.“ „So geh' mit Gott, mein Sohn,“ ſagte der edle Ludwig von der Pfalz,„und möge Gott deine Friedensworte ſegnen.“ Während die Uebrigen alle dem Kurfürſten folgten zum Banket, eilte Heinz ſein Roß zu beſteigen, und flog hinaus zu dem Volk. — 267— In Gruppen ſtanden ſie da, die Lage der Sache erwägend; aber Erasmus von der Hauben hatte durch Märten Streffer, der her⸗ chend an der Rathhausthüre geſtanden, einen Wink erhalten und ſich aus dem Staube gemacht. Als die Bauern Heinz daher ſprengen ſahen auf ſeinem ſtolzen Roſſe, das er in der Käſtenburg erbeutet, da begrüßte ihn ein tauſendfacher Jubel.„Er bringt uns Kunde!“ riefen ſie. Schnell ordnete ſich ein mächtiger Ring, in deſſen Mitte Heinz hielt. Er winkte mit der Hand und es trat tiefe Stille ein. Jetzt erzählte Heinz den Hergang genau. Seine helle Stimme klang zu jedem Ohr und trug ihm deutlich und vernehmlich ſeine Worte zu, bis er geendet. Nun gab es ein murmelndes Hin- und Herreden. Gar ſchwer einigt ſich der Bauer. Bei ſeinem Mißtrauen iſt es ſchwer, daß er Zutrauen gewinne. Mehrmals nahm Heinz das Wort wieder. Erſt als die Dämmerung zu nahen drohte, waren die Würfel gefallen; die Bauern nahmen die Vorſchläge an, wollten aber, wenn auch ruhig, doch bis zur endlichen Löſung durch den Landtag gewaffnet bleiben. Als dieſer Beſchluß des Friedens endlich gefaßt war, blickte Heinz dankend gen Himmel. Heute war ihm doch Manches in anderm Licht erſchienen. Die Worte des edeln Fürſten hatten ſeine Seele erſchüttert, und es ſchien ihm, die wilde Gewalt, die ſie geübt, ſei nicht zu rechtfertigen. Glücklich pries er ſich deßfalls, und frohen Herzens wollte er zu dem Gelage zurückkehren, als in den äußerſten Kreiſen des Rings ein Tumult erſchallte. „Märten! Märten!“ rief das Volk, und bald drängten ſich mehrere Männer in den Ring, den rothen Strolch, der todtbleich ausſah, herbeiſchleppend. Er war umhergeſchlichen und drängte ſich vor, Alles genau zu vernehmen. „Hängt ihn auf!“ ſchrie das Volk.„Hängt ihn auf!“ „Erbarmet euch!“ rief, die Hände faltend und auf die Kniee ſinkend, der Verräther. „Fort mit ihm!“ ſchrie das Volk wieder und immer lauter. Heinz ſah ihn an. Seine Stimmung war nicht geeignet, der Rache Raum zu geben. „Hört mich!“ rief er, und das Volk ſchwieg, ſeinem Wort, gehorſam.„Laßt ihn laufen, iſt mein Rath. Laßt ihn geloben, daß er dem Verrath entſage, und beſudelt das heutige Werk des Friedens nicht mit Blut.“ Märten Streffer hob ſeine Hände in die Höhe und rief laut: „Ich gelobe von heute an, was Heinz geſagt!“ „Geh' hin, du haſt es an mir nicht verdient!“ rief er ihm zu. „Hätten wir den von der Hauben, der uns irre geleitet, der müßte dran!“ riefen einige aus dem Volke. „Ich weiß, wo er iſt,“ ſagte Märten Streffer, glücklich, daß er die Volkswuth auf einen Andern lenken konnte.„Ich bringe euch Kunde!“ verſicherte er und machte ſich davon. Bei dem Mahle des Kurfürſten war es anfänglich ſehr ſtill geblieben. Jeder gab ſeinen Gedanken Gehör und ſtellte ſich das heut Erlebte in ſeiner Weiſe zuſammen. Hier und da flüſterten zwei miteinander. Den meiſten der Bauern wollte die Sache nicht recht zu Kopf. Was ſie am meiſten beunruhigte, war der Umſtand, daß keine Friſt geſetzt war für das Zuſammentreten des Landtags. Als der Wein die Zungen löſte, wurden dieſe Gedanken laut, und Fechenheimer, der ſich bis jetzt ſtill gehalten, hob an, dem Kurfürſten dieſes Bedenken zu äußern. Nach vielem Hin⸗ und Herreden kam man denn endlich auch darüber ins Klare, daß als äußerſter Punkt das Pfingſtfeſt feſtzu⸗ ſtellen ſei. Nun kreiſten die Becher luſtig und die Bauern redeten laut, wie es ihnen ums Herz war. Das war aber ein Liedlein, das dem Kurfürſten übel klang. Allmählich wurde es überlaut. Da wurde der Kanzler abgerufen. Es war Märten Streffer, der auf ihn harrte. „Was willſt du?“ fragte der Kanzler, dem es ungemein unbehaglich war. — 269— „Euch warnen,“ ſagte der Unverbeſſerliche,„denn ich habe Reden gehört, die vorſchlugen, den Herrn Kurfürſten aufzuheben. Da könne man ihm vorſchreiben, was er thun ſolle und was die Bauern wollten.“ Mit Entſetzen hörte das der Kanzler. Verglich er es mit den wilden Aeußerungen der Bauern, ſo däuchte es ihm, als ſei die Gefahr groß. „Wo ſtehen die Bauern?“ fragte er.„Iſt eine Stelle, wo man gut entweichen kann?“ „Gen Neuſtadt,“ ſagte Märten.„Dort iſt der Weg frei. Die Bauern ſind theils in Forſt, theils weiter weg; andere liegen auf den Feldern im Lager. Eilet, ehe es zu ſpät iſt!“ Auch hier hatte der Schurke gelogen. An die geheiligte Perſon des Landesherrn die frevelnde Hand zu legen, war in keines Bauern Seele gekommen. Und dennoch warf er den Feuerbrand des Ver⸗ dachtes dazwiſchen, weil friedliche Einigung ihm eine reiche Quelle des Verdienſtes entzog. Während der Kanzler wieder in das Gemach trat, machte ſich der Verräther, der eben erſt dem Strick entgangen war und gelobt hatte, ſein unſeliges Werk zu laſſen, ſchnell hinweg, weil er noch Anderes auszuführen im Sinne hatte. Den Bauern nämlich ſich werth zu machen, galt ihm jetzt, wo er ſo nahe am Abgrunde durch ſie geſchwebt hatte, höher als Alles. Der Kanzler flüſterte Märten's Kundſchaft in des Kurfürſten Ohr. Dieſer erhob ſich anſcheinend ruhig und entfernte ſich. Nach ihm der Kanzler, der den übrigen Begleitern des Kurfürſten Winke gegeben; einer nach dem andern verſchwand, während einer der Bauern nach dem andern von dem edeln Weine bemeiſtert zur Erde ſank. Allmählich wurde es ſtill im Gemach, und während die Bauern ihren Rauſch ausſchliefen, war der Kurfürſt mit den Seinen nach Nenſtadt gekommen, von wo er unbemerkt nach Heidelberg entwich. Die aber, welche ſeine Sanftmuth nicht theilten, ſondern mit roher Gewalt dreinſchlagen und die Bauern zu Boden werfen wollten, fanden jetzt ihn empfänglicher für ihre Saat und ſtreuten ſie uner⸗ müdet. Wie hier eine Parthei den Frieden nicht aufkommen zu laſſen trachtete, ſo im Bauernheer die, welche immer neuen Verdacht erhoben und jede Maßregel, ſo die Flucht des Kurfürſten, dahin deuteten, als ſei, was er geſagt, nicht ſein Ernſt. X. In Pfeddersheim, wo der Ritter Erasmus von der Hauben jetzt die Rolle des Anführers ſpielte und eine ungetheilte Macht ausübte, lagen ſeine Schaaren, die Früchte des Zuges nach Wachen⸗ heim genießend. Da kam die Kunde von den verſöhnlichen Schritten des Kurfürſten und von dem nahen Frieden. Dieſe Kunde fiel wie ein Donnerſchlag auf des Ritters Haupt. Kam eine friedliche Löſung zu Stande, ſo war er verloren, das erkannte er. So war es denn eine Lebensfrage die, wie er Mittel und Wege finde, ſolcher Eini⸗ gung entgegenzuwirken. Schnell brach er nach Forſt auf, um wo möglich noch vor der Beſprechung die Brandfackel zu ſchlendern. Er kam zu ſpät, die Nußdorfer abzuhalten, die er wohl fürchtete, ſeiner Schurkereien und ihrer Entdeckung in Nußdorf gewiß, die er aber durch die Macht ſeines Anhanges zu beſiegen hoffte. Als er mit einem Haufen von nahe an tauſend Mann Neuſtadt erreichte, war es ihm ein Leichtes, die Bauern zu dem Zuge nach Forſt zu beſtimmen. Es ſei Gefahr für die Nußdorfer Führer, ſagte er ihnen. Der Kurfürſt wolle ſie nur heimlich machen,*) um ſie deſto ſicherer in die Falle zu locken, die er ihnen geſtellt; denn Kundſchafter hätten geſagt, der Marſchalk nahe mit ſeinen Landsknechten Forſt, um ſie dort aufheben zu können. Es gelte darum, fuhr er fort, ihnen zuvorzukommen, und das am Kur⸗ fürſten und ſeinen dreißig Begleitern auszuführen, was er gegen die Nußdorfer im Schilde führe. Dieſe Kunde, verbunden mit dieſem Vorſchlage, fand Eingang. *) Volksausdruck für Sichermachen, Zutrauen einflößen. Schnell flog's durch die Haufen, und bald erhoben ſich die acht⸗ tauſend Bauern und zogen gen Forſt in der feſten Abſicht, den Kurfürſten zu fangen. Dort ſtörte Heinz Pfriemer's Auftreten des Ritters Pläne. Die Bauern ließen ſich beſänftigen, und ihr Haß warf ſich auf den Ritter, der ſich nun ſo ſchnell als möglich unſichtbar zu machen ſtrebte. War ſein Haß früher ſchon bodenlos heftig gegen Heinz geweſen, jetzt erreichte er die größte Gewalt. Mancherlei Gedanken durch⸗ kreuzten ſeine ruchloſe Seele. Ihm auflauern und ihn meuchlings niederſtoßen, das wurde am Ende herrſchender Gedanke. Da bot ſich ihm eine andere Gelegenheit, ihm unausſprechlich wehe zu thun, ehe ſein Stahl ſich in ſeinem Herzblute tränke, und ſeine Seele jauchzte auf in wilder Luſt. Als nämlich die Führer des Bauernheeres in des kurpfälziſchen Kanzlers Vorſchlag einſtimmten, eine Beſprechung mit dem Kurfürſten ſelbſt zu halten, und Forſt dazu als Verſammlungsort beſtimmt worden war, quälte ſie die Sorge um Elsbeth's Unterkunft, da ſie, wenn auch im Knabenkleide, doch nicht mit in die Verſammlung gehen konnte. Zum Glücke fiel es Benz ein, daß in Forſt eine Wittwe wohne, die einſt in ſeinem Haus als treue Magd gedient, da eben Elsbeth ein liebliches Kind war. Dort ahnte Niemand ihre Anweſenheit und ſie war ſicher, bis ſie ſie wieder mit ſich zurücknehmen konnten nach Neuſtadt. Als ſie nun aufbrachen, ſaß Elsbeth feſt und ſicher wie ein Mann auf dem ſtattlichen Roſſe, das im Marſtalle Rudolf's von Zeiskam eine Zierde geweſen war, und das ſie mit großer Sicher⸗ heit und Erfahrung lenkte. Unterwegs ritt Heinz immer neben ihr, und manches trauliche Wort flog hinüber und herüber, und mancher Scherz über ihre Angſt. „Kind,“ ſagte Benz ſich zurückwendend,„bei der alten Sibylle biſt du wohl aufgehoben; nur darfſt du dich an keinem Fenſter blicken laſſen!“ — 272— Sie gelobte das heilig, und als ſie Forſt erreichten, trabte Benz mit Heinz Pfriemer zu der Hütte Sibyllen's, um dort ihr Kleinod zu bergen.. Mit großer Freude begrüßte die Alte ihren guten Brodherrn und mit noch größerer das liebe Kind, das ſie auf ihrem Schooße geſchaukelt und das nun zur reizenden Jungfrau erblüht war. Benz ſagte ihr, er werde ſie am Abend abholen oder durch einen ſicheren Mann abholen laſſen, um nach Neuſtadt zurückzukehren. Während die Alte für ein Mittagsbrod ſorgte, lag Elsbeth auf ihren Knieen und betete für ein geſegnetes Gedeihen des heutigen Werkes. Das heiße Ringen im Gebete hatte Freudigkeit und Hoffnung in ihre gläubige Seele geſenkt. Da hört ſie mit einem Male die Zinken und Trompeten ſchal⸗ len, da vernimmt ſie den ungeheuern Lärm, der die Straße daher⸗ kommt. Sie faltete zitternd ihre Hände. Sollten die Bauern Hand legen wollen an die geheiligte Perſon des Kurfürſten? Sollte der Kurfürſt eines ſo ſchändlichen Verrathes fähig ſein? Sollte all ihr Hoffen ſo gräßlich zu nichte werden? Immer näher kam der Tumult. Die faſt taube Sibylle ver⸗ nahm nichts davon. Von unausſprechlicher Angſt gefoltert eilt Els⸗ beth, alle die Warnungen ihres Vaters vergeſſend, an des Häuschens Thüre. Da nahte der Zug, an deſſen Spitze noch Erasmus von der Hauben ritt. Sein ſcharfer Blick erkannte auf der Stelle das Mädchen, ſie in eben dem Augenblick ihn. Raſch eilte ſie in das Hüttchen zurück, ihre Unvorſichtigkeit ſchwer beklagend. Als jedoch das mächtige Heer vorüber war und es bis zum Abend ſtille blieb, ſie ſelbſt nicht angefochten wurde, auch ihr Vater nun bald kommen mußte, da wich ihre Furcht. Aber Benz kam nicht, denn auch er hatte des ſüßen Weines, deſſen Schwere ſie Alle nicht kannten, zu viel genoſſen, und Heinz, der Einzige, der nüchtern war von den Führern, hielt noch Rath auf dem Feld und mußte dann die Befehle geben, wo das Heer übernachten ſollte. Auch er, Elsbeth ſicher wähnend, kam nicht, weil ihn ſeine Führerpflicht in Anſpruch nahm. — 273— Erasmus hatte ſie geſehen; das war genug, um an dieſem Punkte den Faden ſeiner blutigen Rache an Heinz anzuknüpfen, zumal er die Befriedigung einer lodernden Leidenſchaft zugleich in der Ferne winken ſah. Von dem Heere hatte er ſich weggeſchlichen und in einer Herberge ſich bis zur Dunkelheit verborgen. Dort war mit ſeinem in allen Schlichen des Laſters erfahrenen Knappen der Plan zur Reife gediehen. Als die Nacht gekommen war, umwickelte Jockel die Hufe der Roſſe und führte ſie unferne des Hüttchens Sibyllen's, das nahe dem Ende des Dorfes lag. Dann blieb Erasmus draußen auf ſeinem Roſſe, des Opfers gewärtig, und Jockel trat zutraulich zur Alten. „Benz läßt Euch grüßen,“ ſagte er.„Er hält vor der Thüre mit ſeinem Roß. Elsbeth ſoll kommen.“ Darauf trat er wieder vor die Thüre. Sibylle lief in die Stube und ſagte zu Elsbeth:„Tummle dich, Kind, dein Vater harrt vor der Thüre, er hat Eile!“ Jockel war unterdeſſen wieder hereingeſchlichen und hatte das Licht der Alten ausgeblaſen. Elsbeth ſetzte ihre Mütze auf, verbarg darunter die Flechten ihres ſchönen Haares und eilte freudig dem Vater entgegen. Jockel ergriff ſie, hob ſie vor den Ritter in den Sattel und dieſer, ihr ſchnell einen Mantel überwerfend, gab ſeinem Pferde die Sporen und war verſchwunden. Wie der Iltis und Marder nach ſeiner Beute umher ſchleicht, ſo war Märten Streffer umher geſchlichen, den Aufenthalt des Ritters von der Hauben zu erkunden; aber er hatte es mit Einem zu thun, der ihn an Schlauheit weit übertraf. Sein Geld ſchloß des Wirthes Mund, und Märten war zweimal im Haus und ahnte nicht, daß Erasmus mit ihm unter einem Dache weile. Nun durch⸗ kreuzte er in der Dunkelheit das Dorf in allen Richtungen und kam an Sibyllen's Häuschen, als Elsbeth aufs Roß gehoben wurde. Er hörte einen halb erſtickten Schrei; dann ſchien es ihm, als ſeien . 18 es Geiſterpferde. Er ſah ſie vorüberfliegen, ohne ihren Hufſchlag zu hören. „Halt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„mit rechten Dingen geht das nicht zu. Da ſind die Hufe umwickelt und zu ehrlichen Zwecken thut man das ſelten.“ Er trat in das Haus.„Alte,“ ſagte er,„wer wurde denn da auf das Pferd gehoben?“ „Wer anders als Elsbeth, des Benz von Nußdorf Töchter⸗ lein?“ gegenfragte antwortend Sibylle. „War's denn Benz, der ſie abholte?“ fragte er. „Wer anders ſoll's denn geweſen ſein?“ war ihre Antwort. Noch ſtand Märten bei ihr, als die Thür aufging und Heinz Pfriemer hereintrat. Er trat raſch herzu, als er Märten ſah. „Was wrillſt du hier?“ fragte er ihn und mit ſchlecht verhehltem Unwillen und Mißtrauen. „Heinz,“ ſagte Märten,„da iſt eben ein Mädchen in Knaben⸗ kleidern auf ein Roß gehoben und fortgeführt worden, das nicht auf dies Roß gehörte, deſſen Hufe umwickelt waren. Wenn das nicht Erasmus von der Hauben war, ſo war es der Teufel!“ „Was?“ ſchrie Heinz und faßte verzweifelnd mit beiden Händen ſeine Haare.„Was ſagſt du?“ Da erzählte Märten den Hergang und Sibylle beſtätigte es. Wie eine Leiche bleich ſtand der Jüngling da. Es war, als ſeien ihm alle Gedanken getilgt. Starr blickte er in die Flammen des Lichtes. Da war's, als führe er plötzlich erwachend zuſammen. Er faßte Märten Streffer's Schulter, daß dieſer zuckte, und rief: „Welche Richtung haben ſie genommen?“ Märten ſagte:„Wie willſt du ſie erreichen? Sie haben einen weiten Vorſprung und du hörſt ihren Hufſchlag nicht, da die Hufe umwickelt ſind. Eile du morgen nach Pfeddersheim, dort iſt des Fuchſes Bau, der das Täubchen geholt hat.“ Heinz ſtürzte hinaus und auch Märten verließ die Hütte. In ſeiner Seele jubilirte er über das Unglück, das den Verhaßten getroffen hatte. Ja, die Verruchtheit des Menſchen zeigte ſich — 275— deutlicher, daß er die entgegengeſetzte Richtung andeutete, als die war, die Erasmus genommen, als Heinz dringender darnach fragte. Erasmus war mit ſeiner widerſtrebenden Beute davon gejagt, und als er ſich in hinlänglicher Sicherheit wußte, ließ er von Jockel die Hufe losbinden und das Mädchen knebeln. Darauf jagten ſie blind in das Dunkel der Nacht hinein, in der Hoffnung einen Wald zu erreichen, wo die erſte Raſt möglich wäre, um weitere Pläne zu ermitteln. Noch keine Wegſtunde waren ſie ſo in geſtrecktem Laufe, nur ſelten zur Erholung der Thiere unterbrochen, fortgeritten, als ſie ſich plötzlich von Landsknechten umgeben und ergriffen ſahen. Das Wehren wäre Thorheit geweſen, denn Erasmus konnte ſich nicht regen, weil er das Mädchen vor ſich auf dem Sattel hielt. Einer der Landsknechte zog unter ſeinem Seitenmantel eine kleine Laterne hervor und beleuchtete die Gefangenen. Da rief der Anführer plötzlich:„Alle Peſt, das iſt ja Erasmus von der Hauben!“ „Victoria! ihr Landsknechte,“ rief er,„der Preis, den der Kurfürſt auf des Strolchen Kopf geſetzt hat, iſt euer!“ Erasmus wollte jetzt das Mädchen unbemerkt zur Erde gleiten laſſen, aber die Landsknechte hatten es bemerkt. „Das gefangene Vögelein muß zu den Raubvögeln gehören,“ rief Einer lachend,„denn er hat da ein Täubchen geſtohlen— und es iſt geknebelt!“ „Was?“ rief da der Anführer und ritt herzu. „Seht her, Herr Marſchalk,“ ſagte der Landsknecht,„da iſt kein Zweifel!“ „Menſch,“ rief der Marſchalk,„welche verruchte Streiche häufen ſich bei dir, das Maaß voll zu machen!“ Erasmus entgegnete nichts. Er war verſtummt; aber Trotz, Grimm und Furcht zugleich ſtanden deutlich in ſeinen Zügen⸗ „Macht den Knaben frei,“ rief der Marſchalk. „Es iſt iſt kein Knabe,“ ſagte der Landsknecht,„denn eben iſt ihm die Kappe entfallen. Seht nur ſelbſt, das reichſte Frauenhaar, das ich jemals geſehen!“ 3 8* Das arme Mädchen war jetzt frei. Der Knebel war ihr aus dem ſchönen Munde genommen; aber Todesangſt malte ſich in ihren Zügen. „Wer biſt du, Mädchen?“ fragte ſie der Marſchalk. Mit zitternder Stimme ſagte ſie, wem ſie angehöre. Faſt kein Wort konnte ſie zuſammenhängend reden, ſo preßte ihr die Angſt heftiges Weinen aus. Der Marſchalk ſah ihre Angſt. „Sei ruhig, Kind,“ ſagte er,„dir geſchieht kein Leid. Danke Gpott, daß du aus den Händen dieſes Unmenſchen erlöſt mrrhen biſt! Freilaſſen darf ich dich zwar nicht, denn du biſt das Kind eines Anführers der Aufſtändiſchen, aber hier ſtehſt du unter meinem Schutz und morgen unter dem deines Herrn, des Kurfürſten. Da trifft dich kein Weh. Alles Nöthige war unterdeſſen beendet, der Ritter und ſein Knappe aufs Grauſamſte geknebelt und Elsbeth auf ein Handpferd geſetzt worden, und ſo ging es denn jetzt zurück in das Lager des Marſchalks. Das unerwartete Zuſammentreffen war aber ſo nen Obgleich der Kurfürſt volles Vertrauen in die Ehrenhaftigkeit der Bauern ſetzte, ſo hegte doch der Marſchalk Sorgen um ſeine Sicherheit. So war er denn aus eigenem Antrieb im Dunkel der Nacht mit zweihundert Landsknechten ihm entgegen geritten oder doch nahe zu geritten, damit, wenn er von Verrath umgeben ſein ſollte, eine ſchnelle Hilfe möglich ſei. Durch die lichtloſe Racht, da nicht einmal Sternenlicht die Dunkelheit hellte, waren ſie jedoch in der Richtung irre geworden, in der ſie Forſt zu ſuchen hatten. Deshalb hielten ſie auf freiem Felde ſtille. Als ſie die Pferde hörten und den ſcharfen Ritt, meinten ſie, es ſei vielleicht der fliehende Fürſt; allein es war Erasmus, der ihnen in die Hände lief und ſeinem Schickſal entgegen, das ihn mitten im Wege zum Ziel einer neuen Frevelthat ereilte. Im Lager entſtand allgemeiner Jubel über die Gefangennahnie des Mannes, der ſo vieler Verworfenheit ſich ſchuldig gemacht⸗ Alle Ritter und Befehlshaber eilten herbei, ſich zu überzeugen, daß dem wirklich ſo ſei. Als ſie ſahen, bewunderten ſie deſſen Reize, und nicht Wenißé trugen Luſt, ſich Scherze zu erlauben, die dem reinen Gefühl Elsbeth's wehe gethan haben würden. Sie wagte nicht aufzublicken und ſtand da, ein zitternd Engelsbild, das an jedes edle Herz das Anrecht des Erbarmens hatte. Als eben ein Kreis junger und roher Geſellen um ſie ſtand, trat auch Ritter Rudolph von Zeiskam hinzu, der ſich in das Lager des Marſchalks begeben hatte. Kaum erblickte er Elsbeth, als er ſie erkannte. „Halt!“ rief er,„laßt das Kind in Ruhe! Das edle Mädchen rettete mich aus Ketten und Banden, vielleicht vom Tod. Ich bin ihr hochverbunden. Komm, Kind,“ ſagte er zu Elsbeth,„Ffaſſe Muth. Die Stunde iſt da, wo ich vergelten kann!“ Er faßte ihre Hand und führte ſie zum Marſchalk, dem er das erzählte, was ihm Elsbeth gethan. Er bat den Marſchalk, ſie ſeiner Obhut anzuvertrauen, indem er ſein Manneswort für ihre Sicherheit verpfändete, und gern überließ dieſer ſie ihm, da er wußte, daß der Ritter in einem Haus Einlager hielt, wo für das Mädchen bei einer braven Hausfrau eine rechte Stätte des Troſtes ſei. Wenige Stunden nach dieſen Ereigniſſen erreichte der Kurfürſt mit ſeinen Getreuen das Lager, nachdem ſie vielfach herumgeirrt, endlich aber von einem treuen Bauern zurecht geführt worden waren. Noch in der Nacht brach das Heer gen Heidelberg auf, und als die Morgenſonne hell über dem Gebirge aufging, beſchien ſie zwei Leichname an den Aeſten eines Nußbaums. Es waren die des Ritters Erasmus von der Hauben und ſeines Knappen. Elsbeth aber zog mit gen Heidelberg, wo ſie in dem Hauſe des Ritters tudolph von Zeiskam eine Stätte, und bei ſeiner wackern und ſanften Hausfrau eine Zuflucht fand. 5 Früh am Morgen erwachten die Bauern im Rathhauſe zu Forſt von ihrem wüſten Rauſche. Alles, was ſie am Tage vorher erlebt, erſchien ihnen wie ein Traum. Benz gedachte Elsbeth's, Pfriemer fragte nach Heinz. „Wo wird er ſein,“— fragte lachend Benz ſeinen Nachbar, „wo wird er ſein, als bei ihr?“ Sie brachen auf zu dem Hauſe Sibhllen's; aber ſchon im Dorfe hörten ſie das Entſetzliche und vernahmen, daß Heinz ihm nachgeſetzt habe. Dieſer Schlag traf die Väter um ſo ſchwerer, als ſie bereits die Nachſtellungen kannten, die Elsbeth von dem Verworfenen erfahren hatte. Sie waren tief gebeugt von dem Schickſale. Allgemein wurde der Schmerz der geliebten Führer von dem Volke getheilt. Die Schlaueſten unter den Bauern erboten ſich als Kundſchafter auszugehen und eilten hinweg, dem Mädchen nachzu⸗ ſpüren, wohin ſie auch der Räuber gebracht haben könnte. Am Abend des Tages kehrte Heinz mit ſeiner Schaar troſtlos zurück. Er hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß der Menſch, dem er das Leben erwirkt, ihn auf eine falſche Fährte abſichtlich geleitet habe, nämlich Märten Streffer. Er hatte ſie nicht gefunden. Der Zorn gegen den verworfenen Märten Streffer kannte keine Grenzen, und Heinz war troſtlos über Elsbeth's Verluſt.„Wüßt' ich ſie todt,“ ſagte er,„ich wollte weinen um ſie, aber ich wüßte ſie wohl geborgen im Himmel; doch ſo weiß ich ſie in der Gewalt eines Ruch⸗ loſen, der die ſchändlichſten Abſichten gegen ſie hegt, die er ausführen wird, um ſein Gelüſten und die Rache gegen mich zu befriedigen.“ Er raufte ſein Haar in wilder Verzweiflung. Vergebens war jeder Troſt, den ihm theilnehmende Liebe widmete. Er verſank in einen Zuſtand des Lebensüberdruſſes, der ſeinen Vater namenlos unglücklich machte. Benz war außer ſich, weil er ſich ſagen muß daß ſein Rauſch des Unglücks a ſei. — 279— Ein Bote nach dem andern kam zurück. Keiner brachte Kunde. Endlich am Abend des dritten Tages kam einer, der ſich bis ins pfälziſche Lager gewagt hatte. Er brachte die unerwartete Nachricht vom Abzuge des Heeres und von dem Ende des Erasmus und ſeines Knappen; aber auch die tröſtlichere von Elsbeth's Rettung durch Rudolph von Zeiskam. Da fiel ein Lichtſtrahl des Troſtes in die gequälten Herzen. Sie wußten, daß ſie jetzt außer Gefahr ſei, und vertrauten dem Edelmuthe des Zeiskamer's, daß er ſie ſchützen werde um ſo mehr, als ſie ihm die Freiheit in Neuſtadt gebracht. Von jetzt an widmeten ſich die Männer wieder den übernom⸗ menen Pflichten. Im Rathe der Führer wurde beſchloſſen, daß das Heer unter den Waffen bleiben ſolle, bis des Kurfürſten Wort ſeine Erfüllung fände. Die Stelle aber war bei Winzingen und in den nächſten Dörfern, wo das Heer ſich lagerte, wenigſtens ein Theil deſſelben. Mittlerweile war das Heer des Kurfürſten von der Pfalz ver⸗ ſtärkt durch die Hilfstruppen der ihm verbündeten Fürſten und Biſchöfe, den Aufſtändiſchen jenſeit des Rheins entgegengezogen und Sieg auf Sieg folgte ſeinen Fahnen. Bald genug unterlagen die Bauern, denen es an Einheit der Führung fehlte, den verbundenen Fürſten und Herren und mit Thomas Münzer's ſchmählichem Tod endete der Aufſtand, weil die wirkende Feder in ihm gebrochen war und der mächtigſte Hebel gefallen. Durch dieſe Ereigniſſe verzögerte ſich die Erfüllung des Verſprechens, mit dem es dem Kurfürſten ein rechter Ernſt war. Pfingſten kam, aber kein Landtag wurde ausgeſchrieben. Da gohr es wieder heftig jenſeit des Rheins. „Er hat uns betrogen!“ riefen die Bauern voll Grimm und Zorn. Heinz hielt zurück. Ach, war ja doch ſein Theuerſtes in des Kurfürſten Gewalt! Er ſandte Botſchaft hinüber, aber der Kanzler wies ſie ſchnöde ab. Von Elsbeth kam keine Nachricht, auch nicht die geringſte. Da war's umſonſt, länger die Bauern zurückzuhalten, und aufs Neue loderte des Aufruhrs wilde Flamme — 280— auf; gewaltiger denn je. Heinz begann nachgerade Elsbeth für ſich als verloren anzuſehen. Auch in ſeiner Seele loderte eine wilde Leidenſchaft auf, und um dem Schmerz ein Gegengewicht zu bereiten, ſtürzte er ſich in den wilden Strom des Aufſtandes. Alle ſeine Hoffnungen waren zu Grabe gegangen; darum wollte er mit den Brüdern ſiegen oder ſterben. Die Burg Wolfsberg war die erſte, die das Schickſal Bechingens und der übrigen Burgen erfuhr. Kaum drang die Kunde ins Land, ſo ſtrömten wieder die verwilderten Haufen herzu. Das Winzinger Schloß loderte in Flammen auf. Ihm folgte Rupertsberg und des Biſchofs Schloß zu Deidesheim. Sie bildeten die Fackeln des Auf⸗ ruhrs, die ins weite Land hinein leuchteten. Nach dieſen Siegen theilten ſich die Haufen. Die Bockenheimer, wie man die Haufen aus den Niederungen nannte, zogen gen Neu⸗ hauſen, die Nußdorfer aber nach Landau. Wie groß auch ihr Gelüſten war, die reiche Stadt zu plündern, ſo wußte doch die tapfere Bürgerſchaft zu gut das Loos, das ihrer wartete, als daß ſie nicht ihre Mauern und Thürme hätte mit allem Muthe verthei⸗ digen ſollen. Wohl gelang es den Bauern, eine Verſchwörung in der Stadt anzuzetteln, allein der ſorgſame Vorſtand der Stadt entdeckte ſie, ſtrafte die Verſchworenen am Leben und vertheidigte um ſo tapferer die Stadt. Endlich wurden die Bauern müde, vor der Stadt zu liegen; ſie trafen ein Abkommen mit dem Magiſtrat. Dieſer lieferte dem Bauernheer, in dem Hungersnoth auszubrechen drohte, Brod und Wein, worauf ſich die Bauern nach der Burg Scharfeneck wendeten. Der feige Burghauptmann übergab die Burg gegen freien Abzug der Beſatzung und überließ die Veſte mit ihren reichen Vorräthen der Plünderung der Bauern. Hier geſchah es, daß Fechenheimer von der ſchwindelnden Höhe eines Thurmes herab⸗ ſtürzte, ohne ſich im mindeſten zu beſchädigen. In dieſem Ereigniß erblickten die Bauern einen Fingerzeig, daß ihr Werk den Beifall des Himmels habe, und mit dieſem Troſte brachten Viele das allmählich erwachende Gewiſſen zur Ruhe; Andere gebrauchten es, die Bauern mehr und mehr zu entflammen und die Leichtgläubigen nur um ſo mehr an die Sache des Aufruhrs zu feſſeln. — 2 05 Und welch ein Bild bot die geſegnete Pfalz dar! Die Aecker lagen unbearbeitet; keine Sommerſaat ſenkte ſich in die Furchen; kein Weinberg wurde bearbeitet; kein Gewerbe ging. Nur die Schmiede hatten Arbeit und die Schuſter, ſonſt lag die Nahrungs⸗ loſigkeit drückend auf allen Ständen. Wer es bewerkſtelligen konnte, floh in die jenfeitige Pfalz oder weit hinab in die Unterpfalz und den Nahgau, wo tiefer Friede wohnte. Alle vorhandenen Vorräthe waren aufgezehrt. Eine Zeit des Mangels, wie ſie kaum erſt ver⸗ ſchmerzt war, zeigte ſich immer näher und blickte hohlaugig und dräuend die an, die nicht blind, wie die Aufſtändiſchen, die rechte Lage des Landes prüfend erkannten. Was ſollte werden, wenn kein Friede zu Stande kam? Und konnte er zu Stande kommen, wo neuerdings Frevel auf Frevel gehäuft wurde? Wo man Geſetz, Recht, Ordnung und Sitte mit Füßen trat? Wo Raub und Mord jetzt die Schritte der Horden zu begleiten begann? Ranb, geübt an dem ſtillen Bürger, der noch etwas hatte; Mord, geübt an dem, der es wagte, dies Treiben zu tadeln oder ſich demſelben zu widerſetzen. Konnte der Kurfürſt ſchweigend zuſehen, wie ſeine ſchöne Pfalz verwüſtet wurde? Konnte der„Sanftmüthige“ länger Nachſicht und Schonung üben, wo man ſein höhnte und die Bitten ſo vieler Entflohenen um Hilfe flehten? Immer weiter abwärts bezeichneten Ruinen und rauchende Trümmer den Weg des Volksheeres, aber nicht bloß dies, alle Schandthaten eines entmenſchten Haufens wurden geübt, alle Frevel entfeſſelter Rohheit und Leidenſchaft. Sie nannten ſich Befreier und man bebte vor ihrer Freiheit; man floh vor ihnen. Sie waren Räuber- und Mordbrennerhorden, die keine Schonung mehr kannten. Vergebens war auch alles Einſchreiten der beſſerdenkenden Führer, denn Zucht und Gehorſam waren Dinge, die ſeit der Forſter Beſprechung zu den nichtvorhandenen gehörten. Nachdem die Schlöſſer Dirmſtein, Leiningen, die Abtei Lim⸗ burg, die zahlreichen Burgen, die wie ein Kranz den Donnersberg — 282— umgaben, gefallen waren; nachdem man Städte und Dörfer geplündert, geraubt, geſchändet, gemordet, zog von tauſendfachem Fluche begleitet das Heer gen Pfeddersheim. Feig ließ ſie der Rath der Stadt einziehen, und hier wollten die Bauern ruhen von ihrer Arbeit und der Früchte ihres Raubes froh werden. Tief in ſeine düſteren Gedanken verloren ſaß Heinz Pfriemer am Fenſter eines Hauſes am Markte, wo er und die drei übrigen Hauptführer Quartier genommen. Ihm war's in der Seele, als nahe das Schwerdt der Vergeltung. Er ſprach ſeine Ahnungen aus, aber ſeine Gefährten, ſein Vater, Fechenheimer und Benz, waren der entgegengeſetzten Meinung. Sie trauten ihrer Macht, die über zehntauſend Streiter betrug, und hofften, nun werde der Kurfürſt andere Saiten aufziehen, zumal das Heer verlange, gen Heidelberg geführt zu werden. Ihr Geſpräch wurde immer lebhafter. Sie vernahmen nicht, daß ein wilder Lärm draußen auf den wogenden Gaſſen wirbelte. Plötzlich ſprang ein Bauer, der als Rottmeiſter diente, in das Gemach und rief:„Endlich haben wir ihn!“ „Wen?“ fragten alle Vier zugleich „Den Verräther, den Märten Streffer!“ rief der Bauer. „Er ſchnüffelte wieder heimlich in der Stadt herum und ſuchte nach einem Knaben; aber das war nicht genug. Er forſchte auch unſere Leute aus, um unſere Zahl zu erfahren!“ „Nach einem Knaben forſchte er?“ fragte Heinz und ein leiſes Beben ergriff ſein ganzes Weſen. „Ja,“ ſagte der Bauer;„aber wir halten das nur eben für einen Vorwand, für einen Kreuzer Urſache zu kaufen.“ „Bringt ihn hierher!“ rief Heinz.„Er allein kann uns von Elsbeth Kunde bringen!“ „Das iſt zu ſpät,“ ſagte der Bauer,„ſie haben ihn draußen vor dem Thor an der grozen Linde gehängt!“ „Sein Maaß war vell,“ ſagte Pfriemer.„Du, Heinz, S Schuld, daß er uns ſo lange ſchadete. Und was war des Strolches Lohn dafür, daß du ihm das Leben erhieltſt? Daß er dich auf eine , 23 falſche Straße wies, wo du Elsbeth verfehlen mußteſt. So gerieth ſie in die Hand unſerer Feinde.“ „O hätte ich ihn noch ſprechen können!“ klagte Heinz. „Nach einem Knaben hat er geſucht?“ ſprach Fechenheimer. „Gebt Acht, das Mägvlein iſt ihnen in Heidelberg entſprungen.“ Das Wort war kaum geredet, da öffnete ſich leiſe die Thür und ein bleicher Knabe wankte herein, taumelte und ſank erſchöpft zu Boden. Es war Elsbeth. Alle Vier ſtürzten auf ſie zu und hoben ſie auf. Ein Bader, der als Arzt in Pfeddersheim Ruf hatte, wurde ſchnell herbeigeholt. „Legt ſie aufs Bett,“ ſagte er;„ſie iſt übermüdet, das arme Mädchen. Laßt ſie ſchlafen und haltet's ſtille. Ihre Ohnmacht wird in einen geſunden Schlaf übergehen, und wenn ſie erwacht, iſt ſie geneſen.“ Sie folgten dem Rathe. Heinz, Pfriemer und Benz wichen nicht von ihrem Bett. Jede Veränderung ihrer Züge erſpähte Heinz mit bewegtem Herzen, ſchwankend zwiſchen Furcht und Hoff⸗ nung; aber als endlich die tiefen Athemzüge die Bruſt ſo ruhig hoben und ſenkten, als nach einem mehr als zwölfſtündigen Schlaf auf die eingeſunkenen Wangen wieder eine leiſe Röthe trat, da hob ſich das treue Herz in der ſeligen Gewißheit baldigen und geſunden Erwachens. Und bald darauf ſchlug ſie die Augen auf und fuhr angſtvoll empor; als ſie aber ihren Vater und ihren Heinz ſah, da lächelte ſie wie eine Selige und ſank wieder matt zurück. Erſt als ſie ſich durch Speiſe und Trank erquickt, kehrte die jugendliche Lebenskraft in reichem Maaße zurück, und ihre Hände drückend ſtanden Alle um ſie her. „Wo kommſt du her, mein Kind?“ fragte ihr Vater. „O, das iſt eine lange Geſchichte,“ ſagte das Mädchen;„doch ich will ſie ſo kurz als möglich zuſammenfaſſen.“ Sie erzählte nun, wie Erasmus von der Hauben ſie in Forſt getäuſcht und dann geraubt hatte. Sie ſchilderte ſo lebendig ihre Empfindungen in jener Nacht, daß einmal über das anderemal es die ſtarken Männer — 284— eiskalt überlief. Wie ſie dann durch den Marſchalk gerettet, von Rudolph von Zeiskam freundlich aufgenemmen und gen Heidelberg zu deſſen Frau gebracht worden ſei. Hier habe ſie als dienende Magd gelebt, kummervoll und gebeugt, überall bewacht und bearg⸗ wohnt. „O, in meiner Seele war nur ein Gedanke,“ ſagte ſie,„wie ich entfliehen könne aus dieſem Kerker, den man mir wirklich ange⸗ nehm zu machen ſuchte, zumal ich gehört,“ ſagte ſie leiſe und erröthend,„daß mich der Herr Kurfürſt frei gemacht habe. Wie ich aber bemerkte, ſo wurde ich von allen Seiten bewacht. Von Niemanden als von Märten Streffer, den ich oft umherſchleichen ſah, hörte ich von euch; aber was ich hörte, das machte mir das Herz bluten. Ihm gab ich Aufträge, aber ich dachte mir, daß er ſie nicht ausrichten würde. Da machte ich mir einen Plan. Ich wollte recht fröhlich und heiter werden; ich wollte ſelbſt die Bewer⸗ bungen eines Knappen des Ritters, aus Sanct Lamprecht bürtig, mir gefallen laſſen, um ſie zu täuſchen und meine Flucht möglich zu machen. Die Hofhunde des Schloſſes zu Heidelberg köderte ich mir an und machte ſie heimlich. Das Töchterlein des Thorwarts machte ich zu meiner Freundin, und ſo hielt ich mich lange und ſchläferte ihre Wachſamkeit ein. Endlich— ach, es war vor acht Tagen!— da hörte ich den Herrn Marſchalk zu dem Ritter Rudolph von Zeiskam ſagen, nun ſei der Feind am Main, an der Jaxt, der Tauber und dem Neckar beſiegt, nun werde der Kurfürſt ſeine ganze Heeresmacht auf die Pfälzer Bauern werfen, die eines ſolchen Schlages nicht gewärtig wären, die er darum zermalmen werde.“ Das, o ich kann es kaum ſagen, fuhr mir wie ein Pfeil in das arme gequälte Herz. Euch von der Gefahr Kunde zu geben, euch von dem Untergange zu retten, das ging mir jetzt über Alles. Einen Tag lang ſtellte ich mich krank, dann ging ich Abends zu des Thorwarts Käthe; aber im Schatten der Mauer zog ich meine alten Knabenkleider wieder an, die ich ſorgfältig aufbewahrt hatte, und einen günſtigen Augenblick benutzend flog ich zum Thore hinaus — 285— in die Stadt. Es war Nacht. Mit Bauern aus Seckenheim, die noch in der Stadt waren, kam ich durch das Maunheimer Thor und lief nun links vom Thor am Berge hin, um den Rhein zu erreichen. Mit vieler Mühe, unter ſchweren Opfern und Entbeh⸗ rungen kam ich glücklich herüber. Raſt und Ruhe gönnte ich mir nicht, bis ich euch fand, um euch die Botſchaft der Gefahr zu bringen, die Gefahr mit euch zu theilen!“ Als ſie geendet, überhäuften ſie ſie Alle mit Lob, und Einer ſah ſie mit ſüßem Entzücken an und drückte innig die kleine Hand. Wenige Tage reichten hin, die Roſen wieder auf die Wangen zurückzurufen, die einſt ſo herrlich hier geblüht. Darüber entſtand aber eine ernſte Berathung, ob es nicht gerathener ſei, daß Elsbeth nach der Hardt gehe, wo die Mutter noch immer in ſchwerem Kummer weile. „Gewiß!“ ſagte ſie;„aber ich kehre wieder, daß euch die Liebe in der Stunde der Gefahr pflege.“ Das mußten ſie ihr zugeſtehen, und ſo begleitete Benz ſie zur Mutter, die in ſchwerem Herzensgebreſte ſich ſchier verzehrte um ihr theures Kind. Wie der Marſchalk geſagt, als Elsbeth nahe ſtand, ſo war es wirklich, ſo lag es im Plane, ſo wurde es zur Ausführung bereitet. Das ſanfte Herz des Kurfürſten war empört über der Bauern Treubruch. Sie hatten gelobt, die Waffen ruhen zu laſſen, bis es dem Kurfürſten möglich werde, den Landtag zu berufen; dann hatten ſie ihm als Friſt Pfingſten abgerungen, obgleich er kaum die Möglichkeit einſah, bis dahin Alles vorzubereiten. Und nun war kaum Pfingſten halbwegs, ſo zogen ſchon Viele nach dem Elſaß, dort ihren Brüdern zu helfen, oder beſſer und der Wahrheit treuer, vort zu rauben, da es jetzt in der Pfalz nichts zu rauben gab. Dort war bei Weißenburg in offener Schlacht das Bauernheer — 286— überwunden, zerſprengt, vernichtet worden, obgleich es an Zahl dreifach den Truppen geordneter Kriegsmacht überlegen war. Dort war ein Beiſpiel gegeben. Noch war es Zeit zum Frieden, aber die Meiſten waren zu ſehr mit Schuld belaſtet, als daß ſie nicht hätten wünſchen müſſen, die Entſcheidung auf die Spitze des zu ſetzen; Andere, und deren war eine große Zahl, aren verblendet genug, zu glauben, der Kurfürſt werde es nicht wagen, ſie anzugreifen; darum könnten ſie nach Herzensgelüſten rauben, plündern und ausſchweifen. Noch Andere waren entrüſtet über den Treubruch, weil der Kurfürſt nicht ſein Wort löſe; Alles hielten ſie darum für Spiegelfechterei, und ſo glaubten ſie aus Rache das alte Werk der Zerſtörung beginnen zu müſſen. O, es war eine Sünde des Kanzlers und derer, die den ſanften, menſchenfreundlichen Fürſten umgaben, daß nicht ein offener Verkehr mit den Bauern unterhalten und das gegenſeitige Vertrauen erweckt wurde. Kundſchafter, wie der verworfene Märten Streffer, ſchlichen hin und her, und nährten den Argwohn, den des Erasmus von der Hauben unſelige Aufreizung der Bauern am Tage von Forſt geſäet hatte. So trieb ein Keil den andern, bis die Flamme aufloderte, die das Land zerrüttete; bis die Aufwühlung aller Verhältniſſe dem Verderben Thür und Thor öffnete; bis das arme, verblendete, leider arbeitſchen und verdorben gewordene Volk wieder zu Raub und Plünderung ſich wandte. Da endete des edlen Kurfürſten reiche Geduld, und er erkannte, wie ſehr die recht hatten, die da ſagten:„Man müſſe der Schlange den Kopf zertreten, wenn man ihrem giftigen Biſſe entgehen wolle!“ Bei Oppenheim ſetzte das Heer über, das der Kurfürſt in Perſon begleitete, und in Eilmärſchen rückten die Landsknechte mord⸗ und beuteluſtig gen Pfeddersheim heran, wo das Bauernheer ſich gelagert hatte, des Feindes in keckem Siegesübermuth harrend, denn viel Tauſende waren in der Stadt. Die Mauern waren mit Feld⸗ ſchlangen beſetzt. Munition war in Fülle da, und kundige Feuer⸗ ſchützen in hinlänglicher Zahl, und an Lebensmitteln waren reiche Vorräthe in den Kirchen der Stadt aufgeſpeichert. — 287 Um noch einmal das Wort der Liebe und Verſöhnung zu reden, ließ ſie der Kurfürſt zur Uebergabe auffordern und ihnen Vergebung heimkehrten zu ihrem friedlichen Herde; allein zuſichern, wenn ſie h der alte Pfriemer aufs Höchſte erbittert, weil er den Kurfürſten des Meineides beſchuldigte, ließ ihm durch den Boten ſagen:„Ihn, den Meineidigen und Treuloſen, und ſein Heer von Henkersknechten würden ſie in die Pfanne hauen, und was übrig bleibe wie räudige Hunde im Rhein erſäufen?“ Das war zu arg, zu viel, um es ruhig zu ertragen. Enger umſchloß das Heer die Stadt. Ueberall wurden Hügel⸗ reihen aufgeworfen und Bruſtwehren, um die Feldſchlangen günſtig aufzuſtellen. Am Abend war dies vollendet und am andern Morgen ſollten die Karthaunen den ſchrecklichen Morgengruß den Belagerten zurufen. Noch in der Nacht verſuchten die Bauern einen Ausfall. Es Kriegswerke zu zerſtören; aber des Kurfürſten Heerführer waren wachſam. Es kam zur mörderiſchen Schlacht und viertauſend Bauern blieben auf dem Felde liegen. Ein ſchauerlich, ein ſchrecklich Vorſpiel des morgenden Kampfes. Heinz Pfriemer und Benz waren die Anführer dieſes unglückſeligen Ausfalls. An ihrer Seite war das unerſchrockene Mädchen auf einem Roſſe. Sie ließ es ſich nicht nehmen, die Theuerſten, die ſie auf Erden hatte, in der Todesgefahr zu begleiten. Eine der erſten Stückkugeln traf Benz. Er ſank leblos, ohne einen Laut zur Erde. In demſelben Augenblick entſank die rothe Nußdorfer Fahne der Rechten Heinz Pfriemer's. Die Kugel eines Handrohres hatte den Oberarm, jedoch nur im fleiſchigen Theile getroffen. Elsbeth, wenn auch ſchmerzzerriſſen über des Vaters Tod, ſah kaum das Sinken der Fahne und das Hervorſchießen des Bluts aus dem ledernen Aermel am Handgelenk, als ſie des Pferdes Zügel ergriff und das ihre antreibend aus dem Bereiche des Kampfes hinausflog. „Wohin? Wohin?“ rief Heinz ihr zu— aber ſie hörte ihn nicht; nur vorwärts trieb ſie die Thiere. Vergebens wiverſtrebte gelang ihnen, einige —— — 288— Heinz. Die Thiere ſelbſt, getrieben von der Angſt, die das Knallen der Geſchütze ihnen brachte, flogen dahin, wohin, ohne zu wiſſen, welche Richtung ſie nahm, Elsbeth das ihre lenkte. Allmählich wurde der Ton der Geſchütze dumpfer, das Dröhnen des Bodens weniger bemerkbar; das Kampfgetöſe verhallte in der Ferne. Heinz, vom Blutverluſte matt, ließ ſich faſt willenlos leiten. Endlich vermochten es die Thiere nicht in ſo geſtrecktem Galopp weiter hinzujagen. Elsbeth hielt an. „Wie iſt dir?“ fragte ſie.„Schmerzt deine Wunde ſehr?“ Sie zog ein Tuch hervor, der Arm wurde entblößt, und ſie wand es um vie blutende Wunde, indem ſie Heilkräuter, die ſie geſammelt hatte, darauf band. Heinz wollte zurück zu den Seinen. Er überhäufte ſie mit Vorwürfen, daß ſie ihn ſeinem Beruf entzogen. Sie lächelte unter Thränen.„Soll ich dich auch ſterben ſehen, wie ich den Vater ſterben ſah?“ fragte ſie.„Nun ſind die Thore verſchloſſen. Du kannſt nicht mehr zurück. Aber ſagt dir nicht der Kampf dieſer Nacht, welch ein ſchrecklich Ende der Aufruhr nehmen muß?“ „Aber mein Vater!“ rief er aus.„Treulos verlaſſ⸗ ich ihn im Augenblicke der Gefahr!“ „Will ihn Gott retten, ſo geſchieht es,“ ſagte gläubig das Mädchen.„Ich habe ihn beſchworen zu fliehen, er that's nicht!“ Und wieder faßte ſie die Zügel und immer in der Richtung, vie ſie einmal genommen, ging der Ritt fort, bis in einem, Walde der Ruhepunkt gefunden war. Doch auch hier war kein Weilen. Nach einer Friſt von höchſtens einer Stunde trieb das Mädchen die müden Thiere von Neuem an, die jetzt nur langſam die Reiſe fortzuſetzen im Stande waren. Als der Tag graute, lag rechts ein Hochwald. Der auſſteigende Rauch kündigte eine Köhlerhütte an. Dorthin lenkte das Mädchen die müden Roſſe und den todtmüden, ganz erſchöpften Heinz. Die Niederlage der letzten Nacht brachte in Pfeddersheim eine Wirkung hervor, wie ſie zu erwarten ſtand. Zwar antworteten die *— — 289— Geſchütze der Bauern wacker denen des kurfürſtlichen Heeres, welche die ganze Nacht durch die Mauern beſchoſſen; aber eine große Muthloſigkeit war über die Bauern gekommen. Als der Tag kam, konute man von den hin und wieder gänzlich zerſtörten Mauern das Schlachtfeld des geſtrigen Abends überblicken. Es war ein grauenvoller, entſetzlicher Anblick. Viertauſend Leichen deckten das Land. Die Landsknechte hatten kein Pardon gegeben, darum waren nur wenige Verwundete in die Stadt zurückgekommen. Ein Todtenfeld dehnte ſich über den Kampfplatz, deſſen Anblick das Herz ſtocken machte. Heinz, Elsbeth, Benz fehlten! Sie waren geblieben, das lag außer Zweifel. Der alte Pfriemer, der nie geweint hatte, ſaß da und ſtützte den Kopf in beide Hände. Die Arme ruhten auf ſeinen Knieen und die Thränen träufelten nieder zwiſchen ſeine Füße. Zetzt ging ihm das rechte Verſtändniß auf, jetzt ſah er, wie er ſein Glück, das Glück Tauſender zertrümmert hatte. „Sei ein Mann!“ rief Fechenheimer, deſſen Söhne Beide auf dem Schlachtfelde lagen.„Hab' ich weniger eingebüßt als du?— Nun gilt's einen ehrlichen Mannestod. Ein Anderes bleibt uns nicht mehr übrig. Laß uns als Männer ſterben! Sie wollen die Stadt übergeben!“ „Nimmermehr!“ rief er aus und ſprang auf. Beide eilten auf den Platz, wo das Volk verſammelt war in bedauerlichem Kleinmuthe. Pfriemer und Fechenheimer widerſetzten ſich mit aller Kraft der Uebergabe; aber ſchon wehte die weiße Fahne vom Kirchthurme, ſchon waren die Glieder des Raths von Pfeddersheim mit einigen Bauern hinausgeeilt, ihre Unterwerfung mit der Bitte um Schonung vorzubringen. Ger Marſchalk wies ſie trotzig zurück. Uebergabe auf Gnade und Ungnade, Auslieferung der Führer von Nußdorf, Niederlegung der Waffen, das waren die Forderungen, die er ſtellte. Frſilg die Abgeſandten zurück Es galt einen 6 ernſten, kräftigen Widerſtand von Seiten der Führer. Und dennoch riefen plötzlich Feiglinge:„Sie haben uns ins Unglück geſtürzt und nun wollen ſie uns vollends auf die Schlachtbank führen!“ Ein wildes Gemurmel entſtand. Fechenheimer ſprang auf einen Brunnen, um ſich deſto beſſer vernehmbar zu machen. „Reißt ihn herunter!“ ſchrie das Volk. Mächtig drängten ſie heran, und ehe Fechenheimer herab⸗ ſteigen konnte, war er und auch Pfriemer ergriffen und ſogleich gebunden. Unter eben dem brüllenden Jubel, mit dem ſie die Führer ſonſt begrüßt, ſchleppten ſie ſie jetzt zum Thore. In weitem Umkreiſe ſchweiften die Landsknechte umher, die Bauern, die in der letzten Nacht dem Blutbad entronnen waren, zuſammen zu treiben. Schaaren brachten ſie in das Lager, die hier dicht gedrängt ſtanden. Da öffnete ſich das Thor Pfeddersheims und waffenlos kamen die Schaaren der Bauern hervor, die Fgefeſſelten Führer vor ſich herſchleppend. Als aller Augen auf dies Schauſpiel gerichtet waren, machten die im Lager zuſammengetriebenen Bauern einen Verſuch zu entfliehen. Kaum bemerkten das die erbitterten Landsknechte, als ſie ſcho⸗ nungslos auf ſie einhieben.— Der Kurfürſt, der zu Pferde gegenwärtig war, ſprengte unter ſie und rief:„Laßt ab. Es ſind Verirrte. Ich habe ihnen ver⸗ geben!“— Aber ſein Wort blieb ungehört und alſo unbeachtet Achthundert Bauern hieben ſie ſo zuſammen. Der Kurfürſt ſah ganz bleich vor innerer Bewegung die Leichen⸗ menge und er zerdrückte eine Thräne in ſeinem Auge. Denen in Pfeddersheim verzieh er; aber dreißig Rädelsführer der Bauern und vier Bürger der Stadt, die die Thore den Bauern geöffnet hatten, wurden enthauptet. Pfriemer's und Fechenheimer's Häupter fielen zuerſt. Der Tag von Pfeddersheim endete den Pfälzer Bauernkrieg. Einzelne zerſprengte Haufen fielen bald unter dem Rache⸗ ſchwerdte der Landsknechte— und über der Pfalz lag die Stille des Grabes— aber Schmerz, Jammer, Elend wütheten fort und fort, gieriger als das Schwerdt, und droben in Nußdorf brach ein Mutterherz unter ver Laſt ſeines tiefen Schmerzes über ſein zertrümmertes Glück. XlII. Jahre waren vergangen, Jahre voll Leid für Tauſende in dem ſchönen Land, und das Sprüchlein:„Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's!“ wollte nicht mehr wahr werden. Rudolf von Zeiskam hatte Bechingen nicht mehr Er lebte in ſeinem Burghauſe zu Zeiskam in ſtillem Familienglück. Eines Tags, es war ſchon ſpät im Jahre, trat eine junge Frau in das Thor, ſo dürftig gekleidet, daß die Edelfrau, welche gerade im Hofe ſtand, ihr eine Gabe reichte. „Ach,“ ſagte das Weib,„ich wollte nicht betteln— aber—“ Die Edelfrau wurde jetzt aufmerkſam. Sit blickte das Weib ſchärfer an. Es war eine blühende, kräftige Geſtalt, mit ſanftem, beſcheidenem Ausdruck. Auf ihrem Arme trug ſie ein engelſchönes Kind, ein Mädchen, und ein vollwangiger Knabe von etwa drei Jahren hielt ſich am Rock der Mutter. Wie ſcharf aber auch die Edelfrau ſie anſah, etwas Bekanntes konnte ſie nicht finden. „Was willſt du denn?“ fragte ſie endlich mild und freundlich. „Ach,“ ſagte das junge Weib,„Ihr kennet mich nicht mehr, edle Frau, und doch habet Ihr mir viel Liebs und Guts erwieſen.“ „Dir?“ fragte die Edelfrau und blickte ſie noch ſchärfer an, und das Weib lächelte, und zwei Reihen Zähne wurden zwiſchen den friſchen Lippen ſichtbar wie Perlen. Jetzt fiels wie Schuppen von ihren Augen, und:„Elsbeth!“ rief ſie aus, ihr freundlich näher tretend. 10½ „O, erkennet Ihr mich doch wieder?“ ſagte die junge Frau, und es trat eine Thräne in ihr Auge. Die Edelfrau faßte ihre Hand und ſagte:„Komm herein, Els⸗ beth, komm! Sind das deine Kinder?“ Mit Mutterſeligkeit im Blicke bejahte ſie's, und als die gütige Edelfrau die Schönheit der beiden Kinder pries, da leuchtete Elsbeth's ſchönes Auge im Vollgefühl ihres Mutterglücks. Als ſie in das Burghaus trat, fragte ſie nach dem Ritter.— Er war anweſend und freute ſich, Elsbeth wiederzuſehen, die noch ſchöner geworden war als Mutter. Die Edelfrau bewirthete die Wohlthäterin ihres Gatten, und auf natürliche Weiſe kam die Frage im Verfolge des Geſpräches, wie es ihr ergangen ſei. Da erzählte denn Elsbeth, daß ſie in das Gebiet des Erzbiſchofs von Mainz geflohen ſei, und dort anfänglich mit ihrem Heinz ſich als Knecht und Magd verdingt habe, immer fürchtend, es möge noch die Rache des Geſetzes ſie verfelgen. Dort habe ſie das Schickſal Pfriemer's, der Tod ihrer Mutter tief gebengt; noch tiefer, daß ſie nicht in die theure Heimath habe zurückkehren dürfen. Heinz habe ſeine Verirrung ſchwer beklagt und in langem Leid gebüßt. Als Knecht und Magd hätten ſie ſich nicht heirathen können; allein eine gute alte Wittwe, bei der ſie gedient und die ſie in ihrer Krankheit treu gepflegt, habe ihr, da ſie keine Kinder gehabt, ihr Häuschen und ein Gärtchen dabei vermacht. Nun hätten ſie ſich denn ver⸗ heirathet und als Tagelöhner hisher ſich redlich ernährt; aber— da ſei denn mit jedem Jahre die Sehnſucht nach der Heimath mehr und lebendiger erwacht. Sie hätten wohl gehört, daß das Anweſen Pfriemer's vom Kurfürſten ſei eingezogen worden, und daß ein Pächter darauf wohne. Da nun der Ritter Rudolf einſt geſagt, ſie ſolle ſich an ihn wenden, wenn ſie einſt ſeiner bedürfe, ſo ſei ſie den weiten Weg dahergewandert, um die Bitte auszuſprechen, ob nicht der Ritter bei dem Herrn Kurfürſten eine Bitte einlegen wolle, daß ihr lieber Heinz, der ein ſo guter Gatte und Vater ſei, und die Verirrungen ſeiner Jünglingsjahre ſo tief bereue, begnadigt —— —— — ——— werde, und vielleicht durch des Kurfürſten Gnade Pächter werden könne auf dem Freigut, das einſt ſein rechtmäßiges Erbe geweſen, das ihm aber durch den Spruch des Geſetzes ewig verloren ſei. Der Ritter könne überzengt ſein, daß er ſeine Bitte für einen gründlich Gebeſſerten einlege, der gewiß ein trener Mann ſein werde ſeinem rechtmäßigen Herrn. Das junge Weib hatte dieſe Worte mit einer ſo ſanften, weh⸗ müthigen Stimme, mit einem ſo das Herz bewältigenden Tone vorgebracht, daß beide Gatten davon tief ergriffen waren. „Sei ruhig, Elsbeth,“ ſagte Rudolf von Zeiskam;„ich reite morgen ſchon hinüber, und wenn du hier bleiben kannſt, etwa acht Tage, ſo kannſt du die Antwort ſelber mitnehmen.“ Sie verſicherte, daß ſie das könne, und wenn es die edle Frau erlaube, hier bleiben wolle. Sie mußte nun dem Paar ihre und ihres Heinz Rettung aus Pfeddersheim erzählen und that's mit aller Genauigkeit, wie es die Sitte des Volks iſt. Sie ließ dabei ſo tiefe Blicke in ihr reines und treufrommes Herz thun, daß die Edelfrau ſie ſehr lieb gewann und Abends ihren Gatten bat, Alles aufzubieten, das Glück der zwei Menſchen zu gründen. Früh am Morgen ritt Rudolf von Zeiskam, begleitet von den heißen Gebeten Elsbeth's und den innigſten Wünſchen ſeiner Gattin, hinweg. In ſeiner Seele lebte der heißeſte Wunſch, daß ihm das gelingen möge, was ſeine Seele erfüllte. Der edlen Frau, die ſchon damals, als Elsbeth als Gefangene in ihrem Hauſe war, ſie geliebt und ihr viel Gutes erwieſen hatte, gewährte es eine hohe Freude, Elsbeth und ihre Kinder beſſer zu kleiden, als ſie trotz der ſchen kühlen Herbſtzeit gekleidet waren. So, in beſſerem äußerem Zuſtande, ging Elsbeth nach Nußdorf, an das Grab ihrer guten Mutter. Sie war dort mit reicher Liebe aufge⸗ nommen worden; aber wie hatten die Ereigniſſe des Bauernkrieges zerſtörend in das Familienleben eingegriffen! Keine Familie im Dorfe war ohne Trauer um irgend ein thenres Glied. Und der Wohlſtand früherer Tage, wie war er zerrüttet und vernichtet! Im Hauſe ihres Vaters ſaß eine andere leibeigene Familie. — 294— Märten Streffer's Kinder bettelten ihr Brod, obgleich ſie Freie geworden waren. Der tauſentfache Fluch, der ſich an ihres Vaters Namen knüpfte, ſchien auf ihnen zu laſten. Sie verließ recht erſchüttert den Ort ihres Glücks, ihrer Jugend, ihrer ſchönſten Lebenstage, und ging über Bechingen zurück. Dort fand ſie von Fechenheimer's Familie keine Spur mehr. Die Männer waren alle bei Pfeddersheim gefallen, und die übrigen Alle in wenigen Jahren hingeſtorben. Blutenden Herzens kehrte ſie in das Burghaus zurück, und es bedurfte der Liebkoſungen ihrer herzigen Kinder und der liebevollen Behandlung der edeln Frau, um ihr verwundetes Gemüth zu heilen und alle die ſchmerzlichen Vorſtellungen zu entfernen, die in ihrer Seele lebendig geworden waren. Schnell, aber doch zu langſam für die harrende Sehnſucht, und unangenehm durch das Schweben zwiſchen Furcht und Hoffnung floſſen die Tage hin in Zeiskam. Endlich traf Ritter Rudolf ein. Die liebende Gattin eilte ihm 3 entgegen; Elsbeth ſaß bebend in der Ecke des Gemaches. Sie. konnte nicht von der Stelle. Ritter Rudolf trat ein. Sie wagte nicht zu ihm aufzublicken. Er reichte ihr zuerſt eine Pergamenturkunde und ſagte:„Du weißt, Elsbeth, der Herr Kurfürſt hat dich frei gemacht; aber du hatteſt keine Urkunde darüber. Ich dachte wohl, es ſei nothwendig, daß dir das verbrieft werde, für dich wie für deine Kinder. Nimm hier die Urkunde und bewahre ſie wohl, ſie ſichert die Freiheit dir und deinen Nachkommen.“ „Gott lohn's Euch und Euren Kindern, was Ihr an mir Gutes thut!“ ſagte Elsbeth, und die Thränen der Dankbarkeit* begleiteten ihre Worte.„Aber,“ fragte ſie zitternd,„wie ſteht es mit Nußdorf?“ „Der Kurfürſt heißt nicht ohne Grund der Sanſtmüthige,“ ſagte der Ritter.„Sieh hier,“ er reichte ihr eine zweite Urkunde,„die Begnadigung deines Gatten und die Rückſchenkung des Pfriemer'ſchen Anweſens an Heinz, ſein Weib und ſeine Nachkommen als freies Eigenthum für ewige Zeiten.“ — — — 295— Da ſank das junge Weib auf ihre Kniee nieder und betete laut:„Herr, Herr, ſegne den milden Herrn mit deinem beſten Segen und den Ritter, der mir ſolches Glück erwirkt!“ Dann ſchwieg die betende Lippe, aber ſie bewegte ſich leiſe, und ein Strom von Thränen begleitete ihr Gebet. Und wie aus einem Traum erwachend ſprang ſie auf, und küßte Rudolf's und ſeiner Gattin Hände.„O, Ihr habt reich, mehr als reich vergolten,“ ſagte ſie;„aber jetzt muß ich fort. Es duldet mich nicht mehr hier. Jede Minute iſt eine verlorene für Heinz. Ach, wie wird er ſtaunen, wie wird er Euch und den Herrn Kurfürſten ſegnen!“ Vergebens redeten die Gatten ihr zu, nur noch einen Tag zu weilen. Sie eilte beflügelten Schrittes hinweg, dem geliebten Gatten die Freudenbotſchaft zu bringen. Und als ſie unter dem heißeſten Danke geſchieden war und unter den innigſten Segenswünſchen, da ſagte die Edelfrau zu ihrem Gatten:„Ach, wie ſelig iſt das Verzeihen, und wie belohnend Böſes mit Gutem zu vergelten!“ Als im darauf folgenden Jahre Nußdorfer Kirchweih war, da ſaßen Heinz, ſein Weib und ſeine Kinder in ihrer Wohnſtube, und gedachten mit tiefem Weh, was einſt dieſer Tag ihnen und ſo Vielen Unheil und Verderben gebracht.“ „O meine Elsbeth,“ ſagte der wackere Bauersmann,„wir wollen alle Tage beten, daß niemals mehr ſolch ein Gelüſten die Pfälzer heimſuche, und unſere Kinder wollen wir beten lehren: „Führe uns nicht in Verſuchung!“ Da trabten Pferde vor ihrem Haus. Und als ſie zu den Fenſtern liefen, erblickten ſie den Ritter Rudolf und ſein Gemahl und ſeine Kinder. Heinz eilte hinaus, den Bügel zu halten; dann ſagte er, ſich vor den vornehmen Gäſten neigend:„Ihr erweiſet mir große Ehre, — 296—— aber noch größere Freude, denn Ihr kommet, mit den Fröhlichen Euch zu freuen, mit den Glücklichen glücklich zu ſein, die Ihr glück⸗ lich zu machen ſo treulich halfet!“ Und was das Haus vermochte, das wurde den edlen Gäſten geboten, und Rudolf von Zeiskam nahm die Kreide, die am Fenſter lag, und ſchrieb unter die Wechentage, die mit der Monatszahl an der Stubenthüre ſtanden, um als Kalender zu dienen: „Fröhlich Pfab, 6 Gott erhalt's!“ . Als es Heinz erblickte, ſagte er:„O Herr Ritter ſchreibet 3 darunter: „Treu und friedlich Pfalz, Gott erhalt's!“ denn davon hänget das Glück ab, ſo das meine wie das des Pfälzer Volkes überhaupt. Was hilft ein paradieſiſch ſchönes Land ohne 5 Gottesfurcht, ohne Treue, ohne Friede?“ Und Rudolf drückte ſeine* Hand und ſagte:„Du haſt recht!“ ———————Ü ſſ 10 11 § 12 13 14 15 1