F—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Eduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 36 Veih und Ceſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Vibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:* für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Ni.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Auswärtige Aonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. F — Geſammelte Erzählungen von w. O. von Horn. (Verfaſſer der Spinnſtube.) Vierter Band. ztankfurt um Main. r J. D Sauerländers Berlag. 1851.— Gedruckt bei J. D. Sauerländer. Inhalt. Seite Meine erſte Braut. Eine Jugenderinnerung Der Freiersmann. Eine Hunnsrücker Dorfgeſchichte 19 Das Pfeiferhännslein. Eine Geſchichte aus den Zeiten des Bauernkrieges 51 Fragmente aus dem Leben zweier armen Teufel 135 Die Elſer. Eine Geſchichte aus dem Naſſauer Land. 165 Die Eroberung Bacharachs. Hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählung aus dem Jahre 1632.. 2 ——— Meine erſte Braut. 2 Eine Jugenderinnerung. Die Ueberſchrift könnte leicht zur Veranlaſſung werden, daß meine freundlichen Leſerinnen einem argen Vorurtheile gegen mich Raum gäben; ich muß daher verſichern, daß ich nur zwei Bräute in meinem Leben hatte; die, von welcher ich als von der erſten rede, und deren Verluſt ich hier mittheilen will, und die zweite, die ſeit fünf und zwanzig Jahren meine liebe Frau iſt. Das wird hoffentlich hinreichen, einer Mißſtimmung vornherein zu begegnen, und nun kann ich ruhig einer lieben Erinnerung mich hingeben, deren Darſtellung wohl auch in den Herzen meiner Leſerinnen einen Eindruck zu machen nicht verfehlen wird, wie ſie ihn in meiner Seele immer wieder hervorbringt.* Erinnerungen aus den ſchuldloſen Kindheitstagen ſind ja für Jeden weiche wehmüthige Accorde, die durch die Seele zittern und ſie bis ins Innerſte bewegen; duftige Hauche aus dem Frühling des Daſeins, die ſelbſt gramdurchfurchte Züge noch einmal mild, wenn auch wehmüthig, beleben können. Sie ſind wie Blumen im Winter, doppelt werth, weil draußen der Schnee das Land deckt und die Kälte das warme Leben erſtarren macht. Ich war ein friſcher, fröhlicher, ſpielratziger Knabe von neun Jahren, als mein Vater, ein Geiſtlicher, auf ein Dorf am Ufer eines Fluſſes verſetzt wurde, deſſen Wellen ſich in den Schooß eines der ſchönſten Ströme Deutſchlands Kgoſſen. eir war kein Baum hoch, kein Graben zu tief, kein Ziel zu weit, wenn ich es rrreichen wollte. Bald wußte ich alle Vogelneſter im Bereich einer halben Stunde um das Dorf her, und ich machte mir gar kein Geiſſen daraus, ſie auszuheben. Meine Barmherzigkeit gegen di 4₰ Thiere war eben nicht weit her, wie man zu ſagen pflegt, obwoh mein Herz weich und mitleidig war. Daß die Geſchöpfe 3 — † war mir nicht in den Sinn gekommen, und mein Vater wußte Nichts von meinen Bubenſtreichen, ſaß überhaupt meiſt in ſeiner Studirſtube. Ein Ereigniß trat indeſſen ein, das mich wunderbar umwandelte, und mein natürliches Zartgefühl läuternd mich dahin brachte, daß ich ſelbſt der Ameiſe ſorglich auswich, die über meinen Weg lief, und das iſt mir geblieben durchs ganze Leben bis zu den ergrauen⸗ den Haaren. Ich will dieſe Begebenheit erzählen, denn ſie hängt mit meiner erſten Braut zuſammen. Von dem Derfe bis zum Fluſſe zog ſich ein friſchgrüner ber der Fluß wild war und oſt aus ſeinen Ufern oße Striche des herrlichen Wieſengrundes mit rügeſtem ſerdecte, oder ſelbſt durch ſeine ſchäumende Fluth wegriß, ſo lief am Ufer ein breiter Streifen Landes hin, den Weiden und Erlen, zu einem ſchier undurchdringlichen Dickicht verwachſen, bedeckten. Selten kam ein menſchlicher Fuß hierher, aber deſto mehr war dies Dickicht von Nachtigallen, Rothkehlchen, Grasmücken und Bachſtelzen bevölkert, deren Ruhe kaum geſtört wurde. Ein kleiner Bach, der durch das Dorf lief, mündete unweit der Stelle, wo der Mühlengraben in den Fluß fiel, und die Bannmühle lag auf der Halbinſel, welche durch dieſe Rinnſale gebildet wurde. Wie der leichtſchwebende buntgefiederte Sänger und Segler der Lüfte des Knaben Seele mit aller Macht anzog, ſo that es der leiſe im klaren Waſſer ſchwebende, ſchlanke, bewegliche Fiſch in gleichem Grad und Maaße, und wie ich ein kaum zu befriedigender Vogelſteller mit Fallkäfig, Sprenkel, Schlupf und Leimruthe geweſen bin, ſo war ich der unermüblichſte Angler. Das hatte ich bald herausgefunden, daß an der Spitze jener Halbinſel, die Bach und Mühlengraben bildete, der beſte Angelplatz weit und breit war. Dort ſammelten ſich die Fiſche in großer Zahl, dort war der Lohn für die Geduld des Angelns überreich. Mein Vater ließ mir außer der Schule wenig Zeit Fn Zeitvertreib nach meiner Liebhaberei; aber Samſtag Mittags und Sonntag nach Tiſch war ich ein Reichsfreiherr, den die lateiniſche Grammatik nicht plagte. Es mußte ſtill im Hauſe ſein, und ſolche Stille zu erhalten, war ich nicht geſchaſſen. Daher mochte es die Mutter gerne ſehen, wenn ich mein Vieruhrbrod in die Taſche ſtecte und einen Bündel Ermahnungen, mich in Acht zu nehmen und die Kleider nicht zu zerreißen, dazu und hinauszog in Gottes freie Welt, mich zu erluſtiren, wie mir's geſiel. Da bin ich denn ſchnurſtracks mit meiner Angelruthe hinaus auf mein Plätzchen geeilt, und bin da geblieben, bis die Sonne hinabſank hinter die Berge. Ich hatte mir aber auch das Plätzchen ſchön gemacht. Gerade auf der Spitze zwiſchen den Mündungen des Mühlen⸗ grabens und des Bächleins ſtanden zwei hohe Erlen, die benſtet waren bis an die Wurzel. Dieſe lag bloß und ich durfte nur die Aeſte zuſammenbinden, ſo hatte ich den ſchönſten Sitz mit einer ſichern Lehne. Das blieb nicht unbenutzt, und das Moos bot Material, den Sitz zu einem Kanape umzuſchaffen, auf dem es ſich herrlich ſitzen ließ. Von meinem Sitze konnte ich den Lauf des Bächleins gegen die Bannmühle hin eine Strecke weit überblicken. An beiden Ufern lief ein ſchmaler Raſenſtreifen hin, dunkel beſchattet von Weiden und Erlen. Auf dieſem friſchgrünen Streifen blühten ganze Maſſen von Vergißmeinnicht, die den herrlichſten Anblick boten. Eines Tages ſaß ich wieder angelnd an der Stelle. Ein leiſes Raſſeln zog meine Augen zu dem Vergißmeinnichtufer hin. Da kam Bannmüllers Röschen dahergeſchlichen und pflückte die lieben Blümchen. Röschen war ein zartes, ſchönes Kind von etwa acht Jahren. ging mit mir in die Schule, und ich hatte immer meine Freude an dem herzigen Kinde gehabt. Sie ſah mich nicht, kam aber immer näher. Da regte ſich in mir der knabenhafte WMuthwille. Wart! dachte ich, du willſt ſie einmal necken und eerſchrecken! fuhr entſetzt zuſammen und wollte fliehen; allein es mocht zweifel in ihrer Seele aufgeſtiegen ſein und ihr ſcharfes So ahmte ich denn den Ton einer Katze täuſchend nach. Sie Richtung des Tons ermittelt haben. Sie blickte zu meinem Sitz, und die Neugierde, die Wirkung meines Katzentones zu erforſchen, ließ mich in dieſem Augenblicke meinen Kopf hinter dem Erlen⸗ ſtamme, der mich verbarg, hervorſtrecken. Sie ſah mich. „Ach, du Garſtiger!“ rief ſie mit komiſchem Unwillen aus; „was erſchreckſt du mich denn ſo?“ Ehe ich antworten konnte mochte in ihrer Seele die Neugierde wach geworden ſein.„Was machſt du denn da?“ fragte ſie. Ehe ich aber auch dieſe Frage zu beantworten vermochte, war ſie ſchon herbeigehüpft, leitete ſich von Weide zu Weide und, ſich an einem Aſte der Erle erfaſſend, ſchwang ſie ſich zu der Stelle herüber, wo ich ſaß. Laut lachend ſtanden wir einander gegenüber. Vergebens wollte mich Röschen zurechtweiſen, daß ich ihr Schrecken verurfacht; es gelang nicht und dieſer Verſuch ging im Lachen unter. „Sag', was machſt du da?“ fragte ſie wieder. „Du ſiehſt's ja, ich angle.“ „Ach, wie ſchön iſt's hier!“ rief ſie aus, indem ſie ſich umſah.„Haſt du dir das Sitzplätzchen ſo ſchön gemacht?“ „Freilich, wer denn ſonſt?“ ſagte ich ſelbſtgefällig. „Ei, ſieh' mal, das hab' ich gar nicht gewußt!“ „Es weiß es auch Niemand als ich und du.“ „Biſt du oft hier?“ „Alle Tage gegen Abend, und Samſtags und Sonntags den ganzen Nachmittag.“ „Ach,“ rief ſie und klatſchte in die Händche allemal kommen und wir wollen hier ſpielen!“ „Komm du nur, Röschen,“ ſagte ich;„ich aber du mußt auch das Plätzchen nicht verrathen.“ „Gewiß nicht.“ In dieſem Angenblicke zuckte es an der Angel. Ich war ein viel zu heftiger Angler, als daß ich trotz des Geſpräches mit dem ſo will ich Kinde den Kork aus dem Auge hätte laſſen ſollen. Ich zog raſch heraus und ein Fiſchlein zappelte an der Angel. immer da, — Sie ſah das Thierchen wehmüthig an, dann mich.„Was hat dir denn das arme Thierlein gethan?“ fragte ſie. „Mir?“ war meine verwunderte Gegenfrage.„Nichts!“ „Ei, warum quälſt du es denn? Siehe, die Angel hat ihm den Gaumen zerriſſen, daß es blutet, und nun wird es jämmerlich ſterben.“ Sie nahm mir das Fiſchlein ab und warf es wieder in den Fluß. „Wie ſeid ihr Buben doch ſo garſtig,“ ſagte ſie,„in euren Spielen. Müßt ihr denn die armen Thierchen quälen? Die Mutter ſagt immer: Quäle kein Thierlein, denn die hat der liebe Gott auch gemacht, daß ſie ihres Lebens ſich freuen. Darum hat Gott auch keine Freude an euch!“— Noch heute, wo ich nach einer langen Reihe von Jahren die Scene wieder lebendig vor meiner Seele auftauchen ſehe, wird mir der Eindruck wieder erinnerlich, den dies Wort auf mich machte. Hätte mir mein Vater eine lange edigt gehalten, ſie würde ſicherlich nicht die Hälfte des Eindruckes gemacht haben, wie dies einfache, eindringliche Kindeswort. Wie ein elektriſcher Schlag durchzuckte es mich, der Kopf ſank mir herab. Ich fühlte tief im Herzen, wie wahr das ſein müſſe, und raſch, wie ich im Entſchluß und Handeln war, zerbrach ich die Angelruthe und ſchleuderte ſie weit hinaus in den Fluß. „Nun will ich auch nie mehr angeln!“ rief ich aus. Das ſchien ſie nicht erwartet zu haben. „Wie du auch heftig biſt!“ rief ſie aus.„Biſt du mir bös?“ fragte ſie nach einer kleinen Pauſe. „N in! Röschen,“ entgegnete ich,„du haſt recht. Ich will nicht angeln.“ keine Vogelneſter mehr Die Kinder ſagen, du thäteſt das?“ Ich wurde glühend roth. „Auch das will ich nicht mehr thun!“ rief ich mit einem Gefühle der Reue, wie ich es nie empfunden. 4 „Ach, du biſt gut,“ ſagte ſie.„Siehſt du, die M — immer, das wäre gerade ſo, als wenn man ihr ihre Kinder nähme. Sie würde ſich zu Tode weinen, und wie ſchreien die armen Thierchen doch auch.“ s 2 Jetzt ſchlug mich mein Gewiſſen. Wie oft hatte ich das Weh⸗ geſchrei gehört und nichts dabei gedacht. Jetzt fiel mir's auf die Seele und drückte mich. Röschen mochte das ahnen; ſie nahm ein Stück Brod aus ihrer Schürzentaſche und krümmelte es in das Waſſer. Ganze Schwärme von Fiſchen kamen und haſchten die Broſamen. Es war eine Luſt anzuſehen. Dieſer Anblick tilgte jene Empfindung ſchnell. „Siehſt du,“ ſagte ſie,„ſo mache ich mir eine Freude mit den lieben Thierchen.“ Als ihr Brod verfüttert war, kam auch mein Vieruhrbrod an die Reihe, und in ſeliger Luſt ſahen wir es zum Mahle der zahlreichen Schwimmer dienen. „Ich will dir'mal erzählen, wie's mal einer ſchönen Fiſchers⸗ tochter ging, die auch ſo Fiſch lein fütterte,“ ſagte Rööch en und ſetzte ſich auf meine Moos und ich mich neben ſie. Mit wunderſamem Zauber erzählte ſie mir nun, wie einſt eine Fiſcherstochter die Fiſchlein am Ufer des Fluſſes auch ſo gefüttert und ihre Freude dran gehabt habe, und die Fiſchlein hätten ihren Ruf gekannt, und ſeien gekommen auf dieſen Ruf. Einmal habe ſie auch ſo da geſeſſen und ſie gefüttert, da ſei aus den Weiden der Königsſohn herausgekommen, der auf der Jagd geweſen. Als er die Fiſcherstochter geſehen, habe er ſich zu ihr geſetzt und mit ihr ſeine Freude an den Fiſchlein gehabt, aber er habe auch die Fiſcherstochters lieb gewonnen und beſchloſſen, zu machen, wenh er aus dem Kriege zurückkomme. be er ſie oft geſehen an dem Ufer, und endlich, als der Krieg aüsgebrochen, da habe er ihr beim Abſchied einen koſtbaren Ring gegeben und zu ihr geſagt: ſie ſolle ihn ja in Acht nehmen, bis er wiederkomme. Alle Tage ſei nun die Fiſcherstochter ans Ufer gegangen und habe die Fiſchlein gefüttert und an den Königsſohn gedacht. Dann habe ſie den Ring, den ſie am Hals an einem Schnürlein getragen, betrachtet. Der Krieg habe ſich aber in die Länge gezogen und der hätten ſie aber niemals zu füttern vergeſſen. So erzä Königsſohn ſei länger ausgeblieben, als er geſagt. Da habe das Mädchen oft geweint, wenn ſie den ſchönen Ring betrachtet, und da die Thränen ihr die Augen getrübt, ſei er ihr einſt in das Waſſer gefallen, wo der Fluß am tieſſten geweſen. Da habe ſie denn gejammert und geklagt, zumal da nun der Krieg bald zu Ende geweſen und der Königsſohn bald würde zurückgekommen ſein. So habe ſie denn auch wieder einmal am Ufer geſeſſen und ihre Thränen ſeien in das Waſſer geträufelt; da ſei ein wunderſam Fiſchlein daher geſchwommen, das habe geglitzert wie pures Gold, und habe ein Krönlein von Gold auf ſeinem Kopfe getragen. Mit Sſtannen habe das Mägdlein das prächtige Thierchen betrachtet, aber noch mehr ſei es erſtaunt, als mit einem feinen, feinen Stimmchen das Fiſchlein zu reden angefangen und geſagt habe: Warum trauerſt du ſo ſehr? Du haſt immer meine Fiſchlein gefüttert und warſt ihnen gut; daher komme ich jetzt und frage nach deinem Leid, denn ich bin der Fiſchkönig. Als das Fiſchlein ſo lieb geplaudert, da ſei auch der Schrecken von dem Mägdlein gewichen, und es habe ihm geklagt, wie es den koſtbaren Ring, das Pfand der Lieb' und Treu' des Königsſohnes, hier verloren, und wie er gewiß ins Waſſer gefallen ſein müſſe. Darauf habe es der Fiſchkönig getröſtet und ſei fortgeſchwom⸗ men; aber alſobald ſeien viel tauſend Fiſchlein gekommen, die ſeien umhergeſchwommen und das ganze Waſſer habe gewimmelt und gelebt. Und wie noch das Mägdlein dageſeſſen und ſtaunend in das Gewimmel geſchaut habe, ſei der Fiſchkönig gekommen und habe de in ſeinem Munde gehabt, und habe ihn dem Mägd⸗ lein gebrächt und geſagt: Siehſt du, auch die Thierlein vergelten gerne, was man ihnen Gutes thut! Das Mägdlein ſei nun wieder* recht froh geworden, und bald darauf ſei der Königsſohn wieder⸗* gekommen, habe ſie aufgeſucht und ſie zur Königin erhoben, und nun ſeien ſie immer beiſammen geblieben und hätten lange, lange gelebt, und ſeien immer glücklich und froh geweſen; die Fiſchlein. te Röschen mit leuchtenden Augen und verklärtem Geſichtchen. Oft hatte ich Mährlein gehört, aber keins war mir ſo in die Seele eingedrungen, keins hatte mich ſo ergriffen. Das Kind erzählte aber auch gar zu lieb! „Weißt du noch mehr ſolcher Mährlein?“ fragte ich ſie. „Gewiß, viele, viele!“ erwiederte ſie lächelnd. „Weißt du was,“ ſagte ich darauf,„komm' alle Tage hierher; dann wollen wir die Fiſchlein füttern, ſpielen und Mährchen erzählen.“ „Ach, das iſt ſchön!“ ſprach Röschen freudig.„Es kommen doch keine Kinder in die Bannmühle und mein Käthchen iſt noch ganz klein.“ Von da an war eine mächtige Veränderung in mir und mit mir vorgegangen. Ich mied die rohen Knaben des Dorfs; ich durchſtrich nicht mehr Wald und Flur; ich angelte nicht mehr, hob kein Vogelneſt mehr aus, quälte kein Thierlein mehr; ja mein Zartgefühl ſteigerte ſich in dem Maaße, daßt ich überall auf meinen Weg blickte, um nicht etwa die Ameiſe zu zertreten, die darüber weglief. Wenn aber die Lehrſtunden aus waren, flog ich aufs licbe Plätzchen am Fluß und fand regelmäßig ſchon Röschen da. Sie hatte Alles dort anders eingerichtet. Da war eine Küche, eine Stube und das Nöthige an Geſchirren fehlte auch nicht. Wir fütterten unſere Fiſchlein, die ſo zahm wurden, daß ich am Ende nur zu pfeifen brauchte, ſo kamen ſie in Schaaren; wir ſpielten, kochten, erzählten— kurz— die Stunden flohen ſchnell wie der Gedanke, und Niemand ſtörte uns, weil Niemand unſer ſchönes Plätzchen, unſer Zuſammenſpielen und Leben kannte. Harmloſer, glücklicher und einiger unter ſich, ſchuldloſer und reinet ſpi Kinder als wir! Erſt der Winter zerſtörte unſere e Luſt; aber wir tröſteten uns mit dem Frühling, und dann und wann, wenn die Sehnſucht bei mir zu groß wurde, ging ich zu Röschen in die Bannmühle, und wir ſpielten dort unter den Augen ihrer ſinnigen Mutter nicht weniger glücklich. Als endlich die ſchöne Jahreszeit wiederkain, war von einem ſchweren Eisgang unſer Plätzchen arg mitgenommen. Mit einem großen Aufwande von Mühe ſtellte ich Alles wieder her, und das 2 —— alte Spielen begann wieder und währte ununterbrochen bis gegen den Herbſt. Da traf uns ein harter Schlag. Ein Freund meines Vaters, der Rector der lateiniſchen Schule in dem nahen Städtchen war, meinte, es wäre nun Zeit, daß ich auf ſeine Schule käme, und der Vater meinte es auch, weil er eben zu wenig Zeit erübrigen könne, ſich mit mir abzugeben. Der Beſchluß wurde gefaßt, daß ich am erſten October überſiedeln und in die Schule eintreten ſolle. Ich mochte proteſtiren, ich mochte noch ſo beweglich bitten,— ich mochte mich hinter die Mutter ſtecken, wie ich wollte,— es blieb dabei, und die Trennniſunde rückte unerbittlich heran. Als ich das Röschen ſagte, weinte ſie.„Wer wird nun ſo ſchön mit mir ſpielen?“ klagte ſie beweglich. Ich tröſtete ſie, daß ich ja wohl'mal Sonntags herkäme, ſie blieb aber traurig. Sonntag Mittags kam ſie fröhlich zu mir, als ich zuerſt am Plätzchen war. „Ich weiß nun ein Mittel, daß du hier bleibſt, ief ſie it ihre Händchen klatſchend, aus.. ℳ Welches denn?“ fragte ich eifrig und geſpannt. Setz' dich mal, ich will dir's ſagen,“ war ihre Antwort. „Siehſt dn,“ hob ſie nun redſelig an,„ich hab' Etwas von meinem Vater und meiner Mutter gehört. So machen wir's auch. „Neulich haben ſie miteinander geplaudert, wie ſie ſich ſo lieb gehabt, und ihre Eltern und Verwandte das nicht hätten haben wollen, und hätten die Mutter wegthun wollen. Da hätten ſie ſich eeerlobt und ſich geheirathet, und da hätte man ſie nicht mehr trennen So wollen wir's auch machen. Ich will deine Braut ſein und du mein Präutigan, und dann heirathen wir uns. 3 Du brauchſt dann nicht auf die Schule und bleibſt bei mir, wie der Vater bei der Mutter. Gelt, ſo machen wir's?“ Das leuchtete mir gar mächtig ein, den ich hatte ebenſo wenig 2 Luſt, Röschen zu verlaſſen, als nach dem Städtchen zu gehen, wo ich Latein lernen ſollte, und Gott weiß, was ſonſt noch Wir ſprachen nun viel hin und her, aber in der Hauptſache aren wir völlig einig. Voll he Hoffnung ſhienen ——— . Abends war zu Hauſe die Rede von meiner Entfernu „Vater,“ ſagte ich,„nach Nerte in die Schule gehe ich Mein Vater ſah mich groß an.„Was ſchwatzeſt du da?“ fragte er nicht ohne Erſtaunen. „Ich heirathe Bannmüllers Röschen,“ ſagte ich mit Zuver⸗ ſicht,„und jetzt gleich, da hab' ich's nicht nöthig. Sie iſt ſchon meine Braut!“ Meine Eltern ſahen einander an und brachen dann in ein lantes Gelächter aus, das ſich gar nicht legen wollte. Endlich ſagte mein Vater:„Sag' mir doch, Junge, wer hat „ E denn dir das in den Kopf geſetzt?“ „Bannmüllers Röschen hat's geſagt,“ erwiederte ich faſt weinend, denn das Lachen hatte mich ſchwer verletzt. Zetzt gab es denn ein Examen. Ich erzählte in kindlicher Naivetät Alles ganz genau und wie ſich das ſo gegeben habe. Mein Vater hörte ſehr aufmerkſam zu; allein nach und nach wurde ſein ernſtes Antlitz wieder heiter und er ſagte, mich zu ſich zichend:„Siehe, das Berſteht ihr Kinder nicht. Braut und Bräu⸗ tigam können nur erwachſene Leute ſein, und wenn man heirathen will, muß man auch eine Frau ernähren können, aber du verſtehſt ja gar Nichts.“ „Ei, Vater, ich werde Bannmüller, das lernt ſich leicht. Ich kenne ſchon die ganze Einkichtung der Mühle und wie gemahlen wird.“ Mein Vater mochte wohl einſehen, wie ſchwierig es warz mir das Verhältniß faßlich darzuſtellen. Er brach daher lurz ab, und ſchon am andern Morgen fuhr ich mit Sack und P m Dorfe hinaus, ohne Röschen ein Lebewohl haben ſagen zu können. Das lag mir in der erſten Zeit ebenſo ſchwer auf der Seele, als die Trennung von meinen lieben Eltern. Das Heimweh mit allen ſeinen Schmerzen, ſeiner Wehmuth und ſeinen Thränen ſuchte mich heim. Aller frohe Jugendmuth war von mir gewichen, alle Lebensluſt verloren, ſelbſt körperlich begann ich zu leiden. Der Rector erkannte das bald in ſeiner Quelle und ſagte: 3 „ ——— S —— . E „Willſt du nicht einmal heimgehen, mein Sohn? Du gehſt Samſtags und kommſt Sonntags wieder. Es iſt nahe!“ Wie Himmelsbotſchaft klang mir das. Samſtags ging ich heim und ſah Röschen. „Mit der Heirath iſt's nichts geworden,“ ſagte ich betrübt. Sie weinte und ſagte:„Ja, die Mutter hat mir's auch geſagt. Liebhaben dürfen wir uns doch, gelt?“— Es verſteht ſich, daß ich die Frage bejahete. Und das blieb auch; allein nach und nach kam doch ein anderer Sinn in mich hinein. Ich begann mich des Spitkens mit dem Mädchen zu ſchämen, weil die Buben mich verſpotteten. Die Furcht, mich lächerlich zu machen, hielt mich zurück von dem ſchönen Plätzchen unſerer ſchuldloſen Spiele, und ſo wurde ich dem Mädchen fremder, obwohl ich ſie ſtets im Herzen trug. Aller meiner Träume Gegenſtand waren dieſe Spiele. Als ich älter wurde, verlor ſich das, und oft wurde ich mit meiner kleinen Braut geneckt im elterlichen Hauſe. Jeder weiß, daß es eine Alkersſtufe gibt, wo ſolche Neckereien einen Knaben raſend machen können. Icht Warf oft einen Zern und Groll auf das Mädchen, das zu einer blühend ſchönen Jung⸗ frau zu reifen begann, aber rechter Ernſt war's damit dech nicht. Um dieſe Zeit bezog ich ein Gymnaſium in weiterer Ferne, und nun trat das, was meine Kindertage einſt beglückt, ganz zurück. Und dennoch will ich es nicht leugnen, ich blickte auch in diefem Zeitraume noch manchmal mit einer tiefen Sehnſucht auf jene Stunden hin, die wie ein paradieſiſcher Traum mir vorſchwebten. Als ich in die Fexien kam, war Röschen abweſend. Der Bannmüller hatte den Wünſchen ſeiner Frau nachgegeben, und das Röschen an einen Ort gethan, wo ſie eine höhere Ausbildung empfangen konnte, als dies in ihren phflichen Verhältniſſen möglich war. Ich ſah ſie nicht, aber ich nur Schönes und Gutes von ihr. Dagegen ſtimmten meine Eltern mit den Bauern überein, nur aus anderen Gründen, daß ſie der Müller weggethan. ihre Meine Eltern meinten, das liebe Mädchen würde in — Saat reiche Frucht. Sie Verhältniſſe nicht mehr fugen und paſſen, und es könne leicht kommen, daß ſie dadurch unglücklich würde. Die Bauern raiſon⸗ nirten und erklärten es für Hochmuth. Sie wollen einen Regie⸗ rungsrath locken zum Tochtermanne, ſagten ſie, aber da könnten ſie lange feil halten, ehe einer auf die Bannmühle komme und das Aeffchen hole, das kein Bauernmädchen ſein wolle. Es ging mir in die Seele recht tief hinein; aber was konnte ich beurtheilen? Kannte ich ja doch die Beweggründe nicht. Nur Röschen that mir recht herzlich leid; denn ihr wurde gewiß ſchnödes Unrecht angethan. Meine Univerſitätszeit hielt mich drei Jahre in der Ferne. Am Schluſſe des dritten wurde es mir möglich, meine Eltern zu beſuchen. Ich fragte auch nach Röschen, und ſelbſt jetzt nicht ohne eine warme Regung des Herzens. „Sie iſt verheirathet,“ ſagte meine Mutter, und ſetzte lächelnd hinzu:„Eine Braut wäre dir alſo untreu geworden.“ Wer weiß? dachte ich, und es ging mir ein Stich durch die Seele. „Iſt ſie glücklich verheirathet?“ fragte ich weiter, ſo ruhig ich onnte „Ach nein,“ war meiner Mutter Antwort.„Es iſt leider gekommen, wie wir befürchtet. Röschen war ein zartes, ſinniges Weſen. Ihre Mutter iſt eine ausgezeichnete Frau, die eine Herzens- und Geiſtesbildung hat, wie ſie in ihrem Stande kaum gefunden wird. Reiche Gaben hat ſie ſelber gefördert, und ihre Kinder muſterhaft erzogen. Röschen war ihr Liebling von jeher. Sie ruhte nicht, bis der geizige Wennniſr ſie in die Stadt that, wo ſie Verwandte haben und wo ſie gute Unterrichtsanſtalten für das liebe Mädchen benutzten. Sie hatte auch ein reiches Pfund von Gaben empfangen, ung auf ſolchem guten Acker trug die gute r ins elterliche Haus, aber ſie paßte nicht recht mehr. Zum Banernmädchen war ſie nicht mehr geeignet, und die Städterin paßte nicht in die bäuerliche Haus⸗ haltung. Man ſah es ihr an, daß ſie innerlich litt. Oft kam ſie — zu uns, und ich hatte recht meine Freude an ihr. Auch eurer Kinderſpiele wurde gedacht. Sie ſprach, obgleich ſie allemal erröthete, mit wahrer Begeiſterung davon, und ſah wie in ein „ Paradies in jene ſchönen, harmloſen Tage zurück. Du weißt, der . Miüller iſt ein reicher Mann und hat nur zwei Kinder. Röschen war gar ſchön, ſittig und anſtändig. Da fehlte es trotz ihrer Jugend an Freiern nicht. Sie ſchlug Alle aus, obwohl der Vater ihr oft grollte. Endlich kam ein Müllerſohn, ein tüchtiger, braver Menſch, eines wackern Mannes Sohn, aber roh und nichts weniger, als zu Röschen paſſend. Da half alles Sträuben nicht. Sie mußte ihn heirathen. Damals hab' ich das arme Kind bejam⸗ mert.— Abneigung fühlte ſie nicht, aber auch keine Zuneigung. Kurz, ſie wurde ſeine Frau. Ein Jahr ſind ſie nun verheirathet. Auf deine Frage kann ich leider nur verneinend antworten. Ihr Mann verſteht ſie nicht, höhnt ihre zarten Empfindungen als Ziererei und Pimpelei, und nöthigt ſie, Alles in ihr Inneres zu verſchließen. Man ſieht ihr an, daß ſie leidet, und ihr Ausſehen iſt ſo merkwürdig, daß es mir oft bange um ſie wird. „In ihr Auge ſieht man ſo tief, ſo merkwürdig tief hinein, ſo in die Seele, und dieſe Seele iſt belaſtet. Der Blick iſt ſo wehmüthig, daß man ſie nicht anſehen kann ohne Mitleid. Dabei iſt ihre Haut faſt durchſichtig klar, und ihre Wängelein ſind ſo eigen geröthet, daß ich Sorge um ſie trage.“ So ſprach meine Mutter, und mir, der ich Arzt war, gab dies Bild eine Ahnung, die mich um ſo tiefer bewegte, als ich erſt jetzt es recht fühlte, daß Röschen noch ein unentweihtes, heiliges Plätzchen in mein Seele hatte. S Sollte ich ſie ſehen? Das war eine Frage, die ich mir kaum —„ zu bejahen wagte unter dieſen Verhältniſſen. „ Ich ging in den Garten und ſ tich in die dunkle Laube. . Ich ließ Alles, was mir die gu utter geſagt, an meiner prüfenden Seele nochmals vorübergehen, und— Eitelkeit war es. wahrlich nicht!— mir kam der Gedanke, daß das Kind, abge⸗ ſchloſſener als ich es geweſen, der Jungfrau die Jugendliebe über⸗ 3 5 liefert, daß ſie, vielleicht— vielleicht!— durch das Spiel der Phantaſie dieſe Liebe im Ideal ihres Weſens und Lebens ausge⸗ bildet und nun, um ihr Ideal betrogen, verkümmerte. Ich fand, daß Thränen über meine Wange rannen, und— ſchämte mich ihrer nicht, wie ich mich nicht ſchäme, das zu bekennen. Unter dieſen Umſtänden gebot mir mein Herz, ſie zu meiden. Ich blieb ja doch nur kurze Zeit. Allein der Sehnſucht, ſie unbemerkt zu ſehen, konnte ich kaum widerſtehen. Es gab ſich dazu Gelegenheit. Der Mutter hatte ich mit aller zutraulichen Offenheit geſagt, was ich vermuthet, und ſie geſtand dem zum Manne reifenden Sohne, daß ich das gefunden, was ſie längſt vermuthet habe. Sie billigte meinen Vorſatz, ſie zu vermeiden. Einen Tag ſpäter ſaß ich wieder leſend in der Laube. Die Mutter pflanzte im Garten. Da hörte ich eine metallreiche, ſüße Stimme ſie grüßen. Dieſer Ton ergriff mich doppelt. Als Kediciner vernahm ich darin klar jenen eigenthümlichen Klang, der auf eine hektiſche Affection zu ſchließen vollkommen berechtigt; und als Menſch hörte ich Röschen's Stimme, die Stimme, die mir ſo theuer war, deren ſüßen Wohllaut ich noch in der Erinne⸗ rung trug. Mein ganzes Weſen war⸗ in eigenthümlicher Spannung. Ich bog die Zweige aus einander. Da ſtand ſie vor mir, ſo nahe, daß ich in das ſeelenvolle, große Auge hineinſehen konnte, in das man, wie meine Mutter ſagte: ſo tief, ſo tief hineinſah. Da erblickte ich die zarte, ſchöne Geſtalt, das engelſchöne Antlitz mit dem Ausdrucke des tiefen innern Wehes, und doch jetzt vvn einem Zauber der Freundlichkeit übergoſſen, von einem Lächeln verklärt, das ſie unendlich reizend machte.. Ich ſah ſie an Herzen, und wieder rieſelten meine Thränen, denn i ßte mir ſagen: du armes, theures Weſen, haſt nicht mehr weit zum Grabe! Ich mußtelir mit einem Seufzer, mit einem Stich in das Herz ſagen: wie glücklich hätte ich mit du mit mir werden können! Was ſie ſprach, war klar gedacht, ihr Deutſch rein. Man hörte ihr die höhere Bildung an. Sie wußte nicht, daß ich zu Hauſe war. Sie fragte nicht nach mir, und die Mutter vermied mit Abſicht jede Wendung des Geſpräches, Frage hätte führen können. Als ſie weg war, ſchlich ich aus der Laube und ging auf meine Stube. Am andern Tage reiſte ich weg.— Nach Ablauf meiner drei Studienjahre ging ich nach Wien, London und Paris, und kehrte dann wieder heim als Doelor rile promolus. Meine Eltern waren unausſprechlich glücklich, mich wieder zu haben, wenn auch nur auf kurze Zeit. Als ich bei der M NRöschen noch?“ Sie ſah mich wehmüthig an Frieden!— Vor einem halben Jahre ſtarb ſie Ich war um ſie in der letzten Stunde ihres Lebens, wie ſie es wünſchte. Sie trug mir ihren Scheidegruß an dich auf. Es iſt ein Engel mehr im Himmel!“ Sie ſtand weinend auf und ging hinaus. Es war früh noch am Tage. Ich drückte meinen Hut tief in die Stirne und ging in das Feld, ohne eigentlich zu wiſſen, wohin ich wollte⸗ Unwillkürlich leiteten mich meine Gefühle unter die Erlen, an das Spielplätzchen meiner Kindheit. Und wie fand ich es?— Lagen Tage oder Jahre zwiſchen dem Damals und Jetzt?— Es war ſorglich ſo hergeſtellt und erhalten, wie ich es damals gemacht. Nur ein Beet war rings herum angelegt und ein Kreis weißer Roſen war darum gepflanzt, und in dem Beete ſtanden Vergißmeinnicht. Tief erſchüttert ſetzte ich mich die Bank, wo wir als Kinder geſeſſen, und es war mir, jetzt Röschen heraus aus den Büſchen und hüpfte zu mir. Ich ſaß noch da, als ſchon die Dämmerung hereinbrach und der Mond am blauen Himmel ſtand. Der Abendwind rauſchte in den Zweigen der Erl die zu einer ſolchen utter allein war, fragte ich:„Lebt und ſagte:„Sie hat nun Weiden, und es war mir, als umwehe mich der Geiſt, dem die ſtille Todtenfeier gegolten. k Es ſind ſeitdem viele, viele Jahre hinabgefloſſen in das ſtille Meer, von woher keins wiederkehrt. Ich bin glücklicher Gatte und Vater, und die innigſte Liebe hat mich mit meinem Weibe verbunden, und beglückt mich heute, wie vor fünf und zwanzig Jahren; aber die Erinnerung an Röschen erfüllt oft noch mit der innigſten Wehmuth meine Seele, und meine liebe Frau theilt das Gefühl mit mir. Ich bin ſeitdem noch einmal auf dem Plätzchen meines Kinderglückes geweſen. Ach, es iſt Alles verwildert, verwachſen, zerſtört. Selbſt ihr Grab iſt kaum mehr zu ſinden, aber die Erinnerung an meine erſte Braut iſt geblieben, ungeſtört, ungeſchwächt, und es wächſt kein Gras darüber— bis es einſt über meinem eigenen Herzen grünt. Der Freiersmann. 5 Eine Hunsrücker Dorfgeſchichte. * I. Wer nicht ſelber freien kann, Hole ſich den Freiersmann. Volkslied. Je entfernter eine Gegend von den großen Straßen des Welt⸗ verkehres liegt, deſto länger erhalten ſich Sitten und Gebräuche, ererbt von den Vätern, bei denen ſie ſich je nach Eigenthümlichkeit des Charakters, der Lebensweiſe und des Herkommens feſt und beſtimmt ausgeprägt. Zu ſolchen Gegenden iſt der Hunsrücken zu rechnen, jenes zwiſchen Rhein, Moſel und Nahe gelegene Hochland, das an Frucht⸗ barkeit, Naturſchönheit und hiſtoriſchen Denkmalen reich, ſehr unver⸗ dient in dem Rufe ſteht, eine rauhe, unwirthbare Gegend zu ſein. Wenn auch hier die moderne Cultur hin und wieder zu lecken beginnt, wenn auch hier die Zeit leider nicht allzu ferne ſein dürfte, wo die alte Sitte moderner Verflachung weichen wird, ſo iſt doch zur Zeit noch das Alte in Ehren, ſo liegt im biedern, treufrommen Charakter des Volkes noch ein mächtiger Damm, und da es kaum zzu erwarten ſteht, daß eine Eiſenbahn dieſe Höhen und Thäler, Fluren, Wälder und Wieſen durchſchneide, ſo wird auch der entſitt⸗ lichende und nivellirende Touriſtenweltſtrom kaum ſeine Wogen ausbreiten. In dieſem friſchen und ſchönen Landſtriche, faſt in der Mitte der angegebenen Flußgrenzen, liegt eins jener ſtattlichen Dörfer, denen man den Wohlſtand von ferne anſieht, wenn auch der jene und die wohlbeſtellten Fluren, die ſaftigen Wieſengründe, begrenzende Hochwald, einen dieſe faſt von allen Seiten dunkel ſolchen Schluß nicht von vornherein rechtfertigten. Inmitten des Dorfes ſteht auf einer hügelartigen Erhöhunz die Kirche, deren Bauart zwar nichts Bedeutendes hat, deren zum Streite. wird, die darin liegen, daß von Lebenden nicht gut reden iſt, wohnte Bezeichnung der Familie im alltäglichen Verkehre. So hieß die voranſteht, iſt ein allgemeiner Brauch. mehreren Morgen dehnte, da war er Evemichel's; wo eine ſette Grummetwieſe lag, da gehörte ſie ihnen. Und daß der alte Eve⸗ ſchönſten unter der waffenfähigen Mannſchaft, und eine Tochter, Margreth, die unſtreitig das ſchönſte Mädchen auf zwanzig Stunden ſchmucke Erſcheinung aber auf den Werth ſchließen läßt, welchen das Kirchſpiel auf die Stätte ſeiner Anbetung legt. Vor der Kirche, wenn auch Etwas tiefer, breitet ſich ein freier Platz aus, in deſſen Mitte die uralte, an Höhe mit dem Kirchthurme wetteifernde Linde ſteht, unter deren ſchützenden Aeſten ſeit mehr denn einem Jahrhunderte die Gemeinde tagt, wenn der Schöffe ſie zu gemeinſamen Berathungen ruft. Nicht regelmäßig reihen ſich die Häuſer in langen, geraden Gaſſen an die Kirche, ſondern Gärten liegen dazwiſchen; Wieſen⸗ gärten mit Obſtbäumen ſchließen ſich hinten an die Häuſer. Dadurch tritt eins zurück, das andere rückt vor; aber es iſt friſches Grün zwiſchen den Gehöften, und das Wohnen darin iſt anmuthig und geſund. Nachbarn ſind ſich nahe genug zur Hülfe und ferne genug In dieſem Dorfe, deſſen Namen aus Gründen nicht genannt ein Bauer, der Michel mit ſeinem Taufnamen geheißen, und ſeine Frau Eva. Aus beiden Vornamen der Eltern bildet ſich meiſt die Familie Evemichel's im ganzen Dorfe. Daß der Name der Frau Evemichel's waren reich. Wo ein Acker ſich zu einem oder michel auch Kapitalien auf Handſchriften ausſtehen hatte, war kein Geheimniß. Die glänzendſten und größten Kühe, die ſtattlichſten Pferde und in der Regel die ſchönſten Fohlen, die bei der Probe⸗ beſichtigung mit R gebrannt wurden, hatte er. Evemichel's hatten nur zwei Kinder, einen Sohn, Evemichel's Jacob, der in Berlin bei der Königsgarde diente, was ſchon von ſelbſt ſoviel heißt, als er war Einer der ſchönſten Burſche, denn zur Garde nahm die Departementscommiſſion nur die größten und ausſetzen und blieb weiß wie Schnee. Man meinte, die bräunende Sonnengluth habe ordentlich Scheu, ſolche Haut zu beſcheinen. Ihre großen Augen, ſo mild in ihrem Ausdrucke, waren blau wie der Himmel. Ein Borsdorfer Apfel hat ſo rothe Bäckchen nicht ſich mit der reichen Fülle ihrer blonden Haare nicht vergleichen Kurz, wer Etwas an ihr tadeln wollte, müßte ihr Feind oder ein Narr geweſen ſein, der nicht gewußt hätte, was ſchön ſei. Ueber Margreth's Schönheit ging ihr Ruf. Fleißig wie ihre das nicht auch ſeinen Schak dem Maule ma— zurſche, die fir mit e eine Nonne, weil ram, und an der Kerwe**) nur bis 3 n Lanze blieb. Das Mädchen kümmerte ſich darum nicht. WManche meinten: ſie habe eine Kartoffel, wo Andere das Herz hätt i aber da irrten ſie. Margreth hatte das poppernde Mädchenherz ſo gut in der Bruſt wie jede 5 Andre, und ſah mit ihren blauen Angen auch, daß Martin's Fritz ſchöner war, als Barthel's Franz und Casper's Andres, und die Fir⸗ Drei gingen ihr zu gefallen, Ihre Mutter ſagte:„Margreth, fang' mir mit Keinem ein 6 Gehänge an. Es darf dir Einer beſſer gefallen, als der Andere, ich kann aber das Gehänge nicht leiden!“ Dem gehorchte ſie; allein ſie ſchlief hinten hinaus und alle — 3 Abendgeſenſchaft, beſonders an Sonntags Abenden. ) Kirchweihe. war. Sie konnte ſich in der Ernte den ganzen Tag der Sonne wie Margreth, und der ſchöne Flachs, den ihr Vater zog, konnte haſſen; denn ſie hingen wie ein glänzender Mantel um ſie und reichten bis zur Hüfte. Dabei war ſie gewachſen wie eine Tanne. S Mutter, ſittig und ſittſam wie dieſe geweſen, ſanft und ſtille v- gegen die Armen ſo gibbelgäbig, wie nur Jemand im Dorfe— ſ6 war ſie von Allen anerkannt. Nichts wunderte aber voie Leute ſo ſehr, als daß ſie keinen Burſch hatte. Es war auch hu verwundern. 5 Wo iſt denn hentzutage ein Mädchen, das jun⸗ ſchön und reich iſt, 3 2 Abends ſchlich der hübſche Martin's Fritz in den Grasgarten oder die Pütz, wie er auch heißt, und fing mit ihr zu plaudern an, wenn ſie im Fenſter lag, das war ja kein Gehänge! Das wußte auch kein Menſch im Dorf, und die Zwei verriethen auch einander nicht. Nun, ſie waren Nachbarskinder; waren mit einander in die Schule gegangen und mit einander confirmirt worden, und jetzt gefielen ſie ſich noch viel beſſer wie damals. Martin's Fritz war auch ein kreuzbraver Burſch, ein reicher Burſch, ein einziger Sohn— aber gegen ſeinen Vater, als er noch lebte, trug der Evemichel einen Groll; denn er hatte über die Dachtraufe ſeiner Scheuer, die in Martin's Garten fiel, mit ihm proceßt und er den Proceß eren, das vergaß er nicht. Martin's Fritz hanſte mit ſeine und die ſtarb ihm an der hitzigen Bruſtkrankheit. Di mup irathen. Er hatte auch unter der Königsgarde gedien und war der Landwehr, konnte alſo heirathen. Eines* eagte er:„Margrethchen, jetzt muß ich heiralhen Nimmſt du mich Margreth wurdr is in die Ohrläppchen und ſchwieg „Magſt du mich m frapete er beſorgt.„Sag'!“ 3 „Geh' zu meinem Vater!“ flüſterte ſie raſay uno mache Fenſter zu. 6 Das war ihm genug geſagt und er ging fröhlich heim; abe daheim fiel ihm das Herz in die Schuhe, denn er dachte an Ei michel's Haß gegen ſeinen verſtorbenen Vater, der auch auf iht überging, denn er hatte müſſen einen Kandel ans Scheuerdu 3 machen und das hatte ihn viel Geld gekoſtet. Was war zu thun? 3 gede Ehe wird auf dem Hunsrücken noch durch einen Freiers mann geſchloſſen. Zu ſolchem Geſchäft eignet ſich nicht Jeder, wei es manchem ſonſt braven Mann an der nöthigen Würde und Bertd⸗ ſamkeit fehlt. Meiſt gewinnt Einer als Freiersmann Ru Anſehen, und weiß er ſich darin zu behaupten, ſo wird ſ jelten eine Ehe geſchloſſen, ohne daß er Freiersmann geweſe iſt Dies Geſchäft iſt vortheilhaft. Es bringt ein ſtattliches Trinkg ein, berechtigt zum Hochzeitſchmaus und ſichert lebenslänglichen „ Eeinfluß in der nen gegründet nilie e Wenn man von der Kirche rechts in die Borngaſſe einbog, ſo r ſtand neben dem Backhaus am Brunnen ein ſchönes Haus. Darin e wohnte der rothe Balthes. Das Bonmot: Roth kam von den t Haaren, die jene Farbe trugen, welche man flammend nennen konnte, und die gekräuſelt waren, wie die eines Negers. Obgleich man das Sprüchwort hat:„Rothe Haare und Erlenholz wachſen auf übem Boden,“ ſo iſt's doch nicht allemal wahr. Der Balthes war e trotz ſeiner rothen Haare ein ordentlicher Mann. Er verſtand aber ß das Freien aus dem FF und hatte ein Plauderment wie ein Winkel⸗ — advocat oder ſogenannter Ferkelſtecher. Was der nicht rund brachte, blieb eckig in alle Ewigkeit. Schon gar manche recht glückliche hatte er fertig gebracht. Daher kam's, daß er aller Welt Freieks⸗ mann war und in dem Geſchäftsfache eines Rufes genoß, den er mit Keinem theilte. Sonntags Mittags ſaß der rothe Balthes am Tiſche. Vor ihm lag die große Baſeler Bibel, darin er den Text las. Seine Frau hatte das Geſangbuch. Kinder hatte der rothe Balthes nicht. Da ging die Thür auf und Barthel's Franz, der trat herein und ſagte:„Guten Tag, Cümpeer!“ Balthes, der im Sonntagnachmittagswamms und im grauen Sammtkäppchen, das mit Marderpelz verbrämt war, daſaß, grüßte: „Großen Dank!“ und rückte das Käppchen. ₰„Was bringſt du, Franz?“ fragte er.„Du kannſt bei meiner Frau reden; du weißt, ſie hört nicht gut!“ Dem wir ſo und Franz ſagte:„Cumpeer, ich W nicht viel, aber mein Vater will, ich ſoll heirathen.“ „Da hat er Recht!“ ſagte Balthes. „Da ſoll ich Euch fragen, ob Ihr mein Sre werden wolltt gegen Erkenntlichkeit.“ Dabei legte er zwei Thaler in Balthes Hand. läßt ſich hören, ſprach der Taube, als er eine Ohrſege . 2 bekam,“— entgegnete der rothe Balthes und ſteckte ſchmunzelnd die zwei Thaler in die Taſche. „Wer iſt denn deine Auserwählte?“ „Evemichel's Margreth!“ verſetzte Franz. „Ei ſieh''mal da!“ rief Balthes.„Du biſt kein Narr und auch kein Eſel. Wenn ich meine Frau nicht hätte, gefiel die mir auch, denn ſie iſt die Krone der Mädchen weit und breit. Will ſehen, Franz, was ich mache, und glückt's, ſo ſoll mich's frenen Damit wollte Franz ſich ſchieben, aber Balthes ſagte:„Komm' auf den Sonntag wieder, ſo ſollſt du hören, wie es ſteht.“ 5 Kun ging er mit freundlichem Adjes und empfahl noch die Sache mit den Worten:„Sparet keine Worte, Cumpeer, es auch weiter Euer Schaden nicht ſein.“ Als er draußen war, beſah Balthes die Thaler mit Lerguh und ſagte zu ſeiner Frau:„Das iſt verdient, Agnes,“ und ſie nickte lächelnd. Gleich darauf geht die Thür auf und Kasper's Andres trat 6 herein, grüßte freundlich und meinte, es ſei ſchön Wetter heute „O ja,“ verſetzte der rothe Balthes und ſagte:„Setz' di, Andres. Du kommſt auch nicht um des ſchönen Wetters willen zu mir. Geb' acht, ich rath's?“ „Rathet einmal!“ ſagte lachend Andres. „Du haſt drüben zu F. ein Körbchen gekriegt, und nun ſu ich wieder einen Henkel dazu machen!“ „O nein,“ verſetzte Andres.„Das kann ich ſelbſt. reiche und hübſche Frau ſollt Ihr mir verſchaffen. Den Korb könnt Ihr für Euch behalten.“ „Da hätt' ich was Rechts!“ rief der Balthes. „Nun, wenn Ihr einen Korb wollt, ſo kauft Euch einen, hier iſt ein Thaler!“ Damit drückte er ihm einen Fünffranken⸗ thaler in die Hand. Da will ich's verſuchen,“ ſprach lachend Balthes;„obwohl der noch nicht recht ſchön wird.“ ————— 8 „ ** „Ei, hintennach zahl' ich, daß er Euch doch gefällt“— ergänzte Andres. „Aber ſag' mal,“ hob Balthes an,„ich meine, du führteſt Schneider's Lene nach?“ „Nachführen und heirathen iſt zweierlei,“ ſagte Andres mit einem pfiffigen Schmunzeln. „So?“ war Balthes Antwort.„Recht iſt's nicht! Das kädchen, das man nachführt, ſoll man auch heirathen.“ „Wollt's auch,“ ſagte Andres ernſt;„aber mein Vater will einmal, ich ſoll Evemichel's Margrethchen heirathen“ 4. „Und da machſt du nicht viel Sprenzpfeffer, nicht wahr? Glaub's auch. Das Mädchen iſt wie aus einem Kaufladen, ſo hübſch und nett.“ Das ſagte Balthes lachend, und der Andres meinte: er habe ſo weit nicht vom Ziele getroffen, denn das Mädchen habe es Allen angethan; nur ſei ſie ſo ſtrüf*) und man meine, ſie könne keine drei zählen; aber er hab's doch herausgeknöchelt, daß ſie eine Tochter Eva's ſei, denn er meine, der Martin's Fritz wiſſe, wie ein Küßchen von ihr ſo ſüß ſei. „Was?“ fragte Balthes eifrig.„Meinſt du? Sollt' das ſein? Meiner Treu! das wär' ein Paar, wie's die Tauben feiner nicht zuſammentragen.“ „Der Martin's Fritz ſoll ſich's aber vergehen laſſen!“ rief der Andres.„Wenn er auch ein ſchön Sachſpiel**) hat, ſo hat der alte Evemichel den Dachtraufproceß noch in den Gedärmen liegen wie einen harten Stein. Ihr wiſſet, daß der lieber Alles vergißt, als verlorenes Geld. Nun, er hat auch Recht. Was hätt's dem Martin gethan, wenn er die Traufe hätt' in ſeinen Garten fallen laſſen? Man muß nicht ſo obſtinat ſein.“ „So?“ ſagte Balthes.„Hätt' meim Lebtag nicht geglaubt, daß du ſo ein Lämmchen wärſt, das ſich ſo ſtille ſcheeren ließe! *) Spröde. **) Viel Habe. Man verſieht ſich doch an Niemand mehr, wie an den Leuten! Um was handelte es ſich doch, als du dem Barthel den Arm entzwei ſchlugſt?“ „Der hat angefangen!“ rief Andres,„und es war auf m Konnkircher Markte, wo es, wie Ihr wißt, ſelten glatt abgeht* „Ich meine,“ ſagte der Balthes,„er hätte ein Fenſter in ſeine Stube brechen wollen, das in Eure Pütz ging?“ „So war's auch,“ ſagte Andres;„aber es war doch kei Proceß!“ „Freilich,“ entgegnete Balthes,„du zahlteſt den Gregorins ¹) und die Salben in der Apothek, und ackerteſt ihm ſein Feld, weil er nicht konnte. Nun, das war nichts als ein Stopſen ins Maul! — Kroſtete aber viel!“ „Ob nun der fette Vergleich oder dort der magere Proceß mehr war, weiß ich nicht; das weiß ich aber, daß der Barthel des Evemichel's Schwager iſt.“ „Himmel und Erde!“ rief Andres,„das wäre ſchlimm, wenn er noch dran dächte!“ „Kurze Gedanken und lange Bratwürſte ſind hübſche Sachen“ verſetzte der rothe Balthes,„aber ich glaub', der Evemichel hat beides lang.“ „Meint Ihr?“ fragte Andres. „Was kann man meinen?“ war Balthes Antwort.„Wart's ab, ſagt der Jekuf.“ 4 Nicht ganz geheuer war's dem Andres, als er ging.„ Balthes ſagte zu ſeiner Frau:„Zwei Thaler und ein Thaler macht drei Thaler und noch zehn Groſchen. Das iſt ein guter Taglohn heute, Agnes, meinſt du nicht?“ 3 „Du haſt aber dem Andres den Kümmel gerieben!“ ſagte ſie. „Das iſt ein frecher Bnb' und meint, er wäre überall Hahn im Korbe,“ ſagte der Balthes;„dem muß man ein bischen aufpochen. Weißt du, wem ich das Mädchen gönnte? dem Fritz! Ob es wahr *) Chirurgus. — 2 iſt, daß es die Zwei mit einander haben, wie die Buben die Vogelsneſter?“ Als er eben dieſe Worte geredet, trat Fritz herein. Er war des Balthes naher Verwandter. „Ei, Vetter,“ rief ihm der Balthes zu,„du ſiehſt ja drein wie geronnene Milch! Hat dich der Evemichel bei dem Mar⸗ grethchen ertappt?“— Er dachte: friſchweg kommſt du der Sache auf den Grund! „Vetter, ſcherzt nicht,“ ſagte Fritz, aber er war roth geworden wie ein Mädchen.„Wie ſollt' der mich ertappen? Ich habe nichts mit dem Mädchen!“ „Es vielleicht mit dir,“ bemerkte ſpottend Balthes.„Das koſtet ein Geld.“ „Wie kommt Ihr zu ſolchen Reden?“ fragte Fritz ärgerlich. „Der Andres ſagte eben, du wüßteſt, wie ein Kuß von ihren rothen Lippen ſchmeckte.“ „Der Eſel!“ rief zornig der Jüngling.„Wart', ich ſtopf' ihm ſein böſes Maul. Das iſt Grimm, weil das Mädchen dem Krakeeler abſchlug, mit ihm auf die Kerwe zu gehen!“ „Mit dir wär's wohl lieber gegangen?“ fragte liſtig Balthes. „Wer weiß es?“ war Fritzen's Antwort. „Ich!“ rief Balthes. „So wißt Ihr mehr wie ich,“ verſetzte Fritz. „Oder weniger!“ fiel ihm Balthes ſchnell ins Wort.„Vor⸗ geſtern Abend ſtand Einer bei dem Margrethchen am Hinterfenſter, der meinem Vetter Fritz glich, wie ein Haar dem andern auf meimem Kopfe, denn ſie ſind alle roth. Meinſt du, ich wäre blind, Bübchen?“ ſetzte er lachend hinzu,„brauchſt nicht roth zu werden, ich hab's gerade ſo gemacht. Gelt, Agnes? Und einen Kuß in Ehren kann Niemand wehren.“ Der Fritz ſtampfte mit dem Fuß auf.„Verdammt!“ rief er. „Ich kam zu früh.“. „Glaub's auch,“ ſagte Balthes.„Alſo ſonſt kamſt du ſpäter? Aha, der Vogel ſitzt im Meiſenkarren, Agnes!“ Beide lachten laut auf; am Ende lachte Fritz mit. „Weil's Euch denn bekannt iſt, will ich's nicht leugnen,“ ſagte er.„Ja, Vetter, wir haben uns lieb, und darum komm' ich, Euch um Euer Wort beim Evemichel zu bitten. Ich will's kurz machen.“ „Ach, du armer Fritz“ ſagte Balthes,„Du biſt der Dritte, der heute kommt und um das Mädchen will gefreit haben.“ Fritz erbleichte.„Wer iſt's denn geweſen?“ fragte er. Balthes nannte ſie.„Alle Beide ſchwere Burſche,“ ſagte er. „So ſchwer wie du auch! Und der alte Evemichel hat auf deinen Vater einen alten Pick. Hält er den noch, dann ſteht's ſchlimm““ Fritz ſaß lange ſtill da und ſah in eine Ecke. Dann ſeufzte er tief auf und Agnes meinte, es habe ſo feucht in ſeinen Augen⸗ winkeln geglänzt. „Vetter,“ ſagte er,„Ihr ſeid mein nächſter Verwandter, habt ſtets wie ein Vater an mir gethan. Glaubt Ihr, daß ſie eines Andern Frau wird?“ „Kind, Kind,“ ſagte Balthes,„du vergißt, daß ich des Men⸗ ſchen Gedanken nicht kenne. Die ſind nur Gott bekannt. Aber geſetzt auch, es ſchlüge fehl, willſt du auf und davon gehen?“ „Ja,“ ſagte Fritz feſt;„dann capitulir' ich und werde Soldat.— Mir kräht kein Hahn nach!“ „Aber ein Paar ſchöne Augen weinen dir nach,“ ſagte Agnes. „Aber,“ entgegnete Fritz,„ein Paar ſchöne Augen ürſe mir dann nicht mehr lächeln!“ „Das iſt wahr,“ ſagte Agnes, die Baſe.„Es ſollte nin leid um Euch Beide thun. Balthes,“ wandte ſie ſich an dieſen:„Rede füß wie Honig und beweglich wie der Pfarrer, wenn er über den Jüngling von Nain predigt. Ein Menſchenherz iſt kein Wacken, ²) und dir iſt ſchon Manches gelungen.“ Balthes ſtrich durch die rothen Haare:„Könnt' ich euch zuſammenbringen, ſo wollt' ich hüpfen vor Freude! Ich will Alles *) Quarz. überlegen und— verlaß dich drauf, was ich dir thue, thue ich Niemanden ſonſt.“ Fritz drückte ſeine Hand und ging. Geld gab er nicht. Es wäre eine Beleidigung geweſen. Abends paßte der Andres auf; aber Fritz ahnte es und— kam nicht. So war's auch an den folgenden Abenden. Und da Balthes im Wirthshauſe den Andres einen Lügner nannte, ſo zerſchlug ſich das Gerede bald wieder. Dem Fritz aber empfahl er Vorſicht, denn erfuhr's der Alte, ſo war vollends Feuer im Dache. II. Wie lang bleibt doch der Freiersmann, Ich kann es kaum erwarten. Freiſchütz. „Gut Ding will Weile haben,“ ſagte der rothe Balthes, als ſeine Frau, die Agnes, ſagte:„Du vergißt ja ganz deiner Freierei!“ „Für Drei an Einer freien!“ rief Balthes,„das iſt mir noch nicht vorgekommen. Meinſt du, das wär' ſo leicht, als Haſelnüſſe krachen? Da es aber heute Sonntag iſt, ſo geh' und hol' mir den Hochzeits⸗ rock, und ich will ſehen, wie's ablauft.“ Agnes holte den Rock und den Hut, und Balthes ſchritt ganz pathetiſch in Evemichel's. Margrethchen ſah ihn am Fenſter. Als er aber ſein ſpitz⸗ bübiſches Geſicht machte, mit den Augen blinzelte und ihr zunickte, da ſloh ſie wie ein geſcheuchtes Reh in ihr Stübchen und belete leiſfe weinend zu Gott, daß er ihrer Eltern Herz zu ihrem Glücke wende. 8 Die Alten, Eva und Michel, waren allein. Die Sittte fordert, daß man den Freiersmann, wenn er will⸗ kommen iſt mit Ehren empfange. Heißt ihn die Mutter ſich ſetzen, ſo iſt das eine gute Vorbedeutung. Trägt ſie Butter, Käſe und ein Glas Schnapps auf, ſo iſt hundert gegen eins, ſoferne man um den werbenden Jüngling weiß, daß ihm ein Korb bevorſteht. Balthes trat mit Würde und Anſtand ein. Er grüßte ſehr höflich. „Großen Dank, Cumpeer,“ ſagte Michel, und die Mutter rückte einen Holzſtuhl und ſagte:„Sett Euch, Cumpeer Balthes;“ aber ſie holte kein Eſſen. Das geht gut! dachte vieſtt und ſagte:„Geht's bald ans Flachsbrechen und ans Dreſchen?“ „Mit dem Flachsbrechen,“ ſagte Michel,„wird meine Eve und Margreth ſertig, aber zum Dreſchen fehlen die zwei Arme in Berlin.“ „Freilich,“ Balthes,„aber ich it Rath?“ „Welchen?“ fragte Michel. „Schafft Euch zwei andere an die Stelle, Cumpeer!“ ſagte Balthes. „Ihr habt Recht,“ ſagte Michel, der wohl verſtand, wohin Balthes ſteuerte, aber der Sitte gemäß ausbeugte:„ich will mir zu Weihnachten Kuhhirtens Peter als Knecht dingen; das iſt ein tüchtiger Kerl, der Armenſchmalz und guten Willen hat.“ „Dem müßt Ihr vierzig Thaler und die Koſt nebſt doppeltem Zubehöre geben,“ ſprach Michel;„mein Rath iſt beſſer. Ein Schwiegerſohn ſchaffet umſonſt.“ „Ihr habt gut reden,“ ſagte Michel.„Wo ſoll der her⸗ kommen?“ „Ich habe Drei für Einen in dem Sacke,“ ſagte Balthes. „Wenn ich auch das für einen Scherz nehme,“ ſagte Michel, „ſo dürft' ich eben auch im Scherze ſagen: ſo ſtellt ſie auf den Tiſch!“ „Cumpeer,“ ſagte Balthes und ſtand auf,„dies Mal hat der Scherz ein Ende. Es iſt ſo. Ich komme für Drei als Freiersmann.“ „Ihr treibt Euren Spaß weit!“ verſetzte Michel. „Bei Gott, ich ſcherze nicht!“ rief Balthes. „Ach du lieber Gott!“ rief die Mutter aus und ſchlug die Hände zuſammen.„Drei! da würde unſer einem ja die Wahl ſchwer!“ „Unverſucht ſchmeckt nicht,“ entgegnete Balthes.„Darf ich reden?“ „Redet, Cumpeer, ich höre!“ verſetzte Michel, und die Span⸗ nung ſeiner Seele leuchtete aus jedem ſeiner Züge. „Fürs erſte,“ hob Balthes an,„hat Euch Gett mit einer Tochter geſegnet, die ihres gleichen ſucht und nicht findet, ſowohl an Schönheit der Leibesgeſtalt, als an Fleiß, Sittſamkeit und Tugend. Da iſt es kein Wunder, wenn außer den Augen der jungen Burſche auch die der Väter und Mütter auf ſo eine Perle fallen. Da iſt zuerſt der Berthel im Unterviertel, der hat einen braven Sohn, den Franz Er hat gedient, iſt in der Landwehr, verſteht ſein Ackern und Säen und hat ſein ſchönes Haus nebſt Zubehör, wie Ihr wißt, und ſein gutes Handwerk. Dreißig Morgen Acker ſind ſein Erbe, und zehn Morgen Wieſen ſind auch ein Wort. Im Rech grenzt Ihr an ihn, im Langberg, im Graben, und wenn ich alle die Aecker nennen wollte, wo er neben Euch liegt, und wo alſo die jungen Leute gleich ein ſchönes Stück zuſammenliegen hätten, ſo hätt' ich viel zu thun; Ihr wißt das beſſer. Drum komm' ich und werbe für ihn um Euer Kind, und wünſche, daß Ihr ja ſaget.“ „Das Wort iſt gut,“ ſagte Michel mit ernſter Miene,„aber Ihr ſprachet von Drei, Cumpeer; ich will keinen auf die Zehen treten. Laßt hören, wer die zwei Anderen ſind, damit ich meinen Entſchluß faſſe.“ „Nun,“ hob der rothe Balthes wieder an,„der andere iſt Kasper's Andres. Zwar iſt er ein wenig ein Krakeeler, aber die raufigen Burſche geben die beſten Männer. Jugend hat nicht Tugend, das Alter aber Weisheit auf dem Kopf, und Weisheit drin. Es iſt ſchon Mancher ein tüchtiger Hausmann und Ehemann geworden, der ein luſtiger und trutziger Burſche war, und auf dem Nonnkircher Markte ſtark dreinſchlug. Ich denke,“ ſagte Balthes mit einem ſchalkigen Lachen,„das wißt Ihr am beſten an Euch ſelbſt. Was aber ſeine Sach' betrifft, ſo wißt Ihr, daß er ein reicher Burſch iſt und nur mit Zwei cheilt.“ „Alles wahr,“ ſagte Michel.„Wer iſt der Dritte?“ „Das iſt der bravſte, ſchönſte, fleißigſte Jungburſch im Dorfe,. der Herr ſeiner Sach', Herr im eigenen ſchönen Hauſe, Scheuer und Hof iſt; der unſtreitig die ſchönſten Aecker und Wieſen hat, der nie Streit, nie Schlägerei hatte, nie vor Amt war, niemals beſoffen geſehen wurde, und der Euch, ſeine Schwiegereltern, auf den Händen tragen würde; ich meine Euern Nachbar, Martin's Fritz.“ 5 Als Balthes den Namen ausſprach, blickte Eva mit dem Ausdrucke der Beſorgniß auf Michel's Geſicht. Er ſah kalt und gleichgültig zur Erde, doch zuckte ein unverkennbarer Unmuth über die Züge, als Balthes den Namen nannte. Kein Wort kam indeß i über die Lippe. Balthes griff in die Taſche und zog ein Papier heraus, das er Michel hinreichte.„Ihr wißt,“ ſagte er dabei,„wir haben keine Kinder und keine nahen Erben. Wir können mit unſerer Sach' machen, was wir wollen. Da haben wir's denn dem braven Fritz vermacht. Das bleibt aber unter uns hier geſagt!“ Der Alte las es durch und gab's zurück, ohne ſeine Miene nur ein kleinwenig zu verändern. 43 Balthes wartete eine Weile, dann ſagte er:„Nun, wie ſteht's?“ „Wie ſoll's ſtehn?“ ſagte Michel.„Laßt mir acht Tage Bedenkzeit. So etwas will überlegt ſein.“ 8 Damit mußte ſich der Balthes zufrieden geben. Er blieb noch ein Weilchen, dann ſagte er gute Nacht und ging heim. „Das iſt eine kurioſe Geſchichte!“ ſprach kleinlaut Eva. „Andere kriegen keine, Margreth Drei auf einmal. Soll ich's, 4 ihr ſagen?“ „Drückt's dir ſchon wieder das Herz ab?“ fragte Mchel zornig.„Kann doch ſo eine Weibszunge nicht ruhen noch raſten, bis ſie gepappelt hat, was ſie weiß. Ich ſage dir, das Mädchen darf nichts wiſſen, und du ſchweigſt!“ Das war eine kräftige Ordre, die ſie ſich zu Herzen nahm. In ihrer Ehe beſtand Frieden, denn Eva war eine kluge Frau⸗ Sie wußte, wo ſie ſchweigen mußte, und that's. Wenn ſie auch die Hoſen nicht hatte, ſo ging doch gar Vieles nach ihrem Sinn, ohne daß es Michel merkte. Sie wußte ſo geſchickt die Sache einzufädeln, daß er meinte, ihre Gedanken ſeien ſeine eigenen, und das iſt ſo die rechte Art pfiffiger Weiber. Diesmal ſchwieg ſie, aber als ſich Abends Michel im Bette herumwarf, ſagte ſie:„Haſt du Leibpein? Soll ich dir ein Schnäpschen holen?“ Sie wußte aber recht gut, wo die Pein ſaß. „Nein,“ ſagte er,„die verfluchte Geſchichte geht mir im Kopfe herum, daß ich gar nicht einſchlafen kann. Der Franz gefiel mir am beſten, aber ſeine Mutter iſt eine Kratzbürſte. Da iſt mir mein Kind zu lieb, als daß es als Schnerch*) ſolch einer Zaun⸗ ſcheere zwiſchen die Meſſer kommen ſollte. Die ſollt's wüſt**) beſchneiden und ihm das Muß auf dem Kopfe hacken. Sie iſt ein rauhelich***) Weibsbild, die mit Niemand im Frieden lebt. Der Bub' iſt ſonſt ſo ſo— la la!“ „Ach, leider ja,“ ſagte Eva.„Ich ſehe doch, wie du ein recht treuer Vater biſt. Obgleich du Herr im Hauſe biſt, ſo muß ich doch auch ſagen, der gefiele mir gar nicht für unſer ſchönes Kind.“ „Und der Andres,“ fuhr, geſchmeichelt durch das Anerkenntniß ſeiner Hausherrſchaft, Michel fort,„iſt ein grober Krakeeler, der den Leuten gleich Arm und Beine entzweiſchlägt. Denkſt du noch an die letzte Geſchichte?“ „Freilich denk' ich dran!“ ſeufzte Eva.„Der würde mit ſeinem Hitzkopf auch mal unſer Kind traktiren.“ 4) ) Schwiegertochter. *²) Häßl ich. Inbegriff alles D Deſſen, was zu verabſcheuen iſt. 4) Durchprügeln. 34 „Er hat keinen Reſpect vor dem Alter, fuhr Michel fort, „und am Ende ſchlüg' er mir ſelbſt'mal eins über's Dach.“*) „Du gäbſt ihm zwar Kapital und Zins zurück,“ verſetzte Eva,„aber es wäre doch erſtaunlich ſchlimm, wenn wir ſo den Leuten im Munde herumgingen, und wer ſich die Naſe abſchneidet, ſchändet ſein Angeſicht, ſagt das Sprüchwort.“ „Und vollends der Fritz,“ fuhr Michel fort,„ich tann den Proceß nicht vergeſſen!“ „Den hat er ja nicht geführt,“ bemerkte Eva,„und—“ „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme,“ fiel ihr der Mann in die Rede. „Aber er iſt brav,“ ſagte ſie. „Er iſt ſo ein Duckmäuſer und haben's alle hinter den Ohren!“ ſagte er. „Bedenk' aber einmal, es iſt keine Schſhit im Hauſe, das Gehöfte grenzt an uns. Er hat herrliche Aecker und das Vermächtniß!“ „Alles gut,“ entgegnete Michel,„aber der rothe Balthes hat böſe Milch getrunken und— rothe Haare! Der kann's noch hundertmal umſtoßen— und in Summa— ich will Den nicht zum Eidam, deſſen Vater mich vor Amt brachte; denn meine Eltern und Großeltern konnten zu ihrem Ruhme ſagen: ſie ſeien nie vor der Herrſchaft geweſen, und um den Ruhm hat mich ſein Vater gebracht. Still von Dem, da wird nun und nimmer etwas draus!“ Damit legte er ſich herum. „Aber was willſt du denn thun, Michelchen?“ fragte die Frau mit einem Seufßzer. „Nichts!“ war die Antwort. „Aber was ſoll das heißen?“ fragte ſie noch einnal. „Sie kriegen alle einen Khrb und damit holla!“ Das Holla *) Kopf. war immer das letzte Punktum. Hatte Michel das ausgeſprochen, ſo biß keine Maus mehr einen Faden ab. Fünf Minuten ſpäter ſchnarchte er, und das war das ſichere Zeichen tiefen Schlafes. „Armes Kind!“ ſeufzte die Mutter, denn ſie allein ahnete, daß Fritz ihres Kindes Herz beſaß. MI. Es könnte wohl ein Jawort ſein, Doch iſt es jetzt ein Nein; Es iſt ein litzlich Ding das Frei'n, Drum rath' ich, laß es ſein! Volkslied. Der rothe Balthes war richtig nach acht Tagen wieder da, ſeinen Beſcheid zu holen, aber er ſah ſchon an Michel's krauſer Stirne, daß das Wetter nicht klar war, und Margrethchen's roth⸗ geweinte Augen waren auch kein Freudenboten.„Es muß gewagt ſein,“ hatte er zu ſich ſelbſt geſagt, und ſo trat er feſt in die Stube, wo ſein Gruß höflich erwiedert wurde. Alsbald kam Eva, ſetzte Butter, Käſe, Brod und ein Glas Branntwein auf den Tiſch, und lud Balthes ein, zuzulangen. „Danke,“ ſagte er;„ich ſehe ſchon, woher der Wind weht. Macht's kurz, Cumpeer Michel, macht's kurz, denn mir braucht man nicht mit dem Scheuerthor zu winken. Alſo alle Drei abgewieſen?“ „Fragen und antworten macht die Rede,“ ſagte Michel. „Seht Ihr, Cumpeer Balthes, ich hab' mir die Sache überlegt. Mein Kind iſt noch jung; die Mutter will's noch beſſer in der Haushaltung anführen. Es iſt aller Ehren werth, was Ihr mir angetragen, aber ich möchte von den Burſchen keinen beleidigen. Darum mein ich ſo, es wär beſſer, ich gäb das Mädchen keinem von den Drei.“ „Ihr habt Euern freien Willen,“ ſagte Balthes:„aber — Mädchen und Eier ſoll man nicht lang aufheben, ſagt das Sprüch⸗ wort. Doch— thut, was Ihr wollt. Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich. Wär ich an Eurer Stelle, ich hätt's dem Fritz gegeben, der iſt der bravſte von allen“ „Der?“ fiel ihm Michel in die Rede;„nein, der kriegt ſie niemals. Ich kann den Proceß nicht vergeſſen.“ „Der Chriſt ſoll vergeſſen,“ ſagte Balthes.„Unſer Herrgott kann einen heimſuchen, Cumpeer, vergeßt das nicht! Doch, ich hab hier nichts mehr zu thun.“ Er nahm ſeinen Hut und ging mit kurzem Gruß. Abends kam Franz. „Wie ſteht's?“ fragte er. „Du haſt einen Korb,“ ſagte Balthes.„Tröſte dich.“ Franz kratzte ſich hinter den Ohren.„Wenn's nur Niemand erfährt,“ ſagte er. „Sollt ich dir rathen, ſo freiteſt du morgen ſchon an des Müllers Stinchen. Das iſt auch ein hübſches Mädchen und kriegt was Schönes mit.“ „Meiner Seel! Ihr habt recht,“ ſagte Franz.„Mein Vater meint das auch, wenn's etwa mit der Evemichel's Margreth nichts wäre. Thuet mir den Gefallen und freiet für mich bei ihr.“ Als er fort war, ſagte Balthes:„Agnes, wie gefällt dir das?“ „Er iſt leicht getröſtet,“ antwortete ſie, die Lieb' iſt nicht weit her. Er hat die Accker heirathen wollen, das Mädchen nicht. Wohl ihr!“ Nicht lange darnach kam auch der Andres. Er lachte laut auf, als er eintrat. „Ich komme, mein Urtheil zu holen, ſteht's gut?“. „Hätt'ſt du nicht den Arm zerſchlagen,“ ſagte Balthes. „Ei, du alter Spitzbube!“ rief der Andres.„Hat er daran gedacht. Alſo nichts! Pah, was mach' ich mir draus! Schneider's Lene bleibt mir doch, und heute hab ich einſtweilen den Alten gefragt. Dem iſt's recht. Sagt dem Evemichel, er ſollt' mir aus 5 35 der Bahn bleiben, ſonſt ſteh' ich ihm nicht für ſeinen Arm! Das Mädel ſoll er in den Glasſchrank ſtellen, daß es nicht roſtig wird. Kommt, Balthes, geht mit mir ins Wirthshaus, ich zahl' ein paar Schoppen.“ „Mag heute nicht,“ ſagte Balthes. „Dann Adjes!“ rief Andres, ſeinen Zorn verbergend, und ging. „Auch leicht getröſtet, obgleich der Schimpf ihm nahe geht,“ ſagte Balthes zu ſeiner Frau. 6 „Der verdient's nicht beſſer,“ meinte Agnes.„Es iſt mir lieb um das ſchöne Mädchen. „Aber geb acht, das ſchwerſte kommt noch.“ Es war mittlerweile die Dämmerung gekommen. Jetzt ſchlich Fritz in die Stube. „Wollte Gott, ich könnt' dir Gutes ſagen,“ nahm Balthes das Wort, als ſich Fritz ſtill in die Ofenecke ſetzte;„aber der Alte iſt hart wie Stein. Von dir will er nichts wiſſen, weil dein Vater ihn vor Gericht gebracht. Schlag' dir das Mädchen aus dem Sinne, Fritz!“ 8 „Ich kann nicht,“ ſagte Fritz, und ſeine Stimme zitterte. „Iſt alle Hoffnung aus?“ fragte er nach einer Weile.„ „Ja,“ war Balthes kurze, aber entſcheidende Antwort.„Du kriegſt das Mädchen nicht mit ſeinem Willen.“ „Und ohne ihn nimmt ſie mich nicht,“ ſagte Fritz.„So bleibt mir nichts übrig, als was ich geſagt. Mein Gut verpacht' ich, mein Haus miethet der Leinenweber Peter, und ich geh' unter die Soldaten. Trifft mich eine Kugek, ſo iſt's aus, und Hab' und Gut verſchreib ich der lieben Margreth.“ Agnes ſchluchzte leiſe. Balthes ſaß ſtille da.„Fritz,“ ſagte er endlich,„mach' keine Bubenſtreiche, die dich heut' oder morgen renen. Ich weiß, das Mädchen bleibt dir treu. Laß Gras drüber wachſen. Wer weiß, wie bald ſich die Geſtalt der Sachen ändert. Man muß nicht gleich verzagen, wenn einem nicht Alles nach Sinn geht. Die Mutter, das hab' ich weg, iſt dir gut. So ein Tröpflein nach dem andern höhlt auch den härteſten Stein aus. 22 . Halte dich ſtill, thue deine Arbeit und laß Gott ſorgen. Sollſt du ſie haben, und der Pfarrer ſagt ja, die rechten Ehen würden im Himmel geſchloſſen, ſo mag der Alte ſich drehen, wie er will, du kriegſt dein Mädchen doch. Soll's nicht ſein, ſo haſt du zum Fortlaufen immer noch Zeit, und die Welt iſt dir nicht zugenagelt. Das iſt ſo meine Meinung, und ſie iſt gut.“ „Gewiß,“ ſagte Agnes.„Ich bin mit der Eva confirmirt worden, ich will mit ihr reden. Du kannſt dich drauf verlaſſen.“ So und mit noch viel anderen Reden brachten ſie endlich den Fritz herum, daß er ſeinen Plan vorerſt aufgab; aber es war ein tiefes Leid in ſeiner Seele, und als er wegging im Dunkel, ſagte Agnes mit Thränen:„Da ſieht man die rechte Lieb', die warm im Herzen ſitzt. Ich habe wohl das leiſe Wort gehört, das er ſo heraushauchte: Ach, wär' ſie doch bettelarm! Siehſt du, Balthes, der will das Mädchen und nicht ſein Geld und ſeine Accker, und nicht, weil's ſein Vater will!“ „Weiß es wohl,“ ſagte Balthes,„drum thut's mir auch leid. Der Alte vergißt niemals eine Beleidigung, aber ich hab' ihm geſagt, der liebe Gott könnt' einen knaſſen,*) daß man mürbe würde, der meint aber, reiche Leute treffe der liebe Gott nicht. Es iſt auch noch nicht aller Tage Abend da! Mich jammert das ſchöne, gute Mädchen ſo viel, wie der Fritz. Die Zwei ſind offenbar für einander geſchaffen, denn ein ſchöneres und braveres Paar kenne ich nicht. Was ich thun kann, thue ich gewiß, ſie zuſammenzubringen.“ All die gute Meinung des Freiersmannes blieb aber ohne Erfolg. Der alte Evemichel wankte nicht; Agnes redete mit Eva und ſagte ihr, wie Margreth und Fritz ſich lieb hätten. Eva ſeufzte.„Weiß es wohl,“ hatte ſie geſagt, aber hinzugeſügt: „Meines Mannes Sinn iſt nicht zu brechen. Mein Kind ſeh' ich mit Herzeleid hinwelken und kann nicht helfen. Er iſt wie mit *) Beugen, ſchwer treffen. — Blindheit geſchlagen, er ſieht des Kindes Leid nicht und wie ſeine S Wangen bleichen. Gott helfe uns!“ Der Fritz ging ſtill und traurig herum. Man ſah ihn nicht in den Maien der jungen Leute. Er ſaß bei Balthes. An der Kerwe war er nicht bei der Muſik, ſondern über Feld gegangen. Mit Margreth durfte er auch nicht koſen am Fenſterlein, denn der Andres paßte ihm auf, und hörte es der alte Evemichel, ſo war der Teufel ganz los, und Margreth hatte die Geſchichte auszutunken. Margreth litt viel. Alle Lebensluſt ſchien aus der munkern Seele gewichen. Sie ſang nicht mehr zu ihrer Arbeit, ſie mochte nicht mehr Maien gehen, ſie weigerte ſich, an der Kerwe die Muſik zu beſuchen, ſie blieb daheim, und die Mutter mochte ihr zureden, wie ſie wollte, ihre Thränen floſſen. S Die beiden anderen Freier hatten ſich über das empfangene Körbchen bald getröſtet; denn etwa ſechs Wechen ſpäter hielt Franz Hochzeit mit der Müllerstochter, und nicht lange darnach Andres mit Schneider's Lene. Für Margreth fehlte es an Freiern nicht, aber Balthes ſagte zu ihnen:„Gebt's auf, Ihr kriegt das Mädchen nicht,“ und ſie ließen's. Ein auswärtiger Burſche hatte auch gefreit und der alte Evemichel hätt's gern geſehen, aber das Mädchen ſagte:„Ich heirathe nicht!“ Und dies Wort ſprach ſie mit ſolcher Beſtinuntheit, daß Michel erſchrack. Dann ſagte er:„Meinetwegen, ſo mag ſie der Jacob in die Haushaltung ſchlachten!“ Er war ein harter Mann. Im Advent aber ereignete ſich ein Unglück, deſſen Umfang Niemand ahnete. In einem Häuschen in der Borngaſſe brach Feuer aus. Dort ſtanden noch Häuſer und Scheuern, die Strohdächer hatten, rechte Träger der Flammen. Unglücklicherweiſe grenzte an Evemichel's Haus eines Nachbars Scheuer, die noch ein folches Dach deckte. * „ — Eine beliebte Redensart, die aus dem bäuerlichen Leben genommen iſt, wenn auch ſehr trivialen Urſprunges. 42 Im Zeitraume einer Viertelſtunde ſtanden zwölf Gebäude, volle Scheuern und Häuſer, in lichten Flammen. Es war ein Feuermeer, wie man es niemals erlebt. Ein wilder Nordwind blies mit unwiderſtehlicher Macht, und trug die Büſchel brennenden Strohes weit über die Brandſtätte hinaus. Alle Leute hatten den Kopf verloren, und wenn nicht die Nachbarn von andexen Dörfern herbei⸗ geeilt wären, würde ohne Zweifel das ganze Dorf eine Beute des Feuers geworden ſein. Als trotz alles Arbeitens auch die Scheuer neben Cvemichels Haus zündete, ſtürzte Fritz in Evemichel's Haus.„Rettet, was Ihr könnt,“ rief er.„Schaffet Alles in mein Haus, das ſteht frei und ſicher!“ Michel ſtand leichenblaß da und rief:„Faß an, Fritz, und helf' uns!“ Auch Balthes und Agnes kamen. Man trug Kiſten und Kaſten, Betten, Weißzeug, Zinn, Alles von Werth, hinüber in Fritzen's Haus; aber es half Nichts. Als ſie noch unten räumten, brannte ſchon die Scheuer und oben das Haus, und als der eiſigkalte Morgen tagte, war Alles ein rauchender Trümmerhaufen. 6s iſt in der That ſo, wie der rothe Balthes geſagt hatte,“ ein reicher Bauer meint, des lieben Herrgotts Arm reiche nicht zu ihm hinan; Unglück ſei nur für Bettelleute. Trifft's darum einmal ſo Einen, ſo geberdet er ſich wie unſinnig. F 3 ging's mit dem alten Evemichel, ders hatte auch den Kopf vollens verloren. Es ſchien, als ſei er innerlich zuſammengeknickt. Immer klang des rothen Balthes Wort ihm in den Ohren: Der liebe Gott kann Einen knaſſen; man muß verzeihen! Morgens holte Balthes alle Drei, den Michel, die Eva und Margrethchen in ſein Haus und machte einen Kaffe, wie Kindtauf⸗ kaffe ſo ſtark. Der erquickte ſie; aber aus Eva's Augen rieſelten Thränen, Margreth ſaß ſtille da und Michel ſtarrte in eine Ecke, und hörte und ſah nicht. Als der Kaffe getrunken war, ergriff Balthes Michel's Hand 3 und ſagte:„Cumpeer, ich meine, jetzt ſollte man in die Zukunft — — denken, nämlich, wo Ihr eine Unterkunft findet. Es iſt Winter, da iſt nicht zu ſpaßen und zum Bauen iſt's keine Zeit.“ „So?“ fragte Michel ganz verwirrt.„Ja, aber, wo ſollen drei Menſchen und ihre gerettete Sach' unterkommen, wo? frag' ich.“ „Ich weiß Nath,“ ſagte Balthes. „Du!“ rief Michel. „Ja, ich,“ entgegnete Balthes.„Der Martin's Fritz iſt bei mir geweſen,“ ſagte er.„Der will Soldat werden freiwillig, und da er dann ſein Haus nicht brqucht, will's der Jung Euch geben ohne Zins, bis Ihr gebauet habt, und wenn's drei Jahre währt.“ Michel war geizig. An die Möglichkeit eines ſolchen Aner⸗ bietens hätte er in ſeinem Leben nicht gedacht; darum überraſchte es ihn über die Maßen. Er glaubte es nicht. „Balthes,“ ſagte er,„zum Stußmachen*) iſt jetzt keine Zeit, und ich bin zu alt dazu, daß ſo ein Milchbark“ Spotk' mit mir treibt.“ „Seid Ihr toll, Cumpeer?“ fragte eifrig der rothe Balthes. „Meint Ihr, der Fritz ſpaße, oder ich treibe Stuß mit Euch oder ltz**) in Eurem Unglück? Fehlgeſchoſſen! Wir Zwei ſind keine Buben mehr, die Schneeballen machen! Ich ſag' Euch, es iſt purer, ſteifer Ernſt. Margreth zerdrückte zwei heiße Thränen, und doch lag etwas Frohes in ihrer Bruſt, denn Fritz handelte brav. „Umſonſt wohnen Bettelleute,“ ſprach Michel, bei dem ſich, Fritz gegehüber/ der Bauenſtolz dehnte.„Soll ich wohnen in Martin's Fritz ſeinem Hauſe, ſo will ich Zins geben. Ein Bettler bin ich noch nicht. Warum will aber der Bub' Soldat werden?“ „Weil Ihr ihm die Margreth nicht geben wollt,“ ſagte raſch Balthes. B Margreth eilte weinend hinaus. 0) Spaß. 3) Spott. — 44— „Das iſt ſo Bubentrotz,“ rief der Alte.„Was liegt aber mir dran? Er mag gehen und ſich die Hörner ablaufen.“ „Ich möcht's nicht auf meinem Gewiſſen haben, aus Haß gegen den verſtorbenen Vater den Sohn in die Welt und in den Krieg zu treiben, wo er todtgeſchoſſen werden kann, oder krumm und lahm,“ verſetzte Balthes.„Meiner Seel! Ihr ſeid doch geknaſt worden vom lieben Gott. Iſt denn Euer harter Sinn noch nicht erweicht? Seht zu, ſeht zu, daß Euch Gott nicht noch härter heim⸗ ſucht.“ Mit dieſen Worten ging er hinaus. Wer in Evemichel's Seele hätte leſen können, würde einem mächtigen Kampfe begegnet ſein. Daß Balthes ſein Unglück als ein Strafgericht Gottes dargeſtellt, das über ihn gekommen ſei wegen ſeines harten Kopfs und„Herzens, vas fuhr wie ein zermalmender Blitz in ſeine Seele; daß er an des Martin's Fritz ſeinem Unglücke ſollte Schuld ſein, das ergriff ihn mit Gewalt und rüttelte ſein Gewiſſen aufs Neue aus dem Schlummer der Selbſtgenügſamkeit auf. Und nun ſollte er in ſein Haus ziehen, zu ihm? Da ſtrebte der Stolz entgegen. Und doch— wohin ſonſt? Es waren neun Familien obdachlos. Er hatte viel gerettet. Wo ſollte er's bergen, wo wohnen? Und es war Winter. Daos ging in ſeiner Seele durcheinander, wie wenn der Sturm die Wellen hebt und ſenkt, und heftig durcheinanderwirſt und rüttelt. Eva ſaß in der Ecke und weinte. Sie ſah, daß die Seele ihres Mannes viel arbeitete, darum wagte ſie's nicht, jetzt mit ihm zu reden. Sie meinte auch, es ſei beſſer, ihn ſich ſelbſt zu über⸗ laſſen, damit ſich der Sturm friedlich lege. Wußte ſie doch aus Erfahrung, daß, wenn ſie jetzt ihm zuredete, er gewiß das Eutgegen⸗ geſetzte von dem wählen würde, wofür ſie redete. Er ſtand auf, ging auf und nieder, rückte das von einem Ohre zum andern, kratzte ſich, brummte halblaut, ohne daß zu verſtehen war, was er ſagte. Zuletzt knöpfte er ſeinen Bruſtlatz ²) *) Weſte. . auf und der Länge nach wieder zu. Das war das Zeichen der heftigſten Gemüthsbewegung. „Soll ich bei dem Sohne meines Feindes wohnen, umſonſt, wie ein herunziehender Keſſelflicker?“ rief er plötzlich ſtillſtehend aus.„Nein! lieber will ich unter freiem Himmel campiren!*) Schmach und Drangſal iſt über mich gekommen, aber betteln will ich nicht, lieber ſterben!“ Das Wort ſchnitt Eva durch die Seele und ihr Inneres empörte ſich;„Michel, Michel,“ rief ſie aus,„die Hand des Herrn hat dich gefaßt, aber dein Hochmuth iſt noch nicht gebengt, dein hartes Herz noch nicht gebrochen. Meinſt du, er könne dich nicht noch tiefer knaſſen und knicken? Siehe zu, Gott läßt ſich nicht ſpotten!“ Michel fuhr zuſammen, als ſchlüg' ihn Jemand auf den Kopf. Er mochte geglaubt haben, er ſei allein in der Stnbe. Das Wort Eva's hatte ihn erſchüttert. Eine Weile ſtand er wie eine Bilpſäule da; dann fragte er kleinlaut:„Was ſoll ich denn thun?“ Das war noch nicht vorgekommen. Eva war klug und benutzte den glücklichen Augenblick.„Vergib,“ ſagte ſie,„daß dir Gott vergebe!“ Er ſetzte ſich ſtill in die Ecke. Sein Geſicht war bleich⸗ Darauf ſtützte er den Kopf in die Hand. So ſaß er gewiß eine Viertelſtunde. Er ſchnaufte ordentlich, ſo ſchwer athmete er aus der belaſteten Bruſt. Endlich ſchien's ihm leichter zu werden. Er ſtand auf und rief zur Thüre hinaus:„Balthes, Cumpeer!“ Balthes kam herein. „Ich ſeh's wohl ein, ich muß in Martin's ziehen. Geht doch mal zu dem Fritz und fragt nach dem Jahrzins. Umſonſt will und kann ich nicht wohnen.“ „Der Fritz war bei mir,“ ſagte Balthes.„Er hat ſein Bett oben in unſere Stubenkammer aufgeſchlagen.“ Der Hunsrücker hat manche Worte von den Franzoſen gelernt, die ihn lange genug gequält haben. zins ſelbſt beſtimmen; aber Fritz will ihn nicht, ſondern er. ſc ent 6 — 46— „Warum?“ fragte Michel erſtaunt. „Ei, wie fragt Ihr doch ſo dumm,“ rief Lule„Meint Ihr, der Fritz wolle Euch das Herzeleid machen ihn alle Tage zu ſehen?“ WMichel ließ den Kopf ſinken. „Meiner Seel!“ fuhr Balthes fort,„der hat auch Ehr im Leib und will nicht, daß der, der ihn haßt—“ „Wer ſagt denn das?“ fragte kleinlaut Michel. „Ha, ha, ha!“ lachte Balthes.„Am Ende ſoll er meinen, wenn Ihr ihm eine Ohrfeige gebet, es ſei geſchmeichelt.“ „Wer thut denn das?“ fragte noch kleinlauter Michel „Wer?“ rief Balthes.„Soll ich antworten wie die kleinen Kinder: der Vetter Bär?— Ich denke, wir ſind Beide keine Buben mehr. Entweder müßt' ich vergeſſen haben, was ſeit vier Wochen vorfiel, oder Ihr habt mit dem Gedächtniſſe den harten Kopf verloren. Doch will ich thun, was Ihr fagt.“ Er ging ins Dorf. Während dieſes Geſprächs und der nun folgenden Stille weinte Eva heiße Thränen. Endlich ſagte ſie:„Der Fritz denkt beſſer wie du. Er will aus deinem Unglücke keinen Vortheil für ſich ziehen. Er will ſelbſt nicht in Margreth's Nähe bleiben, um ihren guten Ruf nicht ins Gerede zu bringen. Du biſt blind in deinem Stolze. Geh' an die rauchenden Trümmer deines Hauſes und brüſte dich! Du biſt ein verbrannter Mann wie die Anderen auch; die ſind demüthig. Du dankſt nicht Gott, daß er dir Mittel ließ, wieder ein Haus zu bauen, du legſt den Starrkopf nicht ab, nicht den Hochmuth, nicht den Haß und Zorn. Du bringſt Unheil über uns Alle.“ F Was ſie hier ſagte, hätte ſie ihr Lebtag nicht zu ſagen gewagt, 3 und zu anderen Zeiten hätt's ein Donnerwetter mit Blitz und Donner gegeben. Jetzt ließ er's ſtille über ſich ergehen und ſeufzte nur. Nach einer halben Stunde kam Balthes. „Nun, wie ſteht's?“ fragte Michel. „Wenn Ihr's anders nicht thun wollt, ſo ſollt Ihr den Mieth⸗ —— ₰ war aber eine Schießerei*) dieſe — ihn dem Schuſterandres, der arm und am härteſten durch den Brand geſchlagen iſt.“ „Gott lohn's ihm!“ rief Eva aus und faltete ihre Hände wie zum Gebete. „Gut,“ ſagte Michel,„ſo zahl' ich zwanzig Gulden.“ Das war ein hoher Miethzins nach Ortsgebrauch und Balthes ſah ihn mit Erſtaunen an. „Iſt's wahr?“ fragte er. „Freilich!“ war Michel's Antwort. IV. Heut' iſt nicht geſtern und geſtern nicht heut', Und was ich geſtern that. heute mich reu't; Abet daß ich dich noch geſtern geküßt, Reu't mich nicht, wenn ich auch ſterben heut' müßt! Volkslied. Am Neujahrstage war's, als der Balthes mit einem„Proſt Neujahr“ in Michel's Stube trat, das heißt in Martin's Fritz ſeinem Hauſe, in das er gezogen war. Nachdem der Wunſch erwiedert war, ſagte Balthes„Das Nacht. Ihr müßt ja gar nicht haben ſchlafen köinen.“ „Ich hab' ſie bei den Henker gewünſcht,“ ſagte Michel. „Und Euch doch gefreut,“ ſetzte Balthes hinzu, denn es iſt doch eine Ehre für Euer Kind.“ Das konnte er nicht leugnen. war,“ ſagte er. „Wer's war?“ fiel Balthes ein. Cumpeer; es war der Fritz.“ X E N *) Das Schießen am Neujahrstage iſt eine Liebesprobe. Wiädchen recht toll geſchoſſen, ſtark iſt. L „Ich möcht' wiſſen, wer's kann ich Euch ſagen, Wird dem ſo weiß Jeder, daß des Schatzes Liebe Drauf ſchwieg Michel ſtockmäuschenſtille und ſah zum Fenſter hinaus. Gerade zur Seite des Gartens lag Michel's Scheuer, die der Brand verſchont hatte. An der Seite derſelben, wo der Kandel in Folge des Proceſſes lag, ſtand eine Reihe prächtiger Obſtbäume. „Ich muß doch ſagen,“ fing er nach einer Weile an,„dem Martin that ich doch Unrecht, daß ich ihm den Proceß ſo übel nahm. Wenn die Dachtraufe in ſeinen Garten fiele, ſo hätt' er die ſchönen Bäume nicht ſetzen können.“ Erva, die am Ofen ſaß, fuhr ordentlich herum, als erſchrecke ſie, und ſah ihren Mann an. „Seht Ihr das doch ein?“ ſagte Balthes ſchmunzelnd.„Ich hab's ſchon lang eingeſehen. Hättet Ihr's denn geſchehen laſſen?“ „Nein,“ ſagte Michel feſt.— „Aha!“ rief Balthes.„Ich merke immer an meinen Birnen, wenn die anderer Leute reif ſind. Der Reichthum macht aber die Augen blind, das Herz hart, und wer zum Frieden räth, dem weiſt er die Thüre.“ Der Michel ging hinaus und ſagte kein Wort. Aus der Kammer trat roſig und holdſelig Margrethchen jetzt heraus zu Balthes und der Mutter. . „Eva,“ ſagte Balthes ſchelmiſch lachend,„wißt Ihr auch, warum Eures Kindes Backen heut' ſo roth ſind?“ „Nyn?“ fragte ſie lächelnd. Balthes. andere Leute,“ ſagte ſie verweiſend.„Schämt Euch!“ „Eh!“ rief Balthes und neigte ſich vor, daß er ihr in die „Für jeden Schuß einen Kuß! Himmel, da brennt's!“ rief 3 Augen ſehen konnte—„ſtand ich nicht an der Scheuer? Sah ich's nicht? Du kannſt mir's glauben, den Fritz reut's nicht!“ Das Mädchen grollte.„Ihr wißt doch Alles beſſer, als Wie der Blitz war die glühende Jungfrau zur Thüre draußen. Balthes lachte laut auf. Er neigte ſich aber zu Eva und ſagte;„Merkt Ihr, daß der Wind umgeſchlagen hat? Es gibt — Thauwetter. Heut' Mittag komm' ich als Freiersmann wieder Und mit dem Worte lief er zur Thüre hinaus. 5 Mittags ſaßen die zwei Alten wieder allein; da kam Balthes im Hochzeitsrock. Michel machte große Augen. „Ich will's kurz machen,“ ſagte Balthes.„Martin's Fritz möchte nochmals geziemend um Euer Margrethchen werben.“ Eva ſchlich zum Mann und flüſterte ihm ins Ohr:„Soll ich die Eier backen?“ „Meinetwegen,“ flüſterte Michel entgegen,„ſchneid' aber tüchtig Speck hinein, ich eſſe das gern.“ Nun eilte die Mutter hinaus und ließ die zwei Männer allein verhandeln. Als ſie ein praſſelng Feuer gemacht, die Pfanne aufgeſtellt, Speckſchnitten hineingelegt, daß ſie ziſchten, und nun die Eier ungezählt in die Pfanne ſchlug, kam Margreth und ſah ſtaunend die Anſtalten. „Was gibt's, Mutter?“ fragte ſie. „Es iſt ein Freiersmann da,“ entgegnete ernſt die Mutter. Da erbleichte das blühende Mädchen zur Todesbläſſe und mußte ſich an dem alten Küchentiſche halten, daß ſie nicht zuſam⸗ menbrach.„Ach Gott!“ ſeufzte ſie.„Mutter, wer iſt's denn?“ .„Der Balthes,“ ſagte die Mutter. „Für wen freit er denn?“ hauchte kaum hörbar das Mädchen. „Für deinen lieben Fritz!“ platzte die Mutter heraus, aber ſie hatte es zu bereuen, denn der plötzliche Uebergang von der —,——— Todesangſt zur Himmelsluſt war zu gewaltig, als daß die Wirkung hätte ausbleiben können. Sie ſank nieder. Sie ſchrie laut auf, und die Männer ſtürzten herbei. „Was gibts?“ riefen Beide in großer Angſt. 2 Eva erzählte. „O, die Frende tödtet ſo leicht nicht,“ ſagte Balthes, und ließ ſich Eſſig geben, womit er ſie anwuſch. . 8 Margreth die Augen äufſchlug, löſte ſich ein tiefer — 6 Seufzer aus Michel's Bruſt.„Gott ſei Dank!“ rief er aus, „daß du lebſt. Wir hätten ja ſonſt heut Abend keinen Hand⸗ ſtreich*) halten können.“ „Eilt das ſo?“ fragte die Mutter. „Ich will's,“ ſagte Michel.„Backe und Balthes, Ihr könnt die Freunde laden.“ „Juchhei!“ rief Balthes und rannte, gegen alle Gravität des Freiersmannes ſündigend, und Speck und Eier im Stiche laſſend, davon. Im Hauſe Evemichel's wurde aber nun in aller Eile Teig eingerührt, und Margrethchen ging's wie Pulver von der Hand. Schon vor acht Uhr kamen die mürben, dampfenden Kuchen aus dem Ofen im Haus, und waren meiſterlich gerathen. Die Gäſte kamen, und um halb neun Uhr drückte der glückliche Bräutigam das reiche Handgeld**) in die Hand der verſchämten, aber ſeligen Braut. In vier Wochen war Hochzeit, gerade am Abend vorher kam Jacob von Berlin zurück. Er hatte ausgedient. Fritz aber 3 trug zwiſchen Tag und Dunkel ſein Bett wieder aus Balthaſars in ſein Haus zurück, denn nun brauchte er ja das liebe Mädchen nicht mehr zu meiden— ſie war ſein liebes Weib! Michel ſagte ſpäter zu Eva, als ſie wieder im neuaufgebauten Hauſe wohnten, und auch der Jacob eine brave Schnerch ins Haus gebracht:„Du hatteſt recht, ich war blind! Gottlob, daß ich ſehend wurde, und die Unglücksflammen meines Hauſes haben mir auf den rechten Weg geleuchtet.“ „Das iſt Alles wahr,“ fagte Eva,„vergiß aber nicht, daß bei den glücklichen Jungen. S *) Verlobung, weil Braut und Bräutigam die Hände zuſammenfügen. **) Eine alte Sitte. Je lieber er die Braut hat, deſto reicher iſt das Handgeld. der Freiersmann dir eine gute Augenſalbe bereitete.“ Und Balthes, 3 der Freiersmann, blieb allezeit in hohen Ehren bei den Alten wie Das Pfeiferhäuuslein. Eine Geſchichte aus den Zeiten des Bauernfrieges. I. Kannſt Du's rathen, was als Räthſel In verſchloſſ'ner Bruſt ſich reget? Kannſt Du's deuten, was als Ahnung Mächtig deinen Geiſt beweget? Iſt es Träumen, iſt es Wahrheit, Was du träumſt mit off'nem Auge, Oder in dem Schlafe denkeſt, Angeweht vom Geiſterhauche? In der Menſchenſeele wohnet Ein Geheimniß. Und die Frage Findet erſt die rechte Antwort——— Wenn verſtummt der Erde Klage! Haſt du ſchon einen Nachtwandler geſehen, wenn er, mit feſtgeſchloſſenem Auge ſehend, ſicher in dunkler Nacht über des Daches Firſte wandelt, ſo ſicher, als gähnte nicht rechts und links die Tiefe, in die ein Wachender ſchwindelnd ſtürzen würde — oder haſt du von einem ſolchen räthſelhaften Weſen gehört? Sein Daſein liegt über jedem Zweifel! 10 0 e Haſt du von enſchen gehört, dereh Traum prophetiſch die Ereigniſſe ankündet, die da kommen? Die Gabe iſt nicht beneidens⸗ werth, aber ſie leben, die ſie empfangen haben! Iſt dir von Menſchen geſagt worden, deren Geiſt in wachendem Zuſtande der Welt, in der ihr Leib weilt, entrückt wird in höhere Regionen, wo höhere Geiſter ihrem Geiſt erkennbar und verſtehbar ſind?,— Es ſoll deren gegeben haben, und ihrer noch geben! Mn Haſt du gehört, daß Menſchen in einen Zuſtand des Traum⸗ bobens verfallen, in dem Dunkles, Verborgenes, Geheimnißvolles ihnen klar wird?— Auch ſie leben und haben gelebt, und an der Händ der Geſchichte vergangener Tage will ich dich hinleiten, daß du ein Seelenleben kennen lerneſt, das räthſelhaft genng war — und alle jene Fragen uns vorlegt, auf die wir keine Antwort zu gehen wiſſen, über die kein vornehmſpottendes Lächeln, kein kalter Mgtaube, keine hausbackene Weisheit hinaus hilft, die als eine Frage daſtehen, als ein Räthſel, das nicht wohl zu löſen iſt.— Es iſt ein Knabe, von dem ich reden will, den man in Franken, in Würtemberg, am meiſten im geſegneten Taubergrunde zu der Zeit, als im dritten Viertel des fünfzehnten Jahrhunderts die Bauernunruhen begannen, die ſpäter in Bauernkriege auflv⸗ derten, unter dem Namen:„Das Pfeiferhännslein“ wohl kannte, und der eine Weile im Bisthume Würzburg eine gewaltige Rolle ſpielte. Er ſtand damals, als ſein Namen Ruf bekam, in dem Alter, wo der Jüngling die Knabenſchuhe austritt; wo der weiche Flaum auf der Oberlippe zu glänzen beginnt; wo die Stimme ihren„ vollen Klang wieder gewonnen hat; wo das Auge geiſtiger leuchtet, wo die Seele zum helleren Bewußtſein erwacht; wo von knaben⸗ hafter Schüchternheit zu feſtem Sinne, bewußter Thatkraft und friſchem Muthe der entſcheidende Schritt geſchehen iſt. Er war tben keine außergewöhnlich kräftige Erſcheinung. In ſeinem großen, blauen Auge leuchtete eine geiſtige Kraft, aber es ſah auch eine tiefe Schwärmerei dataus hervor. Die Stirne war hoch, gewölbt, klar, aber es lanen Falten darauf, die ſeltſam verſchlungene Linien 3 bildeten. Seine Geſichtsfarbe war bleich, kaum daß ein leiſes Roth die Wangen färbte, die nur dann, wenn er in großer innerer Erregung war, wunderbar glühten; dann ſprühte das Auge Funken, und man konnte nicht lange hineinblicken. Aber es war ſchön, ungemein ſchön, dies geiſtreiche Antlitz, und die grobe Kleidung von ſchwerem Tuche, grauer Farbe, die filzene Kappe, die den Kopf umſchloß, hinten über den Nacken herablief und, über der Stirne quer geſchnitten, am Schlafe in gerader Linie abfallend, das goldene Haar in reicher Fülle hervorquellen ließ ſie vermochten nicht, ihm den Reiz zu rauben, den es auf jeder⸗ männiglich ausübte. In der Hand trug er einen Stock, über welchen die ſchillernde Haut einer Schlange gezogen war. An — 55 ₰ ſeiner Seite hing eine Taſche, in welcher er eine Rohrpfeife, eine ſogenannte„Panspfeife,“ deren einzelne Rohrpfeifen, vom Baß in größerer Länge bis zu den höchſten Tönen in größerer Kürze aufſteigend, an einander gebunden waren, daß der Mund jegliches Liedes Weiſe ſpielen konnte, indem oben hinein geblaſen wurde. Dieſe Pfeife ſteckte er in das Wamms, daß die Mündungen der Pfeifen mundrecht ſtanden, und mit den Händen ſchlug er zu ſeinen Weiſen eine kleine Trommel oder Handpauke. Seine Geſtalt war ſchlank und im reinſten Ebenmaaße. Wo er zu Hauſe war? Wer könnte das ſagen? aber ſeine Mundart wies hinauf nach Würtemberg. Vater und Mutter waren todt. Er zog allein herum, bis er eine bleibende Stätte in Niclashauſen fand. Ueberall war er gerne geſehen, beſonders bei Hochzeiten, Kindtaufen, Kirchweihen und Jahrmärkten, auch bei großen Wallfahrtsfeſten fehlte er nicht, und in Walldüren war er wohl bekannt. Er ſpielte gar hübſche Weiſen und Tänze, und er trug viel zur Volksluſt bei, wo er ſich ſehen ließ; daher er denn allerwärts willkommen war. An dem, was das Leben zu ſeiner Erhaltung heiſcht, fehlte es ihm nie. Ueberall gab's für ihn eine Herberg und eine freundliche Aufnahme. Er verſtand, ſchöne Geſchichten zu erzählen, die aber alle jene Grenze berührten, wo das ſinnlich Wahrnehmbare die Herrſchaft an das dunkle Geiſtergebiet abtritt, und meiſt war es, wie er ſelber ſagte, ſelbſt Erlebtes. Zweifelte Jemand daran, ſo konnte er höchſt leidenſchaftlich erregt werden. Uebrigens hatte das Volk einen ſo eigenthümlichen mährchenhaften Wunderkreis um ihn gebildet, daß es Niemanden einfiel, an dem Zweifel zu hegen, was er ſagte. War man ja doch gewohnt, ihn mit einer beſondern Ehrfurcht und Scheu zu betrachten. Das Volk ſagte:„Er fährt mit Frau Holle,“ und wer dies Geiſterweſen des Volks⸗ Klaubens kennt, wer es weiß, daß noch in unſeren Tagen das Volk das Nachtwandeln, 6 Traumwandeln mit dem Ausdrucke: 5 „Mit der Holle fahren“ bezeichnet, der kennt die Eigen⸗ thümlichkeit des Pfeiferhännsleins. Er war ein Traumwandler. Viele hatten ihn über Dächer wegſchreiten ſehen; Viele hatten ihn beobachtet, wenn er Nachts aufſtand und hinausging, und da oft laut in unverſtändlichen Worten redete mit unſichtbaren Weſen; allein dies war es nicht allein, was ihm die außer⸗ gewöhnliche Bedeutung in den Augen des Volkes lieh. Es war thatſächlich anerkannt, daß er oft Menſchen, die er zum erſten Mal in ſeinem Leben zu Geſichte bekam, Dinge und Ereigniſſe mittheilte, die, außer ihnen, ſonſt Allen ein Geheimniß waren; Familienverhältniſſe, die durchaus Niemand wiſſen konnte. Anderen deutete er die Zukunft aufs genaueſte. Und fragte man ihn, wer es ihm kund gethan? ſo ſagte er:„Mein Engel,“ oder„die Jungfrau Maria.“ Weiter ſtand er nie den Fragenden Rede, nur drang Eines in ihn, Rede zu ſtehen, ſo wich er von dannen. Einſt, es mochte in den Tagen des Frühlings 1472 ſein, war das Pfeiferhännslein in einem Dorfe bei Eßlingen. Der Bauer, wo er zur Herberge war, hatte ſeine einzige Tochter verheirathet. Der Knabe hatte eine ganze Nacht und einen Tag aufgeſpielt zum Tanze. Gegen den Abend des Tages ſank er vor Müdigkeit und Erſchöpfung um. Die mitleidigen Bauern trugen ihn in eine Kammer und legten ihn auf einen Moosſack, die Betten jener Tage für den„armen Mann,“ wie ſich das Volk nannte. Er erwachte nicht. Sein Schlaf ſchien dem Leibe eine krampfhafte Erſtarrung gebracht zu haben. Gegen Mitter⸗ nacht, als Alles ſtille geworden war und die Hochzeitmutter noch einmal durch das Gemach ging, um aufzuräumen, hörte ſie in der Kammer den Knaben reden. Furcht trieb ſie, es ihrem Manne zu ſagen, und Beide kehrten nun zurück und öffneten leiſe die Thüre. Das Licht ihrer Ampel fiel auf die aufrecht ſtehende Geſtalt des Knaben, aber der Lichtreiz wirkte nicht auf ſeine feſtge⸗ ſchloſſenen Augen. Er ſchwieg eine Weile und neigte den Kopf ſo, als horche er auf Einen, der von oben her mit ihm redete. Bald darauf ſprach er in eigenthümlich hervorgeſtoßenem, kurz abge⸗ brochenem Tone: Ja, ja, ich ſehe ihn! Dort, dort, wo die„ untergehende Sonne auf die Tannen ſcheint, dort kommt er aus K dem Walde hervor. Ich kenne ihn. Das Geſicht vergeſſe ich nicht. Was ſoll ich ihm ſagen?— Er horchte wieder, und fuhr dann fort: Ich will's ihm ſagen! Ha, es iſt ſchrecklich, aber ich will's ihm ſagen, und bei ihm bleiben, bis Alles erfüllt iſt Wann muß ich gehen?— Er horchte wieder.— Morgen! Und weit iſt der Weg, weit durch Feld und Wald, Berg und Thal, Kluft und Steg, bis ich unten das Dorf ſehe, wie ich es jetzt ſehe, mit der alten Kirche— bis ich die Glocke höre, wie ich ſie jetzt höre; bis ich die Burg ſehe droben am Berge, wie ſie ſchön iſt! faſt ſo, wie die, wo mein Mütterlein ſtarb. Jetzt fing er an zu weinen. Die beiden alten Eheleute überlief ein Grauſen. Dies Weinen war erſchütternd. Darauf legte er ſich ruhig wieder auf ſein Moosbett und ſchlief feſt bis an den Morgen. Die alten Leute hatten Niemanden Etwas geſagt. Als ſie beim Bierſüpplein zum Morgenimbiß ſaßen, ſagte der Bauer: „Hännslein, du bleibſt doch noch bei uns?“ „Nein,“ ſagte Hanns feſt,„das durf ich nicht.“ „Wer zwingt dich denn?“ fragte er.„Es geht dir ja gut bei uns.“ „Das iſt wahr, und Gvtt lohn's Euch,“ erwiederte der Knabe; „aber mein Engel gebot mir, heute zu dem Laboranten zu gehen.“ „Zu welchem Laboranten?“ fragte ne wieder, und es überlief ihn eiskalt dabei. „Ihr kennt ihn ja doch nicht,“ Hanns „Kennſt du ihn denn?“ „Freilich,“ ſagte er. „Wann haſt du ihn denn wo. 31 ſeinen Füßen als breites Thal, theils mit waldigen Berggipfeln zackiger Felsblock heraus ſah, den gelbes Moos und weiße Flechten „Heute Nacht hat der Engel mir ihn gezeigt, und das Dorf und die Gegend; ich kann nicht irren.“ „Warſt du denn ſchon dort?“ „Nein; außer heute Nacht nie!“ „Aber du ſchliefſt ja in der Kammer?“ „Das verſteht Ihr nicht,“ ſagte er faſt ärgerlich.„Ich ſah das im Geiſt, und weiß auch den Weg. Es iſt weit, weit von hier.“ Um kein Gut der Erde hätte er ſich nun halten laſſen. Die guten Bauern füllten ſeinen Sack mit Lebensmitteln, beſchenkten ihn mit einigen Weißpfennigen, und dann wanderte er dem Neckar zu, und folgte ſeinem Lauf eine ziemliche Strecke, bis er dann eine andere Richtung nahm und, keinen Weg mehr einhaltend, durch Wald und Flur wanderte. In den Wäldern ſchlief er, und, wenn andere Lebensmittel fehlten, erſtieg er die Bäume, um aus den Neſtern großer Vögel die Eier zu rauben, daß er ſich daran und an der duftigen Erd- oder Himbeere labe und ſättige, oder er † ſuchte den wilden Honig der Bienenſchwärme in den hohlen Bäumen auf. Am fünften oder ſechsten Tage ſeiner mühſeligen Wanderung 3 trat er aus einem Hochwald auf die ſchmale Kante eines felſigen Berggrates heraus. Die Sonne war eben im Hinabſinken. Golden⸗ geſäumte, purpurne Wölkchen ſchwammen ihr im blauen Aethermeere nach, und die tiefgoldenen Strahlen fielen verklärend auf die Stelle, wo unter den weitausgebreiteten Aeſten einer alten Tanne der Knabe ſtand. Er blickte mit einem tiefen, aber von keinen unfreundlichen 3 Bildern geſtörtem Sinnen hinaus in das Land, das ſich theils zu weit in die Ferne ausbreitete. Zu ſeinen Füßen lag ein breites, geſegnetes Thal, von dem anſehnlichen Waſſer der Tauber durchfloſſen, das weiter zurück im Thal eine Mühle trieb. Die Seiten der allmählich anſteigenden Berge bekleidete niederes Geſtrüppe, aus dem hier und da ein bedeckten. Das Grün der Gebüſche war ungemein friſch, und der bühende Weißdorn und Ahorn machte es, untermiſcht mit dem blendenden Gelb der Ginſterblüthe, ungemein ſchön. Unten im Grunde des Thales ſäumten Weiden und Erlen, mit dunklem und hellerem Grüne wechſelnd, die Ufer der Tauber, zu deren beiden Seiten breite blumige Wieſen hinliefen. Weiter gegen das Dorf zu wurde der Thalgrund noch breiter, und die grünen Saatfelder zeigten die geſegneten Spuren menſchlicher Thätigkeit. Blühende Kirſch⸗ und Pflaumenbäume ſäumten das Dorf, deſſen niedere, ſtrohbedeckte Hütten ſich ſchirm- und ſchutzſuchend um die hoch⸗ liegende Kirche reihten. Der Thurm dieſer Kirche wies in ſeiner Geſtaltung deutlich den doppelten Zweck nach, einestheils dem Glöcklein einen ſeinen Schall weithintragende Stätte zu gewähren, aber auch anderntheils in Kampf und Fehde als Zufluchtsort zu dienen für die Bewohner des Dorfes. Dieſer Zweck war in jenen Tagen einer wilden und rohen Gewält ein um ſo wichtigerer, als nicht ſelten ſich befehdende Ritter, raubend, ſengend und brennend die Dörfer heimſuchten. Oben auf der Berge Gipfel hatte der Hochwald ſeine Stätte und breitete ſich weithin aus, und man ſah es deutlich, daß die lichtende Art nur ſelten ihre Schärfe hier walten ließ. In einiger Entfernung ſah man auf hohen, zackigen Felſen die Thürme einer Burg, welche trotzig in die ſtille Gegend hinausblickten. WMüde von der langen und mühſamen Wanderung, ſank der Knabe am Stamme der Tanne nieder, und ſein lockiger Kopf fand auf einer zu Tage liegenden Wurzel ein Ruhekiſſen, deſſen Härte Ermüdung und Gewohnheit nicht fühlen ließ. Eine Zeitlang blickte des Knaben ſchönes träumeriſches Auge auf die Wolken, die, vom dunkeln Grau bis zum glühenden Purpur, vom matten Gelb bis zum glänzenden Gold in allen Schattirungen leuchtend, vom Abend⸗ winde bald maſſenhaft zuſammengedrängt, bald in phantaſtiſche Geſtalten und Formen auseinander geriſſen, der ſinkenden Königin des Tags und Lichtes in liebeldem Zuge folgten. Das Säuſeln des Abendwindes in den Zweigen der Tanne klang ſo wunderſam die im Abendlichte tanzenden Fliegen ſangen ihr ſeltſam hinge⸗ ſummtes Lied. Droſſeln und Nachtigallen juhelten dem Frühling ihre Grüße zu, und die Luft fächelte ſo mil und lau die ſtärker als gewöhnlich geröthete Wange, daß allmählich des Knaben Blick 8 ausdrucksloſer wurde; das müde Augenlied mit den langen Wimpern tiefer ſank, bis der Schlaf ſich mit bleierner Schwere darauf legte, und Abendſonne und Wolkentanz, Nachtigallenklänge und Fliegen⸗ geſumme verſchwamm und der Leib in jenen Zuſtand fiel, den die Alten„den Bruder des Todes“ nannten. Als er ſo in den Schlaf des guten Gewiſſens, der Geſundheit und Ermüdung geſunken war, trat aus dem Wald, etwas weiter links, wo ein Fußpfad hinab ins Thal führte, ein Mädchen, welches ein ſchweres Bündel dürren Reiſigs auf ſeinem Kopfe trug. Obwohl es ſchwer war, ſo verrieth doch der leichte, elaſtiſche Tritt des kleinen Fußes eine friſche, jugendliche Kraft und Gewandtheit. War ſie alt, ſo zählte ſie fünfzehn Jahre; aber die Fülle der jugendlichen Geſtalt, der zarte jungfräuliche Ausdruck eines Geſichtes von blen— 63 dender Schönheit hätte auf ein reiferes Alter ſchließen laſſen. Sie 5 trug das grobe Gewand aus ſogenannter„Beiderwolle,“ welche das Volk aus linnenen und wollenen Fäden ſich ſelber zur Kleidung wob, und die darum jenen bezeichnenden Namen führte. Der Schnitt des Gewandes war einfach. Ein weitfaltiger Rock unſchloß die ſchlanke Hüfte und fiel ziemlich weit unter das Knie herab. Ein ½ Mieder mit weiten Aermeln, deſſen Schluß züchtig bis zum Halſe 4 reichte, vollendete den Anzug, der übrigens trotz ſeiner Derbheit und ſelbſt großen Plumpheit ganz geeignet war, ſchöne Körperformen hervortreten zu laſſen. Als ſie den Felsgrat erreichte, warf ſie daß Holzbündel zur Erde und ſagte: Nun will ich auch ein wenig ruhen. Die Abend⸗ glocke hat noch nicht geläutet und da unten weidet die Heerde noch. Als ſie ſo ruhend, die Hand auf ihr Holzbündel ſtützend, ſich vorbengte, um auf das Dorf hinabzuſchauen, gewahrte ſie den jungen Schläfer unter der Tanne. S hätte ja kein Mädchen ſein müſſen, wenn dieſer Anblick ihre Augen nicht gefeſſelt, ihre Neugierde nicht in hohem Grad in Anſpruch genommen hätte. Wer mag das ſein? dachte ſie, und der Gedanke beherrſchte ihre ganze Seele. Sie ſtellte ſich auf die Fußſpitzen, um ſchärfer und genauer hinzuſehen, aber das reichte nicht aus, die Neugierde zu befriedigen. Was hindert mich, ſagte ſie lautdenkend, hinzuſchleichen und nachzuſehen? Der ſchläft ja wie ein Sack, ſonſt hätte ihn das Niederwerfen meiner Holzlaſt erwecken müſſen. Vorſichtig bog ſie nun die Zweige der Gebüſche zur Seite, und wie eine Katze unhör⸗ bar auftretend, ſchlich ſie ſich in die Nähe des Schläfers. Immer that ſie einen Schritt näher, und hielt dann an ſich, um ſich zu überzengen, daß er noch ſchliefe, bis ſie endlich ganz vor ihm ſtand. Sie blickte mit ihren treufrommen, hellblauen Augen in des Schläfers ſchönes Geſicht und ſagte dann nach ihrer Gewohnheit halblaut: Ich kenne ihn nicht, und er muß weither gewandert ſein; aber— ſchön iſt er, das iſt nicht zu leugnen. Sie war ganz in das Anſchauen des ſchönen Schläfers ver⸗ ſunken, und ſtand eine Weile da, Alles vergeſſend. In dieſem Augenblicke ſeufzte der Knabe und fuhr unwillkürlich mit der Hand übers Geſicht, um ſich eine kecke Waldfliege wegzu⸗ ſchaffen, die ſich blutgierig auf ſeine Wange geſetzt. Bei dieſer Bewegung zuckte das Mädchen erſchreckend, und war, ſchnell wie das flüchtige Reh, wieder bei ihrem Holzbündel. Als er indeß ruhig fortſchlief, konnte ſie nicht widerſtehen, abermals ſich zu ihm zu ſchleichen, um die abſcheuliche Waldfliege wegzujagen, die den müden Schlifer erbarmungslos quälte. Das war ja ein ₰ Werk der Barmherzigkeit! Das Mädchen brach einen Tannenzweig ab und jagte die Fliege, fächelte aber auch zugleich die Wangen des müden Schlä⸗ fers; allein in ihr Anſchauen verſunken, verſah ſie es einmal und berührte mit der ſtechenden Spitze der Nadeln die Naſe. Raſch aufſpringend, ſtand er vor dem ſchönen, erröthenden du denn da? Du biſt ja doch ganz fremd!“ — — und unendlich verlegenen Mädchen und ſah ſie verwundert mit den großen, ſinnigen Augen an. Sie glühte von Scham und Mißmuth über ihre Unvorſichtig⸗ keit, und was ſie beſonders unangenehm berührte, war der Umſtand, daß ſie fürchten mußte, er meine, ſie habe ihn necken wollen oder ihm den ſüßen Schlaf nicht gegönnt. „Verzeih'“ ſtotterte ſie endlich, von Gluth bedeckt,„ich habs nicht gerne gethan; ich— ich— wollte dir eine abſcheuliche Fliege wegjagen und berührte dich wit dem Zweige. Es iſt gewiß nicht abſichtlich geſchehen!“ „Glaub's gerne,“ erwiederte er lächelnd,„glaub's gerne, und ich danke dir für dein Wecken. Es iſt Zeit, denn die Sonne iſt ſchon weit hinter den Bergen, und das Abendglöcklein läutet drunten. Wir wollen ein Ave Maria beten!“ Beide knieten nieder. Der Knabe zog ſeine Gugelmätze vom Kopf und faltete ſeine Hände und betete laut. Man konnte nichts Schöneres ſehen, als die beiden lieblichen, jugendlichen Beter in tiefer Andacht hingegoſſen. Als ſie ihr Gebet beendet, ſagte das Mädchen wieder:„Gelt, du biſt mir nicht bös?“ „Worüber denn?“ fragte der Knabe nicht ohne iſcn „Weil ich dich geweckt!“ verſetzte ſie. „Das iſt mir ſogar lieb, und ich danke dir, daß du ſo gut warſt, mir die Fliege zu ſcheuchen. Siehſt du, da iſt ſie wieder. Sie iſt halt lüſtern nach meinem Blute.“ „Wo biſt du denn her?“ fragte er ſie. „Aus Niclashauſen, da unten!“ „Wo warſt du denn?“ „Holzleſen; aber wo kommſt du denn her?“ „Weit, weit, aus Schwaben!“ „Und wohin willſt du?“ „Nach Niclashauſen!“ „Nach Niclashauſen! Ei du heilige Jungfrau! Wen ſuchſt „Den Laboranten; weißt du, den Kräutermann.“ „Kennſt du Den? Ich kenne ihn gut. Er iſt gar gut und brav.“ „Ja und nein, wie du willſt!“ Sie überhörte das Wort und ſagte, die Hände zuſammenſchlagend: „Ach, du Armer; da magſt du wohl müde ſein? Und ich wcke dich!— Gelt, du zürnſt mir doch?“— „Thut nichts! Ich bin auch recht müde geweſen; aber nun iſt Alles vorbei— nur nicht———“ „Was denn?“ „Der Hunger!“ Sie ſuchte ſchnell in ihrer Taſche und zog ein Stück trockenes Gerſtenbrod hervor.„Willſt du das eſſen?“ fragte ſie. „Ach ja, wenn du es nicht eſſen willſt.“ „Ich habe Beeren gegeſſen und bin ſatt.“ Sie reichte es ihm hin, und er nahm es dankbar. Seit mehreren Tagen hatte er kein Brod geſehen. Gierig verſchlang er es. Sie ſah ihm mit großer Freude zu. „Ach, das hat geſchmeckt!“ rief er aus.„Nun kann ich es hier aushalten.“ „Hier?“ fragte das Mädchen.„Warum willſt du hier bleiben? Komm' doch mit ins Dorf! Die Nacht iſt kühl und der Tauber⸗ nebel ungeſund.“ „Ich muß hier auf den Laboranten warten.“ „Weißt du denn, daß er kommt?“ „Ja!“ „Du kennſt ihn ja kaum?“ „Ich kenne ihn.“ „Warſt du denn ſchon hier?“ „Nein!“ „Biſt du vielleicht ein Gefreundter von ihm?“ „Nein!“ „Aber— wer ſagte dir denn von ihm, und daß er hier vorbeikommen müſſe?“ „Mein Engel!“ Halb ſpöttiſch lachend, halb verwundert ſchlug ſie die Hände zuſammen und rief:„Was der toll redet! Ein Engel hab' es ihm geſagt! Es kommen ja keine Engel mehr zu den en Menſchen““⸗ ſ. „Wer ſagte dir das, Mädchen?“—[ „Die Mutter; weil ſie mir aber nicht ſägen Auiſue,! warim keine Engel mehr zu uns kämen, fragte ich 3 geiſtlichen Herrn, den Pater Ambros—“ „Was ſagte der?“ „Nun, er ſagte, ſeit die heilige Jungfrau Maria im Himmel wäre, ſei's nicht mehr nöthig.“ Der Knabe richtete einen flammenden Blick auf das Mädchen und ſagte:„Kind, ſie wiſſen's nicht! Nicht nur Engel, auch die heilige Jungfrau erſcheint mir, und ſagt mir, was ich thun ſoll. Seit mein Mütterlein todt iſt, geſchieht das oft und immer im Traum; aber was ſie mir ſagen, das wird wahr. So erſchien mir in Schwaben der Engel und wies mir den Weg hierher zu dem Labvranten, nannte mir ihn und ſagte: er werde mich als Kind aufnehmen. Wie hätt' ich ſonſt von ihm gewußt oder den Weg gefunden?“ „Wie heißt er denn?“ fragte das Mädchen prüfend.„Sag' mir's einmal, ſo will ich dir glauben.“ „Arnold Plieninger!“ 6 Jetzt ſtand das Mädchen bleichwerdend vor dem Knaben und ſah ihn mit innerem Schauer an. Ihre Hände waren gefaltet. 8 „Biſt du denn,“ fragte ſie nach einer Pauſe—„ein Frohn⸗ ſonntagskind?“ „Ich verſtehe dich nicht!“ „Siehſt du,“ ſagte ſie,„die Frohnſonntagskinder ſehen Geiſter, erkennen die Hexen, Währwölfe und Blutſauger, und wenn ſie Eins mit dem böſen Auge anſieht, ſo thut's ihnen nichts. Weißt du denn das nicht?“ Das Erſtaunen war jetzt an dem Knaben. Davon hatte er noch nichts gehört. — — 6. — 6 Er ſchüttelte den Kopf.„Als das Mütterlein am Abend vor ihrem Tode ſo traurig war, ſagte es: Hännslein, wenn ich auch ſterbe, ſo biſt du nicht verlaſſen. Der Engel wird dich leiten, und ſo iſt es auch geblieben, gerade wie bei dem frommen Tobias; aber mit Hexen und Währwölfen hab' ich nichts zu thun.“ 8 „Ach, du heilige Jungfrau, wie iſt denn das?“ rief das Mädchen und kauerte nieder.„Geh', ſetz' dich doch und erzähl' mir davon.“ Der Knabe ſchien dazu keine Luſt zu fühlen. Er ſah ſich vielmehr um.„Es dunkelt,“ ſagte er.„Nun muß er kommen.“ Sie ſprang auf.„Du haſt Recht,“ ſagte ſie.„Ich muß auch fort, denn die Mutter will mit dem Holz unſer Abendſüpplein kochen. Ade!“ rief ſie und eilte fort, jedoch nach wenigen Schritten kehrte ſie wieder um und fragte:„Biſt du vielleicht das „Pfeiferhännslein,“ von dem die Leute ſo viel und ſo Wunder⸗ bares ſagen?“ „Ich bin's,“ ſagte der Knabe. „Ach Gott!“ rief das Mädchen aus,„und du bleibſt in unſerm Dorfe?“ Sie klatſchte die Hände zuſammen vor Ver⸗ wunderung. „Ja „Bei dem Laboranten Arnold?“ „O, dann ſeh' ich dich oft; ich wohne nicht weit davvn. Unſer Haus ſteht nahe bei der Kirche unter dem hohlen Birn⸗ baum. Ich heiße Marie Ade!“ „Ade, Mariechen!“ ſagte der Knabe und ſah der lieblichen Geſtalt nach, die nun ſchnell ihm enteilte. Als ſie an die Stelle kam, wo der Fußpfad ſich aus dem Walde herauswand, trat der Laborant ihr entgegen. Sprachlos vor Erſtaunen ſtand ſie vor dem hohen, ernſten Manne, der mit Kräutern beladen war, die er im Schatten des Waldes gepflückt. Was iſt dir, Mädchen?“ fragte er mit mildem Weſen. „Ach, ſo hat er doch Recht!“ ſtieß das Mädchen hervor. „Wer denn?“ fragte der Laborant. „Das Pfeiferhännslein.“ „Biſt du toll geworden, Kind?“ „O nein, o nein! Seht, dort ſteht er und wartet auf Euch!“ Sie wies nach der Tanne, wo der Knabe ſtand. „O, geht doch zu ihm!“ bat das Mädchen. Der Laborant ſchüttelte den Kopf über das ſeltſame Gerede. Er blickte dahin, wohin des Mädchens Hand deutete, und ſah den Knaben, der ihm beide Arme entgegenbreitete. Ohne zu ſäumen, wandte er ſich dahin, während das Mädchen, ſeinen Gedanken nachhängend, ſeine Holzlaſt auflud und flüchtigen, aber ſichern Trittes den ſich ſteil abſenkenden Pfad hinabſchritt. I. Ach Gott, wie iſt das Herz ſo ſchwer, Wie iſt ſo trub'mein Sinn! Ich hab' kein Herz auf Erden mehr, Seit ich eine Waiſe bin. Die mich geliebt, ſind kalt und todt, Und ließen mich allein; Ich armer Knab', in meiner Noth Will Keiner mir Helfer ſein. So will ich mir graben ein tiefes Grab, Und ſtill mich legen hinein. Der Wind weht Blätter und Blüthen ab, Die ſollen mein Grabtuch ſein. Mit feſtem Schritte nahte der Laborant der Stelle, wo der Knabe ſtand. Was das Mädchen geſagt, erfüllte ſeine Seele mit Erſtaunen. Den Namen des Pfeiferhännslein's hatte er wohl ſchon gehört, denn die Mähr von ſeinem wunderſamen Weſen war weit hinweg von dem Schauplatze gedrungen, wo ſich der Knabe bisher herum⸗ getrieben. Was er aber mit ihm wollte, das war ihm räthſelhaft. Jedenfalls wünſchte er Gewißheit darüber zu erhalten. — Nicht ohne beifällige Verwunderung betrachtete er, näher tretend, den ſchönen Knaben mit dem ausdrucksvollen Geſichte. „Ja, Ihr ſeid's,“ rief jetzt, freudig erregt, der Knabe aus, und eilte dem Laboranten entgegen, ſeine Hände faſſend und drückend, wie wenn er einen lieben Verwandten gefunden hätte. Der Laborant Arnold Plieninger war ein gar guter, freund⸗ licher Mann. Er ſtand allein in der Welt da mit ſeinem liebenden Herzen, und Wohlthun war ſeine Freude, ſein Beruf. Seine Herzensgüte, die Jeder pries, der ihm irgend einmal im Leben nahe gekommen war, verleugnete er auch jetzt nicht. „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ ſagte er mit freundlichem Ton und Antlitz, und der Knabe ſprach erwiedernd:„In Ewig⸗ keit! Amen.“ Nun ſetzte der Laborant den grünen Kaſten ab, den er auf dem Rücken trug, darinnen er ſeine Kräuter, FPflaſter und Tränklein ſonſt zu tragen pflegte, der aber heute nur mit geſammelten Kräutern und Wurzeln angefüllt war, und ſetzte ſich darauf, um mit dem freundlichen Knaben die Rede zu pflegen, die ihm das Beheimnißvolle ſeiner Erſcheinung aufklären ſollte, und das Pfeifer⸗ hännslein ſetzte ſich, ſtille ſeines Wortes gewärtig, zu ihm. „Was willſt du von mir, mein Kind?“ fragte der Laborant, den ſchönen Knaben beifällig betrachtend. „Ich habe lange auf Euch gewartet hier,“ ſagte der Knabe, „denn—“* „Wußteſt du denn, vaß ich hierher kommen würde?“ fiel ihm Arnold in die Rede. „Freilich“ ſagte in völlig entſchiedener Weiſe der Knabe, „denn ich wußte es ja ſchon lange und kenne Euch ja!“ „Woher kennſt du mich?“ „Ich ſah Euch im Geiſt, Euch und dieſes Thal, dieſes Dorf, dieſe Landſchaft; ich ſah Euch, wie Ihr mit den Männern tagtet im dunkeln Walde, wo der Waldbach brauſt.“ 8 „Was ſagſt du?“ fragte erbleichend der Kräutermann. „Damals ſah ich Euch,“ ſagte der Knabe fortfahrend,„als — Ihr Euch zuſchwuret, die Ketten zu brechen, die das arme Volk drücken von Ritterſchaft und Pfaffen.“— „Schweig!“ rief der Laborant mit Erbeben.„Haſt du uns belauſcht?“ „Ach nein,“ ſagte der Knabe, ihn harmlos und zutraulich anſehend.„Ich bin ja niemals in dieſem Lande geweſen, der Engel ſagte es mir, als er mich zu Euch wies und zu mir ſagte: Er wird dein Vater ſein.“ Der Kräutermann wußte nicht, was er ſagen ſollte. Von jener Zuſammenkunft wußte ja Niemand. Hier lag ein Geheimniß. Und ein Engel ſollte es dem Knaben geſagt haben? Das überſtieg den Kreis ſeines Erkennens und Begreifens. Der Knabe ſah ſeine Zweifel. „Soll ich Euch mehr ſagen?“ fragte er.„So höret, was mir der Engel wies. Ich ſtand auf einer Höhe, und drunten floß im grünen Thale der Neckar, eng gepreßt von den Bergen. Da ſtand ein hohes, ſchönes Schloß, darinnen der wilde Hutten wohnte, und es iſt lange her, daß es geſchah, ehe ich geboren war, daher ſah ich's im Geiſt. Und nicht weit von dem Schloſſe, drüben auf dem andern Ufer, da ſtand am Waldesſaume, beſchattet von einer Linde, ein Häuslein, und um das Häuslein lag Hof, Garten und Wieſe, und Ihr wohntet drinnen mit Magdalena, Eurem jungen Weibe. Sie war ſo ſchön und Euer Glück, und Ihr waret ein Freiſaſſe, und es war Haus und Gut Euer Eigen. Und wie Euer Vater Kräuter ſammelte und Tränklein und Heil⸗ küglein machte daraus, ſo thatet auch Ihr. Da brachten ſie einmal zur Herbſtzeit den Hutten zu Eurem Häuslein, da ihn der Zahn eines Ebers ſchwer getroffen, und er mußte liegen bleiben bei Euch, bis er geheilet war. Der Unhold aber entbrannte für Euer ſchönes Weib, und als er ſeine Abſicht nicht erreichen mochte, und ihr keuſcher Sinn widerſtrebte, da raubte er ſie Euch, als Ihr auf dem Kräuterſuchen waret. Sie aber entwand dem Unhold ſeinen Dolch und ſtieß ſich ihn ſelber in die treue Bruſt, daß ſie ſtarb, unentweihet und rein. Und von allen Teufeln verfolgt, floh der Unhold hinter ſeine Mauern, und Ihr fandet Euer liebes Weib todt.— Ich ſah Euch, wie Ihr drei Tage und drei Nächte ohne Speiſe bei Ihr ſaßet, und ſie dann begrubet unter der Linde, und zündetet Euer Häuslein an, daß es nieder⸗ brannte ſammt der Linde.— „Darauf umſchlichet Ihr mit Rachegedanken die Burg, bis Ihr die Gelegenheit wahrnahmet, ihn allein zu treffen, da ſchoſſet Ihr mit der Armbruſt den Pfeil in ſeine Seite, den Ihr in das Gift getauchet, das Ihr ſelbſt bereitet hattet, und er ſtarb elendiglich unter Euren Augen; Ihr aber flohet in das Land, wo die Donau fließet, und dientet als Laienbruder im Kloſter, das hoch auf den Felſen ſtehet, deren Fuß die Donau beſchäumet. Aber es ließ Euch nicht ruhen. Darauf zoget Ihr in einen dunkeln Wald und wurdet Einſiedler, und verbrachtet an ſchwerer Buße lange Jahre. Und als wieder Frieden in Eure Bruſt kam, da bautet Ihr Euch dort unten in Niclashauſen die Hütte und wurdet wieder ein Laborant und ein Doctor. So iſt's! So ſagte mir, ſo ließ mich's der Engel ſchauen, daß ich es Euch ſage, Arnold Plieninger, auf daß Ihr mir glaubtet, der Engel habe mich zu Euch geſandt.“ Der Knabe ſchwieg. Alles Weh der Vergangenheit, Alles, was ſein Leben vergällt und verpeſtet, hatte des Knaben Rede wieder aufgefriſcht. Des Laboranten Angeſicht ruhte in den hohlen Flächen ſeiner Hände, und ein Strom von Thränen rann in das Moos zu ſeinen Füßen. Sein ganzes inneres Leben war in einer wilden Aufregung; aber er vermochte kein Wort zu reden. Der Knabe ſchwieg; auch in ſeinem Auge glänzte eine Thräne der Theilnahme an dem tiefen Schmerze des Mannes, dem er alle Wunden der Seele aufreißen mußte, daß ſie bluteten, als wären ſie heute friſch geſchlagen. Nach einer langen Pauſe faßte der Knabe des Laboranten + Hand.„Vergebet mir,“ ſagte er weich,„daß ich Euch habe wehe thun müſſen; aber der Engel hat es mir befohlen, daß ich Euch das Alles ſage, damit Ihr mir glaubet.“ Zetzt ſah ihn der Laborant mit ſchmerzlichem Blick an und ſagte:„Woher du das weißt, was nur Gott wiſſen konnte, begreife ich nicht, aber verſchließe es in deine Bruſt als ein ewiges Geheimniß. Sprich nicht wieder davon und du ſollſt mein Sohn ſein, wie ich dein Vater ſein will. Ich glaube dir, wunderbares Kind! Doch komm', denn der Abend ſinket jetzt ſchnell herab, und unſer Weg iſt ſteil.“ Sie ſtanden auf und gingen ſchweigend den Berg hinab, und als ſie in die Tiefe des Thales kamen, lag die Nacht finſter über den Hütten des Dorfes. Hanns folgte ſeinem Führer durch eine der engen Baſſen des Dorfs, und bald erreichten ſie eine Hütte, 3 die am Berge lehnte. Während der Laborant ſich bemühte, das hölzerne, kunſtreiche Schloß der Thüre zu öffnen, flüſterte eine ſüße Stimme in des Knaben Ohr:„Du biſt lange geblieben! Gute Nacht!“ Und ein Gefühl erfüllte ſeine Bruſt mit ſiiller Luſt; denn er hatte Jemanden, der Antheil an ihm nahm, und das that ſeinem Herzen wohl. Mit ſehr verſchiedenen Empfindungen traten Beide in das Innere der Hütte, welche innen geräumiger war, als man es hätte 6 glauben ſollen. Es war ein viereckiger Raum. Drei Seiten beſtanden aus Fachwerk und eine aus Mauer. An dieſer befand ſich der Herd und der hohe, weite Buſen des Schornſteins. Rings an den Wänden liefen Dielen hin, auf denen allerlei ſeltſam geformte Gefäße von gebrannter Erde ſtanden. Bündel getrockneter Kräuter lagen daneben und allerlei Geräthe, deſſen Beſtimmung dem Knaben unbekannt war. Hier und da war ein mächtiges Hirſchgeweihe angenagelt, daran auch noch Dinge hingen, welche in des Laboranten Gewerbe einſchlugen. Gegen dem Herde über befand ſich des Laboranten breites Bett. Moos bildete ſein Lager. Hirſchhäute lagen darüber und das Fell eines mächtigen Thieres diente als Decke. Hännslein ſchaute ſich recht um; denn es war ja ſo Vieles — — überall zu ſehen, was ſeine Neugierde weckte und beſchäftigte. Schweigend hatte der Kräutermann ſeinen Kaſten abgeſetzt und die Anſtalten getroffen, ein Mahl zu bereiten. Bald praſſelte ein Feuer in lichter Lohe und ein Stück friſches Rehfleiſch ſteckte an einem hölzernen Bratſpieße, den Hanns frendig zu drehen übernahm. Als es gebraten war, erquickten ſich Beide, und dann erſt ſagte der Laborant:„Wir wollen uns niederlegen und das Feuer löſchen; alsdann magſt du mir erzählen von deinen Geſchicken.“ Draußen hatte ſich das Wetter ſchnell geändert. Ein Gewitter war nach dem heißen Tage heraufgezogen; der Sturm aber jagte es über die Berge weg, und nur ein milder Regen erquickte die Flur. „Wie heißeſt du denn?“ fragte jetzt der Laborant ſeinen wunderlich gewonnenen Hausgenoſſen. „Hanns Böheim oder auch das Pfeiferhännslein,“ ſagte der Knabe,„weil ich die Pfeife ſpiele und die Handpauke ſchlage, wie es mein Vater auch gethan. Wo ich geboren bin, weiß ich nicht. Wir wanderten immer im Lande herum und hatten halt nirgends eine bleibende Stätte. Daß weiß ich aber noch recht gut, daß einmal eine recht arge Hungersnoth ins Land kam. Viele Leute ſtarben jählings hin, und auch wir würden alſo umgekommen ſein, hätte nicht mein Vater bei dem Ritter von Hutten—“ „Verfluchter Name!“ rief der Laborant.„Nenn' ihn nicht wieder, ich bitte dich, Kind!“— „Nun, wie Ihr wollt,“ fuhr der Knabe fort,„hätte nicht 3 mein Vater dort die Hut einer großen, dem Burgherrn gehörenden Schafheerde übernommen und dafür einen kärglichen Unterhalt empfangen. Wir blieben da mehrere Jahre. Endlich kam der vorletzte Winter mit ſeiner endloſen Kälte. Vom November bis in den Februar lag ein halb mannshoher Schnee auf den Bergen und in den Thälern, und es war eine Kälte, daß die Eichen knallend in den Wäldern borſten. Das arme Vieh fand keine Nahrung Pehr. aber der geizige Burgherr wollte nicht geſtatten, daß wir die Deerde einheimſeten. Da kamen dann ganze Schaaren gieriger Wölfe und ſtellten der Heerde nach. Tag und Nacht hielt mein armer Vater Feuer rings um die Hürden in Brand und klapperte mit einer Charfreitagsklapper um die Hürden herum, ſelber in Gefahr, von den wilden Thieren zerriſſen zu werden, deren Geheul uns eben ſo ſehr ängſtete⸗ wie die Schafe. Vergeblich war meines Vaters Bitten um eine Hetzjagd. Der Ritter feierte ſein Hochzeitsfeſt mit einer zweiten Frau. Derweilen mochte er nichts von dem Jagen der Wölfe wiſſen. „All' das viele Wachen warf meinen Vater aufs Krankenbett, und er genas nicht wieder. Nun mußte mein armes Mütterlein und ich Wache halten, wie er gethan. Einmal hat uns der Schlaf übermannt. Die Wölfe brachen ein und richteten ein gräulich Blutbad in der Heerde an. Wurden ſie nun nicht gejagt, ſo war die ganze Heerde verloren, denn unſern treuen Hund hatten ſie auch zerriſſen, und nun war die Heerde faſt ſchutzlos. „Ach, wie war unſere Angſt ſo groß vor dem Herrn, denn er kannte kein Mitleid, und Barmherzigkeit war ihm fremd; aber es blieb uns Nichts übrig, als die Heerde zur Burg zu treiben. „Auf der Burg folgte noch immer ein Gelag dem andern, und der Burgherr wurde nicht mehr nüchtern. In der Burg ging's ein und aus, wie in einem Bienenſtock, und war Saus und Braus alle Tage. „Wir zitterten vor Froſt und Angſt. Als nun die Schafe alle im Burghofe waren, ſagt' ich's dem Vogt, wie's gegangen. Der ging hinauf, und bald polterte der Ritter fluchend die Treppe herab. Die Schafe waren ſchon in dem Stall und mein zitterndes 3 Mütterlein ſtand bei mir am Thore der Burg. Ihr wiſſet ja wohl, wie hoch ſie auf den ſpitzigen Felſen liegt, und wie die gräuliche Tiefe gähnet zu beiden Seiten der hölzernen Zugbrücke. „Als er uns ſah, fuhr ein Heer von Flüchen aus ſeinem Mund auf uns herab. Uns, unſerer Faulheit maaß er ſeinen Schaden bei. Er ſchäumte vor Wuth, und je mehr er ſchimpfte, 1 deſto mehr gerieth er in Grimm und Zorn.„Laßt die Hunde auf ſie los, daß ſie das Geſindel zerreißen!“ ſchrie er endlich, und di halb trunkenen Knechte, roh und ohne Erbarmen, wie ihr He eilten, ſeinen Befehl zu erfüllen. Wir flohen in der Angſt der Zugbrücke zu. O du heilige Jungfrau! Ehe wir's uns verſahen, waren die blutgierigen Wolfshunde hinter uns. Mir blieb keine Flucht möglich; ich hörte das Thier ſchon hinter mir brüllen und mein Mütterlein entſetzlich ſchreien. Schnell wandt' ich mich, und mit dem eiſenbeſchlagenen Schäferſtabe führte ich einen ſo gewaltigen Hieb, daß das wüthende Thier niederſtürzte, ſich ſtreckte und verendete. Ehe ich aber meinem armen Mütterlein zu Hülfe kommen konnte, rang ſie mit dem ſie zerfleiſchenden Thiere, bäumte ſich über das Geländer der Zugbrücke und ſtürzte mit ihm in die boden⸗ loſe Tiefe, in die zackigen Felſen hinein.—— „Ach, das Alles geſchah in viel kürzerer Friſt, als ich Euch hier zu erzählen vermag. „Anfangs hatten ſie in wildem Gelächter die Hetze angeſehen. Als aber der Hund todt da lag, der andere mit meinem armen Mütterlein in die Tiefe geſtürzt war, da hörte ich den Ruf: Holt Bogen und Pfeile, daß wir den Buben erlegen!— „Die Todesangſt gibt Flügel. Mit Hülfe meines Schäfer⸗ ſtabes ſchwang ich mich in die Felſen hinauf. Wie ein Wieſel ſprang ich von Stein zu Stein, ſetzte über Klüfte weg und ſah nicht rückwärts. Hinter mir hörte ich den gellenden Ruf der Ver⸗ folger; aber bei der Eile, die ich anwendete, halls ich einen weiten Vorſprung; bei der Kunſt, in den Felſen zu klettern, die ich ſo oft geübt, konnten ſie mir nicht folgen. Die Pfeile ſchwirrten um mich herum; die Armbruſtbolzen fuhren ziſchend in die Stämme der Bäume— mich traf keiner, und als ich den Hochwald erreicht hatte, kroch ich wie ein Eichhorn in einen hohlen Baum, denn mir fehlte der Athem. Ich konnte nicht mehr weiter, und in meinem Verſtecke vergingen mir die Sinne. „Wie lange das gewährt, weiß ich nicht; das aber vermuthe ich, daß es eben nicht ſo lange war; denn als ich wieder zu mir kam, hörte ich zwei Burgknechte mit einander reden, die ſich, müde von meiner Verfolgung, an den Baum geſetzt hatten, deſſen hohles Herz mir zum ſchützenden Schlupfwinkel diente. Sie verwünſchten den Ritter und ſeine Grauſamkeit. Ich hielt mich mäuschenſtille, obwohl ich wußte, daß mich keiner finden würde.“— „Woher wußteſt du das, armes Kind?“ „Ach,“ ſagte der Knabe,„gerade in der Betäubung, aus der ich eben erwacht war, ſah ich mein Mütterlein vor mir ſtehen. Sie war ein Engel geworden und tröſtete mich, Keiner würde mich finden; ſie würde mich ſchützen. Und ſeitdem erſcheint mir mein Engel ſo oft, als irgend Etwas eintritt, was mir wichtig iſt. Ja, die heilige Jungfrau ſelbſt iſt mir ſchon erſchienen. Doch hört weiter! Die Knechte gingen, als ſie ausgeruht, von dannen und die Nacht kam. Aus meinem Verſtecke hätte ich mich nicht heraus⸗ gewagt, wär' mir der Engel nicht abermals erſchienen und hätte mir geboten, hinabzuſteigen in die Felſen, wo meines armen Mütterchens Leichnam lag.“ „In dieſe Felſen kletterteſt du in der Nacht?“ fragte der Laborant mit einem Tone, der es deutlich genug kund gab, wie die Erzählung des Knaben ihn erſchüttert hatte. „Warum nicht?“ fragte dieſer.„Ich ſehe in der Nacht ſo ſcharf wie am Tage. Das iſt eine von den abſonderlichen Gaben, die mir leider verliehen ſind.“ Er ſeufzte tief auf; dann fuhr er fort:„Es mochte Mitter⸗ nacht ſein, da kroch ich aus meiner Höhle heraus, rutſchte den hohen Stamm herab und trat, vermittelſt meines Schäferſtabes, meine Wanderung an. Es war wohl ein bitterer Gang. Ach, ich ging ja, den Leichnam der Einzigen zu ſuchen, der ich in dieſer Welt angehört hatte. Mit blutendem Herzen ſtieg ich immer tiefer hinab in die Felſen. Es war ein gefährlicher Weg, aber ich wußte ja, daß ich zurecht kommen würde! „Endlich fand ich ſie! Ach, es war ein Anblick, den ich nie wieder vergeſſe! Zerſchmettert lag oder vielmehr hing ſie in den ſpitzen, zackigen Felſen. Ihr theures Blut bedeckte das Geſtein ringsum, und der Hund hing todt an ihrem Arme, in den er ſich in einem ſolchen Grade verbiſſen hatte, daß ich nur mit der größten Mühe ihn von ihr trennen konnte. Ich nahm nun den „— 3 zerſchmetterten Leichnam und bettete ihn in eine tiefe Spalte der Felſen, trug Moos zuſammen, ſo viel ich unter dem tiefen Schnee herausfinden konnte, und deckte ihn dann mit Schnee zu, bis ein milderes Wetter mir geſtatten würde, ſie beſſer zu begraben. „Darauf floh ich aus der Gegend in eine weite Ferne, wo mich der Arm des Unmenſchen nicht erreichen konnte. Und als ich ſpäter, da er in ſeinem wüſten Leben geſtorben war, heimkehrte, um für die Beſtattung des Mütterleins in geweihter Erde zu ſorgen, da hörte ich, daß der Burgkaplan, ein frommer, guter Herr, ſchon dafür geſorgt hatte.“ Der Knabe hatte den letzten Theil ſeiner Erzählung vor Schluchzen kaum vollenden können. Auf den Laboranten aber hatte ſie einen ungehenern Eindruck gemacht. Der alte Grimm gegen die Gewaltigen erwachte in ſeiner Seele wieder. Die vergangenen Tage, an die der Knabe ihn heute erinnert, gingen wieder an ſeiner Seele vorüber mit all ihren Gräueln und ihrem Jammer. In der wilden Erregung ſeines Innern reckte er die geballte Fauſt hinaus in die Nacht und, vergeſſend, daß der Knabe an ſeiner Seite lag, rief er aus:„Kommt denn nicht bald die Stunde der Vergeltung für ſolche Frevel? Wird dann nicht bald das arme, zertretene Volk Rache nehmen an ſeinen unmenſchlichen Peinigern und Würgern?“ In dieſem Augenblicke richtete ſich der Knabe neben ihm auf. Alles Gefühl ſeiner Seele löſte ſich in das auf, welches des Laboranten Worte erzengt und in ihm wieder hervorriefen. „Ja,“ ſprach er mit dem vollen, feſten Tone ſeiner Stimme, „ja, ich ſehe im Geiſte, daß ſie kommt. Ich ſehe die Burgen gebrochen, die Klöſter und Stifter verwüſtet; ich ſehe ein Heer ohne Ritter und Knappen, das ſeine Dränger ſtraft, die Faulbäuche in den Klöſtern züchtigt, und der goldene Morgen der Freiheit bricht an; aber ſein Morgenroth iſt blutig und über Leichname und Schutthaufen ſchreitet die Freiheit daher. Mich hat die 4* heilige Jungfrau berufen, daß ich der Freiheit Fahne ſchwinge, wenn mein Arm mehr erſtarkt ſein wird.“ Noch lange redete der Knabe ſo in ungeſchwächter Begeiſterung fort, bis allmählich ſeiner Rede Fluß langſamer, ſchwerfälliger wurde, und endlich das Wort in ſeinem Mund erſtarb. Ein tieferes Athmen kündigte bald darauf dem Laboranten an, daß der Schlaf ihn übermannt habe. Er aber ſchlief nicht. Das wunderſame Weſen dieſes Knaben beſchäftigte ihn ſehr. Er hatte wohl von dem Pfeiferhännslein gehört, und nun war ihm das räthſelhafte Weſen ſo nahe, ja es lag nur an ihm, daß es ihm ganz angehöre. Er faßte den feſten Entſchluß, ihm Vater zu ſein, da ſo ſichtbarlich eine höhere Hand, ein höherer Wille ihm den Knaben zugeführt hatte; aber auch weiter hinaus über die nächſten Schranken flog ſein Geiſt. Das Schickſal des Volkes bewegte ſeine Seele, angeregt durch die ſchrecklichen Ereigniſſe des eigenen Lebens und die ſchauderhaften Schickſale, die der Knabe erlebt. Was war im Laufe der Zeit aus dem einſt freien deutſchen Volke geworden? 6 Im Beſitze ſeiner perſönlichen Freiheit hatte ſich einſt der Deutſche glücklich gefühlt, und mit Eiferſucht hatte er das Gut bewacht. Sein freies Eigenthum bearbeitete er mit Fleiß und Treue. In ſeinem Hauſe, wo ſein Weib die fromme Zucht bewahrte, die heilige Sitte pflegte, war ſeine Welt; Weib, Kinder, Waffen, ſeine theuerſten Güter, unſchloß ſie, und Niemand durfte ſie ohne ſeinen Willen betreten. Die Thiere des Waldes durfte er jagen; die Fiſche der Tiefe durfte er locken und fangen; zum Schwerdte griff er freiwillig, wenn das Vaterland in 2 Gefahr war. Die Weideſtriche boten ſeinen Hausthieren die ungeſchmälerte Nahrung; des Ackers Ertrag war ſein Eigen. Keiner genoß eines Vorrechtes vor dem Richter, den das Volk ſich ſelbſt erwählt unter den Alten, Erfahrenen und Weiſen. Sitte und Herkommen, das unbeſtochene Urtheil des klaren und ſchlichten Verſtandes waren die Grundlage des Urtheiles. Keine — Frohnde, kein Dienſt, keine Beet, kein Zins, kein Zehnten lag auf ihm als niederbeugende Laſt, und die Winkelzüge eines erklügelten fremden Rechtes kannte der Deutſche nicht. So ſtand es um das edle Volk der Deutſchen, und das Andenken an dieſe glücklichen Zuſtände eines freien Volkes war noch nicht erloſchen. Die Alten hatten's ihren Söhnen, dieſe es auf die Enkel übergetragen, und ſo war es im Bewußtſein des Volkes ſelbſt in jenen Tagen geblieben, wo nichts von dieſen Gütern mehr übrig geblieben war. Das Paradies liegt ewig hinter uns, und das Sehnen nach verlornem Glücke ruht in jeder Menſchenbruſt; aber es erwacht in dem Maße ſtärker, je drückender, je ſchwerer die Gegenwart iſt. Was war des Volles Loos zu jener Zeit, wo die Seele des Laboranten es erwog? Eins dieſer Güter nach dem andern hatte Adel und Geiſtlich⸗ keit geraubt. Schritt vor Schritt war man endlich zum Ziele gelangt, wohin man wollte, daß es nur mächtige Herren und— Leibeigene gab. Hier war es der Heerbann und des Grafen erliſtete Macht, des Adels wilde Gewalt, Rohheit und Raubluſt, welche den zermalmenden Fuß auf des„armen Mannes“ Nacken ſetzte und ein Recht nach dem andern ihm entzog oder geradezu nahm, und den Murrenden zertrat; dort war es die Macht der Geiſtlichkeit in Klöſtern und auf Biſchofsſtühlen, welche Frohnden, Beete, Rauchhühner, Zehnten von Frucht, Weinberg und Thieren forderte, und ertrotzte durch den Mißbrauch einer Macht, die nur das Heilige zu fordern beſtimmt iſt. Immer tiefer in Noth und Elend hinabgedrückt, gab ſich der arme, rechtloſe Menſch, um nur das nackte Leben zu friſten, zuletzt zum Leibeigenen hin, und ſeine unglücklichen Kinder, in der Leibeigenſchaft geboren, waren's und blieben's, ohne alle Hoffnung, es ſei denn, daß der Herr ſelber ſie gefreiet hätte. So nahmen ſie ihm des Waldes Frei⸗ heit, des Waſſers Recht und Luſt; der Weide Nutzung; brachten Gilden, Zinſe, Frohnden, Zehnten, und die Sprache jener Zeiten iſt reich an Namen für die einzelnen Laſten, die den Armen zu Boden drückten, und jede Freude, jede Lebensluſt im Herzen erſtickten. Was half die Klage? Ihre Dränger waren ihre Richter. Der Schrei der Noth drang nicht bis zum Ohre des Kaiſers, und wenn er zu ihm gedrungen wäre— er hätte ſelbſt nicht helfen können. So erſtickte er zuletzt in der Bruſt, die ihn geboren, und zum Elende beſtimmt, trug hülflos, wenn auch oft mit heiligem Zorn im Herzen, der„arme Mann,“ wie ſich das Volk nannte, ſein entſetzliches Lvos. Wie es ſchlimmer wurde in jenen Tagen, wo des Kaiſers Anſehen tief geſunken, der Kron⸗ vaſall ein eigener Herr geworden war; wie Raub, Mord und Brand, zur Luſt getrieben, mit zur Ehre des Ritterthums gehörte, wie kein Wanderer mehr ſicher auf dem Wege war; wie ſelbſt Klöſter beraubt worden, wie die Zügelloſigkeit keine Sitte, keine Scham, kein Heiligthum mehr kannte, keine Zucht mehr achtete, o, das iſt ein gräulich Blatt in der Geſchichte aller Länder Europa's in dieſer Zeit und Deutſchlands insbeſondere, und die Chroniken jener Tage wiſſen Entſetzliches zu erzählen von der Rohheit und Grauſamkeit des Adels, deſſen Namen ſeine ſprach⸗ liche Abſtammung höhnte; aber es klingt ein entſetzlicher Ton herüber aus dieſer Zeit, der die Geiſtlichkeit, vom Biſchofe bis zum Mönche, die Ritter alle nur eine fortlaufende Reihe von Blutſaugern nennt. Ihr Streben war, Macht zu erlangen, im Wohlleben zu ſchwelgen, Reichthümer zuſammen zu häufen. Und das Volk war das Erntefeld, wo man ſolche Garben band. Um dem Adel und ſeinen Klauen zu entgehen, gaben Viele Habe und Freiheit dem Biſchof oder der Abtei hin. Nun beſaß er freilich ungeſtört das Seine, aber es war nur noch ein Lehen der Kirche, die es ihm nach Belieben nehmen konnte. Starb er, ſo waren ſeine Kinder Bettler oder wurden Leibeigene. Welche Gewebe ſchrecklicher Ränke, himmelſchreienden Unrechtes wurden geſponnen, um dies Ziel zu erreichen? Alle dieſe Scenen hatte man täglich vor Augen, und das nutzbare Thier ſtand höher als der Menſch. Ein Menſchenleben galt nichts. „ — — 8 — Ueber dieſe Zuſtände blickte der Laborant jetzt hin. Sie gingen an ſeinem Geiſte vorüber und er weinte Thränen des Grimmes, daß Niemand den Muth hatte, ſolche Ketten mit Kraft zu brechen. Iſt es ein Wunder, daß kein Schlaf in ſein Auge kam? Iſt es ein Wunder, daß ſeine Seele nach Rache lechzte in einer Zeit, die aller Gräuel Zeuge war? Iſt es zu verwundern, daß ſich im Volke ein anderer Sinn auszuſprechen begann, als in den früheren Tagen N Wird die, Laſt zu ſchwer, ſo erliegt der Träger oder er ſchleudert ſie/weg mit allem Grimme, den die Ungebühr weckt. Es war eine Zeit des Unmuths. Ueberall hatte der Druck ſich entſetzlich gehäuft, die Rohheit alles Maaß überſchritten. Die Schonungsloſigkeit der Ritterſchaft, die Habſucht des Clerus, beider ſittliche Entartung flößte Grimm, Abſchen und Ekel dem Volke ein. Es lernte es fühlen, daß nur vereinte Kraft eines Wider⸗ ſtandes fähig ſei, wo die beiden Gegner, wenn auch ihre Intereſſen getheilt erſchienen und ſie ſich mitunter ſelbſt befehdeten, dennoch ihre ganze Macht vereinigten, wenn es galt, des Volkes Verſuche zum Widerſtande zu unterdrücken, und dies Bewußtſein rief den Trieb hervor, ſich an einander zu ſchließen. Verwandtes ſuchte ſich auf, und ſo war es denn allerdings an dem, daß der Laborant vielfachen Verkehr mit gleichgeſinnten Männern aus der Nähe und Ferne hatte. Seine Wanderungen mit dem Arzneikaſten, ſeine Erfahrungen kamen dieſen Verbindungen zu Hilfe. Burgen und Klöſter und Biſchofsſitze ſtanden auf einem Vulkane, der in der Tiefe arbeitete, ohne daß man an der Oberfläche hätte ſein Daſeyn errathen können, der aber Kräfte in der Stille ſammelte, die Fähigkeit genug entwickeln konnten, jene zu zertrümmern. Der Laborant war ein ſchlauer Kopf. Er erkannte ſchnell, welch einen Schatz er an dem Knaben gewonnen habe, der wie eine mhſteriöſe Perſon ſchon in den Munde des Volkes lebte, der durch die wunderſame Eigenthümlichkeit ſeiner Natur gewiſſermaßen einen Heiligenſchein um ſeine jugendlichen Locken gezogen hatte. Wie er ihn zu ſeinen Zwecken benutzen wollte, war ihm noch nicht klar, daß er aber das herrlichſte Werkzeng ſei, lag außer allem Zweifel.— Aber was iſt denn ein Laborant? hör' ich manche Leſer fragen, und ſowohl auf dieſe Frage, als auf die über die Perſon des Laboranten thut eine Antwort noth. Die Kunſt, die Krankheiten zu heilen, wuchs mit dem Heere der Krankheiten, wenn nicht— das umgekehrte Verhältniß gilt. Sei dem, wie ihm wolle, in jenen Tagen ſtand der Menſch der Natur noch näher; die erkünſtelten Genüſſe waren ihm fremd; was Indien lieferte, war noch nicht in die mittleren, zu geſchwei⸗ gen in die unteren Schichten des Volkes gedrungen, und die Pro⸗ dukte Amerika's lagen noch, wie es ſelbſt, im Dunkel. So war das Volk einfach, weil es die verderblichen Genüſſe, welche die Produkte des Auslandes bereiten, nicht kannte, und zu arm war, ſie ſich zu erringen. Der Wein war für Ritter, Mönche, Biſchöfe, Fürſten, und in Summa für die Gewaltigen. Den Branntwein kannte man noch nicht als Getränke. Einfachheit erhielt die Kraft und die Geſundheit. Tauſende der Krankheiten, welche jetzt die Medicin bis in ihre geheimſten Tücken verfolgt, bis in ihre feinſten Symptome zerlegt, ahnete man nicht. Daher war die ärztliche Praris leicht und einfach. Mönche, Prieſter und einzelne Leute hier und da zogen aus bekannten Heilpflanzen die Kräfte, um Tränklein, Heilküglein, Latwerge und Pflaſter zu berei⸗ ten, und zogen damit umher. Meiſt waren es Mittel für Hieb und Stich, wie man zu ſagen pflegt; Univerſalmittel für alle erdenklichen Gepreſte des Leibes, die ſie verkauften, und der Glaube that das Seine, wie heutzutage auch!— Dieſe Leute, weil ſie laborirten, arbeiteten, um die Pflanzenſtoffe auszuziehen, hießen Laboranten. Es waren Apotheker und Aerzte zugleich, wie noch heute in England der Arzt ein Apotheker und der Apotheker ein Arzt iſt. S Bei dieſen ſichtbaren Mitteln, die man deſto wirkſamer erach⸗ tete, je abſcheulicher der Geſchmack war(daher denn das Sprüch⸗ wort aus jenen Tagen zu uns herüber klingt:„Schlimm muß Schlimm vertreiben“), lebte noch eine andere Praxis für medici⸗ niſche Behandlung im Volke, die ſich geheimnißvoll fortpflanzte, alſp, daß ſie der Mann nicht dem Manne, ſondern nur dem Weibe mittheilen oder lehren konnte, und umgekehrt. Es war das Beſprechen, das Verfahren, vermittelſt des Wortes das Uebel zu bannen, das magiſche Heilverfahren, welches ſich noch heute im Volke erhalten hat, und das wir mit dem Namen Sympathie bezeichnen. Der Aerzte gab es wenige und— die Gottesäcker waren unendlich— klein. Der Laborant Arnold Plieninger war ein ſolcher apothekernder Doctor. Er war, wie wir aus des Pfeiferhännslein's Munde wiſſen, durch entſetzliche Geſchicke aus ſeinem Vaterlande vertrieben worden. Zu dem mönchiſchen Leben, wohin ihn Jammer, Ver⸗ zweiflung, vielleicht auch Reue getrieben, hatte er keinen Beruf. Der Menſchheit, dem armen, ihm theuern Volke, deſſen Noth er kannte, nützlich zu ſein, griff er wieder zum alten Gewerbe und war nun weithin der Abgott des Volkes, weil er ſein Freund, ſein Helfer, ſeine Stütze, ſein Troſt für Leib und Seele war. Und nie kam eine Bitte an ihn, die er nicht mit Liebe zu erfüllen verſucht hätte, ſo weit er's vermochte. III. Da regt ſich die fleißige Hand ſo ſtille; Da ordnet Alles ein kräftiger Wille; Und Arbeit und Zeit in geregeltem Gang, Sie gehen ſelbander den Tag entlang; Und kommet der Abend, dann bringt er die Ruh' Schließt friedlich das Auge des Müden zu. Als ſich die erſten matten Lichter des kommenden Tages durch die molligen Scheiben von Marienglas ſtahlen, welche, klein und dunkel, damals die Lichter des Tags in die Wohnungen der Menſchen leiteten, erwachte Hanns und ſetzte ſich im Bett auf. 4**½ Er mußte lange ſinnen, ehe er ſich mit Zeit, Ort und Umſtänden zurecht fand. Der Laborant war erſt ganz kurz vorher in einen Schlaf geſunken, der eine Folge der Abſpannung des Leibes und der Seele war. Der Knabe legte ſich wieder leiſe zurück, betete ſeinen Morgen⸗ ſegen und harrte geduldig des Erwachens ſeines Meiſters. Die Bilder des vergangenen Tages traten wieder vor ſeine Seele, und unter dieſen auch Mariechen. Ihr Bild ſtand ſo lieblich vor ihm in ihrer kindlichen Einfalt und Herzlichkeit! Noch tönte ihr Nacht⸗ gruß in ſeinen Ohren, und mit Vergnügen gedachte er, daß ſie nach ihm geſehen, ihn erwartet hatte. Als der Laborant erwachte, ſprang Hanns vom Lager auf und fragte, was er thun ſolle? Nun begann eine ruhige, aber geregelte Thätigkeit. Nachdem ſie durch den kräftigen Morgen⸗ imbiß ſich gelabt, fing der Laborant an, ſeine Medikamente zu bereiten. Bald erkannte er, wie der Junge zu Allem ein tüchtiges Geſchick habe. Unermüdet ging er ihm in allen Stücken an die Hand und half getreulich ſeine Mühen tragen. Schon nach mehreren Wochen konnte ihn der Laborant mit ſich nehmen, wenn er mit dem Arzneikaſten ausging in die Dörfer und Höfe der Umgegend. Auch ſein Spiel verſäumte er nicht, was in den Abendſtunden oft des alternden Mannes Sinn erheiterte. Dieſe geregelte und ſelbſt mitunter angeſtrengte Thätigkeit hatte auf den Knaben einen 3 wohlthätigen Einfluß. Die Zuſtände, wo er zu taumeln begann, dann in tiefen Schlaf ſank und nun wunderliche Dinge redete und der Zukunft Geſchicke ausſprach, wurden immer ſeltener. Er ging nicht mehr ſo oft Nachts im Traumwachen umher. Anfangs begleitete ihn der Laborant, um ihn vor Gefahren zu ſchützen; indeſſen, als er ſah, wie ſicher er einherging, ſelbſt auf gefährlichen Pfaden, überließ er ihn ſich ſelbſt und dem Schutze jener unſicht⸗ baren Mächte, die ſeine Schritte ſchützend geleiteten. Allein dies kam immer ſeltener vor, ſeit er mit dem Laboranten, den er mit dem traulichen Namen„Vater“ nannte, ſo unermüdet thätig ———— ———— — 6 war, mit ihm, Kräuter und Wurzeln ſuchend, umher ſtrich, oder Arzeimittel verkaufend den Kaſten tragend, durch das Land zog. Auch körperlich genas er zu einer kräftigeren Erſcheinung. Seine Wangen rötheten ſich und ſeine Geſtalt gewann an Kraft. In dieſem nützlichen Wirken floſſen Tage, Wochen, Monate, Jahre hin. Hanns war ein Jüngling geworden, deſſen Schön⸗ heit manches Auge auf ihn zog; aber er hatte kein Auge für weibliche Reize, außer denen„Mariechen's.“ Aus der Kinderliebe war ein tieferes Gefühl erwachſen. Seine ganze Seele erfüllt e es und das Mädchen dachte und lebte nur in ihm. Er war mit der Zeit ein Kräuterkenner geworden. Er konute, wie es der Laborant that, Heilmittel bereiten, menſchliche Gepreſte erkennen, Preßhaften die geeigneten Mittel reichen, und beſonders hatte er den Ruf gewonnen, ein Thierarzt zu ſein. Auch er zog nun allein ins Land mit dem Kaſten und der Pfeife. Die Gabe, den Menſchen ihre Geſchicke zu ſagen, war ihm allein geblieben, aber er hielt mehr damit zurück und wurde heiterer. Wohin er kam, hieß man ihn freudig willkommen, zumal er ſo reich an Liedern und Mährlein war. Mit Pfeil und Bogen durchſtreifte er den Wald; legte Schlingen für Vögel und Thiere, und verſorgte des Laboranten Küche mit hinlänglichem Bedarfe. Das war bis jetzt ohne Störung geſchehen, zumal er nicht vergaß, auch den geiſtlichen Herrn zu Niclashauſen reichlich zu bedenken. Das Land, das Volk, der Wald und das Waſſer gehörte dem Biſchofe von Würzburg, deſſen Förſter ein Greis war, der ſeines Amtes nicht warten konnte, daher Hanns das Wilderen offen trieb und nach und nach mit einer Keckheit und Sicherheit, als habe er ein Recht dazu. Dies ſollte jedoch anders werden, als an die Stelle des Greiſes ein Mann trat, jung und kräftig und ſeinem Herrn mit Leib und Seele zugethan. Ehe wir jedoch die weiteren Ereigniſſe ſchildern, muß uns eine Seite im Leben und Thun des Laboranten klarer werden, wie ſehr auch das geheimnißvolle Dunkel darüber ausgebreitet war. In ſtillen dunkeln Nächten gab es da in ſeinem Hauſe ein geheimnißvolles Treiben. Wenn die Nielashäuſer im tiefen Schlafe lagen, ſchlichen Männer zu dem Laboranten, die es vermieden, von Jemanden geſehen zu werden. Es war Einer davon aus Niclas⸗ hauſen, der Andere kam aus dem oberen Taubergrunde, der Dritte aus einem Dorfe jenſeit der Berge. Hanns Gſcheidt hieß der Eine, Jockel Pflaſterer der Zweite und Joſt Eich der Dritte. Es waren Bauern, aber Männer bewußter Kraft, gereifter Einſicht, gemeſſenen Ernſtes. Anfangs war ihnen die Anweſenheit des Pfeiferhännsleins ungelegen; als ſie aber ihn näher kennen lernten, ſchien's, als gehöre er zu ihnen, und ſie hatten kein Hehl, wie es ihnen ums Herz war. Sie bildeten die Häupter der unruhigen Bauern und beriethen, wie das Joch zu brechen ſei, in mancher Nacht. Der Heftigſte unter ihnen war Hanns Gſcheidt. In ihm glühte eine wilde Leidenſchaft. Tödtlicher Haß gegen Adel und Clerus erfüllte ſeine Seele. Nach ſeinem Dafürhalten war raſches Dreinſchlagen das rechte, das einzige Mittel, das Joch zu brechen, und der Tod aller Dränger war ſein glühender Wunſch. Die Anderen ſtimmten mit dem Laboranten überein, daß erſt die Bauern alle müßten Eines Sinnes ſein, die Blöden kräftig, die Furcht⸗ ſamen muthvoll, die Geduldigen erregt und zum Bewußtſein ihrer Schmach gebracht werden, ehe ein Aufſtand Erfolg haben könne. Das Ziel Aller war kein anderes, als Theilen der erſchlichenen Güter, Freiheit der Perſon, Abſchaffung der laſtenden Abgaben, Gleichheit aller Stände und Gerechtigkeit. Auf gütlichem Wege war dies Ziel nicht zu gewinnen, das ſtand feſt. Zum großen Kampfe war das Volk noch nicht reif; aber es reif zu machen, war die Aufgabe, und, dazu verbunden, arbeiteten Alle daran, und auch das Pfeiferhännslein hatte hier ſeine Stelle, denn dieſen Namen trug er auch da fort und fort, als aus dem Knaben ein mann⸗ hafter Jüngling herausgewachſen war, und gerade ſein Anſehen bei dem Volke, ſeine wunderſamen Gaben waren das beſte Mittel dazu. Da hörte denn Hanns die Reden voll tiefen Zornes, den 6 — — — — 85— er ſelber im Herzen trug; da fand das Gefühl ſeiner Bruſt den rechten Ausdruck. Da vernahm er die Erzählung von Gräuelthaten der Ritter, die ſein Haupt emporſträubten, und mit dieſen Gefühlen zog er aus und ſäete neuen Haß und fachte den glimmenden Funken nur mehr und mehr an. Von dieſer Zeit ſtärkerer innerer Anregung an begann auch ſeine eigenthümliche Seelenthätigkeit wieder die Flügel zu entfalten. Es gab Augenblicke, wo er mit offenen Augen da ſaß und weder hörte, noch ſah; wo er wieder verkehrte mit den Weſen, die einſt ihm nahe getreten waren; wo er mit einer hinreißenden Macht lange Reden hielt; wo an ſeinem Geiſte die Kämpfe vorübergingen, deren Zeugen ſpätere Jahre ſein ſollten. Er war wieder das Hrakel des Volks. In jener Zeit war es, als er im Forſte des Biſchofs den gewaltigen Hirſch mit vier und zwanzig Enden erlegte, den der Förſter wie einen Schatz hegte, damit ihn der Biſchof von Würzburg erlege, wenn er zur Jagd in den Forſt käme und von der Burg Thunfeld aus ſeine Züge ins grüne, weite Revier unternähme. Ein Bauer aus Niclashauſen, der Mariechen liebte und in Hanns ſeinen glücklichen Nebenbuhler kannte und haßte, beobachtete ihn, als er das edle Thier ausweidete und unter Geſtrüppe barg, um zur ſtillen Nachtzeit ſein Erlegtes zu holen. Froh, daß er den Feind nun wegbringen konnte, eilte der Feindſelige zum Förſter. Der wüthete über den Streich; denn er fand ja oft genug die Spuren, wie ſeines gnädigen Herrn Wildbahn gebürſchet wurde, und er eilte nach Thunfeld, deſſen Ritter die Lehen des Biſchofes trug, daß er ihn in Leibhaft bringen laſſe. Gerade an jenem Tage war der Laborant auf der Burg Thunfeld, denn einem der Reiſigen war das junge Weib ſchwer erkrankt geweſen und nun der frohen Geneſung nahe. Bleich ſtürzte der Reiſige in das Gemach, wo der Laborant noch ſaß. „Was gibt's?“ fragte dieſer. „Ach, eilet heim, Meiſter Arnold, und ſaget's dem Pfeifer⸗ hännslein an,“ rief der Mann,„daß er fliehe.“ „Warum?“ fragte aufſpringend der Laborant. „Weil er des Biſchofs Edelhirſch erlegt hat, und Ihr kennt die Strafe des Wilderers! Er wird auf einen Hirſch gebunden, und das Thier, von den Hunden gehetzt, frei gelaſſen, daß es durch das Geſtrüppe ſetze, bis der Arme eines ſchrecklichen Todes ſtirbt. Ich ſoll ihn verhaften; eilet!“ Da galt's kein Beſinnen. Der Laborant eilte heim, und noch in der Stunde entwich der Jüngling, und als die Reiſigen kamen, fanden ſie ihn nicht. Ver⸗ gebens wurden alle Bauern von Niclashauſen aufgeboten in der Frohnde, ihn zu ſuchen. Vergebens wurde der Wald durchſpäht. Er hatte einen Schlupfwinkel gefunden, und mitten im Forſte, bei dem treuen Köhler, deſſen Kind er einſt geheilt, ſuchte ihn Niemand. In der ganzen Gegend war das Volk empört über die gräß⸗ lichen Strafandrohungen, die es vom Förſter und den Knechten von Thunfeld vernahm, denn es ſah kein Unrecht im Erlegen des Hirſches, zumal der ausſchweifende Biſchof Allen verhaßt, ſein Kegiment mit alle dem Druck ein Gegenſtand des Abſcheues war. Mariechen war troſtlos, bis ſie eines Abends ihn an ihr treues Herz drückte; aber wie quälte ſie die Angſt um ihn Tag und Nacht! Jede Nacht war er in des Laboranten Hauſe, ohne daß man es ahnete. So lebte er ein Jahr lang im heimlichen Verſtecke, theils zog er jenſeit der Grenze des Bisthums umher, und trieb ſein altes Gewerbe mit Pfeife und Handpauke und erregte das Volk zum Aufſtande gegen ſeine Dränger. Die Hütten ſeiner Freunde Pflaſterer und Eich waren dort die Stätten, wo er Obdach hatte und weilen mochte. Da ſtarb der verrufene Biſchof, und die grimmigen Bauern erſchlugen den Förſter, der ihnen ein Dorn im Auge war. Jetzt kehrte Hanns wieder, und wie die Bauern ſagten: kein Hahn krähte weiter darnach! Aber das Ereigniß blieb nicht ohne Folgen. Immer bedroh⸗ ₰ — S licher wurde die Stimmung des Volkes. Niemand aber war glücklicher als Mariechen, da ſie den Geliebten wieder hatte, den ſie und der auch ſie ſo lange und ſo ſchwer vermißt. „ Im ſtillen Schvoß der Berge Da ſammelt ſich der Quell; Und ſpringet dann zu Tage . So ſilberrein und hell. 5 Er hüpfet hin durch Blumen, Stürzt ſich in das Geſtein; Erſt war's ein ſtilles Bächlein; Jetzt wird's ein Bach ſchon ſein! Der Bach wächſt an zum Fluſſe; Bald ſchwillt zum Strom er an, Wenn aus des Himmels Fenſtern Die Fluth herniederrann. Es war in den Tagen des Sommers. Die Erndte harrte der Sichel des Schnitters. Eine Gluth war der Sonne Strahl. Da ſchritt das Pfeiferhännslein fröhlichen Sinnes herauf aus den Gegenden an den Ufern des Maines nach dem lieben Niclas⸗ hauſen zu, wohin ihn die doppelte Liebe zu dem Laboranten und Mariechen zog. Aber noch mußte die Sehnſucht ſchweigen. Zu Jroſt Eich hatte er eine Botſchaft zu bringen. War ſie ausgerichtet, ſo hielt ihn nichts mehr ab, dem Zuge des ſehnenden Herzens zu folgen. Er ließ die Gegend, wo Niclashauſen lag, links liegen, und wanderte in den Wald hinein, der die Berge bedeckte bis zum einſamen Gehöfte, wo Joſt Eich wohnte. Noch vielleicht eine halbe Stunde hatte er zu wandern, als er an einem ſteilen Bergabhange ſtand, an dem ſich ein Fußpfad heraufwand. Unten im Thale rauſchte ein Bach, und überall waren Spuren, daß das Hochgewitter, dem er in einem Dorfe dieſen Mittag entgangen war, mächtige Regengüſſe mußte entſendet und die Gewäſſer ungewöhnlich angeſchwellt haben. Eine erfri⸗ 85— ſchende Kühle wehte ihn an. Es war ihm ſo wohl, wie es ihm lange nicht zu Sinn geweſen; darum zeg er ſeine Rohrpfeife aus der Seitentaſche und pfiff eine ſeiner Lieblingsweiſen, daß ſie weit in die ſtille Landſchaft hinausklang und das Echo der Berge weckte. Da tönte ein Ruf aus des Thales Tiefe zu ihm herauf. Es war der Ruf einer mächtigen Mannesſtimme, der offenbar ihm galt. Er erwiederte den Ruf. Bald kam der Ruf näher, und immer beantwortet, fand den Jüngling endlich der Rufende, obwohl die Nacht hereinzubrechen begann. Joſt Eich trat keuchend zu ihm. Er ſah zerſtört aus. „Du ſitzeſt hier und pfeifeſt luſtige Lieder,“ rief der heftige Mann,„während ein entſetzlich Unglück dein Dorf heimgeſucht hat! Wahrlich, jetzt iſt nicht Zeit zum Spielen!“ Hanns ſah ihn ganz verwundert an.„Um Gett, was iſt denn geſchehen?“ fragte er erſchreckend.„Wie ſoll mir in der Ferne ein Unglück ahnen?“ „Du willſt die Zukunft kennen,“ haderte der Eich,„und weißt nicht, was Denen begegnet, die du lieb haſt?“— „Gerade das iſt's eben, was ich beklage!“ rief der Jüngling. „Meine Zukunft und die meiner Liebſten iſt mir verhüllt. Aber was iſt denn geſchehen?“ „Haſt du denn den Donner nicht gehört, nicht den Hagel, der fiel, nicht die Fluth geſehen, die Alles verheerte?“ „Was ſagt Ihr?“ rief Hanns,„wie ſollte ich das in der Ferne hören oder erfahren, wenn's erſt heute geſchah?“— „Nun, ſo wiſſe,“ ſprach beruhigter Joſt Eich,„daß alle die Felder deines Dorfes, die in reicher Fülle prangten, zu einer Tenne zerſchlagen ſind vom Hagel, der herabſchoß in ungeheurer Größe, vom wildeſten Sturme gepeitſcht; daß dann droben im Thal eine Wolke ihre ungeheure Fluth entlud, die die Tauber ſchwellte zum reißenden Strome, der die Felſen herabriß, die Bäume entwurzelte, das fruchtbare wegſchwemmte, ſammt den Wohnungen der Menſchen.“ 6— 80 „Gott, Gott!“ rief der Jüngling, und rang die Hände. „Als ich hinab kam, ſtanden auf dem hochliegenden Kirchhofe die Armen von Niclashauſen, die Alles eingebüßt.“— „Der Laborant“— „O mein Gott, lebt er?“ rief bebend Hanns. „Höre mich an,“ ſagte Eich:„Der Laborant war ſchon ſeit drei Tagen ſchwer krank, als das Wetter kam. Niemand dachte an ihn, bis der Strom ſich an ſeiner Hütte brach und ſie krachend der Gewalt nachgab.“— Hanns zitterte am ganzen Leib, und Eich hielt einen Augen⸗ blick ein. „Und?“ fragte mit wankender Stimme der Jüngling. „Du wirſt ſein Angeſicht nicht mehr ſchauen!“ ſprach mit dumpfem Tone der Mann und ſchwieg dann. „O, du heilige Jungfrau!“ rief laut ſchluchzend der Jüngling, und bedeckte ſein Angeſicht mit den Händen.„Warum mußte ich ferne ſein? Todt! todt! auch der Letzte, den ich auf Erden hatte!“ Eich zerdrückte ſelbſt eine Thräne. „Vater Eich,“ ſagte er dann zu Zenem,„iſt nichts mehr zu thun?“ „Richts,“ ſagte dumpf Zoſt Eich.„Die Fluth hat ſeinen Leichnam mitgenommen zum Maine hinab, und Gott weiß allein, wo er iſt. Nicht einmal in geweihter Erde wird er ruhen.“ Hanns mußte ſich ſetzen. Er fühlte alle Kraft weichen. Plötzlich ſprang er auf.„Eich,“ ſagte er,„er konnte ja ſchwim⸗ 6 men wie ein Fiſch. Vielleicht hat er ſich gerettet?“ „Kind, du faſelſt,“ ſagte der Mann.„Weißt du nicht, daß ich ſagte, er ſei todtkrank geweſen? Da iſt kein Hoffen mehr.“ Zetzt raffte Hanns ſeine letzte Kraft zuſammen und eilte hinweg. „Wohin willſt du?“ fragte Eich, und wollte ihn zurückhalten. „Laßt mich!“ rief er, und das Dunkel der Nacht und des Waldes entzog Eich's Blicken ſeine Geſtalt, und bald verklang auch ſein hallender, eilender Fußtritt in der Nacht, und Eich ging in 90— ſtiller Betrübniß ſeinem Gehöfte zu, denn ihm ſagte es ſein Inneres, nun fehlte dem, was ſie gehegt und gepflegt, der Mittelpunkt und die Einheit. In völliger Hingabe an ſeinen tiefen und gerechten Schmerz wanderte in fliegender Haſt der Jüngling dem Orte zu, wo noch mehr als ein Gegenſtand ſeiner tieferen Empfindungen ihn hinzog. Was war aus Marie und ihrer Mutter geworden? fragte er jetzt, denn das zu fragen, hatte die Scham vor dem ſtrengen und heftigen Joſt Eich ihn zurückgehalten. Bei der ſtrengen Wanderung aber hatte er nicht erwogen, daß ſeine Kräfte dauernd nicht aus⸗ halten würden, zumal er heute ſchon eine große Strecke zurückgelegt hatte, und ſein Inneres ſo unendlich tief von Schmerz um den guten Laboranten und von Angſt und Sorge um Mariechen ergriffen war. Bald genug empfand er das auch, und eine ſo lähmende Ermüdung bemeiſterte ſich ſeiner, daß er am Stamm einer Eiche niederſank und in einen Zuſtand völliger Bewußtloſigkeit verfiel. Erſt nach und nach löſte ſich dieſer Zuſtand der Erſchöpfung und ging in Schlaf über, der erquickend wurde. Schon ſah man in Oſten es lichter werden, und einzelne Streiflichter, wie ein ſchamhaftes Erröthen über keuſche Wangen fliegt, rötheten leicht den Himmel, da fuhr Hanns aus ſeinem ſchweren Traum auf. Wie Einer, der nicht weiß, wo er iſt, ſo ſah er um ſich; aber als ſeine volle Erinnerung zurückgekehrt war, ſprang er auf und lief in der Richtung weiter, in welcher Niclas⸗ hauſen liegen mußte. Es war bereits hell und jeder Gegenſtand genau zu unterſcheiden, als er auf der Kante des Gebirgs erſchien. Hier ſtand ſchon der Wald entblättert, wie in den Tagen des Winters, die ſchreckliche Folge eines heftigen Hagelſchlags. Aber wie war der Anblick da unten im Thale, wo Niclashauſen ſtand? Alles war zerſchlagen, wirklich einer Tenne gleich die Sohle des ſchönen Thals. Ein Geſchiebe von Felſen lag auf den Wieſen, daß man kein grünes Hälmchen mehr erblickte. Noch jetzt war der Bach wie ein kleiner Fluß. Am ſchmerzlichſten war der Anblick 5 des Dorfes. Da waren die Hütten des untern Theiles weggeriſſen — „ — 91— von dem Strom; allein auch die höher ſtehenden hatte die Fluth mitgenommen, die von den Bergen herabſtrömte. Es war kaum möglich, daß Hanns ſich zurecht fand, weil der völlig veränderte Zuſtand kaum ein Bild des Geweſenen geſtattete. Der Jüngling eilte den Berg hinab; allein jetzt war er ſeinem Ziele noch ferner. Die Brücke war weggeriſſen, kein Kahn war vorhanden. Und doch brannte es in ihm. Er mußte hinüber. Ohne Weiteres ſtürzte er ſich in die dunkle, rothe Fluth, theilte ſie mit mächtigem Arm und erreichte das jenſeitige Ufer. Blutenden Herzens betrat er die Stätte des Jammers. Ueberall ſtürzten ihm die Armen entgegen, die Alles verloren hatten, und meiſt um theure Glieder ihrer Familie trauerten. Mühſam rang er ſich los und erreichte die Hütte unter dem ſchir⸗ menden Baume. Sie ſtand noch da, und das Waſſer ſchien hier nicht ſolche Zerſtörung angerichtet zu haben. Leiſe öffnete er die Thür und trat in den Raum, der auch Stube war, denn ein Flur war nicht in der Hütte. Auf einem Bette von Moos lag die Mutter und ſchlief ruhig. Mariechen, das liebliche Weſen, hatte gewacht, wie es ſchien. Sie ſaß auf einem Schemel vor dem Bette. Die Arme waren übereinander geſchlagen und das Köpfchen war herabgeſunken, daß das ſchöne Kinn auf der Bruſt ruhte, welche der Athem leiſe hob.— Hanns durfte nicht wecken. Ach, wie mochte die Angſt ſie gequält haben, ehe ſie einſchlief? Er horchte auf das Athmen der Mutter. Es war ruhig. Es war der Schlaf der Geneſung. Marie träumte.„Ach, Hanns!“ flüſterte ſie leiſe, komm', helf' uns, wir ertrinken!“ Er ſetzte ſich auf einen andern Schemel vor ſie und betrachtete das ſchöne Weſen, und endlich, kaum ſeiner Meiſter, drückte er einen Kuß auf die friſche Lippe. 5 „Biſt du da?“ rief ſie erwachend, und ſchlang dann weinend ihre Arme um ſeinen Hals. Und auch ſeine Thränen floſſen dem Herzen, das in der kalten Fluth zu ſchlagen aufgehört atte.— 9 Jetzt erſt erzählte ſie ihm, was ſie erlebt, wie ſie in der Angſt ihre Mutter durch das fluthende Waſſer hinaufgetragen auf den Kirchhof, und wie ſie dann habe Zeuge ſein müſſen, daß das Waſſer des Laboranten Hütte weggeriſſen, daß nichts mehr„* erkennen, als die Stätte. 24 Während ſie noch ſo ſprach, trat Gſcheidt herein.„Du biſt hier?“ ſagte er.„Ach, du weißt ſchon, was geſchehen! Aber komm' mit mir, daß wir uns bereden über dein Fortkommen“ „Laßt mich hier,“ ſagte er.„Ich muß helfen, daß Marie nicht verderbe.“ Der Mann ſchüttelte leiſe den Kopf und ging wieder von dannen. Aber die Frage: was beginnen? lag wohl ſchwer auf dem Herzen des Jünglings. „Weißt du was?“ ſagte die Mutter, welche erwacht war und ſich wieder völlig wohl fühlte,„der Hirtenſeppel iſt ertrunken. Nimm den Hirtenlohn an.“ Hanns beſann ſich nicht lange. Noch an dieſem Morgen ging er zu Gſcheidt, der des Ortes Schöffe war, und ſchon am Abend nahm er Beſitz von dem Hirtenhäuslein, das nicht ferne von Mariechen's Hütte ſtand. Täglich trieb er nun die Heerde hinaus, hütete ſie und ſammelte Pflanzen und Wurzeln, daß er auf den Winter wieder Heiltränke bereite. Sein kleines Amt nährte ihn kümmerlich; aber er litt, wie Alle, Alle, wie er. Umſonſt flehten die Armen den Biſchof um eine Unterſtützung aus den reichen Zehntenſpeichern an. Umſonſt flehten ſie um Erlaß der Frohnden, da doch ihr eigenes Land von den Steinen müſſe befreit werden. Alles blieb fruchtlos. Nur der Ritter von Thunfeld hatte Erbarmen. Er ließ Brod den Armen reichen, und wo ihnen das Vieh ertrunken war, half er ihnen wieder, daß ſie ſich anderes kaufen konnten. Die Armen ſegneten ihn, und den Biſchof traf ihr Fluch. Das ſein Inneres mächtig erſchütternde Ereigniß brachte den Jüngling wieder in jenen Zuſtand, der in ſeiner Jugend ihm eigen geweſen und zeitweiſe aufgehört hatte. Er verſank wieder — 9 in ſeine Entzückungen, wenn er draußen allein bei ſeiner Heerde ſaß. Auch Fälle des Nachtwandelns, des Hinausblickens in eine ferne Zukunft, das Erſcheinen ſeines Engels kamen wieder vor⸗ Nur war jetzt die Richtung eine mehr religiöſe. Er predigte oft Buße dem verſammelten Volke, und es ſtrömte aus der Nähe herzu, ihn zu hören. Der Pfarrer von Niclashauſen, ein Mann von niedriger Geſinnung, ven Habſucht beſeelt, hemmte das nicht, ja er geſtattete ſelbſt, daß das Volk ſich in der Kirche um Hanns ſchaarte; denn die Opfer kamen ja ihm zu gut. 6 Allmählich aber kamen auch wieder jene Vorſtellungen zu Tage, die ihn in früheren Zeiten beſeelt, und das Volk hörte ſtaunend, daß die Jungfrau Maria ihm geboten habe, zu predigen, es ſei unrecht, daß der Biſchof das arme Volk mit Frohnden und Laſten, mit Abgaben und Zinſen drücke; es ſei himmelſchreiend, daß es leibeigen ſei dem Biſchofe. Gott wolle ſein Volk frei wiſſen, frei, wie der Vogel in den Lüften, und frei wie die Luft, die es athme, ſei ſein Land; der Wald mit ſeinem Wild Aller Gut, der Bach mit ſeinen Fiſchen aller Eigenthum. Reiche und Arme müßten zwar unter einander ſein, aber nicht alſo, daß der Eine Alles habe, der Andere im Hunger verderbe; nicht alſo dürfe es ſein, daß es nur Herren gäbe und leibeigene Knechte, denn Gottes ſei der Menſch, und nicht des Menſchen. Immer gewaltiger wurde der Zulauf zu ihm. Weit hinauf in das Land und weit hinab bis an die Ufer des Maines trug ſich das Gerüchte vom Pfeiferhännslein, und was ihm die heilige Jungfrau geoffenbaret, und das Volk kam in Schaaren, den begeiſterten Züngling zu hören, der Alle hinriß, bezanberte mit der Macht ſeines Wortes und dem Honige ſeiner Rede. Als der Schnee auf den Bergen ſchmolz und die Lerche ihr z Lied wieder trillernd— ſang; als im weichen Flaume die Weide ihre Blüthe enthüllte und die Knoſpen ſchwollen an den Bäumen, und das junge Grün aufſproßte an den Bergen, und mit ihm die neue Lebenshoffnung der armen Niclashäuſer, die ein Jahr des Elendes N * durchlebt, da kehrte das Pfeiferhännslein wieder zu ſeiner Heerde zurück, und ſein Horn rief ſie zur nährenden Weide. Wo er geweſen— er hatte dies kein Hehl; was er getrieben — das ſagte er Jedem. Umher war er gezogen im Land, und hatte auf Befehl der heiligen Jungfrau, wie er betheuerte, das Volk zur Rache gemahnt an ſeinen geiſtlichen und weltlichen Drängern. Kaum erſchien Hanns wieder, ſo ſtrömte in noch reicherem Maaße das Volk zuſammen, ſeine Predigt zu hören. Was aber Allen das Auffallendſte war, jetzt ſah man ihn, Eich, Pflaſterer und Gſcheidt, die anerkannten Führer des Volkes, in ſtetem Ver⸗ kehre mit dem Pfarrer und dem Ritter von Thunfeld. Beide beſuchten die Verſammlungen des Pfeiferhännslein's, die jetzt, wo die Maſſe des Volkes das Hundertfache der früheren Zahl betrug, unter dem freien Himmel gehalten und nicht mehr in das Geheimniß gehüllt wurden. Die Reden der Bauern klangen wieder von dem, was das Pfeiferhännslein geſagt, und Niemand ſcheute ſich, ſeines Herzens Meinung unverholen auszuſprechen. So hörte man von ferne das dumpfe Grollen eines nahenden Wetters; ſo ſah man das Wetterleuchten ſchon durch die dunklen Wolken hindurch. Niclashauſen war der Herd der aufrühreriſchen Bewegungen. Von hier aus gingen die feingeſponnenen Fäden weithin über Berg und Thal. Das Bewußtſein, daß bald das Recht eine freie Gaſſe gewinnen ſolle, gab dem Volke eine männ⸗ liche Haltung und eine Freudigkeit, die um ſo auffallender war, als früher ein dumpfer Mißmuth es beherrſcht hatte. Ueberall ſah man Vorbereitungen treffen. Die Eſſen der Schmiede glühten, und Lanzenſpitzen und Morgenſterne wurden gefertigt. Jeder rüſtete ſich, ſo gut er's konnte; Jeder ſuchte eine alte Wehr, die er von den Vätern ererbt hatte, hervor. Jeder kannte die Führer, Jeder die Sammelplätze. Neues Leben glühte“ 1 in Allen. Es galt ja, das Recht der Vergeltung zu üben für langerduldete Unbill und Schmach. Der Ritter von Thunfeld — wollte der Heerführer ſein. Seine Seele war voll Luſt. Die Stunde der Rache am Biſchofe war gekommen. Der Pfarrherr von Niclashauſen ermahnte zum Streit und theilte Waffen aus, die er ſchmieden ließ. Ueberall war Leben und Bewegung, und tauſendfach hörte man das Wort:„Hätt's doch der Kräutermann noch erlebt!“ Nur in Würzburg war man blind und taub! Es fehlte nicht an Anzeigen, nicht an Warnungen. „Laſſet ſie kommen!“ rief der Biſchof lachend.„Sie werden fliehen vor uns, wie vor dem Tod, und nur härter ſoll ℳ Joch, nur ſchwerer ſollen ihre Laſten werden!“ Erſt da, als ſich die Haufen an den Sammelplätzen rotteten und ihre nächſten Befehlshaber wählten, zog der Biſchof die Getreueſten ſeiner Vaſallen an ſich und ließ die Zugbrücken des Schloſſes abendlich aufziehen. Nächſt dem Ritter von Thunfeld war das Pfeiferhännslein die Seele des Unternehmens. Wo er ſich zeigte, da entblößte das Volk ſein Haupt, wie vor einem Heiligen; was er ſprach, das war ihm Offenbarung von oben. Sein ganzes Weſen war ſchwärme⸗ riſcher geworden. Sein Auge leuchtete in höherm Lichte, ſeine Worte waren glühend; er empfing täglich himmliſche Erſcheinungen und verkündete den glänzenden Sieg des Volkes, eine neue Zeit des Segens, der Freiheit und des Ueberfluſſes. Es gab Momente in ſeinem Leben und Thun, die ihn wie einen Raſenden erſcheinen ließen, und dann waren ſeine Worte ziſchende, zündende, zerſchmet⸗ ternde Blitze! Jetzt ſah man häufig die Drei bei ihm, Gſcheidt, Pflaſterer und Joſt Eich. Er bildete den Mittelpunkt eines Rathes, der überall ihm ſeine Geſandten ſchickte, und als der Winter kam, da zog er ſelbſt hinaus in das Land, und überall zündete ſein Wort. Man ſah ihn in Niclashauſen vor Oſtern nicht wieder. Dieſe Regungen konnten in Würzburg nicht unbekannt bleiben. Der Pfarrer von Niclashauſen wurde dorthin berufen, daß er vor dem Generalvikar Kunde gebe, wie es ſtehe um die Predigten des Pfeiferhännsleins und um die Verſammlungen des Volkes. — 96 Auch der ſtrafbarſte Verbrecher konnte in jenen Tagen des tiefen ſittlichen und religiöſen Verfalles ſicher ſein, wenn er einen goldenen Wall um ſich baute. Der Pfarrherr von Niclashauſen war einer der ſchlauen Menſchen, die den Boden gehörig prüfen, auf den ſie hintreten. Er wußte es, daß es nur der Neid ſeiner nahen Collegen war, der ihn angeklagt hatte, er begünſtige ein ſektireriſches, ſchwärmeriſches Treiben und helfe das Volk aufregen gegen ſeine Gebieter und rechtmäßigen Herren. Dieſe Anklage hielt ihm der Generalvikar vor. erne erklärte er ſich darauf bereit, einen Theil der Opfer tenden an das Generalvikariat zu zahlen und— von der Anklage war keine Rede mehr. Doch der Biſchof, der nähere Kunde haben mußte, forderte ihn vor, und er, der gerne Andere zurechtwies, damit ſie es nicht wagten, ſeine eigenen Laſter zu züchtigen, er fuhr ihn hart an und verbot jene Zuſammenkünfte mit dem ausdrücklichen Zuſatze: er werde ſonſt dem Pfarrherrn die Pfründe nehmen, die ihn ſo köſtlich nährte. Voll Zornes kam der Pfarrer zurück vom biſchöflichen Hof. Er war Zeuge eines Lebens geweſen, das Nichts an ſich trug, was biſchöflich geweſen wäre. Er war ein ehrgeiziger Mann, und dieſer herbe Verweis hatte ihn verwundet bis ins Herz hinein. Mit dem Schwure, Rache an dem Biſchofe zu nehmen, verließ er die ſchöne Stadt am Maine, wo in allen Lüſten des Weltlebens der Biſchof ſeinen Hof hielt. Bis jetzt hatte der Geiſtliche, wenn auf Thunfeld der Haß gegen den Biſchof losbrach, deſſen Stange gehalten; aber jetzt, wo er, kaum zurückgekehrt, dorthin eilte, brach der Strom des Zornes hinaus über alle Schranken. Der Burgherr ſtaunte, bis er klar in das Verhältniß hinein ſah, deſſen Herbigkeit den geiſtlichen Herrn ſo gegen ſeinen Obern empört hatte. Der Grund ſeines Haſſes war älter. Wie die Meiſten ſeines Standes, war der Ritter von Thun⸗ feld ein Wegelagerer und Räuber geweſen, und beſonders war er es, der des Biſchofes Zehnten raubte, ſeine Klöſter brandſchatzte, ſeine Weine wegnahm, wenn ſie die Straße nach Würzburg zogen, kommend aus dem geſegneten Gaue, deſſen rebreiche Berge der Rheinſtrom küßt. . Da war der Zorn des vorigen Biſchofs entbrannt, und der alte kriegeriſche Geiſt derer von Gebſattel wurde in ihm lebendig. Er ſchwang ſich in die Bügel und zog mit Heeresmacht, ſtatt des ſegnenden Kreuzes das Schwerdt führend, vor die Burg Thunfeld. Die Belagerung währte lange. Des Ritters Land und Leute waren ausgeſaugt. Der Biſchof ſchwelgte im Lager, während die Belagerten das Leder ihrer Koller erweichten und aßen, um nicht Hungers zu ſterben. Endlich fiel dennoch die Burg in des Biſchofes Gewalt, und als Lehen der Kirche mußte Thunfeld nehmen aus des Biſchofes Hand, was freies Erbe ſeiner Väter von je geweſen war, und die Burg war für ewige Zeiten des Biſchofs„offenes Haus,“ wie es die Urkunde ausdrückte. Da lag der tiefe Grund des Haſſes gegen das Bisthum. Jetzt waren Beide, der Pfarrer und der Ritter, Bundesgenoſſen; jetzt fiel der Vorhang, der das Innere verhüllt hatte, und der erſte Abend des Wiederſehens war Zeuge eines Schwures, den im Volke Niemand ahnete, des Schwures, wenn es zum Ausbruche des Auf⸗ ruhres komme, mit dem Volke gemeinſame Sache zu machen, ja mehr noch, den Volkshaß zu nähren, zu reizen, zu ſpornen, bis er in hellen Flammen aufſchlage, deren Lohe hinanreiche an die hohen Giebel des Schloſſes zu Würzburg, wo der verhaßte Biſchof ſaß und praßte mit den Reichthümern, die er unter tauſend Namen vom Volke erpreßt. V. Ach, ſollt' ich dir nicht mehr trauen? Dich nicht mehr halten für wahr? Ich dürft' ja nimmermehr ſchauen Dir in das Auge ſo klar; Ich dürſt' ja nimmermehr glauben Dem Worte, ſo ſüß und ſo traut! Willſt du dem Herzen rauben, Darauf ſein Glück es gebaut? In dem Hüttchen unter dem großen Birnbaume ſaß das Mütterchen und drehte emſig an ihrer Kunkel den Faden, und tiefe und ſchwere Sorgen drehte ſie mit in den Faden hinein, ohne daß ihr das Herz dadurch leichter geworden wäre. Hatte ja doch Alles eine andere Geſtalt in dem Dorf angenommen, ſeit das Unglück hereingebrochen, welches die Felder zerſtört und des Laboranten Tod mit ſich geführt.. Noth und Elend herrſchte überall. Auf den Feldern lag das Geſtein mehrere Fuß hoch. Zu einer Sommererndte war faſt keine Ausſicht vorhanden, denn die hörigen Leute des Biſchofes von Würz⸗ burg mußten frohnden, und wurden dazu mit eiſerner Härte ange⸗ halten, während ſie für ſich ſelbſt kaum ſorgen konnten. Unmuth, verborgener Haß, hin und wieder auch wohl offene Widerſetzlichkeit zeigte, wie bereits des Pfeiferhännsleins Predigten gewirkt hatten, welche der Ritter von Thunfeld in eben dem Grade, wie der Pfarrherr, begünſtigte. Und an dieſem Pfeiferhännslein hing ihr Mariechen mit ganzer Seele. Alle Tage kam er ins Haus; aber es war in ihm keine jugendliche Heiterkeit mehr. Finſter ſtarrte er oft ſtundenlang in eine Ecke; ſprach nicht; koſte nicht mehr mit Mariechen, wie ſonſt. Sie ſeufzte und weinte; ſtatt daß ſie ſonſt ſo fröhlich war, wenn er kam. Wie ſoll das enden? fragte ſich die verſtändige Frau. Sie war Mutter und hochbetagt. Ihr Kind verſorgt zu wiſſen, 5 war ihre Herzensangelegenheit. Für ihre beſcheidenen Wünſche genügte des Pfeiferhännsleins Erwerb; aber ſeit er Aufruhr pre⸗ digte, ſeit er ſich gegen den Biſchof ſetzte und Andere zu Aehnlichem verleitete, trübte ſich jegliche Ausſicht. Marie war ja Leibeigene des Biſchofes. Wie konnte er es zugeben, daß ſie den heirathe, der gegen ihn ſich auflehnte, ſeine Herrſchaft verwarf?— Was ſollte nun aus ihrem Kinde werden, wenn ſie das Zeit⸗ liche ſegnete?— Was ſollte überhaupt aus ihm werden bei der täglich wachſenden Art des Hanns, der nur Geiſter ſehen, die Offenbarungen der heiligen Jungfrau empfangen haben wollte? Sie hatte ihm das oft mit einfachen Worten geſagt, aber er ver⸗ ſtand ſie nicht, oder wollte ſie nicht verſtehen. Und, ſagte ſie im halblauten Selbſtgeſpräche, ſeit er der Abgott des Volkes iſt, iſt er vollends hochmüthig geworden; will oben hinaus! Begreif's, wer's kann! Er ſpricht mit der heiligen Jungfrau, wie mit unſer Einem alle Tage, wie kann er da an eine irdiſche denken, und wenn ſie noch ſchöner und beſſer wäre, als mein Mariechen? Bald predigt er dem Volke, das ihn wie einen Heiligen verehrt; wie kann er da Wohlgefallen finden am Koſen mit einem armen Mädchen? Bald iſt er bei dem reichen Eich, bald droben im Pfarrhofe, bald bei dem geſtrengen Herrn auf Thunfeld; wie möchte er da das arme Mägdlein minnen? Darum ſitzt er hier und träumt mit offenem Auge; kommt wohl, aber nur aus Gewohnheit, und ſieht die Thränen des armen Kindes nicht, wenn er ſich ganze Abende nicht um es bekümmert hat! 3 Ach, hätt' ſie ihn doch nie geſehen, und er ſie nicht! Mir ſchwanet's, daß es eitel Unglück und Herzeleid gibt. Sie ließ die drehende Hand ſinken; die Kunkel fiel wider ihre Schulter, und ſie verſank in ein trübes Sinnen, während Thränen langſam über die gefurchten Wangen rieſelten. 8 Auch Mariechen's Seele war belaſtet, gepreßt. Sie ſah die Veründerung in Hanns; aber ſie durfte, was ihre Seele quälte, nicht der Mutter ſagen. Und doch wuchs ihre Liebe zu ihm mit . jeder Stunde. Er war ja ihr Sein, ihr Leben, ihr Alles. Hörte — 100— ſie ihn wieder reden mit wunderſamer Begabung; floß das Wort wie Honig von ſeinen Lippen; ſah ſie, wie Hunderte an ſeinem Munde hingen, an ſeinem begeiſterten Auge, ſo erſchien er ihr, wie ihnen, als ein Heiliger, und Alles, was er ſagte, erſchien ihr wie eine Botſchaft vom Himmel. Ihr Herz war ſtolz, daß er ſie liebte. Und daß dies war, wer konnte daran zweifeln? Sie am Wenigſten! Denn wie blickte er ſie ſo ſeelenvoll an! Wie legte er ſeinen Arm ſo liebevoll um ſie! Wie ſprach er ſo trunken von dem Glücke der Zukunft, wenn ſie ſein freies Weib ſein würde und er nicht mehr Hirte wäre! Aber wenn er wieder ſo träumeriſch daſaß und Nichts ſprach; ſie anſah und doch nicht ſah; kam und ging, ohne Gruß, ohne Liebeswort, ohne Druck der Hand— ach, dann legte ſich ein tiefes Weh auf ihre arme Seele; eine namenloſe Angſt erfüllte ſie. Und wenn die Mutter dann ſo redete von dem Ende aller dieſer Unter⸗ nehmungen, und ein ſicheres Unheil und Verderben prophezeihte, dann mochte ſie wohl nicht verkennen, wie wahr das ſei, und wie nöthig, ihn von ſolchem Thun abzumahnen. So war ihr Herz gleich einem Spielballe, den die verſchiedenartigſten Empfindungen hin⸗ und herwarfen, und um ihr ſtilles Glück, um den Frieden ihrer Seele war es geſchehen. Gerade in der Stunde, als ihre Mutter ſich ſorgenſchweren Herzens den Befürchtungen überließ, trat Marie aus dem Walde hervor, wo ſie Gras für ihre Kuh geſammelt, die, weil ſie den Fuß verletzt, nicht zur Weide gehen konnte. Sie legte ihr Bündel ab und ſtand ſinnend da. Es war an jener Stelle, wo ſie vor Jahren den Knaben belauſcht, als er ſo ſüß ſchlief, wo ſein Bild ſich in ihre jugend⸗ liche Seele gedrückt, daß es nicht mehr daraus weichen konnte; wo ihr ſtilles Liebesglück begonnen, das jetzt ſo oft die düſteren Wolken jenes Sonnenlichtes beraubten, das ihr Weſen erwärmt und herklärt hatte. Sie ſchaute hinab auf das Dorf mit trübem Sinn und Blicke. Dort lag ihr Hüttlein unter des wilden Birnbaumes ſchir⸗ ——— ——— — mendem Laubdache; dort das Hirtenhäuslein, wo er wohnte, der ihrem Herzen ſo theuer war. Alle die ſüßen Bilder der Jugendzeit gingen an der Seele vorüber; alle die Scenen des ſtillen Glückes der einſt ſo reichen und glücklichen Liebe. Sie wurde hingeriſſen, das Damals mit dem Heute zu vergleichen, mit dem Heute, das ſo tiefen Schmerz dem liebenden Herzen brachte. Thränen traten in des Mädchens ſchönes Auge. Schwere Seufzer hoben die tiefauf⸗ athmende Bruſt. Die Zukunft trat, angeſchaut mit den Vorſtellungen ihrer Mutter, ſo dunkel vor ihre Seele, daß ſie immer trauriger wurde, ihre Thränen immer unaufhaltſamer floſſen und zuletzt ihr Auge kaum das Nächſte unterſcheiden konnte, weil der Thränenſtrom es umflorte, und doch— erleichterte er ihre Bruſt nicht.— Da rauſcht es im Laube; da klingen raſche Fußtritte auf dem Geſteine, und bald ſteht Hanns neben ihr. Anfänglich war ſie erſchrocken; aber jetzt wich der Ausdruck des Schreckens ſchnell dem wonnigen Lächeln der Liebe. Sein Blick leuchtete von innerer Luſt. Er kam von einer Verſammlung, welche die Häupter des Volkes mit dem Ritter von Thunfeld und ſeinem Sohne gehalten. Alles war dort verabredet worden, was nöthig erachtet worden war zum nahen Losbrechen, Der Ritter hatte verkündet, wie der Biſchof entſchloſſen ſei, je den zehnten Bauern hängen zu laſſen zur Strafe ihrer aufrühreriſchen Geſinnung, und ver Pfarrer von Niclashauſen gab dem Worte beſtätigenden Nachdruck. Wuthentbrannt hatten die Bauern geſchworen, das an dem Biſchof und ſeinem Anhange zu rächen, und darauf den Ritter, den Junker und Hanns zu Führern, Eich, Pflaſterer und Gſcheidt zu Unterführern erwählt. Seine Seele glühte in dem Gedanken der Rettung des Volkes. Wie er ſo das liebliche Mädchen anſah, konnte ſie die Thränen ſeinen Blicken nicht entziehen, obwohl ſie ſchnell mit der Hand ſie zu verwiſchen verſucht hatte.. „Du weinſt?“ fragte er betroffen, und legte den Art ihren ſchlanken Leib. „Ach nein!“ ſagte ſie, und lächelte ihn holdſelig an, aber es perlten noch zwei Verräther über die blühende Wange. „Verſchweig' mir's nicht, was dich drückt,“ bat er. „Soll ich dir's ſagen?“ „Gewiß!“ „Ach,“ ſeufzte ſie, und ihre Thränen rannen wieder,„du biſt nicht mehr, wie du warſt. Sieh, dort ſahen wir uns zuerſt, wo die hohe Tanne ſteht. Damals warſt du ein Anderer. Seit du mit den Männern heimlich verkehrſt, ſeit du mit dem Pfarrer und den Rittern umgehſt— haſt du— mich nicht mehr— lieb!“ Sie preßte ihre Schürze vor die Augen und weinte heftig. „Mariechen!“ rief er, und preßte ſie an ſeine Bruſt.„Wer hat den Dorn in deine Seele getrieben? Ich dich nicht mehr lieb haben? Wer hat dir das geſagt?“ „Die Mutter,“ ſchluchzte ſie,„und ich merk' es ſelber.“ „Du merkſt es?“ Sie ſah ihn mit ihren ſchönen Augen an, als wolle ſie ihm in die Seele ſchauen.„Ach,“ ſagte ſie, mit der Argloſigkeit der Unſchuld und der Rückhaltloſigkeit liebenden Vertrauens,„wie biſt du oft ſo ſtille, redeſt mit mir kein Wort, ſiehſt mich nicht mehr an. Deine Gedanken ſind anderswo, wenn du bei mir biſt, und meine Seele iſt doch dein!“ „Kind, laß deine Mutter ſchwatzen,“ ſagte Hanns,„ſie iſt ein altes Weib; aber traue mir mehr. Wie ich dich liebe, weiß nur Gott. Du biſt mein Alles. Außer dir hab' ich ja Niemanden mehr auf Erden; aber ich muß vollenden, wozu ich berufen bin und das erfüllt oft meine Seele ganz, und muß ſie erfüllen.“ „Berufen? Von wem? und wozu?“ fragte ſie. „Ja,“ ſagte er, und ſeine Züge waren verklärt von einem wunderbaren Lichte.„Berufen bin ich, das Volk zu befreien von der Gewalt des Biſchofes; frei ſollſt du ſein, und dann mein Weib. Berufen bin ich, das Volk zum Kampfe gen Würzburg zu führen, und die mich berufen, iſt die heilige Jungfrau!“ Das Mädchen faltete ihre Hände vor der wogenden Bruſt — 103— Sie war bleich geworden wie Schnee. Sie wagte es kaum, ihn anzuſchauen, ſo ganz anders, ſo erhaben ſtand er vor ihr da.„Die Mutter Gottes?“ fragte ſie erſtaunt und zögernd. „Ja, Kind, ja, die Mutter Gottes!“ erwiederte er mit leb⸗ haftem Ausdrucke. Buße muß ich predigen der Welt, daß ſie ſich reinige in Gebeten, und dann fähig werde, frei zu ſein von der unnatürlichen Leibeigenſchaft, frei von der Laſt, Frohnde und Beet, frei von Zehnten, von Herren- und Pfaffendienſt. Iſt das vollendet, ſo werde ich ſtille leben und zufrieden.“ „Ach, Gott,“ ſagte das Mädchen,„der Pfarrer ſagte ja doch, daß es Gott ſo haben wolle.“ „Das ſagte er, ſo lange er im Irrthume wandelte. Zetzt ſpricht er anders. Glaubſt du denn, Gott habe den Menſchen erſchaffen, daß er der Leibeigene ſeines Bruders ſei? Wir ſind Alle gleich vor Gott. Hat Gott die Thiere des Waldes nur für Ritter und Pfaffen, für Grafen und Biſchöfe erſchaffen? Sind die Fiſche des Waſſers und die Vögel unter dem Himmel nur für ſie da? Sind etwa des Feldes Früchte nur für die fetten Faulenzer in den Klöſtern? Sind wir ihre Laſtthiere? Iſt der„arme Mann“ nur da, daß er geſchunden werde und Andere von ſeinem Marke ſich mäſten?“ Glaubſt du, es ſei Gottes Wille, daß der Ritter Hutten des Laboranten junges Weib raubte, da ſie lieber ſtarb, als der Schande zum Opfer werden wollte? Hältſt du es für Recht, daß er mein Mütterlein von Hunden zerreißen ließ? Wehe, wehe über ſie! Wer hat Biſchöfe und Prieſter zu weltlichen Herren gemacht? Wer hat dem Biſchofe von Würzburg erlaubt, ſich einen Herzog von Franken zu nennen? Unſer Volk war frei wie der Vogel in den Lüften, und ſie haben es zu Knechten gemacht! Es war Zeder Herr auf ſeinem freien Eigenthum, aber ſie haben es betrogen, überliſtet und beraubt an Freiheit, Recht und Gut. Während wir hungern, ſchwelgen ſie; während Kies und Schutt unſer Feld bedecken, müſſen wir das ihrige reinigen, und im Schloſſe zu W verpraßt, was wir liefern müſſen. Schmeichler und Tagediebe — 104— im Schloſſe des Biſchofs und das arme Volk kommt um vor Hunger. Das Volk iſt ausgeſogen bis aufs Blut. Zinſen, Gülten, Beſt⸗ haupt, Handlohn, Zoll, Stener, Beet, Zehnten, Rauchhühner, Blutzoll, Baſtardfall und ich weiß nicht, welche Namen haben ſie für neue Laſten erſonnen, daß wir verderben, und ſie ſchwelgen! Nein, die Stunde des Gerichts iſt da! Die heilige Jungfrau iſt mir erſchienen, daß ich die Macht Belial's zerſtöre!“ Er hatte das geſprochen mit der Kraft und dem Feuer, das ihn hinrieß, wenn er auf Aehnliches zu reden kam. Seine Stimme klang wie rollender Donner, ſein Auge ſchoß Blitze, ſein ganzer Körper war in fieberiſcher Bewegung. Das Mädchen ſaß vor ihm mit gefalteten Händen. Sie war noch ſo bleich wie früher. Sie zitterte heftig. Als er ſchwieg, rief ſie aus:„O, du heilige Jungfrau, wie ſoll das enden?— Es wird kommen, daß ſie dich pflöcken und ich vor Jammer ſterbe!“ Er war ruhiger geworden. „Nein,“ ſagte er.„Ich habe die Zukunft geſchaut,“ ſagte er mit freudiger Zuverſicht.„Ich weiß das Ende. Du warſt bei mir, und wir waren frei und glücklich, und eine Glorie umfloß uns.“ Sie ſchauderte in ſich hinein und ſagte:„Ja, ja, aber in dieſer Welt nicht!“— „O, Hanns, Hanns,“ rief ſie dann plötzlich, wie von einer unſichtbaren Macht emporgeriſſen,„laß ab, laß ab! Sei zufrieden mit dem ſtillen Glücke, das uns in dem Hüttlein blüht! Ich helfe dir die Heerde weiden und du kocheſt Heiltränke, wie du ſie vom Labvranten lernteſt. Mir ſagt's ein ängſtigendes Vorgefühl, daß es ſchrecklich enden wird. O, die Gewaltigen herrſchen und führen das Schwerdt. Sie werden Euch niedermetzeln und das Joch wird härter, als zuvor. O, ich flehe dich an, laß ab, ehe es zu ſpät iſt.“ Er lächelte.„Du weißt nicht, was du redeſt,“ ſagte er.„Ich thue es nimmer aus mir. Was mir geboten iſt, dem muß ich gehorchen. Deine Angſt iſt die Angſt einer Mädchenſeele. Du weißt nicht, wezu ich erwählt bin.“ Sie inniger. Ihre Thränen rannen mächtig. Aber mit — 105— der begeiſterten Gluth ſeiner Seele wies er ſeinen Beruf nach. Langſam ſchritten ſie zum Dorfe hinab, da es kühl werden wollte und der Tag ſich neigte. Mehr und mehr gelang es ihm, ſie zu überzeugen, daß ein himmliſcher Beruf ihm geworden ſei, dem er genügen müſſe. Hin⸗ und hergeriſſen zwiſchen Zweifel und Glauben, zwiſchen Furcht und Hoffnung, kam ſie zur Hütte ihrer Mutter, wo ſich Hanns von ihr getrennt. Ach, es lag zentnerſchwer auf ihrer Seele! Die Mutter hatte mit wachſendem Verlangen ihrer Ankunft entgegengeſehen. Die Kuh gab durch unverkennbare Laute ihren Hunger zu erkennen, und immer kam das Mädchen noch nicht. „Wo ſie doch bleiben mag?“ ſagte die Alte zu ſich.„Sie ſitzt gewiß wieder wo bei dem Träumer!“ Endlich ſah ſie Beide kommen, und ein tiefer Seufzer zeigte, wie ſehr ſie dieſe Liebe beklagte. Ihr einfacher Verſtand ſchaute ruhig und klar die Verhältniſſe an. Sie erkannte den Volksdruck, von dem Hanns ſo lebenvoll ſprach. Sie beklagte ihn; aber die Mittel, welche Hanns wählte, ihn zu entfernen, billigte ſie nicht, ſo wenig, als ſie ſeine heftigen Schimpfreden billigen konnte, die er gegen den Biſchof von Würzburg ausſtieß. Ihr war er der gehei⸗ ligtſte Mann Gottes. Ihm gehorſam zu ſein, ſchien ihr die heiligſte Pflicht. Binden und löſen konnte er aus heiliger Macht. Wer ſich gegen ihn ſtemmte, der lehnte ſich gegen Gott ſelber auf. Darum mußte Alles frevelhaft erſcheinen, was Hanns redete und zu thun im Schilde führte. Erſt nachdem Mariechen das Thier befriedigt und ſorgfältig die Spuren ihrer Thränen vertilgt hatte, trat ſie zur Mutter, um das Feuer des Herdes zu ſchüren, daran das Süpplein für die Alte kochte. Ein Blick der Alten fuhr über das Antlitz des Mädchens, und er reichte hin, ihr die Spuren der Thränen zu verrathen, die Mariechen umſonſt zu verbergen ſich bemüht hatte. „Gewißlich hat er dir wieder von ſeinen Träumen und Erſcheinungen vorgefabelt?“ fragte die Alte. 5* * — 106— Marie ſchwieg und ſenkte tiefer das ſchöne Haupt. „Nun,“ fragte die Mutter,„iſt's nicht ſo?“ „Ach, liebe Mutter,“ ſagte ſie bittend,„er träumt ja nicht. Die heilige Jungfrau—“ „Siehſt du, da iſt wieder ſein Hochmuth, der ſich für den Erwählten hält und oben hinaus will. Nur mit den reichen Leuten, dem Pfarrer und dem Ritter pflegt er Umgang. Iſt es ein Wunder, daß es ihm hier nicht mehr, nicht mehr bei dir gefällt?“ „Hoch hinauf, geht tief hinad. Mädchen, bedenk's, daß er dich nicht mitreißt in ſeinen Fall! Die heilige Jungfrau ſei ihm erſchienen? Ja, ihm, dem Kuhhirten, erſcheint gleich die heilige Jungfrau, als ob's keine Nonnen, keine heiligen Himmelsbräute, keine frommen Brüder und Geiſtliche, keine Biſchöfe und Erzbiſchöfe gäbe? Einem Narren ſoll er's weiß machen, mir nicht! Da Sſagt er, die heilige Jungfrau habe ihm geſagt, er ſolle predigen, daß ſich das Volk bewaffne und aufſtehe gegen den Biſchof, der das Volk ſcheere und mit der Wolle ſich weich bette. Glaubſt du das, daß ſich die heilige Jungfrau in Welthändel miſche und die heiligen Biſchöfe hänſelt und zu Blutvergießen räth? Es iſt meiner Lebtage nicht wahr!“ „Er lügt nicht, Mutter!“ ſagte mit bitteren Thränen das arme Mädchen. „Glaub's auch, Kind,“ erwiederte die Alte;„aber er iſt verrückt und meint, was er träume, ſei wahr. Wovon das Herz voll iſt, träumt die Seele, und die reichen Leute, die Freibauern, Ritter und ſelbſt unſer Pfarrer gebrauchen ihn, daß er für ſie die Kaſtanien aus dem Feuer hole; er verbrennt ſich die Finger und ſie eſſen ſie „Ach Mutter, Mutter! ſcheltet ihn keinen Narren, er redet ſo klug; er predigt beſſer, als der Pfarrer—“ rief das Mädchen⸗ „Glaub's wohl,“ entgegnete die Mutter.„Das ſind Gaben⸗ 3 die hat er; aber haſt du den tollen Andres nicht gekannt, der auch in dem Gepüſſer umgekommen iſt? Sprach der nicht auch klug? wenn er darauf zu reden kam, er ſei der Papſt, ſo war er 107 ein Narr, wie Einer. Es gibt ja Narren, die nur Ein Stecken⸗ pferd reiten, ſonſt ganz geſcheidte Leute ſind! Es iſt vielleicht noch Zeit. Warne, warne ihn!“ „Ach, liebe Mutter, ich that's ja— aber—“ „Aber? Gelt! Da hat's gehapert? Da iſt er wieder in die Gerſtenflur gerathen, wenn du ins Kornfeld wollteſt? Es ſitzt zu feſt bei ihm. Ich bleib' bei meinem Grundſatz: Einer Geis gehört kein langer Schwanz, ſonſt hätt' ihr unſer lieber Herr Gott ſchon einen gemacht.“ „Ach, Mütterlein, ſeid nicht ſo hart!“ flehte Marie.„Er iſt nicht ſtolz. Es iſt kein Hochmuth. Wenn das geſchehen iſt, wozu ihn die heilige Jungfrau berufen hat, ſo nimmt er wieder den Ringelſtock, Pfeife und Handpauke und heirathet mich.“— Sie erröthete bei dieſen Worten und ſah unter ſich.— „Wenn und Aber!“ rief die Mutter.„Das ſind die Hals⸗ brecher in dieſer Welt. Brauchſt nicht roth zu werden, armes Kind; das iſt Gottes Wille und Ordnung ſo, und iſt ſo geweſen ſeit Anno 1. Das gefällt mir nicht, daß er ſich hinter die vermale⸗ deiten Weun und Aber verkriecht, wie ein Hamſter in ſeine Höhle. Imnmer und ewig kommt er wieder auf ſein altes Lied von ſeinem heiligen Berufe. Das Ende wird ſein, daß er erhöhet wird wie der Haman, von dem der Bruder Capiſtranus erzählte.“ Marie erbebte und brach ſchier zuſammen. Erſt jetzt merkte die Mutter, wie ſie ihr armes Kind geſoltert hatte, und das weiche Mutterherz mußte bereuen, was ſie geſagt. „Ihr könntet ſo glücklich ſein,“ ſagte die Mutter.„Das Hirtenlohn reichte hin, Euch zu ernähren, und im Winter verdiente er ſchweres Geld durch Pfeife und Handpauke. Das Pfeiferhänns⸗ lein hat einen guten Ruf im Lande weit und breit, und iſt gerne geſehen. Klein und rein, bauet das Häuſelein.“ „Möchte er doch das einmal von Euch hören!“ ſagte bittend das arme Mädchen. „Sag' das ihm, Kind! Dir ſteht's zu, und dich hört er an. Wenn ich anfange, geht er durch 2 es nicht. „Ich kann nicht!“ war Mariens thränenbegleitete Antwort. „Was? kann nicht?“ rief die Mutter, die nun alsbald wieder in ihre alte Rolle fiel.„Du meinſt in deiner Einfalt, er ſei ein Heiliger, am End' ein Herrgott? Guckſt an ihm hinauf, als ſtünd' er über dir? Da hab' ich's mit meinem Peter(Gott hab' ihn ſelig!) anders gehalten. Wenn der einen Bockſprung machen wollte, da hab' ich ihm den Kopf gewaſchen, und gleich war er wieder im alten Gleiſe. Was ſoll's mit Eurer Ehe werden, wenn das ſo geht? So zimperlich, als ſei er ein Graf! Der hackt dir noch das Muß auf dem Kopfe. Nein, wenn du eine Lehre von der alten Mutter annehmen willſt, ſo ziehe dir ihn bei Zeiten. Die Männer müſſen gehorchen, ſonſt iſt der Teufel los im Hauſe. Sie müſſen gehorchen; aber merken dürfen ſie das nicht. Sie müſſen nach der Pfeife der Frau tanzen, ohne daß ſie es klingen hören. Mein guter Peter(Gott hab' ihn ſelig), dein guter Vater, war auch ein Mann, groß wie der Hanns, aber er hörte aufs und ich hatte alle Tage Recht. „Stelle dich zornig und bös, Mariechen Weine einmal ein Stück. Hilft das nicht, ſo bitte und flehe; geht's ſo nicht, ſo zanke; bleibt auch das ohne Frucht, ſo thue, als habeſt du ihn nicht mehr lieb und ſcherze mit einem andern Burſchen. Das hilft gewiß, und ſo gelingt es dir, ihn abzubringen von ſeinem tollen, unglückſeligen Wege, deſſen Ende nur Verderben ſein kann. Folge meinem Worte, du wirſt es nicht zu bereuen haben.“ Geſenkten Haupts und ſchweren Herzens verließ das Mädchen die Mutter. Ihre Liebe war ihr Leid, und doch konute ſie nicht von ihm laſſen, nicht thun, was die Mutter rieth. Er war ſo gut, ſo liebevoll heute wieder geweſen. Nein, er log nicht! Was ihn bewegte, war höhere Eingebung. Die Mutter begriff und faßte 6 — vI. Das Volk ſteht auf. Der Sturm bricht los, Was legſt du die Hände feig in den Schvoß? Pfui, über dich Buben hinter dem Ofen! Theodor Körner. Die Burg Thunfeld lag ſtolz und trotzig auf einem ſteilen Kalkfelſen, deſſen flachabfallende Seiten, aller Vegetation ledig, nur glatte Wände wieſen. Sie gehörte einem eben ſo alten als tapfern Geſchlecht, und nie war die Burg erſtiegen worden, als durch den kampfluſtigen Gebſattel. So war das freie Geſchlecht raſch und entſchieden zum Vaſallenthume gekommen. Das gohr in tiefer Seele, und das Ergebniß war bitterer Haß. Darum ließ ſich der Ritter mit den Bauern ein, daß er Rache nähme an dem Biſchofe, wenn auch ſtatt ſeines Feindes von Gebſattel jetzt Rudolph von Scherenberg des Bisthumes Gewalt übte. Kunz von Thuufeld hatte ſich längſt das Pfeiferhännslein als ſeinen Mann erſehen, denn er vermochte unendlich viel über das Volk. Wie auch Marie und ihre Mutter entgegenwirkten, ſeine Schwärmerei wuchs mit jede Tag, und er war der Hebel in Thunfeld's Hand. cR 5 Seit den„Mitfaſten“ des Jahres 1476 hatten die Predigten des Hirten von Niclashauſen wahre Wunder gewirkt. Auf einer umgekehrten Bütte ſtehend, predigte er die volle Freiheit dem Volke als Befehl der heiligen Jungfrau. Kein Kaiſer, kein König, kein Fürſt, kein Papſt, überhaupt keine weltliche und keine geiſtliche Obrigkeit ſolle und dürfe mehr ſein, das war Grundtext ſeiner Predigt. Ein Jeder ſei des Andern Bruder, Keiner des Andern Herr. Ein Reich der Freiheit und Liebe, der Gerechtigkeit und Heiligkeit ſoll erbaut werden, und Chriſtus werde wiederkommen, Alles zu heiligen. Das waren Worte, die zauberhaft wirkten. Alles Volk rannte herzu, an den grünen Ufern der Tauber den neuen Propheten zu — 110— hören, an deſſen Seite zwei Ritter und ein geweihter Prieſter als Bürgen der Wahrheit ſeiner Worte ſtanden. Selbſt vom Rhein, aus Schwaben und Bahern zogen die Wallfahrer herzu.„Bruder“ und„Schweſter“ war ihr Gruß, alle Güter theilten ſie ſich williglich mit. Alles opferte man willig. Sein Beſtes gab Jeder. Geſchmuck, Geld, ſelbſt ihr Haar gaben Frauen und Mädchen hin, wenn Anderes nicht in ihrem Beſitze war. Es war ein wunderſam Wetteifern in der Hingabe. Es könnte wunderbar klingen, aber es iſt eine verbürgte Wahrheit, daß die Verſammlungen oft die Zahl von vierzigtauſend Männern und Frauen erreichten. Tag und Nacht lag das Volk im Freien. Köche kochten und Schenken verzapften Bier und Wein. Hunderte von Buden und Zelten waren errichtet, wo Kaufleute ihre Waare prieſen; aber die beſten Geſchäfte machten Waffenſchmiede; denn das Volk rüſtete ſich zum Kampfe gegen die verhaßte Gewalt, die das Pfeiferhännslein als vom Teufel geſtiftet erwies. Hanns war in ſtetem Taumel; denn das Volk bog die Kniee vor ihm, und nannte ihn ſeinen Propheten, ſeinen Retter, den Mann Gottes vom Himmel geſendet. Seine Pauke und Pfeiſe hatte er öffentlich verbrannt, und ein breites Schwerdt um ſeine Lenden gegürtet. Täglich hatte er neue Erſcheinungen und Sſenta Um Irdiſches kümmerte, üch nicht mehr ſeine Seele. Mariechen, obwohl ſtets gewarnt von der Mutter, hing ihm mit Begeiſterung an; denn die Verehrung des Volkes riß auch ſie in den Taumel zin Sie knieete zunächſt neben der Tonne, auf der er predigend ſtand. Zu ihm ſchlug ſie das gläubige Ange in innerlicher Liebe auf. Als ſeine Schweſter folgte ſie ihm, wie ſein Schatten. Und ein Blick der Liebe machte ſie unendlich glücklich. Selbſt die Mutter begann ſie zu meiden. Sie war Gläubige, und jetzt war ſie es ſo ſtark, wie ſie früher wohl die Zweiflerin durch ihre Mutter geweſen war. So ſtand es, als am Samſtage vor dem Sonntage, welcher dem Feſttage Sanct Kilian's vorher ging, die Häupter des Volkes, — 111— und unter ihnen Joſt Eich, Pflaſterer, Gſcheidt und der Pfarrer von Niclashauſen, den Berg hinauf ſtiegen, welcher zur Burg Thunfeld führte. Seit längerer Zeit weilte das Pfeiferhännslein auf der Burg, weil der Ritter fürchtete, daß gedungene Mörder ihm nach dem Leben ſtehen möchten. Es ſollte Kriegsrath oben gehalten werden, denn die Stunde des Aufſtandes war da. Ritter Kunz von Thunfeld und ſein Sohn harrten der Männer mit Sehnſucht. Ihre hörigen Leute waren ſchon entboten, ſchon gerüſtet; daß es auch das Volk ſchnell ſeyn würde, wenn Hans es geböte, ſtand außer Zweifel.„ Zetzt nahten ſie ſich dem Burgthore, die Zugbrücke rollte herab und ſie traten ein. Es waren kräftige, einfache Männergeſtalten inz dem groben Kleide des Landmannes jener Tage aus Beiderwolle, braun und weiß gemiſcht von Farbe. Ein Wamms bis über die halben Schenkel reichend und weite, aber bloß bis zum Knöchel reichende, unten enge, oben weite Hoſen. Um den Fuß waren Schaffelle gewickelt, und der grobe Bundſchuh umſchloß ihn. Manche trugen Hüte aus einem dicken groben Filz; Andere Gugelmützen, wie das Pfeiferhännslein eine zu tragen pflegte. Der Pfarrer allein war nicht bewaffnet. Armbrüſte, aber mehr noch ſtachlige Morgenſterne und Streitkolben, mit Eiſen ſchwer beſchlagen, bildeten dieſe Bewaffnung.— In des Schloſſes großer Halle legten ſie dieſe Waffen ab und gingen nun ſtille die Treppen hinauf zu dem Allen bekannten Saale. Als die Männer hier nur die beiden Ritter fanden, ſahen ſie ſich verwundert und fragend überall um. „Wo iſt das Pfeiferhännslein?“ fragte Joſt Eich nicht ohne einige Bangigkeit. „Er liegt im Gebete vor der heiligen Jungfrau,“ ſagte der Ritter.„Schon ſeit Mitternacht ringt er, und es war vergebens, daß ich ihn anredete. Er hörte und ſah vicht.“ * Höchſt befriedigend war dieſe Kunde für Alle. Sie ſetzten ſich auf des Ritters Geheiß, und die Knappen kredenzten den Willkomm⸗ trunk den meiſt ſehr ermüdeten Wanderern. „Wie ſteht es?“ fragte der Ritter Hanns Gſcheidt. „Gut,“ entgegnete dieſer, denn es ziehen ſchon ganze Schaaren herbei für den morgenden Tag, und ſchwerlich wird es geſchehen, daß Raum für Alle im Thalgrund an der Tauber iſt. Schon ſteht eine kleine Stadt von Gezelten da, und die Köche und Wirthe ſieden und braten, und ſchroten ihre Fäſſer ab von den Wagen, die ſie gebracht haben.“ „Ich glaube,“ ſagte Pflaſterer,„die Schwaben ziehen in hellen Haufen heran und werden vor Sanct Kilianstag nicht mehr heim⸗ kehren, ſondern ſich aufhalten hier im Lande.“ „Haben ſie denn Waffen?“ fragte der Junker. „Seit die Waffenſchmiede am meiſten verkauft haben, ſind vhen da mit ganzen Wagen voll altem Wehrweſen, das ſie zuſam⸗ mengefucht,“ ſagte Joſt Eich.„Da ſoll's wohl nicht fehlen, wenn nicht am Gelde.“— Meine Scheuer iſt voll von Waffen,“ ſagte der Pfarrer von Niclashauſen,„die geb' ich preis. Für Pech zu Pechkränzen hat der Gſcheidt geſorgt. Ich bin ſelber gen Mainz gefahren und hab' gekauft, und Bertram, der Köhler, hat den Auslauf ſeines Meilers bewährt; der brennt wie purer Schwefel; hat auch Kränze gemacht aus Stroh und Werg, und ſie eingetaucht,“ ſagte der Gſcheidt. „Es fehlt nun nichts, als daß es heißt: Voran, gen Würzburg! Denn der muß zuerſt dran, dann ziehen wir weiter.“ In dieſem Augenblicke ging die Thür auf und das Pfeifer⸗ hännslein erſchien auf der Schwelle. Er trug die Kleidung wie die übrigen Bauern. Das bräunlichweiße Gewebe des Volkes gab den Stoff. Das lange Wamms nit einer Reſtelreihe bildete de⸗ Oberkleid, und die weiten kurzen Hoſen bedeckten ſeine Beine bis zum Knie, wo ſie, rund abgeſchnitten, endeten und dem Beine leichten freien Tritt gewährten. Tiefer hinab war das Bein bloß und der Fuß ſtand unbedeckt in dem Bundſchuh. Auf dem reich — 113— den Kopf unwallenden hellblonden Haare ſaß keine hemmende Kopfbedeckung. Es fiel feſſellos um den Kopf. Seine Hüften umgürtete ein Wehrgehänge, das ihm der Ritter geſchenkt, mit einem ziemlich langen zweiſchneidigen und ſpitzigen Dolche. In ſeiner Hand hielt er einen Schäferſtab. Waren auch ſeine Wangen bleich vom Faſten, Wachen und Beten, ſo glühte doch ſein Auge in dunkelm Feuer. Als er die Männer ſah, die ſchnell aufſtanden, ihn ehrfurchts⸗ vollſt zu begrüßen, blickte er ſcharf über ſie hin, und als er Keinen vermißte, rief er freudig: Willkommen! Alle ſtanden und harrten ſeines Worts. „Es iſt geſchehen!“ ſprach er dann, nähertretend, mit ſeiner vollen klaren, wohllautenden Stimme.„Sie iſt mir erſchienen, die Königin des Himmels. Stehe auf! hat ſie geſagt, und führe mein Volk gegen Würzburg, des Drängers Macht zu brechen. Stürme die Stadt. Ihre Mauern werden niederfallen auf deinen 8 Ruf, und die Thore des Schloſſes aus ihren Angeln gehen auf dein Geheiß. Und wenn du hier die Macht Belial's gebrochen haſt, ſo raſte nicht. Zerſtöre die Klöſter; denn die Unzucht wohnt darinnen! Breche die Schlöſſer der Fürſten und Herren, und rufe aus das ewige Jahr des Friedens und Segens! „Das war ihr Wort.“ Alle beugten und bekreuzigten ſich über die Bruſt und das Angeſicht. „Und ich ſah,“ fuhr Hanns fort,„die Völker nahen vom Aufgang und Niedergang in hellen Haufen, und der Regenbogen ſtand über ihnen, zum Zeichen, daß Heil und Frieden folget; aber Bäche Blutes der Baalspfaffen floſſen dahin, und das ſiegende Volk ſchritt hindurch. Die Schlöſſer brannten nieder, und ihre Lohe ſchlug zum Himmel, wie die Flamme des Opfers, und das Volk hatte Ueberfluß an Brod und an dem, was es bedurfte.“ Alle ſahen begeiſtert zu ihm auf. „Und der heilige Kilian kam und ſprach: Mein Jahrestag ſoll der Taß ſein, da mein Volk ausziehet, wie Iſrael aus Aegyp⸗ 5 — 114— ten ausziehet, zu ſtrafen die Fürſten der Edomiter. Alſo thue, und es wird gelingen! Amen! Alle ſprachen: Amen. Hanns Böheim aber wandte ſich und ſchritt wieder zum Saale hinaus nach der Kapelle zu. Da trat ein Knappe herzu, beugte ſein Knie und ſagte:„Mann Gottes, ein Mägdlein harret am Thor. Es will dich ſehen!“ Da flog ein Roth über das bleiche Antlitz des Jütglings. „Laß ſie gehen!“ ſagte er. „Ich hab' es ihr geſagt,“ war des Knappen Antwort,„aber ſie will nicht gehen. Sie meint, man habe dir ein Leid gethan. Ach, ſie weinet ſehr!“ „Sag' ihr, ich lebe!“ ſprach er. „Ich hab's ihr geſagt,“ wiederholte der Knappe. „So bleib' zurück!“ befahl Hanns, und ſchritt tief bewegt der Brücke zu. Auch hier ſchickte er die Reiſigen zurück und trat hinaus. 8 Da lag das Mädchen auf ſeinen Knieen vor dem Kreuze, das in den Felſen gemeißelt war an der Stelle, wo einſt ein Ritter von Thunfeld geſtürzt und ſeinen Tod gefunden. Es war Mariechen. Sie betete in tiefer Inbrunſt, alſo, daß ſie ihn nicht kommen hörte. Als er aber ſeine Hand auf ihre Schulter legte, ſprang ſie auf und ſtand vor ihm, und die Allgewalt der Liebe leuchtete aus ihren ſchönen Augen.„Du lebſt!“ rief ſie, ſeine Hände faſſend und heftig in der Freude ihres Herzens preſſend. „Hat dir Jemand geſagt, ich ſei todt?“ fragte er ernſt. „O nein, o nein!“ rief ſie, und ſie ſah ihn ſo ſelig lächelnd an,„aber ich hatte keine Ruhe. Ach, mir träumte ſo ſchwer!“ „Was träumteſt du?“ fragte er. „Ich ſah Flammen um dich auflodern, und du warſt mitten drinnen und verbrannteſt, und ich mit dir!“ „Es iſt die thörichte Angſt deines Herzens,“ ſagte er zu Mariechen,„die dich quält. Haſt du nicht das Gerede erhoben die Sendlinge des Biſchofes ſtünden uns nach dem Leben, und der Ritter glaubte daran und zog mich auf die Burg.“ „Auch das träumte mir, und ich ſah ſie mit Dolchen bewaffnet.“ „Haſt du nicht oft mich gewarnt, Träumen nicht zu glauben, und du glaubſt ihnen jetzt ſelbſt?“ „Ach,“ ſagte ſie,„das Herz quält mich ſo. Bin ich nicht bei dir, ſo ſterbe ich ſchier. Laß mich dir als Magd dienen in der Burg. Behalte mich bei dir! ch ſterbe ſonſt!“— Er ſah ſie liebevoll an und drückte einen Kuß auf die ſchöne weiße Stirne.„Geh' zu deinem Mütterlein, Kind!“ ſagte er weich. „Es kann nicht ſein. Sieh', es iſt viel Volkes in der Burg, und du würdeſt nichts Angenehmes erfahren. Geh' heim und ſei ruhig. Morgen ſiehſt du mich, ich komme hinab.“ Es drängten ſich Thränen in ihre Augen.„Muß ich gehen?“ fragte ſie noch einmal und drückte feſter ſeine Hand zwiſchen die ihren. ℳ „Ja, Mariechen, ja,“ ſagte er.„Du ſtöreſt mich im Gebete. Auch jetzt will ich beten.“ 4 „Du ſiehſt ſo bleich drein!“ ſagte ſie beſorgt. „O, mir geht's gut; beſſer, als mir gut iſt,“ ſagte er, preßte ſie feſt an ſeine Bruſt und trat wieder ſchnell hinter das Thor zurück, das ſich ſchloß. Das Mädchen ſtand noch lange da, und ſah mit dem thränen⸗ ſchweren Blicke nach der Stelle, wo er ihr entſchwunden war; dann warf ſie ſich nochmals vor dem Kreuze nieder und ging darauf geſenkten Hauptes wieder den Berg hinab. Hanns trat in die Kapelle. Dort ſank er am Altare nieder, aber zum Gebete hob ſich ſeine Seele nicht. Marien's liebreizendes Bild ſtand vor ſeiner Seele, bis allmählich es in einer himmliſchen Glorie erſchien, und es ihm war, als ſei es ein Engel, der ihm erſchienen. Die Bilder wurden nun⸗ verworrener in ſeiner Seele, und der Schlaf der Abſpannung kam über ihn. Er ſank auf den Stufen hin und ſchlief feſt ein. Während dieſer Scenen war der Kriegsrath oben in der Burg in ernſter Berathung. Der Ritter hatte Kunde erhalten, daß der Biſchof ſich rüſte mit Macht, um das Volk zu zerſprengen Alles wurde verabredet, und zeitig gingen die Männer auseinander, damit noch Laſtthiere und Wagen die Waffen in Gſcheidt's Haus zu bringen vermöchten, ehe die Dunkelheit einbräche. Am andern Morgen ſah man von allen Seiten Schaaren von Menſchen jedes Alters und Geſchlechtes die Berge herabſteigen. Rings an den Ufern der Tauber nahmen ſchnell gefertigte Flöße die Ankommenden auf, und ſchifften ſie hinüber auf die Wieſenfläche, die noch mit Sand und Kies weithin bedeckt war. Dampfſäulen ſtiegen aus den Hütten auf, wo man kochte und briet. Alles wogte hin und her an den Buden der Kaufleute. Wieder waren es die Juden aus den fränkiſchen Städten, die mit ihren wohlfeilen alten Waffen, und die Schwerdtfeger aus Mainz und Frankfurt, welche herrliche Loſung hatten; denn das Gerücht flog durch das Volk hindurch, es ſei nahe, daß das Pfeiferhännslein zum Kampf auf⸗ rufen würde. Als die Sonne hell auf den Plan ſchien, kam von Thunfeld her ein gewappneter Zug. Auf einem Roſſe ſaß das Pfeiferhänns⸗ lein, wie ihn das Volk noch nach alter Gewohnheit nannte, obwohl er eine ſtattliche Geſtalt war, die, hoch zu Roß ſitzend, faſt über die Andern hinausragte. Das Volk warf ſich nieder auf die Kniee vor dem Manne Gottes, und er hielt ſeine Hand ausgeſtreckt, als ob er es ſegne. Bei der Tonne angelangt, die unter den Aeſten eines mächtigen Baumes ſtand, ſprang er raſch ab, ſtieg auf die Tonne und begann eine Rede voll Gluth und Begeiſterung. Es herrſchte eine Stille, daß man jede Silbe des Redenden ſelbſt in der größten Entfernung vernahm. Und als er endlich, faſt erſchöpft von der Anſtrengung, ſeine Rede ſchloß, ſprach er:„Sanct Kilian ſprach zu mir: Sammle am Tage, da die Chriſtenheit mein Andenken feiert, mein Volk wieder; ber gebiete ihm: Laſſet Weiber und Kinder daheime, daß kein Weib in der Gemeinde der Brüder ſei, und jeder Bruder komme wehrhaft, komme mit Kolben, Morgenſtern, Lanze, Armbruſt oder Schwerdt. Es iſt an der Zeit, daß der Schlag geſchehe, der hinaus halle in 117 alle Welt, daß die Burgen beben und die Klöſter erzittern in ihren Fundamenten; daß ein Ruf durch die Welt ſchalle: Gebet heraus das geraubte Recht, die geraubte Freiheit, das geraubte Gut!“— Als er dieſe Worte geſprochen, erhob das Volk ſeine Rechte und ſchwur, Gut und Blut einzuſetzen, und am Tage des heiligen Kilian zu kommen, zum Kampfe gerüſtet. Müde war Hanns in das Hirtenhäuslein getreten, weil die Furcht thöricht war; denn der Biſchof lachte des Volkes ja und hielt's nicht der Mühe werth, einzuſchreiten, wie das Volk ſagte. Doch— dem war nicht ſo!— VII. Schau auf! ſchau auf! Du trauſt zu piel! Es ſpielt der Feind ein heimlich Spiel; Es ſchleicht Votrath ſich in die Schaar, Die gläubig hier verſammelt war! Als das Pfeiferhännslein auf ſiner Tonne“ ſtand und mit wunderbarer Gluth der Begeiſterung redete, lehnte unfern dieſer Stelle ein Mann auf einem Streitkolben, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit jedem ſeiner Worte fyhie Er trug ganz die Klei⸗ dung des Volkes aus Franken; aber ſeine Haltung hatte etwas Auffallendes. Seine Gugelmütze umſchloß ſo feſt den Kopf, daß er ſie auch da nicht abnahm, als es alles Volk that, und daran erinnert von nahe dabei ſtehenden Leuten, glaubten dieſe, er müſſe einen beſtimmten Grund haben. Bei fortgeſetztem Drängen gab er endlich nach, und da meinten Einige, er habe eine Tonſur, die er nicht habe zeigen wollen. Sein feiſtes Geſicht ohne Bartwuchs prägte ihn auch faſt zu einem Geiſtlichen. Schon vor der Ver⸗ ſammlung war er bei den Buden herumgeſchlichen, namentlich bei denen der Waffen verkaufenden Inden und Schwerdtfeger. Niemand kannte ihn, mit Niemanden ließ er ſich ein. Bei der einmal erregten Aufmerkſamkeit würde er dem Volke nicht entgangen ſein, wäre nicht der Eindruck der Rede des Mannes Gottes ein ſo außerordentlicher geweſen. Der Mann war darauf noch im Dorfe Niclashauſen geſehen worden, wie er um das Hirtenhäuslein herumſchlich. Es war allerdings nicht ohne Grund, daß das Volk auf ihn aufmerkſam wurde; denn eben dieſer Mann verſchwand ſpäter im Walde, kleidete ſich im Hauſe des Förſters um, beſtieg ein Roß, und jagte dann eiligſt davon. In das Gemach Rudolph's von Scherenberg, des Biſchofes von Würzburg, trat am folgenden Tag ein Geiſtlicher. „Seid Ihr ſchon zurück?“ fragte aufſpringend der Biſchof ſeinen Kapellan, denn dieſer war es, der als Bauer dort ſich auf die Keule gelehnt;„wahrlich, Ihr habt nicht gefaulenzt!“ „Es galt Eile, hochwürdigſter Herr,“ entgegnete der Kapellan, „und zwar in doppelter Hinſicht. Einmal wollte ich Euer Gnaden die Nachricht bringen, wie es ſtand, und dann mich ſelber mit heiler Haut retten. Das Volk nahm Anſtoß daran, daß ich mit meiner Gugelmütze auf dem Kopfe daſtand, während es ſich völlig den Kopf entblößte aus Ehrerbietung vor dem Manne Gottes, wie es den Betrüger nennt. Als ich endlich auch mein Haupt zu entblößen gezwungen wurde, erkannte es meine Tonſura, und kaum ———— war es mir möglich, ſeinem geſchöpften Verdachte zu entgehen. Daß mein Loos nicht aufs lieblichſte gefallen wäre, wenn es hinter meine Abſichten gekommen wäre, liegt am Tage.“ „Es ſoll Euch hoch angeſchrieben werden,“ ſagte verheißend der Biſchof,„doch redet nun: wie habt Ihr die Lage der Sachen gefunden? Iſt es an dem, was die ängſtlichen Gemüther vermuthen?“ „Es iſt in der That arg genug,“ ſagte der Kapellan, der ſich auf Befehl des Biſchofes niederließ.„Stellt Euch einen Jahrmarkt vor, wie er in Frankfurt Meſſe genannt wird, und Ihr habt ein Bild des Verkehrs Etwa vierzig Tauſend Menſchen waren verſammelt.“— „Was ſagt Ihr?“ rief der Biſchof.„Ihr habt wohl ſagen wollen vier Tauſend? Und das iſt ſicherlich zu viel!“ * „ — — — 119— „Zweifelt nicht an dem, was ich ſage,“ fuhr der Kapellan fort,„damit Ihr Euch nicht in eine gefährliche Sicherheit einwieget. Vierzig Tauſende waren da, und eher mehr als weniger. Ich bin im Stand, eine Menſchenmenge zu ſchätzen, das wißt Ihr.“ Der Biſchof ſchlug die Hände zuſammen und blickte mit ſtets wach⸗ ſendem Erſtaunen den Redenden an.„Wie iſt das möglich?“ rief er. „Hättet Ihr gehört, was ich hörte, Ihr würdet's glaublich finden!“ ſagte der Kapellan;„denn auf der Tonne ſtand ein Menſch, jung, ſchön, mit einem Ausdrucke, der, vergebt mir den Vergleich, an das Bild des heiligen Georg mahnt. Und dieſer Menſch iſt begabt mit einer Redegabe, wie vielleicht unter Tauſenden ſich kaum wieder einer finden möchte. Denkt Euch, daß er ſich an alle Leidenſchaften des Volkes wendet; daß er auf Biſchöfe, Geiſt⸗ liche, Klöſter, Fürſten, Grafen und Herren ſchimpft; daß er jegliche Abgabe als einen Raub, jede Frohnde als eine ſündhafte Entwür⸗ digung, jeden Kirchen⸗ und Herrenbeſitz als einen durch Liſt und Trug dem Volke entriſſenen darſtellt; daß er volle, unbedingte Freiheit und Gleichheit predigt; alle weltliche und geiſtliche Hoheit abſchaffen, die Güter theilen und Euch zunächſt vom Stuhl Eurer Würde ſtoßen, das Schloß zerſtören will— ſo möget Ihr's begreifen, daß ſein Anhang unbeſchreiblich iſt, zumal er ſagt, die heilige Jungfrau erſcheine und gebiete ihm ſolches. Sie bezeugen ihm die höchſte Verehrung, beugen das Knie vor ihm, nennen ihn Propheten und Mann Gottes, und folgen ihm blind. Was aber das Aergſte iſt, ſo möget Ihr den Geiſtlichen von Niclashauſen andächtig an ſeiner Sche„ und Euren Lehensträger und Vaſallen Kunz von Thunfeld und ſeinen Sohn als ſeine Bannerträger finden. Macht Euch auf ſeinen Beſuch gefaßt. Am Kilianstage bricht das Heer auf, und am andern Morgen werden ſie Euch begrüßen.“ Der Biſchof wußte nicht, ſollte er zweifeln oder glauben; als äber der Kapellan fortfuhr, ihm die Lage der Sachen, den wilden Haß des Volkes, das Kaufen der Waffen, zu ſchildern, da ging ihm denn doch ein Licht über die Umſtände auf, die er wohl noch immer gering zu achten geneigt war. — — 120— „Habt Ihr,“ ſagte er darauf zu dem Kapellane, der überhaupt ſeine Rechte war, und bei dem, wenn auch in anderm Sinne, das bibliſche Wort erfüllt wurde, daß nämlich dieſe Rechte Manches that, wovon die Linke nichts wußte;„habt Ihr des Uebels Grund und Natur ſo genau erkannt, ſo wird Euch wohl auch das Heil⸗ mittel vor Angen geſchwebt haben. Wir wollen ein Heer zuſammen⸗ ziehen zu dem, was bereits in unſerer Stadt iſt, und dreinſchlagen, ehedenn das Volk zur Beſinnung kommt.“ „Das wäre meine Meinung eben nicht,“ ſagte der Kapellan, der mit offenen Augen Alles beſehen hatte.„Wenn man dem Leibe das Herz nimmt, ſo iſt es aus mit ihm.“ „Freilich,“ ſagte der Biſchof;„aber das thut ſich ſo leicht nicht. Meint Ihr vielleicht den Pfeifer ſelbſt?“ „Ihn eben meine ich,“ war des Kapellans Antwort. „Aber wo iſt er denn?“ fragte der Biſchof. „Er hat ſich bis jetzt in Niclashauſen aufgehalten, und erſt in den letzten Tagen gab ihm der Ritter von Thunfeld eine Zufluchtſtätte, weil ſich das Gerücht verbreitet hatte, es ſeien Mörder von Euch ausgeſendet, ihn wegzuſchaffen. Ihr ſehet, was Euch das Volk zutraut!— Da ſich aber dieſe Vermuthungen als falſch erwieſen, iſt er, trotz aller Warnungen, wieder in ſein Hirtenhäuslein eingezogen, worin er ganz allein hauſet, und— ich habe es mir genau angeſehen, wo man ihn aufheben kann, ohne daß es Jemand hört, weil das Häuschen am Ende des Dorfes ſteht. Gebt mir eine Anzahl Reiſiger, auf die ich mich verlaſſen kann, und ich hole Euch den Vogel aus dem Neſt, ohne daß es die Anderen merken.“ Der Biſchof ging einige Male unruhig auf und nieder. „Ihr ſetzt Euern Verdienſten die Krone auf,“ ſagte er dann, „aber ich fürchte, Ihr ſetzet Eure Perſon zu ſehr aus. Wär's nicht beſſer, unſer Marſchalk von Gebſattel vollführte das Stücklein?“ „Wie Ihr denkt, gnädiger Herr; aber je feiner es angelegt wird, deſto ſicherer iſt der Erfolg, und der Marſchalk von Gebſattel iſt ein rauher Bruder, der zuzutappen und dreinzuhauen gewöhnt ————— — 121— iſt. Macht er Lärm, ſo ſteht das Volk auf, und ich ſtehe nicht für den Erfolg; überdies kennt er des Hauſes Gelegenheit nicht. Gebt mir ſo viel Reiſige, als ich für nöthig halte, und ich bürge Euch für den ſicherſten Erfolg.“ „Thut, was Ihr für gut haltet!“ ſagte der Biſchof, und der Kapellan eilte hinweg.. Gegen Abend ritten etliche und dreißig Reiſige aus dem Thore. Sie führten ein Saumroß mit ſich, und ihr Anführer war ein Mann, den Niemand kannte, den aber Viele für den in weltlichem Kleid und kriegeriſcher Rüſtung ſteckenden Kapellan des Biſchofs erkennen wollten. Sie nahmen die Richtung gegen den Taubergrund hin, und verſchwanden bald im ſinlenden Dunkel des Abends.„ Der Kapellan nahm die ihm bereits bekannte Richtung nach dem Herrenwalde zu. Ohne daß es ein Aufſehen machte, erreichten ſie ihn, und nun verbarg ſie das Dickigt den Augen der Leute. An einer mitten im Walde liegenden lichten und reich mit Gras bedeckten Stelle ſaßen die Reiſigen ab, um ſich und ihrs Pferde raſten zu laſſen und den anbrechenden Tag vollends zu erwarten. Auch war es des Kapellans Geheiß, daß ſie ſich hier ruhig verhielten und den Tag über verbergen ſollten; denn erſt in der folgenden Nacht konnte der Handſtreich glücken. Er ſelbſt ſchlich ſich zum Förſter, und vernahm zu ſeiner Freude von dieſem, daß Hanns in dem Hirtenhäuslein wohne und in Niclashauſen ſei. Als der Abend gekommen war, führte ſie Alle der Förſter auf geheimen Wegen gen Niclashauſen, und nahe dem Dorfe, gebot der Kapellan, daß zehn Männer abſäßen und ihm mit Estricken folgten. So ſchlichen ſie denn dem Hirtenhäuslein zu, wo ruhig und arglos Hanns Böheim ſchlief. Aber nicht alle Augen ſchliefen. Neben der Tonne, auf der der Geliebte predigend ſtan d, hatte Mariechen gekniet, und ihrem Auge war der Kapellan n icht ent⸗ Auf ſeinen Zügen, in denen Grimm und Zorn zu leſen — 122— ſtand, ruhte ihr forſchender Blick, und das liebende Herz ſagte ihr, da ſtehe ein Feind, ein Verräther. Auf ihr Betreiben nöthigte ihn das Volk, ſeine Gugelmütze abzunehmen, und ihr Auge ſah in der unverkennbaren Tonſur das Zeichen, daß es ein Geiſtlicher, vielleicht ein Mönch ſei, jedenfalls aber ein Spion, der Böſes im Schilde führe. Sie begleitete ihn auf Schritt und Tritt auf dem Plane, wo die Buden ſtanden, wo die Bauernhaufen ſpeiſten und zechten und von ihren Entwürfen ſprachen; wo ſie Waffen kauften, und ſelbſt dann, als er das Hirtenhäuslein umſchlich. Darauf aber kam er ihr aus dem Auge, und ſie fand ihn nirgends mehr. Geängſtet von dem Gedanken, es könne dem Geliebten Gefahr drohen, ſuchte ſie ihn auf; aber er war wieder mit den Rittern auf die Burg Thunfeld geritten. Dort hielt ſie ihn ſicher. Ach, hätte ſie gewußt, daß er am Abend zurückgekehrt ſei, ſie würde keine Ruhe gewonnen haben. Erſt am andern Morgen ſah ſie ihn heraustreten, und nun beſtürmte ſie ihn mit Bitten, ſuchte ihm die Gefahr einleuchtend zu machen und ihn zu bewegen, auf die Burg Thunfeld zurück⸗ zukehren. Er lächelte nur über ihre Furcht um ihn. Mit dem Worte gläubiger Zuverſicht, daß er im Schutze der heiligen Jungfrau ſtehe, ſchlug er alle ihre Beſorgniß nieder, und auch an dieſem Abend legte er ſich friedlich auf ſein hartes Mooslager und ſchlief ſanft und ruhig ein. Ganz nahe vor dem Hirtenhäuslein lag ein großer Wieſen⸗ garten, welcher zu dem nächſten Gehöfte gehörte. Ein Haſelhag umgab ihn, und gerade vor dem Häuslein war dieſer Hag hoch und dicht genug, daß ſich leicht Jemand darin bergen mochte. In ihrem Hüttlein quälte ſie ein Doppeltes. Das arme Mariechen hatte faſt keine Ruhe mehr vor der Mutter, die heftiger als je ſie quälte, abzulaſſen von dem Betrüger, wie ſie Hanns Böheim nannte. Gerne war ſie daher auswärts; aber mehr noch ängſtete ſie der Gedanke, der Geliebte könne überfallen werden⸗ Seinen Schlaf zu bewachen, war ihre heiligſte Pflicht. Als daher Alles im Dorfe ſtill wurde, ſchlich ſie ſich in den dichten Haſelbuſch, ſorglich horchend auf jedes Geräuſch in Nähe und Ferne. Alles blieb aber ſo ruhig und ſtille, daß endlich die Gewalt des Bedürf⸗ niſſes ſelbſt über das liebende Herz ſiegte. Sie ſank jenſeit Mit⸗ ternacht in einen tiefen Schlaf. Die Nacht war ſtockfinſter. Kein Sternlein ſandte ſeine Strah⸗ len zur ruhenden Erde. Von dem Kapellan geführt, ſchlichen, auf bloßen Füßen gehend, die Reiſigen heran. Die Thüre des Hirtenhäusleins hatte nur ein Holzſchloß, einfach und, da alle ähnlichen Schlöſſer in Einer Weiſe zu öffnen waren, ſo war es auch leicht, es ohne Geräuſch zu öffnen und ebenſo leiſe zu dem innern Raume zu dringen. Erſt als die Reiſigen drinnen mit Hanns rangen, erwachte das Mägdlein. Ihr ſcharfes Ohr vernahm die unterdrückten Stim⸗ men, und wie der Blitz entwand ſie ſich dem Haſelbuſche und flog in das Dorf.„Hilfe! Hilfe!“ rief ſie mit verzweifelnder Angſt durch das Dorf. Die Sitte jener Zeit, ſich in den Kleidern auf das Lager zu werfen, begünſtigte das raſche Herbeieilen der Bauern. „Was gibt's?“ fragte Gſcheidt, der mit einem Speere bewaff⸗ net zu Mariechen eilte. „Sie wollen ihn morden!“ rief ſie.„Eilet zum Hirten⸗ häuslein!“* Derweile war dort bei der Uebermacht der Kampf ſchnell beendet worden. Mit Riemen und Stricken hatten ſie Hanns Böheim gefeſ⸗ ſelt. Die Gugelmütze, die er trug, drehte ein Reiſiger um, alſo daß das weit in den Nacken herabgehende Hintertheil das Geſicht bedeckte und, es unten bindend, ihn auch der Möglichkeit beraubte, durch Hilferuf ſeine Rettung zu bewirken. Vier Männer faßten ihn nun, und trugen ihn zu der Stelle außerhalb des Dorfes, wo die Uebrigen mit den Roſſen harrten. Sie waren aber kaum dort angelangt, kaum war der Jüng⸗ ling auf dem Saumroſſe feſtgebunden, da waren ihnen die Bauern — 124— auf der Ferſe, und ſo nahe, daß Gſcheidt ſeinen Speer dem Roſſe eines Reiſigen in die Seite ſtoßen konnte. Das Thier bäumte ſich, aber vom Schmerze geſtachelt, flog es davon, und der Haufe mit dem Gefangenen ihm nach. Zwar verfolgten ſie die wüthenden Bauern, angefeuert von dem verzweifelnden Mädchen; aber es war vergeblich. Die eilenden„ Roſſe folgten dem Fahrwege, und bald verhallte ihr Hufſchlag in der Nacht, und der Haufe kehrte troſtlos ins Dorf zurück. Noch in der Nacht eilten Boten zu Eich, zu Fflaſterer, der nicht in ſeine Heimat zurückgekehrt war, ſondern auf einem Gehöfte im obern Taubergrunde harrte, und auf die Burg Thunfeld. Von Ort zu Ort wurden Eilboten weiter geſendet, und als der Tag gekommen war, trafen bereits bewaffnete Haufen von allen Seiten bei Niclashauſen ein. Denn morgen war der Sanct Kilianstag! VIII. Auf! auf! die Feuerzeichen mahnen, Es flattern ſchon die ſieggewohnten Fahnen, Es blinkt das Schwerdt in tapf'rer Streiter Hand. 4 Der Anblick der Umgebungen des Dorfes Nielashauſen am„ Morgen des Sanct Kilianstages bot ein Schauſpiel, wie bisher keines ſich dort ereignet hatte. Bisher waren die unermeßlich ſich ausdehnenden Volkshaufen aus allen Ständen, Altersſtufen und aus beiden Geſchlechtern gemiſcht geweſen. Der Geſammtausdruck war mehr der einer religiöſen Begeiſterung in den verſchiedenſten Graden bis zum höchſten hinauf, der ganz nahe an den Wahnſinn ſtreifte, und das weibliche Geſchlecht war es, das namentlich dieſe Erſcheinung darbot. Jetzt ſah man nur Männer mit irgend einer, wenn auch noch unvollkommenen Waffe bewehrt; Männer, deren Ausdruck Entſchloſſenheit, ja ſelbſt wilden Trotz ankündigte. Von allen Seiten ſtiegen Haufen herab in das Thal, und ſchon waren die weiten Räume deſſelben alle angefüllt, als man —.—— von Thunfeld her eine Schaar kommen ſah, die im Stande war, die allgemeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Voran ritt im ſtolzen Harniſche der Ritter Kunz von Thunfeld; an ſeiner Seite erblickte man den Junker Michael, ſeinen Sohn, der eine ſchwarze Fahne trug. Auf der andern Seite ritt der Pfarrer von Niclashauſen im prieſterlichen Gewand, ein Kruzifix in ſeiner Hand, ſtatt des Schwerdtes. Reiſige zu Roß und zu Fuß ſchloſſen den Zug. Das Volk machte eine breite Gaſſe nach einer Anhöhe hin, welche bis jetzt dem Pfeiferhännslein zur Stätte gedient, wo er ſeine Predigt hielt. Ein Jubelruf des Volkes grüßte die Ankom⸗ menden; aber er klang nicht voll, nur mächtig. Man mochte es ihm anhören, daß nicht Alle einſtimmten, die den weiten Plan bedeckten, denn die Meiſten waren niedergebeugt von der Nachricht, daß der Prophet, der„Mann Gettes“ ihnen auf tückiſche Weiſe entriſſen und in das Schloß zu Würzburg war geſchleppt worden. Kaum aber waren die Thunfelder in die Gaſſe hinein geritten und der matte Jubelruf verhallt, da rief das Volk:„Seht dort!— Was iſt das?“ Und alle Köpfe wendeten ſich der umgeſtülpten Kufe zu, wo Hanns Böheim ſo oft geſtanden und gepredigt. Durch die Haufen hindurch hatte ſich ein Mädchen gedrängt und, ſich Raum machend, jenen Ort erreicht. Sie ſtieg haſtig auf die Kufe. Ihr Anblick feſſelte Aller Augen und Seelen. Es war eine hohe Geſtalt, von dem edelſten Baue, dem reinſten Ebenmaß, in aller Friſche und Rundung jugendlicher Formen. Ihr bild⸗ ſchönes Geſichtchen war bleich, wie der junge Schnee; aber ihre Augen loderten im wildeſten Feuer, ihr reiches lockiges Haar floß wie ein Mantel um ihre Geſtalt, denn regellos und loſe ſpielte der friſche Morgenwind mit ſeinen ſchönen Wellen. Ihre Kleidung war die des Volkes, züchtig und einfach. Sie breitete ihre Arme aus über das Volk. Ihre Bruſt arbeitete unter einer ſchweren Laſt des Kummers, der innern Bedrängniß. „Hört mich an!“ rief ſie mit einer wunderbar klangvollen Stimme, die ſelbſt in den entfernteſten Reihen verſtanden wurde; „hört mich an! Sie haben den geraubt, mit roher Gewalt geraubt, * — 126— Jüngling, den Mann Gottes! Fortgeſchleppt haben ihn die Unge rechten ins Würzburger Schloß in dieſer Nacht. Was wird aus ihm werden? Wollt Ihr ihn morden laſſen, ohne die Hand zu erheben für den Liebling des Himmels? Soll er verbluten ohne Eure Hilfe? O rettet ihn, rettet ihn! Mich ſendet der Herr, daß ich Euch führe! Wohlan, folgt mir zu ſeiner Rettung, zum ſichern Siege!“ Sie ſprang herab. „Halt, Mädchen!“ ſagte Eich.„Noch geht's nicht.“ Er ſtieg hinauf. Er bekräftigte Alles, was Mariechen geſagt, und wie er's ſelber geſehen. In ſtets wachſender Begeiſterung verſicherte er, die heilige Dreifaltigkeit ſei ihm erſchienen und habe ihm befohlen, das Volk zu Hanns Böheim's Rettung nach Würzburg zu führen, daß ſie das Schloß ſtürmten und brächen.„Es wird ſich vor uns aufthun, denn der Engel des Herrn öffnet ſeine Thore, daß wir einziehen und die Sünder ſtrafen!“ rief er mit donnernder Baßſtimme, und ſein Wert flog wie ein zündender Funke in die Maſſe. Vier und dreißig Tauſend Bauern umſtanden den Hügel; aber nicht Alle ſtimmten überein mit des Mädchens und Eich's Forderungen. Die Gefangennehmung des„heiligen Jünglings“ ſchlug den Muth Vieler nieder, nahm ihnen alle Zuverſicht. „Die heilige Jungfrau hat ihn und uns verlaſſen!“ flüſterten ſie ſich zu.„Laſſet uns unſere heile Haut retten. Es iſt aus mit ihm!“ „Wer weiß, ob Alles wahr geweſen, was er ſagte?“ meinten Andere, die mit Argwohn die Wendung verfolgt hatten, welche Hanns ſeinen Predigten gegeben von dem Gebote der Buße ob der Sünden Menge zum wilden Aufruhre gegen des Biſchofes heilige Macht und Amt. „Sollen wir die Zeche zahlen,“ fragten Andere,„und ihn herausholen aus dem Kerker? Er hätte ſich ſollen ſelber wahren vor Nachtheil, und iſt er der Liebling der heiligen Jungfrau, ſo wird ſie ihm durch die dicken Mauern des Verließes ſchon eine Thüre aufthun. Wir wollen's abwarten!“ den zu hören Ihr gekommen ſeid, Euren Propheten, den heiligen ——— ————— *. — 127— Es entſtand eine tiefe Stille, dann eine Bewegung. Dem er Kunz entging es nicht, wie viele Tauſende ſich umwendeten. Ihr darum bewaffnet gekommen, um feig heimzukehren? Wollt Ihr fort und fort tragen die Laſt der Frohnden und alle die Ungebühr, die Euch der Biſchof auflegt? Wer Freiheit will und Gleichheit, der folge mir!“ Er gab ſeinem Roſſe die Spornen, daß es ſich hoch bäumte. Jetzt ſchieden ſich die Maſſen. Die kühlere, beſonnenere Hälfte kehrte dem Ritter den Rücken. Die vom Rheine, vom Maine und von der Tauber folgten ihm. Es waren ihrer an die ſechszehn Tauſende, alle bewaffnet, wenn auch unvollkommen. Bald ſah man den unabſehbaren Zug die Straße gen Würzburg einſchlagen. Vorauf der Ritter und ſeine Schaar mit der ſchwarzen Fahne, die es beweiſen ſollte, wie tief des Volkes Trauer über das große Elend ſei, und wie es den Tod nicht ſcheue, es zu entfernen. Ein Reiſiger hatte das troſtloſe Mädchen zu ſich auf das Roß genommen, und ſo ging's denn gen Würzburg weiter ohne Aufenthalt. Nur in den Stunden der Nacht hielt das Heer ſeine Raſt. Ritter Kunz von Thunfeld und Junker Michael von Thunfeld wurden als oberſte Hauptleute beſtellt. Eich nahm die Fahne in ſeinen ſtarken Arm, und je nach Tauſenden, Hunderten und Funfzigen wurden die Haufen gegliedert und Führer geordnet, und als die Nacht ſich zum Scheiden neigte, als die Sterne bleicher wurden am Himmel, da brachen ſie auf, und als die Glocken in Würzburg von dem Dome, von Sanct Afra, und wie ſie alle hießen die Kirchen in der ſchönen Biſchofsſtadt, hinausklangen zum Volk, es zu rufen zur Andacht, da erſchallte ein entſetzlich Gerüchte durch die Stadt. Die Thore wurden geſchloſſen, die Zugbrücken raſſelten auf. Die Mainſchleuſe wurde gehoben, daß ſich des Fluſſes trübes gelbrothes Gewäſſer in die tiefen Gräben ergoß,„ welche die Stadt umgaben. .. „Haltet ein!“ rief er da mit gewaltiger Stimme.„Seid — 128— Alles Volk eilte auf die Mauern, und mit großem Schrecken ſahen ſie das Bauernheer daher ſchreiten und ſich in wohlgeord⸗ neten Haufen um die Stadt reihen in Form eines Halbmondes. Als der Biſchof die vielen Tauſende ſah, pochte ihm das Herz in der Bruſt. Er berief das Domkapitel und die Vaſallen, welche im Schloſſe waren, und deren Mannen es beſetzt hielten, zu Rathe. Manche meinten, und beſonders waren dies die Ritter, man ſolle ausfallen mit des Schwerdtes Schärfe; die Aufrührer würden wie Spreu im Winde ſich zerſtreuen; denn es ſei ja nur Einer unter ihnen des Kampfes kundig, der eid- und pflichtvergeſſene Thunfeld; der' könne ſie nicht halten; das Pfeiferhännslein ſei ihre Seele geweſen, und ſeit man den hinter Schloß und Riegel habe, ſei das Alles nur Kinderei und Bauerntrotz, der nicht weiter reiche bis zum erſten Schwerdtſchlag. Der Marſchalk von Gebſattel vertrat dieſe Meinung mit großem Nachdruck und Eifer. Aber im Domkapitel erhob ſich eine mildere Stimme. „Sie wiſſen nicht, was ſie thun,“ ſagte ein alter, ehrwürdiger Domherr, ein Edler von Reichenberg,„und darum ſoll man ſäuber⸗ lich verfahren mit dem Knaben Abſalon. Laſſet uns eine Botſchaft zu ihnen ſenden und hören, was ſie wollen, vielleicht, daß ſie in Frieden abziehen, weil allezeit ein gutes Wort einen guten Ort findet.“ „Wohlgeſprochen,“ ſagte der Biſchof.„Wir wollen ſie hören. Marſchalk von Gebſattel, reitet hinab, und erkundet ihre Meinung und mahnet ſie, heimzuziehen!“ Nur mit Widerwillen fügte ſich der trotzige Marſchalk dem Herrengebote. Als er unten bei dem Bauernheer ankam, das ſich gelagert hatte, wurde er zum Ritter Thunfeld geführt, um den die Führer ſtanden, bei hundert, Männer, denen man es anſah, das ſie das, was ſie wollten, ſich zu erringen bereit waren. Mit ſtolzem, höhniſchem Weſen redete Gebſattel ſie an, und fragte nach ihrem Begehre.„ . 6———— — 129— „Gebt uns das Pfeiferhännslein frei. Gefährde,“ ſagte Joſt Eich,„ſo wollen wir abziehen in Frieden; wo nicht, ſo wird das Schloß und die Stadt geſtürmt, und wehe denen, die drinnen ſitzen, trotzend auf ihre fleiſchliche Macht und Gewalt! Hie Schwerdt des Herrn und Gideon,“ rief er,„und die heilige Jungfrau iſt bei uns und mit uns, und die heilige Dreifaltigkeit hat mir geboten, nicht eher zu raſten, bis das Werk vollendet iſt.“ Der Marſchalk fuhr fort, mit hochfahrendem, die Bauern höhnendem und bedrohendem Weſen zu reden. Da gab's ein wildes Gemurmel. „Reißt ihn vom Pferde!“ ſchrie das Volk. Steine flogen gegen den Abgeſandten, und nur ſein gutes Roß rettete ihn vom Tode der Steinigung. Das wildempörte Volk folgte ihm noch ekne Strecke gegen die Stadt hin. Vom Schloſſe aus ſah man dieſe Ereigniſſe mit an, und der greiſe Domherr ſprach:„Die Wahl war unglücklich; ſendet einen Andern, der mit ſanftem Worte den weiſen Ernſt zu miſchen weiß.“ Wieder erhoben die Ritter ihre Stimme, aber der milde Domherr ſiegte und ein Anderer ritt hinab. Es war ein Hutten. Sein Wort fand eine gute Statt, denn ehe er hinab kam, waren aus den Wurfgeſchoſſen der Burg mächtige Steinkugeln hinabgeflogen und hatten viele der Bauern erſchlägen und dadurch Schrecken in ihre Reihen gebracht. Hutten ſagte ihnen, der Biſchof würde die Sache des Pfeifer⸗ hännsleins zu Recht unterſuchen laſſen, und nach Befund Recht und Gerechtigkeit walten laſſen zur Freiheit oder zur verdienten Strafe; die aber, die dem Biſchof oder Domkapitel oder des Stiftes Ritter⸗ ſchaft pflichtig wären, ſollten eingedenk ſein ihrer Eide und heim⸗ ziehen, dann wolle der Biſchof ſtatt Recht Gnade üben und Vergebung. Mit Würde, Kraft und doch mit Milde war das Wort geſprochen, und es ſchlug durch bei den Beſonnenern in den Haufen. Sie erkannten, welch Lvos ihrer harre, wenn ſie länger weilten, und die Haufen vom Maine, aus des Stiftes Landen, die von Wertheim und aus dem Gelände an der Tauber hin, ſo weit des Biſchofes — 130— * Krummſtab reichte, brachen auf und zogen in Ruhe ab, wie auch die Anderen mahnten, der Ritter Thunfeld haderte und das ver⸗ zweifelnde Mädchen flehte. Und als man droben auf dem Schloſſe ſah, daß ſich die Haufen trennten und hierhin und dorthin zogen, da ſiegte ein teufliſcher Rath, und die Ritter ſaßen auf mit ihren Mannen und fielen den heimkehrenden Bauern mit des Schwertes Schärfe in den Rücken, mordeten und wütheten wie Raſende unter dem armen Volke. Wenn auch die Meiſten flohen, ſo ergriff doch auch Viele die ganze Gewalt des Zornes ob ſolchen tückiſchen Verrathes. Bei der Kirche von Buttelbronn ſtellten ſich die Bauern kräftig zur Wehr. Es kam wohl zum Kampfe; doch auch jetzt riſſen die Meiſten aus, und die ſich in die Kirche geflüchtet, gaben ſich endlich, als man drohte, die Kirche anzuzünden, gefangen. Joſt Eich war darunter. Die Ritter und ihre Reiſigen hatten ſich gerettet und flohen aus dem Lande, als ſie ſahen, daß Alles verloren ſei. Der Pfarrer von Niclashauſen war unter den Gefangenen, welche man gen Würzburg ſchleppte. IX. Hoffen?— Nein! Von Mariechen hatte Niemand mehr eine Spur bemerkt, ſeit Hutten das Wort vom Gerichte geſprochen. Eine innere Stimme ſagte ihr, nun ſei er verloren. Von dem Augenblick an war ihre Kraft, ihr Muth, ihre Hoffnung gebrochen. Sie war ſtill aus den Reihen der Männer gegangen, dem Maine zu, deſſen Ufer dicht von Weiden umſchloſſen waren, und dort ſaß ſie und ſah thränenleeren, ſtarren Blickes hinab in die raſtlas dahinrollenden Wogen. Es ſchien, als ſei Alles ausgetilgt aus ihrem Geiſte, was ſich auf die Vergangenheit bezöge, und für die Zukunft blieb kein Raum in ihm übrig. Blickte das 6 trübe Auge nicht in die Fluth, ſo war es nach den Mauern des SSchloſſes gerichtet, das ihn umſchloß, in dem ihr Leben und Sein aufgegangen war. . — 131— Ein Mainfiſcher, deſſen Hütte nicht weit von der Stelle am ufer lag, fand ſie und erbarmte ſich der Armen, deren Geiſteslicht völlig erloſchen zu ſein ſchien. Sie redete kein einziges Wort, und wie dringend er ſie nach Heimat, Herkunft und Abſicht fragen mochte, er erhielt keine Antwort; was man auch in der Hütte ſprach, ſie nahm keinen Antheil daran. So vergingen Wochen und Monate, ohne daß irgend eine Aenderung in dem Zuſtande des ſchönen, leidenden Weſens einge⸗ treten wäre. Sie machte keine Beſchwerde; ihr Eſſen war ſo geringe, daß ſie der armen Fiſcherfamilie nicht läſtig wurde. Ueberdies ſah man deutlich, daß ſie hinſiechte und daß ihr Ende nicht mehr ferne ſei. Eines Tags, es war jenſeit der Hälfte des Heumonates des Jahres 1476, trat der Fiſcher ſpät am Abend in die Hütte. Er hatte die Frucht eines reichen Fanges nach der Stadt gebracht, und kehrte eben wieder. Mariechen ſaß ſtill im Winkel. „Wo bleibſt du ſo lange?“ fragte ſein Weib. „Ei,“ ſagte er,„die Stadt woget auf und nieder und viele Menſchen ſtrömen nach dem Schotenanger, wo ein Ketzer morgen verbrannt werden wird.“ „Ein Ketzer?“ fragte neugierig das Weib;„was hat er denn verbrochen?“ „Weißt du denn nicht, wie's damals zuging, als die Bauern gen Würzburg zogen. Sie wollten ja das Pfeiferhännslein befreien. Der Biſchof verhieß Recht und Gerechtigkeit nach Urtel und Spruch. Er hatte das Volk belogen, die heilige Jungfrau ſei ihm erſchienen und habe ihm geboten, das Volk gegen die Herren zu führen. Da haben ſie ihn in Niclashauſen heimlich gefaßt, und als ſie hierher zogen, da hat ein Anderer, er heißet Joſt Eich, geſagt, die heilige Dreifaltigkeit ſei ihm erſchienen und habe ihm befohlen, das Pfeifer⸗ hännslein zu befreien. Den haben ſie in der Kirche zu Buttelbronn gefangen. Ueber dieſe Beiden iſt das Urtel nun gefällt und über einen Dritten.“ „Wie iſt es gefallen?“ fragte plötzlich das ſülle Mädchen und trat mit Entſchiedenheit gegen den der zurückwich. 3 1 „Warum fragſt du?“ redete er ſie an, und wußte ſich nicht zu deuten die völlig unerwartete Veränderung ihres Weſens. „Ich frage, weil er mich angehet,“ ſagte ſie.„Ach, er liebte mich ſo treu und war ſo gut, ſo heilig!“ hauchte ſie leiſe hin, und ein Thränenſtrom brach aus ihren Augen, und ſie rang die Hände „Urtheil und Recht?“ rief ſie aus.„O nein; ſie haben ſein Urtheil geſprochen ohne Erbarmen. Ich weiß es ja; er ſoll auf dem Holzſtoße verbrannt werden!“ Der Fiſcher ſah ſie mit Entſetzen an. Niemand hier wußte noch von dem Urtheil, und ſie ſchien gar auf ſeine Worte nicht gemerkt zu haben. Es war das erſte Zeichen geiſtigen Lebens, das ſie gab, ſeit ſie in ſeiner Hütte war aufgenommen worden. Als der Fiſcher den Namen des Pfeiferhännsleins ausgeſprochen, da löſten ſich die Bande ihres Geiſtes, da erwachte ſie aus dem ſtillen Traumleben, in das ſie verſunken war. Keines ſeiner Worte ging ihr verloren.„ Kein Wunder, daß das gutmüthige Paar, welches die Arme bis jetzt mit einer Pietät gehegt, welche den Geiſteskranken das Volk von je erwieſen, mit ſtarrem Erſtaunen dieſes Erwachen vernahm; kein Wunder, daß es ſie noch mehr ergriff, als ſie ver⸗ nahmen, daß ſie mit jenem Unglücklichen Zuſammenhang hatte, von dem einſt ſo wunderbare Mähr durchs Land getragen worden war. Jetzt war ihnen das Räthſel gelöſt, warum ſie tagelang ſtumm und unverrückbar das Aug auf die Thürme und Mauern des Schloſſes gerichtet hatte. Während noch das Ehepaar von ſeinem Erſtaunen gehalten war, ging Mariechen hinaus. 6 Als ſie nach einiger Zeit nicht wieder kam, ſagte die Fiſcherin zu ihrem Manne: „Geh' Lorenz, und ſieh' doch nach ihr! Führe das arme Kind herein. Ach, ich fühle jetzt recht, wie ihr das Herz muß gebrochen ſein!“ Der Fiſcher ging ſtille hinaus; aber wie er auch ſuchte, keine aus der Stille der Nacht her. Spur von ihr war zu finden; wie er auch rief, kein Ton antwortete Er ſprang, von Angſt erfüllt, in ſeinen Kahn und trieb ihn hinauf und hinab am weidigen Ufer, nirgends war ein Zeichen von ihr. Alles war ſtill, wie im Grabe. Die guten Menſchen trauerten um ſie und beteten für ihre arme Seele, denn ſie glaubten, ſie habe in den Fluthen des Maines Frieden geſucht. Der kommende Tag fand ſie ſchon wieder ſuchend nach dem Mädchen. Unzähligemale warf der Fiſcher ſein Netz mit dem Blei⸗ kranze aus, der es in die Tiefe zog, damit er den Leib der Armen fände; aber Alles blieb erfolglos. Gegen neun Uhr Morgens bewegte ſich ein mächtiger Zug aus den Thoren der Stadt Würzburg. Schaaren des Volkes bewegten ſich langſam nach dem Schoten⸗ anger hin. Ihnen folgte eine Menge Geiſtlicher, beſonders Domi⸗ nikaner⸗Mönche, die alle Fackeln trugen und Kerzen; hinter dieſen kamen im Armenfündergewande drei bleiche, magere, kaum noch zu gehen fähige Geſtalten. Es war Joſt Eich, die einſt ſo gedrungen kräftige, wenn auch kleine Geſtalt, und Hanns Böheim, der friſche, kräftige Jüngling, und noch ein Anderer. Zetzt waren ſie nur noch Schatten. Das Auge war erloſchen, jede Lebensfarbe in ihrem Geſichte getilgt, die Geſtalten gebrochen, geknickt, die Glieder ohne Spannkraft. Man ſah es ihnen an, ſie waren üuf der Folter ſchon unter allen Qualen der Hölle geprüft worden. Als ſie die Scheiterhaufen ſahen, war es, als überflöge ein Hoffnungsſtrahl ihre lebloſen Züge, daß der Leiden Ende da ſei. Immer dichter drängte ſich das Volk jetzt zu einem Kreiſe zuſammen. Nochmals nahten ſich Geiſtliche den drei Unglücklichen. Sie knieten nieder, beteten leiſe, küßten das Kruzifix und dann wurden zwei geköpft, und Hanns ſtieg hinan und wurde von den Henkern an den Pfahl gebunden. Jetzt ſenkten ſich die Kerzen und Fackeln in das dürre Reiſig des Scheiterhaufens, der Qualm ſtieg auf, die Flamme ſchlug empor— die Geiſtlichen ſtimmten einen Geſang an.— Da theilte ein Mädchen mit mächtigem Arme das Volk, ſchob die Mönche zur Seite und war mit einem mächtigen Sprunge bei Hanns Böheim, den ſie mit ihren Armen mſchlang. — 134— Noch einmal ſah er ſie an und lächelte ſanft, noch einmal rief ſie:„Gottlob, ich ſterbe mit dir!“— und die Flamme ergriff ihr Gewand, brüllend ſtieg ſie zur Säule empor, und mit Entſetzen wandte ſich das Volk ab und eilte zur Stadt zurück. Der Fiſcher hatte Mariechen am Holzſtoße gefunden und ſie mit Gewalt davon entfernt; aber als ſie den Geliebten erblickt, war es umſonſt, ſie zurückhalten zu wollen. Mit Rieſenkraft hatte ſie ſich losgeriſſen, um mit ihm zu ſterben. Und als der Fiſcher ihr nachſtürzte, war es zu ſpät. Das ſchreckliche Gericht war gehegt. Barmherziger verfuhr man mit den übrigen Gefangenen. Sie ſchworen die Urfehde und zogen, gedämpft, gedemüthigt, entmuthigt heim. Von dem Pfarrer verlautete im Volke, er ſei nach ſchwerer Buße in ein Dominikanerkloſter gekommen und dort bald erlegen den erduldeten Leiden. Der Kapellan aber, der Hanns Böheim gefangen, iſt ſein Nachfolger in der Pfründe zu Niclashauſen geworden. Die Ritter von Thunfeld lebten lange in der Verbannung, bis es endlich ihrer zahlreichen Sippſchaft von Vettern und Oheimen gelang, ihnen des Bisthums Vergebung wieder zu erwerben unter der Bedingung, daß ſie auch ihre eigenen Güter alle dem Stifte zur Sühne gaben und ſie als Lehen(bei dem Volke hieß es: „Bettelgut“) zurück empfingen. So endete eines der Vorſpiele des Bauernkrieges. Die Gewal⸗ tigen jubelten über die errungenen Siege; aber der Funke, der hier aufgelodert war, ſchlummerte nur unter der Aſche. Und es ſchlich als ein bleiches Geſpenſt durch die Gaue und erſchien bald hier, bald dort— der Aufruhr gegen Mißbrauch und Ungebühr, und zur zum Heile führen kann, der in wildem Wahne zu ihr greift. Selbſthilfe trieb es den„armen Mann,“ die niemals aber den Fragmente aus dem Leben zweier armen Teufel. 1 aber— was bleibt mir übrig? Doch— ich wi Unſtreitig iſt die Sippſchaft der armen Teufel die größte auf Erden, und ihren Stammbaum aufzuſtellen, wäre das größte Kunſtſtück eines Genealogen. Von Kindesbeinen an gehöre ich, der ich dieſe Blätter als ſiebenjähriger Referendarius niederſchreibe, dieſer alten Familie an, die ihre Ahnen bis zu den Pforten des Paradieſes(verſteht ſich, zu den geſchloſſenen) hinaufreichen ſieht, ohne in einer Adelsmatrikel zu ſtehen— obwohl ſie auch in dieſen 3 nobelen Regionen ihre Zweige zählt E nicht die geringſten. Wie geſagt, ſieben Jahre liegen hinker mir, ſeit ich Referendarius wurde, und wenn es ſo fortgeht, werde ich vollends dem Kranken am Teiche Bethesda gleich, mit dem ich jetzt ſchon Aehnlichkeit genug habe in Betreff des Nachſehens, wenn Andere zu einträg⸗ lichen Stellen befördert werden. Wo ich zu Hauſe bin? Nun, das ſiebenjährige Referendariat weiſet ja hin auf ein Land einträg⸗ licher Hoffnungen, ſüßer Vertröſtungen, zahlreicher Examina und eisgrauer, troſtloſer Kandidaten; daß es in Deutſchland zu ſuchen, bezweifle Niemand. Mein letztes, halsbrechendes Examen liegt hinter mir. Es ſoll der Dietrich ſein, der alle Thüren öffnet.— Bei mir muß er den Bart zerbrochen haben!—— Nirgends her ſtrahlt ein Hoffnungsſtern, und es wird mir allmählich ſo kühl ums Herz, wie wenn draußen der eiſige Wind über die kahlen, grauen Felder ſtreicht. Was ſoll's nun werden?— Acht und zwanzig Jahre bin ich alt, habe etwas gelernt, aber keinen Pfennig Geld in der Taſche. Meine Aeltern ruhen längſt unter dem Raſen von des Lebens Mühen aus. Geſchwiſter habe ich keine Mein geringes Vermögen iſt hin. Schulden ſind die Peſt des Lebens— icht verzagen! Mein Hauszins und meine Koſtleute ſind ja beza und Schuſter hat nichts zu fordern; auch die — 138— Das will etwas ſagen für einen blutarmen Referendarius, und— ich glaube, es ſind ihrer Wenige, die das ſagen können, und doch iſt bei unſerm Landgerichte ihre Zahl Legion. Das ſchrieb ich vor etwa ſechs Wochen nieder. Erſt heute fahre ich fort. Damals ſtand ich trüben, recht trüben Sinnes am Fenſter. Draußen heulte der Novemberwind durch die Straßen. Meine Fenſter waren angelaufen, und bedenkliche, ſchnurgerade Linien ließen auf die ſchönſten Bildungen von Eisblumen rechnen, die bald ihr Gezweige entwickeln wollten. Mein Dachſtübchen begünſtigte abſonderlich ihr Wachsthum. Ich trat zum Oefchen, ſchürte Kohlen an und ließ mich in dem alten Lederſeſſel nieder, den meine gute, alte Hausfrau in mein Stübchen geſtellt hatte. Es war, dem Alter nach zu urtheilen, der Sorgſtuhl ihres ſeligen Vaters— und ſie zählte etliche ſechszig. Er war mir ein rechter Sorgenſtuhl. Ich ließ mich hineinfallen, nachdem ich meine Thüre verriegelt hatte, um allein zu ſein, und meine Gedanken ſchweiften ſorgenſchweren Flugs in der allernächſten Umgebung nach Raum und Zeit herum. Mit der zunehmenden Wärme meines Stübchens wurde ihr Flug leichter, freier, kühner, und Raum und Zeit beengte ſie nicht mehr. Die Nacht kam, und ich merkte nicht, daß es dunkel wurde— denn ich dachte an Nettchen.— Wer liebt, braucht keine Kerze oder Lampe, um im reinſten Roſenlichte zu ſchweben, und wenig Feuer im Ofen, um doch warm im Herzen zu ſein. Mit Nettchen ſtand es ſo. Der Landgerichtsrath Rudolphi war ein glücklicher Mann, denn er war Landgerichtsrath, hatte viel, ſehr viel Vermögen, ein ſchönes, gemüthliches Familienleben, inclusive einer wackern Gattin, die eine tüchtige war, und dreier Töchter, deren jüngſte eine Waldparthie zu machen. Die jungen Männer eſ darüber. Ein Muſikchor ſollte beſtellt, draußen ein Ze — 139— Lebens kennen gelernt, das gemüthlicher Häuslichkeit, liebevollen Familienlebens, wie es eben alle Tage ſeltener wird. Ein Hauch ſtillen, beſeligenden Friedens wehte Einen hier an. Ein Band umſchloß alle Glieder der Familie, das Band der reinſten, heiligſten, aufopferndſten Liebe. Da gab's keine tanzenden Thee's, keine überſchwänglichen Abendeſſen mit Champagner, keine Concerte, keine Spielparthieen, und doch war's ein Haus, das Zeder gerne betrat, und wer dort eingeführt war, rechnete es ſich's zur Ehre und Freude. Und in dieſem Kreiſe glänzte Nettchen als leuchtender Stern erſter Größe. Sie ſehen, und ſie lieben war bei mir Eins; aber wie durfte ich armer Teufel zu ihr das Auge erheben, um die meine adeligen Herren Collegen herumſcharwänzelten? Ich ſtand in beſcheidener Ferne, aber meine Seele wohnte nur im Ange und im Ohr, und was ſie ſtille dachte und empfand, das lag verborgen im Schreine der Bruſt. Ich kam durch des Vaters Freundlichkeit dann und wann in das Haus, wohin meine Sehnſucht zog, wie der Magnet nach Norden. Als im letzten Herbſte die Wieſen gemäht waren und der Wald noch in friſcher Pracht ſtand, wurde ich auch zu Rudolphi's geladen. Ich zog den alten Frack an, der ſehr fadenſcheinig zu werden begann und in ſeinem Schnitte weit hinter der Mode des Tages ſtand, und ging klopfenden Herzens hin. Der Vater empfing mich wie einen Freund, und ſprach ſo herzlich, ſo väterlich mit mir, daß mir das Herz aufging wie eine Blume, die der warme Morgenſonnenſtrahl aus dem Schlaf in ihrer feſtgeſchloſſenen Knospe lockt. Er ſtellte mir meine Anſtellung in eine fröhliche Ausſicht und in eine nahe Zukunft. Mir war ſo wohl lange nicht geweſen, und die Hoffnung kam wieder einmal recht nahe. Nettchen war an dieſem Abend ungewöhnlich freundlich. Meine Seele ſchwelgte in Entzücken, denn ſie zeichnete mich aus, wie es ihr Vater that. Es waren der jungen Leute viele da, und alle beſchloſſen, — 140— werden— kurz, es gehörte Geld dazu. Wie konnte ich Armer daran Theil nehmen? Nettchen aber fragte mit ihrem Engelslächeln:„Sie ſind doch auch von der Partie? Ich freue mich recht darauf““ Erglühend bejahte ich, und das Erglühen galt eben ſowohl der freundlichen Frage, als dem Bewußtſein meiner großen Armuth. Nun wäre ich nicht zurückgeblieben, und wenn ich hätte hungern müſſen bis dahin. So ſchlimm kam's nun nicht. Der Herr X., ein Advokat, der wunderſamer Weiſe eben ſo dumm, als geſucht iſt, weil er eben nicht wähleriſch im Annehmen unlauterer Prozeſſe iſt, gab mir viel zu arbeiten und honorirte ziemlich gut. Gerade an dieſem Tage brachte er mir Aktenſtöße. Ich arbeitete Tag und Nacht, und gewann mehr, als ich brauchte. Drei Wochen ſpäter war die Landparthie. Die Geſellſchaft ordnete ſich paarweiſe. Ich weiß ſelbſt nicht, wie es kam, Nettchen hüpfte auf mich zu, mich etwas zu fragen, und— ich hatte den Muth, ihr meinen Arm zu bieten. Sie nahm ihn freundlich. Wie pochte das Herz in der Bruſt!— Wir waren in der langen Reihe das letzte Paar, das eine ſteile Höhe hinanſtieg, um in die dunkeln Hallen des duftigen Hochwaldes zu gelangen. „Sie ſehen bleich, Herr Referendar,“ ſagte ſie mit zutrau⸗ licher Natürlichkeit.„Waren Sie krankd? Ich ſah Sie lange nicht zum Vater gehen.“ Dieſe Frage drang tief in meine Seele. Sie nahm Theil an mir. Sie bemerkte meine Bläſſe. Wer beſchreibt meine Seligkeit? Was ich eigentlich antwortete, weiß ich nicht; aber ich glaube, daß ich von vieler Arbeit ſprach und dergl. Gute Seele, hätteſt du gewußt, daß ich ſo gearbeitet, um heute bei dir ſein zu können!— Sie ſah mich nicht ohne Bewegung an, als ich das ſagte. „Sie müſſen Ihre Geſundheit mehr ſchonen,“ bemerkte ſie wohlwollend.„Ich hoffe,“ ſetzte ſe hinzu,„dieſer Tag ſoll recht heilbringend ſein.“ ſt es ſchon,“ ſagte ich aus tiefſtem Grunde der Seele ſo herausgefahren war, ſchien alle Bangigkeit von mir gewichen. Was nun kam, weiß ich wahrhaftig nicht mehr, aber das weiß ich, daß ihr Wort prophetiſch war, daß ich ihr meine Liebe geſtand, und ſie mir's eben auch nicht verhehlte, daß ſie mir gut ſei. Unſer Bund war geſchloſſen. Der Himmel lächelte zum erſten Male Frieden, Wonne und Seligkeit in meine Armuth, und ich war der Glücklichſte auf Erden. Aber das blieb unſer Geheimniß bis heute, und in dem ſüßen Geheimniſſe liegt die größte Wonne. Ich hatte doch endlich mein Lämpchen angezündet und eine der wenigen Pfeifen guten Tabaks dazu, die ich mir in meiner Armuth zu rauchen geſtatten durfte, als es an meine Thüre klopfte. Ich meinte den Anwalt zu erkennen und öffnete. Er war's auch wirklich. „Puh! was iſt das für ein Wetter,“ rief er aus, den Pelz⸗ mantel hinwerfend,„und Sie haben kalt! Schüren Sie doch, ich habe ein Langes und Breites mit Ihnen zu reden.“ Er ließ ſich im Sorgſtuhle nieder, ich ſchürte und ſaß ihm dann gegenüber, begierig, ſeine Angelegenheit kennen zu lernen.* „Hören Sie, lieber Referendarius, mir iſt da eine ſehr fatale Geſchichte in die Quere gekommen,“ hob er an.„Ein Onkel meiner Frau iſt geſtorben, der mir ſeine nicht unbedeutende Habe vermacht hat. Ich muß hin, und werde, wenn's raſch geht, in vier Wochen erſt zurückkehren. Nun iſt mir aber ein ſehr wichtiger Prozeß übertragen, deſſen Gegenſtand ich Ihnen kurz auseinander⸗ ſetzen will. Ein reicher Schuft iſt Vormund dreier reicher Waiſen. Er betrügt ſie auf eine ſchamloſe Weiſe. Die Sache wird ruchbar; alle Welt iſt empört. Der fernwohnende Beivormund hört's, kommt, nimmt Einſicht, und, da die Sache nackt und frackt vorliegt, macht er ſie anhängig. Sie kommt in acht Tagen vor, und ich muß fort, wenn ich nicht unendlichen Schaden leiden will. Nun habe ich mit dem Präſidenten geſprochen, und Alles iſt in Sie erröthete tief; aber mit dem Worte, das mir eigentlich Ordnung. Sie ſollen, wenn Sie wollen, in der Sache auftreten. Die Akten ſchicke ich Ihnen morgen. Alles iſt klar 6 Rudolphi lächelte mir Muth zu. Das hob mich wieder. nimmt Parthei für die Waiſen. Bei ſolchen Sympathien iſt die Sache herrlich. Ohnehin iſt das gute Recht auf Ihrer Seite. Rudolphi ſprach mit mir für Sie. Wollen Sie? Ein ſolches erſtes Auftreten haben Tauſende umſonſt gewünſcht.“ Ich ſagte raſch zu und ſein Antlitz erheiterte ſich. „Vortrefflich!“ rief er aus.„Nun aber, lieber Freund, weiß ich, daß Sie eines Vorſchuſſes bedürfen. Der Beivormund hat mir vierzig Thaler gegeben. Hier ſind ſie! Es iſt ein goldner Fiſch in Ihrem Netze. Halten Sie zu! Morgen erhalten Sie die Akten. Nun, gute Nacht!“ Er nahm Pelzmütze und Mantel, drückte mir die Hand und rannte raſch die Stiegen hinab. Ich ſtand noch lange ſtille da und dankte innig Dem, der die Hilfe ſendet zur rechten Zeit, und legte mich dann mit dem ſeligen Bewußtſein nieder, daß mein Mangel gehoben ſei auf lange Zeit. Vierzig Thaler! So reich war ich lange nicht!— Am andern Morgen empfing ich die Akten. Es war, wie K. geſagt; klar lag die Schuld vor. Es war himmelſchreiend, wie der Menſch gehandelt. Ich, ſelbſt eine Waiſe, konnte die Stütze üißhandelter Waiſen werden! Und Rudolphi hatte mich empfohlen! Ein neues Leben zuh mich. Vielleicht würde dies die Thüre zu einer beſſern Zukunft. Ich arbeitete unermüdet Tag und Nacht. Endlich war mein Vortrag ausgearbeitet, durchdacht, memorirt. Ich war durchdrungen von der Gerechtigkeit meiner Sache. Ueberall ſprach man von der Geſchichte. Meine Collegen beneideten mich um die Sache. Man wünſchte mir Glück. Die Sitzung verhieß eine glänzende zu werden bei der allgemeinen Theilnahme. Wie pochte mein Herz. So kam der Sitzungstag. Als ich in den Audienzſaal trat, fühlte ich, wie alles Blut aus meinem Geſichte wich. Meine Bruſt war unendlich beklommen; denn ein glänzendes Auditorium füllte den Raum. Aller Blicke ruhten auf den Waiſen, lieblichen Kindern, dem Beivormundf und mir. Der Beklagte ſchoß giftige Blicke herüber. Er hatte den tüchtigſten Advokaten gewählt. — 143— Endlich begannen die Verhandlungen. Hatte mir früher gebangt— jetzt war meine Seele friſch, froh, frei. Die Gerech⸗ tigkeit meiner Sache durchglühte mich, und was in der Seele lebte, ging in begeiſterter Rede über die Lippe. Es war im Saale ſo ſtille, daß man hätte das Herzpochen des Beklagten hören können, der immer tiefer ſein Haupt ſenkte, im Bewußtſein, daß mit jedem meiner Worte ſeine Schuld klarer hervortrat. Das Gericht widmete mir die größte Aufmerkſamkeit. Rudolphi's Züge leuchteten vor innerer Luſt. Alles, was mein Gegner vorbrachte, ſchlug ich ſiegend nieder. Das Gericht entfernte ſich. Der Kläger drückte mir warm und innig die Hand. Jetzt erſt wagte ich mich umzuſehen. Da erblickte ich Nettchen, und ein Sonnenſtrahl ſpiegelte ſich in den Thränen, die in ihrem ſchönen Auge glänzten. 6) M Endlich trat der Gerichtshof wieder ein. Der Sieg war für meine Clienten errungen.— Die Sitzung wurde aufgehoben, der Saal leer. Die Richter ſtanden noch da. Der Präſident trat zu mir, drückte meine Hand und ſagte „Sie haben heute einen ſchönen Sieg, brav und wohlverdient, errungen. Ich habe in vielen Augen Thränen der Theilnahme geſehen, und manches Männerherz haben Sie tief bewegt. Ihr Beruf iſt entſchieden. Datiren Sie von heute eine ſchöne Zukunft, zu der ich Ihnen Glück wünſche!“ Rudolphi drückte mir ſtumm die Hand; aber dieſer Handdruck war beredt. Ich rannte in großer Bewegung heim. „Ei, ei, Herr Referendar,“ rief meine alte gute Hauswirthin, die ich faſt über den Haufen warf,„Sie ſehen und hören ja nicht! Ich war auch im Saal und wollte Sie hören; aber Das haben Sie mal ſchön und gut gemacht! Potz Wetterchen auch! Neben mir ſtanden des Landgerichtsrathes RNudolphi bildſchöne Töchter. Wie die weinten! Eine war Anfangs ganz bleich. Ich glaube, die hatte Angſt für Sie; aber als Sie ſo friſch von der Leber, ſo ſchön und beweglich ſprachen, da hat ſie die Hände, wie zum 5 ſtillen Gebete, gefaltet, und ihr ſchönes Geſichtchen hat geſtrahlt wie die Sonne. Nun, Gott ſegne Sie! Sie haben brav für die armen Kinderchen geſprochen, und wenn Sie einmal Advokat werden, ſo kann's Ihnen nicht fehlen!“ Das ſagte die alte gute Frau ſo treuherzig. Sie konnte nicht ahnen, wie unendlich wichtig das war, was ſie mir ſagte. Das war ein Abend! Ich mußte allein ſein; daher ließ ich meine gute Alte alle Leute abweiſen, deren viele kamen, mir Glück zu wünſchen, wie ich nachher von ihr erfuhr. Mir war das Herz ſo voll, aber ſo voll ſeliger Freude, daß es zu berſten drohte. Das Honorar meiner Klienten machte mich reich— denn ſo viel Geld hatte ich nie beſeſſen. Großer Gott, wie glücklich iſt der Arme in einem beſcheidenen Beſitze! Der war hier wohlverdient, darum doppelt werth. War mir früher der Landgerichtsrath Rudolphi freundlich, ſo war er's jetzt in viel ausgedehnterem Sinne, in reicherem Maaße. Ich fand täglich Beſchäftigung in ſeiner Schreibſtube. Commiſſa⸗ riſche Geſchäfte führten mich hier- und dorthin. Mehrere Prozeſſe bekam ich nicht nur zu führen, ſondern ſie wurden mir vom Prä⸗ ſidenten überwieſen. Meine Stellung war eine andere geworden. Ich verdiente mir Geld. Ich konnte mich anſtändig kleiden, obwohl ich ſtets in beſcheidener Höhe mich hielt und nicht mit dem breiten Strome der Mode ſchwamm. Nicht ohne Wehmuth ſah ich mein Fräcklein von Anno 11 zum Trödler wandern. In ihm hatte ich ja ſchweren Herzens Sorgentage, und ſeligen Herzens die erſten Sonnentage meines Liebesglückes verlebt. Auch meine perſönliche Stellung zu Rudolphi wurde eine andere. Er gehörte zu den wenigen Männern, die im nahenden Alter eine innere Jugendfriſche des Gemüthes bewahren und darum fähig ſind, auch an einen jüngern Mann ſich noch warm anzuſchließen, und ihn mit goldenen Fäden an ſich zu ziehen, und ihm in ſeiner Nähe wahrhaft wohl werden zu laſſen. Das hab' ich gefühlt und erfahren. Je mehr ich den Mann kennen lernte, deſto enger ich mich an ihn anſchloß, deſto inniger ich ihn liebte, deſto vertrauensvoller er ſich mir erſchloß 6 In ſein Haus kam ich ſelten; aber in der Regel ſandte er mir den —————— ————— — 145— 1 Gerichtsdiener, um mich zu einem Spaziergange laden zu laſſen. Da erſchloß ſich ihm mein Herz. Da legte ich vor ihm mein Leben bloß, wie ich mit Armuth gerungen bis zur Stunde. Er lächelte gutmüthig und ſagte:„Das iſt ja nun mit Gottes Hilfe vorüber, aber Vertrauen weckt Vertrauen. Sie ſollen zu rechter Stunde auch die Wege meines Lebens kennen lernen.“ Eines Tags, es war eben ſchon tiefer Winter und die Abende waren lang, bekam ich eine Einladung zu Rudolphi. Nettchen hatte ich lange, lange nicht geſehen. Sie war bei Verwandten oder guten Freunden geweſen. Wie pochte mein Herz in heißer Sehnſucht.— Ich erwartete eine glänzende Soirée— aber ich fand nur den Familienkreis und zwei fremde Männer, einen Geiſtlichen von ſchlichtem, aber ehrwürdigem Weſen und einen Bürger, deſſen Geſicht Gutmüthigkeit, Offenheit und Biederkeit ankündigte. Rudolphi behandelte ſie mit einer Innigkeit, die mir in der Seele wohlthat, nannte ſie„du“ wie ſie ihn; aber doch fiel es mir auf, daß man mir ſie nicht nannte, nicht vorſtellte, ſondern mich bloß ihnen.— Alle Familienglieder behandelten beide Männer mit wahrer Verehrung. So in ſich froh, ſo innig glücklich haite ich Rudolphi niemals geſehen, wie heute, und doch war dieſen Aeußerungen ſeines Inwendigen eine gewiſſe Wehmuth beigemiſcht, wie ich ſie auch nie an ihm bemerkt. Nettchen's Auge lenchtete mir entgegen. Es ſprach mehr als Worte, und ich verſtand die ſtille, geheime Sprache. Als Alle vereint waren und der Thee dampfte, ſagte der Landgerichtsrath:„Ich werde heute ſechzig Jahre alt. Da wollte ich den Tag nur mit Menſchen verleben, die mir lieb ſind. Ich denke, dieſe Beiden lernen Sie noch kennen. Es ſind meine Speziale.“ Zch wünſchte ihm Glück. „Weiß wohl, daß Sie es gut und treu meinen,“ ſagte er, mir die Hand dräckend. „Albert,“ ſagte Rudolphi, ſich zu dem Geiſtlichen wendend, „du haſt das Talent, ſehr gut vorzuleſen; thue mir den Gefallen und lies dieſe Blütter vor“ Er reichte ſie ihm dar und wandte ſich — — 146— dann zu mir und ſagte:„Ich hoffe, ihr Inhalt wird uns nicht ganz unangenehm unterhalten.“ Der Pfarrer las mit klangvoller Stimme: „Das Hungertuch iſt ein hartes Gewebe, meiner Treu'! Auf dem langen Webeſtuhle des Lebens wird es tüchtig zuſammenge⸗ ſchlagen, und das Schifflein: Elend, fährt wacker hin und her. Ich habe daran genagt von Kindesbeinen an, und wie viel Geſell⸗ ſchaft ich auch im Allgemeinen hatte, das Gewebe iſt noch immer feſt und wacker, und es geht ihm beſſer als der großen Zehe an der Statue des heiligen Petrus in Rom, die rein weggeleckt iſt an dem harten Marmor von Carrara. Wäre nur das Gewebe an meinem billardgrünen Gottfried eben ſo feſt, aber da ſind die Nähte weiß geworden und die Fäden ſind ſichtbar und, was das Schlimmſte iſt, er reißt aus. Nun, er hat lange gedient, treu und redlich. Mein Vater behielt das Tuch übrig, als er ſein Billard überziehen ließ, trug den Rock viele Jahre, und dann ließ ich mir ihn machen, daß ich hinein ſchlüpfen konnte, und das iſt auch ſchon lange her, denn ich merke, daß meine Arme über Gebühr lang aus den Aermeln herausgewachſen ſind. Kein Wunder, daß am Ellenbogen das Hemd in tranſparentem Style ſichtbar wird; es war auch lange genug im Dunkeln, und ſeit er„durchlauchtig“ wird, kommt er zu Rang und Ehren.. Es iſt doch eine fatale Geſchichte, wenn man über ſein eigenes Elend ſpottet. Ich habe ja doch keinen andern Rock, mit dem ich in die Häuſer gehen kann, wo ich Privatſtunden gebe. Zu Hauſe trag' ich ein geſtricktes Wollwamms, eine Arbeit meiner ſeligen Mutter. O, du Gute, nun ruhſt du ſchon lange, und dein armer Sohn muß ſich durch die Welt drücken! Wie ſeltſam ſind die Güter des Lebens und— des Gemüthes vertheilt! Da drüben, der alte reiche Filz, der nicht weiß, wie reich er iſt, lebt im Ueberfluß und jagt alle Bettler von ſeiner Thür, und wenn die Nichte, das herzig liebe Mädchen, nicht heim⸗ lich gäbe, bekäme kein Armer von ihm. Die hat auch wohl keine Roſentage, denn ſie ißt, wie mir ſcheint, das Gnadenbrod. Auch ein bitteres Gebäck! Armes Mädchen, mein Hungerbrod iſt vielleicht ſüßer! Wenn ich ſo daſitze und für den Notar obſchreibe, ode * Strapatzen mehr aushält. Gott lohn's, Ihr treuen — 147— wenn ich Noten copire für den alten Muſiklehrer und Organiſten und kaue an meiner Brodkruſte, tröſtet mich ordentlich ein Blick auf ſie.— Aber der Blick dauert oft ungebührlich lange, und es iſt mir leider vorgekommen, daß ich hintennach Achtel in Zweiunddreißigſtel verwandelte und den Baß in die Diskantlinien ſchrieb oder umge⸗ kehrt. Ich darf nicht mehr ſo oft nach ihr ſehen! Neulich hab' ich auch eine Ueberſetzung aus dem Euripides grundfalſch gemacht, und der Magiſter Brummer brummte entſetzlich und ſagte:„Noll, er hat das Concept verrückt oder ſeinen Kopf. Für einen Primaner ſolche Quartanerarbeit!“ Es ſoll mir gewiß nicht wieder vor⸗ kommen!— Nehme ſich Einer ſo was vor! Wollt' ich wohl oder übel, ich mußte meinen Tiſch vom Fenſter wegſetzen, ſonſt hätt' ich gar nichts mehr gethan und noch mehr hungern müſſen. Nun ging's beſſer; aber ich ſtand doch gar oft auf, um einmal zu ſehen, was es für Wetter wire!—% ſuh W . Nun iſts Weihnachten O, wie glüclich war ich als Kin! Die Mutter beſcheerte mir den Chriſtbaum mit Lichtern, Nſſen, die golden und ſilbern glänzten, Aepfeln, Birnen, Lebkuchen ud Zuckerwerk, und ſie lächelte ſo ſelig bei meinem Glück, und der Vater war froher als ich. Gute Eltern! ruhet ſanft; ich will heute noch, ſo tief auch der Schnee iſt, Euer Grab beſuchen, und Ihr möget Euch droben im Himmel meiner Liebe freuen, wenn's auch Chriſttag bei Euch iſt. Mir iſt er kalt und trübe!— Wie undank⸗ bar bin ich! Hat doch mein guter Conrad ſo viele Liebe für mich, hat mich ſo oft ſchon geſpeiſt und mein treuer Albert ſchenkte mir zum Chriſtfeſt einen warmen Flaus, weil mein billardgrü ner keine See lent In . 5 Euerer Liebe bin ich reich 15 — 148— Als ich am erſten Chriſttage hinaus ging auf den Gottesacker, wo meiner lieben Eltern Gräber ſo ſtille neben einander liegen (ſie ſtarben zwei Tage von einander), war mir das Herz recht ſchwer. Lieber Gott, man fühlt ſich nie verlaſſener, als am Chriſt⸗ feſt, wenn man Niemanden mehr hat! Auch ich habe ja keine verwandte Seele mehr auf Erdeni Ich betete ſtille auf den lieben Gräbern, und meine Thränen ſchmolzen die ſcharfe Eiskruſte, die den Schnee bedeckte. Als ich recht traurig zurück ging und außer⸗ halb des Thores an die Stelle kam, wo der Weg nach N. abbiegt, da glänzte Etwas in dem Gleiſe eines Schlittens. Ich bückte mich, und ſiehe da, es war ein goldenes Medaillon an einem Halsbande von Granaten. Darauf war ein Mädchenbild ſehr fein gemalt. Als ich's näher betrachtete, erſchrack ich faſt, denn es glich dem herzigen Minchen drüben an des alten Geizhalzes Fenſter wie ein Tropfen Waſſer dem andern. Ich fühlte keine Kälte mehr, und— da es ja Niemand ſah,— küßte ich das ſchöne Geſichtchen, aber erröthete darauf bis hinter die Ohren, ſteckte ſchnell den Fund ein und rannte heim. Warum ich roth ward? Kurios! Es war ja doch nichts Schlimmes? Aber ich fürchtete mich jetzt, das liebe Mädchen anzu⸗ ſehen, denn ich meinte, ſie wüßte es. Ich ſah nicht hinaus als ich in mein Stübchen trat und mein Feuer anmachte. Gleich darauf trippelt's die Stiege herauf. „Musje Noll!“ rief die alte Hausfrau,„mach' Er mal die Thür auf!“ Was will doch die Alte, dachte ich, und that, was ſie wünſchte. Allein wie erſtaunte ich! Sie hatte ein Kännchen mit Kaffe und eines mit Milch auf einem Theebrette ſtehen und daneben lag ein Berg von Kuchen. „Da bring' ich Ihm den Weihnachtskaffe und Kuchen,“ ſagte ſie freundlich lächelnd.„Er war nicht da, als wir tranken; da hab' ich's Ihm aufgehoben. Laß Er ſich's recht gut ſchmecken!“ Die gute Seele! Wie dankte ich ihr ſo herzlich, und wie ſchmeckte es mir ſo gut! Behaglich ſaß ich nun am warmen Ofen und meine Zukunft trat vor mich, wie das verhüllte Iſisbild zu — 149— Sais. Was ſollte aus mir werden? Achtzehn Jahre war ich alt, hatte mich mit Eifer und Fleiß durch die Klaſſen des Ghmnaſiums durchgearbeitet. Zu Oſtern ſollte ich mein Abiturienten-Examen machen. Was dann?— Studiren? O, meine Seele hing an dem Gedanken mit aller Kraft; aber, woher das Geld nehmen? Hier auf dem Ghmnaſio war ich durch Privatſtunden, die ich gab, ganz leidlich durchgekommen. Manchmal ohne Abendbrod zu Bett, ohne Frühſtück in die Schule gehen— das war nichts. Konnte ich das auch dort? Ich hatte einmal dem alten Pfarrer zu N., den ich zufüllig traf, und der meinen Vater gut gekannt hatte, das geſagt. „Ach“, ſagte der freundliche Greis,„aber Herr Noll, glaube Er mir, da ſtudiren Viele wie Er ſich hier durchhilft. Dort iſt mehr Gelegenheit zu Privatſtunden, und ſie werden beſſer bezahlt wie hier. Sei er nur gutes Muths, ich will Ihn dort an einen Profeſſor empfehlen.“. Seitdem hatte ich Muth genug. Allein, was ſollte ich denn wählen? Theologie? Das gefiel mir nicht; Philologie?— ch hatte geſchulmeiſtert genug, um zu wiſſen, wie da die Galle wächſt. Medicin? Du lieber Gott, überall iſt's voll Doctoren, und die Menſchen haſſen ſich wie Hund und Katze und gönnen ſich einander das Weiße im Auge nicht. Jurisprudenz? Ja, das gefiel mir gar ſehr; aber das war ein weites Feld und die breite Straße, die gar Viele gehen.— Es ſfing an dämmerig zu werden und ich ſaß noch in meinen Gedanken. Alle Fenſter leuchteten hell von den Weihnachtsbäumen. Ueberall Kinderjubel und Elternluſt. Wiederum trippelte es die Stiege herauf. Bald nachher trat meine Alte herein.„Musje Noll,“ ſagte ſie,„ich hab's vorhin vergeſſen, des Bäckers Conrad iſt ſchon zweimal da geweſen. Er ſoll doch zu ihm kommen und mit ſeinen Leuten zu Nacht eſſen. Sie warten auf Ihn. Geh Er jetzt. Es iſt Zeit!“— Du guter Conrad, dachte ich, zog meines Albert's neuen Flau Als ich in des Bäckers Stube trat, ſaß auch Albert S war auch geladen, obwohl nicht bei ihm wie bei mit glle Tage — 150— „Halbfaſten“ war. Die Eltern meines guten Conrad's, dieſe treu⸗ herzigen, biederen, einfachen Menſchen nahmen mich mit warmer Liebe auf. Das war ein rechtes Weihnachtsfeſt, und auch das fehlte nicht, das gemüthliche Familienleben, das ich ſeit meiner Kindheit ſo ſchmerzlich vermißte. Nach Tiſch ſagte der Meiſter: „Musje Noll, wir haben heute viel über Ihn verhandelt. Nehm' Er's nicht übel, daß es ſo hinter Seinem Rücken geſchah; aber Er war nirgends zu finden; ſo mußte es denn ſo kommen. Da Er nun einmal abſolut ein Juriſt werden will, ſo ſind wir in Folgendem übereingekommen, was Ihm, wie ich denke, recht ſein wird.“ „Der Notar S. ſucht einen Schreiber im Wochenblatte, dem er die Copialien tüchtig bezahlen will. Zu dem bin ich hinge⸗ gangen, habe ihm ſeine Handſchrift, die mir Conrad gab, vorge⸗ wieſen und Ihn empfohlen. Es iſt nun ſchon richtig, wenn er nur Ja ſagt. Ueberdieß ſucht der reiche Nachbar drüben einen Secretär, dem er Koſt und Logis geben will, nebſt ſechzig Gulden jährlich. Da bin ich denn auch hingegangen und hab' gefragt, was der. Secretär zu thun habe. Item, das iſt blutwenig, und ich bin überzeugt, er kann alle Beide bedienen, ohne Kreuzweh, wie ich's fühle, wenn ich meine Mulde Teig eingemährt habe. Nun, ſchätz' ich, daß Er, da Er Koſt und Obdach hat, ſich alle Jahr ſeine hundert Gulden zurücklegen kann, und da Er ein junger Kerl iſt, ſich in wenigen Jahren ſo viel erſpart, daß Er ſtudiren kann. Ueberdies ſoll erſt zu Oſtern das Alles antreten, wenn Er ſeine Prüfung gemacht hat. Wie grfällt Ihm das?“— Ich war ganz verblüfft; aber ich fiel dem alten Manne weinend um den Hals, und dankte ihm heiß für ſeine Liebe. „Damit Er aber,“ fuhr der alte Mann fort, und wiſchte ſich eine Thräne weg,„ſich nicht ſo kümmerlich zu behelfen braucht, zieht Er bis zu Oſtern hin zu uns; ſchläft beim Conrad und ißt bei uns. Wir haben's ja! Schlag' G ein und es iſt gut!“ Er reichte mir ſeine derbe Hand und ich ſchlug tiefbewegt ein. Das war meiner Eltern Chriſtbeſcheerung! Wer ermißt meine Frende und Dankbarkeit! O, wie habe ich auf meinen Knieen Gott gedankt für dieſe Wendung meines Schickſals. — 151— Als ich am zweiten Chriſttage zum guten Albert gehen wollte, feſſelte mich der öffentliche Ausrufer an der Schwelle. Bei einer Schlittage, machte er bekannt, ſei ein Halsband, ſo und ſo, verloren gegangen. Der redliche Finder ſolle es Nr. 87 abgeben und eine Krone dafür empfangen. Jetzt erſt gedachte ich meines Fundes und erſchrack, daß ich nicht ſchon Schritte ſelber gethan, um ihn zurückzugeben. No. 87, das war ja das Haus des alten Geizhalſes! Ich blickte unwill⸗ kürlich hinauf zu dem Fenſter, wo in der Regel das ſchöne Minchen ſaß. Ich ſah ſie dort ſitzen und weinen. O gewiß dieſe Thränen galten dem verlorenen Kleinode! Ich Gliücklicher konnte ſie trocknen! ſch fuhr ich in die Taſche, zog's heraus und zeigte es ihr. Sie ſprang fröhlich vom Stuhl auf, ich aber eilte, mir nichts, dir nichts, in das Haus und die Stiege hinauf. Wohin ſo wild und ungebärdig? fragte da plötzlich der alte Herr Rath, vor dem ich ſtand. Alle Freude im Herzen erſtarb, und ich wäre vor Schrecken faſt ohnmächtig geworden; denn ich fühlte jetzt erſt meine Unart, als ich mich dem ſtrengen Manne gegenüber ſah, der gar bärbeißig drein ſchaute. Ach, ach, ſtotterte ich, ich— ich— habe das Halsband gefunden! Nun, nun, ſagte der Alte viel milder, ſo er ſchreck Er nur nicht, und komm' Er herein zu meiner Nichte; geb' Er's ihr ſelbſt. Er machte die Thüre auf und ich trat, noch kreidebleich, in das Gemach, und überreichte, ſelbſt glücklich, der noch Gläcklicheren den Schmuck. „Ach, Gott, wie danke ich Ihnen,“ ſagte ſie mit hellen Thränen in den Augen, und preßte das Bild an ihre ſchönen Lippen.„Es iſt das Bild meiner theuern Mutter!“—„Wo hat Er's denn gefunden?“ fragte der Alte. „Am Kirchhofthore,“ ſagte ich. „Was hat Er denn in dieſem Schnee und Pete dot gemacht?“ fragte er weit Ich gerieth in Lerlegenheit; aber, was brauchte zu ver hehlen? Ich ſagte ihm, ich habe die Gräber meinet e Eltern beſucht. — 152— „So? ſo?“ ſagte er drauf.„Nun, das iſt brav. Er hat alſo keine Eltern mehr?“ „Weder Eltern, noch Geſchwiſter, Verwandten,“ antwor⸗ tete ich mit einem tiefen Seufzer. „Ach,“ fuhr der Alte fort,„iſt Er nicht der Noll, der drüben bei der alten Knauerin wohnt?“— Ich bejahte. „Da hat der Bäcker Camprecht mit mir ſeinetwegen geſprochen. Es iſt mir lieb, daß ich Ihn ſehen und ſprechen kann. Hat Ihm der Meiſter das Nöthige geſagt?“ Ich bejahte wieder. „Iſt Er damit zufrieden?“ Auch jetzt bejahte ich. „Nun gut; ſo will ich mich bis Oſtern behelfen, und alsdann reden wir weiter. Da hat Er die verſprochene Krone zur Belohnung!“ Minchen erglühte. Sie wußte nicht, wo aus, wo ein vor Verlegenheit. Mir aber kam der volle Muth wieder. „Entſchuldigen Sie, Herr Rath,“ ſagte ich feſt, und ein unendlich bitteres Gefühl ſtieg in mir auf,„ich kann keine Beloh⸗ nung annehmen, weil ich nichts weiter that, als was jeder ehrliche Menſch thun muß— das Gefundene dem rechtmäßigen Beſitzer zurückgeben.“ Er maß mich mit großen Augen eine Weile, dann ſagte er:„Hm! das iſt brav. Wahr iſt's im Grunde wohl; aber es wäre mir doch lieb, wenn Sie's nähmen.“ Er reichte mir den Kronthaler wieder hin. Daß er aus dem„Er⸗Tone“ in das „Sie“ überging, zeigte, daß er meine Erklärung achtete und mich anders behandeln zu müſſen glaubte. Ich bat ihn, mir die Freude unverkümmert zu laſſen, ſeiner Nichte ein trauriges Weihnachtsfeſt in ein fröhliches verwandelt zu haben. und dankte mit einer Thräne im Auge, die mich unendlich beglückte. In ſo einem Menſchenkopf entſtehen doch ganz verwunderlich einfältige Gedanken! Da iſt mir das gar nicht aus dem Kopfe — Darauf empfahl ich mich kurz. When reichte mir ihre Hand ————— 153 gegangen, daß das ſchöne Minchen das Bild ihrer ſchönen Mutter küßte, und unſere Küſſe ſeien ſich bei dem Theuerſten begegnet, was Minchen hatte! Ich ſpann den albernen Faden des Gedankens fort, träumte mit offenen Augen von der Liebe und war complett toll. Ich hatte noch ein griechiſches Exercitium und Etliches aus der Lehre von den Kegelſchnitten zu machen; aber da gab's Unſinn über die Maaßen, und als ich dem alten Brummer unter die Finger kam, ſagte er: Noll, er iſt entweder verrückt, oder verliebt, was freilich ſchnurgerade auf Eins hinausläuft, und einen braven Schüler ſchlecht; einen geſcheidten dumm und einen verſtändigen albern macht, daß ihn die Gänſe beißen! Das war eine geſalzte Kritik, und das Lachen meiner Mitprimaner gab den Druck drauf. Da! ſagte ich zu mir ſelbſt. Da! Nun hat dir der alte pedantiſche Schulfuchs die Augen geöffnet, und du weißt, woran du biſt. Kappzaum her. Ich will an das verdammte bildſchöne Mädchen nicht mehr denken!— Hab's hintennach gefunden, wie ſich das thut. Ja, es iſt mir begegnet, daß, als ich mein Exercitium durch⸗ las, deutlich„Minchen“ mit griechiſchen Buchſtaben mitten in einem Spruche ſtand, der mit dem Mädchen nichts gemein hatte. Es war ein rechtes Glück, daß Bäcker Camprecht's Haus auf derſelben Seite mit dem des alten Rathes ſtand, und das Fenſter⸗ gucken nun am Ende war; denn ſeit ich ihr das Halsband gebracht, ſah ſie freundlich zu mir herauf; nickte mir den„Guten Morgen“ zu, wir waren Bekannte. Nun wär's gar aus mit mir geweſen. So ſah ich ſie nur ſelten; denn ich war am Tage nach Weihnachten zu Camprecht's gezogen und wohnte nun bei meinem guten Conrad. Wir arbeiteten zuſammen, und mit dem feſten Willen, recht gut zu arbeiten, um mit Ehren zu beſtehen und etwas Rechtes zu lernen, überwand ich meine Gedanken an das hübſche Mädchen ſo weit, daß ſie mir nicht mehr ganz allein im Kopfe ſaßen. Das war denn doch ein anderes Leben wie früher. Sich ſatt eſſen können, iſt denn doch ein Glück, beſonders in den jungen Jahren, wo man meint, der Magen habe keinen Boden! Da war Alles vollauf und die Freundlichkeit der guten Leute würzte vollends das reichliche — 154— Imbs. Ich verlor die Aepfelbreifarbe. Meine Wangen wurden friſch roth, und ich fühlte ein körperliches Erſtarken und eine Heiter⸗ keit des Gemüthes bei einer ſo ſichern Ausſicht in die Zukunft, daß ich fröhlich war, wie ein junger König. So kam denn Oſtern und das Examen. Da hänſelten ſie mich wacker; aber ich beſtand mit Ehren und ſchied mit dem beſten Zeugniſſe ſowohl in Betreff der Aufführung, als der Kenntniſſe! Als ich's dem alten Camprecht zeigte, drückte er mir die Hand. Das iſt brav, ſagte er. Nun, ich hab's ſo erwartet; aber es iſt denn doch eine Frende, auch für ihn ſelber, Musje Noll. Welcher gute Menſch freut ſich nicht, wenn er weiter kommt und Andere ſeine Bemühungen anerkennen?— Am Tage nach dem Examen ging ich zu dem Notar, um mir die Copialien zu holen. Das war ein Larifari, denn ich ſchrieb fir und ſchön. Mir blieb noch volle Dreiviertelstag Zeit übrig, und ich hatte ein Schönes verdient. Mittags kam des Raths alte Magd und rief mich zu ihrem Herrn. Ich geſtehe ehrlich, daß mir das Herz faſt hörbar ſchlug. Galt's der Nähe Minchen's, galt's dem alten Iſegrimm, der die Bettler fortjagte? Ich weiß es nicht. Vielleicht Beiden! Hatte ich ihn doch ſeit Weihnachten nicht geſehen, auch nichts von ihm gehört. Was half's? Ich mußte hin, und faßte dann endlich den nöthigen Muth, der mir freilich wiedessſehr abſchlug, als ich die Stiege zögernd hinauf ſchritt, die mich zu ihm führen ſollte. Der Schein trügt! ruf' ich aus, da ich nach etwa zehn Tagen wieder dazu komme, weiter zu ſchreiben. Ich mußte mich ja doch erſt zurechtfinden!— Wie geſagt, zögernd ſchritt ich die Stiege hinauf. Ich dachte noch an des alten Iſegrimms erſtes Willkommen, das mir wie Blei in den Adern damals gelegen hatte. Dießmal war's anders. WMinchen kam mir entgegen, freundlich lächelnd, heiter, klar, hell wie die Morgenſonne am wolkenloſen Himmel aufſteigt. „Guten Morgen, Herr Noll,“ ſagte ſie herzlich.„Sie wollen zum Herrn Onkel? Treten Sie gefälligſt hier ein.“ — 155— 4 Sie öffnete die Thüre zu einem großen Gemache. Da ſaß der Alte im Schlafrock und Pantoffeln, rauchte eine Pfeife und las die Zeitung. „Aha,“ ſagte er,„Sie ſind da! Nun ſetzen Sie ſich einmal.“ Ich legte ihm mein Zeugniß vor und ſagte:„Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen, Herr Rath, nachzuweiſen, wie ich mich betragen.“ Er nahm's, las es; ſein Geſicht wurde freundlicher. Ohne wreitere Umſchweife gab er mir's zurück und ſagte:„Es iſt gut. Sie treten alſo jetzt bei mir ein. Ich verlange Nichts von Ihnen, als ſtilles Leben, eingezogenes Leben; Pünktlichkeit in Eintheilung der Zeit und Fleiß. Sie haben Nichts weiter bei mir zu thun, als meine Briefe zu ſchreiben, die ich diktire, und meine Bücher in Ordnung zu halten. Iſt das geſchehen, ſo iſt die übrige Zeit Ihr Eigenthum; aber das Eine mache ich zur erſten und letzten Bedin⸗ gung:„Sie müſſen eine unverbrüchliche Verſchwiegenheit beobachten. Wollen Sie das?“ Als ich das feſt bejahte, ſagte er:„Gehen Sie nun zu meiner Nichte, die Ihnen Ihr Logis anweiſen wird.“ Ich verbeugte mich ſchweigend und ging. Minchen wartete ſchon auf mich. Sie geleitete mich eine Stiege höher und öffnete eine Thür. Ich trat in ein herrliches Stübchen. Aus den Fen⸗ ſtern ſah man weit hinaus in die reizende Gegend. Alles war ſo nett, ſo ſauber. Auf dem Tiſche ſtanden einige Töpfe blühender Hhacinthen. „Ach,“ ſagte ich,„wie ſind Sie ſo freundlich und gütig!“ Sie lächelte ſo herzig und ſagte:„Die Magd holt Ihre Sachen eben. Machen Sie ſich's nun recht bequem und behaglich!“ Drauf ſchlüpfte ſie zur Thüre hinaus. 6 Nachdem ich mich eingerichtet, ging ich zu dem Iſegrimm und ſagte, ich wollte nun von den guten Camprecht's Abſchied nehmen, und ſtünde dann zu ſeiner Verfügung. Auch wollte ich ihm ſagen, daß mein einziger Ausgang zu Camprecht's und meinem Albert „Iſt mir lieb ſo,“ ſagte er, und das war Alles. Camprecht's that's leid, daß ich ſchied. Mit Rührung ſagte ** der alte Biedermann:„Ich hab' mich ſo an Ihn gewöhnt Musje — 156— Noll, daß es mir ordentlich leid thut; aber es muß ſo ſein. Vergeß' Er uns nur nicht.“ Eonrad hing weinend an meinem Halſe. Aus überquellender Seele dankte ich für alle mir bewieſene Liebe. „A pah,“ ſagte der alte Camprecht,„mach' Er keine Redens⸗ arten. Es iſt Alles gut. Komm' Er nur oft, daß wir Ihn nicht allzuſehr vermiſſen.“ Als ich zurückkehrte, ſah der alte Rath meinen Augen an, daß ich geweint hatte. Er war freundlicher als ſonſt. Ueber Tiſch kam er auf die Familie Camprecht zu reden.„Das ſind noch Kernleute,“ ſagte er,„von altem Schrot und Korn, treu und wahr. Die ſoll man in Ehren halten; denn heutzutage ſtirbt ſchier die Art aus.“ Das gefiel mir. Nach Tiſche ſagte er zu mir:„Setzen Sie ſich nun zu mir.“ Er diktirte mir einen Brief. Dann legte er mir ſeine Bücher vor und unterrichtete mich über die Art, wie er ſie geführt haben wollte. Wie erſtaunte ich, als ich da ſehr bedeu⸗ tende Poſten fand für Hauszins armer Familien, die ich kannte; Beiträge zu Hoſpitälern, Armen⸗Waiſenanſtalten, bedeutende Gaben an arme Handwerker— kurz, eine Menge anſehnlicher Wohlthaten. Es bewegte mich ſo tief, daß ich ſeine Hand mit Bewegung ergriff und ſagte:„Herr Rath, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Abbitte thue!“ Er ſah mich verwundert an.„Was ſoll das?“ fragte er faſt unwillig. „Sie ſind verſchrieen als Geizhals, und ich ſelbſt habe Sie lange dafür gehalten! Vergeben Sie mir's. Ich ſehe jetzt, wie Unrecht man Ihnen thut!“ Er lächelte beſänftigt.„Aha, das komut daher, weil ich keinem Bettler gebe! Das ſind die Aermſten in der Regel nicht, ſondern es iſt Geſindel. Merken Sie ſich's, lieber Noll, der Schein trügt! Laſſen wir das jetzt! Sie erhalten bei mir Koſt und Logis, die ſechzig Gulden aber nicht. Diegt chen Sie ſich jährlich, und zwar jetzt gleich fürs Jahr, und i erzinſe Sie Ihnen. Der brave Camprecht ſagte mir, Sie Kollten ſich für das Studium —— ibte ——— — — 17— ſparen. Das iſt recht. Was Sie bei dem Notar verdienen, iſt auch zu viel für Sie, denn Sie brauchen nichts, als anſtändige Kleidung. Was Sie übrig haben, leihen Sie mir auf ehrliche Zinſen. So wächſt Ihr Kapital, und Sie werden Ihres redlichen Erwerbes froh. So! Nun iſt's abgethan. Tragen Sie nun dies in die Bücher.“ Er reichte mir einen Pack Papiere. Ich wollte danken. „Wozu? Sehen Sie, ich liebe das viele Reden nicht,“ ſagte er.„Wir verſtehen uns ſchon, und da iſt nicht viel zu reden. Wiſſen Sie nicht Beſcheid, ſo fragen Sie, und ich antworte. Im Uebrigen thun Sie, was Sie wollen, ich, was ich will.“ Damit war Alles ab und die Bahn vorgeſchrieben, die ich zu gehen hatte. Ze mehr ich in die Bücher ſah, deſto mehr lernte ich den Mann achten. Er war ein Pedant im Superlativ, das iſt wahr; aber auch ein Ehrenmann in dieſem Grad. Eine große Gemüth⸗ lichkeit barg er unter rauher Hülle— er war ein ungeſchliffener Edelſtein; aber wie mußten ihm Leben und Menſchen mitgeſpielt haben, ehe dieſer herrliche Menſch ſo ſich mit einer Verpalliſadirung umgab!— Mein Leben im Hauſe war das freieſte, ungenirteſte von der Welt. Jeden Morgen, um 10 Uhr präcis, mußte ich zu ihm eintreten. Mein Frühſtück bekam ich aufs Zimmer. Nun wurde dictirt, die Bücher nachgeſehen, geordnet; Neues eingetragen. Das war in einer Stunde fertig, ſelten in zwei. Dann gehörte der übrige Tag mein. Kam ich einmal zurück von einem Ausgang und er begegnete mir, ſo fragte er:„Wo geweſen?“ 4 Sagte ich;„Bei Camprecht's!“ ſo war die Antwort: Sirach ſagt: Deine und deines Vaters Freunde vergiß nicht! Brachte ich ihm Geld von meinem Verdienſte, was jeden Samſtag regelmäßig geſchah, ſo lächelte er und ſagte:„Ich merke, Sie werden ein Banquier! Und ich bekomme Schulden!“ Alle Tage wurde er freundlicher, zutraulicher. WMit meinem Conrad und Albert kam ich regelmäßig in Conrad's Hauſe zutammen. Sie waren Beide noch im Ghmnaſiv. — 158— Das waren die Stunden einer beglückenden Erholung, und ich verſäumte nicht, den Rath von allen den Nachreden zu befreien, die über ihn ungerechter Weiſe umliefen. Und Minchen?— Ja ſie! Ach, ich kann's nicht verſchweigen, daß ſie meine ganze Seele einnahm. Selten ſah ich ſie nur. Sie ſtand dem Hausweſen mit großer Treue vor. Bei Tiſche ſaß ſie mir gegenüber, und ich hielt an mir mit aller Macht und Gewalt. Aber wenn ſie ſo im Garten umher ſchwebte, folgte ihr mein trunkenes Auge überall. Anfangs ſah ſie wohl auch herauf. Später nicht mehr. Jeden Morgen aber war mein Zimmer mit Blumen geſchmückt. Einmal war der Rath ausgegangen, was gar ſelten geſchah. Ich konnte nicht widerſtehen und ging zu ihr. Da muß ich, obgleich ich's nicht weiß, mehr geredet haben, als gut war. Der Alte kam zurück und fand uns im traulichen Geſpräch. Er war ſehr ernſt, obwohl nicht böſe; allein er mußte Minchen eine Predigt gehalten haben, denn ſie hatte geweint. Nun mied ſie mich, wo ſie konnte. Das machte mich recht unglücklich. So blieb's den ganzen Sommer, und ich glaubte am Ende, ſie haſſe mich. Auf die Dauer ertrug ich das nicht. Wieder einmal, als der Rath im Herbſte weg war, und, wie ich wußte, lange wegbleiben mußte, faßte ich mir ein Herz. Sie ſaß in einer Weinlaube und ſchnitt Gemüſe zurecht. Ich trat zu ihr und ſagte:„Minchen, geſtatten Sie mir ohne Umſchweife dieſe trauliche Redeweiſe; Sie fliehen mich. Hab' ich Sie gekränkt? oder haſſen Sie mich?“ Erglühend ſah ſie mich an.„Wie können Sie das glauben?“ flüſterte ſie. Nun ergriff ich ihre Hand, die ſie mir ohne Widerſtreben ließ, und redete offen von meiner Liebe— und nach zehn Minuten lag ſie an meiner Bruſt und wir waren Eins. Jetzt ging mir erſt das Leben auf! Wie wir uns aber auch in Acht nehmen wollten, der Alte kam doch hinter das Geheimniß. „ — — eneaehlhi 4t4— — 159— Eines Tags, es war in der Mitte Septembers, rief er mich in den Garten. Ich dachte wohl, daß es etwas Beſonderes geben würde, und ging nicht ohne Spannung hin. S „Hören Sie, Herr Noll,“ ſagte er,„ich glaube, es taugt nicht, daß Sie ſo lange Ihre Studien unterbrechen. Ich will Ihnen einen Vorſchlag machen. Mit dem erſten October beginnen die Collegia. Gehen Sie auf die Univerſität!“ Ich ſeufzte.. „Aha!“ rief er,„der Seufzer gilt dem Gelde. Hören Sie mich an. Bis jetzt bin ich Ihr Schuldner geweſen. Ich ſehe, Sie halten gut Haus. Sie ſollen nun der meinige werden. Das Geld, was Ihr Triennium koſtet, ſchieße ich, und Sie zahlen's ſpäter, wenn Sie Amt und Brod haben, zurück. Dabei habe ich folgende Bedingungen. Sie dürfen in den drei Jahren nicht hierher kommen. In den Ferien machen Sie Reiſen und ſehen ſich die Welt an. Das iſt oft mehr als das Studium. Hab's auch ſo gemacht, und nicht ohne Erfolg. Ihr Erſpartes reicht zur Ausrüſtung hin. Nun ſorgen Sie raſch; wie geſagt, bis zum erſten October müſſen Sie auf der Univerſität ſein.“ ₰ Dabei blieb's. Ich hatte nun vollauf zu thun. Minchen war traurig. Ich auch; aber es mußte ſein. Es blieb Nichts übrig. Hatte er eine Idee gefaßt, ſo durfte man ſie nicht durch⸗ kreuzen, das wußte ich. Ueberdies war's ja mein Glück ſo. Meine Freunde jubelten, Minchen vergoß Thränen. Mir . brach ſchier das Herz. Der Alte lächelte und ſagte:„Ich denke, Sie kommen als tüchtiger, unverdorbener Menſch wieder. Sein Sie nur als Student kein Faſelhanns, ſo iſt Alles gut. Ich flog in ſeine Arme. Er unterdrückte eine tiefe Rührung mit aller Macht und ich ſchied. Von dem Schmerze der Trennung von Minchen will ich ſchweigen. Er war mächtig und erſchütternd. Ich ſchrieb oft an den edeln WMann, und was ich ſchrieb, galt auch Minchen; aber an ſie durfte 1 icch nicht ſchreiben. Wir hatten das ſo ausgemacht, und er ſelbſt ſchrieb mir auch allemal von ihr. Seine Briefe hauchten eine recht innige Liebe zu mir. Geld ſandte er mehr, als ich brauchte — 160— Langſam ſchlichen die drei Jahre hin. Ich hatte treu gear⸗ beitet, hatte Etwas gelernt; hatte in den Ferien Reiſen gemacht, aber die Liebe zu Minchen lebte friſch und kräftig in meiner Seele. Je näher die Zeit meiner Rückkehr kam, deſto mehr pochte mein Herz von friſcher Sehnſucht nach ihr. Da empfing ich einen Brief, worin der Rath unter Anderm ſchrieb:„Ich weiß, daß Sie an Minchen's Schickſal Antheil nehmen, und ſage Ihnen darum, daß ſie nahe daran iſt, den entſcheidendſten Schritt ihres Lebens zu thun. Ein wackerer Mann wirbt um ſie. Er hat ein reich⸗ liches Auskommen. Er verehrt ſie, wie ſie es verdient. Ich, meines Theils will nur ihr Glück. Gegen den braven Mann habe ich nichts; ſehe es vielmehr ſehr gerne, wenn ſie die ſchöne Parthie nicht ausſchlägt. Auch Sie werden ſich des Glückes des vortrefflichen Mädchens freuen. Obwohl Minchen ihr Ja noch nicht ausgeſprochen hat, ſo hoffe ich doch, daß etwa in drei Wochen Hochzeit ſein wird. Eilen Sie ſich, ſo kommen ſie noch zu rechter Zeit an, um ſie mit zu feiern“— Der Brief ſchloß im altgewohnten Tone warmer, väterlicher Geſinnung. Mich zerſchmetterte er faſt. Schon im letzten Briefe hatte der Rath bloß vorübergehend Minchen's gedacht und von ihr geſagt:„Minchen läßt Sie grüßen!“ War es ſo? Wie konnte ich bei der Ruhe und Beſtimmtheit des alten Mannes zweifeln? Aber that ſie den Schritt freiwillig? Bekannt mußte davon nichts ſein, denn Conrad hatte mir ja erſt in dieſen Tagen geſchrie⸗ ben. Er wußte um unſere Liebe. Er gedachte Minchen's, und bemerkte bloß noch, ſie ſei ſeit einigen Tagen auffallend ſtill und ſehr bleich. Das fiel mir jetzt doppelt ſchwer auf die Seele. Konnte ich ſie noch retten?— Ich ſann. Wohl hatte ich Geld übrig, denn ich brauchte das, was mir der Rath ſandte, nie völlig. Raſch entſchloſſen, reiſte ich auf der Stelle ab, einem meiner Freunde das Ordnen meiner Angelegenheiten überlaſſend. Mein Hirn brannte, mein Blut kochte. Ich gab Geld mit vollen Händen, um recht ſchnell davon zu fliegen. Drei Nächte und zwei Tage fuhr ich. Mit dem grauenden Morgen des dritten Tages ſah ich die Stadt ———————— — 161— vor mir, die Alles umſchloß, was ich liebte. Kaum dachte ich, daß ſie aufgeſtanden ſein könne, ſo rannte ich hin. Die alte Magd kannte mich nicht. „Schläft der Herr noch?“ fragte ich haſtig. „Ja,“ erwiederte die Alte;„aber Fräulein Minchen iſt im Garten.“— Ich eilte dorthin. Der Athem verſagte mir, als ich die lieben Räume vor mir ſah. Durch die Blätter der Laube ſchimmerte ein helles Gewand. Ich trat ſchnell in den Eingang derſelben. Da ſaß ſie bleich und weinend. Einen Schrei ſtieß ſie aus, als ſie den Fremden ſo plötzlich vor ſich ſtehen ſah, der mir durch die Seele drang. „Minchen,“ rief ich,„kennſt du mich nicht mehr?“— Sie ſtierte mich an— dann ſprang ſie auf und lag an meiner Bſt Der Rath war doch ſchon auf geweſen. Er hörte den Schrei des Mädchens, und da ihm die alte Sybille ſagte, es ſei ein Fremder in dem Garten, ſo kam er ſchnell herzu. Als er mich aber erblickte, erkannte er mich, wie er uns ſpäter ſagte. Plötzlich fühlte ich einen leiſen Schlag auf der Schulter, der mich aus der Entzückung weckte. Ich fuhr mit dem Kopfe herum und ſah ihn. „Aha,“ rief er lachend,„der Blitz hat eingeſchlagen! Siehſt du, Minchen, da iſt er!“ Jetzt fiel ich an ſeinen Hals. „Iſt's alſo nicht wahr?“ fragte ich. „Setz' dich, mein Sohn,“ ſagte der Alte.„Du mußſt mir ſchon die erſte und letzte Lüge zu gute halten. Ich dachte ſo: Du mußt ihn prüfen. Drei Jahre ſind eine lange Zeit, dreimal lang genug, um, wie's ſo geht, ein Mädchen zu vergeſſen, dem man gut war, und ſie, indem man ſich an eine Andere hängt, wie man zu ſagen pflegt, ſitzen zu laſſen. Es war vor drei Jahren Zeit, der Liebelei einen Riegel vorzuſchieben durch deine Entfernuhg. Zetzt — 162— war's Zeit, der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Ich ſprach mit Minchen. Sie wollte es freilich nicht haben, allein ich that's doch und ſagte: Iſt ſeine Liebe ächt und treu, ſo kommt er inner⸗ halb acht Tagen; iſt ſie unächt, ſo kommt ein Brief, der dir Glück wünſcht. Im erſten Falle wirſt du glücklich; im zweiten war er deiner Liebe nicht werth, und jede Thräne iſt eine Sünde, die du um ihn weinſt, denn er iſt ein Schurke, der unſerer Liebe nicht werth war. Ich glaubte an deine Treue, aber nimm's nicht übel: Menſchen ſind Menſchen, und heutzutage iſt die Treue ein ſo ſeltener Vogel, daß man ſie wohl ehren muß, wenn man ihr irgendwo noch begegnet.“ Jetzt fiel eine Zentnerlaſt von meiner Bruſt;„aber,“ ſagte ich,„Sie haben mir drei Tage gemacht, deren Jammer ich nicht mehr erleben möchte.“ „Kind,“ ſagte der Rath,„das vergißt und verwindet ſich ſchnell, zumal ich Alles wieder gut mache.“ Er nahm Minchen's Hand und legte ſie in die meine und ſagte:„Was Gott zuſammengefügt hat, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden! Gott ſegne Euch!“ Minchen weinte heiße Thränen; aber es waren Thränen der Freude und des Glückes, denn ſie lächelte dabei ſo ſelig, daß man's ſah, das Gefühl ihres Herzens war zu mächtig zu einem gewöhn⸗ lichen Ausbruch. Erſt nach und nach kam Alles wieder in das rechte Gleis. Er ließ uns nun alleine. Und als wir ihn ſuchten, ſaß er in ſeinem Lehnſtuhle mit gefalteten Händen, und der hehre Ausdruck ſeiner Züge that es kund, daß er gebetet hatte. Dreißig Jahre ſpäter. Mancher Sturm iſt, ſeit ich das Voranſtehende ſchrieb, über meinem Haupte dahin gebrauſt; ich ſtehe nicht mehr ferne von der Grenze meiner Tage; wer weiß, wie bald der Herr ruft. Darum greife ich noch einmal zur Feder, um kurz das zuſammen zu faſſen, — 163— was ich ergänzend nachzutragen habe. Mag einſt Eins der Lieben, die mir die Thränen der Liebe nachweinen, den Schluß hinzufügen mit den Worten: Er ſtarb voll Dankes gegen Gott, und pries ſeine heiligen Wege, die allezeit durch Nacht die Seinen zum Lichte führen. Seit ich zurückgekommen, war mit dem Oheim eine große Umwandlung vorgegangen Seine Härte ſchmolz im warmen Hauche unſerer Liebe. In unſerem Glücke wurde er wieder jung. Kinder hatte er keine, wir waren ſie; aber der Kreis unſeres Hauſes erwei⸗ terte ſich. Der alte ehrliche Camprecht und mein Conrad waren unſere ſtetigen Geſellſchafter. Conrad hatte es vorgezogen, des Vaters Geſchäft zu treiben, ſtatt eine andere Laufbahn zu wählen, zu der er reichlich befähigt geweſen wäre.„Du haſt recht, Conrad,“ ſagte der Rath.„Der Staat braucht tüchtige Bürger, ſonſt helfen ihm tüchtige Beamte wenig.“ Auch Albert kam zurück und lebte, bis er eine Pfarre erhielt, als Hauslehrer in einer reichen Familie der Stadt, ſpäter als Lehrer am Gymnaſio. Nun war das Kleeblatt treuer Jugendfreunde unzertrennlich, und unſere beiden Alten fühlten ſich in unſerm Kreis unendlich wohl, denn“ Liebe, Dankbarkeit und Verehrung wurden ihnen von Allen gleich geweiht. Als meine Examen vorüber waren, wurde ich in der Vater⸗ ſtadt als Gerichtsrath angeſtellt, und nun führte ich Minchen zum Altar. Albert traute uns als Stellvertreter des Pfarrers, und Conrad führte die Braut. Als wir zuſammen ſaßen, ſechs glück⸗ liche Menſchen, da legte der Oheim ein Pergament in Minchen's Hand. Es war eine Adoptionsurkunde. Zu ſeinen ſeltſamen Grillen gehörte auch die, wir ſollten ſeine Kinder ſein, und ich mußte ſeinen Namen annehmen. Auch Conrad verheirathete ſich glücklich, aber der Herr nahm ihm das treue Weib. Albert wurde leider weit weggeführt; aber wir ſehen ihn oft bei uns, auch er iſt glücklicher Gatte und Fami⸗ lienvater. Camprecht und der Oheim ſtarben hoch betagt, tief und innig betrauert. Friede ſei mit den Edeln!“— „ bin zu Ende, ſagte der Pfarter, deſſen Sunnſ 6 5 — 16— ihr Wanken die innere Bewegung verrathen hatte. Der Andere ſaß da und hielt die Hand vor die Augen, aber die rieſelnden Thränen verbarg ſie nicht. Auch die Familie des Landgerichts⸗ raths und er ſelber waren tief bewegt. Ich ahnete eine nahe Beziehung der Geſchichte zu Allen, die hier verſammelt waren. „Herr Referendarius,“ nahm endlich Rudolphi das Wort:„Sie ahnen wohl, daß das Geleſene die Geſchichte meines Lebens enthält. Sehen Sie hier mein treues Minchen, hier meinen theuern Albert und meinen Conrad, die Getreuen, die Erprobten, die Theile meines Herzens geworden ſind.“ „Ich weiß wohl, es iſt mancher Anklang darinnen, der ſie innerlich berührte. Mögen Sie die Lehre daraus entnehmen, daß Gott Alles wohl macht, und ich danke dem Herrn, daß ich das gleich wahr machen kann. Ich habe mir vom Herrn Präſidenten die Erlaubniß erbeten, Ihnen heute Ihre Beſtallung als Anwalt an unſerm Landgerichte überreichen zu dürfen.“ Nun war das Betroffenſein an mir. Alle wünſchten mir aufs herzlichſte Glück. „Es iſt wahr,“ ſagte ich,„Ihre Geſchichte hat mich bewegt, denn meine Jugend und die Ihre ſind vielfach verwandt. Die Rolle Ihres wackern Oheimes haben Sie jetzt bei mir übernommen. Gott ſei Preis! Meine Zukunft iſt ſicher geſtellt. Vollenden Sie nun aber auch Ihr Werk! Nettchen und ich— wir ſind längſt einig für den Weg durchs Leben.“ „Geben Sie uns Ihren Segen ohne Prüfung!“— Nettchen ſtand da— ſo bleich wie eine Marmorſtatne. Ich ergriff ihre Hand und führte ſie zu Vater und Mutter hin, die uns ſegneten, und dieſer Tag war ein ſeliger in meinem Leben, und auch ich konnte den Herrn preiſen, der Alles wohl macht! Die ſieben Jahre des troſtloſen Referendariates wurden von dieſem Eeinen Tage verſchlungen, daß ihrer nicht mehr gedacht wurde. Elſer. Die Eihe Geſchichte aus dem Naſſauer Land. Es war vor etwa zwanzig Jahren, als ich mit einem Freunde von Oranienſtein nach Dietz ging. Es war ein Maitag von wunderbarer Schönheit, Klarheit und Blüthenpracht. Man mochte kaum von der Stelle, denn überall jubelten Nachtigallen und Droſſeln am Lahnufer; die Wellen plätſcherten ſo träumeriſch; der Blüthenduft wogte einem überall zu, und dazwiſchen tönte eine Muſik, die nichts weniger als ſchlecht genannt werden konnte; größtentheils waren es Blasinſtrumente. Wir ſetzten uns an einer ſchönen Stelle nieder, und gaben uns dem Eindrucke hin, für den wir heute ſo empfänglich waren. „Das ſind Elſer!“ ſagte mein Freund. „Was du damit ſagen willſt, verſtehe ich nicht,“ verſetzte ich daranf. „Du kennſt Els und die Elſer nicht?“ fragte er erſtaunt, „und biſt doch in unſerem ſchönen Naſſau bekannter wie mancher Eingeborene.“ „Leicht möglich,“ war meine Antwort,„und doch iſt mir Els und die Elſer unbekannt.“ „Unſtreitig,“ ſagte der Freund, n 65 das merkwürdigſte Dorf des Landes nicht.“ „Was macht es denn ſo nntt“ fragte ich ſehr „Ich freue mich,“ ſagte mein heiterer Freund,„mich einmal bei dir auf das ſteife Roß der Gelehrſamkeit ſchwingen zu können. Gib alſo Acht. Nicht darum iſt Els ein ſo merkwürdiges Dorf, weil es unmittelbar dem deutſchen Kaiſer gehört haben ſoll, und dann ein freies Reichsdorf wurde, denn wir haben der mehr im ende, 3. B. Sulzbach bei Höchſt und Spden; auch i darum, — 168— weil es dieſe Freiheit wieder verlor und als Lehen an die von WMolsberg, Frankfurter Altbürger, kam, Gott weiß, wie; auch nicht darum, daß es Mauern und Thürme hatte, denn ſolche hatten viele Dörfer in der Zeit, wo der Adel die noble Paſſion hatte, Straßenraub zu treiben und Dörfer zu plündern; auch nicht dadurch, daß es ſo oder ſo an Kurtrier kam, denn das war nicht beneidenswerth und außergewöhnlich bei der Größe des Länder⸗ magens der Herren, die den Krummſtab führten; auch endlich nicht dadurch, daß, als Kurtrier die eingeſtürzten Mauern und Thürme wieder aufbauen wollte, die edlen Ritter ſich widerſetzten, weil beim Mauſen Schloß und Riegel, Mauern und Thürme ein unange⸗ nehmes Hinderniß ſind,— ſondern weil das ganze Dorf der ausübenden Tonkunſt huldigt, und zu den Jahreszeiten, wo Gele⸗ genheit ſich bietet und die Arbeit nicht zurückhält, als Schnurranten in die Welt hineinzieht. Wenn dir eine Drehorgel Kopfweh macht, eine abgequinkelirte Mordgeſchichte dazu eine Gänſehaut austreibt — du kannſt einen Eid darauf ſchwören, Els iſt ihre Heimat. Wenn ein QOuartett, oder Quin⸗, oder Sert⸗, oder Septett von Flöten, Klarinetten, Hörnern, Trompeten, Poſaunen mit Ländlern, Polkas und Schottiſchen deine Seele erbaut, oder wenn eine Geige, Guitarre, Flöte, benebſt einer eroberungsſeligen Harfnerin und ihrem kröhlenden Geſange dich erquickt— du kannſt Gift darauf nehmen, daß es Elſer ſind, denen du die Hochgenüſſe der Tonkunſt verdankſt. Außer Böhmen und den Erzbergen gibt's nichts Aehnliches, und in Naſſan iſt unſer gutes Els die einzige muſika⸗ liſche Perle von ächtem Waſſer. Es iſt ein wunderſames Volk in dem Dorfe; Zugvögel von Natur, denen es daheim nicht immer wohl und geheuer iſt.“ „Iſt's weit hin?“ fragte ich. „Gott behüte! Das Dorf gehört zwar zum Amte Hadamar, aber es iſt von Dietz gerade ſo weit hin, daß ſich ein guter Fuß⸗ Pünger wie du nicht zu fürchten hat.“ Schon am andern Tage machte ich mich nach Els, und ziemlich früh auf die Socken. Schnee der Jahre auf 20 Haupt, ehne daß ſeine gebrochen geweſen wäre. Freundlich pileitrte er mich — 6— Ich fand ein Dorf, das hundert andere ſeines Gleichen findet unter den Dörfern des Landes, aber faſt nur Frauen, Kinder und Greiſe. Die Jugend und bas mittlere Alter war hinaus in die Bäder am Taunus, in die Städte des rheiniſchen Landes— vielleicht noch weiter ins Land— ja,„vielleicht gar über die See,“ wie's im Tiek'ſchen Liede heißt. Es iſt etwas Poetiſches in dieſem muſikaliſchen Vagabundenleben, und ich kann mir's recht gut denken, wie der Reiz dann ſo mächtig, ja unwiderſtehlich wirkt in denen, die ihm einmal Raum gaben. An Kindern fehlte es nicht, und daraus ſchöpfte ich die ſchöne Hoffnung, daß dieſe edle Zunft von wandernden Schnurranten noch nicht am Erlöſchen iſt. Els hat eine Zukunft. Als ich den Spießmann ſah, erkannte ich die legitime Quelle oller Nachrichten, und fragte nach dem Wirthshaus. Unkundigen in dörflichen Verwaltungs⸗ und Polizeiangelegen⸗ heiten bemerke ich, daß der Spießmann der dorfliche College der Berliner ſo viel beſprochenen Schutzmänner, der Londoner Conſtabler, der Pariſer Mouchards, der Wiener Spitzeln iſt, das heißt der Polizeiofficiant des Dorfs. Er iſt aber mehr noch⸗ Er iſt Ausrufer, Ausſcheller, Tagwächter, officieller Briefträger des Schulzen, Gemeindediener, kurz der Spießmann iſt eine bedeu⸗ tende Perſon, die eingeweiht iſt in den geſammten dipkomatiſchen Verkehr des Dorfs, und auch im perſönlichen und häuslichen intime Kenntniſſe beſitzt. Seine Arbeit iſt in der Regel das wichtige Geſchäft, das der Italiener 6 ſich vorzüglich mit„ſüßem Nichtsthun“ überſetzt. Weil er eine Art verkommener roſtiger Hellebarde ſeu heißt er Spießmann. g far niente nennt, was Der Elſer Spießmann war ein hübſcher Greis. Es lag der aft ganz 3 einem netten reinlichen Hauſe, wo ein Wanderer gern ſeinen S S Auch war ein 6 Mi der mit o —— Einladung Antheil nahm. Dem hatte ich's gleich an der Naſe angeſehen, daß in ſeinem Kopf eine Menge Geſchichten ſteckte, und darum ſuchte ich ihn„heimlich zu machen.“ Bin ein Liebhaber von dergleichen! Was mir am nächſten lag, war der Urſprung dieſer ganz eigenthümlichen Richtung der Dorfbewohner, und darnach fragte ich zuerſt. Da vernahm ich denn, daß mehrere Umſtände dazu beigetragen. Einmal die lange Amtsführung eines Deutſchböhmen als Schulmeiſter in Els, der nur für Muſik zu leben ſchien; dann der leichte Verdienſt eines vorhandenen Orgel⸗ mannes, und endlich das Glück des„Orgelſteffen und ſeiner Familie.“ „Was hatte es denn damit für eine Bewandtniß?“ fragte ich neugierig. „Wenn's Euch drum zu thun iſt, dieſe Geſchichte zu hören,“ ſagte der Spießmann,„ſo will ich ſie Euch erzählen, und wir können grad' ſitzen bleiben, wenn es Euch darum zu thun iſt, auf dem Flecke zu weilen, wo ſie ſich zutrug. Dies Haus war der Schauplatz merkwürdiger Begebenheiten. Könnten dieſe Wände reden, Ihr würdet noch mehr erfahren, als ich Euch ſagen kann. „Als ich noch klein war,“ fuhr er fort,„und noch bei meiner Mutter lebte, die eine Wittwe war und mit Eiern und Butter nach Dietz marketenderte, da war dies Haus hier nur ein Hüttchen, das ein ſchweres Strohdach drückte, deſſen Vordertheil in der Mitte weit über eine Holztreppe vorſprang, deren Poteſt Raum zu einer Bank und dem Sitzplatze mehrerer Perſonen bot. Hier im Hofe ſtand ein Veldenzerbirnbaum, deſſen Krone weit über das Häuschen hinausreichte, der alle Jahre Birnen trug und mir darum erinner⸗ lich iſt, weil er einſt der Grund war, daß mir der alte Hannes, der damals hier wohnte, das Kamiſol am Leibe ausklopfte, daß kein Stäubchen drinnen blieb. Daß das vom Birnenmauſen kam, könnt Ihr Euch denken, denn es liegt ſo in der Buben Art. Das Hüttchen war baufällig und der alte Hannes hatte kein Geld, es zu bauen. Meiner Sir, wenn der Wind ging, wurde es ordentlich höflich und machte Diener vor ihm, daß man meinte, es wolle d — — 171— Hut, nämlich das Dach, lüften oder gar abthun, um ihn zu begrüßen. Das geſchah auch hernachmals bei einem Gewitter wirklich, und der Orgelſteffen, der es damals bewohnte, bekam dadurch die Urſache, dies hübſche Haus aufzubauen. „Wie geſagt, in dem Hüttchen wohnte der alte Hannes und ſein Kind, das hübſche Mariechen. Der Hannes war arm wie Hiob, von dem in der Schrift zu leſen iſt. Sein Alles war dies Hüttchen, ein Aeckerchen und ſein Mariechen. Ihr könnt mir's aber aufs Wort glauben, in dem Mariechen beſaß der alte Mann einen Reichthum. Eine beſſere, treuere und gehorſamere Tochter, eine ſittigere Jungfrau und ein ſchöneres Weibsbild gab's nicht. Selbſt des Paſtors Köchin und die Hebamme, die alte Liſekäth, ſtimmten darin überein, und an wem die zwei ein gut Haar ließen, der mochte von Glück ſagen.. „Solch ein Mädchen hätte ſollen mehr Freier haben, als Strohhalmen auf dem Dach, aber ſie war arm. Es war halt damals gerade wie heutzutage auch; hat eins Geld und Gut, ſo mag's häßlich ſein wie Lea, bitterbös wie Sirach's Frau geweſen ſein muß, der ſo viel von böſen Weibern redet, und arg wie Zeſabel, dabei mag ſie einen guten Ruf haben oder nicht, kochen können oder nicht, flicken können oder nicht, ſie kriegt doch ihren Mann; ein armes Mädchen, und wenn's ein Engel wäre, bleibt ſitzen bis Anno Tubak. Ich weiß es noch recht gut, wie alle Burſchen nach Mariechen lugten, mit ihr tanzten und koſten— aber damit war's am Ende. Liebhaber hätte ſie genug haben können, aber Nehmer fand ſie nicht. „Damals lebte im Dorf ein lediger Burſch, der Steffen hieß. Es war ein gar ſauberer, ſchöner, kräftiger Burſche. Er hette keine Seele mehr, die er ſein nennen konnte, ſaß miethsweiſe, kochte ſich ſelbſt, und wenn er auf einen Baum ſtieg, ſo war unter ihm auf der Erde nichts ſein Eigen. Das hätte Nichts gethan, wär' er nur kein Lüftling geweſen, der Alles, was er verdiente, wiever durchbrachte. Er dachte gar an keine Zukunft und an kein Alter Es geht manchmal ſeltſam in der Welt. In dieſen Steffen nimmer. — verliebt ſich das gute Mariechen, und er in das Mariechen. Der alte Hannes zog Anfangs die Stirne in Falten, aber als er ſah, wie der Steffen auf einmal ein anderer Menſch wurde, da hatte er Nichts mehr dagegen. Das machte ſich freilich auch erſtaunlich ſchnell, und doch ſo ſtill und heimlich, daß es Niemand merkte. „Hatte früher einer zu dem Steffen geſagt: Heirathe! du wirſt dann ordentlich, wenn dich eine Frau handhabt und ranſchirt; ſie bringt dich in Räſon, denn ſo kommſt du in Cwigkeit zu Nichts weiter, als daß du ein Lump im Alter biſt, wie du einer in der Jugend warſt, da hat er ſich geſchüttelt, als ob es ihm kalt wäre und ſchuckerte, und hat geſagt: Will ſo keine Baßgeige, die die ganze Lebenszeit brummt. Das könnt Ihr mir aber glauben, lieber Herr! daß für jeden Menſch ſo einmal das Stündlein kommt, wo der letzte Vers vbm fröhlichen Junggeſellenlied verklingt und der Eheſtandschoral anhebt. So iſt's dem Steffen auch ergangen, als er einmal bei dem alten Hannes und dem Mariechen auf der Holztreppe ſaß. Er hatte dem Mariechen in die blauen Augen zu tief hineingeguckt. Kurz, er war behext, rein behert; aber, wollte Gott, die Herxerei hätte allemal ſolche Wirkung. „Der Wirth fragte: Iſt der Steffen todt? Ich ſeh' ihn ja „Arbeitete er im Taglohn, und das that er jetzt mit regem Fleiße, ſo bracht' er Abends das Geld ſeinem Mädchen und ſagte: Mariechen, heb's auf! Es gibt Hausrath! Sagte ſie dann; du mußt doch auch für ein Schöpplein am Sonntag in der Taſche haben, oder für ein Packetlein Tabak! ſo ſagte er: dein alter Vater trinkt Waſſer, da müßt' ich junger Kerl mich ja doch ſchämen, wollt' ich Wein trinken. Was aber das Packetlein Tabak betrifft, ſo komm' ich zu dir, wenn meiner all verraucht iſt. Hätte das einer früher geſagt, ſo würde es mit dem Steffen werden, ſo würde Zeder ihn ausgelacht haben. Nun war's ſo, und die Liebe war die Here, die das fertig brachte. Da ging's, wie's in dem alten Liede heißt: 3 — „Die Lieb hat mich zum Mann gemacht, War gar ein leichter Knab'; Nun lachen mich die Buben aus, Weil ich geheirath't hab'.“ „Aber die Buben hörten auf zu lachen, weil der Steffen ein Muſter eines braven Menſchen wurde, und ich habe zwei glücklichere Brautleute nie geſehen, als Steffen und Mariechen. Doch, lieber Herr, wie nahe liegt das Leid der Freude! „In acht Tagen ſollte Hochzeit ſein. Da ging der Steffen nach Limburg, wo ſein Pathe wohnte, der Schuſter Siegfried, ein reſpectabler Mann. Den wollte er zur Hochzeit laden, wie's üblich iſt. Nun diente in Limburg ein guter Kamerad vom Steffen, der führt ihn ins Wirthshaus, um ihm Gutes anzuthun. Die Beiden plauderten und tranken, und tranken und plauderten, und Beiden ging das Herz auf wie eine Dampfnudel. Es wurde Abend und ſie ſaßen noch, wo ſie ſich hingeſetzt, aber die Zungen waren ſchwer, die Augen ſtier, die Haltung wackelig. Der Wein war ihnen in den Kopf geſtiegen, daß ſie nicht mehr wußten, ob ſie Buben oder Mädchen ſeien. Das merkten kaiſerliche Werber, die in Limburg Station hatten; denen ſteckten die beiden Prachtkerle in der Naſe. Wie's zuging, weiß kein Chriſtenmenſch; aber am Morgen des folgenden Tages waren Beide angeworben, jammerten, weinten, riefen laut, ſie ſeien betrogen— aber das half Alles nichts. Sie werden fortgeſchafft, weit, weit in das Türkenland, wo's damals blutig herging. Von Mariechen's Leid will ich nicht reden. Ihr mögt's Euch denken. Sie trauerte wie um einen Todten. Hab' nie mehr ein roth oder blau Band an ihr geſehen. Aber ſie wurde nur noch ſchöner, als ſie ſo bleich und traurig ausſah. Ihr Vater ſtarb auch bald. Nun war das arme Kind allein. Damals warben viele um ſie, ſelbſt wohlhabende Burſche, weil ſie gar ſo brav und gr ſo ſchön war; aber ſie hat keinen angehört. Sie wollte ihrem ieben Steffen treu bleiben, deſſen Heimkehr ſie allezeit hoffte. Ja offen hält das Herz friſch; aber hier war's doch über die — 174— Gebühr. Es kam kein Brief, keine Botſchaft, und fünf Jahre ſchlichen hin in Weh und Leid, und Steffen kam nicht. „Im ſechsten Sommer ſaß einmal Abends Mariechen auf der Treppenbank. Da kam ein Mann daher, der hatte eine Drehorgel anhangen und einen Stelzfuß von Holz. Er trug einen großmäch⸗ tigen Hut, wie ihn die Mäuſe⸗ und Rattenfallenhändler aus Ungarn tragen, die bei uns herumziehen, und den hatte er in die Stirne gezogen, daß man das Geſicht nicht ſehen konnte, und ſah auch unter ſich wie ein Hinkeldieb. Darauf fängt er eine gar traurige Weiſe zu ſpielen an und ſingt ein Lied dazu, das von einem Sol⸗ daten handelt, der wiederkehrt in die Heimat und Niemand kennt ihn mehr. Sein Lieb iſt eines Andern Weib und die Seinen ſind alle todt. Der letzte Vers(denn ich hab' das Lied viel hundertmal gehört) ſchloß mit den Worten: „Du Feindesblei, warum, warum Flogſt du an mir vorüber? Mein letztes Hoffen iſt vorbei, Wär' nun gefallen lieber! Grabt mir ein Grab zur letzten Ruh', Und decket mich mit Erde zu— Ich mag nun nicht mehr leben!“ „Da hat weinend das Mariechen die Arme ausgebreitet und gerufen: Ich bin ja treu 8 Du ſfollſt nicht ſterben, mein Steffen! „Da ſtand ſchnell die Orgel an der Erde, der Schlapphut flog weg und er lag an der treuen Bruſt; aber der Stelzfuß blieb, denn ſein eigner Fuß lag auf dem Schlachtfelde bei den Türken. In dem Oeſterreich heißt es heute noch: Ein junger Soldat, ein alter Bettler. An eine Penſion, wie's bei uns iſt, war nicht zu denken. Aus den letzten Reſten ſeiner Kriegsbeute hatte er ſich die DOrgel gekauft, und ſich, nachdem er geheilt und hergeſtellt war, herausgeorgelt. Wie er aber durch das Mariechen ſparſam gergefi war, ſo bracht' er viel erſpartes Geld mit. „Willſt du mich denn noch, mich armen Krüppel? fraßt mit Weinen— und das Mariechen drückte ihn immer feſter an ihre treue Bruſt und konnte nicht reden. Das war aber Antwort genug, und nach vier Wochen war ſie ſeine glückliche Frau, und dem Steffen that der verlorne Fuß gar nicht mehr leid. Ich ſag's Euch, lieber Herr, die Zwei haben gelebt mit einander wie die Engel im Himmel, und als ihnen Gott ein Töchterlein beſcheerte, da war ihr Glück vollkommen. „Der Steffen konnte freilich nicht mehr arbeiten, allein er zog mit ſeiner Orgel umher. Das war damals noch etwas Neues hier zu Land, und er verdiente grauſam viel Geld, und erwarb ſich ein hübſches Vermögen, kaufte ſich einen Acker nach dem andern und als ein Wetterſturm das Dach von ſeinem Hüttchen warf, da baute er dies Haus. Freilich reichte ſein Geld nicht zu: allein er bekam zu Dietz mit Freuden gelehnt, denn Jedermann achtete ihn, und hatte ihn lieb. Es dauerte auch nicht gar lange Jahre, da war die Schuld abbezahlt und alles freies Eigenthum. Ihr mögt wohl denken, daß das Beiſpiel reizte. Seitdem zogen viele Elſer in den Schwarzwald, wo gar geſchickte Leute wohnen, die ſolche Orgeln machen, kauften ſich dergleichen und machten's dem„Orgelſteffen“ nach, und ſo ſind die Leute ſo daran gekommen, mit den Orgeln herumzuziehen. Es iſt ein leichter Verdienſt. Bei Vielen heißt's aber auch: Wie gewonnen, ſo zerronnen. Ihr wißt, es geht ſo in ———— ——,.—— er Welt. „Mein Spießmann war aus dem Tert gekommen. Wie es bei alten Leuten zu gehen pflegt, ſo hatte er den Faden verloren und ſhien ſeine Geſchichte abbrechen zu wollen. Und doch mußte mehr noch dahinter ſtecken nach ſeiner eigenen Aeußerung. Ich war nicht im mindeſten geneigt, ſo leichten Kaufes meine Beute fahren zu laſſen.— „Iſt denn damit Eure Geſchichte aus, Kumpeer Spießmann?“ fragte ich. „Aus? Nein,“ erwiederte er;„aber ich merke, ich habe die verloren. Nun ja, Ihr habt recht! Als das Mechthildchen, eß des Steffen und Mariechen's Kleines, ſieben Jahr alt war, „ — 176— fing das Mariechen zu kränkeln an, und nach einem Jahr, als im Herbſte die Blätter fielen, da deckten ſie ein friſches Grab, darin ihr treues Herz ruhte. „Ach, Herr, das war ein Leid, daß ſich ein ſteinern Herz hätte erbarmen mögen! Der Steffen wollte ſich gar nicht tröſten laſſen. Seine Orgel bauten die Spinnenweben zu, und es ſah gerade darnach aus, als ſollte ſie verſtummen und das bewegliche Lied von dem zum Krüppel geſchoſſenen Soldaten kein Herz mehr rühren. Er mochte von der Muſik nichts mehr hören; aber der Menſch denkt's und Gott lenkt's. „Das Mechthildchen war ein Kind wie ein Engelchen. Wenn's ſo fortginge, wie es den Anſchein hat, ſo wurde ſie noch einmal ſo ſchön als ihre Mutter. „Damals war in Els ein Schulmeiſter, der aus Böhmen ſtammte, wo die Menſchen mit einer Geige auf die Welt kommen und die Kinder ſchöner weinen ſollen, als ſie hier zu Lande ſingen. Der war rein geckig mit der Muſik. Verſtand's aber auch aus dem FF. Er unterrichtete die Bauernbuben in allen Inſtrumenten, denn er konnte ſie alle ſpielen und noch einige mehr.. „Der Schulmeiſter war ein treuer Menſch, und hing an dem Orgelſteffen wie eine Klette im Haar, und hatte, da er ſelber ohne Frau und Kinder war, eine wahre Affenliebe für das kleine Mechthildchen. „Hört mal, Steffen, ſagte er eines Tages zu ihm, als er wieder bei ihm ſaß und Steffen ihm klagte, die Noth zwänge ihn, wie auch das Herz ihm blute, wieder orgeln zu gehen, in dem Kind da ſteckt eine Sängerin, wie die Mara eine war, die ich einmal in Wien gehört, da ich noch im Orcheſter mitgeigte. So ein Talent darf nicht untergehen. Ich unterrichte und bilde das Kind aus, und es koſtet Euch keinen Heller. Geht in Gottes Namen orgeln. Glaub's, daß Ihr durch Eurer lieben Frau Krankheit etwas zurück⸗ gekommen ſeid. Es war eine ſchwere Zeit für Euch, aber Gott hilft wieder. „Was ſoll ich aber mit dem lieben Kinde machen? Steffen, und die hellen Thränen rannen ihm über die Wangen. Ohne das Kind kann ich nicht ſein, und es mitnehmen, macht mir Bedenken. „Gar keins, Steffen, ſagte der Schulmeiſter. Wenn ſo ein kleiner Engel das Geld einſammelt, ſo wett' ich hundert gegen eins, Ihr kriegt zwanzigmal ſo viel, als wenn Ihr's ſelber hübet. „Der Schulmeiſter hatte recht. Nach drei Monaten kam der Steffen reicher als je heim ins Dorf. Nun bat er den alten Schulmeiſter, er ſolle zu ihm ziehen in ſein Haus; das that der aber nicht, verſprach indeſſen, dem Kind allen Untepricht zu geben, und hielt auch redlich Wort. „Das Kind wurde ein Wunder an Schönheit und Klugheit. Es kam wenig zu den Kindern auf die Gaſſe. Dafür erbte es 1. auch ihre Unarten nicht. Es hatte ſo etwas Ernſtes in ſeinem Sinne, gar nicht luſtig und toll, wie andere Mädchen dieſes Alters. Der ſte ließ dem Steffen nicht Raſt noch Ruhe, bis er . nach Mainz ging und dem Kind eine Harfe kaufte, denn die war des höchſtes. ½ iſt das tönigliche Inſtrument, hab' ich ihn oft ſagen ſ gehrt⸗ David ſeine Pſalmen ſang und des Königs Saul böſe Grillen vertrieb. „Auf der Harfe unterrichtete er nun Mechthilde und im Geſang, und ich kann's Euch ſagen, ſo etwas zu hören, war eine Rarität.— Man meinte abſolut, man hörte die Engel im Himmel harfeniren und ſingen. Gar oft hab' ich's gehört, und mir iſt dann Abends aller Schlaf vergangen, während ich ſonſt mit den Hühnern auf die Stange zu hüpfen pflege. Wie ſchön ſie war, als ſie zur Jung⸗ frau reifte, davon habt Ihr keine Vorſtellung. Ich ſag' Euch, die Leute blieben verdutzt auf dem Wege ſtehen, wenn ſie vorbeiging. Alle Burſchen liefen ihr nach. Wenn ſie in den Bädern ſpielte und ſang, war ſie von jungen Herren belagert; aber das Mädchen hatte eine Art, die Leute im Reſpect zu erhalten, die eben kein Menſch begriff. Sie war nicht ſtolz, und doch meinte man, ſie v eine Königstochter, und keiner wagte es, keck oder frech zu — 178— ſein. Ihr Ruf war ſo rein wie der klare Quell, wie friſchgefallener Schnee, wie der blaue Himmel im Frühling. „Die ſchöne Mechthilde kannte Jedermann, bewunderte Jeder⸗ mann und, was mehr iſt uls Alles, achtete Jedermann wegen ihres fleckenloſen Wandels. Da war denn Niemand glücklicher als der. Schulmeiſter, wenn er ſo ihr Lob vernahm und wenn er ſo mit ihr ſpielte; ein leiblicher Vater kann ſein Kind nicht lieber haben als er ſie hatte. Die Winterszeit war ſeine liebſte. Dann war Steffen und Mechthilde zu Haus und dann wurde von Morgens bis Abends muſizirt. Der Steffen nahm auch ſeine Orgel nicht mehr mit, ſondern verkaufte ſie an des Michel's Hannpeter, der nun mit derſelben herumzog. Mechthilde ſpielte und ſang, und das trug Euch ein Geldſpiel ein, das könnt Ihr Euch gar nicht vorſtellen. „Die ſchöne Mechthilde mochte ſo ihre neunzehn Jahre alt ſein, da kam ſie einmal im Herbſte heim und war Euch ganz verändert. Das war damals, als die Franzoſen den Krieg anfingen und das linke Rheinufer nahmen. Sie war ſo ſtill und traurig. Sie ſang nur traurige Lieder, und es kam gar nicht ſelten vor, daß ſie Thränen in den Augen hatte.— „Ich dachte, gib Acht, es iſt bei ihr, wie es in dem ſchönen F Liede heißt, das ſie ſo unvergleichlich ſingt:„Haſt du was Liebes, und darfſt es nicht lieben?“ 3 —„Da hatte ich das rechte Punktum getroffen; aber da ich die Geſchichte genau kenne, ſo muß ich Euch erſt etwas Anderes erzählen, das mit der Geſchichte der ſchönen Mechthilde von Els in ganz genauer Verbindung ſteht. „Wenn Ihr lange vor der Zeit, in der Napoleon mit unſerm Deutſchland ſpielte und Könige machte nach Herzensluſt, den Main herabreiſetet, ſo hattet Ihr nicht ganz in der Mitte zwiſchen Würz⸗ burg und Frankfurt, auf einer Anhöhe, ganz nahe bei einem reizend gelegenen Städtchen, ein Landhaus geſehen, wie es nur ein reicher adeliger Herr zu haben pflegt. Es waren Gärten, Treibhäuſer und Weinberge dabei, ſo ſchön, als man ſie nur irgendwo in dem geſegneten Lande finden mochte. — . *— — 179— „In dem Landhauſe wohnte ein Herr von Walsdorf, ein reicher Mann aus Sachſen. Er hatte bei ſeinem Landesherrn eine hohe Stelle gehabt, war aber, wie es bei den hohen Herren ſo zu gehen pflegt, in Ungnade gefallen, und da war's Knall und Fall all mit der Herrlichkeit, und es hieß: Pack dein Drehbrett und deine ſieben Sachen zuſammen und zeug' in ein anderes Land. Wenn einem ſo ein Tanz aufgeſpielt wird, vergeht einem das Tanzen, und es iſt einem nicht wohl zu Muthe. So ging's dem Herrn von Walsdorf auch. Aber was hilft das Alles?— Er kaufte ſich hier das Gut und wollte in ſtillem Frieden ſeine Tage durchleben, und dazu hatte er Geld genug und war auch glücklich verheirathet. Er zog nun dahin und brachte ſeine Frau und zwei Söhne mit, die waren Zwillinge. Es iſt ein gar wunderlich Ding mit ſolchen Zwillingen. Es kommt vor, daß ſie ſich ſo ähnlich ſehen wie ein Ei dem anderen, aber auch wieder, daß ſie ſich ganz unähnlich ſind, und wiederum, daß ſie ſich ſo lieben, daß keins ohne das andere ſein kann, aber auch, daß ſie ſich feindlich abſtoßen wie Waſſer und Feuer. Zum nicht geringen Jammer der Eltern war Letzteres bei den beiden Zwillingsknaben der Fall. Das war ein Katzengebiſſe, wie man in Els ſagt, von Morgens bis Abends, und wo ſie aneinander kamen, da ging's, wie wenn Beil und Holz aneinander kommen— es gab Späne. „Wie manche Thräne hat die gute Mutter geweint, und wie ſchweres Leid trug der Vater! Der Hofmeiſter mußte ſein ganzes Anſehen aufbieten, Frieden unter den zwei kleinen Burſchen zu halten. Es war aber auch kein Wunder! Der älteſte, der Carl hieß, war eine grämliche Natur, was man ſo einen„Duckmäuſer“ nennt, ohne daß er darum böſe geweſen wäre. Er hielt ſchon frühe viel auf den hohen Adel und meinte, der Adel ſei edleren Stoffes, als die übrigen Menſchen; darum er denn auch ſtolz auf ſie herabſah. Der jüngere, Ludwig, war eine friſche, kräftige Natur. 3 Frei und offen, keck und trotzig trat er auf. Ihm galt ſein Adel nichts. Er konnte aufs Entſchiedenſte dagegen ſprechen, wenn in der Familie auf Etwas die Rede kam, was darauf ſich bezog⸗ „ — 180— Carl hatte wenig Talent, aber vielen und ausdauernden Fleiß. Ihm wurde das Lernen ſchwer; Ludwig war höchſt talentvoll, aber ihm fehlte Fleiß und Ausdauer. Er lernte im Fluge, und vergaß im Fluge wieder. Da lagen Elemente des Zwieſpaltes, die durch Ludwig's ewige Neckereien eine Bedeutung gewannen, wie ſie an ſich nicht würden gehabt haben. So entſpann ſich immer ernſter ein Widerſtreit dieſer beiden Naturen, die den Vater zwang, ſie zu trennen. „Er mochte denken, die Entfernung werde die Herzen ſich wieder näher bringen. Das geht ja auch ſo in der Welt. Ich weiß recht gut, mich zu entſinnen, daß meine Mutter oft ſagte, wenn wir Buben uns einmal ein Bischen abwalkten: ihr werdet erſt einig, wenn ihr von einander ſeid. So iſt's auch geworden, und als wir uns ſpäter, als erwachſene Männer, wieder zuſam⸗ menfanden, iſt kein unvergorenes Wort, wie man hier ſagt, mehr zwiſchen uns gewechſelt worden. So mocht's der Herr von Wals⸗ dorf auch meinen, und ſtand nicht lange an, es auszuführen, wie ſehr auch die Mutter weinte, als ſie die Knaben ſcheiden ſah. Den einen that er hierhin, den andern dorthin auf eine gute Lehranſtalt. „In das ſchöne Landhaus am Main war ſeitdem das Leid eingezogen. Die Muſik war verſtummt, und dieſe allein hatte die Buben einig ſein laſſen.* „Ich muß Euch ſagen,“ fuhr der Spießmann fort,„daß der Baron ein leidenſchaftlicher Muſiker war; verſtand ſie auch wie ein Meiſter. Er geigte vortrefflich, und an einer ſehr ſeltenen Cremo⸗ neſer Geige hing ſein Herz. Ich kannte dieſe Geige genau, und ſag' Euch, es ſang wahrhaftig ein Engel daraus hervor. Hab' manche Fiedel gehört mein Lebtag, aber ſo eine nie. Der Ton drang einem in die Seele hinein, und nicht ſelten, beſonders wenn darauf ein traurig Stücklein geſpielt wurde, ſind mir die Thränen in die Augen gekommen. Ihr könnt mir's gewißlich glauben. Sie ſoll auch, wie ich vom Schulmeiſter hörte, vom erſten Meiſter in der Stadt Cremona geweſen ſein, und wenn ich den Namen recht — 181— behalten habe, ſo hieß er Amati, doch will ich's nicht für gewiß ausgeben. „Die Vorliebe für die Muſik hat es denn auch ſo gemacht, daß er den Buben Unterricht geben ließ, ſobald ſie nur ein Inſtru⸗ ment halten konnten. Der Carl bracht's zu nichts, ihm fehlte die Anlage; aber der Ludwig ſtrich ſchon früh ſein Fiedelchen! gar ſchön. Ihm gab daher der Vater ſelber Unterricht, und es hat ſich daher auch ſo natürlich gemacht, daß der Ludwig ſein Schooß⸗ kindchen war und der Carl das der Mutter. Auch das iſt ſo Etwas, was gar oft in der Welt vorkommt. „Die Mutter fing indeß zu kränkeln an, und nach einem Jahre trug man ſie zu Grabe. Die Söhne waren an ihrem Siechbette geſtanden, und ihre letzte Bitte war, daß ſie in Eintracht leben möchten. Das Leid, das ſie ergriffen, ließ dazumal auch keinen Hader aufkommen; aber das Fünklein ſchlummerte nur, und der Vater mochte es ahnen, daß es nicht lange gut thun werde. Da ihm die Muſik nun verleidet war, ſchenkte er Ludwig ſeine Geige, und die Beiden zogen wieder in die Ferne. „So blieb's etwa, bis ſie auf die Univerſität zogen. Auch da trennte ſie der Vater. Und das war gut. Der Carl wollte ſich zu demſelben Berufe vorbereiten, den ſein Vater gewählt hatte, und deſſen Familie machte ihm, da er in Leipzig ſtudirte, ebene Bahn. Kaum hatte er ausſtudirt, ſo kam er nach Wien zu einem Geſand⸗ ten, und hatte eine gute Ausſicht, einmal ein recht vornehmer, angeſehener Mann zu werden. „Der Ludwig war ein Feuerkopf. Er hatte wenig ſtudirt und viel gegeigt. Er glich ſeinem Vater darin, daß er mit Leib und Seele an der Muſik hing. Ein Amt mochte er auch nicht, das hätte ihn viel zu viel gefeſſelt. Es war ein Glück, daß der Alte eben Geld genug geben konnte, denn das Haushalten war Ludwig's Sache nicht. Sein Beutel war für alle ſeine Freunde offen, und die verſtanden das Zugreifen ohne Blödigkeit. Als die Zeit um war, die Ludwig auf der Univerſität zubringen ſllte, ſchrieb er heim, er wolle nach Italien reiſen, um en er Geiger zu 0 werden, und beinebens die Welt zu ſehen; wenn er zurückkomme, wolle er mit dem Vater reden, wie er's eben in der Welt machen wolle. „Der Alte konnte ſeinem Ludwig nichts abſchlagen, und ſo kam's, daß er wirklich in das welſche Land ziehen durfte, wo ſie ſo abſonderlich geigen ſollen, wie der Schulmeiſter ſagte.. „Ihr wißt, lieber Herr!“ fuhr der Spießmann fort,„es geht in der Welt nicht nach des Menſchen, ſondern nach Gottes Gedanken, und die ſind meiſt ganz anders, als die der Menſchen. „So kam denn mit einemmal an den Herrn Legationsſeecretär Carl von Walsdorf in Wien und an den Herrn Baron Ludwig von Walsdorf in Rom die Nachricht, ihr Vater habe auch, und zwar plötzlich, das Zeitliche geſegnet. Der von Wien war ſchnell da. Von Rom bis an den Main iſt ein weiter Weg. 4„Der Tod des alten Herrn von Walsdorf iſt in eine ſchlimme Zeit gefallen. In dem Paris hatten die Franzoſen damals einen gräulichen Spectakel gemacht, hatten ſogar ihren König umgebracht, und darauf, wie ſie das Ding nennen, das Alles zu Unterſt ünd Oberſt kehrt, eine Republik aufgerichtet. Ihr, lieber Herr, ſeid zu jung, als daß Ihr Euch das erinnern könntet; aber ich hab's erlebt, und ſag' Euch, es war eine gräuliche Geſchichte. Alle Köpfe waren im Fundamente verrückt, auch bei uns. Freiheit, Gleichheit, Bruderſchaft! das waren die Loſungsworte, und ſelten war ein junger Kopf, der nicht ſchwindelig wurde. Der Herr Baron Carl war in ſeiner Ruhe nicht erſchüttert worden. Der hielt am Alten feſt, und ſein Adel war ſein Stolz. Er war auch widerlich hoch⸗ müthig, und die Dienerſchaft ſagte: er geberde ſich wie ein Fürſt, und behandle ſie wie Hunde. Er ſchaltete einſtweilen vollkommen als Gutsherr und Selbſtherr. „Endlich kam Ludwig an. Da war's anders. Der hatte die neue Luft eingeathmet, und in ſeinem Kopfe ſteckten die Franzoſen⸗ ſtreiche. Er war ein Republikaner. Himmel und Erde! Da kam wieder Feuer und Waſſer zuſammen, und es giſchte und ziſchte! Da gab's Späne! Es war Zeit, daß die Zwei von einander kamen! ———— — 6 „Der Ludwig ſagte: Bruder, über dem Grab unſerer guten Eltern laß uns nicht ſtreiten, am wenigſten um das Mein und Dein. Du haſt das Gut gerne, nimm's! Ich werde dem Aut⸗ mann im Städtchen, der ein grundehrlicher, unabhängiger Mann iſt, Vollmacht geben, meine Stelle zu vertreten. Mit dem ſetzeſt du dich auseinander. Mein Vermögen legt er bei einem näher zu bezeichnenden Bankier in Frankfurt an. Leb' wohl! „Der Abſchied war kalt und Ludwig reiſte ab. „Carl kehrte nach Wien zurück, heirathete eine reiche adelige Erbin und war ſeelenvergnügt; als aber die Küßwochen vorbei waren, ſah er mit Betrübniß ein, daß er keinen Engel, ſondern ein ſtolzes, herrſchſüchtiges, herzloſes Weib geheirathet hatte. Ich ſag' Euch, er hatte eine Hölle auf Erden. Die Frau drangſalirte ihn, daß er ſchier zu Grunde ging. Sie gebar ihm einen Sohn. Daß er ihn Ludwig nannte, mag Euch zeigen, daß er innerlich ein Anderer geworden, daß er des Bruders in Liebe gedachte. Ja, das Unglück im Hauſe iſt das größte in der Welt, denn es erwacht alle Morgen und ſchläft kaum am Abend ein; es verbittert jeden Biſſen, verpeſtet jede Freude und macht inperlich und äußerlich alt vor der Zeit; aber es iſt oft ein Läuterungsfeuer. Das iſt es auch dem Barone geworden. Daß ihm der Drache von Weib, die unter der Hülle ihrer Schönheit künſtlich ihre miſerable, ſchlechte Natur zu verbergen wußte, bei Zeiten ſtarb, war für ihn und ſein Kind kein Unglück. Er zog ſich von Allem zurück und wohnte am Maine mit ſeinem Kind in der Stille. Damals bin ich oft dahin gekommen und die Dienerſchaft ſagte: Er iſt ein anderer Menſch geworden, ein ganz anderer. Man meint nicht, daß es der Mann wäre, der ſonſt ſo ſtolz und hart war. Wäre jetzt ſein Bruder da, es wäre gewiß beſſer zwiſchen ihnen. „Aber wo war der? Kein Menſch wußt's, nicht einmal der Bankier in Frankfurt, denn der hatte ihm Nichts mehr zu ſenden. Es war in vier Jahren Alles nach Paris gewandert, und ſeitdem war keine Kunde mehr von ihm gekommen. Carl forſchte, aber vergebens. Was ich hernachmals erfuhr, will ich Euch erzählen, — 184— doch zuerſt noch ſagen, daß der Baron Alles verſuchte, ſeinen Bruder zu finden. Gern hätte er ihm Geld geſendet, um die Noth, in der er leben mußte, zu lindern und ganz aufzuheben. Er war ja reich genug. Freilich konnte er ſich denken, daß Ludwig keine Gabe von ihm annehmen würde. Dafür war er zu ſtolz. Er würde lieber gehungert haben; allein es hätte doch vielleicht Wege gegeben, ihm etwas zufließen zu laſſen, ohne daß er gewußt, woher. Allein das war nichts, weil man nichts von ihm wußte, und in Paris, das hatte der Baron doch herausgebracht, wohl ein Walsdorf geweſen war, der aber eingekerkert worden. Nun wißt Ihr, daß, wer einmal in einem Kerker damals in Paris war, nur noch einen Weg übrig hatte, nämlich den zum Tode. Da ſchien's denn, als ſei Ludwig auch dort mit den Vielen, wie man damals hörte, geköpft worden. Das ſtimmte den Baron ſehr traurig, und nur ſein Kind war ſein einziges Gut, das ihm Freude machte. So vergingen Jahre um Jahre. Des Barons Sohn wuchs heran, und er wurde des umgekommenen Bruders innerliches und äußerliches Ebenbild. „Ludwig iſt damals wirklich nach Paris gegangen, weil er, wie geſagt, von dem Geiſte der Franzoſen angeſteckt war. Da, wo der Quell war, mußte ja ein Paradies ſein, wo Freiheit und Gleichheit wohnte, dachte er; aber als er dorthin kam, ſah's anders aus. Die Ferne betrügt. Wenn man einen Menſchen von fern nur ſieht, nicht genauer kennen lernt, meint man Wunders, was es für ein Vogel ſei; aber im Schlafwamms und Hauskamiſol ſehen die Leute ganz anders aus. Ebenſo ging's dem Ludwig, der den Baron längſt abgeſtreift und ſich nur ſo leichthin Wals⸗ dorf nannte. Er ſagte ſelbſt ſpäter, und ich hab's oft aus ſeinem Munde gehört: wo er die Freiheit geſucht, habe er die roheſte, wildeſte Unterdrückung gefunden; wo er Gleichheit erwartet, da habe er blutiges Zertreten, Unterjochung, Hinmorden, kurz alle Gräuel gefunden, die das Blut gerinnen machen in den Adern ½ deſſen, der nur davon hört. Da iſt's ihm gegangen, wie Dr. Martin Luther ſagt: Je näher Rom, je weiter vom Papſte! —— — 185— Da ſind ihm denn die Schuppen von den Augen gefallen, und er iſt nüchtern geworden; aber er war nicht der Menſch, der die Kunſt gelernt, das Maul zu halten, die überhaupt leichter zu lehren, als zu üben. So lang er mit dem Strome ſchwamm, handelte er nach ſeinem Grundſatze: Freiheit, Gleichheit, Bruder⸗ ſchaft! Die zwei letzten waren für ihn am ſchlimmſten in ihren Folgen, denn die Brüder verthaten ſein Geld. Er war, wie ich Euch ſchon ſagte, kein Haushalter, und ſo ging's wie Spreu im Winde fort, bis er Nichts mehr hatte. Als ihm die Augen aufgingen, lärmte er tüchtig. Da faßten ſie ihn und in Nummero Sicher ſtopfte man ſein gefährliches Maul. „Von alle dem Freiheits⸗ und Gleichheitsgelichter in Paris war doch keiner ein treuer Freund. Hätte er nicht einen Deutſchen dort gefunden, der ſich in Treue an ihn anſchloß, er hätte keine Seele gehabt, die ihn liebte. „Mit dieſem Deutſchen, einem Muſikus aus Bamberg, der in einem Theater in Paris geigte, wurde Ludwig durch deſſen ſchönes Geigenſpiel bekannt. Er hat das oft ſelber in meiner Gegenwart erzählt, und hat die Treue dieſes ehrlichen Menſchen mit großer Dankbarkeit gerühmt. Ludwig wohnte bei ihm, als ſchon ſeine ganze Baarſchaft verſchleudert war, und er wußte es zu machen, daß Ludwig auch als Geiger ſein Brod verdienen konnte; allein der Arm ſeiner blutigen Feinde erreichte ihn doch. „Der ehrliche Merk, ſo hieß der Deutſche, gab ſich alle Mühe, Ludwig zu retten, aber es blieb umſonſt. Alle Tage ging er zu den Hinrichtungen, um zu ſehen, ob Ludwig darunter ſei, allein er ſah ihn nicht. „Endlich wurde der Blutmenſch geſtürzt, den Ludwig mit dem Namen Robeſpierre benannte; die Riegel der Gefüngniſ e ſchoben ſich zurück, und das Wort: Freiheit! klang in die Ohren Ludwig's, der ſeinen Tod erwartete. ₰ „In ſeinem Dachkämmerchen ſaß an dieſem Tage der trauernde WMerk, und in ſeiner Hand ruhte Ludwig's Geige. Da hat er gar ttaurige Töne geſpielt, die wohl dem Andenken des Freundes galten. — 186 „Da öffnete ſich die Thür und es trat ein Menſch herein, gehüllt in halbfaule Lumpen. Der Bart hing ihm bis auf die Bruſt und aus dem bleichen, abgemagerten Geſichte blickten die ſchwarzen Augen ſo unheimlich heraus, daß der Merk vor Schrecken ſchier ſeine Geige zur Erde fallen ließ. „Kennſt du mich nicht mehr? fragte Ludwig, denn er war es. Ich bin ein von den Todten Auferſtandener. „Da hat der Muſikus Merk aufgeſchrien vor Freude, denn er erkannte ihn erſt, als er redete. Er fiel ihn um den Hals und weinte vor Luſt. „Mit der Welt hab' ich abgerechnet, fagte darauf Ludwig. Ich bin geheilt von all meiner Thorheit. Ich habe gebüßt, und Gott ruft mich wieder zum Leben. Nun iſt aber das Vergangene für mich begraben. Du haſt meine Geige gerettet. Die ſoll mich nähren. „Es muß ihm wunderlich in ſeinem Gefängniß ergangen ſein. Niemals hat er darüber geredet; aber ich meinte es erkannt zu haben, wenn er ſo dann und wann darauf hintippte. Darauf hat er ſeinen Namen Walsdorf abgelegt und nannte ſich Schneider. In Paris blieb er nur noch ſo lange, bis er ſich ſo viel erworben hatte, daß er heimreiſen könnte. Als dies geſchehen war, ſchied er von dem treuen Merk, der in Frankreich blieb, und wanderte nach Deutſchland zurück. Dort wollte er ſein Brod durch ſeine Kunſt verdienen, aber nie mehr mit ſeinem Bruder in irgend eine Verbindung treten. Als Walsdorf war er geſtorben, und als Schneider wollte er fortan leben. Mit wie wenigem man leben könne, hatte er auch im Gefängniſſe gelernt, und alle die hochfah⸗ renden Pläne waren zu nichte geworden, die er wohl früher gehegt. „Er war mit dem Reſee ſeines Geldes bis Mainz gekommen, wo er in der Auguſtinergaſſe in ein geringes Wirthshaus ging, um da zu übernachten. Schon am Tage vorher hatte er ein Unwohlſein deutlich gefühlt; allein er glaubte, ſeine ſtarke Natur werde es überwinden. Darin hatte er ſich verrechnet. Die Krank⸗ heit brach in der Nacht mit aller Heftigkeit aus, und als die † — 187— Wirthsleute Morgens nach ihm ſahen, redete er irre und lag in brennender Hitze. „Der liebe Gott hatte ihn zu guten Menſchen geführt. Sie riefen einen Arzt, und dieſer, auch ein Menſchenfreund, nahm ſich ſeiner mit Liebe an. Da er zu ſchwach war, um in das Hoſpital gebracht zu werden, hielten ihn die Wirthsleute. Nach langem Leiden kam er endlich wieder zur Geneſung. Der Arzt fand Gefallen an dem Manne, der mehr wußte, als man hinter ihm ſuchte. Er ſaß manche Stunde bei ihm. Da fand er ihn denn eines Morgens mit ſeiner Violine beſchäftigt. Mit Verwunderung horchte der Doctor vor der Thüre. Solche Töne, ſolches Spiel hatte er bei Ludwig nicht geſucht. Endlich riß er die Thür auf und rief: Ihr ſeid ein Meiſter! Wo habt Ihr die herrliche Violine her? die iſt viel Geld werth! „Ach, ſagte Ludwig darauf zu ihm: ſie iſt das Letzte, was ich aus meinem Schiffbruche gerettet habe. Sie iſt der Anker für meine Zukunft. Nun eröffnete er dem Doctor den Plan, daß er in Mainz Unterricht in dem Geigenſpiele geben wolle. Der Doctor beſtärkte ihn darin, und bot williglich die Hand dazu, indem er ihm in vielen Familien ſeiner Bekanntſchaft den Unterricht der Söhne erwirkte. So iſt es denn gekommen, daß er bald mehr Nachfrage erhielt, als er Tagesſtunden zu verwenden hatte. „Niemand, erzählte mir Ludwig, ſei froher darüber geweſen, als ſeine braven Wirthsleute, die ihn recht lieb gewannen, wie auch er ſie. Der Doctor zwar habe ihm zugeredet, ein beſſeres Zimmer zu miethen, um auch den Vornehmen näher zu kommen; allein er habe kräftig widerſtanden und zum Doctor geſagt: Wer mich im Unglücke nicht verlaſſen hat, wie ſollte ich den im Glücke verlaſſen?— Und ſo ſei er geblieben. Dies Wirthshaus war der Zuſammenfluß der Handwerksburſchen, Krämer und Muſikanten. Abſonderlich kehrten dort unſere Elſer ein, und ſeit Jahren auch der Orgelſteffen, der ein lieber Freund der Wirthsleute geworden war.. „Mit einer wahren Mutterliebe aber hing die Wirthin an der — 188— lieben Mechthilde. Ihr war eine Tochter dieſes Alters geſtorben, und da meinte ſie, die Mechthilde ſei ihr Kind, zumal ſie ihr gliche; ſie habe gerade ſo treue blaue Augen gehabt, meinte ſie, gerade ſo blonde Haare, ſei ſo ſittig und fein geweſen, wie die Mechthilde. Oft ſoll ſie ſie mit Thränen in den Augen betrachtet haben. „Auch gegen Ludwig hatte ſie ſchon oft von dem ſchönen Mechthildchen geredet, und dem Mädchen ſolche Lobeserhebungen gemacht, daß Ludwig ganz begierig war, das holdſelige Kind, das eine ſo ſeltene Ausnahme von allen Harfenmädchen machte, einmal zu ſehen und ihr Spiel und ihren Geſang zu hören, den die Wirthin zu den Engeln erhob. „Manchmal, wenn auch ſelten, kam Ludwig Abends in die Wirthsſtube herunter, um ſich an dem Durcheinander zu ergötzen, das da ſich zeigte, wo die vielerlei Menſchen zuſammen kamen. Eines Abends, es war ſchon in der Jahreszeit, wo der Winter mit der herbſtlichen Zeit um die Herrſchaft ringt und Regen und Schnee ſich miſchen, gepeitſcht vom rauhen, oft ſchneidend ſcharfen Winde, ſaß Ludwig in ſeinem Stübchen und ſpielte an neuer Muſik, die ihm der Doctor, ſein guter Freund, gebracht. Es klopfte mehrmals, ehe er es hörte, und auf ſeinen Ruf ſteckte die Wirthin ihren Kopf durch die Thüre und ſagte: Ihr hört und ſeht wieder nichts, Herr Schneider, und doch wollt' ich Euch ſagen, daß das herzige Mechthildchen da ſei. Sie hat mich diesmal recht lange auf ſich warten laſſen. „Mich auch, ſagte Ludwig ſpöttiſch lachend, und legte ſeine Geige weg. „Ihr habt mich ſchon recht geärgert, rief ſie ärgerlich, daß Ihr nimmer glauben wollt, daß dies Mädchen eine Ausnahme von allen Harfenmädchen macht! Ihr wollt auch Alles mit einer Elle meſſen! Nun kommt mit. Ihr könnt durch die Küche in das Zimmer ſchlüpfen, und Euch, ohne daß ſie Euch ſieht, in meines Mannes Sorgen⸗ oder Mittagsſchlafſtuhl neben dem Kachelofen ſetzen. Da könnt Ihr einmal auſpaſſen. Lächelnd folgte er ihr und ſaß bald in dem Stuhle. Dorthin 2. trunkenen Geſellen. — 189— reichte kaum das Licht von den Tiſchen, die in langer Reihe an den Fenſtern hinliefen. Von hier aus konnte man in aller Ruhe dasjenige beobachten, was in der Stube ſich zutrug, ohne daß man hätte geſehen werden können. „An den Tiſchen ſaßen Mainzer Bürger: Schneider, Schuſter und dergleichen, die ihren Feierabendstrunk hielten; dann verſchie⸗ dene Geſellſchaften von Handwerksburſchen, die bereits ſo viel Branntwein getrunken, daß ſie ihrer ſelbſt nicht mehr recht mächtig waren. Mehr zur Seite und näher dem Ofen, der eine ſtarke Wärme aushauchte, erblickte Ludwig einen Greis in gewöhnlicher Kleidung. Eine Ledertaſche hing um ſeine Schultern. Er ſchien ſehr müde und abgemattet. Eine Krücke lehnte neben ihm und einen hölzernen Stelzfuß ſtreckte er weit in die Stube hinaus. Man ſah dem Manne auf der Stelle den alten Soldaten an, und Ludwig war nicht in Zweifel, daß dies der Orgelſteffen von Els ſei, obgleich er dazumal keine Orgel mehr trug, ſondern nur zu ſeines lieben Kindes Schutz mitzog. Abſichtlich, das konnte er „ſehen, ſaß das Mädch en tief im Schatten. Ihre Harfe lehnte in SSierheit in der dunkeln Ecke des Zimmers, nicht weit von Ludwig's Sitz. „Er hätte ſie wohl gerne ſehen mögen, weil die Wirthin ihre Schönheit über die Maßen gerühmt; allein ſie drückte ſich gegen den Vater und mied das Licht. Plötzlich aber ſtand einer der Gäſte auf, um heimzugehen, und da das ganze Licht auf das ſchöne Kind. „Ordentlich betroffen, ſagte Ludwig leiſe in ſich hinein: Meiner Treu', die Wirthin hat nicht gelogen! Etwas Schöneres gibt's nicht! Kaum aber war der Gedanke gedacht, ſo befand ſie ſich wieder im Schatten, den ſie abſichtlich ſuchte. Es war klar, das Mädchen fürchtete die rohen Geſellen. Sie rückten nun Beide dem Ofen näher, denn es fror den Alten gar ſehr. „Vater, ſagte ſie, ohne daß ſie noch Ludwig's Nhe bemerkt, laßt uns auf unſere Stube gehen. Mir wird's bange hier bei den Sie ſagte das mit ihrer w Stimme ſo bänglich und ängſtlich, daß ein rechtes Mitleid das Herz Lutwig's bewegte. „Ach, mich friert ſo noch nicht warm genug. zu ſchaffen. Du weißt' bei dir. „Sie war wieder ſtille; vernehmen, wie ſie angſtvoll ſeufzte. „Nach einer Weile, während immer lauter und unbändiger wurden, „Mir bangt vor den Menſchen! „Der Stelzfuß ſagte: Das iſt ja pure Kinderei. Du weißt, daß ich mich vor ſolchem Volke nicht fürchte. Ueberdies iſt ja auch der Wirth zu Hauſe. Da iſt Hilfe bei der Hand. „Nein, ſagte das Mädchen, er iſt, wie die Wirthin ſagt, verreiſt. „Wenn dir's denn gar zu in die Küche. „Ehe aber das Mädchen dieſen guten Rath ausführen konnte, hatten die Geſellen ihre Karten weggeworfen, und einer von ihnen taumelte gegen die Stelle, wo Mechthilde ſaß. Sie bückte ſich tief, daß er ſie nicht ſehe. „Allein es war zu ſpät. „Warum bückſt du dich denn ſo tief, mein Täubchen? rief er, ſie umfaſſend. Laß mich mal dein Geſichtchen ſehen. „Mechthilde ſtieß einen unterdrückten Angſtſchrei aus. „Blitzſchnell hatte der Alte den Burſchen bei der Bruſt gefaßt und ihn gegen den Tiſch mit einer Kraft geworfen, wie man ihm nicht hätte mehr zutranen mögen. „Ei, du vermaledeite alte Nachteule! ſchrie der Menſch, und ſtürmte mit geballten Fäuſten auf ihn an. Der Orgelſteffen ſtand ſchon kampfbereit mit ſeiner hochgeſchwungenen Krücke da. „Laß das Mädchen in Nuhe! domerte er ihm zu“ oder meine Krücke ſtreckt dich zur Erde. „ entgegnete der Alte, und droben iſt es Das eiskalte Wetter macht mir halt viel s ja! Laß dir nicht bange ſein, ich bin ju aber Ludwig konnte es gans deutlich welcher die Handwerksburſchen hob ſie wieder an: unheimlich wird, ſo geh' zur Wirthin — 1¹91— „Was fällt dir ein, alter Invalide? höhnte der Burſche, ſich langſam nähernd, um ihm die Krücke zu unterlaufen. Meinſt du, ich ließe mir das gefallen, ohne deinen Kahlkopf gehämmert zu haben? Und das Mädchen ſoll ich in Ruhe laſſen? Sieh mal an! ein Harfenmädchen und ſo ſpröde? das paßt wie eine Fauſt auf ein Auge! „Ludwig hatte die Bewegungen des noch nicht völlig trunkenen Burſchen beobachtet. Es war offenbar ſeine Abſicht, mit ſeinem Schwatzen den Alten irre zu machen, und dann ſeinen Arm zu unterlaufen. Die Anderen rückten eben auch herzu, an der Geſchichte Theil zu nehmen. „In dem Augenblick aber, wo der Kerl ſeinen Plan ausführen wollte, ſprang Ludwig hinter dem Ofen hervor, und ſeine kräftige Fauſt traf den Burſchen ſo auf den Kopf, daß er zu Boden ſtürzte. „Donnerwetter! riefen die beiden Andern und ſtürzten ſich auf Ludwig; allein ſie hatten es mit einem Manne zu thun, deſſen rieſiger Kraft ſie nicht gewachſen waren. Ehe ſie ſich's verſahen, lag der eine in dieſer, der andere in jener Ecke. „Schurken! donnerte er ihnen zu. Auf der Stelle verlaßt die Stube, oder ich laſſe Euch von der Polizei arretiren. „Kleinlaut ſtanden die Drei auf, faßten ihre Felleiſen und ſchoben ſich zur Thüre hinaus. „Die übrigen Gäſte belobten Herrn Schneider's Art und Weiſe aus vollem Herzen, und der alte Orgelſteffen reichte ihm dankend die Hand. „Gott vergelt's, Herr! ſagte er. Ihr ward uns ein Retter in der Noth. Ich alter Kerl hätt's doch mit den Drei nicht aufnehmen können. Die Ruhe war hergeſtellt. Die Bürger ſetzten ſich wieder zu ihren Gläſern, und nahmen ihr Geſpräch wieder auf, während die ſchöne Mechthilde Worte eines tief gefühlten Danks ausſprach. „Die Wirthin kam nun auch herein und machte Ludwigen mit 1 ſeinen Schützlingen bekannt. Kurzum, nach wenigen Minuten waren ſie im Geſpräch und der Ludwig konnte ſich gar nicht ſatt ſehen an dem bildſchönen Mädchen, nicht ſatt hören an ihrem ſinnigen Geſpräche, obwohl ſie dazu erſt durch die pappelige Wirthin gebracht wurde, die ſich eben ſo geberdete, als ob der Orgelſteffen und Mechthildchen bereits alte Bekannte des Herrn Schneider wären. „Als nun die Gäſte fort waren und das immer abſcheulicher werdende Wetter keine mehr kommen ließ, ſetzten ſie ſich recht gemüthlich zueinander, aßen zuſammen das Abendbrod, und als das Eſſen vorüber war, ſchlug die Wirthin vor, daß ſie ſich Alle zuſam⸗ men nahe an den Ofen ſetzten, um noch ein Weilchen zu verplaudern. Das wurde mit Freuden angenommen. „Da hat denn Ludwig der Mechthilde ſein Bedauern kund gethan, daß ihr ſo Uebles habe begegnen müſſen. Sie hat ihn mit den großen ſchönen und treuherzigen Augen, die ſich mit Waſſer füllten, angeſchaut und geſagt, ſolche Bitterkeiten ſeien mit ihrem Gewerbe leider oft verbunden; ſie hoffe aber deſſen bald überhoben zu ſein, da der Vater das Herumwandern aufgeben wolle. Darauf hat der Orgelſteffen geſagt: Er ſei nun feſt entſchloſſen, daß dies ihr letzter Gang geweſen ſein ſolle. „Das Mädchen ſchlug die Hände zuſammen, und es war leicht zu hören, daß das: Gottlob! was ſie ausſtieß, aus tiefem Herzens⸗ grunde komme. „Wie ſich das ſo im Geſpräche macht, ſo kamen ſie auf die Muſik, und die Wirthin hat Mechthilde gebeten, ſie ſolle etwas ſingen und ſpielen, und der Herr Schneider werde es dann auch thun; ſie werde ja dann ohnehin ihre liebe Stimme nicht mehr zu hören kriegen. „Mechthilde war kein zimperlich Dingelchen, das ſich lange ziert und bitten läßt; ſie holte ihre Harfe und ſpielte und ſang. Da hat der Ludwig ſich ſagen müſſen: er habe nie und nirgends eine ſolche Stimme gehört. Ordentlich hat er den Athem angehalten Die Wirthin ſchaute ihn an, als wolle ſie ſagen: Gelt, ſo was haſt du noch nicht gehört, und ich hab' doch recht! Was aber dem Ludwig beſonders gefiel, das war, daß das Mädchen nur ſchöne, — 193— ernſte Lieder ſang und keine Leierſtücklein und Schelmenlieder, wie man ſie ſonſt hört. Er hat's auch nicht zurückhalten können, ſie von Herzen zu loben, und ſolches Lob hat dem Mechthildchen die Wangen höher gefärbt, zumal nun Ludwig ſeine Geige holen mußte und auch ſpielte wie ein ausgeheckter Meiſter. Da iſt denn die Bahn gebrochen geweſen. Er hat ſie mit ſeiner Geige begleitet, und ſie vergaßen ganz die Zeit und die Mitternacht, die gekommen war. Der alte Orgelſteffen, der ſanft eingelullt war, mußte ſie ans Schlafengehen erinnern. „Der Abend war von großen Folgen, denn der Ludwig konnte gar nicht einſchlafen, weil er immer das ſchöne züchtige Mädchen vor ſich ſah, und ihre Stimme hörte. Als ihn die Wirthin Morgens zu Geſichte bekam, rief ſie und ſchlug ein Schnippchen dazu: Wer hat recht? „Sie, Sie, ganz und vollkommen! hat ihr der Ludwig geant⸗ wortet. „Gelt, ſie iſt ein leibhaftiger Engel? fragte ſie wieder, und der Ludwig antwortete: Bei meiner Seele, ja! Und die Wirthin lächelte ſchalkig und ſagte: Ich werde das vihen jjwe vermiſſen! „Da fragte Ludwig: Iſt ſie ſchon fort?— und der Frage konnte man's anmerken, wie ſie gemeint war. „Nein, ſagte die Wirthin; aber wenn Ihr ſie heute noch ſehen und hören wollt, ſo— „Schickt den Hausknecht zu meinen Schülern! rief Ludwig, und laßt ſagen, heute gäbe ich keinen Unterricht. Die Wirthin lachte in ſich hinein und ging, es zu beſorgen. P⸗ „Das Wetter war noch immer ſo rauhlich, daß an ein Fort⸗ gehen nicht zu denken war; daher verlebten ſie den Tag noch einmal mit einander, und die Wirthin, die ſich auf die Augen und Herzen verſtand, meinte in ihrem ſtillen Sinne, zu einer jungen lieben Frau Schneider ſei's eben nicht allzu weit. Sie hatte darin 4 nicht falſch gerechnet. „Das Mädchen lag dem im — 194— „Als endlich die Scheideſtunde kam und das Mädchen mit heißen Thränen von der Wirthin Abſchied nahm, ſagte ſie leiſe in ihr Ohr: Du ſiehſt ihn wieder; er hat dich lieb, du kannſt mir's glauben. Da iſt ſie ſtill an ihre Bruſt gefallen und hat ihr Geſicht an ihrer Schulter verborgen, und die Frau wußte genug. War auch kein Wunder; denn wenn auch der Ludwig kein Jungburſch mehr war, ſo hätte ihm denn doch ſein Feind zugeſtehen müſſen, daß man nicht leicht einen ſchöneren, ſtattlicheren und feineren Mann ſehen mochte als ihn. Die Wirthin war ihrer Sache gewiß und nahm Abſchied auf Wiederſehen. Als der Ludwig ihnen Adieu ſagte, flüſterte er dem Mädchen zu: Darf ich einmal nach Els kommen? Sie iſt da ſo roth geworden wie eine Eſſigroſe und hat doch geſagt: ſie werde ihn mit Freuden wiederſehen. Auch der ehrliche Orgelſteffen hat ihn erſucht, wenn ſich der Weg beträfe, ſo möge er ihn doch ja beſuchen. „Seit das Mädchen fort war, gefiel's dem Ludwig auch gar nicht mehr in Mainz. Er iſt immer in ſich gekehrt umhergegangen, und die Wirthin ſah es ihm an, daß er über etwas ſimulire, was er eben noch nicht ſagen wolle. Wo es ging, fing ſie von dem Mechthildchen zu reden an, und da iſt ihm das Herz allemal aufgegangen wie eine Blume, wenn die Sonne darauf ſcheint. Als ihr Mann heimkam von der Reiſe, und ſie ihm die Geſchichte erzählte, lachte der und ſagte: Zweierlei ſteht feſt: Jedem ſchlägt einmal das Stündlein, dem früh, jenem ſpät, und ihr Weiber könnt das Kuppeln nicht laſſen! „Närrchen, ſagte darauf die Wirthin, wenn man ſelbſt einen lieben Mann hat, möchte man's einem lieben Mädchen auch ſo wünſchen. Unglückliche Weiber machen nicht gerne Freiereien. Der Wirth ſchlug ihr lächelnd auf den Mund und ſagte: Dir fehlt's an Gründen niemals! Wollen ſehen! „Wirſt's auch ſehen, ſagte ſie. Bis zum Oſterfeſte haben wir eine ſchöne Frau Schneider im Haus, und du magſt wohl aufpaſſen, daß du ihr nicht zu tief in die Augen ſiehſt! „Da hatte ſie ſich aber doch verrechnet, wie ich Euch, lieber Herr, gleich erzählen werde. * . * — 195— „Als die Sonne im Rheinthale den Winterſchnee weggeleckt hatte und die Schneeglöckchen und Vorwitzchen, weiß und blau, herausguckten, kam eines Morgens Herr Schneider zu der Wirthin. Er war in Reiſekleidern und ſeine Violine hing an einem Trag⸗ gurt im ſaubern leichten Käſtchen an ſeiner Seite. „Wohin? fragte ſie. „Rathen Sie? ſagte Ludwig und wurde etwas verlegen. „Ha! ha! ich weiß es ſchon, kicherte ſie. Nach Els! „Sie haben's errathen! verſicherte er. „Hab's lange gewußt, daß es ſo käme, verſetzte ſie, denn ich habe gar gute Augen, und unſereins weiß, wenn es viertelt, wieviel Uhr es iſt. Umſonſt geht Ihr nicht! Hab' dem Mechthildchen auf den Puls gefühlt. Da ſteht's wie bei Euch. Geht in Gottes und aller Heiligen Namen und Schutz! Ihr kommt als Bräutigam wieder! „Vielleicht gar nicht mehr, ſagte Ludwig. „Das ſollte mir leid ſein, verſetzte die Wirthin, denn wir ſind ſo an Euch gewöhnt, daß Ihr uns überall fehlen würdet. „Er drückte ihre Hand und die ihres lächelnden Mannes, und ging, nachdem ſie ihm viele tauſend Grüße mitgegeben. „Nun muß ich Euch aber ſagen, fuhr der Spießmann fort, wie es hier in Els ſtand. Ich kam damals täglich in des Orgel⸗ ſteffen's Haus und bin von Allem Augenzeuge geweſen. Als der Orgelſteffen und das Mechthildchen zurückkamen, ſprach er es feſt aus, das ſei der letzte Gang ins Land geweſen. Die üble Jahres⸗ zeit hatte ihm auch arg mitgeſpielt und ſein Beinſtumpf ſchmerzte ihn über die Maßen, und das wollte nicht wenden und nicht weichen. Hatt's auch nicht mehr nöthig, denn er hatte vollauf zu leben und ſein Schäfchen ins Trockne getrieben. Für ſein Kind war geſorgt, wenn er auch ſterben ſollte. Nur das guälte ihn⸗ daß Mechthilde nicht verſorgt ſei. Der Herr Schneider lag ihm in der Seele. Mir hat er oft hinterm Ofen, wenn wir allein waren, geſagt: Ja, Caspar, wenn der meines Kindes Mann wäre, ſtürbe ich gern, denn es iſt ein feiner braver Menſch, und geig 9* . hr der ſeid, ſo kommt Ihr recht willkommen. — 196— nein, ſo was ſtellſt du dir nicht vor! Auch dem Schulmeiſter erzählte er, und dieſem wäſſerte ordentlich der Mund nach der Ertravioline, denn er verſtand ſich auf den Artikel wie ein Metzger auf die fetten Ochſen. „Mit dem Mechthildchen war's auch nicht mehr wie ſonſt. So heiter und fröhlich ſie ſonſt geweſen, ſo ſtill und traurig war ſie jetzt. Manchmal ſaß ſie da, als ſchliefe und träume ſie mit offenen Angen, und wenn man ſie anredete, fuhr ſie zuſammen wie bei heftigem Erſchrecken. Ich konnte das Weſen gar nicht begreifen. Ja, ich fand ſie ſelbſt manchmal daſitzen, daß ſie lächelte gar holdſelig und lieb, und es ſtand ihr doch Waſſer in den Augen. Unſereiner verſtand das nicht ſo. Bei uns iſt die Lieb' meiſt fröhlich, und die ſich lieb haben, kriegen ſich auch. Darum dachte ich nicht, daß das Liebe ſei. War's aber doch. Sie ſang und ſpielte am liebſten traurige Lieder. Sie wurde auch ordentlich bleich in ihrem Leid, und ich war recht beſorgt um das liebe Kind. „Endlich im Frühjahr, ich war damals ſchon Spießmann, kam Einer von Dietz her, der hatte ein ſeltſam Käſtlein anhängen, ein ſchöner Mann, der auch ſtädtiſch und recht fein gekleidet war. Fragt mich: Spießmann, wo wohnt der Orgelſteffen? Will's Ihm zeigen! ſagte ich, und ging mit ihm. „Wo kommt Ihr denn her? frag' ich ſo mir nichts, dir nichts; hätt' aber doch gerne gewußt, wer's ſei und was er im Schilde führe. „Von Mainz! ſagte er kurz. „Da geht mir ein Licht auf!— So ſeid Ihr gewiß der Herr Schneider aus der ſe der ſo ſchön geigen kann? ruf' ich aus. Er blickt mich verwundert an. Woher wißt Ihr denn von dem? fragt er. „Ei, ſag' ich, mein guter Freund, der Orgelſteffen, hat mir gar viel Rühmens und Preiſens von Euch dahergemacht. Wenn — 197— „Sind ſie noch geſund? fragt er weiter. „So ſo, la la, ſag' ich. Der Alte krekſt an ſeii Bein⸗ ſtumpfe ſeit Herbſt, und das herzliebe Mechthildchen iſt auch ſo abſonderlich, es lacht greint in einem Athem, wie das Wetter im April. „Da hat er und hat ſtillgeſchwiegen, und iſt fürbaß geſchritten. Als wir uns dem Hauſe näherten, höre ich plötzlich einen Schrei der Freude und ſehe Mechthildchen herauseilen. Als ſie vor ihm ſtand, war ſie plötzlich ganz verblüfft, erröthete und erbleichte, und ſchlug die Augen nieder, und konnte kein Wort hervorbringen. „Da hab' ich Kehrt gemacht, weil ich dachte: du gehörſt hierher nicht! Allein das weiß ich, daß große Freude im Hauſe war, daß der Orgelſteffen vor Freude den ganzen Tag lachte und Mechthild hüpfte und ſprang. Wie der Blitz war auch der Schul⸗ meiſter da, und nun ging's ans Muſikmachen. Da hättet Ihr aber einmal unſern braven Schulmeiſter ſehen ſollen! Der zappelte an Leib und Seele vor Luſt, als der Meiſter ſeine Schülerin lobte, und auch ſein Spiel mit vollen Ehren anerkannte. „Das Ding muß ſich ſchnell gemacht haben, denn Ludwig blieb in Els, und ſchon nach acht Tagen verkündigte der Pfarrer das Paar von der Kanzel, und die Hochzeit folgte in der Ordnung nach. Daß ſie ſehr glücklich waren, brauchte Niemand zu ſagen; man ſah's mit eigenen Augen. „Auch darauf kam die Rede, daß ſie nach Mainz ziehen wollten; aber der Orgelſteffen ſagte: Ach, bleibet hier, daß ich doch einſt neben meinem lieben Weibe ruhen kann. Schon ſeit ihrem Tode kriegt jährlich der Todtengräber ein Trinkgeld von mir, daß er das Plätzchen neben ihr frei läßt für mich. Bin ich todt, dann ſteht euch die Welt offen, wenn es euch hier, wo 36 ſo glücklich war, nicht mehr gefällt. „Da war denn nun weiter keine Rede mehr vom Weggehen, und es koſtete Ludwig keine Ueberwindung. Sie hatten zu leten, und eine Reiſe, die er mit Mechthild im machte, erſtaunlich viel Geld ein. aber am Ende „Doch, lieber Herr, ſagte der Spießmann traurig, es ſoll auf Erden kein Glück vollkommen ſein! „Mechthild gebar im zweiten Jahr ihrem Gatten eine Tochter und— ſtarb. „Von dem Leid im Dorfe könnt Ihr Euch keine Vorſtellung machen. Mechthild war Allen lieb geweſen, denn ſie war Allen ein Engel geweſen in Leidenstagen. Von dem Leide Ludwig's, ihres Vaters, des Schulmeiſters— nein, davon kann ich nicht reden. Seht, es ſind nun viele Jahre hin, und doch kann ich alter Mann der Thräne nicht wehren. Der Spießmann trocknete ſich die Augen.— Nur das Kind, das ihnen blieb, das ihr Ebenbild war, hielt ſie oben. Doch nagte der Wurm ſo lange an des Orgelſteffen Seele, bis er die feinſten Fäden— er ſtarb. „Jetzt, hätte man denken ſollen, würde Ludwig von dannen ziehen; aber gerade umgekehrt! Er ſagte: Hier iſt mir jeder Raum geheiligt. Hier bleib' ich. Und er blieb. „Der alte Schulmeiſter, den ſeines Lieblings Tod ſelbſt bis zum Tode betrübte, war Ludwig's ſtete Geſellſchaft. „Sie trauerten miteinander, ſie ſprachen miteinander von ihr, und darin fanden ſie ihren gemeinſamen Troſt. Man ſah ſie mit⸗ einander ausgehen und, ſobald die Schule aus war, kam der alte Mann in Ludwig's Haus und blieb bis zum ſpäten Abend. Ludwig war nur mehr der halbe Mann. Erſt als ſein Kind heranwuchs, wurde er dem Leben wieder zugewendet. Man ſah ihn wieder einmal lächeln. Von nun an lebte er ganz ſeiner kleinen Mechthilde, denn ſo hatte er ſie in der Taufe nennen laſſen. Und es war, als wolle der liebe Gott ihn recht tröſten, das wurde alle Tage ihr Ebenbild mehr. „Frühzeitig entwickelte das Kind reiche Gaben, und beſonders eine große Anlage und Liebe für die Muſik. Der Schulmeiſter ſagte: Pflegt dieſe Gottesgabe, es iſt eine ſo ſeltene und ſchöne! „Das that Ludwig. Zwar brach ihm ſchier das Herz dabei, indert denn doch die Zeit jedes Weh und der — nchſten Frühling reiſten ſie weg, und bald ſagte der Schulmeiſter: Da haben wir's, wie ich es ſagte; die Zeitungen ſind voll Ruhmes — 199— Menſch findet ſich darein. So fand ſich auch Ludwig in ſein Loos 6 und lebte für ſein Kind. „Ich denke,“ fuhr der Spießmann fort,„ich kann über eine Reihe von Jahren hinweggehen, in denen die junge Mechthilde zur Jungfrau heranreifte; aber das muß ich Euch ſagen, ſie war noch ſchöner als ihre Mutter, und ihr Geſang, das ſagte der Schul⸗ meiſter, der's verſtand, und der in das Mädchen wie in einen Spiegel ſah, ihr Geſang war noch ſeelenvoller und kunſtgerechter, weil Ludwig ſelbſt ihr den Unterricht gegeben und ihre Ausbildung geleitet. „Eines Tages ſagte der Schulmeiſter: Hört mal, Herr Schnei⸗ der, es wäre eine Sünde, wolltet Ihr den Schatz, den Euch Gett gab, der Welt verſtecken und vorenthalten. In eine Stadt, auf ein Theater wollt Ihr Euer Kind nicht bringen, darin habt Ihr recht; aber bedenkt einmal: wir ſind Alle Menſchen. Habt Ihr Vermögen genug, daß Mechthilde leben kann, wenn Ihr ſterben ſolltet? Ich habe zwar in Euern Beutel nicht geguckt, und will's auch nicht; aber es will doch ein Vater ſein Kind ſicher ſtellen, wenn er's kann. Darum rath' ich, macht Kunſtreiſen und gebt Concerte. Ihr ſeid ein Meiſter und Mechthilde iſt eine Meiſterin auf der Harfe und im Geſang. Es wird Gold in Euern Schooß regnen, und Ihr könnt einmal ruhig Euer Haupt auf die Hobel⸗ ſpäne des Sarges legen, wenn Ihr wißt, mein Kind ſteht ſicher in der Welt vor Sorgen und Mangel. Das ſagt Euch Euer beſter Freund, und der bin ich, das weiß Gott! „Dies Wort des wackern Mannes ſchlug durch. Schon im des Künſtlerpaares Schneider, Vater und Tochter. Während unſere Elſer Schnurranten überall auf Jahrmärkten und Kirchweihen umhergeigten, unſere Orgelmänner durchs Land wanderten, gaben die Zwei ihre Concerte nur in den großen Städten, und das Geld floß ihnen zu, und der Ruhm knüpfte ſich an ihren Namen. „So geſchah es denn auch einmal, daß Vater und Kind im ven Vater auf ihg 6 Sommer in die ſchöne Stadt Heidelberg kamen. Bin auch da geweſen, und Euch, lieber Herr! wird ſie wohl auch bekannt ſein. Der glänzende Ruf ihrer Kunſt war ihnen vorausgegangen, und von allen Seiten forderte man ſie auf, ein Concert im Schloß⸗ garten zu geben. „Ludwig ging darauf ein, und ganz Heidelberg war von dem Gedanken erfreut. Am Tage des Concertes ſtrömte Alleés, was Leben und Beine hatte, hinauf in die alten Mauern des Schloſſes, wo alle Räume ſo lieblich benutzt ſind zum ſchönſten Garten. „Ludwig und Mechthilde hatten ihr Plätzchen in dem Gebüſche der großen Terraſſe gewählt. Die Menſchenmenge wogte umher. „Plötzlich ertönte das Spiel. Der Vater geigte und zart begleitete die Harfe; dann nahm die Harfe den Vorrang und die Geige begleitete. „Nun ſang Mechthilde, und ihr Vater begleitete den Geſang. „Herr,“ ſagte der Spießmann,„ich hab's hundertmal gehört, aber ich ſag' Euch, man iſt im Himmel geweſen. So müſſen die Engel im Himmel ſingen! Hatten nun die Lente vorher ſchon wie raſend geklatſcht und Bravo gerufen— jetzt, als ſie geendet, nahm der Jubel und Sturm des Beifalls kein Ende. „Nicht weit von der Stelle, wo Ludwig und Mechthilde ſaßen, ſtand ein Trupp Studenten. „Einer rief: Die Künſtler haben hier kein Eintrittsgeld erheben können, ich denke, wir erheben's für ſie. „So iſt's recht, rief ein anderer, und bald gingen die Beiden umher und ſammelten, bis ihre Mützen ſchier überfloſſen. „Wir wollen einmal ausleeren, ſagte der Erſte, und trat in das Gebüſch. Er ſtand vor Ludwig und Mechthilde; aber er ſtand da, als ob ihn der Donner gerührt, der Blitz getroffen hätte. Er war keines Wortes mächtig, aber ſein Blick flog von dem Mädchen auf den Vater, von dem Vater auf Mechthilde. Was aber das Auffallendſte war, auch Ludwig war ſo betroffen vom Anblicke des Studenten, und Mechtilde ſah lachend von ihm auf den Vater, und „Endlich bat in verworrenen Ausdrücken der Jüngling, ihm doch das Geld abzunehmen. Das geſchah auch, und ebenſo ſeinem Genoſſen. Sie eilten hinweg und ſammelten weiter, und brachten auch das. Jetzt war der Jüngling ſchon muthiger, trat aber doch beſcheiden zurück, als Mechthilde ihre Harfe ſtimmte. „Noch einmal ſang ſie zur größten Freude der Zuhörer, dann eilten ſie hinweg ſo ſchnell ſie konnten, und ſo unbemerkt als möglich. „Welche Aehnlichkeit mit dir, ſagte Mechthilde zu ihrem Vater, als ſie im Gaſthofe waren., „Es iſt ein ſeltſamer Zufall, verſetze Ludwig kurz, ging aber hinaus und beſtellte einen Wagen, und ſchon nach einer halben Stunde rollten ſie zum Thore hinaus gen Mannheim. „Der Vater war ungemein ſtill heute und Mechthilde auch, denn vor ihrer Seele ſtand das Bild des ſchönen jungen Mannes. „In Mannheim gaben ſie ein Concert im Theater. Kaum traten ſie auf, als Ludwig's und Mechthilde's Auge dem glänzenden Auge des ſchönen Studenten begegneten, der gerade vor ihnen ſaß. „Mechthilde erröthete bei ſeinem Anblick und Ludwig faltete ſeine Stirne. Wieder erndteten ſie den reichſten Beifall, allein wieder eilte der Vater nach dem Concerte von Mannheim weg, geradezu nach Els. „Er wollte ſein Kind der Liebe entziehen. Lieber Gott,“ ſagte der Spießmann,„das iſt ein eitel Bemühen. Im Liede heißt's nur zu wahr: „Ueber Berge und Seen, Ueber Flüſſ' ohne Steg, Findet heiße Liebe Von ſelber den Weg!“ „So viel iſt gewiß, das Mädchen hatte in die feurigen ſchwarzen Augen des jungen Studenten viel zu tief hineingeſchaut, als daß ſie ſie hätte vergeſſen können. Die Liebe ſaß im Herzen Treib' ſie da einer heraus. Das bringt niemals einer fertig, wenn er der Mächtigſte wäre. 5 — — 202— „Was aber die Aehnlichkeit betraf, die Mechthilde zwiſchen ihrem Vater und dem Studenten gefunden, die auch den Vater betroffen gemacht, ſo hatte es damit ſeine volle Richtigkeit und lag der Schlüſſel zu dieſem Räthſel darin, daß der Student ſeines Bruders Sohn war. Das lag eben ſo: Der junge Walsdorf ſtudirte in Heidelberg. Schon als Kind hatte er viel Aehnlichkeit mit ſeinem Oheime Ludwig, und die prägte ſich mit den Jahren immer deutlicher aus. „Im Saale daheim hing ein Bild ſeines Oheimes Ludwig. Daran war er mit aller Macht erinnert worden, als der berühmte Geiger Schneider vor ihm ſtand; allein mehr als dieſe Aehnlichkeit ergriff ſein Herz die wunderbare Schönheit der Sängerin. „Ganz trunken kam er zu Hauſe an. Schnell erkundigte er ſich, wo ſie wohnten; als er aber in den Gaſthof trat, ſich nach ihnen zu erkundigen, waren ſie weg. Er eilte ihnen nach Mann⸗ heim nach. Dort hatte er das Glück, ſie noch einmal zu ſehen, zu hören— aber dann war's alle. Jedermann hoffte auf ein zweites Concert, allein ebenſo ſehr wurde alle Welt durch die ſchnelle Abreiſe der Künſtler betroffen. Der junge Walsdorf trug indeſſen das Bild Mechthilden's im Herzen heim. Er war ein geſchickter Maler und hatte es in dieſer Kunſt ſehr weit gebracht. Kaum heimgekehrt nach Heidelberg, ſchloß er ſich ein, ließ keinen Menſchen zu ſich und malte Mechthilden's Bild, wie er es geſchaut. Als er damit fertig war, zeigte er es dem Freunde, der mit ihm das Geld geſammelt. † Der rief voll Erſtaunen: Das iſt ja die ſchöne Harfnerin mit Leib und Seele! „Der beſonnene Freund, der Walsdorf's Weſen kannte, ſagte zu ihm: Am Ende verliebſt du dich in das Bild einer wandernden Harfnerin? Weißt du nicht, daß dieſe wandernden Künſtlerinnen in der Regel nicht viel werth ſind. Laß die Poſſen! „Walsdorf rief: Sieh mal dies Geſicht und Auge! Erinnere dich des Mädchens, und dann rede, ob du das von der auch ſagen möchteſt. Laß mir meinen Glauben, daß ſie arm und makellos iſt. Du nimmſt mir ihn doch nicht, ſo wenig du im Stande biſt, i meiner Liebe zu rauben. — 203— ℳ „Und die iſt in alle Welt! rief der Freund lachend. Wo willſt du ſie finden? 6 „Das weiß ich nicht! rief Walsdorf. „Darum iſt's eben eine Tollheit! ſagte der Freund. „Mit dem Räſonniren wurd's eben nicht anders. Der junge Menſch behielt ſein Bild auf der Leinwand und im Herzen, und er forſchte nach Mechthilden und hörte, ſie ſei aus Els. „Im Herbſte kehrte er heim. „Droben am Maine, wo die Spiegelſcheiben des Landhauſes des Herrn Barons von Walsdorf ins Mainthal ſchimmerten, war's in der letzten Zeit gar öd' und ſtill geweſen, denn der alternde Mann wanderte allein in den weiten ſchönen Räumen umher und trug ſein Leid für ſich. Zwar galt dies Leid nicht ſeiner Frau, denn die verdiente es nicht, ſondern ſeinem Bruder, den die Revolution in Paris verſchlungen hatte. Je älter er wurde, deſto tiefer fühlte er, daß er dieſen Bruder anders hätte behandeln ſollen. Er fah halt jetzt Alles mit anderen Augen an, und das lag oft ſchwer auf ſeinem Herzen. Stundenlang ſtand er vor dem Bilde des Bruders, und es war ihm, als müſſe er ihn im Bild um Vergebung bitten und ſich mit ihm ausſöhnen. „Endlich kam der Sohn, und der Vater fühlte, welch ein Glück es ſei, einen tüchtigen, wackern Sohn zu haben. „Einmal kommt der Alte in den Saal, wo die Bilder hängen, und Ludwig ſteht vor des Oheimes Bild in tiefem Sinnen. Vater, ſagt er da zu dem Alten, ich muß dir eine Geſchichte erzählen, die mich oft vor dies Bild meines Oheimes führt. Biſt du gewiß, daß er todt iſt?* „Der Alte ſah ſeinen Sohn an und ſagte innerlich bewegt: Wie kommſt du zu der Frage? Leider iſt es eine mir bittede Gewißheit. Genauer als ich nach ihm in Paris geforſcht habe, iſt's nicht möglich. Obgleich keine volle Gewißheit zu erlangen iſt, ſo bin ich doch vollkommen überzengt, daß er dort umgekommen iſt. „Hör' mal, ſagte der Sohn, könnte er nicht noch leben? Mein Gott! ruft der Vater aus, wie redeſt du? Glaubſt du es denn? — „Noch eins, Vater, fährt der Sohn fort, glaubſt du, daß er, wenn er arm geworden, zu dir gekommen wäre? „Nein, Kind, nein, ſagt der Vater; dazu war ſein Stolz, ſeine Selbſtſtindigkeit zu unbeugſam geweſen! „Sagteſt du mir nicht, er ſei ein ſeltener Geiger geweſen? „Gewiß, Kind, verſetzte der Vater. Nur wenige Künſtler kamen ihm gleich. Aber was ſoll dein Fragen? „Nur noch eine, ruft der Jüngling; ſagteſt du nicht, er habe eine Cremoneſer Geige von dem alten Meiſter Amati, die einen Klang von wunderbarer Reinheit habe. „Auch das iſt ſo, wie ich es dir oft erzählt. Ihr Ton iſt wahrhaft himmliſch, und unter ſeinem Bogen iſt ſie doppelt herrlich. Nun aber rede, warum fragſt du ſo? „Der Sohn ſetzt ſich nun zum Vater und erzählt ihm das, was er in Heidelberg erlebt. Er verhehlt ihm nicht, wie das Bild des Mädchens in ſeiner Seele lebe; ja er iſt ganz offen und zeigt dem Vater ſein Bild von Mechthilde. „Der Vater betrachtet's mit Wohlgefallen und zugleich mit dem Blick eines Mannes, der ein Urtheil hat über die Art und Weiſe des Malens. Dann ſagt er: Es iſt ſeltſam, aber Aehnlich⸗ keiten ſind ſo häufig in der Welt. Obgleich der Klang der Geige und das Spiel des Mannes ausgezeichnet ſein mag, ſo iſts am Ende doch nur, was ſich in der Welt ein Zufall. „Ich glaube nicht, daß es einen Zufall gibt, ſagt darauf der Sohn. Der Geiſtliche, der mich confirmirte, lehrte mich an eine Leitung Gottes glauben. „Zugegeben, ſagt der Vater, aber wie ſoll dein Dheim ein Schnurrant werden? „Schnurrant? ruft der Sohn aus. Wenn der Geiger ein Schnurrant iſt, ſo gibt's keinen Meiſter mehr! es nicht möglich? „Ich ſage nein, mein Kind, darum, weil ich ſeine Spur bis 4 in das Gefängniß, und das galt damals ſo viel als bis auf das — 205— Blutgerüſt, verfolgt habe. Da geht die Spur aus, ſagte der Vater und ſeufzte tief. Haſt du denn nicht erforſcht, woher dein Geiger war? fragte er darauf. „Gewiß, erwiederte der Sohn. Er iſt aus einem naſſau⸗ ſchen Dorfe, wo viele Orgelmänner zu Hauſe ſind, aus Els bei Dietz. „Siehſt du, rief der Vater aus, ich habe doch recht. Nein, Ludwig, ſo tief konnte ſich die edle Natur deines Oheimes nicht erniedrigen. Das glaube mir. Du kannteſt ihn nicht. Er war ein ſeltener hochherziger Menſch. „Vater, entgegnete der Sohn, der Mann hatte etwas Edles in ſeinem Weſen. Denke nicht an herumziehendes Geſindel. „Die ſchöne Tochter beſtach dein Auge, verſetzte der Vater. 5 Schlag dir die Geſchichte aus dem Kopf, und vor Allem laß das Bild des Mädchens aus deinem Herzen. Bedenke, ein Harfen⸗ mädchen und du. „Damit ließ ihn der Alte allein, und der Sohn hat noch lange die beiden Bilder betrachtet. Was aber der Vater warnend geſagt, kam zu ſpät. Das Bild ſtack im Herzen. Indeſſen waren des Sohnes Worte denn doch nicht ſo ganz leer geblieben. Der alte Baron ſann viel nach. Er ſchrieb an einen bekannten Mann in Dietz, um ſich nach dem Muſikus Schneider zu erkundigen, und der Brief berichtete, daß Schneider von aller Welt geſondert lebe, ein Ehrenmann ſei und ſeine Tochter eines fleckenloſen Rufes genieße. Ob Schneider jemals in Frankreich geweſen, ob er eine höhere Einſicht habe, als andere Leute ſeines Gewerbes, das wiſſe er nicht, ſchrieb der Mann, weil er ihn ſeines Wiſſens nie geſehen; doch ſpreche der Arzt, der ſeine Frau behandelt, mit hoher Achtung von ihm und meine, es ſtecke mehr hinter ihm, als er Wort haben wolle; ferner, ſchrieb er: habe der Mann früher in Mainz als Muſiklehrer gelebt. 3 „Das warf denn doch Feuer ins Stroh bei dem Barone. Seinem Sohne ſagte er nichts; aber er reiſte mitten im Winter nach Mainz und blieb acht Tage dort. Der Sohn war unwohl Das ſicherte den Vater vor einem Gange, den der Sohn nach Els hätte machen können. „In Mainz fand er bald den Arzt heraus, der Ludwig dort behandelt und ſpäter mit ihm in Verbindung geſtanden. Er fand die Wirthsleute, wo Ludwig gewohnt. „Der Arzt rühmte Ludwig's Bildung, ſeine muſikaliſchen Talente. Er ſagte ihm, daß er eine treffliche Amati⸗Geige habe, und daß er ihm geſagt, es ſei dieſe Geige das letzte, was er gerettet. Auch wußte der Arzt, daß er in Paris und dort im Gefängniſſe geweſen, aber faſt durch ein Wunder dem Tod entgangen ſei. Im Wirthshaus erfuhr er nur Gutes von ihm. Die Wirthin pries ſeiner nachmaligen Gattin Schönheit, Kunſt und Sittſamkeit, und erzählte ihm haarklein, wie es mit der Heirath gegangen ſei. ⁰ „Mit jedem Augenblicke machten dieſe Umſtände den Baron wankender in ſeinen dem Sohne geäußerten Zweifeln. Seine Unruhe wuchs. Fürs Erſte wollte er zu ſeinem Sohne zurück⸗ kehren, und ſobald das Wetter es erlaube, nach Els gehen, ſich Gewißheit zu verſchaffen. „Der Januar und Februar ſelbigen Jahres,“ fuhr der Spieß⸗ mann zu erzählen fort,„waren erſchrecklich hart; doch mit dem März kam der Frühling mit aller Macht und Schönheit. „Gerade um dieſe Zeit erhielt der junge Walsdorf einen Brief von dem treuen Freunde, der damals mit ihm das Geld bei dem 3 Concert auf dem Heidelberger Schloſſe geſammelt. Er war in Frankfurt und hielt ſich etwa acht Tage dort auf. Ludwig eilte dorthin, und ſchon an demſelben Morgen beſtieg der alte Baron ein Pferd und ritt nach Els. „Was ich Euch bisher von dem alten Baron und ſeinein Sohn erzählt, hab' ich aus guter Quelle,“ ſagte der Spießmann; „was aber nun folgt, kann ich Euch, lieber Herr, wieder als das erzählen, was ich erlebt habe.. „Es war ein gar ſchöner Frühlingstag, an dem die Sonne mild und freundlich ſchien, als ich auf dem Bauholz unter der Linde ſaß und mich ſonnte. Am Morgen hatte ich Ludwig oder Herrn Schneider, wenn Ihr wollt, auf dem Wege nach Dietz begleitet, wohin ihn ein Geſchäft führte. Ich konnte durch dis hellen Fenſter Mechthildchen ſehen, wie ſie daſaß und las, denn der Vater hatte erſtaunlich viele ſchöne Bücher gekauft. Jeden Abend laſen ſie vor, und Mechthildchen las ſelber ſehr gerne. „Da kam ein Herr vom Wirthshauſe her, der mir ein Forſt⸗ beamter zu ſein ſchien. Ich kannte ihn nicht. Er grüßte mich höflich und fragte, wo Herr Schneider wohne. Ich zeigte ihm das Haus. Er ſah jetzt das Mädchen und blieb, wie wenn ſein Fuß angefeſſelt wäre, ſtehen und ſah auf ſie. „Iſt das vielleicht ſeine Tochter? fragte er endlich, und als ich die Frage bejaht, ging er langſam auf das Haus zu. „Mechthildchen war ſo ſehr in ihr Buch vertieft, daß ſie nicht wahrnahm, daß der Fremde in das Haus trat. Erſt als er anklopfte, legte ſie das Buch weg und ging dem Fremden entgegen, den ſie anmuthig grüßte. Ich konnte deutlich ſehen und hören, was vorging, denn ich ſtand ganz nahe am Fenſter. Der Fremde, als er das wohlgetroffene Bild des Herrn Schneider an der Wand hängen ſah, wurde kreidebleich und mußte ſich an einem Stuhle halten. Er konnte kein Wort hervorbringen, und das Mädchen ſtand in großer Verlegenheit vor ihm. „Iſt Ihnen unwohl? fragte ſie endlich mit Sorge und ſehr liebreich. Bitte, laſſen Sie ſich im Seſſel des Vaters nieder, ſagte ſie, ihn bei der Hand zu dem Seſſel leitend, in den er mehr ſank, als er ſich ſetzte. Sie ſagte noch einige Worte der Entſchul⸗ digung und eilte dann hinaus, kam aber augenblicklich mit einer Flaſche Wein und einem Glaſe zurück. Sie nöthigte ihn, einige Tropfen zu trinken, und das wirkte, denn Ludwig hatte immer guten Wein im Hauſe. „Endlich war er wieder ſo weit bei Kräften, daß er ihr ſagen konnte, er habe ihren Vater ſprechen wollen, und ſei von dem Ritte, den er gemacht, ſo ſehr angegriffen. „Sie ſagte ihm, der Vater werde bald zurücktehren. Er möge es ſich bis dahin bei ihr gefallen laſſen. ———— — 208— „Das nahm er gern an, aber ihre Frage, ob ſie ihn mit Speiſen erquicken könne, verneinte er. Darauf hat er ſich allmählich geſammelt und mit dem lieben Kind in ein vertrauliches Geſpräch eingelaſſen. Da iſt ihr denn das liebe Schnattermäulchen, das gar ſo herzig plaudern konnte, recht aufgegangen, und ich dachte, wenn auch der Vater noch lange ausbleibt, Langeweile haben die Zwei nicht. Ich konnt's an dem Tone des Herrn hören, wie er Wohlgefallen an ihr fand. Endlich ſagte er, da die Harfe in der Ecke ſtand: Sind Sie muſikaliſch? Die Harfe iſt ein in unſeren Tagen ſelten gewordenes, aber ſtets mein Lieblingsinſtrument. Dürft' ich Sie bitten, etwas zu ſpielen und vielleicht auch zu ſingen? „Sehr gern, ſagte Mechthildchen, und ih zu ihrer Harfe. Erſt ſpielte ſie, daß einem das Herz im Leibe lachte; dann ſang ſie eins ihrer ſchönſten Lieder. Herr, ich hab' ſie oft ſingen gehört, aber ſo mein Lebtag nicht! Das Waſſer iſt mir in die Augen gekommen, während ich auf der Bank vor dem Hauſe ſaß, und das Herz in mir hat gepocht, als wollt's heraus. Wie mochte es wohl dem Herrn drinnen geweſen ſein? Das konnt' ich aber auch hören, daß er, als ſie geendet, ausrief: Herrlich, herrlich! und zu ihr trat und ſie in tiefer Bewegung auf die Stirne küßte. „Das Mädchen war ordentlich bleich geworden, ſo hatte das auf ſie gewirkt. Da rief ſie plötzlich: Der Vater! Ich blickte auf und ſah Herrn Schneider feſten Schrittes daher kommen. „Mechthilde eilte ihm entgegen. „Vater, ſagte ſie, es iſt ein Herr da, der dich erwartet. „Wer iſt es denn? fragte er gleichgültig. „Ich kenne ihn nicht, ſagte ſie, aber es iſt ſeltſam, der Mann iſt ſo bewegt, ſo innerlich erſchüttert. Dann und wann hat er Thränen in den Augen— ich weiß gar nicht, was ich davon halten ſoll. Zedenfalls muß er dir ſehr nahe ſtehen, denn er ſchlägt keinen Blick von deinem Bilde. „Gott im Himmel, rief Ludwig aus, wenn's mein trener aus Paris wäre, mein treuer Merck! Er war mit zwei — 209— Sprüngen im Zimmer— aber— wie eingewurzelt ſtand er und ſtarrte den Bruder an, den er ſogleich erkannte. Das dauerte aber nur etwa eine Minute, dann riefen Beide zugleich: Bruder! Mein Bruder! und ſanken ſich weinend in die Arme. „Mechthilde ſtand neben den Männern, und es jagte eine Thräne die andere, als ſie ſah, wie ſich die Männer ſtumm umarmten, und wie nun auch aus ihren Augen Thränen perlten. Daß ihr Vater noch einen Bruder habe, das wußte ſie nicht. Nie hatte er davon geredet. „Endlich ließen ſie ſich los und ſahen einander in die Augen, als wollten ſie ſich auch recht vergewiſſern, ob ſie's ſeien. „So nahe dem Grabe, finde ich dich endlich, den ich mit Schmerzen geſucht und unter den Todten in Paris glauben mußte! ſagte Carl. „So iſt's auch, Bruder, ſagte Ludwig darauf; ich war todt, aber ich lebte wieder auf, als ich dieſes Haus betrat. Meine Vergangenheit, Alles, Alles hab' ich damals ins Grab gelegt, um neu aufzuleben, und ich habe gelebt an der Seite eines Engels, der mich nur zu ſchnell verließ. „So ſei's, ſagte Carl; laß die Vergangenheit für uns Beide todt ſein, ich habe auch eine begraben; aber laß uns nun neu leben, ungetrennt, in Liebe, bis man uns ins Grab legt, und unſere guten Eltern werden ſich droben im Licht ihrer Kinder freuen, die, wenn auch ſpät, erkannten, daß das Leben ohne Liebe eine Hölle iſt, und daß Alles, was die Herzen trenst, Thorheit iſt. Willſt du ſo, Bruder? „Ja, ſo wahr mir Gott helfe! rief Ludwig, dem die Worte des Bruders in ihrem ganzen Sinne zu Herzen gingen. Und wieder lagen ſie lange und ſtill weinend einander an der Bruſt. „In ihren Herzen war ausgetilgt die alte Abneigung. Dieſer Augenblick hatte jede Kluft ausgefüllt. „Jetzt erſt ſah Ludwig ſeine Mechthilde daſtehen. „Kind, ſagte er, ihre Hand ergreifend, nie hab' ich dir geſagt, daß ich noch einen Bruder habe. Ach, uns hatte die Tollheit und ————— 20 Thorheit der Jugend entzweit, und als mich das Elend nackt und bloß auf den Strand warf, da übermannte mich ein arger Hoch⸗ muth, der dem Bruder nichts verdanken wollte. Er iſt beſſer, als ich. Er hat mich geſucht, bis er mich fand. Sieh' hier deinen Oheim. „Mechthilde beugte ſich auf ſeine Hand, ſie zu küſſen; aber Carl umarmte ſie. Ich habe dir ſchon meinen Segenskuß auf die Stirne gedrückt, du meines Bruders theures Kind; aber du ahnteſt nicht, wer es that. Nimm jetzt den zweiten! Er küßte ſie auf die Stirn und ſagte tief ergriffen: Segne dich Gott! Da kniete das Mädchen nieder und die beiden Männer legten betend und ſegnend ihre Hände auf des Kindes Haupt. 8„Herr, da hat's mir das Herz gepackt, rief der Spießmann aus, und wiſchte ſich die Augen, daß ich laut habe weinen müſſen. —Bei meiner Seele, ſo etwas hab' ich nie erlebt; werd's aber auch nie vergeſſen! Jetzt ging's denn an ein Erzählen, und ich denke mir, ſie haben ſich das mitgetheilt, was ſie, ſüß und bitter, durchzumachen hatten.— „Der Baron blieb vier volle Tage, und als er ſchied, ſagte er: Bruder, das waren die glücklichſten Tage meines Lebens! Ich denke, ſie ſollen bald wiederkehren. Begleite mich noch ein Paar Stunden! das ſagte er mit Nachdruck. „Als ſie allein waren, das erzählte mir Ludwig püte, da fing der Baron von ſeinem Sohn an, und erzählte haarklein Alles, wie es ſich gemacht, bis zu dem Bilde, deſſen erſtaunliche h lichkeit er nun ſelbſt gefunden hatte. „Deine Mechthilde lebt unausſprechlich in ſeiner Seele, ſagte er. Bruder, wenn unſerer Kinder Glück das unſere unerſchütterlich gründete? Bruder, ſprich! „Kannſt du über Mechthilden's Herkunft wegſ e fragte zögernd Ludwig, denn die Frage wollte eben nicht recht heraus aus der Bruſt. „Carl ſagte, haſt du vergeſſen, was ich dir aus des Herzens⸗ grunde kommend geſagt? Ich habe die Thorheit ins Grab gelegt. Ach, ſie hat mich um mein Lebensglück betrogen; ſollt' ich ſie noch feſthalten? Wenn das iſt, ſagte Ludwig, ſo laß mich dir ſagen, daß — 211— Mechthilde ihn liebt; daß eben ihr tiefes, trübes Sinnen und ihre heimlichen Thränen, die mich ſo unglücklich gemacht, darin ihren Grund haben, daß ſie keine Hoffnung mehr hatte, ihn je wiederzuſehen. Da wurden ſie denn ſchnell eins, und beim Scheiden war die Verbindung ihrer Kinder beſchloſſen; allein ſie gelobten ſich Schweigen fürs Erſte. „Wenige Tage nach des Baron Carl Heimkehr kam auch ſein Sohn von Frankfurt zurück. Er ahnte nicht des Vaters Reiſe, und den Dienern war Schweigen befohlen. „Höre, ſagte der Baron eines Tages zu ſeinem Sohn, ich werde nachgerade alt, und habe nur noch einen Wunſch. Ein Amt brauchſt du nicht anzunehmen, und wirſt es auch nicht wollen, da du ohne Bürde leben kannſt, und in der Verwaltung der Güter eine hinlängliche Beſchäftigung findeſt. Dich glücklich verheirathet zu ſehen, wäre mein innigſter Wunſch. 8 „Der Sohn ſah ihn feſt und ernſt an. „Vater, wenn du mir nicht geſtatteſt, das Mädchen meiner Wahl und Liebe heimzuführen, ſo geb' ich den Wunſch auf. „Und wer iſt das, mein Sohn? fragte der Alte. .„Du haſt ihr Bild geſehen, erwiederte der Sohn. „Mein Gott! rief der Vater aus, willſt du unſer Wappen mit Schimpf beladen? „Soll ich mein Lebensglück einem Adelſtolz vpfern, ſo möchte ich es lieber machen wie mein Oheim Ludwig, und den ganzen Plunder hinter mich werfen! „Ludwig! rief der Vater, das ſagſt du mir? „Du haſt mich gelehrt, Heucheln und Lügen ſei beides entehrend, ſagte der Sohn. Ich habe dir mein Herz eröffnet. „Nimmermehr! rief der Vater. 5„So mag man mich. als den Letzten des Stammes ins Grab legen! ſagte der Sohn, und ging hinaus in den Garten. „Der Vater fand ihn in tiefem, traurigem Sinnen. „udwig, ſagte er, begreifſt du nicht, daß du einem thörichten Traumbilde nachhängſt? Wirſt du das Mädchen wiederfinden? „Sie lebt ſtill in Els, ich weiß es, ſagte Ludwig. dir, daß ſie nicht vom Schlage der gewöhnlichen Harfenmädchen iſt? ihn allein. wäre dem Alten das Herz auf die Zunge gerathen, aber er hielt — 212— „Weißt du aber auch, daß du dich nicht täuſcheſt? Wer ſagte „Vater! rief Ludwig, und er war wie mit Blut übergoſſen, ſage Alles, Alles, was du willſt, aber wirf keinen Verdacht auf dies Mädchen! Hätteſt du ihr in das reine Antlitz geſchaut, in das Auge— du würdeſt roth werden, ehe du das Wort über die Lippen ließeſt. Nein, ſage mir das Härteſte; mißhandle mich, ich will's ſtill dulden, aber entweihe nicht mit niedrigem Verdachte dieſes Mädchen. „Schwärmerei und Vorurcheil! ſagte der Baron und ließ „Am andern Tage hob er wieder an: Woher weißt du denn, daß ſie in der Stille in Els lebt? „Ich weiß es, Vater, ſagte er, frage mich nicht weiter. Wozu mich martern? Gibſt du deine Einwilligung zu einer Verbindung mit ihr nicht, ſo laß auch kein Wort mehr über ſie zwiſchen uns laut werden. j „Es iſt ſeltſam, ſagte der Vater. Du ſprichſt, als wüßteſt du, daß das Mädchen dich liebe, als ob ſie frei und ungebunden ſei? „Daß ſie mich liebt, ja, Vater, das weiß ich! rief der Sohn. Ihr Blick, ihr ganzes Gehaben hat mir das geſagt. „Es iſt eine kühne Behauptung, entgegnete der Alte. „Du ſollſt Gewißheit haben, rief Ludwig. Gib mir deine Einwilligung, und Alles ſoll klar werden. „Ich ſelbſt will ſie kennen lernen, ſagte der Baron. Laß mir Zeit dazu. „Da fiel ihm ſtürmiſch der Sohn um den Hals, und ſ ſich ritterlich. „Verſprich mir, ſagte der Alte, daß du keinen Schritt 8 Annäherung thun willſt, und ich will ſelbſt prüfen. 5 „Das gelobte der glückliche Jüngling; aber er fragte bebender Stimme: Vater, wirſt du bald hinreiſen? „Ich erwarte einen alten Freund mit ſeiner einzigen — 213— in dieſen Tagen. Wenn ſie fort ſind, verſpreche ich dir hinzureiſen. Dabei laſſen wir es! „Die Worte:„mit ſeiner einzigen Tochter,“ fielen dem jungen Walsdorf ſchwer aufs Herz. Das iſt ein Verſuch, ſagte er zu ſich, mich abzulenken. Die Abſicht lag zu klar am Tag, als daß er ſie nicht hätte erkennen ſollen. Und gerade das wirkte ſo unangenehm auf ihn, daß er auf einen Plan ſann, in dieſen Tagen zu verreiſen. Er fand einen Vorwand und reiſte ab. „Der Vater durchſchaute ihn und ſeine Entfernung war ihm eben Waſſer auf ſeine Mühle. „Kaum war Ludwig auf acht Tage verreiſt, als der Baron den Wagen beſtieg und nach Els fuhr. „Dort hatte der Bruder das Mädchenherz auch auf die Probe geſtellt, und auch er war lebhaft überzeugt, daß Mechthilde ſeinen Neffen liebe und jeder andern Verbindung feſt entſagen werde. „Das war eine Freude, als Bruder Carl wiederkam! Die Alten tutſchelten heimlich gar viel miteinander; aber Mechthilde hatte gar keinen Gedanken daran, daß dieſes geheime Tutſcheln ihr und ihrem Glücke gelten könne. „Schon am andern Morgen ſagte der Vater zu Mechthilde: Kind, mein Bruder muß in dieſen Tagen wieder heimkehren; wie wär's, wenn wir ihn begleiteten? Du ſollſt ja doch wohl auch wünſchen, den ſchönen Ort zu ſehen, wo dein Vater ſeine Kindheit theilweiſe verlebte? Ich denke, wir ſetzen den alten Spießmann ins Haus und fahren auf ein paar Tage mit ihm! „Die Freude leuchtete aus Mechthilden's Auge, als der Vater ſo ſprach. Sie ordnete ſo ſchnell als möglich Alles, packte das Nothwendigſte ein und war ſchon früh reiſefertig. Und deine Harfe wollteſt du hier laſſen, meine Tochter? fragte der Oheim. Soll ich der Freude entbehren, dich ſingen zu hören? Du weißt, wie glücklich du mich machſt! Sieh, dein Vater packt auch ſeine Geige ein. Blitzſchnell war auch die Harfe im Wagen und ſie fuhren ab. Mechthilde war ganz außer ſich, als ſie das ſchöne Landhaus ah und die reizenden Umgebungen, die reiche Ausſicht, den ſchönen Garten. „Ihr könnt mir's glauben, lieber Herr,“ ſagte der Spießmann, „ich bin auch in meinen jungen Jahren weit in der Welt herum⸗ gekommen und hab' manchen Wohnſitz reicher Herren und Adeliger geſehen, aber dem Wohnſitze des Herrn von Walsdorf möcht' ich von allem dem doch nichts vergleichen. Es iſt ein Paradies. Man ſieht da weit hinauf und eben ſo weit hinab in das ſchöne Main⸗ thal, das überall von grünen Bergen umgeben iſt. Ueberall ſieht man am Ufer die reichen ſchönen Dörfer, Flecken und Städte. Vortreffliche Weinberge und geſegnetes Ackerland zieht ſich am Ufer und an den Bergen hin. Unſere Gegend iſt armſelig dagegen, ob's gleich der liebe Gott bei der Austheilung ſeines Segens auch nicht vergeſſen hat. „Ich konnt' mir's recht gut denken, daß es dem Mechthildchen dort wohl gefiel, denn ich war eher dort als das liebe Kind, da mich der Herr Schneider oder der Herr von Walsdorf, wie er ja doch eigentlich hieß, als Bote hingeſendet. Ich hatte ihr viel davon erzählen müſſen, aber ſie hat's doch, wie ſie mir ſpäter ſagte, noch viel ſchöner gefunden. Und gar die koſtbare Einrichtung des Schloſſes! Da hat ſie ſich die Augen weit geſehen. Was ſie beſonders anzog, waren die Bilder der Familie. „Eins aber hatte der Oheim weggethan, nämlich das ihrige, das auch in dem Saale hing. Dazu hatte er gute Gründe. Am längſten und nachdenklichſten verweilte ſie bei dem Bilde ihres Baters, denn das war eben faſt in dem Alter gemalt, in dem Mechthilde ihren Vetter in Heidelberg geſehen. Die Alten thaten, als merkten ſie nicht, wie ſie immer wieder vor dem Bilde ſtand und es betrachtete. „Ach, Oheim, ſagte ſie einmal, du lönnteſt mir wohl das Bild des Vaters ſchenken! Es wäre mir ein liebes Gut! „So? ſagte darauf ihr Oheim; gefällt es dir ſo gut? „Da wurde ſie hochroth und meinte, indem ſie ihre Scham⸗ röthe zu verbergen ſuchte, es ſei ja ihres lieben Vaters Bild. 3 „Ach, ſagte er, da iſt mir doch kürzlich etwas recht Seltſames begegnet. Ich ging in Frankfurt über die Mainbrücke. Da komm mir plötzlich ein junger Menſch entgegen, ein Student, wie * 6 — 215— ſchien, der glich doch dieſem Bilde wie ein Tropfen dem andern. Ich hätte faſt laut aufſchreien mögen. „Sie fuhr mit großer Theilnahme herum und horchte auf jedes ſeiner Worte mit angehaltenem Athem. „Und du weißt gar nicht, wer's war? fragte ſie, aber ihre Stimme zitterte leiſe bei der Frage. „Bei dem Gedränge war er mir den Augenblick aus den Augen. „Sie ſeufzte. „Nun, Mechthilde, das Bild ſollſt du haben, ſagte er, und wie eine Ueberglückliche hing ſie an ſeinem Halſe mit heißen Dankesworten. „Ihr Vater lächelte dazu, obwohl es ſelten an ihn kam, daß er hier lächelte. Es war ihm immer wehmüthig zu Sinne. „Eines Abends ſaßen ſie zuſammen in einer Laube, die ſchon mit jungem Grün geſchmückt war. Der Abend war ſo lau und heiter, daß der Oheim bat, ſie möge ſpielen und ſingen und ihr Vater ſie begleiten. „Kaum hatte der Geſang und das Spiel begonnen, als ein Diener haſtig gelaufen kam und dem Baron etwas zuflüſterte. „Er ſprang auf. „Lieber Bruder, ich bitte dich, ſagte er, ſpiele fort. Es iſt eben Jemand angekommen, ich werde gleich wieder hier ſein. „Er eilte weg. „Sein Sohn war eben zurückgekehrt. Als er ihn herzlich begrüßt, fragte Ludwig! Iſt der Beſuch noch da? Der Vater bejahte. Wir erwarteten dich mit Sehnſucht und da kommſt du zu rechter Stunde. Unſere lieben Gäſte ſind muſi⸗ kaliſch und erfreuen mich eben durch ihr Spiel und Geſang. Komm' ſogleich mit. Du wirſt etwas Schönes hören. „Der Sohn ſuchte, wie wir in Els ſagen,“ bemerkte der Spießmann,„füt einen Kreuzer Ausrede,“ und meinte, er könne doch ſo nicht zu den Gäſten gehen, wie er eben vom Pferde geſtiegen ſei; aber der Vater zog ihn mit Gewalt fort. Er mußte folgen. — 216— „Als ſie in den Garten traten, ſang Mechthilde gerade das Lied, welches ſie auf dem Schloſſe zu Heidelberg teſngen und ihr Vater begleitete herrlich. „Plötzlich blieb Ludwig ſtehen. Er horchte. Großer Gott, rief er dann aus: was iſt das?— Vater, das ſind ſie! Das iſt die Sängerin vom Heidelberger Schloß und ihr Vater! So kann Niemand außer ihr ſingen, ſo Niemand außer ihm geigen. „Haſt du zu viel Wein getrunken, Ludwig? fragte lachend der Vater. „Nein, nein! rief er. Sie ſind's, Vater! Sie ſind's! Und mit dieſen Worten eilte er auf die Laube zu. „Es war noch hell genug, die Züge derer zu unterſcheiden, die in der Laube ſaßen, als er ſich ihr näherte. „Ja wahrlich, wahrlich! rief er aus und begrüßte die Beiden. „Mechthilde war vor freudigem Schrecken keines Wortes mächtig. „Jetzt trat der Baron herzu. Ludwig, ſagte er, ſieh hier deinen wiedergefundenen Oheim Ludwig, und hier die liebe Mechthilde, ſeine Tochter. „Da flog der junge Mann an des Oheimes Bruſt und mit ſtürmiſcher Freude zu Mechthilde, deren Hand er küßte. Endlich mahnten die Alten, und man ging ins Haus. „Am andern Morgen führte der Oheim Mechthilde in den „Nun? fragte Mechthild's Vater, haſt du dem Vetter nicht einmal einen Kuß zu bieten? Am Ende freuſt du dich nicht einmal ſeiner? „Da war's aus. Ohne weiteres küßte der Vetter den blühenden Mund, und ſie war nicht einmal böſe darüber, ſo ſehr ſe auch erglühte. „Die Zwei hatten aber nun nur Augen für einander, und Ludwig ließ Mechthilden's Hand gar nicht mehr los, als ob er fürchtete, ſie wieder zu verlieren. „Aber, Vater, bat er endlich, wie haſt du ſie gefunden? Wie habt ihr Brüder euch wieder erkannt? Erzähle doch, ich bitte! „Da hat ihm dann der Alte Alles erzählt, was er bis jetzt wiſſen durfte, und der Abend flog hin mit reißender Schnelle. — 217— Saal, wo die Bilder hingen, und wohin er auch das ihrige nheer gehängt hatte. „Als ſie es ſah und erkannte, ſchrie ſie laut auf. „Wie kommt dies Bild hierher? rief ſie. Geſtern hing es nicht hier. „Du haſt's nur nicht geſehen! ſagte er. „Aber wie kommſt du dazu, Oheim? fragte ſie. „Denke dir, erzählte ex, da iſt vorigen Sommer mein Sohn in Heidelberg geweſen, und hat da eine Sängerin gehört und geſehen, deren Bild ihm im Herzen ſtecken blieb. Da hat er's denn, da er gut malt, nachdem er in Mannheim das liebe Mädchen wiedergeſehen, aus dem Gedächtniſſe gemalt. Da du es nun ſelber ſehr ähnlich findeſt, ſo iſt es ein Beweis, daß er das Bild doch recht lebhaft in ſeinem Herzen trug. Meinſt du nicht auch? „Während ſie in hoher Röthe daſtand und die Augen nieder⸗ ſchlug, faßte der Oheim ihre Hand und ſagte: ich glaube faſt, wenn du hätteſt malen können, du hätteſt das auch ſot gemalt. Nicht wahr? „Jetzt traten der jüngere und ältere Ludwig ein, und Vine flog an des Vaters Bruſt. „Was gibt's denn hier? fragte der erſtaunt. „Sein Bruder erzählte Alles. „Ja, ja, rief der Jüngling, dies Bild trag' ich im Herzen und werd's mein Lebenlang darin tragen. „Dann wär's am Ende beſſer, meinte lachend ſein Vater, wir legten die Hände der Beiden zuſammen, S deiner Mechthilde geht's gerade ſo. „Iſt's wahr, Kind? fragte der Bruder. Der Jüngling aber hatte ſchon ihre Hand erfaßt, und die glücklichen Väter ſegneten den Bund ihrer Kinder. „Ich bin zu Ende mit meiner Geſchichte,“ ſagte der Spieß⸗ mann.„Ihr könnt Euch denken, daß di Hochzeit nicht auf ſich warten ließ. „Als das hier in Els ſunt nutde, ſagte der züe bre 5 w. — 218— Schulmeiſter: das hab' ich immer geahnt, daß hinter dem Herrn Schneider etwas anderes ſteckte, und die Bauern meinten, es ſei doch curios, daß ſie daran nicht früher gedacht hätten. „Dem Herrn Ludwig und ſeiner ſchönen Mechthilde that's ganz erſtaunlich leid von Els wegzugehen; aber es war nun einmal nicht anders, und ſo fügten ſie ſich drein. Der Herr Baron Carl aber hat dem Schulmeiſter ein Jahrgeld ausgeſetzt. Mir hat er ein Häuschen gekauft, und der Wirthsfrau hier, die im Hauſe des Herrn Schneider diente, als ſeine Frau ſtarb, und das Mechthildchen auf den Armen trug, ſchenkte Herr Baron Ludwig das Haus, worin er ſo lange gewohnt. „Alle Jahre kommen ſie her, und das iſt ein Feſt für unſer Dorf. Die zwei Herren ſind nun ſchon alte Knaſterbärte, die kein Puder brauchten, wenn die weißen Haare Mode wären, wie Anno 1780 und da herum, aber ſie ſind friſch und geſund. Mechthilde aber iſt, wenn auch Mutter von ſieben Kinderchen, dennoch eine bildſchöne Frau, und ihrer Mutter ſo ähnlich, wie ein Ei dem andern. Glücklichere Ehegatten gibt's nicht. Ich komme alle Jahre zu ihnen an den Main, und allemal, wenn ich die Liebe und Eintracht der beiden Brüder ſehe, die einſt ſo feindſelig waren, denke ich an den Spruch der Schrift:„Siehe, wie fein und lieblich iſts, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen; denn daſelbſt verheißet der Herr Segen immer und ewiglich!“ Damit ſchloß der Spießmann. Ich dankte ihm und drückte ein Trinkgeld in ſeine Hand. Der Abend nahte ſchnell; ich mußte mich eilen, Dietz vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Der Spießmann aber rief mir nach:„Wenn Ihr einmal in die Gegend am Maine kommt, wo der Herr Ludwig von Walsdorf wohnt, ſo verſäumt's ja nicht, zu ihm zu gehen. Laßt Euch dann die ſchöne Frau Mechthilde das ſchöne Lied vom Heidelberger Schloſſe ſingen⸗ Vergeßt aber ja nicht, ſie Alle vom alten Spießmanne von Els freundlich zu grüßen und ihnen zu ſagen: er käme bald einmal wieder, die alten Freunde zu beſuchen!“ Die Eroberung Bacharachs. Hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählung aus dem Jahre 1632. e. 4 ₰ 5* Wenn du irgendje, freundlicher Leſer, den herrlichen Rhein⸗ ſtrom herabſchiffteſt, und dein Auge trunken auf dem lieblichen Rheingau geruht, den man mit Recht Deutſchland's Wonnegau nennt, und du nun unterhalb Bingen, wo der Silberſtrom durch die näher zuſammenrückenden, mit alten Burgtrümmern geſchmückten, von Reben umkränzten Berge ſich hindurchwindet, wilder brauſend und ſchäumend ob des verengten Bettes und der Felſenfeſſeln, die der freie urkräftige Alpenſohn nur mit Widerſtreben dulden zu wollen ſcheint, dich in die wildſchöne Schlucht hineintragen ließeſt vom ſchaukelnden Schifflein— du entſinneſt dich dann wohl noch eines ungemein ſchönen Anblickes, der ſich dir darbot, als das Thal, bei dem Dörfchen Heimbach ſich etwas erweiternd, eine freiere Anſicht zuließ. Doch— es iſt zu viel des Schönen an dieſen geſegneten Ufern zuſammengedrängt, als daß das Einzelne ſich dem Gedächtniſſe ſo tief einprägen könnte, daß nicht neue reizende Bilder, wie ſie bei jeder Stromeswindung wechſeln, es in den Hintergrund ſollte zurücktreten laſſen. Ich will deinem Gedächtniſſe zu Hilfe kommen, will das Bild dir mit Worten zu malen ver⸗ ſuchen.— BVielleicht, daß es lebhaft— als ſeh Erinnerung — vor deine Seele tritt. Der ſilberklare Strom liegt wie ein Spiegel vor dir da. Kaum gewahrſt du, daß ſeine Wogen ſich fortwälzen. Die Ruder ruhen— das Schifflein fließt mit der Woge— es ſcheint ungerne die ſchöne Stelle zu verlaſſen— wo kein Strudel Gefahr droht, wo das Auge ſich nicht ſatt ſehen kann, wo ein Füllhorn des Segens ausgegoſſen zu ſein ſcheint. Hohe Berge, deren Fuß die Rebe, deren Gipfel Baumesgrün, ſaftige Saatfelder— impoſante Ruinen oder freundliche Weiler ſchmücken, bilden den Rahmen. — 222— Der Rhein hat aufgehört ein Strom zu ſein. Er iſt ein See geworden. Dort ragt eine Felſenkuppe hoch in die balſamiſche Luft hinein, die du athmeſt; hier ſind die Berge kegelförmig, oben abgeplattet. Während am Fuße der fleißige Winzer die Rebe pflegt, zieht oben der Pflug ſeine Furchen in fruchtbares Land, und aus der Fruchtbäume Blätterkronen blicken die friedlichen Woh⸗ nungen harmloſer kräftiger Menſchen. Ueber eine kleine ſaftig⸗ grüne Inſel hinweg gleitet dein Blick rechts auf das freundliche Lorch, das alte Lauriacum, das ſich in bedeutender Länge am Ufer hinzieht, einſt berühmt ob ſeiner Tuchwebereien, die ein finſterer Fanatismus verſcheuchte; herrliche Weinberge umgeben es. Den Gipfel ſeiner höchſten Höhe ſchmückt eine Ruine, und öſtlich öffnet ſich das herrliche Wisperthal mit ſeiner Kapelle. War es ein Sonntagmorgen oder ein Maiabend, als du hier weilteſt, ſo trugen gewiß die harmoniſchen Töne des berühmten Geläutes ſeiner alten Pfarrkirche dein Gemüth himmelan. Weiter hinab, vechts vor dir liegt im Rebengrün, halb vom Bergesvorſprung verdeckt, Lorchhauſen, mit ſeinen gewaltigen Mauern ſich an den Felſen lehnend, deſſen Fuß das Schäumen und Brauſen der Wir⸗ bellai verurſacht. Heimbach lehnt ſich links an gewaltige Felſen furchtlos an, und die Burgruine ſcheint es zu ſchützen. Weiter abwärts erblickſt du Fürſtenberg's ſtolze Ruinen. Einſt gewaltiger Dynaſten Wohnſitz, vor denen ſelbſt Kaiſer zitterten, ſteht jetzt noch ſeiner Mauern reicher Ueberreſt gewaltig da oben, trotzend dem Zahne der gefräßigen Zeit. Sein ungeheuer ſtarker, jungfräulich ſchlanker, ſtattlicher Wartthurm ſieht ſo ernſt herab in das Thal, als wollte er höhnend zu dem entarteten Pigmäengeſchlechte dieſer Zeit ſagen: Hier wohnten einſt Helden, ſtark und ſtolz, wie ich; hier übten ſie ihres Armes Muskelkraft an Schwerdt und Bogen; hier ſoll fürder kein Geſchlecht hauſen, weil für den Sperling kein Adlerneſt paßt!— Und unten, wo ein freundliches, rebenreiches Thal ſich mündet, liegt das Dörſchen Rheindiebach, welches ein zweifelhaftes Alterthum higitus Bacchi nennt; auch von Mauern umſchloſſen und von Thürmen beſchützt, deren einer, am ſüdöſtlichen Eade des Dörfchens, der Zerſtörung entging. Noch weiter abwärts blickt traurig die Ruine des Kloſters Fürſtenthal aus dem Schatten kräftiger Nußbäume zu dir herüber; aber gerade vor dir erblickſt du eine alte Stadt, ſanft hingeſchmiegt am Fuße zweier Berge. Das helle Weiß ihres auf gewaltigen Quadern ruhenden Kloſters, das tief unten des Rheines Welle beſpült, die freundlichen, über die uralte Stadtmauer herüberblickenden Wohnungen, die hohen gewal⸗ tigen Thürme, die in weitem Bogen ſie umſchließen, oben die weit⸗ läufigen Ruinen der einſt gewaltigen Burg, und mehr noch die aus der Zeiten Ferne ſtammenden Ruinen der im reinſten Styl erbauten Wernerskirche, die weit über die Stadt einſt und die hohe Pfarr⸗ ziehen ſchnell deine Blicke auf ſich und feſſeln ſie— es iſt Bacharach, von dem die Sage ſo viel, die Geſchichte leider nur wenig mehr zu erzählen weiß. Sieh', hier hauſte einſt jener heldenkühne Hermann von Stahleck, deſſen Namen der Berg trägt, der im rheiniſchen, ſaliſchen und ripuariſchen Franken ein ſo mächtiger, vielgefürchteter Dhnaſte war. Hier iſt des Pfalzgrafen⸗ geſchlechtes Wiege. Hier ſollen einſt Roms eherne Söhne der Rebe goldene Frucht erzogen und in den Felſen, die wie ein Damm die Heileſen⸗Inſel ſchützen, dem Bacchus einen Altar gemeiſelt haben, wo ſie ihm der Trauben Erſtlinge geopfert und ihres Saftes Libationen gebracht. Noch ſteht jener Altar; aber die Anſchwem⸗ mungen haben das Bett erhöht und ihn, den Charaktere ſchmücken ſollen, dem Blicke des Forſchers neidiſch entzogen; doch im Namen der Stadt bleibt ſein Andenken geſichert, denn Bacharach bewahrt den römiſchen Klang: Bacchi ara. Hier erhob früh durch des beim nahen Salmenfange am Lurelei angeſiedelten Chriſtusboten Goarius Wort die Religion des Friedens und der Liebe ihr Panier; hier blühten Handel und Gewerbe in der Zeit der Bar⸗ barei; hier wirkten einſt die Wittelsbacher frommen Sinns und ſtifteten jene in Ruinen noch herrliche Wernerskirche zu Ehren des frommen Knaben, der, wie die Sage erzählt, das Opfer jüdiſchen Haſſes ſoll geworden ſein, und jene Petri⸗ und Paulskirche(die mit Unrecht den Namen Tempelherrnhof trägt), deren ſchönes Chor K — 224— man noch heute bewundert. Groß und berühmt war einſt vie Stadt, jenes Hanſa⸗Bundes Genoſſin, der ſo ſehr Deutſchlands Gewerbfleiß hob und ſo wohlthätig auf die Geſittung einwirkte. Hoch hinauf in den Norden und weit hinab in den Süden gingen ihrer Thäler Weine, ſelbſt bis zur geiſtigen Weltbeherrſcherin Roma, deren Gebieter ſelbſt neben den Thränen Chriſti der rheiniſchen Berge Gewächs pries. Huldvoll geſchirmt, weiſe regiert von ihren Oberherrn, hatte ſie ſich mancher wichtigen Privilegien zu erfreuen und einer merkwürdigen Repräſentativ⸗Verfaſſung, die noch heute den Kundigen reizt, in die leider ſo ſehr verſchütteten Schachte ihrer früheren Geſchichte hinabzuſteigen. Doch, wo iſt der Glanz jener Zeiten? Wo der Ruhm jener Tage? Wo das rege Leben jener Zeit? Nur noch eine Mumie iſt übrig, aus der das Leben gewichen; öd' und ſtill iſt es geworden in den Straßen und am Hafen, wo einſt eines Maſtenwaldes Wimpel im Morgenwinde flatterten. Rufen dir, freundlicher Leſer, dieſe Worte das Bild jener lieblichen Gegend zurück, die einſt dein Auge geſchaut— dann— ich bitte— laß es nicht ſchnell wieder verdrängen. Halt' es feſt. Ich will dir erzählen, was einſt vor grauen Jahren in dieſen alterthümlichen Mauern, in dieſer Gegend ſich zutrug. Die Schickſale dieſer Stadt, einſt ſo berühmt, jetzt ſo unbedeutend, ſind mir nicht fremd, ihre Sagen vertraut. Aus dem Buch ihrer Vor⸗ zeit wähle ich einige Blätter aus, knüpfe daran die Bilder, die mir die Sage vertraut, die ich den Erzählungen der Greiſe und alten Familiennachrichten entnahm, und gebe dir's ſchmucklos hin. Und iſt mir's gelungen, dir eine Stunde erheitert zu haben, ſo bin ich reich belohnt. Richte mild, wenn nicht immer mit peinlichem Buchſtabendienſt ich der Geſchichte Urkunden copirt. Unwahr iſt's darum nicht, weil's unbekannt, und was im Gemüthe lebt, iſt da geweſen. — I. Es war am zweiten Tage des Maimondes im Jahre 1631, als der alte Rathsbürgermeiſter Hanns Jacob Heileß von der Münze*) her kam, wo ſein ſtattliches Wohnhaus ſtand, eins der ſchönſten der Stadt, wie er einer der Reichſten ihrer Bürger und Patrizier,— und auf die Schenke zuſchritt, die hochgiebelig an der Ecke des Marktes, dem altehrwürdigen Rathhauſe gegenüber, lag, und ebenſo der Petri⸗ und Paulskirche, mahnend an das Sprüchlein: Wo der Herr einen Tempel hat, baut der Teufel eine Schenke nebenan. Die Schenke war berühmt innerhalb der Ringmauern der Stadt und draußen; denn hier trank nicht Janhagel ſeinen flachen Heimbacher oder der eigenen Stadt geringſtes Gewächs, ſondern die angeſeheneren Bürger ſammelten ſich hier, um vom Meiſter Gölz ſich den blumigten Steeger, den feurigen Manubacher, den lieblichen Diebacher kredenzen zu laſſen, oder in Diebacher Feuerwein**) des Lebens Sorgen und Kümmerniſſe zu begraben, die ja auch dem Schooßkinde des Geſchickes nicht fehlen, für das allein die Erde ihr Köſtliches hervorbringt.— †** Auf dieſe Schenke ſchritt der Rathsbürgermeiſter Heileß lang⸗ ſam und würdevoll zu, den hohen Stab mit dem Silberknopfe in der Rechten und die große Sammetmütze mit der Linken nach allen *) Bacharach hatte in früheren Zeiten Münzgerechtigkeit und eine Münze. Dies Gebäude lag unfern des Baches, der ſich aus dem Steeger Thale windend am nördlichen Ende der Stadt in den Rhein mündet. Er heißt heute noch Münzbach, und das Thor dabei Münzthor, die Gegend— Münze. Münzen aus dieſer Stätte ſind äußerſt ſelten. Der Verfaſſer ſah einen Albus, der hier geſchlagen war. **) Dieſer Feuerwein war ein eigenthümliches Produkt der Thäler, wie man die Orte Bacharach, Oberdiebach, Manubach und Steeg nannte; doch wurde in der Stadt ſelbſt nicht gefeuert; in Oberdiebach geſchah dies zuletzt 1803, und ſeitdem nicht wieder. Man ſagte, die Kunſt 10 6* — — 226— Seiten gegen die Grüßenden lüftend; denn er war ein geachteter Mann, der viel Gutes that an den Armen und Jedem gerne dienete. Es war ein wunderſchöner Tag geweſen, und der tiefblaue Himmel ſah ſo treu und mild in das Rheinthal, daß es den alten Herrn lockte, die Marktgaſſe hinabzuſchreiten an den Rhein, um dort ſich zu ergehen; allein, noch war die Sonne nicht hinter den Hochge⸗ birgen von Steeg hinabgeſunken, ja man konnte ſagen, ſie brannte heiß, ſo frühe es auch noch in der Jahreszeit war; die Winzer arbeiteten noch in ihren Rebbergen, und um des Maigeläutes*) ſei verloren; allein dies iſt nicht der Fall. Sie findet ihren Lohn nicht mehr, darin liegt ihr Ende in praxi. Man pflegte nämlich in eigens dazu erbauten, niedrigen Gewölbekellern den Wein im Faſſe ſo lange als Moſt zu kochen, bis alles Phlegma verſchwunden, der Zuckerſtoff allein und der Geiſt, erſterer concentrirt, übrig geblieben. Kohlenfeuer war das Mittel. Wie man allmählich das Feuer geſteigert, ſo ließ man es allmählich wieder abnehmen, damit des Faſſes offene Fugen ſich wieder ſchloſſen. Die Prozedur war langweilig, ſelbſt lebensgefährlich und koſtbar; aber der Wein auch einzig. Dieſer war es, der Aeneas Sylvius ſo baß mundete, weil er an Geiſt und Süße ſelbſt ſeine Italiener und Sizilianer übertraf, und ihn beſtimmte, ſich jährlich welchen nach Rom bringen zu laſſen. Schade, daß unſere Weinhändler nicht mehr ähnlichen ſuchen, beſtellen und bezahlen! Ob ſie dabei verlören? *) Seit vielen Jahrhunderten herrſchte in dem kurmainziſchen Rheingau, 5 deſſen letzter Ort Lorch war, die Sitte, daß an jedem Abend im Mai, ehe noch die Racht ihren Rabenfittich über die Thäler gebreitet, eine ganze Stunde lang mit allen Glocken geläutet wurde. Schade, daß dieſe Sitte nach und nach endet, denn nur in ihrem Urſprung iſt ſie tadelnswerth. In Lorch hat ſie ſich am längſten erhalten. Wenn an ſtillen milden Maiabenden der Glocken harmoniſcher Klang (und Lorch hat das trefflichſte und volltönigſte Geläute, das man hören kann), in lang gehaltenen Accorden durch das Thal zieht, hebt er auf ſeinen Flügeln das Gemüth zum Himmel, und wer hier nicht andächtig wurde, hat kein Herz. Woher der eigenthümliche Gebrauch ſtammte?— Ein Aberglauben aus Carl's des Großen Zeit iſt ſeine Duelle. Wenn im Mai die Hexen nach dem Blocksberg und von da — 227— feierlich⸗melanchvliſche Klänge zu vernehmen, war's noch zu frühe am Tage— aus dieſen Gründen— und weil er durch die Bogen⸗ fenſter von ferne ſchon Gäſte gewahrte, wollte er eben zur weit⸗ geöffneten Thüre der Schenke einbiegen, als es ihm noch zur guten Stunde einfiel, einen Blick zwiſchen den hohen Kaſtanien hinauf zu den Fenſtern des Saales*) zu werfen, der an die Schenke ſtieß. zurückziehen, ſoll dies Geläute, als Gott geweiht und die Menſchen zum Gebete mahnend, ihre unheilbringende Macht von den Fluren des Rheingau's abhalten. Der geheiligte Krummſtab blieb allein da wehrlos, wo der ganzen Hölle und ihrer Vaſallen Gewalt zu fürchten war; er mußte Hilfe ſuchen bei der Glocken weithallender Stimme! *) Wahrſcheinlich hatte Erzbiſchof Bruno von Kun die Vogtei Bacharach, mit Einſchluß der Orte Steeg(Stiga), Oberdiebach Pigitus Bacchi), Manubach Manus Bacchi) von ſeinem Bruder, Kaiſer Otto I., erhalten, und gab ſie an die Stahlecker, welche Erben der Rauinger oder Raugrafen des Trachgaues waren, welcher ſich von Heimbach (humerus Bacchi) bis hinab nach Koblenz, längs des Rheins Ufern zog, zu Lehen, die dann im Laufe der Zeit, mit Recht oder Gewalt, iſt unbekannt, ſich dieſe Herrſchaft erbeigen zu machen wußten. Soviel aber iſt gewiß, daß noch ſpät Kurköln gewiſſe Gerechtſame in dem kleinen Thälerſtaate zuſtanden. Es hatte in Bacharach ein eignes Gebäude(in der franzöſiſchen Periode verſchwand es, wie ſo manches andere Denkmal früherer Zeit durch den Vandalismus, der Nichts ſchonte), der Saal— auch der Kummerhof genannt, wohl wegen der Eriminalgefängniſſe, die ſich unter ihm befanden. Hier wohnte der kurkölniſche Saalſchultheiß, der in Gerichtsſachen, nament⸗ lich in Criminalangelegenheiten, gewichtige Prärogative hatte. Hier wurde der Thälerrath verſammelt, der aus zwölf Rittern und zwölf wählbaren Bürgern, Rathsbürgermeiſtern, beſtand, die der Thäler Verwaltung und Gerechtigkeit leiteten und in der Amtsausübun u zu wechſeln pflegten. Der Saalſchultheiß führte den Vorſitz, u an ſeiner Seite ſaß der ſtahleckiſche Vogt, ſeines Herrn Rechte zu wahren.(Handſchrift von 1668.) Wahrſcheinlich beſaßen die Thäler ein eignes Rechtsſtatut. Ob es noch irgendwo von der und Scotti kennen es nicht. * — 228— Da ſah er denn in das bleiche ernſte Geſicht des Saalſchultheißen Poctoris juris Rima, das ſo kalt und theilnahmlos herabſah, als ſei es aus Carara's Marmor gemeißelt, und dem ehrfurchtvoll Grüßenden ward es faſt kalt bei dem Anblick, und ſchneller bog er zur Schenke ein, gleichſam, als wolle er dem Anblicke dieſes Antlitzes entfliehen, das etwas ſo Erſchütterndes hatte. 3 Als der alte biedere Mann in die geräumige Gaſtſtube trat, war ſie über Erwarten leer. Sonſt fand man hier um dieſe Zeit Männer aller Zeichen und Zünfte, redend von ihren Gewerkfahrten in fremden Landen und deren Abentheuern in Wahrheit und Dich⸗ tung, je nach Sinn und Geſchmack des Erzählers. Heute ſaßen nur Zwei da— altgewöhnte Schoppenhelden, die ſich das Steeger letzte Jahresgewächs munden ließen und von Welthändeln redeten, wie ſie die vielbewegte Zeit gebar, und der Schweden oder Kaiſer⸗ lichen Sieg und Niederlage. Es war der Eine der Kürſchnermeiſter Ulrich Prätorius, im Trinken wie in Politicis erfahren, dabei ein Mann von vielem Gewichte, jedoch nur körperlichem; denn ſein Geiſt war federleicht und ſein Muth leichter als der des Haſen. Der Andere, von hoher und muskulöſer, faſt rieſiger Geſtalt, hieß Leonhard Lauer, war ſeines Zeichens ein Schiffer, und führte eben ſo kräftig, ſicher und häufig den Becher zum Munde als das Ruder in der nervigen Fauſt. Der Wirth, klein von Leibesgeſtalt, aber rund wie ein Ahmfaß(Ama), mit einem rubinrothen, glän⸗ zenden Vollmondgeſicht und gleichmüthigen Hängebacken, ſtand vor dem Tiſche, woran jene ſaßen, ſeines Geſchäftes zu warten und ſeinen Groſchen zur Zwieſprache dann und wann zu geben, die jene eifrig führten. Beide Zecher erhoben ſich ehrfurchtsvoll, als Heileß hereintrat, boten freundlichen guten Abend dem Herrn Rathsbürger⸗ meiſter, und ſetzten ſich erſt wieder, nachdem Gölz den umfang⸗ veichen Lehnſtuhl ſeiner verſtorbenen Schwiegermutter zunächſt gegen das Fenſter gerückt und Heileß ſich behaglich darin niedergelaſſen hatte. Ohne auf das Geheiß des Rathsbürgermeiſters zu wartet eilte der ſeiner Gäſte kundige Wirth hinaus, brachte ein Schöpplei Diebacher Feuerweins von Anno 1630, und ſetzte es mit eine — 229— herzlichen: Proſiciat! vor den vielwerthen Gaſt. Ehe aber noch ein Geſpräch eingeleitet werden konnte, öffnete ſich abermals die Thür, und hereintrat mit mächtigem Pathos und höchſt formellen Grüßen, nahe an die Vollendung der Formalität jener Zeit grenzend, der patriotiſche Schneidermeiſter Zinkgräf, viel gewandert, viel erfahren und niemals ohne Rath und— Durſt. Des Mannes Wohlſtand zeigte ſich in ſeiner ſtattlichen Kleidung, die künftige Rathsbürger⸗ meiſterſchaft in der Stirne tiefſinnigen Falten. Nach den Gegen⸗ grüßen der Anweſenden, die bei Lauern ein ſatyriſches Lächeln begleitete, nahm der Schneider Platz zunächſt dem Rathsbürger⸗ meiſter und beſtellte ſich ſeinen lieben Steeger.„Wovon ſprecht ihr Gutes, ihr Herren?“ fragte jetzt Heileß die Beiden, die zuerſt da geweſen,„damit wir Theil nehmen können an eurer Kurzweil, jedoch im guten Sinne, denn Scherze der Ernſt der Zeit nicht!“ „Da habt Ihr wohl ge ſprochen, Herr Rathsbürgermeiſter,“ fiel ſogleich der Schneider in die Rede;„als ich durch das ver⸗ wüſtete Sachſenland wanderte und an den Trümmern der Stadt Magdeburg ſtand, lernte ich begreifen, was Ihr da zu bemerken beliebtet.“ „Haben von Allerlei geredet,“ entgegnete Prätorius, des Schneiders Worte mißachtend,„von dem und jenem— alten Zeiten und neuen Welthändeln, wie das ſo geht.“ „Das heißt,“ ergänzte Lauer,„von unfrer verſtorbenen Frei⸗ heit und neugebornem ſpaniſchen Drucke, und baldiger Auferſtehung der Freiheit durch den Gotteshelden Guſtav Adolph.“ „Custavus Adolphus Rex, wer was hat, der verſteck's“— murmelte Gölz in den Bart und fuhr mit der Hand über die Stirne.„Gott gebe, daß Morgen ihre Oſtern ſeien!“ rief feurig der Schneider, ſah aber doch dabei ſich in der Stube um— denn es traf ſich manchmal, daß auch etliche ſpaniſche Wachtmeiſter hier Feuerwein tranken und träumten, es ſei eres. „Guſtav Adolph lebe!“ rief Heileß, ſein Glas erhebend. „Möge er bald bringen, was wir hoffen!“ 5 — 230— „Haltet ein!“ rief Lauer, und ſchluckte ſchnell den Reſt ſeines Weines hinab, indem er das Glas dem Wirthe darreichte.„Man muß das Wohl des Helden aus vollem Glaſe trinken, ſonſt hat's keinen Erfolg.“ Der Wirth kam bald wieder, und die Gläſer klangen hell und frendig zuſammen. „Ach,“ zog lang und behaglich der Schneider,„wenn das der Held wüßte, er käme bald der vielgedrückten Stadt zu Hilfe und brächte uns wieder die Freiheit.“ „Gott im Geiſt und in der Wahrheit zu dienen“— ergänzte Heileß mit Nachdruck. „Hol' mich der Teufel,“ rief der Kürſchner Prätorius,„wenn ich nicht“— er ſah ſich ſcheu und gleichſam ſich ſeiner eigenen Keckheit fürchtend, in der Stube um—„wenn ich nicht mit meinem Schabemeſſer dem Bluthunde, dem Spanier, das Fell abziehen und zu einem Trommelfelle für die Schweden gerben will! Hol' ſie dieſer und der! Seitdem die an uns ſaugen, ſind unſere Adern blutleer, unſer Herzſchlag ſtockt und es will in keiner Beziehung fort. Unſer Glauben iſt und bleibt unterdrückt, der Guardian lieſt Meſſe zu Sanct Peter und Paul, welche Kirche doch actenmäßig unſer iſt; der Handel und jedes Gewerbe ruht.— Was das am Ende werden will?!“— Lauer ſah ihn ſpöttiſch von der Seite an und raunte ihm ins Ohr:„Der Spanier muß aber doch erſt mauſetodt ſein?“— Prätorius blickte ihn grimmig an; denn der Feige will lieber Alles ſein, als feig ſcheinen.— Doch biß er ſich in die Lippe und ſchwieg, ſein Geſicht Heileß zuwendend, der ſprach: „Es iſt ein Strafgericht des Herrn, Meiſter Ulrich. Fluchen ziemt nicht. Wer viel mit dem Munde thut, läßt Arm und Hand müßig. Der Bedrangle*) iſt freilich unſer Bedränger, wie die *) Spaniſcher Capitän⸗Lieutenant und Commandant zu Stahleck und Bacharach, wie auf den Burgen Fürſtenberg bei Rheindiebach und Stahlberg im Thale Steeg. Merian nennt ihn Bedrangle, Reichard in ſeiner europäiſchen Chronik: Bedranake. 2 * Buben im Liedlein auf den Straßen ſingen, und ein wahrer Anti⸗ chriſt— aber wir ſollen Geduld üben in guten Werken und aus⸗ halten und kämpfen einen guten Kampf des Glaubens, auf daß uns einſt beigelegt werde die Krone des ewigen Lebens. Die Zeit der Noth geht auch vorüber. Heil uns, wenn wir durch ſie ſind bewährt worden!“ „Meint man doch,“ ſprach händehaltend der Schneider,„man höre unſern Paſtor Inſelius!“ „Daß du deſſen gedenkeſt, Zinkgräf!“ rief Lauer wild und ſchlug auf den Tiſch,„das macht mein Blut ſieden! Ja, Herr Rathsbürgermeiſter, Ihr habt da den Nagel auf den Kopf getroffen. Da liegt allein das Heil für uns— im Kämpfen, aber nicht wie Ihr's meinet allein, ſondern mit der Fauſt. Wir müſſen zum Ruder und Meſſer greifen und die Bluthunde hinausjagen aus unſeren Mauern, und wieder holen unſern frommen Inſelius. O, ich gedenke der Stunde noch, wo er, uns ſegnend, ſchied und ſein Friedrich meine Hand ſchüttelte und ſprach: Leonhard, wir ſehen uns bald wieder. Aber es ſind Jahre dahingegangen. Ich bin Mann, er Jüngling, der Vater Greis geworden, und noch iſt die Stunde nicht da.“— „Du haſt recht, Lauer,“ ſprach beifällig und durch ſein Feuer entzündet Zinkgräf.„Seine Rückkehr nur iſt die Bedingung alles Heiles für uns. O, ich denke auch jenes Augenblickes noch, deſſen du erwähnt. Mir aber begegnete einſt in der Schweiz ein ſtatt⸗ licher Jüngling, und faſt ſchien's mir, als ſei es Friedrich— aber er ging kalt vorüber und kannte mich nicht. Er war's nicht.“ „Nein, gewiß nicht!“ vervollſtändigte Lauer;„denn das hätte der nimmer gethan.“ Heileß war entſetzt aufgeſtanden und ſah Beide mit wehmü⸗ thigem Ernſt an.„Wohin denkt ihr, Bürger?“ ſagte er ſtrafend. „Wiſſet ihr nicht die Schrift, die uns ſagt: Seid unterthan der Obrigkeit, die Gewali über euch hat? Erinnert ihr euch nicht mehr der letzten Worte unſeres Doctoris Inſelius?“ Mir ziemt es zwar nicht,“ erwiederte hierauf feurig der — 232— ſtammhafte Schiffer, indem er dem Wirthe den Becher hinſchob, daß er gefüllt werde,„Euch, als graues Haupt, zu ſtülpen, und will es auch in keinerlei Weiſe thun; aber ihr, die ihr des Rathes ſeid, ihr ſolltet nicht predigen, wo es euch beſſer anſtünde, zu handeln. Ihr, die ihr gemeiner Bürgerſchaft Rechte wahren ſollet, dürftet nicht müßig den ewigen Brandſchatzungen zuſehen, die unſer Mark am Ende aufreiben. Wiſſet ihr es nicht, ſo vernehmet es aus meinem Munde zuerſt, daß es gährt und kocht in den Gemüthern hier in der Stadt, wie draußen in den Thälern. Es bedarf eines Stoßes nur, und die Sturmglocke hallt es euch in das Ohr lauter, als es hier mein Mund gethan!“— Er ruhte aus— und Prätorius, der in ſeines Geſellen Muth den ſeinigen wiederfand, ſpann den Faden fort: „Warum ſeid ihr denn zahm wie Lämmer und laſſet euch von dem Saalſchultheißen Rima am Gängelbande leiten wie Kindlein, die noch nicht gehen können? Iſt der nicht Bedrangle's Helfershelfer, und ein Hallunke obendrein wie der?“ „Ihr führt kecke Reden hier, Bürger,“ ſagte ernſt und gemeſſen Heileß.„Es ziemt euch nicht, die Schritte zu tadeln, die ein wohlweiſer Rath zu eurem Beſten thut. Das Alter wägt weiſe, wo die Jugend unſinnig brauſet. Wir müſſen wohl prüfen, ob nicht der Geiſt willig, aber das Fleiſch ſchwach iſt!“— „Sehr weiſe geſprochen!“ adorirte der Schneider;„aber mir ſcheint's, verehrter Herr Rathsbürgermeiſter, es müßte doch etwas mehr Thatkraft von erkleklichem Vortheile ſein?!“— „Ihr täuſcht euch ſelber,“ entſchuldigte Heileß.„Ihr legt Rima und uns zur Laſt, was der Umſtände Drang verſchuldet.“ „Zerbrich das Joch und du biſt frei“— ſchaltete Lauer dazwiſchen. „Leonhard,“ redete ihn jetzt Heileß mit ſcharfem Blick und Ton an,„habt Ihr je vernommen, daß ein unſinniger Schritt Gutes wirkte? Habt Ihr denn ganz vergeſſen, wie Oberweſel und Caub, wie Simmern und Stromberg und alle Schlöſſer mit Spaniern beſetzt ſind? Ruft nicht ein Bote, ja ein Falconetſchuß — 233— dieſe zu Hilfe? Und was ſollen unſerer Thäler unbewehrte Bürger beginnen im Strauße gegen dieſe Eiſenfreſſer, die Jahre des Kampfes in Niederland gehärtet und geſtählt und mit allen Vortheilen des Kriegshandwerkes vertraut gemacht, die uns abgehen? Ja, den glücklichſten Fall geſetzt, wir trieben die Spanier in das Schloß da droben— und weiter brächten wir's doch ſchwerlich— wer hält den Bedrangle ab, die Stadt in Brand zu ſchießen, und wer ſtraft ihn, wenn er's thut? Wer baut Euer Haus, wenn er's in Aſche verwandelt?— Und ſollte er mehr Schonung haben, als in einem ſolchen Herzen zu finden ſein dürfte, würde nicht Frangipani, der in Frankenthal hauſet, kommen und uns züchtigen, wie ſeine Söldlinge bei dem Gottesdienſt in Steeg durch den Tod eines redlichen Mannes gezeigt?“ „Haben wir denn keine Thore?“ fragte der Kürſchner. „O ja,“ entgegnete faſt lichelnd Heileß;„aber die fruchten uns wenig, wenn wir zwiſchen zwei Feuern ſitzen.— Frangipani draußen und Bedrangle innen, da helfe Gott.“ eSie ſchwiegen beſchämt. „Seht, liebe Bürger,“ nahm nach einer Weile Heileß wieder das Wort,„rohe Selbſthülfe und Gewaltthat führt ſelten, Toben hinter dem Schenkentiſche nie zum Ziele. Der Thälerrath muß von ganz anderm Standpunkte die Sache anſehn, obwohl er in dem Mißmuthe mit euch eins iſt. Selbſt Dr. Rima, den ihr ſo hart und ſchonungslos beurtheilt, that mehr für euch, als ihr ahnet, that's aber mit Güte und im Stillen, darum wiſſet, ja, ahnet ihr's nicht.“ „Und wann Ihr auch mit dem Erſten Necht hättet,“ rief Lauer, dem Wein und Aufregung die Beſonnenheit mehr und mehr entzogen,„ſo habt Ihr's doch bei meiner Treue hier nicht!“ —„Von deiner Treue weiß ich nichts zu rühmen“— murmelte Gölz in den Bart. „Der Rima?“ ſchrie Prätorius, der, weniger vertragend, deutend trunkener war als Lauer—„nein, er iſt kein Doctor 5 — 234— des Rechtes, ſondern des Unrechts. Er ſpielt mit dem Comman⸗ danten unter einer Decke und theilt mit ihm die Brandſchatzungen; denn ſein Glaube heißt: Selbſteſſen macht fett!“ „Sprecht leiſe, ihr Herren,“ bat Gölz,„der Kummerhof hat tiefe Löcher, nach denen euch wohl nicht gelüſten möchte.“ Präto⸗ rius erbleichte. „Schweig, du krächzender Rabe!“ rief Lauer— aber er beſann ſich ſogleich, daß er tief in der Kreide ſaß, und ſagte in mildem ſcherzendem Tone:„Meinſt du denn, Gevatter, unſer Einer ſei ein Fiſch, und ſei's aus Furcht? Du kennſt mich ſchlecht! — Ich verachte den Heuchler Rima und habe deß kein Hehl!“ „Wahrlich, Ihr beurtheilet den Mann falſch,“ rief in einer ſeltenen Anwandlung von Heftigkeit der ruhige Heileß.„Er könnte wohl in mancher Beziehung anders handeln, das iſt wahr; aber ſeine Stellung iſt eine ſchwierige. Er könnte duldſamer gegen uns Proteſtanten ſein, das iſt wahr. Einſt war er es auch.“ „Aber das Blättlein hat ſich gewendet,“ fiel Zinkgräf ein, „ſeit der Guardian einen ſo mächtigen Einfluß auf ihn gewonnen hat, ſeit überhaupt ſein düſtres Weſen düſtrer geworden iſt— oder beſſer, ſeit er durch den Nachdruck ſpaniſcher Arquebuſirer mehr Macht hat. Er traute früher nicht, die rechte Farbe außen hin zu kehren und ſpielte den Judas unſeres Seelenhirten Inſelius. Als die Stunde des n warf er die Maske ab, trieb ihn von dannen und— „Riß ſein Hab und Gut an ſih, alſo daß Vater und Sohn arm in eine fremde Welt zogen, der Treuloſigkeit eines Freundes ſo gewiß, als des Bettelns“— ſchloß Lauer.„Herr Rathsbürger⸗ meiſter, gibt es kein Mäntelein der Liebe, das Ihr über dieſe Schandthat decken könntet?“—„Wollte Gott, daß ich es könnte!“ ſeufzte Heileß aufrichtig.„Doch ich kann es nicht; laſſet uns aber doch nie vergeſſen, daß dieß die einzige mit Rima's Denkart ſtreitende Thatſache dieſer Art iſt, die uns zur Kenntniß kam Der Schein kann trügen, und unſer Herr ſagt: Richtet nicht, damit ih auch nicht gerichtet werdet.“—„Zum Teufel auch!“ ſchrie jet — — 235— Lauer wilder, dem mehr und mehr der Wein die Sinne benebelte, „wollt Ihr denn, daß wir alleſammt die Sache aus unſerem Gedächtniß austilgen ſollen, wie's doch kein Menſch vermag?— Vergeben könnte ich wohl, aber das Vergeſſen iſt eine Sache, die ich nicht fertig bringe, und um ſo weniger, je öfter ich will. Um aber Fünfe gerade ſein zu laſſen, muß man im Rathe ſitzen. Es wird und muß die Zeit der Rettung und— der Rechenſchaft kommen. Dann iſt Recht wieder Recht, und Unrecht, Unrecht. Wehe dann dem Federfuchſer Rima, dem Doctor, wie die Leute ſagen, der uns zu Grunde curirt!“ Heileß ſtand auf. „Ihr redet anzüglich, weil der Wein die Zunge löſt. Ich ſtreite nicht mit Euch,“ ſagte er ruhig, aber feſt;„denn Ihr ſeid nicht gemacht, heute Gründen der Vernunft Gehör zu geben.“ Er wollte Mütze und Stock nehmen, aber Zinkgräf nahm ihn bei der Hand. „Zürnt nicht, Herr Rathsbürgermeiſter,“ ſagte er.„Lauer iſt erhitzt, aber es ſind deren Viele, die nicht anders denken. Beleidigen will er Euch nicht. Euch achten und lieben wir Alle.“ „So' glaubt mir,“ ſprach Heileß,„wenn ich Euch ſage, Rima iſt beſſer, als ſein Ruf.“ Er grüßte und ging. „Geh' du nur,“ donnerte Lauer ihm nach. Du biſt ein ehrliches Schaf, aber nichts weiter. Alle Wetter, Zinkgräf, wärſt du oder ich im Rath, ich wollte den kölniſchen Funken zwicken, bis er mürbe würde, wie ein Apfel im Frühjahr.“ „Um Gotteswillen ſchweigt,“ rief Gölz, der eiligſt hereinſtürzte, „der Rima ſteigt eben unter den Kaſtanienbäumen des Kummer⸗ hofes zu Roſſe. Hört er dich toben, ſo bekommſt du, Lauer, freies Quartier, aber keinen Manubacher Ueberdies iſt ſein Töchterlein ſchwer krank, und ihr Lager auf dieſer Seite. Tobet darum nicht, Männer!“ Dieſe Worte äußerten eine niederſchlagende Wirkung, ſelbſt auf den Weinerhitzten; denn Clara Rima beſaß die Liebe der Stadt, weil ſie die Krone der Stadt und die Mutter ihrer Armen und Waiſen war; und es lebte weder Mann, Greis, noch Jüngling — in der Stadt, der, wenn ſie ſo leicht wie ein Schatten vorüber⸗ ſchwebte, ſo engelmild und herzig grüßte, nicht ſogleich die Mütze gezogen hätte, ſtehen geblieben wäre und, der Lieblichſten nach⸗ ſehend, geſagt hätte: Sie iſt ein Engel! So mochte denn Keiner, ſelbſt der Trunkene, die Ruhe dieſes verehrten Weſens ſtören, und iſt die Wundermacht weiblicher Reinheit, Milde und Schönheit, daß ſie nicht bloß da herrſcht, wo ſie ſich zeigt, ſondern ſelbſt da, wo nur ein leiſer Anklang an ſie und ihre Nähe laut wird. Die Sonne war unterdeſſen hinter den Höhen von Perſcheidt hinabgeſunken, und feurig glühte nur noch der Rebenkopf und die hohen Hänpter der Naſſauer Berge, während jenes milde Zwielicht in den Thälern ſpielte oder zu ſpielen begann, das einen ſo eigen⸗ thümlichen Reiz zu ſtiller Betrachtung für das Gemüth hat. Erfriſchende Kühle wehte vom Rheine herauf, wo Millionen Nymphen ihren Tanz begannen, der ihres Lebens ſchnelles Ende iſt. Nachtigallen ſangen ihr ſchmelzendes Brautlied in den Gebü⸗ ſchen, welche die Höhen kränzten, und bald kam die Stunde, wo die Feierklänge des Maigeläutes von Lorch ſo wunderſam beredt von dem Abendwinde herabgetragen wurden. Der kurkölniſche Saalſchultheiß, Dr. juris Rima, hatte ſich ſein Leibroß vor das chor des Saales führen laſſen, und war auf das edle ſich bäu⸗ mende Thier geſtiegen. Geſenkten Hauptes ritt der Mann nun der Oberſtraße zu, um in Gottes großem weitem Tempel Frieden zu ſuchen für die kummerbelaſtete Seele. Ihm war der ſpottweiſe vom Volke Kummerhof genannte Saal wohl in Wahrheit ein Kummerhof; denn daheim lag ſchon ſeit Wochen Clara, der Stern ſeines Lebens, das achtzehnjährige, einſt ſo liebliche Mädchen, der Mutter, die längſt ruhte, theures Ebenbild an Leib und Seele— krank dar⸗ nieder, und der trauernde Vater, der faſt Tag und Nacht nicht vom Bette ſeines Kindes kam, war troſtlos, da alle Hilfe fruchtlos blieb und er ſein Glück zu Grabe gehen ſah. Heute ſchlummerte ſie einmal. Er fühlte das Bedürfniß ſo tief, in der friſchen Abendluft die heiße Stirne zu baden und die freie Gottesluft zu athmen, daß er gerne den Bitten der ſorglichen Schweſter nachgab⸗ 3— 237— ihr Clara übergab und ſein Pferd ſich vorführen ließ, das ſchwereren Herzens ſeinen Herrn noch nie getragen. Tief war ſein vom Schnee des Lebenswinters bedecktes Haupt gehängt; traurig erwiederte er die heute ſo theilnehmenden Grüße der Bürger, die alle mehr oder weniger ſein Herzweh mitfühlten, weil Clara's Leiden auch für ſie ein Herzweh war. Nirgends fand ja der unglückliche Vater Hilfe. Alle Aerzte Kölns, die der reiche Rima beſchieden, waren ohne Troſt wieder von dannen gezogen. Ein ſchleichendes Fieber ſchien der Jungfrau zarten Körperbau zerſtören, das ſchöne geliebte Leben auslöſchen zu wollen. Das beugte den Greis ſo tief, der außer Clara nichts mehr hatte, was ihn an das Leben band.— Er ritt eben an den Bogenfenſtern des Sliſc Hauſes vorüber. „Sieh' doch, wie der alte Sünder ſo gebückt dahin reitet“— ſagte mit giftigem Blick und Tone Lauer zu Zinkgräf.„Weißt du auch, woher das kommt? Er ſucht ſein gutes Gewiſſen, das er ſeit der Schandthat an Paſtor Inſelius verloren hat, und kann's nicht finden,“ witzelte der Schneider. Lauer und Prätorius lachten des Witzes, auf den ſich der Schneider etwas zu Gute that. Aber Gölz nahm das Wort:„Ihr wißt,“ ſagte er,„auch ich bin nicht gerade ein warmer Freund des Doctors, aber ſeine Lage regt mein tiefſtes Mitleid auf. Ich habe alle meine Kinder erwachſen verloren und mein Weib dazu, und weiß, wie das thut. Clara leidet ſchwer, und ſie iſt ſein höchſtes Gut, und alle Aerzte haben ihr das Leben abgeſprochen. Tragt ihr nur einen Funken 6 menſchlichen Gefühls in eurer Bruſt, ſo ſpottet des Vaters nicht, der eine Centnerlaſt auf dem Herzen trägt.“ Da ſahen ſich die Drei etwas e an, und ſchämten ſich ihrer Worte und des Hohnes. „Wahrlich, wenn dem ſo iſt,“ ſprach Zinkgräf,„dann jammert er mich um des Engels willen, den ihm Gott zum Kinde gab. Sie iſt gut. Jedermann ſagt das— und ſchön, das ſehen wir Alle. Doch ſchien mir's, daß, ſeit der Beſetzung unſerer Stadt — 238— durch den verfluchten Bedrangle, ihr Auge düſterer, ihr Ausſehen bleicher und leidender war. Gott gebe ihr Gnade!“ Lauer hatte noch einige Tummler geleert, und war dann wankend aufgeſtanden. Zinkgräf zahlte ſeine Zeche nicht ohne Oſtentation, und Lauer ſah ſüß freundlich den Gevatter an, bewegte die Lippen, aber blieb— ſtumm.„Soll ich's wieder aufſchreiben, ihr Zwei?“ fragte er halb ſcherzend, halb ärgerlich— da Beide ſen hoch in der Kreide ſtanden. „Ja, Se lallte Lauer. Selig nickte Prätorius, dem Gölz eine Laſt abgenommen, und ſetzte dann hinzu:„Ein guter Wintermarkt und Herbſt bezahlt Alles!“ „Wenn's wahr iſt, iſt's gut!“ liſpelte leiſe Zinkgräf dem achſelzuckenden Wirthe zu, und alle Drei ſchieden, begleitet von der Mahnung:„Kommt bald wieder,“ zu der ſich jedoch, in Bezug auf Lauer und Prätorius, ein leiſer Seufzer geſellte. II. Schon frühe hatte in Bacharach, durch den Verkehr bei den Weinmärkten, ³) dem bedeutenden Handel der Stadt, als des Stapelortes für den Weinhandel des Rheingaues, durch die von dem zahlreichen und begüterten Adel geförderte Cultur dieſer Gegend, das Licht des Evangeliums Eingang gefunden. Wie überall, entſtanden auch hier zahlreiche und heftige Reibungen zwiſchen Alt- und Neu⸗ glhubigen, ſtrengen Katholiken und eifrigen Proteſtanten, an denen die Regiekung oft ebenſo großen Antheil hatte, als die Anſichten *) Eine eigenthümliche Einrichtung war es, daß, wenn der Wein klar und auch der gefeuerte bereitet war, an einem beſtimmten Tage der Weinmarkt auf freiem Markte der gehalten wurde. Die Weinhändler trafen dabei ein, und jeder Bürger erſchien mit ſeiner Probe. Der Preis, unter welchem nicht verkauft wurde, r wurde bie fixirt und die Einkäufe gemacht.— Alte Handſchrift. — 6 und Neigungen der einzelnen Amtsträger, und dieſe Periode iſt hier, wie faſt überall, ein ziemlich düſtres Blatt im Buche der Geſchichte, deſſen Züge aber die Thränen der Unterdrückten, und ſelbſt ihr Blut nicht ausgelöſcht. Deſſen ungeachtet bildete ſich ſehr bald eine evangeliſch⸗proteſtantiſche Gemeinde in der Stadt, und eben ſolche in den Thälern, namentlich Oberdiebach und Manubach— für welche beide eine edle evangeliſche Dame, wahrſcheinlich eine von Riedeſel, eine eigene Kirche im ſüdlichen Thale von Oberdiebach erbaute, die indeß unter dem Wüthen der Spanier unbrauchbar wurde und bald als Ruine daſtand. In Bacharach kam die Gemeinde in den Beſitz der Pfarr⸗ und Stiftskirche, den heiligen Apoſteln Petrus und Paulus geweiht, während die Kirche zu Sanct Wernerus und die an der Stätte der ehemaligen Kreuzkapelle erbaute Kloſter⸗ kirche im Beſitze der Katholiken blieb. Oft bedrängt und verfolgt, dennoch glaubenstreu und feſt, lebte die neue Gemeinde hier von treuen Hirten geleitet. Die öftere Vertreibung ihrer Geiſtlichen knüpfte nur feſter das Band zwiſchen der Gemeinde und ihnen. Drang man ihr auch altgläubige Seelſorge auf, ſo kamen doch auch wieder günſtigers Momente, wo man dieſe vertrieb und jene zurückrief. An dem Letzten ihrer Prediger, Dr. theologiae Philippus Inſelius, hing aber die Gemeinde mit ungetheilten Hetzen. Er war ein ſanfter, guter amtstreuer Mann, von vieler Kraft und im ſchönſten Sinne des Wortes bemüht, Allen Alles zu ſein. Viel⸗ fache Prüfungen hatte er erduldet; war, von ſeiner erſten Pfarrſtelle im Dörfchen Werlau vertrieben, in Bacharach liebevoll aufgenommen worden; allein ſein Geſchick war noch nicht müde, ihn heimzuſuchen. Er begrub ſein Weib hier, und mit ihr ſein Glück, und obwohl ſelbſt die Katholiken ihn liebten, ſo hatte er vielleicht gerade darum einen erbitterten Feind, den Guardian des Kapuziner⸗Kloſters. Zu feig, öffentlich gegen ihn ſeine Gehäſſigkeit zu verrathen, ſchärfte und ſchoß er heimlich ſeine Pfeile auf den edlen Inſelins ab, die oft ſchmerzlich, oft bis in des Herzens Tiefen trafen. Der Saalſchultheiß Rima, ein Kölner Dr. juris, war des Guardians Spezialfreund, denn er war, wie jener, ein„Kölner eeece.ecee — 240— Kind.“ Wie verſchieden aber auch ſonſthin beider Temperamente waren, ſo ging dennoch viel vom mönchiſchen Fanatismus in die Denkart des Saalſchultheißen über, und ſein ohnehin ſtrenges, abgemeſſenes kaltes Weſen wurde oft hart und bitter in Worten, fanatiſch in ſeinen Handlungen. Dennoch aber achtete er den Pfarr⸗ herrn Inſelius ob ſeines ächtchriſtlichen Sinnes und ſeiner Gelehr⸗ ſamkeit hoch; ja es gab Stunden, wo er die trennenden Glaubens⸗ lehren vergaß und mit wärmeren Regungen ſich dem Mann anſchließen zu wollen ſchien. Beider Gattinnen war es vorbehalten, die Männerherzen ſich zu nähern⸗ Es ſteht kein Weſen dem Himmel näher, als ein edles reines Weib, und keines zieht mächtiger zu ihm hin, als dieſes. So war es bei dieſen Frauen auch. Beide ſchienen nach einem Urbilde geformt, Zwillinge am Geiſt und Herzen mit vollkommenſter Aehnlichleit. Darum zogen ſie ſich ſchnell an, um ſich feſt zu verketten. Hier, wo die Blüthe der Religion im Gemüth in friſcher Schönheit wohnte, die ächte Liebe, fragte man nicht nach ergrübelten Sätzen, in die der Menſch ſeine Ueberzeugung hineinzwängt, und ſo blieb ihnen fremd, was die Männer trennte— aber ſie ver⸗ mittelten jene Trennung des Verſtandes durch ihre Liebe. Beider Familien waren klein. Inſelius hatte nur einen Sohn, Rima nur eine Tochter, und Friedrich und Clara waren fich die liebſten Spiel⸗ genoſſen. Die Familien kamen öfter zuſammen. In den Gattinnen und Kindern wurden auch ſie in Liebe vereint. Man vergaß die ſpitzindigen Streitigkeiten und den ſcholaſtiſchen Wortkram, und hielt ſich an das, was Leben gab, an die Liebe, und ſelbſt der Guardian ſah mit tiefem Schmerze, wie wenig er über Rima vermochte, der ihn ſelbſt oft an das Gebot mahnte, das der Sünden Menge zudeckt und der Jüngerſchaft Jeſu Kennzeichen iſt. Das ſchöne Verhältniß der beiden Familien ſtörte der Tod. Es zog eine herrſchende peſtartige Krankheit durch das Rheinthal, und unter den vielen tauſend Opfern fielen die zwei ſchönſten Herzen, Rima's und Inſelius Gattinnen. Wittwer nun, Beide ein Loos theilend, Beide über die ſchönere Zeit des Lebens draußen — — — 241— Beide gleich tief durch die Unerſetzlichkeit ihres Verluſtes gebeugt— fanden ſie nun in ihrem Umgang und in der Sorge für die Erzie⸗ hung ihrer Kinder Troſt, und bei ihnen bewährte es ſich aufs Neue, daß, wenn das Glück die Menſchen entfremdet, das Mißgeſchick ſie wieder einigt, und dann enger die Bande der Freundſchaft ſchlingt. Von dieſem unglückſeligſten Zeitpunkt ihres Lebens an verging kein Tag, der die Väter nicht mit ihren Waiſen zuſammenführte, und ſie unter dem Laubdache der Kaſtanien des Saales nicht ſpielen ſah, oder in Rima's Garten, der vor dem Holzthore lag. Der raſche kräftige Friedrich verließ gerne die wilden Knabenſpiele, um bei Clara zu ſein, und des⸗ſanfte Mädchen ſchmiegte ſich ſo trau⸗ lich, ſo nachgebend, ſo innig an den Knaben an, daß ihre Herzen in heiliger Kinderliebe in Eins zuſammenwuchſen. Gerne ſahen die Väter ihrer Kinder ſüße Spiele, und oft ruhte lang und ſchweigend ihr thränenfeuchter Blick auf ihnen, tief es fühlend, daß zwei Herzen fehlten, welche die Freude theilen ſollten. Die Schule des Leidens, wie die Schule des Lebens, trägt der Früchte verſchiedene. Ernſter, ſtiller, reizbarer wurde Inſelius. Der Harm um die theure Verſtorbene nagte wie ein Wurm an ſeinem Herzen, der nicht raſtet. Leichter verletzte, tiefer ſchmerzte ihn ein kränkendes Wort. Inniger hielt er an ſeiner religiöſen Ueberzeugung, und wer einen der Sätze ſeines Glaubens angriff, verwundete ſeine Seele und rief ſeine ganze Geiſtesthätigkeit auf zu ſeiner Vertheidi⸗ gung. Auch bei Rima, der an und für ſich etwas Verſchloſſenes in ſeinem ſtets ernſten Weſen hatte, vermehrte ſich dies. Man ſah keinen Zug von Heiterkeit mehr in ſeinem Antlitz. Er war abſtoßend für die Außenwelt. Früher ſchon zu religiöſem Fanatismus geneigt, offen dem Einfluſſe mönchiſcher Anſichten und prieſterlicher Unduld⸗ ſamkeit, ſchien dieſe Richtung nun, trotz dem, das er in Inſelius den Menſchen achtete und liebte, mehr und mehr hervorzutreten, zumal der Guardian häufig bei ihm aus⸗ und einging. In ihren Geſprächen konnte es ſich nicht fehlen, daß ſie oft auf religiöſe Gegenſtände kamen; denn es lag in dem Geiſt ihrer Zeit und ihrem nahe in ſeiner jetzigen Stimmung. Inſelius überſah milde — 2 die oft heftigen Aeußerungen des intoleranten Juriſten, der an dem Buchſtabenglauben ſeiner Kirche mit unbeugſamer Strenge feſthielt; allein allmählich gab es der Controverſen mehr. Von jedem Streite bleibt unbewußt etwas zurück, und ſo ſammelt ſich eine Maſſe Brennſtoffes, die bei vorkommender Gelegenheit ſich heftig entzündet, und dann beſſere Gefühle unterdrückt. Ihr Umgang war durch die Macht der Gewohnheit Bedürfniß geworden, auch da ſelbſt, als ſchon häufiger jene ſtreitenden Mei⸗ nungen in Conflikt kamen. Gegenſeitige Achtung hielt das Band noch feſt und die wachſende Liebe ihrer Kinder, die ſich deſto mehr zu einander hingezogen fühlten, als die Väter ſich entfremdeten. Oft betrauerte Inſelius dies unſelige Streiten. Oft ſchwieg er; aber es war dann, als ob ſein Schweigen Rima mehr reize, als ob er darin die Ohnmacht ſeiner Gründe offenbare, wodurch des Gegners Triumph deſto größer, ſeine Worte deſto ſchneidender wurden. Dann konnte Inſelius nicht an ſich halten, und er ſchied mit bitterm Gefühl, und wagte es, ſich ſelbſt Trotz zu bieten und mehrere Tage nicht hinüber in den Saal zu gehen. Dann aber fragte Friedrich den Vater, warum er ihn nicht zu Clara führe? und Clara weinte, weil der liebe Geſpiele fehlte. Rima fühlte, daß des Guardians Umgang das ihm nicht gewährte, was er ſuchte, und ſo trat er in des Predigers Wohnung und ſtellte den Frieden wieder her. So blieb es lange Zeit im wechſelnden Verhältniſſe; allein je größer des Guardians Macht wurde über Rima's Gemüth⸗ die er ſchlau ſich zu ſichern wußte, deſto entfremdeter ſtanden ſie im Leben da. Hatte auch dies keinen Einfluß auf die ſich liebenden Kinder, ſo wurde doch der Spielplatz unter den Kaſtanieſᷣeg Saales 3 ſeltner von Friedrich beſucht, denn der ſorgſame Vater unterwies ihn ernſter in dem, was ſein künftiger Lebensberuf von ihm e Sahen ſie ſich dann wieder, war ihre Freude deſto größer. Jahre kamen und ſchwanden, und immer kälter wurden die Männer gegen einander. Selbſt die Kinderſpiele einigten nicht mehr ſo oft Clara und Friedrich, ohne daß darum ihre Herzen ſich verändert. Da brach endlich der offene Kampf aus. Die Austhei⸗ lung der Gaben des Hoſpitales zum heiligen Geiſte, welches einſt — 243— der Wittelsbacher frommer Chriſtenſinn geſtiftet, entzündete den lang gehäuften Brennſtoff. Rima wollte es nicht dulden, daß die Proteſtanten, als aus der Kirche Geſchiedene, welcher die Stifter angehört, Theil an den milden Gaben nehmen ſollten, und wußte den churpfälziſchen Vogt und viele Katholiken des Rathes zu ſeiner, oder vielmehr des fana⸗ tiſchen Guardians der Kapuziner, Meinung zu bekehren. Inſelius kämpfte mit Manneskraft und kühnem Muthe. Die Leidenſchaften wurden rege, gohren und bald loderte die helle Flamme des Zornes. Das Verhältniß war zerriſſen, die Kluft ſchien unausfüllbar, denn ſelbſt gegen Friedrich war Rima hart und unfreundlich, was weinend der Knabe dem Vater klagte. Inſelius fühlte ſich unglücklich und ſein Zuſtand wurde noch düſterer, als ſein Bruder, ein wohlſtehender Laborant im Odenwald, ihn beſuchte und Friedrich in den Vater drang, ihn mit dem Oheime ziehen zu laſſen, auf daß er ſeine Kunſt erlerne. Der weiſe Vater erwog ernſtlich mit dem kinderloſen Bruder die Sache und entſchied endlich zu Friedrich's Gunſten. Er ſagte Elara weinend Lebewohl, und ſchied ſchweren Herzens von dem Vater und der Vaterſtadt. Jetzt war das Leben des Predigers ganz verarmt. Zwar fand er in der Liebe ſeiner Gemeinde, in dem Umgange mit dem biedern Heileß Troſt, aber eine Leere blieb im Herzen, ſo tief, daß ſie nicht auszufüllen war, und ſah er Clara, ſo wurde ihm das Herz ſchier zum Brechen ſchwer.— Ein Unglück kommt nie allein, ſagt das Sprüchwort— und das Leben macht es oft wahr. In jenen Zeiten war nichts häufiger, als daß der Regentenwechſel eine andere der ſich anfeindenden Religionspartheien zur herrſchenden, die andere zur gedrückten machte. In Kurpfalz war dies öfter der Fall. Die Prediger wurden verjagt, andere eingeſetzt und die Partheien haßten ſich noch glühender. Als nun aber ſpaniſche Beſatzungen in die Städte kamen, da hatte die katholiſche Partei das Uebergewicht und die proteſtantiſche mußte weichen. Die Bedrückungen der Proteſtanten blieben auch in den TThälern nicht aus, als die ſpaniſchen Beſatzungen einzogen. 11* — 244— Bedrangle, der ſpaniſche Commandant von Bacharach, war ein wilder fanatiſcher Flammänder, entmenſcht in den Kpiegen Nieder⸗ lands, durchdrungen vom Geiſte der Schule Alba's. Mit ihm wurde das Triumvirat der Feinde des Predigers voll und ihre Macht auf den höchſten Gipfel geſteigert. Täglich empfand er neue Kränkungen und ſchmerzliche Beeinträchtigungen; aber dennoch hielt er die Prü⸗ fung mit Geduld aus und ſetzte ſtille Duldſamkeit dem Drängen entgegen. Immer drohender aber zogen ſich die Wolken über ſeinem Haupte zuſammen, und das Mandat, welches die reformirten Prediger vertrieb, vollendete ſein Mißgeſchick. In dreimal vier und zwanzig Stunden gebot es ihnen, die Lande zu verlaſſen. Teufliſche Schadenfreude im Blick und Herzen, traten mit dieſem Document unchriſtlicher Denkart der Vogt und der Guardian in Rima's Gemach. Rima hielt das Mandat in ſeiner Hand, die allmählich zu beben begann, las es zu Ende und warf es dann grimmig an den Boden. Die Beiden ſahen ihn mit unverhohlenem Erſtaunen an. Es iſt hart und ungerecht! rief er aus— denn gerade jetzt regte ſich eine beſſere Stimme in ſeinem Innern; gerade, wo er Inſelius Unglück vor Angen ſah, fühlte er mit Schmerz ſein Unrecht, und die Reue packte mit Rieſenfauſt ſein Herz. Das Mitleid mit dem, den er einſt geliebt, deſſen Leben tadellos, deſſen Herz gut und milde, milder als das ſeine war, deſſen Frieden ſo oft durch ihn geſtört, jetzt ſo plötzlich vernichtet werden ſollte— regte ſich mächtig, und mochte der Guardian alle Macht aufbieten, die er uſurpatoriſch errungen, jenes edle Gefühl zu bekämpf ihm nicht— alle Sophismen religiöſer Ueberreduügski dieſes Mal vor dem Menſchen ohnmächtig, der ſic aufrichtete. Er ſaß da in ſich verſunken mit trübem Blicke Das Einſt trat ſo lebendig vor ſeine Seele, daß er faſt weinen mußte. „Ich will es ihm ſelbſt bringen!“ ſprach er dann mit wan⸗ kender Stimme. Es ſei eine Buße, die i8 mir ſelbſt auflege,“ ₰ — 245— ſprach er dann in ſich hinein.„Und wenn ich ihn leiden ſehe, den Mann, der beſſer iſt, als ich; wenn ich ſeinen tiefen Schmerz ſehe, will ich mir ſelbſt zurufen, das iſt dein Werk!“ Die ſchmerzlichſten Gefühle erfüllten ihn jetzt, und er freute ſich, als die Männer weggingen, die ihn heute gar nicht begriffen. Es war Samſtagabend. Schon ruhte jedes Werk in der Stadt, denn des Sabbats Vorweihe hatte mit dem Glockengeläute bereits begonnen. Vor den Thüren ihrer Häuſer ſaßen die Hand⸗ werker. Von dem mühſamen Tagewerke kehrte der müde Winzer heim, und nur in den Häuſern regte es ſich noch rüſtig; denn da ſcheuerten und fegten die Hausfrauen emſig auf den morgenden Tag des Herrn. Stattlich geputzt wanderten die Juden dem Rheine zu, dort ſich in der Sabbatruhe zu ergehen. Stiller als irgendwo war es in der Roſengaſſe, wo ohnehin nicht viel Gewerbe getrieben wurde, an deren oberm Ende die Pfarrwohnung lag. Schon neigte ſich der Tag und ging in jenen Zuſtand über, der ſo geeignet zur traulichen Unterredung, wie zu ſchauerlichen Mährchen und Sagen, zur Dämmerung. Hin und wieder flimmerte ſchon ein Licht. Auch im Stübchen des Pfarrherrn brannte die Ampel ſchon, denn der Mann Gottes memorirte ſeine Predigt, die er halten ſollte am Tage des Herrn zu St. Peter und Paul. Es war ſtill im Hauſe. Die alte Magd des Pfarrherrn war in Geſchäften außen, und ſonſt war Niemanden vorhanden, ſeit Friedrich auch von dannen gezogen war. um dieſe Zeit ſchlich über den Markt hinauf eine große Geſtalt, die ſich in einen Mantel gehüllt hatte, und droben ſchnell rechts in die Roſengaſſe einbog, und ebenſo ſchnell innerhalb der Thüre der Pfarrwohnung verſchwand. „Sollte man nicht ſchwören,“ ſprach der Schneider Zinkgräf zu ſeinem Nachbar,„das wäre der Saalſchultheiß geweſen?“— „Wüßte ich nicht, wie er unſeren Pfarrherrn haßt und verfolgt, ſo ſollte ich's auch denken!“ ſprach Zener darauf. „So laß uns aufmerken, wenn er wieder heraustritt,“ ſchlug Zinkgräf vor,„und das Räthſel ſoll ſich bald löſen. Iſt er's * . cnhen ee— — 246— aber, ſo zieht ſich ein Unwetter über dem Haupt unſeres Seelen⸗ hirten zuſammen, oder die Teufel werden Engel!“— Unterdeſſen trat Rima vor die wohlbekannte Thüre des viel⸗ gekränkten Mannes. Er las laut ſeine Predigt, und Rima vernahm die Worte:„Wie oft ſoll ich denn vergeben? Iſt's genug ſieben⸗ mal? Jeſus aber antwortete und ſprach: ſiebzigmal ſiebenmal ſolſſt du vergeben, und Paulus ſpricht: Die Liebe glaubt Alles, hofft Alles, trägt Alles, duldet Alles!“ Er hörte es, wie mit ſanfter Stimme Inſelius dieſe Worte las, und es dünkte ihn, der Herr halte Gericht mit ihm, und dieſe Worte, die er ſo ſchnöde durch ſein Leben gehöhnt, ſeien eben ſein Strafurtheil. Es wollte ihm das Herz zerſprengen. Als es ſtill innen wurde, riß er endlich die Thür auf und trat hinein. Ueberraſcht erhob ſich Inſelius und trat ihm entgegen. Aber es war der milde Geiſt der Liebe aus ſeinem Wort in ſein Herz eingezogen, und es dünkte ihn in dieſem Moment, als lägen nicht Jahre des Zorns und der Kränkung zwiſchen der ſchönen Zeit, wo ſie in Liebe gelebt, und dem ZJetzt, und es komme Rima, wie einſt, ein Stündchen mit ihm zu plaudern. Darum ſchritt er ihm mit ungeheuchelter Freundlichkeit ent⸗ gegen, und bot ihm die Hand mit dem altgewohnten Segensgruße: Gott grüß' Euch! Der aber ſtand vor ihm, blaß wie eine Leiche, mit dem Auge voll Thränen und der bebenden, zuckenden Lippe⸗ ie reden wollte, und nicht konnte. War es ihm doch klar, da kam, um das Schmerzlichſte dem Manne zu bringen, der 6mit ſeelenvoller Freundlichkeit willkomnken hieß; wußte er doch, wie biel er an ihm verſchuldet, und ſeine Liebe vergab Alles, trug Alles, duldete Alles und ließ ſich nicht erbittern.— Das ergriff ihn mit entſetzlicher Gewalt, und die alte Liebe erſtand von den Todten und in ſeinem Herzen wurde es Oſtern. Die Unkrautſaat des Mönches war dürre geworden, wie das Moos auf den Felſen des Rabenkopfs in den heißen Auguſttagen, und der Fanatismus fuhr aus, wie ein böſer Geiſt vor dem unſichtbaren gottgefälligen Exorcismus der Liebe. „ — — 247— „Könnt Ihr vergeben, Philippus?“ fragte tief erſchüttert der Saalſchultheiß. „Siebzigmal ſiebenmal!“ antwortete, ſeine Arme ausbreitend, der Pfarrherr.— Aber Rima fuhr, ihn abwehrend, fort: „Auch wenn ich gekommen wäre in feindſeliger „Auch dann!“ ſagte feſt Inſelius. „Und wenn ich mich letzen wollte an Eurem Jammer?“ fragte Rima weiter, und die Thränen rannen groß und häufig über die bleiche gefurchte Wange und die Stimme wankte. „Auch dann, ſo wahr mir Gott helfe!“ „Und wenn ich Euch das Schrecklichſte anzukündigen käme?“ „Siebzigmal ſiebenmal!“ wiederholte Inſelius, und eine erhabene Begeiſterung ſtrahlte aus ſeinen Blicken. Da ſchlug Rima an ſeine Bruſt und rief: „Herr, ſei mir Sünder gnädig!“ und zu Inſelius ſprach er mit tiefer Rührung: „Mann Gottes, ich bin nicht werth, daß ich Euch die Schuh⸗ riemen auflöſe!“ Und er ſank in des Wiedergefundenen Arme, und Inſelius ſprach ſanft:„Friede ſei mit Euch! Laßt uns ver⸗ geſſen, was dahinten iſt. Saget an, was Euch ſo ſpät in meine Behauſung führt.“ Rima aber konnte nicht reden. Ihm war unbeſchreiblich ſeltſam zu Muthe. Scham und Reue kämpften in ihm und beengten ſeine Bruſt, und dennoch fühlte er ſich ſeit langer, langer Zeit zum erſten Male wohl. Seine Thränen rannen noch immer. „Um Gott, ſagt an, was iſt Euch?“pfragte dringender Inſe⸗ lius.„Iſt Clara krank geworden? Oder“—„Nein, nein,“ rief Rima,„Euch gilt, was ich bringe!“—„Um Gott! Iſt Friedrich ein Leids geſchehen, und ich weiß es nicht?“— „Nein, nein,“ rief wieder der Saalſchultheiß. „Nun, ſo redet in Gottes Namen, ich bin gefaßt, es anzu⸗ hören,“ ſprach Inſelius, deſſen Seele jetzt wirklich ruhig wurde; denn was auch nun kommen konnte, das Härteſte war es ja nicht. . — — 248— „Ach,“ ſeufzte Rima, dem es faſt unmöglich war, das Wort auszuſprechen, und dem jetzt ſein Verhältniß zu Inſelius näher lag als jedes Andere,„daß ich ſo oft den Einflüſterungen böſer Menſchen Gehör gab!“ „Sie haben ihren Lohn dahin. Laßt ſie,“ ſprach Inſelius mit Seelenruhe,„und ſaget, was Ihr bringet. Sei es, was es wolle, es kommt jetzt nicht mehr aus Feindes Munde, und ſo iſt es minder hart.“ Rima blickte ihn zagend an. „Es kommt Alles unter Gottes Leitung,“ fuhr Inſelius fort. „Nur haltet mich länger nicht hin. Solche Zögerung iſt ſchlimmer, denn ein harter Schlag. Da reichte ihm Rima das unheilſchwangere Mandat hin, und wandte ſich ſchmerzerfüllt ab, daß er nicht ſähe das Wehe des Mannes, vor dem er ſo tief erniedrigt daſtand. Sein Gewiſſen ſchlug ihn hart, ja, es dünkte ihm, er ſei der Urheber des Unglückes ſelbſt. Inſelius las es durch. Wohl wurde er bleich wie ein Todter, denn alt und ſchwach, mußte er jetzt in gewiſſes Elend wandern, mußte eine Gemeinde verlaſſen, die er liebte, einen Ort, wo er die glücklichſten Tage ſeines Lebens verlebt hatte, wo das Grab ſeiner geliebten Gattin war, an deren Seite er einſt ſeine Ruheſtätte nach den Stürmen eines vielbewegten Lebens zu finden gehofft hatte. Eine Weile ſtand er ſchweigend da und richtete den bekümmerten Blick auf das Mandat, dann richtete ſich ſein Auge gen Himmel. Das Blatt entglitt der zitternden Hand, und er ſprach mit herz⸗ zerreißender Wehmuth:„Gottes Wege ſind nicht unſere Wege; doch er hat die lieb, die er züchtiget. Klage komme nicht über meine Lippe. Er iſt der Herr, er thue, was ihm wohlgefällt. Gehet mir's doch nicht beſſer als den Apoſteln des Herrn.— So will ich denn ziehen hinaus in die fremde Welt, und mein Troſt ſei, daß überall die Erde des Herrn iſt, daß er die Seinen wohl durch Nacht führet, aber ſtets zum Lichte.“ Rima ſah ihn jetzt tief bewegt an und rief aus überſtrömender — — 249— Seele:„Edler Mann, fürwahr Euer Glanbe iſt gut, beſſer als der meine!“ „Er lehret mich ſegnen, die mir fluchen,“ verſetzte Inſelius, „und wohlthun denen, die mich haſſen und verfolgen.“ Da zog ihn Rima an ſeine Bruſt und weinte bitterlich. Es war dunkel geworden draußen und ſtille, und in des Schlafs Armen lag die Stadt. Nur der Schneider Zinkgräf und der Wächter, der in der Roſengaſſe die Stunde blies, fahen eine hohe Mannsgeſtalt aus des Predigers Hauſe ſchleichen und, dicht in den Mantel gehüllt, die Roſengaſſe hinabeilen. Als aber der Wächter gegen die Pfarrwohnung kam, erloſch eben das Lämplein in des Predigers Stube, und ein vielgeprüftes, ſchwerbelaſtetes Herz ſuchte dort vergebens die Ruhe.— Als nun am andern Morgen das Geläute der Glocken zu Sanct Peter und Paul die Proteſtanten zur Andacht rief, und ſie in ſtattlichen Feſtkleidern in das Gotteshaus gingen, der ſalbungs⸗ vollen Predigt gewärtig, da kam auch Inſelius im Predigerrocke; aber er war bleich und die Spuren tiefen Schmerzes ſtanden auf ſeinem Antlitze, die Vielen in der Gemeinde, beſonders aber Zink⸗ gräf, auffielen, der, obwohl noch jung und zum Wandern bereit, mit ganzer Seele an dem Manne hing, der ihn in die Gemeinſchaft der Chriſten aufgenommen und das Himmelslicht des Evangeliums in ſein Herz geleitet hatte. Er trat in die Kirche. Da aber erhob er das Haupt und ein wunderbarer Glanz verbreitete ſich über ſeine Züge. Das Pſalmlied erſchallte:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott“— und wogte in mächtigen Wellen durch das hohe Gewölbe. Inſelius beſtieg die Kanzel und jedes Ange hing an ſeinem Munde. Leuchtenden Antlitzes ſtand er da, anzuſehen, wie ein Prophet des Herrn. Durch wenige gewichtige Worte leitete er ein. Ein kaltes Entſetzen durchrieſelte die Gemeinde. Zetzt entfaltete er das trau⸗ rige Blatt, und las es der aus ihrer Ruhe furchtbar aufgeſchreckten Gemeinde. Da wurden die Mienen ſtarr und bleich hier, dort flammte ein Auge in leidenſchaftlichem Grimm, ein an deres umdüſterten Thränen. Er aber ſprach jetzt begeiſtert das Wort der 1 ½ Liebe:„Segnet, die euch fluchen; thuet wohl denen, die euch haſſen und verfolgen; liebet eure Feinde;“ und ſein herzergreifendes Wort riß ſie allmächtig hin, beſchwor den Sturm, und lehrte ſie dulden ſtill und Gott ergeben. Aber als er nun ſeinen Text las, aus der Apoſtelgeſchichte die heiligen Worte, Kap. 20, V. 28— 32. und ſie vernahmen des Scheidenden Gebet, Vermahnung und Troſt:„So habet nun Acht auf euch ſelbſt und auf die ganze Heerde; denn das weiß ich, daß nach meinem Abſchiede werden unter euch kommen gräuliche Wölfe, die der Heerde nicht verſchonen werden; darum ſeid wacker und denket daran, daß ich nicht abge⸗ laſſen habe Tag und Nacht, einen Jeglichen mit Thränen zu vermahnen. Und nun, lieben Brüder, ich befehle euch Gott und dem Worte ſeiner Gnade, der da mächtig iſt, euch zu erbauen, und zu geben das Erbe unter Allen, die geheiliget werden“— da hallte das hohe Gebäude von Weinen und Weheklagen wieder, daß ſelbſt über des Redners Wangen die Thränen ſtrömten. Sein Wort floß aus dem Herzen in die Herzen, und er war zuletzt kaum mächtig, ſeine Gemeinde zum letzten Male vielleicht für dieſe Welt zu ſegnen. Er glaubte, nun ſei das Schwerſte vorüber— doch— er täuſchte ſich! Als er aus der Thüre heraustrat und von der hohen Stiege ſein Auge über den Markt ſchweifte, ſiehe, da ſtand Kopf an Kopf die ganze weinende Gemeinde, und die Mütter hielten ihm ihre Kinder dar, daß er ſie ſegne, die Greiſe ſchüttelten ihm weinend die Hand und ſagten ein herzliches: Behüt' Euch Gott! und die Jüngeren beugten ihr Hgzt, daß er ſeine Hand ſegnend darauf ruhen laſſe. Das war ſine kief erſchütternde Scene, und ſelbſt die Katholiken weinten alle Wie tief aber auch der Gemeinde Trauer war, kein Zornwort kam übst ihre Lippen. Der ſcheidende Lehrer hatte ſie ja heute und ſo oft die Feinde lieben gelehrt. Jetzt trug ſeine Saat ihre Frucht— wenn nicht bei Allen, doch bei den Meiſten.— Am Abend ging Rima zu Ifelis, um Khn Lebewohl zu ſagen. Er fand ſeine Thüre verſchloſſen. Eine geheime Stimme — 251— in ſeinem Innern ſprach: Jener Mann, der in das Thor des Kirchhofes*) ſchlich, war gewiß der unglückliche Greis, der Abſchied vom Theuerſten nimmt, was er hier zurückläßt. Es zog ihn mit unausſprechlicher Gewalt an den ſtillen Ort. Als er die Roſengaſſe herabkam, ſah er eine dunkle Geſtalt auf einem Grabe knieen. Der Vollmond ſchien hell vom klaren Himmel nieder. Es war der Vertriebene. Rima's Herz bebte in leiſen Schauern, als er den Ort des ſtillen Friedens betrat. Je näher er der Stelle kam, wo ſeine Gattin an der Seite der Freundin ruhte, deſto mehr ergriff ihn der Schmerz. Inſelius hörte ihn nicht, bis der Schatten des Niederknieenden auf der Gattin eben friſch erblühendes Grab fiel. Da erkannte er ihn und zog ihn zu ſich, und das Wort erſtarb auf der Lippe, doch das Herz redete durch Thränen, Kuß und Händedruck mächtiger als durch Worte. So feierten ſie eine heilige ſtille Stunde, und auf den Hügeln derer, die ſich ſo warm und treu geliebt, wurde der Bund der Verſöhnung befeſtigt. Hand in Hand verließen ſie den Ort des Friedens, der es jetzt auch ſchon ihnen geworden war. Inſelius folgte Rima in ſeine Wohnung im Saale, ſegnete Clara durch einen Vaterkuß auf die ſchöne Stirne, ſprach über die geringe Habe, die er zurückließ, mit Rima, und ging dann ſchweren Herzens dem Rheine zu, wo der Schiffer Leonhard Lauer in ſeinem Kahn am Ruder wartend lauerte. Ein Bündelein lag darinnen, und bald trugen des Rheines vergoldete Wellen vz Greis ans andere Ufer. Und von der Stunde an kam keine Kunde, von ihn Umſonſt war alles Forſchen. Nur eine dunkle Sage verkündete, er ſei Feldprediger bei dem Reiterregimente des Rheingrafen im *) Der Kirchhof ſtieß damals unmittelbar an die Stadtmauer und lag, innerhalb derſelben, hinter der Münze, unfern der Wohnung des Rathsbürgermeiſters Heileß, und erfüllte das Viereck vom Zehnt⸗ thore bis zur Münze, und von da bis zum nit herab.— Alte Handſchrift. 6 — 252— Heere Guſtav Adolph's geworden. Doch glaubten das Viele nicht, ſondern meinten, er habe Ruhe und Frieden gefunden im kühlen Schooße der Erde.— Aber das Andenken des Gerechten blieb im Segen, und die Jahre, die da ſchwanden, löſchten's nicht aus. Seit jenem Tage war mit Rima eine große Veränderung vor ſich gegangen. Sein finſterer Sinn trat noch ſchärfer hervor. Er zog ſich von Allen, mit denen er früher Umgang gehabt, zurück. Der ſtahleckiſche Vogt und der Guardian ſelbſt ſahen ihn ſelten, und ſelbſt aus dem Hauſe ging er nicht. Nur Bedrangle beſuchte ihn, ohne daß ſeine Beſuche erwiedert wurden. Er hatte, ohne auch nur Jemanden Rechenſchaft zu geben, das Vermögen, das Inſelius zurückließ, an ſich gezogen. Dieſe Handlung empörte die Proteſtanten, die ohnehin durch die Spanier vielfach verfolgt wurden und, gedrängt von allen Seiten, allmählich jenes Geiſtes der Liebe zu entbehren begannen. Sie nannten ihn faſt laut die Urſache des Vertreibens des geliebten Predigers, und als er nun gar ſeiner Habe ſich bemächtigte, da ſtieg der Groll noch gewaltiger in jeder Bruſt. Er wußte das, aber er trug's ſtille und rechtfertigte ſich nicht einmal. Obgleich er von der Verfolgung der Proteſtanten ſich frei erhielt, ſo ließen es doch der ſtahleckiſche Vogt und der Guardian nicht fehlen, ſie ihren Haß fühlen zu laſſen, und Bedrangle wurde ihr treuer Bundesgenoſſe. Das Alles ſchob man auf Rima's heimliche Rathſchläge— und — eine nothwendige Folge war, daß ihn der größere Theil des Haſſes traf, der zwiſchen Jenen getheilt wurde. Der politiſche Himmel begann für die Rheinufer ſich nun immer mehr zu trüben. Den Druck der ſchweren Zeit fühlte man ſchon vor den ſpaniſchen Beſatzungen, denn die Wehen de ſchon lange in Deutſchland wüthenden, alles Mark verzehreuden drieges wirkten weithin, und ſelbſt da empfand man ſie, wo noch kein Kampfgewühl Alles verwüſtet. Selbſt bis zum Rheine hin wirkten jetzt die Stöße dieſes Bebens der geſellſchaftlichen Ordnung. Spaniſche Beſatzung war jetzt in Bacharach und ſeinem Schloſſe. Strenge Bewachung der Stadt und die ihr anhängenden Beengungen — 253— des bürgerlichen Verkehres waren eine Erfahrung nicht erfreulicher Art für die Einwohner; allein ſchwerer drückten ſie und die Thäler die Verproviantirung des Schloſſes, die unaufhörlichen Frohndienſte, die Brandſchatzungen Bedrangle's und ſeiner auf den Schlöſſern befehligenden Offiziere in Rheindiebach und Steeg. Am blinden Gehorſame bei ſeinem Dienſte gewöhnt, kannte er nur eiſerne Strenge gegen die Bürger, und nicht ſelten füllten die Widerſetz⸗ lichen die Gefängniſſe des Saales und des Marktthorthurmes, oft ſelbſt die Verließe des Schloſſes. Mit dem Beutemachen vertraut aus Niederlands Kämpfen, achtete er das Eigenthum nicht, und im rohen Soldatenleben aufgewachſen, haſchte er des Augenblickes Gunſt, und ließ ſeiner Leidenſchaften Gluth und Wildheit ſchran⸗ kenlos walten. Zu dieſen Zügen kam noch ein heftiger Religions⸗ eifer, wie er damals und zu allen Zeiten ſein Volk charakteriſirte. Schon lange Zeit gebot dieſer Menſch, noch jugendlichen Anſehens und ſchöner Geſtalt, in Bacharach, und ſeines Regiments eherne Hand lag täglich ſchwerer auf der Bürgerſchaft, ohne daß der faſt theilnahmloſe Rima etwas zu ihrer Erleichterung that, obgleich er es wiſſen mußte, wie die unermüdeten Brandſchatzungen ihren Wohlſtand zertrümmerten. Bedrangle wohnte damals in der Stadt, in jenem vielthurmigen alterthümlichen Gebäude, das ſüdlich von der Pfarrkirche lag und unter dem Namen des Tempelherrnhofes bekannt, auf ſeinen Urſprung hinwies, auch durch ſeine feſte Bauart und durch die Aehnlichkeit mit einer kleinen Feſtung ſich als eine Niederlaſſung jenes Ordens bezeichnete, der, halb Mönch, halb Krieger, einſt ſo gewaltige Bedeutung gewonnen in einer Zeit mächtigen Aufſchwungs und religiöſer, ſowie kampfluſtiger Begeiſte⸗ rung des Volkes. Hier ſchwelgte er in üppigen Genüſſen vom Schweiße der Bürgerſchaft, und praßte mit dem Vogt und Guar⸗ dian manche Nacht. Hier heckte er mit ſeinem auf dem Schloſſe den Dienſt habenden Lieutenant Lamego, einem ſchlauen verwor⸗ fenen Spanier, die unheilvollen Pläne aus, die täglich die Laſten der Leidenden häuften. Die Beſſeren der Bürger, die über Rima milder zu urtheilen pflegten, konnten es nicht begreifen, wie Rima mit Bedrangle Umgang pflegen konnte, da er ihn doch kannte, wie er ſo wenig für die Bürgerſchaft that. Ueber ihr eigentliches gegenſeitiges Ver⸗ hältniß war man freilich, bei Rima's gänzlicher Zurückgezogenheit, nicht klar; aber das raunte man ſich ins Ohr, daß Bedrangle auf Rima's ſittiges liebliches Töchterlein, die friſch aufblühende Clara, ſeine unreine Neigung gelenkt, und ſie damit quäle. Obgleich das Volk auch hierüber nicht volle Gewißheit hatte, ſo betrog es ſein Schluß doch nicht. Das reizende ſich eben entwickelnde Mädchen erregte Bedrang⸗ le's Leidenſchaft, mit der er ihr keck nach Soldatenweiſe nahte. Das ſittige Mädchen, eine ſolche Leidenſchaft nicht begreifend und ihre Verworfenheit nicht ahnend im argloſen Gemüthe, fühlte indeſſen eine räthſelhafte, aber unwillkürliche Abneigung gegen den rohen Bewerber, und ließ ihn dieß rückhaltlos fühlen. In ihrer Seele lebte nur ein Bild aus der Ingend heiligen Tagen, und ein anderes konnte nicht Raum gewinnen in ihrem Herzen. Bedrangle's Leidenſchaft wurde dadurch nur heftiger und wilder. Der Wider⸗ ſtand reizte ihn. In eben dem Grade aber wuchs Clara's Abnei⸗ gung gegen ihn. Rimä durchſchaute bald dies Verhältniß, und lummervoll klagte ihm Clara ihr Leid, kummervoller die ängſtliche Brigitte, Rima's ſorgliche Schweſter, die als Clara's zweite Mutter im Hauſe lebte, ſeit die erſte im Grabe ſchlummerte. Dies Ver⸗ hältniß verbitterte Rima's Leben noch mehr. Er verachtete Bedrangle und durfte doch dem Mächtigen in der Stadt nicht geradezu ent⸗ gegenhandeln. Er that im Stillen, was er vermochte für die bedrängte Bürgerſchaft, und mochte ſelbſt darum Bedrangle nicht abſtoßen, weil er ſonſt, bei dem herrſchend gn deſpotismus, alles Einfluſſes ſich ſelbſt beraubte, ſo unbedeutend freilich dieſer war und blieb. Nach langem Sinnen glaubte er endlich ein Auskunftmittel gefunden zu haben. Er hatte in Köln an der Aebtiſſin des Urſulinerkloſters eine Verwandte, ſeiner Gattin treue Freundin, ihr wollte er die erblühende Jungfrau anvertrauen; denn da allein wußte er ſie ſicher vor dem Peſthauche in dieſer — 255— ſtürmiſchen, wilden Zeit. Brigitte billigte dieſen Entſchluß, ſo weh es ihrem liebenden Herzen auch that, Claren zu verlieren; allein hier trat das allmächtige Schickſal zwiſchen Vorſatz und Ausführung. Clara war zarten Baues. Wie ſo oft eine Blume gerade zu krän⸗ keln beginnt, wenn ſie eben am lieblichſten ſich entfalten will, ſo war es bei Clara, die jetzt 16 Jahre zählte. Ihre Wangen bleich⸗ ten ſichtlich, ihre Heiterkeit wich, und ob ſie gleich nicht klagte aus Schonung gegen den theuern Vater, ſo litt ſie doch ſehr und vermochte bald nicht mehr außerhalb des Bettes zu weilen. Jetzt fiel eine Zentnerlaſt auf das Vaterherz. Jede ärztliche Hilfe, welche die unvollkommene Arzneikunſt jener Zeit gewährte, wurde ohne Aufſchub herbeigeſchafft. Angſtvoll las der Vater bald in den Blicken des leidenden Kindes ſeiner Seele, bald in denen der Aerzte— aber hier fand er Leiden und dort Rathloſigkeit. Alle Hilfsmittel blieben fruchtlos. Da wandte ſich der unglückliche Vater nach Köln. Die berühmteſten Aerzte der Stadt kamen, ſahen, prüften, verordneten, tröſteten und— Clara blieb leidend und des Lebens Kräfte verzehrten ſich ſichtlich. Voll Hoffnung ſah der unglückliche Vater die Aerzte kommen, ſchwereren Herzens entließ er ſie. Eben in jenen Tagen war es, als in der Trinkſtube des Gölziſchen Hauſes die Anfangs beſchriebenen Auftritte vorfielen. Clara war in den letzten Tagen ſichtlich matter und leidender geworden. Rima war nicht von ihrem Bette gekommen Tag und Nacht. Er ſelbſt erlag faſt der übermäßigen Anſtrengung, und konnte es ſich dennoch nicht verſagen, bei der geliebten Leidenden zu weilen. Sie war ja ſein letztes, theuerſtes, einziges Gut in dem verarmten Leben. In den kühleren Stunden des ungewöhnlich warmen Maitages war Clara in einen ſanften Schlummer geſunken, eine Wohlthat der Natur, die ſie lange entbehrt. Brigitte, die ſich mit Rima in die Sorgfalt für Clara theilte, flehte den Bruder an, ſich durch einen Ritt im Freien zu erholen. Sie wollte keine Minute von ihrem Bette weichen, gelobte ſie. „Vielleicht,“ ſagte ſie, ſeine Hand faſſend,„daß dieſer Schlum⸗ — 256— mer mehr wirkt, als alle die theuren Tränke der Aerzte und Labo⸗ ranten. Darum laß dir das Roß ſatteln und genieße der erquicken⸗ den Mailuft, daß nicht auch du noch ſiech wirſt und uns das Elend über das Haupt wachſe. Rima fühlte wohl, wie prophetiſch wahr die Worte der Schweſter waren. Er war ſo abgeſpannt an Geiſt und Körper, daß er eine Erholung nöthig hatte. S Die Ueberredungskunſt der Schweſter vereinigte ſich mit dem Bedürfniſſe, und ſo gab er denn den Befehl, das Pferd zu ſatteln. Das Roß wurde vorgeführt und der ſchwergeprüfte Greis ritt dahin, ohne zu ahnen, welche bittere Spottreden im Gölziſchen Hauſe ihn trafen. Kaum im Freien angelangt, ließ er dem Pferde den Zügel auf den platten Hals ſinken und gab ſich ſeinem trüben Sinnen hin, es nicht bemerkend, daß er an Fürſtenthals ſtillen Mauern vorüberritt, daß Fürſtenberg und Diebach ſchon hinter ihm lag. Sein Wehe war ja ſo groß! Je weiter er aber ritt, deſto ruhiger, deſto vertrauensvoller wurde er. War es die balſamiſche Luft, die er athmete, oder kam ihm Ruhe und Troſt von oben?— An den erſten Häuſern von Heimbach wandte er das Pferd, da wo der Gießbach des alten Trachgau's Grenze macht, und ritt ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder heitrer gen Bacharach hinab, denn es war ihm, als blühe die Hoffnung wieder auf, Claren gerettet zu ſehen. Da begannen die ernſten melancholiſchen Klänge des Mai⸗ geläutes in Lorch anzuſchlagen. Er richtete ſich auf und hielt ſein Pferd an;— aber ach, ſie riefen das kaum entſchlummerte Schmerz⸗ gefühl wieder wach; in ſeiner ganzen Kraft ergriff es das Herz wieder, und mit einer Thräne im Auge legte der Greis ſeine Hand auf das wunde Herz, blickte gen Himmel und betete leiſe zum Herrn, daß er ihm gnädig ſein möge. In Fürſtenthal ſangen die Mönche die Veſper, als er ſo tiefbewegt vorüberritt, und dieſe Geſänge miſchten ſich gleichſam in ſein Gebet, und es war ihm, als ſtiege es mit den Geſangeswellen hinauf zum Allvater. — 257— III. Von des Rheins Ufern, da wo die alte Burg Sonneck liegt, beginnt ein herrlicher Hochwald, die Höhen in anſehnlicher Breite bedeckend, ſich in einem weiten Halbkreiſe über die geſegneten Hügel und Ebenen des friſchen, ſchönen früchtereichen Hunsrückens bis weit hinein in das Land der alten Trevirer zu ziehen. Er iſt der Schmuck der Berggipfel und faßt in ſeinen dunkeln Rahmen ein herrliches Panorama. Es iſt der ſogenannte Svonwald, reich an herrlichen Bäumen von urkräftigem Wuchſe. Ein Zweig dieſes Waldes erſtreckte ſich in der Zeit, in welcher die erzählten Ereig⸗ niſſe vorfielen, bis nahe an den Rabenkopf, einen Berggipfel über Bacharach und nächſt dem Kanderich, einer der höchſten der Gegend, von dem ihn in ſpäteren Jahren ein fleißigerer Anbau des Landes, s freilich nicht vorzüglich, und größerer Anwachs der Bewohner, Bedürfniſſe in eben dem Grade vermehrend, weiter zurück n hat. Aus dieſes Eichwaldes Laubdach trat juſt am Nachmittage des 2. Mai 1631, in der Richtung gegen Bacharach, ein junger Geſelle leichten Schrittes und fröhlichen Gemüthes hervor, denn er ſang ein heiteres Wanderlied. Er mochte höchſtens das zweite Jahrzehend des Menſchenlebens, und dieſes kurz erſt angetreten haben. Ein enganliegendes braunes Wamms wies die ſchlanke Geſtalt recht vortheilhaft. Weite Hoſen von gleicher Farbe reichten bis zum Knie, wo ſie ſich, in einem Band endend, recht eng anlegten. Unter einem breitgekrempten Hute fielen natürliche, weiche braune Lockenringel hervor und ſpielten im Windeswehen um den bloßen Hals, und aus den Locken ſah ein blühendſchönes Geſicht hervor, deſſen Friſche der junge Bart ſchattirte. Auf dem Hute prangte ein Blumenſtrauß, eben erſt friſch gepflückt. An der Seite hing eine große Blechbüchſe, deren Beſtimmung, geſammelte Pflanzen aufzunehmen, unverkennbar war; wie denn überhaupt der grüne kleine Kaſten auf dem Rücken den Laboranten nicht verkennen ließ, — 258— der einherzog, ſeine Medikamente zu verkaufen und nebenbei die aromatiſchen Kräuter und Wurzeln zu ſammeln, die in dieſer Gegend ſo häufig wachſen. Er ſchritt raſch und kräftig vorwärts, hielt ſich aber immer auf dem Kamme des Gebirges, bis er endlich den Rabenkopf erreichte, wo er ſinnend verweilte, gleich als ob an dieſe Berggipfel und Thäler ſich manche Erinnerung ſeines Lebens knüpfte in Luſt und Weh, denn es hob manchmal ein recht tiefer Seufzer ſeine Bruſt. Eine Weile ſtand er in ſtummem Schauen verſunken, und ſein Auge ſchweifte bald üher die Gipfel, die ſich hier dem Auge dar⸗ boten, eng und bald auf den Rhein, der unten im breiten Thale ruhig dahinfloß, auf ſeinem ſilbernen Spiegel Schiffe, Kähne und Flöße tragend, hinauf und hinab; bald in die Thäler, aus deren Schooß jetzt allmählich der abendliche Rauch aufſtieg. Ein klarer Himmel breitete ſich darüber aus, und die Strahlen der ſcheidenden Sonne beleuchteten das herrli Gemälde, in dem Licht und Schatten durch die Eigenthümlichkeit der Tageszeit grell vertheilt war. Nur drüben über den fernen Höhen des Taunus ſtiegen fette weiße Wollen auf, die faſt ein Gewitter befürchten ließen. Der Jüngling legte ſeinen Kaſten ab, und ſetzte ſich darauf, um das Bild, das vor ihm lag, mit mehr Behaglichkeit beſchauen zu können. Immer ernſter und feierlicher wurde ſeine Stimmung. Der Kopf ſank zuletzt, als das Auge ſich genug mochte geweidet haben, in die Hand, und dieſe bedeckte den Blick. Was mochte wohl ſo ſehr des Jünglings Herz ergreifen? War er daheim in dieſen Bergen? Spielte er ſeine Knabenſpiele an dieſen glückſeligen Ufern? Oder blühte ihm hier der eſ 3 Liebe goldne Zeit, die erblich? Nur das abgebrochene Selbſtgeſpräch, in welchem ſeine owe ſich ausſprachen, konnte hierüber Aufſchluß geben. Tief unter ſich Bacharach und ſeines Schloſſes Lhürne gewahrend, auf deren höchſtem Bedrangle's Fahne wehte, rief er 3 — 259— aus mit wehmüthigem Tone: Vaterſtadt! Nach vielen Jahren grüß' ich dich wieder, und die verhaßte Fahne des Glaubensfeindes weht auf deines Schloſſes Zinnen! O, daß ich dir jetzt ſchon Rettung bringen könnte!— Der dich als Knabe verließ, kehrt als Jüngling heim— aber fremd. Kein heimiſcher Herd iſt da, an dem er ſich niederſetzen, kein Herz, an das er ſich vertrauend und liebend legen könnte!— O Clara! Du kennſt den Geſpielen nicht wieder, und dein Vater nimmt ihn nicht auf!— Engel meiner Kinderjahre, Clara, Vater, Mutter, wo ſeid ihr? Du biſt mir fremd geworden, du ruheſt; und du, mein Vater, folgſt tröſtend des Krieges blutiger Spur.— Er warf den trüben Blick auf ſeine Umgebung. Iſt doch noch Alles, wie einſt, wo ich hier der„ he Neſt aufſuchte, oder mit fragendem Blicke dem herbſtlichen Zuge der Wandervögel nachſah! Bin nun ſelbſt einer geworden. 2 Werden ſie mich denn noch kennen? Nein— rief er dann plötzlich, ſie ſollen mich nicht kennen. Fremd will ich unter ſie treten, und nur dann, wenn es mir heimiſch wird, will ich weilen. Er richtete das Haupt empor und ſah auf die Gipfel Naſſau's, die ſich an der Grenze des Geſichtskreiſes aufthürmten, und ſagte ſchmerzvoll: Wo weilſt du jetzt, mein Vater? Während ich hier ruhig ſitze, umbrauſt dich vielleicht der Schlachten Donner, oder— du leideſt vielleicht, und ich, der ich dich pflegen ſollte, bin fern!— Aber iſt es nicht dein Wille, daß ich hier weile? Wirſt du kommen und Freiheit bringen dieſen Thälern? Dieſes abgeriſſene Selbſt⸗ geſpräch wurde jetzt unterbrochen. Einige Ziegen am Saume des Waldes weidend, nahte ſich ihm ein Greis— den augenblicklich der Jüngling erkannte, denn die Jahre verändern weniger das hohe Alter, als die Jugend. Bernhardi— ſagte er faſt laut, der alte Hans Adam, deſſen Wächterhorn mir oft diente zur Beluſtigung. Der Alte grüßte herüber und nahte ſich dann, als er den Jüngling für einen Laboranten erkannte. „Ihr ſeid wohl ein Laborant?“ fragte er, was Friedrich bejahte, ſeinen Gruß erwiedernd. „O dann erbarmt Euch eines alten Mannes,“ bat er.„Ich — 260— leide viel an einem Zahne, der doch der letzte iſt von allen, alſo daß ich heute ſchier verzweifelt bin.“ Schnell öffnete Friedrich den Kaſten.„Wohlan, Alter, ſetzt Euch,“ rief er aus,„Eure Pein ſoll bald enden.“ Der Alte ſetzte ſich, und Friedrich vollendete ſchnell und glücklich die Operation. Der Schmerz verließ den Greis. Seine Dankbarkeit war grenzenlos. „Laßt Eure Thiere hier weiden,“ ſagte Friedrich zu dem Alten, „und erzählt mir Etwas aus Eurer Stadt. Ich bin ſchon einmal dort geweſen, und kenne noch manche Leute daſelbſt.“ „Da ſteht's ſchlimm,“ hob der Greis an,„denn der Spanier hauſt, und iſt keine Gerechtigkeit mehr, ſeitdem er da iſt. Er verpraßt der Bürger Schweiß und Blut, und Niemand darf reden, nicht einmal klagen, ſonſt gibt's Gefängniß im Kummerhof.“ „Hilft denn der Saalſchultheiß Rima nicht?“ „Daß ſich Gott erbarm! Hätt' er ſeines Kindes Herz; ja, dann— aber der hat ja gar kein's, und ſeit er unſeren Seelſorger forttrieb und ſeine Habe an ſich zog, fehlt ihm die Ruhe. Gott ſtraft ihn ſichtbarlich, denn ſein Kind, die gute Clara, die eine offene Hand und ein mildes Herz für jeden Armen hat, iſt ſchwer krank, und iſt ſchier keine Hoffnung mehr, daß ſie geneſe.“ Friedrich erſchrack heftig.„Was fehlt denn dem Kinde?“ fragte er, vergeſſend die Jahre, die aus dem Kind eine Jungfrau gemacht. „Kind?“ fragte Bernhardi.„Ihr müßt lange nicht in Bacharach geweſen ſein, da Ihr ſie ſo nennt?— Sie iſt eine Jungfrau, fromm und mild und ſchön. Schade nur, daß ſie katho⸗ liſch iſt. Was ihre Krankheit betrifft, ſo redet man vielerlei. Einige ſagen, es ſei ein ſchleichend Fieber; andere meinen, es ſei Kummer.“ „Kummer?“ fragte noch immer bebend der Jüngling. „Ja doch,“ fuhr der alte Wächter fort.„Der Bedrangle wollte ſie heirathen und dränget ſie ſehr, und ſie verabſcheute ihn; aber wer weiß da ſichern Beſcheid? Rima's Haus iſt verſchloſſen — 261— für die Bürger. Als die arge Peſt herrſchte, da ging ſie von Haus zu Haus und erquickte die Leidenden, betete mit ihnen und tröſtete ſie, und machte keinen Unterſchied nach dem Glauben. Da ſchützte ſie Gott, und ſo hoffen und beten wir Alle, daß ſie auch jetzt Gott erhalte.“ Und noch viel Anderes erzählte des Greiſes redſeliger Mund, wie es ihn die Dankbarkeit lehrte, denn er war ein von ihr oft Erquickter. Friedrich lauſchte begierig dem Worte, das ihm ſo wohl that. Ueber die politiſche Stimmung der Bürger wollte er ihn noch ausfragen, aber er vergaß es in dem Gedanken an ihr Leiden; und die Gefahr, in der er ſie ſich dachte, preßte ihm heftig die Bruſt. Endlich ſagte der Alte: „Die Sonne iſt unter, ich muß die Thiere heimtreiben.“ Die Sonne war wirklich über Perſcheidts Höhen verſchwunden, aber in Gluth flammte der Abendhimmel in allen Tinten, vom reinſten Golde bis zur tiefſten Purpurgluth, die Berggipfel wunderbar verklärend, bis die fernſten im Violett zerſchwammen. Das Vesperglöcklein von Bacharach drang in dem reinſten Aether bis zu ihnen herauf, und Beide beteten andächtig. Alsdann ſchwang der Laborant ſeinen Kaſten auf den Rücken und folgte dem Alten gegen Bacharach hin. Er wollte mit ihm den Pfad des Kühlberges hinabgehen, der nahe an den thurmreichen Ringmauern vorüber⸗ führte, allein der Greis ſprach: „Das rathe ich Euch nicht, mein Wohlthäter; Ihr kennt den gräulichen Argwohn und Bosheit der Spanier nicht. Leicht könnte es ſein, daß ſie auf Euch ſchöſſen mit ihren Hakenbüchſen, oder Euch auf das Schloß und in die Gefängniſſe ſchleppten. Kommt Ihr aber des Weges von Diebach, ſo denken ſie, die zu Fürſten⸗ berg hätten Euch ſchon ausgefragt. Darum rathe ich Euch, wendet Euch rechts, und folget dem Bombachthal, das Euch an den Rhein leitet.“ Er reichte darauf, als Friedrich ihm recht gab, dieſem die Dand voll Dankes, ihn verſichernd, er werde ſeiner ſtets in Liebe gedenken, und ihm dienen, wann und wo er könne. Friedrich verließ nun den Greis, indem er dem Weiler Meden⸗ cheidt vorüberging und in das bezeichnete Thal einbog. uteteteeeeneeetee— — 262— Als er aus dem Thal an den Rhein trat, wo der Weg vorüberführte, lehnte er ſich an einen alten Nußbaum, unter deſſen Schirmdach er oft geſpielt und die ſüße Frucht deſſelben genoſſen hatte. Die Sonne vergoldete nur noch im Nachglanze ihres Unter⸗ ganges Lorchhauſens Berge. Bacharach lag ſchon im abendlichen Schatten, und milde Kühle wehte vom Rheinthale her. Sein Auge ruhte auf der Stadt. Die dunklen Linden des Zollhügels mit denen des untern Theiles des Hafenplatzes bildeten einen Kranz, aus dem die Thürme hervorſahen, beſonders der der Pfarrkirche, an den ſich ſo manche trübe Bilder einer ſchmerzlichen Vergangen⸗ heit reihten. Jahre des Kummers, aber auch Jahre der frohen harmloſen Kinderzeit gingen jetzt an ſeiner bewegten Seele vorüber, und Clara's Engelbild, jetzt leidend, ſtand immer vor ſeinem innern Auge. Er lebte wieder ganz in jener Zeit, wo er mit ihr geſpielt, und die acht Jahre, die dazwiſchen lagen, dünkten ihm nur Tage; ja er ſah ſie ihm entgegeneilen, die Arme ausbreiten, ihn an ihr Herz drücken.— Da vernahm er die fernen Töne der Hora von Fürſtenthal, und bald darauf die Klänge des Maigeläutes von Lorch, und dieſe riefen nur: ſie iſt krank, ſie leidet! Aus dem ſtillen Hinbrüten, in das er verſunken war, weckte ihn der Tritt eines Pferdes, das unvermerkt ihm genaht war. Er ſah ſich um— und— Rima hielt vor ihm. Der Jüngling erſchrack heftig, und nur der zunehmenden Düſternheit des nahenden Abends mochte er es verdanken, daß dem Saalſchultheißen, deſſen blödes Auge nicht ſonderlich weit reichte, ſein Erbleichen unbemerkt blieb und ſeine heftige Erſchütterung. Dem Jüngling entging jedoch bei ſchärferem Blicke die Ver⸗ wüſtung nicht, welche die Zeit im Laufe von acht Jahren an dem Greiſe vorgenommen. Die einſt ſo edle Geſtalt war zuſammenge⸗ ſunken; der einſt ſtolze Nacken gebeugt; das einſt ſo blühende Antlitz bleich; das einſt ſo leuchtende Auge matt, ausdrucklos. Tiefe Furchen deckten die Stirne, die er einſt glatt und ſtolz geſchaut. Dieſe Beobachtungen folgten einem Gruße, den Rima mild erwie⸗ derte, und an ſie reihten ſich manche Vorſtellungen an, die aber — 263— doch alle in dem Gedanken ſich auflöſten, wie tief der Schmerz des Vaterherzens ſein müſſe, das ſein einziges theures Kind troſtlos hinwelken ſähe. Auch Rima's Gehirn durchkreuzten mancherlei Gedanken. Die Gefühle, die eben erſt ihn erfüllten, ließen ihn in dem jungen Laboranten gewiſſermaßen einen Geſandten Gottes erblicken. Wie oft, dachte Rima, iſt ein kleiner, unbedeutend ſcheinender Umſtand der Grund wichtiger Ereigniſſe, wie oft die Urſache der Rettung eines Unglücklichen geworden. Vielleicht hat die Vorſehung, die Troſt meinem Herzen ſandte, dieſen mir zur Rettung Clara's zugeführt?!— Und wenn auch nicht— greift doch der Schiff⸗ brüchige auch nach einem Halme, und— hat er auch nichts weiter gewonnen, ſo iſt es doch die Hoffnung, und in und mit ihr ſo viel! Ein tiefer Seufzer begleitete dieſe Gedanken und den Gruß, den er erwiedernd an Friedrich richtete. Er hielt ſein Pferd an, ſah ihm ſcharf ins Auge, und fragte dann mit milder Freundlichkeit den Jüngling: „Woher des Weges, Wanderer?“ Dieſer entgegnete:„Aus der Oberpfalz, Herr!“ „Trügt mich Euer Aeußeres nicht, ſo bringt Ihr heilſame Arznei den Siechen, oder ſuchet die würzigen Kräuter unſerer Berge?“ Beides, Herr,“ verſetzte der Gefragte;„ich bin ein Laborant.“„So jung noch?“ fragte der Saalſchultheiß halb ver⸗ wundert.—„Habt Ihr vielleicht in Heidelberg der Kunſt obge⸗ legen?“— Die erſte der Doppelfragen verletzte des ZJünglings Ehrgefühl. Er war ſich bewußt, nicht der Letzten Einer in ſeiner Kunſt zu ſein. „Wenn die Jugend die reichen Erfahrungen des Alters ſich angeeignet, dann mag ihr der Vorwurf des Mangels an Jahren nicht ſchaden; dies auf Eure erſte Frage; auf die zweite antworte ich mit: Ja.“ Etwas gereizt hatte er dieſe Worte geſprochen. Der Rima, der den Vater vertrieben und unredlich um das Seine ſollte gebracht haben, ſtand jetzt allein vor ihm, nicht der kranken Clgra ſchmerz⸗ — 264— gebeugter Vater. Aber dies auffallende Gefühl wich eben ſo ſchnell, als es in ihm entſtanden, und das geſprochene Wort reuete ihn auch ſchon wieder, als er es kaum über die Lippe gebracht. „Wohlgeſprochen,“ verſetzte darauf ernſt der Saalſchultheiß, dem das kecke Selbſtvertrauen gefiel.„Kränken wollte ich Euch nicht, junger Menſch— und daß Eure Jugend kein Hinderniß des Vertrauens in Eure Kunſt iſt, beweiſe ich Euch ſattſam dadurch, daß ich Euch bitte, an das Krankenbett meines herzlieben Kindes mir zu folgen. Vielleicht hat Euch Gott auserſehen, der Retter meines Kindes und meines Glückes zu ſein. Wenn Ihr wollet, ſo ſeid mir willkommen. Meine Dankbarkeit und Euer Lohn ſoll gleich groß ſein, wenn Gott Euer Bemühen ſegnet.“ Ein heftiger Schrecken, der dennoch etwas ungemein Beglücken⸗ des hatte, durchzuckte Friedrich's Weſen. Er ſollte an Clara ſeine Kunſt verſuchen, vielleicht ſie retten, auf Rima's Haupt feurige Kohlen ſammeln— bei Claren ſein!— Dieſe Vorſtellungen flogen blitzſchnell durch ſeine Seele— aber er ſuchte ſich zu ſammeln und ſagte: „Ihr habt wohl recht geſagt, ſo Gott mein Wollen ſegnet. Von ihm allein hängt Alles ab; aber im Vertrauen auf ihn will ich's unternehmen und hoffen, daß es gelinge. Wollet Ihr, ſo folge ich Euch ſogleich.“ „Thut das in Gottes Namen,“ verſetzte Rima, und ritt in ſtilles Sinnen zurückverfallend dahin, während mit einem unaus⸗ ſprechlichen Gefühle der Laborant folgte. Clara ſoll ich mit Gottes Hilfe heilen?! ſprach er in ſich hinein, und fühlte es, wie die Erinnerung an ſie jene jugendliche heilige Neigung weckte, die in dem Herzen fortgeglommen. Selbſt in ſpäteren Jahren, wenn er von Engeln träumte, hatten dieſe immer Clara's Züge. Stand er an einem jungen Baume, ſo ſchnitt er ein C hinein. Spielte ſein Stab im Sande, ſo ſchrieb er den Namen Clara unbewußt. So hatte ſich die Neigung ſeiner Kinderjahre in das Jünglingsherz unbewußt hineingeſtohlen, und war mit ſeinkm innerſten Weſen in Eins verwachſen. Und nun — 265— wurde dieſe Saite ſo mächtig und ſo eigenthümlich zugleich ange⸗ ſchlagen. Wie ſollte ſie nicht ſein ganzes Gemüth und Weſen ergreifen, erſchüttern? Er dachte ſich den Augenblick, wo er vor Clarens Lager treten, ihre Hand in die ſeine nehmen ſollte. Strömte da nicht ſein Herz über? Blieb er ſeiner ſelbſt Herr und Meiſter? Der Anblick der Stadt, die jetzt gerade vor ihm lag, lenkte ſeine Gedanken etwas ab, ohne ihnen aber doch eine ganz andere Richtung zu geben. Rima riß ihn endlich aus dieſen Betrachtungen. Indem er auf jenen Vorplatz vor den Mauern der Stadt gegen den Rhein zu lenkte, nahte er ſich dem Kloſter. Ein vollſtimmiger Mönchs⸗ geſang erfüllte die Räume der Kirche. „Laßt uns hier beten, daß das Werk gelinge!“ ſagte der Saalſchultheiß, und ſtieg ab, indem er ſein Pferd einem Knaben überließ. „ch bin Proteſtant,“ ſprach Friedrich.„Erlaubt, daß ich mein Gebet, gewiß in gleicher Andacht, dort unter freiem Himmel verrichte.“ 7 Ueber Rima's Züge fuhr ein Schatten von Mißmuth. Ohne etwas zu erwiedern, trat er allein in die Kirche, während Friedrich unter die Linden des Hügels trat, hier ſein Gefühl im Gebet ausgießend vor den Augen deſſen, der überall dem Guten liebevoll nahe iſt.* In dieſem Verweigern des Eintritts in die Kirche offenbarte ſich das ſchroffe Gegenüberſtehen beider Kirchengemeinſchaften, ſelbſt in der Denkart ſolcher Menſchen, die weit über dem Kreiſe jener Klaſſen ſtehen, die das Weſen der Religion in ein fanatiſches Abſondern von Andersdenkenden und in ein buchſtäbliches Halten an den ererbten Formen ſetzen, denen der Geiſt erſt Leben gibt. Die Reibungen jener wildbewegten fanatiſchen Zeit hatten es geboren, und die verflachende Toleranz unſerer Tage hat ihm das Ende noch nicht gebracht. Rima trat erhoben und geſtärkt aus den eiligen Räumen, aus denen Lichtglanz und Weihrauchduft quoll. Friedrich hatte den Himmel offen geſehen in froher — 266— und feſtem Glauben. Er hatte um Kraft gebeten, und er fühlte ſie in ſich,— um Ruhe, und ſie erfüllte ſein Herz,— um Segen, und er ſah ihn im Geiſte ſchon in den glücklichſten Erfolgen. So traten Beide aufs Neue ihren Weg an, ruhiger und hoffnungsvoller als früher, und keine Spur feindſelig trennender Meinung war mehr in den Zügen ſichtbar. Die Bürger ſaßen in langen Reihen am Hafenplatz auf daliegendem Bauholze. Während ſie aufſtanden und ehrerbietig den Saalſchultheiß grüßten, maaßen ihre Blicke den Jüngling, und der lallende Lauer ſprach zu Zinkgräf: „Dünkt mich doch faſt, als wäre mir das Geſicht des jungen Laboranten dort nicht fremd!“— Jener nickte, indem er ſich bemühte, ſchärfer zu ſehen; aber Weintaumel und Sternenlicht ließen es nicht zu, eine gewiſſe Meinung zu faſſen. Während Einige über Lauern lachten, Andere Rima tu fluchten, ſetzten Jene ihren Weg fort. Die Wache am Marktthore machte wegen des Frenhen keine weitere Schwierigkeit, da er bei dem Saalſchultheißen war. Als ſie nun gegen den Saal kamen, blieb Friedrich ſtehen, da er einige Schritte vorausgegangen war. Rima ſah ihn forſchend an. Es ſprach ihn etwas ſo Bekanntes aus dem Tone der Stimme und dem ganzen Weſen des Zünglings an, daß er bereits nachgeſonnen, wo er ihn könnte geſehen haben. Zetzt fiel ihm dieſes Verweilen aufs Neue auf. „Wiſſet Ihr, daß ich hier wohne?“ fragte er ſchnell.„Seid Ihr vielleicht nicht fremd hier?“—* Friedrich erröthete und erſchrack, daß er umwillkürlich eine Kenntniß verrgthen, die er hätte verbergen ſollen. Es war ihm faſt unmöglich, eine Lüge zu ſagen, und doch mußte er es jetzt, ſollte nicht ſein Geheimniß fallen. Mit Widerſtreben verneinte er die Frage, und dankte es dem Geſchicke, daß die Nacht die Schamöthe verhüllte, die auf ſeinen Wangen brannte, als er — 267— den Scheingrund angab, er habe ſeiner warten und nach ſeiner Wohnung fragen wollen. Brigitte empfing ſie am Thore. Rima's erſte Frage war nach Claren.„Sie ſchläft noch immer ruhig,“ ſagte ſie mit froher Miene, die die Hoffnung der Beſſerung ihres Zuſtandes hervorrief. Jetzt ſah ſie den Labo⸗ ranten, den ſie neugierig betrachtete. „Wer begleitet dich denn da?“ fragte ſie den Bruder. Als dieſer das Nöthige bemerkt, hieß ſie ihn froh willkommen, geleitete ihn in eine Stube, wo ſie ihn bat, ſich's bequem zu machen. Bald brachte ihm die Sorgliche Wein und Speiſe, daß er ſich erquicke. Aber Friedrich fühlte keine Ermüdung, kein Bedürfniß nach Speiſe. Der Gedanke, da zu ſein als Fremdling, wo er als Kind gerne geſehen, ſo oft geſpielt, ſo nahe dem Mädchen zu ſein, das ihm als Kind ſo theuer war, bewältigte ſein ganzes Gemüth, und recht innig betete er noch einmal um Kraft und Segen für die kommende Zeit, die ſo ernſt, ſo bedeutungsvoll zu ihm heran⸗ treten zu wollen ſchien. Sein Herz pochte faſt hörbar, als Rima bald darauf eintrat, um ihn an Claren's Lager zu leiten. Er trat in ein Gemach, das eine Lampe nur ſchwach erleuchtete. Vor der Lampe ſtand ein Schirm, daß kein Lichtſtrahl das geſchloſſene Auge der Kranken treffe. Friedrich zitterte heftig, als er nahe an das Bett trat. Seine ganze Seele trat in das Auge. Da lag Clara vor ihm— ein ſchlummernder, leidender Engel. Bleich waren dieſe Züge; aber obgleich die friſche Röthe der Geſundheit ihnen fehlte, ſo waren ſie doch voll eines milden, das Herz anſprechenden Liebreizes. Von dieſem rührenden Reize gefeſſelt, ſtand er eine lange Zeit vor ihr, als wolle er das ſchöne Bild tief in ſeine Seele prägen, daß es nimmer aus ihr weiche. Leiſe hob der Athem die Bruſt. Die Locken ringelten ſich dunkel um das feine Geſicht. Die eine zarte Hand war über das Haupt gebogen, die andere ruhte auf der Decke. Mit faſt ſichtbarem Beben ergriff er die Hand, den Puls zu fühlen— und er konnte 2 — 268— ſie nicht mehr laſſen. Es war ihm, als müſſe er ſie ewig in der ſeinen haben. Rima's Bruſt war zu enge. Er wollte des Jüng⸗ lings Urtheil, und dieſe Beobachtung währte zu lange. Endlich zupfte er ihn leiſe am Arme. Friedrich fuhr wie aus einem Traum auf. Rima zog ihn zum Fenſter und fragte angſtvoll: „Wie findet Ihr ſie?“ Faſt hätte Friedrich geantwortet: Unendlich ſchön!— wenig⸗ ſtens ſchwebte das Wort, als ſeiner Gefühle Erguß, auf der Lippe, als er ſich zu rechter Zeit noch beſann, mit wem er rede, und wie ganz anders der Frage Sinn ſei. „In Wahrheit nicht ſo ſchlimm, als ich nach Eurer Rede erwartet,“ entgegnete der Jüngling.„Ihr Puls geht ſanft und regelmäßig, nur matt— aber der Schlaf iſt ſehr erquickend. Treten nicht unerwartete Umſtände ein, ſo hoffe ich, ſie bald geneſen an Euer Vaterherz legen zu können.“ Da verbreitete ſich eine unausſprechliche Seligkeit über Rima's Geſicht. Klang ihm doch faſt dieſes Wort wie ein Orakel. Er hob die gefalteten Hände gen Himmel und betete leiſe, dann faßte er Friedrich's Hand.„Ich habe Gott gedankt,“ ſagte er mit Rührung,„denn er hat Euch mir zur guten Stunde geſandt. O⸗ ich beſchwöre Euch, bietet Eure ganze Kunſt auf, ein Leben zu retten, an das das meine gekettet iſt. Gelingt es Euch, mein Kind zu retten, ſo ſoll ein fürſtlicher Lohn des Vaters Dankbarkeit Euch bekunden.— Doch“— ſetzte er hinzu:„Ihr ſeid gewandert heute. Genießet der Ruhe, bis ſie erwacht, daß ſie Euch ſelbſt ſage, wie es ihr iſt. Ihr ſeid mein Hansgenoſſe, ſo lange Ihr weilen wollt.“ Er rief nun leiſe Brigitten, gebot ihr, ſogleich ſie zu rufen, wenn Clara erwache, und ging mit dem widerſtrebenden Friedrich auf deſſen Kammer, wo noch unberührt Wein und Speiſe ſtand. Hier mußte er eſſen und trinken, und Rima that es gleich ihm, und trank ihm aus ſilbernem Becher den Willkommentrank zu⸗ Brigitte brachte unterdeſſen, da Clara noch ſchlummerte, andere Speiſen, und als ſie ſah, wie mit urkräftigem Behagen der Jüng⸗ — ling zulangte, wurde er ihr noch um Eins ſo lieb, da er ihre Speiſen gut fand. Währeud des Eſſens fragte dann auch Rima genauer nach Namen und Herkunft des Laboranten. „Ich heiße Friedrich Eiländer,“ ſprach mit innerem Wider⸗ ſtreben der Jüngling,„und bin droben im Odenwalde daheim.“ „Und Euer Vater und Mutter?“ „Sind todt. Ich ſtehe allein in der Welt,“ fuhr Friedrich fort,„und eigentlich iſt auch meine Heimat überall, wo ſich der blaue Himmel wölbt; denn mich haben gute Menſchen im Oden⸗ wald erzogen, und mich die Kunſt gelehrt und in Heidelberg lehren laſſen, die mich jetzt nährt.“ Rima hatte Luſt, noch mehr zu fragen, aber Friedrich wich den Fragen dadurch aus, daß er ſeinen Kaſten öffnete, und Näpſfchen und Phiolen, Kräuter und Eſſenzen herausholte, um einen Trank für die Leidende zu bereiten. In dieſem wichtigen Geſchäfte wollte ihn Rima nicht ſtören und ging dann an Claren's Lager, auf daß Brigitte dem Jüngling an die Hand gehe. Sie half ihm ein Kohlenfeuer anfachen, und ſtand ihm treu⸗ lich bei, als er nun das Tränklein kochte. Mit unendlicher Zungenfertigkeit pries ſie Clara's Tugenden und bat ihn, ja Alles aufzubieten, um ſie wieder herzuſtellen. Zuletzt ſagte ſie unter vielen Thränen:„Es wäre Schaden um das jugendliche Leben; denn beſſer als ſie, glaubt mir's, Meiſter Friedrich, lebt keine; und ſchöner, das werdet Ihr mir geſtehen, habt Ihr gewiß noch kein Mädchen auf Euren Wanderungen geſehen. Nicht wahr?“— Erröthend bejahte der Jüngling, der froh war, daß das Tränk⸗ lein ſein Gehöriges hatte, damit er aus dieſer Zungentortur erlöſt werde; denn wie gerne er auch Clara's Tugenden und Reize preiſen hörte, ſo appellirte dabei doch Brigitte ſo oft an ſein eigenes Urtheil, daß er in die größte Verlegenheit gerieth. Clara war erwacht. Der betrübte, jetzt erſt wieder zu froherer Hoffnung gelangte Vater ſaß an ihrem Bette. Sie ſah ihn lächelnd an und ſagte ihm, wie ſie gut geſchlafen und ſich wohler als ſeit langer Zeit fühle. Sie bat den Vater, doch nun auch der Ruhe zu genießen, damit er nicht am Ende den allzugroßen Anſtrengungen des Wachens und inneren Kummers erliege. Jetzt erzählte ihr der Vater von dem jungen Laboranten, den er gefunden, und der ihm verheißen habe, ſie bald herzuſtellen. Clara lächelte den Vater holdſelig an; aber in dem Lächeln lag eine Wehmuth, als glaube ſie ſelbſt nicht daran, und wolle nur dem Vater die Freude der Hoffnung gönnen. Sie erzählte ihm, wie ſie ſo ſchön geträumt. Die Mutter und ihre Freundin, der ſie ſo bald gefolgt, ſaßen im Garten vor dem Holzthor, und Clara und Friedrich ſpielten wieder als glückliche Kinder und pflückten Blumen, Kränze zu winden gemeinſamer Luſt. Dieſe ſchönen Bilder aus glücklicher Jugendzeit ſchienen wohlthätig auf ſie eingewirkt zu haben. Der Vater hielt ihre Hand. Sein Auge ruhte im vollen 3 Gefühle des Vaterglücks auf den Engelszügen, die jetzt ein mattes Roth überflog und gleichſam verklärte. Sie verlangte zum erſten Mal, daß der Schirm entfernt werde, damit ſie klar um ſich ſehen könne. Da ging die Thür auf und Clara ſah hin— und faſt hätte ſie laut aufgeſchrieen vor Freude— denn da ſtand ja der geliebte Geſpiele der Kindheit vor ihr, von dem ſie L aber männ⸗ licher, kräftiger, ſchöner. Friedrich ging es nicht anders. Als er das holde Geſicht erblickte, das jetzt vom Auge belebt wurde, in dem die Freude aufblitzte, und der Freude Roth die bleichen Züge malte, da wäre ihm faſt der Becher entfallen, der den ſtärkenden Trank enthielt, von dem er ſich den erfreulichſten Erfolg verſprach; aber er durſte ſich nicht bloßgeben. Er mußte jedoch ſeine ganze Kraft, ſein. — — 271— ganze Beſonnenheit mit trampſhafter Anſtrengung zuſammennehmen, um ſich gleich zu bleiben.. Rima nannte ihn Eiländer. Friedrich benahm ſich feſt und ruhig, und wachte mit Rieſenkraft über ſich ſelbſt. Obwohl Clara erkannte, daß nur eine Aehnlichkeit ſie getäuſcht, ſo konnte ſie ihr Auge doch kaum von ihm entfernen; denn ihr ſtand ja der liebe Geſpiele hier, wenn auch nur im Bilde, vor der Seele, und ſie wiegte das Herz gerne wieder in den ſch önen Traum, von dem ſie eben erſt erwacht war. Willig nahm ſie das Tränklein aus ſeiner Hand, das er kunſtfertig bereitet, Noch lange ſprach ſie muntrer, als nach langer Zeit, und ſank kenn wieder in einen ſanften Schlaf, und der Traumgott führte das kaum entflohene Traumbild zurück— aber — Friedrich war zum Jünglinge gereift in voller Mannesſchönheit, und es war der Laborant, und ſie genaß durch ſeine Medicamente, und er ſchied nicht mehr von ihr. So träumte ſie, und als ſie erwachte, fühlte ſie friſche Lebenskraft in ihren Gliedern. Friedrich's Medicamente hatten nun den geſegnetſten Erfolg. Frohe Hoffnung kehrte in jedem Herzen ein, und ſelbſt Clara gewann im freudigen Gefühle rückkehrender Kraft aufs Neue den Glauben, ſie werde geneſen. Rima's Glück war unnennbar, ſeine Liebe, ſeine Dankbarkeit für Friedrich ohne Grenze. Brigitta's Lob ſtrömte ſo reich, als es ihre Zunge nur vermochte, ſtrömte bei Claren tauſenfach über, die ſelbſt nur ihn dachte, nur heiter und glücklich ſich fühlte, wenn der wackere Jüngling bei ihr war. Die meiſte Zeit brachte er aber auch an ihrem Siechbette zu, und redete mit ihr, ließ ſich erzählen und erzählte. Wenn ſie aber bei dieſen Geſprächen auf den Jugendgeſpielen zu reden kam, wenn ſie mit glühender Wärme die glücklichen Tage ihres Jugendlebens ſchilderke, und es ſich ſo klar ausſprach, mit welcher Liebe und Innigkeit ſie ſein Andenken feſthielt, v, dann hätte er mögen an ihr Herz ſinken und ſagen: Jeh bin's ja ſelbſt; kennſt du mich denn nicht mehr, Clara?— Aber er mußte nun einmal ſeine Rolle feſthalten. Ja, es dünkte ihn ſelbſt nothwendig, da er klar in des Mädchens Herz — — 22 ſah. Hätte er ſich zu erkennen gegeben, ſie würde mit heißer Liebe ihn umfaßt haben— und Rima gab wohl nie ſeine Einwil⸗ ligung zu ſolch einer Verbindung. Dann war ſie, dann er elend für das ganze kommende Leben. Obwohl ihn Rima wie einen Sohn behandelte, ſo ſah er doch oft den Stolz durchleuchten; obwohl nie mehr der rreligiöſen Ueberzeugung gedacht wurde, ſo dünkte ihm Rima's Fanatismus entſchieden genug, um die gerechteſten Zweifel in ſeine Zuſtimmung zu ſeiner und Clara's Verbindung zu ſetzen. Er kämpfte oft, er kämpfte ſchwer; denn ſein Herz gehörte Claren, hatte ihr gehört, ſeit er Kind war; aber er hatte gelernt, in einer an Sorgen und Mangel nicht armen Jugend, ſich ſelbſt beherrſchen. Hier galt es, dieſe Selbſt⸗ beherrſchung zu üben; hier, wo die Liebe ihm entgegenkam und im eigenen Herzen loderte. Oſt ſprach die Stimme ſeiner Vernunft: Wandere von dannen! Aber wenn er einen Gedanken dieſer Art äußerte, flehte Clara ſo ſüß, bat Brigitte ſo herzlich, drückte ihm Rima ſo warm die Hand und ſagte:„Seht Ihr denn nicht, wie wir Euch ſo lieb haben?“— daß er wie in einen Zauberkreis ſich gebannt fühlte und nicht vermochte, was ihm ſeine Vernunft als nothwendig anrieth.— Wie konnte es fehlen, daß die beiden jugendlichen Herzen ſich in reiner heiliger Liebe zu einander neigten? Sah doch Clara in ihm den Geſpielen der Jugend, dem er ſo ähnlich ſah, den Retter ihres Lebens. War doch in ihm das Bewußtſein, ſie gehöre ihm näher an aus eben dem Grund, und weil er ihr Geſpiele war. Und ſie war ja ſo lieblich, ſo rein, ſo edel, ſo dankbar; ſie hatte ja kein Hehl vor ihm— ihr Herz, ihre Denkart lag ſo klar vor ſeinem Ange, und Brigitte, die ihn ſo oft auf Clara's Vorzüge erſt recht aufmerkſam machte, arbeitete eben dieſer erwachenden Liebe recht in die Hand. Knüpft ſich leicht und ſchnell zwiſchen Gleichdenkenden der Liebe Band, wie viel ſchneller da, wo Dankbarkeit, Vertrauen und eine ſüße heimliche Erinnerung das Gewicht zu dem des Wohlgefallens in die Schale legt?!— Vie ſ aber 36 in Beiden dies wr, ihr Verhältniß wurde dadurch nicht verändert— nur herzlicher, inniger wurde es. Gleich fern ſtand der ſich ſelbſt beherrſchende, beſchei⸗ dene, ſittige Jüngling von der züchtigen Jungfrau jetzt, als da er als Arzt zuerſt zu ihr trat. Kein Wort von Neigung wurde geſprochen, und doch legte jedes Wort, jede Handlung, jede Miene das klarſte Bekenntniß der Liebe ab. Nur zu Nima war das Verhältniß ein anderes geworden, und zu den Leuten außerhalb dieſes engen ſchönen Familienkreiſes. Gegen Rima wohnte in Friedrich's Herzen eine Abneigung. Er ſah in ihm des geliebten Vaters Feind, den Räuber ſeiner Habe, den fanatiſchen Verfolger ſeiner Glaubensbrüder. Er wollte anfange nur ſo lange bleiben, als Clara's Krankheit und ſein Beruf heiſche. Seit er ihn aber näher kennen lernte, ſeit er ihn in ſeinem ruhigen, ſtillen, gerechten Walten geſehen und beobachtet; ſeit er ihn wohlthätig gegen Arme bis zur Verſchwendung geſehen, und ohne Unterſchied des Bekenntniſſes; ſeit er die Achtung wahrnahm, mit der er von ſeinem vertriebenen Vater ſprach, und die tiefen Seufzer, die ſolche Rede begleiteten, deren Bedeutung nur er verſtand; ſeit er ſah und täglich mehr erfuhr, wie er ihn nicht als Fremdling, fondern als Glied der Familie anſah, ihm auch in der Stadt zahlreiche Kundſchaft verſchaffte, wurde ſein Urtheil ein anderes, und die Beobachtung des Mannes, auf deſſen Handlungen ein ſo räthſelhaftes Dunkel lag, gewann an Intereſſe für ihn. Wie oft fühlte er den Trieb, zu ſagen: Ich bin Inſelius, des Verfolgten Sohn, gib mir Rechenſchaft von deinem Thun! aber er unterdrückte ihn wieder. Bald riß ihn ſeige Praxis ganz von ſolchem Nachdenken weg. Clara war geneſen. Dieſe glückliche Heilung der von berühmten Aerzten Aufgegebenen erwarb ihm einen glänzenden Ruf, und Rima's Empfehlung erhöhte ihn. Nicht nur in der Stadt ſelbſt, auch in den Nachbarorten Lorch, Caub, Weſel und in den Thälern ſprach man mit Ruhm und Achtung von ſeiner Kunſt, und ſuchte Hilfe in dem tauſendgeſtaltigen Weh, dem der arme Sohn des Staubes hingegeben iſt. Und wie auch ſein Ruf wuchs, dennoch . — 274— blieb er beſcheiden und demüthig; denn ſolche Tugend zu üben, hatte ihn frühe der fromme Vater gelehrt. Vorzüglich war er der Armuth treuer Freund. Da half Clara erquicken, ſtärken, tröſten. Hatte er die Arzneien geſpendet, ſpendete ſie Wohlthaten anderer Art, und ſo theilten ſie ſich in das edelſte Werk. Dies, ſowie ſeine offene herzliche Weiſe, mit der er Jedermann begegnete, befreundete ihn den Bürgern, allermeiſt den Proteſtanten, die den Glaubensgenoſſen in ihm verehrten. So lernte er die OQuellen ihres Wohls und Wehes kennen, und kam nothwendiger Weiſe in den vertrauteſten Verkehr mit Vielen. Vor allen aber war es die Heileß'ſche Familie, deren nähere Bekanntſchaft er machte; denn Heileß war einſt ſeines Vaters treueſter, erprobteſter Freund geweſen, und hier lebte er im liebevollſten, geſegnetſten Andenken. Auch den gleichalterigen Jugendgenoſſen nahte er ſich vorſichtig; denn er bemerkte oft, wie ihn Zinkgräf, Lauer und Andere, die mit ihm confirmirt worden, mit fragenden Blicken betrachteten, wie ſie ſo oft die Rede auf Friedrich Inſelius brachten, dem er ſo ſehr ähnlich ſah, bloß um zu erforſchen, ob er nicht Mummerei treibe. Doch blieben dieſe Verſuche fruchtlos. Sie zerſchellten an Fried⸗ rich's Beſonnenheit und Selbſtbeherrſchung. War auch der Jüngling von Allen geliebt, die ihn kannten, ſo haßte ihn doch Einer aus dem Grunde ſeiner ſchwarzen Seele — der Commandant Bedrangle. Er liebte Claren, wie ein Menſch lieben konnte, in dem der Funke vom Himmel längſt im rohen Kriegsleben erloſchen war— weil ſie ſchön war gleich einem Engel. Als aber ihre Roſen⸗ wangen erblichen, des ſchönen Auges Glanz erloſch, das friſche, fröhliche Leben und Weben blühender Geſundheit ſchwand, da wurde das Herz des Kriegers kühl und der Weinhumpen wurde ſeine Geliebte, von der er ſich nimmer trennte. Als aber nun die vom Sturme geknickte Blume ſchöner und im Frühlingshauche der Liebe herrlicher ſich entfaltete; als die Jungfrau mit all⸗ ihrem Liebreize geſchmückt dem Siechbette entſtieg, und der gierige Bli des Wüſtlings auf dieſe Reize fiel, da loderte die alte Gluth nur * —— wilder wieder auf und ſchien, gleich verzehrendem Feuer, in ſeinen Adern zu wühlen. Er fand ſich täglich bei Rima ein. Er ſuchte mit allen Künſten ſich Clara's Gunſt zu erwerben. Wie aber die Taube bebt in der Nähe des Geiers, auch wann ſie ihn nicht ſieht, ſo erfüllte Bedrangle's Nähe Clara's Gemüth mit einem widrigen Gefühle. Sie konnte keines Grundes ihrer entſchiedenen Abneigung ſich bewußt werden, denn Bedrangle war ein ſchöner Mann; aber ſie war ſo mächtig, daß ſie ſich nicht zurückhalten konnte, ſie ihn überall empfinden zu laſſen. Mit tiefem Wider⸗ willen wies ſie ſeine Bewerbungen zurück. Sie hatte kein Lächeln für den darum Buhlenden. Sie gab ihm kein wohlwollendes Wort auf ſeine Reden zurück, und es koſtete ſie Ueberwindung, ihm nicht ſchnöde zu begegnen. Der Widerwillen Claren's brachte bei ihm die entgegengeſetzte Wirkung hervor. Statt, daß er dadurch ſollte zurückgeſchreckt werden, wurde er kühner; ſtatt, daß dies ſeine Gluth dämpfen ſollte, loderte ſie brennender, heftiger auf.— Aber er wurde aufmerkſamer. Er forſchte, von Argwohn unterſtützt— und das nie ſchlafende Auge des Argwohnes ſieht ſchärfer, als jedes andere. Was dem Vater Dankbarkeit ſchien, jene innige Zuneigung Clara's zu Friedrich, das erkannte er bald als Liebe; und der Haß gegen den, der ihm im Wege ſtand, gohr mit aller Kraft in Bedrangle's entmenſchter Bruſt. Mit ſchnei⸗ dender Verachtung behandelte er fortab den Jüngling, der ſtets in Rima's Nähe war, und von dieſem mit Auszeichnung behandelt wurde. Statt aber, daß dieſe Behandlung Friedrichen einſchüchtern ſollte, gab ſie ihm vielmehr, dem Rohen gegenüber, das ganze Gefühl ſeines Werthes, einen Ernſt, eine Würde des Benehmens, eine ſtolze, ruhige Haltung, die Bedrangle'n faſt außer ſich brachte, und oft traf ihn die gleiche Verachtung, die er ihm bewies. Dies reizte den rachſüchtigen Flammänder, und gerne hätte er eine Gelegenheit wahrgenommen, dem Verhaßten zu ſchaden, ihn zu verderben, hätte ſie ſich ihm dargeboten. Darum aber gab er es nicht auf. Vorſichtig wollte er ſeinen Plan anlegen, und an Lamego, ſeinem Lientenant, einem ſchlauen, ränkevollen Andaluſier, — 276— hatte er einen Helfershelfer, dem es in ähnlichen und ſchwierigeren Fällen nie an Rath und Mitteln gebrochen, das zu vollführen, was Bedrangle wünſchte. Die ſchweren Bedrückungen, unter denen die Bürgerſchaft ſeufzte, waren in den Tagen des Sommers 1631 bis zu unglaub⸗ licher Höhe geſtiegen. Bedrangle hatte den Befehl erhalten, Stahleck zu verproviantiren, ſowie Stahlberg und Fürſtenberg. Keine Ver⸗ anlaſſung konnte willkommener ſein, als dieſe, das Volk, das ihm zu kühn, zu männlich ſtark war, zu demüthigen. Mit fühlloſer Härte verfuhr der Unmenſch. Taumelnd vom Weinrauſche gab er an ſeinen Untergebenen Lamego die teufliſchen Befehle, und dieſer — unmenſchlicher noch, als ſein Gebieter, ſäumte nicht, ſie ins Werk zu ſetzen. War ein Bürger widerſpenſtig, ſo kam er in Haft in den Kummerhof. Zwar waltete hier ein milder Engel, Clara, die der Bürger Noth milderte, wie und wo ſie konnte; aber ſie konnte doch den Vater den Kindern, den Gatten der Gattin nicht frei geben— das Geſchäft lag, und das Brod, des Fleißes Frucht allein, fehlte. Einige Male hatte ſie es verſucht, zu bitten bei dem Befehlshaber, doch— die Folge war— daß Bedrangle dadurch ein Anrecht auf ihre Gunſt zu erhalten wähnte, und— ſie mußte dem Mitleid Schranken ſetzen, und nur darin ihrem gefühl⸗ vollen Herzen Raum geben, daß ſie die Gefangenen erquickte. Tief ergriff des Volkes Noth Friedrich's Seele. Alle Fibern bebten, ſein Auge rollte, und die männliche Fauſt ballte ſich unwill⸗ kürlich, ſah er die Grauſamkeit, die— er nicht wehren konnte. Häufiger aber traf es ſich, daß die Bürger zuſammentraten, von der Noth enger vereint, über die Rettung zu berathen. In dieſen Verſammlungen bildeten ſich zwei Partheien, eine gemäßigte und eine heftige. An der Spitze jener ſtand der alte, wackere, beſonnene Heileß, auf der andern Seite der raſche kräftige Zinkgräff und Lauer. Des Volkes Noth rief auch Friedrichen, der ſich zu ihnen zählte, da Bacharach ſeine Vaterſtadt war, in die Verſammlungen, und ihn zog— das lebendige Gefühl jugendlicher Kraft, das raſche Blut auf die Seite der Heftigeren, deren Grundſatz war, Gewalt — 277— mit Gewalt zu vertreiben. Noch waren aber jene Verſammlungen das nicht, was ſie mehrere Monate ſpäter wurden— die Ausſaat offener Empörung gegen den Druck unmenſchlicher Tyrannei. Man pflegte im Hauſe des Wirthes Gölz ſich zu finden, und dort das Thema des Tages abzuhandeln. Wohl mochten Männer, wie Zinkgräff und Lauer, voll Kraft und Feuer und Liebe zur Freiheit, Pläne haben, die auf das hinzielten, was ſpäter geſchah— jetzt ſchwiegen ſie davon noch, und äußerten ſich nur im engern Kreiſe. Daß der junge Laborant bisweilen in dieſer Sippſchaft war, fiel Rima um ſo weniger auf, da es ehrenwerthe Bürger waren, die ſich hier trafen. Nur Clara ſah es mit ſtiller Trauer. Wie über⸗ haupt der weibliche Blick tiefer und ſchärfer iſt, denn der männ⸗ liche— ſo hatte auch ſie bisher das Krampfhafte in der Stimmung des Volkes wahrgenommen, hatte wohl bemerkt, welch ſeltſam tiefen Eindruck es auf Friedrichen gemacht, und ihre Seele ahnte nichts Gutes. Er war ſo zerſtreut, ſo wild aufgeregt, wenn er zu Hauſe kam, daß ſie mit banger Ahnung erfüllt wurde, wohl wiſſend, des Weines Frucht ſei ſolches bei dem Jünglinge nicht, weil er ihn nicht trank. Dieſer Verſammlungen Geiſt mußte Lamego gewittert, den Antheil, den der feurige Friedrich daran hatte, herausgebracht haben. Er trat eines Tages mit wichtiger Miene zu ſeinem Gebieter und ſprach:„Jetzt, Don Paul, habe ich endlich die Handhabe gefunden, vermittelſt welcher Ihr mit einem Stück den Laboranten über die Stadtmauer ſchleudern könnt, wenn Euch nicht mehr damit gedient wäre, ihm ein anderes Plätzlein über oder unter der Erde anzuweiſen.“ Bedrangle, der eben erſt aus den wollüſtigen Träumen ſeiner Sieſte erwacht war, fuhr mit glänzendem Blick auf:„Sprich ohne Hehl, Lamego!“ rief er, begierig zu vernehmen, was der Spürhund gewittert. Der lächelte ſataniſch und ſprach:„Die kleinen Aufopferungen, die Ihr den ketzeriſchen Hunden dieſer Stadt vermittelſt bewaffneter Schröpfköpfe abnöthigt, bringen die ſeltſame Erſcheinung hervor, — 278— daß der Haſe ſich gegen den Löwen aufzuwerfen nicht übel Luſt hat. Sie gehen mit nichts Geringerm um, als Empörung vorzu⸗ bereiten, und dieſer Milchbart von Laborant ſteht mit an, iſt wahr⸗ ſcheinlich der Urheber der Complotte, wie ich denn überhaupt ihn faſt für einen ſchwediſchen Spion möchte anſehen. Was hindert Euch nun, ihn dafür zu erklären und einſtweilen Euch ſeiner zu verſichern?— Dann iſt er aus dem Wege, und fürs Weitere ſorgt einestheils Ihr, anderntheils Lamego.“ „Ich verſtehe dich, Lamego,“ antwortete ſinnend Bedrangle, „doch du vergißt, daß ich es hier mit einem ſpitzfindigen Juriſten zu thun habe, der mehr Gewalt hat, als ihm gebührt. Offen dem Buben zu Leibe gehen, iſt unthunlich— doch laß mich ſorgen.“ „Falls Ihr nicht ſolltet zum Ziele kommen, ſo weiß ich ein beſſeres Mittel,“ meinte Lamego, indem er ſeinen Dolch faßte und eine Handbewegung machte, die über das Mittel ſelbſt keinen Zweifel übrig ließ. „Nein,“ ſprach Bedrangle,„in dem der Soldat ſich regte, „man fällt mit Ehren keinen Feind im Rücken an. Ehyrlicher Kampf führt auch zum Ziele.“ Wie Ihr wollt!“ verſetzte Lamego, und ein ſpöttiſches Lächeln flog ſchnell über die markirten Züge des Andaluſiers. Bedrangle ſchnallte ſein Schwerdt um und verließ das Gemach, indem er den Federhut in die Stirne drückte, um zu Rima zu gehen, den er in ſeinem Gemache beſchäftigt fand. Freundliche Grüße wurden gewechſelt, und vom Unbedeutenden zum Ernſtern im Verfolge des Geſpräches geſchritten. Bedrangle bedauerte die Plagen, die er der Stadt und den Thälern machen müſſe. „Es iſt wahr,“ ſagte ſehr ernſt Rima,„die Bürgerſchaft vermag kaum mehr Eure Forderungen zu befriedigen, Herr Com⸗ mandant. Sagt ſelbſt, wovon ſollen ſie leben, im Fall eine Bela⸗ gerung dieſer Stadt erfolgen ſollte?— Schadet Ihr Euch doch dann ſelbſt, weil nichts ſo leicht zum Verrathe führt, als Hung und Elend!“ — 279— „Darnach darf der Soldat nicht fragen,“ entgegnete ſcharf Bedrangle.„Seine Ordre weiß er, und ſie zu befolgen, iſt ſeine Pflicht, mag auch kommen, was da will. Dem Verrathe werde ich zu begegnen wiſſen, das glaubt mir!“ „Das Menſchenauge ſieht nicht Alles,“ verſetzte Rima. „Oft mehr, als es ſoll,“ fuhr gereizt der Spanier fort.„So dürften Euch vielleicht die heimlichen Complotte entgangen ſein, die man hier ſchmiedet, und die ihre Nahrung aus Eurem Hauſe ziehen. „Aus meinem Hauſe?“ rief Rima, und ſprang zornig auf. „Womit wollt Ihr die frevelnde Rede darthun?“ „Erzürnt Euch nicht, Herr Doctor,“ fuhr vertraulicher Bedrangle fort,„wenn ich Euch ſage, daß Ihr eine Schlange im Buſen nährt, deren giftigen Stich Ihr früher oder ſpäter im Herzen fühlen dürftet.“ „Sprecht dentlicher!“ rief Rima, in dem der Zern kochte.— „Es kann Euch doch nicht unbekannt geblieben ſein, wie der Laborant Eiländer, den Ihr noch herbergt, im geheimen Verkehr mit den ketzeriſchen Bürgern ſteht?“. „Er iſt Proteſtant, das weiß ich,“ ſprach hitzig Rima,„aber ich finde keine Spur, ihn für verdächtig zu halten, im Gegentheil iſt er ein wohlgeſitteter Menſch, der viele Gaben hat, den ich zudem bei meinem herannahenden Alter bei mir zu behalten denke, indem er in den Geſchäften nicht unerfahren, und des Schreibens, wie viel anderer Künſte in hohem Grade kundig iſt. Was wollt Ihr mit ihm?“ „Es ſollte mir leid thun,“ verſetzte mit verſtellter Theilnahme Bedrangle,„wenn ich vielleicht irgend einen Euch lieb gewordenen Plan durchkreuzen ſollte; allein wißt's, dieſer Menſch iſt's, der Empörung brütet, und ich habe Grund, zu vermuthen, daß nicht ſeine Kunſt ihn in dieſe Gegend trieb, ſondern andere Gründe— da ich ihn für einen ſchwediſchen Spion zu halten gezwungen hin— In dieſem Augenblicke trat Friedrich mit Clara in das Gemach. — 280— Er hatte ſie in den Garten außerhalb des Holzthores begleitet, mit ihr dort der Blumen gepflegt, und in ſüßem Gekoſe eine ſelige Stunde verlebt. Hier war die beglückende Gewißheit ihm geworden, daß Clara ihn liebe. Von ſeiner nahen Abreiſe hatte er geſprochen, da er Rima's Plan noch nicht kannte, und die Thräne, die in Clarens ſchönes Auge trat, hatte ſein Herz überwältigt, und an ſeiner Bruſt hauchte das züchtige Mädchen, nach ſchwerem Kampfe mit dem eignen Herzen und der jungfräulichen Schüchternheit, das ſüße Geſtändniß ihrer Liebe aus. Aus dem Himmel dieſer Gefühle riß ihn der Anblick der beiden Männer furchtbar heraus. „Ihr kommt mir zu gelegener Stunde,“ ſagte Rima zu ihm, „denn hier mögt Ihr Eure Ehre retten gegen eine Beſchuldigung, an die meine Seele nicht glauben kann.“ Des Jünglings Wange wurde in dieſem Augenblicke bleich— nicht von dem Gefühle der Schuld, denn er war überzeugt von der Gerechtigkeit ſeines Thuns und Strebens, ſondern vielmehr, weil dieſe Worte wie ein herber Froſt in die Maiblüthen ſeines Gefühles zerſtörend niederfielen.— Bald ſammelte er ſich jedoch, und das ganze Gefühl männlicher Würde und Stolzes nahm ſeine Bruſt ein. Freimüthig und gefaßt trat er näher heran zu den Beiden, die am Fenſter lehnten, und fragte:„Weß man ihn beſchuldige?“ „Ihr ſollt ein ſchwediſcher Spion ſein.“— „Hölliſche Lüge! Schmach dem, der ſie erſann!“ fiel Friedrich ein. Bedrangle's Auge blitzte, ſeine Fauſt griff nach dem Schwerdte. „Schweig'!“ rief er,„oder ich zermalme dich!“ „Seid Männer,“ ſprach Rima, der ſeine Ruhe wieder gewann mit der ſteigenden Leidenſchaft der Beiden, und laßt uns ohne Zorn glimpflich die Sache erörtern:„Ihr ſollt,“ fuhr er, zu Friedrich 3 ½ det, fort,„Theil haben an aufrühreriſchen Com⸗ plotten in di ſer Stadt, die euch gaſtlich aufgenommen! Vertheidigt Euch! Der Capitän⸗Lieutenant Sr. katholiſchen Majeſtät beſchuldigt Euch deſſen.“ Auf die letzten Worte legte der Saalſchultheiß ein — 281— beſonderes Gewicht, um Friedrich's Brauſen durch die Rückſicht auf die Gewalt, die Bedrangle hatte, zu mäßigen. Friedrich's Auge haftete auf Bedrangle, deſſen höhniſche Miene ihn reizte. Kühnen Trotz ſprachen ſeine Züge aus. „Wenn ich mit gerechtem Unwillen die Bedrückungen und Mißhandlungen der Bürgerſchaft ſah, wenn dieß wider das Gefühl des Rechtes, das ich in meiner Bruſt trage, ſtreitet— wer will mich darob verdammen?“ fragte er, und ſah kühn den Capitän⸗ Lieutenant an.„Könnt Ihr's leugnen, daß dieſe Laſten unerträglich ſind? Und wenn ich, nach jenem Gefühl in meiner Bruſt, und dem Mitleide, das ich mit der gedrückten Bürgerſchaft empfinde, ihre Beſchwerden anhörte, mit ihr auf Abhilfe von einer Gewalt, die de lacto, aber nicht de jure da iſt, ſann, ſo mag ich das ſo wenig verhehlen, als ich es Unrecht ſinden kann!“ Er ſprach das, und wandte ſich zu Rima, der, erſtaunt über des Jünglings kräf⸗ tiges, muthiges Wort, ihn anſah, und fuhr fort:„Euch, Herr Doctor, gilt dieß Geſtändniß. Ihr habt mich gaſtlich geherbergt. Ihr ſeid meine Obrigkeit, der ich unterthan bin. Enſcheidet!“ Bedrangle knirſchte vor Wuth. Das hatte er nicht erwartet von dem Jüngling, und faſt hätte er beſchämt niedergedrückt von der Würde, mit welcher er ſich benahm und ſprach, dageſtanden, wäre nicht ſein Grimm aufgeflammt „Er hat geſtanden,“ rief er ſchäumend aus.„Er iſt mir anheimgefallen, und das Kriegsrecht mag entſcheiden über den Empörer!“ „Mit Gunſt, Herr Commandant,“ fiel Rima ein.„Der Jüngling hat nichts geſtanden, als daß ſein Gefühl, wie das jedes Ehrenmannes, empört iſt von den Leiden der Bürgerſchaft, an dem Ihr unſchuldiger Weiſe Theil habt. Was Ihr aber da von Anheimfallen an Euer Forum ſagt, werdet Ihr wohl zurückzunehmen geſonnen ſein, ſobald ich Euch erinnere, daß ich die Ehre habe, die Perſon meines Herrn, des Kurfürſten, zu vertreten, daß dieſe Stadt ihre alten Privilegia hat, kraft deren in ſolchen Händeln zu entſcheiden dem Thälerrath in erſter Inſtanz zukommt! Fürs — 282— Erſte habt Ihr in meinem Hauſe Sicherheit Eurer Perſon,“ ſagte er, zu Friedrich gewendet,„und Euch, Herr Gpitün⸗ Lieutenant, bin ich Bürge für ihn.“ „Nein, das ſollt Ihr nicht!“ rief Friedrich aus,„bei Gott, das ſollt Ihr nicht. Bin ich ſchuldig, ſo treffe mich die Strafe; aber mein Gewiſſen ſpricht mich frei, und ich verlaſſe die Stadt zur Stunde und ihr Gebiet!“ Bedrangle ſtand bleich da. Im Innern wühlten alle feind⸗ ſeligen Leidenſchaften, deren das Menſchenherz fähig iſt; aber er konnte Rima's Gründen nichts entgegenſtellen, konnte freilich keine Beweiſe liefern, die ſeine Anſchuldigung rechtfertigten, und war alſo der Freiſprechung des Jünglings gewärtig. Ihm galt's ja auch nur, den verhaßten Nebenbuhler zu entfernen, darum bekämpfte er für den Augenblick ſeine Leidenſchaften, und wollte eben auf die Entfernung Friedrich's antragen, und damit ſich zufrieden geben, als die hereintretende Brigitte, einen lauten Schrei des Entſetzens ausſtoßend, auf Clara zuſtürzte, die, Zeuge des Auftrittes, Schlim⸗ mes für den Geliebten fürchtend, bei der durch die vorhergegangenen Auftritte erregten Spannung ihres Weſens, ohnmächtig in einen Lehnſtuhl geſunken war. „Auch das noch!“ rief ſchmerzlich der Saalſchultheiß aus, und ſtürzte zu der Jungfrau hin, bei der ſchon Friedrich beſchäftigt war. „Seid ohne Sorge, Herr Doctor,“ ſagte er ruhig zu Rima; „es iſt bloß eine vorübergehende Ohnmacht!“ Darauf flog er hinaus, und kam bald mit einer Phiole zurück, die er Brigitten gab. „Reibt ihr damit die Schläfe,“ ſagte er,„und löſet des Mie⸗ ders Schnüre— dann wird ſie alſobald das Auge aufſchlagen.“ So ruhig er auch ſprach, ſo hatte doch der Schrecken ihn bleich gemacht, und die Sorge um das geliebte, theure Weſen. „Die Sitte fordert,“ ſo wandte er ſich zu Bedrangle, daß wir Männer uns entfernen!“ treten. Alle Drei verließen nun das Gemach, um in ein anderes zu — 283— So ſehr auch der Schrecken Friedrichen beengt, die Ruhe war bei der Gefahrloſigkeit des Umſtandes wieder in ſeine Bruſt zurück⸗ gelehrt, und im andern Gemache angelangt, ſagte er mit Würde zu dem Spanier:„Ich habe vorhin bei der ſchimpflichen Beſchul⸗ digung, die Ihr auf mich geladen, vergeſſen, Beweiſe zu fordern. Ihr ſeid ein Ehrenmann, und werdet ſie hoffentlich nicht ſchuldig bleiben, da Ihr wißt, wie die Lüge in den Augen des Recht⸗ ſchaffenen brandmarkt!“ Dieſe Worte waren Donnerſchläge für den Spanier Seine Ehre ſtand auf dem Spiel, und— Beweiſe konnte er doch im Grunde nicht liefern. Sein Haß, ſeine Wuth war grenzenlos. „Es bedarf bei Eurer eignen Erklärung keiner Beweiſe,“ rief er aus.„Zudem bin ich einem Menſchen, wie Ihr ſeid, keine Rechenſchaft ſchuldig. Euch aber, Herr Saalſchultheiß, mache ich verantwortlich für jede Folge, die daraus entſteht, und ich muß bei Euch darauf beſtehen, daß Ihr einen gefährlichen Menſchen aus der Stadt ſchafft!“ Mit dieſen im höchſten Zorne geſprochenen Worten verließ er das Gemach, daß ſchallend die Thür in das Schloß fuhr. „Das ſind ſchlimme Händel,“ ſagte Rima.„Wenn Ihr nur nicht unvorſichtiger Weiſe Euch in Verlegenheit geſtürzt habt?“— „Seid ſorglos,“ ſprach Friedrich,„ich verlaſſe die Stadt heute noch, ſo ſchwer es mir wird, den Ort zu verlaſſen, der mir theuer geworden iſt. Eure Tochter iſt hergeſtellt, nichts hält mich mehr. Laßt mich ziehen!“ Aber der tiefe Seufzer, der ſich bei dieſen Worten des Jüng⸗ lings Bruſt entſtahl, der feuchtwerdende Blick ſtrafte das Wort ſeines Mundes Lügen. Rima ſah ihn lange und wehmüthig an. Er hatte ihn ja liebgewonnen, war ihm ſo hoch verpflichtet, und nun wollte der Trotzkopf von dannen, nun, wo er ihm ja hatte ſagen wollen, er, der heimatloſe Laborant, ſolle weilen bei ihm, ſein Brod mit ihm theilen, ihm in ſeinen Berufsgeſchäften helfen gegen ſchönen Lohn, den er reichlich beſtimmt. — 284— „Fort wolltet Ihr,“ hob er nach einigem Schweigen an— „fort von hier— da doch Clara's Geſundheit noch nicht völlig befeſtigt iſt? Fort wolltet Ihr in dieſen ſtürmiſchen Zeiten, einem ungewiſſen Erwerbe nachgehen, unter fremden Menſchen umher⸗ ziehen, und ſo Ihr erkrankt, ohne Pflege ſein?— Ach, ich hatte es anders im Sinne mit Euch. Hört mich an: Ich bin alt und ſchwach, ohne Hilfe in meinem ſchweren Beruf, ohne theilnehmenden Freund— er ſeufzte tief— in meiner Einſamkeit. Da dachte ich, Ihr ſolltet bei mir bleiben, und da Ihr in ſo manchen Künſten und Wiſſenſchaften bewandert ſeid, mir beiſtehen gegen einen Jahres⸗ gehalt, wie Ihr nur immer wünſchen möget, könntet Eure Kunſt nebenbei üben nach Eurem Gefallen, theiltet mein Dach und mein Brod, und hättet ſo eine Heimat und dankbare Freunde, ſo lange Gott mir die Tage hienieden friſtet. Zudem, ich ahne es, kommen ſchlimme Zeiten für dieſe Gegend und Stadt. Näher zum Rheine wälzet der Krieg ſeine verheerenden Feuerſtröme. Es wird vielleicht nicht der Morgen des Jahres 1632 anbrechen, und— das Bela⸗ gerungsgeſchütz wird um unſere Ohren donnern,— der Sturm vielleicht die Stadt dem Bedrangle entreißen, Plünderung und Raub unſre Habe bedrohen— Friedrich, ich bin alt— wer wird bei Clara, bei Brigitten mit freundlicher Theilnahme ſtehen zu Schutz und Schirm— wenn ich zu Grube fahre? Seht, auf Euch hatte ich gerechnet, Euch und mir zum Frommen, hatte mir ſo ein ſtilles, harmloſes Leben gedacht in unſerm kleinen Kreiſe, und heitere Stunden am Kamin in den kommenden trüben Wintertagen — und nun wollet Ihr trotzig von dannen ziehen? Ich biete Euch meine Hand— bleibt bei mir, ſo lange ich lebe!“ Er reichte ihm die Hand dar. Der Jüngling war von des Mannes Rede ergriffen, erſchüt⸗ tert. Rima war und blieb ihm ein Räthſel. Dieſer wohlwollende Mann war ein Feind der Proteſtanten, ein Verfolger ſeines Vaters, ein Räuber ſeiner Habe geweſen. Wie konnte, wie ſollte er das reimen? Er wußte, daß der Guardian ihn oft zu bereden ſuchte, den Ketzer aus ſeinem Hauſe zu verbannen, und jetzt wollte — 285— er ihn bei ſich behalten?— Solcherlei unvereinbare Zweifel entſtanden in ſeiner Seele— aber Clara, die Geliebte— ſollte er verlaſſen, jetzt, wo er bleiben konnte in ihrer Nähe?—— Er ſchlug ein in Rima's dargebotene Rechte und ſagte:„Ich bleibe bei Euch, ſo lange Gott und Ihr es wollt.“ Da leuchtete des Greiſes Auge vor ſtiller Frende. „H,“ ſagte er leiſe vor ſich hin,„ſo gibt es doch noch Menſchen, die mir wohl wollen?!“ Noch ſtanden die Männer Hand in Hand— da öffnete ſich die Thür und Clara, bleich wie eine Lilie, trat, auf Brigitten ſich ſtützend, herein. Ihr forſchender Blick glitt über des Vaters Züge auf die Friedrich's hinüber. Sie ſchien darin leſen zu wollen, ob dieſer Handſchlag der des Lebewohls oder der Vereinigung auf längere Zeit ſei.— Die zurückgekehrte Heiterkeit in Beider Mienen gab ihr bald dieſe Hoffnung, doch das Andenken an den frühern Auftritt, deſſen ſie Zeuge geweſen, das Beſtimmte in Friedrich's Worten:„Ich verlaſſe die Stadt und ihr Gebiet!“ flößte neue Zweifel ihrem Herzen ein. „Verlaßt Ihr uns wirklich?“ fragte ſie, und die Stimme bebte, die Bruſt hob ſich wie unter einer ſchweren Laſt. „Nein, mein Kind,“ antwortete ihr der Vater,„Friedrich bleibt bei uns, bis des Krieges dräuende Stürme vorüber ſind und ſein Donner. Er will mit uns theilen die Leiden der kommenden Zeit.“ Da flog ein friſches Roth über die bleichen Züge der Jung⸗ frau— da ergoß ſich neuer Strom des Lebens durch ihr Weſen, die Wolke, die auf der ſchönen Stirne gelegen, verſchwand und ein bezauberndes Lächeln begleitete die Worte:„Dank Euch, Friedrich, daß Ihr uns dies Opfer bringet!“— aber ängſtlich werdend in dieſem Augenblicke, wandte ſie ſich zu ihrem Vater:„Glaubt Ihr, daß der wüthende Spanier ſich zufrieden gebe?“— „Das wird ſich bald zeigen,“ ſprach ruhig der Schultheiß. Am Felſen bricht ſich der Welle Gewalt. Er wird an meiner — 286— Feſtigkeit ſtranden. Er fühlt ſich zu ohnmächtig hier noch zur Zeit, als daß er einen ſolchen Schritt, wie du dir ihn ne denkſt, wagte.“ O, daß es ſo wäre! ſeufzte Clara leiſe. 5 Ehe noch die Sonne unterging, jagten zwei Eilboten zu den Thoren hinaus, den einen ſandte Bedrangle nach Frankenthal, wo damals der wilde Frangipani gebot, um Verſtärkung bittend, den andern Rima an den Kurfürſten, perſönliche Sicherheit für Friedrich zu erwirken. Beiden wurde Gewährung. Doch Rima'n ſchneller, als dem Spanier, der vielmehr durch den rückkehrenden Eilboten die Weiſung erhielt, eine außerordentliche Brandſchatzung an Früchten, Wein, Vieh und baarem Geld in den Thälern zu erpreſſen. Auf den Fall hin, daß ſich das Volk empören ſollte, wurde dem Capitän⸗Lieutenant ein Fähnlein Reiter zur Verſtärkung verſprochen, die binnen drei Tagen eintreffen ſollten. Die Brand⸗ ſchatzung war ungeheuer, nicht nur an Geld, ſondern auch an Naturalien. Es war faſt unmöglich, daß ſie konnte geleiſtet werden von dem Volke, das durch Bedrangle bereits methodiſch ausgeſogen war. Dieſem ſtieg auf dieſe Kunde hin der Kamm. Noch immer tobte Eiferſucht und verſchmähter Liebe Groll im wilden Herzen. Lamego war auf allen Wegen, wo er Friedrich zu treffen hoffen konnte, umhergeſchlichen,— ohne ſein Ziel, ihn als Opfer ſeines Haſſes zu meucheln, erreicht zu haben. Zetzt forderte der Commandant ſeine Auslieferung von Rima mit diktatoriſcher Strenge. Er fürchtete doch, des Bogens Senne werde zu ſehr geſpannt, als daß ſie nicht reißen ſollte, und gerade dieſer kräftige Jüngling konnte ihm hier gefährlich werden. Obwohl Furcht ſeinem Soldatenherzen fremd blieb, ſo war es ihm doch keineswegs darum zu thun, das Volk zum Aufruhre zu reizen, weil dies für ihn ſelbſt und ſeine Sache von den nachtheiligſten nder über dem Haupte. Schnell ſprang er auf die ſteinerne Bank — 287— Folgen ſein konnte. Darum ſchwieg er noch von der neuen Liefe⸗ rung, zumal der heiße Sommer einen guten Wein verſprach, der nun bald geerndtet werden ſollte. Rima beachtete die Forderungen des Commandanten nicht. Aufs heftigſte erzürnt, ließ noch am Abend deſſelben Tages Bedrangle den Saal unſtellen mit ſeinen Leuten und trat gewaffnet in das Gemach Rima's, Friedrich's Auslieferung zu ertrotzen, im Nothfalle zu erzwingen. „Was erkühnt Ihr Euch?“ fragte ihn mit zornglühenden Augen der Saalſchultheiß.„Wer gibt Euch das Recht, einen Mann gefänglich einziehen zu wollen, gegen den keine Anklage vorliegt? Wer ermächtigt Euch, mein Haus zu umſtellen und den Burgfrieden zu brechen?“ „Ich!“ erwiederte mit Hohn der Commandant.„Ich fordere den Unruheſtifter!“ „Ihr verlaßt zur Stunde mein Haus!“ ſchrie mit Hitze Rima,„oder ich werde die Sturmglocke läuten laſſen, und auf Euer Haupt falle jeglicher Nachtheil, der entſteht!“ Bedrangle blieb ſich gleich.„Thut, was Euch beliebt,“ antwortete er,„allein ich fordere zum letzten Male den Verbrecher — oder wollt Ihr etwa ſein Thun unterſtützen?“ Da hielt ihm Rima die Acte des Kurfürſten entgegen, die Friedrichen Sicherheit und Unantaſtbarkeit ſeiner Perſon verlieh. Das brachte den Capitän⸗Lieutenant ein wenig außer Faſſung. Er begann allmählich einzuſehen, in welche Verlegenheit er ſich geſtürzt, und ſtand eine Weile unſchlüſſig da. Das Gerücht deſſen, was am Saale geſchehen, war indeſſen wie Feuerlärm durch die Straßen geflogen. Der Rath eilte auf das Rathhaus. Die Bürger ſtanden Kopf an Kopf drohend um die ſpaniſchen Soldaten, denen es unheimlich zu werden begann. Lamego eilte hinauf zu Bedrangle, ihm den Stand der Sachen zu melden. Während dies geſchah, drängte ſich der Schiffer Lauer durch den Haufen. Hoch ſchwang er ein eiſenbeſchlagenes Hand⸗ — 288— an der Thüre des Saals und haranguirte die Bürger.„Was ſteht ihr da,“ rief er mit einer Mark und Bein durchſchneidenden Stentorſtimme,„müßig und feig, wie Memmen? Seht ihr nicht, daß eine eurer bürgerlichen Freiheiten nach der andern von frecher Söldner Hand zertrümmert wird? Wollt ihr euch vollends zu Sclaven machen laſſen? Was man mit dem wackern Laboranten will, das iſt euer Loos früher oder ſpäter. Auf, Brüder! Einer ½ für Alle, und Alle für Einen!“„ „Einer für Alle, und Alle für Einen!“ riefen vierhundert Männerſtimmen mit aufgehobenen Händen. Raſch ſprang Lauer herab, und wollte eben mit wüthender † Wucht einen Spanier niederſchmettern— als das Volk ſich theilte, und der Rath langſam und ernſt daherſchritt. „Um Gottes Willen! beginnt keine Thorheit!“ rief der Rathsbürgermeiſter Heileß dem Lauer zu, der alsbald ſein Ruder ſinken ließ. „Laßt uns auf gütlichem Wege Frieden ſtiften, Mitbürger!“ redete er das Volk an.„Geht heim zu euren Geſchäften, und laßt den Rath walten, der euch vertritt.“ Eine augenblickliche Stille trat ein— doch das Volk ſtand. „Mit Gunſt!“ hob Lauer jetzt zu reden an—„wir wollen gerne heimgehen zu unſerm Herde, wenn ihr fortan kräftiger uns vertreten wollt, wenn ihr uns die Gewähr leiſtet, daß der Unſchuldige droben nicht in des Spaniers Gewalt kommt!“— „Ihr habt das Wort des Rathes,“ ſagte Heileß, und ſchritt mit den Gliedern des Rathes hinauf, wo Bedrangle mit Rima in heftigem Wortwechſel war. Andere Geſtalt gewann jetzt die Sache. Die Unterhandlung war kurz und ernſt, und nach einer Weile zog bleich Bedrangle dem Templerhofe zu, vor den er eine doppelte Wache aufſtellte⸗ Der Rath blieb verſammelt unter Rima's Vorſitz bis tief in die Nacht. . Auf Claren hatte der Vorfall nachtheilig gewirkt. Sie lag ohnmächtig an Friedrich's Herzen, über deſſen Gefahr ſie erſchrocken. X— 289— Sie ſchlang erwachend ihre Arme um ſeinen Nacken mit unend⸗ licher Freude, daß er nicht in Bedrangle's Gewalt ſich befand; allein das unſelige Ereigniß hatte ſie ſo ſehr angegriffen, daß ſie ſich zu Bette begeben mußte. Friedrich wachte die Nacht mit Brigitten. Er belauſchte jeden ihrer Athemzüge, und Brigitte ſchlief, wenn ſie mit ſtillem Flüſtern ihre Gedanken einander mittheilten und von der Zukunft ſprachen. Nach Mitternacht begab ſich Friedrich in ſeine Kammer, da keine Gefahr da war. Kaum war vom Lichte ſeine Kammer erhellt, als erſt leiſe und ſelten, dann öfter und ſtärker kleine Steinchen gegen die runden Scheiben des Fenſters flogen. Friedrich horchte. Es kam wieder eins, daß die Scheiben raſſelten. Er trat nun zum Fenſter. Der Mond war von Welken bedeckt, die im langſamen Zuge nur ſelten einen Blick deſſelben zur Erde fallen ließen. Bei einem derſelben war es ihm, als ſähe er unter den Kaſtanienbäumen eine ihm winkende vermummte Geſtalt. Anfänglich hielt er's für Tänſchung — da er aber das Fenſter öffnete, und deutlich ſeinen Namen ausſprechen hörte— wollte er in der Meinung, es ſei ein Kranker vielleicht irgendwo in der Stadt, der ſein begehre, ſchnell hinab⸗ eilen— doch an der Thüre begegnete ihm Brigitte, die noch etwas zu fragen gekommen war. „Wohin wollt Ihr doch?“ fragte ſie erſtaunt. „Man ruft mir unten,“ ſprach der Jüngling.„Wahrſcheinlich ein Kranker.“ „Das ich nicht wüßte,“ entgegnete die Stadtkundige—„Alles iſt wohlanf. Sceht Euch aber vor— dem Spanier iſt nicht zu trauen! Fragt erſt einmal, was er wolle?“ Friedrich lächelte über die Beſorgniß, allein es ſchien ihm zuletzt ſelbſt gerathen. Er trat ans Fenſter und fragte, wer es ſey? „Lauer!“ hallte es vernehmlich herauf. Aha! ſprach Friedrich zu ſich, und wollte ſchnell hinab. Doch abermals hielt ihn Brigitte.„So nehmt doch eine Waffe oder etwas zur Vertheidigung mit,“ ſagte ſie, ſich umſehend in der Kammer. Als ſie nichts anderes entdecken konnte, reichte ſie 1 33 — 290— ihm den Wanderſtab, der zum Unterſuchen der Steine und Mine⸗ ralien oben mit einem derben Eiſenhammer verſehen war. Friedrich nahm ihn lächelnd, ſich der liebevollen Beſorgniß freuend, und ging, von der leuchtenden Brigitte begleitet, die breiten Stufen hinab, öffnete die eichene Thür und trat hinaus. Die Geſtalt näherte ſich langſam. Es war Lauer nicht— denn der war rieſengroß. Friedrich, ſelbſt argwöhnend, zog ſeinen Stock an. „Was wollt Ihr in ſo ſpäter Stunde?“ fragte er. „Das!“ krächzte eine Stimme, die ihm wildfremd war, und im Glanze des eben herabfallenden Mondlichtes ſah Friedrich den hellen Strahl eines Dolches, der auf ſeine Bruſt gerichtet war. Eine raſche Wendung— und der Stich glitt ab— und ein fürchterlicher Schlag ſeines Hammerſteckes traf des Meuchlers Haupt. Mit einem ſpaniſchen Fluche ſtürzte er zuſammen— ehe aber der betäubte Friedrich ihn zu faſſen dachte, raffte er ſich auf, warf den Dolch nach ihm und eilte von dannen.— Brigitte, von böſen Ahnungen getrieben, hatte gelauſcht, und war Zeuge der That. Mit einem Schreie des Entſetzens ſtürzte ſie heraus. „Seid Ihr verwundet?“ fragte ſie mit Zittern. Friedrich riß den Dolch aus dem Kaſtanienbaum, in deſſen Rinde er tief eingedrungen war, und wies ihr ihn.„Es iſt kein Blut daran,“ ſagte er. „Dank der Heiligen, die Euch beſchützt,“ ſagte ſie, vergeſſend, daß er Proteſtant war, und zog ihn herein, indem ſie ſchnell die Thür abſchloß. „Auf Euch alſo iſt es abgeſehen,“ ſprach ſie, noch immer zitternd,„Ihr dürft nicht mehr aus dem Saal.“ „Um aller Heiligen Willen, was iſt geſchehen?“ fragte jetzt Rima, der, durch Brigitten's Angſtgeſchrei erweckt, aus ſeinem Gemache ſtürzte. Friedrich wies ihm den Dolch und erzählte ruhig den Vorfall „Schändlich! ſchändlich!“ rief empört der Saalſchultheiß. Alſo dieſe Wege ſchlägt der Schändliche ein, wenn offene Gewalt nicht zum Ziele führt!“ 21— „Herr Doctor,“ hob jetzt Friedrich an,„es wäre beſſer, ich wäre jenſeit den Mauern dieſer Stadt. Ich fürchte, daß ich Euch noch Unangenehmes zuziehe. Entbindet mich meines Worts, und laßt den Fremdling ziehen.“ „Fremdling?“ antwortete Rima,„nein, fremd iſt mir der Retter meines Kindes nicht; vielmehr mir und meinem Herzen nahe verwandt; aber die Pflicht der Dankbarkeit heiſcht es, daß ich ſelbſt auf Eure Entfernung denken muß. Euer Leben iſt nun nicht mehr ſicher. Faſt ahne ich, was den Schändlichen ſo feindſelig macht. Laßt uns noch dieſe Nacht überlegen, was zu thun iſt.“ Sie gingen hinauf. Clara ſchlief ſanft. Sie ahnte nicht, wie nahe der Tod dem Geliebten geweſen war. Der Tag begann eben zu grauen. Bleich ſtand der Vollmond am klaren Firmamente, da ſchlich Lauer, vom Stadtknechte gerufen, in den Saal, und mit ihm Zinkgräf, Beide als entſchloſſene Männer dem Saalſchultheißen bekaunt. Dieſen theilte er das Vorgefallene mit, und verſprach reichen Lohn, wenn ſie den Jüngling dieſe Nacht heimlich aus der Stadt brächten. „Lohn?“ fragte Lauer.„Nein, Herr Schultheiß, für Lohn thue ich nichts. Aber mein Leben ſetze ich ein für den Jüngling, den ich lieb gewann— als er mit Euch in die Stadt kam— weil— weil er eine ſo treffende Aehnlichkeit mit Friedrich Inſelius, unſeres unglücklichen Predigers Sohn hat, den ich herzlich liebte, und weil er als Fremdling ſo viel Antheil an unſerem Geſchicke nahm.“ Bei der Nennung des Namens Inſelius fuhr ſchnell der Saalſchultheiß herum und ſah Friedrich an.„In der That, Lauer, Ihr habt Recht. Wußte ich doch nicht, wodurch er mir gleich Anfangs ſo bekannt vorkam.“ Friedrich wußte kaum ſeine peinliche Verlegenheit zu verbergen. Der Saalſchultheiß lenkte gefliſſentlich, wie es ſchien, das Geſpräch wieder auf Friedrich's Entfernung. „Laßt uns ſorgen,“ ſprachen die Männer,„wir bringen ihn ſicher aus der Stadt.“ 13 — 3 „Ich bitte euch, ſagt mir wie?“ bat Rima,„damit mein Herz die bange Beſorgniß beſchwichtigen könne.“ „Wir ſteigen zur Mitternachtsſtunde in den Münzbach hinab⸗ waten in ſeinem Bette leiſe unter dem Bogen am Münzthore hindurch, ſchlagen uns dann links durch den Ketzer*) und ſuchen die Vogtswieſe**) zu gewinnen. Der Hunnsrücken iſt uns dann offen; aber wohin wollt Ihr denn, Meiſter?“ fragte nun den Laboranteu der wackere Lauer. Der war mit ſeinen Gedanken bei Claren, und fuhr bei der Anrede wie aus tiefen Träumen auf.„Das weiß ich noch nicht,“ antwortete er verwirrt. „Könntet Ihr Euch doch in unſerer Nähe halten— doch nein,“ verbeſſerte ſich Rima,„dann ſeid Ihr nicht ſicher.“ „O,“ rief hier in überwallendem Gefühle der Jüngling,„weit weg kann ich nicht,“— doch plötzlich ſchwieg er beſchämt, als habe er etwas geantwortet, was nicht recht ſei. Die Männer ſchieden nun wieder durch die Hinterpforte, wie ſie gekommen. Die Sonne war ſchon aufgegangen. Ans Ruhen war nicht mehr zu denken; darum blieben Rima und Friedrich auf und ſprachen noch über den Mordanfall, Gott dankend für die glückliche Rettung. „Ihr werdet wohl thun, wenn Ihr Euch in Simmern auf⸗ haltet,“ meinte Rima,„dort ſeid Ihr geborgen, und dort weiß ich dann Euch zu finden zur Stunde der Noth.“ Friedrich verſprach's, ob er gleich im Herzen einen andern Plan hegte, den er indeſſen, um den Greis, um Clara nicht zu beunruhigen, ſorgfältig verſchwieg⸗ Noch ſaßen ſie im Geſpräche vertieft, als Clara, friſch erblüht ie die junge Maienroſe, die der Thau erquickt, in das Gemach trat. Sie wußte nichts von dem, was im Laufe der letzten Nacht ) Eine Gegend am Stromufer unterhalb der Stadt, wo, wie die Sage geht, einſt ein Ketzer verbrannt wurde.— Altes Manuſcript. *) Der Berg nordweſtlich von der Stadt. Heute iſt der Name in Vogels⸗ wieſe verändert. —— — 293— ſich zugetragen. Der Dolch machte ſie aufmerkſam. Sie ergriff ihn und las: Lamego.„Wo iſt dieſer Dolch her?“ fragte ſie erbleichend— als ahne ſie etwas Entſetzliches. Da erzählte ihr der Vater die Schandthat, und wie es nöthig ſei, daß Friedrich die Stadt verlaſſe. Da ſiel eine Centnerlaſt auf ihr Herz, und der Liebe Weh empfand ſie mit aller Bitterkeit. Sie zerdrückte die Thräne, die den Blick verfinſtern wollte, und ſchloß in ihre Bruſt ihren tiefen Schmerz. So groß auch beider Sehnſucht war, eine Stunde zu koſen in ſtiller Einſamkeit, ſo war dieß dennoch heute nicht thunlich, da der Vater ſtets in Friedrich's Nähe blieb.— Blicke nur konnten ſie wechſeln, aber dieſe Sprache iſt reicher noch, als jede andere, und gab ihren Herzen ſüßen Troſt. Blitzſchnell flog der Tag. So heiter er angebrochen, ſo trübe wurde der Abend. Aus Nordweſten trieb der Sturm dicke Wolken⸗ maſſen am Himmel hin, und peiſchte ſie zu flüchtiger Eile. Noch ehe der Schlaf die Welt in ſeine Feſſeln legte, heulte der Sturm entſetzlich und ſchlug den Regen gewaltig an die Fenſter. Seufzend blickte Clara in die Sturmnacht, die bisweilen von einem fernen Blitz erhellt wurde, hinaus, und bedauerte den Geliebten, der in ihr wandern ſollte, wie ein Verbrecher. Rima freute ſich des Wetters.„Die Thurmwache am Münzthore ſucht Obdach,“ ſprach er,„denn da oben hält es Niemand aus; ſo könnt Ihr allein ſicher entkommen.“ Friedrich meinte das auch, und verſank bald wieder in das wehmüthige Schweigen, dem ſich der Menſch ſo oft beim Scheiden von theuren Weſen hinzugeben pflegt, fürchtend, der Stimme Bewegung offenbare des Gemüthes Stimmung. Gegen zehn Uhr kamen die Führer.„Es iſt Alles ſicher bis jetzt,“ ſprachen ſie,„denn Bedrangle liegt berauſcht im Templerhof am Boden, und ſeine Leute thun ſich gütlich. Das Wetter iſt erwünſcht, darum laßt uns nur noch eine kleine Friſt zögern.“ 5 „Man brachte nun Friedrich's Medicamentenkaſten, den Lauer zu tragen ſich nicht nehmen ließ. Man trank zum Lebewohl einen Becher Feuerwein, in den aus Clara's Auge eine Thräne rann, ₰ als ſie bebend ihn Friedrichen kredenzte, und bald darauf war die Scheideſtunde, die bittere, da. Der Jüngling lag an Rima's Bruſt.„Gott ſegne dich, mein Sohn,“ ſprach gerührt der Greis. „Vergelten kann ich dir nicht, was du an mir thatſt. Ich bleibe dein großer Schuldner.“. Er führte ihn zu Clara.„Du dankſt nächſt Gott ihm dein Leben, Clara; vergiß es nicht,“ ſprach er zu ihr; und das Mädchen ſchlang ihren Arm mit Heftigkeit um ſeinen Nacken, drückte einen Kuß auf ſeinen Mund, und flog dann ſchnell aus dem Gemache. Friedrich ſtand betäubt. Rima wußte nicht, was er ſagen ſollte. Ihm dämmerte jetzt eine Ahnung in der Seele— der Grund des Haſſes von Bedrangle trat klarer vor ſein inneres Auge. Sie liebt ihn— ſagte er zu ſich ſelbſt. Sah ich dann das nicht?— Gut, ſetzte er dann hinzu, daß er ſcheidet; denn einem Proteſtanten ſoll Clara ihre Hand nicht reichen, und einem Laboranten?— Nein.— Friedrich ſchied, kühler entlaſſen von Rima, als es nach ſeinen früheren Gefühlsäußerungen zu erwarten ſtand, von Brigitten aber mit den wärmſten Segenswünſchen begleitet. Ohne bemerkt zu werden, verließen die drei Männer den Saal, ſchlichen über den Markt, und ſtiegen neben der Münzbrücke in den ziemlich ausgetrockneten Bach hinab, und wadeten in ſeinem Bett abwärts, glücklich das Freie erreichend. „Gottlob!“ rief Lauer, als der Ketzer hinter ihnen lag, und ſie von der Vogtswieſe herab die Stadt tief unter ſich ſahen, nun ſind wir außer dem Bereiche ſpaniſcher Kugeln, und können nach unſerer Bequemlichkeit die Straße nach Simmern einſchlagen. „Mit Nichten, Freunde,“ nahm Friedrich das Wort, indem er vom Kamme des Berges zurücktrat, wo er der Geliebten noch einmal einen Kuß zugeworfen,„mein Weg führt ins Dickicht des 3 Svponwaldes. Am des Kandrich*) wohnt eine Köhlerfamilie mit dem Donnersberg und den Höhen des Taunus correſpondirt. *) Eine Höhe des Soonwaldes, unweit des Dörfleins Dichtelbch. der — 295— treu wie Gold, dort habe ich früher, ehe ich zu Rima kam und meine Vaterſtadt wieder ſah, mehrere Wochen gelebt und die wohl⸗ thätigen Pflanzen geſammelt, die dort wild wachſen. Wißt Ihr den Weg dahin?“— Lauer ſtand vor ihm und ſah an, ſo viel es die Dunkel⸗ heit zuließ, ſtarr und ſtumm. Dann brach er in die Worte aus: „Eure Vaterſtadt ſahet Ihr wieder?— Bacharach Eure Vaterſtadt? — Dann hat mich mein Auge und mein Gefühl nicht getäuſcht, dann ſeid Ihr Friedrich Inſelius, unſeres vertriebenen Predigers Sohn!“ Friedrich erſchrack. Es war das Wort ihm entſchlüpft, daß er es bedacht. Was ſollte er thun? Leugnen mochte er nicht und auch nicht lügen; darum ſagte er:„Da mir denn das unbe⸗ wachte Wort entſchlüpft, ſo mögt Ihr denn die Wahrheit wiſſen, die ich geheim halten wollte, ja, ich bin Friedrich Inſelius!“ Da faßten die Männer ſeine Hand, und drückten ſie mit Rührung. „Segne Euch Gott!“ ſagte Zinkgräf.„Wo iſt Euer Vuter? Lebt er noch?“ Jetzt mußte Friedrich erzählen. Der Regen hatte allmählich nachgelaſſen, was ihnen ſehr zu ſtatten kam. „O, darum nahmet Ihr Euch unſerer ſo an!“ ſagte Lauer, „weil Ihr uns liebtet und ein Bacharacher Kind waret, wie wir“ „Da ihr's nun wißt, ſchwört mir, das Geheimniß zu bewah⸗ ren,“ bat Friedrich ſeine Führer,„bis zu dem Punkte, wo ich ſelbſt euch des Verſprechens durch Nennung meines Namens entbinde.“ Sie gelobten es ihm heilig und theuer, und nun fröhlich fürbaß. „Siehſt du nun, Zinkgräf,“ warf unterwegs Lauer dieſem or,„wohin deine Klugheit führt? Du ſiehſt das Gras wachſen und hörſt die Flöhe nießen, und rufſt höflich dein: Proſit! aber das, was klar vor Angen liegt, ſiehſt du nicht. Damals, als nerich mit Rima in die Stadt einzog, ſah und erkannte ich ihn — 296— trotz dem kleinen Nebel, der vor meinem Blicke lag.— Du aber führteſt mich mit Hohn und Spott ab von der Fährte.“ „Hätte ich mir's doch auch nicht träumen laſſen,“ entſchuldigte ſich dieſer.„O, daß Ihr nun flüchten müßt vor dieſem Teufel— das will mir nicht zu Kopfe.“ „Ich bleibe in eurer Nähe,“ beruhigte ihn Friedrich.„Fällt etwas vor, ſo dürft ihr auf meinen Arm rechnen. Dann ſteckt nur dort am Rabenkopf ein Feuer an,— ich ſehe es von der Köhler⸗ hütte aus, und ich fliege in eure Mitte. Hofft und vertraut; die Stunde der Erlöſung iſt näher als ihr denket. Er wird kommen, der Schwedenheld, der unſeres Glaubens Stütze iſt.“ Mit dieſer Hoffnung und der frendigen Gewißheit, daß Inſe⸗ lius einſt wiederkehren und Rettung bringen werde, mit der Frende im Herzen, Friedrich, den Sohn des geliebten Predigers, wieder gefunden zu haben, kehrten die Männer heim; Friedrich aber trat in die Köhlerhütte, wo er einſt dem Häuflein Kinder den Vater von einer ſchweren Krankheit geheilt, und ein jauchzendes„Will⸗ kommen!“ tönte ihm entgegen. Mit unbeſchreiblicher Freude nah⸗ men ihn die guten Naturmenſchen auf, die noch erhöht wurde, als ihnen Friedrich ſagte, er weile dießmal länger bei ihnen. Er richtete nun ſein Kämmerlein ein, kramte ſeine Sachen aus, um einen ſcheinbaren Anzug daraus hervorzunehmen. Siehe, da lag eine Rolle blankes Gold, welches Rima hineingelegt. Friedrich ſchob es auf die Seite. Da fiel ſein Auge auf eine kleine Kapſel — er öffnete ſie bebend— und— eine von Claren's Locken lag in ſeiner Hand, und auf das ſie unſchlingende himmelblaue Band war geſchrieben:„Treu bis zum Tode!“ Da jauchzte der Jüngling hoch auf und drückte ſtürmiſch das unſchätzbare Kleinod an ſeine Lippen, und Thränen der Wonne benetzten es. Dann kniete er begeiſtert nieder, hob ſeine Hand empor und rief: Treu bis zum Tode! — 297— VI. Der Sommer flog dahin; die gelben Blätter ſielen auf die Erde; die Felder blieben öder und öder, da auch die letzte Erndte eingeſammelt war. Rauh pfiff der Wind durch die Stoppeln. Die Zugvögel verließen die Sommerheimat, ein fernes Vaterland zu ſuchen.— Die Weinleſe mit ihren Freuden war in den Thälern längſt vorüber, der Moſt ſchon Wein geworden.— Zene Zeit war da, wo mit Wehmuth das Gemüth das Scheiden der ſchönern Jahreszeit wahrnimmt und mit Sorge die Wintertage kommen ſieht. Einzelne recht kalte Tage waren ſchon da geweſen. Friedrich weilte noch immer in der Köhlerhütte, und bereitete aus den geſam⸗ melten Kräutern ſeine Salben und Eſſenzen. Oft hatte ihn die Sehnſucht nach der Geliebten mit aller Gewalt ergriffen,— aber er drückte ſein theures Kleinod ans Herz und ſagte leiſe: Treu bis zum Tode! und trug ſtill die bittere Nothwendigkeit. Oft war indeſſen Lauer bei ihm geweſen, und hatte ihm berichtet, wie es ſtehe in der Stadt, und was Clara mache. Sie war bleich und traurig. So lautete jedesmal die Botſchaft. Einſt aber kam Lauer wieder. Auf ſeinen Zügen las Friedrich eine ſeltſame Bewegung Was bringt Ihr?“ fragte er ihn ſchnell.! „Hadert nicht mit mir,“ ſagte demüthig der Schiffer,„ich habe meinen Schwur gebrochen.“ „Um Gott,“ rief Friedrich,„wie konntet Ihr das?“ „Verdammt nicht unerhört,“ bat er.„Clara hatte ich ſeit acht Tagen nicht geſehen. Die Angſt trieb mich zu ihres Vaters altem Diener. Ich frage und— höre, ſie liege wieder kränkelnd darnieder, weil ein ſchweres Leid ihr Herz preſſe. Da konnte ich's nicht mehr ertragen, denn ich wußte, welch ein Leid es ſei, das Leid um Euch, aus Liebe zu Euch. Und ich nahm mir ein Herz und ging zu ihr, als Rima im Rathe war, und ſagte ihr, wo Ihe wie Ihr allemal nur nach ihr fragtet, wie ich Euch Kunde 2 13* — 298— 0 brächte. Herr, da hättet Ihr ſehen ſollen, wie das Leben friſch erſtand, wie die Röthe auf die bleichen Wangen zurückkehrte, und das trübe Auge ſich aufklärte! Sie richtete ſich raſch auf und ſah mich forſchend an, ob ich ſie nicht auch täuſche. Sprecht Ihr wahr, Lauer? fragte ſie ſo weich, ſo wehmüthig, daß es mir tief in das Herz drang. So wahr, ſagte ich, als Ihr mein Weib und Kind pflegtet mit Erbarmung, als ſie dem Tode nahe waren. Ich verſprach ihr ein Zeichen von Euch zu bringen.— Ach, da lief mir, als ich die Freudenthräne des Engels ſah, der ſo mild iſt, der Verſtand davon, und ich redete mehr, als ich verantworten konnte, ich nannte Euren Namen, Friedrich! da erſchrack ſie freudig. Sie ſtarrte mich an,— aber es war Wonne des Himmels in dem Geſichte. Sie faßte meine rauhe Hand und drückte ſie mit Innig⸗ keit, und ich mußte ihr erzählen, wie Ihr Euch verrathen, und Alles, was ich wußte. Sie war geſund, völlig geſund. Habe ich nun gefehlt, ſo ſtraft mich. Ich konnte nicht anders, und die Freude, die ich noch jetzt im Herzen fühle, wo ich Euch dies erzähle, ſagt mir, ich habe nichts Uebels gethan. Friedrich konnte nicht zürnen, ſo ſehr er auch wünſchte, es möge des Räthſels Löſung ihm ſelbſt geblieben ſein.„Und wird es ihr Vater auch wiſſen?“ fragte er Lauer'n.„Nein,“ antwortete der beſtimmt.„Darauf dürft Ihr Euch feſt verlaſſen, denn ſie hat mir's geſchworen.“ Lauer ging nun ſchnell auf die Lage der Stadt über. Er gab Friedrich eine ſchaudererregende Beſchreibung der Bedrückungen, denen das unglückliche Bacharach faſt erlag, und ſagte ihm, wie wieder eine neue Brandſchatzung beſohlen ſei, fürchterlicher als alle, da die Mittel erſchöpft ſeien. „Und werdet Ihr ſie zahlen?“ fragte Friedrich. „Nein!“ rief Lauer, und ballte die nervige Fauſt.— Nein, ſo wahr uns Gott helfe. Lieber ſoll Alles aufs Spiel geſetzt werden! Iſt es denn nicht eins am Ende, ob ich im„hrlichen Kampfe falle oder verhungre?— Falle ich, ſo ſehe ich doch m der Meinen ſchauderhaften Tod!“ „Wohlan!“ ſprach Friedrich.„Vergeſſet das Feuerzeichen nicht, und mein Arm ſoll euch nicht fehlen in der Stunde der Gefahr.“ Er verabredete nun mit Lauer beſtimmte Maßregeln, und entließ ihn dann mit der Weiſung, durch die Thäler zu gehen, um hier mit den Gleichgeſinnten das Nöthige zu beſtellen. Auf ein Blättlein aber ſchrieb er:„Treu bis zum Tode!“ und ſandte es der Geliebten. Eine Woche nach der andern verſtrich, Lauer ließ ſich nicht ſehen. Friedrich's Unruhe kannte keine Grenzen. Ungewöhnlich frühe war der Winter eingetreten. Faſt ohne Uebergang war auf die milderen Herbſttage der ſtrengſte Froſt gefolgt. Ein tiefer Schnee deckte Forſt und Höhen. Alles Leben war erſtorben in der Natur, während in den Thälern und in der Stadt alle Kräfte in feindſeliger Gähruno waren. Die hohen Bäume des Waldes krachten unter der Laſt des Schnee's und Reifes zuſammen. Gewaltige Eismaſſen hemmten bald des Rheines Lauf, den ein trockener Nachſommer ſeicht gemacht. In der Schlucht am Lurlei, wo, ſeit Gvarius hier des Herrn Wort predigte, die Fiſcher dem ſteigenden Salmen auflauerten, hatte bereits das Eis ſich gethürmt und des Stromes Lauf gehemmt. In wenigen Tagen ſetzte ſich das Eis feſt bis zum Mäuſethurme, ſo feſt, daß die kecken Ufer⸗ bewohner über die Decke weggingen, herüber und hinüber. Die ſtrenge Kälte dauerte anhaltend fort bis in den December. Da trat ſchnell und heftig Thauwetter ein, einen ſchweren Eisgang verheißend. Es war in dieſen Tagen, als bei einem ſtarken Süd⸗ winde gegen Abend der Knabe des Köhlers in die Hütte ſtürzte, wo Friedrich nun ſchon lange im Schvoße dieſer friedlichen Familie lebte, und ausrief:„Das Feuerzeichen lodert auf dem Rabenkopfe!“ Das traf wie ein elektriſcher Schlag den Jüngling und den treuen Köhler. — — „Glück auf!“ riefen Beide kampfluſtig. Der Köhler ergriff eine rieſige Keule und Friedrich ſeinen Hammerſtab, und, einen flüchtigen Gruß den Zurückbleibenden bietend, flohen ſie mit Blitzes⸗ ſchnelle dem Rabenkopfe zu. Das Feuer glimmte noch— aber Niemand war dabei.„Es hat Eile!“ rief Friedrich.„Raſch jetzt die Steeger Thalſchlucht hinab, zur Mönchrinne bei Nauheim,*) dort treffen wir Jemanden!“ Und im Fluge ging's die Thalſchlucht hinab. In Steeg ſah man Niemanden. Die Furcht hatte die Bewohner eingeſchüchtert. Ihre Erfahrungen waren zu ſchrecklich, um ſich leichtlich neuen Bedrückungen bloßzuſtellen. 5 Unaufhaltſam eilten ſie vorwärts im Thalgrunde, bis ſie endlich die Mönchrinne erreichten. Eine Mannsgeſtalt trat daraus hervor. An der rieſigen Größe erkannte Friedrich den Schiffer. 5 Er gab das Loſungswort, und Lauer zog ihn in die Vertie⸗ 4 fung, wo die Quelle rann. „Es hat ſich Schreckliches ereignet in unſerer Stadt,“ hob er mit gedämpfter Stimme an.„Ihr wißt, daß wir uns aufgelehnt gegen die harte Brandſchatzung. Heute früh rückten durch das † Oberthor zwei Fähnlein Reiter in die Stadt. Bedrangle forderte zum letzten Male das Unerſchwingliche von dem Rathe, mit dem Zuſatze:„wenn nicht bis zur Veſperſtunde Alles an Geld, Vieh⸗ Wein und Früchten geliefert ſei, was er heiſche, ſo werde er den Rath gefangen nehmen und, ihn züchtigend, als Geißel nach Stahleck führen; auch ſämmtliche Truppen als Execution in die Häuſer der Bürger legen mit voller Freiheit, zu thun, was ihnen ¹ Die Mönchrinne bei dem Weiler Nauheim iſt(etwa 1500 Schritte von Bacharach entfernt) ein herrlicher Brunnen, der aus einer hohen Ummauerung hervorfließt. Der Name Mönchholz für eine nahe Berg egend läßt vermuthen, daß vielleicht in ganz frühen Zeiten hier ein Kloſter ſtand. Spuren finden ſich jetzt keine mehr. Nach richten fehlen. — 301— gut dünke“ Mit Entſetzen erfüllte dieſe Drohung die Bürgerſchaft. Zum erſten Male ſtellte ſich Doctor Rima an die Spitze der Bürgerſchaft, während der Guardian und der pfälziſche Vogt die Bürger ermahnten, unterthan zu ſein der Obrigkeit, und erklärten, es könne und werde der unerſchwinglichen Forderung nicht genügt werden— und brauche der Commandant Gewalt, ſo müſſe Alles auf ſeinen Kopf fallen, was ſich ereigne. Der Rath war, als er dieſe Botſchaft nach Stahleck ſandte, verſammelt geblieben, über die ferneren Maßnahmen zu berathen. Da erſchienen plötzlich die Reiter, die bis jetzt in der Kellerei herbergten, und umringten das Stadthaus. Bedrangle tritt mit bloßem Schwerdt in den Saal des Rathhauſes und erklärt dem Rathe, er ſei ſein Gefangener. Umſonſt proteſtirt Rima.— Der ganze Rath wird auf das Schloß abgeführt, ehe die Bürger ſolche Unbill ahnen und zu hindern im Stande ſind. Wie ein Donnerſchlag trifft ſie die Nachricht. Alle ſtehen für Einen und Einer für Alle. Die Oberthäler harren und ſind des Winkes gewärtig. Es fehlt der Bürgerſchaft ein Haupt, ein Führer. Ihr ſeid unſer Mann, auf Euch berüht unſere Hoffnung. Die Spanier ſind ſchwach, die Reiter im engen Raume unbrauchbar, und wenn ſie abſitzen, ſind wir überlegener. Euch ruft die Stadt zur Rettung, Euch ruft Clara zur Rettung des Vaters, der in den Händen des Wütherichs iſt. Hört, wie er ſich gegen die Wehrloſe benahm: Kaum iſt Rima in Haft, ſo beſetzt Bedrangle die Zugänge des Kummerhofs und eilt in Claren's Gemach. Er macht der Geängſteten die frechſte Liebeserklärung, und nennt ihre Gunſt das Mittel der Befreiung ihres Vaters. Mit Hohn und Verachtung weiſt ihn die Jungfrau ab. Da faßte er ſie in ſeine Arme und will lüſtern den kenſchen Mund entweihen. Mit Rieſenkraft ſchleudert aber das heldenmüthige Mädchen den Verworfenen zurück und enteilt den umſtrickenden Armen. Plötzlich ſteht ſie auf dem Geſimſe des Fenſters: drohend, ſich hinabzuſtürzen, wenn er es wage, ſich ihr zu nahen. Das ſieht das Volk. Clara, ie es wie eine Heilige verehrt, iſt in Gefahr! Das iſt genug, Alle in einen Willen zu einigen. Wir ſtürmen den Saal, ſchlagen 1 die Spanier heraus, befreien Clara. Es gab blutige Köpfe— aber— Dank dem Herrn! ſie iſt gerettet im Heileß'ſchen Hauſe. Ich bin ſtolz auf meine Stirnwunde,“ ſchloß er,„denn ich habe ſie für den erworben, der meines Hauſes Schutzengel war!“ Friedrich drückte dankbar ſeine Hand.„Gott lohn's Euch!“ ſagte er mit Wärme. Er hatte erbleichend Lauer's Erzählung angehört. Jetzt rief er aus:„Was zaudern wir? Jede Stunde iſt unendlicher Verluſt! Wohlauf, das Recht muß ſiegen!“ Mit dieſen Worten wollte er über den Mühlendamm dem Thore zueilen. Lauer hielt ihn zurück. „Durch unzeitige Haſt könnt Ihr Alles verderben!“ ſprach er.„Höret erſt unſeren Plan. Die Schweden nahen. Guſtav Adolph iſt vor Mainz und wird bald Meiſter der Stadt ſein, dann iſt die Hilfe nahe und die Rettung. Wir ſenden Eilboten an ihn, und er verläßt uns nicht. Darauf gründen wir unſere Hoffnung. Unſer Plan iſt, auf allen Punkten zugleich anzugreifen, wo Spanier ſind, mit Ausnahme des Schloſſes, für das wir zu ſchwach ſind, bis die Thäler uns zu Hilfe eilen. Fürs Erſte gilt es, Euch unbemerkt in die Stadt zu bringen. Noch deckt das Eis den Münzbach am Thore, wo er durch einen Bogen in die Stadt fließt. Laßt uns vorſichtig ſein, denn auf dem Holzthurme befinden ſich dreißig Mann Beſatzung. Der Corporal iſt aus Alba's Schule und ſchlau. Einer nach dem Andern muß auf dem Bauch über das Eis rutſchen, und ſo unbemerkt in die Stadt zu kommen ſuchen. Die Nacht iſt finſter, und Aller Aufmerkſamkeit iſt auf das krachende Rheineis gerichtet, das dieſe Nacht noch brechen muß, da die Waſſermaſſe die Decke ſchon gehoben und der Druck von oben herab es ſchon dreimal ſeit Sonnenuntergang in Bewe⸗ gung geſetzt hat. Die Bewegung in der Stadt iſt natürlich, da vie Bewohner des untern Stadttheils ihre Habe in den obern flüchten, indem ein hohes Waſſer zu befürchten ſteht. Auf der S auer ſind alle Verbündeten verſammelt. Steckt dieſe weiße auf Euren Hut, daran erkennen ſie Euch. Wir wiſſen der „ — 303— Spanier Feldgeſchrei. Es lautet: Jeſus, Maria! Das unſere iſt: Inſelius! Ihr ſchlüpft zuerſt hinein. Bei dem alten Hollunder⸗ ſtamm, an den Gerbereien, erwartet Ihr den Köhler und mich. Zu gleicher Zeit muß der Zollthurm, der Sonnenthurm, der Krahnenthorthurm, der Diebsthurm und der am Marktthor erſtürmt werden. Der Holzthorthurm zuletzt. Der wichtigſte iſt der Münzthurm. Er hat vierzig Mann Beſatzung und Lamego hat den Befehl. „So ſtürme ich den!“ rief Friedrich, und in ſeiner Seele glühte der Wunſch, Clara zu ſchützen, da das Heileß'ſche Haus neben der Münze, in der Nähe dieſes Thurmes, lag. „Doch— wo iſt Bedrangle?“ fragte er Lauer'n.„Könnten wir den gefangen nehmen, ſo wäre die Sache ſchnell entſchieden!“ „Der hat wohlweislich den Templerhof verlaſſen,“ ſagte grimmig Lauer,„und ſich hinter Stahlecks Baſtionen zurückge⸗ zogen, wo ihn ſeine Feldſchlangen und Falconets ſchützen vor des Volkes Wuth.“ Friedrich's Aüge flammte. Thatendurſt erfüllte ſeine Bruſt. Er eilte jetzt raſch vorwärts, doch ſo leiſe und vorſichtig, daß man kaum in geringer Entfernung ſeine Schritte vernahm. Jetzt war er bei dem niedern Bogen, wodurch der Münzbach in die Stadt ſich ergoß. Noch war hier das Eis nicht geſchmolzen. Hohl dröh⸗ nend wälzte ſich das Waſſer darunter weg in die Stadt. Hier warf er ſich auf das Antlitz nieder und gelangte, über das Eis rutſchend, glücklich, ohne bemerkt zu werden, in die Stadt zu dem bezeichneten Hollunderſtamme, wo er der Folgenden mit Ungeduld erwartete, die bald auf gleiche Weiſe ihm folgten. Lauer führte ſie nun auf felſigem, gefährlichem Pfade hinter den Häuſern des Holzmarktes weg auf den Friedhof der Petri⸗ und Paulskirche. Hier ſtand der alte Wächter Bernhardi, der Friedrich mit Freudenthränen begrüßte und ſie durch dos Seiten⸗ 6 thor in die Stadt ließ. Vom Templerhofe her dröhnte das wilde Bacchanal der Spanier. Unangefochten gelangten ſie die Markt⸗ gaſſe hinab zur Stiege, die zum Mauergange neben dem Markt⸗ thorthurme führt. Kopf an Kopf ſtanden die Bürger oben, aber nur Männer, alle zum Kampfe bereit und gerüſtet. Die Spanier ahneten nichts. Sie ſahen von den Thürmen dem ſchauerlichen Schauſpiele zu, das ihnen der, ſeiner Feſſeln ſich entledigende Strom ſo bedeutungsvoll gab. Gegen zehn Uhr trat der Mond aus dem zerriſſenen Gewölke hervor, das ihn bisher gänzlich verhüllt hatte. Die Luft war lau und mild. Der weiche Südwind jagte die Wolken mächtig vor ſich her gegen Norden. Das Waſſer brauſte hohl und ſchrecklich über und unter der ſtarken Eisdecke, die unter ſeiner Gewalt krachte, als ſollte eine Welt in Trümmer gehen. Das Schwellwaſſer trat ſchon über die Ufer ein durch die Abgangskanäle in die Thore. Das Brechen des Eiſes mußte bald erfolgen. Ueberall geſpannte Erwar⸗ tung! Da lief's leiſe von Munde zu Munde:— Er iſt da! Und es theilten ſich, wie verabredet, die Haufen, und begaben ſich auf ihre Poſten ohne Aufſehen. An Friedrich, Lauer und den Köhler drängten ſich zwanzig bis dreißig Männer, die ihnen leiſe über den Mauergang zum Münzthorthurme folgten, wo eine minder große Anzahl ihrer harrte. Jetzt vermehrte ſich das Krachen des Eiſes; der Wind ſprang nach Weſten um und wurde zum brau⸗ ſenden Sturme. Von Lorch her erſchallten jetzt die Signalſchüſſe. Von Fürſtenberg her meldete ein Falconetſchuß den Eisbruch, und der am Kloſter aufgeſtellte Spanier löſte ſein Geſchütz, das die † warnende Nachricht nach Caub trug. Furchtbar brauſte das Waſſer, das jetzt über die Hügel drang, die als Hafendamm dienten, und ſich gegen die Stadt wälzte. Das Eis krachte entſetzlich und ſetzte ſich in Bewegung, ungeheure Blöcke gegen die Stadtmauer ſchleu⸗ vernd, daß es ſchauerlich dröhnte. Der Sturm raſte wild und pfiff zwiſchen den Häuſern ſeine grauſigen Weiſen. Friedrich's Herz pochte. Er warf einen Blick nach der Münze, wo ſein Theuerſtes war, und ſagte zu Lauer, der dicht neben ihm ſtand:„Nun, mit Gott!“— Feſt trat er gegen den Spanier heran, der, an der Thurmthüre Lh haltend, ihm die entgegen hielt. — 305— „Jeſus, Maria!“ ſagte Friedrich. Die Partiſane ſenkte ſich — aber in demſelben Momente traf den Spanier ein betäubender Hammerſchlag, daß er taumelte. „Halt, Halunke!“ rief halblaut Lauer, und faßte ihn mit nerviger Fauſt, du wollteſt einſt mein Weib entehren— nimm hier den Lohn!“ Er ſtürzte ihn über die Bruſtwehr hinab in den ſchäumenden Münzbach. „Hinauf nun!“ rief Friedrich. „Inſelius!!“ ertönte das Feldgeſchrei, und im Angenbli entſpann ſich oben der Kampf mit den Ueberraſchten. Der Kampf war heftig. Die Spanier feuerten ihre Piſtolen ab— aber die Angſt ließ ſie nicht treffen. Es waren Reiter, die, des Fußkampfes unkundig, leicht überwunden wurden. Nur Lamego wehrte ſich wie ein Raſender; doch ein Schlag Lauer's lähmte ſeinen Arm. Er ergab ſich. Ein Spanier war von des Köhler's Keule erſchlagen worden, den die Bürger hinabſtürzten; die Anderen fielen alle lebendig in ihre Hände. Faſt ohne einen Schwerdtſtreich fielen die übrigen Thürme in der Stürmenden Gewalt; denn längs der Linie des Rheins über⸗ raſchten ſie alle, die in dem ihnen neuen Schauſpiele des Rhein⸗ aufganges verſunken waren, und in dem ſchauderhaften Kampfe der Elemente Alles überhörten. Nur am Holzthorthurme war der Kampf heftiger, wilder. Dort floß das meiſte Blut, dort herrſchte die grimmigſte Erbitterung, aber der dahinſtrömenden Uebermacht mußten die Spanier weichen. Sie ergaben ſich Alle. Die erſten Schüſſe vom Münzthorthurme gaben das Signal des allgemeinen Aufſtandes in der Stadt. Schnell waren die Gefängniſſe am Marktthorthurme erbrochen und die Gefangenen dort befreit. Ebenſo brachte man Freiheit denem die in den Ver⸗ ließen des Kummerhofes ſaßen. Dorthin ſchleppte man die Spanier, die vor Wuth brüllten. Lamego wurde auf den Marktthorthurm in Haft gebracht. Er meinte verzweifeln zu müſſen, als er den Labo⸗ ranten als ſeinen Ueberwinder erkannte. Noch dachte er ſeines Hammerſchlages, und gerne hätte er noch einmal den Dolch, und dieſesmal ſicherer, nach ihm geſchleudert; aber es war umſonſt, und Friedrich allein war es, der den Siegerübermuth des Volkes hemmte und den Ausbruch ihres Grimmes gegen Lamego. Er in ſeinem Edelmuthe vergab dem hinterliſtigen Andaluſier jenen Meuch⸗ lerverſuch an ihm. Der Sieger dachte zu edel, als daß er ſich jetzt hätte rächen können. Nur der Blick der Verachtung traf den Elenden. Noch hatten die Sieger nicht Alles vollendet. Aus der Kellerei waren die Reiter nach dem Templerhofe geeilt, und hatten ſich dort mit den übrigen, die hier lagen, vereinigt, und ſich durch Wagen und anderes Geräthe in Eile verſchanzt. Friedrich ertheilte ſeine Befehle. Er ließ die Wernerskirche mit ihrem freien Raume beſetzen, von wo man den Templerhof von der Rückſeite beſtrich, den Kirchhof von Sanct Peter und Paul, und gebot, den Haufen von der Vorderſeite zu ſtürmen. In Lauer's Hand legte er auf kurze Friſt das Commando, denn das Blut rieſelte ſtark aus einer Armwunde und bedeckte faſt ſeine ganze Kleidung. Der treue Köhler zog ihn zurück.„Folgt mir,“ bat er,„daß Ihr verbunden werdet.“ Er zog ihn durch das Gedränge auf dem Markte hin zur Münze zum Heileß'ſchen Hauſe. Angſt und Entſetzen herrſchte hier in hohem Grade. Clara kniete bleich bei den weiblichen Gliedern der Heileß'ſchen Familie. Im Gebete hatten die Frauen Kraft, Muth, Hilfe geſucht. Wo dem Manne die That geziemt, da bleibt dem Weibe nur das Gebet; denn ohnmächtig ſteht es im wilden Männerkampf, ohn⸗ mächtiger als im Kampfe der Elemente, wo oft der Mann den Gleichmuth, die Faſſung des Geiſtes einbüßt, und das Weib, ſich ermannend, ſtärker iſt als er. Als ſich die Thür öffnete und der blutige Jüngling herein⸗ trat, ſtürzte Clara mit lautem Angſtruf auf ihn zu und ſank, übermannt von ihren Gefühlen, an ſeine Bruſt. Nur aber einen Moment ſeligen Vergeſſens, dann kehrte die weibliche Beſonnenhei zurück.„Du biſt verwundet?“ rief ſie, das ſüße Du dem theuern 3 — 307— Geſpielen der Jugend gebend— und ſchnell eilte ſie mit der wackern Gattin des Rathsbürgermeiſters hinweg, Verband zu ſuchen. Ruhig, alles Andere vergeſſend, kehrte ſie wieder und leiſtete dem Geliebten Hilfe. Lächelnd ſah der treue Köhler ver Liebe Sorgfalt. Als aber die leichte Wunde verbunden war, ſank ſie in einen Stuhl, und fühlte jetzt erſt, wie die Angſt ihre Kräfte untergraben hatte. Da drang der fürchterliche Ruf der Sturmglocke in Friedrich's Ohr.„Die Pflicht ruft!“ ſagte er, drückte einen Kuß auf die reizenden Lippen der Geliebten und ſagte:„Es gilt die Rettung deines Vaters und des wackern Heileß! Und nur mit ihnen kehre ich wieder. Gott ſchirme euch! Bis zum Tage iſt Alles vollendet!“ Und davon eilte er zum wilden Kampf am Templerhofe. Die Sturmglocke heulte furchtbar in den nächtlichen Kampf, in den Kampf der Elemente, in das wilde Rufen der Streitenden, und die Falkonette des Schloſſes brüllten ſchrecklich auf die arme Stadt. „Voran! Gott iſt mit uns!“ drang jetzt Friedrich's kräftige Stimme durch den Aufruhr, und kaum ſah man die weiße Feder auf dem Hute des hohen Jünglings, als neues Leben Ale durchdrang. „Inſelius!“ ſchrieen ſie lauter, und unaufhaltſam drangen ſie vorwärts. Die Verſchanzungen fielen unter den Schlägen des Köhlers und zweier Schmiede.— Das Thor des Templerhofes wurde geſprengt. Zugleich drangen von Sanct Werner's Höhe durch die Weinberge des Schloßbergs Andere ein. 2 Da ergaben ſich die Spanier, wurden entwaffnet, und dr Kampf ruhte einige Augenblicke. Es war um die Stunde, wo der Tag über die Nacht ſzie Die Kanonen des Schloßes ſchwiegen. Aber nur kurz. Man ſchaffte die Verwundeten weg, dann man oben vom Sanct Werner her: Sie nahen! Ein heftiges Gewehrfeuer begrüßte die Bürger, die dort nden. Bedrangle rückte mit einem bedeutenden Theile ſeiner 3 — 308— Leute herab zum Entſatz derer, die er noch belagert glaubte im Templerhof. Ein mörderiſches Gewehrfeuer begrüßte die Bürger, die wehrlos gegen die Anrückenden waren. Sie ſtutzten einen Augenblick,— als aber einige fielen, da glich die Wuth der Uebrigen nichts Menſchlichem mehr. Brüllend ſtürmten ſie die Höhe. Bedrangle konnte dem heftigen Andrange nicht Stich halten, er ſchritt langſam zurück, jeden Schritt mit Muth vertheidigend. „Halt!“ rief plötzlich Friedrich in einer Pauſe des Feuers und Schreiens und Brüllens.„Laßt uns nicht unnütz Blut ver⸗ gießen. Gebt uns die Glieder des Rathes frei,“ rief er Bedrangle zu,„ſtellt Eure unmenſchlichen Maßregeln ein, erlaßt die Steuer, und wir kehren friedlich in unſere Häuſer! Wir haben Eure Leute auf den Thürmen nebſt Lamego gefangen,— laßt uns ſie aus⸗ tauſchen!“ Bedrangle traute ſeinem Ohre kaum, als er die Mähr ver⸗ nahm, und von dieſer Stimme.— Allein ſchnell ſtellte er Alles zuſammen— die Stelle auf den Thürmen, der Mangel des Angriffs der Rebellen im Rücken, und nahm hinzu die Folgen, die dies Ereigniß haben konnte,— zähneknirſchend rief er: Zuge⸗ ſtanden! legt die Waffen ab! 3 „Die zweite Bedingung iſt,“ rief Friedrich,„Strafloſigkeit der tapfern Bürgerſchaft!“ „Zugeſtanden!“ rief abermals Bedrangle, aber ſein Sinn war es nicht, Wort zu halten. „So begebt Euch zum Schloſſe und ſtellt das Feuern ein, bis orgen am Tage wir unſeren Handel völlig beenden, und zieht in das Schloß zurück, ſogleich den Rath frei zu geben!“ „Zugeſtanden!“ rief zum dritten Male Bedrangle. Langſam zogen ſich die Bürger zurück,— ebenſo Bedrangle, ſich gegenſeitig mit Argwohn beobachtend. Jetzt wurde es ruhiger. Das wilde Rufen, Schreien, Fluchen hörte auf, die Verwundeten wurden weggebracht. Zwei Todte hatte man zu beweinen, Beide redliche Bürger der Stadt— ein Strumpf⸗ wirker und ein Hufſchmied. Lautes Lob wurde jetzt Friedrichs — 309— Mäßigung gezollt. Alles drängte ſich um ihn, des Vaters Züge in denen des Sohnes wieder zu finden beim Scheine der Fackeln. Es war eine allgemeine Bewegung. Jeder drückte ihm die Hand, nannte ihn Retter in der Noth. Aus dem nahen Gölziſchen Schenk⸗ hauſe brachte der tapfere Lauer, der ſtets an Friedrich's Seite gefochten hatte, einen Labetrunk dem Erſchöpften. Er ſelbſt lallte nur noch. Er hatte einen heroiſchen Zug gethan bis auf des größten Humpens Boden. Das war ſeine ſchwache Seite, ſo gut und wacker auch ſonſt der Mann war. Friedrich mußte, ſo ſehr ihn auch ſein Herz hin zu Claren zog, dennoch hier weilen, bis die Punkte des Vertrags erfüllt waren. Lauer aber ſuchte ſich in einer Tonne ein Plätzchen, und ſchlief ſeinen Rauſch aus in Gemächlichkeit. Eine unausſprechliche Angſt hatte beim Donner des Geſchützes auf Stahleck und den Kleingewehrſalven Clara's Herz ergriffen. Bald ſah ſie den Geliebten todt hinſinken, bald wähnte ſie, man bringe den Schwerverwundeten in ihr Haus. Die Glieder der Heileß'ſchen Familie, die alte Frau des Rathsbürgermeiſters und ſeine zwei Töchter, theilten ihre Angſt. Alle führte daſſelbe Gefühl zum Gebet. Und ſo wurde denn hier inbrünſtig gebetet zu dem Herrn der Heerſchaaren um einen glücklichen Ausgang für ein theures Leben. „Unſer Gebet iſt ſchon zum Theil erhört!“ rief frendig Clara —„hört Ihr's, das Feuern hört auf!“ Man vernahm nur noch das ferne Gewühl.—„O, gib Ruhe und Frieden uns zurück!“ beteten ſie wieder. Angſtvolle Stunden ſchlichen mit bleiernem Fuße herum. Schon begann der Tag zu grauen, da ghob ſich ein Jubelgeſchrei in der Ferne. Es wälzte ſich allmählich näher heran zum Hauſe,— Tritte vernahm man jetzt auf der Stiege,— die Thüre ging auf, und an Friedrich's Händen traten Rima und Heileß in das Gemach. Ungemeſſener Jubel erfüllte das Haus. An des theuern Vaters Bruſt hing die ſelige Clara, ₰ vann aber flog ſie Friedrichen entgegen, als wolle ſie ihn umfaſſen,— aber einige Schritte von ihm beſann ſie ſich, blieb ſtehen und reichte — 310— ihm ihre Hand mit unendlichem Liebreiz.„O, wie viel verdank' ich Euch!“ ſagte ſie leiſe,„Alles! Alles!“ Friedrich faßte ihre Hand, drückte ſie an ſeine Bruſt und flog hinaus. „Wohin?“ rief ihm Rima nach und wollte ihn halten. „Nein!“ rief Friedrich,„mein Werk iſt noch nicht vollendet. „Haltet mich nicht auf. Ich bringe Euch Freiheit und Heil!“ Rima verſtand ihn nicht und meinte, er wolle die Burg ſtürmen.— Er wollte ihm nacheilen.— Da faßte ihn eine ſtarke rieſige Hand. „Laßt ihn“— ſprach eine rauhe fremde Stimme,„der Herr iſt mit ihm, er geht in ſeinem Schirm. Gedenket deſſen, was er für Euch that. Sein Blut floß für Euch, vergeſſet das nicht. Und nach dieſen Worten ſchritt eine rieſige ſchwarze Geſtalt, mit einer ungeheuern Keule bewehrt, an ihm vorüber Friedrichen nach. Der treue Köhler traf ihn unten. Er ſtand da und hatte die Hand auf das Herz gelegt, dem ſtürmiſchen Ruhe zu gebieten. „Glück auf!“ rief ihm der Köhler zu,„ein Tagewerk iſt voll⸗ bracht, nun laßt uns nicht ſäumen, denn hier iſt keinen Augenblick mehr Sicherheit für Euch.“ Er ergriff den Träumenden bei der Hand, und zog ihn zum Münzthore hinaus, und zum zweiten Male ging Friedrich flüchtig den Weg über die Vogtswieſe, und kam glücklich in der Köhler⸗ hütte an; als eben die Sonne im herrlichſten Glanze in Oſten heraufſtieg. Aber über der Stadt lag eine Stille, angſtvoll und peinigend, wie die Erwartung eines ſchrecklichen Ereigniſſes. Der Rath war frei, der Capitän⸗Lieutenant hatte Friedrich's Bedingungen ange⸗ nommen; allein was war gewonnen? War doch die Stadt in ſeiner Gewalt. Man glaubte nicht an die Erfüllung ſeines Ver⸗ ſprechens, und ſah nun mit Angſt der nächſten Zukunft entgegen. Viele bereuten ſchon den gefährlichen Schritt— Andere dagegen erwarteten trotzig Bedrangle's Thun, noch Andere ſuchten ihr Heil in ſchneller Flucht.. — 311— Bedrangle ſaß, bleich vor Wuth, im großen Saale der Burg. Vor ihm ſtand Lamego. „Er war's, der Laborant, den ſie Inſelius nannten. Ihr könnt mir's glauben, Don,“ ſprach Lamego.„Er riß mich mit rieſiger Fauſt zur Erde. Der Teufel ſteckt in dem Hunde!“ „Und in dieſen Ketzerhunden allzumal!“ ſetzte Bedrangle hinzu.„Und ſie haben mein Wort!“ „Den Ketzern ſoll man keine Treue halten! das wißt Ihr ja wohl noch von Eurem Beichtvater aus Sevilla?“ argumentirte Lamego. „Du haſt Recht, Lamego,“ verſetzte Bedrangle.„Die Rädels⸗ führer laſſe ich greifen und erſchießen, und ſchonungslos die Steuer eintreiben. Geh', ſammle die Leute, wir rücken in die Stadt und in die Thäler, und Tod dem, der ſich widerſetz!“— Das Wort war geſprochen. Freudig eilte Lamego, den Befehl zu vollziehen. Noch war es nicht Mittag, da zogen die Schaaren in engge⸗ ſchloſſenen Gliedern den Berg herab. Tödtliche Angſt überfiel die Bürgerſchaft, die nach der Ueberſpannung dieſer Nacht ſich in einem Zuſtande von Lethargie befand. Bedrangle beſetzte ſofort den Saal. Rima war noch bei Heileß. Kaum erfuhr er die Nachricht, als er eilte, Bedrangle an ſein gegebenes Wort zu mahnen. Dieſer lachte höhniſch.„Glaubt Ihr, ich laſſe mir durch ein abgetrotztes Verſprechen eine Feſſel anlegen? Dankt Gott, wenn ich Euch und den Rath nicht als Anſtifter des Complottes feſt⸗ nehme, und geht hin in Eure jetzige Wohnung, Euch ruhig zu verhalten!“ 3 Hierauf erwiederte mit männlicher Würde der Saalſchultheiß: „Der Gewalt muß der Einzelne weichen, der ihren Andrang nicht zu hemmen vermag; aber das Recht habt Ihr nicht; Ihr uſurpirt es auf die thranniſchſte Weiſe!“— Stolz wandte er ſich nun um und ſchritt wieder der Münze zu. Bedrangle ſah ihm nach mit einer Miene, die deutlich genug — 312— kund gab, er fühle die Wahrheit von Rima's Bemerkungen; allein — der Schritt war gethan— zurückzugehen war ihm unmöglich. Trommler durchſtreiften die Straßen der Stadt und forderten die Bürgerſchaft auf, ſogleich auf dem Markte zu erſcheinen. Lautes Wehklagen der Weiber und Kinder erfüllte die Stadt. Unſchlüſſig ſtanden die Männer unter den Thüren ihrer Wohnungen. Lauer trat zuerſt heraus.„Laßt uns ſehen, was er will!“ ſprach er.„Gutes iſt es nicht, das weiß ich— doch Gott wird uns nicht verlaſſen!“ Ihm folgten alle Bewohner der Untergaſſe. Es war ein langer Zug, über den Furcht und Entſetzen in reichem Maaß ausgedoſſen war. Bei Sanct Eliſabeth vereinigten ſich mit ihnen auch die Obergäſſer, und ſo traten ſie auf dem Markte zuſammen, mit Zittern das Urtheil aus dem Munde des Mitleidloſen zu erwarten. Nachdem Alle da waren, ſchloſſen die Soldaten einen Kreis um ſie, und Bedrangle begann ein fürchterlich ſtrenges Verhör abzuhalten, und ließ ſodann eine große Anzahl feſtnehmen und binden. Lauer war unter den Erſten. „Iſt das eure Parole?“ fragte er.„Iſt das Offiziers Wort und Ehre? Iſt das Kriegsrecht bei euch Spaniern? Schmach über euch, ihr Treuloſen! Freut euch nur, es dauert kurze Zeit, der Rächer naht, ſchon ſteht er vor Mainz! „Legt ihm Handſchellen an, und ſchließt ihn krumm!“ rief ſchäumend Bedrangle. Und es geſchah alſo. Bebend ſtand der übrige Theil der Bürgerſchaft. Todtenſtille herrſchte ringsum. „Und ihr,“ herrſchte ihnen jetzt Bedrangle zu—„ſtellt eure Brandſchatzung binnen zweimal vier und zwanzig Stunden, oder . ich laſſe euer Neſt an vier Ecken anſtecken, und euch ſammt eurer Brut in die Flammen ſchleudern!“ Kaltes Enſetzen durchrieſelte die Gebeine der Bürger— denn dieſer Menſch drohte nicht umſonſt; ſie hatten ihn kennen gelernt als den pihloſen. — 313— „Die Gefangenen ſchafft in die Verließe der Burg!“ befahl er, und ritt dem Templerhofe zu mit einer Kälte, Ruhe und Gleichgültigkeit, die fürchterlicher war, als ſeine Wuth. Der Rath verſammelte ſich. Boten eilten in die Thäler, die ſchreckliche Kunde zu bringen.— Ueberall verbreitete ſich Kummer und Schrecken. Bacharach, Oberdiebach und Manubach leiſteten die geforderte Contribution. Steeg zögerte. Der letzte Tag des Termines war ein Sonntag. Die Gemeinde war in der Kirche, Rache ſchnaubend umſtellten Frangipani's Reiter die Kirche, während das Fußvolk hineindrang. Der erſte Schuß ſtreckte einen Bürger nieder. Viele wurden verwundet, Alle mißhandelt an heiliger Stätte— und das doppelte mußte der Ort geben gegen die anderen. Mit rückſichtsloſer Grauſamkeit ſchaltete fortan Bedrangle. Seine Leute hatten alle Freiheit, nach ihres Herzens Gelüſten zu handeln. Furchtbare Strafe war die Folge der Widerſetzlichkeit. Alle geſetzliche Ordnung war aufgelöſt. Der Rath beſtand nicht mehr. Nima mußte ſeine Ohnmacht bekennen, dem Wütherich gegenüber. Ja, er konnte nicht einmal Botſchaft aus der Stadt bringen zum Kurfürſten, da alle Ausgänge geſperrt und ſtark beſetzt waren. Die Stadt ſchien ausgeſtorben. Sie glich einem großen Grabe, in dem kein Leben ſich mehr regt. Sah man ein Geſicht, ſo war es bleich von Kummer, denn es hatte gewiß etwas Schweres zu tragen, Mangel zu leiden, oder es ſaß Eins der Seinigen in gefänglicher Haft auf Stahleck Indeſſen ſchwelgten und praßten die Peiniger aufs Ungeſtör⸗ teſte, und kümmerten ſich nicht um das Loos der Bürgerſchaft— ſorgten nicht für die Zukunft. Die Lebensmittel wurden muthwillig vergendet und verdorben, ſo daß des Schloſſes Vorräthe gewaltig zuſammengingen. Stille und kummervoll ſchlichen die Tage herum für Rima und Clara, und ſelbſt Rima wünſchte die Nähe und Ankunft der Schweden. w. 14 — — 314— VII. Ein kalter, finſtrer Decemberabend legte ſeinen nebeligten Rabenmantel über die Ebene zwiſchen Mainz und Oppenheim. Letztere Stadt war bereits in den Händen der Schweden, und vor der andern lagerte das Heer des Heldenköniges, von Verlangen prennend, die Stadt zu erobern, um der reichen Beute willen, die die reichen Handelsherren, Klöſter und Juden in ſo lockender Fülle zu bieten verhießen. Aus dem Kriegsrathe war eben der Rhein⸗ graf Otto Ludwig zurückgekehrt in ſein Zelt, das, weit entfernt, ſeines Herrn erlauchter Würde durch Glanz und Ueppigkeit zu entſprechen, vielmehr ganz den Charakter der Einfachheit und Schmuckloſigkeit trug, die von dem Erhabenen ausging, der aller Heeresthaten Seele war. Einige hölzerne Feldſeſſel, ein kaum die nothwendigſte Bequemlichkeit bietendes Feldbett, ein ebenſo einfacher Feldtiſch, worauf eine Landtafel(Karte) des Hunnsrückens und der Moſelgegenden lag— das war der ganze Inhalt des Zeltes, wozu noch das Gepäck, Waffen und dergleichen Dinge mehr gerechnet werden mußten. Der Rheingraf trat jetzt in dieſes Zelt. Es war ein hoher ſtattlicher Mann mit einem, kräftigen Willen, kühnem Muth, und doch biedres Weſen und ſanftes Wohlwollen ausdrückendem Geſicht. Er war dicht in ſeinen Mantel gewickelt, den er jetzt ab und auf das Feldbett warf, rückte einen Seſſel zu dem in der Mitte des Zeltes luſtig brennenden Feuer und rief dem Diener, daß er den Tiſch mit der Landtafel auch dahin ſetze. Das Geſicht des Rhein⸗ grafen war nicht heiter. Eine düſtre Wolke lag auf ver gerunzelten, ſfonſt ſo freien, heitern, hohen Stirn. Es war im Kriegsrathe nicht nach ſeinen Wünſchen gegangen. Gerne hätte er der Erſtür⸗ mung von Mainz beigewohnt, und den Ruhm getheilt, der hier ſeine Kränze den Helden winden zu wollen ſchien, allein anders war der Wille Guſtav Adolph's geweſen. Er ſollte ſchnell in das Moſelland— dort den anrückenden Franzoſen entgegentreten, ſie ₰ verjagen, und Kirchberg, Simmern, Bacharach und die an der Moſel und dem Rheine, ſowie hin und wieder auf dem Hunns⸗ rücken von den Spaniern beſetzten Orte einnehmen. Obwohl gewohnt, als braver Soldat dem Befehle des großen Geiſtes Guſtav Adolph's zu gehorchen, war ihm dieſesmal der Befehl doch unwillkommen geweſen aus dem angegebenen Grund. Eine Weile ruhte ſein Auge auf der Landtafel, den Weg verfolgend, indeſſen der Arin das Haupt ſtützte— dann rollte er dieſe auf den runden Stab, an welchem ſie befeſtigt war, und befahl, den Feldprediger ſeines Regimentes, den aus Bacharach vertriebenen Theologiae Doctor, Philippus Inselius, zu ihm ins Zelt zu beſcheiden. Inſelius beſaß des Rheingrafen volles Vertrauen, ſeine Liebe, ſeine Hochachtung. Er war ſein liebſter Geſellſchafter. Wenn des Berufes Werk ihn nicht feſſelte, ſo hatte gewiß der Rheingraf den Prediger in ſeiner Nähe, mit ihm über religiöſe oder andere gelehrte Gegenſtände, in denen Inſelius bewandert war, ſich beſprechend. So flogen dem Rheingrafen die leeren Stunden ſchnell und ſchön dahin; und er gewann Manches von dem ehrwürdigen Greiſe, der ſo viel erfahren im Leben, ſo viel geprüft durch Leiden, und in Kämpfen ſtark geworden war. Kam Unmuth in Otto Ludwig's Seele, ſo kannte Inſelius allein den Zauber, womit der böſe Geiſt zu bannen war, und die Fiſchleber, die er auf den Kohlenroſt legte, den Geiſt zu vertreiben— war— die Geſchichte und ihre Irrgänge und Labyrinthe, die er dann vor den geiſtigen Augen des Rhein⸗ grafen, einer Phantasmagorie gleich, mit reger Phantaſie faſt han⸗ delnd vorüberſchreiten ließ. Heute aber gedachte dem lieben Greiſe der biedere Rheingraf eine große Freude zu bereiten durch die Nachricht ſeines Zuges in ſeine Heimat, und die Hoffnung der Wiedereinſetzung in ſeine Rechte und Gerechtſame alldorten. Es währte nicht lange, ſo trat im ſchwarzen Predigerrocke, wie ihn ſeit der glorreichen Zeit der Reformation Lutheri die Geiſt⸗ lichen der erneuerten Kirche zu tragen pflegten, der aber, ob des WMannes hohem Alter und der Winterkälte, mit Pelz verbrämt war, 14* — 316— der Pfarrherr in das Zelt, ehrerbietig den erlauchten Freund begrüßend. Die Zeit, die Strapatzen ſeines jetzigen Lebens, und der Harm des Herzens hatte eine gewaltige Veränderung in ihm hervorgebracht. Sein Nacken war gebeugt von der Jahre Laſt, ſein Haar gebleicht, und ſelbſt der Bart, den er, der Sitte der Zeit gemäß, bis auf die Bruſt herabwallen ließ, war ſchneeweiß. Nur das Auge, voll Feuer und Leben, verrieth noch Jugendkraft. Freundlich ſtand der Rheingraf auf, nahm ihn bei der Hand, und führte ihn zum Feuer, wo er ihm einen Seſſel zurecht rückte. „Ihr müßt es mir ſchon zu Gute halten, Herr Doetor,“ hob lächelnd der Rheingraf an,„daß ich Euch ſo ſpät noch zu mir beſcheide, wo ein Mann Eures Alters der Ruhe genießen ſollte.“ „Des Alters Erbe iſt Wachen“— ſprach der Pfarrer,„der Jugend beneidenswerthes Gut allein iſt der ruhige, feſte Schlaf. Zudem iſt es Eurer Erlaucht hinlänglich kund, wie ich die Stun⸗ den, die ich in Eurer Geſellſchaft hinbringe, immer zu den ange⸗ nehmſten zu rechnen pflege, die ich verlebe.“ „Ich entſchädige Euch hoffentlich auch für dies ſpäte Stören,“ ſuhr in gleichem Tone der Rheingraf fort,„indem ich Euch eine angenehme Kunde gebe.— Doch, ſagt mir, waret Ihr nicht Diener des Evangelii in der Stadt Bacharach, ſo am Rheine liegt, etliche Stunden von Simmern?“ „Ich war's!“— erwiederte mit einem tiefen Senfzer der Greis—„ich war's eine ſchöne Reihe von Jahren, habe dort die ſchönſten Tage meiner Kraft gelebt und gewirkt, bis ich vertrieben wurde und an Euch den Erſatz fand.“ „Und wie war, verzeiht mein Examen, wie war Euer Ver⸗ hältniß zur Gemeinde? War es ſo, daß Ihr wünſchen mögt, je wieder dieſe Stelle anzutreten?“ „Die Gemeinde liebte mich, und ich ſie. Wiedervereinigung iſt mein und ihr Wunſch.— Ach, Herr Rheingraf, wenn die Jahre kommen, von denen man ſaget, ſie gefallen uns nicht, wenn der Feierabend nahe iſt, wo der Herr des Weinberges ſeine Diener zur Ruhe ruft, dann ſehnet ſich das Menſchenherz da zu ruhen v — 317— und das kühle Bettlein zum letzten Schlafe zu finden, wo auch die es fanden, die es geliebt.— „Sehr wahr!“ fiel der Rheingraf ein, und ein Seufzer hob auch ſeine Bruſt, und eine verwandte Saite in ſeiner Bruſt ſchlug an, daß der Ton lange nachzitterte. „Wer ruht von Euern Lieben dort?“— fragte er mit wehmüthigem Tone. „Mein Weib“— ſagte Inſelius, und im Auge des Greiſen bebte eine Zähre, dem Andenken der Theuren geweiht,„mein Weib, in der mir der Herr einen ſanften Friedensengel gegeben, mit der ich dreißig Jahre eine Ehe geführt, die man eine Engelsehe hätte nennen dürfen, wenn Irdiſches himmliſche Namen verdiente.“ „Seid Ihr denn nun noch allein in der armen Welt, alter Mann?“ fragte bewegt der Rheingraf. „Nein,“ antwortete freudig Inſelius,„ein theures Pfand ließ ſie mir.— Ach, und doch muß ich es entbehren, von Kindes Hand gepflegt zu werden, denn mein Sohn iſt Laborant geworden und lebt bei meinem Bruder im Odenwalde, allwo er deſſen Kunſt praktiſch erlernen muß, ehe denn er Doctor werden ſoll.“ „Habt Ihr denn lange nichts von ihm gehört?“ fragte wieder der Rheingraf, der herzlichen Antheil am Alten nahm. „Seit Jahren nicht. Ihr wißt's, Erlauchter Herr, wie des Krieges Laune uns herumtrieb in allen Gauen des Vaterlandes. Bei ſolcher unſteten Lebensweiſe iſt's ſchwer, Kunde aus der Ferne zu erhalten, zumal Unordnung und eitel böſes Weſen herrſchet allüberall durch die Brandfackel des Kriegs und ſein Schwerdt, das alle Bande willkührlich löſt. „Seine Lehrzeit iſt aber vorüber, und mein Herz hoffet, ihn bald wiederzuſehen— denn ſchon viele Jahre iſt's, ſeit ich ihn nicht mehr geſehen. O, mich verlanget ſehr nach ihm!“ Als dies Wort der Prediger geſprochen, trat ein Diener des Rheingrafen in das Zelt und meldete:„Es iſt ein Fremdling draußen, der da wünſchet, Euch, hochwürdiger Herr, zu ſprechen.“ Ees trat nun auf des Rheingrafen Geheiß der Fremdling ein — 318— unter eben ſo höflichen als anſtändigen und gefälligen Begrüßungen. Es war ein hochaufgewachſener, blühend ſchöner Jüngling, deſſen Antlitz vielfach die Sonne gebräunt. Ein braunes Wamms lag nett am Leibe an, mit Pelz verbrämt gegen die Kälte des Winters. Ein ziemlich weiter Mantel hüllte die Figur ein, weite Stulpſtiefel ſahen unter Pluderhoſen von brauner Farbe heraus, in der Hand trug er einen breitgekrempten Hut; braune reiche Locken umwalten den ſchönen Kopf. Er ſtand feſt und ruhig da, und ſah den Prediger an; allein mit jeder Secunde wurde es ihm weicher ums Herz— er ver⸗ mochte kein Wort zu reden— ſein Auge, das allmählich ſich mit Thränen füllte, war auf Inſelius geheftet. Dieſer ſah ihn eben⸗ falls ſtarr eine Weile an— dann ſprang er mit jugendlicher Munterkeit auf und rief jubelnd:„Mein Sohn!“ „Mein Vater!“ rief der Jüngling, und ſank an des Vaters Bruſt, und das Gefühl Beider löſte ſich in Thränen auf. Der Rheingraf, der aufmerkſam die Scene beobachtet, wiſchte ſich jetzt auch eine Thräne weg, und ſprach leiſe: O, welch ein Glück für das Vaterherz, wenn es die Kinder, wohlgerathen, nach langer Trennung wiederſieht. Wann wird mir die Stunde ſchlagen?— Er ging eine Weile auf und nieder und überließ Vater und Sohn ſo ganz ihren Empfindungen und deren Erguß nach ſo anger Trennung. „Ach,“ ſagte Inſelius zu Friedrich,„wie biſt du groß gewor⸗ den, mein Sohn! Und nun ſah er ihn an, und der geliebten Mutter Bild ſprach ihn aus dieſen Zügen an, und wieder perlte ein Tropfen nach dem andern in den ſilberweißen Bart. Acht Jahre lagen dazwiſchen, ſeit Vater und Sohn ſich nicht geſehen. Acht Jahre hatten vieles verändert. Kein Wunder, daß ſich Beide kaum wieder erkannten. Des Herzens, des Gefühles, der Natur allmächtiger Zug führte das Kind ans Vaterherz. Und wenn auch das Ange ungewiß war, das Herz ſprach: Er iſts! und ſeine Stimme trog nicht.— Inſelius war, vom ziemlich kräf⸗ tigen Manne noch, zum Greiſe im Silberhaare gealtert, Friedrich — 319— vom ſchönen Knaben zum ſchönern kräftigen Jünglinge herauf⸗ geſchoſſen in jugendlicher unverkümmerter Kraft und Fülle. Jener an der Pforte ſtehend, die zum Leben hinaus— dieſer an der, die in das Leben führet— der Vater im hohen Winter, der Sohn im blüthereichen Frühling des Lebens. So ſahen ſie ſich wieder, und alle Wonne, die in ſolchem Wiederſehen vom Schöpfer huldvoll vereinigt iſt, erfüllte ihre Herzen. Wie leuchtete des Greiſes Antlitz von hoher, reiner Freude, als er jetzt dem Rheingrafen den Sohn vorſtellte, und dieſer ihn, wohlgefällig die ſchöne Geſtalt betrachtend, willkommen hieß.„O, dieſe Elternfreude iſt die reinſte, beglückendſte, die das Leben beut!“ ſagte der Prediger zu dem Rheingrafen,„ſie hebt über Jahre voll Harm hinweg, und gießt Honig in den Wermuths⸗Kelch des Weh's!“ Friedrich mußte ſich nun an des Vaters Seite ſetzen, der ſeine Hand nicht aus der ſeinen ließ, und nun erſt ihn fragte:„Woher kommſt du doch ſo ſpät?“ „Ich habe Euch lange geſucht, ehe ich Euch fand, mein Vater,“ antwortete der Jüngling. Schon ſeit drei Stunden bin ich im Lager.“ „Aber woher kommſt du?“ „Von Bacharach, und zwar als Vertriebener, als Flüchtling.“ „Von Bacharach?“ fragte Inſelius mit höherm Intereſſe. „Dann hat dich Rima—“ „Nein, mein Vater,“ fiel der Jüngling in die Rede,„ladet nicht neue Laſt dem Mann auf, der mir freilich ein Räthſel iſt. Es kam anders. Ein Handel mit dem ſpaniſchen Commandanten des Schloſſes Stahleck hat mich vertrieben, und die Noth der Bürgerſchaft führt mich hierher.“ Aufmerkſam hörte der Rheingraf dieſe Worte an. „Ihr kommt alſo von Bacharach?“ fragte er den Jüngling. Als dieſer bejaht, fuhr der Rheingraf fort:„Dann könnt Ihr mir weſentliche Dienſte leiſten, wenn Ihr recht ausführlich erzählet, wie es dort ſtehet.“ Friedrich, der dies um ſo lieber that, als ſchon in dem Worte 320— des Rheingrafen gewiſſermaßen die Verſicherung der Erfüllung ſeiner Wünſche lag, begann nun beiden, ſeinem Vater und dem Rheingrafen, umſtändlich den Hergang ſeiner letzten Schickſale zu erzählen. Beſonders ausführlich verweilte er bei dem Auſfſtand und ſeinen einzelnen Umſtänden. Aber mit vieler Beſcheidenheit verſchwieg oder ſtellte er ſeinen Antheil an der Sache in den Hintergrund. Auch hier folgte ſeiner Rede der Rheingraf mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit. „Es iſt entſetzlich,“ rief er dann aus,„wie dieſe Spanier ſchalten und walten, wie ſie ſo ganz ihren Vortheil aus dem Auge verlieren, und ſich ſelbſt Gefahren ſchaffen, wo keine für ſie wären. Aber, mein junger Freund, faſt ſcheint mir's,“ ſprach er zu Fried⸗ rich,„als wäret Ihr der Wahrheit nicht ganz treu geblieben.— Ihr habt mehr Antheil an dem Kampf, und ſehe ich recht, ſo iſt Euer rechter Arm etwas ſteif, was auf eine empfangene Wunde deutet?“— Friedrich erröthete und mußte nun Alles genauer erzählen. Dem Rheingrafen gefiel des Jünglings Beſcheidenheit.„Ihr ſolltet Soldat werden,“ ſprach er,„da Ihr ſolchen Muth habt. Wie wäre es, wenn Ihr eine Lieutenantſtelle bei meinem Regimente nähmet?“ Friedrich dankte beſcheiden für ſo viel Huld.„Mein Beruf iſt heilen,“ ſagte er,„nicht verwunden, gnädiger Herr!“ „Wohlgeſprochen,“ antwortete der Rheingraf darauf,„bleibt dabei, Ihr nützet ſo mehr der Welt, als treibet Ihr unſer blutiges Handwerk!“— Er forſchte nun nach der Anzahl der Beſatzung, nach den Werken der Stadt, des Schloſſes. Friedrich konnte überall genügende Auskunft geben. „Ihr wolltet alſo hier um Erlöſung der Stadt bitten?“ fragte nun, nachdem er Alles ausgefragt über Bacharach, der Rheingraf. „Das Lvos der armen Bürgerſchaft, vor n unſerer Glau⸗ bensgenoſſen, iſt ſehr hart, faſt unerträglich. Ihr verdientet einen wahren Gotteslohn, Erlauchter Herr, wenn Ihr dazu hinwirken wolltet, daß des Königs Majeſtät Rettung ſendete den Unglücklichen, ehe größeres Unheil der Wütherich ſtiftet.“ Alſo ſprach mit Feuer der Jüngling. „Was dächtet Ihr, ehrwürdiger Doctor,“ ſprach der Rhein⸗ graf, ſich zu Inſelius wendend,„wenn wir hinzögen und die Stadt eroberten? Wäre es Euch wohl lieb?“ „Könnt Ihr zweifeln nach dem, was ich Euch vorhin geſagt?“ erwiederte der Greis. „Nun ſo will ich's Euch nicht länger vorenthalten,“ fuhr der Rheingraf fort,„übermorgen brechen wir nach dem Hunnsvücken und der Moſel auf. Wir wollen, ſo es dem Herrn der Heer⸗ ſchaaren gefällt und wir leben, die Gegend reinigen von dem ſpaniſchen Ausſatz, und Freiheit bringen von dem drückenden Joche unſeren Glaubensgenoſſen, und— Euch wieder einſetzen in Eure Rechte zu Bacharach, aus denen Ihr wider Recht und Gerechtigkeit ſeid vertrieben worden. Ehe ein neues Jahr beginnt, ſoll's mit Gottes Hilfe vollendet ſein.“ „Dann ſegne Euch Gott!“ riefen jetzt Vater und Sohn, und die reinſte Freude erfüllte ihre Herzen. Und als ſie nun freudig geſchieden vom Grafen, und im Zelte des Predigers angekommen waren, da fielen ſie auf ihre Kniee nieder, Gott dankend und zu ihm flehend um einen glücklichen Ausgang. Dann ſanken ſie ſich noch einmal in die Arme, und genoſſen das Glück des Wiederſehens noch einmal ungeſtört. Neu flackerte jetzt das Feuer in des Predigers Zelt, als des Rheingrafen Diener einen Flaſchenkeller ſeines Herrn brachte, nit dem Bemerken, auf ein frohes Willkommen zu trinken. Friedrich labte ſich nun. Dann aber begannen des Vaters Fragen nach Alt und Jung in Bacharach, und Friedrich mußte erzählen von Allem. Beſonders intereſſirte den Greis die Kran⸗ kengeſchichte und Heilung Clara's, obgleich des Sohnes Liebe ihr, die aus jedem Worte ſich verrieth, dem Vaterherzen darum 3t willkommen war, weil er nach Rima's fanatiſcher Denkart nie 14** weil auf eine Vereinigung hoffen zu dürfen glaubte. Doch er empfahl des Sohnes Glück dem Herzen- und Schickſallenker, und erſt, als nach der langen Winternacht der Tag graute, ſuchten ſie des Lagers Ruhe und des Schlafes Erquickung. VIII. Mit einer anſehnlichen Heeresabtheilung zog Rheingraf Otto Ludwig nach der Moſel, und nahm eine feſte Stellung ein, da Kundſchafter ihm die geheime Nachricht gebracht, daß unter dem Obriſten Movillet zwei Regimenter Franzoſen, die bisher ſchrecklich auf dem Hunnsrücken gehauſt, ſich Veldenz bemächtigt hatten, nahe ſeien. Ein fürchterlicher Kampf entſpann ſich nun, der mit der gänzlichen Niederlage und Zerſprengung der Franzoſen endete. Ebenſo ſiegreich war Otto Ludwig gegen die Spanier, die er von Trarbach und aus der ganzen Moſelgegend vertrieb. Er rückte hierauf vor das hochliegende, von den Spaniern ſtark befeſtigte Kirchberg, und nahm es nach wenig Tagen mit Sturm. Sieg folgte ſeinen Schritten überall. Bald war der Hunnsrücken wie das Moſelland von dem Feinde befreit, und der evangeliſche Got⸗ tesdienſt hergeſtellt. Die vertriebenen Prediger kehrten zurück, und in dem Namen Königlicher Majeſtät zu Schweden ſetzte ſie Doctor Inſelius mit unausſprechlichem Hochgefühl in ihre Aemter wieder ein. Ueberhaupt war der Greis wie verjüngt, ſeit er die heimath⸗ liche Luft wieder athmete. Jugendmuth und Jugendfreude belebte ihn. Friedrich's Herz pochte ſtürmiſch der Rettung Bacharach's entgegen. Rheingraf Otto Ludwig hatte den Jüngling liebgewonnen, o ler in jedem Treffen wacker mitfocht, und dann ſich mit uner⸗ ideter Thätigkeit nach der Schlacht der Verwundeten annahm. Neue Hoffnung belebte die Herzen der Bürger Bacharach's, als die Nach hricht kam, wie nahe die Schweden ſeien, und wie der Sieg ihnen auf der Ferſe folgte. Bedrangle erfuhr's früher ſchon. Ihm war's nicht heimlich bei der ſchwachen Beſatzung, die er hatte für Stadt und Schloß. Die zwei Fähnlein Reiter von Franken⸗ thal hatten bereits ſeit längerer Zeit die Stadt verlaſſen, und mit der Brandſchatzung nach dem Ort ihrer Beſtimmung zu Frangi⸗ pani's Truppen ſich zurückbegeben. Die Flüchtlinge von Simmern und Kirchberg, die ſich bei ihm auf Stahleck ſammelten, waren unbedeutend, und ſchadeten ihm mehr, als ſie ihm nützten, da ſie eine paniſche Furcht vor den Schweden mitbrachten, und dieſe in eben dem Maaße auch ſeinen Truppen mittheilten. Seine ganze Beſatzung beſtand, da er nun auch Fürſtenberg und Stahleck bei Steeg beſetzen und in Vertheidigungszuſtand ſetzen mußte, aus kaum achtzig ſtreitbaren Männern. Auf die Bürgerſchaft konnte er, wie er jetzt zu ſpät einſah, ſich nicht verlaſſen. Ein minder muthiger Krieger wäre muthlos geworden, nur Bedrangle nicht. Er traf alle möglichen Vorkehrungen zur Sicherung der Stadt, und wartete nun mit dem ihm eigenen beſonnenen Trotze das feindliche Nahen ab. Doch ſpannte er gegen die Bürger gelindere Saiten auf. Daß er, ohne Hoffnung der Verſtärkung oder des Entſatzes, die Stadt auf die Dauer nicht halten könnte, das ſah er zu gut ein— darum begann er mit dem zuſammengebrachten Gelde ſich genügen zu laſſen. So feſt auch der Tod der in Haft ſitzenden Bürger beſchloſſen geweſen— er unterließ das Urtheil zu vollziehen, obwohl er ſie noch immer darum in feſter und enger Haft hielt, weil ſie gerade die unruhigſten Köpfe der Stadt waren. Rima war Claren in den Saal wieder eingezogen, und fanden zu ihrer hoffen durfte, denn ihr Herz ſagte es ihr, er komme ni den Schweden. Man hoffte auf der Schweden Ankunft, und dazu put man die triftigſten Gründe, in bürgerlicher wie in kirchlicher Hinſicht; allein es war auch die Kunde von wilden Räubereien ihnen voran⸗ gegangen, nicht eben als ſonderliche Empfehlung. Manche Mutter hullte ihr Kind mit den Verſen ein: 3 wunderung das Ihrige unverletzt.— Clara ſah mit ſehnfuchtige Hoffen der Zeit entgegen, wo ſie den Geliebten wieder zu ſehen —— — 324 Bet', Kindlein, bet', Morgen kommt der Schwed', Morgen kommt der Oxenſtern, Der wird dich, Kindchen, beten lehr'n. Und viele Bürger gedachten des Sprüchleins, welches der Gaſtwirth und Bendermeiſter Gölz mit von ſeiner Wanderſchaft in Sachſen gebracht: Gustavus Adolphus Rex, Wer was hat, der verſteck's. In der That hauſeten mitunter die Schweden grimmiger noch, als des Friedländer's Horden oder Tilly's Mordbrenner— ſie waren, was jene— Soldaten, aus allen zwei und dreißig Winden zuſammengetrommeltes Geſindel, dem es weniger um eine gute Sache, für die man ſtritt, als um die Beute zu thun war. Selbſt die Beſſeren wurden, zudem durch die lange Zeit, in der ſie das wilde Kriegsleben führten, rauh und wild, gefühllos und unmenſchlich. Daß es unter dieſen Umſtänden denen, die in der Stadt einen Sturm erwarten mußten, unheimlich wurde und werden mußte, war ſehr natürlich. Ze näher die Schweden rückten, deſto banger wurde es ihnen ums Herz. Aus den Oberthälern brachten die Marktleute die Kundſchaften mit, und ihr Mund vergrößerte ſelbſt der Retter ſchlimme Namen oft nur aus Gewohnheit, etwas Neues zu erzählen im Hauſe des Kunden. Es herrſchte eine allgemeine Furcht vor den Dingen, die da kommen ſollten, ein Zuſtand der Spannung— den nur diejenigen nicht theilten, die in Stahlecks Burgverließen die mephytiſche Luft athmeten. In ihnen war nur Hoffnung, die nichts von Furcht kannte. Bedrangle ließ in aller Eile nun noch das Schadhafte, was h irgend an den Mauern fand, ausbeſſern, erpreßte noch Vorräthe und überließ ſich dann wieder der ſchwelgeriſchen Lebensweiſe, die ihm zur andern Natur geworden war, ſo lange S nämlich nicht die Trommel wirbelte, die Kanone oder der Schieß⸗ prügel knallte, und die Trompete ſchmetterte. Wenn er ſeinen Koller trug, dann gab es keine Strapatze des kriegeriſchen 32— die er nicht freudig ertragen hätte. Sobald aber des Lagers vder des Standquartieres Ruhe ihm zu Theil geworden— dann gab's keinen größern Schlemmer, als ihn. Mit der Stadt war ſein Verkehr unterbrochen. Rima's Feind war er geworden, und die Empfindungen, die er für Claren trug, welchen er den Namen Liebe, den ſchönſten, den die Sprache kennt, zu geben keinen Anſtand genommen, waren in bittern Haß gewandelt. So heftig indeſſen auch ſeine Gemüthsart war, ſo getraute er doch fürder gegen Rima nicht feindſelig zu verfahren. Er mied allen Umgang mit ihnen. In der letzten Zeit lehrte ihn ſeine Politik, ſich etwas anzunähern. Dieſe Annäherung wurde aber ſo ſchroff von der andern Seite zurückgewieſen, daß ihm dazu die Luſt verging. So ſtanden die Sachen in der Sudt gegen die zweite Hälfte Decembers hin— als eines Morgens frühe ſchmetternde Hörner auf den Höhen erſchallten, vom Kühlberg her gegen das Schloß ein Falkonettgruß donnerte und die Berggipfel von Schweden bedeckt wurden, die ſich langſam an das Ufer des Rheins, in angemeſſener Entfernung von der Mauer und dem Schloſſe, herab⸗ zogen und ihre Zelten aufſchlugen. Bald darauf erhoben ſich rings um das Schloß Schanzen in ungewöhnlicher Schnelligkeit in ſo ſpäter Jahreszeit, wo doch das Erdreich felshart gefroren war. Kanonen wurden nun aufgefahren, und Alles nahm die drohendſte Stellung gegen Stadt und Feſtung an. Wie pochten die Herzen in der Stadt von Furcht!— Nur Eins bebte noch in freudiger Erwartung, in ſüßer Hoffnung! In dem Dörflein Neurath nahm der Rheingraf ſein Haupt⸗ quartier, und leitete von hier aus die Operationen. Bei waren Inſelius und Friedrich. Schwer wäre es, die Empfindungen zu beſchreiben, ui⸗ des Greiſes Bruſt erfüllten, als er, aus dem Walde herausreitend, nun die Gipfel der lieben Heimat und ihre Thäler erblickte, den ſchönen Strom da liegen ſah unter ſeiner ſchweren Eisdecke, die, in ſeltſamen Formen wild durch⸗ und übereinander geſchoben, — 326 von der Höhe ein eignes Schauſpiel darbot. Nichts aber ergriff ihn ſo mächtig— als der Anblick der Stadt, des Thurmes zu Sanct Peter und Paul. Es ſtand der Greis an des Sohnes Seite auf einem jener weit gegen das Rheinbett hervorſpringenden Felszacken, zwiſchen denen ſich kleine Thäler hinabziehen zum Ufer. So kalt es auch war— er nahm das Baret von dem Silber⸗ haare— kniete nieder auf die harte Erde und dankte dem Welten⸗ regierer für des heißen Wunſches Erfüllung, einſt dieſer Stadt die Retter aus Drangſal und Elend zu bringen.—„Jetzt,“ ſchloß er in heiliger Begeiſterung,„jetzt, Herr, laß deinen Diener in Frieden zur Grube fahren, er hat erlebt, was er gehofft und gewünſcht!“— Auch Friedrich's Herzen entſtrömten Dankgebete, Bitten um ein fröhliches Gelingen. Doch, wie ſo verſchieden waren ſeine Empfindungen von denen ſeines Vaters!— Aus dem Fenſterlein ſeines kleinen Stübchens in dem Bauernhauſe war der Rheingraf Zeuge dieſer Scene geweſen. Er ging hinab zu den Beiden, ſich da umzuſchauen von dem freien Standpunkte. Kaum aber bei ihnen angelangt, ſanſte eine Falconetkugel über ihren Häuptern ganz niedrig vorüber. Erſchrocken blickte Inſelius auf. „Das war ein Gruß von unſeren Freunden auf Stahleck!“ rief lachend der Rheingraf,„aber auch eine Warnung, vorſichtig im Wählen unſerer Standpunkte zu ſein. Laßt uns zurückgehen, da ich zudem mit Euch, Friedrich, jetzt eine Berathſchlagung halten muß, indem Ihr der Einzige ſeid, der mir die günſtigſten Orte zum Angriſſe bezeichnen kann.“ „Mit Freuden,“ erwiederte der Jüngling.„Doch muß ich mir eine Bedingung anshalten mit Eurem Wohlnehmen, Erlauchter Herr!“ „Zugeſtanden!“ rief der Rheingraf mit heiterer Miene. „Euch darf man ſchon ſeine Worte ohne Sorge verpfänden. Redet!“ ₰ „Meine Bedingung iſt— daß ich beim Sturme der Vorderſte ſein darf, daß ich, einige Häuſer der Stadt zu ſchützen, Ste von Euch Senie erhalte!“ 3— Der Rheingraf ſah ihn ſcharf an, doch lächelnd. „Habt Ihr Verwandte drinnen, Herr Doctor?“ fragte er den Greis. „Nein,“ erwiederte dieſer. „Freunde?“— „O, die ganze Stadt, mit wenigen Ausnahmen,“ ſprach mit erhebendem Gefühle der Greis. „Dann habt Ihr vielleicht ein Liebchen dort?“ fragte jetzt, ſich raſch zu Friedrich wendend, der Rheingraf. Da ſtand Friedrich hocherglühend da und wußte kein Wort zu finden. Der Rheingraf ſah ſeine peinliche Verlegenheit, und ließ ihn nicht lange darin. „Wie es auch ſei,“ ſagte er,„Ihr habt mein Wort!“ Darauf wandte er ſich zu dem Hauſe, das ſie jetzt erreicht hatten, und trat heitern Sinnes hinein. Der Abend war gekommen mit ſeiner Dunkelheit und brachte Schneegewölke an den Horizont. Gegen zehn Uhr war ſchon Alles mit einer hohen Schneelage bedeckt, und die Gegend hatte jenes eintönige, öde, traurige Ausſehen, was einer gebirgigen Landſchaft eigen iſt. Draußen war es ſtill. Nur der Ruf der Wachen und Vedetten hallte durch die Stille der Nacht weit her, und die Wachtfeuer brannten luſtig auf den Gipfeln und Felskuppen. Um das erwär⸗ mende Feuer ſaß der Rheingraf, nebſt den Hauptleuten ſeiner Truppen und Friedrich. Der Greis war zu ſehr erſchüttert von den Eindrücken dieſes Tags. Er hatte die Ruhe geſucht, die er in dem Hauſe eines ſeiner ehemaligen Kirchſpielgenoſſen fand. Der Rheingraf hob alſo an:„Niemand, ihr Herren, kann uns hier weſentlichere Dienſte leiſten, als dieſer junge Mann, der in Bacharach gelebt und des Ortes Lage und Verhältniß, ſowie ſeine Thore und Mauern gehörig kennt. Laſſet uns ihm alſo unſer Ohr leihen. Welche Seite der Stadt haltet Ihr für die am 7 leichteſten zu erobernde? Welches Thor iſt das ſchwächſte?“— — 328— „Das Münzthor, gnädiger Herr,“ verſetzte Friedrich,„ſcheint mir das zu ſein, welches am leichteſten einzunehmen iſt. Gerade dies iſt der Ort, wo die eindringenden Truppen ſich ſchnell ſammeln und aufſtellen, und in Maſſe vorrücken können; denn rechts vom Thore bis zum Diebsthurme hin zieht ſich der Gottes⸗ acker, und von da aus rücket Ihr vor auf den Markt, nehmt zuvor den Diebsthurm und Zehndethorthurm weg— und die Stadt iſt Euer. Es kommt Alles darauf an, daß ſich die Mannſchaft ſtille der Münzpforte naht; am Abend vorher ſchleiche ich verkleidet in die Stadt. Im Hauſe des Nachtwächters verberge ich mich— er iſt treu und dankbar, denn ich habe ihn in ſchwerer Krankheit geheilt, und ſo Ihr euch dem Münzthore naht, ziehe ich das Fallgatter auf, das den Bogen der Münzbrücke ſchließt; über das Eis kommt Ihr leicht herein, und die Stadt iſt gewonnen.“ „Vortrefflich!“ rief der Rheingraf,„aber höchſt gefährlich für Euch. Wie nun, wenn Ihr entdeckt werdet?“ „Dafür laßt mich Sorge tragen, gnädiger Herr,“ lachte Friedrich.„Ich fürchte das Wageſtück nicht. Es iſt das erſte nicht, das ich in Bacharach vollbringe, wie Ihr wißt.“ Die Offfziere ſahen den kühnen Jüngling mit Verwunde⸗ rung an. „Schade,“ ſprach Hauptmann Rößler, ein eisgrauer Krieger, „daß Ihr nicht Soldat ſeid,„Ihr verdientet eine Fahne, wenn nicht mehr.“ DDer Kriegsrath ging auseinander mit der Weiſung des Rhein⸗ grafen, ſich bereit zu halten, damit er, ſobald die Stadt nicht gutwillig übergeben würde, den Angriff ordne. Plünderung wurde, denn das hatte der edle Rheingraf Inſelius verſprochen, ſtrenge unterſagt. 5 In der Frühe des kommenden Morgens, es war am erſten. Januar 1632, neuen Sthls, ritt ein Trompeter mit weißer Fahne gegen das ſüdweſtliche kleine Thor des Schloſſes Su und blies eine luſtige Fanfare. Kaum wurde Bedrangle ſeiner anſichtig, als das vhr ſih — öffnete, die Fallbrücke niederraſſelte und Lamego mit ſchlauer Miene heraustrat, nach dem Begehren deſſelben zu fragen. Er verlangte zum Commandanten. Nachdem ihm die Augen ſorgfältig verbunden worden, führte ihn Lamego auf den Söller, wo Bedrangle ſtand, die Stellung der Schweden ſo viel als möglich zu erkundſchaften. „Mein Obriſter, der Rheingraf,“ ſprach der Trompeter,„läßt Euch ſeinen Gruß entbieten, und Euch im Namen königlicher Majeſtät zu Schweden auffordern, Schloß und Stadt zu übergeben, auf daß nicht beides durch Bombardirung Schaden nehme.“ Bedrangle ſtieß eine gellende Hohnlache aus.„Sag deinem Obriſten,“ rief er,„daß ich kein ander Handwerk erlernt, denn Soldatenhandwerk, was ich ſo ziemlich verſtünde; daß es mir eine Schande wäre, ſo leichtlich eine feſte Stadt und wohlverprovian⸗ tirtes Schloß zu übergeben. Sag' ihm, ich wolle mit Freuden die Schweden erwarten und mein Beſtes thun; daß du aber auch ein Trinkgeld für deine Mühe habeſt, ſo nimm dieſen Königsthaler.“ Die Augen wurden ihm wieder verbunden und Lamego führte ihn in das Gewölbe, wo eine Maſſe Munition und Proviant lag. Hierauf kehrte er zurück. Kaum zurückgekehrt, begann ein heftiges Feuer auf das Schloß von Seiten des Kühlberges, das jedoch in eben dem Grade von Stahleck erwiedert wurde. Heftiger dauerte das Feuer den folgenden Tag fort; allein der Schaden, den es anrichtete, war unbedeutend. Am Morgen des dritten Tages ritt der Trompeter ahe zum Schloſſe, brachte indeſſen dieſelbe Antwort und Lohn zurück. 6„Güte und Warnung hilft nicht!“ ſprach der Rheingraf. „Nun ſoll denn Euer Plan, Friedrich, ins Werk geſetzt werden! Sogleich konnte es indeſſen nicht geſchehen, da der Rheingraf 3 Verſtürkung von Simmern an ſich zog. 5 Der Wächter, Hanns Adam Bernhardi, blies eben die eilfte Stunde auf dem Markte von Bacharach, und hüllte ſich enger in ſeinen weiten warmen Rock, denn die Kälte war ſchneidend, und ein heftiger Oſtwind ſchärfte ſie noch. Der Himmel war mit dickem Gewölke bedeckt, durch das nur ſelten ein Strahl des Mondes fiel, der eben im Abnehmen war, und ſpät erſt aufging. Die ſpaniſche Wache auf dem Holzthorthurme verließ den hohen, freien Standpunkt, um tiefer unten bei den Kameraden in der Thurmwachtſtube ſich zu erholen. Alles war ruhig außerhalb der Stadt. Oben auf den Bergen und weithin bei Nauheim ſtanden die ſchwediſchen Vedetten. Ehe der Soldat ſeine Stelle verließ, ſandte er einen forſchenden Blick in die nahe Umgebung— konnte aber nicht das mindeſte von Gefahr entdecken. Und doch war ſie näher, als jener ahnete; denn in einen weißen weiten Reitermantel gehüllt, den breitkrempigen Hut mit einem weißen Tuche bedeckt, damit er nicht von der Grundfarbe der ſchneebedeckten Gegend zu unterſcheiden ſein möge, ſchlich eine hohe, edle Mannesgeſtalt über den Mühldamm von der Mönchrinne her, zwiſchen den alten Weidenſtämmen dem Holzthore zu. Sein Auge ſpähete unabläſſig nach dem Wachtpoſten auf dem Thurm. Er mußte jetzt entdeckt haben, daß dieſer unbeſetzt ſei; denn er ließ das Schleichen, und lief ſchnell herzu, wendete ſich aber rechts hinab in das Bette des zugefrornen Münzbachs. Als er an den Bogen kam, der in die Stadt den Bach einließ, fand er ihn faſt ganz zugefroren, ſintemal es ein ſehr gedrückter Bogen war. Er unterſuchte betaſtend die noch gebliebene Oeffnung, zog ein kurzes Schwerdt heraus, und begann ſo leiſe als möglich die DOeffnung zu erweitern. Während er ſo arbeitete, ging die Wache wieder einmal oben hin, nachzuſehen, ob noch Alles ſicher ſei. Des Spaniers Auge, vom Lichte geblendet, konnte nichts entdecken, doch war ſeine 3 5 — 331— ſchärfern Ohre der Ton nicht entgangen, der durch die Arbeit des Mannes am Bogen hervorgebracht wurde. Mißtrauiſch gemacht, rief er hinab: „Diaz, bring' mir eine Büchſe, drunten ſcheint es nicht ſicher!“ Schnell ſprang der Gerufene herbei. Der unten legte ſich, in der Stille der Nacht jede Sylbe vernehmend, derweile der Länge nach auf das Eis, ſo dicht als möglich an die Stadtmauer. Eine Weile horchten die oben, worauf der Eine zum Andern ſagte:„Wer auch gleich den Schweden wittern möchte, wie du! Wahrſcheinlich war's eine Beſtie, die der Geruch des Fleiſches in die Gerbereien anlockte. Hätteſt du Lärm um Nichts gemacht, Bedrangle würde dich zu den Spießbürgern in das Verließ geſteckt haben.“ Mit dieſen Worten gingen Beide beruhigt hinab. Der am Bogen arbeitete nun rüſtiger. Es gelang ihm bald, die Oeff⸗ nung ſo weit zu vergrößern, daß er hindurchſchlüpfen konnte. Er warf nun den Mantel ab, kroch hindurch, und ſah ſich alſobald innerhalb der Ringmauern der Stadt. Schnell hing er den Mantel wieder um, und ſchlug den Weg am Berge weg hinter den Loh⸗ haufen und Gerbehäuſern ein, und ſah ſich, mit den Oertlichkeiten vollkommen vertraut, bald am Häuslein des Wächters, der, ein alter Hageſtolz, ganz allein auf dem Holzmarkte hinten am nörd⸗ lichen Berg unmittelbar an der Stadtmauer wohnte. Die Thüre war nur angelehnt, und er trat in ein matt von einer Lampe erleuchtetes ärmliches Kämmerlein. Der Ankömmling warf die Verkappung ab und ſtand nun in ſchwediſcher Uuiſ wohlbe⸗ waffnet mit Piſtolen und Schwerdt, da. Nicht lange nachher trat der Wächter herein und fuhr mit Entſetzen vor dem n zurück mit dem Ausrufe:„Großer Gott, die Stadt iſt athen!“ „Stille, ſtille!“ rief ihm der Andere zu;„Hans Adam, Ihr mich denn nicht? Ich bin ja der Laborant Friedrich, der Euch vor einem Jahre vom Fieber heilte und den Zahn ausriß!“ „Gott ſegne ihn!“ ſprach der Alte,„und auch Euch, wenn Ihr's ſeid.“ — 332— „Ich bin's,“ ſprach Friedrich, ihm die Hand reichend,„Gett grüß Euch!“ „Wahrhaftig!“ rief frendig der Nachtwächter aus.„Gott lohn's Euch, daß Ihr bei mir einſprecht; bin ich doch nur ein armer Mann. Wo aber kommt Ihr her? Habt Ihr Hunger? Ich theile freudig mein Brod mit Euch.“ „Laßt das,“ erwiederte Friedrich,„ich habe Wichtigeres mit Euch zu reden. Dieſe Nacht kommen die Retter noch; ich führe ſie in die Stadt.“ „Ja, Hans Adam, und Ihr ſollt mir behilflich ſein, ſollt mir Euer Amt ein Paar Stündchen abtreten—“ „Das darf ich nicht, ich habe dem Rathe geſchworen.“ „Brecht Ihr Euern Eid, wenn Ihr die Stadt befreien helft von dem unerträglichſten Joche?“ Bernhardi beſann ſich— dann ſagte er:„In Gottes Namen. Wird aber auch die Stadt nicht geplündert?“ „Nein, bei Gott nicht!“ betheuerte Friedrich. „Kennt Ihr aber auch das Verslein: Hört, Ihr Herrn.“ „Seid nur ohne Sorgen,“ gegenredete Friedrich,„ich will ſchon Alles gut machen.“ Der alte Mann beruhigte ſich nun, und Friedrich erzählte. ihm, daß ſein alter Prediger, deſſen Küſter er geweſen, mit den Schweden wiederkehre, und er wieder ſein Küſteramt erhalten ſolle bei Sanct Peter und Paul.“ Dieſe Hoffnung warf einen neuen Lichtſtrahl in das arme Leben des Einſamen, und erfüllte ihn mit r Freude. Noch eine Weile beſprachen ſie u wo denn Friedrich hm, daß Lauer, Zinkgräff und die Uebrigen noch im Verließe von Stahleck ſeufzten, und manche neue Mähr von den Leiden, die die Stadt erduldet ſeit jenem Aufſtande— aber auch die frohe „nun ſei es Zeit, die Mitternachtſtunde zu rufen.“ 3 Kunde von Claren's Wohlbefinden. Bald aber mahnte der Wächter, Friedrich hüllte ſich nun in des Wächters Rock, bedeckte ſein — 333— Haupt mit der Pelzmütze, hing das Horn um, ergriff den unge⸗ heuern Knotenſtock, und ging unter Segenswünſchen des Wächters, ſeines neuen Amtes zu warten. Alles ging vortrefflich. Er wußte Hans Adam's Stimme ſo täuſchend nachzumachen, daß ihn Niemand erkennen konnte und unterſcheiden von dem Wahren. Heftig pochte indeſſen doch ſein Herz, als er, die Roſengaſſe herabkommend, ſich dem Münzthorthurme näherte. Doch auch hier fand er die Wache nachläſſig. Er ſtieg die Stiege auf die Stadt⸗ mauer hinauf, und unterſuchte nun ſorgfältig den Haſpel, der das Fallgatter am Münzthorbogen herauf und herab ließ. Zu ſeiner größten Freude entdeckte er kein Schloß daran, alſo auch kein Hinderniß, es aufzuwinden. Leichtern Herzens ſtieg er wieder herab, ging über die kleine Brücke hinüber, an den Gotteshäuſern*) vorbei, und wandte ſich, nachdem er die Stunde geblaſen, die Fleiſchgaſſe hinauf. Jetzt ſtand er vor dem Saale und ſollte hier die Stunde blaſen. Dort war Clara's Kämmerlein.— Sie hatte noch Licht.— Iſt ſie krank geworden?— Er vergaß die Stunde zu blaſen,— achtete nicht ſeiner faſt erſtarrten Hände, und kletterte flüchtig, wie das Eichhörnchen, am Stamme der alten Kaſtanie hinauf, die vor Clara's Fenſterlein ſtand.— Aber ein neidiſcher Vorhang verbarg das jungfräuliche Heiligthum. Friedrich brach ein Aeſtchen ab und warf es gegen das Fenſter. Innen entſtand jetzt ein Geräuſch. Es trat Jemand gegen das Fenſter. Noch ein Aeſtchen ſlog dem erſten nach. Jetzt wurde geöffnet.— Es war eine ſchlanke Geſtalt— es war S Friedrich's Herz pochte hörbar. Leiſe rief er„Sei wacker, mein Mävchen, Treuer mit den Retkern iſt nahe. Erſchrick nicht, wenn Kriegs⸗ getümmel die Stille unterbricht.“ *) Gotteshäuſer hießen und heißen noch die Armenwohnungen, welche dem von den Wittelsbachern geſtifteten Hoſpital zum heiligen Geiſte gehören, die in jener Gegend liegen. — 334— Clara fuhr erſchrocken zurück.„Das iſt Friedrich's Stimme!“ rief ſie leiſe „Ich bin's, Clara!“ ſprach er,„bald ſehe ich dich wieder; jetzt ruft die Pflicht.“ Pfeilſchnell glitt er am Baume hinab, und bließ nun unten die Stunde und ſang das Verslein. Clara zitterte.— Denn das war ja doch derſelbe, wie ſie deutlich ſah, der mit ihr geredet, und das war doch Niemand anders, als Hans Adam, der Wächter. Sie konnte dies Räthſel nicht löſen, aber eine unbeſchreibliche Unruhe bemeiſterte ſich ihrer. Ihre Phantaſie war lebhaft erregt. Der Schlaf floh ſie. Sie ſaß und ſann. Nach vielem Sinnen ſchien es ihr doch wahrſcheinlich, daß es Friedrich geweſen. Sie eilte nun, ihren Vater zu wecken, dem ſie Alles umſtändlich erzählte. Zwar ſchüttelte der Alte den Kopf, doch unwahrſcheinlich fand er es nicht, daß die Schweden mit Liſt die Stadt zu nehmen trach⸗ teten. Er kleidete ſich an, um nun mit Claren und der Schweſter die Dinge, die da kommen ſollten, zu erwarten.— Indeß Friedrich heimlich ſich in die Stadt geſchlichen, waren etwa zweihundert Männer aus des Rheingrafen Regiment unter Anführung des Hauptmannes Rößler in weitem Umkreis um das Schloß Stahleck gezogen, um ſich über die Vogelswieſe von der nördlichen Seite durch den Ketzer der Stadt zu nahen. Dies geſchah mit ſolcher Vorſicht und Stille, daß ſie ſchon vor der Stadt waren, am Münzthor in den Gärten, ohne daß nur Jemand von der ſpaniſchen Beſatzung etwas geahnet. Der Wächter blies Eins. Sanft ſchliefen auf dem Münz⸗ thurme die Spanier. Friedrich ſchlich die Stiege hinauf auf die tadtmauer, wand das Fallgatter auf, und in aller Stille, ohne irgend ein Hinderniß, kamen die Schweden in die Stadt. Friedrich warf das Nachtwächtersgewand ab und trat an Rößler's Seite. Dieſer theilte ſofort die Mannſchaft. Friedrich nahm zwölf rieſige Dalekarlier mit ſich auf den Münzthorthurm. Die Spanier tau⸗ melten auf und legten kein Hinderniß in den Weg, meinend, es den Saal zueilte, und mit banger Sorge die Thür unterſuchte— — 335— ſei die Runde. Kein Schuß fiel. Zitternd legten ſie die Wehr 6 ab und ergaben ſich. Der Thurm war genommen. „Bleibt hier und haltet ihn beſetzt,“ rief Friedrich den Dale⸗ karlen zu, und eilte mit Blitzesſchnelle hinab. Ueber den Kirchhof nach dem Diebsthurm war Rößler gezogen, die Beſatzung war wachſam. Bald entſtand ein Gefecht und ein lebhaftes Feuer von oben herab. Allein der Schweden Uebermacht ſiegte. Friedrich warf ſich indeſſen auf die Stadtmauer und eilte dem Marktthurme zu. Hier fand er den ſtärkſten Widerſtand. Hart⸗ näckig vertheidigten die Spanier den Thurm. Sie wurden alle niedergehauen bis auf Einen, der Quartier nahm. „Die Stadt iſt unſer,“ jubelte Friedrich, und ſtürmte weiter. Nach Verlauf einer halben Stunde waren alle Thorthürme erobert, ihre Beſatzung niedergehauen oder gefangen. Nur die nördlichen und weſtlichen Thürme, der Holzthorthurm, der Sonnenthurm, der Katzenthurm und Poſtenthurm waren noch in der Spanier Gewalt. Dieſe fielen durch die Roſengaſſe den Schweden in die Flanke und ſuchten den Markt zu gewinnen. Bedrangle hörte das Lärmen und Schießen in der Stadt nicht ſobald, als er auch perſönlich ſich an die Spitze eines Haufens ſtellte, und über den Sanct Werner herabeilte. Auf dem Markt entſpann ſich jetzt ein lebhafter Kanpf Friedrich kehrte eben vom Zollthorthurme zurück, wo er zugleich die Hauptwache gefunden und gefangen gemacht hatte. Er ſtürmte die Marktgaſſe zurück, theilweiſe die Beſatzungen der eroberten Thürme mit ſich vereinigend. So fiel er den Spaniern in den Rücken und entſchied ſchnell und glücklich den mörderiſchen Kampf, der hier wüthete. Die zogen ſich fechtend auf die Burg zurück, da ſie der Uebermacht der nachrückenden Schweden, die indeſſen das Münzthor aufgehauen hatten, nicht Stich zu halten vermochten. Kaum aber ſah Friedrich dieſes Ziel des Kampfes, als er auf — 336— ch war ſie unverletzt. Er nahm hier mit ſechs Schweden ſeine Stellung zu Schutz und Schirm der Geliebten. Lauter Jubel erfüllte jetzt die Stadt. Alle Thüren öffneten ſich, und die Bürger brachten gefüllte Pokale zum Willkommen den Soldaten zu. Kein Erceß fiel vor. Strenge hielt man das Gebot gehoffte Beute verſprach er durch eine Brandſchatzung des Kloſters den Soldaten zu erſetzen, womit dieſe ſich begnügten. Bebend hörte man im Rima'ſchen Hauſe den Kampflärm. Oft dünkte es Claren, ſie höre Friedrich's gewaltige Stimme. Furcht und Hoffnung bewegten wechſelnd das liebende Herz. Sie betete leiſe und inbrünſtig für Friedrich's Erhaltung. Allmählich entfernte ſich das Kampfgewühl vom Markt und ließ endlich, nach einer Stunde, die die Dauer einer Ewigkeit hatte, ganz nach. Freier athmete ſie nun. Aber ach, die Furcht quälte ihr Herz wieder. Lebt er noch? Wird er nicht verwundet ſein?— Wo ſollte ſie Ruhe finden bei ſolchen quälenden Gedanken?— Da ſprang plötzlich die Thür auf, und mit dem Ausrufe: Der Sieg iſt unſer! trat der Geliebte herein— in ſchwediſcher Uniform, die ihm außerordentlich gut ließ. Rima eilte ihm entgegen.„Seid mir willkommen, Retter in der Noth und Gefahr!“ rief er und ſchüttelte des Jünglings Hand mit freudigem Gefühle. Clara ſtand ferne mit wonneſtrahlendem Blick und hoch⸗ klepfendem Herzen. Es war ihr, als müſſe ſie ihm entgegeneilen, ihn an das treue, liebende Herz drücken— den Retter, den helden⸗ ihnen Jüngling— und voch konnte ſie nicht. Ein unbeſchreib⸗ liches Etwas hielt ſie zurück. Friedrich nahte ſich und drückte ihre ſchöne Hand mit ſtürmi⸗ m Gefühl an ſeine Lippen. Hoch erglühte die Jungfrau. Rima merkte es, jetzt erhob ſich ſeine Ahnung ihrer Liebe zur vollen Gewißheit. Aber zürnen konnte er nicht. Er verdankte ihm ja ſo viel. des Rheingrafen, kein Eigenthum der Bürger anzutaſten. Die Nun aber mußte Friedrich erzählen. Eie ſtaunten ob ſeiner — 337— „* Kühnheit, ſeines Muthes— ſie bebten bei dem Gedanken an die BGefahr, in der er geſchwebt. „Und wart Ihr's wirklich?“ fragte Rima,„der, als Nacht⸗ wächter verkleidet, Claren warnte.“ „Ich war's,“ ſagte Friedrich.„Ich wollte Euch den Schrecken erſparen, der Euch ergreifen müßte, wenn unvorbereitet das Kriegs⸗ getümmel die Stadt erfüllt hätte. Clara eilte auf des Vaters Wink hinaus, mit warmem Weine den vom Kampf Ermüdeten zu erquicken, und als nun die Becher ſchäumten— mußte Friedrich ſeine Begebniſſe, die Fahrten erzählen bis heute. Dann fragte er nach ihren Schickſalen. So tauſchte man in alter Traulichkeit das Erlebte gegeneinander aus, bis plötzlich Friedrich ſich eines Auftrags erinnerte. „Verzeiht, Herr Doetor,“ ſprach er,„wenn ich nun mit einer Bitte hervorrücke: der Rheingraf bittet um Obdach bei Euch!“ Rima nahm die Bitte mit Freuden auf.„Vielleicht,“ fuhr Friedrich fort—„nehmet Ihr auf kurze Zeit noch Jemanden— mich und meinen alten Vater, bei Euch auf?“— Freudig bejahte dies Rima.„Wie mögt Ihr fragen?“ 8 gegenredete er.„Seid Ihr ja ſchon mein alter Hausgenoſſe, und ich denke, jetzt ſollt Ihr's bleiben, und unſer früher beſprochenes Verhältniß nichts mehr ſtören!“ Clara vernahm mit freudepochendem Herzen ihres Vaters Rede, und Friedrich ſchlug mit Entzücken in die dargebotene 3 Hand ein. Jetzt tönten von der Münzpforte her Trompeten und Trommeln. „Ha, der Rheingraf!“ rief Friedrich aus, und eilte hin Auf der Stiege begegnete ihm der ganze Rath, der ſich in Fei kleidern zu Rima begab, den Rheingrafen zu empfangen. Der Tag war angebrochen. Friede herrſchte in der S Die Todten und Verwundeten waren untergebracht. Die Schweden ſtanden in Reih' und Glied— Kopf an Ko die Bürgerſchaft. 2 Rheingraf! haße es überall wieder. Scht doch, riefen 15 tadt — 338— jetzt Viele zugleich— iſt das nicht unſer Pfarrherr Inſelius?— Er iſt's! jubelte die Menge, und Alles drängte ſich zu dem Roſſe, das der Greis ritt, der, weinend der Freude Zähren, in die liebe Heimatſtadt einzog und die Liebe der Bürger ſah. Alles ſtreckte die Hand nach ihm aus, und tief gerührt ſegnete er die Menge, die mit Andacht ſeinen Segen empfing. „Herr Doctor!“ ſprach der Rheingraf zu ihm,„Ihr feiert einen ſchönern Sieg, als ich, und einen ſchönern Einzug— denn Ihr zieht in die Herzen dieſer Menſchen ein,— ich aber nur in die Mauern!“ Jetzt aber ertönte dem Rheingrafen ein donnerndes Lebehoch! Er aber zog den Hut vom Haupt und ſprach: Dem Herrn allein die Ehre! Und ab ſtieg er vom Pferd und mit ihm ſeine Begleiter und Inſelius. Ein weiter Kreis bildete ſich jetzt, und Inſelius ſprach, als eben die winterliche Sonne hinter Naſſau's Gebirgen hervortrat, ein Dankgebet mit jugendlichem Feuer, ungeſchwächter Kraft und inniger Begeiſterung, und alle Herzen beteten mit. Dann ſtimmte die ſchwediſche Soldateska mit der Bürgerſchaft ein dankbares, volltöniges:„Herr Gott, dich loben wir ꝛc.“ an. Die innigſte Rührung ſpiegelte ſich auf allen Geſichtern. Soldaten und Bürger umarmten ſich, und die frohe Hoffnung einer ſchönern Zukunft nach all den Leiden und Trübſalen zog in die Herzen der Bürger ein, mit der Freude, den geliebten Seelſorger wieder in ihrer Mitte zu haben nach achtjähriger Trennung. X. 6 Die letzten Töne des herrlichen, alten Chorals waren ver⸗ ungen In der Nachfeier des heiligen Momentes ruhten noch die Gemüther mehr oder weniger, je nachdem ſie für fromme Ein⸗ rücke empfänglich waren, als mit einem Male die Volksmenge ſich theilte, eine Gaſſe bildend, durch die mit ernſter Würde der Rath, mit Rima an der Spitze, der auf ſammtem Kiſſen den filbernen 6 — 339— er ſich tief, den Schlüſſel ehrerbietig darreichend mit den Worten: Heil dem Retter vom unerträglichen Joche!— Heil! Heil! tönte es nach im vielſtimmigen Echo. Der Rheingraf nahm den Schlüſſel im Namen Königlicher Majeſtät zu Schweden, und verkündigte laut die freie Religions⸗ übung der Proteſtanten und die Wiedereinſetzung des ehrwürdigen Inſelius in ſeine Stelle als Prediger des göttlichen Wortes. Da erſchallte ein abermaliges Jubelgeſchrei von den Proteſtanten. Rima ſah jetzt erſt ſeinen alten, vielgekränkten Freund Inſelius. Sein Anblick erſchütterte ihn. Die Furchen des Harmes, die ſilberweißen, in der Verbannung gebleichten Haare, die ganz vom Alter gebeugte Geſtalt erfüllte ſeine Bruſt mit inniger Wehmuth, mit Reue, ob der ihm dermaleinſt zugefügten Krän⸗ kungen, und das Gefühl der Nothwendigkeit, gut zu machen alles Verſchuldete, ergriff ihn mit aller Stärke. Er folgte dem unwill⸗ kürlichen Drange ſeines Herzens, trat zu ihm und faßte ſeine Hand, indeß Thränen über ſeine Wangen rieſelten, Zeugen der innern tiefen Bewegung. Er war keines Wortes in dieſem Augen⸗ blicke mächtig. Auch Inſelius war erſchüttert. Die ganze düſtre Vergangenheit lag unverhüllt vor ihm, und der grelle Abſtand der Gegenwart. Doch ſein Herz kannte keinen Haß, keine Rache. Er breitete ſeine Arme aus, und mit dem Ausrufe:„Vergebung!“ lag Rima an ſeinel Bruſt. Jedes Herz ſchien der Greiſe Empfin⸗ dung zu theilen— denn Stille herrſchte und manches Liebe und Eintracht, als Brüder, gehen, und vergeſſe Vergangene. Die Schule der Leiden hat mich weiſe ge mich erkennen t⸗ daß, wie auch immer der Gla der Liebe. Inſelius vernahmit leuchtenden Blicen die Worte, di 6 15 Schlüſſel der Stadt trug, einhertrat. Vor dem Rheingrafen neigte gezählt,“ ſprach er,„der Weg zum Frieden kurz, laßt ihn uns in wurde feucht Rima wurde zuerſt ſeiner Meiſter. Tage ſud 7 es mein Sohn Friedrich iſt?“ — 340— dem Herzen kamen.„Gottlob!“ rief er aus,„nun ſcheint's, als ſolle mein Feierabend noch freundlich werden! Glaube, Liebe, Hoffnung— dieſe drei— aber die Liebe iſt die größeſte unter ihnen! Ja, ſo ſei's, wie Mund und Herz ſpricht— Liebe eine uns! Fortan wollen wir in Liebe dem Herrn dienen und unſere Fehler tragen mit Geduld, und nie mehr trennen durch Meinung das Band der Liebe!“ Er ſprach dieſe Worte mit wankender Stimme. Ueberhaupt ſah man dem Greiſe an, wie ſehr die letzten Auftritte nachtheilig auf ihn eingewirkt. Darum nahm der Rheingraf ſeine Hand und ſagte: „Ihr bedürft der Ruhe, Herr Doctor, laſſet uns ſie ſuchen.“ Da nahm Rima die andere Hand, und führten ihn in den Sagl. Als die Thür aufging, bot ſich den Eintretenden ein neues Schauſpiel dar. In ſeligem Vergeſſen lag Clara an Friedrich's Herzen, und ſeine Arme umſchlangen das liebliche Mädchen. Todesſchrecken ergriff die Jungfrau. Sie ſank faſt ohnmächtig in den Stuhl und bedeckte die Augen mit den Händen. Auch Friedrich erſchrack. Er wollte reden— konnte aber nicht. Rima zürnte nicht. Er lächelte. Mit ihm war ja eine gänz⸗ liche Umwandlung vorgegangen. Der Rheingraf aber trat näher und prach:„Wahrlich, Friedrich, Ihr könnet erobern, beſſer als mancher Feldherr— Städte und— Herzen. Doch recht ſo! dem Sieger gebührt der Preis, und Minneſold iſt ſüßer denn Ruhmeskränze.“ Inſelius ſah ihn mild und freundlich an. Auch er konnte nnicht zürnen. Forſchend blickte der Rheingraf die Väter an— 6 dann trat er zu dem Paare, legte ihre Hände in einander und ſprach zu Friedrich:„Der Lohn iſt herrlich wie die That, die ihn Srtangl“ Segnet das Paar, ihr Väter!“ bat er dann. „Väter?“ fragte Rima. 4 Inſelins ſah ihn erſtaunt an:„Wiſſet Ihr denn nicht, daß * 4 — 341— „Euer Sohn?“ fragte mit größerm Erſtaunen Rima. Und Ihr konntet mir das verhehlen?“ fragte er mit dem Tone des Vorwurfs Friedrichen.„Ihr konntet ſo lange in meinem Hauſe leben und mir verhehlen, daß Ihr meines treuen, vielgeprüften Freundes Sohn wäret?!— Das war nicht fein! Und hättet Ihr Euch nicht als Fremdling meine Liebe und Dankbarkeit erworben, ich müßte, ob der Lüge, hart ſein— doch— er hat ſie vom Tod errettet— ſie ſei ſein. Seid glücklich,“ rief er mit Thränen aus, „meine Kinder, ſeid glücklich, wie es Eure Väter waren!“ Da zog Friedrich Claren auf ihre Kniee vor den Vätern, und ſie ſegneten ſie— und umarmten ſich mit inniger Liebe. Der Rheingraf aber trat zum Fenſter und trocknete ſich das Auge, und ein ſeliges Gefühl, wie er es lange nicht empfunden, ſchwellte ſeine Bruſt. Der erſte Januar 1632, alten Styls, war gekommen. Am klaren Winterhimmel ſtand die Sonne, herrlich leuchtend. Der Himmel lächelte einem ſchönen Feſte. Um 9 Uhr früh erklang vom Pfarrthurme zu St. Eliſabeth das volltönige harmoniſche Geläute. Den erſten Tag des neuen Jahres dem Herrn zu heiligen, für die Rettung ihm zu danken, um ſeine Huld ihn anzuflehen, ſtrömten die Proteſtanten und mit ihnen viele ihrer katholiſchen Glaubensgenoſſen zur Kirche, denn heute hielt Inſelius ſeine erſte Predigt wieder.— Gefühle hoher, heiliger Freude, unausſprechlichen Dankes wogten in des Greiſes Bruſt bei dem Gedanken, heute wieder die heilige Stätte zu betreten, auf welcher er ſo oft im Dienſte des Herrn, frommen Eifers voll, gelehrt, getröſtet, gewarnt und mit des lebendigen Wortes Kraft die Herzen erſchüttert hatte, bei dem Gedanken, heute des Sohnes Licbebund 3 einzuſegnen. Die Stunde ſchlug— die Glocken riefen mit ehernem Wunde. Der Rheingraf faßte Friedrich's Hand, die Offiziere umgaben ihn. Dahin wandelten ſie, und die verſchämte Braut mit der Myrthe Grün im Haare wurde von des alten Heileß Tochter geführt. Die Bürger ſchloſſen ſich an, unter ihnen die Haft durch Aus. — 342— wechslung ledigen, entſchloſſenen Männer, an ihrer Spitze Lauer und Prätorius. Gedrängt voll war das hohe, herrliche Gebäude. Wunderbar ergreifend rauſchte der herrliche Geſang Paul Gerhard's: „Befiehl du deine Wege,“ daher in den Hallen des Herrn. Er war verhallt.— Auf der Kanzel ſtand der ſilberhaarige Greis, und jedes Auge hing an ſeinem Munde. Jetzt öffnete er ihn und brachte dem Herrn die Opfer des Danks im inbrünſtigen Weihegebete; dann begann er mit Iugend⸗ kraft die Predigt, und dieſes Wort, das zu neuem Leben, neuer Liebe mahnte, dieſes Wort, das das Alte vergeſſen hieß und fortan ein Leben im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung zu führen ermahnte, ergriff Aller Herzen wunderbar, und ſtreute eine Saat, aus der Duldung und Milde gegen anders Denkende in der folgenden Zeit hervorwuchs und reiche Frucht trug. Als die Predigt geendet war, trat der tiefgerührte Greis vor den Altar. Die Jungfrauen führten die ſchöne Braut, der Rheingraf den Jüngling herzu, und der Vater ſegnete ihren Liebebund fürs Leben. Das waren heilige Augenblicke in ihrem Leben, deren Nach⸗ klang bis ins hohe Alter i Als ſie beim frohen Mahle ſaßen im Saale, da trat Rima herein mit einem Packe Pergamente. „Es iſt Zeit, daß der üble Schein ſinke,“ ſprach er.„O, die Welt hat hart gerichtet, und ich trug's als Strafe meiner Ver⸗ ung.— Doch— der über den Sternen ſah mich und mein Ich habe deine Habe eingezogen, Inſelius, ich war dein halter. Sieh', ob ich treu war. Hier haſt du Alles mit n wieder.“ Er legte die Pergamente in die Hand Inſelins' O, du Vielverkannter,“ rief der Greis, ſeine Hand faſſend d,„du haſt im Stillen Gutes gethan und Schmach chuldig— möge dir's Gott vergelten öffentlich.“ — 343— „Jetzt wird mir's immer klarer,“ ſprach Friedrich,„wie unrecht ich gehandelt, daß ich meinen Namen verläugnet. Auch ich habe Euch in böſem Verdachte gehabt.— Gott vergebe mir's, verzeiht auch Ihr, mein Vater!“ Konnteſt du anders?“ fragte wehmüthig Rima.„War nicht der Schein gegen mich?“— Jede Wolke verzog ſich an ihrem Himmel und im heitern Sonnenſcheine der Liebe und des Glückes flogen die Tage. Noch zwei ganze Wochen weilte der alte Rheingraf in ihrer Mitte. Er konnte das Schloß nicht nehmen, bis er von Guſtav Adolph Ver⸗ ſtärkung von Kreuznach aus erhielt. Nur wenig wurde es beſchoſſen. Bedrangle kapitulirte und zog ab. Zu neuen Siegen rief ſein Beruf den Rheingrafen, und mit Wehmuth ſchied er aus dem Kreiſe der Glücklichen, die er ſo ſehr liebte. „Ihr habt Alle des Lebens Stürme erfahren“— ſagte er ſcheidend—„aber ſie ruhen nun und der Friede Gottes iſt heimiſch geworden bei Euch. Möge er bleiben und nie weichen bis zum ſpäteſten Ziel. Und ſollte es auch wieder ſtürmen um Euch, vertraut dem, der des Menſchen Schickſal lenkt. Durch Dornenpfade— zum Glücke, durch Nacht zum Tage,— zur Freude durch Leid— das ſind ſeine Wege. Und wenn Ihr Eurer Ruhe, Eures Lebens Euch freut, gedenket meiner, der ich die blutige Bahn gehe und weit vom heimiſchen Herde bin, und getrennt von Allem, was ich liebe— gedenket meiner in Liebe!— Und Ihr,“ ſprach er zu Friedrich und Clare'n, wehmüthig lächelnd,„wenn Ihr einſt einen kräftigen Knaben ans Vater? und Mutterherz drückt, nennt ihn: Otto Ludwig— und ich bin Pathe! Leb wohl!“ Er riß ſich los.—„Gott ſegne Euch!“ riefen ihl Dankbaren, die Glücklichen nach.„Gott ſegne Euch!“ — ſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 8 * 3 1— — * 3 3 5 „