zöſiſcher Literatur von Sdnurd Oltmann in Gießen, Schloßgaſſ⸗ Lit. A. Nr. 256. eih und Leſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von m Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 St en angemmen. ntion. inbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatt wird. 43 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ir w 2 Bücher: 4 Bücher: 65 auf 1 Monat: ß Vr Pf 2 Mt „„ 3 rtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe rauf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zi o 65 nersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloren u feet Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) m adenpreis erſetzt werden.— J das zerriſſene, beſch orene oder efecte Buch ein Theil eines größeren V e Zzum Erſatz des Ganzen verpflichtet. eihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage iefaeeht u uf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterver cht ſtattfinden darf, indein S welche ir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Geſammelte Erzählungen von W. O. von Horn. (Verfaſſer der Spinnſtube.) Zweiter Band⸗ —— Frankfurt am Main. — Sauerländerh 1856. ie Nacht von Bingen. Novelle Die Meergenſen. Novelle 1. Die Studenten von Löwen II. Der Kundſchafter im. Alba in Brüſſe!. IV. Der Rath der Unruhen V. Die Verſchwundenen VI. Die Kämpfe. VI. Die Meergeuſen 4 VIII. Die Eroberung von Briel Soneck. Hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählung aus dem dr i Jahrhundert* Der geſ penſtige Storren Eine Si Die Zweite Eine Die Nacht von Binge 8* Novelle. „ 3 Gutmüthigkeit und treuherzige Offenheit gleich ſchätzb ihres Wohnorts einer Kritik unterwarfen, hörte Einleitung. Beruf und Reigung, zwei Hauptfactoren im Menſchenleben, hatten mich im Jahre 1843 längere Zeit in Rüdesheim gefeſſelt. Wer kennt nicht Rüdesheim und ſeine paradieſiſche Gegend? Wem iſt der Rüdesheimer nicht bekannt, womit ich freilich nicht den Philiſter meine, der dort ſeßhaft iſt, ſondern das edle Gewächs ſeiner Reben?— Ich geſtehe, daß Ort und Wein in vielfacher Wechſelbeziehung zu den genannten Hauptfactoren ſtanden, und zwar ſo: Ort und Beruf bezogen ſich auf einander; denn ich war im Auftrage der Domänen⸗Direction daſelbſt. Ort und Neigung berührten ſich doppelt; denn das ſchöne Fleckchen Erde mit ſeinen reizenden Umgebungen übte eine magiſche Gewalt auf mich aus; aber eine noch magiſchere die Reize einer holden Tochter des Städtchens.— Wein und Beruf ſtanden in Wechſelwirkung; denn mein Geſchäft war es, die Zehntweine gehörig zu beſorgen.— Wein und Neigung vollends trafen ſo wunderbar zufammen, daß ich oft nicht wußte, wer die Schuld des Haarzopfs trug, der köſt⸗ liche Wein oder die überwältigende Neigung zu ihm. Wer will es mir verargen, daß ich nicht heim eilte? Dort warteten meiner die triſten Aeten, hier das friſche, heitere Leben. Ich ſchwelgte im Vollgenuſſe dieſes Lebens; aber auch das Volk war mir in ſeiner Eigenthümlichkeit intereſſant. Manche Stunde weilte ich in einer beſuchten Schenke am Strand, und ergötzte mich an dem friſchen Humor, an dem ſprudelnden Witze dieſer körnigen Menſchen, deren Oft, wenn ich ſo unter ihnen ſaß, und ſie ſamen Ausdruck:„Sie iſt häßlich, wie die Nacht von — 11— Peitſchte der Wind den Regen draußen, ſo hieß es:„Das iſt doch ein Wetter ſo häßlich, wie die Nacht von Bingen.“ Wollte man ein Ereigniß in ſeiner Furchtbarkeit bezeichnen, ſo ſagte man: „Es war ſo entſetzlich, wie die Nacht von Bingen.“ Daß da ein hiſtoriſches Factum zum Grunde liegen müſſe, das war außer Zweifel; Niemand aber wußte mir Etwas zu ſagen. Auch die Bücher, des Deutſchen letzter Troſt, Keßen mich hilflos. Meine Neugierde wuchs indeſſen immer mehr Einſt lag Bingen vor mir im Morgenſonnengold, und es war mir, als raune mir mein Spiritus lamiliaris ins Ohr:„Dort mußt du fragen, um einer Antwort theilhaftig zu werden!“— Ich war kurz angebunden, ſprang in einen Kahn, winkte einem Schiffer, und bald glitt das leichte Fahrzeng über die ſich kräuſelnde Fluth hin, die im Goldglanze leuchtete. Wir landeten. Wo hinäus nun? fragte ich mich, und antwortete mir ſelbſt: Da in den Hotels findeſt du Nichts; denn da ebbt und fluthet die moderne Völkerwanderung; da pulſirt das faſhionable Leben der Gegenwart der Zukunft haſtig entgegen, und die Ver⸗ gangenheit liegt ſo weit hinter ihm, wie die Diligence hinter dem Dämpfer, und die Sänfte hinter der Eiſenbahn. Im Volke mußt dn ſuchen, um zu finden. Als ich ſo durch die Gaſſen ſchlenderte, und die wechſelnden Scenen eines bewegten Wochenmarkts an mir vorübergehen ließ, gewahrte ich einen mächtigen Tannenzweig über der Thüre eines Metzgerhauſes, und erinnerte mich eben, daß ich vft gehört, wie die Binger in lobenswerthem Gemeinſinne ſich einander ihren Wein abtränken. Das war ſo eine improviſirte Schenke in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit. Hier durfte ich mit Gewißheit darauf zählen, irgend einen ehemals zünftigen Menſchen, einen körnigen Philiſter zu finden, der mir über meine Angelegen⸗ klaren Wein einſchenken könnte. Zch trat ein, und hatte die de, Männer an einem Tiſchlein ſitzen zu ſehen, die mir ſein ſchienen. Beide waren wohlgenährte, ſtattliche eine ein Bäcker, denn die Farbe ſeines Rockes war — m— ſtaub verriethen das. Beide hatten Binger Schoppen mit goldner Fluth vor ſich, die mit ihren rothen Naſen im Verhältniſſe von Urſach und Wirkung ſtanden— und Leberwürſte waren beſtimmt, die ſolide Grundlage des Frühtrunkes zu ſein Ich beſtellte mir ein gleiches Frühſtück, ſetzte mich zu ihnen, und die Huldigung, welche ich ihrem Geſchmacke bewies, bildete die Brücke zur gegen⸗ ſeitigen Annäherung. Mit in Rheinländer von ächtem Schrot und Korn iſt man bald bekahnt Er iſt dem Fremden freundlich, und ſein offenes, biederes Weſen gewinnt dieſen augenblicklich für ihn. Ich wußte ziemlich ſchnell das Geſpräch auf ihre Stadt zu bringen, und meine Kenntniß ihrer früheren Geſchicke war geeignet, den Weg anzubahnen zu baldiger Befreundung. Im Laufe der Unterredung kam ich dann auch auf die„Nacht von Bingen.“ Der Schloſſer wußte Nichts; aber der Bäcker lächelte mit jener reichen Selbſtgenügſamkeit, die mir alsbald den Mann verrieth, dem die Sache nicht unbekannt war, der aber um ſeine Weisheit gebeten ſein wollte. Es machte ſich ganz meinem Wunſche, daß der Selsſſe ſich entfernte. Nun rückte ich meinem Manne näher. „Ich habe es Ihnen auf den erſten Blick angeſehen,“ ſagte ich,„daß Sie ein Mann von Kenntniſſen ſind. Sie wiſſen gewiß mehr von dieſer Sache?“ „Da haben Sie ſich nicht geirrt,“ ſagte er⸗ „Das wußte ich wohl,“ war meine Gegenrede;„denn es ſpricht ſich ſo viel Geiſt in Ihren Zügen aus, daß ich—“ „Sie ſind ein feiner Menſchenkenner,“ lächelte er ſelbſtzufrieden, „faſt wie— wie— potzblitz! daß mir der Namen nicht gleich int „Lavater, wollen Sie ſagen?“ „Richtig; der war ja mein Landsmann.“— „Sie ſind alſo kein Binger Kind?“ „Aus Offenbach am Main bin ich gebürtig,“ ſaßt meine Mutter war aus Bingen und ſtammte von den al barden ab.“— „So!“ ſagte ich, und unterdrückte das Jucken in meinen Lachmuskeln über Lavater's Heimat. „Ich hatte,“ fuhr er fort,„einen geiſtlichen Herrn Oheim, der ein großer Freund alter Geſchichten war. Als er ſtarb, hinterließ er mir viele Papiere, darunter auch eine gar ſchauerliche Geſchichte der Nacht von Bingen. Wenn Sie mich begleiten wollen, ſo will ich ſie Ihnen zeigen.“ Er griff nach der Miütze. Als wir vor die Thüre traten, ſtieß ich auf eineg⸗Bekannten, einen Beamten aus Bingen⸗„ „Guten Morgen, lieber Horn,“ ſagte er, unt ſchüttelte mir die Hand.„So frühe hier? Und beim Schoppen?“ ſetzte er nicht ohne einen ironiſchen Blick auf das Schild der Kneipe hinzu. „Laſſen wir das,“ ſagte ich;„der Herr hier will mir eine wichtige hiſtoriſche Schrift mittheilen. Sie wiſſen, wie ich darauf eben Jagd mache.“ „Ah, Herr**, ſagte er, meinen Begleiter grüßend. „Kennen Sie dieſen Herrn?“ fragte er ihn. „Ich habe die Ehre, ihn nicht zu kennen!“ ſagte verbindlich mein Mann. nn Meein Freund lächelte und behnerkte:„Sie können ihm Alles wertrauen. Ich leiſte Bürgſchaft für ihn.“ Das hatte ihm ein guter Geiſt eingegeben; denn nun fand mein Wunſch, das Manuſcript mitnehmen zu dürfen, durchaus keinen Anſtand. Sein Inhalt war ſo intereſſänt, daß es mich ungemein feſſelte. Styl und Sprache gehörten der Mitte des vorigen Jahrhunderts an. So aber war es nicht zu gebrauchen. Ich konnte indeſſen nicht widerſtehen, den Inhalt in nachfolgender Novelle mitzutheilen, die ich überſchreibe, wie auch meine Quelle über⸗ ſchrieben war. I. es war im Anfange des Julius im Jahre 1302, als die Mittagsſonne glühheiß auf ein kleines Vorwerk der Burg Klopp ber Bingen ſchien, wo zwei Reiſige ſaßen⸗ denen die Langweile heftig zuſetzte. Beide nickten zu Zeiten im ſüßen Mittagsſchläfchen. Das Vorwerk ſtand zur Seite des Burgwegs, und war beſtimmt, dieſen zu ſchützen. Wenn auch gerade das Land umher im Frieden var, ſo loderte doch die Flamme des Kriegs im Mainzer Gebiet. Albrecht von Oeſterreich hatte ſeine Waffen gegen den Erzbiſchof Berhard U. gerichtet, welcher aus dem alten Stamme der Eppſteiner ſeine Herkunft ableitete, und Albrechts ſtarrer Sinn ſchien nicht ruhen zu wollen, bis et das Erzſtift in ſeinem Herzen, dem ſchönen Rheingau, zerrüttet habe. So drohte doch nahe Gefahr, wenn ſie auch gerade noch nicht da war, und die Reiſigen hatten daher hier ihren Wachtpoſten erhalten, welcher ihnen übrigens zur Stunde nicht ſonderlich am Herze lag. Es waren zwei im Alter verſchie⸗ dene Männer. Der Siena alt. Das Geſicht war verwittert, vernarbt, tiefgefurcht, das Haar grau, die Haltung aber noch unge⸗ wein feſt, und die Geſtalt groß, faſt rieſenhaft. Der Andere mochte vier und zwanzig Jahre zählen. Sein Ausſehen war jugendlich⸗ friſch und ſehr kräftig.— 3 Der Alte fuhr zuerſt auf und rüttelte ſeinen Genoſſen wach. „Kunz,“ ſagte er im tieſſten und rauheſten Baß,„wenn uns S der Brömſer alſo fände, ſo möchte ich auch kieber ei Rüdesheimer leeren, als dieſe Brühe austunken“ Der Angeredete lächelte und ſagte;„Da möchte ich Part halten mit Eurem Rüdesheimer, zumal der Erz 8 1 ſelbſt da iſt, der ſo luſtig die Kaiſer aus ſeinem Hörnchen k bläſt.“ „Was willſt du damit ſagen, Kunz?“ andere Reiſige. „Ei,“ ſagte dieſer,„man erzählt in Mainz, der Erzbiſche ſei mit dem Albrecht von Oeſterreich zur Jagd geweſen in der Dreieich, und der Kaiſer habe ihm zugeſetzt, die erſchrecklichen Zölle herauszugeben, womit er den Rheinhandel belaſte. Da ſeien B gar tief in den Text gerathen, und es ſeien harte Worte gefallen zwiſchen Beiden. Darauf habe der Erzbiſchof in ſeinem Zorne ſein ſilbernes Hüfthörnlein von dem Rücken genommen und zu dem Kaiſer geſagt:„Zwei Kaiſer hab' ich da herausgeblaſen— es ſteckt vielleicht noch mehr als Einer darin!“— „Was hat darauf der Albrecht geſagt?“ fragte der Alte, der grimmig die Fauſt ballte und mit den Zähnen knirſchte. Was knirſcht Ihr ſo, Guntram?“ fragte Kunz erſtaunt. „Du biſt ein junges Blut, Kunz,“ nahm Jener das Wort, und weißt nicht, wie wehe es thut, ſeinen geliebten Herrn verder⸗ ben zu ſehen. Ich bin ein Naſſauer, Kunz, und meinem Herrn Adolphus treu im Herzen. Darum überwallet dieſes mein Herz, wenn ich an ihn denke, und wie er treulos gemordet wurde, und wie ihn der Gerhard hob und fallen ließ, und war doch ſein eigen Blut. Ach, er war ein edler Herr! Und droben im Klopp ſitzen die Mörder jetzt zu Rath. Soll ich nicht knirſchen, wenn ich des Erzbiſchofs gedenke, der ihm die Krone gab und nahm, weil er nicht tanzen mochte, wie er das Liedlein pfiff? War's nicht der Wildgraf Raup, der ihm den Todesſtreich gab, der nun wieder mit dem Mainzer zuhält? War's nicht der alte Lombarde Pomaria von Bingen und ſein Schwäher, der Montemagno, die ihm das Sündengeld ſchoſſen, und auch jetzt wieder aushelfen müſſen, die dem Albrecht zuhielten und jetzt wieder dem Erzbiſchof, ſo recht nach Indenart dahin ſich wenden, wo's mit ihrem Gelde gut wuchern ß ſe e 5 6„Still!“ ſagte Kunz.„Sprecht den Fluch nicht aus. D fragte Guntram, der Wände haben Ohren und die Bäume Zungen.“ Er ſtand auf und blickte über die Zinnen des Vorwerks hinaus und hinauf in die grünen Zweige des alten Nußbaumes, der ſich über dem Vorwerke wölbte. Als er jedoch nirgends eine Spur fand, die Angſt einflößen konnte, ſagte er:„Fahret fort! Waret Ihr bei Göllheim dabei, als Euer Herr fiel?“ 8 e„Freilich!“ ſagte der alte Kriegsmann, und eine düſtere Wolke agerte ſich über das von Leidenſchaften durchwühlte Geſicht; freilich war ich dabei und ſah, wie unſer Herr zwei Ritter in edes Oeſterreichers Farben mit dem gewaltigen Schwerdte nieder⸗ ſchlug, ganz nahe bei Göllheim, als eben von allen Seiten die Macht der Feinde aus dem Hinterhalte hervorbrach. Muthiger drangen die Oeſterreicher heran, und an ihrer Spitze der Albrecht. Heide Haufen, der unſere und der des Feindes, verwickelten ſich eng in einander. Es war ein mörderiſch Abſchlachten, Kunz, wie Du keines erlebt, und ich nur das Eine, obwohl ich oft dabei war, wo's blutige Köpfe gab. Die Kämpfer waren ſich ſo nahe, daß ſie nntt dem Dolche fochten.“— m Kampfgewühl,“ fuhr“ Guntram fort,„verlor Adolph ſeinen Helm. Zetzt ſtürmten die Feinde auf ihn ein, aber er wa ſie rechts und links blutend zur Erde; und als er jetzt den Albrech erblickt, ſpornt er das Roß auf ihn zu, und ich hörte die Wort noch, die er wie Donner hervorſtieß mit ſeiner mächtigen Stimme „Heute wirſt du mir, nicht weiter entlaufen, allhier ſollſt du mir Reich und Leben laſſen!“ Der Adolph führt einen ſeiner Streiche, die allzumal einen Menſchen ſpalteten; aber der Albrecht wich ihm aus und ſtieß ihm tückiſch ſein Schwerdt in das Auge, daß es herausbrach mit heftigem Blutſtrom. Der Wildgraf Naup der greuliche Unhold von der Kyrburg droben im Nahethal der Seite jählings einen fürchterlichen Hieb auf des Kaiſ wehrtes Haupt. Da hatte er genug, ſtürzte herab undr — ſein Schlachtroß, dem ein Anderer die Vorderbeine zerhieb, Knecht ſchnitt dem Kaiſer die Gurgel ab. Verflucht ſe Cwigkeit!“ Kunzen durchſchauderte es in wildem Entſetzen, und Guntram's Haupt ſank in ſtummem Schmerz auf die Bruſt. Nach einer ſtummen Pauſe hob endlich Jener wieder an: „Wie kommt es denn, daß ſich der Wildgraf Raup von Albrecht trennte?“ „Wer kann das ſagen?“ war Guntram's Antwort.„Wo der alte Mainzer die Hand im Spiele hat, iſt nur ein Gewebe von Ränken und Schlänken. Ehrlich war er nie; aber dafür erndtet er jetzt auch, und der Fluch Gottes wird die Königsmörder nicht unerreicht laſſen. Wart's ab, Geſell, du kannſt's erleben; mich wird der Tod nicht lange mehr hier laſſen. Wenn er nur ſo lange ausbleibt, bis ich meine Rache befriedigt habe!—“ „An wem denn?“ fragte Kunz, neugieriger geworden. Ehe aber Guntram antworten konnte, gab es eine Störung der Stille, welche bis jetzt hier in der niederern Region gewaltet hatte. Reeitknechte führten edle und reichverzierte Roſſe den ſteilen Burgweg herab auf den am Ufer des Rheines hinführenden Leinpfad, der zugleich, da er breit war, als Heerweg diente. Sie grüßten die beiden Reiſigen und gingen vo über. Darauf vernahm man lebhaftes Geſpräch, und bald erſchien der Erzbiſchof mit großem Gefolge⸗ Wie der alte Fuchs noch ſo ſtattlich dahinſchreitet“ ſagte Runz.„Man ſollte wirklich glauben, er könnte noch manchen Kaiſer s ſeinem Hörnlein blaſen.“ Tone Guntram, und ſtellte ſich gerade, indem er ſeine Hellebarde mit feſtem Arme von ſich hielt, während ſie unten an ſeinem Fuß einen Widerſtand hatte. Der Erzbiſchof ſchritt für ſeine Jahre ſehr feſt einher. Stolz lag in ſeiner Haltung. Der rothſammtne Hut mit dem Hermelin⸗ 8 beſatze, der rothe, weite ſammtne Mantel mit dem Pilgerkragen aus Hermelin kleideten die ſtolze Figur gar ſtattlich. Fiel der Kur⸗ fürſtenmantel vorn auseinander, ſo gewahrte man das Schwerdt⸗ welches an einem einfachen Wehrgehänge befeſtigt war. „Sein Odem reicht nicht mehr weit, Kunz,“ ſprach in dumpfem „Sieh' da,“ flüſterte Kunz,„der Mann der Kirche und das Schwerdt! Der ſollte den Hirtenſtab führen und ſegnen.“ „Das war nie ſeine Sache,“ flüſterte Guntram;„ſieh' ihm nur in das Geſicht; wie er das dunkle Ange zukneift, ſo ſiehſt du den falſchen Iudas, der für Geld ſeinen Vetter verrieth. Geh' nur, du Satan,“ brummte er in den Bart,„du entgehſt deinem Herrn nicht.“ Der Erzbiſchof war jetzt nahe gekommen. Er ſchlug ein Kreuz gegen die Reiſige. Kunz beugte das Haupt, den Segen hinzunehmen; Guntram that, als ſähe er's nicht. „Dein Segen iſt Fluch!“ brummte er in den Bart;„komme er auf dein verdammtes Haupt zurück!“ 4 In einiger Entfernung hinter dem Erzbiſchof ſchritt der Wild⸗ graf Raup, ein Mann von rieſigen Formen, aber mit dem Aus⸗ drucke roher Wildheit in ſeinen harten Zügen. An ſeiner Seite 1 ging der Ritter Brömſer von Rüdesheim, der in Klopp den Befehl führte. Hinter dieſem gingen zwei Männer in dem dunkeln Anzuge des Bürgerſtandes, aber goldene Ketten mit Schau⸗ ſtücken zierten beide. Der Eine war hoch betagt, der Andere dagegen noch jugendlich. Mit Beiden redete angelegentlich des Erzbiſchofs Kanzler. „Die machen jetzt echte Ludenhändel,“ ſagte Guntram zu ſeinem Gefährten.„Ich wette, es galt ein Anlehen für den Krieg und ſeine Rüſtungen. Das ſind drei Vögel, wie ſie die Galgen F umflattern, wenn in ſtiller Nacht ein armer Sünder daran baumelt, 3 dem ſie das Herz aus dem Leibe hacken wollen.“ „Wer iſt's denn?“ fragte Kunz;„den Einen kenne ich nicht, doch ſcheint es der Kanzler zu ſein, wohl aber die Pomaria's.“ „Das iſt des Gerhard's Kämmerer und Kanzler, der zur Rechten geht. Was der Erzbiſchof nicht weiß, das weiß dieſer Gandieb. Der Alte im ſchwarzen Wamms iſt der reiche Lombarde Andrea Pomaria, und der junge ſchöne Mann ſein ä S Beide ſind jene Todtenvögel Adolph's von Naſſau ſchoſſen das Geld zu ſeinem Verderben, und der ——— — Stimmen werben, die Albrecht kürten Ich weiß,“ fuhr er ingrimmig fort,„ich weiß, daß ſie das Feſt, das Gerhard im Lande aus⸗ ſchrieb, als Adolph gefallen war, mit beſonderer Luſt feierten. Von Albrecht verſprachen ſie ſich größere Vortheile. Wehe ihnen, wenn er an den Rhein, wenn er je als Herr nach Bingen kommt. Es iſt bekannt, daß ſie jetzt gegen ihn handeln, ſeit er auf der Fahrt nach Aachen ſie ſchnöde behandelte. Doch du kennſt ſie ja genau als Binger Kind!“ 1 „Woher wiſſet Ihr nur das Alles?“ fragte, als nun das Gefolge vorüber war, Kunz mit albernem Geſichte den Alten. „Narr,“ ſprach dieſer,„wenn du einmal ſo lange gelebt wie ich, und Augen und Ohren am rechten Flecke haſt, ſo wirſt du auch mehr wiſſen, wie heute. War ich doch Zeuge, daß Albrecht den Pomaria damals nicht anſah, und er war doch Schultheiß von Bingen, wie denn dieß Amt bei den Lombarden iſt, ſeit die Rhein⸗ boten ausſtarben. Das ärgert auch die Binger nicht wenig, da die Fremden über ſie herrſchen, während ſie auch noch Leute haben, die das Schultheißenamt zu verwalten im Stande wären.“ „Das mein' ich,“ ſagte Kunz.„Ich bin ein Binger Kind, und kenne brave Männer dort, zum Beiſpiele meinen Pathen, den Rathsherrn Klein.“ „Aber warum iſt's?“ fragte Guntram.„Das Geld, das die Strolche beſitzen durch ihren Handel; das iſt's, was ihnen bei dem Erzbiſchof Gewicht gibt. Sollt's mal in Bingen drunter und vrüber gehen, dann genade ihnen Gott! Und Albrecht kommt. Wir können ihn erwarten. Das hörte ich geſtern Abend den alten Fuchs von Mainz zum Brömſer ſagen. Kommt er, ſo iſt Bingen ſein. Ob Klopp, iſt ſchwer zu ſagen; denn der Brömſer iſt ein Eiſenfreſſer, dem ſo leicht Keiner an das Wamms kommt. Es wird noch harte Nüſſe zu krachen geben, ehe die da über uns reif ſind.“ Er deutete auf den weitaſtigen Nußbaum, der das Vorwerk beſchattete. „Sagt, Guntram, da Ihr doch Alles wißt,“ fragte Kunz. „wie kamen dieſe Lombarden hierher?— ſie ſind doch weit vvn hier, in Italien, glaub' ich, zu Hauſe!“ „Das iſt leicht zu ſagen, Kunz,“ nahm Jener, ruhiger gewor⸗ den, das Wort im belehrenden Tone.„In dem Lande Italia, das ſo weit hinter den hohen Bergen der Schweiz liegt, gibt's viele geſchickte Leute. Daher kamen ſchon vor langer Zeit Handels⸗ leute, die ihre Waaren in Deutſchland, zumeiſt in den Städten, feil boten, Seide, Sammt und Meßgewänder, auch Gold⸗ und Silberzierath, ſchöne D Dolche und dergleichen. Die zogen umher mit ihren Saumroſſen; bald aber fanden ſie es bequemer und ſicherer, ſich in den Städten niederzulaſſen, da die Raubritter ihnen gar oft die Waaren abnahmen. Nun ließen ſie ſie über die Schwei⸗ zerberge bringen, oder auch zu Waſſer bis Köln, und holten ſie dann unter beſonderm Schutze. So ſind auch die ſeit mehr denn vierzig Jahren in Bingen ſeßhaft, die Pomaria, Montemagno, Broglio und Ottini heißen, und nur unter einander heirathen, damit das Geld ſchön zuſammen bleibt. Wo Vögel ſind, da fliegen Vögel hin. So wuchs ihr Reichthum, und nun ſitzen ſie im war⸗ men Neſte, und der Erzbiſchof hegt ſie, wie ſeine Schoßkinder.“ Das Geſpräch der beiden Reiſigen wurde durch den Schloß⸗ hauptmann unterbrochen. Es war der Brömſer von Rüdes⸗ heim, dem der Erzbiſchof das Schloß Klopp zur nei anvertraut hatte, und die Vogtei Bingen. Brömſer war ein Mann von etwa dreißig Jahren. Aufge⸗ wachſen im wilden Treiben des Kriegs, hatte er jene rauhen Sitten, jenes wilde Weſen, jene zügelloſen Leidenſchaften, welche die meiſten ſeiner Standesgenoſſen in ſeinen Tagen auszeichneten. Der Krieg war ſeine Luſt. Hätte er ſich nicht dem Erzbiſchofe verpflichtet, als ſeinem Landes⸗ und Lehensherrn, hätte nicht Albrecht von Oeſter⸗ reich jetzt ſeine Waffen gegen ſein eigenes Heimatland gewendet, er würde gewiß ſich nicht in das Schloß Klopp eingeſchloffen haben. Eline Belagerung war freilich eine Luſt neuer Art, die er wohl in kleinerem Maßſtabe drüben in der Niederburg bei Privatfehden dann und wann erlebt, nur ſo nicht, wie ſie jetzt bevorſtand; denn Albrecht kam mit ungeheurer Macht und mit dem auserleſenſten egegerüthe. 3½ Adolph von ſn Kaiſer war, t er es mit ihm. Bei Göllheim gefangen, kaufte ihn der Mainzer Erzbiſchof los, und das hielt ihn bei ſeiner Sache, für jetzt wenigſtens. Er gehörte zu jener Klaſſe verwegener Abenteuerer, die ihre Waffen jeder Sache bereitwillig liehen, wenn eben nur Kampfesluſt und Kampfesbeute zu erzielen war. Mit lachendem Munde trat er die Stufen herauf, die zu dem Vorwerke führten. Guntram war einer ſeiner Lieblinge. Der Alte war kriegserfahren, pfiffig, und wußte recht tapfer zu kämpfen, überdieß war er in allen Fugen gut zu gebrauchen. 5 „Nun, Alter,“ rief er ihn an,„bald wird's einen Tanz geben. Der Albrecht naht ſich dem Rheine. Dem alten Fuchs in Mainz wird's um ſeine Höhle bange. Er war hier, um ſich Klopp anzu⸗ ſehen. Wenn's ihm in Mainz nicht gehener wird, kommt er zu uns.“. „Iſt denn der Kaiſer ſchon ſo nahe?“ fragte Guntram den Ritter. „Freilich,“ rief dieſer,„morgen kommt er noch nicht, aber ich glaube, wir werden auf die Feuerſäulen im Rheingau nicht allzu⸗ lange warten müſſen. Wenn's dort brennt, dann ſind die Ungarn nicht weit, und die Troßbuben mit ihren langen Fingern werden ſich anmelden. Meine Vettern und Brüder drüben in der Nieder⸗ burg werden Albrecht's Mauerbrecher eher zu begrüßen haben, als wir in Klopp. Es iſt indeſſen dem Oeſterreicher nicht ganz zu trauen. Geh' in die Rüſtkammern und unterſuche die Waffen. Laß den verdeckten Weg aufräumen, der da unten in das Rattenneſt führt. Den Krämern wackelt der Boden ſchon unter den wälſchen Beinen. Biſt du im Reinen, ſo komm in mein Kloſett. Ich habe Wichtiges mit dir zu reden. Du, Kunz, magſt derweile allein hier Wacht halten, daß die Meiſen die Nüſſe nicht an dem alten Baume freſſen, denn Anderes iſt doch jetzt hier nicht zu thun; auch haſt du dazu allerdings noch Muth genng.“ 8 Er ging gutes Muthes von dannen, und ſchlenderte pfeifend den Weg zur Burg hinan.. Guntram ſah ihm kopfſchüttelnd nach. Biſt auch einer vo. Denen, ſagte er halblaut, die Treue und Handſchlag nach dem Gelde meſſen, das dafür geboten wird. Faſt glaube ich, er führt einen Streich im Schilde, den ich längſt vermuthet. Schwarzer Augen Gluth brennt tiefer hinab, als ſiedend Blei. Wenn's dir gilt, Lombarde, ſo bin ich bereit, zu thun, was in meinen Kräften ſteht.“ S Kunz hatte dieß Selbſtgeſpräch nicht gehört. Ihm war des Ritters Wort tief in das Herz geſchlagen. Erſt ſeit neun Monaten trug er die Pickelhaube und Hellebarde nebſt dem Waffenrocke, der auf der Bruſt das Mainzer Rad als Zeichen trug. Krieg war ihm noch fremd, und das Mutterſöhnchen zagte bei dem Schreck⸗ gedanken an die Gefahren des Kampfes; dabei hatte er ein Liebchen, das im Hauſe Ottini als Magd diente, das ihm nahe am Herzen lag. Während Guntram ebenfalls den Weg zur Burg einſchlug, hing Kunz ſeinen Gedanken nach und ſah trübe in eine Zukunft, deren Ereigniſſe ihn mit Schrecken bedrohten. In dem Hauſe Andrea Pomaria's hatte das rege Geſchäfts⸗ leben mit der Vesperglocke ſein Ende erreicht. Die Gewölbe und Magazine waren geſchloſſen, und der alte Handelsherr ſaß in ſeinem Lehnſtuhle in tiefen Gedanken. Der Tag heute war nicht ohne Bedeutung geweſen. Der Erzbiſchof bedurfte nicht unbedeutende Summen, da er Kriegsvolk anwerben mußte. Pomaria mochte das geahnt haben, denn er wußte wohl, daß des Erzbiſchofs Schatz⸗ kammer ſeit des Kaiſers Adolph Wahl ſchon geleert war. aher hatte er mit den zu einer großen Innung verbundenen Lant n 8 Montemagno, Broglio und Ottini Fürſorge getroffen, de ine anſehnliche Summe vollwichtiger Turnoſen in ihrer Handelskaſſe 4 lag; daher waren die Zinſen, die Unterpfänder ſchon berathen, ehe der Erzbiſchof kam, um Klopp einzuſehen und jenes wich Schlau und eigennützig, wie der Krämergeiſt ſeine Knechte macht, war Pomaria darauf bedacht, auch noch einen andern Vortheil zu erzielen. Er ſelbſt war alt. Kamen kriegeriſche Zeiten und Händel, ſo mochte die Laſt des Schultheißenamts ihm ſchier zu ſchwer werden; die Vortheile jedoch waren zu groß, zu wichtig, welche mit dem Amte verbunden waren, als daß der ſchlaue und umſichtige Handelsmann ſie hätte mögen aus ſeiner Hand laſſen. Einer ſeiner Söhne war in Aſti, um die Verbindung mit ſeiner Familie zu erhalten und die neuen An⸗ und Einkäufe jenſeit der Alpen zu beſorgen. Der älteſte, Giambattiſta Pomaria, war bei ihm. Er war Bräutigam der Tochter Ottini's, und dieſe Verbindung ſollte erſt dann geſchloſſen werden, wenn der jüngſte Sohn aus Italien heimkehrte, und— wenn Giambattiſta das Schultheißenamt würde erlangt haben. Nur Eins ſtand im Wege, der Umſtand, daß Giambattiſta kaum vier und zwanzig Jahre zählte, doch rechnete der Alte darauf, daß der Erzbiſchof in jede Bedingung willigen würde, welche er an die Darreichung ſeiner bedeutenden Geldmittel zu knüpfen für gut finden möchte. So war dann der Tag gekommen, an welchem der Erzbiſchof eintreffen ſollte, und bald nach ſeiner Ankunft berief ihn ein Diener zu dem Kirchenfürſten, deſſen ränkevollen Charakter Pomaria längſt kannte, und gegen den ihn nur ſeine eigene, ächtitalieniſche Natur ſchützen mochte. 1 Der Erzbiſchof begrüßte ihn mit herablaſſender Freundlichkeit, welche in tieſſter Ehrfurcht der Kaufmann erwiederte. Wenn er auch im Herzen blutwenig auf den Segen eines Mannes gab, deſſen Seele den niedrigſten Geſinnungen anheim gefallen war, ſo nahm er ihn doch ſo andachtsvoll hin, als ſei Erzbiſchof Gerhardus I. ein Heiliger wie weiland ſein Vorgänger in früherer Zeit, der 3 heilige Bonifacius. „Ich bedarf deiner ſchon wieder, Andrea Pomaria,“ ſprach mit einer gewinnenden Freundlichkeit der Prälat, und kniff dabei ſein linkes Auge halb zu, als wolle er in des Kaufmanns innerſte Seele hineinblicken. i Dieſer verbengte ſich tief und ſagte:„Ihr wiſſet, gnädigſter Herr, daß Ihr keinen treueren Diener in Euerem Lande habet, als Andrea Pomaria, dem es ein rechter Segen iſt, Euch zu dienen, wenn anders ſeine erſchöpften Kräfte und Mittel ausreichen, Eurem Befehle zu genügen.“ „Du willſt den Preis deiner güldenen Waare recht hoch ſe Andrea,“ ſagte der Erzbiſchof und lächelte ſchalkig.„Ich kenne das ſchon. Meine Mainzer Juden hatten auch zu Zeiten des Erzbiſchofs Ruthard kein Geld, bis Emich von Leiningen und Hans von Trifels ihnen Daumſchrauben anſetzten.“ Den alten Pomaria verdroß der Vergleich. Der Scherz war bitter, und der Wink, welcher darin lag, verletzte noch tiefer. Der Kaufmann, ſeines Gewichtes ſich bewußt, richtete ſeinen etwas gekrümmten Nacken ſchnurgrade auf, ſah ſcharf in das zugekniffene Fuchsauge und ſagte: „Wir ſind freie Leute im Lande, Herr Erzbiſchof, denen Daumſchrauben nur nach Urtel und Recht, nicht nach Willkür, anzuſetzen ſind; Juden aber verriethen den Heiland; wir ſind gute Chriſten und keines Verraths uns bewußt. Doch, denke ich, gereicht uns der Vergleich nicht zur Schande, da Ihr Euch mit Ruthard verglichet, den die Schmach des Mordes, der Treuloſigkeit und ſchnöder Gewinnſucht traf. Die Chroniken lügen nicht, wie wiſſet!“— Es war gerade, als hätte man ſiedendes Waſſer über den Erzbiſchof gegoſſen, ſo übergoß ihn eine Gluth. Es lagen in des Kaufmanns Worten ſo viele giftige Spitzen, die tief eindrangen ins wunde Fleiſch; daß eine draſtiſche Wirkung nicht ausbleiben konnte. Der Trotz auf das Freiſein berührte empfindlich. In ihm kündigte ſich aufs entſchiedenſte das Bewußtſein der Unentbehrlich⸗ keit an; aber die Anſpielung auf den Indasverrath, an Ruthard's Schmach, ſchlug tiefer noch in das Gewiſſen, denn der Fürſt der Kirche und des Reiches mochte unwillkürlich an Adolph von Naſſau denken. Einen Augenblick war er verwirrt. Bald Rnsten 4 6 n wieder, und er ſagte: 7 „Pomaria, du ſteheſt deinem Landesherrn und dem Würden⸗ träger der Kirche gegenüber, vergiß das nicht, und poche nicht auf den vollen Geldſack. So wenig er vor Thorheit und Frevel ſchützt, ſo wenig iſt er eine Bruſtwehr gegen verdiente Strafe. Brechen wir kurz ab. Haſt du Geld? Ich brauche viel!“ „Wenn das iſt,“ ſagte der Kaufmann,„ſo kann ich nicht helfen.“ „Wir kennen uns, Andrea,“ lachte der Erzbiſchof einlenkend und ſeinen Zorn bemeiſternd.„Du willſt hohe Zinſen und einige Vortheile. Sag' an, wie lautet dein Vorſchlag?“ „Ich vermag kaum etwas zu leiſten,“ verſetzte der Kaufmann, „denn meine Baarſchaft floß in Euren Säckel, als Ihr für Adolph von Naſſau warbt; doch könnten vielleicht meine Vettern helfen; aber—“ „Bis zum Schwanze iſt das Füchslein ſichtbar,“ rief Gerhard von Mainz mit ſriſc em Lächeln aus;„warum hältſt du das zurück?“ „Weil acht pro cenlo Zinſen daran hängen, gnädigſter Herr. Ihr ſehet, ich gehe in Eure S ein, wenn ſie auch bitter iſt.“ So ſprach Pomaria. „Nicht zu leugnen iſt ſeine Wehrheit, und der bittern Wahr⸗ heiten gibt es mehr, als der füßen. Die Zinſen ſeien dir zugeſtan⸗ den, da mir die Noth im Nacken ſitzt und wie ein wilder Reiter ſpornt. Was war das für ein„Aber,“ das des Siwne Spitzchen zierte?“ „Es betrifft mich, gnädigſter Herr; ich bin gehrehlch und für die Kriegsläufte nicht mehr geſchickt, den Stab des Schult⸗ heißen zu führen. Daher wünſchte ich, als Lohn langer Treue, daß Ihr das Amt meinem älteſten Sohne, Gianbattißa i in Gnaden verliehet.“ „Das iſt alſo noch eine Bedingung des Geldes?“ „Erlaubt, das zu bejahen.“ „Es ſei! Dein Sohn ſoll noch heute von mir R mit dem Ante. —— — „Noch Eins, gnädigſter Herr!“ „Iſt das Schwänzlein noch nicht zu Ende?“„ „Entfernt den Brömſer von der Burg! Mein Sohn und er ſind alte Feinde! Was ſollt' es geben, wenn er in Bingen, dieſer in Klopp zu befehlen hätten?“ „Du veplangſt Ungehöriges, Andrea; Brömſer iſt ein wackerer Degen. Er bleibt hier in Klopp und dein Sohn in Bingen. Er mag lernen, ſich dem Edlen fügen. Merk' dir das, und gehe zum Kanzler, die Sache zu beenden.“ Obgleich die Weiſung, ſich zu entfernen, kategoriſch genug war, ſo ſchien doch Pomaria nicht große Luſt zu haben, ſie zu beachten. „Ihr habt wohl Recht, gnädigſter Herr,“ hob Pomaria wieder an, und drehte ſeinen grauen Filzhut in den Händen;„aber es iſt wohl leichter geſagt, als gethan. Brömſer iſt eih wilder Menſch, der rohe Gewaltthat nicht ſcheut, wenn es gilt, ſeinen Willen durch⸗ zuſetzen oder ſein Gelüſten zu befriedigen. Die Feindſchaft der Beiden iſt nicht eben von heute.“ „Ihr reichen Kaufleute macht euch aber auch gar leicht patzig,“ rief, noch eingedenk der verletzenden Worte des alten Kaufherrn, der Erzbiſchof.„Am Ende verlangt ihr, die ihr doch bebt, wenn ihr eine Schwerdtklinge ſehet, der Ritter ſolle euch huldigen. „Euer fürſtlich Wort in Ehren,“ verſetzte nicht ohne bitteres Gefühl der Kaufherr;„aber wiſſet Ihr nicht, wie mein Giambattiſta bei Göllheim mitfocht; daß er es war, der Adolph's Fall begün⸗ ſtigte, als er des Pferdes Vorderfüße durchhieb? Er zitterte nicht vor einer Schwerdtklinge, ſondern führte ſie wacker, das müſſet Ihr ſelber bezeugen.“ „Ich weiß! Ich weiß!“ rief ärgerlich der Erzbiſchof.„Mußt du mich denn immer wieder an den Adolph erinnern?“— „Verzeiht, wenn ich einen wunden Fleck traf,“ bat der Kauf⸗ mann;„es war meine Abſicht nur, mich gegen falſche Voraus⸗ ſetzungen zu wahren.“ „Es mag das Alles ſein,“ verſetzte der Würdenträger der 5. 7 Kirche;„aber Brömſer bleibt hier. Er iſt mir treu, das wiegt Alles auf.“ „Wie lange?“ fragte Pomaria liſtig. „Wenigſtens ſo lange, als ich ihm ſeinen Sold zahle. So liegt alſo das„Wie lange“ in meiner Hand. Es kann nicht ſein! Lieber halte dein Geld und laß dir's von Albrecht rauben!“ Ueber des Erzbiſchofs Stirne zog eine Wolke. Die Ader ſchwoll. Sein zugepreßter Mund zuckte. Pomaria kannte ſo gut dieſe Vorzeichen eines heftigen Sturmes, als die Schiffer am Rheine die am Abend⸗ oder Morgenhimmel. „So will ich es lieber in Eurer Hand wiſſen,“ ſagte er und verbeugte ſich tief.„Habt Ihr Eurem Cancellarius geboten, die Urkunden aufzuſetzen?“ „Geh',“ herrſchte ihm der Kurfürſt zu,„du findeſt wi im Vorgemache. Mäch' mit ihm die Sache zu Ende!“ Er drehte dem Kaufmann den Rücken, und dieſer zog ſich ſchnell zurück, froh, dem Sturme entronner ſein. Vermaledeiter Schächer! rief zurng Welherd von Eppſtein aus, als der Kaufmann ſich entfernt hatte. Das iſt eine recht italiſche Molchsnatur. Keck wird das Krämervolk über die Maßen, ſeit ſie ihre Kraft gefühlt, und, auf ihre Sunc ſich ſtellend, wollen ſie hinaus über den Adel. Trotzt mir der Strolch!? Wagt es, mir ſpitze Worte zu geben! O, braucht' ich jetzt dein Geld nicht, ich wollte dir Moſes und die Leviten gelehrt haben! Er trat ans Fenſter des hochgewölbten Saales und blickte über den Rheingau hinaus. Ein Seufzer ſtieg aus ſeiner Bruſt auf. Adolph, Adolph! rief er, warum ließ ich dich fallen und hob den tückiſchen Albrecht? Zetzt beginne ich die reife Frucht meiner Saat zu erndten. Wie bald wird er nahen und den ſchönen Gau ver⸗ wüſten?— Er ſchwieg, und ſein Auge fiel auf die Abtei Johannis⸗ berg, die aus dem Golde der Sonne hervorleuchtete. Der Erzbiſchof ſeufzte tief auf. Sollt ich Ruthard's Loos theilen und fliehen müſſen?—. In dieſem Augenblicke trat Ritter Vrömſer ein. „Glaubt Ihr, daß dieß Schloß gegen Albrecht's Waffen ſich halten kann?“ fragte er ihn. „Es iſt noch eine Jungfrau,“ lachte der Brömſer.„Ich werde ihr den Kranz nicht rauben laſſen!“ „An Eurem Muthe zweifle ich nicht,“ ſagte der Erzbiſchof. „Woran denn ſonſt?“ fragte der Brömſer. „An der Kraft der Mauern!“ „Herr Erzbiſchof,“ rief der rohe Ritter,„ich habe nichts dagegen, wenn Ihr an der Macht Eures Segens und Eurer For⸗ meln zweifelt, aber nicht an der Feſtigkeit dieſer Mauern dürft Ihr Zweifel hegen. Sie ſind felſenfeſt. Sorgt mir nur noch für Reiſige, ſo mag der Oeſterreicher kommen!“ „Und wenn ich denn nun auch käme, hier Zuflucht zu ſuchen?“ „Das wäre mir nicht lieb,“ ſagte ernſt der derbe Brömſer, „oder Ihr müßtet denn gar nicht befehlen wollen, ſondern nur gehorchen, und zwar mir. Wo Zwei Befehle geben, da gehorcht ſelten der Dritte, und iſt das in einer belagerten Burg, ſo lacht der Feind ins Fäuſichen; denn er findet offene Pforten. Bleibt, wo Ihr wollt, nur hier laßt mir freie Hand und Ruhe.“ Der Kurfürſt zwang ſich, zu lächeln.„Nun,“ ſagte er,„es wird ſich Alles finden.“ Die Thüre ging auf, und Pomaria mit dem Cancellakius trat herein. Dieſer hatte die Urkunden bereits gefertigt bis auf die Bedingungen. Der Erzbiſchof unterzeichnete und ſiegelte, und befahl alsdann, den jungen Pomaria zu holen. Des Brömſer's Geſicht wurde bleich vor Grimm. Er wollte ſich entfernen; aber der Erzbiſchof nöthigte ihn, zu bleiben. In der Pauſe ſteckte Pomaria die Urkunden in ſein Wamms. Giam⸗ battiſta erſchien mit drei Dienern, welche die Geldſäcke trugen⸗ Der Kanzler zählte und ſtrich ein, und als dieß geſchehen war, belehnte der Kurfürſt den jungen Mann mit der Schultheißenwürde zum größten Aerger des Ritters Brömſer und zum nicht kleinen Triumphe des jungen, wie des alten Pomaria. Es war noch früh . am Tage. Der Erzbiſchof trug Luſt, die Gefühle, die ihn, ſeit er mit Pomaria verhandelt, durchwogten, in ächtem, altem Johannis⸗ berger zu erſäufen. Daher lud er alle Anweſende zu einem Trunke ein. Der Wildgraf Raup von Kyrburg, der Mörder Adolph's von Naſſau, war auch noch in der Burg. Er hatte derweile die Mauern und Thürme betrachtet, und trat jetzt ein, um dem Erzbiſchof ſeine Zufriedenheit mit ihrer Tüchtigkeit zu äußern. Als er Giambattiſta Pomaria erblickte, drückte er ihm die Hand mit einem bedeutſamen Blick. Er erinnerte ſich an Adolph's Fall bei Göllheim. Der Erzbiſchof, der das ſah, fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle er die Reihe der Vorſtellungen wegtilgen, die ſich an dieſen Umſtand knüpften. Die Becher kreiſten, aber die Unterhaltung war und blieb ſtockend, bis endlich der Erzbiſchof aufbrach, um gen Mainz zu reiten. Das Alles ging jetzt noch einmal an des alten Pomaria Seele vorüber, als er in ſeinem Lehnſtuhle ſaß nach der Stunde der Vesper. Alle die bittern Empfindungen, die des Erzbiſchofs Worte und das Mißlingen ſeines Planes, den Ritter Brömſer zu entfernen, ihm bereiteten, gingen unter in der Freude über das Gelingen ſeines Planes mit ſeinem Sohn und über die Geldgeſchäfte, die er gemacht. Nur einen Wunſch hatte er jetzt, den, daß Giambattiſta Maria Ottini zum Weibe nehme, und an den reihte ſich der andere, daß Antonio aus Aſti heimkehre, ehe der Krieg ſich in dieſe Nähe zöge. Kam er gerade in das Gewirre des Kampfes, ſo ſtand die Innung in Gefahr, Alles einzubüßen, was er aus Italia brachte, und das war ein hoher Werth. Während dieſe Gedanken ſeine S eten trat Giam⸗ battiſta herein. „Setze dich auf einen Schemel zu mir, mein Sohn,“ ſprach der Greis, und der Sohn gehorchte ſchweigend. „„Deine kühnſten Wünſche ſind heute erfüllt worden, mein Sohn,“ hob der Greis an.„Du biſt eines Amtes theilhaftig geworden, in einem Alter, in dem ich noch nicht daran e 3 durfte. en werde ich dich den Schöfſen der Stadt vorſtellen 5 und den Stab in deine Hände legen. Daß du aber auch nun als Glied in unſere Gemeinſchaft treten könnteſt, fehlet noch Eins, deine Vermählung mit Maria Ottini.“ Ueber das Geſicht des bildſchönen jungen Mannes zog eine Todesbläſſe. Der Vater mochte es bemerken; aber ſchwieg, und ließ ihm Zeit, ſich zu ſammeln. In Giambattiſta's Bruſt begann ein ſchwerer Kampf. Er liebte Maria Ottini nicht. Zwar war ſie ſchön wie ein Engelbild; aber in ihrer Seele lag Stolz, Herrſch⸗ ſucht, Härte und eine Gluth ſinnlicher Leidenſchaftlichkeit, wie ſie wohl nur unter dem glühenden Strahl einer italiſchen Sonne 3 reifen mag. Schon als Kinder hatten ſich Beide abgeſtoßen. Maria aber mochte gerne die Bewerbungen Anderer annehmen, und beſonders des Ritters Brömſer von Rüdesheim. War es eine perfönliche Abneigung oder das Bewußtſein, daß ihre Eltern ſie längſt für einander beſtimmt; kurz, ihre Herzen entfremdeten ſich in ſpäteren Jahren immer mehr. Um Maria's Heftigkeit zu mildern, hatte ſie Ottini in das Kloſter Ruppertsberg gebracht. Dort war ſie ſeit einem Jahre. Giambattiſta hatte ſie nur ſelten geſehen, aber nie das gefühlt, was das Herz zum Herzen zieht. Und wie 1 hätte das ſein können? Trat ja doch immer zwiſchen ihn und Maria ein bleiches Bild, das tiefen Schmerz verrieth, ein Bild aus früheren Tagen, ein Bild von jenſeit der Alpen!— „Du ſchweigſt,“ hob endlich der Alte wieder an.„Iſt die 8 Thorheit noch nicht beſiegt? Ich glaube, du würdeſt aus Dank 3 gegen den Vater, der Alles für dich that, der ſein ganzes Leben nur ſeinen Kindern weihet, thun, was ſeine Seele wünſcht, was 1 des Hauſes Beſtehen und Wohlſtand heiſcht. Hab' ich mich betrogen in dir?“ „O, mein Vater!“ ſeufzte der Sohn. 7 „Du willſt ſagen, du hegeſt für Marien keine Neigung? 6 Thor! Iſt ſie nicht das lieblichſte Weſen, das dein Auge ſehen kann?“ „Wohl, mein Vater,“ ſprach Giambattiſta 5„aber habt Ihr ie bevbachtet? Kennt Ihr ihr Herz? Ihre Denk weiſe? Habt 3 ihre Abneigung zu mir erwogen?“„ „Weil ihr in kindiſcher Laune euch nicht verſtandet, weil ihr mit einander wohl einmal hadertet, ſolltet ihr in den verſtändigen Jahren nicht mit einander leben können?“ rief der Vater.„Toller Wahn! Deine Muter liebte mich auch nicht; ich ſah wohl auch eine Andere lieber; aber ich gehorchte meinem Vater, und nie war eine Ehe glücklicher, als die unſere. Traurig, daß ſie der Tod ſo frühe trennte! Ueberdieß haſt du Maria ſeit einem Jahre nicht geſehen, nicht geſprochen. Maria iſt eine Andere geworden, ſagt die Aebtiſſin.“ „Nur gegen mich nicht,“ verſetzte der Sohn. „Giambattiſta,“ ſprach wehmüthig der Vater,„ſoll mein graues Haupt mit Herzeleid belaſtet werden, und mit Herzeleid in die Grube fahren? Soll die Innung durch dich zerſtört werden, die ſo lange und ſo herrlich blühte? Sollen die Lombarden deutſches Blut mit dem ihren miſchen?— Soll des Vaters Fluch auf dir laſten?“ Die letzten Worte ſprach er mit herber Strenge. Der Sohn fühlte einen Schauer durch ſeine Adern rieſeln. „Ich will gehorchen!“ rief er, und faltete ſeine Hände in ſtummer Trauer. „Gut,“ ſagte froh der Vater.„Gottes Segen wird auf dir ruhen mit dem meinen, und an ihn gebunden.“ „Aber,“ ſchob der Sohn ein,„eilet nicht. Laßt mich wenigſtens mit Maria Ottini näher bekannt werden. Geſtattet eine Friſt!“ „Die ſei euch zugeſtanden, wenn ihr die Verlobung vollzogen habet.“ Der alte Pomaria verließ den Sohn, dem er die Hand herzlich reichte, um zu Ottini zu gehen, daß er ihm Giambattiſta's Einwil⸗ ligung, zugleich ſeine Belehnung mit dem Schultheißenamte melde. Giambattiſta blieb allein in ſtummer Verzweiflung zurück.„Vergib mir, arme Annunciata, betrogenes, armes Kind, vergib mir!“ rrief er endlich aus, ſeine Hände ringend.„Warum bin ich nicht am, wie ſie? Warum bin ich heimgekehrt aus dem Lande der Bäter? Dort, bei ihr, hätte ich bleiben ſollen!“ ſeltſam ausſehendes Männlein trat. Eben, als er die gebrechliche; ihr dafür das Gnadenbrod, daß ſie mich meiſtern will? Mir vor⸗ gekommen. Er ſtieß den langen Stock mit dem Elfenbeinknopfe, in kein Kloſter gehen. Iſt hübſch, wie eine heidniſche Göttin, und läßt ſich nicht ſehen, daß einmal ein braves Kind I. Es war ungefähr um dieſelbe Zeit, als kurz vor dem Eintritte des Zwielichts in einer kleinen und engen Gaſſe an der Stadt⸗ mauer von Aſti ſich eine Thüre öffnete, aus welcher ein kleines, Thüre ſchließen wollte, kam eine kleine Hand zum Vorſchein, nel die Seinige faßte und feſthielt. 4 Unwillig fuhr das Männlein herum und ſagte halblaut:! „Hab' ich denn keine Ruhe vor der vermaledeiten Dirne!“— Es half jedoch nichts, er mußte wieder in die Thüre treten. Eine weiche, ungemein melodiſche Stimme bat flehend das Männlein: „Ach, theurer Oheim, forſchtt doch genau bei dem Deutſchen, und laſſet mich nicht lange warten! Und noch Eins, guter betrinkt Euch nicht!“ Das ſchien das Männlein über Gebühr zu ärgern. Es ſchniß die Thüre zu, rannte ſchnell das Gäßchen hinab, brummend und grollend.„Maledetta!“ ſtieß er im Grimme hervor.„Geb' ich zuſchreiben, wie viel ich trinken ſoll von dem edlen Montefiasconer! Nein, du vorwitzige Närrin, ſo weit ſind wir Beide eben noch nicht 3 den er einſt von einem Vetter Canonicus bei der Kirche dei Angeli bekommen, giftig auf das Straßenpflaſter.„O, hätt' ich dich vom Halſe,“ fuhr er fort,„wie manch' Schöpplein könnte ich mehr trinken. Ich müßte doch nicht immerdar die Thränen ſehen, die das dumme Ding vergießt, weil ihm der junge Deutſche davon⸗ gelaufen iſt.— Schließt ſich ein, wie eine Nonne, und will do freien könnte! Ja, werde Einer aus dem Weibsvolk kl allen Heiligen, daß ich mir's nicht einfallen lie Er war unter dieſen Ausrufungen, die jedoch keineswegs ſo laut geſchahen, daß ein neugieriges Ohr ſie hätte vernehmen können, in eine anſehnliche Entfernung von ſeinem Häuslein gekommen, und bei jedem weitern Schritte ſchien ſein Herz ruhiger zu werden und ſein Zorn milder. Die herrſchende Gutmäthigkeit ſiegte endlich anz, und er ſchloß den Monolog mit den Worten:„Was will ich chen? Sie iſt doch meiner Schweſter einziges Kind, und ohne ich ganz verlaſſen. Auch thut ſie mir ganz gute Dienſte, waſcht d ſänbert, kocht mir mein Süpplein und pflegt mich wie einen ater. Sie meint es wohl gut, weiß aber noch nicht, was einem alten Manne zukommt, der ſein Leben hindurch viel und ſorglich gehandelt und gearbeitet hat. Ich will nur thun, was ſie will. Gebe es mein Patron, daß ich ihr e erfahre, oder doch Angenehmes!“— Das Männlein, deſſen mit ſeiner Nichte und Selbſtgeſpräch wir vernommen, war ein Kleinhändler, der ſich aus den Geſchäften mit einigem Vermögen zurückgezogen, und nun, nachdem das Häuschen ſein eigen geworden, auf ſeinen Lorbeeren ausruhte und ſein Fläſchlein Montefiasconer täglich mit Behagen trank. Er war ein Junggeſelle aus Grundſatz, wie er zu ſagen pflegte Hörte man aber die arge Welt, ſo lagen andere Beſtim⸗ mungsgründe vor, und zwar die, daß er mehrmals mit Feuer gefreiet, aber jedes Mal mit einem großen Korbe abgezogen fei⸗ Letzterer unangenehme Umſtand hatte in einigen anderen Umſtänden ſeinen Grund, deren zwei an ſeinem Kopf, einer am Rücken, und der vierte in ſeiner Geſtalt überhaupt begründet zu ſein ſchienen, wenigſtens meinten das die Frauen ſo, die freilich immer etwas Beſonderes wiſſen und haben wollen. Der erſte Umſtand an ſeinem Kopfe beſtand darin, daß er ungemein dick und eckig war, und ein Haar darauf wuchs, daß eher den Namen der Haare verdienen mochte, welche das Fell der Thiere bedecken, welche das Volk des Alten Bundes verabſcheut. Dieſes Haar hatte noch eine andere Eigenſchaft, die den Frauen mißſiel, es war nämlich ſo abnorm roth, daß man hätte glauben können, es brenne. Ueberdies hatte — 23— er zwei Augen wie andere Menſchenkinder, aber die Farbe dieſer Augen war ſchier auch röthlich, und das eine ſah rechts, das andere links hinaus in die Welt, ſo daß eigentlich Niemand wußte, wohin er blicke, ausgenommen er ſelber. Sein Rücken war mit einem Verdruſſe behaftet, was ſo viel heißt, als, er hatte einen Höcker, der, ſpitz und hoch an ſich, auch noch die beſondere Eigen⸗ ſchaft hatte, daß der Grat ſehr ſcharf war. Dabei war er nr zwei und einen halben Schuh hoch, befliß ſich ſehr poſſierlicher Manieren, und ſuchte beſonders durch ſehr raſche Drehungen den Höcker Demjenigen zu verbergen, der eben mit ihm ſprach. Außer⸗ dem war er ein erzkomiſcher Schalk, der Nichts lieber that, als die Leute hinter einander zu hetzen. Er lachte in der Regel dann in die Fauſt; bereitete aber Anderen viel Kurzweil. Sein Witz war ſcharf und beißend, obwohl er Niemanden damit verletzen wollte; denn dazu war er zu gutmüthig. Sein Name war Bartholomeo 6 Malvogliv. Als er nun ſo brummend die Straße hinabſegelte, ſahen ihm 5 die Leute lachend nach. „Er geht wieder zum Montefiasconer,“ rief eine Frau der Nachbarin zu;„wenn er ſich nur in Acht nimmt, daß er nicht in der Trinkſchale erſäuft!“ „Die müßte doch groß ſein, lachte dieſe,„denn ſein Kopf allein füllt den Taufſtein der Kirche dei Angeli aus.“ „Man ſollte immer Waſſer hinter ihm hertragen,“ bemerkte eeeine Dritte,„weil es gefährlich iſt, mit ſeinen Haaren an Holz und Stroh vorbei zu gehen. Wenn einmal ein Stadtbrand entſteht, ſo hat ihn Malvoglio gewiß mit ſeinem Kopfe verurſacht!“ Die Erſte verſetzte darauf;:„Mit dem Waſſer befreundet er ſich nicht; dagegen iſt er geſellig. Wenn er auch allein aus ſeinem Hauſe weggeht, kommt er doch immer zu zwei wieder heim, und es iſt allemal ein Montefiasconer, der mit ihm kommt.“ „Freilich wohl,“ bemerkte die Zweite,„allein das Schlimmſte iſt, daß er ſtets ſchief geladen hat, denn die Straße iſt ihm zu enge“ „Wäre er von Glas,“ ſagte die Dritte,„ſo wäre er längſt an unſerer Hausecke zerbrochen; denn er rennt jedabendlich dawider.“ Ein lautes Gelächter beſchloß das Geſpräch in dem Momente, wo Malvogliv um die Ecke bog. Hatte er es nicht gehört, oder mochte er es nicht hören? Es blieb jedenfalls zweifelhaft; denn er achtete nicht im mindeſten darauf, und arbeitete ſich mit ſeinen kleinen Beinchen aus der argen Geſellſchaft weg. Durch mehrere Gaſſen der alten Stadt war er ſchon gegangen. Gegen manche Oſteria hatte er lieb⸗ äugelnde Blicke geworfen; aber ſein Antlitz blieb ſich gleich. Als er in der Nähe der Kirche dei Angeli ankam, klärte ſich plötzlich das Antlitz auf. Der Purpur der Naſe ſchien leuchtender zu gr werden. Die Augen irrten in ihren Höhlen herum, wie zwei die Feuerräder— denn— die Oſteria des Montefiasconers lag vor dis ihm, die Thüre ſtand offen, und er ſah die Gäſte in bunter . B Miſchung da ſitzen an den rohen Tiſchen, die umher ſtanden. Malvoglio trat raſch ein. Alſobald ließ er ſeine beiden Luchsaugen herumſpazieren und muſterte ſich ſeine Leute, indem er, auf die Spitzen ſeiner Zehen ſich ſtellend, unbemerkt umherſchaute. Da ſaßen ſie, die alten Genoſſen ſeiner ſeligen Zechſtunden, da ſaß auch der Geſuchte, die rieſiggroße blondhaarige, blauäugige deutſche Geſtalt des Joſt von Kempten bei Bingen, des wohlbekannten Dieners des jungen Giambattiſta Pomaria. Damit hatte es nun folgende Bewandtniß. Seit in Bingen die Lombarden oder Gewertſchen, wie man ſie allgemein in Deutſchland nannte, ſich niedergelaſſen, pflegte jährlich ein Glied des Hauſes nach Aſti zu gehen, wo ein anderer Zweig der Familien⸗Innung das Geſchäft betrieb, die Einkäufe machte, und dergleichen mehr. Man wählte dazu meiſt die jüngeren Fami⸗ lienglieder, um ſie in das Innere des Geſchäfts einzuweihen, mit den Familiengliedern jenſeit der Alpen bekannt und vertraut zu nuachen, und überhaupt ihnen einen freieren Ueberblick zu gewähren. Vor einem Jahre war Giambattiſta Pomaria in Aſti geweſen, und hatte ſich lange Zeit dort bei ſeinem uralten Großvater aufgehalten. — Der Greis bewohnte ein ſtattliches Haus, welches jedoch in eier 2 Nebenſtraße Aſti's lag, wo ſich ſeine Magazine in der Nähe befan⸗ den. Dem Hauſe gegenüber befand ſich die Wohnung eines Schnei⸗ ders, Namens Ghisberti, der ſelber längſt geſtorben war. Seine Wittwe war arm, und nährte ſich als Wäſcherin; aber ſie beſaß einen Schatz, wie Aſti keinen zweiten aufzuweiſen hatte, in ihrer kaum ſechzehnjährigen Tochter. Annunciata war ſchön wie ein Engel, und, was mehr iſt, ſie war rein wie ein Engel. Wohl ſuchten die Jünglinge der Stadt Buhlſchaft mit ihr, aber ſie wies alle mit ſittlichem Ernſte zurück. Da kam der junge Pomaria, das Neal eines ſchönen jungen Mannes, und ſeine Schlaf⸗ und Wohn⸗ ſtätte war ihrem Fenſter gegenüber. Giambattiſta ſah das ſchuldloſe Engelsbild, und wurde bezau⸗ bert von den Reizen, die ſein Auge erblickte. Wäre Annunciata ein Mädchen geweſen, wenn ſie den Eindruck nicht mit Vergnügen wahrgenommen, den ſie auf das Herz eines Jünglings gemacht, den ſie ſelbſt ſo ungemein ſchön fand? Unter dieſen Umſtänden bildete ſich bald ein heimlicher Augenverkehr. Das Herz begehrte bald mehr, und da die Augen bereits vermittelt hatten, blieb der Umgang nicht aus, und die Herzen ſchloſſen den Bund der Liebe. War es ein Wunder, daß Giambattiſta nicht über die Alpen eilte? Mit der Meinung der Seinigen am fernen Rheine jedoch ſtand die ſeine nicht im Einklange. Dort drängte der Vater auf des Sohnes Rückkehr. In Aſti ahnete Niemand dies Verhältniß zu Annunciaten, am wenigſten der dem jungen Manne naheſtehende Greis. Niemand wußte darum, als der treue Diener Giambattiſta's, jener Joſt aus Kempten, der jetzt wieder in der Oſteria des Montefiasconers ſaß. Er liebte ſeinen jungen Herrn, er hatte ſelbſt in Kempten ein Treu⸗ liebchen. Warum ſollte er ihm ein Glück mißgönnen, deſſen Größe er ſelber kannte? Auch fand er kein Unrecht darin, daß ein ſo reicher junger Mann ein blutarmes, aber durch ſeine blendende Schönheit ſo hochgeſtelltes Mädchen freie, zumal ſie ſo gut und omm war wie eine Deutſche. An etwas Anderes aber, e N e ehrliche Heirath konnte Joſt nicht deßleß und zwar 1. U weniger, als er felbſt etwas Anderes ſich nicht denken konnte. Zur Ehre ſeines Herrn ſei es aber geſagt, daß er andere, bloß Tände⸗ leien bezweckende Abſichten nicht hegte Seine Liebe für das ſchuld⸗ loſe, liebenswürdige Kind der Natur war ächt, treu, wahr. Mit den heiligſten Eiden gelobte er ihr, ſie als Gattin heimzuführen nach Jahresfriſt. So ſchied er unter heißen Schwüren und Thränen⸗ Für das arme Mädchen brach eine ſchwere Zeit alsbald herein. Die Mutter ſtarbd. Das Häuschen war verſchuldet, und nichts blieb ihr übrig, als die Zuflucht beim alten Oheim an der Stadt⸗ mauer, dem weinſeligen Malvogliv. Er nahm ſie auf; aber ihre Tage waren nicht roſig bei ihm. 3 In jenen Tagen war der Verkehr in die Ferne nur ein münd⸗ vis licher und perſönlicher. Wie ſollte das liebende Mädchen von dem B Geliebten Kunde erhalten? Sie liebte mit der tiefen, heißen Gluth, wrie ſie das Herz hegt unter dem ſüdlichen Himmel Italiens. Sie glaubte feſt, wie ſie an Gott und die Heiligen glaubte, an ſeine Treue und an die Löſung ſeines Wortes. Sie zählte die Tage, die Monate bis zur Wiederkehr; aber er kam nicht.— Dort am Rheine ſtand es anders, als er es ſich geträumt im Arme der Liebe. Er fand den ungemeſſenen Geldſtolz ſeines Vaters, den Plan, ihn mit Maria Ottini zu vermählen, deren Leivenſchaftlichkeit, deren Eigenſinn, deren feindſeliges Gemüth er kannte, die ihn nicht liebte, die er verabſcheute!— S Wohl merkte der Vater, daß ihn ein Band im Lande der Hei⸗ mat feſſele. An den dummen⸗ ehrlichen Joſt machte er ſich nun, um ihm das Geheimniß abzulauſchen oder ſelbſt abzunöthigen. Joſt hatte nicht Urſache, es zu verheimlichen, weil er glaubte, ſein Herr habe es ſeinem Vater geſtanden. Der ſchlaue Pomaria entlockte ihm die kleinſten Umſtände. Darnach nahm er ſeine Maß⸗ regeln, ohne dem Sohn eine Andeutung zu geben, daß er wiſſe, wie es in Aſti ſtehe. Nur einmal, da nämlich, als er ihm mit lluger Berechnung das Ja abnöthigte, ließ er eine Andeutung follen, als könne Giambattiſta eine Andere lieben. Der Sohn wagte es nicht, ſeine Gefühle auszu dieſer Maria, vater, welcher heiſchte, daß Antonio, der jüngſte Enkel, konme, auf 8— und verſchloß in den Schrein des Herzens, was er in din Grunde hegte. Er hoffte durch den Aufſchub Das zu erhalten was er wünſchte. Als nun der Sommer gekommen war, wo wieder ein Sohn des Handels nach Aſti reiſen ſollte, kam ein Brief vom alten Groß⸗ daß ihn ſein Auge ſähe, ehe es ſich im Todesſchlafe ſchlöſſe. Das war ein ſchlau gelegter Schlupf für den armen Giambattiſta. Er mußte bleiben und Antonio zog. Der Großvater aber wußte Nichts von einem Briefe. Am Tage vor der Abreiſe ließ Pomaria den Knecht Joſt in ſein Gemach kommen. „Joſt,“ ſagte er,„du haſt unſerem Hauſe ſeit Jahren treu gedient, du ſollſt jetzt meinen jüngſten Sohn nach Aſti begleiten. Es iſt deine letzte Reiſe. Sobald du zurückkommſt, will ich dir ein Häuschen in Kempten kaufen oder bauen, wo du dich ſetzen kannſt; aber Eins iſt die Bedingung.“ Joſt's Herz pochte bei dieſer Ettzffnung mit Hefigteit Er ſah ſich ſchon im Beſitze ſeines Liebchens, am Ziele ſeiner Wünſche. „Was fordert Ihr denn von mir, Herr?“ fragte er.„So ich kann, will ich's gewißlich erfüllen.“ 5 „Du weißt,“ ſagte er zutraulich,„daß Annunciata Ghisberti, das blutarme Schneiderskind von Aſti, nicht für meinen Sohn iſt. Er wird, ehe ein Monat vergeht, Maria Ottini heinführen, die reiche, ſchöne Maria!“ Iroſt erſtarrte. Er gedachte des armen liebenden Mävchens und ſeiner Hoffnungen, und bejammerte ſie; allein er ſah erſt jetzt, daß. ſein alter Herr eine Wahrheit ſagte, als er fortfuhr: „Uns gilt es Alles, guter Joſt, den alten Ruhm unſeres Hauſes zu erhalten, und er ruht allein auf Geld und Redlichkeit. Die Innung aber geht auseinander, wenn Fremde hineinheirathen und Las Geld in andere Hände kommt; darum kann aus Den Nichverden, was Giambattiſta dort angekulpft hat 6 ein Zweifel in ſeiner Seele ute ob das Alles ſo ſei, Joſt war zu ſehr gewöhnt, zu thun, was man ihm ſagte, daß er nicht auch gehorſamte, wo er denken ſollte, was Andere dachten. „Höre,“ fuhr Pomaria fort,„ich gelobe dir, Haus und Hof zu gründen, wenn du zurück die Kunde bringſt, Annunciata ſei wirklich geſtorben, wie ſie denn jetzt ſchon für ihn todt ſein muß.“ In Iroſt's deutſcher Seele regte ſich eine Macht gegen dies Anſinnen; aber der gewandte Italiener wußte ihm die Sache ſo augenfällig als Pflicht hinzuſtellen, daß er am Ende gelobte, es alſo zu machen. Wohl ſah der Alte ein, daß, wenn Giambattiſta mit Joſt rede, und ihm, wie kaum zu zweifeln, Aufträge ertheile, der dumme„ ehrliche Joſt das ganze Ränkegewebe entdecke; daher wußte er es 3 ſo zu leiten, daß Giambattiſta gen Köln fuhr in Handelsgeſchäften, und während dieſer Zeit rekſten Die ab, welche mit Antonio den Zug nach Aſti machen ſollten. Sein Plan war erreicht. Antoniv ahnte nichts von ſeines Bruders Händeln in Aſti, und Jpoſt durfte ihm nichts davon vertrauen. Nach langer Fahrt langten ſie in Aſti an. Joſt eilte am andern Morgen in die wohlbekannte Wohnung der Wittwe Ghisberti. Fremde Leute ſahen ihn verwundert an. „Wo iſt Frau Ghisberti?“ fragte er. „Todt!“ war die Antwort. „Wo iſt Annunciata?“ fragte er weiter. „Wir wiſſen es nicht,“ ſagten ſie;„wir glauben, daß ſie auch todt iſt; denn man ſieht nichts mehr von ihr.“ Da wurde es dem ehrlichen Burſchen von Kempten leicht um die Seele. Er betete ein Paternoſter und Ave für ihre arme Seele, und dankte ſeinem Schutzheiligen, daß er nicht zu ſiaen nöthig habe. Annunciata war wohl todt für die Welt. Sie ſah ſich als res Geliebten Verlobte an; mied es, ſich öffentlich zu zeig und s nun Giambattiſtä nicht kam, ſie ſich betrogen ſah, bſt 6 5 ſich und ihren Schmerz in das kleine Häuschen Malvoglio's, und kaum ahnte man in der Nachbarſchaft ihre Anweſenheit, wenn man nicht die edle Geſtalt tief verſchleiert hätte vorüberſchweben ſehen zur Kirche dei Angeli. Eines Tages war ſie dort hingegangen, und— ſchier wäre ſie zuſammengeſunken— dort erblickte ſie des Geliebten Diener, den trenen Joſt von Kempten— aber— Giambattiſta fehlte? Wie konnte ſie Auskunft erhalten? Da hörte ſie eines Tages den alten Oheim von dem Deut⸗ ſchen reden, der eine ſo weite Gurgel habe, daß er ein ungeheures Maaß Montefiasconers trinken könne. Nun bat, nun flehte ſie ihn an, daß er Joſt ausfrage über ſeinen Herrn. Darum ſtellte ſich Malvoglio auf die Spitzen ſeiner Zehen, als er in die Oſteria ſeines Freundes aus Montefiascone trat. Kaum hatte er ſeinen Freund aus früheren Tagen erblickt, zuls er mit ſeinen ſpitzigen Ellenbogen die Lette zur Seite ſchob, und mit ſeiner kleinen Geſtalt raſch zur Seite des Deutſchen ſich einen Platz erobert hatte. Unter den wenigen hervorſtechenden Eigenſchaften Joſt's von Kempten war dieſe die eminenteſte, daß er den anſehnlichen Durſt ſeiner Heimat mit ſich über die Alpen genommen hatte, und zu dem edelſten Muskateller, welcher im Patrimonium Petri wuchs, nämlich bei dem Städtchen Montefiascone, eine warme Neigung im Herzen trug. Sein junger Herr war kein Knicker; und ſo wurde es ihm möglich, regelmäßig jeden Abend ſich ein anſtändiges Räuſchchen in der Oſteria zu holen. Auch heute ſaß er da voll Luſt und Freude, und ſog an ſeiner Kanne mit unſäglichem Behagen den ſüßen Saft des geſegneten Landes. Nur Eins fehlte noch für ihn. Er war eine jener behaglich heiteren Naturen, die es lieben, daß Luſt und Kurzweil um ſie herum hüpfen, und ſie ſelbſt dabei nichts weiter thun, als aus dem innerſten Fundamente des Herzens zu lachen. Dazu fehlte der rechte Mann noch, nämlich Malvogliv. Nach ihm, dem gewohnten Gaſte und Luſtigmacher, ſah ſich Joſt mit Sehnſucht um; aber er nicht allein, ſondern auch andere Gäſte 1 der Wirth ſelbſt, der dieſen Juwel ſeiner Oſteria wohl kannte, und in ihm einen nicht geringen Magnet für viele ſeiner Gäſte ſchätzte. Als mit einer ihm eigenthümlichen Schnellkraft der kleine Kobold neben Joſt auf die Bank hüpfte, reichte ihm dieſer fröhlich ſeine breite Hand hin und rief ihm ein herzliches Willkommen zu. Zoſt hatte ſo viel Italieniſch begriffen, daß er ſich ziemlich gut darin ausdrücken konnte. Auch Malvoglio begrüßte ſeinen alten Zechgenoſſen, neben dem er freilich wie ein Pigmäe ſaß, und drückte ihm die mächtige deutſche Hand. „Auch wieder bei uns, Signor Joſto?“ fragte er freundlich, „und ſeit wann?“ „Nun, ſeit drei Tagen,“ ſagte Joſt in ſeinem Phlegma, aber ungemein erfreut durch die ehrende Anrede Malvoglio's. „Iſt auch Euer vieledler Herr wieder bei Euch, Signor Giambattiſta Pomaria?“ fragte Malvoglio. „Habt Ihr den auch gekannt?“ war Joſt's Gegenfrage. „Gewiß!“ verſetzte der Kleine. „Dieſes Mal iſt ſein Bruder Antonio hier,“ redete Joſt weiter. „Wie kommt es denn, daß er Aſti nicht wieder beſucht hat?“ „Er iſt Schultheiß der Stadt Bingen geworden,“ antwor⸗ tete Iroſt.* „Was iſt das denn?“ fragte unſchuldig Malvogliv. „So viel wie Euer Podeſta; aber das iſt's nicht alleine. Er iſt jetzt ein junger Ehemann, verſteht Ihr, und darf das ſchöne Weibchen in den Honigwochen doch nicht verlaſſen.“ Malvoglio ſtutzte.„Wen hat er denn heimgeführt?“ fragte er weiter. „Maria Ottini, das ſchönſte und reichſte Mädchen der Stadt, ſeine längſt erkorne Braut.“ Malvoglio wußte genug. Einen Augenblick flog eine düſtere Wolke über ſein Geſicht; er dachte an das arme, betrogene Mädchen 1. gedachte ihres Leides, und das trübte ſeine Stimmung; indeſſſie war Malvoglio nicht der Mann dazu, lange einem Gefühle Raum geholt.“ — zu gönnen, das ihn ohnehin ſelten beſchlich. Der Wirth ſtellte ihm ſeine Kanne Montefiasconer vor, ſagte ſein Proſit! und fragte:„Was iſt Euch denn für ein Läuslein über die Leber gelaufen, Signor Malvoglio, daß Ihr Eure gute Laune daheim gelaſſen habet?“ „Ja, ja!“ riefen mehrere Gäſte zugleich.„Erzähle, Malvogliv, was dir begegnet iſt.“ „Nichts, gar nichts,“ lachte der Kleine, der in dieſem Momente den erſten belebenden Zug aus ſeiner Kanne gethan, und mit dieſem Kardinalzuge ſeine ganze überſprudelnde Necklaune wieder gewonnen. „Das Eine nur machte mich traurig, daß ich im Vorbeigehen Lizzi's Frau keifen hörte über ihren Saufaus von Mann, der wieder in der Oſteria ſitze und die Nadel ruhen laſſe. Sie meinte, ſie müſſe wohl wieder dem Ziegenbock das Fell ausklopfen, wenn er mäckernd heimkehre. Ich bedaure dich, armer Lizzi,“ ſprach er mit ſchalkiger Miene zu einem langen und ſehr dürren Manne, der ihm gegenüber ſaß, und ein Schneider ſeines Zeichens war; dabei wirbelten ſeine verdrehten Augen in ihren Höhlen herum, als hätten ſie den Veitstanz, und ſeine ohnehin abſonderlichen Züge nahmen den Ausdruck an, der Jedermann zum Lachen reizte, der ihn anſah. Joſt brach in ein wieherndes Gelächter aus, und die ganze Geſellſchaft ſtimmte mit ein, nur Lizzi, der Schneider, nicht, der ärgerte ſich über die Maßen, und konnte das auch nicht bergen. Zwar ſchwieg er, und that einen tüchtigen Zug aus ſeiner Kanne; aber ſein Antlitz verfärbte ſich und wurde gelb vor Ingrimm. „Armer Lizzi,“ hob Malvogliv wieder an,„du haſt ein Hauskreuz, wie irgend Einer in Aſti. Allemal, wenn ich deine Holde keifen höre, gelobe ich eine Kerze in die Kirche dei Angeli, zu deren Kirchſpiel wir gehören, daß ich mir nie einfallen ließ, zu heirathen.“ „Schweig, du Galgenvogel,“ ſchrie jetzt Lizzi, dem der Aerger überquoll,„dafür haſt du ein ſchönes Dirnchen dir Pilich ins — 5 Malvoglio lachte.„Haſt Recht, Lizzi, und es gereicht mir nicht ganz zur Schande, daß meine Schönheit dieſen Sieg noch ſo ſpät errang.“ Abermals brach das Gelächter los. „Du aber,“ fuhr Malvoglio unermüdet fort,„konnteſt nur in deiner Jngend das Zankeiſen erlangen, die wahrſcheinlich ſonſt Keinen bekommen konnte; denn jetzt ſiehſt du aus, wie eine dünne Wurſt, die Jahre lang im Rauchfange hing, und haſt eine Farbe, wie eine unreife Zitrone vom Gardaſee. Jetzt gelänge dir's nicht, meinſt du nicht, Annibaldi?“ Mit dieſem Aufrufe wandte er ſich an einen luſtigen Schuſter, einen unterſetzten, dicken Burſchen, deſſen Antlitz leuchtete wie der rothe Abendhimmel, der beſonders mit Luſt es anſah, daß der ärgerliche Schneider aufgczogen wurde, deſſen nächſter Nachbar er war. Der Schneider war außer ſich vor Zorn. „Sieh' dich an, Zwergel,“ rief er zornig aus,„daß du errötheſt vor dir ſelber. Stecke deinen Kopf in eine Pfütze, daß er nicht in heller Lohe brenne!“ Malvoglio lachte hell auf.„Hätt' ich eine Frau, wie die deine, ſo wäre der Brand ſchnell gelöſcht.“ „Wie ſo?“ fragte Joſt von Kempten. „Deutſcher Säufer,“ ſchrie Lizzi,„was miſcheſt du dich drein.“ Joſt wollte ſich ausſchütten vor Lachen. „Laßt hier den Annibaldi reden,“ ſprach Malvoglio,„der wird Euch die Geſchichte erzählen.“ „Erzählet!“ ſchrien augenblicklich zehn Kehlen. „Ihr wiſſet, Freunde,“ hob pathetiſch der Schuſter an,„daß ich das Unglück habe, Lizzi gegenüber zu wohnen. Jüngſt hatte Freund Lizzi hier mehr getrunken, als ſein Durſt auswies, und kam mit mir, der ich ſtets nüchtern bin, heim. Während meine liebe Frau mich mit freundlicher Miene einläßt, mußte Lizzi poltern an der Thür, als wolle er ſie zerſchmeißen. Er wird leicht giftig, wie Ihr eben ſahet. Hier wurde er's auch, und ſchimpfte ergötzlich auf ſeine theure Hälfte und tobte wie ein Unſinniger. Bald darauf — 5— öffnete ſich das Fenſter über ſeinem Kopfe, und ein ganzer Kübel kaltes Waſſer ergoß ſich über meines Nachbars kahlen Kopf. Das that Wunder. Plötzlich war ſeine Hitze verflogen und er flehte nun wie ein kananäiſch Weibchen um baldigen Einlaß, der ihm auch wurde.“ Das war Oel in's Feuer. Lizzi raſ'te, und wollte Annibaldi an den Leib. Der ganze Troß der Gäſte aber lachte, daß das Haus bebte, und Joſt's Bärenſtimme war vor allen hörbar. Annibaldi duckte ſich, als der dürre Schneider ſeine langen* Finger nach ihm ausſtreckte, und ſchob Joſt vor. Dem fuhr Lizzi in die langen blonden Haare, und raufte ſie, blind vor Wuth. Joſt aber, nicht faul, wenn ihm Einer zu nahe kam, zog ihm eine deutſche Maulſchelle, daß er heftig zurückprallte. „Laß mich in Ruhe, Ziegenbock,“ rief er.„Ich habe nichts mit dir zu thun.“ „Friede! Friede!“ rief Malvogliv. Der Wirth faßte Lizzi, und hielt dem Schäumenden die Hände. Während dieß geſchah, ſaß Annibaldi wieder an ſeiner Stelle. „Warte, du Pechvogel,“ rief Lizzi,„ich will dir's gedenken.“ „Und du, deutſcher Lüämmel, was ſchlägſt du mich?“ Bleib' aus meinen Haaren!“ ſagte lakoniſch der Deutſche, und war wieder ſo ruhig, wie vorher.. Der Strom ſeiner Schimpfreden ergoß ſich nun über Annibaldi, bis ihm der Athem ausging. Dabei ſchoß er fortwährend wüthende Blicke auf den Deutſchen. „Sag' doch an,“ hob endlich Malvoglio wieder an, ſich an Annibaldi wendend,„was war das neulich für eine Geſchichte mit dem Pater Ambroſio?“ „Du weißt's ja ſelbſt,“ entgegnete dieſer.„Erzähle es nur!“ Wiederum forderten Alle die Erzählung von Malvogliv. Dieſer ſträubte ſich zuerſt, dann erzählte er: Ihr kennt Lizzi's ſchönes Weib. Stellt die in euren Wein⸗ berg, und acht Tage nachher geht keine Krähe hinein. Auf Weib, meinte nun Lizzi, habe der Pater ein Auge. 6 eines Tages, wird ſtößig gegen ihn und faßt ihn am Ende an der Kutte, um ihn hinaus zu werfen; der Pater aber iſt ein wohlge⸗ nährter Patron, der bläuet ihn weidlich durch, und ſeine Frau hilft liebevoll dem Pater. Acht Tage war er nicht hier, weil ſeine dürren Knochen Noth gelitten hatten. Ich kehrte gerade mit Anni⸗ baldi aus dieſer Oſteria heim, als ſie ſich liebkoſ'ten, wie Signor Pulcinello und ſeine Columbine.“ „Was war denn die Urſache?“ fragte Joßt, dem es Spaß machte, ſich an dem Schneider zu reiben. „Narr,“ rief Malvoglio,„der Pater küßte die Donna in allen Ehren, und das verdroß den Herrn Gemahl!“ „Lüg' du und der Teufel!“ ſchrie Lizzi, und griff nach Mal⸗ vogliv. Dieſer ſchlüpfte unter den Tiſch, und ver zornblinde Lizzi faßte abermals den breiten Joſt. Dieſer fuhr grimmig auf, und zog dem Schneider eine noch derbere Maulſchelle, als die erſte geweſen. Er taumelte. Malvoglio benutzte den günſtigen Moment, hob ihm die Füße unter dem Tiſch auf, und Lizzi ſtürzte der Länge nach in die Stube. Das Gelächter hatte nun den höchſten Grad erreicht, und Joſt ließ ihm vollen Lauf. Der Schneider raffte ſich auf. Sein Antlitz war erdfahl vor Wuth. Kein Wort konnte er hervorbringen, aber er riß ein Meſſer hervor, und ehe Jemand zu Hilfe kommen konnte, ſtieß er es dem Joſt in das Herz, daß er nur einen Schrei aus⸗ ſtieß und todt zur Erde fiel. Plötzlich hatte das Lachen ein Ende. Wie ein Blitz fuhr der verſtummende Schrecken unter die Gäſte. Lizzi verſchwand, und nach wenigen Augenblicken war die Oſteria leer. Der Wirth aus Monteſiascone, dem derlei Vorkommniſſe nicht ganz ſelten waren, faßte ſchnell mit einem Knechte den Leichnam und ſchleppte ihn auf die Stiege der nahen Kirche dei Angeli, ud ließ ihn da liegen. Die Mägde wuſchen ſchnell das Blut weg und bald war jede Spur vertilgt, und, wie man zu ſagen pſlegt kein n dah krähte weiter darnach.. andern Morgen fand man die Leiche des Dentſchen.* * — 35— Brüderſchaft der Kirche begrub ſie, und Niemand folgte ihr, als der junge Herr Antoniv Pomaria aus Bingen, der zu nicht geringer Verwunderung der Leute in Aſti wirklich um ſeinen Diener trauerte, der doch nur ein Deutſcher war. Er ließ Seelmeſſen leſen, ſtiftete ein Anniverſarium in der Kirche, auf deren Stufen man den todten Joſt mit dem Herzſtiche gefunden, und am Abend darauf ſaßen wieder alle Gäſte in der Oſteria, wie früher auch; nur wollte die gute Laune bei Malvoglio nicht aufkommen, und Lizzi hielt ſich möglichſt ſtille. Des Ereig⸗ niſſes vom vorigen Abend gedachte Niemand mehr mit einer Shlbe, und um den armen Joſt trauerte Keiner, als ſein Herr, der ihn als eine treue Seele kannte, und nun ohne Diener war. IV. Etwas verſtört und völlig ohne Rauſch wanderte Malvoglio nach dem Ereigniß in der Oſteria des Montefiasconers nach ſeinem Häuschen an der Stadtmauer. Es wollte ihn doch ein ſchmerzlich Gefühl anwandeln, daß ſein Necken einen ſo ſchlimmen Ausgang genommen; allein er war ein taliener, dem eben ſo eine Begeben⸗ heit nicht lange ſchwer auf dem Herzen liegt. Auffallend war es ihm, daß in ſeinem Stüblein kein Licht brannte Er klopfte mit Aengſtlichkeit; allein bald öffnete ihm Annunciata. Ach, ſie hatte im Dunkel allein geſeſſen, und das Auge ſchwamm wieder in Thränen. Malvoglio fühlte aufrichtiges Mitleid, als er das ſchöne Weſen anſah, und bedachte, wie er ihr den Dolch des Wehes in das arme, ohnehin ſchon blutende Herz ſtoßen müſſe. „Ihr kommt ja frühe, Oheim?“ ſagte ſie, und der Ton der Stimme verrieth es deutlich, daß ſie viel geweint hatte. Freilich,“ ſagte der Alte.„Es gab eine ſchlimme Geſchichte. Der Schneider Lizzi erſtach den Joſto, den Diener des jungen Pomgria.“ 3 „O⸗ all' ihr Heiligen!“ rief das Mädchen, und ſchier ihr das Licht zur Erde gefallen, welches ſie eben gezündet hatte, „was ſagt Ihr da?“ 15 „Es iſt eine Oſteriageſchichte, nichts weiter. Er iſt mauſetodt, ohne Beichte und Abſolution, das iſt das Schlimmſte.“ „Armer Joſto!“ ſprach traurig das Mädchen.„Er war ein 1 treuer Diener und ein guter Menſch und Chriſt.“ „Nun, wenn du ihm den Sermon hältſt,“ bemerkte Malvogliv, „ſo wird ihm ſein Herr ja auch Seelmeſſen leſen laſſen.“ „Ohne Zweifel!“ verſetzte Annunciata, die durch Malvoglio's Erzählung ganz ſich ſelbſt und ihre Herzensangelegenheit vergeſſen hatte.„Aber ach, wie ſteht es nun mit Dem, was ich ſo ſehnlichſt zu wiſſen wünſchte? Iſt Giambattiſta hier?“ „Es iſt geſorgt, Kind,“ ſprach Malvogliv.„Ich habe den Deutſchen ausgefragt, ehe er den Todesſtoß von Lizzi empfing.“ „O redet, redet, theurer Ohm,“ flehte ſie in der größten Erregung.„Iſt er hier?“ „Nein, Annunciata, er iſt nicht hier, ſondern ſein Bruder, den Joſto begleitete.“ Sie faltete ihre Hände vor der hochwallenden Bruſt. Es ſchien, als wolle der Athem ſtocken. Sie wagte nicht weiter zu fragen. „Du ſollſt Alles hören, Kind, wie ſchlimm es auch iſt. Den Gedanken, ihn je als Gatten dein zu nennen,“ ſagte Malvoglio, „mußt du aufgeben. Bedenke, er iſt reich, du arm; er iſt ein Podeſta in ſeiner Stadt, du die Tochter eines Handwerkers. Kind, da iſt keine Hoffnung. ueberdies iſt er— vermählt.“ „Vermählt?“ rief das liebende Mädchen aus, und die Todes⸗ bläſſe überzog das liebliche Antlitz; das Feuerauge erloſch) die 8 Geſtalt brach in ſich zuſammen, und leblos ſank ſie in den Lehn⸗ ſtuhl zurück. Der alte Malvoglio erſchrack. Ein ähnlicher Fall war ihin noch nicht vorgekommen; darum wußte er auch nicht, was er z thun hatte. Eine der ſpitzungigen Nachbarinnen zu rufen, t o mehr Bedenken, als er von keiner ſehr geſchätzt war, —— ſeine neckiſche Zunge keine derſelben geſchont hatte. Von ſeinem Inſtincte geleitet, lief er an ein Gefäß mit Waſſer und wuſch das ſchöne Bild des Todes an. Durch dies einfache Mittel gelang es ihm, das arme Mädchen ins Leben zu rufen. „Vermählt, ſagtet Ihr, Oheim; iſt das wahr?“ fragte ſie, und die Thränen perlten über ihre ſchneeweiße Wange herab, und das Licht brach ſich drinnen, daß ſie wie goldene Perlen anzuſehen waren.— „Ja, Annunciata, ſo ſagte Joſto. Als ich ihn fragte, warum doch Herr Giambattiſta Pomaria nicht wiedergekehrt ſei, da ſagte er:„Wie konnte er in den Honigwochen ſein junges Weibchen verlaſſen, das ſchön iſt, wie Milch und Blut?“— „O, Maledetto! Maledetto!“ rief das Mädchen wüthend aus, und es ſchien, als wäre ſie in dieſem Momente eine ganz Andere geworden. Ihr Auge loderte in einem unheimlichen Feuer; ſie raufte verzweifelnd ihr ſchönes Haar, daß es wild um ihren Kopf flog; ihr Weſen war in einer Aufregung, daß es Mälvoglio Schrecken verurſachte. Nach einer an völlige Raſerei grenzenden Wildheit wurde ſie wieder rubiger; aber dieſe Ruhe war entſetzlich anzuſehen. Sie ſaß ſtille da, ſtarrte in eine Ecke und gab kein Zeichen des Lebens von ſich, als von Zeit zu Zeit ein tiefes Se das erſchütternd auf den alten Malvoglio wirkte. Geh ſchlafen, Kind,“ bat er ſie endlich,„du bedarfſt der Ruhe, wie ich.“ „Ruhe?“ fragte ſie, ihn anſtarrend, und In Annunciata's Benehmen zeigte ſich der Unterſchied zwiſchen dem deutſchen Gemüth und dem italieniſchen. Die Liebe der Italiener iſt Gluth, verzehrende Gluth, in der ihr ganzes Sein aufgeht. WMild und zart, ſchwärmeriſch und innig liebt das deutſche Herz. Wie jedes Gefühl auf dem Extreme leicht zu ſeinem Gegen⸗ theile ni ſo die Liebe der Italienerin. Wird ſie getän t, Betrogen, ſo iſt ihre Lebe Haß— eben ſo tief und leider 38 ihr Weſen durchwühlend, wie es ihre Liebe gethan, und dieſer Haß fordert Rache, und raſtet nicht, bis er ſie gefunden. Wird die Deutſche getäuſcht, betrogen, ſo iſt ihr Schmerz unendlich groß, aber er tödtet die Liebe nicht, und könnte man in die Tiefe ihrer Seele ſchauen, man würde auch dann noch Liebe bis zum Tode finden, weun auch der Betrug noch ſo tief verwundete. Malvoglio konnte die Empfindungen Annunciata's nicht miß⸗ billigen; aber ein tiefgefühltes Mitleid erfüllte ſeine Seele, und er nahm ſich vor, gegen das unglückliche Mädchen deſto ſanfter und ſchonender von nun an zu ſein. Am andern Morgen, als Malvoglio aufſtand, und erwartete, daß ihm, wie das ſonſt zu geſchehen pflegte, Annunciata ſein Morgenſüpplein brächte, war es ihm auffallend, daß Alles im Häuschen ſo ſtille war. Da es nur zwei Stüblein und einen Raum für die Küche enthielt, der zugleich die Hausflur bildete, ſo konnte man jede Bewegung vernehmen, die im Hauſe ſtattfand. Sollte ſie krank ſein? dachte er, und der Gedanke beunruhigte ihn heftig. Er trat in die Küche; da ſtand noch Alles, wie es am vorigen Abend geſtanden. Keine Kohle glomm auf dem Herde. Keinerlei Anſtalt bewies die ſonſt ſo rührige Sorgfalt des Mädchens für den Ohein „Annunciata!“ rief er hinauf gegen die Thüre ihres Kämmer⸗ leins. Alles war und blieb ſtille. Da durchrieſelte ein heftiger Schrecken das Herz des Alten. Sollte ſie ſich ein Leid zugefügt haben? dachte er mit Entſetzen. Dieſe Vermuthung ſteigerte ſich faſt zur Gewißheit. Er wagte es nicht, in das Kämmerlein zu treten, wie man ſich eben fürchtet, eine entſetzenerregende Vermuthung ſich verwirklichen zu ſehen. Doch drängte ihn die Angſt wieder vorwärts. Er ſtieg die Stiege hinauf und drückte an der Thüre. Plötzlich ſah er, daß ſie von außen zugeriegelt war, daß alſo das Mädchen die Stube verlaſſen hätte. Jetzt öffnete er, und ſiehe, das Stüblein war nett und ſauber, — und doch war dies nicht ehen. ge 3 cührt, und ihre Kleidung lag da, als« 3 — Wer konnte dies Räthſel löſen? Rathlos ſtand Malvoglio eine Weile da. „Sie hat ſich in das Waſſer geſtürzt!“ ſagte er dann zu ſich. Armes Kind, du jammerſt mich!“ Uebrigens hatte er jetzt, wie er meinte, Gewißheit, und nun fand ſich ſeine Seele leichter darein. Er ging zum Pfarrer der„ Kirche dei Angeli, welche ſeine Pfarrkirche war, beſtellte einige Seelmeſſen, und trat gutes Muthes in ſeine beliebte Oſteria, trank daſelbſt ſeinen Montefiasconer, und tröſtete ſich als guter Chriſt und verſtändiger Mann in Bälde, obwohl ihm eine Leere im Hauſe blieb, die er erſt jetzt recht ſchwer empfand. War ihm doch die weibliche Pflege, die ſorgende Vorſicht, die ordnende Beſonnenheit etwas ſo Neues geweſen und doch ſchnell ſo behaglich geworden, daß er jetzt ſie nur mit Bedauern entbehrte. Von Annunciata vernahm er nur noch das ſeltſame Gerüchte, man habe ein reiches und ſchönes Frauenhaar irgendwo in der Stadt gefunden, und er dachte wohl, daß es das ihre ſei. An einem der folgenden Morgen trat in das Haus des alten Herrn Pomaria zu Aſti ein Bauernknabe von höchſt einnehmendem Ausſehen. Das Geſichtchen war faſt weiblich zart, und die Spur eines Bartes noch nirgends erſichtlich, obwohl der ſchlanken, ſchönen Geſtalt nach er ſeine ſiebzehn Jahre zählen mochte. Seine Farbe „ war bleich, das Auge trübe, und eine auffallende Trauer umſchwebte die Geſtalt. Er trug die Kleidung der armen Leute der Umgegend von grobem braunem Tuch und einen groben ſpitzigen Filshut mit breiter Krempe auf den kurz abgeſchnittenen ſchwarzen Haaren. — Als man ihn fragte, was er wolle, bemerkte er in großer Demuth und Schüchternheit, er ſei eine Waiſe, und wolle in Aſti e Dienſte ſuchen. Nun hätten ihm, fuhr er fort, die Leute geſagt, der junge Herr Pomaria habe ſeinen Diener verloren; deßwegen wolle er ſich ihm zu Dienſt anbieten. Fet alte Diener des Hauſes ging ſofo ſolche jungen Herrn an, den jn em ließ 6 k hinauf, und zeigte Burſchen herauf⸗ Er beſah ſich ihn und fand Wohlgefallen an ihm, fragte ihn wie er heiße und wo er zu Hauſe ſei. 3 Der Burſche nannte ſich Tommaſo Albertini und als ſeine Heimat ein Dorf in der Nähe von Aſti. „Haſt du aber auch bedacht,“ fragte er weiter,„daß ich inner⸗. halb dreier Tage dies Land verlaſſe, die beſchwerliche Reiſe über die Alpen mache, und am fernen Rhein, in Deutſchland wohne, wo Niemand deine Sprache ſpricht, als meine Familie, und daß Jahre vergehen, ehe du dieſes Land wieder ſieheſt?“ „Ich habe es bedacht,“ ſprach mit einer ungemein melodiſchen Stimme Tommaſo.„Hier habe ich Niemanden mehr, der mich angeht, und keine Habe bindet mich. Ob ich hier lebe und ſterbe oder dort, iſt mir gleichviel.“ „Du ſprichſt vom Sterben,“ ſagte Antonio Pomaria,„als ſei dir das Leben nichts werth. Iſt dir dein Liebchen geſtorben oder untreu geworden?“ Er lachte dabei. Als aber eine hohe Gluth das Antlitz des Jünglings überzog und heiße Thränen zur Erde rannen, da wurde es ihm ſchier weich um das Herz, und er bedauerte es ſehr, daß er, wie es ſchien, einen ſo wunden Fleck bei dem armen Jungen berührt hatte. „Sei ruhig,“ ſagte er,„ich habe dir nicht wehe thun wollen. Ich will es mit dir verſuchen.“ 3 Mit wenigen Worten waren ſie des Handels einig, denn Tommaſo forderte, außer Wohnung, Speiſe und der nothdürftigen Kleidung, gar wenig Lohn.* So blieb er denn gleich im Hauſe, war ſchüchtern und beſchei⸗ den, aber ſo aufmerkſam auf ſeines Herrn Wünſche, daß er ſie ihm ſchier an den Augen abſah; allein heiter und mittheilend wurde er nicht. Immer verſchloſſen und in ſich zurückgezogen, nahrh et nicht Theil an der Luſt der übrigen Diener des Hauſes, mieep ihre Genoſſenſchaft und lebte ſo für ſich dahin. Herr Antonio Prlomria i ſein d g aber erklärte wiederho auch Joſt geweſen, ſo ſl 4 3 Guntram, der alte Kriegsknecht des Ritters Brömſer, ſtieg gedankenvoll den Burgweg hinan. Am Pförtlein neben dem Burg⸗ thore blieb er eine Weile ſtehen.„Ja,“ ſagte er nach ſeiner Gewohnheit, laut zu denken, zu ſich ſelber,„der Ritter führt ein Stücklein im Schilde, das ich zu kennen glaube. Er ſieht die Tochter des reichen Ottini gern, und würde wohl kein Bedenken tragen, den Flecken in ſein Wappen zu bringen, wenn der Alte ihn übergoldet. Sie iſt im Kloſter Rupertsberg drüben wohlbe⸗ wacht und wohlverwahrt. Ob er nicht am Ende gar einen Anſchlag hat, ſie zu rauben? Das käme mir unlieb; aber ſie iſt die Braut des verdammten Lombarden.— Doch, was zerbreche ich mir den Kopf!“ Er trat ein in den Burghof und begab ſich in die Waffen⸗ kammern. Nachdem er Alles durchſucht und zur Zufriedenheit gefun⸗ den, nahm er zwei junge Burſche mit Pechfackeln und unterſuchte den Gang nach der Stadt. Seit Jahren war dieſer vernachläſſigt. Die meiſten Söldner der Burg kannten ihn nicht. Guntram allein war gehörig einge⸗ weiht. Er führte hinab in mehrfach gewundener Richtung, und ging in einem Hauſe, das zur Pfalz des Erzbiſchofs gehörte, zu Tage, und zwar in einem langhin ſich dehnenden Keller. Hier fand er freilich viel Unrath und Schutt, und behielt es ſich vor, am andern Morgen das Nöthige vorzunehmen. Der Brömſer ſaß in ſeinem Koſett, und hatte einen großen, bauchigen Krug des edelſten Rüdesheimers vor ſich ſtehen, als Guntram eintrat. „Wie haſt du die Waffenkammern gefunden?“ fragte der Ritter. „Gut,“ ſprach Guntram.„Es iſt Wehr da für ſiebzig Reiſige 2 dieſ rage noch eintreffen,“ verſetzte S= — „Der Steinkugeln iſt eine Menge da,“ fuhr Guntram fort, „und die Schleudern ſind wohl im Stande. Acht Tonnen Oel zum Sieden ſind voll, und Pech zu Kränzen iſt mehr vorhanden, als wir in drei Jahren brauchen. Sandſäcke ſind zu Hunderten bereit. Laßt ſie nur bald füllen. Nur Mundvorrath fehlt.“ 3 „So gehſt du morgen zu dem Lombarden, der Schultheiß geworden,“ ſprach Brömſer,„und forderſt was fehlt an Fleiſch, WMehl und Wein. Fordere mehr als wir brauchen. Er muß es herbeiſchaffen. Warſt du in dem verdeckten Gange?“ „Ich war bis zur Ausgangsthür in dem Keller des Hauſes des Erzbiſchofs; allein ich fand eingeſtürzte Mauern und ſo viel Schutt, daß man ſchier keinen Tritt vorwärts thun konnte, ohne zu fallen.“* „So laß ihn ſchnell herſtellen,“ ſagte Brömſer; aber durch vertraute Leute; wir könnten ihn vielleicht noch brauchen, ehe der Albrecht kommt.“ „Wie ſo?“ fragte Guntram.. „Setze dich, alter Geſelle!“ ſprach jetzt vertraulich der Brömſer. „Ich will mit dir ein Wörtlein reden. Du weißt, daß die Binger die Lombarden nicht lieben, am wenigſteu den hochmüthigen Bur⸗ ſchen, der heute zum Schultheißen gemacht wurde. Nehm's ihnen nicht übel, denn ich haſſe ihn auch aus dem Grunde meiner Seele. Da nun viele ihn haſſen unter den Bütgern, ſo ſähe ich's gerne, wenn du ihm ein Steinchen in den Garten würfeſt, ihm ein Bein ſtellteſt bei den Bürgern. Du könnteſt mir einen Anhang werben für kommende Tage. Hier haſt du eine Handvoll Turnoſen; verwende ſie gut. Suche ſie auf in den Schenken und wirf Schwefel in die Flamme. Zahle ihnen den Trunk und mache ſie ſtößig“ „Und was iſt der Zweck, Herr Ritter?“ „Zweck?“ rief Brömſer aus.„Ich trage alten Haß. Er iſt ein heimlicher Anhänger Albrecht's— und—“ „Iſt der Bräutigam eines holdſeli en Mägdleins, das er bald heimführen wird!“ ſiel Guntrar in die Rede des Ritters. Unter andern Verhältniſſen würde wahrſcheinlich der Ritter den kecken Dienſtmann mit aller Härte, zu der ihn ſein ritterlicher Stolz geführt haben würde, abgewieſen haben. Jetzt war es anders. Er bedurfte ſeiner, er hatte es erkannt, daß er nur mit Hilfe des ſchlauen Alten, den gleicher Haß mit ihm vereinigte, ſein Ziel erreichen konnte, den ſtolzen Lombarden zu demüthigen, wo möglich zu verderben. Brömſer lächelte auf Guntram's Rede und ſagte:„Da du es weißt, warum ſollte ich's verheimlichen, daß mir das ſchöne Lombardenkind lieb iſt. Ich würde ſie heimführen als Gattin, und mich nicht bedenken, wenn nicht jener Verhaßter ihr Verlobter wäre, zumal ſie mir gut iſt, und ihm gram von Herzen.“ „Macht die Sache kurz, Herr Ritter, und holt ſie euch aus dem Neſte da drüben heraus!“ lachte der alte Guntram. Brömſer faltete die Stirne.„Das mag ich nicht, wenigſtens jetzt nicht, Guntram,“ ſagte der Ritter;„lieber aber, als ich es zulaſſe, daß ſie der Pomaria heimführt, führe ich ſie heim ohne Weiteres. Doch, kommt Zeit, kommt Rath.“ Er reichte dem Alten den Becher hin, der ihn auf Einen Zug leerte, und ſagte:„Schwenke damit das Andenken an das, was wir hier ſprachen, hinunter für andere Leute. Du ſollſt von heute an mein getreuer Rottmeiſter ſein. Geh' aber jetzt und thue, was ich dir auftrug.“ Guntram dankte und ging. Am andern Tage ſaßen Schiffer, Winzer und Gewerbsleute der Stadt im Lämmlein, einer Schenke am Strande des Rheines, zuſammen, und verhandelten Welthändel, Stadtgeſchichten, Handel und Weinwachs in den mannigfaltigſten Weiſen, während ſie dazu ihr Kännlein Naheweins tranken. Der nahende Krieg mit ſeinem Ach und Weh war bereits ½ vielfach beſprochen. Alle Binger entſchieden ſich gegen Albrecht von DOeſterreich. Guntram, der unter ihnen viele Bekannte beſaß, hatte ſeinen Platz mitten unter ihnen genommen. Er war, als begeiſterter Lobredner Kaiſer Adolph's, Allen lieb. Er hatte auch jetzt wieder ſeine Parthie mit heiligem Feuer genommen, hatte ſeinen Fall wieder erzählt.„Und wer meint ihr, daß es geweſen ſei, der ſeinem Roſſe die Beine durchhieb,“ fragte er,„daß der edle Herr nicht mehr aufkonnte?“. Niemand wußte es. „Es war ein Lombarde aus Bingen!“ ſagte er mit Nachdruck. „Aus Bingen?“ riefen die Leute. „Wohl,“ verſetzte Guntram;„aus Bingen, und zwar der, der gegen Recht und Ordnung euer Schultheiß iſt.“ „Giambattiſta Pomaria?“ riefen ſie fragend aus⸗ und ſprangen von ihren Sitzen auf. „Eben der!“ betheuerte Guntram.„Dafür und weil er ihm wieder Geld lieh, iſt er vom Kurfürſten zum Schultheißen gemacht worden. „Gott verdamme Beide!“ ſchrie ein derber Schiffer. „Es iſt eine Schande,“ ſprach ein feuriger Winzer,„daß man den fremden Italiener uns zum Schultheiß wieder aufdringt, während ſein Vater und Großvater ſchon mit Unrecht dieſe Würde trugen.“ „Verdammt ſei der hochmüthige Milchbart!“ ſchrie ein Hand⸗ werker.„Er läßt nimmer bei uns ein Kleidungsſtück machen, ſondern ſich Alles aus Aſti bringen.“ Guntram wußte Vieles zu erzählen aus anderen Städten, wo ſich die Bürger gegen ihre Obrigkeit auflehnten, und meinte, . 3 ſie ſollten ihn ſeiner Würde entſetzen.„Jetzt,“ ſagte er,„wird euch der Kurfürſt nicht züchtigen, weil er fürchtet, ihr möchtet dem Albrecht die Thore öffnen. Uberdies iſt Pomaria ein Anhänger Albrecht's.“ 3 „Was ſagſt du?“ ſchrieen die Männer. Guntram betheuerte das. Jetzt wuchs der Unwille in immer anſchwellenderem Strome. „Auf,“ rief der Schiffer,„wir gehen vor das Rathhaus, wo er jetzt eben die Rathsglieder in Eid nimmt, und widerſprechen .. 3 ℳ Das Wort fuhr wie ein zündender Funke in das brennbare Material der erhitzten, weinſeligen Köpfe. Alle ſtürmten hinaus. Knaben, Weiber und Männer ſchloſſen ſich an. Der Zug wuchs wie eine Lawine bis zum Rathhauſe. Dort hielt er an. „Heraus, Pomaria!“ ſchrie der Schiffer,„heraus mit dir! wer gab dir den Stab der Ordnung?“ Würdevoll hatte eben der greiſe Vater Giambattiſta's dieſen den Vätern der Stadt als ihren wohlbelehnten und beſtallten Schultheiß vorgeſtellt, und ſie aufgefordert, ihm, im Namen des Kurfürſten und Erzbiſchofs, Treue zu geloben mit Mund und Hand, als draußen der wüthende Lärm des Volkshaufens losbrach. Die Pomaria's erblaßten; denn ſie verſtanden wohl den Ruf und ſeine Bedeutung. Der Altſchultheiß trat auf den Balkon. „Was wollet ihr, Bürger,“ ſprach er,„daß ihr wie Auf⸗ rührer daher ſtürmt und die heilige Handlung des Treugelöbniſſes ſtört?“ „Still! ſtill!“ rief der Schiffer Weinert mit ſeiner Stentor⸗ ſtimme.„Du haſt nichts hier zu reden. Wir wollen weder dich noch deinen Sohn als Schultheißen. Es ſoll aus unſerer Mitte ein Schultheiß erwählt werden.“ Pomaria verſuchte umſonſt, z reden. Der Haufen ſchrie immer wilder und drohender. Schon drängten ſich die Wildeſten gegen die Thüre des alten Rathhauſes, das die Stadtwaibel beſetzt hielten; ſchon wuchſen der Volkswuth hundert Arme und Hände, und Steine flogen gegen die Fenſter des Rathhauſes, als Einer der älteſten Rathsmitglieder in das Thor trat und ſie anredete: Sie nicht Torzeit zu ſo Lwencher Zeit. Nochmals wollte der Rathsherr reden, aber das Volk ſchrie: „Herab mit Pomaria!“ Der Rath begann ſich der Furcht hinzugeben, als das älteſte ſeiner Glieder erklärte, er vermöge nicht, den Sturm zu beſchwören, der immer drohender daherbrauſe. Das Volk verlange, Giambattiſta Pomaria ſolle den Schultheißenſtab ablegen. „Ich bin vom Kurfürſten belehnt,“ rief Giambattiſta aus, „und wie könnte ich, ohne durch den Kurfürſten entbunden zu ſein, meiner Würde entſagen?“ „Thut, was Ihr wollt,“ riefen einige Rathsglieder aus, die ſelbſt lüſtern nach der Würde waren;„aber wir waſchen unſere Hände wegen deß, was erfolgen kann.“ Draußen tobte das Volk. Einzelne Steine flogen in den Rathsſaal. Eine ſtumme Pauſe trat dort ein. Die Pomaria's konnten zu keinem Entſchluſſe kommen. 2 Da brach der Haufe durch die Thür in das Gebäude, und ſtürmte die Stiege herauf. Der Schiffer Weinert an der Spitze ſtürmte in den Saal mit einer Anzahl ſeiner Genoſſen. Er ſtand jetzt vor Pomaria. Sein Angeſicht glühte heftig und ſprach die Losgebundenheit aller rohen Leidenſchaften aus. „Leg' deinen Stab nieder, Lombarde!“ herrſchte er dem jungen Schultheißen zu.„Seit wanr ſind wir Bürger ſo unbrauchbar geworden, daß ein Fremder uns regieren müſſe?“ rief er au „Iſt es an der Ordnung, daß ein Milchbart, der nicht einmal Hausvater iſt, der Stadt vorſtehe? Wer gibt dem Erzbiſchof ein Recht, uns den Schultheiß zu ſetzen? Und zuletzt ſoll kein Anhänger des Feindes, der bald vor unſern Thoren ſtehen wird, das Stadt⸗ regiment führen!“ „Du lügſt!“ ſchrie Giambattiſta. „Wie?“ fragte Weinert, und ein boshaftes Läch lte um ſeinen Mun warſt du es etwa nicht, der unſerm Ka i Göllheim das Pferd tödtete? Leugne es, wenn du Dies Wort entwaffnete Giambattiſta Pomaria vö Ha!“ rief Weinert,„ſeht nur das Armeſünd — wie es ſich entfärbt! Geld iſt Alles, was dich auszeichnet. Fort mit ihm!“ Er machte Miene, den Lombarden zu faſſen. Der alte Vater trat vor den Sohn. „Der Weg geht über mich!“ ſagte er feſt, und das verwirrte die Aufrührer. In dieſem Augenblick ging die Thür auf, und Ritter Brömſer trat mit zwölf Reiſigen in den Saal. Guntram war nämlich, als ſeine Saat ſo herrlich aufging, ſchnell hinaufgeeilt, und hatte Brömſer'n das Alles gemeldet. Der Erfolg war freilich zu raſch und gewaltſam geweſen, hatte ſelbſt den Ritter überraſcht, und war weit über ſeine Abſichten hinaus⸗ gegangen. Er wollte eine Parthei, um die Schritte des Schultheißen zu entkräften, ihn zu demüthigen und nöthigenfalls zu verderben, weil er ihn haßte, als Gegner in politiſcher Meinung und in Her⸗ zensangelegenheiten. Als er vernahm, wie die Sachen ſtanden, entſchloß er ſich ſchnell, den Mantel nach dem Winde zu hängen. War er ja doch„Advocatus de Pinguia,“ Vogt des Kurfürſten, der das Saalgericht zu hegen hatte in der Camera des Erzbiſchofs, in welche jener geheime Gang ausmündete, der von Klopp herabführte In der größten Eile wappnete er ſich, ließ zwölf Reiſige, unter dem Rottmeiſter Guntram, ſich wehrhaft machen und eilte in die Stadt. Schon ſein Erſcheinen vor dem Rathhauſe machte den imponirendſten Eindruck auf das Volk. Sein rollender Blick ſcheuchte die muthigſten Schreier. „Geht nach Hauſe,“ ſagte er milder, als man es erwartete, „ihr ſollt Eures guten Rechtes nicht ermangeln; aber ich fordere, als euer Vogt, vollen, unbedingten Gehorſam und ſtilles Abwarten deſſen, was geſchehen wird.“ Das Volk entfernte ſich ſtille, und bald war der Markt leer. Brömſer ſtieg nun die Stufen zum Rathſaale hinauf. Sein Erſcheinen wirkte verſchieden.% Weinert und ſeine Genoſſen drückten ohne Hehl ho Fäbe aus, weil durch Guntram die S des Ritie ka 48 Die Rathsherren waren ebenfalls froh, daß ſie aus der fatalen Lage befreit wurden, Porin ſie ſich befanden; allein das Einmiſchen des Vogts mit gewaffneter Hand wollte ihnen denn doch nicht zuſagen, weil ſie darin einen Eingriff in ihre Freiheiten ſahen⸗ Der Vogt durfte in dem Saale der Camera tagen und Recht ſprechen, aber in der ſtädtiſchen Curia ſollte er nicht handeln dürfen. Proteſt einzulegen, war denn aber doch der Augenblick zu kritiſch, und konnte die Sache leicht noch verwickelter werden. Sie, wie Weinert, ahneten nicht, daß das Volk bereits auseinandergeſtäubt war. Auf die beiden Pomaria's wirkte indeſſen ſein Erſcheinen am ſchlimmſten. „Was gibt es hier?“ donnerte Brömſer in den Saal hinein. Der alte Pomaria ermannte ſich und ſagte, ihm entgegen⸗ tretend:„Was wollt Ihr hier?“— „Euch ſagen,“ entgegnete Brömſer lächelnd,„daß Ihr hier nichts zu ſagen habet, ſintemal Ihr keine Schultheißenrechte zu vertreten habet. Seid ſo gut und entfernet Euch; denn ſeit Ihr in des Herrn Hand Euren Stab legtet, hörte Euer Amt auf.“ Der Greis fühlte die Wahrheit ſo tief, daß er nach ſeiner Kopfbedeckung griff und ſtille aus dem Saale ſchied. Zetzt trat Giambattiſta vor.„Da Ihr, Herr Vogt,“ ſagte er, „es ſo ſtrenge mit dem Rechte haltet, ſo habe ich unbezweifelt das Recht, die Frage meines Vaters zu wiederholen?—“ „Ich geſtehe Euch unbedenklich dies Recht zu,“ ſagte Brömſer 3 1 mit jenem noch fortdauernden ironiſchen Lächeln,„allein“— „Wir nicht!“ rief Weinert mit ſeinen Genoſſen, deren etwa zwanzig um ihn ſtanden.„Die Bürgerſchaft fordert das Recht mit dem Rathe den Schultheiß zu wählen, wie es früher Recht 3 und Brauch war; aber der Erzbiſchof hat uns abermals ei Lombarden aufgedräpgt. Zudem, Herr Vogt,“ fuhr er fort, iſt dieſer ein Anhänger Albrecht's von Oeſterreich.“ „Schweig, Lügner!“ rießWiambattiſta Pomria aus,„ich 3 habe dem Erzbiſchof Treue geſchworen!“ „Das haben ſchon mehr Leute gethan,“ entgegnete Weinert, — „und doch den Eid gebrochen. Haſt du nicht Kaiſer Adolph's Pferd bei Göllheim zuſammengehauen?“ „Ich kämpfte als ein Anhänger meines Herrn, des Erzbiſchofs und Churfürſten, und mußte meinem Gegner ſchaden, wo ich konnte. Dir bin ich keine Rechenſchaft ſchuldig.“ „Alſo wär' es nicht länger im Zweifel, wer der Unbekannte war?“ ſagte grollend Brömſer. „Auch Ihr, Herr Vogt, ſeid mein Richter nicht,“ ſagte der Lombarde. „Das muß ſich zeigen,“ ſagte mit ruhiger Kälte der Ritter; „allein hier iſt mein Richterſtuhl nicht. Folgt mir nach der Camera, daß ich das Saalgericht hege.“ Der geſammte Rath erhob ſich. „Ich bin Schultheiß,“ ſagte Pomaria,„und widerſpreche; denn es liegt kein Grund zum Saalgerichte vor.“ „Das ſteht nicht dir ſondern mir, als des Herrn Vogt, zu, zu erkennen. Es iſt Aufruhr in der Stadt. Das Recht hat aufge⸗ hört. Der Vogt tritt in ſeine Rechte ein Voran alſo, Giambattiſta Pomaria!“ 6 Der junge Mann ſah wohl ein, daß er der Gewalt nicht widerſtreben könne. „Ich weiche nur der Gewalt!“ rief er aus.„Wehe dem Rath und der Bürgerſchaft, welche Gewalt in ihrem Rathhauſe duldet!“ „Ich fordere euch auf,“ ſprach Brömſer zu den Rathsherren, daß ihr freiwillig in die Camera ziehet, auf daß ich im Namen des Herrn unterſuche, wo das Recht iſt. Die Bürgerſchaft hat ſich im rechten Gehorſam gefügt, wollt ihr, die ihr die Väter der 1 Stadt heißet, in Aufruhr euch gegen eure Obrigkeit ſtellen, wie dieſeugombarde da?“— „Das lügt Ihr!“ ſchrie Pomatia„Eure Rechte habe ich nicht in Abrede geſtellt. Nur hiercdbe ich des Rathes Rechte, die Rechte der Stadt als Schultheiß zu wahren.“ Dn biſt unſer Schultheiß nicht!“ rief Weinert. Der Rath ſtand rathlos da. Er wußte nicht, was er in dieſer verzweifelten Lage thun ſollte. Endlich erhob ſich der älteſte Rathsherr, Hans Klein, und ſagte:„Höret mich an, Herr Vogt und ihr, Bürger der Stadt; daß die Bürger ſich erhoben, erkenne ich als ein Unrecht. Es ſoll nicht der gemeine Mann ſich ſelber die Macht anmaßen, wo ihm kein Grund vorliegt, und wenn einer vorliegt, ſo ſoll er klagen und Spruch und Urtel erwarten nach Brauch und Sitte. Aus den Schenken kommt weder Recht noch Heil. Daß Ihr, Herr Vogt, einſchrittet, war Eure Pflicht, aber daß Ihr hier dem Nathe gebieten wollt, ſteht Euch nicht zu. Haben wir falſch gerichtet, ſo erkennet Ihr im Saalgerichte. Da wir aber gar nicht gerichtet und gehan⸗ delt haben, alſo weder recht noch unrecht, ſo iſt das Gericht nicht nöthig. Sintemal aber ein Zwieſpalt beſtehet über des Herrn Pomaria Schultheißenamt, ſo laſſet mich und noch Zwei des Rathes gen Mainz gehen und dem Herrn das vorlegen, was hier geſchah. Er wird richten, wie es uns frommet.“ „Wohlgeſprochen,“ ſa römſer, der wohl einſah, daß er einen Grund hatte, den vothaßten Pomaria zu verhaften, auch ſelber wußte, daß ihn der Churfürſt belehnet mit dem Schultheißen⸗ amt.„Ich bin,“ fuhr er fort,„Eurer Meinung.“ „Auch wir!“ riefen die Bürger.„ 2 „So hebt die Sitzung auf,“ ſagte Brömſer;„aber das verlange ich, daß Ruhe und Frieden in der Stadt bleibet. Solten neue Händel ausbrechen, ſo muß ich das Saalgericht hegen, un werde es, ohne Anſehen der Perſon!“% Hierauf verließ er den Saal mit ſeinen Reiſigen. Die Raths⸗ herren wählten zwei zu Hans Klein, und darauf ging Jeder in ſeine Wohnung, und in Bingen war's wieder ſo ſtille, als zuvor, ehe nämlich der Aufſtand a gebrochen war. Ehe indeſſen die Raths rren die Stadt verließen, war bereits Giambattiſta Pomaria auf m beſten Roſſe auf dem Wege nach — 5 heftigen Zorn, weil er darin ein Hohnſprechen gegen ſeine landes⸗ herrliche Macht und Gewalt ſah. Sein Ingrimm wälzte ſich gleich⸗ zeitig und gleichmäßig auf Brömſer und die Bürger. Als ſich ſein Zorn gelegt, und der ſchlaue Politiker an die Stelle des erzürnten Gebieters trat, fand er indeß wohl, daß er ſäuberlich verfahren müſſe. Brömſer durfte er nicht erzürnen, wollte er nicht gefährden, daß er Klopp an Albrecht übergebe; die Bürger durfte er nicht verletzen, ohne ſich bloßzuſtellen gegen Vorkommniſſe, wie er ſie bei Brömſer'n befürchten mußte. Er entließ den jungen Schultheiß wohlwollend, und bat ihn, mit der Verſicherung heimzukehren, daß er jedenfalls Schultheiß bliebe. Das war es, was der ehrgeizige Pomaria wollte, was er Brömſer'n gegenüber glühend wünſchte. Als nun endlich der weiſe und beſonnene Klein mit ſeinen Genvſſen ankam, war bereits Gerhard über feine Maßregeln einig. Siebzig Geharniſchte brachen ſogleich nach Bingen auf, und beſetzten die erzbiſchöfliche Camera nebſt dem Hofe. So waren die Bürger, zumal die Geharniſchten erprobte Leute aus der Herrſchaft Eppſtein waren, in ſeiner Gewalt, ehe nur irgend ein Spruch erfolgte. Gerhard fuhr die Geſandten wild an. Er glaubte wohl, daß das die Weiſe ſei, ſie einzuſchüchtern; allein dafür war Hans Klein nicht der Mann. Ruhig und würdevoll trug er die Beſchwerden der Bürger vor, daß Fremde über ſie gebieten ſollten, und bat dringend um das Recht der freien Wahl, das ſie auch ſonſt ausgeübt. Indeſſen fand das keinen Eingang. Der Erzbiſchof beſchied ſie kurz, er habe geſorgt, daß der Aufruhr nicht wieder ſein Haupt erheben könne, und er verlange Gehorſam von dem Bürgerſtande, widrigenfalls er ſelbſt kommen und ein Blutgericht hegen werde. Auf die Beſchwerde, daß der junge Pomaria ein Anhänger Albrecht's ſei, bemerkte er aufs entſchiedenſte, es ſei dies üble Nachrede. Er wiſſe, mit welcher Treue er ihm und ſeiner Sache ergeben ſei. Das konnte nun freilich der Erzbiſchof aus dem Darlehen ſchließen, daß die Lombarden ſein Unterliegen nicht wünſchten. Der Erzbiſchof entließ die Geſandten mit der dringende Mahnung, Gehorſam zu beweiſen. St war die Abſicht geſcheitert. Pomaria hatte geſiegt, und Brömſer's wie der⸗Bürger Haß loderte deſto grimmiger in der Verborgenheit. 3 5* Pomaria erhielt den Treuſchwur, und die ſiebzig Reiſige in * der Camera des Erzbiſchofs, welchen er reiche Spenden an Geld und Wein zufließen ließ, waren ſeine Stütze. Weinert verbiß ſeinen Zorn und vertagte ihn auf beſſere Zeiten. Brömſer freute ſich der Belagerung, weil er dann freie Hand gewann. Im Aeußeren kam Alles in ein gutes Geleiſe. Pomaria lieferte die Lebensmittel in die Burg ſo,⸗daß Brömſer nicht klagen konnte, wenn er auch gewollt hätte 2 6 Eein lauer Abend hatte ſich auf die Landſchaft herabgeſenkt; aber eine Dunſthülle umflorte den Himmel, und ließ einen jener Nebel erwarten, den in dieſen Tagen des Auguſts der Winzer ſo gerne ſieht, weil er dik Hülle der reifen Traube erweicht. Ein linder Weſtwind kräuſelte die Wellen der Nahe an ihrer breiten Mün⸗ dung in den Rhein. Eine tiefe Stille lag auf der Gegend. Deutlich vernahm man vom Rheine her das Brauſen des Stroms am Mäusthurm, und von der Höhe herab, wo die hohen Giebel des Kloſters Ruperts⸗ berg in den Abendhimmel hinauf ihre Glieder gleich Rieſen reckten, vernahm man die leiſen, aber melodiſchen Klänge des Vespergeſanges unten am Fuße der Felswand, auf welcher das Kloſter ſtand, rieſelte aus dem zerklüfteten Geſtein eine kryſtallhelle Quelle. DDie Sage berichtet, die heilige Hildegard habe, da dem Kloſter eine Quelle fehlte, einſt hier, wo dichtes Gebüſch eine kühle Stätte bilvet, geknieet und gebetet, und in dieſen, heißen Gebet um eine Ouelle gefleht. Der vollen Erwartung gewiß, habe ſie mit ihrer ſchneeweißen Hand in den Felſen gegraben und die loſen Steine brochen, und ſiehe, alsbald ſei dieſe Quelle hervorgebrochen. it dieſer Zeit nannte man ſie Hildegardenquelle oder Brünnlein. — — 53— Dort pflegten die Nonnen und die Laienſchweſtern den Trunk zum Abendbrode zu ſchöpfen. Heute war der Dienſt an Maria Ottini, welche im Kloſter lebte, um ihre Erziehung vollendet zu erhalten; eigentlich aber, um ſie vor den Bewerbungen des Ritters Brömſer zu bergen, und ſie geneigt zu machen, dem älteſten der Söhne des alten Pomaria ihre Hand zu reichen, denn das war längſt der Plan der Väter, welchem nur die Kinder, um die es ſich eben handelte, mit aller Kraft widerſtrebten. Die Nähe Rüdesheim's hatte von je her eine häufige Verbin⸗ dung der Bewohner hervorgerufen, die der Handel mächtig förderte. War in Bingen bei der Kirchweihe ein Tanz, ſo ſah man Rüdesheims vornehme Jugend herüberſchiffen und die Lüſt theilen; war ein Feſt in Rüdesheim, ſo fehlten nie die Binger dabei. So war es gekommen, daß der junge Brömſer, der letzte Sproſſe eines hochadeligen uralten Geſchlechtes, das jene koloſſale Burg am Rheinufer bewohnte, die junge Maria Ottini ſah und liebte. Zwar war er älter, als das eben friſchblühende Mädchen; aber gerade dieſer Umſtand war es, der der gefallſüchtigen Lom⸗ bardentochter ſchmeichelte. Einen Mann, wie Ritter Brömſer, der mit Ruhm und Ehren genannt wurde, ſich huldigen zu ſehen, war eine ſo große Auszeichnung, daß ihr leidenſchaftliches Herz davon überwältigt wurde, das ohnehin ſchon darum, weil es ſollte, den Eltern widerſtrebte, welche die Verbindung mit Giambattiſta Pomaria wünſchten. Sie war das einzige Töchterlein, die Erbin eines uner⸗ meßlichen Vermögens, erzogen von der überſchwenglichſten Eltern⸗ liebe, und daher verzogen und eigenwillig bis zum Aeußerſten; beherrſcht von einer Leidenſchaftlichkeit, wie ſie nur die des Südens zu erzengen fähig iſt. Brömſer war ein ſchöner Mann. Seine Art zu ſein und z leben, hatte wohl jene glättere Außenſeite angenommen, wie ſie das Ausland, Frankreich und Italien, lehrt, wo er ſich umher⸗ getrieben. Ihm gefiel das reizende Geſchöpf. Ihm ſagte noch mehr der n ₰ deſſen Erbe ſie werden mußte; ſeine Hilfs mittel waren erſchöpft. Wenn auch ein bürgerlich Kind, ſo konnte ſie der Kaiſer ebenbürtig machen. Deßwegen knüpfte er mit ihr ein Band der Liebe, und das Mädchen umfing ihn bald mit aller Gluth ihres Weſens. Dieſe Verbindung blieb den Eltern kein Geheimniß. Die Bewerbungen Brömſer's würden unter andern Verhältniſſen ihnen geſchmeichelt haben; aber bei dem Grundſatz der Lombarden⸗Innung, nur unter ſich zu heirathen, und ſo das Vermögen lediglich zu einem Familiengut zu machen, konnten ſie ſie nicht billigen und wendeten Alles an, ſie zu entkräften. Das goß Oel in das Feuer. Maria fühlte und ſprach unverhohlen ihre Abneigung gegen die berech⸗ nenden Handelsleute aus und ihre Vorliebe für ritterliches Weſen. Darum zog, veranlaßt durch ſeinen Vater und Maria's Vater, Giambattiſta mit dem Erzbiſchof gegen Adolph von Naſſau zu Feld; allein Maria's Widerwillen gegen den aufgedrungenen Bräu⸗ tigam konnte dadurch nicht vermindert, ihr Eigenſinn nur vermehrt werden. Sie wies Giambattiſta überall zurück und behandelte ihn mit Verachtung. Endlich reiſte er nach Aſti. Wohl hatte man gehofft, daß dieſe Entfernung wohlthätig wirken würde; allein das Geſchick verſchwor ſich gegen die elterlichen Pläne; denn Brömſer wurde Vogt in Klopp, und Giambattiſta kam aus Aſti zurück und trug ein anderes Bild in ſeiner Seele, umleuchtet von einer Glorie, wie ſie Maria nie gewinnen konnte. Je näher durch Brömſer'n die Gefahr rückte, deſto dringender die Eltern die Verbindung wünſchten; aber Maria blieb ſich gleich. Giambattiſta's weicheres Weſen gab den ſteten Einwirkungen ſeines Vaters endlich nach. Er wurde Schultheiß. Maria war ſchon früher in das Kloſter Rupertsberg gebracht worden, um vor allen Annäherungen des Ritters ſicher zu ſein. Der alte Vater war im Kloſter geweſen. Reiche Spenden beſtimmten die Aebtiſſin dazu, Alles aufzubieten, Marien zu bewegen, einzuwilligen. Sie hatten endlich ihr das Ja abgerungen, un glücklich war der Vater heimgekehrt. Die Verkobung ſollte nun it dieſen Tagen ſtatthaben. — 2 5 — Wenn aber Ottini ſich dem Glauben hingab, Maria ſei abgeſchloſſen von allem Verkehr mit dem Ritter Brönſer, ſo irrte er. Brömſer hatte einen Weg gefunden, der ſicher zu ſeinem Ziele führte. Sein Knappe Kunz hatte ja ein Liebchen, das im Hauſe Ottini's als Magd diente, ein keckes, ſchlaues, verſchlagenes Ding, ſelbſt liebeſiech und voll Mitleid mit ihrer liebeſiechen Herrin, die ihr längſt ihr Leid geklagt. Martha hatte ihren Kunz zum Boten und Kunz ſeine Martha. Jeden Schritt Ottini's kannte Brömſer; jedes Begebniß, das Maria's Seele bewegte, wußte er. So kannte er Tag und Stunde, wann ſie an dem Hildegarden⸗ brunnen die klare Fluth ſchöpfte, und dann war er ſicher im Gebüſche, das den Brunnen umgab, und was fonſt läſtiges Geſchäft geweſen wäre, wurde zum längſt erſehnten, viel gewünſchten Gekoſe der Liebe. Auch heute war die Kunde durch Kunz zu dem Ritter gelangt, Maria ſchöpfe Waſſer zur Vesperſtunde und harre ſein. In den umhüllenden, dichtbelaubten Hollunderbüſchen, deren Frucht ſchon reifte, ſtand Brömſer, harrend ſeiner Maria. Ihm war das Verhältniß, das Anfangs nur auf ſinnlichem Wohlgefallen beruhte, nachgerade ein theures geworden. Des Mädchens heiße Liebe hatte die ſeine entflammt. Mit glühendem Verlangen erwartete er ſie; denn es war ja Wichtiges zu beſprechen, die Verlobung war nahe. Durfte, konnte er ſie ſich entreißen laſſen? Was einſt der alte Rottmeiſter Guntram angedeutet, das lag in ſeiner Seele als letzte Zuflucht, als letztes Hilfsmittel, wenn Alles brechen ſollte. In tiefem Sinnen verloren, lehnte er ſich an den Felſen, als er plötzlich den Tritt des leichten Fußes auf den Stufen vernahm, welche in den Felſen S waren. Bald nahte ſie ſich. Ihr Auge ſchien das Gebüſche durchdringen zu wollen. Ihr hüpfender Gang wurde zögernd. Sie ſah ſich nach allen Seiten um. Zetzt erblickte ſie ihn. Schnell wurde der Krug zur Erde geſetzt, und in „ie Arme des Mannes flog das Mädchen, und die glühendſten Kiſſe beſiegelten die frohe Gewißheit des Wiederſehens und Wiederhabens. — „Ich fürchtete, du ſeiſt nicht da!“ ſagte ſie, ihre runden Arme um ſeinen Nacken legend. „Wie hätte ich ausbleiben können?“ flüſterte er, ſie an ſich preſſend.„Du ſollteſt mir entriſſen werden können?“ ſagte er. „Nie,“ erwiederte ſie. „Aber du haſt dein Ja gegeben?“ „Das hab' ich, aber ich wurde gezwungen; am Altare* ſage ich: Nein.“ „Soll es dahin kommen?“ „Ach, wie ſoll ich vorbengen? Wie kann ich?“ „Wohl wüßte ich einen Weg,“ ſagte Brömſer. „Welchen?“ fragte das Mädchen mit heftiger Erregung. „Nenne mir ihn, mein Lieb!“ „Du fliehſt mit mir nach Klopp, und ein Prieſter traut uns dort!“ Maria ſenkte das glühende Köpfchen auf die Bruſt. Sie ſann. „Iſt keine andere Hilfe?“ fragte ſie. „Keine, Marie! Du biſt umgarnt. Was will es helfen, wenn du auch am Altare noch Nein ſagſt? Nie werden es deine Eltern zugeben, daß du mein Weib wirſt, weil das Geld ſie verblendet. Wenn wir nicht durch Selbſthülfe unſer Ziel erreichen, ſo ſ es unerreichbar.“. 8 „Wohlan!“ ſagte darauf das Mädchen mit der ihr igenn Feſtigkeit,„was frage ich nach der Welt? Ich bin die Deine, ſo ſei's denn auch, daß ich mit dir fliehe.“ 1 Ein Gluthkuß beſiegelte dies Wort und lohnte den Eutſchuß⸗ der ſo ſehr mit Brömſer's Wünſchen übereinſtimmte. „Wann, Marie, ſollen meine Wünſche erfüllt werden?“ fragte haſtig und ſtürmiſch der Ritter, und preßte das glühende Mädchen an ſich. 6 „Wann du willſt!“ ſagte ſie. „So höre, Marie,“ fuhr er fort,„was ich dir vorſchla Die Gefahr einer Belagerung iſt nahe, wo du ohnehin das Kloſter verlaſſen mußt Jetzt ſcheint der Mond noch ziemlich helle. er nicht mehr ſcheinet, laſſe ich dich durch Kunz und Martha benach⸗ richtigen, zu welcher Stunde ich dein hier harre. Du kommſt, und wir ſind raſch in der Camerg und durch den verdeckten Gang in Klopp. Ich hülle dich in einen Mantel und ſetze eine Pickelhaube auf deine Locken, und keine Seele ahnet, wer der ſchmucke Knappe iſt, der mir folgt.“ „Jetzt muß ich fort,“ ſagte ſie,„denn der Geſang der Vesper iſt verſtummt. Droben im Kloſter werden ſie mich vermiſſen.“ Noch einmal wurden Küſſe gewechſelt, dann ſchnell der Krug mit perlendem Waſſer gefüllt, und dahin ſchwebte die ſchöne Geſtalt. Brömſer kehrte ſinnend zu dem Kahne zurück, der unten in den Weiden lag, ſaß da ſtille, bis die tiefere Dunkelheit herabſank, und ließ ſich dann von Weinert leiſe an der Felswand hinauf rudern bis in die Nähe der Druſusbrücke, wo er ausſtieg und ſchnell in den Weinbergen verſchwand, die hier ein Fußpfad durch⸗ ſchnitt, welcher zur Camera führte. Die Reiſige waren luſtig und guter Dinge; denn der Schult⸗ heiß hatte ſie wieder mit Wein verſorgt. Keiner ahnete des Ritters Nähe, der, von Guntram erwartet, ſchnell in dem Seitengebände verſchwand. Guntram zündete, nachdem er den Keller wieder ſorg⸗ fältig verſchloſſen, eine Fackel an, und Beide traten in den verdeckten Gang, der ſorglich gereinigt war, und erreichten ungefährdet den Thurm, in welchem er mündete. In des Ritters Kloſett traten darauf Beide, um bei einem Becher edlen Scharlachbergers das„ Weitere zu beſprechen. „Guntram,“ hob der Ritter an,„dein Mahnwort iſt umſonſt geweſen, ich hole mir das reiche, ſchöne Lombardenkind, ſobald der Mondſchein aufhört.“ „Recht ſo, Herr Ritter,“ rief der Rottmeiſter;„da habt Ihr nicht mehr lange zu warten; denn nur noch drei Tage wird es währen, dann wird das Dunkel vollkommen ſein; aber habt Ihr auch die Reiſige in der Camera bedacht?“ 8 „Sind wir nicht heute unbemerkt heraus und hertingt „Wahr! aber gelingt das immer?“ „Schlimmſten Falls machſt du ſie trunken aus meinem Keller; dann ſpart es der Lombarde, und ſie neigen ſich zu mir.“ „Gut, doch wie ſoll das Alles bewerkſtelligt werden?“ „Du trägſt Kunzen's Pickelhaube und Mantel hinunter und gibſt ſie Weinert, der mit dem Kahne in den Weiden an der Brücke meiner harrt. Du ſchleichſt dich zu den Reiſigen, machſt ſie heimlich und kirre; gibſt ihnen tüchtig zu trinken und ſchleichſt dich dann weg in den Keller, wo du nich erwarteſt. Aber noch Eins; ich bedarf eine Prieſters, der uns ſogleich trauet, du und Kunz mögt Zeugen ſein. Euer Lohn wird reich ſein; denn meine Braut wird mir reichen Mahlſchatz und Morgengabe bringen. Weißt du Rath?“ „Warum nicht, Herr Ritter, wenn Ihr Geld bietet,“ ſagte Guntram.„Da iſt der Pfaff in Kempten, ein armer Frühmeſſer, der nach guten Tagen lechzet, wie der Durſtige nach einer Erquickung. Biet' ich ihm Geld, ſo iſt er zur Stunde hier.“ „Du ſollſt zwanzig Turnofen haben, beſorge mir Alles,“ ſagte Brömſer, und Guntram verſprach's. Brönſer ſah ſein Plänchen herrlich reifen. Nie war er fröh⸗ üicher, nie milder gegen ſeine Mannen. Mit Sehnſucht ſah er dem Verſchwinden des Mondlichts entgegen. Guntram beſorgte ſeine Aufträge pünktlich. Der arme Früh⸗ meſſer von Kempten war augenblicklich bereit, die Trauung zu voll⸗ ziehen. Weinert erhielt Mantel und Pickelhaube, und Kunz trug ſeiner Martha die Kunde, Martha ihrer Herrin nach Ruppertsberg. 3 So ſtand Alles günſtig, wie der Ritter und ſein leichtſinnig Lieb es nur wünſchten. VI. Die Reiſe über die Alpen hatten Antonio Pomaria und ſein treuer Diener Tommaſo nach vielen Mühſeligkeiten glücklich über⸗ 8 ſtanden und zurückgelegt. Ihre Waaren trugen viele Saunroſſe, und auch ſie waren ohne Verluſt bis Conſtanz gebracht worden, w ——— ein Schifflein bereit lag, ſie aufzunehmen und den Rhein herab gen Bingen zu ſchiffen. Tommaſo's verſchloſſenes Weſen, aber auch ſeine Treue und Ergebenheit war ſich gleich geblieben, und Antonio hatte den treuen Jüngling überaus lieb gewonnen, obwohl er ſich mit eigenthümlicher Schüchternheit jeder Annäherung eines freundlichen Verhältniſſes zu ſeinem Herrn entzog, gerne ſich fern hielt, und nur zu Dienſten ſich in ſeiner Nähe befand. Antonio ſah es als eine Eigenthümlichkeit des ſchönen Jüng⸗ lings an, und ließ ihn gewähren. In Conſtanz ruhten ſie aus von den Mühen der Reiſe. Hier aber traf ſie eine beängſtigende Kunde. Man erzählte in der Herberge, wie der Kaiſer Albrecht mit dem Erzbiſchofe Gerhard von Mainz zerfallen und in einen heftigen Kampf gerathen ſei, und wie der Kaiſer ſich nun dem Rheine nahe mit verheerender Kriegsmacht. Man erzählte ferner, wie heftig der Kaiſer den Lombarden zürne, weil dieſe, und beſon⸗ ders die in der Stadt Bingen, ihm abgeneigt, dem Erzbiſchof die Gelder geliehen, um den Krieg mit Nachdruck zu führen. Dieſe Kunde ſetzte den jungen Pomaria in Schrecken. Er ließ ſchnell am andern Morgen das Schifflein laden, und ſchiffte nicht ohne große Beſorgniß der rheiniſchen Heimat zu. Ihm ahnte nicht, daß bereits Albrecht den Rhein hätte. Dies war indeſſen wirklich geſchehen. Der Kaiſer hatte das Erzbisthum erreicht, und wo er hinkam, Spuren ſeines Zorns in gänzlicher Verheerung des Landes hinterlaſſen. Zwiſchen Oppenheim und Mainz befand ſich ſein Lager, und der Gedanke, Mainz zu erobern, ſchien alle ſeine Thatkraft in Anſpruch zu nehmen. Das Lager zog ſich bis nahe an das Ufer des Rheins, und kein Fahr⸗ zeug mochte ſich der Stadt nähern, ohne daß es des Kaiſers „Buben,“ wie man die Söldner damals zu nennen pflegte, erſpäht und mit den Kähnen, die man erbeutet, genommen hätten. So nahte ſich denn das Fahrzeug des jungen Lombarden der Gegend, wo das Lager ſich befand. Schon bei Worms vernahm die nahe Gefahr; aber nicht den Umſtand, daß ſich da erreichten es von hinten und vornen, Lager geſchleppt, die Gefangenen gebunden und unter lautem Jubel ſo nahe am Ufer des Rheines befände. Auch tröſteten ihn die Schiffer mit dem Nebel, der Morgens auf des Rheines Fluthen liege. Ruhig glitt das Schifflein den breiten Strom hinab. Zwar pochte ſein Herz, als er Oppenheim vorüber fuhr; indeſſen verbargen die dichten Weidenbüſche des ufers das kaiſerliche Lager dem Auge. Antonio's. Als ſie ſich der Stelle näherten, wo es ſtand, und kein feind⸗ ſeliges Anzeichen zu erkennen war, fuhren ſie rüſtig zu. Bald aber tauchten am Ufer ſtark bemannte Kähne aus den Weiden auf, die pfeilſchnell das Fahrwaſſer gewannen. Umſonſt ruderten die rüſtigen Schiffer mit aller Kraft. Umſonſt flog das Schifflein über die vewegten Wellen des Stromes dahin. Umſonſt blähte ein friſcher Südweſtwind die Segel und trieb das Fahrzeug mit Blitzesſchnelle abwärts; die Kähne voll wilder Ungarn und deutſcher„Buben“ ſchlugen die Mannſchaft nieder und führten es ans Ufer, wo eine zahlreiche Maſſe Söldner jubelnd den Sieg der Brüder pries. Auch Pomaria hatte einen betäubenden Schlag auf den Kopf bekommen. Nur Tommaſo war unverletzt. Als ſie das Ufer erreichten, wurden die Waaren in das eingebracht. Der Kaiſer ließ die Beute vertheilen, und Ponraria mit ſeinem Diener in einem Zelte bewachen, weil er ihn als Geißel bei Bingen gebrauchen zu können hoffte. Die Lage Antonio Pomaria's war nicht beneidenswerth. Feſt gebunden an Händen und Füßen, lag er auf einem Gebunde Stroh an der Wand des aus Linnen⸗ tuch verfertigten Zeltes. Neben ihm lag Tommaſo, nur an den Händen gefeſſelt. Antonio wehklagte laut über den ungeheuren Verluſt ſeiner Innung, über ſein eigenes Mißgeſchick. Der Diener redete ihm zu, ſich zu tröſten. Seid doch tuhig, Herr,“ ſagte er zuverſichtlich, aber flüſternd it ſeiner melodiſchen Stimme;„die Stunde der Erlöſung i — 61— näher, als Ihr glaubt. Meine Stricke ſind weniger feſt, und wenn ich meine Hand zuſammenziehe, kann ich durchſchlüpfen. Laßt uns nur Geduld haben; wenn dieſe Nacht der Ungar ſchläft, welcher uns bewacht, dann ſchlägt die Stunde der Rettung.“ Antonio ſtaunte über dieſe Rede; allein Tommaſo zog ohne Mühe ſeine Hand aus der Schlinge, und zeigte ſie ihm frei und ohne Schlinge. Jetzt begann er zu hoffen. Ruhiger ſah er der Nacht entgegen. Sie kam endlich und hüllte Alles in ihren Schleier. Ein dichter Nebel zog ſich über die feuchte Ebene hin bis zu den Bergen, wo Reben und Wald abwechſelten. Ein ungariſcher Reiter war als Wache zum Zelte beſtellt. Kaum kam die Nacht, ſo traten Mehrere in daſſelbe. Sie hatten einen Steinkrug voll Wein, der in ſeinem weiten Bauche mehr barg, als nöthig war, die Genoſſen ihrer Sinne zu berauben. Unter wilden Gefängen brachten ſie mehrere Stunden hin. Als der Krug leichter wurde, begannen ihre Augen⸗ lieder ſchwerer zu werden. Allmählich ſiegte die Gewalt des Getränkes über die phyſiſche Kraft der Zecher. Einer nach dem Anderen ſank in das Zelt nieder, zuletzt auch die Wache. Der Gefangenen hatten ſie ohnehin längſt vergeſſen. Als die widrigen Töne anzeigten, daß die Trunkenbolde ² ſchliefen, ſtreifte Tommaſo leicht ſeine Feſſeln ab, und blies die Ampel aus, welche auf einem kleinen Feldtiſche ſtand. Jetzt löſte er mit Hülfe des meſſerartigen Schwerdtes, welches er dem einen der Schläfer abſchnallte, Antonio's enggebundene Feſſeln. Ein zweites Schwerdt bewaffnete dieſen, und leiſe traten ſie aus dem Zelte heraus. Hier und dort im Lager tönte lauter, brüllender Geſang. In den meiſten Zelten war es dunkel und ſtille; nur in der Nähe des Gezeltes, wo der Kaiſer herbergte, war großes Gedränge. Schlau wählte Tommaſo die Richtung nach den Bergen. Er zog ſeinen Herrn nach ſich, denn er vermochte kaum zu gehen, ſo hatten die Bande ſeine Füße verletzt. Nach einer langſamen Wanderung lag endlich das Lager hin ihnen. Jetzt erſt athmete Tommaſo frei auf. „Wenn Ihr nur gehen könnet, daß wir vor Tagesanbruch den Wald erreichen, den ich jene Höhen bedecken ſah, die ſich dort hinziehen müſſen, ſo ſind wir gerettet,“ ſagte er. „Ich will meine ganze Kraft aufbieten, guter Tommaſo,“ ſprach Antoniv.„Biſt du aber auch deiner Richtung gewiß?“— „Seht,“ ſagte der Jüngling,„dort ragen die Thürme von Mainz in die Nacht, und Euer Ohr kann das Rauſchen des Stromes vernehmen.“ Antonio ſah nichts; wohl aber konnte er das Rauſchen der Wellen des Rheines wahrnehmen. Er bewunderte die Schärfe der Sinne ſeines Dieners, und überließ ſich nun zutrauensvoll ſeiner ſichern Leitung. Immer gegen das Gebirge hin richteten ſich ihre Schritte. Die Felder waren leer von Früchten; das erleichterte ihr Vorwärts⸗ ſchreiten. Nach Mitternacht zog ſich, von einem leichten Winde getrieben, der Nebel gegen den Rheinſtrom hin. Aus dem maſſen⸗ haften Gewölke traten einzelne Stellen des Firmaments in ſchwarz⸗ vunkler Bläue hervor, und die Sterne leuchteten in wundervoller Pracht und Klarheit den beiden Wanderern, die unermüdet fortſchritten. Antonio fühlte zu ſeiner großen Freude, daß ſeine Füße nur durch die Hemmung des Blutumlaufs, welche die feſtgezogenen Schlingen verurſacht, anfänglich unbrauchbar ſchienen. Allmähli 3 war das Blut wieder in Umlauf gekommen, und mit jedem Schritte wurde ihm das Gehen leichter, das er ohnehin in den Alpen er Schweiz rüchtig geübt hatte. 4 Es zeigte ſich jetzt in voller Gewißheit, wie richtig Tommaſo's 6 Blick geweſen war. Vor ihnen lag das Gebirge, deſſen Seiten mit 3 Reben bekleidet waren, deſſen Gipfel Hochwald krönte. 7 „Laßt uns jetzt noch in der Ebene bleiben,“ ſagte Tommaſo. „Mainz liegt hinter uns, und die Gefahr iſt ſchon großentheils beſiegt. Kommt der Tag, ſo wird es uns leicht, uns in den Reb⸗ bergen zu verſtecken, wenn es nöthig iſt.“ 4 „Aber woher nehmen wir Speiſe?“ fragte Antoniv.„Die vermaledeiten Ungarn haben uns vor Ueberfluß bewahrt, abe Mangel in Ueberfluß uns leiden laſſen. Meine Kräfte reichen ohne Nahrung nicht mehr weit aus.“ „Es iſt ein Glück für uns, daß ſchon reife Beeren in den Reben zu finden ſind,“ tröſtete der Diener.„Damit müſſen wir uns freilich begnügen.“ Antonio ſah zwar ſauer, aber es half ihn nichts. So wanderten ſie fort, bis der Tag in Oſten heraufſtieg. Jetzt krochen ſie in die dichtbelaubten Weinſtöcke, ſuchten ſich Beeren und ſtillten wenigſtens den brennenden Durſt. Die Nacht war lau geweſen. Der Morgen war kühl, der Thau ſtark. Antonio's feinere Kleidung wurde durchnäßt. Dies hinderte ihn jedoch nicht, bald in einen tiefen Schlaf zu ſinken. Auch Tommaſo gab dem Gebote der Natur nach. Die Sonne ſtand bereits hoch am Himmel, als Beide faſt zu gleicher Zeit erwachten. Tommaſo richtete ſich auf, um zu ſpähen. Man ſah pflügende Bauern hier und dort; aber nach kurzer Berathung zogen Beide es vor, ſich bis zur Dämmerung verborgen zu halten. Der klare Himmel, der ſtarke Thau des Morgens verhießen eine ſternenhelle Nacht. Sie kam ungewöhnlich milde⸗ K⸗ Blitzen am Saume des Horizonts beängſtete Tommaſp. Er fürchtete mit Grund ein Gewitter. Sie waren kaum einige Stunden gewandert, und dem Rheine wieder näher gekommen, als das Gewitter mit allen ſeinen Schrecken losbrach. Es war eine räthſel⸗ hafte Erſcheinung für Antonio, daß Tommaſo, der in ſchwierigen Lagen einen unbeugſamen Muth an den Tag legte, wie ein Kind vor dem Gewitter bangte. 4 Wenn auch am Tage das Gewitter etwas Grauſenhaftes für ſchwache Gemüther hat, ſo iſt ein Nachtgewitter etwas Entſetzen⸗ erregendes für ſie. Die lautloſe Stille läßt den Donner ſchrecklicher erſcheinen; die Blitze verfolgt das Auge unwillkürlich in allen ihren zackigen Windungen. Ihr Strahl iſt greller, ihr Zücken wilder, ihre Bahn länger, ihr Glanz blendender, ihre Gewalt anſchaulicher. Alles das empfand Tommaſo in hohem Grade, ja in noch höherem, als er zu erkennen gab. Der Wind prüllte bald als Orkan daher und drohte die Bäume zu entwurzeln, unter deren dichtbelaubten Aeſten ſie Schutz geſucht. Tommaſo kauerte ſich bebend an den Stamm. Bald ſtürzte der Regen, mit Hagel vermiſcht, in Strömen vom dunkeln Himmel. Nur dürftig ſchützte des Holzapfelbaumes Bewaldung vor ſeiner Gewalt. Beide wurden durchnäßt, Als endlich das Gewitter hinter dem rieſigen Feldberg weg der Wetterau zuzog, ſagte Tommaſo: „Wir müſſen eilen, daß die innere Wärme angeregt wird, ſonſt dürftet ihr erkranken, ſo nahe der ſchirmenden Heimat.“ „An dich denkſt du dabei nicht, guter Junge,“ ſprach, vor Froſt bebend, Antonio,„und doch iſt dein Körper weniger rüſtig, als der meine.“ „Und doch wohl ausdauernder,“ lächelte der Jüngling, und ſchritt muthig auf dem naſſen Boden vorwärts. Er hatte Recht; denn bald nachher ſchüttelte ein Fieberfroſt Antonio's weichlicher gewöhnte Glieder. „Haltet Euch um Gotteswillen auf den Beinen,“ bat Tom⸗ maſo.„Sind wir denn noch weit von Bingen?“ fragte er ängſtlich; denn er ſah ſchon im Geiſte ſchlimme Folgen dieſer Nacht voraus. „Wir müſſen es Morgens erreichen!“ verſicherte der vom Froſte ſchauerlich gerüttelte Antoniv. 6 Mit Aufbieten aller Kräfte wanderte er fürbaß. Als der Tag graute, ſchimmerte von der kahlen Höhe das uralte, kleine Kapellchen 2 des heiligen Rochus wie ein Bote des Friedens den erſchöpften Wanderern entgegen, und unten am Rheine barg ſich im Baum⸗ grün das kleine Kempten, aus welchem Joſt ſtammte, den der Tod in Aſti ereilte. In ſeines Vaters Haufe, als Bote der Trauer zwar eintretend, fand dennoch der leidende junge Lombarde Erquickung; aber er vermochte nichts zu genießen. Nur einen Kahn forderte er, der ihn ſchnell in das Vaterhaus bringen könnte, weil er die zerrüttete Arbeit der Krankheit in ſeinem Innern fühlte. Bald war der Kahn bereit, und unter kräftigem Ruderſchlage ſchoß er vie glatte Bahn dahin, der Vaterſtadt des jungen Leidende zu, den Tommaſo ſorglich gebettet hatte. 6 65— VII. Dieſelbe Nacht, welche Antonio ſo nachtheilig wurde, ſah Brömſer's Entführungsplänchen reifen. Bereits mehrere Tage vorher war Kunz zu ſeinem Liebchen geſchlichen, und hatte ihr die Kunde gebracht, daß der Ritter zur Zeit der Dämmerung am Hildegardenborn des Liebchens harren werde. Zugleich brachte er dem Schiffer Weinert ſeinen Mantel und ſeine Pickelhaube, um das lieblichſte Mädchen in einen Kriegsknecht zu verwandeln. Martha trug Geſchenke zu Marien in das Kloſter, und brachte das lieblichſte Geſchenk, die Hoffnung der Errettung vor der verhaßten Verlobung und der Vereinigung mit dem geliebten Manne. Alles war wohl vorbereitet, das Gelingen konnte nicht fehlen. Der Pfaffe war auf der Burg Klopp, die Kapelle hell erleuchtet. Das Bräutchen wurde ſehnlichſt erwartet. Früh am Nachmittage machte ſich Guntram Geſchäfte in den Kellern der Camera des Erzbiſchofs; jenen aber, wo der heimliche Gang begann, hielt er weislich verſchloſſen. Die Reiſigen witterten die Fäſſer voll Zins⸗ und Zehntwein, „ die ihr Herr dort barg, und über die der Vogt von Klopp die Ober⸗ aufſicht führte. Guntram kannte mehrere, deren verbrannte Leber ihm Hoff⸗ nung gab, ihnen beizukommen. Sie folgten ſeinem Winke. Andere bemerkten das auch, und folgten. Das Verſuchen weckte die Luſt zu trinken.„Holt euch Gefäße,“ ſagte Guntram,„mein Herr iſt die beſte Seele im Lande. Weil er ſelbſt die Qualen des Durſtes haßt, ſo will er ſie auch uns nicht empfinden laſſen!“ Das war 8 ein Wort, das Wunder that. Wie der Blitz waren Krüge da, ſo groß, als ſie nur Giambattiſta Pomaria den Reiſigen gefüllt. Guntram ließ ſie volllaufen und hinauftragen. Als nun die Dämme⸗ rung kam, lag auf Vieler Augen bereits das Dunkel völliger Trun⸗ kenheit, und der Zweck war vollſtändig erreicht. ſeinem Kahn und ſeinen Netzen vom Rheinufer ab. Er ruderte in die Nahemündung hinein, und warf dort, aufwärts fahrend, ſeine Netze bis zur Druſusbrücke, wo er auf dem rechten Ufer landete, gleich als wolle er einen tiefern Schatten abwarten, um das Volk der feuchten Tiefe in ſeine Netze zu locken. Auf dieſer Seite zogen ſich mächtige Weivenbüſche hoch das Ufer hinan. Wo heute blühende Gärten, ſtattliche Gebäude, belebte Geſchäftsſtätten ſind, war damals Dorngebüſch verbreitet, das bis zu dem Korkulmenwall ſich hinzog, der ſchützend die Stadt umgür⸗ tete. Das jähabfallende ufer bedeckten aber wogende Weiden. Unter dieſen Weiden barg Weinert ſeinen Kahn, bis der Ritter nahen würde. Endlich kam die Dämmerung. Die purpurne Gluth des Abendhimmels verglomm eben im Weſten, und gab dem dunkeln Grau Raum, das die leuchtenden Tinten bedeckte und in ſich ſaugte, als langſam daherſchleichend Brömſer der Stelle nahte, dreimal halblaut huſtete, und ſein Zeichen ebenſo erwiedern hörte. Er trat nun raſch zu, und der Kahn ſtieß ſchnell ab. Mit wenigen Ruderſchlägen erreichte er das hohe Ufer jenſeits, in deſſen Schatten er jetzt leiſe hinabglit gebüſch die Hildegardenquelle ſchützend und bergend umgab. Seit Maria Ottini von ihrer treuen Martha die Botſchaft vernommen, beherrſchte ſie eine nie gekannte Unruhe. Hohe Gluth der Wangen wechſelten mit Bläſſe. Oft ſaß ſie im düſteren Nach⸗ denken, und plötzlich brach, wie wohl an trüben Herbſttagen ein grelles Sonnenlicht durch die Wolkenmaſſen, die den Himmel ein⸗ hüllen, hindurchbricht, ein Strahl leuchtender Freude aus ihrem gryßen, brennſchwarzen, italieniſchen Ange. Die Aebtiſſin, die auch nicht ohne die Kämpfe des Herzens durch die Tage der Jugend gegangen war⸗ beſaß Menſchen⸗ und Herzenskunde genug, um etwas Außergewöhnliches zu argwöhnen. Solche Erſcheinungen konnte die nahende Ver ihr, das wußte ſie ſicher von Marien— verhaßten herorbringen. Da mußte eine andere Hoffnung aufgetaucht ſei Weinert ſtieß zeitig mit t, der Stelle zu, wo das Hollunder⸗ lobung mit dem Bräutigam nicht — das war außer Zweifel. Aber welche? das war die Frage. Sie ſann nach. Jener Zuſtand Marien's begann mit Martha's letztem Kommen. Sollte das in ſeinem Weſen ſo entſchiedene, in ſeinen Empfindungen ſo leicht über die beſonnene Grenze hinausſprudelnde, in ſeinen Unternehmungen ſo wenig wähleriſche und die Grenzen weiblicher Sitte nicht immer ſcharf beachtende Mädchen eine Abſicht hegen, die mit denen ihrer Eltern im Widerſpruche ſtand? Sollte fie gar den Plan einer Flucht hegen, die das Kloſter beſchimpfen, das Vertrauen zu ſeinen heiligen Mauern tödten mußte? Die Oberin war eine Frau von gereifter Erfahrung. Sie kannte das weibliche Herz überhaupt, ſie kannte Maria Ottini genau. Von nun an beobachtete ſie ſie mit dem ſcharfſehenden Auge des Argwohns, und je näher der verhängnißvolle Abend kam, deſto mehr reifte ihre Vermuthung der Gewißheit entgegen, daß Maria einen Plan zur Flucht vorbereite. Sie zog eine der älteren Schweſtern in den Kreis ihrer Vermuthungen hinein, und auch ſie befeſtigte ihren Argwohn; denn Schweſter Veronika war gerade an jenem Abend an der Reihe, das Trinkwaſſer an der Hildegarden⸗ quelle zu ſchöpfen. Warum bat Maria ſo dringend, ihr dieſe Dienſt⸗ leiſtung an jenem Abend abzutreten? Warum erglühte ſie ſo bei dieſer Bitte? 5 Als Veronika das der Oberin ſagte, war dieſe völlig überzeugt. Sie gab Maria den Befehl in ihrer Zelle zu beten an dieſem Abend, und ließ die Thüre derſelben verſchließen. So war Alles vorüber. Maria geberdete ſich wie eine Raſende. Hätten nicht Eiſenſtäbe ihr Zellenfenſterlein geſchützt, ſie würde ſich hinab in den Kloſterhof geſtürzt haben— aber hier war kein Ent⸗ kommen, aber auch kein Erbarmen. Während Maria Thränen der wildeſten Verzweiflung vergoß, ſchritt die Schweſter Veronika in ſtillem Sinnen die Felsſtufen hinab zur Hildegardenquelle. Da unfaſſen ſie plötzich zwei kräftige Arme. Glühende Küſſe— erſticen den Angſtruf. Halb ohnmächtig wird ſie in den Kahn gebra cht, dort umhüllt ſie ein Reitermantel, eine Pickelhaube deckt ————————————— —— ihren Kopf, und überwältigt von Angſt und Schrecken, ſank ſie ohnmächtig in die Arme ihres Entführers. Brömſer ſchreibt dieſen Zuſtand der weiblichen Scham zu, und ahnet nichts Schlimmes. Der Kahn landet endlich drüben am Ufer. Brömſer's kräftiger Arm faßt die Ohnmächtige und trägt ſie auf dem wohlbekannten Pfade der Camera zu, wo ihn an der Keller⸗ pforte Guntram erwartet. Ohne ſich aufzuhalten, läßt er die Kellerthüre von innen ſchließen, und eilt, von Guntram mit brennender Fackel begleitet, den verborgenen Gang hinauf. Zwar drückt ihn ſeine Laſt; aber es iſt ja Maria, die liebliche Tochter des reichen Lombarden; das macht Alles leicht.— Nach einem höchſt beſchwerlichen Steigen iſt endlich die Burg erreicht. Der Ritter eilt mit Aufbieten aller Kraft in ſein Kloſett, und legt dort die Ohnmächtige in einen Lehnſtuhl, um ihr die Ver⸗ hüllung des groben Mantels abzunehmen, die ſchönen Locken der Geliebten von der laſtenden Pickelhaube zu befreien. Da ſtößt er plötzlich einen wilden Schrei aus⸗ Guntram eilt mit der Lampe herzu— und— ſteht erſtarrt, denn unter der Pickelhaube erblicken ſie das gelbe, eingefallene, tief⸗ gefurchte Geſicht einer alten Nonne! Erſtaunen, Schrecken und Zorn wechſeln in raſcher Folge. Brömſer's Flüche, die kein Maß kennen, wecken endlich die arme Nonne auf, und ihre Vorwürfe, ihre heftigen Reden, ihr gellendes Schreien miſchen ſich mit den wilden Aeußerungen des Ritters. Guntram hatte nie mehr mit dem Lachreiz zu kämpfen; denn war das nicht eine Faſtnachtspoſſe, ſo komiſch, wie nur eine ſein konnte? Doch wagte er es nicht, bei dem wilden Wetterleuchten des Zornes ſeines Herrn, der Macht dieſes Reizes nachzugeben. Brömſer rannte wie ein Verrückter in ſeinem Kloſett auf und nieder, während die Nonne aufs ſchauerlichſte ſchtie und den Himm um Rache anflehte ob des an ihr, der hochbetagten Himmelsbr begangenen unerhörten Frevels. „ „Herr Ritter,“ hob endlich Guntram an,„Ihr müßt einen Entſchluß faſſen.“ Der Ritter ſtampfte auf den Eſtrich, daß die runden Scheiben an den Fenſtern raſſelten. „Sag' vor Allem dem Pfaffen, er ſolle ſich fortmachen. Laß die Lichter löſchen. Was werden ſie über mich lachen!“ rief er, und ſchlug ſich vor die Stirne. „Wie kommſt du aber auch dazu, an dieſem Abend Waſſer zu ſchöpfen?“ fragte er ingrimmig die troſtloſe Veronika. „Weil es mich die Oberin hieß und die Reihe an mir war,“ ſchluchzte die arme Alte.„Bringt mich in mein Kloſter!“ ſchrie ſie dann wieder. „Still, Nachteule!“ donnerte Brömſer.„Gib ſelbſt Rath, wie ich dich vom Halſe bringe!“ „Führt mich wieder an die Quelle!“ flehte die Alte. „Könnt' ich dich hinüber blaſen!“ höhnte Brömſer,„aber das kann ich nicht, und der Kahn iſt nicht mehr da. Muß mich denn der böſe Feind plagen, daß ich ſie mit Küſſen bedeckte! Pah! Mir graut's!“ Jetzt regte ſich ſelbſt in der Himmelsbraut die weibliche Eitel⸗ keit. Sie ſchoß wüthende Blicke auf ihn und ſagte keifend:„Hab' ich Ench gerufen oder verlockt? War's nicht Euer freier Wille? Wolltet Ihr mich nicht küſſen, ſo hättet Ihr Eure ſündhaften Augen aufthun ſollen! Ihr Ausbund von Höllenbrand!“ „Schweig, Eule!“ donnerte noch einmal der Ritter; aber plötzlich brach er in ein wieherndes Gelächter aus. Die Situation war zu komiſch, als daß ſie ſich nicht hätte geltend machen ſollen. Er wollte ſich ausſchütten vor Lachen. Da trat Guntram ein. Er hatte ſich bereits in konvulſiviſchem Lachen bei dem Frühmeſſer Luft gemacht, als er dieſem die Geſchichte erzählte, und dieſer ſtimmte mit ein, froh, daß er aus der Falle kam, deren Gefahr er erſt während des Alleinfeins und Harrens in der Kapelle bedacht haben mochte. Nach war der Lachreiz nicht g anz überwunden, als er eintrat und ſeinen Herrn ſich wahrhaft närriſch geberden ſah. Unwillkürlich riß ihn deſſen Lachen in denſelben Strom, und Beide konnten kein Ende finden, obwohl verſchiedene Zuſtände des Lachens Grund waren. Nichts glich dem Zorne Vervnika's. Wie eine Furie ſchimpfte und haderte ſie das ganze zahlreiche Regiſter der Schimpfreden durch, an denen die Binger Frauen des niederen Standes zu allen Zeiten nicht arm waren. Dieſer Zorn und dieſe Fluth von Schimpfreden ſteigerte nur noch Brömſer's und Guntram's Lachreiz, bis beider Thränen rannen, und die Muskeln ſchier den Dienſt verſagten. „Nun iſt's genug,“ ſagte endlich Brömſer, und trat vor Vero⸗ nika.„Schöne Jungfrau,“ ſprach er,„da ich an Euren Schimpf⸗ reden aufs Haar erkenne, daß Ihr ein Binger Kind ſeid, ſo ſeid ſo gut und folgt dieſem Guntram hier. Er wird Euch unverſehrt bis an die Druſusbrücke geleiten, und von da mögt Ihr ohne Gefährde den Weg auf den Rupertsberg finden. Grüßt mir die Frau Oberin und ſagt, es ſei ein rechter Faſtnachtsſtreich, den ſie mir geſpielt; aber ich würde ihr in den kommenden Tagen Kapital und Zinſen zurückgeben. Vergebt mir, daß ich irrthümlich Eure ſüßen Lippen geküßt, und betet für meine arme Seele!“ „Zur unterſten Hölle mit ihr!“ ſchrie die Schweſter Veronika, die das Gleichgewicht ihrer Seele gar nicht mehr finden konnte, ſeit ihrer Eitelkeit eine ſo bittere Schmach war angethan worden. Guntram faßte ſie indeſſen kräftig am Arm und zog ſie zum Gemache hinaus, ohne daß er vermocht hätte, den Strom ihrer ſprudelnden Schimpfluſt zu dämmen.— 6 Guntram geleitete ſie bei mattem Sternenlichte, das eingetreten war, durch die Weinberge am Scharlachberge hin, und brachte ſie, unterhalten von ihrem endloſen Keifen, zur Brücke. Ihr Zorn hatte 1 unterdeſſen eine andere Richtung genommen, ſeit ſie den unmittel⸗ baren Verurſacher ihrer ſchmählichſten Kataſtrophe nicht mehr vor ſich ſah. Er ergoß ſich ungehemmt über Maria Ottini, das ver⸗ ruchte Welt⸗ und Höllenkind, deſſen Schönheit der Köter d — Teufels geworden. Sie ſtieß Drohungen aus, vor denen Guntram's Seele ſchauderte. Er ſchwieg, um ſie nicht noch mehr zu reizen; aber gerade dies Schweigen, der Mangel gänzlichen Widerſtandes, machte ſie am Ende nur noch raſender. Sie begann auch ihn nun in den Kreis ihres Zornes zu ziehen. Zum Glück war die Brücke erreicht.„Höre, Alte,“ ſagte er, „hätte ich Zeit, ich möchte dich wohl etwas in die Nahe tunken, um deinen Zorn abzukühlen; aber jetzt ſag' deiner Schutzheiligen Dank, daß es mir an Zeit gebricht. Geh'!“ Ohne ſich weiter um ſie zu kümmern, trat er ſeinen Rückweg an. In den Weinbergen aber blieb er ſtehen, um zu erfahren, was ſie begönne. Bald hörte er jenſeit der Brücke ihre gellende Stimme einen lateiniſchen Geſang anſtimmen, der ſich bald mehr und mehr entfernte; ſie ſang ihre Furcht weg. Froh, daß ihr Zorn ſich ſo ſchnell gewendet, und daß ſie den rechten Weg gefunden, kehrte er zum Schloſſe zurück, wo er ſeinen Herrn in der roſigſten Laune hinter dem bauchigen Steinkruge voll Scharlachberger fand, und nun mit ihm die fatale Geſchichte noch⸗ mals abhandelte. Im Kloſter auf dem Rupertsberge aber war ein völliger Auf⸗ ſtand. Als Veronika mit dem Tiſchtrunke von der heiligen Quelle ausblieb, und die nach ihr ausgeſendeten Schweſtern am Börnlein nichts von ihr fanden, als ihren Roſenkranz, den ſie verloren, und den Waſſerkrug, da ging erſt recht der Aebtiſſin ein Licht auf. Ihr inſtinctartiges Vermuthen brachte ſie der Wahrheit ziemlich nahe. Sie betrat, begleitet von dem ganzen Schweſterkonvente, die Zelle der troſtloſen Marie. Des Mädchens Jammer hatte ſich gelegt, ihre Verzweiflung hatte Thränen Raum gegeben, wie es überhaupt bei leidenſchaft⸗ lichen Naturen zu geſchehen pflegt Obwohl im höchſten Zorn, als ſie eintrat, beſänftigten doch hieſe Thränen die Aebtiſſin, und machten ſie um Vieles milder. ßie nahm ſie für Thränen der Reue, während ſie doch nur Thränet „ — des Schmerzes waren, daß ihr Plan mißlungen, und nun keine Hoffnung mehr war, dem Elende zu entgehen, wozu ſie ihre Eltern verdammt hatten. Der ſalbungsvollen Strafrede folgte Maria's Geſtändniß, und nun erſt ſtand es feſt, daß Veronika an ihrer Statt von Ritter Brömſer entführt worden war. Wer wollte es den Nonnen verargen, daß auch auf ſie das Komiſche des Ereigniſſes mit urkräftiger Gewalt einſtürmte, daß ſelbſt um die ernſten Lippen der Oberin einige Muskeln ſich in 3 einer Weiſe verzogen, die nichts mit dem heiligen Ernſt ihrer Amtsmiene gemein hatte? Sie fand es daher rathſam, ſchnell die Reuige zu verlaſſen, die Thür ihrer Zelle zur Buße wieder zu verſchließen und die Nonnen in ihre Zellen zu entlaſſen, wo jede ſich zwanglos der eingeſchlagenen Richtung überlaſſen konnte, die wahrſcheinlich noch lange hin herrſchend blieb und durch Veronika's Erzählung am andern Tage neue Nahrung gewann. vMI. ₰ In dem Hauſe des alten Pomaria war ſeit kurzem der Himmel aller jener Heiterkeit baar, in welcher er ſonſt glänzte⸗ Der Bürgeraufſtand hatte dem Greiſe, der mit ſchlauer Kunſt lange die Gemüther beherrſcht hatte, den Beweis geliefert, daß der Haß in Banden legen konnte, der tief im Innern ſeine Wurzeln ſchlägt. Der Glaube an die große Geltung, welche die Lombarden⸗ Innung bei dem Volke habe, war in ſeinen Grundtiefen bei ihm zerrüttet. Er ſah klar, daß weder er noch ſein Sohn und Amts⸗ nachfolger von dem Volke geliebt waren. Was daraus werden konnte in einer Zeit, wie ſie bevorſtand, wo ein grimmiger Feind vor den Thoren erſchien, blieb ihm nicht lange im Zweifel. Es war ihm zur Kunde gekommen, wie Albrecht von Oe reich erfahren, daß eben dieſe Innung dem Erzbiſchofe bedeute Glanz des Reichthums weder die Liebe an ſich feſſeln, noch den — Summen geliehen, und wie er darob einen glühenden Haß auf ſie geworfen. Es war ihm kein Zweifel, wie ſchlimm es um die Summe ſtand, für die Erzbiſchof Gerhard den Zoll in Ehrenfels und den Judenzoll in Fautsberg verpfändet, wenn Albrecht dieſe Zölle brach, was ſeine Abſicht war, und das beſte Land des Erz⸗ bisthums, die edelſte Perle des Churhutes, den Rheingau unheilvoll verwüſtete, wie er es weiter im Reiche mit dem Mainzer Gebiete gethan.— Zu dieſem Kummer geſellte ſich der Umſtand noch, daß dieſer Brömſer, der alten Haß nährte, Vogt auf Klopp war, und im Belagerungsſtande der Stadt unumſchränkter Gebieter an des Erzbiſchofs Statt wurde. Daß von dieſer Seite nur Unheil und Verderben kommen konnte, ſah der klare Blick des Alten unverhüllt. Und nun endlich ſah er Giambattiſta's heimlichen Kummer, und kannte den Grund, der nirgends anders zu ſuchen war, als in der erzwungenen Verbindung mit Maria Ottini. Um aber das Maaß ſeiner Sorge voll zu machen, nahte Albrecht's Heereszug, und ſein Sohn Antonio mußte bald kommen mit der reichſten Waarenladung, welche die Innung ſeit langer Zeit aus Ztalien ewartete. Kam er nicht vor dem Kaiſer in Bingen an, ſo konnte eicht das Unglück die Innung treffen, daß Albrecht die Waaren w.eg, den Jüngling gefangen nahm. Das Alles folterte den alten Schultheißen aufs heftigſte. Seine Nächte waren ſchlaflos, ſeine Tage ſorgenſchwer. So ſaß er am Frühmorgen jenes Tages in ſeinem Lehnſtuhl an dem der Kahn mit dem kranken Sohne im Hafen landete, und ſtützte das ſorgenmüde Haupt in die zitternde Hand. Plötzlich ſtürzte Giambattiſta in das Gemach und rief: „Vater, Antonio iſt da, aber auf den Tod krank!“ Der Greis ſank bleich in den Seſſel zurück richtete den Blick nach oben, faltete ſeine Hänt ſeufzte unter hervorbrechend Thränen:„Herr, du ſucheſt wer heim!“ war wieder hinn chon, rachten vier Männer de — Wehklagen fiel er über den ſehr matten Bruder her und bedeckte ihn mit ſeinen Küſſen, die jener nur ſchwach, aber mit dem weh⸗ müthigen Lächeln der Liebe erwiederte. Aller Augen wurden feucht. Niemand aber bemerkte, wie bei Giambattiſtas Anblick Tommaſo erbleichte, wie er beide Hände krampfhaft gegen die Bruſt preßte, als wolle er ein im Innern tobendes Gefühl zurückpreſſen; wie er nach Athem rang und an allen Gliedern heftig zitterte.— Der Kranke wurde ſchnell in das Vaterhaus gebracht, wo er der pflegenden Hand einer Matrone übergeben wurde, die ſeit Pomaria's Wittwerſtande dem Hausweſen ordnende Pflegerin war. Unter den Beweiſen der zärtlichſten Vater⸗ und Bruderliebe ſchien der Kranke neu aufzuleben; aber am Abend ſtellte ſich das hitzige Fieber wieder ſtärker ein. Tommaſo ließ es ſich nicht nehmen, bei ihm zu wachen; vorher aber genoß er eines ſtärkenden Schlafes, wenigſtens ſagte er ſo.— Während der Stunden des Tages berichtete Antonio dem Vater und Bruder ſeine Geſchicke. So herbe auch Beide der bedeutende Verluſt ſchmerzte, der Gedanke, aus welcher Gefahr Antonio errettet worden, der Gedanke, daß ſie ihn wieder hatten, den ſie ſo innig liebten, ließ jenn Schmerz nicht überhand in ihrem Herzen nehmen. Als Giambattiſta nach dem treuen Joſt fragte, den er nicht geſehen, erzählte Antonio auch ſein tragiſches Ende, und wie er zu einem ebenſo treuen Diener gekommen ſei. Hieran knüpfte er die Erzählung ſeiner Rettung durch Tommaſo, und empfahl dieſe treue Seele ihrer Liebe und Sorgfalt. Beide wichen nicht von ſeinem Bette, bis der Arzt, ein alter Laborant, der eine Badſtube am Mainzer Thore hielt, gekommen, einen kühlenden Trank bereitet, und verſichert hatte, daß Ruhe, Behandlung, beſonders ein gcrickender S im Zuſtande des Kranken beſſern wärde Beide gehorchten und gingen hinweg. Als aber Giambattiſta in ſein Gemach gehen wollte, trat ihm Tommaſo entgegen. Der Lombarde warf einen Blick auf das bleiche Geſicht, und— ihn ſchwindelte, daß er ſich an der Wand halten mußte. Tommaſo ſtand wie erſtarrt vor ihm, und ſchlug das große, ſchöne Auge nieder. Der Diener Antonio Pomaria's ſammelte ſich zuerſt wieder, und wollte an dem jungen Lombarden vorüberſchleichen, aber dieſer faßte ihn krampfhaft am Arme und rief bebend aus: „Wer biſt du, Knabe?“ „Herr, warum erſchreckt Ihr mich ſo?“ ſprach Tommaſo mit einer ſchwer errungenen Ruhe, und gewaltſam das Zittern der Stimme unterdrückenden Feſtigkeit;„ich bin ja Eures Bruders Knecht.“ „Ich weiß es, ich weiß es!“ rief Pomaria;„aber deine Züge, o mein Gott, an wen erinnern ſie mich!“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte Tommaſo, der allmählig ſich ſammelte. „Wie heißeſt du, mein Sohn?“ fragte heftig Giambattiſta. „Tommaſo Albertini!“ war die kalte Antwort. „Biſt du aus Aſti?“ „Nein, aus einem Dorfe bei der Stadt.“ „Warſt du dort? Haſt du Verwandte dort?“ „Nein,“ ſagte ebenſo feſt als kalt Tommaſo.„Sie ſind todt!“ „Kennſt du Leute dort?“ „O ja!“ „Kennſt du eine Familie Ghisberti?“ „Die Wittwe des Schneiders Ghisberti, Eurem Oheim gegenüber?“ „Ja, ſie! Was weißt du von ihr?“ „Daß meine Baſe todt iſt.“ „Und Annunciata?“ fragte mit einer Angſt, die kalten S weiß auf ſeine Stirne trieb, und alles Blut nach dem Herzen deh ſder junge Mann. * innig. O meine Liebe wird nur mit meinem Leben enden. Meit „Sie ſtarb auch, ehe wir Aſti verließen. Ich war bei ihr bis zu ihrem Ende.“ Dies Wort wirkte ſo erſchütternd auf Pomaria, daß er ſchier umſank. Ein Strom von Thränen rollte über ſeine Wangen. Er hatte ſeine Hände gefaltet, und der Kopf ſank auf ſeine Bruſt. „Ach,“ ſagte er nach einer Pauſe,„komm' mit mir herein, ich habe viel zu fragen!“ Tommaſo ſtand wie feſt gebannt vor ihm, und folgte willenlos. Aber auch in ſeinen Zügen malte ſich eine Regung ſeines Innern, die jedes Auge entdeckt haben würde, nur das Pomaria's nicht, das durch Thränen umflort war und für die Außenwelt keine Schkraft zu haben ſchien. Er ſank auf einen Stuhl nieder und verhüllte ſein Antlitz mit beiden Händen, ſich dem tieſſten Schmerze hingebend. Tommaſo's Thränen rannen mit den ſeinigen; ſeine Bruſt hob ſich in wilder Bewegung. Umſonſt ſchien er nach Ruhe zu ringen. Und nur dadurch, daß Pomaria ſelbſt rang, gelang es ihm endlich, ſich einigermaßen zu ſammeln. „Du warſt bei ihr in den letzten Stunden,“ hob Pomaria endlich an;„ſag', woran der Engel litt!“ „Ich glaube, das Herz war gebrochen durch eine herbe Nachricht,“ antwortete Tommaſo. „Durch welche, Kind?“ fragte aufſpringend Pomaria. „Meines Herrn Knecht, Joſto, erzählte, daß ein junger Mann Eurer Familie, der ungefähr vor einem Jahre in Aſti war, gehei⸗ rathet habe. Sie muß ihn heiß geliebt haben— und er damals auch ſie.“— 6 „O all ihr Heiligen!“ rief Giambattiſta, und rang verzweifelnd ſeine Hände.„Ich habe ſie gemordet!“ „Ihr?“ fragte kalt wie der Tod Tommaſv. 3 „Ja, ich, ich!“ rief Giambattiſta.„Sie liebte mich mehr als ihr Leben. Sie mußte mich für untreu halten, weil Ihſt ihr Und er log, er log ſchrecklich! Ich liebte ſie he um Vater wollte mich zwingen, Maria Ottini zu heirathen— und doch iſt ſie weder mein Weib, noch meine Braut. O meine Annunciata, hör' es droben im Reiche der Seligen, daß ich nur dich liebte, nur dich liebe, nur dich lieben kann!“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre aufgeriſſen, und ein Diener rief:„Herr Schultheiß, Euer Vater will Euch den Augen⸗ blick ſehen. Eilt, eilt!“ Heftig erſchreckend, vernahm Giambattiſta dieſe Kunde. Er wiſchte ſchnell ſeine Thränen ab, und ohne auf Tommaſo zu blicken, flog er hinweg, gewöhnt an einen blinden Gehorſam gegen den eiſernen Willen des Greiſes. Bei den letzten Ergießungen ſeines tiefen Schmerzes war Tommaſo immer bleicher geworden, aber ſein großes, funkelndes Auge ſprach eine Liebe aus, ein Entzücken, das unbegreiflich bei dem Knaben war. Er hielt ſich an einer Stuhllehne, um dem Eindrucke nicht zu erliegen; als aber Pomaria hinweggeeilt war, ſank er in den Stuhl nieder. Lange ſaß er ſo in einem dumpfen Hinbrüten, bis die wiederkehrende Beſinnung ihn wie aus einem Traum weckte. Er ſah ſich erſtaunt um, als müſſe er ſich alles Geſchehene erſt ins Andenken rufen. Dann aber ſank er auf ſeine Knie nieder und betete mit heißer Inbrunſt, und über ſeine Züge ergoß ſich der Ausdruck eines himmliſchen Friedens, einer Seligkeit, die das ganze Weſen durchdringen und erfüllen mußte. Darauf verließ er ſchnell das Gemach und begab ſich an das Krankenbett ſeines Herrn, der jedoch ſchwerer erkrankt war, als es der Arzt erwartete. Er lag in wilden Fieberträumen, und ſeinen wirren Geiſt beſchäftigen jene Scenen, die er bei der Gefangennehmung und im Lager des Kaiſers erlebt hatte.— Noch in der Nacht, nachdem Veronika in das Kloſter zurück⸗ gekehrt war, und in der an Raſerei grenzenden Aufregung die Vorgänge am Hildegardenbrünnlein und auf Klopp berichtet hatte, ſandt die Aebtiſſin, die nun die Perſon mit Gewißheit welche den Frevel verübt, einen Boten an Ottini, welch lange auf ſich warten ließ, und bei der Oberin erſchien. — 78— Heftig erſchrak der reiche Handelsherr, als er das Alles erfuhr, und aus der kecken Wagniß die Größe der Leidenſchaft ſeines verzogenen Kindes, die Rückſichtsloſigkeit Brömſer's erkannte. Gewohnt, alle Umſtände zu berechnen, gab er ſich auch hier ſeiner Berechnung hin. Wird es offenkundig, dachte er, was Maria wollte, ſo könnte leicht aus der Vermählung mit Pomaria nichts werden. Schnell zu handeln, gebot die Klugheit. Er unterdrückte deswegen ſeinen Zorn gegen Maria, wollte ſie ſelbſt nicht ſehen, und kehrte nach der Stadt zurück, um frühe am andern Morgen zu Pomaria zu gehen, und ihm, dem bewährten Handelsfreunde, Alles klar und vollſtändig mitzutheilen. Er that das. Pomaria entſetzte ſich ſehr über das Unangenehme, was ihm Ottini mittheilte. So keck hatte er Brömſer'n nicht geglaubt, ſo heftig und hartnäckig nicht Maria. Die beiden Väter beriethen ſich lange und ſorglich, und 8 einigten ſich alsdann dahin, daß die Vermählung heute noch ſtatt haben müſſe, und zwar, wenn der Abend würde gekommen ſein. LOttini ging, um Alles vorzubereiten. Er ließ Maria aus dem Kloſter in ſeine Wohnung bringen; aber ſtatt den Weg ſanfter Ueberredung, weiſer Hindeutung auf ihre verletzte Ehre und deren nothwendige Wiederherſtellung einzuſchlagen, wurde das ſtörrige Müdchen, das ohnehin auf das Aeußerſte gebracht war, mit den bitterſten Vorwürfen überhäuft, Brömſer mit Namen belegt, die ihr ins innerſte Herz verwundend drangen. Das brachte ſie in die heftigſte Aufregung, und gab ihrem Gemüthe eine noch größere Bitterkeit. Auch die äußerſte Verzweiflung gibt eine Ruhe der Seele, aber es iſt die Ruhe des Todes, es iſt eine Erſtarrung der Seele, die gegen Alles unempfindlich macht, was äußerlich auf ſie eindringt.„ In dieſem Seelenzuſtande war Maria Ottini. Sie ließ ſich ſchmücken als Braut. Sie betrachtete ſich als ein Opfer, das zur Schlachtbank geführt wird. Sie ſah ihren Ruf zerrüttet, und Entſchluß gewann in ihr die Oberhand, der ihr wahre Luſt 3 — 59 ₰ gewährte und ſie äußerlich ſelbſt heiter erſcheinen ließ, ein Entſchluß, vor dem die Seele bebt, der Glaube erzittert, und über den er ein dreifaches Wehe ruft. So nahte äußerlich friedlich der Abend, der an ſchrecklichen Folgen ſo reich, ſo unheilbringend werden ſollte. Als Giambattiſta in des Vaters Gemach ſtürzte, fand er den Alten ruhig und ſinnend in ſeinem Lehnſtuhle ſitzen. „Du haſt geweint?“ fragte überraſcht der Greis ſeinen Sohn, deſſen Antlitz die deutlichen Spuren eines lebhaft empfundenen Schmerzes nachwies. „Der Schmerz um Antonio—“ ſtotterte Giambattiſta in ſeiner Verlegenheit. „Glaubſt du denn, daß ſein Zuſtand ſo gefährlich ſei?“ fragte mit Angſt der alte Vater. „Ich weiß das nicht,“ ſprach, noch mehr in Verwirrung gerathend, der Sohn;„aber— ſein Leiden hat mich tief ergriffen — und mit Angſt erfüllt.“ „Nun, beruhige dich, wenn es weiter nichts iſt,“ ſagte der alte Pomaria.„Ich hoffe, daß ſeine Jugend die Macht der Krank⸗ heit bricht. Ich habe Anderes mit dir zu reden.“ „Du kennſt meinen Wunſch, daß Maria Ottini dein Weib werde. Sie hat eingewilligt; auch du haſt der Stimme der Vernunft und Weisheit Gehör gegeben. Es ſind Umſtände eingetreten, die es dem Vater wünſchenswerth machen, ſein Kind unter den Schutz eines Gatten zu ſtellen, und der nahende Krieg, der uns plötzlich erreichen wird, hat nicht wenig Antheil daran. In wenigen Stunden wird, die Trauung ſein, ſobald die Dämmerung eingetreten iſt. Richte dich darauf und kleide dich an; ich erwarte dich.“ Giambattiſta's Herz wollte zerſpringen. Kaum hatte er die Nachticht von dem Tode Annunciata's empfangen, und nun ſollte zer ſchon den Ehebund ſchließen mit dem Mädchen, das er verahheute. „Ach, warum gerade heute ſchon?“ fragte er endlich mit zittgnder Stimme. 4 80— „Der väterliche Wille iſt dein Geſetz,“ ſprach zornig der Vater,„nun gehe!“ Giambattiſta ging; aber in ſeinem Innern lag der Schmerz des Todes. In ſeinem Kloſette fiel er in den Seſſel nieder und gab ſich dem ganzen Schmerz ſeiner Seele hin. So fand ihn Tommaſo, der ihn zu dem kranken Bruder rufen ſollte. Er folgte. Antonio hatte ſo eben einen Moment des Bewußtſeins. Weinend warf ſich Giambattiſta über ihn.„Weine nicht,“ ſagte weich Antonio.„Noch lebe ich ja.“ „O du wirſt nicht ſterben,“ ſprach Giambattiſta.„Ich bedarf ja deiner zu meinem Troſte!“ „Was iſt dir denn?“ fragte der Kranke. „Ach, du weißt,“ nahm Giambattiſta das Wort,„daß mich der Vater zwingen will, Maria Ottini zu ehelichen. Mein Herz widerſtrebte, weil ich— eine Andere liebte; weil ich Marien verabſcheue, die du ja auch kenneſt. Heute wird mir nun des Vaters Befehl, daß ich dieſen Abend noch mich mit Maria muß trauen laſſen, und heute wird mir die herzzerreißende Kunde, daß Annunciata in Aſti ſtarb, weil unſer Knecht Joſt ihr ſagte, ich habe Maria Ottini zum Weibe genommen.“ „Das iſt ſchrecklich!“ ſprach Antonio;„aber faſſe dich und ſei Mann. Es iſt des Vaters Wunſch, erfülle ihn. Jenes Band iſt gelöſt. Ergib dich, Bruder, und mache dem Vater dieſe Freude — ich werde ihn bald betrüben müſſen, denn meine Stuuden ſind gezählt, bald muß ich ſcheiden.“ „O zerfleiſche mein Herz nicht noch mehr!“ flehte C battiſta.„Du ſtirbſt nicht! Gott wird dich mir erhalten!“ „Wann ſoll die Trauung ſein?“ fragte Antoniv. „Dieſen Abend in der Dimmerung,“ felnd aus. „Geh', mein Bruder, geh',“ bat Antonio mit ſchwacher S —— doch zu Grabe gegangen, und mit ihr deine Hoffnung. Geh', ich bete für dich!“ Er drückte ihn fanft von ſich, weil er fühlte, wie ihn die Unterredung angriff. Giambattiſta küßte ihn noch einmal und ſtürzte zum Gemache hinaus. Tommaſo war Zeuge dieſer Unterredung geweſen; aber ſie mußte tauſend Dolche in ſeine Bruſt geſtoßen haben. Mehrmals ſprang er auf, und wollte zu dem Bette eilen, wo die Brüder ſich befanden; aber eine unſichtbare Hand ſchien ihn zurückzuhalten. Krampfhaft waren ſeine Hände gefaltet. Starr, wie eine Leiche, ſtand er da, und ſah hinaus auf die Straßen der Stadt. Er nahm nicht wahr, daß die Sonne hinabſank und die Dämmerung kam. Da erſchallte plötzlich das volle melancholiſche Geläute vom Thurme der Pfarrkirche, und wiegte ſeine ergreifenden Töne in der lauen Abendluft. Jetzt durchbebte ein furchtbarer Gedanke ſeine Seele. Ein gewaltiger Schmerz durchzuckte ihn— das war die Stunde, wo er getraut wurde. Er fuhr mit der Hand unter das Wamms, wo der Dolch verborgen war— aber die Hand erlahmte, ehe ſie ihn ergriff. Ein herzzerreißender Schrei durchzitterte das Gemach— und Tommaſo lag leblos am Boden. Der Kranke fuhr voll Entſetzen auf, ſank aber ſchnell wieder zurück, denn ein Blutſtrom entquoll ſeinem Munde, und mit ihm floß das Leben dahin, das die Lugend nicht zurückzuhalten vermochte. Langſam bewegte ſich vom Hauſe Ottini's ein Zug gegen das ufer der Nahe, welche hoch angeſchwollen war. Am Ufer des Fluſſes aber ließt die Pfarrkirche. s waren ernſte Männergeſtalten und eine betagte Frau, 8 Mutter. Sie ging zwiſchen den Vätern. Die Glieder nung folgten, alle unter einander durch vielfache Familien⸗ ungen verzweigt. Voran ging das Brautpaar; Maria, ſtolz, — feſt, trotzig; Giambattiſta, mit geſenktem Haupte, traurig, Todes⸗ ſchmerz im Herzen. Jetzt hatten ſie die Pfarrkirche erreicht. Lichtglanz quoll blen⸗ dend aus dem geöffneten Portale hervor. Das Geläute verſtummte in dieſem Augenblicke. „Das hat mir zu Grabe geläutet!“ rief plötzlich Maria; und, flüchtig, wie das geſcheuchte Wild, flog ſie dem Fluſſe zu, ſprang, ehe irgend Jemand ſich aus der Betäubung erholte, auf die Brü⸗ ſtung des Ufers und mit einer mächtigen Wucht in die gelben Wellen, die ſich ſchäumend über ihr ſchloſſen. Ein Schrei des Schreckens entfuhr Allen zugleich. Alle ſtürzten dem Ufer zu. Umſonſt aber ſtießen raſch zwei Schiffer mit Giam⸗ battiſta vom Ufer; das Schreckliche war geſchehen, die Fluth gab ihre Beute nicht mehr zurück. Schmerzgebeugt kehrten die armen Eltern, die ſich den Vorwurf machen mußten, ihr eigenes Kind hingeopfert zu haben, ſpät am Abende zurück, nachdem alle Verſuche gemacht worden waren, den Leichnam zu finden. Erſt am andern Morgen fand man die Unglück⸗ liche, und trug ſie in das verödete Vaterhaus. Das Ereigniß hatte auch den alten Pomaria ſchwer getroffen. Die ihm ſchreckliche Wahrheit, daß nicht die Habe das Lebensglück baue, drängte ſich ſeinem erſchütterten Herzen auf, und mit einem Blicke nach oben legte er ſtille das Gelübde ab, nie wieder den Verſuch zu machen, ein Eheband ſeiner Kinder ohne die Zuſtimmung des Herzens zu ſchließen. Als er und ſein Sohn ſich von den slüchichen trennten, die nun verlaſſen da ſtanden mit der Füek ihres Reichthums und elend im Ueberfluſſe, da ahnete Pomaria nicht, was ihn erwartete. Aber ſein Schritt war nicht mehr ſo feſt, als auf de wege zur Kirche. Der Kopf war nicht mehr ſo ſtolz erhobs Ereigniß hatte ihn gleich einem Blitzſtrahle getroffen, die dendes Licht die Verhältniſſe grell und eigenthümlich belſs An der Thüre ſeines Hauſes empfing ihn weinend diint — „Habt Ihr auch ſchon das Leid gehört, das uns betroffen?“ fragte er ſie. „Ach, was iſt Euch denn noch Schlimmes begegnet?“ „Marie Ottini, meines Sohnes Braut, hat ſich in der Nahe erſäuft, vor der Thüre der Kirche,“ fagte dumpf der Alte. „So erbarme ſich Gott Eurer doppelt!“ „Wie ſo, Weib, was redet Ihr?“ „Antonio iſt unter dem Geläute der Glocken entſchlafen!“ „Todt?“ riefen Vater und Bruder zugleich, und das bejahende Wort der Matrone bekräftigte das niederſchmetternde Ereigniß. Und das Grab nahm einen Tag ſpäter die Leichname derer auf, welche ſo namenloſen Jammer über zwei verwandte Familien brachten. IX. Auch auf der Burg Klopp war das Lachen verſtummt, als die Kunde von Maria's tragiſchem Ende den Ritter Brömſer erreichte. Wenn auch der Ritter nicht der Mann war, den Ereigniſſe tief zu ergreifen vermochten, ſo war doch Maria ihm theuer geweſen, und das Mißglücken eines Planes, wie dieſer, lag ihm doch ſchwer auf dem Herzen. Er widmete dem Mädchen ein trauerndes Andenken; aber das Rachegefühl ſeiner Seele gegen die Lombarden trat ſogleich in den Vordergrund, und um ſo ſtärker, als ſie die Urheber von Marien's Tod und ſeinem Mißgeſchicke waren. Haſt du die Geſchichte gehört, Guntram?“ ſprach er zu ſeinem getreuen Rottmeiſter, der eben eintrat. „Wohl,“ entgegnete dieſer.„Schlagt Euch die Dirne aus dem Sinn. Iſt doch der verdammte Lombarde ſo gut geprellt, als Ihr, und er noch ſo viel mehr, als Albrecht von OHeſtetkeich ſeinem nun auch verſtorbenen Bruder alle die koſtbaren Paramente und Waaren bei Mainz abnahm, die er aus Htalien brachte. Die — Strafgerichte beginnen, Herr und ich denke, der Bote, welchen der — 64— Alte von Mainz ſo eben ſandte, gibt ihnen durch Eure Hand neue Erweiterung.“ „Wie ſo?“ fragte Brömſer. „Leſt dieſen Brief, den der Kanzler des Erzbiſchofs ſendet,“ ſagte Guntram und reichte dem Ritter ein Schreiben, welches er kurz vorher, ehe er in das Kloſett des Ritters getreten, von einem Eilboten empfangen, der alsbald wieder gen Mainz aufbrach. Brömſer eine der ſeltenen Ausnahmen ſeines Standes in ſeiner Zeit, da er in der Schuljunkerſchaft in Lorch ſeine Erziehung und Bildung gewonnen, war des Leſens und der lateiniſchen Sprache kundig. Er machte das ſchließende Band los, nachdem er das Wachsſiegel entfernt, und las die Botſchaft. Der Kanzler ſchrieb, daß er auf Brömſer's Anträge, Gelder zur Zahlung der Reiſigen und Söldner zu ſenden, um ſo weniger eingehen könne, als der Kurfürſt ſeiner Mittel alle bedürfe, um Diejenigen treu zu erhalten, die er zur Vertheidigung der Stadt nöthig habe. Der Vogt möge nur getroſt bei den reichen Lom⸗ barden ſich das Nöthige holen, deren Säcke jederzeit hinlänglich mit dem verſehen wären, weſſen er benöthigt ſei, zumal 3 Feind eheſtens nahen würde. „Das iſt ja herrlich!“ rief Guntram, als er den Inhalt ves Schreibens durch Brömſer's etwas holperige Ueberſetzung ſich klar gemacht hatte.„Da habt Ihr ja alle Vollmacht, die Euch noth⸗ wendig iſt, das Krämervolk in aller Weiſe zu zwicken.“ „Wären nur die Reiſigen in der Camera mir zugethan!“ ſprach Brömſer. „Dafür laßt mich ſorgen,“ entgegnete der ſchlithrige Gun⸗ tram.„Während die Trauer das Haus erfüllt, denkt der jung Schultheiß nicht dran, ſich dieſe getreu zu erhalten. Ich will ſie ſchon herumbringen, und ihnen ſagen, der Erzbiſchof habe mit Unwillen gehört, daß ſie ſich auf des Krämers Seite neigten. DOhnehin,“ fuhr er fort,„wäre mein Rath, Ihr dächtet nu eernſtlich daran, die Stadt zu beſetzen, die Thore zu verramm die Kähne aus dem Hafen bringen zu laſſen. Auch laſſet — 85— Vicedom wiſſen, daß er jenſeits das Seinige thue; mir ſchwanet's der Oeſterveicher iſt uns bald im Geſichte. Brömſer fand den Rath ebenſo zweckmäßig, als geeignet, den ihn verfolgenden Gedanken an Maria's Tod zu entfernen, weil er ihm einen weitern Kreis der Thätigkeit eröffnete. Schon am andern Morgen, ehe noch die beiden Leichname ihre Ruheſtätte gefunden, rückten Reiſige vom Schloſſe herab und beſetzten die Mauern und die Thore der Stadt unter Guntram's Führung. Brömſer erſchien auf dem Rathhauſe, wohin er den Rath verſammelt hatte, und ſtellte ihm die Nothwendigkeit der größten Vorſicht vor. Darauf ritt er hinüber in das Kloſter auf dem Rupertsberge, um der Oberin anzukündigen, daß eine Schaar Rheingauer, die er vom Vicedom des Rheingaus verlangt hatte, ſofort das Kloſter beſetzen würden, deſſen Lage viel zu wichtig ſei um ſie bei Vertheidigung der Stadt zu überſehen. Brömſer hatte alleidings einen triftigen Grund zu dieſem Verfahren; aber die Botſchaft, welche er der Aebtiſſin durch die ihm höchſt unſelig gewordene Schweſter Veronika ſandte, lag aller⸗ dings mit dabei zu Grunde. Vergebens proteſtirte die Aebtiſſin gegen jede Gewaltmaßregel. Brömſer blieb einfach bei ſeinem ausgeſprochenen Worte. Endlich ſah die Gottesbraut wohl ein, bei dieſem eiſernen Menſchen ſei nichts weiter übrig, als der pünktlichſte Gehorſam. Sie verſprach, ſich zu fügen; aber welch ein Bild des Jammers bot ſich ihr bald genug dar. Die Rheingauer rückten ein unter Anführung eines 7 Anverwandten Brömſer's. Schon ihr erſtes Auftreten war verderblich; denn ſie riſſen die Außengebände nieder, oder ſteckten ſie in Brand, erbrachen Keller und Vorrathskammern, und ſchalteten ſchlimmer, als es der Feind hätte thun können. Die Nonnen flohen in den erſten Tagen ſchon, und überließen das Kloſter den Reiſigen, und Brömſer freute ſich höchlich gelungener Rache. n Wie er ſie hier ſuchte, ſo in der Stadt ſelbſt. Täglich ver⸗ igte er Lebensmittel, Geldſummen und Stoffe zu Klei 2 dern für ſeine Beſatzung. Die Bürger mußten die Mauern bewachen helfen. Aller Verkehr ſtockte, und die Lombarden mußten täglich neue Opfer bringen. Giambattiſta Pomaria kam nicht mehr von dem Rathhauſe herab, ſo hielt er ihn in angeſtrengter Thätigkeit. So war die Mitte des Julius 1301 vorüber gegangen, als eines Morgens Guntram den Ritter mit dem Rufe weckte:„Geiſen⸗ heim brennt an allen Ecken! Albrecht iſt da!“ Und ſchon trugen Kähne und Schiffe das Heer herüber, das alsbald ſeine Stellung um die Stadt nahm und das Kloſter Rupertsberg angriff. Hartnäckig vertheidigten es die Rheingauer, wohl unterſtützt von Brömſer's Mannen. Mehrere Tage wieder⸗ holte ſich der Kampf, bis endlich faſt alle Gebände, außer der Kirche, durch Brand vernichtet oder doch unbrauchbar geworden waren. Jetzt erſt wichen die Rheingauer, und ließen, in der Nacht ſich nach Bingen zurückziehend, dem Feinde das Kloſter. Bingens Lage war eine bedrängte von allen Seiten. Eng war es eingeſchloſſen. Keine Zufuhr war möglich, und das, was an Lebensmitteln vorräthig 6 nahm Brömſer nach Klopp, wo Ueberfluß und Ueppigkeit herrſcht Und dennoch wehrten die Bürgerſch aft mit den Reiſigen zahlloſe Stürme des Kaiſers ab, die ſich alltäglich und allnächtlich erneuerten, und ſeinem Heere großen Verluſt zufügten. Als der Kaiſer einſah, mit Gewalt könne er wenig ausrichten, beſchloß er, die Stadt auszuhungern, und das Schloß eben ſo. Durch tägliche Kämpfe die Beſatzung erſchöpfen und endlich mit. zwei ungeheuern Mauerbrechern, die er bei Kempten erbauen ließ, die Mauern zertrümmern, dieſer Plan vereinigte ſich mit jenem und verhieß ein ſicheres Ziel. Wochen kamen und gingen, die Lebensmittel nahmen ab. Die Noth begann mit Rieſengewalt hereinzubrechen, über die durch ſtete Kämpfe völlig ermattete Bürgerſchaft. Brömſer ſchaltete mit rüc ſichtsloſer Gewalt. Sein Wille war Geſetz. Die Lombarden Hohn zu ertragen. Der junge Schultheiß war der Gegenſtand ſeiner Quälereien. Ueberall mußte er ſein; überall beruhigen die Gemüther, die nun allmählig erkaunten, wer es treu mit ihnen meine; überall ſo Tag als Nacht auf den Mauern ſein, um zu ermuthigen die Streitenden, zu ſorgen für die Verwundeten und Rath zu ſchaffen, ſo weit es möglich, in dringenden Fällen. Gewannen die Feinde einen Vortheil, ſo ſchalt Brömſer ihn einen feigen Krämer vor allem Volke, und häufte Schimpf und Verdruß auf ihn. Weinert unterließ es nicht, im Pöbel, deſſen Führer er war, ihm Feindſchaft zu bereiten und manche wohlthätige Einrich⸗ tung zu hintertreiben, indem er ſeine Geſinnung verdächtigte. Oft drangen Brömſer's Reiſige in die Häuſer, und erlaubten ſich Handlungen zügelloſer Rohheit und Gewaltthat. Der Becher war geleert bis zu den Hefen. Schon erhoben ſich hier und da einzelne Stimmen, die von Uebergabe ſprachen. Die Stimmung der leidenden Bürgerſchaft wurde mit jedem Tage ſchlimmer. Wagte es irgend Jemand zu klagen, ſo ließ Brömſer ihn in ein Gefängniß werfen und mißhandeln. Er und Guntram waren oft in Verkleidungen unter den Haufen, um die Geſinnungen aus⸗ zuhorchen; beſonders aber waren ſie darauf aus, irgend etwas gegen den Schultheiß zu finden. Giambattiſta kannte dieſe Nachſtellungen. Klug und beſonnen entging er ihnen; aber ſein inneres Leben war verarmt, die Welt bot ihm nichts mehr. Kam er einmal ins Vaterhaus, ſo mußte er rdem Alten erzählen. Es that ihm wohl, ſein Herz ausſchütten zu önnen, und Rath zu holen bei dem Vater; aber mehr ſehnte ſich ſein Herz nach dem italiſchen Knaben, zu dem ihn eine zauberähn⸗ liche Gewalt hinzog. Auf dieſen Zügen wollte ſo gerne ſein Auge truhen, dieſe Laute ſein Ohr hören. Es war ihm, als ſähe er die Seliebte, als höre er ihre Stimme, und die Blicke dieſes Auges bbaren ja, wie die der Heimgegangenen; aber der Knabe entzog ſich em überall, und ſeine Augenblicke waren gezählt für das Vater⸗ Sus, da ihn die Sorge für die Stadt ganz in Anſpruch Der Gedanke, daß vielleicht in dieſem Kampfe ſein Ende nahe, konnte ihn mit ſtiller Seligkeit erfüllen, während er für Alles, was ſo unangenehm auf ihn einſtürmte, ziemlich gefühllos wurde. In dem Benehmen Tommaſo's lag für ihn viel Räthſelhaftes. Während er ſich in den Momenten ihm entzog, wo er etwa auf vergangene Zeiten konnte zu reden kommen, und darnach ſtrebte, den Fragen nach Annunciaten zu entgehen, fand er ihn oft in den Kämpfen auf den Mauern, ſo in der Nacht, wie am Tage, in ſeiner Nähe, ſich furchtlos jeder Gefahr ausſetzend. Ging er am Abend oder in der Nacht über die Straßen der Stadt, ſo folgte ihm in einiger Entfernung eine Geſtalt, die er ſchnell für Tommaſo erkannte. Es ſchien, als habe er alle Liebe für ſeinen Bruder auf ihn über⸗ getragen, und als wolle er, wie ſein Schutzgeiſt, über ihm wachen. Trat er aus dem Rathsſaale, ſo ſtand Tommaſo in der Nähe, und ein freundlicher Blick, den er ihm dankend zuwarf, ein wohlwollend Wort ſchien ihn unendlich zu beglücken. So gewöhnte ſich Giam⸗ battiſta, den ſchweigſamen Treuen in ſeiner Nähe zu wiſſen, und es lag für ihn etwas recht Erquickliches darin. Nur begriff er nicht das ſcheue Zurückweichen, das abſichtliche Heimliche in dem Weſen des jungen Menſchen. Darüber nachzudenken, blieb ihm keine Zeit; denn nur wenige Stunden konnte er ſich dem Schlafe überlaſſen, und ſelten kam er aus den Kleidern. Immer enger zogen die Belagerer den Kreis um die Studt. Immer kecker wurde das Unterminiren der Mauern verſucht. Man ſah, Albrecht wollte Ernſt gebrauchen, denn er mochte fürchten, der alte Gerhard falle ihm mit Heeresmacht in den Rücken. Bröm ſaß gutes Muthes auf Klopp, im Bewußtſein ſeiner Stärke, m ſaugte nur aus Bingen alle Lebenskraft heraus, die er nur irge noch finden konnte. Es war kaum zu zweifeln, daß er die Steh preisgeben wollte; denn ſelbſt die Reiſigen, welche bis jetzt die St e hatten vertheidigen helfen, zog er unter dem Vorwand, er h. viele Kranke in der Burg, nach Klopp, und nöthigte dar Virgerſchaft, ihre letzte Kraft aufzubieten. Greiſe, Weiber — frauen und Knaben ſah man in den Reihen der Vertheidiger. Der alte Pomaria kämpfte mit Jugendkraft in ihren Reihen. Jener Abend, an dem Antonio ſtarb, war der ſchrecklichſte für Tommaſo geweſen. Das Geläute klang ihm wie Grabgeläute ins Ohr. Auch ihn ergriff eine Krankheit in Folge der erſchüttern⸗ den Momente; aber ſeine Jugendkraft brach ihre Gewalt ſchnell, und als er vernahm, wie Maria Ottini ihr Leben geendet, ſchien neues Leben ihn zu durchdringen. Raſch drängten ſich nun die Ereigniſſe in Bingen. Tommaſo folgte überall dem Schultheißen, weil er erfuhr, wie von Klopp aus Verderben geſchmiedet wurde. Eines Abends nämlich, als er ſich in der Nähe des Rathhauſes aufhielt, ſah er zwei Männer nahen, die leiſe flüſterten. Er trat in den Schatten eines jener Pfeiler, welche das uralte Gebäude des Rathhauſes ſtützten und eine Art Säulengang vor demſelben bildeten, über welchen der Rathhausſaal, als zweites Geſchoß, vortrat. „Er hat mehr Anhang, als du meinſt,“ ſagte Weinert zu Guntram, denn beide unterredeten ſich,„und mit dem Tode der Maria Ottini iſt ihm kein Elend bereitet worden, er haßte ſie.“ „Wie konnten die Bürger ſo ſchnell ſeine Freunde werden, die ihn doch haßten?“ fragte Guntram. „Er iſt ihr Wohlthäter geworden, und ihr da droben treibt es zu arg!“ entgegnete mit dem Tone des Vorwurfs Weinert. „Nun, du wirſt doch nicht am Ende auch abfallen?“ „Ich?“ fragte zürnend der liederliche Schiffer.„Ich bin * keiner von den Wankelmüthigen! Ich haſſe ihn, und wehe ihm, w.enn er im Kampfe in meine Nähe kommt!“ „Recht ſo, Weinert,“ verſetzte frohen Sinnes der Rottmeiſter; „mein Dolch iſt auch für ihn geſchliffen, und ſoll ſich färben mit dem ſchwarzen Lombardenblut. O⸗ daß ich die Kraft Simſon's hätte,“ ſagte er, beide Fäuſte ballend, und mit Zähneknirſchen nach dem Rathhausſaale hinauf blickend,„ich riſſe dieſe Säulen ein und begrübe ihn und alle die Rathsherren unter den Trümmern ihres Saales! Haſt du nichts gehört,“ fuhr er fort,„ob auch mit denen einſtimmt, die lieber die S übergeben, als vertheidigen wollen?“ „Ehrlich geſagt, nein; dafür halte ich ihn zu tapfer. Du ſollteſt ſehen, wie er mit Pesnerschun kämpft!“ Guntram ſchwieg; einige Augenblicke ſpäter ſagte er:„Höre, Weinert, ließe ſich ihm denn nicht einmal heimlich beikommen?“ „Das mag ich nicht!“ ſagte Weinert entſchieden. „Dummer Burſche!“ rief halblaut der Rottmeiſter,„biſt doch ſonſt ein Strolch, dem nichts zu ſchwer iſt!“ „Wohl recht, aber zu einem Meuchelmörder machſt du mich nicht!“ „Pah,“ lachte Guntram,„ich möcht's auch nicht; ich wollte nur hören, ob du auch ehrliche Geſinnung hätteſt.“ Weinert ſchüttelte den Kopf.„Bleib' mir damit vom Leibe,“ ſagte er unwillig.„Wir am Rheine lieben die heimlichen Waffen nicht. Offen, Feind gegen Feind, das iſt unſere Art.“ Ein Geräuſch innerhalb des Rathhauſes und das Toben eines am Salzthore begonnenen Kampfes ſtörte die unerfreuliche Unter⸗ haltung. Tommaſo hatte genug gehört, um die Gefahren zu kennen, welche drohten. Von nun an folgte er ihm wie ſein Schatten. Auch jetzt, wo ein Bote dem Rathe den neuen Angriff meldete, und Pomaria kampfluſtig zum Thor eilte, folgte er ihm in den Kampf, der ſich wild entſponnen hatte. Er war hartnäckiger, als gewöhnlich, aber er wurde nach mehrſtündiger Anſtrengung abgeſchlagen. Tommaſo verſchloß das Gehörte in ſeine Bruſt; aber ſeine 8 Aufmerkſamkeit wurde ſchärfer und ſorglicher, ſeine Angſt aber größer mit jedem Tage. Albrecht, deſſen Gezelte auf dem Rupertsberge ſtanden, w indeß nachgerade der langen Belagerung müde. Er wollt Stadt und Burg erobern, es koſte, was es wolle. Nicht müde war ſein Heer der langen Unthätigkeit. Die„Buben“ ver⸗ langten ein Ende. Es gab keinen reichen Raub für ſie. Da beſchloſſen ſie, den Kaiſer zu bitten, es ihnen zu geſtatten, die Stadt zu erobern; aber auch, ſie zu plündern. Eine Deputation ihrer Rottmeiſter begab ſich in das kaiſerliche Zelt; aber Albrecht wies ſchnöde und ſtolz dies Anſinnen weg.„Die Beute gehört den Rittern!“ war ſein Urtheil. Indeſſen erſah er aus dieſem Anſinnen, daß er einem meuteriſchen Geiſte durch raſches Handeln begegnen müſſe.. So wurden denn alle Anſtalten in der größten Stille getroffen. Die beiden ungeheuern Mauerbrecher wurden von Kempten her in der Stille der Nacht gegen die Stadt gebracht. Alles rüſtete ſich zum allſeitigen Angriff. In dem Vorwerke ſtanden eine Anzahl Reiſige. Sie wurden durch das dumpfe Geräuſch der anrollenden Werkzeuge der Zer⸗ ſtörung und durch das ungewöhnliche Herumirren der Lichter im Lager der Ungarn, das zwiſchen Kempten und der Stadt lag, auf⸗ merkſam, und meldeten es in die Burg. Kunz, dem eine unbeſtimmte Angſt ſagte, es bereite ſich ein wichtiges Ereigniß vor, ſchlich ſich hinweg und eilte in die Stadt, es ſeiner Martha und ſeinen Angehörigen warnend mitzutheilen. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich das Gerücht, dieſe Nacht noch werde von allen Seiten geſtürmt. Brömſer warnte die Stadt nicht, vielmehr zog er alle Reiſige hinauf nach dem Schloſſe, und überließ die Bürger ſich ſelbſt. Kaum hatte der Schultheiß die Kunde erhalten, als er auf das Rathhaus eilte und den Rath zuſammen berief, um die Maß⸗ regeln zu berathen. In großer Aufregung ſtanden überall Gruppen von Bürgern, welche das Ende der Berathung mit Sorge und Angſt erwarteten. X. Die Kunde von dem nahenden Sturme, der von allen Seiten her unternommen werden ſollte, führte einen Theil der wehrhaften Bürger auf die Mauern, denen zu Hülfe, welche an der Reihe waren, Dienſte zu thun. Der allgemeine Zorn brach überall gegen des Vogts Treuloſigkeit aus.. „Er will Klopp retten und die Stadt preisgeben!“ ſchrie das Volk, das ſich in immer größeren Maſſen auf dem Markte ſammelte. „Vielleicht wäre es noch Zeit, uns durch Uebergabe zu retten,“ ſagten ſie und wieder ältere Männer, die einen unheilbringenden Erfolg ahnen mochten. Waren ja doch auch die Kräfte der Bürger in der That durch Tod und Verwundung vielfach unzulänglich geworden. Da nun auch Brömſer ſeine Leute zurückzog, fehlte es an Vertheidigern. Noch war der Rath verſammelt, und kein Reſultat ſeiner Berathungen bekannt. Wie es ſchien, waren auch in Schvoße mannichfach verſchiedene Anſichten vertreten. Die Angſt und Spannung der Bürger wuchs von Minute zu Minute. Man vernahm ſchon das Kampfgebrülle der Ungarn von ferne; man hörte deutlich die furchtbar dröhnenden Schläge der rieſigen Mauerbrecher gegen die Stadtmauer; man ſah vom Rheine und der Kemptener Seite her Pechkränze in die Stadt werfen, und die Angſt wuchs in raſchem Fortſchritte. Plötzlich erſchallte die Sturmglocke der Pfarrkirche. Der Thürmer ſah an drei Stellen Brand und that ſeine Pflicht, das Unglück anzuzeigen; aber die Wirkung der Sturmglocke war entſetz⸗ lich. Immer dichter drängte ſich das jammernde Volk auf el Markte zuſammen. Bei dem Schalle der Fialhe ſtürzte der Rath aus ven Rathhauſe hervor uiter das Volk Brömſer ſah den Brand, hörte den Lärm, und fandte mit zehn Reiſigen hinab, die Uebergabe der Stadt zu wehre ic eben die Reihen des Volkes, als Andrea Pomaria 3 „Es iſt vielleicht noch Zeit,“ rief er mit einer Stimme, die mächtig durch all' das wirre Geſchrei drang,„die Stadt vor dem entſetzlichen Unglück, das uns drohet, zu retten, wenn wir ſie dem Kaiſer übergeben. Iſt es nicht beſſer, vom Feinde leiden, als uns von unſern Freunden, von der Beſatzung der Burg Klopp, verderben zu laſſen?“ „Er hat Recht,“ rief das Volk einſtimmig. „Verräther!“ rief Guntram,„nimm das für dich!“ und ein entſetzlicher Hieb mit dem rieſigen Schwerdte ſpaltete den unbe⸗ wehrten Kopf des Greiſes. Entſetzt wich das Volk zurück und floh theilweiſe. „Die Lombarden ſind Verräther!“ rief der Rottmeiſter aber⸗ mals, und drang auf Giambattiſta Pomaria ein, der ſein Schwerdt zog, des Vaters Tod zu rächen. Schon führte Guntram den zweiten Todesſtreich mit den Worten:„Ha, endlich vergelte ich dir, was du an Adolph von Naſſau thatſt!“— als Tommaſo ſeinen Arm unterlief und ihn rücklings niederwarf, aber auch mit der Schnelle des Gedankens den Dolch in ſeine Bruſt grub, daß er regungslos 5 blieb und ſtarb.— à In dieſem Augenblick drängte ſich Weinert hervor, und führte mit einer Keule„ die er trug, einen Streich nach Giambattiſta's Kopfe; jedoch er ſtreifte ihn bloß, da die Rathsherren auf ihn eindrangen. Dennoch ſtürzte der Schultheiß bewußtlos nieder. „Wehe!“ rief der biedere Rathsherr Klein,„wenn Mord und Todtſchlag in der Stadt herrſchet, wer ſoll dem Brande wehren, wer dem Feinde entgegen kämpfen? Bingens letzte Nacht iſt da! Herr, erbarme dich!“ Mit lautem Jammer ſtürzte das Volk hinweg, 6 und wenige Augenblicke ſpäter war der Markt leer und die gräß⸗ 8 lichſte Beleuchtung des an drei Stellen furchtbar auflodernden Brandes erhellte nur noch eine Gruppe— Tonnaſo und den lebloſen Giambattiſta Pomaria. Der Jüngling hatte Waſſer geſchöpft des Marktes und Pomgria angewaſchen, aber es —— gelang ihm nicht, ihn in das Bewußtſein zu rufen Wegtragen konnte er ihn nicht; die Kräfte reichten nicht aus, doch wuchs mit jedem Augenblicke die Gefahr. Gegen den Rhein hin hörte man das Toben der„Buben“ und den wüthendſten Kampf; von Kempten her brüllte immer mächtiger der Kampfruf der Ungarn und das Dröhnen der Mauerbrecher, und gegen Klopp ſtürmte der Kaiſer ſelbſt an mit den auserleſenſten Schaaren ſeines Heeres. Steinkugeln, die von Klopp herabgeſchleudert wurden, fielen zer⸗ ſchmetternd ſelbſt in die Stadt, und die Sturmglocke heulte fort und fort in die ſchauerliche vom Brande erleuchtete Nacht hinaus. 5 In den verſchiedenſten Richtungen drängten ſich jammernde Menſchen. Dort ſah man Todte und Verwundete vorübertragen, hier kamen Flüchtlinge, welche Theile ihrer dem Brande entriſſenen Habe trugen; wieder Andere flohen heulend der Kirche zu, ein Aſyl in ihr zu ſuchen. Es war ein Zuſtand in der Stadt, den umſonſt die Feder zeichnen will. Das Wort bleibt in unermeßlichem Abſtande von der Wirklichkeit. Umſonſt rief flehend Tommaſo jeden Vorübergehenden um Beiſtand an. Wer dachte an Andere in dieſer grauſenhaften Nacht? Zetzt ſtürzten Maſſen des Volkes vom Kemptener Thore her und ſchrien:„die Mauer iſt e der Feind in der Stadt! Rette ſich, wer kann!“ Todesangſt durchbebte armen Tommaſo. Er betete und . ſchrie um Beiſtand Jeden an, der vorüberfloh. Ein Vorübereilender hörte ihn, und ſtand. Es war ein Diener des Hauſes Pomaria. „Hilf unſern Herrn retten,“ rief ihn Tommaſo an. Er erkannte ihn und den Schultheißen. Raſch griff er an, und Beide trugen die Zaſt der Kirche zu. In Tommaſo's Kopfe reifte ein anderer Gedanke. Er mochte ſelbſt dem geheiligten Gotteshauſe keine rettende Macht zutrauen, denn er kannte ja dieſe Horden, die jetzt ſiegend eindrangen, und der Stadt einen achtwöchentlichen Widerſtand gewiß nicht vergeben konnten. Er am g der Nahe die umgelegten Kähne geſehen. 3 Einen derſelben wollte er flott machen und ſo ſeinen Herrn retten. Das theilte er ſeinem Gefährten mit, und dieſer konnte es nur billigen. Als ſie in die Nähe der Kirche kamen, lagen dort Betten und Geräthe in Menge, welche die Unglücklichen aus dem Brande hierher gerettet hatten. Hier betteten ſie den noch immer bewußtloſen Pomaria, und während der Andere bei ihm wachte, eilte Tommaſo dem Ufer zu, ſeinen Rettungsplan auszuführen. Er fand ſchon eine Gruppe in gleicher Abſicht dort beſchäftigt. „Gebt mir Theil an dem Kahne für mich und einen Ver⸗ wundeten,“ bat er,„und ich helfe getreulich. Er iſt groß genug für uns Alle!“ „Hilf nur zu!“ ſagte der Züngere der beiden arbeitenden Männer, und Tommaſo griff an mit aller Kraft. Es gelang ihnen den Kahn umzuſtülpen und der Nahe zuzuſchieben. „Spute dich, Kunz,“ rief eine Mädchenſtimme.„Hörſt du, der Feind naht!“ Es war Martha. Jetzt überließ Tommaſo die Arbeit den Beiden, und lief zurück, den Verwundeten zu holen. Die beiden Männer konnten indeſſen nicht allein ihr Werk vollenden, ſie haderten mit Tommaſo; aber bald kehrte er zurück mit ſeiner theuern Laſt, die er in den Kahn legte. Nun griffen die vier Männer an, und bald war der Kahn im Waſſer. Zwei Frauen, Martha, die Magd Ottini's und Kunzen's Mutter, ſtiegen ein, und die Männer ſtießen ab. Pfeilſchnell glitt der Kahn den Fluß hinab, und bald ver⸗ ſchwand er um die Ecke, welche das„Binger Grün,“ reich mit ſchützenden Weiden bedeckt, an der Nahemündung bildet, und das ſüße Bewußtſein ihrer Rettung durchdrang Alle, beſonders Brömſer's Reiſigen, Kunz, den die Furcht vor dem Kampfe ſchier um den Verſtand gebracht hatte. Weithin leuchtete die brennende Stadt den Schiffenden. Glücklich lenkte Kunzen's Vater, ein erfahrener Schiffer, den Kahn durch den Strudel des„Binger Loches“ und, G tt dankend, landeten ſie am Ufer bei Aßmannshauſen. — Während dies ſich zutrug, waren bereits die ſtürmenden Ungarn und von der andern Steite„die Buben“ in die unglückliche Stadt eingedrungen. Die Kämpfenden zogen ſich bis auf den Markt zurück, wo ihnen die„Buben“ in die Seite fielen, welche die Salzgaſſe heraufſtürmten. Alle wurden niedergehauen, und es begann ein furchtbares Gemetzel in der Stadt, dem kein Alter, kein Geſchlecht entging. Mit Leichenhaufen waren die Straßen bedeckt, und das Blut floß, wörtlich wahr, dem Rheine in Bächen zu. Nachdem das Morden vorüber war, drangen die Sieger in die Häuſer, und die ſchreckliche Plünderung begann. Der Wein, welchen ſie dort fanden, und in deſſen Genuß ſie ſich berauſchten, entfeſſelte noch mehr ihre Begierden und erſtickte den Reſt von Menſchlichkeit in ihren Herzen. Während ſo der Menſch würgte, raubte, und Greuel aus⸗ übte, vor denen die menſchliche Natur ſonſt ſchaudert, ſchleuderte Brömſer unausgeſetzt ſeine Steinkugeln zerſtörend auf Freund und Feind, und der Brand wüthete ungehemmt und angefacht von einem friſchen Bergwinde in dem ſüdlichen Theile der Stadt, welche er ſchier ganz in Aſche legte. In der Stadt hatte der Kampf geendet; aber nicht bei Klopp. Albrecht rief die Ritter und Buben dorthin, wo er ihrer bedurfte; aber die Strahlen der Morgenſonne waren Zeugen eines ſchmäh⸗ lichen Rückzugs Albrecht's, und der Berg von Leichen um die Burg gab Zeugniß von Brömſer's unermüdeter tapferer Vertheidigung. Auch die Camera des Erzbiſchofs war in einen Aſchenhaufen ver⸗ wandelt. Nur das Rathhaus ſtand noch. Dorthin verlegte der aiſer ſein Quartier; aber die Steinkugeln, welche Brömſer unaus⸗ geſetzt herabſchlenderte, nöthigten ihn, die Stätte zu verlaſſen und * die Belagerung des Schloſſes durch ſeinen Rückzug aufzuheben. Die Beute war reich. Das Heer frohlockte;— aber Bingen hatte die ſchrecklichſte Nacht erlebt, welche ſeine Geſchichte aufzuweiſen hat, und wie es eine zweite niemals ſah. Der Anblick der Ze ſisrung war grauſenerregend. Mehr als die Hälfte der Stadt — ,— — — — in Aſche und⸗Trümmern. Von den ſtattlichen Gebäuden der Lom⸗ barden ſtand nur noch das Haus Montemagno's neben der Pfarr⸗ kirche. Alle, welche ſich in dieſe Kirche geflüchtet hatten, wurden gerettet durch des Kaiſers Befehl; aber ach, wie fanden ſie ihre Vaterſtadt wieder! Wo waren ihre Lieben, die ſie ſuchten? Wer könnte den Jammer beſchreiben, als ſie ſie zerſtümmelt, von Hufen der Roſſe zertreten, wieder fanden? Wer könnte das Maß des Schmerzes ſchildern, als ſie ſie begruben in die gewaltigen Gräber, deren Eins an hundert Leichname faßte? Albrecht konnte ſelbſt den Anblick nicht mehr ertragen, den Jammer nicht hören. Die rohen Urheber aller dieſer Greuel erbebten ſelbſt, als ſie im Lichte des Tages die Werke dieſer„Nacht von Bingen“ erblickten. Brömſer empfing den Dank ſeines Gebieters; aber der Fluch der Bewohner der Stadt laſtete wohlverdient auf ihm. Er hätte die Stadt retten können, wenn er gewollt, das ſtand feſt. Auf Klopp hatte er fortan keine Ruhe mehr. War es ſein an ein unſtätes Umherfahren gewöhntes Weſen, oder war es der das Gewiſſen ſtets weckende Anblick der zerrütteten Stadt— er gab die Vogtei in Gerhard's Hand zurück, und verließ bald nach der ſchrecklichen Nacht von Bingen die Burg, um über die Alpen zu gehen, und dort in den ſteten Kämpfen des unruhigen Landes — Vergeſſenheit deſſen zu ſuchen, was ihm ſtets neue Vorwürfe bereitete. XI. In einem kleinen Bauernhauſe des Dörfchens Aßmannshauſen hatte der Name des reichen Lombarden Thür und Thor geöffnet. Dort legte der Diener, während Tommaſo einen Verband für den Betäubten beſorgte, ihn in ein Bett, und alsdann kam Tommaſo, und legte den Verband an. Der Diener entfernte ſich, um der Ruhe zu genießen, und Tommaſo blieb bei dem Leidenden Scharf peobachtete er ſeinen Zuſtand. Seit der Verband mit — kalter Compreſſe auflag, ſtöhnte er nicht mehr, und es ſchien, als ginge die Betäubung in einen ſanften Schlaf über. Tommaſo kniete betend vor dem Bette ſeines Herrn, und als er ſo ſanft ſchlief, beſchlich auch ihn die Schwäche der Natur. Die Erſchütterungen der letzten Nacht, die in eben dem Grade den äußern wie den innern Menſchen getroffen, hatten ſeine Kräfte auch erſchöpft. Der ſchöne Kopf ſank auf das Bett, und der Schlaf ſenkte ſich mit bleierner Schwere auf die Augenlieder. Die Bilder, welche das Auge geſchaut in der Nacht, gingen alle noch einmal im Geiſte vorüber; aber allmählig gaben ſie freundlichen Bildern einer früheren Zeit Raum. Die hellen Strahlen der Morgenſonne ſielen vurch ein kleines Fenſterlein auf das Bett, als mit einem tiefen Seufzer Giam⸗ battiſta Pomaria erwachte. Er beſaß ſein volles, klares Bewußt⸗ ſein wieder; aber die Begebniſſe der letzten Nacht lagen traum⸗ artig hinter ihm. Er ſah ſich erſtaunt um in dem Gemache, worin er ſich befand, und konnte nicht begreifen, wie er hierher gekommen. Jetzt blickte er vor ſich nieder, und— da lag ja Annunciata's Engelskopf vor ihm in ſanftem Schlummer. Er ſtarrte ſie zitternd an. Da bewegten ſich die Lippen. „Giambattiſta, mio caro!“ flüſterte ſie leiſe. „Sie iſt's!“ rief er, und drückte im Uebermaaße des Entzückens einen Kuß auf die ſchwellende Lippe. Tommaſo fuhr auf aus dem Schlaf, und wollte die umſchlin⸗ genden Arme abſtreifen. „Wie habe ich ſo blind ſein können?“ rief Pomaria aus. „Wie konnte ich verkennen, wer du warſt, o meine Annunciata!“ Sie lächelte, und doch rannen heiße Thränen über ſ Wangen. Sie legte ſtumm den ſchönen Kopf an ſein Bruſt. Es war ein ſeliger Augenblick!— Darauf ſah ſie ihn an mit dem zauberiſchen bun und ſingt „Hab' ich dich wieder?“ — „Für ewig!“ rief er aus, ſie umarmend;„denn du haſt mich theuer erkauft; aber warum quälteſt du mich ſo, warum ſagteſt du, meine Annunciata ſei todt und nahmeſt meinem Auge ſeine Schärfe?“ „Ach,“ ſagte ſie,„ich hörte, du habeſt einer Andern Hand und Herz geſchenkt und mich betrogen. Da wollte ich Rache nehmen an dir, dem Treuloſen, und ſchnitt mein Haar ab und wurde deines Bruders Diener. Als ich kam, wollte ich erſt dein Herz prüfen. Ich ſah dich umgarnt, aber voll Liebe zu mir. Ach, wie that mir's ſo wehe, dich täuſchen zu müſſen, und wie mußte ich dich fliehen, um nut nicht erkannt zu werden; denn ich ſah ja, du wurdeſt das Opfeß deiner Familie. Ich würde entflohen ſein und in einem Kloſter mich begraben haben, hätte ich's vermocht, hätte ich aus der belagerten Stadt gekonnt. Da fiel mir ein anderes Loos. Ich wurde dein Schutzgeiſt, denn ich kannte deine Feinde, dieſen Guntram und Weinert, die dir nach dem Leben ſtanden.— Gottlob, daß es mir gelang, dich zu retten! Gottlob, daß du ſo glücklich dem Streiche Weinert's entgingſt.“ „Erſt jetzt wird mir Alles klar,“ ſagte er;„ach, wie ſteht es um meine Vaterſtadt?“ Sie erzählte ihm, was ſie theilweiſe geſehen. Er wollte aufſtehen, und nun erſt floh das Mädchen, ſich bewußt, daß ſie als Tommaſo ihre Rolle ausgeſpielt, ſcheu von dannen. „Aber Giambattiſta durfte nicht zurückkehren, bis die Feinde abgezogen waren. Das enge Bauernhäuschen umſchloß ſein Glück, un die wenigen Tage des Aufenthaltes daſelbſt entſchädigten ihn ein Jahr voll unſäglicher Leiden. Nachdem Albrecht abgezogen war, kehrte Pomaria heim. Ach⸗ fand er die Stadt! wie ſeiner Väter Wohnungen! Im Hauſe ntemagno's fand er Obdach. Er mußte Annunciata geloben, ſie als ſeinen Diener fort behandeln, bis er den Plan ausführen könne, Bingen zu rlaſſen und wieder nach Aſti zu gehen, um wieder ein Haus gründen. Er hielt's wohl eine Weile; dann aber konnte er's nicht, und der bildſchöne Diener ſtrahlte bald im vollen Reize der Jungfrau, und Alle verehrten die ſeltene Treue in ihr. Noch im Laufe des Winters wurde ſie ſein glückliches Weib. Bingen erhob ſich wieder aus ſeinem Schutte. Die von dem Erzbiſchofe zurückerhaltenen Summen gaben dem Lombarden die Mittel, neue, prachtvolle Gebäude zu errichten, und als der Sommer kam, zog das glückliche Paar hinüber nach Aſti, wo der Großvater Giambattiſta's geſtorben war, das reiche Erbe zu holen. Es war im Sommer 1302, als ſie in Aſti anlangten. Bald erfüllte die Stadt der Ruf von Pomaria's reizender Gattin! Eines Tages ſah man die beiden Gatten die Straße an der Kirche dei Angeli hinaufſchreiten, dann einbiegen in das Gäßchen, wo Malvogliv wohnte. Annunciata's Antlitz leuchtete vor innerer Seligkeit, als ſie ſich dem Häuschen nahten, wo ſie einſt in ſchwerer Zeit Schutz geſucht. Als ſie eintraten, erhob ſich die koboldartige Geſtalt Mal⸗ voglio's aus einem Lehnſtuhle, wo er eingeſchlummert war, und ſtarrte die ſtattlich erſcheinenden Geſtalten an, die ſo unerwartet über ſeine Schwelle ſchritten. „Mein Gott,“ rief er aus, in den Anblick Annunciata's verſunken,„hätte ich nicht Seelmeſſen für das arme Kind leſen laſſen, ich würde ſchwören, Ihr wäret, mit Vergunſt, ſchöne Dame, die Tochter meiner Schweſter, Annunciata Ghisberti; aber die hat ſich vor etwa zwei Jahren erſäuft; Gott gnade ihr!“ „Die Todten ſind wieder auferſtanden, Oheim,“ ſprach Wjun⸗ eiata,„denn ich bin's mit Fleiſch und Blut.“ 3 Malvogliv that einen großen Sprung zurück, ſche Kreuz und betete:„Alle guten Geiſter loben ihren Meiſtergw „Ich lobe ihn in Ewigkeit, Amen!“ ſprach Annunciati ſagt, warum muß ich mich denn erſäuft haben?“ „Muß, muß! Schöne Dalne, dazu zwingt Euch kein Ma ich am wenigſten; aber meiner Schweſter Kind, Annuneigta 6 berti thät's, weil ſie verliebt wax jgden Pomaria.“— — „Der hier als mein Gatte bei mir ſteht“— ſagte lachend die ſchöne Frau.— „Mein Gott auch,“ rief in der größten Verwirrung Malvoglio, „ich weiß nicht, was ich von der Geſchichte denken ſoll? Wär' ich bei meinem Freunde, dem Montefiasconer, geweſen, ſo dächte ich, es wäre mir ſein vortreffliches Tröpflein zu Kopfe geſtiegen; aber ſeit Annunciata weg iſt, iſt auch das Glück weg. Ich pfeife auf dem letzten Loche, und kann nur noch Sonntags meine Schale Montefiasconer trinken, und das auch nicht mehr lange; dann denke ich, iſt es Zeit, daß ich mich hinlege und ſterbe.“ „Nein, Oheim,“ ſagte faſt wehmüthig Annunciata, denn auch in Malvoglio's Worten klang ein Ton der Wehmuth durch— „das ſollt Ihr nicht. Gott hat mich geſegnet, und mein guter Gatte wird dem Manne nichts entgehen laſſen, der ſeine Annun⸗ ciata aufnahm, als ihre Mutter geſtorben war, und ſie dem Elende und der Schande hätte anheimfallen können.“ „Wie ſprecht Ihr doch! Seid iht denn Annunciata Ghis⸗ berti?“ „Ich ſehe wohl, daß ich Euch Alles erzählen muß,“ ſprach das ſchöne Weib, und ſetzte ſich auf den Schemel, den ſie einſt eingenommen in früheren Tagen. Sie that es denn auch. Der Alte hörte mit wachſendem Erſtaunen der Erzählung zu. Als ſie zu Ende war, ſagte er: „Hätte ich das ahnen können, ich würde keine Seelmeſſen haben leſen laſſen; denn ſie ſind theuer bei dem Patre dei Angeli,“ ſagte Malvogliv.„Aber ich danke meinem Schutzpatron, daß Ihr lebta“ Giambaziſta hatte, mitunter herzlich lachend, der Unterredung zugehört. Jetzf ſagte er zu Malvoglio: „Verlaßſ dies Häuschen und ziehet zu uns. Ihr werdet es gut haben s an Euer Ende; auch wenn wir wieder an den Rhein zuriſhren.“ „Nei verſetzte Malvoglio;„das muthet mir nicht 3. Dies Hä iſt mir lieb und theuer. 3ch will nur hinaus⸗ 1*** — 102— getragen werden; aber wollt Ihr eines alten Mannes Tage vor Mangel ſchützen, ſo will ich's nicht verſchmähen von Eurer Hand.“ Dabei blieb es denn auch, und Pomaria ſorgte, daß er ſeine kräftige Nahrung erhielt, und täglich wieder in die Oſteria ſeines Freundes gehen und mit Annibaldi und Lizzi ſeine Späße machen konnte, bis eines Morgens Malvoglio das Zeitliche geſegnet hatte. Seine Freunde trugen ihn zu Grabe; ſeine reichen Verwandten folgten der Leiche, und ſeine Nachbarn beklagten es, daß ſie die ſpukige Geſtalt nicht mehr vorüberwandeln oder taumeln ſehen konnten. Der Montefiasconer aber ſagte:„Ich habe meinen beſten Kunden verloren.“ Und das war eine Wahrheit.— Nachdem Pomaria mehrere Jahre des Handels Geſchäfte für die Innung in Aſti beſorgt hatte, kehrte er nach Bingen zurück, und brachte zwei Kindlein mit und ein Weib, das noch ſchöner geworden war, denn früher. Alle Spuren der Zerſtörung waren verſchwunden in Bingen, und die Stadt war ſchöner aus ihren Trümmern entſtanden. Von Ritter Brömſer vernahm man nichts mehr. Wahrſcheinlich war er in einer Fehde gefallen. Weinert hatte bei dem Sturme der Stadt den Tod gefunden. Der tapfere Kunz ſagte dem Kriegshandwerk Valet, heirathete ſeine Martha und nährte ſich redlich, nicht wenig gefördert durch die Wohlthaten einer ſchönen Frau, die er einſt als Knaben im Kahne gen Aßmannshauſen gefahren in jener Nacht, die ihres Glückes nächſte Veranlaſſung geworden, aber ſtets im Andenken fortlebte als die ſchrecklichſte„Nacht von Bingen.“ Die Meergenſen. Novelle. I. Die Studenten von Löwen. Löwens, durch Herzog Johann den Vierten von Brabant im Jahr 1426 geſtiftete, und höchſt freigebig mit Privilegien ver⸗ ſehene Hochſchule genoß um das Jahr 1567 eines außerordentlichen Zuſammenfluſſes von ſtudirenden Jünglingen, aus allen Gegenden der Niederlande, wie auch Deutſchlands und Frankreichs und andern Theilen Europas. Alle Vorzüge, aber auch alle jene Mängel der damaligen Einrichtung der Hochſchulen theilte Löwen mit ihren Schweſtern. Insbeſondere aber offenbarte ſich damals durch die eigenthümlichen Verhältniſſe der Niederlande ein bedenklicher Geiſt der Ungebundenheit, Geſetzloſigkeit und Widerſetzlichkeit unter den Studirenden. Auf dieſe Jünglinge, insbeſondere auf die Nieder⸗ länder, konnte der auſſtrebende, nach Freiheit ringende Sinn des Volkes, die ganze durch den Geuſenbund hervorgerufene Stimmung der Nation nicht ohne Wirkung bleiben, und war es nicht geblieben. Viele unter pieſen Jünglingen gehörten den erſten Familien des Landes an, ünd theilten den Geiſt der Väter, die den ſo traurig untergegangenen Geuſenbund gebildet hatten. Sie fühlten ſich berufen, der Nation zu werden, und in beſſerm Sinn und Geiſte zu werden, was der Väter Thun nur verheißen, oder doch nur im Beginne gelaſſen hatte; aber es konnten auch Jünglinge nicht fehlen, die durch Familienverbindungen auf die Seite des Hofes, und durch ihren Glauben zu ihm neigten. Was im kühlen Leben die Men⸗ ſchen ſo ſchroff ſchied, wie viel mehr mußte das in jenem freien, warmenidealen, phantaſtiſchen Leben der Hochſchule, wo der Jüng lin was er ergreift, mit ganzer Sele und unzerſp itierte eift, hervortreten? Leicht zu erachten war es — 106— daß Letztere nur eine ſehr kleine Anzahl bildeten, während die Mehrzahl von glühendem Haſſe gegen Spanien erfüllt war. Es konnte auch nicht fehlen, daß die Jünglinge den wärmſten Antheil an den politiſchen Angelegenheiten ihres Vaterlandes nahmen; daß ſie mit Wärme ſowohl an den öffentlichen Orten, als in den Collegien, wo die Studirenden gemeinſam wohnten, verhandelt wurden, zum nicht geringen Mißvergnügen der Magiſter, die in den Spaltungen der Meinung und Anſicht nur den nachtheiligſten Einfluß auf das Pflegen der Wiſſenſchaften erblickten. An der Spitze derjenigen Parthei, die es mit den Rechten und Freiheiten der Nation hielt, ſtand damals der junge Prinz Philipp Wilhelm von Oranien, Wilhelm's des Schweigſamen älteſter Sohn, den der Vater, hoffend, daß er unter dem Schirme der Freiheiten Löwens ſicher ſei vor Alba's mörderiſcher Fauſt, bei ſeiner Abreiſe nach Breda und Dillenburg dort gelaſſen hatte, und Wilm van Strahlen, des Bürgermeiſters von Antwerpen Neffe und Mündel, ein Züngling, deſſen Muth, Kraft und Biederſinn die Liebe Aller ſich erworben hatte. An der Sitze der andern Parthei ſtand Albert von Bar⸗ laimont, des Grafen von Barlaimont älteſter Sohn, durchdrungen von des Vaters fanatiſchem Eifer und engherziger Anhänglichkeit an Spanien. Die Spannung der Gemüther wurde immer größer, zumal ietzt die Nachricht von Alba's Annäherung allgemein vreitet war, und man das traurige Loos ahnte, das unter ſeiner Verwaltung den Provinzen fallen würde. Es war in den heißen Tagen des Juli 1567, als in einem öffentlichen Garten in Löwen, der ſich auf der einen Seite an die Straße lehnte, an der andern bis an das Ufer der Dhle erſtreckte, eine Anzahl Studirender unter dem Schatten weitaſtigey Linden auf dem grünen Raſen ſich gelagert hatte, und den ſchäumenden Becher des köſtlichen brabantiſchen Biers unter fröhlichem Geſange kreiſen ließ. In einiger Entfernung von dem Orie, wo m linge ſich gelagert hatten, ſtanden leere Tiſche mit Bänke — 107— den Boden befeſtigt waren. An einem dieſer Tiſche ſaß ein Mann, von etwa fünfzig Jahren, von ſtarkem Gliederbau und unterſetzter Geſtalt. Ein breites, aber offenes, treues Geſicht, und eine einfache höchſt reinliche Kleidung, ſowie die rückſichtsloſe Behag⸗ lichkeit, welcher er ſich ſogleich überkieß, verrieth den wohlhabenden Holländer. Er ſchien ſich an dem Anblicke des fröhlichen, jugend⸗ lichen Treibens zu erfreuen und, obgleich von den Studenten nicht beachtet, beſonderen Antheil an ihren Geſprächen zu nehmen. Unter den Jünglingen ragte beſonders Einer durch ſeine Größe und ſchöne Geſtalt, durch das Feine ſeiner blühenden Züge, durch den offenen und einnehmenden Ausdruck derſelben, ſowie durch den ſchönen Klang ſeiner kräftigen Stimme hervor. Er ſaß mit dem Rücken gegen eine alte Linde gelehnt. Ein hellblaues Wamms von feinem Stoffe lag eng an den ſchönen Formen ſeines Körpers. Weite Pluderhoſen von gleichem Stoffe trug er, und Stulpſtiefeln darunter Der ſchöne Hals war frei; ein weißer, fein geſtickter Kragen umgab ihn, und lag über die Schultern, ein Baret bedeckte das lockige, reiche Haar, und ein langer Stoßdegen, von guter Arbeit, ein Meiſterſtück von Namur hing an ſeiner Seite. In maleriſchen Stellungen lagen die Uebrigen um ihn herum— mehr oder minder in Kleidung und Weſen ihm ähnlich, doch bizarrer in den Farben und im Schnitte der Gewänder. Eins jener ei reiheitſinn und Haß gegen Spanien athmend, welche unter dem Namen der Geuſenlieder, als noch der Bund beſtand, mit Begeiſterung in den Niederlanden geſungen worden, jetzt aber nachdem Gewaltherrſchaft ihr blutiges Panier auf den freien bataviſchen Bogen pflanzen wollte, ſchen verſtummt waren, und nur noch im Munde dieſer fteikräftigen Jugend erklangen, war eben geendet, die Augen glühten noch von Begeiſterung— da erhob der Jüngling, der mit dem Rücken gegen die Linde ſaß, ſein Glas hoch und rief:„Dem Horte des Vaterlandes, der Stütze uferer Freiheit n von Oranien!“ 1 hallte es im Chore nach. Die S. n umen. — — 108— Der Mann am Tiſche ſprang auf, ergriff ſein Glas und trat herzu.„Ihr erlaubt es wohl, daß ich mit anſtoße?!“ fragte er. Die Jünglinge ſahen ihn zwar verwundert an, aber ſie klangen doch kräftig mit ihm an, und er ſetzte ſich wieder ruhig an die Stelle, wo er geſeſſen. „Und Alba ein Pereat, ehe er unſeres Vaterlandes Boden betritt! Möge er zermalmt werden von den Alpen der Schweiz, oder mögen ihn Helvetiens Männer, oder Coligni's Tapfere auf⸗ reiben!“ rief wieder der Jüngling. Der Holländer trat wieder herzu.„Möge Gott wahr machen, was Ihr wünſcht!“ ſagte er, und ſtieß aufs Neue mit ihnen an. Als ſie getrunken, goß der Holländer ſein Glas wieder voll, und trat noch einmal herzu. „Ihr erlaubt es wohl, daß auch ich einen Trinkſpruch vor⸗ bringe,“ ſagte er, und ohne die Zuſage abzuwarten, hob er ſein Glas mit den Worten:„Mögen viele ſolcher Herzen in den Niederlanden ſchlagen, wie die eurigen— dann wird einſt ein Morgen der Freiheit tagen, groß und herrlich. Wir wollen dafür wirken, und wenn auch das Ende der Despotie das Ende unſeres Lebens iſt!“ So ſprach kräftig der Mann, und die Jünglinge ſprangen vom Boden auf und ſtießen an mit ihm, und ſen ihm frendig die Hand. Der Holländer ging zu ſeinem Sitze zurück. Zener Jüngling aber folgte ihm, und ließ ſich freimüthig an ſeiner Seite nieder. „Mich dünkt, wir haben zu gute Bekanntſchaft gemacht,“ ſagte er zu dem Manne, als daß wir ſie ſollten fahren laſſen.„Wer ſo denkt und ſpricht, wie ihr, der iſt mein Freund, deſſen Liebe möchte ich wohl mir erwerben und verdienen.“ Der Mann ergriff ſeine Hand und jagte; ethe habt in meinem Herzen ſchon ein Kapital auf guten Zin; 6 junger Mann, das dürft Ihr mir glauben. Mich fte ſolche Geſinnungen hier zu hören.“ die unterdeſſen das Thema — 109— „Die könnt Ihr wohl überall hören“— meinte der Jüngling. „Nicht überall, mein Sohn,“ ſagte der Holländer,„denn ſie haben nicht Alle den Muth, zu ſagen, was ſie denken, und wie Viele hängen den Mantel nach dem Winde, oder wiſſen nicht, was das ſchönſte Sprüchwort ſagt, das ich einſt in Deutſchland gehört, und zum Wahlſpruche meines Lebens gemacht habe:„Schwarzbrod und Freiheit!“ „Herrlich!“ rief der Jüngling—„das ſoll auch meines Lebens Wahlſpruch ſein:„Schwarzbrod und Freiheit!“ „Dann haben wir uns nicht zum letzten Male geſehen,“ ſagte Zener,„wie weit auseinander auch unſere Wege liegen mögen!“ Er ſtand auf, um ſich zu entfernen. „Euren Namen aber, bitte ich, ſagt mir, wenn ich Euch jemals wieder begegne, möchte ich keinem Fremden begegnen.“ „Ich bin Wilm van Strahlen, des Bürgermeiſters von Ant⸗ werpen Neffe.“ „Mein Name iſt De Ryk,“ verſetzte der Andere.„Noch hat er keinen guten Klang im Lande, aber die Zeit wird kommen, daß er ihn haben wird; wenn Spaniens Ketten gebrochen ſind, ſo iſt ſie da!“ Er hatte ſich bei dieſen Worten mit dem Bewußtſein des eißen Werths und der eignen Kraft ſtolz aufgerichtet, und ſchien in dieſer Stellung gar nicht mehr der zu ſein, noch ſo gleichgültig geſchienen. „So lebt wohl, Herr De Rhk, bis zu beſſern Tagen!“ ſprach Wilm, und ſchüttelte ſeine Hand. Der Holländer ging, und Wilm ſah ihm mit Achtung und herzlichem Wohlwollen nach, wie er ſich in dem Theile des Gartens verlor, der gegen die Dhle lag. 3 Der Jüngling begab ſich zur Geſellſchaft ſeiner Freunde zurück, aufgefaßt hatten, welches in dieſer Zeit der ausſchließliche Gegenſtand der Unterhaltung in den N n Alla's erzug gegen ihre Grenzen, ſeine Abſich d ß wurde mit Lebhaſtigkeit geführt, welcher vor Kurzem — 110— ſprach ſich in den Reden der Jünglinge Bitterkeit und Haß gegen Philipp II. aus, zumal der Mord an dem Marquis von Bergen und dem Baron Montigni den allgemeinen Abſcheu vermehrt, und die Nation ſattſam belehrt hatte, welche Maßregeln ſie von Alba zu erwarten habe. Während dieſer Unterredung trat Albert von Barlaimont mit einigen ſeiner gleichdenkenden Freunde in den Garten. Sie nahmen die Bänke an dem Tiſch ein, wo eben erſt der Holländer geſeſſen, und führten ein begonnenes Geſpräch fort, ohne auf Strahlen und ſeine Freunde zu achten. Albert von Barlaimont war ein kräftiger, gewandter Jüngling, der bereits längere Zeit am Hofe Carl's des Neunten von Frankreich gelebt, gegen die Hugenotten mitgefochten, und ganz jenen aus⸗ ſchweifenden Geiſt eingeathmet hatte, welcher dieſen Hof auszeichnete. Liebesabenteuer und Zweikämpfe und politiſches Ränkeſchmieden bildeten die Grundzüge des franzöſiſchen Hoflebens jener Zeit. In Erſteren war eine Sittenloſigkeit herrſchend geworden, die nichts Heiliges mehr kannte noch achtete. Die Zweikämpfe waren die tägliche Unterhaltung des Adels. Man hatte die Fechtkunſt völlig in Regeln, das Duelliren in ein Syſtem gebracht; in der Fechtkunſt den Ehrengrad eines Raffinirten erlangt, recht viele Gegner nieder⸗ geſtoßen zu haben, galt für die ehrenvollſte Auszeichnung. Dieſen Ruhm brachte Albert von Barlaimont, mit dem ren ausſchweifenden Lebens, mit nach Löwen. Er war kürzlich in Antwerpen geweſen, und klaſſiftzirte nun mit kecker, ſchonungsloſer Zunge Antwerpens Jungfrauen. „Keine hat mich mehr angezogen,“ fuhr er luſtig fort,„als Eliſabeth, des Bürgermeiſters Strahlen Töchterlein. Haſt du das Mädchen geſehen, Tyſſenacque?“ fragte er einen der jungen Männer ſeiner Geſellſchaft. „Ich kenne ſie als das ſchönſte, aber auch Gtiſe Mädchen Antwerpens,“ erwiederte dieſer. „Ha, ha, ha!“ lachte der Wüſtling,„züchtig die Mädchen alle vor den Augen der Welt — 111— vier Augen ändern die Sache. Da flimmern die Aeuglein, und dort flammen ſie; hier ſpricht der Mund heilige Wörtchen, dort gibt er die brennendſten Küſſe. Wenn du lernen willſt, wie man die Sprödeſte zu einem kirren Täubchen macht, dann komm zu mir.“ „Und auch Eliſabeth hätteſt du kirre gemacht?“ fragte ungläu⸗ . big Tyſſenacque.* „Pah!“ rief der Prahler,„das poppernde Herzchen verrieth ſchnell die Feſtung, ſchneller, als ich ſelbſt gedacht!“— Bei dieſen Worten fuhr eine männliche Fauſt mit ſolcher Gewalt auf Barlaimont's Scheitel herab, daß er urplötzlich hinter⸗ rücks zur Erde ſtürzte, und betäubt auf dem Raſen lag. 4 Von Strahlen's Hand war der Schlag gekommen. SE hate Barlaimont's ſchändliche Verläumdung und Prahlerei gehört. Fürch⸗ terlich war ſein Zorn aufgebrauſt, denn er liebte Eliſabeth treu, rein und innig, und ſein Glaube an ihre Reinheit war ſeines erzens höchſtes Gut. Da hörte er, wie der gute Ruf der Jung⸗ 6 frau geläſtert, ihre Unſchuld verdächtigt wurde, und er vermochte nicht mehr den Wallungen ſeines Zornes zu gebieten. Das Niederſtürzen Barlaimont's war das Signal des Aus⸗ bruchs einer wilden Rauferei. Plötzlich waren alle Klingen frei. Wildes Geſchrei erſchütterte die Luft. Die Hiebe und Stiche fielen hageldicht. Bald lagen Verwundete von beiden Seiten auf dem Raſen. Der Lärm im Garten zog mehr Studenten herbei von beiden Parteien; doch die Barlaimont's war die ſchwächere. Sie zog ſich fechtend zurück. Barlaimont hatte ſich indeſſen erholt. Schäumend ſuchte er Strahlen, den er endlich fand. Kaum waren die beiden Gegner eeinander gegenüber, als ihre Freunde einen Kreis um ſie bildeten, und ihre Waffen ruhen ließen. Der Zweikampf ward mit Erbit⸗ erung, ja von Barlaimont's Seite mit blinder Wuth geführt. Schon beim dritten Gange lag er in ſeinem Blute auf der Erde. getzt fielen ſeine Anhänger wieder wüthend die Freunde Wilm's Der Kampf zog ſich auf die Straße. Blitzſchnell durchflog pavon ganz Löwen. Immer mehrere nahmen Theil —— — 112— an dem Kampfe, der zuletzt allgemein wurde, und den blutigen Charakter eines Treffens annahm. Der Rektor der Univerſität, die Magiſter eilten herbei, flehten, ermahnten, drohten. Vergebens war aller Bemühen. Immer wilder tobte der Kampf. Leichen und Verwundete bedeckten den Ort. Erſt da, als eine Parthie Studenten ſelbſt mit den Magiſtern ſich ver⸗ band zur Herſtellung der Ordnung, gelang es, die ſtreitenden Par⸗ theien auseinander zu bringen. Erſt jetzt ſah man auch die Folgen dieſes unſeligen Haders. Biele waren mehr oder minder gefährlich verwundet, mehrere Todte deckten den Wahlplatz. Allgemeine Zerſtörung war in Löwen. Man befürchtete nicht ohne Grund einen neuen Ausbruch der Unordnun⸗ gen. Die Magiſter der Univerſität, mit dem Rektor an der Spitze, * vereinigten ſich mit den angeſehenſten Bürgern der Stadt und jenem Theile der Studenten, der ſich neutral in dieſem Kampfe gehalten hatte. Die Verwundeten, unter denen ſich auch Barlaimont befand, brachte man in Sicherheit und Pflege, die Todten ſchaffte man weg, und als die Nacht ſich über die Stadt lagerte, herrſchte eine dumpfe Stille in derſelben, die faſt einen neuen Sturm ahnen ließ. Die kräftigen Maßregeln des Rektors und des Gerichts Magiſter der vier Nationen erhielt jedoch die Ordnung. Man leitete eine Unterſuchung der Vorfälle ein. De Ryk, den ein Auftrag Oraniens, wegen ſeines Sohnes Sicherheit, nach Löwen geführt hatte, und der Albs Schritte beobachten beſtimmt war, hatte nicht ſobald den Waffentumult im obern Theile des Gartens vernommen, als er herzueilte, und gerade zu rechter Zeit kam, um Strahlen, von einem Kopfhiebe verwundet, niederfinken zu ſehen. Der Kampf zog ſich allmählig gegen die Thüre, welche auf die Straße führte, indem die Anhänger Barlaimont's ſich kämpfend zurückzogen. Unbemerkt nahte er ſich dem Jünglinge, der ihn ſo ſehr für ſich eingenommen. Er w 8 ohnmächtig. De Ryk lud ihn auf ſeine Schultern, und trug i tiefer hinab in den Garten, wo er ihn auf den Raſen legte .— 16— Ohne gerade gefährlich zu ſein, war ſie dennoch bedeutend . genug, um De Ryk Beſorgniſſe für den Jüngling einzuflößen, welcher ſeine Liebe ſich durch ſeine Geſinnung und Offenheit ſo ſchnell und ſo herzlich erworben hatte. Er dachte auf Hülfe. Die nahende Kühle des Abends durfte leicht einen nachtheiligen Einfluß auf die Wunde äußern. De Ryk hatte ſie bereits ausgewaſchen, mit Waſſer aus der Dyle, und nahm nun den Jüngling auf ſeine Schultern, um ihn ſicherer und bequemer auf einer Raſenbank zu betten, welche er unfern von dem Orte ſah. Dort band er noch ein Tuch um die Wunde, und wollte in die Stadt eilen, als Wilm die Augen aufſchlug, ſich ſchnell erheben wollte, aber ermattet wieder zurückſank. Er ſah ſich verwirrt um. De Ryk rief ihm die Auftritte ins Andenken, und bat ihn dringendſt, ſich ruhig zu verhalten, bis er würde mit Hülfe zurückgekehrt ſein, um ihn nach ſeinem Quartiere zu tragen. Er verließ nun den Verwundeten, und begab ſich in die Stadt, wo es unterdeſſen ruhiger geworden war. Der wilde Kampf der Partheien hatte ſich gelegt. Die meiſten Studenten waren in ihre Wohnungen gegangen; Viele aber ſtanden auch noch gruppenweiſe auf den freien Plätzen und Straßen. Zum Glück erkannte De Ryk einen von den Jünglingen, die erſt vor Kurzem ſo frendig mit ihm angeſtoßen hatten, und theilte ihm Strahlen's Lage mit. Sogleich ſorgten die Freunde des Ver wundeten für eine Tragbahre, mit welcher ſie De Rhk folgten, der bereits wieder nach dem Garten zurückgekehrt war. Man lud nun Wilm auf dieſe Bahre, und trug ihn mit ſorglicher Schonung in ſein Quartier„wo ein Wundarzt herbeigeholt und des Jünglings Wunde gehörig verbunden wurde. De Ryk wich nicht von ſeinem Bett. Er bewies Strahlen die aufopferndſte Freundſchaft. Durch ſeine ſorgfältige Pflege, die ärztliche Behandlung, mehr aber noch durch die Jugendkraft und Geſunpheit, ging es mit Wilm's Herſtellung über Erwarten günſtig. Per Graf von Barlaimont, den die Statthalterin beauftragte, ——— ————— X — 114— — den Herzog von Alba an der Grenze der Niederlande zu empfangen, eilte auf die Nachricht von ſeines Sohnes Unglück in Perſon nach Löwen, wo er dieſen an dem Stiche Strahlen's, wenn auch nicht tödtlich, dennoch aber hart darniederliegend, fand. Des Grafen wilder, jähzorniger Charakter ließ für Strahlen die bedenklichſten Folgen fürchten, zumal ſein Oheim und Pflegevater, der Bürger⸗ meiſter van Strahlen, in Antwerpen, ſich weder der Gunſt Barlai⸗ mont's, noch der Margarethen's von Parma zu erfreuen hatte. Wirklich drang er auf eine ſtrenge Unterſuchung und Beſtrafung, ſowohl jenes Aufruhrs ſelbſt, als der Verwundung ſeines Sohnes. Der Rektor, ein Mann, deſſen Charakter jener Feſtigkeit entbehrte, nm auf die Freiheiten der Hochſchule ſich ſtützend, vor dem Gerichte der Nationen der Univerſität die Beſtrafung der Schuldigen zu behaupten, ließ ſich von Barlaimont einſchüchtern, und ergab ſich darein, als Barlaimont einen Befehl der Statthalterin vorwies, die Schuldigen den weltlichen Gerichten zu überliefern. Die Unterſuchung, welche bereits eingeleitet worden war, deren Milde und Schonung aber bei dem Geiſte, der unter Löwens Schülern herrſchte, Barlaimont befürchten mochte, wurde auf ſein Anregen mit größerer Strenge verfolgt, und das Reſultat der angeſtellten Verhöre war, daß van Strahlen, ſobald er nothdürftig hergeſtellt war, in gefängliche, enge Haft geſetzt und De Ryl's Umgang, der ſich für einen Verwandten von ihm ausgegeben, ſtreng unter⸗ ſagt wurde. 3 6 Man hatte bei dieſem Verfahren nicht gehörig erwogen, welchen Eindruck es auf die Jünglinge machen mußte, deren freier, auf die Freiheiten der Hochſchule ſich ſtützender Sinn eine ſolche despotiſche Behandlung nicht dulden mochte; noch weniger aber, daß der Funken, der noch vor Kurzem zu ſo lichter Flamme aufge⸗ lodert war, nur unter der Aſche glomm. Man hatte es außer Acht gelaſſen, wie die Partheilichkeit für den mächtigen eit von Barlaimont, deſſen Sohn ſo viel Schuld trug, als Strahlen auch, die Jünglinge empören mußte; hatte vergeſſen, in welchem Ahſehen ———————— Jünglinge genoß, daß ein ihm zugefügtes Unrecht, als ein gegen Alle begangenes, angeſehen werden würde. Kaum verbreitete ſich die Kunde von Wilm's Verhaftung unter den Studenten, als auch ſchon wieder der alte Geiſt ſich regte; rottenweiſe ſah man ſie verſammelt; Einzelne haranguirten die Menge, ſetzten das Verhältniß in helleres Licht, und riefen zum thätigen Einſchreiten auf. Ze näher die Nacht kam, je lauter, kühner, drohender die Jünglinge ihre Abſicht ausſprachen, den Gefangenen zu befreien. Da keine Truppen ſich in der Stadt befanden, ſo bot Barlaimont die Bürger auf, das Gefängniß bewaffnet zu ſchützen; allein hier hatte ſich der Graf verrechnet. Die Bürger weigerten den Gehorſam, da ſie nicht gegen die Glieder der Univerſität ſtreiten dürften. Der Eilbote, den Barlai⸗ mont nach Brüſſel abgefertigt, dort bewaffnete Hülfe zu holen, wurde, als er bei nahender Dämmerung aus den Thoren ritt, von den Studenten aufgehoben. Die ganze Stadt war in Unruhe und Gährung— die mit jeder Stunde wuchs, und gegen zehn Uhr des Abends eine Höhe erreicht hatte, die den Ausbruch roher Gewalt nicht lange erwarten ließ. Mit fürchterlichem Ingrimm, ohnmächtig der gewaltſamen Selbſthülfe der Jünglinge zuſehen zu müſſen, vernahm Barlaimont, wie ſie drohend nach dem Gefängniſſe zogen, und Strahlen trium⸗ phirend herausführten, und dann ſich wieder in ihre Wohnungen begaben. Unerwarteter aber war ihre Handlungsweiſe am kommen⸗ den Morgen. Schaaren von Studirenden verließen Löwen, um in Paris, Prag, oder Bologna ihre Studien fortzuſetzen, und mit . Trauer ſahen Löwens Magiſter, mehr aber noch die Bürger der Stadt, den Verluſt der Univerſität, der den ihren im unmittelbaren Gefolge hatte. 8 Mitten im dickſten Haufen der Studenten, die nach dem ſe ſtürmten, ſah man im ſchwachen Lichte des Mondes einen Mann, der in einen dunkeln, weiten Mantel gehüllt war, Antlitz ein breitkrempiger Hut verdeckte. Kaum war die e des Gefängniſſes geſprengt, und Wilm heraus eführt, als er dieſen bei der Hand faßte, ihm den Mantel überwarf, den Hut in die Stirn drückte und ihm ins Ohr raunte:„Geht vor das Brüſſeler Thor und erwartet mich dort!“— Sdtrahlen folgte dem Befehl. Unangefochten ging er durch die Straßen, die voll Bürger ſtanden. Niemand achtete auf ihn, da er nichts von der Kleidung eines Studenten an ſich trug. Er kam vor das Thor, und ſetzte ſich auf einen Baum, der dort lag. Die Einſamkeit, die Stille der Nacht, die ihn hier, nach dem wilden Lärm, dem er eben erſt entronnen war, umgab, verſenkte des Jünglings Gemüth in ernſtes Sinnen. Die Auftritte der jüngſten Vergangenheit gingen an ſeinem Geiſte vorüber. Die ſelt⸗ ſame Lage, in die er ſich jetzt verſetzt ſah, das zweideutige Licht, in welchem ſie ſeinem geliebten Pflegevater erſcheinen, oder darge⸗ ſtellt werden konnten, der Schatten, den ſie in Eliſabeth's Augen auf ſeinen Charakter, ſein Leben in Löwen werfen mußten, beun⸗ ruhigten ihn ſehr. Ein kräftiger Schlag auf ſeine Schulter weckte ihn aus ſeinem Nachdenken auf.„Zetzt iſt nicht Zeit zum Nachdenken,“ rief ihm De Rhk ins Ohr—„handeln müſſen wir, wenn nicht die Reue hintendrein kommen ſoll!— Darum laßt uns nicht unnütz die Zeit vergenden. Habt Ihr die Pferde geſehen?—“ „Ich habe nichts geſehen,“ ſagte nicht ohne Erſtaunen Wilm. Ein greller Pfiff ſchnitt durch Wilm's Ohr. r wurde in einiger Entfernung beantwortet. Schnell ergriff De Ryk Wilm's Hand, und zog ihn nach der Gegend hin, wo ſein Zeichen beantwortet worden war. Sie fanden zwei ſtattliche Roſſe daſelbſt, die ein Mann hielt. De Ryk flüſterte ihm etwas ins Ohr, was jener mit einem Nicken des Kopfes beantwortete; dann nahm De Ryk Kleidungs⸗ ſtücke aus einem daliegenden Bündel, und reichte ſie Wilm, der ihn fragend anſah. „Zieht Ihr es etwa vor, nach Löwen ins Gefängniß z zukehren?“ ſac lächelnd De Ryk,„dann fahrt ire Ich dächte,“ ſetzte er hinzu,„Ihr beſen ſäumigen Weiſe for ne — 117 Euch ein andermal, und vertauſchtet jetzt Euren ſchmucken Studen⸗ tenanzug mit dieſem ehrbaren Kleide, das Euch übrigens nicht ſchlechter kleiden wird, als das Eurige auch, etwas jugendlichen Schnak abgerechnet!“ F Wilm ſah das Richtige dieſer Ermahnungen ein. Die Weiſe, mit welcher ihn der Mann behandelte, die Vorgänge der letzten Nacht— alles wirkte zuſammen, ihn zu einem faſt willenloſen Werkzeuge in De Ryk's Händen zu machen. Er ſputete ſich nun, und bald ſtand er und De Ryhk, der indeſſen auch ſich umgekleidet hatte, in faſt gleichen Anzügen da. „Nun biſt du mein Sohn, Wilm,“ ſagte lachend De Rhk, „und wir Beide heißen Simonsſohn, und ſind fürs Erſte— Korn⸗ händler von Amſterdam, bis es uns beliebt, Namen und Gewerbe, Gewand und Sprache zu wechſeln!“ Der Mann, welcher die Zügel der Roſſe gehalten, raffte die abgelegten Kleidungsſtücke zuſammen, und ſchnürte ſie zu einem Bündel, das er um ſeinen Nacken hing, und ergriff einen großen Stab, der im Graſe lag. Grüße mir den Prinzen, rief ihm De Ryk zu, und ſchwang ſich aufs Roß. Wilm folgte dem Beiſpiel ſeines Begleiters, und bald jagten die ſchnaubenden Roſſe mit ihnen in die Nacht hinein. de ſtand noch eine Weile horchend da, bis der Hufſchlag der Roſſe in der Ferne verhallt war; dann horchte er, ob es gegen das Thor der Stadt ſtille ſei, und ſtreckte ſich dann auf der Raſen hin, wo er ruhig einſchlief, bis er, als der Tag zu grauenſpegann, erwachte, und als ein Reiſender, ohne bemerkt 54 werden, ſin die Stadt hineinging. H. Der Rundſchafter. inem der ſchönſten Gehzude am Markte zu Antwerpen ann an einem der großen Fenſter, und blickte ernſt in das Gewühl betriebſamer Menſchen, das unten guf — 118— dem Markte herrſchte. Es war ein angehender Sechziger, der aber für ſein Alter noch immer ſehr rüſtig und kräftig war; ja, hätte nicht des Lebens Winter ſeinen Schnee auf das Haupt gelegt, man hätte ihn noch für einen ſtarken Vierziger halten mögen. Ein in hohem Grad einfaches, aber dennoch koſtbares, ſchwarzes Kleid trug der Mann. Den kahlen Scheitel deckte ein kleines Baret von gleicher Farbe. Der Ausdruck des Geſichtes war ſanft und freund⸗ lich, obwohl das große dunkle Ange auch verrieth, daß es fähig, in leidenſchaftlicher Erregung zu flammen. Der ſonſt ſo heitre Ausdruck ſeiner Züge war heute ernſt, ja düſter, und die Stirne lag in ſorgenvollen Falten. Bisweilen ſah das Auge ſtarr und feſt in das Menſchengewoge des Marktes, wo jeder eifrig ſeinem Verdienſt und Gewinne nachjagte, als erwarte es Jemanden. Dann trug das ſchöne Geſicht den Ausdruck angeſtrengter Aufmerkſamkeit und Spannung— bald aber, wenn er ſich getäuſcht, kehrte der frühere Charakter zurück, nur um ein ſchmerzliches Zuſammenziehen des Mundes vermehrt.. Es war der Bürgermeiſter der Stadt Antwerpen, van Strah⸗ len, ein Mann, deſſen edlen Charakter und biedre, freie Denkart Hranien ſeit langen Jahren ſchätzen gelernt, der aber darum nicht von denen geliebt war, die es mit dem Hofe hielten. Die Edelſten der Nation waren ſeine Freunde, und Antwerpens Bürherſchaft ver⸗ ehrte in ihm den patriotiſchen Bürger, den freigebigen Unterſtützer uützlicher und wohlthätiger Anſtalten, den ſtreng rechtlithen Ver⸗ walter, den partheiloſen Richter in ſtreitigen Punkten, den znermüdet thätigen, den Flor des Handels fördernden Handelsher Zwar warf man ihm vor, und insbeſondere thaten das die tholiken, er ſei ein Anhänger der Glaubensneuerungen, ein Feind Inqui⸗ ſition, der Plakate, ja geradezu ein Feind Spaniens habe bei der Unterſuchung der Bilderſtürmerei in Antwerp W zu milde gehandelt und manchen Strafwürdigen ſtraflos chen laſſen; allein man erkühnte ſich doch nicht, dieſe Beſchu gen laut auszuſprechen, da das überwiegend viele Gute i ſeine und Handlungsweiſe ſelbſt ſeinen Feinden Achrung a — 119— Schon lange hatte Strahlen in der Stellung am Fenſter ver⸗ harrt. Der Erwartete kam noch nicht. Er trat vom Fenſter zurück, und ging mit gefalteten Händen und geſenktem Haupt in dem Zimmer auf und nieder. Wilm! Wilm! ſprach er dann leiſe, und in weichem, weh⸗ müthigem Tone vor ſich hin, Sohn meines einzigen Bruders, treues Ebenbild meines geliebten Cornelins, den ich zu frühe verlor, mußt denn auch du den Kummer häufen, der mich drückt? Mußteſt denn auch du meine ſchönen Pläne durchkreuzen? Mußte ich denn auch von dir Undank erndten für die Liebe, mit der ich dich, die vater⸗ und mutterloſe Waiſe, an mein Herz nahm, die mich ſo Vieles von dir hoffen, mich glauben ließ, du ſeiſt mein Kind?—— O, wie hatte ich mir das Bild meines Lebensabends ſo ſchön gedacht, wenn ich dich mir im Geiſte als Gatten meiner Eliſabeth, als Erben meiner Habe, als Stammhalter meines Namens und Geſchlechtes ſah, und deine und ihre Sprößlinge auf meinen wanken⸗ den Knieen zu ſchaukeln hoffte!— Und nun iſt das Bild zerronnen, das ſchöne Bild, das mich ſo oft beglückt, das alle meine Sorgen ſcheuchte, meine trübſten Stunden erheiterte, alle meine Mühen mir verſüßte! Er ging raſcher auf und nieder. Plötzlich blieb ey ſtehen, hob das Haupt empor, und ein Strahl von Heiterkeit, wie der letzte klare Sonnenblick auf die dämmernde Gegend fällt, verklärte ſeine Warum doch glaube ich ſo leicht dem Gerüchte? Warum über⸗ rede ich mich von der Verworfenheit eines Herzens, deſſen ſchöne Blüthen ſich unter meinen Augen entwickelten? Warum verdamme ich ihn, ehe ich genaue Kunde habe? Nein, ſagte er, meines Cor⸗ nelius Sohn, der ſeine Züge trägt, konnte ſo tief nicht fallen! Jan wird mir beſſere Nachrichten bringen. Gewiß, er wird es; er hat ihn ja ſo lieb, und ſeine Treue habe ich ja erprobt. Er iſt mit ihm aufgewachſen! Wo er aber auch ſo unerträglich lange weilen mag, da er doch meine Sehnſucht kennt?— Strahlen war, von Unruhe gefoltert, wieder an das Fenſter n und verfiel in ein dumpfes Hinbriten. Die Schickſale — 120— ſeines Neffen in Löwen, die verruchten Handlungen, die man ihm Schuld gab— ſie verwoben ſich in ſeinem Geiſte zu einem Ganzen mit den traurigen Ausſichten, die das Vaterland hatte, bei Alba's Annäherung, und traurige Ahnungen, in Bezug auf ihn ſelbſt und ſeine Familie, geſellten ſich dazu Er bemerkte es darum auch nicht, daß leiſe die Thüre ſich hinter ihm öffnete, und ein junger Mann, faft ſchleichend, wie eine falſche Katze, herein trat. Das Geſicht des jungen Mannes hätte man regelmäßig ſchön nennen können, wenn nicht etwas Verſtecktes, Falſches und Heuchleriſches darin gelegen hätte, deſſen unangenehme Wirkung jeden andern Eindruck verſcheuchte. Er ſchien indeſſen vollkommen Herr ſeiner Phyſiognomie zu ſein, denn eine ſchlaue Freude leuchtete aus ſeinem irrenden Auge, und das Bewußtſein einer gelungenen Unthat ſtand mit einer Teufelsfreude in ſeinen Zügen geſchrieben, als er die Thüre öffnete; bei dem Erblicken van Strahlen's jedoch nahm das Geſicht ſchnell den Ausdruck tiefen Schmerzes und aufrichtiger Trauer an. Ein Blick, den er hinter des Andern Rücken in einen großen Spiegel warf, der in goldenem Rahmen die Wand zierte, mochte ihm zu ſeiner Zufriedenheit ſagen, es ſei gut ſo, wenigſtens ſchien er nichts zu ändern zu haben. Seine Kleidung trug die Spuren einer Ziemlich langen Reiſe. Es war Jan van der Does, des Bürgermeiſters n⸗ von Seiten ſeiner Gattin, der, faſt von gleichem Alter mit Wilm van Strahlen, gleichzeitig mit ihm, durch einen Schiffbruch, den eins der Schiffe der Maskopei van Strahlen und van der Does in der Bai von Biskaja erlitten, zur Waiſe geworden war, da beider Väter ſich auf jenem Schiffe befanden, und beide in den Wellen umkamen. Beide Knaben hatte Strahlen zu ſich genommen und erzogen. van der Does hatte ſich dem Handelsſtande gewidmet, und bisher faſt allein des Oheims Handelsgeſchäfte geleitet, und viele Reiſen gemacht, war in Spanien und Frankreich geweſen, und ſprach beider Länder Sprachen rein und geläufig, wie die die eigne füg — 121— dem Grade erwerben, wie ſie Wilm beſaß, der ſich nicht einmal darum zu bemühen ſchien. Die niederſchlagenden Nachrichten, die von Löwen über Wilm eingegangen waren, hatten den Oheim, der 5 ſelbſt ſich nicht entfernen konnte, bewogen, Jan zur Erkundigung dorthin zu ſenden. Er war jetzt eben zurückgekehrt. Ein Geräuſch, das er machte, verkündete dem Oheim ſeine Nähe. Dieſer fuhr herum, und ſo ſehnſüchtig er ihn auch erwartet hatte, ſo erſchrack er doch plötzlich vor dem Gedanken, die niederſchlagende Wahrheit zu vernehmen. „Biſt du endlich da, Jan!“ rief Strahlen.„Ich habe dich mit Sehnſucht erwartet. Die Ungewißheit iſt in ſolchen Fällen ſchrecklich, wie die Folter der Inquiſition. Wie ſteht es um Wilm? Iſt er gefährlich verwundet? Sprich!“ „Vergebt vorerſt, Herr Oheim,“ begann der Neffe,„daß ich in meinen Reiſekleidern, von Schmutz und Staub bedeckt, zu Euch hereintrete. Ich dachte mir, daß Ihr mit eben der bangen Sorge mich erwartetet, mit der ich nach Löwen flog.“ L „Laß das, guter Jan,“ ſagte van Strahlen, indem er zu ihm trat,„ich kenne dein Herz ja. Sage mir nur ſchnell, iſt Wilm gefährlich verwundet?“— „Ich danke Gott,“ begann Jan,„daß ich Euch von dieſer Seite nur eine gute Botſchaft bringen kann. Wilm iſt von ſeiner Wunde, wie ich vernahm, vollkommen geheilt.“ „Wie du vernahmſt? Jan, um Gotteswillen, ſahſt du ihn ich Weil er nicht mehr in Löwen war.“ „O, dann iſt er vielleicht auf der Reiſe hierher, und ihr verfehltet euch!“ rief er frendig aus. „Freuet Euch nicht umſonſt, theurer Oheim,“ ſprach Jan. 6„Wilm iſt ſchon ſeit acht Tagen nicht mehr in Löwen— weil er— 4 von der Univerſität verwieſen und verjagt iſt, und ſich mit einem Menſchen entfernt hat, deſſen Charakter von der zweidentigſten Art iſt! Wollte Gott,“ fuhr er fort, als Strahlen ſich erbleichend an einem Stuhle hielt,„ich könnte, ich dürfte Euch verſchweigen, was „ * 122 mir die bittere Pflicht auferlegt, Euch mitzutheilen; weiß ich ja doch, wie Ihr uns mit Vaterliebe umfaßt, und wie wehe es Euch thun muß, Euch in Wilm ſo bitter getäuſcht zu haben!“ „Laß das!“ ſagte Strahlen, tief aufſeufzend,„und träufle nicht langſam das Gift in den Becher, gib es auf einmal, gib es ſchnell!“ „So muß ich denn!“ ſeufzte Jan, und hob an:„Um die ſicherſte Kunde zu erlangen, begab ich mich in Wilm's Wohnung. Das Collegium war faſt leer. Nur etliche Brabanter wohnten noch drinnen. Sie waren Freunde von Wilm geweſen, und erzählten mir, daß Wilm von einem unruhigen Geiſte beſeelt, mit Abſichten umgegangen ſei, die nichts Geringeres bezweckt hätten, als Aufruhr und Aufrichtung eines dem Geuſenbunde ähnlichen Bundes. In dieſen ſchwindelnden Plänen habe ihn ein Menſch beſtärkt, der ſich längſt in Löwen aus unbekannten Gründen aufgehalten, der aber Wilm's Leichtgläubigkeit gemißbraucht habe, da er urſprünglich ein Spion Alba's ſei, der darum nur ſich mit den offenherzigen Jüng⸗ lingen eingelaſſen, um durch ſie in die geheime Denkart der erſten Familien des Vaterlandes zu dringen. Seit Wilm mit dem Ver⸗ ruchten umging, war ſein Wandel immer ſchlimmer geworden. Seine Studien verſäumte er ſtets, um ſeine Zeit in den Schenk⸗ ſtuben zuzubringen. Eines Tags nun, wo Wilm an einem öffent⸗ lichen Orte ſich befand, entſpann ſich zwiſchen ihm und Albert von Barlaimont ein heftiger Streit, und jener Unbekannte ſchürte luſtig die flackernde Flamme, bis“— „Barlaimont?— Und was war fragte bleich van Strahlen. „Eine Dirne— theurer Oheim— eine Metze der verwor⸗ Ifenſten Art, mit der Wilm in faſt öffentlichem Umgange lebte— Barlaimont wurde beinahe das Opfer dieſes Streites— denn Wilm zog ſeinen Degen, und durchſtieß Barlaimont's Bruſt, der heute noch nicht der Gefahr ganz entronnen iſt.“ „Gott! Gott!“ rief Strahlen, und ſeine Hände falteten ſich und die Thräne des unendlichen Schmerzes eines liebenden des Streites Urſache?“— „ „ „ — 123— um das moraliſch verlorne Kind, rannen über des Greiſes bleiche Wangen. „Der Graf Barlaimont,“ fuhr Jan fort,„kam gerade nach Löwen, auf ſeiner Reiſe nach der Grenze, dort Alba im Namen der Statthalterin zu begrüßen. Wie er wüthete gegen den Mörder ſeines Sohnes, könnt ihr wohl begreifen. Der unglückliche Wilm wurde nun in die ſtrengſte Haft genommen, aber ſein Complott erbrach das Gefängniß, Wilm folgte ihnen, beſchimpfte den Rektor, Barlaimont und alle Magiſter der Univerſität, und verließ dann mit den meiſten Studenten, die ſeiner Art waren, die Univerſität. Jener Spion Alba's, ſagt man, habe ihn mit ſich genommen, um ihn, dem die Rückkehr zu Euch durch ſeine Verworfenheit nicht mehr vffen ſteht, ganz in ſein verruchtes Treiben hineinzuziehen. Grenzenlos iſt der Nachtheil, den durch Wilm's Thun Stadt und Univerſität erlitten hat. Der Namen van Strahlen hat einen Schandfleck erhalten, der ſchwer zu tilgen iſt!“— Jan ſchwieg. Ein lauernder, verſtohlner Blick beobachtete den Oheim und die Wirkung, welche die ſchreckliche Botſchaft auf ihn gemacht. Der alte Mann ſaß im tiefſten Schmerze verſunken. Er wär völlig zerknirſcht. Sein Haupt ruhte in ſeiner Hand, die ſich auf das Knie ſtützte, und langſam rann eine Thräne nach der andern auf die Erde. Jan erwartete, daß er ſein Haupt jetzt erhübe. Er preßte ſchnell einigemale die Augen zu, und alsbald rollten auch ſeine Thränen. Wirklich richtete ſich Strahlen, als Jan van der Dyes ſchwieg, empor.„Wie iſt es möglich!“ rief er mit bebender Stimme,„daß ein Herz, wie das Wilm's, ſo tief fallen, ſo rettungslos ſinken konnte?“— „O, das habe ich mich im tiefen Schmerze ſchon tauſendmal gefragt,“ verſetzte in gleichem bewegtem Tone Jan,„und konnte es nicht begreifen, wie es Euer väterliches Herz nicht begreifen kann; aber war nicht gerade ein ſo offenes, argloſes Herz am Erſten den Netzen der heilloſeſten Verführung ausgeſetzt? Und Wilm dieſe Stricke, und ging ſittlich unter“ — 124— „Armer, armer Wilm!“ ſeufzte der Greis.„War denn kein rettender Schutzgeiſt dir nahe?— Als Opfer der Verführung iſt er gefallen— o, ſo iſt doch noch Rettung möglich!“— „Wohl hoffte ich das auch,“ fuhr Jan fort—„aber— ich mußte leider auch daran zweifeln lernen, mußte dem entſetzlichen Glauben mich hingeben, daß auch Wilm's Gemüth die Keime der ſchrecklichſten Laſter in ſich trug, daß es nur der Veranlaſſung bedurfte, um ſie zum Leben zu wecken. Das war mir das Schreck⸗ lichſte, daß Wilm als Heuchler uns Alle getäuſcht.“ „Menſch!“ rief van Strahlen, und ſprang, einem Raſenden gleich, auf,„Menſch, du lügſt!“ Jan erbleichte; aber ſchnell faßte er ſich.„Theurer Oheim,“ ſeufzte er,„verkennet mich nicht! Wohl muß ich es bejammern, daß ich gerade der Unglücksrabe ſein muß; doch hört, um die Wahrheit ganz zu erkennen: Einer dieſer Brabänter— Verſchaalen iſt ſein Name, war Ohrenzeuge, wie Wilm Euch— ſeinen väter⸗ lichen Wohlthäter— verrieth, die furchtbarſten Lügen mit entſetz⸗ licher Frechheit ausſagte.— Ihr, erzählte er ihm, unterhieltet Verbindungen mit Oranien, Ihr ſeiet einer der eifrigſten Anhänger des Geuſenbundes geweſen, Ihr hättet, als Oranien auf Befehl der Statthalterin Antwerpen verließ, die Bilderſtürmerei nicht nur nicht unterdrückt, ſondern ſelbſt durch die Halbheit Eurer Maßregeln geförbert, dem Pöbel Muth eingeflößt, den Willen der Kräftigſten des Rathes der Stadt gelähmt, dann zuletzt, als die Furcht vor der gerechten Ahndung Euch zum Handeln getrieben, die gröbſten Verbrecher entfliehen laſſen, namentlich einen gewiſſen De Rhk, der das Volk zu den ausſchweifendſten Thaten gereizt.“— van Strahlen ſank, einer Ohnmacht nahe, in den Suhl zurück. Er bedeckte beide Augen mit den Händen, und ſaß eine Weile ſo in tiefem Schmerze verſunken da. Sel aber ſprang er auf und verließ das Gemach. Jan van der Does ſah ihm nach mit dem Hohnlächeln eines vollendeten Teufels. Noch tiefer, rief er jetzt aus, will ich d Stachel in dein Herz drücken; allmählig ſoll ein ätzender ro — 125— nach dem andern hinein geträufelt werden, bis jede Spur von des Verhaßten Bild auf ſeinem Grunde weggetilgt iſt!— Er rieb ſich frohlockend die Hände. So räche ich meine Hintanſetzung, du alter Graukopf! fuhr er in ſeinem Monologe fort, ſo räche ich mich, und vielleicht noch härter an dir und an Eliſabeth's Herzen, die meine Liebe von ſich ſtieß! O, ſie iſt ſüß, die Rache, die man ſich ſelbſt gewährt!— Diesmal war der Zufall mir günſtiger und die Laune eines Dummkopfs, als ich es zu hoffen gewagt. Ich hoffe, Eliſa⸗ beth und— ihr Gold— o welches Ziel, welche Ausſicht! An dieſes Ziel muß ich gelangen, und— wenn mein Weg über Gräber geht!— Er vernahm Tritte in einem anſtoßenden Gemach, und verließ ſchnell dasjenige, worin er ſich befunden, unt ſich unzukleiden. Es war van Strahlen, der hereintrat. Nirgends fand er Ruhe. Sein Frieden war von ihm gewichen— ſein Herz zerriſſen. Er hatte oft die ſchrecklichen Früchte der Täuſchung und des Undanks einzuſammeln Gelegenheit gehabt in ſeinem vielbewegten Leben, aber nie hatte dieſe häufige Erfahrung des Lebens ſo ſeines ganzen Glückes Grundfeſten erſchüttert, wie jetzt. Wilm war ſein Liebling — er beſaß ſein ganzes Herz. Tief und unheilbar verwundete dieſer entſetzliche Schlag ſein Inneres. Es war ihm bisweilen unglaublich, was Jan berichtet, indeſſen ſtimmte es genau im Allge⸗ meinen mit dem zuſammen, was Briefe von Löwen ihm gemeldet hatten, und die Einzelheiten, die Jan angab, waren ſo beſtimmt, ja die Nachrichten über Strahlen ſelbſt konnte Niemand, als Wilm ſo genau wiſſen, der in jedes Geheimniß der Familie eingeweiht war, während Jan, den die Tante ſelbſt nicht liebte, entfernter ſtand. Zudem hatte Jan ſich durch ſeine Thätigkeit, Treue und glückliche Speculationen ſehr in die Gunſt des Oheims einzu⸗ ſchmeicheln gewußt, daher van Strahlen ihm dann auch ein unbe⸗ dingtes Vertrauen ſchenkte, und auch hier— ſo ſehr ſich ſein Herz dagegen ſträuben mochte, vollen Glauben beimaß. Dachte Strahlen an Eliſabeth und ihre heilige und treue Liebe zu Wilm, dachte er, wie die Nachrichten ihr Herz zerreißen müßten, ———————— — 126— wie nun der ganze Himmel ſeines ſtillen häuslichen Glückes mit einem Mal einzuſtürzen drohte, dann wünſchte er heiß und ſehnlich, daß er dieſe Stunde nicht erlebt hätte. Er wollte zu ſeinem Weibe, zu Eliſabeth; aber er fühlte ſich in dieſem wilden Aufruhre ſeiner Gefühle noch unfähig, ſanft und allmählig ihnen die entſetzliche Nachricht mitzutheilen. Er ergriff ſeinen Hut, um im Freien vielleicht Faſſung zu gewinnen. Einige Stunden irrte van Strahlen in der Umgebung Ant⸗ werpens und in ſeinem Garten umher, wo Eliſabeth's ſeltene Blumen blühten, die Wilm mit ihr gepflanzt und gepflegt. Ihr Anblick rief ihm ſein zerſtörtes Glück wieder in das Andenken. Mühſam gelang es ihm, ſo viel Faſſung zu gewinnen, zu Gattin und Kind zu gehen, um ſie auf ſchonende Weiſe von den ſchreck⸗ lichen Ereigniſſen in Kenntniß zu ſetzen. Er trat in der Gattin Gemach. Eliſabeth wußte noch nichts von den Begebenheiten in Löwen, als er am Morgen ſie verlaſſen hatte. Der Vater mochte nicht das frohe Gemüth des harmloſen Mädchens trüben, ſo lange er nicht volle Gewißheit hatte, und dieſe hoffte er ja bis zu Jan's Rückkehr vom Gegentheile zu erhalten. Es koſtete ihn unausſprech⸗ liche Anſtrengung, die ruhige Stimmung zu erkünſteln. Darum war er unter dem Vorwande unaufſchieblicher Geſchifie nicht bei Tiſch erſchienen. Auch jetzt hatte er vorausgeſetzt, Eliſabeth noch ganz unbekannt mit dem, was ſo ſchwer auf ſeinem Herzen lag, zu finden. Dem war nicht ſo. Die Schlange, die er an ſeinem Buſen genährt, war auch ſchon in dieſes Paradies geſchlichen und hatte ſeine Blüthen vergiftet. Bleich, wie der Tod, mit thränenloſem Ange, völlig entkräftet, lag das ſonſt ſo blühende Mädchen am Buſen der Mutter, deren Thränen unaufhörlich rannen. Als der Vater hereintrat, richtete ſich Eliſabeth auf. Ein ſchmerzliches Lächeln glitt ſchnell und ſpurlos über die todtbleichen Züge. Sie reichte ſtumm dem Vater die Hand. — 127— „Iſt es denn gewiß wahr?“— fragte ſie nach einer langen Pauſe;„Vater, täuſchte, betrog uns Jan nicht? Ach, es iſt ſo ſchrecklich!“— ₰ Der Vater beugte ſich über das geliebte Kind, und drückte es an ſein Herz. Antworten konnte er nicht, denn ſeine Lißpe bebte, ſein ganzer Körper zitterte. Er wollte den Ausbruch ſeines Gefühles gewaltſam zurück halten, aber— er vermochte es nicht. Eliſabeth ſah ihn an. Sie fragte nicht mehr. Aber in ihrem Blicke lag der Schmerz des Todes NSie legte das Haupt wieder an der Mutter Bruſt, und fiel in eine Art krampfhafter Erſtarrung. Mit einem lauten Schrei hob die Mutter das Haupt Eliſabeth's empor. Sie war kalt und ſtarr.— Auf der Mutter Wehruf ſtürzten die Diener, ſtürzte Jan herein. van Strahlen ſagte ihm nichts, wie er ſo bleich vor der Lebloſen auf ſeinen Knieen lag, und ihre Hand an ſeine Lippen drückte; aber in ſeinem Auge konnte der Verworfene den harten Vorwurf leſen. Der Arzt kam. Was die Kunſt vermochte, wandte er an, Eliſabeth in das Leben zurückzurufen; aber der Tag ſchied und der Abend kam, und immer blieben ſeine Verſuche erfolglos. Erſt gegen Mitternacht kehrte Leben und Bewußtſein zurück; doch ein heftiges Fieber wühlte in des Mädchens Adern. Die Bruſt war zum Zerſpringen beengt. Gegen Morgen begannen wilde Phanta⸗ ſieen ſich einzuſtellen. Jan wich nicht von ihrem Bett. Er ſchien der Schmerz, die Reue ſelbſt zu ſein— und dann wieder die geduldige, aufopfernde Liebe. So gewann er wieder des Vaters Gewogenheit. Aber in ſeinem Herzen war keine Reue. Wohlberechnete Ueberlegung war es von ihm, daß er nach des Vaters Entfernung zu Eliſabeth geeilt war, ihr Alles, wo möglich, in noch ſtärkern Farben auszumalen, was Nachtheiliges von Wilm er bereits dem Vater mitgetheilt. Die Liebe zu Wilm wollte er mit der Wurzel aus dem Herzen herausreißen; dann, hoffte er, würde ſich ihr Herz zu ihm neigen, und ſie, kirre gemacht durch ſeine Schmeichelreden, als Gattin ihm die Hand reichen. Er kannte das edle, große Herz Eliſabeth's — 128— nicht, das nur einer Liebe fähig war, und dann keiner mehr— das dieſe eine Liebe, auch dann, wenn der Gegenſtand derſelben ihrer unwürdig war, als unentweihtes Heiligthum aus den glück⸗ lichſten Tagen ihres Lebens feſthielt, und ſie mit ſich in die ſtille Gruft hinabnahm. Auch wenn er ſie ſo in dem Leiden der Krank⸗ heit ſah, tröſtete er ſich mit dem Gedanken, daß ihre blühende Jugend ſiegen, und mit der Kranlheit ihre Liebe dahin ſein würde. Er täuſchte ſich. Wohl genas Eliſabeth Auch langem und ſchwerem Leiden wieder, wohl kehrte langſam die Geſundheit zurück— aber jene friſche Blüthe, die früher ſie ſo herrlich geſchmückt hatte— kehrte nicht wieder; jener Frohſinn und jene jugendliche Heiterkeit, die nur ſingen, ſcherzen und lachen mochte, war dahin— das Feuer ihres Auges erloſchen Der Schmerz hatte alle dieſe Blüthen welken gemacht— und Schwermuth wich nicht mehr von ihr. Es „ war, als ob ſie alle Anſpräche, alle Hoffnungen an des Leben auf⸗ gegeben hätte. Den Namen Wilm nannte ſie niche, und ſie bat alle die Ihrigen, ihn nie mezr bei ihr zu nennen. Alles, was an Wilm erinnern konnte, entfernte van Strahlen. Wie aber auch Jan ſich um ihre Gunſt bewerben mochte, wie unverkennbar er auch ſeine Liebe ihr bewies, wos er auch aufbot, ihr nur das flüchtige Lächeln des Beifalls, des Wohlwollens abzugewinnen— es war umſonſt. Sie blieb kalt; ſie erwiederte ſeine Gefühle nicht; ja, wollte er einmal zärtlich ſich ihr nahen, dann wußte ſie ihn auf eine Weiſe, auch ohne Worte zu entfernen, die ihm allen Muth benahm— aber deſto bittere Empfindungen in ſeinem ſchwarzen Herzen weckte.— III. Alba in Prüſſel. Die gewiſſe Kunde, daß Alba mit Heeresmacht, die noch in der Franche Comté und in Luxemburg bedeutend verſtärkt worden, den Niederlanden ſich nahe, verbreitete in allen Städten des Lande — bei Bürgern und Adel, eine ungeheure Senſation. Man kannte den Schrecklichen überall. An ſeinen Namen knüpften ſich nur die Vorſtellungen des wildeſten Fanatismus, der raffinirteſten Grau⸗ ſamkeit, der herzloſeſten Tücke. Alles ſchien von Schrecken gelähmt. Dumpfe Stille herrſchte überall. Jeder Ton der Freude ſchwieg. Keine Volksbeluſtigungen wurden mehr veranſtaltet. Der Adel zog ſich in ſeine Schlöſſer zurück, und ſuchte ſein Vermögen, oder deſſen Ruinen zu ſammeln— um— beſonders wenn das Gewiſſen an den Geuſenbund mahnte, im Auslande Sicherheit und Ruhe zu ſuchen, oder war dies unmöglich, durch Stille und Zurückgezogen⸗ heit das Auge des Furchtbaren nicht auf ſich zu ziehen. Ein anderer Theil des Adels rüſtete ſich, um bei Alba's Ankunft recht prunlend die loyalſte Geſinnung durch demüthige Unterwürfigkeit, verſchwenderiſche Freigebigkeit, und recht enges Anſchließen an ihn und Zurückziehen von Margarethen von Parma, deren Sterne im Untergehen waren— an den Tag zu legen. Der Kaufmann entſchlug ſich aller Speculationen und weitausſehender Unterneh⸗ mungen. Er ſtrebte darnach, ſeine Fonds im Auslande anzulegen, um wenigſtens etwas zu retten. Sehr viele dieſes Standes, und andere, deren Vermögen ſie unabhängig und deren früheres Thun ſie in Alba's Augen ſtrafbar machte, verließen die theure Heimat, um eine neue ſich im Auslande zu gründen. Die Auswanderung dauerte unaufhörlich fort, und nahm täglich zu. Um hunderttauſend der angeſehenſten Bürger waren die Niederlande ſchon ärmer, als Alba ſich ihren Grenzen nahte. In Brüſſel ſelbſt war's wie ausge⸗ ſtorben. Auf den Straßen ſah man die Leute ſcheu aneinander vorübereilen, gleich, als dürfe man nicht warten, um nicht ſchon von dem noch Fernen geſehen zu werden; man ſprach nicht laut, weil das Wort gehört werden konnte. Margarethen konnte dieſe Veränderung nicht verborgen bleiben, und ſie, die ſich durch Alba's Sendung empfindlich gekränkt fühlte, die es ahnete, daß er ſie überflüſſig zu machen, zu verdrängen beſtimmt ſei, unterließ es nnicht, die treueſte Schilderung dieſer Verhältniſſe nach Madrid zu ſenden. Sie blieben indeſſen ſo fruchtlos, als hundert frühere und —— ſpätere auch. Philipp der Zweite war nicht der Mann, der auf halbem Wege ſtehen blieb, oder einen Schritt zurückthat aus Furcht oder Mitleid, den er auf der Bahn der Gewalt vorwärts gethan hatte oder thun wollte. Alba war bereits in Thionville angekommen und ſandte von da aus Franz von Ibarra, die Stotthalterin zu begrüßen und ihr ſeine nahe Ankunft zu melden. Das Eintreffen dieſes Vorboten des Gefürchteten lähmte vollends alles Leben in Brüſſel. Eine Todten⸗ ſtille trat ein. Es wurde täglich öder auf den Straßen. Es ſchien, als habe die Peſt die Einwohner alle hinweggerafft. Die Rüſtungen, welche zu Alba's Empfang gemacht wurden, belebten allein noch die Stadt, und jener Theil des Adels, der aufrichtig wünſchte, den erſten Blick der Gunſt des Mächtigen auf ſich zu lenken, um ſo Vergeſſenheit des Früheren zu bewirken. Margarethe ließ, ſchweren Herzens, das große Haus des Grafen von Kuilemburg zu Alba's Wohnung einrichten. Hier berührten ſich ſchnell die entgegenge⸗ ſetzteſten Ertreme. Es war noch nicht lange her, daß in dieſem Gebäude der freieſte Sinn ſich in Worten kund gegeben, denn hier hatten die Geuſen viele ihrer Verſammlungen gehalten— und jetzt zog die Despotie in der abſchreckendſten Geſtalt hier ein. Vor Kurzem noch waren hier aus hundert Kehlen die Geuſenlieder erklungen, und jetzt ſollte hier nur das Flüſtern der knechtiſchen Unterwürfigkeit und das barſche Wort eines allmächtigen Gebieters gehört werden. Vor Kurzem noch ſchlugen hier die Herzen einer gehofften ſchönern Zukunft entgegen, und jetzt trat Alba's Fuß alle dieſe Hoffnungen für immer in den Staub; vor Kurzem noch gehorchten hier erprobte Diener einem geliebten, wohlwollenden Gebieter, der, jetzt in freiwilligem Exile lebend— dem fremden Unterdrücker ſein Haus abtreten mußte, wo nur der ſclaviſchſte Gehorſam ſich vor der gefalteten Stirne des menſchenfeindlichen Alba in den Staub beugte. Je mehr die Beſſern des Adels und der Nation ſich aus Briüſſel entfernten, je mehr jeder ſich in das Innere ſeines Hauſes vergrub, deſto mehr ſammelte ſich der flämiſche Adel, um Alba den Hof zu machen. Barlaimont und Noirkarm — — 131— waren dem Herzoge entgegen gegangen, theils um ihn zu begrüßen, theils auch, um Namens der Statthalterin ſeine Beglaubigungs⸗ ſchreiben einzuſehen, die er ihnen denn auch gerade ſo viel wieß, als er es bei ſeiner Schlauheit für gut fand. Dieſen Beiden folgte freiwillig der flämiſche Adel in großer Anzahl, den Herzog im Triumph in die Stadt einzuführen, die nur zu bald Zeuge ſeiner blutgierigen Grauſamkeit ſein ſollte. Es war am 22. Auguſt 1567, als Herzog Alba in Brüſſel ſeinen Einzug hielt. Unfern des Thores von Brüſſel, durch welches Alba einziehen mußte in die Stadt, ſtanden um zwei Uhr des Mittags an dem bezeichneten Tage zwei Männer in ſchlichten und einfachen Anzügen. Es war ein Mann von fünfzig Jahren und ein Jüngling von ſchöner, kräftiger Geſtalt, deſſen bleiches Geſicht die Spuren einer kurz erſt überſtandenen Krankheit zu tragen ſchien. Eine ſchwarze Binde bedeckte das eine Auge, ob weil es Mängel hatte, oder uin ſich vielleicht unkenntlich zu machen, war ſchwer zu errathen. Sie hatten. ſchon eine Weile dageſtanden, und ſahen in die Gegend hin, woher der Zug kommen mußte. Noch zeigte ſich keine Spur ihrer Annäherung. „Es iſt doch bemerkenswerth,“ hob der Jüngere an,„daß nicht einmal die Neugierde den Pöbel hierherlockt, um Alba's Einzug zu ſehen.“ „Du kannſt leicht darnach den Abſcheu bemeſſen, der die Herzen aller Klaſſen der Einwohner gegen Alba erfüllt,“ erwiederte der Aeltere.„Der Eindruck wird ſelbſt auf Alba keineswegs günſtig ſein, da ſein Hochmuth eine Art von Adoration von jedem fordert, der ihm naht.“— „Dann verhüte es Gott, daß ich ihm vor das Angeſicht treten muß!“ fiel ihm der Jüngere in die Rede. „Und dies könnte doch der Fall ſein, Wilm“— entgegnete der Aeltere, welcher Niemand anders als De Rhk war;„die Noth würde dich dann doch lehren, den ſtolzen Nacken vor dem Gewalt⸗ haber zu beugen, und die Klugheit würde⸗ſprechen: Beuge dich tief, daß nicht dein Zweck unerreicht bleibe.“— — 132— In dieſem Augenblicke ſah man Alba's Zug in der Ferne kommen. Die beiden Männer traten etwas von der Heerſtraße ab, auf eine kleine Erhöhung, auf welcher ein Baum ſtand. „Hier können wir bequem ſtehen,“ ſagte der Alte.„Ich werde dir die Namen nennen, die dich etwa gelüſten möchte, zu erfahren.“ Es währte nicht lange, ſo nahte Alba's Heerzug, der freilich nicht mehr ſo bedeutend war, als in Luxemburg und Diedenhoven, wo Noircarmes und Barlaimont ihn getroffen, da er bereits Lodrona nach Antwerpen und viele ſeiner andern Obriſten in die bedeu⸗ tenden Städte des Landes zur Beſatzung detaſchirt hatte. Nur die größere Zahl der ſpaniſchen, italieniſchen und burgundiſchen Reiterei, welche Ferdinand von Toledo, Alba's natürlicher Sohn, befehligte, begleiteten ihn. Weithein ſchallten jetzt die Fanfaren der Trompeter, die in großer Zahl voraus ritten. Drei Geſchwader trefflicher ſpaniſcher Reiterei folgte, an ihrer Spitze einen jungen Obriſten von edelm Anſtande und ſchönen Zügen. „Wer iſt der junge Mann,“ fragte Wilm,„der hier in der blutrothen Kleidung und dem vergoldeten Panzer ſo ſtattlich einher⸗ reitet auf ſeinem Andaluſier?“ „Don Ferdinand von Toledo,“ war die Antwort. Hinter den Geſchwadern ritt auf einem ſchneeweißen Anda⸗ luſierhengſte ein großer, ſtarker Mann. Schwarz war ſeine Klei⸗ dung, vom Kopf bis zu den Füßen. Nur auf dem Barete wehten rothe Federn in reichem Buſch. Ueber die Bruſt herab hing die reiche Ordenskette des goldenen Vließes, mit dem Zeichen des Ordens. Ein großer Stern ſchmückte außerdem die Bruſt. Ein mächtiges Schwerdt, mit reich verziertem Kreuzgriffe, hing an ſeiner Seite. Der Ordensmantel des goldenen Vließes umwallte falten⸗ reich die Geſtalt. In ſeiner Hand trug er den weißen, kurzen Feldherrnſtab. Ein finſteres, falſches, tückiſches Geſicht ſah unter dem Reiherbuſche des Barets hervor. Das kleine Auge blitzte umher. Eine gebogene Naſe erhob ſich trotzig über dem ſcharf geſchnittenen, zuſammengekniffenen Munde. Die Stirne lag in 8 tiefen Falten. Buſchige Augenbraunen verdeckten faſt das lauernde Auge. Die ganze Phyſiognomie war abſchreckend— widerlich. Die Haltung war feſt und ſtolz. Es ſprach ſich in allen Bewegungen etwas Gebieteriſches und Herriſches aus. Dieſer Mann ritt allein, und erſt einer Pferdelänge hinter ihm kamen Barlaimont, Noirkarmes und der heute etwas bleiche Egmont, den ſeine gewöhnliche Heiterkeit verlaſſen zu haben ſchien. „Alba?“ fragte Wilm leiſe. „Kannſt du zweifeln?“ fragte De Ryk zurück.„Sieh nur auf das Lamm, das ihm folgt, ſo wirſt du den Schlächter kennen.“ „Wen meint Ihr damit?“ fragte wieder der Jüngling, und ſein Auge irrte über den Haufen hin. „Egmont,“ verſetzte De Ryk.„Sieh,“ fuhr er dann fort, „hier haſt du ein bibliſches Sprichwort im Bilde vor dir. Wo das Aas iſt, da ſammeln ſich die Geier!“ Mit dieſen Worten deutete er auf den großen Zug des flämiſchen Adels, der in ſeinen Prunkgewändern jetzt folgte. Hinter dieſem kamen ſpaniſche Offiziere niederen Ranges und Beamtete. „Wenn Alba nicht ſelbſt der Teufel iſt, ſo iſt es dieſer.“ Er deutete auf einen kleinen, ziemlich korpulenten Mann in ſchwarzer Kleidung, mit einem ſpitzen Hut auf dem Kopfe, der ein Maul⸗ thier ritt. Wirklich hatten auch die Züge etwas Teufliſches. Das Geſicht war gelb und aufgedunſen. Ein breiter, zahnloſer Mund, deſſen ſchmale Lippen man kaum ſah, kläffte unaufhörlich im Geſpräche mit einem Nachbarn. Die Naſe war lang und ſpitz, und verlor ſich oben unter dem mächtigen Vorſprung einer kurzen Stirne, die faſt von einer Seite des Geſichtes bis zur andern mit halb greiſen, ſtruppigen Augenbraunen beſetzt war, unter denen ein graues, kleines Verrätherauge liſtig hervorlugte. Ein faſt greiſer, ſpitzer Bart, der das Kinn ganz umſchloß, vollendete das gräuliche Bild, bei deſſen Anblick Wilm's Blut in den Adern ſtocken wollte. „Das iſt mein Freund, der würdige Licentiate Don Juan de Vargas,“ verſetzte De Ryk,„den du noch oft ſehen wirſt. Gewöhne 3 Vich an den Anblick einſtweilen. Wir werden ihn wohl heute noch — Alles hatte das Anſehen, als ob Alba der Statthalter bereits ſe ſprechen.“ Ehe noch De Ryk dieſe Worté vollendet hatte, grüßte Vargas herüber, mit einer leichten Biegung der Hand. De Rhk erwiederte den Gruß und ſagte dann zu Wilm:„Komm jetzt mit mir zur Stadt, mein Zweck iſt erreicht.“ Sie gingen auf einem Umwege zur Stadt, um nicht in das Gedränge der Reiterei und der ungewöhnlich ſtarken Bagage zu kommen, welche Alba's Zug begleitete. Vor dem Kuilemburgiſchen Hauſe hatte ſich indeſſen Alba's Gefolge vereinigt. Die Angeſehenſten folgten dem Gewalthaber, der ſich nur darin flüchtig umſah, ſich dann in ein reiches Staats⸗ kleid hüllen ließ, und im ſtattlichſten Aufzuge ſich zum Pallaſte der Regentin begab, ihr ſeine Aufwartung zu machen, ſeine Ernennung als Generalcapitän der Niederlande vorzuzeigen, und ſie, ſo viel es ihm gut dünkte, in die geheimen Aufträge blicken zu laſſen, die ihm Philipp gegeben. Margaretha war krank. Die ſüße Luſt der freien Herrſchaft hatte ſie kaum empfinden gelernt, als ſie ſich genöthigt ſah, dieſe in die verhaßte Hand Alba's zu geben. Kaum ihrer Freiheit von Granvella's leitender Hand froh, ſah ſie ſich auf die Seite geſchoben von Alba, einem Manne, den ſie gehaßt, ehe er ihr ſo verletzend gegenüber geſtellt wurde. Tief war der Eindruck, den dies auf ſie machte. Sie kannte Philipp's Politik. Alba's Sendung war ihre Abberufung. Alba'n die Früchte ihres mühſamen Strebens, den Ruhm eigentlich durch ſie errungener Vortheile ein⸗ räumen zu müſſen, war zu viel, um von einem Weibe mit Ruhe und Gleichmuth getragen zu werden. Kalt empfing ſie Alba'n— ſtolz entließ ſie den Beneideten, der ſeine Leute nun in der Stadt vertheilte, die nöthigen Dispoſitionen traf, und es ſich dann im Kuilemburgiſchen Hauſe, in der Mitte des kriechenden, flämiſchen Adels, wohl ſein ließ, und mit der ſtolz gleichgültigen Miene des Protektors ihre Huldigungen hinnahm, während er Egmont ſchmeichelte, dem Zutrauensvollen jeden Schein zu einem Grunde des Zweifels an ſeiner Redlichkeit zu benehmen. Die ſpaniſchen Truppen bezogen indeſſen die Wachen in der todtſtillen Stadt, ur nſl daß der Name Simonsſohn Euch eben ſo hart dünkte— — 135— Es war Abend geworden. Die Nacht vermehrte die grauen⸗ volle Stimmung der Bewohner von Brüſſel, die ihre Thüren ver⸗ ſchloſſen hielten, gleich als ob Diebe und Mörder in Brüſſel einge⸗ zogen ſeien. Nur im Kuilemburgiſchen Hauſe war ein reges, wildes Leben. Es war vom Dache bis zum Erdgeſchoſſe hell erleuchtet, und Diener, Offiziere, flämiſche und ſpaniſche Herren gingen aus und ein. Alba bankettirte in dem Saal, an den Tafeln, wo einſt die Geuſen bankettirt hatten. Gegen zehn Uhr des Abends nahten dem Portale des Gebäu⸗ des zwei ſpaniſch gekleidete, in Mäntel gehüllte Männer. Die ſpaniſche Wache hielt ſie an. Der Aeltere der Beiden ſprach einige Worte ſpaniſch, und nannte den Namen Don Vargas, worauf die Wache zurück trat, und ſie ungeſtört eintreten ließ. Im Innern Wilm's, denn er und De Ryk war es, kochte Gift und Galle, als er den ſpaniſchen Jubel vernahm in dem Hauſe des freien, entflohenen Niederländers— aber er mußte gewaltſam das verletzte Gefühl beruhigen. Ein Diener leitete ſie zu einem Dachzimmer, wo ſie den Licentiaten bei einem Tiſche voll Papieren ſitzen fanden, indeß trefflicher Wein in einem ſilbernen Pokale neben ihm ſtand. Als die Beiden eintraten, ſtand er auf, reichte De Ryk die Hand, ſah ihn aber betroffen an, als er Wilm erblickte, welcher ihn kurz begrüßte. „Grüß Euch Gott, Simonsſohn,“ rief er ihm entgegen. „Wer hätte es ſich gedacht, daß wir uns ſo bald hier im Lande wiederſähen?! Doch wer iſt der junge Menſch, den Ihr, ohne mir es zu ſagen, mit hierher bringt?“— „Es iſt mein Sohn Wilm,“ verſetzte ruhig De Ryk— „Wilm— Wilm! ein verfluchter harter flämiſcher Namen,“ witzelte der Licentiate—„faſt unausſprechlich für eine kaſtiliſche Zunge.“ „Mag ſein,“ entgegnete De Ryk,„doch erinnert Ihr Euch — 136— und er doch zuletzt Eurer Zunge ſo geläufig wurde, wie irgend ein ſpaniſcher Fluch, den Ihr über die Lippe gleiten laſſet, ſo ſchnell, wie den beſten Aeres hinein.“ „Waret Ihr denn jemals verheirathet, Simonsſohn?“ fragte, De Ryk's Bemerkung mit einem Lächeln erwiedernd, der Häßliche. „Hat man Euch und Andere in Spanien auch ſo gefragt?“ Der Licentiate brach in ein wieherndes Lachen aus. „Alter Fuchs,“ rief er aus,„wie Ihr Euch doch zu helfen wißt!— Aber ſagt, können wir uns auf ihn verlaſſen?“— „Seht ihn an, Ihr ſchlauer Kenner der Menſchen,“ ſagte De Ryk;„wenn er auch nicht drein ſieht, wie ein Franziskaner, ſo fehlt ihm doch an Verſchlagenheit nichts. Ihr habt vielleicht mehr Vertrauen zu ihm, wenn ich Euch ſage, daß er in meiner Schule aufgewachſen iſt, und mir ſchon manchen Dienſt Keiſiste „Gut,“ verſetzte jener, indem er Wilm ſcharf fixirte.„Verſteht er ſpaniſch?“ 8 „Nicht eine Sylbe. Ich habe es ihn darum nicht gelehrt, damit ich freie Hand behalte.“ „Wohlüberlegt, Simonsſohn; ich ſehe, Ihr habt nichts verlernt. Vielleicht kann der Junge, der allerdings nicht das Anſehen hat, als ob la Mancha ſein Vaterland ſei, uns nützlich werden. Doch ſetzt Euch, und ſagt, was Ihr mir Neues zu ſagen habt.“ „Ich ſollte denken, Don Vargas käme nicht ſo ganz unwiſſend hierher? Der Cardinal hat gute Augen. Sie ſehen von Burgund aus, was hier vorgeht, und Don Vargas war nie der Letzte, der das erfuhr.“ Vargas lachte wieder grinſend. „Nur kommt Ihr viel zu ſpät,“ fuhr De Rhk fort.„Die fetten Vögel ſind ausgeflogen, und laſſen Euch vas leere Neſt.“ „Ihr meint Oranien und Hoogſtraten?“— fragte Vargas. „O, die locken wir; ſeid ohne Kummer! Egmont iſt kirre, wie eine Turteltaube. Lächelt ihm der Herzog nur gnädig, und läßt ihn mit Don Ferdinand von Toledo reiten, jagen, fechten, trinken u 1 —— — 37— Mädchen hetzen; ſo legt ſich der Fant die Schlinge ſelbſt um den Hals, und meint, es wäre ſeine eigene Ordenskette.“ „Ihr ſprecht nur vom Herzog— was wird aber die Herzogin dazu ſagen?“— fragte De Ryk. „Pah,“ rief der Licentiate,„die iſt ein Weib, und ihr bischen Regieren iſt aus. Sie wird dahin kommen, daß ſie ſelbſt ihre Entlaſſung fordert, und Don Philipp iſt der Mühe enthoben, ſie ihr ungefordert zu geben.“ „Aber ſprecht, welche Stellung werdet Ihr denn nun hier einnehmen, und welcher Art werden die Dienſte ſein, die ich Euch werde leiſten können?“ „Wartet nur noch einige Tage,“ ſagte Vargas,„und es wird ſich Alles geben. Alba wird zwar nicht gerne zögern, doch muß er, bis Horn hier iſt, und Oranien und Hoogſtraten auch ſich nahen. Dann werden wir richten, und, das dürft Ihr glauben, man wird die Geuſenköpfe dutzendweiſe um einen Geuſenpfennig kaufen.“ „Für jetzt,“ fuhr er fort, als De Ryk ſchwieg,„muß ich Euch bitten, mich allein zu laſſen. Ich bin ermüdet und habe noch lange zu arbeiten, da ich eine Liſte der Verdächtigen zu entwerfen habe, bei deren Vervollſtändigung Ihr mir gute Dienſte leiſten könnet. Drei Tage muß ich dieſem Geſchäft und andern nothwendigen Einrichtungen widmen. Sucht Euch indeſſen gehörig umzuſehen. Iſt es Euch möglich, des Grafen Horn Treiben zu beobachten, ſo könnt Ihr mir ſehr nützlich werden. Sein Urtheil iſt geſprochen, wenn wir ihn nur erſt in der Schlinge haben. Lebt wohl und ſeid klug. Kommt aber allein, wenn Ihr zurück ſeid.“ Sie gingen. Zu Hauſe angekommen, betrachtete Wilm mit Staunen ſeinen Freund.„Ihr ſeid mir heute ein Räthſel geworden,“ ſagte er freimüthig.„Ihr, mit Eurer Denkart, könnt dieſes Menſchen Vertrauter ſein?“— De Ryk ergriff ſeine Hand.„Willſt du jetzt ſchon irre an mi werden, Wilm? Sagte ich dir nicht, daß ich fortan die Rollen Sk— — 138— wechſeln würde, wie dieſes Kleid? Gibt es nicht einen edlen Zweck, den ich auch ſo verfolgen kann?— Vertrauen, Wilm, wankt nicht, und wenn das Licht zu Schatten, der Tag zur Nacht, der Engel zum Teufel wird— Vertrauen darf nicht wanken! Mögen Tau⸗ ſende mich verkennen— wenn nur Einer mich kennt!“— Wilm drückte ſeine Hand mit Innigkeit.„Ich glaube Ench,“ ſagte er.„O daß man mir ſo vertraute, wie ich Euch vertraue! Aber ach, wie wird Verdacht auf mir laſten, wie wird die giftige Zunge mich verkleinern!— O, traue du mir nur, Eliſabeth,“ ſetzte er leiſe hinzu—„traue du mir nur!“ De Ryk überließ den Jüngling ſeinen Empfindungen. Er ſetzte ſich zur Lampe an den Tiſch und ſchrieb bis tief in die Nacht hinein. Wilm war entſchlummert. Er mußte ſchön geträumt haben, denn er lächelte im Schlaf. De Ryk ſtand lange vor ihm und beſchaute ihn. Du reine Seele, ſagte er vor ſich hin, möchte dir nichts den ſchönen Traum des Lebens zerſtören! Und doch muß ich den, der dir vielleicht jetzt ein ſchönes Bild vorgankelt, ich muß ihn zerſtören, vielleicht— gelingt es, zwei edle Menſchenleben zu retten. Er rüttelte leiſe den Schlafenden, bis er erwachte. „Komm, Wilm,“ ſagte De Rhk,„ſuche des Schlafes ein wenig Meiſter zu werden. Ich habe zwei Briefe geſchrieben, die du abſchreiben mußt, obwohl du nicht das Spaniſche verſtehſt.“ „An wen ſind ſie?“ fragte Wilm. „An Egmont und Horn. Beide muß ich vor der Gefahr warnen, die ihnen droht. Gelingt es uns— dann wohl uns! wir haben zwei edle Leben gerettet— und an uns denkt fürs Erſte Niemand, weil Vargas'Vertrauen zu mir viel zu unerſchütterlich iſt.“ Wilm ergriff die Feder.„Gut,“ ſagte er, als Wilm die Briefe vollendet hatte. Er zog ein Siegel hervor, das er verborgen bei ſich trug, ſiegelte die Briefe, ließ von Wilm die Aufſchriften machen, und ſteckte ſie dann zu ſich, indem er in das Reber trat. Wilm blieb in tiefen Gedanken ſitzen. Nach wenigen Augenblicken kehrte De Ryk wieder. Wilm erſtaunte bei ſeinem Anblick— ja er kannte ihn nicht, denn e F — 139— ſtand ein Jude vor ihm, mit langem Bart und ächt jüdiſchem Ausdruck und Weſen. „Mein Gott, was beginnt Ihr?“ rief Wilm. „Ich muß meine Rollen wechſeln— Wilm,“ ſagt ernſt De Ryk.„Mein Spiel iſt gewagt, aber mein Zweck iſt gut. Bleibe du hier, und erwarte mich. Ich bin in einigen Tagen wieder hier. Vergiß nicht, die Binde über deinem Auge, und verſäume es nicht, die Farbe aufzutragen. Gott ſei mit dir, mein Sohn!“ Er ſchüt⸗ telte ſeine Hand. „Gott geleite Euch!“ ſprach Wilm, und ſah dem ſeltſamen Menſchen mit Liebe und Achtung nach; dennoch aber ſchüttelte er bedenklich das Haupt. Ich fürchte, ſagte er leiſe zu ſich, es wird ein ſchlimmes Ende nehmen. O, daß ich zu Euch eilen könnte, Ihr Lieben! ſeufzte er dann. Gott ſchütze Euch! Wilm brachte mehrere Tage faſt ganz in der Einſamkeit ſeines Zimmers zu. Dieſe Einſamkeit war ganz dazu geeignet, die Bilder der Vergangenheit ihm zurückzurufen, und wo ſein Herz war, da war ſein Geiſt, in Antwerpen, bei dem geliebten Oheim— bei Eliſabeth.— So lange war es nun ſchon her, daß er gar nichts von ihnen vernommen hatte. Wie mochte es um ſie ſtehen? Was mochten ſie von ihm denken? War nicht das tauſendzüngige Gerücht thätig geweſen, ihn in ſchlimmem Lichte zu ſchildern? Hatte nicht Jan, deſſen Falſchheit er kannte, dunkeln Schatten auf ihn geworfen? Solche Gedanken waren es, die ihn beſchäftigten, ihn beunruhigten, ſeine Sehnſucht weckten. Er faßte den feſten Entſchluß, je eher, je lieber Brüſſel zu verlaſſen und nach Antwerpen zu gehen. War er ja doch dort ſo ſicher, wie auch hier, und war nicht in dem gegenwärtigen Augenblicke, wo jeder zunächſt an ſich ſelbſt und ſeine eigene Sicherheit dachte, an eine eigentliche Verfolgung gar nicht zu denken. Wie nöthig konnte aber der Oheim ihn vielleicht haben, der wohl auch an ſeine Sicherheit ſo gut, wie die Tauſende der Auswandernden, denken mochte? 3 In dieſen und ähnlichen Gedanken traf ihn am Abende des vierten Tages ſeiner Abwefenheit De Ryk. Der Alte war nicht n———————— — 140— heiter. Er drückte ſtumm dem Jünglinge die Hand und ſetzte ſich, den Kopf in die Hand ſtützend, an das Fenſter. Das Mißlingen ſeiner Pläne ſtand deutlich in ſeinem düſtern Auge zu leſen. „Ihr wart nicht glücklich?“ ſagte Wilm, ſich zu ihm ſetzend. „Nein,“ verſetzte mit einem tiefen Seufzer De Ryk.„Horn traf ich nicht. Der Graf war, durch die ſcheinheilige Milde gegen Egmont getäuſcht, ſchon abgereiſt hierher. Ich eilte ihm nach— aber er hatte ſtets einen Vorſprung. Er iſt hier, und rettungslos, wie Egmont, der leichtſinnig das Blatt Don Ferdinand von Toledo reichte, und, als dieſer ihn betroffen anſah, es nahm, und am Lichte verbrannte. Tauſend Augen umlauern ſie Beide jetzt, und jeder Verſuch zur Flucht würde eine Thorheit ſein, die nur ihre Sache verſchlimmern könnte.“ Wilm ſeufzte.„O wie mancher Edle wird noch als Opfer fallen unter dem Mordſtrahl dieſes Wütherichs!“ „Darum müſſen wir keine Anſtrengung ſcheuen, zu retten, wer noch durch zeitige Warnung zu retten iſt. Auf Zweien ruht mein Auge jetzt. Auf Hoogſtraten und— deinem Oheim, van Strahlen.“ „Meinen Oheim? Kennt Ihr ihn, und droht ihm Gefahr?“ rief Wilm, und ſprang haſtig auf. „Ob ich ihn kenne? Wilm, noch nie hat mein Herz eine empfangene Wohlthat vergeſſen. Dein Oheim war der Retter meines Lebens.“* „Und das verſchwiegt Ihr mir bis heute?“— „Warum von der Vergangenheit reden, wenn die Gegenwart den ganzen Menſchen in Anſpruch nimmt?“— „Aber wie rettete er Euch, ich bitte, ſagt es mir!“— „Erinnerſt du dich jener entſetzlichen Auftritte der Bilder⸗ ſtürmerei in der Kathedrale von Antwerpen?— Damals, Wilm, war ich von blindem Fanatismus ergriffen, weil ſie meine Glau⸗ bensgenoſſen gehetzt hatten, wie das Thier des Waldes, weil man uns zwang, draußen in Wäldern unſerm Gott zu dienen, während — 141— ſie in prunkvollen Tempeln ihre Andacht verrichteten. Ich half, in blindem, ruchloſem Wahne das Heilige ſchänden, und die Reue kam erſt mit der rückkehrenden Beſonnenheit in mein Gemüth.— Es war zu ſpät. Mit Ketten belaſtet ſaß ich im Gefängniſſe, als der Rädelsführer Wildeſter, und erwartete, was ich wohl mochte verdient haben— den Tod. Aber van Strahlen erinnerte ſich bei Leſung meines Namens auf der Liſte eines kleinen Dienſtes, den ich ihm einſt geleiſtet hatte, und in der folgenden Nacht löſte man meine Feſſelu und führte mich zu ihm. De Ryk, ſagte er, Ihr ſeid des Beſſern fähig, und nur Wahn und Verblendung riß Euch zu den Unthaten hin. Werdet wieder ein guter Bürger, ein guter Menſch und Chriſt. Ihr ſeid frei, und ich freue mich, daß ich Euch auf dieſe Weiſe vergelten kann. Doch flieht, ſo ſchnell Ihr könnt, aus der Stadt. Ich drückte ſeine Hand, und ſchwur ihm, des Verfolgten Freund und Retter zu werden, und zu leben und zu ſterben für meines Vaterlandes Freiheit— und— ich habe meinen Schwur redlich gehalten, bis heute, und will ihn halten, bis mein Auge bricht!“— „Gott lohn' es Euch!“ ſagte tief gerührt der Jüngling, und drückte ihn an ſeine Bruſt. De Ryk's Auge glänzte.„O, es thut ſo wohl,“ ſagte er,„wenn das vielverkannte Streben von einer gleichgeſtimmten Seele erkannt und verſtanden wird! Laß uns vereint wirken, mein Sohn! Segne nur der Himmel unſer Bemühen mit glücklicherm Erfolge!“ 8 „Dein Oheim iſt bereits gewarnt. Noch iſt nichts für ihn verloren, denn ſo lange Horn und Egmont und Hoogſtraten ſie beſchäftigen, bleibt ihm Raum zur Flucht, die er ja von Antwerpen aus ſo leicht bewerkſtelligen kann.“ „Hoogſtraten iſt auf der Reiſe hierher. Er und dein Ohm müſſen in Sicherheit gebracht werden, darum wird es gut ſein, wenn du dich bereit hältſt, zu jeder Stunde die Reiſe dahin antre⸗ ten zu können, wohin ich dich ſenden werde.“ 5 „Einen Bauernanzug werde ich für dich anſchaffen“ Wilm vernahm frendig einen Plan, der mit den Wünſchen — 14— ſeines Herzens in ſo vollkommenem Einklange ſtand, und wartete mit Ungeduld, bis De Ryk von Vargas zurückkehre, wohin er in der Nacht gegangen war. Aber es wurde Mitternacht— der Tag kam und De Ryk war noch nicht zurück. Spät am Morgen kam er. Er war bleich. Bitterer Unmuth ſprach aus ſeinen Zügen. Er warf den Hut heftig auf die Erde und ſtampfte mit dem Fuße. „Gott verdamme den Schurken, den hölliſchen Buben!“ rief er aus, und Wilm ſtand von Schrecken gelähmt. „Was gibt's? Um Gotteswillen, redet!“ rief er angſtvoll aus. „Was es gibt?“ fragte De Ryk.„Sage mir vorerſt, kennſt du ganz dieſen Jan van der Does, deinen Vetter?“ „Ich kenne ihn,“ ſagte Wilm,„er hat ein ſchwarzes Herz.“ „Das hat der Schurke, den Gott verdamme!“ rief De Rylk. „Aber was wollt Ihr mit ihm?“ „Was ich mit ihm will— Wilm? Sieh, dieſer Teufel hat ſeinen eignen Wohlthäter verrathen, hat Vargas geſchrieben, daß dein Oheim Oraniens Freund und Verbündeter ſei, daß er die Bilderſtürmer geſchützt, und— den Eifrigſten derſelben, einen gewiſſen De Ryk— habe entfliehen laſſen, hat dich geſchildert, als den raſendſten Volksaufwiegler, daß, wenn du nicht deine Binde trägſt und dein Geſicht durch Farbe unkenntlich machſt, dich jedes ſpaniſche Späherauge entdeckt. Das hat er gethan, und Vargas nach deines Oheims Reichthümern lüſtern gemacht, von denen er ſich einen Theil aushält. Das hat der Judas, dieſer Teufel gethan; Grtt verdamme ihn ewig!“ Wilm erſtarrte. Hatte er auch Jan van der Does alles Schlimme zugetraut, kannte er ihn auch als Heuchler— das hätte er nie geglaubt. 6 „Unſer Entſchluß muß ſchnell gefaßt und ausgeführt ſein. Du gehſt in flämiſcher Bauerntracht nach Antwerpen, ich eile an die Grenze, wo Hoogſtraten iſt, der einer Unpäßlichkeit halber nur werpen. Hier haſt du ein Schreiben von Vargas, das dich i Nothfall, doch nur im höchſten Nothfall, retten wird. Vargas wei langſam reiſen kann, und in einigen Tagen ſehe ich dich in Ant⸗ daß du nach Antwerpen gehſt, um für ihn dort zu kundſchaften. Dieſes Schreiben ſollſt du von ihm an den Obriſten Lodrona bringen, der in Antwerpen das Kommando führt. Sei klug, mein Sohn. Deiner Hand vertraue ich das Schickſal deines wackern Oheims an; rette ihn, wenn es nur immer möglich iſt!“ Er ſchüttelte ihm die Hand, empfahl ihn dem Schutze Gottes, und ſchied. IV. Der Rath der Unruhen. Aus der einſt ſo harmloſen und glücklichen Familie des Bürger⸗ meiſters van Strahlen zu Antwerpen war das Glück und die Freude gewichen, ſeit Wilm, nach dem Berichte Jan's van der Does, ſich ſo ſchrecklich undankbar bewieſen hatte. Van Strahlen war ſeitdem verſchloſſen und menſchenſcheu. Er ließ Jan van der Does ſchalten in der Handlung, wie er wollte. Den Pflichten ſeines Berufs als Oberhaupt that er noch Genüge, aber nicht mehr mit der freudigen Luſt, wie es ſonſt geſchehen war.— Elifabeth ſchien dieſer Erde nicht mehr anzugehören. Sie hatte kein Lächeln, keine Frende mehr. Des Daſeins Reiz war für ſie dahin, ſeit ſie der betrogen, den ihre Seele geliebt hatte mit unendlicher Kraft. Auch ſie mied die Menſchen. Darum floh ſie auch den Umgang mit Jan van der Does, der ihr durch die rückſichtloſe Bitterkeit, mit welcher er von Wilm ſprach, nur noch abſcheuerregender wurde. Jan bot Alles auf, ihre Liebe, ihre Hand wenigſtens zu gewinnen, allein alle Wege, die er einſchlug, entfernten ihn eher von ſeinem Ziele, als ſie ihn hinführten. Er hatte ihr geſchmeichelt— umſonſt. Er hatte mit ihr getrauert— vergeblich. Er hatte den wilden, ver⸗ zweifelnden Schmerz verſchmähter Liebe ihr gezeigt— ohne Erfolg. Er hatte die ſtille Trauer des unglücklich und hoffnungslos Lieben⸗ den geheuchelt mit einer tänſchenden Meiſterſchaft— ſie blieb ſich gleich. Das Mißglücken aller ſeiner Verſuche ſpornte ſeine Leiden⸗ ſchaft zur Raſerei, zuletzt ſchuf es ſie zur Racheluſt um. So will ich ſie ekend machen, gänzlich elend, rief et aus, daß das Darbieten — — 14 meiner Hand ſie vom Hungertode rettet— ſie wird dann von mir als Gnade nehmen, was ſie mir verſagte, als ich flehend, weinend, winſelnd vor ihr auf den Knieen lag! Wahrhaftig, das ſoll ſie! Und dann will ich triumphiren! Lange trug er ſich mit dem teuf⸗ liſchen Gedanken, und ſchauderte doch manchmal noch vor ſeiner Ausführung. Ein Zufall beſtärkte ihn indeſſen darin, und ſchuf ihn zugleich auch zum Racheplan an ſeinem Wohlthäter um. Schon ſeitdem van Strahlen ihm die Leitung des Handelsgeſchäftes über⸗ tragen hatte, pflegte er die Kaſſe zu ſeinem Privatvortheile zu betrügen. Van Strahlen ſetzte ein zu großes Vertrauen in ihn, und ſah ihm nicht nach. Die Maskopei ging noch unter dem Namen van Strahlen und van der Does, und dies gab ihm Gelegenheit, vielfältig ſeinen Vortheil beſſer zu pflegen, als den des Hauſes. Der Buchhalter jedoch, eine treue Seele, war hinter Jan's Schliche gekommen, und konnte nicht länger ſchweigen, zumal in der letztern Zeit ſeine Eingriffe immer bedeutender wurden. Der Redliche hinterbrachte es treu und gewiſſenhaft ſeinem Prinzipal. Van Strahlen, ohnedem durch ſein Unglück reizbarer und empfind⸗ bedeutende Falſa. Eiin entſetzlicher Auftritt erfolgte, der Jan furchtbar demüthigte. Nur durch Bitten und Verſprechungen konnte er den Oheim wieder beruhigen. Seitdem wüthete der Durſt nach Rache unerſättlich in ſeinem Herzen— und dieſer gab ihm den teufliſchen Gedanken ein, an Vargas nach Brüſſel des Oheims Verhältniſſe zu dem Prinzen von Oranien, ſeinen wirklich noch fortdauernden Briefwechſel mit ihm, ſeine Milde gegen die Bilderſtürmer zu verrathen, und Vargas das große Vermögen des Oheims zu ſchildern, das durch Confiscation auch theilweiſe in ſeine Hände gerieth, mit dem Vor⸗ behalte, daß ihm, Jan van der Does, ein Drittheil davon werde. Seine Hand zitterte, als er den Judasbrief ſchrieb, denn des Gewiſſens Stimme erinnerte ihn an die Tage der Hülfloſigkeit, wo van Strahlen Vaterſtelle an ihm vertreten hatte, an alle die Wohl⸗ thaten, die er dem Biedermanne ſchuldete— aber— ſeine Rache licher, ſtürzte die Kaſſe, revidirte die Bücher, und entdeckte mehrere . — Sihr S — —145— ſiegte, er ſuchte des Gewiſſens Stimme zum Schweigen zu bringen durch Sophiſtereien— und er vollendete und ſandte ihn ſogleich ab. Nichts konnte Vargas, dem blut⸗ und geldgierigen Ungeheuer, willkommener ſein, als dieſe Nachricht. Während in banger Erwartung die armen Einwohner von Brüſſel die Errichtung des gräßlichen Gerichts der Unruhen kommen ſahen— erwartete mit Ungeduld Jan die erſten Schritte Don Vargas van Strahlen ahnete nichts von dem lauernden Ver⸗ rathe, bis eines Morgens Lodrona in das Haus trat, und ihn gefangen nehmen ließ und in das Gefängniß abführte. Dieſer Schlag traf doppelt, denn nun war ja Jan's Ausſage vollkommen bewahrheitet, da es einzig von Wilm kommen konnte. Eliſabeth und ihre Mutter waren außer ſich. Jan wich nicht von ihnen in dieſen ſchweren Stunden. Er ſuchte ſie liebevoll zu tröſten, und ſpiegelte ihnen vor, daß van Strahlen ſeine Freiheit wieder erlan⸗ gen würde. All der Troſt, den Jan den blutenden Herzen brachte, war fruchtlos, denn er hatte ihn ſelbſt durch ſeine Erzählung von Wilm's Thaten vernichtet. Ihr Schmerz war unbeſchreiblich. Lodrona kannte kein Mitleid. In Alba's Schule herangezogen, hatte er das Mitgefühl auf den Schlachtfeldern längſt verlernt. Zudem war er Fanatiker, und Alba treu ergeben. Er behandelte van Strahlen als Alba's, als den eignen Feind, mit Härte. Niemand, nicht Gattin, nicht Kind, nicht Freund durfte zu ihm— nur Jan, von dem man hoffte, er würde vielleicht noch ihm Geheimniſſe entlocken. Wenige Tage blieb van Strahlen in Antwerpen. Lodrona ließ ihn nach Brüſſel durch ein halbes Cornet Reiter begleiten, da er von der Liebe der Antwerpner Angriffe zu ſeiner Befreiung zu befürchten hatte. Eliſabeth und ihre Mutter wollten mit nach Brüſſel gehen, um dort Alles zu verſuchen, ſeine Rettung zu bewirken, aber Zan wußte es zu hintertreiben, und erbot ſich, ſelbſt dort hinzugehen und Alles aufzubieten. Sie ließen es zu, da er ihnen das Frucht⸗ u ihrer Verſuche anſchaulich zu machen ſuchte. Jan begleitete zu den Füßen ſeines Oheims. den unglücklichen Mann auf dieſer ſchrecklichen Reiſe. van Strahlen war ſehr angegriffen. Er konnte nicht einmal die Beſchwerden der Reiſe ertragen, und eine halbe Tagreiſe jenſeit Antwerpen mußte man ſich aufhalten, um ihn wieder Kräfte ſammeln zu laſſen. Es war ein Wirthshaus, wo man ihn unterbrachte. Dort ſaß der Unglückliche, und ſchloß müde das Auge, eines kurzen Schlummers nach den durchwachten Nächten zu genießen. Die Reiter ſtanden und ſaßen umher. Der Hauptmann ließ ſich neben van Strahlen nieder, und gebot Stille ſeinen Untergebenen. Jan ſaß in einer Ecke und brütete über Plänen der Hölle. Mit Vargas hoffte er ins Reine zu kommen wegen des Antheils an van Strahlen's Ver⸗ mögen. Den größten Theil des Baaren hatte er ohnedem ſchon auf die Seite und hinlänglich in Sicherheit gebracht— der alſo war ſchon ſein. Nun wurde ihm verhältnißmäßig noch ein bedeu⸗ tender Antheil— und er war im Stande, das Geſchäft dann auf eigne Rechnung zu führen. Eliſabeth und die Tante waren bettel⸗ arm. Dann wollte er großmüthig ihr ſeine Hand anbieten, und ſie nahm ſie gewiß an— denn ſo nur konnte ſie ſich und die Mutter vor dem Hungertode ſchützen. Der Teufel lachte ſeines Werkes ſchon, und ſah ſich am Ziele ſeiner Wünſche, am Ziele eines lange vergeblichen Strebens.— Da öffnete ſich leiſe die Thür, uud es trat ein junger, kräf⸗ tiger Bauer herein, gekleidet in flämiſche Landestracht. Ein großer herabhängender Hut bedeckte faſt das ganze Geſicht. Eine ſchwarze Binde verhüllte den Mangel des linken Auges. 3 Beim Anblicke van Strahlen's in Ketten fuhr er erbleichend zurück, und hielt ſich zitternd an eine Tiſchecke, und ein lauter Schrei des Schreckens entfuhr ihm unwillkürlich. van Strahlen ſchlug das Auge auf, und ſah erſtaunt auf den Bauern. Der Hauptmann fuhr empor, und Jan ſtürzte bleich aus der Ecke hervor, in welcher er ſaß, denn der Ton dieſer Stimme machte ſein innerſtes Weſen erzittern und erbeben. 8 Blitzſchnell riß der Bauer Binde und Hut ab, und Wilm lag — 147— „Oheim!“ rief er,„theurer Oheim, alſo komm ich zu ſpät!“ van Strahlen ſah ihn mit tiefer Verachtung an. Das Auge ſchien ihn durchbohren zu wollen. Wilm ertrug den Blick ruhig. Sein Herz war ja frei. „Nicht zu ſpät kommſt du,“ ſagte van Strahlen kalt—„um das Werk deiner Hände zu ſchauen! Sieh', Wilm, dieſe Feſſeln und mein fallendes Haupt ſind der Lohn meiner Liebe zu dir! Geh' hin und lebe glücklich, wenn du es kannſt. Ich fluche dir nicht, daß du mich elend gemacht, nicht, daß du Eliſabeth's Herz gebrochen!“ Er wieß ihn von ſich „Oheim, um Gotteswillen, ich verſtehe Euch nicht! Ich Euch elend gemacht? Sprecht, ich beſchwöre Euch, wodurch?“ „Geh, Heuchler, geh!“ rief Strahlen und drängte ihn weg. „Ich ſtehe nicht auf,“ rief Wilm,„und wenn ich den Tod hier finden ſollte, bis Ihr mir ſagt, was ich gegen Euch that!“— Jan war, während dieſe Worte gewechſelt wurden, leiſe zu dem Offizier geſchlichen, der jetzt herzutrat.— „Was ſoll das hier?“ fragte er barſch.„Hinweg, oder ich laſſe dich feſſeln!“ „Wer wagt's?“— rief Wilm, und ſprang auf. Da erblickte er Jan, der daſtand, wie der Verräther, der ſeiner Entlarvung nahe iſt. „Du hier? Ruchloſer!“ rief Wilm,„du hier? Ha, willſt du vollenden den Verrath?“— „Er iſt ein Anhänger der Geuſen!“ rief jetzt Jan dem Hauptmanne zu;„feſſelt den Verräther, und Alba wird es Euch lohnen.“ 1 Der Hauptmann ergriff Wilm, und die Reuter halfen den ſich wild Wehrenden feſtnehmen. van Strahlen hatte Jan's Worte gehört, und ihren Wider⸗ ſpruch mit dem begriffen, was er ihm geſagt. Er richtete ſich auf, und ſah ihn mit wachſendem Staunen an. „Zurück!“ donnerte Wilm endlich dem Hauptmanne zu, auf eine ſo imponirende Weiſe, daß dieſer einen Augenblick zweifelhaft 7 — 16— wurde. Wilm benutzte dieſen Moment, um ihm einen Zettel hinzu⸗ reichen. Der Hauptmann durchlas ihn ſchnell, und ſichtbarer Schrecken offenbarte ſich in ſeinem Weſen. „Verzeiht, Herr Simonsſohn,“ ſagte er dann gedehnt—„das wußte ich ja doch nicht, daß Ihr ein Spion von Don Vargas ſeid. Zieht in Frieden und laßt uns in Ruhe!“— Aber zu Jan gewendet, rief er dieſem zu:„Ihr aber zähmet Eure Zunge, wenn es Euch lieb iſt, Euren Kopf länger zwiſchen den Schultern zu tragen, denn der, womit dieſer da im Bunde iſt, kennt keinen Scherz.“ Wilm trat wieder zum Oheim, aber Strahlen wandte ſein Geſicht ab.„Geh, Verruchter,“ ſagte er,„deine Schmach iſt erwieſen, geh, und freue dich, wenn du es vernimmſt, wie mein Leben endete! freue dich, wenn du Eliſabeth mordeteſt und ihre Mutter, wie mich! Geh hin und helfe dein Vaterland in Ketten ſchmieden und ſeine Bürger morden!“— Er ſtand auf und ſprach zum Hauptmann:„Laſſet uns ſchnell aufbrechen!“ Wilm erſtarrte. Er begriff jetzt theilweiſe des Oheims entſetz⸗ liche Rede. Er ſtand als Vargas Spion da— erniedrigt, entehrt in den Augen des Mannes, den er über Alles liebte— und durfte den Schleier des Geheimniſſes nicht lüften. Ihm ſchwindelte. Heftig ſchlug er ſich vor die Stirn, und taumelte halb bewußtlos in einen Lehnſtuhl, indeß alle die Stube verließen, und Jan ſich heimlich hinausſchlich. Schon waren die Reiter mit dem Gefangenen eine Stunde weg, als Wilm zum ruhigen Nachdenken gelangte. Es lag ihm eine Zentnerſchwere auf dem Herzen. Er war vernichtet. Was ſollte er beginnen? ſollte er nach Brüſſel zurück?— Dann verdarb er Alles— raubte ſich vielleicht die Möglichkeit, etwas für ſeines Oheims Rettung zu thun.— Nach langem verzweifelndem Schwan⸗ ken raffte er die Binde auf, bedeckte ſein Auge, und ſetzte den Hut auf, die Reiſe nach Antwerpen fortzuſetzen.— Bis hierher hatte die Liebe ſeine Schritte beflügelt, die Begeiſterung für ſeines Dheims Rettung ihn raſtlos fortgetrieben— jetzt war es ihm⸗ — — 149— als läge Blei in ſeinen Adern, als ginge er in ſeinen Tod. Alle die Reden Strahlen's rief ſein Gedächtniß zurück, und ſuchte ſie zu einem Ganzen zuſammen zu reihen. Wohl gerieth er auf die Spur der hölliſchen Verrätherei Jan's van der Does, aber das ganze Gewebe des Schändlichen wurde ihm nicht klar. Das drückende Bewußtſein, in ſeines Oheims Anugen als Verräther dazuſtehen, machte ihn namenlos elend. Selbſt Eliſabeth's und ihrer Mutter trauriges Loos wurde dadurch in den Hintergrund ſeiner Seele gedrängt.. Er kam in Antwerpen an, in ſeinem Innerſten zerriſſen, und eilte ſogleich zu Lodrona, ihm das Schreiben Don Vargas' zu übergeben. Er las es.„Es iſt ſchon geſchehen,“ ſagte er zu Wilm, und beurlaubte ihn. Doch rief er ihn wieder zurück.„Wann geht Ihr nach Brüſſel?“ fragte er. „Das iſt noch unbeſtimmt!“ „Gut; Ihr könnt Don Vargas mündlich berichten, daß ich Alles in Beſchlag habe nehmen laſſen!“— Wilm ging. Er begriff dieſe Worte nicht, aber als er zu dem Hauſe ſeines Oheims kam, eine ſpaniſche Wache davor fand, und vernahm, daß man Eliſabeth und ihre Mutter herausgetrieben, und Alles konfiszirt habe, was als Strahlen's Eigenthum bekannt war, da öffnete ſich ihm das Verſtändniß des Ganzen; da ſah er ein, welch' eine Botſchaft er getragen, und Wuth und Verzweiflung im Herzen, ſtürzte er zum Hafen, wo ihm De Ryk ein kleines ärmliches Häuschen bezeichnet hatte zum Wiederſehen. Der Beſitzer deſſelben, ein armer Schiffszimmermann, nahm ihn mit Freuden auf— aber er erſchrack über des jungen Mannes bleiches Aus⸗ ſehen, das Beben ſeiner Glieder. „Ihr ſeid krank, Herr,“ ſprach der gutmüthige Mann.„Legt Euch zu Bett, ich bitte Euch.“ ⸗ Aber Wilm verwarf den Rath.„Wollt Ihr etwas thun, um mich zu beruhigen,“ ſagte er,„ſo eilet, Erkundigungen einzuziehen, wo die Gattin und die Tochter des Bürgermeiſters van Strahlen ſich aufhalten.“ — 155— Der Mann verſprach's und entfernte ſich. Nach einigen Stunden, die dem Harrenden die Länge eines Jahrhunderts zu haben ſchienen, trat der Mann wieder herein. Sein Geſicht verkündigte nichts Erwünſchtes.„Sie ſind nicht mehr in Antwerpen,“ ſagte er.„So viel konnte ich nur erfahren, daß ſie mit einem Maler, der ſich einige Zeit hier aufhielt, und mit dem Bürgermeiſter in vertrauten Verhältniſſen ſtand, Antwerpen bald nach der Abführung des Bürgermeiſters nach Brüſſel verlaſſen haben.“ „Habt Ihr den Namen des Malers nicht erfahren?“ fragte der Jüngling haſtig. „Ich glaube, man nannte ihn Breughel,“ war die Antwort. Wilm kannte den Namen nicht.„Gott,“ rief er aus,„ſollten ſie denn auch in böſe Hände gerathen ſein!“ Es bemächtigte ſich ſeiner eine namenloſe Angſt. Er wußte nicht, was er beginnen ſollte. Voll innigen Mitleids ſah ihn der Zimmermann an, denn Wilm's Weſen war in wildem Aufruhre, der des Mannes Herz mit banger Sorge erfüllte. Die Folgen dieſes Seelenzuſtandes konnten nur ſchlimm für des Jünglings Geſundheit ſein, und wirklich offenbarte ſich bald die nachtheilige Wirkung des Innern auf das Aeußere. Ein hitziges Fieber riß in der Nacht vollends den Unglücklichen nicder. Zum Glücke für ihn und zur Beruhigung des Schiffszimmermanns erſchien am andern Tage De Ryk. Er war glücklicher geweſen, als Wilm. Unweit Löwen fand er Hoogſtraaten, der ſorglos nach Brüſſel wollte— aber nun ſchnell umkehrte, und glücklich die Grenze erreichte. Alba war indeſſen raſch ſeinem Ziele zugeſchritten. An dem Tage, den er zur Gefangennehmung Egmont's und Horn's beſtimmte, lud er alle Staatsräthe und Ritter des goldenen Vließes, welche ſich in Brüſſel befanden, zur Berathung in das Kuilem⸗ burgiſche Haus ein. Der Schlaue wußte jeden Verdacht zu entfernen. Mit Klugheit zog er die Berathungen in die Länge. Er war heitern Weſens, und wider ſeine Art freundlich und herablaſſend. Als gegen Abend noch die Berathſchlagungen über die Riſſe, welche der — 151— Kriegsbaumeiſter Paciotto zur Erbauung neuer Feſtungen vorgelegt, danerten, wurde Alba abgerufen. Vargas meldete ihm die frohe Nachricht, daß Strahlen durch Lodrona, und gleichfalls die Schrei⸗ ber des Grafen Horn, mit dem des Grafen Egmont, gefangen * ſeien. Lächelnd trat er in den Saal zurück, und brach die Berath⸗ ſchlagungen ſchnell ab, indem er huldvoll die Staatsräthe und Ritter des Vließes beurlaubte. Sie entfernten ſich— zuletzt der fröhliche Egmont, der in die Gemächer Don Fernando's von Toledo ſich begeben wollte, um noch einige heitre Stunden mit dem Freunde zu verleben; aber auf dem Corridor, der zu des Freundes Zimmern führte, trat ihm der Hauptmann von Alba's Leibwache entgegen, und nahm den Beſtürzten gefangen. Zu gleicher Zeit wurde Graf Horn, der, ohne Ahnung ſeines Schickſals ruhig heimkehren wollte, gefangen genommen. Man brachte ſie in abgeſonderte Gefängniſſe, und dann, nachdem Alba Egmonten einen Befehl an den Comman⸗ danten der Citadelle von Gent abgenöthigt, dem ſpaniſchen Obriſten Ullva dieſe zu übergeben, nach Gent. Die Gefangennehmung der Lieblinge der Nation brachte einen tödtlichen Schrecken über dieſe. Jeder fürchtete jetzt für ſein Leben, für ſeine Freiheit; Niemand hielt ſich mehr ſicher. Wer es konnte und vermochte, ſchied von Heimat und Freunden, und wanderte in die Fremde, ſich glücklich ſchätzend, Leben und Freiheit retten zu können. Nach Alba's Grund⸗ ſätzen, nach ſeiner Erklärung war Niemand mehr ſicher. Der ent⸗ ſetzliche Gerichtshof, den er unter dem Namen Rath der Unruhen einſetzte, der nur beſtimmt war, zu morden jeden, auf den man einen Schein des Verdachts geworfen hatte, und die Güter der Schuldigerkannten zu confisziren, war ein Schreckbild, wie noch keines die Nation erzittern gemacht, weil er kein Mitleid und keine Schonung kannte Alba ſelbſt präſidirte dieſes Mord⸗ und Blut⸗ gericht, und unter ihm der Licentiate Don Vargas, der Auswurf des Auswurfs der ſpaniſchen Nation, an dem nichts mehr menſchlich war, als die Geſtalt, die dennoch als ein Zerrbild der Menſchheit gelten konnte. Anfänglich waren die edeln Niederländer, die am meiſten mit Alba's Denkart übereinſtimmten, Beiſitzer dieſes Gerichts, — 12 allein nur zu bald empörte ſich ihr beſſeres Gefühl gegen das ſchreckliche Verfahren deſſelben. Sie blieben weg, und Vargas und Zwei, die ihm nahe verwandt waren in Denkart und Leben, ſchal⸗ teten nach ihres Herzens Gelüſten über das Leben der Edelſten der Nation, die nun, durch Alba's Verbot der Auswanderung und ſtrenge Wachſamkeit in den Häfen, genöthigt waren, mit Gefahr des Lebens ſich zu retten oder geduldig das Haupt auf den Block des Henkers zu legen. Vor dieſes Gericht wurde van Strahlen geſtellt, ſobald er in Brüſſel angekommen war. Sein Reichthum leuchtete Vargas beſon⸗ ders ein, denn obwohl das Meiſte von den confiszirten Gütern in den Säckel des Staates floß, ſo wurden doch die Finanzen Alba's und Vargas und ſeiner Gehülfen nicht vergeſſen, was um ſo leichter geſchehen konnte, da dieſe Einnahmen nicht controlirt und beauf⸗ ſichtet wurden. Obgleich über ſeine Schuld und Verurtheilung kein Zweifel bei Alba und Vargas war, ſo wurden dennoch von Zeit zu Zeit Verhöre mit ihm angeſtellt, und das Zeugniß ſeines eignen Neffen, das im Protokolle ihm vorgeleſen wurde, ohne daß man den Namen des Neffen nannte, was Jan zu bewerkſtelligen gewußt, gegen ihn aufgeſtellt. Seine Vertheidigung war fruchtlos. All ſein Berufen auf das Zeugniß ſeiner Mitbürger, auf die Rechtlichkeit ſeiner Verwaltung, auf die Tadelloſigkeit ſeines Wandels, auf die Gewiſſenhaftigkeit, mit welcher er ſtets des Hofes Befehle vollzogen, blieb erfolglos. van Strahlen ſah ein, daß man ſein Urtheil ſchon vor ſeiner Anklage durch ſeinen Neffen, vor ſeiner Gefangennehmung geſprochen hatte, und ſchwieg darum, da man ihm auch ſelbſt abge⸗ ſchlagen, ihn mit ſeinem Ankläger zu confrontiren. Man hielt ihn fortwährend in enger Haft und in Feſſeln wie den größten Ver⸗ brecher. Der alte Mann, der ſich freilich deſſen ſchuldig wußte, was man gegen ihn als Schuld geltend machte, nämlich, daß er Oraniens Freund, daß er für ſeines Vaterlandes Freiheit glühte, daß er der gereinigten Lehre des Evangeliums zugethan, und darum, die ſchrecklichen Urtheile der Inquiſition kennend, mild gegen die Bilderſtürmer geweſen war— ſah im Geiſte das Elend ſeines Volks unter dieſer blutigen Geißel— ahnete, wie die Beſſern bluten würden, und endlich des Thrannen Fuß Recht, Freiheit und Gerechtigkeit darnieder treten würde— und wünſchte darum zu ſterben. Sein Vertrauen auf die Menſchheit war untergraben— das Leben unter den Menſchen verhaßt. Nur die Gattin und Eliſabeth lagen ihm am Herzen, und machten ihm das Leben noch lieb. Jan war der Einzige, den er bisweilen ſah, dem er die geheimen Beſtimmungen, dem er die Geheimniſſe anvertraute, und beſonders die Gelder anzeigte, die er auswärts angelegt für kommende böſe Zeit— als Alba's Ankunft in den Niederlanden bekannt wurde. Ihm ertheilte er Vollmacht, ſie zu heben und für Eliſabeth und ihre Mutter zu verwenden. Ueberhaupt täuſchte der Nichtswürdige vollkommen den edeln Mann. Und wie frohlockte er! war es ihm ja doch genugſam klar geworden, daß Vargas ihn betrog, ihm nichts von Strahlen's Vermögen würde zukommen laſſen. So fand er Erſatz, und ſah ſich über ſein kühnſtes Hoffen im Beſitz eines anſehnlichen Vermögens, auch wenn alles Andre der Staat, Alba und Vargas an ſich riſſen—— und keine Reue kam in das entmenſchte Herz. Das entſetzliche Blutgericht hatte endlich das Urtheil gefällt, als Eliſabeth und ihre Mutter in Brüſſel mit Breughel ankamen. Breughel hatte ſich, der Kunſt wegen, einige Zeit in Antwerpen aufgehalten, und war durch ſeine Denkart und ſeine Bekanntſchaft mit Oranien, Montigni, Egmont und Horn, ſchnell mit van Strahlen vertraut geworden. Als er in Brüſſel war, traf den Bürgermeiſter das entſetzliche Loos. Er war der treue Freund im 6 Unglück, als die meiſten Antwerpner, aus Furcht, hit in van Strahlen's Fall gezogen zu werden, ſich ſcheu zurückzogen. Tief empört über Lodrona's Härte, ſorgte er für die Unglücklichen, und von ihren Fürbitten bei Alba, bei Margarethen von Parma, die damals noch in Brüſſel war, und von ſeiner Einwirkung auf dieſe noch Rettung hoffend, eilte er mit ihnen dorthin. Jan erſchrack, als er ihre Ankunft vernahm. Konnte nicht ein unglücklicher Zufall das Gewebe ſeiner ruchloſen Ränke enthüllen? Durfte er es Eliſa⸗ 7** 5 — 154— beth, durfte er es der Tante abſchlagen, mit ihnen bei Alba für den Verhafteten zu bitten? Und ſtand er dann nicht als Ankläger und als Fürbitter, in höchſt zweideutigem Lichte da, und lag nicht dann ſeine Entlarvung nahe?— So erwog der Schlaue die Ver⸗ hältniſſe, und fand es gerathener, ſchnell Brüſſel zu verlaſſen, um, das war ja Vorwand, und ihn im beſten Lichte zeigender Vorwand genug, in Antwerpen von Strahlen's Vermögen ſo viel zu retten, als möglich ſei. Breughel verſäumte keinen Augenblick, für Strahlen zu wirken. Er eilte zu Margaretha von Parma. „Was führt Euch zu mir? Wollt Ihr mir ein Lebewohl ſagen, Meiſter?“ fragte Margaretha den Maler, der ſie kannte, achtete und ehrte, und der einſt Menſchen nahe geſtanden, die ſie geliebt; der ihr Vertrauen in hohem Grade beſaß. „Das nicht, gnädige Frau,“ entgegnete Breughel,„denn ich hoffe nicht, daß Ihr von uns ſcheidet!“ „Mein Wirken hat ſein Ziel erreicht,“ ſagte Margaretha darauf, und ein tiefer Seufzer arbeitete ſich aus ihrer Bruſt hervor. Er galt dem ſchmerzlichen Herabſteigen von einem Throne, der ihr in der letzten Zeit das Herrſchen lieb gemacht.„Ich habe meine Entlaſſung gefordert,“ fuhr ſie fort,„da ich mit Alba nicht gemein⸗ ſam handeln kann. Ich hoffe, meine Niederländer erkennen es, daß ich ein mild geführtes Scepter in eine Hand legen muß, die leider ſtatt ſeiner das blutige Schwerdt führen wird.“ „In tauſend Herzen wird Euer Andenken geſegnet— und daß es noch mehr geſegnet werde— dazu komme ich, Euch Gelegenheit zu geben!“ „Gerne, mein wack'rer Breughel,“ antwortete Margaretha, „gerne will ich Euren Wunſch gewähren, wenn ſeine Erfüllung innerhalö der engen Grenzen meiner untergehenden Macht liegt.“— „O, das wird ſie,“ rief Breughel;„ich komme, um für das Leben des edeln Bürgermeiſters van Strahlen von Antwerpen zu bitten!“ Margarethe wandte ſich ab, ein bitteres Gefühl zu bewältigen. Sie fühlte ihre Ohnmacht jetzt höchſt ſchmerzlich, und mochte ſie doch nicht eingeſtehen. Breughel nahm es indeſſen für Widerwillen gegen ſeine Bitte. „O,“ ſagte er mit Rührung,„habt Erbarmen mit einer troſt⸗ loſen Gattin und Tochter!“ „Breughel,“ ſagte ſie,„Ihr verkennt mich. Gott iſt Zeuge, wie gerne ich mein Scheiden aus dieſes Volkes Mitte durch eine ſolche Handlung heiligen möchte! Aber Ihr nöthigt mich, Euch zu bekennen, daß ich Nichts für ihn thun kann, auch wenn ich noch ſo gerne wollte.“ „O warum nicht?“ fragte Breughel.„Wenn Ihr es als Statthalterin nicht mehr könnt, wer vermag der edlen Fürſtin zu verbieten, ihren heiligſten Beruf zu erfüllen, die Thränen des Unglücklichen zu trocknen?— Ich kenne Alba's ſteinernes Herz; aber wird er, ſo wage ich Euch zu fragen, wird er der Schweſter ſeines Monarchen eine Bitte abſchlagen, die einzige, die letzte, die ſie an ihn thut?— Wohl mag ſich Euer gerechter Stolz empören, von dem Unterthane Eures erhabenen Bruders etwas zu bitten, was Ihr fordern könntet!— Doch laßt hier Euer ſchönes Herz fiegen über den Stolz— ich bitte, ich beſchwöre Euch!“— „Ihr ſprecht kühn— Breughel,“ ſagte die Fürſtin, ſanft ver⸗ weiſend—„aber ich kann Euch nicht zürnen, ich kann Euch nichts abſchlagen. Gehet hin— ich will es verſuchen. Fragt morgen wieder vor.“ Breughel ging. Er brachte den Unglücklichen einen Schimmer von Hoffnung, der ſie aufrichtete. In brünſtigen Gebeten, daß der Lenker der Herzen Alba'n regieren möge, brachten ſie den Tag, die ſchlafloſe Nacht hin. Am andern Tag eilte Breughel zu Margarethen. Sie ſ auf einem Ruhebett und ſtützte das Haupt in die Hang Blick ruhte mit düſterem Unmuth auf dem Maler. „Ich habe Euch ein ſchweres Opfer gebrach ſagte ſie,„und der Unmenſch hat es nicht gewährt Noch einmal, verſprach er, den Prozeß zu revidir — 156— verſprecht Ihr Euch etwas davon, ſo täuſcht Ihr Euch. Wen Alba haßt, der muß ſterben, und er haßt Strahlen ſo heiß, wie er ſein Geld liebt— laßt Euch das genügen!“ Breughel faltete die Hände und blickte voll ſtummen Schmerzes gen Himmel.„So iſt keine Gnade mehr zu hoffen!“ rief er ſchmerzlich, und verſank in ſtilles Hinbrüten. Plötzlich erwachend, fragte er:„Glaubt Ihr, daß der Mutter, der Tochter Thränen dieſes Felſenherz erweichen könnte?“ „Ich zweifle,“ entgegnete Margarethe.—„Doch verſucht es, vielleicht ſeid Ihr glücklicher auf dieſem Weg, als Eures Königs Schweſter.“ Sie ſprach die letzten Worte mit einer bittern Jronie, die nur zu deutlich auf das gereizte Ehrgefühl der ſich auf die Seite geſchoben ſehenden Statthalterin ſchließen ließ. Breughel eilte zu ſeinen Schützlingen zurück, ihnen dieſen Schritt vorzuſchlagen. So troſtlos auch ihre Herzen waren, ſo ergriffen ſie dennoch auch dieſe ſchwache Handhabe der Hoffnung. Breughel wußte ihnen Zutritt zu dem Gewaltigen zu ver⸗ ſchaffen. Wankenden Schrittes begleitete er die Unglücklichen, die in tiefe Trauerkleider gehüllt waren. An einem Tiſch, auf dem viele Schriften umherlagen, ſaß Alba und hielt die Feder in der Hand. Vargas ſtand bei ihm, und nahm die unterzeichneten Schriften weg. „Dies das Todesurtheil van Strahlen's!“ ſagte er, indem er Alba ein Pergament unterſchob. „Welche Strafe habt ihr ausgeſprochen?“ fragte Alba gleich⸗ gültig. „Enthauptung, gnäd'ger Herr,“ ſagte Vargas,„die mildeſte, die er erwarten kann.“ „Zu mild für den Ketzer!“ rief Alba aus—„doch es mag bleiben“ Ruhig ſchrieb er ſeinen Namen darunter und Vargas urück. ſagte Alba,„nun mag Weib und Tochter kommen.“ ging zur Thür, und gab einen Wink den Dienern; um Tiſche zurück, die Papiere lächelnd zuſammenfaſſend. —— Die Thüre öffnete ſich, und die Gattin des Unglücklichen, auf die ſelbſt zitternde Eliſabeth geſtützt, wankte herein. Der ungeheure Schmerz hatte auf ihre Geſichter ſein unverkennbares Siegel gedrückt, und dennoch war Eliſabeth engelſchön. Vargas' Auge ruhte mit lüſterner Begierde auf ihr, und muſterte die herrlichen Formen des ſchönen Mädchens. Mit gerungenen Händen und dem Ausrufe:„Erbarmen!“ ſtürzten Beide vor Alba nieder. Er ſah ſie kalt und herzlos an. Sein Blick ſchien in dieſem Augenblicke nur Eliſabeth's Reize zu prüfen.„Steht auf!“ ſagte er dann herriſch.„Ihr bittet für Strahlen?— Ich bedaure es, Eure Bitte, wie die Eurer Für⸗ ſprecherin abſchlagen zu müſſen. Seine Vergehen ſind zu groß— die Zeugniſſe ſeines eignen Neffen zu kräftig. Es fordert die Ruhe des Staats ein ſchreckendes Beiſpiel an den Empörern, und das Heil der Kirche an dem Ketzer.— Ich kann es nicht gewähren!“ Da ſank mit einem fürchterlichen Schrei die unglückliche Frau leblos zu Boden, und neben ihr die Tochter. „Schafft mir das Weibergezüchte hinweg!“ donnerte die Stimme des Unmenſchen, und Vargas eilte herzu, das ſchöne Mädchen mit lüſternem Behagen in ſeine Arme nehmend. Die Diener ſtürzten herein und trugen ſie hinaus. „Nie mehr!“ rief Alba ihnen nach.„Wer mir noch einmal ſolche Fürbitter vorführt, iſt ein Kind des Todes!“ Er warf dröhnend die Thür in die Angel. Aus Vargas' Armen nahm Breughel das erſtarrte Mädchen, auf welches die glühenden Blicke des Verworfenen geheftet waren. „Wer ſeid Ihr,“ fragte er Breughel'n, und ſah ihm forſchend in das Auge. „Ein Freund der Unglücklichen,“ ſagte der Maler mit edlem Stolz.. „Wo wohnet Ihr mit Ihnen?“ fragte er weiter. Breughel erſchrack Er las in Vargas Blicken etwas Entſetzliches, und nannte, da er in Brüſſel ſo lange gelebt und wohl bekannt war, eine Straße, die weit entfernt war von der Stelle, wo er wohnte. v — 158— „Ich erwarte Euch unfehlbar dieſen Abend,“ fuhr Vargas fort, und ſeine Blicke ruhten wieder auf den Reizen der Ohnmäch⸗ tigen.„Geht jetzt, und ſorgt für das ſchöne Mädchen!“ Breughel überlief ein eiskalter Schander vor dieſem Menſchen. Er eilte mit ſeiner ſchönen Laſt hinab. Ein mitleidiger alter Diener Alba's war ihm dort behülflich, ſie ins Leben zurückzurufen, und Breughel eilte hinweg, um zwei Sänften für die Frauen zu holen. — Bei ſeiner Zurückkunft zog ihn der alte Diener auf die Seite. „Ihr ſcheint mir ein braver Mann zu ſein,“ ſagte er flüſternd zu Breughel—„darum rathe ich Euch, verbergt das ſchöne Mädchen, oder bringt ſie weg von hier. Vargas kennt für ſeine Begierden keine Hinderniſſe. Dies ſei Euch genug.“ Breughel erbleichte ob dieſer Nachricht. Er drückte dem Menſchen dankbar die Hand und entfernte ſich mit den troſtloſen Frauen, die nun jede Hoffnung aufgaben. Breughel mußte am Abend zu Vargas gehen. Er wollte den Elenden bitten, die Frauen noch einmal zu dem Verurtheilten gehen zu laſſen. Dieſe Bitte ſchlug er ihm ab.— Breughel wußte die Frauen noch am Abend zur Abreiſe nach la Gauchere ezu beſtim⸗ men. Unbeſchreiblich bleiben die Gefühle, die ihre Herzen zerriſſen, als ſie die Stadt verließen, wo der unglückliche Gatte und Vater, den ſie nicht mehr ſehen durften, nicht mehr an ihr Herz drücken konnten, einem Verbrechertode entgegenſah!— Acht Tage ſpäter ſtarb van Strahlen den Tod durch Henkers Hand.— V. Die Verſchwundenen. Die erſchütternden Auftritte, die Wilim van Strahlen erlebt, griffen ihn heftig an. In wilden Fieberparorismen brachte er mehrere Wochen hin. Nur ſeines Oheims Schickſal, Eliſabeth und das ſchwarze Laſter, das ihn in ihren Augen herabwürdigte, beſchäf⸗ tigten den irren Sinn des Leidenden. Trauernd ſah De Ryk, wie die Gluth des Fiebers die Lebenskraft ſeines Lieblings zu verzehren — 159— drohte. Er kam Tag und Nacht nicht von ſeinem Lager. Seine Stimmung war in doppelter Beziehung düſter. Hier quälte Sorge um den Liebling ſein Herz, dort in Brüſſel konnte er vielleicht die Schuld der Dankbarkeit abtragen gegen van Strahlen, und mußte nun hier ſo unthätig weilen. Darum traf ihn die Nachricht von Strahlen's Enthauptung mit erſchütternder Gewalt. Was wurde aus den Seinen? ſo fragte er ſich, und durfte doch nicht von Wilm's Lager. Breughel kannte er nicht, wußte alſo nicht einmal, ob den Unglücklichen ein Freund zur Seite ſtehe. Als Wilm's Fieber⸗ phantaſien ſich endlich legten, und der Kranke in einen tiefen Schlaf verfiel, der Arzt jetzt gegründete Hoffnung der“ Wiedergeneſung faßte und gab, da erſt verließ er das erſte Mal das Bette Wilm's, um bei einem Freund in der Stadt Erkundigungen einzuziehen. Es war Abend, als er über den Hafendamm ging, unfern deſſen die ärmliche Wohnung lag, die ihn gaſtlich aufgenommen. Ein mildes Sternenlicht erhellte die Dunkelheit. Im Hafen war noch ein ziemlich reges Leben. Der Ruf der Matroſen ſchallte durch das Getöſe des Verkehrs, der ſelbſt in der Nacht nicht ruhte, da Schiffe kamen und abſegelten. Wie er ſo dahinging, ſah er vor ſich einen Mann gehen, den er für Jan van der Does zu erkennen glaubte. Dichter wickelte er ſich in ſeinen Mantel und eilte, an die Seite deſſelben zu kommen. Er war's. Aengſtlich ſah ſich Jan um, als er die dunkle Geſtalt wahrnahm, die ihm auf dem Fuße folgte. Eine heftige Angſt ergriff den Sünder. Er beſchleunigte ſeine Schritte, die Stadt zu erreichen. De Rhk folgte ihm, wie ſein Schatten. Jan bog, ſobald er die Stadt erreicht hatte, ſchnell in eine kleine Nebenſtraße ein. Hier aber erreichte ihn De Ryhk. Plötzlich fühlt ſich Jan bei der Schulter von einer nervigten Hand gefaßt. Wie ein elektriſcher Schlag fuhr's ihm durch die Glieder. Er mußte ſtehen. „Hat dich der Arm des Enißen noch nicht gefaßt, Schurke?!“ donnerte ihm eine tiefe Baßſtimme in das Ohr, und kalter Schauder durchbebte ihn.—„Zetzt, fühlſt du's“— fuhr die Stimme fort, „jetzt ergreift er dich, Mörder deines Oheims— Verleumder, — 160— Heuchler, Teufel!— Deine Thaten kenne ich. Wo iſt Eliſabeth und ihre Mutter?“— „Ich weiß es nicht!“— ſchrie, außer ſich, Jan, und die Vorüberwandelnden blieben ſtehen. De Ryk ſah, daß er Aufſehen erregte, und ließ ihn los, indem er ihm in das Ohr raunte:„Du entgehſt mir nicht! Ich bin des Gemordeten Rächer!“— Wie von den Furien der Hölle gepeiſcht, rannte Jan davon. Er zitterte. Froſt durchrieſelte ihn und ſchüttelte ihn, daß ſeine Zähne klapperten, und doch brannte ſeine Stirne, wie Feuer. Er ſah überall das Bild des Gemordeten. Die Schrecken der Hölle hatten ihn ergriffen. Schlafen konnte er nicht, und allein konnte er nicht bleiben. Er ſuchte die Genoſſen ſeiner Lebensweiſe, und erſt hier, im wilden Tumulte roher Ausſchweifungen, gelang es ihm, das erregte Gewiſſen zu übertäuben. Am andern Tage ſchämte er ſich ſeiner Furcht und lachte ihrer. Doch verließ er Antwerpen, weil er hier einen Feind ſich nahe wußte, und eilte nach Brüſſel. Eliſabeth war mit ihrer Mutter in la Gauchére. Dorthin begab er ſich, nachdem er bei Vargas umſonſt ſeinen Judaslohn einge⸗ fordert, und dieſer ihn höhnend, und zuletzt, als er zudringlicher geworden, mit der Drohung von ſich gewieſen, daß er ihn ſeinem Oheime werde nachſenden. Er kam, zur Freude ſeiner Tante, nach la Gauchére. Eliſabeth ſah ihn mit grenzenloſem Widerwillen. Breughel hatte einige Bemerkungen über Jan gemacht, die in ihr einen entſetzlichen Verdacht erregten.— An die Mutter ſchloß er ſich an. Ihr ſchilderte er die hoffnungsloſe Lage, der ſie mit Eliſabeth entgegenſah. Ihr bewies er es ſonnenklar, wie nur durch ſeine Unterſtützung ihr Leben könne gefriſtet werden. Er händigte ihr eine Summe Geldes ein, die kaum für ein halbes Jahr aus⸗ reichen konnte, als das Letzte, was er habe retten können, verhehlte ihr auch nicht, daß Vargas Eliſabeth nachſtelle. Nachdem er nun ſeine blühenden Ausſichten für die Zukunft, durch Gründung eines neuen Handels, in das nöthige Licht geſetzt, rückte er mit dem Antrage hervor, Eliſabeth als ſeine Gattin heimzuführen, und ſo — 161— alle jene Uebel von ihnen zu entfernen. Die Mutter, ſo tief gebeugt ſie auch war, nahm dennoch dieſen Antrag mit Beifall auf. Sie ſah ihres Kindes Zukunft geſichert, und konnte ſorglos ſterben. Daher ſie denn auch Eliſabeth die Wünſche Jan's vortrug, und aus allen Kräften unterſtützte. Tief empört verwarf Eliſabeth den Antrag. Nie könne ſie, ſagte ſie der Mutter, die Gattin eines Mannes werden, am wenigſten Jan's, deſſen Charakter ihr in einem zu verächtlichen Licht erſcheine. Zugleich beſchwor ſie die Mutter, mit ihr nach Briel zu einer Verwandten ſich zu begeben, wo ſie mit ihrer Hände Arbeit ſich und ſie ernähren wolle. So wenig dies auch mit den Wünſchen der Mutter überein⸗ ſtimmte, Eliſabeth's Erklärung war ſo beſtimmt, ſie flehte knieend die Mutter ſo innig um die Gewährung an, daß ſie es zuſagen mußte. Bald genug aber nöthigten ſie andere Ereigniſſe zur Aus⸗ führung. Schon ſeit mehreren Tagen bemerkte Breughel, daß unbekannte Menſchen des Nachts ſein Haus umſchlichen. Er erfuhr, daß ſich Unbekannte genau nach dem Schlafzimmer Eliſabeth's erkundigt. Dies beunruhigte ihn. Er forſchte und ſuchte ſie zu belauern. Ob er nun gleich ihre beſtimmten Abſichten nicht erkannte, ſo beſtärkte ihn in der Anſicht, daß es Abgeſandte von Vargas ſeien, eine Unterredung, die zwiſchen zweien derſelben ſpaniſch geführt worden war. Eine Warnung von unbekannter Hand vollen⸗ dete endlich ſeinen Entſchluß, Eliſabeth von der ihr drohenden Gefahr zu unterrichten. Sie erſchrack heftig, und drang nun um ſo ſtürmiſcher in die Mutter, die alsbald nachgab. Breughel brachte ſie heimlich nach Briel, wo im Hauſe der Verwandten ſie ruhig lebten— ſo unglücklich ſie ſich auch fühlten. Eliſabeth fand in Thätigkeit ihre innere Kraft wieder, wenn auch das Lächeln der Freude nie mehr ihr Geſicht verſchönerte, nie um den ſchönen Mund ſpielte. Wilm's Bild trat oft vor ihre Seele, ſo ſehr ſie es auch zu verdrängen ſich beſtrebte. Der Gedanke, daß ihm doch vielleicht Unrecht geſchehen, tagte manchmal nach der Zweifel düſtrer Nacht, wurde ihr klarer, je mehr ſie Jan's Handlungsweiſe erwog. — Dann ſah ſie thränenſchweren Blickes gen Himmel, um voll⸗ kommenes Licht betend.— . — 162— Jan war nach Brüſſel zurückgekehrt, um Eliſabeth Ruhe zum Entſchluß zu gönnen. Nach vierzehn Tagen ging er nach la Gauchére zurück. Breughel empfing ihn freundlich.„Es freut mich,“ ſagte er, daß Ihr mir Kunde von den Eurigen bringt, Herr van der Does! Hat ſich ihre Trauer gemildert?“— Jan ſah ihn mit Erſtaunen an.„Von Wem redet Ihr?“ fragte er. „Von Eurer Tante und Eliſabeth, die vor acht Tagen auf Euer Schreiben nach Brüſſel abgereiſt ſind!“— erwiederte der Maler. „Nach Brüſſel? auf mein Schreiben? Um Gotteswillen, träumt Ihr, Herr?“ rief Jan erſchreckend aus. Breughel ahmte ſein Staunen nach, und wiederholte ſeine Aus⸗ ſage mit näherer Angabe der Umſtände. Jan war außer ſich. Vargas war ſein erſter Gedanke. Er theilte Breughel ſeine Vermuthung mit, die dieſer durch die Erzäh⸗ lung der um ſein Haus ſchleichenden Unbekannten, die indeſſen, ſeit Breughel ſie geſchreckt, nicht mehr geſehen wurden, beſtärkte. Breughel tänſchte den Heuchler, den er allmählig zu durch⸗ ſchauen begann, vollkommen. Er begleitete ihn nach Brüſſel, um Nachforſchungen anzuſtellen. Jan eilte ſogleich zu Vargas. Aber wie erſchrack er, als Vargas wie wüthend ihn andonnerte, ihm die Entführung Eliſabeth's zur Laſt legte, und ihm mit gerechter Strafe drohte, wenn er es wagen ſollte, noch einmal vor ſein Angeſicht zu treten. Wüthend kehrte Jan zu Breughel zurück. Unermüdet forſchte er— doch er vermochte nicht ihre Spur zu entdecken. Er mußte nach Antwerpen zurückkehren, mit der ohnmächtigen Wuth im Herzen. Hier begann er nun Handel zu treiben auf ſeine eigene Rechnung, und mit dem Solde ſeiner Verbrechen zu wuchern. Sorgfültig pflegte De Ryk ſeines Lieblings zu Antwerpen, 3 während in Brüſſel dieſe Begebenheiten ſich zutrugen. Wilm genaß — aber es blieb etwas Schwermüthiges in ſeinem Weſen, das noch — 163— zunahm, als er ſeines edeln Oheims Tod erfuhr. Er war ja nun mit dem Wahn aus der Welt gegangen, daß er ihn verrathen habe. Ungefähr um die Zeit, als Jan nach Antwerpen kam, ver⸗ ließen es De Rhk und Wilm. Ihre Abſicht war es, Eliſabeth und ihre Mutter aufzuſuchen. Die Hoffnung des Wiederſehens der Geliebten, die Hoffnung, vor ihr gereinigt von dem entſetzlichen Verdachte zu erſcheinen, erfüllte Wilm's Herz allein wieder mit froheren Gefühlen. Ihre erſte Nachforſchung in Brüſſel war nach Breughel, der ſich als treuer Freund der Unglücklichen erwieſen hatte. De Ryl ſuchte ihn auf. Breughel war mißtrauiſch gewor⸗ den. Zudem auch hatte er Eliſabeth eidlich gelobt, Niemanden ihren Aufenthaltsort zu bezeichnen. Daher erfuhr auch De Rhk nichts von dem Verſchwiegenen, ſo daß er zu fürchten begann, Eliſabeth ſei das Opfer irgend eines ſpaniſchen Wüſtlings geworden, wie denn der Fall nicht ſelten in dieſen Tagen in Brüſſel vorkam. Dieſe traurige Vermuthung brachte er Wilm, deſſen Schwermuth in dem Grade zunahm, als ſein Haß gegen Alba und alle Spanier wuchs. Das Benehmen Alba's und ſeiner Helfershelfer war auch nur geeignet, Haß zu erregen. Blutſtröme floſſen faſt täglich, und Confiscationen waren an der Tagesordnung. Ueber die ganze Nation war das Urtheil des Hochverraths ausgeſprochen, alle waren alſo dem blutigen Statthalter verfallen, die er bezeichnete, oder die ihm bezeichnet wurden. Seit der Entfernung Margaretha's ſchaltete er frei nach ſeines Herzens Gelüſten. Die Gefängniſſe waren ſtets gefüllt. Jeder Tag ſah ſeine Schlachtopfer. Zu entfliehen war faſt nicht mehr, oder doch damit die größten Gefahren verbunden. Der Rath der Unruhen fällte nur Todesurtheile. Todesangſt und Schrecken bemächtigte ſich der Nation. Verräther und Laurer waren überall geſchäftig. Jedes Wort, das im entfernteſten gegen Alba oder ſeine Regierung gerichtet war, hatte den Tod zur Folge. Die Inquiſition war in ihrer vollen Kraft; die Glaubensedikte wurden reſtituirt; die Schlüſſe des tridentiniſchen Conciliums wurden gegen die Proteſtanten mit aller Schärfe geltend gemacht. Kein Privi⸗ legium einer Provinz wurde geachtet. Thrannei, Habſucht und — 164 2 Blutdurſt waren im engſten Bunde, die Nation niederzutreten, daß ſie ſich nicht mehr erheben könnte. De Ryk und Wilm van Strahlen konnten das Unglück der Nation nicht mehr anſehen. In ihrem Herzen regte ſich der Gedanke der Selbſthülfe von dieſem ſchrecklichen Joche, wie in den Herzen Tauſender. Nach Dillenburg, wo Wilhelm lebte und über ſeines Volks Elend trauerte, aber auch im Stillen die Pläne entwarf, Freiheit ihm zu bringen, richtete ſich ihr Auge. Dorthin ging Wilm. De Ryhk begab ſich nach Amſterdam, und wollte nach Eng⸗ land gehen— oder mit dem Reſte ſeines Vermögens einen Kaper ausrüſten.— VI. Die Rämpft. Jahre waren in das Meer der Zeit gefloſſen. Alba war ſich völlig gleich geblieben. Morden und Plündern des Eigenthums ſchien ſeine Lieblingsbeſchäftigung zu ſein. Die Blüthe der Nation hatte auf dem Blutgerüſte geendet. Zwanzig Millionen Gulden war Philipp's von Spanien Beutetheil, der Alba's und ſeiner Gehülfen war nicht geringer. Armuth und Elend wuchs mit fürchterlicher Macht und Schnelle in dem einſt ſo reichen Land, und die Aus⸗ wanderungen hörten noch nicht auf. Das Elend des Landes, die. Blutſtröme der Gemordeten ſchrien um Rache. Der Rächer lebte. Wilhelm von Oranien, den Alba in unbegreiflichem Uebermuthe vor ſeinen Richterſtuhl gefordert, den er des Hochverraths für über⸗ wieſen erklärte und, bei Todesſtrafe, für immer aus den Nieder⸗ landen verwieſen hatte, Wilhelm von Oranien konnte nicht länger unthätig bleiben. Sein Herz blutete; die Hand griff zum Schwerdte. Allerdings war es ein Wagniß für ihn, mit ſchwachen Mitteln in die Schranken zu treten gegen den Koloß des ſpaniſchen Reiches, * der mit einer Hand in die Reichthümer einer andern Hemisphäre greifen und mit der andern ſie austheilen konnte, um Söldner zu werben, das die erfahrenſten Feldherrn, die erprobteſten Tapfern, und einen Reichthum von Kriegsbedürfniſſen ſein nannte, wie keine * — 165— andere Macht. In der Schale des Prinzen lag Recht und Gerech⸗ tigkeit, Muth und Gottvertrauen, Geiſt und Charakterſtärke; und ſie wogen ſchwer. Des Prinzen ſcharfer Blick prüfte wohl. Er wußte, daß die Liebe der Niederländer ſein war, daß ſelbſt die Katholiken willig ihm ihren Arm und ihre Hilfsmittel leihen wür⸗ den, wenn er als Retter von Alba's Thrannei nahte. Er rechnete auf die thätige Unterſtützung der proteſtantiſchen Fürſten Deutſch⸗ lands, der Hugenottenhäupter Condé und Coligni, die ihm befreundet waren, und hoffte ſelbſt mit Grund auf eine heimliche Unterſtützung Englands. Es fehlte indeſſen auch nicht an Fürſten in Deutſchland, die eine Ausſöhnung zwiſchen Wilhelm von Oranien und Philipp dem Zweiten von Spanien wünſchten und verſuchten; aber ihr Bemühen mußte an Philipp's Starrſinn und Haſſe ſcheitern, der einmal darauf beharrte, daß ſich Dranien vor Alba ſtelle, und ſich verantworte. Dieſes Benehmen mußte die Herzen in gleichem Grade dem König entfremden, und ſie dem Prinzen zuwenden, der als der Unterdrückte, Verfolgte, Erniedrigte daſtand. Hochherzige Brü⸗ der ſtanden ihm zur Seite, edle Männer harrten ſeiner Befehle, Segenswünſche der Edelſten aller Nationen begleiteten ihn; aber die gut berechneten Angriffe der Grafen Coqueville und Hoogſtraten mißglückten zum allgemeinen Bedauern. Da traten Wilhelm von. Oranien's Brüder, die Grafen Ludwig und Adolph von Naſſau, in 3 die Kampfbahn. Anfangs waren ſie glücklicher, als jene, obwohl am Ende die Vortheile ihrer Unternehmungen dennoch wieder zu Nichte wurden. Sie fielen mit ihren Heerhaufen in Friesland ein. Die Grafen von Aremberg und Megern traten ihnen ent⸗ gegen. Aremberg nahm Anſtand, den Naſſauern, deren Streitkräfte ſtärker waren, als die Seinigen, eine Schlacht zu liefern, da der Boden, auf dem er ſtand, höchſt ungünſtig war. Dämme, Gräben und Sümpfe durchſchnitten ihn nach allen Richtungen. Dennoch aber nöthigten ihn die Spanier, die er befehligte, zur Schlacht. Bei dem Kloſter Heiligerlee wurde die Schlacht geliefert. Aremberg wurde geſchlagen, und überlebte ſeine Niederlage nicht. Ludwig von Naſſau verlor einen ſeiner Heldenbrüder, Avolph, ein — 166— junges, hoffnungsvolles Leben. Groß war der allgemeine Jubel über dieſen Sieg, groß Alba's Entſetzen. Fürchterlich brauſte ſein Zorn auf. Vor Gröningen ſtand der verachtete Feind, der die Seinen geſchlagen. Aufſuchen, angreifen, zermalmen wollte er ihn. Gerächt mußte ſie werden, die erlittene Schmach. Chiappi Vitelli ſandte er voraus nach Gröningen, damit er Megern unterſtützte und blutiges Gericht halte über alle die, welche Aremberg zu dieſem unglücklichen Treffen genöthigt hatten. Bald folgte er ſelbſt, der Entſetzliche, und vereinigte ſich mit Bitelli. Graf Ludwig von Naſſau zog ſich zurück nach Jemmingen, wo er eine feſte Stellung nahm, und ſo lange Alba beſchäftigen wollte, bis Wilhelm von Hranien den Krieg in das Herz Brabants würde getragen haben. Doch nicht alſo ſollte es ſein. Vielfach ſollte erſt der edlen Brü⸗ der Streben durchkreuzt werden, ehe es der Erfolg zu krönen beſtimmt war. Alba durchſchaute die Pläne, und wollte raſch ihnen den unheilbaren Herzſtoß verſetzen. Ihm lag daran, ſchnell Alles zur Entſcheidung zu führen. Auf ſeiner Seite war ohnedieß ſchon der Vortheil beſſerer Ordnung, geübterer und erprobterer Truppen, während nur Horden loſen Geſindels, die des Kriegsglücks und des Gewinnes Hoffnung angelockt, des Naſſauers Heer bildeten, und jetzt gerade, wo Alba im Angeſichte ſtand, wegen rückſtändigen Soldes zu murren begannen. Ludwig von Naſſau ſah die Gefahr, die dieſes Murren brachte, und rief ſeine Befehlshaber und Hauptleute zuſammen. Unter ihnen war Wilm von Strahlen, der das Racheſchwerdt ergriffen hatte, und bereits bei Heiligerlee unter den Tapfern der Tapferſten Einer geweſen war. Schauenburg und Strahlen nahmen es über ſich, die murrenden Haufen zufrieden zu ſtellen. Sie traten furchtlos unter ſie. Wilm van Strahlen's ſonore Stimme mahnte kräftig⸗ die Meuterer an ihre Pflicht. Er erinnerte ſie an ihren Sieg von Heiligerlee, und ſtellte ihnen vor, daß ihr Benehmen ſo leicht alle dieſe Vortheile wieder zertrümmern könnte, zeigte ihnen das Ver⸗ ächtliche, was in dem Benehmen lag, in der Stunde der Gefahr, wo es männliches Kämpfen galt, dem Prinzen zu trotzen. Es — 167— gelang ihm und Schauenburg, ſie zu befriedigen. Während Sancho de Avilla die Truppen des Feindes und ſeine Stellung zu erforſchen ſuchte, und leider ſeine ſchwächſte Poſition erforſchte, ſtiftete Wilm und Schauenburg Frieden unter den empörten Maſſen. Wilm ahnete die Nähe der Gefahr. Er ſelbſt führte ſie zur blutigen Arbeit, die mit der Abtragung der Brücken begann. Unter dieſem Geſchäfte begrüßten ſie ſchon der Spanier pfeifende Kugeln. Das Treffen begann— und— der Befehl Ludwig's von Naſſau, die Dämme zu öffnen, und das Land unter Waſſer zu ſetzen, war durch die ſubordinativnswidrige Stimmung der Soldaten unerfüllt geblie⸗ ben. Strahlen ſah den anrückenden Feind— und trotz der nahenden Gefahr unternahm der Lüngling, mit einem Theile der unter ſeinen Befehlen ſtehenden Dienſtmänner die gefahrvolle Arbeit. Ehe es aber noch ganz vollendet war, begann die Schlacht immer wilder daher zu brauſen. Wilm eilte in die Reihen der Kämpfenden zurück. Trüb und regneriſch war der Tag, gleichſam voraus ver⸗ kündigend die Schickſale, die er bringen ſollte. Immer höher ſtieg das Waſſer— immer gefährlicher wurde das Terrain. Da griff Alba das Befreiungsheer in der linken Seite an, wo Wilm mit ſeinen Streitern ſtand. Auf die ſchwach bedeckte Batterie richtete Alba ſein Augenmerk. Er ſelbſt kämpfte an Spitze der ausge⸗ ſuchten Truppen. Wilm ſtritt wie ein Löwe, dem man ſein Junges nehmen will. Sein Auge ſuchte nur Alba. Nach ſeinem Herz⸗ blute gelüſtete ihn; aber ſeines Herzens Wunſch konnte nicht erfüllt werden; ja der unſägliche Schmerz wurde ihm, daß, trotz des ſteigenden Waſſers, die Spanier daherſtürmten, ſeine Leute wichen. Vergebens bat, befahl, drohte er— umſonſt ſtreckte er mit eigner Hand die Fliehenden nieder, und drohte, ſo viele niederzuhauen, als er erreichen könne— ſie flohen, die Batterie wurde erſtürmt, und er war der Letzte, der ſie verließ, wollte er nicht in Alba's Hände fallen. Die Flucht nahm jetzt das ganze Heer der Naſſauer, von denen treulos gar noch ein Theil zu Alba überging. Murrend gegen das unerbittliche Geſchick ſah Wilm alle Vortheile des enen und das Lager, mit allen Vor⸗ Sieges bei Heiligerl — 168— räthen und allem Gepäcke, in der Feinde Hände fallen.— 2n ſpäten Abend des Tages ſtanden, düſtern Blicks und voll innern Grimmes, die Hauptleute um den Grafen Ludwig von Naſſau. Das Ausſehen des Prinzen war ruhig. Er reichte den Tapfern ſeine Hand nach der Reihe und ſagte mit feſter Stimme:„Es iſt nicht unſre Schuld, Gefährten, es war der Wille Gottes! Wir haben bei Heiligerlee bewieſen, daß wir Männer und keine Jüng⸗ linge ſind. Es ſchmerzt wohl, daß alle die Vortheile unſres erſten Siegs uns wieder entriſſen ſind, aber wir leben noch, und unſer Muth und unſre Kraft. Nicht geendet iſt unſer Werk. Der wahre Held kann überwunden, nie aber ganz beſiegt werden, und unſre Thätigkeit, die hier blos eine Schranke fand, ſucht andern Spiel⸗ raum, um Neues kräftiger zu beginnen. Wir haben Alba ewigen Haß und Rache geſchworen— wir wollen den Schwur halten!“ „Bis zum letzten Tropfen Herzblut!“ riefen die Hauptleute. „Wohlan dann, treue Waffenbrüder,“ fuhr Graf Ludwig fort, „laßt uns mit den Reſten unſrer Treuen nach Deutſchland zurück⸗ kehren, wo mein Bruder neue Streitkräſte ſammelt, um den Erb⸗ feind unſres Hauſes, Volks und Glaubens zu bekämpfen. Jene brennenden Dörfer(er wies nach dem gluthrothen Horizonte hin) werden uns leuchten, und das Gefühl der Rache in tauſend nieder⸗ ländiſchen Herzen entzünden gegen den Mordbrenner!“ Mit dieſen Entſchlüſſen verließen die Tapfern ſchweren Herzens den Boden Frieslands, den ſie mit ſo ſchönen Hoffnungen und unter ſo güſtigen Ausſichten betreten hatten. Sie wanderten nach Deutſchland, und ſtießen zu Oranien, der neue Kämpfe vorbereitete. Geldmangel hielt ihn zurück, ſogleich die Bahn des Krieges wieder zu betreten. Die Unglücksfälle, die ihn getroffen, hatten ſeinen Heldengeiſt noch nicht niederſchlagen können. Sein Glaube an die Gerechtigkeit ſeiner Sache ſtand zu unerſchütterlich feſt. Die erlit⸗ tenen Niederlagen und die Verluſte derſelben wurden durch treue Freunde erſetzt. Im September des Jahres 1568 muſterte be Trier der Prinz ſeine Leute, in zwanzigtan Wilhelm von der Mark, der wilde Eber . — 169— Heeresabtheilung, bei welcher Wilm als Hauptmann ſtand. Hoch ſchlug ſein Herz bei dem Gedanken an ſeines Vaterlandes Rettung— hoch bei dem Gedanken, Alba's furchtbare Macht zu brechen. Seiner Fahne Symbol ſprach ganz ſeine Geſinnungen aus. Ein ſchwarzes Herz, von einem Pfeile durchbohrt, mit der Deviſe: Fluch Alba! zierte ſie. Nur die trübe Ausſicht auf neue Meutereien breitete einen ſchwarzen Schleier über ſeine ſchönen Hoffnungen. Oft wünſchte er ſich, daß der brave De Rhk an ſeiner Seite ſtünde— doch der war fern, und in jeder einſamen Stunde war ſeine Seele bei Eliſabeth, und innig betete er für ſie, deren Loos in das Dunkel der Ungewißheit gehüllt war. Sein Weſen war ernſt. Ihm war das wilde Toben der Luſt zuwider. Seine Vaterlandsliebe hielt ihn auf der blutigen Bahn des Kriegs, und flößte ihm die Begeiſterung ein, die ihn ſtählte gegen alle Widerwärtigkeiten, und ihm die Kraft gab, die aufrühreriſchen Landslnechte und Hakenſchützen im Gehorſam zu erhalten. Oft blutete ſein Herz bei den wilden Ausſchweifungen der Soldaten; doch die traurigen Verhältniſſe, die obwalteten, Wilhelm's von der Mark eigne Wildheit und Zügelloſigkeit und der Mangel an Sold mußten Manches zulaſſen, was das Recht und die Pflicht verbot. Dieſe Nachſicht aber gebar nur wildern Trotz, nur frechere Forde⸗ rungen, nur zügelloſere Ungebundenheit, die endlich— ehe noch Bedeutendes geſchehen war— in vffene Empörung ausartete. Schon längere Zeit glühte das Feuer, bis es endlich, nach der Zer⸗ ſtörung und Plünderung eines Kloſters bei Aremberg, zum wilden Ausbruche kam. Oranien mißbilligte laut die Ausſchweifungen und Grauſamkeiten, die man dabei verübt hatte, und dies reizte den allgemeinen Unwillen aufs Heftigſte. Man vernahm laute Schmähungen und Flüche, mit den bedenklichſten Drohungen ver⸗ miſcht, um ſo bedenklicher, da Alba bereits im Anzuge war. Im Zelte Oraniens waren die Obriſten und Heerführer zum Kriegs⸗ rathe verſammelt. Auch Wilm van Strahlen, der ſich zu Jem⸗ mingen die Liebe Ludwig's von Naſſau durch ſeine Tapfer ehorben hatte, war dazu berufen. Als er ſein Zelt verließ,„ — 170— nahm er dieſe Aeußerungen, beobachtete die Zuſammenrottungen der Soldaten, und ahnete, was erfolgen würde. Pfeilſchnell flog er die Zeltengaſſe hinauf, zu des Prinzen Zelt, und meldete ihm die bevorſtehenden Auftritte. Der Prinz dankte ihm für die Mitthei⸗ lung, und bat ihn, ſogleich ſeine Hakenſchützen, größtentheils Unter⸗ thanen des Prinzen, die ihn liebten, ausrücken zu laſſen und zu dem Zelte zu führen, wo der Kriegsrath Statt gefunden hatte. Strahlen kehrte zurück, und befolgte das Gebot des Prinzen; allein ſchon wütheten die entfeſſelten Leidenſchaften, ſchon brauſte das Feuer der Empörung überall, ſchon war de Hammes, einer der wackerſten Hauptleute, erſchoſſen, und eine Kugel hatte des Prinzen Degen von ſeiner Seite geriſſen, als Wilm van Strahlen mit den Hakenſchützen anlangte, und ſie mit ſcharfer Ladung vor die Meu⸗ terer aufſtellte. Alle Bande ſchienen gelbſt, und Verderben drohte der ganzen Unternehmung. Ruhig zielten indeß Wilm's Haken⸗ ſchützen, und harrten des Gebots. Noch einmal verſuchte Oranien die zauberhafte Beredſamkeit, die ihn zum Herrſcher über die WMenſchenherzen machte. Noch einmal trat er kühn vor ſie hin, ihnen das Strafbare ihres Benehmens zu zeigen, ſie an das Kriegs⸗ recht zu erinnern— und ſein Wort ſiegte; die imponirende Größe des Mannes erſchütterte die Gemüther der wilden Rotten. Fried⸗ licher, glücklicher endete der Aufruhr, der unter ſo äußerſt bedenk⸗ lichen Anzeigen begonnen hatte, und Oranien führte ſein Heer den Ufern der Maas zu, wo Alba ein verſchanztes Lager bezogen hatte. Ein heldenkühner Uebergang über den Fluß führte den Prinzen Alba gegenüber; aber der alte Krieger hatte ſeine Pläne reiflich durchdacht. Ihm ſchien es das Beſte, den Prinzen ohne eine ent⸗ ſcheidende Schlacht hinzuhalten. Dann mußten ſeine Geldquellen ſich erſchöpfen, ſeine Vorräthe ſich vermindern und Meuterei unter ſeinen Truppen entſtehen, die er nicht mehr bezahlen, nicht mehr ernähren konnte. Der Schlaue hatte richtig gerechnet. Er wich vorſichtig jedem bedeutenden Treffen aus, wie auch der Prinz, rücht minder erfinderiſch in Schlauheit und Liſt, ihn zu locken, ja Schlacht zu nöthigen ſuchte Umſonſt waren des Prinzen — 1— und Herzüge— Alba blieb ſich völlig gleich in ſeiner angenom⸗ menen Rolle. So rieb Oranien's Kraft ſich auf. Immer ungün⸗ ſtiger wurde die Jahreszeit, immer mehr fehlte es an dem Nöthig⸗ ſten, immer weniger Hoffnung blieb, Alba'n aus ſeiner Ruhe zu reißen. Der Prinz vermochte es nicht mehr, länger im Felde zu bleiben und beſchloß, durch Hennegau nach Frankreich zu gehen, um ſich an Condé und Coligni anzuſchließen, und unter verän⸗ derter Geſtalt denſelben Feind des Glaubens zu bekämpfen. Doch jener unſelige meuteriſche Geiſt ſeines Heeres nöthigte ihn, dies nach Straßburg zu führen, wo er es zum größten Theil entließ, und mit ſeinen Brüdern und Freunden, zwölfhundert Reiter führend, zum Herzog Wolfgang von Zweibrücken ſtieß, der den Hugenotten zu Hülfe zog. Abermals in ſeinen ſchönſten Hoffnungen getäuſcht, ſah Wilm van Strahlen unmuthig auf das verunglückte Unternehmen des angebeteten Prinzen, und fing faſt zu zweifeln an, daß jemals ſeines Vaterlandes Rettungsſtunde auf dieſe Weiſe ſchlage. Eine tiefe Schwermuth, deren Keime die Erfahrungen der letzten Jahre in ihm erzengt und genährt hatten, begann ſein Gemüth immer mehr zu umdüſtern. Das Leben lag öde vor ihm. Seine höchſten Zwecke, ſeine ſchönſten, begeiſterndſten Ideen ſchienen ſich ins Uner⸗ reichbare zu verlieren. Vergebens hatte er ſeine Kräfte angeſtrengt, ſein Blut geopfert. Der Verrath knickte ſeine ſchönſten Blüthen: die Theuern, an denen ſein Herz hing, waren zum Theil mit Haß und Verachtung, vielleicht Fluch auf ihn hinübergegangen. Seiner Liebe Glück war zertrümmert, Eliſabeth verſchwunden. Lebte ſie noch, dann war auch ihr Herz vom hölliſchen Gifte des gräßlich⸗ ſten Verdachtes gegen ihn erfüllt— und er konnte nicht ſich reini⸗ gen von dem gräßlichen Schatten, der auf ihm lag, konnte nicht das hölliſche Gewebe zerreißen, das Alles umſtrickt hielt, was ihm ſo theuer war. De Rhk, der Einzige noch, der ihn kahnte, verſtand, liebte— auch er war fern, vielleicht gefallen unter Alba's Mord⸗ beil, oder kühl gebettet auf des Meeres Grund. Allein, verlaſſen ſtand er im Leben da— Keinem angehörend und Allen. ₰ 8* Als Oranien bei Joudſigne ſich mit dem Heerzuge des Grafen von Genlis zu vereinigen beabſichtigte, und dorthin zog, und auch er wieder in jene Gegenden kam, wo ſo ſchmerzliche Erinnerungen im Herzen geweckt wurden, konnte er der Sehnſucht nicht mehr gebieten. Er verließ das Heer, um heimlich nach La Gauchére zu eilen. Von Breughel hoffte er durch dringendes Bitten Eliſabeth's Aufenthalt zu erfahren. Groß waren die Gefahren dieſes Unter⸗ nehmens, aber Strahlen achtete ſie nicht. Der Zug des Herzens war zu mächtig. Er kam verkleidet nach La Gauchére, und— fand Breughel nicht. Er war weggezogen, um den Stürmen des Krieges zu entgehen. Wenige Tage früher— und er hätte ihn noch gefunden. Nach Briel hatte er ſich mit ſeiner Familie gewendet, das war Alles, was er erfahren konnte. Bitter getäuſcht, kehrte er glücklich zum Heere zurück, und folgte dieſem dann bis Straßburg. — Wohin ſollte er nun? Ausgeſchloſſen aus der Heimat— ohne Habe— blieb ihm nur ein Ausweg— mit dem Prinzen nach Frankreich zu gehen, und im wechſelnden Kriegsglück das Düſtre ſeiner Lage, wenn auch nicht auf immer, doch auf Angenblicke zu vergeſſen, und ſeinen Kräften eine neue Bahn der Uebung zu eröffnen. Was er port verlaſſen, fand er hier— eine heilige Sache ohne Glück. Oft unterliegend, nie entſcheidend ſiegend, theilte Coligni Oranien's Geſchick— doch er war auch großherzig, wie er; muthig, wie er; unerſchütterlich, wie er, dem er durch Bande der Liebe noch näher verbunden werden ſollte. Ein Herz, wie das Wilm van Strahlen's, konnte auf die Dauer nicht Beruhigung— nicht einmal Nahrung in dieſen Kämpfen finden Er ſtritt auf fremdem Boden, für eine zwar hochheilige, doch fremde Sache, während ſein Vaterland aus tauſend Wunden blutete, und keine heilende, rettende Hand da war. Glichender war nach dem Unglücke Oranien's ſeine Erbitterung gegen Alba geworden, gegen die Spanier, die ſeines Volkes edelſte Männer hinmordeten, oder als Bettler in die weite Welt trieben, und gierig, wie Hyänen, des Vaterlandes Mark verſchlangen. Sein Haß kannte keine Grenzen. Sein verödetes Leben war dieſem — S Haſſe, der Rache und der Rettung des Vaterlandes auf immer geweiht. In Oranien's hohem Geiſte ſah Wilm den einzigen, den letzten Hoffnungsanker ſeines Volks. An ihn band ihn Liebe und Entſchluß. An ſeiner Seite ſtritt er, und Oranien erkannte ihn und hielt ihn hoch. Strahlen war darum nur in Frankreich geblieben, weil Oranien blieb, und als er jene gefahrvolle Reiſe über Mömpelgard ins Vaterland antrat, da war Wilm einer der vier Getreuen, die, des Prinzen Gefahren theilend, jene ſeltſame Fußreiſe mit ihm antraten, und glücklich mit ihm in Dillenburg anlangten. VII. Die Meergeuſen. Das Verhängniß, welches auf Oranien's Unternehmungen lag, vollendete das Elend der niederländiſchen Nation. Alba war von einem gefährlichen Feinde befreit, und konnte nun ganz ſich ſeinem Plane widmen, das Zoch der härteſten Thrannei en freien Nacken dieſes Volkes zu bürden. Das ſchreckliche Blutgericht, welches unter dem Namen des Rathes der Unruhen von Vargas mit blutgieriger Wuth geleitet wurde, ſchlachtete unermüdet fort, bis es ihm zuletzt, durch ſeine eigne Thätigkeit und Alba's Verbannungen, an geeigneten Opfern gebrach. Jetzt, wo der Zufluß von Geldern, der bisher durch die Einziehungen der Güter der Gemordeten ſo mächtig geweſen war, allmählig nachließ, mußte er auf andre Mittel ſinnen. Er verlangte von den Staaten, daß jeder Bürger zuerſt von ſeinem Geſammtvermögen den hundertſten Pfennig, und dann noch beſonders, bei jeder Veräußerung von beweglichen Gütern den zehnten, und von unbeweglichen Gütern den zwanzigſten Pfennig erlegen ſollte. Dieſe Neuerung griff tiefer in die eeſen des handelnden Volkes, als alle Unter⸗ drückungen, alles Morden. Der Eindruck dieſer Forderung auf das Volk wur außerordentlich. Laut und ungeſcheut ſprach ſich der Unwillen der, Nation aus, und wuchs bis zur Wuth— die eine ungemeine böhe erreichte. Unglück auf Unglück häufte ſich. fruchtloſem Streben für des Prinzen Zwecke, nach Dillenburg Eliſabeth's von England Beſchlagnahme ſpaniſcher Schiffe und Gelder nöthigte Alba zu gleichen Maßregeln, und dies verſetzte dem Handel einen tödtlichen Stoß, und brachte grenzenloſen Schaden. Sygar die Natur ſchien im Bunde mit Alba— denn furchtbare Stürme trieben des Meeres Fluthen auf die Küſtenſtriche von Seeland, Flandern, Friesland und Holland, und richteten unermeß⸗ lichen Schaden an. Das Elend wuchs in den Niederlanden mit jeder Stunde, und mit ihm die Verzweiflung des Volks und ſein Haß gegen die Unterdrücker. Hranien ſah von Ferne die Noth und ihr Wachſen mit blutendem Herzen. Unermüdet wirkte er zu ſeinem Zwecke hin. Sonoi und Wilm van Strahlen, den auch ein Intereſſe des innigſten Gefühls nach dem Vaterlande trieb, durchwanderten es heimlich nach allen Richtungen, um Gelder zu ſammeln und den Muth des Volles u beleben. Doch Oranien's Arm blieb gelähmt. C folg kehrten beide nach Dillenburg zurück; lich, weil er troſtlos zurücktehrte, denn die war ſpurlos verſchwunden. Auch in Antwerpen war er geweſen. Sener treue Schiffszimmermann, in deſſen ärmlicher Wohnung er einſt ſo gaſtlich aufgenommen worden war, als er zerriſſenen Herzens nach Antwerpen kam, wo er ſo lange in den Feſſeln der Krankheit geſchmachtet, nahm ihn freudig auf, und gab ihm wieder ein Aſyl. Tief empört in ſeinem Innerſten, vernahm er, wie Jan van der Does einen ausgedehnten Handel treibe, und einer der eifrigſten Anhänger Alba's ſei. Freudig bewegt aber war ſein Herz, als ihm der treue Mann die Kunde gab, daß De Ryk noch lebe, und auf ſeine Fauſt einen Freibeuterkrieg mit Spanien führe. Der Namen Meergeuſen wurde ihm hier zuerſt genannt. Wie pochte ſein Herz bei dem Gedanken, an De Ryk's Seite zu kämpfen! De Ryk's Unternehmen, mit dem aben⸗ teuerlichen Anſtrich, ſagte ſo ganz ihm zu, daß es von nun an herrſchender Gedanke bei ihm wurde, ſein Loos zu theilen. Er zog möglichſt genaue Erkundigungen ein, und kehrte dann, nach — 175— zurück. Wilhelm von Oranien ſah mit bitterm Schmerze, wie alle ſeine Anſtrengungen fruchtlos blieben, wie glänzende Verſprechungen ihm gemacht wurden, an deren Erfüllung man nicht dachte. Zudem war durch die Vermählung Philipp's des Zweiten mit der deutſchen Kaiſerstochter Anna an keine Unterſtützung und Theilnahme des Reiches zu denken, von Frankreich keine Hülfe, da hier der Guiſe'ſche Fanatismus herrſchte, welcher mit dem Alba's Hand in Hand ging. Englands Theilnahme war von politiſch⸗merkantiliſchen Rückſichten gefeſſelt; der Norden blieb kalt, und war zu wenig betheiligt, als daß ſeine Politik konnte von Eigennutz geleitet werden. So war ringsum der Horizont umwölkt für den Prinzen. Doch wo die Mächtigen zurücktraten, da erhoben ſich Einzelne, um nicht ganz des Prinzen Hoffnungen ſinken zu laſſen, und auf ſie richtete Oranien jetzt ſeine Blicke, auf ſie, deren Wirken im Stillen Spanien tiefe Wunden ſchlug. Eine Zeit der Unterdrückung und Mißhandlung, die nur Haß gebar, mußte die Einzelnen, die Muth im Herzen trugen, zur Selbſthülfe aufrufen, da nirgendwo ſonſt her eine rettende Hand erſchien. Dieſe Motive, vielleicht auch ſonſthin unedle, beſtimmten eine Anzahl verbannter Adeliger und Kaufleute der Niederlande, ſich zu einer Geſellſchaft zu vereinigen, die Krieg führen wollte gegen Spanien und ſpaniſches Eigenthum auf dem ungewiſſen Elemente des Meeres. Sie rüſteten leichte Fahrzeuge aus, von vierzig bis hundert Tonnen Ladung, die ſich durch Leichtigkeit und Schnelle des Segelns auszeichneien, zehn bis zwanzig Feuerſchlünde führten, und mit fünfzig bis zu zweihundert Seeleuten bemannt waren, die ebenſo⸗ wohl als Schützen, wie auch als Matroſen dienten— Leute von Muth und Feſtigkeit. Mit dieſen Schiffen, die man Vlieboote nannte, durchſchifften ſie mit unglaublicher Schnelle die Meere an Deutſchlands, Frankreichs, Englands und den Küſten der Nieder⸗ — lande, ſpaniſche und niederländiſche Schiffe kapernd. Ihr Wille war ihr Geſetz. Die Gefahren machten ſie gleichgültig gegen den od. Das wilde, geſetzloſe Treiben erſtickte die Gefühle des Rechts — 176— und der Menſchlichkeit nach und nach, und was anfänglich weniger tadelnswerth erſchien, wurde nur zu bald ein Handwerk der wilde⸗ ſten Räuberei. Sie hatten in England, Deutſchland und Frank⸗ reich ihre Zufluchtſtätten, die Orte wo ſie ihre Priſen verkauften, und dann wieder hinausſegelten, auf neuen Fang. Anfänglich ver⸗ folgten ſie nur ſpaniſches Staats⸗, wie Privatgut; allein als Glück und Strafloſigkeit ihre Zahl ungemein vermehrte, als dieſe ſchwimmende Freibeuterrepublik nicht mehr Beute genug machen konnte an Spaniens Habe, und die lockende Verſuchung ſie auch zu Angriffen auf anderer Nationen Schiffe verleitete, ſie auch dieß ungeſtraft ausübten, da galt keine Rückſicht mehr— und jedes ſeefahrende Volk litt, wenn es dieſe Meere befuhr, unter dieſer Plage. Aus ſich ſelbſt heraus war dieſe Verbindung gewachſen, und durch ſich ſelbſt ſtark geworden, und geordnet zu einem feſten Gan⸗ zen. Meergeuſen nannte man ſie, weil Geuſe die Bezeichnung für jeden proteſtantiſchen und verbannten Niederländer geworden war. Durch Coligni war Oranien aufmerkſam gemacht worden, wie er ſichrer, als zu Lande, zur See Spanien ſchaden und es unheil⸗ bar verwunden könnte. Wilhelm's Auge ſah ſcharf. Die Meer⸗ geuſen hatte er längſt in der Stille beobachtet; nun boten ſie ihm das Mittel dar, jenen Plan am leichteſten zu verwirklichen. Er trat mit ihnen in Verbindung, durch De Ryk, der einer ihrer Oberhäupter geworden war, und längſt gekämpft hatte gegen die Entartung der Flotte— aber ſtets mit ſeinen Anſichten ſcheiterte, und daher oft im Begriffe ſtand, ſich von ihnen loszuſagen. Nur die weitausſehende Klugheit ließ ihn die Verbindung unterhalten, hoffend, daß doch einſt dieſe räuberiſche Flotte zu höheren Zwecken, die ſein vorleuchtendes Ziel waren, würde dienen können. Oranien beſtimmte ihnen einen Admiral, gab den Hauptleuten Beſtallungen, dem Ganzen Geſetze; aber ſie wurden nicht geachtet. Immer kühner, immer mächtiger wurden ſie. Bald hier, bald da, an Hol⸗ lands und an Frieslands Küſten, erſchienen ſie, Meteoren gleich c raubten und brannten und verſchwanden ſpurlos. Glücklicher ſtet 6 — 177— in ihren Unternehmungen, waren ſie kühn genug, ſelbſt eine ganze ſpaniſche Flotte zu nehmen. Wilhelm von der Mark, der Eber der Ardennen, war jetzt ihr Admiral, und ſein wilder Sinn war nicht gemacht, einen andern Geiſt unter ihnen zu erregen, zu nähren, zu ſtärken. Mit Unwillen ſah Oranien ihr Treiben. Sie allein konnten jetzt, wenn ein beſſerer Geiſt unter ihnen herrſchend wurde, ſeine Pläne zur Rettung der Niederlande fördern. Bemächtigten ie ſich eines Hafens und einer feſten Stadt an der Küſte der Niederlande, ſo war ein Ort gewonnen, wo man feſten Fuß faſſen, von wo aus man handeln konnte, und eine Verbindung mit den Gleichgeſinnten in den Provinzen einzuleiten war. Dies waren die Anſichten Oranien's zu der Zeit, als die Meergeuſen Walcheren bedroht, Monnikendam geplündert, eine große Anzahl ſpaniſcher und flandriſcher Schiffe genommen hatten, und wieder in die eng⸗ liſchen Häfen geſegelt waren, zu der Zeit, als Wilm van Strahlen aus den Niederlanden fruchtlos zurückkehrte. Wilm hatte dem Prinzen das Fruchtloſe ſeiner Bemühungen dargelegt, in einer geheimen Unterredung auf dem Schloſſe zu Dillenburg. Des Prinzen Stirne lag in tiefen Falten. Er ſchritt das Gemach entlang in ſtillem Sinnen. Plötzlich wandte er ſich um und trat vor Strahlen hin. „Alſo auch das wäre wieder ein Loos in den Schooß der Zeit geweſen, dem eine Niete gefolgt iſt,“ ſagte er ernſt.„Ihr habt ſchon viel gethan, gewagt, gelitten, Hauptmann, für die heilige Sache.— Wäret Ihr wohl entſchloſſen, noch Eins zu verſuchen? Noch einmal möchte ich in Eure Hand ein wichtiges Geſchäft legen!“ „Ich bin kein Schmeichler, mein Prinz,“ ſagte Strahlen— „aber gebietet über mich. Ich habe mein Leben. dem Dienſte des Vaterlandes ergeben.“. ch brauche einen braven, muthigen, feſten Mann, wie Ihr, aber es iſt kein leichtes Spiel!“ „„Meine Wanderung durch Holland und Flandern, wo Alba erbeil an einem Haar über meinem Nacken ſchwebte, 8 auch kein Spiel. Prinz, ich bin bereit. Mein Leben gehört dem Vaterlande.“ „Kennt ihr den Schiffshauptmann De Ryk?“— fragte der Prinz. „De Ryk?“— rief Wilm, und ein freudiges Gefühl ſchwellte ſeine Bruſt.„Er iſt mein Freund, mein Vater, er iſt mir Alles — denn ich habe vielleicht ſonſt Niemanden mehr auf Erden, dem ich angehöre.“ Oranien ſah ihn bei dieſen Worten, die er mit Feuer und Gefühl ſprach, wohlwollend an. „Deſto beſſer, deſto leichter wird es Euch werden,“ fuhr Dra⸗ nien fort,„das auszuführen, was ich wünſche. Auch kennt Ihr den Grafen von der Mark, denn Ihr habt unter ihm gedient.“ Dieſe Worte begleitete ein Seufzer— eine Pauſe folgte, in der des Prinzen Auge feſt auf Strahlen ruhte; dann fuhr er fort:„Es gilt fürs Erſte, ſicher in einem der Häfen Englands, wahrſcheinlich in Harwich, die Waſſergeuſen zu finden, und ihnen meine Befehle zu überbringen; dies der leichteſte Theil der Sendung. Der ungleich ſchwerere beſteht fürs Zweite darin, dem wilden räuberiſchen Treiben, der Sitten⸗ und Geſetzloſigkeit Schranken zu ſetzen, und Wilhelm's von der Mark wilden Sinn zum Beſſern zu lenken; dann zuletzt ſie zu bewegen, ſich eines Hafens und feſten Orts an der Küſte von Holland oder Friesland zu bemeiſtern, um dieſen zur Baſis künftiger Unternehmungen zu gebrauchen— Enkhuizens oder Briels.“ „Es iſt in der That viel, was Ihr fordert, gnäd'ger Herr; doch ich hoffe vurch De Rhk's Hülfe zum Ziele zu kommen,“ ſagte Wilm. „Ja,“ ſagte der Prinz, und ſeine Züge erheiterten ſich, „De Rhk iſt ein edler Menſch. Ich kenne die Kämpfe, die er mit 5 dem Grafen von der Mark beſtanden hat, den Unternehmungen der Flotte eine andere Richtung, ihrem Seeleben eine andere und beſſere Geſtaltung zu geben. Er iſt geläutert im ſiebenfachen der Daß Ihr ihm, er Euch werth iſt, macht — 179— noch theurer, und ich ſchätze mich glücklich, daß meine Wahl auf Euch fiel. Ich werde Eure Bedürfniſſe beſtreiten; geht, und rüſtet Euch denn; oder wollt Ihr erſt raſten und Euch erholen von den Strapatzen Eurer Reiſe?“— Wilm verneinte des Prinzen Frage und entfernte ſich. Der Prinz aber ſetzte ſich an ſeinen Arbeitstiſch, und begann raſch zu ſchreiben. Am andern Morgen trat Wilm, gerüſtet zu der weiten, gefährlichen Reiſe, in des Prinzen Gemach. Er empfing von ihm alle nöthigen Papiere und Briefe, der Sekretär des Prinzen zahlte ihm die nöthigen Gelder, und ſo ſchied er. „Gott geleite Euch, Hauptmann Strahlen!“ ſagte der Prinz herzlich.„Werdet ein braver Waſſergeuſe, wie Ihr auf dem Lande ein tüchtiger Soldat ſeid. Ihr habt Anſprüche auf meine größte Dankbarkeit. In beſſeren Tagen werde ich ſie bewähren auf andre Art. Jetzt iſt nur Mühe und Gefahr der Beweis meiner Liebe!“ Er ſchüttelte des Jünglings Hand, und dieſer ging, bewegt von ſchönen Empfindungen, einem gefahrvollen Unternehmen entgegen. Bei Mainz ſetzte er über den Rhein, und wanderte nun der franzöſiſchen Grenze zu. An Coligni hatte ihm Oranien Aufträge gegeben, und dieſen mußte er aufſuchen auf ſeinen kriegeriſchen Kreuz⸗ und Querzügen. Er fand ihn in Paris, wo ein neuer Friede, dem nur zu bald die blutige Bartholomäusnacht folgen ſollte, zum letzten Mal die Hoffnungen des Edlen auf eine beſſere Zukunft und ſeinen Glauben an Menſchentreue täuſchte. Unter mancherlei Geſtalten hatte Wilm dieſe Reiſe gemacht. Oft der Gefahr ausgeſetzt, der Parthei der wachſamen Guiſen in die Hände zu fallen, kam er endlich nach Paris. Coligni nahm den alten Bekannten, deſſen Tapferkeit er erprobt, mit Herzlichkeit auf, behielt ihn mehrere Tage bei ſich, und empfahl ihn dann an la Noue, der in Rochelle den Befehl führte. Wilm kam glücklich nach Rochelle, und eine erfreuliche Nachricht war es ihm, daß der Schiffshauptmann Treslong, von der Geuſenflotte, mit ſeinem liebvot im Hafen lag, bereit, bei dem erſten Wehen eines günſtigen Windes nach England zu ſchiffen. Ihn ſuchte er auf. Im Hafen war ein ſehr reges Treiben. Schiffe lagen vor Anker— andere legten eben bei, noch andere bereiteten ſich zum Abſegeln. Rufen und Schreien, Getöſe und Lärm überall. Hier ſah man einen mürriſchen Britten wie eingewurzelt ſtehen, und den prüfenden Blick in die Lüfte richten, als wolle er die Launen des Wetters dem Angeſichte des Himmels ablauſchen; dort ſang ein Franzoſe ein fröhliches Liedchen, und that ſingend ſeine Arbeit leicht hinweg. Hier entlud man ein Schiff ſeiner Laſten, dort wurden die Fäſſer und Ballen mühſam an Bord gewunden, und dazwiſchen tönte mitunter der grelle Pfiff einer Bootsmannspfeife, oder der kräftige Fluch eines Seemannes. Wilm's Herz wurde freudig bewegt, denn ſeit er Antwerpen verlaſſen, waren dieſe Bilder einer regen Betriebſamkeit, mit ihrem eigenthümlichen Anſtrich, ihm fremd geworden. Der Träume Traum— die Erinnerung— führte ihm die Tage einer glücklichen Jugend zurück— und das ganze verſchwundne Glück des Lebens. Allmählig verſchwammen die Bilder dieſes äußern Lebens vor ſeinem Auge, und die innere Welt that ſich auf vor dem Blicke des Geiſtes— aber auch der alte Schmerz, der nie ſchlief, regte ſich mächtig, und das Herz blutete aus der alten Wunde, die ſelbſt unter den Stürmen des Kriegs und in den vielfachen Verſchlingungen ſeiner Lebenswege nicht hatte verharrſchen wollen. Gewaltſam riß ihn der Ruf eines Matroſen aus ſeinen Träumen auf. „Guter Wind! guter Wind für das Vliebvot Philipps⸗ feind!“ rief er, und eilte vorüber. Wilm folgte ihm. Am Hafen⸗ damme lag das Boot mit dem bezeichneten Namen. Alles regte die Kräfte auf dem leichten Fahrzeuge. Die Orangeflagge wehte im Winde, der Zeitpunkt der Abreiſe war nahe. Auf dem Damme ſchritt eine edle Geſtalt auf und ab. Ein blaues Kleid trug der Mann, nach dem damaligen Schnitt. Auf der Bruſt hing der Geuſenpfennig am gelben Bande. Die Orange⸗Schärpe umgab die Hüfte. Das — 181— Hut ſaß nachläſſig auf einem Ohr. Ein langer weißer Bart vollendete das wirklich impoſante Bild eines Mannes, den man einen ſchönen Greis nennen konnte, und den Wilm ſogleich für den Hauptmann Treslong erkannte. Dichter hüllte er ſich in ſeinen Mantel, um ſeine Kleidung, die ganz der des Hauptmannes glich, vorläufig zu verbergen, und trat auf ihn zu. Der achtungsvolle Gruß wurde leicht erwiedert. „Ich grüße Euch, Hauptmann Treslong!“ ſagte Wilm nach der erſten ſtummen Begrüßung. „Kennt Ihr mich?“ fragte der Greis und ein helles ſcharfes Auge muſterte den Grüßenden. „Ja, ob ich Euch gleich zum erſten Male ſehe!“ erwiederte Wilm.„Ich komme, Euch um die Ueberfahrt zu bitten.“ „So müßt Ihr andre Gelegenheit abwarten,“ ſagte kalt der Seemann.„Das Vliebvot iſt ſtark beſetzt.“ „Auch wenn ich zu De Ryk wollte?“ fragte Wilm. Der Alte fuhr ſchnell herum.„Dann nicht,“ ſagte er.„Was habt Ihr mit De Ryk? Er iſt mein Freund!“ „Dann gottlob!“ rief Wilm, ſchlug den Mantel zurück, und ſtand in der Tracht der Geuſen vor ihm, die Hand ihm reichend. „Oranien hoch!“ rief Treslong und ſchüttelte ihm die Hand. „Wer biſt Du, Junge? ſprich!“ „Wilm van Strahlen.“ „Huſſah! Wir haben ihn!“ rief Treslong, und riß ſtürmiſch den Jüngling an ſeine Bruſt.„Nun wird der alte Murrkopf fröhlich werden, rief er, denn nach Dir, Wilm(du biſt jetzt auch mein Sohn!), ſehnte ſich der alte Kautz, wie ein Jüngling nach der Geliebten.“ „Huſſah, Kinder!“ rief er der Equipage des Vliebvots zu,„die Seegel auf, die Wimpel hinaufgehißt— wir haben einen köſtlichen Fang. Glück auf— in See.“ Er zog Wilm in das Vliebvot. Die Equipage konnte ihres Hauptmanns Ertaſe nicht begreifen. Sie ſtarrten hald den ſchlanken genvlichen Mann in der Tracht eines Schiffshauptmannes der — 182— Geuſenflotte, bald Treslong an, bis dieſer ihnen Wilm als De Ryk's Sohn vorſtellte. Da begriffen ſie des Alten Freude, da ſchüttelten ſie Wilm die Hand, denn ſie liebten De Ryk trotz ſeiner ſtrengen Mannszucht, die auch Treslong ihm nachahmte, weil er uneigennützig und edel war— und zu einander ſagten ſie ſo laut, daß es Wilm hören konnte und erröthete:„Das iſt ein ſchmucker Junge, der macht ſeinem Vater Ehre!“ Andre meinten:„Er hat Pulver gerochen, denn die ſpaniſchen Säbel haben's ihm leſerlich auf das ſchöne Geſicht geſchrieben!“ Treslong ertheilte ſchnell die nöthigen Befehle. Das Fahr⸗ zeug wurde geſchwenkt; der Wind blies friſch vom Lande her. Kanonenſalven grüßten die Feſtung, und unter dem fröhlichen Geſange heitrer und begeiſternder Geuſenlieder flog das leichte Fahrzeug aus dem Hafen hinaus. Luſtig tanzte das ſchlanke Gebäude auf den kräuſelnden Wogen des Meeres. Bald hatte es die Rhede erreicht. Da ſchwiegen die Geſänge. Eine kleine Glocke ſchlug hell an und aus dem Raume ſtieg die ehrwürdige Geſtalt eines Geiſtlichen auf das Verdeck. Feierliche Stille herrſchte. Der Mann des Herrn entblößte das graue Haupt, und betete laut und innig zum Herrn des Himmels und der Erde um eine glückliche Fahrt. Ein von Allen wiederholtes Amen! ſchloß die feierliche, bedeutungsvolle Handlung. Jetzt eilte. Jeder an ſeinen Poſten. Der Geiſtliche ging in den Raum zurück, und Treslong zog Wilm auf das Hinterkaſtell, wo ſeine Stelle war. Wilm drückte des Alten Hand.„Ihr habt mir eine beſſere Meinung von der Geuſen Thun beigebracht, als ich ſie mit mir von Dillenburg genommen,“ ſagte er freudig.„Wo Religion dem Herzen theuer iſt, und wo Gottvertrauen und Demuth wohnt, da kann nicht jene rohe Unmenſchlichkeit gefunden werden, die man Euch zur Laſt legt!“— „Schweig, junger Freund,“ erwiederte Treslong,„und urtheile nicht von einem Moment aus über das ganze Leben; ſchließe nich vom Einzelnen auf Alle. Oranien's wohlwollende Abſicht hat nu bei De Ryk und mir Eingang gefunden.— Alle Uebrig — — 183— vielleicht auch uns zum Theil, trifft jenes harte Urtheil mit Recht. Es thut Noth, daß ein beſſerer Geiſt bei uns einkehre— denn die Saat der Sünde kann nicht Früchte des Glückes tragen, und des Vaterlandes Freiheit durch Verbrechen erkaufen, heißt ihr den Herzſtoß geben, in dem Angenblick wo wir ſie freudig begrüßen!“— „Ihr ſchlagt meine Freude grauſam nieder!“ ſagte Wilm. „Wahrheit über Alles!“ fiel ihm Treslong in die Rede. „Wozu ſollte ich dich täuſchen?— Täuſchung iſt bitter. Ich habe ſie zu oft erfahren, und danke Gott, daß das Gewebe von Täu⸗ ſchungen, das wir Leben nennen, bald vorüber iſt.“ Noch einige Befehle gab er dem Steuermanne. Die Nacht ſank allmählig auf das Meer, und hüllte es in Nebel ein. Fern am Horizonte begann der Leuchtthurm von La Rochelle ſichtbar zu werden. Eine hehre Stille herrſchte auf dem Meer und dem Vliebvote. Das Gebet, mit ſeinen erſchütternden Erinnerungen an Menſchenohnmacht und die allwaltende Obſorge des allgütigen Menſchenvaters, dem ſich der Sohn des Staubes in Demuth empfahl, war von einer ſichtbaren heilvollen Wirkung geweſen. Wilm, wie Treslong ſegneten den Prinzen für dieſe Einrichtung. Noch lange ſtanden ſie im vertrauten Geſpräche über De Rhk und ſeine Schick⸗ ſale ſeit Wilm's Trennung von ihm. Der Mond ging ſilberklar auf über der unendlichen Oede und verbreitete ein magiſches Licht. Das Meer glänzte wie ein reiner Spiegel. Die Fiſche ſpielten um den Kiel. Im lauen Abendwinde flatterten die Wimpel. Das Fahrzeng zog eine glänzende Bahn auf der fanſt bewegten Fläche. Wilm genoß, nach langer Entbehrung, mit Entzücken den ſchönen Abend auf dem Meere. Es war ihm ſeit langer Zeit zum erſten Male wohl, und die Freude, den väterlichen Freund bald wieder zu ſehen, erheiterte ſein Gemüth immer mehr. Auch Treslong genoß den ſchönen Abend mit frohen Empfindungen. Die Zdeen, welche Wilm ihm für das Streben der Flotte mittheilte, entſprachen ſo ganz ſeinen Anſichten, daß der Greis immer heiterer wurde, und endlich ſpät daran dachte, ſeinen lieben Gaſt in die kleine Kajüte N * Mann, in e Kleidung, doch weniger koſtbar. Sein Geſi — 184— zu geleiten, um, ſo gut es ſich auf dem Schiffe thun ließ, ihn zu bewirthen. Bei dem Becher köſtlichen franzöſiſchen Weines beſprachen ſie die Pläne für die Zukunft. Keine Erinnerung der düſtern Ver⸗ gangenheit, keine Mahnung an die unerfreuliche Gegenwart ſtörte ihre frohe Stimmung.— In dem hohen Saal einer Taverne am Hafen von Harwich herrſchte ein wildes, luſtiges Getöſe. Die ſechzig Segel ſtarke Geuſenflotte lag im Hafen, und hier vergnügten ſich die Hauptleute der Geuſen. Sie ſaßen an vielen Tiſchen umher, bald ſingend, ſcherzend, lachend, bald ſich erzählend von ihren Thaten und Aben⸗ teuern. Der Saal war ſehr hell erleuchtet und der Sekt that ſchon hin und wieder eine ähnliche Wirkung in den Köpfen der rüſtigen Zecher. An einem Tiſche, der Thüre gegenüber, ſaß eine ausgezeichnete Gruppe. Oben an erblickte man eine ſtarke gedrun⸗ gene Geſtalt, die man eher klein als groß nennen konnte. Sie trug die Kleidung der Geuſen— nur koſtbarer— als die übrigen Hanptleute. Eine diamantne Agraffe zierte den Hut, auf dem noch ein reicher Reiherbuſch wallte, je nachdem ſich das Haupt bewegte. Im Gürtel ſteckten koſtbare Piſtolen und ein vergoldetes Pulver⸗ horn. Die Hrangeſchärpe mit dem reich verzierten Geuſenmeſſer hing von der rechten Schulter herab, bis zur linken Hüfte, wo ſie in einem gewaltigen Schlupfe endigte. Ein wilder, verwirrter, ſehr langer Bart hing auf die Bruſt herab, und doch war der Mann noch nicht alt; eben ſo ſtruppig hing das Haar ungeordnet und lang um den Kopf bis auf den feinen Spitzenkragen, der über die Schultern lag. Der wilde Ausdruck des Geſichtes wurde durch den Bart, der die größre Hälfte deſſelben bedeckte, noch erhöht, und'ein wildes, geröthetes Ange vollendete das faſt grauenerregende Men⸗ ſchenbild. Es war Wilhelm, Graf von der Mark und Herr von Liemey, der Oberadmiral der Flotte der Geuſen, der einſt das Gelübde gethan, nicht eher ſeinen Bart zu ſcheeren und ſein Haar„ zu kämmen, bis er Egmont's und Horn's Mord blutig gerächt. An ſeiner rechten Seite ſaß ein ſtarker, faſt athletiſch gebaute — 185— drückte Muth und Entſchloſſenheit aus. Eine fürchterliche Narbe ging quer über das männlich ſchöne Geſicht, das ein ſchwarzer, kurzer Stutzbart zierte. Das Auge war feurig und lebendig. Dieſer war Barthold Entes von Mentheda, der Unteradmiral der Flotte. Zu der Linken Wilhelm's von der Mark, mehr mit dem Rücken gegen die Thüre, ſaß eine Geſtalt, die jener aufs Haar glich, welche einſt im Garten zu Löwen am Seitentiſche ſaß, als Wilm van Strahlen mit ſeinen Freunden Oranien's Geſundheit ausbrachte. Und dieſer Mann war es wirklich, nämlich Jakob Simonsſohn de Rhk, ehemals ein reicher Kornhändler von Amſterdam, der auf eigne Koſten ein Vlieboot ausgerüſtet und bemannt hatte. Um ſie herum ſaßen noch mehrere der angeſehenſten Schiffshauptleute, die indeſſen nur ſtille Zuhörer des Geſpräches waren, das jene Drei eifrig führten. „Mit einem Worte,“— ſprach die Donnerſtimme Wilhelm's von der Mark, den man, ſeiner Wildheit wegen, nur den Eber der Ardennen nannte, in welcher Benennung der wilde, furchtloſe Parti⸗ ſan ſich ungemein gefiel,—„mit einem Worte, ich will nicht umſonſt der Eber der Ardennen heißen; mein Gelübde will ich erfüllen. Dieſer Arm ſoll nicht ruhen ler ſtreckte bei dieſen Worten ſeinen muskulöſen Arm mit der geballten, nervigen Fauſt weit von ſich), bis ich die Schlachtopfer der Tyrannei gerächt, ihre Manen gefühnt und jedes ſpaniſche Schiff geentert oder in den Grund gebohrt habe. Gott verdamme meine Seele, wenn ich anders je mich entſchließen werde!“ „Ich bin ganz Eurer Meinung, Admiral,“ ſagte mit ſanfter, aber ſehr feſter Stimme De Ryk,„und habe, das Zeugniß müßt Ihr mir geben, die Aufrichtigkeit meiner Ueberzengung durch die That bewieſen.“— „Das habt Ihr, wie ein Ehrenmann, Hauptmann De Rhk,“ fiel der Admiral ihm in die Rede,„und beim Entern ſeid Ihr Meiſter— Eure zwei Schiffe ſagen's laut. Hätte ich den Orden des Vließes auszutheilen, ich wüßte eine würdige Bruſt dafür. Warum aber widerſetzt Ihr Euch immer meinen Anſichten?“— „Laßt mich ausreden, Admiral,“ nahm De Ryk wieder das Wort.„Ich bin Eurer Meinung vollkommen— nur in der Art der Ausführung theile ich Eure Geſinnung nicht, wie ſie Oranien auch nicht theilt. Wir bekämpfen meiſt nicht Alba, nicht Philipp, ſondern den Privatmann, der im Handel ſeinen Wohlſtand zu heben ſucht. Wir zerrütten zwar mittelbar dadurch Spaniens Kräfte, aber der Einzelne, vielleicht der Gute, der Edle leidet ſchwer, und die rückwirkende Kraft auf das Geſammtvermögen der Nation gleicht dem ſchleichenden Fieber, das Jahre in den Gliedern wühlt, ehe es den Körper auf die Bahre ſtreckt.“ „Ihr habt ſehr Recht,“ ſagte Mentheda, als De Rhk einen Augenblick einhielt. Wilhelm von der Mark ſchwieg, als denke er den Worten nach. Sein Auge hing an dem beredten Munde des Mannes. De Ryck fuhr fort:„Der Namen, auf den wir ſtolz ſein konnten, der Namen Meergeuſen— iſt ein Brandmal für uns geworden durch unſer räuberiſches Leben, durch die Grauſamkeit und Ausſchweifung unſerer Leute, durch das Sengen und Brennen in den friedlichen Städten des Küſtenlandes. Nein, ſo komit der Befreier nicht. Und kommt er ſo, ſo wird der Unterdrückte lieber die Ketten ſeines Thrannen tragen, und ruhig leben und genießen, was er kümmerlich erwirbt, als frei, ohne Obdach, Hei pt und Habe— betteln. Ihr, edler Graf, ſeid zu Höherem geboren und berufen, als zum Seeräuber. Auf Euch könnte das Vaterland hoffend blicken, wenn es nicht zitterte vor dem Hauer der Ardennen, der mit dem Feind auch ſeiner Kinder Herz zerreißt!“ „Hauptmann!“ rief der Graf, und ſein Auge ſprühte Feuer— „Ihr werdet zu dreiſt in Euren Predigten. Hütet Euch, daß der Hauer der Ardennen nicht ſeine Fänge in Eure Bruſt ſchlägt!“ ch habe nie gezittert,“ ſagte ruhig De Ryk,„wenn ich für Wahrheit und Recht ſprach, und wenn Ihr in Eure eigene Bruſt 3 greift, ſo wird dort eine Stimme gerade ſo reden, wie ich.“ „Kein Hader!“ bat Entes. Er meint es gut, Herr Admiral ſagte er zu Wilbelm von der Mark,„verkennt ihn nicht!“ Ihr dann, — 187— Die brauſende Hitze des Grafen fing ſchon wieder an, ſich zu legen; er reichte De Ryk die Hand.„Frieden!“ ſagte er. De Ryk ergriff die Hand und ſchüttelte ſie.„Möchte nur Spanierblut dieſe Hand beflecken!“ ſetzte er hinzu. Wilhelm biß ſich in die Lippen, und ſchüttelte wild das Haupt. „Könnt ihr denn gar nicht aufhören, mich zu reizen?“ rief er mit Aerger. „Ich habe das nie gewollt,“ fuhr De Ryk fort,„nur ſchmerzte es mich jederzeit, ſehen zu müſſen, wie ein Mann, der geſchaffen iſt, den Grundſtein zur Freiheit ſeines Vaterlandes zu legen, ſeine Kräfte in einem Treiben vergeudet, das ihn ſchändet, das nichts Gutes bringen kann.“ „Was aber wollt Ihr denn eigentlich?“— fragte der Admiral gereizt. „Zuerſt eine Frage, Admiral,“ fuhr De Rhk fort.„Glaubt Ihr, daß nach den letzten Vorgängen Alba es ruhig anſehen wird, daß wir in Englands Häfen eine Freiſtätte finden? Glaubt Ihr, daß, wenn er Eliſabeth von England Vorſtellungen macht, die königliche Frau, der Gott ihre Tage friſte, mit Spanien bricht und, um uns zu ſchonen, dieſe Macht reizt, den unruhigen Schotten Hülfe zu leiſten, und ſo ihres Reiches kaum befeſtigte Sicherheit zu untergraben? Könnt Ihr der Meinung ſein, daß Eliſabeth ſo unklug handle? Daß ſie vielmehr uns aufopfern wird, iſt gewiß. Ich weiß es, daß Alba Schritte gethan, deren Folgen wir bald empfindlich erfahren werden. Was dünkt Euch dann?“— Wilhelm ſah ihn bedenklich an.„Das wäre allerdings ſehr. unwillkommen,“ ſagte er nachdenklich;„aber dann ſteht uns La Rochelle vffen.“ „Täuſcht Euch nicht, Admiral. Auch dort haben ſich die Umſtände ſehr verändert. Conde und Coligni ſind mit dem Hofe ausgeſöhnt, und eine Vermählung Heinrich's von Bearn mit Mar⸗ garethen von Valois wird den Friedensbund feſtknüpfen. Glaubt daß man 6 die wir die grimmigen Feinde Spaniens — 188— ſind, die grimmigen Feinde eines natürlichen Verbündeten der Ligue, in franzöſiſchen Häfen dulden wird?“ „So ſuchen wir deutſche Häfen auf?“ fiel der Admiral ein. „Vergeſſet nicht, daß Philipp von Spanien der Eidam des Kaiſers geworden iſt, und es ihn nur geringe Mühe koſten wird, durch ſeinen Einfluß uns zu vertreiben, wie er Hranien's Abſichten auf gleiche Weiſe hemmt!“ „Verdammter Politiker!“ rief Wilhelm von der Mark halb ernſt, halb lachend.„Mit euch iſt nicht auszukommen. Vor jede Thüre hängt ihr ein Schloß!“ „Nicht ich, Admiral,“ ſagte De Ryk ruhig,„ſondern die Verhältniſſe, und wir ſelbſt. Es muß anders mit uns werden. Das Urtheil der Welt muß nicht mehr uns verdammen. Unſer Streben muß in das rechte Gleis gelenkt werden, dann wird Alles anders werden.“ „Aber wie dann? Wie?“ fragte der Admiral. „Das liegt uns nahe. Laßt uns mit gewaffneter Hand eine feſte Hafenſtadt der Niederlande erobern, uns ſelbſt einen Zufluchtsort, einen Punkt zum Wirken; dann iſt uns geholfen und die Freiheit des Vaterlandes tagt!“— „So ſei's!“ rief in dieſem Augenblick eine Stimme hinter De Ryk. Er fuhr auf und vor ihm ſtand Treslong heitern Antlitzes, der ihm die Hand zum Willkommen bot. Im Hintergrunde des Gemaches ſtand eine in den Mantel gehüllte jugendliche Geſtalt, die von Niemand bemerkt zu werden ſchien, da Alle jetzt auf Treslong blickten und ihn begrüßten. „Gott grüß Euch, Wilhelm von Blois de Treslong,“ ſagte pathetiſch der Admiral.„Was bringt ihr von La Rochelle?“ „Grüße von la Noue,“ erwiederte Treslong,„und eine unfreundliche Botſchaft. Hätte ich nicht einen köſtlichen Fang gethan, ich käme ärgerlich zurück.“ Fragen beſtürmten ihn jetzt von allen Seiten. Wilhelm von der Mark gebot Stille.„Was bringt Ihr denn Schlimmes?“— fragte er. ue „Schlimmes für uns, Gutes für Frankreich, wenn's Gott will“— ſagte Treslong.„Es iſt Frieden, Heinrich von Navarra heirathet Margarethen von Valois, Coligni und Condé ſind des Königs Freunde geworden.“ „Wenn's damit Ernſt iſt,“ rief Wilhelm von der Mark, und ſchüttelte dabei grimmig lachend das wilde Haupt und warf die dicke Lippe hoch auf,„dann will ich zahm werden, wie ein Lämmchen, ſanft wie eine Taube, fromm wie ein Pater Kapuziner, enthaltſam wie ein Karthäuſer und geduldig wie ein Eſel!“ „Viel Bilder für eine Sache,“ lachte der alte Treslong.„Und wenn auch dies Alles nur Firlefanz iſt und nur glatte Schminke über die Schlechtigkeit: ſo iſts um uns in Frankreichs Häfen geſpielt und die Noth gibt des Prinzen Wünſchen einen ernſten Nachdruck.“— „Zweiter Politiker!“ ſpottete der Admiral;„aber wo iſt denn Euer köſtlicher Fang?“— „Der iſt weniger für Euch, als für De Rhk.“ „Heilaud der Welt!“ rief dieſer aufſpringend—„haſt du meinen Wilm vielleicht?“ Vorſtellung,“ lachte Treslong,„wo ſoll denn der Junge hetkinmen.“— „Haſt du ihn nicht— dann halt, was du haſt, Bruder. Alles andre mag ich nicht,“ ſagte De Ryk und ließ ſich mit bitterm Gefühl über ſeine Täuſchung nieder. Da unſchlangen ihn zwei ſtarke Arme.— Wilm lag an der Bruſt des Wackern. Alle fuhren auf und bildeten einen Kreis um die Gruppe. Treslong lächelte, aber es ſtahlen ſich einzelne Tropfen unter den heimlich ſie zerdrücken wollenden Wimpern heraus und rannen über die gefurchte Wange in den Bart, und in ſich hinein ſeufzte er:„Warum habe ich keinen Sohn? O warum? Muß ich allein doch daſtehn, wie ie einzelſtehende Eiche, der Stürme Spiel! Und nicht einmal ein, jugendliches Herz, das ſich ſo warm innig an mich ſchlöſſe wie dieſer an De Rhk— ⸗ ſo Die Hauptleut⸗ blickten mit Erſtaunen auf den ſchönen jungen 6 — 190— „ Mann, den ſie noch nicht kannten und der doch ganz ihre Kleidung trug. Als die Begrüßungen De Ryk's vorüber waren, trat mit Anſtand der Ankömmling vor den Admiral, ihn begrüßend, und reichte ihm ein Schreiben Oranien's. „Seid willkommen, Hauptmann van Strahlen!“ rief von der Mark ihm zu.„Sind die Narben von Heiligerlee und Jemmingen alle zugeheilt? Und habt Ihr Euren Grimm über den Rückzug aus Brabant an den Franzoſen ausgelaſſen. Jenſeit Joudoigne ſah ich Euch nicht mehr.“ Ohne eine Antwort abzuwarten entſiegelte er den Brief und ſprach mit ſich ſelbſt:„Warm empfohlen! Wahr⸗ haftig! Hätt's aber nicht nöthig gehabt, da er ſich ſchon ſelbſt empfohlen hat!“— Dann legte er das Schreiben zu und ſtand auf. „Hauptleute der Flotte!“ ſagte er,„ich ſtelle Euch hier den Schiffshauptmann van Strahlen vor. Er hat noch kein Vlieboot, wird's aber der Flotte nicht lange ſchuldig bleiben, denn er betet zu dem Heiligen Schlagdrein als ſeinem Schutzpatron. Er hat bei Heiligerlee ſiegen helfen, bei Jemmingen ſich ſchlagen laſſen und iſt mit mir heiler Haut aus den Niederlanden gekommen.— Doch er trägt ſeine Narben mit mehr Ehre, als Mancher Vliesritter und mit einem Worte, er iſt ein Ehrenmann!—6r könnt's glauben— der Eber der Ardennen ſagt's.“ Er reichte noch einmal Strahlen ſeine Hand und ſetzte ſich. Zetzt drängten ſich die Geuſenhauptleute heran und ſchüttelten dem Ankömmlinge die Hand. Was Wilhelm von der Mark von ihm geſagt, galt bei allen, die ſeine Weiſe kannten, als ein Lobfpruch, wie er ihn ſelten ertheilte. „Strahlen,“ hob er darauf wieder an,„Ihr werdet wohl einſtweilen gerne bei De Ryk bleiben?— Ihr mögt dem alten 3 Helden ſeine Laſten erleichtern, bis Ihr Euch ſelbſt ein Schiff geentert habt.“ „Noch,“ nahm De Rhk das Wort,„iſt meine eroberte ſpaniſche Pinazze ohne Hauptmann. Ich trete ſie ihm ab. Sein mag er damit machen.“ N „Auch gut,“ bemerkte von der Mark,„wie geſagt, er wird's nicht ſchuldig bleiben. Ohne Zweifel habt Ihr noch andere — Aufträge von dem Prinzen?“ fragte er Wilm, und als Wilm dies bejahte, beſtellte er ihn auf den andern Morgen auf das Admiral⸗ ſchif. 8 De Rhk erkundigte ſich nun nach dem Prinzen und ſeinem Wohlſein. Wilm gab erfreuliche Auskunft über den Allgeliebten. Stille hatten alle gehorcht. Als Wilm geendet hatte, erhob ſich der Admiral.„Hranien hoch!“ rief er, den Becher mit Sekt erhebend, und„Hranien hoch!“ riefen Alle und die Becher klangen ein luſtiges Tutti. Es war ſpät geworden. Die Lichter waren herabgebrannt. Wilhelm von der Mark legte ſeinen Mantel um, der aus dem Felle eiues furchtbaren Ebers beſtand, deſſen Klauen und Fänge aus Silber gearbeitet waren. Tiefer drückte er den Hut in die Stirne und ſchied. Auch De Rhk verließ mit Wilm und Treslong die Taverne. VIII. Die Eroberung von Priel. Wie der Waſſervogel lieber auf dem Felſenriff im Meere ſeine Schlummerſtitte ſucht, als am Ufer, ſo der Meergeuſe ſein Schiff. Selbſt der Admiral kehrte an jedem Abend unter der Fackelbeglei⸗ tung mehrerer Matroſen auf das ſtolze Gebäude des Admiralſchiffes, das einſt die Reichthümer Mexico's und Peru's nach dem Hafen von Cadir geführt und als die Krone der ſpaniſchen Marine gegolten hatte, ehe es bei Walcheren in die Hände Wilhelm's von der Mark gerieth. Zeder folgte dem Beiſpiele des Admirals und bald wimmelte der Hafen von Fackeln und die Boote ruderten zu den Schiffen,— ja bis zur fernen Rhede hin ſah man in der Dunkeſheit die Leuchtenden ſchwimmen. „Du ſollſt heute ſchon in der Kajüte deiner Pinazze ſchlafen,“ ſagte De Ryk zu ilm, als ſie das erleuchtete Boot beſtiegen, „und nip wirſt du auch ein Plätzchen unter deinem Dache gönnen. znet daß ich früher oder ſpäter, wenn nicht eine theilnehmende Kugel milh da unten bettet, auch ein Obdach auf dem feſten Lande — 192— bei dir ſuche. Doch vor Allem,“ fuhr er fort,„biſt du mir die Erzählung deiner Schickſale ſchuldig— von denen ich zwar die Meiſten kenne, ihre Erzählung aber aus deinem Munde gerne noch einmal hören möchte.“ „Ihr kennt meine Schickſale?“ fragte erſtaunt der Jüngling. „O Wilm, glaube mir,“ ſprach De Ryk und faßte ſeine Hand,„ich ſah dich auch in der Ferne. Meine Liebe zu dir ließ mir keine Ruhe. Ich mußte wiſſen, wie es dir ging, wo du warſt und was du triebſt. Freudig vernahm ich deiner Tapferkeit Ruhm, freudig die Achtung und Liebe, die du bei dem Prinzen genvoſſeſt. Ich wußte ſogar, daß du hierher kommen würdeſt, obgleich der Zeitpunkt mir doch unbekannt war, wann es geſchehen würde.“ Sie kamen in der Pinazze an, wo ein freudiges Huſſah den verehr⸗ ten Hauptmann begrüßte. De Rhlk rief ſeine Equipage zuſammen durch des Bootsmannes ſchrille Pfeife, die durch alle Räume des Schiffes drang. In wenigen Augenblicken ſtand die Mannſchaft auf dem Verdecke. „Seht hier, Kinder, euren künftigen Hauptmann, den ihr als meinen Sohn anſehen könnet. Schwört ihm Treue und Gehorſam hier unter Gottes freiem Himmel. Er iſt gut; er wird euch lieb haben!“ Jetzt trat der Mond hinter den Wolken hervor, die ihn bisher verborgen hatten, und beleuchtete die Scene. Rings um Wilm und De Rhk knieten entblößten Hauptes die Matroſen und ſchwuren Treue und Gehorſam in ihres Führers Hand. Wilm war ergriffen von der einfachen heiligen Handlung. Als die Mannſchaft ſich erhoben— kniete er nieder, und hob die Hand empor zum nächt⸗ lichen Himmel.„Vor Deinem Angeſichte, der Du ins Verborgene ſiehſt, ewiger Gott, ſchwöre ich Treue dem Vaterlande, Gehorſam dem Gebote der Pflicht, Milde gegen menſchliche Fehler, ſtrenge Gerechtigkeit gegen Frevel— Schutz dem Unterdrückten.“ Er erhob ſich und reichte jedem der Matroſen die Hand, die ſie mit Herz⸗ lichkeit ſchüttelten. Gerührt ſchloß ihn De Rhk in ſeiz e Arme Unter dem jubelnden Lebehoch der Mannſchaft ſtiegen ſie, — 193— hinab, nachdem vorher Wilm nach De Ryk's Anweiſung ſeine erſten Befehle ertheilt. Im Hinabſteigen rief De Ryk:„Morgen habt ihr Alle einen Feſttag auf meine Koſten. Die Equipage vom Vliebvot thut den Dienſt auf der Pinazze!“— In dem engen Stübchen der Kajüte angelangt, umarmten ſich innigſt noch einmal die Beiden. Sie waren jetzt allein, ohne Zengen und Störung, und die Herzen erſchloſſen ſich frei. Wilm erzählte dem väterlichen Freunde ſeine Schickſale. Selbſt ſein Suchen nach der Geliebten verſchwieg er nicht, da De Ryk ſeine Liebe kannte. Als er geendet, nahm De Ryk das Wort.„Du fandeſt ſie nicht, mein Wilm. Ich ehre deinen Schmerz, denn deine Liebe iſt rein und treu, aber die Hoffnung gib nicht kleingläubig auf. Es iſt mir, als müßteſt du ſie wieder ſehen. Vertraue Dem, Der den Zug der Herzen weckte, Der Wahrheit ſiegen läßt über alle Ränke der Tücke und Heuchelei. Sein Weg führt durch Sturm zur Ruhe, durch Nacht zum Licht, durch Schmerz zur Wonne. Nur Muth!“ — Das Wort klang wie Prophetenwort. Wilm's Herz hob ſich in feſterem Vertrauen, und die Hoffnung kehrte noch einmal in ſeine Bruſt ein und zauberte beglückende Bilder des Traumes vor die Seele, als er ſpät das Auge ſchloß. Am andern Tage wurde er früh auf das Admiralſchiff berufen, wo ſich die angeſehenſten Hauptleute befanden, um des Prinzen Befehle zu vernehmen und zu berathen über ihre Ausführung. Wilm überreichte ſeine Briefſchaften dem Admiral, der ſie laut vorlas. Der Prinz forderte, daß die Meergenſenflotte ſich entweder Enkhuizens, oder Briels bemächtige, und hier einen feſten Punkt für die künftigen Operationen gewinne. Unſichtig und klar ſetzte der Prinz die Nothwendigkeit und die Vortheile dieſes Unternehmens auseinander, und ging dann zu der Aufforderung über, daß die 3 einem beſſern Geiſte bei ſich Raum gäben, ihre räube⸗ riſchen Kreiz⸗ und Querzüge ließen und einen geregelten Seekrieg gegen Sphnien begönnen.— Wohl berührte manches Wort des i ilhelm von der Mark empfindlich; wohl gefiel die katego⸗ veiſe des Prinzen dem gerne zügelloſen Freibeuter nicht; jähriger Erfahrung.“„Aber,“ fiel Wilhelm von det Mark ein wohl ſtieg oft eine dunkle Röthe bis zur Stirne hinauf und das Geſicht ſchwoll auf in Zornesregung— aber Wilhelm fühlte dennoch zu ſchlagend das Wahre der Mahnungen und ſchwieg und unter⸗ drückte die Wallung des Jähzorns. Er gab den Inhalt zur Bera⸗ thung den Hauptleuten anheim. Es entſtanden heftige Debatten, da des Prinzen Vorſchläge gar manche Einwendungen von dem Eigennutz und der Raubgier mancher Hauptleute fanden, die nur zu gut wußten, wie ihre Oppoſitionen bei dem Admiral kräftige Unterſtützung fänden; allein De Ryk's Bemerkungen am vorigen Abend, verbunden mit den Befehlen des Prinzen, waren doch nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Das Urtheil Wilhelm's von der Mark war gemäßigter, als es ſelbſt De Ryk erwarten konnte. Schon begann der Sieg des Beſſern, als Entes von Mentheda, der Unteradmiral der Flotte, mit einem Manne hereintrat, deſſen Kleidung ihn als einen hohen Offizier der Marine Eliſabeth's von England bezeichnete, welcher dem Admiral eine verſiegelte Depeſche ſeiner Königin einhändigte. Wilhelm von der Mark, ahnend, was die Botſchaft bedeute, löſte das Siegel. Es war die Frucht der Unterhandlungen Alba's mit Eliſabeth. Sie gebot unumwunden den Meergeufen, Englands Häfen zu meiden und binnen ſechs Tagen den von Harwich zu verlaſſen. Der Admiral entließ den Geſandten ſchroff und kalt.— Dann theilte er den Hauptleuten das Reſultat mit.—„Nun iſt unſere Berathung geendet,“ ſagte er, indem er wüthend den Brief Eliſa⸗ beth's auf die Erde ſchleuderte und mit dem Fuße ſtampfend darauf trat.—„Wir müſſen England meiden und die Befehle Oranien's ſind jetzt unausweichlich. Ob Enkhuizen oder Briel?— Das bleibt nur noch die Frage.“ „Ich ſtimme für Briel!“ ſagte Entes von Mentheda,„denn es iſt der Schlüſſel von Holland ſein Hafen iſt weit; tief und gut der Ankergrund; die Rhede ſicher. Ich kenne beid 8 aus viel⸗ „Briel iſt offen, unbefeſtigt und wird dem Zwecke wenige eentſpre den Oranien dabei im Auge hat.“—„Das nich Admira 5 — 195— entgegnete Treslong.„Briels Lage iſt gut. Verſchanzungen laſſen ſich ja in Schnelle aufwerfen und unſere Leute fürchten ſich vor ſpaniſchen Kugeln nicht.“— Der Gegenſtand wurde reiflich erwogen und endlich entſchied ſich die ganze Verſammlung für Briel.— Wilhelm von der Mark ergab ſich in die allgemeine Anſicht und entließ den Kriegsrath mit dem Befehle, Alles zur Abreiſe zu rüſten.— Sie fand drei Tage darauf Statt. Im friſchen Winde flatterten die Flaggen und Wimpel der Flotte. In ihrem höchſten Putze prangte die Mannſchaft. Kanonenſalven riefen Albion, das ſie ſo gaſtlich aufgenommen und jetzt ſo ungaſtlich ausſtieß, ein höhnendes Lebewohl zu und ſtolz ſegelte die ſchöne Flotte in das offene Meer hinaus gegen die Küſten der Niederlande hin. An Wilm's Seite auf der Pinazze ſtand De Ryk, um ihm im Commando beizuſtehen, dem er noch nicht gewachſen war. Muthig ſchlug des Jünglings Herz, denn er ging ja wieder dem Kampfe für des Vaterlandes Freiheit entgegen und die Hoffnungen, die ihn beſeelten, ließen das Dunkel der Zukunft weniger unfreundlich erſcheinen.—* Im Angeſichte der Flotte der Geuſen lag die Küſte von Voorn, als von einem der äußerſten Schiffe mehrere Segel ſignaliſirt wurden. Der Admiral ließ ſogleich ſechs Vlieboote beordern, ſie zu beobachten, und wenn es feindliche Schiffe ſeien, ſie zu entern. Unter den Booten war das von De Rhk.. „Jetzt muß ich dir das Commando der Pinazze allein über⸗ laſſen,“ ſagte De Ryk zu Strahlen, indem er ihm die Hand ſchüttelte.„Laßt mich an Euerer Statt mein Probeſtück thun!“ bat Wilm. De Ryl beſann ſich eine Weile— dann ſagte er:„Wohlan — in Gottes Namen? Geh' und ſei menſchlich gegen den Feind!“ Frohlockend ſprang Wilm in das Boot, welches ihn zu De Rhlk's Vliebvot brachte, und bald war der Kiel der detaſchirten Schiffe der Richtung zurückgekehrt, in welcher eben drei Segel am Saume des Horizon es ſichtbar wurden. Rüſtig und kampfluſtig ſteuerten die Vlieboge den Segeln entgegen, die bald für ſpaniſche Schiffe — erkannt worden, die ein Antwerpener Schiff begleiteten, deſſen Ladung WMunition und Kriegsbedürfniſſe nach Briel bringen ſollte, wohin bereits Alba eine anſehnlichere Garniſon zu ſenden beabſichtigte. Seinem Scharfſinne war es nicht entgangen, daß, nachdem die Meergeuſen aus den engliſchen Häfen vertrieben waren, ihnen kaum etwas Anderes übrig blieb, als durch einen kecken Handſtreich ſich eines niederländiſchen Hafens zu bemeiſtern. Dieſem Plane wollte, mußte er zuvorkommen. Kaum daß die Schiffe im Bereiche des Geſchützes der Vliebvote waren, ſo ordnete Treslong, der ſie befeh⸗ ligte, den Plan des Angriffes. Wilm van Strahlen ſollte den Kampf mit dem größten Schiffe beginnen, ſo hatte er es gewünſcht und mit ihm das ſchlanke Vliebvot Treslong's— ſo wollte es der Befehlshaber. Bald begann das Feuern. Schnell manövrirten die leichten Vliebvote, langſam und ſchwerfällig das ſpaniſche Schiff. Ladung auf Ladung erhielt es unausgeſetzt. Schon war ein Maſt geknickt, wie ein Halm, und Verwirrung herrſchte am Bord des S als das entſetzliche Wort: Entert! aus Treslong's Munde in das weithallende Sprachrohr drang, und mit Windeseile die Equipage, Wilm an ihrer Spitze, mit dem Enterhaken in die Boote ſprang, und mit Blitzesſchnelle am feindlichen Schiffe, trotz des Kleingewehrfeuers, anlegte. Treslong folgte jetzt auch. Wie Ver⸗ zweifelte wehrten ſich die Feinde. Jede Handbreit Raum wurde mit blutigen Schlägen erkauft. Aber nach halbſtündigem Kampfe ſſtand Wilm als Sieger auf dem Deck des ſtattlichen Gebändes. Auch die anderen Schiffe waren genommen. Treslong trat haſtigen Schrittes auf Wilm zu, der im S daſtand und mit dem Auge das Schiff maß. „Du haſt dein Probeſtück wacker gemacht!“ rief er ihm und drückte ihn dann mit Innigkeit an ſeine Bruſt.„Es iſt reiche Beute. Das Schiff, worauf wir ſtehen, hat viel Pulver 4 Munition für Alba geladen.“ In dieſem Angenblicke pfiff eine Kugel an Wilus dut vorüber, ſo nahe, daß Wilm taumelte.„Was war das?* Treslong mit Entſetzn und ſprang nach der Schuß kam. In vieſem Momente gab es unten im Raum ein wildes Geſchrei. Treslong ſprang hinab und ſah, wie die Sieger einen jungen Mann niederſchlugen, der mit einer brennenden Lunte nach den Pulverräumen eilen wollte, um das Schiff in die Luft zu ſprengen. Wüthend hieben ſie auf ihn ein, und nur Treslong's Dazwiſchentreten rettete ihm das Leben. Man brachte den Blutenden auf das Verdeck.„Ungeheuer!“ ſchrie Treslong,„was wollteſt Du beginnen?“— Aber der Verwundete knirſchte nur mit den Zähnen, wie das wilde Raubthier, das ſich gefeſſelt ſieht, und nicht ſeine Wuth befriedigen kann.— Da trat Wilm herzu und— fuhr erbleichend zurück— denn vor ihm lag— Jan van der Does— der Rheder dieſes Schiffes, das Kriegsbedarf für Alba geladen hatte. Treslong ſah ſein Erbleichen.„Kennſt du den Teufel?““— fragte er ihn. Wilm nannte den Namen.„Ha!“ rief Treslong, „jetzt kenne ich dich. Gott verdamme dich, verrätheriſcher Schurke! — Du wollteſt deinen Verwandten morden, den du um Alles, was ihm theuer war, betrogſt!— Feſſelt ihn!“ befahl er, und froh, ihre Wuth an ihm auslaſſen zu können, knebelte ihn die Equipage. Wilm bat für ihn.„Ueberlaßt den Schurken ſeinem Schickſal; laßt ihn frei!“—„Wie?“ rief Treslong,„das Ungeheuer, das ſeinen Wohlthäter mordete, dich, uns Alle morden wollte, frei laſſen?— Nein— Wilm; das Schiff iſt dein, du haſt es erobert, und magſt es alſo, nach unſern Rechten, halten und bemannen, aber dieſer Menſch iſt mein. Auf mein Vlieboot begleitet er mich.“ Er gab ſchnell ſeine Befehle an ſeine Leute, und Jan van der Does wurde nach dem Vlieboote Philippsfeind gebracht, wo er in Ketten gelegt wurde. Die Gefangenen wurden gefeſſelt, die Schiffe von der Mannſchaft der Vliebvote beſetzt, und rückwärts zur Flotte nahmen die ſiegreichen Schiffe ihren Lauf. Der Wind wurde jetzt immer ungünſtiger und nöthigte die Flotte, ſo ſchnell als möglich in die Mündung der Maas einzu⸗ laufen. Es war Mittags um zwei Uhr, am 1. April des Jahres 1 2, gerade am Palmſonntag, als die ganze Flotte im Hafen von Briel ſich vor Anker legte. * — 198— 5 Das Erſcheinen einer ſo zahlreichen Flotte vor Briel brachte eine lebhafte Bewegung in der Stadt hervor. Man hielt dieſe für ein Handelsconvvi, da Niemand in dieſem Augenblick an einen feindlichen Ueberfall dachte, und überließ ſich dieſer Vorausſetzung um ſo gewiſſer, als die ſpaniſche Beſatzung ſich wenige Tage vor⸗ her, ohne alle Ahnung einer Gefahr, nach Utrecht gezogen hatte. Nur zu bald wich indeſſen dieſer Wahn. Die Meergeuſen nämlich lagen nicht ſobald ruhig vor Anker, als ſie die Masken abwarfen, ihre Hrange⸗Wimpel und Flaggen aufhißten, und Briel nun mit einem Male ihren Charakter erkannte. Dumpfer, lähmender Schrecken bemächtigte ſich jetzt aller Gemüther in der Stadt, denn die Meer⸗ geuſen waren der Schrecken der Meere, der Küſtenländer und Städte. Mord, Brand und Verwüſtung hatte bisher ihre Schritte bezeichnet. Hollands und Frieslands Küſte boten ein entſetzliches Schauſpiel ihrer Grauſamkeit und Wildheit dar, und der Namen des Ebers ver Ardennen machte das Blut in den Adern zu Eis, denn man war nur gewohnt, die ſchrecklichſten Vorſtellungen daran zu knüpfen.„ Während ein Theil, bei weitem der größere der Einwohnerſchaft, nur daran dachte, in wilder Verzweiflung ihre Habe und das arme Leben rettend, zu dem Süderthore hinauszufliehen, regte ſich in dem andern Theile der mannhafte Gedaͤnke, die unglückliche Stadt bis zum Eintreffen der Hülfe gegen die Gewalt der wilden Frei⸗ beuter zu ſchützen. Insbeſondere war es die rieſige Geſtalt des Malers Breughel, die das Volk haranguirte und bald eine ziemlich bedentende Anzahl muthvoller Männer um ſich ſammelte, und unter⸗ ſtützt von dem Rathe der Stadt das Norder⸗Thor ſchloß. Als er aber die Orauge⸗Flaggen ſah⸗ wurde er ſtutzig und zweifelhaft. Wer im Dienſte Oraniens ſteht,“ ſagte er,„iſt des Volkes Freund!“ Aber die Mehrzahl derer, die er erſt für die Verthei⸗ digung der Stadt begeiſtert hatte, überſtimmte ihn nun, und ſo gut es gehen mochte, rüſtete man ſich, einen Angriff abzuſchlagen. Mitten unter dieſen tumultuariſchen Auftritten erſchien der Haupt maun Robool, von dem Grafen von der Mark geſandt, vor Norderthor und verlangte, vor den Stadtrath geführt zu w Die Angen wurden ihm nun verbunden, und er von Breughel, der, ſeit des Prinzen Invaſion in Brabant, hier in Briel ſeiner Kunſt lebte, und mehreren andern auf das Stadthaus geleitet, wo der Stadtrath verſammelt war. Robool forderte den Rath auf, die Stadt dem Prinzen von Oranien zu übergeben, der die Flotte geſandt habe, ſie vom Joche Alba's und dem zehnten Pfennig, dieſer furchtbar verhaßten Abgabe Alba's, zu befreien. Der Rath ſandte zwei Geſandte an Wilhelm von der Mark, über die Bedin⸗ gungen der Uebergabe zu unterhandeln. Der Eine derſelben war Breughel, deſſen muthvolles Benehmen im Augenblicke der Gefahr ihm das allgemeine Vertrauen in hohem Grad erworben hatte. Um Wilhelm von der Mark ſaßen die älteſten Hauptleute ver⸗ ſammelt, als die Abgeordneten eintraten in die Kajüte des Admi⸗ ralſchiffes. Breughel führte männlich kräftig das Wort. Er ver⸗ ſprach die Stadt zu überliefern, wenn man ſie als Freundesgebiet behandeln und von jeder Plünderung abſtehen wollte. Wilhelm von der Mark hatte ihm ſtille zugehört; aber das Aufſchwellen ſeines Geſichts, die ſich runzelnde Stirne, das rollende, roth unter⸗ laufene Auge— der ganze Ausdruck fürchterlich ausbrechender Wuth zeigte die Auftritte, die jetzt folgen mußten. Wüthend ſprang er auf.„Und das wagt Ihr mir vorzuſchreiben, Rauchſchwalben, ſpießbürgerliche Jagdhunde?“ rief er ſchäumend und riß das Geu⸗ ſenmeſſer heraus, um auf Breughel einzudringen, der furchtlos dem Wüthenden gegenüber ſtand. In dieſem Augenblicke trat De Ryk in die Verſammlung. Ein Blick belehrte ihn über Alles, und vor Breughel trat er, indem er kühn dem Admiral zurief:„Der Geſandte iſt unverletzlich! Wollt Ihr Euch und uns brandmarken, ſo geht der Weg zuerſt durch meine Bruſt!“— Trotz, Verachtung lag in De Ryk's Mienen. Alle Hauptleute, mit dem Unteradmirale Mentheda, ſprangen jetzt auf und beruhigten den Raſenden, den De Ryk's Benehmen ſchon zu entwaffnen angefangen hatte. 3 „Ihr habt Recht,“ ſagte er beſonnener—„ich fehlte. Geht,“ ief er aber Breughel zu,„und lernt beſcheidener und demüthiger gegen die Sieger ſein!“ — 200— De Rhl ſah ſich jetzt nach dem Geſandten um und erkannte Breughel voll freudigen Staunens. Er reichte ihm die treue Hand. Breughel drückte ſie dankbar.„Seid wann ſeid Ihr in Briel?“ fragte er. Breughel ſagte es ihm.„Und wo iſt Eliſabeth?“— fragte dringend De Ryk. „Davon ein andermal!“ entgegnete Breughel.—„Laßt mich jetzt, und redet für die Stadt.“ Sich neigend, wollte er ſich entfernen. „Zwei Stunden Bedenkzeit!“ rief der wilde Admiral.—„Keine Minute drüber!“ Und Breughel ging ſchweren Herzens. Sicher⸗ heit der Perſon, des Eigenthums war ihm geſichert— aber Wil⸗ helm von der Mark ging nicht davon ab, daß alle Kirchen der Katholiken und alle Klöſter der Plünderung ſollten unterworfen ſein. Noch dauerte die Verhandlung des Stadtraths, als die zwei Stunden um waren, und Robvol und Wilm van Strahlen gegen das Norderthor vorrückten mit zwei hundert und fünfzig Mann Matroſen, und mit ihnen die Hauptleute Treslong, De Ryk, Daan und Brand. Immer noch unentſchloſſen zauderte der Rath. Da rückten ſie zum Sturm heran. Vermittelſt eines Schiffsmaſtes von Jan van der Does Schiffe wurde das Norderthor eingeſtoßen, und mit dem Ruf: Oranien hoch! ſtürmten die Geuſen in die zitternde Stadt. Während noch in wilder Haſt die Flüchtlinge zum Süder⸗ thore hinauseilten, erſchien plötzlich der wilde von der Mark. Ueber die blanke Rüſtung hing das Eberfell, deſſen Kopf als Helmſchmuck diente.„Der Eber der Ardennen!“ ſchrie Alles, und von Schrecken 3 gelähmt, vermochte Niemand voran zu gehen.— Hohnlachend trieb ſie der Wilde vor ſich in die Stadt, ſich weidend an n ihrer Angſt, und rückte unmittelbar nach. Es war acht Uhr Abends, als ſie ſich, jene vom n Anee dieſe vom Süderthore her, auf dem Markte trafen, und ein jubeln⸗ des Geufenlied angeſtimmt wurde, das durch Mark und Bein der bebenden, die wildeſte Plünderung fürchtenden Bürgerſchaft drang. Zetzt nahte entblößten Hauptes der Stadtrath und flehte um Gnade. Wild ſchnob ſie der Admiral an, und hielt ihnen ihr Zaudern x — — 201— ſollten die Leute gut unterbringen und wohl verſorgen, das Weitere werde ſich morgen finden! Wilhelm's von der Mark Wuth kannte keine Grenzen. Gänzliche Plünderung war ſein feſter Entſchluß. Nur De Ryk und Treslong gelang es, ihn endlich milder zu ſtimmen, daß er mit der Plünderung der Klöſter und Kirchen der Katholiken vorlieb nahm, die er denn auf den nächſten Morgen feſt⸗ ſetzte. Lautem Jubel überließ ſich die Mannſchaft, während die Hauptleute zum Rathe zuſammen traten im Saale des Stadthauſes. Wilhelm von der Mark wollte die Stadt, deren gänzliche Wehr⸗ loſigkeit ihn ſchreckte, aufgeben, allein Treslong und De Ryk waren es, die feſt darauf beſtanden, ſie zu behaupten und zu vertheidigen. De Ryk wieß alle die Vortheile nach, die für des Prinzen Unter⸗ nehmen aus dem Beſitze Briels hervorgingen, und ihm gelang es, dieſen Plan durchzuſetzen. Noch in der Nacht wurde die Bürger⸗ ſchaft verſammelt, und ihr dieſer Entſcheid mitgetheilt. Feierlich nahm Wilm von der Mark Beſitz von der Stadt in des Prinzen Namen, ließ ſich von der Bürgerſchaft den Eid der Treue für den Prinzen ſchwören, und entließ ſie dann mit der Berſicherung, daß ihr Eigenthum geſchützt werden ſolle, in ihre Wohnungen. Angſtvoll bebten indeſſen die Herzen in Breughel's Hauſe. Zu ihm, dem treuen Freunde, war Eliſabeth van Strahlen mit ihrer Mutter geflohen, um Schutz zu finden in der Plünderung bei 2 dem ſtärkeren Manne; aber auch ſeine Gattin fanden ſie in Angſt, in doppelter, da Breughel ſeit dem Morgen nicht mehr ſein Haus betreten, und das Gerücht ihn an der Spitze der Vertheidiger ſtehen ließ. Unter Thränen und Gebet brachten ſie den Tag und den Abend hin. Da trat ſpät am Abend Breughel in das Gemach, einen alten, ehrwürdigen Mann, in der Tracht der Geuſen, an der Hand führend. „Kinder!“ rief er,„Gottlob! die Gefahr iſt vorüber; wir ſtehen unter dem Schutze Oraniens. Alba's Arm trifft uns nicht Freier athmete jede Bruſt, und dankbar hoben die Frauen die Blicke zum Himmel.— Dann ſtellte er De Ryk vor„Der Reller — meines Lebens,“ ſagte er,—„Weib, Kinder— der hat euch heute den Vater, den Gatten gerettet; dankt ihm!“— Da umſchloſſen blühende Knaben und Mädchen des Alten Knie, und unter Thränen des tiefſten Dankgefühles drückte die Gattin des Malers die Hand des ſeine Rührung umſonſt verbergen wollenden Mannes. „Und auch euch iſt er wohl nicht fremd— der Namen De Ryk?“ ſprach Breughel zu Eliſabeth und ihrer Mutter, indem er ihren Namen De Ryk ſagte. Da ergriff De Ryk ihre Hände, und die Thränen rollten ſtrom⸗ eis aus ſeinen Augen.„Gott,“ ſagte er tief erſchüttert,„ich danke Dir für dieſe Stunde. Ich danke Dir, daß die Stunde da iſt, 5 wo ich vergelten kann.“ Dann ſagte er—„Ihr kennet mich nicht, edle Frauen— wohl aber kannte mich der Edle, deſſen Blut für die Freiheit floß,„ — er war einſt meines Lebens Retter. O, ich kam zu ſpät, ihn zu retten aus doppeltem Tod— ihm die Augen zu öffnen über die hölliſche Bosheit, deren Opfer er wurde, und über die Gefahr, in der er ſchwebte.“ Laut ſchluchzten die Frauen.„Er kannte den Verrath!“ ſagte Frau van Strahlen. „Wie? edle Frau,“ rief der noch ſichtbar Ergriffene.—„Er kannte ihn?— Nein, er und auch Ihr kanntet und kennet nicht das Werk der Hölle. Ihr haltet einen Unſchuldigen, ein großes, edles, treues Herz für den Urheber Eures Unglücks, und zu Gott dem Allwiſſenden, der mich bald richten wird, ſchwöre ich es Euch — Wilm iſt rein, wie Gottes Sonne— Jan van der Does iſt der Teufel, der den Oheim mordete, und Wilm Euch 5 machte!“ Eliſabeth ſtarrte den Mann an, der ſprach mit prophetiſcher Begeiſterung, mit unwillkürlich hinreißender Gewalt. Sie ſtarrte ihn an und die bleiche Wange wurde noch bleicher. 2 Um Gottes Willen,“ rief dann, und krampfhaft faßte 3 —— „Wahrheit, ſo wahr mir Gott helfe in der Stunde des Todes!“ ſchwur De Ryk, die Hand erhebend. Da taumelte Eliſabeth in den Stuhl, mit dem Ausrufe:„All⸗ mächtiger, du biſt gerecht!“— Die Mutter ſah noch immer zwei⸗ felnd De Ryk an.„Ich war bei Wilm in Löwen, und ſeitdem, mit Ausnahme einiger Jahre, faſt immer. Ich kenne ſein Herz, ſeine Thaten— ich kenne jhn, wie mich ſelbſt“— fuhr De Rhk fort. „O,“ ſagte Eliſabeth's Mutter—„ſchlug er ſich doch um eine Metze in Löwen!“„Wie?“ rief de Ryk und Zorngluth erfüllte ihn—„auch das ſagte der Verruchte? Barlaimont r ehrenrührig von eurem Kinde, edle Frau, von Eliſabeth do Wilm's Seele liebte, und den frechen Verleumder zůchtg Rächer der Unſchuld!“ „Großer Gott, iſt es Wahrheit?“— rief die Matrone aus. „Wahrheit, und er ſelbſt, Jan van der Does, ſoll, muß, wird ſie beſtätigen— denn er iſt hier,“ ſprach De Ryk. „Gott ſei gelobt!“ rief Breughel;„dann wird ſich das ſchau⸗ derhafte Dunkel aufklären.“ „Ja, das wird es,“ ſagte De Ryk,„dann werde ich ihn ent⸗ larven, den hölliſchen Buben, der den Oheim auf das Schaffot lieferte, um ſeiner Reichthümer theilhaftig zu werden.— Euch arm machte, um dadurch Eliſabeth zu zwingen, daß ſie ſeine Hand nähme— und Wilm verrieth, damit er, verflucht von ſeinem Wohlthäter, umher irre; aber der falſche Fluch wurde zum Segen und des Prinzen Achtung und Liebe hob ihn empor, den edlen Vertheidiger ſeines Vaterlandes.“ „Wo iſt er, o ſagt, wo iſt Wilm?“— rief jetzt Eliſabeth, die mit zugehaltenen Augen die gewechſelten Reden mit angehört. „Er iſt nicht fern— du vielgeprüftes Herz,“ ſprach De Ryk, „Du wirſt ihn wieder ſehen— nur gedulde Dich noch einige Beit.“— Da kehrte mit einem Male die frohe Gewißheit ſeiner vielfach geahnten Unſchuld in ihre Bruſt ein, und mit ihr der erſte Strahl — der Freude und der Hoffnung nach den düſteren Jahren des Kum⸗ mers und des Schmerzes. De Rhk ſuchte endlich das Lager; aber in ſein Auge, wie in das Eliſabeth's, ihrer Mutter und Breughel's, kam kein Schlaf. Die Herzen waren zu voll, die Träume des Glückes zu ſet. die ihnen vorſchwebten. Der andere Morgen brach unter wildem Tumult an. Die Geuſen plünderten Kirchen und Klöſter, und trieben Mönche, Nonnen und Prieſter unter barbariſchem To. zum Süderthore hinaus. Wild lachend ſtand Wilhelm von der Mark auf dem Balkone Stadthauſes, das er bewohnte, und ſah dem Zuge nach.— lm van Strahlen's Herz blutete bei dieſen Auftritten, die ſo gerne gehemmt hätte. Und doch konnte er nicht, da er auf den Schiffen den Befehl führen mußte. Früh am Morgen ſchon brachte De Ryk mehrere Stunden bei Treslong zu: dann ſah man ihn fröhlichen Angeſichtes wieder zu Breughel's Hauſe eilen, wohin man einige Zeit ſpäter unter Treslong's Augen einen Schwergefeſ⸗ ſelten ſchleppte. Es war Jan van der Dves. Mit Entſetzen ſahen die Frauen den Jüngling hereinführen, auf deſſen Antlitz die Schuld und die Qual der Hölle zu leſen war. De Ryl ſaß bei Eliſabeth, deren Hand er in der ſeinen hielt. Gegen ihnen über ſtand Jan van der Does und ſah ſtarr an den Boden. Jan erwartete bebend die Anrede De Ryk's. Dieſer hielt ihm nun nach fürchterlichen, zermalmenden Worten die Reihe ſeiner Verbrechen vor und forderte ihn auf, ſeine Schuld zu bekennen, aber alle die Frechheit und Verruchtheit kehrte noch einmal zurück. Er leugnete Alles. Er klagte jenen De Rhk der Verführung Wilm's an. 1 2 Da ſprang De Ryk auf und rief:„Ha, du haſt dich ſelbſt verurtheilt, Schurke! Ich bin De Ryk!“ Da bebte der Verbrecher fürchterlich zuſammen. Seine Zähne klapperten, ſein Haar ſträubte ſich. Er wollte es raufen— aber die Feſſeln hn es nicht zu. In der Angſt ſeines Herzens liche ſegnete ihren Bund. Als das ſchöne Paar aus der§ — 205— In dieſem Momente öffnete ſich die Thür und Wilm trat herein— blieb aber, von Schrecken gebännt, ſtehen und ſtarrte ſie Alle nach der Reihe an. Jetzt erkannte er Eliſabeth und ſtürzte vor ihr nieder.„Eliſa⸗ beth,“ rief er—„ich bin unſchuldig!“ „O, ich weiß es,“ flüſterte ſie, und zog den Geliebten an die ſtürmiſch wogende Bruſt. Die Seligen vergaßen die Welt. Jan knirſchte wie ein Wüthender mit den Zähnen bei dieſem Anblick.„Schafft ihn hinweg— er iſt gefoltert!“ rief De Ryl. Treslong gab den Matroſen einen bedeutungsvollen Wink, und ſie führten den Schrecklichen hinaus. Alba vernahm, als er eben in Brüſſel ein fürchterliches Gericht halten wollte, die Nachricht von der Eroberung Briels. Er erſchrack heftig. Plötzlich ſtellte er alle die fürchterlichen Maßregeln, die er ergriffen hatte, ein, und begab ſich in den Palaſt, unſchlüſſig, was er beginnen ſollte. Bei ſeiner Umgebung deckte er ſeine Furcht mit ſeinem gewöhnlichen Wort no es nada(s iſt Nichts) zu. Aber es war doch Etwas— und dieß Etwas von großen Folgen für des Landes Freiheit. Die Geuſen war nicht träge. Sie warfen Verſchanzungen auf und rüſteten ſich zur Vertheidigung. Graf Baſſü, der Statthalter von Holland, hatte ſchon Truppen nach Voorne geführt. Aber der Geuſen Feuer traf ihn hart. Die geöff⸗ neten Schleußen ſetzten das Land unter Waſſer, und im Waſſer watend ihre Schiffe in Flammen erblickend, flohen die Spanier mit dem größten Verluſte. Briel war gerettet und Voorne war erobert. Es wurde die Wiege der Freiheit. Am erſten Oſtertage feierten die Geuſen und mit ihnen Briels Bürgerſchaft, dem Herrn ein Dankfeſt. Nach geendigtem Gottesdienſte trat Wilm van Strahlen mit Eliſabeth, auf deren Wangen wieder die Roſen der Wonne und des Glückes zu blühen begannen, an den Altar. Der Schiffsg — 206— trat empfingen es die Hauptleute der Flotte und führten es auf das Stadthaus, wo ein Feſt bereitet war. Wilm's erſte Bitte war: Freiheit für Jan van der Doe „Ich habe ihn hängen laſſen!“ ſagte Treslong.—„Schweig' von ihm.“ Noch lange kämpfte De Rhk und Wilm für des Vaterlandes heilige Freiheit, und als das Glück des Prinzen Streben gekrönt hatte, zogen ſich Beide hochgeehrt zurück. Wilm war der Erbe von De Ryks Reichthümern, dem er ſpät das treue Vaterauge zudrückte — des Lebens ſchönſtes Glück blühte ihm in Eliſabeth und ſeinen Kindern. Soneſck. Hiſtoriſch⸗romantiſche Erzählung aus dem dreizehnten Jahrhundert. Wer auf dem ſchnaubenden Dampfbvote die Rheinreiſe von Bingen bis Koblenz machte, erinnert ſich wohl noch, wie ſtolz und keck die Burgruine, deren Namen dieſe Erzählung an der Stirne trägt, auf ihrem Felſen zwiſchen den Dörfern Heimbach und Drech⸗ tingshauſen liegt, als bewährte Vorhut des gewaltigen Waldes, der den Namen Soon trägt, und von dieſer Ruine bis weit hinauf gen Soonſcheidt, an die Grenze des mächtigen Hochwaldes, ſich zieht. Die Berge treten bei Soneck etwas vom Rheine zurück und bilden einen kleinen Bogen, indem ſie im Tiefgrunde dem Rheine geſtatteten, fruchtbares Land anzuhäufen. Will man die Ruine Soneck beſteigen, ſo muß man eine kleine Strecke von der Rheinſtraße über bebautes Land wandern, und tritt alsdann am Fuße des Berges in die Region der Hecken und des Geſtrüppes ein, das aus grauen Schieferfelstrümmern hervorwächſt. Ein Blick nach der Ruine zeigt, daß man nur von einer Seite ſie erreichen kann; das iſt die ſüdliche, wo ein ſchmaler Tbaleinſchnitt, den felſiges Gerölle faſt ganz bedeckt, von einem friſchen klaren Quellbächlein durchrieſelt wird. Dies B ächlein machte in früheren Zeiten die Grenze des Trach⸗ und Nahegaues. 4 Von dieſem Thal aus ermißt erſt das Auge ganz die ſchwindel⸗ machende Höhe, auf der die Ruine ruht, und läßt ahnen, wie ſchwer es ſein mochte, ſie, zur Zeit ihres Glanzes, zu erobern. Der Felſen iſt impoſant, der ihr zum Fü ndamente dient. Epheu umrankt ihn, und Flechten und Mooſe geben ihm eine Peſ maleriſche Bekleidung. Arbeitet man ſich, dem murmelnden Bächlein ſaei durch die Hecken und über das Steingerölle glücklich weg, ſo erreicht man nach mühſamem Klettern endlich die S deren Thor auf — 210— dieſer Seite lag. Trümmer haben den Graben gefüllt, der hier in den Felſen gehauen war. Das Fallthor und ſein Thurm iſt gebrochen. Vom Burghauſe am Burgthore ſind nur noch wenige Reſte übrig. Sie lehnten ſich an die hohe Warte, die auch bis zur Erde hin weggetilgt iſt. Ein zweiter Hochthurm lehnte ſich an das noch ſtehende Hauptburghaus. Vom Thor aus liefen in Windungen die Mauern hin und bildeten einen Eingangsweg, geſchützt durch hohe Thürme. Iſt man auf dieſem Wege fortge⸗ wandelt, ſo tritt man endlich in den Kreis des Burghofes, und hier erhebt ſich in mächtiger Höhe das Burghaus im Viereck, deſſen Ecken oben vier kleine Lugthürme zieren, von denen die beiden Vorderen, gegen Oſten nämlich, noch ſtehen. Alles Eingebäude hat das gierige Element des Feuers und die zerſtörende Menſchenhand ganz vertilgt. Oede iſt Alles und ſchauerlich ſtille; nur unter dem Boden hallt es dumpf; denn da ziehen ſich die Felſenkeller und Verließe hin, wo neben der goldenen Quelle bacchantiſcher Luſt der Kummer des Eingekerkerten wohnte, und die Qualen lichtloſen Alleinſeins trug. Hat aber der Wanderer dieſe Höhe erklettert, ſo wird alle Mühe reich belohnt. Tritt man nämlich an den Rand der äußern Mauer, ſo ent⸗ faltet ſich eins der reizendſten Landſchaftsbilder, welche der Rhein nur zu bieten vermag. Ringsum, wohin auch der Blick ſich wendet, ſchließen hohe Berge den Geſichtskreis ab, hier bewaldet vom Fuße, den der Fluß beſpült, bis zum Gipfel, der ſich im Aether badet, dort von der Reben friſchem Grüne, wie vom Sammte bekleidet, und oben mit Fruchtbäumen und Ackerland gekrönt, das ſich an fried⸗ liche Dörfchen und Weiler reihet. Ueberall aber tritt der rauhe und nackte Grau ferfels in pittoresken Zacken zu Tage, und bietet ſo dem Auge ein Lechſel, der eben ſo maleriſch, als unterhaltend iſt. Tief im Süden, wo die grünliche Fluth des Rheins aus den bewaldeten Bergen hereintritt in den ſchönen Thalkeſſel, erblict das Auge den weißen Punkt des freundlichen Schlößchens auf dem derwalde. Dunkelgrün iſt der Berge Gewand und der Flei enſchenhand wird nur hin und wieder ſichtbar. . — 211— Folgt der Blick dem naſſauiſchen Ufer, ſo begrüßt er erſt recht im Bodenthale die Spuren menſchlichen Fleißes; und war er ſo klug, der Wanderer, ſich mit einer Flaſche des köſtlichen Boden⸗ thälers zu verſehen, ehe er heraufſtieg, ſo trinkt er jetzt die goldene Fluth mit doppelter Begeiſterung und bringt dem Fleckchen ein Hoch, wo ſie gewachſen. Weiter abwärts reihen ſich Reben an Reben, bis der Blick auf Lorch weilt, deſſen Häuſer ſich am Rhein⸗ ufer hinziehen und ins Wisperthal hinauf und amphitheatraliſch ſich um die hochgelegene Pfarrkirche reihen. Seltſam nimmt ſich das alte von Sohler'ſche Ritterhaus am Ufer gegen die modernen Gebäude ſeiner Nachbarſchaft aus. Es repräſentirt Lorchs groß⸗ artige Vergangenheit. Von Burgen beſchützt, deren eine nur noch in kärglichen Ruinen ſichtbar iſt, war es im zwölften und drei⸗ zehnten Jahrhundert, und ſelbſt noch bis zur Reformation hin, einer der anſehnlichſten Orte des untern Rheingau's, an deſſen Grenze es lag. Ein zahlreicher Adel wohnte hier und in der burg⸗ reichen Nachbarſchaft des Sauerthales und Wisperthales; das Stift ſeiner Kirche beſaß eine zahlreiche Prieſterſchaft. Seine Präſenz war reicher, als irgend eine andere, und ſeine Schuljunker⸗ ſchaft bot Bildung dem Adel in einer Zeit, wo dieſe ſo ſelten gefunden wurde. So nahe dem Rheinweinſtapelorte, blühte ſein Weinbau, beſonders ſeit man hier die Rebe aus Frankreich baute, die den rothen oder fränkiſchen Wein brachte. Das luſtigſte Leben am Rheine hatte hier ſeine Stätte. Weiter abwärts ſcheint ſich das Dörfchen Lorchhauſen, einſt eine vorgeſchobene Colonie des reich⸗ zerslſerten Lorch, verbergen zu wollen. Reben umranken ſeine Mauern gegen den Rhein, und hoch an ſeine Felſenwände pflanzte es ſeine Weinberge. Mauern und Thürme machten es ſeiner Zeit wehrhaft. Die Gegenwart hat ſie großentheils niedergebrochen. Es iſt ein mächtiger Bergſtock, der hier vortritt, der Berg der Wirbellai, an deſſen Fuß ungeheure Fiefe gähnt und in Wirbeln aufbrodelt. Der Fluß iſt hier zum See beicſet Die Heileſſeninſel, wo einſt Sa Adolph über den ging, wie mit — 212— ihrem Felſenwehr und ihrem blendenden Sommerhäuschen ab; auf dieſem Felſenwehr ſtand und ſtehet noch, jetzt in die Tiefe geſenkt, durch das Erheben des Rheinſpiegels, der Altar des Bacchus, wo einſt die Ubier und Römer ihre Libationen darbrachten. Auf dem linken Ufer ſtreben die Felſenwände der Vogtswieſe zu namhafter Höhe, in deren Klüften der Schuhn noch wohnt. Bacharachs ſpitzer Thurm ſteht ihnen nahe. Er iſt der nördliche Grenzthurm der hochbethürmten Mauern dieſer einſt ſo berühmten Stadt, von dem, einen ſpitzen Winkel bildend, die Mauern zum Rhein und zum Steeger-Thale ſich hinabziehen zu den gewaltigen Thorthürmen hin, deren einer leider gefallen i Am Rheinufer liegt die alte Stadt, deren Häuſer ſich um die byzantiniſche Kirche reihen, über deren Thurm am Felſen die ſchönen Ruinen der gothiſchen Wernerskirche trauern. Hoch oben liegt weit⸗ herrſchend Stahleck, die Wiege des Pfälzergeſchlechtes, die hohe, mächtige Burg, in Trümmern. Hermann's von Stahleck Geiſt wan⸗ delt hier, ſeit der Kummer über das Hundtragen des Körpers Hülle brach. Die Schatten der Wittelsbacher und Staufen umſchweben dieſe weiten Trümmer. Drechtingshauſen auszuruhen. Und dort unten ſammelten die Weinmärkte und Gabelungen einſt die zahlreichen Käufer und Verkäufer, und das regſte Handels⸗ leben füllte den Hafen der Stadt, die im Mauerkranze ſo ſicher ruhte. Aber auch der Krieg wüthete oft hier, bis Louvois das Vernichtungswort ſprach und der bluttriefende Montal es ausführte. Weiter aufwärts verſteckt ſich das in Ruinen liegende Klöſter⸗ lein Fürſtenthal in die Berge und Baumesgrün; und während Rheindiebachs Häuſer verdeckt ſind, ſieht die Warte von Fürſtenberg* über die Höhen weg. Hier war es, wo einſt ein Stein einen Kaiſer zum Tribute zwang. Auf dem Dorfe Heimbach weilt der Blick Die Ruinen von Heimburg, erbaut auf den Trümmern des römiſchen Caſtrums, das die hier ausmündende Römerſtraße deckte, ſind faſt verſchwunden. Ueber Weinberge ſchweift der Blick, um endlich auf dem Dorf — 213— Wie herrlich iſt dies Panorama! Wie ruht der Rhein zu den Füßen des Beſchauers in ſtiller Majeſtät, hier ganz eingeſchloſſen wie ein See! Wie reich iſt der Stoff, der ſich dem Denker auf⸗ drängt, der hier auf den verwitterten Ruinen einer reichen Vergan⸗ genheit ſteht, und unten den ſtolzen Repräſentanten der Gegenwart vorüber brauſen ſieht, das rauchende Boot mit ſeinen Touriſten. Nun wir heimiſch geworden ſind auf Sonecks Ruinen, fragen wir wohl nach den Geſchicken der Burg, aus denen uns die Sage eine reiche Epiſode mittheilen will. Wir lauſchen noch einen Augen⸗ blick dem erzählenden Munde der Geſchichte, ehe wir uns ganz dem Eindrucke jener wechſelnden Begebenheiten hingeben. Es liegt auf der Zeit, in welcher die Burg erbaut worden ſein mag, leider ein tiefes Dunkel, wie auch auf dem, der zuerſt den Gedanken in ſich trug, hier auf dem ſteilen Felſen, an der Bruſt des hohen Bergs eine Burg zu erbauen. Nur ſo viel läßt ſich mit einiger Gewißheit annehmen, daß einer der ritterlichen Erzbiſchöfe von Mainz im Laufe des zwölften Jahrhunderts die Burg gründete zum Schutze des Gebietes, welches Churmainz und die Stifter des Doms und der Kirche Sanctae Mariae virginis ad gradus hier beſaßen. Vielleicht aber auch, daß die reiche Abtei Corneli⸗Münſter im Kölner Erzſtift ſie erbaute. Auch für dieſe Meinung ſind Gründe genug vorhanden, denn ſchon vor der Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts iſt dieſe Abtei im Beſitze der Burg, und Werner von Bolanden iſt ihr Burgmann in ihr. Nach ſeinem Tod erbte ſie deſſen Bruder Philipp von Bolanden, genannt von Hohenfels, ſammt der Schirmvogtei über die Güter der Abtei Corneli⸗Münſter. Von dieſer Zeit an vergaßen die Burgmannen ihres Zweckes, denn ſie wurden Räuber im weiteſten Sinne des Worts. Es ſind Glieder des weitäſtigen Stammes der Ritter von Waldeck, deren Stammhaus im Wisperthale, deren Burghaus in Lorch lag, welche in dieſer Zeit hier Burgmänner ſind, vielleicht Afterlehensträger Bolanden's, der ſich mehr auf dem nahen Reichen⸗ ſtein aufhielt. Niemanden wurde dieſer Räuber Treiben nachthei⸗ liger, als den Kaufherren von Mainz, Trier und Kö de — 214— 6 Klöſtern, die reich begütert umher lagen. Schamlos war das Treiben der Ritter. Es gereichte gewiſſermaßen ihnen zur Ehre, wen ſie ſo recht frech raubten und ſich des Raubs im üppigſten Leben freuten. Die Unſicherheit war ſo groß am Rheinesufer, daß faſt Niemand mehr wagte, die Straße zu ziehen, und die Kaufleute ihre Schiffe mit Reiſigen beſetzten, um Angriffe abtreiben zu können. Die Noth gebar den Städtebund, Arnold Salmann, der Walpode von Mainz, wurde ſein Stifter. Schnell wuchs und kräftigte er ſich, und ſchon 1254 rückte das Heer des Bundes vor Soneck und Reichenſtein, und beide Burgen wurden erobert und zerſtört. Philipp von Bolanden⸗Hohenfels wüthete und ſchwur glühende Rache im Bunde mit den Waldecken, deren Familie mächtig und groß war; doch kam es zum Frieden und Wiederaufbau der Burgen, die wahrſcheinlich nicht völlig zerſtört worden waren, und es ſchien, als ſei der böſe Geiſt von ihnen gewichen; allein nicht lange währte dies, ſo brach er wieder hervor in ſeinem ganzen Ungeſtüm, in ſeiner maßloſen Zügelloſigkeit. Der Wehruf der Unterdrückten und Mißhandelten drang zum Ohre Rudolph's von Habsburg. Er zog heran wie ein dräuend Wetter, und in Würzburg traf ihn der Churfürſt von Mainz, der ihn zum Rächen des Frevels rief. Soneck wurde belagert. Auf dem Fautsberg wohnte der Kaiſer. Nach hartem Kampfe fiel die Burg und Alle, die ſie vertheidigten, wurden gehängt, ſie ſelbſt weggetilgt von der Erde Erſt im vierzehnten Jahrhundert erſcheint ſie urkundlich wieder; doch erſt um die Hälfte vieſes Jahrhunderts wurde die Burg von den Waldeck, Marſchällen von Soneck, wie ſie ſich nannten, und auch ſchon früher vorkommen, wieder erbaut. Sie wurde erweitert. Späterhin kamen durch Anheirath auch die Breidbach in die Ganerbſchaft oder Erbgemein⸗ ſchaft von Soneck, und erbten es ganz, als die Waldecke von Soneck in der erſten Hälfte des ſiebenzehnten Jahrhunderts ausſtarben. Wahrſcheinlich zerſtörten im Verheerungskriege der Pfalz 1688 die Franzoſen die Burg. Sie blieb im Beſitze der Familie von Breidba Bürresheim, welche jedoch keinen Werth auf die Ruine legte, kein — 215— 5 Steuern zahlte, ſo daß ſie durch Verjährung an die Gemeinde Drechtingshauſen überging, welche ſie an den jetzigen König von Preußen, damaligen Kronprinzen und die übrigen Prinzen, Söhne Sr. Majeſtät des verſtorbenen Königs, verkaufte, in deren Beſitz ſie noch iſt. Nach dieſem kurzen Ueberblicke der Geſchichte der Burg kehren wir zu den Begebenheiten zurück, welche wir erzählen wollten, und welche unmittelbar in die Jahre 1282 und 1283 fallen, in jene verhängnißvolle Zeit, wo Soneck ein weitberüchtigtes Raubneſt war, und Rudolph von Habsburg das ſchwere Gericht hielt. I. Der Weg, welcher von Rüdesheim nach Aſſemannshuſen, wie man es damals nannte, führte, war Anno 1281 bei weitem nicht ſo breit, nicht ſo geebnet und durch Dämme gegen die Fluth geſchützt, wie er das heute iſt; vielmehr beſtand er lediglich in einem Pfade, welchen die Saumroſſe der Halfer(Helfer) getreten hatten; der bald an die plätſchernde Welle reichte, bald aber ſich in eine anſehnliche Höhe hinaufzog, abſonderlich, wenn Felſen am Ufer ſich erhoben. Wer nicht in einem Kahn auf dem Rheine herab von Rüdesheim fuhr, mußte dieſen Weg gehen oder, wie das junge waghalſige Ritter thaten, reiten. Am ſchlimmſten war er unterhalb der Burg Ehrenfels und dem Maüsthurme, da, wo eben das Bingerloch iſt. Bei weitem ſo fleißig, wie heute, war damals der Berg nicht angebaut. Nur zwiſchen Ehrenfels und Rüdesheim zogen ſich die edeln Weinberge hin. Abwärts von erſt⸗ genannter Burg reichten Hecken und Geſtrüppe bis unmittelbar an die Fluth des Rheins, und im Geklüfte hauſten Füchſe genug, um den Winzern läſtig zu werden. Die Herbſtleſe des Jahres 1281 war eine der günſtigſten des Jahrhunderts. Alle Chroniken ſtimmen darin überein, daß nicht bloß in Hinſicht der Fülle(die Reben bogen ſich unter ihrer Trau⸗ — 216— benlaſt), ſondern auch in Rückſicht der Güte des Moſtes kein Jahr des ganzen Seculums ihm glich; denn der Sommer war glühend heiß geweſen, und zu gehöriger Zeit hatte warmer Regen die Erde erquickt, und ihre Ausdünſtungen die Trauben ungemein edel gemacht. Ueberdies hatte auch der Erzprieſter Bodo zu Lorch, ein Mann von tiefem Wiſſen und kundig des Laufes und der Erſcheinungen der Geſtirne, längſt einen außerordentlichen Wein geweiſſagt, denn es hatte ſich im Januar und Februar des mehrgedachten Jahrs ein gar ſeltſam Geſtirn gezeigt, das einen Schweif hatte gleich einem feurigen Kehrbeſen, und ſchauerlich in die Welt hereinleuchtete, zum Entſetzen der Leute. Plötzlich war es gekommen, und plötzlich ver⸗ ſchwand es. Bodo hatte Recht. Der Wein wurde köſtlich, denn der feurige Beſen hatte die Luft wunderbar rein gekehrt. Die Leſe war denn auf den 12. October des Jahres 1281 feſtgeſetzt worden. In Lorch war dazumal ein groß Gejubel. Die Ritterſchaft ſtrömte da zuſammen, und der Vicedom des Rheingau's war Willens, ein gewaltig Bankett zu halten in Luſt und⸗ Kurzweil, mit Tanz und Spiel, in ſeinem Burghauſe, dazu denn alle Welt geladen war. Am Tage vor der Herbſtleſe zu Lorch ſchaukelte ſich ein ſchöner Kahn auf den Wellen des Rheines von Rüdesheim herab. Er war überdeckt mit einem großen Zelttuche, gleich einem Gemach einge⸗ rrichtet, und drinnen ſaßen drei Perſonen. Die eine war der hoch⸗ würdige Domſcholaſter vo Mainz, der Bruder des Erzprieſters Bodo in Lorch, der eben einmal den Bruder heimſuchen, den Zehn⸗ ten ſeines Herrn überwachen, die Schuljunkerſchaft prüfen, die Präſenz reformiren— und ſich des Lebens freuen wollte in der lieben Vaterſtadt. Der Donſcholaſter war ein gewaltig dicker Herr, der die rothe Naſe nicht vom Winde und Waſſer und den Schmeer⸗ bauch nicht vom vielen Faſten hatte. Aus ſeinen Augen lachte die Frende und die gutmüthigſte Heiterkeit. Die zweite Perſon im Schifflein war ein großer ſtattlicher Mann im ſchwarzen Kleide, der eine Pelzmütze auf dem weißen Haupte trug. Das Antlitz grfurcht, ernſt und feſt. Hinter den Falten der g dis ſchon ſo manches Schiff geplündert.“ — 217— Strenge, und im Auge blitzte, trotz des ſchneeigen Haares, ein Feuer, das, traf es den Rechten, ihn erbleichen machte. Man ſah es auf ein Haar der Geſtalt an, daß ſie ſich nicht viel zu beugen gelernt, wohl aber gewohnt war, daß Andere ſich vor ihm beugten. Er trug eine güldene Kette um den ſtolzen Nacken, mit einem güldenen Schauſtück dran und ein kurzes, aber ſehr breites Schwerdt an ſeiner Seite. Das war der Stifter des Städtebundes, Arnold Salmann, der reiche Kaufherr und Patrizier, aber auch Walpode von Mainz, des Domſcholaſters anderer Bruder, den der Erzbiſchof ihm zugegeben hatte, um ſeine Geſchäfte in Lorch vollziehen zu helfen. Und die dritte Perſon im Nächelein war ein Mädchen, ſo ſchön wie die Nire, die drunten an der Lurelei jedes Auge und Herz bezaubert, ſo ſchön, wie je ein Mainzer Kind war im Früh⸗ lings ſchmucke der Jugend. Das war Hedwig, die Tochter des Walpoden und die Nichte des dicken Domſcholaſters und des Erz⸗ prieſters Bodo in Lorch. Während ſie unter traulichen Geſprächen dahinfuhren und das Mägdlein ſo recht achtzehnjährig und ſehnfüchtig in die grünliche Fluth des Stromes blickte, nahten ſie ſich dem Mausthurme. Von Ehrenfels ſchallte die Zollglocke; vom Mausthurm rief der Wächter das Fahrzeug an— allein Beide verſtummten, als der Steuermann eine Flagge aushing, in deren Felde das Rad von Mainz erglänzte und den Zollwächtern zu erkennen gab, hier reiſeten Bedienſtete des Erzbiſchofs von hohen Würden. Sie fuhren jetzt ganz nahe am Ufer hin. „Sind wir nicht bald an dem gefährlichen Loche von Bingen, wo ſchon ſo manches Schifflein ſeinen Untergang fand?“ fragte das Fräulein. Der Walpode verzog zum höhniſchen Lächeln den ſtolzen Mund. „Laß dir nicht bange ſein, Kind,“ verſetzte er;„hier iſt weit Schlimmeres, als dies Felſenwehr im Rheine. Bald wirſt du die Zinnen von Burgen etblicken, wo die ſchändlichen Räuber hauſen, rimm r hatte noch. ausgeredet und ſeinen G noch nicht — 8— zur Hälfte ergoſſen, als plötzlich Hedwig einen entſetzlichen Schrei ausſtieß, der den Vater erſchreckte, den Oheim abhielt, einen Becher Rüdesheimer zum Munde zu führen, den er eben den vielen andern nachſenden wollte, die während der Morgenfahrt ſeine Gurgel paſſirt hatten. Es war ohnehin echter Patriotismus, daß der hochwürdige Donmſcholaſter ſich einige Krüge von jeder guten Stelle mitgenommen hatte, an der er vorüberſchiffte. Der Walpode ſah erſchrocken Hedwig an, die angſtvoll nach dem Ufer hinwies. Eben nämlich, als ſie um die ſcharfe Ecke ſchifften, welche dort der vorſpringende Berg bildet, erblickte das Fräulein einen Reiter, der mit unſäglicher Keckheit den ſchmalen Fußweg von Lorch daher kam. Seine ſchmucke hellfarbige Kleidung, der Sammthut mit den wallenden Federn, das lange Schwerdt an der Seite und das wunderherrliche Roß, welches er ritt, kündigte ihn als einen Edlen des Landes, die ſchlanke edle Geſtalt als einen jungen Mann an. Obwohl Hedwig ſeine Züge noch nicht unterſcheiden konnte, ſo pochte doch ihr Herz ſtärker als vorher, und die Einbildungs⸗ kraft arbeitete mächtiger, weil eine Erinnerung früherer Tage mit ihrem ganzen Einfluſſe ſich geltend machte. Das raſchere Ziehen des Stroms und das Sporne des Roſſes brachte Beide ſchnell einander näher. Eben als ſie ſich nicht ohne Erröthen geſtand, der junge Mann ſehe dem Bilde, das ihre Einbildungskraft ſo lebhaft beſchäftigt, ſo ähnlich als Junker Gisbald vom Burgthore von Soneck ſich ſelbſt, bäumte ſich das Roß gerade an einer Stelle, wo die Hufe der Halferpferde und die leckende Fluth den Schieferfels ſpiegelglatt geſchliffen. Der Reiter faßte kräftiger die Zügel, ſetzte ſich feſter im Sattel, bohrte den ſpitzen Stachel, der ſeine Ferſe bewäffnete, tiefer in die Weichen des jungen Thiers, um es mehr in ſeiner Gewalt zu haben und es über die Felſen hinaufzutreiben, allein wie wehende Flagge mit dem Nade von Mainz machte das Thier ſchener; es bäu ich höher auf und ſprühte Feuer aus ſeinen Augen, während i en wild und eftig ſchnob. Als es Reiter mächtiger heraufwarf, glitt ſein Hinterhuf aus. Umſonſt ſchlug es den Vorderhuf in den Felſen. Mit einer mächtigen Wucht ſtürzten Reiter und Roß in die aufſchäumende Fluth, daß das Aufſchlagen der Wellen faſt den Kahn umwarf und ihn weit in den Rhein hinausſchleuderte. Dies ganze Ereigniß war das Werk weniger Minuten. Hedwig rang die Hände unter den Lauten der ſchmerzlichſten Angſt und Bangigkeit. n Arnold Walpode wandte ſich gleichgültig ab.„Warum ſo ſchreien?“ fragte er ſtrafend.„Erntet der Bube nicht, was er geſäet? Verloren iſt ohnehin nichts an ihm; denn es iſt einer von dem Diebsgeſindel, das dieſe Gegend zu einem Schlupfwinkel ſeiner Verworfenheit macht.“ „Pfui, Arnold,“ rief jetzt der dicke Schvlaſter recht eifrig aus. „Iſt das chriſtlich gedacht? Siehſt du nicht, wie der junge Menſch mit den Wellen ringt? Wie das Roß gerne das Ufer erreichen möchte und nicht kann?— Ich kann nicht ſchwimmen, kann nicht helfen, weil ich untergehen würde, und ohnedies naſſe Kälte fürch⸗ ten muß, wie den Tod; aber du biſt ein Schwimmer, wie einer in Mainz.“ Der Walpode ſah ihn ſpöttiſch an und wandte nun den Blick dem Jünglinge zu, während Hedwig in ſtarrer Angſt auf ihren Knieen lag und betete, und ihr ſtierer Blick jede Bewegung des Ringenden verfolgte. Lange ſchon hatte dieſer verſucht, das Pferd zu einer Stelle zu leiten, wo es Grund gewinnen könnte; allein das wollte nicht gelingen, und die überſpannte Kraft des Thieres begann nachzu⸗ laſſen. Mit jeder Minute wuchs ſeine Gefahr. „Laßt das Thier los,“ rief der Steuermann dem jungen Ritter zu.„Ihr ertrinket ſonſt mit ihm in der Tiefe!“ Der Ritter vernahm den Ruf, ſah ſeine Richtigkeit ein und nachte ſich aus den Bügeln losÿ allein der Schreck und die Kälte Elements hatte ſchon in dei Grade erſtarrend au gewirkt nicht im Stande wat, lange ſchwimmer kä des Witls mit dem des Entſetzens, das er vo gegen die Wuth des Waſſers, die ſich im Bingerloche brach, zu dem ihn die reißende Macht hingezogen hatte. Eine raſche Wen⸗ dung des Kahnes brachte jetzt denſelben dem Jünglinge nahe, der nur noch ſchwachen Widerſtand leiſtete. Da hing ſich Hedwig weit hinaus über das niedere Bord des Kahnes, ſtreckte den weißen Arm dem Schwimmenden zu, und dieſer ergriff ihn und drohte, die Liebliche hinab zu ſich zu ziehen. „Halt, halt, um aller Heiligen willen!“ ſchrie der Scholaſter ſeinem Bruder zu.„Wir ſind Alle verloren— rette! rette!“ Er hing ſeine ganze Laſt an Hedwig's ſchlanke Geſtalt, und jetzt erſt faßte n mit Rieſenkraft den Jüngling und hob ihn in den wankenden Kahn, auf deſſen Boden er ihn jetzt niederſinken laſſen mußte. Nur noch einen Blick warf der Jüngling auf Hedwig, und ſein Auge ſchloß ſich in einer tiefen Ohnmacht. Der Scholaſter ſchrie in wilder Todesfurcht nur immer dem Schiffer zu, daß er den Kahn umwende, weil ſie eben jetzt die gefährliche Stelle erreichten. Dieſer war aber ein erfahrner Schiffer, aus Rüdesheim gebürtig, und des Fahrwaſſers kundig. Er brachte durch einen mächtigen Ruderſchlag den Kahn wieder in den Strom, und pfeil⸗ ſchnell warf ihn das Waſſer durch das Loch „Brav, Anton Forſchner!“ rief der genſchehen das Pater⸗ noſter unterbrechend, das er in der Angſt ſeines Herzens halblaut gebetet hatte.„Du erweiſeſt dich als ächtes Rüdesheimer Blut. Das war ein Meiſterſtück. In Lorch ſollſt du aber auch dafür mehr als eine Kanne Zehntwein zur Erfriſchung haben. Jetzt ſetz' aber auch ein. Wir müſſen ſchnell Lorch erreichen.“ „Wenn ihr warten wollt, bis wir Lorch erreichen, geiſtlicher Herr Bruder,“ ſprach Arnold mit der Ehrerbietung, die ſtets der Laie dem geweiheten Bruder zu zollen pflegt,„ſo iſt der da über Eure Hülfe erhoben, das heißt, er hat das Zeitliche geſegnet⸗ um in Eurer Weiſe zu reden, oder ihm geflucht.“ „Todt? ſagſt du,“ rf der geiſtliche Herr halb mit dem 2 .— 221— vor Leichnamen hatte.„Nein, dann ſchnell bei Aſſemannshuſen angelegt.“ Hedwig lag derweile über dem Ohnmächtigen. Sie hielt ſeine Hand in der ihrigen gepreßt, um ihr Wärme mitzutheilen, und neigte ihr Ohr an die bleiche Lippe, um dem ſchwachen Ziehen des Athems zu lauſchen. Bald landete der Kahn vor dem Orte. „Anton Forſchner,“ rief der Domſcholaſter,„hilf mir heraus, denn mir wird ſchwach vor dem Jammer, und meine Krüge ſind leer. Der letzte lief mir aus, als der Kahn ſchwankte, indem er umfiel, ohne daß ich's merkte.“ Der Schiffer reichte ehrerbietig dem Würdenträger die harte Hand, hob dann Hedwig heraus, und ergriff mit einigen Burſchen den Ohnmächtigen, um ihn in das Pfarrhaus zu tragen, wohin der dicke Herr ſeine Schritte gelenkt hatte. ₰ Die Ankunft der hohen Herren rief das Volk des Dörfleins zuſammen. Alle erſtaunten, als ſie den Ohnmächtigen ſahen, denn ſie hatten ihn für todt gehalten, da ſie ſein triefendes, zurückeilendes Roß gefangen hatten. Dem edlen Thiere war es gelungen, mit Anſtrengung ſeiner letzten Kraft, eine ſandige Stelle zu finden, wo es ſich glücklich den Wellen entriß. Arnold folgte den Trägern des Jünglings. II. Der dicke Domſcholaſter hatte ſich bereits bis zu der beſchei⸗ denen Wohnung des Pfarrers von Aßmannshauſen fortgeſchoben. Wenn ihm auch ſonſt ein ſolcher Weg viele Mühe und eine weit längere Zeit gekoſtet hätte, ſo war es diesmal der Wunſch, dem Jünglinge Hülfe und ſich ſelbſt eine erquickende Labung zu verſchaffen, welcher ihn die Schwierigkeiten ſeines Umfangs und ei das unerfreuliche Zwicken kaum überſtandenen ig überwinden machte. 6 fangs und im Keſſel brodelte der Wein ſchon, als Forſch den Jüngling hereintrug. Kaum war er an dem Hauſe angelangt, als ſeine Stentor⸗ ſtimme erſchallte:„Aufgemacht, geiſtlicher Herr, aufgemacht! Es kommt ein lechzender, müder Mann, der ſich nach einem Krüglein Eures franziſchen Weines ſehnet, wie der Säugling nach der Mutterbruſt!“ Ueberraſcht von dem ſeltenen und hohen Beſuche, ſtürzte der Pfarrer herbei und verbeugte ſich unzählige Male vor dem hochwür⸗ digſten Herrn, der abwehrend ihn am Arm ergriff und ſein bedeu⸗ tendes Gewicht mit ſolcher Vehemenz daran hing, daß der ſchmächtige Prieſter des Dörfleins zur Erde gezogen worden wäre, hätte er nicht ſchnell hinwiederum den Arm ſeiner eben ſo korpulenten als ſtammhaften Köchin erhaſcht, wodurch er einen Haltpunkt, und mühſam zwar, doch ſicher, das Gleichgewicht wieder gewann. Den gemeinſamen dienſtwilligen Anſtrengungen des Dorfprieſters und ſeiner Köchin gelang es denn auch ſofort, den Herrn Donſcholaſter in das Gemach zu bringen. Hier ſtand eben ein friſches Krüglein edlen Gewächſes dieſer geſegneten Berge, welches zur Labung des Prieſters dienen ſollte. Ohne Weiteres ſetzte es der Würdenträger an die wulſtige Lippe, und ſchneller, als der Gedanke, floß ſein geiſtiger Inhalt durch die weite Gurgel des Lechzenden. Als er es hohlklingend niederſetzte, ſchien erſt das Leben und mit ihm die Erinnerung zurückzukehren. „Höret an,“ ſprach der Domſcholaſter,„es wird alsbald mein Bruder, der geſtrenge Walpode, hier eintreffen bei Euch, und einen Halbertrunkenen bringen oder vielmehr Anton Forſchner, der Schiffer, rüſtet einen Warmwein zu, Jungfer Köchin, aber vergeſſet mich nicht dabei; denn das Schlücklein hier war nur ein Tropfen auf einen glühheißen Stein.“ Die durch die Herablaſſung des hohen Herrn geſchmeichelte Köchin, die bis jetzt ihren Schürzenzipfel in ihres Herzens preß⸗ haftem Zuſtande weidlich zerknittert hatte, flog nun hinaus in die Küche. Bald loderte die Flamme hoch in den Buſen des Rauch⸗ Langſam folgte der Walpode un —— Töchterlein, das, weiß wie Schnee, am Arme des Vaters daher⸗ wankte. Der Domſcholaſter, welcher bereits hinter einer großen zinnernen Ehrenkanne ſaß und in mächtigen Zügen den herrlichen Rothen genoß, hatte dem Prieſter die Weiſung ertheilt, den Scheintodten in ein anderes Zimmer zu bringen, und ihn, der die Sorge für dieſen übernahm, von allen Rückſichten des Wirthes entbunden. Der gutmüthige Mann eilte nun auch ſchnell zu dem, der ſeiner Hülfe ſo ſehr bedurfte, indeß er ſeiner Dienerin befahl, Alles auf⸗ Zutragen, was Küche und Keller Leckeres in ſich ſchlöſſen. Mit dem ehrlichen Forſchner begann er nun die geſchickte Behandlung des Unglücklichen. In der feſten Zuverſicht, daß es den Bemühungen des men⸗ ſchenfreundlichen Prieſters gelingen würde, den ſchwachen Funken des Lebens wieder in dem Jüngling anzufachen, überblickte lächelnd der Donmſcholaſter die herrlichen Trauben, die leckeren Zwiebelküch⸗ lein, den lockenden Käs und die geräucherte Zunge, welche derweile die ſorgliche Magd des geiſtlichen Herrn auftiſchte, verbunden mit kräftigem Brod und friſch er Butter und Honig. Für das Fräulein 6 kredenzte ſie Milch. Ohne ſich zu beſinnen, griff der geiſtliche Herr nach dem, was ihm am meiſten zuſagte, der ſaftigen Zunge, und that ſo wacker Beſcheid, als er früher der Weinkanne gethan. Arnold maß ſchweigend das Gemach mit großen Schritten. Ihn wandelte die Luſt nicht an, ſo wenig, als die bleiche Hedwig, in deren Herzen die Angſt noch wohnte. . Arnold's Herz ſchien einen Kampf zu ieſehe Das beſſere Gefühl und der Haß gegen die Raubritter, deren Neſter er zertrüm⸗ mert, die ſie aber wieder aufgebaut, rangen um die Herrſchaft. Sollte er hinüber gehn und nach dem Verunglückten ſehn, oder ruhig die gewähren laſſen, die die Chriſtenpflicht übten? Ein Blick auf ſeinen, auf beiden Backen kauenden geiſtlichen Bruder endete S Kampf und löſte ihn in ein ironiſches Lächeln auf, das ſeinen Gedanken eine andere Richtung gab. —— —— Wirklich konnte man kein vollendeteres Bild des mit Leib und Seele Eſſenden ſehen, als das, welches eben der dicke Domſcholaſter dem Beſchauer bot. Mit beiden Händen arbeitete er, die Stücke nach dem breiten Munde zu fördern, während ſeine Zähne mit einer ruhmwürdigen Gelenkigkeit das zermalmten, was ſich ihnen nahte. Das Auge war ſtier auf den Teller gerichtet, und auf der Stirne ſtanden helle, dicke Schweißtropfen. Der ganze Ausdruck des Geſichts aber gab das Behagen kund, welches er in hohem Grad empfand. Die Außenwelt trat immer mehr für ihn in den Hinter⸗ grund, während die Rinderzunge den ganzen Vordergrund einnahm⸗ Trotz dieſer anſtrengenden Arbeit vergaß er nicht, die Kanne nch dem Munde zu führen, um dem Werke der Zähne die Bahn zu ebenen. Arnold betrachtete mit der Jronie, welche einen ſprechenden Zug ſeines Antlitzes bildete, die auf Lebenserhaltung und Genuß gleichmäßig abzielende Thätigkeit ſeines Bruders, ohne daß dieſer zu ahnen ſchien, daß ihn Jemand beobachten könnte. Ganz anders ſah es im Herzen des Fräuleins aus. Eine Angſt, wie ſie niemals empfunden, preßte ihre Bruſt, die faſt keine Luft finden konnte und die, verbunden mit der größten Wehmuth, jeden Augenblick drohte, die Thränen aus ihren ſchönen Augen hervorbrechen zu laſſen. Reden hätte ſie nicht gekonnt, und wenn auch der ſtrenge Vater tauſend Fragen an ſie gerichtet hätte. Dieſer ahnete auch Nichts von ihrem Seelenzuſtande. Nur die freundliche Köchin des Prieſters ſchien den Zuſammenhang zu begreifen Sie eilte hinaus und kehrte zurück mit dem Worte, das ſie Hedwig zuflüſterte:„Der Junker Gisbald lebt!“ 3 Mit dieſem Worte kehrte Leben in ihre Bruſt zurück. Sie vrückte die Hand der mitleidigen Bötin der kit t. es ½ nun erſt, aufzublicken. Alsbald trat nun auch der Prieſter herein n g die Botſchaft, daß Gisbald lebe. „Gisbald?“ fragten der Donſcholaſter. vgih ———— „So iſt es!“ gegenredete der Prieſter.„Eben der, den Euer hochwürdiger Bruder erzog, und der—“ „Richtig!“ fiel Arnold in die Rede,„nun erſt erkenne ich ihn wieder in meinen Gedanken. Der Knabe iſt mir aus den Augen gewachſen. Seit er ſein Erbe auf Soneck angetreten, hab' ich ihn . nicht wieder geſehn. Alſo er lebt?! Nun, ich wußte, daß eher hundert ehrliche Bürger ſterben würden, als Einer von dieſen Tage⸗ dieben— ſintemal Unkraut nicht vergeht.“„ „Du biſt ſehr hart, Arnold,“ ſprach der Domſcholaſter ver⸗ weiſend.„Biſt du denn gewiß, daß er in jene Zunft gehört, die—“ „Wozu die Vertheidigung, Herr Bruder?“ fiel zornig Arnold in des Domſcholaſters Rede.„Ich kenne das Volk und Euer Kapitel ſollte es, ſcheint's mir, auch kennen, ſeit der Hohenfels es ſo wacker gehänſelt hat. Meint Ihr vielleicht, die geiſtlichen Lehren Bodo's S hätten Wurzel gefaßt? So wenig, als ein Baum Wurzel in der Luft ſchlägt. Art läßt nicht von Art, und wie die Alten ſungen, ſo zwitſchern die Jungen! Holt einen Habicht aus ſeinem Neſt, und zieht ihn in der Stube auf. Ich wette, er ſtößt, ſobald er zum erſten Male ſeine Schwingen frei bewegt, auf das Täublein, das 3 Ihr mit ihm großzoget.“ „Erlaubt, geſtrenger Herr,“ hob nun beſcheiden der Dorſprieſter an,„daß ich Euch bemerke, daß Ihr doch jetzt wenigſtens etwas milder urtheilen müßtet.“— „Richtig,“ ſiel Arnold, der jetzt erregt war, ihm in die Rede —„er hat mir die Elle in die Hand gegeben, womit er gemeſſen ſſein will. War das nicht ein Beweis unſinniger Tollkühnheit, wie ein Verrückter den Leinpfad der Halfer mit einem wilden Roſſe hinaufzujagen? Läßt ſich daraus nicht ſchon genugſam abnehmen, zzu was der Strolch fähig iſt?“ „Gerade dieſer Ritt zeigt von ſeinem guten Herzen,“ ſagte der Prieſter. „Den Beweis möchte ich hören!“ höhnte der Walpode. Er iſt leichter zu führen, als Ihr glaubt; denn er machte den 8 tollkühnen Ritt, der an Hilchen Lorch erinnert, bloß Euretwegen — 226* C 4 Der Walpode lachte laut auf in herzzerſchneidendem Hohne. „Lachet nicht, geſtrenger Herr,“ fuhr gereizt der Prieſter fort. „Euer hochwürdiger Herr Bruder Bodo in Lorch iſt ſehr krank. Er wußte, daß Ihr in Rüdesheim ſeiet und verlangte baß nach Euch. Da ritt Gisbald dieſen gefährlichen Weg, um Euch an das Krankenbette ſeines getreuen Pflegevaters zu rufen. Doch laßt Euch das vom Junker ſelber erzählen.“ Dieſer trat in dieſem Augenblicke, geſtützt auf den ehrlichen Forſchner, in das Gemach. Sein Ausſehen war bleich. Blaue Ringel umgaben noch das ſonſt ſo lebenvolle, jetzt ſo matte Auge. Er war kaum im Stand aufrecht zu ſtehn. Der FPrieſter ſchob ihm ſchnell einen Seſſel hin, in welchen er ſich niederließ.„Ich komme,“ hob er an,„um Euch, Herr Walpode, meinen Dank für die Rettung meines Lebens abzuſtatten.“ Dieſe Worte brachte er nur mit Mühe heraus. Aller Augen ruhten mitleidig auf ihm; aber auch nur dies Mitleid war im Stande, das Komiſche ſeines Aufzugs des allmächtigen Reizes auf die Lachmuskeln der Beſchauer zu berauben; denn der kräftig gebaute Jüngling war in die Kleider des Prieſters eingepfercht, der nicht nur um Vieles kleiner, ſondern auch an Umfang ſehr bedeutend dünner war als er. Ueberdies ſtand das wallende Haar gar ſeltſam zu dem dunkeln Prieſterrocke. „Ich erlaſſe Euch Euern Dank gern,“ entgegnete kalt und ſchneidend der Walpode.„Nehmt Euch nur die Lehre zu Herzen, die Ihr bekommen, und hütet Euch vor tollkühnen Streichen, die nicht immer ſo gut ausgehen wie dieſer.“ Ueber das todtbleiche Geſicht des Junkers flog eine tiefe Röche Heiß wallte es von der Bruſt hinan. Er richtete ſich auf und ſah mit einem durchbohrenden Blicke den Mann an, den ſein Stand glühender haßte, als je ein Menſch gehaßt wurde; den er ſelbſt nie geliebt hatte, ſo oft er ihn auch in ſeiner gindheit geſehn. „Die Lehren des reiferen Alters,“ ſprach er,„nimmt die — Jugend gerne an, wenn ſie mit Liebe ertheilt werden. Sie gleichen dann dem lieblich mundenden Honig; miſcht aber Galle darunter, ſo erregt er Abſcheu und Ekel.“ . ℳ 3 ₰ 1 5. — „Knabe!“ donnerte der jähzornige Walpode.— „Es iſt nicht ehrenhaft,“ fuhr Gisbald fort,„gegen den Ohu⸗ mächtigen ſich alſo zu benehmen. Wäret Ihr von ritterlichem Stamme, Ihr fühltet das, ohne daß man es Euch ſagen müßte.“ Der Walpode erbleichte in maßloſem Zorne. Seine Lippe bebte, ſein Auge rollte und ſchoß Blitze. Die Ader ſeiner Stirne war dick angelaufen und die buſchigen Augenbraunen ſenkten ſich tief herab über das wilde Auge. „Genug des unnützen Haders,“ rief jetzt der Domſcholaſter, und erhob ſich mühſam hinter dem Tiſche.„Wozu und woher dieſer ungleiche Streit? Zähme deinen Zornmuth, Arnold, der nimmer thut, was vor Gott recht iſt; und du, Gisbald, Pflegeſohn meines guten Bruders, ſprich, wie ſteht es um ihn, der dich ſante „Nicht ſandte, hochwürdiger Herr,“ antwortete Gisbald,„denn er weiß leider nichts mehr von ſich. Ich eilte, Euch zu holen, weil ich ſein Ende fürchtete.“ „Gott lohn's, Gott lohn's, du treuer Sohn,“ fiel ihm der Domſcholaſter in die Rede und wandte ſich dann ſchnell an den Schiffer:„Gehe hin, Anton Forſchner, und löſe deinen Kahn, auf daß wir ſchnell hinab rudern gen Lorch. Nimm dir noch Nuder⸗ knechte, ſo viel du willſt, ich will dir's getreulich lohnen. Du aber, Gisbald, rüſte dich, daß du uns begleiteſt.“ „Mit nichten,“ ſprach dieſer.„Mein Roß iſt geborgen. Ich werde mich ſeiner bedienen, und Euch nicht beſchwerlich fallen, am wenigſten Eurem Herrn Bruder, deſſen Groll wieder losbrechen müßte. Gott geleite Euch! Mich wird er auch heimführen, wenn meine Kleider getrocknet ſind.“ Arnold ſchwieg, aber es war mehr die Scham, als irgend ein anderes Gefühl, das ihm den Mund ſchloß. Umſonſt verlor der alte Domſcholaſter viele Worte an den Jüngling. Dieſer beſtand auf ſeinem Entſchluſſe, trotz der bittenden Blicke, welche ihm ver⸗ ſtohlen die Tochter des harten Mannes zuwarf. Hedwig litt bei dem Auftritte mehr, als alle Anderen, obw — 228— der Unwille Alle erfüllte gegen den ſtolzen und unbeugſamen Walpoden. Sie fühlte ihr Herz getheilt. Hier der Vater, dort der Geliebte.— Doch das fordert, daß der Erzähler einige Jahre, ja faſt zwei Jahrzehnte zurück geht, um die Zuſtände dieſer geſchilderten Augen⸗ blicke durch die Vergangenheit zu beleuchten. Wie überall in jener Zeit, ſo war auch das Geſchlecht der Ritter von Waldeck, Marſchälle von Soneck, ſehr ausgedehnt, und dadurch nach dem alten Canon:„Viele Brüder, ſchmale Güter,“ das Erbtheil ſehr geringe geworden. Sie zogen daher hinaus in die Ferne, um Kampf und— Brod aufzuſuchen. Hans von Soneck war als Jüngling von neunzehn Jahren nach dem heiligen Lande gezogen; war fünf Jahre ſpäter zurückgekommen und brachte ſich eine reiche Erbin aus der Schweiz als Gattin mit, auf die ſeine männliche Schönheit bezaubernd gewirkt. Im Burgſtadel zu Soneck war nicht Raum für drei Familien, ſelbſt wenn keine Nachkommen da geweſen, an denen die Ritter keinen Mangel litten. Hans ſah daher kein anderes Mittel, als ſich links vom Burgthore von Soneck ein Burghaus, geſchützt durch einen ſtattlichen Frit, zu erhauen zu ſeiner Wohnung und ſeinem Bedarf überhaupt. Das Gebäude ſtieg ſchnell empor; denn des Ritters Geld arbeitete mit vielen Händen. Derweilen lebte Frau Urſula, ſeine Gattin, in Lorch im Burghauſe der Waldecke, wo Hans noch Ganerbſchaft hatte, doch nicht genug, um ſtändig dort wohnen zu können. Hier genas ſie eines blühenden Söhnleins, das den Namen Gisbald in der hei⸗ ligen Taufe empfing. Die Freude der glücklichen Gatten kannte kein Grenze; allein in den Becher der Wonne floß ein bitterer Tropfen— Frau Urſula kränkelte, ſeit ſie Wöchnerin geweſen. Dieſer Zuſtand wuchs, und ſie ſah das Wohnhaus nicht mehr, das ſie als glückliche Mutter bewohnen ſollte; ſie ſtarb. „ Der Ritter Hans empfand ſeinen Verluſt tief, und es wandelte ihn oft der Gedanke an, als ſei doch der Volksglaube uh ohne allen Grund, daß wenn der Käſig fertig geworden, der Vogel ſterbe. Niemand widerlegte öfter und mit triftigeren Gründen dieſe Anſicht, die jedoch auf einer dunkeln Ahnung beruhte, als der Er * —— — prieſter Bodo, des Ritters treuer Freund. Und als das Haus auf Soneck endlich zum Bewohnen fertig worden war, und Hans von Soneck, der ſich nun vom Burgthore zubenamſete, eine kräftige Geſundheit genoß, da lachte Bodo herzlich über des Ritters Wahn; allein er lachte zu frühe; denn Ritter Hans ſtürzte mit dem Pferd und brach den Hals. Da war denn der kleine Gisbald eine hilfloſe Waiſe, und um ſo beklagenswerther, als die Verwandten der Mutter im fernen Alpenlande wohnten, und die Sippe des Vaters eben nicht geeignet war für das Kind zu ſorgen, da ſie ſich wüſtem Räuberleben und Wegelagerung hingegeben hatten. Bodo wurde ſein Vormuud. Bei einer armen, aber redlichen Familie in Rüdesheim, bei dem Schiffer Forſchner, brachte er ihn unter, bis er einige Jahre alt war, und er ihn dann zu ſich nahm, um ihm Vater zu ſein. Und er war es dem verwaiſeten Knaben in der edelſten Weiſe, und ſorgte für ſeine Bildung und Erziehung mit einer aufopfernden Hingebung. In dieſer Zeit war es, wo ſein Bruder, der Walpode Arnold, oft in Lorch weilte im Auftrage ſeines Herrn, des Churfürſten und Erzbiſchofs von Mainz, und zum Genuſſe der erquickenden Landluft ſeine Gattin mit ſeinen Töchterlein, der kleinen, lieblichen Hedwig, lange Zeit in Lorch bei dem Bruder ließ. So kam es denn, daß ſich die Kinder enge an einander anſchloſſen und ſich ganz unent⸗ behrlich wurden. Spätere Jahre ſchieden ſie wohl äußerlich, aber was im Innern lebte, das konnten keine Verhältniſſe erkalten machen und keine Zeit altern laſſen; vielmehr wuchs die Liebe mit der Zeit, und wenn auch oft Jahre vergingen, ohne daß ſie ſich ſahen, ihre Liebe blieb mächtig und innig. Darum ergriff Hedwig das Ereigniß bei dem Bingerloche doppelt; allein eben der Umſtand, daß Gisbald längſt ſein Erbe auf Soneck angetreten, hatte ihn den Anderen ganz unkenntlich werden laſſen, weil er nun dort wohnte und ſie ihn ſeltener zu ſehen bekamen. Uebrigens war er auch längere Zeit in der Schweiz geweſen bei den Anverwandten ſeiner WMutter. — 230— Der Auftritt im Pfarrhauſe zu Aßmannshauſen aber ſchnitt ihr blutige Wunden in die Seele; denn ſie ſah, wie ein unbeſieg⸗ barer Feind für ihre Liebe, gleich einem rieſigen Geſpenſt, aufſtieg; ſah ihres Vaters alten Groll und Gisbald's Haß gegen den, der ſeine Burg gebrochen— und bebte im Innerſten ihres Weſens. Ihre flehenden Blicke hatten indeſſen ſo viel über den Jüngling vermocht, daß er ſchwieg und nicht weiter dem Grolle Nahrung gab. Umſonſt aber flehte ihr angſtvoller Blick, daß er mit ihr den bergenden Kahn beſteige. Alles Selbſtgefühl des Jünglings ſträubte ſich dagegen. So fuhren ſie denn ab, und Gisbald beſtieg ſein Roß, um gen Lorch zu reiten, nachdem er ſich vollends erholt hatte. Erſt auf dieſem Ritte, wo er ſo ganz ſich ſeinen Gedanken und Empfindungen überließ, traten die Begebniſſe der letzten Stunden lebendig vor ſeine Seele. Erſt jetzt fühlte er tiefer des Walpodens Härte und Schonungsloſigkeit, aber auch des Domſcholaſters Güte, und— Hedwig's Liebe ſtrahlte wie eine erwärmende Sonne in dies abſtoßende Bild. Er ſah im Geiſte voraus, daß es im Hauſe Bodo's oft die allerunangenehmſten Berührungen zwiſchen ihm und Arnold geben müſſe— und— er wankte einen Augenblick in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, nach Lorch zurückzukehren; aber durfte er das? Konnte er, ohne den ſchnödeſten Undank zu beweiſen, den treuen Pflegevater verlaſſen in der Krankheit, und ihn liebloſen Miethlingen oder leicht⸗ ſinnigen Dienern überantworten?— Und— Hedwig war in Lorch! Ein Jahr war hinabgeſunken in den Schvoß der Zeit, und er hatte ſie nicht geſehen. Durfte er nicht hoffen, daß die Gunſt der Umſtände ihn und ſie näher zuſammenführe? Blühte nicht ſo neben dem Frieden, den die Pflichterfüllung verhieß, auch das ſelige Glück der Liebe?— Sein Entſchluß war gefaßt. Er ſetzte den Stachel in des Pferdes Weichen, und das edle Thier flog im Strahle der ſinkenden Herbſtſonne, die wundervoll des Rheines gekräuſelte Wellen vergoldete, dem Städtchen zu. — 231— 1II. Die Krankheit des ehrwürdigen Erzprieſters Bodo hatte, eben als Gisbald wegritt, den höchſten Punkt erreicht, und die noch ungeſchwächte Kraft des Greiſes brach ihre Macht. Er lag in einem ſanften Schlaf, als die Brüder ankamen. Sie eilten an ſein Lager; allein ſie verließen es beruhigter, als ſie ſich ihm genaht, denn das war der Schlaf der Geneſung. Der Domſcholaſter, ſo ſehr er auch ſeinen Bruder liebte, fand es denn doch unbehaglich in ſeinem Hauſe, und zwar erſtens, weil er Anſteckung fürchtete, und vor dem Gedanken erbebte, er könne ſterben; zweitens, weil, im beſten Falle, das Leben in des Bruders Siechhauſe keine weiteren geſelligen Reize bot, die ſonſt in Lorch eben recht zu Hauſe waren; und drittens, weil der Kranke Ruhe bedurfte, und der edle Domſcholaſter Anſtand genommen haben würde, in der Nähe des Kranken viel zu trinken. Er nahm daher gerne das Anerbieten des Vicedoms an, bei ihm zu wohnen. Arnold dagegen blieb in des Bruders ſtillem Hauſe, weil Hedwig erklärte, ſie werde in keinem Falle den leidenden Ohm fremder Pflege überlaſſen, und er überdies den alten Vicedom Hohenfels glühend haßte. Am wirkſamſten war jedoch für ſein Bleiben die Ankunft Gisbald's, denn der alte Walpode kannte das Menſchenherz, obwohl er nicht ahnete, daß bereits die Beiden ſich längſt gefunden. Bei aller Vorſicht war es dennoch unthunlich, ſo ſcharfe Auf⸗ ſicht zu führen, daß nicht die Liebenden irgend es ermöglicht hätten, ſich zu ſehen, ſich zu ſprechen und den Bund inniger zu knüpfen, den einſt eine harmloſe Kindheit keimen und gedeihen ſah. Konnte es anders ſein, als daß es bei der Pflege des Oheims Stunden gab, wo ſie ſich ungeſtört ſahen? Da floſſen dann die Herzen über; da ſank dann das liebende Mädchen, überwältigt von der Macht ihrer Gefühle, an des Jünglings Bruſt und hörte mit ſeliger Freude die Schwüre ſeiner Liebe und Treue. Arnold war oft abweſend in ſeinen Geſchäften. Der S — —— —— —— — 232— ſcholaſter kam wohl oft zu dem Bruder, der ſich bei der Pflege ſeiner Lieblinge zuſehends erholte. Auch er lobte dann die Treue Beider, und ſchien ſelbſt Freude daran zu haben, wenn Gisbald's glühender Blick die ſchwebende Jungfrau auf Schritt und Tritten begleitete. Die Leſe war derweile in vollem Gang und der Herbſt⸗ ſegen floß in reichen Strömen den Winzern zu. Luſt und Kurzweil herrſchte in den Rebenbergen, wo der edelſte Wein das Herz abwechſelnd mit der duftenden Traube erfreute. Alle Ritter der Nachbarſchaft ſtrömten mit ihren Frauen und Töchtern in Lorch zuſammen, und nicht ſelten erfreute der Tanz an den Abenden die luſtige Sippſchaft. Nur Gisbald fehlte. Man lachte und ſpottete ſeiner allzuſtrengen Sorgfalt, und meinte, des verhaßten Walpoden Töchterlein habe mehr Antheil an ſeiner Zurückgezogenheit, als Bodo's Gebreſte. Doch hatten die Ritter gerade an Arnold den Stein des Anſtoßes gefunden. Sie haßten ihn aus ihrer Herzen Grund, und wo er ſich zeigte, da zeigte ſich auch dieſer Haß ſo klar, ſo beſtimmt und ſo argdrohend, daß es zuletzt dem Walpoden, obwohl er keine Furcht kannte, denn doch unheimlich wurde und er dem Wunſche Raum gab, recht bald aus der Nähe der feindſeligen Menſchen ſich zu entfernen, die zu jedem Frevel gegen den Mann fähig waren, den ſie mit Grund ihren erbittertſten Gegner nennen mochten. Dieſem Wunſche begegnete ein einlaufendes Schreiben ſeines Herrn, des Erzbiſchofes, das ihn innerhalb acht Tagen nach Mainz zurückrief, weil wichtige Obliegenheiten ſeines Amtes ſeine Anweſenheit erheiſchten. Er beſuchte auch das Bankett nicht, das der Vicedom gab, wo aber Gisbald erſchien und fröhlich im Tanze ſich ergötzte, obwohl die fehlte, an die ſeine Liebe ihn band. So ungehemmt er ſich auch der langentbehrten geſelligen Luſt hingab, zu der die Stadtpfeifer von Bingen ſo lockend einluden, ſo bemerkte er doch unter den Jüngern des Ritterſtandes ein ſeltſam, heimlich Treiben. — Beſonders war es des Vicedoms Sohn, Philipp, der Jüngere* von Hohenſels, der auf Reichenſtein hauſte, Hans und Kurt von — 233— Waldeck, von Soneck, ſeine luſtigen und wilden Vettern, Rudolph von Heppenhveft und andere der Jüngeren aus der Gegend des Wisperthals und jenſeit des Rheins. Es ſchien, als hätten ſie irgend eine Abſicht, die ſie vor ihm geheim zu halten ſuchten. Ein Argwohn ſtieg in ſeiner Seele auf, als könne es dem verhaßten Walpoden gelten. Er wußte keinen Grund für dieſen Arg⸗ wohn, als eben den allerſeits tiefgewurzelten Haß gegen einen Mann, der einſt die Seele derer geweſen war, die die Burgen gebrochen, und der in trotzigem Uebermuthe den Rittern ſeinen glühenden Haß zu jeder Zeit fühlbar zu machen ſuchte. Müde vom Tanze, ſtand er im Grunde des Erkers, der den Saal zierte, wo die luſtige Welt ſich freute. Der Glanz der Lichter hatte bereits nachzulaſſen begonnen, und gerade in der Tiefe des Erkers war ein dunkler Schatten, der ſeine Geſtalt barg. Er dachte an Hedwig, die nun daheim am Siechbette des Oheims ſaß, wo ſie heute des Vaters Eigenwille mehr, als die Noth des Leidenden feſſelte. Sein Herz ſehnte ſich nach ihr. O wie hätte er es wün⸗ ſchen mögen, mit ihr des Feſtes Freuden zu theilen! Aber der Seufzer ſeiner Bruſt machte die Umſtände nicht anders. In den Nebengemächern klangen die Pokale und die ſchweren Zungen gaben Zeugniß von der Fülle des genoſſenen Weines, den heute der alte, ſtolze Vicedom in Strömen fließen ließ. Während Gisbald in ſeinem dunkeln Erker ſtand und der Reigen die Paare wieder an ihm vorbeirauſchen ließ, traten zwei Ritter gerade vor ihn hin. Es war der wilde Hans von Waldeck, von Soneck, ſein Vetter, und der noch wildere, zu jedem Streiche aufgelegte Rudolph von Heppenhoeft. Sie wandten ihm den Rücken zu und flüſterten anfangs leiſe; ihr Geſpräch wurde aber nachgrade durch das Schallen der Pfeifen lauter, alſo daß er, ohne es zu wollen, jedes ihrer Worte deutlich vernahm. Es muß gelingen, ſprach, vom Weine erhitzt, Hans Soneck; wie könnte uns der Prahlhans entgehen? Will er zu Schiffe hinauf, ſo iſt er unſer; will er zu Land hinauf, ſo wird er den Weg durch den Kammerforſt nehmen, und er muß in unſeren Hinterhalt fallen, — 234— den ich von der Burg Waldeck aus ſchon ſo ſchlau legen will, daß ſeine Stadtnaſe Nichts wittern ſoll, bis der Fuchs in der Falle und das Prellen unſer iſt. „Den Hinterhalt vertrau' mir an, Hans,“ bat jetzt der Heppen- hoeft.„Ich hab' noch ein Bildchen mit ihm von dem Frohnleich⸗ namsfeſte her, wo er mich, der ich in Mainz auf der Ritterſtube guter Dinge geweſen, in die Martinsburg in Haft bringen ließ, weil ich den Schenken geprügelt, die Tiſche zerſchmiſſen und einem feiſten Domherrn auf der Straße eine Backpfeife gegeben haben ſollte; was aber alles erlogen war, weil ich davon keine Probe weiß. Da möcht ich ihn auch noch ein wenig liebkoſen, ehe er in das Verließ kommt, wo er faſten lernen ſoll, bis er es ſo wohl verſteht, daß er keine Speiſe mehr braucht.“ Heppenhoeft lachte über den letzten Witz herzlich, und der Sonecker ſtimmte ihm bei in einem Tone, der den Grad des Rauſches Gisbalden deutlich zu verſtehen gab. Dieſen durchrieſelte ein kalter Schauer, als er Heppenhveft's Redeſchluß vernahm⸗ „Das ſoll dir werden, Rolf,“ entgegnete Hans Soneck, „vorausgeſetzt, daß du ihn uns lebend lieferſt. Wüßten wir nur, wie der Gisbald denkt! Von dem wär's ein Leichtes, den Tag ſeiner Abreiſe gehörig voraus zu erkunden, da er mit ihm unter einem Dache wohnt.“ „Wie der denkt? Alle Peſt über ihn, wenn er nicht denkt wie wir!“ rief Heppenhoeft faſt laut.„Hat er nicht ſo gut Urſache, den Walpode zu haſſen, wie wir auch?“— „Freilich; aber er minnt des Walpoden Töchterlein,“ verſetzte der Sonecker. „Das iſt ſchlimm,“ ſprach ruhiger Rolf von Heppenhoeft; „denn die Minne macht ſo einen jungen Kerl zum Narren und bringt ihn zu den tollſten Streichen. Indeß glaub' ich, der Gisbald iſt klug genug, zu glauben, daß ihm der Ritterfeind niemals das ſchöne Täubchen gibt. Er ſoll ohnehin, wie mir der Pfaff von Aßmannshauſen geſagt hat, ſein ſchnödes Weſen ſchon erfahren haben, und nicht mit ihm auf einem guten Fuße ſtehen.— Wi 3 —— — 3 —— 7 — —5 dem ſei, überlaß das mir. Ich will's ihm ſchon herauslocken, wann der Alte wegzieht; aber was macht Ihr dann mit dem dicken alten Säufer, dem Domſcholaſter, der bei ihm iſt? Den müßt ihr ſchon mit in den Kauf nehmen. Wollt Ihr ihn ausbraten? Schmalz giebt's genug für die Riemen.“ Das Hinzutreten eines Dritten machte den vertraulichen Aeußerungen der beiden Ritter ein ſchnelles Ende. Sie folgten dem Rufenden in das Trinkgemach, wo die Würfel raſſelten und der Wein floß. Am Tanz und der Luſt überhaupt konnte Gisbald nun keinen Antheil mehr nehmen. Ernſte Stimmung hatte ſich ſeiner bemeiſtert; daher verließ er ſtill und unbemerkt den Saal, und nur die Fräulein ſahen ſich umſonſt nach dem ſchönen und gelenkigen Tänzer um, den ſie jedoch vergeblich ſuchten und erwarteten. Die ſchwerer werdenden Köpfe der Ritter ließen ohnehin nicht zu, ſeine Entfer⸗ nung zu bemerken. Eine ſchlafloſe Nacht folgte dieſem Abend, der einen ſchroffen Uebergang von Freude zum trüben Ernſte, ja zu ſtiller Trauer hervorgebracht; das aber ſtand am andern Morgen in ſeiner Seele feſt, es gälte jetzt, ſeine Lebensrettung durch Arnold mit Gleichem zu vergelten. Er trat darum ſchon frühe in das Gemach deſſelben. Ein unfreundlicher Empfang, wie er ihn erwartet hatte, wurde ihm, der aber auch Gisbald's edles Selbſtbewußtſein aufrief. „Was bringt Euch ſo frühe ſchon zu mir?“ fragte mit ſtolzem und wegwerfendem Tone der Walpode den Jüngling, der mit dem edeln Stolze, der ihn in entſcheidenden Momenten ſtets auszeichnete, leicht grüßend vor ihn hintrat. „Ihr könnt Euch wohl denken, Herr Walpode, daß das, was ich hringe, nicht mich angeht; denn ich will nichts von Euch, am wenigſten, wenn Ihr ſo unfreundlich mir begegnet.“ Arnold biß ſich in die Lippen.„Soll ich vielleicht Euch freund⸗ lich ſein, der Ihr mein ſchuldloſes Kind bethört?“ donnerte der Walpode, und ſah ihn dabei an mit dem durchbohrenden und faſt zermalmenden Blicke, den ihm gegenüber ſelten Einer ertrug; aber der Jüngling, wenn er auch von dieſem unerwarteten Vorwurfe ſich betroffen fühlte, richtete ſich nur noch ſtolzer auf. Seine Wangen färbten ſich höher, ſein Auge ſtrahlte mächtiger und die Hand ballte ſich krampfhaft, als habe ſie den Schwerdtgriff und ſolle die Klinge ziehen, und rüſtig ſie ſchwingen. Der gereizte Walpode fuhr fort:„Meint Ihr, mir ſei es unbekannt, daß Ihr Euch des Kindes Zuneigung erſchleichet, und Euch nicht blödet, mit ihm zu minnen? Das iſt die Ritterehre, die Ihr und Eures Gleichen ſo gerne im Munde führt, die Ihr ohnehin auch am Raube ſo wacker bethätigt.“ Gisbald hatte mit Ruhe ihm zugehört; aber jetzt brach der wildeſte Grimm los. Er ſtampfte auf den Boden, daß die runden Scheiben der Fenſter raſſelten, wie wenn der Weſtwind brüllt. „Die Peſt über Euch!“ rief er aus.„Wäre nicht Euer Haupt hier im gaſtlichen Hauſe mir geheiligt, ich würde— doch nein,“ fuhr er, ſich wunderbar mäßigend, fort,„Ihr redet im Jähzorne und ohne Beſonnenheit, und ſollt mich nicht zu gleicher unlöblicher Weiſe nöthigen. Hört mein Wort, und macht und denkt dann, was Ihr wollt; mir kann's und ſoll's ganz gleich gelten. Ich war mit Eurer Hedwig Kind. Eure ſelige Hausfrau, Gott gebe der Evlen Frieden!— hielt ſich oft lange hier auf, wie Ihr wiſſet. Da ſenkte ſich der Keim einer gegenſeitigen Liebe ſchon tief in unſere Herzen. Hedwig liebt mich und ich ſie. Das iſt kein Geheimniß; am wenigſten vor Euch; denn unſere Liebe hat ſich nicht nöthig zu verbergen, weil ſie lauter und rein iſt; allein es iſt verruchte Lüge, daß ich ſie bethört. Habt Ihr es gehört, Herr Walpode?— Sie zu lieben, könnt Ihr mir nicht wehren, und Niemand kann es; aber ich würde auf der Stelle das Haus verlaſſen, hätte ich nicht etwas Anderes, was mich zu Euch führt. Wißt, daß Euer Verderben beſchloſſen iſt. Ihr ſeid des Ritter⸗ ſtandes ärgſter Feind. Wenn Ihr als Stifter des unſeligen Spieß⸗ bürgerbundes ihnen verhaßt ſeid, ſo iſt das eben ſo natürlich, als vaß Euer ſtolzer Uebermuth vollends Alle mit Haß gegen Euch — erfüllt. Sie ſind verbündet, Euch zu fangen und— ſchrecklich!— ergreifen ſie Euch, ſo iſt Hungertod Euer Loos. Reiſet Ihr auf dem Rheine, ſo ergreifen ſie Euch; kehrt Ihr über das Gebirge heim, ſo fallet Ihr in Hinterhalt. Ich habe es Euch geſagt; thut, was Ihr wollt!“ Er drehte dem Walpoden den Rücken und ging. Arnold blieb in einer ſehr gemiſchten Stimmung zurück. Sein Jähzorn war verraucht. Er empfand über die Art und Weiſe, wie er den Jüngling gewiſſermaßen angefallen, eine beſchämende Reue; denn der Jüngling ſtand, ihm, dem gereiften Mann, überlegen, ruhig und würdevoll da. Ueberdies war die Mittheilung über des Adels Geſinnung gegen ihn, der den Jüngling wahrhaft mißhandelt hatte, ſo edel, für ihn aber zugleich ſo beugend, daß er faſt rathlos im Gemach umher rannte, und im Widerſtreite zahlreicher Entſchlüſſe es gar nicht wahrnahm, daß die Stiege herauf ein koloſſaler Fußtritt ſich vernehmen ließ. Die Thüre wurde bald darauf mehr aufgeriſſen als aufgemacht, und herein trat, keuchend und heftig puſtend, und den rinnenden Schweiß wegwiſchend, der dicke Domſcholaſter. Er warf ſich, faſt außer Athem, in den weichen Lehnſtuhl. Nach einigen Minuten rief er, immer noch nicht recht bei Luft: „Weißt du es ſchon, Arnold? Weißt du, daß die Ritter auf dich fahnden und dich verderben wollen, dich, dein Kind und mich?— Bei dir haben ſie Grund; aber was habe ich, der Mann des Friedens, ihnen gethan? Ich weiß nicht Rath. Seit geſtern Abend, wo ich es erfuhr, ſchmeckt mir kein Tropfen Markebronner mehr. Ich habe Johannesberger verſucht, aber auch der mundet nicht, und der köſtliche Auerhahn, den der Vicedom aus dem Forſt auf dem Windmantel erhielt, war wie Stroh unter meinen Zähnen. Ich brachte ihn nicht klein, und er ſchmeckte mir, wie ein altes Huhn. Auch regt ſich aus Schrecken mein Zipperlein wieder. Ich verlaſſener, unſeliger Mann! Was ſoll aus mir werden? Aus⸗ braten wollen ſie mich, wie der Heppenhoeft geſagt hat, und mit meinem Schmalzt ihre Lederriemen anſchmieren! Haſt du je ſo etwas erhört? Meint man nicht, es ſeien Sarazenen?“ — 238— Trotzdem, daß es Arnold unheimlich war, konnte er, denn doch das Lachen nicht bergen. Es brach in unverhaltenem Strome hervor. Zornglühend fuhr der geiſtliche Herr auf.„Wie, du lachſt? Unſinniger, der du mich mit in dein Verhängniß hinabziehſt? Iſt das die Achtung, die du mir ſchuldeſt, kecker Laie? Iſt das die Art und Weiſe, ſich zu gehaben, wo der Strick an deinem Halſe ſchon kitzelt? Und du ſtößeſt noch den Einzigen von dir, der uns retten kann, den guten Gisbald?— Forſchner, der Schiffer, meint, zu Waſſer ſei es nicht thunlich, hinaufzufahren. Und im Kammer⸗ forſte würden ſie uns ſchon einen wehrhaften Hinterhalt legen. Einer nur könne uns retten, der ſei Gisbald, der alle Schluchten im Forſte kenne, wie ein Fuchs, weil er ſeit langen Jahren darin gebürſcht habe und völlig kundig ſei. Und der begegnet mir unten im Hauſe und glüht vor Zorn über die Weiſe, wie du ihn behandelt?“— Arnold war wieder zur Beſinnung zurückgekehrt. Der Lach⸗ reiz, den er bei dem Anblick und der Anhörung ſeines geiſtlichen Bruders empfand, war ſo unwiderſtehlich, daß er ihm um kein Gut der Erde hätte gebieten können, ſo ſehr auch in ihm die verſchie⸗ denſten Empfindungen wogten, die alle gleich weit von der Fröhlich⸗ keit waren, deren Ausgeburt das Lachen zu ſein pflegt. „Verzeiht,“ ſprach er, die letzten Zuckungen in ſeinen Mund⸗ winkeln beherrſchend,„verzeiht, Herr Bruder, daß der Anblick Eurer Angſt, das Loos des heiligen Laurentius zu theilen, mich zum Lachen hinriß. Ich erkenne recht wohl an, daß Ihr Grund zur Sorge habt, ſo gut als ich; allein mit dem Braten hat es einſt⸗ weilen noch keine Gefahr.“ „Wie?“ ſchrie der Prieſter heftig.„Weißt du denn nicht, daß der Heppenhveft ſo geſchworen hat, ſeine Stiefel mit meinem Schmalze zu tränken? Kennſt du den Menſchen noch nicht, ſo wiſſe, daß er und die Sonecker und Reichenſteiner geſtern, ſo zu ſagen unter unſern Augen, ein Schiff drunten, nahe am Galgen, unter⸗ halb Bacharach, wo der Rheingau mit dem Pfälzer grenzt, über⸗ 6 ——— — fallen, es ausgeplündert und alsdann verſenkt haben? Was aus den Schiffern wurde, weiß man ſo recht nicht. Wahrſcheinlich haben ſie ſie verſenkt mit dem Schiffe.“ Bei dieſer Nachricht erſtarrte der Walpode. Alles Blut ſchien ſich in ſeine erſte Werkſtätte, in das Herz, zurückgezogen und ein Starrkrampf ihn ergriffen zu haben. Er regte ſich nicht. Nur das Auge rollte, wie ein Feuerrad in ſeiner Höhle, und ſchleuderte Blitze. „Wie ſtehts nun?“ fragte der Domſcholaſter.„Als es meine Perſon galt, lachteſt du; jetzt, wo es ſich um die Güter deiner Krämergilde handelt, erſtarrſt du? Erkennſt du bald, wie bei dieſer Keckheit der Wegelagerer unſere Sache ſteht? Ich trage keine Luſt, mich braten zu laſſen, ſelbſt nicht auf die Gefahr hin, ein Märthrer zu werden. Für ſolche Ehre habe ich gar keine vorherrſchende Neigung. Ich werde mich dem Gisbald anvertrauen. Siehe du zu, wie du wegkommſt!“ IV. Während oben im Hauſe dieſe Scenen ſich ereigneten, badete ſich ein Stockwerk tiefer das ſchönſte Auge in hellen, heißen Thränen. Hedwig hatte die Unterredung mit angehört, die Gisbald mit dem guten Domſcholaſter geführt. Sie kannte alſo theilweiſe die Auf⸗ tritte, doch von dem, was ihre Liebe betraf, wußte ſie nichts. Ach, wie tief bengte ſie der Gedanke, daß die Menſchen, die ihr die theuerſten auf Erden waren, im wildeſten Haſſe erglühten! Daß ſie keine Mittel kannte, ſie zu verſöhnen; daß ſie, wider Willen, dem eigenen Vater Unrecht geben mußte! Der tiefſte Schmerz erfüllte ſie. Da ſank ſie nieder auf ihre Kniee und betete. Alle ihre Gefühle floſſen in dem der tiefſten Andacht zuſammen. Von Ihm, an den ſie ſich wandte, konnte ſie ja nur Hilfe erwarten. Er konnte ja allein die feindſeligen Herzen einigen, ſie aus der Gefahr retten und Hilfe ſenden. So rang ſie lange im heißeſten Gebet. Und . — je inniger und gläubiger es wurde, deſto mehr Ruhe kehrte zurück, deſto lebendiger wurde ihr Vertrauen, deſto klarer wurde ſie ſich deſſen bewußt, was ſie zu thun habe in dieſen wichtigen Augenblicken. Sie erhob ſich und eilte, Gisbald zu ſuchen. Sie fand ihn bei dem leidenden Oheime. Dieſem hatte Gisbald ſein Herz eröffnet, ſeine Liebe bekannt, ſein Zwiegeſpräch mit Arnold mitgetheilt und die Gefahr nicht verſchwiegen, die dieſem drohte. Zetzt trat Hedwig ein, deren rinnende Thränen Zeugniß gaben von ihrer Kenntniß des Standes der Sache. Bodo nahm ihre Hand.„Weine nicht, meine Tochter,“ ſprach er.„Deine Liebe zu meinem Gisbald iſt Gott und Menſchen wohlgefällig, nur nicht deinem ſtörrigen Vater. Bleib' ihm treu, wie er dir, und vertrauet beide Gott, der wird Alles wohl machen. Meinen Segen habt Ihr.“ Die Liebenden umarmten ſich vor dem edlen Greiſe, und es ſtrömte Hoffnung und Frieden in ihre Bruſt. „Du aber, Gisbald, erkenne es als eine heilige Pflicht, die du gegen mich zu erfüllen haſt,“ fuhr er fort,„daß du alle Drei morgen auf den Pfaden, die dir wohl bekannt ſind, gen Rüdesheim geleiteſt, von wo es leichter iſt, mit wehrhaftem Geleite der Dienſt⸗ mannen des hohen Erzſtifts gen Mainz ſonder Gefährde zu kommen.“ Willig legte Gisbald ſeine Rechte in des edlen Prieſters welke Hand. „Mit meinem Leben, ſo wahr mir Gott helfe im Sterbeſtünd⸗ lein!“ ſprach feierlich Gisbald. Da trat der dicke Prälat ein, der Gisbald ebenfalls ſuchte. „Der da droben,“ rief er ſeinem Bruder Bodo zu,„hat wieder ſeinen böſen Tag heute. Klag' ich, ſo lächt er; erzähl' ich ihm aber von der Raubritter Frevel, dann wüthet er oder wird ſtarr, wie eine Bildſäule Nein, Bodo, ich bin nicht nach Lorch gekommen, „Und du hafteſt mir dafür, daß ſie glücklich nach Rüdesheim gelangen?“ fragte er. um meine Haut zu Markte zu tragen und mich braten zu laſſ ——,—— — 241— wie den heiligen Laurentius die Heiden brieten. Ich will's gerne in aller Demuth bekennen, daß ich noch lange kein Heiliger bin; auch ſehe ich dabei eben ſo wenig Vortheil für unſere heilige Kirche, als für mich.“ Selbſt über Bodo's edle, ernſte Züge zuckte ein Lächeln, das der Jronie ſo ähnlich ſah, wie ein Regentropfen dem andern. Dies mochte jedoch dem Prälaten unbemerkt geblieben ſein; er fuhr fort: „Ich rechne auf dich, mein Sohn. Der ehrliche Forſchner, der dich wohl kennet, hat mir vertraut, wie du alle Schluchten des Waldgebirges kennteſt, abſonderlich im Kammerforſte. Du führſt mich und Hedwig nach Rüdesheim. Von Arnold habe ich mich losgeſagt. Er mag ſehen, wie er durchkommt.“ „Verzeiht, hochwürdiger Oheim,“ rief jetzt Hedwig aus,„ohne meinen Vater geh' ich nicht.“ „Auch gut,“ verſetzte der Würdenträger,„ſo ſalvire ich mich alleine. Gisbald, auf morgen! Bodo's Maulthiere ſind für uns.“ Gisbald gerieth in Verlegenheit. Bodo jedoch entriß ihn derſelben, indem er aufmerkſam machte auf das Thörichte, ſich zu vereinzelnen.„Ihr müßt zuſammen reiſen. Ich will mit Arnold ſchon reden.“ Gisbald ſtimmte dem bei.„Es möchte leicht ſein,“ ſagte er, „daß einer dieſer beiden Züge in die Hände der lauernden Feinde fiele. Der erſte könnte gelingen, allein der zweite könnte durch die Spuren ſchon den Weg verrathen. Uebrigens, Herr Domſcholaſter, dürfte es nicht überall möglich ſein, zu reiten. An vielen Stellen kann nur zu Fuße der Weg gemacht werden. Mögt Ihr Euch einſtweilen mit Muth waffnen!“— Der dicke Herr ſank in einen Stuhl und ächzete, indem er die Hände über dem fetten Bauche faltete.„Ich Armer!“ rief er faſt weinend aus.„Seit ich das Zipperlein habe, iſt mir das Gehen die ſchwerſte Arbeit, zumal bei meiner Wohlbeleibtheit!“ „Nur Muth!“ fuhr Gisbald fort.„Es wird ſchon gehen. Denkt an den Roſt des heiligen Laurentius, und jedes Opfer wird Euch leicht.“. aber bedenke, was das Gehen für mich heißt! Bedenke, daß ich wohl nicht einmal hinlängliche Herzſtärkung werde mitnehmen können!“ verſetzte der Hartbedrohte. „Das wird ſich ſchon finden,“ meinte Bodo;„du haſt ja deinen ehrlichen Anton Forſchner, den du als Sackeſel beladen magſt.“ „Vortrefflich!“ rief der Prälat.„Laß nun deine Vorſchläge hören, mein kluger Gisbald.“ „Sie ſind einfach,“ erwie auf die Morgennebel.“— „Gott möge mir helfen!“ ſchrie bei dieſem Worte der Dom⸗ ſcholaſter.„Ich habe nichts mehr zu fürchten als feuchte Nebel und Kühle,— weißt du keinen beſſern Rath?“ „Keinen, Hochwürdigſter!“ ſprach Gisbald.„Warten wir den Aufgang der Sonne ab, ſo ſtehe ich für nichts. Wir müſſen um dieſe Zeit ſchon die Höhe des Gebirgs erklommen haben.“ Tiefe Seufzer rangen ſich aus der Bruſt des Domſcholaſters hervor; allein er ſchwieg, als er den feſten Ton ſeines klugen Führers vernahm, und berechnete, daß allerdings der Nebel ein unſichtbarmachender Mantel für ſie Alle ſei. Gisbald fuhr fort:„Alsdann muß das Gerücht ohne alles Aufſehen ausgeſprengt werden⸗ Ihr reiſetet erſt einige Tage ſpäter ab; und ich muß Euch durch Gründe und Gebirgsſchluchten führen, die freilich keineswegs zu den bequemen Wegen werden zu zählen ſein, an die Ihr in Mainz und im Rheingau gewöhnt ſein möget. Bedenkt indeſſen, daß es ein großes Löſegeld, harte Mißhandlung⸗ vielleicht ſelbſt den Tod von Euch fern hält Das letzte Argument war zu ſchlagend, um ſeine Wirkung zu verfehlen. Er willigte in Alles ein. Jetzt kam auch Arnold. Gisbald verließ ſogleich das Gemach. Arnold ſah ihm mit einer Regung von Mißvergnügen nach. „Das iſt deine Schuld,“ rief der Prälat ihm zu.„Stelle deinen Uebermuth, deine Härte ein. Es thut Noth; denn Gisbald allein rettet uns.“ Sie theilten ihm nun den Plan mit, den er gut fand. „Du haſt Recht, mein Sohn; derte dieſer,„und gründen ſich zunächſt 4— 243— — So wurde denn Alles zur Reiſe bereitet. Bodo war bereits ſo weit in der Geneſung fortgeſchritten, daß es keine Gefahr mit ihm hatte. Es ſtand nichts mehr im Wege. Gisbalden wurde es leicht, das Gerücht auszuſprengen, der „ Walpode reiſe erſt einige Tage ſpäter von Lorch ab, und werde die Reiſe auf dem Rheine machen. Anton Forſchner ſtellte ſeinen Kahn her, deckte ein Zelttuch darüber, um Schutz vor der ungünſti⸗ gen Herbſtwitterung zu gewähren, und dingte einen Halfer, daß er ſein Roß vorſpanne. Die verſchworenen Ritter vernahmen die Kunde fröhlichen Herzensz denn er lief ihnen ſo recht eigentlich in die Falle. Auf Soneck beſonders wurde nun Alles vorbereitet. In. der kleinen Bucht, welche die Mündung des Bächleins bildete, lag ſtets unter überhängenden Weiden ein Kahn, der mit Segel und Tackelwerk, Hand⸗ und Steuerrudern gehörig verſehen war, um* mit Blitzeseile die Fluth zu theilen und den Raub zu erhaſchen, 6 der ſich ihnen darbot. Mit Knechten wurde der Kahn, der wenigſtens * ihrer fünfzehn bis zwanzig ganz bequem faſſen konnte, bemannt, und die Ritter ſtanden als Kämpfer bereit, Jeden, der es wagte, ſich zu widerſetzen, niederzuſchlagen. Dieſer Kahn wurde in der Stille hergerichtet zum Angriff. Auf der Burg ſelbſt waren diejenigen vereint, welche zum Bubenſtücke die rächeriſche Hand boten, als ein Kahn von Lorch — die breite Fläche des Stromes durchſchnitt. Es war Heppenhoeft, der bald darauf in das Gemach zu den Soneckern und Hohen⸗ fels trat. „Was bringſt du Neues?“ fragten Alle, wie mit einem Munde. „Nichts weiter,“ antwortete heitern Antlitzes der Gefragte, as daß der Walpode und ſein fetter Bruder mit dem lieblichen Töchterlein übermorgen abreiſen, und zwar zu Waſſer. Es iſt nun ganz gewiß; denn der alte Bodo iſt faſt wieder völlig geneſen!“ „Woher weißt du das?“ fragte der Ritter Hans 6 „Aus dem Munde des Schiffers, der ihn fährt;“ der Ritter„Meinem Knechte hat er's arglos erzä ahnet nichts.“ 8 — „Auch nicht mein Vater?“ fragte der wilde Hohenfels. „Auch nichts; ich ſprach ihn ſo eben noch,“ verſetzte Heppen⸗ hveft.„Er läßt Euch zu einer Jagd einladen, die er im Kammer⸗ forſte halten will. Nun, denke ich, iſt dort der Hinterhalt über⸗ flüſſig; und Ihr laßt mich Theil nehmen an Eurer Jagd, deren Wild mir beſſer gefällt.“— „Trauet dem Fuchs nicht!“ bemerkte Kurt Waldeck von Soneck;„wer leiſtet uns Bürgſchaft, daß der Pfaffenknecht Gisbald, deſſen Schlauheit ihr Alle kennet, nichts von der Sache weiß? Der hat Ohren, wo man ſie gar nicht erwartet. Und um ſich eine fette Suppe zu verdienen, verräth er uns, und führt den Walpoden ſichere Wege, die er wohl kennt.“ „Wohlan!“ ſprach Heppenhoeft,„ich will den Hinterhalt im Kammerforſte übernehmen, vorausgeſetzt, daß ich am Löſegelde meinen Antheil erhalte.“ Man ging auf dieſe Bedingung ein, und das Nöthige wurde nun beſprochen. Heppenhoeft ſollte ſich an einer der höchſten Stellen des Gebirges auf dem Wege lagern, der nach Rüdesheim über das Gebirge leitet, während die Andern bei Reichenſtein Wache hielten⸗ daß ihnen der Verhaßte nicht entweiche. . Die Jahreszeit war in den letzten Tagen übler geworden; ſie hatte den nebeligen, naßkalten Charakter angenommen, welcher in der Regel als Mittelglied und Uebergang zwiſchen dem ſchönen Herbſt und dem eiſigen Winter ſteht, beiden die Hand bietend, und doch keinem angehörend. Jeven Morgen lagerte ſich ein undurch⸗ dringlicher, Alles verhüllender Nebel über Berg und Thal. Er herrſchte bis gegen 10 Uhr, auch oft bis gegen Mittag, wo die Strahlen der Sonne ihn zu weichen zwangen. Oft aber wogte er, bald höher ſich an den Bergwänden empor ziehend, bald wieder in vie Tiefe der Thäler ſinkend, bis zum Abend und fiel dann,. Nachtzeit ſich aufziehend, am folgenden Tag als dichter Regen ſiee 8 Es war ungefähr gegen zwei Uhr des Morgens, an einem dieſer durch Nebel ihrer Helle beraubten, höchſt unfreundlichen Tage, als mehrere in Mäntel gehüllte Geſtalten nach und nach einzeln aus der Thüre der erzprieſterlichen Wohnung' zu Lorch, welche neben der Kirche und den Gebäuden der Schuljunkerſchaft lag, heraustraten und ſo leiſe als möglich neben der Kirche weg, der Wisper zueilten. Es waren ihrer Viere, von verſchiedener Größe und Umfang. Jenſeit des Thores gegen das Wisperthal zu, und in einer angemeſſenen Entfernung von demſelben, hielten vier Männer, alle mit Morgenſternen wohl bewaffnet. Einer derſelben führte zwei Maulthiere, die zum Reiten geſchirrt waren, ein Anderer ein drittes, welches Gepäck und einen Flaſchenkeller trug, deſſen Beſitzer ent⸗ weder auf vielen Durſt, oder auf eine weite Reiſe gerechnet zu haben ſchien. Als die vierte der vermummten Geſtalten, welche aus dem Pfarrhofe geſchlichen waren, dieſe Gruppe erreichte, und ſich durch das, wie es ſchien, wohlverſtandene Erkennungszeichen, einen leiſen Pfiff, als Zugehörigen zu erkennen gegeben hatte, ſaßen bereits zwei auf den Manlthieren. Das waren Hedwig und ihr keuchender und die Strauchritter verwünſchender feiſter Oheim. Der Dritte ſtand mit verſchränkten Armen nebenbei und gab kein Zeichen von ſich. 3 „In Gottes Namen denn voran!“ ſprach leiſe der Zuletzt⸗ gekommene und ſchritt voraus, den Weg in das Thal nehmend. „Halt, um aller Heiligen willen, halt!“ rief der Domſcholaſter. „Herr Gisbald, meinſt du, mit einem ſolchen Stoßgebetlein könne man eine ſolche Reiſe antreten?— Ich bin erſchöpft und meine Kniee wanken. Das Warmbier meines geiſtlichen Bruders hat bei mir nicht die mindeſte Wirkung gehabt. Ich zittere vielmehr wie eine Espe im Winde vor Froſt. Anton Forſchner, ehrliche Schiffer⸗ ſeele, du haſt menſchlichere Empfindungen, als der Eiſenfreſſer von 3 — 246— Junker, denn ich höre dich an dem Flaſchenkeller neſteln. Gott vergelte dir's, wie ich dich ſegne ob deiner Menſchenfreundlichkeit. Ja, mein Sohn, reiche mir her den feſten Steinkrug im vorderſten Gefache, das iſt ein alter Landsmann von dir, ein Rüdesheimer; der hat Feuer, und wird es auch mir mittheilen für dieſe Reiſe, die ſich von einer Höllenfahrt nur dadurch unterſcheidet, daß ſie aufwärts führt. Gieb her, Kind der Treue, braver Rheingauer! Den Becher trage ich hier bei mir. So!— Ach, das labt!— Das wärmt!— So! nun ſtecke den Krug wieder hinein, mein Sohn. Alte Leute, wie ich, bedürfen der Erwärmung. Ihr Jüngeren,“ ſetzte er, ſeine ungaſtliche Art entſchuldigend, hinzu, „Ihr habt noch Jugendfeuer bei Euch!“ 2 „Nun zu denn, in Gottes Namen!“— Unter heimlichem Lachen der Führer, an dem diesmal auch Gisbald Theil nahm, ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Der dicke Prälat ſpornte ſein Maulthier, daß er an die Seite Gisbald's kam. „Aber ich hoffe doch,“ hob jetzt dieſer an,„Ihr werdet nicht für immer glauben, daß unſer Jugendfener den Labetrunk unnöthig mache, hochwürdiger Herr!“ „Bei Leibe, nein!“ verſetzte begütigend der dicke Alte.„Ich weiß recht wohl, was einem Menſchen Noth iſt; nur glaube ich, daß doch meine Vorausſetzung ganz richtig iſt. Sieh', Euer Blut iſt noch um Vieles wärmer.— Euere— Halt, was war das, was ſo mächtig im dürren Laube raſchelte?“— Gisbald hätte laut aufgelacht, denn ein Eichhorn kletterte eben hörbar den Baum hinauf; doch hielt er aus Vorſicht an ſich. „Waffnet euch mit Muth! Solcher werden uns viele heute noch aufſtoßen,“ ſagte er.„Geb's Gott, daß wir nur ſolche teffen!“ Sein Blick ſuchte die Geſtalt ſeiner theuren Hedwig; doch das Dunkel der Nacht, im Bunde mit dem Nebel, machte jeden Verſuch vergeblich. Der Alte nahm wieder das Geſpräch auf.„Du ſcherzeſt, Gisbald; allein du bedenkſt nicht, daß ich nicht zu jenen Prieſtern — gehöre, die neben dem Schwerdte des Geiſtes auch noch das von Stahl zu führen gewohnt ſind, zu denen ſelbſt unſer Herr, der Erzbiſchof, gehört. Ich habe jederzeit den Frieden geliebt, und nur die Künſte des Friedens geübt, als da ſind Weisheit und ſo weiter.“— „Daran thatet Ihr gewiß wohl,“ entgegnete Gisbald,„denn Krieg, Jagd und Fiſcherei, das ſind weltliche Dinge, die unſer Einem paſſender ſind, als dem Prieſter.“ „Freilich, mein Sohn, freilich!“ fiel ihm der Donſcholaſter in die Rede.„Doch biſt du gewiß nicht geneigt, uns auszuſchließen, wenn es ſich von den Früchten dieſer drei ritterlichen Uebungen handelt. Die Früchte des Kampfes ſind zuerſt Friede; dann aber auch Beute an Land und Gut. Ihr Ritter aber ſaget: Frieden iſt ein unnütz Ding; ſelbſt dem Pfaffen im Kloſter und Stift iſt er nicht gut, weil er zu fett wird. Man muß alſo Krieg mit ihnen führen. Das iſt ein hölliſcher Gedanke! Frieden thut uns Noth, damit wir erſtlich in Ruhe eſſen, trinken und ſchlafen, dann aber auch unſere geiſtlichen Uebungen halten und des Amtes warten können, für Euch Welt⸗ und Sündenkinder zu beten. Die Früchte der Jagd ſind Braten, Freund! und was geht über einen Braten? Wir haben einen luſtigen Domherrn, der würde mir gleich einfallen und ſagen: Zwei; allein ich will jetzt nicht Witzreden treiben, ſondern fahre fort: Braten, Freund, das ſind die Strebepfeiler der Geſundheit und Kraft. Da ſpießet Ihr Hirſche, Rehe, Säue, Haſen — fanget Rebhühner und Wachteln; erleget Auerhähne und der⸗ gleichen. Soll denn da der Prieſter leer ausgehen, der um Segen betet?— Die Früchte der Fiſcherei ſind Salmen, das ſind Könige des Waſſers, und ihr rothes Fleiſch iſt ſchöner, denn das Roth auf den Wangen einer Jungfrau.“ „Mit nichten!“ rief Gisbald halblaut. „Nun, Närrchen,“ ſprach liebreich und gemüthlich der Prälat, „das war nur ſo ein Gleichniß. Du weißt ja doch aus deiner Lehre in der Lorcher Schuljunkerſchaft, daß alle Gleichniſſe hinken. ch könnte dir das Sprüchlein lateiniſch ſagen; aber ich will nicht —— gelehrt mit dir reden, ſondern dir nur beweiſen, was uns zukommt. Ich will lieber einen andern Gang wählen und ſagen: Salmen, das ſind die Prälaten des Waſſers; ſie trinken, aber ſie morden nicht. Ihr Gang iſt aufwärts; ſie lieben nicht das ſtürmiſche Meer, ſondern den Frieden eines Bächleins. So ſollten alle Prälaten ſein, und ich habe ſehr oft mir ein Beiſpiel am Salmen genommen.— Da fanget Ihr Hechte; das ſind ſo wahre Ritternaturen; ſie morden und rauben, aber ihr Fleiſch mundet gut. Da fanget ihr Karpfen, friedliche Mönchsnaturen, ſtumm wie Karthäuſer, die ſich im Teiche ſo gut befinden als im Strome, ja dort noch fetter werden, wie Mönche im Kloſter.“— Die halblauten Töne eines unterdrückten Lachens ſtörten den eifrigen Redner. Er hielt ein wenig ein und brach dann kurz ab: „So wenig ich dafür alſo bin, daß wir geiſtliche Herren weltliche Geſchäfte treiben ſollen, ſo ſehr bin ich dafür, daß wir uns der Früchte aller dieſer Geſchäfte freuen ſollen.“ „Dagegen,“ ſprach Gisbald,„habe ich auch gar Nichts einzu⸗ wenden; nur meine ich, der Hauptfehler läge darin, daß Ihr Alles wollet, und uns Nichts bleiben ſoll.“ „Da irreſt du,“ gegenredete der Prälat.„Ich will dir gleich das Gegentheil beweiſen. Da habe ich meinen Flaſchenkeller, zum Beiſpiel. Du wirſt begreifen, daß ich bei ſeiner Füllung zuerſt an mich ſelber gedacht habe, und allermeiſt an mich ſelber; allein du ſollſt gleich ſehen, wie ich es meine; Forſchner, neſtle auf, und reiche mir den angebrochenen Krug.“ „Laſſet das um aller Welt willen jetzt!“ rief Gisbald.„Wir müſſen trachten, ſo raſch vorwärts zu kommen, als es nur möglich iſt. Ueberhaupt thut es Noth, daß wir jetzt ganz ſtille voranziehen. Habet darum die Güte, und gebet Euren Gedanken Raum!“— Während der Unterredung Beider waren die Uebrigen ſtille gefolgt. Sie konnten ſich nur theilweiſe verſtehen; denn der Dom⸗ ſcholaſter ſprach keineswegs ſo laut, daß man ihn weiter hinten hätte verſtehen können. Nur Hedwig vernahm die Rede, denn ſie ritt in der Mitte des Zugs. Ihr Maulthier wurde von einem — Diener geleitet, indeß Arnold und die beiden Andern den Rücken deckten. Gisbald, der noch immer der Thalſohle gefolgt war, und auch noch jetzt dieſen Weg behielt, wußte es möglich zu machen, daß er die Stelle mit dieſem Diener unvermerkt einige Augenblicke tauſchte. Selbſt in der dichten nonnenartigen Verhüllung erröthete die Jungfrau, die wohl den Wechſel ihres Führers wahrnahm. „Wie iſt es dir, Geliebte?“ flüſterte der Jüngling. Sie drückte leiſe die kräftige Hand des Junkers, der eben ſo ſchnell, wie er gekommen war, wieder von der Seite der Lieblichen wich und mit einem Winke ſeinem Diener ſeinen Poſten wieder anwies. Zetzt waren ſie bei der Stelle angekommen, wo ſie nicht weiter den Krümmungen der Wisper folgen durften, ohne daß ſie Gefahr liefen, Leuten von der Burg Waldeck zu begegnen. Gisbald hielt an. Kaum war dies geſchehen, ſo neſtelte ſchon Forſchner, dem es darum zu thun war, die Gunſt des geiſtlichen Herrn zu behalten, den Flaſchenkeller auf, und reichte dieſem den Krug edlen Rüdes⸗ heimers. „O du treue Seele!“ rief halblaut der geiſtliche Herr,„wenn ich dir das jemals vergeſſe, ſo will ich keinen Rüdesheimer mehr trinken.“ Indeß Gisbald mit einem ſeiner Leute, der die genaue Kenntniß der Gegend mit ihm theilte, ſich leiſe beſprach, war ſchon der Becher aus der Taſche geholt und die goldene Fluth glitt die Gurgel hinab. Erſt jetzt dachte der Zufriedene daran, auch den Uebrigen eine Labung zu reichen. Sie tranken. Plötzlich aber rief Gisbald:„Ich höre Pferdegetrappel!“ Schnell ergriffen die Diener die Zügel der Maulthiere und eilten blindlings in das Dickicht des Waldes zur linken Seite des Weges, wo ein Seitenthälchen ausmündete.— Es war ein Glück, daß das ſcharfe Ohr Gisbald's den Schall von ferne her vernahm, daß der moosbedeckte Boden des Waldes den Tritt der Maulthiere 5 nicht verrieth, und noch Zeit übrig war, ſie ſo weit zu entfernen, aß nicht zu befürchten war, es möge der Geruch der Thiere irgend veranlaſſen, einen Laut von ſich zu geben. Die Knechte waren 11½ 6 — 250— ſo klug, ſchnell ihre Mäntel über die Köpfe der Thiere zu werfen, als ſie in einer angemeſſenen Entfernung anhielten, um Gisbald abzuwarten der hinter eine Buche getreten war. Die Reiter kamen näher. Es waren zwei Reiſige von der Burg Waldeck, die offenbar auf Kundſchaft in das Thal geſandt waren, aber ſich einem traulichen Geſpräche hingaben, ſtatt den Weg zu erforſchen, ob er nicht friſche Spuren zeige. Hätten ſie dies gethan, ſo dürften ſie, trotz Dunkelheit und Nebel, dennoch auf die Flüchtlinge aufmerkſam geworden ſein. Ihre Roſſe gingen im Schritt, und die Stille der Nacht verurſachte, daß Gisbald jedes ihrer Worte verſtehen konnte. „Es iſt ein Narrenſtreich,“ ſagte der Eine zu dem Andern, „uns in der Frühe da heraus zu jagen. Wie gut hätten wir noch ſchlafen können.“ „Freilich entgegnete der Zweite;„aber ich möchte doch lieber hier reiten und auch wieder zurück, als droben bei der dicken Eiche liegen und wachen, wie der Ritter Heppenhveft. Am Ende iſt's doch noch umſonſt!“ „Du haſt Recht, Hans,“ verſetzte der Erſte.„Noch dazu an der Stelle. Es iſt nicht juſt dort, und oft haben mir die Köhler erzählt, — wie da der feurig gehe, der dort einſt einen Prieſter erſchlagen.“ Sie waren jetzt gegen Gisbald gekommen. Die Pferde wurden unruhig und ſchnaubten, indem ſie die Ohren ſpitzten und nach der Eiche ſahen, wo Gisbald ſtand. „Hu!“ rief der eine der Reiſigen,„wie doch ſo ein Thier verſtändig iſt! Hier hat ſich einſt Einer erhenkt, und es ſoll der Selbſtmörder hier umgehen! Laß uns vorüber eilen!“ Er gab ſeinem Pferde den Stachel, und wie von geiſet gejagt flogen die Reiter dahin. Gottlob, ſprach Gisbald zu ſich ſelbſt, jetzt i es mir ein Leichtes, die Stelle zu meiden und weiter unten vorüber zu ziehen und ſo die Geliebte zu retten. gefügt, gerade jene Stelle würde ich als Uebergang über Gebirge gewählt haben. Und doch, hätte ſich dies nicht + Er verließ ſeine Stelle und eilte in der Richtung davon, in der er ſeine Schützlinge zu finden hoffte. Nach kurzer Wanderung fand er ſie in großer Angſt ſeinet⸗ wegen; beſonders unruhig war Hedwig. Der Donmſcholaſter hatte derweilen einen Krug geleert, auch die Uebrigen erquickt. Arnold allein war ſtille den ganzen Weg. Es lag etwas in ſeiner Seele, was ihn mißſtimmte, und dies war das Bewußtſein, dem Jünglinge Dank zu ſchulden. Dennoch erfüllte ihn der Zwi⸗ ſchenfall mit Beſorgniß. Er traute Gisbald nicht recht. Als die Reiter kamen, regte ſich dieſer bald auftauchende, bald wieder ſich verlierende Argwohn aufs neue. Darum wollte er nicht auf Gis⸗ bald warten, ſondern ſich ſelbſt, mit Hilfe der Knechte, den Weg ſuchen; allein er verrechnete ſich an ſeinem dicken Bruder. Dieſer ſchätzte auf dieſer Flucht nicht bloß die Treue und Zuverläſſigkeit Gisbald's, ſondern auch ſeinen kriegeriſchen Muth und tapfern* Arm, henebſt ſeiner Wegkenntniß, und würde um keinen Preis haben vermocht werden können, auch nur einen Fuß breit weiter zu gehen, bis Gisbald da war. 1 Mit den Worten:„Gottlob! die Gefahr iſt nicht nur für * dieſen Augenblick, ſie iſt für immer vorüber,“ trat Gisbald zu ihnen,„denn ich kenne nun die Stelle, wo Heppenhveft im Hinter⸗ halte liegt, und kann ſie alſo weit genug umgehen; aber wir müſſen eiligſt weiter. Unſere Feinde ſind umſichtiger, als es anfangs ſchien.“ Der Domſcholaſter wollte weitläufigen Bericht, wie es ihm ergangen, allein Gisbald trieb zur Weiterreiſe an, deren Richtung ſich jetzt wieder mehr dem Rheine zuneigte. Die dicke Eiche lag 13 oben auf dem Kamme des Gebirgs. Er mußte ſich daher in einer 3 8 angemeſſenen Entfernung halten. Ununterbrochen ging jetzt die 3 Reiſe weiter über Stock und Stein, durch Dickicht und Geſtrüpp. Der Domſcholaſter wehklagte, und wunderte ſich nur, wie das arme 3 Kind, er meinte Hedwig, ſo ſtille dies Herzeleid ertrage. Dieſe 6 trug freudig alles Ungemach; wußte ſie ja doch, der Vater werde erettet, und— ihr Gisbald war ihr Retter und der ſeine Da ſproßte eine füße Hoffnung auf.„ —— * — 252— Der Walpode konnte ſich noch immer nicht beruhigen. Obwohl er im Stillen dem Jünglinge ſchon das Unrecht abgebeten, quälte ihn dennoch das Mißtrauen— und war Gisbald ganz ſchuldlos, die ſchuldige Dankbarkeit gegen ihn. So beharrte er in ſeinem trotzigen Schweigen, und ſchritt tapfer, keiner Ermüdung unterthan, als Schluß des Zuges, mit ſeinem Morgenſternträger zur Seite, einher; indeß freudigen Muthes Gisbald, immer voraus, die Schwierigkeiten des Wegs überwand. Die Sonne begann ſchon hin und wieder die Bahn, welche ſie verfolgten, lichter zu machen. Sie war mächtiger, als am Tage vorher. Die Nebel, von ihr gedrückt, begannen die Form eines feinen Regens anzunehmen, der faſt Alle zu durchnäſſen drohte; aber ſie ſenkten ſich wirbelnd hinab in die Thäler des Rheins, um mit dem feuchten Elemente ſich zu vereinigen. Alle folgten ſtill dem Führer, der mit Kraft und Muth Bahn brach. Auf Allen lag das drückende Bewußtſein der Gefahr; denn mit jedem Augenblicke wurde der Nebel lichter, und bald ſtrahlte an lichten Waldesſtellen die Sonne mild und freundlich auf die durchnäßten Reiſenden. Da hielt mit einem Male Gisbald an.„Gottlob,“ ſprach er, „wir ſind am Ziele!“ Wenige Schritte weiter, und ſie traten aus dem Walde heraus, und vor ihnen lag, im Golde der Morgenſonne, der Rheingau. Aus jeder Bruſt löſte ſich ein Ach, das gleichſam die ganze Zentnerlaſt abwarf, welche ſie bis jetzt beengte, drückte und quälte; aber jedes Glied der Reiſegenoſſenſchaft gab ſich auch dem Anblicke hin, der bezaubernd ſich darbot, nur nicht der Domſcholaſter. Die Gefahr iſt vorbei,“ ſagte er mit Frohgefühl;„denn da vor mir liegt ja Rüdesheim. Sei mir gegrüßt! Aber das mahnt mich an den edeln Saft, der dort wächſt! Es iſt ſo nahe, daß wir nun den Reſt, den ich noch habe, wohl leeren können. Forſchner, löſe ſeine Feſſeln.“ Der Angeredete that ſeine Pflicht, und der Dicke hob den ———————— Hedwig's Augen von Zeit zu Zeit anſtrahlte. Becher:„Unſerm Retter Gisbald!“ rief er freudig aus, und hob den ſchweren ſilbernen Pokal, daß kein Tröpfchen drinnen blieb. Während der Becher kreiſte, weidete Hedwig ihre leuchtenden Blicke an dem Anblicke der herrlichen Landſchaft, welche ſich vor ihren Füßen ausbreitete. Es war in der That ein wunderbarer Anblick! Die Seiten der dieſſeitigen und jenſeitigen Berge waren frei, und die Orte zeigten ſich im Grün der Bäume und Reben, das ſich hier in der Nähe des Stromes länger erhalten hatte, und nur ſtellenweiſe dem herbſtlichen Gelb und Roth Raum gab, das nur noch den Anblick verſchönerte. Die Sonne verklärte das Kloſter auf dem Johannis⸗ berg, die Burgen Rüdesheims, die Thürme von Geiſenheim, Winkel und Ellfeld. Mehr im Vordergrunde lag Klopp, und Bingens Thürme tanchten aus dem Nebelmeere auf, welches von Mainz bis zum Mausthurm über dem Strome wogte, bald ſich hob, bald ſich ſo tief ſenkte, daß die Wipfel der Ulmen und Pappeln der Inſeln aus ihm hervorſahen. Zur Linken lag Vollrats, die ſtattliche Burg, und droben tanchten die Thürme von Mainz hervor, während friedlich die hellen Mauern von Eibingen heraufſahen, wo die Nonnen Frieden gefunden, nachdem Rupertsberg verödet war. Immer mächtiger wurde jetzt die Sonne; immer tiefer legte ſich der Nebel auf den Strom, und es war, als nähmen ſeine Wellen ihn mit ſich herab, um ihn in die Berge hinter dem Mausthurme zuſammen zu preſſen; denn dort häufte er ſich zu ungeheueren dichten Maſſen auf. Jetzt lag der Strom mit ſeinen Inſeln frei, die ſo friſch und grün in ſeinem Bette ſchwammen, als wohne hier Wälſchlands ewiger Frühling, und falle nie Schnee in dieſes ſaftige Grün. Selbſt Arnold, der in tiefem Sinnen, und wie es ſchien in ſchweren inneren Kämpfen daſtand, wurde zeitweiſe abgezogen von dieſem Brüten, das nur Rache ſchnaubte gegen die Ritter, die ihm nachgeſtellt, und deren Einem er dennoch ſein Leben danken mußte. Gisbald's Blicke ſuchten ein anderes Zauberland, das ihn aus — 254— Endlich erinnerte er ſich der Rückkehr. „Ich muß ſcheiden,“ hob er an;„denn ihr bedürfet meiner nicht mehr. Nehmt die Maulthiere mit und auch die Knechte, meinen Rückweg mache ich mit meinem Knecht allein.“ Der Domſcholaſter legte ſegnend ſeine Hand auf des Jünglings Haupt und ſprach:„Friede mit dir, mein Sohn! Gott ſegne dich, wie ich dich ſegne! Vergeſſe ich je, was du an mir gethan, ſo vergeſſe mich der Herr!“ Er drückte innig ſeine Hand. Gisbald trat zu Hedwig.„Lebt wohl, edle Jungfrau,“ ſprach er, und bot ihr die Hand, auf die eine Thräne fiel.— Raſch dies unterbrechend, trat Arnold vor den Jüngling hin. „Ich habe Euch nicht getraut,“ ſprach er mit rauhem Tone, „weil Ihr einet Sippe angehört, die nur Verderben für uns Städter brütet; aber ich ſehe, Ihr ſeid beſſer, als ich dachte; darum nehmt meinen Dank— und—“ „Ich mag ihn nicht,“ rief auffahrend der Jüngling.„Mit Euch habe ich bloß meine Rechnung abgeſchloſſen. Ich ſchulde Euch nun Gottlob! nichts mehr, und ſolltet Ihr irgend einer Verbind⸗ lichkeit gegen mich Euch bewußt ſein, ſo ſage ich Euch auch davon los und ledig.“ Er wies ſtolz die dargebotene Hand des Walpoden zurück, drehte ſich um, und ſchritt dem Walde zu. Der Walpode ſtand betroffen da. Er wechſelte die Farbe ſchnell. In ſeiner Seele ſprach eine mächtige Stimme für dieſen Züngling, der ihm trotzte, weil er ſich ſchwer verletzt fühlte; dem er Unrecht angethan durch ſein Mißtrauen, ſo ſchweres Unrecht, als er je einem Menſchen zugefügt. Aber auch ſein ungemeſſener Stolz erwachte wieder, richtete ſich hoch auf in ſeiner Bruſt und drückte jene beſſere Stimme nieder, daß ſie verſtummte. „Fahr hin, Fant,“ rief er,„du verdienſt keinen Dank!“ Und der Zug bewegte ſich ſtumm gen Rüdesheim hinab. Aus dem Dickicht des Waldes aber trat Gisbald wieder hervor. In ſeiner Seele wogten die Gefühle wild durcheinander, wie vor wenigen Minuten der Nebel im Wald; aber wie ihn die Sonne 4 beſiegte, ſo überwand das Gefühl einer ſtillen Wehmuth jedes ——————— ——— —— —.—— ———— — 255— andere in ſeiner Bruſt. Sein Auge ruhte auf Hedwig's Geſtalt. Ahnete ſie es, daß er noch da ſei, daß er ihr nachſehen würde? Sie ſah zurück, und— wie zufällig— wehte ihr ſchneeweißes Tuch ihm einen Gruß zu. Der Walpode ſchritt voraus in feinem Grimm und bemerkte nichts, und der alte Domſcholaſter bereitete ſich auf eine derbe Strafpredigt vor, die er dem harten Bruder zu halten beabſichtigte. So dauerte das ſtille Grüßen fort, bis in Rüdesheims Gaſſen ſich der Zug verlor. Mit ſüßem Entzücken verließ nun auch Gisbald die ſchöne Stelle, auf welche Jahrhunderte ſpäter zur Freude Tauſender ein ſinniger Mann den Tempel des Niederwaldes baute. Auf ſich krenzenden Wegen erreichte Gisbald wieder das Wisperthal, ohne daß Jemand nur ahnete, was geſchehen war. In einem hohlen Baume barg er ſein Ueberkleid und kehrte ohne Aufſehen in das Haus Bodo's, und am Abende nach Soneck heim. VI. Mit der größten Sorgfalt harrten die Ritter des gemeinſamen Feindes, der aber immer nicht kommen wollte. Die Ankunft Gisbald's im Hauſe am Burgthor auf Soneck ſetzte ſie in nicht geringe Verwunderung, und ihr Mißtrauen gegen ihn ſchwand um ſo mehr, als ſie ſeine feindſeligen Aeußerungen gegen den Walpoden ſo beſtimmt und kräftig vernahmen, wie ſie der in ſeinem Herzen gährende Haß gebar. Ihre Abſicht aber verbargen ſie vor ihm ſorgfältig, und eben ſo eifrig ihren Aerger, als ſie endlich durch ihre Kundſchafter inne wurden, daß ihnen der Vogel entwiſcht war. Am ſchlimmſten befand ſich hierbei Rolf von Heppenhveft, deſſen Sorgloſigkeit man eben ſein Entwiſchen zur Laſt legte. 3 Gisbald's Theilnahme an dieſem Mißlingen der heißgenährten Pläne blieb indeſſen ein undurchdrungenes Geheimniß. Der Haß gegen den Walpoden von Mainz war aber aufs neue angefacht; er hatte eine neue Nahrung gewonnen, und warf — 256— ſich nun in ſeiner Ansdehnung auf die Städter und Kaufleute mehr, als zu irgend einer Zeit. Vielleicht hatte die Ahnung Theil daran, daß der kräftig die Zügel der Regierung faſſende Rudolf von Habsburg ohnehin bald dem Raubweſen ein Ende machen würde, und es nun galt, die Zeit in dieſer Weiſe recht auszukaufen. Gisbald war dieſem Unweſen fremd. Es lag in der Zeit und der Bildung der Ritter. Es ſchien ihnen einen wichtigen Theil des Berufs ihres Standes auszumachen. Sie erkannten in dem Heran⸗ wachſen der Städte ihren Untergang, und ſo war der Kampf gegen ſie Ehren⸗ und Standesſache. Der Raub ihrer Handelsgüter wg ein um ſo leichterer Weg, zu dieſem Ziele zu gelangen, als ſie offenen Kampf als Landfriedensbruch gebrandmarkt ſahen. Gisbald hatte bei Bodo andere Grundſätze ſich angeeignet von Pflicht und Recht. Ganz war er freilich weder ſeinem Stande, noch ſeiner Zeit entwachſen. Er haßte auch die Macht dieſer patzigen Städter. Er ſah in ihrem Aufkommen ſeines Standes Untergang, wenigſtens eines bedeutenden Theiles ſeiner Macht und Gewalk; aber ſich zu einem Räuber herabzuwürdigen, dazu konnte es ihre Ueberredung nicht bringen. In offener Fehde ihnen zu ſchaden, Hielt er freilich für kein Unrecht, ſö wenig, wie alle ſeine Standes⸗ genoſſen. Ebenſo wenig war er im Allgemeinen der Pfaffheit hold. Bodo machte unter Tauſenden eine Ausnahme. Die Uebrigen trachteten ja nur darnach, in Ueppigkeit zu ſchwelgen und der Laien Güter an ſich zu bringen. Ihm ſo wenig, wie allen Gliedern ſeines Standes, war es ein Geheimniß, daß die Reichthümer der Kirchen und Klöſter häufig auf Ueberliſtung ihrer Vorfahren ruhten. Galt es alſo, ihnen einen Vortheil zu entziehen, der nur nicht offener Raub war, ſo achtete er und Andere es nur als ein wohlbegrün⸗ detes Zurücknehmen deſſen, was man ihren Vorfahren entlockt. Zu Gisbald's Ehre jedoch ſei es alſo geſagt, daß er nie, fortgeriſſen von den Soneckern und Hohenfels, an ihren Naub⸗ zügen Antheil nahm. Dieſe erſtreckten ſich nun auch auf jene Straße, die von Koblenz aus über das Hunsrücker Gebirge und 3 den Soonwald führte zur Nahe hinab, und dann, dem Pilger⸗ — — pfade folgend, ſich gen Mainz wandte. Nachdem rheinauf die Schiffe ſo vielen Gefahren ausgeſetzt waren, wandte ſich der rheinauf kom⸗ mende Waarenzug dieſer Straße zu. Bald. war ſie ſo unſicher wie jede andere, und überall, wo Raub und Frevel geſchah, da waren es die Sonecker und Reichenſteiner, denen er auf die große Sünden⸗ rechnung geſetzt wurde— meiſt mit Grund und Recht, manchmal jedoch auch unverſchuldet; denn es trieben faſt Alle, ohne Ausnahme, das wohlfeile Erwerbswerk des Wegelagerns. Von allem Frevel dieſer Art hielt ſich allein die Burg Fautsberg frei, die Mainzer Lehen war. Auf ihr hauſete ein junger Ritter, der ſich Kurt von Fautsberg nannte. Er war Dienſtmann des Erzſtifts, und ſah nur mit Abſcheu das Treiben der Raubritter. An ihn ſchloß ſich Gisbald an. Er wurde ſein Freund, und dieſer Einfluß war ſo gut, daß, wie auch ſeine Vettern ſpotteten, Bodo's Lehren volles Leben wurden. Kurt war ſein Vertrauter, er kannte ſeine Liebe zu Hedwig. Von ihm, der öfter in Mainz war, vernahm er Kunde von ihr. So kroch langſam und träge der Winter herum. Die Jagd allein erheiterte ſeine Einförmigkeit. Das Eis legte ſeine furcht⸗ baren Feſſeln an die Wellen des Stroms, und der Reif und Schnee ſeine Laſten auf die ächzenden Aeſte der Eichen und Buchen. Es war entſetzlich öde im Rheinthal, ſo öde, als ob Alles, was Leben hatte, geſtorben ſei. Als nun aber von dem milden Regen des Eiſes Decke brach, als an den Bergen das Grün wieder ſproßte, und der Wald die dürren Blätter abwarf, um der ſchwellenden Knospe Raum zu geben, und die Vögel wieder jubelten, und die fromme Schwalbe an Gisbald's Fenſter ihr Neſt baute, und den Morgen grüßte mit ihrem Liede, da regte ſich in ſeiner Seele eine ſo mächtige und unbeſiegbare Sehnſucht nach ſeiner Hedwig, daß er es wagte, zum Oſterfeſte nach Mainz zu gehen, um ſie wieder zu ſehen. Dieß war ein allerdings ſehr gewagter Schritt. Der Raub der Sonecker war zu offenkundig geweſen, als daß nicht der Städter ganzer Haß ſich auf ſie hätte werfen ſollen. Und wer nährte ihn tiefer, glühender, als der Walpode Arnold Sal⸗— mann?— Und war Gisbald Jict S ein Sonecker? — Wie oft tobte er ſeinen Grimm aus, wenn er heimkehrte vom Rathhauſe der Stadt, wo er neue Unbild erfahren! Wie ſtrömte da ſein Grimm gegen Gisbald aus! Das waren blutende Stiche in Hedwig's Herz. Mehrmals wagte ſie es, auf die Verſicherung des Fautsberger's und ſeiner Gattin trauend, die ſie in einem befreundeten Hauſe getroffen, ſeine Rechte zu vertheidigen; aber der furchtbare Zorn des gereizten Löwen warf ſich auf ſie. Und ſie hatte da nur noch Thränen und den ſchönen Glauben ihres Herzens. Der Walpolde arbeitete längſt daran, einen entſcheidenden Schlag gegen ſeine Erbfeinde zu führen. Mit Sehnſucht ſah er Rudolf von Habsburg entgegen. Auf ihn baute er ſeine Rache⸗ pläne ſo ſicher und ſo feſt, daß er an ihrem Erfüllen nicht zweifelte. Als der König, gefolgt von dem Adel der Schweiz und Oberdeutſch⸗ lands, hinab gen Aachen zog, Carl's des Großen heilige Krone aus der Hand des Churfürſten von Köln zu empfangen und in Mainz weilte, wußte er ihn für ſeine Pläne zu gewinnen, und das Wetter zog ſich eng und enger zuſammen über den Häuptern der Frevler; aber noch mußte er harren der erſehnten Stunde. Gisbald's Zug nach Mainz war ein langſamer. In den befreundeten Burgen weilte er längs der Geſtade des ſchönen Stromes. So geſchah es, daß während dieſer Zeit die Sonecker einen ganzen Zug Waaren aufhoben auf der Straße im Svonwald. Nicht genug an dieſem Frevel— auch ein Schiff, das in Lorch übernachtete, raubten ſie aus und erſäuften die Schiffer, welche es wagten, ſich ihnen zu widerſetzen. Die Kunde kam gen Mainz, und ein Schrei der Rache entwand ſich jeder Bruſt. Tauſend⸗ facher Fluch traf die Raubmörder, und in jedem Herzen glühte die Rachfucht. Schnell ließ der Walpode ein Schreiben an den König Rudolf bgehen, klagte die Drangſal und bat um Hülfe in ſolcher Noth. In der ſteten Erwartung deſſen, was Rudolf erwiedern würde, floſſen mehrere Wochen hin. Da erſchien die Zuſage, er werde kommen und mit Heeresmacht tilgen die Feinde öffentlicher Sicher⸗ — 259— heit und des gemeinen Rechts. Dieſe Kunde war mit der Weiſung begleitet, die Städte möchten ſich rüſten zur Beihülfe. Dieſe Nachricht machte Niemanden glücklicher, als den Wal⸗ poden, aber ein Herz bebte in ſchwerer Sorge und Angſt ob des Geliebten. Hätte es Hedwig geahnet, daß es der Tollkühne wagen könnte, die Stadt zu betreten, wo Haß und Feindſchaft, Rache und Wuth ihm überall entgegenſchnaubte, ſie würde noch mehr gezittert und gezagt haben. So kam das Oſterfeſt mit ſeiner Pracht. Der Dom ſtrahlte von tauſend Kerzen. Die Glocken riefen wieder zum Preiſe des Auferſtandenen die Gläubigen, und zu der ehernen Pforte des Tempels ſtrömten Menſchenwogen ohne Ende. Die Räume waren alle voll. Auch die fromme Hedwig kniete betend in den Reihen. Jetzt begann das Hochamt. Sie erhob ihren Blick und— ſiehe, da ſtand vor ihr der Geliebte, und ſein glühend Ange ſprach ſo beredt, daß ſie in den Tod erbleichte und ſich tief herabbengen mußte, um ſich nicht zu verrathen. Wie pochte das Herz! Ihr Athem ſtockte faſt in der Bruſt. Und doch, wie machte ſie das ſeiner Nähe wieder ſo glücklich. Es währte lange, bis ſie Muth gewann, ihn anſehen zu können. Doch er kam, dieſer Muth, und auch in ihrem Auge lag die Seele. Es gelang ſelbſt dem nichts ſcheuenden Liebenden, bis an ihre Seite vorzudringen. Worte können das Glück nicht ſchildern, welches ſie empfanden. Leiſe flüſterten ſie lange, und zu frühe endete der Gottesdienſt. Sie mußten ſcheiden. Die Glücklichen ſahen nur ſich. Sie dachten nicht daran, daß auch Andere ſie konnten beobachtet haben. Dies war aber wirklich. Auch der Walpode war im Dom an einer Ehrenſtelle, unfern des Altares. Sein ſcharfer Blick fand bald die geliebte Tochter, welche in der Blüthe jungfräulicher Reize ſtand. Mit Vaterfreude ruhte ſein Blick auf ihr. Da dünkte es ihm, er ſehe ſie erbleichen. Er erſchrack. Schärfer ſah das Ange der Vaterliebe. Jetzt wieder ſah er ſie ſich aufrichten in tiefer Gluth und— war das nicht Giskald⸗ — — 260— fragte er in ſich hinein, und ſeine Fauſt faßte krampfhaft den Stab, welchen er als Zeichen ſeines Amtes trug. Er erkannte ihn endlich beſtimmt; ſah, wie er ſich an ihre Seite drängte, wie er mit ihr ſprach. Er hätte verzweifeln mögen, daß er nicht, ohne das größte Aufſehen, von ſeiner Stelle konnte. Auch ein Dritter war Zeuge jenes Auftrittes, nämlich Anton Forſchner, der ehrliche Schiffer, der ſich ſo meiſterhaft in des Dom⸗ ſcholaſters Eigenheiten zu finden gewußt hatte, daß er ihm unent⸗ behrlich wurde und als Leibdiener bei ihm blieb. Er hegte für den Jüngling eine herzliche Zuneigung. Er war Zeuge deſſen nicht nur, was bei den Liebenden vorfiel, ſondern er beobachtete auch durch einen glücklichen Zufall die Mienen des Walpoden, den er von ſeinem Standpunkt aus auch ſehen konnte. Was dieſen bewegte, das las ſein Blick in ſeinen Zügen. Er erkannte die Gefahr, welche Gisbald drohte, und zupfte ihn leiſe am Aermel, als er aus dem Stuhle trat. Nicht ohne Erſtaunen betrachtete ihn Gisbald. „Kennet Ihr mich nicht mehr?“ fragte Anton Forſchner, und nannte dem Verneinenden ſeinen Namen⸗„Doch, Junker,“ fuhr er fort,„folgt mir, ſo ſchnell Ihr könnt, denn Euch droht Verderben. Ich habe in des geſtrengen Herrn Walpolden Angeſichte geleſen, daß er Euch verhaften wird. Wehe dann Euch! Keine Macht kann Euch retten.“ Gisbald erſchrack. Er kannte ſeinen unverſöhnlichen Feind zu gut, um nicht die Wahrheit deſſen einzuſehen, was Fbrſchner ſagte. Er folgte ihm alſo möglichſt ſchnell. n weitem Umkreiſe brachte ihn endlich der ehrliche Forſchner zur Hinterpforte eines großen und ſtolzen Gebäudes.„Hier,“ ſagte er,„ſeid Ihr für's Erſte ſicher; aber ich bürge Euch nicht eine WMinute dafür, daß er Euch nicht auch hier findet.“ Er drückte ihn in die Pforte und ſchloß ſie hinter ſich ab. „Wo bin ich?“ fragte Gisbald beſorgt. „Im Hauſe Eures beſten Freundes, des Domſcholaſters,“ verſetzte Anton;„doch wollt ihr ganz ſicher ſein, zieht dieſe Kleider — an und eilt zum Thore hinaus. Euer Pferd will ich Euch beſorgen, nennt mir nur die Herberge, wo es ſteht.“ Ein merkwürdiges und höchſt auffallendes Getümmel wurde in dieſem Augenblicke hörbar. Forſchner eilte hinaus und kam, bleich vor Schrecen zurück. „Er hat Euch ausgewittert und iſt mit Mannſchaft da, Euch zu faſſen!“ ſo rief er aus.„Nun muß das Letzte verſucht werden!“ Er öffnete eine Thür und ſchob Gisbald hinein. Der Donmſcholaſter, eben aus dem Dom zurückgekehrt, und ärgerlich, ſeinen Leibdiener nicht zu finden, erſtaunte nicht wenig, ſeinen Bruder mit Söldnern in ſein Haus dringen zu ſehen. Als dieſer ihm ſagte, daß Forſchner Gisbald ihm entzogen und im Hauſe verborgen habe, meinte der gutmüthige Würdenträger, daran habe Anton wohlgethan. Er verwies ſeinem Bruder ſtrenge dieſen Gewaltſtreich am erſten heiligen Feſttag, und war eben daran, dieſem den Text aufs allerbeſte zu leſen, als eine Seitenthüre geöffnet und Gisbald gewaltſam hereingedrängt wurde. Alle Drei ſtarrten ſich verblüfft an und ſtanden eine Minute regungslos da. Arnold gewann zuerſt ſeine Faſſung wieder. „Seht, hier iſt er!“ rief er ſeinem geiſtlichen Bruder zu. „Es iſt Pflicht, den Räuber mir auszuliefern.“ Der ſonſt lenkſame und ſchwache Domſcholaſter aber richtete ſich ſtolz empor.„Meinſt du, auch das Haus eines Dieners der Kirche habe kein Aſylrecht mehr? Weiche auf der Stelle!“ donnerte er dem Walpoden zu, daß dieſer zurückfuhr und fluchend von dannen eilte, um bei dem Kurfürſten ſich das Necht zu ihn verhaften zu dürfen. „Mein Sohn,“ ſo wandte ſich der Alte jetzt zu Gisba, haſt viel gewagt, zumal du weißt, was du verüben halfſt. Eile, daß du aus der Stadt kommſt. Ich fürchte ſehr, daß ich dich vor der Wuth der Bürger nicht ſchützen kann.“ Gisbald betheuerte und bewies ſeine Unſchuld an den Freveln; allein er erkannte ſelbſt die Noth, zu fliehen. Mit Hülfe Forſch⸗ — 262 ners kleidete er ſich um, erreichte ſeine Herberge und floh, ſchnell wie der Blitz, zum Thore hinaus, nachdem er dem ehrlichen Men⸗ ſchen noch Grüße an Hedwig aufgetragen hatte. Kurze Zeit, nachdem Gisbald die Stadt verlaſſen hatte, wurden die Thore beſetzt, und der Walpode erſchien, bleich vor Wuth, im Hauſe ſeines friedliebenden Bruders mit dem Befehle des Kurfürſten, den Frevler auszuliefern. „Arnold, Arnold!“ rief der Domſcholaſter,„haſt du vergeſſen, daß dieſer Jüngling dich und dein Kind rettete, als dir das Schwerdt der Verfolger ſchon an der Kehle ſaß? Iſt keine Dankbarkeit in deiner Seele übrig, ſo ſollte die Achtung vor deinem Bruder dich abgehalten haben, öffentlich dies Aergerniß zu geben.“ „Habt Ihr bedacht,“ gegenredete heftig der Walpode,„daß das Gebot der Pflicht über jedes andere geht?— Gerade Ihr ſolltet mich das Lehren, ſtatt mich davon abzubringen. Uebrigens ſolltet Ihr erwägen, was ein Vater fühlt, wenn ſolch ein Gelb⸗ ſchnabel ſein Kind bethört; denn darum iſt er hier, weil er einen Liebeshandel mit Hedwig unterhält. Und ich ſollte das dulden? Ich, der ich jeden haſſe, der dem Stande angehört, der nur vom Schweiße Anderer zehrt und in fremdem Gute zu ſchwelgen gewohnt iſt. Noch einmal, gebt ihn im Namen des Kurfürſten heraus, den Strolch!“ Der Domſcholaſter zog ein langes Geſicht.„Wenn das ſo iſt, ſo iſt es ſchlimm,“ ſagte er;„allein dann ſuchſt du ihn doch umſonſt, er iſt längſt jenſeit des Pörfleins Caſtel. Sein gutes Roß trug ihn, ſchnell wie der Blitz, von dannen.“ Der Walpode fluchte und tobte wie unſinnig. Sein ganzer Zorn wandte ſich gegen Hedwig, die Schweres zu erdulden hatte, aber gerne trug, weil ſie ihn gerettet wußte. Der treue Forſchner z⸗ ſeinen Auftrag bereits ausgerichtet. In des Donſcholaſters Seele war plötzlich ein helles Licht aufgegangen Er entſann ſich der Auftritte im Hauſe Bodo's, er rief ſich das Verſchwinden Gisbald's von ſeiner Seite ins Andenken, als ſie in jener Fluchtnacht durch den Wald zogen— jetzt erſt — 5— . — 6 erinnerte er ſich, daß ihm Gisbald von ſeiner Liebe zu Hedwig und ihrer Liebe zu ihm geſprochen, ohne deß er damals in der Angſt ſeines Herzens darauf geachtet hatte. Darum leuchtete alſo Hedwig's Auge ſo, wenn von Gisbald die Rede war? Der Donmſcholaſter dachte an ſeine Jugend zurück, und noch jetzt in ſeinem hohen Alter drängte ſich ein Seufzer aus ſeiner Bruſt hervor. Auch er hatte ja einſt geliebt, und mußte das ſchönſte Gefühl aus ſeiner Bruſt ſcheuchen. „Wohlan!“ ſagte er,„ich habe geſchworen unter Gottes freiem Himmel, ich wollte nie vergeſſen, was er in jener gräulichen Nacht an mir gethan, ſo will ich ihm vergelten und ſeiner Liebe Schützer ſein.“ Er ergriff ſeinen Pokal und leerte ihn in einem männlichen Zuge, gleich als wollg er alle Erinnerungen hinabſchwenken, die in ſeiner Seele aufzutauchen Miene machten. VII. Der Ruf, der Kaiſer Rudolf ſei in Würzburg auf dem Schloſſe angelangt, und werde dort weilen, bis er am Maine den Land⸗ frieden aufgerichtet und die Wegelagerer gerichtet habe, war nicht ſobald nach Mainz gelangt, als ſich auch ſchon der Kurfürſt mit glänzendem Gefolge erhob, um den Kaiſer zu begrüßen und des Rheines Elend durch die Wegelagerer ihm vorzuſtellen. Er ließ den Walpoden, der ſein ſonderliches Vertrauen beſaß, alſobald zu ſich beſcheiden. „Du biſt beredt, Arnold,“ ſprach der Kurfürſt und Erzbiſchof, „wie Wenige, darum magſt du uns begleiten gen Würzburg, und dort das Wort für uns thun vor dem Kaiſer. Der iſt gerecht und weiſe, von Gott und Menſchen geliebt, und wird helfen, daß des Elends ein Ende werde.“ Durch Arnold's Seele ſtrömte ein wunderbares Feuer. Das war längſt ſein glühender Wunſch geweſen. Nun ſah er ihn ſo „ nahe, ſeiner Erfüllung ſo gewiß, daß er ſeiner Freude kaum Herr werden konnte.„ Die Reiſe wurde mit großer Schnelligkeit angetreten und fortgeſetzt. Arnold ſchwelgte in dem Gedanken, ſeine Pläne vollſtändig ins Werk ſetzen zu können. Seine Einbildungskraft erſchöpfte ſich in Vorſtellungen über den Kaiſer und ſeine Perſon. Wie erſtaunte er, als er bei dem Eintritt in den Saal die Umgebung des Kaiſers im vollen Glanz, ihn ſelbſt aber in einem einfachen braunen Tuchwamms, mit Lederkoller, erblickte. Ein breites und ſchweres Schwerdt hing an ſeiner Linken und ein ganz einfacher Sammthut deckte ſein Haupt. Es war eine hohe Geſtalt von ſehr ſchlankem Gliederbau. Sein Antlitz war bleich; eine mächtige Naſe beherrſchte es. Seine Stirn war hoch und edel, und der Schädel von der Stirn an faſt ganz ſeiner Haare beraubt. Nur am Hin⸗ terkopfe zeigte ſich noch ſtarkes Haar. Ein ſtrenger Ernſt ruhte auf dieſen Zügen; aber redete er mit Jemand, es ſei hoch oder geringe geweſen, ſo überſtrahlte eine Freundlichkeit das Antlitz, die jedes Herz gewann und das unbedingte Zutrauen einflößte. Als der Kurfürſt mit ſeinem Gefolge eintrat, erhob ſich Kaiſer Rudolf und ging ihm mehrere Schritte entgegen, indem er ſein Haupt neigte und um den Segen des Oberhirten bat, den dieſer bereitwillig ertheilte. Er hatte ſein Haupt entblößt, und bedeckte es erſt nach empfangenem Segen wieder. Nachdem der Erzbiſchof, nebſt ſeinen Räthen ſich niedergelaſſen, trat auf den Wink ſeines Herrn der Walpode vor und ſprach mit Feuer und Kraft über die zügelloſen Räuber am Rheine, wie ſie jedes Recht mißhandelten und mißachteten, keinen Herrn über ſich erkenneten, frei und feſſellos walteten, wie es Rohheit und Habſucht eingäbe, und Raub und Mord an Kirchen, Klöſtern und Leuten ihr Tagewerk ſei. Abſonderlich ſeien dies die Ritter von Soneck und Reichenſtein. Er flehte den Kaiſer an, zu helfen in dieſer Bedräng⸗ niß, und ſtellte in Ausſicht, daß die rheiniſchen Städte Alles auf⸗ bieten würden, die Burgen brechen zu helfen. —,———— —,————— — 265— Rudolf hatte mit der größten Aufmerkſamkeit zugehört. Man ſah es ihm an, daß die Rede einen ſehr tiefen Eindruck machte. Als der Walpode geendet, reichte ihm Rudolf ſeine derbe Hand und dankte ihm für das männliche Wort, was er für Recht und Ordnung geſprochen, wandte ſich aber dann gegen den Erzbiſchof und ſprach: „Mit der Krone des deutſchen Volkes hat mir Gott das Strafamt überantwortet über Alles, was Unrecht iſt. Ich will mit Gottes Hülfe den Landfrieden aufrichten und erhalten, die Frevler unnachſichtlich ſtrafen, und ſo dem Rechte, der Ordnung und der Zucht eine freie Bahn machen.“ Und zu den Herren gewendet, ſetzte er hinzu:„Es iſt eine Schmach für das Ritterthum, daß es alſo ausgeartet iſt, und ſeiner Beſtimmung ſo ſchnöde vergeſſen hat. Eben darum aber auch müſſen die, die ſeine Satzung ſo frevleriſch übertreten, die herbſte Strafe erleiden. Sie ſind keine Ritter mehr; ſie ſind Räuber, und verdienen nur des Räubers Strafe.“ Seine Stimme wurde bei dieſen Worten drohend, wie rollender Donner, und er ſchlug an ſein Schwerdt.„Bei meinem guten Schwerdte, das nie für Unrecht focht, ſchwöre ich es,“ ſprach er in höchſter Erregung;„ich will kommen und Gericht halten, und will ſie hängen laſſen, wie es Räuber und Mörder verdienen!“ Die Vorſtellung war zu Ende, aber das Wort des Königs zeigte ſich alsbald wirkſam. Er zog Heeresmacht an ſich. Aus den Städten ſtrömten ſie herbei, die fehdeluſtigen Bürger, und bald ſah Rudolf ein ſtattlich Heer um ſich, das mit jedem Tage, gleich einer Lawine, wuchs. Die Ritter, ſtolz auf ihre feſten Burgen, lachten über die Grfahr Sie hielten es nicht einmal für möglich. Als aber die Gerüchte ſich mehrten und häuften, da dachten ſie ebenwohl an ihre Sicherheit. Schnell wurden die Burgen hergeſtellt, wo etwa Fehler waren. Aus den benachbarten Orten raubten ſie Vieh und Lebensmittel, bis hinlängliche Nahrung vorhanden war. Gisbald war nach 5 Flucht aus außer ſich v Grimm und Zorn gegen den Walpoden und die Städter überhaupt. Auch er rüſtete ſich zum Kampfe auf Soneck mit ſeinen Vettern; doch keine Gewaltthat fiel ihm zur Laſt. So ſtand es, als an einem Frühmorgen das Rheinthal von Bewaffneten wimmelte, welche gegen Reichenſtein und Soneck anrückten. Auf Fautsberg(dem jetzigen Rheinſtein) aber war ein Tummeln über die Maßen; denn dort hatte Kaiſer Rudolf mit dem Erzbiſchof und dem Walpoden, der an der Spitze der Städter ſtand, Quartier genommen. Die Burgen wurden eingeſchloſſen. Wie ein Raſender ſchleuderte Hohenfels ſeine Steinkugeln aus Reichenſtein auf die Feinde; aber meiſt fruchtlos. Die Sonecker dagegen waren klüger. Die Burg ſchien wie ausgeſtorben. Niemand zeigte ſich auf den Mauern, und keinerlei Wehr von innen verrieth das Daſein von Streitern. „Trauet ihnen nicht,“ ſprach der Walpode,„ſie ſind ſchlauer als der Hohenfels, und ſparen ihre Wehr, bis wir ſtürmen.“ So war es denn auch. Die Burg war feſter als Reichenſtein. Sie hatte hinlänglich Mundvorrath und Kriegsbedarf. Auch an Reiſigen fehlte es nicht. Sie konnten ruhiger den Angriff erwarten, und thaten es. Die Kunde aber von Rudolf's Wort in Würzburg hatte ſich denn doch, zumal Thatſachen es bewährten, weithin Schrecken erregend, verbreitet. Am ſchmerzlichſten traf es Johann von Waldeck, Marſchall von Soneck, den Alten; denn er hatte zwei Söhne und einen Enkel auf der Burg. Er trat daher die Reiſe nach Fautsberg an, um die Gnade des milden und frommen Kaiſers anzuflehen, daß nicht die Todesſtrafe ſie treffe, wie gemeine Diebe. Der Greis wußte, wie der alte Donſcholaſter Gisbald liebe; daher bat er ihn auch, für die Sonecker ſich zu verwenden, unter denen ja auch Gisbald mitbegriffen war, da ihn Sonecks Mauern jetzt, wie die Andern, einſchloſſen. Der Bote, welcher die ſichere Kunde dem Domſcholaſter brachte, traf mit einem zweiten zuſammen, den Bodo an den Bruder ſandte zu gleichem Zweck; denn die Gefahr ſeines Gisbald's zerriß faſt Bodo's Herz. Auch den guten Domſcholaſter ergriff dieſe Nachricht ſehr. „So biſt du kaum den Klauen des Unverſöhnlichen entgangen, um ihm jetzt als Opfer zu fallen!“ rief er ſchmerzlich aus, und maß, trotz ſeiner Corpulenz, ſich unruhig die Stirne reibend, das Gemach. „Was ſoll ich thun?“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräche fort. „Soll ich ſchreiben? Das fruchtet nicht. Soll ich ſelber hinreiſen, ich, der Mann des Friedens in das Getriebe des Krieges, wo man ſeine Ruhe, ſeine Pflege nicht findet? Ach, das iſt auch ein ſchweres Opfer! Einmal bin ich kaum mit dem Leben davon gekommen. Mir ſind Reiſen allezeit bedenklich in ihren Folgen geweſen.“— Er fuhr mit der Hand in die Haare, wie Einer, der keinen Rath, keine Hülfe weiß. Da wurde die Thüre des Gemaches ſtürmiſch aufgeriſſen. Entſetzt fuhr der Domſcholaſter herum, meinend, die Reiſigen hätten ihn ſchon, und ſchwängen über ſeinem geweihten Haupte Streitärte und Morgenſterne.„Wer ſtürmt mein friedlich Kloſet?“ rief er angſtvoll aus. Aber ſiehe, es war kein Feind, der ſtürmend eindrang, ſondern die lieblichſte Mädchengeſtalt, die man nur ſehen konnte. Es war Hedwig; aber ihr Anblick erſchütterte dennoch den greiſen Oheim; denn es lag die Bläſſe des Todes auf dieſen ſonſt ſo roſigen Wangen. Das ſo wunderſüß lächelnde Auge, dem man umſonſt zu widerſtehen verſucht hätte, ſchwamm in Thränen. Sie rang verzweifelnd die Hände. „Oheim, Oheim!“ rief ſie,„rettet, rettet! Er iſt verloren, denn der Kaiſer hat geſchworen, ſie Alle hängen zu laſſen, die er in der Burg fände, und— Gisbald iſt dort; Gisbald, der Euch und uns das Leben rettete! Ach, mein Vater haßt ihn grimmig. Nur in ſeinem Blute wiſcht er ſeinen Haß ab⸗ o ſonſt mögt Ihr auch mich begraben!“ Sie ſank nieder in des Alten Lehnſtuhl. „Ich geſchlagener Man!“ rief der Domſcholaſter aus.„Iſt denn Alles vereint zu meinem Verderben?“ „Ach, laßt mich klagen!“ rief das liebende Mädchen— und in demſelben Augenblicke deckte das geſättigte Roth der Scham die Wangen, die erſt todtenbleich waren. Aber der geiſtliche Oheim hörte es nicht, wie er denn in ſolchen Momenten, wo ihm ſelbſt eine Gefahr drohte oder ſeine Perſon in irgend bedenkliche Conflikte gerieth, weder hörte noch ſah, wenn nicht gerade die ganze Kraft ſeiner Seele auf dieſen Einen Punkt hingerichtet war. Obwohl der Schweiß in dicken Tropfen auf ſeiner Stirn ſtand, und er gewiß lange nicht ſo viel ſeine Beine in Bewegung geſetzt hatte, als ſeit er die beiden Boten erhalten, ſo rannte er immer ſchneller auf und nieder. Dann ſtand er plötzlich ſtille. „Ja, Hedwig, du haſt Recht; Alles will ich überwinden, ſelbſt die Beſchwerden der Reiſe nach Fautsberg, um Gisbald zu retten; aber du mußt mit mir, du mußt mir den Kaiſer anflehen, und es wird uns gelingen.“ Hedwig erſchrack. Sie überdachte ſchnell Alles, was Sitte und Weiblichkeit dem entgegenſtellte; aber ſie erkannte es, daß er verloren ſei, wenn nicht Alles aufgeboten würde— und ſie ſagte dem Oheim zu. „Gut, meine Tochter,“ ſprach er,„ſo eile heim und rüſte Alles, was Noth iſt, damit uns nichts am morgenden Tag abzureiſen.“ VIII. Schon waren bei Reichenſtein alle Vorkehrungen zum Sturme getroffen, als ein Freund in das Zelt des Walpoden trat.„Eins,“ ſagte er,„ſcheint mir unbegreiflich, nämlich, daß der Vicedom des Rheingau's ſchweigt, während ſeinen Sohn das ſchmachvolle Gericht des Skranges erwartet. Er hat keine Bitte noch eingelegt.“ „Ich geſtehe, daß ich das ſelbſt nicht begreife,“ entgegnete der Walpode,„obwohl ich glauben möchte, die Bitte wäre fruchtlos, denn der Kaiſer hat ſo beſtimmt und entſchieden geſprochen, daß kaum irgend etwas zu hoffen ſtünde.— Doch er iſt mild, und könnte einem Vater eine ſolche Bitte nicht abſchlagen?“ Der Freund ſah ihn erſtaunt an, und wußte nicht, wie er das Wort deuten ſollte, da er des Walpoden Geſinnung kannte. Der Befehl zum Sturm unterbrach die Unterredung. Wie Wüthende fielen die Streiter des Kaiſers die Burg an Die Vertheidigung war wacker— aber gegen Abend war ſie erſtürmt. Die Flammen loderten wild zum Himmel auf, die Reichenſtein verzehrten. Was die Flamme übrig ließ, zerſtörten am folgenden Morgen die Krieger. Reichenſtein war, als die Strahlen der Mittagſonne es beſchienen, ein furchtbarer Trümmerhaufen, an deſſen völliger Zerſtörung mit unerſättlicher Wuth die Reiſigen arbeiteten. Aber unter den Gefangenen, die man auf der Burg machte, war Hohenfels nicht. Er hatte durch einen unterirdiſchen Gang, der an das Rheinufer führte, zu entkommen gewußt. Der Walpode knirſchte vor Zorn, daß ihm dieſer Feind ent⸗ gangen war, den er für den Schlimmſten erkannte, während die Sonecker mehr den Namen hergegeben hatten. Er war der Schlaueſte, der Keckſte von Allen; auch wohl der Grauſamſte. Doch ergötzte es ihn, daß Heppenhveft unter den Gefangenen war. Der folgende Tag zeigte ein fürchterliches Schauſpiel. Alle Gefangenen hingen an den Eichen des die Burg umgebenden Waldes. So hielt Rudolf ſein fürchterliches Wort. „Es muß ein ſchreckend Beiſpiel gegeben werden,“ ſprach er, „ſonſt wird morgen wieder, wenn ich werde geſchieden ſein, der Landfrieden gebrochen und die Zügelloſigkeit herrſchend ſein. Ein Kaiſer muß ſein Richterwort halten.“ Dieſe Nachricht erſchreckte die Sonecker heftig, und ſtellte ihnen nur eine zweifache Wahl, ſich unter den Mauern ihrer Burg ehren⸗ voll begraben, oder als Diebe hängen zu laſſen. Dieſe verzweifelte Ausſicht aber konnte ſie nur einen Augenblick ſchrecken. Im nächſten kehrte auch ihr Muth wieder und ihre Todesverachtung, die ſie ſo oft in den Fehden an den Tag gelegt und erprobt hatten. Die Stunde kam aber, wo dies nothwendig wurde. — Da, wo das Kapellchen ſtand, unweit Fautsberg, wurde ein Zelt für den Kaiſer Rudolf errichtet. Er wollte das Ungemach ſeiner Streiter theilen und ſtets bei dem Kampfe ſein. Näher rückte das Heer gegen Soneck an. Auf die Höhe, welche die Burg beherrſchte, ſtellte der Walpode ſeine Wurfgeſchoſſe und ſchleuderte gewaltige Steinkugeln hinab auf die Burg, welche manchen Kämpen erſchlugen und den Mauern und Gebänden großen Schaden brachten. Schon am zweiten Tage wurde der Sturm unternommen, aber die Ritter ſchlugen ihn mit ungeheurem Verluſte der Stürmenden ab. Sie goſſen ſiedendes Oel und Waſſer auf ſie herab und mäheten ſchrecklich mit dem Schwerdte unter ihnen. Leichenhaufen lagen um die Sturmleitern und rings um die Mauern der Burg, die ſtolz, wie ein Adlerhorſt, auf ihrem hohen Felſen lag. Die Erbitterung war ſchrecklich auf beiden Seiten. Dort oben kämpfte die Verzweiflung, hier unten eine Wuth, die aufs ärgſte geſteigert war. Rudolf ſelbſt war außer ſich, als er die Haufen der Todten, die große Zahl der Schwerverwundeten und noch gar keinen Vor⸗ theil erkämpft ſah. An ihn ſelbſt war der Tod nahe genug heran getreten. Ein Pfeil fuhr in ſein Lederkoller, gerade über dem Herzen; aber er war matt, ehe er ſein wohlgewähltes Ziel Die Belagerten hatten verhältnißmäßig eben ſo viel gelitten. Viele Todten lagen hinter den Mauern, und des Walpoden Wurf⸗ geſchoſſe ſpieen, ohne zu ermüden, Tod und Verderben in die Burg. Das Burghaus am Thore, Gisbald's Wohnung, war zu einer Ruine geworden. Es ſchien, als richte der Walpode gerade dorthin die ganze Macht ſeiner Geſchoſſe. Gisbald ſelbſt war verwundet. Er trug den linken Arm in der Binde, denn eine Steinkugel hatte ihn ſchwer verletzt; dennoch aber war er der Erſte auf der Mauer, der Letzte, der ſich die Ruhe gönnte.* Rudolf erkannte die Nothwendigkeit, ſein Heer ruhen zu laſſen, und erſt am dritten Tage den Kampf zu erneuern. Es wurde freilich hier auch den Belagerten Zeit gegönnt, ſich zu erholen, Zerſtörtes herzuſtellen und ſich für den neuen Anfall zu rüſten. Der Tag des Sturmes kam. Rudolf ſelbſt führte ſeine Schaaren an zum Sturme. War der erſte wild geweſen, ſo wurde es der zweite in noch erhöhetem Maße. Vom frühen Morgen an dauerte der Kampf. Schon war es Mittag, und immer noch kein Gewinn für die Stür⸗ menden; denn die Belagerten ſtritten mit dem Todesmuthe kalter Verzweiflung, die den ſichern Tod vor Angen ſah. Rudolf ſelbſt trat jetzt in die Reihen der Kämpfer aufs neue ein, und ſeine Nähe begeiſterte zur ungeheuerſten Kraftanſtrengung. Allmählig wurde die Vertheidigung der Burg ſchwächer. Es zeigten ſich auf den Mauern große Lücken in der Reihe der Vertheidiger. „Hinauf zum Sturme!“ ſchrie der Walpode den Mainzern und Oppenheimern zu, die er führte. Jetzt kletterten die Kühnſten die Leitern hinan. Es wimmelte auf allen Seiten. Ein Jubelge⸗ ſchrei verkündete auf der nördlichen Seite den Sieg. Alles ſtimmte ein. Der Schrecken lähmte die Arme der Vertheidiger. Rudolf's hohe Geſtalt zeigte ſich auf der Mauer— die Burg war erobert, aber noch war der Kampf nicht geendet; denn in den Thurm hatten ſich die Vertheidiger zurückgezogen. Von der Höhe herab ſtrömte das heiße Oel und die Wurfmaſſen zerſchmetterten die Kämpfer. „Steckt die Burg in Brand!“ ſchrie der Walpode.„Mögen die Strolche, wenn ſie keine Salamander ſind, lebendig verbrennen!“— Der Ruf wurde befolgt. Aus allen Theilen der Gebände ſtieg jetzt die gierige Zunge des Feuers auf und leckte an den Wänden des Thurms, ihn in eine fürchterliche Rauchſäule einhüllend. Der Anblick war ſchauderhaft! Ueberall hörte man das Röcheln Sterbender, den Hülferuf der Verwundeten. Aber an ein Ergeben war nicht zu denken. Da ließ der Walpode die höchſten Leitern zuſammen binden. Sie reichte bis zur Thurmthüre. Bald war dieſe erreicht. Sie brach unter den Streichen der Aexte und Streitkolben. Die Sieger drangen ein und der war geendet. Sonecks letzte Stunde hatte geſchlagen. Hedwig war kaum aus dem Hauſe ihres Oheims getreten, als auch ſchon Forſchner zu dem älteſten der Kapelläne des Erzbiſchofs eilte, ihn zu ſeinem Herrn, dem Donmſcholaſter, des Eiligſten zu beſcheiden. Die Haſt des Dieners brachte ſchnell den Kapellan zu dem Erwartenden. Herzlich empfing ihn der Domſcholaſter. „Nicht wahr, Ihr ſeid ein S fragte er ihn. Der Kapellan bejahte. „Und Ihr waret's, der einſt mit dem Hochwürdigſten dem Grafen von Habsburg begegnete, als Ihr einem Kranken den letzten Troſt bringen wolltet?“ „So iſt es,“ ſprach freudig bewegt der Prieſter.„Als er ſah,“ fuhr er fort,„wie ich eben die Schuhe löſen wollte, um den Gies⸗ bach zu durchwaten, da ſchenkte er mir das Roß, daß es künftig dem Dienſte der Kirche geweiht ſei, und kehrte zu Fuße heim. Der ſo fromm und demüthig war, iſt nun unſer Kaiſer.“*) „Gott ſegne ihn!“ ſprach gerührt der Domſcholaſter. „Und Ihr,“ fuhr er fort,„truget durch unſern Herrn das Meiſte bei, daß die Wahl auf Herrn Rudolf fiel?“ „Ich that's, weil ich es für meine Fflicht hielt, dafür nach Kräften zu wirken, daß Deutſchland eines tüchtigen und frommen Herrn ſich erfreue!“ So ſprach der Kapellan. „Gott lohn's Euch!“ war des Domſcholaſters Gegenrede.„Weiß das der Kaiſer?“ „Er weiß es!“ antwortete Jener. „Gut; ſo iſt er Euch verpflichtet,“ fuhr der Donſcholr fort. *) Johannes von Müller erzählt nach Tſchudi, daß der Prieſter, dem Rudolf einſt ſein Pferd geliehen, Kapellan des Erzbiſchofs von Mainz geworden, und viel zu Rudolf's Wahl beigetragen 6le Schweiz. Geſch. III. 173. Anmerkung 92. . du ſtirbſt mir ja!“ — 273— „Und darauf bau' ich eine ſchöne Hoffnung.“ Er erzählte nun dem Kapellan den ganzen Zuſammenhang der Geſchichte Gisbald's und des kaiſerlichen Schwurs. Er verſchwieg ſelbſt die Liebe der Tochter ſeines Bruders zu dem Jünglinge nicht, nicht den Haß dieſes ſelbſt, und forderte ihn dann auf, ihn nach Fautsberg zu begleiten, um das Letzte zu verſuchen, indem er ihm verſprach, die Erlaubniß des Erzbiſchofs zu erwirken. Der Kapellan ſtimmte augenblicklich zu, und der Domſcholaſter eilte, ihm die Erlaubniß zu verſchaffen. So ſegelte dann mit günſtigem Wind am andern Morgen ein wohl verwahrter Kahn ab aus dem Hafen von Mainz gen Bingen, in dem Drei ſaßen, wie einſt früher, als zuerſt nach Jahren wieder der Domſcholaſter gen Lorch fuhr. Er war es ſelbſt, und der Kapellan und ein Herz, das faſt in der Angſt um den Geliebten brach, das aber, alle kindiſche Furcht von ſich werfend, zum höchſten Heldenthume der Liebe ſich erhoben hatte, nämlich, Alles geringe zu achten gegen das Eine: den Geliebten zu retten. Wie pfeilſchnell auch der Kahn flog, er ging ihr zu langſam. Wie lebhaft auch die beiden Männer ſprachen, ſie vernahm der Worte keines; denn ihre Seele war dort auf der ſteilgelegenen Burg, wo Gisbald war. Wie ſie auch das arme bangende Kind tröſteten, ſie konnten ihr keine Gewißheit geben, und ſo lange die fehlt, hat das Herz keinen Frieden, und kaun ihn eher nicht und nirgends gewinnen. Endlich lag das Brauſen des Bingerloches hinter ihnen, und auch die Stelle, wo einſt der Jüngling von ihrem Vater war gerettet worden. Allmählig trat Fautsberg hervor, und bald die Landſpitze, wo Sanct Elemens Kirche hernachmals erbaut wurde. Dort ſtand das Zelt, wo Habsburgs Fahne wehte— dort mußten ſie landen. Aber je näher ſie kamen, deſto furchtbarer wuchs Hedwig's Angſt, deſto heftiger ſchlug ihr Herz, deſto bleicher wurde ihre Lippe und ihr Antlitz. „Kind,“ rief der Donſcholaſter,„nimm einen Trunk Wein, 12** — — 274— Aber ſie wehrte es ab, und ihre Thränen rannen in Strömen. Schon ſah man deutlich, was um das Zelt des Kaiſers vor⸗ ging. Menſchen drängten ſich dort in Haufen; meiſtens waren es Bewaffnete, reiſige Männer der Städte oder Rudolf's. Sie waren von Soneck zurück. Die muthigen Vertheidiger waren im Thurm endlich zu Gefangenen gemacht worden, aber erſt, nachdem ſie Alle bis zur Wehrloſigkeit verwundet worden waren. Die Flamme hatte die Burg ganz verzehrt, und Rudolf den furchtbaren Spruch gethan: „Soneck ſolle keine Urſtänd mehr ſehen!“ Als man ihm die heldenmüthige Vertheidigung der drei Sonecker meldete, ſprach er faſt wehmüthig:„Schade um ſie! Sie waren eines beſſeren Looſes würdig!“ k Ohne weiter die Gefangenen anzuſehen, kehrte Rudolf in ſein Zelt zurück und mit ihm der Walpode und die Ritter und Herren ſeines Gefolges. Auch die Reiſigen verließen die Burg, nachdem ſie reiche Beute gemacht, um die Flamme wüthen zu laſſen, ehe ſie das Werk der Zerſtörung vollendeten. Sie führten die Gefangenen mit ſich im wildeſten und roheſten Triumphe. Als die Gefangenen dem Zelte naheten, bot ihr Anblick wirklich elwas Entſetzenerregendes dar. Es war Gisbald, Johann und Kurt von Soneck, nebſt Knappen und reiſigen Männern, ihrer in Allem noch dreizehn. Gisbald's Arm war gelähmt; doch auch der rechte hing blutend herab, denn er war von des Walpoden Schwert hart getroffen. Ueber ſeinem Haupte war ein tiefer Hieb. Das Blut rann über das Geſicht, daß es kaum kenntlich war; und doch ging er noch ſo ſtolz einher, als ſei er der Sieger und jene die Beſiegten. Auch ſeine Vettern waren verwundet; aber in ihn ſchlechte Gewiſſen über den männlichen Rittermuth. Todesfurcht recht leſerlich in ihren Zügen. Eben als die Flamme aus Sonecks Mauern ſchlug, läutete in Lorch das Todtenglöcklein. Es galt dem alten Landmarſchall von Waldeck von Soneck, dem Vater Johann's und Kurt's. Der Schlag hatte ihn getroffen bei dieſem Anblick. Er war bei dem Kaiſer geweſen und hatte knieend gefleht um Gnade für ſeine Söhne; aber der Kaiſer hatte geantwortet: „Hättet Ihr als Vater Eure Pflicht gethan, nimmer würden Eure Söhne Räuber geworden ſein, nimmer Euern Stamm und Namen befleckt haben. Nun aber hemmet nicht den Weg der Gerechtigkeit! Laſſet die Räuber ihren verdienten Lohn erndten; denn es ſind keine Ritter, ſondern die laſterhafteſten Diebe und Räuber, welche die Armen mit Gewalt unterdrückten, den Frieden gewaltſam brachen, und die geheiligten Rechte des Reiches mit Füßen traten. Der wahre Adel hält Treu' und Glanben, pflegt der Tugend, liebt Gerechtigkeit, beleidigt Niemanden, fügt keinem Unrecht zu. Wer wahrhaftig adelig iſt, vertheidigt die Gerechtigkeit bis zum letzten Blutstropfen. Er macht ſich keines Diebſtahls ſchuldig, nimmt nicht Theil am Raube. Sparet alſo Eure Worte, wenn Ihr ein Ritter ſeid, und höret auf, für die Räuber zu bitten, die Eure Söhne nicht mehr find, die, und wären ſie auch Grafen und Herzöge, ſo wahr ich Richter bin, der Strafe nicht entgehen ſollen, die ſie verdienen. Keinen Ritter iſt es anſtändig, die Armen gewaltſam zu unterdrücken, ſondern es iſt ſeine Pflicht, ſie auf alle Art zu ſchützen. So iſt es meine Pflicht, und ich will ſie erfüllen, indem ich die Räuber ſtrafe!“ Da wankte der Greis hinaus, getroffen von der Macht dieſes Wortes, und eilte hinüber nach Lorch, wo ihn der Tod ereilte. Aber das Volk rief ein jubelnd Hoch dem Kaiſer, der Recht und Gerech⸗ tigkeit handhabte. Das erzählte man dem erbleichenden Domſcholaſter, und Hedwig war nahe daran, eine Leiche zu werden. „Muth! Muth!“ rief der Kapellan.„Vertrauet Gott!“ Er zog ſie zum Zelt und drängte die Umſtehenden weg. Als ſie dem Zelteingange ſich naheten, ſah ſie der Walpode, der unfern des Kaiſers ſtand, der eben Gericht hielt über die Gefangenen. Auch Bodo trat an ihre Seite, als er ſie ſah, denn er war auch eben angekommen, um das Letzte zu verſuchen. a „Was wollen die Prieſter und die Jungfrau dort?“ fragte der Kaiſer, und ein Ritter eilte hinweg, ſie zu befragen Aber der Kapellan ſchritt herein in das Zelt und die Uebrigen folgten. — — 276— „Gott ſegne Euch, Herr Kaiſer!“ ſprach der Kapellan, und Rudolf entblößte ſein kahles Haupt.„Als ich euch vor Jahren zum erſten Male grüßte,“ ſprach er,„da war es in den Bergen meiner und Eurer Heimat. Ihr beugtet Euch damals vor Gott in ſtiller Demuth. Ich ſah es, Ihr Herren; ich war jener Prieſter, dem der gewaltige Graf von Habsburg ſein Roß gab, daß er dem Sterbenden Troſt bringe. Und ich komme heute, zu flehen für Einen, der nicht des ſtrengen Gerichtes ſchuldig iſt, für Gisbald vom Burgthore von Soneck. Er iſt nicht ſchuldig, wie die Anderen. Hier ſteht ein Diener Gottes, der ihn erzog, hier Einer, dem er das Leben rettete, und dort der Walpode unſeres Herrn, des Erz⸗ biſchofs, dem er Gleiches that mit dieſer Jungfrau, ſeinem Kinde, die ihn liebt, den Ihr, Herr und Kaiſer, wollet ſchrecklich richten laſſen. Erbarmet Euch, Herr!“ Da ſank Hedwig, bleich wie die Lilie, in ihre Kniee und faltete die Hände und ſchlug das thränenſchwere Auge zu dem Kaiſer auf. Aber die Lippe konnte nicht reden. Aus der Mitte der Ritter ſprang der Walpode hervor, um ſie empor zu reißen; aber ſie ſah ihn ſo flehend an, daß er auf halbem Wege ſtehen blieb wie ein unſichtbar Gefeſſelter. „Bruder!“ riefen Bodo und der Donſcholaſter zugleich aus: „Iſt deine Rachſucht noch nicht getilgt? Kannſt du Unperſöhnlicher bei Gott Gnade hoffen? War nicht Gisbald dein Retter? Und iſt er feindſelig geworden gegen die Städter, ſo haſt du es an ihn gebracht!“ Die Scene ergriff Alle. Gnade! Gnade! erſchallte es aus Aller Munde. Aber des Kaiſers Blick ruhte bald auf dem Kapellan, bald auf der Knieenden. Endlich trat er vor, hob Hedwig auf und ſprach:„Kniee nicht vor mir, mein armes Kind; ich bin ja nur ein Menſch, wie du; aber“— fuhr er fort, und wandte ſich zu den Anderen,„ich bin ein Vollſtrecker der Gerechtigkeit vor Gott und Menſchen.“ „Iſt es wahr, daß dieſer Gisbald kein Räuber war, wie — 277— dieſe da?“ er deutete auf Johann und Kurt von Waldeck von Soneck. Da ſprachen Alle: Ja. „Iſt es wahr,“ fuhr der Kaiſer fort,„daß er bei den letzten Räubereien nicht zugegen war?“ „Wie konnte er das?“ fragte der Kratz von Scharfenſtein. ₰ „Er war, als jene Unbild verübt wurde, bei mir auf meiner Burg.“ 1 „So iſt es Herr und Kaiſer,“ beſtätigte Bodv. „Walpode von Mainz,“ ſprach er dann zu dieſem,„welche Rechnung habt Ihr mit ihm?“ Der Walpode ſah in ſeines Kindes leichenbleiches Antlitz, und es ſchien, als ſei ihm das Herz in der Bruſt umgewendet. „Keine!“ ſprach er zum Kaiſer.„Ich war hart gegen ihn, weil ich ihn nicht frei von Frevel hielt, was er auch ſchwerlich iſt; allein das iſt wahr, daß er unſer Leben rettete. Auch ich bitte für ihn um Gnade!“ Der Kaiſer wandte ſich zu ſeinen Dienern. Ein Wink von ihm, und die beiden Sonecker wurden abgeführt und ſofort an die Nußbäume gehängt, welche neben dem Zelte ſtanden, zum Schrecken alles Volkes. „Seid frei, Gisbald von Soneck,“ ſprach der Kaiſer zu dem Begnadigten;„doch wiſſet, daß ihr dieſen ehrwürdigen Männern Euer Leben zu verdanken habt. Allerdings muß aber dem ſo ſein, ſonſt würden ſie, die Männer der Wahrheit und des Friedens, nicht für Euch geredet haben.“ „Aber nun an Euch ein Wort, Herr Walpode,“ fuhr der Kaiſer fort:„Ich habe ihm das Leben geſchenkt, und Eures Kindes tiefes Leid war wohl mit ein Grund, der mich dazu beſtimmte. Er iſt verwundet. Laßt ſie ihn pflegen. Legt ihn an ihr Herz, dort wird er bald geneſen.“ „Ein Kaiſerwort ſoll heilig ſein!“ rief der Walpode aus.„Es ſei in Gottes Namen!“ Da ſank faſt ohnmächtig Hedwig in ihres Oheims, des Dom⸗ ſcholaſters, Arme, und Bodo eilte zu Gisbald, der noch in ſeinen Feſſeln ſtand. Sie fielen, und der Walpode reichte ihm ſeine Hand und zog ihn zu Hedwig hin, die bald an Gisbald's Herzen erwachte zu ſchönerem Glück, als ſie geahnt.. Der Kapellan aber neigte ſich ihr zu und ſagte:„Bewahret ſtets das Wort, was ich Euch geſagt, als wir hier ans Ufer traten: Vertrauet Gott, der hilft in allen Nöthen dem, der ihm vertrauet!“ Aber zu den Rittern wandte er ſich dann und ſprach:„Gerecht und milde ſahet Ihr Euren Kaiſer handeln; fromm und demüthig ſah ich ihn. Heil dem Lande, deß Kaiſer ſolche Tugenden in ſich vereinigt. In ſeines Kaiſers Herz ruht ſicher des Volkes Glück.“ Und ein Chor von Hunderten von Stimmen rief:„Heil Kiſer Rudolf!“* An der Stelle aber, wo die beiden Sonecker gehängt worden waren, und der Kaiſer den Einen begnadigt hatte, baute Gisbald eine Kirche, dem heiligen Clemens geweiht, und in der Eremiten⸗ klauſe, welche Bodo erbaute neben der Kirche, beſchloß er, betend für die armen Seelen, ſein frommes Leben. Der Domſcholaſter trank noch manchen Becher bei Gisbald und Hedwig, deren Glück des Walpoden Alterstage verſchönte. Er hatte dem Haß entſagt und gewann Gisbald lieb, der auch ihm ſein Herz zuwandte— aber der verſöhnende Engel war Hedwig. Der geſpenſtige Stollen. Eine Hunsrücker Dorfgeſchichte. I. Wer an einem Sonntagabend in milder Jahreszeit in ein Dorf auf dem Hunsrücken tritt, der findet überall vor den Thüren die Nachbarn beiſammen ſitzen und traulich plaudern vom Stande der Früchte, des Flachſes, von Krieg und Frieden, von Dieſem und Jenem. Das nennt der biedere Hunsrücker„Maien.“ So maien die Alten bei einander, etwa hier, und die Jüngern dort; ſtreng aber ſcheiden ſich Verheirathete und Unverheirathete. Im Kreiſe des jungen Volks erſchallt wohl ein heitres Lied, ein ſoge⸗ nanntes Schelmenlied. Kommt die Jahreszeit, wo der Wind über die Stoppeln weht, dann wird in der Stube gemaiet. Die zuſam⸗ menſitzende Geſellſchaft heißt„die Maie.“ In ſolch' eine Maie führe ich jetzt meine freundlichen Leſerinnen. Die Maie iſt klein. Es ſind nur drei Perſonen und drei Männer, die, weil der Mond im erſten Viertel ſteht, und ein mattes Licht durch die graue Wolken⸗ ſchichte, die den Himmel deckt, hindurchdringt, im Dunkeln ihr Pfeifchen Rollenknaſter mit einander ſchmauchen, der freilich nicht dem Ofen ruht eine Geſtalt von kräftigem, Bau. ſehr lieblich duftet. Draußen deckt ein Herbſtnebel die Gegend, und er legt ſich mit jeder Minute tiefer herab auf Wald, Flur und die Wohnſtätten der Menſchen mit ihren ſchweren S Sehen wir uns die drei Vänner einmal genauer an. In einem hölzernen Lehnſtuhl mit ſtrohgeflochtenem Sitze neben Steiger Leopold, der einſt einem Werke vorſtand, das längſt als rt Er iſt der e des Hauſes, ein Es iſt der alte chen, bei ihrem Geſpielen iſt. Leopold trägt Schuhe mit ſilbernen Schnallen, weiße Wollſtrümpfe, kurze, blaugrüne Mancheſter Hoſen, eine dunkle Tuchweſte und ein Wamms von ſchneeweißer Wolle geſtrickt, eine Arbeit ſeiner getreuen Hausfrau, die Gott zu frühe für Levpold abgerufen. Seine ſilberweißen Haare deckt das grün⸗ ſammtne Mützchen mit dem Pelze des Buchmarders verbrämt, dem er ſelbſt das Lebenslichtlein ausgeblaſen, denn er iſt ſelbſt jenſeit ſeiner Siebzig noch ein wackerer Nimrod vor dem Herrn, und wer ihn anſieht, kann ihn kaum für einen ſtarken Fünfziger halten. Man ſieht den raſchen Bewegungen des Mannes, dem lebhaft blitzenden Auge an, daß er kurz angebunden, an raſches Handeln gewöhnt iſt und ſein Jähzorn leicht aufflammt; aber dabei liegt doch in dem Geſichte des Mannes, bei allen Fin ſcharfen Verſtandes, auch gar viel Gutmüthigkeit.. . Auf der Bank, welche zur Seite des viereckigen großen Platten⸗ ofens, über dem das Reck angebracht iſt, eine gar gemüthliche Ofenecke bildet, ſitzt des Steigers Gevattermann und Nachbar, der Leinenweber Lehnert, auch ein Greis, der die Sechzig auf dem Rücken hat, eine ruhige, gutmüthige, etwas drehbändelige(ſo ſagt der Hunsrücker, wenn er eine phlegmatiſche Natur bezeichnen will) WMeenſchenſeele, aber ehrlich und treu, wie Einer. Seine Kleidung iſt der des Steigers ähnlich; nur ſind die Schuhſchnallen von⸗ Meſſing, die Hoſen von Hirſchleder, das Kamiſol tbu dunkelblauem Tuche. Neben dieſem ſitzt der Wagner Stumpf, Lehnerts Schwie⸗ gerſohn. Er iſt jung, trägt lange, blaue Tuchhoſen, die über die Flehmſtiefel reichen, eine rothe Tuchweſte, ein kurzes blaues Wamms und eine roth und weiß geſtreifte, gewobene Beutelmütze mit dickem Klunker dran, der majeſtätiſch zur Seite herab hänzt, faſt am ien Die Unterhaltung iſt lebhaft. Sie behandelt einen Gegenſtand welcher das ganze Dorf in dieſen Tagen bewegt und die Fu we peit, etwas in den Hinter grund gedrängt hat. Rede! — 283— „Bei meiner Seele! Cumpeer(Gevatter, Compére) Steiger,“ ſagte Lehnert, den des Steigers Einwand aus ſeiner Ruhe gebracht, „ich hab's mit meinen leiblichen Augen geſehn, und meine Augen ſind noch ſo gut, daß ich das feinſte Gebildmuſter, das ich webe,“ ohne Brille ſehe.“ „Ach was,“ ſprach der Steiger heftig.„Du kamſt von Sim⸗ niern und hatteſt einen Schoppen Moſeler oder Rheiner getrunken. Da ſehen die Leute überall Geſpenſter, und wenn man's in der Nähe betrachtet, iſt's ein alter, fauler Baum.“ „Ei, da ſoll mich doch gleich der“— rief Lehnert,— aber der Steiger fiel ihm ins Wort und ſagte ſcharf verweiſend:„Nicht gleich ſich verheißen, Cumpeer Lehnert! Iſt's wahr, ſo iſt's nicht nöthig; iſt's nicht wahr, ſo wird's dadurch nicht wahr. Sprich ruhig und erzähle deine Geſchichte.“ „Ei, was;“ ſagte Lehnert ärgerlich.„Ihr ſeid ein Freigeiſt. Ihr glaubt einem ſo etwas nicht.“ „Ich glaube Alles, was wahr iſt, Lehnert, erzähl' nur'mal!“ ſagte ruhiger der Steiger. „Nun, Schwieger,“ ſprach Stumpf,„ſo erzählt's denn doch einmal ordentlich; daß man dgraus klug werden kann.“ Nach einer kleinen Pauſe, in der er ſeine aufquellende Pe niederdrückte, hob endlich Lehnert an: „Ihr wißt alle Beide, daß wenn die Menſchen ein Bergwerk aufgeben, der Teufel ſogleich ſein Revier drin hat, ſammt ſeinem Anhang.— So iſt's auch mit dem Stollen, den Ihr vor fünfzig Jahren eingettleben und ſeitdem habt liegen laſſen. Wißt Ihr die Geſchichte von der alten Bille, die bei des Caspar's Vater gedient hat?“ Der Steiger ſchwieg; aber über ſein Geſicht flog eine finſtre Wolke bei dem Namen Caspar's. Stumpf ſagte aber nengierig: „Nein!“—„Nun,“ fuhr Lehnert fort,„etwa fünf Zahre nach dem Eingehen des Bergwerkes, da lebte der alte Fried noch, des Caspar's Vater. Der war ein Wittmann Vittwer) und die alt S Bille, die immer ſo. wie eine Erzhere Mitelſchleg von Bauer, hatte ein kleines Haus und fuhr mit zwei Kühen im Acker. „Einmal, es war im Wweun hatte der Fried ſich des Hannes⸗ Peters Buben zum Dreſchen auf Wiederhelfen beſtellt, und es war damals Neumond und ſo dunkel Nachts, daß man keine Hand vor den Augen ſah; da krähte des Fried's Hahn und die Bille, die alte Hexe, wird wach und denkt, es iſt drei Uhr und die Dreſcher kommen bald. Sie denkt aber nicht dran, daß ihr neuer Hahn ein Wetterhahn iſt, der kräht, wenn's andres Wetter gibt, ſteht auf, zieht ihr Röcklein und Kittel an, und guckt zum Fenſter hinaus, ob nicht Euer Schwieger hier im Hauſe ſchon Licht habe, daß ſie das ihre anzünden könnte; aber alles iſt ſtichedunkel und mäuschen⸗ ſtille, als wäre das ganze Dorf mauſetodt. Da ſieht ſie im Stollen Licht. Das ſind die Keſſelflicker von Gondershauſen, ſagt ſie zu ſich, die hab' ich geſtern ins Dorf kommen ſehen, die ſchon an der Arbeit ſind. Das ſind manierliche Leute. Du gehſt hin und ſagſt: guten Morgen, und nimmſt dir ein paar Kohlen! „Gedacht, gethan! Meine alte Bille nimmt ihr Lanterchen (Laternchen) iut wackelt mit einem Töpfchen die Halde hinauf in den Stollen. Da ſitzen zwei himmellange, ſchwarze Kerle bei dem bluthrothen Fhlenſenet und ein grauſam großer, ſchwarzer Pudel⸗ hund liegt dabei und knurrt und brummt. „Kuſch! kuſch! Se ſagt die Bille,. bietet den Männern den guten Morgen.„So fleißig ſchon ſoſftühe?“ ſagt ſie und bittet um ein Köhlchen.„Nimm dir deinen Topf voll ₰ ſagt der Eine und die Bille ſteckt ihr Lanterchen an und ſcharrt ſich ihren Topf voll, deckt den Deckel drauf, ſagt:„Seid nicht ſo fleißig!“ und wackelt heim. Wie ſie aber die Kohlen auf den Heerd hinſchüttet, ſind ſie bumms— aus, und das Lanterchen geht aus, wie ſie zuleuchten will.— „Da iſt kein Oel drauf,“ ſagt ſie, und daß das Fohlenfeuer ſo ſchlecht iſt. Was will ſie aber anfangen? Die Mannsleute haben das Feuerzeug in der Taſche. die Gondershäuſer Keſſelflicker waren ja recht manje o6 erſt vr „Wieder wackelt ſie die Halde hinauf und ſagt:„Landsmann, die Kohlen ſind mir ausgegangen; jetzt will ich aber den Deckel nicht mehr drauf thun. Darf ich mir noch einmal nehmen?“— „Da knurrt der ſchwarze Pudel ganz grauſam; aber die Bille ſagt:„Kuſch! kuſch! Sultanchen, mein Alterchen, wenn du an unſer Haus kommſt, ſollſt du auch eine Schinkenhäſe kriegen.“ Der Eine der ſchwarzen Männer ſagt:„Nimm dir nur!“ Wieder ſteckt ſie das Lanterchen an, ſcharrt ſich den Topf voll Kohlen und geht, indem ſie ſagt:„Bedanke mich auch!“ Als ſie nun heimkommt, ſind ihre Kohlen noch friſch in der Gluth. Wie ſie ſie aber auf die Platte des Heerdes ſchüttet, bumms — ſind ſie wieder todtaus und auch das Lanterchen dazu. „Ei, ſo ſoll dich!“ flucht ſie, tappt dunkel an den Küchen⸗ ſchrank, greift den Oelkrug, ſchüttet Oel aufs Lichtchen, nimmt etwas Salz aus dem Salzfäßchen, um es auf die Kohlen zu ſtreuen, und denkt, nun ſollen ſie dir gewiß nicht mehr ausgehen! Macht ſich zum dritten Mal nun auf den Weg nach dem Stollen. Als ſie ſo die Halde hinaufkrabbelt, ſpringt ihr der ſchwarze Pudel entgegen, als wolle er ſie zerreißen. Ach, denkt ſie, hätt'ſt du doch die Schinkenhäſe mitgenommen, daß das Vieh dich in Ruhe ließe!„Kuſch! kuſch! mein Alterchen,“ ſagt ſie nun ſchmeichelnd,„ich thue dir ja nichts und die Häſe entgeht dir nicht! Komm nur, wenn's Tag iſt!“ Da wird das Vieh ruhig und ſie krabbelt hinein und ſagt: 3 Ach, die Kohlen wollen gar nicht anhalten. Nun hab' ich aber Salz, das ich darauf ſtreue; da brauch' ich euch nicht mehr zu plagen.“ „Nimm dir noch einmal,“ ſagt der Eine, und als ſie ihr Lanterchen angezündet und ihren Topf voll geſcharrt, und eben ſich bedanken und gehen will, ſteht der andere Kerl auf, hebt ſeine rothglühende Schürſtange gegen ſie auf und ſagt; Kommſt du . t die noch einmal, ſo drehe ich dir den Hals um!“— Bille, das iſt mir ein grober Flegel von erſter Sorte! rei Jahren einen kupfernen Keſſel abgekauft — war fir mit dem Mäulchen und hatte eine Zunge, ſo ſcharf wie ein Scheermeſſer. Wollte eben dies Mäulchen ein wenig ſpazieren gehen laſſen; aber, dachte ſie, am Ende hetzen ſie dir den Eiter⸗ biſſer(Ausdruck für böſe Hunde) auf den Nacken. Laß es gut ſein und ſag' lieber ein gut Wort:„Gott helf!“ ſagt ſie und will gehen; doch da brüllt der Hund, aber nicht wie andere, ordentliche Hunde, ſondern erſchrecklich! Da ſpringen die Kerle auf und es thut einen Donnerſchlag, daß die Bille ſchier zuſammenfällt. Das Feuer iſt aus, ihre Kohlen ſind aus, ſammt ihrem Lanterchen. Ihre Haare ſtellen ſich zu Berge. Sie betet:„Alle guten Geiſter“ — und lauft, ſo ſchnell ſie kann, heim, und als ſie in der Küche ihre todten Kohlen auf den Heerd wirft,— ſchlägt's Eins, und ſie erkennt, daß ſie nicht bei den Gondershäuſern, ſondern bei böſen Geiſtern war. In der Todesangſt eilt ſie in ihre Kammer und kriecht mit den Kleidern ins Bett und zieht die Decke über den Kopf, und betet in der größten Todesangſt alle Stoßgebete, die ſie kann aus ihrer Jugendzeit. S Als nun um drei Uhr die Dreſcher klopfen, iſt keine Bille da, und als endlich der alte Fried aufſteht und ſie wecken will, da redet ſie irre. Er geht nun hinuater und will Feuer anmachen, um die Suppe für die Dreſcher zu kochen, da die Bille ſo krank iſt. Als er aber an den Heerd kommt, wie ſtaunt er da! Der ganze Heerd liegt voll Gold, voll purem Golde, lauter doppelte, alte Schildkarline. Er weiß nicht, was er machen ſoll und woher das viele gelbe Gold iſt; aber er denkt: Beſſer iſt der Hab' ich, als der Hätt ich, und nimmt's, ſchafft's in die Kiſte und thut, als hätt' er gar nichts geſehen. WMrgens geht er zur Bille und ſagt:„Was iſt euch denn paſſirt, Bille?“ Da erzählt's die Alte haarklein und hat's hernach⸗ mals meiner Mutter ſelig erzählt und iſt nach acht Tagen geſtorben. Von meiner Mutter hab' ich's oftmals gehört.“ u Geſchwätze,“ ſagte der Steiger.„Davon ſoll der geworden ſein?“* — — 287— — „Von was dann?“ fragte ärgerlich Lehnert. Ei, der hat geſchachert wie ein Inde und tüchtig geknäuſert; hat Zinſen genommen, daß es eine Schande war. Dann hat ihm der Landſchreiber Schlüſſel in Simmern die Erlaubniß gegeben, eine Heerde Hämmel zu halten, ſo groß er wollte, und hat ihm das Geld geſchoſſen. Endlich zog er viele Bienen im Bienenberg, und das Sprüchwort ſagt:„Wer Glück hat mit Bienen und Schaf', der leg' ſich nieder und ſchlaf'!“ Als er zuletzt Schultheiß wurde, da mußte jeder Vogel, der über ſein Haus flog, eine Feder laſſen. Siehſt du, Lehnert,“ ſchloß der Steiger,„ſo iſt er reich geworden; der Spitzbubenhändel nicht zu gedenken, die er gemacht hat.“ „Ich weiß, was ich weiß!“ brummte Lehnert und wiegte den Kopf von einer Achſel zur andern. 3 „Aber Schwieger,“ hob der Stumpf an,„Ihr ſeid von der alten Geſchichte noch nicht auf das Heut gekommen. Wie war's mit dem Stollen?“ „Nun,“ hob Lehnert wieder an,„was damals in dem Stollen ſpukte, das iſt nicht ausgewandert. Vor acht Tagen kommt die Annlies in unſer Haus und erzählt, ſie habe auf dem Heimwege von Simmern Abends ein rothes Licht in dem Stollen flimmern ſehen, und drei andere Weiber haben's auch geſehen. Als ich nun auch in Simmern war, denk' ich, du mußt das Ding doch auch ſehn. Wetter noch! ich war Pfälzer Grenadier in Mannheim vier Jahre und wär' beinah Korporal geworden, wenn nämlich der alte geſtorben wäre; da dacht' ich, haſt du Kuraſch wie Einer, und fürchteſt dich vor dem Teufel und ſeiner Großmutter nicht. Geh' ich ſpät fort, und als ich das Wieſenthal heraufgehe, ſeh' ich nach dem Stollen, der freilich jetzt ganz mit Holz zugewachſen iſt— da ſeh' ich das Licht, höre darin pickeln und ſchlagen.“ „Und biſt hingegangen, wie die alte Bille?“ fragte der alte Steiger lachend.„Du warſt ja ein Pfälzer Grenadier in Mann⸗ heim, und die hatten Kuraſch, wie du ſagſt?“— 5 „Da hätt ich müſſen ein Narr ſein,“ ſagte Lehnert. t mir auf dem Weg begegnet, ſo hätt' ich ihm was anders g ———— aber ihn aufſuchen, das war nicht nöthig. Das Sprüchwort ſagt: „Mal' ihn nicht an die Wand, ſonſt kommt er hergerannt!“ Das aber laß ich mir nicht abdisputiren. Was meine Augen ſehen, glaubt mein Herz.“ „Ich wär' hingegangen!“ ſagte der Steiger. „Da wäre mein Herz ein Narr,“ ſagte Lehnert darauf.„Ich will ehrlich geſtehen, daß mir eine Todesangſt ankam, und ich heimlief, ſo ſchnell ich konnte.“ „Ja,“ ſagte darauf Stumpf,„es iſt wahr; er ſah aus wie der Tod von Ypern!“ „Ach, was!“ rief der Steiger,„laßt mir das Geſchwätze weg! Uns liegt anderes näher. Denkt einmal an das verfluchte Franzoſenvolk! Die ſind uns nahe. Was gibt's da mit uns, wenn die kommen und uns ausplündern?“ „Ach,“ ſeufzte Lehnert,„Ihr habt recht. Wenn ſie's nur nicht machen, wie 1698, als ſie die Pfalz verbrannten.“ i Viel beſſer nicht, ſagte der Steiger.„Ich kenne ſie. Bin ſelbſt als junger Kerl drin geweſen. Sie haben allezeit Deutſchland verheert. Glaubt ja nicht, daß ſie uns etwas bringen!“ 3 „Ja, du lieber Gott,“ ſagte Stumpf,„ſie haben nicht einmal Schuhe. Gewehre auch nicht.“ „Ha!“ rief der Steiger,„hätt' ich nur ein paar Regimenter guter Schützen, ich wollte ſie ſchon wieder in ihr Land jagen, daß ihnen die Lu vergehen ſollte, in die Pfalz zu kommen.“ In dieſein Augenblicke jagte ein Windſtoß das Fenſter auf. Der Mond trat hinter einer Wolke hervor und deutlich ſah man inen Menſchenkopf vor dem Fenſter. 8 Da lauert Einer!“ rief Stumpf und griff raſch hinaus, um den Lauſcher am Kopfe zu faſſen; denn Stumpf ſaß gerade unter. 3. dem Fenſter. Aber der draußen zog den Kopf zurück und eine grölende Stimme rief:„Solche Großmäuler werden die Franzoſen ſtopfen Wart's nur ab, du hergelaufener Dieb!“ lt, das iſt der Caspar, der Halunke!“ wildem Feuer aufloderte Aufſpr 3 Wohnung. — 289— Flinte greifen, hinauseilen und losdrücken, das war Eins— und war geſchehen, ehe Lehnert und Stumpf ihn hätten hindern können. Ein entſetzlicher Schrei folgte dem Schuſſe. Die beiden Männer hatten nun auch das Freie gewonnen. Der Nebel lag noch dicht auf der Erde. „Um Gotteswillen, wen habt Ihr geſchoſſen?“ rief Lehnert. „Mein eigenes Kind!“ ſprach dumpf der Steiger und taumelte gegen die Wand ſeines Hauſes! Aber in demſelben Augenblicke hörte man Utilchen's Stimme. Sie ſchrie:„Licht her, Jacob iſt todtgeſchoſſen!“ „Hört Ihr's,“ ſagte Lehnert,„Euere Util lebt, aber des Caspar's Sohn habt Ihr gemordet. Das iſt des alten Haſſes Frucht und der Zorn thut nicht, was vor Gott recht iſt! Nun macht Euch fort, ſo ſchnell Ihr könnt!“ „Die Franzoſen! die Franzoſen!“ hörte man in andern Gaſſen des Dorfes rufen und angſtvoll ſtürzten die Leute aus ihren Häuſern, nicht erwägend, daß, wären es die Franzoſen geweſen, ſie ihnen gerade entgegengelaufen wären. . Mit mehreren Laternen waren indeß Leute aus der Nachbar⸗ ſchaft herbeigeeilt. Man erkannte nun deutlich, daß Jacob, der Sohn des Schultheißen Caspar, am Boden lag. Das Blut rann ſtromweiſe und der Unglückliche ſtöhnte heftig. 53 Util kniete neben ihm. Als ſie aber das Blut ſah, ſank ſie ohnmächtig in Lehnert's Arme, der ſie in ſein Haus trug unter dem Beiſtande Stumpf's. N Jetzt zertheilte Caspar den Haufen.„Ach, mein Kind! mein Kind!“ ſchrie er außer ſich.„Der Steiger hat ihn todtgeſchoſſen! Ihr Gerichtsmänner, faßt ihn, daß er uns nicht entwiſcht!“ WMehrere Männer eilten nach des Steiger's Hauſe; ein Eilbote jagte nach Simmern, um den alten Chirurgus Heidelberger zu holen und andere Männer trugen den Verwundeten nach ſeiner Tiefer Haß und heiße Liebe ſind nicht von geſtern. Was ſo recht tief ins Herz hineingewachſen iſt, das will Zeit dazu gehabt haben. So war's mit dem Haſſe Caspar's und des Steiger's— und, daß ich's geradeheraus ſage— mit der Liebe der ſchönen Util und des Jacob, ihrer Kinder. Das Dorf, in dem dieſe Geſchichte ſich zutrug, lag an einem Bergabhange, der den Hochwald bedeckte. Die Flur dehnte ſich rechts und links neben dem Dorf aus, und vor demſelben zog ſich ein Wieſenthälchen hinab, deſſen Seiten wieder mit Wald bedeckt waren. Dort hinab führte ein näherer Fußpfad nach Simmern und ein Bächlein hüpfte, von Erlen und Weiden begrenzt, in die tiefere Senkung des Wieſenthals hinab. Das Dorf war lang. Wieſengärten, mit Hainbuchengehäge umſchloſſen, lagen meiſt zwiſchen den Häuſern. Etwa zweihundert Schritte von den beiden letzten, durch das Bächlein getrennten Häuſern war an der linken Seit des Berghangs die große Halde und der Stollen gelegen, von deſſen geſpenſtigem Weſen ſeit acht Tagen und länger das ganze Dorf ſprach.. Mit dieſem Stollen war es ſo. Von dem Dorfe ein halbe bis dreiviertel Stunden entfernt, lag ein anderes, wo ſeit langen Jahren ein Silberbergwerk betrieben wurde, ohne daß jedoch der Ertrag eben bedeutend geweſen wäre. Ein Oberbergbeamter hatte nach genauer Beſichtigung der Erzgänge nach Mannheim an vie Hofkammer berichtet, er vermuthe, daß die beſten Erze gewonnen würden, wenn man auf der andern Seite des Berges einen Stollen eintreibe. Das war vor etwa vierzig bis fünfzig Jahren Da kait denn von Mannheim der Befehl, man ſollte den uen. Leopold war damals ein junger Mann. Er dem Odenwald und diente auf dem Silberwerk als hm wurde der Auftrag zu Theil, jenen Stollen an kam ins Dorf; brachte Knappen und be — — — ₰ ſein Werk. Man verſprach ſich außerordentlichen Vortheil; aber nach jahrelanger Arbeit, nach ſchweren Koſten, gewann man die Ueberzeugung, daß Alles vergeblich ſei. Die Arbeit wurde eingeſtellt, und Niemand dachte mehr an den Stollen. Im Laufe der Zeit wuchs an der Halde Geſträuch auf, welches bald den Eingang des Stollens verdeckte. Wie überall das Volk an ſolche verlaſſene Berg⸗ werke wunderbare Mähren anknüpft, ſo geſchah es denn auch hier. Der und Jener hatte es darin rumoren gehört; andere ſahen Flammen drin— kurz, es kam ſo weit, daß ſich am hellen Tage Niemand in die Nähe wagte. Und die Geſchichte der alten Bille war vollends das Mittel, ihn zu einem Orte des Schreckens zu machen. Der Stollen war zwar außer Thätigkeit gekommen, und der Steiger hätte können an das Silberwerk zurückkehren; der blieb aber da, legte Fäuſtel und Eiſen bei Seite und wurde ein— Bauer. Das war aber kein Werk der böſen Geiſter, ſondern ein Paar blauer Augen, ſo blau wie der Himmel im Mai, hatten's bewirkt. Was können nicht ſchöne blaue Augen, zumal wenn ſie aus einem ſo ſchönen Geſichtchen heraus blitzen? Unfern von dem Stollen lagen die zwei letzten Häuſer des Dorfes. Der Bach trennte ſie, und über den Bach lag früher ein eichener Steeg, den aber einmal das Winterwaſſer mitnahm, und die Bauern meinten, das ſei ſehr gut geweſen. Kam auch kein neuer mehr dahin, ſondern die Bewohner der beiden Häuſer mußten weiter oben den Bach überſchreiten. In dem einen dieſer Häuſer, und zwar in dem auf dem linken Ufer des Baches, wohnte früher der alte Fried und ſpäter ſein Sohn Caspar, welcher nach ſeinem Geſchlechtsnamen Weierich hieß, und eben das Amt ſeines Vaters, der Schultheiß geweſen, und ſeinen anſehnlichen Reichthum geerbt hatte. In dem Hauſe oder beſſer Häuschen auf dem rechten Bachufer wohnte ein armer Mann mit ſeinem Weib und ſeinem ſchönen Kinde, dem blonden Gretchen, mit den verwettertſchönen blauen Augen. Wer das Mädchen anſah, dem war's angethan für allezeit. Die Angen aber waren's nicht alleine. Der Hunsrück iſt nicht arm n ſchönen M chen, end eich möchte faſt ſagen, es ſei kaum ein — andſtrich reicher dran. Wer das Gretchen ſah, mußte aber alsbald bekennen, daß eine ſchönere Jungfrau kaum werde gefunden werden. Sie war groß, wie alle Hunsrücker Mädchen, und kräftig gebaut; aber eine Tanne iſt nicht ſchnacker. Ihr Haar war an Farbe und Zartheit wie der ſchönſte Laubacher Flachs, und wenn es herabhing, konnte ſie ſich drauf ſetzen. Röthere Bäckchen hatte kein Herren⸗ apfel, und einen Mund hatte ſie und Zähne drin— Nein, die Kirſchen von Salzig ſind nicht friſcher und der Schnee nicht weißer. Des Fried's Caspar hätte müſſen ſtockdumm ſein, wenn er nicht geſehen hätte, welch' ein Staatsmädel da drüben aus dem Fenſter ſah. Er hatte auch keinen Waldkieſel, wo andere Leute das Herz haben— kurz er verliebt ſich in das Gretchen bis über die Ohren. Nichts begreiflicher, wie das! Man konnte nun gar nicht ſagen, daß ihm das Gretchen hold geweſen; auch nicht, daß es ihn verabſcheuet; aber lieb hatte es ihn nicht. Er war eben auch nicht ſonderlich ſchön. Mit dem einen Auge ſah er in die Brachflur— das heißt, er ſchielte mehr, als es nöthig geweſen, um die Leute im Zweifel zu laſſen, wohin er ſähe! Seine Haare waren röthlich, ſo wie die eines Kohlfuchſes, daher er auch bei dem jungen Volke dieſen Namen trug; aber er hatte Geld, war der einzige Sohn, ſein Vater war Schultheiß und der Freund des Landſchreibers Schlüſſel in Simmern, und da meinten die Alten, das Gretchen ſäße da warm⸗ Wenn man's ſo anſah, war's nicht uneben. Vater und Mutter machten nun, daß das Gretchen mit ihm ging, obwohl der alte Fried damit nicht ganz einverſtanden war; denn Gretchen war arm und erbte nur etwa acht Morgen Aecker und das Häuschen mit der Bitz, wie der Hundsrücker ſeinen eingehägten Wieſengarten nennt. Als ihm aber der Caspar erklärte, daß er, wenn er Gretchen nicht heirathen dürfe, niemals freien würde; da zog der Alte die Segel ein und ließ, wie der Hunsrücker ſagt, Gottes Waſſer über Gottes Land laufen. Was aber dem Caspar bei dem Gretch die Kohlfuchsnatur ſeiner Haare und die abweichende Rich Angen, das war ſein böſes Herz. Den Armen⸗ die an ſei „ — —— — Ernſt und ſti wie er herein — 293— Brod heiſchten, gab er harte Worte; brach Einer ein Bein, ſe lachte er; war er einmal gegen Jemanden im Zorne, ſo wurde er nie mehr gut und redete ihm in Spott, Hohn und Ernſt alles Böſe und Schlechte nach. Dabei ging er immer ſeine eigenen Wege und ſein Kopf mußte durch. Sein Hochmuth aber kannte keine Grenze. Er mußte überall der Erſte ſein, und da war er denn auch gar nicht geizig, wiewohl er ſonſt der ärgſte Filz im Reiche war. Gretchen war Vater und Mutter gehorſam, drum ging ſie mit ihm zur Muſik, wenn Kirchweihe war, und ſaß auch Abends in der „Maie“ bei ihm und galt im Dorf als ſein Schatz, und, was auf Eins hinauslief, als ſeine künftige Frau. Da wurde der Stollen angelegt und der Steiger kam ins Dorf. Er wohnte im Oberdorfe bei dem Bäcker; wo er auch die Koſt hatte und der Stollen lag unten; der Steiger war damals ſo ſeine zwanzig Jahre alt, und Jedermann ſagte; Die Sonne am Himmel muß ſich freuen, wenn ſie dem bildhübſchen Burſchen ins Angeſicht ſcheint. Er betrug ſich ſtille und brav; kartete nicht und trank nicht; aber wer mit ihm ſprach, ſagte: Das iſt ein räſonabler Menſch, und hat auch Grütz im Kopfe, daß es eine Art hat, denn er redet wie ein Buch. Wenn er Sonntags in die Kirche kam mit dem ſchwarzen Wamms und den weiten Aermeln, nebſt den blanken Knöpfen und dem kleinen Krägelein, mit der ſchwarzen Sammtkappe und dem ſilbernen Fäuſtel und Eiſen dran, dem breiten glänzenden Ledergurt und dem Leder hinten, und vornen mit der ſilbernen Schnalle; wenn er ſo kam, ſo ſchnacks, friſch und ſchön, wie kein Burſch im Dorfe, dann hätte einmal Einer die Köpfe der Weiber und Mäd⸗ chen ſehen ſollen. Der Schulmeiſter mochte den ſchönſten Walzer als Vorſpiel aufſpielen, Keine trat den Takt mehr dazu; der Pfarrer mußte tüchtig auf die Kanzelbibel ſchlagen, wenn ſie einmal nach ihm ſehen und— auf ihn hören ſollten— kurz der Steiger verdrehte alle Köpfe im Dorf, und die Burſche wünſchten ihn ſammt und ſonders über alle Berge. Das merkte er freilich nicht. m, und grüßte und dankte gar höflich und ordentlich rchte er auf die Predigt, und ging ſtille hinaus, Nun mußte er jeden Tag durchs Dorf hinab, nach dem Stollen. Erſt ging er auf der linken Seite des Baches hinab und ahnte nicht, daß drüben auf dem rechten Ufer des Baches hinter den Milchtöpfen am Fenſter die ſchönſten blauen Augen nach ihm ſpäheten. Am zweiten Pfingſttage war Muſik bei dem Bäcker. Er kam auch herüber aus ſeiner Kammer und ſah zu; aber ſeine Augen folgten nur Einer, und dieſe Eine war Gretchen. Das ſchmeichelte Anfangs dem Caspar, und als der Steiger ihn bat, ihn einmal mit dem erglühenden Gretchen tanzen zu laſſen, gab er's willig zu und war ſtolz darauf. 7 Das war ein Tanzen! Blitz und Hagel! Die flogen herum und alle Welt rief: Solo! Daß ſie allein tanzten, und die Leute ſahen mit heller Pläſir zu und meinten, das ſei das ſchönſte Paar zwiſchen Rhein und Moſel, und es ſei ſchade, wenn der und das Gretchen ſich nicht bekämen. Als ſie ſo tanzten, ſagte der Steiger:„Gretchen, warum ſiehſt du mich denn gar nicht an? Bin ich dir ein Abſcheu?“ „Ach nein!“ flüſterte das Mädchen, und wollte es einmal probiren, ob ſie ihn anſehen könne; aber ſie wurde noch röther und konnt's nicht. „Ich könnte dich immer anſehn und würde gar nicht müde,“ ſagte der Steiger,„du liebliches Kind!“ Da meinte das Mädchen, es müſſe in die Erde ſinken vor lauter Scham, daß der ſchöne Herr Steiger mit dem armen Mäd⸗ hen ſo ſpräche. Wer weiß, was ihr der Steiger noch geſagt hätte— aber der Tanz war aus und der Caspar hatte ſchon Grimm genug. Nun tanzte aber der Steiger auch nicht mehr, aber ſtand da, und ſeine Augen ſuchten immer das ſchöne Gretchen und die him⸗ melblauen Augen ſahen unwillkürlich auch nach ihm. Trafen ſie ſich aber einmal halbwegs, ſo ſchlugen ſie ſie alle Zwei nieder, als hätten ſie ſich, auf unrechtem Wege gefunden.. Am andern Morgen ging der Steiger auf des Baches hinab und ging an Gretchen's Haus Sie kehrte den Platz vor dem Hauſe. rechten Ufer den Sieg. ₰ 1 295— „Guten Morgen, Gretchen,“ grüßte er.„Haſt du ſchon die 3 Müdigkeit aus Deinen Gliedern geſchlafen?“ „Ich war nicht müde!“ lächelte Gretchen und ſah ihn an, wurde aber blutroth, als es die leuchtenden Augen des Steigers ſah und wandte ſich ab. „Ach,“ ſagte der Steiger,„du magſt mich gar nicht anſehen; was haſt du gegen mich, Mädchen? Biſt du mir gram?“ Das Mädchen ſchüttelte das Köpfchen und lief in das Haus und der Steiger ging nachdenklich über den Steg hinüber. Abends, als er zurückkam, ſah er faſt die runden, blinden Glasſcheiben durch; aber das Gretchen ſtand an der Thür und ſah durch eine Ritze und freute ſich inniglich, daß er ſo in die Fenſterſcheiben ſah, denn das galt gewiß nicht ihrer alten Mutter, ſondern ihr und Niemand ſonſt. Als er ſchon weit vom Hauſe weg war, ſah er ſich als noch einmal um.— Des andern Tages traf ſich's wieder, daß ſie das Getränke dem Vieh in den Stall trug, als er kam. Diesmal konnte ſie ihm nicht durchgehen, denn er ſtellte ſich an die Thüre und ſprach mit ihr. Nun, ſie mußte doch höflich antworten und konnte gegen den manierlichen Mann nicht grob ſein. Ueberdies konnte ſie faſt nur lächeln. So wurde es am Ende Gebrauch, daß ſie ſich Morgens ſahen; dann auch Abends, wenn der Steiger Feierabend hatte. Es war gar nicht mehr anders möglich. Nach acht Tagen ſah ſie ihn auch an, und wenn ſie lachte, ſah der Steiger auf den Mund und auf die Lippen und war ganz verzaubert. Nach vierzehn Tagen brummte die Mutter, daß Gretchen ſo lange ausblieb, wenn ſie kehrte, oder das Vieh in den Stall, oder aus ihm heraus that, und die Knappen im Stollen konnten gut ruhen vor der Arbeit und der Feierabend kam frühe.„Macht Schicht!“ ſagte der Steiger, wenn auch die Sonne noch ihre Strahlen auf den Stollen warf. Gretchen's Vater ſagte zu ſeiner Frau:„Ich glaube der Steiger hat ein Ange auf unſer Kind.“ ch glaub's faſt auch,“ antwortete die Mutter;„aber mir wär's viel li er, wenn ſie den Casper heirathete, ver ſo reich iſt — 296— und ſie ſo lieb hat.“ Der Vater zuckte die Achſeln; aber ſie wußten nicht, daß draußen, hinter dem Hauſe, wo Gretchen ihr ſelbſtge⸗ ſponnenes Tuch auf der Wieſe des Grasgartens begoß, Caspar bei ihr ſtand und ſie mit Vorwürfen überhäufte. „Du läufſtodem Lump, dem Steiger nach!“ grollte er. „Du lügſt,“ ſchmollte das wunderſchöne Mädchen.„Er kommt hier vorüber und grüßt. Soll ich unartig ſein und nicht wieder grüßen? Und wenn er mich frägt oder mich anredet, ſoll ich ihm nicht antworten?“ b. „Ja, das ſollſt du!“ rief zornig der Caspar. Gretchen richtete ſich auf und fragte:„Wer ſagt das?“ „Ich,“ rief Caspar,„denn ich will dich heirathen!“ „So?“ dehnte mit einem ſpöttiſchen Lächeln das Mädchen; „du haſt das Freien bei höflichen Leuten gelernt. ½ Heirathen,“ fuhr ſie fort,„müſſen allemal Zwei ſein.“— „Willſt du mich nicht, Gretchen?“ fragte zornig der Caspar. „Ich bin⸗ der reichſte Burſch im Dorf!“ „Und ich das ärmſte Mädchen,“ entgegnete ſie.„Da paſſen wir nicht zuſammen. Du mußt dir eine Reiche ſuchen.“ „Ich will aber nicht!“ rief er aus. 2 „So laß es bleiben!“ war Gretchen's Antwort. Sie wollte ihn ſtehen laſſen und weggehen. Da eilte er ihr nach und faßte ihre Hand. „Gretchen, ich kann nicht ohne dich leben!“ ſagte er faſt weinend. „Du haſt zwanzig Jahre ohne mich gelebt, und wirſt es ohne Zweifel auch länger können,“ erwiederte ſie. „Gretchen werde mein Weib!“ „Nein,“ ſagte ſie— und ſchlüpfte in das Haus. Sie eilte in ihre Kammer und weinte. Ach, der Caspar hatte ſie ſo lieb ſeit der Schule her, das wußte ſie, und nun hatte ſie ihn abgewieſen! Sie begriff nicht, woher ſie den Muth genommen. Vor einem halben Jahre hätte ſie ſich in Alles gefügt und wäre ſeine Frau geworden, denn ſie wußte nicht, was es hieß⸗ einen Mann lieb haben. Jetzt wußte ſie's und fühlte, d nicht lieb hatte, wohl aber— den Steiger. Ihre Eltern wußten Nichts von dem, was vorgefallen war. Am Abend kam der Schultheiß Fried und freite um das Mädchen in aller Form. Gretchen ſtand hinter dem Hauſe und weinte. Da kam der Steiger. Kaum ſah er die Weinende, als er mit einem gewaltigen Satz über die Hecke ſprang. Er legte ſeinen Arm um den ſchlanken Leib und fragte:„Warum weinſt du, liebes Gretchen?“ „Ach,“ ſeufzte das arme Mädchen,„drinnen iſt der alte Schultheiß Fried, der um mich für ſeinen Caspar wirbt, und ich fürchte, meine Eltern laſſen ſich vom Gelde bethören und ſagen Ja.“ „Und du willſt ihn nicht?“ fragte er mit klopfendem Herzen. „Ich hab's ihm vorhin geſagt,“ fuhr das ſchluchzende Kind fort,„daß ich ſeine Frau nicht werden mag.“ Er drückte ſie feſt an ſeine Bruſt.„Willſt du meine Frau werden, Gretchen?“ fragte er ſie.„Ich habe dich lieb wie mein Leben. Ich habe Brod, bin aber nicht reich. Willſt dup „Ja!“ flüſterte das Mädchen und barg ihr Köpfchen in der Schürze. Der Steiger ſprach kein Wort mehr und zog ſie eiligſt durch die Hinterthür in das Haus, und trat mit ihr in die Stube, wo der alte Fried ſaß und ſeinen Reichthum auskramte. „Bater und Mutter,“ ſagte der Steiger, nachdem er gegrüßt, „ich habe eben unter Gottes freiem Himmel mit Eurer Tochter mich verlobt. Sie hat vor Gott mir ihr freiwilliges Jawort gegeben, und ſo kommen wir, um Euren elterlichen Segen Euch zu bitten, und geloben Euch kindliche Liebe, Treue und Gehorſam.“ „Was?“ rief der Fried,„wollt Ihr Euer Kind dem herge⸗ laufenen Menſchen geben?“ ₰ Der Steiger ſagte heftig:„Ich bin chrlicher Eltern Kind; Niemand kann mir etwas Uebles nachſagen, und mein Amt ernährt Frau und Kind. Fall's ich aber Luſt hätte, es aufzugeben, ſo hab! ich geſunde Arme und Luſt zur Arbeit, und Ihr braucht mein Weib und meine Kinder nicht wegzujagen von Eurer Thüre, wie die anderen Bettler!“— — 298— Der Schultheiß ſah den Steiger überecks und ordentlich ſcheu an, als er ſo ſprach, griff nach ſeiner Kappe und ſagte:„Wenn's ſo ſteht, ſo will ich gehn und dem Glücke Gretchen's nicht hinderlich ſein.“ Aber in ſeinem Geſichte lag giftiger Spott und Hohn, als er das ſprach, und ſein Auge ſchoß giftige Pfeile auf den Steiger. In der Thüre wandte er ſich noch einmal um, und rief in die Stube:„Die fünfzig Gulden, die ich euch geliehen, müßt Ihr in acht Tagen zahlen, ſonſt laß ich Euch pfänden!“ „Die ſollt Ihr haben,“ ſagte der Steiger, und der Alte rannte hinweg wie ein Beſeſſener. „Da haben wir's,“ ſagte ſeufzend Gretchen's Vater, und das Mädchen weinte heiße Thränen. Allein nach einer Stunde vertrau⸗ * lichen Geſpräches war Alles gut, und die Alten ſegneten ihre Kinder und der Steiger drückte den Brautkuß auf die ſchönſten Lippen. Die Thränen verſiegten in den ſchönen blauen Augen, und ſie ſtrahlten ſo hell, wie droben am Abendhimmel die Sternlein. Des andern Morgens trat der Steiger in des Schultheißen Stube. „Hier bringe ich Euch die fünfzig Gulden nebſt den Zinſen von Martini bis Dato,“ ſagte er;„ſeid ſo gut und Zebt mir Quittung für meinen Schwiegervater.“ 4 „Iſt's ſchon ſo weit?“ fragte höhniſch der Alte.„Nun, es iſt gut, daß Euer Sparpfennig ſo weit reicht.“— „Laßt Euch das nicht kümmern, Schultheiß,“ ſagte der Steiger. „Es hat noch keine Noth. Seht nur zu baß Ihr die Quittung ordentlich ſchreibet.“ Der Alte ſchluckte eine giftige Rede hinunter, denn der Steiger ſtand ſo feſt und groß vor ihm, daß es ihm ſchier unheimlich im eigenen Hauſe wurde. Als er ihm die Quittung reichte und der Steiger ſie prüfte, ſagte er:„Nun könnt ihr gehn.“ „Das will ich noch etwas aufſchieben,“ ſagte der Steiger, „weil ich noch etwas mit Euch zu reden habe. Nächſten Sonnta werde ich ausgerufen, da ſollt Ihr mich in die Gem de aufnehme —— ————— Seid ſo gut, und thut das gleich.“ — 299— Knirſchend vor Wuth, holte der Schultheiß das Bürgerkuch und ſchrieb den Namen hinein, und der Steiger zahlte ſeine fünf Gulden Einſtandsgeld.„Seid ſo gut und gebt mir Quittung,“ ſagte er. Das mußte abermals der Schultheiß thun. „Meinen Feuereimer will ich morgen in Simmern holen,“ ſprach er weiter, und dann erſt ſagte er Adjes und ging. Der Schultheiß wagte Nichts mehr zu ſagen. Caspar ſaß droben in der Oberſtube und weinte und fluchte auf den Steiger. „Weißt du was?“ ſagte der Alte zu ihm,„mach's kurz und freie an des Bienenberger Müller's Ammarie, das iſt ein Staats⸗ mädel und hat Geld.“ „Ja,“ rief Caspar,„geht hin Vater und freiet; denn ich will dem Gretchen die Freude nicht laſſen, daß es mir einen Korb gegeben und dem Steiger will ich's ſchon eintränken.“ Des Müller's Ammarie war ein luſtig Ding, das gern Hoch⸗ muth trieb. Die konnte keinen armen Teufel brauchen Sie hatte längſt auf den reichen Caspar ein Auge, und nach ihm die Angel geworfen. Als nun der Alte unverhofft kam, wurd's bumms! richtig und der Caspar wurde geholt und Handſtreich gehalten noch an dem Abend und der Wein floß in Strömen und die Herrlichkeit hatte kein Maß. Als Fried und Caspar Abends ſpät heimgingen, ſagte der Fried:„Nun werdet ihr bis Sonntag mit einander ausgerufen, und der Pfarrer muß dich zuerſt ausrufen, ich will's ſchon fertig machen.“ 5 Am andern Tag war das ganze Dobf voll von der Neuigkeit. Die Frauen ſagten:„Dem Gretchen gönne ich den ſchönen Steiger. Es wäre doch eine Sünde geweſen, wenn der ſcheele Kohlfuchs das ſchöne Mädchen gefreiet hätte.“ Die Mädchen ſahen traurig drinn, denn ſie hätten alle ſelbſt den Steiger gerne genommen; aber das gute Gretchen verkleinerte Keine. 6s war aber gerade, als ſollte dem Caspar Alles ſchief gehen ALls der Schultheiß zum Pfarrer kam und fragte, ob der Steiger —— ſchon dageweſen ſei, ſagte der Pfarrer: Ja. Fried drang nun in den Pfarrer, ihm das Vorrecht zu laſſen; allein der Mann blieb bei ſeinem Grundſatze, daß in der Kirche der Schultheiß Nichts gelte, und er die Reihenfolge beobachten werde. Das war nun neuer Verdruß und ein Grund mehr, Haß auf den Steiger zu werfen, obwohl der nicht dafür konnte. Alles, was der Schultheiß und ſein Sohn dieſem oder ſeinen Schwiegereltern Unangenehmes zufügen konnten, thaten ſie, des Steigers mühſam gehaltene Ruhe brach, und in immer ſteigender Leidenſchaftlichkeit verfolgten ſich Beide. Die Jagd, die der Steiger mit Liebe trieb, die Frohnde, die Gemeinderechte— Alles gab Veranlaſſung zu Reibereien und Proceſſen, und ſo dauerte es fort, als Caspar nach ſeines Vaters Tode Schultheiß wurde. Häusliche Leiden änderten Nichts. Gretchen ſtarb und Ammarie ſtarb— die Wittwer verfolgten ſich nach wie vor, ja es ſchien ſelbſt, als wachſe der Haß mit den Jahren. Der Steiger war ſehr in⸗Rückgang gekommen durch die ſtets ſich erneuernden Proceſſe, welche ihm der Caspar anhing. Das hatte an Gretchen's Herzen genagt wie ein nie raſtender Wurm, und der Steiger ſagte es ſich und Andern: der Caspar habe ſeine Frau gemordet. Seitdem war der Steiger ſo empfindlich und jähzornig geworden, daß wirklich ſchwer mit ihm leben war. Der Stollen war noch zu Lebzeiten des alten Schultheiß Fried einge⸗ gangen und ein ſchönes Einkommen damit für den armen Steiger gewichen. Er war ein kräftiger und ein ſehr geſchickter Mann. Bisher hatte der alte Schulmeiſter den Leuten die Güter vermeſſen. Als er alt wurde, that es der Steiger, denn er verſtand die Feld⸗ meßkunſt aus dem Fundament und war ein Mann bei der Spritze, das heißt: ſir und richtig waren ſeine Vermeſſungen. Außerdem ſchrieb er alle Kaufgkte und Verträge im Dorfe, machte Erdthei⸗ ugen, und ſeine unbeſtechliche Rechtlichkeit erwarb ihm das verdiente Zutrauen aller Leute. So ernährte er ſich, baute mit zwei Kühchen ſeine paar Aeckerchen und machte keine Schulden. Bei dem Oberförſter ſtand er auch gut und half ihm in manchen Arbeiten. Auf der Jagd aber entging ihm nichts, w as er auf das dieſen unglückſeligen Haß? —— Korn genommen hatte. Der liebe Gott wachte, daß der Caspar allemal, wenn der Steiger auf die Jagd ging, nicht vor ſeine Thüre trat, denn bei dem glühenden Haſſe Beider, hätte Niemand für ein großes Unglück ſtehen können. So kamen und gingen die Jahre. Im Dorfe verlor der Caspar allen Anhang; denn ſein griesgrämliches gehäſſiges Weſen mißfiel Jedermann. Dabei war er niemals bereit, Jemanden zu dienen; indeß der Steiger bei Tag und Nacht zu Jedermanns Dienſten war. Die Kinder der 6 beiden Todfeinde wuchſen heran. Steiger's Util war der Mutter Ebenbild, ja die alten Frauen ſagten, ſie wäre noch ſchöner. Die Burſche meinten, es ſei nicht möglich, daß Jemand ſchöner ſein könne, als Utilchen. Der Caspar hatte einen Sohn, faſt gerade ſo alt, wie Utilchen. Jacob war auch ſeiner Mutter nachgeartet. Die Ammarie aus der Bienenberger Mühle war ein gar hübſches Mädchen geweſen, nur von anderer Art als Gretchen. Sie hatte ſchwarzes Haar und ein lebhaftes ſchwarzes Auge gehabt. Ihre Hautfarbe war dunkel, aber die Friſche ihrer Wangen ließ das ganz überſehen. Stolz und eitel war ſie und hätte gerne eine rechte Frau vorgeſtellt, daher ſie auch ein ſchwarzes Tuchkleid von feinem Tuch und eine ſchwarze Sammtmütze über der weißen Nebelkappe trug; aber höchſt gutmüthig war ſie geweſen und nicht ſelten kam der Fall, daß, wenn der Steiger auf der Jagd und der Caspar beim Oberamte in Simmern war, die beiden Frauen freundlich mit einander verkehrten und den Wunſch ausſprachen, daß doch wieder ein Steg über den Bach möchte gelegt werden, damit ſie und ihre Kinder leichter zuſammenkommen könnten. Sie beklagten ihrer Männer Hader, allein ſie redeten umſonſt zum Frieden— die harten Männerherzen und die eigenſinnigen Männer⸗ köpfe blieben unverſöhnlich. Als die ſanfteren Mütter zu Grabe gegangen waren, verboten die Väter ihren Kindern jeglichen Umgang. Sie bedachten dabei nicht, welch' einen Reiz das Verbotene für die Menſchennatur hat. Gerade dieſe Kinder ſuchten ſich. Als ſie zu reiferen Jahren kamen, und die Geſchichte ihrer Eltern kennen lernten, da fragten ſie ſich: Können denn wir etwa — 302— utilchen dachte: Der Jacob iſt ein biloſchöner Junge und ſo gut, daß er hinter ſeines geizigen Vaters Rücken den Armen voppelte Gaben reicht! Warum ſollt' ich ihm gram ſein? Mir that er nichts und der Pfarrer ſagt, die Menſchen müßten ſich lieben. Ich bin ihm auch recht gut. Und der Jacob dachte: Meiner Six, alle Mädchen im Dorfe, ja im Oberamt ſind doch nur Fratzen gegen das Utilchen. Was geht mich meines Vaters Hader an, der ohnehin unchriſtlich iſt? Warum ſollte ich mürriſch ſein, wenn mir das Utilchen einen guten Morgen zulächelt, daß das Herz in der Bruſt vor Freude hüpft? Aber— die Väter hatten's verboten! Daher lächelten ſie ſich heimlich zu. In der„Maie“ drückten ſie ſich wohl heimlich die Hand, und wer ſie ſah, ſagte, wie der ehrliche Lehnert, die laſſen nimmer von einander und der liebe Gott will den Haß der Väter in der Liebe der Kinder verſöhnen. Der Steiger ahnete lange Zeit nichts; wohl aber kam der Caspar dahinter. Der Jacob ſagte aber beſtimmt:„Ich bin Euer gehorſamer Sohn überall, aber nicht da, wo Ihr Haß befehlet und ich nicht haſſen kann.“ Die Liebe war tief hineingewachſen in die beiden Herzen, und ſie lernten frühe der Liebe Leid lennen. Wie oft weinte Utilchen über des Vaters Härte und Haß! Wie oft redete Jacob in ſeines Vaters Gewiſſen mit kindlicher Beſcheidenheit, Worte der Verſöh⸗ nung! Aber das waren Waſſertropfen auf eine glühende Eiſenplatte! Es blieb den Treuliebenden nichts übrig, als ſich heimlich zu ſehen und deſto treuer zu lieben, So waren ſie denn auch an jenem verhängnißvollen Abend zuſammen in dem Hauſe einer Freundin Util's geweſen, wo noch mehrere junge Leute verſammelt waren. Dort hatten ſie ſich ewige Treue gelobt; jede Verbindung wollten ſie ausſchlagen und harren, bis vielleicht der Herr die harten Herzen bräche. Endlich, als der Hirte, der zugleich Nachtwächter war, und auch bei ihnen geſeſſen hatte in der Geſellſchaft, ſich anſchickte, die zehnte Abendſtunde zu blaſen, da brachen ſie auf und gingen langſam im Schutze es Nebels daher, um zu ihren Wohnungen heimzukehren. wermuthet fiel der Schuß und Jacob ſtürzte nieder. Da —— — 303— Schrecken preßte Util einen heftigen Schrei aus. Auch um ihren Kopf ſauſeten die Nr. 0 Schrote, ohne ſie jedoch zu treffen. Jacob aber wand ſich ſtöhnend am Boden, denn ihn hatten die Schrote getroffen und der raſendſte Schmerz durchwühlte ihn. So fanden ihn die Leute und trugen ihn in ſeines Vaters Wohnung. 1II. Die Gerichtsmänner mit den Flurſchützen waren nach des Steigers Wohnung geeilt. Sie fanden ſie leer. Sie durchſuchten alle Räume; nirgends war eine Spur von dem Alten zu finden. Sein Mantel, ſeine Pelzmütze und ſeine Flinte, die alle dreie ihre unabänderlich beſtimmten Plätze hatten, fehlten. Sie zeigten Caspar an, daß ſie vergeblich den Alten geſucht. „O, der hat ſich verſteckt!“ rief dieſer in ſeiner Wuth.„Laſſet das Haus umſtellen, wir ihn gewiß fangen, oder er muß verhungern.“ Es geſchah, wie der gefürchtete Schultheiß befohlen hatte; aber die Nacht verging und keine Spur war zu entdecken. Am andern Morgen ließ Caspar jeden Winkel des Hauſes durchſpähen, aber es war Alles umſonſt, was er aufbot, ſeinen Feind zu finden. Er wax ſpurlos verſchwunden. Als aber auch nach acht Tagen der Steiger verſchwunden blieb, da ſagten die Leute: Er iſt in den Odenwald, in ſeine Heimat, wo er noch Verwandte hat, oder— er hat ſich ein Leides angethan. Wenige Stunden nach dem unſe⸗ ligen Schuſſe kam der Chirurgus Heidelberger von Simmern an. Er unterſuchte Jacob's Wunden. Die meiſten Schrote waren ihm in den Schenkel gefahren, allein einige waren auch in die Seite gegangen, und hier lag die Gefahr nahe. Zum Glücke waren ſie nicht in das Innere gedrungen. Sie herauszuſchneiden war eine ſchmerzhafte Operation. Allgemein bedauerte man den guten gacoh und trug dem Steiger herben Groll. Alle Welt ſagte, er habe abſichtlch den Jacob getroffen, weil er bei Utilchen geweſen. Caspar die — Welt voll. Ueberall wurde auf Betrieb des Oberamts nach dem flüchtigen Steiger gefahndet; aber man fand ihn weder in den nahen Oberämtern, noch im Trieriſchen und Heſſiſchen Lande, das mit Pfalz hier grenzte. Der treue Pathe Lehnert mit Stumpf hatte ſein ohnmäch⸗ tiges Göthchen heimgetragen, und hier kam ſie bald wieder ins Leben. Ihre erſte Frage war nach Jacob, ihre zweite nach dem Vater. Die Nachrichten, welche Stumpf heimbrachte, waren beruhigend über Jacob; nichts weniger aber die über den Vater, ob er ihr gleich nicht Alles ſagte. Lehnert ging und ſchloß das Haus ab, das rings umſtellt war, ohne daß er es bemerkte, denn der Nebel war, wo möglich, noch dichter geworden, als er vorher geweſen. Utilchen blieb bei Lehnert's dieſe Nacht. Am andern Tage ging ſie in ihr leeres Haus, mußte den Schmerz erfahren, daß der grim⸗ mige Feind ihres Vaters jeden Winkel durchſuchte, und blieb dann allein mit ihrem Kummer und ihren Sorgen. Auffallend war es ihr, daß Brod und Lebensmittel fehlten, die ſie noch am Mittage geſehen hatte. Sie theilte das ihrem Pathen mit. „S—t!“ ſagte Lehnert.„Sag's Niemand, Kind, ich ſehe daraus, daß dein Vater ſeine Beſonnenheit beſaß„als er entwich. Weit iſt er nicht.“ Dieſe Vermuthung wurde indeſſen wieder zunichte, denn ſie ſtreiften in den Wäldern umher, ohne ihn zu finden. Auch in den Häuſern befreundeter Lente, auf Mühlen und Dörfern in der Nähe fand er ſich nicht. Nach einigen Tagen, als Morgens Utilchen aus ihrer Kammer in die Wohnſtube trat, hatte der Wind das Fenſter aufgejagt. Sie wollte es ſchließen, da gewahrte ſie einen Zettel. Er war mit Bleiſtift geſchrieben von ihres Vaters Hand. „Kind,“ ſchrieb er,„ängſtige dich nicht um mich. Ich bin an einem ſicheren Ort; aber ich hungere. Morgen Nacht um zwölf Uhr trage hinter Lehnerts Haus einen Korb mit Brod und and Lebensmitteln, und binde oben darauf ein Deckbett von F —,— e — — Was macht der arme Jacob? Schreib's auf einen Zettel und leg's in den Korb. Zerreiße den Zettel und ſchweige!“ Das Mädchen zitterte vor Freude. Sie dankte Gott für die ſichere Nachricht von dem Vater, und eilte dann zum Pathen Lehnert, deſſen Treue felſenfeſt war. Der ſtaunte.— Er ſann nach. „Kind,“ ſagte er,„er wird doch nicht—2“ „Was denn, Pathe?“ fragte das Mädchen angſtvoll.„Er wird doch nicht in dem Stollen ſein, wo der Teufel wohnt?“ brach Lehnert heraus. Utilchen ſchüttelte ſich vor Entſetzen.„Nein, gewiß nicht,“ ſagte ſie,„mag er auch ſein, wo er will. Eher möchte ich glauben,“ ſagte ſie darauf,„daß er in dem alten Kloſter Chumbd*) einen Zufluchtsort gefunden habe. Er kennt es genau von jeher.“ „Du magſt Recht haben,“ ſagte Lehnert.„Wir wollen uns den Kopf nicht darüber zerbrechen. Er iſt in Sicherheit, das iſt die Hauptſache, und verſtändig und geſcheidt.“ Alles wurde voll⸗ bracht, wie es der Vater geboten und am Morgen war der Korb weg, ſtand aber einen Morgen ſpäter vor Lehnert's Hinterthüre, zum Zeichen, daß der Inhalt in die rechte Hand gekommen war. War das Mädchen über die Sicherheit des Vaters beruhigt, ſo war ihr Herz es doch nicht über die Lage des Greiſes, der ſo ſehr der Pflege in ſeinem hohen Alter bedurfte. Und doch hatte er nicht den Ort bezeichnet, wo er ſich aufhielt. Dieſe Sorge quälte ihr Herz; auf der andern Seite zog ſie ihr Gefühl zu dem leidenden Geliebten, und ſie durit⸗ doch nicht zu ihm gehen. Dieſer innere gequälte Zuſtand der Jungfrau wurde noch durch die Angſt vor den Franzoſen. Immer näher kam die Gefahr. Es kam die Nachricht, daß ſie nahten und die Furcht wurde mit jeder Minute größer. Endlich ſtürmte ein regelloſer Haufe dieſer wilden Rotten in das Dorf, und Plünderung war das Erſte, was ſie begannen. *) Die Ruine iſt längſt vertilgt, das Dörſchen aber enn fremden Namen n 8 . — 306— Zedoch traf dies Geſchick nur das Oberdorf. Sie mußten ſchnell zurück und ſich alſo begnügen mit dem, was ihnen zu erreichen möglich war. Eines Abends ſaßen Lehnert's mit Utilchen zuſammen. Bereits hatte es Zehn geblaſen und eben wollte Stumpf's Frau, die bei dem Mädchen in dem einſamen Hauſe ſchlief, mit ihr dorthin auf⸗ brechen, da öffnete ſich die Thür und der alte Steiger trat herein. Alle ſprangen auf.—. „Stille! Stille!“ flüſterte der Steiger, und drückte ſein weinendes Kind an ſeine Bruſt; reichte den Anderen die Hand und ſagte:„Machet das Licht aus, daß wir nicht beobachtet werden, ich habe Euch Wichtiges zu vertrauen.“ Das Licht erloſch augen⸗ blicklich. Die Thüre wurde geſchloſſen und Alle ſetzten ſich um den Steiger herum, der alſo anhob: „Ich habe ſchwere Tage der Reue verlebt, Kinder, in meiner Einſamkeit, und ich hoffe, Gott wird mir die übereilte That verzeihen und den armen Jacob glücklich geneſen laſſen.“ „Aber wo ſteckt ihr denn Cumpeer,“ fiel ihm der alte Lehnert in die Rede, der es gar nicht abwarten konnte, bis der Steiger den Schlupfwinkel nenne, der ihn geborgen vor den Augen ſeiner Feinde. 1 „Gedulde dich, Cumpeer,“ ſprach der Greis.„Ihr wiſſet Alle, welche Mähr ſich über das Geſpenſt im Stollen verbreitet hat.“— „Ich hab's geſehen!“ fiel Lehnert ein. „Weißt du, was es war, Cumpeer?“ fragte der Steiger den Geſpenſterſeher. 3 „Nun,“ ſagte Lehnert,„die Gondershäuſer aus der Hölle, wo Heulen und Zähneklappern iſt, die der Bille den Hals umdrehen wollten? Was denn ſonſt?“„Ich, Lehnert, ich war's,“ rief halb⸗ laut der Greis.„Was?“ fragten Alle im größten Erſtaunen. „Was, zum Kuckuck,“ rief Lehnert,„was hättet Ihr denn darin gemacht?“ „Das will ich dir ſägen, Cumpeer,“ nahm der Steiger wieder das Wo „Ich hab' lange vorausgeſehen, daß die Franzoſen —— — 307— kämen; und daß ſie uns Alles nähmen, das wußte ich auch. Da dachte ich, geh' hin und arbeite Nachts im Stollen. Erweitre ihn, daß er ein Zufluchtsort für dein und deiner Freunde Hab' und Gut werden kann. Wenn Ihr nun ſchlieft, ging ich hinaus, zündete mein altes Grubenlicht und fing meine Arbeit an. Ich wußte wohl, daß der Aberglauben mein Unternehmen am Beſten ſchützte, und mich vor neugierigen Beſuchern bewahren würde. Das traf Alles zu, denn wer auf den Aberglauben der Leute ſeine Rechnung ſtellt, der täuſcht ſich ſehr ſelten. Seit länger denn zwei Monaten treibe ich es ſo. Das Geſtein, welches ich losgearbeitet, habe ich aufge⸗ mauert am Mündloche des Stollens und es mit Moos beſtochen, und Süßholz⸗Stöcke hineingeſetzt, daß auch das geübteſte Ange dort keinen Eingang ſieht, der erſt an der Seite des Felſens iſt, wo eine Eichenhecke ihm Schutz gewährt. Ein Loch, das man kaum von außen ſieht, dienet als Fenſter, um Alles zu beobachten, was Außen vorgeht. Tief im Stollen und zwar weit genug, um ſicher zu ſein, iſt ein Luftſchacht aus früherer Zeit, den ich noch anlegte, dort hab' ich einen Heerd, um uns etwas Warmes zu kochen. Ich bin in dieſem Verſtecke geweſen bis jetzt und habe mich heraus⸗ gewagt, um Euch zu ſagen, daß Ihr nun Päcke machen und Alles mir bringen ſollet. Sie kommen wieder und wehe dann dem, der Nichts gerettet hat!“ Die Erzählung des Steiger's ſetzte Alle in nicht geringes Erſtaunen. Lehnert und Stumpf, eingedenk ihrer Unterredung mit dem Steiger, ſahen beſchämt zur Erde. Beide fühlten wohl, wie ſehr ſie verdienten, daß ſie der Steiger ſtrafe oder verſpotte. Nichts von dem geſchah; vielmehr gab der biedere Alte Rath⸗ ſchläge und eilte, nachdem er ſich an warmer Speiſe erquickt, wieder dem Zufluchtsorte zu, da er dem Haſſe Caspar's nichts Gutes zutrauen durfte. utilchen's Seele war beruhigt, da ſie nun wußte, wo ihr Vater war, und rüſtig begann ſie Alles, was Werth hatte, vorzüg⸗ lich die Leinwand, die ihre fleißige Mutter geſponnen hatte, zu packen. Eben ſo thätig waren die Bewohner des Lehnert'ſchen — 308—— Hauſes, und ſchon in der folgenden Nacht nahm der Steiger Alles in Empfang.. Wie ſtaunten ſie, als ſie in den Stollen eintraten! Hier ahnete Niemand eine menſchliche Wohnſtätte; hier war volle Sicher⸗ heit, wenn nicht der Verrath aus der Mitte derer ſelbſt, die hier Sicherheit ſuchten, hervorging. Es war Alles wie der Steiger geſagt; ja es war um Vieles noch beſſer und zweckmäßiger, als er ihnen es geſchildert hatte. Wahrhaft erfinderiſch hatte der alte Bergmann dieſen Aufenthalt zur Stunde der Gefahr mit Bequem⸗ lichkeiten ausgeſtattet. Die rings umher laufenden Bänke, von Steinen gemauert, waren breit genug, um als Lagerſtätten zu 41 dienen und das ſchönſte Moos bedeckte ſie. Tief in dem Raume war eine Niſche für die Lampe, damit Helle verbreitet wurde und man außen doch das Licht nicht wahrnehmen konnte. Eine Ahnung ſchien dem Steiger zu ſagen, daß die Gefahr . ſich nahe. Er drängte zur Eile und wirklich erwies ſich ſeine Vermuthung als wahr. „Von dem„ſtumpfen Thurme“ her und von der Höhe von Kirchberg kommen ſie in Schaaren!“ riefen ſich die Frauen angſtvoll zu. Wer noch etwas zu verbergen hatte, that's ſo ſchnell er konnte. „Dieſe Nacht noch kömmen ſie!“ riefen die Aengſtlichſten. Alber die Nacht ging ruhig vorüber, nicht aber der Morgen des menden Tages. Die weiß getünchte neue Kirche des Dorfes lockte die Plünderer. Man ſah die Kirche als weißen Punkt aus der Ferne mehrerer Stunden. Die Franzoſen gaben der Vermuthung Raum, es ſei das ſtattliche Schloß eines Adeligen und dorthin warfen ſich Tauſend Mann, vom General Championnet befehligt, den Punkt zu beſetzen. Lüſtern nach Raub warf ſich die Colonne dorthin und erreichte vor Mittag noch das unglückliche Dorf. Wüthend, ſich ſo arg in ihren Erwartungen getäuſcht zu haben, liefen ſie aus den Gliedern und ſtürmten in die Häuſer. Schüſſe ſielen. Das Angſtgeſchrei der Bewohner, das Fluchen und Toben der Franzoſen erfüllte die Luft. Es war eine ſinnbetäubende Ver⸗ wirrung. Ihr Vieh ließen die Bauern los und trieben es nach dem Walde, noch ehe die Feinde das Dorf erreicht hatten. — 309— Der Steiger war urplötzlich in ſeinem Hauſe erſchienen, denn noch raffte ſein zitterndes Kind Vergeſſenes zuſammen. „Fort!“ rief er,„fort, ſo ſchnell du kannſt!“ Er drängte das todtbleiche Mädchen zum Hauſe hinaus. Und als ſie weg war, riß er Thüren und Fenſter auf, warf alles alte, irdene Kochgeräthe in Scherben auf den Boden, warf Tiſche und Stühle um— und nachdem er dieſe ſcheinbare Zerſtörung angerichtet, zog er ſich nach dem Stollen zurück. Dort fand er Lehnert, Stumpf und ſeine Frau, welche auf ſeinen Rath eine ähnliche in ihrem eignen Hauſe vorgenommen hatten. IV. Wie weiſe die Berechnung des Steigers geweſen war, zeigte der Erfolg. Als die Franzoſen an des Steigers und an das Haus Lehnert's kamen und das greuelvolle Bild der Verwüſtung ſahen, verließen ſie beide ſchnell, überzeugt, hier habe bereits ein Haufe ihrer Genoſſen Alles aufgeräumt und das Unbrauchbare in Laune zerſtört. Von des Steigers Hauſe zog ein Trupp hinüber zu dem Caspar's. Den kranken Sohn ſchonten ſie, nachdem ſie ſein Bette durchſucht; aber den Alten quälten und n ſie unbarm⸗ herzig. Sie verlangten Geld. Da waren ſie freilich an den Rechten gekommen, denn er hatte allerdings Geld, mehr als irgend Einer im Dorfe; aber es herzu⸗ geben, war nicht ſeine Meinung. Umſonſt betheuerte er ſeine Armuth. Das ſchöne Haus ſtrafte ihn Lüge. Sie drohten erſt ſeinen Sohn, dann ihn zu erſchießen; aber es war erfolglos. Zetzt riß der Faden franzöſiſcher Geduld, der ohnehin nicht lange geſpon⸗ nen iſt, und zwei Gascogner machten ſich die teufliſche Luſt, den Alten mit ihren Bajonetten zu kitzeln und endlich mit dem Kolben der Gewehre zu ſtoßen, daß er ſtöhnte vor Schmerz; aber ſein Geld verrieth er nicht. Müde des Quälens im Hauſe, riſſen ſie ihn hinaus, um ihn ohne Weiteres an dem Apfelbaume, welcher — 310— den Hof beſchattete, aufzuknüpfen. Schon war Alles im beſten Fortgang, als ſich Jacob herbeiſchleppte und um Erbarmen anhielt, aber vom Schmerze ſeiner Wunden überwältigt, niederſank. Der Anblick des Leidenden, ſein Flehen, erweichte die harten Herzen der Peiniger. Jacob hielt ihnen einen Beutel dar, worin einige Thaler waren. Dies aber reizte nur die Begierde der Wütheriche. Sie ſtürzten jetzt in das Haus, um jeden Winkel zu durchſpähen. Der alte Caspar ſah ſich kaum frei, als er, ohne des bejammernswerthen Sohnes zu gedenken, nach dem Holzſchoppen lief, und dort einen Strumpf mit Geld*) unter dem ſchirmenden Holze hervorzog⸗ ihn eiligſt in der Seitentaſche ſeines Kamiſols verbarg und das Freie zu gewinnen ſuchte. Einer jener beiden Gascogner hatte ihn beobachtet, durch ein Fenſter des zweiten Geſchoſſes. Eiligſt ſetzte er ihm nach. Caspar, ſeinen Verfolger gewahrend, nahm in ſeiner Todesangſt die Richtung nach dem Stollen. Obwohl der Greis einen weiten Vorſprung vor ſeinem jugendlichen Vepfolger hatte, ſo fingen doch bald ſeine Kräfte an, zu verſagen; denn die erlittenen Mißhandlungen, die ausgeſtandene Todesangſt, die noch und jetzt aufs Neue ſeine Seele erfüllte, hatten ſeine Kraft verzehrt. Schon war der Verfolger nahe, da entſtand im Dorfe ein fürchter⸗ liches Geſchrei und die Trommel wirbelte. Der Franzoſe ſtand und horchte.— Sollte der Feind nahe ſein?— Noch einmal ſah er ſich nach ſeinem Schlachtopfer um, fuhr mit dem Gewehre an den Kopf, zielte und die Kugel pfiff dahin. Er aber, als der Greis nicht augenblicklich ſtürzte, wandte ſich nach dem Dorfe zurück. Zu dem Ohre des Franzoſen war der Schmerzruf nicht gedrun⸗ gen, den Caspar nach dem Schuſſe ausſtieß, wohl aber zu dem des Steigers, der an der Oeffnung ſtand, welche er ſelbſt zum Spähen hergerichtet. Wohl war das Schreien und Rufen aus dem Dorfe zum Ohre Sitte des Hunsrückers. Das erſparte Geld in einem Strumpfe aufzuheben, iſt eine alte —— — — der im Schachte Geborgenen gedrungen und hatte dort die Wirkung nicht verfehlt. Bleich wie eine Leiche ſaß Utilchen und Stumpf's Frau da. Die hellen Thränen rieſelten über ihre Wangen herab. Die Hände gefaltet, betete ſie um den Schutz des Himmels für die Unglücklichen. Utilchen betete hauptſächlich für Einen. Ach, hätte ſie gewußt, was dort ſich ereignet; hätte ſie den Armen, deſſen Verband ſich gelöſt, blutend im Hofe liegen ſehen, ſie wäre nicht hiergeblieben, und hätte ſie ihr Leben wagen müſſen. Die Männer ſaßen ſtille da und lauſchten angſtvoll dem fernen Tumulte. Als der Steiger den Schuß und den Angſtſchrei hörte, erkannte er die Stimme ſeines Todfeindes, des Caspar; aber zu ſeiner Ehre ſei es geſagt, kein andres, als das Gefühl des Mitleids bewegte ſeine Seele. Langſam kam das Stöhnen jetzt näher und plötzlich erſchien Caspar unfern der Oeffnung, an welcher der Steiger ſtand. Dort ſank er nieder.— Der Steiger, welcher allein wußte und wahrnahm, ſtand wie eingewurzelt. Da ſprach Caspar betend; Ach, Herr, ich fühle es, dein Arm hat mich ereilt. O vergib mir meine Sünden! O vergib mir, was ich dem armen Steiger Böſes gethan, wie ich ihm vergebe, was er meinem Kinde zufügte. Ach, daß er hier wäre und meine Thränen ſähe und mir vergeben könnte! Dieſe Worte, unterbrochen vom Stöhnen einer todtwunden Bruſt, drangen zu des Steigers Ohren, und alsbald verließ er die Oeffnung und eilte hinaus. Als ihn Caspar erblickte, fuhr er empor und ſtarrte ihn an mit Angen, die weit aus ihren Höhlen traten. Als aber der erſte, erſtarrende Schrecken vorbei war, reichte er ſeine Hand dem Steiger entgegen. „Mit mir iſt's aus,“ ſtöhnte er,„der Franzoſe hat mich gut getroffen. Steiger, könnt Ihr, wollt Ihr vergeben, was ich Euch Uebels gethan?“ Der Steiger reichte ihm ſtumm ſeine Hand. „O ſprecht nur ein Wort,“ flehte der Sterbende,„nur ein Wort der Vergebung, daß ich doch ſterben kann mit dem Pſ ihr habet mir meine uebelthaten verzets —— — — — 31 Dem Steiger pochte ungeſtüm das Herz.„Steht's ſo ſchlimm mit Euch, Caspar,“ ſagte er.„So ſterbt in Frieden, ich vergebe Euch alles Leid, alles Weh, allen Jammer, den ihr mir und meinem Gretchen zugefügt.“ „Ach Gretchen,“ ſeufzte der Caspar.„Sagt, hat ſie mir nicht geflucht, als ſie ſtarb?“ „Nein, Caspar, nein; ſie war zu gut dazu!“ „Ja wohl,“ ſagte dieſer,„ſie war ein Engel. O Steiger, erquickt meine welke Zunge mit einem Tropfen Waſſers!“ Jetzt hatten die drinnen das Geſpräch gehört, ſie liefen heraus, und utilchen ſtieß einen Schrei aus, als ſie Caspar bluten ſah. „Gretchen! Gretchen!“ rief der Caspar, deſſen Auge trübe wurde,„Gretchen, vergib mir, ich bin ja ſchuldig an deinem Tode!“ Das Mädchen zitterte. „Wo iſt Jacob?“ fragte ſie Caspar. „Ach, der liegt blutend im Hofe!“ ſagte er. Der Steiger kam und erquickte den Todfeind mit Waſſer, daß er wieder zu ſich kam. Jetzt unterſuchten Lehnert, Stumpf und der Steiger ſeine Wunde. Die Kugel war in die rechte Seite gedrungen. Rettung war unmöglich. Sie mußte die edlen Eingeweide verletzt haben. Sie verbanden die Wunde, ſe gut es ging. Der Leidende war ſichtbarlich geſtärkt.„Wo iſt Utilchen?“ fragte er. „Dort eilt ſie hinab zum Dorfe!“ rief der Steiger, voll Todesangſt. „Laßt ſie,“ ſprach Caspar.„Gottes Engel ſchützen und geleiten ſie. Meinen Jacob wird ſie ſuchen, wenn er noch lebt.“ „Gerechter Gott,“ rief Stumpf,„iſt der denn auch geſchoſſen?“ „Nein,“ ſagte Caspar.„Er wollte mir zu Hilfe eilen, als ſie mich aufhängen wollten, und da iſt er umgeſunken und hat viel — geblutet. O, die Hand Gottes hat mich ereilt!“ Stumpf lief Utilchen nach, während der Steiger, Lehnert und Stumpf's. Frau den Verwundelen in den Stollen trugen. Hier berichtete der Unglückliche die Ereigniſſe, denn das Waſſer, welches ihm der Steiger reichte, ſchien ſeine Kräfte zu beleben⸗ Während deſſen war Utilchen wie das flüchtige Reh zum Dorfe geeilt und Stumpf konnte ſie nicht mehr erreichen; wohl aber fand er das Geld Caspars, was ihm, als er ſich mühſam die Anhöhe zum Stollen hinaufſchaffte, mußte aus der Taſche gefallen ſein, ohne daß er es in ſeiner Todesangſt merkte. Stumpf verbarg es in ſeinem Rocke. Als er ſich dem Dorfe näherte, zogen die Feinde jenſeits aus demſelben hinaus. Es war ihm kein Zweifel, wo er Utilchen ſuchen müſſe. Er lief zu Caspar's Hauſe. Da bot ſich ihm ein rührendes Schauſpiel.— Auf einem Balken, welcher unter des Hauſes Fenſtern lag und als Bank diente, erblickte er Jacob, todtenbleich halb liegend, halb ſitzend. Vor ihm kniete Utilchen weinend und aufgelöſt in namenloſer Angſt. „Ach, ſtirb nicht! ſtirb nicht! mein Jacob,“ rief ſie jammernd aus,„unſre Väter haben ſich ja verſöhnt!“ Dies Wort weckte wie mit magiſcher Kraft den Ohnmächtigen. Er ſah ſie an und lächelte.„Was ſagſt du?“ fragte er, ſeine Hand matt ihr darreichend. Jetzt trat Stumpf hinzu und bekräftigte was des Mädchens Mund geſagt hatte. „Was iſt dir, Jacob?“ fragte Stumpf. „Mir iſt ſo matt, als müßte ich ſterben!“ ſagte er,„und mir war ſo wohl, als mich Utilchen weckte!“ Stumpf trug ihn auf ſein Bett, entkleidete ihn und verband ſeine Wunde wieder. Stumpf mußte ihm Alles erzählen. Als er aber von ſeines Vaters Gefahr hörte, wollte er auf und ihm zu Hilfe eilen; aber zu matt und entkräftet vom Blutver⸗ luſte ſank er zurück auf ſein Lager. 4 Allmählig waren die Bewohner des Dorfes nun zurückgekehrt mit tiefem Wehklagen über die Zerſtörung ihrer Wohnungen. Als aber vom Stollen her jetzt ein Zug kam, den Niemand ſo ſich erwartet, lief Alles, was Leben hatte, ſeines Jammers vergeſſend, ſt das nicht der Steiger?“ fragten Dieſe. fragten Jend⸗ „Iſt nicht der Verwundete Caspar? ten Andere,„wenn dieſe „Der Welt Ende muß nahe ſein,“ mein ſich verſöhnen!“ Wie ſehr aber auch die Bauern ſich wunderten, das, was ſie für unmöglich gehalten hatten, war geſchehen. Lehnert und Stumpf⸗ der wieder hinausgeeilt war⸗ und Stumpf's Frau trugen den alten Caspar in dem Seſſel des Steigers, an den ſie in der Eile zwei Stangen gebunden, und der Steiger ging neben her und hielt des Caspar Hand. Sie trugen ihn in ſein Haus zu fend war das Wiederſehen Beider. Wie ſehr aber auch andere und edlere Gepanlen Caspars Seele erfüllten, ſein Antlitz leuchtete doch cüche Stumpf das Geld in dem Strumpf, an das auf, als der ehrliche er jetzt ₰ wieder dachte, auf Jacob's Bette legte. 2 Er reichte ihn Utilchen⸗„Heb's auf Kind,“ ſagle er.„Es iſt euer Heirathsgut,“ und dann hieß er das hocherröthende Mäd⸗ chen nahe herzu treten zu Jacob's Bette, deſſen Hände der Steiger hielt, und faßte, ſich mühſam erhebend, des Mädchens Hand. „Steiger,“ ſagte er,„legt Jacob's Hand in die ihre.“ Und als es geſchehen war, lehnte er ſich zurück und ſagte: „Das iſt das Siegel der Verſöhnung!“ Noch einmal ſeufzte er tief auf. Ein Blutſtrom entquoll ſeinem Munde— und der Tod hatte ſein unverkennbares Siegel auf die Züge gedrückt Dumpfes Schweigen herrſchte; als aber der alte Steiger die Angen des Verſtorbenen zr Weinen auf. ſeinem Sohne. Tief ergrei⸗ 1 wrückte, löſte ſich das Gefühl Aller in — die 3weite Eine Hiſtorie. Durch die großen und hellen Fenſter eines ſtattlichen Hauſes am Markte zu— m blickte die Februarſonne von Anno 1838 1½ ebenſo freundlich als mild in ein Stübchen, das, mehr lang als breit, ſich neben der Apotheke hinzog, deren Thür auf die Hausflur mündete. Das Haus aber war eben die Apotheke zum Pelikan, und das Stübchen des Herrn Apothekers Wohnung. 3 Wer da glauben wollte, daß er und ſeine gewichtige Ehegenoſſin dies Stübchen aus Noth zur Wohnung gewählt, der hätte fehlge⸗ ſchoſſen; denn des Raumes war genug da in dem großen Hauſe; vielmehr kam das aus purer Pietät, und nebenbei aus alter Gewohnheit. Hier hatten die Eltern gewohnt, und hier hielt er ſich ſeit ſeiner Jugend auf, ergo blieb er da. Seine Gattin liebte auch das heimliche Stübchen, weil ſie aus dem Eckfenſter, wo ihr Seſſel auf einem Auftritte ſtand, nicht bloß den Markt, ſondern X die zwei belebteſten Straßen des Städtchens überſehen, und ohne 8 Mühe Notiz nehmen konnte von jedem neuen Anzug und dergleichen mehr, was einer ordentlichen Frau wichtig iſt. Das Stübchen war ungemein wohnlich. An der ſchönen Glanz⸗ tapete mit abgeſetzten Bouuets hingen einige alte Bilder in Oel emalt, die, längſt bedentend geſchwärzt, eben nur noch erkennen itießen, daß das eine ein holländiſches Bohnenfeſt darſtellte wit aller derben Natürlichkeit, welcher man ſo oft in dieſem Geure begegnet; das andere aber ein Viehſtück war, in dem der Bu wie auch ſonſt, prädominirte. Der Apotheker nannte m Stolz das erſtere einen Mieris, das zweite einen Klomp epräſentanten der alten Kunſt reihten ſich denn nun i — 3 3 — waren So ungefähr ſah's holländiſche Reinlichkeit auszeichnete. Zwei Perſonen gehörten zur irgen Rahmen: Les adieus ge Fontoineblenu, Rapoleon bei ſeinem Zug über den Simplon, ſeine Rückkehr von Elba und ſein Tod auf Helena, alles gute Stiche. Dazwiſchen ſah man einige Schlangen in Spiritus, in BFau de Cologne⸗Gläſern, einige ausgeſtopfte Vögel in Käſtchen, einen Schmetterlingsſpiegel und diverſe Rari⸗ täten. Ein Fortepiano ſtand darunter, das übrigens lange keine Hand berührt hatte. Ein Kanape ſtand an der gegenüberliegenden Wand, über dem eine Reihe ſchöner Pfeifen paradirte. Ein Sekretär befand ſich unfern des Fenſters, deſſen Gardinen zierlich aufgeſteckt in dem Stübchen aus, das ſich durch Staffage des Bildes. Die Eine war die Dame des Hauſes, die wie billig zuerſt genannt wird, nicht eben aus Galanterie des Erzählers, der's ſonſt daran auch nicht gerne fehlen läßt, ſondern weil ſie eben die erſte Nolle im Hauſe ſpielte und zwar durch ihr Uebergewicht in zwei⸗ facher Weiſe. Madame Rühle war eine ſtattliche Frau von fünfzig Jahren; fünf Schuh ſieben Zoll moß ſie ſo gut als einen Zoll, und wer ihr Gewicht unter zwei Centnern ſchätzte, irrte ſich um ein Erkleckliches. Sie war ſehr gutmüthig, ſehr nengierig, ſehr phlegmatiſch, daher ſehr langſamer Rede; aber ihr Wille war Geſetz im Hauſe, wie ſich das von ſelbſt verſtand! Sie ſaß im nußbraunen Tibet, im niedlichen Tüllhäubchen mit Roſaband und Blümchen gemächlich im weiten Polſterſeſſel in der Fenſterecke, grüßte hinaus die Grüßenden und war ungemein freundlich. Herr Rühle war der Zweite. ſeiner Frau gelten; denn er war äußerſt klein und dürr wie ein Strickſpieß dabei. Gutmüthig war er aber genug für den Haus⸗ gebrauch, neugierig gar nicht, und wenn ſeine Art und Weiſe mit d etwas verglichen werden könnte, ſo war es Queckſilber. affe ſein Aroma aushauchte. Sie ergriff die neuſilb b. deren Ton in die Apotheke reichte, wo eben Apothek r Schneller miſchte er die braune Mirtur f Er konnte als das abſolute Gegentheil Vor Madame Rühle ſtand jetzt eben ein Tiſchchen, auf welchem — —— 7— Jungfernleder, Gerſtenzucker oder eine Stange Storar, Rauchkerze die Feder über die Signatur, an deren Haupt der lithographirte Pelikan kunſtreich in ein großes R verſchlungen war, band ſchnell dieſe feſt, drückte den Stöpſel ein, ſchnitt den Papierüberband rund, reichte ſie dem wartenden Dienſtmädchen mit einem feinen Lobe ihrer blühenden Wangen— und flog dann, noch ehe das erglü⸗ hende Landmädchen jenſeit der Thüre war, zur Herrin, die bereits zum zweiten Male nach der Klingel reichen wollte, und das war der Generalmarſch im Hauſe. „Da bin ich ſchon, Settchen,“ rief er die Hände reibend. „Hol's der Henker, daß man den Subjecten wöchentlich einen Mittag zum Spaziergang erlauben muß!“ Mit dieſen raſch hervorge⸗ ſtoßenen Worten rückte er den Stuhl vis à vß ſeiner Liebſten, ſchlug den braunen Flaus, der jedoch in nahem Grade mit dem Rocke des bekannten Spiegelſchwaben verwandt war, auseinander und nahm Platz, indem er mit einer federkräftigen Bewegung auf den Stuhl hüpfte, deſſen Höhe keineswegs mit dem Maaße ſeiner Beine harmonirte. Haſtig ſchlürfte er die Taſſe aus, griff zur Pfeife und ſetzte ſich dann an den Sekretär, Deſſen Klappe auflag und mit einem Folianten und vielen Papieren bedeckt war. Frau Rühle nahm von dem Allen keine Notiz. Sie trank und ſah zum Fenſter hinaus. Nach einiger Zeit warf der Apotheker die Feder weg und trat mit freudigem Geſichte vor ſein Settchen. „Da!“ rief er aus.„Nun iſt das letzte Contv fertig! Morgen mag der Stößer dieſe Hundert und Eins wegtragen. Aber wann wird das Geld kommen? das wiſſen die Götter! Settchen, glaube mir, es gibt keinen unſeligern Erwerb als ſo eine vermaladeite Apotheke. Das ganze Jahr borgen, nichts als borgen; und iſt das Jahr um, ſo bekommt man erſt Nichts; muß die Conti aus dem Schuldbuche extrahiren, höflich zuſtellen und in Demuth warten, bis es den Leuten beliebt, das Geld zu ſchicken. Senden ſie es mit Fluchen, dann muß man noch dankbar guittiren, muß ertra ein Präſentchen ſchicken von Magenmorfellen, Feigen, Citronat — 30 Königsrauch, Roſenwaſſer, Benzve, Pomade, engliſch Pflaſter, Eau de Cologne und dergleichen Dingen. Bekomme ich die etwa gratis? — Leider zeigen die Defectenrechnungen von Jobſt und Wippermann das ellenlange Gegentheil. Das halt Einer in Geduld aus!“ „Laß es bleiben!“ ſagte Madame Rühle und betrachtete die Nachbarin, die Gewürzkrämersfrau, die mit einer neuen Pelz⸗ pelerine eben ausging, um den Kaffe bei der Frau Stadtpfarrerin zu trinken. Herr Rühle rückte die Brille zurecht und ſah ſeine Frau fragend an.„Mit Gunſt, Settchen, biſt du bei Troſt?“ fragte er. Ein Feuerblick traf ihn ob dieſer kecken Rede. Er ſagte mehr, als hundert Worte. Der Apotheker zwang ſein Geſicht in Lachform.„Du ſcherzeſt, Liebſte,“ verbeſſerte er honigſüß.„Du weißt, wie mächtig das Herkommen und wie gewagt es iſt, dagegen zu ſtreiten. Ich wollt' mal das Schreien im Kaſſino hören, wenn ich's unterließe? Auch ſcheinſt du gar nicht daran zu denken, wie es mir in dieſen bedenk⸗ lichen Zeitläuften darum zu thun ſein muß, mir die Gunſt des Publikums zu ſichern. Seit der philantropiſche Präſident hier war, iſt unſer trockner Landrath auch von dieſen verrückten Ideen beherrſcht, wie der überhaupt mit Confuſionen behaftet iſt. Du weißt ja noch, wie ſich der Simpliciſſimus in die Anſicht verbiſſen hat, es müſſe in einer Stadt von dreitaufend Seelen eine zweite Apotheke errichtet werden. Daß das nicht aufgegeben iſt, liegt klar vor. Geſetzt nun, es geſchähe, alle Peſt! dann ſäße ich! Der Menſch bedenkt nicht, daß hier die Leute raſend geſund ſind, unſere Luft desparat rein und unſer Waſſer übermäßig klar iſt. Seit Anno 1814 keine epidemiſche Krankheit mehr! die Cholera ließ ſich nicht blicken, und was hab' ich an der allein verloren? Ach mit Weh gedenke ich der verdorbenen Vorräthe, die ich noch, wie die verwetterten Chamillen, ſo fündtheuer bezahlen mußte! Da komme Einer auf! Erwäge nur, wenn der Zweite an der Tare abthut, ſo läuft Alles zu ihm und ich bin ruinirt.“ „Reuni-n-i-ret?“ gähnte die Apothekerin.„ — — 321— denn doch ſeltſam kommen.“„Ja wohl ruinirt,“ fuhr Rühle in wachſendem Feuer fort und rannte dabei Dampfwolken blaſend auf und nieder,„völlig ruinirt. Meineſt du denn, ich gäbe den mauſe⸗ kahlen Doctoren ſo ſüße Worte, daß jeder meint, ich venerire ihn am meiſten, wenn ich nicht wüßte, daß eine Zweite herkommt?— Ich haſſe ſie aus dem Fundamente, wie ſie ſich ſelber haſſen, und ſich doch mit Händereiben:„Verehrteſter Herr Collega“ nennen; aber man muß ſehr politiſch ſein, wenn man beſtehen will. An Erwerben iſt kaum mehr zu denken. Julchen im Inſtitute koſtet jährlich.“— „Schweig' mit deinem Gekrächze!“ rief die Dame am Fenſter, ohne daß ſie ihre Stellung veränderte. Rühle hatte den wunden Fleck berührt. Aufhören war jedoch jetzt ſeine Sache nicht. Er brach hier ab und knüpfte ſogleich den andern Faden wieder an. „Wenn ich den Tag ſechs Recepte dispenſire, ſo iſt das viel. Wie will man beſtehen?— Wär's noch die gute alte Zeit, wo die—“ „Sei ſtille!“ ſprach Settchen, und blickte mit rollendem Auge den Redſeligen an. Er kannte dieſes: Stille! und dieſen Blick. Rühle war faſt am Desperatwerden. Er mußte reden, und ſollte der Hausfriede brechen. In dieſem Augenblicke kam zur guten Stunde ein Recept. Er eilte in die Apotheke, kam aber bald wieder.„'s war nur ein Säftchen,“ ſagte er,„wie ſie leider jetzt nur vorkommen. Sieh Settchen,“ hob er an,„dir gab der liebe Gott ſo eine Fiſchnatur, die nicht aus ihrer Kälte herauskommt. Bei mir iſt's anders. Ich muß mich ausſprechen. Bei wem aber ſoll ich's, wenn nicht bei dir? Thu' mir den Gefallen und laß mich mal ausſprechen. Es brennt mir im Herzen, wie Feuer!“ Sie ſchwieg und nahm die Stellung zur Sieſta, gähnte und ſchloß das kleine Aeugleinpaar. Die Katze ſchnurrte zu ihren Füßen, der Kanarienvogel zwitſcherte, die Pendule pickte und Rühle fuhr fort: „Ja, die gute alte Zeit, als ich noch Lehrling und Subjeet war! Damals war die verfluchte Taxe noch nicht. Es herrſchte noch die Pharmacopoe von 1711, in der noch alle die Arcana — 322— und Elirire, der Tinkturen und Pülverlein wichtig waren, welche jetzt antiquirt, droben in der Materialkammer ſtehen, wo noch die complicirteſten Pflaſter gemacht wurden. Ja, da galt's noch. Die Leute glaubten und zahlten. Da kam der unſelige Hahnemann mit ſeiner Homöopathie, mit ſeinem Verdünnungsſyſteme, das unſern Profit verdünnte. Die Pharmacopoe kam, die Taxe, und aller Segen wich. Nun wirthſchaftet gar der Prießnitz und der Oertel mit ihrem Waſſer. Jeder Brunnen wird zur Apotheke und uns bleibt am Ende gar nichts übrig, als daß wir eine Waſſerſchenkanſtalt errichten und die Brunnen pachten, wobei denn doch noch die Gemeindekaſſe gewönne.“ Er ſeufzte tief auf und fuhr nach einer kleinen Pauſe in ſeiner Jeremiade fort:„Nehme ich nur eins für Viele, die Blutegel nämlich. Wär' nur der Franzoſe verdammt, der ſie ſo en vogne brachte! Ich muß ſie theuer bezahlen, wohlfeil verkaufen, dreifach ſortiren, und die Hälfte krepirt, ich mag ſie nun in Torf ſetzen oder in Waſſer. Was ich an den Beſtien verliere, mag ich gar nicht berechnen; aber mir blutet das Herz. Kommt gar ein Gewitter, ſo iſt ganz der Teufel los.— So geht's in hundert Fällen.— Du klagſt über deine Mägde, mein Settchen; Gott ſoll's wiſſen, wie mich dieſe Canaillen von Subjecten oder wie ſie neumodiſch heißen, Gehülfen, ärgern. Gehülfen? daß dich der!— Ja, die helfen, daß die Liqueure alle werden, ſie ſaufen wie die Bienen. Selbſt der Rettificatiſſimus iſt vor ihren weiten Gurgeln und durſtigen Lebern nicht ſicher. Ich könnte meine Apotheke allein verſorgen; allein ich muß ſo einen Nagel zur Todten⸗ lade haben. Da ſitzen die Herren im Medicinalcollegio, die hören die Flöhe huſten und nieſen und ſagen allemal Proſit. Kommen einem dieſe Füchſe in die Apotheke und viſitiren, dann heißt's: Defect hier, Defect da. Ich glaube, die haben's mit den Materia⸗ liſten! dann iſt Alles nicht recht. Dreißig Zimmetſorten und vierzig Chinaſorten— unter die man keine Lohe mehr miſchen kann— müſſen da ſein. Ueberdies reden ſie eine chemiſche Sprache, die der Teufel verſtehen kann. Man meint ſie ſprächen Hottentottiſch. Sie wollen tauſenderlei Apparate haben, von denen unſer Einer nichts weiß. Niemand iſt ſchlimmer als der langbeinige Medizinalrath, der Neidſack!— Der will immer, daß ich die Filtrir⸗, Deſtillir⸗ und wer weiß was für Apparate kaufen ſoll. Ja, kaufen! Wart' ein wenig! Wie dem aber ſei, kommt die Zweite, ſo muß ich dran, wie ich mich auch ſträuben mag. Das iſt der Fluch der Coneurrenz, daß ſie Einen wider Willen nöthigt, all' das verrückte Zeug mit zu machen, aus dem alten, guten und ſichern, auch lucrativen Gange zu weichen und jeder Neuerung zu huldigen, die ſo ein Windbeutel erſinnt, und die Welt voll ſchreit, wie vortrefflich ſie ſei, während ſie den Teufel nichts taugt.“ Die Apothekerin war während des Sermons ihres Gatten ſänftiglich entſchlafen. Er hatte das in der Gluth ſeines Eifers durchaus nicht wahrgenommen und mit wunderbarer Volubilität der Zunge die Qualen ſeines Herzens heruntergeſchauert. Settchen duſelte behaglich. Als aber nun ein remarcables Schnarchen ſich vernehmen ließ, wurde er aufmerkſam und zugleich kreidebleich vor Grimm. „Warte!“ fagte er mit verbiſſenem Aerger,„du ſollſt wach ———— werden.“ Er eilte in die Apotheke und holte eine Karaffe mit Salmiakſpiritus, die er ihr vor die Naſe hielt. Mit einem Schrei erwachte ſie und ihr erſtes Wort war das liebkoſende:„Eſel, was treibſt du mit mir?“ „Gottlob! Settchen, daß du lebſt! Wie war mir ſo bange! Ich meinte du lägeſt in einer tiefen Ohnmacht. Nun maule mir nicht, du ſiehſt, daß ich als Mann vom Fache daran denken mußte, * dich zu erwecken!“ So ſprach er mit heiliger Miene, die aber die Malice ſchlecht verhüllte. Rühle kannte ſeine Frau. Sie glaubte ihm aufs Wort, um nur nicht weiter nachdenken zu müſſen, und nach einer ſo heftigen 2 Gemithsüußerung war lange Ruhe gewiß. Er fuhr fort:„Sieh' liebes Kind, ich habe dir da all' mein Elend erzählt, und du haſt es am Ende gar nicht einmal gehört! O, ich armer Mann!“ „Als ob ich das nicht auswendig wüßte, wie meinen Katechis⸗ mir Julchen auch mus?“— ſprach Madame Rühle.„Darum niemals einen Apotheker heirathen. Ich weiß leider, was das heißt!“ „Du?“ rief jetzt Rühle im heftigſten Zorn, und ſtemmte beide Arme in die Seite.„Du weißt's, was das heißt? Ich will mich nicht ſelber loben, aber mein' Seel', einen ſolchen Mann hätteſt du in der Welt nicht wieder gefunden. Laß ich mir nicht Alles gefallen? Bin ich nicht die Sanftmuth ſelbſt, die Geduld und Langmuth?— Iſt mein Gelvbeutel nicht offen für jede neue Mode, ſo koſtbar ſie auch ſein mag? Bin ich nicht Stadtrath und du die Erſte Frau der Stadt nach der Bürgermeiſterin— und vor ihr, ja das ſag' ich, vor ihr; denn du biſt reich und die eine arme Hexe!“ „Sei ſtille,“ ſprach die Gattin,„ich meine nur, Ihr habet Alle ſo ein Nummer 99 im Gehirn!“— „Ha, das alte Lied, das immer„Kuckuck“ klingt!“ ſchrie er jetzt aufs Aeußerſte gebracht.„Wär's ein Wunder, wenn man närriſch würde mit ſo einem Weiben „Rühle!“ ſprach Madame, runzelte die immer noch weiße Stirn und erhob den Zeigefinger der rechten Hand drohend. Wie ſich die Wellen des Meeres legen, wenn der Sturm ausgetobt hat, aber noch lange hoch gehen, ſo brummte zwar Herr Rühle, aber der Sturm war bedräuet. „Ich weiß wohl,“ ſagte er nach einigem Auf- und Nieder⸗ rennen im Zimmerlein,„daß die Leute den Apothekern nachſagen, es rappele zu Zeiten im Capitole; allein nulla regula sine exceplione, das heißt, ſie ſind nicht alle Narren. Ich, zum Beiſpiele, mache eine ſeltene Ausnahme. Wenn's aber auch iſt, ſo ſteht es feſt, daß dies nur den Gerüchen zuzuſchreiben iſt, die unſer Einer immer einathmet. Laß mir übrigens die Apotheker in Ruhe. Es iſt mir noch keiner vorgekommen, der ein armer Mann geworden wäre, wenn er nur irgend zu rechnen verſtand. Ich hoffe, es war nur Scherz, und wenn heute ein tüchtiger Pharmaceute käme, du gäbeſt ihm Julchen gerne.“ „Nimmermehr!“ war die kategoriſche Antwort. Rühle hielt's nicht länger aus. Er rannte zur Thüre hinaus h und warf ſie hinter ſich zu, daß das Thürfenſter klirrte. dachte überhaupt nicht viel, am wenigſten in die dunkle Zukunft hinaus, von der wir Sterbliche ja doch Nichts erdenken. Die Attaque, die eben Statt gefunden, war bald vergeſſen, denn eine Bekannte, welche eintrat, gab der Scene eine andere Richtung. Auch Rühle kam zurück und bewies, daß ſein Grimm bis auf den letzten Reſt verraucht war, denn er lächelte wieder ſauerſüß. Die Freundin kam aus der Reſidenz, wo Julchen in Penſion war. Nachdem die neueſten Moden abgehandelt waren, ſagte die Dame:„Da muß ich Ihnen denn doch auch ein kleines Abenteuer erzählen. Meine Couſine nahm mich auf einen Maskenball mit. Alle Welt, was das eine Pracht war! Welche Coſtüme! Welche Züge! Welche Charaktermasken! Nie habe ich Schöneres geſehen. Wie ich noch ſo ganz vertieft im Anſchauen dieſer Herrlichkeiten daſtehe, kommt eine allerliebſte kleine Hexe von Zigeunerin daher gehüpft, nimmt meine Hand und ſagt mir Dinge, die nur Jemand wiſſen konnte, der ganz vertraut mit unſeren Verhältniſſen war. Ich geſtehe, daß mich das heillos frappirte. Endlich fällt mir's wie Schuppen von den Augen. Das war— Julchen! Ihr wunder⸗ nettes Julchen!“ „Julchen!“ riefen Vater und Mutter zugleich, hocherfreut über das Lob.„Freilich!“ fuhr die Freundin fort.„Und ſie hätten ſie ſehen müſſen, wie ihr das Coſtüme ſtand. Nein, das muß ich Ihnen ohne Schmeichelei ſagen, eine ſolche Geſtalt, ſo zart und fein gebaut und doch ſo voll und jugendlich elaſtiſch, hab'ich lange nicht wiedergeſehen. Und gar, als ſie ſich demaskirte! Sie haben ſie in einem Jahre nicht geſehen, wie ich auch; ich wette, Sie kennen ſie kaum wieder. Ein allerliebſtes Sn von zauberiſcher Anmuth umfloſſen!“ Die beiden Alten ſtrahlten vom Glanze der Verklärung. Madame Rühle hatte andächtig ihre Hände gefaltet, Papa 3 kraute ſich unter der Perücke. Die Erzählerin fuhr fort:„Mir war das Wdgen geride Ob das eigentlich Frau Rühle's Ernſt war, laſſen wir dahingeſtellt ſein. Sie w.ie ein Engel; denn nun hatte ich doch Fn aus der Heimat bei mir in dieſer großen Welt. Wie ſie mich ausfragte! aber es dauerte nicht lange; denn ſie hatte wahrhaft das Geriſſe, wie man hier ſagen würde. Sie tanzt aber auch wie ein completter Engel. Einer beſonders tanzte mit ihr am häufigſten.“— „Wer war er denn?“— fragte die Mutter in größter Spannung. „Es ſoll ein Gehülfe aus der Hofapotheke ſein“— „Daß dich der—!“ rief mit der Zunge ſchnalzend die Mutter. „Ei, ſieh''mal,“ fuhr die Freundin fort,„was haben Sie denn gegen den? Ich ſage Ihnen, es war der ſchönſte Mann auf dem Balle, der beſte Tänzer und der gewandteſte Unterhalter.“ „Seien Sie nur ruhig, werthe Frau Gevatterin,“ nahm jetzt Rühle das Wort.„Meine Frau hat heute ſo ihre Ratte. Sie meint das nicht ſo arg, als es ausſieht.“ Jene lachte,„ich denke auch;“— ſagte ſie darauf;„aber auch Ihnen bringe ich eine Neuigkeit mit. Der Landrath hat's nun durchgeſetzt, es kommt eine zweite Apotheke her, und die Conceſſion iſt ſchon vergeben.“ S Das war ein Donnerſchlag, der aufs Haupt traf. „Eine Zweite!“ rief endlich Rühle aus.„O, ich geſchlagener Mann! Wie ſoll's nun in der Zukunft gehen?“ Er rannte hinaus, um ſich Luft zu holen, denn im Zimmer wurde es ihm zu enge. „Sehen Sie,“ ſprach Madame Rühle,„ſo ſind dieſe Neun⸗ und neunziger! Wenn auch ihr Schäfchen längſt im Trocknen ſitzt, ſo meinen ſie doch, ſie müßten zu Grunde gehen, wenn das Allein⸗ recht ihnen genommen wird. Wir ſind nicht arm. Leben und Leben laſſen iſt mein Grundſatz— aber— darf keinen heirathen!“ Der Erzähler hat hier den holden Leſerinnen eine Eheſtands⸗ ſcene geſchildert, die nichts weniger als grau in Grau gemalt iſt. Er darf verſichern, daß ſie ſich haarklein ereignete. So viel als ſie zuletzt als Nutzanwendung zu der Freundin ſprach, war lange nicht über die Lippe der guten Dame gegangen, die Freundin überhob ſie auch des weiteren Redens, indem ſie den Courmacher Julchen's ſchilderte, aber auch einfließen ließ, daß Offiziere, Aſſeſſoren und andere Faſhionabilitäten ſie umkreiſt, wie die Planeten die Sonne. Die Referentin hatte wirklich geſunde Augen gehabt, und zu Julchen's Lobe nicht zu viel geſagt. Sie war wirklich allerliebſt, das mußte ihr Jedermann zugeſtehen. So himmelblaue Aeuglein ſah man ſelten, und der Himmel, den ſie bargen, war noch ſchöner und reiner und treuer. Das nußbraune Haar hob den ſchneeweißen Teint und die Wängelein ſchienen pure Roſen. Doch wozu das Mädchen ſchildern. Alle Männer riefen: Sie iſt ein Engel! und die Dandhs, Inerohablés und Muscadins flüſterten: Himmliſch! Zauberiſch! und waren dabei am Verſchmelzen. Das Inſtitut war ſtets umſchwärmt von halbſatten Lieutenants, die auf Ehre ſchworen, ſie jagten ſich eine Kugel durchs Hirn, wenn ſie ſie nicht ſähen. Julchen Rühle hatte von ihrer Mutter Ruhe, von ihrem Vater Beweglichkeit, von ihrer Mutter Kälte und vom Vater Feuer geerbt, ſo war ſie eine recht anſprechende Erſcheinung. Jedermann liebte ſie, beſonders Fritz Herbert. Neben dem Inſtitute war die Hofupothele Hier war Fritz Herbert, dort Julchen Rühle. Alle Mädchen im Inſtitute waren der einſtimmigen Meinung, der Fritz ſei der ſchönſte Junge der Stadt, und der beſcheidenſte und der beſte Tänzer, und der lieb⸗ lichſte Sänger, und der gewandteſte Guitarreſpieler und noch eine Anzahl Und's. Das war im Grunde Alles wahr und richtig, allein der Fritz kümmerte ſich um das Alles wenig, denn er ſah nur einzig und allein nach Julchen. War das der Zug des Herzens, oder der — 328— pharmaceutiſche, oder war's Galvanismus, zu deutſch: Metallreiz— denn Julchen war reich, wie auch ihr Vater verzweifeln wollte. O der argen Welt, die überall Berechnung wittert, wo doch das Herz mit dem armen Kopfe längſt davon gelaufen iſt! Nein, es war der ſtille, heilige Zug, der Verwandtes vereinte. Mit Beiden war's der uralte Gang. Zuerſt Blicke, dann Blicke mit Ausdruck, dann mit Lächeln, dann mit Erröthen— dann ſtumme Begrüßungen auf dem Balle— dann ſteife Redensarten— dann gelenkigere, dann zutrauliche Reden— dann warme— dann glühende— zuletzt: Liebe! Als die einmal da war, da war auch eine telegraphiſche Correſpondenz eingerichtet, die zuletzt einer papiernen den Platz gönnte. So ſtund's, als die Landsmännin kam, ſah, hörte und referirte. Und im Inſtitut ahnete keine Seele, was zwiſchen Julchen und Fritz vorging. Alles war ja in der Ordnung, und um Kleinig⸗ keiten kümmerte ſich die Vorſteherin nicht. Die Mutter vergaß die Sache und der Vater meinte, es ſei ſo Kinderei, wie zu ſeinen Subjectenzeiten, wo er auch Cour gemacht, und doch zuletzt ohne alle Cour ſein Settchen acquirirt, nebſt der Apotheke zum Pelikan. Während denn in der Reſidenz die par⸗ fümirten Herrn den Apotheker verwünſchten, der das ſchönſte Mäd⸗ chen der Reſidenz gekapert, trug ſich in der Aprtheke zum Pelikan in— m eine fatale Geſchichte zu. Das Subject, welches dermalen daſelbſt ſervirte, hieß Mörſer und war, ſo viel Herr Rühle dafür hielt, ein ganz traitabler Menſch, der Botanik mit Maaß und auch Chemie trieb, ohne viel zu verderben. Er beſaß die große Kunſt zu ſchweigen und zu ſchmeicheln, ſchien ein Schaaf und war ein Fuchs. Er liebte die Spirituoſa über Gebühr, beſonders den Malaga. Da nun Herr Rühle ſolchen haben mußte, jedoch ſelten anwandte, ſo ſah er nicht viel darnach. Er wußte, ſechs Flaſchen waren da und damit hollah. Eines Tages blieb das Subject über Gebühr lange in der Material⸗ kammer, wo er eben Malaga holen ſollte. Als das die Geduld des Principals ermüdete, und er hinauf lief, ſiehe, da lag Mörſer, dr Subject, toll und voll in der Stube und ſang:„ S — 329— Lebenslauf iſt Lieb' und Luſt ꝛc.“ Einen Angenblick ſtand der Princi⸗ pal betroffen, dann aber erkannte ſein ſchlauer Blick den Zuſammen⸗ hang.„Warte, du Kölner Funke, du Saufaus,“ rief er,„ich will . dir die Lieb' und Luſt aus dem Leibe treiben!“ eilte und nahm ein ſpaniſches Rohr, das da ſtand, und begann den Trunkenbold zu kielholen. Unglücklicher Weiſe war aber Mörſer einer von denen, 6 welche durch prägnante Fälle ſchnell wieder zur Beſinnung kommen. Er raffte ſich auf und tauſchte die Rolle in einer Weiſe, daß der dürre Principal Mordio! ſchrie. Die Materialkammer lag hinten ſ hinaus, wo ſelten Jemand war. So hörte ihn Niemand. Durch die angeſtrengte Arbeit war das Subject ganz zu ſich gekommen, ſtellte endlich das malitiöſe Inſtrument an ſeinen Ort, und ſprach: 1 „Verehrteſter Herr Principal, das jus lalionis, zu deutſch: Ver⸗ geltungsrecht, iſt das älteſte, wie ich ſeiner Zeit von meinem Rektor vernommen, und hatte ſelbſt vor dem moſaiſchen und römiſchen Rechte Geltung unter allen Gebildeten gewonnen, und iſt in der Regel unter vier Augen ausgeübt worden bis vor wenigen Minuten. Ich verhoffe, Sie haben, Verehrteſter, deſſen jetzt aufs vollkommenſte gefaßt, und erlauben, daß wir jetzt zuſammen in die Apotheke zum Dis penſiren ihreiten⸗ nachdem wir uns hierſelbſt beiderſeits einige Leibesübung und Pflaſterſtreichung geziemendſt vorbereitet. Billiger Weiſe laſſe ich Ihnen den Vortritt, weil ich im Vertrauen geſagt, den Nachtritt von Ihrer Seite fürchte, ſinte⸗ malen Sie ſtark echauffirt zu ſein ſcheinen.“ „Hund!“ ſchrie der Apotheker.— „Entſchuldigen Sie, Verehrteſter, ich heiße Mörſer, und habe mit dieſer Gattung, was zoologiſch feſtſteht, keine Verwandtſchaft!“ Mit dieſen Worten machte er eine Verbeugung und führte den hinkenden Principal zur Stubenthüre, der ſich umſonſt von ſeiner nervigen Fauſt loszumachen bemühte. „Aus meinem Hauſe! Fort!“ ſchrie mit den n 8 Geberden und von wutherſticker Stimme der Principal. „Sehr gütig,“ replicirte in unverwüſtlicher Laune der Gehice —330— „ich werde mir die Ehre geben, Ihr Geſchäft zu verlaſſen, werde aber zuvor dem von Ihnen ſo benannten langbeinigen Medicinalrath einige Eröffnungen über die Art und Weiſe machen, wie Sie der Taxe wohlmeinend nachhelfen, wo ſie zu beſcheiden iſt, und die Medicamente veravbeiten, damit ſie weiter reichen; auch die gebrauch⸗ ten Blutegel um halben Preis wieder nnhien damit ſie den Leuten nicht krepiren u. ſ. w.“ „Satan!“ brüllte Herr Rühle und fuhr mit der Hand nach des Subj ects Gurgel. Der aber faßte ſeine Fauſt mit Kraft und hob den Principal unter ſeinen linken Arm wie einen Waarenballen, und ſchritt behende mit ihm die Stiege hinab, ſetzte ihn dann nieder, und ging mit einem Knix in ſeine Stube, um ſein Bündel zu ſchnüren. Rühle mußte in die Apotheke, um die Mirtur zu bereiten. Hier verrauchte ſein Grimm ſo ſchnell, wie er gekommen. Er ſah ein, daß er bei der Malice des Mörſer in nicht geringe Verlegen⸗ heit kommen könne. Daher verſuchte er ſeine Frau in das Intereſſe zu ziehen; allein hier fand er taube Ohren. Der Mörſer war der Liebling von Madame nicht, denn er maltraitirte die Katze beſtändig und war nichts weniger als artig gegen ſie geweſen. So blieb denn dem Apotheker nichts übrig, als gute Miene zum böſen zu machen und das Subject freundlich zu gewinnen. hier ſcheiterte ſeine Bemühung. Mörſer lächelte kühl, zog die 2 t9jeln und meinte, nach ſo traulichen Mittheilungen, wie ſie ſich gegen⸗ ſeitig in der Material⸗Kammer gemacht, wäre es nicht gut, länger unter einem Dache zu weilen. Er ſtrich ſein Salair ein, empfahl ſich zu geneigtem Andenken und ging. Die Calamitäten Rühle's hatten durch des Gehülfen Weggang einen höchſt unerfreulichen Zuwachs erlitten, welcher durch die augen⸗ ſcheinliche Heiterkeit ſeiner Frau an Wirkung zunahm. Schnell ergingen Briefe an Commiſſionäre und Materialiſten, welche ſich, wie Rühle ſarkaſtiſch ſich ausdrückte, auch mit dieſer Nateria pec— cons befaßten, um den Defect zu decken. Nebenbei ſchrieb die an Julchen und 4 Freude,*ß d höchſten Preis. Es gab keine größere Localpatriotin als ſie. Wie es zuſammenhing, ob Julchen dabei thätig war, iſt unbe⸗ kannt; allein Thatſache war's, daß ein Pharmaceut, Namens Her⸗ bert, ſich bei Rühle meldete und ſofort engagirt wurde. Obgleich ihm das Herz blutete, die Hofapotheke und mit ihr Julchen's beglückende Nähe zu meiden, ſo zog Fritz Herbert doch aus der Reſidenz ab, und manche kluge Leute wollten bemerkt haben, daß ſein Ausſehen ganz eigen unternehmend geweſen. Eines Tages rollte denn vor der Apotheke zum Pelikan in— m ein ſtattlicher Miethwagen an, hinter dem ein ſchwerer Koffer auf⸗ geſchnallt war; aber keine Herbarien⸗ und Mineralien-Kaſten. Daher glaubte auch Frau Rühle, es ſei ein Beſuch, und der Apo⸗ 3 theker erwartete nichts weniger, als einen Gehülfen. Dennoch ſtieg ein blühend ſchöner, junger Mann aus dem Wagen, trat in die 1 Apotheke und ſtellte ſich als den Gehülfen Fritz Herbert vor; daß 1 er aus der Reſidenz kam, konnte natürlich nicht verſchwiegen bleiben, wie auch, daß er in der Hofapotheke conditionirt habe. Herr Rühle ſtellte ihn ſogleich ſeiner Frau vor, welche die Complexion und die Manieren des Herrn Herbert ſehr angenehm fand, und beſonders beifällig bemerkte, wie er ihren Liebling, Freund Murner, gar gutmüthlich auf dem Kopfe krauete, der höchſt amüſant zu ſe begann und mit urkräftigem Behagen den dicken Schweif an dem neuen Gönner rieb. Das war ein mächtiger Schritt zur Gunſt der Dame!— Ueber Tiſch ſprach Herr Herbert mit beſonderer Salbung von der ſchönen Lage der Stadt— m, wie er ferner ſo Vieles von den liebenswürdigen Bewohnern und ihrem geſelligen Verkehre vernom⸗ men und dergleichen. Das klang wie Muſik in den Ohren der Madame Rühle, denn ſie war nie weit über das Weichbild der Vaterſtadt hinausgekommen. So galt ihr denn Alles hier den kam dieſer charmante Menſch direkt aus der Reſidenz, wo doch das Paradies ganz in der Nähe war, und fand— m ſo ſch war ein Schritt weiter in der P Si mußte und das Geſicht in der Serviette barg. Penſionnärin Julchen war, und lockte Herbert's Meinung heraus. Er lobte die Anſtalt, und pries die Weisheit der Eltern, welche dort ihre Töchter bilden ließen. ½ Settchen's Antlitz leuchtete wie der Vollmond in einer kalten Winternacht. „Wir haben auch eine chte in dieſem Inſtitute,“ ſagte ſie mit einer Selbſtzufriedenheit, die ein Blinder ſelbſt im Tone der Rede wahrgenommen haben würde, und mit beſonderm Nachdruck. Herbert fragte ühe„Sie?“ Madame nickte.„Kennen Sie die Mädchen?“ fragte ſie⸗ „Gewiß! Von Anſehen!“ war Herbert's Antwort. „So rathen Sie'mal!“ Herbert ſann; ſah Madame Rühle und ihren heute ſehr ſchweig⸗ ſamen Gatten nachdenklich an, und hob dann an: „Sie Beide haben braune Haare, blaue Augen.— Aha— jetzt fällt's mir ein, und die Aehnlichkeit fällt mir frappant auf, gewiß die allerliebſte Brünette, die allen Herren ſo außerordentlich gefällt? Ich glaube, ſie heißt—“ „Julchen!“ fiel Frau Rühle ein. „Richtig! Sie glückliche Mutter! Julchen iſt das Ideal der Dichter! Es regnet Sonnette auf ſie im Wochenblett.“ ℳℳ 6 „Was Sie ſagen? Ei der Tauſend!“ bemerkte ſelig lächelnd Madame. „Ich verſichere Ihnen! Aber wie kann das auch fehlen? Sie iſt ſchön wie ein Engel!“ Frau Rühle erröthete vor Seligkeit und Rühle rückte vor Luſt auf ſeinem Stuhle hin und her. „Aber,“ hob ſie endlich an,„man ſagt, ſo ein— Gehülfe aus der Hofapotheke mache ihr die Cour. Iſt das wahr?“ „Wüßte nicht,“— entgegnete Herr Herbert, dem in dieſem Augenblick etwas in die Sonntagsgurgel kam, daß er bedeutend 1 klopfte iu ieiri wacker wiſcſe die 333— Geſpräche eine andere Wendung und bald wurde der Tiſch auf⸗ gehoben. Ein netter Menſch, wahrhaftig!“ ſprach mit Lächeln Frau Rühle;„wie der artig ſein kann, und was der einen richtigen Blick hat!“ erkennt ja doch gleich aus meinen Zügen meine Tochter!“ Sie ſetzte ſich in den Seſſel in der Fenſterecke, ſchlürfte ihr Täßchen, und ſank in ihre Sieſta, während Herr Rühle mit Herbert die Runde in der Materialkammer, Apotheke und Labora⸗ torium machte., „Ich geſtehe, verehrter Herr Principal,“ hob Herbert an, als Beide wieder in der Apotheke waren, daß ich noch in keiner Apotheke ſervirte, wo ſolche Eleganz, ſolche Ordnung, ſolche Fülle aller Medicamente und Stoffe, ſolche Vollſtändigkeit im Laboratorium geherrſcht hätte, als bei Ihnen. Selbſt, im Vertrauen geſagt, in der Hofapotheke ſieht's ſo nicht aus!“ 5 „Was Sie da ſagen! Der Herr Hofapotheker iſt ja doch der Tertius der Viſitatoren, der's alſo überall am beſten haben ſollte.“ „Nun, Sie wiſſen doch, daß es leichter kritiſiren iſt, als beſſer machen?“ verſetzte Herbert. „Freilich!“ fiel Rühle ein;„aber da hat er mir Sachen ver⸗ worfen, wie z. B. die China—“ „Die er ſelber nicht beſſer führt,“ ergänzte Herbert.„Glauben Sie mir, in der Hofapotheke thut der Name Alles. Wüßten Sie, was ich weiß.“— „Glaub's wohl,“ ſprach Rühle.„Es mag auch als ſo wenig kauſcher ſein als bei andern Leuten. Item, es geht ihn an.“ Dies Geſpräch würde noch fortgedauert haben, wenn nicht Herr Herbert noch eine Beſtellung zu machen gehabt hätte. Er empfahl ſich alſo nur auf ein Viertelſtündchen.— Sein Weg ging aber gerade zu der Freundin, die Julchen auf dem Maskenballe fand, und die er dort ſelber kennen gelernt. Er brachte ihr einen Brief von Zulchen's Hand.— Beim Abſchiede verſicherte ſie ihn, ſie werde ihn durchaus nicht kennen, und Herbert kehrte froh jn das Neſt ſeines Pelikans zurück, wo er ſogleich hinter — 334— ven Receptirtiſch trat, und Herrn Rühle dringendſt bat, derweile ſein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen. Daß er auch hier einen Stein im Brette hatte, war entſchieden. Rühle fragte Settchen:„Wie„ gefällt der Menſch doch? n* Ihre Antwort war nur ein bedeutſames Nicken mit dem Kopf. „Er macht'mal eine Ausnahme von der Regel;“ fuhr Rühle fort. „Nr. 98,“ ſagte Madame Rühle und lächelte ſathriſch. Der Gatte ſchlang haſtig den Stich hinunter und ſchwieg; aber die Dampfwolken, welche er blies, zeugten genugſäm, wie es im Innern wogte, wie ſich ein Jornado nahe. Der Eintritt eines Fremden änderte jedoch die Scene.„. Es war ein Mann von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, hoch gewachſen, von feſter Haltung und determinirtem Ausdrucke der Züge. Sein Gruß war kurz, doch verbindlich. „Ich heiße Ausſtecher,“ ſprach der Fremde,„und bin ein College von Ihnen, verehrter Herr Rühle, und zwar in nächſter, lokaler Beziehung, denn ich habe die Conceſſivn für eine zweite. Apotheke hierſelbſt. Ich wollte mir indeß nicht verſagen, Sie zu begrüßen und den Wunſch auszuſprechen, künftig mit Ihnen freund⸗ lich zu verkehren.“ Rühle wurde bleich wie Kreide, und es war ihm, als griffe der Tod mit eiskalter Hand an ſein Herz⸗ und preſſe es zum Zer⸗ ſpringen; allein was war zu thun? Sollte er dem— gegenüber eine Blöße geben? Durfte er, wie auch das Herz blutete, die Urbanität bei Seite ſetzen? Er zwang den Schmerz hinunter bis in die tiefſte Tiefe des Herzens und ſtellte mit freundlichen Worten ſeine Frau vor, indem er in ſauerſüßen Redensarten des Collegen Erbieten annahm. Beide waren bald in ein Fachgeſpräch vertieft, das Madame Rühle zu einem fatalen Gähnen trieb. Allgemach nahte jedoch das Geſpräch wieder ihrem Ideenkreiſe; denn Herr Rühle fragte liebevoll:„wo der Herr College denn ſei 4 Apotheke errichte würde?“ 8 330— „Ich habe das ſchöne Haus, Ihnen vis à vis, gekauft von den Beutler'ſchen Erben,“ verſetzte der lakoniſch.„Es liegt vortrefflich⸗ wie das Ihre, mitten in der Stadt, ſo zu ſagen, im Herzen der⸗ ſuben, wo der Pulsſchlag des Verkehres, beſonders, wie ich mir habe ſagen laſſen, an den Wochenmärkten, recht lebendig hüpft. uebrigens,“ fuhr er fort,„werde ich das Geſchäft einrichten, es etwa ein halbes Jahr ſelber führen, und es alsdann einem Neffen übergeben, der mein Erbe, ein eminenter Apotheker und wahrhaft gelehrter Chemilus iſt. Der mag dann ſein Glück in Gottes Namen verſuchen.“—„Sein Glück!“ lächelte zweifelhaft Rühle, währens er im Innern wünſchte, daß Onkel und Neffe da wären, wo der Pfeffer wächſt;„glauben Sie, daß in einem Neſte, wie das unnſerige, ein Glück zu machen ſei? Ich ſage Ihnen, daß es gut geht, wenn zwei bis drei Recepte im Tage kommen, und der Hand⸗ verkauf iſt, Gott ſei's geklagt, ſeit das vermaledeite Groſchen⸗ und Pfennigſyſtem herrſchend geworden, auch auf beinahe Null reducirt. So ſteht's bei mir allein. Wenn nun gar Zweie da ſind— wie wird's da gehen?“— „Seien Sie ohne Kummer,“ verſetzte der Herr Ausſtecher⸗ mein Neffe iſt ein Mordburſche, der Dampfchocolade macht und 3 Punſcheſſenz deſtillirt trotz dem Selner in Düſſeldorf. Der bringt ſſeine Apotheke in Flor“ Das war eine Rhabarberpille! Mit ſourer Miene wurde ſie von dem Apotheker zum Pelikan verſchluckt. Er zuckte die Achſeln.—. 3 „Zweifeln ſie nicht,“ fuht Jener fort:„Die Concurrenz iſt“ heilſam. Ich bin überzeugt, daß Sie und wir die beſten Geſchäfte machen werden.“ „Ich zweifle ſehr,“ ſprach, bebend vor innerer Erregung, „So?“ fragte Ausſtecher.„Wie viele Aerzte ſind denn hier?“ „Drei, daß ſich Gott erbarme, und ein vierter wird täglich rwartet. Dabei pfuſcht der Wundarzt erſter Klaſſe, und. Sulra ve der Abdecker oder Waſenmeiſter, wie auch beide Ammen hieſig Stadt in ſehr frequenter Art.“ 6 „Vortrefflich! Je mehr Aerzte, je mehr Kranke!“ rief Aus⸗ ſtecher.„Glauben Sie mir, das iſt eine alte Erfahrung, die werden ſich nun in die Apotheken theilen, auf einander ſchimpfen, wie überall, und deſto mehr in den Häuſern herumlaufen. Es wird ſich machen. Man muß ſich nur mit ihnen halten; Jedem artig und zuvorkommend ſein, feine Liqueure ins Haus ſenden und Einem die Recepte des Andern heimlich zeigen, und auf die chemiſchen Inconvenienzen aufmerkſam machen; denn Sie wiſſen, liebſter Herr College, daß es mit der Chemie bei den hochgelehrten Herren nicht ſo fürtrefflich zu ſtehen pflegt, daß ſie häufig Dinge in die Mir⸗ turen miſchen, welche ſich gegenſeitig aufheben. Nun, man weiß das ja hinlänglich. In Summa, es gibt Mittel genug, eine Apotheke in Aufnahme zu bringen— und die verſteht mein Neffe aus dem Fundament!“ Er empfahl ſich jetzt und bat um Erlaubniß, bald wieder kommen zu dürfen. Rühle ſank erſchöpft in ſeinen Stuhl. Das war zu viel für einmal. Das ſchönſte Haus der Stadt, ſchöner als der Pelikan, groß, geräumig, prachtvoll— es war in der Hand dieſes Broddiebs, wie er den Collegen jetzt nannte. Der war reich, und, was mehr als Alles für ihn war, er hatte mit ſeltener Offenheit ſich über die 1 Art und Weiſe ausgeſprochen, wie man eine Apotheke en vogue bringen könne— und— kannte dieſe Wege genau. Kalter Schweiß bedeckte ihn am ganzen Leibe. Settchen ſaß ruhig da und ſchien ſich ſelbſt an der Angſt ihres Gatten zu weiden. Sie lächelte und ſagte:„Häng' dich nur nicht auf, Rühlchen! denke nur, daß du lang genug Hahn im Korbe warſt, und reich geworden biſt, wie ein Kröſus. Laß den Zweiten 4 auch mal Etwas gewinnen.“ „Auch du noch!“ rief er mit Pathos aus und rannte zur Thüre hinaus, um im Freien ſich in Monologen Luft zu machen, dd es im Dialog nicht ging. Der Gehülfe trat herein und bat ſich die Erlaubniß aus, auf dem Fortepiano ſich erluſtiren zu dürfen. Frau Rühle geſtand das gar gerne zu, denn ſie liebte die Muſik, beſonders Strauß'ſche und Lannerſche Walzer. Dabei hatte ſie ein Recept ſandte. noch einen beſonderen Grund, ſie duſelte nie beſſer, ſüßer, ſan und träumte nie wonniger, als wenn eben Walzer ihren einwiegten. Sie bewegte ſich dann leiſe im Takt und entſ merte ſanft. So auch jetzt. Herbert, der das wohl einſah und ſich überhaupt auf ſeinen Vortheil verſtand⸗ ſetzte ſich nun jeden Mittag au das Inſtrument, und handthierte auf demſelben ſo lange herum, bis ein Kakodämon Selbſt den böſen Geiſt, der Rühle'n, wie einſt den König Saul, beſchlich, ſeit die Zweite gewiß war, beſchwor öfters der fingerfire Gehülfe; denn auch er theilte den Geſchmack ſeiner Theuren, und überhaupt des muſikliebenden Theils der Einwohner von— m an Walzern und ſchottiſchen Tänzen. Jener beſagte böſe Geiſt nahm aber mehr und mehr überhand; denn da drüben, wo der coloſſale Mohr über der Thür auf das Schild deutete, deſſen Raum bloß ke“ führte, ohne den Namen des die Inſchrift„Mohren⸗Apothe Beſitzers zu nennen, da drüben hämmerte der Schreiner, pinſelte der Lackirer, kurz, alle Handwerker entwickelten ihre Kunſt, das Haus von außen und innen zu einem wahren Palais herauszuſtaffiren. Rühle war ganz außer ſich; denn er ſah den Broddieb vor der Naſe, ſah den Mohr, der die weißen Zähne fletſchte, als wolle er höhnend ihn foppen, oder den alten Pelikan, der nun ſchon ſeit hundert Jahren ſeine Jungen fütternd in die eigene Bruſt biß, aus ſeinem Neſte treiben. Der Mann ging ſichtlich zurück. Sein Auge war trübe und ſeine Farbe ſtrich über ins Gelbe, und zwar der Art, daß man ſah, es war ein entſchiedenes Gallenleiden. Zuletzt half auch Herbert's Spiel nicht mehr, denn er wurde auch gegen ihn ver⸗ ſchloſſen und finſter, ja es ſchien, als hege er Mißtrauen. So war es wirklich, wie es ſich in des Prinzipals eigenen Worten ausſprach. F „Settchen,“ rief er einſt, als Herbert ſeinen freien Nachmittag genoß,„Alles vereinigt ſich, um mich unter die Erde; chaffen. Beſtelle den Sarg, es iſt aus mit mir.“— 34 Ruhe die Gattin;„du kannſt das am beſten ſelbſt; ich kenne doch in dem Artikel deinen Geſchmack nicht?“— „Muthe mir doch das nicht zu,“ ſprach mit unerſchütterlicher Rühle biß die Zähne auf einander.„Willſt du mich noch ſchneller ins Grab bringen?“ fragte er giftig.„Biſt du im Bunde mit dieſen Nägeln zu meiner Todtenlade?“— „Wer ſind die denn?“ fragte ſie. „Du zuerſt, dann der vermaledeite Ausſtecher und— das Subject!“ war ſeine zornige Antwort. „Das Subject, der Gehülfe— Herbert?“— fuhr mit Erſtaunen Madame zu fragen fort.„Was thut dir denn der ſeelen⸗ gute Junge. Ich ſage dir, Rühle, dir raſt einmal wieder Nr. 99 im Kopfe herum; aber den guten Jungen laß mir aus dem Spiele, den nehm' ich in meinen Schutz, und wer ihn antaſtet, taſtet mich an!“— „Das fehlt noch,“ jammerte Rühle,„nun nährt ſie 6 Schlange noch.“— „Die Schlange!“ rief Frau Rühle und richtete ſich empor, als wolle ſie wie eine Juno den Wurm niederſchmettern, der es wagen ſollte, ihr gegenüber zu treten. Rühle zog ſich gegen die Thüre beſcheiden zurück, und wieder⸗ holte aus ſich'rer Ferne:„Ja, die Schlange, ſage ich!“ Madame Rühle das Manövre, das ihn ſalviren ſollte, und mußte lachen.„O, dieſe 99r!“ rief ſie.„Geh' mal her und ſprich dich aus!“ „Iſt nicht von Nöthen,“ ſprach Rühle, und behauptete ſeine Stellung—„ich kann von hier aus eben ſo gut mein Elend klagen, als bei dir; aber das ſag'ich dir, der iſt eine Schlange. Der Stößer erzählt mir, daß er heimlich mit dem Auslec dem Spitzbuben, verkehrt.“ „Schäme dich,“ grollte Madame, du dem jungen Manne zumutheſt, grob gegen Herrn Ausſtecher zu ſein, der ſich a jeden Zunftgenoſſen anſchließt.“ „Was?“ rief der reizbare Rühle,„Zunftgenoſſen. 336— Apotheker ſind keine zünftige Handwerker! Unſer Gewerbe iſ 9 Kunſt, und du, die Frau eines Apothekers, ſollteſt das . wiſſen.“ t „Nühle, Rühle, dir iſt der Teufel der Bosheit unter deine Perücke gefahren. Geh', nimm ein niederſchlagend Pulver, ſammt einer Blutreinigung, die Galle iſt dir ins Geblüt geſchlagen.“ Er 5 rannte hinaus und warf die Thüre zu, dieſe ſpottenden Reden griffen ihm ins Herz hinein. 3 1II. Solcher Scenen gab es indeß immer mehr. Es war in der That mit Rühle nicht wohl mehr auszukommen. Je ärgerlicher ihm der Gehülfe wurde, der ihm übrigens Alles that, was er ihm nur im Auge leſen konnte, deſto höher ſtieg dieſer in der Gunſt der Madame Rühle. Er hätte ihn ſchon gerne entlaſſen, wenn er es gewagt hätte; denn nie hatte ſich ſeine Frau ſo für einen Gehülfen ausgeſprochen, und nie ſaß einer ſo feſt in ihrer Gunſt. Wenn ihm dieß ſchon Lebensüberdruß bereitete, ſo mußte der noch ins Ungeheure wachſen, da die Mohrenapotheke täglich ihre Herr⸗ lichkeit in größerem Maßſtabe entfaltete. Des Beſitzers bedeutende Geldmittel liehen der Arbeit Flügel. Es war noch nicht halber Mai, da war Alles fir und fertig. Ausſtecher fand ſich eines Nachmittags nach der Sieſta ein.— Der Mann war überſelig. Er bat ſich die Ehre aus, daß Herr und Madame Rühle ſein Haus und ſeine Apotheke ſähen. Dem war nun freilich auf ſchickliche Weiſe nicht auszuweichen. „O wie manchen ſauern Apfel muß ich anbeißen!“ ſeufzte Rühle in ſich hinein, und fluchte alle Wetter in Ausſtecher's Magen. Wie ſauer aber auch der Herr College die Miene zog, ſehr er ſich mit Unwohlſein entſchuldigte, es half nichts. Ausſtecher ließ nicht nach mit Bitten. Zu des Geängſteten größten Schrecken, ſtellte ſich ſeine Frau nun auch auf Ausſtech denn ſie drückte ſchon die Neugierde, das Haus zu ſehen, von deſſen innerem Schmucke die Damen der Stadt nicht genug zu reden wußten und die Mutter laut glücklich prieſen, welche ihre Tochter einſt an den präſumtiven Univerſalerben des ſteinreichen Ausſtecher's verheirathen könne. Unter allerlei Vorwänden waren ſie ſchon eingedrungen und es ſchien, als ſehe es Ausſtecher nicht einmal ungerne. So war denn die Neugierde der Madame Rühle geſtachelt und geſpornt worden und hatte eine mächtige Stärke erreicht. „Mach' keinen Sprenzpfeffer, Rühlchen,“ ſagte ſie mit unge⸗ mein gewinnendem Tone,„und komm!“ Das war unwiderſtehlich. Nühle ſchlich die Stiege hinauf, zog ſeinen Bratenrock an und ſchritt denn den bittern Weg über den Markt hinüber. Der Mohr fletſchte noch höhniſcher die Zähne, als er es, von drüben geſehen, that. Es drückte Rühle'n faſt die Gurgel zu und das Herz ab. Die Thüren öffneten ſich endlich und ſie traten ein. Man hatte nicht zuviel geſagt. Hier herrſchte verſchwenderiſche Pracht. Solchen Lurus hatte die gute Stast— m noch nicht geſehen und Frau Apotheker Rühle meinte, ſie ſei in dem Palaſte des Geiſterkönigs, der den berühmten Diamanten beſaß. Dieſe Apotheke! Nein, das mußte ſelbſt Rühle zugeſtehen, ſie ließ, was Eleganz und Solidität betraf, nichts zu wünſchen übrig. Was ihn aber faſt zuſammendrückte, war das Laboratorium; denn dort ſtanden alle die Apparate wirklich aufs herrlichſte, von denen die Viſitatoren ihm ſo oft ſchon die Ohren vollgeorgelt. Er ſah ſie zum erſten Male, aber er that, als habe er ſie längſt gekannt, wie ſie Dingler's polhtechniſches Journal geſchildert. Als er aber die Preiſe hörte, da tanzten alle dieſe Apparate wie Höllengeiſter um ihn herum, und es ſchwindelte ihm ſchier. Frau Rühle drängte, aus der Nähe dieſer Retorten und Kolben, Tiegeln und Mörſer zu kommen. Selbſt Rühle wollte weg denn es wurde ihm mit jedem Momente zu Muthe, als ſehe er ſchon ſein Gold zum Schornſteine hinauslaboriren, da er jetzt all vieſe Apparate ja auch kaufen mußte. Ausſtecher gab nach, u endete die pharmaceutiſche Tortur des Collegen, die bei den 6 a tiegeln begonnen hatte. Zetzt trat man in die Küche. Hier ſchien die Hausfrau tereitz geſchaltet zu haben, ſo! blinkte und glänzte Alles, ſo vollſtän war das Geſchirre, ſo nett, ſo ſchön. In den Stuben übertrafen Tapeten, Böden, Spiegel und Geräthe Alles, was das kleine aber ungemein ſcharfe Auge der Madame Rühle bis jetzt erblickt. Und gar als ſie in den Salon traten!— da dampfte in Meißner Porzellain der duftende Trank Arabiens und der Tiſch bog ſich von köſtlichem Backwerk. Je mehr Ausſtecher bei Rühle verlor, deſto höher ſtiegen ſeine Fonds bei Madame. Das iſt ein Mann, der Welt hat, dachte ſie; ein vortrefflicher Mann! Ueberdieß führte er die koloſſale Figur am Arme in allen Zimmern herum, wiſchte ſich den Schweiß ob der ſchweren Arbeit, aber muckſte nicht, ſondern erſchöpfte ſich in den eleganteſten Redensarten, wodurch Madame wahrhaft echauffirt wurde vor Vergnügen. Mit der gewandteſten Artigkeit führte ſie Ausſtecher zum 1 Ehrenplatz, und bat ſie ſo zart, die Ehre des Hauſes zu vertreten, daß es alle Nerven der Glictichen in harmoniſche Schubgungen verſetzte. Mit Grazie ſervirte ſie den Kaffe. Und als ſie nun ſo traulich zuſammenſaßen und Frau Rühle 5 auf beiden Seiten kaute, meinte Rühle, um doch auch mal Etwas zu ſagen,„es fehle hier jetzt nur noch der rechte Hausſegen(er ſeufzte tief auf, unterdrückte jedoch den Verräther) nimlich die ſinnig ordnende, reinlich waltende Hausfrau.“ „Für mich iſt Spiel und Tanz vorbei,“ deklamirte komiſch Ausſtecher;„allein der eigentliche Beſitzer iſt ein Burſche von vier und zwanzig Jahren, der Sand Ihrer Anſicht iſt, Herr Se „Nun da iſt ja die Sorge teicht gehoben;“ meinte Rühle. „Da irren Sie, Wertheſter; darf ich Ihnen im Vertrauen mich äußern, ſo hat er eine vertraute Bekanntſchaft mit einem — ——— ichen, als vortrefflichen Mädchen; allein man ſagt, die Mutter einen ſehr entſchiedenen Widerwillen gegen Apotheker—“ Die Närrin!“ plumpſte Rühle heraus, bei dem die Amts⸗ uund Standes Ambition einen hohen Grad erreicht, und den man empfindlicher nicht berühren konnte, als durch Losfahren über die Apotheker. „Wenn ich auch ſo hart gar nicht zu urtheilen geneigt bin, wie Sie, verehrter Freund, ſo glaube ich, daß im vorliegenden Falle das Urtheil der Mutter ſich doch modificiren würde de fuhr Ausſtecher fort: 1)„Iſt dies Haus mit allen Im⸗ und Adpertinenzien meines Neffen freies Eigemhkm.— 2) Erbt er von mir circa zwanzigtauſend Gulden in baarem Geld, und ein Gütchen von hundert Morgen ꝛc. 3) Iſt er ein bildſchöner Junge, und 3 4) ein in ſeinem Fach ercellirender Apotheker, endlich 4 5) ein gewandter, gebildeter, ſanfter, guter Menſch.“ „Was meinen Sie, Verehrteſte, zu ſolch' einer Parthie?“— ½ Mit dieſen Worten wandte ſich Ausſtecher an Madame Rühle. Sie war etwas verlegen; allein ſie ſammelte ſich und ſagte:„da müßte ja eine Mutter faſt den Ehrentitel meines Herrn Gemahls verdienen, wenn ſie Nein ſagen ſollte.“ „Victoria!“ rief Ausſtecher.„Ich heiße Herbert und werbe hiermit in ſchönſter Form für meinen Neffen, Fritz Herbert, den Gehülfen in Ihrer Ofſicin, um Julchen, Ihre liebenswürdige Tochter.“ Frau Rühle ſaß da wie Loth's Weib. Herr Rühle ſtarrte den Freiwerber an und rief:„Wie, Sie haben Verſtecken's mit uns geſpielt?“ W „Es iſt Alles ſo der Plan Julchen's,“ rief der falſche Aus⸗ 3 ſtecher aus, und wollte berſten Lor Lachen. ₰ „Sehen Sie, theuerſte Freunde, Julchen war mit Fritz längſt ein Herz und eine Seele. Ich, ſelbſt Apotheker, treibe es aber nicht, höre von der Sache, komme, ſehe Julchen und verliebe mich Schier ſelbſt in ſie, bin alſ tzen's Liebe 4 „Bekannt mit den Verh ältniſſen, Conceſſion, hier die Zweite zu errichten. Daß Sie ärgerlich † dieſe Zweite ſeien, konnte ich mir denken, und beſtätigte Julchen. — Grrade in dieſer Zeit verläßt Sie Ihr Gehülfe. Julchen ſchickt ihren Fritz her, damit ihn ohne Anſtand und Aufſehen die guten Eltern kennen lernen können. Daß ſie ihn liebgewönnen, wußte Julchen im Voraus und rechnete euu daß ihre gute und richtig urtheilende Mutter bei ihm die Abne gung gegen uns 99r würde fahren laſſen. „Bei dem Vater rechnete ſie aufch richtige Würdigung wahrer Tüchtigkeit der Kenntniſſe und des Charakters. Ich alter Narr wurde beauftragt, unter falſchem Namen herzugehen, und die künf⸗ tige Wohn⸗ und Werkſtätte einzurichten. Voila tont! 2„Nun ſagen Sie Ja, und Alles iſt gut. Julchen wird glück⸗ lich, bleibt bei dem guten Mütterchen, und die Zweite iſt fortab 1 tein Dort in Ihrem Auge, Herr Collega!“ Die Alten rieben ſich die Stirne.„Alle Welt!“ rief plötzlich Madame Rühle,„Sie bekommen Beſuch!— Es fährt ein Wagen vor!“ „Seien Sie ruhig!“ ſprach der Oheim,„Sie erlauben nur einen Angenblick.“— Er ging. „Das iſt eine verwetterte Geſchichte, Settchen!“ ſprach Rühle, was meinſt du dazu?“ „Ja ſagen!“ war die lakoniſche Antwort. 8„Meinetwegen!“ entgegnete er— und in dem Momente ging die Thür auf und— Julchen am Arme des Gehülfen Fritz Her⸗ bert trat herein. Sie flog erglühend der Mutter in die Arme. Fritz trat zu Rühle.„Vergeben Sie,“ ſagte er,„das ganze Poſſenſpiel ging von Julchen aus. Zürnen Sie mir nicht!“— „Sie Galgenvogel!“ lachte Rühle.—„Laſſen Sie mir nur ſolche Poſſen in Zukunft, ſo mags hu „Darf ich hoffen?“ fragte er. „In Gottes Namen denn Ja!“ 5— umarmte ihn ſtürmiſch. Die Mutter konnte das geliebte Kind faſt nicht aus ihren Armen laſſen. Auch ſie ſegnete den Bund, und flüſterte in Julchen's Ohr:„Laß Dir nur die Herrſchaft nicht nehmen!“ Die erröthete— aber ſie nickte, bedeutſam lächelnd, der Mutter zu. Als nun im engen ſchönen Kreiſe Julchen den Eltern unter Lachen und Scherz Alles geſtand und der Oheim zuſetzte, er habe Julchen in dem Wagen, den er ihr hiermit als Hausſteuer ſchenke, abholen laſſen, und Fritz ſei ihr entgegengeeilt, ſo löſten ſich alle Räthſel, und der Pſendo⸗Ausſtecher hob das Glas perlenden Champagners und rief: 2 „Hoch lebe die Zweite!“ Und Alle ſtimmten fröhlich in den Toaſt ein. ₰ gte der Alte und das Ge trat in zwei glänzenden Zeugniſſen ihm in die Augen. ————— 6 6. 8 9 10 11 i 12 13 14 15 16 17 18