„„ 2. eu Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Eine Volksgeſchichte aus dem Ahrthale⸗ „ ——— Eik bung der ſogenannten drei Naturreiche eine Geſchichte zu nennen, ſo nenne? O, es ſind die Krater erloſchener Vulkane; es ſind die Erſcheinungen mehr im Volke nach. Alſo weit vo Wenn Jemand eine Reiſe thut, So kann er was erzählen; 5 Drum nahm ich meinen Stock und Hut, 8 Und thät das Reiſen wählen. Claudius. Die Eifel iſt ein wunderſames Land, aber ein armes— das ſagte ich mir noch einmal, als die Bergkuppen des Ahrthales mehr und mehr hervortraten und mir Genüſſe verhießen, wie ich ſie auf meiner Wanderung theilweiſe entbehren mußte. Auch manche herr⸗ liche Stelle hatte ich in der Eifel gefunden; aber es war doch am Ende weniger das Landſchaftliche, was meine Theilnahme in Anſpruch nahm und feſſelte; vielmehr war es die Geſchichte der Natur(Natur⸗ geſchichte iſt ein gar ſeltſames Wort für das, was wir damit bezeichnen. Man kann kaum ſich toller ausdrücken, als eine Beſchrei⸗ wenn„Geſchehen“ die Wurzel des Wortes iſt), die hier aus uralte Urkunden zu Tage tritt, in Urkunden, die nach Jahrtauſenden in dem Archive der Natur nicht vergilbt, nicht zerfallen ſind. Was ich „Maare;“ es ſind die Lavafelder; es ſind die Baſalte und hundert andere Zeugen, daß hier im weiten Bereiche das unterirdiſche Feue eine Werkſtätte hatte, wie ſie die bekannte Erde nicht mehr aufzu weiſen hat. Wann? Wer könnte antworten? Als die Rö Landſtraßen hier bauten, klang keine Tradition von vulka weit vor dem Menſchengeſchlechte war es, al tobte, brauſte, rüttelte, verheerte. S — 8 N— einer entſetzlichen Naturgewalt, wenn ſie auch ihre Herrſchaſt frei⸗ willig aufgegeben. Uebrigens iſt es merkwürdig, daß gerade ſeit den letzten dreißig Jahren Erdbeben in dieſen Gegenden häufiger vor⸗ kommen. Sollte die Natur ihre verſchütteten Kanäle wieder auf⸗ fuchen wollen? Sollten die alten erloſchenen Krater noch einmal ihre Feuergarben in die Nacht leuchten, ihre Dampfwolken zur Himmelsbläue ſenden, ihre Lava aus ihren Eingeweiden hervor⸗ Prechen und dem armen Menſchen ſeine Mühſam ihr abgerungene Eriſtenz bedrohen wollen? Die Antwort bleibt aus, aber das Ja liegt ſo wenig außerhalb der Grenzen des Möglichen, als das Nein. edenfalls aber können die guten Eifler unſerer Tage ruhig ſchlafen. Hier liegt das Wann ebenſo in dunkler Zukunft, wie das pbige in der Vergangenheit, und wenn einſt dieſe Vulkane wieder arbeiten werden, thut keinem der jetzt Lebenpen mehr ein Zahn weh. Ich war bei dem Tunnel angelangt, den die für das Landes⸗ wohl unermüdet ſorgende preußiſche Regierung hier durch das mäch⸗ tige Gebirge getrieben, um die mühe⸗ und gefahrvolle Landſtraße hindurch zu leiten. Aus ſeinem Dämmerlichte heraus tretend, ſtand ich ſtaunend ſtill. Welch ein überraſchender Anblick! Vor mir auf gewaltiger Höhe die mächtigen Burgtrümmer von Altenahr; übere wilde Gebirgsformen, enge Schluchten, herrliche Felſen! Ich wi im Ahrthal und begrüßte bald den Fluß, der ſich durch die Felſ — Altenahr war erreicht, aber nicht des Tages Ziel. Die Burg — 2hre mußte erſtiegen, von dieſer Höhe mußte die Ausſicht genoſſen 2 werden, ehe die Sonne hinabſank. Ich hatte zu viel davon gehört, um mich durch die drohenden Beſchwerden ſchregen zu laſſen. Ein alter, aber noch rüſtiger Mann wurde mein Fühler. — 1 Traulich mit dem Volke verkehren, gibt reichen Lohn. Ow viel Tüchtiges und Treffliches umſchließt das tiefe Gemüth des Volkes! Wie viel Poeſie liegt da verborgen? Aber unſre Touriſten (daß ich mich des Ausdrucks bediene) fürchten, ſich zu verunehren, * wenn ſie ſich mit dem Volke einlaſſen; ſie beſpötteln und belächeln — kindlichen Glauben, die naive Anſchauungsweiſe, den derben, fiſchen Ausdruck und ſcheu zieht ſich das gun u und die edle Stufe iſt verdeckt. Ich pfleg' es anders zu halten. Ich plou⸗ dere offen, herzlich, freundlich mit den Leuten; ich gehe theilnehmend Sin ihr Weh' und ihre Laſt, in ihre Hoffnungen und Befürchtungen ein; ich leihe ihren Erzählungen gerne mein Ohr und ſelten 305 ich ohne reichen Lohn von dannen. So war es auch jetzt wieder dieſe meine Weiſe, die mir das volle Vertrauen meines vielerfahrenen Alten gewann. Er war 6 ſelig und hielt nichts hinter dem Berge. Wir ſtiegen langſam den alten Burgweg hinan; wir arbeiteten uns durch das Gemäuer hindurch; bald trat der ganze Burgplan mit Hülfe der Nachweiſen meines Führers vor mein Auge. Es war eine mächtige Burg, an der Jahrhunderte gebaut. Schon von hier aus war die Ausſicht in dieſe wilde Gebirgswelt herrlich; aber mein Führer ließ mich nicht raſten. „Wir müſſen dort auf die Zinne des Berges,“ ſagte er,„wenn Sie eigenklich wiſſen wollen, warum Sie hier herauf geſtiegen ſind“ Er deutete auf den Kegel, der über uns ſich erhob. Dorn⸗ geſträuche und Büſche von Haſel, Ahorn und Eiche bedeckten ihn bis zur Kuppe. Wir ſtiegen bergan. Der Alte rauchte ſein kurzes Klöbchen dabei und plauderte gemüthlich von vormals und heute. Ich folgte ihm horchend und kämpfend mit den Ranken, die mir immer in die Beine ſchlugen, wenn der Alte hindurch war. Endlich w war die Spit⸗ erreicht. Aber hier legte der Alte die Hand traulich auf meine Schulter und rief:„Die Augen auf, Herr, denn ſo was findet Ihr nicht am Rheine und nicht an der Nahe, wo Wr daheim di Er hatte Recht! Abgründe umgähnten 5 zu allen Seiten, veten jihab⸗ ſchießende, grauenvolle Tiefe mich faſt ſchwindeln machte. Felszacken ſtarrten überall herauf, ſchwarz, ſchroff, diaboliſch anzuſehen, als wären es Arme des Orkus, die nach dem Kecken griffen, der es wagen wollte, da k Bergkegel überall. Da unten . der Tiefe rauſcht die Ahr durch die zackigen Felſen, bald aufblitzend, bald verſchwindend und immer wieder ſich um die Felſen windend, wie der Ariadnefaden im Labhrinthe. Vierzehnmal ſah ich ihren Silberblick aus dieſem dunkeln Felsgeklüfte herausleuchten, ehe ſie ſich dem Blick entzog. In einer dunkeln Tiefe liegt der Flecken Altenahr und über ihm ſchließt des Kreuzbergs Höhe ab. Wendet man ſich, ſo liegen wieder dieſe wilden Felſen vor dem Auge, nur anders geformt. Flechten hier, dort Buſchwerk, bekleiden ſie küm⸗ merlich. Dazwiſchen zeigen ſich friſchgrüne Reben und in den Schluchten Dörfer und auf den Kuppen ferne Burgtrümmer. Ich war verſunken in dies wundervolle Bild. Mein Alter ſtörte mich nicht im Schauen und Betrachten. War er ſelber ergriffen von dem, was er tauſendmal geſchaut, oder war es der im Volke woh⸗ nende Takt, mir den Genuß nicht zu verkümmern?— Als die Bet⸗ glocken herauftönten, zog er ſtille ſeine Mütze und ich meinen Hut und— es haben Zwei gebetet für ſich ſelbſt, für die Brüderwelt, für das zuckende Vaterland ſo innig, als es in irgend einem Tempel hätte geſchehen können. Die Sonne ging unter und in der Tiefe wurde es dunkel und dunkler, während hier vben es noch ſo helle war. Die Abendwölk⸗ chen ſchwammen golden im gluthigen Himmel. Im Weſten lagen dicke Wolken; dunkelgrau, wo ſie ſich über die Berge hoben; ſchnee⸗ weiß in ihren Spitzen, wie die Alpen in ihrem Schnee; aber in jedem Momente wechſelten die Tinten. Das Grau wurde Violett; die dunkleren Stellen Purpur, die Schneepfeiler goldig roth und der Weſtpunkt war flammendes Gold. In jeder Minute änderten die Wolken ihre Formen. O, ich hätte hier bleiben mögen, bis die Nacht Alles in ihren Schleier gehüllt hätte, aber der Alte ſagte:„Wir miiſſen ſcheiden, wenn wir nicht den Hals brechen wollen!“ Der letzte Punkt war bedenklich. Wir brachen auf und nun ging das Plaudern wieder an. Er erzählte mir die Sagen von der Burg Ahre, Geſchichtliches, Alles bunt und mährchenhaft durch⸗ einander. Ich hörte ihm gern zu, denn es lag der ganze Zauber zutraulicher Kindlichkeit auf ſeinen Erzählungen. Auch auf alte Volksgebräuche und Sitten kamen wir zu reden. Da war es denn die eigenthümliche Sitte des Mailehens, die meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm.„ „Was iſt denn das?,“ fragte ich, als er den Ausdruck brauchte. Ich dachte mir irgend einen fendaliſtiſchen Reſt, der ſich in dieſen abgeſchloſſenen Thälern erhalten habe, und äußerte ihm das. „Behüt' Gott,“ ſagte er.„Das iſt's nicht. Ich ſehe wohl, bei Euch zu Hauſe weiß man davon nichts. So muß ich's Euch 6 ſagen. Hier herum haben die Jungen(Burſche, Jünglinge) einen Gebrauch aus uralter Zeit, der Mailinnen, Mailehen, Mädchen⸗ lehen heißt, und damit hat's folgende Bewandtniß. Ich will's Euch auslegen! Alle Jungen der Orte, die hier herum im weiten Kreis liegen, haben eine Zunft zuſammen, die alle Jahr ihren Schult⸗ heiß, ihre Schöffen und ihren Schreiber wählt, dem die Anderen willig Folge leiſten, und ich wollt's Keinem gerathen haben, der ſich dem Spruche, den ſie thun, widerſetzen wollte; er wär' von aller Luſtbarkeit ausgeſchloſſen. Thut's auch Keiner! Allemal am letzten April, Abends, verſammeln ſie ſich entweder auf einem Berge, oder unter einer Dorflinde zum Mailehen. Sind ſie Alle da, ſo ruft der Schultheiß, um den die Schöffen und ihre Schreiber ſitzen, alle Mädchen der Dörfer, die zu der Zunft gehören, mit Namen auf. Er preiſt ihre Schönheit, ihre Tugenden mit vollen Backen und unter Schnaken und Kurzweil. Iſt ein Name genannt und ſie geprieſen, die ihn trägt, ſo wird ſie verſteigert. Wer am meiſten bietet, dem iſt ſie, und er darf ſich als ihren Schatz anſehen; ſie iſt ſein Mädchen, tanzt nur mit ihm während des Jahres, und nur dann mit einem Andern, wenn er es geſtattet. Das Geld, das bei dieſer Verſteigerung zuſammenkommt, wird an der Kirmeß vertanzt, verjubelt und vertrunken. Die Mädchen, die übrig blieben, bilden den„Rummel“ und werden im„Rummel“ an einen Jungen ver⸗ ſteigert, der bei ihnen Allen das Recht hat, wie der ſein Mailehen erſteigert hat. Iſt das vorüber, ſo Zungen, die Häuſer ihrer Mailehen mit Maienz je reicher und kecker das geſchieht, deſto lieber hat der Jung ſein Mailehen.“ „Das mag aber oft eine bunte Wirthſchaft geben,“ ſagte ich, „wenn Zwei ein Mädchen lieb haben!“ „Kommt auch vor,“ verſetzte er,„und ich will Euch nachher eine Geſchichte erzählen, die ich erlebt habe; allein in der Regel herrſcht Ordnung und der Schultheiß verſteht ſein Amt. Findet Einer ein Mädchen und einen Burſchen, wenn's dunkel iſt, bei ein⸗ ander, ſo darf er ihm den Hut oder die Kappe nehmen, die dann verkauft wird, zur Schande des Pärchens. Manchmal gibt's auch Prügel mit dem„Schnutholz,“ dem Stocke nämlich, denn„zum Mädchen gehen,“ heißt hier zu Lande:„auf die Schnut gehen.“ „Kommit aber, was jedoch gar, gar ſelten geſchieht, ein Fehl⸗ tritt vor, dann Adieu! dann wird die Dorflinde, unter der ſie erſtei⸗ gert wurde, als Mailehen— geſcheuert; das Pflaſter, auf dem ſie getanzt, aufgeriſſen und umgepflaſtert. Herr, man nimmt's ſcharf bei uns im Thal, und Gottlob! es ſteht gut, was Zucht und Sitte betrifft. In der Kirche iſt noch ein Stuhl für gefallene Mädchen und das Häckſel wird ihr zu Neujahr geſtreut und der Strohmann ſteht ſicher an ihrer Thüre.“ Wir waren unter dieſem Geſpräche glücklich im Thal angelangt, und ich war tüchtig müde. Der Abend war aber ſo lau und mild; das Mondlicht zitterte ſo ſchön durch die Bäume, die Nachtigallen jubelten an den Büſchen und die Ahr rauſchte ſo eigenthümlich⸗ daß ich gar keine Luſt nach der Wirthsſtube fühlte. Ein Felsblock lud zum Sitzen ein. Ich nahm Platz und mein Alter ſaß raſch an meiner Seite. „Ihr ſeid mir noch die Geſchichte ſchuldig,“ ſagte ich.„Es iſt ſo wunderhübſch hier, wollt Ihr mir ſie nicht erzählen? Mor⸗ gen bin ich ſchon wieder über die Berge, weit weg von hier.“ Ich reichte ihm eine Cigarre; aber er ſagte:„Behaltet das Ding, ich danke Euch. Mein Stimmelchen iſt mir lieber und die Geſchichte ſollt Ihr hören.“ ℳ Er klopfte das Pfeifchen aus, ſtopfte aus ſeinem langen Leder⸗ 5 — beutel, der, wie er mir ſagte, aus einem Katzenfell bereitet war, . weil Katzenfell den Tabak feucht halte, und, als es dampfte, begann er die Geſchichte zu erzählen, die ich hier wiedergebe, wie er ſie mir mittheilte. I. — Das Waſſer rauſcht, das Waſſer ſchwoll, 5 Ein Fiſcher ſaß daran. 6 Goethe.* Der Frühling war heuer früh gekommen. Es war ſchon im April wahrer Sommer und der wetterwendiſche Monat hatte alle die alten Mucken abgelegt, die ihm ſeit unvordenklichen Zeiten und mit Recht und Fug zugerechnet werden. Bis tief in die Nacht hinein war's warm und das Waſſer der Ahr ſo lau wie ſonſt kaum im Juni. Alles war grün und an den Weiden waren die weichen Kätzchen längſt den Blättern gewichen. Die Nachtigallen waren ſchon da und jubelten in den Büſchen am Ufer und von den Bergen klangen hell der Droſſeln Geſänge herab. Es war Mondſchein und eine laue Nacht lag über dem Ahr⸗ thal. Unweit Altenahr wax eine Stelle am Ufer, die ſo traulich und einladend war wie kaum eine. Ein dichtes Erlen- und Weiden⸗ gebüſch begrenzte ein kleines, friſchgrünes Wieſenplätzchen von allen 3 Seiten, daß es nur gegen die Ahr offen war. Das Flußwaſſer— lag drüben und auf der Seite des Plätzchens war das Waſſer kaum einige Zoll tief, und zarter Sand bildete ſeine Unterlage Es war ſo ſtille da, daß man das Springen der⸗ Ahrrümpchen*) hören —— 2— Cyprinus phoxinus ein kleiner, fetter, gern gegeſſener Ahrſiſch, der in Salzwaſſer abgelocht, alsdann getrocknet und in kleine Körbchen aus Ninde der Krackweide geflochten, und Numpen genannt, verpackt und in den Handel n wird. Ihr Fang bildet einen; Erwerbszweig armer Fiſcher. konnte, die zu Hunderten ſich in der warmen Flut herumtummelten. Ganz nahe bei der Stelle ſaß eine jubilirende Nachtigall; ſonſt 1 war's ſtille und die Ahr floß ſanft dahin. An dieſem heimlichen Plätzchen ſaß ein Junge von neunzehn Jahren und flocht eifrig Rumpen für den morgenden Fang, während gndere ſeines Alters ſchon ſchliefen oder mit den Mädchen majeten*) und ſchäkerten oder in Haufen ſingend durch die Gaſſen zogen. Es war ein netter Junge, der ſo eifrig Rumpen flocht, ein bildhübſcher Junge mit friſchrothen Wangen, ſchwarzbraunem Haar und ein paar Augen, die glänzten wie zwei Sterne. Gewachſen war er wie die ſchlanke Erle am Ahrufer, und mehr als ein paar Mädchenaugen ſahen dem friſchen Hubert nach, wenn er ſo ſchnacks vorüber ging. Manche dachte bei ſich: ſchade, daß der nette Junge ſo arm iſt! Das war nun freilich nicht zu leugnen. Hubert war einer armen Wittwe Sohn. Sein Vater, ein Fiſcher und Winzer wie er, war Anno 1770 ertrunken, als die Ahr durch einen Wolkenbruch angeſchwollen ein erſchrecklich Unheil angerichtet. Er wollte ein Weib retten, das mit den Wellen rang, und ertrank mit ihr, da ſie ſich, ſeinen Arm lähmend, an ihn feſtgeklammert hatte. Unter der Mutter Thränen, unter Entbehren und Noth war er aufgewachſen, hatte betteln und Bettelbrod eſſen müſſen, bis er arbeiten konnte, und ernährte nun ſeine alte Mutter als treuer Sohn, und trug ſie auf den Händen. Am Tag arbeitete er im Weinberg und Nachts tſtrickte er Netze, flocht Rumpen für den Fang, wenn die Zeit kam, blau, grün d goldgelb zu fürben und damit zierliche Muſten einzuflechten, — Njen heißt plaubern, zſeß und Körbe zu allerlei Gebrauch in der Zwiſchenzeit. Darin war er ein Meiſter; beſonders flocht er zierliche Nähkörbchen und Henkel⸗ körbchen für die Mädchen, wenn ſie nach Ahrweiler oder ſonſthin zu Kauf oder Beſuch gingen. Dazu wußte er die Weiden roth, daß es eine Luſt war, ſie zu ſehen. Daher kam es denn auch, daß die Mädchen alle Körbchen bei ihm kauften. . —,— Einen fleißigeren Jungen, einen ſtilleren und braveren hatte Alten⸗ ahr nicht.— 2 Stille ſaß Hubert da, weil er nicht wollte geſehen oder gehört K. und in ſeiner Arbeit geſtört ſein. Während ſeine Hände die Wei⸗ 2 ₰ denſchalen, die in Riemen neben ihm auf einem Haufen lagen, zu Rumpen flochten, waren ſeine Gedanken freilich anderwärts hinge⸗ rathen, und gewiß dahin, wohin ſie am liebſten ſich wendeten. Wer's wiſſen will, dem will ich's ſagen. Des Hubert's armes kleines Häuschen lag am Ende von Alten⸗ ahr, ganz nah' am Ufer, und die Weiden deſſelben, recht künſtlich zuſammengeflochten, bildeten den Zaun des Gärtchens, das dabei war. Gerade gegenüber lag das Hofhaus des gnädigen Herrn, und da dieſer in Köln wohnte, ſo hatte das Haus der Hofbauer inne, der Pächter des gnädigen Herrn von Olbinck, und in dem Hauſe wohnte bei dem Hofbauer und ſeiner Frau Mädchen, ſein Töchterlein. Das hatte hellblonde Haare und hin Augen, in die man hineinſah, ſo tief, ſp tief bis in das gute Herz hinab, und zu den beiden ſchönen Augen kam noch die friſche Lippe, die ſchneeweiße Haut, die rothen Bäckchen, die herrliche Geſtalt— kurz— das Mädchen war ein Ausbund von Lieblichkeit. Alle Jungen waren närriſch in ſie, wie man zu Altenahr ſagt für? ver⸗ liebtſein, was, glaub' ich, auch nicht weit fehlgeſchoſſen iſt anderwärts. Sollt's dem ſtillen Hubert beſſer ergehen? Ja, da hätte er müſſen dreißig Meilen weg ſein, und war's doch noch nicht dreißig Schritte; da hätte er das Annchen niemals ſehen dürfen— und ſah's alle Tage und wie vielmal?— Da hätte er nicht mit der kleinen Hexe plaudern dürfen— und wer konnt's wehren bei ſolcher Nachbarſchaft? Da hätte er nicht mit Annchen geſpielt haben dürfen, wie's Nachbarkinder thun— und das war doch die ganze ugend hindurch geſchehen, bis ſie alle Beide neunzehn Jahre alt waren. Da hätte das Mädchen nicht, ſobald er in dem Gärtchen war, drüben in dem Garten ſein, nicht wenn er ſeine Kanne an der Ahr füllte, auch nihen die ihre füllen, die Ahr hier keinen S Steg haben dürfen, der hinüber und herüber führte, und das M melblaue —— chen nicht hundertmal am Tage! Hubert! und Hubertchen! rufen dürfen.— Da möchte ich den Jungen geſehen haben, der nicht närriſch in das Mädchen geworden wäre, er müßte denn eine Kar⸗ toffel gehabt haben, wo Andere das Herz haben, wie man zu Alten⸗ ahr ſprichwörtlich ſagt. Daß aber das Liebhaben nicht bei dem Hubert allein war, wird jeder ſchon weghaben, der die Mädchenart kennt. Es hätte ſich freilich, ſtreng genommen, Manches nicht geſchickt, und ich wette meinen Kopf, daß das ſchöne Annchen einem Andern, auch wenn es ihn aus dem Fundament lieb gehabt, ſo nicht begegnet wäre. Man muß nur bedenken, daß das von Kindesbeinen auf ſo war, ſo mit ihnen groß geworden war, und das Annchen und Hubert gar nicht anders gegen einander hätten ſein können, wenn ſie es auch gewollt hätten. Nur in einem Betracht war's doch anders geworden. Wenn das Annchen ſeit etwa vier bis fünf Jahren Hubert! rief, ſo ſah es ſich immer raſch hintennach oder auch vorher um, ob's Niemand höre; wenn ſie bei einander an der Ahr ſtanden und plauderten, ſo mußte es unter dem Schutze der Weiden ſein; und wenn er ihre Hand etwa in die ſeine nahm, wurde Annchen roth. Dennoch waren ſie Kinder wie früher, und wenn ſie ihn recht erſchrecken konnte, war's ihre Luſt, und wenn ſie ihm hintenher die Augen zuhalten konnte und er gleich Annchen rieth, ſo hüpfte ihr das Herz in der Bruſt. Es iſt eine recht kurioſe Geſchichte mit dem Liebhaben! So lang Zweie Kinder ſind, fragt kein Menſch darnach, wenn ſie den ganzen Tag, die Schule abgerechnet, mit einander ſpielen; ſobald ſie aber zum Abendmahl gegangen ſind, ſoll das Alles aufhören. Da gucken gleich ſcharfe Augen drauf; da heißt's: es ſchickt ſich nicht mehr! da ſagen die Leute: ihr paßt nicht für einander; du biſt reich und der iſt arm. Dummes Zeug! was fragen die Her⸗ zen, die Kinderherzen, nach dem, was ſich in den Augen der alten Narren ſchickt oder nicht? Was fragen ſie nach reich oder arm? die Lieb' iſt eine Gewohnheit geworden. Jagt ſie einmal fort!— Proſit! ſie bleibt!— ½ — Drüben im Hofhauſe war dem Annchen geſagt worden: es ſchickt ſich nicht! der Hubert iſt arm und du biſt reich! Hüben in dem Fiſcherhäuschen ſagte die Mutter:„Kind, häng' deine Seele nicht an das herzliebe Annchen. Es iſt nicht für dich!“ Die Beiden meinten: das ſei alles tolles Zeug, und küm⸗ merten ſich nichts darum; aber die Alten waren ſchuld, daß ſie ſich nun heimlich ſagten: ſie hätten ſich lieb. Ob das beſſer war? Dort alſo waren jetzt wieder Hubert's Gedanken, während ſeine Hände Rumpen flochten. Und warum flocht er ſo viel eifriger als ſonſt? Das hatte auch ſeine zureichende Urſache. Der letzte April war xghe.— Annchen hatte geſtern geſagt, als ſie mit ihm bei den Weiden im Garten ſtand:„wirſt du mich als Mailehen ſteigern? ich will ja mit keinem Andern tanzen, keines Andern Schatz ſein!“ Er hatte tief aufgeſeufzt. Fünf Gulden hatte er ſich erſpart; aber was waren fünf Gulden? für das bildhübſche Mädchen gab jeder zehn, und des Krakel's Peter, der ſo reich war, gab noch mehr; denn er ging ihr auf Schritt und Tritt nach und überall zu Gefallen, ſie mochte nun nach ihm ſehen oder nicht. Er war kein übler Junge; auch nicht uneben in ſeinem Thun und Laſſen, und jedenfalls der reichſte Junge im Flecken. Der alte Krakel machte ſeine zehn Faß Bleichart, und in guten Jahren noch mehr, hatte die beſten Wieſen und Aecker und fuhr mit zwei Gäulen, während Annchen's Vater nur Ochſen im Joch führte. Alle Mädchen im Flecken hätten mit beiden Händen nach ihm gegriffen; nur Annchen nicht, weil— weil— Hubert trotz ſeiner Vrmuth ihr lieber war. Da lag's! Die Liebe hat kein Geſetz und folgt auch keinem. Sie macht's eben wie der Paſtor von Ahrweiler, ſagen die Altenahrer, und wenn man weiter fragt: wie macht denn der's? ſo ſagen ſie: grad, wie er will! Das iſt ſo eine Redensart, aber ſie ſagt eben, daß da kein Geſetz gilt. Aber daß ſie blind ſei, iſt doch eines g8 dumm, denn das Annchen ſah recht wohl, daß Hubert — 14 hübſcher war als der Peter oder Pitter, wie ſie zu Altenahr ſagen. Der Pitter wollte um jeden Preis das herzige Annchen ſteigern, das hatte er ſchon geſagt. Da dachte der Hubert: ich will mir Geld verdienen— wer weiß— vielleicht krieg' ich ſie doch— denn der Pitter war der Sohn des allerſchäbigſten Geishalſes und — der Apfel war nicht weit vom Stamm gefallen. 3 Das beſte, was er jetzt thun konnte, war Rumpen flechten und Rümpchen fangen und das Wieſenplätzchen war ſein Eigen⸗ thum, und da waren tauſende der kleinen luſtigen Schwimmer. Morgen war Freitag, und der Freitag galt zu Altenahr für einen Glückstag und zum Fiſchen ertra, weil es ein Faſttag war, und Fiſche kein Fleiſch ſind nach den Sgtzungen der Kirche. Neben Hubert lag ſchon ein hoher Haufen Rumpen und ſein E Vorrath von Weiden und Weidenſchalen reichte noch weit. Bekam er die alle voll, ſo war ein reiner Gewinn von zehn Gulden gewiß; dann hatte er fünfzehn Gulden. Das war ein Reichthum, und den wollte er gern für Annchen hingeben, wenn ſie dafür ſein liebes Mailehen werden konnte; auch wenn er hintennach darben mußte! Der Mond ſchien hell zu ſeiner Arbeit. Droben im Flecken wurde es ſtille. Die Uhr ſchlug eben Zehn. Da plätſcherte es im Waſſer, als wenn Jemand ſachte heran⸗ ſchliche. Hubert horchte. Es wird ein naſchiger Otter ſein, der den Rümpchen nach⸗ ſchleicht, dachte er bei ſich, und gleich war der Gedanke da: ich will dir's vertreiben! er warf einen Stein ins Waſſer, daß es latſchte; Alles wurde ſtill. Dem hab' ich's vertrieben! ſagte er halblant und lachte dazu 5 Aber— da patſchte es wieder und näher. Das iſt ein freches Bieſt! ſagte er und wollte zum Ufer treten; aber wie fuhr er zurück, als er plötzlich die Weiden weg⸗ bog und einen Menſchenkopf vor ſich ſah. „Bſt!“ klang's an ſein Ohr. Er ſah ſchärfer, und bald hätte er laut aufgeſchrieen— denn mit einem leichten Sprunge ſtand n ihm. „Jeſſemarjoſep!“*) rief er,„wie kommſt du daher? Soll ich meine Kapp' verlieren und du deinen guten Namen! Lieb' Annchen, was denkſt du? du weißt, wie ich dich lieb habe— aber—“ „Eine kleine Hand hielt ihm den Mund zu.„Schweig' doch ſtill!“ ſagte ſie.„Meinſt du, ich wollte ſo etwas wagen, ohne daß ich vollſtändig ſicher wäre? Siehſt du, ich hab' ein Licht genommen und bin in meine Kammer gegangen; hab's dann nicht ausgeblaſen und gewartet, bis Alles ſtill wurde, dann bin ich her⸗ geſchlichen, um dir zu helfen, und ſie meinen, ich ſei in meiner Kammer. Ich wußte ja, wo du warſt und— warum du Rumpen machſt! Biſt du mir bös, Hubertchen?“ fragte ſie ſo ſüß ſchmei⸗ chelnd, daß ſie einen Raſenden hätte bändigen können. „Bös? ach du heilige Mutter Gottes! wie ſollte ich das anfangen?“ ſagte Hubert.„Bange iſt mir's ja nur um dich, weil du ſo gut wie ich weißt, daß der Pitter überall dich belauert. Und wenn der das herausbrächte, ſo ſollten uns alle Heiligen gnädig und barmherzig ſein! Er wär's nicht!“ „Still, ſtill!“ rief das liebe Mädchen und ſaß ſchon im Graſe, hatte Weiden genommen und flocht ſchon ſo wacker wie Hubert. Er blickte, alle Sorge vergeſſend, auf das liebliche Mädchen und ſagte mit einer Stimme, die vor innerer Luſt bebte:„Nun ſeh' ich wohl, wie gut du mir biſt!“ 3 „Haſt du das noch nicht gewußt?“ fragte ſie ſchelmiſch lachend. Ich weiß es ſchon lang, und ich weiß auch, wer am Annentag die zwei ſchönen Körbchen, das Nähkörbchen und das Henkelkörbchen, an die Weiden an unſern Waſſerſchöpfplatz gehängt hat. Du warſt's doch nicht gar?“ Hubert lächelte und ſagte:„Nein!“ „Du Lügner!“ rief ſie.„Es gibt ja nur Einen, der ſie machen kann, und das biſt du. Nun will ich ſie abverdienen mit Rumpenflechten.“ 2 Jeſus, Maria, Joſeph! Ein Ausruf der Verwunderung, des Schreckens und der Freude bei den Bewohnern des Ahrthales. 8 — —— — „Da ſeh' mal eins!“ rief Hubert.„Sie weiß, daß ich die Rumpenflechterei hier treibe, um ſie zum Mailehen zu kriegen, und ſagt nun, ſie wolle die Körbchen abverdienen!“* „Du Advvcat!“ ſcherzte ſie.„Mit dir komm' ich armes Ding nicht aus. Setz dich und ſei hübſch brav und fleißig, daß wir bald fertig werden.“. So ging das neckiſche Geſpräch fort, bis ſie endlich auf das Mailehen zu reden kamen und die Pärchen für einander beſtimmten, und zwar durch's ganze Dorf hinauf. Sich ſelbſt und ihre zweifelhaften Hoffnungen vergaßen ſie ganz. Dabei arbeiteten die Hände ſo raſch, daß, ehe es halb Zwölf ſchlug, die Weiden alle aufgearbeitet waren. Darauf ſprang Annchen auf, ſchlug Hubert leiſe auf die Wange, rief:„gute Nacht!“ und war wie der Blitz verſchwunden. Als aber Hubert ſeine Kappe ſuchte, war ſie fort. Starr vor, Entſetzen ſtand er da. Hat uns Jemand belauſcht? fragte er zitternd. Eiskalt rieſelte es durch ſeine Glieder. Er durchſuchte noch einmal rings um Weiden und Gras. Sie war nicht da; ſie war entwendet. Was ſoll das werden? rief er weinend vor unſäglichem Leid.. Ach armes Annchen! Er ſchlich endlich durch die Weiden auf den Weg und erreichte mit angſtpochendem Herzen ſein Häuschen. Da fiel's wie Zentner⸗ laſt von ſeiner Seele; denn auf dem Klopfer hing ſeine Mütze, die die kleine Hexe, ihn zu necken, ihm weggeputzt hatte und nun ſie hing. Ich Tölpel! rief er aus. Das hätt' ich doch wiſſen können! wann hat denn das tolle Ding mich einmal ungeneckt gelaſſen? Aber wart', das ſollſt du mir ſchon vergolten kriegen! S Mit den ſüßeſten Rachegedanken im Herzen, ſchloß er die Thüre auf, und da war es ihm, als hörte er halblaut kichern. Wäre nicht eben der Wächter den Flecken herabgekommen, um die Stunde zu blaſen und zu ſingen, ich glaub', er wär' noch einmal über den Steg hinübergeſchlüpft. Früh am folgenden Morgen war Hubert an dem Plätzchen, wo er ſeine Rumpen geflochten und verſteckt hatte. Er trug eine Axt und einige Pfähle, welche er in dem Theile des Bettes der Ahr, wo weniger das ſtrömende Waſſer lag und wo ein ſandiger Boden das Eintreiben möglich machte, in den Boden einſchlug und zwar nahe genug, um oben darauf eine Steinplatte zu legen. Dieſe war ſchon in den Weiden verborgen. Sie wurde geholt und darauf gepaßt. Als ſie feſt lag, ging er heim und ſetzte ſich in das Gärt⸗ chen, nahe an den dichtgeflochtenen Weidenzaun, um die Netze und Hamen zu unterſuchen und auszubeſſern. Wohl hatte er ſich nach allen Seiten umgeſehen, ob er nicht die liebe Geſtalt jenſeit der Ahr wahrnähme; aber es blieb ſtille. Sie iſt gewiß im Felde! dachte er und leiſe ſein Lieblingslied: „ſo viel Stern' am Himmel ſtehen“ ꝛc. pfeifend, arbeitete er uner⸗ müdet und vergaß bald Alles, was ihn umgab, in der ſüßen Hoff⸗ nung deſſen, was geſtern Abend der ſchönſte Mund geſagt. Plötzlich traf ihn ein Steinchen und wieder eins. Er ſah um ſich und drüben an der Hecke ſtand das liebliche Mädchen und ſchabte ihm ein Rübchen mit leiſem Lachen. „Etſch! etſch!“ rief ſie.„Gelt', ich hab' dich einmal geäng⸗ ſtigt? Aber das war dafür, daß du wie eine alte Großmutter mir vorhieltſt, daß ich zu dir kam, du Wüſter, und ich wollte dir doch flechten helfen, damit du nicht zwei Nächte dir den Schlaf brächeſt.“ „Warte nur!“ drohte er hinüber. „Komm', wenn du Muth haſt!“ lautete die S keck und herausfordernd, indem ſie die beiden Hände in die Seite und mit ſchelmiſchem Lachen ihn anſah. In dem Wneulice lagen Netze und Hamen an der Erde und ſchneller fliegt nicht der Pfeil, von der Sehne geſchnellt, als er über den Steg flog. Als er aber ganz nahe war, klatſchte ſie in die Hände und war eben ſo ſchnell jenſeit des Gartenthürchens verſchwunden. Dorthin zu folgen fehlte ihm allerdings der mu, denn Nachbars Fenſter gingen in den Hof und wie leicht konnte im Hof⸗ haus Jemand zu Hauſe ſein. Eine Weile ſann er, ob er es wagen ſollte; dann 3 ſtellte er ſich unter die Weiden, die auch dort als Zaun dienten. Es blieb Aues ſtill, bis plötzlich der Staubregen einer Gießkanne, der über ſein Haupt hereinbrach, ihn belehrte, wo ſie ſei. Jetzt reichte ein raſcher Sprung hin, ſie zu haſchen und ein Kuß war die ſchwere Strafe für alle begangenen Frevel. Es war aber ein Glück, daß in demſelben Augenblick der Hofbauer mit ſeiner Bärenſtimme:„Annchen!“ rief und ſich nun langſam dem Garten näherte. Von Hubert war keine Spur mehr ſichtbar und Annchen jätete ſo emſig Unkraut aus, daß ſie bei dem Beete kniete und den Kopf tief herabbeugte. „Wenn das Unkraut noch ſo klein iſt, daß du dich bücken mußt,“ ſagte er,„ſo laß es größer werden. Sieh' doch mal! Jeſſemarjoſep, wie dem Kinde das Blut in den Kopf geſchoſſen iſt! Das kommt aber von dem Bücken. Hör' auf, Kind, und geh' in das Haus; Kind, geh'!“ Während ſich das auf dem linken Ufer der Ahr zutrug, ſaß Eiiner hinter dem Weidenzaun, dem war das Blut nicht in den Kopf geſtiegen, ſondern aus dem Geſichte gewichen, daß er wie eine Leiche anzuſehen war. Erſt als er aus des Hofbauers Reden ent⸗ nahm, daß er ihn nicht geſehen, kam wieder Leben in ihn; das Lachen konnte er aber doch nicht unterdrücken, daß der Hofbauer nte, das Blut ſei dem Kinde vom vielen Bücken in den Kop Er wußte es beſſer! raſtete der Alte nicht, bis das Kind ins Haus ging war die Hoffnung vorüber, ſie zu ſehen; denn Hubert in di Hecken, der Mutter Holz zu und dann an das Fiſchen denken. Kaum war der Abend gekommen, als er eine Laſt di trug 6 der Seinn mitt 6 Rümpchen lockt und die roth getupfte Forelle, und ſie ſicher in das Netz liefert. Die Netze wurden geſteckt, das Hebegarn zurecht gelegt und bald begann der Fang. Das Herz hüpfte in ſeiner Bruſt. Jeder Zug war reich und voll. Ganze Bütten voll trug er der Mutter heim, daß ſie ſie koche im ſiedenden Salzwaſſer und ſie dann in die Rumpen packe. Wenn er kam mit einer Ladung, war allemal der Vorrath ſchon gepackt, und er mußte ſich wundern über die Thätigkeit der alten Mutter. Er wußte aber nicht, daß eine junge Kraft half. Annchen „berſteckte ſich jedesmal, wenn er kam, und lachte heimlich, wenn der Mutter Fleiß wunderte. Zeit zum genaueren blieb ihm nicht, denn es galt und der e runde Frrelle lag bei den kleinen er ſich über Forſchen, wie das zugehe, Fang war reich und manch Rümpchen. Als er aber zum dritten Mal zu dem Orte zurückkehrte, erſchrack er heftig— Sein Feuer war ausgelöſcht und die Pfähle umgeriſſen. Als er noch ſo daſtand, über den Streich der Bosheit nachzudenken, flog ein Stein an ſeinem Kopf vorüber. Hubert war wohl eine ſanfte Natur, aber ſein Oft urplötzlich wallte es in ihm auf und dann kannte er ſich kaum. Solch ein Augenblick war jetzt gekommen. Das konnte Niemand anders gekhan haben, als Pitter, der Bösfeind, der ihn haßte, weil er wohl merkte, wie's zwiſchen Annchen und Hubert ſtand, und jetzt ſeine Abſicht, ſich Geld zu erwerben, hintertreiben wollte. Raſch wie ein Gedanke ergriff Hubert einen der Pfähle und ſprang in die Ahr. Am jenſeitigen Ufer ſprang er durch die Wei⸗ den und nicht lange, ſo ſtand er ungeſehen neben dem langen Pitter, der unermüdet nach der Stelle warf, wo er Hubert vermuthete. Wie ein Löwe warf ſich dieſer auf ihn und vor Schrecken gelähmt, hag der lange Unhold am Boden. Zwar nahm er ſeine nicht geringe raft ſchnell zuſammen, aber unter Hubert's gewichtigen Streichen nußte er die Flucht ergreifen und das Andenken war geſichert für ange Zeit, das er mit ſich hinwegnahm. N Blut war heiß. Ruhig kehrte der Sieger zurück, baute noch einmal ſeinen luf⸗ tigen Feuerherd über das Waſſer, und nach einiger Zeit war der Fang wieder im Gange und faſt noch glücklicher, als vorher. Als die Mitternacht kam, waren alle Rumpen voll. Müde kehrte er heim und ſetzte ſich zu der Mutter, ihr den Streich des böſen Menſchen erzählend. „Aber ich habe ihn durchgebläut!“ rief er und die Hand ballte ſich noch im Andenken an den Sieg. Da ſprang das Mädchen aus dem Stübchen heraus, wo ſie ſich verborgen und rief:„Das haſt du brav gemacht!“ Wie erſchrack er! Aber wie ſelig ruhte ſein Auge auf ihr“ War ſie doch nun ſein ſicheres Mailehen, da er ſo reich im Fang an dieſem Abend geworden war! Nur die Mutter ſchüttelte bedenklich den Kopf, weil ſie den Pitter und ſein rachſüchtiges Gemüth kannte; aber ſie mochte das Glück der Beiden nicht ſtören und drückte ihre Sorge hinab in das Herz. 1I. Ueber's Jahr zur Zeit der Pfingſten Pflanz ich grüne Majen dir an's Haus, Schicke dir aus weiter Ferne Einen friſchen Blumenſtrauß. Kommt er nicht, ſo magſt du denken, Ich käm' ſelber ferne her; Komm' ich nicht, ſo magſt du 3— Daß ich auch geſtorben wär. Volkslied. Nacht war's geworden an dem Tag, als Hubert gefiſcht und ſo glücklich über ſeinen reichen Fang noch der Frende theilhaftig wurde, ſein Annchen bei ſich zu ſehen. Drüben im Hofhauſe waren Annchen's Eltern bereits zu Bette gegangen und meinten, ihr Kind den tiefen geſunden Schlaf der friſchen droben im Kämmerlein. Das Elternauge ſchlief nicht.„Trins, 6 ſagte der Hofbauer zu ſeiner Frau,„ich wittre Unrath. Heut' iſt mir etwas Bedenkliches vorgekommen. Als ich aus dem Wingert am Kreuz heimkam, ſtand die Thür auf und Niemand hinten noch vorn. Denk ich, wo iſt das Kind? Ich rufe, Alles ſtill. Denk' ich, du gehſt nach dem Garten, ob's nicht wieder mit dem Hubert plaudert, an den es einmal wie behert iſt. Komm' ich in den Garten, hockt's da und jätet Unkraut aus. Denk' ich, ein Kaſten⸗ männchen gegen einen Thaler! das iſt auch nicht ohne Urſache, nehm' mich aber zuſammen und koimm' näher. Da glüht das Kind vor Verlegenheit und bückt ſich tief, daß ich das Erröthen nicht ſehen ſoll. Hab' gute Augen und die Mannstritte im Pfad waren auch nicht von den Ameiſen. Mit Waſſer backt man keine Pfann⸗ kuchen, denk' ich und ſag' dem Kind, es ſoll aufhören, da ihm das Blut ſo in den Kopf ſchieße, und ſoll' das Unkraut größer werden laſſen. Sie geht. Stell dich an den Bienenſtand, denk' ich, und wart's mal ab. Steh' ich kaum eine Minute da, ſo raſchelt's hinter den Weiden und der Hubert kriecht hervor und ſchlüpft hinüber. Aha! dacht' ich. Nun weiß ich, wo der Haſ' im Lager ſitzt! Siehſt du, ſo ſteht's. Die Zwei ſind ineinander vernarrt und ver⸗ ſchamerirt. Was ſoll draus werden? Der Huber iſt brav— aber ein Lump, und ein Lump ſoll mein Kind nicht haben und damit holla!“ „Gewiß nicht!“ ſagte Trine.—„Ei ſo ſoll dich das Wetter! Wer hätte das denken ſollen!“ rief ſie aus und ſetzte ſich im Bett auf. „Ich, Trine, ich; denn ich weiß noch, wie ich's mit dir gemacht habe und du mit mir,“ bemerkte der Hofbauer. „Man ſucht freilich keinen hinter dem Ofen, wenn man nicht ſelber dahinter geſteckt hat; aber,“ ſetzte ſie hinzu,„laß die Geſchichte und rede von heute.“ „Nehm's dem Hubert nicht übel, denn unſer Kind iſt ein Staatsding, auch nehm' ich's dem Mädchen nicht übel, denn der Hubert iſt ein Prachtjung; aber was hilft's? Der Hacke muß ein Stiel geſucht werden. Was denkſt du zu dem Pitter?“ — „Ich denke,“ ſagte die Hoffrau,„er iſt für das Kind der rechte Jung.“ „Das denk' ich auch. Gleich und gleich, das klappt,“ war des Hofbauers Meinung.„Man ſoll keinen zerriſſenen Lappen auf ein neues Kleid ſetzen und nicht Kupfer zu Gold legen und die Mengefrucht kann ich nicht leiden.“ „Dem Pitter ſein Vater hat auch ſchon angeläutet,“ ſagte ſie. „Ja, mit allen Glocken,“ bemerkte er;„aber ich denke, das Kind hat noch Zeit.“ „Zum Kreuz,“ fiel ſie ein. „Was Kreuz!“ rief der Hofbauer.„Bleib mir mit dem Weibergeſchmuſe vom Leibe. Wenn das Heirathen ſo ein Krenz wär', möchten die Mädchen nicht ſo gerne Männer haben. Halt's Maul davon!“ Wie denkſt du denn, Trinchen, ſoll ich Ja ſagen, wenn er nun wirklich Ernſt macht?“ „Wart' erſt mal das Mailehen ab,“ verſetzte ſie.„Da muß ſich's ja zeigen.“ „Still!“ rief da der Hofbauer und richtete ſich auch im Bett auf.„Haſt du nichts gehört? Die Thür iſt gegangen!“ „Du träumſt mit offenen Augen wie ein Haſe,“ ſagte ſie „Du weißt Alles beſſer, als andere Leute und das Mädel hackt dir das Mus auf dem Kopfe, ehe du's merkſt. Wer doch ſo klug auf die Welt gekommen wär'!“ „Ja, ich hab' auch recht,“ ſagte hitzig die Frau,„und ich weiß, was ich weiß. Du haſt einen Floh im Ohre mit dem Hubert, und nun juckt's dich immer. Ihr Mannsleute hört halt das Gras wachſen!“— „Ein Kaſtenmännchen gegen einen Thaler!“ rief der Hofbauer aus,„ich hab' recht gehört!“ Drauf ſtieg er auf, kleidete ſich an und ſchlich ſachte hinaus. Trine lachte über den Eſel, wie ſie ihn wohl mal in Gedan⸗ ken nannte, und wartete ruhig die Unterſuchung ab. Endlich kam er wieder, warf die Thür ins Schloß, daß Trine im Vett auffuhr, und rief:„Nun, Ab wie's im Kämmerlein iſt. wer mi 3 — 3— derweltsklugheit! wie ſteht es t? die Hausthür iſt offen. Denk ich, mußt'mal ſehen, Geh' hinauf, wenn du willſt, und ſieh⸗ t wachenden Augen träumt! Das Bett iſt leer und das Kind iſt fort!“ „Was?“ rief die Mutter und ſprang in einem Ruck aus dem Bette.„Du wirſt mich doch nicht narren?“ Du biſt genarrt genug!“ ſagte lakoniſch der Hofbauer und legte ſich.„Such' das Mädel! doch eins rath' ich dir, mach' keinen Tumult! du weißt, daß ſonſt des Kindes Ehre hin iſt. Aber ſo geht's, wenn die Henne klüger iſt als der Hahn.“ Die Hoffrau verſchluckte die bittere Pille, kleidete ſich raſch an und verließ die Stube. Sie fand Alles, wie's ihr Mann berichtet. Ohne weiteres verließ ſie das Haus, ſchritt durch den Garten und ſachte über den Steg, weil ſie in Hubert's Häuschen Licht ſah. Läden waren nicht an den winzig kleinen Fenſterchen. Sie ſchlich an dieſe heran und ſah, wie Annchen der alten Mutter Hubert's Rümpchen abkochen und in die Rumpen packen half; Hubert war nicht da. Das berubigte ſie. Die Hoffrau hatte ein mildes Herz und die alte Wittwe wußte viel von ihren Wohlthaten zu rühmen. Was das Kind hier that, war rühmlich und ſie konnte drauf nicht zürnen. Ihr ſcharfer Verſtand ſetzte ſich gleich die Umſtände zuſammen und ſie traf das Rechte; allein, wenn nun Hubert mit Fiſchen kam?— wie ſtand's dann? Ei, ich verſtecke mich und warte es ab! ſagte ſie zu ſich⸗ Geſagt, gethan. Lange währte es nicht, ſo kam er mit einer Bütte voll Rümpchen. Wie der Blitz war ſie wieder am Fenſter. Nuchen war weg, ſo lange er da wat⸗ Als er aber weg war, tan ſie wieder zum Vorſchein. Das gefiel ihr. Wenn's ſo ſteht, kann ich gehen, fagte ſie und ging. Dem Hofbauer wurde die Zeit ſieben Ellen. lang. um wach zu bliben, ſtopfte er ſich ſeine Pfeife und rauchte, während kau⸗ ſenderbi Anſchläge durch ſeinen Kopf gingen. denn jetz —— Endlich kam ſie. „Nun, Allerweltsklugheit!“ rief er,„wie ſteht's?“ Sie legte ſich ſtill ins Bett. „Krieg' ich keine Antwort?“ fragte er barſch. „Du weißt,“ ſagte ſie,„wie du mich mit dem Worte ärgerſt. Nun geb' ich dir keine Antwort.“ Trinchen,“ bat der gute Mann, der längſt die Hoſen nicht mehr hatte,„ſei nicht motzig und ſag', wie's ſteht? „Ihr Mannsleute wollt Alles beſſer wiſſen,“ ſagte die Hoffrau mit innerlichem Triumph, und wittert gleich Unrath. Ich ſag' dir, mir lacht das Herz im Leib über unſer Kind. Geh' hin und ſieh's. Es ſteht bei der Alten und hilft ihr die Rümpchen kochen und in die Rumpen packen, die der Hubert fängt, und wenn er ſie bringt, dann verbirgt ſie ſich, bis er fort iſt. Siehſt du, ſo iſt's, und Gott ſegne das Kind, das einer armen alten Wittwe alſo hilft. Es iſt ein chriſtlich Kind und die Heiligen müſſen ſich darüber freuen.“ „Wenn's ſo iſt,“ ſagte der Hofbauer und klopfte die Pfeife aus,„ſo haſt du recht.“ Er legte ſich herum und ſeine Sinne umflorte ſchnell der Schlaf. Ob auch die Mutter ſo ſchnell ein⸗ ſchlief! Als der bauer zu ſchnarchen begann, ſtand ſie wieder auf und ging leiſe hinaus, und erſt als Annchen wieder im Hauſe war, ſuchte ſie ihr Lager, aber der Schlaf kam nicht und mancher⸗ lei Gedanken durchkreuzten ihr Gehirn. War nicht ihr Gatte auch 6 arm geweſen und ſie reich? war ihr Vater, der alte Erbpächter des Herrn von Olbrück, nicht auch gegen die Verbindung geweſen? atte nicht Pitter's Vater gerade ſo um ſie herumgelöffelt, wie jetzt Pitter um Annchen? Nach langem Sinnen meinte ſie aber doch, es ſei beſſer, wenn ſie den Pitter nähme, und eine Strafpredigt verdiene ſie doch, weil ſie der Hubert heimbegleitet und— ſie geküßt habe. Armes Annchen! Die Männer brauchen nicht Alles zu wiſſen, ſagte die Hoffrau am andern Morgen zu ſich ſelbſt. Viel Wiſſen bläht auf. Mein —— Alter iſt recht gut, gehorcht gerne, aber bisweilen lauft ihm die Laus über die Leber ung dann macht er dumme Streiche. Ich will das Mädel dazwiſchen nehmen. Und als nun der Hofbauer in den Wingert war, wo die Tag⸗ löhner gruben, da rief ſie dem Kinde, während ſie am Herde ſtand und das Gemüſe für die vielen Taglöhner beiwuſch. Annchen hüpfte fröhlich herzu, weil ſie meinte, hinter ihr Geheimniß ſei Niemand gekommen. „Hör' mal,“ fing die Mutter an,„ich bin auch jung geweſen und hab' deinen Vater lieh gehabt, aber nachgelaufen bin ich ihm nicht. Pfui der Schande!“ Des Mädchens rothe Wangen wurden zu Schnee. Ach, dachte ſie, gewiß hat uns Jemand in den Weiden belauſcht. Jeſſemarjoſep! was gibt das?— aber ſie ſagte kein Wort und ſah unter ſich, wie ein Hühnerdieb. Nur der Schürzenzipfel wußte vom vielen Knittern zu erzählen und verlor in acht Tagen die Falten nicht! „Ja, ſieh' du unter dich! du haſt Urſache!“ fuhr ſie fort. „Meine ich, du ſäßeſt droben und machteſt den Mailehenſtrauß oder ſchliefeſt in guter Ruh— da hört dein Vater“— . Ein:„Ach Zeſſemarjoſep!“ entſchlüpfte den erbleichenden Lip⸗ pen des Mädchens. „Ja, da hört dein Vater,“ fuhr die ſtrenge Mutter fort,„das Knarren der Thür. Er ſteht auf und guckt. Richtig, mein Töch⸗ terlein iſt fort!— Da kommt das Gewitter über mich. Ich arme Frau ſtehe auf und ſehe nach; ſehe mein Töchterlein in des Hubert's Haus, der alten Frau helfen. Das wär' nun ſo ſchlimm nicht; aber um Mitternacht begleitet ſie der Hubert heim und küßt ſie!— Pfui der Schande!“ Ml„ ih Der Boden unter Annchen's Füßen wankte. Del Kpf ſchwin- Die arme Sünderin ſtand da, als ſollte eben das Todes⸗ urtheil an ihr vollzogen werden. Die Mutter ſtand jetzt vor ihr und ſah ſie ſcharf an. Das fühlte das Mädchen; denn aufzuſchauen hätte ſie nicht vermocht, wenn's auch das Leben gekoſtet hätte. 5 I. — 26— „Pfui der Schande!“ wiederholte die Mutter mit Nachdruck. „Nur der Bräutigam darf die Braut küſſen!“ „Ach,“ liſpelte es da leiſe über die Lippen der ſchönen Sün⸗ derin,„das will er ja werden, und mir iſt's auch recht!“ Die Mutter hatte Mühe, das urkräftige Lachen zu verbeißen, das ſich ihrer Geſichtsmuskeln bemeiſtern wollte bei dieſer Her⸗ zensäußerung, an deren Wahrheit ſie keine Sekunde zu zweifeln Urſache hatte. „Glaub's gern,“ ſagte ſie, nachdem ſie Herr über dieſen mäch⸗ tigen Reiz geworden war,„glaub's gern; aber da haben zufällig Vater und Mutter mitzureden, und die ſind anderer Meinung, als ihr Kind, das nicht weiß, was Zucht und Sitte heiſcht. Da kannſt du dir doch an den fünf Fingern abzählen, daß dein Vater eine ſo ungleiche Heirath nicht zugibt. Ein Bettelbub und das reichſte Mädchen— nein, für einen ſolchen Kindskopf hätt' ich dich nicht mehr gehalten. Geh' an deine Arbeit! Für ſo dumm ſah ich dich doch nicht an! Geh'; aber hüte dich vor jedem Schritt ähnlicher Art! Meide auch den böſen Schein, heißt es in der Bibel. Du begreifſt das nicht und man follte meinen, du wärſt heute auf die Welt gekommen. Seh' ich dich noch einmal bei dem Hubert, ſo geht's nicht gut.“ „Ach Mutter, Mutter! verzeiht Euerm Kinde,“ ſchluchzte das arme Mädchen, und ſchlang ihre vollen weißen Arme um der Mut⸗ ter Hals. Da wurde es um das Mutterherz ſo eigenthümlich und in den Augenwinkeln ſo feucht. Sie drückte das Mädchen an ſich und ſagte ſanft:„Siehſt du, das geht nicht mehr! Du biſt kein Kind mehr. Neunzehn Jahre, das will ſchon was ſagen.“ Annchen. paßt nicht für einander.“ „So wollt' ich, ich wäre arm, wie er!“ rief Annchen. „Proſt die Mahlzeit!“ ſagte die Mutter.„Ich nicht. Sẽl nur „Aber warum haßt Ihr ihn denn ſo, er iſt ja ſo brav!“ fagte „Hab nichts dagegen, Kind,“ verſetzte die Mutter;„aber ihr 3 nicht ſo hitzig mit deiner Rede. Das Elend iſt ein ſchweres Stück Arbeit und der Zehnte kann's nicht bewältigen. Mit den Liebes⸗ augen ſieht ſich's leicht an. Iſt man aber nüchtern, ſo lautet's. Er wird halt dein Mann nicht!“ „So bleib' ich ledig!“ ſagte das Mädchen. „Und willſt eine alte Jungfer werden?“ fragte die Mutter. „Es durchrieſelte das Mädchen eiskalt bei den Worten, aber ſie ſagte feſt:„Ja.“. „Wenn das Ja eine Brücke wär“ ich ging nicht drüber,“ ver⸗ ſetzte ſpottend die Mutter.„Doch laß das Geplauder und Gekreine, und geh', nimm Stroh und binde die Reben im Weinberg an. Die Lotten wachſen ſchon und wir ſind noch nicht fertig.“ „Wenn er mich aber als Mailehen ſteigert?“ fragte ſie die Mutter nach einiger Stille. Die Mutter lachte.„Es iſt ſchon dafür geſorgt,“ ſagte ſie, „daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen. Geſetzt aber, es geſchähe— ſo mußt du ihm folgen; allein es wäre mir doch ſehr leid um den Pitter, der dir ſo treulich nachgeht. Zung für dich und auch der Mann.“ „Lieber ſterben!“ rief das Mädchen und enteilte dem peinlich⸗ ſten Zwiegeſpräche ihres Lebens. Droben in der Kammer brach der verhaltene Schmerz aus, und als die Mutter hinauf ſchlich, um zu hören, was ſie triebe, da hörte ſie das laute Schluchzen eines liebenden Herzens, das zum erſten Male ſich bewußt wurde, daß ſich eine Macht zwiſchen es und ſeine Liebe geſtellt, die zu beſiegen es ihm an Macht gebrach. Die Mutter ging wieder zurück an ihre Hausarbeit. Das ging 3 re H WMädchen kam nicht. Endlich rief ſie. Es blieb ſtille. Da überkam die liebende Mutter eine entſetzliche Angſt. Sie ging eilings hinauf. Da fand ſie das Mädchen eingeſchlafen, mit dem Kopf auf dem Bette ruhend. Es war ihr gegangen, wie den Kindern, die vor unfäglichem Leid weinend, ſich in die Vergeſſenheit alles deſſen hinüberweinen, was den Thränenguelt zum Fließen geblacht; aber was Das wäre der die Mutter quälte, das war das kurze Athmen, die heißglühende Stirne. Sie beobachtete eine Weile mit wech⸗ ſelnder Beſorgniß das reizende Weſen, und ſchlich dann wieder hinab, das Herz voller Angſt. Gegen vier Uhr kam ſie wieder. Jetzt ſchlug Annchen matt die Augen auf.„Wie iſt dir's?“ fragte die Mutter beſorgt. „Ach, ſo weh,“ fagte das Kind und die Thränen floſſen wieder. Jetzt drängte die Mutter, daß ſie ſich ins Bett lege, und auf ihr Drängen that's Annchen endlich. Der Kopf ſchmerzte ſie ja ſo ſehr! 3 Als es gegen ſechs Uhr ging, zogen die Burſchen mit ihrer Fahne unter die Linde, welche am Ufer der Ahr, von einem freien Raum umgeben, ſtand. Die Fahne wurde in den Aeſten befeſtigt und unten ſchloß ſich ein Kreis um den kleinen Tiſch, der mit ſechs Stühlen umgeben war. Zur Seite ſtanden noch zwei. Der eine für den Schreiber, der andere für den Maiſchultheiß. In Gruppen ſammelten ſich jetzt die Väter und Mütter, aber kein Mädchen war ſichtbar. Als nun auch die Jungen von den Dörfern alle verſammelt waren, rief der Schultheiß des vorigen 3 Jahres das zu hegende Mailehen aus und zunächſt die Wahl des Schultheißen, der Schöffen und des Schreibers. Die Wahl ging vor ſich. Schulmeiſters Anton, der auch ein Schulmeiſter werden wollte, wurde Schreiber. Auch die Schöffen wurden gewählt. Nun ging's an den Schultheiß. Pitter empfing die meiſten Stim⸗ men. Einer nur ſah bleich und ängſtlich aus. Es war Hubert. Das Herz pochte ihm, als wollt's die Bruſt ſprengen. Annchen war nun gewiß die Erſte, denn der Schultheiß hatte ja ein Vor⸗ recht, und deſſen begab ſich der hochmüthige Pitter gewißlich nicht. St! St! ziſchte es rings umher. Das Mailehen beginnt! „Ich weiß Eine,“ rief mit einer Stentorſtimme Pitter,„die als die Krone der Mädchen oben anſteht. Ihr kennt ſie Alle. Annchen aus dem Hofhaus!“ 63 Der Hofbauer ſchmunzelte vor Luſt. Er ſtand auch im Kreiſe. „Ein Mädchen wie Milch und Blut,“ fuhr Pitter fort.„Ein Mädchen ſtill und fleißig, ſittig und beſcheiden. Eine Tänzerin, flüchtig wie eine Bachſtelze, raſch wie ein Reh, ſchlank wie eine Pappel, holdſelig wie Morgenroth— ich biete zehn Gulden!“ „Welch ein Preis!“ riefen die Jungen. „Eilf!“ rief Hubert, und alle Köpfe fuhren herum nach dem Jungen, der es wagte, den reichen Maiſchultheiß abzubieten. Ueber Pitter's Angeſicht zog der Grimm wie eine Wetter⸗ wolke.„Zwölf!“ rief er triumphirend und ſah im Kreiſe herum, als fordere er Alle auf, zu bekennen, das ſei eine Liebe, die zu Opfern bereit ſei. Eine Weile blieb's ſtille.„Gebt acht, der bietet weiter!“ ſag⸗ ten einige der Jungen. „Dreizehn!“ tönte es aus dem Kreis, und wieder blickten Alle auf den Hubert, deſſen Stirne glühte. Der Hofbauer biß ſich in die Lippen. Der Pitter wechſelte die Farbe. Alles ſchwieg. Man konnte wohl ſehen, daß dem Pitter das Geld an die Seele ging; aber ſollte ihn der Lump überbieten? Nimmermehr!—„Vierzehn!“ donnerte er, und er hoffte, dies gewichtige Wort werde den Kecken zuſammendrücken und den Armen zum Schweigen bringen. Hubert hatte die Hände krampfhaft gefaltet. Das Gebot war an ihm, und er hatte nur fünfzehn Gulden, Alles in Allem.— „Fünfzehn!“ ſagte nach einer Pauſe der Arme, und alsbald rief eine Stimme, der man den Grimm anhörte: „Sechzehn!“ Alles hielt den Athem an. „Siebzehn!“ rief zitternd Hubert. Es war, als wollte die Zahl nicht aus ſeiner Bruſt, und doch rief er ſie in der Verzweif⸗ lung aus. „Ei, ſo ſoll dich der Donner!“ polterte der übermüthige Pitter. „Hat ein Bettelbub ſiebzehn Gulden für das Mädchen, ſo hab' ich achtzehn!“ „Wenn's Noth thut noch mehr!“ riefen die Jungen von ſeiner Partei aus.„Drauf! Pitter, drauf! Du mußt ſie haben!“ Alle Köpfe richteten ſich auf den armen Hubert, der topten⸗ bleich daſtand. 30— „Halt,“ ſagte einer der Schöffen, dem das Unrecht wehe that. „Das letzte Gebot gilt nicht. Der Schultheiß hat das Recht ver⸗ letzt; er hat geſchimpft.“ „Ich nehm' das Wort zurück, biete aber neunzehn!“ ſprach Pitter mit vor Zorn bebender Stimme. „So iſt Anna ſein Mailehen!“ ſprach der Schöffe und ſetzte ſich. „Huſſa!“ ſchrie der Kreis.„Der Schultheiß hat das ſchönſte Mailehen, und es gebührt ihm auch!“ „Und damit holla!“ ſprach leiſe in ſich hinein der Hofbauer. Niemand blickte mehr auf Hubert, der mit geſenktem Haupt und kreideweißem Antlitze hinwegwankte. Nur der Hofbauer ſah ihm nach. Ach, der harte Mann dachte nicht mehr daran, daß es ihm vor zwanzig und mehr Jahren einmal ebenſo geweſen war. Wo Hubert hinging? Nicht zur Mutter, die unwohl geworden war, denn er wollte ihr das Jammergeſicht nicht zeigen; nicht zu Andern, denn er ſuchte die Einſamkeit. Ja, da drunten an der Ahr war das Plätzchen, wo er ſo glücklich geweſen. Es war Zeuge ſeiner ſeligen Hoff⸗ nungen, es ſollte nun auch Zeuge ſeines tiefſten Leides ſein. Dort lag er noch auf dem Raſen, als ſchon die Nacht dunkel auf Altenahr lag, denn dichtes Gewölk deckte den Himmel und fernes Donnergrollen war eine Muſik, wie ſie zu ſeiner Stimmung vollkommen paßte. Er weinte! O hadert nicht und nennt's nicht weibiſch! Was ſtürmte Alles ein auf dies arme Herz? Betrogene Hoffnungen! Kennt ihr ſie? Wiſſet ihr, wie es dem Herzen iſt, wenn es aufgeben muß, was es ſo lange als ſchönſtes Ziel feſt⸗ hielt? Wofür es kein Opfer, keine Mühe, keine Entbehrung ſcheute? Und Alles umſonſt! nein! Werfe den erſten Stein auf den armen Jungen, wer in gleicher Lage ſein Gefühl zu bemeiſtern im Stande iſt. Liebesweh'! Mußte er nicht ſeine Liebe wiſſen im Arme des Verhaßten, mußte er ſie nicht ſehen Herz an Herz im wirbelnden Tanze? Und durfte er hoffen, daß der rachſüchtige Pitter ſie ihm —— einmal gebe zum Tanze? Nie! Schmerz der Armuth! O, er hatte den Fluch der Armuth noch nicht ganz gekannt; er hatte nicht geglaubt, daß ſie ihm eine ſo tiefe Kluft bereite. Zetzt ahnte er's! Bettelbub hatte ihn öffentlich der hochmüthige Pitter genannt. Und war's nicht ſo? Hatte er nicht gebettelt, nicht Bettelbrod eſſen müſſen? Das Gefühl der Schmach, der öffentlichen Verachtung zerriß ſein Herz. Was ſo in ihm gohr, das löſte ſich nach und nach in tiefen Schmerz auf und die Thränen ſind Balſam für ſolche Wunden. Tadle ihn, wer's kann. Die Natur hat ihre Rechte. Wo der Wille nichts vermag, bleibt am Ende nur die Thräne— und Dank dem Himmel für dieſe Gabe! Sie erleich⸗ terte des armen Jungen Bruſt und machte das Herz empfänglich für die wiederkehrende Ruhe. Es war ſchon ſpät, als er zum ſtillen Häuschen zurückkehrte, wo die Mutter war. Sie hörte ihn nicht, als er, das Herz ſo ſchwer, in ſein Kämmerlein ſchlich. Was jetzt ſich ereignet hatte, das kam ihm prophetiſch vor, und dieſer Gedanke legte ſich noch ſchwerer auf ſeine Bruſt. Es iſt eine Erfahrung im Leben, daß kein Leid allein kommt. Auch dem armen Hubert war ſolche Erfahrung vorbehalten, denn als er am andern Morgen aufſtand, fand er die Mutter bedenklich krank. Sie fragte ihn nicht nach dem Erfolge des Mailehens, denn er hatte ja keine Majen geholt und ſein Geſicht, der treue Abdruck ſeines Innern, ſprach's deutlich genug aus, was geſchehen war. Er ſaß ſtille an der lieben Mutter Bette und hielt ihre fiebe⸗ riſch glühende Hand in der ſeinen. Sie war ſo matt, daß ſie kein Auge aufſchlug. Es kam eine große Angſt über ihn. Er ging zur nächſten Nachbarin und bat, daß ſie zur Mutter komme, weil er nach Ahrweiler zum Doctor gehen wolle. Gerne kam dieſe und ſogleich eilte er fort, die Hülfe zu ſuchen in ſeiner Angſt. Als ſpät der Doector kam, fand er die Lage der Betagten bedenk⸗ lich. Hubert wich nicht von ihr. Gegen Abend kam die Hoffrau, um nach der Kranken zu ſehen. „Wir haben auch eine Kranke daheim,“ ſagte ſie zu der Lei⸗ denden.„Unſer Kind liegt im Bette.“ 12 3 „Habt Ihr denn keinen Doctor?“ fragte Hubert, den die Nach⸗ richt heftig erſchütterte. „Sie will keinen,“ ſagte die Hoffrau.„Ich denke,“ ſetzte ſie hinzu,„bis zur Kirmeß wird Alles vorbei ſein, daß ſie doch tüchtig tanzen kann, da ſie des Schultheißen Mailehen iſt. Es wär' auch traurig für den, wenn's anders wär', weil er ſo viel für ſie bezah⸗ len muß!“— Das war ein Stich ins Herz und, man ſah's,— vorher bedacht. Er traf ſicher. Hubert beugte ſich zum Schooße herab, aber er ermannte ſich ſchnell.„Es iſt keine Kunſt, viel für ſie zu geben, wenn man viel hat!“ Das ſagte er halblaut, aber die Hoffrau hörte es. Sie ſchwieg darauf, weil es ſie reute, das harte Wort geſagt zu haben Sie blieb lange da und war freundlich gegen Hubert, der ein ſo liebevoller Sohn war. Als ſie wegging, begleitete er ſie bis an den Steg über die Ahr. „Es wird doch nichts zu ſagen haben mit Annchen?“ fragte er hier mit einem Tone, der tief hinab auf die Stätte der Bruſt wies, von wannen die Frage gekommen war. „Brauchſt dich nicht zu bekümmern,“ ſagte die Hoffrau;„haſt Sorgen genug. Bis morgen iſt Alles vorbei.“ Das letzte Wort war ein prophetiſches, ohne daß es die Hof⸗ frau in dieſer Bedeutung gemeint hatte, denn am andern Morgen war Hubert's Mutter eine Leiche, und als die Hoffrau kam, fand ſie Hubert vor dem Bette knieend in ſeinen Thränen. In der Nacht hatte er den Paſtor noch geholt, weil die Mutter die Sterbeſakramente verlangt hatte, und dann war ſie ſanft, wie eine Gerechte ſtirbt, und ihren Sohn ſegnend, hinübergegangen. Der Anblick erſchütterte die Hoffrau tief. Sie ſtellte ſich in Gedanken Alles ſo zuſammen und ein aufrichtiges Mitleid mit dem armen Verlaſſenen erfüllte ſie. Sie ſprach ihm Troſt zu, aber er ſchien dafür nicht empfäng⸗ lich. Mit der Mutter war ihm Alles weggeſtorben. Er ſtand nun allein in der Welt, und das Herz, das allein tief mit ihm fühlte, durfte er nicht aufſuchen. 33— Annchen lag noch zu Bette. Die Nachricht von Hubert's Ver⸗ luſt traf ſie hart. Sie wurde kränker. „Siehſt du,“ ſagte die Mutter,„wie gut es war, daß du Pitter's Mailehen wurdeſt! Zetzt hätte der Hubert der Trauer wegen doch nicht mit dir tanzen können und dürfen.“ Sie mochte das nicht hören. Sie dachte an Hubert und ſein Leid, und daß ſie ihn jetzt nicht tröſten könne. Acht ſchwere, ja die ſchwerſten Tage ſeines Lebens waren für Hubert vergangen, als er in Ahrweiler in das Bierhaus zum Stern trat, um ſeinen Durſt zu löſchen mit einem Glas Bier. Der Wirth war ſein Pathe und ein verſtändiger Mann dazu. „Setz' dich Path',“ ſagte der Wirth.„Dir iſt heiß!“ Er ging, holte Bier und trank ihm zu:„Proſit, Path'! wie geht's?“ „Wie ſoll's gehen,“ ſagte traurig der arme Jung,„Ihr wißt ja, wie mir's geht.“ „Freilich,“ war des Wirths Antwort.„Wie denkſt du deinen Sack anzuhängen? K „Häng' ich ihn rechts, ſo paßt er nicht; häng' ich ihn links, ſo paßt er gar nicht,“ ſagte Hubert.„Rathet mir einmal. „Ja, Path',“ verſetzte der Wirth,„da iſt bös rathen. So allein ſteckſt du nicht viel auf, und wenn du heiratheſt, dann kann's gut gehen— auch nicht. Ich bliebe am Ende noch ledig und verdingte mich.“ „Wohin denn?“ fragte Hubert.„Der Taglohn und das Fiſchen ernährt mich ſchon ganz gut.“ „Ei, ſo nimm ein wackres Mädchen, das dir was beibringt, und ernähre dich redlich. Der liebe Herrgott verläßt ein geſundes Herz und geſunde Arme nicht. Haſt du dir noch nichts ausgeſehen? red' mal!“ Der Jung ſah ſchamroth unter ſich und ſchwieg. „Narr du!“ rief der Pathe aus.„Was brauchſt du dich vor deinem Pathen zu ſchämen? biſt ja kein Kind mehr, und ich bin dir jetzt Vater und Mutter. Sei offenherzig und red' von der Farbe!“ „Ach ja,“ ſagte Hubert halblaut und ſah nicht auf. „Dacht' mir's wohl!“ verſetzte der Wirth.„Unter der Sonne nichts neues, ſagt Salomon. Bin auch jung geweſen; aber wer iſt's denn?“ „Des Hofbauers Annchen!“ geſtand Hubert mit Widerſtreben, denn das hatte er ja noch Niemand geſagt. „Hu, Jung!“ rief der Wirth, da willſt du hoch hinaus!“ „Ich will's ja nicht allein— ſie auch;“ ſagte Hubert leiſe. „Aha, da pfeift der Wind anders woher,“ ſprach der Wirth. „Alſo ihr Zwei ſeid einig?“ „Gewiß!“ „Und die Alten?“ „Ja, die werden's wohl nicht wollen, denk' ich!“ „Freilich, Hubert, du haſt kein Vermögen, und das wiegt ſchwer bei dem Hofbauer, ich kenne ihn. Doch halt! iſt ſie dein Mailehen?“ Da ſeufzte tief der arme Jung und erzählte ſein Leid. „Das iſt ſchlimm,“ entgegnete ſein Pathe,„da will mir's vorkommen, als ſei der lange Pitter der Erwählte bei den Alten. Nimmt ihn das Mädchen?“. „Nein, nie!“ „Guter Hubert, ſei nicht ſo ſicher!“ mahnte der Wirth. „Weiberherzen und Aprilswetter ſind Geſchwiſterkinder! Ich ver⸗ ſtehe mich auf den Artikel. Bau' nicht ſo feſt drauf!“ „Was denkt Ihr von dem Mädchen, Path'?“ rief da im Innerſten verletzt Hubert aus.„Wenn die von mir läßt, ſo—“ „Halt ein, Jung, halt ein,“ fiel ihm der Path' in die Rede. „Du kennſt die Welt noch nicht. Hab's mehr erlebt!“ Jetzt nahm aber Hubert des Mädchens Parthei mit einem Feuer und einem Nachdruck, daß er den Wirth aus dem Felde ſchlug. „Nun, Närrchen,“ verſetzte dieſer endlich,„mir iſt's tanſend⸗ mal für einmal recht; aber— aber— doch rath' ich dir, mach's kurz und rede mit dem Alten.“ ⸗ „Das kann ich nicht!“ rief Hubert.„Das bring' ich nicht fertig!“ „Dummes Zeug!“ polterte der Wirth.„Warum denn nicht? Aber wenn du abſolut nicht willſt, ſo will ich den Sonntag hin⸗ überkommen und will dein Freiesmann werden.“ Das erleichterte das bedrängte Herz und ruhiger kam Hubert in das leere Häuschen. K Das Fenſter war offen geweſen; als er in die Stube trat, lag eine Roſe am Boden, friſch erblüht, in voller Pracht. Wer ſie ihm hingeworfen, das wußte er ja. Sie war ein Zeichen ihrer Liebe und ein Zeichen ihrer Geneſung. Zum erſten Mal ſeit der guten Mutter Tod durchzuckte ihn ein Strahl der Freude und Hoffnung. Sie zu ſehen, ſie zu ſprechen, war indeſſen umſonſt. Sie wurde bewacht wie ein Hausdieb. Nie war ſie allein zu Hauſe; nicht einmal allein im Garten konnte ſie ſein, ohne daß die Mutter gerufen hätte oder gekommen wäre. Da wär's denn ein fruchtlos Bemühen geweſen, einen Augenblick erhaſchen zu wollen; und ſchreiben? dieſe Kunſt verſtanden nur Wenige in den Landen des Kurfürſten von Köln, und zu den wenigen Bevorzugten gehörte weder Hubert noch ſein liebes Annchen. So kam denn der Sonntag und die Kirmeß mit ihm, der gefürchtete Tag des Leides für zwei liebende Herzen, auf den ſie ich ſonſt ſo ſehr gefreut hatten. WMorgens war Hubert in der Meſſe. Er ſah Annchen und wäre faſt in einen Ausruf des Schreckens ausgebrochen, ſo übel ſah ſie aus, ſo bleich und leidend. Dann und wann fuhr ein Blick zu ihm herüber, ein Blick voll Liebe; aber dann glotzte der Pitter ſo giftig auf ihn her, daß Annchen ſchnell das Auge anders wohin wandte. 8 Als die Kirche aus war, ſaß Hubert in ſeinem Gärtchen unter dem Hollunderbaume, der ſeine Blüthen ſchon zu treiben sufing Seine Blicke waren hinüber gerichtet und ſein Herz ſagte ihm, ſie käme. Endlich ſchlich ſie ſich an den Weidenzaun. Sie öffnete die — Lippen— da rief ſchon die Mutter nach ihr, und mit einem Gruße herüber floh ſie ins Haus. Hubert ſah betrübt vor ſich nieder. Was ſollſt du hier noch? fragte er ſich. Bewachen ſie ſie ſo, dann komm' ich nie mehr zu ihr. Beſſer dann, ich bin weit weg von hier! Als er dieſen Gedanken dachte, ſchritt ſein Pathe, der Stern⸗ wirth von Ahrweiler, daher im Sonntagsrock, den Hut auf und den Kreuzdornſtock in der Hand, der in der heißen Kalkgrube hell und dunkel getigert war, je nachdem die Rinde daran gelaſſen oder völlig weggeſchnitten war. „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ ſagte er, und Hubert grüßte zurück:„In Ewigkeit!“ Er führte den Pathen in ſein ſauberes Stübchen, wo ſchon das Kaffegeſchirr auf dem Tiſche ſtand. Einen Kuchen hatte ihm der Bäcker gebacken, den er nun zum dampfenden Kaffe vorlegte. Beiden fehlte es an Appetit nicht. Später ging der Path' noch zu guten Freunden im Ort und Hubert ſchloß ſeine Thüre zu, daß er nicht Zeuge ſei, wie ſein liebes Annchen vom langen Pitter weggeführt würde, dem ſie mit widerſtrebender Hand den Maiſtrauß an die Bruſt zu ſtecken von Sitte und Herkommen genöthigt wurde. Als er die Muſik hörte, ging es ihm durchs Herz wie ein Schwerdt. Zetzt holte er ſie ja ab und er— ſaß hier in doppel⸗ tem Weh!— Der Path' hatte geſagt, wenn ſie bei der Muſik wären, würde er zu den Alten gehen, und wär' er um vier Uhr noch nicht zurück, ſo wär's nichts. 8 ſaß er denn ſtille da im Stübchen in tiefer Trauer und eine Stunde nach der andern ging langſam hin. Der Pathe kam nicht. Die Hoffnung ſenkte tief und tiefer ihre Flügel.( „Es iſt vorbei,“ ſagte er endlich, als es vier Uhr ſchlug. „Sie haben Nein geſagt.“— Er zerdrückte eine Thräne in ſeinem Auge und ſagte laut:„Nun bleibt mir nichts mehr übrig, als von dannen zu ziehen. Hier bleiben kann ich nicht“ „Das iſt ein verſtändig Wort,“ ſprach in dieſem Augenblic — der Pathe, der am offenen Fenſterlein ſchon eine Weile geſtanden und den armen Jungen beobachtet hatte. Er kam herein. „Du haſt's wohl ſchon ausgerechnet, Hubert,“ ſagte er,„was ich ausgerichtet habe. Da iſt nichts zu wollen. Wo der Reich⸗ thum ſitzt, da ſitzt auf dem Geldſack der Hochmuthsteufel. Gib's auf, Hubert. Schlag' dir das Mädel aus dem Sinn, und glaubſt du das hier nicht zu können— nun, dann geh'! Die Welt iſt groß und überall Brod für einen jungen Kerl, der ehrlich und treu iſt und arbeiten will. Wär' ich an deiner Stelle, ich würd' Soldat. Die Kerle in dem Köln haben's herrlich. Gehn in die Meſſe, begleiten die Prozeſſionen, ſtehen Wache, eſſen, trinken und ſchlafen, und das iſt Alles. Dabei haben ſie gute Vöhnung und ſind gekleidet wie Barone. Willſt du das nicht, ſo werde Haus⸗ knecht in Köln, in einem Wirthshaus, ſo etwa im„Heiligen Geiſt.“ Da fallen die Trinkgelder wie Hagel vom Himmel. Gefällt dir auch das nicht, ſo will ich den dritten Rath geben, werd' Schiff⸗ knecht. Die habens auch gut. Du ſparſt dir etwas überall. Hier aber blieb' ich an deiner Stelle nicht. Das iſt eine ſchlimme Nachbarſchaft für einen ehrlichen Kerl, der hinter dem Rücken der Eltern mit dem Mädel nicht Verkehr haben will. Tauſend Verdruß iſt die Folge.“ „Ihr habt recht, Path',“ ſagte mit bebender Stimme der arme Junge;„aber, was mach' ich mit dem Häuschen und meinen paar Läppchen Land und dem bischen Hausrath?“ „Daß die gut verpachtet werden, dafür ſorg' ich,“ war des Pathen Antwort.„Dein bischen Weißzeug, Bett und Hausrath hol' ich nach Ahrweiler und hebe dir's auf. Iſt dir das recht, ſo ſchlag' ein!“ Er hielt ihm die Hand hin und Hubert ſchlug ein, und als der Path', der noch einen Beſuch bei einem guten Freunde machen und dort ein Extragläschen trinken wollte, zurückkam, ſtand Hubert unter der Thür, ſix und fertig. Ein Bündel hing auf ſeinem Rücken, einen Stock hielt er in der Hand und die Mütze ſaß tief in den Augen. — gehe gleich mit Euch!“ ſagte er. —— Der Path' war erſtaunt.„Vorgethan und nachbedacht,“ ſagte er,„hat Manchem ſchon groß Leid gebracht.“ „Ich will nicht mehr hier bleiben!“ war Hubert's Antwort. „So komm' in Gottes Namen,“ ſagte der Path', und während im Flecken die Paare im wirbelnden Tanze ſich drehten, wankte Hubert mit dem Pathen dort hinab gen Ahrweiler; aber ſo red⸗ ſprächig auch der Ahrbleichart den Pathen gemacht, aus Hubert brachte er kein Wort heraus. Er ging ſtill dahin und bewegte in ſeinem Herzen nur das harte Loos, das ihm gefallen war; aber die Roſe trug er an einem Bändel um den Hals. Am andern Tage ſagte der Pathe, der den Jungen lieb und mit einem Nachbar ſeinetwegen geredet hatte:„Hubert, nun weiß ich Rath. Mein guter Freund, der Nagelſchmied, hat in Köln einen guten Freund, der treibt das Handwerk: Knechte und Mägde zu verdingen gegen einen Gulden per Stück. Er will dir an ſelbigen guten Freund einen Brief mitgeben, der wird dir gute Dienſte thun.“ Das war dem Jungen lieb. ZJe eher er fortkam, deſto beſſer es für ihn war, denn hier, wo er ohne ale Beſchäf⸗ tigung war, kamen ſeine Gedanken nicht von Altenahr, nicht von Annchen weg. Ich bekomme am Ende noch das Heimweh, dachte er. „Laßt mir den Brief ſchreiben,“ ſagte er zum Pathen,„ſo geh' ich morgen früh fort!“ Aber der gute Freund des Pathen wurde verhindert den Brief zu ſchreiben, und er mußte alſo noch einen Tag warten. Abends ging er hinaus vor die Stadt, den Weg gen Altenahr zu. Ohne daß er es wußte, war er weit weggegangen. Die Sonne war ſchon im Sinken. Da blickte er einmal zurück, und ſiehe da, raſchen Schrittes kam ein Mädchen daher. War das nicht Annchen?„Ja Annchen, mein Annchen!“ rief Hubert und ſein Herz ſchlug in doppelten Schlägen. Sie war es. „Find' ich dich doch, guter Hubert,“ rief ſie ihm zu.„Ach, ich wär' geſtorben, wenn du weggegangen wärſt, ohne mir Adje geſagt zu haben!“ — ſtehen und meinte, das Se werde ſchen vergehen, Er faßte ihre Hand und die Thränen wollten ſeinen Blick verdunkeln, und er konnte nicht reden vor tiefer Bewegung. „Willſt du fort?“ fragte ſie ſo ſüß. „Ich muß ja,“ ſagte er endlich.„Dein Vater gibt dich mir nicht, und hinter ſeinem Rücken darf ich nicht mit dir koſen. Sie bewachen dich ja überall, und es wär' auch ein Unrecht von uns Beiden!“ „Ich weiß es,“ ſagte das Mädchen und ſeine Thränen beglei⸗ teten die Worte.„Laß uns ſchnell mit einander fortgehen. Es kommen noch Mädchen von Altenahr nach,“ ſagte ſie.„Ich war bei deinem Pathen und habe dich geſucht. Er ſagte mir, du ſeieſt da herausgegangen.“ Sie ſchritten raſch voraus, Hand in Hand, aber ernſt und traurig. Hubert ſetzte ihr ſeinen Entſchluß auseinander. Sie konnte es nicht mißbilligen, obgleich ihr das Herz brechen wollte, wenn ſie an die Trennung dachte. Sie plauderten viel und angelegentlich. Endlich waren ſie an den Wald gekommen. In der Ferne ſah man Leute kommen. Sie mußten ſcheiden. Tauſend Betheuerungen treuer Liebe wurden gewechſelt; dann heiße Küſſe und Hubert riß ſich los und verſchwand im Walde. Es war ein Glück, daß eine Quelle nahe war, wo ſich Annchen die Augen waſchen konnte; noch ein größeres Glück aber, daß es bald dunkelte und die Mädchen die verweinten Augen nicht ſahen. Sie mußte ſich recht halten, um die innere Bewegung nicht zu verrathen. Aber er hatte ja gelobt, in einem Jahre wieder zu kommen, und dies Verſprechen war ein Troſt für das arms Kind, dem nun das Leben ausgeſtorben war. Den Pitter ſah ſie nicht an, er mochte machen was er wollte. Aller Frohſinn war gewichen, und wenn ſie irgendwo allein war, ſchwammen die Augen in Thränen. Die Mutter ſah des Kindes Leid und machte oft ſich, oft ihrem Manne bittre Vorwürfe; der aber blieb auf ſeinen neun und — 9— wenn einmal der Bettelbub vergeſſen ſei, werde der Pitter ſchon Hahn im Korbe werden. Er verſtehe ſich auf das, und ſo ein Kind habe noch keinen Verſtand. Es ſei gut, daß der Jung fort ſei. Es würde bald heißen: Aus den Augen, aus dem Sinn. III. Verlaſſen, was dem Herzen lieb, Und Scheiden, das thut wehe! Daheim, daheim das Herz doch blieb, Wenn ich auch ferne gehe. O Heimat, du mein Paradies! O Liebchen, das ich dorten ließ! Ob ich Euch wiederſehe? Altes Volkslied. Mit der leichtfertigen Rede des Hofbauers: aus den Augen, aus dem Sinn, war's einmal nichts, weder bei dem Annchen, noch bei dem Hubert. So alte Regeln des Leichtſinns hatten keine Gel⸗ tung bei den zwei Herzen, die zuſammengewachſen waren von Kin⸗ desbeinen an; auch waren Beide zu tüchtig, zu ächt dazu oder wie Hubert's Pathe ſagte: in der Wolle gefärbt. Der hatte es weg, als er des Jungen Trauer und des Mädchens Leid ſah. Wart', dachte er, ich will das ſtille Feuer nicht ausgehen laſſen, und meinte, er thue etwas Gutes damit und auf der andern Seite dem reichen Kaffern, wie er den Hofbauer nannte, einen rechten Schabernack. Drum ſagte er zu Annchen:„Kind, wenn du als einmal etwas von dem Hubert hören willſt, ſo komm' herein, wenn du nach Ahr⸗ weiler kommſt.“ Das war dem Annchen lieb, und es bedankte ſich und ver⸗ ſprach's. Zu dem Subert ſagte er:„Ihr Zwei laßt doch nicht von eeinander, merk“ ich, da kannſt du dir als einmal von dem guten Freund, der die Fn chte und Mägde verdingt, einen Brief an dich geleiten. Sei brav und fleißig und ſpar' dir Etwas— S — ſchreiben und das Annchen grüßen laſſen. Ich richt's aus. Wer weiß, was ſich macht. Sei du nur gutes Muths und laß die Flügel nicht hängen, wie eine gerupfte Gans.“ So was ſchlägt durch und es ging dem Hubert ein Freuden⸗ licht auf; aber als endlich der Brief geſchrieben war, der lautete: „An den Meiſter Hans Heberlein, Schneider in Köln, abzugeben oben Marspforten, Nr. 63, durch den Hubert von Altenahr, der ſich verdingen will,“ und in ſeiner Hand lag; als das unabänder⸗ liche Loos nun gefallen ſchien, das ſchöne Ahrthal zu verlaſſen, da ging das alte Sprüchwort in Erfüllung:„Wo das Häslein geheckt iſt, da iſt es gern.“ Es drückte ihm ſchier das Herz ab und das Köln war ja auch ganz aus der Welt!— Einmal war er in Bonn geweſen, und da hatte er auf dem Kreuzberg, wo die heiligen Män⸗ ner liegen und auch der, der das Maul aufſperrt, als wolle er Mäuſe fangen, kaum die Thürme und vornehmlich den Dom geſehen. Du lieber heiliger Antonius von Padua! Sollt' er's denn wagen, ſo aus der Welt hinaus zu wandern? Sah er auch das Annchen jemals wieder? Der Pathe betrachtete ihn und ahnete, was in ihm vorging. „Sei geſcheidt, Hubert,“ ſagte er.„Meinſt du, das Köln wär' aus der Welt? Du Narr, in zwei Tagen biſt du dort, ganz gemäch⸗ lich, du darfſt nur tüchtig zuſchreiten. Bin's mehr wie einmal gegangen, als ich Brauknecht und Branntweinbrenner im„Thürm⸗ chen“ war. Pah, flenn' nicht: das iſt alter Weiber Art. Biſt du gewiß, daß dir das Mädchen die Treu' hält und nicht faule Fiſche backt, dann geh' und verzieh' mir das Geſicht nicht. Ein junger Kerl, der flennt, wenn er mal aus dem alten Neſt muß, iſt ein Simpel. Friſch. Trumpf aus! Ich wette, du kriegſt die Herz⸗ dame! Donner! Mir hätt' Einer ſo kommen ſollen! Flennen? nein, Hubert, du haſt die ſiebente Ader von deinem Path, der hat ſeiner Lebtage nicht geflennt. Geh' in Gott's Namen; alle Heiligen ſollen dem alten Kaffern dreh' ich doch noch eine Naſ'!“ „Ja Pathe,“ ſagte der Hubert,„wer dem Hofbau — drehen will, muß früh aufſtehen.“ Drauf drückte er ihm wehmüthig die Hand und ſchritt hinaus. So lange er die Berge des Ahrthals und die Landskron vor allen ſah, ging's; als aber die verſchwanden, da ſtockte ſein Athem. Er legte ſich ins Gras und weinte. Ueberall aber tönte es ihm doch in die Ohren: Ein junger Kerl, der flennt, iſt ein Simpel! Er ermannte ſich und ſchritt weiter. Doch— je weiter er rhein⸗ abwärts kam, deſto öfter kehrte das Weh zurück und zuletzt ſchlich er nnr noch ſo hin wie: Gott, verlaß mich nicht!— Beſonders am zweiten Wandertage war dies der Fall. Die Hitze war auch ungehener geweſen, als er nahe an Köln kam. Am Wege ſtand ein Kreuz— denn die Kölner ſind faſt alle fromm, wenn ſie alt werden. Unter dem Kreuz iſt gut ruhen, dachte der fromme Jung von Altenahr, der die Kölner Funken nicht kannte, legte ſeinen Bündel neben ſich ins Gras und ſtreckt die müden Glieder auf den dürren Raſen aus. Es war heiß geweſen, drückend heiß an dem Tag und der ganze Zuſtand Hubert's, der innerliche wie der äußerliche, litt an einer großen Abſpannung. So war's denn kein Wunder, daß er erſt wachend vom lieben Annchen und der ſchönen Heimat träumte, dann, ohne daß er's merkte, ſchlafend und ſo allmählig in den Zuſtand völliger Bewußtloſigkeit überging. Dies war um ſo mehr der Fall, als er in der letzten Nacht gar nicht geſchlafen hatte. Nur gegen Morgen war er eingeduſelt, aber bald wieder geweckt Auf der Landſtraße wandern viele Leute, ehrliche und Spitz⸗ denen man es nicht an den Federn anſieht, was ſie für 5 Vögel ſind. Kam auch ein Kölner Strick des Wegs, ſo ein ächter „Drickes“ voll Lumpenſtreiche und Verſchlagenheit; der dachte, als er den müden Schläfer und das Bündel ſah: mußt dem müden Jungen das Wandern erleichtern! nahm ſachte das Bündel mit den 3 Salbandträgern weg, hing ſich's um und bog ſeitwärts ab von der In den hohen Kornfeldern war er bald den Blicken 3 entzogen. Da er ein Verkennen ſeiner guten Abſichten fürchtete, ſo machte er ſich auch ſo eilig aus den Reiſern, daß es eine große Dummheit geweſen wäre, daran zu denken, ihn noch zu erhaſchen, als endlich mit der ſinkenden Sonne der Jung von Altenahr die Augen rieb und mit Mühe zu ſich ſelber kommen konnte. Es koſtete ihn wirklich eine geraume Zeit, ehe er ſich gehörig beſinnen konnte, wo er denn eigentlich ſei. Als er ſich zuletzt gefunden, ſah er nach ſeinem Bündel; aber wer malt ſeinen Schrecken, als er ihn nicht mehr fand und ſich es nicht verhehlen konnte, er ſei ihm geſtohlen. In dem Bündel war ſein bischen Geld, ſeine Hemden, Klei⸗ dung— der an den guten Freund. Das Alles war geſucht— fort, und geſtohlen, unter dem S geſtohlen! Seine Lage war troſtlos, verzweifelt! Iſt es ihm zu verargen, wenn er den Kopf an den Kreuzesſtamm anlehnt und klare Tropfen herabrieſeln in das dürre Gras zu deſſen Füßen? Iſt es zu verwundern, wenn er ſich dem ganzen Schmerze hingibt und weder hört, noch ſieht, was um ihn vorgeht? Alle Ausſichten und Hoffnungen waren zerſtört. Was ſollte nun aus ihm werden? In dem Weſtenſäckel keinen Kreuzer, im Magen Hunger, im Kopfe verworrene Gedanken, im Herzen tiefes Leid und in der Welt jetzt Niemand, dem er ſich anvertrauen kann! Armer Hubert, wie wird dir's gehen! So merkte denn auch Hubert nicht, daß ein Mann daher kommt, der die Kleidung der kurkölniſchen Funken genannt, trägt, und ein paar Litzen am Arm und ein Seitengewehr am Bandelier hat, alſo ein Korporal iſt, ſo Einer, der Etwas zu befeh⸗ len hat. Der bleibt eine Weile ſtehen, betrachtet ſich den Hubert von unten bis oben und denkt, das wär' ein Fang für die Com⸗ pagnie, denn es fehlt uns juſt Einer, der ſich ranzionirte, das heißt, der durchging und in Holland unter die Seelerkjufer gerieth. Ueberdies, fährt er in ſeinem Gedanken f r hüb⸗ ſchen Jungen Etwas paſſirt, ſonſt heulte er ni Zuſtänden ſind ſie zugänglich. Mußt ihn — „Holla! guter Freund,“ ſagte er zu Hubert,„du heulſt ja, als wär' dir das Allerſchlimmſte paſſirt. Wie ſteht's?“ Der Jung von Altenahr fährt zuſammen, als er die rauhe Stimme hört und ſieht den Fragenden an, wiſcht die Thränen weg, zieht ſeine Kappe und grüßt den Kriegshelden in Friedens⸗ zeiten nach Gebühr.„Ach, Herr Soldat,“ ſagt er darauf mit wei⸗ nerlichem Ton,„mir iſt wohl das Allerſchlimmſte paſſirt, denn die Heimat hab' ich verlaſſen, um mir in Köln ein ehrlich Stücklein Brod zu ſuchen, und als ich hier ſchlafe, ſtiehlt mir Einer meinen Bündel mit all meiner Herrlichkeit, und nun weiß ich nicht, was ich machen ſoll, denn ich bin fremd und hungre wie ein Wolf.“ Dem Korporal fuhr's übers Geſicht, wie wenn Einer lachen muß und will doch nicht. „Das iſt ſchlimm,“ ſagt' er drauf.„Dem Bündel kannſt du Adje ſagen. Der's mitgenommen, bringt dir's nicht wieder; aber wenn du Hunger und Durſt haſt, ſo komm' mit mir. Dort am Bajenthurme liegt ein Häuslein„zum Muttergottesbildchen,“ da wollen wir einkehren und du ſollſt eſſen und trinken, ſo viel du willſt, ich bezahl's. Ein kurfürſtlicher Soldat hat immer Geld für ſo etwas. Sei gutes Muths und komm'!“ Der Hubert meinte, es müſſe diesmal ein Engel die Sol⸗ datenkleider angethan haben, beſinnt ſich nicht lange und geht mit ihm. Bald iſt das Wirthshäuslein erreicht. Der Soldat läßt auf⸗ tragen holländiſchen Käs und Brod und Branntwein, und der Hubert haut drauf ein, daß es eine Art hat. Der Soldat ſieht ihm mit Verwunderung zu und kann nicht begreifen, wo er's hin⸗ that; aber ſo ein junger Kerl, der Hunger hat, kann Etwas unter⸗ bringen, weiß es ſelbſt noch aus meinen jungen Jahren. Mittlerweile trinkt ihm der Soldat einmal zu, und als das Eſſen almählig langſamer geht, fragt er ihn:„Was willſt du denn nun anfangen in der Stadt Köln?“ „Wißt Ihr nicht, guter Freund, wo„oben Marspforten“ iſt?“ fragt er den Soldaten zurück. 2 „Warum nicht?“ erwiedert der;„aber was willſt du da?“ „Ei,“ ſagt Hubert,„da wohnt Einer— ja, den Namen hab' ich rein vergeſſen in meinem Leid— der verdingt Knechte und Mägde und iſt der gute Freund meines Pathen zu Ahrweiler, des Wirthes im Stern. Kennt Ihr ihn vielleicht?“ „Gott behüte!“ ſagte der Soldat.„Willſt du aber in der ungehenern Stadt Köln Einen ſuchen, deſſen Namen du nicht weißt, Freund, dann iſt's aus. Auch wär's ſchad' für einen Kerl, wie du, wenn er ein Knecht würde. Ich wüßt' was Beſſeres für dich!“ „Was denn?“ fragte Hubert. „Ei, ſieh' mich'mal an, wie gefällt dir die Uniform?“ „Prächtig!“ rief Hubert. „So kannſt du auch eine kriegen und Geld dazu, Eſſen, Trinken und eine Schlafſtelle. Niemand hat's beſſer, als unſer einer. Alle Welt hat Reſpect vor ihm. Er iſt ein freier Herr, ſo eine Art von Baron oder Graf. Immer Geld, Tabak und gute Tage und das zweierlei Tuch gefällt den Mädchen; ſie gucken alle nach uns, und wenn wir auf den Tanzboden kommen, ſo ſtechen wir fluggs Alle aus.“ „Das kümmert mich wenig. Ich hab' daheim mein Theil und tanze nicht, weil ich Trauer habe,“ ſagte traurig Hubert. „Närrchen,“ verſetzte der Korporgl,„das Trauerjahr vergeht, und kommſt du mal heim, fo gefällſt du erſt deinem Mädchen recht. Dir müßte die Uniform grauſam ſchön ſtehen!“ „Darf denn ein Soldat heim?“ fragte der Junge nengierig. „Das verſteht ſich; kriegt Urlaub, wann er will,“ entgegnete der Korporal.„Er kapitulirt auf zehn Jahre und kriegt fünfzehn Gulden Handgeld.“ „O weh, zehn Jahre!“ ½ Hubert,„ich miß heim.“ „Das darfſt du auch,“ ſagte der Korporal.„Der nurfürſt iſt ein mordgnädiger Herr, der läßt die Leute gehen, wenn ſie nur brav und gehorſam ſind. Er iſt gar nicht hitzig auf das Behalten inem Jahre — und kriegt deren mehr, als ihm lieb iſt. Das mit den zehn Jahren iſt nur ſo ein Geſchwätz. Du weißt, ſo etwas muß einen Namen haben. Und wie kann ein Menſch, der nicht vernagelt iſt, voran⸗ kommen, avanciren nennen wir Soldaten es! Sieh' mich an! Auf den Kopf gefallen bin ich eben nicht. Darum ward ich nach einem halben Jahre ſchon Korporal. Nun heißt's: Herr Korporal hinten, Herr Korporal vorne! Schönes Geld, ſchöne Ehre! Was will man mehr? Ich wett' ein Fettmännchen gegen einen Ducaten, du biſt, ehe ein halbes Jahr um iſt, Korporal; und was wird dann dein Mädchen Augen machen?“ Während dem hatten ſie wacker getrunken, und der Korporal hatte bald den guten Jungen, dem der Branntwein die Sinne zu nebeln begann, herumgebracht, daß er das Handgeld nahm und ne zur Kaſerne mit ihm wanderte. 8 ₰ er erwachte am andern Morgen als kurkölniſcher Soldat oder Funke, und wurde eingekleidet und einexercirt, was ihm das Sol⸗ datenweſen bald verleidete. Völlig niedergeſchlagen wurde er aber, als ihm ſeine Kame⸗ raden ſagten, der Korporal habe ihn abſcheulich belogen. Er müſſe zehn volle Jahre dienen und mit dem Entlaſſen ſei's nichts. Bei dieſer Nachricht verließ ihn völlig der Muth. Troſtlos im höchſten Grade lebte er im dumpfen Trübſinne dahin; denn nun war Annchen für ihn verloren! Ueber den Zeitraum eines gahres wollen wir nrnheh Es beſtand in Wachenſtehen, Exerciren und Lungern; aber wer nach dieſem Zeitraume den armen Jungen geſehen hätte, es würde ihm ſchwer geworden ſein, ihn wiederzuerkennen. Bleich und traurig a Das Auge trüb und eingefallen. Das Herz voll te wohl heimſchreiben laſſen, Grüße geſandt und ich hatte ihm Annchen ſchreiben laſſen, ſie würde ihm treu bleiben; aber ſein Pathe hatte geſchrieben:„Lieber Hubert, du biſt ein Sſel; ſonſt wärſt du nicht Soldat geworden. Meinſt du, das Annchen warte zehn Jahre? Fehlgeſchoſſen! Von neunzehn bis neun und zwanzig iegt ſo ein Mädel gar oft neni — 47— Gedanken!“ Das brach ihm ſchier das treue Herz. Im Dienſte war er ein Muſter. Trinken, Rauchen und Spielen— das Tag⸗ werk der Funken, mied er ſtrenge. Am liebſten ging er alleine. So war er denn gerade ein Jahr nach jenem unglückſeligen Tage, wo ihn der Korporal traf, am Rheine hinabgegangen, weit unter Sanct Gereon, wo die Gärten liegen. Es war ein Tag von ſo ſchwüler Luft, daß, als er die vielen Knaben ſich baden ſah, auch Luſt fühlte, in den Wellen des Rheines die faſt verlernte Kunſt des Schwimmens wieder einmal zu üben und die von der Hitze erlähmten Kräfte zu und zu ſtärken. Er ging in die Weiden und entkleidete ſich. Mit kräftigem Arm und rechter Luſt theilte er die Fluth und ſchwamm, leicht wie ein Fiſch, umher. Plötzlich ſah er einen Knaben unfern von ſich, ſich bäumen, zurückſchlagen. Schnell erkannte er die Gefahr; war wie ein Blitz an der Stelle und erreichte den Verunglückten noch zeitig genug. Er ſchwamm mit ihm ans Ufer und begann zu reiben an ihm. Mehrere Leute waren Zeugen, die nun auch herbeieilten, und ihren Bemühungen gelang es, ihn wieder ins Leben zu rufen; allein es währte lange, bis er wieder ganz zu ſich kam. Der dankbare Knabe ließ ihn nicht weg. Er mußte ihn heim⸗ begleiten. Unfern des Doms führte ihn der Knabe in ein ſtatt⸗ liches Haus und verkündete hier ſeinen Eltern, was ihm begegnet und wie ihn Hubert gerettet. Der Dank der vornehmen Leute war außerordentlich. Die beſten Speiſen und Getränke wurden ihm vorgeſetzt und der Vater des Knaben ſetzte ſich zu ihm. „Wo biſt du denn zu Hauſe, mein Sohn?“ fragte mit herz⸗ gewinnendem Weſen der ſchon ziemlich bejahrte Herr. „Aus Altenahr!“ verſetzte Hubert. „Aus Altenahr?“ fragte mit Theilnahme der Herr weiter, „da bin ich erſt in letzter Woche gene Kennſt du den Fß bauer?“ Nachbar.“ „Wie ſollt' ich 7 ſugte Hahe et iſt ja mein nächſter „Wie heißeſt du denn?“— fragte wieder der Herr. Hubert nannte ſeinen Namen und bezeichnete die nähern Umſtände, allein der Herr kannte weder ihn, noch hatte er ſeinen Vater gekannt. Auffallend war es dem Herrn geweſen, daß eine Glutröthe beim Namen des Hofbauers Hubert's Wang gen überzog.„Ich will dir ſagen, was ich dort that. Der Hofbauer,“ fuhr er fort,„will ſeinem Schwiegerſohn den Erbpacht ſichern.“ „Seinem Schwiegerſohn?“ fragte bleich werdend Hubert. „Wer iſt denn der?“ „Der Pitter Krakel,“ ſagte der Herr, den Hubert für den Notar hielt. Als er den Namen ausſprach, da ſchwindelte es plutzich dem armen Hubert und er ſank in den Lehnſtuhl zurück, in dem er ſaß. Erſchrocken faßte der Herr ſeine Hand.„Dir iſt unwohl, mein Sohn, ſagte er. Soll ich dir einen Arzt holen laſſen?“ Hubert ſchüttelte leiſe mit dem Kopfe. Hervorbrechende Thri⸗ nen verriethen dem Herrn ſchnell, hier müſſe ein anderer Grund für den Anfall geſucht werden. „Iſt's denn ſchon fertig?“ fragte er leiſe. „Die Uebertragung des Erbpachts oder die Heirath?“ fragte der Herr.„Keins von beiden,“ antwortete er ſich ſelbſt.„Erſtlich will das Annchen den Pitter Krakel nicht, und dann iſt er ein liederlicher Geſelle, dem der Erbpacht nicht übergeben werden kann, obwohl er den Acker- und Weinbau verſteht. 2 „Du ſcheinſt großen Antheil an der Sache zu nehmen,“ fuhr er fort;„ſei mal recht offen und erzähle mir, was du auf dem Herzen jaſt r Notar,“ ſagte Hubert,„was kann es Euch 5 Alles erzähle? der alte Hofbauer, das ſeh' ich bleibt auf ſeinem Kopf, und das liebe Annchen wird am Ende, um des Quälens los zu werden, Ja ſagen. Dann hat das Lied ſein Ende und mir wär's beſſer, ich läge im Rhein oder im kühle Grabe. Was ich auf der Welt?“ — Das war genug geſagt, um dem Herrn einen tiefen Blick in Hubert's Herz zu eröffnen. Es konnte nun dem gewandten Manne nicht ſchwer fallen, den guten Jungen ſo recht kirre zu machen. Er hatte ja, ſeit er in Köln war, noch Niemanden gefunden, dem er den Harm ſeines Herzens mittheilen konnte. Er hatte ſich an keinen unter ſeinen Kameraden anſchließen mögen, weil ſie ſich alle einem wüſten Trei⸗ ben hingaben. Bald hatte er ganz vergeſſen, mit wem er es zu thun hatte. Ohne allen Rückhalt erſchloß er dem Theilnehmenden ſein Herz, und daß er es keinem Unwürdigen erſchloſſen, bewies die innige Antheilnahme und die unverkennbare Bewegung des Mannes. Als Hubert zu Ende war, ſagte der Herr:„ſei gutes Muthes! ſo viel hab ich weg, daß dir das Annchen treu iſt. Haſt du etwas zu beſtellen, ſo trag' mir's auf. Ich gehe eheſtens wieder hin und will's ihr ſelber ausrichten.“ Da faßte der Jung des Mannes Hand und rief:„O, ſagt ihr, wie lieb ich ſie habe und ſie ſolle doch den Pitter nicht nehmen; ich wolle bei dem Kurfürſten einen Kniefall thun, daß er mich loslaſſe! Das verſprach der Herr, und reich beſchenkt verließ Hubert das ſchöne Haus am Dom. Neue Hoffnung war in ſeine Seele gekommen und es war ihm, er wußte ſelbſt nicht wie, als müſſe Alles gut gehen. Acht Tage ſpäter ſtandſer im Schloſſe zu Brühl Wache an einer hintern Thüre. Seine Gedanken waren wieder zu Altenahr und er hegte den lebendigen Wunſch, nur einmal den Kurfürſten zu ſehen und ihn zu ſprechen. Er kannte ihn nicht einmal genau, denn es waren da der geiſtlichen Herren ein ganzes Regiment, und da er mit ſeinen Kameraden keine Gemeinſchaft pflog, mochte er auch keinen darnach fragen. Als er nun ſo daſtand, kam allein ein alter Herr in ſchwarzer geiſtlicher Tracht daher, ganz einfach, daß er meinte, es ſei ſo einer von den vielen nartötet die um den Kurfürſten ſeien, als Kapläne und dergleichen. „Faſſ' dir ein Herz, dachte er, und als der Mann näher kam 50 und er das gutmüthige Geſicht ſah, ſagte er:„Hochwürden, was ich ſagen wollte, kann man nicht einmal zu dem Herrn Kurfürſten kommen?“ „Warum denn nicht?“ war des alten Herrn Antwort.„Willſt du ihn einmal ſprechen?“ „Ach ja,“ ſagte Hubert darauf;„ich hab' ſo etwas auf dem Herzen.“* „Sag' mir's,“ verſetzte der geiſtliche Herr;„ich bin überall, wo der Kurfürſt iſt, ich will's ihm ſagen.“ „Am liebſten ſag ich's ihm ſelber, denn Ihr vergeßt mir's doch,“ bemerkte Hubert. Der alte Herr lächelte.„Traueſt du mir ſo wenig zu?“ ſagte er. „Das grad' nicht,“ lenkte Hubert ein,„aber ich weiß, wie das ſo geht.— Doch— wenn Ihr ſo gut ſein wollt, ich wüßt' Euch großen Dank.“ „So rede!“ ſagte der alte Herr. 3 „Ich möcht gern aus dem Rock da heraus, in den ich durch eine rechte Spitzbüberei des Korporal Honnef gekommen bin,“ ſprach Hubert. „Der alte Herr fiel ihm ins Wort:„Was ſagſt du, durch eine Spitzbüberei? erzähl' mir das einmal! Da war des Jungen Zunge gelöſt. Er erzählte vollkommen treu, wie es der Korporal gemacht. „Und du haſt Haus und Gut daheim?“ fragte er endlich „Ein Häuschen, Hochwürden,“ antwortete Hubert,„und ein paar kleine Läppchen Land dazu. Das hab' ich in armſeligen Pacht 4 geben müſſen und ſo geht mir's zu Grunde.“ „Wie heißt du denn?“ 4 „Hubert,“ ſagte der Jung. „Aha, ich hab' ſchon von dir gehört,“ ſprach der alte Herr. „Warſt du's nicht, der neulich ein Kind aus den Fluthen des Rheines gerettet hat?⸗ 8 „Ach nein,“ ſagte Hubert,„ich hab' ihn bloß herausgeholt.“ Der alte Herr lächelte wieder.„Höre,“ ſagte er,„du kan dich drauf verlaſſen, daß ich es dem Knfinſten jelde Es iſt „ gut, als hätteſt du es ihm ſelber geſagt, und du ſollſt es erfahren, daß ich's nicht vergeſſe.“ „Gott lohn's!“ rief Hubert voll Freude aus und nun hing ihm der Himmel voller Geigen. Allein es verging eine Woche nach der andern. Es wurde Herbſt und Winter und nichts hörte er weiter von der Sache. Der hat's doch vergeſſen, ſagte er mit Verdruß und paßte überall auf, daß er ihn einmal wiederſähe, um ihn zur Rede zu ſtellen; aber auch das gelang ihm nicht. Durch den Vater des geretteten Knaben erhielt er Annchen's“ Grüße und die bündigſten Verſicherungen der Treue, das erhob ſein Herz wieder. Zu Neujahr wurde ihm die Frende, daß ihn der Hauptmann vor der ganzen Compagnie ſeines muſterhaften Lebens wegen zum Korporal ernannte. Doch was half das Alles? wäre er los geweſen und hätte er müſſen auf Erbſen heimgehen, wie die Leute nach Kevelaer wallfahrten, er hätt's mit Freuden gethan; denn ſein Path' ſchrieb ihm, als er ihm ſeine Korporal⸗ ſchaft melden ließ:„daß du nun ein Korporal geworden biſt, hatte mich erfreut, wenn ich mich nicht drüber geärgert hätte. Da läßt du dich ins Soldatenjoch ſpannen und daheim hat der Miethsmann das Häuschen faſt ruinirt. Deine Güterläppchen ſaugen ſie aus, und ich fürchte, wenn du zurückkommſt, ſchmeckt dir die Arbeit nicht. Soldatenleben— faules Leben! und es iſt wie der Hofbauer zu Altenahr ſagt:„mit Waſſer backt man keine Pfannkuchen. Mach' daß du loskommſt. Das Annchen pfeift dir was, daß es dir ledig bleibt, bis es eine alte Jungfer iſt und beim Mailehen in den Rummel kommt.“ Das ſchrieb er dem grmen Hubert, der doch nichts machen konnte. In einem ſpätern Briefe ſchrieb er ihm:„Du kannſt eine Meſſe leſen laſſen, daß des Hofbauers Pläne dem Herrn Baron von Olbrück nicht gefielen. Der Pitter ſollt Hofbauer werden, und der Hofbauer mit ſeiner Frau ſich in den Ausenthalt ſetzen; aber der that's abſolut vicht. Nun denk' ich, wird auch aus der Heivath nichts. Mach' daß du heimkommſt, denn es löffeln noch Drei um * — 52— das Annchen, und im nächſten Mailehen kann einer in den Säckel ſteigen, wer's haben will. Man meint das Mädel hing' voll Gold!“ Ueber dieſen Brief brummte der Hubert, weil er ſo ohne Reſpect von dem Annchen ſprach; allein was er und der vorige enthielt, das machte ihn gar traurig. Hätte er nur den alten Herrn einmal wieder treffen können. Dem hätte er gewiß die gute Wahrheit geſagt. IV. Wenn der Baum grün ausſchlägt, Dann treibt er Blätter; Und wenn die Sonne ſcheint, Gibt es gut Wetter; Und wenn es Hochzeit gibt, Gibt's frohe Leute; Und das, was morgen g'ſchicht, 8. Gſſchicht halt nicht heute. Volkslied. Seit dem Mailehen war's in Altenahr auch nicht alle Tage Sonntag, am wenigſten in des Hofbauers Familie. Das Annchen weinte ſich ſchier die Augen aus und nahm ſichtbarlich ab. Dem Pitter bewies es ſeine Abneigung überall. Tanzen mußte es mit ihm und einen Strauß ihm machen; aber wenn er hätte ſagen ſollen, es hätte ihm einmal, wie dem Hubert alle Tage hundertmal, zugelächelt, er wär' ein Lügner geweſen. Der alte Krakel ſagte:„Es gibt ſich, es macht ſich. Sei nur nicht blöde und werd's nicht müd'.“ Der Pitter ſagte:„Wartet's ab, Vater, wie es ſich macht! Wäret Ihr nicht mit der Thür ins Haus gefallen, ſo ſtünd's beſſer. Und hättet Ihr nicht mit dem Baron einen Proceß geführt, ſo wär' ich jetzt Hofbauer, hätte das Annchen und ſäße warm; aber ſo muß Alles quer gehen!“ „Ja, du liederlicher Bub,“ polterte da der Alte,„ſeit du Mai⸗ ſchultheiß biſt, gehſt du nicht mehr aus dem Wirthshaus Karten iſt dir ans e Das hat dich empfoh prächtig empfohlen!“ Da ſchwieg der Pitter ſtill und ging 3 als hätt' ihn der Hund gebiſſen.“ War's vielleicht nicht wahr, was der alte gralel ſagte Ofreilich! Der Pitter war ein geiziger Tagedieb geweſen; aber darum weil ihm der alte Krakel kein Geld gab und alle Tage hundertmal ſagte: ſparen muß man! wer den Pfennig nicht zu Rath hält, kriegt kein Kaſtenmännchen, und wer das Kaſtenmännchen nicht in Ehren hält, kriegt keinen Thaler. Das war dem Bub ins Fleiſch gewachſen. Er wurde ein Geizhals. Als er aber Maiſchultheiß wurde und der alte Krakel auf das Annchen ſpannte, ſagte er: „Pitter, du mußt's laufen laſſen!“ Das that nun auch der Pitter. 3 Und als ſie das Geld vom Mailehen zu vertrinken anfingen, da wurde ihm das Wirthshaus lieb. Er konnt' oft das Nachteſſen nicht abwarten. Da kam er denn auch ans Karten. Er gewann alle Tage. Das reizte, zumal Habſucht und Geiz in ihm ſteckten. Die Begierde ließ ihn nicht mehr raſten. Nun mochte der alte Krakel brummen. Er ſagte drauf:„habt Ihr's nicht geſagt, ich ſolls laufen laſſen? nun, wo ich's thue, zankt Ihr!“— Später, als er ſo alle Tage im Solo gewann, ſagte er, wenn der Vater— brummte:„ich fordre Euch ja kein Geld ab; ich ranzionire mich ſelbſt!“ mit dem Allem wurde er ein Finke, wie' Der Hofbauer kratzte ſich hinter dem Ohr das merkte, denn er hatte dem Krakel ſein Wort geg Find zur Fran kriegen. So ganz feſt n war nicht gehalten. ch ab. Es war eitel Unglück im Hauſe tie nicht gleich zuzutappen brauchen!“ ſagte die Hoffrau. „Dir war doch auch recht!“ verſetzte er. „Aber binden wollte ich mich nicht!“ verſetzt ſie. „Ja, Allerweltsklugheit, du hörſt das Gras n⸗ ich weiß es wohl,“ ſagte er. Nun wurde ſe Pil und ein Wort gab das andere, bis ver e Hader da we S ging's alle Lg⸗ Keine frohe Stunde kam mehr ins Hans. lle kam der Pitter, aber Anne n ließ ſich nicht ſehen f Kie i und Da kam einmal der alte Krakel. „Hörſt du,“ ſagte er zum Hofbauer,„ich hab' eine Kriegsliſt erdacht, wie wir das Mädel fangen. Wenn der Zins und Pacht und die Theiltrauben den Herbſt gehoben werden, ſo läßt du dem Herrn Baron ſchreiben, er ſolle den Pitter zum Hofbauer machen und die Bedingung ſtellen, das Annchen müſſe ihn heirathen. Wir Zwei ſetzen uns in den Ausenthalt und geben unſer Gut den Kindern. Es bleibt uns genug zum herrlichſten Leben.“ Dem Hofbauer, der ein ſehr beſchränkter Kopf war, gefiel das ſchon recht gut. Nur die Frau hatte Bedenken. Da kommt mit einem Mal der Herr Baron ſelbſt.. Der Hofbauer trägt's ihm vor; aber der will wiſſen, wem er den Erbpacht übertrage und da fällts ſchief. Er hört, daß der Pitter ein Spieler iſt und ſagt: Nein Die Alten gehen nun hinter den Pitter und der ſieht endlich ein, daß er ordentlich werden muß. Er beſſert ſich. Beim nächſten Mailehen ſteigert er das Annchen und kriegt's um zwei Drittheil wohlfeiler, aber das Mädchen bleibt ſich gleich und will ihn nicht. So geht's fort bis der Herbſt kommt. 4 Der Hofbauer dachte wohl, käme wieder, und nach e daß kein Bar den erſten Hieb falle, hoffte beſſert. dem Wirthshaus nihn ne er Th n trachtete der W das traurige Einmal tr „Kind,“ ſagte er, puwarſtſe nſt n nun i du ſo traurig. Sß du was Liebes und darfſt es nicht ſagen? ſei zutraulich⸗ ich meine es gut. Willſt du den Pitter, ſo ſoll er 36 Hofbauer ſein? „Ach Gott, nein!“ rief Annchen. „Alſo du haſt ihn nicht lieb? die Alten wollen dich winge Picht ſo 3 „Ach ja!“ war ihre leiſe Antwort.& „Halt!“ rief Herr von Olbrück,„da hätt ich ja bald vergeſſen! Ich ſoll dir viel tauſend Grüße ringen v Feih mal von wem? — 55 Si Da wurde das Annchen roth wie eine Purpurroſe, ſah unter ſich und meinte der Boden nnter ihren Füßen wanke. „Weißt du Niemanden in Köln, der dich könnte grüßen laſſen?“ fragte Herr von Olbrück, der ſich an der Verlegenheit des ſchönen Mädchens weidete. „Ich wüßte wohl Jemand“— ſagte ſie endlich—„aber—“ „Gelt, du wüßteſt nicht, wie der zu mir käme? Das will ich dir aber ſagen.“ Und nun erzählte er ihr, wie der Hubert ſein Kind vom Tod errettet habe. Jetzt ſah ſie ihn mit frendeſtrahlenden Augen an und den Athem an, ſo aufmerkſam hörte ſie ihm zu. k „Glaubſt du mir's nun, daß er mir viel tauſend Grüße an dich aufgetragen?“ Sie nickte. „Und er läßt dir ſagen, nur noch acht Jahre ſolleſt du ihm treu verbleiben.“ Sie ſeufzte leiſe. 5 „Das iſt lange, Kind,“ ſagte der Baron,„aber rechte Liebe darf nicht wanken.“ „Bis dahin bin ich eine alte Jungfer,“ ſagte ſie endlich,„dann mag er mich nicht mehr!“ „Dafür ſei ohne Sorgen. Ich geb' dir mein Wort, daß er dich nimmt, denn er hat dich viel zu lieb. Willſt du ihm die Treue halten? Soll ich's ihm ſagen?“ „Ja, ja!“ rief ſie aus und lief glühend dem Hauſe zu. 4 Das war eine ſchwere Probe, ſagte lächelnd der Baron und ſetzte ſich auf die Steinbank nieder. 3 Jetzt kam der Hofbauer. Er fing vom Wetter an und kam 5 endlich auf den Pitter. Er hielt ihm eine Lobrede über die andre 4 und ſagte, das Annchen wolle ihn nehmen. „Ihr lügt!“ rief der Baron und ſah den Soſnen mit S bohrenden Blicken an.„Verſchachern wollt Ihr Euer Kind. Schämt Euch! Einmal für allemal ſag' ich Euch, nur der wird Hofbauer, den Eure Tochter freiwillig zum Manne nimmt. Zu Oſtern k m' ich wieder. Bis dahin muß es ſich 55 So hatte der Herr mit dem Erbpächter noch nie geſprochen. Ganz gebeugt ſchlich der Hofbauer weg und Abends ſagte er zu ſeiner Frau:„Trine, ich glaub', dem Baron hat Einer einen Floh ins Ohr geſetzt. Wer's aber ſollt' gethan haben, das rath' ich nicht. Er will einmal den Pitter nicht. Das iſt eine dunkle Geſchichte. Weißt du, was er ſagte: Der ſolle Hofbauer werden, den Annchen zum Manne wähle!“ „Dann wird's der Hubert!“ ſagte die Frau. „Lieber ſollt's mir der Schweinshirt werden!“ kollerte der Hofbauer. „Hör' mal,“ höhnte die Frau,„iſt's denn am Ende nicht einerlei? Wenn ſie ihn lieb hat und abſolut nicht anders will, ſo iſt mir's recht.“ „Mir aber nicht!“ rief der Mann.„Ich will mich nicht für den Bettelbuben geplagt haben! „Oho!“ rief die Frau.„Warſt du denn ſo reich, als du durch mich Hofbauer wurdeſt?“ Darauf ſchwieg er; abet er ſagte:„Der Bub hat hinter meinem Rücken mit dem Mädchen Liebeshändel getrieben.“ „Haſt du's hinter meines Vaters Rücken beſſer gemacht?“ fragte ſie höhnend.„Du lieber Gott, wenn doch ein Eſel den andern Langohr heißen will! Wenn doch das Alter ſo alle Gedanken an die Jugend ausgelöſcht hat!“ Sie legte ſich herum und gab ihm keine Antwort mehr. Der Hofbauer aber ſetzte ſeinen Starr⸗ kopf auf und ſchwur, der Hubert ſolle ſein Kind nicht kriegen und wenn alle Barone in der Welt für ihn wären. Das Mädel aber wolle er ſchon geſcheidt machen. Und über dieſen Gedanken ſchlief er ein. Am andern Morgen reiſte der Baron ab. Das war für Annchen ein harter Winter. Jeden Abend kam der Pitter ins Haus mit ſeinem Vater und ſeiner Mutter. Alle Tage war der Alte hinter ihr, ſie ſolle dem Pitter das Jawort geben. Die Qual hatte gar kein Ende. Selbſt der Paſtor kam und redete ihr zu. Aber wann ſie nach Ahrweiler kam, ſagte der Path':„Halt' 3 aus, Kind!“ Und wann ſie an den Herrn Baron dachte, ſo fiel ihr, ihr Wort ein und ſie 3 ſich wacker. War Muſik im Dorfe, ſo ſtellte ſie ſich krank, um nur nicht mit dem Pitter tanzen zu müſſen. Der war aber gar nicht aus dem Tert zu bringen. Er ließ ſich Alles gefallen und kam doch wieder. So ging denn endlich der Winter herum und das Mailehen kam. Annchen ſeufzte tief auf, daß Hubert nicht kam. Sie ſah voraus, daß Pitter ſie wieder ſteigern würde, und das lag ihr centnerſchwer auf der Seele. Sie würde gern ſich haben zum Rummel zählen laſſen, wenn nur der verhaßte Pitter ſie nicht als Mailehen abermals erſteigerte. Wieder waren unter der Linde die Jungen verſammelt und im Kreiſe die Alten, da trat der Herr von Olbrück, der eben angekom⸗ men war, zu dem bereits zum Maiſchultheiß erwählten Pitter und ſagte: „Herr Maiſchultheiß, darf ich mir auch ein Mailehen ſteigern?“ Alles lachte laut auf über den Spaß des gnädigen Herrn. Der Pitter hatte Groll im Herzen und ſagte:„Gnädiger Herr, Ihr ſeid kein Jung mehr und habt eine Frau, das iſt gegen allen Brauch.“ Die Schöffen bejahten das. „Nun,“ ſagte der Baron,„darin habt Ihr recht und ich kann nichts einwenden; aber wenn ich nun für einen Andern ſteigere, der nicht da iſt, gilt das?“ „Es iſt ein Fall, der iſt uns noch nicht vorgekommen,“ ſagte Pitter. Einer der Schöffen meinte, man ſolle den älteſten Mann im Flecken fragen, ob ſo Etwas geſchehen könne. Der Aelteſte im Flecken war ein Schneider, der auch im Kreiſe ſtand. Es war das achtzigſte Mailehen, das er erlebt hatte. Ihn befragten ſie Auf die Frage antwortete er:„Ich war einmal krank beim Mailehen. Da ſteigerte mir mein Vater mein Mädchen und das gab meine Frau, Gott hab' ſie ſelig.“ „So wär's entſchieden!“ ſagte Herr von Olbrück lächelnd. „Noch nicht!“ rief haſtig der Maiſchultheiß, dem es ſchwül wurde, ohne daß er ſich ſagen konnte, warum.„Iſt der, für den Ihr ſteigern wollt, aus unſerm Land, das heißt aus den Orten, die zu uns gehören?“ ————————— — 6 „Ja, ſagte der Baron ruhig,„ſonſt würde ich ja nicht mit⸗ bieten dürfen.“ „Wie heißt er?“ fragte der Schultheiß. Der Baron merkte, wie er ausforſchen wollte.„Iſt mein Sohn nicht hierher gehörig,“ fragte der Baron ganz ärgerlich,„der hier mehr Güter hat, als irgend Einer?“ „Da iſt nichts zu ſagen,“ bemerkten die Schöffen. Der Schultheiß witterte Unrath. Er hatte den Namen nicht genannt und über ſeinen Sohn gefragt, ohne daß er ſagte, er wolle für ihn ſteigern. Wohl hätte er noch gern Schwierigkeiten gemacht, allein die Burſche, die ſich durch einen ſolchen Mitſteigerer geehrt fühlten, andererſeits aber auch ſich vornahmen, ihn gehörig zu rupfen, riefen laut:„Hebt das Mailehen an! Das Geld des Herrn Baron iſt ſo gut, als das unſrige und das Recht iſt für ihn!“ Annchen kam zuerſt wieder dran, weil der Schultheiß das Vor⸗ recht hatte. Diesmal hob er ihre Tugenden weniger hervor, als früher. Er bot einen Gulden. Herr von Olbrück bot gleich Zehn. Der Hofbauer machte gewaltige Augen und Bauern ſtießen ₰ ihn mit dem Ellnbogen in die Rippen und fragten:„Was iſt das?“ Pitter zitterte vor Grimm.„Daß du ſiebenmal verdammt wäreſt!“ brummte er. 2 Sein Vater nickte ihm zu, daß er mehr biete. „Fünfzehn!“ rief Pitter. „Fünf und zwanzig!“ darauf Herr von Olbrüc lächelte wieder dazu. In dem Haufen der Bauern entſtand ein gewaltiges Jeder wollte vornhin, um das mit anzuhören und zu ſehen, was jetzt kommen wollte, denn ſie dachten, der Pitter ließe das Mädchen nicht. Aber pir ſaß leichenblaß da unſchwieg, obwohl ſeh Lippe bebte. 3 „Ei, ſo ſchlagt mir doch das Mailehen zu!“ ſagte Herr von Olbrück.„Es bietet ia Niemand mehr!“ auch nich unn die Schöffen. 0 chr Pitter rührte ſich nicht. Er kämpfte mit ſich; aber es kein Laut mehr über ſeine Lippen. Jetzt nahm einer der Schöffen den Stab und ſchlug S Annchen dem Herrn von Olbrück zu. Dieſer zählte das Geld auf den Tiſch und ſagte:„Zur Kir⸗ mes bring' ich den, für den ich geſteigert,“ wandte ſich und ging. Gleich drauf rollte der Wagen weg, dem mit langen Hälſen die Bauern nachſahen, die Köpfe ſchüttelten und meinten, bei dem Herrn von Olbrück ſei's nicht juſt im Kopfe. Nicht leicht hätte Etwas größeres Aufſehen in dem Flecken machen können, als dieſer völlig unerwartete Auftritt. Ein größerer Theil der Jungen jubelte über das viele Geld, das in ihre Trinkkaſſe floß; ein anderer Theil murrte und war der Meinung, man hätte dem Baron kurzweg ſagen ſollen, das Mai⸗ lehen ginge ihn nichts an. Der Pitter ließ aber ganz die Flügel hängen, denn ihm war alle Luſt geraubt und Zorn und Aerger erfüllten ihn. Noch mehr Aufſehen machte die Sache unter den Alten.„Für wen wird er geſteigert haben?“ fragten ſie und zer⸗ brachen ſich die Köpfe, kamen aber zu dem Entſ ſcheid, es ſei für ſeinen Sohn und das ſei ein ganz beſonderer Spaß und eine Ehre zugleich, daß ein Baron in Altenahr ein Mailehen habe. Den Pitter bedauerten ſie, weil er nun ohne Mailehen ſei und auch nicht auf den Rummel habe bieten wollen. In dem Hofbauer ſtritt Hochmuth und Mißmuth um die Herrſ ſchaft. Die Ehre, die ſeinem Kinde widerfuhr, erkannte er vollkommen; aber daß der Pitter auf den Sand geſetzt war, das konnte er gar nicht verwinden. Die Mädchen rümpften die Naſen und ſagten: Man meint, das Annchen ſei denn doch ein Edelfräulein! Und iſt doch ein Bauermädel, wie wir Alle! Es iſt, als ob keine hübſch im Flecken ſei, wie ſie und— dabei ſahen ſie in die kleinen Wandſpiegel, es ſind doch auch noch Andere da, die ſich mit ihr meſſen können! Als der Pene heimkam, war ihm das S vorangeeilt. „Was gibt's?“ fragte ſeine Frau ſchon in der Thür.„ ſ es wahr, daß der Herr unſer Kind für S geſteig rt — 60— „Freilich iſt's wahr,“ ſprach noch immer zwiſchen den Empfin⸗ dungen ſchwankend der Hofbauer. Die Frau ſtand verblüfft da und ſchlug die Hände zuſammen. „Wer hätte ſich ſo Etwas denken ſollen?“ ſagte ſie und ſ ins Blaue hinaus. „Du!“ ſagte ärgerlich der Mann,„denn du biſt ja die Aler. weltsklugheit und weißt Alles!“ Er ließ ſie ſtehen und ging ins Haus. Diesmal ſchwig Trine, was ſonſt ihre Liebhaberei nicht war; aber es war auch nicht die Liebe zum Frieden, die ihr den Mund ſchloß, ſondern die überwältigende Macht des wichtigen Ereigniſſes, die keinem andern Gedanken irgendwie Raum ließ. Obwohl ſie auch ungern ſah, daß Pitter neben dran kam, ſo kitzelte ſie doch die Ehre; denn innerlich war ſie für Pitter, und nur das Widerparthalten gegen ihren Mann brachte ſie bisweilen zu andern Aeußerungen. Im Kämmerlein droben aber ſaß eine, die grübelte viel über die Sache. Froh, des ihr widerlichen Pitter's los zu ſein, gedachte ſie der Grüße und der Unterredung mit dem Herrn Baron, und es tauchte in ihr die Ahnung auf, ſie könne Hubert's Mailehen ſein! Seit langer Zeit lag ein heitres Lächeln zum erſten Male wieder auf dem lieblichen Geſichtchen, und der faſt ſchleichende Gang wurde wieder zu jenem elaſtiſchen, hüpfenden, ihr ſonſt geweſen. Altenahr hatte einen Stoff des Geſpräches, der gar nicht zu erſchöpfen war, und je näher die Kirmes kam, deſto wichtiger wurde er und deſto lebhafter beſchäftigte er Alt und Jung. 32 Endlich kam die Zeit, die ſo ſehr erſehnt wurde. Annchen hatte das Zimmer des Herrn von Olbrück ſpiegelblank geſcheuert, es mit Blumen geziert und überhaupt Alles aufgeboten, es recht freundlich zu machen. Als ſein Wagen anfuhr, eine ſöwete alte Karoſſe, da lugte ſie hinter dem Speicherladen, ob nicht— Hubert— bei ihm ſei; aber er ſtieg allein aus.— Alſo doch nicht!— ſeufzte ſie aus tiefer Bruſt. Alſo doch nicht! und das thränenſchwere Auge blickte zum Himmel. Dann ſie ſich auf das Heu, ſtützte das ſchöne — 6— Köpfchen in beide Hände und hing ihrem Schmerz über die getäuſchte Hoffnung nach. Derweile war Herr von Olbrück in des Hofbauers Wohnſtube getreten und hatte alſo zu reden begonnen: „Ihr habt den Wunſch ausgeſprochen,“ ſagte er,„daß ich den Erbpacht auf Euer Kind übertrüge. Da Ihr und Eure Vorfahren mir treue Hofleute waren, ſo hab' ich das gerne gethan und von dem öffentlichen Notarius in Köln einen Act aufnehmen laſſen und unterſchrieben. Ihr wiſſet, daß ich die Bedingung geſtellt, daß ich nur dem den Erbpacht übergebe, den Euer Kind zum Manne wähle. Den Pitter Krakel mag ſie nicht und mir gefällt er auch nicht. Das iſt ab. Nun hab' ich Euer Kind als Mailehen erſteigert und kann ſie abtreten, an wen ich will; aber ich möchte ſagen, wem ich ſie als Mailehen abtrete, der mß auch ihr Wann werden und wird auch Hofbauer. So iſts. Ruft mir das liebe Kind!“ Dem alten Hofbauer ſtockte der Athem in der Bruſt. Die Frau war bleich geworden. Sie wollie nicht fort. „Ach gnädiger Herr,“ hob ſie endlich an,„Ihr ſolltet doch nicht ſo hart gegen uns alte Leute Der Pitter iſt doch ein braver und auch reicher Jung, und— „Thut mir den Gefallen Frau Trine und ſchweigt mir von dem Pitter ſtill. Wollt Ihr ihm Euer Kind geben, ſo geht mich's nichts an, ſo nehm' ich aber den Hof wieder an mich und gebe den Pacht, wem ich will. Thut, wie Ihr's für recht haltet.“ „Ach, du liebe Zeit!“ ſagte die Frau,„darf dann unſer eins gar nicht wiſſen, wem Ihr ſie geben werdet?“ „Ruft mir mein Mailehen,“ ſagte lachend der Baron. Sie ging. Bleich, mit verweinten Angen trat das Mädchen ein. „Warum denn ſo traurig, mein hübſches Mailehen?“ fragte der Baron, indem er ihre Hand ergriff.„Ich dachte, dich froh und heiter zu finden, weil du den wüſten Pitter los biſt. Nun, hör' mich mal an,“ fuhr er fort.„Ich bin alt und hab' eine Frau, darf alſo ein Mailehen hier haben. Da möcht' ich dich denn an einen Andern abtreten; aber ich wollte dich doch erſt fragen, ob er dir auch recht iſ — 62— Kennſt du den Korporal von der dritten Compagnie in Köln?“ fragte er.„Es iſt ein Jung, wie ſchöner keiner in Altenahr iſt und brav, wie kein andrer.“ „Ach, ich will keinen Soldaten!“ rief das Mädchen und ihre Thränen rannen heftig. „Weine nicht, Kind,“ ſagte theilnehmend der Baron,„weine nicht! Ich will dir dann einen Andern vorſchlagen Ich hab' einen Bedienten ſeit einem Monate, der ein Prachtjung iſt, ſo will ich dir den geben?“ „Ach, Herr, den kenn' ich ja nicht!“ ſagte das Mädchen. „So will ich ihn rufen laſſen, daß du ihn ſiehſt,“ ſagte Olbrück. Er machte das Fenſter auf und winkte ſeinem Kutſcher. Bald darauf ging die Thür auf und es trat ein ſtattlicher Soldat herein. Alle ſahen ihn an; aber die Alten erkannten ihn nicht gleich. Annchen rief, freudig auf den Soldaten ʒuee„Willkomm, Hubert!“ „Das iſt der Korporal, dem ich dich abtreten wollte, den du aber nicht willſt.“ „Korporal Hubert, ruf' er meinen treuen Diener!“ ſagt der Baron. Annchen ſtand verblüfft, hielt aber Hubert feſt an der Hand. „Ach— ach“— ſagte ſie ſtockend,— ja den nähm' ich ſchon!“ „Abgeſchlagen,“ ſagte Olbrück.„Du ſollſt frei wählen!“ Den Alten wurde das Herz leichter. Hubert machte ſich von der kleinen Hand frei und ging hinaus. „Ach Gott, Herr Baron, gnädiger Herr,“ rief Annchen in halber Verzweiflung,„warum habt Ihr mir das nicht geſagt? Ach, ſeid barmherzig und tretet mich an Hubert ab!“ 3 „Dummes Ding!“ kollerte der Hofbauer.„Iſt nicht der gnädige Herr befugt zu thun, was er will? Er hat dir ja den freien Willen gelaſſen?“ Annchen faltete die Hände ſehen — Da ging die Thür auf und Hubert trat im kaſei Rocke herein. Sie ſtarrten ihn alle Drei an. „Da iſt mein Diener, mein treuer Hubert. Soll ich dich denn dem abtreten?“ fragte Olbrück. „Ach Gott, ja!“ rief das Mädchen und flog an des Jungen Hals, der ſie herzlich an ſich drückte. „Nun, Hubert,“ ſprach Olbrück,„nimm ſie als dein recht⸗ mäßiges Mailehen!“ Dem Hofbauer verſagten die Geſichtsmuskeln ganz den Dienſt. Er ſah ſtarr auf die Beiden hin. Endlich ermannte er ſich und fragte:„Herr Baron, iſt denn das Ihr Ernſt?“ „Mein gründlicher Ernſt!“ entgegnete Olbrück lachend. In dem Herzen der Hoffrau regte ſich ein beſſeres Gefühl. Sie wußte dem Baron Dank, als ſie das Glück des Mäd⸗ chens ſah. „Noch mehr,“ ſprach Olbrück,„er ſoll Hofbauer werden.“ „Was?“ rief der Alte und ſein Zorn regte ſich. „Entweder hört mit Euch der Pacht auf, der nur auf Söhne lautet, oder— doch hört das Mädchen!— Anna,“ ſagte Olbrück, „der Erbpacht iſt dein, wenn du einen Jungen zum Manne nimmſt, der mir gefällt. Nun gefällt mir der Hubert. Willſt du ihn zum Manne, ſo ſchenk' ich dir dieſen Act, ſein Name ſteht ſchon drinnen, er iſt unterſchrieben und beſiegelt!“ „Ach, ja!“ rief das Mädchen und verbarg ſein Geſicht in der Schürze, aus der die Worte hervortönten:„Wenn's meinen Eltern recht iſt!“ Die Worte des Herrn von Olbrück hatten einen tiefen Eindruck auf den Hofbauer gemacht. Er wußte, daß Olbrück nicht ſcherze. „Was meinſt du dazu, Trine?“ fragte er ſeine Frau. Die lächelte und ſagte: „Alte Liebe roſtet nicht! Ich hab's ſchon lang' gewußt.“ „Ich auch,“ ſagte der Hofbauer, der nicht wollte, daß Frau klüger erſcheine als er. Ei, wenn du denn denkſt,“ ſagte ſie, r iſt's * 6 Der Hofbauer kratzte ſich hinter dem Ohr und ſagte dann endlich:„Wenn's nicht anders iſt, ſo ſoll mir's auch recht ſein.“ „Bravo!“ rief Olbrück, und die Alten gaben den Liebenden ihren Segen. Aber wie ſtaunten die Altenahrer, als Hubert ſein holdes, jetzt roſig blühendes Mailehen zum Tanze brachte. Wie ſtaunten ſie, als ſie hörten: Annchen ſei Hubert's Braut! Pitter ließ ſich nicht ſehen die ganze Kirmes über. Er war in Ahrweiler und gerade am zweiten Kirmestag wurde ſeine Ver⸗ lobung mit des Sternwirths Lieschen richtig, der Tochter von Hubert's Pathen. Abends brachte er ſie zum Tanz und gern ließ ihn Hubert mit ſeinem Annchen tanzen, während er das muntere Lieschen wirbelnd herumſchwang. Nachdem der Paſtor die beiden Paare zugleich ausgerufen, hielten ſie nach drei Wochen auf einen Tag Hochzeit. Herr von Olbrück kam mit ſeiner Familie von Köln herauf und es war ein luſtiger Tag, ein heitrer Himmel lachte ihm— in Altenahr eine gute Vorbedeutung. Als nach der Trauung Hubert ſein geliebtes Weib tüßte, ſagte er leiſe zu ihr:„Nun biſt du mein Mailehen für immer!“ Und ſie lächelte ſelig und ſagte leiſe:„Ja— und nun brauch' ich auch nicht mehr heimlich zu dir zu ſchleichen und Rumpen flechten helfen!“ „Und mir holt keiner die Mütze!“ ſetzte Hubert lachend hinzu. „Nun iſt's aber Zeit, daß wir gehen,“ ſagte mein alter Führer und die ſchärfere Zugluft des Thales mahnte dringend. Wir gingen und ſcheidend dankte ich dem Greiſe für die Mittheilung der Geſchichte. Möge ſie Andern ſo zuſagen, wie ſie aus dem Munde des Alten mir zugeſagt hat. Das Gotteshäuschen und ſeine Bewohner. Eine Volksgeſchichte aus dem Jahre 1689. Heute reich und morgen arm; Heute Luſt und morgen Harm; Was heute ſteigt, das morgen fällt, Das iſt der alte Gang der Welt. Rheiniſches Sprüchwort. Es iſt wohl ein ſchönes Fleckchen der Erde, wo da unten am Rheine das alte Bacharach liegt, man mag es betrachten von welcher Seite man will. Die Berge von Trechtingshauſen bis 8 hinab zum Niederthal haben den Rhein umſchloſſen, als ſei er See, der nicht weiter hinab und nicht weiter hinaufreiche, und an einem ſanft geſchweiften Buſen dieſes See's liegt nun das alte Städtchen ſo ſtille, ſo lebenlos, als ſei's ausgeſtorben. Wenige Kähne und Schifflein liegen im Hafen ſo ruhig, als träumten ſie von früheren Zeiten, wo ſie die Wellen durchſchnitten, und das ſei gar lange her, und es iſt, als ſeien die munteren Schiffer alle geſtor⸗ ben, ſeit die brauſenden Dämpfer vorüber ſauſen. Die alten Mauern ſind geſchwärzt, die Thürme ſind dachlos, die hochgiebligen Häuſer ſehen ſo traurig auf den Rhein, als habe er alle Herrlichkeit in ſeinen Fluthen begraben, und nur die Ruinen ſiehen gelaſſen, dieſe trauernden einſtiger S „War denn das immer ſo?— Nein! Es gab eine Zeit, wo dies todiſtille Stibtchen voll Leben war; wo der Weinhandel des ganzen Rheingau's hier ſeinen Stapelort hatte; wo die berühmten„Gabelungen. Käufer aus allen Gegenden hier vereinigten; wo dieſe alte Stadt im Bunde der Hanſa eine bedeutende Rolle ſpielte; wo der Reichthum hier * vohnte; wo der Hafen einen Maſtenwald wies, wie keine andere Rheinſtadt von dieſer unanſehnlichen Größe. Ja, damals wohnten noch die Herrſcher droben auf Stahleck; damals ſtanden noch die Altäre in Sanct Werner, und die Geſänge hallten weit hinaus ins ſchöne Rheinthal. Ach, die Zeit iſt ſchon ſeit manchem Jahrhundert vorüber und die Ruinen droben auf der Höhe und hier unten am Ufer des Stromes haben ſchon gar lange getrauert. Und dieſe Pfalzgrafen waren milde Herrſcher, und gaben reich⸗ lich, wo es galt, zur Ehre Gottes zu bauen und Anſtalten zum Heile der leidenden Brüderwelt zu gründen. Es iſt ein Zeichen wunderbaren Waltens, daß, obwohl der Sturm der Zeiten die Zeichen weltlicher Macht und Größe verweht, faſt ſpurlos vertilgt hat, die Stiftungen einer durch den Glauben erzeugten Liebe, wenn auch nur theilweiſe, alle jene Stürme über⸗ dauert haben. Zwar iſt die Kapelle des heiligen Geiſt⸗Hospitals auch eine Ruine geworden; zwar iſt das Siechenhaus nicht mehr zu finden, und die Wohnungen der unverſchuldeten Armuth ſind theilweiſe längſt zu Bürgerwohnungen geworden; gleichwohl ſtehen da droben auf der alten, geſchwärzten, vom unerbittlichen Zahne der Zeit viel⸗ fach benagten Stadtmauer die„Gotteshäuschen“ heute noch, die einſt die alten frommen Pfälzer ſtifteten, daß darin die Armen miethefrei wohnen und ein Obdach und eine Zuflucht gewönnen in den Tagen, in denen ein Jeglicher ſagt:„ſie gefallen mir nicht,“ und die um ſo drückender ſind, wenn die Noth ſich zur Schwäche, wenn die Armuth ſich zur Unfähigkeit geſellt, das liebe Brod durch den Fleiß der eigenen Hand zu erwerben. Die Armuth der Alten iſt voppelten Mitleids werth. Ja, ſie ſtehen noch, dieſe„Gotteshäuschen,“ während alle Herr⸗ lichkeit gewichen iſt und das Leben ſich verlaufen hat, und es ſo ſtille hier geworden iſt, als ſei niemals ein anderer Zuſtand da geweſen. Sie ſtehen noch, und dienen noch der Armuth als Hafen des Friedens und der Ruhe, dieſe Denkmale chriſtlicher Liebe der Vorzeit!— . Es iſt ein kurioſer Namen:„Gotteshäuschen;“ aber er klingt herüber aus einer alten, längſt untergegangenen Zeit, und er ſagt doch genugſam, wo der Keim ihres Daſeins lag, und ihre Beſtim⸗ mung, welche trotz des Wechſels der Zeit und der Verhältniſſe ſich völlig gleich geblieben iſt, deutet's noch beſtimmter an. Welche Bedeutung ſie hatten, und wie die Dankbarkeit ſie hoch hielt, das kündigt ſich in einer, wenn auch lückenhaften„Chronik“ dieſer „Gotteshäuschen“ an, die ein dankbarer, ſchriftkundiger Inſaſſe derſelben verfaßt hat um das Jahr 1689. Sie iſt mit andern, frühere Zeiten und ihre Zuſtände ſchildern⸗ den Fragmenten in die Hand eines Mannes gekommen, der, was er beſitzt, nicht neidiſch verbirgt, und die Begebenheiten, die in dieſen Blättern geſchildert ſind, mögen als Ausfluß derſelben betrach⸗ tet werden. Wenn ſie auch für frühere Zeiten lückenhaft ſind, dieſe einfachen, ehrlichen und treuen Schilderungen; wenn auch ein beſchränkter Geſichtskreis ihnen eigenthümlich iſt, gerade für das Jahr 1689 ſind ſie reich, umfaſſend und in den beſtimmteſten Umriſſen gegeben, ſo daß mit Grund vermuthet werden kann, der Chronikſchreiber habe damals gelebt, zumal die Umſtändlichkeit den Augenzeugen vermuthen läßt und das Enden mit dem Jahre 1689 und ſeiner Kataſtrophe die Unterſtellung begünſtigt, der Verfaſſer habe dies Unglücksjahr nicht überlebt oder doch nicht ſehr lange. Damals trug die Stadt noch das Gepräge ihrer früheren Herrlichkeit, wenigſtens das Gepräge im Aeußern. Sanct Werner erhob noch ſeinen jungfräulich ſchlanken Bau hoch empor, und durch die gemalten Fenſter drang das Sonnenlicht ins Innere; die Heilige Geiſtkirche ſammelte noch die Andächtigen in ihren heiligen Räu⸗ men; das ſchöne Gebäude der Münze ſtand noch, wenn auch längſt das Gepräge der Stadtmünzen aufgehört hatte; der Saal, dieſer merkwürdige Burgbau, mit ſeinen Hallen und Sälen, ſeinem Kauf⸗ hauſe und Verließen reckte noch ſeine durch Zinnen verzierten Mauern hoch über die Häuſer hinauf; die Freihöfe eines reichen Adels ſtanden noch in ihrer ſchwerfälligen Pracht, wenn auch der Adel aus der der Franzoſen ſich wegbegeben um nicht —z——————— — * — 6 bis auf den letzten Tropfen Bluts ausgeſogen zu werden. Die fünfzehn Thürme der Mauern, und dieſe ſelbſt, befanden ſich im beſten Stande, und droben auf Stahleck war die alte Macht noch ſichtbar in Thürmen, Mauern, Baſtionen und Wohngebänden. Leider trat den Boden, wo die großen Hohenſtaufen und die Wit⸗ telsbacher gewandelt, der Fuß des wälſchen Eroberers; es wirth⸗ ſchafteten dort die Horden des allerchriſtlichſten Königs, Ludwig's des Vierzehnten von Frankreich, der voll chriſtlicher Liebe die arme Pfalz in einen rauchenden Trümmer⸗ und Schutthaufen verwandeln ließ. Es wimmelte in der Burg und in der Stadt von Franzoſen. Mit frechem Uebermuthe behandelten ſie die Bürger, die mit unter⸗ drücktem Zorn und ohnmächtiger Wuth umherſchlichen, kaum fähig, länger die Bürde zu tragen, die ſie ſchier zu Boden drückte. In jedem Herzen lebte eine bange Furcht; denn man wußte, wie dieſe„Pfalzvergifter,“ wie ſie das Volk nannte, in andern Orten und Städten gehandelt, wie ſie ſie ausgeplündert und dann niedergebrannt hatten. Mußten die armen Bürger nicht Gleiches erwarten, obwohl der Commandant menſchenfreundlich war? Zeder hatte darum ſein Beſtes verborgen an ſicheren Orten, im Schooße der Erde ruhte mancher Schatz, der, weil der, welcher ihn verborgen, ſtarb, in ſpäteren Zeiten einen Menſchen glücklich zu machen beſtimmt war, wenn es ihn anders beglücken konnte und in die rechten Hände kam. Es war eine traurige Zeit, und über der armen Stadt, die bereits durch Brandſchatzung und Kriegslieferung nach Rheinfels und erſchöpft war, lag's wie eine beängſtigende Gewitterſchwüle. ah kein heiteres Geſicht, und um ſo ſchrofferen Abſtand Leichtſinn der leichtfertigen Franz oſen, vor deren Frech⸗ weibliche verbarg.— wenn vie, welche in den„Gutteshtnscheſ“ Jichts zu verlieren hatten, was in das Gebiet des Mammons gehört, ſo theilten ihre dennoch die ie kummervolle Stim⸗ Unter der langen Reihe dieſer Aſyle der Armuth, welche zwi⸗ ſchen dem„Fleiſchthörchen“ und dem„Münzthorthurme“ an der Stadtmauer lehnen, und mit den Fenſterchen des erſten Stockwerks auf die Untergaſſe, mit denen des zweiten theils wieder auf dieſe, theils auf den Mauergang ſahen, der ſein Licht durch mächtige Lücken empfing, ſpricht uns vorerſt nur das Erſte in der Reihe an. Es war nicht größer und nicht kleiner, als die übrigen auch, und faßte drei Wohnungen, deren jede aus einem Stübchen und einem Kämmerchen beſtand, die alle zuſammen eine gemeinſame Küche im zweiten Stock hatten, an deren ungeheuerem Herde Raum genug für die drei„Hausgeſäße“ vorhanden war, wie der Chroniſt ſich ausdrückt. Im untern Geſchoſſe wohnte ein alter Junggeſelle, der Stadt⸗ muſikant Pankrazius Sulzbacher, ein Mann, den Sechzigen nahe, mit einem klugen Geſichte. Sein Haar war früh gebleicht, aber ſein lebhaftes Weſen mochte es faſt Lügen ſtrafen. Er war ein geſchickter Meiſter auf der Fiedel und konnte auch die Zinke blaſen und die Pauken rühren, daß es wirbelte. Unter dürftigen Verhältniſſen aufgewachſen, im Waiſenhauſe des Hospitals zum heiligen Geiſt erzogen, war ihm die Armuth nicht fremd. Die Unterſtützung des Hospitals reichte hin, ihn zu ernähren. Sein Stübchen war das Urbild der Wohnung eines Armen. Obwohl die größte Reinlichkeit in dem engen Raume herrſchte und eine muſterhafte Ordnung, ſo Alles, was die Bequemlichkeit für das Alter des armen Zwei kleine Fenſterchen erhellten dürftig de Fenſtern gegenüber ſtand ein Ofen aus Thonkacheln ſeite die erhabenen Figuren von Rittern und Edelfraue den Falken auf dem Daumen der linken Hand trug dieſes Ofens lag ein Haufen grünen Holzes, im„Münchholze“ bei Nauheim zu ſammeln pflegte an den kühlen Abenden die nöthige Wärme zu b Sonne fand ſein Sth en nur am Abend auf ku Seite des Kachelofens befand ſich ein hölzerner Lehnſtuhl für ſeine müden Glieder, und vor dem kleinen Tiſch ein Schemel. An der Wand hing ſeine Fiedel, die ſeine Luſt, ſein Schatz und ſein Troſt war. Auf dem Fenſterbrette ſtand eine Bibel, und das war Alles, was man hier ſah, mit Ausnahme eines Bettes aus Spreu, wo der Arme von den Mühen und Sorgen des Lebens auszuruhen pflegte, und einigen Vogelbauern, in denen Finken ſaßen. Im Tage war er ſelten zu Hauſe. Ueberall gern geſehen, fand er auch überall freundliche Aufnahme. Jedwedem ſagte er die ungeſchminkte Wahrheit, und wenn er auch manchmal polterte, ſo wußte ein Jeder, daß er es gut meine. Wurde er aber hitzig, ſo ſchlug die Flamme an allen Ecken aus. Seine Redlichkeit war unbeſtechlich, wie ſeine Treue und Verſchwiegenheit. Lange Jahre hatte er im Hauſe des Saalſchultheißen Molina gedient, aber ein Ereigniß, von dem bei ihm ſpäter die Rede nie mehr war, hatte ihn aus dem Hauſe gebracht. Seitdem betrat er es nie wieder. Obwohl er ein weiches Gemüth hatte, war ihm auf ſeinem langen Lebenswege nur einmal eingefallen, in den Stand heiliger Ehe zu treten; aber der Tod entriß ihm den Gegenſtand ſeiner Liebe, und ſo ſchloß das eheliche Glück ſeine diamantne Pforte vor ihm zu. Zwar hatte Jungfer Urſula Kreuzhöfer ihn heiß geminnet, denn er war ſeiner Zeit ein ungemein ſchmucker Burſche geweſen, ja ſie gab ſich alle Mühe, ihm werth zu werden; allein er wies ihre Liebe mit Abſchen zurück, weil unter Anderem ihr Gewerbe ihm ſündlich dünkte, denn ſie ſchlug die Karte und dergleichen. Nun war's eine arge Laune des Schickſals, daß Urſula ſeit ren mit ihm unter Einem Dache wohnen mußte. Ihre il ſie verſchmäht wurde, in Haß umgeſchlagen und gegen ſie war auch mit den Jahren gewachſen. genoſſen ein übler Umſtand, und der Frieden erade auf ſtarken Füßen, zumal Pankraz eine unbe Katzen hatte, die Urſula in eben dem ſich mit ihnen umgab. — Dieſe Jungfer Urſula Kreuzhöfer bewohnte das Stübchen rechter Hand, wenn man zur Mauerthüre herein trat. Sie war etwa ſiebzig Jahre alt, lang und dürre, von gelblicher Farbe der Haut und kohlſchwarzem Auge und Haar. Dies Auge brannte und ſchoß Blitze; dies Haar war noch ohne alle Spuren von Weiß, aber es flatterte in der Regel in einer nichts als reizenden Unord⸗ 3 nung um ihr langes, ſchmales Angeſicht. Ihr Mund war groß,+ ihre Lippen ſchmal. Nur wenige Zähne waren ihr geblieben, vvn denen man jedoch mit Grund ſagte:„Es wüchſen Haare darauf.“ Das ſpitze Kinn trat ſcharf vor und reckte ſich aufwärts, als ſehne es ſich, die ſcharfe Spitze einer großen Habichtsnaſe zu erreichen, welche der Form eines Papageiſch nabels verwandt zu ſein ſchien.— Nichts an ihr war grandiöſer, als ihre Schritte. Sie maß, durch ihre langen Beine begünſtigt, einen ungemein großen Raum mit ſeltenem Beinwechſel. Eine ſchrille, gellende Stimme, zänkiſches Weſen, ſchlaue Berechnung, ungezügelte Habſucht vollendeten das innere und äußere Bild Urſula's, das auf ein Haar einer Zigen⸗ nerin glich. Ueberdies war ſie einäugig. Wer jedoch mit Pankraz geneigt geweſen wäre, ſie höchſt ver⸗ abſchenungswürdig zu finden, hätte denn doch ſich an einer Seite ihres Weſens verfündigt, aber auch nur an dieſer. Wie ſie glühend haßte, ſo liebte ſie aus tiefem Herzensgrunde, und wer i Liebe nur. ki Vortheil dazwiſchen tcht nſch einbar 6 in ihren Sie ſui alle Geei der Stadt; war hältniß eingeweiht und griff nicht ſein tie ihre Hand wahrnehmen konnte. Urſula Kreuzhöfer war e gu Pythia Bacherachs. Sie S di den S vele it Kenntniß der Perſonen und Zuſtände war ſie ſicher, alle Mal das Rechte zu treffen, was dieſen Herzen zuſagte. Sie drehte das Sieb, wenn ein Dieb zu ermitteln war, der ſich in geheimnißvolles Dunkel zu hüllen verſtand. 3 Sie ſtellte das„Planetchen,“ wie unſer Chroniſt ſagt, und es ſteht zu vermuthen, daß er das Horoskop meinte, welches dem Neu⸗ gebornen die Geſchicke ſeines Lebens im voraus ankündigte, oder den Erfolg einer Unternehmung feſtſtellte. Sie verſtand die Linea⸗ mente der Hand zu deuten; wußte eine Menge ſympathetiſcher Heil⸗ mittel für allerlei Gepreſte des Leibes und der Seele; bereitete Pflaſter aus Roſenblättern und— kochte Liebestränke für ſteinkalte Herzen und manches Andere, was verboten war. Da liegt in wenigen Sätzen ein unermeßliches Feld der Thä⸗ tigkeit; die Anfänge unberechenbarer Einflüſſe und Erfolge; die Gründe einer Scheu, die Alles mied, was ſie feindlich ſtimmen konnte; die Quelle eines Wohllebens, das weit über den Bereich des„Gotteshäuschens“ hinausreichte; aber auch der Grund, warum ſie Pankraz zornmüthig mit dem Ehrentitel„Here“ belegte. Er war bereit, darauf zu ſchwören, daß alle Mal in der erſten Mai⸗ nacht ein ſehr bedenkliches Geräuſch im Schornſteine vernehmbar ſei, etwa ſo, als ob Jemand darin aufwärts rutſche, und daß ihr ſtraft an die Wand malt, und den ein Chriſtenmenſch niemals nennt, ohne zu beten:„Alle gu en Geiſter loben ihren Meiſter.“ ches ſie bewohnte, war gerade das Gegen⸗ raumes des ehrlichen Pankraz. Da ſah man nen gepolſterten Leverſeſſel, zwei andere hochanſteigenden Lehnen. Ein Zulegetiſch über dem ein geweihter Buchsbüſchel vom tage ſteckte und ein zinnernes Kruzifir mit einem erkübel daran. Vor dem Fenſter war ein zuzieh⸗ em Wollenzeuge. Seltfame Geräthe ſtan⸗ über dem Fenſter und kein Bett beengte ſchwarzer Kater mit dem Gemeinſchaft habe, den Niemand unge⸗ — Räuchern, und zum Scheine lehnte in der Ofenecke eine Spindel mit dickem Rocken, der aber— nie abgeſponnen wurde, weil Urſula weder Zeit, noch Luſt dazu trug, ſich mit ſo wenig ein⸗ träglichen Dingen zu befaſſen. Hatte ſie eine freie Stunde, ſo troßte ſie mit ihren Fortunatusſchritten durch alle Gaſſen der Stadt, ſah in alle Fenſter und horchte auf Alles. Pankraz pflegte zu ſagen von ſolchen Gängen:„Die alte Heidenhexe geht auf den Strich!“ Im Kämmerlein ſtand ihre ſchwere Truhe, ihr hochgebauſchtes Bett und eine Menge Tiegel, Töpfe, Kräuterbündel und all' die nöthigen Zuthaten zu ihrem Gewerbe, nebſt Flaſchen, deren goldner Inhalt auf das edle Gewächs rheiniſcher Reben ſchließen ließ. Da hinein ließ ſie aber kein Auge dringen, und ſelbſt Eliſabeth, ihr Herzblättchen, war nie in dies geheime Laboratorium jungfräulicher Betriebſamkeit getreten. Wer war denn Eliſabeth, das Herzblättchen Urſula's? Das leitet uns zum dritten„Hausgeſäß“ des Gotteshäuschens, wie ſich der Chroniſt ausdrückt. Links der Thüre des zweiten Stockwerkes, wenn man vom Mauergange hereintrat, wohnte eine Wittwe, Frau Dreis mit ihrer Tochter Eliſabeth. Frau Dreis war eine betagte, ſtille Frau. Ihre Erſcheinung hatte etwas Würdevolles. Man ſah es ihr auf den erſten Blick an, daß ſie beſſere Tage geſehen,— daß der Kreis ihres früheren Lebens weit ab von dem der„Gotteshäuschen“ lag; aber die kum merbleichen Züge, das thränende Auge, das ſtille Inſichhineinleben, der ſelten ſich zu einem Lächeln neigende Ernſt wies auf einen dor⸗ nenvophn Lebensweg hin, deſſen Ausgangspunkte, wie zwei Pole ſich entgegengeſetzt, dort Wohlſtand, hier das„Gotteshäuschen“ waren. Ihr Geiſt zehrte an reichen Erinnerungen, während die nie ruhende Hand die Kunkel emſig drehte und den feinſten Faden ſpann in ganz Bacharach, wie ihr jede Frau zugeſtand. Die Bewoh⸗ ner aller übrigen, wie auch dieſes„Gotteshäuschens„ehrten und liebten ſie. Frau Dreis war ie ein, — 67— terin in Streitpunkten; ihrem ſtets wohlwollenden Urtheilsſpruche 1 unterwarfen ſie ſich jederzeit williglich. Was alle Maßregeln der Hoſpitalverwaltung, aller Zuſpruch der Geiſtlichen nicht vermochte, nämlich den Frieden in den Gottes⸗ häuschen zu erhalten, das bewirkte meiſt die achtbare Frau mit ihrem klaren Geiſt und milden Herzen. In dieſem Friedenswerke hatte ſie übrigens auch noch einen Adjunkten, ihre Eliſabeth, und auf deren Rechnung kam das Meiſte davon. Wenn das ſiebzehnjährige Mädchen ſo in der Mitte ſtreitender Parteien dieſer Gotteshäuschen daſtand, ſo konnte man ſie für eine Herrſcherin halten; denn die empörten Wellen legten ſich und Ruhe kehrte wieder, ſchnell, wie ſie entwichen war. Und doch trug ſie das grobe, dunkle Gewand aus„Beiderwolle,“ deſſen Zeug ſie ſelbſt geſponnen hatte, und ihre übrige Kleidung hob ſie um keine Linie höher, als die übrigen Genoſſen dieſer kleinen Armennieder⸗ laſſung; aber wenn ein Bildhauer dieſe Geſtalt geſehen hätte in ihrem wunderſamen Ebenmaß und in der Anmuth und Lieblichkeit der Formen, auch ſein ſuperfeines, ſcharfes Auge hätte keinen Tadel finden mögen vom zierlichen Füßchen, das ſich züchtig unter dem langen Rocke barg, bis zum kleinen, weißen Händchen, durch deſſen feine Haut die blauen Adern ſichtbar waren, und von da bis zum üppigen Reichthume der blonden Haare, die ſich durch das ſchwarze, wollene Käppchen gar nicht wollten bändigen laſſen, ſelbſt wenn ſie's Su Sonntage mit einem Sammtkäppchen vertauſchte. Und wenn l 1. der die Jübſchen Fgeei zu malen pfl et⸗ i teinnel, und die vie im Kinn und 1 den Frauen kennt, unendlich viel geſagt. Reicht es ſchon in utaujent Fällen Märkte die Häuſer trennten. Die Akten des„Vierthölerraths“ — wofür die Leute keine Worte finden konnten, was aber wunderſam hinriß, ſo daß man das Auge gar nicht hat von ihr ſchlagen kön⸗ nen. Dies war die Reinheit und Taubenunſchuld ihrer Seele; dies war der innere Frieden, der nur da wohnt, wo ein reines Herz ſchlägt. Dieſem Mädchen zu widerſtehen, war kein Menſch im Stande. Selbſt die wildeſten Zänker im„Gotteshäuschen“ fügten ſich mäus⸗ chenſtille, wenn ſie erſchien; die Kinder hörten auf zu ſchreien und ein heiteres Lächeln ſchwebte über die ſchmerzdurchfurchten Züge des Dulders auf dem Siechbette, wenn ſie zu ihm trat und einen Troſt⸗ ſpruch zu ihm ſprach. War es ein Wunder, wenn die jungen Bur⸗ ſchen der Stadt, reich wie arm, ſelbſt den weiteſten Umweg nicht ſcheuten, um über die Mauer an den„Gotteshäuschen“ vorüber zu gehen, um das Mädchen zu ſehen?— Und alle dieſe Hansgenoſſen kochten in Einer Küche, an Einem Herde!— Mit dem Worte iſt für den, der das Leben und die 999 Mal hin, zwei Frauen bis in des Herzens Tiefen zu ent⸗ zweien, zu verfeinden, wenn man ſie an Einem Herde zu kochen nöthigt und ſie in einer engen Küche zuſammen handthieren ſollen, ſo geſellte ſich hier noch der beſondere Umſtand hinzu, daß ein bär⸗ beißiger, grämlicher Junggeſelle dazu kam, der unbedingt alle Mal Recht haben wollte, während doch Jedermänniglich weiß, daß das allein und in allen Fällen den Frauen zuſteht; daß ferner Pankraz ein eben ſo eifriger Reformirter war, als Urſula eine fanatiſche Katholikin, und Beide ſich haßten, wie man zu ſagen pflegt: Swie Hund und Katzen.“— S doch— gerade in dieſem Gotteshäuschen ſeſc Fri⸗ Das war ein unlösbares Räthſel für ganz Bachgrach, eine Stadt, wo der Friede niemals recht Wurzel ſchlagen Hader aber allezeit eine reiche Ernte hielt, ſelbſt wenn Gaſſen und den! wußten davon zu ſagen. Daß aber vollends in den Gotteshäus⸗ chen der Friede nicht daheim und ſeßhaft war, das bezeugt! Chroniſt, wenn er ſagt:„Alldieweil und ſintemalen allhier die Got⸗ teshäuſer durch das Gezänke, ſo varinnen jahraus, jahrein herrſchet, an das„Haderwaſſer“ erinnern, davon die Schrift redet Numer 20, Vers 12— 14, ibid. Kap. 27, Vers 14, Deuteronum: 32, Vers 51, Pſalm 81, Vers 8, Pſalm 106, Vers 32, derowegen es über die Maßen verwunderlich zu erachten, daß ſothane Hausgenoſſen in erklecklichem Frieden ſich gehalten, und ſo der Urſula Zunge und des Pankrazius Griesgram an einander gerathen, alle Mal das Mägdlein ſie vereinbaret hat.“ Mit dieſen Worten des bibelfeſten Chroniſten iſt aber auch das Räthſel vollends gelöſt. Alle Drei: Frau Dreis, Urſula und Pankrazius hatten einen vereinigenden Mittelpunkt in Eliſabeth. Es wäre, wenn nicht die Mukter den Vorzug hätte haben müſſen, ſchwer zu ſagen geweſen, wer ſie am liebſten gehabt. Sie drehten ſich um das„Kind,“ wie ſie die blühende Jungfrau nannten, wie die Planeten um die Sonne, ſie legte, ohne es zu wollen, ein Schloß an jeden keifenden Mund, einen heilenden Balſam auf jede Wunde, die die ſcharfe Zunge geſchlagen, und Pankrazius Sulzbacher, dem eine dichteriſche Gabe von dem Chroniſten nicht beigelegt wird, ſteigerte ſich bis zu dem tief empfundenen Satze:„Es blühen Palmen auf ihrem Pfad und Roſen auf ihren Wegen.“ Sie hatte es dahin gebracht, daß die beiden Perſonen, die ſich ſo glühend haßten, einander auswichen; daß Urſula es überhörte, wenn Pankraz ihre Katze trat oder warf, und Pankraz es nicht beachtete, wenn Urſula ihn den„Nagel zu ihrem Sarge, ihr Gift und Popperment“ nannte. Freilich, es war nicht alle Tage Sonntag, und der Himmel 2 hell und rein. Dann gab's wohl auch Krawall ie:„Alte Hexe!“ und Urſula:„Schnurrant und d dann traf ſich's bisweilen, daß Feuerbrände und e ſammt ihrem Inhalte ſich halbwegs zu den Köpfe begegneten; wohl des Muſikanten Fäuſte in den Haaren ſeiner Feindin Unordnung anrichteten, während ſie ſchwer zu deutende Schriftzeichen auf ſein Angeſicht mit den Nägeln zeichnete; aber das traf ſich nur, wenn Eliſabeth und ihre Mutter abweſend waren, was höchſt ſelten geſchah. Der Chroniſt gedenkt nur zweier Fälle dieſer Art, und jedes Mal war der Hader darüber entſtanden, daß Eliſabeth's Anbeter Gunſt oder Ungunſt der beiden ſtreitenden Per⸗ ſonen beſaßen. Ihr Glück war doch ſtets der einigende Mittelpunkt, trotz des Haders. Urſula nämlich begünſtigte den jungen Joſeph Molina, den einzigen Sohn und Erben des alten Saalſchultheißen, weil ſie als Köchin im Hauſe gedient, als er ein Kind war. Bei dieſer Begün⸗ ſtigung wog offenbar die glänzende Zukunft Elifabeth's jede Rückſicht auf in den Angen Urſula's. Pankraz wäre auch ſchon für ihn geweſen⸗ hätte nicht Urſula ſeine Sache betrieben, und wäre nicht Conrad der ein⸗ zige Menſch geweſen, der durch die Bande des Bluts ihm ange⸗ hörte, aber zugleich ein ſo wackerer Junge, als je einer mit kräf⸗ tigem Ruderſchlage den Kahn durch des Rheines ſich kräuſelnde Fluth getrieben. War Urſula's Begünſtigter reich, vornehm und ſchön, ſo war der ſeine wacker, tüchtig und ſchön; hatte auch ſein ſorgenfreies Auskommen, ein eigenes, nettes Häuschen, einen Kahn, Netz und Feldgut. Da lag, nach ſeiner Meinung, das ſchwerere Gewicht in Conrad's Schale, zumal Joſeph ſich an die franzöſiſchen Offiziere hing, mit ihnen landsknechtete und Poſſen trieb, die Mädchen äffte und dergleichen Dinge, die in dem Regiſter, das Pankraz über das, was ſich ſchickt, führte, nicht geſchrieben ſtanden. Er hatte es ihm auch geſagt; aber„Jugend hat nicht Tugend,“ ſprach Pankraz, wenn er davon redete. Frau Dreis ſuchte die Beiden abzuhalten, von dieſen Dingen zu reden. War auch Eliſabeth dem Conrad nicht böſe, ſo zog ſie doch ihr Herz zu Joſeph, dem Liebling ihrer Jugend. Dabei war er keck und Conrad mädchenhaft beſcheiden und— wer ein Mädchen⸗ herz kennt, weiß auch, daß ſelten ein blöder Schäfer den S über einen kecken Eroberer davon trägt. — Das Herz iſt ein kurios Ding bei jedwedem Menſchen, aber bei einem jungen Mädchen iſt es erſt recht kurios, und wer damit ins Reine kommen will, mag zuſehen, wie er damit fertig wird. HI. „Ein Wort giebt das andere.“ Sprüchwort. Es war an einem Morgen, der ſo ſchön war, daß man ihn hätte einen rechten Sommermorgen nennen können, als Eliſabeth an das Mauerfenſter trat, um ihr roſiges Geſichtchen in der Mor⸗ genluft zu baden. Vor ihren Blicken lagen die Stadtgärten und rechts, gerade vor dem Fleiſchthörchen, wölbte ſich auf dem erhöhten Rheindamme die nralte Linde und hauchte, wie die erquickenden Pflanzen in den Gärten, erfriſchende Düfte aus. Es war nämlich nach langer Trockenheit ein friſcher Regen in der Nacht gefallen. Alles athmete neues Leben. Der Himmel war tiefblau, der Rhein glitzerte im Sonnengolde, obwohl droben an den violetten Bergen von Trechtingshauſen wie ein feiner Schleier ein leichter Nebel hing. Sah ſie dorthin, ſo überſchaute ſie den Rhein in faſt drei⸗ ſtündiger Ausdehnung. Dort droben lag das lange, alte Lorch mit ſeinen Thürmen, ſpitzgiebeligen Häuſern und ſeiner ſtolzen Kirche, deren Glockentöne, ſo reich und harmoniſch, der Südwind, hier „Thalwind“ genannt, herabtrug und zugleich die Wellen des Rheines leiſe hob und ſenkte.* Gegenüber lag im Baumgrün der Petersackerhof, und weiter nnten das mauerfeſte Rheindiebach, über dem Fürſtenberg in ſtolzer Pregt ſich mit ſeinen Thürmen am blauen Hintergrunde des Him⸗ mels abhob. Dort drüben lag Lorchhauſen ſo ſtill und friedlich, und das Klöſterlein Fürſtenthal ſah dieſſeits nur mit ſeinem Glockenthurme aus den Kronen alter Nußbäume hervor. 7 Folgte ihr Blick den Bergen, ſo ſah ſie drüben an dem Fuße der hohen Wirbellai einen Kahn ſchwimmen, in dem eine edle Geſtalt aufrecht ſtand und das Netz in die Fluth warf, um den ſtillen Fiſch aus der feuchten Tiefe in die mörderiſche Gewalt deſſen zu locken, der da herrſchen ſollte über die Fiſche im Waſſer, über die Vögel unter dem Himmel und die Thiere auf dem Felde, und der von dem göttlichen Anrecht einen ausgedehnten Gebrauch zu machen pflegt. Ihr Auge ruhte mit auf der Geſtalt, es war ja der gute Conrad Aichſpalter, der ſie ſo lieb hatte, der ſeine Mutter ſo liebevoll gepflegt und ſeit ſie todt war, zu keinem Tanze mehr ging. Sie ſann nach, warum ſie ihn nicht lieber habe, wie den Joſeph Molina, und in dieſen Gedanken ſah ſie die ſchöne Land⸗ ſchaft nicht mehr, die vor ihr lag. Da rief's unten an der Mauer leiſe:„Guten Morgen, Liebchen!“ Keine Seele war am Rheine ſichtbar. War's ein Wunder, daß das Mädchen erſchrack?— Indeſſen das wunderſüße Lächeln, das um die roſigen Lippen ſpielte, erwies denn doch, daß der Schrecken weder tief einging, noch unangenehmer Art war. Verſchwiegen darf auch nicht werden, daß eine Gluthröthe das herzige Geſichtchen übergoß und weit hinab unter das Tuch drang, das Hals und Buſen züchtig umſchloß. Das lächelnde Auge ſuchte und fand ſchnell den anmuthig Grüßenden. Es war ein junger Burſche von höchſtens achtzehn Jahren, von blühender Geſundheit und ſchöner Geſtalt und Zügen. Die dunklere Hautfärbung, das ſchwarze Haar, das große, dunkle Auge verrieth die Abſtammung von den Lombarden. Es war Joſeph Molina. Sein Anzug war vornehm und ganz nach dem Schnitte, den die Spanier in den Niederlanden am Rhein in Aufnahme gebracht, kleidſam und ſchön, ſtattlich und in i Augen fallend. Aus dem Auge ſprach das lodernde Feuer, im Sa glühte. — 82—* Ihr Auge war blitzſchnell rechts und links auf Kundſchaft gegangen. Kein Zeuge war nahe. „Warum verbirgſt du mir neidiſch dein lieblich Geſicht? Seit dreien Tagen ſeh' ich dich heute zum erſten Mal, und ich ſtehe doch ſtündlich auf der Wache unter der Linde.“ So ſprach die wohl⸗ klingende Stimme unten an der Mauer. „Muß ich nicht?“ fragte das erglühende Mädchen.„Wer iſt denn ſicher vor Euern Spießgeſellen?“ „Spießgeſellen?“ fragte betroffen der da unten. „Ja wohl,“ ſagte das Mädchen halblaut, doch verſtändlich. „Sitzt Ihr nicht allzeit im Stern bei den Pfalzvergiftern?“ „Ihr?“ fragte gedehnt und einen Schritt zurücktretend der Jüngling, der ſichtlich dem Vorwurf ausweichen wollte.„Haſt du kein Du mehr für mich? O Eliſabeth, welcher böſe Geiſt iſt zwi⸗ ſchen dich und mich getreten?“ „Es iſt kein böſer Geiſt,“ ſagte das Mädchen.„Ich bin einer armen Wittwe Kind und Ihr ſeid ein reicher Junker. Nur Gleich und Gleich geſellt ſich gut.“ „Hat dir der alte Pankraz Etwas aufgebunden?“ fragte er. „Glaub' dem alten Brummtopf nicht. Glaub' nicht dem Gerede der Leute. Wer kann Emmerenz mit dir vergleichen, die Nacht mit dem Tage, die Diſtel mit der Roſe!?“— „Pfui!“ ſagte das Mädchen unwillig; aber ein ſcharfes Ohr konnte wohl hören, daß der Vortheil des Vergleichs nicht ohne Bei⸗ fall blieb. War doch Emmerenz, wie abgekürzt die hübſche, dralle Tochter des reichſten Mannes der Stadt, des Rathsbürgermeiſters Stoffel Gilzer, geheißen wurde, eine Erbin, wie keine zweite die Mauern der Stadt umſchloſſen, und wer ſie hübſch nannte, war kein Lügner. „Ach,“ ſetzte der Jüngling hinzu,„du ſollteſt ſo tolles Leut⸗ gerede nicht hören! O meine Lebe zu dir iſt mir über den Kopf gewachſen. Ich kann ohne dich nicht leben.“ „Das iſt nicht gut,“ ſagte halb ſcherzend und wieder ganz ver⸗ öhnt das Mädchen.„Fragt Euern Kopf ein Mal der wird Euch — ſagen, es ſei nicht gut und nicht recht, den Frieden eines armen Mädchens zu untergraben! Wir ſind keine Kinder mehr.“ „Ach, das fühl' ich wohl!“ rief Joſeph,„und alle Tage mehr; aber kann ich, ſoll ich aus dem Herzen reißen, was ſo tief ſeit der Kinderzeit gewurzelt hat?“ Eliſabeth ſeufzte tief.„Und doch muß es ſein!“ ſagte ſie mit zitternder Stimme. „Wer ſagt's?“ fragte flammenden Auges der Jüngling.„Wer will mich zwingen, wenn ich nicht will?“ „Euer Vater,“ ſagte ſtark betont die Jungfrau.„Ich weiß, daß er Eure Schritte belauſcht und mit Euch darob hadert, daß Ihr“— ſie ſtockte. „O ſag's, ſag's,“ rief er,„daß ich dich liebe und dich in Ewigkeit lieben werde.“ Sie hielt die Hand vor das Anuge.— „Eliſabeth, nur ein Stündchen heute Abend! Ich muß mit dir reden, muß die Nebel vertheilen, die dein Auge trüben. Ich flehe zu dir; nur Ein Stündchen, wie ſonſt!“ „Wo bleibſt du doch ſo lange?“ ſchalt in dieſem Angenblicke die Mutter, die in die Thüre trat.„Unſer Morgenſüpplein wäre ſchier ins Feuer gelaufen, hätt' ich nicht ſelber nachgeſehen.“ Eliſabeth war doch recht erſchrocken! Glühte ſie ſchon, ſo wurde ſie jetzt bleich bei dem Gedanken, die Mutter könne argwöhnen, was ſie hier ſo lange zurückgehalten. Flüchtig, wie das geſcheuchte Reh, flog ſie ins Haus und an ihren Herd, und es währte lange, bis ſie ſich geſammelt. Die Mutter hatte übrigens theilweiſe das Geſpräch mit ange⸗ hört, ohne daß ſie Alles verſtanden. Sie vermuthete, daß Joſeph mit ihrem Kinde geredet, trat an das Mauerfenſter und ſah frſchend hinab. Sie kam indeſſen zu ſpät, um etwas von dem zu erblicken, der die Zwieſprache mit ihrem Kinde gehalten, denn beim erſten Laute der fremden Stimme, die ſein ſcharfes Ohr vernommen, war er wie ein Blitz innerhalb des Fleiſchthörchens in Sicherheit. Die Dicke der Stadtmauer ließ es auch nicht zu, etwas von ihm zu ſehen. — Ihr Geſicht war ernſter als ſonſt beim Frühmahl. Eliſabeth ſah es gerne, daß ſie gemahnt wurde, für das Mittagsbrod Sorge zu tragen, nachdem ſie den Tiſch abgeräumt und das nette Stübchen in Ordnung gebracht, wo im Geräthe noch mancher Reſt aus glück⸗ licheren Tagen in einem gewiſſen, vielleicht auffallenden Gegenſatze mit der Armuth der Bewohnerinnen ſtand. Der Eintritt einer befreundeten Bürgersfrau, die ein Sammt⸗ häubchen beſtellte, wie es Eliſabeth's kunſtfertige Hand zu fertigen wußte, bewirkte, daß die innere Ruhe bei ihr allmählig zurückkehrte und auch die Gedanken der Mutter eine andere Richtung zu En ſchienen. A1Als die ſtattliche Frau ſich entfernt hatte, war die Stunde da, daß das Feuer auf dem Herde angefacht werden mußte. Ueberdies kamen ja auch jetzt Pankraz und Urſula mit ihren Töpfen, und da nußte ſie als Schutzwehr in der Küche ſein, daß nicht verhaltener Groll in lichten Flammen auflodere. 6 Sie hatte kaum ihr Holz zurecht gelegt, da kam der alte Knabe die ſchmale Holzſtiege aus dem Unterſtocke herauf. In der einen Hand trug er das Töpflein, das ſein beſchei⸗ denes Mahl umſchloß, unter dem andern Arme trug er ein Bün⸗ delein Holz und Reiſig. Seine Stirne war heute nicht heiter. Es lag ein trüber Ernſt darauf. Ein Blick reichte hin, Eliſabeth das erkennen und verſtehen zu laſſen.+ „Guten Morgen, Pankrazvetter,“ rief ihm Eliſabeth entgegen, und ihr liebliches Geſichtchen war ſo freundlich dabei, daß der Alte einem Mal ein Anderer wurde. Du Hexe!“ rief er aus.„Du kannſt mich alten Knaben undlich machen, wenn auch ſchweres Leid mir auf der Seele gt. 7 Sie nannte ihn„Pankrazvetter,“ nicht weil ſie etwa mit ihm verwandt geweſen wäre; denn das war nicht im entfernteſten der Fall, ſondern weil es am Rheine Sitte iſt und von je und je geweſen iſt, an den Tauf⸗ oder Geſchlechtsnamen das Wort„Vetter“ oder„Baſe“ anzuhängen, wodurch ein gemüthlich herzlicher Ton entſteht, der die Herzen der niederen Stände einander ſehr nahe bringt. Es ſcheint, als ſeien Alle dadurch Eine Familie. „Das wird ja doch nicht ſein!“ rief das Mädchen theilneh⸗ mend aus.„Laßt mich's wiſſen,“ bat ſie,„vielleicht kann ich helfen, doch wenn das nicht, tröſten.“ „Es iſt nicht gut in eigner Sache richten,“ ſprach Pankraz. „Betrifft's mich?“ fragte ſie, und die Wangen färbten ſich wieder höher. „Laſſe es gut ſein,“ ſagte Pankraz, und ging zur Küchenthüre. „Gebt mir Euer Holz und Euern Topf, Pankrazvetter,“ bat ſie.„Ich will Euch das Süpplein herrlich kochen, auch Grünes dran thun, das ich aus Berndt's Garten habe.“ ierſſ Einer dem Mädchen!“ ſagte lächelnd der W und gel ihr Beides. „Geht doch in die Stube zu der Mutter,“ fuhr ſie ſ, „wenn's gar iſt, ruf' ich Euch ſchon.“ Kaum war der Alte in die Stube der Frau Dreis getreten, ſo maß mit Rieſenſchritten Urſula den Raum zwiſchen ihrer Stu⸗ benthür und der, der gemeinſamen Küche. „Guten Morgen, Bethchen,“ ſagte ſie.„Ei, wie ſo roſig! Du wirſt alle Tage ſchöner! Nichts geträumt, Kind, gar nichts? Möchte dir doch auch einmal einen auslegen.“ „Nein,“ ſagte Eliſabeth trocken.„Ich träume nicht.—“ „Schläfſt auch wie ein Sack,“ ſchmollte ſie.„Weiß der Kuckuck. Andere Mädchen träumen immer, und es denkt kein junger, hübſcher Burſche dran, Morgens früh und Abends ſpät ihnen aufzulauern, um nur einen Blick oder ein Wörtchen zu erhaſchen. Du träumſt nicht, und doch ſtand heute früh ſche on Einer da und ſah ſich faſt die Augen aus!“ Urſula fixirte das Mäd mit ihrem Auge ſo ſcharf ſie konnte Sie ſah ihre Wangengluth. Um ſie zu verbergen, bückte ſich Eliſabeth, das helllodernde Feuer anzublaſen⸗ —— „Nun, nun,“ rief die einäugige Jungfrau,„ſpar' deinen füßen Athem, Kind, ſpar' ihn. Du ſiehſt ja, daß das Feuer ſchöner nicht lodern kann. Willſt du Waſſer in den Rhein tragen, um die Röthe zu verbergen, deren Grund ich recht gut kenne?“ „Laßt mich doch, Urſulabaas,“ ſagte das Mädchen.„Ihr bringt's noch ſo weit, daß ich jedes Mal aus der Küche gehe, wenn Ihr kommt!“ „Grade das verdient' ich um dich, grade das,“ ſagte böſe Urſula.„Alle Wetter! Ich weiß keine Seele, die ich lieber hätte, als dich.—“ „Etwa Eure Katze, wenn ſie eine Seele hätte!“ ſcherzte Eliſabeth. „Ach, was,“ ſagte ärgerlich Urſula.„Sei mir nicht ſo ſchnip⸗ piſch, Kind! So was vertrag ich nicht gut. Du weißt's zu genau, daß ich Niemanden lieber habe als dich und mein Joſephchen, das ich auf den Armen trug und hätſchelte, darum müßt ihr auch ein Pärchen werden, ſo wahr, als ich Urſula Kreuzhöfer heiße und eines ehrlichen Mannes Kind bin.“ „Laßt mir doch einmal meine Ruhe!“ ſagte ärgerlich das Mädchen. „Hi! hi! hi! Wenn du ſie hätteſt!“ lachte die Alte, und preßte das Auge zu, mit dem ſie allein mit der Außenwelt in Ver⸗ bindung ſtand;„aber ich weiß beſſer, wie es unter dem Mieder und Leibchen ausſieht! Mach' mir keinen blauen Nebel vor! Hab' ich auch nur Ein Auge, ſo hab' ich doch zwei Ohren, und wenn ſie Augen wären, bräucht' ich keine Brille. Hab' ich heute früh nichts gehört? He!— Laß doch das Zieren! Du weißt, Urſula kann ſchweigen wie das Grab. Aber mein Joſephchen bittet um ein Stündlein, und wenn's auch nur ein halbes wäre, heute Abend. Laß ihn nicht warten. Er hat dir ſo viel zu ſagen, du glaubſt's gar nicht!“ „Ich will nun einmal nicht!“ ſagte Eliſabeth, der es unan⸗ genehm war, daß ſich Urſula immer an ſie drängte, und ihre ſtillen HGeheimniſſe wußte. k M „Willſt nicht?“ fragte Urſula.„Seit wann denn?“ „Seit mir's beliebt!“ war Eliſabeth's Antwort. „Ei, ei! Sieh' Mal, wie das Kind mich abtrumpft! Hab'ich das um dich verdient?“ rief Urſula im heftigen Zorne.„Nein, es iſt beſſer, ich laſſe meine Finger aus dem Spiele, denn es taugt doch nichts, daß man eine Abtrünnige mit einem rechten Chriſten vermähle. Ja, ja, es taugt nichts.“ Sie hatte beide Hände in die Seite geſetzt und mit vollem Zorne gebelvert. Jetzt richtete ſich Eliſabeth hoch auf und ſah ihr feſt in das glühende, eine Auge und ſprach: „Laßt mir meinen Glauben unangetaſtet; ich habe nie den Euren verletzt. Laßt überhaupt von mir ab und laßt Gott walten.“ Es war, als ob dieſe feſt und ruhig geſprochenen Worte das Weib mit kaltem Waſſer übergöſſen. Sie erſchrack ordentlich vor ſich ſelbſt, daß ſie ſich ſo weit hatte gegen ihren Liebling vergeſſen können. „Wie du auch gleich Alles, was ich unbewacht ſage, falſch ausdeuteſt,“ ſagte ſie einlenkend, und ſetzte hinzu:„Nun, Bethchen, ſei mir wieder gut, und hör' heute den guten Joſeph an.“ Schweigend trat Eliſabeth an die Mauerthüre und ließ die brummende Urſula allein in der Küche. Während dies Geſpräch in der Küche geführt wurde, hatte ſich Pankraz zu Frau Dreis geſetzt. „Dreiſebaaſ',“ ſagte er, noch voll von der Freundlichkeit Eliſa⸗ beth's,„ich ſag's alle Tage, das Kind iſt ein Engel, ſag' ich. Was es einem Gutes thut, iſt in einer Art gethan, als ob es ſich noch ertra dafür bedanken müßte, daß man es annimmt. Zetzt kocht's wieder mein armes Süpplein, und ich wette, ſag' ich, daß es zwanzig Mal beſſer wird, als hätt' ich's gekocht. Es wird nicht unbelohnt bleiben, ſag' ich, gewiß nicht. Wär's nur einmal gut verſorgt!“ „Warum denn ſo eilen?“ fragte Frau Dreis.„Kommt ſie denn nicht noch früh genug ins Kreuz⸗ wenn ſie mit vier und Jehren heirathet? Ich lebe ja noch!“ „Ja, ſag' ich,“ erwiederte Pankraz,„das iſt Alles gut, aber zwei Augen ſind ſchnell zu. Was dann?“ „So lebt der alte Gott in Ffrael noch!“ ſagte Frau Dreis mit feſtem Glauben. „Wohl, ſag' ich, wohl geredet, Dreiſebaaſ', aber der liebe Herrgott will, daß wir auch Etwas thun ſollen.“ „Es iſt dies Jahr aber kein Schaltjahr,“ erwiederte Frau Dreis,„daß die Mädchen freien gehen dürfen, wie man im Sprüch⸗ wort ſagt.“ Pankraz fühlte den Spott. „Nein, höhnt mich nicht, Dreiſebaaſ', höhnt mich alten Kerl nicht, ſag' ich; ich mein' es ja ſo gut, wie es nur Jemand meinen kann, und ich wüßte Einen, der käme ſchon zu freien, wenn er wüßte, daß er recht käme.“ Bei dieſen, nach ſeiner Meinung fein beigebrachten Worten blinzte Pankraz pfiffig mit den Augen. Frau Dreis verſtand ihn.„Conrad iſt ein braver Menſch, aber—“ „Holla, ſag' ich,“ fiel ihr Pankraz in die Rede,„hat Euch die alte Heidenhexe drüben auch den Kopf mit dem Joſeph Molina verrückt?„Ich bräch' ihr gleich den Hals, ſag' ich.“ „Pfui doch, Pankraz, wer wird gleich ſo zornig werden, und ſolche abſcheuliche Drohworte ausſprechen!“ ſagte ernſt tadelnd Frau Dreis. „Ihr könnt das verfluchte Schulmeiſtern nicht laſſen,“ keifte er fort.„Was habt Ihr gegen den Conrad? Iſt er Euch nicht reich genug? Er hat ein Haus, ſag' ich, hat Gut und einen Nachen; dabei iſt er ſtark, geſund, und was noch mehr iſt, brav, grundbrav, ſag' ich, und hat kein geſtohlen Geld, wie der Molina, und hr wißt's am beſten!— Er ſitzt nicht im„Stern“ und kartet mit den Franzoſen, den Pfalzvergiftern.“ G „Pankraz, Pankraz,“ rief Frau Dreis aus,„wohin führt Euch 3 wieder Eure Heftigkeit? Ihr erinnert mich an ein altes Weh; la es doch ruhen. Ihr wollt durchaus das Kind vermählen. Laßt ſie —„ doch wählen, wenn Zeit und Stunde kommt. Sie ſoll nicht im mindeſten gezwungen werden.“ „Gezwungen? Dreiſebaaſ', das iel mir im Traum nicht ein. Gezwungener Eid iſt Gott leid, ſag' ich. Wer's thun wollte, ich — bräch' ihm gleich den Hals!“ „Still, ſtill!“ ſagte Frau Dreis,„Ihr kommt wieder in Euer wildes, ſündhaftes Gerede.“— „Gut, ſag' ich, gut,“ rief Pankraz,„ſo will ich ſtill ſein, und Ihr habt mich zum letzten Mal geſehen!“ Er ſprang auf und rannte zur Thüre hinaus. Unglücklicher Weiſe ſaß Urſula's ſchwarzer Kater auf der Thürſchwelle. Der eifernde Pankraz trat ihn mit ſolcher Heftigkeit auf den langen Schweif, daß er erbärmlich aufſchrie. Dieſer Ton war das Signal für Urſula, loszubrechen:„Ver⸗ maledeiter Bierfiedler, Schnurrant und Lump!“ ſchrie die Zorn⸗ glühende, die noch in innerer Aufregung war,„was hat dir das arme Thier gethan?“ Sie ergriff einen ihr zur Hand ſtehenden Beſen, that einen ihrer Siebenmeilenſchritte und verſetzte Pankraz einen nachdrücklichen Hieb über den Kopf, daß der alte Mann gegen die Thüre zurücktaumelte. Ehe ſich indeſſen Pankraz ſammeln und zur Gegenwehr rüſten late hatte Eliſabeth der langen Urſula den Beſen entwunden, ſie in ihre Stube, die ſie raſch geöffnet, hineingeſchoben und Pan⸗ kraz darauf in die Küche gezogen. „Laßt ſie, Pankrazvetter“ ſagte ſie begütigend. Es iſt chriſt⸗ licher, zu vergeben, als zu zürnen.“ Aber dieſe Worte machten wenig Eindruck auf den vielfach Gereizten. Der Grimm machte ihn ſtumm. Er nahm ſein Töpf⸗ chen und ging, aber die geballte Fauſt, welche er gegen das Zim⸗ mer Urſula's ausſtreckte, ſagte mehr als Worte und wies hin auf eine Rache, die nur verſchoben war, nicht aber aufgehoben. — III. In der Haſelnuß naget's, Ein Würmlein ſitzt drein,— Dem wird's drin zu enge— Im Freien will's ſein. Nun beißt ſich's ein Thürlein; Da muß es heraus. So iſts mit dem Leid auch— Dem das Herz dient zum Haus. Volkslied. Allen Drei wollte heute das Mittagbrod nicht ſchmecken und die Vierte ſah auch in den Teller, als wollte ſie den Boden durch⸗ ſchauen und aß nichts. 3 Blicken wir zuerſt in das Stübchen Pankrazins Sulzbacher's. Unangerührt ſtand die Suppe auf dem Tiſchlein. Wie beſeſſen rannte er in dem Stübchen herum, focht mit den Armen in der Luft und räſonnirte wie ein Rohrſpatz. Zuerſt bekam Urſula ihr Theil, und kein halbes, verkürztes. Pankraz's Zorn war ein ver⸗ zehrend Feuer. Aller Welt wollte er dann den Hals brechen, was ein Kraftausdruck war, in dem ſich ſein Zorn breit zurechtlegen konnte. Uebrigens lag kein Beiſpiel vor, daß er je einen Hals gebrochen. Sein Zorn war der Art, daß, je heftiger er brannte und brauſte, deſto ſchneller er erloſch. Heute ſchien er nachhaltiger. War es doch Frau Dreis, die ihn erzürnt. Hab' ich Das um ſie verdient, ſag' ich, verdient? rief er aus. Lieber hab⸗ ich das Kind, als ſie ſelber; drum möcht' ich's verſorgt wiſſen unter dem Schutze eines tüchtigen Mannes, denn die Pfalz⸗ vergifter ſchnüffeln umher wie gierige Spürhunde, wo ſie ein hüb⸗ ſches Mädchen auswittern„und denen trau', wer Luſt hat. Ich nicht, ſag ich, ich nicht! Aber von dem Conrad will ſie nichts niſſen Wie kühl hat ſie ihn bei Seite geſchohen. Sie habe nichts gegen ihn, ſagt ſie. Dank's ihr ein ſpitz Hrolz, ſag' ich; was will ſie gegen ihn haben? Es ſind Mädchen ** 1 und Wittwen genug in der Stadt, die die Finger nach ihm leckten. Betrachte nur Einer die hübſche, junge Wittwe Pfaff, ſeine Nach⸗ barin! Er mag ſie nicht, ſag' ich, weil er das„Kind“ lieb hat aus ſeiner Seele Grund. Faſt glaub' ich, ſagte er ſtehen bleibend, ſie hat den Hochmuth mit ins Gotteshäuschen genommen. Da iſt der rechte Ort dafür, ſag' ich, meiner Treu, der rechte Grund und Boden für Hochmuth! So iſt's aber mit den reichen Leuten. Wenn ſie herunterpur⸗ zeln bis zu unſer Einem, ſo meinen ſie doch, ſie ſeien was Beſſeres. Der Reichthum hat ein zähes Gedächtniß. Meint ſie, der Joſeph heirathe das„Kind?“ Alte Thorheit! Zum Spaß iſt ſie ihm ſchon recht, aber zum Heirathen hat's guten Weg. Wart' ein Bischen, Alte! ſag' ich. Der Molina hat dich ohnehin auf dem Strich. Der hat's noch nicht vergeſſen, daß du ihn nicht mochteſt, als er jung war, nicht mochteſt, als er Wittwer wurde. Verſchmähte Lieb' hat auch ein zäh Gedächtniß, ich ſeh's an der Heidenhere droben. Die vergiftet mich noch einmal, ſag' ich. Lieber Gott, ſie iſt doch ſo arm, wie eine Kirchenmaus und ſollte Gott danken, wenn ſo ein Staatsburſche, wie Conrad, ein behaltener Menſch, ein ſeßhafter, nahrhafter Bürger, um ihr Kind wirbt. Ich darf's ihm gar nicht ſagen, ſonſt vergeht er wie Butter an der Sonne. Wieder rannte der Alte einige Mal das Zimmer auf und dann mit dem Ausruf: Ich möcht' Allen den Hals bret zum Stübchen hinaus, ohne auch nur ſein Süpplein berührt haben. In Urſula's Stube ſah's nicht beſſer aus. Sie tobte heftig über Eliſabeth's ſchnödes Abweiſen ihrer guten Meinung. Das zu erkennen, was in Eliſabeth's Seele wirkte, fehlte ihr das feinere Gefühl. Die rauhe, ſchonungsloſe Art, wie ſie das Heiligſte antaſtete, was des Mädchens Herz erfüllte, mußte ſie nöthigen, ſie zurückzuſtoßen. Ohnehin fühlte Eliſabeth eine Abneigung gegen die Alte. Ihr feines, teligiöſes Gefühl in gleichem Maße, wie ihre ſtreng 3 ſene Thür und— Emmerenzia Gilzer ſchlüpfte raſch herein, von lichen Grundſätze verwarfen das gottloſe Treiben Urſula's. Wenn ſie es nicht als Betrug erkannte, ſo erkannte ſie es als eine teuf⸗ liſche Kunſt und ſtimmte in dieſem Punkte weſentlich mit Pankraz überein, obwohl ſie es nicht ausſprach, um nicht den Zorn des Junggeſellen noch mehr zu reizen. Urſula ahnete das wohl, aber dies minderte ihre Liebe zu Eliſabeth nicht, die wirklich eine wahre Affenliebe war. Wenn es ſie auch ſchmerzte, daß das„Kind“ ſie ſo zurüctieß, ſo hob das doch die Liebe nicht auf, die ſo tief im alten Herzen ſaß und die neue Nahrung in dem Mitgefühle fand, welches Eliſabeth für die Katzen hegte, im völligen Widerſpruche gegen ihren Freund Pankrazius Sulzbacher. Heute war Urſula's Unmuth mächtig. Auch ihr Shn blieb faſt unberührt, und ſie gab ihm auch Worte, wie es in der Regel Perſonen thun, die allein zu leben pflegen. Meinſt du, ſagte ſie pfiffig lächelnd, ich ſähe dir nicht in die Karten? O, der Joſeph ſitzt dir im Herzen und kommt nicht wieder heraus; aber es iſt der Mädchenſtolz und Pimpelei zugleich— es ſoll's Niemand wiſſen. Pah, als ob's nicht alle Welt wüßte! Ich ſoll nichts mit beitragen? Ja, lauf' du! Ich thue es doch und ſetze meinen Kopf dran, ich thue's. Daß der alte Gilzer, der Filz, der Wucherer, ſeine Emmerenz dem Joſeph aufhängen will, weiß ich wohl, aber der verrechnet ſich, oder ich hieße nicht Urſula und müßte nicht wiſſen, was zu thun ſei. Könnt' ich nur den Conrad wegbringen! Die junge Pfaffin iſt auch in ihn verliebt. Nun, ich nehm's ihr nicht übel. Er iſt eine Pracht von einem Menſchen, und Gleich und Gleich geſellt ſich gern. Sie iſt eine Schiffers⸗ wittwe, hat einen Ankernachen und fährt Molina's Wein nach Köln, iſt eine runde, junge, hübſche Frau und eine glatte Wittwe ohne Kinder. Nun iſt Liſe meine gute Freundin, wer weiß? Ich will das Meine thun! Vielleicht ſtelb ich dem Conrad ein Füßchen! 3 Ein leiſes Klopfen ſtörte ſie. Schnell öffnete ſie die verſchloſ⸗ la mit vielen Knixen begrüßt. Das erröthende Mädchen ſagte:„Ich komme um die Mit⸗ tagsſtunde, wo alle Leute zu Hauſe ſind; da wird man am wenig⸗ ſten bemerkt.“ Urſula betrachtete das Mädchen. Es war eine kleine, runde, volle Geſtalt, von ebenmäßigem Bau und blühender Geſundheit. Ein ſchwarzes Ange glühte von innerem Feuer. Das apfelrunde Geſichtchen lachte von innerer Heiterkeit und die Gluth der Wangen war jetzt durch jene Erregung erhöht, die eben ſowohl ein Kind der Scham war vor dem, was ſie hier wollte, als der Sehnſucht, über Dinge einige Gewißheit zu erhalten, die ihr Herz eben in unge⸗ wöhnlicht Grade beſchäftigten. Sie war eitel und gefallſüchtig, und das Bedürfniß zu lieben, war in ihr recht lebendig. Aha, dachte Urſula, als ſie ſo mit ihrem Einaug' das Mädchen firirte, da brennt's im Herzen und die Zwei, die ſie im Auge hat, ringen um die Macht und Herrſchaft in ihr. Sollte Zefe— Doch nein! Feuillade muß es ſein. „Wollt auch gewiß'mal ſo ein Bischen hinter den Prrhang der Zukunft blicken, Jüngferchen?“ ſagte ſie und der zahnloſe Mund verzog ſich zu einer zuckerſüßen Spitze.„Ja, ja,“ fuhr ſie fort, „wer ſo das Geriſſe hat, wie Ihr, weiß am Ende nicht, wohin er ſich wenden ſoll. Der Offizier, wie heißt er doch?— Aha, der Marquis de la Feuillade läuft ſich die Beine ab, und wie ich der junge Molina weiß auch die Perlen zu finden?“ Emmerenzia lächelte; aber als Urſula Joſeph's Namen nannte, wollte ein Seufzer ſich Ferarsortnn aus der Bruſt, den das Mädchen jedoch unterdrückte. „Planetchenſtellen oder Kartſchlagen?“— fragte Urſula. „Kartſchlagen!“ liſpelte das Mädchen, und⸗ ſah ängſtlich nach Thür und Fenſter. Urſula bemerkte es.„Seid ruhig,“ ſagte ſie,„ich ſchließe die Thür ab, und die Sonnenſtrahlen geben uns Licht genug, auch wenn der Vorhang vor das Fenſter gezogen iſt.“ Schkell räumte ſie ihr Eßgeräthe vom Tiſche weg, ſchob 6 Sungſtan einen Stuhl hin und holte die Karten, die ſie ſorg⸗ Yhr müßt Zwei lieben!“ „Welche Eliſabeth?“ fragte Urſula, als ob ſie nichts wüßte⸗ fältig miſchte. Man ſah es ihnen an, daß ſie ſtark im Gebrauche waren. Nach einigemaligem Miſchen legte die Alte die Karten in einen Kreis, der ſich, nach ſeinem Mittelpunkte immer engere Kreiſe bildend, ſo weit verengte, daß zuletzt nur Raum für eine Karte blieb. Emmerenzia's Augen waren mit einer Aufmerkſamkeit der fingerfixen Thätigkeit Urſula's gefolgt, die es über allen Zweifel erhob, daß ſie aus voller Seele an die völlige Untrüglichkeit des Drakels glaubte, das ſie zu befragen gekommen war. Urſula ſetzte eine in Horn gefaßte Klammbrille auf die ſcharf⸗ gebogene Naſe und begann das farbige Rund vor ihr zu muſtern. „Herzenskindchen,“ flüſterte ſie,„habt Ihr Raum für Zwei in Eurem Herzen?— Seht nur, da liegt Herzbub und Eckſteinbub, und dazwiſchen Herzaß und drüben Herzdame. Kann's klarer ſein?„ Das Mädchen wurde glühend roth. „Seht, der Herzbub hat einen Säbel, das iſt der Feuillade, und der liegt rechts. Meiner Treu, Ihr habt ihn lieber als den Joſeph Molina, denn der iſt der Eckſteinbub und liegt links.“ Emmerenzia wiſchte ſich mit dem Taſchentüchlein über die 3 Stirne.„Es iſt ein ſchöner Mann,“ fuhr Urſula fort,„und— 3 er hat ernſte Abſichten, denn ſeht nur, fünf Herzblätter liegen bei aber bei dem Herzkönig liegt Kreuzaß. Verſteht Ihr das?“ Emmerenzia ſchüttelte den Kopf. ₰ „Nun, das heißt, Euer Vater will's nicht haben.“ 6 Emmerenzia nickte leiſe. „Aber zu dem Joſeph neigt er— ſeht nur ſelbſt.“ Auch jetzt nickte das Mädchen bejahend. „Seh' ich aber recht, ſo zieht Joſeph ſonſtwo hin!“— Emmerenzia riß die Augen weit auf und ſtarrte in die Karten. „Ihr habt eine Nebenbuhlerin. Sie iſt ſchön, ſehr ſchön, aber arm. Kennt Ihr ſie?“ „Eliſabeth,“ flüſterte halblaut das Mädchen. 0— „Nun,“ ſagte das Mädchen ſtockend,„die drüben!“ „Pah!“ rief Urſula aus.„Arm, wie Hiob! Nein, die nimmt er nicht. Er müßte ja keinen Tropfen väterlichen Bluts in ſich haben, wenn er dazu Luſt hätte. Glaub's nicht. Aber laßt ihn laufen! Lieber einen Hecht, als einen Weißſiſch, ſagen die Schiffer. Der Franzoſe iſt ein Marquis. Er bringt Euch, wenn der Krieg zu Ende iſt, an den Hof von Frankreich. Gewiß wäret Ihr ſeine Zierde.“ Emmerenzien ſchmeichelte dieſe plumpe Aeußerung. Sie war eitel und hochmüthig, und von den rieſiggroßen Vorzügen ihrer kleinen Perſon überzeugt. Alles gefiel ihr an ihr ſelbſt; nur die Größe, die Größe! Sie trug zwar halb handhohe, rothe Abſätze an ihren Schuhen, aber das trug doch nur wenig aus. War ſie in Geſellſchaft Anderer, ſo ſuchte ſie durch die Geläufigkeit ihrer Zunge die Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, der ſie ſonſt durch ihre Kleinheit zu entgehen fürchtete. Daß nun die beglaubigte Wahrſagerin ihr ſo Großes verhieß, das bezauberte ſie und ließ für's Erſte den Marquis vor Joſeph den Vorrang erlangen. Während Emmerenzia noch in ihren ſüßeſten Träumen ſchwelgte, und ihr beſchränkter Geiſt es verſuchte, ſeine Grenzen zu überfliegen und ſich den Hof Ludwig's des Vierzehnten auszumalen, den der frivole Marquis de la Feuillade ihr mit den glühendſten Farben und üppigſten Bildern vorgemalt, zog Urſula mit ihren langfing⸗ rigen Händen die Karten in einen Knäuel zuſammen, den ſie raſch ordnete und ſodann miſchte. „Schöne Ausſichten, meiner Sir, ſchöne Ausſichten für Euch,“ ſchwatzte ſie;„wozu aber Euer Reichthum Euch vollkommen berech⸗ tigt. Nun laßt uns aber den zweiten Kreis legen, zuletzt i im Qua⸗ drat, denn drei Mal darf es geſchehen, weil aller guten Dinge drei ſind.“. Sie legte die Karten wieder in gleicher Weiſe, und als die letzte Karte, mitten in den Kreis gelegt, Herzdame war, ſchlug Urſula dig Hände zuſammen, und ſtand eine Weile ſtumm da, wie es der Macht des Eindrucks überwältigt. Emmerenzia ſah ihr fragend in das blinzende Einaug' Als ſie immer nicht ſprach, ſagte ſie bittend und ängſtlich: „Warum ſchweigt Ihr doch? Es quält mich Euer Schweigen Redet doch, ich bitte Euch!“ ſagte ſie zu Urſula. „Laßt mich zu mir ſelber kommen,“ verſetzte Urſula;„denn Etwas der Art iſt mir niemals vorgekommen. Die Herzdame im Mittelpunkt! Ihr ſeid ein Kind des Glückes. Wiederum liegt er Euch nahe; wiederum ſeid Ihr von Königen umgeben.“ „Joſeph liegt oben im Kreiſe bei der Schippendame, bei Eurer Nebenbuhlerin, die er— lieber hat als Euch.“— Emmerenzia biß ſich in die Lippen. Daß er, auch wenn er ihr Gatte nicht werden ſollte, die Betteldirne, wie ſie die reizende Eliſabeth zu nennen für gut fand, lieben ſollte, mehr als ſie, das regte ihren Neid auf's neue an. Sie haßte Eliſabeth, weil ſie ſchöner war als ſie. Jetzt ſollte ſie ihr ein Jünglingsherz ent⸗ reißen, für das ſie allerdings einige Neigung fühlte, dies war denn doch mehr, als ſie ertragen konnte. „Halt!“ rief Urſula plötzlich, die den ſchlimmen Eindruck ver⸗ wiſchen wollte, weil ſie fürchtete, die Gabe möchte ſich verringern. „Halt! Kreuzaß liegt zwiſchen ihm und ihr. Das Kreuz, ihre Armuth, iſt ein Hinderniß ihrer Verbindung.“ Emmerenzia athmete freier. Urſula ſtrich die Karten zuſammen, miſchte ſie wieder und legte ſie nun mit tiefem Ernſte ins Viereck. „So!“ ſprach ſie, als ob ein ſchweres Werk erledigt fei;„nun Soden wir forſchen!“ „Es iſt verwunderlich,“ hob ſie nach einem langen Hinein⸗ ſtarren in die Karten an,„wie ſich das Alles ſo macht. Er hat ſie verlaſſen und liegt zu Euren Füßen. Aber Eure Nebenbuhlerin zicht ihn mit ſtarken Fäden immer noch zu ſich hin.“ „Wie Dem auch ſei, Ihr feiert eine fröhliche Hochzeit, aber mit welchem von Beiden, de um Euch buhlen, vermag ich nicht zu ſagen.“ 4. Emmerenzia war ſehr ernſt geworden. ℳ „Legt ſie noch ein Mal,“ bat ſie. „Das geht nicht, Herzenskind, das geht nicht; aber verlaßt Euch darauf, ich ſtelle Euch das Planetchen. Das trifft's.“ In dieſem Augenblicke klopfte es an ihre Thür. Emmerenzia fuhr erſchrocken emporz Urſula faßte ſie an der Hand und zog ſie in das Stübchen, dann erſt öffnete ſie die Thüre mit großer Vorſicht. Als Urſula öffnete, trat Frau Pfaff herein. Es war eine Frau von etwa acht und zwanzig Jahren. Ihr Ausſehen war blühend, ihre Geſtalt voll und rund und Jedermann mußte ſie eine hübſche Frau nennen. „Ei Gott grüß' dich, Lieschen,“ ſagte Urſula.„Wär' ich ein Burſche, dich müßt' ich freien, du biſt ſo herzig, daß ich dich küſſen möchte. Iſt denn der Conrad ſtockblind, daß er deine Reize nicht ſieht?“— Frau Pfaff ſeufzte.„Habt Ihr mir das Planetchen geſtellt? Das Tränklein hat er getrunken, aber ich merke keinen Erfolg,“ ſagte ſie faſt traurig. „Wie haſt du's ihm denn beigebracht?“ fragte Urſula. „Seine Mauerthüre war auf,“ verſetzte Lieſe Pfaff,„da ſchlich ich hinab und goß es in ein Bierſüpplein, das er ſich zum Mor⸗ genimbiß bereitet.“ „Hat er's auch gegeſſen?“ Freilich; Ihr wißt, mein Seitenfenſterlein geht grade auf ſeine Stube. Ich ſah ihm zu. Es ſchmeckte ihm gut.“ „O ſo ſei ohne Sorgen!“ ſagte Urſula.„Bei dem Einen wirkt's ſchnell, bei dem Andern langſam; aber es wirkt. Das iſt außer Zweifel. Das Planetchen hab' ich dir auch geſtellt. Beſſer hat's nie eines Menſchen Wünſchen zugeneigt. Du wirſt ſeine Fram; aber Lieschen, du mußt das Deine thun. Sei ihm freund⸗ lich. Zeige dich ihm recht ergeben. Biet' ihm deinen Wnkernachen zur Fahrt nach Köln an. Kurz, verſäume nichts, was ihn an dich, Ziehen kann. Nun aber geh' Liebe. Ich habe heute noch viel 5 Frau Pfaff nickte freundlich, drückte ein Geldſtück vom Werthe einiger Albus in ihre Hand und ſchied leuchtenden Antlitzes. „Kommt heraus!“ ſagte Urſula zu Emmerenzia, als ſie die Thüre des Kämmerleins öffnete. Es war ihr höchſt unlieb, daß eine Fremde in dies geheimnißvolle Gemach getreten war. Doch auch jetzt klopfte es wieder. Emmerenzia prallte zurück und Urſula ſchloß zum zweiten Male die Kammerthüre. Dies Mal trat die Magd des alten Molina, des Saalſchult⸗ heißen, herein. „Was bringſt du, Annemarie?“ fragte freundlich die Pro⸗ phetin. „Ach,“ ſagte das Mädchen,„nicht viel. Mein alter Herr möchte Euch gerne ſprechen, und ich hab' da auf der Hand eine abſcheuliche Warze, die ſollt Ihr mir vertreiben. Mein Schatz guckt immer darauf. Sie gefällt ihm nicht!“— 3„Gleich, gleich!“ rief Urſula geſchäftig; griff nach des Mid⸗ chens Hand, beſtrich die Warze und flüſterte jedes Mal etwas halblaut dazu. Darauf ſagte ſie:„Geh' heim, mein Kind. Grüße deinen Herrn und ſag' ihm, ich käme. In acht Tagen biſt du die Warze los. Verlaß dich unbedingt drauf. Kannſt's deinem Schatze ſagen.“ „Was koſtet's denn?“ fragte das Mädchen. „Nichts, Kind, nichts; aber wenn du einer alten armen Jungfer ein paar Weißpfennige ſchenken willſt, ſo verdienſt du dir einen Stuhl im Himmel. Siehſt du, man darf Sympathie nicht für Geld anwenden, aber Etwas geſchenkt darf ich ſchon nehmen.“ Das Mädchen gab, was ſie gefordert und ging. ZJetzt f. haſtig die Thür. „Urſula,“ ſagte ſie,„mir iſt's klar gewordan Mit dem ʒrn zoſen, fürcht' iſt's nichts. Ich will das Sichere für das Unge wiſſe nehmen Wirke, daß Joſeph mein Mann wird. Zetzt gehſt du zum Alten. Da darfſt du nur ein Wörtlein reden, ſo iſt'h von Erfolg.“ Sie drückte Urſula ein großes in die war blitzſchnell verſchwunden. ½ — „Wie doch das Zweifelhafte lockt!“ ſagte die Kartenprophetin. „Wart' ein Bischen, Emmerenz, wart' ein Bischen! Ich denke, du gibſt mir noch manchen Florenzer Gulden, ehe du Frau Molina biſt! Was nur der alte Sünder wollen mag?“ ſagte ſie, und eine teufliſche Freude blitzte aus dem unheimlichen Einauge. Sie ordnete ihre Kleidung und ging. Drüben im freundlichen Stübchen der Frau Dreis war es auch ſo ſtille hergegangen, daß man den Holzwurm im Getäfel arbeiten hören konnte. Mutter und Kind hatten Schweres auf dem Herzen. Das einfache Mahl hatte nicht gemundet und es mochte weder Mutter noch Kind fragen: Warum ſchmeckt dir's nicht? Endlich räumte das liebliche Mädchen ab, ſetzte ſich an das Kleid, welches ihre kunſtgeübte Hand für eine reiche Bürgersfrau arbeitete. Die Mutter ſaß im alten damaſtenen Lehnſtuhl und drehte den feinen Faden an ihrer Kunkel. Nach einiger Zeit hob ſie an:„Kind, ich glaube, daß es an der Zeit iſt, mit dir von zu reden, die ich dir bis jetzt verſchwieg. Du haſt heute früh mit Joſeph Molina geredet, und ich ſehe, daß Ihr noch nicht von einander laſſet, wie wenig es auch möglich iſt, daß Ihr je das Ziel der Wünſche erreicht, das der unerfahrnen Jugend ſo nahe, dem Auge des Alters ſo unendlich ferne liegt. Die Kluft aber, die dich von ihm trennt, kennſt du nicht. Es iſt nicht allein deine Armuth und ſein Reichthum, deine Niedrigkeit und ſün hoher Stand, nicht allein die Rückſicht, daß du zu einer Liebelei zu gut und innerlich zu edel biſt, es iſt etwas Anderes. Sei aufmerkſam, mein Kind, du ſollſt zum erſten Mal in das leidenvolle Leben deiner armen Mutter blicken. Möge es dir ein Spiegel ſein, deiner eigenen Erfahrung unbekannt bleiben!“ Eliſabeth war die Nadel entſunken. Sie hatte anfänglich ihr erröthendes Geſicht mit beiden Händen bedeckt. Jetzt war es zum Schooße herabgeſunken und ruhte in ihren Händen auf den Knieen, die ein kleiner Schemel ihm näher brachte. Ihr leiſes Schluchzen verrieth der Mutter die Bewegung ihrer Seele, aber ſie hat als ſihe, als höre ſie das nicht und fuhr fort: — 1 „Als ich ſo alt war, wie du jetzt,“ fuhr Frau Dreis fort, „ſtarb der alte Saalſchultheiß Rima, und der Kurfürſt von Köln ſetzte einen andern ein. Es war ein junger Mann, ſchön, gefällig, von gewinnender Sitte und Art, der Sohn eines jener reichen Italiener, die ſeit vielen Jahrhunderten am Rheine den Handel in ihrer Hand hatten, und die man„Gewertſchen“ oder Lombarden hieß. Mit Einem Worte: Es war der Mann, der noch heute das Amt bekleidet, der Molina. „Mädchen ſind Mädchen, Eliſabeth, damals, wie heute. Wir ſprachen von Nichts, als von dem ſchönen, reichen Saalſchultheißen Molina, und bedauerten nichts mehr, als daß er katholiſch ſei. Mein Herz blieb dabei am ruhigſten; denn ich war deinem Vater gut und dein Großvater war ihm geneigt, zumal er ein Gerber war und dein Großvater keinen Sohn hatte, der das Geſchäft fort⸗ treiben konnte. Ich war ſein einziges Kind und mir zu Liebe war er zu keiner zweiten Ehe geſchritten, obwohl ich erſt drei Jahre damals alt und er ein junger Mann war. Hunderte hätten nicht gehandelt, wie er. „Mir wär's im Traume nicht eingefallen, daß der junge Molina ſein Ange auf mich werfen könne; aber es geſchah, und je weniger ich es beachtete und zu beachten Luſt hatte, deſto heftiger wuchs ſeine Leidenſchaft. Wo ich war, da war er auch. Ueberall und über alle Maßen zeichnete er mich aus, ſprach, tanzte nur mit mir, hatte nur Augen für mich. Die Mädchen nannten mich im Scherze, durch den der Neid hindurchblickte,„Frau Saal⸗ ſchultheißin.“ „Soll ich es aber in Wahrheit geſtehen, der Menſch war mir unausſprechlich zuwider. Es war Alles an ihm ſo heftig, ſo lei⸗ denſchaftlich, daß es mir unheimlich wurde, wenn er ſich mir nahete. der Alles in der Stadt vermochte, zurück. Ich las das Lei ſeinen Zügen. Einen beſſern Menſchen, ein treueres Gemüt ihn, gibt's nicht mehr auf Erden. 2 — 101— „Was mich aber noch mehr gegen den Lombarden einnahm, das war ſein lauerndes, tückiſches, feindſeliges, mit Einem Worte ſein ächt wälſches Weſen. Er hatte für Jeden ein freundliches Geſicht, aber im Herzen ſtand's anders, und wer ihn beleidigte, der hatte einen ewigen Feind an ihm. Deinen Vater, obwohl ein ehr⸗ barer Bürgersſohn, behandelte er wie einen Knecht, wenn er ihm irgendwo nahe kam.. „Glaubſt du wohl, daß dein Großvater die Bewerbungen des Saalſchultheißen gerne ſah? Daß er eine Heirath zwiſchen ihm und mir wünſchte, obwohl er als ächter Reformirter es ſonſt nicht billigen konnte, wenn Mann und Frau nicht Eines Glaubens waren und er den Katholiken abgeneigt war, weil er ihren Druck unter der Macht Spinola's reichlich erduldet hatte? „Meine Art, mich gegen Molina zu gehaben, war kalt, höflich und nichts weiter. Dennoch warb er bei dem Vater, und ich— erklärte, daß Niemand, als Georg Dreis mein Gatte werden würde. Was früher deinen Großvater glücklich würde gemacht haben, das ſchmerzte ihn jetzt tief; allein er war zu gut, mich zu zwingen. So erhielt Molina einen Korb und Georg Dreis wurde mein glück⸗ licher Gatte. „Die Leute konnten mich nicht begreifen. Ich begriff wohl, was ich that. Das glänzende Glück iſt ſelten das rechte, dauernde. Sie ſagten: Du haſt das Glück von dir geſtoßen! Ich ſagte: Ich habe es gewonnen, und es war ſo. 5 „Aber Molina war außer ſich. Das hatte er nicht vermuthet. Er war ſeines Zieles zu gewiß; daher traf ihn das Mißlingen wie ein Donnerſchlag. „Er verreifte einige Zeit in ſeine Vaterſtadt, Köln, und kam mit einer jungen Frau wieder. Sie war eine gute Seele, wie man hörte; aber kränklich und ſchwächlich. Im Wochenbette mit ihrem erſten Sohne ſtarb ſie. Molina hielt Haus mit Urſula, und die Welt redete Arges von ihm und ihr. Gegen uns war er ſehr freundlich. Manchmal aber begegnete ich einem Blick, aus dem ein Teufel ſprach. Dein guter Vater glaubte mir nicht, wenn ich ihn — 102— * vor Molina's Freundlichkeit warnte. Ich wußte beſſer, wie es ſtand, als er es wußte.— „Dein Großvater hatte das Zeitliche geſegnet. Wir waren reich meine Eliſabeth. Die ſchönſte Gerberei des„Holzmarktes“ war unſer, die jetzt der alte Lang beſitzt. In unſerm Getüche und Schreinwerk ſteckte ein Reichthum alleine ſchon. „Da kamen die Franzoſen. Ach, Kind, das war eine Zeit, die ich nie vergeſſe. Du warſt noch nicht auf der Welt. Zeder⸗ mann barg ſeine Habe, ſein Getüche, ſein Silber, ſein Geld. Wir hatten in unſerm Hauſe kein heimliches Gemach; aber im„Saale“ waren Räume genug zum Verbergen. Molina nahm Anderer Gut auf, uns ſchlug er's rund ab, das Unſere zu verbergen. Er war ein Wucherer geworden, trieb Handel mit dem„Feuerwein der Thäler“ und ſein Reichthum wuchs, weil dieſer Wein berühmt, beliebt und ſehr geſucht war. „Die Franzoſen nahmen die Stadt ein. Alles wurde geplün⸗ dert, nur„der Saal“ nicht, weil er kölniſch war. Ach, mein theu⸗ res Kind, alles fertige Leder ſchleppten ſie uns fort, weil Molina uns angeſchwärzt hatte; Alles, was mitzunehmen war, raubten ſie. „Ich mußte flüchtig werden, und fand in der Mühle zu Nau⸗ heim eine Zufluchtſtätte. Deinen armen Vater ſchleppten ſie in den„Saal“ und folterten ihn, daß er ſage, wo ſein Geld, Gold und Silber liege, und Molina gab die entſetzlichen Geräthe der Folterkammer dazu her. In der Höllenqual der Schmerzen ſagte er ihnen die Ledergrube, in der es lag, ſagte ihnen, wo unſer Getüche lag, um nur das Leben zu retten. Alles wurde geraubt, Alles.—. „Als ich wieder kam, fand ich ein leeres Haus. Was ſie nicht rauben konnten, war zertrümmert, und was das Schrecklichſte war, deinen Vater fand ich mit entzündeten Gliedern, lahm am litt er alle Schmerzen, die zu denken ſind— dann ſtarb er und— am Tage ſeines Begräbniſſes wurdeſt du geboren. „Was ſollte ich thun? An ein Fortführen oder beſſer an e ganzen Leibe durch die entſetzlichen Folterqualen. Noch vier Wochen — 103— Wiederanfangen des Geſchäftes war nicht mehr zu denken. Ich verkaufte es um ein Spottgeld und kaufte ein Häuschen, das hinter dem„Saale“ ſteht, wo das Schlupfgäßchen nach dem Markte führt. Es zehrte den Reſt Deſſen auf, was ich erlöſt, nachdem ich mir wieder ein Bett angeſchafft und die unentbehrlichſte Leinwand und Kleidung.“ „Denke dir meine Lage! Nur du, du allein hielteſt mich am Leben. In deinem Lächeln vergaß ich meinen Jammer, für dich zu leben, war ja mein heiligſter Beruf. Noch eine Rettung hatte ich. Dein Vater hatte Molina tauſend Florenzer Gulden geliehen; aber in ſeiner Treuherzigkeit und Argloſigkeit ohne Pfand, ohne Verſchreibung. Damit konnte ich bei treuem Fleiße weithin meine Tage friſten. „Ehe ich jedoch es forderte, ereignete ſich Etwas, woran ich nie gedacht hätte. Molina ſuchte mich auf; tröſtete mich; verſprach mir ſeinen Beiſtand. Ach, wie blutete mein Herz, als ich den vor mir ſah mit heuchleriſcher Theilnahme, der an deines Vaters Tod ſchuld war. Auf dem Todesbette hatte er mir's ja erſt geſagt, mit welcher teufliſchen Freude er an der Marterbank geſtanden und zu den Franzoſen geſagt hatte:„Schraubt feſter! Noch feſter! Er muß bekennen! Und ſtirbt er, ſo iſt's ja nur ein Ketzer!“ Er hatte mir's geſtanden, daß er triumphirend ihm zugerufen:„Ha, nun iſt meine Rache geſättigt, daß du mir das Weib genommen, an dem meine Seele hing. Du ſtirbſt und ſie iſt elend!“— Eliſabeth ſchauderte zuſammen und wurde bleich wie eine Leiche. Ihre Thränen rieſelten noch, aber ſie fühlte es nicht. Ihre Hände waren in einander gepreßt, daß alles Blut zurückwich. Ihr ſtarrer Blick ruhte auf den Lippen der Mutter, die ſo Gräßliches aus⸗ geſprochen. „Nach einigen Tagen,“ fuhr die Mutter fort, kam er wieder und— denke dir das Entſetzliche! Er warb um meine Hand!; „Was ich damals geredet, Kind, ich weiß es nicht, abe mülſen Worte geweſen ſein wie Dolchſtöße; Worte, wie die des Himmels; Worte, wie der Richterſpruch des jüngſten T — 104— denn er wankte todtenbleich hinweg, vernichtet, zerſchmettert, und ich, v ich habe mich ſtark gefühlt, mein ſchweres Loos zu tragen, ſtark in dem Herrn und in der Macht ſeiner Stärke. „Aber ſeiner Verworfenheit Boden habe ich doch noch nicht gekannt. Als ich ihm nach einiger Zeit unſer Darlehen fordern ließ, da hat er's abgeläugnet, und als ich ihn vor den„Thälerrath“ laden ließ— da hat er's abgeſchworen!“— Eliſabeth ſtieß einen Schrei aus, der herzzerſchneidend war. Nur ſo konnte ihre Seele leichter werden, nur ſo wich der Krampf, der ihr die Luft entzog. Die Mutter ſprang auf und eilte ihr zu Hülfe. Sie wehrte ſie ab. „Laßt, laßt,“ ſagte ſie;„es iſt vorüber. Fahrt fort, Mutter! Endet! Heute muß ich Alles hören. Wozu es erſparen auf ein andermal?“ Nicht ohne tiefes Weh betrachtete die Mutter ihr ſchönes Kind. Ihr Anblick war ſo rührend, ſo ergreifend. In dieſen Zügen las man ein verlornes Lebensglück. Die Mutter mußte ſich ſammeln, und erſt nach einer Weile, die ſie in faſt lautem Weinen zugebracht, konnte ſie das Wort wieder nehmen. „Hätt' ich damals das Häuschen verkaufen können, wie gerne wäre ich aus der Nähe des Mannes gewichen, der mein Glück mit teufliſchem Herzen zertreten hatte. Ich blieb wohnen; aber ich wäre allein in dem Häuschen vor Furcht vor dem Schrecklichen geſtorben. Pankraz war bis zu dieſem Zeitpunkt in ſeinen Dienſten geweſen. Er wußte um das Darlehen, und als Molina geſchworen, er habe es zurück bezahlt, da ſagte er zu ihm:„Herr, heute habt Ihr Eure Seele dem Teufel verſchworen, ich bleibe nicht mehr bei Euch!“ „Ich nahm damals den noch nicht ſehr alten, aber kränklichen ann in mein Haus auf. Er hat getreulich mir beigeſtanden; er dich auf ſeinen Armen getragen, daß ich arbeiten konnte, und kleine Joſeph den alten Diener auch lieb hatte, wuchſet ihr einander auf. as kann das arme, mutterloſe Kind für des Vaters Ver⸗ — 105— brechen und Schuld?“ ſagte er. Ich dachte eben ſo— aber ich dachte nicht daran, daß daraus neuer Jammer hervorgehen ſollte.“ Eliſabeth preßte ihre Hand gegen das Herz, als wolle ſie es vor dem Zerſpringen wahren. „Ihr wuchſet auf mit einander und— Eliſabeth, laß es mich ausſprechen, denn ich war ja heute Zeuge deiner Unterredung mit ihm, ohne daß du es ahnteſt, ihr liebt euch. Obgleich du heute thateſt, wie ein ehrbares Mädchen thun muß, ſo ſprach ſich doch in jedem deiner Worte die Liebe zu ihm aus. „Kannſt du die Kluft überſchreiten, die zwiſchen dir und dem Sohne des Mörders deines Vaters gähnt? Kannſt du je vergeſſen, was du heute hörteſt? „Zwar er iſt ſchuldlos— aber er iſt ſein Sohn!“— Eliſabeth ſprang auf und fiel vor der Mutter auf die Kniee, barg ihr Angeſicht in ihren Schooß und weinte, weinte lange in dieſer Stellung. Die Mutter faltete ihre Hände über ihrem Haupt und betete laut und innig:„O, Herr, mach' es ihr leicht! O Herr, hilf' und ſegne ſie!“— Und auch ihre Thränen rannen auf des Kindes theures Haupt herab. Nach langer Zeit richtete ſich Eliſabeth auf. Ihr Antlitz war bleich; aber ihre Züge ſprachen innere Ruhe aus und die Entſchie⸗ denheit eines gewonnenen Entſchluſſes. „Nun bin ich allein dein!“ ſagte ſie, der Mutter Mund küſſend.„Es iſt vorüber! Dank dir, gute Mutter, daß du den Vorhang wegzogſt vor dem entſetzlichen Bilde. Du haſt mich gerettet vom Verderben!“* „Und wirſt du mit ihm reden heute Abend?“ fragte die Mutter mit bebender Stimme.— „Ja,“ ſagte Eliſabeth,„ja, ich muß;“ und die Mutter ſagte: „So thue es in Gottes heiligem Namen, aber ſchone ſein Gefühl, es iſt ſein Vater.“ Eliſabeth drückte ſchweigend ihre Hand und ging in das Kämmerlein. — 106— IV. Wenn Waſſer wird Feuer, Und Feuer wird Eis— Dann höret der Haß auf, Der glühet ſo heiß. Volkslied. Der„Saal“ war ein eigenthümliches, uraltes Gebäude. Einſt, als die„Thäler“ noch kölniſch waren(und„Thäler“ nannte man von uralten Zeiten bis heute die Orte Bacharach, Steeg, Oberdil⸗ bach, Manubach und die dazu gehörenden Weiler, Höfe und Müh⸗ len, oder mit andern Worten, die Zubehör der Burgen Stahleck, Fürſtenberg und Stahlberg), erbaute es ein Erzbiſchof, deſſen Namen jedoch keine Urkunde überliefert hat. Es war das Lehenhofgebäude, die Vehme oder das Gerichtshaus, das Rathhaus, darin der„Vier⸗ thälerrath“ tagte, das Landgefängniß(daher„Kummerhof,“ genannt), das Zehntgebäude, der Sitz des Saalſchultheißen. In ſeinem Erdgeſchoſſe waren mächtige Bogenhallen. Hier war das Kaufhaus, wo die berühmten„Weingabelungen“ gehalten wurden. WMächtige Verließe und Keller bildeten ſeinen Unterbau. Breite Steintreppen führten zuin zweiten und dritten Geſchoß. Weite Säle befanden ſich dort zu den bereits angegebenen Zwecken. Im dritten Geſchoſſe waren die Wohnungsräume des Saalſchultheißen. Das Gebäude bildete ein großes Viereck aus ſtarken Mauern. Gegen die Straße war in früherer Zeit ein weiter Balkon, wo der Stab gebrochen wurde, wenn Saalſchultheiß und Rath den Blut⸗ bann gehegt. Oben gingen die Mauern in Zinnen aus, hinter welchen das Schieferdach ſich erhob, das man jedoch von unten nicht ſehen konnte. Nachdem das Gebiet der vier Thäler als Kölniſches Lehen an die Pfalzgrafen übergegangen war, blieb der Saal Kölniſch, und, die Herrenrechte zu üben, wohnte allzeit der Saalſchultheiß darin, wenn auch die Zeit Vieles geändert hatte. Erſt im Jahre 1810 fiel das ſtolze Gebäude unter der Vandalenfauſt der Franzoſen und der Platz iſt frei geblieben. Es war Mittags etwa zwei Uhr, als mit gewaltigen Schritten Urſula Kreuzhöfer die Fleiſchgaſſe herauf kam. Sie trug ein Körb⸗ chen an ihrem linken Arm und war außergewöhnlich gut gekleidet. Ihr Geſicht war ernſt, und das unſtäte Auge ſah in jeden Winkel. Sie ſchritt quer über die Gaſſe und verſchwand in dem Bogenthore des Saales. „Habt Ihr die alte Kreuzſpinne in den Saal gehen ſehen?“ fragten ſich die Leute am Markte.„Was mag die drin wollen? Iſt ſie doch ſeit fünfzehn Jahren mit ihrem lieben Herrn verfallen?“ „Alte Liebe roſtet nicht!“ ſagte eine Obſtverkäuferin. „Nicht doch,“ ſagte eine Wäſcherin:„der alte Spitzbube da droben wird ſich die Karte ſchlagen laſſen, ob er noch Hoffnung hat, der Gemahl der armen Frau Dreis zu werden, die er ſo lange verfolgt hat, bis ſie im Gotteshäuschen Frieden fand.“ „Ah, was,“ ſagte ein Weinſchröter, der auch dabei ſtand,„er wird ſich das„Planetchen“ ſtellen laſſen, wann er ſterben muß, damit er die Leute noch wacker quälen kann, ehedenn er ein ſchöner Engel im Himmel wird. „Alles falſch!“ ſagte ein verdorbener Schneider,„er will bloß herausfinden, wo ſein Joſephchen ſeine alten Goldgulden gegen Scheidemünze umſetzt. Der Narr, ich könnt's ihm beſſer ſagen, als die alte Hexe!“ „Ihr ſtreicht alle im Nebel,“ fiel ein Schiffer mit blaurother Naſe ein,„die alte Hexe geht zum Joſephchen. Ihr wißt ja, daß ſie kuppeln kann und im Gotteshäuschen ſitzt ein Goldhähnchen das er fangen möchte. Die verſteht's!“ S „Laßt mir das Mädchen ungehechelt!“ rief in dieſem Augen⸗ blicke die Stentorſtimme des alten Pankraz.„Iſt's nicht genugr daß ſie die alte Elſter da droben arm gemacht hat, ſoll er ſie auch noch in der Leute Mund bringen, durch ſeinen luftigen Buben?““ „Der Pankraz hat Rech ht,“ fielen plötzlich Alle ein, ſie 6 ein keuſches, frommes Kind!“— — 108— Der Schiffer ging beſchämt weg. ich's nicht übel, wenn ſie ihm gefällt, denn etwas Schöneres hat die ganze, arme Pfalz nicht; aber ihr nähm's ZJeder übel, wenn ſie mit ihm anbände, denn er iſt ein Bruder Liederlich, der's zum Aerger der Bürgerſchaft mit den„Pfalzvergiftern“ hält, die Gott verdamme!“ „Ja wohl,“ ſagten Alle, die im Knäuel ſtanden, und Pan⸗ krazius Sulzbacher ging ruhiger von dannen, als er geweſen war, da Urſula im Saale verſchwand. Mochten ſie da droben aushecken, was ſie wollten, an ſein liebes„Kind“ ſollten ſie ihm nicht kom⸗ men, und der alten Kupplerin wollte er ja ſchon auf die langen Finger ſehen und zu rechter Zeit ein Füßchen ſtellen. Derweile war Urſula die breiten Stiegen bis zur wohlbe⸗ kannten Thüre hinaufgeſchritten. In ihr wallte es mächtig. Die Erinnerungen früherer Tage wurden wach, wo ſie hier allein geherrſcht, und die ſchnöde Art ihrer Entfernung aus dieſem Regi⸗ ente kam wieder lebendig in ihr Andenken. Es war keine freund⸗ liche Stimmung, in der ſie, ohne anzuklopfen, die Klinke nieder⸗ drückte und eintrat. Es war ein ſehr geräumiges, hohes Gemach, deſſen ſchwere Thüre Urſula raſch öffnete. An den Wänden hingen alte Tapeten herab. Sie waren von Leder, und ehemals war, vermittels Einpreſſens, allerlei goldenes Laubwerk mit Vögeln darauf zu ſehen geweſen, welche Verzierungen aber Alter, Staub, Oeldampf und Feuchtigkeit der Wände längſt bis zur völligen Unkenntlichkeit vertilgt hatten. Hin und wieder hing ein Gemälde, in deſſen dunkelm Grunde man zechende, flämiſche Bauern, geſchlachtete Vögel und Thiere des Waldes, Blumen und Früchte oder auch wohl eine Darſtellung aus der heidniſchen Götterlehre erkennen mochte, deren Ueppigkeit nicht eben ſehr zu Gunſten des itgen Gefühles des Mannes ſprach, deſſen Wände ſie zierten. Eein Kamin von feiner Steinmehacheit welche die Belagerung „Meiner Treu,“ ſagte die Obſtverkäuferin, dem Joſeph — 109— Troja's darſtellte und wobei in ſeltſamer Laune oder völliger Zeit⸗ verwechslung der Steinmetze Troja mit Falconets und Feldſchlan⸗ gen von rieſiger Größe beſchießen ließ, nahm die hintere Wand faſt ganz ein. Hohe Lehnſtühle mit gepreßtem Leder überzogen, wie die Tapeten der Wände, ſtanden wohlgeordnet umher. Ein venetianiſcher Spiegel hing an dem Pfeiler zwiſchen zwei großen mit Malereien verzierten Fenſtern. Ein ungeheurer, eiförmiger Tiſch befand ſich in Mitten des Gemachs. Im Kamine loderte, trotz der Wärme draußen, ein großes Feuer, und vor demſelben ſaß in einem mächtigen Polſterſeſſel, beide dick mit Lammpelz um⸗ wickelte Füße auf einem ebenfalls gepolſterten Schemel ruhen laſſend, der alte Saalſchultheiß Molina. Es war eine Geſtalt von mittlerer Größe, feiſt und wohlge⸗ nährt. Der Kopf war kahl und glich faſt einem Kapuzinerkopfe mit der Tonsura Petri. Die Wangen waren zwar etwas bleich, das Auge aber glänzte noch immer in unheimlichem Feuer und fuhr unſtät umher. Die ganze Geſtalt drückte etwas Aufgedunſenes, aber dabei Entnervtes aus, und nur das rubinenartige Leuchten der ſcharf vortretenden Naſe ließ der Vermuthung Raum, als habe beim Becher der Alte ſeine etwaigen Kaſteiungen nicht begonnen. Sah man indeß auf die Beine, ſo legte das heftige Zipperlein auch nicht gerade den rühmlichſten Beweis für den Gebrauch des Lebens ab. Als der Alte Urſula erblickte, nahm ſein Geſicht einen ſo zwei⸗ deutigen Ausdruck an, daß es eben recht ſchwer geweſen wäre, zu enthüllen, ob Freude oder Unmuth den Vorrang habe, und, wenn Zwei das Entgegengeſetzte vertheidigt hätten, ſo hätten am Ende Beide Gründe für ihre Behauptung finden mögen, inſofern ihnen ein Blick in die Winkel dieſes Herzens geſtattet geweſen wäre. Das kleine, ſchwarze Auge blitzte die lange Geſtalt an, deren letzte Reſte von früherem leidlichem Anſehen die fünfzehn Jahre vertilgt hatten, die ſie außer dem Hauſe zugebr t, das ſie nun wieder ein Mal betrat, berufen von Dem, der ſie damnls nicht auf die t lichſte Weiſe daraus entfernt. 1 — 100— In ihrem Auge glühte dunkles Feuer höchſt unheimlich. An ihrem Geiſte ging jene Zeit vorüber, wo ihre Alleinherrſchaft hier geendet, nachdem ſie dieſelbe bis zum Aeußerſten getrieben hatte, wo ſie dann, wie Alles, in ihr Gegentheil umſchlug. Sie ſtand aufgerichtet da und blickte mit dem vollen Ausdruck eines Haſſes, der ſich des Augenblicks der Befriedigung freut, den Mann an, der jetzt, unfähig ſich zu bewegen, ein Bild des Jam⸗ mers, vor ihr ſaß. Ihr Mund zuckte vor innerem Drange, der Seelenſtimmung vollen Ausdruck im bittern Worte zu gönnen; aber ſie ſchwieg, der Anrede gewärtig. Der Alte hatte ſich endlich geſammelt und hob an: „Urſula, ich habe dich rufen laſſen, weil ich deiner bedarf.“ „Ganz recht, ganz recht,“ fiel ſie ihm in die Rede,„ſonſt hätte ich lange gut im Gotteshäuschen geſeſſen; aber es muß doch weit mit euch gekommen ſein, daß Ihr— meiner bedürft? Meiner — Ihr wißt wohl, warum ich das nachdrücklich fage.“ „Warum nicht, Urſula?“ ſagte, ſich bemeiſternd, der Alte. „Du biſt ſo erfahren in ſympathetiſchen Mitteln, als du welt⸗ klug biſt.“ „Viel Ehre!“ rief ſie aus.„Hätt' nicht gedacht, das von Euch zu hören.“ Der Alte überhört den höhniſchen Ton dieſer Worte und fuhr fort:„Der Herr Gilzer hat mir geſagt, du habeſt dem alten Paſtor von Lorch das Zipperlein mit einem Geheimmittel von Grund aus vertrieben, und“— er ſtockte.„Doch“— fuhr er nach einer Pauſe fort,„laß uns dies zuerſt abthun!“ Man ſah, er wollte noch eines zweiten Punktes gedenken.„ „Nein, nein,“ rief Urſula,„ich will auch das Zweite wiſſen, was Ihr noch zurückhaltet!“ „Laß uns dies abthun!“ ſagte er.„Ach, wie das ſticht, zwickt, brennt und quält! Hilf mir, Urſula, ich bitte dich, und will's königlich lohnen; hilf mir nur von dieſer Qual!“ „Ei, was Ihr ſagt?“ fuhr ſie auf.„Königlich lohnen? O, ich weiß, was das bei Euch ſagen will, denn Ihr ſeid in Geiz und — 111— Verrath eine Judasſeele. Habt Ihr denn nicht gehört, daß Sym⸗ pathie nicht bezahlt werden darf? Wie dem aber ſei, der fette Gilzer hat Euch belogen, ich weiß kein Mittel gegen das Zipperlein, denn das iſt die Zuchtruthe für alle Sünder, wie Ihr einer ſeid. Je mehr es zwickt, deſto beſſer, denn nun werden Euch die Augen auf⸗ gehen, und ich glaube, Ihr habt das Zipperlein eben ſo gut im Gewiſſen als in den Füßen. Ihr habt Euch verrechnet, ſchlauer Fuchs. Zappeltet Ihr drüben am pfälziſchen Galgen im Niederthal und ich könnte mit einem Schnitte den Strick abſchneiden— glaubt Ihr, daß ich es thäte? Habt Ihr vergeſſen, wie Ihr mich hinaus⸗ ſtießet aus Eurem Hauſe, wie ein altes Geräthe, was man nicht mehr verwenden kann?— Nein, wenn Ihr von mir Barmherzig⸗ keit erwartet, ſo irrt Ihr!“ „Weib, du biſt ein Satan!“ ſchrie der wutherfüllte Alte, in dem noch italieniſches Blut kochte. „Für Euch, ja!“ ſagte kalt Urſula,„und das macht mir— Freude.“ „Ach, Urſelchen,“ rief er, ſich herabſtimmend, aus,„hab' Erbarmen mit mir!“ „Urſelchen! Urſelchen!“ höhnte die Alte;„bin zu lang für die Abkürzung und ſie iſt zu kurz für mich. Der Speck reicht nicht aus, die Maus zu fangen. Hat nicht der arme Dreis in der Fol⸗ terkammer auch ſo zu Euch gefleht? Habt Ihr ihn erhört? Nein, „beſſer zugedreht!“ rieft Ihr den wälſchen Henkersknechten zu. Wißt Ihr's noch? Ich hab's gehört mit meinen S Wollt Ihr's läugnen?“ „Weib,“ ſchrie der Alte,„was geht das dich an?“— Er zitterte wie ein Espenlaub im Winde. 2 „Nun, nun,“ ſagte Urſula mit entſetzlichem Lachen,„ich denke mir, die Erinnerung an ſolche Schandthat müßte unvertilgbar ſein und Euch noch ganz anders zwicken, als das Zipperlein in den Beinen. Weiß kein Mittel dafür. Der Gilzer hat Euch belogen. Wollt Ihr ſonſt noch etwas?“ Der Alte bebte vor dem Weibe, das alle ſeine Wn knte 5— 112— Er gewann kaum den Muth, das auszuſprechen, was ihn mehr quülte, als das Zipperlein, die nagende Sorge um Joſeph's Ver⸗ hältniß zu Eliſabeth. Endlich ſammelte er ſich. „Urſula,“ ſagte er bittend,„vergiß doch, was hinter uns liegt. Ich habe gefehlt, du aber auch, ſonſt wäreſt du noch hier im Hauſe.“— „Da irrt Ihr,“ fiel ihm Urſula in die Rede.„Der Haupt⸗ fehler liegt an der Zeit, die mich alt werden ließ. Ja, ja, da liegt's. Ihr verſteht mich ſchon. Das Bärbelchen war jung—“ „Urſula,“ rief der Alte,„weißt du nicht, daß deine Herrſch⸗ ſucht unerträglich war?“ „Gewiß weiß ich das,“ höhnte ſie;„drum wurde Bärbelchen Herrſcherin!“ Molina war außer ſich. Er fand keine Handhabe, wo er die Alte faſſen konnte. Er begann zu zweifeln, ob er zu ſeinem zwei⸗ ten Punkte käme. „Urſula,“ hob er endlich wieder an,„man ſagt mir, du litteſt Noth. Kann ich helfen?“ „Man hat Euch belogen,“ entgegnete Urſula mit innerem Triumphe.„Ich habe nie beſſer gelebt, als jetzt, wo die reichen Mädchen, wie Emmerenzia Gilzer, fürs Kartſchlagen mich reichlich lohnen, weil ihnen die Franzoſen gefallen.“ „Ach,“ fiel ihr der Alte ins Wort,„da nennſt du einen mir werthen Namen. Sie wird doch nicht?“— „Ei warum denn nicht?“ fragte Urſula.„Meint Ihr, die ſauberen franzöſiſchen Offiziere ſollten den Mädchen nicht gefallen? Die hat auch keinen Kieſel, wo Andere das Herz haben!“ „Sie ſoll ja die Braut meines Sohnes werden!“ platzte der Alte heraus. Urſula lächelte, daß es dem Alten eiskalt über den Rücken lief. „So,“ ſagte ſie gedehnt.„Habt Ihr Euch da nicht ver⸗ rechnet?“ Der Alte ſagte:„Das iſt Alles geordnet zwiſchen Gilzer und mir.“ „Da habt Ihr aber noch Jemand vergeſſen!“ verſetzte Urſula. „Wen denn?“ „Mich! mich! Herr Molina,“ rief ſie mit gellender Stimme. „Mich habt Ihr vergeſſen; und ich will's nicht. Verſteht Ihr mich? Ich habe geſchworen, daß die Sünde, die Ihr an Frau Dreis und ihrem Engelskinde begingt, dadurch gut gemacht werden ſoll, daß Euer Sohn Joſeph ſie heirathet, ſie, das arme Kind aus dem Gotteshäuschen, und er will's auch. Was habt Ihr dagegen? Ha! ha! ha! Springt bis hinauf, wo die Wolken des Himmels gehen, trotz Euerm Zipperlein, und ſie wird doch ſein Weib. Ihr ſolltet mir's danken, daß ich Eure Sünden gut mache!“ „Danke dir's der—“ rief Molina. „Halt! halt!“ ſagte Urſula,„ruft Euern Bundesgenoſſen nicht. Er könnte kommen vor ſeiner Zeit.“ Der Alte fuhr entſetzt empor, ſank aber unter Schmerzgeheul wieder in den Lehnſtuhl zurück. „Urſula,“ flehte er,„ich will dir Geld geben, ſo viel du willſt, kupple nicht den Joſeph an das Bettelmädchen!“ „Wer hat des achtbarſten Bürgers Kind, das Kind eines Rathsbürgermeiſters, in das Gotteshäuschen getrieben und es zum Bettelmädchen, zur Waiſe gemacht?— O, das ſind ja ſchöne Geſchichten! Erſt den Vater morden helfen; dann das Geld abſchwö⸗ ren! Meiner Treu! Und dann es„Bettelmädchen“ ſchimpfen! Euch wär's eine Ehre, wenn ſie Joſeph's Frau wäre, und die Hölle in Eurem Gewiſſen würde vielleicht um Vieles milder.“ „Urſula,“ ſtöhnte er,„ſei menſchlich!“ „Waret Ihr's gegen Dreis?“ fragte ſie.„Waret Ihr's gegen mich, als Ihr mich hinausſtießet, die Genoſſin Eurer Sünden? Wart Ihr's, als ich darbte in der erſten Zeit, bis ich mir meinen Erwerb geſichert? Wart Ihr's, als ich mich nach Eurem Kinde ſehnte, an dem mein Herz hing, und Ihr verbotet's ihm, zu mir zu gehen?— Nein; er heirathet Eliſabeth, ſo wahr ich Urſula brechen mahnen.“ heiße, und des Kindes Anblick muß Euch alle Tage an Sete — 114— „O du Teufel!“ rief Molina,„fort mit dir!“ Er ſchäumte vor Grimm, aber er mußte ſich verzehren in ſchmählicher Wuth. Er ſuchte nach einem Werkzeug, um es nach ihr zu ſchleudern, aber er fand keins. „Bemüht Euch nicht,“ höhnte ſie.„Es iſt kein italieniſcher Dolch zur Hand.“ „Morgen laſſe ich dich in das tiefſte Verließ des Kummerhofes ſtecken!“ rief er,„wo du verderben ſollſt vor Hunger!“ Sie lachte laut auf.„Wo ſollte Euch der Muth herkommen?“ fragte ſie höhnend.„Ich würde ja dem Rath Euren Sündentopf aufdecken. Ich werde ihn in den Keller führen— wo— wo— vielleicht— noch Reſte ſind, die Euch verderben müſſen!“ Molina hielt beide Hände vor die Ohren, daß er nicht höre, was ſie ſagte. „Warum wollt Ihr nicht hören, Herr Saalſchultheiß?“ fragte ſie, näher tretend.„Gebt Euer Jawort zu Joſeph's Heirath mit Eliſabeth oder ich rede!— Gebt Ihr mit Zinſen das geſtohlene Geld oder ich ſage auf dem Markt Alles, was ich weiß. Und wenn ich hängen muß am Kurpfälzer Galgen, ſo hab' ich doch die Freude, daß Ihr bei mir hängen werdet. Es iſt doch eine hübſche Sache um Geſellſchaft!“ Der alte Mann war in ſich zuſammengeſunken. Sein Auge ſah ſtarr und glaſig vor ſich hin. Sein Haar war emporgeſträubt, die Arme hingen machtlos herab. Urſula rüttelte ihn, aber er ſchien gefühllos. Da packe ſie ſeliſt eine höllſche Angt. Es war ihr als ſähe ſie hölliſche Geiſter vor ſich, als höre ſie das ſchreckliche Gahren. der verroſteten Kellerthüre, das Pfeifen der trockenen Foltergeräthe— on unſichtbarer Macht gepeitſcht, floh ſie aus dem Hauſe, deſſen n Zeugen von Entſetzlichem waren, was ſie bloß angedentet. Sie floh die Stiege hinab, und erſt, als ſie aus dem hochgewölb⸗ ten Thore der Hallen des Untergeſchoſſes trat, nahm ſie wieder ihre ganze Kraft zuſammen. Ihr Geſicht war ruhig. um ihren Mund ſpielte ein zufriedenes Lächeln, und Niemand hätte ahnen — 115— mögen, welcher Sturm unter dieſer glatten Oberfläche tobte, und wie es in dem Herzen ausſah, das trotz der genommenen Rache bebte bei der Erinnerung eigner Schuld. V. Wie iſt's ſo ſtill im Häuslein hier, So einſam und ſo leer; Denn Niemand theilt die Freud' mit mir, Kommt freundlich zu mir her. Und die ich lieb', die liebt mich nicht— Wie? wird das Aug' mir trüb? Laß ab, laß ab! das Herz ſchier bricht, Es bricht in treuer Lieb'—! Rheiniſches Volkslied. Der Abend ſank herab auf die Fluth des Rheines, mild und freundlich, faſt wie ein Frühlingsabend. Ueber Lorch ſtieg der Vollmond herauf, aber nicht golden und klar, ſondern blutig roth, denn der Herbſtnebel ſchwebte ſchon über dem breiten Rheinthal. Es war ein Anblick, wie er am Rheine zwar nicht ſelten, aber dennoch ſtets das empfängliche Gemüth ſpannend ergreift. Ein eigenthümliches Licht lag auf den vom Abendwinde ſanft gekräuſel⸗ ten Wogen, die röthlich ſchimmerten; ein eben ſo wunderſames Licht lag auf den Bergen, auf der Stadt. Jetzt hoben die mächtigen Glocken von St. Werner und der Hauptkirche über den Strom her, getragen von ſeinen Wellen, wunderbar zu klingen an. Morgen war Sonntag. Alles war ſonſt ſo ſtille. Nur ein Kahn glitt leiſe über die Wellen. Ein Jüngling ſaß darin und ſtrich ſanft mit dem Hand⸗ ruder durch die rothſchimmernde Fluth. Jetzt, als das herrliche Geläute erſchallte, legte er das Ruder auf ſeinen Schooß, faltete ſeine Hände und betete leiſe, aber innig. Er ſaß lange ſtille da. Die Fluth trieb den Kahn gegen„die Inſel.“ Das ſtärkere Rauſchen weckte ihn. Zwei gewaltige Ruder⸗ — i ſchläge— und der Kahn hatte den Punkt wieder erreicht, von dem ihn die Fluth hinabgetrieben. Der Jüngling blickte in das ſchäumende Element am„Altar⸗ ſteine“ zurück und ſagte: Was wär's denn geweſen?— Um mich trauerte Niemand. Und dennoch, als wäre dies Wort eine Lüge, ruderte er nun ſtärker, und bald legte er den Kahn am Ufer feſt. Das Netz war voll Fiſche. Er öffnete ſeinen Fiſchkorb, that ſie hinein, ſchloß ab und trat, nachdem der Kahn an den ſchweren Stein mit eiſernem Ring angeſchloſſen war, ans Ufer. 6 Noch einmal ſah er über die Fluth. Die Nebelſchichte hatte ſich tiefer geſenkt, der Mond ſtrahlte ſilberhell und auf den Wellen zitterte ſein Schimmer wie Tauſende mattflimmernder Sterne. Wohin denn jetzt? fragte er ſich. Ins leere Haus?— Nein! Was ſoll ich in dem leeren Stübchen mich alleine härmen? O, Eliſabeth! ſeufzte er leiſe, könnt' ich bei dir ein Stündchen koſen, wie ſelig könnte ich einſchlummern. So aber.— Ich will in den „Stern“ gehen und ein Glas Bier trinken. Er ſchritt den Rheindamm entlang und bog zum„Fleiſch⸗ thörchen“ ein, nicht ohne einen Blick hinauf zu ſenden, wo ſein ſtilles Lieben ſeinen Angelpunkt hatte. Dort flimmerte ein Lämp⸗ chen durchs Fenſter. Sie ſaß gewiß noch und nadelte an einem Kleide, was morgen eine Reiche ſchmücken ſollte— und ſie ging im beſcheidenen, armen Kleidchen daher, ſie, die eine Krone tragen könnte! Das und derlei dachte der Jüngling, als er ſich an die Mauer des Hauſes lehnte, welches den Winkel der„Fleiſch⸗“ und„Unter⸗ gaſſe“ bildete, dem Sternwirthshauſe gegenüber. Dunkler Schatten lag dort, wo er lehnte. In dieſem Augenblicke rannte Jemand vom Gotteshäuschen her die Mauertreppe neben dem„Fleiſchpförtchen“ herab mit einer ſeltſamen Haſt. An Conrad vorüber wollte Joſeph Molina,— denn Conrad erkannte ihn ſogleich— die„Fleiſchgaſſe“ hinauf eilen, aber zwei Franzoſen kamen herab die Straße und fingen ihn — 117— auf. Es waren der Marquis de la Feuillade und Montbrifard, ſein Freund. „Wohin ſo raſch?“ fragten ſie den Genoſſen ihrer Spiel⸗ und Trinkgelage. Was Jroſeph antwortete, verſtand Conrad nicht; aber die Beiden zogen ihn mit ſich, und bald waren ſie im gewölbten Thore des„Sterns“ verſchwunden. Konrad ſtand wie gefeſſelt. Sein Herz ſchlug faſt hörbar. Seine Glieder bebten und die Fäuſte ballten ſich krampfhaft. Wo kam er her? fragte er ſich endlich, ruhiger geworden. O, ſie hatte gewiß ein Koſeſtündchen mit ihm, dem Unwürdigen, der ſie doch verräth— und dich, dich, der du ſie ſo innig liebſt, dich verſchmäht ſie! Ein unausſprechlich bitteres Gefühl erfüllte ihn, und es wurde ihm ſo weh um's Herz, daß er wünſchte, er hätte ſeinen Kahn zerſchellen laſſen drüben am„Altarſteine.“ So ſtand er noch da, als abermals eine Geſtalt denſelben Weg über die Mauer kam. Der Gang war leiſe und ſchleichend. Man ſah es der Geſtalt an, daß ſie nicht wollte geſehen ſein. Bei der Erſcheinung dieſer Geſtalt wurde Conrad aus ſeinen düſtern Gedanken und Gefühlen geweckt. Der Mond war durch eine Wolke verſchleiert worden; man konnte die Umriſſe nicht genau unterſcheiden, und ſo ſcharf auch des Jünglings Auge war, ſo mußte er ſich doch anſtrengen, um bei dem Näherkommen des Schleichers ſeinen Vetter Pankraz zu erkennen. Pankraz, deſſen vom Alter getrübtes Ange ſo wenig die im tiefen Schatten lehnende Geſtalt Conrad's geſehen, als die ſchärferen Augen der Franzoſen und ihres Genoſſen, fuhr in jähem Schrecken auf, als ihn eine kräftige Hand aus dem Dunkel am Arme faßte. Der Ton der wohlbekannten Stimme in dem gepreßten „Woher?“ ließ ihn jedoch ſchnell das Erſchrecken vergeſſen. „Von der Mauer,“ ſagte er flüſternd.„Ich habe Wache geſtunden, denn Joſeph und das„Kind“ hatten eine Zuſam⸗ menkanft.“ „Alſo doch!“ ſtieß Conrad und ließ mit einem Sth⸗ des Alten Arm fahren. „Nun, wirf mich um!“ zankte Pankraz;„wirf mich um, 8 Lohn für die Sorge für dich!“— „Was hilft mich Alles?“ ſtieß Conrad hervor, und ver mit dem er die Worte ſprach, gab Zeugniß, wie das Aufgeben⸗ müſſen ſeiner ſchönſten Hoffnungen ſein treues Herz zerriß. „Sei geſcheidt, Conrädchen,“ ſagte Pankraz,„jetzt haſt du aum wenigſten Urſache, ſo verzweifelt Alles aufzugeben? Soll ich dir ſagen, was ich gehört?“ „Ich mag's nicht wiſſen! Gute Nacht!“— ſagte Conrad und wollte raſch um die Ecke biegen. „Narr, du,“ rief Pankraz, und hielt ihn feſt am Wamms. „Hör' doch erſt, wie's ſteht.“ Conrad gehorchte faſt willenlos, und Pankraz erzühlte:„Heute hat ihre Mutter ihr Alles geſagt, was längſt alle Welt weiß, nur ihr von der Mutter verſchwiegen worden war, weil ſie den ſtillen Frieden ihrer Seele durch ſo ſchreckliche Kunde nicht erſchüttern wollte. Eliſabeth hat in den bodenloſen Abgrund geſchaut, der ſie auf ewig von Joſeph trennt. Schon heute früh hatte er ſie um eine Unterredung angefleht. Sie wollte ihn nicht ſprechen, denn ſie kennt ſein liederliches Treiben mit den Franzoſen. Nun aber drängte es ſie, mit ihm zu reden, und ſie hat es gethan. O, Conrad, das „Kind“ iſt ein Engel. Sie hat geredet wie ein Pfarrer. Mir iſts durch die Seele gegangen, wie ein zweiſchneidig Schwerdt. Und nachdem ſie ihm geſagt, daß er von ihr ablaſſen ſollte, daß ſie ihn nicht lieben dürfe, daß Vater⸗ und Mutterfluch auf ihrer Liebe ruhen würde, hielt ſie ihm eine Predigt, Conrad, ſie hätte ein ſteinern Herz weich gemacht.“— Allmählig war bei Pankraz's Rede die Eisrinde geſ ſchmolzen— die der Schmerz um des Jünglings Herz gelegt. Ruhiger hörte er die Erzählung an. Immer mehr Theilnahme zog ſeine Seele zu den Worten des Redenden, und nach und nach bob mit Hoffnung ie Begierde, mehr zu erfahren, bei in an. wm— „Was that er?“ fragte er mit zitternder Stimme. „Was er that, Conrad? Er wollte reden, wollte Einwürfe machen, aber das Mädchen ließ ihn nicht. Sie mußte ihr Herz erleichtern. Und doch wie weich und ſanft hat ſie ihm das Härteſte geſagt, ſeines Vaters Schandthat an dem ihrigen, an ihrer Mutter! Er ſchwieg zuletzt ganz, und mir ſchien's, als weine er. Mit einem Male rief er aus:„Es iſt Lüge, hölliſche Lüge, erſonnen, uns zu trennen!“ Aber da erhob ſie ihre Stimme, daß es mir durch Mark und Bein drang, und ſagte:„Es iſt ſchreckliche Wahrheit!“ Er wollte ſie in ſeine Arme ziehen, aber ſie ſtieß ihn ſanft zurück und ſagte:„Berühre mich nicht, wir ſind für ewig geſchieden!“ Darauf verſchwand ſie. Er ſtand noch lange im Mauerfenſter, als müſſe er ſich erſt Alles zurecht legen, daß er es begreifen könne. Dann rief er aus: Ich will ihn ſelber fragen! Er muß mir Rede ſtehen, und wenn auch das letzte Band, das kindlicher Liebe und Achtung zerreißen muß!“ Und nun rannte er davon. Er iſt heim zum alten Sünder, und Gotterbarme ſich über den Auftritt zwiſchen Vater und Kind, der jett Statt haben mag.“ Ein tiefer Seufzer löſte ſich aus Conrad's Bruſt. Es war ihm, als würde ein Berg von ſeiner Seele gehoben. „Wenn du ſchon lange hier ſtehſt,“ ſprach Pankraz,„ſo mußt du ihn vorbeieilen geſehen haben.“ „Ja, ja,“ ſagte darauf Conrad.„Er kam aber nicht weit, denn ſeine Spießgeſellen, die beiden liederlichen Pfalzvergifter haben ihn hier abgefangen, und nun ſitzt er im„Stern“ und knöchelt oder landsknechtet mit ihnen.“ „Großer Gott!“ ſeufzte Pankraz, und faltete die Hände.„Er war ein gutes Kind, aber ſeit er in Heidelberg ſtudirte, iſt er auf Wege gerathen, die nur zum Verderben führen können, und hat ſich auf die flache Seite gelegt. Wer das ſo ſchnell vergeſſen kann, was ihm das„Kind“ ſagte, an dem iſt Hopfen und Malz verloren!“ Beide ſtanden eine Weile in tiefes Nachdenken verfunken. „Gute Nacht!“ ſagte abermals Conrad. Er wollte heim, denn es war ihm jetzt ein Bedürfniß, allein zu ſein und ſeinen Gedanken nachzuhängen; abermals faßte ihn Pankraz am Arm. „Eile nicht ſo,“ ſprach Pankraz bittend.„Ich habe dir noch Eins zu ſagen, was mir ſchwer auf der Seele liegt. Heute Nach⸗ mittag trug Eliſabeth der Bürgermeiſterin ein Kleid, das ſie ihr gemacht. Du weißt, ich folge dem„Kinde“ überall, wie ſein Schatten! Da kam ihr der Franzoſe, der Feuillade, entgegen, und ſein Habichtblick erkannte ſchnell den Reiz des Mädchens. Mochte ſie das Tuch, das ihr ſchönes Geſichtchen verhüllte, tiefer herab⸗ ziehen— es war zu ſpät. Er ſtand wie ein Bezauberter da, als ſie leicht über die Steine der Gaſſe hinwegſchwebte. Du kennſt ja ihren Gang, ſo leicht, daß man ihn kaum hört! Unglückſeliger Weiſe begegnete ihm der Trunkenbold,„der Sternwirth,“ dem er ein guter Kunde iſt, und die Zwei wälſchten nun miteinander. Ich verſtand kein Wort, aber ich hörte von dem Sternwirth des„Kindes“ Namen nennen, und ſah, wie er wieder mit ihm die Fleiſchgaſſe hinabging und ihm das Gotteshäuschen wies, wo ſie wohnt. Begreifſt du, daß ihr Gefahr droht? Iſt dir klar, daß wir wachen müſſen, und daß vier Augen kaum hinreichen werden, den ſchlauen Wüſtling zu beobachten und ihre Thüre zu bewachen?“ Conrad erſchrack. Kaum wich eine Sorge von ſeiner gequälten Seele, ſo legte die andere ſich ſchon wieder eben ſo ſchwer darauf und umſtrickte ſein Herz, wie der Polype ſeine Beute. Er drückte des treuen Alten Hand und ſagte feſt:„Mir ſtehen mehr Augen und Arme zu Dienſt, als Ihr wißt. Gute Nacht!“— Der Alte wandte ſich ſeinem Häuschen zu, deſſen knarrende Thüre ſich bald hinter ihm ſchloß, aber Conrad trat in den„Stern“ und ſetzte ſich in die Ecke des Ofens. Das Zimmer, wo er Platz nahm, umſchloß nur noch einen Gaſt außer ihm. Es war ein alter Kürſchner, der viel in der Welt ſich umgeſehen, aber außer ſeiner Kunſt wenig mehr in die Vaterſtadt gebracht, als einen unbeſiegbaren Durſt. Er ſchlief ſanft, als Conrad eintrat, und ſelbſt das laute Parliren in dem hellerleuchteten kleinen Nebengemache, wo Joſeph und ſeine Spieß⸗ 5 — 121— geſellen ſaßen und würfelten, konnte ihn nicht wecken; als aber Conrad ſich an ihm vorüber wand, um die ziemlich finſtere Ecke zu gewinnen, ſtieß er mit einem Metallknopfe ſeines Wamſes an des Kürſchners Glas. Dieſer Ton weckte den Schläfer auf der Stelle, und mit inſtinctartiger Haſt griff er nach dem Glaſe, von dem er glauben mochte, er habe es ſelber mit dem Arme berührt, und es drohe ſein goldnes Naß auf den Tiſch zu ergießen, während er ein beſſeres Plätzchen für dieſe edle Thräne wußte, die er am Boden übrig gelaſſen. Mit wunderbarer Sicherheit ergriff er das Glas und ſog den Reſt mit einem unausſprechlichen Tone ſchnalzenden Behagens ein. Blickte aber wehmüthig auf des Glaſes nun trockenen Boden. Zetzt ſah er ſeinen neuen Nachbar. „Ei, ſieh' da, Schiffer Aichſpalter,“ ſagte er freundlich, „ein ſeltener Gaſt hier, ein ſeltener Vogel, in der That. Und ſo ſpät noch?“ „Nicht ſo ſelten, und nicht ſo ſpät, wie Ihr meint, Meiſter Vogel,“ ſagte Conrad.„Möcht' auch mal ein Schöpplein Diebacher Feuerwein trinken, den der Sternwirth überaus gut aus dem Keller des alten Eberhard in Diebach erſtanden hat.“ „Feuerwein?“ dehnte mit großen Augen der Kürſchner,„das iſt ein Tropfen, der iſt nur für vornehmer Leute Kehlen. Ich trinke mein Schöpplein aus der„Wolfshöhle“ gegen Steg zu; Ihr wißt ja. Er iſt auch nicht zu verachten.“ „Gewiß nicht,“ verſetzte Conrad,„aber ich hab' heut' einen rechten Fiſchzug Petri gethan, bin wacker naß geworden und möchte darum von innen heraus einheizen, damit's nichts ſchadet. Wollt Ihr mein Gaſt ſein? Ihr wißt, ich bin ein Liebhaber von Geſchich⸗ ten aus fremder Herren Länder, und die habt Ihr reichlich erlebt und geſehen.“ „Hm! Warum das nicht?“ ſchmunzelte der durſtige Bruder. „So laßt mal Eins kommen, und wir wollen dann ſehen, was Euch gefällt.“ Vogel's ſchwimmende Säuferaugen blitzten noch einmal auf, — als der Wirth das Schöpplein des ſeltenen Weines vor ſie hin⸗ ſtellte und maſchinenmäßig ſein: Wohl bekomm's! ſagte. Dieſer Feuerwein war ein Produkt der Kunſt in den Vier Thälern, beſon⸗ ders in den Dörfern Manubach und Oberdiebach. Der ſüße Moſt wurde in Fäſſer gefüllt, und dieſe in eigene, enge, niedere, völlig feuerfeſte Gewölbe gelegt und dann bis zu einem gewiſſen Grad in dem Faſſe gekocht. Das ganze Verfahren war nur im Beſitze weniger Winzer, die mit dem„Feuerweine“ ſehr gute Gewinne erzielten. Begreiflicher Weiſe war er eben ſo ſtark und füß, als theuer, und mochte darum nur ſelten den Schoppenſtechern zu Theil werden, während er als Handelsgut weit in die Ferne ging. Mit ſeliger Luſt ſchlürfte Vogel das edle Getränke und wollte eben eine Erzählung anheben, als Conrad plötzlich ihm ins Ohr raunte: „Was parliren die da drinnen doch? Ihr ſeid in Frankreich geweſen; verſteht Ihr ihre Sprache?“— „Ob ich ſie verſtehe?“ gegenredete Vogel.„Das mein' ich! War drei Jahre in Paris und ſollte die ſchnatternde Sprache nicht verſtehen? Iſt's Euch drum zu thun, ſo will ich Euch Wort für Wort verdollmetſchen!“ Ehe indeß Conrad eine Shlbe zu antworten vermochte, wurde die Stubenthüre heftig aufgeriſſen. Molina's Magd ſtürzte glühend und faſt athemlos herein. „Iſt unſer junger Herr hier?“ fragte ſie mit Haſt. „Der ſitzt da drinnen bei ſeinen lieben Genoſſen!“ ſagte mit grimmigem Ausdrucke der alte Kürſchner Vogel, und das Mädchen ſtürzte in die Thür. „Junger Herr,“ rief ſie aus,„ſeit länger denn einer Stunde ſuche ich Euch in der ganzen Stadt. Eilt, eilt, Euern Vater hat der Schlag gerührt. Er iſt gelähmt und ſprachlos. Jeſus, Marig, Joſeph! Was für ein Jammer und Elend iſt das. Kommt, kommt ſchnell!“ Betäubt von der Schreckenskunde, ſaß Joſeph einen Augenblick, dann ſprang er über den Tiſch und eilte hinweg, ohne ſein Geld einzuſtecken, deſſen ſich die Franzoſen ohne Weiteres bemeiſterten. — 123— Von dem Vorgange begriffen ſie nichts, bis der Wirth ihnen die Sachlage erläuterte. Ein bemitleidendes Kopfwiegen war der Tribut der Theilnahme. Im nächſten Augenblicke verlangten ſie eine neue Flaſche Feuerwein, und begannen nun ein Geſpräch, deſſen Inhalt Conrad's Theilnahme ſchneller von dem harten Geſchick Joſeph Molina's ablenkte, als es unter andern Umſtänden ſein gutes Herz würde geſtattet haben. Vogel verdollmetſchte eifrig und treu, und Conrad vernahm, daß Feuillade ſeinem Freunde Montbriſard erzählte, wie ihm heute das reizendſte Geſchöpf begegnet ſei, das er je erblickt. Mit dem Feuer einer unreinen Phantaſie, aber mit einer Gluth ſchilderte er Elifabeth's bezauberndes Weſen, daß man es jedem Wort anmerkte, wie tief der Eindruck ſei, den das Mädchen auf ihn gemacht haben müſſe. O, wie gerne hätte jetzt Conrad in ſeinem Grimme elhun 4 was Pankraz als bloße hyperboliſche Redeweiſe im Munde führte, wenn er zornig war, nämlich dem Franzoſen den Hals gebrochen, der durch ſeine lüſterne Schilderung das Mädchen entweihte, das wie eine Heilige in Conrad's Seele herrſchte; aber er mußte ſich zuſammen nehmen; denn es ahnete ihm, da der Wein die Zungen zu löſen begann, er werde mehr hören, was ihm zu erfahren ſo wichtig war. In höchſt frivoler Weiſe verlief das Geſpräch der beiden Sol⸗ daten, die in dem Räuberleben in der Pfalz den letzten Reſt beſ⸗ ſern Gefühls verloren hatten, welches ihnen das Leben am Hof ihres allerchriſtlichſten Königs übrig gelaſſen. Alles drehte ſich um das ſchöne Mädchen, das zu ſehen Montbriſard vor Begierde brannte. Immer vertraulicher wurden die Helden. Feuillade rühmte ſich der Fortſchritte, die er in Emmerenzien's Gunſt mache, unter⸗ ließ es aber nicht, ein reiches Maß von Hohn und Spott über ihre Perſon auszugießen. Endlich kam man auf die Verſuche, die ſchöne Jungfrau im Gotteshäuschen näher kennen zu lernen. Nicht ohne Erſtaunen vernahm Conrad, wie genau die Fran⸗ zoſen mit den Eigenſchaften Urſula's bekannt waren, und wie ſie auf 6* — 124— ihren Beiſtand rechneten; ſollte aber Alles mißglücken, ſo blieb ja das Aeußerſte, doch Sicherſte,— Gewalt, womit man ſie ihrer Mutter zu entführen beſchloß. Dies war das Ende der Unterredung. Mit kochendem Blute ſaß Conrad an ſeiner Stelle, als die edlen Helden der Pfalz vor⸗ über wankten. Klugheit gebot ihm, an ſich zu halten; aber Pläne auf Pläne durchkreuzten ſeinen Kopf, als er die leere Untergaſſe hinſchritt und endlich ſein ſtilles, friedliches Häuschen erreichte, ohne zu bemerken, daß drüben die junge Wittwe Wache hielt, und den Kopf darüber ſchüttelte, daß auch dieſes Muſter von Ordnung „und Eingezogenheit die Grenzen zu überſchreiten begönne, die ſie ſo ſtrenge bisher von ihm beobachtet wußte. VI. „Wälſches Blut— ein ſiedend Feuer; Wälſches Herz— ein Ungeheuer; Wälſche Lieb' iſt Thränenſaat— Heil! wer ſich davor gehütet hat!“ Altes Landsknechtſprüchlein. Um die große und ſchöne Kirche zieht ſich links vom Chore der Markt, der ſich bis zum Saale anſehnlich erweitert. Alte, hochgiebelige Häuſer begrenzten ihn gegen den Münzbach hinauf, der, weiter oben überwölbt und mit Wohnungen bedeckt, erſt hinter dem Saale wieder frei wurde. Zwiſchen dem dritten Hauſe von der Marktecke aufwärts zog ſich ein ſchmales Winkelgäßchen durch⸗ das hinter dem Saale her wieder zu der Obergaſſe führte, wie der verlängerte Markt hier hieß, und mündete der Fleiſchgaſſe gegenüber, rechts; links führte ein ſchmaler Durchgang zu einem Steg über den Münzbach und mündete in die am Berge ſich hinziehende Roſengaſſe, welche oben, wo der Bach überwölbt war, ſich mit dem Erde des Marktes verband, und unten vor der„Münze“ in einen freien Platz auslief, den ein breiter Bogen mit dem Thore des —— — 125— Bereiches verband, welcher dem Hospitale zum Heiligen Geiſte gehörte, und ein für ſich abgeſchloſſenes, jenſeits aber mit der Fleiſchgaſſe wieder verbundenes Ganze ausmachte. Es war etwa neun Uhr des Morgens. Der Himmel war tiefblau. Kein Wölkchen ſchwamm im reinen Aether. Die Strahlen der Sonne hatten ſchon früh Alles wahrhaft ſommerlich erwärmt. Um zehn Uhr ſollten die Mönche, welche die Franzoſen überall begleiteten, die Meſſe in der Kirche feiern, in welche ſie mit gewaffneter Hand waren eingeführt worden. Drinnen im Gotteshauſe erklang jetzt der mächtige Choral: „Verzage nicht, du Häuflein klein“ ꝛc. Darauf ſprach der Geiſtliche den Segen über die Gemeinde, die Portale öffneten ſich und, wie es alte Ordnung war, traten züchtig Frauen und Mädchen zuerſt heraus. Scheue Blicke überflogen den Markt, und die erbleichenden Geſichter verriethen die Seelenangſt, welche die Meiſten ergriff bei dem Anblicke, der ſich ihnen darbot. Auf dem Markte ſtanden truppweiſe Franzoſen aller Grade, die ſich hier geſammelt, um frivolen Spott mit den Frauen und Jungfrauen zu treiben, auch wohl die Beleidigungen des beſſeren Gefühles noch weiter zu treiben, je nachdem Rohheit und Uebermuth es ihnen eingab. Viele blieben zitternd auf der hohen Treppe ſtehen; Andere eilten, ſo ſchnell ſie ihre Füße trugen, einem nahen Hauſe zu. Die Verwirrung war grenzenlos. Angſtgeſchreibund Hohngelächter miſchten ſich im ſchauerlichſten Grade. Jetzt drängten die Männer und Zünglinge ſich hervor, und bald kam es auf dem Markte zu einem Handgemenge zwiſchen Vätern, Gatten und Brüdern der beleidigten Frauen und den Franzoſen, was einen immer ernſteren Charakter annahm. Der Friede des Sabbats, der Segen der gottesdienſtlichen Andacht war dahin! Säbel blinkten im Sonnenlicht und Schiffermeſſer ziſchten und hier und dort wälzten ſich ſchwer getroffene Männer in ihrem Blute. Zetzt heulte die Sturmglocke. Die Bürgerſchaft eilte herbei, bewaffnet, wie es Eile und Zorn geſtatteten. Die Frauen floehen und Männer ſtanden kämpfend den Männern gegenüber. — 126— Ehe ſich dieſe Auftritte auf dem Markte ſteigerten, trat mit den meiſten Frauen Eliſabeth aus dem Portale der Kirche. Ein Blick ließ ſie errathen, was ſie dort unten erwarte, und ſchnell entſchloſſen, ſuchte ſie die jenſeitige Häuſerreihe und jenes Gäßchen zu gewinnen, deſſen bereits gedacht worden iſt; allein dorthin hatte ſich eine ſolche Zahl Rettung ſuchender Frauen und Mädchen gedrängt, daß an ein raſches Durchkommen nicht zu denken war. Einem flüchtigen Blicke wies ſich der obere Theil des Markts als leer, wo man, um eine ſcharfe Ecke biegend, in die Roſengaſſe gelangte. Nicht eine Minute ſäumend, flog Eliſabeth dorthin, wo ſie den rohen Späſſen der Unholde entgehen zu können glaubte. 6 Ohne daß es jedoch das angſtvoll bebende Mädchen ahnen konnte, bereitete ein Mißgeſchick ihr dort, was ſie hier floh; denn nachdem ſie an dem Fenſter von Emmerenzia Gilzer vorüberge⸗ ſchritten und mit ihr geliebäugelt hatten, ſchlenderten die zwei Freunde, der Marquis de la Feuillade und der Hauptmann Mont⸗ brifard, die Roſengaſſe herauf und ſtanden eben jenſeit dieſer, auf der Ueberwölbung des Münzbaches, als Eliſabeth daher flog. Höher glühten die Wangen des engelſchönen Geſichtchens, raſcher hob ſich die angſtgequälte Bruſt. Kaum berührte der kleine Fuß das Pflaſter der Straße. Wer ſie ſo ſah, mußte aufmerkſam werden; denn die nette, ſchwarze Sonntagstracht hob die ganze, ſchlanke Geſtalt in der ſchönſten Rundung der jugendlichen Formen hervor. Das ſchwarze Sammthäubchen umſchloß das unausſprechlich liebliche Oval des Geſichtes. Die weißen kleinen Hände preßten das Geſangbuch gegen die hochſchlagende Bruſt. „Heiliger Dionys!“ rief Montbriſard aus, als er das Mädchen ſah,„Feuillade, ſieh' mal dieſe holde Griſette!“ 4 Raſch fuhr dieſer herum, und als nun auch er ſie ſah, ſtieß er die Worte hervor:„Das iſt ſie, von der ich dir geſtern ſagte!“ „Ich muß ſie küſſen!“ rief Montbriſard, und in demſelben Augenblicke ſchon reichten ſich Beide die Hände, ſtreckten die beiden freien Arme aus und traten ſo der Eilenden entgegen. — ——— — 127— Jetzt erſt ſah Eliſabeth, was ihr drohte. Einen Moment ſchien alles Leben aus ihr gewichen, aber im nächſten kehrte mit der wachſenden Angſt auch ihre Entſchloſſenheit zurück. Sie ſah, daß zwiſchen Montbriſard's Hand und der hohen, überdachten Treppe des Judenhauſes, vor dem ſich dieſe Scene entwickelte, ein freier Raum war. Wie die Gemſe, wenn der Schütze ihr naht, in Todesangſt, aber dennoch mit ſicherem Blicke den Raum meſſend, über den Abgrund wegſetzt, ſo erſpähte das geängſtete Mädchen, daß der nahe Abweiſeſtein, der die Treppe des Judenhauſes vor den Rädern der Wagen ſchützte, ihr einen ſichern Auftritt und einen mächtigen Schwung zum entrinnenden Sprunge ſicherte, und ohne einen Augenblick zu zaudern, trat ihr leichter Fuß darauf, und, ehe Montbriſard ſeinen Arm nach ihr ausſtrecken konnte, war ſie ſchon an der Ecke der Roſengaſſe und flog dahin wie der Pfeil, den der Schütze mit aller Muskelkraft des Armes von der Sehne geſchnellt hat. „Venlre Saint Christ!“ ſchrie der Getäuſchte,„die kann fliegen; aber ſie ſoll ſehen, daß ich ohne einen Kuß von ihrer ſüßen Lippe, heute nicht raſten werde.“ Beide eilten ihr blitzſchnell nach. Aus dem Portale der Kirche hatten ſich die Männer gedrängt, um ihre Lieben zu ſchützen. Mit jedem Sonntage waren die Beleidigungen weiblichen Gefühles roher und maßloſer geworden. Das Blut kochte in den Adern, und länger ertrugen ſie's nicht. Auch Conrad war hervorgedrungen. Sein Auge ſuchte Eliſabeth, aber fand ſie nicht. Da faßte ihn eine Hand und ein Finger deutete nach dem Orte, wo eben jetzt die Franzoſen das Mädchen ängſteten.„Dort! ſiehſt du's!“ rief die Stentorſtimme des alten Pankraz ihm ins Ohr. Sein Blick folgte dem Fingerzeige, und mit drei Sprüngen war er die hohe S in der bezeichneten Richtung. Das athemlos fliehende Mädchen ſah ſich überall nach einem Helfer um. Alles war ſtill, nur Emmerenzia ſtand hohnlächelnd an ihrem hohen Fenſter und ſah der Hetze des Mädchens zu. — 128— Elrſabeth breitete ihre Arme gegen ſie aus, aber ſie empfing nur ein Zeichen der Mißbilligung ihrer thörichten Flucht. Immer näher kamen die Verfolger. Schon war ſie an der„Münze.“ Dort war das offene Thor des Hospitalviertels. Aber ihr Athem ſtockte, ihre Kniee wankten. Noch ein Mal blickte ſie zurück. „O, Gott lohn's!“ rief ſie, als ſie Conrad's kräftige Geſtalt hinter ihren Verfolgern erblickte— aber in demſelben Angenblicke taumelte ſie gegen die Mauer. Noch einmal ſah ſie zurück und* dann vergingen ihr die Sinne.. Conrad war den beiden Verfolgern Eliſabeth's in pfeilſchnellem Laufe gefolgt. Sie, die nur an das Erhaſchen des Mädchens dachten, ſich lachend zu ſchnellerem Laufe ermunterten, hörten nicht, daß ihnen Jemand folge. 3„Sie kann nicht weiter!“ rief fröhlich Montbriſard; aber in demſelben Augenblick erreichte ihn Conrad's geballte Fauſt. Ein furchtbarer Schlag auf den Hut ſtreckte ihn mitten im Laufe mit ſolcher Wucht auf das Straßenpflaſter, daß er betäubt liegen blieb.„ In demſelben Moment erreichte Conrad Feuillade, der einigen Vorſprung vor Montbriſard gewonnen hatte, und mit gleicher Gewalt traf ihn ein Stoß in den Rücken, der ihn heftiger Weiſe niederſtreckte. Ohne ſich aufzuhalten, ohne den Angſtſchrei Emmerenzien's zu beachten, flog Conrad zu dem Mädchen ſeiner Liebe, faßte die Umgefunkene mit kräftigem Arme, ſchwang die theuere Laſt auf ſeine Schultern und verſchwand hinter dem Thore des Hoſpitals, wo ihn Pankraz eben erreichte, der von der andern Seite hierher geeilt war. Er ſchob den Riegel vor und rief:„Eile! Alle Thüren ſind offen. Trag' ſie zu ihrer Mutter!“ Alle dieſe Auftritte waren ſich in einer weit größern Schnelle gefolgt, als ſie hier erzählt werden konnten. Unbemerkt aber waren ſie nicht geblieben. Auf den Thürmen der Stadt waren anſehnliche franzöſiſche Wachtpoſten, und gerade im Angeſichte des Schauplatzes der erzählten Ereigniſſe ſtand der mächtige Münzthorthurm. Lachend hatten die Soldaten der Mädchenhetze ihrer tapfern Offiziere zug⸗ ſchaut; als aber der Jüngling wie ein Wetterſturm daher brauſte und die Helden mit ſeiner kräftigen Fauſt niederſchlug, da konnten —————— —— ſie nicht länger müßige Zuſchauer bleiben. Sie ſtürzten die hohen Stiegen von der Zinne des Thurmes herab und aus der Mauer⸗ Pforte heraus; da lag indeſſen noch eine hohe Stiege vor ihnen, und ehe ſie den Boden erreichten, war Conrad längſt ſicher hinter dem Thore des Hoſpitalhofes. Die Offiziere hatten ſich von ihrer Niederlage erholt. Beide bluteten heftig aus Naſe und Mund, und Montbriſard's Stirne wies eine breite, klaffende Wunde. Schäumend vor Wuth drangen ſie zum Thore vor. Der Hoſpi⸗ talverwalter ahnete nichts von den Vorgängen. Staunend ſah er die blutenden Franzoſen vor ſeinem Thore. Er eilte hinab, zu öffnen. Ein Hieb ſtreckte den Schuldloſen nieder. Alles wurde durchſucht, bis endlich ein Inſaſſe ſo viel heraus brachte, was und wen ſie ſuchten. Er wies ihnen den Weg zur Mauer, und nun wußte de la Feuillade Beſcheid. Mit mehr Ruhe, als ſein Freund begabt, ließ er Pankraz's Thüre, die feſt verſchloſſen war, beſetzen, und eilte mit den Uebrigen die Treppe zur Seite des Fleiſchthörchens hinauf, feſt überzengt, Conrad ſei in Eliſabeth's Wohnung. Wirklich befand er ſich noch dort; allein der umſichtige Pan⸗ kraz ſah im Geiſte voraus, was folgen mußte, nachdem ihm Con⸗ rad geſagt, daß er die beiden Offiziere niedergeſchlagen habe. Kaum war die ohnmächtige Eliſabeth auf das ſchneeweiße Bett gelegt, als er ihn mit ſich hinaus und die Holztreppe hinabriß. Als Beide unten angelangt waren, ſchob Pankraz ſeinen Riegel feſter vor, zog Conrad in ſeinen kleinen Holzplatz, wo er das Feuer in den Kachel⸗ ofen machte, und rief:„Schnell klettere in den Rauchfang, ſo weit du kannſt. Oben wendet er ſich links. Klettere bis zur Dachfirſte, damit, wenn ſie hineinſchießen, du nicht erſtickſt!“ Conrad folgte blindlings der Anweiſung ſeines Vetters. Er kroch den Schornſtein hinauf und hielt ſich mit ſeiner gewaltigen Muskelkraft oben, wo das Kamin zu Tage ging. Eine abgeſchoſſene Kugel konnte ihn allerdings wegen der Krümmung des Rauchfanges nicht treffen, aber prallte ſie ab, ſo war er dennoch verloren Das welch' einen Jammer ein roher Scherz in dieſe Stätte der Armuth — 130— verhehlte ſich der Jüngling nicht, befahl ſeine Seele Gott und harrte, froh in ſeinem Herzen, daß er das geliebte Mädchen vor Mißhandlungen gerettet, der Dinge, die da kommen mußten. Nun hörte er das wüthende Toben der Unholde, die in das Gotteshäuschen eindrangen. Es blieb ihm nur Eins— aber dies Eine iſt es auch allein, was die Seele in den ſchwerſten und ſchreck⸗ lichſten Stunden des Lebens aufrecht hält, was in die tiefſte Fin⸗ ſterniß einen Lichtſtrahl, in die Angſt des Todes einen Hoffnungs⸗ ſchimmer fallen läßt, das Gebet der gläubigen Seele. Er betete in heißer Inbrunſt; nicht für ſich aber, denn an ſich dachte er ja nicht, ſondern für Eliſabeth, die er den Händen ihrer Mutter und der herbeieilenden Urſula übergeben hatte. Während die Franzoſen die untere Thüre ſprengten, drangen die beiden Offiziere, gefolgt von zwei Soldaten der Münzthorthurm⸗ wache, durch die offene Thüre in das Gotteshäuschen hinein. Das laute Wehklagen zweier Frauenſtimmen leitete zu der Thüre der Frau Dreis. Sie ſtießen ſie auf, aber— wie gebannt blieb Montbriſard auf der Schwelle ſtehen. Es gibt eine Macht, die auch das Herz des Roheſten beſiegt; eine Macht, die ſelbſt die Flammen des wüthendſten Zornes löſchen kann. Eine ſolche unſichtbare Gewalt ergriff die Seele des Fran⸗ zoſen, als er mit kochendem Blute die Thüre aufſtieß und ſein Blick das überſchaute, was ſich ihm darbot. Auf dem Bett ausgeſtreckt lag das Mädchen ohne Spur des Lebens. Die jammernde Mutter hielt ſie im Arme und lehnte das Haupt an die Bruſt des lebloſen Kindes. Zur Seite des Bettes ſtand, über die auch im lebloſen Zuſtande Liebliche ſich neigend, Urſula, und ihre Thränen rieſelten auf das todtenbleiche, ſchöne Antlitz. Zu Füßen des Bettes kniete der alte Pankraz mit vor den Lippen zuſammengepreßten Händen. In dem bleichen Geſichte des Greiſes lag ein bodenloſer Schmerz ausgedrückt, und die Thränen, deren eine die andere über die durchfurchten Wangen jagte, gaben Zeugniß von der Stimmung ſeiner Seele. Montbriſard ſtand wie bezaubert in der Thüre, der Gedunte, ——— — 131— gebracht, durchzuckte ihn, und die innere Stimme rief mit donnern⸗ der Gewalt ihm zu: Du, du haſt es verſchuldet! Montbriſard's Herz war ſo entmenſcht noch nicht, daß dieſer Eindruck ſpurlos vorübergegangen wäre. Er ließ ſeinen Falkenblick das Zimmer durchforſchen, und als er den Geſuchten nicht erblickte, ſchloß er die Thüre wieder zu, wandte ſich zu ſeinem Genoſſen Feuillade und ſagte:„Hier iſt er nicht, und Niemand darf dieſe Schwelle überſchreiten. Ich werde ſie bewachen!“ „Aber er iſt in diefem Hauſe!“ rief der wüthende Marquis. „Das glaube ich ſelbſt,“ erwiederte Montbriſard;„allein in dieſem Zimmer iſt er nicht. Durchſucht das Haus, während ich hier bleibe.“ Das geſchah ſchnell. So kleiner Raum war bald durchſucht. Nirgends war eine Spur. An das Kamin dachte Keiner. „Er muß in dieſem Gemache ſein!“ rief der zurückkehrende Marquis. In dieſem Angenblicke heulte die Sturmglocke, und raſch folgten mehrere Kanonenſchüſſe von Stahleck herab. „Was iſt das?“ fragte Feuillade voll Schrecken. „Aufruhr in der Stadt,“ ſchrie Montbriſard, und eilte mit ſeinen Begleitern hinweg, ohne an etwas Anderes weiter zu denken. * VII. Kleines Häuflein, kleines Häuflein, Wagſt du's, Jenen Trotz zu bieten, Die des Kampfes Vortheil kennen, Die der Waffen blanke Wehre In geübter Rechten führen, Und du ſelbſt biſt waffenlos? Spaniſches Kriegslied. In jenen Tagen der Unterdrückung hatte der arme proteſtan⸗ tiſche Pfälzer unendlich viel Unheil dulden gelernt. Seit Spinola in die Pfalz eingefallen war mit ſeinen in den Niederlanden ent⸗ — 132— menſchten Spaniern; ſeit der dreißigjährige Krieg ſeine Kroaten gebracht, ſeit die Franzoſen die Pfalz mit Feuer und Schwerdt verheerten, war ein ſo überfließendes Maaß des Jammers über das geſegnete Land gekommen, daß man ſich wundern mußte, wenn man noch eine heitere Miene in dem Lande ſah, das heiteren Bewohner wegen berühmt war. „Die fröhliche Pfalz am Rheine“ war ein Land der Thränen, der Armuth, des Elendes geworden. Wo die Franzoſen noch nicht geſengt und gebrannt, da hatten ſie es ſicher ſich noch vorbehalten, und wollten erſt auf langſamem Weg alle Kräfte ausſaugen, alle Geduld erſchöpfen. Bacharach war nun ſchon ziemlich lange unter ihrem eiſernen Scepter. Brandſchatzungen, Steuern, Lieferungen hatten ſich die Bürger gefallen laſſen. Mißhandlungen roher Gewalt hatten ſie mit unterdrücktem Grimm ertragen; als ſie aber jetzt im Ueber⸗ ſprudeln des roheſten Uebermuthes das Heiligthum antaſteten, das Zucht und Scham hütet, als ſie ihre Frauen und Töchter auf zuchtloſe Weiſe öffentlich höhnten und mißhandelten, da gohr wilder der Haß und der Grimm in den mißhandelten Herzen auf. Wohl hatte der Pfarrer ſie zum Dulden ermahnt; aber als ſie ſelbſt Zeuge jener rohen Auftritte wurden, da riß der dünn gewordene Faden der Geduld. Manche fielen ſo, ohne Waffen, ohne Werkzeuge die Franzoſen an; Andere rannten in die Häuſer, das Erſte, Beſte aufgreifend, was als Waffe dienen konnte. Der alte Glöckner war, als er den Kampf beginnen ſah, an die Sturmglocke geeilt, und auf dieß Zeichen der Bürgernoth ſtrömte Alles bewaffnet auf den Markt, um den Brüdern zu helfen.“ So lange die Thorwachen nicht herzu kamen, ſo lange von Stahleck herab nicht Haufen herbeieilten, mochte die Tapferkeit der Bürger ſelbſt den kampfgeübten Truppen gefährlich werden. Als Montbriſard und Feuillade mit etwa Zwölfen von der Wache durch den gewölbten Durchgang des Rathhauſes auf dem Markte anſtürmten, da wichen die Franzoſen gegen den Saal hin, — — 133— aus dem jetzt Joſeph Molina hervorſtürzte mit einem blanken Schwerdte in ſeiner Hand. Ein Hieb, der ihn quer über die Stirne traf, ſtürzte ihn an der Schwelle des Saales nieder. Schon ſchritten die wüthenden Bürger über die Leichname der Ihrigen ſowohl als der Franzoſen hinweg, als ſie dieſe zurück⸗ drängten; allein ſie bedachten nicht, daß das Beſetzen des ſüdlichen Kirchhofthores das Andrängen der Beſatzung des Schloſſes lange hätte hinhalten können, und ließen es frei in der Haſt. Jetzt drängten ſich die Franzoſen aus dem Thore heraus und nahmen die Bürger in die Mitte. Von Minute zu Minute wurde das Häuflein kleiner.„Pardon!“ rief es hier und dort, und bald waren ſie eingeſchloſſen. Der Kommandant mußte mit dem ſtrengſten Befehle ſeine Soldaten hüten, ſonſt wären alle kämpfenden Bürger niedergemetzelt worden. War das Elend früher groß— jetzt füllte herzzerreißendes Wehklagen die Stadt. Der Marktplatz war mit Leichen bedeckt. Die Gefangenen wurden nach Stahleck geſchleppt. Die Verwundeten holten die Ver⸗ wandten in ihre Häuſer, oder man trug ſie in das Hospital zum Heiligen Geiſte. Der Tag des Friedens war ein Tag wilden Kampfes gewor⸗ den und das Loos der armen Bürgerfamilien war jetzt doppelt hart geworden. Kurz, denn kaum eine Liertelſtunde hatte er gedauert, war der Kampf geweſen, aber unendlich blutig war er; denn mehr denn zwanzig Leichen deckten den Markt, und die Meiſten Prſben waren Bürger. Selbſt die Franzoſen frenten ſich des Sieges nicht. Ihnen mußte ihr eigenes Gefühl ſagen, daß ſie des Kampfes Urheber geweſen, daß ſie durch ſchonungsloſes Betragen den friedlichen Bürger ſo lange gereizt, bis er, Alles vergeſſend, zur Wehr griff, um die Schmach zu rächen, die er nicht ertragen konnte. Auch in dem Gotteshäuschen hatte ſich ſeit dieſer Auftritte des Jammers Manches begeben, was den Zuſtand, der dort weſentlich änderte. — 134— Nach vielen Bemühungen Urſula's ſchlug endlich, als noch die Franzoſen das Haus durchſuchten, Eliſabeth ihre Augen auf. Sie fuhr mit einem Schrei empor.„Wo ſind ſie?“ rief ſie aus, und ſah wie irre im Gemache umher. „Du biſt ja bei mir!“ flehte die unglückliche Mutter;„ſei ruhig, mein liebes Kind!“ Eliſabeth ſah ſie an, und es ſchien, als weiche ein ſchwerer Traum von ihrer Seele; dann brach ſie in ein lautes Weinen aus. „Laßt ſie,“ ſagte Urſula zu Frau Dreis,„laßt ſie; das iſt Wohlthat und macht ihr das Herz leicht.“ Aber neuer Schrecken feſſelte Alle, da die Sturmglocke heulte und die Donnerſchläge der Kanonen von Stahleck her über die Stadt fuhren. Es waren Signale für die franzöſiſchen Beſatzungen auf Stahlberg bei Steeg und Fürſtenberg bei Rheindiebach. „Das gilt meinem armen Conrad,“ rief Pankraz aus, und rang die Hände. „Wo iſt er?“ fragte Eliſabeth.„Ach, ich Undankbare, an ihn hab' ich noch nicht gedacht, und er hat mich doch von den Unholden gerettet. Was wird aus ihm werden?“ „Erſchießen werden ſie ihn, wenn ſie ihn kriegen!“ ſagte mit verzweifelndem Ausdrucke Pankraz. „Gott! Gott! erbarme dich!“ flehte das Mädchen und faltete krampfhaft ihre Hände, Sie betete lange ſtille vor ſich hin.„Wo iſt er, Pankraz?“ fragte ſie dann. „Ich weiß es nicht,“ entgegnete er; aber ein Blick auf Urſula, der lauernd und beobachtend war, wie auch der Ton der Stimme, ſtrafte ihn Lügen. Es war, als ob ſich ſeine Seele ſträubte gegen eine Unwahrheit. Urſula hatte den Blick geſehen; aber ſie ſchwieg, weil ſie das Davvneilen der Franzoſen vernahm. Als es ſtille geworden, blickte ſie Pankraz mit grimmigem Ausdruck an.. Meinſt du, alter Schelm, ich wüßte nicht, wo er ſteckt? Hen Urſula hat gute Ohren, und das Rauſchen im Rauchfange kam nicht vom Winde! Warum aber meinſt du, daß ich ihn verrathen wollte? ————— „—— — 135— Hätte ich nicht Waſſer ſchnell auf mein nFe gegoſſen, er würde nicht ſicher ſitzen, wo er ſitzt.“ „Urſula!“ flehte Eliſabeth,„ſchonet mich doch! Iſt wirklich Conrad im Rauchfange?“ fragte ſie ängſtlich den Alten. Er nickte ihr zu. „O ſo holt ihn heraus,“ rief ſie angſtvoll,„er muß ja erſticken. Hier im Kämmerlein iſt er ſicherer, und nicht wahr, Urſula, du verräthſt ihn nicht?“— Urſula ſchüttelte den Kopf.„Wie follte mir ſo etwas ein⸗ fallen!“ rief ſie aus. Pankraz war hinaus geeilt, hatte die Mauerthüre geſchloſſen und war darauf die Treppe hinabgeſtiegen. Er kam zur rechten Stunde, denn Conrad trat ihm haſtig entgegen. „Wo willſt du hin?“ fragte er. „Hört Ihr nicht die Sturmglocke, Vetter?“ fragte Conrad. „Die Bürger kämpfen gegen die Franzoſen, ich hab's deutlich droben gehört. Und ich ſollte hier müßig ſein?“ Pankraz redete ihm ein; zeigte ihm, wie er verloren ſei, wenn er ſich blicken laſſe; aber es blieb Alles erfolglos. Er wollte fort zum Kampfe. Noch Eins war für Pankraz übrig.„Willſt du nicht Eliſabeth ſehen, ehe du gehſt? Sie verlangt nach dir, Conrad!“ So ſprach er. Der Jüngling ſeh ihn ſtarr an.„Verlangt nach mir?“ fragte er, als ob er es für eine Lüge hielte. Pankraz ſagte:„Sie will, daß ich dich hole!“ „Wohlan denn,“ verſetzte Conrad,„ſo laßt uns gehen!“ Das Herz pochte ihm faſt hörbar, als ſie eintraten in das Stübchen, das er nie betreten, als da er Eliſabeth hierher getragen. Sie ſaß neben der Mutter. Noch waren ihre Wangen bleich; aber das Auge war Bürge ihrer vollen Seelenthätigkeit. Als ſie ihn erblickte, flog eine leichte Röthe über das bleiche Antlitz. Sie wußte ja jetzt, daß er ſie in ſeinen Armen hierher getragen. Wie auch dies Bewußtſein die jungfräuliche Scham 3 fühlte, was ſie ihm ſchuldete, ſah ihn liebreich an, und rei Conrad erröthete wie ein Mäd — 136— ergriff ihre Hand, die er herzlich drückte. „Conrad,“ ſagte ſie,„wie kann ich mich thatſt?“ „O, ſchweig' doch,“ bat er, jeder Sekunde. „Er will fort,“ ſagte an die Bürger mit den Franzoſen kämpfen.“ „Nein! nein!“ rief das Mädchen. Hier ſuchen ſie dich nicht.“ Vergebens widerſtrebte er. in das Kämmerlein, das Eliſabeth hinter ſunken. Urſula eilte hinaus und mit mä Markt zu. Sie kam in dem Augenblicke dort an, geworfen worden war. Obgleich verſehen mußte, die ſonſt ein als manches Paar. Sie ihrer gewaltigen Schritte, Es war nichts übrig, Sie vermochte das aber ni vieler Mühe gelang es ihr unterſuchte die Wunde. Sie war tief, Sie verband ſie daher, und bald dara Blutverluſt und die Wucht des Hiebs Urſula ſtand in Gedanken. „Soll's wahr ſein,“ rief ſie endli kämpfen, ſo muß ich fort. ſehen, der gewiß auf der Seit Ueber Eliſabeth's Wangen legte Bläſſe, und es hätte nicht viel gefehlt, und welche Gefahr ihm drohte. Sie chte ihm ihre Hand entgegen. chen; aber er trat raſch vor und dir's danken, was du für denn ſeine Verlegenheit wuchs mit gſtvoll Pankraz,„weil auf dem Markte „Hier mußt du bleiben! Faſt mit Gewalt brachten ſie ihn ihm ſchloß. ch aus,„daß die Bürger Ich muß nach meinem armen Joſeph e der Bürgerſchaft ſteht.“ ſich wieder eine tödtliche ſo wäre ſie abermals umge⸗ chtigen Schritten auf den als Joſeph eben nieder⸗ ihr Auge nur allein die Dienſte Paar verſieht, ſah Joſeph ſinken und war mit einigen die jetzt noch weiter ausgriffen, bei ihm. als ihn aus dem Getümmel zu bringen. cht ſo leicht, als ſie gedacht. Nur mit ihn in den„Saal“ zu ſchleppen. Sie aber nicht gerade gefährlich. uf erwachte Joſeph, den der auf den Kopf betäubt hatten. ſo war es doch ſchärfer, ———— ————— —— — 137—. Während der Zeit, welche Urſula mit dieſer Thätigkeit hinge⸗ bracht und welche ſie durch lautes Wehklagen um ihren Liebling bezeichnet, war das Treffen auf dem Markte zu Ende. Die volle Niederlage der Bürger war entſchieden und viele als Gefangene in den Händen ihrer erbarmungsloſen Peiniger. Noch blutend trat Montbriſard in das Gemach, wohin ihn Urſula's Wehklage gerufen. Er kam im Auftrage des Komman⸗ danten, die Gefängniſſe des„Kummerhofes“ zu öffnen, da er ſeine Gründe hatte, ſie nicht alle auf der Burg Stahleck einzu⸗ kerkern. Er hatte ein Tuch um ſeinen Kopf gewunden, da ſeine Stirn⸗ wunde noch unverbunden war. Joſeph ſah ihn lächelnd an.„Hauptmann,“ ſagte er,„Ihr habt mir übel gelohnt. Nicht als Aufrührer wollte ich ja gegen Euch kämpfen.“— 5 „Pfui,“ rief Urſula,„Joſeph, ſolche Schmach hätte ich nicht über meine Lippen gehen laſſen!“ Joſeph erröthete, aber ſeine Charakterloſigkeit ließ auch dieſem Gefühle nicht viel Gewalt. Er ging ſchnell mit dem Hauptmann ein franzöſiſches Geſpräch ein, deſſen Sinn Urſula fremd blieb. . Sie ſuchte indeß Joſeph's Aeußerung zu beſchönigen, und hielt es für eine ſogenannte Nothlüge, über deren Anwendung ſie ſich gar leicht hinausſetzte. Ein Anderes lag ihr nahe. Blieb Conrad bei Eliſabeth, ſo drohte Gefahr. Auch hier war ſie ſchnell mit ſich einig. Sie ſagte zu Montbriſard, der des Deutſchen ſo weit kundig war, daß man ſich mit ihm verſtändigen konnte, daß, wenn er ihr verſpreche, Eliſabeth's Frieden nicht zu ſtören, ſie ihm ſagen wolle, wo Conrad ſei. . Der ſchnell auflodernde Montbriſard verſprach Alles, und erfuhr nun, wo er ſich aufhielt. Sein Plan war ſchnell gemacht. Mit der ſinkenden Nacht wollte er und de la Feuillade das Gotteshäuschen bewachen. Ent⸗ gehen konnte er ihnen ja ſo nicht, zumal er ſich am Tage nicht herauswagen durfte. Sein Herz lachte in der Bruſt bei dem 4 — 138— Gedanken der Rache, welchem er ſich nun hingab. Ein Goldſtück war des Verrathes Lohn. Während Montbriſard zu dem Saalſchultheißen hinauf ging, der ſich etwas erholt hatte und nothdürftig wieder reden konnte, erzählte Urſula ihrem Lieblinge die Begebenheiten vom Morgen, die Joſeph nicht kennen konnte. VIII. Was mir nützt, das ſag' ich; Was mir ſchadet, verſchweig' ich; Wo zu gewinnen, da ſuch'ich; Ob's recht— was geht's mich an? Wenn ich's nur haben kann! 3 Ich bleib' ja doch ein angeſehener Mann! Rheiniſches Sprüchwort. Was mit ſchneidender Jronie das rheiniſche Sprüchwort aus⸗ drückt, war leitender Grundſatz des alten Saalſchultheißen geweſen, und er hatte damit ſeinem Geldſäckel niemals geſchadet. Auf Anderes, namentlich auf die Reinheit des Bewußtſeins, auf den Beifall des Richters über den Sternen, auf die Achtung und Liebe der Beſſern, kam es einem Manne nicht an, der in der Schule des Laſters aufgewachſen, nur den glühenden Leidenſchaften zu folgen gewohnt war, die in ſeiner Bruſt gohren. Mit den äußerlichen Formen und Bräuchen der Religion hatte er's aber immer ſehr ſtreng genommen, weil er mit den Bußwerken Alles zu ſühnen glaubte, was er in ſeiner Verworfenheit beging. Es war eben eine nicht ſeltene Begebenheit, daß er, nach Vollendung irgend eines Bubenſtücks, in ſeinem Betſchemel knieend, den Roſenkranz durch ſeine Finger laufen ließ, und, den Gewinn berechnend, welcher ihm aus ſeiner That erwuchs, eine reiche Anzahl Ave's und Paternoſter's daher murmelte, bei denen freilich ſeine Seele— nicht war. Daß durch die Erziehung eines ſolchen Vaters das Herz Joſeph's eben keine ſonderlich edle Richtung nehmen konnte, lag —————————— —————— Saal und fand die erſchütternde Wahrheit. — 139— ſehr nahe, und was Gutes an Joſeph war, hatte ſeinen Grund in den an ſich nicht böſen Anlagen ſeines Gemüthes und in dem Einfluß, den der alte Pankraz auf ihn gehabt, ſo lange er als Diener im Saale gelebt. Deſto unſeliger aber wirkte Urſula durch ihre Maßloſigkeit im Verzärteln und durch das ungezügelte Erfüllen aller Wünſche und Begehren des Knaben. Er wuchs auf in dieſer Umgebung, unter dieſen Einflüſſen charakterlos, ohne tiefere, ſittliche Richtung, ohne Grundſätze. Er folgte den Einflüſſen des Augenblicks, leichtſinnig und verführbar, darum ſchloß er ſich ſogleich an die Franzoſen an, aber im innerſten Grunde ſeines Herzens war er nicht böſe. Seine Gutmüthigkeit war ſogar groß, und ein Unrecht konnte er nicht billigen. Zu wohl⸗ überlegten Schurkenſtreichen, wie ſie ſein Vater ausübte, war er nicht fähig. Seine Liebe zu Eliſabeth war erwachſen aus liebgewordener Gewohnheit, mit ihr die Kinderſpiele zu ſpielen, und ſinnliches Wohlgefallen an dem reizenden Mädchen gab ſpäter der Neigung größere Dauer und Nachhaltigkeit. Als er von der Univerſität heimkehrte, fand er ſie als erblü⸗ hende Jungfrau, geſchmückt mit dem höchſten Zauber ihres Geſchlechts, und— tiefer ſenkte das Gefühl ſeine Wurzeln. Obwohl es ihm nicht klar geworden war, was ſein Vater gegen Eliſabeth's Vater begangen, ſo waren ihm doch nicht ſelten Andeu⸗ tungen geworden, die ihn auf eine nicht leichte Schuld ſchließen ließen. Eine gewiſſe Scheu, dann aber auch wieder ſein Leichtſinn ließen es nicht zu, den tiefern Grund der Sache zu ermitteln. An jenem Abend aber hatte das Mädchen ſchwere Worte zu ihm geredet, Worte, die auf ein Verbrechen zu ſchließen berechtigten. Vergebens flehte er, daß ſie ihm Alles kund thue. Sie that es. Ganz außer ſich war er hinweggerannt; aber ſo ſchwach und ſo leichtſinnig war er, daß die beiden Franzoſen ihn mit wenigen Worten in das Spielzimmer ziehen konnten. Da ſchreckte ihn die Kunde auf, daß ſein Vater vom Schlage getroffen ſei. Er eilte in — 140— Die außerordentliche Aufregung, in welche ihn die Seelenfolter verſetzt hatte, deren Anwendung Urſula ſich zur Befriedigung ihrer Rache und ihres Haſſes bedient, konnte ohne nachtheilige Folgen nicht wohl vorübergehen. Die Angſt ſeiner Seele ſtieg bis zum Unerträglichen, als Urſula ſich entfernt und er allein in dem weiten Gebäude war. Sein Sohn, ſeine Magd, ſein Waibel, Alle waren auswärts. Da hörte er die Folterwerkzeuge gahren und pfeifen; da vernahm er die entſetzlichen Töne, welche die Folterqual dem armen Dreis ausgepreßt; da trat als Schreckbild jenes entſetzen⸗ erregende Geheimniß vor ſeine Seele, deſſen Urſula, andeutend, gedacht. Er ſtöhnte; er ſchrie um Hülfe. Nur der Widerhall der leeren Räume antwortete, und dieſer Nachhall dünkte ihm Hohnge⸗ lächter der Hölle. Er wollte beten; aber das Ave erſtarb auf ſeinen Lippen. Es war ihm, als ſtünde Dreis und ein anderes ſchuldloſes Weſen vor ihm. Er wollte in der furchtbarſten Verzweiflung auf⸗ ſtehen und Schreckbildern entfliehen, aber er dachte nicht in der Seelenangſt an Re Schmerzen ſeiner Füße und an ihre Unbrauch⸗ barkeit. Mit einem Schrei ſtürzte er nieder, und jene geheime lähmende Wirkung traf ſeine rechte Seite, welche die Aerzte mit dem Namen„Schlag“ benennen. So lag er noch bewußtlos, als ſeine Diener hntehrten, die der Schrecken des Anblickes faſt ſelber lähmte. Sie brachten ihn auf ſein Bett und liefen dann, der Waibel nach dem Arzte, die Magd nach dem Sohne. Damals waren Aerzte ſelten, und Menſchen der verſchiedenſten Art übten die edle Kunſt, die Gebreſte der armen zu heilen. 4 So war denn in Bacharach Urſula berühmt wegen der ſympa⸗ thetiſchen Geheimmittel, durch deren Awendung ſie die Uebel heilte oder heilen zu können vorgab. Außer ihr nennt der„Chroniſt der Gotteshäuſer“ einen Laboranten Namens Steinert, welcher in dem Hofe der Abtei Hirzenach bei oder in dem kleinen Weiler Nauheim, zwiſchen dem Dorfe Steeg und der Stadt, als Schwager des Hofe mannes lebte. Er 3 großes Anſehen im Land umher, und — 141— kurirte Menſchen und Vieh, war ein Kräuter⸗-Kenner und Sammler und braute Heiltränke und bereitete Pflaſter, wie er denn auch nach einem probaten Aderlaßmännlein zur Ader ließ und eine Bad⸗ ſtube hielt. Zu dieſem lief der Waibel, und der eirna ſäumte nicht, dem geſtrengen Herrn zu Dienſt zu ſein. Als Joſeph in das Zimmer ſtürzte, hatte bereits ein reicher Blutſtrom ſich entladen und die Wirkung zeigte ſich alsbald darin, daß der Kranke die Augen aufſchlug. Er ſah wie ein Irrer um ſich; allein als er ſeinen Sohn erblickte und ſeinen alten Waibel⸗ als er ſich überhaupt in der Nähe von Menſchen wußte, wich die innere Angſt ſeiner Seele. Er wollte reden— aber es war nur ein Lallen. Man konnte nichts daraus entnehmen, weil auch das Band ſeiner Zunge gelähmt war. Für Joſeph war es ein erſchütternder Anblick, ſeinen Vater in dieſem Zuſtande zu finden. Er weinte heiße Thränen, und der Gedanke, daß er lange hülflos in dieſem Zuſtunde gelegen, ergriff ſein Gefühl mit aller Macht des kindlichen Herzens, deren es fähig war. Der Laborant verhieß Beſſerung, und wirklich kehrte auch bis zum Morgen der Gebrauch der Zunge zurück; aber er verbot jede Aufregung. Für Joſeph war es ein höchſt quälender Zuſtand. An ſeinem Herzen nagte die Begierde, jenen Schleier ganz gelüftet zu ſehen, der den Abgrund bedeckte, von dem Eliſabeth mit ſo tiefer Erregung geſprochen. Niemand konnte ihm das Genauere ſagen, als ſein Vater, und dieſen durfte er nun nicht fragen, damit er ihn nicht wieder aufrege und eine Wiederholung des Schlaganfalls eintrete. Als aber am hellen Sonntagmorgen der Alte wieder reden da ließ ſich's nicht länger zurückhalten. Joſeph fragte ihn beſtimmt. Der Alte wurde bleich, aber er 3 Schlau und gewandt, wie er ſtets geweſen, wich er dem Punkt aus, um den es ſich handelte; erzählte eine lange Geſchichte, die er dicht beendigen konnte, weil eben auf dem Markte, faſt unter den Saales, der Tumult ausbrach, welchen — 142 die Ungebühr der Franzoſen gegen die Frauen und Töchter der Bürger hervorrief. Innerlich froh, daß dies Ereigniß ihn einer Erzählung über⸗ hob, deren Lügengewebe mehr geiſtige Kraft forderte, als der Saal⸗ ſchultheiß in ſich fühlte, rief er:„Was iſt das? Will das Ketzer⸗ volk ſich gegen die Franzoſen ſtellen?“— Joſeph rannte zum Fenſter und eben ſo ſchnell hinab, wo ihn denn ein Franzoſenſäbel ſchwer genug für ſeine Zweideutigkeit züchtigte. Montbriſard nahm das Wort Joſeph's leicht hin, glaubte ihm aber ſo wenig, daß er ſich vornahm, ihn für ſeine Lüge büßen zu laſſen. Der Saalſchultheiß ließ durch den Waibel die Verließe des Kummerhofes öffnen, und bald ſchloſſen ſich die eiſernen Thüren hinter den unglücklichen Vätern, Gatten und Brüdern, die um ſo troſtloſer waren, als ſie nun ihre Geliebten in der ſchrankenloſen Gewalt derer wußten, die zu dem Uebermuthe nun noch die Rache geſellten. Kaum war dieſer Lärm vorüber, als die Wache, welche von einem Gemache des Saales Beſitz nahm, das zur Wohnung des Waibels beſtimmt war, auch Joſeph gefangen nahm und ihn auf die Burg Stahleck brachte. Dieſer gänzlich unerwartete Schlag traf den Alten ſehr härt. Nur ein neuer Aderlaß des Laboranten Steinert vermochte die Rückkehr des Schlages zu verhüten. Alle die Ereigniſſe und das einfache Wort des ehrlichen Labo⸗ ranten, der ihm ſagte, ſein Lebenslämplein nahe ſich raſch dem Erlöſchen, er müſſe darum ſein Haus beſtellen, machten einen ſo tiefen Eindruck auf den alten Sünder, daß nun auch das ſchlum⸗ mernde Gewiſſen mit einer nicht mehr zu bewältigenden Macht erwachte. Der Waibel mußte den Dominikanermönch 3 Kius rufen, welcher droben bei dem Kommandanten auf S eck hauſte, daß er ihm beichte. Der Mönch kam, und mehrere Saunden währte hinter der — 143—. verſchloſſenen Thüre das Bekenntniß und die Niederſchreibung des reichen Vermächtniſſes an den Altar zu Sankt Werner und an das Hoſpital. Als darauf der Mönch mit dem Verſprechen, für ſeinen Sohn zu wirken bei dem Kommandanten, ſchied, lief der Waibel faſt athemlos nach der Wittwe Dreis im Gotteshäuschen, die er in den Saal entbieten ſollte. Es war Nacht geworden über dieſen Ereig⸗ niſſen, und ein Sabbat ſank hinab, wie ihn kaum trauriger die unglückliche Stadt erlebt hatte; denn es war faſt kein Haus, wo nicht die Wehklage ertönte, faſt kein Haus, aus dem nicht Männer in den finſtern Verließen des„Kummerhofes“ ſchmachteten, und eines Urtheils gewärtig ſein mußten, deſſen Spruch ſo weit von Milde und Barmherzigkeit entfernt war, als der Himmel von der Erde. „Als der Waibel ſich dem Gotteshäuschen näherte, herrſchte dort ein Lärm, der ihn ſchnell in einen ſichern Hinterhalt zu treten nöthigte. IX. Ein Kätzlein ſitzt und leckt den Mund⸗ Und harret des Mäusleins zu dieſer Stund. O Mäuslein klein, O Mäuslein fein, Sei klug, ſonſt wirſt du verrathen ſein! Altes Volkslied. Conrad war in dem Kämmerlein in ſicherem Verwahrſam; er war ſeiner geliebten Eliſabeth nahe; er hörte ihre ſanfttönende Stimme dann und wann. Das Herz war ihm ſo weit, ſo ſelig! In dieſen Räumen war ſie gewandelt; alle dieſe Gegenſtände hatte ihre Hand berührt; aber konnte er hier lange bleiben? Hatte er innere Ruhe? Dort ſtand ſein Haus ohne Schutz, ohne Herrn. Alles war preisgegeben den Feinden, die gewiß es durchſuchten und plünderten!— Das quälte ihn; aber ſchwerer lag auf ſeiner Serle der Gedanke, daß er Eliſabeth und ihre Mutter durch ſeine Anwe⸗ ſenheit in Gefahr brachte— denn dieſer Urſula traute er nicht. Er hatte ja den falſchen Blick geſehen, den ſie auf ihn ſchoß, als Eliſabeth ihn in das Kämmerlein drängte. Er wußte von Pankraz, wie ſie Joſeph begünſtigte, wie ſie Alles aufbot, Eliſabeth's Herz ihm zuzuwenden, und wie ſie geſchworen hatte, Inſeph und Eliſa⸗ beth müßten ein Paar werden. Zu dieſen beunruhigenden Vorſtellungen geſellte ſich das unge⸗ wiſſe Loos ſo vieler Bürger. Niemand brachte Kunde, und doch drang auch in ſein Verſteck die Wehklage der Unglücklichen, die ſich verlaſſen ſahen. So war es faſt Abend geworden, als Pankraz, endlich müde von ſeinen Wanderungen, um Kundſchaft zu erhalten, in das Stübchen der Frau Dreis trat. Keuchend ſetzte er ſich der Thüre nahe, welche in das Käm⸗ merlein führte, wo Convad in gewaltiger Spannung ſein Ohr an die Fuge der Thüre lehnte, um ja kein Wort des Berichtes zu verlieren. „Wie ſteht's in der Stadt, Pankrazvetter?“ fragte Eliſfabeth mit beklommenem Herzen. „Wie ſoll's ſtehen?“ antwortete der Alte.„O, daß ich allen dieſen Pfalzvergiftern den Hals brechen könnte!— Wie's ſteht, fragſt du, Kind? Haſt du nicht das ſelbſt erfahren und biſt gehetzt worden wie das Wild des Soonwaldes gehetzt wird von der blut⸗ gierigen Meute?— So und noch viel ſchlimmer erging es den Frauen und Mädchen, die über den Markt gingen. Was Conrad für dich that, das thaten Andere für die, welche ihnen näher angehören, für Weib und Kind, für Schweſter und Braut. Sie ſchlugen drein und brachen ihnen die Hälſe. O, daß ich hätte helfen können! Aber da fielen die Hunde über ſie her, und es gab ein gräulich Gemetzel. Viele Bürger ſind todt, viele ſchwer verwundet; aber auch Franzoſen liegen todt auf dem Markt. Ja, die alten Mauern des„Kummerhofes“ hallen wieder vom Jammergeſchrei der Weiber . Kinder, deren S und S ſ oder dort in den ue K, — 145— Nun begann er die Einzelnen zu nennen, die todt geblieben und ſchwer verwundet worden waren. Es war eine große Zahl, und ſeine Schilderung ergriff die Frauen gewaltig und preßte ihnen heiße Thränen aus. „Unſeres armen Conrad's Haus,“ fuhr er fort,„haben ſie durchſucht von unten bis oben. Die gute Wittwe Pfaff ſtand redlich für ihn ein; ſie hat wenigſtens das Hauptſächlichſte gerettet. Was aber noch ſchlimmer iſt, hier darf er nicht bleiben. Als ich am „Stern“ vorbei ging, ſah ich Einen, der nicht umſonſt an der Ecke ſtand, und hier auf der Mauer geht's auch hin und her, und die Blicke, die ſie auf die Thüre werfen, ſagen mehr als Worte. Kurz zu ſagen, ſie wiſſen, daß er hier ſteckt, und er muß fort.“ Es wurde ſtille nach dieſen Worten in der Stube, denn ſie trafen Alle, die darin ſaßen, mit gleich niederdrückendem Gewicht. „Aber wo ſoll er hin?“ fragte mit bebendem Laute das Mädchen„Wo iſt ein Winkel ſicher für ihn?“ Conrad's Finger klopfte leiſe an die Thür. Er ertrug's nicht länger. „Laßt mich heraus!“ ſagte er leiſe; aber der leiſe Ton ver⸗ rieth die Qual ſeiner Seele. 5 Frau Dreis öffnete.. „Ich muß fort!“ ſagte Conrad mit einem Ausdrucke, deſſen Entſchiedenheit keine Widerrede geſtattete.„Euch bringe ich ins Elend und mich verderbe ich.“ „Wo willſt du aber hin, lieber Conrad?“ fragte Eliſabeth. Conrad ſtand wie gefeſſelt. Alles Blut drängte nach dem Herzen. Jeder Nerv bebte. So hatte ſie noch nie zu ihm geſagt. Sein Auge ruhte mit dem Ausdruck unendlichen Glücks auf ihr, die in dieſem Augenblick erſt erkannte, was ihn ſo bewege. Sie erröthete und ſchlug das Auge nieder. Eine Weile ſah er ſie ſtumm an; dann fagte er:„Wenn ch in meinem Kahne bin, ſo bin ich frei. Dann ſorgt nicht mehr mich. Hier, Pankrazvetter, habt Ihr den Schlüſſel zum Schlö — 146— der Kette. Schließt ihn in der Dämmerung los, und nichts wird mir hemmend in den Weg treten.“ Die Sache wurde nun erwogen, und Pankraz entfernte ſich mit dem Schlüſſel, weil dieſer Rath der beſte ſchien. Die Dämmerung begünſtigte den ſchlauen Alten. Niemand argwöhnte etwas, als er, an ſeinem Stabe gebückt, ein Linnen in der Hand, zum Rheine hinabging. War er ja doch arm und konnte nicht das Bedürfniß der Noth ihn zwingen, ſelbſt am Abend des Sonntags ſich ein Hemde zu waſchen?— Mit der ihm eigenen Umſicht und Schlauheit vollbrachte er ſein Werk. Aus einem nahen Kahne nahm er Haken und Riemen, ſteckte die Dollen ein und legte das Handruder an die Stelle, ſchöpfte das Waſſer aus und hob den Kahn ſo weit vom Ufer in den Strom, daß er nur eines Ruckes bedurfte, um auf die ſilberne Fläche hinaus zu gleiten. Als das Werk vollendet war, kehrte er in ſeine Wohnung zurück und ſtieg dann leiſe die ſchmale Holz⸗ treppe hinauf und trat in das Zimmer, wo ſie noch im traulichen Kreiſe ſaßen, anſcheinend ruhig, aber mit pochendem Herzen Alles erwägend, was ſich im nächſten Augenblicke begeben könnte. Eliſa⸗ beth fühlte, wie hoch ſie Conrad verpflichtet war, da er ſein Leben ihretwegen gewagt. Der Muth des Jünglings, von ſeiner Liebe beſeelt, verfehlte nicht, ihr Herz ihm günſtiger zu ſtimmen. Seit langer Zeit zum erſten Mal erblickte ſie die männlich edle Geſtalt vor ſich, das ſchöne Geſicht mit dem kindlich milden und doch wieder ſo mäunlich feſten Ausdrucke ſich gegenüber, und das Mädchenherz begann eine Vergleichung mit dem weichlichen Joſeph. Dieſe ſtille, innere Thätigkeit, welche ſie, kaum ihrer ſelbſt bewußt, vornahm, war ein ſo günſtiges Zeichen für Conrad, daß, hätte er es gewußt, ſein Herz gejubelt haben würde. Und wie liebte er ſie! Wie hatte ſein Auge geleuchtet, ſein Athem geſtockt; wie war eine Gluthröthe über ſeine ſchönen Züge geflogen, als ſie ſagte: „Lieber Conrad!“ Während dieſe Betrachtungen und Gefühle Eliſabeth's Herz beſchäftigten, beriethen ihre Mutter, Pankraz und Conrad über de —— — 147— Erhaltung ſeines Eigenthums. Conrad ſtimmte damit überein, daß Pankraz mit Vorwiſſen des pfälziſchen Landſchreibers Weißgerber dorthin zöge. Der Chroniſt der Gotteshäuschen ſagt darüber:„Es iſt das ein ſeltſam Ding geweſt, und erſchien als eine abſonderliche Ver⸗ gunſt wohledeln Rathes, daß ohne Verluſt des Rechts ein Gottes⸗ häusler durfte ausziehen in ein Bürgerhaus. Sintemalen aber der alte Pankrazius Sulzbacher war über die Maßen wohlgelitten, weilen er allzeit ein unbeſcholtenes Leben geführet, eine gute Repu⸗ tation behauptet und hier nur zu Nutz und Frommen eines jungen Bürgers dasjenige that, was anſonſten ihme hätte müſſen Schaden zufügen. Und iſt auch ſelbiges Häuſelein des Conrad Aichſpalter nit verheeret worden, was offenbarlich des alten Stadtmuſikanten Sorgfalt bewirket.“ Die Nacht war herabgeſunken, dunkel und ſternenlos. Eine Wolkenſchichte lag dick und ſchwarz vor dem Glanze der Sterne, und nur der Vollmond vermochte ſo weit mit ſeinem Schimmer ſie zu durchdringen, daß ein düſteres Zwielicht die ſcharfen Kanten der Dinge hervortreten ließ, ohne daß man jedoch etwas hätte unter⸗ ſcheiden können, es ſei denn, man habe das ſcharfe Auge eines Schiffers gehabt, das allein im Stand iſt, da zu ſehen, wo ein anderes Auge nichts ſieht. Gerade das war Conrad's Glück an dieſem verhängnißvollen Abend. Montbrifard hatte, nachdem Urſula ihm den Aufenthalt Con⸗ rad's verrathen, nichts Eiligeres zu thun, als den Genoſſen ſeiner ſchmählichen Niederlage, de la Feuillade, davon zu benachrichtigen. Der wüthende Menſch wollte ſogleich das Gotteshäuschen umkehren, denn Schonung kannte er nicht, und die verletzte Ehre, das bos⸗ hafte Lächeln Emmerenzien's am Fenſter und der glühende Wunſch, die reizende Eliſabeth unter einem gültigen Vorwand in ſeine Gewalt zu bekommen— dieſe Beweggründe wirkten zuſammen, ihn außer die Schranken beſonnener Mäßigung zu bringen. Wie heftig er aber auch wurde, Montbriſard's Beredſamkeit beſiegte ihn; denn in deſſen Bruſt waren jene Eindrücke noch nicht 1 . verwiſcht, die er an dem Sonntag im Gotteshäuschen empfangen hatte. War auch vielleicht in ſeiner Seele noch die Abſicht, das Mädchen durch Schonung zu gewinnen, wer könnte das ſagen? Genug, er bewirkte es, daß de la Feuillade unten an des Pankraz Thüre die Wache übernahm und er in der Brüſtung des Mauer⸗ fenſters ſeine Stellung wählte. Todt oder lebendig! war Beider Loſung, als ſie ſich trennten, um ihre Poſten einzunehmen. Die zehnte Abendſtunde war gekommen. Alles war ſtille gewor⸗ den auf den Gaſſen, und das Leid hatte Ruhe gefunden oder vergoß heimlich ſeine Thränen und ſandte ſtille die Gebete zum Himmel um Rettung der Eingekerkerten, die einem herben Gericht entgegen gingen, deſſen Urtheilſpruch vorauszuſehen war, wenn nicht der Kommandant von Stahleck ſeine Menſchlichkeit geltend machte, die er der armen Stadt mehr denn einmal ſchon bewieſen, obwohl er außer Stande ſich befand, alles das abzuwenden, was im Gefolge der feindlichen Beſitznahme geſchah. Jetzt läutete vom Thurme von Sankt Peter die große Glocke die Ruheſtunde, und in demſelben Moment ergriff Conrad Eliſa⸗ beth's Hand. „Leb' wohl!“ ſagte er mit dem vollſten Ausdrucke ſeiner Liebe. Sie ſchlug ihr ſchönes Auge zu ihm auf. Ihre Wange war bleich, denn die Angſt ihrer Seele war groß. Sie drückte leiſe ſeine Hand und lispelte:„Gott ſei mit dir und ſchütze dich!“ Es war dem jungen Mann, als könne er die Hand nicht fahren laſſen. Inniger drückte er ſie und wandte ſich dann raſch zur Mutter, drückte ihr und Pankraz die Hand, und indem er ſich zur Thüre wandte, ſagte er:„Folget mir nicht!“— und war verſchwunden. Montbriſard ſtand auf ſeinem Poſten. Er hielt den Degen blank in ſeiner Hand. Sein Ange hielt feſt an der Thüre, während ihn die Blende des Mauerfenſters faſt verdeckte. Jetzt knarrte die Thüre leiſe, und Conrad's kräftige Geſtalt ſtand einen Augenblick auf dem Steintritt, der davor lag. Sein durchdringend ſcharfer Blick durchmuſterte die Umgebung. Jetzt erblickte er die Geſtalt des Franzoſen. Er ſah das Funkeln der 9— Klinge, und wie der hungrige Tiger auf ſeine Beute ſtürzt, ſo ſprang Montbriſard auf ihn ein. Seinen Vortheil kaltblütiger berechnend, als ſein Feind, ſtand Conrad ruhig, bis Montbriſard nahe genug war, um ihn mit dem Degen zu erreichen. Jetzt machte er eine Wendung. Der Degen pfiff an ihm vorüber in das faule Thürgeſtelle, und in demſelben Momente traf ein ſo fürchter⸗ licher Schlag die Hand des Franzoſen, daß klirrend der Degen auf die Platten des Bodens fiel, und mit einem Ausrufe des Schmerzes ſeine Hand herab ſank. Doch ſchnell bückte er ſich nach ſeiner Waffe. Dies ſah Conrad, und ein neuer Schlag auf den Kopf machte Montbriſard taumeln. Dieſer war jedoch nicht der Mann, welcher ſeinen Kampf ſchnell verloren gab. Er raffte ſich auf und fiel mit ſeinen nervigen Armen Conrad an. Zetzt entſtand ein wilder Ringkampf. Die Gegner ſtöhnten im gewaltigen Ringen. Der Sieg blieb lange unentſchieden. Endlich erſah Conrad ſeinen Vortheil, umfaßte mit rieſiger Kraſt ſeinen Gegner, trug ihn in die Oeffnung des Mauerfenſters und hob ihn hinaus, daß er ohne Halt über der Tiefe ſchwebte. Montbriſard umklammerte Conrad's Hals und Arm.„Wache herbei!“ brüllte er in der Todesangſt, und der Ruf drang hin zum Münzthorthurme. Jetzt ſah ſich Conrad verloren, wenn er nicht ſeinen Feind losmachen könnte. Er bot ſeine letzte Kraft auf, wand Montbrifard's Hände los, und dieſer ſtürzte hinab. Und es war ſtille unten, als habe der Tod ſein Opfer empfangen. Aber vom Münzthorthurme her ſtürmten die Franzoſen. Con⸗ rad mußte raſch handeln. Er ſchwang ſich über die Brüſtung des Mauerfenſters, ſetzte ſeinen Fuß in die Vertiefungen der Mauer, wo das Waſſer, das bei Eisgängen wider ſie brauſte, den Mörtel ausgewaſchen hatte; faßte ſich an den vorſtehenden Steinen feſt, und als er die Mitte der Mauerhöhe erreichte, führte ihn ein kecker Sprung gerade zur rechten Zeit hinab; denn ſchon e eine Fugel an ſeinem Ohre vorüber. — 150— Schnell, wie das flüchtige Wild, war er auf dem Hügeldamme vor dem Fleiſchthörchen. Ein Sprung brachte ihn hinter den Damm. Von da ſank das Ufer dem Strome zu und die Kugeln flogen über ihn weg. Ehe noch die Franzoſen das Fleiſchthörchen öffnen konnten, war er in ſeinem Kahne, und dieſer glitt, vom kräftigen Ruder⸗ ſchlage getrieben, wie ein Pfeil über die Fluth hin und verſchwand bald im Dunkel der Nacht. Das Schießen am Müuzthorthurme hatte die Folge, daß die ganze Beſatzung in Aufregung gerieth. Niemand aber wußte, was geſchehen war. Die Wache des Münzthorthurmes hatte den Ruf gehört, ſonſt wußte ſie nichts, als daß Einer entflohen. De la Feuillade klärte indeſſen bald das Sachverhältniß auf. „Wo iſt Montbriſard?“ rief er aus.„Er wird uns ſagen, wohin der Spitzbube geflohen iſt.“ Niemand hatte den Hauptmann geſehen. De la Feuillade eilte zurück an die Stelle, und hier fand er ſeinen Genoſſen im kläglichſten Zuſtande. Lange hatte er von dem Falle betäubt da gelegen. Als er ſeine Beſinnung wieder gewann, vermochte er nicht aufzuſtehen. Ein entſetzlicher Schmerz in einem Beine ſagte ihm, es ſei zerbrochen. Mit Anſtrengung aller ſeiner Kraft hatte er ſich gegen die Mauer hingeſchleppt und ſaß nun ſtöhnend da, ſich an die Mauer lehnend. „Er iſt entflohen!“ rief er dem Freunde zu, ſeinen Schmerz vergeſſend. „Und du?“ fragte dieſer.„Du ſtandeſt ja oben?“ „Er hat eine übernatürliche Kraft,“ ſtieß Montbriſard hervor. „Als er heraus trat, wollte ich ihm den Degen in die Bruſt ſtoßen, aber mit einer großen Gewandtheit entging er dem Stoße. Die Wuth hatte mich blind gemacht. Er ſchlug mir den Degen aus der Hand und nun rangen wir; aber ringe du mit dieſem Teufel! Er trug mich ſchwebend ans Mauerloch, und wie ich mich auch bemühte, mich ſo an ihn zu klammern, daß er mit herabſtürzen müßte, es mißlang, und er ſchleuderte mich herab, daß mir die Beſinnung verging. Er ſelbſt ſprang herab und iſt frei.“— Ein Fluch begleitete die letzten Worte. — 151— „Wie iſt dir?“ fragte der Andere. „Mein Bein iſt zerbrochen!“ „Alle Teufel!“ „War er denn in dem Häuschen?“ „Wohl war er drinnen!“ „So ſollen ſie Alle dafür büßen!“ De la Feuillade ließ nun Montbriſard von den Soldaten wegtragen und eilte zu dem Kommandanten, der ſchon auf dem Wege zu der Stelle war, wo ſich der Knäuel der Soldaten befand, um ihm den Hergang und die offenbare Schuld der Bewohner des Gotteshäuschens zu melden. Eine dumpfe Stille herrſchte in dem Stübchen der angſtvoll Bebenden, als Conrad weggegangen war. Sie hatten Alle die Macht verloren, auch nur ein Wort hervorzubringen. Zentnerſchwer lag ja die Sorge auf ihren Herzen. Leiſe Gebete rangen ſich aus der Bruſt los. Pankraz gewann zuerſt den Muth und die Kraft der Rede wieder. „Ach,“ ſagte er ſeufzend,„wenn er nur glücklich entkommt!“ „Es iſt ja ſo dunkel,“ ſagte Eliſabeth;„aber“— und erſt jetzt wuchs ihre Angſt,„wie kommt er hinaus an den Rhein?“ „Er wird auswendig hinabſteigen,“ ſagte Pankraz. „Gott im Himmel, wie iſt das möglich?“ rief das Mädchen und rang die Hände. „Das iſt ſo ſchwer nicht und macht mir gar keine Sorge,“ entgegnete Pankraz;„denn das Waſſer hat bei den Eisgängen den Mörtel ſo ſehr herausgewaſchen, daß es ein Leichtes iſt, hinab⸗ zuſteigen, zumal wenn man die jugendliche Gewandtheit hat, wie Conrad.“ In dieſem Augenblicke riß Urſula die Thüre auf.„Was iſt zu thun?“ rief ſie mit verſtellter Angſt, denn ſie hatte lauernd an ihrem Fenſterlein Montbriſard ſeinen Poſten einnehmen ſehen und Conrad hinausſchleichen gehört So lange die Beiden draußen rangen, hielt ſie ſich ruhig; als ſie aber den Wacheruf, darauf den — 152— dumpfen Ton des fallenden Montbriſard hörte, und es dann ſo ſtille wurde, hielt ſie's nicht mehr aus. Alle fuhren mit Entſetzen von ihren Stühlen auf.„Was gibt's denn?“ fragten ſie wie mit einem Munde. „Was es gibt? Ihr müßt das beſſer wiſſen! Iſt nicht Conrad fort? Es ſcheint, als ob ein Franzoſe auf ihn gelauert habe!“ Zetzt fielen die Schüſſe. Man hörte den entſetzlichen Lärm, das Laufen, Schießen, Schreien. „Armer Conrad!“ rief Eliſabeth.„O, warum ließen wir ihn fort.“ ² Frau Dreis ſaß wie eine Leiche da. 5 3 Pankraz ſprang auf.„Satan!“ rief er,„das iſt dein Werk! O, dein Lohn wird irerden!⸗ Und mit dieſen Worten eilte er hinaus.— Wäre Uſula rein geweſen, dieſer Ausruf ihres Todfeindes würde ſie beranlaßt haben, ihm, ehe er zur Thüre draußen geweſen wäre, die Gewalt ihrer langen Finger fühlbar werden zu laſſen. das richtige Gefühl des Alten die Wahrheit ſo ſchnell herausge⸗ funden. Auch die Andern ahneten ihr Unrecht.— 5 Einige Minuten hatte Elifabeth ſtarr vor Schrecken da geſeſſen. Die erbleichende Lippe bewegte ſich leiſe in heißem Gebete, das die ringenden Hände, als aus der Seele Tiefe kommend, bewährten. Petzt ſprang ſie plötzlich auf und rief:„Ich bin Schuld an ſeinem Verderben! Ich muß wiſſen, wie es um ihn ſteht.“ Sie eilte der Thüre zu; aber Urfula vertrat ihr den Weg.„Wo willſt du hin in dieſem aufgeregten Zuſtande? Was willſt du beginnen in dieſer allgemeinen Verwirrung in dunkler Nacht?“— fragte ſie das WMädchen. und füge nicht zu alle dem Leide das größte, daß auch dir ein Unglück widerfahre! Gott wird ihn ja nicht verlaſſen! Er geht ja nicht auf unrechten Wegen, und Pankraz wird uns Nachrichten bringe So aber konnte ſie nur hinter einem Schwalle ihrer auserleſenen Schimpfnamen und Schmähungen die Betroffenheit verbergen, daß Auch die Mutter hing ſich an ſie und flehte:„Bleibe, Kind, 153— Der Mutter Wort brachte Eliſabeth zur ruhigen Erwägung zurück, und gab ihrer Seele wieder die rechte Richtung. Ermuthigt erhob ſie das betende Auge nach oben.„Ja,“ ſagte ſie,„Gott wird ihn nicht ins Verderben gerathen laſſen!“ Ruhig in dieſem feſten Glauben kehrte ſie zu ihrem Sitze zurück, und es trat wieder jene Stille ein, die jedem Gemüthe Zeit ließ, in ſeiner eigenthüm⸗ lichen Weiſe die Lage der Sachen anzuſehen und ruhiger Zuverſicht oder beängſtigender Sorge Raum zu geben. Nicht lange aber ſollte dieſer Zuſtand dauern. Der unglück⸗ liche Tag ſollte vor ſeinem Hinabſinken zu ſeinen Brüdern, die geweſen, ein noch größeres Maaß der Trübſal über die ſchuldloſen Bewohner des Gotteshäuschens bringen. Der Zeitraum einer kurzen halben Stunde war hinreichend geweſen, die Ereigniſſe geſchehen zu laſſen, die ſich* entſcheidend gefolgt waren. De la Feuillade war nicht der Mann, der einen Plin leichtlich aufgab. Wenn auch der Kommandant den rohen Scherz der beiden Offiziere mißbilligte, ſo konnte er doch das nicht dulden, daß ſie ein Bürger mißhandle und ihre Soldatenehre beflecke. Auf dieſen Umſtand hin baute de la Feuillade ſeinen Plan, das Mädchen in ſeine Hand zu bekommen. Er ſtellte es dem Kommandanten ſo dar, als hätten die Bewohner des Gotteshäuschens frevelnd den Frevler verborgen, als ſei er von ihnen auch unterſtützt worden, als er Montbriſard die Mauer hinabgeworfen habe. Dieſer konnte das falſche Zeugniß nicht entkräften, weil Montbriſard bereits in den Tempelherrnhof getragen worden war, wo das Lazareth der Beſatzung hatte müſſen errichtet werden. Der meuteriſche Geiſt der Stadtbewohner wurde ihm ſo vorgeſtellt, daß am Ende der Kom⸗ mandant ſelber daran glaubte, zumal von Seiten der Soldaten ſo viel als möglich ihre Schuld an den aufrühreriſchen Beſtrebungen verheimlicht und verdeckt wurde. „So wurde es denn de la Feuillade nicht ſchwer, einen Ver⸗ haftsbefehl zu erwirken, der, mündlich ertheilt, um ſo mehr Macht in die Hand Deſſen legte, der ihn ausführte, als er jener Begrer 7¹ . 1 zung Uutbehrte, welche wahrſcheinlich der ſchriftlichen Ausfertigung nicht würde gemangelt haben. Es lag aber nicht im mindeſten in Feuillade's Plan, die Verhaftung ſelber vorzunehmen. Schlau berechnete er, daß dieſer Umſtand ihn in des Mädchens Augen würde gehäſſig erſcheinen laſſen. Er wählte daher ſeinen Lieute⸗ nant zur Ausführung, und, da der Kummerhof keinen Raum mehr in ſeinen Verließen hatte, ſo beſtimmte er ihm das enge Gefängniß des Marktthorthurmes, um die zu verhaftenden Perſonen dort einzukerkern. Ungeſäumt brach der Lieutenant auf, ſeinen Befehl auszu⸗ führen, und wenige Minuten ſpäter wurde der Frieden des Gottes⸗ häuschens auf eine Weiſe erſchüttert, welche der getreue Chroniſt zu ſchildern kaum Worte finden kann. Er ſagt, daß ein Offizier mit acht Mann in das Häuschen eindrangen und rückſichtslos die Stube der vielgeprüften Frau Dreis betraten. Mit rohen Worten und heftigen Drohungen habe er Alle, welche ſich in dieſer Stube befanden, herausgeriſſen und mit ſich fortgeſchleppt. Umſonſt, fährt er fort, ſeien alle Bewohner der übrigen Gotteshäuschen zuſammengeſtrömt und hätten fußfällig um Schonung der Unglücklichen gebeten. Frau Dreis aber habe ſie beruhigt; habe mit großer Glaubenskraft geſagt, es ſei dies eine neue Prüfung, die der Herr ihr ſende; ſie habe aber Glaubens⸗ muth genug, ſie zu tragen, und habe die Hoffnung, der Herr ſchlage wohl, aber er werde auch wieder heilen; er beuge, aber erhöhe auch wieder und laſſe alle unſere Prüfungen ein ſolches Ende gewinnen, daß wir es könnten ertragen. Darauf habe ſie noch an zwei Worte der heiligen Schrift erinnert, an die:„Aus ſechs Trübſalen habe ich dich errettet und in der ſiebenten will ich dich nicht verlaſſen!“ und:„Rufe mich an in der Noth, ſo will ich dich erhören und du ſollſt mich preiſen.“ Zuletzt habe ſie Alle gebeten, ihrer in ihren Gebeten zu gedenken, und ſei darauf mit den Franzoſen von dannen gegangen nach dem Gefängniß. Wehklagend hätten ſie, ſchließt der Chroniſt dieſen Tag, Alle bis zum Marktthorthurme begleitet. Selbſt der Wärter, der„hart— 5 ——— ———— 3 FFÜÜ“ÜÜ ——— 55— daneben wohnete, in dem Hauſe, zwiſchen bein und dem Thurme vor der Treppe, ſo nach der Untergaſſe führer,“ habe unter heißen Thränen aufrichtigen Mitleides die Thüren des Gefängniſſes erſchloſ⸗ ſen und„alle Welt habe geſagt, niemals ſeien ſchuldloſere Gefangene in ſelbiges Gefängniß geſetzet worden.“ Daß auch Urſuls mit fortgeführt wurde, hätte, wäre nicht das Leid um Frau Dreis und das„herzliebe Kind“ ſo groß geweſen, Freude bei Allen erregt, welche das Dach der Gotteshäuschen ſchirmte. Selbſt der Chroniſt verhehlt es nicht, daß ihr ſolch Unge⸗ mach wäre gegönnt worden,„ſintemal ſie eine böſe Sieben“ geweſen ſei und ärger denn ein Drache, und citirt eine große Zahl Stellen aus den Sprüchen Salomon's und dem Buche Sirach, welche von böſen Weibern handeln und von dem traurigen Looſe, mit ihnen unter Einem Dache zu hauſen. Sie hatte ſich anfänglich wie eine Raſende geberdet; aber etliche unſanfte, handgreifliche Einreden, die einige Gewehrkolben an ihre beträchtlich langen Seiten richteten, beſaßen eine ſo ungemeine Ueberredungskunſt, daß ſie ſich alsbald ſo ſtille in ihr unerwartetes Geſchick fügte, wie Frau Dreis und Elifabeth auch, wenn auch freilich andere Beweggründe bei ihr vorwalteten, als in der Seele dieſer frommen Dulderinnen. Wie könnte aber die Ueberraſchung, der Schrecken und das Leid des alten Pankraz beſchrieben werden? Gleich einem lauernden Iltis war er einhergeſchlichen, um eine Kunde zu erhalten; aber nur wenige Bewohner der Stadt wagten es, ihre Häuſer zu verlaſſen, um zu hören, was geſchehen ſei. Nur der alte Vogel, der Stammgaſt im„Sterne,“ der, weil er mit den Wälſchen reden konnte, ihnen bekannt war, ſchlich unter ihnen herum und ſchnappte gierig jedes Wort auf, welches ſeinem Ohre zugänglich war. An ihn wandte ſich Pankraz. Er zog ihn bei Seite. „Was gibt's?“ fragte er,„du verſtehſt ja die verfluchten Pfalzvergifter, was ſagen ſie denn?“ „Sie reden von Einem, der einen franzöſiſchen Offizier die — 156— Mauer herabgeworfen, daß er ein Bein und ein Gefach Rippen brach“— ſagte Vogel. „Brav gemacht!“ jubelte halblaut Pankraz;„hätt' er ihnen nur all' die Hälſe gebrochen.“ „Still,“ raunte ihm Vogel ins Ohr.„Sie verſtehen deutſch genug, um zu wiſſen, daß du ihnen da keinen Segen wünſcheſt.“ „Haben ſie denn den Flüchtigen gekriegt?“ „Nein,“ verſetzte Vogel;„das iſt es eben, was ſie raſend macht.“ „Gelobt ſei Gott!“ ſtieß Pankraz heraus. „Willſt du ſtille ſein!“ mahnte Vogel.„Aber es kommt mir faſt vor, als wüßteſt du mehr von der Sache, als ich. Wer iſt's denn?“ „Sei ſtille,“ ſprach Pankraz.„Es iſt Conrad Aichſpalter, meiner Schweſter Kind! Komm', laß uns nachſehen, ob ſein Kahn fort iſt; dann bin ich gewiß, daß er gerettet iſt, fonſt nicht.“ Die Dunkelheit begünſtigte die Unterſuchung der beiden Alten. Als Pankraz den ihm wohlbekannten Kahn nicht mehr fand, da hob er Augen und Hände zum Himmel und betete leiſe ein Dankgebet, wie es ſelten aus einer dankerfüllteren Seele zum Himmel ſtieg. Er zog Vogel ſchnell zur Stadt zurück, und es war hohe Zeit, daß ſie kamen, denn die Franzoſen ſchickten ſich an, in die Stadt zurückzukehren. Es gelang Beiden noch, unbemerkt hineinzuſchlüpfen. Pankraz drückte Vogel's Hand, und während Erſterer die Treppe zur Seite des Krahnenthorthurmes hinauf eilte, um den Mauergang zu gewinnen, ſteuerte Vogel langſam die Krahnengaſſe hinauf, wo aus jedem Fenſter Fragen die Fülle an ihn gerichtet wurden, die er des Breiteren beantwortete. Als Pankraz an dem Gefängniſſe des Marktthorthurmes vor⸗ überging(denn der Mauergang führt gerade vorüber), ahnete ſeine Seele nicht, wer hinter der mächtigen Bohlenthüre ſchmachte; als er aber dem Gotteshäuschen ſich näherte und er das Wehklagen vernahm, welches von den Gotteshäuslern ausging, die noch immer gruppenweiſe auf dem Mauergange ſtanden, da überfiel ihn — 157— Angſt, die ihm kaum weiter zu gehen zuließ. Der Athem ſtockte in ſeiner Bruſt und eine Ahnung ſagte ihm, daß das Elend aufs neue dort eingekehrt, wo ſchon ſo manche Thräne gefloſſen ſei. Endlich langte er an, und das ganze Gewicht der erſchüt⸗ ternden Nachricht traf ihn. Nicht einmal der Umſtand, daß Urſula mit in Haft gebracht ſei, konnte ſeinen Schmerz lindern. Lange hatte der in manchem Leid ergraute Mann keine Thräne vergoſſen; aber jetzt weinte er wie ein Kind, und weinend ſchloß er die Thür und ſtieg mit ſeinem Lichtlein die Holztreppe hinab, und erſt, als bereits der Tag in Oſten die erſten Lichter entſandte, kam ein Schlaf der Ermattung über ihn, der, durch beängſtigende Träume geſtört, nicht einmal dem müden Greis Erquickung bereitete. X. Das trägt ſich leicht, Was tief uns beugt— Wenn des Gewiſſens Vorwurf ſchweigt. Altes Kirchenlied. So unerwartet der Schlag die Frauen des Gotteshäuschens getroffen, ſo behaupteten doch Eliſabeth und ihre Mutter den aus Gottvertrauen erwachſenden Gleichmuth in dieſer ſchweren Prüfung; allein ſo war es nicht bei Urſula. Die Kolbenſtöße der Franzoſen hatten zwar dem Strom ihrer gallichten Beredſamkeit einen Damm entgegengeſtellt, den zu über⸗ fluthen Furcht vor der Wiederholung ſolcher Liebesgrüße abhielt; allein das war nur ein gewaltſames Niederdrücken ihrer inneren Seelenarbeit. In ihr kochte es um ſo wilder, je weniger ſie es wagen durfte, ſich einen entladenden Ausbruch zu geſtatten. Selbſt das Weinen und Wehklagen der Bewohner der andern Gotteshäus⸗ chen mehrte ihren Grimm; denn ihr galt die Trauer nicht; und ob ſie ſich gleich kaum verhehlen konnte, daß ſie eher das Gegentheil Lon dieſer Aeußerung der Theilnahme verdienen möchte, ſo wollte — 158— ſie ſich das doch nicht ſelber zugeſtehen, und ſehnte ſich nach dem Augenblicke, wo ſie ungeſtört ihren Zorn auslaſſen konnte. Kaum war daher der Riegel der inneren, eiſernen Gefängniß⸗ thüre vorgeſchoben, kaum knarrte die äußere Thür in ihren Angeln, ſo überſtürzte ſie ſich in Flüchen und ſchmähenden Worten. Alle Welt empfing ſeinen Theil. Zunächſt waren es die Franzoſen, dann der pfälzer Landſchreiber, der ſich getreuer Unterthanen nicht annähme; ſodann die Gotteshäusler, welche ihre Liebesworte empfingen. Weiter kam Conrad an die Reihe, und zuletzt Frau Dreis und Eliſabeth, die ſie als die Urſache ihrer Gefangenſchaft ſchmähte. Lange trugen es die beiden Dulderinnen; aber endlich war es zu arg, und Eliſabeth erhob ſich, der Alten einmal wieder ins ſchlummernde Gewiſſen zu reden. Sie hatte ſo oft den Sturm bedräuet, daß er ſich legte; ſie war ſo oft ſchon den Ausbrüchen raſender Wuth beſchwichtigend entgegen getreten, daß ſie es auch jetzt verſuchte, obwohl ſie ſich geſtehen mußte, daß ſie das böſe Weib nie in einem ſo gewaltigen Grad erzürnt geſehen. Auch diesmal gelang es wieder, und zwar mit ſo überraſchendem Erfolge, daß ſelbſt die Mutter ob der Macht erſtaunte, welche ihres ſanften Kindes ſanftes Wort über dieſe zorneswilde Seele errungen hatte. Allmählig legten ſich die ſchäumenden Wellen des erzürnten Stromes, und es trat einige Ruhe ein. Als aber die an ihr weiches Bett gewöhnte Alte ihre langen Glieder auf die Holzpritſche legen mußte, da brach noch einmal der zurückgedämmte Strom los, und erſt als der Schlaf der Ermüdung der Zunge Ruhe brachte, wurde es ſtille. Mit wunderbarer Ruhe fügten ſich Frau Dreis und Eliſabeth in ihr herbes Geſchick. Wußten ſie ja doch von keiner Schuld, der ſie das Gefängniß zuſchreiben konnten!— Nur Eins ſcheuchte die Ruhe von ihren Seelen, den Schlaf von ihren Augen— die Sorge um Conrad. Noch war ja der Zuſammenhang der Ereigniſſe hnen völlig fremd; noch hatten ſie keine Gewißheit, was aus dem Armen, der ihretwegen litt, geworden ſei⸗ , ————————— — 159— Um ihre geringe Habe bangte ihnen nicht; denn Pankraz und die Treue der übrigen Genoſſen der Gotteshäuschen bürgten ihnen für den vollſten Schutz. Vor den Folgen ihrer Haft hatten ſie auch keine Sorge; denn ſie waren ſich keines Unrechts bewußt, und das, was ſie hätte beängſtigen können, Feuillade's ſchändliche Abſichten, das ahneten ſie nicht. Ihr Gottvertrauen überwand allen Schmerz, . alle Furcht. Ruhig legte ſich, nachdem ſie für Conrad und ſich ſelbſt gebetet, der Schlaf auf ihre Augen; obwohl das ungewohnte Lager diejenigen Eigenſchaften nicht im mindeſten beſaß, welche einen ſanften Schlaf herbeizuführen geeignet ſind. Pankraz hatte kaum eine Viertelſtunde geſchlafen, als er durch einen wüſten Traum geweckt wurde. Er ſah Eliſabeth händeringend daſitzen und hörte ihre Wehklage um Conrad's Schickſal, das ihr unbekannt war. Er ſprang von ſeinem ärmlichen Lager auf. Eben färbte ſich der öſtliche Himmel roth. Auf der unglück⸗ lichen Stadt lag noch die Stille des Grabes. Raſch kleidete er ſich an, denn er erinnerte ſich, daß auf der Südſeite des Markt⸗ thorthurmes ſich eine ſchmale Lucke befand, die, obwohl ſie mit Eiſenſtangen wohl verſehen war, dennoch geſtattete, daß man mit . den Gefangenen reden konnte, da ein Mauerfenſter faſt wider der ſüdlichen Seite des Thurmes ſich gegen den Rhein hin öffnete. Ungeſäumt eilte er nun dorthin. Er rechnete dabei auf den Umſtand, daß die Thorwachen, weil ſie am geſtrigen Abend geſtört worden, hart und feſt ſchlafen würden. So leiſe als möglich ſchlich er ſich über den Mauergang hin. Seine Vorausſetzung hinſichtlich der Wache trog ihn nicht. Es war in dem von Zinnen geſchützten Thurmgemache, worin ſich die Thor⸗ wache aufhielt, ſo ſtille, als ob keine Menſchenſeele ſich dort auf⸗ hielt. Als er gegen der Lucke war, warf er ein Kieſelſteinchen hinein. Eliſabeth wachte ſchon. Sie ahnete, daß das Steinchen von einer befreundeten Hand käme, und eilte an die Lucke, wo ihr in ziemlicher Nähe Pankraz's freundliches Geſicht entgegenlächelte. „Unſere Zeit iſt kurz,“ flüſterte er ihr zu,„und die Wände haben Ohren, darum komme ich ſo frühe.“ Nun erzählte er ihr, was ſich mit Conrad und dem Franzoſen Montbriſard zugetragen; berichtete ihr, daß er glücklich allen Nachſtellungen entgangen und mit ſeinem Kahn entkommen ſei. Er ſagte ihr, daß er nun in Conrad's Häuschen ziehen werde, und dann eilte er eben ſo leiſe zurück, wie er gekommen war. Eliſabeth ſank, als er weggegangen war, auf ihre Kniee, und brachte ihr Dankopfer Dem, der Conrad vor den Verfolgungen ſeiner Feinde gerettet hatte. Ihre Seele durchdrang eine hohe Freude. Mochte nun auch kommen, was da wollte, ſie fühlte ſich ſtark, es zu tragen. Armes Kind, dir iſt noch völlig fremd der ſittliche Abgrund, in den eine Menſchenſeele fallen kann, die aller Religion ledig, aller edleren Grundſätze baar, nur der wilden Leidenſchaft Raum gönnt und, an keine Unſchuld, an keine Sittlichkeit glaubend, die eigene Verworfenheit in jedem Andern wiederzufinden meint. Es war etwa um die neunte Stunde des Morgens, als die Riegel des Gefängniſſes raſſelten. Die Frauen vermutheten den Gefängnißwärter nahen zu ſehen, allein ſie täuſchten ſich. Feuillade trat herein, und ſein Diener ſchloß hinter ihm die Thüre. Mit heuchleriſcher Freundlichkeit nahte er. Seine Reden waren ſüß wie Honigſeim. Er bedauerte mit vielen Worten die Härte des Kommandanten, der um der Flucht eines Unwürdigen willen die Schuldloſen eingekerkert habe. Da er aber Beiſitzer des Gerich⸗ tes ſei, ſo hoffe er Gelegenheit zu finden, für ihre Befreiung zu wirken,— wenn— Eliſabeth dankbar ſein wolle, die er mit aller Gluth ſeines Herzens liebe. Das Mädchen und die Mutter erſtarrten ſchier vor der Rede des Schändlichen.— Eliſabeth vermochte vor Ueberraſchung und innerer Empörung keine Sylbe zu reden; wohl aber nahm die Mutter das Wort mit aller Kraft ſittlich religiöſen Ernſtes und traf den Wüſtling mit gewichtigen Schlägen; allein das prallte „ Alles ab an ſeiner Unempfindlichkeit gegen das Sittliche und Reine. ——— ————————————— ———————— 3 1 * helle Lache aus. Er zog Alles ins Komiſche, begann mit Urſula — 161— Er lachte laut auf und meinte, das ſeien veraltete, ſpießbür⸗ gerliche Begriffe; übrigens müſſe ſie bedenken, daß er die Macht habe, das zu erzwingen, was man ihm gutwillig nicht gewähren wolle. Und nun ſprach er aus einem andern Ton, und nahte ſich Eliſabeth, um ihr ſeine Zärtlichkeit zu beweiſen. Wie fand ſich aber der Unhold getäuſcht! Das deutſche Mädchen ſtieß ihn mit einer Kraft zurück, daß er gegen die Wand taumelte. Wüthend durch ſolches Zurückweiſen, ſchwur er, ſie durch alle Gewaltmittel, die ihm zu Gebote ſtänden, dahin zu bringen, vaß ſie ſich ihm gerne überliefere. Bis jetzt hatte Urſula geſchwiegen; aber jetzt riß der zarte Faden ihrer Geduld mit einem Mal entzwei. „Wagt es,“ rief ſie,„wenn Ihr den Muth habt! Wagt es! Sie iſt die Verlobte Joſeph's, ſag' ich Euch, und wehe Euch, wenn Ihr einen Schritt weiter geht. Mir iſt mehr bekannt, als Ihr glaubt. Ich weiß den Weg nach Montrohal, wo Montal, Euer Feind, einen Arm hat, der bis dahin reicht, wo Louvois Euren großen König leitet.“— Feuillade erbleichte, als dies Weib dieſe Worte ausſtieß. Woher konnte ſie wiſſen, was nur Wenigen im Heere bekannt war? Deutete ſie auf Dinge, die nicht bekannt werden durften? „Was willſt du, alte Hexe?“ rief Feuillade, einen Schritt zurücktretend. „Soll ich es Euch ſagen, was in trunkenem Uebermuthe Ihr ſelbſt ausgeplaudert? Was Ihr mir felbſt geſagt? Soll ich aus⸗ plaudern, daß Ihr von mir ein Tränklein erkaufen wolltet, um Montal aus der Welt zu ſchaffen, der im Stande iſt, Eure Büberei aufzudecken? Denkt an Landau und geht hin, gedrückt von dem Gewichte deſſen, was ich weiß. Aber wagt Euch nicht wieder hierher.“ Feuillade erbleichte vor Wuth. Er ſah ſich in die Hand dieſes teufliſchen Weißes gegeben. Schwarze Gedanken gohren in ſeiner Seele. Sie mußte unſchädlich gemacht werden! Glatt wie ein Aal, der ſic) in allen Richtungen windet, brach er plötzlich in eine — 162— zu ſcherzen und entfernte ſich dann ſchnell; aber in ſeiner Bruſt gohr ein Haß, der kein Maß kannte. Dieſes Weib mußte er mehr fürchten, als irgend Jemanden auf der Erde. Sie wußte Dinge aus ſeinem Leben, die ihn vor die Mündungen der Gewehre gebracht haben würden, ja noch mehr — auf das Schaffot. Und er ſelbſt hatte ſich in ihre Hand gegeben. Sein Gold ſollte ihren Mund ſchließen. Nun ſah er ein, daß dafür nur ein Schloß übrig war— das Grab. Wer ſtand ihm dafür, daß ſie das, was ſie hier geſagt, zur Lucke der Gefängniſſes hinausriefe? Sie freilaſſen— half nicht, wenn er nicht von dem Mädchen abſtehen wollte, und das kam ihm nicht in den Sinn. Brütend über ſeinen ſchwarzen Gedanken, ſchritt er über den bedeckten Mauergang hin. Da begegnete ihm ein Korporal ſeiner Kompagnie, ein Auswurf der Hölle, einer der Brandmeiſter, die ſchonungslos und gewiſſenslos die Fackel in die Wohnungen der pfälziſchen Bürger geſchlendert, der zu Allem fähig war, wenn irgend ein Vortheil zu erringen ſtand. Beide verkehrten lange und heimlich, und als endlich Feuillade's Börſe in des Korporals Hand glitt, war der Handel geſchloſſen, dem die Hölle ihr Siegel aufdrückte. Unterdeſſen hatte Eliſabeth Urſula zur Rede geſtellt, wie ſie es wagen könne, ſie für Joſeph's Braut auszugeben und eine ſo frevelhafte Lüge auszuſprechen. „Biſt du's denn nicht in deinem Herzen?“ fragte Urſula mit ihrer nichts achtenden Keckheit.„Ich habe es geſchworen, du ſollſt ſein Weib werden, und jedes Hinderniß werde ich beſiegen, ſo oder ſo.“ Sie machte eine ſeltſame Bewegung der Hand, und ihr Auge glühte in dunkelm Feuer. Teief empört, richtete ſich das Mädchen ſtolz vor der leiden⸗ ſchaftlich Erregten auf, legte die Hand aufs Herz und ſagte feier⸗ lich:„Und ich ſchwöre hier vor und zu dem Herrn, daß ich nie ſein Weib werde, und wenn alle Mächte der Hölle ſich mit Euch einigten. Er iſt der Sohn des Mörders meines Viters ſind auf ewig geſchieden.“ — 163— Das Wort ſprach Eliſabeth mit einer Kraft und einem Nach⸗ drucke, daß es noch lange im Herzen wie im Ohr Urſula's nach⸗ klang. Sie ſtand wie eine Bildſäule da. Alle ihre Gedanken ver⸗ gingen. Sie mußte ſich an die rauhe, feuchte Kerkerwand lehnen, ſo hatte ſie das Wort erſchüttert. Und eine tiefe Stille trat ein und währte bis zur ſinkenden Nacht. Es war, als habe dieſe Erklärung Eliſabeth's die redſelige Zunge Urſula's gelähmt und überhaupt alle Kraft geraubt. Darauf war ſie nicht vorbereitet geweſen. Es war zu viel für ſie!— XI. Die Nacht, ſie hüllt in ihren dunkeln Schleier, Den Cdeln, wie das Ungehenuer, Und beider Thaten hüllt ſie ein. * 4 „Schießt nur!“ rief er lachend aus,„mein Ruder und mein Riemen bringen mich raſch aus Eurer Schußweite.“ Und ſo war es. Pfeilſchnell ſchoß ſein Kahn über die vom Hauch eines leiſen Abendwindes bewegte Fluth. An eine Gefahr war nicht zu denken, denn dem kühnen Fergen und Schiffer war jeder Quadratfuß Waſſerfläche auf dem Gebiete von Lorch bis Caub hinab ſo bekannt, wie der Raum ſeines kleinen Hauſes. Kaum hörbar ſtrich ſein Ruder die Fluth; kaum hörbar glitt der Kahn über des Stromes friedliche Fläche hin. In der Mitte des Rheins angelangt, brachte er durch einen tüchtigen Stoß den Kahn in das jenſeit liegende Fahrwaſſer, und pfeilſchnell ſchoß er nun gegen die Oſtſeite der Inſel. Unterhalb Bacharach, zwiſchen dem ſogenannten„wilden Gefährte“ und dem Strudel der„Wirbellai“ liegt ein ſich lang⸗ hindehnendes Eiland, von dem Landesherrn in jenen Tagen der Fmilie Heiles verliehen und daher„das Heileſen Wörth“ genannt. Als die Schüſſe knallten, ſprang Conrad in den Kahn. — Rings an ſeinen Ufern war ſie in jenen Tagen dicht mit Weiden und Erlen bewaldet, die ein faſt undurchdringliches Dickicht bildeten. Weit über die Ufer hinaus hingen die Weiden, und wer es erreichen wollte, mußte ſich unter ihnen hindurch winden, dabei aber ſich auf Gefahren gefaßt machen; denn leicht ſchleuderte eine zurückgedrängte und wieder die Freiheit gewinnende Weide durch ihre Federkraft Schiffer und Kahn in die ſtürmende Welle, die ſich, durch die Inſel im Laufe beengt, hier mächtiger durchdrängt. Dem daherfluthenden Rhein entgegen thürmen ſich gehäufte Klippen, und ihr Daſein bedingt das Daſein der Inſel, weil ſie des Eiſes Macht brechen und das Anlegen des Sandes begünſtigen. Etwas tiefer gegen die Mitte der Inſel ſteht ein Häuschen, eine Art von Pavillon. Zu der Zeit, in welcher ſich die Begebenheiten, welche hier erzählt werden, zutrugen, lag das Häuschen ſo ziemlich in Ruinen, wenn es auch nicht völlig zerſtört war. Im Jahr 1632 waren die Schweden bei dieſer Inſel über den Rhein gegangen. Guſtav Adolph leitete von der Höhe dieſes 6 Häuschens aus den Uebergang, und hatte zu dem Ende ſchnell das Dach abdecken laſſen, ſo daß er frei hier oben ſtand und ſeine Befehle ertheilen konnte. Seit dieſer Zeit war auf das Gewölbe, welches das untere Geſchoß des viereckten Häuschens ſchloß, der Regen und alle Ungunſt der Witterung eingeſtürmt, und Niemand trug Luſt, das Dach wieder herzuſtellen, denn die Inſel war damals ſchier zu einer Tenne zertreten worden. Die Zeiten waren ſchlimm, welche der Periode voll Drangſal folgten. Die Familie Heiles war nach Heidelberg gezogen, und der alte Diener, welcher über ihre ſtattlichen Beſitzthümer die Oberaufſicht führte, hatte nicht die Thatkraft, welche nöthig geweſen wäre, das Alles wieder nutzbar zu machen, was mit dem breiten Fuße des Verderbens eine ſchwere Zeit zermalmt hatte, daher die Inſel einer Wildniß glich. Auf dies Häuschen hatte Conrad ſein Augenmerk gerichtet. erinn beachtete es, daher bot es ihm Odach und Zuflucht. Lu den weit in den Strom Weiden war — 165— Kahn ſo leicht zu verbergen, daß ihn ſelbſt das ſchärfſte Schiffer⸗ auge nicht würde entdeckt haben. Mußte er länger hier weilen, ſo öffnete ihm das Niederthal einen leichten Weg, um, ebenfalls ver⸗ borgen, nach Weiſel zu gelangen, wo er gewiß war, Lebensmittel zu finden. Was ihn am meiſten drückte war die endloſe Langweile, eine Folge der völligen Unthätigkeit, zu welcher er verdammt war. Wäh⸗ rend des Tages durfte er nicht vor die Mauern des Häuschens treten, wollte er nicht von beiden Ufern her geſehen ſein, zumal die Weinbergpfade die Inſel ganz zu überblicken geſtatteten. Ent⸗ weder innerhalb der Mauern, oder unter dem überhängenden Dickigt war ſein Aufenthalt. Oft ſank ſein Auge zu; aber dann konnte er die Nacht hindurch nicht ſchlafen, ſo weich auch ſein Lager von dürrem Graſe war, und die Phantaſie hatte dann einen Spielraum, den ſie mit voller Kraft ermaß. So war in tödtlicher Langweile der Montag vorübergegangen. Er hatte die Kähne, die Schiffe, die Wanderer, die eilenden Wolken, die der Thalwind trieb, beobachtet, aber nirgends ein Wort von Eliſabeth vernehmen können, für deren Sicherheit eine entſetzliche Angſt ihn zu ergreifen begann!— Stellte er ſich die Umſtände einfach zuſammen, ſo erkannte er klar, daß ſie bloßgeſtellt war, und daß bei der Feindſeligkeit der Franzoſen das kaum ohne üble Folgen vorüber ging. Erwog er aber die Nachſtellungen der Offiziere und die Möglichkeit, daß ſie dieſe Gelegenheit benutzten, das ſchöne Mädchen in ihre Gewalt zu bekommen, ſo gerieth er in einen Zuſtand fieberiſcher Aufregung. War ſie nicht ſchutzlos? Durfte er ſie verlaſſen? Und doch, wie ſtand er ſelber? Ließ er ſich blicken, ſo fehlte vollends aller Beiſtand der Lieblichen, den er jetzt wenig⸗ ſtens heimlich leiſten konnte. Ja, das wollte er, wie groß auch die Gefahr ſein möchte. Das Wie aber lag noch im Zweifel, und daran zerarbeitete ſich ſein Geiſt. Die Nacht kam endlich, in deren Schutz er hinüber wollte, das zu erkunden, was ihn mit tauſend Sorgen quälte; aber er — 166— wollte Wachen und Stadt erſt in die Arme des mitternächtlichen Schlafes ſinken laſſen, ehedenn er die Stadt beträte, wo ihm, wenn man ihn erkannte, der Tod gewiß war. Dieſe Angſt, dieſe Zweifel waren indeſſen zehnfacher Tod, und länger hielt er's nicht aus ohne Gewißheit! Auch heute war der Himmel mit einer tiefliegenden Wolken⸗ ſchichte bedeckt, von der des Schiffers Kennerauge die Gewißheit genommen, daß ſie ſich als ſtarker Nebel auf Thal und Gebirge legen würde, wenn der Morgen nahe. Er ſtand auf den Klippen vor dem Häuschen, wo kein Weiden⸗ gebüſch die Ausſicht auf den Fluß und die Stadt mit ihren Thür⸗ men und ihrer Burg verdeckte. So dunkel war die Nacht nicht, daß man nicht hätte beobachten können, was über der Fläche des Stromes vorginge. Jetzt läutete es zehn Uhr. Der Strom trug die gewaltigen Glockentöne zu dem Jünglinge herüber, und ſie trugen ſeine Seele himmelwärts. Was er im Gebete heiſchte? O, Eliſabeth's Glück war es. An ſich dachte er ja kaum. Die Töne verklangen. Tiefer ſenkte ſich die nebelige Wolken⸗ ſchichte. Nur noch matt flimmerten die Lichter von Stahleck herab, deſto heller die aus den Fenſtern der armen Stadt. Allmählig erloſchen auch die, und nur auf den Thürmen ſah man die Lohe der Wachtfeuer durch die Fenſter ihren gluthvollen Schein werfen. Es ſchlug elf Uhr auf dem Thurme von Sankt Peter. Sein ſcharfes Auge beobachtete, wie der Schein der Wachtfener trüber wurde. Auf dem Eckthurm, in deſſen mächtigen Gewölben Pulver⸗ maſſen lagen, erloſch es zuerſt, dann auf dem Münzthorthurm, und ſo hielt es die Reihe, das Erlöſchen, bis endlich Alles todtſtille war und dunkel. Zitternd vor Ungeduld ſtand er noch einen Augenblick, um ſich vollends zu vergewiſſern, daß Alles nach Wunſche ſicher ſei, ehe er zu ſeinem Kahn eile, ihn mit ſicherer Hand in die Fluth hinaus⸗ zuſtoßen. In dieſem Augenblick feſſelte ihn eine Erſcheinung außerge⸗ — 167— wöhnlicher Art. Sein ſcharfes Ohr erkannte deutlich einen leiſen, ſehr vorſichtigen Ruderſchlag von der Stadt her, den eine kunſtge⸗ übte Hand führte. Conrad ließ ſich auf ein Knie nieder und ſah ſcharf über die glänzende Linie hin, welche die Oberfläche des Waſ⸗ ſers bildete. Wenige Augenblicke ſpäter ſah er einen Kahn daher kommen, in dem mehrere Franzoſen theils ſtanden, theils ſaßen. Einer führte das Ruder ſo, daß man den erfahrnen Schiffer auf der Stelle erkennen konnte. Die Richtung des Kahnes ſchien auf die Inſel zu gehen. Ha! Das gilt dir! ſagte Conrad zu ſich; aber er erſchrack nicht eben heftig, denn er kannte ſo ſichere Schlupfwinkel auf der Inſel, daß ſelbſt Solche, welche die Räumlichkeit genau kannten, ihn nicht würden gefunden haben. Seine einzige Beſorgniß, die freilich ihn nicht unberührt ließ, wenn er an die Auffindung und Wegnahme ſeines Kahnes dachte, wurde indeſſen bald gehoben. Der fremde Kahn ſchnitt jetzt nicht weit vor dem Eilande quer durch, um das raſcher fluthende Fahr⸗ waſſer zu erreichen. Die Ruder ruhten und überließen den Kahn dem Strome. Die Soldaten hoben eine weibliche Geſtalt auf, die im Kahne gelegen. Sie war ſehr groß. Wie ſie auch geknebelt war, ſie rang heftig. Man konnte ihre halberſtickten Laute hören. Bald aber übertönte ein teufliſches Hohngelächter dieſe Laute, und ein dumpfer Schlag ins Waſſer ließ den Einſamen erkennen, daß ſich die Fluth üher der Unglücklichen für immer geſchloſſen, und im kühlen, feuchten Bette ſie den Todesſchlaf zu ſchlafen begonnen hatte. Raſcher ſchlugen jetzt die Ruder in die Wellen, und bald war der Kahn gegen Bacharach hin wieder verſchwunden. Conrad ſtand ſtarr vor Entſetzen. War auch Alles von der offenen Gewalt der Feinde zu fürchten, an ein heimliches Hin⸗ morden dachte Niemand. Zetzt war das Entſetzlichſte vor ſein Auge getreten, was er je erlebt, was er nie gedacht, und im Innerſten ſeines Weſens rieſelte das Entſetzen mit Eiſeskälte. War indeſſen früher ſchon ſeine Angſt um Eliſabeth groß, jetzt wuchs ſie in rie⸗ 4 — 168— ſigem Maaß, und ohne weiter etwas zu überlegen, rannte er zum Ufer, löſte ſeinen Kahn, ſchob ihn hinaus in die Strömung und ſprang hinein. Er trieb ihn mit kräftigem Ruderſchlag⸗ um die gegen Caub gerichtete Spitze der Inſel; ſteuerte dann unter überhängenden Weiden bis gegen die Klippen, welche hier zwiſchen dem linken Ufer des Rheins und der Inſel liegen, durchſchnitt darauf den ſchmalen Arm des Stromes, welcher zwiſchen der Inſel und dem linken Ufer durchfließt, und gewann ſchnell einen ſichern Landungs⸗ ort; denn auch hier wucherten Weiden im üppigſten Dickigt, und unter ihnen barg er den Kahn. Vor ihm lag nun die Niederung, in welcher die Bewohner der Stadt ihre Gärten haben, und die den unſeligen Namen„Ketzer“ trägt, weil hier einſt in jenen finſtern Zeiten der Kirche und unmenſchlicher Prieſtergewalt ein Armer den ſchrecklichen Feuertod auf dem Scheiterhaufen ſtarb, weil er mit den erſtarrten Satzungen der Kirche innerlich zerfallen war und ihn das Gewiſſen drängte, mit dem Munde Zengniß von ſeiner Ueberzeugung zu geben. Schmale Wege, theils von Rebenſpalieren, theils von hohen Zäunen eingefaßt, führten gegen das nächſte Stadt⸗ thor, das an der Münze, in deſſen unmittelbarer Nähe die Gottes⸗ en liegen. Conrad ſchlich, gebückt, durch dieſe Wege zur Mauer und, eng an dieſe angedrängt, gelangte er zu der Stelle, wo er in der origen Nacht herabgeklettert war. Das Hinaufklettern ging eben ſo gut und völlig unbemerkt von ſtatten. Leiſe ſtieg er die Treppe zur Seite des Fleiſchthörchens hinab, an Pankraz's Fenſter. Er klopfte. Alles war ſtill. Pankraz ſchlief in Conrad's Hauſe. Ein ſtärkeres Klopfen würde die Nachbarn geweckt haben. Er ließ daher ab und ſtand rathlos da.— Endlich kehrte er auf die Mauer zurück und ſchritt vorſichtig den Mauergang entlang bis zur Wohnung des Gefüngißwärters und Nachtwächters Arnold Fabian, welcher neben dem Marktchorthurme wohnte. Dort war Licht, das ſah er durch die Fugen des Ladens. Auf ſein Klopfen wurde ihm geöffnet. Der prallte zurück, als er Conrad erblickte, denn er * war ſein Jugendfreund und Spielgenoſſe, der ihn immer herzlich lieb gehabt, aber auch die Gefahr kannte, welcher er ſich jetzt ausſetzte. „St!“ flüſterte Conrad, ſchob den Erſtaunten zurück in die Thüre, folgte ihm ſchnell und ſchloß ab. „Woher kommſt du? Was willſt du hier, wo dein Kopf auf dem Spiele ſteht?“ fragte betreten der ehrliche Fabian.* „Stille, ſtille!“ entgegnete Conrad.„Sage mir nur, wie es um Eliſabeth und ihre Mutter ſteht!“ Sie waren in die Stube getreten, und da Fabian eben erſt die Mitternachtsſtunde geblaſen, hatte er Zeit genug, dem Freunde Rede zu ſtehen. Aber welches Erſtaunen ergriff Conrad, welcher tiefe Schmerz, als er vernahm, was ſich ereignet hatte! Alles, auch das Betragen de la Feuillade's im Kerker theilte ihm Fabian mit. Schmerz und Zorn theilten ſich in die Herrſchaft in ſeiner Seele! Allein wie ſollte er helfen? Wie ſie retten? Nirgends war ein Ausweg! Verzweifelnd rang er die Hände. Erſt Fabian's ſanftes Zureden gab ihm einigermaßen ſeine Ruhe wieder. „Sind ſie noch im Kerker? Sahſt du ſie?“ 3„Noch vor einer Stunde, als ich Urſula herausließ, ſagte ich ihnen eine gute Nacht,“ war Fabian's Antwort. — Conrad's Seele durchzuckte eine Ahnung.„Wurde ſie frei?“ fragte er ihn. „Nein,“ ſagte Fabian;„drei Soldaten holten ſie zum Ver⸗ höre ab.“ „Und ſie iſt nicht wiedergekehrt?“— fragte Conrad wieder. „Nein.“. „Heiliger Gott! ſo iſt ſie es geweſen, welche die Mörder ertränkten, und vielleicht will Feuillade zunächſt an die alte Mutter, daß die Tochter ihm hülflos überliefert werde?“ Petzt war der Schrecken und das Entſetzen auch an Fabian! „In Wahrheit, Conrad,“ ſagte er,„mirgars unheimlich, als die Kerle mit den teufliſchen Geſichtern, ſo recht wie Henkersknechte, hereintraten und ſo grinzend lachten, als ſie Urſula wegführten. ————— — 170— Auch ſchien mir das kleine Pförtchen neben dem Zollthore, als ich vor einer Stunde vorüberging, nur angelehnt. Ich ſah nach, und es war dem ſo.“ „Haſt du es geſchloſſen?“ fragte Conrad eifrig. „Nein; ich wilb's eben jetzt ſchließen, wenn ich Eins blaſe.“ „O dann laß es offen, ich flehe dich an, bis ich über Stock und Stein bin.“ Das verſprach Fabian, und da es kaum noch fünf Minuten vor ein Uhr war, nahm er ſein Horn, bat ſeinen Freund, ſich bis zur Wiederkehr zu gedulden, wo ihm dann die Freude werden ſollte, die Geliebte zu ſehen. Conrad ſaß da in der ſtillen, einſamen Stube. Dort hing der Schlüſſel, nahe dabei waren Ketten, Stricke, Handſchellen, ein ſogenannter„polniſcher Bock“ und einige Werkzeuge milderer Folter. Der Gedanke, daß fie davon zu leiden haben könnte, durchbebte ihn. Ueberhaupt wogten in ihm die mannichfaltigſten Gefühle. Rettungs⸗ pläne tauchten auf und zerrannen wieder, wie bunte Seifenblaſen. Noch nicht einmal hatte Fabian geblaſen, da kamen unge⸗ wiſſe Schritte den Mauergang her. Fabian's Thüre that ſich auf — jetzt die Stubenthüre— und de la Feuillade in völliger Trun⸗ kenheit ſtand vor Conrad. Dieſer erſchrack und erbleichte, weil er ſich in der Hand ſeines Feindes ſah; aber ſogleich erinnerte er ſich, daß ihn der Franzoſe nicht kennen konnte, da er ihn wiſſentlich und in Beziehung zu jener ſchmählichen Niederlage in der Roſengaſſe nie geſehen habe. Das gab ihm die ruhigere Haltung wieder, ſofern eine ſolche in dieſem Augenblicke, dieſem Menſchen gegenüber, möglich war. „Coneierge, lallte der Trunkene,„aufmachen— Schlüſſel „Ganz wohl,“ ſagte der Jüngling, dem dieſem Angenblicke wunderliche Gedanken durch den Kopf raſeten. 1. * So gingen beide der nahen Thüre des Gefängniſſes zu. — „Du Mutter wegführen— Mauer werfen— laufen laſſen— 3 c'est egol!— Ich— Tochter! Allons!“ Conrad zündete eine kleine Laterne an, nahm den Schlüſſel. —,— — 171— In Conrad's Seele gerannen die wogenden Gedanken zu einem feſten Entſchluſſe. Mit jedem Schritte wurde er ſich klarer deſſen bewußt, was er in dieſem Momente, den ihm Gott geſendet, thun ſollte. Sie kamen zum Gefängniſſe. Conrad, deſſen Hand noch vor einem Augenblicke gezittert, erſchloß jetzt feſten Griffes die Thür. Er ſelbſt kannte die Räumlichkeiten dieſes Thurmes und des Gefängniſſes früher nicht. Zetzt aber ſah er vor ſich eine eiſerne Thüre, zu der ihm der Schlüſſel fehlte. De la Feuillade donnerte heftig, als er es wahrnahm. „Allons, holen!“ rief er, und Conrad eilte hinweg. Wieder trat er in die Stube Fabian's. Dieſes Mal ſtrahlte ſein Antlitz von innerer Freude. Raſch ergriff er den kleineren Schlüſſel und dann eine Hand voll Stricke, die er ſorgfältig ver⸗ barg, und in wenig Augenblicken war er wieder bei dem Fran⸗ zoſen. Dieſer merkte in ſeiner Ungeduld nicht, daß Conrad die äußere Thüre ſorgfältig innen abſchloß, dann aber erſt die eiſerne Pforte öffnete. Ein Schrei wurde laut, als die beiden Gefangenen Conrad und ſeinen Begleiter erblickten. „Seid ruhig,“ rief mit unterdrückter Stimme Conrad.„Die Stunde eurer Rettung iſt da!“ Während de la Feuillade auf das bebende, zweifelvolle Mäd⸗ chen zutaumelte, warf ihm Conrad rücklings eine ſchnell geſchlungene Schlinge über, die, von rieſenkräftiger Fauſt gezogen, ihn des Gebrauches ſeiner Arme beraubte. Schnell war ſie feſt gemacht. Nun warf ihn Conrad nieder; riß der Frau Dreis die Schürze herab und umwand ihm den Mund, daß er nicht ſchreien konnte. Schnell, wie der Wind, waren die Stricke bei der Hand, ihn an den Füßen zu feſſeln, und ehe die beiden Frauen begriffen, was geſchah, zog ſie Conrad hinaus, löſchte ſeine Leuchte, ſchloß die Thüren ab und flüſterte ihnen zu:„Eilet nach dem Zollthore; ich folge ſogleich! Das Thürchen iſt offen!“ — 172— Darauf ſprang er zu Fabian's Thüre, ſchloß ſie ab, ſteckte auch dieſen Schlüſſel zu ſich und eilte den fliehenden Frauen nach. Bald lag das Zollthor hinter ihnen und mit ihm die Stadt. Jetzt zog er ſie ans Ufer, hinter den ſchirmenden Hafendamm und lief zu einem dort an der Kette liegenden Kahne. Mit Hülfe des ungeheuern Gefängnißſchlüſſels ſprengte er einen bereits faſt durch⸗ geſchliffenen Ring der Kette. Die Frauen ſtiegen hinein, und bald ſchwamm der Kahn auf den ſtillen Wogen des Stroms, und Nie⸗ mand jenſeit der Mauern ahnete, was geſchehen war; aber Der, Der uns trägt in ſeiner Vaterhand, hörte die ſtillen Dankgebete, welche aus drei glücklichen Herzen mit aller Gluth und Innigkeit zu ſeinem Thron emporſtiegen. Eine kurze Zeit ſpäter legte der Kahn am jenſeitigen Ufer an, und Conrad rief jubelnd aus:„Ihr ſeid gerettet!“ XII. . Das iſt der Sünde Lohn, daß inn're QOual, Die nicht zu tilgen iſt⸗das Herz zerreißt, Daß nirgends Troſt und nirgends Lind'rung iſt; Und daß die Hölle ſchon hienieden brennt— Im kleinen Raume, den„das Herz“ Ihr nennt. Der raſche Gang der Begebenheiten nöthigt den Erzähler, ſeine lieben Leſer wieder zurück zu führen zu dem Sonntag Abend, deſſen Ereigniſſe bereits erzählt worden ſind. Der Waibel des Saalſchultheißen blieb unendlich lange aus. Die Nacht mit ihren Schrecken kam und rückte alle die Thaten ſeines Lebens dem Saalſchultheißen ſo nahe, daß er ſich verzwei⸗ felnd in ſeinem Bette gebärdete. Und keine Seele war zu ſeinem Troſte nahe. Sein Sohn lag droben auf Stahleck im Kerker; ſeine Magd gab ihrem Buhlen ein Stänschen am Thore des Saals, und der Waibel war drunten in der Fleiſchgaſſe und drückte ſich an die Ecke des„Sterns,“ um die Entwickelung der Begeben⸗ — 173— heiten abzuwarten und zu Frau Dreis zu gehen; allein noch ehe er ſeinen Auftrag erfüllen konnte, ſah er ſie, Eliſabeth und Urſula in das Gefängniß abführen, und vernahm den lauten Jammer der Gotteshäusler. Das Alles konnte er ſich nicht deimen. Er ſchlich deßwegen die Untergaſſe hin, und als er in der auf⸗ wärts nach der Obergaſſe ſtreichenden Krahnengaſſe nach Abzug der Franzoſen, laut reden hörte, geſellte er ſich zu Vogel, der dort den Zuſammenhang erzählte. Es war ſpät geworden, als er in den Saal zurückkehrte. Er glaubte dem Alten eine erheiternde Kunde zu erzählen durch die Mittheilung deſſen, was er erfahren; aber wie täuſchte er ſich! Mit Zittern vernahm dieſer die ſchwere Prüfung der armen Wittwe. Er ſah ſie noch unglücklicher werden, als er ſie ſelber ſchon gemacht, und die Qual des Gewiſſens wurde nur noch geſchärft, noch geſteigert. Er ließ den Waibel nicht von ſich, weil er in des Menſchen Nähe Troſt fand; allein bald vergaß er deſſen Anweſenheit brach in laute Selbſtanklagen und Selbſtverwünſchungen aus, und der Waibel hörte zum erſten Male Dinge, die ihm das Blut erſtarren machten. Spät erſt ſchlief, völlig erſchöpft, der Alte ein, und der Waibel dankte Gott, daß auch ſeine Folterqualen zu Ende gingen. Kaum graute der Morgen, als ihn der Saalſchultheiß ſchon weckte. „Rufe mir den alten Pankraz hierher!“ befahl er,„und dann meinen alten Freund Gilzer, doch zuerſt den Pankraz! Tummle dich!“ Abermals eilte der Waibel zu dem Gotteshäuschen. Alle Thüren waren zu, und als er endlich lange genug gepoltert, kam eine alte Frau, deren Wohnung neben an der der Frau Dreis lag, heraus, und ſagte ihm, Pankraz ſei in Conrad's Hauſe, ſie aber bewahre die Wohnung und Habe der armen Frau Dreis. So machte ſich denn der Waibel dorthin auf den Weg. Pan⸗ kraz ſah aus dem Fenſter, als der Waibel klopfte. Dieſer erſchrack vor den bleichen, kummervollen Zügen des alten Mannes; aber er richtete ſeine Botſchaft aus. „Laß mich in Ruhe,“ ſagte Pankraz.„Ich habe nichts mit dem Manne mehr gemein, zu dem du mich rufſt.“. „Mach' doch auf, Pankraz,“ flehte der Waibel,„daß ich dir ſage, wie es um den Alten ſteht.“ ZJetzt öffnete Pankraz die Thür, und der Waibel trat zu ihm ein. Pankraz ſchüttelte den Kopf bedenklich, als ihm der Waibel die Lage des Saalſchultheißen erzählte.„Seine Stunden ſind gezählt,“ ſchloß der ſeine Erzählung.„Komm' mit, Pankraz, viel⸗ leicht daß er Böſes gut machen will durch dich.“ Nach einigem Nachſinnen ergriff der Alte ſeine Mütze und folgte dem Waibel. Es war ein Gefühl, das ihn innerlich durchſchauerte, als Pan⸗ kraz in den Saal trat und die Wache erblickte, welche die S der Franzoſen bewahren ſollte. Es drückte ihm die Bruſt zuſammen, daß er kaum athmen konnte, als er die breiten Steinſtufen hinaufſchritt zur Wohnung des Saalſchultheißen, die er ſo gut aus früherer Zeit kannte. Zetzt trat er in das wohlbekannte Gemach, wo vor einem ſtarkverſchloſ⸗ ſenen Wandſchranke das Bett des Saalſchultheißen ſtand. Dieſer wandte Pankraz ſein entſtelltes Geſicht zu. Der Waibel wollte ſich entfernen. „Bleib' hier, Jeremias,“ ſprach immer noch halb lallend der Kranke;„du ſollſt Zeuge ſein deſſen, was ich thue. Pankraz,“ ſagte er,„ſetz' dich näher an mein Bett, das Reden fällt mir ſchwer.“ „Ach, da innen,“ er deutete auf die Bruſt,„da innen brennt ein Feuer, das der Pater Kaverius nicht löſchen kann! Ich habe viel Uebels gethan. Am meiſten an der Frau Dreis.“— Pankraz wollte reden, denn es trieb ihn, dem Alten das Gewiſſen vollends zu wecken, da er noch nicht wußte, was er wollte.— — 175— „Sei ſtille, Pankraz,“ fiel ihm der Saalſchultheiß in das Wort.„Ich weiß, was du ſagen willſt. Der Tod ihres Mannes liegt auf meiner Seele! O, daß ich die Todten erwecken könnte! Ach, Pankraz, bete für meine arme Seele!— Aber ich habe ſie auch arm gemacht, weil meine Rache für verſchmähte Liebe keine Grenzen kannte.— Ich habe ihr ein Kapital abgeſchworen!— Sie leidet jetzt, und ich kann es ihr nicht ſelber geben. Dir will ich es geben, daß du es ihr erſtatteſt. Du biſt ehrlich. Jeremias, kniee dich auf mein Bett. HOeffne den Schrank. Nimm das Päck⸗ lein heraus— dort— in der Ecke! So!— Gib es dem Pan⸗ kraz. So! Pankraz. Es iſt das Kapital, ſammt den Zinſen bis auf den heutigen Tag! Ach, wie wird mir?“ rief der Kranke plötz⸗ lich und ſank zurück.„Mein Sohn! Mein Sohn!“ das waren ſeine letzten Worte. Der Tod hatte ſein unverkennbares Siegel auf das Antlitz deſſelben gedrückt, der Schlag wiederholt. Pankraz faltete ſeine Hände und betete laut:„Herr, ſei dem armen Sünder gnädig!“ Darauf ging er hinaus, und der Waibel ſchloß ſchnell die Thüre, um den alten Gilzer herbei zu rufen. Als Gilzer kam, war Pankraz längſt mit ſeinem Schatz in Eonrad's Hauſe. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, denn der Sack war ſehr ſchwer. Er öffnete ihn, und ſogleich fiel ihm ein Blatt in die Hand. Mit zitternder Hand ſtand darauf geſchrie⸗ ben:„Fluche mir nicht! Vergib, wenn du kannſt! Was über die Zinſen und das Kapital iſt, das ſei für die Ausſteuer deines Kindes. Möge Gott dir deine Leiden alle in Freuden verwandeln und mir vergeben! Molina.“ Pankraz's Auge wurde feucht. Er band den Geldſack zu, ſtieg hinab in den Keller und barg ihn ſorglich unter einer der Schieferplatten des Bodens. Darauf eilte er hin zum Marktthor⸗ thurme, den Frauen die Botſchaft zu bringen. Es war noch früh am Tage. Schon von ferne ſah er einen großen Menſchenhaufen an der Thüre des Gefängniſſes ſtehen. Neue Angſt ergriff ſein Herz⸗ 76— Sollte hier ſich wieder neues Elend ereignet haben? Ach, war deſſen ja doch ſchon ſo viel! zu viel!— Er eilte, ſo viel er ver⸗ mochte, denn die ſtete Unruhe und Anſtrengung der letzten Tage hatte ihn mächtig erſchöpft, daß er's kaum ſo länger ertragen konnte. „Was gibt's denn hier?“ fragte er die zunächſt ſtehenden Leute. „Weißt du's denn noch nicht?“ fragte der alte Vogel.„O, das iſt in alle dem Elende doch einmal eine luſtige Geſchichte! Letzte Nacht kommt der Conrad zu dem Fabian“— „Das lügſt du in deinen Hals hinein,“ rief Pankraz.„Wäre Conrad hier geweſen, er würde gewiß zu mir gekommen ſein!“ „Hört'mal den alten Narren!“ lachte der Vogel.„Er meint, der prächtige Burſche ſolle ſich noch ſolch' einen alten Hemm⸗ ſchuh einhängen, wenn er einen ſo ſchönen Streich machen will! Das wäre klug geweſen, meiner Treu!“ Die Leute lachten, wenn auch nicht, wie ſie gerne gewollt, denn es waren noch Franzoſen in der Nähe. „So rede denn!“ rief Pankraz, deſſen Neugierde von Minute zu Minute wuchs. Der Freude konnte er ſich eben noch nicht hin⸗ geben, weil er die Geſchichte noch nicht kannte. „Nun,“ fuhr Vogel fort,„der Fabian geht ſeine Stunde zu blaſen, es war etwa um Eins dieſe Nacht,— und der Conrad bleibt in ſeiner Stube. Als der Fabian wieder kommt, iſt ſeine Thüre verſchloſſen und der Schlüſſel fort.“ „Was?“ rief Pankraz—„du wirſt doch nicht ſagen wollen“— „Der Fabian,“ fährt Vogel fort, ohne ſich irre machen zu laſſen,„ahnet nun etwas und eilt auf die Hauptwache; aber der Offizier fehlt, der Herr Marquis de la Feuillade, der ſaubere Finke! Sie ſuchen ihn im„Stern“— er war fort; in allen Wirthshäuſern— er iſt nirgends. Nun wird's dem Kommandanten gemeldet. Der kommt nach einer Stunde ſelbſt und hört des Fabian's Erzählung an, dem's auch nicht zu Muthe war, wie dem Pfaff am Oſtertag. Item, der Kommandant iſt ein Menſchen⸗ freund, das wiſſen wir Alle, der uns Vieles abwendet, wenn er * 177 kann. Er tobt nur über den Offizier, der die Wache verlaſſen in einer Stadt in Feindes Lande— denn im Dienſte verſteht er keinen Spaß. Endlich geh'n ſie mit einem herbeigerufenen Schloſſer zu Fabian's Haus; brechen's auf und richtig!— die Gefängnißſchlüſſel ſind fort! Jetzt geht's ans Gefängniß. Da raſt Einer drin wie beſeſſen. Auch dieſe beiden Thüren bricht der Schloſſer auf, und ſiehe da!— Was meinſt du?“— „Weiter! weiter!“ rief Pankraz, und faßte Vogel's Hände, denn er zitterte vor Ungeduld. Der labt ſich einen Augenblick an ſeiner Spannung und ſagt dann:„Die Vögelchen waren fort, das Neſt leer, nur der Herr Marquis de la Feuillade wälzte ſich auf der Erde herum, gebunden an Händen und Füßen, und um den Mund eine Frauenſchürze gewickelt, jedoch ſo, daß er nicht erſticken konnte. Ein paar Don⸗ nerworte des Kommandanten gebieten, ihn der Stricke zu entledigen, aber an Freiheit iſt nicht zu denken, denn er muß in dem Gefäng⸗ niß in Haft bleiben, wo Elifabeth und ihre Mutter geſchmachtet. Ehe jedoch der Tag grauete, wurde er fortgeſchafft nach der Moſel, wo er ſeine Schande verbergen mag hinter den Wällen von Mont⸗ rohal, ja man munkelt, er werde erſchoſſen werden, was ihm gebührte.“ „Und Frau Dreis und Eliſabeth?“ fragte Pankraz. „Sind gerettet,“ entgegnete Vogel;„aber wo— das weiß Gott. Hoffentlich weit genug, daß ſie der Arm der Verfolgung nicht erreichen kann!“ Pankraz hatte genug gehört, um einen Dankesblick nach oben zu richten. Er verließ den Ort, wo er geſtanden, und eilte heim. Wie er ſich inniglich der Rettung freute für die beiden Dul⸗ derinnen, ſo freute er ſich auch des Retters und ſeines tapfern Sinnes, aber auch der neuen Fortſchritte, die er gewiß in der Achtung und Liebe Eliſabeth's gemacht haben würde. Wie innig dankte der Greis ſeinem Gott für die glückliche Rettung ſeiner Lieben! Wie war ſeine Seele voll Freude! Hätte er nur noch gewußt, wo ſie ſeien, ſein Glück wäre vollkommen geweſen. 8** XIII. Wo der Zerſtörung Mächte walten, Da ſinkt das Glänzendſte in Staub; Da wird, was groß und ſchön geweſen, Schnell der Vernichtung ſich'rer Raub. —— Mehrere Tage waren vorüber gegangen unter dem Drucke dumpfer Angſt für die arme Stadt und ihre Bewohner und unter einer etwas Außerordentliches verkündenden Unruhe unter den Fran⸗ zoſen, ohne daß man jedoch wußte, was ſie ſo unruhig mache und die ſeltſamen Vorkehrungen zu bedeuten hätten. Mächtige Pulver⸗ vorräthe wurden aus den Gewölben des nordöſtlichen Eckthurmes der Stadt, gegen den Rhein zu, und unter dem„Zehntenthore“ gelegen, auf die Burg Stahleck geſchafft, eben ſo in den dem Zehn⸗ tenthore zunächſt ſtehenden ſpitzen Thurm und jenen am Kühlberg, über der pfälziſchen Kellnerei. Die Kranken und Verwundeten wurden aus dem„Tempelherrnhofe“ neben der Kirche und dem „Apoſtelhofe,“ welcher der Apoſtelkirche in Köln zu eigen war, und der auch als Lazareth gedient hatte, auf weichgebettete Wagen geladen und nach Montrohal an der Moſel abgeführt. Alle Vor⸗ räthe der Burg, alle Geſchütze, ſelbſt die Bagage der Soldaten, zogen deſſelben Wegs in langer Reihe. Niemand wußte, was es zu bedeuten habe, aber entſetzliche Ahnungen erfüllten die armen Bürger. Was man ſo ſehr gefürchtet, nämlich, es möchte über die gefangenen Bürger ein ſchweres Gericht gehalten werden, es bewährte ſich nicht, weil, wie es ſchin der Kommandant es nicht wollte. Mitten in dieſen granenpollen Vorbereitungen hallten die Glocken ſchauerlich zuſammen zur Leichenfeier des Saalſchultheißen. Hinter dem Sarge ging bleich und ſichtlich tief erſchüttert Joſeph neben Gilzer. Noch war ſein Kopf verbunden. Der Kom⸗ —, 6— 179— mandant hatte ihn frei gelaſſen unter der Bedingung, daß er nach dem Leichenbegängniß die Stadt verlaſſe. Als in der Umgebung von Sanct Werner die Leiche eingeſenkt war, kehrte er mit Gilzer und den Wenigen, die der Leiche gefolgt waren, zum Saale zurück, übergab Gilzern die Bewahrung ſeiner Habe und ſtieg dann am Ufer in einen Kahn. Bis zum Kahne begleiteten ihn Gilzer und Emmerenzia, ſeine Tochter. Von dem Hügel der Linde am Fleiſchthore winkte ſie mit ihrem Tuche, ſo lange ſie den Kahn ſah, und erſt, als dieſer hinter dem„Heileſen⸗ Wörthe“ verſchwand, kehrte ſie mit ihrem Vater heim; während Joſeph gen Caub ruderte, dort ſo lange zu bleiben, bis ihm die Rückkehr würde geſtattet werden. Aus dem hinteren Pförtchen von Lorchhauſen ſchritten an dieſem Morgen drei Perſonen. Sie bogen in den Pfad ein, der zu der Höhe hinaufführt, welche Bacharach überſchauen läßt. Es war eine betagte Frau, ein engelſchönes Mädchen und ein blühender Jüng⸗ ling in einfacher Schiffertracht, die Frauen im ärmlichen Gewande. Der Jüngling ſtützte die betagte Frau, als ſie die Höhe hinauf ſtiegen. „Es iſt doch ſeltſam, Conrad,“ ſagte die Frau zu ihrem Führer,„mir wird allemal wohl, wenn ich die Mauern meiner Vaterſtadt ſehe. Wüßten wir nur, wie es drüben ſteht; aber die Verbindung iſt aufgehoben. So müſſen wir uns gedulden bis zu beſſeren Tagen.“ „Wie wird's ſtehen?“ ſagte Conrad und ſah wehmüthig nach der Stadt.„Glaubt Ihr, Frau Dreis, daß es beſſer geworden? Ich zweifle ſehr, und ein dunkles Vorgefühl, das mich unausgeſetzt verfolgt, ſagt mir, daß der armen Stadt noch Schlimmeres bevor⸗ ſtehe. Wüßte ich nur, was aus Fabian geworden.“ „Du haſt ja den Schlüſſel de eigenen Thür abgezogen,“ ſagte Eliſabeth, und blickte ſo mildlächelnd zu Conrad auf, daß ihm das Herz voll Freude wurde.„Auch wird ja der Franzoſe, der völlig nüchtern geworden ſein mag, ſchon ſagen, es ſei ein Anderer geweſen, der ihn geknebelt, als der ſchmächtige Fabian, der ſo — 180— dürre wie ein Schneider ausſieht, und das wohl nicht fertig gebracht hätte.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Conrad.„Nun, Gott wolle Böſes von ihm ferne halten; aber ich konnte nicht anders handeln, und wäre es ſo nicht gekommen, ſo wäret Ihr wohl noch in der Gewalt der Franzoſen.“. Beide Frauen falteten ſtill ihre Hände und blickten gen Himmel. Sie erreichten nun bald die Höhe. Vor ihnen lag die Stadt, angelehnt an den Schloßberg und die Vogtswieſe, ſo ſtille, ſo friedlich, als beherberge ſie nicht ſo namenloſes Leid und Weh'. Beiden traten Thränen in die Augen bei dem Gedanken an dieſen Zuſtand, der äußerlich ſo friedlich, innerlich ſo zerriſſen war. Da klangen die Glocken herüber. „Das gilt Einem, der vollendet hat ſein mühſam Tagewerk,“ ſagte Frau Dreis, und ihre Stimme wankte.„Sei ihm gnädig, Herr,“ ſagte ſie, ihre Hände faltend,„wer er auch ſein möge, vergib ihm ſeine Schuld!“ Ach, ſie ahnete nicht, daß ſie für den gebetet, der ihr Lebens⸗ glück zertreten hatte! „Wohl dem,“ fuhr ſie fort,„der vollendet hat! Wann wird dann mein Stündlein kommen?“ „Ach, Mutter, redet ſo nicht!“ flehte das weinende Mädchen. „Was ſollte aus mir werden?“ „Kind,“ ſagte die Mutter,„es muß einmal geſchieden ſein; du mußt das ſchon gewiß erwarten, und je eher du dich darauf vorbereiteſt, deſto beſſer iſt es für dich. Wenn du aber angſtvoll fragſt, was ſoll aus mir werden, ſo thuſt du Unrecht mit ſolcher Frage. Du biſt jung.“ „Ach, Frau Dreis,“ hob bebend und erbleichend der an,„Eliſabeth wird nicht verlaſſen ſein!“ Mit Mühe brachte er dieſe Worte heraus; denn es war ve als ſei ihm die Bruſt zuſammengeſchnürt. Eliſabeth erröthete und blickte unter ſich. Sie fühlte, es nahe eine Stunde, vor der ſie zwar nicht gebebt, ſeit ſie Conrad's treue ——— — 181— Seele, ſeine innige Liebe kennen gelernt, und jenes Gebilde ſüßer Träume aus einer harmloſen Jugend, wie eine ſchimmernde Seifen⸗ blaſe zerronnen war; aber vor der dennoch ihr jungfräuliches Gefühl erſchrack. Sie wußte wohl, wie gut ihm die Mutter geworden; darum erglühte ſie jede Sekunde mehr und wandte das heiße Geſicht gegen Lorch, daß es der Thalwind kühle. „Ich—“ fuhr ſtotternd der befangene Conrad fort—„ich — würde gerne Alles mit ihr— theilen, und—“ —„Ich weiß, was du ſagen willſt, Conrad,“ ſprach die Mutter, „das beruhigt meine Seele.“ Conrad ſah ſie ermuthigt an. Er ſagte:„Ich habe längſt Etwas auf dem Herzen, Frau Dreis.— Ihr wißt— wie lieb ich Eure Tochter habe.— Ich wäre der Glücklichſte auf Erden— wenn Eliſabeth— mein Weib würde.“ Die Mutter blickte in das Antlitz des Jünglings, dem es nun unendlich leicht war, daß er dieſe Worte glücklich herausgebracht. Sie lächelte.„Ich weiß es, Conrad,“ ſagte ſie,„und wenn Eliſabeth ihr Herz dir gibt, ſoll mein Segen nicht fehlen.“ Conrad zitterte vor Freude. Noch immer ſtand das Mädchen mit dem glühenden Antlitz abgewendet. Einen Blick warf ſie hinab auf die Stadt, es war der Scheideblick für Joſeph und— kein Seufzer begleitete ihn. Conrad ergriff ihre Hand. Sie zitterte nicht mehr. Sie ließ ſie in der ſeinigen ruhen. Sie hatte abgeſchloſſen mit der Ver⸗ gangenheit und ihr feſter, heiliger Wille ſtand feſt. „Eliſabeth,“ ſagte mit ſo ſüßem, herzinnigem Tone der Jüng⸗ ling,„haſt du gehört, was die Mutter ſagt?“ Sie wandte ſich mit lächelndem Geſichte zu Conrad.„Ich hab's gehört,“ ſagte ſie feſt. „Willſt du mein Weib werden, Mädchen?“ fragte er, und drückte wärmer die kleine Hand. Sie ſenkte das Haupt und ſagte leiſe:„Ja!“ Da jubelte der Jüngling:„O ich Glückſeliger!“ und zog ſie an ſeine Bruſt und küßte die friſchen Lippen, und ſie litt Alles— — 182— ja, er fühlte auch ihren Kuß. Und vor die Mutter traten ſie dann, und ſie legte ihre Hände ineinander und ſegnete ſie. Lange ſaßen die Glücklichen bei einander und jahen nicht, was drüben vorging. Aus den Thoren der Stadt nämlich ſah man ſchaarenweiſe die Einwohner herausſtrömen, beladen mit ihren Betten und ihrer beſten Habe. Einige trugen es auf die abgeflachte Höhe des Kühl⸗ bergs, Andere auf die Höhe der Wolfskaut. Noch Andere legten ihre Bündel auf die Bleiche oberhalb oder in die Gärten und auf das Rollgeſchiebe, das das Ufer im„Ketzer“ deckt. Schnell eilten ſie zurück, und wieder ſah man ſie kommen, und fort und fort erneuerte ſich daſſelbe Schauſpiel. Die Frau Dreis nahm es zuerſt wahr, denn die Verlobten hatten nur Augen und Ohren für ſich. „Seht doch,“ rief Frau Dreis plötzlich,„was iſt das?“ Jetzt blickten auch ſie hin. „Allmächtiger Gott!“ rief Conrad,„ſie ſtecken die Stadt S und die Bürger retten ihre Habe, wer wird für uns ſorgen?“ Kaltes Entſetzen lähmte ſie Alle. Da thats auf Stahleck einen Knall, daß die Berge zitterten. Starr ſahen die Vertriebenen dorthin. Eine Dampf⸗ und Staub⸗ wolke hüllte die Burg ein. Als ſie ſich verzog, war der Haupt⸗ thurm, der ſtolze„Frit der Burg,“ verſchwunden; aber eine Flam⸗ menſäule ſtieg aus dem Innern der Mauern empor, die bis zum Himmel reichte.* Bald erfolgte ein zweiter Knall, und der Thurm gegen das „Steeger Thal“ ſtürzte praſſelnd zuſammen. In immer kürzeren Zwiſchenräumen folgten ſich die entſetzlichen Schläge, und in wenigen Stunden ſtand von Stahleck nur noch ein Haufen von Mauern, an denen die zum Gluthmeer gewordene Flamme leckte, innerhalb deren ſie aber Alles was S. Gier zur Speiſe dienen mochte. Alle Drei ſaßen ſtarr vor Schrecken da. Zu— Füßen der ſchrecklichen Zerſtörung zu. 3 ſtanden die Bewohner des Dörfchens und ſchauten dem Schauſpiele 4 ——————— —————— —— ———— — — 183— In den Zwiſchenräumen der furchtbaren Schläge der Minen trug der zum Sturme gewordene Wind die lauten Wehklagen der armen Bewohner herüber zum Ohre der ſchier Bewußtloſen, die hier die Zerſtörung ihrer Vaterſtadt mit anſehen mußten, und doch, wie gebannt an die Stelle, nicht weg konnten, wie ſehr auch der Anblick ihr Herz zerriß. Zetzt that es wieder einen Schlag, daß alle Drei die Erde unter ſich beben fühlten. Es war der Pulverthurm am nordweſtlichen Ende der Stadt gegen den„Ketzer“ hin. Ihm folgte der„Spitzethurm,“ deſſen Trümmer weit über die Weinberge hinflogen bis zu der Roſengaſſe. Der Thurm am Kühlberge war der letzte, deſſen Trümmer, weil die Mauer außerordentlich dick und feſt war, nur wenige Schritte weggeſchleudert wurden. Aber— wer malt ihr Entſetzen, als nun aus den Spitzdächern aller Thürme der vordern Stadtſeite die Flamme aufſtieg. Conrad ſprang auf und ſchlug die Hände zuſammen. „Ich muß fort, ich muß helfen,“ rief er, und wollte hinabeilen. „Nimm uns mit, verlaß uns nicht!“ flehten die Frauen. Da hob Conrad die Mutter auf ſeinen Arm, wie die Wär⸗ terin das Kind, und Eliſabeth reichte er die von Angſt zitternde Hand, und ſo ſchnell, als das von der Angſt auch und noch mehr erſchütterte Mädchen vermochte, eilte er hinab, durch das Dörfchen hindurch, an das Ufer. Ob ihm Gefahr drohe, daran dachte er nicht mehr. Als er an das Ufer kam, ſetzte er die Wittwe Dreis nieder. „Männer!“ rief er den Bewohnern zu,„wollt ihr hier müßig ſtehen, wo das Elend dort drüben die Armen erdrückt und das Feuer Hab' und Gut zerſtört? Auf! Die Nachen los! Helft retten, was noch zu retten iſt!“ Wie ein elektriſcher Schlag traf das die Winzer und Schiffer des Dörfchens Lorchhauſen. Nur von Einem Gedanken beſeelt, ſtürzten Alle dem Ufer zu, die Kähne wurden losgekettet, und bald ſchwamm die kleine Flotte hinüber. 350 —— „Gut, daß du kommſt,“ rief Pankraz, der bei einem Haufen Habe auf der Bleiche ſaß.„Ich halt's hier nicht mehr aus. Bleibt hier, Mutter Dreis, bleib' hier, Kind, deine und Conrad's beſte Habe liegt hier. Wir eilen zu retten.“ Und dahin eilten die Männer. Kein Franzoſe war mehr in der Stadt. Menſchlicher als ſeine Befehle war der edle Kommandant, deſſen Namen der Chroniſt der Gotteshäuschen leider nicht aufge⸗ ſchrieben hat. Es war ihm befohlen, die Stadt zu plündern und dann niederzubrennen; Stahleck zu zerſtören, nebſt allen Thürmen und Befeſtigungswerken der Stadt. Dem genügte er nur theilweiſe. Die Burg ließ er ſprengen, eben ſo einige Thürme. Die übrigen ließ er ausbrennen. Kein Theil der Stadt wurde in Aſche gelegt, als die Wohnungen, welche vom Pulverthurme bis herauf zum „Zehntenthorthurm“ und bis zum„Münzthorthurm“ und zu dem Gebäude der„Münze“ reichten. Die Thürme brannten aus, ohne daß das Feuer weiter um ſich griff. Als die Thürme brannten, zogen die Franzoſen ab. Zu dem brennenden Stadttheil eilten die Männer. Nach raſt⸗ loſer Anſtrengung gelang es, dem Feuer Einhalt zu thun, jedoch war dies erſt am andern Morgen ganz bewerkſtelligt, und mit leich⸗ terem Herzen zogen die Geängſteten in ihre Wohnungen wieder ein. Zwar war hin und wieder von den Franzoſen geraubt worden; da ihnen aber wenig Zeit übrig blieb, ſo war es nur wenig, und nur die reichſten Häuſer hatten gelitten. Frau Dreis und Eliſabeth waren wieder in ihr ſtilles, heim⸗ liches Gotteshäuschen zurückgekehrt, und gedachten nicht ohne Weh⸗ muth des ſchrecklichen Endes ihrer Hausgenoſſin Urſula, deren ient Verwandte ihre Habe erbten. Pankraz aber blieb noch in Conrad's Ha bis dieſer todt⸗ nide von der Brandſtätte heimkehrte. Ach, wie glücklich war der Greis, als er aus ſeinem Munde vernahm, Eliſabeth ſei ſeine Braut! Wie gerne hätte er ihm geſagt, daß ein Mahlſchatz von ihm ———— —— ——— — 185— Werborgen worden ſei, aber er ſchwieg, weil er eine größere Freude zu machen hoffte, wenn er erſt am Hochzeitstage ſein Geheimniß offenbare. Dieſer war ſo nahe nicht. Eliſabeth wollte ein Brautjahr, wie es die alte Pfälzer⸗Sitte heiſchte, und Conrad mußte ſich darein fügen. Frau Pfaff koſtete ſeine Verlobung einige Thränen; als aber ein Anderer um die hübſche, wohlhabende Wittwe freite, da ſäumte ſie nicht, ihr Jawort zur rechten Zeit zu geben und ſich über Con⸗ rad's Verluſt zu tröſten. Joſeph war von Caub aus gen Köln gereiſt. Saalſchultheiß zu werden, war ſein Wunſch; aber er gewann ſein Ziel nicht; viel⸗ mehr faßte er den Entſchluß, die Stätte ſeiner Kindheit zu ver⸗ laſſen und in der alten Stadt Köln ſich niederzulaſſen. Als er das ſeinem künftigen Schwäher ſchrieb, war es ihm alſobald nach Wunſch. Er verkaufte ſein Haus und ſeine Güter, und als Alles bereit war und der neue Saalſchuktheiß bereits vom Saale Beſitz genommen, kam Joſeph und holte Emmerenzia und ihren Vater ab, und in Köln feierten ſie ihre Hochzeit. Er ſah Eliſabeth nicht wieder. Warum?— der Chroniſt berichtet, Pankraz habe eine lange Unterredung mit ihm gehabt, die ihm leider die Augen vollends geöffnet habe, und der Waibel habe Alles ihm mitgetheilt, was der alte Saalſchultheiß auf ſeinem Todesbette geſagt, worauf er ſehr niedergeſchlagen geweſen ſei. Auch den„Saal“ betrat er nicht wieder, und erſt als die Stadt ſeiner Geburt hinter ihm lag, ſei ihm das Herz wieder leicht geworden. Die Schiffer, die ihn und ſeine Braut gen Köln ſchifften, ſagten ſpäter, er habe viel geweint, und ſein Blick habe lange, ja ſo lange, als er es habe ſehen können, auf dem Gotteshäuschen geruht. Es ſei ihm, wie man erfahren habe, dort ſtets wohl gegangen, ſetzt der Chroniſt hinzu, und er habe den Ruf eines rechtlichen Mannes behalten bis an ſein Ende. — 186— Das Brautjahr ging endlich zu Ende. Unter den Segensge⸗ beten der glücklichen Mutter legte der Geiſtliche die Hände der Glücklichen zuſammen, und der alte Pankraz ſtand weinend dabei und ſeine Gebete geſellten ſich zu denen des Mutterherzens. Und als ſie nun in Conrad's Häuschen glücklich zuſammen ſaßen, da hob Pankraz ſeinen Schatz und legte ihn vor die Glück⸗ lichen hin. Als aber die Mutter Dreis die Zeilen las, von der zitternden Hand des alten Saalſchultheißen geſchrieben, da betete ſie noch einmal, wie dort auf der Höhe von Lorchhauſen, als ſie, ohne es zu wiſſen, daß es ihm gelte, ſein Grabgeläute gehört:„Herr, ſei ihm gnädig und barmherzig!“ Pankraz zog zu den jungen Eheleuten und der Mutter, und andere Arme wanderten in die leer gewordenen Räume des Gottes⸗ häuschens; aber der Chroniſt ſagt:„Der Engel des Friedens war gewichen, ſeit Eliſabeth nicht mehr im Gotteshäuschen wohnte;“ er war mit ihr und in ihr in Conrad's Wohnung gezogen und waltete dort ſegnend und beglückend. Und auf dem Mahlſchatze ruhete reicher Segen, ſeit der Fluch davon gewichen war. Pankraz und Frau Dreis hatten noch lange die Freude, Zeuge der glücklich⸗ ſten Ehe, des wachſenden Wohlſtandes und der inneren Zufrieden⸗ dem alten Geſetz unterthan, das Zeitliche ſegneten, da Thränen dankbarer Liebe an ihrem Grabe. heit Eliſabeth's und Conrad's zu ſein, und als auch ſie endlich, ————,— —————— + Die Deſerteure. Eine Hunsrücker Dorfgeſchichte. —— Hunsrücken! ruft vielleicht manche ſchöne Leſerin aus, wenn ſie die Bezeichnung der Heimat dieſer Geſchichte lieſt, und fühlt dabei einiges Fröſteln, weil ihre Geographie den Landſtrich, welcher ſo heißt, als ein rauhes und ſteriles Hochland ſchildert.— Das wäre nun freilich nicht die erſte geographiſche Sünde, zu welcher eins oder das andere unſerer geographiſchen Hand- und Lehrbücher verführen; aber eine Sünde wäre es gewiß, begangen an einem reich geſegneten Landſtriche. Ich fühle den Beruf, die Ehre des Hunsrücken zu retten, weil ich ihn kenne, weil ich ihn liebe. Hab' ich ja doch in den majeſtätiſchen Domen ſeiner Wälder dem ſüßen„ Flüſtern der Bäume gelauſcht, wenn der Abendwind Wipfel zu Wipfel neigte und ſie ſich die Geheimniſſe des Waldes vertraut; hab' ich doch am grünen Ufer ſeiner klaren Bäche geruht und dem plätſchernden Koſen ihrer hüpfenden Wellen zugehorcht; hab' ich doch auf ſeinen Höhen geſtanden und die reine Luft geathmet, den Blick über die ſchöne Landſchaft ſchweifen laſſen und im ergreifenden Zuſammentönen der Abendglocken ſo vieler Dörfer meine Seele erhoben gefühlt zu Dem, der in die Gluthen des Abendhimmels und in das leuchtende Gold des Frühroths ſchrieb:„Meine Liebe wird mit jedem Morgen neu und meine Treue iſt groß!“ An ſeiner Wieſengründe friſchem Grün, am Saatengolde ſeiner Fluren, am dunkeln Kranze ſeiner Höhen, am Blumenteppich ſeiner Thäler hab' ich mich erfreut und ſein biederes Volk hat meine Liebe gewonnen,— ich bin ein Hunsrücker geworden mit Leib und Seele, . obwohl mich das Leben und ſeine Fügungen lange getrennt hatte vom Schauplatze meiner Kindheit. Es iſt nichts, rein nichts mit den Hunnen, deren Rückzug nach iederlage in den katalauniſchen Gefilden dem Lande den Namen 8 ——————————— * 5— gegeben haben ſoll, nichts mit der Colonie Gratian's. Das ſind Hirngeſpinſte müßiger Köpfe. In dem alten Worte„hun? hoch, und„rick“ oder„rück,“ Rücken,„Hochland,“ hat der Namen ſeine Begründung. Und ein Hochland iſt der Hunsrücken, deſſen Hoch⸗ ebene nördlich zur Moſel, öſtlich zum Rheine, ſüdlich zur Nahe abfällt, und der im Weſten von den walddunkeln Höhen des Hoch⸗ waldes, des Soon und des Idar begrenzt wird. Ich habe ihn Hochebene genannt, aber ich will das keineswegs wortſtreng genom⸗ men haben, denn der Hunsrücken iſt ein wellenförmiges, hügelreiches— Land, das ſelbſt anſehnliche Berge umſchließt. Ueberall tritt der Hochwald herein in die reichen Getreidefluren, wo des Hunsrückers Pflug ſeine Furchen zieht, wo ſeine goldenen Saaten reifen, wo der Flachs ſein bläuliches Blüthenmeer ausdehnt; und in dieſen Hochwäldern reckt ſtolz die hundertjährige Eiche ihr Haupt empor, wölbt die Buche ihr glänzendes Laubdach, wiegt träumeriſch die eißſtämmige Birke ihre hängenden Zweige im Lufthauche. Hier hat der Edelhirſch und das fromme Reh ſeine Heimat. Zahlreiche Bäche ſchlängeln ſich in mäandriſchen Krümmungen durch die reizen⸗ den Thäler, wo ungeſtört im Gebüſche Golddroſſel und Nachtigall in den Jubelhymnus der Lerche einſtimmen, die draußen auf der Flur in die reine Luft emporſteigt. Und über dieſe Landſchaft iſt n Grün ausgebreitet, wie es nie das geprieſene Rheinthal ſein ennen kann. Ich will nicht reden von den Schätzen, die im Schooße der Erde ruhen, nicht von des edlen Waidwerks Luſt; nur darauf will ich hinweiſen, wie überall um altehrwürdige Kirchen ſich ſtatt⸗ liche Dörfer lagern, Dörfer, in denen die Zeiten des geſegneten Friedens in wachſendem Wohlſtande ſichtbar ſind, wo das alther⸗ kömmliche Strohdach faſt gänzlich vom glänzenden Schiefer verdrängt iſt, wo ein biederes, treues, der alten Sitte ergebenes, einfaches, betriebſames und, daß ich eine ſeiner ſchönſten Eigenſchaften nicht vergeſſe, frommes Volk lebt, ein Volk, das ſich eben ſo ſehr d körperliche Kraft als Schönheit auszeichnet. Hin und wieder begegnet der Freund der Kunſt und Geſch ch einer Firc deren Architektur ihn feſſelt, einer Burgruine, die 5 — 191— — zahlreicher die Abhänge nach dem Rheine, der Moſel und Nahe zieren; ſeltener den Ueberreſten eines ehemaligen Kloſters. Die Denkmale der alten Herzoge von Simmern in dieſer freundlichen Stadt, die mitten im Herzen des Landes liegt und auch in Bezug auf Verkehr und Handel ſein Herz genannt werden darf, ſind für die Kunſt bedeutſam. Römiſche Niederlaſſungen finden ſich zahlreich und ein weitverzweigtes Netz römiſcher Heerſtraßen durchzieht das Land. Mögen dieſe wenigen Zeilen hinreichen, die Theilnahme für ein Land und Volk zu wecken, zu welchem uns die nachfolgende Geſchichte führt. I. Von dem matten Strahle der Sonne des Spätherbſtes beleuchtet, liegt vor uns ein kleines und ärmliches Dörfchen, deſſen Häuſer eine alte Kirche umgeben. Die Häuſer ſind zweiſtöckig; weit vor⸗ ragende Strohdächer bedecken ſie, mit Ausnahme der Kirche und eines ſtädtiſch ausſehenden Gebäudes in ihrer Nähe. Der Hoch⸗ wald tritt an die Häuſer des Dorfes gegen Norden ganz nahe heran, ſo nahe, daß die Aeſte der Eichen ſelbſt in die„Bitzen“ (ſo nennt der Hunsrücker den Gras- und Obſtgarten, der ſelten einem Hauſe fehlt und an den ſich der Pflanzgarten anlehnt) herein ragen. Aus dieſem Walde ſtrömt ein klarer Bach, doch ſo ſtark, daß er ſchon unter dem Wieſengrund eine Mühle treibt. Der Hochwald umſchließt das Dörfchen, wie mit liebenden und ſchützen⸗ den Armen, und die fruchtbare Feldmark zieht ſich jenſeit des Wie⸗ ſengrundes hin. Da das Dörſfchen hoch liegt, geſtattet es die Aus⸗ ſicht über ein ziemlich weites Gefilde. Das Haus, in deſſen Nähe die Kirche und die hohe Dorflinde ſteht, das allein außer der Kirche ein Schieferdach beſitzt, hätte Zeder wohl für den Pfarrhof gehalten; allein das wäre ein Irrthum geweſen; denn in Erbach wohnt kein Pfarrer, es iſt ein Filialdorf. 192— Das ſtattliche, auch wohlerhaltene Haus hat noch die kurpfälziſche Hofkammer, ſeligen Gedächtniſſes, erbaut, und der drinnen wohnt iſt auch noch ein altes Stück des kurpfälziſchen Inventariums, nämlich der Förſter, den der franzöſiſche Unterpräfect in Simmern auch zum Ortsvorſtande gemacht hat, Syndic genannt. Er iſt uralt; aber wie weiß auch ſein Haar, wie wetterdurch⸗ furcht auch ſein Geſicht iſt, dieſe Geſtalt hat das Alter noch nicht gebeugt. Sie iſt feſt, wie aus Eiſenguß. Der Name des Mannes iſt Dietrich; allein er hat noch ein Anhängſel, das ſehr bezeichnend, aber nur im Gebrauch iſt, wenn man ſich hinterwinds befindet. Die Bauern nennen ihn den alten Kümmel⸗Dietrich.„Kümmeln“ heißt aber ſo viel als verkaufen, heimlich zu Gelde machen, und darin hat auch der Name ſeinen Grund. Als alter kurpfälziſcher Beamter verſteht er ſich auf den Kümmel, und die alten Bäume S im Forſte könnten, wenn ſie der Rede fähig wären, manches Stück⸗ lein davon erzählen, wie ein Förſter ohne Mühe reich werden kann und zwar nicht auf die ehrlichſte Weiſe. Das ging um ſo leichter in der franzöſiſchen Zeit, als ein Beamter dem andern freundlich durch die Finger ſehen mußte, ſintemal, wie der Hunsrücker ſagt, ſie alle nicht ſonderlich ſauber waren. Der Kümmel⸗Dietrich iſt, wie geſagt, ein hoher Siebziger, wetterhart, wie eine Eiche, aber dabei ein finſtrer, wortkarger Mann, gegen alle Welt ſchonungslos ſtreng, nur nicht gegen ſich ſelber. Die Bauern fürchten und haſſen ihn. Bei ihm lebt ſein Sohn Andres und die alte Lisbeth, ſeine Haushälterin; aber jeder dieſer drei Hausbewohner hat ſeine eigene Wirihſchaft und treibt's nach eignem Gefallen. Außer dieſen drei Perſonen bewohnt ein Rudel Hunde aller Racen das Haus. Hier liegt eine faule Wolfsdogge, da ſchnuppern zwergbeinige Dächſel herum, da klaffen einige Bracken und glatt⸗ und rauhhaarige Hühnerhunde liegen oder ſtehen umher und ſehen dumm in die Welt hinein. Muß einmal Jemand zum Kümmel⸗Dietrich, ſo gibt's einen ſolchen Höllenlärm, daß man im ganzen Dorfe weiß, es gehe jetzt Jemand ins Forſthaus. laſſen wir die Drei ſammt den Hunden einſtweilen ihr We n — 193— treiben, um uns ein anderes Haus im Dorfe genauer anzu⸗ ſehen. *. Es iſt unſtreitig das ärmſte des Dorfes und liegt am Saume 6 des Waldes, den die Axt noch nicht fonderlich gelichtet hat. Es iſt auch zweiſtöckig, wie alle Hunsrücker Häuſer, und, wie ſie, aus Holz und Fachwerk erbaut. Der Zahn der Zeit, dieſer arge Feind alles Beſtehenden, iſt recht thätig an dem Hauſe geweſen, das ſieht man ſchon; denn das Strohdach iſt ſehr alt und geflickt; die Spiegel der Gefächer waren ehedem weiß getüncht— jetzt ſieht der gelbe⸗Lehm überall naſeweiß durch und der Kalkbewurf iſt in anſehn⸗ lich Flächen abgefallen. Die Balken, ehemals roth angeſtrichen, wien nur noch Rudera ihrer Farbe, wo ſie das Fachwerk berühren. inlich aber iſt das kleine Haus, wie geblaſen; kein Spinnwebchen ſſchtbar, die Fenſter klar wie Kryſtall; das Höſchen gekehrt, obwohl er große Hutzelbirnbaum, der in der angrenzenden Bitz ſteht, wahr⸗ aft neckiſch ſeine braunrothen Blätter immer wieder hineinwirft. inten an das Haus grenzt ein Gebäude, das als Scheune, Stall nd Schuppen zugleich dient. Oben ſitzt Heu und Stroh, in der Jenne aufgeſchichtetes Haidekraut, und davor liegt Leſereiſig in Bündeln und einiges Windfallholz. Daneben iſt ein kleiner Stall unter demſelben Strohdache, in dem eines jener kleinen Kühchen ſteht, welche man aus dem Vogelsberge einführt, weil ſie hart und zusdauernd, genüglich in der Nahrung ſind und doch reichlich milchen. Wohin man aber blickt, da iſt eine ordnende Hand ſicht⸗ zar und eine Vorliebe für Nettigkeit und Sauberkeit. In das Haus führt eine quer gebrochene Thür, und über dieſer Thüre Beigt ein noch erhaltener Gefachſpiegel den Reim:* Hans Wallauer bin ich genannt; Mein Haus ſtehet in Gottes Hand; Er bewahr's vor Waſſer und Brand. Blicken wir durch die reinen Scheiben der kleinen Fenſter in das Stübchen, ſo ſehen wir in einen mäßigen Raum mit niederer Bal⸗ Pendecke; aber die Wände ſind ſchueeweiß getüncht. Ein vieckeck ßofen der Wand, auf dem ein zweites Aufgeſtell ei 3 achel zum Warmhalten der Speiſen bildet. Auf der Vorderplatte iſt das Weltgericht in ſchönem erhabenem Guß mit gräulichen Teu⸗ feln und poſaunenden Engeln, rechts Herrlichkeit und links abſcheu⸗ liche Grimaſſen. Die rechte Seitenplatte zeigt Iſaak's Opferung, die linke die Jacobsleiter und den ſchlafenden Jacob, auf ſeinem harten Kopfkiſſen ruhend. Rings an den Wänden laufen Bänke hin, blank geſcheuert, und in der Ecke des Fenſters ſteht der kirſch⸗ baumholzene Tiſch mit Buchelöl getränkt. Ueber dem Ofen ſehen wir die zwei Stäbe und drei Stangen des Reck's. Zwiſchen dem Ofen und der Hausflurwand iſt eine Ecke. Dort ſteht ein grob⸗ gearbeiteter Seſſel, und in dieſem ſitzt eine hochbetagte Frau, ng unabläſſig die feinen Fäden des Flachſes aus dem Rocken ic 3 Spinnrades zieht und ſie ſich wickeln läßt auf die raſch ſich drehs Spuhle. Aermlich, aber reinlich iſt ihre Kleidung, und wer des feinen Faden ihres Geſpinnſtes ſieht, hält es für eine Lüge, daß ſie ſtockblind ſei. Nur die Gewohnheit eines halben Jahrhunderts und der unendlich feine Taſtſinn der Blinden macht die Arbeit ſelbſt und ihr feines Ergebniß möglich. Noch ein Stuhl iſt im Stübchen, und darauf ſitzt, ebenfalls mit Spinnen beſchäftigt, ein junges Mädchen. Mehr als achtzehn mal hat ſie die Roſe nicht blühen ſehen. Sie trägt die gemein ſame Kleidung der jungen Hunsrückerinnen, den grün und ſchwarz geſtreiften Tartanrock, das dauerhafte Landeserzeugniß, das dreien Generationen dient, das himmelblaue Tuchmieder, an allen Nähten und Kanten mit ſchmalem, ſchwarzem Sammetbande beſetzt, und das grüne ſelbſtgeſtrickte Wollhalstuch. Der Vorderarm, weiß wie Schnee und rund und voll, iſt bloß und über dem Ellbogen das Hemd zierlich aufgeſteckt. Das dunkelgrüne Halstuch hebt die blendende Weiße des ſchönen Halſes. Das Köpfchen iſt zur faden drehenden Hand geneigt. Dieſe Stellung läßt uns das glänzende kaſtanienbraune Haar bewundern, das in ſeltener Fülle prangt⸗ einfach geſcheitelt und zurückgeſtrichen iſt, wo es, einige Mal gedreht⸗ von einem ſchlichten Hornkamme gehalten wird. Wir ſehen nur ihr Profil, aber wir bemerken die edelſte Si⸗ die in ſtolzer * 4 & — 195— Bogen geſchwungenen, dunklen Brauen, die langen ſeidenen Wimpern, das niedliche Stutznäschen, die friſche, zarte Lippe, das ſchöne Kinn, das auch im Profile das Grübchen verräth, und die Wange, die ein Engel geküßt haben muß, ſo zart iſt das Roth auf ihrer feinen Wölbung. Jetzt hebt ſie den Kopf, und aus großen, dunkelblauen Augen fällt ein Blick der Liebe auf die Mutter— dann ſinkt das Antlitz wieder zur vorigen Stellung. Stübchen iſt's ſo ſtille, als es die knarrenden Räder aglich ſchnurrende Katze zulaſſen. Hätten wir fragen „Wo iſt denn der Hausvater, Hans Wallauer?“ ſo hätte ohl die Blinde mit den lichtleeren und doch thränenvollen n angeſehen und geſagt: Ach, der ruht ſchon ſeit fünfzehn hren unter den ſtillen Schläfern um die Kirche herum, und der Kümmel⸗Dietrich hat ihn bei'm Treibjagen todt geſchoſſen! Und wenn wir voll Entſetzen die Hände zuſammengeſchlagen und ausgerufen hätten:„Todt geſchoſſen! Gott im Himmel, das iſt ſchrecklich!“ ſo hätte vielleicht das weinende ſchöne Mädchen geſagt: Gern hat er's nicht gethan; aber die Mutter hat ſo lange geweint, bis ſie blind geworden iſt. Da würde dann die Mutter wieder einfallen und ſagen: Der liebe Gott hat mir aber einen Engel geſendet, der mich führet und meine Finſterniß erhellt, und der biſt du, mein Kind! Gott ſegne dich! Und ſo hätten wir die Geſchichte dieſes Hauſes in drei Wor⸗ ten gehört, und Alles, was dazwiſchen liegt, das hätte unſer theil⸗ nehmendes Herz leichtlich ergänzen mögen. Za, es iſt ein tiefer Schmerz durch dieſe Herzen gezogen und hat ſeine Spuren einge⸗ graben, daß es tiefe, unheilbare Wunden gab. Während dieſer am Fenſter gemachten Beobachtungen iſt die Sonne tiefer zumm Rande des Horizontes hinabgeſunken. Ihr letzter Strahl küßt die Wipfel der Bäume, in dem Stübchen macht ſich eine Dämmerung bemerklich, die nur die emſige Spinnerin in der Dffenecke nicht wahrnimmt, die lichtlos ihren Faden ſo ſicher zieht ie im hellen Tageslichte kaum eine Andere. Das Mädchen ſte — ——,—— — 196— 8 jetzt auf. Sie ſetzt ihr Rädchen weg und ſagt in liebevollem, melodiſchem Tone:„Ich will jetzt die Liſe füttern; dann wollen wir unſern Hirſehrei eſſen, damit Alles ſauber iſt, wenn Schmied's und Veit's kommen!“ Die Liſe iſt die Kuh; denn der Hunsrücker Hirte gibt jeder Kuh einen Namen, den ſie auch im Hauſe Die Mutter nickt leiſe ihren Beifall und das Mädcher leichten Fußes und kaum hörbaren Trittes hinaus. Raſ Gedanke, iſt ſie im Stall, und in weniger denn einer B tritt ſie wieder mit einem Lichte herein, deckt ein Lin Tiſch, hebt aus der Ofenkachel die tiefe Schüſſel mit 3 den eine gelbe Rahmkruſte deckt, führt dann die M ter z Stuhle, den ſie ihr geſetzt. Hierauf legt ſie ihre kleinen zuſammen, ſenkt das Köpfchen und betet:„Komm', Herr Jeſu, unſer Gaſt. Segne, was du uns beſcheeret haſt! Amen.“ Wir aber ſagen ſtille: Geſegn' es Gott! und verlaſſen das Fenſterlein. Nach einer Viertelſtunde etwa hatte das Stübchen eine andere Geſtalt angenommen, die einer Spinnſtube. Wohl ſaß noch in der Ofenecke die Wittwe und ſpann wieder; aber in der Mitte der Stube, und zwar vom mittelſten Balken der Decke, hing der Licht⸗ ſtock herab, welcher die Hellampe trug, zu welcher jede Spinnerin abwechſelnd das Oel ſtellte Die Lampe hing ungefähr in der Höhe der Hand und warf ſo das Licht am zweckmäßigſten zu der Arbeit. Um das Licht aber ſaßer drei Spinnerinnen. Die eine war die ſchöne Tochter des Haufes. Sie hieß Angelika. Da aber der Hunsrücker ſelten einen Namen läßt, wie er im Kalender ſteht, ſo macht er aus Angelika Aengel, das hinwiederum nicht anders klingt, als Engel, und die jungen Burſchen meinten, hier ſei der Name an die Rechte gekommen. Die Zweite war des alten Schmieds Tochter, ein ſchönes vollwangiges Mädchen mit blondem Haar und einer Kleidung, welche vollkommen der Engel's glich. Sie hieß Marie und war Engel's vertraute Freundin. Die Dritte war Nachbar Veit's Frau. Auf der Bank am Ofen ſaß der Schmied, deſſen geſchwärztes Geſicht und Hände das Gewerbe verriethen, welches — ihn mit der Kohle in ſtete Berührung brachte. Er trug das dunkel⸗ blaue, langſchvoßige Kamiſol, die braungrüne Pelücheweſte, die kurzen, ledernen Beinkleider und das apfelgrüne, verbrämte Sammt⸗ mützchen des Hunsrückers. Mit einem beneidenswerthen Wohlge⸗ ſchmack ſchmauchte er aus einer kleinen Holzpfeife den köſtlichen AB⸗Reiter von Willem Stein tot Amsterdam, den die Heimbacher Schmuggler brachten, der aber ſo wenig jemals Amſterdam geſehen, als der Schmied ſelbſt. Dieſer war eine jener Kraftgeſtalten, wie ſie dieſes Hochland häufig aufweiſen kann. Wenn auch ſchon weit „ vorgerückt zum Ziele menſchlicher Tage, war er dennoch ſtark und feſt. Er hatte im öſterreichiſchen Heere länger als ein Jahrzehend gedient, und ſeine Erzählungen, wie ſeine Gedanken, weilten am liebſten bei den Ereigniſſen ſeiner Hervenzeit. Später, als er ſeinen Abſchied genommen, gefiel ihm das Leben am Ambos nicht, und er wurde churpfälziſcher Jäger und ſtand in Mannheim in Garniſon. Das waren die ſieben fetten Jahre Aegyptens für ihn, und auch davon ſprach er mit Begeiſterung, und ſeine Seele glühte für Kur⸗ pfalz und haßte Napoleon, wie den Satan. Anders war's mit Nachbar Veit; der hatte ſeit Anno 9 in Spanien unter dem Adler gefochten, bis ihm eine unbequeme Guerilla⸗Kugel den Knöchel zerſchmetterte. Das brachte ihm einiges Hinken, den Abſchied und monatlich fünf Francs Penſion. Dafür war er auch ein Anhänger Napoleon's. Sein Hinken hinderte ihn nicht im mindeſten daran, des Kümmel⸗Dietrich's Forſtwartgehülfe zu ſein und jene Händelchen abzuſchließen, die dem erſteren Viel, ihm ein Trinkgeld abwarfen Ueberdies war er ein decidirter Jäger, der in allen Kunſtausdrücken der Jägerei ſprach wie ein Oberförſter. Geſtern erſt war er von Mainz zurückgekommen, wohin er fünf Rehböcke gebracht und verkauft hatte. Als er wegging und di Rehböcke unter den Säcken eines Rheinböllener Haferhändlers ver⸗ borgen waren, ſagte der Kümmel⸗Dietrich: Veit, unſer Pfarrer ſagt, es geht im Département de Rhin et Mosello Manches per Nebenfaß(nolas). Das Faß hat der Oberförſter. Warum ſollten wir nicht das Nebenfaß haben? ——— — 198— „Der Veit bleibt lange,“ hob der Schmied endlich an, die Stille zu unterbrechen.„Ich wäre recht begierig, wenn er bald käme. Ich war geſtern in Simmern, da munkeln die Leute aller⸗ hand.“ 6 „Ei, was denn?“ fragte Veit's Frau neugierig; denn Veit. 3 hatte ihr Nichts erzählt. „Nun,“ verſetzte der Schmied,„man redet von einer Schlacht bei Hanau und von einer gräulichen Niederlage des Kaiſers. Ihr ſolltet einmal ſehen, was die franzöſiſchen Blutſauger, die Beamten, für fahle, lange Geſichter machen; wie ſie heimlich tutſcheln. Es geht zu Ende mit den Franzoſen, ſag' ich. Ihr werdet's ſehen.“ „Ja zu Ende!“ fagte in dumpfem Tone die Blinde. Der Schmied hatte das Wort gehört und es rieſelte ihm kalt durch die Glieder. Das hatte ſeinen Grund in dem Umſtande, daß die Alte ein Frohnſonntagskind war und Manches ſah, was ein geſundes Auge nicht wahrnahm. Sie galt im Dorf als untrügliche Pro⸗ phetin. Wirklich hatte die Wittwe Wallauer etwas Eigenthümliches in ihrem Weſen. Als ſie noch im Blüthenſchmucke der Jugend ſtand, träumte ſie oft Dinge, die in Erfüllung gingen. Wen ſie als Leiche ſah, der ſtarb gewiß. Es war im ganzen Dorfe bekannt, daß ſie bis in ihr ſechzehntes Jahr„mit den Hollen gefahren war,“ 4 das heißt, eine Nachtwandlerin geweſen, was ſich aber ſpäter verlor. hre Neren hatten jene feinere Bildung und Stimmung, welche eine geheimnißvolle Thätigkeit des Geiſtes begründet, und dem Hellſehen war ſie oft nahe geweſen in abſonderlichen Lagen ihres Lebens. Den Tod ihres Gatten hatte ſie vorausgewußt und ihn flehend gebeten, nicht zu dem Treibjagen zu gehen. Um ſie zu 5 beruhigen, gab er einen Gang nach Simmern vor, lieh ſich eine Flinte, ging mit und fiel von des Kümmel⸗ Dietrichs Kugel. Seit ihrer Blindheit war dies eigenthümliche Weſen in ihr noch mehr ansgebildet worden. So ſtand ſie im Ruf einer Prophetin. Und wenn ſie in Erbach nicht ſchon als ein Orakel befragt wurde, ſc lag das an ihr ſelbſt; denn ſie wies mit ſchmerzlicher Erregung von ſich ab, und ſelten ging, was ſie innerlich 1 ———— über ihre Lippe. Wäre nicht hinter ihr ein Leben ohne Tadel, ein Wandel in wahrer, lauterer Frömmigkeit als Zeuge für ſie geſtan⸗ den, wer weiß, was man von ihr geſagt hätte; denn der Hexen⸗ glaube hatte noch nicht beſſerer Einſicht die Stätte geräumt. So aber ſchwieg die Bosheit und Niemand wagte, ihren Ruf anzutaſten. Deſto höher ſtieg eine gewiſſe mit Scheu und Furcht verbundene Verehrung gegen ſie, wie denn ihr herbes Schickſal dem Mitleiden jedes Herz öffnete. WM— Es war eine peinliche Stille wee Die drei Spinne⸗ rinnen ſahen ſich mit bleichen Wangen an. „Wird der Krieg zu uns kommen?“ fragte angſtvoll die lieb⸗ liche Engel den alten Schmied, der ihr Pathe war. „Freilich, Gothe,“ ſagte der Alte.„Ihr müßt doch ja nicht glauben, daß der Würgengel, der Napoleon, ſich ſo leichten Kaufs die Departements nehmen läßt. Der alte Löwe wird die Mähne ſchütteln; aber was wird's ihn helfen?“ „Aber wir, wir?“ fragte bebend das Mädchen. „Nun wir, wir werden Pulver riechen und Kanonen knallen hören; denn mein Vater ſeliger ſagte, da lebt er noch,„am Rheine werden alle Kriege ausgemacht,“ ſagt er. Wenn's dann auch ein bischen drunter und drüber geht, ſo kommen doch unſere deutſchen Bruder zu uns. Wir werden frei von dieſen Hunden.“ „Aber die Ruſſen, die Koſacken, Vater?“ fragte die blonde Marie. „Narr,“ fuhr der Schmied fort,„das ſind auch noch keine Menſchenfreſſer. Geſehen hab' ich juſt keine; aber als ich in Ofen ſtand, da hatten wir Einen beim Regimente, der hatte allen Poten⸗ taten gedient, und war auch in Rußland geweſen.„Koſacken,“ ſagte der,„das ſind kleine Kerle mit ſchiefen Augen und langen Bärten,“ ſagt' er,„die rauben wie die Elſtern und Ratten,“ ſagt' er,„und ſtechen gerne die Leute mit ihren Lanzen todt; aber,“ ſagt' er, Branntwein beſänftigt ſie.“ Am Ende iſt's ſo ſchlimm noch nicht.“ 6 „Ja, du lieber Gott,“ ſagte Veit's Frau,„ſie ſollen abe ja Finder mit ihren Lanzen ſpießen und mit ſich fortnehmen als Standarten.“ „Pah, Weibergeſchwätz,“ ſprach der Schmied ärgerlich.„Das thun die Türken wohl, aber ſo was hab' ich von den Koſacken noch nicht gehört“ Dies beängſtigende Geſpräch wurde durch Veit's Eintritt unter⸗ brochen. Man ſah an ſeinem etwas gerötheten Geſichte, daß er Wein oder Branntwein getrunken. Mit einem freundlichen„Guten Abend“ trat er in das Stüb⸗ chen. Der Schmied kannte ſeinen Nachbar zu genau, als daß er nicht augenblicklich ihm angeſehen, daß er angetrunken ſei. „Du biſt nicht alleine, Veit,“ ſagte er im Tone des Vorwurfes zu dem jüngern Manne. „Nein,“ ſagte Veit lachend,„denn ich ſehe hier außer mir noch Fünf.“ „Du haſt getrunken, Veit, daß es dir klarer werde, was ich meine, und das iſt mir leid; denn ich dachte ein vernünftig Wort mit dir zu reden.“ „Seid nicht närriſch, Schmied,“ ſprach Veit,„ich habe mit dem Kümmel⸗Dietrich eine Flaſche Mannbacher Eilfer geleert; das iſt Alles. Heiter bin ich geworden, aber nicht trunken.“ Veit war ein gutmüthiger, aber leichtſinniger Menſch. Er nahm vom alten Schmied Vieles hin, was ein Anderer nicht hätte wagen dürfen. Der Schmied ſchüttelte den Kopf und ſchwieg. Veit's Frau brachte das Geſpräch wieder in Gang. „Der Schmied,“ ſagte ſie,„möchte wiſſen, wie es in Mainz* ſteht. Er meint, mit dem Napoleon gehe es zu Ende.“ „Daran ſind wir noch nicht,“ lachte der Veit.„Die Schlacht bei Hanau hat der Kaiſer gewonnen und hat die Bahern hart getroffen. Er iſt nach Paris. Bald wird von daher der Blitz kommen, der das Geſindel zu Paaren treibt.“ „Was?“ rief der Schmied und richtete ſich in ſeiner ganzen Länge auf.„Geſindel nennſt du die Deutſchen? Sprich das Wort nicht mehr aus, Bube, ſonſt treibe ich dir deine Franzoſenſtrei aus dem weindunſtigen Kopfe!“ —————————————.— —,————— ———————————— — 201— 2, Die drei Frauen fuhren erſchrocken auf; denn in des Schmieds Thne lag eine Wuth, wie man ſie nur an ihm gewohnt war, wenn er zur raſchen That zu ſchreiten pflegte. Auch Veit war aufgeſprungen; der Eilfer ließ nicht mit ſich ſcherzen. Aber ſeine Frau umfaßte ihn mit den Armen und flehte ihn an, das Wort des Alten zu überhören. Marie war gleichfalls aufgeſprungen, um ihren Vater zu beſänftigen, deſſen wilde Hitze ſie kannte. In dieſem Augenblicke, wo der Bruch alter Freundſchaft ſo nahe war, ſprach die Blinde mit ſtarker Stimme: „Hadert nicht! Droben iſt Einer, der hat gerichtet. Ahab iſt gefallen; denn das Maaß ſeiner Sünden iſt voll und das Blut der gemordeten Mutterſöhne ſchreit um Rache zu Dem, der geſagt hat: Die Rache iſt mein, ich will vergelten.“ Die Wirkung dieſes Wortes der Blinden war augenblicklich und ſtark. Der Schmied ſank auf ſeinen Sitz zurück, und bleich ſetzte ſich Veit neben ihn nieder. Die Blinde fuhr fort:„Redet die Wahrheit, Veit! Ihr habt Anderes geſehen, als Ihr ſagen wollet. Der Apollhon, von dem des Herrn Offenbarung im 9. Kapitel, im 11. Verſe ſpricht, hat ein Wehe erfahren; aber es kommen deren mehr, bis er zum Abgrunde fährt, von dannen er gekommen iſt mit ſeinen Scorpionen; ſein Ende naht!“ Es trat eine tiefe Stille ein; denn der Eindruck dieſer Worte war mächtig. Aller Augen waren auf Veit gerichtet, welcher ſtille vor ſich niederſah und mit Scham und Verlegenheit rang. Endlich rief er aus:„Was ſoll ich verhehlen, was ich geſehen, und was doch über kurz oder lang ans Tageslicht kommt? Ihr habt Recht, Mutter Wallauer, es geht zu Ende, und Gott weiß, wie es mit meiner Penſion geht.“ „Und mit den Rehböcken und Eichbäumen,“ ſetzte noch grollend der Schmied hinzu. Veit verſchluckte die Pille und fuhr fort: „Vor einem Jahre war ich in Mainz, als die große Armee — 202— hinüberzog über die Brücke, und das Herz im Leibe lachte mir, als ich die Leute ſah. Schmied, Ihr ſeid ein alter Soldat, habt mehr erlebt, als ich, und ſeid weit in der Welt herumgekommen; aber ich glaub' nicht, daß Ihr ſolche Soldaten, ſolche Pracht der Uniformen ſaht.“ Des Schmieds Ehrgeiz war durch Veit's Worte gekitzelt. Sein Zorn war verſchwunden. „Cumpeer,“ hob er an,„ich weiß nicht, ob dem ſo iſt; denn die ungariſche Nobelgarde, Bassa manelko! das iſt die Krone aller Soldaten der Welt; aber ich habe mir von Andern auch wohl daſſelbe ſagen laſſen, was du ſagſt.“ „Damals,“ fuhr Veit fort, von dem alle Wirkung des ſtarken Rheinweines gewichen ſchien,„blitzte der Muth aus ihren Augen und ihr Vive FEmpereur! das klang wie Sechsunddreißigpfünder. Jetzt aber ſah ich ſie waidwund, lauflahm, lumpig, krank daher⸗ kommen. Tauſende drängten ſich über die Mainzer Brücke zwiſchen Wagen voll Verwundeten durch, die ſeit zwei Tagen nicht verbun⸗ den waren. Es ſind wandelnde Keichnz und— es iſt gewiß nicht gelogen— die armen Leute haben einen Peſtilenzgeruch, den ſie mitbringen; es iſt die Krankheit, die in ihnen ſitzt, das Elend und der Jammer. Die Reiter haben keine Pferde und die Infan⸗ terie keine Schuhe. Sie verfluchen laut den Kaiſer und Einer ſagte zu mir:„Er hat uns verlaſſen, der Mörder; aber die Hand Gottes ereilt ihn.“ 8 „Amen!“ ſagte die Blinde, und„Amen!“ wiederholte der Schmied. Wenn das auch ein Stich in Veit's Bruſt war, ſo gab er doch der Wahrheit die Ehre und fuhr fort:„Ich ſagte zu dem Manne, wenn Ihr alle ſo denkt, ſo ſteht es ſchlimm mit uns auf dem linken Rheinufer.“ nur ein Sechstel von dem vergelten, was wir an ihnen thaten, ſo bleibt hier kein Stein auf dem andern. Und das war ein Franzoſe. Ich gab ihm einen Franc und ſagte:„Da, Kamera ₰. „Gott weiß es,“ ſagt' er.„Wenn die Deutſchen an euch — 203— trink' einen Schoppen, und Gott behüt' dich und uns;“ aber das Wort des Franzoſen ſaß mir im Nacken wie eine hackende Krähe Ich lief, was ich laufen konnte, um heim zu kommen. Ich meinte, die Koſacken wären ſchon hier. In Bingen und Stromberg kam mir die Courage wieder; aber da lag ſchon Alles voll in Bingen von armen Franzoſen. Ich machte, daß ich fortkam; denn man erzählte im goldenen Pflug, wo ich etwas aß, es deſertirten Tau⸗ ſende, beſonders Landeskinder vom linken Rheinufer und Nieder⸗ länder, die ſich heimſchaffen wollten, und dieſe machten Land und Wege unſicher; doch hab' ich keine geſehen.“ Alle hatten mit bangen Gefühlen zugehört. Das Spinnrad feierte und die Frauen ſchuckerten vor Angſt. Der Schmied nahm das Wort, indem er Veiten die Hand gab:„Da hat doch einmal die Wahrheit aus dir geredet, Veit, und dein ewiges Franzoſenloben haſt du eingeſtellt Halt' dich ſo und werde wieder deutſch,— und noch Eins merke dir, laß vom Kümmel⸗Dietrich; denn wenn die Deutſchen kommen, wird er aufgehängt.“ Veit zuckte die Achſeln und lächelte.„Daran ſind wir auch noch nicht,“ bemerkte er.„Der Alte verendet noch nicht; aber nehmt Euch in Acht, Schmied, der Alte hat gute Löffel und wittert ſolche Geſinnungen, wenn er den Wind hat. Er verſteht ſich auf die Fährte wie ein Schweißhund— und— beißt.“ Pah,“ entgegnete der Schmied,„ich weiß wohl, daß der Wolf die Haare verliert, aber nicht die Naupen; doch hoff' ich's zu erleben, daß—“ „Segnet, die euch fluchen; thut wohl denen, die euch haſſen und beleidigen, liebet eure Feinde!“ ſprach die Blinde in ihrer Ecke, und dem Schmied zuckte das Wort durch die Seele. „Wohl wahr, Mutter Wallauer,“ verſetzte er;„aber das WMenſchenherz wird halt ſo ſelten ſeiner Fehler los!“ Er ſuchte dem Geſpräche jetzt eine andere Wendung zu geben. „Weißt du, Veit,“ ſprach er,„was mir Einer in Simmern auf dem Fruchtmarkte ſagte?“ 8 „Was denn?“ fragte dieſer, als der Schmied einhielt. — 204— „Bis Neujahr ſind die Deutſchen hier!“ „Das glaub' ich gerade noch nicht,“ verſetzte Veit. „Ihr ja auch nicht, Vater,“ fiel Maria ein.„Ihr ſagtet ja noch vorhin, der alte Löwe würde die Mähne noch ſchütteln.“ „Ich glaub's auch nicht. Seine Macht iſt noch zu groß.“ „Der Würgengel ſtand auf der Tenne Arafna und reckte ſeine Hand aus, daß das Volk ſtarb von Dan bis Berſeba, ſiebzig⸗ tauſend Mann!“— So ſprach in ihrem Mark und Bein durch⸗ dringenden Tone die Blinde vor ſich hin. Und wieder wurde es ſtille im Stübchen und der Schmied blies dicke Dampfwolken hinaus, Beit aber ſah vor ſich hin, und es war ihm, als ſtimme das prophetiſche Wort der Blinden überein mit dem ſchrecklichen Ausſehen der Franzoſen. Während dieſer Stille ertönte das Horn des Nachtwächters. Er blies Zehn. Engel ſah nach dem Fenſter, deſſen Laden ſie nicht geſchloſſen hatte. Sie ſah ein Geſicht jenſeit der Scheiben und ſtieß einen Schrei aus. Alle fuhren auf vor Schrecken und fragten, warum ſie ſchreie? Sie aber ſagte, ſie habe ein fremdes Geſicht am Fenſter geſehen, und das habe ſie erſchreckt, weil ſie gemeint, es ſei einer jener Deſerteure. Veit ſprang eilig hinaus; aber Alles war ſtille umher, nur die Blätter des Hutzelbirnenbaumes, die herniederfielen, raſchelten leiſe. Er drückte die Laden bei und kam wieder herein mit den Worten:„Du mußt geträumt haben, Engel!“ Aber Engel hatte nicht geträumt. Sie hatte deutlich das Geſicht des Andres geſehen,*. Sohnes des Förſters, dies ſtille, bleiche, leidende Geſicht, das ſie oft ſo träumeriſch anſah und mit einem ſo ganz eigenthümlichen Ausdruck. Sie verſchwieg aber weislich, was ſie geſehen, und Veit's Frau hatte gleich eine Geſchichte in Bereitſchaft, die beweiſen konnte, daß eine aufgeregte Einbildungskraft Dinge ſehe, von denen ein klarer und ruhiger Blick nichts entdecke. Man war hier auf ein weites Gebiet gerathen, das noch lange nicht ausgebeutet war, als der Wächter die eilfte S blies Lir die Spinnſtube auseinander ging. — —— — 205— Als die Blinde das Sichbereitmachen zum Aufbruche hörte, ſagte ſie:„Engel, nimm die Bibel und lies uns als Abendſegen den 27. Pſalm; es iſt ein Wort des Friedens für unſere Seelen in der Angſt, die das Geſpräch dieſes Abends gebracht hat.“ Und das liebliche Mädchen nahm die große Foliobibel, ſchlug auf und las mit ihrer wohltönenden Stimme, und es kam Frieden über ſie Alle, die nun die Ruhe ſuchten. II. Ein brauſender Novemberſturm, der Regen und Schnee wider die Häuſer peitſcht, iſt immer ſchaurig; aber wenn er Nachts ſeine Macht entfaltet, wenn er die gahrende Wetterfahne trillt und dumpf durch die Zwiſchenräume der Häuſer heult, eine Eule noch ihre ſchauerlichen Töne dreinmiſcht, dann wickelt ſich Jeder tiefer in die Decke und ſucht den Schlaf. So ging's dem alten Kümmel⸗ Dietrich auch, eine Woche ungefähr nach dem Abend in der Spinn⸗ ſtube der Wittwe Wallauer. Er hatte mit Veit einen Pürſchgang verabredet; denn dieſer wollte einen Keuler abgegangen haben, der in dem dichten Schlage ſtand, den man die Struth hieß. Der Alte ſchlief unruhig; denn früh um drei Uhr wollte Veit wecken. Wenn auch die Nacht ſtichdunkel war, weil Wolkenmaſſen den Himmel bedeckten, ſo leuchtete doch der Schnee zum Waidwerke. Auch that Eile noth; denn der Oberförſter wollte ein Treibjagen auf Saue anſtellen. Schoß nun Dietrich den Keuler früher, ſo war er ſein, und ihn unbemerkt heimzuſchaffen, war ein oft erprobtes Kunſtſtück. Er war endlich eingeſchlafen. Da weckte ihn plötzlich ein ſo heftiger Schlag, daß er hoch auffuhr und der Hund neben dem Bette ſich aufrichtete und knurrte. Was war das? fragte ſich Dietrich, und es lief ihm eiskalt durch alle Glieder. Er horchte; aber es blieb ſtille, und der Hund legte ſich wieder, ohne jedoch x3 zu ſein. — 206— Ein zweiter, eben ſo heftiger Schlag folgte nach kurzer Zeit. Der Hund ſprang mit wüthendem Gebelle gegen das Fenſter. „Kuſch, kuſch, Waldmann!“ rief der Alte und ſprang aus dem Bett.„Alter Burſche,“ ſagte er beſänftigend zu dem Hunde, „kannſt du einen vom Winde losgeriſſenen und zugeworfenen Laden nicht von etwas Anderem unterſcheiden?“ Aber der Hund ſchwieg nicht. Zwar gehorchte er in ſo weit ſeinem Herrn, daß er das laute Bellen einſtellte, jedoch nicht ſein argwöhniſches Knurren. Ganz beruhigt ging der Alte zum Fenſter, öffnete es, um eine kalte Hand ſeinen Arm und hielt ihn mit Rieſenkraft feſt, und das dumpfe Wort:„Brod! Brod!“ traf ſein Ohr, dem Heulen des Windes. Alle Schrecken der Hölle ergriffen den alten Sünder, und er ſtieß einen gellenden Schrei aus. Der Hund ſtürzte mit wüthen⸗ dem Gebelle, in das ſchnell alle Hunde des Hauſes einſtimmten, gegen das Fenſter. Das gewaltige Thier drängte ſeinen Herrn zurück und fuhr nach der kalten Hand, die dieſen hielt. Schnell ließ ſie los, und der Hund würde zum Fenſter hinausgeſprungen ſein, hätte der Alte nicht das Fenſter geſchloſſen, als er ſeine Hand frei fühlte. Er taumelte zum Bette zurück und wickelte ſich in die Decke, von Froſt und Entſetzen zitternd. Noch eine Weile tobte die Meute wie raſend; dann trat Schweigen ein, und die Kirchenuhr verkündete in dumpfen Schlägen die Mitternachtsſtunde. Schrecken der Hölle vor die Seele. Das war der Wallauer! ſprach's im Innern des Alten, und er ſah den Erſchoſſenen, wie er dalag im Schnee, und ſein Herz⸗ blut ihn roth färbte; er ſah das brechende Auge und die entſtell⸗ den aufgeriſſenen Laden zu ſchließen, und griff hinaus. Da faßte⸗ — Wenn das Gewiſſen eines Verworfenen erwacht, tritt der ten Züge des Armen. Er hörte wieder, wie ihm der alte Schmied damals ſagte: Herr Dietrich, dies' Herz hat Eure Kugel durch⸗ —5— ————— ————— ———— — —— 3 —5— Niemand kannte den Sack oder wollte ihn kennen — 207— bohrt; aber in das Eure iſt die Kugel bloß hineingedrungen und brennt— und das Löſchen iſt vergeblich!— Wieder flüſterte der Schmied, wie damals, ihm zu: Wißt Ihr, was der da ſagte im letzten Augenblicke?— Brod! Brod! für mein Weib und mein Kind! Merkt Euch das! Das Wort war wieder ſeit langen Jahren in ſen Ohr gedrungen, und die kalte Hand hatte ihn erfaßt. Er war bemüht geweſen, das Schreckbild wegzudrängen vor dem innern Auge; es war ihm auch wohl gelungen— aber jetzt ſtand's wieder da, und der Mahner wich nicht. Im erſten Augenblicke nach jener That, die allerdings nicht in ſeiner Abſicht gelegen, und an der Wallauer's Unvorſichtigkeit auch ihren Antheil hatte, weil er ſeine Stelle verlaſſen, auf die ihn der Förſter geſtellt, war es Dietrich's feſter Vorſatz, für Wallauer's Wittwe und Kind zu ſorgen. Aber gute Vorſätze und Aprilſchnee währen nicht lange. Der Geiz ſaß in des Alten Seele niet⸗ und nagelfeſt und übte eine Herrſchaft, gegen die nichts Beſſeres aufkam. So vergaß er die bei dem Anblicke des Leichnams gefaßten Entſchlüſſe und das Wort des Schmieds; aber dieſem wich er ſeitdem aus, wo er konnte. Es war ihm, ſo oft er ihn anſah, als frage des ſchwarzen Schmieds ſtechender Blick: Denkſt du nicht an das Brod, das den Armen fehlt, die du elend gemacht haſt?— Ein Menſch wie Dietrich aber verhärtet ſich gegen Alles. Sein Sohn Andres hatte einmal geſagt: Vater, die Wallauer's leiden Noth!— Da ſchrie ihm der Alte zu: Schweig, Simpel! und der weiche Junge ſchlich weg und ſchwieg. Aber es geſchah wohl öfters, daß Engel Morgens, wenn ſie in die Scheune kam, einen Haufen Korn auf der reingeblaſenen Tenne fand, der mehr als ein Simmerer Malter maß. Niemals hatte ſie entdecken können, woher das Alles kam. Ein Zettel lag dabei, auf dem eine ihr unbekannte Hand geſchrieben: Schweige! Wer's brachte, ahnte ſie nur einmal, aber ſie hatte ſich keine Gewißheit verſchaffen können. Weil ein Sack, der⸗ liegen geblieben, mit einem„D“ gezeichnet war, vermuthete ſie, es ſei Andres, der e th doch — 208— Der alte Dietrich wälzte ſich in jener Nacht auf ſeinem Lager herum, gequält von den wildeſten Gewiſſensbiſſen. Er wollte beten; aber er konnte nicht. Gern wäre er aufgeſtanden; aber vor dem Fenſter ſtand gewiß des Wallauer's Geiſt! Die beſten Vorſätze wurden wieder gefaßt. Als aber Veit kam mit der Flinte und der Alte der Menſchennähe ſich bewußt wurde, gewann er wieder Kraft und Muth. Er ſtand auf und machte ſich fertig. „Was war denn bei Euch zu thun, Herr Dietrich?“ fragte der Veit.„Die alte Lisbeth ſagte mir, es ſei eine Mordwirth⸗ ſchaft geweſen in dieſer Nacht.“ Das Wort ging in des Alten Seele hinein, wie ein ſtechender Dorn.„NRichts, nichts,“ ſagte er wegweiſend.„Du weißt, Veit, das Hundevieh iſt als mal toll, und wenn ſo ein Narr bellt, bellen ſie alle, und wiſſen nicht, warum.“ Aber vor Eurem Fenſter, deſſen Laden auf war, iſt ein ſeltſam Getrappel im Schnee!“ Wie? was?“ fragte kreidebleich der Alte. Haſt du Menſchen⸗ fährten geſehen, Menſchenfährten?“„ „Freilich!“ erwiederte Veit.„Es waren ihrer Vier bis Fünfe. Als ſich der Sturm legte, wurde der Himmel hell und die Sterne ſchienen klar. Ihr könnt's ſelber ſehen, wenn Ihr wollt.“ „Mag nicht! mag nicht!“ rief Dietrich und ſchüttelte ſich. „Ich glaube, es waren Deſerteure,“ fuhr Veit fort;„denn die Wälder ſind voll davon. Seit drei Tagen ſieht man ſie hier und dort, und überall verlangen ſie Brod.“ Da ſchaute ihn der Alte ernſt an. Es ging ihm jetzt ein Licht auf, und— die Schrecken wichen; aber er ſagte nichts weiter zu Veit, ließ ſich jedoch von ihm erzählen, wie ganze Trupps den Müllern kämen, und das Brod mit Gold bezahlten, ſich Faffe kochen ließen und gegen Tag wieder in den Wald zurück⸗ kehrten. Als Veit geendet, ſagte Dietrich:„Wir wollen doch noch etwas warten; meinſt du nicht, Veit?“ Eer fürchtete, in die Hände der Burſchen zu fallen. Veit — 209— lächelte ſpöttiſch und ſchwieg, doch bald mahnte er wieder. Endlich, als Dietrich dem Drängen nicht länger Widerſtand leiſten konnte, brach er auf mit Veit. Als ſie ſo ſtille neben einander dahingingen, fragte der gleichgültig:„Wie geht's denn Wallauer's?“ „So, ſo,“ antwortete Veit.„Die Blinde ſpinnt gehr aus, Jahr ein, und die Engel, die, beiläufig geſagt, wohl ein Engel iſt, arbeitet tüchtig.— Sie kommen ſo durch, aber viel Fett ſchöpfen ſie nicht von der Suppe und an Mangel, glaub' ich, iſt kein Mangel.“ „Warum doch das ſchöne Mädchen nicht heirathet?“ fragte der Alte und ſchritt raſch im Walde weiter. „Zum Heirathen, Herr Dietrich,“ lachte Veit,„gehören allemal Zwei. Heutzutage ſehen die Burſche auf Geld und Gut.“ „Vernünftig! ganz vernünftig!“ rief der Alte aus;„vom Küſſen werden die Leute nicht ſatt.“ „Seht, da liegt der Grund,“ fuhr Veit fort;„und die alte Blinde iſt auch eine Dreingabe, die nicht Jeder gerne ſieht. Sie will ernährt ſein.“ „Geht denn die Engel mit keinem Burſchen?“ „Gott behüte!“ ſprach Veit;„die lebt wie eine Nonne, wie man zu ſagen pflegt. Sie hat aber auch nicht Zeit, an Liebelei zu denken, wenn ſie ſich und ihre Mutter lich durchbringen will. Ihr wißt, wo der Vater fehlt———“ Der Alte fing an zu huſten und ſagte dann, plötzlich das Geſpräch anders wendend:„Hätt' ich doch einen Sohn, der mit mir auf die Jagd ginge! So muß ich alleine gehen, oder mit Fremden, und der faule Bub' liegt im Bette daheim.“ „Thut dem Andres kein Unrecht! Ihr wißt recht gut, d als 3 ihm ſagtet:„„Nimm Wir Andres, und geh — 210— „Halts Maul, du Nachteule,“ ſcheie der Förſter.„Mußt du mich auch noch quälen?“ „Herr Jeſu!“ ſprach Veit,„was ſchreiet und ſchimpft Ihr ſo? Ich will Euch ja nicht quälen!— Es iſt ja doch Alles wahr; — denn ich hab's ja ſelber mit meinen leiblichen Ohren gehört.“ Der Alte ſchritt eifrig zu und es wurde lange kein Wort gewechſelt. Endlich hob er wieder an:„Du haſt recht, Veit; ſeitdem iſt mir der Bub' ein Dorn im Auge. Er geht ſe 3 eeigenen Wege und ich ſeh' ihn oft halbe Wochen nicht. Oft ſchleicht 3 er Abends hinaus. Weißt du nicht, wo er majet?“ „Hm,“ ſprach Veit,„wenn Ihr mich nicht verrathen wollt, will ich Euch was erzählen.“ Dietrich blieb ſtehen und ſah Veit mit einer Miene an, die es deutlich kund gab, daß er keine Freudenbotſchaft erwartete. „Nun?“ mahnte er, als Veit zögerte. „Es iſt gewiß wahr,“ hob Veit endlich an,„die Engel iſt bildſchön.“ „Wer hat denn daran gezweifelt?“ fiel ärgerlich der Alte ein. „Ei, wenn ſo das dürre Holz ſpricht, ſo dürft Ihrs dem grünen auch nicht verargen,“ fuhr Veit fort;„ich meine damit Euren Andres.“ „Wa— was?“ ſchrie der Alte und lief blauroth an; e Simpel— will ſich in die Lumpendirne vergaffen?“ „Ob er das will, weiß ich nicht,“ ſagte Veit;„aber daß es geſchehen iſt, weiß ich recht gut,— vielleicht ohne ſeinen Willen.“ „Ei ſo ſoll ihn——— „Halt!“ rief Veit.„Fluchet nicht auf Euer eignes Blut. Sieben Kinder ſind Euch geſtorben und Eurer braven Frau hat 8 Wallauer's Tod den Tod gebracht. Andres iſt Euch alleine eblieben. Nimmt ihn Euch unſer Herrgott, ſo verendet Ihr, wie „ber alte Hirſch im Wald, und kein Hahn kräht nach Euch. Ihr dem armen Jungen die Lebensfreude verbittert durch Eure Ihr ſeid alt und das Halali iſt nicht mehr fern.“ Dem Alten waren die Worte Veit's in die Seele gegungen X —— — 211— Die Zorngluth wich einer Bläſſe, die ihm ein entſetzliches Anſehen gab. Die Arme hingen ſchlaff herunter und er ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken. Veit war der Vertraute aller Schelmenſtreiche des alten Küm⸗ mel⸗Dietrich's. Er hatte ihn in ſeiner Hand. Daher durfte er ſich denn einmal etwas herausnehmen, was ein Anderer nicht hatte wagen dürfen. Eine Weile hatte der Alte ſo geſtanden; dann drehte er ſich ſchweigend um und ſchritt fürbaß. Auch Veit ſchwieg, weil er fürchtete, zu viel zu thun.. Eeinige hundert Schritte weiter, hob der Alte wieder an:„Ich werde das nie zugeben, Veit. Sollte ich mir durch der Tochter Anblick das Unglück mit dem Vater alle Tage zurückrufen?“ „Ei, ſteht's ſo,“ ſprach Veit,„ſo möchte ich Euch rathen: macht gut, was Ihr übel gemacht!“ Das wochte jedoch der alte Sünder nicht hören. „Soll ich mein ſchönes Vermögen mit dem Bettelvolke thei⸗ len?“ fuhr er fort. „O nein! Da habt Ihr recht!“ rief Veit.„Setzt Euch auf Eure Geldſäcke, und wenn Ihr ſterbt, nehmt ſie mit; dann erbt doch Niemand etwas. Wißt Ihr, wie ich denke?“ „Da ſcheer' ich mich nichts drum!“ „Auch gut! Ich will's Euch aber doch ſagen: Mir wären die Pfennige der Wallauer's lieber, als Eure eplebns⸗ ors.— Verſteht Ihr mich?“ Das Geſpräch hatte nachgerade eine Wendung genommen, die beiden Theilen ein Ablenken wünſchenswerth machte. Veit war durch die kränkenden Worte des Alten in die Hitze gelommen. Er liebte die Wallauer's. Er lebte ſeit langen Jahren in der beſtö Nachbarſchaft mit ihnen und ſeine Frau war eine entfernte waudte der Wittwe. Auch ärgerte ihn, der ſelber arm war, der Geldſtolz des Alten. Warte, dachte er, ich will dir einmal den Pfeffer reiben. Und er that es, daß der Staub dem Dietrich in die Augen fuhr. — — 212— Sie waren während des Geſprächs tief in den Wald gekommen und in die Nähe jenes dichten Schlages, wo der Keuler ſtand. Veit hatte genau abgekreiſt, wo er eingegangen war. Plötzlich rief der Forſtwart:„Seht mal die Fährten hier!“ Es waren die Spuren mehrerer Menſchen, die in den Wald gegangen waren. „Das ſind Holzfrevler,“ rief Dietrich,„ganz gewiß Frevler!“ „Ei, laßt ſie doch,“ ſprach halblaut ſein Begleiter,„die ent⸗ gehen Euch ja nicht. Wir ſind jetzt an der Stelle, wo der Keuler einging. Seht hier die Fährte! Es muß ein Thier ſein von wenigſtens zweihundert Pfund.“.5 „Ha!“ rief Dietrich,„ſäß' ihm meine Kugel nur ſchon auf ½ Blatte!“ S.ie ſtellten ſich nun an und ließen die Meute los. Bald genug hörte man den Jagdlaut und ehe eine Viertelſtunde verging, krachte es durch das Dickicht gerade auf die Stelle zu, wo in nicht ſehr großer Entfernung die Schützen ſtanden. Sie gaben ſich bedeutſame Zeichen und machten ſich fertig. Unweit des Alten brach jetzt das Thier heraus. Es war wirklich ein ungeheurer Kenler. Seine Hauer ſtanden weit hinaus, gräulich anzuſehen, und er ſchnaubte und ſchnurrte gewaltig. Die Borſten ſeines Kopfes und Rückens ſtanden wie ein Kamm aufgerichtet. Der Alte zitterte vor Eifer; doch ſammelte er ſich und ſchoß. Das Thier ſtürzte; aber ehe der Alte im Stande war, wieder zu laden, ehe Veit ſo nahe gekommen, daß er einen Meiſterſchuß hätte thun können, fuhr das Thier wieder empor. Es ſchweißte ſtark; aber nur ein Hinterlauf war zerſchmettert. Wüthend rannte auf Dietrich zu. 2 In der Angſt faßte der Alte ſeine Büchſe am Rohr und führte einen fürchterlichen Hieb auf des Keulers Kopf. Der Kolben der Büchſe zerſprang; aber nur einen Augenblick warf das Thier den Kopf in die Höhe; dann fuhr ſein Hauer tief in Dietrich's Bein, womit er ſich vertheidigen wollte, und zerfleiſchte es aufs entſetz⸗ „— ——————— ———— meln. Es war der alte Schmied, Engel und Veit's Frau. Went auch der Sturm der letzten Nacht manchen Aſt geknickt haben mochte, waren die des alten Soldaten zu ungelenkig gwor. — 213— lichſte.— Der Alte ſtürzte unter einem Schmerzgeheule zuſammen, das weit in den Wald drang; aber auch in demſelben Momente traf Veit's Kugel das Thier ins Auge, daß es lautlos zuſammen⸗ ſtürzte. Veit rannte nun zu dem Alten.„Ihr ſchweißt ja entſetzlich,“ rief er.—„Seid Ihr lauflahm?“ „Hülfe!!— Ich ſterbe vor Schmerz,“ jammerte der Alte und wand ſich auf der ſchneebedeckten Erde, die von ſeinem Blute war. Veit hatte in Spanien zu oft Gelegenheit gehabt, ſchwere Winden zu ſehen, als daß er hätte erſchrecken ſollen; auch war er zu oft in der Lage geweſen, verbinden helfen zu müſſen, um jetzt rathlos zu ſein. Indeſſen war ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen dem erlegten Thiere und dem Verwundeten getheilt. Während er ſein Halstuch abriß, ſagte er halblaut:„Ins Ange! Crère coeur! Ins Auge! Da hätten Tauſende ſchießen und doch ſo nicht treffen können.— Aber der hat Euch abſcheulich geliebkoſt! Meiner Treu'! ein bischen weiter— Acien partie!— Nun, ſeid nur ſtille! Ihr heult ja wie ein angeſchoſſener Bär! Damit ſtillt Ihr das Blut nicht.— Zweihundert Pfund!— Himmel, was Hauer! was Läufe! was Schinken!— Still, ſtill, Herr Dietrich! Ich verbinde Euch ja! Ein Aderlaß hat ſein Gutes. Ihr könnt viel böſes Blut ent⸗ behren!— Hätten wir nur den Keuler in Sicherheit!— Das ₰ blutet aber auch Haltet doch ſtille!“— Tief im Walde, aber jenſeit des Schlages St dh. befanden ſich an dieſem Morgen drei Perſonen, um dürres Reiſig zu ſam⸗„ ſo hingen die meiſten doch noch am Stamme feſt, und zum Baum⸗ — 214— aus,„daß wir Reiſerchen heimbringen, die ſo dick ſind wie Zwirns⸗ fäden? Mir geht's, wie dem Jäger, der den ganzen Tag herum⸗ 8 8 gerannt iſt, ohne etwas anzutreffen. Er ſchießt am Ende eine Geis, wenn er den F nicht bekommen kann. Ich will's auch ſo machen!“ Und mit dieſen Worten hieb er luſtig in die jungen Buchen⸗ ſtangen hinein und ſang dabei ſein Lieblingslied:„Prinz Eugenius, der edle Ritter ꝛc.“ Die beiden weiblichen Begleiter des Alten baten um Gotteswillen, er möge aufhören, er frevle ja, und wenn's der Förſter ſähe, ſo gnade ihnen Gott. „Laßt ihn nur kommen, den Strauchmörder,“ rief der Schmied grimmig aus.„Da hab' ich ein Beil, das ich ſelber geſtühlt es Knochen entzwei wie Buchenſtangen.“ „Pathe, Pathe,“ flehte Engel,„laßt doch das wilde Gerede, will lieber auf der Stelle umkehren ohne Holz, als ein Proto⸗ coll bekommen. Was ſollte aus meiner guten Mutter werden, wenn ich nach Simmern müßte? Und vors Gericht?— Ich ſtürbe vor Scham. „Deine Mutter wäre nicht verlaſſen, mein Göthchen,“ ſprach der Schmied;„aber krümme dir keins deiner ſchönen Haare drum und nimm das Holz in das Bündel. Ich ſtehe für Alles; verlaßt Euch auf mich. Auch weiß der Veit, daß wir im Walde ſind. Er wird den Kümmel⸗Dietrich ſchon ablenken.“ „Aber er weiß nicht, daß Ihr Frevel thut, Schmied,“ ſagte Veit's Frau. „Pah, Holz und Unglück wächſt alle Tage,“ verſetzte der Schmied.„Ich halte es für keine Sünde; denn der liebe Gott läßt das Holz wachſen, daß wir uns n erwärmen ſollen, und ſo weiter. Wer aber verbietet's zu hauen? frag' ich; die Men⸗ ſchen, die Quäler ihrer eignen Art. Und die Forſtparthie haut's doch ſelbſt und verkauft's noch dazu— und der Kümmel⸗ Dietrich haut's und verkümmelt's. Wir nehmen nur Unterholz zum Brennen. dieſen Reidel von drei Zoll; aber das thut's nicht.“ Ich nähme auch lieber eine Buche von drei Schuh Durchmeſſer, ——— — 215— Die Philoſophie des Schmieds überzeugte die Veitin wohl, aber die Engel nicht. Sie war bei ihrer Mutter bibelfeſt geworden und ſprach:„Pathe, die Schrift ſagt:„Seid unterthan der Obrig⸗ keit, die Gewalt über euch hat!“ „Das iſt Alles wahr, Engelchen,“ erwiederte der Schmied, welcher unabläſſig die ſchlanken Buchenſtangen in Wellenlänge zuſammenhieb;„aber es iſt auch zu unterſcheiden, ob die Obrigkeit nicht ihre Gewalt mißbraucht. Zum Beiſpiel: der alte Hallunke, der Kümmel⸗Dietrich, der hat ſeine Gewalt nicht von Gott, ſon⸗ dern———“ „O ich bitt' Euch, Pathe, laßt doch den alten Haß fahren!“ ſprach Engel. „Du vertheidigſt ihn, du?“ fragte der Schmied zornig.— Er drehte ſich um und legte ſein Holz in die gedrehten Birkenſeile, ſchnürte ſie ſchweigend zu und legte ſie auf die Tragringe der Frauen, welche der Hunsrücker„Kitſchel“ nennt. Engel wagte es nicht, ſich ihrem Pathen zu widerſetzen, obwohl ihr Gewiſſen gegen ſein Verfahren proteſtirte. Auch der Schmied lud ſeinen Bündel auf, und ſo ſchritten ſie den Weg zurück, den ſie gekommen. Sie waren vielleicht keine dreihundert Schritte gegangen, als ziemlich raſch auf einander zwei Schüſſe folgten und zwar in einer nicht ſehr bedeutenden Entfernung. Der Schmied ſtand ſtille und horchte, und die Frauen zitterten vor Angſt. „Hm! die Schüſſe fielen bei der Struth, wenn ich recht gehört habe,“ murmelte der Schmied und bog rechts in einen Stellweg ein, der ihn aus dem Bereiche der Jagd bringen mußte.—„Tretet ſachte auf,“ flüſterte er den Frauen zu,„damit wir hören wohin ſich die Hunde wenden; denn wir haben den Wind⸗ Sich muthwillig in Gefahr begeben, halte ich für unnöthig. Iſt ſie da, ſo bebe ich nicht vor ihr.“ Wieder gingen ſie einige Schritte, da vernahmen ſie den gellenden Weheruf eines Menſchen, den ein Windſtoß durch eine Lichtung des Waldes trug. — 216— „Kinder,“ ſagte der Schmied,„da iſt ein Unglück geſchehen. Wüßt' ich, daß es dem Kümmel⸗Dietrich paſſirt wäre, ſo—— aber es könnte auch Veit ſein.“ „Gerechter Gott,“ rief Veit's Frau aus und lief in angſtvoller Eile in der Richtung des Schrei's davon. Engel und der Schmied folgten, mit keinem andern Gedanken beſchäftigt, als dem, es könne Veit verwundet ſein. „Gib Acht,“ ſprach der Schmied zu Engel,„gib Acht, er macht's dem Veit noch, wie deinem Vater ſelig. Nun, ich habe keine Schuld und waſche meine Hände; denn ich habe ihn noch vor acht Tagen vor dem Strauchmörder gewarnt. Wer nicht hören will, muß fühlen.“ Sie mußten ihre Schritte beſchleunigen, um der von Angſt geälten Gattin zu folgen. Endlich erreichten ſie die Lichtung, welche nach dem Dorfe führte und fanden die Spur der beiden Jäger. Hier warfen ſie ihre Holzbündel ab auf einen Haufen und folgten der Spur. Nicht lange, ſo erreichten ſie den Ort des Unglücks. „Bassa manelko!“ rief der Schmied,„was liegt da ſür eine Beſtie? Ein Keuler,“ rief er verwunderter aus,„wahrhaftig ein Keuler!“ Und Veit, der ſich glücklich pries, Jemanden ſeine That erzählen zu können, wandte ſich von dem blutenden Förſter ab und ſagte triumphirend:„Ich, Schmied, ich hab' ihn erlegt. Die Kugel fuhr ihm gerade ins Auge das iſt ein Schuß, gelt?“ „Gut gezielt,“ ſprach, im Anſchauen des Keulers verſunken, der Schmied;„gut gezielt und brav getroffen!“ Die Frauen ſchrieen„Ach, der Förſter blutet ja erſchrecklich! helfet doch!“ „Alle Peſt!“ ſh Veit, iſt zu klein und ich hatte kein anderes.“ Jetzt riß Engel das Tuch, vos ſie nach Landesſitte um den 5 ſchönen Kopf geſchlungen hatte, ab, und eilte damit zu dem Alten. —— —— „Da, Veit, da!“ rief ſie, von Mitleid ergriffen, aus und reichte ihm das Tuch, band ihre Schürze los und reichte ſie auch dar. WMiit Hülfe dieſer Verbandmittel gelang es, die Wunde, welche Veit mit Schnee ausgewaſchen hatte, zu verbinden. Der Förſter lag einem Todten gleich da. Der Schmied beobachtete ihn lange mit innerem Widerſtreit der Gefühle. Alter, tief eingewurzelter Haß und Mitleid rangen um die Herrſchaft in ſeinem Herzen; als er aber ſah, wie Engel's milde Seele die Hülfe dem leiſtete, der den Vater ihr entriſſen hatte,— da ſchmolz der alte Grimm, und er ſagte leiſe in ſich hinein:„Wenn das Mädchen kein Engel iſt, ſo gibt es keine mehr! Aber ihr Beiſpiel ſoll mich lehren, was ich zu thun habe.“ Er trat raſch herzu, ſah Dietrichen ins Geſicht und ſagte dann zu Veit:„Hier iſt nicht lange zu ſäumen! Nimm mein Branntwein⸗ Buttelchen und flöße ihm eine Stärkung ein.“ Das geſchah und der Förſter ſchlug bald wieder das Auge auf. An Gehenkönnen war nicht zu denken. Die beiden alten Soldaten machten eine Tragbahre aus Reiſig und Stangen, legten ihn darauf und ſchritten rüſtig dem Dorfe zu. In dem Förſter regte ſich aber die alte Habſucht. „Ach der Keuler! der Keuler!“ ſagte er halblaut. „Still!“ herrſchte ihm der Schmied zu,„meint Ihr, alter Sünder, es trage ihn Jemand weg? Euch tragen wir, das iſt genug; aber den Keuler mögt Ihr mit Eurem Wagen holen laſſen oder ihn den Wölfen Preis geben.“ Der Förſter ſchwieg, wie ſchwer es ihm auch wurde. Er erholte ſich allmählig, denn Veit flößte ihm, ſo oft ſie ruheten, Branntwein ein. Auch in der Nähe der Holzbündel ruhten ſie wieder. „Wem iſt das Holz?“ fragte der Förſter heftig, als er es ſah, und richtete ſich auf der Bahre in die Höhe. „Mein und dieſen Beiden!“ ſprach der Schmied und ſah ſcharf den Dietrich an.„Ich denke, Ihr macht uns ein Protocoll, weil wir Euch ſo treulich helfen? Es wire Euer erſter Schurken⸗ — 218— Dietrich biß ſich in die Lippen, aber er wagte es nicht, dem Schmied gegenüber etwas Weiteres zu ſagen. Er haßte ihn grimmig, fürchtete ſich aber auch vor dem kühnen Manne, der keine Furcht kannte. Veit ſagte endlich:„Engelchen, lauf' ins Dorf und hole Hülfe; ich kann kaum mehr, und dem Schmied wird's nicht beſſer gehen.“ Während Engel dahinflog, ſchritten die Andern langſam weiter, mußten aher immer öfter ruhen. Als Engel das Dorf erreichte, rief ſie hier und dort die Bauern an, die eben ihre Morgenſuppe aßen; aber ſie ſchüttelten lachend den Kopf und meinten, er habe es um ſie nicht verdient. Empört durch die Härte dieſer Menſchen, eilte das Mädchen gegen das Forſthaus; aber als ſie es ſah, wurzelte ihr Fuß an der Erde. Sollte ſie hineintreten zu Andres? Einen Augenblick ſiegte die mädchenhafte Scheu, dann aber flog ſie die Treppe hinauf in das Haus. Andres ſtand vor ihr glühend vor Ueberraſchung, und auch Engel erglühte jetzt vor Scham und ſah verwirrt zur Erde. Doch fand ſie bald wieder das Wort und entfernte ſich dann ſchnell nach ihrer Wohnung. Einige Augenblicke ſpäter rührte ſich Alles im Hofe des Forſt⸗ hauſes, und bald rollte der Wagen, auf welchem Betten lagen, daher, den Verwundeten zu holen, und Andres regierte die Pferde mit ebenſoviel Kraft, als Kunſt.— Die Bauern ſahen ruhig dem Wagen nach und meinten:„Unkraut vergehe nicht.“ Der Abend vieſes Tages ſah eine größere Geſellſchaft im Stübchen der Wittwe Wallauer. Ein junger Burſche hatte ſich eingefunden und ſaß im Dunkeln an der Fenſterwand, doch ſo, —— daß er die beiden Mädchen im Auge hatte. Niklas war eines reichen Bauern Sohn, ein derber Menſch mit allem Uebermuth des reichen Burſchen ausgerüſtet. Sein Haar war brennroth und ein Heer anſehnlicher Sommerſproſſen, die aber an die Jahreszeit ſich nicht banden, bedeckten das breite Geſicht in allen Richtungen. Die ſchöne Engel zog ihn an, obwohl ſie blutarm war. Indeſſen war ſeine Aufmerkſamkeit weniger in einer herzlichen Nei⸗ gung zu dem lieblichen Mädchen gegründet, als in dem Stolze, beim Tanze der Kirchweih' das ſchönſte Mädchen zu führen. Daß ſie es ſich zur höchſten Ehre rechnen würde, mit ihm zu gehen, ſetzte er ſo ſicher voraus, als er von der Unwiderſtehlichkeit ſeiner Perſon überzeugt war. „Das war ein Tag heut',“ hob, als er ſeinen Stummel ange⸗ brannt, der Schmied an,„der hat die Menſchenherzen offenbart und auch Manche gezüchtigt. Das aber muß ich Euch ſagen, Mutter Wallauer, die Engel iſt ein gutes Kind. Sie hat durch ihre chriſt⸗ liche Liebe mich Zlten Kerl beſiegt, daß ich den Kümmel⸗Dietrich tragen half. Ein Quentchen Beiſpiel iſt mehr werth, als ein Pfund Lehre,“ ſag' ich. „Die Engel weiß, was die Schrift gebeut,“ ſprach mit einem tiefen Seufzer die ſpinnende Blinde. „Das muß wahr ſein,“ fuhr der Schmied fort, und das hoch⸗ glühende Mädchen winkte ihm zu ſchweigen. „Was?“ rief er aus,„du winkſt mir, zu ſchweigen? Nein,— ich muß deiner Mutter Alles ſagen! Um ſo ſchlimmer iſt es, daß ich Eurer Engel Ungemach bereitet habe.“* „Wie ſo?“ fragte die Blinde, deren leidende Miene einen ſchmerzlicheren Ausdruck annahm. „Die Engel wird Euch erzählt haben, daß ſie Kopftuch und Schürze zum Verbande des Mörders ihres guten Vaters hergab; daß ſie zuletzt weglief, um einen Wagen zu holen?“ ſprach der „Nein!“ ſagte die Blinde;„aber that ſie das, ſo ſegne ſie Gott. Sie hat feurige Kohlen auf ſein Haupt geſammelt.“ 10* . — 220 „Feurige?“ Mutter Wallauer,“ rief der Schmied;„da ſeid Ihr irre, denn ſie brannten den Bosfeind nicht im mindeſten.— Doch ich muß Euch Alles auslegen:“ „Als der Wagen kam mit dem Bettwerk, dachte ich: nun wird er ſich drauf legen laſſen? Nicht ſo? Veit!“— Der nickte, und der Schmied fuhr fort:„Proſt die Mahlzeit! Er ließ ſich zudecken und begann den armen Andres zu ſchimpfen. Das konnt' ich länger nicht anhören und ballte ſo die Fauſt, hielt ſie ihm ich ſtopfe dir den Mund, daß du ihn nicht wieder aufthuſt, als vor Gottes Gericht, um dein Sündenregiſter abzuheulen!“ Das machte ihn ſtockmauſeſtill; denn der Menſch iſt ſo feig wie ein Schneider. Darauf ſagte er kleinlaut:„Geht,“ ſagt' er,„und holt erſt den Keuler und meine zerſchlagene Büchſe. Ihr könnt auch das Holz aufladen,“ ſagt er;„und ich dachte, der Burſche hat doch noch einen Reſt von Eyrlichkeit in ſeiner Bruſt. — Wir gehen weg, der Veit und ich, mit dem Wagen. Aber als wir bei dem Thier anlangen— was meint ihr was wir da ſahen?“— Er hielt ein und Aller Augen hingen an des S Munde. „Da werden die Hunde ſchöne Arbeit gemacht haben,“ rief dumm lachend der rothe Niklas. „Du könnteſt Rathsherr zu Nürnberg werden!“ warf ihm der Schmied hin.„Nein,“ fuhr er fort,„das nicht; aber fünf Burſche ſahen wir darum ſtehen, deren Einer wacker am Aus⸗ waiden war.“ 2 „Wer war's denn?“ fragte Engel. „Deſerteure waren's,“ fuhr der Schmied fort.„Der Eine, ein baumlanger Menſch, trug die Uniform der ſogenannten Ehren⸗ garde, ganz roth. Ich glaube, das Blut des Thieres war das erſte, das er ſah. Der Zweite war ein Dragoner, der Dritte ein ausſah, daß ich glaube, er macht in ſeinem kalten Quartier im unter die Naſe und ſagte:„Still, du Unmenſch,“ ſagt' ich;„oder Chaſſeur, der Vierte ein Huſar und der Fünfte, der ſo leidend Walde bald nähere Bekanntſchaft mit dem unter der ½. 3 3 —— —— —— — die Knochen.“ wenn man das Gehen heißen kann, daß Zwei dahinſchlockerten, die Uniformſtücke dreier Waffengattungen an ſich. Als ſie uns kommen ſahen, machten ſie Veit's Flinte und einige Piſtolen zurecht, um uns gehörig zu empfangen.“ „Laßt's gut ſein,“ rief ich ihnen zu,„und habt Ihr Hunger, ſo nehmt, was ihr wollt,“ ſagt' ich. „Das wirkte, und ſie erwarteten uns ruhiger. Von dem Keuler waren tie Schinken abgeſchnitten vorn und hinten, auch das Gelünge herausgenommen.— Wir theilen ehrlich,“ ſagte der Rothe, und lachte dabei recht behaglich.„Wir haben ſeit Hanau kein Fleiſch geſehen.“ „Der Andres ſchwieg, und, da ich mit Veit einverſtanden war, ſo ſagt' ich:„Proſit! Weiß auch aus dem Kriege, wie's ſchmeckt nach langen Faſttagen.— Lieber Gott! wie ſahen die Leute aus! Wie Gerippe, ſag' ich,„wie pure Gerippe. Das iſt mir durch die Seele gegangen. Hätt' ich's dort gehabt, mein ganzes letztes Gebäcke Brod hätt' ich ihnen gegeben, mein' Seel!“ „Aber, Cumpeer,“ hob Veit an,„Ihr redet ja nichts von den Heimlichkeiten, welche der rothe Deſerteur mit Euch hatte!“ Habt Ihr ja doch getuſchelt mit einander wie zwei alte Freunde.“ „Wer kein Schloß vor dem Munde haben kann, ſag' ich, Veit, den ſoll man aufknüpfen. Reden iſt Silber, Schweigen iſt Gold! Verſtehſt du mich?“ „So kamen wir denn,“ fuhr der Schmied nach dieſer Abſchwei⸗ fung fort,„recht freundlich aus einander.“ „Das glaub' ich,“ lachte Veit;„ſie hatten das Fleiſch und wir —„Du hätteſt's ihnen ſtreitig machen ſollen, Veit. Wer hätte dir's gewehrt?“ fragte der Schmied.„Es war noch zu viel für den Hallunken, der unter der Bettdecke lag.— Daß ich's kurz mache, wir trennten uns, und die Deſerteure gingen tiefer in den Wald, als hätten ſie den Tod in den Gliedern.“ „Ach, die Armen!“ ſeuſzte Engel. ℳ — 222— Der rothe Niklas lachte und ſagte zu Engel:„Hätteſt du nicht Luſt, ſie aufzunehmen, Engelchen?“ „Niklas,“ rief der Schmied ärgerlich,„laß mir meine Gothe gehen. Sie hat ein chriſtlich Herz, und das iſt ein Ding, was du und dein Gelichter nicht kennſt.“ Der Rothe, der auch gerade nicht des Schmieds Liebling war, ſchwieg betroffen, und der fuhr fort:„Möge Gott und gute Menſchen ſich ihrer erbarmen!— Wir fuhren zurück, luden das Holz auf und dann den Kümmel-Dietrich und kamen heim. Von dem Gerippe des Keulers ahnte er nichts, weil das Holz darauf lag. Aber den Grimm hättet Ihr ſehen ſollen, als wir den Keuler abluden!— Wenn im nächſten Sommer ſo viele Donnerwetter an den Himmel kommen, als der Unmenſch fluchte, ſo können wir das fruchtbarſte Jahr erleben. Ich dachte, laß ihn fluchen und brummen und nimm dein Holz!— Da aber rief er laut: „Laß es liegen, Holzdieb; ich will dir das Stangenhauen vertreiben!“ „Ich ſtand ſprachlos, meiner Treu'! was mir doch ſelten paſſirt, machte aber kehrt und ging weg. Der Andres ſprang mir nach und ſagte:„Schmied, hat auch die Engel Holz dabei?“—„Frei⸗ lich!“ ſagt' ich.— Er ſchlug die Hände zuſammen und rannte weg, und daß er eine Thräne im Auge hatte, macht ihm eben keine Schande, denk' ich.“ Der rothe Niklas verzog höhniſch den Mund. Engel war bleich geworden und ihre gefalteten Hände lagen in ihrem Schooße matt und kraftlos.. „Was wird das noch werden?“ fragte ſie endlich den Pathen, und in ihren ſchönen Augen ſtanden Thränen der Angſt.— „Nichts weiter, als ein bischen Sitzen im Schloſſe zu Sim⸗ mern, Engelchen, wenn nicht etwa dein Schatz, der einfältige Andres, das Protocoll unterſchlägt,“ ſagte der rothe Riklas nicht ohne Groll, weil der Schmied den Andres gelobt und ſeine Sorge für Engel gerühmt hatte. Das Mädchen zitterte heftig.* *. e — 223— „Still! du rothe Nachteule!“ donnerte der Schmied.„Wer hat dich hereingerufen, wo man dich nicht gerne ſehen mag?“ Der Burſche ſtand auf. In ſeinem röthlichen Auge leuchtete eine verzehrende Glut. Die braunen Sommerſproſſen erſchienen wie helle Flecken auf der dunkelrothen Unterlage ſeines Geſichtes Die Lippen zitterten.—„Wäret Ihr nicht ein alter Mann, Schmied,“ kollerte er in wildem Zorne,„ſo———“ Der Schmied, ſonſt jähzornig wie irgend Einer, ſah ihn lachend an.„Geh, Kind,“ ſagte er,„geh! Der Himmel hat dir's an den Kopf geſchrieben, daß du nichts taugeſt; denn rothe Haare und Erlenholz—— nun, ich denke, du kennſt das Sprüchelchen.“ „Das will ich Euch gedenken!“ ſchäumte der Burſche, rannte hinaus und warf die Thüre ſo heftig ins Schloß, daß die Wände zitterten. „Vater, Vater!“ ſagte Marie halbweinend,„Ihr verfeindet Euch die ganze Welt!“ „Still, Kind, ſtill!“ ſagte begütigend der Schmied,„den Hochmüthigen bin ich Feind, und der rothe Bube meint's doch nicht treu. Beſſer, daß er fort iſt, glaub' mir's.“— Die Blinde war ſtille Zuhörerin geweſen. Jetzt ließ ſie ihre Hand ſinken und ſagte mit einem tiefen Seufzer:„Unſre Prüfungen ſind noch nicht zu Ende; Herr, mache es wohl mit uns!“ „Mutter,“ nahm der Schmied wieder das Wort, und an ſeiner Stimme leiſem Zittern konnte man wohl hören, wie ihn der Blinden Wort berührt hatte,„Mutter, diesmal iſt die Schuld allein an mir. Ich habe im Uebermuthe die Stangen gehauen, und Engel, wie Veit's Frau, hab' ich genöthigt, ſie heimzutragen, ſie wollten's nicht.“ „Was wird das aber helfen?“ ſagte Veit nni„Mit⸗ gegangen, mitgefangen, mitgehangen, heißt es im Sprichwort.“ „Dafür laßt mich ſorgen, Cumpeer,“ ſagte der Sit a Eiſen iſt warm; ich will es ſchon ſchmieden.“ Engel auf. Ihr Herz war beklommen; ſie mußte iuns Und draußen ſtand ſie, an den Thürpfoſten gelehnt, und weinte; „ — 224— ihre Hände falteten ſich und ſie betete:„Herr, hilf, daß nicht Schmach mich treffe und Elend die Mutter!“. Eine Bewegung im Schuppen erſchreckte ſie. Sie horchte. Als es ſtille blieb, trat ſie näher, und— wer malt ihr Entſetzen?— zwei Deſerteure ſtehen da, und der eine lehnt ſich ächzend an des andern Schulter. Engel wollte laut aufſchreien. .„Ach, erbarme dich unſer,“ flehte eine wohltönende Stimme. „Wir ſterben vor Froſt. Laß uns in deinen Stall, daß wir Wärme finden.“ Engel war von Schrecken überwältigt; aber das Mitleid, erregt durch ihres Pathen Schilderung, gewann ſchnell die Oberhand in ihrem Herzen. „Wartet ein wenig,“ flüſterte ſie ſchnell,„ich will den Schmied rufen.“ „Ach, thue das; er kennt uns!“ war die Antwort, und Engel rief leiſe dem Schmied.— Veit ahnte nichts. War's doch ſo natürlich, daß die Angſt des Mädchens bei dem Pathen heimlichen Rath ſucht. Der alte Schmied ſtand raſch auf und folgte ihr. „Was gibt's?“ fragte er leiſe. „Es ſind zwei Deſerteure in unſerm Schuppen; ſie ſind——“ „Ich weiß, ich weiß, Kind,“ fiel ihr der Schmied in die Rede; „komm nur ſchnell! In eurem Stalle mögen ſie die Nacht bleiben, da iſt's warm. Morgen ſchaffe ich Rath. Es ſind Landeskinder; dürfen wir ſie verlaſſen in der Noth?“ Er zog das Mädchen mit ſich fort, warf, nachdem er leiſe mit den Beiden geflüſtert, ſchnell Stroh herab, trug's in den Stall, und die beiden Deſerteure folgten ſchwankend. Sie warfen ſich auf das Stroh nieder, und der Schmied ſagte:„Es iſt noch nicht ſicher im Hauſe, geduldet euch noch eine Stunde.“ Darauf ſchloß er die Thüre, raunte Engel noch zu, ſich zuſammenzunehmen, und trat, als ob nichts geſchehen wäre, mit ihr in die Stube. „Du biſt zu ängſtlich, Kind,“ ſprach er, als ob er ein abge⸗ brochenes Geſpräch fortſette;„es wird ſich Alles beſſer machen, * als du denkſt. Der Kümmel⸗Dietrich weiß, daß ich alle ſeine ſchlechten Händel kenne, und Veit mag es ihm ſagen, daß er ver⸗ loren iſt, wie er es wagt, mich vor Gericht zu ſtellen. Veit ſelbſt iſt nicht ſauber dabei, und ihm geht es ſo gut an den Kragen, als dem Strauchmörder.“. Veit wußte zu gut, wie wahr des Schmieds Rede ſei; er kannte zu gut die rückſichtsloſe Wahrheitsliebe des gutmüthigen Polterers, als daß er es hätte wagen mögen, eine Sylbe zu ſeiner Entſchuldigung zu ſagen. Er fand es gerathen, früher als gewöhnlich aufzubrechen. Seine Müdigkeit vorſchützend, verließ er mit ſeiner Frau das warme Stübchen der Wittwe Wallauer, wo jetzt nur Vier zurück⸗ blieben. Sinnend und ſchweigend ſaß der Schmied in der Ecke und ſeine Pfeife ging ihm aus. Das war ein ſicheres Zeichen, daß ihn Ungewöhnliches bewege. Als er Veit und ſeine Frau weit genug weg wußte, ſtand er auf und ging hinaus, um ſich zu vergewiſſern, daß nicht irgendwo ein unberufenes Ohr das auffange, was er jetzt mit den drei Frauen zu beſprechen hatte. Alles war todtenſtille draußen. Beruhigt trat der Schmied in die Stube zurück und ſetzte ſich auf die Bank neben die Blinde, die Stirne reibend, wie Einer, der nicht recht die Kehre zu finden weiß. „Der Veit,“ hob er endlich an,„hat vorhin von Heimlich⸗ keiten zwiſchen mir und dem rothen Ehrengardiſten im Walde geſprochen. Darüber muß ich Euch, Mutter Wallauer, und Euch, Mädchen, jetzt das Nöthige ſagen.“ „Der Menſch hatte ein ſcharfes Auge. Er meinte, ich ſei ein ehrlicher Menſch— und Gott weiß es, da irrte er nicht. So zog er mich denn auf die Seite und ſagte:„Hört einmal, Meiſter Schmied,“ ſagt' er,„ich halte Euch für eine ehrliche deutſche Haut. Ich muß an Eure Barmherzigkeit eine Bitte ſtellen. Scht, da die zwei Kameraden, junges Blut, gezwungen zum Dienſt, ehrlicher Leute Kinder aus dem Niederland,— haben ſie mit uns 1 — 226— die Platte geputzt, als es bei Hanau drunter und drüber ging. Bei Rüdesheim ſind wir über den Rhein und im Binger Walde treiben wir uns nun ſchon zehn Tage umher, und hungern und leiden Froſt. Wir Drei ertrugen's, aber die nicht. Sie ſind krank und ſterben ſicherlich, wenn ſie nicht Obdach, Wärme und Pflege finden. Habt Erbarmen!— Der Eine iſt ein Schloſſer aus Solingen; da dacht' ich wohl, das Handwerk habe ein Anrecht an Euch. Hier iſt Geld für ihn! Der Andere hat ſelber Geld genug, um für ſich zu ſorgen.“ „Er gab mir eine ſchwere Hand voll Gold.— Ich wollt's nicht nehmen und ſagte, ich ſei ein Chriſtenmenſch, der auch ein deutſches Herz habe,“ ſagt' ich.„Aber der meinte, das ſei deſto beſſer; Geld aber, ſagt' er, brauche man immer. Ich nahm's, weil ich mir vorgenommen, die armen Tenfel zu retten. Mein Plan war ſchnell gemacht.— Kamerad, ſagt' ich, kennt Ihr das Dorf da drunten hinter dem Walde?— Er bejahte.— Nun, ſagt' ich, es ſteht zu äußerſt ein kleines Haus; darin wohnen Menſchen, die wiſſen, wie das Unglück thut; darum haben ſie auch Herzen, ſchlicht und recht, fromm und barmherzig. Dahin bringe die Zwei heute Nacht, wenn's ſtille iſt im Dorf; ich bin in dem Hauſe und ſo weiter. Daß ich Euch meinte, Mutter Wallauer, das werdet Ihr weg haben?“ Wer iſt denn der Andere? fragt' ich noch den Rothen. „Der iſt aus Crefeld,“ ſprach er.„Bleibt's dabei?“ „Ich legte die Hand auf mein deutſches Herz und ſagte: So wahr mir Gott helfe!— Da hättet Ihr ſehen ſollen, wie der gute Junge mir die Hand drückte und ſeine Thränen drauf fielen. Man hätte ſo hart ſein müſſen, wie ein Waldſtein, oder wie der Kümmel⸗Dietrich, wenn Einem da nicht weich ums Herz hätte werden ſollen. Bassa manelko! Ich hab' nur zweimal in meinem Leben geweint, nämlich, als der Wallauer todtgeſchoſſen wurde; denn er war mein lieber Gevatter; und als meine gute Frau ſtarb,— aber als der Junge ſo vor mir ſtand,— nun, da war mir's auch nicht weit.“ * — — 227— „Was würdet Ihr nun thun, Mutter, wenn die armen Jungen kämen und bäten um Obdach und Schutz, bis der alte Blücher kommt, der die Franzoſen tanzen lehrt; ſagt, Mutter? Ihr wißt, bei mir iſt kein Raum, ſonſt nähm' ich ſie.“ Die Blinde ſann einen Augenblick nach; dann ſagte ſie:„Ich würde ſagen: In Gottes Namen! ob es gleich gefährlich iſt. Wir haben droben die Oberſtube, darin ſteht Engel's Bett, die ohnehin bei mir ſchläft. Nun, in Gottes Namen!“ „Da ſeh' ich wieder, daß ich mich auf die Menſchen verſtehe,“ rief der Schmied fröhlich aus.„So, dacht' ich, wird ſie ſagen, und ſo ſagt Ihr gerade! Gott lohn's Euch, treue, fromme Seele! Der da droben, Der Alles vergilt, hört auch jetzt Euer Wort, und Der hat ein gut' Gedächtniß!—“ „Daß ich's dann ausſage, Mutter, ſie ſind da und tiegen in Eurem Stalle.“. Als der Schmied dieſe Worte ſagte, zuckte die Blinde in Schrecken zuſammen; aber es war mehr die Ueberraſchung, die ſo wirkte, als daß es ſie gereut hätte, was ſie geſagt. Engel und Marie ſaßen als bewegte, aber ſtille Zuhörerinnen da, und über ihre Antlitze zogen Schatten und Lichter, je nachdem die Rede wirkte. Engel ſagte, Alle ſchwiegen:„Wenn's nur verborgen bleibt— und. „Mirtchen,“ fiel der Schmied ein,„Niemand weiß es, als du und nt Mutter, Marie und ich.— Uns kennſt du ja.“ „Freilich!“ fagte die Blinde.„Aber wenn die oben rumoren und hier iſt die Spinnſtube?“ „Erſtlich,“ ſprach der Schmied,„werden die Zwei ſelber um ihre Sicherheit beſorgt ſein und ſich ſtille halten; zum andern aber ſorgen ſchon Eure ſchnurrenden Räder, daß man nicht leicht etwas hört. Aber Engel, du hatteſt noch etwas, was du hinter dem„Und?“ Nun,“ ſtotterte das Mädchen erröthend,„i 6 meinte — 228— ſchicke ſich nicht, daß ich alleine zu den Mannsleuten gehe, und wer ſoll mich begleiten?“ „Wahr!“ ſagte der Schmied;„daran hab' ich auch gedacht und den Einwand erwartet; aber wohnen wir nicht neben Euch? Da iſt allemal Marie deine Sauvegarde. Iſt dir's nun recht ſo?“ Ich kann zufrieden ſein,“ lächelte Engel, indem ſie die Hand Marie's faßte, die ſie freundlich gegendrückte und zu ihr ſagte: „Ich theile alle Laſt mit dir, und hab's ſchon dem Vater verſprochen.“ „Aber,“ ſagte die hocherglühende Engel,„noch Eins, Pathe, — unſere Grundbeeren(Kartoffeln) ſind alle und zwei hungrige Gäſte——“ „Auch dafür iſt geſorgt,“ lächelte der Schmied gutmüthig, und trat zu Engel. Er legte eine Handvoll blanker Napoleond'ors in ihren Schvoß.—„Siehſt du, Göthchen, da kannſt du viele Grund⸗ beeren für kaufen. Das hat mir der in der rothen Uniform gege⸗ ben als Pflegegeld. Lohn wollen wir nicht; aber wir werden's wohl brauchen. Nun aber räſch, ihr Mädchen!“ rief er den erſtaunten Freundinnen zu,„macht Feuer oben in die Stube, kocht den Armen eine warme Milchſuppe, und du, Marie, geh' heim und hole den Krug, worin der Neuwieder Doppel⸗ kümmel war, füll' ihn mit kochendem Waſſer aus dem Ofenſchiffe, drückh den Stopfen feſt drauf und leg' ihn ins Bett, daß es warm wird.“ Engel gab das Geld dem Schmied zurück und ſagte:„Pathe, hebt Ihr's auf. Mir wird's bange bei dem vielen Gelde.“ Der Schmied nahm es wieder zurück, weil er ja doch gewiſſer⸗ maßen ſeit Wallauer's Tode der Hausvater war. Auch erkannte er ſchnell, wie gut es ſei, wenn er etwaige Einkäufe mache, um möglichen Argwohn von Wallauer's abzuleiten. 8. Die Mädchen flogen hinaus, und derweile ſchlich der Schmev zu den beiden Jünglingen, die in dem kleinen Ställchen eine — 229— belebende Wärme zu durchdringen begann. Als er ihnen günſtige Nachricht mittheilte, erfüllte eine ſelige Freude ihre Herzen.— Der Solinger fühlte ſich wohler, ſeit er nach ſo langer Zeit an einem Orte war, wo ihn die thieriſche Wärme berührte. Anders aber war es mit ſeinem feiner gebauten Gefährten. Seine Pulſe ſchlugen heftig; ſein Kopf glühte, ſeine Augen waren roth unterlaufen und die lechzende, trockene Zunge verlangte begierig zu trinken.“ „Das ſollt Ihr haben,“ bemerkte der Schmied.„Ich weiß aus meinen Soldaten⸗Jahren, daß der Regimentsarzt ſagte: Waſſer, ſagt' er, wenn's friſch aus dem Brunnen kommt, ſchadet niemals einem Kranken.“ Er ging und kehrte bald mit einem Kruge friſchen Waſſers zurück, das den Kranken ſehr erquickte. Darauf trat er ins Haus zurück und half den Mädchen hier und dort ordnen und beſchicken; unterſuchte das Zimmer, und als er es warm genug fand, holte er ſeine Schützlinge aus dem unbe⸗ quemen Verſteck, um ſie in ihre badewarme Stube zu bringen. Droben durfte kein Licht ſein; wohl ſtand aber eines in der engen Hausflur— und hinter einem Spalte der Küchenthüre ſtanden mit angehaltenem Athem zwei neugierige Mädchen und lugten heraus, ſich die Gäſte zu beſchauen, die ſie nun auf lange Zeit bedienen ſollten. „Der Blonde,“ flüſterte Marie ihrer Freundin zu,„iſt ein prächtiger Burſche. Wenn der ſich unter unſerer Pflege erholt hat, können wir uns in Acht nehmen, ihm nicht zu tief in die Augen zu ſchauen.“ Engel ſtieß die Muthwillige in die Seite und ſagte leiſe: „Sei doch ſtille, du tolle Hexe! Wenn das dein Rier hörte, gäb's ein abſcheulich Schmollen.“ „O laß mir meine Ruhe mit dem Peter!“ gegenredete Marie; „dem bin ich zu arm, und meinſt du, ich hätt's gleichgültig ange⸗ ſehen, daß er ſeit vier bis fünf Wochen nicht mehr in unſere — 230— Spinnſtube kommt, wohl aber in Werner's bei dem ſchwarzäugigen Gretchen ſitzt, die ihm ohnehin ſo freundliche Blicke zuwirft, wie ein Eichkätzchen! Nein,“ ſagte ſie und klopfte mit der Rechten auf⸗ trumpfend in die linke Hand, indem ſie trotzig mit dem hübſchen Köpfchen nickte,„den laß ich laufen und ſinge, wie's in dem Schelmenliede heißt: Geh' du nur hin, du haſt dein Theil, Du führſt mich nur am Narrenſeil; Ohn' dich kann ich ſchon leben, Ohn' dich kann ich ſchon ſein.“ Jetzt kam der Schmied wieder herab, um den Andern zu holen, es war der Kranke. Langſam und mühevoll ſchwankte er, von dem Schmiede mehr getragen, als geführt, an dem Schlupfwinkel der Mädchen vorüber, wo das Licht auf ſein glühendes Geſicht fiel. „Haſt du ihn geſehen?“ fragte Marie. „Lieber Gott, wie ſieht der arme Menſch erhitzt aus,“ entgegnete Engel. „Aber er hat doch ein feineres Geſichtchen als der Erſte, der aber hübſcher iſt.“ Ach, bemerkte Engel wehmüthig,„laß jetzt die Narrethei. Es fällt mir ſchwer auf die Seele, daß wir da werden einen recht kranken Menſchen zu pflegen haben. Möge Gott uns beiſtehen, daß er nicht ſtirbt! Was ſollte das werden? Dann wäre Alles verrathen und die ganze Laſt der Strafe träfe uns!“ „Wer wird auch gleich ans Sterben denken?“ rief des Schmieds heitere Tochter.„Du machſt dir immer trübe Gedanken und quälſt dich im Voraus. Da denke ich anders. Ich ſtelle mir immer das Beſte vor und nehme das Schlimme, wenn's kommt, geduldig hin. Nein, Engel, ſo ein junges Blut ſtirbt ſo leicht nicht. Und wie alt wird er ſein? Ich glaube, ſie ſtehen im Alter zu einander wie ich und du, und, wenn ſie aus einer Stadt wären, 3 ſo könnten ſie mit einander confirmirt worden ſein. Sei guten Muthes, Engel, wir wollen das Unſere thun, und der liebe Gott — 231— wird dann weiter ſorgen. Jetzt aber laß uns die Suppe anrichten; denn mein Vater wird bald kommen, und findet er uns plaudernd, und die Suppe iſt noch nicht fertig, ſo lieſt er uns den Tert noch ärger, als unſer alter Griesgram von Pfaxrer, als wir im letzten Sommer nicht mehr wollten in die Kinderlehre gehen“ IV. Schier ein Monat war in dem Dörfchen ſtille und ohne bedeu⸗ tende Ereigniſſe herumgegangen. Der Winter war milde; nicht einmal ein Schnee deckte die Höhen des Hunsrückens, und je näher der Neujahrstag heranrückte, deſto milder wurde es. Der Kümmel⸗Dietrich war, wenn auch noch mit vielen Schmer⸗ zen geplagt, ſo weit geneſen, daß er ſtundenlang außer dem Bette ſein konnte. Niemand war froher darüber, als Andres und die alte Lisbeth; denn die Launen des Alten überſtiegen jedes Maaß, und ſeine Quälereien hatten eine Höhe erreicht, die jede Ertragungs⸗ fähigkeit überſtieg. 1 Wie ein Dorn ſteckte ihm die Geſchichte mit dem Keuler in der Seele. Er hatte zwar, ſchlau genug, den Kopf des Thieres dem Unterpräfecten ſpendirt; aber ſeine forſtlichen Vorgeſetzten waren höchſt unzufrieden, daß er ihnen nichts von der Sache gemeldet, wodurch ſie um die Waidmannsluſt und um die köſtlichen Biſſen kamen. Die Verweiſe lagen ihm wie Steine auf dem Herzen, und daß er die Deſerteure nicht einfangen konnte, das war ein neuer Aerger. Ueberhaupt war es eine in jenen Tagen ſeltſame Erſcheinung, daß, obwohl man wußte, daß die Wälder im wörtlichen Sinne wimmelten von Deſerteuren; obwohl man genau unterichtet war, daß oft in der Nacht Trupps von Zwanzig bis Dreißig dieſer Leute in die Dörfer kamen, um Lebensmittel zu kaufen; obwohl es eine notoriſche Thatſache war, daß ſie Leute vom Felde oder Holz⸗ ſuchende aufgriffen und ihnen Geld gaben, um Brod zu holen: daß dennoch nicht der leiſeſte Schritt gethan wurde, um ſie einzu⸗ — 232— fangen. Unſtreitig konnte man es als ein Zeichen der Erſchlaffung und Auflöſung betrachten, daß eine Polizei, die ſonſt Argusaugen gehabt hatte, jetzt nicht ſah— oder nicht zu ſehen wagte. Der ganze Zuſtand auf dem linken Rheinufer, beſonders aber auf dem Hunsrücken und am Strande des Rheines zwiſchen Mainz und Koblenz, war der einer Lahmheit in allen Maßregeln, einer Larheit und Unſicherheit, welche jedem ruhigen Beobachter auffallen mußte. Nirgends konnte man Zeichen einer Vertheidigung des Rhein⸗ ufers wahrnehmen. Wohl lagen Truppen zerſtreut in den Städten und Dörfern am Rheine hin, auch wohl auf dem Hunsrücken; aber es waren kleine Trupps, zuſammengeſtoppelt aus allen Waffen⸗ gattungen der Armee, welche man einſt ſo ruhmredig die Große genannt hatte. Und dieſe Truppen unter ſich nicht einmal ver⸗ bunden durch ein regelmäßiges Obercommando, erſchienen als abge⸗ löſte, ſich ſelbſt hingegebene Glieder eines Körpers, der ſeiner völligen Zerſtörung anheimgegeben war. Hier ſah man mehr Offiziere als Gemeine; dort, und zwar beſonders in den Dörfern, zahlreiche Gemeine ohne Offiziere. Sie ſelbſt waren krank und hinfällig, zerlumpt und armſelig, unvollkommen bewaffnet— und was mehr war— demoraliſirt, muthlos, in ſich gekehrt; und wenn einmal die Luſtigkeit, dieſe unverwüſtliche Eigenſchaft des Franzoſen, aufkam, ſo trug ſie einen ſo eigenthümlichen Charakter, daß es ſchien, als ſtrebten ſie in convulſiviſcher Luſt, einen nagenden Schmerz, einen kaum zu bewältigenden Mißmuth, eine lähmende Trauer zu verſenken. Die häufigen Dislocationen dieſer verzweifelten Soldateska mochten wohl nur den Zweck haben, die Bevölkerung über die Unzu⸗ länglichkeit ihrer Zahl zur Vertheidigung des Rheinufers und der Rheinlande überhaupt zu täuſchen. Drüben aber, jenſeit der Höhen des Taunus, das wußte man recht gut, ſammelten ſich die gewal⸗ tigen Maſſen des Befreiungsheeres und rüſteten ſich in immer engerem Zuſammenrücken zu dem Uebergange, welchen ſelbſt die Franzoſen als nahe ſchilderten. —— — 233— Wie auch die Verbindung der beiden Ufer des Rheines gehemmt war, wie wachſam auch die Douane überall ſich erwies: man war dennoch genau von Allem unterrichtet, was jenſeits vorging; denn ſeit die Continentalſperre ihre unſelige Wirkſamkeit entfaltet hatte, war am Rhein ein Schmugglerſyſtem organiſirt worden, welches an Schlauheit ſelbſt die größte Wachſamkeit der franzöſiſchen Schergen und ihre vielgerühmte Verſchlagenheit übertraf. Es ver⸗ zweigte ſich in enger Gliederung bis tief in die Wälder des Huns⸗ rückens hinein und ſeine Arme reichten bis ins Herz des fran⸗ zöſiſchen Reiches, bis in das Alles verſchlingende Paris. Dieſe Schmugglerverbindung war die Brücke, über welche alle jene, die Bevölkerung mit frohen Hoffnungen, die franzöſiſchen Beamten aber mit Angſt erfüllende Nachrichten herüberkamen. Groß und allgemein war der Haß gegen die fremden Unterdrücker. Mit um ſo größerer Freude nahm man die Nachrichten auf, die man von Blücher's baldigem Erſcheinen empfing. Der alte Schmied war im Dorfe derjenige, um welchen ſich die Deutſchgeſinnten ſchaarten. Er empfing— Niemand wußte wie und woher— Nachrichten von der wichtigſten Art. Veit allein, der wohl den Schmugglern Laſten tragen half, kannte ſeine Quellen. Dagegen ſammelten ſich um den Förſter die entſchiedenen Franzoſenfreunde, deren Zwei oder Drei im Dorfe waren. Dietrich wußte es wohl, wie der Schmied geſinnt war; aber er hatte den Muth nicht, etwas gegen ihn zu unternehmen, wie ſehr auch Angeberei Lieblingsgeſchäft von jeher bei ihm geweſen war. Hatte er doch in ſeinem Herzen gejubelt, als er ihn des Holzfrevels hatte zeihen können, um einmal ſeinen Muth an ihm zu kühlen; aber Veit nahm ihm alle Luſt dazu, als er ihm des Schmieds Gruß vermeldete. Denn Dietrich wußte wohl, daß der Schmied das Alles ſo gewiß ausführen würde, als er es ausgeſprochen hatte. Unerwartet trat ein Ereigniß ein, das dem ganzen Verhältniſſe eine andere Stellung gab. Es vereinigten ſich Umſtände, welche ſo ganz zu des Förſters Haß die ſicheren Handhaben boten, daß er ₰ — 234— keine Minute mehr zauderte, das zu vollbringen, was er längſt gewünſcht. Die Vereinigung der drei Nachbarfamilien in der Spinnſtube der Wittwe Wallauer war bisher ungeſtört geblieben und Niemand hatte eine Ahnung davon, daß über ihnen die Zufluchtsſtätte zweier Menſchen ſei, welche als Fremdlinge, als Nothleidende die Barm⸗ herzigkeit herbergte und pflegte. Hätte in Veit's Seele ein Argwohn gelegen, er hätte wohl etwas Ungewöhnliches ahnen mögen. Häufiger als je zuvor, ſah man den Schmied Eſſe und Ambos verlaſſen und in Wallauer's gehen. Auch Marie war dort mehr als früher, wie innig auch allezeit die Mädchen verbunden geweſen waren. Dies häufigere Kommen des Schmieds aber hatte ſeinen Grund in dem ſchweren Erkranken des Crefelders. Ein heftiges Fieber wüthete in ihm. Seine Haut brannte, ſein Auge war glaſig, ſein Durſt unlöſchbar. Fieberphantaſieen brachten ihn oft dahin, daß er aus dem Bette ſprang und davon eilen wollte. Der Solinger, welcher ſich ſchneller erholt hatte, war dennoch unvermögend, ihn allein zu zwingen, wenn ſolche Anfälle kamen. Der Schmied mußte zu Hülfe gerufen werden, da den Mädchen das Zartgefühl nicht geſtattete, in das Zimmer zu gehen. Oft ſprach er laut von einer geliebten Mutter und ihrer Verzweiflung, weil ſie keine Kunde von ihm habe; dann ſah er ſich wieder in der Gewalt der Gens⸗ darmerie. Und in dieſe wilden Träume miſchte ſich gar häufig die Erzählung, daß ein Engel ihn pflege, den ihm Gott geſandt. Wenn nun der Schmied von dieſen Fieberträumen ſprach und auch dieſes letzteren gedachte, den der Kranke immer fortſpann; wenn die höchſte Aufregung vorüber war, erglühte die gute Engel und der Schmied rief ihr zu:„Göthchen, zu erröthen brauchſt du nicht! Der arme Junge hat wohl einen Engel an dir; denn du gönnſt dir ja gar keine Ruhe mehr und ſiehſt ſo bleich aus, als ſeieſt du ſelber krank vor Anſtrengung.“ Engel ſchwieg auf ſolche Reden; aber Marie lächelte in ſich hinein und meinte bei ſich, das Bleichſein ſei doch nur Angſt um 3 „ — 235— den hübſchen, braven Jungen, von dem der Solinger ihr viel erzählt, und nur Gutes, aus der letzten Zeit ihres Flüchtlingslebens; denn früher hatte er ihn nie geſehen. Daher kam es denn auch, daß er nicht wußte, wohin etwa ein Brief zu richten wäre, wenn man ſeinen Eltern ſchreiben wolle. Je mehr die Krankheit des Armen ſtieg, deſto tiefer ergriff ſeine Lage Engel's gutes Herz. Wie gerne hätte ſie heimlich einen Arzt kommen laſſen, wenn nicht der Schmied aufs Entſchiedenſte ſich dagegen geſtemmt hätte. „Willſt du ihn und uns unglücklich machen?“ fragte er heftig. „Kann das verſchwiegen bleiben? Und was dann? ſag' ich.“ „Aber wenn er ſtirbt?“ fragte Engel, und ein leiſer Schauder rieſelte durch alle ihre Adern. „Pah,“ rief der Schmied aus,„ſo ein junges Blut hat viel zuzuſetzen. Ich hab' auch einmal in Ofen im Lazarethe gelegen, und in meinem Kopfe brummte es, als ob der ganze Himmel voll Baßgeigen hinge, die alle ſchnurrten, und in meinen Adern war eine Gluth, wie in meiner Eſſe, wenn ich friſche Kohlen aufſchütte. Und nicht nur die Hälfte der Soldaten war krank, ſondern auch unſere Chirurgen alle. Das war eine ſchöne Wirthſchaft? Ztem, ich genaß ohne alle Arznei und die meiſten der Soldaten wie ich.“ „Wer weiß aber, ob Ihr dieſe Krankheit hattet, Pathe,“ warf die Beängſtete ein. „Kind, keine Krankheit iſt ein Plaiſir, ſag' ich. Der Tod lauft immer Sturm dabei auf die Feſtung des menſchlichen Leibes. Sind Wälle und Baſtionen gut, ſo muß er abziehen, ohne daß der Menſch, wie Veit ſagt, verendet.“ „Aber gerade das iſt's, was ich bei dem Crefelder fürchte,“ ſagte Engel und zupfte am Bändel ihrer Schürze, und ihre Stimme wollte wanken vor Wehmuth.„Er iſt ſo abgemattet,“ ſetzte ſie hinzu,„und ſein Körper iſt nicht ſehr kräftig.“ „Er wird nicht ſterben!“ ſagte feierlich die Blinde. Da fiel ein Licht, ſtrahlend und hell, auf Engel's ſchöne Züge; die Wolke ſchwand, die ſeit mehreren Tagen auf ihrer weißen — 236— Stirne lag, und das Auge ſah fröhlich wieder in die Welt. Sie glaubte ja ſo feſt und vollends hier an der Mutter prophetiſch Wort;— die Hoffnung glaubt ja ſo gerne.. Die Krankheit des jungen Mannes, deſſen Namen nicht einmal der Schloſſer aus Solingen kannte, da ihn der rothe Ehrengardiſt nur„Crefelder“ genannt hatte, nahm aber immer nicht ab. Erſt nach vielen Tagen trat eine Kriſis ein; das Bewußtſein kehrte ihm wieder, aber zugleich ſtellte ſich eine Mattigkeit ein, die Engel abermals beängſtigte. Es war rührend anzuſehen, mit welcher Dankbarkeit ſein Auge ihr folgte, an ihr hing, während Marie und der Solinger ſcherzten und ſich neckten. Er ſprach nicht, weil es ihm ſo ſchwer wurde. Es ſchien, als beobachte er nur ſeine Pflegerin, die oft durch ſeine ſinnigen Blicke in Verlegenheit gerieth. Sie war ſo ſelten als möglich allein oben; aber ſobald Marie ins Zimmer getreten war, hatte ſie nur Augen für den Solinger, der ſchon nach vierzehn Tagen wieder rothe Wangen bekommen und friſch ausſah, wie das Leben. Unter dieſen Umſtänden mußte Engel ſich mit dem Leidenden befaſſen, ihn beſorgen und pflegen. Wie zurückhaltend das ſittige Mädchen dies auch that, ſo blieb es doch ihrem FPflegling kein Geheimniß, wie innig und warm der Antheil ſei, den ſie an ihm nahm. Unvermerkt wurde auch Engel zutraulicher gegen den Jüng⸗ ling. Sie tauſchten Blicke, in denen jeder Eingeweihte in dieſe geheimnißvolle Zwieſprache unverdorbener Herzen mehr geleſen hätte, als ihr Mund ſprach und hätte ſprechen können, weil ſie ſelbſt ſich ihrer Gefühle noch nicht bewußt waren. Der Schmied war jetzt allzufehr mit den Kriegsläuften beſchäf⸗ tigt, als daß er von dieſer wachſenden Zuneigung etwas hätte wahrnehmen können. Täglich brachte er Kunde, wie es ſtand und was er vom rechten Rheinufer erfahren. Eines Tages aber hatte ſeine Freude gar kein Maaß. Die cheiniſchen Schmuggler hatten ihm die Proclamation des alten Blücher gebracht. Wenn's auch mit dem Leſen bei ihm nicht eben raſch ging, und er lang mit der Brille auf der Naſe daran ſtudirt hatte, ſo war ihm doch ———————— ——— ——————— —,—.—————— — 2 endlich der Inhalt klar geworden. Er war nicht der Mann dazu, das in ſich zu verſchließen. Was ihm auf dem Herzen lag, das mußte, wenns nicht eben ein ihm anvertrautes Geheimniß war, herunter. Der innere Drang ließ ihm keine Ruhe; war ihm indeſſen etwas vertraut, ſo lag's in ſeiner Seele verſchloſſen wie unter tauſend Riegeln. Kaum war dieſe Proclamation von ihm verſtanden, ſo eilte er hinüber in Wallauer's, ließ die brennende Eſſe verlöſchen und trat zu den Deſerteuren, welchen eben die Mädchen das Mittagsbrod brachten. Das war ein Jubel!— Es lag ja die Hoffnung der Erlöſung ſo nahe: die Hoffnung, das Panier junger Herzen; es flatterte im Sonnenſtrahle der Freiheit. Mit glühender Begeiſterung nahm der Crefelder es auf. Seines Genoſſen Region lag tief unter der ſeinigen. Dieſer faßte bloß die materielle Seite auf und— ergriff des Schmiedes Hand. „Hört,“ ſagte er,„Vater Schmied! Es iſt mir lieb, wenn der alte Blücher kommt; aber in meiner Heimat hab' ich Niemand mehr. Ich bin eine Waiſe. Mein Handwerk verſteh' ich aus dem FF. Wie wär's, wenn wir einmal ein Wörtchen mit einander im Vertrauen redeten? Eure Tochter— hab' ich lieb, und ich glaube, ſie mich auch. Gebt mir Marie zum Weibe, und— ich bleibe bei Euch. Wir ſchaffen ſelbander, ſo lange Ihr könnt und wollt, und Ihr ſollt in mir einen guten Sohn haben!“ Marie ſtand in lichter Gluth da. Sie barg das Geſicht mit beiden Händen in ihrer Schürze. Der Schmied ſah den Jungen mit forſchendem Blick an. „Für einen Scherz,“ ſagte er,„wär' mir das zu bunt. Iſt's aber Euer Ernſt und Ihr ſeid eine ehrliche Haut, ſo hab' ich nichts dagegen, wenn anders Marie auch denkt wie Ihr.“ Mariechen!“ rief der Schloſſer.„Warum bedeckſt du dein eſichichen? Haſt du mich doch gepflegt, wie eine Mutter ihr Kind, und haſt mir's angethan, daß ich lieber wollte in der Franzoſen Hände fallen, als leben ohne dich.“ —,—————————————————— — 238— Er trat zu ihr und ſchlang den Arm um ſie, zog leiſe die Schürze von dem lieblichen Geſichtchen weg und fuhr plötzlich zurück. „Du weinſt?“ ſagte er.„Biſt du mir nicht gut? Hab' ich mich geirrt, als ich meinte, du habeſt mich lieb?“ Aber Marien's Hand blieb in der ſeinigen und ihr Köpfchen ſank auf ſeine Schulter. Und der Schloſſer quälte ſie mit Fragen, bis ſie: Ja, ſagte. Dies Ja aber, ſo ſchwer gegeben, war längſt geſprochen unter dem blauen Mieder, und nur die jungfräuliche Scham ließ es nicht über die friſche Lippe. Der alte Schmied gab ſeinen Segen und ſein Herz jubelte in der Doppelfreude, einen wackern Schwiegerſohn verwandten Hand⸗ werks zu haben, und über die Ausſicht, daß bald das franzöſiſche Joch gebrochen würde, das ihn ſo ſchwer drückte. Er pfiff den ganzen Tag ſeinen„Prinz Eugenius“ und den„Jäger aus Kur⸗ pfalz;“ aber raſten ließ es ihn nicht. Wenn er auch die erſte Freude hinabdrücken mußte in die ſtillen Räume der Bruſt, ſo' mußte die andere laut werden; und er trug Blücher's Proclamation faſt ohne Scheu von Haus zu Hauſe. Die beiden Glücklichen in Wallauer's Oberſtube ſaßen der⸗ weile koſend beiſammen und ſahen nicht, wie der Jüngling, der heute zum erſten Mal aus dem Bette ſein konnte, ſeit ſeines Genoſſen glücklicher Freiwerberei ſo ſtille geworden war und wie ein wehmüthiger Ausdruck in ſeinen bleichen Zügen lag. Selbſt die Freude über die Nachricht der nahen Befreiung des Vater⸗ landes, die ſeine Bruſt ſchwellte, konnte jenen Ausdruck nicht verwiſchen.. Und Engel? O wie freute ſie ſich des Glückes der Freundin! Aber als ſie allein war, nur bei Gott und ſich ſelber, da ſiel ſie nieder und betete inbrünſtig:„Herr, ſtärke mich, daß ich es trage!“— Und ſie preßte die gefalteten Hände vor die ungeſtüm wogende Bruſt, trocknete eine leiſe rinnende Thräne und trat, nachdem ſie ſich geſammelt, zu ihrem Rade, wo ſie der Mutter den Hergang erzählte.— Die Mutter ſah nicht, wie bleich ſie war. — 239— Die Blinde ſagte:„Marie iſt ein gutes Kind; aber ihr Sinn iſt leicht. Gebe Gott, daß ſie ſich nicht täuſcht in einem Menſchen, den weder ſie, noch ihr Bater kennt! Ach, die Freude iſt oft ſo kurz,— und das Weh ſo lang!“ Engel fragte haſtig:„Mutter, ahnt Euch ein Unglück für Marie?“ „Nein,“ erwiederte die Blinde,„für ſie uicht,“— und ſie ſeufzte tief. So ſtand es im Häuschen am Walde. Nicht ferne von dieſem lag das ſchöne Gehöfte, worin des rothen Niklas Vater wohnte. Seit jenem Abend trug der tückiſche Burſche tiefen Groll im Herzen gegen den alten Schmied, der ſeinen Hochmuth ſo ſchwer verletzt hatte.— Doch nicht allein auf ihn warf ſich ſein Zorn, ſondern auch auf die ſchuldloſe Engel; denn ſie wies ſeine Aufmerkſamkeiten zwar nicht mit Worten ab; aber ihr Schweigen, ihr ganzes Benehmen zeigte ihm, wie wenig ſie ihn leiden mochte. Der Spott, welcher ihm bei den Burſchen im Dorfe deßhalb zu Theil wurde, ſtachelte ſeinen Zorn immer mehr. Seit jenem Abend war in ſeinem Innern ein Argwohn geblieben. Der Veit ſprach von einem Dutſcheln zwiſchen dem Schmied und dem Deſerteur. Der Schmied legte einen ſo ganz eigenthümlichen Ton auf die Worte:„Mögen Gott und gute Menſchen ſich ihrer erbarmen!“ Nicht ohne Bedeutung hatte er zu Engel geſagt, ob ſie ſie nicht aufnehmen wolle? Das Auge der Argliſt ſieht ſcharf. Niklas konnte den Gedanken nicht los werden, der Schmied habe Verbindungen mit den Deſer⸗ tenren gehabt, und ihr plötzliches Verſchwinden deutete ihm darauf hin, er habe ſie irgendwo untergebracht. An Wallauer's dachte er zwar zunächſt noch nicht; wohl aber an des Schmieds Häuschen ſelbſt, das freilich ſehr klein war, oder an Veit, der als charak⸗ terloſer Zwiſchenträger und Helfershelfer zu geheimer Praktik, „ — 240— wenn auch nicht gerade zu offenbar ſchlechten Streichen geneigt, bekannt war. Niklas wollte gerne hinter den alten Schmied. Er umkreiſte ſein Haus zu allen Stunden der Nacht; aber es gelang ihm nicht, irgend etwas Zweideutiges zu entdecken. Nun beobachtete er das Haus Veit's; auch hier konnte er keine Spur finden, die ihm verdächtig erſchienen wäre. Eines Abends ſpät ging er an Wallauer's Wohnung vorüber. Es war ein wenig kälter geworden und in allen Stuben, wo nicht Feuer war, ſah man die Fenſter gefroren. Nur an Wallauer's Oberſtube war dieß nicht der Fall, obwohl keine Laden an den Fenſtern waren. Dort rann der Anſatz des Dunſtes herunter an den Rauten. Es mußte dort Feuer im Ofen ſein. Unten aber war die Spinnſtube. Wozu ſollte das geſchehen ſein, droben, wo doch Niemand wohnte? Einmal argwöhniſch, verbarg er ſich hinter einem Strohſchober ſeines Vaters, der in der Bitz ſaß, die an Wallauer's Bitz und Gärtchen grenzte und den Blick auf die Thüre geſtattete. Als es eilf Uhr ſchlug, ging die Spinnſtube auseinander. Veit und ſeine Frau gingen mit Marie und ihrem Vater bis zur Hausthüre; aber kaum war Veit mit ſeiner Frau in ihr Haus getreten, als der Schmied wieder aus dem ſeinigen herauskam, unter Veit's Fenſtern gebückt wegſchlich und eilig in Wallauer's Thüre ſchlüpfte, die er hinter ſich ſorgfältig ſchloß. Der Vollmond begünſtigte die Beobach⸗ tungen des Laurers. Es lag in dieſem Thun etwas ſo Räthſelhaftes, daß der rothe Niklas mit jedem Augenblicke neugieriger wurde, hinter dieſes geheimnißvolle Weſen zu kommen.— Der Hunsrücker Bauer hat meiſt ſeine Leitern an Holzhaken unter dem Vorſprunge des Strohdaches hängen, ſo daß man ſie unbemerkt herabnehmen kann. Niklas' Vater hatte ebenſo ſeine Leitern aufgehängt, und des Sohnes kunbige Hand wählte eine, die gerade an die Fenſter reichte, zu deren aufgethauten Fenſtern er hätte hineinblicken mögen. —— ———— —— — 241— 5 Er wartete, bis auch unten hinter den Laden das Licht erloſch; dann ſtellte er ſeine Leiter ohne Geräuſch an und ſtieg hinauf. Der Mond ſchien hell, wie wenn es Tag wäre. Der Rothe, wie er ſchlechtweg im Dorfe hieß, weil er der Einzige war, deſſen Haupthaar die ſeltene, aber keineswegs beliebte Farbe trug, war von der Natur mit Augen beſchenkt worden, die in der Farbe einiges mit ſeinem Haar Uebereinſtimmendes, aber in ihrer innern Beſchaffenheit einiges Verwandte mit dem Auge einer Katze hatten. Er konnte ſelbſt im Dunkeln die wenigen Licht⸗ ſtrahlen leichter aufnehmen, als ein anderes normal conſtruirtes Menſchenauge vermochte. Daher war er im Stande zu ſehen, wo ein Anderer heillos im Finſtern herumtappte und ſich unbarmherzig an jede Ecke ſtieß. Hier kam ihm ſein Katzenblick herrlich zu Statten. Der Mond ſchien nicht unmittelbar in das Gemach; aber er verbreitete ſo viel Licht, daß er deutlich ſah, wie der Schmied vor dem Bett auf einem Stuhle ſaß und bedeutend mit dem Kopfe nach vornen neigte, wie Einer, den der Schlaf überwältigt hat. Auf einem Lager am Ofen ſah er einen andern Mann ſchlafen, und ohne Zweifel lag ein Dritter, Kranker vielleicht, im Bette; denn wozu ſollte der Schmied ſonſt wachen? Leiſe ſtieg er herah, trug ſeine Leiter weg und ſchlich auf ſeine Kammer. Er hatte genug geſehen, um zu wiſſen, daß er einen Punkt gefunden, wo er ſeinem Erbfeinde beikommen konnte. Und wirklich geſchah dies in jenen Tagen, als der Kranke in wilden Fieberträumen lag. Der Schmied wachte damals oft an ſeinem Bett und gerade auch in jener Nacht, wo es, 3 eine ſchnell vorübergehende Kälte eingetreten war, doppelt öthig erſchien, vor einer neuen Erkältung den Schwerkranken zu ſchützen. Mehrerb Wage ging Niklas herum und berieth ſeinen Plan im Herzen. Ueber das Wie? ſeiner Ausführung war er noch nicht mit ſich elbſt einig geworden. 11 3 armen Deſerteure freuen, die von guten Menſchen aufgenon — Gerade in jenen Tagen geſchah es nun, daß Stroh, Heu und Hafer geliefert werden mußte, um die Feſtung Mainz zu verprovian⸗ tiren. Da kam die Reihe an die reichen Bauern, welche Pferde hatten, das Gelieferte gen Mainz zu bringen, und der Rothe mußte zu ſfeinem nicht geringen Aerger für ſeinen Vater die höchſt unangenehme Reiſe machen. Durch dieſen unvorhergeſehenen Umſtand wurde die Ausführung ſeines Racheplans um einige Zeit verſchoben. Eben an jenem Tage, als der Solinger um ſeine geliebte Marie warb, kehrte zeitig der Rothe zurück. Er brannte vor Begierde, zu wiſſen, ob nicht etwa die Vögel ihm ausgeflogen wären, und wollte ſich am Abend deß vergewiſſern. Die Ungeduld zu beſchwichtigen, trat er ins Wirthshaus, wo mehrere Dorfpoli⸗ tiker bei einem Schnapſe ſaßen. Der Rothe war ihnen willkommen; denn er, der von Mainz kam, hatte ſicher Manches gehört von den Dingen, die jetzt Jeder beſprach. Er war eben im Erzählen, wie man in Mainz auch an einen nahen Uebergang glaube, als voll ſeliger Freude der Schmied hereintrat. Zwar berührte ihn des Rothen Anweſenheit nicht zum Angenehmſten; allein dieſer wußte ſchlau in die Vorſtellungen des Schmieds einzugehen, und war freundlich gegen ihn. Und nicht länger fähig, ſeiner Freude Schweigenszu gebieten, zog er das ominöſe Blatt heraus, das heute ſchon eine ſo unerwartete Folge gehabt hatte, und reichte es einem der Bauern hin, der es las. „So haben wir denn die Befteier bald zu erwarten!“ ſagte frohlockend der Schmied. „Gewiß!“ bemerkte der Rothe.„Wie werden ſich dann Die worden ſind!“ ſagte er und firirte den Schmied, aus deſſen Antlitz ſchier eine Flamme ſchlug. Er ſchwieg betroffen und ſah unter ſich. Er fühlte, daß der Rothe anzüglich rede; abet⸗fragte er ſich, * woher könnte er wiſſen, daß ſie ſich in Wallauer's befinden? Stichelte er auch vielleicht nur auf des Schmieds Franzoſenhg und auf jenes Wort, das er an jenem Abend geäußert, wo er ihm die Thüre gewieſen hatte? Nach einiger Zeit ging der Schmied wieder weg. Je länger er des Rothen Worte erwog, je weniger Urſache konnte er finden, an ein beſtimmtes Wiſſen von deſſen Seite zu glauben. Seine Ruhe kehrte wieder und ſeine Heiterkeit wurde nicht getrübt. Er glaubte ſeiner Sache völlig gewiß zu ſein. Den Rothen aber hatte des Schmieds Benehmen überzeugt, daß er noch Alles finde, wie er es verlaſſen, und noch Zweckdien⸗ licheres dazu, nämlich die Vorleſung der Blücher'ſchen Proclamation. Am andern Tage ſchritt der Rothe gen Simmern. Er ſchien Eile zu haben; denn nirgends hielt er ſich auf. Dort angelangt, ſchlug er ſogleich den Weg zur Unterpräfectur ein. Als er ſo dahinſchritt, ruhte ſein Ange mit Wohlgefallen auf dem finſtern Schloſſe, das der Waſſergraben umgab und das zu ſeiner Rechten lag. Dort waren ja die Gefängniſſe, in denen bald ſein Erbfeind ſchmachten ſollte zur Befriedigung ſeiner Rache, die ungeſättigt wie ein Geier an ſeinem Herzen fraß. Der Unterpräfeet war ein allgemein beliebter und geachteter Mann. Gerecht, aber auch milde, ſo kannte man ihn. Jedem Bittenden ſtand ſeine Thür voffen, und das Volk liebte es, mit ihm ſelbſt zu reden, wens es ein Anliegen hatte, weil es freund⸗ liches Gehör, genaue Unterſuchung und gewiß Recht fand, wenn ſeine Sache gerecht war. Auch der Rothe verlangte ihn zu ſprechen; aber er war abweſend. Offiziere der in Simmern liegenden Franzoſen befanden 6. ſich bei den Unterbeamten. . Ohne Weiteres brachte der Rothe ſeine Anzeige bei ihnen vor. t großer Aufmerkſamkeit und ſichtlicher Freude vernahm der franzöſiſche Oberſt die ihm überſetzte Anzeige des Burſchen. Nach einer in Wſce Sprache gepflogenen kurzen, aber lebhaften ———— Unterredung Purde ihm der Beſcheid, er ſoll in einer Stunde wiederkommen, um dem Shndie(ſo hießen die Dorfſchulzen jener Tage) Dietrich Brief und Beſehl mitzunehmen. 8 — 244— Frohlockend über den Erfolg trat Niklas in ein nahes Wirths⸗ haus, um die Zeit abzuwarten, die ihm geſetzt war. Ehe ſie noch abgelaufen, ſah man Unteroffiziere hin- und her⸗ eilen, und bald darauf verſammelten ſich in der Allee vor dem Schloſſe etwa vierzig Mann Franzoſen mit Waffen und Torniſter. „Wohin?“ fragte der Wirth zum Fenſter hinaus den ihm bekannten Sergeanten, der das kleine Detaſchement anzuführen beſtimmt war. „Auf ein Dorf in der Nähe,“ erwiederte dieſer.„Wir ſollen Deſerteure und ihre Hehler einfangen, und warten noch auf den Boten.“ Der Rothe vernahm dies Wort, und, wie von einem elektri⸗ ſchen Schlage getroffen, ſprang er auf und eilte ſeine Briefe zu holen. Als er dieſe in Empfang genommen, zog er mit den Sol⸗ daten ab auf dem Wege nach Erbach. Der alte Dietrich lehnte in ſeinem lederbezogenen Sorgen⸗ ſtuhle zur Seite des Ofens. Er hatte das noch immer nicht voll⸗ ſtändig geheilte Bein, mit Haſenpelz umwunden, auf einem davor⸗ ſtehenden Stuhle liegen. Veit ſaß bei ihm, und Beide unterhielten ſich von der Kunde, welche der Rothe mit von Mainz wollte gebracht haben. So zweideutig auch Veit in ſeinem Weſen war, ſo konnte er doch den alten ehrlichen Schmied, der ſich, ungeachtet ſeines Hitzkopfes, allezeit als ein treuer Nachbar und Freund gegen ihn bewieſen hatte, durch Mittheilung deſſen, was er von ihm erfahren, nicht bloß ſtellen. Am Fenſter ſaß Andres ſtille und in ſich gekehrt. Er ſchien dem Geſpräche der Beiden am Ofen durchaus keine Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Seine Seele war bei— Engel. A war Dietrich's letztes Kind. Alle ſeine Geſchwiſter waren hinge⸗ ſtorben, zuletzt die Mutter, eine ſtille, gottesfürchtige Frau, eine ſorgſame Haushälterin und eine treue, liebevolle tter. Andres war das jüngſte Kind, der Mutter das einzige, liebſte. Die Härte des Vaters, ſeine Hausthrannei, ſeine Gefühlloſigkeit wies die. * — — 245— Mutter allein an ihr Kind. Sie ſuchte deſſen ohnehin weiche Seele ganz an ſich zu feſſeln, und das war ſo leicht, da der rauhe Vater den zarten, mädchenhaften Knaben abſtieß, weil er ihm nicht nach⸗ artete. So kam etwas Weibiſches in den Knaben, das ihm vollends des Vaters Liebe raubte. Dieſes innere Weſen prägte ſich auch in ſeinem Aeußern aus. Er war zart gebildet, und wenn auch ſeine Züge regelmäßig ſchön waren, ſo hatten ſie doch nichts männlich Schönes. Wenn er Frauenkleider würde getragen haben, ſo hätte ihn gewiß manches männliche Auge hübſch gefunden. Als Kind waren Mädchen ſeine Geſpielen. Unter dieſen beſon⸗ ders Wallauer's Engel, damals ſchon in der kaum ſich öffnenden Knospe die Roſe der Zukunft verheißend. Das entſetzliche Geſchick, das Engel des Vaters und Ernährers beraubte, zerſtörte ſelbſt der Kinder Spiele, nicht aber die Zuneigung des Knaben zu dem Mädchen, das in ſo vielfacher Beziehung ihm innerlich verwandt war. In ſpätern Jahren, als ihre Mutter erblindete, mußte die jugendliche Engel frühe dazu mitwirken, daß nicht Mangel und Elend ſie heimſuche. Des Knaben Mutter ſtarb. Mit ihr ſchwand ſeine letzte Stütze; denn ſeit die Mutter ihm den unvertilgbaren Abſchen vor der Jagd beigebracht, in der ſie den Grund jenes Unglücks ſuchte, das an ihrem Herzen zehrte, behandelte ihn der Vater mit einer Liebloſigkeit, daß im wörtlichen Sinne ſeine Hunde ihm näher ſtanden, als ſein Sohn. Seinen tiefen Schmerz um der Mutter Tod verſtand Niemand im Hauſe. Er war durch das ſtete Leben in der Nähe der Mutter ſelbſt Andern ſeines Alters im Dorf ent⸗ fremdet. Auf ſeine Erziehung verwandte der geizige Vater nichts, weil er ihn einen Simpel nannte und ihm keine Fähigkeiten zutraute. So wurde das Weſen des Knaben ſcheu und abgeſchloſſen. Er reifte zum Jünglinge und ſein in ſich ſelbſt zurückgezogenes Weſen trat noch ſchärfer hervor. Für ihn gab es keine Freude, wie für die Jünglinge und Jungfrauen ſeines Alters. Die Muſik auf der Kirchweihe ſtimmte ihn wehmüthig, während Andere — 246— jubelten in wilder Luſt, ſaß er da und die Thränen rannen nicht ſelten über ſeine Wangen. Er war verarmt an Allem, was dem Leben Reiz, der Jugend Freude gibt. Seine Arbeiten that er ſtille und in ſich gekehrt, aber pünktlich, und des Vaters Ackerhau war in ſchwunghaftem Zuſtande, ohne daß dieſer es anerkannte. Andres kannte durch der Mutter Schilderung, durch das Anſehen und Anhören der Verhandlungen im Vaterhauſe, des Vaters unredliches Treiben, ſeinen Wucher; und er ſuchte durch Wohlthätigkeit gegen Arme und Nothleidende den Fluch zu entkräften, der tauſendfach den alten Förſter traf. Der beſondere Gegenſtand ſeiner heimlichen Wohlthaten waren Engel und ihre Mutter. Es iſt ſchon angedeutet worden, daß Engel oft am Morgen Haufen Korn auf ihrer Tenne fand. Sie vermuthete, es komme von ihm, und ſeit ſie ihn am Fenſter geſehen, ahnete ſie, daß die Zuneigung des Knaben in ein anderes Gefühl übergegangen ſei, das ſie— nicht erwiedern konnte. Sie war dem Armen gut, aber ein tieferes Gefühl ſprach nie für ihn in ihrem Herzen. Hielt ſie doch mit einer ehernen Gewalt den Gedanken zurück, daß er der Sohn des Mannes ſei, der ſie ſo unglücklich gemacht. Zwar war er ſo ſchuldlos an dieſem Unglücke, wie ſie; zwar hatte die gute Mutter durch ihre tiefe Frömmigkeit den Keim des Haſſes, wenn ihr Herz deſſen fähig geweſen wäre, in ihr längſt erſtickt; aber dennoch empfand ſie ihm gegenüber etwas, was ſie gewaltſam wegſtieß. Und er liebte ſie mit der ganzen Kraft eines Herzens, deſſen Gefühle um ſo ſtärker waren, je mehr ſie verſchloſſen im Innern lebten.— Sie kannte ſeine Liebe; denn Mädchenaugen ſehen ſehr ſcharf. Darum erglühte ſie ſo tief, als ſie vor ihm ſtand am Tage des Unglücks ſeines Vaters; darum floh ſie wie ein geſcheuchtes Reh aus dem Hauſe, in dem ſie ſeit ihren frühen Kindertagen nicht mehr geweſen war und das ſie nie ohne Schauder anzuſehen ver⸗ mochte.— Bei ihr und lediglich bei ihr waren ſeine Gedanken, wenn er ſo ſtille daſaß. Bei ihr waren ſie auch jetzt wieder, als plötzlich die blanken Bajonnette der Franzoſen ihm in die Augen blitzten. — ———— ſo iſt das eben kein ſonderliches Zeichen für Eure Gaben; aber kein — 247— Sie ſtellten ſich vor den erſtaunten Blicken des ahnungsloſen Jünglings auf, und in die Stube trat mit dem Triumphe der Hölle im Auge der rothe Niklas. Er reichte dem Förſter den Brief. „Woher?“ fragte dieſer. „Leſtt nur, Ihr werdeb's ſchon ſehen,“ ſagte mit einer Lache, die herzzerſchneidend war, der Rothe. Dietrich erbrach den Brief, las, las noch einmal und allmählig ſtieg eine Röthe auf die eingefallenen Wangen des Alten, die von der inneren Bewegung zeigte, und ein Ausdruck wurde in ſeinem Ange ſichtbar, der dem verwandt war, der in der Gluth des röth⸗ lichen Auges des Boten ſich ausſprach. „Woher weißt du das?“ fragte der Alte freundlich den Rothen „Das gelte euch gleich, Herr Syndic,“ ſagte der,„es ſei Euch genug, daß es ſo iſt.“ „Was denn?“ fragte Veit, von einer peinigenden Neugierde getrieben. „Du magſt es wiſſen, Veit,“ ſprach Dietrich.„Seit faſt vier Wochen— ſind zwei Deſerteure im Hauſe der Wittwe Wallauer verſteckt.“ 8 „Wer ſagt das?“ rief Veit und ſprang auf.„Es iſt eine gottverdammte Lüge!“ „Ich ſage es, Veit, ich,“ ſprach höhniſch der Rothe. „Hallunke, du lügſt!“ rief der alte Soldat.„Ich bin alle Abende dort und nie iſt mir eine Spur zu Geſichte gekommen!“ „Veit,“ ſagte mit kalter, aber zermalmender Ruhe der Rothe, „wahret Eure Zunge. Ich habe hier zwei Zeugen, die mir vor dem Gerichte den„Hallunken“ bezeugen. Habt Ihr nichts gemerkt, Beweis vom Gegentheil. Die Soldaten warten, Herr Syndic,“ ſetzte er, zu dieſem gewendet, hinzu. „Und tauſendmal nenn' ich dich einen Hallunken!“ ſchrie Veit im raſendſten Zorn.„Auf! Ja laßt uns hingehen und unterſuchen!““ — 248— „Das iſt nicht Eure Sache, Veit!“ höhnte der Rothe,„ſon⸗ dern die des Syndic's, an den lautet der Befehl.“ „Ich kann nicht gehen, Niklas!“ ſeufzte der Förſter, dem es unausſprechlich leid that, auf eine ſo große Freude verzichten zu müſſen. In dieſem Augenblicke trat der Sergeant herein. „Was ſoll das Zaudern?“ fragte der grobe Elſäſſer.„Sollen die Vögel erſt ausfliegen, ehe wir ſie fangen?“ „Andres!“ rief der Alte ſeinem Sohne zu, der wie eine Leiche daſaß und die Hände krampfhaft gefaltet hatte. Obwohl er über⸗ zeugt war, wie Veit, daß Alles erlogen ſei, ſo dachte er an Engel's Schrecken, und das lag zentnerſchwer auf ſeinem Herzen. „Rufe den Adjuncten!“ befahl der Vater. „Herr Syndic, das geht nicht,“ ſprach der Rothe.„Euer Andres ſagt's der Engel gewiß. Schickt einen Andern, oder ich will ſelber gehen.“ Der Alte ſah die Richtigkeit der Bemerkung des rothen Niklas ein. Veiten, der ſich wegſchleichen wollte, vertrat der Sergeant den Weg. 3 „Du bleibſt hier!“ befahl er;„denn dein bleiches Geſicht ſagt mir, du willſt auch den Falſchen machen. Zurück!“ Der Rothe eilte hinweg und nach wenigen Augenblicken trat der Adjunct herein, der nun den Befehl erhielt, den Schmied, die Engel und die beiden Deſerteure ſofort zu verhaften. 3 V. In dem Häuschen der Wittwe Wallauer herrſchte ein Frieden an jenem Tag, an dem der Rothe ſeinen Streich ausführte, wie er nur da walten kann, wo reines Bewußtſein, lautere Frömmigkeit und Genügſamkeit dauernd wohnt. Die Blinde ſpann in ihrer heimlichen Ofenecke und Engel ſaß wieder an ihrem Platz und ſpann manchen Seufzer hinein in die zarten, feinen Fädchen, welche ſie „ —— ———— — 249— zog. Was ihr Herz preßte, war nicht Angſt, nicht die Furcht vor einer Entdeckung ihrer Schützlinge,— es war der Gedanke an die Trennung von Martini(denn ſo hieß der Crefelder), welcher ihr erzählt hatte, daß er einer armen Wittwe Sohn ſei, die zu ernähren ihm als ſeine Lebensaufgabe gelte. Und dieſe Trennung ſtand ſo nahe bevor. Der Schmied ſprach mit aller Beſtimmtheit und Sicher⸗ heit, daß am Morgen des 1. Januar 1814 die Deutſchen über den Rhein gehen und das wurmzerfreſſene Franzoſenthum zerſtören würden; der Tag war nahe,— ſehr nahe. Ach, ſie beneidete die glückliche Marie nicht, die den Mann ihrer Wahl nicht zu verlieren fürchten mußte; ſie gönnte ihr ja das Glück ſo gerne!— aber— in ihrer Bruſt wohnte die reinſte, treueſte Liebe zu Martini, und er— ſchied in die Heimat zur verlaſſenen; darbenden Mutter; das wußte ſie und ihr Glück zer⸗ rann für immer. Ihn wiederzuſehen, durfte ſie nicht hoffen. Warum nicht? flüſterte eine Stimme in ihr. Warum nicht?— Zwar ſchweigt ſein Mund und das Wort:„Liebe“ iſt nicht über ſeine Lippen gegangen, weil eine faſt jungfräuliche Schüchternheit ein Grundzug ſeines Weſens iſt,— aber redet ſie nicht aus ſeinen treuen Augen eine ſo verſtändliche Sprache? Thut nicht ſeine ſeelen⸗ volle Dankbarkeit ſie kund? Ruht nicht ſein vielſagender Blick auf mir mit einem Ausdrucke, der tief in die Seele mir dringt und die Gluth mir auf die Wangen treibt? Drückt er mir nicht oft die Hand ſo bedeutſam, daß ich ſie raſch ihm entziehen muß? Dieſe Fragen waren der Gedankenkreis, in dem ſich Engel jetzt und oft bewegte, und die ſüße Hoffnung eines liebenden Herzens regte manchmal die Schwingen gar fröhlich; aber Zweifel ſtiegen dann wieder auf, nagende, quälende Zweifel, und ſie wagte nicht, ſie ihrer Marie zu ſagen, die nur necken konnte, die auch jetzt nur an ſich und an ihr Glück dachte und für Anderes keinen Sinn hatte. So ſpann ſie ihre Hoffnungen und ihre Sorgen hinein in die Fäden ihres Geſpinnſtes, und nicht ſelten rann eine klare Perle aus dem ſchönſten Auge,— die Niemand ſah. 6 Droben in der Stube ſaßen die beiden Jünglinge bei dem — 250— alten Schmied, während Marie drüben thätig war. Der Schmied brachte neue Nachrichten, und bedeutungsvolle. „Ein Schmuggler ſagte mir,“ fuhr er in ſeiner eifrigen Rede fort,„drüben überm Rheine rücke der preußiſche General von Hühnerbein, ſagt' er, gegen Caub vor. Ihr wißt ja, das liegt dort in den Bergen an der Pfalz. Dort, ſagt' er, wolle Blücher über⸗ gehen und die Ruſſen, gräuliche Kerle mit langen Bärten, arbei⸗ teten ſchon bei Weiſel an einer Brücke. Doch, mein' ich, der Burſche habe mir Eins aufgebunden.“ „Warum denn,“ fragte Martini mit großer Theilnahme. „Ja, lacht nicht, Herr Martini,“ erwiederte der Schmied;„er ſagte, die Brücke ſei von Linnen⸗Tuch.“ Der Gegenſtand wurde nun mit Eifer beſprochen. Die Deſerteure ſtellten es in entſchiedene Abrede und der Schmied auch; denn kupferne Pontons kannten alle Drei als allein geeignet für ſolche Flußübergänge. Noch war dies Geſpräch im Gange, als plötzlich ein gellender Schrei aus der untern Stube vernehmlich in ihre Ohren drang. „Was iſt das!“ rief der Schmied,„war das nicht Engelchen's Stimme? Sollt' ein Unglück geſchehen ſein?“ Martini erblaßte, und Schraudt, ſo hieß der Solinger, ſprang auf, um mit dem Schmied hinab zu eilen. „Seid ruhig!“ rief der Schmied und eilte hinaus; aber auf der Stiege ſchon kam ihm der Sergeant entgegen und, das lange Bajonnett ihm vorhaltend, donnerte er ihm ſein„Halt!“ zu. Der Schmied prallte zurück und ein Todesſchrecken ergriff ihn. Er wollte zur Stube eilen; aber es war zu ſpät. Die Jünglinge waren, als ſie das Waffengeräuſch hörten, zum Fenſter geeilt und hatten geſehen⸗ wie rings das Haus umſtellt war. Der Gedanke an Flucht wäre eine Thorheit geweſen.— im Hauſe wirthlich Die Franzoſen drangen mit Sitit in das Gemach und feſſelten die Deſerteure an einander, indem ſie die Armen mit Hohn und Spott übergoſſen. Kolbenſtöße blieben nicht aus, als ihrer Geſinnungen — — 251— Unter der Thüre ſtand der Rothe und ſah mit ſeinen glühenden Katzenaugen den Schmied an, als wollte er ihn durchbohren und ſagen: Jetzt vergelte ich dir!* Dieſer jedoch ermannte ſich bald wieder; er ſah ihm feſt ins Auge. „Diesmal iſt der Sieg dein, rother Hallunke!“ rief er aus, und ſeine nervigen Fäuſte ballten ſich,„aber——“ „Für das„Aber“ iſt gethan, Alter!“ höhnte der Rothe„Die Proclamationen könnt Ihr in Simmern leſen, oder—“ „Schweig, du Bosfeind!“ rief ihm der Schmied zu,„dein Indasſtreich wird nicht unbelohnt bleiben. Kann ich's nicht, ſo rufe ich Gerechtigkeit über dich!“ Der Sergeant ſtieß ihm den Kolben in die Seite. „Willſt du ſchweigen, alte Mähre!“ herrſchte er ihm zu.„Ich denke, die bleiernen Eier werden dir bald deinen Mund ſtopfen. Das ſind gewiß die letzten Deſerteure, die du verſteckſt.“ „Ich fürchte die Kugeln nicht,“ ſagte mit Stolz der alte Mann. „Ich habe ſie zu oft um meinen Kopf pfeifen hören, als daß ſie mir fremd ſein ſollten; aber von der Hand ſolcher Henkersknechte zu fallen, iſt allerdings ſchwer für einen alten Soldaten.“ Ein derber Schlag des Elſaſſers machte ihn verſtummen. Seine Hände wurden gefeſſelt. „Marſch!“ donnerte der Elſaſſer, und die Soldaten ſtießen die drei Gefeſſelten vor ſich her, die Stiege hinab. Ein herzzerreißender Anblick bot ſich ihnen hier dar. Die Blinde raufte ihr ſchneeweißes Haar und aus den licht⸗ loſen Augen ſchoß ein Strom von Thränen. Ihre Lippe zitterte. Sie vermochte kein Wort zu ſprechen. So ſaß ſie in ihrem Lehn⸗ ſtuhle, ein Bild des Jammers, das ſelbſt den Rothen ſo ſehr erſchüt⸗ terte, daß er ſich unwillkührlich abwandte und wegſchlich. Engel ſaß, ein bleiches Todtenbild, mit geſchloſſenen Augen da. Thränen quollen nnaufhalifag hervor. Auch ihre Hände waren gebunden. 2 „Mit der alten Nachtenle,“ ſagte der Elſaſſer,„will ich mich ———— —̃ ů˙“ ꝓ¾YQ“ g S—— — 252— nicht plagen. Die hat ſchwerlich Schuld an der Geſchichte. Aber du, mein ſchönes Täubchen, mußt mit; denn dir ſind gewiß die Burſche ans Herz gewachſen!“ In dieſem Augenblicke ſtürzte mit fliegenden Haaren Marie herein. Sie ſchrie wie eine Wahnſinnige und ſtieß die Soldaten zurück. „Vater! mein Vater!“ rief das Mädchen aus.„O, mein Schraudt! Wo ſeid Ihr? Was wird aus Euch?“ „Nichts weiter,“ ſprach lachend der fühlloſe Sergeant,„als Galgenvogelſpeiſe, Vogelſcheuchen oder ſo etwas.“ Die Soldaten drängten ſie zurück, und ohnmächtig ſank die Verzweifelnde zur Erde, wo einige herbeigeeilte Nachbarinnen ſie aufhoben. „Marſch!“ donnerte noch einmal der Sergeant, und die Sol⸗ daten zogen mit mehr Schonung, als ihr roher Führer bewies, die bleiche Engel empor. Die Achtung vor dem weiblichen Geſchlechte, welche ſelten der Franzoſe verläugnet, zeigte ſich auch hier. Viele ſahen mitleidig auf das ſchöne Mädchen.. Engel ſank vor ihrer Mutter nieder.„Mutter,“ rief ſie, „ſegne dein Kind!“ Die Alte legte ihre zitternden Hände auf Engel's Haupt, und in dieſem Augenblicke verklärte ſich ihr Angeſicht. Es trat eine wunderbare Ruhe in die vorher von Angſt entſtellten Züge. „Gott ſegne dich, mein Kind!“ ſprach ſie in einem Tone, der ſelbſt den rohen Sergeanten überwältigte, daß er einen Schritt zurücktrat. „Gott ſegne dich, mein Kind! Verzage nicht! Der Herr ſucht uns heim. Die Prüfung iſt ſchwer; aber Er hilft ſie auch tragen, Der ſie auflädt.“ Engel barg ihr Antlitz in der Mutter Schooß und weinte. „Ach, wer wird für Euch ſorgen, wenn ich nicht bei Euch bin?“ rief ſie, das Geſicht erhebend, aus. „Der, welcher auch die jungen Raben ſpeiſt!“ ſprach feſt und vertrauensvoll die Blinde. 1 — — 253— Engel ſchwieg und faltete betend die Hände, die unter dem Gelenke gebunden waren. „Kind, achte die Schmach nicht!“ fuhr die Blinde fort.„Sie wird dir zum Heile dienen. Bete!— Der hört, zu welchem die leidende Unſchuld fleht. Fluche nicht den Feinden, die uns elend gemacht! Der Herr ſei Richter zwiſchen ihnen und uns! Nun gehe, Gott wird mit dir ſein!“ Die Soldaten ſtanden ſtille da. Die Gewalt dieſes Auftrittes hatte ihre Herzen ergriffen, und ſelbſt alte Schnurrbärte, die nicht eine Sylbe von dem verſtanden, was die Blinde ſprach, fühlten das, was hier vorging, und zeigten eine Rührung, welche bewies, wie auch das roheſte Gemüth ſich nicht alles beſſeren Gefühls entäußern und ſelbſt durch die Macht entmenſchender Einflüſſe nicht ganz deſſen beraubt werden kann, was als himmliſchen Funken der Schöpfer in die Seele gelegt. Sanfter, als es von ſeiner Rohheit zu erwarten geweſen, zog der Sergeant das Mädchen empor. Getröſteter erhob ſie ſich, küßte die unglückliche Mutter und folgte wie das Lamm, welches zur Schlachtbank geführt wird, an des Schmieds Seite den Soldaten. In ihrem Pathen fand ſie ihre Stütze; aber der Schmied war ſelbſt erſchüttert und gebeugt, — denn als den Urheber all dieſes Jammers mußte er ſich anklagen. Das preßte ſein Herz heftig, das raubte ihm all ſeine Kraft. Er ſah nun all ſein Glück in Trümmer fallen; denn daß er würde erſchoſſen werden, ſchien ihm ſicher; daß Schraudt nach harter Strafe wieder in ein Regiment geſteckt würde, war außer Zweifel.„Arme Marie,“ ſeufzte er leiſe,„wer wird deine Thränen trocknen?“ Blickte er auf Engel, und dachte auch ihrer verlaſſenen Mutter, ſo wollte ihm ſchier das Herz berſten. Er hatte ſie ja auch in dieſen Jammer geſtürzt. Der alte Mann, den man ſtets gefaßt und ruhig zu ſehen gewohnt war, ging jetzt gebeugt dahin. Sein Kind durfte er nicht mehr ſehen, das verbot der Elſaſſer mit rauhen Worten.. 6 Einen Blick voll unausſprechlichen Jammers warf er auf ſeine — * — 254— . Wohnung,— dann wandte er ſich ab und ſchritt vorüber; aber ein Blick, den er zum Himmel ſandte, ſagte mehr als Worte. Das ganze Dorf rannte zuſammen, als die Kunde von dem Ereigniſſe durch die Häuſer lief. Auf dem Schauplatze, wo Bos⸗ heit und Tücke einen ſö ſchmählichen Sieg feierte, ſtanden Haufen weinender Frauen, zornig blickender Männer. Nicht wenig Fäuſte waren geballt, und aus den Augen ſprach's:„Laßt uns ſie befreien! Der Schmied ſagte zu den Frauen:„Sorget für Engel's Mutter und für mein Kind!“ Antworten konnten ſie nicht vor Schluchzen; aber ſie nickten alle eine Zuſage, die ſich'rer war, als Brief und Siegel. Und zu den Männern wandte er ſich, denn er las in ihren Blicken, Mienen und Geberden, was in ihren Seelen vorging, und wußte, daß ein Funke eine Flamme hervorrufen könnte, die Allen Verderben bringen mußte. Er ſah ſie an und ſchüttelte bedentſam den Kopf.„Begeht keine Thorheit,“ flüſterte er Veiten zu;„aber hilf du ſorgen für die Verlaſſenen,“ und Veit drückte ſchmerzerfüllt ſeine Hand. Was aber zehrend im Innern lag, forderte einen Ausfluß. Während die Unglücklichen dahin geführt wurden, und dieſer Zug einem Leichenzuge glich, warf ſich der Zorn der Bauern auf den rothen Judas, wie ihn der Schmied genannt hätte. Veit, der Hätte ſich der Verworfene nicht verſteckt gehabt, ſo hätte wohl der erzürnte Haufe eine Rache an ihm vollzogen, deren Bitterkeit in leichter Beſtrafung keine Befriedigung gefunden haben würde. Ver⸗ gebens aber ſuchte man ihn, und der eigne Vater ſprach ſeinen Fluch über ihn aus, weil ihn die verworfene That empörte. In ſeinem Hauſe wolle er ihn nicht dulden, ſprach zornglühend der Vater. „Mag er ſeine Schmach hinaus tragen in die Welt!“ rief er aus,„meinem Hauſe ſoll er weder die Schmach, noch den Fluch bereiten, daß es ihn herberge!“ Eine dumpfe Stille lag auf dem Dorf. Jedes Herz fühlte das Unglück, als ob es nahe davon berührt ſei. Engel war von den Zuſammenhang mittheilte, bezeichnete ihn als den Verräther. — — zerplatzen. Die Nacht, die ſich frühe auf alle die bewegten Herzen Allen geliebt, und wie ſehr man den Schmied achtete, bewies ſich erſt jetzt. Nur Einer, ſelbſt noch heimgeſucht mit Weh und Leid, ſaß in ſeinem Lehnſtuhl und lachte ſataniſch in ſich hinein. Es war der Förſter. Seine Seele empfand eine wohlthuende Befriedigung, daß ſein Erbfeind nun endlich einmal von einem Schlage getroffen worden war, der ihn bis zum innerſten Sitze des Lebens verwundete,— vielleicht für immer aus dem Wege räumte. Mancher Verſuch, ihm beizukommen, war ganz vergeblich geweſen; jetzt ſpielte ein Anderer ſeine Rolle, und er konnte ſich des Erfolges freuen. Selbſt von einer andern Seite kam ihm das Ereigniß willkommen. Von Veit wußte er, daß ſein Andres Neigung für Engel fühle. Zetzt, wo Schmach und Schande ſie getroffen, ſie vielleicht lange im Kerker ſitzen mußte, fiel des Alten Furcht weg, daß dieſe Neigung ernſterer Art werden könne. Andres erkannte gewiß, daß er den Gedanken an das Mädchen aufgeben müſſe. So dachte der Förſter, weil er es wünſchte; aber er kannte ſeinen Sohn nicht. Andres fühlte, er berechnete nicht, und je verſchwiegener dies Gefühl in ſeiner Bruſt lag, deſto tiefer wurzelte es; je mehr es das Einzige war, was ihn erfüllte, deſto größer war ſeine Macht. Engel war gefeſſelt vorübergeführt worden. Dieſer Anblick warf ihn nieder. Es war Nacht in ſeiner Seele geworden, und kein Lichtſtrahl erhellte ſie. Als er Veit beſtürmte mit ſeinen Fragen über der Jungfrau mögliches Schickſal, zuckte dieſer die Achſeln und meinte, ſie würde wohl langes Gefängniß als Strafe erdulden müſſen. Das beugte ihn vollends nieder. Anfänglich war er keines klaren Gedankens fähig. Als er aber ruhiger wurde, durchkreuzten abenteuerliche Rettungspläne ſeinen Kopf. Die That⸗ kraft fehlte ihm und er ſah ſie alle wie bunte, leere Seifenblaſen ſenkte, brachte ihm keine Ruhe, keinen Frieden. 4 Engel und der Schmied begrüßten ſie freudig; Engel, weil ihr Schleier ſie den Augen der Menſchen entzog; der Schmied, weil — 255— er nun ungeſtört ſeinen Empfindungen ſich hingeben konnte. Alle waren ſtille auf ihrem traurigen Wege. Die beiden Deſerteure waren von ihnen getrennt. Sie gingen, enger von Soldaten umſchloſſen, weit vor ihnen her. So lange es hell war, ſandte oft Martini kummervolle Blicke auf die zurück, die ſo Vieles für ihn litt. Niemand ſprach ein Wort. Selbſt der Elſaſſer ging neben den Deſerteuren ſchweigend hin. Nach dem, was er in dem Dorfe erlebt, hätte er es nicht ungerne geſehen, wenn der Greis und das Mädchen entſprungen wären; aber daran dachte Niemand. Engel ging ruhiger den Dornenweg, weil ſie ſich unſchuldig wußte vor Gott. Sie hatte ja nur der Stimme der Barmherzigkeit Raum gegeben und jener Liebe, die retten und wohlthun lehrt, die aber auch Alles glaubt, Alles duldet, Alles hofft. Ihrer Mutter Segen gab ihr Muth; ihr Gebet Kraft zu dulden. Was ſie quälte, war— Martini's Geſchick, und das Schraudt's, mit dem das ihrer lieben Marie ſo eng verbunden war. Sie empfahl Gottes Gnade ihre Geliebten und der Segen des Gebetes wurde ihr zu Theil in ihrem Herzen. Auch der Schmied errang größere Ruhe auf gleichem Wege. Er ſah nach oben, wo jetzt die Sterne aus dem tiefen Dunkel des Himmels hervortraten, und ſprach leiſe in ſich hinein: Soll mein Blut als Sühneblut fließen, ſo ſei's in Gottes Namen. Ich hab' es gut gemeint, und kein Verbrechen laſtet auf meiner Seele. Gott wird für Marie ſorgen! Und als er das ſich geſagt, ſchritt er feſter fürbaß in die Nacht hinein. Es war ſpät, als ſie Simmern erreichten, und es fiel den Soldaten ſehr auf, daß in der Stadt eine ſeltſame Unruhe bemerk⸗ lich war, die ſehr mit der Ruhe im Widerſpruche ſtand, in welcher ſie ſie vor wenigen Stunden verlaſſen. Man bemerkte ein Hin⸗ und Herlaufen der Beamten, wie der Soldaten. Beſonders auf⸗ fallend war dies in der Unterpräfectur. Der Sergeant lieferte ſeine Gefangenen an den Gefangen⸗ — — — wärter ab. Die Thüren ſchloſſen ſich hinter ihnen. Der Sergeant eilte dem Oberſten zu rapportiren, wie er ſeinen Auftrag ausgeführt. Mit Erſtaunen ſah er im Quartiere des Oberſten die Haſt, womit man packte. Als er zum Oberſten eintrat und ſeinen Rap⸗ port begann, rief ihm dieſer zu:„Schweig' nur; wir haben jetzt Anderes zu thun, als uns um die Marodeurs und Deſerteurs zu bekümmern. Geh' zum Adjutanten!“ Dort vernahm er die Ordre, ſich bereit zu halten, jeden Augen⸗ blick aufzubrechen, da die Deutſchen wohl noch in dieſer Nacht über den Rhein ſetzen würden. Das war nun freilich ein blinder Lärm. Es war die Nacht des 30. Decembers; allein der Zuſtand in der Stadt blieb ſich völlig gleich am andern Tage. Die Caſſen wur⸗ den fortgebracht. Der Unterpräfect war von Koblenz mit derſelben Nachricht zurückgekehrt und auch er rüſtete ſich zum Abzuge. Die Douanen vom Rheine trafen in Schaaren ein. Niemand dachte an die Gefangenen; Niemand fragte nach ihnen. Man war mit der eignen Sicherheit und Rettung zu ſehr beſchäftigt; aber was man früher erwartet, das ereignete ſich am Morgen des 1. Januars 1814. Blücher's Heer war auf dem Gebirge des rechten Rheinufers zuſammengezogen worden und erſtreckte ſich in ſeinen Standorten von Caub bis Wiesbaden hin. Der Vortrab des Generals von Hühnerbein war vorgeſchoben bis zu dem Dorfe Weiſel, wo die Ruſſen die Brückenſchiffe gefertigt und mit getheertem Segeltuche die Eichenrippen überzogen hatten. Am Abend des letzten Decem⸗ bers wurden die Truppen dem Rheine näher gerückt. Lützow's wilde, verwegene Jagd bildete den Vortrab, und war beſtimmt, zuerſt den Fuß auf das franzöſiſche Ufer zu ſetzen. Blücher ſelbſt war n it ſeinem Staabe bei Weiſel eingetroffen. Als die Nacht herabſank, fi n ſich die engen Gaſſen des Städt⸗ chens Caub mit Truppen. pf an Kopf ſtanden ſie, und doch herrſchte eine Grabesſtille Auf dem linken Ufer hätte man glauben ſollen, alles Leben in Caub ſei erſtorße; denn kein Licht war am Rheine ſichtbar, wo doch die ſtattlich g Häuſer ihre Fronte dem jenſeitigen Ufer zuwenden. Man konnte de L 3. 3 „ *— 258— leichtbewegten Rheinfluth herüber hören. Doch bald vernahm man einen dumpfen, fernem Donner nicht unähnlichen Ton. Es waren die Munitionswagen, welche den Berg herabkamen, und nun erſt hörte man auch Waffenklirren und den Schlag der Hufe; denn immer mehr breiteten ſich die Streiter am Rheine aus, um den nachrückenden Maſſen Raum zu geben. Als die Thurmuhr die zwölfte Stunde ſchlug, ſtießen die Schiffer ihre Kähne in die Fluth. Lützow's Jäger ſprangen hinein. Pfeilſchnell durchſchnitten ſie den Strom und erreichten das jenſeitige Ufer. Kein Feind war ſichtbar. Kein Schuß machte die Landung ſtreitig. Kundſchafter führten die Schaar über das Gebirge, um die in Bacharach ſtehenden Franzoſen abzuſchneiden, während die Kähne raſtlos neue Streiter den erſten nachführten. Die Jäger kamen zu ſpät. Der Feind hatte ſich bereits zurück⸗ gezogen nach Simmern; aber die Macht der Deutſchen war ſchon anſehnlich genug auf dem linken Ufer, um ihn zu verfolgen. Wohl kam es noch bei Rheinböllen zu einem kleinen Scharmützel, aber die Franzoſen hielten nicht Stich. Auch in Simmern, wö ſie noch anſehnlich ſich durch die kleinen Detachements verſtärkt hatten, benutzten ſie das Dunkel der Winternacht, um der raſch ſie ver⸗ folgenden Macht der Deutſchen zu entgehen. Kaum graute der erſte Morgen des neuen Jahres, als die Brücke geſchlagen wurde, über deren leichtes Gebäude nun die Armee des greiſen Helden zog. Erſt am Nachmittage verließ das Hauptquartier Caub und am andern Tage gegen Abend traf Blücher in Simmern ein. Ueberall begrüßte der Jubel d Bevölkerung die Befreier. Selbſt aus den fernen Dörfern eilte ſis an die Landſtraße, um ſie zu ſehen, ihre Grüße ihnen zuzurufen. Unter diefen Zuſchauern, die auch aus Erbach den Weg nicht geſcheut, ſtanden Zwei in leiſem, aber lebhaftem Geſpräche; es waren Andres und Veit. Als nämlich die Kun! von dem Uebergange Blücher's in das . 1„ — 259— Dorf kam, fiel ein Hoffnungsſtrahl in die Seele des Jünglings. Seine Angſt um Engel ließ ihn nicht mehr ruhen. Ihr Unglück war ein Wendepunkt für ſein inneres Leben geworden. Die mädchen⸗ hafte Schüchternheit wich von ihm, und der Entſchluß, Alles zu ihrer Rettung aufzubieten, gab ihm eine Entſchiedenheit, die ſelbſt nicht von den Drohungen eines rohen und heftigen Vaters beſiegt werden konnte. „Bis heute habt Ihr mich tyranniſch behandelt,“ ſagte er feſt zu dem Alten,„und mich geknickt. Ich bin mündig geworden und fühle, daß ich das Unrecht gut machen muß, das Ihr an Wallauer's, wenn auch ohne Euren Willen, verübt.“ Der Alte ſtarrte ihn an. Solcher Sprache hatte er ſich nicht zu ihm verſehen. Er wollte die ganze Gewalt ſeiner wilden und leidenſchaftlichen Weiſe einſetzen; aber Andres ſchwieg und handelte. Er kleidete ſich an und ging mit Veit. „Blücher iſt noch nicht in Simmern,“ ſagte Veit zu ihm,— denn er hatte einen Soldaten gefragt,—„aber er wird bald kommen.“ „So muß ich eilen!“ ſagte Andres mit Beſtimmtheit. „Aber was willſt du thun?“ fragte Veit, nicht ohne Staunen über die Umwandlung des Jünglings. „Ihn um Engel's Befreiung bitten,“ erwiederte dieſer mit ruhigem Nachdruck. „Wenn aber die Franzoſen ſie mitgenommen, wenn ſie nicht mehr in Simmern wäre?“ warf Veit ein, weil dieſer Gedanke ihn ſelber quälte. Andres ſah ihn an mit einem Blicke, der Veit erſchreckte. „Das werden ſie nicht gethan haben,“ ſagte er.„Und wär' es geſchehen, ſo folge ich ihr nach, bis ich ſie finde.“ Er wandte ſich und ging. Veit wollte ihn zurückhalten, aber er ſtieß ſeine Hand weg und verſchwand in dem dichten Volks⸗ gedränge. Als Andres in haſtiger Eile Simmern erreicht, war ſein erſter ng nach dem Schloſſe. Er traf den Wärter. Eine Zentnerlaſt — 260— fiel von ſeinem Herzen, als dieſer ihm ſagte, die Gefangenen ſeien noch alle da. Frohlockend ſtürmte er in die Stadt zurück, wo eben unter dem Hurrahrufe der Soldaten und Bürger der Feldmarſchall einzog. Schon neigte ſich der helle Wintertag zum Abende, als Blücher, umgeben von ſeinem Staabe, in dem Saale des Hauſes ſtand, wo er abgeſtiegen war. Ein Tiſch ſtand in der Mitte, auf welchem Karten ausgebreitet lagen. Die glänzenden Uniformen ſeiner Umgebung warfen das Licht zahlreicher Kerzen zurück. Unfern von dem Feldmarſchall ſtand der Bürgermeiſter der Stadt, um Auskunft über Eins und das Andere zu geben. Ein Adjutant trat jetzt zu Blücher'n und meldete, daß ein junger Menſch, dem Bauernſtande angehörig, dringend um Gehör bitte. Blücher befahl ihn hereinzuführen, und Andres trat furchtlos vor den Feldherrn. „Kennen Sie den Menſchen?“ fragte er den Bürgermeiſter der Stadt. Dieſer bejahte und gab kurz die nöthigen Erläuterungen über die Perſon und Familie deſſelben. „Was willſt du, mein Sohn?“ fragte ihn Blücher freundlich. Wenn auch mit bebender Stimme, doch bündig und klar und mit der ganzen Wärme ſeines Herzens ſchilderte er das Ereigniß. Blücher ſtampfte mit dem Fuße und rief:„Iſt es wahr, Herr Bürgermeiſter?“ Dieſer konnte die Angaben inſofern bejahen, als er von der Einkerkerung gehört. Da jedoch die ganze Angelegenheit nicht in ſeinen Amtsbereich einſchlug, ſo blieb ihm das Nähere unbekannt. Noch einmal wandte ſich Blücher an Andres.„Bürgſt du mir für die volle Wahrheit deiner Ausſage?“ fragte er, und in ſeinem Auge loderte eine jähe Gluth. Andres legte ſeine Rechte aufs Herz und eheee ⸗ mir Gott helfe!“ — 261— dieſer entfernte ſich mit Andres. Kaum vermochten ſie auf dem Wege nach dem Schloſſe durch die Soldatenmaſſen durchzukommen, und immer noch ertönten Reiter⸗ fanfaren und Trommelſchlag vom Thore her, neue Regimenter ankündigend, welche ſich der Stadt näherten. Endlich erreichten ſie das Schloß. Als der Wärter den Offi⸗ zier ſah, klirrten ſchnell die Riegel, und der Schmied trat heraus. Er glaubte, nun gehe es zum Tode. Als er aber Andres erkannte, der ihm die Hand reichte, als das Wort:„Frei“ deutſch aus dem Munde des Offiziers in ſein Ohr klang, da wurde es ihm klar, wie es ſtehe, und die aufgegebene Hoffnung des Lebens drang wieder belebend in ſein Herz. „Wo iſt Engel?“ fragte Andres. 3 Blücher winkte einem Adjutanten, ſagte ihm einige Worte, und „Wie,“ lachte der Adjutant,„habt Ihr hier Engel in Feſſeln?“ „Wahrlich, ein Engel ſchmachtet hier,“ ſprach der Schmied. „Ihr ſollt ſelber ſagen, ob ich lüge.“ Der Adjutant befahl das Mädchen zu befreien. Und als ſie nun heraustrat, bleich zwar, aber gerade dadurch noch unendlich reizender, rief der Adjutant:„Wahrhaftig, Alter, 33 du verſtehſt dich auf Beurtheilung. Ich ſtimme dir unbedingt bei.“ Aber wie bebte ſie vor dem Offiziere! Wie zitterte ihre Hand, als ſie der Schmied ergriff und ihr zurief:„Wir ſind frei, mein Kind! Wir ſind frei! Und ſiehſt du, der Andres hat uns die Freiheit erworben. Gott ſtrafe mich, wenn ich das ihm jemals vergeſſe!“ Engel's dankbarer Blick ruhte auf ihm, und eine Gluth bedeckte ſein Antlitz dem Mädchen gegenüber. Sie reichte ihm ihre Hand 3 und dankte ihm. Dann ſah ſie ſich forſchend um. „Aha,“ ſagte der Schmied,„ich merke wohl auch, daß noch etwas fehlt.“ „Wo ſind denn die beiden Deſerteure?“ „Sie werden auch frei, aber zuvor muß ich ſie dem Feld⸗ all vorſtellen,“ ſagte der Offizier.„Er wird ſie noch über ———— marſ „ — 262— Einiges befragen wollen. Euch aber,“ fuhr er fort,„möchte ich rathen, heimzueilen, wenn Eure Heimat nahe iſt; denn hier drängen ſich die Truppen dieſe Nacht unglaublich.“ Engel flüſterte dem Schmied etwas zu. „Werden ſie auch gewiß frei?“ fragte dieſer darauf treuherzig den Offizier. „Dieſer lachte.„Alter,“ ſagte er,„glaub's auf mein Wort. „Nun machet, daß Ihr fortkommt.“ Der Schmied zog Engel fort, die leiſe widerſtrebte.„Komm' nur,“ ſagte er,„komm' nur, Kind. Wir haben eines Deutſchen Wort, das iſt mehr werth, als franzöſiſche Eide. Morgen kommen ſie uns nach, glaub's nur feſt.“ Und ſie folgte mit pochendem Herzen und begleitet von Andres, zog, weil— Engel ſo kalt geweſen, kehrten ſie auf weiten Umwegen heim, wo ſie der jubelnde Willkomm der Ihrigen empfing. Andres ſchlich ſich unbemerkt von dannen. wärter die Befreiung Engel's und des Schmieds erfahren, dem Adjutanten zu dem Feldmarſchall gefolgt. Sie mußten aber lange warten, bis ſie vor ihn geführt wurden; denn hier wogte es von Ofſizieren aller Waffen, Adjutanten, kommenden und wegeilenden Ordonnanzen. Endlich rief ſie der Adjutant, welcher ſie hergeführt, und nach wenigen Augenblicken ſtanden ſie vor dem Manne, deſſen Namen „ſchon ein Schrecken für die Franzoſen war. Er forſchte lange nach der Macht der Franzoſen im Rheinlande und dergleichen; allein Martini, welcher das Wort führte, äußerte ſein Bedauern, daß er außer Stand ſei, die gewünſchte Auskunft zu geben, was er durch die Erzählung ſeiner Ereigniſſe bewahrheitete. Der Feldherr war unmuthig, daß er nichts weiter erfahren konnte; allein er zweifelte auch nicht an der Wahrheit deſſen, was ihm geſagt wurde. Dies Geſpräch abbrechend, fragte er nach ihrer Heimat. 3 ℳ* 3 . 3 v der ſtille geworden war, und dem ein Wehgefühl durch die Seele Die beiden Jünglinge waren, nachdem ſie von dem Gefängniß⸗ — 263— Als ſie dieſe genannt, fuhr er fort:„Warum habt Ihr Eure Fahne verlaſſen?“ Martini ſagte erregt:„Excellenz, es war unfre Fahne nicht. Man zwang uns, ihr zu folgen. Unfre Fahne weht vor unſern deutſchen Brüdern her.“* „Brav, mein Junge,“ ſprach Blücher, deſſen Züge ſich unwill⸗ kührlich erheiterten.„Das iſt die Sprache, die ich gerne höre. Gehet heim, Kinder, und macht dieſe Geſinnung in Eurem Berufe geltend.“ „Nein, Excellenz,“ rief Martini mit ſchnell auflodernder Begei⸗ ſterung,„ich mag nicht die Hände feig in den Schooß legen, wenn meine Brüder den blutigen Weg gehen für des Vaterlandes Freiheit. Nehmen Sie mich auf in Ihr Heer!“ Blücher lächelte beifällig und muſterte des Jünglings ſchlanke Geſtalt, indem er das linke Auge etwas zukniff. „Wie mir's aber ſcheinen will, ſo kannſt du wenig ertragen, 3 mein Sohn?“ ſprach er darauf. Ich bin ſtark, Excellenz,“ rief der Jüngling,„nur eine kurz überſtandene Krankheit läßt mich ſchwächlich erſcheinen.“ „Bravo!“ ſprach der Feldmarſchall und legte ſeine Hand auf Martini's Schulter.„Ich ſehe, dir iſt's ein Ernſt. Wähle dir eine Waffe!“ „Laſſen Sie mich unter den ſchwarzen Huſaren fechten 1 bat 3 der Jüngling.„Ich war Huſar und habe bei Leipzig gegen ſie gefochten.“ 5 „Gewährt!“ ſagte Blücher heitern Antlitzes und rief den Adjutanten, ihm das Nöthige zu ſagen.„Du bleibſt einſtweilen bei mir. Morgen wird ſich das Nähere finden. Aber,“ fuhr er 3 fort,„wie ſtehts um deinen Kameraden?“ Schrandt machte ein Armeſündergeſicht und ſah zur Erde. Blücher firirte ihn lächelnd und nicht ohne einen Zug von Satyre. „Der hat keinen Heldenberuf,“ ſagte er lachend,„und vst Vaterland ſcheint ihm nicht ans Herz gewachſen?“ ——— — 264— „Excellenz,“ entgegnete Martini,„urtheilen Sie milde;er hat ſeit drei Tagen eine ſchöne Braut hier in der Nähe, die ſehn⸗ füchtig ſeiner harrt.“ „Ja, ja,“ lachte Blücher,„ſo ſieht mir der Kerl gerade aus. Ich habe es ihm angeſehen.“ Einen Moment weidete er ſich an Schraudt's Verlegenheit, dann ſagte er:„ „Na, geh' hin, mein Junge, und wenn du Hochzeit hältſt, dann trinke Eins auf meine und Eins auf deines braven Kamera⸗ den Geſundheit!“ „Darf ich gehen?“ fragte Schraudt höchſt naiv. Der alte Held lachte, bejahte die Frage mit einem herzlichen:„Gewiß“ und wandte ſich zu den Offizieren, die unterdeſſen in lebhaftem Geſpräche um die Karten geſtanden. „Willſt du wirklich wieder Soldat werden?“ fragte leiſe der Solinger ſeinen Kameraden.„Was denkſt du nur? Es liegt ja nur an dir, ſo haſt du auch eine Braut; denn die Engel hat dich ganz erſchrecklich lieb!“ Martini erröthete.„Laß das,“ ſagte er tiefſeufzend,„ich ußte handeln, wie ich gethan. Auch ich liebe Engel, und will's Gett, ſo ſehe ich ſie wieder. Sage ihr, daß ihr Bild mich begleite. Bitte ſie, daß ſie meiner in ihrem Gebete gedenke. Engel beten erhörlich. Bringe ihr dieſen Ring, und ſag' ihr, ſie ſolle dabei meiner Liebe und Treue gedenken.“ Er drückte Schraudt's Hand herzlich, und dieſer eilte raſch von dannen. 3 Schon unter der Thüre faßte ihn aber die Schildwache, weil er franzöſiſche Uniform trug, und der Adjutant mußte ihn befreien. Als er die Straße erreicht, verhüllte die Nacht ſein Kleid, und es gelang ihm, in einem Bürgerhauſe eine Unterkunft bis zum Morgen Szu finden und, als dieſer endlich kam, einen Kittel einzutauſchen, der ihn den Bewohnern des Landes gleich machte — 265— VI. Wieder ſaßen Engel, der Schmied und Marie bei der Wittwe Wallauer, die in ſeliger Mutterfreude Engel's Hand in der ihrigen hielt, und erzählten von ihrer Gefangenſchaft und Befreiung durch Andres, als Veit hereintrat. Man ſah es ihm an, daß er eine Neuigkeit zu bringen hatte. „Was gibt's denn?“ fragte der Schmied. „Drüben im Forſthauſe arge Geſchichten,“ entgegnete Veit, indem er ſich langſam niederſetzte.„Als geſtern Abend der brave Andres in ſeines Vaters Stube trat, war ich gerade zugegen. Voll Freude über ſein gelungenes Werk, erzählte er mir Alles. Hab' ich aber jemals einen Raſenden geſehen, ſo war's der Kümmel⸗ Dietrich, als er des Sohnes Erzählung vernahm. Er ſchimpfte maßlos über den armen Jungen, weil er Euch befreit. Und als nach langem, geduldigem Schweigen der Andres ſagte, er habe die Sünden ſeines Vaters gut zu machen begonnen, da iſt der Alte aufgeſprungen, hat in der Wuth auf ſeinen wehen Fuß getreten, als ob er geſund wäre, und hat eine Flinte von der Wand geriſſen und auf ihn angelegt. Denkt Euch den Unhold! Da bin ich denn blitzſchnell drein gefahren, habe den Lauf in die Höhe geſchlagen, und die Kugel fuhr in die Decke.“ S „Großer Gott!“ riefen die Frauen voll Entſetzen. Der Schmied ſaß da, wie eine Bildſäule; aber ſeine Augen rollten wie Feuerräder und ſeine nervigen Fäuſte waren krampfhaft geballt.. „Haſt du ihm nicht den Hals gebrochen, dem Unhold?“ fragte et Veiten mit jener bebenden Stimme, die allemal ankündigte, wie es in ſeinem Innern ſtand.. Veit beachtete die zornmuthige Frage des alten Hitzkopfes nicht, ſondern fuhr fort:„Ich dachte, was wird der Andres thun? Aber der ſtand ruhig da und ſagte:„Vater, Ihr habt das letzte Band — 266— jetzt durchgeſchoſſen, das mich an Euch knüpfte. Von heute an nennt mich nicht mehr Sohn.“ „Der Alte ſchäumte. Er wollte nach einer zweiten Flinte eilen, die da hing, aber ich vertrat ihm den Weg und drückte ihn ſo kräftig in ſeinen Lehnſtuhl, daß das Holz krachte. Da quoll ihm ein Blutſtrom aus dem Munde, daß ich voll Schrecken zurück⸗ fuhr. Der Andres war hinausgegangen, che das geſchah. Ich rufe nach Hülfe. Die alte Lisbeth kommt darauf herein, läuft aber heulend wieder hinaus, und das wollte kein Ende nehmen, bis er endlich todtbleich zurückſank. Ich war die Nacht bei ihm. Er redete irre. Gerechter Gott, was redete der Menſch! Heute früh iſt er ganz hin; das Bein iſt gräulich entzündet. Ein Wundfieber raſet in ſeinen Adern. Wenn er's bis Abend macht, lebt er noch hun⸗ dert Jahre: aber ich glaube, er verendet bald.“ „Mög' er zur Hölle fahren!“ rief der Schmied aus. „Nein, nein,“ ſagte die Blinde,„ſo redet nicht, Gevatter; da redet kein Chriſt aus Euch. Gott ſei ſeiner Seele gnädig! Amen.“ Alle ſchwiegen, auch der Schmied. Nach einer Weile ſagte er reumüthig:„Ihr habt doch immer Recht, Mutter Wallauer. Der böſe Sinn iſt immer noch mächtig in mir. Ja, ich ſage auch:„Möge Gott ſich ſeiner erbarmen, um ſeines guten Andres willen.“ „Habt Ihr denn auch ſchon gehört, Cumpeer,“ wandte ſich Veit an den Schmied,„wie es mit dem rothen Niklas ging?“ „Nein,“ ſagte dieſer.„Marie hat mir nichts geſagt. Die hat immer die Augen voll Waſſer, weil ich den Solinger nicht mit⸗ gebracht! Da ſitzen die Mädchen und ſeufzen alle beide, weil ſie nicht wiſſen, was aus den Burſchen geworden iſt. Ich ſage, ſie ſind frei und werden ſchon kommen; aber ſie glauben's nicht. So ſind ſie aber Alle! Ich denke: wie werden ſie frohlocken, daß ſich unſer Kreuz gewendet, unſer Leid ſich in Freude verwandelt hat; aber da ſitzen ſie nun heute Morgen an einem Stücke und ſeufzen, als ob ſie die Franzoſen alle Beide todtgeſchoſſen hätten. Und 1 ————— entgangen, daß ein großer Schmerz des Mädchens Bruſt hob und doch iſt's noch nicht halbweg Abend! Wie iſt's denn mit dem. Indas?“ „Ei,“ entgegnete Veit,„ſein Vater fand ihn am Abend in ſeinem Bette, wo er ſich ſtellte, als ſchliefe er. Ihr wißt, der ver⸗ ſteht wenig Spaß. Da gab's denn eine Hetze, daß es eine Art hatte, und der Vater kündigte ihm an, mit dem grauenden Tage müſſe er fort, er dulde teinen Judas in ſeinem Hauſe. Da iſt er denn fort und hat ſich in Bingen in die Poſt verdingt, und der Alte will nichts mehr von ihm wiſſen.“ „Auch gut,“ ſagte der Schmied,„ob's gleich viel zu gelinde für ihn iſt. Er ſollte—“ „Haltet ein,“ beſänftigte die Blinde, denn ſie merkte, daß wieder der wilde Sinn des alten Soldaten auflodern wollte.„Ueber⸗ laßt ihn Gott und ſeinem Gewiſſen.“ „Ja, ja, gute Mutter,“ ſprach ruhiger der Schmied,„das wollen wir auch; aber ich danke Gutt, daß eben ſein Gewiſſen nicht in mir ſteckt. Es mag übel darinnen ausſehen, wahrhaftig übel!“ Die Blinde erzählte nun, wie freundlich die Bauern gegen ſie geweſen; wie Marie Engel's Stelle erſetzt habe, und wie ſie zuſam⸗ men geweint und ſich zuſammen getröſtet hätten. „Ach ja,“ ſagte Marie,„ſie hat immer geſagt:„ſie kommen wieder;“ und Gott vergebe mir meinen Kleinmuth und Verzweif⸗ lung in der Stunde der Noth. Gottlob! es iſt wahr geworden!“ Aber dabei ſeufzte ſie ſo tief, daß man wohl ſah, wie noch ein Stein auf dem Herzen lag, und Engel fiel ihr um den Hals, damit die Männer die Thränen nicht ſähen, die aus ihren Augen hervor⸗ drangen, und die ſie zu beherrſchen nicht im Stande war. Die Blinde ſeufzte, denn ihrem ſcharfen Gehöre war es nicht B ihr Seufzer auspreſſe. Als es Mittag vom Kirchthurme läutete, kam ein Fremder a das Haus zu, der einen blauen Kittel trug. Niemand erkannte ihn; als er aber die Thür öffnete, ſchrie Marie laut und ſtürzte ihm entgegen. Es war Schraudt. Die Thränen des Kummers wurden Auch der Schmied ſprang auf und drückte ſeine Hand in rechter Vaterfreude; denn dieſe Rückkehr zeigte, wie treu ſein Herz und wie innig ſeine Liebe zu Marie ſei. Aber dort in der Ecke ſaß Engel mit gefalteten Händen und 8 Schraudt war ja alleine, ganz alleine, gekommen— und er nicht, den ihre Seele liebte! Als der Freudenſturm einem ruhigeren Verkehre die Stätte räumte, und der Solinger neben ſeinem ſchönen Bräutchen ſaß und mit ſeinen Händen die ihrigen hielt, da fragte der Schmied:„Wo iſt denn Martini?“ Jetzt erſt blickten ſie Alle unwillkührlich auf die bleiche Engel, die ſchnell das Antlitz in ihre Schürze barg und in ein leiſes — ſchzen ausbrach, und das tiefſte Mitleid bewegte die Herzen. Schraudt begann wahrheitstreu den Vorgang vor dem alten Blücher zu erzählen. Alle hörten mit geſpannter Erwartung zu, und als er zum Schluſſe kam und Martini's Worte wiederholte, reichte er dem weinenden Mädchen das Reiflein von Gold dar. Sie nahm es, ſtänd auf und wankte hinaus, und die Blinde richtete die lichtloſen Augen nach oben und ſagte leiſe:„O, Herr, hilf, daß nicht das arme Herz bricht!“ Marie aber eilte ihr nach. Es trat eine Stille ein, daß man den Holzwurm im Getäfel am Fenſter konnte nagen hören. Niemand wagte, ſie zu unter⸗ brechen. Der Schmied ſah ſtarr auf den Boden. In ſeinem Innern Vorwürfe. Wäre er geblieben, bis auch die re elöſt geweſen, ſo wäre Martini nicht ebſt. er jn doch gedrängt Soldat geworden, ſagte zur als no Als er ſ6 aber. Schraudt noch einmal Alles hatte ränen an der Bruſt des Geliebten und aller Schmerz über ihre lieblichen Züge legte ſich die Bläſſe des Todes— denn erzählen laſſen, ſagte er zur Blinden:„Mutter V wenn ich Kind, als meine Engel.“ — 269— es ſo recht überlege, ſo hat der Junge ganz nach meinem Herzen gehandelt. Ich will Schraudt damit nicht wehe thun; denn Einer iſt nicht der Andere, und eine Braut iſt ein überzeugender Grund; aber ich hätte auch wie Martini gehandelt. Ehrenhalber konnte er nicht anders.“ Die Blinde hatte das Spinnen ruhen laſſen. Sie ſtützte das Haupt in ihre Hand und ſagte mit tiefer Bewegung: „Es mag ſein, Gevatter. Ihr Männer habt wohl andre Rück⸗ ſichten und Gedanken, als wir; aber meine arme Engel! Ach, ſie hat ihn ſo liebgewonnen; das merkte ich an ihren Reden, an ihrem Weſen, und ich ahnete wohl, daß ein großes Unglück hereinbreche über mich und mein armes Kind. Möge Gott ihr tragen helfen und überwinden!“ „Ich hab' einen guten Glauben an dieſen Menſchen. Er wird nicht ſpielen mit einem ſo guten Herzen. zwar macht ſich das Stadtvolk nichts draus, ob es ein Herz brich lacht wohl nöc,1 die Einfalt es eben gehänſelt hat; aber ſo ſieht er mir gar nicht aus“ „Wer kann das ſagen, Schmied,“ erwiederte die Blinde. „Nun iſt er wieder im wilden Kriegsleben. Kann ihn nicht eine Kugel treffen? Auch kennt Ihr ihn ja ſo wenig, daß Euer guter Glaube an ihn auf gar achen Beinen ſteht.“ Der Solinger ſagte:„Ich ſtimme mit meinem Schwiegervater- Der Martini iſt ein feiner Menſch und ich glaube, er hat einen vornehmen Stand abſichtlich verborgen.“ „Deſto ſchlimmer,“ fiel die Blinde Leute mögen nicht ein Bau ernkind in nehmen. Sie ſchämen ſich ihrer, und * Ach, die vo als Tochter „Thut nichts,“ fuhr der Soling Gemüth. So verſchwiegen er auch h Liebe zu Engel blicken ließ, der er ſo hat er doch im Gefängniſſe m nd wie er ohne ſie nicht glaub „Wären's nicht ſo Reden, wie ſie die Stadtherren aus den Büchern lernen, die ſie leſen, ſo wollte ich ja gerne darauf bauen; aber— aber——“ die Blinde ſchwieg. „Quält Euch nicht,“ ſprach der Schmied aufſtehend.„Er hat ihr ein Ringlein geſchickt, das bindet. Und ſollt's ſo ſein, daß er untren würde, ſo ſpringt das Ringlein entzwei und dann verdient er's nicht, daß Engel um ihn weint. Sie iſt ein fromm und ver⸗ ſtändig Kind.“ Veit hatte ſtille zugehört Er ſchüttelte den Kopf leiſe und ſah den Schmied bedeutſam an. „Du,“ hob jetzt der Schmied an, indem er ihn feſt ins Auge faßte,„kannſt nicht gut ſchweigen. Du haſt hier Dinge gehört, die nicht für Allermanns Ohren ſind. Zeig', daß du, wo's gilt, ein Schloß an deinen Mund legen kannſt. Hier im Hauſe iſt Weh genug. Laßt es dieſſeit der Schwelle, oder mit unſrer Freundſchaft „ hat's für immer ein Ende.“ Veit reichte ihm ſeine Hand.„Cumpeer,“ ſagte er,„ich kann ſchweigen, wo es gilt, und Gott weiß es, ich habe die lieb, der es hier gilt. Ich meine ſolche Liebesgeſchichten, die vergingen. Der liebe Gott hat in ſeiner Apotheke einen Balſam gemacht, der heilt Alles,— ich meine die Zeit. Was ſollte die Engel auch mit dem Stadtburſchen thun, der nicht ackern und nicht pflügen kann?— Wenn ſie auch nicht reich iſt, ſo hat ſie ein Geſichtchen wie Milch und Blut, eine Geſtalt wie eine Tanne und ein Herz wie ein gelernt und läßt's nicht fehlen. Da wird nheit finden, auch ohne den Deſerteur.“ „Da haſt du Recht, Veit, und der Mutter Segen baut den Kindern Häuſer,“ ſagte der Schmied;„aber die Engel iſt kein leichtſinnig Ding. Da liegt der Hund begraben!“ „Laßt's ruhen,“ verſetzte Veit bedeutſam.„Ich weiß, was ich weiß, und ſind einmal zwei Augen zu, ſo werdet Ihr etwas hören, woran Ihr jetzt nicht denkt.“ Er ging zur Thüre hinaus mit einem Geſichte, das ſo eigen⸗ thümlich drein ſah, daß bei ſich was mag der 323 wollen?. — In Wallauer's war eine ſtille Trauer eingekehrt. Engel trug ein Weh in ihrer Bruſt, das an ihrem Herzen nagte. Das Ring⸗ lein hing an einer Schnur um ihren Hals, und viel tauſendmal hat ſie's beſehen und heimlich an die Lippen gedrückt. Marie belebte die Hoffnung in ihrem Herzen. Sie plauderte mit ihr von ihm, ſie malte ihr eine glückliche Zukunft, deren Bild ſie von ſich ſelber konterfeite, und ihrem Glücke.* Aber die Mutter ließ oft Worte fallen, welche Engel's Thrä⸗ nen hervorriefen. Sie wollte ſie an ein Entſagen mahnen, weil ſie nicht an des jungen Menſchen Treue glaubte. Die Zeit mil⸗ derte viel, wie Veit richtig vorhergeſagt; aber Engel's Züge trugen einen rührenden Ausdruck inneren Wehes, daß Jedermann erkannte,„ ihr Herz leide. Die Wangen waren bleich und das Auge blickte ſo traurig. In des Schmieds Häuschen glühte die Eſſe, und die klingen⸗ den Hammerſchläge, das ſchneidende Tönen de Feile zeigten an, daß ſich da eine friſche Thätigkeit rührte So war's auch. Der Solinger reg e ſich mit dem Alten, der wieder jung wurde, und die Kundſchaft floß herein, wie ein Strom. Der Jur auch Schneideg chirre, das ſchnitt wie Gift, und ſe Beile waren gehärtet, daß man Steine damit zerhauen doch waren die Schneiden o zart wie Raſirmeſſer. Vor vierzehn Tagen war Hochzeit geweſen und zwei g Gatten trug die Erde nicht. 5 Aber dieſe Hochzeit! In die Freude Kang ein Trauerton hinein, der in den befreundeten Herzen n klang. Saß doch Engel ſo bleich und ſo ſtille da. Lag doch in il s ſo Wehmüthiges und Tiefergreifendes, daß ſie es alle fühlten, un jede laute Aeußerung der Luſt, jede neckiſche Hänſelei der roſig Braut unterblieb, wie weh es auch Manchem that, der ihr alter Sitte gerne liſtig den Schuh vom kleinen F i hätte. Das Alles unterblieb aus einer Schonung lches in der Liebe und Achtung wurzelte, w te Engel empfand. 3 — — 2 Nur einmal ſie tief bewegt und es perlte unwillkührlich eine Thräne in das Glas. Schraudt nämlich ſtand auf und nahg ſein Glas, in welchem Rheinwein glänzte. „Als ich,“ ſagte er,„von dem Feldmarſchall Blücher in Simmern entlaſſen wurde, da ſagte er:„Hältſt Du Hochzeit, Burſche, ſo trink' Eins auf mein Wohl, und Eins auf das Deines braven Kameraden.“ Ich habe das Wort nicht vergeſſen, und ſo ſegne denn Gott den alten Marſchall Vorwärts und den wackern Kameraden, und gebe Beiden heute einen guten Tag!“ Er leerte ſein Glas. „Bassa manelko!“ rief der Schmied aus,„Jacob, da haſt Du eine gute Geſundheit getrunken! Wir wollen ſie alle mittrinken; aber ich will noch Eins zuſetzen: Mögen unſre deutſchen Brüdet. bald die alte Babel brechen und den Apollyon ſtürzen, wie ihn die Schrift und meine gute Mutter Wallauer heißt.“ Die Gäſte klangen freudig mit gn und dieſer Trinkſpruch des Schmieds brachte die Nachrichten Tapet, welche man vom hatte und Gouverneur Juſtus Gruner in Kobler zahlreichen Lande verbreiten ließ. 6 und des erz hob ſich in ſeliger ſde, wenn die Franzoſen ppe bekommen. 1 zuckte dabei Engels Sr der alte Pathe ſagte nd zu ihr:„Nicht alle Kugeln treffen!“* uch jetzt theilte man ſich die Kunde mit, die man empfangen.. 4 Armee e e bei Paris,“ ſagte Veit, deſſen Napo⸗ al„Ich bin dort geweſen* nd e das Land. n Simmern ſie geſtern, bei Brienne* eine Schlacht geweſen.“ „Ha ha!“ rief der Schmied,„da hat der Neuntödter gelernt. a wird er rauch das Handwerk legen!“ Jubelt noch zich zu frühe,⸗ warf Veit ein. „Er wird woh — 273— „Pah,“ rief der Schmied,„er pack's nicht. Zu viel Hunde ſind des Haaſen Tod. Und ich glaube, der Muth iſt ihm geſunken. In Rußland hat er an Jeſum Chriſtum glauben gelernt. Und da denke ich noch immer an Euer Wort, Mutter Wallauer. Wißt Ihr's noch? Ihr meintet: Gott habe gerichtet. Das glaub' ich auch. Bassa manelko! könnt' ich dabei ſein, wenn ſie Paris einnehmen! Da wird der alte Blücher ſchon ſein Wort halten und es mit Stumpf und Stiel vertilgen, daß kein Stein auf dem andern bleibt.“ Die Blinde, welche der Schmied ſelber herüber in das Hoch⸗ zeithaus geführt, ſchüttelte leiſe den Kopf. .„Nicht ſo hart, Gevatter,“ ſagte ſie,„micht ſo hart. Was können die viel Tauſend Unſchuldige dafür, die dort wohnen?“ „In ſolchen Zeiten, Mutter Wallauer,“ rief er,„muß der Unſchuldige mit dem Schuldigen leiden, und am Ende taugt die ganze Sippſchaft nichts.“ Der Schmied, welchen der Wein munterer als gewöhnlich machte, ſprach noch lange fort; aber wie der Faden eines Geſprächs ſich oft wunderſam wendet, ſo geſchah es auch hie Vom Krieg und von Paris kam man unvermerkt auf die Geſchic ten des Dorfs und die kleinen Ereigniſſe des Lebens, welche in engern Kreiſen ſich um die Perſonen drehten, die hier ſaßen, und ſie freudig oder ſchmerzlich berührten. 5 Wie geht's, denn meinem guten Freund, dem Kümmel⸗ 33 Dietrich?“ fragte der Schmied ſeinen Nachbar Veit.„Du meinteſt vor etwa acht Wochen, wenn er ſelbigen Abend erlebe, ſo 3 lebe er noch hundert Jahre? Da wär's dann wohl jetzt dran; denn er lebt noch!“ „Nehmt es nicht ſo ſtreng, Cumpeer,“ erwiederte Veit.„Ich . meinte damals ſo, weil ich ſah, daß es ſtand, wie man eine Hand umwendet. Er hat aber ein Leben wie eine wilde Katze“ 5 „Soll er denn davon kommen?“ fragte der Schmied weiter. „Das glaub' ich nicht. Wie viel Mühe ſich auch der Doet anthut, der Fuß heilt nicht, und er iſt abgezehrt, daß es unglaublie — 274— iſt, und ſo matt, daß ich ihn heben und legen muß. Es wird bald aus ſein.“ „Wird auch ein ſchöner Engel im Himmel, der!“ ſprach leiſe der Schmied in Veit's Ohr, damit es die Blinde nicht höre. „Mach',“ fuhr er fort,„daß du ſeine Waldwärterſtelle bekommſt, aber hüte Dich vor ſeinen Streichen! Der Andres kann's nicht werden.“ „Wollen ſehen,“ ſagte Veit abweiſend, weil ihn die Bemerkung des Alten verdroß, er ſolle ſich vor den Streichen des Kümmel⸗ Dietrich's hüten. Der Schmied bemerkte auch dieſen Groll nicht und fragte: „Was macht denn der Andres?“ „Der redet viel von der Engel,“ flüſterte Veit zurück,„und hat ſie entſetzlich lieb.“ „Hm!“ brummte der Schmied.„Er iſt ein treuer Burſche, und ich bin ihm gut, ſeit er uns befreit hat. Auch die Engel iſt ihm nicht feindlich geſinnt.“. „So?“ fragte Veit.„Ich glaube, wenn der Alte todt iſt, m ſie. Glaubt Ihr, daß ſie Ja ſagt? Mit dem Deſer⸗ iſt's doch nichts.“ „Das Erſte weiß ich ſo wenig, wie das Zweite,“ erwiederte der Schmied.„So ein Mädchen iſt ein mordkurios Geſchöpf. Man wird niemals klug aus ihnen; aber warum meinſt Du, es ſei nichts mit Martini?“ „Weil er nicht ſchreibt!“ S.„Veit! Veit!“ rief in dieſem Augenblicke die alte Lisbeth zur chüre herein.„Kommt geſchwind, ich glaube, unſer Herr ſtirbt!“ Da ließ Veit Alles im Stich und lief, was er laufen konnte. 4 Nach einer Stunde kam er wieder. Er war bleich und ver⸗ ₰ tört. Alle Gäſte ſahen ihn an. Er ſetzte ſich, trank ein Glas Wein und ſagte dann; „Das war die ſaterſte Stunde meines Lebens. Ich hab Vie ſierben ſehen, die auch keine Engel waren; die dachtem abe an Gott; allein ſo einen Tod ſah ich nie!“ Et ſchüttelte ſi ½ — 275— fuhr fort:„Der fluchte aller Welt, bis endlich der Tod ihn packte. Da heulte er. Da wollte er beten und konnte nicht. Herr meines Lebens, es war fürchterlich!“ „Hat er ſich mit ſeinem Sohne ausgeſöhnt?“ fragte Veit's Frau. „Ja,“ ſagte er,„der gute Junge ſtand an ſeinem Bett und betete laut ihm vor aus dem Paradiesgärtlein und dem Haber⸗ männchen. Darauf faßte er ſeine Hand und ließ ſie nicht wieder los. Noch einmal ſagte er:„Wallauer,“ dann endete ein Blutſtrom ſeinen Kampf.“ Alle ſchauderten und ſchwiegen. Es wollte auch kein recht Geſpräch mehr aufkommen und die Gäſte ſchieden, da der Abend „ nahe war. Vielleicht drei Wochen ſpäter trat Veit eines Abends mit fröh⸗ lichem Antlitz in die Spinnſtube, wo ſeine Frau dieſen Abend fehlte. Marie und Engel aber ſaßen um den Lichtſtock, der Schmied hatte ſein Plätzchen eingenommen Schraudt aber ſtand zu Hauſe am Feilſtock und arbeitete unter fröhlichem Geſange. 6 Der Schmied lächelte, als Veit ſeinen guten Abend geboten, und ſagte:„Bch wette, ich weiß, warum mein Nachbar ſo fröhlich iſt! Der Storch hat auf ſeinem Hauſe geklappert. Gelt?“ Veit lachte, innerlich froh⸗ „Iſts wahr?“ fragten die drei Frauen zugleich⸗ „Freilich iſts, wie der Cumpeer ſagt,“ ſprach Veit,„und weil das Taufkind die neunte Ader vom Göthchen kriegen ſoll, ſo möchte ich ein recht liebes und braves haben. Ein braveres aber gibt's nicht, als dich, Engelchen. Willſt du unſer Göthchen werden?“ Engel erröthete und ſagte:„Gewiß, wenn Ihr mir die Ehre anthun wollt?“ Nun gab's Glückwünſche von allen Seiten. „Aber,“ ſagte der Schmied,„es iſt nicht Sitte, daß Midchen alleine zum Altare trete. Wer iſt denn Pathe?“ S „„. —————— S— — 276— „Dietrich's Andres,“ ſagte Veit, pfiffig dem Schmiede zublin⸗ zelnd,„wenn's unſerm Göthchen recht wäre?“ Engel erröthete abermals, aber nicht freudig; doch ſagte ſie ja. Der Grund aber, warum Engel nicht fröhlich erröthete, lag in dem Umſtande, daß ſeit der alte Kümmel⸗Dietrich todt war, Andres mehr ſich ihr näherte. Er ſtand mit Schraudt in gutem Einver⸗ nehmen. War ſie Sonntags dort, ſo durfte ſie wohl darauf zählen, daß er auch kam. Engel hatte nichts gegen ihn. Sie war ihm herzlich freundlich. Sie fühlte ſich ihm verpflichtet zu Danke. Auch war er nicht mehr der blöde, ſtille, unterdrückte Knabe, wie ſonſt. Seit ſein Vater geſtorben, zeigte er ſich ganz anders, ging unter die Menſchen und war gerne geſehen, wohin er kam. War er doch reich und nicht ſtolz, ſondern wohlthätig und freigebig. Manche Mutter hieß chn herzlich willkommen, weil ſie ein Töchter⸗ lein hatte, das der Haube entgegenwuchs. Dabei war er beſcheiden, und ein ſittig Weſen zeichnete ihn aus. Still und in ſich gekehrt, konnte er ſtundenlang daſitzen. Sprach er aber, ſo war's ein verſtändig Wort allemal. Wie viel Empfehlendes auch der Jüngling hatte, in Engel's Seele widerſtrebte eine unbeſiegbare Macht. Er war der Sohn des Mannes, der ihren Vater niedergeſchoſſen. T war Eins, und die Liebe zu Martini war das Andere. Eines Srikten bedurfte es nicht. 5 Hätte ſie es abgelehnt, mit ihm bei Veit's Taufkind Pathe zu ſtehen, ſo wäre das ein Schimpf geweſen, den Andres um ſie nicht verdient hatte. Und— doch— machte es ihr Unmuth.— Sie kannte ſeine heiße Liebe zu ihr und mochte ſie nicht nähren. Sie bedauerte ihn herzlich— aber lieben konnte ſie ihn nicht. Als Veit weggegangen war, ſcherzte der Schmied und meinte, ob nicht am Ende, wie ſo oft, aus der Pathenſchaft eine Hochzeit entſpringe? Eine dunkle Gluth übergoß Engel's Geſicht. Unwillig ſah ſie den Alten an und ſagte:„Euer Wort, Pathe, könnte mich zwingen, Veit's abzuſagen!“ — 277— „Warum denn, Kind?“ fragte verblüfft der Schmied.„Ich dachte mir, durch eine Hochzeit könnte des Vaters Sünde geſühnt werden. Andres iſt brav, das weiß Gott und die Welt.“ „Und wär' er noch einmal ſo brav, ſo will ich lieber ledig ſterben, als ſeine Frau werden, lieber mein Leben hindurch darben, als ſeinen Reichthum theilen!“ ſprach Engel mit einer Entſchieden⸗ heit im Ton ihrer wohlklingenden Stimme, daß der Schmied wohl ſah, hier müſſe, wollte man das Plänchen, das er mit Veit wohl beſprochen, erreichen, anders verfahren werden,— wenn's über⸗ haupt gelänge. Die Taufe war ein Feſt. Marie kam frühe ſchon, ihre liebe Engel zu putzen. Sie wob ihr das Kränzchen ins ſchöne Haar, ſie legte ihr das Halstuch in zierliche Falten. Und als das Mäd⸗ chen ſo daſtand in der ganzen Fülle ihrer Schönheit rief die tolle junge Frau:„Wär' ich ein Burſche, ich würde mich in dich ver⸗ lieben, ſo ſchön biſt du,“ und küßte die Erröthende und Zürnende auf die ſüße Lippe. Aber wer ſie ſah, fand ſie zum Entzücken ſchön. Andres' Auge ruhte mit tiefer Gluth auf dieſem reizenden Weſen, und als ſie nach der Taufe zuſammen ſaßen und die Frauen ſchäkerten und ſtichelten, und als der Zuckerwein des reichen Pathen die Köpfe wärmer, den Mund redſeliger, die Rede freier, den Scherz kühner machte, da flog eine Röthe nach der andern über Engel's ſchöne Züge, und Andres wagte es, ihr leiſe zuzuflüſtern:. „Wie oft hab' ich als Kind mit dir geſpielt, liebe Engel, und war ſo froh bei und mit dir!“ „Es waren Kinderſpiele,“ ſagte Engel, der es ſo beklommen wurde. „Wollte Gott,“ ſeufzte Andres,„ſie hätten fortgedauert!“ Engel ermannte ſich.„Andres,“ ſagte ſie,„damals hat ſich der Tod meines armen Vaters zwiſchen uns geſtellt und unſer Spielen hörte auf. Er wird zwiſchen uns ſtehen bis ans Grab.“ „Bin ich ſchuldig an dem Unglücke?“ fragte er traurig. „Nein,“ ſagte Engel;„aber ich auch nicht daran, daß ich 7 — 278— daran denke, wenn ich dich ſehe. Ich weiß, wie gut du biſt. Ich achte dich von Herzen,— doch Je nicht auf die dummen Reden der Weiber dort.“ „Engel,“ ſagte er weich,„du weißt nicht, wie traurig mich machſt!“ „Es thut mir ſo leid, Andres, aber ich kann nichts vafür,⸗ ſagte ſie.„Laß den Gedanken an mich dein— Weib kann ich nie werden!“ Es koſtete ihr unendliche Mühe, das ihm zu ſagen, aber ſie dankte Gott, als es geſagt war, einfach und beſtimmt; denn es war nöthig. Die Frauen hatten das nicht gehört, nur Marie, die wohl ahnete, was es galt, ſah wehmüthig herüber; denn Andres ſtand auf und ging weg, weil er das, was ihn bewegte, hier nicht ſichtbar werden laſſen wollte. Auch der Kindtaufvater ahnete, wie es ſtand. Engel blickte düſter in die Ecke des Zimmers und entfernte ſich auch bald. Ihr war das Herz ſo voll. Sie bedauerte den Armen; aber ſie konnte nicht anders, und die Berechnung der Klugen, die für ſie ein Glück ſahen in dieſer Verbindung, konnt ſie nur mit bitterm Unmuth erfüllen. Marie folgte ihr in ihr Stübchen. „Du haſt ihm alle ſeine Hoffnungen genommen?“ fragte ſie. 8 Engel bejahte.„Marie,“ ſagte ſie, ihre Hand faſſend,„du. biſt glücklich; aber ſage mir, hätteſt du, wenn dein Jacob nicht wieder gekommen wäre, einen Mann genommen, den du nicht liebteſt?“ „Nie!“ ſagte Marie. „Du haſt für mich geantwortet,“ ſprach Engel.„Ich will, kehrt er nicht wieder, einſam ſterben.“ „Ach, der arme Andres!“ ſagte Marie. ihrer Marie verkehrte. Der alte Schmied, dem Marie Alle — 279— VI. Wenn auch unbeachtet von den Meiſten, waren doch noch andere Ohren, als die Marie's, offen geweſen für das, was Andres mit Engel geſprochen, und die Mähr ging bald von Haus zu Haus, die Engel habe die Heirathsanträge des reichen Andres zurück⸗ gewieſen. „Ei, was denkt doch die Dirne?“ fragte Dieſe,„ſie iſt doch ſo arm wie eine Kirchenmaus!“ „Ich glaub', ſie iſt ſtolz auf ihr Geſichtchen und meint, ein Graf käme,“ ſagte ſpöttiſch Jene.— „Sie hat noch den Deſerteur im Kopfe,“ ſprach eine Dritte. „Aber da kann ſie lange warten, die Einfalt!“ „Heutzutage,“ ſprach eine Vierte,„wollen die Dirnen nur den heirathen, den ſie lieb haben. Du lieber Gott, zu meiner Zeit war's anders; wenn da die Aecker der Väter zuſammenlagen, oder die Wieſen; wenn das Mädchen ein Haus hatte, oder der Burſche eins, dann ſagten die Alten zu einander: Hör' mal du, unſre Kinder könnten ſich heirathen. Ab, und zur Ruhe! Sie wurden ein Paar und lebten glücklich und zufrieden.“ „Das mein' ich,“ ſagte eine Fünfte.„Ich hatte auch den Velten lieb, der die Margreth zur Frau hat, und er mich; aber unſere Eltern meinten anders, und ſiehe da, er iſt wohl zufrieden und ich hab'(freilich gab's Anfangs trübe Augen) die Kinderei bald vergeſſen, und wir führen die glücklichſte Ehe. Aber heutzutage wollen ſie's machen, wie die Herrenleute. Da leſen ſie die Roman⸗ bücher und dadurch kriegen ſie die Flöhe in die Ohren.“ So wurde hart und bitter über das Mädchen geurtheilt, das, weniger roh wie ſie, einem Gefühle folgte, das mächtig in ihrem Herzen ſprach. Viele ſagten es ihr ſelbſt und der Erfo daß Engel ſich überall zurückzog und einſam mit der M itter und ſprach nie ein Wort über dies Verhältniß, obwohl — 280— bemitleidete, der ſeinen Kummer ſtille trug, aber dem Leben ganz abſtarb. Auch Engel's Seele wandte ſich mehr und mehr der heitern Seite des Lebens ab. Sie mied die Geſellſchaften der Jugend ihres Alters, die an den Sonntag⸗Abenden wohl in befreundeten Häuſern ſich traf. Aber ihre Liebe war ihre Welt, ihre Erinnerung ihr Glück, ihr Ringlein ihr Reichthum. O hätte es reden können, wie manchen Seufzer, wie manche Thräne hätte es verrathen. Nun war doch der Krieg zu Ende und der Friede in Paris geſchloſſen, das Friedensdankfeſt gefeiert, und doch kam er nicht! „Höre Jacob,“ ſagte einſt der Schmied zu ſeinem Schwieger⸗ ſohne,„entweder iſt der Martini todt, oder es war einer von den lockeren Stadtvögeln, die mit einem Menſchenherzen ſpielen, wie Buben mit dem Ball““ Der Solinger ſagte:„Ich weiß auch nicht, was ich davon denken ſoll; aber für ſeine Treue und Ehrlichkeit möcht' ich ein⸗ ſtehen. Vielleicht hat ihn eine Kugel getroffen.“ „Dann begraben wir die Engel noch vor ihrer Mutter,“ ſagte der Schmied betrübt.„Haſt du nicht wahrgenommen, wie bleich ſie iſt, wie trüb ihr Blick?“ Schraudt wollte eben bejahend antworten, als Marie her⸗ eintrat. „Das iſt eine kurioſe Geſchichte,“ ſagte ſie.„Eben iſt eine alte Frau in Wallauer's gegangen. Sie iſt ganz fremd und ſtädtiſch angethan. Wie ſie hinein kommt und die Engel anſieht, lächelt ſie und doch ſtehen ihr Thränen in den Augen, und ſie ſagt:„Du biſt alſo das Mädchen, das meinen armen Sohn gerettet hat, dop⸗ pelt gerettet hat vom Tode?“ Da zittert die Engel und ich⸗auch, die ich bei ihr ſaß, und das Fragewort ſtirbt ihr im Munde. Die Frau tritt näher an die Engel, die ganz ſtarr daſteht, fällt ihr um den Hals, küßt ſie und weint. „Was iſt das?“ fragt da die Blinde. „Darauf tritt die Frau zu ihr und ſagt, ſie ſei Martini's Mutter und komme, um zu danken. Und dabei weint ſie fort und — 281— fort, und ihre Augen hängen an unſerer Engel gerade ſo, wie eine Mutter ihr Kind in Liebe anſchaut. „Da faſſ ich mir ein Herz⸗ weil ich ſehe, daß eine Todesqual die arme Engel zerreißt, und ſage:„Madame, lebt er noch? Sagt's doch, denn ſeht nur, Engel ſtirbt ſchier vor Angſt.“ „Er lebt,“ ſagte die Mutter,„aber—“ „Da kann ſich Engel nicht mehr halten. Sie ſtürzt auf die Frau zu, faßt ihre Hand und fleht:„Sagt mir Alles, was ſoll das„Aber?“ „Du gutes Kind,“ ſagte die Frau und küßte ſie auf die Stirne,„er iſt ein Krüppel geworden, der ſich nicht mehr ernähren kann.“ „O, ich kann arbeiten,“ ruft die Engel aus,„ich will arbeiten! O, er ſoll nicht darben, ſo lange ich eine Hand rühren kann! Ach, bringt ihn,“ ſpricht ſie,„bringt ihn, ich will Tag und Nacht arbeiten für ihn und nicht klagen, wenn ich ihn nur wiederſehe.“ „Was meint Ihr, was nun geſchieht?“— Der Schmied war aufgeſtanden, Schraudt hatte ſein Hand⸗ werkszeug hingelegt. Beider Augen ſtarrten Marie in einer Span⸗ nung an, die nach Löſung des Räthſels verlangte. „Nun, nun!“ ruft der Schmied:„Halt uns nicht hin!“ „Die Thüre geht auf,“ ruft Marie aus,„und— Martini ſtürzt herein, blühend, geſund und umſchlingt das Mädchen.“ „Sie will ſich den Armen des Mannes entwinden. „Da ruft er:„Engel, mein Engel, kennſt du mich denn nicht?“ Und nun erſt erkennt ſie ihn.“ 3 Marie wiſcht ſich Thränen aus den Augen, und die beiden Männer thun's auch. 8 „Herr Gott, dich loben wir!“ ruft der Schmied, zieh Mützchen ab und faltet die Hände zum ſtillen Dankgebet. „Weiter! weiter!“ ruft Schraudt aus, der vas E erwarten kann. „Nichts weiter!“ ſagt Marie.„Ich bin weggelaufen, um es Euch zu ſagen“ — 282— Nun hielt nichts die Drei ab, hinüber zu eilen und Martini zu begrüßen. Das war ein Jubel über die Maßen! Aber Martini ließ das Mädchen nicht von ſich. Sein Arm umſchlang ſie und er konnte das Auge nicht von ihr wenden. Auf ihrer andern Seite ſaß ſeine Mutter. Abends erſt kam's zum Erzählen. Er war glücklich aus allen Kämpfen hervorgegangen; aber in einem der letzten Scharmützel wurde er verwundet, lag lange im Lazareth und kehrte ſpät heim, wo er das Fabrikgeſchäft ſeiner Mutter ordnen mußte, welches in vielfache Zerrüttung gekommen war.* Noch an dieſem Abend ſegneten die Mütter den Bund der glücklichen Kinder. Nach Jahresfriſt beſuchte Engel als glückliche Mutter mit ihrem Gatten den Ort ihrer Geburt, die Freundin ihres Herzens, ihre Marie. Sie trug Trauer, denn der Herr hatte ihre geliebte Mutter zum Lichte gerufen; aber ſie fand noch alle die treuen Freunde, und der alte Schmied ſchaukelte ſtolz ſeinen Pathen auf ſeinen Knieen, Engel's Erſtgebornen. Beruhigend war es ihr, daß Andres glücklich verheirathet war. Veit war Waldförſter geworden und in der Schmiede wohnte das reinſte Familienglück, welches der alte Schmied nicht genug preiſen konnte„Der rothe Indas aber,“ ſagte er zu Engel,„ſchleicht herum und ſieht immer auf den Boden. Weißt du warum? Engel! ich will dir's ſagen: Er ſucht ſein gutes Gewiſſen, das er verloren hat, und kann's nicht mehr finden.“ — 3 Eine cheiniſche . Schmugglergeſchichte. deine Jugend fällt in die Zeit, als Napoleon ſein eiſernes Scepter über die ſchönen Lande auf dem linken Ufer des Rheines ſchwang. Dort iſt meine Heimat. Wo die Berge ſich thürmen, wo der Strom wild daherbrauſt, wo die Ritterburgen von den Höhen herabſchauen, wo die edle Traube reift, da bin ich heran⸗ gewachſen und habe mit klarem Auge in das Leben blicken gelernt. Wer wollte ſich wundern, daß ich ſelbſt jenſeit der Hälfte meiner Tage mit unbeſiegbarer Vorliebe in jene Tage zurückſchaue? Gar manche Begebenheit aus jener Zeit ſteht vor meiner Seele mit allen ihren Einzelnheiten, ſo friſch und ſcharfgezeichnet, als hätte ich ſie geſtern erlebt. Unter dieſen Eine, die ſich mir vor Allem mit unvertilgbaren Zügen in die Seele gegraben hat. Iſt's ein Wun⸗ der? Der, welcher beſonders darin als handelnd auftritt, war unſer Nachbarsſohn, war, wenn er auch durch Verhältniſſe und Alter mir ferne ſtand, mein Liebling; denn er wußte ja ſo viele ſchöne Mährchen und Geſchichten, ſo ſchauerliche und grauſige, daß mir mehr als eine Gänſehaut ankam, und ich mich enger an ihn ſchloß, wenn er Abends auf der Steinbank vor dem Hauſe mir ſie erzählte; er wußte alle Vogelneſter im Umkreiſe einer halben Stunde; er konnte gar ſchöne Weidenpfeifen im Frühlinge machen und ſchmucke Käfige im Winter; er war ein vorzüglicher Angler an der Kloſter⸗ mauer am Rhein, und warf er das Netz, wenn ich ruderte, ſo brach es ſchier von der Menge der ſilberglänzenden Bewohner der Tiefe. Conrad war ein prächtiger Burſche von achtzehn Jahren, mit braunem Haar und braunem Ange, und Wangen, ſo friſch und roth, wie die eines Borsdorfer Apfels. Dabei war er einer der ſchlauſten„Schlummerer,“ und verſtand es, die Griinröcke3 hänſeln, wie vor ihm und nach ihm kein Andrer. Daß — 286— Soldat werben mußte, lag daran, daß er einer armen, hochbetagten Wittwe einziger Sohn war— und er war ein guter Sohn, denn er trug die Mutter auf den Händen.— In ganz Bacharach war keine Seele, die ihn nicht lieb hatte. Ich habe meinen Conrad einen„Schlummerer“ genannt; das fordert eine Erläuterung. Zur Zeit der franzöſiſchen Herrſchaft am Rheine war der Schmuggelhandel— dort„das Schlummern“— genannt, faſt der einzige Verdienſt der Schiffer, weil aller Verkehr, alle Schiff⸗ fahrt ſtockte. Es war aber auch der einträglichſte und zugleich ſchwierigſte Erwerb. Die Produkte der überſeeiſchen Colonien und der engliſchen Manufacturen und Fabriken lagen am rechten Rheinufer heimlich aufgeſtapelt. In dunkler Nacht ſie herüberzuſchaffen und möglichſt ſchnell tiefer in das Land zu bringen, war die Aufgabe der zahl⸗ reichen Schlummerer. Dies mußte auf die vorſichtigſte und ſchlaueſte Weiſe geſchehen: denn zahlreiche Poſten von Douanen,„Grünröcke“ vom Volke genannt, bewachten Tag und Nacht das Ufer. Zwei Linien ſolcher Douanen umgaben, wie eine ineinandergreifende Doppelkette das linke Rheinufer. Die erſte Linie ſtand am Rheine; die zweite, die ſogenannte„ſchwarze Brigade,“ ſtand etwa eine Meile hinter dieſer im Lande und beide waren ſcharf und wachſam. „Das Schlummern“ wurde übrigens außerordentlich bezahlt. Die, welche„Schlummern“ ließen, konnten dies auch; denn wieviel es ſie auch koſtete, der Gewinn war dennoch höchſt bedeutend. Mag dies Eine als Maaßſtab dienen, daß am rechten Ufer des Rheines das Pfund Kaffe vier und zwanzig Kreuzer koſtete, und am linken Ufer— zwei Gulden fünf und vierzig Kreuzer!— In dieſem Verhältniß lag die ungeheure Macht der Verſuchung, welcher ſelbſt rechtliche Männer nicht widerſtehen konnten. Der Schmuggel war übrigens wahrhaft organiſirt vom Ufer des Rheines bis zum Sitze des Kaiſers, zur Alles verſchlingenden Hauptſtadt — Paris. Ueberall in den Uferorten beſtanden Schmugglerbanden, eng — 287— unter ſich verbunden unter einem Haupte, kühne Waghälſe; aber die ſchlaueſten und kühnſten waren die Bacharacher Schlummerer. Kein Douan konnte ſich rühmen, einen erwiſcht zu haben, und doch wurde vielleicht nirgends mehr geſchlummert. Mochte es ſein, daß, wie man zu ſagen pflegte:„Der Kaiſer ſelbſt den Douanen die Augen zudrückte,“ weil auf den Fünffranesſtücken des Kaiſers Bild geprägt war: ſo konnte dies doch nicht immer ſein, da die„Grün⸗ röcke“ ſehr oft ihre Stationen wechſeln mußten; die Liſt und Schlauheit that mehr, als die Beſtechung. Ich war durch Conrad's Erzählungen jederzeit genau mit dieſem Schlummerweſen bekannt; habe viele Jahre dies Treiben mit angeſehen und die Geſchichte erlebt, die ich hier erzähle. Aber eben weil ſie Thatſache, darf ich die handelnden Perſonen nicht bei ihrem rechten, ſondern nur etwa bei ihren Taufnamen oder den Nachnamen nennen, welche, nach einer fatalen Ortsſitte, dort faſt jeder trägt. Der„ des Jahres 1809 war ſehr hart. Wer's nicht aus Erfahrung weiß, darf's auf mein Wort hin glauben, denn mein Gedächtniß iſt ſehr gut. Der Rhein war ſchon zeitig im December zugegangen, und der fortdauernde Froſt hatte das Eis zu einer ſo ſtarken Brücke werden laſſen, daß Frachtwagen darüber gehen konnten und die Küfer ein Faß mitten auf dem Rheine machten zum ſteten Gedächtniß. Gegen den Jahresſchluß hin fiel ein mächtiger Schnee, der faſt einen Schuh hoch die Erde deckte. Es war am Abend des dreißigſten Decembers. Ein ſcharfer Oſtwind pfiff durch die engen Gaſſen des Städtchens Bacharach. Die Nacht war völlig lichtlos. Nicht nur daß der Neumond ohne⸗ hin Alles in ein undurchdringliches Dunkel hüllte, anch kein Stern⸗ lein ſchien; denn die Wolkendecke des Himmels war ſo dicht, daß kein Schimmer hindurchdrang. Schon hatte die Zehnuhrglocke vom Thurm der reformirten Kirche geläutet; aus den Schenken kehrten .— 288— die Zecher heim und als überall die Lichter erloſchen, wurde es ſo ſtille auf den Gaſſen, wie wenn die Stadt ausgeſtorben wäre. Jetzt ſchlichen Männergeſtalten leiſe in das Haus eines Schif⸗ fers, den man gewöhnlich„Bräunchen“ nannte. Er war das Haupt der Schlummerer. Seine Wohnſtube, hoch über der Straße wie alle Wohnſtuben der Untergaſſe gelegen, weil der Rhein ſo oft aus ſeinen Ufern tritt, war niedrig und ziemlich enge; allein da er mit ſeinem Bruder, der Stoffel hieß und ledigen Standes war, wie er, zuſammen haushielt, ſo reichte der Raum aus. Die Laden waren ſorgfältig geſchloſſen. Stoffel hatte ſo tüchtig eingeſchürt, daß eine gar behagliche Wärme im Gemache herrſchte. Bräunchen ſaß im lederbezogenen Großvaterſtuhl, rauchte ſeine kleine irdene Pfeife, gefüllt mit einem übelduftenden Tabake, den Stoffel nur Skaferlatti No. I. nannte und erwartete ſeine Genoſſen zur reiflichen Berathung. Jetzt knarrte die Hausthür und bald trat ein großer, ſtarker Mann herein, deſſen ſchwarzes Bart⸗ und Haupthaar ihm den Namen des„Schwarzen“ gebracht. Faſt auf de folgte ihm ein andrer, ſchmächtig und klein, den Bräunchen und Stoffel mit dem Nachnamen„Schnuckes“ begrüßten.„Setzt Euch,“ ſagte Bräunchen, ohne daß er aufſtand, und beide rückten geränſchlos ihre Stühle zum Ofen, wo Stoffel, der im Hauſe die Rolle der Haus⸗ mutter machte, ein Tiſchchen mit Ziegenbeinen hinſtellte, nebſt einer Maaß Wein darauf und nach Landesbrauch, nur einem Glaſe. Nachdem der Schwarze und Schnuckes Platz genommen, ſchenkte Bräunchen ein, trank es dem Schwarzen zu mit einem herzlichen: Prokieiat! Beide thaten ihm darauf Beſcheid, die Pfeifen wurden geſtopft und die Berathung begann. „Ich habe Nachricht,“ ſagte Bräunchen,„daß in Caub reiche Sendungen engliſcher Seidenſtoffe, Tücher und Spitzen liegen Sie müſſen nach ur der kürzeſten Zeit, weil die Winde zur See ſie zurückhielten. Es gibt einen Verdienſt, wie wir lange keinen gehabt. Außer dem Conrad aber müſſen wir noch einen vertrauten Mann haben, weil die Waaren in ſechs Bündeln verpackt ſind.“ ——— —— f1. — 289— „Das thut ſich leicht,“ ſagte der Schwarze.„Der Philipp wird helfen.“ Alle waren mit dem Vorſchlag einverſtanden. „Welchen Weg nehmen wir?“ fragte darauf Schnuckes. „Darüber,“ ſprach Bräunchen,„hab' ich mir ſo einen Plan gemacht, den ich Euch mittheilen will. Alles iſt draußen weiß; denn der Schnee deckt Berg und Thal mit gleicher Farbe. Da habe ich die Bündel in weiße Leinwand ſchlagen laſſen, wir ſetzen weiße Mützen auf, ziehen weiße Hemden über, und weiße Hoſen an und ich wette hundert gegen Eins, daß wir auf hundert Gänge am Douanen vorüber gehen können, ohne daß er uns ſieht.“ „Ja, ja,“ ſagte ironiſch lächelnd Schnuckes,„wenn er auf dem einen Auge ſcheel iſt, und mit dem andern nichts ſieht!“ 6. „Sei ſtill,“ ſprach Bräunchen;„du haſt immer etwas auszu⸗ ſetzen an dem, was nicht aus deinem eigenen Gehirne ſprang. Ich ſchlage dich aber mit der Erfahrung. Geſtern Nacht ſind wir, Conrad und ich, zur Probe mit zwei Bündeln im Hahn herüber⸗ gegangen und picht hundertfünfzig Gänge von uns ſtand der Douane Bauer und ns nicht. Was ſagſt du nun?“ „Donner!“ rief Schnuckes,„das war ſo einer von den Strei⸗ chen, wie ſie der Conrad liebt. Hab' Reſpect davor. Es war eine neue Art, die Douanen zu täuſchen, und wer die Natur des Fluſſes kennt, muß ſie vortrefflich erdacht nennen. Niemals nämlich läuft in dieſen Gebirgen der Rhein glatt zu. Die ſtarkfallende Waſſer⸗ maſſe wirft das Eis übereinander oder ſchiebt es mit großer Gewalt unter⸗ oder ineinander, ſo daß Zacken empor ſtehen und es ganz leicht iſt, daß Geſtalten, wenn ihr Aeußeres mit der Farbe des Eiſes übereinſtimmt, ſich unbemerkt dazwiſchen bewegen können. Auf dieſe Wahrnehmung war der Plan des Schmugglers gebaut, und die Probe hatte bewieſen, daß er vollkommen ausführbar und zweckmäßig ſei.“ „Willſt du denn aber, daß wir wieder. übergehen?“ fragte der Schwarze.„Du weißt, der Bauer iſt der Schlauſte von allen Grünröcken hier, der ſchon in der kurzen Zeit ſeines Hierſeins genauere Keuntniß des Bödens und der Leute hat, als all⸗Andern 290— zuſammen, die Jahre hindurch ſchon hier herumſchnüffeln. P er nicht Eure Spur gefunden haben?“ „Das wär' ſo eine Frage für Einen, der geſtern auf die We gekommen,“ ſagte Schnuckes. „Meinſt du, das Bräunchen ließe ſich ſo leicht ſShen 67 Bräunchen lachte ſpöttiſch und ſchwieg eine Weile; dann nahm er ſeine Pfeife aus dem Munde, klopfte ſie aus und ſagte, indem er das Meſſer mit dem geſchnitzten Buchsbaumſtiele aus der rechten Hoſentaſche zog und ſein Röllchen Skaferlatti zu ſchneiden begann: „Ich denke, das hätte ich längſt vergeſſen! Ich bin mit Conrad am Kreuzſteine hinauf und oberhalb der Pfalz herüber. Es war freilich ein ſchlimmer Weg; aber es ging.— Zetzt nehmen wir den Weg im untern Hahn, gehen bei den letzten Häuſern des Mann⸗ wegs herüber, ſteigen über den großen Schieferbruch weg und erreichen bald die Hecken. Dort ruhen wir und warten auf das Signal von Henſchhauſen. Iſt es dort im Dorfe juſt, ſo legen wir beim alten Fenſterſeifer ab.“„ Dieſer Plan war gut ausgedacht und auch ilner ſo großen Sicherheit ausgeſprochen, daß Niemand etwas einzuwenden wagte. „Wer wird am Fahr Poſten ſtehen?“ fragte der Schwarze, „der Bauer?“ „Das mag Conrad erkunden,“ ſagte Bräunchen und Stoffel ſetzte hinzu;„er kann es auch am Beſten, denn des Bauer's Marie iſt ja ſein Mädchen.“ Dieſe Pille reichte Stoffel abſichtlich dem Schwarzen, den er nicht leiden konnte Er war ja Conrad's Oheim; er beſaß gewaltigen Bürgerſtolz, und der Umgang ſeines Bruder⸗ ſohnes mit der Tochter eines verhaßten und verabſcheuten Duanen — war ein Schuß, der ihm ins Herz traf. „Was ſagſt du da?“ fragte er mit rollendem Auge den Stoffel. Seine Stirne war tief in Falten und eine dunkle Glut begann ſich u ganzes, breites Geſicht auszudehnen. Er lehnte ſich vor bei dieſer Frage und ſah Stoffel'n ſcharf ins Geſicht. „Ich ſage, was die ganze Stadt weiß,“ erwiederte Stoffel. „So ſoll dich und die ganze Stadt—“ ſchrie der Schwarze uu u den Ziſch daß Krug und Blas zu tanzen beg ner* ———— —————— — — — 2 aber ehe der Fluch über die Lippe kommen konnte, hatte ſchon Bräunchen mit kräftigem Arme den des Schwarzen gefaßt und ihm ein:„Still!“ zugedonnert, daß er erſchreckt zuſammenfuhr und ſchwieg, denn er hatte Reſpekt vor Bräunchen.„Meinſt du, alter Narr,“ fuhr der darauf fort,„der Conrad ſei blind? Alle jungen Kerle der Stadt laufen ſich ſchier die Beine ab, um dem Mädchen zu gefallen; deſſen Schönheit jeder ſieht, und deſſen häusliche Tugenden Jedermann bewundert.“ „Nun nehm' ich's dem Conrad nicht übel,“ lachte Schnuckes, „denn Bräunchen hat Feuer gefangen!“ Dieſe Bemerkung zog die Sache ins Komiſche und Alle lachten; ſelbſt der Schwarze, deſſen Hitze ohnehin ſchnell verrauchte, mußte lachen. „Ja, Schnuckes,“ ſagte Bräunchen,„wär' ich ein junger Kerl, wie Conrad, ich nähm' das Mädchen heute zum Weibe. Bei meiner 3 Seele! unſre Stadt Bacharach hat von jeher den Ruf gehabt, ſie habe bildſchöne Mädchen; aber ſeit das Mädchen hier iſt, müſſen alle die Segel ſtreichen. Nähm' ſie einen alten, wetterharten S Schiffer, ich würde heute noch um ſie freien.“ Das Gelächter wurde durch dieſe halb ernſt, halb ſcherzhaft gehaltene Aeußerung noch allgemeiner und der beginnende Unfriede ſtarb im Keime. Es wurde nun noch Alles abgeredet, namentlich Sammelort und Stunde in Caub, und die Ausführung auf die Nenjahrsnacht verſchoben, wo die allgemeine Luſtigkeit die Aufmerk⸗ ſamkeit der Douanen, wie die Schlummerer hofften, ablenken ſollte. Seit dem letzten Herbſte war ein Donane nach Bacharach geon men, dem ein ſchlimmer Ruf vorangegangen war. Er hieß Bauer, und war aus dem Elſaß, Er hatte an verſchiedenen Orten ſchon geſtanden, und war berüchtigt wegen ſeines ſcharfen Auges, wegen, ſeiner amtlichen Strenge und unbeſtechlichen Pflichttrene. Alle Welt zitterte vor dem kleinen, dicken Manne, denn alle Welt ſchmuggelte. 4 Wenn auch nicht jeder ein Gewerbe daraus machte, wie die Schiffer, 8 ————— —— — ſo pflegte man ſich doch die Kattune, die Tücher und andre Fabrikate drüben zu kaufen, auch jedesmal ein Viertelpfund Kaffe, ein Päckchen Tabak oder dergleichen mitzubringen. Selbſt das war ſtraffällig; indeſſen ſahen die meiſten Grünröcke darüber hinaus oder durch die Finger. Bald jedoch erkannte man den Irrthum in Betreff Bauer's. Fand er beim Viſitiren eine ſolche kleine Quantität geſchlummerten Gutes, ſo lachte er und ſagte:„Da haben Sie eine Warze oder ein Krähenauge, das Sie vertreiben müſſen!“ und ging weg. Nur gegen Schmuggler war er unerbittlich ſtrenge. Dabei führte der Mann einen ſittlich reinen Wandel; war höflich und gefällig und wob köſtliches Linnengebilde in ſeiner freien Zeit, wodurch er mit den Frauen der Stadt in eine beſonders freundliche Beziehung kam. Bald genoß er die allgemeinſte Achtung in der Stadt. Mehr als er, ſprach indeſſen beim männlichen Theile der Stadtbewohner ſeine Himmel! ein Donane hatte blutwenig zu verſchneiden; aber Marie Tochter Marie an. Marie war, als ſie nach Bacharach kam, juſt ſechzehn Jahre t und wer ſie ſah, war entzückt von ihrem Liebreiz. Dies hellblaue, große Auge ſah unter den ungewöhnlich langen, glänzenden Wimpern ſo mild, ſo lächelnd, ſo ſchuldlos und warm, ſo bezaubernd heraus, daß ungeſtraft Niemand in ſeine ahnungsreiche Tiefe ſchauen durfte Und doch mochte man immer hineinblicken und wurde gar nicht müde, denn es war ſo, als ob man immer etwas noch nicht Geſehenes drinnen fände. Um ihre reine, hohe Stirne ringelten ſich kunſtlos die blonden Locken ihres reichen Haares— doch was könnte es helfen, wenn ich alle ihre Reize beſchriebe? Conrad's Wort bezeichnet das genauer. Er ſagte leiſe zu ſich, als er ſie zum erſten Mal ſah: ſie iſt ein Engel! und wahrlich das war ſie. Wie ſchön ſie ſei, ahnete ſie nicht; wie gut ſie ſei, ſagte ihr ſeelenvolles Auge, der milde Ausdruck ihres Weſens; das verkündete ihr Leben und Thun; wie fromm ſie ſei, bewies ihre Andacht in der Kirche; wie fleißig ſie ſei, verkündete ihr Haus, ihre Reinlichkeit, ihre nie raſtende Thätigkeit. Lieber 03 hatte für Arme ſtets eine Gabe. Die Nachbarn rühmten ihre Bereitwilligkeit, gefällig zu ſein alleſammt und Jedermann redete Liebes und Gutes von ihr. 5 „Habt Ihr das ſchöne Druanen⸗Mädchen ſchon geſehen?“ fragten ſich die Burſche der Stadt. Conrad wandte ſich allemal mit Erröthen ab— denn er hatte ſie geſehen und ihr Bild ſtand wachend und im Traume vor ſeiner Seele. Er ſah ſie alle Tage, ja alle Stunden, denn ſie wohnte neben ihm. Wenn die andern Burſche ihr zu Gefallen liefen, ſo mied er ihre Nähe. Seltſam war es, daß aber ihr Auge ihn dennoch ſuchte, und ihn vor Allen. Als der Rhein zuging und alle Welt auf der Stadtmauer ſtand, um das Schauſpiel zu ſehen, erſchien auch Marie in Con⸗ rad's Nähe. Sie hatte gar viel zu fragen und alle Fragen richtete ſie an Conrad, der vor Seligkeit innerlich bebte. Freudig antwor⸗ tete er, und von da an war ein zutraulicher Verkehr angebahnt. Er gewann aber erſt rechten Beſtand, als Conrad's Mutter erkrankte und Marie ſogleich nachbarlich nach ihr ſah und ſie pflegen half. Die gute Wittwe war ſchwer erkrankt und das Leiden zog ſich in die Länge. Marie wachte ganze Nächte bei ihr, damit der gar ſehr angeſtrengte Conrad ſchlafen konnte. Da gewann ſie auch die Mutter lieb. Mußte ſie denn nicht? War ja doch das liebliche Mädchen wie eine gute Tochter um die kranke Mutter bemüht und beſorgt! Und wie gut war das! Konnte auch Conrad aus ſeiner Schiffsjungenzeit kochen wie ein Mädchen und ſäubern und fegen, ſo vermochte er doch nicht für eine Kranke ſo zu ſorgen, wie dies ein weibliches Weſen kann. Sah er die Liebliche ſo ſchalten und walten in ſeinem Hauſe mit ſorglichem Fleiße, ſo konnte er kein Auge von ihr wenden. Wer wollte es ihm verargen, wenn der Gedanke ſeine Seele beſchlich, wie ſchön es wäre, wenn ſie als ſeine Gattin ſo wirkte und immer die Mutter pflegte? Das konnte er ihr um kein Gut der Erde ſagen. Seine Blicke aber redeten, wenn die Lippe ſchwieg.— Wie es kam— ich weiß es nicht!— aber einſt, als — 294— Mutter wieder geneſen war, fand ſich's, daß Marie an Conrad's und die Lippen ſich berührten im erſten, ſeligen Kuſſe einer lang genährten, tiefgewurzelten Liebe. Von da an war immer wonniger Frühling, ſelbſt im tiefen Winter; die Sterne leuchteten in Pracht, wenn auch der Himmel dicht umwölkt war— und Beiden war es klar geworden, daß ihr Leben auch noch einen beſondern Zweck habe, und zwar einen gemeinſamen. Keuſche Liebe iſt ſcheu. Sie flieht das Auge der Welt. Nie⸗ mand ahnete die Liebe der Beiden, als die Mutter, die Marie liebte wie ihren Conrad. Dennoch aber läßt ſich heimliches Glück nicht gut auf die Dauer verbergen. Es gab Augen, die ſchärfer ſahen, als die von Marien's Vater, der, weil er wußte, daß Conrad auch ein Schlummerer war, eine große Abneigung gegen ihn hegte, obwohl er ihm nie ein Leid zugefügt. Conrad hatte viele Neider, weil Marie viele Bewunderer hatte. So kam es denn, daß die böſen Zungen in den Wirthshäuſern meinten: der Conrad habe gut ſchlummern; der Bauer gehe ihm aus dem Wege, wenn er auf dem Poſten ſtehe. Es war wohl ein Unglück, daß der ſtrenge Mann einmal von einem dienſtfertigen Grünrockscollegen das hörte. Da brauſte ſein Zorn auf, wie ein verheerender Waldſtrom daherbrauſt, und ſeine Worte trafen Marien's ſanftes Herz mit zerſchmetternder Gewalt. Er drohte mit ſeinem Fluche, wenn ſie nicht das Band löſe, das ihm ein Greuel ſei, verbot allen Umgang und war von da an hart gegen ſie, die nie gewußt was väterliche Härte ſei. Das war die Schlange, die unter Blüthen gelauſcht auf ihr DOpfer. Armes Kind! Wer konnte die Thränen zählen, wer das Weh ermeſſen, das ihr Herz erfüllte, das ſich ſo glücklich gefühlt in ſeiner Liebe?— Und Conrad? er ahnte nichts— bis er ihre thränenmüden Augen ſah und küßte. Da traf auch ihn der Schlag;— aber wer kann dem Herzen, das liebt, gebieten, daß es haſſe? Lieber Gott! Bruſt lag, von ſeinen Armen umſchlungen, an ſein Herz gepreßt, er alternde Mann hatte vergeſſen, daß es im Mai ganz anders —— iſt, als im December; daß die Liebe nicht berechnet; daß ſie nicht zu löſchen iſt, wie ein Feuer auf dem Herde; ja daß die Wurzeln. des Baumes tiefer in der Erde Schvoß ſich ſenken, wenn der Sturm anhaltend und oft um den Gipfel tobt; daß verbotene Liebe nur heißer brennt und heimliches Koſen füßer iſt, als das geſtattete. Konnte er Marie hüten, wenn er auf dem Poſten ſtand? Er war Soldat geweſen und rechnete auf unbedingten Gehorſam; aber . er fand ihn nicht. Marie war überzeugt von der Reinheit ihrer Liebe und von Conrad's vollem Herzen. Da mußte des Vaters Härte ungerecht erſcheinen, wie ſie es denn auch war. Sie ſahen ſich noch, wie vor, nur heimlich und, da Jedermann wußte wie Bauer gegen das Verhältniß war, Niemand mehr Spuren eines Umgangs zwiſchen Beiden ſah, ſo ſchwieg auch die üble Nachrede. Eins nur bekümmerte Marien's Seele unausſprechlich— das, daß ihr Vater gedroht hatte, wenn ihm Conrad als Schmuggler in die Hände falle, er ihn niederſchießen würde, wie einen tollen Hund. Das hatte er im wilden Zorne geſagt.— Und er war ganz der Mann dazu, es auch zu halten; denn ſo gutmüthig er auch ſonſt „ war, ſo glich er, gereizt, einem wilden Löwen— und hier war ſeine Ehre angegriffen, ein Gut, das dem unbeſcholtenen Mann über Alles koſtbar war. O wie oft beſchwor Marie ihren Conrad, von dem unſeligen Gewerbe zu laſſen! 1„Ach,“ ſagte er dann,„womit ſoll ich die Mutter ernähren Ich habe ein Kartoffelfeld und einen Weinberg— das iſt Al und— es iſt ſo wenig, daß wir davon nicht leben könne . ein Handwerk hab' ich nicht gelernt. Die Schiffahrt aber . darnieder!“ Dann weinte Marie heiße Thränen und betete zu Gott, daß er in ſeiner Gnade doch ein Unglück verhüten wolle! Sie hielt es von nun an für keine Sünde, ihrem Geliebten jedesmal den Ort ß anzuzeigen, wo ihr Vater die Wache habe, und er mied ihn ſorglich. Marie hatte gehofft, die Zeit würde des Vaters Zorn mildern; allein es ſchien, als habe hier die Alles mildernde Macht der Zeit — 296— „ allen Einfluß verloren; denn in Bauer's Seele wuchs der Haß gegen Conrad mit jedem Tage. Selbſt gegen ſie gewann er nicht mehr die frühere väterliche Freundlichkeit. In ſeinem Dienſte wurde er ſehr ſtrenge, ja ſchonungslos, ſelbſt das Kleinſte ließ er nicht mehr durch, ſondern nahm es mit unerbittlicher Strenge weg. Marien's Liebe war zu einer Quelle des Jammers geworden. Und hätte das Leben nicht noch einzelne verſtohlene Sonnenblicke gehabt, die für viele düſtre Tage entſchädigten, ſie hätte ſich mögen ein Plätzchen da wünſchen, wo die müden Wanderer ausruhten im kühlen Bettlein der Erde von ihrem dornenvollen Lebensgange. Es war leicht wahrnehmbar, wie der Kummer an ihrem Herzen nagte; denn ihre Wangen erblichen, das Auge ſchwamm häufig in Thränen und jenes bezaubernde, ſeelenvolle Lächeln ſchwebte nicht mehr auf der friſchen Lippe. Auch von Conrad war der friſche, heitere Jugendmuth gewichen. Er war ernſt und düſter und ſein Blick ſtierte oft ziellos ins Blaue oder in die grünliche Fluth des Rheins. In ſolchen Minuten dachte er der Zukunft ſeiner Liebe, und der tiefe Seufzer, der ſich aus der Bruſt losrang, legte Zeug⸗ niß ab, wie düſter die Ausſichten waren, die ſich ihm darboten. Nach jenem Abende bei Bräunchen, wo Stoffel den Funken in des Schwarzen Seele geworfen, konnte dieſer kaum raſten, bis er zu ſeiner Schwägerin, Conrad's Mutter, kam, um die er ſich en wenig kümmerte. „Was muß ich hören,“ ſagte er, als er ſich am andern Mor⸗ gen zu der Wittwe niedergeſetzt,„der Conrad ſoll ja ein Gehänge mit dem hübſchen Douanenmädchen haben?“ Er hat ſie lieb,“ ſagte die Frau—„und ſie verdient es.“ „Wie?“ rief der Schwarze,„Ihr redet ihm gar das Wort, daß er unſrer Familie dieſe Schande machen will?“— „Schwager,“ ſagte die Wittwe, als ich hart auf dem Siech⸗ bette lag, und von meinen Verwandten Niemahd nach mir ſah, 3 . —— da kam das fremde Mädchen wie ein helfender Engel zu mir und pflegte mein.“— Der Schwarze fühlte den Stich.„Ei,“ lachte er,„die warf eine Bratwurſt nach einem Speckſtück!“ „Das iſt nicht wahr,“ ſagte die Wittwe;„denn was ſie an mir that, das hat ſie auch an andern Kranken der Nachbarſchaft gethan.“ „Aber ein Douanenmädchen!“ hob der Schwarze wieder an, der einige Beſchämung verdecken wollte.— „Hat nicht Chriſtus auch die Zöllner an ſich gezogen, und die Juden ſagten: ſie ſeien alle Sünder? Ja, er hat ſogar einem der⸗ ſelben den Vorzug vor einem hochmüthigen Phariſäer gegeben. Seit wann ſeit Ihr denn ſo ſtolz, Schwager?“ „Unſre Familie hat keinen Makel!“ ſagte er etwas verwirrt. „Ich weiß nicht, wie weit das wahr iſt,“ erwiederte die Wittwe,„aber ich glaube, es war Euer Großvater, der am Galgen drüben im Niederthale ſtarb!— Hieltet Ihr es wirklich für einen Makel, wenn dies vortreffliche Mädchen einſt meines Sohnes Frau würde? Ich nicht! Vielmehr würde ich die Stunde ſegnen, in der ſie es würde.“ „Aber Ihr wißt doch, daß der alte Bauer ſo ſehr dagegen iſt;“ ſagte der Schwarze, dem alle Waffen genommen waren. „Das iſt ein Andres und ſehr zu beklagen. Es kommt leider von dem fluchwürdigen Schlummern, in das Ihr meinen Sohn verſtrickt habt, Schwager.“ Der Schwarze war froh, daß es eine Pforte gab, durch er der alten Frau entſchlüpfen konnte. „Was ſoll man denn machen?“ fragte er.„Wo etwas ver⸗ dienen, daß man leben könne? Der verdammte Franzoſe hat allen Handel getödtet. Hungern, Schwägerin, iſt ein übles Geſchäft. Hat man's darin der Meiſterſchaft nahe gebracht, ſo kommt der Hungertod, und der ſoll herber ſein, als jeder andre⸗ Ihr wißt recht gut, wie es um uns ſteht, wenn das Schlummern nur irgend flan geht. Moegen iſt etwas zu verdienen. Mehr wie ſonſt it ſechsmal. Wo iſt der Conrad?“ —— „Ich weiß es nicht,“ ſagte die Wittwe ſeufzend und der . Schwarze machte ſich eilend aus dem Staube; aber die fromme Frau faltete ihre Hände zum leiſen Gebet und flehte, daß doch Gott der Herr in ſeiner reichen Gnade ihrem Conrad einen andern Lebensweg eröffne; daß er ihn doch auch Morgen gnädiglich ſchützen wolle!* Der Schwarze ſuchte unterdeß den Conrad, und fand ihn bei einem ſeiner Jugendgenoſſen, gerade dem, der auserſehen war, den Schlummergang mitzumachen. Er theilte den Beiden den Plan mit, und Beide eilten, die nöthigen weißen Kleidungsſtücke zu bereiten. Nie hatte die Mutter mit größerer Angſt einem ſolchen Gang entgegen geſehen, als gerade heute. Sie wußte keinen Grund dafür anzugeben; aber es laſtete ihr wie ein Zentner auf der Seele. Conrad war gutes Muthes. Er hoffte von Marie Näheres über ihres Vaters Wache zu hören. War er heute auf dem Poſten, ſo blieb er gewiß morgen zu Hauſe. Am Abend ſah er ſie ein Stündchen. O des Glückes! Seit drei Tagen ſah er ſie nur von ferne, wenn ſie dahin ſchwebte über die Straße in ihrem züchtigen Anzuge, der die Liebliche bis zum Kinn einhüllte. Jetzt ſah er wieder in das ſchöne Auge; jetzt durfte er ſeinen Arm ſanft um ſie legen, und ihr Kopf ruhte an ſeiner Schulter. Sie hatten ſich ſo viel zu ſagen. Nachdem ſie lange gekoſt, fragte ſie, wann wieder geſchlum⸗ mert wurde? Er hatte vor Marie kein Geheimniß. Er erzählte ihr ſeinen Eisgang mit Bräunchen. Sie zitterte ob der Kühnheit des Unter⸗ nehmens und doch— das iſt eines jener ſeltſamen Räthſel des Menſchenherzens— hörte ſie mit einem gewiſſen Stolze, wie der männliche Muth des Geliebten die Gefahren überwand; wie er mit eben ſo großer Kühnheit, als Liſt, ſelbſt ihren Vater getäuſcht. Sie dankte Gott, daß es ſo gut abgegangen, und faßte Muth, daß es auch nun glücken werde, zumal ihr Vater morgen frei hatte und gewiß den ganzen Tag am Stuhle ſtand und das künſtliche Gebilde wob. — 299— Er mußte ihr Alles erzählen, auch den Weg beſchreiben, den ſie gingen. Sie war im Herbſte mehrmals zum Einkauf ihrer Wintervorräthe in Henſchhauſen geweſen und kannte genau jenen Schieferbruch, an deſſen Wand der Pfad vorüberführte, den ſie zu gehen hatten. Sie beſchwor ihn, doch ja vorſichtig zu ſein, weil eben der Pfad am Schieferbruche vorüber zu jeder Zeit, beſonders aber bei Nacht, und jetzt, wo der Schnee blende, ſehr gefährlich ſei. Lächelnd verſprachs der Jüngling, küßte noch einmal den lieb⸗ lichen Mund und ſchlüpfte zur Mauerthüre hinaus. Still und ruhig floß der letzte Tag des Jahres hin. Bauer ſaß am Webſtuhle und folgte mit kunſtgeübter Hand der Vorſchrift des ſchönen Muſters. Er war heute wieder einmal freundlicher mit ſeiner Marie umgegangen, und dieſer milde Strahl väterlichen Wohlwollens erwärmte das Herz der Jungfrau wieder, das ſo ſchmerzlich dies Gut vermißt, deſſen ſie ſich ſonſt unge⸗ ſchmälert erfreut. Der alte Mann freute ſich der Ruhe, der wohlthuenden Wärme, und ſehnte ſich recht ſehr, einmal eine Nacht im Bette zu ſchlafen. Freundlich plaudernd ſaßen Beide ſchon um ſieben Uhr bei ihrem einfachen Abendbrod, als es an der Thüre leiſe klopfte, und nun der Douanen⸗Lieutenant von Sanct Goar in Civilkleidung geheim⸗ nißvoll hereintrat. Bauer nichts Andres als einen Fang ahnend, ſprang auf, ſeinen Vorgeſetzten zu begrüßen, der, zu ihm tretend, leiſe bat, Marie zu entfernen. Ein Wink des Vaters reichte hin, die Bebende hinauszuweiſen, die nichts Gutes ahnete. Ihr Erſchrecken war groß. Dies Kommen, zu dieſer Stunde, dieſe Kleidung— ſagten ihr mehr, als das Hinausweiſen, daß ein Geheimniß obwalte. Sollten die Schlummerer verrathen ſein? Sollte der Lieutenant irgendwie erfahren haben, daß etwas im Werke ſei?— Wer gab ihr Gewißheit?— Lauern— 2— dem widerſtrebte ihr beſſeres Gefühl. Eine Angſt, eine Unruhe ergriff —— ſie, die ſie durchaus nicht bewältigen konnte. Sie irrte umher gefoltert in ihrem Herzen— das zu zerſpringen drohte, ohne Ziel, ohne Zweck, aus einer Ecke in die andre. Die Beſprechung der beiden Männer währte lange. Endlich ſchied der Lieutenant und Bauer rief ſeiner Tochter. 1 Ueber das Geſicht des Vaters war eine Freude ausgegoſſen, der ein reiches Maß von Grimm beigemiſcht war. „Heute, denke ich,“ ſagte er, indem er ſein Gewehr lud, und zwei Kugeln aufſetzte,„heute, denke ich, ſollen wir auf lange Zeit dem Spitzbubentreiben der Schlummerer ein Ende machen. Hol' ſie dieſer und der! Ich dachte einmal wie ein anderer Chriſten⸗ menſch, der Ruhe nach den vielen Strapatzen zu pflegen, aber, Proſt die Mahlzeit! Hat ſie der Teufel geritten, daß ſie einen Hauptpaſch werfen wollen. Hol' mir die Fuchsmütze und den warmen Mantel, Marie.“ „Was iſt denn, Vater?“ fragte mit anſcheinender Ruhe, aber innerer heftiger Erregung das Mädchen.. „Was es iſt, einfältiges Ding, das kannſt du dir denken. In Caub liegen reiche Vorräthe engliſcher Waaren, das iſt uns ver⸗ rathen. Heute ſind die hieſigen Schlummerer hinüber, um ſie zu holen. Sie haben Alle weiße Kleider mitgenommen, um ſich bei dem Schnee unſichtbar zu machen; aber wir wollen ſie ſchon kriegen. Am Rheinufer ſteht kein einziger Poſten. Das macht ſie ſicher; aber acht Mann liegen in der Hütte am Cauber Fahr im Ver⸗ borgenen und Dunkeln, die haben genau Acht und nehmen ſie in den Rücken. Wir und die ſchwarze Brigade, die hier herum liegt, bilden eine enge Kette unweit des Dorfes Henſchhauſen. So kom⸗ men ſie zwiſchen zwei Feuer, und— entrinnt Einer, ſo iſt's ein Wunder, und deren geſchehen heuer keine mehr!“ Es war ein Glück für das arme Mädchen, daß der Alte ſich raſch fertig machen mußte, um mit den Genoſſen und dem Liute⸗ nant aufzubrechen; denn ſie wankte der Thüre zu, einer Leiche Der Vater nahm ſein Schnappsfläſchchen, hing den Mantel um, 1 — ———— .— 301— ſetzte die Fuchsmütze mit dem lang herabhängenden Schweife auf, und eilte mit einem haſtigen:„Gute Nacht!“ hinweg. Als er zur Hausthüre hinaus war, ſank das Mädchen auf einen Stuhl nieder, und das zum Platzen volle Herz mußte ſich in einem lauten Schrei der Verzweiflung Luft machen.— Alles ging wirre in ihrem Kopfe durcheinander. Er war verloren, das ſah ſie klar ein; denn ungewarnt ging er dem Tode oder dem Verderben entgegen. Die Ketten der Galeeren von Vließingen waren ſein ſicheres Loos, wenn ihn keine Kugel traf, und er in Gefangenſchaft gerieth. Und wie ſollten ſie dem Hinterhalte, wie dem Empfang auf dem Berge entgehen? Das Mädchen rang die Hände in einer Seelenangſt, die ihr den kalten Todesſchweiß auf die Stirne trieb. Sie betete laut um Licht und Rath, um Hülfe. Plötzlich tagte es in ihrem Kopfe. Auf! rief ſie, ich muß ihn retten, ich muß; mag kommen, was da wolle! Ich kenne ihren Weg, ich weiß die Stunde ihres Kommens. Gott ſchütze mich! Ihr Auge ſtrahlte in einer heiligen Begeiſterung. 3 Sie legte warme Kleider an, nahm ihres Vaters Stock und, ſich entſinnend der Liſt der Schmuggler, nahm ſie ein ſchneeweißes Bettuch, um ſich darein zu hüllen, wenn ſie der Douanen⸗Hütte etwa nahe kommen ſollte.* Seit dieſer Entſchluß in ihrer Seele gereift war, wich alle Angſt. Sie konnte ja, wenn ſie an dem Schieferbruche war, ſie auf einem andern Wege in der Mitte des Berges retten. Gingen auch alle Waaren verloren, was that's? Wurde ſo doch das Leben und die Freiheit von ſechs Menſchen und— Conrad's gertttet, ihres Conrad's, der ihrer Seele Leben war. Ohne Weiteres brach ſie auf. Unbemerkt oder doch unerkannt kam ſie aus der Stadt in das Freie. Raſch wie das geſcheuchte Reh flog das Mädchen die Heerſtraße hin. Der Schnee leuchtete ihr, ſo dunkel es auch war. Als ſie die Gegend erreichte, welche der„Hahn“ genannt wird, und Caub nun gegen ihr über lag, ſtand ſie ſtille, ſich zurecht — 302— zu finden. Ihrem ſcharfen Auge entging die dunkle Stelle nicht, wo der Schieferbruch ſich befand. Die Kälte war ſchneidend. Der Wind pfiff aus Norden mit einer Heftigkeit, welcher ſelbſt ihre warme Kleidung keinen Wider⸗ ſtand leiſten konnte. Aber ein großer Gedanke belebte ſie, die Rettung des Geliebten. Wie konnte ſie an ſich denken? Wie ſollte ſie über Kälte klagen bei der Gefahr, die ihn zu verderben drohte? Bis jetzt war ihr Weg ſehr gut geweſen; aber nun erſt begannen die Schwierigkeiten. Das Ufer der Heerſtraße zwiſchen Caub und Bacharach beſteht theils aus ſchroff abgemeiſelten Felswänden, die oft an dreißig bis vierzig Schuhe Höhe haben, theils aus abſchüſſig gehaltenem Erd⸗ reich, das hart gefroren und mit Schnee bedeckt war. Nur hin und wieder bot eine Haſelnußhecke oder ein Dornſtrauch eine Hand⸗ habe für den, der die unſägliche Anſtrengung wagen wollte, ſich da hinauf zu arbeiten, wo nirgends der Fuß einen ſichern Stand hatte. Weiter oben mehrten ſich die Geſträuche und das Fort⸗ kommen war leichter; allein nun erreichte man die breite Halde, wo einſt vor vielen, vielen Jahren der blaue Schiefer zerſpaltet worden zum Gebrauche beim Dachdecken. * Der Halde und der Felswand nach zu urtheilen, mußte das Werk geraume Zeit, gewiß mehr denn ein halbes Jahrhundert mit Aufwand reicher Mittel betrieben worden ſein, aber nur am Tage, nie in der Tiefe Die Felswand, welche ganz gerade abfällt, iſt ſiebzig bis achtzig Fuß hoch und wenigſtens ebenſo breit. Ein Fußpfad führt an dieſer höchſt gefährlichen Stelle, die gerade in der Mitte des Berges liegt, vorüber, und der Wanderer hat an dem Abſturz nur einige Schlehen⸗Sträucher, und die nicht überall, zum Schutze. Der Bewohner der Ebene würde zittern, hier vor⸗ über zu gehen und vor Schwindel es keiner über ſich gewinnen können. Der Sohn der Berge, vertraut mit ſolchen Gefahren, läßt ſie als folche gar nicht gelten und ſchreitet, ſein Liedlein fröhlich ſingend, ſo gleichgültig vorüber, als ginge er auf breiter, ſicherer 6 — — 303— Straße ſeinem Ziele zu. Dies war der Weg der Schlummerer in dieſer Nacht, dies der Weg, den das vom Froſte durchſchauerte Mädchen jetzt wählen mußte. Sie, die nie die Künſte erlernt, 1 leichten Schrittes die Höhe zu erklimmen, deren zartes Weſen über⸗ haupt nicht an die Schwierigkeiten und Hinderniſſe einer Wanderung, wie dieſe, gewöhnt war, ſollte nun die abſchüſſige Erdwand hinauf⸗ klimmen und über den krachenden Schnee. Jede Andere wäre bebend zurückgeſchaudert, nur Marie nicht mit ihrem ſtarken, liebevollen 1 Herzen Sie hatte jetzt eine Stelle erreicht, wo eine Haſelhecke ihr die Zweige, wie helfende Arme, entgegen reckte. Ohne Zaudern faßte ſie dieſe und ſchwang ſich empor— aber ſie brachen— und Marie glitt wieder die Wand herab. Sie verſuchte zum zweiten Mal hinauf zu ſteigen, und dieſes Mal war ſie glücklicher. Sie erreichte 8 die Höhe der Böſchung der Straße; aber ſie mußte ausruhen von . der Anſtrengung, die es ihr gekoſtet. Es ſchlug eben auf dem Thurme von Caub drei Viertel. Das konnte vor zehn ſein, und um zehn Uhr brachen ſie auf. Der Gedanke ließ Marie die Ermü⸗ dung, die blutig geſchundene Hand— Alles vergeſſen. Ohne Auf⸗ 8 ſchub ſtieg ſie mit Hülfe des Stocks und der Zweige höher hinauf. Nach unſäglichen Mühen und zum Tode erſchöpft erreichte ſie dies Halde. Ein kelter Schader überliff ſic, als ſi die jühe, heh⸗ Felswand ſah, an deren oberem Rande bloß hin und wieder eine Schlehenhecke ſtand. Erwärmend aber durchdrang ſie wieder das Bewußtſein, daß ſie ſich nicht irre gegangen⸗ daß ſie bei der rechten Stelle angelangt ſei, wo ſie nun ſicher rechnen durfte, ihren Zweck zu erreichen. In Caub ſchlug es eben zehn Uhr. Als ſie die Klänge hörte, raffte ſie ſich empor. Jetzt galt es; die Stunde nahte. Aber wie ſollte ſie die Höhe erklimmen? Sie ſah ſich rings um mit ſpähen⸗ dem Auge; aber nur auf einem weiten Umwege konnte ſie die 1 Erreichung ihres Zieles hoffen. 3 Alle Kräfte waren erſchöpft.„Conrad iſt in Gefahr!“ ſagte ſie laut; gerade als ob ſie durch dies magiſche Wort den erſchöpften —— — — 304— äußern Menſchen habe aufrichten wollen. Und er hob ſich noch einmal kräftig empor.— Sie richtete ihre wankenden Schritte zur linken Seite, wo mehr Sträucher ſtanden, als auf der andern, und hier zog ſie ſich mehr und mehr der Höhe zu. Aus vielen leichten Wunden rann das rothe Blut auf die weiße Decke des Schnee's, denn nicht ſelten griff die Arme in die ſpitzigen Dornen eines wilden Roſenſtockes. Dennoch zauderte ſie nicht, und endlich ſtand ſie oben, wo der Pfad vorüber führte; aber hier pfiff mit fürchter⸗ licher Gewalt und Schärfe der Wind. Sie war erhitzt in hohem Grade. Hier konnte ſie nicht bleiben. Etwas weiter zurück bot eine Eichenhecke, noch bedeckt mit ihrem dürren Laub, einigen Schutz. 3 Dorthin wandte ſie ſich und ſetzte ſich nieder, weil ihre Beine ſie nicht mehr trugen— aber zu heißem Gebete ſchlangen ſich die blutenden Hände ineinander und das Auge ſuchte in der dichten Nebelhülle des Himmels einen Haltpunkt an einem flimmernden Sterne— doch kein Stern ſchien herab zur Erde.— Auf verſchiedenen Wegen und zu verſchiedenen Tagesſtunden waren Conrad und ſeine Genoſſen unbemerkt von den lauernden Douanen nach Caub gekommen. Der Schwarze war der erſte. Die Zeit fiel ihm diesmal wie eine rechte Laſt auf das Herz. Wie er ſie kürze und ſich leicht mache, war bald gefunden. Er trat in ein Wirthshaus und ſog ein Schöpplein des ſüßen, duftigen Cauber's nach dem andern. Viele Gäſte kamen, tranken und ſchieden wieder. Nur Einer 1 hielt bei ihm aus, ein Schiffer, den Liederlichkeit und Trunkſucht vom Beſitzer eines ſegelreichen Rheinſchiffes zum Tagelöhner herab⸗ ₰ gebracht. Dieſer Menſch ahnete, daß der Schwarze nicht zwecklos ſich ſo lange in Caub halte. Er kannte die Schwäche deſſelben, ſeine Ruhmredigkeit und Plauderſucht. Darauf bauend, nahm er ſich vor, ihm ſeinen Zweck abzulauſchen und irgend einen Vortheil daraus zu ziehen— n pflegen zu ſagen: Geſchwindigkeit iſt keine Hexerei. Liſt und etwas verdienen?“ — 305— Er ſtieß mit ihm an und ſagte:„Der alte Schlummerer ſoll leben, der allzeit die Grünrücke geprellt!“ Der Schwarze lächelte ſelbſtgefällig und erwiederte:„Sie müßten früher aufſtehen, wollten ſie mich fangen. Ich habe das eilfte Gebot gut gelernt.“ „Man ſollte wahrhaftig meinen, du könnteſt blaupfeifen, Alter! Nun treibſt du's doch ſchon manches Jahr, und nie wurdeſt du erwiſcht.“ „Narr,“ ſprach lächelnd der Schwarze,„die Kunſtſtückmacher Schlauheit iſt auch keine.“ „Das mag wahr ſein,“ erwiederte der Andere;„aber nicht Zeder hat ſie in ſo reichem Maße wie du. Könnt Ihr heute nicht noch Einen brauchen? Ich möchte etwas verdienen“ „Heute nicht;“ ſagte der Schwarze;„wir ſind ſchon unſerer ſechs; aber das nächſte Mal will ich deiner gedenken.“ „Gings den andern neulich gut?“ fragte der Cauber weiter. „Prächtig!“ rief der Schwarze aus.„Die haben eine neue Liſt probirt, die ich erſann.“ „Du biſt ein verſchlagener Schelm! Worin beſtand ſie denn?“ „Ei, ſie legten ſchneeweiße Kleider an, da ſahen die Grünröcke ſie nicht.“ „Vortrefflich! Alle Henker, das iſt gut, beſonders jetzt, wo der Schnee Alles deckt und gleichförmig färbt. Ihr werdet es heute Nacht wieder ſo machen?“ „Verſteht ſich! Was einmal als bewährt angeſehen werden kann, läßt man nicht unbenutzt. Um Johanni gibt's keinen Schnee mehr.“ „Das iſt wahr; Ihr müßt aber doch theure Waare heute haben, da Ihr nur zu Sechſen geht?“ „Lauter Seide und Spitzen, die vielleicht die Kaiſerin ſelber tragen wird!“ „So' geht's! Unſereins plagt ſich, trägt ſeine Haut zu Markte, und die Großen haben den Vortheil davon. Item, da mögt Ihi — 306— „Das glaub' ich;“ bramarbaſirte der Schwarze.„Es trägt Einer vielleicht für zehntauſend Franken Werth!“ „Wie dem ſei, es iſt doch ein ſaures Stück Brod! Welche Gefahren! Wie leicht bricht Einer ein Glied den Bach hinauf nach Langſcheid zu.“ „Den Weg nehmen wir heute nicht!“ 8 „Welchen denn? Er iſt doch der nächſte?“ „Richtig; aber der Kuckuck trau' den Grünröcken. Wir gehen im Hahn über, ſchlagen uns dann links hinauf über dem Schiefer⸗ bruche weg, und kommen leicht nach Henſchhauſen, wo wir beim alten Fenſterſeifer ablegen. Heute Nacht tollt Alles. Die Grün⸗ röcke werden auch das Ihrige thun. Da iſt's juſt, und man kann etwas wagen.“ „Aber wie kommt Ihr nur auf dem unbetretenen Pfade fort?“ „Dafür iſt geſorgt, Aherchen. Wir haben alle Eisſpornen an, und ſpitzbeſchlagene Eisſtöcke. Da kann man feſt auftreten und hat einen ſichern Gang.“ Das Geſpräch wurde hier durch neuankommende Gäſte unter⸗ brochen. Es nahm nun eine andere Richtung und nach einer halben Stunde hatte der Schwarze vergeſſen, daß er Alles ausgeplaudert, und es fiel ihm gar nicht auf, daß ſich der, der ihn ſo arglos aus⸗ geholt, unbemerkt entfernt hatte. Ihm kam in ſeinem weinſeligen Taumel gar nicht in den Sinn, daß dieſer verlorne Menſch einen Mißbrauch von ſeinen Mittheilungen machen könnte. Er fiel nach einiger Zeit in einen tiefen Schlaf und erwachte erſt, als ſich die Nacht ſchon mit ſchnellen Schritten näherte. Kaum hatte jener Menſch, welcher dem Schwarzen ſein Geheim⸗ niß abgefragt, ſich aus der Schenke entfernt, als er nach Hauſe eilte und ſich umkleidete. Ohne Säumen ſchlug er den Weg nach Oberweſel ein, wo er über die geſchlagene Bahn leicht hinüber⸗ gelangte. Mit der größten Haſt lief er nach Sanct Goar und trat in das Haus des Douanen⸗Kieutenants, der ihn wohl kannte, da er nicht das erſte Mal den Verräther machte. F „Was gibt's?“ fragte der Lieutenant. ———4 — 3— „Einen köſtlichen Fang, Herr,“ rief der Verräther.„Lauter Seide und Spitzen, die nach Paris beſtimmt ſind.“ Parbleu!“ rief der Lieutenant, der nur gebrochenes Deutſch ſprach.„Aſt du ſikere Nachrich?“ „Gewiß! die Bacharacher Hauptſchlummerer, ihrer ſechſe, tragen die Bündel. Ich kenne den Ort und die Stunde genau. Wieviel gebt Ihr— „Swanſik Franes!“ rief freudig der Lieutenant. „Ja, wenn's Kaffe und Zucker wäre, ließ ich mir das gefallen, aber bedenkt, Spitzen und Seidenſtoffe, vielleicht noch Koſtbareres!“ „Canaille!“ zürnte der Lientenant,„Sie ſoll vierſik Francs aben, aber nix mehr!“ „So iſt mir's ſchon recht,“ ſagte der Schiffer;„aber ich rede kein Wort, bis ich das Geld in der Taſche habe.“ Fluchend ſchritt der Franzoſe zum Schreibpulte und holte das Geld, und erſt als es der Verräther in der Hand hatte, theilte er ihm Alles mit, was er von dem ruhmredigen Schwätzer erfahren hatte. Es war noch Zeit genug für den Lieutenant, ſich in Civilklei⸗ dung auf den Weg zu machen, und die nöthigen Anordnungen zu treffen, dieſesmal die bis jetzt nie ergriffenen Schmuggler auf der That zu ertappen und eine glänzende Rache an ihnen zu nehmen; zugleich aber lächelte ihm das Priſengeld entgegen und vielleicht eine belohnende Rangerhöhung. Sein Eifer kannte daher keine Grenzen, und ſchon um neun Uhr lagen die Douanier's am Cauber Fahr in ihrer dunkeln und kalten Hütte, und unterhielten ſich flüſternd über den zu hoffenden Fang, während droben auf der Höhe über die ganze Kante des Gebirgs in Entfernungen von kaum dreißig Schritten eine Kette von Douanen ſtand, durch welche unbe⸗ merkt zu ſchlüpfen, kaum einer Maus gelungen wäre—; und dort unten ſaß ein weinendes, zitterndes Mädchen, durchſchauert vom Froſt und innerer Angſt und Furcht, und lauſchte jedem Laute, welchen der durch das Laub wehende Wind hervorbrachte oder ein — 308— hungerndes Wieſel, das ſchnell wie der Gedanke durch das dürre Laub raſchelte. Es war eben zehn Uhr vorüber, als der Schwarze in das Haus des Kaufmannes trat, wo die übrigen Theilnehmer des heu⸗ tigen Wagniſſes ſich bereits eingefunden und in ihre weiße Kleidung ſich gehüllt hatten. Mit Vorwürfen wegen ſeines Zaudern empfing ihn Bräunchen. So ungern er ſie ſonſt hinnahm, und ſo heftig er zu widerſprechen pflegte, diesmal ſchwieg er mäuschenſtille; denn das Gewiſſen ſchlug ihn. Ohne Säumen kleidete er ſich an. Die Eisſpornen wurden angeſchnallt, die Eisſtöcke ergriffen, die Bündel an den Tragriemen über die Schultern befeſtigt und mit den beſten Wünſchen des Kaufmannes ſchlichen ſie ſich in den Mannweg, erreichten in tiefer Stille den Rhein und betraten die Eisdecke, welche ſie heute an ungebahnter Stelle im Zickzack zu überſchreiten hatten. „Es iſt kein Licht droben in der Hütte,“ flüſterte Conrad dem Schwarzen zu, welcher vor ihm ging. „Sie werden auch mal Sylveſterabend halten,“ ſagte dieſer, „und gewiß beſſer wie wir, denn es iſt furchtbar kalt. Der Wind ſchneidet mir ſchier die rechte Backe weg. Wie herrlich ſäße ſich's jetzt am warmen Ofen bei einem Glaſe warmen Weines?“— Bräunchen, der vorne ging als der Erſte, warnte durch ein leiſes:„St!“ denn es war Regel, daß nie geſprochen werden durfte, wenn ſie ſchmuggelten. Jetzt erreichten ſie die Heerſtraße. Tief zur Erde gebückt, krochen ſie leiſe über ſie hin, ſo leiſe, daß ſelbſt die Späher in der Hütte am Fahr durchaus nichts von ihnen wahrnahmen, wie ange⸗ ſtrengt ſie auch auf jede Bewegung achteten. Mit einer Gewandtheit, welche nur eine lange Gewohnheit, und mit einer Sicherheit, wie ſie auch nur der Sohn der Berge — 309— in den Bergen hat, ſtiegen ſie den Abhang hinauf, wandten ſich dann links dem Schieferbruche zu. Lautlos und in ihrer Erſcheinung wahrhaft geſpenſtiſch, aber in voller Sicherheit und des Gelingens gewiß, ſtiegen ſie bergan. Der Weg war ungemein ſchwierig von dieſer Seite her; aber mit Hilfe der zweckmäßigen Eisſpornen und Eisſtäbe legten ſie dennoch eine anſehnliche Strecke zurück und erreichten nun die gefährlichſte Stelle, den ſchmalen Pfad, welcher über der jähabfallenden, ſenk⸗ rechten Felswand des verlaſſenen Schieferbruches vorüberführt. Einer mußte hinter dem Andern gehen, und jeder genau in die Fußtritte ſeines Vordermannes treten, welcher vorſichtig mit dem Stabe unterſuchte, ehe er ſeinen Fuß einſetzte. Lange, ach unendlich lange für ihr geängſtetes Herz, hatte nun ſchon Marie dageſeſſen. Mit jedem Augenblicke wurde ihr Herz ſchwerer; denn ſie blieben ja ſo lange aus. Sollten die in der Hütte verſteckten Douanen ſie gefangen genommen haben? Sie ſchrack zuſammen bei dieſem Gedanken. Allmählig aber empfand ſie die ſchneidende Kälte weniger; ihre Gedanken verwirrten ſich und eine unwiderſtehliche Neigung zum Schlafe bemächtigte ſich ihrer. Und doch traten noch Augenblicke eines klaren Bewußtſeins dazwiſchen. In einem ſolchen ſprang ſie auf. Sie erwachte dadurch gleichſam aus dieſem Halbſchlummer, und erinnerte ſich, gehört zu haben, daß dieſer Zuſtand dem Tode des Erfrierens vorhergehe. Sie raffte ſich gewaltſam empor; aber ihre Mattigkeit war unbe⸗ ſchreiblich groß. Sie mußte ſich wieder ſetzen. Jetzt vernahm ſie Tritte im krachenden Schnee und neues Leben durchzuckte ſie. Starr ſah ſie in der Richtung des Tones hin und— wirklich! da kamen die weißen Geſtalten. Sie warf das weiße Linnentuch, das ſie um ſich geſchlagen, um vom Berge her nicht beobachtet zu werden, ab, und trat den Kommenden entgegen. Bräunchen, als der Vorderſte des Zuges, der jeden Tritt unter⸗ ſuchen mußte, ſah ſtarr vor ſich zur Erde. Jetzt gewahrte er — 310— plötzlich einen dunkeln Gegenſtand vor ſich, blickte auf und— ſah mit Entſetzen eine menſchliche Geſtalt entgegentreten. „Verrath!“ ſchrie er plötzlich.„Verrath! Zurück, Brüder!“ Aber im Umdrehen und vom Schrecken überwältigt, ihren Stand⸗ punkt vergeſſend, ſtürzten alle die Felswand hinab.— Marie ſah das Entſetzliche und ſank leblos zur Erde. Noch ſo lebhaft wie heute entſinne ich mich des Morgens des Neuen⸗Jahrs⸗Tages 1810. Es war eine Unruhe in der Stadt, wie ich mich je beobachtet zu haben, nicht entſinnen kann. Ueberall ſtanden die Leute zuſammen und aus den Geſichtern ſprach ein düſtrer Ausdruck. Neben uns, im Hauſe Conrad's, und noch eins weiter, wo der Douane Bauer wohnte, hörte man laute, heftige Wehklage. Es mußte etwas Außerordentliches geſchehen ſein. Endlich kam ein Freund meines Vaters zu uns. Nach einem kurzen, herzlichen Glückwunſche, fragte er:„Haben Sie ſchon von dem entſetzlichen Unglücke gehört?“ Mein Vater verneinte, und Jener erzählte;„Heute Nacht gegen eilf Uhr kam Bräunchen an mehrere Häuſer, klopfte und bat um Gotteswillen um Beiſtand, es ſei ein entſetzliches Unglück geſchehen. „Die Leute merkten gleich, es handle ſich um einen Unfall beim Schmuggeln, und viele folgten ihm, der ſelbſt aus mehreren Geſichtswunden heftig blutete. „Er führte ſie an den alten Schieferbruch im Hahn— dort lagen fünf Perſonen, ſchrecklich verwundet, und Einer war todt. „So ſtille als möglich wurden die Verwundeten weggebracht, die Bündel kamen in Sicherheit, den Todten aber, deſſen Schädel zertrümmert war, ließ man liegen.“ „Wer iſt's denn?“ fragte mein Vater, heftig ergriffen. „Conrad, der brave Conrad, Ihr Nachbarsſohn!“ ſagte er mit einer Thräne im Ange. ½ Dieſe Nachricht erſchütterte uns heftig, und ich brach in ein lautes Weinen aus, das mehr und mehr alle zum Weinen hinriß. „Noch nicht genug;“ fuhr der Freund fort;„das Schlummern war verrathen, und die ſchöne Marie Bauer, die mit Conrad in treuer Liebe gegen den Willen ihres Vaters verbunden war, muß ſowohl um den Schmuggelgang als um Zeit und Stunde und Ort gewußt haben, denn ſie wollte ihren Conrad warnen, weil oben die Douanen lauerten. Leider erkannte ſie Bräunchen nicht, als ſie ihm entgegen trat, meinte ſie ſei ein Douane, wandte ſich um und ſtieß Conrad zuerſt hinab, ſtürzte ihm nach, indem er ihn noch erhaſchen wollte, und von einem unbeſchreiblichen Schrecken ergriffen, ſtürzen Alle hinab. Marie muß darauf vhnmächtig geworden ſein, und als die Douanen endlich von der Höhe herabſtiegen, fanden ſie ſie erſtarrt da liegen. Schnell wurde ſie von ihrem verzweifelnden Vater zur Stadt getragen. Als der Arzt kam, erklärte er ſie für todt. Sie ſei erfroren, ſagte er. Aus ihrer Ohnmacht ſcheint ſie nicht wieder erwacht zu ſein! Am folgenden Tage wurden zwei Särge auf den Friedhof vor die Stadt hinausgetragen. Hinter dem Einen wankte ein Mütter⸗ chen, aufgelöſt in Schmerz; hinter dem andern ein Douane, deſſen Geſicht Todesbläſſe deckke, deſſen Auge aber trocken war. Die ganze Stadt folgte und nie floſſen mehr Thränen, nie ſah man eine allgemeinere und tiefere Trauer. Die beiden Särge wurden, weil zwei Gräber zu machen bei dem Froſte zu ſchwierig war, in Ein Grab geſenkt. So einte der Tod, was das Leben feindlich geſchieden. Bauer verließ den Dienſt. Er war tiefſinnig geworden und kehrte in ſeine Heimat zurück. Conrad's Mutter folgte bald dem geliebten Sohne. 4 Die Schlummerer waren unſichtbar geworden. Erſt nach einem . ——— — — 312— Vierteljahre erſchien Einer nach dem Andern wieder; aber wie ſahen ſie aus! Narben bedeckten die Geſichter und andere Gebrechen blieben bis ans Grab. Der Schwarze lachte nie mehr. Er allein kannte den Zuſammenhang, der nach ſeinem Tode bekannt wurde. Auf dem Grabe der beiden Liebenden aber erblickte man im folgenden Frühlinge Roſen und andre Blumen gepflanzt, ohne daß man wußte, wer es gethan. Aus der Schmiede. Eine rheiniſche Dorfgeſchichte. — — 1 Jugenderinnerungen gleichen in ſpäteren Lebenstagen dem Abendroth, das noch langehin ſeinen verklärenden Schein auf die ruhende Landſchaft wirft, wenn die Sonne längſt hinabgeſunken iſt. Auch ich blicke oft ſehnfüchtig in dieſes Abendroth; auch ich fühle das Wohlthätige dieſes milden Scheines bei herannahender Dämmerung. Aus meinen Knabenjahren taucht mir bisweilen ein Bild auf, das ich hier feſthalten will.— Wo ſich die Höhen des Hunsrückens abdachen zum tiefen Rinnſal des Rheines, ziehen ſich gar liebliche, aber oft auch gar wilde Thäler und Schluchten hinab zu dem ſchönen Flußthale. Gießbäche durchrieſeln ſie. Die Sonnenſeite der Berge iſt vom Fuße bis zum abgeflachten Gipfel mit dem Grün der Rebe bedeckt, während die Abendſeite Pflanzfelder bietet, und ein Hain von Obſtbäumen in der Nähe der Dörfer zu ſchauen iſt, unter denen rieſige Wallnußbäume ihre Laubkronen emporrecken. Dieſe Dörfer, aus uralter Zeit herſtammend, ſind der Art in dieſe Schluchten hineingeklemmt, daß man oft aus dem Speicher dreiſtöckiger Häuſer in das Feld tritt. Nichts iſt köſllicher, als das Leben in dieſen Thälern, wenn der milde Hauch des Frühlings ſie durchweht. Schaaren von Singvögeln bewohnen die dichten Büſche, welche an Säume der Bäche wachſen oder droben auf den Felſen, die hin und wieder gruppenweiſe aus dem mit Sorgfalt gepflegten Pflanzland empor⸗ ſtarren. Die zahlreichen Obſtbäume der Abendſeite der Berge bieten ihnen herrliche Wohnſtätten. Das iſt ein Singen und Jubiliren überall, wie man's kaum ſonſtwo hören kann. Blühen dann die Obſtbäume und grünen die Felder; bekleidet ſich die Rebe mit ihrem ſammtenen Grün und trägt die Abendluft die Duft⸗ — 316— wellen ihrer Blüthen durchs Thal, und die Burſche und Mädchen gehen unten den Weg hin und ſingen harmoniſch ihre einfachen Volkslieder, dann wird das Herz ſo mannichfach ergriffen, ſo tief und innig, ſo harm- und ſchuldlos,— wie's nimmer in den Städten möglich iſt, auch im Kreiſe der geprieſenſten Kunſt.— In ſolch einem Thale habe ich meine Knabenjahre verlebt. Wer möchte mir's verargen, daß ich oft mit leiſem Seufzen und mit heißer Sehnſucht dorthin blicke? Es waren meine ſchönſten Tage, und manchen ſchönen, manchen prophetiſchen Traum habe ich dort geträumt. Wo das Dorf lag, war das Thal keſſelartig erweitert. Die nralte Kirche ſtand auf einem inmitten des Thals aufſteigenden Felſen, etwa achtzig Schuh über dem Dorfe, das ſich um den Kirchfels lagerte. Ungeheure Mauern, wie man heute keine mehr bauen kann, erhoben ſich rings um den Felſen ſenkrecht, und gaben nicht nur dem Baue der Kirche Sicherheit und Feſtigkeit, ſondern ließen auch oben um die Kirche herum eine Fläche gewinnen, wo die vom Leben müden Schläfer ruhen konnten. Wer die Kirche, oder vielmehr den noch ältern, viereckten Thurm mit ſeinen Schieß⸗ ſcharten für den Bogen⸗ und Pfeilſchuß anſah, mußte ſich zu der Ueberzeugung hingezogen fühlen, daß hier zuerſt eine Burg geſtanden. In ſpäteren(freilich wohl auch noch einer grauen Vorzeit angehörenden) Tagen war die Burg zerſtört, und dann an ihre Stelle eine Kirche gebaut worden. Der Thurm überdauerte den Sturm, welcher die Burg zertrümmerte, uich ſtatt des wilden Kriegsrufs hallten aus ſeinen Luken die Glocken ihre mächtigen Töne in das Thal hinaus. Der Raum um die Kirche wäre, außer durch das Thor, völlig unzugänglich geweſen, wenn nicht auf der Weſtſeite ein ungeheurer Schutthaufen einen freilich ſteilen, für Buben meiner Art aber leicht zugänglichen, Weg geboten hätte. Da bin ich denn gar oft hinaufgeſtiegen, wenn ich eine freie Stunde hatte; denn da hatte man eine weite Ausſicht durch das zum Rheine ſich fortſetzende Thal, und tief unten blickte der blaue Rhein in das Thal. Da habe ich denn viel hundertmal unter — dem ſchönen Hollunderbaume geſeſſen, der ſo herrlich duftete, und habe der Nachtigall gelauſcht, die in ſeiner Krone ſaß und ſchlug, und habe meine Grüße dem dort unten fließenden Rheine mitge⸗ geben; denn er küßte⸗ tiefer hinab, das grüne Ufer, wo das Vater⸗ haus ſtand, darinnen das liebe, ſanfte Mutterherz meiner ſegnend gedachte. Das war aber ein Hollunderbaum, wie ich meiner Lebtage keinen zweiten mehr geſehen. Sein Stamm hatte wenigſtens anderthalb Schuh Durchmeſſer und ſeine Krone reichte bis zum Rundbogen der Kirchenfenſter hinauf, und war kein dürres Aeſtchen än ihm Der Kirche gegenüber, aber tief unten, zur Seite des Dorfes, lag das Pfarrhaus. Darin wohnte mein Bruder, der junge, ledige Pfarrherr, und die lateiniſche Grammatik;— er, gut, freundlich, milde, mein Lehrer und Freund; ſie— ledern— regelreich— der Erbfeind meines Jugendglückes. Wie manchmal nahm ich ſie mit unter den blühenden Hollunderbaum, um eine Regel niet⸗ und nagelfeſt zu machen in meinem Gedächtniſſe; aber dann flogen die Augen hinaus in die Landſchaft, ruhten auf den Thürmen der alten Burg, die den Eingang des Thals am Rheine beherrſchte, oder auf dem blauen Streifen des Rheins, oder auf den herrlichen Bergen— und bald lag das Alles unbeachtet und die Bilder einer phantaſtiſchen Welt umſchwärmten meine Seele, und ich träumte mit wachendem Auge. Kam ich dann wieder zur Grammatik zurück, ſo wünſchte ich ſie hinab in die Fluthen des Rheins oder zu den Schläfern hinab in die Gräber, die mich umgaben. Ach, das Lernen der grammatiſchen Regeln und das friſche Bubenherz ſind zwei Dinge, die nicht Friede ſchließen werden, ſo lang es beide auf Erden gibt!— Außer dem Hollunderbaum, in dem die Goldkäfer und Bienen ſo träumeriſch ſummten und die Nachtigall ſchlug, hatte ich noch ein Lieblingsplätzchen, wohin ich allemal rannte, wenn Beſuch s kam und alſo freie Stunden eintraten. Adien Ich lief ſpornſtreichs in die— Dorfſchmiede. Sie — 318— lag dem Pfarrhauſe, das etwas zurück von der Straße des Dorfes ſtand, ſchief gegenüber und beſaß an und für ſich nichts Reizendes; denn ſie hatte vier Fachwände, eine gebrochene Thür(auf der es ſich übrigens vortrefflich reiten ließ), durch welche das nöthige Licht hereindrang, die Eſſe, den mächtigen Blaſebalg, die Kühltonne, den Ambos und eine Bank, die etwa vor vierzig Jahren mochte geeignet geweſen ſein, einem Manne zum Sitze zu dienen. Das Dach war einſeitig und lehnte ſich mit ſeinen Sparren zutraulich an das Nachbarhaus an. Innen war's ſchwarz und rußig. Was war's denn aber, was den Knaben ſo mächtig anzog in dieſem Raume, der keineswegs reizend mochte genannt werden? Ich antworte kurz: der Schuiled und ſein Geſelle. Das war ein Paar, wie es die Tauben nicht ſchöner hätten zuſammenleſen können, die doch die beſten Körner ſuchen. Der alte Gottfried war ein Mann von rieſiger Größe, ein Junggeſelle von ſiebzig Jahren. Wenn auch das Alter ſeinen Nacken gebeugt, ſein Haar zu Schnee gebleicht, ſeine Kraft hatte es nicht gebrochen; denn er führte den Hammer in ſeiner ſehnigen Fauſt noch mit aller Macht. Ein tiefer Ernſt lag auf ſeinen Zügen, ich möchte ſagen, ein wehmüthiger Ernſt. Ich habe ihn nie lachen ſehen; allein ſein weiches Gemüth ſtand im entſchiedenen Widerſpruche mit ſeinem Handwerk. Er mußte ein prächtiger 5 Burſche geweſen ſein; denn ſelbſt jetzt noch war er ein ſchöner Greis und der Kohlenſtaub, der ihn manchmal über Gebühr ſchwarz färbte, mochte ſein edles Geſicht nicht entſtellen. Nie iſt eine Roh⸗ heit, nie ein Zornwort, nie ein Fluch über ſeine Lippen gegangen; wohl aber manches Wort, das lang in meiner Seele nachhallte, und das mir allemal klang, wie der Ton der Gebetsglocke am Abend. Ich kann ihn mein Leben lang ſehen mit ſeiner Strumpf⸗ mütze, unter der das weiße Haar reich und lang hervorquoll; mit ſeinem langſchvoßigen Kamiſol von dunkelblauem Tuche; mit ſeinen einſt gelben, jetzt aber dunkelbraunen, hirſchledernen Kniehoſen, deren Schnallen am Knie aber niemals zugezüngelt waren, und den auf halber Wade hängenden Strümpfen. Ein altes Schurz⸗ — S— fell reichte von bis über die Kniee hinab, und war um die Hiüſfte mit einem meſſingnen Krappen geſchloſſen. hm gegenüber ſtand Jörg, der Geſelle, ſeiner Schweſter Kind und ſein Pathe, eine ebenſo hohe Geſtalt, wie Gottfried, aber etwa zwanzig Jahre alt. Er ſah bleich, obwohl er ſehr ſtark war. Er war eine ſtille, leidende, ſchweigſame Natur, und es ſchien, als habe der Umgang mit ſeinem Oheim und Pathen deſſen eigenthümliches Weſen ganz auf ihn übergetragen. Während das Eiſen glühte, ſprachen ſie zutraulich mit einan⸗ der, wie zwei Brüder, immer aber ernſt. Gottfried erzählte von ſeiner Wanderſchaft gar mancherlei intereſſante Dinge, und wenn er ſie auch bisweilen wisderholte, ſo gab er ſie jedesmal mit vem ſelben Worten, und dieſer Stempel der Wahrheit, und die gemüth⸗ liche Weiſe der Erzählung bewirkten es, daß man nicht müde wurde, ihm zuzuhören. Ueberdieß wußte er viele Mährlein und Geſchich⸗ ten, die er eben auch vortrefflich vortrug, und davon war ich ein Extrafreund.——— Da lag der Zauber, der mich in die dunkle Schmiede bannte, und wenn auch unter den Hammerſchlägen der beiden Enacksföhne die Funken ſprühten. Viel hundertmal ſaß ich auf der mürbe gewordenen Bank, ſtille und aufmerkſam, und horchte auf Gottfried's Worte. Beide hatten mich lieb. Der gute Jörg machte mir in den Feierſtunden Schlüpfe aus Pferdehaaren, und Meiſenkarren im Herbſte, um die Vögel zu fangen, die ich ſo liebte und deren Lock⸗ ſchlag ich täuſchend nachzuahmen verſtand. Auch ein Gewinn von Jörg's Unterricht.— Noch ein Umſtand machte mir den alten Gottfried Auch er ſaß oft an Sonntagnachmittagen ſtundenlang unter dem Hollunderbaume an der Kirche. Anfänglich fiel mir das nicht auf; denn ich dachte, er liebe das ſchöne Plätzchen, wie ich es liebte; aber einmal kam ich da mit ihm zuſammen, und dieſes Zuſammen⸗ treffen ließ mich andre Beziehungen ahnen. Als ich ihn aus dem Pfarrgarten oben ſitzen ſah, ſchlich ich. leiſe an dem Schutthaufen hinauf, wand mich durch die Brom⸗ geſenkt, die Hände gefaltet und— aus den Augen des Greiſes rieſelten Thränen, wie Perlen, herab auf die tief gefurchte Wange.— Auf mich haben Thränen immer einen tiefen Eindruck gemacht; vergoß ſie aber das Auge eines alten Mannes, ſo haben ſie mich im innerſten Grunde der Seele erſchüttert; denn wenn nach all' den ſtählenden Lebenserfahrungen und Prüfungen ein Greiſenauge weinet, ſo muß es ein tiefliegender, die Seele durchzuckender Schmerz ſein, 6 ſie auspreßt.— Stören konnte ich ihn jetzt nicht. Ich zog mich leiſe zurück und ging den Weg hinan, der zum Gipfel des Berges — führte. Dort begegnete mir der Küſter meines Bruders, der zugleich Klingelbeutelträger in der Kirche, Glöckner und Todten⸗ gräber war. Was ich eben geſehen, beſchäftigte mich lebhaft.„Caspar,“ ſagte ich,„ihr habt ja das Kirchhofthor offen gelaſſen!“— „Weiß wohl, Musje Wilhelm,“ ſagte er.„Der Schmied iſt noch drauf.“ „Was macht denn der da?“ „Ei, weiß er denn nicht,“ ſagte Caspar,„daß der Gottfried den Hollunderbaum groß zog und das ſchöne eiſerne Kreuz ſchmie⸗ dete, das darneben ſteht?“„ ch hatte das Kreuz nie beachtet;entſann mich aber wohl, es geſehen zu haben. 1„Liegt vielleicht ſeine Mutter da begraben?“ fragte ich. „Nein,“ ſagte Caspar,„es iſt das Grab ſeines Schatzes.“ Ein Bauer, welcher des Weges kam, unterbrach die Unter⸗ redung, die ſonſt durch die ſich in meine Seele drängenden Fragen noch langehin reichliche Nahrung würde gehabt haben. Die Männer gingen miteinander dem Orte zu und ich folgte in einiger Ferne, ſtieg wieder den Schutthaufen hinan und ſtand beerranken und wollte meinen alten Freund überraſchen. Als ich* aber näher kam, entfiel mir der Gedanke ſchnell. Gottfried ſaß. am Stamme des Hollunderbaumes, das Haupt auf die Bruſt 16 — 321— pald unter meinem lieben Hollunderbaume, den Gottfried ſchon vevlaſſen hatte. Das Kreuz feſſelte jetzt meine Aufmerkſamkeit. Es war aus Schmiedeiſen gefertigt, ſo zierlich, geſchmackvoll und ſchön, daß ich gar nicht begriff, wie ich es hatte überſehen können. Abgeſehen von der beſonderen Beziehung, verdiente es die vollſte Aufmerkſam⸗ 1 keit. Man konnte nichts daran finden, das auf einen Namen gedeutet hätte. Es ſtand faſt wider der Mauer, war aber los gewackelt. Ich dachte mir, vielleicht ſteht etwas auf der Rückſeite, und zog es zu mir. Da ſtand mit lateiniſcher Schrift eingemeißelt: „Ade mein Lieb!“ Es iſt doch gut, ſagte ich zu mir ſelbſt, daß es eine lateiniſche Grammatik gibt, denn ohne ſie würde ich ja das nicht haben leſen können; aber dieſer altkluge Gedanke war ſchnell verraucht und das, was hier vor mir ſtand, gab der Seele des Knaben eine andre Richtung. Ich beſteſtigte das Kreuz wieder und ſetzte mich unter den Hollunderbaum. Viele Fragen drängten ſich mir jetzt auf; aber um kein Gut der Erde hätte ich ſie Gottfried vorlegen können. Tag und Nacht beſchäftigte mich das Kreuz. Ich kam nun auf allerlei Zuſammen⸗ ſtellungen, und manche Aeußerung des Greiſes wurde mir verſtänd⸗ lich, die mir früher dunkel geblieben. 3 So hatte ich ihn einmal gefragt: Gottfried, warum ſeid Ihr doch allezeit ſo nachläſſig gekleidet? „Das bringt ſo das Handwerk mit ſich,“ ſagte er; darauf aber ſetzte er ſeufzend hinzu:„Für wen ſollte ich mich denn putzen?“— Ein andermal fragte ich ihn, als er allein in der Schmiede, und er ſo ſtill war? Habt ihr keine Kinder, Gottfried? „Ach, du närriſches Kind,“ ſagte er mit wehmüthigem Lächeln, „ich bin ja nie verheirathet geweſen.“ 8 Warum denn nicht? fragte ich wieder.. Er ſchwieg eine Weile und ſeufzte tief auf; dann ſagte er weich:„Es wird ſich ja doch Jemand finden, der dem alten 14** — 322— Gottfried einmal die Augen zudrückt, und wenn es Niemand will, thut es mein guter Jörg. Siehſt du, der iſt mein Kind.“ Ich habe ihn aber ſpäter nie mehr ſo albern gefragt; denn ich merkte, wie ihn das verſtimmte, und wie er nun den ganzen Tag traurig war und kein Wörtlein mehr ſprach. Das ſchien mir nun Alles mit dem Kreuz unter dem Hol⸗ lunder in enger Verbindung zu ſtehen. Ich mußte mich indeſſen gedulden. Eines Tages trat ich in die Schmiede und hatte meine Grammatik in der Hand, um mein Penſum zu lernen. Drüben im Pfarrhauſe war ein Univerſitätsfreund meines Bruders einge⸗ rückt, den ſeine Seele lieb hatte. Sie plauderten zuſammen und auf mich wurde nicht weiter geachtet. Es war ein drückend heißer Julitag. Im Dorfe war es ſo ſtille, wie in der Nacht; denn die Bauern waren in den Weinbergen und die Kinder ſpielten vor dem Ort auf dem freien Platze, wo ehemals ein Kloſter geſtanden haben ſollte. Ich ſetzte mich ſtille 5 die wurmſtichige Bant und las meine Regel durch, während die beiden Schmiede eine Stange Eiſen platt ſchlugen, um als Reif an ein Wagenrad zu dienen. Gottfried rauchte ſeine kleine Pfeife, die er„Naſenwärmer“ nannte. Es war ein langer Kopf aus Erlenmaſer und das Rohr ein Stück Hollunderholz, daß er ſich ſelbſt grobweg zurechtgeſchnitten hatte. Er blies dicke Dampfwolken aus. Ich hatte ein Geſpräch beider Schmiede unterbrochen. Als die Eiſenſtange wieder in der Eſſe lag, ſprach Jörg: „Woher kommt es doch, Path', daß der Wagnermijes(Jeremias Wagner) euch ſo ſpinnefeind iſt?“ Gottfried erwiederte nach einigen Minuten ſinnenden Schweigens: „Das iſt eine alte und lange Geſchichte, mein Sohn, und in ihr liegt der Grund meines armen, einſamen Lebens. Ich will ſie dir erzählen, du möchteſt ſie ſonſt vielleicht von Andern entſtellt hören; denn es ſind noch Leute genug da, die es wiſſen können, wie es damals zuging, vielleicht es gber nicht genau wiſſen.“ — 3— Ich ſpitzte meine Ohren; denn jetzt wurden ſicher meine Räthſel alle gelöſt. Er begann mit einem tiefen Seufzer. „Vielleicht ſiebzehn Jahre war ich alt, um Mariä Geburt werde ich jährig, da ſagte mein Vater ſelig zu mir, ſagt er: „Gottfried, geh' nach Bingen zu dem alten Gerber Pennerich, der iſt ein guter Freund von mir, und ſag' zu ihm: Herr Pennerich, mein Vater läßt ihnen guten Tag ſagen und Sie ſollten mir ein recht gutes, großes, braunes Rindsfell verkaufen zu einem Schurz⸗ fell; denn erſtlich biſt du ſehr lang und zum Andern wirſt du um Johannistag von der Zunft los⸗ und freigeſprochen und dahero Geſell“ Das kann ich dir ſagen, Jörg, daß die ſchönſte Kirch⸗ weihmuſik ſo nicht klang, wie dies Wort. Ich habe den Weg nach Bingen getanzt, und er war doch drei Stunden lang. Du weißt nicht, was das hieß:„Jung ſein und Geſell werden;“ denn das verdammte Franzoſenzeng hat alle Ordnung zerſtört mit ſeinen Patenten. Holt ſich nicht jeder Jung ein Patent und ſetzt ſich als Meiſter und wird ein Lump? Wo wandert heutzutag noch Einer? Daß Gott ſich erbarm', ſie kommen weit in der Nähe herum und das iſt Alles. Erſt auf ein Meiſterſtück werde man Meiſter und zwar auf rechtem Weg und in geſetzten Jahren.“ „Path' die Stange glüht!“ ſagte Jörg. Und nun ging's wieder: Puff, Paff, und die Funken ſprühten gewaltig um meinen Kopf. Als ſie wieder in der Eſſe lag, ſagte Jörg:„Path', ihr habt mir das ſchon oft recht genau auseinander geſetzt mit dem Zunft⸗ weſen zu Pfälzerzeiten und ich weiß es ganz gut. Erzählt'mal das Andre, nämlich, wie es euch in Bingen ging und ſo weiter. Das iſt mir noch ganz unbekannt.“ „Wie du willſt, Jörg, wie du willſt. Ich meine aber, die Einrichtungen einer guten Zeit kann man nicht genug kennen lernen. Item, es war juſt um die Kirſchenzeit als ich nach Bingen ging ſelbiges Mal; aber hier im Thal waren ſie noch nicht reif. Richtig geh' ich zu meinem Pennerich, kauf⸗ mir das Fell, roll's zuſammen⸗ nehm's unterm linken Arm, und ſchlend're ſo über den Markt, — 324— weil's gerade Mittwoch war. Da ſaßen denn die Mädchen vom Gau, hübſche Mädchen, Jörg, meiner Treu! Aber ich war dazu⸗ mal auch ein hübſcher Bub' und die Mädchen ſahen mich gerne, weil ich allezeit freundlich und ein guter Kerl war.“ „Die Gaumädchen kicherten, wenn ich ſie anſah; aber da erblickte ich Eine, Jörg, nein, ſo ſchön gibt's keine mehr; ein leib⸗ haftiger Engel, ſag' ich dir, und gar nicht ſo keck, F die Andern, die Einem in die Augen hineinſahen, als wollten ſie einem ins Herz hinein ſchauen. War ſie alt, ſo war ſie ſechszehn Jahre. Als ich ſie anſehe, ſchlägt ſie ihre großen, blauen Augen nieder. Denk' ich, von der kaufſt du ein Pfund Kirſchen, kaufſt dir einen Weck dazu und gehſt an den Rhein, unter die Bäume und hältſt dein Imbs. Tret' ich zu ihr, und ſage zu ihr:„Du hübſches Mädchen, wieg' mir ein Pfund Kirſchen!“ Mein Seel! Jörg, ſie wurde röther, als ihre Kirſchen; wog mir aber ein Pfund in die Kappe und ich bezahlt's mit drei Kreuzern und ſag' zu dem Mäd⸗ chen:„die ſollen mir noch einmal ſo gut ſchmecken, als die der Andern.“ Da ſah mich das Mädchen gar ſchelmiſch an, lächelte gar herzig und ſagte:„Warum denn?“ „Weil ſie vom ſchönſten Mädchen ſind, das ich noch geſehen habe,“ ſagt' ich,„und das ich, meiner Treu, nimmer vergeſſen werde.“ „Da hätt'ſt du aber einmal ſehen ſollen, wie ſie anlief! Ihre Kirſchen waren ſo roth nicht, und halb ärgerlich ſagte ſie: „Geh' nur, du Spötter! Utze(ſpotte) über 8. Mädchen deines Dorfes!“ „Utz' ich, ſo ſollen die Kirſchen mir Git ſein!“ ſag' ich drauf. Sie ſieht mich freundlich an, aber ſagt dann:„Geh' doch, die Leute ſehen ja auf mich!“ Bös war ſie aber nicht. Ich gehe die Salzgaſſe hinab, kaufe mir beim Emmerſchied einen Weck und ſetze mich in den Schatten auf das Geländer am Fruchtmarkt, und halte mein Imbs, aber das Mädchen ſtand vor meinen Augen und jede Kirſche, meint' 5 — 325— ich, wär' ihr Wängelein. Als ich endlich fertig war, zog's mich noch einmal hinauf; ich wollt' mich noch einmal erfreuen an ihrem Anblick. Als ich aber auf die Stelle komme, iſt ſie weg. Ich laufe den Markt auf und ab— ſie iſt fort; ich laufe in alle Läden der Stadt— ſie iſt fort, und ich wußte nicht wie ſie hieß, nicht wer ſie war, picht woher;— denn als ich auf den Markt zurück kam, und die ſi die noch da waren, lachten ſie mich aus, daß ich gerne ging und ſchwieg. Das iſt gar ſpöttiſches Volk, die vom Gau. „In ſelbigem Sommer hab' ich mehr denn zehnmal für einen Kreuzer Urſache gekauft und bin nach Bingen gelaufen, um ſie wieder zu ſehen; denn das Mädchen hatte mir's ſo angethan, daß ich ſie nicht mehr habe vergeſſen können. „„Endlich ſagte mein Vater:„Hör' mal, Gottfried, was ſoll das Bingenlaufen? Stecken dir die Binger Schoppen im Kopf, oder haſt du dir an der Stadt einen Narren gegeſſen? Nun iſt's all'! und damit Holla!“— „Mein Vater war ein mordſtrenger Mann, der das Eiſen abzukühlen wußte, wenn's glühte. Da durfte man nicht viel Sprenz⸗ pfeffer machen, wenn er Holla geſagt hatte. Ich hätt's wenigſtens Keinem rathen mögen, ein Fragzeichen dahinter zu machen; ich ſchwieg daher mauſeſtille. Hätt' ich ihm die wahre Urſach' geſtanden, er hätte mich gehänſelt, daß ich in die Erde geſunken wäre vor purer Scham: So mußt' ich's hinunterdrücken in das Herz, das freilich oft zerberſten wollte,— denn ich konnte das Mädchen nicht vergeſſen. Ich mied die Geſellſchaft der Burſche und Mädchen und ging immer allein, und dachte an das herzige Mädchen, das ich ſo lieb hatte und durft's nicht ſagen. Ich wurde geneckt und das Jungvolk ſagte:„Er will ein Kapuziner im Bacharacher Kloſter werden, denn da iſt viel Platz!“ Niemand aber neckte mich mehr, als Wagner's Jeremijes, den wir nur Mijes nannten, der mir ohnehin falſch war, weil Graßmann's Gretchen mich gerne ſah, um das er ſo herumſchnupperte. Er war von den Pocken zerriſſen, wie eine Tenne, wo man Erbſen gedroſchen, und die Mädchen konnten —.—————— — 326— ihn nicht leiden, obgleich er der reichſte Burſch' im Dorf und ſein Vater Schultheiß war, doch— Jörg, die Stange glüht!“— Wieder ging's Puff, Paff, und die Funken ſprühten, denn der Jörg führte die große Schlage wie ein Rieſe Goliath. Darauf ſetzte ſich Gottfried auf das Ambosklotz und fuhr fort: „Gegen uns über wohnte der alte Lips, ein geiziger Filz, wie's keinen mehr im Reiche gab. Er hatte weder Weib, noch Kind, und ſaß auf ſeinem Geldſacke wie eine Bruthenne auf ihren Eiern. Keines Menſchen Freund, war auch keiner der ſeine.“ „Ich hab' ſchon von ihm gehört,“ ſagte Jörg;„ſie nannten ihn nur den Erbſenſpalter.“ „Richtig, Jörg, richtig. Es war ein garſtiger Menſch, und als er zu ſterben kam, ging kein Auge über, nicht einmal das ſeiner Katze, die er am liebſten hatte, weil ſie ihn nichts koſtete. Er beſaß die ſchönſten und die beſten Weinberge im Thal und die beſten Aecker und Wieſen, und hatte lachende Erben, nämlich einen Bruder in Freiweinheim, der aber einen guten Ruf hatte. Wie geſagt, er ſtarb und es hätte kein Hahn nach ihm gekräht, wär' er nicht ſteinreich geweſen. Ich war ſeit acht Tagen losgeſprochen von der Zunft, hatte meinen Lehrbrief und war Geſell geworden, als die Leiche gehalten wurde. Abends vorher war der Bruder des alten Lips von Freiweinheim mit ſeiner Familie auf einem Wagen angekommen. „Morgens früh ſteh' ich am Fenſter, da geht des Lipſen Thür auf und— mein ſchönes Kirſchenmädchen von Bingen kommt heraus in blütheweißen Hemdärmelchen, friſch wie eine Roſe, und hat einen Eimer, um Waſſer zu holen. Mir ſchlägt das Herz wie ein Hammer auf den Ambos. Da ſieht ſie mich und erröthet wieder wie dazumal, aber ſie lächelt doch freudig, und das gibt mir Kuraſch. Sie ſieht ſich nach einem Brunnen um; denn das fremde Mädchen konnte nicht wiſſen, daß der Nachbarſchaftsbrunnen in unſehm Hofe war. Ich, wie der Blitz, hinunter, nehm' ihr den Eimer ab und ziehe das Waſſer für ſie. „Du biſt gewiß ein Bruderskind vom alten Lips?“ fragte — 327— ich ſie; und ſie nickt mit verlegenem Lächeln und lispelt ein leiſes Ja.“ „Wie heißt du denn?“ „Lieschen,“ ſagt ſie. „Ich heiße Gottfried,“ ſagte ich darauf und ins Ohr hab' ich ihr geflüſtert:„Viel tauſendmal hab' ich an dich gedacht ſeitdem, denn du Hexe haſt mir's angethan!“ „Sie lachte laut auf und lief ſo ſchnell mit ihrem Eimer davon, daß ſie ſich das Waſſer über Schuh und Strümpfe ſchüttete. „Daran biſt du Schulb!“ rief ſie mir zurück,— aber es lag kein Zorn in dem herzigen Geſichtchen, ſondern lauter Schelmerei. „Mittags um Ein Uhr war das Begräbniß. Da der alte Lips lediger Weiſe geſtorben war, trugen wir Jungburſche den Alten und Lieschen reichte die Rosmarinſträuße. Mir gab ſie den größten und ſchönſten. Ich ſah recht deutlich, wie ſich der Mijes, der auch in der Nachbarſchaft war, darüber ärgerte; denn der Neidſack hat mir meiner Lebtage nichts Gutes gegönnt. „Damals, Jörg, war's anders, als heutzutage. Starb Eins, — ſo wurde ein ſtattlich Leichenimbs gehalten. Da gab's Kuchen und Wein, und waren's arme Leute, Bier. Sie luden dazu die Ver⸗ wandten, Nachbarn und die Träger. Des Lipſen Bruder fand manch ſchön Fuderchen Wein im Keller, den ſich der Lips abgegeizt, und dachte, was er nicht trank, wollen wir ihm zu Ehren trinken. Er war überhaupt kein Knicker⸗ wie ſein Bruder ſelig. Da ſaß man denn bis ſieben oder acht Uhr Abends, und ſprach über dies und das, den Verſtorbenen und die Lebenden, Krieg und Frieden; manchmal wurden die Gäſte, beſonders wenn das Leid kein Herzleid war und nur im Flor am Hut ſaß, recht luſtigen Muthes. Beim alten Lips ging auch das Leid nicht tief ein, denn er hatte in ſtetem Hader mit ſeinem Bruder und der ganzen Nachbarſchaft gelebt; varum blieben die Gäſte noch da, als es längſt gedunkelt hatte. Lieschen wartete auf. Leider ſaß ich mit dem Rücken gegen die Thür und durfte mich nicht umſehen. Dann und wann ſah ich ſie von der Seite; aber wenn ſie an mir vorüberkam, ſtieß ſie — —— gewiß, wie zufällig, mit der Kuchenſchüſſel an mich an, und wenn ſie die Leute ermahnte:„Eſſet doch, trinket doch!“ wurde ich allemal ein wenig am Wamms gezupft. Du magſt dir denken, daß Niemand an das Weinen dachte. Man hätte einen neuen Thaler für eine Thräne verwetten können. Item, wenn auch das Lieschen um den alten Sünder geweint hätte, es wäre ſchade um die ſchönen Augen geweſen. „Mir wollte es gar nicht ſchmecken; denn ich grübelte nach, wie ich ein wenig zu ihr kommen könnte. Als es dunkel geworden, ging ich hinab in den Garten, hinter dem Hauſe. Da lag eine alte Kelterſchraube, auf welcher der Lips ſich oft geſonnt hatte. Vorher aber hatte ich mir ein Köhlchen am Feuer in der Küche geholt auf die Pfeife. Darüber kam ſie, und kaum ſaß ich, da war ſie auch ſchon da. „Du ißſt ja gar nichts, Gottfried,“ ſagte ſie.„Gelt, wenn's Kirſchen wären?“ „Freilich Lieschen; Kirſchen, die du gäbeſt.“— „Geh' mit nach Weinheim, ſo ſollſt du ſie haben.“ „Ja, wenn ich könnte! Ach, wie oft hab' ich dich Mittwochs in Bingen geſucht!“ ² „Geh,“ ſagte ſie,„du machſt mir was vor!“ „Bei meiner Seele nicht!“ ſagte ich. „Ich glaub's ja,“ rief ſie halblaut,„ſchreie nur nicht, denn der Blatternarbige(ſie meinte den Mijes), der möcht's hören. Er iſt auch herausgegangen.“ „Ach, wie erſchrack ich,“ fuhr ich fort,„als ich dich heute ſo unvermuthet ſah—!“ „Bin ich denn ſo garſtig,“ ſchmollte ſie,„daß die Leute vor mir erſchrecken?“ „Ach, ſo nicht, Lieschen, ſo nicht,“ ſagte ich;„es war ein freudiges Erſchrecken. Wie hätte ich gerade an dich da denken ſollen. Du biſt ja noch tauſendmal ſchöner geworden, als du damals warſt, da du mir die Kirſchen wogſt. Wo warſt du aber, daß du den ganzen Sommer und Herbſt nicht mehr auf den Markt kamſt?“ ⸗—— „Bei meiner Baſe in Flohnheim,“ entgegnete ſie. „Da wirſt du wohl nicht mehr an mich gedacht haben?“ „Ei,“ rief ſie, mich ſchalkhaft anlächelnd,„wer wird auch ſo an die Buben denken? Was bildeſt du dir ein?“ „Aber ich habe ſtets an dich gedacht und bin ſo traurig geweſen, als ich dich nicht mehr in Bingen fand, daß ich alle Luſt am Leben verlor.“ „Ei, wer wird ſo thöricht ſein!“ lachte ſie. „O du leichtſinnig Mädchen,“ rief ich trauernd aus,„du weißſt nicht, was es heißt, ſich recht lieb haben.“ „Muß ich dir das denn ſagen?“ flüſterte ſie kichernd. „Haſt du mich denn lieb, Lieschen!“ fragte ich dringend und ſtürmiſch. „Sie ſchwieg; aber ſie ließ mir ihre Hand.“ „Geh', ſag's, Lieschen,“ flehte ich⸗ „So was ſagt man nicht;“ rief ſie ſchelmiſch und wollte fort. Ich hielt ſie. „Lieschen,“ ſagte ich,„iſt ein Schmied in Weinheim?“ „Gewiß!“ „Braucht er einen Geſellen?“ „Das weiß ich nicht; warum denn?“ „Ich will hinkommen, um dich alle Tage zu ſehen, und wenn ich umſonſt bei ihm arbeiten müßte.“ Das kannſt du ſparen; denn mein Vater zieht hierher — und dann ſind wir ja Nachbarsleute und ſehen uns alle Tage hundertmal.“ „Heida!“ rief ich,„ſo bringen mich zehn Gäule hier nicht weg!“ „Ziehſt du gerne her, Lieschen?“ „Wenn— du— da bleibſt!“ raunte ſie mir ins Ohr und huſch! wie der Blitz war ſie weg und im Hauſe. „Nun wußte ich's, daß ſie mich lieb hatte, und es kam eine Wonne in meine Seele, wie ich ſie nie gefühlt. Hinauf konnte ich nicht mehr gehen; ich blieb noch ſitzen bis die Gäſte weggegangen — 330— und machte mich dann auch fort. An der Thüre noch flüſterte ſie mir zu:„Gute Nacht, Gottfried; Morgen früh um drei Uhr gehe ich mit der Mutter heim. Haſt du's gehört?“— Gewiß hatte ich's gehört.— Die ganze Nacht ſchloß ich kein Auge. In Bacha⸗ rach hatte ich ein Geſchäft, und ſagte zu meinem Vater, ich wolle ganz frühe dort hingehen, um bald wieder daheim zu ſein. Es war ihm ſchon recht, und ehe der Tag graute, ſtand ich, fir und fertig, am Fenſter und paßte auf, bis drüben die Thüre knarrte. „Endlich, als die erſten Streiflichter ſichtbar am Himmel wurden und die Hofhähne krähten, ging die Thüre auf und Lieschen trat mit ihrer Mutter heraus und das Morgenroth, das am Him⸗ mel glühte, lag auf ihren Wängelein, als ſie mich am Fenſter ſtehen ſah. Ich nickte ihr zu und ſie that, als ſähe ſie es nicht und ging vor ihrer Mutter her. Sie waren aber noch nicht weit vor dem Dorfe, da war ich ſchon hinter ihnen. Ich bot den guten Morgen; ſie grüßten zurück, und bald waren wir im Geſpräche. Die Mutter fragte dies und das und ich gab ihr immer beſonders freundlichen Beſcheid; denn ich dachte an das alte Sprüchlein: „Wer ſich gut bei der Mutter ſteht, Dem die Tochter nicht entgeht.“ „Und in der That, ich ſah recht gut, daß mir die Mutter Schritt vor Schritt freundlicher wurde. Mit Lieschen konnte ich nur wenig reden und ſie ſah es gerne, daß ich viel mit der Mutter ſprach. Ich unterließ dann auch nicht, mein gutes Handwerk zu loben und ihr zu ſagen, daß mein alter Vater mir bald die Schmiede abtreten, daß ich ſchöne Weinberge bekommen würde und einſt eine brave Frau recht gut würde ernähren können. „Das Lieschen lächelte ſchalkig dabei und dachte gewiß ſein Beſtes. Endlich erreichten wir den Rhein und unfre Wege ſchieden ſich. Ich mußte links, ſie rechts. Freundlich grüßte die Alte und meinte noch, wir würden ſchon gute Nachbarn werden. Lieschen drückte mir mit lieblichem Lächeln die Hand— und dahin gingen ſie. Ich ſtand wie eingewurzelt an der Stelle. Es war mir, als ginge ein Stück von meinem Herzen mit. — 331— „So lange ich ſie ſehen konnte, blieb ich ſtehen. Mehrmals ſah noch das liebe Mädchen ſich nach mir um, bis der vortretende Berg ſie mir entzog, und ich ſtille und traurig meinen Weg dahinging.— „Doch, Jörg, wir vergeſſen die Stange. Sie glüht weiß, wir müſſen ſchmieden!“— Es gab nun eine längere Unterbrechung; denn die Reiſſtange mußte gerundet werden. Als ſie wieder in die Eſſe gebracht war, fuhr Gottfried fort:„Du wirſt mir's glauben, Jörg, daß ich nun recht fröhlich wurde. Ich ging wieder zu dem jungen Volk; ich ſang wieder mit ihnen, und die Mädchen meinten, der Gottfried müſſe das Kloſtergehen aufgegeben haben. Der Mijes wußte ſich's gar nicht zu erklären, wie das Alles gekommen ſei. Er ſah mich oft forſchend an, aber dahinter war er doch nicht gekommen. Um ihn völlig irre zu machen, ſcherzte ich vft mit Graßmann's Gretchen, die jetzt des Peter⸗Jacob's Frau iſt Seit ich Geſell war, hatte er auch den Muth nicht mehr, mich ſo zu necken, und als er's wieder einmal verſuchte, wies ich ihm zwei Fäuſte, vor denen er Reſpect haben mußte, und das Wort blieb ihm halbwegs im Munde. „So blieb's, bis Lieschen's Eltern in des alten Lipſen Haus zu uns ins Dorf zogen. Das war eine Geſchichte, von der man in allen Spinnſtuben plauderte. Da wußten ſie genau, was die Alles mitgebracht; wieviel Zinn, wieviel Getüche, wieviel Korn, Spelt und wieviel baar Geld. Du weißt, Jörg, wie das ſo geht und wie ſie in den Spinnſtuben die Leute durch die Hechel ziehen, daß kein guter Faden an ihnen bleibt. So erzählte man ſich denn auch, ich habe ſo fleißig bei dem Abladen geholfen; habe überall die Hand geboten und ſei darob bei den Alten gut angeſchrieben und das Lieschen ſähe ſich die Augen faſt aus nach mir. Wenn das Lieschen Waſſer ziehen wolle am Nachbarſchaftsbrunnen in unſerm Hofe, dann laſſe ich Ambos und Eſſe im Stich und eile, dem Lieschen den Eimer heraufzuziehen; auch ſeien wir jetzt zu einer Spinnſtube vereinigt. Das gebe eine Heirath, eh's lang würde. Eines Theils hatten ſie nicht ganz unrecht dabei; denn ich — 332— that auch den neuen Nachbarsleuten, was ich thun konnte, und das Lieschen durfte mir, wenn's möglich war, kein Waſſer ziehen. Da ſich Lieschen's Mutter und meine Mutter gut leiden konnten, ſo gab's in unſerer ſehr geräumigen Stube eine Spinnſtube, wo aber Niemand hinkam, als die zwei Haushaltungen. Du begreifſt, daß ich von da an nicht mehr hinausging; daß ich ſtets neben Lieschen ſaß; wenn die Alten mit einander redeten, ſo flüſterten wir mit einander und freuten uns ſchon auf die Kirchweih', wo ich ſie zum Tanze führen würde. Ich konnte aber auch bald merken, daß ich nicht allein wußte, wie ſchön das Lieschen wäre. Viele meiner Alterskameraden gingen dem Mädchen zu Gefallen; am meiſten aber der reiche Mijes. „Ei,“ ſagte er einmal, als ich nicht dabei war,„der Simpel meint, er bekäme das ſchöne Lieschen. Das ſoll er ſich vergehen laſſen! das Mädchen iſt für⸗ mich; denn ich allein bin ſo reich wie ſie, und ſo einen rußigen, lumpigen Schmied nimmt ſie vollends nicht.“—. „Jörg, das wurmte mir! Ich war in meiner Jugend ein gar hitzköpfiger Kerl, der ſich Nichts gefallen ließ. Das wollte ich ihm vorhalten. Er hatte es geſagt, daran war kein Zweifel; denn Graß⸗ mann's Gretchen hatte mir's gefagt, das, ſeitdem ich mit dem Lies⸗ chen ging, mich oft mit ſo trübem und traurigem Auge anſah, daß ich's recht bedauerte. Ich durfte es aber nicht verrathen. Wellte ich ihn ſtellen, ſo wich er mir aus. Aha, dacht' ich, lauf' du mir hin, wir begegnen uns an der Kirchweih' ſchon. „Der Winter ging mir herum, wie ein fröhlicher Sonntag. Ich ſah Lieschen alle Tage zwei⸗, dreimal am Brunnen und konnte mit ihr koſen; ich ſah ſie jeden Abend in unſerm Hauſe, wie ihre Finger den feinen Faden dreheten und ſie die friſchen Lippen berührte, das Garn zu benetzen. Wer war glücklicher, als ich? „So kam der Mai, und du weißſt, am erſten Sonntag im Mai iſt unſere Kirchweih'. Schon früh rotteten ſich die Kirchweih⸗ burſchen zuſammen. Als auch ich mich dazu geſellte, machte der Mijes allerlei Händel, mich wegzubeißen; aber die andern Burſche — hatten mich viel zu lieb, als daß ihm das gelungen wäre. Der Baum wurde aufgeſtellt und Lieschen half den Mädchen den Kranz machen, der oben daran hängt, voll Bänder und vergoldeter Eier⸗ ſchalen, die ſo ſchön ausſehen. Als es Sonntags Mittags drei Uhr war, zogen wir auf. Ihr heutzutage thut das ſelten mehr. Wir hielten's ſo: Wenn die Muſikanten beim Bäcker angekommen waren, ſo ſpielten ſie einen ſchönen Marſch auf. Nun folgten die Kirchweihburſchen mit Flaſchen und Gläſern. Jedem, der uns begegnete, wurde einmal eingeſchenkt. Zwei führten den Hammel, der ausgelooſt wurde und trugen die Liſte und die Nummern nebſt einem Dintenfaß zum Einſchreiben. Zuletzt kam der Bäcker. Der trug den großen vierteligen Weinkrug, aus dem unſere Flaſchen immer neu gefüllt wurden. So zogen wir durchs Dorf und auf dem Rückwege vor die Häuſer der erwählten Mädchen. War Einer aufgeſpielt, ſo ging der Burſch hinein, holte das Mädchen und dieß ſteckte ihm den Rosmarinſtrauß mit rothen Bändern an den Hut. „Als ich vor Lieschen's Haus anlangte, mußten mir die Muſikanten ihren allerſchönſten Tanz aufſpielen und, das muß ich ſagen, der Lenz von Caub, der die Clarinette blies, ſpielte aus dem FFᷓ heraus, daß man ſchon auf der Gaſſe hätte mögen zu tanzen anfangen. Es war eine helle Pracht! Wie funkelten des Lieschen's Augen, als ich hereintrat und Vater und Mutter, wie es Brauch und Sitte war, in geziemenden, wohlgeſetzten Worten um die Erlaubniß bat, mit ihrem ſchönen Kinde die Kirchweih' halten zu dürfen. Sie gaben's zu und Lieschen holte den Prachtſtrauß, den ſie an meinen Hut ſteckte. Da flimmerten goldene Perlen und breite Bänder dran, und es war der gllerſchönſte von allen auf der Kirchweih'. „Jörg, wie das Mädchen tanzte! Man meinte, ſie berührte gar den Boden nicht mit den Füßen; ſie flöge nur ſo herum, wie ein Vögelein. So glücklich war ich nie wieder, wie damals. Ach, wer hätte es denken ſollen, daß die Frende ſo ſchnell enden ſollte!— — 334— „Alle Leute ſahen auf uns Zwei und ſagten laut, wir ſeien das ſchönſte Pärchen im Dorf und wir müßten Mann und Frau werden. Das Lieschen ſchämte ſich ſchier zu Tod, und ich freute mich königlich, wenn ich es hörte. „Einer aber ſchlich herum wie die Schlange im Paradies,— es war der Neidhammel, der Mijes. Ich ſah's ihm wohl ſchon länge an, daß er mein Lieschen gerne ſah; und jemehr ihn das Mädchen von ſich wegſtieß, deſto zudringlicher wurde er. Sie war ja reich!— „Einmal kam er zu mir und ſagte:„Gottfried, laß mich einmal mit deinem Schatze tanzen.“ „Ich dachte, was thut's? und fragte Lieschen. Die aber wispert leiſe:„Sag' Nein! ſag' Nein!“ „Da ſteigt mir der Kamm; ich denke an ſeine giftigen Worte und ſage ſpottend:„Aufs Jahr, Mijes, aufs Jahr! Jetzt will ich ſelber mit Lieschen tanzen“ „Da hätteſt du ſeine Wuth ſehen ſollen!— „Simpel,“ rief er,„Kapuziner! Du haſt wahr geredet! Aufs Jahr tanz'ſt du nicht mit ihr!“ „Da übermannt mich der Zorn, denn ich hatte Wein genug getrunken, um leicht aufgebracht zu werden. Obwohl Lieschen mich halten will, ſpringe ich auf ihn zu und ein mörderiſcher Schlag ſtürzt ihn zu Boden. Alles ſpringt auf und will abwehren. Das war aber zu ſpät. Der Mijes rafft ſich von der Erde auf und fällt mich an; wie der Blitz reiß' ich aus einem Stuhle den Stempel und haue ihn über den Kopf, daß das Blut aufſpritzt und er mit einem gellenden Schrei zu Boden fällt.“ Er iſt todt, er iſt todt!“ ſchreien die Frauen durcheinander.— Der Schultheiß, des Mijes Vater, eilt herbei und die Feldſchützen, die mich gefangen nehmen.. „Führt ihn ſogleich nach Bachzrach vor das Oberamt!“ ruft er, und einem Andern befiehlt er, den Doetor zn holen. Man führte mich mit Gewalt fort. Lieschen kang berzweifelnd die Hände u der Mijes wurde leblos und blutend hinweggetragen. Meb zozen die Schützen von dannen. 7 Brunten am Rheine lagen ja Nachen und ich konnte fahren, wie — 335— „Ach, Jörg, ich war bald abgekühlt! Er iſt todt! das hörte ich immer in den Ohren, und die furchtbarſte Verzweiflung ergriff mich. „Armer Gottfried,“ ſagte der eine Flurſchütz,„deine Freude endet ſchlimm! Ich wollte dir wünſchen, du wärſt über dem Rhein, denn in Lorch iſt es Mainziſch und du haſt nicht weit ins Reich.“ „Das Wort fiel wie ein leuchtender Blitz in meine Seele. ein Fiſcher. Kaum erreichten wir das Rheinufer, ſo war ich mit drei Sprüngen am Ufer. Die Schützen wandten ſich um, und gingen ruhig heim, und ich durchſchnitt mit dem Kahne die Fluth des Rheines, die der aufgehende Vollmond zu vergolden anfing. Bald war ich drüben. Ich zog den Nachen aufs Land, daß ihn der Schiffer Malz wieder bekommen konnte, und lief ſo ſchnell ich konnte, nach Lorch, zu dem Schmied Bandemer, den ich wohl kannte. Dem klagte ich mein Leid. Er hielt mich bis Morgens, dann ſchenkte er mir Geld und ſchickte mich nach Rüdesheim; allein auch hier hatte ich keine Ruhe. Jörg, das Gewiſſen iſt eine erſchreckliche Macht. Es iſt wohl, wenn eine Schuld darauf laſtet, der Wurm, der nicht ruht, wie der Herr ſagt. Ich begriff jetzt das Wort, weil ich an dem Holzwurm das Gleichniß fand, der in unſerm Wandgetäfel raſtlos nagte. Ach, Gott, wie war ich ſo elend! Nachts ſchloß ich kein Auge, und fiel einmal der Schlaf der Entkräftung auf mich, ſo ſcheuchten greuliche Träume jede Ruhe und Erquickung von mir. Die Reue zerfleiſchte mein Herz. Lange konnte es ſelbſt mein damals faſt rieſenſtarker Körper nicht ertragen und in der Stadt Frankfurt fiel ich aufs Krankenlager und wurde in das Spital gebracht.. „Hier fiel ein Lichtſtrahl in meine Seele, denn ein frommer Geiſtlicher trat an mein Bett und gab mir Troſt. Ich genas langſam und erſt im halben Sommer konnte ich wieder arbeiten, um meine Schuld in der Herberze zu tilgen und mir Geld zu ſammeln zur Weiterreiſe; venn fort wollte ich, recht weit fort vom Schauplatze meiner Frevelthat. Gott Sein⸗ der in das Herz ſchaut, * 7 „ ——— — 336— kannte m mein Leid. Er allein ſah die Thränen tiefer Reue, welche ich vergoß. „So wanderte ich denn durch das Heſſen⸗ und Sachſenland, bis in die Berge Schleſiens; ging von da nach Wien. Von Wien aus reiſete ich durch das Tyrol nach der Oberpfalz und dann durch Würtemberg nach⸗ der Schweiz. Es war wieder Mai geworden.— Von daheim hörte ich nichts. Schreiben durfte ich nicht. Ach, meine armen Eltern, mein armes Lieschen, rief ich oft troſtlos aus, wie hab' ich Euch Herzeleid gemacht, ſtatt Freude! Ich gab mir alle Mühe, meinen Jähzorn zu bannen und es gelang mir. Keinen Tropfen Wein genoß ich mehr, weil er mich ſo elend gemacht hatte. Keine Tanzmuſik konnte mich mehr locken.— In der Schweiz aber ergriff mich im zweiten Jahre meiner Wanderſchaft das Heimweh. Das kam ſo. Eines Tages kam ich in Bern auf die Herberge und finde da den Sohn des ehrlichen Schmiedes Bandemer von Lorch, der aber nichts von meinem Schickſale wußte, weil er ſchon damals, als ich bei ſeinem Vater Hülfe ſuchte, auf der Wanderſchaft geweſen. Er war nun auf der Heimkehr, und die Freude, die Heimat wieder zu ſehen, die ſich in jedem ſeiner Worte ausdrückte, das ſtete Plaudern vom ſchönen Rheine weckte in mir ein heißes, ganz unbezähmbares Verlangen. Er beredete mich mit ihm zu reiſen nach der Heimat. „Alle Gründe, welche ich entgegenſetzte, nien er und ich mochte wohl merken, daß er ſich dachte, es liege ein arger Riegel vor der Thüre der Heimat für mich; denn der brave Burſch zog ſich von mir ab und mochte nicht mehr mit mir verkehren. Da konnte ich nicht länger widerſtehen und ſagte ihm Alles haarklein. Ich erzählte es ihm mit heißen Thränen, die ebenſowohl der Reue über meine im Zorne verübte Unthat, als dem verlornen Lebens⸗ glücke galten. Ach, meine Seele hing ja durch unzerſtörbare Bande an dem Mädchen, die mich nicht mehr lieben konnte, und weder von ihr, noch von den Eltern und der Schweſter, die damals noch ein Kind geweſen, hatte ich ein Wort gehört in der langen Zeit. „Der i Bandemer neic mit mir, er war eine gute — ſſſſſſſſſſſſiſſtiſimmſſſſſnmu ſſſſſſſſſſſſſſinſiſm 20 8 9 10 11 12 18 9 —