—— Leihbiblivthet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Sleih und Jeſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2. 3. Caution. Unbekannte Perſonen mäſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß vortus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat; 1N W— „ „„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben 4 Hin⸗ und Zuri ndung der Bücher auf ihre eigenen Koſten 1 6 hr felbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mit einem Vorwort von Leopold Kompert. 2 Bände. Wien und Leipzig. Verlag der liter.⸗artiſt. Anſtalt von C. Dittmarſch.* Novellenſchatz. Bd. XXII. 1 Adöle Weſemal, aus einer niederlänbiſchen Familie(der Vater war aus Brügge, die Mutter aus Gent), wurde im Jahre 1825 in Mecheln geboren, kam aber ſchon im drei⸗ zehnten Jahre nach Sachſen, von da im Jahre 1850 nach Oeſterreich, wo ſie ihren beſtändigen Wohnſitz aufſchlug. Die deutſche Sprache lernte ſie ſchon als Kind, da in ihrem elter⸗ lichen Hauſe für deutſche Bildung und Literatur eine große Vorliebe herrſchte, und faſt zu gleicher Zeit kamen Racine und Schiller in ihre Hände. Daß ſie ſeitdem vollſtändig zur Deutſchen geworden iſt, bezeugt jede Seite ihrer Erzählungen, die zuerſt von Leopold Kompert eingeführt, in Oeſterreich ver⸗ diente Anerkennung gefunden haben, dem großen deutſchen Publikum aber noch wenig bekannt geworden ſind. Die hier mitgetheilte Novelle, wenn ſie auch noch an einer gewiſſen Ungleichheit in der Gruppirung und Beherrſchung des Stoffes leidet, erſchien uns jedenfalls durch die energiſche Charakteriſtik und die Schärfe der Beobachtung ſo bedeutend, daß wir auf dies ungewöhnliche Talent, das weit über das Mittelmaß weiblicher Begabung hinausragt, in unſerer Sammlung auf⸗ merkſam zu machen wünſchten. Niemand wird der Entwick⸗ lung der Hauptfigur ohne den lebhafteſten Antheil folgen, was um ſo mehr für ein hohes Verdienſt der künſtleriſchen Darſtellung Zeugniß giebt, je weniger der Charakter dieſer Leonie auf unſere Sympathieen rechnen kann. 1 5 Es mochte gegen das Ende des vergangenen Jahr⸗ hunderts ſein; die franzöſiſche Revolution, deren furcht⸗ barer Ausbruch nur wenige Jahre danach erfolgte, kün⸗ digte ſchon hier und da durch verlängerte Stöße der unterwühlten Geſellſchaft ihre Annäherung an; da kehrte — Graf Thornſtein auf ſeine Güter nach Deutſchland zu⸗ rück. Faſt ein Fremdling kehrte er dahin zurück; als junger Mann hatte er die Heimath verlaſſen, ſich ſeitdem bald hier, bald dort im Auslande aufgehalten, und nach⸗ dem er an den lockeren Sitten ſeiner Zeit den gehöri⸗ gen Antheil genommen, ſich in Paris mit einem fran⸗ zöſiſchen Fräulein vermählt, das, reich an Ahnen und arm an anderen Gütern, ihm nichts zubrachte, als die Verbindung mit einer alten, angeſehenen Familie und ihre eigene ungewöhnliche Schönheit. Von dieſer Schön⸗ heit hatten die Inſaſſen des Gutes durch den Verwalter gehört, der einſt, Geſchäfte halber, nach Paris gereiſ't war und den Grafen einen glücklichen Mann pries. Wieder waren Jahre verſtrichen, den alten Mann deckte die Erde, und ein andrer Verwalter nahm ſeine Stelle ein. Die junge, ſchöne Gräſin, ſagte ein Gerücht, hatte ein früher Tod von der Seite ihres Gatten geriſſen, und vom Grafen kam noch immer keine Kunde. Er lebte in der Erinnerung ſeiner Unterthanen ein ſchatten⸗ haftes Leben, das nur manchmal von Seiten des Ver⸗ * Hermine Wild. walters durch beſonders empfindliche Eintreibung grund⸗ herrlicher Gerechtſame aufgefriſcht ward. Da ſprach man denn von ihm als von einem ziemlich leichtſinnigen, ein wenig zum Stolz geneigten, im Ganzen aber freund⸗ lichen und milden Herrn, auf den man einſt große Hoffnungen geſetzt und deſſen Rückkehr man herbei⸗ wünſchte, ohne daran zu glauben, weil man in ihr die einzige Schranke für die oft unausſtehliche Thrannei der eamten ſah. Und nun war er wirklich gekommen, faſt unerwartet, und Alt und Jung war herbeigelaufen, ſich an ſeinem Anblick zu erfreuen, und Alt und Jung ſchüttelte die Köpfe über die Verſchiedenheit zwiſchen dem Grafen, den ſie geträumt, und demjenigen, den ſie nun ſahen. Er kehrte zurück, ein gebrochener Mann, vor der Zeit gealkert und die in früher Jugend ſo muthig erhobene Stirn von einem finſtern Ernſt um wölkt, der jede Freude ob ſeiner Rückkehr ſchneil ver⸗ ſtummen hieß. Der Tod ſeiner Gemahlin habe ihn ſo geändert, ſagte man ſich. Er habe vergebens auf Reifen Zer⸗ ſtreuung für ſeinen Schmerz geſucht; noch jetzt könne er ihren Namen nicht ausſprechen hören, und keine Frau habe ſeit ihrem Verluſte einen Eindruck auf ihn gemacht. Die Bauern ſchüttelten die Köpfe dazu; Sen⸗ timentalität iſt auf dem Dorfe wenig zu Hauſe; ſie waren froh, daß der Gram ſeine Gerechtigkeit und Ein⸗ ſicht nicht getrübt, die Plackereien der Beamten hatten ein Ende, mehr verlangten ſie nicht. Doch Liebe und Vertrauen erwarb ſich bei ihnen der kalte, ſchroffe Ge⸗ bieter nicht, deſſen Stolz durch ſein Unglück nur ge⸗ wachſen ſchien. Ein freundliches Geſicht hätte ihm mehr Herzen gewonnen, als alle ſeine wirklichen Eigen⸗ ſchaften es vermochten. Nur die Frauen waren mildern Sinnes, ſie bedauerten ihn, und die verſtorbene Gräfin, die ſolche Liebe eingeflößt, galt unter ihnen, trotz ihres Todes, ſür eine hochbeglückte Frau. Zwei Kinder hat⸗ ten ihn begleitet; der Knabe mit ſeinem deutſchen Na⸗ 3 Eure Wege ſind nicht meine Wege. 5 men Otto, war des Vaters Ebenbild, das Mädchen franzöſiſch Leonie genannt, und beide einander ſo un⸗ ähnlich, als es Bruder und Schweſter nur je geweſen ſind, doch beide ſchön, ſcheu und fremd, denen das deutſche Wort nur gebrochen von den weichen Lippen floß. Dieſer letzte Umſtand änderte ſich jedoch bald, und dadurch fiel die eine Scheidewand zwiſchen dem Dorfe und dem gräflichen Hauſe weg. Denn trotz ſeines Stol⸗ zes duldete der Graf, daß ſeine Kinder ſich in ungeſtör⸗ ter Freiheit mit den Kindern der Bauern herumtrieben. Sie hatten freilich auch keinen andern Umgang. Ihr Vater ſchloß ſich von dem benachbarten Adel, der ihm zuerſt freundlich entgegenkam, ſo viel als möglich ab; man hielt ſeine Abſonderung für Theilnahme an den neufranzöſiſchen Ideen, er wurde auch in dieſen Kreiſen unlieb, und ſo ſtand er bald ganz allein. Bei dieſer Abgeſchloſſenheit befanden ſich die Kinder ganz wohl. Mit Büchern und Anſtandsvorſchriften wurden ſie wenig geplagt. Ihr Unterricht beſchränkte ſich auf das, was ſie vom Schulmeiſter und vom Pfar⸗ rer lernen konnten, woran ſich für Leonie ein beſon⸗ derer Curſus in kleinen Handarbeiten und ſonſtigen weiblichen Beſchäftigungen unter den Augen der Frau Pfarrerin ſchloß. Wir können nicht ſagen, daß unſere kleine Heldin dieſen Arbeiten beſonders geneigt war; ſie liebte den Müßiggang, ſie liebte überhaupt Alles, was ihre kleine Perſon mit Behaglichkeit umgab, und nur wenn ſich mit einer Beſchäftigung irgend ein Zweck, ein Intereſſe verband, verwandelte ſich oft plötzlich ihre träge Natur in ſtarre Unermüdlichkeit und ſeltene Energie. Die Pfarrerin ſelbſt war eine gute, ſanfte Frau, die das mutterloſe Mädchen ſeiner Mutterloſigkeit wegen ſchnell lieb gewann und, da ſie ſelbſt keine Kinder hatte, es gerne um ſich ſah; und Leonie war gerne dort, denn ſie fühlte ſich geliebt. Lieber aber war ſie noch, wo es minder ruhig herging, denn, ohne ſelbſt lärmend 6 Hermine Wild. zu ſein, war ſie doch die Seele von allem Lärm, und die Knaben des Dorfes, ihr Bruder nicht ausgenom⸗ men, dem ſie an geiſtiger Gewandtheit weit voraus⸗ geeilt war, erkannten ſie ſtillſchweigend als ihre Herr⸗ ſcherin an. Unter ihnen war ſie in ihrem Elemente, von ihnen wurde dem kleinen Fräulein die erſte Hul⸗ digung dargebracht, und wunderbar war es, wie ihre zierliche Erſcheinung ſich immer ſauber herausſchälte aus der rohen Akmoſphäre, in der ſie ſich ſo wohl gefiel. Bei Otto drohte der Bauerntölpel mit der Zeit den adeligen Junker ganz zu überwuchern, bei Leonie war das unmöglich. Ihre ganze Organiſation wider⸗ ſetzte ſich dem. Sie war und blieb ein kleines, feines Ding, das nirgends viel Platz einnahm, geräuſchlos auftrat und immer da war, man wußte nicht wie. Alles war Widerſpruch an ihr; ihre blonden, lockigen, etwas ins Röthliche ſchimmernden Haare umrahmten ſeltſam den zarten Kopf mit den ſchwarzen, denkenden Augen. Statt des weichen Gemüthes, das ihrem Bruder bei den tollſten Streichen ſtets den Stempel kindlicher Lie⸗ benswürdigkeit verlieh, zeigten ſich bei ihr nur kurze, ſeltene Aufwallungen voll Leidenſchaft, die aber der nächſte Angenblick ſpurlos zu verwiſchen ſchien. Bis jetzt war eine zähe Beharrlichkeit, die vor keinem Hinder⸗ niß zurückſchrak, vielleicht einer der deutlichſten Züge dieſes keimenden, ſonderbar ſchwer zu erkennenden Cha⸗ rakters. Wohin kein Fuß gekommen, da drang gewiß der ihrige durch. Feſt wie Stahl und leicht wie eine Feder, hätte ein Tanzmeiſter von ihr gerühmt; die Bauern drückten ſich minder kunſtgemäß aus, zollten ihr aber nicht geringere Bewunderung. Und es war ein eigener Anblick, ſie ſo geſchmeidig und luftig in ihrer unbändigen Geſellſchaft durch Flur und Felder ſtreifen zu ſehen. Wie eine verzauberte Prinzeſſin⸗ Tochter von böſen Kobolden bewacht, nur daß die Ko⸗ bolde hier mehr gehorchten als befahlen, und ſelbſt Otto entzog ſich dieſem Zauber ſeiner Schweſter nicht. Aber Eure Wege ſind nicht meine Wege. 7 keck und muthig in dem kleinen Kreiſe, in welchem ſie Königin war, wurde ſie ſcheu und ſtill, ſobald ſie vor ihrem Vater ſtund. Er war ihre einzige, aber auch ihre große Furcht. Wann dieſe Furcht angefangen, darüber hatte ſie nicht nachgedacht; es war ein Zuſtand, der für ſie in der Ordnung der Welt begriffen war. Nie hatte ſie ein freundliches Wort von ihm vernom⸗ men, nie einen Blick, eine Liebkoſung von ihm empfan⸗ gen, wie ſie Otto, trotz ſeines finſteren Weſens, doch oft von ihm empfing; ja ihre aufkeimende Lieblichkeit, die, wechſelvoll wie die Welle, in allen Schattirungen quellenden Lebens unaufhörlich ging und kam, immer dieſelbe und doch ſtets eine andere ſchien, weckte bei ihm, anſtatt Stolz und Befriedigung, offenbar nur eine größere Strenge und eine Kälte, die faſt an Abneigung ſtieß. Doch ruhten ſeine Augen oft eigenthümlich for⸗ ſchend auf ihr, als ſuche er ein Räthſel zu löſen, das . ſeinen peinlichſten Anſtrengungen ſtets von neuem zu entſchlüpfen ſchien. In dieſem Blicke vielleicht lag der erſte Grund der Scheu, die Leonie vor ihrem Vater empfand; ſie hatte ihn in ſeiner unheimlichen Tiefe ſo oft auf ſich geheftet geſehen! Als ſie noch in den Ar⸗ men ihrer Amme lag und das werdende Verſtändniß an den erſten ſchwachen Eindrücken der äußeren Welt ſich allmählich zu entfalten begann, war es dieſer Blick vielleicht geweſen, der an ihr zitterndes Leben trat und der klaren Welle der Empfindung eine dunklere Färbung verlieh. Wer forſcht dem Keime unſerer Ge⸗ . fühle nach? Genug, die Furcht vor ihrem Vater ſchien mit Leonie's Lebenswurzel verwachſen zu ſein, ein heim⸗ licher Trotz gegen einen Druck, der ihr mehr willkürlich als berechtigt erſchien, miſchte ſich nach und nach ihrer Empfindung bei; ſie war verſchloſſen und ſtill in ſeiner 3 Gegenwart und ging ihm aus dem Wege, wenn ſie ihn kommen ſah. Er bemerkte es wohl, aber er rief ſie nie zurück. Er glaubte ſie zu kennen; viel⸗ leicht kannte er ſie auch, und doch— wir möchten 8 Hermine Wild. faſt ſagen, es wäre beſſer geweſen, er hätte ſie nicht ſo gut gekannt. Sie ſind zu ſtreng gegen Ihre Tochter, Herr Graf, ſagte der Pfarrer eines Tages zu ihMm. Finden Sie? frug der Graf in den Hof deutend, wo Leonie, in dem Kreiſe einiger jugendlichen Verehrer ſtehend, die ihr angeborne Anmuth in unbewußter Ko⸗ ketterie zum Zeitvertreib an ihnen übte. Kinderei! meinte der Pfarrer, die Achſeln zuckend. Die Zeit wird kommen, wo es keine Kinderei mehr ſein wird, verſetzte der Graf, was dann? Ich begreife Sie nicht. Jeder andre Vater hätte ſeine Freude an dem ſchönen Kinde, und Sie— Ja, ſie iſt ſchön, ſagte der Graf und eine Wolke zog über ſeine Stirn, ich wollte, ſie wäre es nicht. Der Pfarrer war erſtaunt, ſchwieg aber, da er zu 6 fühlen glaubte, dem Grafen ſei das Geſpräch unange⸗ nehm. Seine Verſtimmung hatte überhaupt ſeit einiger Zeit bedeutend zugenommen. Er war offenbar unruhig, ritt einigemal ſelbſt nach der nächſten Stadt und unter⸗ nahm endlich eine längere Reiſe, von der er erſt nach Wochen wiederkam. Ein gewiſſes Befremden erregte es vorher im Dorfe, daß er einen Hof, der in einiger Ent⸗ fernung vom Dorfe ziemlich vereinſamt am Saume des Waldes lag und dem Schloſſe eigen zugehörte, einem ſeiner Diener in Pacht gab, dem einzigen, der ihn aus der Fremde zurück begleitet, ſich durch ſein mürriſches, verſchloſſenes Weſen wenig Liebe erwarb und dazu, obgleich ein Deutſcher, doch fremd in der Ortſchaft war. Wie geſagt, die Leute verwunderten ſich über das Glück des Mannes, und die Gunſt, in welcher er bei dem Grafen ſtand, erwarb ihm manchen Neider. Das küm⸗ 6 merte aber den Thomas Werner nicht. In aller Ruhe ließ er ſeine neue Behauſung herrichten, wie man ſagte, mehr wie es ſich für ein Herrenhaus gezieme, als für einen Bauernhof. Möbel wurden aus der Stadt her⸗ beigeſchafft, die Fenſter der oberen Zimmer umhüllten —— * Cure Wege ſind nicht meine Wege. ſich mit Gardinen, und man wollte von Teppichen wiſ⸗ ſen, deren Farbenpracht alles im Dorfe Geſehene bei weitem überſtieg und ſich nur mit denen des Schloſſes vergleichen ließ. Daß der Thomas dieſe Vorbereitun⸗ gen nicht für ſich allein traf, verſteht ſich von ſelbſt; man munkelte allerhand von einer reichen Braut; als aber das Haus fix und fertig war und in all ſeinem Glanze daſtand, kam eines Tages die alte Mutter des Thomas, die keine Seele kannte, ebenfalls aus der Fremde herbei und quartierte ſich ganz ſtill bei ihrem Sohne ein. Von einer Braut war keine Spur, weder aus dem Dorfe, noch aus der Fremde; Thomas und ſeine Mutter lebten faſt ganz allein und hielten keinen Dienſtboten, als einen blöden Knecht. Der Graf ritt hinüber und nahm Alles ſelbſt in Augenſchein. Otto bat vergebens mitgehen zu dürfen, das Gerede der Leute hatte ihn neugierig gemacht, und Thomas' barſches Benehmen, als er einſt verſucht bei ihm vorzuſprechen, hatte den Grafenſohn arg verletzt und ſeine Neugierde dabei nur vermehrt. Allein ſein Vater war nicht nachgiebiger geſtimmt, als Thomas ſelbſt, und wies ihn mit ſeiner Bitte ſcharf zurück. Mißmuthig ſchlich er zu ſeiner Schweſter hinab in den Hof. Leonie ſaß auf einem Steine, ihre goldenen Haare leuchteten hell im blendenden Sonnenſchein, die zierlichen Füßchen berührten kaum die Erde; ſie ſah mit den ſchwarzen Augen grade vor ſich hinaus in die Weite und lächelte ſeltſam bei ihres Bruders Mittheilung. Du biſt ein Narr! ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe, und weiter ſagte ſie nichts. Und doch wußte Leonie beſſer als irgend jemand, woran ſie war. Auch ſie war neugierig geweſen, lange bevor noch irgend jemand es war.„Und die Hauptſache iſt, daß die Kinder ſie nicht ſehen, und niemand erfahre, wer ſie iſt,“ hatte ſie ihren Vater zu Thomas ſagen hören. Leonie hatte beſonders ſcharfe Sinne, und das Gehör ſtand den andern keineswegs nach. Wer war es, den ſie nicht 10 Hermine Wild. ſehen ſollte? deſſen Daſein der Vater ſo ängſtlich zu verheimlichen befahl? Leonie's kindiſche Neugierde klammerte ſich an dem Gedanken feſt und ließ ihn nicht mehr los. Daß Thomas den Waldhof erhielt, daß er ſo viele unerklärliche Vorbereitungen traf, geſchah nicht ohne Grund, das ſah auch ſie wohl ein; Alle frugen, ſie allein war ſtill, aber ihr lärmendes Gefolge trieb ſich plötzlich öfter ohne ſie herum, und ſie hatte un⸗ gemein viel um die neue Behauſung des Thomas zu thun. Da ſaß ſie denn eines Nachmittags im Grünen, von der dichten Hecke verſteckt; im Garten arbeitete Thomas, und ſeine Mutter half ihm dabei. Und ſie kommt alſo wirklich morgen ſchon? frug plötzlich die zitternde Stimme der alten Frau. Leonie's Ohren öffneten ſich weit in horchender Erwartung. Ja, verſetzte Thomas kurz, in ſeiner Arbeit fort⸗ fahrend. Es iſt doch hart, fuhr die Mutter fort; was mag ſie nur gethan haben? Was geht's Euch an? fuhr der Thomas auf, wir werden gezahlt ſie zu bewachen, wir bewachen ſie— vamit iſt's aus für uns!— Aber man möchte doch wiſſen, was dahinter ſteckt. Wenn ſich die Polizei nur nicht drein miſcht! Wenn ich in meinen alten Tagen noch in eine ſolche Geſchichte käme, es wäre ſchrecklich. Der Graf wird wiſſen, was er thut, ſagte Thomas mürriſch; morgen Abend kommt ſie an, Alles iſt fertig, und das Uebrige kümmert uns nicht. Damit war das Geſpräch zu Ende. Leonie horchte. noch immer. Nachdenkend ging ſie nach Hauſe und* war den ganzen Abend merkwürdig ſtill. Einige Tage darauf erzählte man im Dorfe, beim Thomas wohne eine ſchöne, noch junge, fremd aus⸗. ſehende Frau; man hatte ſie in ſeinem Garten auf und 1 ab gehen ſehen, während ſeine Mutter unter der Hausthüre ſaß und ſtrickte. Als gefragt wurde, wer —— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 11 fie ſei, gab er ſie für eine entfernte ausländiſche Ver⸗ wandte aus, deren Verſtand zerrüttet ſei, und die er aus Erbarmen bei ſich behalte. Die Leute ſchüttelten die Köpfe dazu, die ſtolze, edle Erſcheinung war ſelbſt in ihren Bauernkleidern von Thomas und ſeiner Um⸗ gebung himmelweit verſchieden; man ſprach und ſprach, die Sache fing an Lärm zu machen, die Polizei wurde wirklich aufmerkſam, Thomas wurde nach der Stadt berufen, er kehrte zurück, und Alles blieb wie es war. Der Graf, hieß es, habe ſich ſeines langjährigen Dieners angenommen und ihn von jeder Unannehmlichkeit durch ſein Fürwort frei gemacht. Die Folge davon war, daß man aufing, den Grafen mit der Fremden in Ver⸗ bindung zu bringen. Natürlich hörten die Kinder des Dorfes Manches von dem, was die Eltern ſprachen, und legten es ſich auf ihre Weiſe zurecht; Leonie machte ein gar kluges Geſicht zu ihren Bemerkungen, aber ſie ſchwieg wie das Grab. Und doch war ſie dabei ge⸗ weſen, als die Fremde ankam, die damals keine Bauern⸗ kleider trug. Hinter einem Buſche verſteckt, furchtſam in ſich zuſammengekauert, hatte Leonie geſehen, wie Thomas ſie aus dem Wagen hob und gleich danach ihr Vater zur Erde ſprang. Leonie erſchrak heftig, ihn ſo nahe, nur ein paar Schritte entfernt, vor ſich zu ſehen. Was würde er thun, wenn er ſie hier entdeckte? Sie kauerte ſich noch mehr zuſammen und hielt den Athem an. Ahnungslos gingen die Drei an ihr vorbei, und hinter ihnen erhob ſich Leonie. Sollte ſie fliehen? Nein, das litt ihre Neugierde nicht. Geräuſchlos wie ein Schatten ſchlich ſie näher zum Hauſe hinan. Wein⸗ ranken umzogen es bis zum Dache. Wie eine Katze kletterte ſie an dieſen empor, und hätte der Graf einen Augenblick nach ſeinem Eintritt das Auge dem Fenſter zugewendet, das die Hauptſtube des Hofes erhellte, ſo hätte er ein bleiches Kindergeſicht an die kleinen, alt⸗ modiſchen Scheiben gedrückt geſehen. Aber daran dachte er nicht; ſeine Gedanken waren ganz anders beſchäftigt, 12 Hermine Wild. und doch wäre es gut geweſen, hätte er es geſehen; denn wenn ſie auch die Worte nicht vernahm, der Auf⸗ tritt, der drinnen vorging, war in ſeiner düſtern Färbung gewiß nicht für ein Kinderauge gemacht. Die Fremde war in des Hauſes unterer Stube, ſichtbar erſchöpft, auf einen Seſſel geſunken. Thomas blieb an der Thüre ſtehen, der Graf maß mit lang⸗ ſamen Schritten und gebeugtem Haupte das Zimmer auf und ab. Endlich trat er mit einer raſchen Wen⸗ dung vor die Fremde hin und ſchlug mit einer ent⸗ ſchloſſenen Bewegung ihren Schleier zurück. Sie zuckte ſichtbar zuſammen, dann erhob ſie die bleiche Stirn und ſtarrte ihn aus dem abgemagerten Geſicht mit ein paar dunklen, großen, unnatürlich glänzenden Augen an, welche das einzige Lebendige zu ſein ſchienen an der ganzen Geſtalt, ſo regungslos ſaß ſie da. Des Grafen Augen hafteten feſt auf den ihrigen, aber es war kein Blick der Liebe, und die Worte, welche dieſem Blicke folgten, waren böſe Worte. Der Graf war der erſte, der das Schweigen brach. Du weißt, weßhalb du hier biſt? ſagte er in fran⸗ zöſiſcher Sprache. Die bleiche Frau wurde wo möglich noch bläſſer, und ihr unruhiger Blick ſuchte ſcheu im Zimmer umher; doch bald faßte ſie ſich wieder. Ihr wollt mich tödten, antwortete ſie in derſelben Sprache; thut es! und ein leiſer Schauer durchrieſelte ihren Körper. Immer Dieſelbe! ſagte der Graf verdroſſen; er wandte ſich ab und nahm ſeinen Gang durch das Zimmer wieder auf. Ihre Augen folgten ihm anfangs mit fieberhafter Anſpannung, dann lehnte ſie den Kopf zurück, ſenkte die Augenlieder, und es war, als ſchliefe ſie Nur wer ihr ſehr nahe war, hörte das raſche, be⸗ klommene Athemholen ihrer Bruſt. Endlich blieb der Graf wieder ſtehen, und ſie ſah von neuem auf. Du ſollſt hier bleiben, ſagte er, für deine Bequem⸗ Cure Wege ſind nicht meine Wege. 13 lichkeit iſt geſorgt, ſo viel es ſich thun ließ; nur die Kleider ſollſt du wechſeln, denn du giltſt für eine Verwandte meines Pächters, und Niemand darf ahnen, daß dem nicht ſo iſt. Die feinen, zitternden Hände ſchloſſen ſich krampf⸗ haft in einander, und zum erſten Mal zeigte ſich ein Ausdruck des Entſetzens auf ihrem Geſicht. Laßt mich ziehen, ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, was habt Ihr hier von mir, wenn Ihr mich nicht tödten wollt? Ziehen? und wohin? frug der Graf. Wo mich Niemand kennt, wohin mein Name nie enen iſt, von wo Ihr nie mehr von mir hören ſollt. Nein, verſetzte er düſter, die Zukunft meiner Kinder darf nicht der Laune des Zufalls anheimgeſtellt ſein. Ich werde ſchweigen! Er ſchüttelte nur heftig den Kopf. So züchtiget mich, wenn ich rede; Ihr habt ja die Mittel dazu! verſetzte ſie bitter. Gott behüte mich davor, ſie anwenden zu müſſen! rief der Graf mit erhobener Hand. Nein, ſetzte er kalt und feſt hinzu, es bleibt Alles wie bisher, und Nichts iſt verändert, als dein Wächter und dein Auf⸗ enthaltsort. Mit unausſprechlicher Angſt wandten die Augen der Fremden ſich vom Grafen auf Thomas, der regungs⸗ los an der Thüre ſtand; doch der Diener ſchien nichts gehört zu haben, und die Züge des Grafen blieben unbewegt. Sie ſtöhnte laut auf und barg das bleiche Geſicht in die Hände. Alles war ſtill, der Graf ging wieder auf und ab, endlich, nach einer längeren Pauſe, fing er wieder an: Es ſoll dir nichts abgehen, ſprach er in beruhigen⸗ dem Tone, weiter kam er nicht. Es war, als habe eine Schlange ſie geſtochen, mit ſolcher Heftigkeit warf die Fremde den gebeugten Kopf in die Höhe. Da war 14 Hermine Wild. keine Spur mehr von Angſt und Verzweiflung; ein wilder, wüthender Trotz hatte jeden andern Ausdruck verdrängt. Ihre Lippen bebten, ihre ſchwarzen Haare wallten unordentlich um das bleiche, noch immer ſchöne Geſicht, und aus den ſchwarzen Augen blitzte ein ſtechen⸗ des Feuer, vor dem der Graf unwillkürlich erblaßte und einen Schritt zurückwich. Es ſoll mir nichts abgehen! wiederholte ſie in höhnendem Tone. Was giebt es denn, das mir nicht abginge? Daß Ihr mich den Athem des Lebens ſchöpfen laſſet, iſt das die große Gnade, die Ihr mir gewährt, für mein Glück, für meine Jugend, die Ihr mir genommen, für jeden Schatz des Lebens, den Ihr mir geraubt! Sie ballte leidenſchaftlich die Hände und hob ſie mit einem irren Lachen. So ſaget doch, Ihr verſteht Euch ja darauf, ſaget mir, was es noch giebt, das Ihr mir nicht erbarmungslos zertreten habt. Hättet Ihr mich getödtet, es hätte Euch nicht die halbe Freude gemacht. Ueber des Grafen Augen ſchien bei dieſen Worten eine Wolke zu ziehen. Mit einem furchtbaren Laute des Zornes trat er auf ſie zu, faßte ſie heftig am Arme und drückte ſie auf den Stuhl, von dem ſie ſich in ihrer Aufregung halb erhoben. Zitternd vor Erſchö⸗ pfung ſank ſie darauf zurück, aber mit ungebrochenem Trotze blickte ſie noch immer zu ihm auf. Seine Bruſt hob ſich ſchwer, es rollte darin ein tiefes Ungewitter, doch brach es nicht ſogleich los, und ohne daß er es wußte, drückten ſeine Finger dunkle Flecke in den weißen, weichen Arm, den er gefaßt. Warum ich dich nicht getödtet? ſagte er endlich leiſe, aber mit der zermal⸗ menden Kraft, welche allein der höchſte Zorn gewährt; mahne mich nicht daran! ich habe Blut genug geſehen. Unſelige! was haſt du aus mir gemacht!— Sie wandte erbebend das Geſicht von ihm ab; die Beſinnung kam ihm wieder und er ließ ſie los. Was nützen Worte? fuhr er dann nach einer Weile, dumpf aber ruhig, fort. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 15⁵ Vorwürfe machen das Geſchehene nicht ungeſchehen, und wir müſſen tragen, was nicht zu ändern iſt.— Er ſchwieg, dann begann er wieder mit lauter, feſter Stimme: Nein, Nichts läßt ſich ändern;— was zu mil⸗ dern war, habe ich gemildert; martern will ich dich nicht, aber ſchwören mußt du mir— Glauben Sie noch an Schwüre, Herr Graf? frug ſie, den Kopf erhebend, doch ohne ihn anzuſehen. An meine Schwüre? ſetzte ſie höhniſch hinzu. Auch gut, erwiderte er, deine Unkenntniß der Sprache bürgt mir für deine Unſchädlichkeit, und allem Uebrigen werde ich vorzubeugen wiſſen. Er trat zur Thüre, die er öffnete, und Thomas' Mutter, welche draußen gewartet hatte, trat jetzt herein. Sorget für ſie, ſagte er ihr in deutſcher Sprache, auf die Fremde weiſend; dann blickte er noch einmal um: Gott behüte dich! ſagte er wieder auf franzöſiſch. Sie hatte das Geſicht in die Hände gelegt und rührte ſich nicht. Er verließ das Gemach und trat in den Garten hinaus. In tiefen Gedanken blieb er hier ſtehen, die Hand an die Stirne gelegt. Es wird ſchwer ſein, ſie zu bändi⸗ gen ſagte er endlich vor ſich hin, als glaube er ſich altein. Sie iſt krank, verſetzte Thomas, der ihm gefolgt war, ſehr krank, die paar Jahre haben ſchrecklich an ihr gezehrt. Nichts konnte mir ungelegener kommen, als dieſe Verheirathung des Arztes; und ſie einem Andern an⸗ vertrauen— nein, das ging auch nicht an!— Er ſchwieg und verſank von Neuem in Gedanken. Wer weiß, wie bald die letzte Löſung kommt, ſagte Thomas halb zögernd. Der Graf antwortete nicht. Ihr kennt meinen Willen! ſagte er dann, ſich gegen ſeinen Diener wendend. Sie kennen mich ja, gnädiger Herr. Der Graf nickte, reichte ihm die Hand, und ohne weitere Worte ſchieden ſie. 16 Hermine Wild. Im Schloſſe angekommen, lief Otto allein dem zurückkehrenden Vater entgegen. Wo iſt Leonie? ſagte dieſer, ſich nach ihr umſehend, und jetzt erſt wurde das kleine Mädchen vermißt. Man rief und ſuchte, und die ganze Dienerſchaft gerieth in Aufregung. Der Graf runzelte die Stirne und ging mit verſchränkten Armen ungeduldig im Hofe auf und ab. Das Fräulein iſt gern im Pfarrhauſe, vielleicht behielt die Pfarrerin ſie über Nacht, ſagte der Verwalter zu ihm. Man ſoll hingehen und ſie zurückbringen, wenn ſie dort iſt, befahl der Graf. Da kam der Pfarrer ſelbſt daher, um ſeinen Gutsherrn bei der Rücktehr zu begrüßen. Das Kind ſei nicht bei ihm, verſicherte er. Alle ſahen ſich beſtürzt an. Sie ſtreift gerne herum, meinte der Pfarrer be- ſorgt, ſie hat ſich wohl gar verirrt. So miüſſen wir ſie ſuchen! rief der Graf und ſchritt ſelbſt nach dem Stalle, aus welchem ſchon ſein Pferd vorgeführt ward. Alles lief hin und her, Otto wollte mit, und der Pfarrer hielt ihn nur mit Mühe zurück. In dieſer Unruhe trat plötzlich Leonie, erhitzt und athemlos, unter das Thor des Hofes. Sie erblaßte, als ſie in dem Gewühle ihren Vater hoch zu Pferde ſah. Sie hatte gehofft, vor ihm nach Hauſe zu kom⸗ men, aber in der Eile und der Dunkelheit einen Pfad mit dem andern verwechſelt. Der Graf ſprang vom Pferde und trat zu ihr: Wo warſt du? ſagte er, ſeine Hand feſt auf ihre Schultern legend. Sie ſah mit den unergründlichen Augen zu ihm auf: Ich war ſpazieren, antwortete ſie mit zitternder Stimme, die jedoch feſter wurde in dem Maße, als ſie ihre Faſſung wieder gewann; ich war ſpazieren im Felde und verlor den rechten Weg. In des Grafen Bruſt ſtieg in dieſem Augenblicke eine Wallung gegen das Kind auf, als könne er es zerdrücken; er fühlte, daß ſeine Hand ſchwerer wurde auf ihrer Schulter, und er zog ſie unwillkürlich zurück. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 6 Solche Irrfahrten kannſt du ein andermal unter⸗ laſſen, ſagte er kalt und wandte ſich ab. Wie ein Pfeil ſchoß ſie von ihm fort und athmete erſt in ihrem Zimmer wieder frei auf. Was weiter geſchah, haben wir ſchon erzählt. Des Dorfes Neugierde wurde rege, und Otto blieb natürlich nicht frei. Als alle ſeine Fragen von Thomas nichts herausbrachten, als einige Grobheiten, die dem Grafen⸗ ſohn ſchwer zu verdauen waren, wandte er ſich endlich um Erklärung an ſeinen Vater ſelbſt. Wer iſt die fremde Frau, die bei dem Thomas wohnt? frug er ihn eines Tages mit der ihm eigenen Offenheit, die einen der beſten Züge in ſeinem guten, liebenswürdigen Charakter bildete. Kümmre dich nicht um fremder Leute Angelegen⸗ heiten, war des Grafen barſche Antwort. Allein Otto war des Vaters Liebling und hatte allen Muth eines ſolchen. Die Leute ſagen aber, daß du ſie kennſt, Papa, fuhr er unerſchrocken fort. Diesmal erblaßte der Graf und wandte ſich ſo jählings gegen den Knaben, daß dieſer zuſammenfuhr. Hörſt du noch nicht mit dieſer Dummheit auf? rief er zornig.— Und höre, fuhr er fort, indem er ſich bezwang, der Thomas beklagt ſich, daß du ſein Haus umlagerſt wie ein Dieb und ihm beſtändig auf dem Halſe liegſt; wenn mir noch etwas dergleichen zu Ohren kommt, ſo werde ich mich erinnern, wo unſer Pertght die Ruthe hat wachſen laſſen,— das merke dir!— Er verließ das Zimmer, und Otto's Stirne zog ſich trotzig zuſammen; des Thomas Angeberei lenkte indeſſen ſeine Gedanken von des Vaters unerklärlicher Heftigkeit ab. Der Thomas iſt ein gemeiner Kerl, ſagte er ärger⸗ lich, in meinem Leben ſchaue ich ihn nicht mehr anu. Leonie hatte ſcheinbar unbekümmert dem Anſtritt Novellenſchatz. Bd. XXII. 18 Hermine Wild. beigewohnt; auch jetzt ſagte ſie nichts, aber in ihrem Herzen wühlte es und ließ ihr keine Ruhe. Was war es denn, was der Vater, zu dem ſie ſtets nur mit tie⸗ fer Scheu, wie zu einem höheren Weſen, unfehlbar in ſeiner unerbittlichen Strenge, aufgeblickt, was war es, das er ſo ſorgfältig,— ja in dem Grunde ihrer Ge⸗ danken lag das Wort unausgeſprochen: wie ein Ver⸗ brechen— verbarg? Ich muß doch dahinter kommen, ſagte ſie ſinnend. Aber es war ſchwerer, als ſie geglaubt. Eines Tages war ſie mit Otto im Walde. Wir müſſen heim, ſagte er, es wird ſpät— O, wir können den kürzeren Weg nehmen, meinte Leonie. Dann müſſ thue ich nicht. Der Thomas iſt aber nicht zu Hauſe; ich hörte geſtern wie die Leute ſagten, er gehe heute nach der Stadt. Das iſt mir einerlei, war Otto's veſolute Antwort. So gehe ich allein, verſetzte Leonie ſchnippiſch. Du weißt, der Vater hat's verboten, und ich ſag's ihm, wenn du gehſt Mir hat er's nicht verboten, erwiderte Leonie in gereiztem Tone. Aber du weißt, er mag mich nicht, und da freuſt du dich, wenn du mir einen Verdruß machen kannſt. Damit war nun freilich Otto geſchlagen. Sein gutes Herz litt unter der größeren Liebe des Vaters, die er als eine Ungerechtigkeit gegen die Schweſter empfand; aber ſein Nachgeben zeigte ſich nicht auf eine freundliche Art. Du biſt eine rechte Katze, ſagte er ärgerlich und ſah ſie zornig an. Meinetwegen! thue was du willſt.— aber mit dir gehe ich nicht, und wenn's der Vater erfährt, ſo iſt's meine Schuld nicht, wenn er dir ein Wetter macht. en wir beim Thomas vorbei, und das — — Eure Wege ſind nicht meine Wege⸗ 19 Ich will nur den kürzeren Weg gehen, um ſchnel⸗ ler daheim zu ſein, und das iſt nichts Böſes, verſetzte ſie ſtill. Er entfernte ſich langſam; bevor er verſchwand, drehte er ſich noch einmal um. Kommſt du? rief er ihr zu. Sie hatte ſich niedergeſetzt. Nein, ſagte ſie, und er ging fort. Als er zwiſchen den Bäumen verſchwunden war, ſtand ſie auf, horchte ein wenig und ſchritt dann leicht⸗ füßig und froh den Weg dahin, der zum Waldhof führte; dort angekommen, ging ſie langſamer; ſie ſah um ſich; es war um die Mittagszeit und kein Menſch war auf dem Felde zu ſehen. Sie näherte ſich der Hecke des Gartens und blickte hindurch. Auch hier war Alles verlaſſen, die Fenſter geſchloſſen, die oberen mit weißen Vorhängen umhängt. Ihr Herz klopfte ein wenig; ſie dachte, die fremde Frau könne plötzlich her⸗ vortreten und wirklich eine Wahnſinnige ſein Sie dachte an Thomas, an deſſen Mutter, die ſie ſehen konnte, an ihren eigenen Vater, an ſeinen Zorn, den ſie mehr als Alles fürchtete, und ſie war nahe daran, die Rück⸗ kehr nach Hauſe in Wahrheit anzutreten, aber die Neu⸗ gier überwand doch jede Furcht. Ich will nur ein wenig ausruhen, ſagte ſie und ſetzte ſich. Sie war er⸗ müdet, die Sonne brannte, ſie neigte den Kopf zurück, und bevor ſie ſich's verſah, war ſie eingeſchlafen. Ein leiſes Geräuſch weckte ſie. Sie ſchlug die ſchweren Augen auf; durch die mühſam zurückgebogenen Zweige der Hecke ſchimmerte ein bleiches, eingefallenes Geſicht, aus dem zwei dunkle, weitgeöffnete Augen mit einem faſt irren Blick unverwandt auf das zarte, kleine Weſen ſahen. Es war die Fremde Leonie ſprang auf. Ihre erſte Empfindung war ein überwältigendes Entſetzen, ihre erſte Bewegung war eine Bewegung zur Flucht. Aber raſch wie ein Gedanke fuhr eine weiße, durch⸗ ſichtige Hand, ſich blutig ritzend, durch die Dor⸗ 2* 20 Hermine Wild. nen der Hecke und hielt das erſchreckte Kind am Kleide feſt. Bleibe! ſagte eine ſüße, leiſe Stimme in der ſanf⸗ ten Sprache, die ſie ſo lange nicht mehr gehört, und die wie ein halbvergeſſener Traum nur noch in ſeltenen Nachklängen durch ihre Seele zitterte— Wieder ſiegte die Neugierde, ſie blieb ſtehen und wandte ſich der Fremden zu. Wer biſt du? Wie heißeſt du? frug dieſe jetzt, und ihre zweite Hand, ebenfalls durch die Dornen ge⸗ ſtreckt, erfaßte mit zitternder Haſt des Mädchens kleine, halb widerſtrebende Hand. Ich heiße Leonie und bin des Grafen Tochter, dem das Gut gehört. O komm näher! Laß dich anſchauen! bat die Frau und zog ſie mit beiden Händen dichter an die Hecke heran. Mit durſtigen Augen hing ſie an dem feinen, in wechſelnder Bewegung erröthenden und erbleichenden Geſichtchen feſt. Kein Zug, murmelte ſie halblaut, kein einziger Zug! Ein düſterer Ausdruck wie Schmerz und Trauer, aber ohne Weichheit, zog über ihr Geſicht und überdeckte es mit einer noch tieferen Bläſſe. Wo iſt dein Bruder? frug ſie plötzlich, wie ſich beſinnend. Eer wollte nicht kommen, der Vater hat's verbo⸗ ten, ſagte Leonie. Und da kommt er auch nicht? Vein, er fürchtet ſich. O er iſt ſeines Vaters rechtes Kind! ſagte die Frau mit einer Bitterkeit, die nicht ohne Verachtung war. Sie ſchwieg eine Weile. Hat er dir's auch ver⸗ boten? frug ſie dann. Die Röthe der Scham ſchlug unwillkürlich auf in Leonie's Geſicht. Ich habe nicht gefragt, ſagte ſie zögernd und erwapteke faſt einen Verweis. ie Frau betrachtete ſie aufmerkſam einen Augen⸗ blick. Liebſt du deinen Vater? frug ſie dann. Leonie ſtockte— darüber hatte ſie noch nicht nach⸗ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 2½ gedacht. Sie ſchlug die Augen zu Boden und blieb die Antwort ſchuldig. Die Fremde zog ſie immer näher an ſich heran; mit ihren mageren, heißen Händen ſtreichelte ſie die glühende Wange des Mädchens und ſtrich ihr das glän⸗ zende, goldrothe Haar aus der weißen, feuchten Stirne Wie ſchön du biſt! flüſterte ſie wie in einem irren Traume, wie deine Augen glänzen! Auch ich war einſt ſchön— man ſieht jetzt nichts mehr davon.— Was iſt Schönheit ohne Klugheit? O werde klug, und dann gehört dir die Welt! Wer ſind Sie? frug Leonie, ſie erſtaunt anblickend. Mit einem ſchmerzlichen Stöhnen, das einem unter⸗ drückten Schrei glich, beugte die Fremde den Kopf. Frage mich nicht, rief ſie dann, ſie tödten mich, wenn ich dir es ſage, und ich will nicht ſterben, nun ich dich geſehen. O ſie haben mir das Leben furchtbar aus⸗ geſogen! Er— hüte dich vor Ihm— hörſt du?— Er kennt kein Erbarmen!— Aber du wirſt mich rächen! O ſiehſt du— die Rache bleibt noch, und wenn uns Alles genommen iſt!— Leonie verſtand ſie nicht recht; ſie dachte, ein großes Uebel müſſe der Frau widerfahren ſein von Jemand, vielleicht von ihrem Vater— der war ja immer ſo ſtreng! Die Rührung nahm aber bei ihr ſelten über⸗ hand, und ſo erregte das wilde Klagen der Unbekannten mehr ihre Neugierde, als daß es zu ihrem Herzen ſprach. Sie blickte ihr erſtaunt und aufmerkſam in das bleiche Geſicht, ſie getraute ſich nicht, zu fragen, wen ſie durch Er bezeichnen wollte, darum nicht, weil ſie es ahnte, und ſo blieb ſie ganz ſtill. Wirſt du wiederkommen? frug die Fremde jetzt. Ich— ich weiß nicht, ſagte Leonie, Thomas darf nicht wiſſen, daß ich da war. In dieſem Augenblicke wurde die Thüre des Hau⸗ ſes aufgeriſſen, und Thomas ſelbſt trat heraus. Er ſchritt raſch auf ſeine Gefangene zu, und bevor dieſe 22 Hermine Wild. ſich von ihrem Schrecken erholt, ſtand er ſchon neben ihr. Er blickte über die Hecke, und als er das zit⸗ ternde Mädchen auf der anderen Seite ſtehen ſah, zug ſich ſeine Stirne in wunderbar krauſe Runzeln zuſam⸗ men; doch er nahm die Mütze ab, und ſeine Rede war höflich, wenn auch feſt. Gnädiges Fräulein, ſagte er, es ſchickt ſich nicht, ſo heimlich herzukommen wider den Willen Ihres Vaters und mit Leuten zu reden, die ihren Verſtand nicht bei ſich haben, und in deren Nähe man keinen Augenblick ſicher iſt. Ich ging vorüber, da rief ſie mich an, ſagte Leonie, in deren Leben die Großmuth nur dann eine Rolle ſpielte, wenn ſie deren von Anderen bedurfte. Sie wandte ſich ab und ging. Den ganzen Tag ſtand ſie in der Erwartung eines ſtrengen Verweiſes von ihrem Vater; ſie ſtudirte ſein Geſicht; aber es war nicht anders als ſonſt. Am folgenden Morgen erhielt ſie den Befehl, mit der Pfarrerin, welche dort eine Schweſter beſuchen wollte, nach der Stadt zu fahren. Leonie's Augen öffneten ſich weit; das Vergnügen, das ihr ge⸗ boten ward, kam ihr weniger gelegen, als es ſonſt der Fall geweſen wäre. Sie dachte an die Fremde und ſaß lange ſchweigend in dem Wagen neben der eben⸗ falls ſchweigenden Pfarrerin. Plötzlich. fuhr ſie aus ihrer Träumerei auf. Was iſt Klugheit? fragte ſie die Pfarrerin. Dieſer war die Unterbrechung nicht gerade ange⸗ nehm. Sie hatte in der Stadt ſehr viel vor, theils im Auftrage des Grafen, theils für ſich ſelbſt, und in Gedanken ging ſie eben die Mittel und Wege durch, ſich ihrer verſchiedenen Verpflichtungen zu fremder und eigener Zufriedenheit zu entledigen. Sie antwortete⸗ daher ſo kurz ſie konnte, was ſie einmal von ihrem Manne gehört: Klugheit iſt immer das Rechte zu thun zur rechten Zeit. Leonie dachte ein wenig nach. So jung ſie war, wußte ſie doch manchen Fall, wo das Rechte thun 2—————————— Gure Wege find nicht meine Wege. 23 dem Thäter übel bekommen war; aber dann lag es vielleicht daran, weil er die rechte Zeit nicht ab⸗ gewartet. Wann iſt die rechte Zeit, das Rechte zu thun? fuhr ſie fort. Immer— ſagte die Pfarrerin. Das Mädchen ſchüttelte den Kopf. Wenn wir aber Verdruß davon haben, das Rechte zu thun? Man muß es dennoch thun. Aber warum? Weil Gott es befohlen hat. Aber warum hat er es befohlen? Weil es ſo recht iſt. Aber warum iſt es recht? fuhr Leonie, die nicht aus dem Kreiſe heraus kam, zu fragen fort. Weil Gott es befohlen hat, iſt es recht. Aber er hätte auch das Gegentheil befehlen können, war des Mädchens kecker Schluß. Kind, rede nicht ſo gottlos, ſagte die fromme Frau, die an dem Ende ihrer theologiſchen Weisheit ange⸗ langt war und in ihre früheren Gedanken verſank. Aber in Leonie's regem Geiſt blieb die ungelöſ'te Frage und beſchäftigte ſie, bis ſie an dem Orte ihrer Beſtim⸗ mung aus dem Wagen ſtieg. Dier indeſſen ſchwanden die letzten Eindrücke ſehr bald vor den Ueberraſchungen, die ſie erwarteten, und die für Leonie den vollen Reiz der Neuheit beſäßen. Die Frau Pfarrerin hatte Auftrag bekommen, dem kleinen Fräulein eine ſtandesmäßige Toilette zu ver⸗ ſchaffen, und die etwas rohen Stoffe, die bis jetzt ihre Gaderobe ausgemacht, wurden durch die feinen und glänzenden Gewebe erſetzt, mit welchen der Lurus ſeine Auserkorenen bedeckt. Niedliche kleine Schuhe umſchloſſen die zierlichen Füßchen, durch welche zwar das Herum⸗ ſteigen in Feld und Wald, wie es ihnen bis jetzt eigen geweſen, ſo ziemlich zur Unmöglichkeit gemacht wurde, die aber Leonie's eitles Mädchenherz ſchnell genug 24 Hermine Wilb. durch ihre Zierlichkeit zu verſöhnen verſprachen. Auch hatte die Frau Pfarrerin Erlaubniß, Leonie einige Mal in's Theater zu führen, und ſo flogen die Paar Wochen, die der bezaubernde Aufenthalt dauerte, wie ein ſeliger Traum dahin. Die Ueberraſchungen, die ſie bei der Rückkehr auf dem Schloſſe erwarteten, waren indeſſen weniger ange⸗ nehmer Art. Leonie erſtaunte nicht wenig, als ihr in dem Salon, zu dem ſie hinaufging, ihren Vater zu be⸗ grüßen, eine ältliche Dame entgegentrat, die ihr der Graf als ihre Gouvernante vorſteilte, und welcher er die volle Macht einer Mutter auf das erſchrockene Mädchen übertrug. Als ſie ſich nach Otto erkundigte, erfuhr ſie, er ſei fort, auf die Schule geſchickt, und erſt nach Monaten werde ſie ihn wiederſehen. Auch eine Kammerfrau war angenommen worden, deren beſondere Aufgabe es war, das Fräulein auf ihren Spazier⸗ gängen zu begleiten; wenn Fräulein Pertold einmal daran verhindert wurde und Leonie glaubte, ja einmal den günſtigen Moment zu erhaſchen, um unbemerkt aus dem Schloſſe zu entwiſchen, ſo eilte ſtracks ein baum⸗ langer Bediente nach, welcher der kleinen Dame unter⸗ thänig Schirm und Ueberwurf trug. Und ſo ging denn Leonie in ihren koſtbaren Kleidern und eleganten Schuhen allem Zwang entgegen, der das gewöhnliche Erbtheil der Kinder der pribilegirten Kaſte iſt, und der für Leonie, nach der Freiheit, die ſie bis dahin genoſſen, nur eine erhöhte Marter war. Sie wußte jedoch, daß ihres Vaters Wille unwider⸗ ruflich ſei; ihr Widerſtand, wenn ſie einen wagte, durfte nur ein verborgener ſein, und ſo fügte ſie ſich mit ſcheinbarer Gelaſſenheit in ihr verändertes Geſchick und rächte ſich ſo gut ſie konnte für die beſtändige unleidliche Aufſicht durch ein unruhiges, ſtill⸗trotziges Weſen, bei dem ihre Studien nur wenig Fortſchritte machten. Fräulein Thereſe Pertold war indeſſen keine ge⸗ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 25 wöhnliche Gouvernante, und die Perſonen, die ſie dem Grafen empfohlen, hatten Grund zu der Empfehlung gehabt. Sie verſtund ihr Fach und hatte nicht nur Gelegenheit gehabt, Charaktere zu ſtudiren, ſie hatte ſie wirklich ſtudirt, und was nicht immer damit verbunden iſt, ſie verſtand es auch, aus dieſen Studien Nutzen zu ziehen, und wenn ſie dabei im Grunde mehr an ſich, als an ihre Zöglinge dachte, wer wird es ihr ver⸗ argen? Sie wurde ja nicht für die Liebe, ſondern für den Unterricht bezahlt. Sie hatte denn ſehr bald herausgebracht, mit welcher Geiſtesrichtung ſie es hier zu thun hatte. Sie ſind ein adeliges Fräulein, ſagte ſie daher eines Tages zu Leonie, die ſich eben einer beſonderen Unliebenswürdigkeit befliß. Sie ſind ein adeliges Fräulein und gehören einer alten berühmten Familie an; auch werden Sie reich ſein, wie es ſich zu Ihrem Stande ſchickt. Was iſt aber das Alles, wenn Sie nicht auch durch Ihre Manieren ſich von dem gewöhnlichen Menſchentroß unterſcheiden? Manieren und Kenntniſſe, die den Geiſt entwickeln, und die man lernen muß, mit Klugheit zu benützen, das iſt die ein⸗ zige wahre Auszeichnung, in der unſere Macht ge⸗ ſichert iſt. Es war das zweite Mal, daß Leonie die Klugheit rühmeu hörte, als Mittel zum Ziele Die Erklärung der Pfarrerin hatte ſie nicht vergeſſen und ſeitdem im Stillen manche Bemerkung darüber gemacht. Wenn Klugheit nichts Anderes war, als immer das Rechte zu khun, ſo haben wir geſehen, daß ihr die oft üblen Folgen nicht entgangen waren, und das ſchien ihr wenig beneidenswerth. Was iſt Klugheit? frug ſie jetzt wiederum. lugheit, erläuterte Fräulein Pertold, iſt die Kunſt, jeden Menſchen nach der ihm eigenen Weiſe zu behan⸗ deln und ihn auf dieſe Art nach unſerem Willen zu lenken. Dieſe von jener der Pfarrerin ſehr verſchiedene Erklärung leuchtete Leonie auch viel beſſer ein. * 26 Hermine Wild. Und kann man Klugheit lernen? fuhr ſie mit plötzlichem Intereſſe zu fragen fort. Zum Theil kann man ſie lernen, zum Theil muß ſie freilich eigene Begabung ſein; auch gehört ein großer Verſtand dazu, immer deutlich zu unterſcheiden, was man zu thun und zu laſſen hat. Aber anmuthige Ma⸗ nieren und ein feiner, gebildeter Geiſt erleichtern die Sache ſehr und ſichern uns überall ein Uebergewicht. Leonie war nachdenklich geworden und blickte in Gedanken hinaus. Ihr Vater kam ſo eben in den Hof hereingeſprengt.— Da iſt mein Vater, dachte ſie; wäre ich klug, ſo thäte er Alles, was ich will. Mit Otto und den anderen Knaben iſt es leicht genug; nur mit dem Vater iſt es ſchwer.— Sie ſtützte den Kopf in die Hand und ſah träumeriſch vor ſich nieder. Von nun an war es nicht mehr nöthig, Leonie zum Lernen anzuſpornen. Sie kam ſelbſt mit Büchern und Zeichenmappe; keine Arbeit war ihr zu ſchwer oder zu langwierig, und mit einer wunderbaren Begabung ausgeſtattet, überwand ſie leicht jede Schwierigkeit. Sie befliß ſich eines ernſten Ganges, und die früheren Ver⸗ traulichkeiten mit der Dorfjugend ſchienen bis auf die letzte Spur aus dem Gedächtniß des kleinen Fräuleins verwiſcht. Fräulein Pertold hatte ſich nicht getäuſcht und erntete überall bei den wenigen Nachbarn, die Zeuge von der Umwandlung ihres Zöglings waren, viel Lob und Ehre ein. Nur in dem Grafen ſelbſt brachten die glänzenden Forſchritte ſeines Töchterchens keine Aenderung hervor; er blieb ſtill und kalt wie immer und verfolgte die raſtloſe Thätigkeit des Mäd⸗ chens mit demſelben räthſelhaft forſchenden Blicke, mit dem er einſt den Spielen des Kindes zugeſehen. Von Thomas und ſeinem Hauſe, ſo wie von der fremden Frau war nicht mehr die Rede. Leonie war ſeit jenem Nachmittage nicht mehr hingekommen. Fräu⸗ lein Pertold wich nicht von ihrer Seite; aber ſeitdem blinder Gehorſam gegen ihren Vater eine Triebfeder —— Sure Wege ſind nicht meine Wege. 27 ihrer kleinen, ſchon ſo reifen Politik geworden war, ſchien der ganze Vorgang von ihr vergeſſen zu ſein. Schien, ſagen wir; denn wie ein ſchlummernder Keim lag er in ihrer Seele und wartete des Anſtoßes, der ihn zu neuem Leben wecken ſollte, und dieſer blieb nicht aus. Sechs Jahre waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, Leonie hatte das fünfzehnte Jahr erreicht, und die erſte Morgenröthe der Jungfräulichkeit übergoß ihre Stirne mit einem erhöhten Zauber. Sie ſaß am Klaviere, über deſſen Taſten unter Fräulein Pertold's Leitung ihre feinen Finger in glän⸗ zenden Trillern flogen. Von dem frühern Wildfang war nichts mehr an ihr zu ſehen. Ihre Kleidung war gewählt, ihre Haltung elegant und fein, und das goldige Haar ſchmiegte ſich in glänzender Fülle um das junge, geiſtvolle Haupt.. Um dieſelbe Stunde des Nachmittags ging es leb⸗ hafter als ſonſt in dem kleinen Hofe am Walde her. Die fremde Frau lag im Sterben. Seit ſechs Jahren hatte die Krankheit in ihrer Bruſt raſtloſe, wenn auch laugſame Fortſchritte gemacht, und eigentlich war es ein Wunder, daß ſie noch nicht geſtorben war. Aber mit eiſerner Willensfeſtigkeit klammerte ſie ſich an das fliehende Leben; es war, als erwarte ſie etwas, als könne ſie nicht ſterben, bevor es in Erfüllung gegangen, und Tag für Tag, unausgeſetzt, von ihrem Lehnſtuhle am Fenſter, überſahen die fieberhaften Augen die Wege und Pfade, die nach dem Hauſe führten. Allein was ſie erwartete, das zeigte ſich nicht. Leonie war in guter Aufſicht, und wenn ſie auch den kleinen Vorfall aus ihrer Kindheit keineswegs vergeſſen hatte, ſo war ſie doch biel zu ſehr auf ihr eigenes Wohl bedacht, viel zu ſehr von andern Wünſchen und Plänen erfüllt, um dem ausgeſprochenen Befehle ihres Paters, ohne beſondern Anſtoß, zu trotzen. Auch heute ſtand der Lehnſtuhl der Kranken neben *.—— 6— Hermine Wild. dem Fenſter, auch heute ſtarrten ihre Augen in heißer Sehnſucht in die herbſtgefärbte Landſchaft hinaus. Der Arzt war gekommen und fortgegangen. Dieſe Nacht werde wohl die letzte ſein, hatte er unten zu Thomas geſagt und eben ſchob dieſer die ſchweren Riegel hinter dem Fortgehenden zu. Da ſchlich ſeine Mutter ſacht aus dem Krankenzimmer zu ihm herab, um den letzten Ausſpruch des Arztes zu vernehmen. Oben bei der Sterbenden blieb nur ein halberwachſenes Kind, eine arme Waiſe, welche Thomas zu ſich genommen, um der Mutter in der Pflege der Kranken beizuſtehen. Es war ein eingeſchüchtertes, ſcheues Weſen, das in der unheimlichen Stille des Hauſes kaum eine Be⸗ wegung zu machen oder ein lautes Wort zu ſprechen wagte. Denn die alte Frau hatte die Gemüthlichkeit, die ſie zu Anfang mitgebracht, in ihrem Wächteramte längſt verloren, und Thomas war mürriſcher als je. Selbſt für ihn war es ein trauriges Schauſpiel, die gequälte, noch immer ſchöne Frau ſo Zoll für Zoll ab⸗ ſterben zu ſehen, und es iſt kein Wunder, wenn die Zeit ihm lange währte, bis ſie die letzte Erlöſung fand. An jenem Kinde nun hatte die Frau in aller Stille ſich eine Bundesgenoſſin gemacht. Wort für Wort, ohne daß Jemand darum wußte, hatte ſie von ihr ſo viel von der deutſchen Sprache gelernt, als ſie bedurfte, um ſich verſtändlich zu machen, um zu hören, was um ſie her geſprochen wurde, obgleich niemals eine Miene in ihrem Geſichte verrieth, daß ſie den Inhalt der Geſpräche verſtand. Geräuſchlos war die Thüre in das Schloß gefal⸗ len, und der ſchleppende Gang der alten Frau war auf der Treppe verhallt. Die Lampe brannte auf dem Tiſche; in der Ecke ſaß das Mädchen mit rothgeweinten Augen angſtvoll zuſammengedrückt und rührte ſich nicht. Da erhob ſich die Sterbende langſam aus ihrer liegen⸗ den Stellung, und mit einer gebieteriſchen Geberde winkte ſie die Kleine herbei. Cure Wege ſind nicht meine Wege. Jetzt geh!— jetzt iſt es Zeit! ſagte ſie. Das Mädchen fuhr zitternd in die Höhe. Hörſt du mich, Tine? rief die Kranke ungeduldig. Das arme Kind fank in die Knice: Ich kann nicht! hauchte ſie in furchtbarer Angſt— Ich darf nicht!— Mein Oheim jagt mich fort, wenn ich es thue!— Dann nimm den Fluch einer Sterbenden auf dich! — Weißt du denn nicht, daß du geſchworen haſt und ich habe Niemand zu ſchicken, als dich— und ich ſterbe— ich ſterbe!— Weh dir, wenn ich ſterben muß in dieſer Todesangſt, die mich nicht ſterben läßt!— Sie war aufgeſtanden und machte eine Bewegung auf das Mädchen zu. Doch dieſes war todtenbleich aufgeſprungen. Ich gehe, ſagte ſie, mag mein Oheim mit mir thun, was er will.— Und leiſe und eilig hatte ſie das Zimmer verlaſſen und ſchlich durch eine Hinterthüre zum Hauſe hinaus. Der Abend war unterdeſſen angebrochen, der trübe Herbſtabend, der ſich ohne Sternenlicht in ſeinem Nebel⸗ mantel feucht über die erſtarrende Erde legt. Leonie ſaß noch immer am Klavier in dem verdunkelten Zim⸗ mer; aber Fräulein Pertold hatte ſie verlaſſen, und in dieſer Stunde der Einſamkeit lag auf der jungen Stirn ein Ausdruck, der von dem ruhiger Heiterkeit, den ſie vorhin trug, ſehr verſchieden war. Es war der Aus⸗ druck tiefſter Langeweile und Abgeſpanntheit. Die zier⸗ lichen Hände glitten in nachläſſiger Trägheit über die Taſten und lockten Accorde daraus hervor, die ohne Ordnung und Verbindung, wie ſie ſchienen, die vft unterbrochene Begleitung für die unruhigen Gedanken des jungen Mädchens bildeten— O Gott! dachte ſie, wann wird das enden? Wie bin ich müde, müde, müde! — Otto liebt das Landleben— ja freilich— er iſt immer in der Stadt!— Wie glücklich ſind die Knaben! Sie können fort.— Was gäbe ich darum, ein Knabe zu ſein!— Trab— trab— ein Tag wie der andere ——— — 30 Hermine Wild. Das ewige Einsrlei bringt mich noch um. Der Vater und Fräulein Pertold— Fräulein Pertold und der Vater— die Pertold iſt langweilig— ſie ſagt, ich ſei ſchön— das weiß ich ohne ſie, aber was nützt es mir hier? Mit dem Vater kann ich einmal nichts machen — ich habe die Hoffnung aufgegebeu.— O dieſe ewige Verſtellung— und wozu? Er glaubt mir doch nicht! — Die Pertold ſchau' ich durch und durch, die hab' ich auswendig gelernt, ſie wartet auf eine Penſion.— H hätte ſie ſie doch und ließe mich in Ruhe!— Dann die Frau Paſtorin— die iſt gut wenigſtens— ich glaube auch, ſie hat mich lieb— das iſt aber Alles alt, und was geht's mich an?— Es iſt doch nicht, was ich will— und was ich will, das iſt nicht hier in dieſem alten Loche— von der Pertold kann ich nichts mehr lernen was ſie weiß, weiß ich jetzt auch— ſie ſagt, ich ſei eine ganze Dame. O Welt— wann öffneſt du dich mir? Hier ſanken die Hände wie erſchöpft von den Taſten herunter, und Leonie's Kopf ſenkte ſich auf das Klabier. Ju demſelben Augenblicke klopfte es an die Thüre. Leonie erhob ſich raſch, Langeweile und Ab⸗ ſpannung waren aus ihren Zügen verſchwunden, ein Lächeln ſpielte um den Mund. Herein! rief ſie; die Thüre öffnete ſich, und athemlos und weinend erſchien Tine auf der Schwelle. Des Fräuleins Geſicht überflog ein Ausdruck von Ueberraſchung und leichtem Mißvergnügen, aber Tine war zu aufgeregt, um es zu bemerken. ch, Fräulein, rief ſie haſtig und zog die Thüre vorſichtig hinter ſich zu, verrathen Sie mich nicht, um Gottes willen! Die wahnſinnige Frau bei meinem Onkel Thomas liegt im Sterben und will Sie durch⸗ aus ſehen. Ueber Leonie's bewegliche Züge flog ein neuer Wechſel, reine Verwunderung war das Erſte, dann blitzten ihre Augen auf und ihre erſte Bewegung war Eure Wege ſind nicht meine Wege. 31 ein Schritt nach der Thüre. Doch plötzlich hielt ſie inne und überlegte einen Augenblick. Freilich war ſie der Löſung des Räthſels nahe, die ſie einſt mit ſo leidenſchaftlicher Gier geſucht— aber würde ihr Vater nicht erfahren, wo ſie geweſen? würde er ſelbſt viel⸗ leicht in dieſer letzten Minute die Frau nicht ſehen wollen, für welche er ein ſo reges, wenu auch feind⸗ ſeliges Intereſſe an den Tag gelegt?— Sie ſchwankte und wandte ſich unſchlüſſig wieder ab. Mit einem angſtvollen Blick folgte Tine jeder ihrer Bewegungen. O Fräulein! bat ſie wieder; doch Leonie hörte ſie nicht, ihre Gedanken ſchlugen eine andere Wendung ein. Und ſollte ſie einer einfachen Möglichkeit wegen, die vielleicht nicht in Erfüllung gehen würde, die Gelegenheit aufgeben, die einzige, die ſich nie mehr bieten würde, dieſes Räthſel endlich auf⸗ geklärt zu ſehen? O dieſes Räthſel, mit dem das Leben ihres Vaters vielleicht ſo eng verflochten war, dieſes Vaters, der nie einen freundlichen Blick für ſie gehabt — und ſie ſollte nicht erfahren, was er ſo heimlich vor der Welt verbarg?— Sie ſollte nicht wiſſen, aus welchem dunklen Grunde die Wurzel dieſes Thuns entſprang? Und warum? Wegen einer Möglichkeit, die vielleicht nicht in Erfüllung ging;— und wenn auch! dachte ſie; die flüchtige Erregtheit wich einer leichten Bläſſe, und ihre Züge ſammelten ſich nach und nach in einen Ausdruck unbeugſamer Entſchloſſenheit — wenn auch— iſt es mir erlaubt, die Bitte einer Sterbenden abzuſchlagen? Was iſt es mehr? Und — tödten kann er mich doch nicht. Raſch warf ſie ein Tuch um Kopf und Schulter, und den nächſten Augenblick ſchon eilten ſie Beide dem Waldhofe zu. Um dieſelbe Stunde ſchlug Thomas bedächtigen Schrittes den Weg nach dem Schloſſe ein. Seine alte Mutter indeſſen, nachdem ſie ſeinen Bericht mit manchem Seufzer und bedeutſamem Achſel⸗ zucken entgegengenommen und, ſich auf Tine's Treue ———— 32 Hermine Wild. verlaſſend, außerdem noch einige kleine Vorkehrungen in den unteren Räumen ihres Hauſes glücklich zu Ende gebracht, trippelte ruhigen Gewiſſens, ſo leiſe ſie konnte, die knarrende Treppe wieder hinauf, und war nicht wenig überraſcht und gekränkt, Tine auf ihrem Poſten zu vermiſſen. Das Kind wird ſich gefürchtet haben ſo allein, dachte ſie, man kann ſich auf die Jugend doch gar nicht verlaſſen.— Die Kranke war ruhig und athmete mühſam und leiſe. Die alte Frau zog ein Gebetbuch aus der Taſche, ſetzte die Brille auf die Naſe und begann für die ſcheidende Seele zu beten. Alles war ſtill. Die Zeit wurde ihr lang, ihr ſelbſt war nicht ſehr geheuer, und Tine kam noch immer nicht. Das Mädel muß wo eingeſchlafen ſein, ſagte ſie ſich, es iſt ja noch ein Kind, und das viele Wachen hat es ermüdet.— Draußen ertönten jetzt Schritte, aber ſie hörte ſie nicht, ſie nickte und murmelle über ihr Buch gebeugt. Ein leiſer Ausruf erweckte ſie erſt aus dem halben Schlummer, in den ſie verſunken war; wer ihn ausgeſtoßen, wußte ſie nicht, aber ſie ſchlug die Augen auf und ſah ihr junges Fräulein, vom raſchen Laufe erhitzt, mit wirrem Haar und wunder⸗ ſchön, wie ein Lichtgebilde, mitten im verdunkelten Zimmer ſtehen. Die Kranke ſtand aufrecht, wie von neuer Lebenskraft beſeelt. Mein Kind!— rief ſie und ſtreckte der Eintretenden beide Arme entgegen. War es die Stimme des Blutes, die mit über⸗ wältigender Macht zu dem Herzen des jungen Mäd⸗ chens ſprach? Wie Strahl und Blitz ſchlug es in ſie ein, ſie wußte, wem ſie gegenüberſtand, und hatte ſie doch nie gekannt.— Meine Mutter! rief ſie laut und ſtürzte mit mächtiger Bewegung der Wiedergefundenen an die Bruſt. Aber es war zu viel für die ſchwindende 5 Kraft der ſchwachen Frau, und ſie ſank erſchöpft in ihren Seſſel zurück während Levnie in bebender Ueberraſchung an ihr nieder auf die Kniee glitt. 3 Eure Wege ſind nicht meine Wege. 33 Unterdeſſen hatte ſich die alte Bäuerin allmählich von ihrem Staunen erholt; der ſtrenge Befehl des Grafen fiel ihr ein und zugleich die Angſt für ihren Sohn.— Ach, Fräulein Leonie, wo kommen Sie her? jammerte ſie und faßte des Fräuleins Arm mit ihren zitternden Händen, ſie wo möglich von der Kranken wegzuziehen. Herr Gott! was wird der Herr Graf ſagen! Ach, gnädiges Fräulein, haben Sie Mitleid mit mir und meinem Sohne, der nicht zu Hauſe iſt! — Aber mit einer ungeduldigen Geberde machte Leonie ſich von ihr los, und rathlos ſank die alte Frau auf ihren Stuhl zurück. Mit freudeſtrahlendem Auge betrachtete indeſſen die Kranke das junge Mädchen, das neben ihr auf die Kniee geſunken war. Ja, du biſt mein Kind, meine Tochter! meine einzige Tochter! mein Eigen, mein ſüßes Eigenthum! und leidenſchaftlich küßte ſie des Mädchens Stirn, Haare und Hände, die ſie feſt an ihren Buſen geſchloſſen hielt. O meine Mutter, warum das Alles? rief Leonie; aber der Ausruf verhallte ungehört, der Kranken ganzes Leben ſchien nur noch in ihren Augen zu liegen. Laß dich anſchauen! ſagte ſie leiſe, aber mit aller tiefen Glut ungeſättigter Leidenſchaft, laß dich an⸗ ſchauen! Laß mich ſehen, wie ſchön du biſt! O du biſt ſchön! Du mußteſt es ja ſein.— Er war es auch.— O nur einen Zug des Lebens laß mich aus deinen Augen trinken, an deinen Lippen hängt ja der volle Becher! Einen Tropfen nur von dem Ueberfluß, der deiner Jugend entflieht! O du biſt glücklich!— Sei es— aber vergiß deine Mutter nicht! Die furchtbare Aufregung fing an, ſich zu legen, ſie ſchloß die Augen und lehnte den matten Kopf an die Polſter zurück. Leonie drückte zitternd das Geſicht in die Kleider der Sterbenden. Düſtere Gedanken ſchienen bei dieſer die Aufwallung der erſten Freude nach und nach zu verdrängen; die 9 Novellenſchatz. Bd. XXII. 3 — Hermine Wild. dunklen, geiſterhaften Augen öffneten ſich von Neuem und hefteten ſich mit verzehrendem Feuer auf die bebende Leonie.— Fürchte dich nicht, ſagte ſie endlich, und ihre Stimme kla mir gezählt ewig verlier ng hohl, ſieh mich an— die Miuuten find — ſieh deine Mutter an, bevor du ſie auf ſt.— Deine Mutter, die der langen Marter endlich erliegt.— Ja, auch ich war einſt ſchön und jung wie du, aber es war Einer da, der ſtärker war als ich— und der mich zertrat, bis ich das geworden bin,— was du jetzt an mir ſiehſt. Aber du wirſt mich rächen Jahrelang habe ich nach dieſem Augen⸗ blicke gelechzt, daß ich nicht ſterben konnte ohne ihn. — Und du biſt mein eigen Kind— ich habe mich nicht getäuſcht,— und dein ſoll die Rache ſein, daß ich mich noch im Grabe freuen kann!— Schwöre deiner Mut wiederholte Finger, als mit großen, ter, daß du ſie rächen willſt!— Schwöre! ſie faſt tonlos und mit drohend erhobenem das junge Mädchen ſprachlos und bleich ſchreckenvollen Augen zu ihr aufſah! Da wurde die Thüre aufgeriſſen. Leonie! rief es laut, und ein gleichzeitiger Schrei der drei Frauen gab Antwort auf den Ruf. Es war der Graf, der ein⸗ getreten war. Leonie! wiederholte er, und in ſeinem Tone range Raſch ging Blicke warf beide Arme n Zorn und Schrecken um die Oberhand. er auf ſie zu, aber mit einem wüthenden ſich die Kranke in die Höhe und ſchlug über das junge Mädchen zuſammen. Was willſt du? rief ſie, Dieſe iſt mein, du haſt keinen Theil an ihr. Dein Platz iſt nicht hier, Leonie, ſagte jetzt der Graf mit wiedergewonnener Ruhe; entferne dich. Mechaniſch erhob ſie ſich, um zu gehorchen; aber es war nur ein flüchtiger Augenblick, und wenn der Graf die düſtere Leidenſchaftlichkeit dieſer verſchloſſenen Natur nicht in ihrem richtigen Maß ſchon früher erkannt, ſo bot ſich ihm jetzt die Gelegenheit dazu. Regungslos ſtand ſie bo r ihm und ſah ihm zum erſten Male furcht⸗ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 35 los in die Augen in einem ſtarren, finſteren Trotze, in dem ihre zarte Geſtalt weit über natürliche Größe emporzuwachſen ſchien.— Ich bleibe! ſagte ſie leiſe, aber feſt. Ein heiſeres Lachen klang durch das Zimmer; es war die Kranke, die triumphirend zu dem Grafen hinüberſah. Seine Augen blitzten, und eine dunkle Röthe be⸗ deckte ſeine Stirne. Doch noch einmal bezwang er ſich, er trat dem Lehnſtuhle näher, in welchem die Kranke lag, und legte ſeine Hand auf Leonie's Haupt. Ich werde ſie beſchützen, ſelbſt gegen dich, ſagte er. Was du ihr ſagen willſt, paßt nicht für ein ſo junges Ohr. Er ſah nur den Blick der Kranken, es war ihre einzige Antwort, aber dieſer Blick war eben ſo lauernd, entſchloſſen und kalt, als er ihn nur je in der vollen Kraft des Lebens an ihr geſehen. Einen Augenblick dachte er daran, das Mädchen mit Gewalt fortbringen zu laſſen, aber eben ſo ſchnell gab er den Gedanken wieder auf. Seine Geſtalt hob ſich höher, ſein zürnender Blick begegnete feſt dem ihrigen. Gut, ſo werde ich reden, fuhr er mit langſamer Betonung ſort, und dann wähle zwiſchen mir und dir. Da ging eine merkwürdige Veränderung mit der Kranken vor; ihr Auge ſchien vor dem des gehaßten Mannes zurückzuweichen, das ſtechende Feuer, das ihn daraus angeglüht, erloſch nach und nach, ſie ſchlug die bleichen Hände zitternd vor das Geſicht. Geh, hauchte ſie faſt tonlos, geh, Leonie, es iſt beſſer ſo! und ſie zog ſich immer tiefer in den Lehnſtuhl zurück, als ſchauere ſie vor einem entſetzlichen Gebilde ihrer Phantaſie. Zögernd blickte das junge Mädchen zu ihr auf. Da trat der Graf hinzu, hob ſie faſt mit Heftigkeit von der Erde, zog ſie zurück und hielt ſie an ſeiner Seite feſt. Die Augen der Sterbenden folgten ihm mit einem angſtvollen Blicke. Jetzt wendete er ſich wieder zu ihr. Du haſt keinen Prieſter ſehen wollen, daß er die Hermine Wild. Qualen deiner Seele zur Ruhe ſpreche, obgleich ich dich wiederholt darum bitten ließ. Nun bin ich ſelbſt ge⸗ kommen, dir ein Wort der Verſöhnung mitzugeben in die letzte Heimath, zu welcher du nun gehſt. Möge der Himmel dir ein milder Richter ſein! Du weißt, ich habe dir längſt verziehen. Da blitzten die Augen der Unglücklichen zornglühend auf. Ich will keine Verzeihung, ſchrie ſie laut, daß es in dem Zimmer widerhallte und Jeder entſetzt von ihr zurückwich, was habe ich mit dem Himmel zu thun? Was brauche ich deine Verzeihung? Ich fühle keine Reue— was ich that, ich thäte es wieder.— O daß es nicht gelungen iſt! Jede Freude haſt du mir ge⸗ nommen, jede Luſt des Lebens haſt du mir zerſtört. — Fluch dir!— Fluch Allen, die in meinem Wege ſtanden! Weg mit deiner Verzeihung! Dem Schickſal fluche ich, das mich zertrat— und Rache— Rache — ja, Rache— Die Kräfte verſagten ihr, und ſie ſank bewußtlos zurück. Auf ein Zeichen des Grafen wurde Leonie halb ohnmächtig hinausgebracht. Er ließ einen Wagen kommen und fuhr mit ihr nach dem Schloße zurück. Noch bevor er das Haus verließ, war Alles beendet, und die unglückliche Frau hatte die Ruhe gefunden, die ihr auf dieſer Erde ſo lange Zeit gefehlt. Gleich nach ihrer Rücktehr auf das Schloß zog ſich Leonie in ihr Zimmer zurück. Kein Wort war ſeit dem furchtbaren Vorgang über ihre Lippen gekommen; ſie ſchüttelte verneinend den Kopf, als der Graf ihr rieth, die Kammerfrau bei ſich wachen zu laſſen, und er kam ſelbſt ein paar Mal während der Nacht, nach ihr zu ſehen. Aber ſie lag, ohne ſich zu rühren, und er erhielt weder Blick noch Wort. Die Einſamkeit und⸗ Stille der Nacht thaten ihr wohl. Alles brannte und tobte in ihr, und der Schritt ihres Vaters ging wie ein ſcharfer Weſſerſtich durch ihr Gehirn. Dennoch ſaß ſie am folgenden Morgen angekleidet und äußerlich Eure Wege ſind nicht meine Wege. 37 geſammelt, als wäre Richts geſchehen, an ihrem Platze bei dem Frühſtücktiſch. Der Graf machte keine Be⸗ merkung, nur ſagte er nach dem kurzen Mahle: Ich habe mit dir zu ſprechen, und ſchweigend folgte ſie ihm auf ſein Zimmer. Setze dich! ſagte er, und ſie gehorchte ſeinem Befehl. Ihr gegenüber nahm er Platz. Es ſind dieſe Nacht Dinge vorgefallen, ſagte er mit einem tiefen Ausdruck von Ernſt, Trauer und Be⸗ ſorgniß, wie Leonie nie an ihm geſehen, es ſind Dinge vorgefallen, die zu verhindern ſeit Jahren mein ſtetes Bemühen war. Welchen Eindruck ſie auf dich gemacht, iſt mir nicht möglich zu ermeſſen, und ich kenne dich genug, um zu wiſſen, daß es nutzlos wäre, dich darüber zu befragen. Dir die Gründe meines Betragens aus⸗ einander zu ſetzen, iſt mir nicht möglich, und für dich könnte es nur ſchädlich ſein. Ich mußte ſo handeln, wie ich handelte, und das ſchreckliche Ende der unglück⸗ lichen Frau, die dir das Leben gab, ſagt dir deutlich genug, daß die Schuld nicht auf meiner Seite iſt. Leonie antwortete nicht. Der Graf fuhr nach einer Pauſe fort: Da der Aufenthalt auf dieſem einſamen Schloſſe mir jetzt nicht rathſam für dich erſcheint und deine Ausbildung über⸗ dies einer größeren Vollendung bedarf, als Fräulein Pertold allein ſie dir mittheilen kann, ſo iſt es meine Abſicht, ſchon morgen mit dir nach B. abzureiſen. Halte dich alſo zu früher Morgenſtunde bereit. Fräulein Pertold wird uns begleiten. Du kannſt gehen. Leonie erhob ſich, und nach einer Verbeugung, die der Graf nur kalt erwiderte, entfernte ſie ſich aus dem Gemach. So war alſo ihr ſehnlichſter Wunſch erfüllt, bevor ſie deſſen Erfüllung nur möglich geglaubt. Sie ſollte in die Welt, dieſe zauberhafte Welt, von deren Wundern Fräulein Pertold zu erzählen pflegte, den Eifer ihrer Schülerin anzufachen, auf jener glänzenden Bühne die eigene Rolle einſt mit Ehre zu beſtehen. Was ging in Hermine Wild. Leonie vor, während ſie da, auf ihrem Bett ſitzend, unter dem Wortſchwall der entzückten Gouvernante die träumeriſchen Augen durch das Zimmer gleiten ließ, das ſie durch ſo viele Jahre mit ihren heißblütigen Träumen ie in verſchwiegener Treue beſchirmt? War es die Trauer des Scheidens, die ſich nun im letzten Augenblicke über ihre Seele ſtahl? Nein, Trauer war es nicht. Auch Freude konnte man es nicht nennen, wenigſtens nicht jene Freude, die ſie ſich ſo oft vorge⸗ ſpiegelt empfinden zu müſſen, bräche dieſer Tag des Scheidens jemals für ſie an. Zu viel bittere Gefühle miſchten ſich darein. Die Entdeckung dieſer Nacht, das Bewußtſein, daß der Riß zwiſchen ihr und ihrem Vater dadurch unheilbar geworden und keine Verſtellung von ihrer Seite jemals genügen könne, ihn auszufüllen; die Empfindung trotzigen Haſſes, welche aus dieſem Bewußtſein und dem Schickſal ihrer Mutter entſprang und, nur von Angſt und Grauen gedämpft, ſich ſcheu unter einen anderen Namen verkroch, und zu welchem die frühere Entfremdung nur zu ſehr den Weg gebahnt, das Alles lag dumpf auf ihrem Herzen und übertönte die lockende Stimme in ihr, die ſo leidenſchaftlich nach Glanz und Vergnügen ſchrie. Und doch miſchte ſich darin kein Schmerz um jene Mutter, die, kaum gefunden, ihr faſt in demſelben Augenblick unwiederbringlich durch den Tod entriſſen war. Leonie bedurfte einer Mutter nicht. Die Weich⸗ heit, die in der Bruſt faſt jeden Weibes nach einer feſteren Stütze begehrt, fehlte in ihrem Charakter, oder war wenigſtens längſt in ihr erſtickt. Faſt ſchneller noch als die kleinen Füße, die ſie ſo leicht und ſtark über jedes Hinderniß trugen, das ihr im Wege lag, hatte ihr Geiſt allein gehen gelernt, und keine Hand der Liebe hatte ihn dazu geführt. Und nach der erſten Aufwallung war nichts in ihr geblieben, als ein düſteres Brüten, ein ſtaunendes Entſetzen über das, was ihr Vater gethan. Was konnte er nicht Alles & c Eure Wege ſind nicht meine Wege. 39 noch thun, wenn er das im Stande geweſen! Und hatte auch, wie ſie es aus den halben Aeußerungen Beider zu entnehmen glaubte, ihre Mutter die größte Sünde begangen, die ein Weib, dem Manne gegenüber, begehen kann; hatte dieſer Mann darum das Recht, ſie zu einem ſolchen Leben zu verdammend Ein Leben, das nur ein langſames Sterben war! O lieber, viel lieber ein ſchneller Tod! Und Leonie, die den Werth der Freiheit kannte, weil ſie ihrem inneren, zügelloſen Veſen höchſtes Bedürfniß war, ſchauderte, tief in ſich zuſammengeſchmiegt. Sie ſtand auf, ließ ſich ankleiden, ging auf und ab und ſetzte ſich wieder, bald hier, bald dort. Die Unruhe ihres Herzens ließ ſich nicht beſchwichtigen. Fräulein Pertold erzählte; die Kammerfrau weinte, die Heimat zu verlaſſen, und lächelte zwiſchen ihren Thränen, denn ſie dachte doch qch an die mancherlei Zerſtreu⸗ ungen, die das Sta tleben bieten würde, und für welches ſie durchaus nicht unempfindlich war. Da⸗ zwiſchen gingen die Vorbereitungen zur Abreiſe rüſtig vor ſich, und Leonie's Gedanken ſen weit von Allem weg, was um ſie her ſich begab. Aus dem Wagen blickte ſie noch einmal nach dem Waldſaum zurück, wo ein vor Kurzem ſo heißes Herz jetzt ſo ruhig ſchlief, ſo ruhig und ſo kalt! Sie warf ſich in die Wagenecke zurück; ihr Vater ſaß ihr gegenüber und ſchien für nichts Sinn zu haben, als für Pferde, g Wagen und alle Bedürfniſſe einer raſchen Fahrt. Ein Jahr iſt vorübergegangen, unter deſſen Ein⸗ fluß das frühreife Mädchen ſchnell zur vollendeten Jungfrau herangeblüht. Leonie's Traum war erfüllt; ſie war in die Welt eingetreten und an hohen und höchſten Orten vorgeſtellt worden, wo das Vorſtellen gebräuchlich iſt, und ſelbſt ihr ehrgeiziges Herz war 40 Hermine Wild. mit dem Aufſehen zufrieden, das ihre Erſcheinung überall hervorgebracht. Der Graf hatte ſein Haus geöffnet, dem ſeine Tochter, unter Fräulein Pertold's Leitung, mit aller Anmuth ihres Weſens verſchönernd vorſtand. Er machte kein Hehl daraus, daß er ſie jung zu ver⸗ heirathen wünſche, und er hatte ihr ein Heirathsgut aus⸗ geſetzt, das ſie zu einer der glänzendſten Partieen des Landes machte und ſie über die Nothwendigkeit heben ſollte, nach Glücksgütern oder ihrem Aequivalent, ein⸗ träglichen Aemtern, zu ſehen. Freilich wachte er mit großer Sorgfalt darüber, daß nur ſolche Männer in ſein Haus kamen, deren Ruf und Charakter ihm das Glück ſeiner Tochter zu verbürgen ſchienen, unter dieſen aber ließ er ihr vollkommen freie Wahl. Gegen die Hauptſache hatte Leonie nichts einzu⸗ wenden; auch ſie wollte ſich verheirathen, und zwar ſo ſchnell als möglich, und darin ſtimmte ihr Wille einmal mit dem ihres Vaters überein. Doch auf die Stimme des Herzens legte ſie weit weniger Gewicht, als er, und der Graf hätte den Kreis, der ſie umſchloß, immer⸗ hin etwas weiter ziehen können; Leonie hatte praktiſche Anſichten, weggeworfen hätte ſie ſich nicht. Sie hatte ſich ein eigenes Bild von dem Manne gemacht, den ſie mit ihrer Hand beglücken wollte. Auf Rang und Geburt hielt ſie wie ihr Vater, vielleicht noch etwas mehr; Frauen find von Natur conſervativ; in allem Andern wich ſie vollkommen von ihm ab. Vor allen Dingen mußte ſie durch ihre Vermählung ſo geſtellt werden, daß jeder fernere Einfluß, den ihr Vater auf ihr Leben nehmen könnte, dadurch abge⸗ ſchnitten war, und Reichthum ſchien ihr dazu eine uner⸗ läßliche Bedingung zu ſein. Ihre Mitgift aber, ſo bedeutend ſie war, ſchien in Leonie's Augen nur eine goldene Nuß, knapp hinreichend, drei Wünſche zu erfüllen, und ſie war keineswegs geſonnen, Haus und Hof damit zu erhalten. Reich, ſehr reich mußte alſo der Erwählte ſein, und nicht nur reich, auch hochgeſtellt. Das war ₰ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 41 das Zweite, was ihr zu ihrem Zwecke nöthig ſchien. 3 Außerdem ſichert der Ehrgeiz des Mannes der Frau manchen Vortheil, der in dieſem bunten Schauſpiel der Geſellſchaft, wo der Schein eine ſo wichtige Rolle ſpielt, nicht zu überſehen iſt. Darauf beſchränkten ſich denn auch ihre Forderungen. Alles Andere war von unter⸗ geordneter Bedeutung, nur an dieſen zwei Punkten hielt ſie feſt. Nun drängte ſich zwar eine bedeutende Schaar von Bewerbern um die ſchöne, reiche Erbin, aber bei der ſtrengen Sichtung, die ihr Vater mit ihnen vornahm, blieben nicht immer die Reichſten und Angeſehenſten zurück, und bis jetzt war Keiner erſchienen, welcher die von Beiden gewünſchten Eigenſchaften vereint in ge⸗ nügendem Grade beſaß. Aber Leonie konnte warten. Sie kannte ihre Macht zu gut, um über den Erfolg im Geringſten zweifelhaft zu ſein. Der Spiegel hatte ihr es oft genug gezeigt, was ſie ſo gerne ſah; und hätte er es auch nicht gethan, die ſtumme und laute Bewunderung, die ſie überall, wo ſie ſich zeigte, wie ein berauſchender Duft umgab, hätte ſie hinreichend darüber aufgeklärt. Zwar war ihre Schönheit gerade nicht von der Art, welche man mit dem Worte glänzend bezeichnet; ſie war zu fein und ätheriſch, um auf irgend eine Weiſe in die Augen fallend zu ſein; doch riß der Blick, der ihr einmal folgte, ſich nur mit Mühe von ihr los. Und wem hätte dieſe weiche, kindlich zarte Geſtalt, mit dem ſchwebenden, elaſtiſchen und doch ſchüchternen Schritt, die dunklen Augen, unter deren langen Wimpern der Blick wie eine ſcheue Bitte ſich nur furchtſam hervor⸗ zuſtehlen ſchien, das wunderſame, ſüß geheimnißvolle Lächeln, das die feinen Lippen umſchwebte und Jeden unwillkürlich aufzufordern ſchien, zu erforſchen, was ſich dahinter verbarg; das Licht mit Schatten wechſelnd, das über die feinen, beweglichen Züge ging und kam, in ewig neuem, wechſelnden Reiz; wem hätte Alles dies nicht wenigſtens ein Gefühl lebhaften Intereſſes 4² Hermine Wild. eingeflößt, das ſehr geeignet war in eine tiefere Hul⸗ digung überzugehen? Wer konnte es ihr nachmachen m der ſchweren Diplomatie der Toilette, die mit dem franzöfiſchen Blut ihrer Mutter auf ſie übergegangen war? Welch tiefes Verſtändniß lag in der anſpruchs⸗ loſen Kleidung, die ſelbſt des einfachſten Schmuckes zu entbehren ſchien und doch durch ein unerreichbares Etwas allen Schmuck der Andern verdunkelte! Genie iſt unmittelbare Offenbarung der verklärten Natur, und zu jeder höheren Vollkommenheit, wäre es auch nur Koketterie, gehört Genie. Und wenn die noch nicht ſiebzehnjährige Kokette nachläſſig hingegoſſen, mit dem Fächer ſpielend, an banger Scheu und Sitt⸗ ſamkeit es der Sprödeſten zuvorthat, ſo wußte ſie dabei ganz genau, daß an jeder Locke ihres blonden Haares, an jedem ſüß verſtohlenen Blick mehr Augen und Her⸗ zen hängen blieben, als die blendendſte, offen zur Schau getragene Schönheit zu erobern vermochte. Das war Etwas, und für den Augenblick war es genng. Ohne mit Beſtimmtheit Hoffnungen zu erwecken, die ſie zu erfüllen nicht geſonnen war, und doch ohne Einen ihrer zahlreichen Bewerber zu entmuthigen, ging ſie ruhig ihren Weg. Einer zieht den Andern an, dachte ſie, und der Beſte von dieſen iſt noch immer beſſer als gar keiner, wenn ich doch endlich zu einer ſchlechten Wahl ſchreiten ſoll. Sie hatte tauſend kleine Mittel bei der Hand, den Schüchternen die Hoffnung zu erhalten und den Zu⸗ dringlichen zu beweiſen, daß Geduld die Wurzel alles Gelingens ſei, und ihre Sittſamkeit leiſtete ihr treffliche Dienſte dabei. Dennoch erfaßte ſie manchmak ein Miß⸗ behagen, ein Zorn gegen ſich ſelbſt und die Welt— aber es war der Zorn über die weite Ferne des Zie⸗ les, das ſie ſich geſetzt, und das trotz alles Bemühens noch immer von ihr zu weichen ſchien. Endlich ging ein glänzender Stern an dem Hori⸗ zonte ihrer Hoffnungen auf, und ſogleich wurden alle Eure Wege ſind nicht meine Wege⸗ 43 Mittel in Bewegung geſetzt, damit dieſe Erſcheinung keine vorübergehende ſei. Niemand ſah den Weg, den ſie ging; kein Blick, kein Lächeln wurde aufgefangen, das ſie nicht jedem Andern eben ſo füß und hold und verſchämt gegönnt, und doch fühlte Derjenige, den es anging, ſich mit jedem Tage feſter von einem unſicht⸗ baren Zaubernetze umſpannt. Er ging und kam zuerſt zufällig, dann nach und nach die Häuſer ſuchend, wo er denken konnte ſie vielleicht zu ſehen; und immer enger fühlte er ſich von den unzerreißbaren Fäden umſtrickt, und immer häufiger nach einander folgten ſich ihre Be⸗ gegnungen mit ihm, bis ſie eines Morgens ſeine Karte auf dem Schreibtiſche ihres Vaters fand. Und noch immer hatte kein Menſch, ſelbſt ihr Vater nicht, eine Ahnung von dem großen Werke, das ſie ſo ſtill und heimlich und ſicher angelegt. Wenn ſein Blick ſo prüfend an ihr hing, da es einem ſo reizenden Geſchöpfe galt, erregte es weiter keine Aufmerkſamkeit; der Ernſt, der ihm eigen war, ſchien ſogar tiefer geworden in der letzten Zeit, und wenn ſie mit ſo reizendem Erröthen die ſtrahlenden Augen in ſchüchterner Frage zu ihm aufſchlug, und mit ſo tiefer Ehrerbietung den meiſt kurzen Antworten lauſchte, was war es weiter als die Befangenheit, die einem jungen Gemüthe, dem Uebergewicht an Jahren und Erfahrung gegenüber, ſo natürlich iſt? Weiter dachte man nicht, und kein Menſch ſah oder errieth, daß dieſer Mann Alles beſaß, was für Leonie die Pa⸗ nacee des Lebens war. Was ein jüngeres Gemüth — denn Levnie, obgleich jung an Jahren, war alt im Geiſte, älter vielleicht als mancher vielgelebte Greis — was alſo ein jüngeres Gemüth abgeſchreckt hätte, das waren für ſie nur Stäubchen auf einem Ge⸗ mälde, die ihr befriedigtes Auge leicht überſah. Was wollte ſie auch mehr? Freilich war er nicht jung, aber wie dankbar würde er in dieſem Bewußtſein für jede kleine Aufmerkſamkeit ſein! Freilich war er 44 Hermine Wild. nicht ſchön, aber häßlich im Grunde auch nicht, und eine Frau konnte ſich immerhin an ſeinem Arme ſehen laſſen und noch den Neid ihrer Gefährtinnen er⸗ regen. Von ſeinem fabelhaften Reichthume hatte Leonie oft genug gehört, und wie viel er beim Könige galt, wußte alle Welt. Selbſt ihr Vater mußte ſich im Ganzen als befriedigt erkennen; Graf Hoheneck war ein Ehrenmann, und wenn auch nicht von der romantiſchen Sorte, wie die Phantaſie eines jungen Mädchens ſie ſo gerne träumt, in den Augen ihres Vaters konnte das kein großer Fehler ſein, und wir wiſſen es, Leonie hatte nicht viele jugendliche Träume gehabt. O wenn der Vater ihm nur den Zutritt geſtattet! ſagte ſie ſich, das kleine Blättchen in ihrer Hand um und um beſehend, als ſuche ſie darauf die Spur zu finden, welche die mögliche Zukunft ihm vielleicht ein⸗ gedrückt, und wenn er es auch nicht geſtattet, fuhr ſie in ihren Gedanken fort, es ließen ſich wohl Mittel und Wege finden wenn nur— an dieſem„wenn nur“ blieben ihre Gedanken haften, während ſie die Treppe hinunterging und in den Wagen ſtieg, der ihrer wartete, und alle gewagten Möglichkeiten, welche die verzwei⸗ felnde Liebe erſinnt, um zu dem erſehnten Ziele zu ge⸗ langen, zogen während der Fahrt nach einander durch Leonie's liebeleeren Sinn. Aber zu ſolchen Maßregeln ſollte ſie nicht getrie⸗ ben werden. Schon bei der Rückkehr von der Spa⸗ zierfahrt trat ihr Graf Hoheneck aus dem Hauſe entgegen. Er verbeugte ſich tief und folgte mit den Augen dem feinen, anmuthigen Weſen, das, faſt wie ein Hauch, mit kaum merklichem, ſchüchternem Gruße an ihm vorbeiſchwebte und, ohne ihn anzuſehen, um die Biegung der Treppe verſchwand. Alſo hat der Vater ihn angenommen, dachte ſie uun wohl, deſto leichter iſt der Sieg. Und ſie irrte ſich nicht, der Sieg war leichter, als ſie es geglaubt, denn ſchon nach einigen Tagen hielt Graf Hoheneck um Eure Wege ſind nicht meine Wege. 45 ſie an, und die junge Rechnerin hatte ihr langerſtrebtes Ziel erreicht. Du biſt alſo ſeinem Antrage nicht abgeneigt? ſagte ihr Vater mit beſorgter Miene zu ihr, als ſie, ihm gegenüber ſitzend, mit ernſter Miene und niedergeſchla⸗ genen Augen ihn anhörte. Durchaus nicht, Papa, was kann ich Beſſeres er⸗ warten? Den Einklang der Jahre. Bedenke, der Graf könnte dein Vater ſein! Wirklich? mir ſcheint er nicht ſo alt. Wenn dein Herz trotzdem für ihn ſpricht, fuhr der Graf mit einem Seufzer fort, ſo kann ich nichts dage⸗ gen haben. Du ſcheinſt ihm große Hoffnungen gegeben zu haben, wenigſtens ließ er es mich verſtehen Uebri⸗ gens iſt er ein Ehrenmann. Sein Vermögen ſoll bedeutend ſein, ſ mit ihrem Armbande ſpielend. Ich wollte, du hätteſt andere Gründe, ihm den Vorzug zu geben, verſetzte der Graf. Indeſſen er iſt reich. Aber vergiß nicht, daß der Reichthum des Man⸗ nes ebenſowenig das Glück der Frau ſichert, als die Schönheit der Frau jenes des Mannes, wenn nicht ein tieferes Verſtändniß ſie aneinander knüpft. O, das weiß ich, ſagteLeonie in ihrem Spiele fort⸗ fahrend; aber Sie ſagten ja ſelbſt, er ſei ein Ehrenmann. Ich glaube wenigſtens, daß er es iſt. Doch das allein iſt noch nicht genug, daß du ihn von Herzen lieben kannſt, und dazu ſcheint mir der Graf nicht der Mann zu ſein. Ich wollte, du gingeſt ernſtlich mit dir zu Rathe, bevor du ein Bündniß ſchließeſt, worauf die ganze Zukunft deines Lebens beruht. Der Graf ſcheint mir alle Eigenſchaften zu be⸗ ſitzen, die ich in dem Manne wünſche, den ich heirathen ſoll. Ich achte ihn und ziehe keinen Anderen vor. Iſt das für den Anfang nicht genug? fuhr Leonie mit einer ſo unſchuldigen Miene, daß ihr Vater, der Leſer agte Leonie, 46 Hermine Wild. verzeihe uns, ſich ſtark verſucht fühlte, ihr eine Ohr⸗ feige zu geben. Für den Anfang vielleicht, ſagte er ärgerlich, aber wird es immer ſo bleiben? Der Friede die Heilig⸗ keit der Ehe, die Bande der Familie beruhen alle auf der Treue der Frau— Habe ich in meinem Benehmen eine Spur von Leichtſinn gezeigt, Papa, ſo bitte ich, es mir zu ſagen, damit ich mich ändere, verſetzte Leonie auf das Ehrer⸗ bietigſte. 3 Nein, das haſt du nicht, ſagte der Graf mit einem Seufzer der Entmuthigung; ich wollte faſt, du hätteſt es— dann könnte ich doch wenigſtens hoffen— daß — Er hielt inne— Leonie ſchwieg.— So kann ich dem Grafen alſo ſagen, daß du ſeinen Antrag an⸗ 6 mſt? frug er dann. Wenn Sie die Güte haben wollen, Papa, ſagte Leonie ſich erhebend; kann ich mich jetzt entfernen? 3 Du kannſt gehen! und mit einer leichten Hand⸗ bewegung entließ er ſie. Endlich! ſagte Leonie, als ſie den Augenblick da⸗ nach im Gefühle ihres Triumphes in ihrem Zimmer ſtand, nun endlich iſt das Leben mein, und ich kann es geſtalten, wie 4. ll. Ihre Bruſt hob ſich, ihr Auge leuchtete— ſie blieb ſtehen und verſank allmählich in Gedanken. 3 Und hatte dieſes ju der erſten Blüte ihres venienz⸗Heirath entſ Ahnung von dem O Ehrgeizes brachte? ihrem Herzen von denen, welche die Eitel O doch! ſo gay twcken war die Seele doch nicht, die in dieſem blüteufriſchen jungen Buſen ſchlug. Auch an ihr Herz hatte der Frühling geklopft, und daß ſie ihm nicht aufgethan, das war freilich ihre Schuld, aber — ge Mädchen, das ſo ruhig in Lebens ſich zu einer Eon⸗ hatte ſie denn gar keine das ſie dem Moloch ihres e denn nie eine Stimme in eren Freuden geſprochen, als eit gewährt? — Cure Wege ſind nicht meine Wege. 47 er war darum nicht minder da geweſen, ſie hatte ihn geſehen, und gerade jetzt überlief ſie ein warmer Schauer bei der glänzenden Erinnerung. Man ſagt von der Liebe, daß ſie ein Funke ſei, der einſchlage und zünde, man wiſſe nicht wie und woher. Faſt ſo war es Leo⸗ nien gegangen, und das war eben der eigenthümliche Widerſpruch in ihrem Weſen, der ihr faſt über Jeden, welcher mit ihr in Berührung kam, eine ſo ſchranken⸗ loſe Macht verlieh: die tiefe Leidenſchaftlichkeit, die jeden Augenblick aufbrauſen konnte, über alle Hinder⸗ niſſe und Geſetze hinaus, und die kalte Berechnung, welche dieſe Leidenſchaftlichkeit unter ein eiſernes Joch zwang.— Zwang?— wenigſtens für jetzt. Es war an einem Abend in der Oper. War es die weiche Schwingung der Muſik, welche ihre Seele gefangen nahm? Sie ſaß in der Loge zurückgelehnt einer ſchwankenden Träumerei hingegeben, die ihr ſonſt nicht gewöhnlich war, und ohne ſich Rechenſchaft davon abzulegen, hingen ihre Augen an dem Kopf eines jun⸗ gen Mannes, der nicht weit von ihr, in dem halb⸗ verfinſterten Hintergrund einer anderen Loge ſaß. Er ſelbſt war ihr unbekannt, und ebenſo die Geſellſchaft, in welcher er ſich befand. In dem ſchwebenden Spiele ihrer Phantaſie, von den Tönen des Muſik gehoben und begleitet, ſuchte ſie die Linien dieſer Stirn zu ent⸗ ziffern, von welcher das dunkle, glänzende Haar in reichen Wogen zurückgeworfen war. Plötzlich ſah er auf, ſein Blick begegnete dem ihri⸗ gen. Es war ein Blitz. Leonie fuhr auf, durch alle Fibern ſchoß der elektriſche Funken, und das Blut wallte heiß in ihr auf. Es war nur ein Augenblick, eine ſonderbare Betäubung folgte nach, ſie ſenkte die Augen und lehnte ſich zurück. Die leuchtenden Blicke des Unbekannten ruhten noch immer in offenbarer Be⸗ wunderung auf ihr. Leonie wandte faſt unmerklich den anmuthigen Kopf von ihm weg. Ihr Vater hatte ſie nicht begleitet, nur Fräulein Pertold ſaß in der Loge Hermine Wild. neben ihr, und zu dieſer neigte ſie ſich: Wer iſt der junge Mann dort in der Loge? fragte ſie. Aber die Gouvernante wußte es nicht. Der junge Mann dort links mit den ſchwarzen Augen, der ſpeben nach uns geſehen hat? ſagte ein Bekannter ihres Vaters, der vor einigen Minuten in ihre Loge getreten war, indem er das Opernglas von den Augen nahm. Derſelbe, verſetzte Leonie, ſcheinbar mit der tiefſten Ruhe. Er kommt mir ſo bekannt vor, doch weiß ich nicht, wo ich ihn hinthun ſoll. Das kann ich Ihnen ſagen: er iſt ein Emigrirter von ſehr vornehmer franzöſiſcher Familie, der ſich für den Augenblick hier aufhält. Ah ſo, meinte Leonie, ſo habe ich mich doch ge⸗ täuſcht. Derjenige, den ich meine, iſt freilich auch ein Ausländer, aber ein armer junger Mann. Was das betrifft, ſo könnte es immer derſelbe ſein. Ich glaube nicht, daß er große Schätze aus Frank⸗ reich mitgebracht hat. Ich habe mich doch geirrt, er kann es nicht ſein, ſagte Leonie und wandte den ganzen Abend das Ge⸗ ſicht nicht mehr nach der Loge hin. Aber in ihrem Herzen war es nicht ſo ſtill, und mit ihrer Aufmerkſamkeit auf die Muſik war es vorbei. Schon vor dem Ende des Stückes entfernte ſie ſich. Als ſie durch den Gang hinter den Logen ſchritt, ſtreifte ihr Kleid an den Fremden an; ein heißer Stich fuhr durch ihr Herz, doch ſie ging vorüber, ohne aufzuſehen, und zu Hauſe angekommen, ſchloß ſie ſich gleich in ihr Zimmer ein. Sie ſuchte den Eindruck los zu werden, der ihr ſo ungelegen gekommen war. Sie beſchäftigte ſich, räumte, kramte, Alles umſonſt. Sie verſuchte einen Brief fertig zu ſchreiben, der angefangen auf ihrem Tiſche lag, und mitten im Schreiben entfiel die Feder ihrer Hand, der Kopf ſank auf das Papier; ſie war Eure Wege ſind nicht meine Wege. 49 im Theater, die Muſik brauſtte, die Melodieen ſchmol⸗ zen in einander, ſüß, weich und verlockend, und der Blick des Unbekannten umwebte ſie mit einem entner⸗ venden Netz. Mit Gewalt riß ſie ſich los und nahm die Feder wieder auf, aber kein Gedanke wollte kom⸗ men, und ſie ſchlenderte ſie zornig weg. Hatte ſie denn nicht mehr Gewalt über ſich? Sie ſtand auf, ſie ſtützte die Hand auf den Tiſch und ſah finſter vor ſich nieder. Ich bin mein eigener Herr, ſagte fie zürnend und wie drohend dem Bild entgegentretend, das hartnäckig vor ihrem inneren Auge ſtand. Wer wird mich zwin⸗ gen zu fühlen, was ich nicht fühlen will? Hinweg mit dieſer Thorheit! mein Weg liegt klar von mir, und wer wird ſagen, daß ich ihn nicht gehen ſoll?— Sie läutete ihrem Mädchen und ließ ſich entkleiden, und welcher Art auch die Träume waren, die in dieſer Nacht ſie umſchwebten, ihr Wille ſtand feſt, es war der unbeug⸗ ſame Wille, den ſie von ihrer Mutter geerbt. Doch ſo leichten Kaufes ſollte ſie der Gefahr nicht entgehen. War es eine Warnung, die ihr der Himmel gab? Wohin ſie ging, begegnete ſie dem Fremden; es war, als führe eine unſichtbare Hand ihn ihr immer in den Weg. Er ſuchte ſich ihr nicht zu nähern, nicht einmal ſein Name wurde ihr genannt, und ſie wich jeder Gelegenheit dazu mit Sorgfalt aus. Aber immer übten ſeine Blicke auf ſie dieſelbe magnetiſche Kraft aus, der ſie ſich nicht zu entringen wußte. Allein wir wiſſen es, Leonie war nicht diejenige, die ſich durch ſolche Eingebungen leiten ließ, und der Empfindung, die ſie nicht ganz erſticken konnte, trat ſie entgegen mit einer Art von Haß. Da trat die Verſuchung plötzlich von einer Seite an ſie heran, wo ſie am wenigſten darauf vorbe⸗ reitet war. Auf einem Balle, den ſie kurze Zeit nach ihrer Verlobung, noch immer unter Fräulein Pertold's tugend⸗ haftem Schutz, beſuchte, hatte ſie ſich, um von dem Novellenſchatz. Bd. XXII. 4 50 Hermine Wild. Tanze auszuruhen, neben eine ſogenannte Freundin geſetzt. Wir ſagen„ſogenannt“ denn Leonie war weit über das Bedürfniß nach einer Freundin hinaus. Von allen füßen Kleinigkeiten, die ein Mädchen⸗ herz ausfüllen, und die Eine der Anderen als wichtige Geheimniſſe anzuvertrauen pflegt, hatte ſie nie eine Ahnung gehabt, und hörte ſie ja einmal davon, ſo war ein mitleidiges Lächeln ihre einzige Antwort darauf. Das reine Aufdämmern des Gefühles, das ahnungsvoll vor dem Geheimniß des Lebens ſtehend, nur nach einer Schweſter zu begehren glaubt, um in Liebe zu dieſer aufzugehen, war Leonien fremd geblieben, wie ſo manche andere Blüte der Jungfräulichkeit. Und wie ſie keines Vertrauens bedurfte, ſo flößte ſie auch keines ein, und ſie ſtand einſam unter den Mädchen ihres Alters, deren Kreis, wenn ſie ſich ihm nahte, ſcheu vor ihr aus⸗ einander wich. Aber Marie von Lobenſtein war die Tochter eines Mannes, der mit ihrem Vater zugleich in Frankreich geweſen war. Von ihm hatte Leonie gehört, daß ſie die ſtrahlenden Augen ihrer Mutter geerbt, und mehr von dieſer Mutter zu erfahren, war der Grund, warum ſie ſich näher an ſeine Tochter ſchloß. Aber ſei es, daß der Baron geheime Inſtrue⸗ tionen von Leonie's Vater erhalten, ſei es, daß er ihr vorſichtiges Ausforſchen nicht verſtand, der verpönte Name kam nicht mehr aus ſeinem Munde. Das junge Mädchen hatte er indeſſen zu ſeinem beſonderen Lieb⸗ linge gemacht. All ihre kleinen Liebenswürdigkeiten, Schmeicheleien(chatteries, wie die Franzoſen ſagen), die ſo ſehr dem unwiderſtehlich reizenden Getändel eines lieblichen Kindes gleichen, gewannen ihm ihr Herz im Siegesſchritt. Das iſt ein Wettermädel, pflegte er zu ſagen; die könnte ein Regiment um den Finger drehen, und ihren Mann wird ſie unter dem Pantoffel haben, daß er nicht wiſſen wird, wie ihm geſchieht. Dieſes Urtheil, das ſo gründlich zutraf, wie er es gar nicht dachte, ſtörte ihn in ſeiner Vorliebe keines⸗ — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 51 wegs, und es ſchmeichelte ihm, daß Leonie ſeine Tochter all ihren anderen Gefährtinnen vorzog. Marie ſelbſt bewunderte ihre Freundin in einfacher Aufrichtigkeit und ſprach es bei jeder Gelegenheit ſehr ruhig und unumwunden aus. Sie war überhaupt ein einfaches, natürliches Weſen, dieſe Marie, offenbar ohne jede Ko⸗ ketterie, denn ſie ſelbſt war es jetzt geweſen, die ihre Freundin herangewinkt, obgleich ſie in ihrem reichen Ballſchmucke, dem die deutſche Mutterliebe alles mög⸗ liche Schöne aufgehängt, ſich nicht zu ihrem Vortheil neben Leonie's duftigem weißem Gewande ausnahm, an dem nur hie und da eine Blumenknospe ſich ſchüch⸗ tern wie die Trägerin aus dem anmuthigen Falten⸗ wurfe hervorzuſtehlen ſchien. Doch war ſie ſchön, viel ſchöner für die Menge als Leonie, friſch und blühend, mit dunklem Haar und wolkenloſen die offen und verſtändig in die ſchöne zehn Jahre hinausſahen. Mit wem ſpricht dein Vater do braunen Augen, Welt ihrer acht⸗ rt? ſagte Leonie plötzlich mit bebender Stimme zu Marie, deren Auf⸗ merkſamkeit auf einen anderen Punkt gerichtet war. O verſetzte dieſe, nachdem ihr Blick der Richtung von Leonie's Augen nach dem fernen Winkel des Saa⸗ les gefolgt, wo ihr Vaker mit einem jungen Manne ſprach, der von ihnen abgewendet ſtand; das iſt ein Emigrirter. Mein Vater hat ſeine Mutter in Frank⸗ reich gekannt, und er ſchwärmt noch immer für ſie. Vor einigen Tagen erfuhr er, der Sohn Sogleich hat er ihn aufgeſucht und ſchlag genommen, der alten Freundſch befinde ſich hier. ihn auch in Be⸗ aft zulieb. Seine Mutter muß wirklich eine vortreffliche Frau geweſen ſein, und auch der Sohn iſ Menſch. So? ſagte Leonie. Ja, und gut. Du kannſt dir wie er dieſe Mutter liebt! Wäre und ſchön, es könnte längweilig ſein. t ein ganz liebenswürdiger gar nicht denken, es nicht rührend Er hat auch nur 4* — 52 Hermine Wild. ⁴ ſie gehabt, denn er war noch ein Kind, als ſein Vater ſich erſchoß. O, es iſt romantiſch! Soll ich ihn ru⸗ fen, damit du dir ihn anſehen kannſt? Ich? rief Leonie mit einem Tone ſo wahren Ent⸗ ſetzens, daß Marie ſie überraſcht anſah. Worüber erſchrickſt du denn ſo? frug ſie dann. O, du weißt, er wird glauben, daß es auf eine Einladung abgeſehen iſt, und ich bin ſo müde, daß ich gar nicht mehr tanzen mag. Marie brach in ein unterdrücktes Lachen aus. O, darüber brauchſt du nicht zu erſchrecken, ſagte ſie dann. Er tanzt nie, und es iſt viel, daß er überhaupt gekom⸗ men iſt; das habe ich ihm angethan. Einen Ball hält er, glaube ich, für eine Ausgeburt des Böſen, der die armen Menſchen damit zur Sünde zu verlocken ſucht. Ich bin überzeugt, er ſteht dort wie auf Nadeln— du glaubſt nicht, was für ein Sonderling er iſt. Er wird ſich ändern, verſetzte Leonie. Die wird viel zu thun haben, die ihn kuriren will. Unternimm du die Kur. Ich habe ſchon angefangen, ſagte Marie 4 un⸗ befangen, aber ich glaube nicht, daß es viel helfen wird, und ich bedauere die Frau, die er einmal kriegt. Jetzt wurde Marie weggeholt, und Leonie lehnte ſich auf ihren Sitz zurück. Sie ſchloß die Angen und ſuchte ſich ſo viel als möglich von Allem abzuſchließen, was um ſie her vorging. Schwer wäre es, den Zuſtand zu ſchildern, in welchem ihre Seele während des leich⸗ ten Geſpräches mit ihrer Freundin ſich befand. Daß er ihr plötzlich ſo nahe war, daß mit jedem Augenblick der kleinſte Zufall ihn an ihre Seite führen konnte, ohne daß ihr Macht, es zu verhindern, gegeben war; daß ſie ſeine Stimme hören würde, die ſie nur ahnen konnte, wie ſüß ſie war in ihrer allbezwingenden Gegen⸗ wart, das überfiel ſie mit einem lähmenden Schrecken, in deſſen tiefſtem Grunde eine wilde Freude ſich wider ihren Willen dämonenartig kund that. Wie eine Deu⸗ * Fure Wege ſind nicht meine Wege. 53 tung der Zukunft erſchien es ihr. Sie hatte ihn nicht geſucht, und nun ſtand er doch vor ihr, und wo ſollte ſie die Möglichkeit finden, ihm immer wieder zu ent⸗ gehen? Und fände ſich auch dieſe Möglichkeit, hätte ſie wohl den Willen und die Kraft dazu? Nein, er war ihr beſtimmt, ihr verfallen mit Leib und Seele, das fühlte ſie, das wußte ſie ſo gewiß, als habe eine Pro⸗ phetenſtimme es ihr ins Ohr geſagt. Sie erſchrak über ſich ſelbſt; was war das? ſie drückte die heißen Hände krampfhaft in einander, wäh⸗ rend die zarten Brauen ſich faſt drohend in Falten zogen. O es darf nicht ſein, ſagte ſie mit erſtickter, zürnender Stimme— jetzt nicht— ſo nicht— ſetzte ſie dann mit düſterem Sinnen hinzu— erſt mußte Alles anders ſein— aber die Zukunft war ja da, die lange ſchöne Zukunft, die nur ihr gehören würde, und was die bringen konnte— wer wußte es denn? Du biſt ſo blaß, ſagte plötzlich eine freundliche Stimme neben ihr. Es war Marie, die zurückgekom⸗ men war und ſie aufgeſucht hatte in dem ſchattigen Winkel, wo Leonie ſich ſo zu ſagen vor ſich ſelbſt ver⸗ troch Kſt dir nicht wohl? ſetzte ſie beſorgt hinzu. Aber Leonie hatte den Zügel über ihr gährendes Innere wieder erfaßt und allen Entſchluß darin ge⸗ ſunden, mit dem ſie ſich gewaffnet, ſeit ſie den gefähr⸗ lichen Fremden zum erſten Male geſehen. Du weißt, erwiderte ſie, es iſt mein erſter Pallwinter, und ich fürchte, ich habe des Guten ein wenig zu viel gethan. Es iſt mir wirklich nicht recht wohl. Sie ſah ſich nach Fräulein Pertold um, und dieſe, welche ihre Jugend ſchon längſt hinter ſich hatte, noch bevor ſie die moraliſche und geiſtige Ausbildung ihres jetzigen bewunderten Zöglings unternahm, und das wenige Kindliche, das trotz aller widerſtrebenden Ver⸗ hältniſſe Leonien doch noch ankleben mochte, mit ſolcher Mühe und ſo großem Erfolg aus ihrem Charakter weggewiſcht, verſtand ſehr gerne den Wink, der ſie von 54 Hermine Wild. dem glänzenden Feſte erlöſ'te, an dem ihr eigener Freudentheil ein ſo geringer war. Erſt im Wagen, als ſie im raſchen Schritte der väterlichen Wohnung zufuhr, fühlte Leonie ſich ſicher vor der eigenen gähren⸗ den Jugendkraft. Von da an war ihre Verlobung ein hinreichender Grund, Marie ſehr ſelten und nur auffflüchtige Augen⸗ blicke zu ſehen. Graf Hoheneck zeigte alle natürliche Ungeduld eines ſehr verliebten Mannes, das reizende Geſchöpf, das ſein eigen werden ſollte, nun auch recht bald ſein eigen zu ſehen, und Leonie verſtand die Kunſt, ſich den eigenen Wunſch durch Vorſtellungen, Bitten und Schwüre abringen zu laſſen, als das größte Opfer der Liebe und Hingebung. Der dankbare Mann ver⸗ galt denn auch dieſe Opfer mit Zugeſtändniſſen und Aufmerkſamkeiten jeder Art, und ſie nahm dieſe Zu⸗ geſtändniſſe und Aufmerkſamkeiten mit einer ſo demü⸗ thigen Freude hin, ſo ganz als Beweiſe ſeiner Liebe, deren ſie ſich unwürdig fühlte und die doch ihr ganzes Leben war, daß es eine unwiderſtehliche Verlockung war, dieſe Freude immer wieder zu erneuern Sie war überhaupt das Muſter einer Braut, ihſc h⸗ ternes Lächeln, ihre füßen Blicke waren ſo voll ver⸗ borgener Bedeutung; in ihrem zurückhaltenden, ſcheuen Benehmen ſprach ſo wohl die Schamhaftigkeit der Jung⸗ frau, die ſich ein heißeres Gefühl kaum ſelbſt zu geſte⸗ hen wagt, daß es kein Wunder iſt, wenn der arme Graf mehr und mehr den Kopf verlor. Genug, er heirathete ſie und war der glücklichſte Mann der Welt. An ihrem Hochzeitstage war ihr Vater düſterer als je. Als Leonie vor der Trauung auf ſein Zimmer kam, nahm er ſie bei beiden Händen und zog ſie nahe an ſich heran. Lange ſchaute er in das junge, ſchöne, von einer ihm unbekannten Regung bleiche Geſicht. Endlich legte er die Hand auf ihren Kopf: Du biſt ſchön, ſagte er, aber auch eine Andere war ſchön, ſchöner vielleicht als du, und doch hat es uns Beiden weder —— ———— —— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 55 Glück noch Segen gebracht. Vergiß nicht, daß die Schönheit des Weibes nur für den Mann blühen ſoll, der Schmuck ſeines Hauſes und die Freude ſeines Herzens, und daß ſie darüber nicht hinausgehen darf. Du gehſt heute von mir— gehe zum Glücke— du kannſt es, wenn du es nur ernſtlich willſt. Ich war manchmal hart gegen dich— habe ich dir Unrecht gethan, ſo verzeihe mir. Dein Herz war mir ein ver⸗ ſchloſſenes Buch. Laß es einem Andern nicht alſo ſein! Denke ohne Groll an deine Kinderjahre zurück.— Gerührt beugte er ſich zu ihr herab, es war das erſte Mal in ihrem Leben, daß Leonie ſich erinnern konnte, ſeine Lippen auf ihrer Stirn gefühlt zu haben, und es durch⸗ ſchauerte ſie faſt, als mit dem Kuſſe eine warme Thräne darauf lag. Aber die Erinnerung an ihre Mutter war nicht geeignet, ihr das Herz zu erweichen. Schweigend führte ſie ſeine Hand an ihne Lippen und nahm ruhig den koſtbaren Schmuck entgegen, den er ihr bot. Als er von dem Portal der Kirche einſam dem wegrollenden Wagen nachblickte, der ſie einer ungewiſſen Zukunft entgegen trug, da zog eine ſeltſame Wehmuth durch ſein Herz. Er hatte ſie aufwachſen ſehen, er hatte die köſtliche Blüte ihrer Schönheit ſich langſam unter ſeinen Augen entfalten ſehen, in all dem myſtiſchen Zauber, der ihr ſo eigen war, und der ſie ſo ſehr von anderen Frauen unterſchied; ſie war ſo lange die Zierde ſeines Hauſes geweſen, und ſie vor jedem Unglück zu bewahren, hatte ſo lang einen Theil ſeines Lebens ausgemacht, daß, was auch immer zwiſchen ihnen ſtand, wie fremd auch ihre Herzen für einander geblieben, ihr Scheiden dennoch eine Lücke in ſein Daſein riß. So fällt das Alte allmählich von uns weg, dachte er, als er allein in ſeinem Wagen langſamen Schrittes dem ver⸗ einſamten Hauſe zufuhr. Auch das letzte Glied der Kette, die mich ſo lange gedrückt, iſt gebrochen, und kaum weiß ich, ſoll ic mich darüber freuen? Was nützt die Ungeduld? Es kommt die Zeit— die Zeit — 56 Hermine Wild. kommt gewiß und löſ't es mild und ſchonend von uns ab. Vergänglichkeit iſt eben Alles— Alles— auch Schmerz und Zorn und Haß, und Nichts iſt und war, als Vergänglichkeit, die uns, wie Alles, mit Allem was wir ſind in die Vergeſſenheit treibt.— Ja, ſetzte er nach einer Pauſe kaum hörbar hinzu, Alles vergeht, nur nicht die Erinnerung an das Blut, das man vergoß. Er war angekommen und ſtieg aus. Otto kam ihm bald nach. Auch er war traurig. Der gute Junge hatte, was man übereingekommen iſt„ein deutſches Gemüth“ zu nennen. Es zeigte ſich aber heute auf eine Art, die ſonſt in Deutſchland nicht ſehr gebräuchlich iſt. Er hatte nämlich die Schwäche, ſeine Schweſter, die ihn doch ſtets als einen ſehr unwichtigen Gegenſtand behandelt hatte, weit zärtlicher zu lieben, als deutſche Brüder, im gewöhnlichen Lauf der Welt, ihre Schweſtern zu lieben für nöthig erachten, und er kam jetzt zum Vater, um an ihm ein theilnehmendes Herz zu finden für die Trauer der Trennung, die auf ſeiner Seele lag, und die er ſeinen Altersgenoſſen gegenüber einzu⸗ geſtehen aus einer gewiſſen falſchen Scham und ange⸗ borenen Schüchternheit Anſtand nahm. Aber zu einem empfindſamen Seelenerguß war der Graf doch nicht aufgelegt, und beim Anblick ſeines Sohnes gingen ſeine Gedanken auf einen Pfad über, der ihm weit natür⸗ licher und anziehender war: nämlich auf dieſen Sohn ſelbſt, den einzigen Gegenſtand, um den ſein von menſch⸗ lichen Banden früh losgeriſſenes Herz noch tief die lebendigen Faſern der Liebe ſchlug. Daß er dennoch das geliebtere Kind Jahre lang von ſich entfernte und das ungeliebte unter ſeinen Augen behielt, iſt eines jener Räthſel, deren Schlüſſel tief in der Bruſt des Menſchen verborgen find. Viel⸗ leicht war es das Bewußtſein dieſer Liebloſigkeit ſelbſt. was ihn bewog ein Opfer zu bringen, das er für eine Art Sühne dieſer Liebloſigkeit anſah und eine Ergän⸗ — — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 57 zung der Pflicht, die er ſich auferlegt. Vielleicht dachte er auch, Leonie's beſondere geiſtige Richtung verlange eine ſorgfältigere Ueberwachung, als der gutmüthige Knabe, deſſen reine Seele unverhüllt in dem offenen Spiegel ſeiner Worte lag, und dieſe Eigenſchaft des Kindes war es auch vielleicht, warum er ihn lieber aus dem Bereiche jedes unlauteren Eindruckes ferne hielt. FJetzt aber, wo die letzte Pflicht erfüllt war, konnte er endlich ſeinem Sohne leben und dieſem Sohn Alles ſein und ihn Alles für ſich ſein laſſen, was er nur je für ihn und von ihm geträumt. Und unter dem Wort⸗ ſchwalle Otto's, der mit dem treuen und doch ſo nach⸗ ſichtigen Gedächtniß der Liebe alle Vorzüge und reizenden Liebenswürdigkeiten der ihm ſo unähnlichen Schweſter in das glänzendſte Licht zu ſtellen ſich befliß, hing des Vaters Buc an ſeinen Zügen und verfolgte in ihnen mit ſonderbarer Rührung eine ſchwache Aehnlichkeit mit einem früh verſtorbenen Bruder, der ihn aus ſeinen Kinderjahren durch Otto's klare Angen wieder anzu⸗ lächeln ſchien. Es war eine Aehnlichkeit, die, ſüß in ſich, doch ſein Herz in wehmüthiger Ahnung zuſammen⸗ zog; denn er konnte ſich nicht verhehlen, daß aus dem kräftigen Knaben der Jüngling ſich körperlich nicht in dem Grade entwickelt hatte, wie es für des Vaters Stolz und Freude zu wünſchen war. Otto hatte vor Kurzem erſt ſeine Studien abſolvirt, und obgleich er eben keinen feurigen Geiſt beſaß und das Studiren auch nicht gerade ſeine Neigung war, hatte er doch raſche und ſogar glänzende Fortſchritte darin gemacht. Das freie Leben als Jäger und Oekonom wäre weit mehr nach ſeiner Neigung geweſen, und er ſeufzte auch manchmal über die ſchweren Folianten, wenn er im Geiſt zu der reinen Luft, die ſeine Schweſter unter⸗ deſſen einſog, und zu den Wäldern und Feldern des väterlichen Gutes zurückging. Aber Studiren war für jetzt ſeine Pflicht, und ſo ſtudirte er denn. Bei der angeſtrengten Arbeit aber hatte ſein Geſicht ſich ge⸗ 58 Hermine Wild. bleicht, er ſah mager und verkommen aus, was bei der Traurigkeit, die jetzt auf ſeinen Zügen lag, noch auf⸗ fallender hertrat. Was ſoll ich thun? dachte der Graf. Luftveränder⸗ ung?— Reiſen— allein?— nein, das geht nicht an — auch ich bin einmal gereiſt, allein, in ſeinem Alter — und— was hat es mir gebracht?— Otto, unter⸗ brach er plötzlich ſeines Sohnes unerſchöpfliche Lobrede auf die geſchiedene Schweſter, du haſt deine Studien hinter dir, auf das Gut mag ich nicht zurück, das Haus iſt öde hier, die Luft bekommt uns Beiden nicht, und Zeit iſt es jetzt, daß du dir die Welt ein wenig anſiehſt. Was ſagteſt du, mein Sohn, wenn wir auf Reiſen gingen, damit uns die Grillen ſchneller vergehen? — Otto's Augen leuchteten auf, ſein Kummer war ver⸗ flogen, und ſo reiſ'ten ſie denn ab. Frühjahr, Sommer und Herbſt waren vergangen und ſogar ein guter Theil des Winters war ihnen nachgeeilt, und weder das neue Ehepaar, noch der Graf und Otto waren nach der Hauptſtadt zurückgekehrt. Sie ſitzen bis über die Ohren im Glücke, ſagte man, wenn von Leonie und ihrem Manne die Rede war, und was man von ihnen hörte, beſtätigte allerdings das freundliche Gerücht. Manches hatte ſich unterdeſſen verändert. Marie war Braut geworden, in aller Stille freilich, und die Leute wunderten ſich, daß ſich keine beſſere Partie für das ſchöne und wohlhabende Mäd⸗ chen gefunden; aber ſie war glücklich, obgleich es bei ihr nicht gerade zum Dache hinaus ſchlug, und was wollten ihre Eltern mehr? Ich wollte doch, Leonie ließe etwas von ſich hören, ſagte ſie eines Tages, von ihrer Arbeit aufſehend. Sie wird ſich gewiß mit uns freuen. Da ging die Thüre auf, und die Beſprochene trat Eure Wege ſind nicht meine Wege. 59 in das Gemach.— Wie ſonderbar! rief Marie, nach⸗ dem der erſte Sturm der Ueberraſchung vorüber war, wir ſprachen ſo eben von dir. Du haſt meinen erſten Beſuch, ſagte Leonie mit ihrer ſanften, ſtillen Stimme. Es war noch immer dieſelbe Leonie; etwas friſcher ſah ſie freilich aus, auch mochte ſie ein wenig gewachſen ſein, ſonſt war keine Veränderung an ihr zu ſehen. Es war derſelbe Blick, dasſelbe Lächeln, dieſelbe anmuthige, beſcheidene Schmieg⸗ ſamkeit, mit der ſie als Mädchen ſo viele Augen und Herzen berückt. Seit wann ſind Sie hier? frug die Baronin. O, ſeit geſtern Morgen erſt, und ich wäre gleich gekommen, aber meinem Manne war es nicht auszu⸗ reden, daß ich von der Reiſe zu müde ſei. Und du biſt eine gehorſame Frau, ſetzte Marie lächelnd hinzu. Wie ſoll man anders? ſagte Leonie, indem ſie ſich niederließ und die ganze Familie ſie in lächelnder Be⸗ trachtung umſtand. Die Männer ſind ſolche Tyrannen! Und Sie find das Muſter einer guten Frau, unter⸗ brach ſie der Baron. Nun, meine Marie wird dieſe Weisheit auch bald in Uebung bringen können. Wir ſprachen eben davon, daß Sie ſich gewiß mit uns freuen würden: meine Marie iſt Braut. Ei was! ſagte Leonie verbindlich, und mit wem? Du wirſt es nicht glauben, fiel jetzt Marie lachend ein, mit dem jungen Manne, den du auf dem Balle mit meinem Vater ſprechen ſaheſt. Nun habe ich mich damals, ohne es zu ahnen, ſelbſt bedauert, denn ich werde ſeine Frau. Leonie's Augen öffneten ſich weit. Wir hätten Beſſeres finden können, nahm die Baronin, die Leonie's Bewegung dem Erſtaunen über die mittelmäßige Partie zuſchrieb und eine gewiſſe Kränkung darüber empfand, jetzt das Wort. Das heißt, Reichere hätten wir finden können, aber ſchwerlich einen 6⁰ Hermine Wild. Beſſern; ich glaube nicht, daß es einen beſſeren Menſchen giebt. Und Marie ſoll vor allen Dingen glücklich ſein. Was iſt Ihnen? Warum werden Sie ſo blaß? rief 6 plötzlich und näherte ſich erſchrocken der jungen rau. Doch Leonie hatte ſich ſchon gefaßt. O nur eine flüchtige Anwandlung! ſagte ſie ruhig. Mein Mann hat doch Recht gehabt, und die Reiſe hat mich mehr angegriffen, als ich geglaubt. Und mit dem anmuthigſten Lächeln ſich erhebend, umarmte ſie Marie und wünſchte ihr einfach und herzlich alles nur erdenkliche Glück. Ich muß nun gehen, ſagte ſie dann, mein Mann hat mir nur auf einige Minuten Urlaub gegeben, und jetzt habe ich Sie ja geſehen. Ein lächelnder Abſchied, das Verſprechen, ſich bald zu beſuchen, wurden ſcherzend ausgetauſcht; Leonie beugte ſich noch einmal aus dem Schlage, dann rollte der Wagen zum Thore hinaus, und ſie ſank bleich und mit Geſicht in den Hintergrund desſelben zurück. Alſo doch zu ſpät! ſagte ſie mit geballten Händen und vor Schmerz und Zorn zuſammengebiſſenen Zähnen. O, ich Närrin! Meinem Manne nachzugeben, als er darauf beſtand, länger auf dem Lande zu bleiben! Zu glauben, Wochen, Monate ſchadeten nichts, wo ein ein⸗ ziger Tag vielleicht von folcher Wichtigkeit war! Ein Wort von mir hätte Alles anders gemacht, und nun iſt es zu ſpät!— Und doch— warum zu ſpät?— Hier verſank ſie in Gedanken, und der Schlangenbiß der Eiferſucht in ihrem Herzen ließ allmählich nach. Kannte ſie denn nicht mehr ihre eigene Macht? Frei⸗ lich war er verlobt— aber war Marie Diejenige, die eine blinde Leidenſchaft einzuflößen verſtand?(und Leonie's Glaubensbekenntniß in der Liebe erkannte eben nichts Anderes an als blinde Leidenſchaft.) Mariens Bild zog jetzt an ihrem Geiſte vorüber, die keines Hülfsmittels bedurfte, um ſchön zu ſein. Ja, ſie war Eure Wege ſind nicht meine Wege⸗ 61 ſchön: Leonie athmete ſchwer, als ſie es ſich geſtand, aber war ſie nicht auch offen wie der Tag? Kein Geheimniß breitete ſein magiſches Dunkel über ſie, keine Ueberraſchung weckte die abgeſpannte Seele zu immer neuer Erwartung auf, wer ſie zu kennen ſuchte, der kannte ſie auch, und die Phantaſie ſchlief an ihrer Seite ein. Nicht ſo Leonie. Juſtinctartig hatte ſie die ſchwere Kunſt gelernt, den Geiſt ewig wach zu erhalten, indem ſie ihn fortwährend an die Grenze eines räthſel⸗ haften Unbekannten führte, von welchem er zwar nie den Schleier lüftete, das ſich aber in immer neuen, verlockenden Geſtalten dem ahnenden Auge darzubieten ſchien. O ſeltene Gabe, immer nen zu ſein! Die Frau, die dich beſitzt, und wäre ſie häßlich und alt, trägt den Ring Salomonis an dem Finger, mit dem ſie allen Geiſtern der Tiefe gebieten kann. Was hatte Leonie alſo zu fürchten? Der Kampf würde etwas ſchwerer ſein, aber an ſpannendem Inter⸗ eſſe würde er dadurch nur gewinnen. An Marie ſelbſt, an das Glück der Freundin, die ihr ſtets nur liebend begegnet war, an ſolche Kleinigkeiten dachte die junge Gräfin nicht. Aufathmend blickte ſie um ſich, und eben fuhr ſie in den Hof ihres eigenen Hauſes ein. Ihr Mann kam ihr entgegen, er hob ſie aus dem Wagen und faſt in ſeine Arme wie ein Kind.— Du ſiehſt blaß aus, ſagte er, ihr beſorgt in die dunklen, wunder⸗ vollen Augen ſehend, Du hätteſt nicht ausgehen ſollen, ungehorſames Kind! Leonie ſah lächelnd zu ihm auf und hing ſich ſchmeichelnd an ſeinen Arm. Er trug ſie mehr die Treppe hinauf, als er ſie gehen ließ. Oben mußte ſie ſich niederlegen; ſie war wirklich angegriffen, und ge⸗ duldig ließ ſie Alles mit ſich geſchehen. Er rückte ihrem Kopf die Polſter zurecht, legte ſie warm und hüllte ſie ein, wie eine Mutter ihr Kind, und mit einem Auf⸗ glühen inneren Glückes fing er dabei das ſanfte, dank⸗ bare Lächeln auf, das ihm für ſeine Mühe die ſüßeſte 62 Hermine Wild. Belohnung war. Dem alternden Ehemanne war die junge Frau in Wahrheit das Kleinod ſeines Herzens, eine Welt von Seligkeit, in der Alles zuſammenſchmolz, was ſeine Seele an Liebe zu empfinden fähig war. Er wurde förmlich wieder jung mit ihr und wußte gar nicht, was er thun ſollte, um ihr zu zeigen, daß ſie ſein Glück und ſein Alles ſei. Du ſtrengſt dich immer zu ſehr an, ſagte er jetzt, nachdem er ſie vorſichtig auf die Stirn geküßt, und es war keine Jronie, er glaubte wirklich, was er ſprach. Leonie lächelte wieder. Es war eine ſo bequeme Ant⸗ wort, dieſes Lächeln, es koſtete keine Mühe des Nach⸗ denkens oder der Verſtellung, und ſagte doch ſo viel. Auch that es ihr wirklich wohl, ſich ſo wie ein Kind umhegt und gepflegt zu ſehen. Dieſe Liebe, die keine Feſſel war, und doch eine ſo ſichere Stütze, eine ſo warme Umhüllung war, entſprach für den Augenblick der ſybaritiſchen Weichlichkeit, die in ihrem Blute lag und in ruhigen Momenten den Hauptzug ihres Cha⸗ vakters bildete. Ja, er hat mich lieb, ſagte ſie ſich, und ihr Blick weilte durch die halb geſchloſſenen Lider ſinnend auf ihm, als er, um ſie nicht zu ſtören, ſich an ein Fenſter niedergelaſſen hatte und dort ruhig ſeine Zeitung las. Er hat mich ſehr lieb! Ein Lächeln von mir wiegt ihm allen Sonnenſchein des Weltalls auf. Wenn ich wie eine Andere wäre, ich glanbe, dies allein wäre zu meinem Glücke genug— ſo aber— was kann ich dafür, daß ich nicht wie Andere bin?— Es iſt Alles ſo herzlich langweilig, und die Narren beneiden mich noch. Sie ſchloß die Augen vollends und ſchien zu ſchlafen, und ihr Mann trat leiſe auf, als er das Zimmer verließ. Ein paar Tage danach in einer Soirée, in welcher Leonie, mit ihrem gewohnten Fächerſpiel beſchäftigt, den Mittelpunkt eines Geſpräches bildete, zu dem ſie von Zeit zu Zeit ein paar nachläſſige Worte und träume⸗ Hermine Wild. 63 riſche Blicke hergab, trat ihr zum erſten Male an Mariens Seite der junge Mann mit Abſicht entgegen, der, ohne es zu ahnen, ihre Phantafie ſo brennend beſchäftigte. Der Herr Marquis Louis de Chanteloup, ſagte Marie mit ſcherzendem Pathos, in dem vielleicht ein kleiner, natürlicher Stolz über die ausgezeichnete Er⸗ ſcheinung ihres Bräutigams ſich kund that. Leonie war vorbereitet und verbeugte ſich mit der Sittſamkeit eines vierzehnjährigen Kindes. Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich die Frau Gräfin ſehe, ſagte der Marquis in ziemlich gutem Deutſch. Ja, in der That— ich glaube— ich befinne mich, erwiderte Leonie, während ihn unter den langen Wimpern einer ihrer verführeriſch unſchuldigen Blicke traf; war es nicht an einem Abend in der Oper? Der junge Mann erröthete und verbeugte ſich— ſo hatte ſie ihn alſo doch bemerkt! Nun, das freut mich, rief Marie ahnungslos, dann ſind Sie ja ſchon alte Bekannte. Das Recht der alten Bekanntſchaft kann ich um ſo eher in Anſpruch nehmen, ſagte er dann, als ich die Frau Gräfin nach jenem Abend noch einige Mal wiederſah. Leonie lächelte— was lag nicht Alles in dieſem Lächeln! Welch eine intereſſante Frau! ſagte er zu Marie, als er auf dem Heimwege ihr gegenüber in dem Wagen ſaß. Nicht wahr? rief das Mädchen, o ſie iſt ein Engel! In dieſes Lob ſtimmten der Baron und ſeine Frau von ganzem Herzen ein, und wir wiſſen nicht, warum ſich gerade in dem Marquis etwas regte, das dieſem Vergleich widerſprach. Er lehnte ſchweigend in ſeiner Ecke und ſuchte ſich den Eindruck zu erklären, den die Erſcheinung der Gräfin auf ihn gemacht. 54 Hermine Wild. Wir würden der ſtrengen Wahrheit untreu ſein, wenn wir ſagten, daß Leonie's Anblick das Herz des jungen Mannes ſchon längſt in ſtürmiſche Liebesflammen verſetzt, die nun, da er ſie wieder geſehen und ſogar geſprochen, jeden Damm zu durchbrechen drohten. Leonie's hohe Schönheit hatte allerdings ſchon im erſten Augenblicke ihren Eindruck auf ihn nicht verfehlt; ſie gefiel ihm ſehr, unſäglich gefiel ſie ihm; ſie war ſo ganz der Typus des Weibes, wie er es ſich in ſeiner Vollendung dachte, dieſes durch Liebe herrſchenden, durch ſeine Schwäche allmächtigen Geſchöpfes. Aber der Luxus, der die reiche Erbin umgab, hatte ihm ebenfalls im erſten Augenblicke gezeigt, daß dieſe Blume nicht für den mittelloſen Ausländer gewachſen war. Sie war ihm erſchienen und wieder verſchwunden, wie ein Bild aus einem lichten Traum, das uns gefällt, das aber in keiner Beziehung zu unſerem eigentlichen Leben ſteht, und andere Verhältniſſe hatten den flüchtigen Eindruck ſchnell verwiſcht. Auch lag damals der Tod ſeiner Mutter noch friſch auf ſeiner Seele und dämpfte jede heftige Wallung des Geblütes mit einem Thränen⸗ ſchleier ab. Er hatte, wie Marie es Leonien erzählte, dieſe Mutter unausſprechlich geliebt, mit all der cheva⸗ leresken Hingebung, die uns aus den nationalen Dichter⸗ werken ſeines Volkes ſo oft, den Banden der Familie gegenüber, und ſo lebendig entgegentritt. Sie war bis jetzt die einzige Dame ſeines Herzens geweſen, und ſie hatte ſich dieſe Herrſchaft durch die Aufopferung ihres ganzen Lebens, das in Liebe zu ihrem einzigen Sohne aufging, theuer genug erkauft. So weit er zurückdenken konnte, hatte er ſie neben ſich geſehen, ſtill und duldend, und die einzige Verän⸗ derung, deren er ſich erinnerte, war, daß ſie nach dem Tode ſeines Vaters die bunten Kleider der Welt gegen die ſchwarzen der Trauer vertauſcht, die ſie auch von da an nicht mehr abgelegt. Dieſes Vaters aber erinnerte er ſich kaum und gab ſich auch, wir müſſen es geſtehen, — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 65 wenig Mühe, ſich ſeiner zu erinnern. Bete für deinen Vater, daß er zu uns zurückkehre und glücklich ſei! hatte ſeine Mutter jeden Abend ſeiner Kinderzeit ihm geſagt, wenn er, ſchlaftrunken zu ihren Füßen knieend, mit ſtammelnden Lippen gedankenlos ihr das kleine Abendgebet nachſprach. Aber die kindliche Bitte, der ſolche Allmacht zugeſchrieben wird, und hinter welcher ein heißeres Gefühl ſich bergen ſollte, war unerhört verhallt, denn der Vater kehrte nicht zurück, und doch forderte einmal ſeine Mutter das Gebet nicht mehr von ihm. Bis dahin hatte er wenig aufgemerkt, doch ihr plötzliches Schweigen war wie ein Ruck, und heimlich faßte ihn ein Wundern an. Warum ſoll ich nicht mehr beten, daß der Vater kommen ſoll? frug er eines Abends die bleiche Frau, die, über ihn gebeugt, ſeine gefalteten Händchen in den ihrigen hielt. Er iſt zur Ruhe— ſtören wir ihn nicht, war ihre Antwort geweſen, und oft nachher, wenn ihm das Wort einfiel, trat er plötzlich leiſer auf, den Vater nicht in der Ruhe zu ſtören, von der ihm ſeine Mutter geſagt. Darauf beſchränkte ſich aber auch Alles, was er von ihm wußte, und er hätte gar keinen Vater haben können, ſo wenig ließ deſſen Verſchwinden eine Lücke in ſeinem Herzen zurück. Ein froher, ſorgloſer Knabe wuchs er auf und füllte die öͤden Räume des väter⸗ lichen Schloſſes mit aller lärmenden Freude einer geſunden Kinderzeit. Wenn er dann, vom Spiele erhitzt und müde, Ruhe und Erholung an der Seite der Mutter ſuchte, flog wohl manchmal ein weh⸗ müthiges Lächeln über ihr rührendes, früh verwelktes Geſicht. Jo, ſagte ſie dann wohl, mit den feinen, weißen Händen in der dunklen Fülle ſeiner Locken wühlend, während ſie ihm dabei lang und gedankenvoll in die hellen Augen ſah, zu dem greiſen Pfarrer des Dorfes, der des Knaben Lehrer war und Abends öfter eine Novellenſchatz. Bd. XXII. 5 66 Hermine Wild. Stunde bei ihr einſprach, ja, er iſt ein gutes— ein ſehr gutes Kind! Aber— das Leben iſt eine ſchwere Aufgabe— ich wünſchte, er hätte die rechte Kraft. Einmal auch, nachdem ſie lange geweint, hatte ſie faſt mit Heftigkeit ſeinen Kopf mit beiden Händen an ſich gezogen.— Brich nie ein Menſchenherz— es thut zu weh! hatte ſie zu dem erſtaunt aufſchauenden Kinde geſagt, das ſie nicht verſtand. Sie ſah ihn lange an und ließ ihn dann langſam und wie mit einem inneren Widerſtreben los. Alles das hatte auf das empfängliche Gemüth ihres Sohnes einen tiefen Eindruck gemacht, und ſchon früh entwickelte ſich bei ihm der dunkle Begriff, ſeine Mutter leide unter irgend einem ſchweren, geheimnißvollen Schmerz, der ihm um ſo erhabener vorkam, als er ſich vergebens deſſen Urſache zu enträthſeln ſuchte; und wenn der alte Pfarrer von Heiligen ſprach, die mit Geduld ein Kreuz getragen, das doch gewöhnlichen Menſchen unerträglich ſcheine, oder die ihr Leben einer hohen Pflicht der Menſchlichkeit gewidmet, dann dachte er, daß ſeine Mutter wohl auch eine ſoche Heilige ſei, nur wüßten die Menſchen nichts davon, weil es ein Geheimniß zwiſchen ihr und ihrem Schöpfer ſei. So wurde ſtill unter dem befruchtenden Einfluſſe einer glühenden Phantaſie der Keim zu jenem Ascetismus in ihm gelegt, denn die katholiſche Kirche als die höchſte Blüte menſchlicher Vollkommenheit zu betrachten lehrt. Seine Mutter ſah es gern. Sie hatte ſich jener religiöſen Frömmigkeit ergeben, in welcher weiche Herzen ſo gern Heilung ſuchen, und die bei ihrem Charakter nie in unduldſame Härte übergehen konnte. Ihr heißeſter Wunſch war, ihren Sohn denſelben Pfad wandeln zu ſehen, der ihn vor den Schlingen der Welt bewahren ſollte, an welchen ihr eigenes Glück geſcheitert, und der ſo ſicher zum Heil zu führen ſchien. Was ihr Balſam geweſen, warum ſollte es nicht dem Unerfahrenen die ſichere Rettung ſein? Und ſie überlegte nicht, ob nicht Eure Wege ſind nicht meine Wege. 67 vielleicht dieſe Neigung die raſche Thatkraft in ihm untergtub, die der eigentliche Nerv alles ſittlichen Lebens iſt. Ihn vor jedem Einfluſſe zu bewahren, der dieſe Neigung beeinträchtigen könnte, riß ſie ſich, als er die hohen Schulen beſuchen mußte, los aus der ihr zum Bedürfniß gewordenen Ruhe und begleitete ihn nach Paris. Und ſie hatte ſich nicht in ihm getäuſcht. Zwar erröthete er wohl ein wenig, wenn ſeine Gefährten ihren Spott an dem empfindſamen Mutterſöhnchen übten, und ſein Herz ſchlug auch wohl hier und da in verhaltener Sehnſucht nach den verbotenen Freuden der Jugend, die in ſeinem Wörterbuche nur Kinder der Sünde waren, und denen er die Anderen mit ſo un⸗ verhohlenem Lebensgenuß ſich hingeben ſahz aber die Liebe zur Mutter war ſtärker, als falſche Scham und Verführung und der Gedanke, daß dieſe erſte Entſagung auch der erſte Schritt zu jener großen des ganzen Lebens ſei, die ihn einſt den Heiligen, von denen er träumte, zur Seite ſtellen ſollte, erhöhte noch den Durſt nach Aufopferung in ihm, der jungen Gemüthern ſo natürlich iſt. Dennoch konnte es nicht fehlen, daß trotz der rettenden Inſel, die der Einfluß ſeiner Mutter für ihn war, das friſche Leben von außen, das ihn hier von ſo vielen Seiten mächtig umſtrömte, manche Breſche riß in die frommen Ueberzengungen, die man mit ſolcher Sorgfalt um ihn aufgebaut, und deren Grundfeſten mehr auf dem beweglichen Boden ſeiner Phantaſie ruhten, als auf dem feſten Grunde einer geſunden Kraſt. Seine Mutter hatte nicht allein Theil an ihm gehabt, er war auch ſeines Vaters Sohn und ſah ihm nicht umſonſt ſo ähnlich, daß ihr Herz manchmal darüber erſchrak. Ans dem ſchöuen Knaben war mit der Zeit ein ſchöner, ſchlanker Jüngling geworden, der dem thätigen Leben des Mannes mit raſchen Schritten entgegenging. 5 Hermine Wild. Die mächtige Stimme der Leidenſchaften fing an ſeine Sinne zu verwirren, und es kam die Zeit, wo der fündig zierliche Fuß einer hübſchen Griſette mehr Inter⸗ eſſe für ihn gewann, als die gelehrteſte Abhandlung über die Nothwendigkeit der Kaſteiung des Fleiſches. Und wenn er auch, eingedenk des Teufels, der darin verborgen lag, manchen koketten Blick, der ihn im Vorbeigehen traf, an ſeinen geſenkten Lidern abprallen ließ, ſie drangen ihm nur um ſo ſicherer durch alle Adern in das unruhig klopfende Herz. Ja, er bedurfte eigentlich auch ſeiner Augen nicht, um zu ſehen; es war, als ſei ihm ein ſechſter Sinn geworden, der für ihn mit zehnfacher Schärfe hörte und ſah, und wenn er Augen und Ohren noch ſo feſt verſchloß. Erſchrocken über ſich ſelbſt, ſuchte er des Verſuchers los zu werden, der mit ſo ſtarken Banden ihn gefangen zu nehmen drohte. Buße und Beichte waren die natürliche Zuflucht, die ſich ihm bot; aber Buße und Beichte, die ſein Herz ob ſo manchen kleinen Fehlers leicht gemacht, halfen ihm nicht gegen die Stimme der Natur. Adams Sünde war ihm nicht ſo unverzeihlich mehr, er begriff, daß er den Apfel aß, da ja Eva ihn reichte, und der heilige Antonius in der Wüſte verlor viel von der Glorie, die er für ſeine unerfahrenen Augen gehabt. Allein, vor dem ſchmählichen Umſturze aller ſeiner Grundſätze ſollte der zukünftige Heilige durch ein kräftigeres Mittel bewahrt werden, als Buße oder Beichte es war. Seine Mutter, welche die Veränderung ihrer Lebensweiſe und ſo manche Entbehrung, die ihr das koſtſpielige Leben in der Stadt auferlegte, bis jetzt ſchweigend ertragen, fing an, ſichtlich znſammenzubrechen, und für Louis ſanken alle neueren Wünſche in Vergeſſen⸗ heit vor dem Einen herrſchenden Wunſche, ſie am Leben zu erhalten um jeden Preis. Und es war faſt, als beſäße ſeine Liebe dieſe Wunderkraft. Sie ſchien ſich zu erholen und athmete neubelebt die Luft der Heimath ein, zu welcher er ſie zurückge⸗ —— * Md— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 69 führt; aber es war nur das Aufflackern der Flamme, bevor ſie erliſcht. Der nahende Herbſt warf ſie ſchnell auf das Lager zurück, und von da an ſchien nur Eine Sorge noch ihr einen Reſt von Kraft zu verleihen. Sorgſam ordnete ſie alle Papiere, die ſich auf das Vermögen ihres Sohnes bezogen, dann ließ ſie ſich ein Packet Briefe geben, daß in einem verborgenen Fache ihres Schreibtiſches aufgehoben war; ſie befahl, ein Feuer in dem Kamin anzuzünden, und warf ſelbſt Brief um Brief in die lodernde Flamme hinein. Aufmerkſam ſah ſie die Flammen über ſie aufſchlagen, züngeln und ſie verzehren. Siehe, mein Sohn, ſagte ſie dann, ſo vergeht Alles! Denke daran, wenn Schmerz oder Unglück dich verfolgt. Was auch geſchehen möge, thue deine Pflicht; es iſt das Einzige, was uns bleibt— und noch Eines! fügte ſie hinzu, indem ſie die Augen wie verklärt gen Himmel hob.— Von da an ſprach ſie nur noch wenig; eine ſanfte Träumerei ſchien über ihr zu ruhen, aber ſie war heiterer, als Louis ſie je geſehen. Der Tod nahte ihr ohne Kampf, wie ein geliebter Freund, deſſen Nähe man lange erſehnt. Ihre Kräfte nahmen mehr und mehr, doch leiſe ab, und die zurückkehrenden Schwalben fanden nur noch ihr Grab. Brich nie ein Menſchenherz! waren ihré letzten Worte zu ihrem Sohn geweſen, als das Bewußtſein ſchon halb ent⸗ flohen war. Dieſen Sohn aber traf ihr Verluſt mit einer Schwere, wie nur der Tod einer ſolchen Mutter unter ſolchen Verhältniſſen treffen kann. Pazu kam, daß er erſt nach ihrem Tode den ganzen Umfang der Liebe kennen lernte, die bis jetzt über ihn gewacht. Er erfuhr, daß das Haus der Chanteloup eines der erſten im Lande geweſen, daß es ſich mit den reichſten und mächtigſten an Glanz und Reichthum meſſen konnte, bis ſein Vater das glänzende Erbe in rückſichtsloſer Vergnügungsſucht verpraßt und ſeinem Sohne nichts hinterlaſſen, als was 70* Hermine Vild. deſſen Mutter durch Entbehrung jedes Lebensgenuſſes im Laufe der Jahre mühſam zuſammengeſpart. Unter einem Haufen alter Papiere, die vergeſſen in einem Fache lagen und die der junge Erbe durchſtöberte, fand ſich ein wahrſcheinlich verlegter Brief, mit der Adreſſe an ſeine Mutter. Das Papier war alt und gelb, aber die Spur der Thränen noch ſichtbar, welche viele Worte faſt unkennt⸗ lich gemacht. „Madame,“ lautete dieſes Schreiben,„ich habe Ihren Brief richtig erhalten und auch geleſen, ſo wenig unterhaltend, verzeihen Sie die eheliche Ungalanterie, ſein Inhalt auch war. Sie hätten in dieſer langen Zeit lernen können, daß Klagen nicht das Mittel ſind, abtrünnige Herzen zur Treue zurückzuführen. Die Liebe iſt ein verzogenes Kind, ſie nährt ſich von Duft und Roſen und flieht vor den Dornen, und wären ſie noch ſo gut verſteckt, davon. Tu dieu! Ergeben Sie ſich in Ihr Schickſal! Sind Sie die einzige Frau, die in der Ehe nicht das gefunden, was ſie in romantiſchen Mädchenträumen darin geſucht? Noch keine iſt an Enttäuſchung geſtorben— ich rede leider aus Erfah⸗ rung, liebe Madame. Was Sie mir von meinem Jun⸗ gen ſchreiben, freut mich ſehr. Es iſt mir lieb, daß er Ihnen Freude macht, und ich hoffe, daß er einſt ein wahrer Chanteloup ſein wird. Was aber den väterlichen Schutz betrifft, ſo bin ich überzeugt, daß mein Sohn unter Ihrer Aufſicht deſſen nicht bedayf. Ich achte Sie viel zu ſehr, um das geringſte Mißtrauen in Ihre mütterliche Liebe zu ſetzen, und laſſe Ihnen in Allem, was ſeine Erziehung betrifft, vollkommen freie Hand. Für ſeine Zukunft, liebe Madame, werden wir ſorgen, wenn es an der Zeit ſein wird. Sie iſt noch ſehr weit von uns entfernt, dieſe Zukunft, Gott ſei Dauk! Und ein böſes Schickſal könnte vielleicht Alles, was wir jetzt dafür thun würden, bis dahin vereiteln. Jeder für ſich und Gott für Alle, liebe Madame.— 7¹ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 6 Das iſt mein Grundſatz, den ich Ihnen ebenfalls zur Befolgung empfehle. Ge qu'attendant, verbleibe ich Ihr ergebener Leon de Chanteloup.“ Und das war mein Vater! rief Louis mit grim⸗ migem Zähneknirſchen, indem er den Brief zuſammen⸗ ballte und zornig zur Erde warf. Er hob den Fuß, ihn zu zertreten, als ihm einfiel, daß die Thränen ſeiner Mutter darauf gefallen. Gerührt hob er ihn auf, glättete ihn ſorgfältig und ſchloß ihn andächtig in ſeine Brieſtaſche ein. Jetzt wußte er endlich, warum das Leben ihr gar ſo ſchwer zu tragen geweſen. Sein Kindergebet und ihr nachheriges vollſtändiges Schwei⸗ gen, Alles war ihm verſtändlich jetzt; denn ſein Vater war eines Tages todt gefunden worden in der Nähe von Paris, und ein Gerücht wollte wiſſen, er habe ſich, um ſeinen zerrütteten Vermögensverhältniſſen zu ent⸗ fliehen, ſelbſt entleibt. Daß er an der Verzeihung ver⸗ zweifelt, die ihr liebendes Herz ihm ſo gern ertheilt hätte, daß er geſtorben war, ohne Weib und Kind wiederzuſehen, ja ohne ein letztes Zeichen der Reue oder der Erinnerung an ſie, das war es, was ſie ihm vielleicht nie ganz verzieh. An ſein zerſtörtes Vermögen dachte Louis nicht. Die unwürdige Behandlung, die ſeine Mutter erfahren, war es, was allein ſeine Seele füllte und ſeinem Schmerz um ſie neue Kräfte liech. Was ihr Leben nicht hatte erreichen können, das bewirkte nun ihr Tod. Er rief ſich alle ihre Handlungen zurück, die abgebrochenen Worte, mit denen ſie einen lieben, aber geheimen Wunſch nicht auszuſprechen wagte, ſielen ihm wieder ein; dieſen Wunſch nun zu erfüllen und dadurch das Band, das der Tod zerriſſen, im Grabe ſelbſt, ſo zu ſagen, wieder anzuknüpfen, wurde bei ihm zur fixen Idee. Er ergab ſich veligiöſen Schwärmereien, ſchloß ſich in ſeine vier Wände ein, und der Augenblick war vielleicht nicht fern, wo der letzte Sproſſe des berühm⸗ Hermine Wild. ten Hauſes der Welt entſagen wollte, um in der Ein⸗ ſamkeit eines Kloſters ſein fleckenloſes Leben dem Dienſte des Herrn zu weihen. Doch ſo weit ſollte es nicht kommen. Die franzöſiſche Revolution, dieſer Samum, der die Welt verheerend daherzog und eine Generation unter ſeinem heißen Hauche vergrub, drang auch in die ferne Abgeſchiedenheit, wo der junge Edelmann ſinnend an dem Scheidewege ſeines Lebens ſtand. Zu aufgeklärt, um der neuernden Wendung ihre Berechtigung abzu⸗ ſprechen, zu hnman, um an den Gräuelſcenen des Vol⸗ kes Theil zu nehmen, zu ſtolz, um ſeinen alten Namen durch irgend einen Verrath zu entweihen, zog Louis die Verbannung vor. Er rettete von dem Reſte ſeines Vermögens, was er konnte, und wandte ſich nach Deutſch⸗ land, wo in B. ein alter Freund ſeiner Mutter lebte, den er zwar nicht kannte, der ihn aber um der lieben Verſtorbenen willen mächtig zu ſich zog. B. war wie faſt alle Städte Deutſchlands mit einer Flut von Emi⸗ granten überſchwemmt, unter denen ſich manche befan⸗ den, die mit ſeinem Vater befreundet geweſen, und da tönte ihm denn, unangenehm genug, die Erinnerung der Ausſchweifungen entgegen, durch welche dieſer ſich bekannt gemacht. Aber auch ohne jene zweifelhaften Freunde war er, ſeines hohen Namens wegen, wohin er ſich in den Kreiſen der Emigranten wandte, überall gern geſehen, und dennoch ſtand er bald ſehr einſam und verlaſſen da. Sein ſtiller Ernſt ſagte bei genauerer Bekannt⸗ ſchaft nur Wenigen zu, und ſeine gemäßigten politiſchen Anſichten, die das Neue zwar nicht lobten, das Alte aber als die unverkennbare Wurzel dieſer Neuzeit an⸗ ſahen, kühlten ſelbſt dieſe Wenigen ab. Seine Beſchei⸗ denheit ſöhnte Niemand mit ſeinen Meinungen aus, und alle dieſe meiſt jungen Leute, die mit den geret⸗ teten Trümmern ihres einſtigen Vermögens fröhlich lebten, in der gewiſſen Erwartnng einer nahen glück⸗ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 73 lichen Rückkehr zu den Verhältniſſen jener alten Zeit, trennten ſich in faſt feindſeliger Entfremdung von ihm. Und Louis war im Grunde froh, wieder allein zu ſein. Dieſe lockere, demöraliſirte Geſellſchaft, die in Sammt und Seite gekleidet, unter leichtfertigen Ge⸗ ſprächen an dem Rand eines Abgrundes hinſchritt, der ſie Alle im nächſten Augenblicke verſchlingen konnte, hatte keinen wohlthuenden Eindruck auf ihn gemacht. Was ſollte er auch unter ihnen, er, dem nur die Erinnerung an die Vergangenheit die Freude des Le⸗ bens war? Die Verirrungen ſeines Vaters freilich, die hatte er dort wieder und wieder gehört, aber den ſtillen, kleinen Kreis, in dem ſeine Mutter ſich mit ihm geſchloſſen hielt, den hatte Keiner gekannt. Und doch hielt ihn eine unbezwingbare Scheu ab, den einzigen Mann aufzufuchen, zu dem dieſe Erinnerung ihn zog. Er wußte, daß ihm nur wenig von dem Glanze ſeines Hauſes übrig blieb, und er war ſtolz, wie nur je einer ſeiner Vorfahren es vor ihm geweſen war. Mitleid zu erregen ſchien ihm daher eine neue Beſchimpfung zu ſein. Da ſuchte ihn der Baron ſelber auf. Ihm gefiel der junge Mann, deſſen Benehmen ſo freundlich und doch ſo zurückhaltend war, und ganz entzückt kehrte er von ihm zu den Seinigen zurück. Er iſt wie ſeine Mutter, ſagte er vergnügt, ſo ſtill und freundlich wußte die auch zu thun, was Recht war. Ja, ja, die deutſchen Frauen haben nicht allein die Tugend mit Löffeln gegeſſen, auch über dem Rhein giebt es ſolche, an denen ein Heiliger ſich erbauen könnte. Die Baronin lächelte; ſie wußte recht gut, was ſie von den Reden ihres Mannes zu halten hatte, und vergab ihm gern eine Schwärmerei, die ihn, von den loſen Sitten ſeines Zeitalters unangeſteckt, zu ihr zurück⸗ geführt. Marie war neugierig, den jungen Mann zu ſehen, der eine ſo vortreffliche Mutter gehabt, daß dies allein ihm ein Anrecht an ihre Theilnahme gab. 74 Hermine Wild. Auf den jungen Marquis indeſſen übte das Haus des Barons bald einen eigenthümlichen Zauber aus. Es war ein Hauch der Heimath, der ihm daraus ent⸗ gegenwehte; nicht der großen, die ſo viele Kinder zählt, denn das Haus war ganz deutſch, aber der kleinen, wo ſein Herz die Wurzeln ſchlug, und die nur er gekannt. Er kam, um von ſeiner Mutter zu ſprechen, und fühlte ſich zu Hauſe, wo man ſo gerne von ihr ſprach. So geſchah es, daß ſie ſich nach und nach daran gewöhn⸗ ten, ihn faſt täglich bei ſich zu ſehen. Er liebte es, ſeine Abende da zuzubringen, und begleitete ſie wohl auch, gingen ſie aus. Zwiſchen Marie und ihm bildete ſich ſchnell eine Art geſchwiſterlicher Vertraulichkeit, an der Niemänd im Hauſe Anſtoß nahm und die für Beide gleich angenehm war. Tauſend kleine Beſchäftigungen brachten ſie fort⸗ während zuſammen. Zeichnen, Muſik und Lectüre, Alles war von gleichem Intereſſe für ſie, und ſie war ſchön, ihre Ruhe that ihm wohl, und mit jedem Tage zog ſie ihn feſter an. Daß aus dieſer harmloſen Zu⸗ neigung ein tieferes Gefühl ſich entwickeln konnte, daran dachte er ſelber nicht! Marie war ja proteſtantiſch!— Zudem hatte ſie nichts von der fortwährenden Hülfs⸗ bedürftigkeit und ſanften Abhängigkeit, an die ihn der Zuſtand ſeiner Mutter gewöhnt und die ihm darum an Frauen ſo lieb geworden war. Marie war ganz das Gegentheil von alle dem. Sie trug die blühende Friſche ihrer Jahre mit einer Unbefangenheit, welche bewies, daß ſie nicht glaubte gegen irgend Jemandes Geſchmack damit zu verſtoßen. Ihr Vater rühmte von ihr, daß ſie nie krank geweſen, und ſie ſah nicht danach aus, als würde ſie es jemals ſein. Sie war, trotz ihrer dunklen Haare und Augen, vom Wirbel bis zur Sohle eine echte Deutſche, häus⸗ lich und wirthſchaftlich, von jener Gemüthsart, welche über die allernächſten Intereſſen des Hauſes wenig hinausgeht. Und darin auch wich ſie von Louis' ———.— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 75 Mutter ab, die bei aller Häuslichkeit den Sinn für das Allgemeine doch nicht verlor. Uebrigens war ſie hei⸗ ter, von jener wohlthuenden Heiterkeit, die nie in Aus⸗ gelaſſenheit übergeht, und vielleicht ein wenig ſenti⸗ mental. Sie ſchonte den Stock, wenn ſie eine Blume brach. Ohne Neigung hätte ſie keine Ehe geſchloſſen, ſie glaubte an Treue, und die Liebe war ihr eine Re⸗ tigion. An das Thema der blinden Leidenſchaft hatte ſie freilich noch nicht gedacht, hätte wohl auch ſchwer⸗ lich daran geglaubt. Sie neckte Louis mit ſeiner übertrie⸗ benen Empfindſamkeit in Sachen der Religion, und was er von keinem Andern hinnahm, duldete er ruhig von ihr. Ihr friſches, geſundes Weſen, das bei aller ſtren⸗ gen Sittlichkeit den Eindrücken und Neigungen der Fü gend doch ſo offen und zugänglich war, brach wie die Sonne durch die Nebel ſeiner früheren Anſichten und zerſtreute ſie. Der Gedanke an das junge Mädchen verflocht ſich nach und nach in ſeinem Kopfe mit Allem, was er hoffte und unternahm. Er dachte weniger an den Unterſchied der Religion und überließ ſich gern der wohlthuenden Wärme, die von ihr ausſtrömte und die ſo ſanft an das ſchlummernde Leben ſeines Men⸗ ſchenthums trat und ſeine Sinne unmerklich mehr öffnete für das Treiben der äußeren Welt. Eines Morgens erwachte er mit dem Gedanken, ſeine Mutter hätte mit Freuden eine ſolche Schwieger⸗ tochter begrüßt, und der Mann, dem Marie vom Schick⸗ ſal beſtimurt ſei, wäre gewiß ein glücklicher Mann, und nun der Gedanke in ſeinem Kopfe entſtanden, ging er auch ſo leicht nicht mehr heraus. Mariens Benehmen gegen ihn blieb indeſſen frei und unbefangen wie im erſten Augenblick; ſie fühlte nicht, daß etwas zu ver⸗ bergen ſei, und ſo verbarg ſie auch nichts, und ihre Eltern merkten endlich, daß ſich ein tieferes Gefühl ſehr gut mit ſolcher Unbefangenheit verträgt. Es iſt natür⸗ lich, wenn dieſe Entdeckung weder der Baronin noch ihrem Manne eine erwünſchte war. 76 Hermine Wild. Eine einnehmende Perſönlichkeit und gewinnende Liebenswürdigkeit ſind große Gaben, aber ſie machen den Menſchen, nicht ſatt, und mit dem Sattwerden allein iſt es für ein weich gewöhntes Mädchen, wie Marie es war, auch noch nicht abgethan. So dachten Beide, als die Wahrheit ihnen nach und nach ſehr wider ihren Willen aufging, und Louis dachte es auch. Die erſte Folge davon war, daß er ſich eine feſte Stellung zu gründen ſuchte, die ihm die Möglichkeit ſichern ſollte, ſich auch einen eigenen Herd zu bauen. Seine religiöſen Vortheile, denen er in der Hei⸗ math mit ſolchem Eifer nachgehangen, hatten ihn we⸗ nigſtens, da er ſie ernſt nahin, vor den geſellſchaftlichen bewahrt. Louis wollte gerne arbeiten, und ſo viele ſeiner Landsleute, weit höher noch geboren, als er, gin⸗ gen ihm darin mit gutem Beiſpiel voran, daß es ihm nicht einmal hoch anzurechnen war. Er wollte alſo arbeiten, aber wie? Er hatte in Paris die Rechte ſtudirt, doch eben wie junge Leute ſtudiren, denen es mehr um die Vollendung ihrer Sichi zu thun iſt, als um einen ernſtlichen Lebens⸗ zweck. Mit ſeinen übrigen Talenten ſah es nicht viel be⸗ ruhigender aus; er zeichnete hübſch, ſpielte mittelmäßig ein Paar Inſtrumente; das Alles reichte wohl nöthi⸗ genfalls hin, für ſich ſelbſt das knappe Brod zu er⸗ ſchwingen, aber mit den beſcheidenſten Anſprüchen ließ ſich das Glück einer Familie nicht darauf bauen. Muthlos ſah Louis vor ſich nieder. Was ſollte er thun? Sein Elend allein tragen, die Antwort war leicht genug. Durfte er Marie wiederſehen und eine Neigung in ihrer Bruſt Wurzel ſchlagen laſſen, die von ihren Eltern nie genehmigt werden konnte? Sollte er⸗ ihnen die Tochter, ſozuſagen, ſtehlen und ſie für das Vertrauen belohnen, das ſie ihm bewieſen, indem er ihr einziges Kind durch Kampf und Qual einer Ehe ent⸗ gegenführte, in welcher er ihr nichts zu bieten ver⸗ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 77 mochte, als Entbehrungen jeder Art? Nein, das ſollte nicht geſchehen! Wenn auch unglücklich und arm, war er noch immer der Vertreter eines alten Namens, und eine unwürdige Handlung ſchien ihm eine Unmöglich⸗ keit zu ſein. Abreiſen alſo, den Ort verlaſſen, der ihm zu einer halben Heimath geworden, war das Einzige, was ihm zu thun übrig blieb. Er ſeufzte, als er es dachte, aber mit dieſem Seufzer hatte er auch dem Traum häuslicher Ruhe und Glückſeligkeit für immer Lebewohl geſagt. Beim Baron war man ein wenig überraſcht, als ein ganzer Tag verging, ohne daß der Marquis etwas von ſich hören ließ Am zweiten flogen Mariens offene Blicke bei jedem nahenden Schritt erwartungsvoll nach — der Thüre. Am dritten ſah ſie offenbar bleich und an⸗ gegriffen aus.— Sollten wir nicht zum Marquis ſchicken und fragen. laſſen, was ihm fehlt? frug ſie ihren Vater, als dieſer ſich zum Ausgehen anſchickte. Ich gehe ſchon ſelbſt, war ſeine Antwort, und er entfernte ſich. Er fand Louis mit Packen beſchäftigt, ebenfalls blaß, aber ſonſt ruhig und entſchloſſen genug.— Ei was, rief der Baron, wohin die Reiſe? Louis erröthete Ein plötzliches Geſchäft, das ſich nicht aufſchieben läßt, ſtammelte er. Davon haben Sie uns ja nichts geſagt? Es kam ſo plötzlich, verſetzte der junge Mann mit wachſender Verlegenheit. Und darf man wiſſen, worin es beſteht? Louis hatte ſeine Faſſung wiedergewonnen. Es betrifft nicht mich allein, ſagte er, aber ich werde Ihnen ſchreiben, ſobald es mir möglich iſt. Das ſcheint ja eine ernſte Sache;— und bleiben 3 Sie lange weg? Wahrſcheinlich. Hm, ſagte der Baron ärgerlich, wie das ſich ſo verkehrt treffen muß, und ich hatte Sie um etwas zu 78 Hermine Wild. bitten, eine große Gefälligkeit, die mir nicht ſo leicht ein Anderer leiſten kann. Aber nun reiſen Sie— der Teufel auch! ob man ſich auf Jemand verlaſſen kann! O, wenn ich Ihnen einen Gefallen erweiſen kann! rief Lyuis mit aufwallender Wärme, indem er dem vortrefflichen Mann unwilltürlich näher trat. Sie reiſen ja. O, das hat am Ende keine ſolche Eile! Erfordert denn das Geſchäft eine lange Zeit? Ein paar Tage nichts als ein paar Tage— aber freilich, wenn Sie reiſen müſſen— O, rief Louis, das hat nichts zu ſagen, durchaus nichts! Ein paar Tage— mehr, wenn Sie wollen! befehlen Sie über mich— was iſt es, womit ich Ihnen dienen kann? Die Sache war bald abgemacht, und Louis per⸗ ſprach zu bleiben, bis die Angelegenheit des Barons geordnet ſei. Aber ſchon den folgenden Morgen, gerade als er ſich zu enträthſeln ſuchte, was der Baron denn von ihm wünſchen konnte, wurde ihm ein mächtiges Schrei⸗ ben mit gewichtigem Siegel in die Hand gelegt, worin ihm höhern Orts eine ziemlich einträgliche Stelle ange⸗ wieſen wurde, um die er in ſeinem ganzen Leben nicht nachgeſucht. Kaum wagte er ſeinen Augen zu trauen, da ſchoß es ihm wie ein Blitz durch die Seele, und er eilte zum Baron. Nun, ſagte dieſer, ich mußte Ihnen wohl helfen, denn das Sprechen wurde Ihnen gar ſo ſchwer;— und als Louis gebrochene Worte ſtammelte— es iſt beſſer Sie gehen gleich vor die rechte Schmiede, ſagte er lachend. Er ging zur Thüre und rief ſeine Tochter herein, die halb bewußt und darum wohl ſo verzagt, als gelte es ein Unglück, in die Stube trat. Ihre Mutter folgte ihr. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 79 Du biſt ſo lange zu keinem Entſchluß gekommen, ſagte der Baron zu ihr, daß ich das Wählen für dich übernommen habe. Was ſagſt du zu dem Manne, den ich dir uzeſich Sie war unfähig zu antworten. Louis warf ſich faft vor Freude weinend ſeinem väterlichen Freunde an die Bruſt. Das war die ganze Verlobungsfeier, der Baron verbat ſich ſelbſt von ſeinen beſten Freunden jede be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit; Karten wurden ausgegeben, und Marie erſchien öffentlich als Braut. Die Leute ſchüttelten wohl ein wenig die Köpfe über die ſonder⸗ bare Wahl eines Ausländers, der, wie ſie ſagten, nicht viel reicher ſei, als eine Kirchenmaus, aber die Barv⸗ nin war die Einzige, die es bemerkte und der es nahe ging. Sie hatte doch ſelbſt aus Neigung geheirathet und ſtets den Grundſatz ausgeſprochen, mit ihrer Toch⸗ ter ſolle es dasſelbe ſein. Nun aber der Würfel ſo unvortheilhaft gefallen, hätte ſie gar Manches anders dabei gewünſcht, und ſogar ein gelinder Zwang wäre ihr nicht als ein unverantwortlicher Eingriff in Ma⸗ riens freie Wahl vorgekommen. Vielleicht barg ſich darin eine kleine unausgeſprochene Eiferſucht, doch ſie war klug und nahm mit ſcheinbarer Zufriedenheit hin, was ſich einmal nicht ändern ließ, und bis jetzt hatten Alle mit einander weiter gelebt in ungeſtörter Har⸗ monie. Da tauchte Lonie zum zweiten Male an dem Ho⸗ rizont des jungen Mannes auf. Wie geſagt, er war früher nicht in ſie verliebt geweſen, und ebenſowenig war er es jetzt. Ihre Stimme, ihr Weſen hatte nur den angenehmen Eindruck beſtätigt, ja wohl auch ver⸗ ſtärkt, den ihre erſte Erſcheinung auf ihn gemacht. Sie ſtimmte die Secele zu einer ſo lieblichen Träumerei! Und was hatte ſie wohl mit dem Blicke gemeint, den ſie ihm ſo räthſelhaft verlockend unter den langen Wim⸗ pern zugeſandt? Ja, ſie war ſehr intereſſant und man %„ 80 Hermine Wild. konnte nicht an ihr vorübergehen, ohne ſie zu bemer⸗ ken,— das ſagte er ſich, und für heute war es damit abgemacht. Und Leonie? Leonie hatte den erſten Schritt an den Rand des Abgrundes gethan, deſſen Tiefe ihr ſcharfer Blick wohl ermaß, über den aber mit der Sicherheit der geübteſten Seiltänzerin hinwegzuſchreiten ihr ein Kinderſpiel erſchien. Heute empfand ſie keine Langeweile mehr; ſie hatte ihn geſehen und gehört, ſo nahe geſehen und gehört, daß mit dem heißen Ma⸗ gnetismus der Liebe ihr Weſen faſt in das ſeinige hin⸗ überzuſchmelzen ſchien. O die gewaltige Empfindung dieſer erſten Minute allmächtiger Gegenwart! Leonie hatte ſie nicht vorausgeſehen; ihre Sinne waren in Aufruhr, ſie warf ſich in die Wagenecke und überließ ſich zügellos ihrer aufgeregten Phantafie. Seine Stimme tönte noch immer in ihr Ohr, ſein Blick, und er wußte ſelbſt nicht, wie er ſie angeſehen, brannte noch immer und umſtrickte ſie, und durch Alles dämmerte die Zu⸗ kunft, die ſie noch nicht kannte, die aber an unerſchöpf⸗ licher Wonne die arme Gegenwart bei Weitem über⸗ bot. Zu Hauſe brach ſie in eine Luſtigkeit aus, wie ihr Mann ſie nie an ihr geſehen. Sie klatſchte in die kleinen Hände, ſie jubelte, ſie lachte, daß ihr ſilber⸗ helles Lachen von den hohen Wänden ihrer fürſtlichen Wohnung wiederklang. Sie hätte Flügel haben mögen, die Erde ſchien ſie nicht mehr zu tragen. Sie lief ihrem Mann davon und ſchloß ſich in ihr Zimmer ein. Erſt durch unendliches Bitten erzwang er ſich den Zu⸗ tritt zu ihr, und wer kann es dem ſonſt ſo klugen, kal⸗ ten Manne verdenken, wenn er allen Verſtand in die⸗ ſem teufliſch hinreißenden Meer von Liebenswürdigkeit verlor, das, durch eine ihm unbekannte Urſache in Be⸗ wegung geſetzt, ſeine blauen, losgeriſſenen Wellen im Spiele über ihn zuſammenſchlug. Mit großem Eelat eröffnete nun Leonie ihr Haus. Sie empfing alle Welt, und alle Welt ſchätzte es ſich * zugetreten und ſchillerte ſozuſ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 81 zur Ehre, ſie wieder bei ſich zu ſehen. Uebrigens war, trotz des Glanzes, den der Reichthum ihres Mannes über ſie ergoß, und der Stellung, die er bekleidete, wenig von der Sicherheit auf ſie übergegangen, welche die Ehe gewöhnlich für junge Frauen mit ſich bringt. Sie ging noch ebenſo ſtill und ſanft wie früher einher; ihr Lachen, ihr Blick waren noch eben ſo ſchüchtern befangen, wie in früherer Zeit, und wie in früherer Zeit ſchien ſie noch immer ſchutz⸗ und hülfsbedürftig ſich zu fühlen, wie ein wehrloſes Kind. So war ſie die Alte geblieben, und doch war ein neues Element hin⸗ ſozuſagen aus ihr heraus in tauſendfältigem Farbenſpiel. Man ſcherzte mit ihrem Manne, die Ehe habe ſeine Frau verſchönert und ihr doch den vollen Mädchenreiz bewahrt. Der Graf lächelte wohl, aber er ſagte nichts dazu. Auch ihre alte Ein⸗ fachheit, ſich zu kleiden, hatte ſie noch. Ihr Mann hätte freilich wiſſen können(denn Leonie hatte die lobens⸗ werthe Vorſicht gehabt, ſich neuerdings aufzuvpfern, indem ſie ihr eigenes Vermögen ſogleich in Sicherheit bringen ließ), er hätte alſo wiſſen können, was dieſe koſtbare Einfachheit ſeinem Beutel koſtete, wäre er überhaupt im Stande geweſen, von ſeiner reizenden Frau etwas Anderes zu wiſſen, als daß ſie eben reizend war. Und überall, wo ſie ſich zeigte, ertönte ihr dasſelbe Lob. Sogar die Frauen, von ihrer ſcheinbaren An⸗ ſpruchsloſigkeit entwaffnet, beugten ſich offen ihrem Ueber⸗ gewicht. Und für Leonie war auch der kleinſte Triumph nicht ohne Wichtigkeit; ſie wollte gefallen, ſie wollte angebetet ſein, damit der Eine ſie anbetungswürdig fände: wo Louis ſie ſelbſt nicht ſah, ſollte er ſie erken⸗ nen und lieben lernen in der Huldigung, die ſie überall hinter ſich ließ. Und man glaube nicht, daß dieſe neue Entwicklung ihres Charakters dem Grunde kalter Be⸗ rechnung, der in ihr lag, widerſprach; Leonie hatte das Geſchäft ihres Lebens glücklich vollendet, ſeine Blü⸗ ten zu genießen, war nun ihr einziger Zweck. Ihre Novellenſchatz. Bd. XXIl. 8 6 Hermine Wild. wahre Jugend war jetzt erſt angebrochen.„Es iſt das Glück, was ſie ſo verſchönert“, ſagte man, und eigentlich hatte man damit auch Recht. Es war das Glück, das Glück, aus dem langweiligen täglichen Einerlei heimlich hinauszuſchlüpfen in die freie Welt der Leidenſchaft, und daß es heimlich geſchehen mußte, daß eine ſolche Gefahr damit verbunden war, das konnte für Leonie dieſes Glück nur erhöhen. Bis jetzt beſtand es indeſſen mehr in den kühnen Sprüngen ihrer Phantaſie; nichts war vorgeſallen, was ihre Vorausſetzungen zu einer ſolchen Sicherheit be⸗ rechtigte. Aber Leonie war mit dem unfehlbaren In⸗ ſtinct begabt, der dem Genie zugetheilt iſt. Mit der ſtill zuwartenden Geduld einer Spinne in ihrem ſicheren Verſteck ſah ſie ihn kommen, erſt oft, ſtets in Begleitung ſeiner Braut, dann ſeltener, dann wieder öfter, und wenn auch nur auf Minuten, doch allein. Sie ſah ihn düſterer werden, wie die Zeit verging. Manchmal blieb er Wochen aus, dann kam er wieder, trüber und unglücklicher als zuvor. Und waren das nicht ſichere Anzeichen von dem allmählichen Wachſen ihrer Gewalt über ihn? Sie wäre nicht ſo ſicher geweſen, hätte er ſich weniger widerſetzt. Und wie ruhig ſah ſie dabei aus! Mit welcher Sicherheit vollkommener Unſchuld ging ſie den Weg, der ſie immer wieder zu ihm zurückführte, wie der Zufall des geſellſchaftlichen Lebens ſie zuſammen⸗ warf. Was that ſie denn ſo Verwerfliches? Sie ließ ihn freilich kommen, aber konnte ſie denn verhindern, daß er kam? Wer hätte ihr nur das Geringſte vor⸗ werfen können? Der Faden, durch den ſie ihn nach und nach, aber ſicher, an ſich zog, den ſah kein Menſch, den ſah er ſelber nicht. Und wie deutlich waren nicht die Spuren des Kampfes auf ſeiner Stirne zu ſehen! Wie finſter ſaß er oft ihr gegenüber, wenn ſie in ihrer nachläſſig lächelnden Trägheit den Weihrauch einſog, den ihr die Männer, die ſich um ſie drängten, ſo gern 22ſ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 83 und reichlich ſpendeten! Unwille ſei es über die junge Frau, die alle Gaben, womit der Himmel ſie über⸗ ſchüttet, durch ſchnöden Dienſt der Welt entweihte, ſagte er ſich, und er ſchalt Marie, daß ſie ein Haus beſuche, das ihm für eine wahrhaft züchtige Hausfrau viel zu frei erſchien. Marie wunderte ſich über ſeine übertriebenen An⸗ ſprüche an die Moral der Frauen. Der ſtrengſte Sittenrichter hätte in Leonie's Benehmen nichts gefunden, als jene allgemeine Liebenswürdigkeit, welche jede tugendhafte Frau, ſobald ſie in der Welt mitleben will, gegen die Perſonen, die ihr Haus beſuchen, mit voll⸗ kommen ruhigem Gewiſſen an den Tag legen kann. Freilich war Leonie jung und ſchön, und dieſe Liebens⸗ würdigkeit ſtand ihr wie keiner Anderen ſo gut;— aber konnte man ihr daraus ein Verbrechen machen, daß es nicht anders war? Und hatte ſie es Marien nicht hundertmal geklagt, wie ſehr ſie darunter leide, ein ſolches Haus machen zu müſſen; wie ſie die Stille ihres Mädchenlebens all dieſem glänzenden Trouble vor⸗ zöge? Aber ihr Mann wünſche, daß ſie Geſellſchaft bei ſich ſehe, ſeine Stellung verlange es nun einmal von ihm, und ſie könne nicht anders, als den Wünſchen ihres Mannes gehorſam ſein. Das Alles ſagte Marie und pries Leonie's Selbſt⸗ verläugnung und ſuchte ſie zu entſchuldigen auf jede Art. Aber Louis wurde nur eigenſinniger durch den Widerſpruch, und ſo gab ſie endlich nach und zog ſich allmählich von der Gräfin zurück. Doch Louis wurde um nichts zufriedener durch ihre Nachgiebigkeit. Nun es ihm ſo leicht war, Leonie ganz zu vermeiden, zog es ihn mit unwiderſtehlicher Macht zu ihr hin. Mit jedem Tage lernte er klarer in ſein eigenes Innere ſehen: nicht die Gräfin bedurfte einer Entſchuldigung; hätte er eine für ſich ſelbſt finden können, es hätte ihm wohler gethan. Alles, was ſeine Mutter gelitten, fiel ihm von 65 8 Hermine Wild. Neuem mit der Lebendigkeit der Gegenwart ein, und wieder und wieder gelobte er ſich, ſtark zu ſein.— Armes Herz, das da glaubte rechten zu können mit dem blinden Zuge der Leidenſchaft! Leonie nicht mehr ſehen, war eine ganz andere Aufgabe, als da er Marien zu entſagen verſuchte! So tief hatte das reine Mädchen nicht in ſein innerſtes Weſen gegriffen, ſo gewaltig hatte ſich nicht Alles aufgewühlt, was von dem Sauerteig der Sünde in ihm verborgen lag, wie die blonde, ſcheinbar ſo zerbrechliche Zauberin, von der er nicht einmal mit Beſtimmtheit wußte, ob ſie ihn je genau angeſehen. Mit dem ſcharfen Seherblick der Liebe hatte er die Corruption richtig erkannt, die unter dem glänzenden Firniß der Liebenswürdigkeit die Seelenadern der jungen Frau durchzog, und ach! noch verſtand er es ſelber nicht, aber es war eben dieſe Corruption, die ihn am mäch⸗ tigſten zu ihr zog. Vergebens war ſein Sträuben; zum erſten Male in ſeinem Leben fühlte er deutlich, daß Können und Wollen zwei von einander ganz ver⸗ ſchiedene Dinge ſind. Was er für Liebe gehalten, war nicht Liebe geweſen, und was er jetzt als Liebe empfand, ſtirunte mit ſeiner inneren Erkenntniß derſelben nicht überein. Ein tiefes Elend bemächtigte ſich ſeiner; was ihm bis jetzt die Quelle alles zukünftigen Glückes ge⸗ weſen war, das fühlte er ſich plötzlich verſucht als die ſeines Unglückes anzuſehen, und was ſollte aus ihm werden, wenn er erſt unwiederbringlich gebunden war? Und doch ſchätzte er Marie. Sie war ihm lieb und werth; ja, ſie ſtand ihm jetzt, wo ihre klare Ruhe ſo ſehr gegen die Gährung in ſeiner eigenen Seele abſtach, näher, als ſie ihm je geſtanden war. Könnte Achtung Liebe ſein, wie hätte er ſie nicht geliebt! Manchmal dachte er ſich, den Kopf in ihrem Schooße ruhend, unter ihren kühlen Händen, von ihrem reinen Blicke beſchützt, müßten die heißen Pulsſchläge ſtocken, die er von ſeinem Vater geerbt, und die zur Ruhe zu Eure Wege ſind nicht meine Wege. 85 zwingen ſein Wille allein nicht vermögend war. In ſolchen Augenblicken ſchwur er ihr Liebe, Treue, An⸗ betung bis in den Tod, daß ſie über ſeine Aufregung erſchrak. Er klammerte ſich an ſie an, wie der Erkrin⸗ kende an die Planke, von welcher er allein noch Rettung hoffen kann. Aber um Leonie wehte eine Atmoſphäre üppig glühender Leidenſchaft, die alle ſeine Sinne dahin⸗ riß, in der er Himmel und Erde und alle geleiſteten Schwüre vergaß, und die doch keine Labung mit ſich brachte. Denn wie ſollte er ſie finden in einer Liebe, die wider alle ſeine Begriffe von Recht und Unrecht ſtritt. Wehe aber dem Menſchen, der mit offenen Augen einem Abgrund zugetrieben wird. Die völlige Blindheit wäre beſſer, als dieſe Sehkraft, die ihm doch nicht helfen kann! Da war es ein kleiner unbedeutender Vorfall, der Allem plötzlich eine andere Wendung gab. Louis hatte die Gräfin ſeit Wochen nicht geſehen. Da überfiel ihn eine unendliche Sehnſucht, wenigſtens von Weitem eine Spur ihres Lebens zu erſpähen. Es war Abends, und er wollte zu Marie, die ihn wie ge⸗ wöhnlich erwartete, aber er konnte den kleinen Umweg machen ohne ſich beſonders zu verſpäten, und ſo bog er, von dem unwiderſtehlichen Zuge ſeines Herzens ge⸗ führt, halb unbewußt von ſeinem Wege ab und blieb nach wenigen Minuten vor dem Hauſe der Gräfin ſtehen. Er blickte hinauf; die Fenſter waren hell be⸗ leuchtet; eine zahlreiche Geſellſchaft ſchien ſich in den Räumen zu bewegen, er konnte die Geſtalten unter⸗ ſcheiden, die wechſelnd an den Scheiben vorüberſchwebten, Leonie aber ſah er nicht. Bevor er es bedacht, hatte er den Fuß auf die Treppe geſetzt; nur einen Augen⸗ blick wollte er ſie ſehen, ſagte er ſich, und von ſo Vielen umgeben, wo war da eine Gefahr? In dem letzten Salon wurde getanzt. Es war ein improviſirter Ball bei Klavierbegleitung, deſſen Beweglichkeit und Freude lebhaft gegen Louis' düſtere Stimmung abſtach. Unter 86 Herimne Wild. den Thüren des mittleren Salons ſtanden alle Die zuſam⸗ mengedrängt, die durch Alter oder Laune von dem jugend⸗ lichen Vergnügen ausgeſchloſſen waren, und ſahen, mehr oder minder erheitert, dem lachenden Schauſpiele zu. Louis trat unter dieſe. Die Gräfin tanzt! hieß es um ihn her; er blickte über die Schultern ſeiner Umgebung, und mikten im Saale unter den tanzenden Paaren ſtand auch Leonie und zeichnete mit den kinderkleinen Füßen, welche die Mode der Zeit dem Auge frei ließ, die an⸗ muthigen Figuren einer Menuet, dieſes anmuthigſten aller Tänze, die ſich zum Dienſte geſelliger Freude herabgelaſſen haben. Aber ein Ausdruck von Trauer beſchattete die lieblichen Züge, und die zarten Füßchen folgten dem Tacte der Muſik mit einer ganz ungewohnten Läſſigkeit. Lonis Abweſenheit hatte ihr diesmal denn doch zu lange gedauert, und da zugleich mit ihm auch Marie ſich nicht ſehen ließ, ſo hatte ſie den beſten Vorwand, ſich nach der Urſache dieſer Verlaſſenheit zu erkundigen. Sie war alſo denſelben Vormittag zum Baron gefahren und lud ſelbſt die ganze Familie, Louis natürlich mit⸗ inbegriffen, für den heutigen Abend ein, der ein ſehr ſtiller ſein ſollte, ſagte ſie, wie in ſchüchterner Ent⸗ ſchuldigung gegen Marie hingewendet. Mit offenbarer Befangenheit und zugleich mit einer kleinen Uebereilung, die auf mehr zu deuten ſchien, als auf eine zufällige Verhinderung, lehnte dieſe die ſo freundlich gemachte Einladung für ſich und ihren Bräutigam ab, und nur der Baron, dem die junge Frau ungerecht behandelt ſchien, verſprach zu kommen und auch mit Louis zu ſprechen, der ein Narr ſei und öfter ärger als ein un⸗ vernünftiges Kind. So mit einer kleinen Sorge über Mariens Entfremdung und einer größeren, in wie weit Louis dabei betheiligt ſei, war Leonie nach Hauſe zurückgekehrt. Da, wie ſie ſich ſenkte und hob in den immer graziöſen Wendungen des Tanzes, gewahrte ſie den ſtolzen, dunklen Kopf des Marquis, der über die — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 87 hinteren Reihen ihrer Gäſte in den Saal hineinſah. Trotz ſeines ernſten, bleichen Geſichtes, das mit ſolcher Strenge auf ſie herabzublicken ſchien, blitzte ein freudig verführeriſches Lächeln plötzlich über das Geſicht der reizenden Frau, und ihr Herz, das heute beklommener geſchlagen, als ſeit langer Zeit, hob ſich plötzlich frei und leicht. Die Menuet war aus, des jungen Mannes Augen folgten dem Tanze nicht mehr. Er ſtand an den Thür⸗ pfoſten gelehnt und blickte in finſterem Sinnen vor ſich hin. Doch Leonie konnte nicht zu ihm; von allen Seiten wurde ſie in Anſpruch genommen, und ſchon erklangen die erſten Accorde zu dem nächſten Tanz. Erſt gegen Ende desſelben brachte eine raſche Wendung ſie ihm näher, ſie trat zurück, und in dem nächſten Augenblicke ſtand ſie vor ihm. Das Wehen der Luft verrieth ihm ihre Nähe, er ſah auf und erſchrak ſichtlich, als er ſie vor ſich ſah. Ein halb ſpöttiſches, halb mitleidiges Lächeln theilte ihre Lippen. Sie ſind lange nicht hier geweſen, ſagte ſie. Wo iſt Marie? Wie ein Stich ging der Name durch ſein Gewiſſen — ſeine eigene Unwürdigkeit und Mariens heiliges Ver⸗ trauen.— Wie ſchön war Leonie! Wie glänzten die kleinen Zähne zwiſchen den feuchten Lippen! Wie ver⸗ führeriſch, noch in der halben Auflöſung des Tanzes ſchmiegte ſich das verrätheriſche Gewand an die zarten Glieder! Pas Licht fiel von oben auf ihre Stirn, wie flüſſiges Feuer ſtrömte ihr Haar auf die blendenden Schultern herab. Auch ihre Blicke brannten, er ſchlug ſeine Augen nieder vor der Glut, die in den ihrigen lag, und ſein Gedächtniß ging unter in einem Taumel der Leidenſchaft. Da erſcholl wieder die Mufik. Sie tanzen nicht? ſagte Leonie, und ſchon ſtand er mit ihr unter den Tanzenden. So hatte noch Keiner mit ihr getanzt. Den Arm um die ſchmiegſame — 88 Hermine Wild. Geſtalt gelegt, die ſo feenhaft zart erſchien und doch mit ſo elaſtiſcher Widerſtandskraft ausgeſtattet war, ſah er das Wogen ihrer Bruſt, fühlte er ihren etwas be⸗ drängten Athem kommen und gehen, und er vergaß, daß es noch Menſchen außer ihnen gab. Man blieb ſtehen und drängte ſich aus den anderen Zimmern zu, ſie zu ſehen; ihr Mann verließ den Spieltiſch, um ſich an dem Triumphe ſeiner jungen Frau zu erfreuen. Aber Louis hatte nur Augen und Gefühl für den wunderbaren Schatz lieblichſter Weiblichkeit, den er mit ſeinen Armen unſchloſſen hielt. Es lag ſoviel kokette Herausforderung in ihrem Weſen, ſo viel wollüſtige Hingebung zugleich. War es die Bewegung des Tanzes, die ſie ihm näher brachte? Ihr Athem ſchlug wie Flammen an ſeine Bruſt. Das Blut kochte heißer in ſeinen Adern auf, und ein Rauſch lag in allen ſeinen Sinnen. Jetzt blickte ſie mit ſpöttiſchem Lächeln zu ihm auf und er ſchloß unwillkürlich fie feſter an ſich. Da wurde ſie blaß, und mit ihrem Erblaſſen kehrte ſeine Beſinnung zurück. Er erſchrak über ſeine eigene Hef⸗ tigkeit und hielt inne.— Ich fürchte mich nicht! flüſterte ſie leiſe mit geſenkten Augen zu ihm empor. Aber ihm war es zu viel. Er ließ ſie los, taumelte und hielt ſich nur mit Mühe von einer Ohnmacht zurück. Du tanzeſt doch zu wild, ſagte jetzt ihr Mann zu der Gruppe tretend, um welche die übrige Geſellſchaft ſich drängte. Leonie wandte ihm ihr erglühendes Geſicht zu und hing ſich zutraulich wie ein reuiges Kind an ſeinen Arm. Ich tanze ſo gern, ſagte ſie, aber wenn du es wünſcheſt— Nein, mein Herzchen! erwiderte er, du ſollſt dich unterhalten, ſo viel du willſt nur ſchaden ſollſt du dir nicht, nur das nicht, liebes Kind! Er ſtrich ihr lieb⸗ koſend die Haare aus dem Geſicht, und ſie ſchmiegte ſich innig und lächelnd an ihn an. Zornig wandte ſich Louis ab und ging hinaus. Unter der Thüre des Eure Wege ſind nicht meine Wege. 89 Nebenzimmers blieb er verſteinert ſtehen. Vor ihm ſtand der Baron. Ich hätte Sie nicht hier geſucht, ſagte dieſer kalt. Beſchämt ſtammelte der junge Mann eine unhaltbare Entſchuldigung, das Lügen war ihm noch fremd, und er fing an, ſich zu ernüchtern unter dieſem kalten Hauch der Wirklichkeit. Ich werde Sie nach Hauſe begleiten, ſagte er zum Baron, der ſich zum Gehen anſchickte. Wie Sie wollen, verſetzte dieſer. Sie machten ſich auf den Weg, aber keiner ſprach. Louis ging mit be⸗ drängtem Herzen, unter der Laſt ſeines Schuldbewußt⸗ ſeins und mit einer ſcheuen Ahnung deſſen, was da kommen konnte, neben ihm her. Der Baron hatte den Abend auf ihn gewartet und war deßhalb ſo ſpät erſt bei Levnie erſchienen. Er hatte beſchloſſen gehabt, den jungen Mann mit Gewalt von dem Vorurtheil abzu⸗ bringen, das er ſo ungerechter Weiſe gegen die Gräfin gefaßt. Nun hatte er ihn freilich nur da gefunden, wo er ihn ſelbſt hinführen wollte, aber ſeiner väterlichen Liebe hatte ein Blick genügt, um ihm Alles zu löſen, was ihm bis jetzt ein Räthſel geweſen war. Es ging ihm dabei, wie vielen Anderen; daß er ſelbſt einmal der Sünde nahe geweſen, hatte zwar ſeinen Blick für Anderer Sündhaftigkeit geſchärft, ihn aber durchaus nicht nachſichtiger gegen dieſelbe gemacht, beſonders in dieſem Falle, wo das Glück ſeiner Tochter ſo nahe betheiligt war. Zudem ſchien ihm Louis' Schuld noch vergrößert durch alle kleinen Nebenſachen, die ſie begleiteten, und die es ſo leicht war als berechnete Falſchheit aus⸗ zulegen. Nein! brummte der Baron in ſich hinein, eine verheirathete Frau! und dazu noch mit meiner Tochter verlobt! Der Teufel ſoll die Romantik holen! Wäre ich nicht in ſeine Mutter verliebt geweſen, nie wäre mir die Dummheit eingefallen! Wahr iſt es, ſie war eine kreuzbrave Frau, aber Millionenelement, das iſt 90 Hermine Wild. kein Grund, warum ich mein einziges Kind unglücklich machen ſoll. Er lachte einmal ingrimmig auf als ihm einfiel, wie er Marie faſt zornig befehlen mußte, ihn zu der Gräfin zu begleiten, und wie ſie ſich widerſetzt, weil es Louis unangenehm ſei. Ich glaube es wohl! ſetzte er zornig hinzu. Von dieſem ſtummen, aber inwendig deſto lauteren Selbſtgeſpräche vernahm der junge Mann natürlich nichts, die Ueberſetzung aber, die ihm ſein Gewiſſen machte, war keineswegs in einem gelinderen Tone ab⸗ gefaßt. Der ganze Weg war ihm eine Folter, durch welche dennoch hier und da, mit einem Wonneſchauer der Erinnerung, die Töne einer Tanzmelodie erbebten und verklangen. Gute Nacht, Herr Marquis! ſagte der Baron, der nun vor ſeinem Hauſe angelangt war, und er ſchlug dem jungen Manne ſo ſchnell die Thüre vor dem Ge⸗ ſichte zu, daß er deſſen dargereichte Hand ganz überſah. In ſtummer Verzweiflung wandte ſich Louis ſeiner Wohnung zu. Er hatte Marie den ganzen Tag nicht geſehen. Er empfand es als einen Mangel, als das Vermiſſen einer lieben Gewohnheit, die ein Theil unſeres Lebens geworden iſt. Er dachte, wie lange Zeit jetzt vielleicht vergehen würde, bevor er ſie wiederſah, und es fiel ihm ſchwer auf das Herz. Alles Gute in ihm bäumte ſich auf und trieb ihn an, die Verſtimmung wieder gut zu machen zwiſchen dem Baron und ihm. Er wollte zurück, noch dieſe Nacht, mit ihm reden, Alles geſtehen, ſeine und Mariens Hülfe anrufen gegen ſich ſelbſt und Alles geloben, was man von ihm gelobt haben wollte. Doch nein— es war heute zu ſpät — eine eigene Scheu hielt ihn zurück— ſie ſchliefen vielleicht Alle ſchon, wie konnte er ſie wecken, und ſchreiben ließe ſich ſo etwas ja immer beſſer, als es ſich ſagen ließ. Er ſetzte ſich hin, nahm Feder und Papier; aber nach den erſten Worten ſchon hielt er an. Was ſollte er ſchreiben? Welches Verſprechen würde Eure Wege ſind nicht meine Wege. Und ſtand denn das in ſeiner Gewalt? auf ſeinem Bette ein. 9¹ man von ihm fordern? Leonie nicht mehr zu ſehen? In wildem Schmerze ſtöhnte er auf.— Nein, das konnte er nicht. Weinend warf er ſich auf ſein Bett. Er weinte wie 5 ein Kind über das ſtille, friedenreiche Glück, das er geträumt, das ihm ſo nahe geweſen, und das er jetzt mit ſehenden Augen und doch wie in blindem Wahn⸗ ſinn von ſich ſtieß. Und ſo ſchlief er endlich angekleidet Beim Baron aber verging die Nacht viel unruhiger, als Louis es ſich gedacht. Marie war aufgeblieben mit ihrer Mutter, um den Vater zu erwarten. Sie war unruhig über Louis' Abweſenheit und dachte, der ſie ein großer Schrecken. angſtvoll auf den Vater zu. fragend auf ihren Mann. er ihn ſchon. aufbrauſend, ja, den habe ich freilich ge höre, aus iſt es, aus mit euch, merke dirs. ſauberen Herrn iſt mein Kind nicht gewachſen. Sein Geſicht war hoch geröthet, und Mariens erſte Bewegung war ein furchtſamer Schritt zurück nach ihrer Mutter hin. Es war ihr zu ver⸗ zechen, wenn es ihr mit ihrem Vater nicht ganz ge⸗ hener ſchien. Auch die Baronin war erſchrocken. Was iſt denn geſchehen? frug ſie jetzt und ſah Vater bringe ihn doch vielleicht noch mit auf einen Augenblick. Als der Baron ſo finſter eintrat, überlief Haben Sie Louis geſehen? frug ſie und trat Das war das unangenehmſte Wort, das der Baron jetzt hören konnte. Den Taugenichts? rief er, zornig ſehen! Und Für den von ihm Es iſt geſchehen, daß ich dem Heuchler hinter die Schliche gekommen bin, und daß es aus iſt mit der Verlobung, und daß ich kein Wort mehr davon hören will. Du giebſt ihm den Laufpaß— und übrigens hat Dann ſei Gott mir gnädig! rief Marie, in Thrä⸗ nen ausbrechend, und ſank auf einen Stuhl. Aber der 3 92 Hermine Wild. Baron wurde nur zorniger, je mehr er fühlte, wie weh er ſeinem Kinde gethan. Die Baronin merkte nun wohl, etwas Beſonderes müſſe vorgefallen ſein, und alle Einwendungen, die ſie früher in der Verſchwiegen⸗ heit ihres Herzens gegen die Heirath mit dem Aus⸗ länder gehabt, waren ſonderbarer Weiſe im Nu aus ihrem Gedächtniß weggewiſcht; in dieſem Augenblicke dachte ſie nur an ihre Tochter. O Mutter! rief Marie, ihr in heißen Thränen um den Hals fallend, reden Sie mit dem Vater. Aber die Baronin kannte ihren Mann und ſchwieg. Sachte nahm ſie Mariens Hände in die ihrigen und zog ſie ſtill mit ſich hinaus. Weine nicht ſo! ſagte ſie draußen zu ihr, die Leute ſollen nicht merken, was zwiſchen uns vorgefal⸗ len iſt. Geh nur jetzt, ich kann beſſer mit dem Vater reden, wenn du nicht dabei biſt. Es iſt gewiß nur ein Mißverſtändniß und wird ſich beilegen laſſen. Du weißt ja, wie aufbrauſend der Vater iſt. Aber Marie ſchüttelte heftig verneinend den Kopf: ſo hatte ſie ihn nie geſehen. Lege dich nieder, ſagte die Mutter, die ſie unter⸗ deſſen zu ihrem Zimmer geführt, aber warte auf mich, ich komme noch einmal zu dir. Gehorſam ſuchte Marie ihre Thränen zu bezwin⸗ gen, allein es wollte nicht gelingen. Auch niederlegen konnte ſie ſich nicht, dazu war ihre Unruhe zu groß. Sie war zu vernünftig, um ſich einer Täuſchung hingeben zu können. Ihr Vater mußte guten Grund haben, um ſo aufzutreten gegen ſein einziges Kind, und wenn er im Rechte war, was konnte ſie thun? Wie die Zukunft für ſie werden ſollte ohne Louis, das wußte ſie nicht, aber ſich gegen den Willen ihres Va⸗ ters aufzulehnen, daran dachte Marie nicht! Ihre Mutter kam lange nicht, das Zimmer war kühl, ihre Aufregung ließ es ihr noch kälter erſcheinen, und ſie Eure Wege ſind nicht meine Wege. 93 hüllte ſich fröſtelnd in einen Mantel. Solche Nacht⸗ wachen vergißt man in ſeinem Leben nicht. Die Baronin that indeſſen auch ihre Schuldigkeit. Sie war die Ruhigſte von Allen und hatte einen harten Stand gegen ihren Mann, dem Alles in dem ſchwär⸗ zeſten Sichte erſchien. Mit kluger Vorſicht, faſt wie unbewußt, wußte ſie ihres Mannes Geiſt darauf zurück⸗ zuleiten, auch ſie habe zu verzeihen gehabt, und eine vernünftige Frau mache ſich wenig aus ſolchen kleinen Verirrungen der Phantaſie, wenn nur der Mann übri⸗ gens brav und ihr ergeben ſei. Damit nahm ſie den halben Zorn oder wenigſtens deſſen Berechtigung leiſe weg aus ſeiner aufgeregten Bruſt. Sie erinnerte ihn daran, welche kindliche Anhänglichkeit der junge Mar⸗ quis für ihn ſtets an den Tag gelegt, wie rein und offen ſein Gemüth, und wußte alle Widerſprüche ſeines Benchmens aus dem harten Kampf zu erklären, den er in der letzten Zeit mit ſich gekämpft. Sie hatte eigentlich nie ſo recht ihres Mannes Begeiſterung für die Gräfin getheilt, nun aber war ſie es, die eine Ent⸗ ſchuldigung um die andere für ſie fand. Selbſt im ſchlimmſten Falle, ſetzte ſie hinzu, mußt du bedenken, daß er keine Hoffnung hat, und daß Ma⸗ riens Glück nun einmal an ihn gebunden iſt. Und dann, wie redet man nicht von einem Mädchen, deſſen Ver⸗ lobung zurückgegangen iſt!— Das war das rechte Wort. A der Baron eingeſchlafen war, ſchlich ſie ſich hinaus.— Es wird wohl Alles gut werden, ſagte ſie zu ihrer Tochter, die ſie noch wach und angekleidet ſand. Morgen wird der Vater gewiß zu Louis gehen. Sie küßte mit einer unbezwinglichen Rührung des Mädchens bleiche Stirn und wollte fort, aber ein bit⸗ tender Händedruck Mariens hielt ſie zurück. Sie blieb ſtehen, ſchien einen Angenblick zu ſchwanken und ſah das Mädchen mit einem unſchlüſſigen Blicke an. Wir wiſſen eigentlich gar nichts, ſagte ſie dann. Der Vater bildet ſich ein, Louis habe eine andere 94 Hermine Wild. Neigung gefaßt. Ich denke, du kannſt verzeihen? ſetzte ſie raſch hinzu, als ſie ihre Tochter erbleichen ſah. Ja— ich— ich wohl! aber— ich bin nicht allein, ſagte Marie, und ſie ſtützte die Stirn in die zitternde Hand. Laß das! verſetzte die Baronin. Sie drückte ihr die Hand und entfernte ſich raſch. Den folgenden Morgen, noch vor dem Frühſtück, begab ſich der Baron denn wirklich zu dem Marquis. Ueber Nacht hatte die Weisheit ſeiner Frau Wurzel geſchlagen in ihm, und die erſte Aufwallung hatte ru⸗ higeren Gedanken Platz gemacht.— Es ſchickt ſich nicht, daß wir ihn ſo ohne Umſtände von uns ſtoßen, da wir ihn doch einmal gewählt. Wir ſind hier ſeine ganze Familie, hatte ſie zu ihrem Manne geſagt, und mit ſeiner gewohnten Gutherzigkeit hatte er das denn auch eingeſehen. Dennoch war er keineswegs verſöhnt; auch ſchämte er ſich ein wenig des Schrittes, den er zu thun im Begriffe ſtand. Aber Niemand ſollte ſagen, es habe ihm an Gerechtigkeit und Mäßigung gefehlt. Damit beruhigte er ſich. Ungehindert ließ man ihn zu dem Marquis hinein, und er fand den jungen Mann noch in feſtem Schlaf. Das jagte alle Verſöhungs⸗ gedanken des gereizten Vaters in den Wind. Ja, Der kann ſchlafen! ſagte er bitter und ſtieß mit dem Stocke unſanft auf den Boden. Der Schläfer fuhr erwachend in die Höhe, an alles Andere hätte er eher gedacht, als den Baron vor ſich zu ſehen. Wollte er denn doch eine Verſöhnung? Louis hatte den ver⸗ gangenen Abend mit ſo tiefem Schmerz auf ſein Ver⸗ hältniß zu Marie zurückgeblickt, er hatte deſſen Löſung mit ſolcher Ueberzeugung als das gewiſſe Unglück ſeines Lebens beweint! Und nun es anders zu kommen ſchien, als er es erwartet, legte ſich dieſe Möglichkeit wie ein Alp auf ſeine Bruſt. Der Baron indeſſen ſah nicht ſehr verſöhnlich aus. Er hatte ſich niedergelaſſen, und ſein Blick ruhte feſt Eure Wege ſind nicht meine Wege. 85 und ſcharf auf dem jungen Manne, der die Augen befangen niederſchlug. Sie lieben die Gräfin? frug jetzt der Baron lang⸗ ſam und kalt. Woran hängen des Menſchen wichtigſte Entſchlüſſe? Eine andere Einleitung, ja nur ein anderer Ton der Stimme, und dieſer Schritt des verehrten, wahrhaft edlen Mannes, der für ihn ein Vater geweſen, hätte vielleicht Alles über den jungen Mann vermocht. So aber entſtand in ihm ein Trotz ob dieſer Verfolgung eines Gefühles, für das er nicht konnte, das er ſelbſt nicht anerkannte, und das ihm bis jetzt ſo wenig Glück gebracht. Er wandte das Geſicht hinweg und ſchwieg. Der Baron ſtand auf, ſtellte ſeinen Stuhl weg und machte einen Schritt nach der Thüre. Jetzt er⸗ ſchrak Louis. Die Gräfin iſt ſchuldlos! rief er aus und machte eine heftige Bewegung mit der Hand nach dem Baron. Ich bin kein Sittenrichter, ſagte dieſer mit zorni⸗ gem Hohne, ich ſorge nur für mein eigenes Haus! Er verneigte ſich kalt und öffnete die Thüre. Jetzt aber übermannte Louis die Weichheit, die er von ſeiner Mutter geerbt. Verzeihen Sie mir! rief er laut und ſtreckte dem Baron die Hände bittend nach. Noch einmal wandte ſich dieſer um. Seine Augen flammten in furchtbarem Zorn, und ſeine Stirne run⸗ zelte ſich; aber er wollte ruhig ſein, und ſo blieb er es auch. Das ſind leere Worte! ſagte er. Entweder meine Tochter überlebt dieſe Erfahrung, und dann habe ich Ihnen nichts zu verzeihen, denn ſie wird dadurch um eine koſtbare Erfahrung reicher, oder ſie überlebt ſie nicht(hier ſchwankte ſeine Stimme) und dann— verzeihen Sie ſich ſelbſt— ich kann es nicht!— Er ſchlug die Thüre hinter ſich zu, daß ſie krachte, und Louis ſank vernichtet auf das Bett zurück. O meine Mutter! ſtöhnte er, und ihre letzten 96 Hermine Wild. Worte hallten mahnend durch ſeine Seele nach. War es nicht, als ſtünde ſie ſelbſt neben ihm, den kummer⸗ vollen Blick auf ihn geheftet, wie damals, als ſie ſo ſorgenvoll gewünſcht: Ich möchte, er hätte die rechte Kraft! Marie ſaß an ihrem gewöhnlichen Platz, mit ihrer Arbeit beſchäftigt. Ihre Bläſſe ausgenommen, war es, als ſei gar nichts geſchehen. Die Baronin ſah von Zeit zu Zeit mit einem bekümmerten Blicke zu ihr hin, doch auch ſie ſagte nichts, ſie dachte, manche Dinge kämpften ſich am beſten unausgeſprochen durch. Jetzt läutete die Hausglocke, und Marie ſtand auf, um hinaus⸗ zugehen. Sie wollte bei der erſten Begegnung zwiſchen ihrem Vater und ihrer Mutter nicht zugegen ſein, aber dem ſtarken Mädchen verſagte auf einmal die Kraft. Sie konnte die Stelle, wo ſie ſtand, nicht verlaſſen, ihre Füße ſchienen mit dem Boden feſt verwachſen zu ſein, und alle Anſtrengungen reichten kaum hin, den Krampf zu bezwingen, der ihr nach dem Halſe ſtieg. Der Angſtſchweiß ſtand auf ihrer Stirn, aber ſie ſchämte ſich ihrer Bewegung. Wie ein muthiges Pferd, das den Stachel fühlt, warf ſie den ſchönen, für den Augen⸗ blick ſo ſtolzen Kopf in die Höhe, und mit faſt über⸗ menſchlicher Anſtrengung riß ſie ſich los. Sie ſchien gewachſen zu ſein, ſo aufrecht hielt ſie ſich, und ging mit feſten, ruhigen Schritten hinaus. Pie Baronin ſah ihr ſeufzend nach. Kurz darauf trat ihr Mann zu ihr ein. Auch er ſah blaß aus, es war ganz anders, als ſeine geſtrige Aufregung. Nun? ſagte die Barvnin, als er ſtill eingetreten, ſich ſchweigend mit der Hand auf ihren Stuhl ſtützte und wie gedankenlos vor ſich in die Weite ſah. Nun? wiederholte ſie und legte ſanft ihre Hand auf die ſeinige, um ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Es iſt ſo, wie ich dachte, erwiderte er dumpf und Eure Wege ſind nicht meine Wege. 97 noch immer vor ſich hinſtarrend. Die Baronin faltete die Hände in ſtummem Schmerz.— Sie muß ihn vergeſſen, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu Er iſt ihrer nicht werth. Die Baronin erhob ſich, um hinauszugehen. Unter der Thüre ſtand ſie ſtill und ſah ſich nach ihrem Manne um. Sein ſprachloſer Gram ſchnitt ihr faſt tiefer ins Herz, als ſelbſt die Sorge um ihre Tochter, und ſie kehrte zu ihm zurück.— Härme dich nicht ſo, ſagte ſie, liebevoll ihre Hand auf ſeine Schulter legend; Marie iſt ſtark, ſie wird's ertragen. Ein dumpfes Stöhnen war ſeine Antwort. Ja, ſagte er dann, mit der geballten Fauſt zornig auf die Lehne des Stuhles ſchlagend, daß ſie unter dem Schlage zerbrach, ſo ſind wir Alle!— Ein hübſches Geſicht, und wir ſind verloren.— Blind— blind— blind! — Er warf ſich auf den Seſſel und verbarg das Ge⸗ ſicht in die Hände, dann ſah er auf. Geh zu ihr, ſagte er, geh du zu ihr, ich vermag es nicht. Die Baronin ging hinaus. In dem anſtoßenden Zimmer ſtand Marie, ſo weit als möglich von der Thüre entfernt und das Ge⸗ ſicht dem Fenſter zugekehrt. Als ihre Mutter eintrat, wandte ſie ſich nach ihr um. Sie wollte ſprechen, und konnte nicht; ſie war bleich bis in die Lippen hinein, aber mit bezwang ſie die furchtbare Aufregung. i Le 2 hörbar an das Ohr der Baronin ſchlug. Dieſe nickte nur. Du mußt dich fügen, ſagte ſie dann;— er liebt die Gräfin, er hat es ſelbſt geſagt. Marie ſenkte den Kopf, ohne zu antworten; auch die Baronin ſchwieg. Bei gewiſſen Dingen iſt aller Troſt nur leerer Schall. Aber ſie wußte, welche Er⸗ ziehung ſie ihrer Tochter gegeben, und daß dieſe Erzie⸗ hung in Blut und Seele eingedrungen war. Dein Vater iſt ſehr bekümmert um dich, hub ſie endlich wieder zu reden an. Novellenſchatz, Bd. WXII. 6. aus2— hauchte ſie endlich ſo leiſe,— 98 Hermine Wild. Es iſt nicht nöthig, ſagte Marie und warf das bleiche Antlitz ſtolz zurück. Noch eine Weile betrachtete die Baronin ſie mit einem prüſenden Blicke, dann ſtrich ſie mit ſanfter Hand die Haare aus des Mädchens bleicher, ſchweißbenetzter Stirn. Ihr Mutterherz hob ſich ſchwer in ihrer Bruſt, allein was konnte ſie kthun? Komm bald nach, ſagte ſie ſtill und kehrte zu ihrem Manne zurück. Marie blieb unbeweglich ſtehen; erſt als die Thüre ins Schloß fiel, griff ſie mit beiden Händen nach ihrem Kopfe; ihr war, als müßte er zerſpringen. Ein Schauer rieſelte über ihren Körper, die Kniee brachen unter ihr, ſie glaubte zu fallen und ſtreckte die Hand nach einer Stütze aus. Doch bald raffte ſie ſich wieder empor, ſetzte ihre Füße feſt auf, machte zwei oder drei Schritte, wie um der wiedergekehrten Kraft gewiß zu ſein, und folgte dann ruhig ihrer Mutter nach. Der Baron ſah, ſeine Frau habe Recht gehabt: Mariens Seelenſtärke war keineswegs auf dem ſchwachen Grunde der Gefühle gebaut. In den Kreiſen, die. der Baron beſuchte, wurde die Löſung des Verhältniſſes ſehr bald bekannt, und wie man ſich früher über die Verlobung ſelbſt gewun⸗ dert, ſo wunderte man ſich jetzt über deren Auflöſung. Aber der Baron war als ein Ehrenmann bekannt, er war gut geſtellt und einflußreich, und die allgemeine Stimme ſprach ſich natürlich zu ſeinen Gunſten aus. Louis ſtand allein und war ohne Einfluß, man konnte alſo gegen ihn ohne Gefahr ſtreng ſein. Zudem war das Intereſſe, das die Emigrirten bei ihrem erſten Er⸗ ſcheinen im Lande erregt, ſeither um ein Merkliches ab⸗ gekühlt, und gar manche trugen nur zu ſehr durch ihren Wandel zu dieſer Veränderung bei. Der Marquis hatte denn auch bald Gelegenheit, zu fühlen, wie ſeine geſellſchaftliche Stellung eine ganz andere geworden war. Häuſer, wo man ihn ſonſt gern geſehen, es aber jetzt mit dem Baron nicht verderben 3 1 Eure Wege ſind nicht meine Wege. 95 wollte, hatten nur mehr eine kalte Aufnahme für den jungen Mann, und Mütter heirathsfähiger Töchter⸗ denen er bisher als Mariens Verlobter keine Sorge erregt, ſprachen von der Nothwendigkeit, ihm ihre Thüre zu ſchließen. Louis erſparte ihnen die Verlegenheit, indem er ſich von ſelbſt zurückzog. Daß auch Marie, wie die Baronin gefürchtet, dabei manchen kleinen Seiten⸗ hieb bekam, verſteht ſich wohl von ſelbſt; doch ſie war ſchön und reich, und die Mutter hoffte, es würde bald ver⸗ geſſen ſein. Die Baronin, nun die Trennung eutſchieden war, und ſie ſah, mit welcher Kraft ihre Tochter jede Aeußerung des Schmerzes niederzuhalten verſtand, hatte ſich damit ausgeſöhnt. Die Einwürfe, die ſie früher gegen die Partie gehabt, lebten wieder auf in ihrem Herzen. Marie konnte auf weit Mehr Anſpruch machen, und die nächſte Wahl mußte eine ſehr ſchlechte ſein, wenn ſie nicht in jeder Hinſicht die übertreffen ſollte, die eben ſo ſchimpflich zunichte geworden. Unterdeſſen zog ſich Louis vor der äußeren Welt, die ihm plötzlich ſo rauh geworden war, mehr und mehr in ſich ſelbſt zurück. Vielleicht wird man es ungerecht finden, daß die Folgen einer unwillkürlichen und im Grunde redlich bekämpften Leidenſchaft ſo ſchwer auf ihn zurückfiel; man wird ſagen, daß eine liebevolle Behandlung wohl mehr geeignet geweſen wäre, ſein ver⸗ irrtes Herz in die rechte Bahn zurückzulenken; man wird es ſagen, und vielleicht hat man Recht. Aber erſtens war Niemand verpflichtet, ihn liebevoll zu be⸗ handeln, und zweitens kann kein Menſch ſagen, was auf einen Anderen wirken mag. Für jetzt wenigſtens brachte gerade die Kataſtrophe, die ſeinem Leben eine andere Richtung gegeben, eine heilſame Erſchütterung in ſeinem Gemüthe hervor. Der Schmerz, den er einem reinen, edlen Weſen zugefügt, weckte den Ernſt in ſeiner eigenen Bruſt. Mariens Thränen fielen löſchend in die Flammen ſeines Blutes, und alle Plackereien, welche die Trennung von ihr ihm gebracht, ſchienen ihm eine 100 Hermine Wild. nur zu leichte Sühne ſeiner Schuld. Aber darein miſchte ſich noch eine andere Sorge— es war die Angſt um Leonie. Der Gedanke, daß eine Gefahr ihr drohen könne und zwar durch ihn, machte oſt in plötzlichem Krampfe das Blut in ſeinen Adern erſtarren und hielt ihn ſicherer als alle Scrupel ſeines Gewiſſens von ihr zurück. Er überſah freilich, daß Andere mit ſeinem Weſen weniger vertraut waren und ein ganz anderes Intereſſe an ſeinen Gefühlen nahmen, als der Vater ſei⸗ ner Braut. Von ihrem Manne erfuhr Leonie zuerſt die Nach⸗ richt, bei welcher, ohne daß Jemand es ahnte, ſie ſo nahe betheiligt war. Sie erſchrak, ihre Hände zitterten ſo ſehr, daß ſie das Album, in dem ſie gerade blätterte, weglegen mußte, um die Aufmerkſamkeit des Grafen nicht auf ſich zu ziehen. Und weiß man den Grund? frug ſie jetzt mit einem leiſen Beben in der Stimme, das ſie vergebens zu bewältigen ſuchte. Der Baron meint, ihre Charaktere hätten nicht harmonirt. Leonie athmete erleichtert auf: Marie klagte mir auch, er mache übertriebene Anſprüche an ſie. Zum Beiſpiel wollte er ihr nicht erlauben zu tanzen. Aber er tanzt doch ſelbſt ſehr gern, meinte der argloſe Graf. Die hübſche Gräfin biß ſich die vorlaute Zunge, aber ihre kleine Verwirrung verduftete ſchnell. Vielleicht war es Eiferſucht, ſagte ſie; findeſt du Marie nicht ſchön? Sehr ſchön. Nun, ſiehſt du! Und dann— wer weiß, was er außerdem noch gefordert. Er iſt ein Sonderling, und ſeine Mutter ſoll auch eine halbe Heilige geweſen ſein. Das Zerſchlagen dieſer Partie wird ihm ſchaden. Freilich, war Leonie's ſcheinbar nachläſſige Ant⸗ wort. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 101 Der Baron hat großen Einfluß. An eine Carrière für den armen Burſchen iſt nicht mehr zu denken. Ja wohl,— du müßteſt dich denn ſeiner annehmen, ſagte die kleine Gräfin mit einem ſchalkhaften Blick. Sie ſprang auf, fiel ihrem Manne um den Hals und zog ihn mit ſich zu einer neuen Jardinière, die er ihr denſelben Morgen erſt geſchickt, und deren tauſend be⸗ ſondere Schönheiten ſie ihn tändelnd wieder und wieder zu bewundern zwang. Zwei Tage darauf begegnete ſie dem Marquis auf der Promenade, wo ſehr viele ſeiner früheren Bekannten es vergeſſen zu haben ſchienen, daß der junge Mann vor Kurzem noch zu ihren liebſten Gäſten gehört. Er ſah bleich und niedergeſchlagen aus. Offenbar waren ſeine Gedanken fern von dem Orte, vielleicht mit der alten Zeit und der alten Heimath beſchäftigt. Leonie ſah ihn zuerſt, der Graf hatte ſeine Augen anderswo. Als er an ihnen vorüberging, blieb ſie ſtehen. Er ſah auf und erröthete,— ſie lachte. Wie geht es? Warum kommen Sie nicht? fragte ſie. Der Graf verneigte ſich, ſchwieg aber. Leonie's Freundlichkeit war ihm in ſoweit nicht ganz angenehm, als er den Baron, den er jehr ſchätzte, und der ein beſonderer Freund ſeines Schwiegervaters war, nicht vor den Kopf ſtoßen wollte. Doch Louis bemerkte von dieſem kleinen Neben⸗ ſpiele nichts. Er hatte nur Augen für Leonie, nur Ohren für ihre ſüße, leiſe Stimme. Ihr Blick drang durch alle Poren bis in ſein Herz. Verlegen ſtotterte er eine Antwort, von der er ſelbſt nichts verſtand. Ihr holdes Lächeln löſte ſeine ganze Seele in glückliche Ver⸗ geſſenheit auf. Sie müſſen kommen, und bald, ſagte ſie, ſich an⸗ muthig verneigend, und ſchritt am Arme ihres Mannes ruhig weiter, während eine gefährliche Freude ihr Herz zu höherem Schlage trieb. Du hätteſt das nicht thun ſollen, ſagte jetzt der 102 Hermine Wild. Graf, und eine leichte Unzufriedenheit klang aus ſeinem Tone heraus. Der Baron kann es übelnehmen, und du weißt, wie viel dein Vater auf ſeine Freund⸗ ſchaft hält. Der arme Junge dauerte mich, er ſah ſo unglück⸗ lich aus, verſetzte Leonie unbefangen. Freilich ſcheint er es zu fühlen, und es iſt auch ganz natürlich;— aber warum hat er ſeine Karten nicht beſſer geſpielt? Du haſt gut reden, meinte Leonie mit einem be⸗ zaubernden Blick und einem leichten Druck ihrer Hand auf den Arm, der ſie ſtützte; was hätteſt du aber gethan, wenn ich dir einen Korb gegeben hätte— und ich— wenn du— ſetzte die reizende Hexe wie zögernd und halb gegen ihren Willen hinzu. Der Graf erröthete und lachte und drückte zärtlich die kleine Hand, die ſo zutraulich auf ſeinem Arme lag. Leonie hatte die Stelle in ſeinem Herzen getroffen, wo für den wenig ſentimentalen Mann Alles verſtänd⸗ lich war. Aber man muß ſich von ſeiner Gutmüthigkeit nicht zu weit hinreißen laſſen, ſagte er, in aller Liebe und Freude zu ihr niederſchauend. Du weißt, verſetzte ſie, er iſt beinahe mein Lands⸗ mann und ſo alleine hier. Jetzt beſonders. Ich dachte auch, du hätteſt eine Vorliebe für ihn— indeſſen, wenn ich mich geirrt habe, wenn du nicht wünſcheſt, ihn bei uns zu ſehen— Nein, nein, Herzenskind! rief der Graf, gänzlich gewonnen für den Willen ſeiner Frau. Thue was du willſt, was du für gut hältſt. Es iſt ja auch das Beſte. Der arme, junge Mann! Ja, du haſt Recht! es iſt wirklich ſehr hart.— Der entzückte Graf drückte nochmals ihre Hand und dankte Gott im Herzen für den unver⸗ gleichlichen Schatz an Güte und Harmloſigkeit, den er ihm in ihr beſchert. Louis war unterdeſſen mit leichten Schritten ſeiner Eure Wege ſind nicht meine Wege. 103 Wohnung zugeeilt. Alles, was ihn noch vor kaum einer Stunde belaſtet und beengt, hatte ein einziger Augen⸗ blick hinweggeweht. Leonie hatte ihn geſprochen, Leonie hatte ihn angeſehen, ſo freundlich, ja, noch freundlicher faſt, als in früherer Zeit, wo noch keine Schuld auf ſeinem Gewiſſen lag. Und doch mußte ſie erfahren ha⸗ ben, was vorgefallen war; ſie mußte wiſſen,— und hier drängte ſich Mariens blaſſes Bild ſeiner Seele unwider⸗ ſtehlich auf— ja, ſie mußte wiſſen, daß er ein edles, treues Herz auf die grauſamſte Weiſe gekränkt, und ſie hatte ihn dennoch ſo angeſprochen, ſo angelächelt, ſo zu ihm aufgeblickt! Theilte ſie denn nicht das allgemeine Vorurtheil gegen ihn?— Oder— und hier ſchlug ſein Herz in lauten, vollen, angſterfüllten Schlägen— oder wußte ſie vielleicht, warum, und ſprach ihr Herz ihn frei von Schuld? Das Blut brauſ'te in ſeinen Adern, mit eiligen Schritten durchmaß er ſein Zimmer; aber er erſtickte in dem engen Raume; er mußte hinaus in Gottes freie Welt. Haſtig ergriff er ſeinen Hut und ſtürmte fort. Unter dem Thore der Stadt ſtreifte er an dem Baron vorbei, der ſtehen blieb und ihm lange nachſah. Louis hatte ihn nicht bemerkt. Für ihn gab es in dieſem Augenblick nur noch Einen Gegenſtand in der Welt⸗ Leonie, ein winziges Häubchen auf die ſchimmernden, überquellenden Locken gedrückt, in eine Wolke von blauer Seide und Spitzen gehüllt, aus welcher die weißen Arme und der feine Kopf mit dem träumeriſch ſchmach⸗ tenden Ausdruck wie weiße Blüten hervorſahen, ſtand eben vor ihren Blumen, die ſie nicht ohne Grazie hier von einem welken Blatt, dort von einer geknick⸗ ten Knoſpe ſäuberte, und ſtreute dazwiſchen liebliche, ſeltene Worte in ein Geſpräch, das ihr Mann im Hintergrunde des Zimmers mit einem ſeiner Freunde führte. Sie hob ſich ſo hoch ſie konnte auf den zier⸗ lichen Füßchen und ſtreckte mit nachläſſiger Anſtrengung die feinen Arme zu einer Theeroſe empor, die das 104 Hermine Wild. duftige Gebäude als Krone überragte, als der Bediente eintrat und mit ſtark deutſcher Beimiſchung den echt ariſtokratiſch franzöſiſchen Namen des„Herrn Marquis de Chanteloup“ anmeldete. Die Gräfin ſtieß einen kleinen Schrei der Ueberra⸗ ſchung aus, und die niedliche Scheere entſank ihrer Hand. Der Marquis trat ein, und erſt, nachdem er ſich vor den Männern verbeugt, ſuchte ſein ſcheuer Blick die Frau des Hauſes, die mit erneuertem Eifer über ihre Blumen gebückt, ſeinen Eintritt nicht zu gewahren ſchien. Mit einer gewiſſen Unſchlüſſigkeit trat er ihr einen Schritt näher, da wandte ſie ihm den roſig an⸗ gehauchten Kopf mit einem ſo holdſeligen, frohen, halb verſchämten Lächeln zu, daß ihm das Herz vor tief überraſchter Wonne ſtille ſtaid. Mit den beſten Vorſätzen war er gekommen, dieſe wahnfinnige, wider alle Vernunft und alles Recht ſtrei⸗ tende Liebe zu beſiegen um jeden Preis. Der Todtestag ſeiner Mutter war wiedergekehrt, und dieſe für ihn ſo heilige Erinnerung an ſie hob ſich wie eine reine Leuchte über die wilde Flut ſeiner Leidenſchaft. Was ſeine Mutter von ihm verlangen würde, konnte darüber wohl ein Zweifel ihn ihm ſein? Je tiefer er ſich in ihr Andenken verſenkte, deſto klarer und unwiderſprechlicher erſchien ihm ſeine Pflicht, deſto mehr regte ſich auch in ihm der Wille, dieſer Pflicht ge⸗ wachſen zu ſein. Er wollte die Stadt verlaſſen, ſeine Stelle aufgeben und in irgend einem unbekannten Winkel fern von Allem, was ihn hier ſo lockend umgab, ſein Brod, wenn es ſein mußte, mit ſeiner Hände Arbeit verdienen und auf dieſe Weiſe für die unwillkürliche Verirrung Buße thun. Daß dieſe ſchönen Vorſätze ihm gekommen, nachdem er ſich durch reifliches Nach⸗ denken überzeugt, Leonie habe ihm gegenüber ganz unbefangen nur die Pflicht eines guten Herzens erfüllt und von ſeinen eigenen ſündigen Gefühlen eben ſo wenig eine Ahnung, wie ein unſchuldiges Kind, das machte Eure Wege ſind nicht meine Wege. 105 dieſe Entſchlüſſe um nichts ſchlechter und war zugleich ein Beweis von ſeiner eigenen Argloſigkeit. Er war alſo entſchloſſen, ſich loszureißen, und wollte nur noch Abſchied nehmen; denn Abſchied nehmen mußte er jedenfalls. Das hatte die großmüthige Güte, womit ſie, die Einzige faſt, ſich nicht von ihm gewandt, gewiß von ihm verdient. Mit den grellſten Farben malte er ſich die Undankbarkeit aus, die er begehen würde, wenn er fortginge, ohne ſie vorher zu ſehen, und den Genuß dieſer wenigen Minuten in ihrer Nähe konnte er ſich wohl erlauben, nun es ſo unwiderruflich beſchloſſen, daß es die letzten ſeien. Er wiederholte ſich, daß er ſeinem Herzen nicht ſchmeicheln wolle durch dieſes Wiederſehen, nur den Zauber wollte er ergründen, den ſie ſo uner⸗ klärbar auf ihn ausgeübt; könne er ihn nur ergründen, ſagte etwas in ihm, ſo höre der Zauber auf, ein Zauber zu ſein, und an Leib und Seele wäre er von Neuem frei. Heute, an dem Sterbetage ſeiner Mutter, wo mit jeder vorüberfliehenden Minute ſein Herz unter der Laſt einer ſchmerzlich füßen Erinnerung erbebte, wollte er zu ihr gehen, heute hatte die gefährliche Circe keine Gewalt über ihn. Aber als er nun vor der reizenden Gräfin ſtand, fühlte er ſich ſeines ſo leicht gedachten Sieges bei weitem nicht mehr ſo gewiß. Sie haben mich faſt erſchreckt, ſagte ſie mit einem ſüßen Blicke, der ſich, halb verſchleiert nur, zu ihm ſtahl. Kommen Sie näher, ſehen Sie meine Blumen an, fügte ſie mit lieblicher Vertraulichkeit hinzu und reichte ihm die Hand. Von dieſer kleinen, feinen, wunderbar zart gebildeten Hand, die er jetzt in der ſeinigen hielt, ſchien ein berauſchendes Gift auszugehen, das in füßer Läh⸗ mung ſeine Seele betäubte. Er drückte ſeine Lippen darauf, und alle ſeine guten Entſchlüſſe flogen in den Wind. Eine lange Minute verging; ihre Hand lag noch immer in der ſeinigen, und er wußte es nicht. Sie ſtand neben ihm mit geſenkten Augen, verwirrt, 106 Hermine Wild. betäubt, wie er, doch nur für einen Augenblick. Ihr Mann und ſein Freund traten jetzt auch heran. Meine Scheere liegt, glaube ich, vor Ihren Füßen, ſagte ſic ſchnell, wie in einem Anfluge von Ungeduld, und mechaniſch bückte er ſich danach. Sie nahm ihren Mann bei der Hand und führte ihn auf die andere Seite des Blumentiſches, der Fremde folgte, und das Geſpräch wurde nun allgemein. Wir haben einen Brief von meinem Vater, ſagte die Gräfin. Sie kennen meinen Vater nicht? fügte ſie, zu Louis gewendet, hinzu. Er verneinte ſtumm. Nun, Sie werden ihn kennen lernen. Fragen Sie meinen Mann. Der ſchwärmt für ihn. Ich darf nichts ſagen, da ich die Tochter bin. Mein Schwiegerbater iſt ein Mann, wie es deren wenige giebt, bethenerte der Graf. Und mit meinem Bruder müſſen Sie ſich befreun⸗ den, unterbrach ihn Leonie. Er iſt viel zu ernſt für ſein Alter und geräth darin ganz meinem Vater nach. Sie müſſen mir ihn aufheitern helfen, Herr Marquis. Louis verneigte ſich. Als er das Haus verließ, nahm er einen ganzen Himmel von Hoffnungen mit ſich fort. Du machſt ihn ja ganz zum Hausgenoſſen, ſagte der Graf zu ſeiner Frau, als ſpäter die Rede auf den Beſuch zurückkam. Er hat Niemand, verſetzte ſie, und dann bin ich 5 froh, für Otto zu ſorgen, der nie für ſich ſelbſt ſorgen kann. Der Marquis ſcheint mir eben auch nicht die per⸗ ſonificirte Heiterkeit zn ſein, bemerkte der Graf, nicht ohne einen Anflug von Spott. Deſto beſſer paſſen ſie vielleicht zuſammen, ſcherzte Leonie. A propos— es iſt ja ſchon lange, daß Niemand vom Baron Lohenſtein hier war, nicht wahr? Eure Wege ſind nicht meine Wege. 107 Ja wohl, ich begreife es nicht. Das letzte Mal war der Baron hier an dem Abend, wo du ſo wüthend tanzeſt. Erinnerſt du dich? Es muß ſchon damals mit der Verlobung nicht ganz richtig geweſen ſein, denn gleich darauf ſoll der defini⸗ tive Bruch ſtattgefunden haben. Du meinſt? ſagte Leonie mit aller Ruhe der Un⸗ befangenheit. Es wäre doch unangenehm, wenn Marie oder ſonſt Jemänd von der Familie den jungen Mann bei uns treffen ſollte. Dafür laß mich ſoxgen, ich habe meinen Plan, erwiderte Leonie mit einem vielſagenden Lächeln. Wo ihr Frauen nur eine Herzensgeſchichte wit⸗ tert! ſagte ihr Mann, und hob mit lächelnder Drohung den Finger gegen ſeine kindlich junge, reizende Frau. Nimm dich in Acht, fuhr er ernſter fort, dein guter Wille bringt dir ſchwerlich etwas Anderes als Verdruß. Leonie ſchüttelte ſchmollend das reichgelockte Köpf⸗ chen, dann mit einer plötzlichen Bewegung ſtreifte ſie leicht mit der Wange die Haare ihres Mannes, neben deſſen Stuhl ſie ſtand. Die kleine Liebkoſung brach all ſeinen wohlarrangirten Vernunftgründen die Spitze ab und endete für heute das Geſpräch. Den folgenden Morgen fuhr ſie zum Hauſe ihres Vaters hinüber, dort ſelbſt nachzuſehen, ob Alles für ſeine Rückkehr in der gewünſchten Ordnung ſei. Sie fand die Dienerſchaft voll Freude, den jungen Herrn bald wiederzuſehen, der unter den Augen der meiſt alten Leute groß geworden, und die Gräfin war am Nachmittage kaum von ihrer Spazierfahrt zurückgekehrt, ſo ſtürzte ſchon Otto in das Gemach. Levnie's Geſicht leuchtete hell auf. Selbſt in ihrem dürren Herzen bebte eine kleine Saite der Liebe dem einzigen Bruder entgegen, der ihrem Willen nie das Geringſte in den Weg gelegt. Zerdrücke mich nicht ſo, ſagte ſie, als ſie ſich aus 108 Hermine Wild. ſeiner rückſichtsloſen brüderlichen Umarmung erhob. Du biſt faſt noch ärger, als mein Herr Gemahl! Kaum angekommen, hatte er ſich mit Gewalt von Allen losgemacht, die ſich nicht ſatt an ihm ſehen konn⸗ ten, und war zu ſeiner Schweſter geeilt, ſich an ihrem Anblick zu erfreuen. Sie ſetzte ihn in einen Stuhl und ſtrich ihm mehrmals mit der feinen Hand über die ſchon gebräunte Stirn, und wirklich, ihr Anblick mußte eine Freude für ihn ſein. Sie war heute ganz in Roſa, trotz ihres röthlichen Haares; aber ſie liebte den Wech⸗ ſel, und im Grunde ſtand ihr Alles gut. Sie ſah aller⸗ liebſt aus, wie ſie ſo in ſcherzender Heiterkeit vor ihm tand. Du biſt hübſcher geworden, ſagte ſie, den reizenden Kopf in verführeriſch unſchuldiger Alkklugheit wiegend. Man kann dich jetzt ohne Beſchämung als Bruder auf⸗ führen. . Er lachte und wollte ſie auf ſeinen Schvoß ziehen. Aber leicht wie eine Feder wich ſie ihm aus. Solche Vertraulichkeiten ſchicken ſich nicht mehr für mich, ſagte ſie, ihm mit dem Fächer auf die Finger klopfend, ich bin jetzt eine verheirathete Frau. Ei, du zierliche Katze! antwortete er lachend. Warte, ich werde dir zeigen, daß ich auch kratzen kann! rief ſie, hoch erröthend. Du biſt ja gar nicht mehr ſo ſchläfrig, ſagte er, über ihre Lebendigkeit erſtaunt. Ja, die Ehe hat ſie etwas aufgeweckt, meinte der Graf, aber doch gehört ſie noch immer zu den Stillen. Otto richtete ſich mit ſcheinbarem Entſetzen in ſei⸗ nem Stuhle auf. Dann behüte Sie Gott, Herr Bruder! rief er pathetiſch, das Sprichwort iſt zu grauenhaft. Leonie ſtampfte den weichen Teppich mit dem klei⸗ nen Fuße, wandte den Rücken und ging zornig hinaus. Was hat ſie? frug Otto überraſcht. Kinderei! ſagte der Graf. Sie iſt wirklich wie Eure Wege ſind nicht meine Wege. 109 ein Kätzchen, und man weiß nicht, welche Laune ihr reizender ſteht. Der Graf ſchien ſeine Frau zu kennen, denn gleich darauf ſchlug ein perlender Triller an ſein Ohr, und bald folgte ihre Stimme, voll, klar und hell wie ju⸗ belnder Uebermuth den geflügelten Tönen nach. Den Grafen zog es unwiderſtehlich an die Seite ſeiner Frau, und er nahm ſeinen Schwager mit ſich hinaus. Zu Hauſe entwarf Otto ſeinem Vater ein glän⸗ zendes Bild von dem Glück und der Liebenswürdigkeit der jungen Frau und ärgerte ſich, als dieſer ihn dabei nur mit einem ungläubigen Blicke anſah, der ſeibſt nicht von ſeinem Geſichte wich, als ſein Schwiegerſohn, der bald nachkam, Alles, was Otto geſagt, mehr als beſtä⸗ tigte. Erſt als er von dem Fenſter aus ſeine Tochter ſelbſt kurz darauf aus dem Wagen hüpfen ſah, leicht und blühend, wie die jüngſte der Grazien, die noch kein Hauch des Kummers berührt, athmete er erleichtert auf. Er hatte nicht den Muth gehabt, ſelbſt nach einer Ueberzeugung zu gehen. In Gegenwart ihres Vaters indeſſen überkam die junge Gräfin die alte Beklommenheit, die ſie als Mäd⸗ chen ſtets vor ihm gefühlt, heute noch bedeutend ver⸗ ſtärkt durch die Stimme ihres Gewiſſens. Sie ſagte ſich vergebens, ſie habe nichts Strafwürdiges gethan; das Bild der Mutter wich nicht aus ihrem Geiſte und durchbebte ſie mit einem kalten Schauer der Angſt. Aber um ſo inniger ſchloß ſie ſich an ihren Mann. Es war, als ſuche ſie Schutz unter ſeiner warmen Liebe gegen die furchtbare Gefahr, die ſie geſpenſterhaft in der Ferne aufdämmern ſah. Ihrem ganzen Weſen hauchte es einen rührenden Ausdruck demüthiger Ab⸗ hängigkeit ein. Sie war ſo ſtill, ſo unterthänig, ſo voll tief geheimer und ahnungsvoller Hingebung, daß ſelbſt den alten Grafen etwas wie Rührung beſchlich. Aber zu Hauſe gab die Spannung ihrer Nerven nach, 10 Hermine Wild. und ſie brach plötzlich in ein krampfhaftes Weinen und Zittern aus. Was fehlt dir? fragte ihr Mann und zog ſie in großer Beſorgniß an ſein Herz. Ich will nicht ſterben, ſagte ſie, und ſchlang ihre Arme feſter um ſeinen Hals. Sie ſah mit den thränen⸗ feuchten Augen zu ihm empor, ein neuer Schauer über⸗ lief ſie, und ſie ſchmiegte ſich dichter an ſeine Bruſt, in welche ſie ihr Geſicht verbarg. O verſprich mir, flüſterte ſie, was auch geſchehen möge, wie ſehr du mir auch zürnen magſt, laß mich nicht ſterben— nicht in Gram und Elend untergehen! Was fällt dir ein? rief er erſchrocken, du biſt krank! Aber ſie ließ ſich nicht beſchwichtigen. Er hob ſie in ſeine Arme wie ein Kind. Sie war ſo leicht und zart, ſo weich und ſchmiegſam wie ein Kind. Er küßte ſie wieder und wieder und ſchloß ſie feſter an ſich. Nun lachte ſie unter Thränen zu ihm nieder; es war wie ein Mairegen, der über Blüten fällt. Liebſt du mich? flüſterte ſie, ſeinen Kopf in ihre beiden Hände nehmend. Er ſah betheuernd zu ihr auf, aber ſie ſchüttelte verneinend den Kopf. Du ſollſt reden! ſagte ſie, und ein wehmüthiger Zug machte die feinen Lippen erbeben. Wie kannſt du zweifeln? erwiderte er, ſonderbar von dem Auftritt bewegt. Sie antwortete nicht und lehnte ihre hochgeröthete Wange an die ſeinige, als wiege dieſes Bekenntniß ſie beruhigt ein. Ja, er liebt mich, dachte ſie, er liebt mich! Er gäbe ſein Herzblut für mich hin. Er iſt blind, wenn ich nur vorſichtig bin, und wenn nur der Vater blind bleibt. O Louis— Louis, ich kann dich nicht auf⸗ geben!— wie ſüß der Name klingt!— Wäre nur der Vater nicht hier— O ich muß vorſichtig ſein. Und ſie war es. Als der Marquis nach einigen Tagen wieder kam, war ihr Mann ganz erſtaunt, daß ſie ſich verläugnen ließ. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 111 Man muß auch ein wenig für ſich leben, erwiderte ſie mit einem müden Lächeln auf ſeine Bemerkung; man kann nicht immer gutherzig ſein. Wenn du willſt, lade ich ihn nächſtens einmal ein— vielleicht zu einer Soirée. Wie du willſt, mein Kind, thue was du willſt! und er nahm ſeinen Hut, um zu gehen. Aber ich will thun, was du willſt, ſchmollte Levnie. Nun gut, ſo lade ihn ein. Du weißt, mir iſt der junge Mann ganz angenehm;— und damit ging er fort. Noch in derſelben Stunde ſetzte ſich die Gräfin nieder und ſchrieb ihre Einladung an den Marguis. Du weißt nicht, was ich für dich thue, dachte ſie, nach⸗ dem ſie ihr Billet überleſen und es nun träumeriſch einen Augenblick vor ſich niederhielt. Nein, du wirſt niemals wiſſen, was ich für dich wage, gewagt habe und vielleicht noch wagen werde, um nur einige Augen⸗ blicke in deiner Nähe mich des Bewußtſeins eines Glückes zu erfreuen, das ich doch nie von deinen Lippen hören darf— ſie erſchrak über ihr eigenes Wort— wenigſtens jetzt nicht, ſetzte ſie raſch hinzu.— O jetzt nicht— es wäre der Tod!— Sie verhüllte ſchaudernd das Geſicht mit ihren Händen. Und wirſt du ausharren? frug ſie nach einer Pauſe fort, wirſt du geduldig warten können, bis das Ferne nahe kommt und uns in ſeine berauſchenden Wellen ſchließt? O Louis, ich habe zu viel auf dich gebaut!— wenn der Faden reißt, der uns an einander knüpft, wer bewahrt mich da vor dem Untergang? Slie kreuzte die Arme über die Bruſt, als wollte ſie damit das drängende Wogen des Lebens zuſammen⸗ halten, von dem der junge Buſen überquoll. Ihre er⸗ wachte Seele ſchlug die bunten Schmetterlingsflügel um ſich und wollte ſich nicht mehr einzwängen laſſen in die alte, kalte, berechnete Vergangenheit. Wie war Alles ſo ganz anders geworden, als ſie es ſich gedacht! 112 Hermine Wild. N Sie öffnete die Lippen und athmete ſchwer. Der Boden wankte unter ihren Füßen, die Leidenſchaft riß ſie fort, und es war eine letzte Kraftanſtrengung, mit der ſie ſich feſt an das früher Gewollte hielt. Ich werde die Gelegenheit vermeiden, ſagte ſie, nachdem ſie lange in Gedanken geſtanden, über dieſe herrſche ich noch. Sie zog die Klingelſchnur, ſchloß das Billet und ſchickte es ab. Ja, dachte ſie, es iſt beſſer ſo, ihn bei dieſer Ge⸗ legenheit ueinem Vater vorzuſtellen, und iſt erſt Otto mit ihm befreundet, ſo kann auch ich freier mit ihm um⸗ gehen, ohne daß es auffallend wäre.— An demſelben Tage begegnete ſie dem Marquis und ſchien ihn nicht zu ſehen. Louis war nicht roſig geſtimmt. In einer großen Stadt begegnet man oft Jahre lang den Leuten nicht, denen man am liebſten begegnen möchte, und um jede Ecke rennt man an einen Feind. Als er aus ſeiner Wohnung ging, ſah er plötzlich Marie vor ſich ſtehen. Zum erſten Mal nach langer Zeit, wenn auch nur auf einen Augenblick, hatte er in die ruhigen, braunen Augen geſehen, in die er früher ſo unausſprechlich gerne geſchaut. Er dachte nicht daran, zu forſchen, ob ſie ſich ſeit ihrer Trennung geändert oder nicht, er fühlte nur die Wohlthat der Rähe, die ſich früher ſo oft wie Bal⸗ ſam über ſeine aufgeregten Nerven gelegt, und als ſie nach ſtillem Gruße um die nächſte Ecke verſchwand, ſchien es ihm, als ziehe ſein beſſeres Ich mit ihr fort. Die ganze letzte Zeit ſtand anklagend wider ihn auf. Wonach ſtrebte er? was war es, das er wollte 5 wie weit ſtand es von den Idealen ſeiner Ju⸗ gend ab! und wofür? Was blieb ihm, wenn es ihm nicht zelang? und wenn es ihm gelang? O wenn es ihm gelang, unterbrach ſein trunkenes Herz die mah⸗ nende Stimme der Vernunft, war nicht ein Augenblick ſolcher Seligkeit eine ganze Zukunft zahmen Glückes werth, das von keiner Leonie getheilt und beſe⸗ ligt war? Eure Wege ſind nicht meine Wege. 113 Da begegnete er ihr, und ihr gleichgültiges Vor⸗ übergehen gab allen ſeinen Hoffnungen den Todes⸗ ſtoß. Die Liebe, oder vielmehr die Leidenſchaft iſt ein ſonderbares Weſen, ein tolles Pferd, das ſeinen Reiter bald hier, bald dorthin reißt und die goldene Mittel⸗ ſtraße ſtets überſpringt. Marie und Alles war ver⸗ geſſen in dieſem neuen, unerwarteten Schmerz, und als er nach Hauſe kam und ihre Einladung auf ſeinem Tiſche fand, dankte er Gott, wie für das größte, ſehn⸗ lichſt erwartete Glück. Er las das Billet und las es wieder, legte es weg und nahm es abermals und ver⸗ ſenkte ſich endlich ganz in das Studium dieſer kurzen, niedlichen Zeilen, deren zierlich gezogene Buchſtaben in ihrer flüchtigen Leichtigkeit wie tanzende Amoretten ſich unter ſeinen Augen zu bewegen ſchienen. Auf dem Siegel ſtand ein Stiefmütterchen, das dunkle und helle Blümchen, von den Franzoſen ſo ſinnig pensée genannt. Hatte ſie es nur aus Zufall gewählt? Er drückte das Papier an die Lippen, ein feiner Duft drang daraus hervor, und wie mit einem Zauberſchlag ſtand die ganze reizende Geſtalt vor ſeinem Geiſt; es war faſt, als wehe ihr warmer Athem über ſeine Stirne; er fühlte ihren Blick, er ſah das Lächeln, das, räthſelhaft und liebkoſend wie ein Kuß, ſeine ganze Seele gefangen nahm. An Marie dachte er heute und auch den andern Tag nicht mehr; der Abend, der ihm bevorſtand, ſchloß alle ſeine Gedanken ein. Der Graf hatte einen Troß entfernter Bekannten zu dem heutigen Feſte eingeladen, das auch eigentlich wie eine Art Abzugskanal nur für ſie gegeben war. Die lange Reihe der Geſellſchaftszimmer ſtand geöffnet, ein Meer von Licht wogte darin, prallte an den hohen Spiegeln ab und umſpielte in blendendem Widerſchein die friſchen Kelche der Blumen, deren farbige Fülle bis in jeden Winkel verbreitet war. Leonie, von zwei goldbetreßten Lakaien gefolgt, wanderte von Zimmer zu Zimmer beſichtigend umher, weiß, in ſchweren Gewän⸗ Novellenſchatz. Bd. KXII. 8 114 Hermine Wild. dern, mit Perlen um Arme, Hals und Haar, anmu⸗ thig, wie die lieblichſte Fee. Plötzlich flog ein Schim⸗ mer der Freude über ihr Geſicht: Louis ſtand unter der Thüre und betrachtete ſie bewundernd und faſt ver⸗ zagt. Er war zuerſt von ihren Gäſten gekommen und fand ſie noch allein; freilich nur einen Angenblick, aber doch allein. Sie ging ihm entgegen, mit dem elaſtiſchen und etwas wiegenden Schritt, der ihr gewöhnlich war. Ich muß Sie loben, ſagte ſie freundlich, mein Vater und mein Bruder werden gleich hier ſein, und es liegt mir ſehr viel daran, daß Ihnen Otto gefalle. Sie entließ ihre Trabanten und ſetzte ſich. Kom⸗ men Sie, fuhr ſie fort, und wies ihm mit den Augen einen Stuhl an, der neben ihrem Sofa ſtand. Nun, ſagte ſie, wollen Sie nicht der Freund mei⸗ nes Bruders ſein? Louis war in dem Anſchauen des verlockend ſchö⸗ nen Weibes verſunken; ein wahrer Berg von Blumen war hinter ihrem Sitze aufgerichtet, und gerade über ihre Stirne wiegte ſich die rötheſte Roſe und funkelte wie ein blutiger Stern. Sie find zerſtreut, ſagte ſie, woran denken Sie denn? Sie ſollten immer unter Blumen ſein, verſetzte Louis, er wußte nicht wie. Sie dürfen mir keine Complimente machen, wenn mein Mann nicht dabei iſt, erwiderte die Gräfin mit einem Blick, der ganz andere Dinge ſagte, als der rei⸗ zende Mund. Ach, da iſt er ja ſchon, rief ſie auf⸗ ſtehend, und wahrhaftig, mein Bruder auch!— und wirklich waren es Otto und der Graf. Wo iſt mein Vater? frug ſie jetzt. Der Vater kommt erſt ſpäter, verſetzte Otto. Sie ſchlug ihren Mann mit dem Fächer auf den Arm. Wo biſt du ſo lang geblieben? ſchmollte ſie, ich mußte den Herrn Marguis allein empfangen, und er hat mir gar ein Compliment gemacht. Eure Wege ſind micht meine Wege. 115 Louis erröthete in peinlicher Verlegenheit. Ich dachte, Sie wären kein Freund der Galanterie, ſagte lächelnd der Graf. Ich bitte dich, laß ihn geben, unterbrach ihn Leonie; du nöthigſt ihm ſonſt noch das zweite ab, und das erſte fiel ihm ſchwer genug. Sie nahm den Arm ihres Mannes, und mit dem Fächer auf Otto weiſend, fuhr ſie fort: Herr Marquis, der blonde Jüngling, der Ihnen ſcheinbar ſo beſcheiden gegenüberſteht, hat die von ihm gar nicht hinreichend gewürdigte Ehre, mein Bruder zu ſein, Otto Graf Thorſtein, künftiger Majoratsherr, den ich Ihrem Wohl⸗ wollen empfehle.— Otto, der Herr Marquis von Chan⸗ teloup, mein Landsmann, mit dem ich ſchon oft von dir ſprach. Sie ließ die jungen Männer bei einander und entfernte ſich raſch, denn das Gedröhn auffahrender Wagen ſcholl mächtig von der Straße herauf, und bald war Alles rund umher Leben und Bewegung, in deren glänzendem Gewoge ſich der Einzelne verlor. Sprachlos blickte ihr Louis nach. Ihre ſcherzende Erwähnung einiger zweckloſen Worte hatte ihn tief ver⸗ letzt. Sie iſt falſch, durchzuckte es ihn zum erſten Male wie ein Blitz. Er beachtete die Vorſtellung wei⸗ ter nicht, und hatte ſich halb von Otto weggewandt; da ſchob dieſer, der ſeibſt ſchüchtern, fremde Schüchtern⸗ heit inſtinctiv verſtand, den Arm zutraulich unter den des Marquis und zog ihn mit ſich in eine Fenſter⸗ vertiefung fort. Sie werden heute wahrſcheinlich das ſchönſte Mädchen der Stadt hier ſehen, es iſt eine Freundin mei⸗ ner Schweſter, ein Fräulein von Lohenſtein. Der Mann iſt glücklich, der ſie als Frau heimführen wird, ſagte Htto, der ſchon vor ſeiner Reiſe eine ſtille, ſchüchterne Verehrung für Mariens blühende Schönheit genährt. Der Marquis antwortete nur mit einer Bewegung des Kopfes. Hermine Wild. Sie kennen das Fräulein wohl nicht? frug Otto, von ſolcher Kälte überraſcht. O doch! verſetzte der Marquis. Aber Otto ſah, daß hier an keine Theilnahme für ſeine jugendlichen Gefühlsergüſſe zu denken war, und ſein neuer Bekannter verlor alles Intereſſe für ihn. WMit unendlicher Liebenswürdigkeit, die ſich für jeden Neuangekommenen immer neu zu verjüngen ſchien, machte Leonie indeſſen die Honneurs ihres Hauſes. Ihr Vater war eingetroffen, und ſie war froh ſich ihm in einem neuen, vortheilhaften Lichte zu zeigen. Der Gedanke, daß Luuis durch ſeine Bekanntſchaft mit Otto nun feſteren Fuß in ihrem Hauſe gefaßt, machte ihr Herz glücklich und leicht. Einmal flogen ihre Augen nach der Stelle hin, wo Louis neben ihrem Bruder ſtand. Seine Stirn war umwölkt. Was mag er haben? dachte ſie, aber ſie konnte jetzt nicht zu ihm hin, und ſie wagte es auch nicht; ihr Vater ſtand nur einige Schritte von ihr entfernt. Durch Otto ſollte er ihm vorgeſtellt werden und nicht durch ſie. Plötzlich legte ſich eine heiße Hand auf ihre nackte Schulter. Ueber⸗ raſcht wandte ſie ſich um; es war der alte Graf, der neben ihr ſtand, aber ſo bleich und finſter, daß die ſchuldbewußte Frau bis in den tiefſten Grund ihrer Seele erſchrak. Wer iſt der junge Mann? frug er mit erſtickter Stimme, auf Louis weiſend. Leonie zerdrückte faſt den Fächer in ihrer Hand. Welcher? frug ſie ſo ruhig als ſie nur konnte. Derjenige, der mit Otto ſpricht, ſagte ihr Vater mit mühſamer Anſtrengung. Sie fühlte ſich erblaſſen, aber ſie faßte all ihren Muth zuſammen und antwortete: Es iſt ein Emigrirter, ein Marquis de Chanteloup. Ein Seufzer hob des Grafen Bruſt; Leonie blickte zitternd auf, ſeine Stirn war von Schweiß bedeckt. Sie ſpielte mit dem Fächer, ſie fühlte ihr Haar ſich Eure Wege ſind nicht meine Wege. ſträuben vor Entſetzen. Ihr Mann kam jetzt heran, nach ihr zu ſehen. Sie lächelte ihm zu, ſie nickte, ſie ſprach mit ihrer Nachbarin rechts, mit der, die ihr gegenüber ſaß, ſie war witzig, heiter, glänzend, Alles aus furchtbarer Todesangſt. Ihr Vater ſtand noch immer neben ihr, den ſtarren Blick auf den Marquis geheftet, ſelbſt zu aufgeregt, um die Aufregung ſeiner Tochter zu ſehen: Er ſieht ſeinem Vater ſehr ähnlich, ſagte er endlich, als ſpräche er mit ſich ſelbſt. Leonie athmete auf, aber die Angſt machte ſogleich einer lebhaften Neugierde Platz: Sie haben ſeinen Vater gekannt? frug ſie lebhaft. Der Graf fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, wie um eine unangenehme Erinnerung zu verwiſchen. Ja, ſagte er dann kurz. Und iſt es wahr, daß er auf eine ſo ſchreckliche Weiſe umkam? Wer hat dir das geſagt? O man hat es mir erzählt— er erſchoß ſich, ſagt man. Ja, verſetzte er dumpf, es war eine gräßliche Geſchichte. Leonie wagte nicht weiter zu fragen, aus Furcht, ein zu großes Intereſſe an den Tag zu legen, und biß ſich ſchier die geſchwätzige Zunge ab. Louis trat jetzt ſelbſt heran, das Geſpräch nahm eine andere Wendung, und ſie lehnte ſich in das Sofa zurück. Sie hatte das Geſicht faſt ganz mit dem auf⸗ geſpannten Fächer bedeckt und ließ die Unterhaltung gehen wie ſie wollte. Das Unmögliche hätte ſie gegeben, daß ihr Vater ſich nur entfernt hätte, aber er entfernte ſich nicht. Die Erſcheinung des Marquis rief in auf⸗ fallendem Grade ſeine Theilnahme wach. Und damit war ihre Folter für heute noch nicht aus. Was macht denn deine Freundin, Fräulein von Lohenſtein? ſagte plötzlich Otto, über den Tiſch gebengt, 8 zu ſeiner Schweſter. 18 Hermine Wild. Leonie zuckte ein wenig, aber Aller Augen richteten ſich auf Louis, der mit einer etwas heftigen Geberde aufſtand und ſich entfernte. Was iſt das? frug jetzt der Graf. Otto hat eine friſche Wunde berührt, Papa, erwiderte die Gräfin lächelnd. Der Marquis war mit Marie verlobt, aber das Verlöbniß hat ſich gelöſt. Ei was! Und aus welchem Grunde? Wer weiß das? erwiderte Leonie nachläſſig. Alſo darum? rief Otto, ganz betreten über ſeine Ungeſchicklichkeit. Leonie lächelte wieder. Der junge Herr iſt eine von den ſentimentalen Naturen, ſagte ſie, er trägt die Wunde noch immer mit ſich herum. Es thut mir leid, daß ich es erwähnte, ſagte Otto ganz reumüthig. Verſchiedene Bemerkungen flogen hin und her; Leonie litt es nicht mehr an ihrem Platz. Sie ſtand auf und begab ſich in den nächſten Saal. Ihre Augen ſuchten nach Louis, aber hier war er nirgends zu ſehen; ſo ſich hie und da aufhaltend, mit dem Einen ſprechend, dem Andern zulächelnd, ging ſie durch die ganze Reihe der Zimmer und kam endlich in den letzten Salon. Hier ſaß Louis einſam an einem Fenſter, durch die Draperie des Vorhanges ein wenig von der Geſellſchaft getrennt. Levnie hatte ihn gleich entdeckt. Sie blickte um ſich, ihr Vater war ihr nicht gefolgt, nur ihr Mann ſtand nicht weit vom Eingange und unterhielt ſich mit einigen alten beſternten Herrn. So, geſchickt lavirend, um keine Aufmerkſamkeit zu erregen, hielt ſie ſich einige bei ihnen auf und trat erſt dann an Louis heran. Er hatte ihre Nähe nicht bemerkt. Sein Blick war tief in ſein Inneres geſenkt. Die zweifache Erwähnung Mariens hatte allen Widerſtreit in ihm neu angefacht. Von ihr ſprechen zu hören, die er vor Kurzem ſo ganz als ſein eigen angeſehen, als von einer Fremden, ja, Eure Wege ſind nicht meine Wege. 11¹9 als der möglichen Frau eines Anderen, hatte auf ihn einen wunderbar ſtörenden Eindruck gemacht. Deutlich wie nie zuvor fühlte er plötzlich, wie ſo ganz er von ihr getrennt ſei; er rief ſich alle ihre Eigenſchaften vor die Seele; er ſah ſie in ihrem ſtillen, heiteren Wirken, in ihrer muthigen Treue, die von keinem Zweifel beeinträchtigt war, und er ſagte ſich mit Otto, der Mann ſei beneidenswerth, bei dem ein ſolches Weib an dem heimatlichen Herde ſitzte. Und dieſes Glück hätte ſein werden können, wenn er es nur gewollt! Nun es für ihn verloren, nun es für einen Anderen erblühen ſollte, erfüllte ihn der Gedanke mit einem eiferſüchtigen Widerſtreben, deſſen Thorheit er einſah, das er aber doch nicht gänzlich zu bannen vermochte. Faſt Haß war es zu nennen, was er in dieſem Augenblicke für Leonie empfand. Ihr Benehmen war ſo ganz anders, als er ſich das Rechte ſtets gedacht. Aus unſerer Kindheit nehmen wir den Maßſtab mit, nach dem wir ſpäter die Menſchen beurtheilen, und an alle Frauen legte Louis unbewußt und unwillkürlich den Maßſtab ſeiner Mutter an. Aber für Leonie paßte dieſer Maß⸗ ſtab nicht. Verſtimmt und traurig wog er die drei Frauen, die ſolchen Einfluß auf ihn gehabt in ſeinem Kopfe hin und her: Marie, ſeine Mutter und Leonie, und die Letzte paßte nirgend zu den Anderen, wohin er ſie auch that. Da ſtand ſie in allem Zauber ihrer Anmuth vor ihm, und er beachtete ſie nicht. Sie be⸗ trachtete ihn eine Weile und wehte ihm dann mit dem geöffneten Fächer lächelnd über das Geſicht. Er blickte auf, ſein Herz ſchlug, aber er ärgerte ſich über die Bewegung, die darin entſtand; wie ein Gefangener bäumte er ſich gegen die Kette, die um ſeine Seele ge⸗ ſchloſſen war. Woran dachten Sie? frug jetzt Leonie, ſüß in Wort, Blick und Geberde, einem Engel des Lichtes den Kopf zu verdrehen. Louis ſah ihr gerade ins Geſicht: An Marie, 120 Hermine Wild. erwiderte er langſam. Sie war gut und wahr, und ich habe ſie nicht nach ihrem Werthe geſchätzt. Die kleine Gräfin biß die feine Unterlippe mit den Perlenzähnen. Dieſe Antwort hatte ſie nicht erwartet, und auf den Grund ſeiner Gedanken konnte ſie nicht ſehen; aber daß jedes Zeichen von Laune hier unklug und nicht am Platze ſei, das fühlte ſie. Gut und wahr, ſagte ſie leiſe; ja, Sie haben Recht, ihren Verluſt zu beklagen, denn ſie war wirklich gut und wahr. Die Hand mit dem Fächer ſank herab, und Leonie ſah nachdenkend vor ſich nieder. Das Herz des jungen Mannes war bewegt, auch er hatte eine ſolche Antwort nicht erwartet, und zu gleicher Zeit fühlte er ſich enttäuſcht. War er ihr denn ſo gleichgiltig, daß das Lob einer Anderen von ſeinen Lippen ihr ſo wenig nahe ging? Ja, hub Leonie wieder an, dieſe leidenſchaftsloſen Charaktere haben in ihrer Ruhe einen eigenen Zauber, den ihnen weder Glück noch Unglück rauben kann. Beides ſtreift über ſie hinweg, der Grund ihrer Seele wird davon nicht berührt. O wie oft habe ich Marie um dieſe glückliche Ruhe beneidet, die ſie jede Wendung des Lebens mit Gleichmuth hinnehmen läßt. Louis erröthete. Wieder ſiegte das Beſſere in ihm. Marie iſt nicht fühllos, ſagte er leiſe und befangen. O nein, Marie iſt ein gutes, vortreffliches Kind. Aber bleibt Ihnen wirklich keine Hoffnung? Louis blickte nieder, ohne zu antworten. Sonderbar! ſagte Leonie, und ſie hat Sie wirklich geliebt? Ich glaube es, verſetzte der junge Mann leiſe. Leonie wiegte ungläubig den Kopf; er ſah ſie fragend an. Sie zweifeln? ſagte er dann. Ich will Sie nicht kränken, antwortete ſie, aber ich zweifle, ob Marie je wahre, aufopfernde Liebe empfinden kann. Jemand, der ſie ſprach, verſicherte mir, ſie ſei heiter, und man ſehe ihr keine Veränderung an. Ich Eure Wege ſind nicht meine Wege. 121 möchte nicht, daß Sie ſich Täuſchungen hingäben. Marie iſt in Allem dem Willen ihrer Eltern unterthan. Sie iſt glücklich— wenn ſie auch die höchſten Freuden des Lebens nie kennen wird, ſein bitterſter Schmerz bleibt ihr ebenſo fremd.— O ſie iſt glücklich, ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, und dann leiſe wie ein entfliehender Hauch, ich wollte, ich wäre wie ſie. Sie wandte das Geſicht hinweg, und Louis glaubte eine Thräne an den langen, dunklen Wimpern zittern zu ſehen. Er war ſo betroffen, ſo beklommen, ſo entzückt, und doch voll ſo unnennbarer Angſt, daß er keine Worte für ſeine Gefühle fand. Sie, rief er endlich, Sie, die von Allen Angebetete, die Bewunderte, die Glückliche, Sie reden ſo? Sie warf ihm einen Blick zu voll wehmüthiger Jronie, ein ſchwaches Lächeln öffnete den reizenden Mund: Es iſt nicht Alles Gold was glänzt, ſagte ſie leiſe, und ſich flüchtig verneigend entfernte ſie ſich. Louis dachte an keine Falſchheit mehr. Wie gefällt dir der franzöſiſche Marquis? frug der Graf ſeinen Sohn auf der Heimfahrt von der Soirée. Mein Gott! ſagte Otto, er iſt ja faſt wie ein Mädchen. Der Graf antwortete nicht, er hatte viel zu denken, und Otto hing ebenfalls ſeinen eigenen Gedanken nach. Trotz Leonie's Bemühen, bildete ſich kein beſonders freundſchaftliches Verhältniß zwiſchen den jungen Leuten aus. Bei Otto mochte eine kleine Eiferſucht mit im Spiele ſein, bei Louis war es die unüberwindliche Ab⸗ neigung, eine Freundſchaft zu ſuchen, die für ihn doch nur ein Mittel zum Verrathe war. Selbſt dem alten Grafen wich er aus, der eine ungewöhnliche Theilnahme für den jungen, allein ſtehenden Mann bewies. Der unangenehme Eindruck, den ſein erſter Anblick offenbar auf ihn gemacht, ſchien vollkommen verwiſcht. Er ver⸗ mittelte mit großem Eifer ſeine Beförderung; als aber dieſe eintraf, wies Louis ſie aus den obengenannten 122 Hermine Wild. Gründen entſchieden zurück, freilich hätte ſie ihn auch nach einer anderen Stadt verſetzt und ſomit von Leonie getrennt. Der alte Graf war überraſcht, doch ſchreckte ihn dieſes Fehlſchlagen ſeines guten Willens nicht ab; und mit Wort und That trat er wirkſam gegen das Vorurtheil auf, das ſich gegen Louis geltend gemacht. Leonie war ſehr erfreut über dieſe unerwartete Wendung der Dinge; es bewies, ihr Vater ſei, wenigſtens jetzt, zu keinem Argwohn geneigt, und das beruhigte ſie ſehr. Auch hatte ſie dadurch den Zweck mehr als erreicht, den ſie erſt durch Otto's Bekanntwerden mit Louis zu erſtreben geſucht. Ihr Vater hatte den Vater des Marquis gekannt, es war faſt eine Verwandtſchaft, welche in dieſem Begriffe lag. Selbſt auf ihren Mann übte es einen gewiſſen Einfluß aus. Er wurde herz⸗ licher gegen den jungen Mann, und ſeine Zuneigung für ihn war nicht mehr bloß eine Erdichtung Leonie's. Das Alles war gut, und doch ſchärfte es merkwürdig die Gedanken der jungen Frau, etwas Anderes als nur das Gute darin zu ſehen. Warum war ihr Vater erblaßt bei der Erinnerung an eine Bekanntſchaft, die ſchon ſo lange vergangen war? Welche Erinnerung war es, welche die Aehnlichkeit Louis' mit ſeinem Vater ſo furchtbar in ihm geweckt? Leonie dachte an einen Racheſchrei, den ſie einmal gehört,— war es möglich⸗ daß dieſer Racheſchrei mit der längſt Verſtorbenen in Verbindung ſtand? Sonderbare Verkettung der Um⸗ ſtände, die hier auf fremdem Boden den Faden wieder anknüpfte, den der Tod ſeit ſo langer Zeit zerriſſen zu haben ſchien. Aber was war es dann, was ihren Vater, der gegen alle Welt ſo verſchloſſen und faſt ab⸗ ſtoßend war, zu ſolcher Freundſchaft für den Sohn eines ſo wenig geliebten Mannes trieb? Wüßte ſie es nur! Sie ſah keinen Weg, und doch hätte ſie es ſo gerne gewußt! Der unſichere Boden, auf dem ſie ging. und der, ihrem Vater gegenüber, ihr noch einmal ſo unſicher erſchien, mußte feſter werden, ſo dünkte es ihr, Eure Wege ſind nicht meine Wege. 123 ſobald ſie nur wüßte, in welcher Beziehung Louis zu ihrem Vater ſtand. Dazu trat ein anderes Element, von dem ſie nicht 3 wußte, ſollte ſie es als einen glücklichen Zufall oder eine drohende Mahnung anſehen. Otto's Intereſſe für Marie trat mit jedem Tage deutlicher hervor, und das ruhige Mädchen nahm ſeine Aufmerkſamkeit, doch ohne ſie zu ermuthigen, aber doch immerhin nicht unfreund⸗ lich auf. Sage mir, ſagte ihr Vater eines Tages zu ihr, hat der Marquis noch Anſprüche an Marie? Wie ſoll ich das wiſſen? frug ſie dagegen mit einer eigenthümlichen Beklommenheit. Du am beſten. 5 Ich? rief ſie mit einer Ueberraſchung, die gar nicht in ihrer Rolle lag. 3 Nun ja, du biſt ihre Freundin, du warſt es wenigſtens— warum ſiehſt du ſie denn nicht mehr? O, ſeitdem ich verheirathet bin— ſagte Leonie nicht ohne einige Verlegenheit. Hm, meinte ihr Vater, es wäre mir lieb, darüber im Klaren zu ſein. Ich will dem Marquis nicht in den Weg treten, wenn er noch Hoffnung hat; aber Ditto intereſſirt ſich lebhaft für das Mädchen, und es wäre mein Wunſch, ihn bald verheirathet zu ſehen. Und da wäre Marie eine gute Partie? forſchte lächelnd Leonie. Das Mädchen ſcheint mir eine Perle zu ſein, ich wüßte für Otto kein beſſeres Glück. Da gibt es Conflict der Intereſſen, ſachte lachend Graf Hoheneck, meine Frau hat bereits für den Mar⸗ quis Partei ergriffen. Sod ſagte ihr Vater. Mein Gott, fiel Leonie ein, was thut man nicht,. wenn man nichts zu thun hat! Und der arme Junge ſah ſo ſentimental aus! Indeſſen, wenn die Bande des Blutes ſprechen, ſo werde ich wohl für Otto ſein. 124 Hermine Wild. 2 Von nun an kam ſie wieder öfter mit der Familie des Barons zuſammen. Niemand im Hauſe hielt die Gräfin für ſchuldig, deren eheliches Glück in der ganzen Stadt zum Sprichwort geworden war; ihre Schuld war es nicht, wenn auch außer dem Wege der Pflicht, ein ſchwaches Herz von dem Zauber ihrer Anmuth ſich bethören ließ; aber mit oder ohne ihre Schuld war durch ſie auf Mariens Leben eine Wolke gefallen, die ſich nicht ſo leicht bannen ließ, und trotz dem beider⸗ ſeitigen Bemühen ſtellte ſich die alte Herzlichkeit nicht wieder her. Auch war jetzt Etwas in Marie, was jede zu nahe Vertraulichkeit verbot. Der Schmerz, der ſie berührt, hatte ſie nicht gebrochen, aber er hatte ſie vei⸗ fer, frauenhafter gemacht und ihr eine unbewußte Würde mitgetheilt, die ſie weit über die Intimität Leonie's erhob, und vor welcher dieſe inſtinetiv zu⸗ rückwich. Da mit Marie nichts anzufangen war, ſo wandte ſich die Gräfin, gegen alle Inſtructionen, mit ihrer Diplomatie an die Baronin ſelbſt, die Otto's Annähe⸗ rung ſehr wohl verſtand und ſeiner Schweſter auf hal⸗ bem Wege entgegenkam. Marie hat an meinem Bruder eine entſchiedene Eroberung gemacht, ſagte ſie eines Tages zu der klu⸗ gen Frau Er ſchwärmt für ſie auf die ritterlichſte Weiſe, denn er ſchwärmt nur für ſie. Ich könnte eifer⸗ ſüchtig ſein, wäre es nicht Marie. Der junge Graf iſt ein ſehr liebenswürdiger Ca⸗ valier, erwiderte die Baronin, die ſich nicht vorwagen wollte und Compliment mit Compliment vergalt. Der arme Marquis! ſagte Leonie leicht, während ſie mit dem Fächer ſpielte und nach einer anderen Seite ſah. Wiſſen Sie, daß er mir leid thut? Iſt wirklich keine Hoffnung mehr für ihn. Davon kann gar nicht mehr die Rede ſein! fiel die Baronin lebhaft ein. Wäre es nach meinem Sinne ge⸗ gangen, wir hätten nie an eine ſolche Partie gedacht. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 125 Aber Marie? Marie iſt viel zu vernünftig, um einem Traum nachzuhängen, der ſich mit unſerer Einwilligung nie erfüllen kann. Sie glauben alſo, daß, wenn ein Anderer es ver⸗ ſuchte—2 O, unterbrach die entzückte Baronin, was das be⸗ trifft, ſo haben wir noch nicht daran gedacht. Marie wird freilich nicht unverheirathet bleiben, weil zufällig der erſte Mann, den wir ihr beſtimmt, nicht für ſie gepaßt,— denn im Grunde waren wir es mehr, das heißt, mein Mann, der ihn gewählt, als ſie, das arme Kind, die nun die Folgen trägt. Sie wiſſen, ſetzte ſie vertraulich hinzu und rückte der Gräfin näher, mein Mann hat ſeine Mutter, die Marquiſe de Chanteloup, in Paris gekannt— es iſt nun ſehr lange her— ich war damals Braut, und nach ſeiner Rückkehr ſollte unſere Hochzeit ſein. Die Marquiſe war ſehr ſchön, glaube ich, und ſehr unglücklich, und es entſtand da ſo eine kleine Schwärmerei. Wenn eine Frau glücklich ſein will, ſo forſcht ſie nicht zu viel nach ſolchen Ver⸗ gangenheiten und begnügt ſich mit der Gegenwart. Aber wie geſagt, es war eine romantiſche Idee meines Mannes, der Marquis miüſſe wie ſeine Mutter ſein, und da hätte er denn nahezu unſer armes Kind recht unglücklich gemacht. Jetzt freilich wird ſie es über⸗ winden, meine Marie iſt zu gut und verſtändig, es nicht zu thun, ſie weiß, was ſie uns ſchuldig iſt. Und ſehen Sie, liebe Gräfin— hier rückte ſie noch näher,— ich glaube, die wahre Liebe wird für ſie erſt anfangen, wenn ſie einmal verheirathet iſt. Nun aber, natürlich, er war doch ihr Bräutigam, und ſo gehört Zeit dazu, bis ſie dieſe erſte Täuſchung überwunden hat. Ihr Herz muß ausruhen von der Erſchütterung, bevor es wieder Vertrauen faſſen kann, und ſelbſt die glänzendſten Ausſichten,— hier nahm ſie Leonie's Hand,— ja die ehrenvollſten, denen wir uns am liebſten zuwenden möchten, 126 Hermine Wild. müßten wir jetzt verſchieben, bis Mariens Stimmung ſich beſſer damit verträgt. Das liebe Kind ſoll nicht unſertwegen ein Glück annehmen, das ſie nicht als ein Glück empfinden würde. Sie verſtehen, liebe Gräfin, Marie ſoll frei wählen, das heißt, ſetzte die gute Mut⸗ ter bedachtſam hinzu, ſo frei, als es ſich mit ihrem Glücke verträgt. Leonie nickte ihr verſtehend zu. Es wird meinen Bruder ſehr glücklich machen, ſagte ſie mit einem zau⸗ berhaft freundlichen Lächeln, zu hören, daß Mariens Herz nicht unheilbar verwundet iſt. Das ſeinige iſt wenigſtens ſehr krank. Mein Vater glaubt es mit mir. — Sie erlauben mir doch, aus der Schule zu plaudern? O, es ſoll durchaus kein Geheimniß ſein, erwiderte die Baronin verbindlich. Leonie erſchien ihr als die liebenswürdigſte Frau von der Welt, und ſie übernahm von nun an die Schwärmerei, die früher ihr Mann für die hübſche Gräfin gehabt. Und unterdeſſen ging Leonie's Roman mit Louis ſeinen ſtillen, geheimen Gang ungeſtört und unaufhalt⸗ ſam fort. Seit jenem Abend, wo er die vielſagende Thräne an ihrer Wimper zittern geſehen, war der junge Mann mehr als je gefangen. Noch hatte er mit Leonie kein Wort von Liebe geſprochen, und doch, wie weit mit einander waren ſie ſchon! Wie brannte ſein Blut, wenn ihr Kleid ihn ſtreifte, welche heiße Wolluſt lag in ihrem Blicke! Die gewaltige Sprache der Leidenſchaft flog zündend zwi⸗ ſchen ihnen hin und her, während die Welt nur gleich⸗ gültige, inhaltleere Worte vernahm. Da war an kein Halten mehr zu denken, was ſie noch trennte, war nur die kalte Macht der Nothwendigkeit. Ein einziger Funke, und an allen Ecken ſchlugen die Flammen hervor. Thun wir denn etwas Unrechtes? beſchwichtigte er ſein Gewiſſen, wenn es dann und wann noch die Stimme in ihm erhob. Was haben wir von dem Allen, als daß wir Beide unglücklich find? —— Und er war es wirklich. Aber es war nicht der Drang nach dem Beſſeren, der, wie früher, ſeine Seele in zwei ſtreitende Hälften riß; der nicht zu ſättigende Durſt der Leidenſchaft hatte, für jetzt wenigſtens, jede andere Stimme in ihm erſtickt. Leonie ſah, daß er litt, und ſie litt mit ihm; aber mit der Härte, die in ihr lag, küumerte ſie ſich nicht darum. Sie frug ihr Herz nicht, ſie ging ihren Weg und blickte nur auf das Ziel. Er muß warten lernen, dachte ſie, er wird noch oft warten müſſen, denn meine S ſetze ich nicht aufs Spiel. Und doch, was litt ſie nicht! Ich will glücklich ſein, ſagte ſie, tief aufathmend, ich muß es ſein, aber jetzt nicht— jetzt iſt noch nicht die Zeit! Wäre nur mein Vater fort! wüßte ich wenigſtens, daß alle ſeine Freundlichkeit nicht bloß eine Mine iſt, die mit mir auffliegen wird, wenn ich am wenigſten daran denke!— O dieſe dumme Liebe, die Otto hier zurück⸗ halten muß! Hat uns dieſe Marie nicht ſchon weh genug gethan? Sie zog das Weltleben um ſich wie eine Mauer und lebte in einem Strudel von Zerſtreuungen, der ihr faſt keinen Augenblick des Nachdenkens und der Einſamkeit ließ. Und doch kam die Stunde, die ſie mit ſolcher Gewalt von ſich fern zu halten ſuchte, und als ſie kam, fehlte ihr die Kraft, ihr aus dem Wege zu gehen. Eines Tages war Otto bei ihr und überließ ſich ſeiner Begeiſterung für die noch ahnungsloſe Braut, die er erwählt, da trat der Marquis ſonderbarer Weiſe unangemeldet herein. Wo iſt mein Schwager? frug Otto, um einen Grund zu haben, dem unliebſamen Störer auszuweichen Mein Mann iſt auf ſeinem Zimmer— ich will mit dir gehen, ſagte ſie raſch, als er ſich nach der Thüre wandte, und ſie wollte ihm nach. Da legte Louis mit einer flehenden Geberde ſeine Eure Wege ſind nicht meine Wege. 1 ₰ 3 128 Hermine Wild. 5 Hand auf die ihrige, und ſie ſank wie gelähmt auf den Seſſel zurück. Einen Augenblick dulden Sie mich allein bei ſich! ſagte er leiſe und zitternd zu der ebenfalls zittern⸗ den Frau. Sie ſah zu ihm auf mit einem träumeriſchen Lächeln voll unausſprechlicher Süßigkeit. Sie ſaß vor dem Klaviere. Spielen Sie, bat er. Gehorſam glitten ihre Finger über die Taſten. Er ſtand hinter ihrem Stuhl. Sie ſpielte, ſie wußte nicht was; ſie fühlte, ſah, hörte, empfand nur ihn; er war in der Luft, die ſie einathmete, ihr ganzes Weſen ſchien in fühlendem Empfinden auf⸗ zugehen und ſeine Gegenwart in ſich zu ſaugen. Ihre Finger wurden ſchwerer, ihr Kopf neigte ſich unmerk⸗ lich zurück, faſt bis an ſeine Bruſt. Er küßte die ge⸗ kräuſelten Locken, die ſeinem Munde ſo nahe waren, berauſchende Schwüle umwogte ihn, umfloß ſie wie ein glühendes Meer und machte alles weitere Denken unmöglich. Sie ſpielte immer langſamer, nun ſanken ihre Hände herab, ſie blickte auf zu ihm, er beugte ſich— ein Kuß— ein langer Blick— dann noch ein Kuß— Die Sonne ſchien in das Zimmer herein, der Vo⸗ gel ſang in ſeinem vergoldeten Käfich, die Blumen duf⸗ teten, Alles umher war Glanz, Reichthum und Harmo⸗ nie, und mitten darin ſtanden zwei ſelige ſchuldige Men⸗ ſchen Hand in Hand und vergaßen Erde und Himmel um ſich her. Otto's nahende Schritte ſchreckten die Beiden aus ihrer Trunkenheit auf. Er hatte ſeinen Schwager zu einem Geſpräche nicht gelaunt gefunden und kehrte mißmuthig zu ſeiner Schweſter zurück. Was habt ihr denn? frug er erſtaunt, als er ſie ſo verwirrt neben einander ſtehen ſah. eonie faßte ſich zuerſt. Der Herr Marquis war ſo traurig, daß es mich ergriff, ſagte ſie. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 129 Otto ſchüttelte ungläubig den Kopf. Was erzähl⸗ ten Sie meiner Schweſter? frug er den Marquis, als er gleich darauf mit ihm das Haus verließ. Lonis ſenkte den Kopf in der größten Verlegen⸗ heit. Es giebt ſo Vieles, ſagte er dann, was mich traurig machen kann. Sie wiſſen, mein Vater erſchoß ſich, als ich noch ein Knabe war, und meine Mutter — hier pochte ſein Herz unter einem ſtechenden Vor⸗ wurfe— ſtarb an gebrochenem Herzen. Hm, ſagte Otto, ich habe keinen Grund, Ihnen nicht zu glauben, künftighin werden Sie aber beſſer thun, meiner Schweſter keine ſolchen Geſchichten im töte-téte zu erzählen, es möchte ihrem Manne doch nicht angenehm ſein. Der Marquis biß ſich auf die Lippen, aber vor dem Zauber der Sünde hat noch keine Warnung geſchützt. Sie ſehen, welcher Gefahr Sie mich ausſetzen, ſagte Leonie zu ihm, als er ſchon den folgenden Tag wieder kam, denn die Erinnerung an die genoſſene kurze Seligkeit ließ ihm keine Ruhe fern von ihr. Sie ſehen, daß ich der Stimme meines Herzens nicht fol⸗ gen kann. Denken Sie daran, daß ich nicht mehr frei bin. Mein Mann und mein Vater ſind beide uner⸗ bittlich— mein Vater beſonders. Schonen Sie mich! Sie wiſſen nicht, was er ſchon gethan— mein Leben ſelbſt iſt nicht ſicher vor ihm. Ja, erwiderte er, Sie haben Recht! ich ſehe wohl, daß meine Liebe zu Ihnen ein Verbrechen iſt, aber was ſoll ich dagegen thun? Ich kann nicht leben, ohne Sie zu lieben, ich habe es vergeblich verſucht, und meine Liebe bringt Ihr Leben in Gefahr. Das Beſte iſt, ich thue, wie mein Vater, und jage mir eine Kugel durch den Kopf, dann haben wir Beide Ruhe. Doch nicht, ohne mich zu fragen? rief ſie, ſeinen Arm mit beiden Händen faſſend. O Luuis, wiſſen Sie denn nicht, daß ich Sie unausſprechlich liebe? Iſt Ihnen meine Liebe allein nicht genug? Novellenſchatz. Bd. XXII. 6 130 Hermine Wild. Ihre Augen ſtanden voll Thränen, ihre Lippen zitterten, ſie war ſchön wie ein Engel des Lichts in ihrer rührenden Liebesangſt. Leonie! rief er laut; er ſank ihr zu Füßen und umſchlang ſie mit beiden Armen. Louis, ſüßer Louis! flüſterte ſie, über ihn gebengt, zwiſchen einer Thräne und einem Kuß: Mein Louis! all mein Glück biſt nur du allein! Er küßte ihre Hände, ihre Kleider, ihre Füße, ihre thauigen Lippen, er ſchloß ſie an ſich und drückte den heißen Kopf in ihren Schooß. Da erſchallten Schritte, das Nebenzimmer entlang. Steh auf! rief Leonie haſtig und todtenbleich. Louis ſpräng in die Höhe. O dieſe Marter! rief er aus. Leonie's Antwort war ein Lachen, ſo hell, ſo friſch, ſo kinderrein— lacht denn nicht mehr allein die Un⸗ ſchuld ſo? Es war ihr Mann, der hereintrat. Fröhlich lief ſie ihm entgegen. Der Herr Marquis iſt verdrießlich, wenn nicht Alles nach ſeinem Kopfe geht, ſcherzte ſie. Sie hing ſich an des Grafen Arm und lachte wieder, als er ſich zu ihr beugte, ſie zu küſſen, und ſie mit einer ſpielenden 5 Bewegung der ehelichen Liebkoſung glücklich entwich. Sage dem Margquis, er ſolle Geduld haben, ſagte ſie. Schon eine gute Viertelſtunde predige ich ihm Weltweisheit, aber von mir nimmt er ſie nicht an.— Er iſt ein rechter Trotzkopf! ſetzte ſie mit einer kindlich naiven Geberde beleidigter Würde hinzu. Ich weiß zwar nicht, um was es ſich handelt, wandte ſich jetzt der Graf an den Marguis, der finſter dareinſah bei der ſpielenden Tändelei, aber Geduld iſt immer gut, und ſo folgen Sie nur immerhin dem Rathe meiner kleinen Frau. Ja, ſagte Leonie, er ſoll nur daran denken: Geduld bringt Roſen, und die Zeit kommt auch, wo wir ſie Eure Wege ſind nicht meine Wege. 3 pflücken können. Das Aufbrauſen nützt gar nichts, ſchadet aber oft ſehr viel.— Und nun muß ich Sie verabſchieden, Herr Marquis, mein Mann iſt nur nach Hauſe gekommen, um mit mir wieder auszugehen. Sie reichte ihm die Hand, die er ſtumm an ſeine Lippen führte, und er fühlte deren vielſagenden Druck; aber weder dieſer Druck noch der Blick, der ihn be⸗ gleitete, ſtellte in ihm die geſtörte Harmonie wieder her. Sonderbav! geliebt von dem Weibe, das er liebte mit einer Glut, in der jede andere Bedenklichkeit, wie Wachs in der Sonne, zerſchmolz; ihre Thränen und Küſſe noch warm auf ſeinen Lippen: dem höchſten Glück ſo nahe, daß vielleicht ſchon der nächſte Tag es ihm bringen konnte,— war die erſte Empfindung, die ſich in dem durch die Gewißheit der Gegenliebe etwas be⸗ ruhigten Gemüthe regte, eine Erbitterung gegen das einzige Mittel, wodurch dieſes Glück ihm ermöglicht war. Der Ehebruch mit ſeinem gewöhnlichen Gefolge von Selbſterniedrigung und Heuchelei trat ihm ſchon jetzt in ſeiner häßlichſten Geſtalt entgegen. Und aus dem Allen rang ſich zum erſten Male wieder nach langer Zeit der Gedanke an Marie in ſeiner Seele empor. Wie war ſie ſtill, wie war ſie ruhig, wie war ſie heilig in ihrer unantaſtbaren, edlen Weiblichkeit! Doch kein Gedanke, Leonie zu entſagen, miſchte ſich in die kurze Erinnerung; nur ein tiefes Mitleiden kam über ihn. Ja, Marie iſt wahr— ſagte er ſich und ſeufzte — ſie kann es ſein, ſetzte er hinzu. Nie hätte Marie für mich gewagt, was Leonie wagt; es iſt nicht ihre Schuld, wenn ihre Liebe für mich ſie nun zu dem zwingt, was ihrer unwürdig iſt. Nein, Marie kann nicht lieben— hätte ſie Leonie's Herz für mich gehabt, es ſtünde jetzt wohl anders zwiſchen uns! Er ging mit ſich zu Rathe. Er fühlte den Druck 9 132 Hermine Wild. der Verhältniſſe, und daß dieſer unleidlich war. Er war jung und iſeeic, war es ein Wunder, daß er daran dachte, ihn zu durchbrechen? O dieſer Zwang! rief er laut, und muß ja noch darunter leiden als ich! Und wozu das Alles? liegt nicht die ganze Welt offen vor uns? Kann ich nicht arbeiten? und was brauchen wir mehr, wenn wir nur beiſammen ſind? O immerwährend beiſammen ſein, ohne Ver⸗ ſtellung einander angehören, ungetheilt und ganz allein! O was iſt Rang und Reichthum gegen eine ſolche Seligkeit? Ja, ich will arbeiten, was iſt es mehr? Marie hätte gearbeitet für mich und wäre noch glück⸗ lich geweſen, es zu thun— aber Leonie ſoll es nicht. Meine Leonie! meine holde Blume! giebt es etwas Lieb⸗ licheres als du? Auf den Händen will ich dich tragen, kein Kummer ſoll dir nahen— O giebt es eine Mühe, die noch Mühe iſt, wenn ſie uns ein ſolches Glück erkauft? Er ſetzte ſich hin, ihr zu ſchreibe 6 ſein Herz floß über in ſtolzer, freudiger Zuverſicht. Daß die Gräfin, neben der Liebe, noch verſchiedene andere Dinge zum Lebensglü ick nöthig finden könne, fiel ihm gar nicht ein. Nein, ſagte er plötzlich, ich will es ihr nicht ſchreiben. Von PMur zu Mund geht die Ueberzeugung leichter, und ich muß ihr Alles genau ſagen, was ich Sie opfert ja mehr als ich, das liebe, herrliche Herz Er konnte den Tag kaum erwarten, und der Morgen endlich kam, war es damit auch noch nicht ab⸗ gemacht. Der Aufſchub ſteigerte nur ſeine Sehnſucht nach jener ſeligen Zitunt ewiger Vereinigung, wo ſolche Rückſichten nicht mehr nöthi ig wären. Fudiich ſchlug die erſehnte Stunde und er ilte fort zu ihr. Die Gräfin ſei bei ihrem Vater, ſagte man ihm. Er ging zum alten Grafen, ſie wen nigſtens dort zu ſehen. Doch a den fand er nicht zu Haufe. Der Herr Graf, hieß es hier, iſt mit der Frau Grüfin nach dem Thiergarten gefahren. Zum Thier⸗ 5 Eure Wege ſind nicht meine Wege. 133 garten alſo begab er ſich, und hier endlich, am Arme ihres Mannes, den zarten Leib weich und warm in koſtbare Pelze gehüllt, gewahrte er Leonie unter einem nickenden Federhut, der ihm ſchon von Weitem zuzu⸗ winken ſchlen Sie waren alle beiſammen und hatten einige Bekannte getroffen, mit denen ſie plaudernd die Promenade fortſetzten,— ſo daß, wenigſtens für den Augenblick, an ein beſonderes Geſpräch gar nicht zu denken war. Aber Leonie's Augen ſagten genug, und den warme Freudenſtrahl, der ihm entflog, traf den jungen Mann mitten in das Herz. Was ſagen Sie zu meinem Anzuge? ſagte ſie, als er an ihrer Seite weiter ging. In der That, ein wenig ſchw Denken Sie, ich habe zu für dieſe Jahreszeit. fällig ein wenig gehuſtet, und mein Mann hat eine ſo Angſt, ſeine kleine, ſchlimme Frau zu verlieren, daß er mich mit einer voll⸗ kommenen Wintergarderobe behängt hat. Solche Dinge muß man mit ſich geſchehen laſſen, wenn man verhei⸗ rathet iſt. Wenn ich nicht ſorgfältiger wäre als du, du wäreſt mir längſt zu einem kleinen Eiszapfen eingefroren, ſagte ihr Mann. Und das iſt allerdings ein Glück. Als Mädchen wäre ich nach meinem Geſchmack erfroren, als Frau ſteht mir das hohe Privilegium zu, einmal nach deinem Geſchmack zu erſticken. Er lachte— Louis verdroß, wie immer, ihre un⸗ befangene Vertraulichkeit mit ihrem Manne. Dort ſehe ich Jemand, mit dem ich durchaus ſprechen muß, rief plötzlich der Graf. Herr Marquis, darf ich Ihnen meine Frau auf einen Augenblick anvertrauen? Und er entfernte ſich raſch. Wir werden dich erwarten, rief Leonie ihm nach. Sie gingen etwas langſamer, und die übrige Geſellſchaft kam ihnen unmerklich voraus. Aber ſie wollte es nicht zu einem beſonderen Geſpräch kommen laſſen, ſie fürchtete 134 Hermine Wild. ihres Vaters ſcharfen Blick, der nur wenige Schritte vor ihnen ging, und ſie fürchtete mehr noch Louis eigene Ungeſchicklichkeit, jene Ungeſchicklichkeit, die ihr ſo lieb war, und die doch eine ſolche Gefahr in ſich ſchloß. Kommen Sie, ſagte ſie, ihren Schritt etwas beeilend. Doch er kam ihr zuvor. Ich muß Sie ſprechen, Leonie, ſagte er leiſe, aber ſo beſtimmt, daß ſie nicht zu widerſprechen wagte. Sie trat an ein eiſernes Geländer, das den Zwinger eines Bären umfing, und ſah hinab. Sehen Sie den Bären an, iſt das nicht ein präch⸗ tiges Thier? antwortete ſie, nach unten deutend. Aber ich muß Sie ſprechen, wiederholte Louis, mit einem Anfluge von Ungeduld. Heute nicht, ſagte ſie, mit noch immer abgewen⸗ detem Geſicht. Alſo wann denn? Morgen nicht und übermorgen auch nicht. Ihr Ton war offenbar neckend; es verdroß ihn, daß ſie die Dringlichkeit ſeiner Bitte nicht begriff. Aber ich muß Sie ſprechen, wiederholte er noch einmal. Es wird ſo wichtig nicht ſein, verſetzte ſie, über das Gitter gelehnt. Sehen Sie doch den Meiſter Petz an! O Leonie, ſagte er traurig, Sie treiben wahrhaf⸗ tig Ihren Scherz mit mir! Glauben Sie? ſagte ſie, legte den Finger der klei⸗ nen beſchuhten Hand an die reizenden Lippen und ſah dabei den jungen Mann mit einem ſo ſchalkhaft lächeln⸗ den Blicke an, daß ihm das Blut in dié Wangen ſtieg. Sie ſpielte ſo gern mit ihrer Macht, daß ſie fortwäh⸗ rend ihre eigene Vorſicht darüber vergaß. Uum Gottes willen! rief ſie plötzlich erſchrocken, denn ſie ſah Otto nicht zwanzig Schritte weit, der auf ſie zukam, ſehen Sie mich nicht ſo an! Mein Vater bringt mich um, wenn er einen ſolchen Blick gewahrt. „ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 135 Sagen Sie, wann ich Sie ſprechen kann, war Louis“ eigenfinnige Antwort. Ich werde ſehen, ſagte ſie, ſchnell von ihm weg⸗ gehend. Bleiben Sie ſtehen, und ſehen Sie um Got⸗ tes willen noch den Bären an. Er blieb ſtehen, und ſie ging auf ihren Bruder zu. Otto war allein, und ſie athmete beruhigt auf, während ſie ſeinen Arm ergriff: vor Otto fürchtete ſie ſich nicht. Ihr Vater war ſchon ziemlich weit und ganz vertieft in ein lebhaftes Geſpräch, er hatte alſo nichts bemerkt— von ihrem Manne war noch immer nichts zu ſehen. Otto war den ganzen Weg auffallend verſtimmt. Leonie kümmerte ſich wenig darum, ſie hatte deſto mehr Zeit, ihren eigenen Gedanken nachzugehen. Er beglei⸗ tete ſie nach Hauſe, und ſie zuckte ungeduldig die Ach⸗ ſeln, als er ihr in ihr Zimmer folgte, während ihr Vater ſich mit ſeinem Schwiegerſohn auf deſſen Studir⸗ zimmer begab. Was willſt du? ſagte ſie mürriſch, denn ſie war ſeiner ſo gewiß, daß ſie bei ihm die Liebenswürdigkeit nicht für nöthig hielt. Ich will dir ſagen, rief er ziemlich unvorſich⸗ tig, daß mir dein Benehmen gegen dieſen franzö⸗ h Marquis und das ſeinige gegen dich nicht ge⸗ ällt. Es thut mir leid, ſagte ſie ſpöttiſch, du hätteſt ſollen meine Gouvernante ſein. Leonie! fuhr er heftig auf. Wenn du dich unangenehm machen willſt, ſo ſuche dir einen anderen Ort, als das Haus deiner Schweſter, wo du dann mit deinen Hirngeſpinſten um dich werfen magſt, wie du willſt. Leonie, rief Otto, mache mich nicht zorniger, als ich es ſchon bin! Deine Art und Weiſe, mit dem Mar⸗ quis unter vier Augen umzugehen, ſchickt ſich nicht. Du mußt ihm dein Haus verſchließen und ihn nicht mehr 136 Hermine Wild. wiederſehen. Ich dulde es nicht, daß dein Name zum Stadtgeſpött werde. Sie lachte gereizt auf. Ruf es lauter, ſagte ſie. Es wäre Schade, wenn nicht ein Dritter und Vierter erführe, welche Meinung du von deiner Schweſter haſt. Geh doch zu meinem Mann, oder lieber gleich zu meinem Vater; er wird ſich freuen, wenn du ihm eine Gelegenheit giebſt, ſeine alten Verfolgungen zu erneuern. Du haſt es doch nur auf die Störung meiner Ruhe abgeſehen. Wenn ich zu deinem Mann oder zum Vater ge⸗ hen wollte, käme ich nicht zu dir. Verſprich mir, den Marguis nicht mehr zu ſehen, und es ſoll nicht mehr die Rede davon ſein. Ich bin Herrin in meinem Hauſe, verſetzte ſie ſtolz. Nur meinem Manne brauche ich zu gehorchen, und weder du noch der Vater habt mir etwas vorzuſchrei⸗ ben, wenn nur er zufrieden iſt. Denkſt du unwürdig von mir, ſo mache es mit dir ſelber ab, bloß deiner Narrheiten wegen werde ich keinen Menſchen beleidigen. Nein, unterbrach ſie ſich plötzlich und ſchlug mit einer wilden Geberde des Jammers die Hände über den Kopf zuſammen, nie hätte ich geglaubt, daß mich ſo etwas von meinem eigenen Bruder treffen könne. Sie warf ſich auf das Sofa, verbarg das Geſicht in die Kiſſen und brach in lautes Weinen aus. Otto war bewegt; ein junger Mann bleibt ſelten ungerührt von den Thränen einer Frau, und wäre dieſe Frau auch zehnmal ſeine Schweſter, und wir wiſ⸗ ſen es, Otto hatte für die ſeinige ein beſonders weiches Herz. Er fing an ſeine Hitze zu bereuen, und fürch⸗ tete den Eintritt ſeines Schwagers oder gar den ſeines Vaters, der, wie er wohl wußte, Leonie nie Lewogen war. Sie hatte auch recht gut gewußt, was ſie that, als ſie dieſen Schatten ihrer Kinderzeit wieder vor ſeine Seele rief. Sein Zorn fing an in Mitleid und Sorge überzugehen; er trat zu ihr und faßte ihre Hand. —— ——— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 137 Ich habe ja nicht geſagt, daß du dir wirklich etwas vorzuwerfen haſt, aber ſelbſt der Schein ſchadet einer jungen Frau, und beſonders in einer Stellung, wo ſie die Augen ſo Vieler auf ſich zieht. Wird Marie jemals meine Frau, ſo weiß ich, daß ich unglücklich wäre, haftete der geringſte Schein einer unrechten Handlung an ihr. Darum ſei mein gut lieb Schweſterchen und verſprich es mir, daß du den Marguis wenigſtens nicht mehr allein unter vier Augen ſehen willſt. Kann ich das? verſette ſie. Mir ſelbſt iſt der Marquis weiter nichts; mein Mann hat den jungen Mann gern, das iſt die ganze Beziehung zwiſchen uns. Ich habe für ſein Unglück Theilnahme gefühlt, das iſt wahr; er kann es noch immer nicht vergeſſen, daß Marie ihn verworfen hat, und ich hatte ihm verſprochen, 1 mein Möglichſtes für ihn zu thun. Zufällig haſt du jetzt Abſichten auf ſie, du biſt mein Bruder, und ich pin zu deiner Partei übergegangen. Er hat eine Ahnung davon und ſieht ein, daß er Marie nicht das bieten kann, was ſie in einer Ehe mit dir finden wird. Du ſprichſt von Schein, aber wenn ich von allen Männern, die mein Haus beſuchen, nur ihn allein ſo ängſtlich vermeide, welchen Schein lade ich dann auf mich, und was ſoll ich meinem Mann antworten, wenn er mich über den Grund einer ſo auffallenden Abneigung fragt, gegen einen Menſchen, den er beſonders ſchätzt und der ja Keinem von uns etwas zu Leide gethan? Frage ihn ſelbſt; denkſt du denn, ich habe es nicht ſchon verſucht? 2 Katze! ſagte Otto, der nichts zu erwidern fand und doch nicht überzeugt war, und ſonderbarer Weiſe in ſeinem Kopfe immer dasſelbe Bild für ſeine Schweſter fand, mochte es nun in Zorn oder Freude ſein. Sie erhob ſich in aller Würde gekränkter Weib⸗ lichkeit. Du beleidigſt mich fort und fort, ſagte ſie⸗ Wenn ich auch deine Schweſter bin, ich bin, ſelbſt für dich, noch immer eine Frau und habe Anſpruch als ————— 138 Hermine Wild. ſolche, von dir mit Achtung behandelt zu werden. Du ſiehſt, was du nicht verſtehſt, und weil du es nicht verſtehſt, ſcheint es dir ſchlecht zu ſein. Thue was du willſt, ich rede kein Wort mehr mit dir. Das Glück meiner Ehe ſollte genügende Antwort ſein auf jeden Verdacht. Du kannſt mir manchen Verdruß bereiten, du kaunſt den Frieden meines Mannes ſtören und dadurch auch den meinigen, aber thue was du willſt — ich fürchte dich nicht.— Sie ging zur Thüre, auf der Schwelle wandte ſie ſich noch einmal um. Ich muß dich verlaſſen, ſagte ſie. Du biſt in einem Zuſtande, der kein vernünftiges Geſpräch erlaubt; wenn du ruhi⸗ ger biſt, ſo wird es mich freuen, dich wieder zu ſehen — bis dahin lebe wohl. Da ging die Thüre auf, und ihr Vater trat ein, von ihrem Mann gefolgt. Was giebt es? frug der alte Graf ganz über⸗ raſcht. O, rief Leonie zornig und ſchonungslos, denn ſie fühlte, der Sieg ſei in ihrer Hand, es iſt nur mein Herr Bruder, der es liebenswürdig findet, einmal ungezogen zu ſein. Habt ihr euch gezankt? frug er ſeinen Sohn. O, dieſer Eigenſinn! ſeufzte Otto und ſchlug die Augen zur Decke auf, als rufe er den Himmel an zum Zeugen ſeiner mißhandelten Geduld. Graf Hoheneck lachte über ſein jämmerliches Ge⸗ ſicht und auch ſein Vater hielt Alles für eine harm⸗ loſe geſchwiſterliche Zänkerei. Wie Louis, ging nun auch Leonie mit ſich zu Rathe über die möglichen Eventualitäten, welchen ſie durch ihre Liebe ausgeſetzt war. Mit Otto hatte ſie ſo ziem⸗ lich ihren Zweck erreicht. Der gute Junge fühlte, daß er ihr nicht gewachſen ſei, aber wenn auch nicht jeder 8 Zweifel in ihm erloſchen war, konnte er an ſolche Verſtel⸗ kung glauben, in einem ſo jungen Geſchöpf? Sein offenes unerfahrenes Herz erkannte es als eine Unmöglichkeit, 5 — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 139 und dennoch war er nicht überzengt. Aber Otto war, wie wir wiſſen, in ihren Befürchtungen bei weitem nicht die Hauptperſon, ihr Vater nahm darin die wich⸗ tigſte Stelle ein. Was ſollte ſie thun, wenn ſein Arg⸗ wohn geweckt wurde? Und wie leicht konnte das nicht geſchehen! Was würde er thun, der Alles zu thun im Stande war, der kein Erbarmen kannte, wäre ſie in ſeiner Gewalt? Ja, freilich, wäre— aber ſie war es nicht! Der Gedanke, ihrem Vater die Stirn zu bieten und im offenen Kampfe gegen ihn aufzutreten, wenn es nicht anders ſein konnte; ſtand zum erſten Male deutlich, klar, und entſchloſſen vor ihrem Geiſt. Hatte ſie darum von allen Freuden der Jugend und der Liebe abgeſehen, einen Mann geheirathet, der ihrer Jugend gegenüber faſt ein Greis erſchien, und dieſem Manne ein Glück bereitet, wie weit und breit es in keiner anderen Ehe zu finden war,— bloß darum, daß ſie noch zittern ſollte vor einer außer ihm ſtehen⸗ den Gewalt? Sie ſann hin und her und ging dabei im Zimmer auf und ab, bald ſtehen bleibend, bald ſchneller gehend, wie der Lauf ihrer Gedanken ſie trieb. Vor offen⸗ barer Gewalt war ſie wohl geſchützt, was ſie treffen ſollte, mußte von ihrem Manne ausgehen. Was würde alſo ihr Vater thun? ſie anklagen bei ihrem Manne? Ja, wenn er Beweiſe hätte, ſagte ſie mit einem ſpöttiſchen Zuge um den Mund, aber wo findet er die? Und ſelbſt wenn er Beweiſe hätte, würde er ſo weit gehen, das Glück meines Mannes zu zerſtören?— ſchwerlich— aber wenn auch— mein Mann muß mir glauben! ſetzte ſie laut hinzu. Sie wurde immer heimiſcher auf dieſer entſchieden höheren Stufe, die ſie ſo plötzlich erſtiegen, und ſah ſich nun die Welt von dort oben mit einem freieren Blicke an. Ihr Mann hielt gar viel auf ihren Vater, hundertmal hatte er ihn Leonien geprieſen als das 140 Hermine Wild. Muſter eines Edelmannes in jeder Beziehung. Sie hatte geſchwiegen dazu oder ſogar geſchienen auf ſein Lob einzugehen. Das mußte anders werden, das war klar. Jene erſte Achtung nach und nach in Mißtranen zu verwandeln— ja in Abneigung, wie es ſich gerade fügen würde, war denn das gar ſo ſchwer? Nur die Gelegenheit dazu— und würde die Gelegenheit nicht ſehr leicht zu ſinden ſein? Beruhigt ſpann ſie den Faden der Möglichkeit weiter aus. Was würde ihr Vater thun, wenn auf dieſe Weiſe ihr nicht beizukom⸗ men war?— Ein Duell? Mit einem Greiſe ſchlüge ſich Louis nicht! und Otto? der war ja ihres Vaters Schooßkind. Ein verächtliches Lächeln zog hier um den ſüßen, kindlichen Mund— den würde ihr Vater ſelbſt hüten vor Gefahr. Einige Tage vergingen, Otto war zu einer Jagd⸗ partie gefahren. Graf Hoheneck ſollte bei einer Cabi⸗ netsberathung ſein, die ihn wahrſcheinlich den ganzen Vormittag feſthalten würde; da erſchien er ſchon am frühen Morgen unerwartet bei dem Marquis. Es iſt eine eigene Sache, die ſich immer wieder⸗ holt, daß eine ſchuldbeladene Seele ſtets glaubt, was ihr ſelbſt ſo viel Unruhe mache, könne unwöglich für Andere ein Geheimniß ſein. Louis erblaßte, als er ſeinen für ihn ſo unheimlichen Beſuch in das Zimmer treten ſah. Aber Niemand konnte ruhiger und gelaſſe⸗ ner ſein, als der Graf. Meine Frau behauptet, ſagte er, Sie hätten ihr ſchon vor langer Zeit einige Lieder verſprochen, hätten aber aus ungalanter Zerſtreutheit Ihr Verſprechen bis jetzt nicht erfüllt; da hat ſie mir aufgetragen Ihr Gedächtniß aufzufriſchen, und weil ich ſo des Weges gehe, habe ich es für beſſer gefunden, zu einer Stunde zu kommen, wo Sie noch nicht ausgeflogen ſind. Sie wiſſen, Damen muß man den Willen thun, und ſo werden Sie gewiß die frühe Störung verzeihen. Der junge Mann war in den letzten Tagen — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 14¹ hundertmal auf dem Sprunge geweſen, Leonie's Ver⸗ bot zu brechen und dennoch zu ihr zu gehen. Nun ihm die Gelegenheit ſo leicht gegeben war, verſagte ihm plötzlich aller Muth. Es war ihm ſo unbegreiflich, daß Der, welcher doch zunächſt davon betroffen wurde, von Leonie's Erkalten ſo gar nichts zu bemerken ſchien. Die Gräfin ſoll mir verzeihen, erwiderte er, ich ſchicke die Lieder ganz gewiß heute noch. Haben Sie die Güte, erwiderte verbindlich der Graf; vielleicht können Sie ſelbſt auf einen Augenblick hinaufgehen? Die Gräfin war neulich etwas unartig . gegen Sie— man muß ihr das verzeihen— ſie iſt noch ſo jung! Uebrigens bereut ſie es auch gleich und fürchtet nun, Sie könnten beleidigt ſein. O das hat nichts zu ſagen, ſtammelte Louis in wachſender Verlegenheit. 6 Alſo, sans rancune! wie Ihre Landsleute ſagen, ſchloß der Graf, und der Marguis begleitete ihn hinaus. S Gott, iſt es möglich? rief Louis, als er zurück⸗ kam. Wäre ich Leonie's Mann, von welcher Wichtig⸗ teit würde jede Regung ihres Herzens für mich ſein! Sonderbar! aus dem Vertrauen des Grafen in ſeine Frau, zog er den kühnen Schluß, wie unwerth einer ſolchen Frau dieſer Mann ſei. Er ſammelte ſeine Rotenhefte und ſtieg bald darauf mit ungeduldiger Freude die Treppe zu Leonie's Woh⸗ nung hinauf. Die Falſchheit, die ihn zu ihr führte, ſchien ihm weit weniger verwerflich zu ſein, als jene, die ihn von ihr entfernt hielt. Sie ſtand am Fenſter und erwartete ihn. Ihre erſte Bewegung war, ihm entgegen zu ſpringen, doch mitten im Zimmer blieb ſie 6 durch eine plötzliche Eingebnng ſtehen: ſie hatte ſich nicht umſonſt ſo reizend gemacht! Der helle Sonnen⸗ ſchein ſpielte um ſie und malte hinter ihr einen war⸗ men, goldigen Grund, wie zu einem byzantiniſchen Gemälde. Da war kein Fältchen an ihrer Kleidung, keine Locke ihres herrlichen Haares, die nicht dazu — 142 Hermine Wild. diente, ihre unbeſchreibliche Anmuth noch zu erhöhen. Glückſelig und hold lächelte ſie ihm entgegen, als er endlich über die Schwelle trat. Sind Sie zufrieden? Habe ich es diesmal recht gemacht? Er ſchloß ſie an ſich; es war unmöglich, ihr zu widerſtehen. Sie lächelte und wollte ſich losmachen, doch er hielt ſie feſt und zog ſie zu ſich nieder, indem er ſich ſetzte. Habe ich es recht gemacht? wiederholte ſie mit der lieblichen Einfachheit eines Kindes. Er ſah ſie mit leuchtenden Augen an. Es ſollte immer ſo ſein, ſagte er. Doch iſt es ſüß, wann immer es auch iſt! Er ſchwieg, ſie lehnte den Kopf an ſeine Schulter und ſah unter den langen Wimpern zärtlich und neckiſch zu ihm auf. Undänkbarer! ſagte ſie, mit dem Finger drohend. Du weißt nicht, was es für einen Mann heißt, das Weib, das er liebt, im Beſitz eines Andern zü ſehen, verſetzte er faſt düſter und ſtrich ihr die goldig glänzenden Haare aus der Stirn, während er tief in die dunklen, ſtrahlenden Augen ſah. Aber ein Ehemann iſt ja doch eine Perſon, der man einige Rückſicht ſchuldig iſt, ſagte ſie mit ange⸗ nommener Gravität. Wäre das Liebe, die ſich ſolcher Rückſicht fügte? Ihr Lächeln war bezaubernd, und ſie legte den Kopf, den ſie ſo eben erhoben, von Neuem an ſeine Bruſt. Aber nur dich lieb' ich ja, und du weißt es wohl, ſagte ſie. Er fing die Worte auf ihren Lippen auf. O, ſag es wieder, flehte er. Mein Louis, mein Glück, meine einzige, erſte, letzte, ſüße, ſelige Liebe! flüſterte ſie. Und dein Mann? Eure Wege ſind nicht meine Wege. 143 Sei ſtill; ich liebe ja den Grafen nicht. Du haſt ihn doch geliebt? Sie ſchüttelte in lächelnder Verneinung den Kopf. Nur dich habe ich geliebt, vom erſten Augenblicke, wo ich dich ſah. Aber Louis ſtieß ſie faſt mit Heftigkeit zurück. O, warum haſt du ihn dann geheirathet? frug er in zornigem Schmerz. Leonie! das hätte Marie nicht gethan! Sie ſchnellte in die Höhe, als habe eine Schlange ſie geſtochen. Louis! rief ſie laut. Sie war blaß, ihre Augen blitzten im wilden Feuer, ihre Lippen zuckten, und die kleinen Hände ballten ſich krampfhaft zuſammen. Louis! wiederholte ſie mit erſtickter Stimme. Ihr ganzer Körper bebte, ſie wandte ſich ab und brach in Thrä⸗ nen aus. Er ſprang auf und eilte zu ihr. Ihre Heftigkeit hatte ihn erſchreckt, ihr Schmerz verſcheuchte jedes andere Bedenken. Leonie! bat er flehend, er zog die Widerſtrebende an ſich und löſ'te faſt mit Gewalt ihre Hände von dem abgewendeten Geſicht. Meine Leonie, ſieh mich an— verzeihe mir! Er küßte mit bebenden Lippen die Wimpern, an denen noch die warmen Thrä⸗ nen hingen. Meine Leonie! flüſterte er dazwiſchen, mein einziges, liebſtes, theuerſtes Gut! Warum veden Sie denn ſo, Herr Marquis? frug ſie und ſah mit mattem Lächeln zu ihm auf, während ſie ſich müde in ſeine Arme ſinken ließ. Er faßte ihren Kopf mit beiden Händen, hob ihr Geſicht empor und ſah ihr tief in die feuchten, für ihn ſo himmliſch ſchönen Augen. Warum ich frage? erwiderte er, und die Adern auf ſeiner Stirne ſchwollen hoch an in dem Schmerz und Ernſt ſeiner Empfindung,— v, Leonie, du liebes, ſündiges, herrliches, ſchwaches Weib! Fühlſt du denn nicht, daß du mein Glück, dein Glück, unſer Beider 144 Hermine Wild. Glück unrettbar zerſtört haſt? Fühlſt du denn nicht die Qual, die mich befällt, wenn ich ſehen muß, wie jedes heilige Recht an dich ſchon vor mir von einem Ande⸗ ren hingenommen iſt? Kann ich die Theilung ertragen, die dich herabwürdigt und meinen Durſt nach dir doch nicht löſchen kann? Dieſe wonnigen Lippen, dieſe Augen, die einen Engel berücken könnten, ſind ſie nicht mein, und mein allein, da du mich liebſt? was haſt du aus dir, was haſt du aus mir gemacht? Fühlſt du denn gar nicht, was du mir biſt? Kannſt du dieſe Verſtel⸗ lung ertragen, wenn ich dabei zu Grunde gehe? O dieſe Verſtellung! Fühlſt du denn nicht, daß ſie die Schande unſerer Liebe iſt? Sie ſah nieder und erbleichte— ſie fürchtete ſich vor ihm! B Wir haben ja bis jetzt kein ſo großes Unrecht begangen, ſagte ſie ſehr ſtill. Nicht? rief er in wildem Hohne. Er ließ ſie los und ging mit ſtürmiſchen Schritten auf und ab⸗ Nun ja, rief er endlich ſich bezähmend und vor ihr ſtehen bleibend, aber wird es denn immer ſo bleiben? Ich denke— ja— vielleicht— wenn Sie ver⸗ nünftig ſind, ſagte ſie leiſe mit noch immer nieder⸗ geſchlagenen Augen. Er lachte zornig und nahm ſ wieder auf. Was fange ich an? dachte Leonie; wenn mein Mann kommt, ſind wir Beide verloren. Sie ſann hin und her, was ſie thun könne, ihn zu zerſtreueu; aber ſie hatte nicht den Muth, nur von der Stelle zu gehen. Der Löwe, denn ſie gezähmt zu haben glaubte, wandte ſich plötzlich gegen ſie und drohte ſie bei dem geringſten Zeichen von Widerſtand, zu zerreißen. Endlich legte ſ einen heftigen Gang ich der Sturm in ſeinem Innern von ſelbſt. Er blieb von Neuem ſtehen und faßte ihre Hand. Nein, Leonie, ſagte er, es kann nicht immer ſo bleiben. Ich bin ein Menſ ch und werde mich nicht — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 145 immer mit dem begnügen, was höchſtens für einen Heiligen vielleicht genug ſein mag.— Die letzten Worte betonte er mit bitterer Ironie. Aber höre, fuhr er fort und legte den Arm innig um ihren Leib, wir ſind noch nicht verloren, wenn du nur Muth und Auf⸗ opferung genug haſt. Sie blickte fragend zu ihm auf. Liebſt du mich? frug er, über ſie gebeugt. O Louis! flüſterte ſie vorwurfsvoll. Wie ich dich liebe— mehr als die ganze übrige Welt? Wäreſt du ſonſt hier? Nun gut, ſo laß uns fliehen!— Er fühlte, wie ſie in ſeinen Armen zuſammenſchrak. Du ſollſt an nichts Mangel leiden, fuhr er leidenſchaftlich fort. Was ich von meinem väterlichen Vermögen gerettet habe, iſt nicht viel, aber für das Nöthigſte iſt es doch genug. Und ich werde arbeiten, rief er heftig, als er ſah, daß ſie den Mund öffnete zum Widerſpruch. Arbeiten für dich, iſt das nicht eine Seligkeit? Das Unmögliche kann ich thun, wenn du bei mir biſt. Drüben in einem fremden Welttheile herrſchen die thörichten Vorurtheile nicht, die uns hier von allen Seiten umklammern. Den Ngher meines Vaters laſſe ich hier zurück— nur ein gleklicher Menſch will ich ſein, der dort in dir ſeine ganze Seligkeit in die Arme ſchließt. Leonie, mein Leben, meine Seele, mein ſüßes, liebes Weib! Sage, iſt das nicht mehr werth, als all der Tand und Flit⸗ ter, den man hier mit dem Namen Glück benennt? Aber die Welt— deine Stellung— deine Ehre — ſtammelte ſie, während der glühende Hauch ſeiner Leidenſchaft ſie unwiderſtehlich gefangen nahm. Du biſt meine Welt, meine Ehre, mein Glück, ſagte er, Alles biſt du mir! Meiner Seele Seligkeit gäbe ich hin für dich! O ſage, daß du mich liebſt, daß du mir folgen willſt, wohin es auch ſei! Wie du willſt, was du willſt, ſagte ſie halb be⸗ wußtlos, ſeinen Liebkoſungen faſt erliegend. Novellenſchatz. Bd. WXII. 10 146 Hermine Wild. Engel! Meine Mutter mag es mir verzeihen, wenn ich eine Sünde begehe; aber ich verzichte gern auf den Himmel, der ihr Wohnſitz iſt, wenn ich nur dich ganz und allein beſitzen kann! Sie ſchwieg. Seine Seele ſtieg in einem ſtum⸗ men Gebete des Dankes zu demſelben Himmel auf, dem er ſo eben entſagt, denn die höchſte Freude hat überall nur Eine Sprache. O, dachte Leonie, die Liebe iſt ſüß! Louis, mein Louis, ja, ich liebe dich! Sterben wäre beſſer, als dir zu entſagen— aber warum alles Andere opfern?— Können wir nicht auch ohne das glücklich ſein? Die Hausglocke ertönte. Leonie fuhr horchend aus Louis' Armen auf. Es iſt ein Beſuch, ſagte ſie, gleich wird man hier ein.— Und ſie ſetzte ſich an das Klavier. Laß dich verleugnen, erwiderte er, ungehalten über die Störung. Das kann ich nicht, was würden meine Leute ſagen? verſetzte ſie, im Grunde froh, das gefährliche Geſpräch beendet zu ſehen. Wie wäre es, Herr Marquis, wenn Sie Pr⸗ Stirn zu einiger Freundlichkeit zwingen wollten, die Leute laufen mir ſonſt davon? ſagte ſie ſcherzend zu Louis, der in mürriſcher Verſtimmung mitten im Zimmer ſtand. Der raſche Wechſel ihrer Laune hatte ihn außer⸗ ordentlich peinlich berührt. Ich werde gehen, erwiderte er. Sie wandte ſich ſchmollend um. Als er auf der Schwelle war, blickten Beide nach einander um. Meine Leonie, verzeihe mir! rief er ihr zu. Mein Louis! war Alles, was ſie ſagte, aber ihre ganze Liebe klang voll in dem Tone. Sie warf ihm einen Kuß nach, als er unter der Thüre ver⸗ ſchwand. O, ſagte ſie, Otto hat Recht, ich darf ihn nicht Eure Wege ſind nicht meine Wege. 147 wieder unter vier Augen ſehen. Wo käme ich hin bei ſolcher Leidenſchaft! Und doch war ſie glücklich, wie ſie es noch nie geweſen war. Wie von einem Glorienſchein unfloſſen, ſtrahlte ihr ganzes Weſen von Lieblichkeit, und ihr Be⸗ ſuch, ein alter General, fühlte ſein erkaltetes Herz neu aufleben unter dem erwärmenden Hauche dieſer un⸗ widerſtehlichen Anmuth. Faſt unmittelbar darauf trat ihr Vater ein und blieb betroffen vor ihr ſtehen. Ich mache eben die Bemerkung, daß ich die Gräfin noch nie ſo reizend geſehen! ſagte der General. Der alte Graf nickte zuſtimmend, doch ſprach er nicht. Er ſetzte ſich, ſein Blick ſtreifte noch einmal ſeine Tochter und irrte dann wie ſuchend im Zimmer umher. Eine Blume, welche die Gräfin im Haare oder an der Bruſt gehabt, lag welk und zerknickt auf dem Tep⸗ pich. Bei dieſer Blume blieben ſeine Gedanken ſtehen. Er bückte ſich danach, hob ſie auf, zog die zerdrückten Blätter auseinander und blickte in den verwüſteten Kelch, als wolle er darin das Geheimniß leſen, deſſen leiſe Spur ihm mehr in einem Traume zu ſchweben, als in der Wirklichkeit zu beſtehen ſchien. Was hatte ihn heute an ſeiner Tochter über⸗ raſcht? Ein ſcheinbares Nichts, ein Etwas, unbeſtimmt und unfaßbar wie die Luft, dem er vergebens durch Worte eine beſtimmte Geſtalt zu geben rang, und das doch wie ein dunkler Schatten über dem ſchimmernden Haupte ſtand. Es war Etwas, das ihn an ihre Mut⸗ ter erinnerte. Und wie er jetzt in den kleinen, ver⸗ welkten Kelch dieſer Blume ſah, war es das Bild die⸗ ſer Mutter, welches ihm zu entſteigen ſchien, ſchön und blühend, wie er ſie in früheren Jahren geſehen, als ſie noch die Freude ſeines Herzens war,— aber mit einem ſpöttiſchen Zuge um den Mund. Kleine Eigen⸗ thümlichkeiten an ihr, wie deren jeder Menſch hat, ſuchte jetzt ſein Gedächtniß aus der Vergangenheit her⸗ 10* 148 Hermine Wild. vor. Auch ſie hatte Blumen geliebt, zwar nie mit der ſybaritiſchen Weichlichkeit, welche Leonie in ihre Nei⸗ gungen brachte, wie denn jede Neigung ſich je nach den Menſchen verſchieden äußert, aber mit Blumen ſich zu umgeben war doch eine Gewohnheit ihres Lebens ge⸗ weſen, und der Graf erinnerte ſich, wie vor und nach Leonie's Geburt dieſe Neigung auffallend zugenommen, und wie man ihm das Kind, über das er damals Thrä⸗ nen der Freude geweint, auf ihren Befehl und gegen das Verbot der Wärterin, zuerſt in einem mit Blu⸗ men bekränzten Bettchen gezeigt. Hier verließen ſeine Gedanken die Mutter, um auf etwas Anderes überzugehen. Haſt du den Marquis lange nicht geſehen? fru er und blickte zu der Gräfin auf. Der General hatte ſich entfernt, Leonie ſtand am Kamine, den ſchönen Arm auf die koſtbare Marmor⸗ platte gelegt, den Blick auf die züngelnde Flamme ge⸗ ſenkt. Die Hand, die den Fächer hielt, hing nachläſſig an ihrer Seite herab. Die feinen Augenbrauen waren leicht zuſammengezogen, die zarten Lrppen feſt auf ein⸗ ander gepreßt, und das Blut, das vor wenigen Minu⸗ ten die durchſichtigen Wangen lebhafter als ſonſt ge⸗ färbt, war einer leichten Bläſſe gewichen. Er konnte die langen Wimpern ſehen, die ſich ein wenig ſenkten vor der Glut, die ſie traf die aber niemals den feſten Blick ganz verſchleierten. Muth, Ueberlegung, vielleicht ein gewiſſer Grad von Tücke war in den feinen, beweg⸗ lichen Zügen ausgedrückt. Sie ſah ihrer Mutter nicht mehr ähnlich, doch fühlte der Graf ſich beunruhigt, er wußte nicht warum. Was war es, worüber die junge Gräfin in ſolches Grübeln verſank, daß ſie darüber ſogar vergaß, ihre Züge wie gewöhnlich zu beherrſchen? Auch ſie gedachte ihrer Mutter. Es mußte eine eigenthümliche, magne⸗ tiſche Beziehung zwiſchen dieſen zwei Menſchen beſte⸗ hen, die von der Natur einander ſo nahegeſtellt, ſich —— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 149 nun gegenüberſtanden wie zwei Feinde, von denen jeder mißtrauiſch eine Blöße in des Anderen Rüſtung zu ent⸗ decken ſucht. Die Stunde des Kampfes muß wohl nahe ſein, dachte ſie, während ſie ſo regungslos unter ſeiner Be⸗ obachtung ſtand. Aber nicht mit der Sicherheit, die ſie vor einigen Tagen erfüllte, überzählte ſie die Kräfte, die ihr gegen die eiſerne Macht zur Verfügung ſtanden, die ſie von Kindheit an fürchten gelernt, und über welche ſie jetzt ſiegen mußte, wollte ſie dann ungefähr⸗ det zu ihrem Ziele gelangen. Die nahende Gefahr hatte ihr gewöhnliches Geſolge von Unſchlüſfigkeit mit ſich gebracht, die erſt, wenn dieſe Gefahr unausweichlich vor ihr ſtünde, vor dem feſten Willen zerſtieben würde, der noch ſchlummernd darunter verbprgen lag. Scheu und befangen hatte ſie ihren Vater eintreten ſehen; wie ein böſes Vorzeichen traf es ſie, daß er ſo ſchnell nach Louis' Weggehen wie durch eine Ahnung zu ihr gezo⸗ gen ward, und ihre Befangenheit nahm zu, je tiefer der Graf in ſeine Gedanken verſank. Ein Theil ihres Lebens ſchien ſich verrätheriſch jener Blume mitzuthei⸗ len, die er in den Händen hielt, die ſie nicht wegzu⸗ nehmen wagte, aus Furcht, das Gewitter, das über ihrem Haupte ſchwebte, mit dieſer kleinen Bewegung herabzuziehen. Auch bei ihr zog ſich das Leben, das erſt ſo glänzend nach außen geſtrahlt, unwider⸗ ſtehlich in das Innere zurück und beleuchtete dort einen Punkt, von dem ein dunkler, rieſenhafter Schat⸗ ten von Tod und Gefahr trotz aller Willenskraft ſich nicht verſcheuchen ließ. O, dachte ſie, verließe er nur die Stadt, dann wäre Alles gut. Bei der Frage ihres Vaters ſchreckte ſie auf. Nicht doch— ſagte ſie, unfähig zu erwähnen, daß Louis denſelben Morgen dageweſen ſei. Er ſcheint ein lieber Menſch zu ſein. Mein Mann hat ihn ſehr gern. 150⁰ Hermine Wild. Du biſt eine aufmerkſame Frau. Sie ſchwieg. Und biſt du glücklich? frug er jetzt, ſie voll und ſcharf anſehend. Da ſollten Sie meinen Mann fragen, lieber Papa, erwiderte ſie lächelnd. Nein, ich frage dich. Ich hoffe, daß ich nicht ausſehe, wie eine unglück⸗ liche Frau; es wäre eine große Ungerechtigkeit. Sie lächelte noch immer, doch ſchlug ſie mit einer nervöſen Bewegung den Fächer auf und zu. Er thut Alles für dich? Sie ſehen ja ſelbſt, Papa. Ja, ſagte er, ich ſehe— möge es immer ſo ſein! Da ging die Thür auf, und ihr Mann trat ein. Aber für Leonie war es keine Erleichterung. Sie zwang ſich, ihm zuzulächeln, und er trat zu ihr und küßte ſie. Du biſt lang ausgeblieben, fagte ſie zu ihm mit freundlichem Vorwurf. Es ging nichts anders, erwiderte er ſehr heiter. Uebrigens habe ich deinen Auftrag nicht vergeſſen, und ſo biſt du in deinem Gewiſſen beruhigt. Sie lächelt ſanft und berührte mit den Lippen eine Hand, die liebkoſend ihre ſammtweiche Wange ſtreichelte. Ha, ſagte er, zum Clavier tretend und die Noten⸗ hefte beſehend, war er vielleicht ſchon da? Sie antwortete nicht. Sie war zu ihren Blumen getreten, mit denen ſie ſich beſchäftigte. Wer? frug ihr Vater jetzt. Nun, der kleine Marquis, verſetzte Hoheneck. Ich war heute bei ihm, ihn an einige Lieder zu mahnen, die er meiner Frau verſprochen hatte, und da liegen ſie ſchon. Sie wiſſen nicht, Papa, wie gern meine Leonie jetzt ſingt. Mit einem unbeſchreiblichen Blick ſtreifte der Graf ſeine Tochter; ſie ſtand tief über ihre Blumen gebeugt, Eure Wege ſind nicht meine Wege. 151 allein die Natur war ſtärker, als ihr Wille, und er ſah, wie ſie erröthete. So? verſetzte er gedankenvoll.— Es war eine Klei⸗ nigkeit, und doch beſchäftigte— ſie ihn. Sollte der Marquis von Chanteloup herkommen, ſagte er zu dem Bedienten, der ihm in der Vorhalle den Pelz anzog, ſo ſagen Sie ihm doch, es würde mich freuen, ihn einmal bei mir zu ſehen. Der Herr Marquis waren heute ſchon da, erwi⸗ derte der Diener, doch wenn Euer Gnaden wünſchen, gehe ich zu ihm hin. Es iſt nicht nöthig, ſagte der Graf, indem er in den Wagen ſtieg. Schon den folgenden Tag kehrte er zu ſeiner Toch⸗ ter zurück. Er fand ſie mit ihrem Manne, der ver⸗ traulich ſeine Zeitung neben ihr las. Nun raucht er mir noch mein Zimmer voll, ſagte ſie lachend. Alles muß ich mir gefallen laſſen, und ich habe nicht einmal den Dank davon, daß er mich unter⸗ hält. Sie zupfte ihn neckend am Ohr. Ich bin eifer⸗ ſüchtig auf deine Politik, ſagte ſie mit ſchalkhaftem Schmollen. Hoheneck ſah lächelnd zu ihr empor, legte den Arm um ſie und zog ſie näher an ſich. Was für Nachrichten? frug er ſeinen Schwiegervater. Der alte Graf hatte ſich zu ihnen geſetzt. Eine ſonderbare wenigſtens, antwortete er, der Marquis hat auf meine Verwendung ſeine Beförderung erhalten, und er ſchlägt ſie aus. Ei was! meinte Hoheneck. Levnie's Herz pochte laut. Die Sache iſt mir aus vielen Gründen unange⸗ nehm— vielleicht will er die Stadt nicht verlaſſen, fuhr ihr Vater fort, und ſein Blick haftete feſt auf Leonie. Sie ſpielte unbefangen mit ihren Armbändern und nahm an dem Geſpräche keinen Theil. Wegen Marie? verſetzte Hoheneck. O, da iſt Alles aus. 152 Hermine Wild. Sind Sie deſſen ſo gewiß? Man hat es mir verſichert. Uebrigens fragen Sie eiſ Frau, ſie hat es übernommen, ſeine Tröſterin zu ſein. Wirklich? bedarf er denn des Troſtes ſo ſehr? Faſt ſcheint es ſo. Der beſte Troſt wäre— abreiſen. Uebrigens iſt das Tröſten ein ſonderbares Amt für eine junge, lebens⸗ luſtige Frau. Der Troſt muß von innen kommen, da hilft alles Reden von außen nichts. Das habe ich Leonie auch geſagt, aber ſie glaubt mir nicht. Ich weiß nicht, wo ſie die Geduld her⸗ nimmt. Mit ihrem guten Herzen kommt ſie immer ein wenig der Vernunft in den Weg. Eigentlich fällt da⸗ bei das Beſte für mich ab. Sie bilden Beide ein muſikaliſches Duo, das ganz rührend iſt. Er verſorgt ſie mit franzöſiſchen Liedern, von denen er einen gan⸗ zen Vorrath zu haben ſcheint, und mir ſingt ſie dann die Grillen weg. Tröſten? wiederholte ihr Vater, Unſinn! Was iſt Troſt? Kannſt du ihm für das Glück, das er verlo⸗ ren, ein anderes geben, oder ihm beweiſen, daß es kein Verluſt ſei, was er als ſolchen empfindet? Leonie war aufgeſtanden. Sie fühlte, der Kampf ſei da, und ſie ſammelte ihre Kraft. Das hieße Entſchädigung, erwiderte ſie. Tröſten heißt nur, einem Menſchen das Unglück, das er trägt, weniger fühlbar machen. Ei was! Mit der Noth kommt auch die Kraft. Es giebt größeres Unglück im Leben, als auf den Beſitz des Weibes, das man liebt, verzichten zu müſſen— und man ſtirbt doch nicht daran, ſetzte er düſter hinzu — oder ſtirbt etwa der Marquis? 4 Das nicht— aber Theilnahme— Ein rechter Mann ſoll auf eigenen Füßen der iſt keiner Theilnahme werth, der ihrer ſo piel bedarf.* — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 15 Freilich, warf hier Hoheneck ein; der Marquis iſt ein ganz lieber Menſch; wenn ich ihn aber ſo herum⸗ ſchleichen ſehe, wie das böſe Gewiſſen, ſo fühle ich, daß meine Achtung für ihn auf ſchwachem Grunde ruht. Was geht das mich an? ſagte Leonie. Ich gebe zu, daß ſeine Laune nicht die heiterſte iſt, ſoll man ihm darum aus dem Wege gehen? Deinetwegen ziehe ich ihn ins Haus— ohne deine Vorliebe für ihn— Nun, du haſt dir dieſe Vorliebe wohl ein wenig eingeredet— indeſſen, er iſt dein Landsmann, und ſo mag er in Gottes Namen dir zur Laſt fallen, ſo lange und ſo viel es dir gefällt.— Du weißt, liebes Kind, in ſolchen Dingen iſt dein Wille mir Geſetz. Wie du dir doch ſelbſt widerſprichſt! rief ſie faſt mit Heftigkeit. Haſt du mir nicht hundertmal ge⸗ ſagt— Mein Gott, mein Gott! Ja, ich habe geſagt! Du wollteſt mir ſo gern eine Freude machen, und wie ſollte ich da widerſtehen?— Uebrigens iſt er ja ein ganz angenehmer Menſch. Nur lohnt er mir dieſe Vorliebe ſchlecht, ſetzte er lachend hinzu. Sie müſſen wiſſen, Papa, ſagte er erläuternd zu dieſem, geſtern ſchickt mich die kleine Hexe zu ihrem ſentimentalen Schützling hinauf, angeblich, um ihn an einige Lieder zu erinnern, die er ihr verſprochen hatte, eigentlich aber, weil dem guten Ding das Gewiſſen ſchlug, daß ſie ihn neulich etwas kurz abgefertigt, und ich, als Ehemann, machte den Vermittler. Nun, wenn ein Löwe oder Tiger aus dem Thiergarten zu ihm eingetreten wäre, er hätte ihm kaum ein anderes Geſicht machen können, als mir. Ueberhaupt ſieht er mich manchmal ſo ſonderbar an, daß, wenn nicht Leonie meine Frau wäre, man glau⸗ ben könnte, ich hätte ihm die Braut weggefiſcht. So? meinte der alte Graf. O, dachte Leonie, das iſt nicht zu ertragen! Und mein Vater, der jedem Worte wie einer Offenbarung lauſcht! Das muß anders werden zwiſchen uns.— 154 Hermine Wild. Es iſt die höchſte Zeit, daß ich auf das ſehe, was mich retten kann. Ich gebe dir den Rath, ſagte ihr Vater, bevor er ging, dir einen Zeitvertreib zu ſuchen, der beſſer für dein Alter und deine Stellung paßt. Warum? frug Leonie, deren Kräfte mit der Ge⸗ fahr wuchſen. Ich denke, daß du mich verſtehſt, und iſt es nicht der Fall, nun, ſo habe ich mich eben geirrt. Wenn der Marquis aber wirklich deine Theilnahme erregt, ſo rathe ihm, die Stadt ſo bald als möglich zu verlaſ⸗ ſen; die Luft hier iſt ſehr gefährlich— und ſie könnte es auch für ihn leicht werden, wenn ſie es nicht ſchon iſt. Der Graf begleitete ſeinen Schwiegervater hinaus. Als er zurückkehrte, war ſeine Frau nicht mehr im Salon. Leonie dachte, nun ſei es Zeit, die Krallen ein wenig zu zeigen, die ſie bis jetzt ſo ſorgfältig ver⸗ borgen gehalten. Sie hatte ſich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen, und dort ſuchte ihr Mann ſie auf. Er war nicht wenig überraſcht, als er ſie hier in Thrä⸗ nen fand. Was haſt du? frug er raſch, was iſt geſchehen? Ich habe dir's nie geklagt, antwortete ſie unter Thränen, ich ſah, wie du dich an meinen Vater ſchloßeſt, und ich wollte dir das Vergnügen nicht ſtören, das ſein Umgang dir gewährt. Ich habe dir nie geſagt, wie er mir immer abgeneigt war. Ein Stiefkind wird nicht ſo ſchlimm gehalten, als ich es bei meinem eigenen Va⸗ ter war. Otto war ſein Söhnchen, ſein Liebling— für mich hat er nie ein freundliches Wort gehabt, und doch habe ich ihm gehorcht wie eine Sclavin. Ich habe ge⸗ dacht, wenn er ſehen würde, wie glücklich wir mit ein⸗ ander ſind, würde er auch gerechter gegen mich ſein — aber nein— und nun du dich mit ihm gegen mich wendeſt, was ſoll ich thun, als weinen? Ihr ſeid die Männer— es iſt euch leicht, Recht zu be⸗ . 8 3 „ — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 155 halten, gegen mich, denn ich bin nur ein ſchwaches Weib. Des Grafen Erſtaunen ſtieg immer höher. Es war ſeine erſte Eheſtandsſcene, und er wußte nicht recht, wie er dazu kam. Was haſt du nur? wiederholte er. Wenn ich Alles thue, was ich dir an den Augen abſehen kann, rief ſie lauter weinend, wenn ich ganz aufgehe in dem Beſtreben, dir dein Haus angenehm zu machen, dann kommſt du mir mit ſolchen Dingen, als dächte ich nur an mich. Für wen lade ich ein, als nur für dich? Deine Freunde ſind es, die ich ſehe; habe ich jemals verlangt, du ſolleſt irgend Jemand meinetwegen ſehen? Die du wählteſt, waren mir lieb, weil du ſie gewählt. Gieb mir heute die Liſte Jener, die du ſehen willſt, in die Hand, und kein Anderer ſoll mehr über die Schwelle treten. Was geht mich der Marquis an? Weil du ihn lieb hatteſt, lud ich ihn ein und nahm Theil an ihm. Nun wird es mir zum Ver⸗ brechen gemacht! Schließe ihm morgen deine Thür, du wirſt ſehen, ob ich mich beklage. Schließe dein Haus ganz, wenn du willſt; du wirſt ſehen, ob ich unzufrieden bin. Alles habe ich für dich ertragen, ich habe nie gemurrt über all die Laſt und Mühe, die mir das ewige Empfangen macht. Bin ich an ein ſolches Leben gewöhnt? Gehört nicht mein Haus aller Welt? Wo habe ich eine Häuslichkeit? Aber weil du es wünſchteſt, war mir Alles recht. Das Unmögliche hätte ich ge⸗ than, nur um dich glücklich und froh zu ſehen, und was iſt mein Lohn? Daß du nun mit meinem Vater gemeine Sache gegen mich machſt, damit ich als Frau ebenſo unterdrückt werde, wie ich es als junges Mädchen ge⸗ weſen bin. Der Graf konnte ſich nicht verbergen, daß eine gewiſſe Animoſität in dem Benehmen ſeines Schwieger⸗ vaters gegen die junge Frau gelegen, und er ſtrengte ſich vergebens an, ihr zu beweiſen, daß dies mehr Scherz als Ernſt geweſen ſei. Hermine Wild. Du haſt es nur nicht verſtanden, entgegnete jie und zog nun die Krallen vorſichtig wieder ein. Sie lehnte den Kopf an ſeine Bruſt und weinte ſtill fort. Du weißt nicht, wie mein Vater iſt, ſagte ſie. Otto iſt Alles für ihn, und Otto bildet ſich ein, ich hätte bei Marie nicht mein Möglichſtes für ihn gethan, weil ich früher den Marquis protegirt. Nun kann er den Marquis nicht leiden von jeher, und das hat ſeinen Haß noch geſteigert. Darum hat der Vater auch ſeine Verſetzung ſo eifrig betrieben und kann's dem Marquis nicht verzeihen, daß er ſie ausgeſchlagen hat. Aber was kann ich dafür? Neulich ſchon gab es mit Otto einen Streit deßwegen,— kann ich den jungen Mann zwin⸗ gen, meinem Bruder aus dem Wege zu gehen? Meinet⸗ wegen ginge er nur! was habe ich denn dabei? Mein ganzes Leben wird nur in Bitterkeit verkehrt! Sie ſchlang die ſchönen Arme um den Hals ihres Mannes und fuhr in gebrochenen Worten leiſe zu klagen fort. Er küßte ſie ſtil und zog ſie auf ſeinen Schooß. Biſt du böſe? ſagte ſie ſchüchtern und reuig wie ein verweintes Kind, deſſen Troh in Thränen ge⸗ brochen iſt. Ich war nicht gu gegen dich, und du biſt doch ſo gut! Daran iſt nur die Ungerechtigkeit Schuld. Man fühlt ſie doch, wenn man auch ſchweigt— und ich hätte wohl immer ſchweigen ſollen, es iſt ja doch mein Vater!— Was könnte ich nicht thun, um das Herz meines Vaters zu gewinnen— du glaubſt nicht, was ich Alles ſchon gethan, aber es nützt nichts. Du biſt Alles was ich habe— willſt du dich auch von mir wenden? Sie lehnte den Kopf an ſeine Schulter, und ihre Thränen drangen wieder heißer hervor, doch ohne Heftigkeit. Er ſchloß ſie inniger an ſich, aber er ſchwieg. Er war zu gerührt, um Worte zu finden. Daß dieſes junge, kindlich zarte Geſchöpf, das nur geſchaffen ſchien über Blumen zu gehen, den ſchweren Gram ſo lang in Eure Wege ſind nicht meine Wege. 157 ſich getragen, ohne Groll und Klage, war etwas, was ſeine Seele ſchmerzlich bewegte und ſeine Liebe zu ihr bis zur Ehrerbietung erhob. Sage ihnen nichts, flehte ſie mit einem lieblichen Blick und bittenden Lächeln, als er ſich endlich zum Gehen anſchickte. Es iſt ja nicht ihre Schuld, daß ſie ſo ſind, es könnte ihnen doch wehe thun,— und Otto iſt ſo gut, wenn er ſeinem eigenen Herzen über⸗ laſſen iſt! Wenn du mir nur bleibſt, entbehre ich alles Andere leicht. Aber du bleibſt mir, nicht wahr? frug ſie mit einem ſchüchternen Aufblick der müden Augen zu ihm. Sein Herz überſtrömte von Zärtlichkeit. Er beugte das Geſicht einen Augenblick auf die wirren, glänzenden Haare der reizenden Zauberin. O Gott! dachte er, wodurch habe ich ein ſolches Glück verdient? Sie ſchloß den Riegel ihrer Thür hinter ihm und horchte einen Augenblick auf ſeinen verhallenden Schritt, dann legte ſie den Finger überlegend an die Lippen. Ja, ſagte ſie, er wird mich ſchützen, ſeine Liebe iſt ſtärker als der Tod! Und thue ich denn nicht Alles für ihn? iſt er nicht glücklich? und was will er mehr? Bin ich es? iſt Louis glücklich? und doch liebe ich ihn.— O ich liebe ihn! wiederholte ſie nachſinnend und blickte vor ſich nieder. Das war der erſte Zug, dachte ſie dann, aber noch bin ich um die Klippe nicht herum. Sie ſetzte ſich nieder und ſchrieb folgenden Brief: „Louis, mein Louis, ſei vorſichig! Mein Vater ahnt unſere Liebe zu einander und beobachtet mich. Ein Wort, ein Blick nur, und wir find rettungslos verloren! Du kennſt meinen Vater nicht— er iſt ſchrecklich! Keine Beſchreibung vermag dir zu ſagen, wie er iſt, was er im Stande iſt zu thun!— O Louis! was bleibt dir ohne mich, was bleibt mir ohne dich, als zu ſterben? Geliebter, ſei vorſichtig, zürne nicht, wenn ich mich in das Unabänderliche füge, habe Geduld mit mir. Mein Vater— denke, er iſt alt— und wir ſind Beide jung. Eine ganze 158 Hermine Wild. Zukunft des Glückes liegt vor uns, wenn du nur warten willſt. Muß ich nicht auch warten? Glaubſt du, meine Liebe brenne weniger heiß als die deinige? Glaubſt du, die Stunden ſchleichen mir weniger lang⸗ ſam, wenn ich dich nicht ſehe, wenn keine mir die Hoffnung deiner Nähe bringt? Und jetzt, Louis, jetzt darf ich dich nicht ſehen— auf viele Tage nicht. Und nicht allein, hörſt du? nicht allein, ſo lange mein Vater noch in der Stadt iſt. Dann, dann ſind wir freier.— Schreibe mir. O dieſer Brief nimmt mein halbes Leben mit, und nur deine Ant⸗ wort giebt mir es wieder.“ Wer kann ſagen, ſie habe nicht gefühlt, was ſie ſchrieb? Und doch, welch zwingendes Intereſſe lag für ſie darin, ihren Kahn ſo durch Gefahren aller Art geſchickt und glücklich hindurchzuſteuern? Daß ſie Alles verlieren konnte, war nothwendig, um dem Durſt ihrer üppigen Seele nach ſtets wechſelnden Genüſſen Genüge zu thun. Es war die Würze des Lebens, die Allem, was ſie beſaß, erſt den rechten Beigeſchmack gab. So wird Louis ſich zügeln müſſen, dachte ſie, und dieſer närriſche Fluchtplan, der nur in einem närriſch leidenſchaftlichen Gehirn ausgeheckt werden konnte, bleibt vor der Hand, was er iſt, ein angenehmer Traum.— Sie ſchickte ihm den Brief ſammt den Noten zu. Einige Tage danach begegnete Graf Hoheneck ſei⸗ nem Schwiegervater. Der Auftritt mit ſeiner Frau lag ihm noch immer im Gedächtniß, es ſchien ihm unmög⸗ lich, daß ein Wort nicht hinreichen ſollte, Alles zum Beſten zu lenken, und er beſchloß gleich vor die rechte Schmiede zu gehen. Hören Sie, lieber Papa, ſagte er nach einem kur⸗ zen Geſpräch und nahm den alten Grafen vertraulich unter den Arm, meine Frau hat mir anvertraut, daß Sie ihr nicht ſo zugeneigt ſeien, wie zum Beiſpiel ihrem Bruder. Es mag wohl nur Einbilduug von ihr ſein, aber Sie glauben nicht, wie der Gedanke, Ihrem Herzen —— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 159 fremder zu ſtehen, dem guten Kinde durch die Seele geht. So habe ich mir denn vorgenommen, Ihnen Ihr Unrecht vorzuhalten und Ihnen zu beweiſen, daß meine Leonie ein wahrer Engel iſt. Ich verſichere Ihnen, daß ich nichts gegen meine Tochter habe, verſetzte der alte Graf, von dem Angriff etwas überraſcht. Das habe ich ihr auch geſagt, aber ſie läßt nun einmal nicht von dem Gedanken, und ich muß ſelbſt geſtehen, lieber Papa, daß Ihre Kälte ihr dazu manch⸗ mal einen Grund zu geben ſcheint. Und Leonie iſt doch ſo ſanft, ſo folgſam, ſo heiter, ſo liebenswürdig, ſo gut! Ich will Otto's Vorzügen nicht zu nahe tre⸗ ten, lieber Papa, aber an Ihrer Tochter haben Sie doch eigentlich Ihr Meiſterwerk gemacht. Der alte Graf machte eine Bewegung, als habe er unerwartet einen Stoß gegen die Bruſt erhalten. Er blieb ſtehen, ſtützte ſich auf ſeinen Stock und wurde plötzlich ſehr bleich. Was fehlt Ihnen? frug ſein Schwiegerſohn. Nichts— ein leichter Schwindel— es wird gleich vorüber ſein. Singt die Gräfin noch immer ſo viel? frug er nach einer Pauſe. Sie klagt, es greife ihr die Bruſt an. Aber Sie können ohne Sorgen ſein, lieber Papa, ich habe gleich mein Verbot darauf gelegt. Freilich iſt es ein Opfer, aber Leonie thut Alles, was ich will. Und im Grunde ſingt ſie ja nur für mich. Nun, es freut mich, daß Sie glücklich ſind. So glücklich, daß es für einen Ehemann faſt lächerlich iſt. Ich werde Fräulein Pertold eine Zulage zu ihrer Penſion geben. Ich begreife nicht, daß es noch alte Jungfern giebt.— Woran denken Sie, Papa? Nur ſo— ich dachte, wie ihre Mutter doch eben ſo war. Wirklich? ſieht ihr Leonie ſehr ähnlich? Hermine Wild. Das nicht— die Augen ein wenig, aber auch die nur zuweilen— Es kommt doch Alles auf Eins heraus! ſetzte er düſter hinzu. Wir ſprachen von Ihrer Frau, mein Verdienſt dabei iſt, fürchte ich, ſehr gering. — Nun, ich werde Ihnen beweiſen, daß ich Ihre Worte zu Herzen nehme, und jetzt öfter bei meiner Tochter anweſend ſein. Thun Sie das, Papa. Und das Beſte wird wohl ſein, Sie erwähnen nichts von unſerem Geſpräch. Sie könnte ſonſt leicht denken, daß Sie ſich nur Zwang anthun. Sie haben vollkommen Recht, erwiderte Leonie's Vater. Sie ſchüttelten einander die Hand und ſchieden. Indeſſen war auch Otto herzugekommen, und an ſeinem Arm ſetzte der alte Graf ſeinen Weg weiter fort. O ſie iſt weit, dachte er, und ſeine Gedanken wa⸗ ren bei Leonie, weiter noch, als ich gedacht. O Gott, habe ich noch nicht genug gethan? Sie begegneten dem Marquis, der grüßend vor⸗ überging. Oitto hatte ſich abgewandt und that, als ſehe er ihn nicht. Was haſt du? frug ſein Vater. Ich mag ihn nicht! platzte Otto ärgerlich heraus. Du biſt eiferfüchtig, meinte der Graf. Wird Marie jemals meine Frau, ſo brauche ich auf keinen König eiferſüchtig zu ſein, und wären alle Frauen wie Marie, ſo könnten in Gottes Namen noch ſo viele franzöſiſche Marquis in der Welt herumlaufen, kein Mann würde dadurch in ſeiner Ruhe geſtört. Der alte Graf antwortete nicht. Otto muß fort, dachte er, und es iſt die höchſte Zeit.— Noch den⸗ ſelben Abend ſprach er mit ihm. Leonie hatte Recht gehabt, ihr Vater würde ihn ſelbſt hüten vor Gefahr. Marie und ihre Eltern müſſen nun wiſſen, be⸗ gann der alte Graf, woran ſie mit dir ſind, und auch über deinen Charakter können ſie ſchwerlich noch im Unſichern ſein. Du haſt alſo hier nichts mehr zu thun, Eure Wege ſind nicht meine Wege. 161 und deine Gegenwart in S. iſt durchaus nöthig. Mich halten andere Geſchäfte hier zurück, und ich habe Kla⸗ gen über den Verwalter gehört. Nichts konnte Otto ungelegener kommen, als dieſe Trennung von dem Mädchen, das er liebte und das ſich ihm in letzterer Zeit freundlicher zuzuneigen ſchien. Ich habe mit Marie eigentlich noch nicht geſprochen, ſtotterte er. Ich werde mit dem Baron ſprechen und dich die Antwort wiſſen laſſen. Das wird hinreichend ſein. Aber die Reiſe war und blieb unangenehm. Der Marquis fiel ihm wieder ein. Wenn auch ſeine Liebe zu Marie die Beaufſichtigung, die er ſich vorgenommen, in Atome zerſplitterte, mit der leichten Ueberſchätzung der Jugend dünkte ihm jetzt ſeine Gegenwart allein ein entſchiedener Schutz für ſeine Schweſter zu ſein. Es iſt nicht wegen Marie allein, verſetzte er ſtockend und erröthend, denn er war es nicht gewohnt ſeinem Vater zu widerſprechen, und fürchtete auch mehr zu ſagen, als ihm für Leonie's Ruhe gerathen ſchien, aber ich kann nicht fort, lieber Papa, ich kann gewiß nicht fort. Der Graf richtete ſich auf. Was iſt es, das dich feſthält? frug er ſtreng. Otto ſchwieg. Ich denke, fuhr ſein Vater fort, daß ich weiß, was es iſt. Aber der Argwohn, den du auf deine Schweſter wirfſt, iſt eine Beleidigung für mich. Ich kenne die ganze Geſchichte und weiß, was ich davon zu halten habe. Du biſt noch ein Kind und machſt aus einem Ameiſen⸗ haufen einen Berg. Morgen reiſeſt du unwiderruflich ab. Dabei blieb es denn auch. Ja, ja, ſagte ſich der Graf, der dem ſich entfernenden Sohne mit Wehmuth nachſah, ich werde einſam ſein ohne dich, mein Junge, — aber in einem ehrloſen Kampfe ſollſt du mir nicht untergehen. An mir iſt es zu wachen, und fürchte nicht, daß mich der Schlaf befalle,— ich habe das Wachen lange genug geübt. Novellenſchatz. Bd. XXII. 11 —————— 162 Hermine Wild. Leonie war nicht wenig überraſcht, als Otto kam, Abſchied von ihr zu nehmen. Ich werde bei Marie für dich ſorgen, ſagte ſie zu ihm. Sorge für dich ſelbſt, es wird mir lieber ſein, verſetzte er mißmuthig. Du haſt Recht, ſagte ſein Schwager, Leonie ſingt mir noch immer zu viel. O, verſetzte ſie mit einem leichten Schmollen, du biſt nie zufrieden, und übrigens habe ich die Noten ſchon weggeſchickt. Jetzt mag dir eine Andere die Gril⸗ len wegſingen. Wirſt du eiferſüchtig ſein? lachte er. Ich thue Alles, was du willſt, du weißt, ich thue es,— und meine armen ſchönen Lieder, was mögen ſie denken, nun ſie ſo ganz verlaſſen ſind? In dem Blick, in dem Lächeln, mit dem ſie zu ihm aufſah, in dem Ton ihrer Stimme lag es wie eine halbe Thräne, und ſie drückte den Kopf an ihres Mannes Arm. Er beugte ſich zärtlich zu ihr. Es iſt mir doch lieber, du bleibſt geſund und ich höre deine ſüße Stimme weniger oft, erwiderte er mit einer leichten Rührung, die halb Dank und halb Vorwürf war. Sie ſind doch recht glücklich mit einander, dachte Otto ſehr beruhigt, indem er von ihnen ging. Von nun an änderte ſich Leonie's Leben auf eine für ſie auffallende und befremdende Art. Ihr Vater brachte faſt ſeine ganze Zeit bei ihr zu, und Otto's Abweſenheit gab ihm den beſten Grund dazu. Warum war er überhaupt in der Stadt geblieben, für die er doch ſo wenig eingenommen war? Ich alter Mann gehe hier auf Freiersfüßen herum und muß für Otto werben, hatte er einmal geſagt. Das ſchien natüvlich genug; warum mußte er aber beſtändig bei ihr ſein? Wie oft hatte ſie Otto's Abreiſe gewünſcht, um ihren Vater dadurch los zu werden; nun war Otto abge⸗ reiſ't, und der Druck, dem ſie zu entgehen wünſchte, lag doppelt ſchwer aut ihr. Ihres Vaters Benehmen Eure Wege ſind nicht meine Wege. 163 gegen ſie war aufmerkſam, ſo aufmerkſam hatte ſie ihn nie geſehen. Hatte er damals nur aus allgemeiner Ueberzeugung geſprochen, oder war ſein Verdacht wirk⸗ lich geweckt? Sie konute daraus nicht klug werden;— weder in Wort noch in Blick hatte er auf das gehabte Geſpräch angeſpielt. Der Marquis wurde faſt nicht erwähnt. Louis kam ſelten, an ein Geſpräch unter vier Augen war nicht zu denken, er fand die Gräfin keinen Augen⸗ blick allein. So konnte nun freilich der Fluchtplan nicht weiter beſprochen werden, aber es entſtand eine andere Gefahr. Er ſchrieb, durch Noten und Bücher ging der Verkehr; Leonie hatte weder den Muth zu antworten, noch ſie zurückzuweiſen, und immer ſchwebte ſie über dem Abgrunde der höchſten Gefahr. Ein Blick, ein Lächeln reichte nicht mehr hin, ihn zu be⸗ ſchwichtigen, er wurde dringender mit jedem verfließenden Tag, und ſelbſt eine Thräne, die er dem verſchleierten Auge wie eine verſtohlene Bitte um Schonung ent⸗ ſchlüpfen ſah, machte ihn zwar verſtummen, aber ver⸗ mehrte nur ſeine innere Aufregung. Wo er ſie ſah, ſah er ihren Mann oder ihren Vater neben ihr. Ein böſer Argwohn belaſtete ſeine Seele, das Glück, das ihm ſo nahe geſchienen, wich wie ein Schatten unter ſeiner Hand. Er dachte, Leonie ziehe ſich vor ihm zurück, und ſein Verſtummen war nur die Ruhe, die dem Ausbruche vorhergeht.— Alles war zwiſchen ihnen anders geworden. Das Senfkorn des Miß⸗ trauens, von der Leidenſchaft ſo lange erſtickt, fing an zu keimen und langſam die erſten giftigen Blättchen zu treiben. Er glaubte ihr nicht mehr, und jetzt ſagte er es ſich auch. Sie hoffte von einem Tage auf den andern. Das Frühjahr war angebrochen, ihren Mann hielten Ge⸗ ſchäfte in der Stadt zurück, aber auch ihr Vater traf keine Anſtalten, auf das Land zu gehen. 11* 164 Hermine Wild. Wie lange bleibt Otto in S.? frug ſie ihn eines Tages, nach ihrer Gewohnheit die Frage, die ſie eigent⸗ lich ſtellen wollte, umgehend. Den ganzen Sommer, verſetzte er ruhig. Sie bleiben doch nicht den ganzen Sommer hier? frug jetzt ihr Mann. Nein, nein, ich reiſe nach. Nur ſpäter, jetzt kann ich nicht. Was werden Sie thun? Ich fürchte, ich werde reiſen müſſen, ſagte ihr Mann ein wenig gepreßt. Jedenfalls hoffe ich aber, Sie mit Ihrer Frau in S. zu ſehen. Sie waren noch nicht auf dem Gute, und Leonie iſt dort erzogen worden. Das iſt wahr, ich werde ſehr gern dort ſein Was meinſt du, Leonie? S O ich gewiß auch, verſetzte ſie ruhig. Gott be⸗ wahre mich! dachte ſie. Du haſt mich verrathen, ſagte ſie ſpäter mit kind⸗ lichem Schmollen zu ihrem Manne, nun bringt der Vater aus Pflichtgefühl mir das Opfer ſeiner ganzen Zeit, und es thut mir weh. Graf Hoheneck lachte. Er bildete ſich nicht wenig auf die Verſöhnung ein, die er zu Stande gebracht, und hielt ſeine Frau hochbeglückt; was Leonie empfand, 3 iſt leicht zu denken. Das Werkzeug, deſſen ſie ſich be⸗ dient, hatte ſich in ihrer Hand gewendet und ſie ſelbſt verletzt. Unmöglich konnte ſie ihrem Manne ſagen, die Gegenwart ihres Vaters ſei ihr eine Qual. Habe Geduld! flüſterte ſie Louis eines Tages zu, ſiehſt du denn nicht, was ich leide? Sie wandte ſich um, ihres Vaters Augen ruhten forſchend auf ihr. Sie wurde ſehr blaß, aber ſie erwiederte ſcheinbar ruhig den Blick.. ſyi ſagte er, ſpielſt du noch immer ſo gern Hazard⸗ piele? Ich? verſetzte ſie; es kommt darauf an. Und Sie, Herr Margquis? frug er jetzt. —— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 165 Nein, verſetzte dieſer, und ſeine Stimme bebte leicht, das Ungewiſſe und Schwankende zieht mich nicht an, und mit der Zeit ſtößt es mich ſogar ab. Sie fühlte die Antwort in allen Faſern ihres Herzens und wagte es nicht, den bittenden Blick zu ihm zu erheben, denn ihres Vaters Augen lagen noch immer auf ihr. Louis ſchickte ſich zum Gehen an. Ich werde Sie begleiten, ſagte der alte Graf freundlich zu ihm. Auf der Treppe hing er ſich, wa er früher noch nie gethan, in ſeinen Arm. Sie müſſen Nachſicht haben mit einem alten Manne, der eben das Loos des Alters theilt, ſagte er mit mehr als gewöhnlicher Freundlichkeit. Wiſſen Sie, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, daß Sie ihrem Vater ſehr ähnlich ſehen? Er mochte nicht viel älter ſein, als Sie, da ich ihn kennen lernte. Aber auch Ihre Mutter hat die Natur bei Ihnen nicht vergeſſen. Sie war eine ſehr edle Frau. Sie haben auch meine Mutter gekannt? frug Louis, plötzlich ſehr bewegt. Ja, Herr Marguis. Niemand hat ſie beſſer gekannt; aber ich war jung, und mein Auge war damals ge⸗ ſchloſſen für ſolchen Werth, ſonſt wäre Vieles anders gekommen. Ihre Mutter wenigſtens hätte ein beſſeres Loos verdient. Louis ſchwieg. Sie waren an den Wagen ge⸗ kommen. Machen Sie mir das Vergnügen, mich zu begleiten, ſagte der Graf, ich ſetze Sie bei Ihrer Wohnung ab.— Und mit tieferregtem Intereſſe, aber doch voll ſcheuer Zurückhaltung nahm der junge Mann an ſeiner Seite Platz. Schen Sie, Herr Marquis, fuhr der alte Graf zu reden fort, Ihr Vater war ein liebenswürdiger Mann; böſe Beiſpiele haben ihn vielleicht mehr auf falſche Wege geführt, als ſein eigenes Herz. Es war das erſte Mal, daß Louis entſchuldigende „ Hermine Wild. Worte über ſeinen Vater vernahm. Eine wunderbare Rührung kam über ihn, und ſein Herz, das in der letzten Zeit ſo viel von der anerzogenen Strenge ab⸗ gelegt, ſog begierig dieſe neue Lehre ein. Wüßten Sie, welche furchtbare Macht das böſe Beiſpiel übt, die falſche Scham, die von der Rückkehr zurückhält, wie ſehr auch das Herz zum Beſſern drängen mag! Das waren die Klippen, woran ihr Vater zu Grunde ging. Auch Sie habe ich damals geſehen, als ein ganz kleines Kind, bevor Ihre Mutter Paris mit Ihnen verließ. Ich weiß nicht, ob er Sie ſpäter jemals wieder geſehen, und doch weiß ich gewiß, er hat Sie ſehr geliebt!— Er ſchwieg, von ſeinen Erinnerungen überwältigt. Louis erſchrak über die fahle Bläſſe, welche die Züge des alten Mannes faſt bis zur Unkenntlichkeit entſtellte, und ließ beſorgt das Wagenfenſter herab. O, ſagte der Graf mit dumpfer Stimme, es war fürchterlich! Er ſuhr ſich mit der Hand über die Stirn, dann, mit einer mächtigen Anſtrengung, unterdrückte er ſeine Bewegung. Aber wo Schuld iſt, fuhr er fort, folgt auch die Strafe nach. In Ihrer Mutter hatte der Himmel Ihrem Vater die höchſte Gabe beſchert, die ein Menſch auf Erden erlangen kann. Doch er erkaunte ſie nicht. Die Ehe aber iſt heilig, und wer den Frieden einer Ehe ſtört, für den wäre beſſer, der Tod hätte ihn an der Bruſt ſeiner Mutter ereilt. Louis erröthete und erblaßte ſo raſch nach einander, daß der Graf Mitleid mit ihm empfand. Sie ſind gut, ſagte er freundlich, und ich meine es auch gut mit Ihnen. Sie ſehen, es iſt nicht das erſte Mal, daß der Faden unſeres Lebens zuſammenläuft. Sie ſind mir aus vielen Gründen werth— um der Verſtorbenen willen mehr als ich ſagen kann. Ich ſage nicht, ſehen Sie mich als Ihren Vater an, das iſt nicht möglich zwiſchen uns, aber wenigſtens als einen Menſchen, der Ihnen nach Kräften gern das erſetzte, — —— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 167 was ihnen der Tod dieſes Vaters geraubt: einen erfahrenen Rath und ein theilnehmendes Herz. Und ſollten Sie jemals an der Grenze ſtehen, wo Recht und Unrecht ſich ſcheiden, wo der nächſte Schritt Sie und Andere in das Verderben ſtürzen kann, ſo kommen Sie zu mir, und ich werde ihnen eine traurige Ge⸗ ſchichte erzählen, in der ich zu meinem eigenen Unglück eine Hauptrolle geſpielt. Aber nur dann, ſagte er, als Louis eine bittende Bewegung machte, nur dann! Es iſt ein Geheimniß, das mir nicht allein gehört, und nur für die Gewißheit gebe ich es hin. Faſt wie drohend ſprach er die letzten Worte aus. Lvuis ſchwieg betreten. Sie waren angekommen. Der Graf drückte ihm theilnehmend die Hand: Denken Sie an meine Worte, ſagte er, wo Schuld iſt, kommt auch die Strafe nach! Der Wagen rollte davon, während Louis in unausſprechlicher Beſtürzung vor der Thüre ſeines Hauſes ſtehen blieb, bis er endlich wie betäubt die Treppe zu ſeiner Wohnung erſtieg. Bei der Gräfin erſchien er lange nicht mehr. Ueber Leonie kam eine Angſt, vor der alles Andere wie ein Schatten verſchwand: ſie dachte, Louis gehe für ſie verloren. Aus dem Liebeskranz, den ſie ſo übermüthig gewunden, ragten allgemach auch für ſie die Dornen unter den Blumen hervor, aber wie das Kleid des Reſſus war er mit ihrem Fleiſche verwachſen, und ſie konnte ihn nicht losreißen, ohne daß ihr eigenes Leben zugleich zerriſſen wäre. O ich werde noch wahnſinnig! dachte ſie, als Tag um Tag verging, ohne Nachricht von ihm. Seine Briefe, die ſie ſo ſehr gefürchtet, rief ſie jetzt als das höchſte Glück herbei, allein ſie wartete vergebens darauf. Louis hatte nicht den Muth, ſie zu ſehen, er hatte auch nicht mehr den Muth zu ſchreiben— aber die verhaltene Leidenſchaft ſchlug unter dem Druck der Verhältniſſe nur tiefere Wurzeln in ihr. Alles Andere blieb unverändert um ſie her. Ihr Hermine Wild. Vater ſchien ihre Geſellſchaft nicht mehr entbehren zu können. Dazu bekam er jetzt auf einmal die Laune, ſie mit Koſtbarkeiten zu überhäufen; es war, als kaufe er ihr jede Thräne, die ſie innerlich weinte, durch einen Diamanten ab. Bin ich nicht wie die Königin von Saba? ſagte ſie, als er eines Tages um ihren ſchönen Hals eine funkelnde Schnur von Brillanten ſchlang. Ich denke, Salomo war nicht ſo glücklich, ſagte ein junger Mann, der gerade zugegen war. Sie lächelte vor den Andern und hütete ſorgfältig jede Bewegung; aber ganz heimlich für ſich rang ſie oft die Hände und ſchrie innerlich um Rettung, während ſie mit heiterer Miene ein gleichgültiges Geſpräch fort⸗ ſpann. Sogar ihr Mann, der ihr früher eine ſo große Stütze geweſen, war ihr nur mehr ein Hinderniß. Du ſiehſt, nun denkt der Vater, daß ich eigen⸗ nützig bin! klagte ſie ihm. Aber er nahm Alles für Beweiſe größter Liebe hin; und wie konnte es ſeiner reizenden Frau gegenüber wohl anders ſein? Es war wie eine Mauer, die ſich unſichtbar um ſie baute und durch welche ſie nicht dringen konnte, ſie mochte thun was ſie wollte. Da nahm ſie den erſten beſten Vorwand zu Hülfe und ſchrieb an den Marquis: Ich muß Sie ſehen, ſagte ſie, kommen Sie, ob ich nun allein bin oder nicht. Sie eilte auf ihr Schlafzimmer und mit fieber⸗ hafter Aufregung erbrach ſie die Antwort: Es kann nicht ſein, ſchrieb er ihr ganz lakoniſch, die Gefahr iſt zu groß! O, ſagte ſie und zerdrückte das Papier, was kümmere ich mich noch um Gefahr! Wie ſchwer ihm das kalte Wort geweſen, wußte ſie freilich nicht. Abends hielt ſie es nicht mehr aus. Sie ſchützte Unwohlſein vor und ließ ihren Vater allein. Einige Minu⸗ ten darauf hörte man, daß ſein Wagen den Hof verließ. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 169 O, dachte ſie, ich vergehe bei dieſem ewigen Zwang! Einmal muß ich Louis ſehen, in ſeine lieben Augen blicken, ſeine Stimme hören! Mein Vater iſt an Allem Schuld! Louis muß wiſſen, daß ich ihn liebe,— ich „ muß wiſſen, daß er mich liebt, um jeden Preis! Sie warf einen Mantel um und entſchlüpfte durch eine Hinterthüre. Einige Schritte vor ihrem Hauſe trat ihr Vater ihr in den Weg: Was thuſt du hier ſo allein? fragte er. Sie war wie gelähmt. Ich werde dich begleiten, fuhr er fort und zog ihren Arm in den ſeinigen. Er ſchien nicht überraſcht, als habe er ſie da erwartet. Sie leiſtete keinen Widerſtand. Er hat einen Bund 3 mit dem Sotan geſchloſſen, dachte ſie; ich kann ihm * nicht entgehen. 7 Ich bin müde, ſagte ſie nach einer kleinen Weile 6 mit matter Stimme, und er führte ſie ſchweigend in ihre Wohnung zurück. Wann wird das enden? rief ſie, als ſie erſchöpft zu Hauſe in einen Seſſel ſank. Doch ihr elaſtiſches Weſen ſuchte ſchnell nach einem anderen Ausweg. Wenn mein Vater nicht geht, überlegte ſie, ſo kann ich ja gehen, und iſt nicht Louis eben ſo frei wie ich? Sie fing an, in ihren Mann zu dringen, ſeine Abreiſe aus der Stadt zu beſchleunigen. Mir thut die Luft nicht gut hier. Erinnerſt du dich, wie glücklich wir im vergangenen Herbſte in Roth⸗ walde waren, ſo ſtill, ſo ganz für uns allein? Sehnſt du dich nicht dahin zurück? 3 Er ſtreichelte ihr lächelnd die Wange und verſprach . die Abreiſe gar zu gern. Auch er ſehnte ſich in die ländliche Stille zurück, wo das höchſte Glück ſeines Lebens ihm wie ein idylliſcher Morgentraum der Seligkeit auf⸗ gegangen war. Aber von Woche zu Woche ſchob der erwünſchte Tag ſich hinaus, denn Wichtiges war im Werke, und der König ließ den erprobten Freund und 170 Hermine Wild. Rathgeber nicht fort. Leonie's Geſundheit fing an, unter dem Kampfe mit dem zähen Widerſtand, der ſich hier von allen Seiten bot, und den ſie weder künſtlich zu umgehen, noch zu bewältigen vermochte, allgemach zu leiden. Ihre Wangen erbleichten, und um die dunk⸗ len, ſonſt ſo feurigen Augen begannen ſich bläuliche Ringe zu ziehen. Endlich wurde ihr Vater unwohl, die ununter⸗ brochene Wachſamkeit hatte ſeine ohnedies abnehmende Kraft aufgezehrt. Er mußte das Bett hüten, und der Arzt befahl die größte Ruhe an. Leonie erwachte zu neuem Leben. Komm', ſchrieb ſie an Louis, endlich athme ich auf! Wenn du meinen Tod nicht willſt, ſo komm heute zu mir. Mein Mann iſt bei Hofe,— komm, o komm! Sie ſchickte den Brief durch einen Diener; aber dieſer fand den Marquis nicht zu Hauſe: Der alte Herr Graf habe ihn bitten laſſen, ihn zu beſuchen. Leonie lief von Zimmer zu Zimmer in der raſt⸗ loſen Ungeduld der Leidenſchaft. O er muß kommen, dachte ſie, ſie ſchrie es faſt, ſie rang die Hände, ſie war außer ſich. Endlich fuhr ein Wagen in den Hof. Sie läutete: Ich nehme keine Beſuche an, ſagte ſie zu dem aufwartenden Diener, ſollte der Herr Mar⸗ quis kommen, ſo ſagen Sie es mir. Es iſt nur Seine Gnaden der alte Herr Graf, verſetzte der Mann, und gleich darauf wurde ihr Vater, bleich und in Pelze gehüllt, in das Zimmer geführt. Du ſiehſt, ich ſterbe noch nicht, denn das Bett hält mich nicht, ſagte er mit einem ſonderbaren Lächeln. Der Marquis hat mich auch verlaſſen. Ein alter, kran⸗ ker Mann flößt Niemand Intereſſe ein. So komme ich denn zu dir, denn ich langweile mich allein. Wir wollen die Gedanken nicht verfolgen, welche bei dieſen Worten durch die Seele ſeiner Tochter fuh⸗ ren; aber ſie half ihm ſich niederzulegen, rückte ihm die Polſter zurecht und ſetzte ſich ſchweigend neben ihn. * Eure Wege find nicht meine Wege. 171 Eine lange Stille trat jetzt ein. Stunde um Stunde verrann. Die fieberheißen Augen der Gräfin flogen nach der koſtbaren Pendeluhr, die auf dem Geſimſe des Kamines ſtand. Louis kam noch immer nicht. Was hätte es jetzt auch genutzt? ſagte ſie ſich, und doch— welche Antwort lag in dieſem Fernbleiben nach einem ſolchen Ruf! Der Graf hatte die Augen geſchloſſen und athmete leiſe, als ſchliefe er. Sie ſaß ſchweigend, und die fei⸗ nen Hände zerdrückten krampfhaft einen Fächer, ein Keiſterwerk der franzöſiſchen Kunſt, während ſie in finſterem Sinnen grübelte und in dem Schwanken der Angſt und Unentſchloſſenheit ihre Seele hin und her wogte, wie ein dunkler See, bevor ſie Ruhe, das heißt, einen Entſchluß fand. Wie die Flut, die ſcheinbar machtlos an dem ſteinernen Wall ihres Ufers zerſchellt, immer unermüdet ihre Wellen wieder ſammelt zu erneuertem Anprall, ſo lebte auch in dieſem ätheriſch zar⸗ ten Geſchöpfe eine Kraft, welche durch nichts zu brechen war, als durch den Tod. Der Tod aber, das fühlte ſie, konnte nur Louis für ſie ſein. O es kann nicht ſo bleiben, ſagte ſie ſich, was habe ich denn gethan, daß ich auf ſolche Weiſe leiden muß?— Sie ſtützte den Kopf in die heiße, vor Auf⸗ regung leicht zitternde Hand, und allmählich kehrte ihres Denkens ganze Kraft zurück. Da fuhr abermals ein Wagen vor. Sie ſah auf, es war ihr Mann, der nach Hauſe kam. Er ſah ver⸗ ſtimmt und bekümmert aus. Was giebt es? fragte Leonie, die ihm entgegenging. Er legte den Arm um ſie: Ich habe ſ chlechte Nachrich⸗ ten, ſagte er. Er ſetzte ſich und zog ſie auf ſeinen Schvoß. Sein Schwiegervater öffnete jetzt die Augen und ſah ihn fragend an. Ich muß verreiſen, antwortete er auf dieſen Blick. Der König ſchickt mich nach L. Es kommt mir ſehr ungelegen. 172 Hermine Wild. Leonies Herz pochte hoch auf vor Freude und ſtand im nächſten Augenblicke ſtill vor Schrecken, als ſie den Blick ihres Vaters auf ſich geheftet ſah. Was würde er jetzt thun? Sie lehnte den Kopf an ihres Man⸗ nes Schulter und ſchwieg. Auch ihr Vater ſagte kein Wort. Ihr Mann ſah in Gedanken vor ſich nieder und ſtreichelte dabei liebevoll die weichen, glänzenden Locken ſeiner Frau. Leonie reiſ't doch mit? frug endlich der alte Graf. Nein, das iſt es eben. Sie hat in der letzten Zeit leidend ausgeſehen, und doch laſſe ich ſie ungern allein zurück. Wenn es nur das iſt, ſo könnte ſie ja gleich mit mir nach S. Dort iſt ſie gut aufgehoben, und die Landluft würde ihr wohlthätig ſein. Es wäre mir eine wahre Beruhigung, ſagte ihr Mann, ſie zärtlich anblickend. Sie iſt ſo jung und un⸗ erfahren— ich hätte keinen ruhigen Augenblick, wüßte ich ſie allein. Der Herr Marquis von Chanteloup, meldete der Bediente jetzt. Leonie ſtand auf und ſetzte ſich in einiger Entfer⸗ nung von ihrem Manne und ihrem Vater. Sieh, ſagte Graf Hoheneck, indem er verſuchte, die Wehmuth, welche ihn vor der ſo nahen Trennung beſchlich, durch einen Scherz zu verbergen, der kommt wie gerufen. Er ſoll dich in S. beſuchen. Dort haſt du Zeit, ſeine Wunden zu verbinden, das iſt ja ein Zeitvertreib, den du liebſt. Leonie ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß. Louis trat ein und bekam ihren erſten Blick und es war ein Blick voll ſo unſäglichen Grames, daß der junge Mann betroffen in der Thüre ſtehen blieb. Er war nicht nach Hauſe gegangen, nachdem er den alten Grafen verlaſſen, daher kam ſeine Verzögerung, denn er hatte keine Kraft mehr zu längerein Widerſtand. Treten Sie ein, rief ihm Graf Hoheneck entgegen. — — 2 Eure Wege ſind nicht meine Wege. 173 Wir ſprachen ſoeben davon, daß Sie meine Frau in S. beſuchen ſollten. Sie wird ihren Vater dahin begleiten, weil ich verreiſen muß. Louis ſah mit einem ungewiſſen Blick von dem Gatten auf den Vater und antwortete nicht. Was ſagen Sie zu dem Plane? ſagte der alte Graf, der ihn prüfend anſah. Der Marquis ſchlug die Augen nieder und errö⸗ thete: Ich weiß nicht— verſetzte er mit unſicherer Stimme Die Möglichkeit, nach ſo langer Entfremdung mit dem Weibe, das er liebte, unter Einem Dache zu ſein, hatte etwas wahrhaft Berauſchendes für ihn. Leonie war hinter das Ruhebett getreten, auf welchem ihr Vater lag. Sie war ungewöhnlich bleich, der Gedanke an dieſe Reiſe füllte ihr Herz mit einem Entſetzen, für das ſie weder Worte noch Namen fand. Sie traute ſich nicht, die Augen aufzuſchlagen, ein Spiegel hing ihr gegenüber und konnte ſie verrathen, und doch mußte etwas zu ihrer Erlöſung geſchehen. Der Herr Marquis ſagte mir, daß er die Stadt dieſen Sommer nicht verlaſſen will, ſagte ſie, während ſie innerlich nach Faſſung rang. Louis ſchwieg. Iſt das ein ſo feſter Entſchluß? frug der alte Graf, und in ſeinem Tone klang es wie Jronie. Ich weiß nicht, erwiderte Louis zögernd, es hängt nicht von mir ab— Sie wiſſen, ich bin nicht frei. Sie werden immer am beſten thun das Beſte zu thun— und das Klügſte iſt es auch, ſagte der alte Graf und betonte ſcharf ein jedes Wort. Leonie ſtand wie auf Kohlen. Sie nahm ihres Mannes Arm und ging mit ihm im Zimmmer auf und ab. Ich hatte mich ſo ſehr auf Rothwalde gefreut! ſagte ſie ſchmeichelnd zu ihm. Wir waren ſo glücklich dort! nun iſt alle meine Freude zerſtört! Glaubſt du, daß es mir leichter wird? erwiderte er. 174 Hermine Wild. Kann ich dich nicht wenigſtens begleiten? bat ſie jetzt. Nein, Herzenskindchen. Du weißt ja, wie ſchwer mir eine Trennung von dir wird, aber es geht nicht anders. So möchte ich lieber nach Rothwalde, als nach S. Des Vaters Schloß iſt alt und finſter, und ohne dich wird mir dort ganz unheimlich ſein. Ihr Mann lächelte. In Rothwalde, ſagte er dann, biſt du wirklich nicht ganz ſicher. Die Bauern haben allerhand verrückte Ideen aus Frankreich herüber be⸗ kommen; wüßte ich dich allein auf dem Schloſſe, ich hielte es keine Woche lang aus. Denke daran, liebes Kind, und nimm den Vorſchlag deines Vaters an. Aber wenn du mich durchaus nicht mitnehmen willſt, ſo könnte ich zu deiner Cvuſine gehen. Sie hat mich ſo ſehr gebeten, ſie dieſen Sommer zu be⸗ ſuchen, daß ich es verſprochen habe. Freilich dachte ich dann mit dir hin zu gehen, aber du könnkeſt mich dort abholen, und wir beſuchen dann zuſammen den Vater und gehen von S. nach Rothwalde zurück. Meine Cuufine iſt kein paſſender Schutz für dich, liebes Herz, und du kannſt ja auch ſpäter zu ihr gehen. So ſchicke mich auf eines deiner anderen Güter. Nein, nein, es iſt nirgends ſicher genug, und dann würde es deinen Vater verletzen— und wozu? Du biſt ja doch am beſten bei ihm. Was habt ihr? frug der alte Graf. Leonie fürchtet ſich ein wenig vor dem alten Schloſſe in S. ſagte ihr Mann. Sie hat vielleicht beſondere Gründe, meinte ihr Vater. Nein, ſagte ſie halb erſchrocken, ich ginge am lieb⸗ ſten mit meinem Manne. Das geht aber nicht, unterbrach ſie dieſer, ich muß Tag und Nacht reiſen, und du biſt viel zu zart für eine ſolche Anſtrengung. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 175 Nun, ſo ſoll ſie mit mir gehen, entſchied ihr Va⸗ ter. Ich hebe ſie Ihnen am beſten auf. Freilich! ſagte Hoheneck. Leonie ſchwieg ent⸗ muthigt. Wann reiſen Sie? frug Louis mit beklommener Stimme, denn Schmerz und Eiferſucht ſchnürten ihm die Kehle zu. Leonie wußte es, aber ſie konnte ihm keinen Troſt geben. Sie ſtand zwiſchen zwei Feuern, wohin ſie ſich wandte, ſchlugen die Flammen auf und brannten ſie. Erſt in dem Augenblick, wo er Abſchied nahm, über⸗ mannte ſie das Gefühl. O Herr Marquis, rief ſie, ihm die Hand reichend, ich bin ſehr unglücklich, glauben Sie es mir! Ihr Ge⸗ ſicht war plötzlich von Thränen überſtrömt. Doch er verſtand ſie nicht. Vielleicht macht es ſich doch noch, daß Sie Ihren Herrn Gemahl begleiten kön⸗ nen, ſagte er mit einem bitteren Vorwurf in Wort und Blick. Sie drückte das Geſicht in ihr Tuch und wandte ſich laut weinend mit einer heftigen Geberde von ihm ab. Ihr Mann wollte ſie tröſtend an ſich ziehen, aber ſie machte ſich ungeduldig von ihm los. Der Mar⸗ quis entfernte ſich. Ihr Vater ſank in ſeine frühere Schläfrigkeit, und ſie folgte ihrem Manne auf ſein Zimmer, wo er Papiere ordnete. Er klagte über Kopf⸗ weh und legte ſich endlich auf das Ruhebett. O, dachte Leonie, ich kann mit meinem Vater nicht gehen,— und Louis, der mich nicht verſtehen will! O Louis, in S. ſind wir Beide verloren! Sie kniete nieder neben ihrem Manne ſie legte ihm kaltes Waſſer auf die Stirn. Nimm mich mit, bat ſie. weinend und ihm die Hände küſſend, ich halte es nimmermehr aus ohne dich! Quäle mich nicht! ſagte er, ich kann es ja nicht thun. Wie willſt du in dieſer Jahreszeit Tag und 176 Hermine Wild. Nacht ohne Aufenthalt reiſen, und ſo zart wie du biſt? Ich fürchte mich nicht, ſagte ſie, ich will gern Alles ertragen, wenn ich nur bei dir bin. Nein, nein! Der König ſelbſt wünſcht, daß ich dich hier laſſe, er fürchtet eine Verzögerung, wenn du mich begleiteſt. Leonie weinte. Du ſiehſt mich nicht wieder, ſagte ſie, ich ſterbe in S., ich weiß es ganz gewiß. Denke an eine Ueberraſchung für mich, ſagte er lächelnd und mit ihren Haaren ſpielend, das wird dir die Zeit verkürzen. Es wird eine Ueberraſchung werden, meinte ſie, aber nicht wie du ſie wünſcheſt. Sie ſtand auf und ſetzte ſich fern von ihm an das Fenſter. Du biſt kindiſch! rief er ärgerlich, und zum erſten Mal kam ihm ihr Benehmen unvernünftig und launiſch vor. Sein Kopf ſchmerzte immer mehr, er wandte das Geſicht nach der Wand und ſchloß die Augen. Ja, die Männer! dachte Leonie, ſie gleichen ſich a e. Die Nacht war ſchon ziemlich vorgerückt. Keine Vorſtellungen brachten ſie dazu ſich nieder zu legen. Sie ging von Zimmer zu Zimmer, ordnete und ſah zu, wie die Sachen ihres Mannes eingepackt wurden. Sie ſetzte ſich auf die Koffer. Da geht mein Leben mit, ſagte ſie. Als der Morgen kam, ſah ſie ſo verweint und eingefallen aus, daß Hoheneck erſchrak und in ſeinem Entſchluſſe faſt wankend wurde. Aber jetzt war es zu ſpät. Halb bewußtlos hing ſie an ſeinem Halſe er ſuchte ſich von ihr loszumachen, aber ſie klammerte ſich nur um ſo feſter an ihn an. Er hatte den Fuß ſchon auf den Wagentritt geſetzt, da riß ſie ſich oben von Allen los, die ſie zurückhalten wollten, eilte ihm nach und warf ſich, Alles vergeſſend, faſt auf der Straße, Eure Wege ſind nicht meine Wege. 177 noch einmal an ſeine Bruſt. Einen ſolchen Kampf hatte der ruhige Mann, bei all ſeiner Liebe für das angebetete Weib, doch nicht vorausgeſehen. Die Adern auf ſeiner Stirn ſchwollen, und ſeine Augen, die keine Thränen fanden, unterliefen mit Blut. Endlich wichen Leonie's Kräfte, die Stunde drängte, er mußte fort, und er legte ſie in ihres Vaters Arme. Aber drei⸗ mal noch kehrte er zu ihr zurück und ſchloß ſie von Neuem in ſeine Arme. Behüten Sie ſie wohl, ſagte er zu ſeinem Schwieger⸗ vater, der ſchweigend daneben ſtand, es iſt mein Leben, mehr, viel mehr als mein Leben, das ich ihnen anver⸗ traue. Jedes Haar auf ihrem Haupte ſoll Ihnen heilig ſein! Verlaſſen Sie ſich auf mich, erwiderte dieſer; mein Leben und meine Ehre ſollen Bürgen für die ihrigen ſein. Mit abgewandtem Geſicht ſprang endlich Hoheneck in den Wagen. Er wagte nicht zurückzublicken, und in raſchem Trabe zogen ihn die vier rüſtigen Pferde davon. Mit thränenleeren Augen blickte ihm Leonie nach und wurde halb ohnmächtig in das Haus zurückgebracht. Die ganze Dienerſchaft zerfloß in Thränen über die große Liebe und den rührenden Schmerz der jungen, immer ſo ſanften und nachſichtigen Gebieterin; denn Leonie wußte, daß im Falle der Noth ſolche Verbündeten manchmal die nützlichſten ſind. Selbſt ihr Vater wurde irre an ihr. Habe ich ihr Unrecht gethan, dachte er, ſo mag Gott meine Härte gegen das arme Weſen ver⸗ zeihen.* Er war ſehr bewegt und ging ſachte mit ihr um. Es lag ſo viel Wahrheit in dieſer tiefen Verſunkenheit des Grames, die wortlos ſo rührend um Theilnahme bat! Wie ſollte das Alles Verſtellung ſein? Und daß es keine Verſtellung war, das war gerade die höchſte Verſtellung bei dieſer Frau. So weit konnte er nicht Novellenſchatz. Bd. XXII. 1 Hermine Wild. ſehen, daß ſie mit ihrem Manne von der Sicherheit ihres eigenen Lebens zugleich Abſchied nahm, daß die grenzenloſe Liebe dieſes Mannes, die jeden Frevel mit dem Wort der Verzeihung zu löſchen im Stande gewe⸗ ſen wäre, ihre beſte Stütze und vielleicht zu gleicher Zeit für ſie auch der erſte Antrieb zum Frevel war Weniger geliebt, wäre ſie vielleicht nicht ſo ſchnell der Verirrung erlegen. Wann wünſcheſt du abzureiſen? frug der alte Graf, als ſie etwas ruhiger geworden. Wann Sie wollen, mein Vater, erwiderte ſie. Nun es doch geſchehen mußte, war es ihr einerlei, wie bald. Sie verließ ihn und ſchloß ſich in ihr Zimmer ein; ſie fühlte das Bedürfniß, ſich zu ſammeln und ihre Lage zu überſehen. Jetzt bereute ſie es faſt, daß ſie Louis Vorſchlag, mit ihm zu fliehen, ſo ohne Weiteres verworfen; aber in Armuth und Elend gehen? Nein — ſelbſt an Louis' Seite vermochte ſie das nicht! Ihre Gedanken kehrten zu ihrem Vater zurück. Er war alt geworden, ſehr alt, beſonders in der letzten Zeit. Eine Schlacht hatte er freilich gegen ſie ge⸗ wonnen, aber konnte er ſie denn immer bewachen? Die Zeit würde kommen, wo Krankheit oder ein anderer Grund ſie frei machen würde von ſeiner Gewalt. O käme doch dieſe Zeit! ſeufzte ſie mit gerungenen Händen, hielte nur wenigſtens Louis aus, dann würde ja noch Alles gut! Freilich mußte der Argwohn, den ihr Vater gegen ſie gefaßt, eingeſchläfert, vernichtet werden, wenigſtens bis ihr Mann zurückgekehrt war, und ſollte das ſo un⸗ möglich ſein?. ſche Natur gewann nach und nach wieder Ihre elaſti die Oberhand, die Empfindung der Gefahr wich von ihrem Geiſte, indem ſie an die Mittel dachte, dieſer Gefahr zu entgehen. Blinder Gehorſam ſchien ihr für den Augenblick am zweckmäßigſten zu ſein. Louis noch — ———————— — —— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 179 vor ihrer Abreiſe zu ſehen, war eine Unmöglichkeit; ihr Vater, das wußte ſie, würde ohne ſie nicht aus dem Hauſe gehen. Und doch mußte er wiſſen, wie es mit ihr ſtand, er mußte ihr beiſtehen, wenn irgend ein Beiſtand noch nöthig war. Sie konnte ihn nicht ſehen, aber ſchreiben konnte ſie. Es giebt keine Rettung, ſchrieb ſie ihm, ich muß mit meinem Vater nach S Mit wie ſchwerem Herzen ich gehe, kann ich nicht ſagen; ach, ich hatte ſo ganz anders geträumt! Unternehmen Sie nichts— ich ſchreibe ihnen von S. aus, ſo bald es ſich thun läßt. Zweifeln Sie nicht an mir. O Louis, wir haben uns nur gefunden, um uns wieder zu verlieren, wenn Sie mir nicht ganz vertrauen. Louis, Louis, Sie ſind Alles für mich! Sie läutete ihrer Kammerfrau und übergab ihr den Brief. Niemand darf wiſſen, daß ich geſchrieben, ſagte ſie. Die Dienerin ſah ſie überraſcht an, aber vor dieſen verweinten Augen, nach dem Auftritt, den ſie eben mit angeſehen, wie ſollte da ein Verdacht möglich ſein? Wenn Louis mich wahrhaft liebt, dachte Leonie, ſo wird er ſehen, daß ich nicht anders handeln kann. Und er liebte ſie, ebenſo, mehr vielleicht, als er ſie jemals geliebt. Bei aller Angſt und Qual, war das nicht ein tiefer Trank der Seligkeit? Der Marquis war zu Hauſe, als ihre Botſchaft kam. Er hielt den Brief in den Händen und zauderte, ihn zu öffnen. Es war das Schickſal ſeines Lebens, das an dieſem leichten Blättchen hing. Alle Zweifel, die ihn in letzter Zeit gemartert, tauchten von Neuem in ſeiner Seele auf. Sein Herz ſchlug, ſein Kopf ſchwindelte, und er mußte ſich ſetzen. Erſt nach langem Zögern erbrach er das Siegel. O warum ſind wir nicht gleich geflohen! war ſein erſter Gedanke, nachdem er geleſen; und doch mußte er ſich geſtehen, daß er glücklich, überglücklich gegen die 12* — 180 Hermine Wild. vergangene Minute ſei. Die Gräfin kann auf mich rechnen, ſagte er der Dienerin, die im Vorzimmer wartete. Denſelben Abend reiſte die Gräfin mit ihrem Vater ab. Ich komme, dir Geſellſchaſt zu leiſten ſagte ſie zu Otto, als er ſie ganz überraſcht aus dem Wagen hob. Sie war gefaßt und freundlich und ſcherste in ge⸗ dämpfter Heiterkeit über Otto, der des Fragens über Alles, was ihn in der Stadt intereſſirte, gar kein Ende fand. Ihr Mädchenzimmer wurde für ſie bereitet; ſie fand es unverändert, wie ſie es vor noch nicht drei Jahren verlaſſen, und eben ſo unverändert, nur mehr entwickelt, war die Leonie, die es betrat. Und ich werde doch mein Ziel erreichen, ſagte ſie ſich, als ſie Abends den müden, reichgelockten Kopf auf das langentwöhnte Polſter legte. Und wie oft hatte ſie dasſelbe an derſelben Stelle ſeit ihrer früheſten Kindheit geſagt! Schon den folgenden Morgen ſchrieb ſie an ihren Mann. Es ſchien ihr ein Band zu ſein, das ſie mit dem ſicheren Grund berknüpfte, der unter ihr gewichen, und auch jetzt noch dünkte ſie ſich feſter zu ſtehen, wenn ſie erwog, wie innig ſeine Liebe war. Dann wollte ſie ſehen, ob ihre perſönliche Freiheit eine Einſchränkung erleiden würde, und gleich nach dem Frühſtück machte ſie ſich zum Ausgehen bereit. Aber Niemand legte ihr etwas in den Weg; nur Otto begleitete ſie plaudernd vor das Thor. Doch hier mußte er zurück, denn er hatte andere Dinge zu thun. Ihr erſter Gang war zur Pfarrerin, der ſie mit aller Vertraulichkeit der Kinderjahre um den Hals fiel. Die gute, ſanfte Frau gerieth faſt außer ſich vor Ueberraſchung und Glück. Der Pfarrer eilte in Hemd⸗ 1 richtet und ſeluei in allem Glanz der Jugend und vollendeten* eiblichkeit wiederzuſehen. Seine Frau — ärmeln vom Garten herein, das Kind, das er unter⸗ —— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 181 hielt Leonie's Hände und nannte ſie bald mit dem alt⸗ gewohnten Du, bald Fräulein oder Gräfin, bis ſie wieder in das vertraute Du verfiel. Es war, wie wenn ein Kind, das man lange aus den Augen ver⸗ loren, plötzlich und unerwartet zur alten Heimath wieder⸗ kehrt. Und Alles hier wehte Leonie ſo heimathlich, ſo vertraut an, ſo längſtgewohnt und gekannt, trotz alles Wechſels, den der Lauf der Zeit überall mit ſich bringt. Das Herz ging ihr auf im neu erwachten Gefühle der Sicherheit, der Krampf löſ'e ſich in ihrer Bruſt bei all dieſer Liebe, die man dem fernen Kinde ſo treu und lebendig aufbewahrt. Es war ein Gefühl der Unſchuld, das zum erſten Male in ihrem Leben heute über ſie kam. Sie küßte die alte Magd, die vor Ehrfurcht bei⸗ nahe in die Knie ſank, auf die Wange und lachte und weinte vor Rührung, als der Hund, der ſeit ihrer Entfernung unmäßig dick geworden, in das Zimmer ſtürzte und vor Freude winſelnd ſie am Kleide zupfte, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. O, ſagte ſie, könnte ich doch immer hier ſein! Das Schloß iſt unheimlich wie ein Grab und der Vater finſterer als je. Nun, Sie können ja recht oft zu uns kommen, ſagte die Pfarrerin, und Leonie verſprach es auch. Gott ſei Dank! dachte ſie, als ſie den Weg zum Schloſſe wieder hinauf ging, das ſind Freunde, und in ihrer Nähe kann mir ſo leicht nichts geſchehen. Aber auch auf dem Schloſſe gab es durchaus nichts Verdächtiges. Ihr Vater, den ſie ſo ſehr gefürchtet, kümmerte ſich wenig um ſie und hielt ſich meiſt auf ſeinem Zimmer auf; Otto beſchäftigten die Angelegen⸗ heiten des Gutes, und Leonie blieb viel allein. Sie durchſuchte das alte Gebände, das ihre Kinderſpiele geſehen, vom Boden bis zum Keller, jeder Winkel wurde von ihr in Augenſchein genommen; auch die Umgebung, den Wald, jeden Ort, den ſie gekannt und ge⸗ liebt, ſuchte ſie allein oder in Otto's Begleitung wieder auf. Hermine Wild. überwies. eingeflößt. Was war denn Unheimliches an di Mauern? Nichts als ihre eigene Phantaſie, dunklen Schatten ihrer Kindheit mit dem Gebäude ſelbſt Nach und nach trafen einige Familien aus der Nachbarſchaft ein; ein kleiner Kreis ſammelte ſich um die reizende Gräfin, die in den dunklen Hallen wie eine feenhafte Erſcheinung der Jugend und Anmuth auf⸗ gegangen war. Die alten Mauern wiederhallten von geräuſchvollem Leben. Ausflüge zu Waſſer, zu Wagen und zu Pferde wurden unternommen, und ihr Vater ſorgte ſelbſt für das ſanfteſte Thier und ritt es zur Probe, bevor er es ſeiner Tochter zum Gebrauch Alle dieſe Veränderungen, die ſie ſo wenig erwartet, wirkten offenbar wohlthätig auf die junge Gräfin ein. Sie führte mit bezaubernder Grazie und Gefälligkeit das Scepter der Freude in den nicht eben zahlreichen, aber gewählten Reihen, deren Mittelpunkt ſie durch ihre Liebenswürdigkeit geworden, hie und da eine Wolke auf der blendenden Reinheit ihrer Stirn lag, ſo ſchrieben Jene, die ſie bemerkten, es der verlängerten Abweſenheit ihres Mannes zu; denn von der Liebe, welche das Ehepaar mit einander verband, hatte man auch hier ſchon gar Manches gehört. Unter dem erheiternden Einfluße dieſer Umgebung wich die Bläſſe bald von Leonie's Wangen, ihre Augen ſtrahlten in erneuertem Glanze, und ſie hatte Anfälle ausgelaſſener Luſtigkeit, bei denen alle Inſtincte wieder auftauchten, die ihr als Kind ein ſolches Ueberge⸗ wicht über alle andern Kinder verliehen. kühnſte Reiterin, die unermüdlichſte Fußgängerin, und kein Berg war ihrem ſchwanken Schritte zu ſteil oder zu hoch. Dann pflegte ſie bei der Rückkehr von ſolchen Expeditionen, wenn ſie die Zinnen des väterlichen Schloſſes am Horizont auftauchen ſah, wohl plötzlich laut aufzulachen über die Furcht, di und wenn ja noch Sie war die e es ihr von Ferne eſen welche die 7 3 183 Eure Wege ſind nicht meine Wege. verwebt; und übermüthig ſprach ſie dieſen Schatten Hohn und ſtörte die Ruhe der Nacht durch Muſik und Lichter⸗ glanz, und die lauten Freuden des Tages wurden am Abend in den bunten Ringen des Tanzes fortgeſetzt. Du kehrſt mir das ganze Haus um, ſagte Otto, der ein Freund der Ordnung war, einmal mürriſch zu ihr. Aber ſie lachte ihn nur aus, und ſelbſt ihr Vater ſchien es gern zu ſehen, wie toll fie es auch trieb, und legte ihr nichts in den Weg. Aber wenn der ruheloſe Wirbel ſich endlich gelegt, wenn die beneidete Herrſcherin dieſes Treibens ſich auf ihr Zimmer zurückgezogen und entkleidet, ihre Kammer⸗ frau von ſich gelaſſen hat, iſt es da noch dieſelbe Leonie? Da ſehen wir ein bleiches junges Weib, die Brauen zuſammengezogen, wie in brütendem Denken, Abſpann⸗ ung, Zorn und Groll in allen Zügen und jenen bitteren Zug, welcher die Frucht unbefriedigter Erwartung iſt. Leonie iſt weit gekommen in einer kurzen Zeit, weit in Gedanken wenigſtens, und freilich noch immer in Gedanken nur drängt ihnen die That ungeduldig nach. Die von allen Seiten ſo ſorgſam eingedämmte Leidenſchaft hat nach und nach jedes andere Bedenken in ihr zerſtört und ſteht nun allein auf den Trüm⸗ mern, rieſengroß und ſtark. Wie ſie ſo da liegt auf der prachtvollen Ottomane, von deren dunklem Sammt die ſchneeigen zarten Füße und Arme mit lockendem Glanze ſich abheben, ſchwellen tiefe Seufzer ihre Bruſt, über welche das leichte Nachtgewand nur in leichter Verhüllung fällt. O Wahn! murmelt ſie mit geſchloſſenen Zähnen und gerungenen Händen. Wahn, Wahn, Wahn! Nicht den Schatten eines Argwohns hat er nur gehabt! Ließe er mich ſonſt ſo frei hier, wo Louis, mein Louis mir hinter jedem Buſche, in jedem grünen Pfade, ſobald er will, begegnen kann? Und mit dieſen leeren Spie⸗ lereien will er mich vertröſten, wenn ich das Glück ſo' vieler Tage und Nächte hingeopfert habe für einen Wahn! 4 184 Hermine Wild. Sie war aufgeſtanden, das Licht der Ampel fiel auf ihren glänzenden Scheitel mit einem ſanft ge⸗ dämpften Schein. Mit leeren Worten hat er mich geſchreckt, fuhr ſie düſter fort, und wie ein Kind hat mich ein weſen⸗ loſer Schatten zur Verrätherin an meiner einzigen Seligkeit gemacht. Louis, du leideſt, ſchreibſt du mir. — Zürne mir lieber! Ich habe dich nicht an mich ge⸗ zogen und gehalten mit aller Kraft. Ein Wort von inir hätte uns den Himmel aufgethan, und mit lügneri⸗ ſchen Worten hat er mich davon zurückgeſchreckt. Louis, verzeihe mir! auch ich leide, ich vergehe, ich kann nicht mehr leben ohne dich! O Wahn, in dem ich mein Glück von mir ſtieß! Was hätte ſelbſt der Argwohn gegen mich vermocht? Mein Mann?— er glaubt mir— und er iſt glücklich, was will er mehr?— Aber auch ich will glücktich ſein— ich habe wohl das Recht dazu! Sie warf den Kopf zurück, ihre Züge ſänftigten ſich in einem wunderbaren Ausdruck von Sehnſucht und Leidenſchaft. Ja, Louis, denke an mich, flüſterte ſie, die Zeit wird kommen, wo ich nicht mehr mit durſti⸗ gen Lippen wünſchen werde, die Nächte möchten kür⸗ zer ſein! Und, ſetzte ſie überlegend hinzu, welche Gefahr laufe ich denn? Steht es mir nicht frei, zu gehen und zu wandeln, wo ich will? Das ganze Land iſt mir offen, wo ſoll für mich der Verräther ſein?— Und wäre auch eine Gefahr, fuhr ſie nach einer Panſe fort, was wäre das für ein Weib, das nicht Mittel fände, ſie zu umgehen? Von da an wurde Reiten das Lieblingsvergnügen der jungen Gräfin. In Geſellſchaft oder auch allein, nur von einem Reitknecht begleitet, ſtrich ſie oft halbe Tage lang in der Gegend herum, und in dem Gefühle ſchrankenloſer Freiheit, das daraus entſprang, blühte ſie rofiger auf als je. Zugleich wurde ſie ſtiller, ihr Lachen klang nicht mehr ſo hell und oft durch die hohen 3 * 5 — Eure Wege ſind nicht meine Wege. 185 Gemächer des Schloſſes, und der Kreis der Beſuchen⸗ den, an deſſen Freuden ſie nicht mehr denſelben An⸗ theil nahm, lichtete ſich zuſehends. Nun iſt dein Frieden nicht mehr geſtört, ſagte ſie einmal ſpottend zu ihrem Bruder, iſt es jetzt mehr nach deinem Geſchmack? Aber Otto hatte andere Gedanken im Kopfe. Er hatte den beſeligenden Befehl erhalten, nach der Haupt⸗ ſtadt zurückzukehren und ſeine Bewerbung um Marie wo möglich zum Abſchluß zu bringen. So Gott will, möchte ich noch meine Enkel ſehen, hatte ſein Vater zu ihm geſagt, und dieſe frohe Aus⸗ ſicht hätte den jungen Mann für größere Unannehm⸗ lichkeiten unempfindlich gemacht. Seine Abreiſe ſtörte die Gräfin nicht in der neuen Richtung, die ihr Leben genommen, ſie verſenkte ſich immer tiefer in die ihr plötzlich ſo lieb gewordene Ein⸗ ſamkeit. Es war, als habe die unruhige Kraft, die bis jetzt verſchloſſen in ihr gelebt, endlich den rechten Ausweg gefunden, durch welchen ſie naturgemäß ab⸗ floß. Ihr Vater beobachtete ſie, aber er ſagte nichts. Nur gedankenvoller ſchien er zu werden, je ſtiller und in ſich harmoniſcher offenbar Leonie ward. Verſchiedene Kleinigkeiten zu ihrem Gebrauch waren aus der Stadt gekommen, ſie ſchloß ſich ein und packte ſelbſt die Gegenſtände aus. Darunter war ein Brief⸗ chen, das ſie heftig au die Lippen drückte. Doch auch ihr Vater hatte Briefe erhalten, die ihn ſehr beſchäf⸗ tigten. Du könnteſt auch einmal mit mir gehen, ſagte er den Morgen darauf zu ihr, ich habe mehrere Ausbeſ⸗ ſerungen in der Kirche vor, die ich erſt in Augenſchein nehmen will. Sie machte ſich bereit und begleitete ihn. Es war kühl und düſter in der Kirche, die ihnen der Küſter öffnete, und als der Graf ſeine Beſichtigungen beendet, trat er mit Leonie in den ſonnenhellen Kirchhof hinaus „ 186 Hermine Wild. und ſchickte den Küſter fort. Langſam gingen ſie nun die Reihen der Gräber hinab, unter welchen nch Denkſtein eines alten Pieners oder eines ländlichen Freundes aus des Grafen eigener Knabenzeit ſich be⸗ fand. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen, las die In⸗ ſchriften und machte eine kleine lobende oder gerührte Bemerkung dazu. Leonie nickte nur, der Anblick von Gräbern hatte für ſie etwas Unheimliches, und der ſonderbare Spaziergang dauerte ihr ſehr lang. Endlich, vor einem einfachen weißen Steine, nur mit zwei Ini⸗ tialbuchſtaben bezeichnet, blieb er wieder ſtehen. Er k wandte ſich nach ſeiner Tochter um und legte die Hand 8 auf ihren Arm. Das iſt das Grab deiner Mutter, ſagte er. Leonie fuhr zuſammen und ſtarrte erblaſſend auf ₰ den Stein. Sie ſchauderte, aber zu ihrem Herzen drang— die Stimme nicht, die aus dieſem Grabe zu ihr rief. Die Erinnerung an die Mutter, die trotz aller Ver⸗ irrungen ſie doch ſo ſehr geliebt, weckte in der Tochter kein weicheres Gefühl. Sie dachte an die Folter, an den Tod, vielleicht auch an die Schuld, aber ſie betete nicht, ſie hatte nichts zu bitten, nichts zu verzeihen,— ihre Seele war hart, wie der Stein, auf den ſie blickte, und ſie wandte ſtumm das erblaßte Geſicht hinweg. Der Graf machte keine Bemerkung, ſchweigend verließen 4 Beide den ſo ſtillen, ernſten Ort. 4 Doch aus dem Leben und Weben der freien Na⸗ tur trieb es Leonie hinweg in das Treiben der Men⸗ ſchen, ſie fuhr aus und kehrte erſt am ſpäten Abend zurück. Jetzt, in die weichen Kiſſen gelehnt, rief ſie den Vorgang des Morgens wieder vor ihren Geiſt. O ich kann nicht mehr zurück, ſagte ſie ſich, und wozu? wie oft habe ich nicht ſchon ſolchen Warnungen gelauſcht, und dann war es nichts geweſen als das Werk meiner eigenen aufgeregten Phantaſie. Es iſt noch immer Zeit, dachte ſie, und wenn ich vorſichtig bin, was kann mir wohl geſchehen? Eure Wege ſind nicht meine Wege. 187 Den Nachmittag des folgenden Tages war ſie aus⸗ geritten, friſch und heiter wie ein Maitag ſprang ſie vom Pferde und fiel ihrem Vater, der eben aus dem Sho trat, durch die raſche Bewegung faſt an die ruſt. Du ſiehſt gut aus, ſagte er, dein Mann wird ſich freuen, wenn er dich ſo kräftig wiederſieht. Sie ſchlug die Augen nieder; ein leichter Ausdruck von ſpöttiſchem Triumph glitt flüchtig über ihr Antlitz: Ich hoffe es, erwiderte ſie leiſe und ging leichten Schrit⸗ tes an ihm vorüber die Schloßtreppe hinauf. Es ſind Briefe da von deinem Manne, rief er ihr nach; ſie liegen auf meinem Zimmer. Sie nickte lächelnd zu ihm nieder und beeilte ihren Schritt. Er blickte ihr nach; ſo leuchtend, ſo ätheriſch um⸗ floſſen von Jugend, Glück und Glanz hatte er ſie noch nie geſehen. Dich werde ich zertreten müſſen, mur⸗ melte er. Abends meldete ſich unſer alter Bekannter Tho⸗ mas bei ihm an. Er iſt angekommen, ſagte er zu dem Gebieter, der zuſammengebeugt in ſeinem Lehnſtuhle ſaß. Zwei Stunden hat er gewartet, bis die Gräfin vorüber ritt. Sie ſprachen nur ein Paar Worte mit einander, denn es waren Leute in der Nähe. Er trug Bauernkleider, doch ich kannte ihn gut. Der Graf blickte nicht auf. Es iſt gut, ſagte er, und winkte den Diener hinweg. Beim Nachtmahl klagte der Graf über Schmerz in den Gliedern, die kühle Kirchenluft nch dem heißen Gange habe ihm geſchadet, und den andern Tag kam er aus ſeinem Zimmer nicht heraus. Soll ich um Otto ſchicken? frug Leonie, nachdem der Arzt fortgegangen war. Nein, nein! verſetzte er, wir wollen den armen Jungen nicht ſtören, und ſo lange du bei mir biſt, brauche ich ihn auch nicht. — 188 S Hermine Wild. Wer möchte Leonie's Gefühle beſchreiben, während ſie an dem Bette ihres Vaters ſtehend den wenigen Worten lauſchte, die er in ärgerlicher Haſt hervorſtieß? Ohne ihr Zuthun war ein Stein aus ihrem Wege geräumt, der ihrem Willen ſo lange ein unüberwind⸗ liches Hinderniß geweſen war. Ihre Hände zitterten, während ſie die warmen Decken dichter um ihn hüllte, ihr Athem war heiß und beklommen. Jetzt war es Zeit— jetzt! Nie würde ſie wieder ſo günſtig ſein. Dieſes Schmerzenslager ihres Vaters ſollte ihrer gieri⸗ gen Leidenſchaft endlich üppige Sättigung und Sicher⸗ heit bieten. Soll ich hier bleiben? ſagte ſie. Es iſt nicht nöthig. Mein Kammerdiener reicht für Alles aus. Ich werde wenigſtens nicht aus dem Hauſe gehen, erwiderte ſie, während ſie ihn verließ. Und wieder iſt es Abend. Leonie lag halb ange⸗ kleidet in der geöffneten Balconthüre ihres Zimmers auf den Knieen. Es war eine ſchwüle, duftige Sommer⸗ nacht, der leichte Ueberwurf, welcher durchſichtig über ihre Unterkleider fiel, verhüllte kaum das unruhige Wogen ihrer Bruſt, die Haare fielen halb aufgelöſt über die blendend weißen Schultern der jungen Frau. Es iſt ſpät, aber ſie hatte ihre Kammerfrau ſchon lange weggeſchickt. Sie wartete, ihr Herz ſchlug. Neben ihr auf einem Tiſchchen brannte die Lampe und übergoß die ſchöne, zarte Geſtalt mit ihrem hellen Licht. O flüſterte ſie er wird kommen und endlich wer⸗ den wir glücklich ſein! Und wenn Alles um uns zu⸗ ſammenbricht, dieſe Nacht gehört uns, dieſe einzige Nacht voll Seligkeit, die kein Menſch uns rauben kann! Sie horchte— ihr war, als habe ſie einen Schritt gehört— doch nein— Alles war ſtill. Louis! rief ſie mit ſehnfüchtiger Ungeduld faſt laut, o mein Louis, wo bleibſt du denn? Jede ver⸗ zögerte Minute iſt ein Raub, den keine Zukunft uns ð Eure Wege ſind nicht meine Wege. 189 erſetzen kann! Ja, ich liebe dich! In mir, außer mir iſt alles Liebe, glühende Liebe zu dir. O komm! warum zögerſt du? Sie erhob ſich, trat auf den Balcon, beugte ſich über das Geländer und blickte ringsum, Ueberall im Schloſſe herrſchte die tiefſte Ruhe, nur die Grillen hörte man zirpen, in einem nahen Gebüſche ſang eine Rachtigall ihr hohes Lied der Liebe! Leonie breitete die Arme aus, in verzehrender Sehnſucht ihres Herzens. Jetzt— ja, es war kein Irrthum— trat eine Geſtalt aus dem ſchattigen Pfade, der dem Fenſter gegenüber lag, und näherte ſich der kleinen Pforte, die— Leonie 3 wußte es wohl— an dieſem Abend offen ſtand. Sie trat in das Zimmer zurück, ihr Herz ſchlug ſo laut, daß ſeine heſtigen Schläge deutlich vernehmbar waren. Auf dem Gange näherten ſich Schritte, eine Hand legte ſich auf das Schloß, die Thüre ging auf, und ihr Vater trat herein. Mit einem unterdrückten Schrei wich Leonie vor ihm zurück. Sie ſchwankte und ſtützte ſich auf das Tiſchchen, die Lampe fiel um und erloſch. Das Gemach war nur noch von der Kerze erhellt, die der Graf mit⸗ gebracht und die er jetzt ruhig auf den Tiſch ſtellte, der in der Mitte des Zimmers ſtand. Ein reichver⸗ ziertes Käſtchen, das er unter dem Arme trug, ſtellte er ebenfalls auf den Tiſch. Du haſt andern Beſuch erwartet, ſagte er; ver⸗ zeihe, daß ich ſtöre. Aber das Bewußtſein der Gefahr gab Leonie ihre ganze Geiſtesgegenwart zurück. Ich? ich erwarte Nie⸗ mand, antwortete ſie todtenbleich, doch eben ſo ruhig wie er. 3 Dann hätteſt du deine Lampe früher auslöſchen pollen. Sie ſcherzen, Papa, ſagte ſie. Er hob den Finger— ein leiſes Geräuſch, wie 190 Hermine Wild. von einer Thüre, die man vorſichtig öffnete und ſchloß, wurde vom Ende des Ganges gehört. Schweige! befahl er. Levnie ſprang nach der Thüre, doch bevor ſie die⸗ ſelbe erreichen konnte, hatte er ſie gefaßt und heftig an ſich gezogen. Sie beugte ſich zurück, ihr aufgelöſ'tes Haar fiel in üppiger Fülle lang und glänzend über ſeinen Arm hinab, doch er hatte keine Augen für die ſchimmernde Jugendpracht und drückte ihr feſt die Hand auf den Mund. Sie ſuchte ſich loszureißen, aber ſie war zu ſchwach dazu. Ihr Herz ſchlug hoch in Entſetzen und wilder Empörung, ihre Stirne runzelte ſich; ſie ſah zu ihm auf mit einem Blicke des Haſſes, den keine Sprache beſchreiben kann, vor dem aber die Farbe aus ſeinen Wangen wich. Sie hätte gerne gebiſſen, doch ſie ver⸗ mochte es nicht; er hielt ſie zu feſt dazu. Schlange! murmelte er, und es war, als wolle er ſie zerdrücken, Brut einer Schlange! Baſtard, den ich in der Wiege hätte erdroſſeln ſollen, und den ich ver⸗ gebens zu einem Menſchen zu machen geſucht! Das Blut ſtockte in ihren Adern vor dem Aus⸗ druck ſeines Geſichts. Da öffnete ſich die Thüre ihres Zimmers, und ſachte trat Louis herein Betroffen blieb er ſtehen, Beſtürzung und Schrecken malten ſich auf ſeiner Stirne, von der die Röthe freudiger Erwartung plötzlich gewichen war. Der Graf ließ ſeine Tochter los, die halb ohn⸗ mächtig auf ein Ruhebett ſank. Er hatte ſeine Ruhe wieder gewonnen und wandte ſich an den jungen Mann. Treten Sie ein, Herr Marguis, ſagte er höflich, aber ſehr kalt; ich weiß, daß Sie nur meine Tochter zu finden erwarteten, aber ich hielt es für beſſer, bei der Zuſammenkunft zugegen zu ſein. Louis ſchloß die Thüre hinter ſich und trat ſchwei⸗ gend vor. Er war ſehr bleich und ſah auf Leonie; ſie hatte das Geſicht in die Hände gepreßt und rührte ſich nicht. —— Eure Wege ſind nicht meine Wege. 191 Der Graf war an den Tiſch zurückgetreten und hatte die Hand auf das Käſtchen gelegt: Haben Sie die Güte ſich zu ſetzen, Herr Marquis, ſagte er und deutete auf einen Stuhl. Der junge Mann ließ ſich nieder, auch der Graf ſetzte ſich. Sie werden ſich erinnern, fuhr er fort, daß ich Ihnen verſprach, wenn gewiſſe Umſtände in Ihrem Leben eintreten ſollten, und Sie wollten dann um einen Rath zu mir kommen, Ihnen eine Geſchichte zu erzäh⸗ len, in die ich einſt auf eine traurige Weiſe verwickelt war. Dieſe Umſtände ſind eingetreten, aber Sie ſind nicht zu mir gekommen, Herr Marquis, und darum ſehen Sie mich denn hier. Louis ſah vor ſich nieder und erröthete in pein⸗ lichſter Verlegenheit. Ich weiß nicht— ſtotterte er, aber er ſchwieg, denn er wußte nur zu gut. Mit einem faſt mitleidigen Lächeln ſah der Graf ihn an. Wenn Sie erlauben, werde ich nun mein Verſprechen erfüllen, ſagte er dann. Louis verneigte ſich ſtumm. Leonie ließ die Hände von dem bleichen Geſicht herabſinken und lehnte ſich hin⸗ ter dem Rücken ihres Vaters in geſpanntem Horchen vor. Die Mittheilung, die ich Ihnen zu machen habe, begann der Graf, iſt von ſolcher Wichtigkeit, daß ich ſie nicht leichtfinnig preisgeben konnte, auf eine bloße Vermuthung hin. Daß ſie Ihre eigene Perſon ſehr nahe berührt, geht daraus hervor, weil ſie den Tod Ihres Vaters betrifft, und wie ſehr ich daran bethei⸗ ligt war, können Sie daraus entnehmen, daß ich es geweſen bin, der ihn erſchoß. Leonie ſchloß ſchaudernd die Augen. Louis fuhr in die Höhe. Mein Herr! rief er mit bebender Stimme— todtenbleich, aber nicht vor Angſt, denn er machte mit geballten Händen einen Schritt auf den Grafen zu. Mit einer einfachen Handbewegung der Abwehr 192 Hermine Wild. wies ihn dieſer zurück. Sie ſind ohne Waffen, ſagte er, und Sie ſehen, hier klopfte er leicht auf den Deckel des Käſtchens, das neben ihm ſtand, ich habe ſür Alles geſorgt. Sie wollen mich ermorden? frug der junge Mann bitter. Und wenn ich es thue, wer wird es mir wehren? antwortete der Graf mit höhniſchen Ton. Wie ein Dieb und Räuber ſind Sie in mein Haus eingedrun⸗ gen im Dunkel der Nacht, und wenn ich Sie wie einen Dieb und Räuber erſchieße, wer wird ſagen, daß Sie es nicht ſind? Iſt der Mann, der die Ehre meines Hauſes ſtiehlt, tein Dieb?— Aber dazu iſt es ſpäter auch noch Zeit. Wie geſagt, ich kannte Ihren Herrn Vater in Paris, wo mich Baron Lohenſtein ihm vorſtellte. Es war kurze Zeit, bebor Ihre Mutter Paris mit Ihnen ber⸗ ließ. Ich ſelbſt habe eine ſtürmiſche Jugend verlebt, Herr Marquis, und ſah in den Sünden ihres Vaters nichts Anderes, als das gewöhnliche Vorrecht, welches Adel und Reichthum verleihen. Genug, wir wurden unzertrennliche Freunde. Aber der Strudel, in dem Ihr Vater luſtig forttrieb, verlor ſehr bald ſeine Reize für mich. Ich ermüdete in dieſem Wettlauf jugendlicher Thorheiten und ſehnte mich nach einem ruhigeren Glück. Da lernte ich ein Mädchen kennen, das alle meine Träume künſtiger Seligkeit zu verwirklichen ver⸗ ſprach. Hier wandte der Graf ſich nach Leonie um, die vor dieſem Blick ſich noch tiefer in die Kiſſen des Ruhebettes vergrub. Die Schönheit der Tochter hat Eindruck auf Sie gemacht, Herr Marquis, ſagte er dann; in meinen Augen übertraf die Mutter ſie hundert Mal— freilich, ſetzte er mit bitterer Ironie hinzu, bin ich in die Tochter nicht verliebt. Das Mädchen war arm; eine ſolche Kleinigkeit übte indeſſen keinen Einfluß auf mich aus; ich bot ihr Eure Wege ſind nicht meine Wege. 93 an, was ich hatte, und dankte Gott für mein Glück, als ſie mich nicht zurückwies. Ihrem Herrn Vater muß ich die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er mich dringend vor einem Schritte warnte, der ihm mindeſtens in finanzieller Hinſicht unüberlegt erſchien, denn er ſelbſt hatte eine reiche Braut heimgeführt. Doch ich hörte nicht auf ihn, und wirklich verfloſſen die erſten Jahre meiner Ehe in einer Glückſeligkeit, von welcher ich Ihnen ein Bild zu geben umſonſt verſuchen würde. Mein Otto mochte vier Jahre ſein, und ein kleines Mädchen hatte ſoeben das Licht der Welt erblickt. Meine Frau beſtand darauf, daß es Leonie heiße; Leonie iſt ein hübſcher Name, und ich hatte nichts dagegen, daß meine Tochter einen hübſchen Namen trug. Zudem war es der Name Ihres Vaters, der das Mädchen aus der Taufe hob. Ihr Vater war noch immer ein fleißiger Beſucher in unſerm Hauſe, in der letzten Zeit eigentlich mehr als je. Wie geſagt, er war liebenswürdig, und es mochte wohl Jeder ſich gern an ſeinem Umgange erfreuen. Mein Urtheil über ſeine Sitten war nicht ſtrenger geworden, ich hielt mein Glück für eine Ausnahme und pries dankbar den Himmel dafür; aber auch mich band die Liebe weit mehr als die Pflicht. So gab ich mich denn ſehr gern dem alten Zuge der Freundſchaft hin. Meine Frau erholte ſich ſchwer. Sie hatte vom erſten Augenblicke an eine eiferſüchtig leidenſchaftliche Liebe für das kleine Weſen an den Tag gelegt; ſie wollte daher auch keine Amme dulden und ſtillte es ſelbſt. Da ſie nicht ſtark war, ſo warnte der Arzt vor über⸗ mäßiger Anſtrengung. Eines Nachts weckte mich ein ſchwerer Traum. Ich ſah ſie ſterben, und im Todeskampfe rief ſie hülfe⸗ flehend nach mir. Kurz, der Traum weckte mich. Den Tag über war ſie ungewöhnlich bleich und erregbar geweſen und hatte ſich zeitlich zur Ruhe begeben. Eine drückende Angſt erfaßte plötzlich mein Herz; ich ſtand Novellenſchatz. Bd. XXII. 13 19½ Hermine Wild. auf; es ließ mir keine Ruhe, ich mußte ſehen, wie es ihr ging. Das Unmöglichſte ſchien mir möglich zu ſein, ſobald es meine Frau betraf. So ſchlich ich zu ihrem Zimmer. Wie thöricht iſt der Menſch! Der entſetzliche Traum hielt meine Sinne noch immer befangen, und mein Herz hörte thatſächlich auf zu ſchlagen, als ich die Hand auf das Schloß der Thüre legte. Meine Angſt war jedoch nicht gerecht⸗ fertigt, meine Frau lag ruhig und ſchlief. Ein Licht brannte neben ihrem Bette, ich beugte mich über ſie — ſo ſanft, ſo ſtill athmet das Kind in ſeinem Schlafe taum— ich wagte es nicht, ihre Lippen zu berühren, aus Furcht, ſie zu wecken,— denn ich liebte ſie, Herr Marquis— o mein Gott, wie ſehr liebte ich ſie! Seine Stimme ſtockte, Thränen liefen über ſeine Wangen, und einen Augenblick kämpfte er vergebens, ſeiner Bewegung wieder Herr zu werden. So Gott will, junger Mann, fuhr er endlich fort, werden Sie einſt ein geliebtes Weib an Ihrem eigenen Herde ſitzen ſehen, von Ihren eigenen Kindern umſpielt, und dann, erſt dann werden Sie wiſſen, was die Liebe eines Mannes iſt, eine Liebe, die nach ſo langen Jahren, nach Allem, was darüber hingegangen iſt, noch Thränen in meine Augen zu locken vermag!— Mein Blick mochte ſie im Schlafe beängſtigen, ſie machte eine leichte Bewegung, und ich war ſchon im Begriffe mich zurückzuziehen, als ein Papier, das ſich aus der halbverſchobenen Umhüllung ihrer Bruſt kaum nerklich hervorſtahl, meine Aufmerkſamkeit auf ſich lenkte. Vorſichtig zog ich es hervor. Es war ein Brief, Herr Marquis— ein Brief Ihres Vaters— an meine Frau — an ſeine Geliebte— vielleicht— und das iſt das Entſetzlichſte!— an die Mutter ſeines Kindes— an die Mutter Leonie's. Die Gräfin fuhr auf, als habe ein elektriſcher Schlag ſie berührt, dann ſank ſie zurück, weißer als der Eure Wege ſind nicht meine Wege. 195 Ueberwurf, der über ihre Schultern fiel, aber Niemand beachtete ſie. Der Graf hatte die letzten Worte faſt tonlos ge⸗ ſprochen, ſeine Brauen zogen ſich krampfhaft zu⸗ ſammen, und er legte den ſtrengen, gramgebleichten Kopf mit geſchloſſenen Augen an die Lehne ſeines Seſſels zurück. Louis ſah ſtarr vor ſich nieder, er wagte kaum zu athmen, und auf ſeiner Stirne perlte kalter Schweiß. Nach einer Pauſe fuhr der Graf fort, indem er ſich mit Anſtrengung aufrichtete: Es iſt nun Alles längſt vorüber. Aber, junger Mann, Gott bewahre Sie davor, daß Sie je erfahren, was ich damals erfuhr. Sie wiſſen nicht, was es heißt, vor ſeinem liebſten, heiligſten Gut zu ſtehen und ſich ſagen zu müſſen: es iſt nicht dein, es war längſt nicht mehr dein! Als du noch liebteſt und glaubteſt, ſtandeſt du ſchon längſt an dem Sarge deines Glücks. Nun— ich las den Brief ruhig— ſehr ruhig — es war, als ginge er mich gar nicht an. Ich las ihn dreimal, bevor ich ihn verſtand. Da erſt packte mich die Verzweiflung und mit der Verzweiflung zu⸗ gleich unnennbare Wuth. Aber tödten wollte ich ſie nicht— ſie war noch immer die Mutter meines Otto; das Weib, das ich ſo lang und innig geliebt!— nein, tödten konnte ich ſie nicht! Ich legte den Brief wieder hin und verließ das Gemach. In dem Nebenzimmer ſchliefen die Kinder, und dorthin wandte ich mich. Otto war ja noch mein, und zu ihm trieb es mich jetzt in dieſer qualvollen Stunde. An der Wiege ſeiner Schweſter blieb ich ſtehen und betrachtete das Kind. Es war ein kleines, ſchwäch⸗ liches Ding, welches der Erde gar nicht anzugehören ſchien. Eine kleine Bewegung, ein leichter Druck hätte wenigſtens dieſen Makel auf ewig aus meinem Leben gelöſcht. Meine Hand hob ſich— es dunkelte vor meinen Augen, der Haß in mir ſchrie laut nach Blut 13* 196 Hermine Wild. — einen Augenblick noch— und die ſchreckliche That wäre geſchehen geweſen. Aber es war ein Kind— ein hülfloſes Kind! ich tonnte kein Kind tödten, und vielleicht— vielleicht war es ja doch das meinige! Ich floh auf mein Zimmer zurück. Furien verfolgten mich, ich fürchtete mich vor mir ſelbſt. Ich ſchloß mich ein und warf den Schlüſſel zum Fenſter hinaus. Nun erſt dachte ich daran, was ich beginnen ſollte. Was ſollte ich noch auf dieſer Welt? Das Paradies, das ich in blühender Herrlichkeit um mich geſehen, war mit einem Hauch vernichtet. Alles war Nacht und Tod. O Wahnſinn der Verzweiflung! der wirkliche Wahn⸗ ſinn iſt eine milde Schickung gegen dich. Ich öffnete meinen Schreibtiſch und zog ein Paar Piſtolen heraus. Ihr Vater ſelbſt hatte mir ſie ausgeſucht und Tags vorher erſt gebracht. Es iſt das nämliche Käſtchen, welches Sie hier ſehen. Dieſe nahm ich nun aus dem Fache, lud ſie und legte ſie auf den Tiſch. Daß die Erlöſung ſo leicht war, ſo nahe, ſo ganz in meiner Hand, beruhigte mich. Ich trat an das Fenſter und blickte zum Himmel auf, zum letzten Male, wie ich glaubte;— allein mit dieſem Blick kehrte meine Ueber⸗ legung zurück. Ich hatte Pflichten, Herr Marquis. Zum erſten Male in meinem Leben fühlte ich, was das kleine Wort zu bedeuten hat— und es ſtand mir nicht zu, freiwillig und feige ihnen zu entgehen Pflichten als Vater und als Träger eines Namens, der, ſo lang ich lebte, frei bleiben ſollte von jeglicher Schmach. Ich ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab, ſchloß die Piſtolen wieder ein und überlegte, was nun das Beſte ſei zu thun. Das war klar genug. Ihr Vater mußte fallen, denn von der Laune ſeines Uebermuthes hing die Ehre meines Hauſes ab, die, wenn er ſie auch befleckt, doch wenigſtens vor der Welt noch rein daſtand. Fallen mußte er alſo, bevor er noch den letzten Verrath geübt, Eure Wege ſind nicht meine Wege. 197 aber wie?— Schlagen wollte ich mich nicht— ich hatte Pflichten, wie ich Ihnen vorhin ſagte, und mein Leben war zu koſtbar, um es dem Zufall eines ſolchen Kampfes preiszugeben. Dann— was hätte ein Duell dem Rufe meiner Frau genützt? Alſo auf dieſe Weiſe ging es nicht— aber anders mußte es gehen. Mein Plan war bald gemacht— ich ſchwieg. Ich ging und kam wie früher, nur daß ich jetzt ſah, wo ich früher blind war. Mit meinem Schweigen hielt ich die Schuldigen umgarnt. Kein Wort, kein Blick ent⸗ ging mir— aber ich ſchwieg— es war noch immer nicht genug. Kein Liebhaber hat je ſo nach der Stunde der Erhörung geſchmachtet, wie ich nach der ſichtbaren Offenbarung meiner Schmach. Und endlich— es dauerte lange— aber endlich kam der Augenblick. Ueber dieſen Auftritt laſſen Sie mich ſchweigen. Ihr Vater ſtand beſchämt vor mir. Er hatte manch⸗ mal gute Augenblicke, und ich glaube, daß er ſeine eigene Schändlichkeit empfand. Er bot mir Genugthuung, er, der mir Alles genommen, indem er mich vor ſeine Klinge forderte! Welchen Erſatz aber hätte mir ſelbſt ſein Leben für das Glück geboten, daß er mir auf ewig geraubt? Der augenſcheinliche Gegenſatz ergriff mich mit ſolcher Gewalt, daß er zur Satire ward und ich hell auflachte, fort und fort, bis ich ſelbſt vor mir erſchrak und doch immer wieder in neues Lachen aus⸗ brach. Meine Frau floh entſetzt an das andere Ende des Zimmers; ſie hielt mich für wahnſinnig. Mein Freund, ſagte ich endlich zu Ihrem Vater, der bald erröthend, bald erbleichend vor mir ſtand, ſo daß mich ein gewiſſes Mitleid gegen ihn überkam,— Sie begreifen, daß ein Anerbieten wie das Ihrige zwar nicht gegen die Mode, aber doch gegen alle geſunde Vernunft verſtößt. Sie nehmen mir meine Frau, gut. Es iſt heutzutage etwas ſo Gewöhnliches, daß ein kluger Mann die Augen darüber ſchließt. Soll er aber noch ſein Leben in die Schanze ſchlagen, ſo iſt das wirklich zu viel verlangt. 198 Hermine Wild. Ihr Vater ſah mich verblüfft an; er hatte mich ſchon öfter vor einer bloßen Klinge geſehen, denn Duelle waren damals ein täglicher Zeitvertreib, und ich pflegte ſonſt nicht mit meinem Blute ſparſam zu ſein. Ich nahm ihn ruhig unter den Arm und ſchlenderte mit ihm in den Garten hinaus. Es wäre mir unangenehm, wenn die Leute eine Ahnung hätten von dem, was hier vorgefallen iſt, ſagte ich. Man muß die Oeffentlichkeit in ſolchen Sachen vermeiden. Ich trage nur mein ehemänniſches Geſchick, wie es ſchon ſo viele Andere gethan. Aber ich will keinen Scandal, und was die Zukunft Ihrer Beziehungen zu meiner Frau anbelangt— nun, ich werde dafür ſorgen, daß ſie zu Ende ſeien. Ihr Vater war noch immer wortlos. Von Zeit zu Zeit ſah er mich ſcheu von der Seite an. Es war, als erkenne er mich nicht mehr. Eben meine Ruhe war ihm, glaube ich, das Schrecklichſte. Wir gingen noch einige Male im Garten auf und ab. Wie wäre es, wenn wir zuſammen ausritten? ſagte ich; draußen ließe ſich das Uebrige doch beſſer ab⸗ machen als hier. Er ſah mich mit wahrem Entſetzen an. Sie fürchten ſich doch nicht? ſpottete ich. Das war der Stachel, dem er nicht widerſtand. Wir ſtiegen zu Pferde und ritten davon. Eine wilde Luſtigkeit erfüllte mich. Ihr Vater war ſtill und bleich und ſah ſich von Zeit zu Zeit auf dem Wege um, wohl um einen Bekannten zu entdecken, der ihn erlöſen ſollte von dem Alleinſein mit mir. Jedesmal lachte ich auf. Er biß ſich in die Lippen und ritt dann ruhig weiter neben mir. Vor dem Stadtthor hielt er an. Fürchten Sie ſich? frug ich wiederum. Nein, ſagte er, aber wozu ſollen wir weiter? Ich weiß nicht, wie ich ihn anblickte, aber er ſenkte den Kopf und folgte mir wie willenlos. In einem kleinen Gehölze war es— die Land⸗ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 199 ſtraße ſchimmerte zwiſchen den Bäumen durch, und wie es unentdeckt blieb, was jetzt folgte, iſt mir ein Räthſel bis auf den heutigen Tag. Dort hielt ich an und legte die Hand auf die Zügel von ihres Vaters Pferd. Er ſuchte ſich loszureißen, aber ich hatte ihn zu feſt gefaßt. Steigen wir ab, ſagte ich. Er ſtieg ab, und ich folgte ihm. Und nun, Herr Marquis, ſagte ich, und faßte ſeinen Arm, wollen wir das Uebrige abmachen, und ich werde dafür ſorgen, daß die Geſchichte wenigſtens nie über Ihre Lippen kommen kann. Ich werde ſchweigen, ſtammelte er. Und wer bürgt mir dafür? Ich ſchwöre es bei meinem Ehrenwort Der Schwur eines Ehrloſen! daß Sie meine Ehre ſo wenig achteten, giebt mir ſchlechte Bürgſchaft für die Ihrige. Mein Herr! fuhr er zornig auf. O laſſen wir die Redensarten, ſagte ich und zog eine Piſtole hervor. Sie wollen mich ermorden? rief er mit bebenden Lippen. Wie Sie es nennen wollen. Als Sie ſich die Mühe gaben, meine Frau zu verführen, kannten Sie mich genug, um zu wiſſen, daß Sie mit dem Leben nicht davonkommen würden. Sie nahmen die That auf ſich, wundern Sie ſich alſo nicht, wenn die Folgen Sie treffen. Ich bot Ihnen Genugthuung, brachte er mühſam hervor. Ich lachte höhniſch auf: Welchen armſeligen Einfall haben Sie da, Herr Marquis? Glauben Sie denn aufrichtig, was Sie belieben Genugthuung zu nennen, ſei dies wirklich für mich? Nein, mein Leben iſt zu koſtbar gegen das Ihrige. Ich habe Pflichten zu erfüllen, ich bin Vater, und dieſe Laſt zu vermehren, trugen Sie ja das Ihrige bei. Aber die Kinder, die meinen —— —— cc 200 Hermine Wild. Namen führen, ſollen ihn vor der Welt mit Ehren führen, das können ſie nur nach Ihrem Tode, Herr Marquis, und darum erſchieße ich Sie. Ich ſpannte den Hahn. Ihr Vater wandte das aſchfarbige Geſicht hinweg. 8 S Sich mich! ſtammelte er mit ausgeſtreckter Hand. Haben Sie mich geſchont? höhnte ich wieder. Ich hätte Ihnen mehr Muth zugetraut. Da faßte ihn die Wuth. Er riß ſich los, zog den Degen und drang verzweiflungsvoll auf mich ein. Doch meine Hand war ſicher— ich ſchoß, und er fiel. Mit ſeinem letzten Worte rief er Sie und Ihre Mutter um Verzeihung an. Für das unglückliche Weib, das ihm Alles geopfert, hatte er keinen Laut. Ich ließ ihn in dem weichen Graſe, auf welches durch das dichte Laub der Bäume die Sonne nur ſpär⸗ liche Strahlen zu ſenden vermochte. Ich habe ſeitdem nie mehr ohne Grauen in den heiligen Frieden einer Waldeseinſamkeit geſehen. Aber damals, an ſeiner Leiche, ſchwur ich, Leonie in Wahrheit ein Vater zu ſein. Er ſchwieg— offenbar verſagte ihm die Kraft. Er kreuzte die Arme und verſenkte ſich in die furchtbare Erinnerung. Louis' Augen zuckten, ein Wort bebte auf ſeinen Lippen; doch er brachte es nicht hervor, und mit Verzweiflung rang er nach Faſſung. Leonie athmete kaum. Sehen Sie junger Mann, hub der Graf endlich wieder zu reden an, das iſt eine Erinnerung, die nie vergeht, und vor der jede andere in den Hintergrund tritt— eigenmächtig ein Menſchenleben ausgelöſcht zu haben— und ſich mit vollem Bewußtſein zu ſagen: alle Opfer der Welt, wenn wir ſie bringen wollten, wecken es nicht wieder auf. Ich ſchlug einen andern Weg ein und ritt langſam in die Stadt zurück. Als meine Frau mich erblickte, floh ſie vor mir in den entfernteſten Winkel des Ge⸗ Eure Wege ſind nicht meine Wege. 201 maches und hielt ihre Kinder feſt an ſich gedrückt. Ihr Entſetzen rührte mich. Es war das Mitleid, welches uns die Todesangſt jedes, ſelbſt des fremdeſten Weſens einzuflößen vermag. Mein Zorn war gewichen, aber mit ihm zugleich meine Liebe erloſchen,— das Blut, das ich vergoſſen, hatte Beides erſtickt. Madame, ſagte ich zu ihr, Sie haben nichts zu fürchten. Es iſt mir lieb, daß wenigſtens aller Scandal vermieden iſt. Mit dem Marquis habe ich Abrechnung gepflogen, er wird Sie nicht mehr beläſtigen. Vor der Welt bleibt Alles, wie es war; zwiſchen uns, die wir wiſſen, woran wir ſind, iſt natürlich Alles aus. Sie erhob ſich langſam, und ich ließ ſie allein. Die Abweſenheit Ihres Vaters fiel in den erſten Tagen nicht ſehr auf. Es war nicht das erſte Mal, daß ein galantes Abenteuer ihn auf mehrere Tage unſichtbar hielt. Man kannte ſeine zerütteten Vermögens⸗ umſtände, und als man ihn endlich gefunden, ſuchte man keinen anderen Grund für die That, und es hieß, um dem Drängen ſeiner Gläubiger zu entgehen, habe er ſich ſelbſt entleibt. Meiner Frau, die ihr Zimmer nicht verließ, wurde, auf meinen ſtrengen Befehl, kein Wort von dem Vor⸗ falle hinterbracht. Ich hatte ſie mehrere Tage hindurch nur auf Augenblicke geſehen, da kam ſie eines Morgens mit ihren Kindern auf mein Zimmer, kniete nieder vor mir und legte Leonie auf meinen Schvoß. Aber des Kindes weiße Gewänder ſchimmerten in meinen Augen roth, wie in Blut getaucht, und mit Abſcheu ſtieß ich es zurück. Sie ſchloß es heftig an die Bruſt und ſah mich forſchend an; dann erhob ſie ſich ſchweigend und ging hinaus. Seitdem machte ſie keinen Verſuch mehr zu einer Annäherung. Was hätte es auch genützt? Es lag Blut zwiſchen uns— Blut— und das Kind, das ich nicht anſehen konnte, deſſen Name ſchon eine immer⸗ 202 Hermine Wild. währende Erinnerung an den Verrath und die Schande ſeiner Mutter war. Mich duldete es nicht mehr in Paris. Die Luft dort ſchien mir mit giftigen Dünſten geſchwängert und erſtickte mich. So reiſten wir denn nach kurzer Vor⸗ bereitung ab. Von da an verſank meine Frau in ein finſteres Brüten, dem ſie nichts zu entreißen vermochte. Ihre Kinder, beſonders Leonie, hütete ſie mit einer ruheloſen Aufmerkſamkeit, welche der wilden Wachſamkeit einer aufgeſcheuchten Löwin gleichkam. War es die Furcht ſich von ihnen getrennt zu ſehen? war es die Sehnſucht nach Ihrem Vater, dem einzigen Manne, den ſie wirklich geliebt? oder hatte ſie dennoch ſeinen Tod erfahren und war es Rachedurſt der ſie verzehrte und ſie endlich zum Aeußerſten trieb?— Genug— ich erkrankte und ſie pflegte mich. Der tückiſch lauernde Blick, mit dem ich, aus halber Bewußtloſigkeit erwachend, ſie eines Nachts an meinem Bette ſtehen ſah, gab mir den erſten Verdacht ihrer Schuld. Die Unglückſelige hatte mir Gift eingegeben und zählte die Minuten, die ſie des verhaßten Joches entledigen ſollten. Den furcht⸗ baren Auftritt, der die Folge der Entdeckung war, kann ich nur andeuten. Genug, ſie war ſchuldig— ich hatte den Beweis in der Hand, und ſie läugnete nicht.— Doch auf dem Schaffotte ſollte ſie nicht ſterben. Aus ihrem Blute hatten meine Kinder ihr ſchuldloſes Leben getrunken, und mein Haus ſollte verſchont bleiben von dem Brandmal einer öffentlichen Hinrichtung. Aber verſchwinden mußte ſie, und ſie verſchwand. In Ein⸗ ſamkeit und Gefangenſchaft floßen ihre Tage hin. Für die Welt war ſie todt und nun iſt ſie es auch für mich. Der ungeſtillte Haß zehrte an ihrem Leben, die Sehnſucht nach ihren Kindern brach ihr langſam das Herz. Allein der Tod brachte keine Verſöhnung für ſie, ſie ſtarb, wie ſie gelebt, und mit einer Läſterung auf den Lippen athmete ſie ihre Seele aus. Und nun bin ich zu Ende, Herr Marquis. Darf Eure Wege ſind nicht meine Wege. 203 ich fragen, welchen Eindruck meine Mittheilung auf Sie gemacht? Louis ſtand auf, er war ſehr bleich, aber aus ſeinem Blicke ſprach keine Furcht. Tödten Sie mich, ſagte er, Sie können es ja. Vater und Sohn, es iſt am beſten ſo! Der Graf ſchwieg einen Augenblick. Leonie erhob ſich geräuſchlos und glitt leiſe hinter ſeinen Stuhl. Aber er ſchien ihre Bewegung zu ahnen, denn, ohne das Geſicht nach ihr zu wenden, ſchloßen ſich ſeine Finger enger um das Käſtchen. Wenn ich Sie tödten wollte, ſagte er dann, ſich ebenfalls erhebend, ſo hätte ich es gleich gethan, bevor ich Ihnen das Geheimniß meines Lebens anvertraut. Aber es iſt etwas in Ihnen, das ich achten und ſchonen muß: das iſt das Bluk Ihrer Mutter, und an dieſes wende ich mich. Sie wiſſen nun, zu welchen Ver⸗ brechen eine That führen kann, die Sie bis jetzt nur im Lichte der Leidenſchaft geſehen. Sie wiſſen, daß Sie ein Weib lieben, das vielleicht Ihre Schweſter iſt. Dieſes Weib habe ich als meine Tochter erzogen und ſeine zweifelhafte Geburt mit meinem Namen und mit meiner Ehre gedeckt. Als meine Tochter hat ein Ehren⸗ mann Leonie aus meinen Händen erhalten und das Glück ſeines Lebens auf ſie gebaut. Sie iſt zu ihrer Wahl nicht gezwungen worden. Armuth und Sorge, welche ihre Mutter drängen mochten, hat die Tochter nie gekannt, und in vollkommener Freiheit hat ſie unter allen Männern, die um ſie warben, allen meinen War⸗ nungen entgegen, ſich ihrem Gatten zugewandt. Für ihr Glück habe ich ſomit gethan, was ich vermochte, und ihr gegenüber iſt meine Rechnung geſchloſſen— aber gegen ihren Mann habe ich eine Verpflichtung er hat mir geglaubt, und ſein Glaube ſoll nicht getäuſcht werden. Dann habe ich noch einen andern Grund: Otto hat Sie ſchon einmal in Verdacht gehabt, und ich habe keinen zweiten Sohn.— Und darum, Herr Marquis, 204 Hermine Wild. ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, werde ich Sie er⸗ ſchießen, wie ich Ihren Vater erſchoß, wenn Sie mir nicht ſchwören, daß jede Beziehung zwiſchen Ihnen und der Gräfin von dieſem Augenblicke an für immer ab⸗ gebrochen iſt. Die Gräfin iſt frei, ich werde ſie nicht mehr ſehen, i Louis mit erſtickter Stimme und abgewandtem eſicht. Leonie ſank mit einem Seufzer auf ihren Sitz zurück. Schwören Sie! befahl der Graf. Ich ſchwöre— bei meiner Mutter ſchwöre ich! ſprach der Marquis mit tonloſer Stimme⸗ Ich glaube Ihnen, ſagte der Graf feierlich, denn Sie ſcheinen mir doch beſſer, als Ihr Vater zu ſein. Die Zeit wird kommen, wo Sie dieſe Prüfung als ein Glück betrachten werden.— Und nun werde ich Ihnen hinausleuchten, Herr Marguis, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. Er öffnete die Thüre. Mit einer raſchen Bewe⸗ gung wandte Louis ſich nach Leonie und breitete un⸗ willkürlich die Arme nach ihr aus. Aber ſie ſchien ihn nicht zu ſehen, und der Graf wartete auf ihn. Erſt als die Thüre ſich hinter ihm und ihrem Vater geſchloſſen hatte, ſprang ſie auf und wollte ihm nacheilen; ſie rang die ſchönen Hände, ſie ſank in die Kniee und ſchlug den Boden mit der Stirne. O warum bin ich nicht gleich geflohen? jammerte ſie laut. Doch plötzlich erhob ſie ſich, ſie blickte düſter vor ſich nieder, ein kurzer Kampf glitt über ihre Züge und dann ſammelten ſie ſich in einem eiſernem Ent⸗ ſchluß.— Und er iſt doch nicht mein Bruder, ſagte ſie dumpf. Was wiſſen wir Beide von dem, was unſere Eltern gethan? Louis, du kannſt nicht von mir laſſen — o Louis! es wäre unſer Beider Tod! Sie warf ein Tuch um die Schultern und eilte hinaus. Sie hörte, wie ihr Vater das Thor verſchloß, aber ſie wußte, welcher Weg für Louis offen ſtand, Eure Wege ſind nicht meme Wege. 205 ſie ſchloß ihr Zimmer und zog den Schlüſſel ab, flog den Gang hinab und über die Seitentreppe in den Park. Es war, als habe ihr Wille ihr Flügel verlie⸗ hen, und unten im Park neben der Mauer, die ihn umſchloß, begegnete ſie dem Marquis. Der Graf war auf ſein Zimmer zurückgekehrt, er ſtellte das Licht auf den Tiſch.— Ich habe meine Schuldigkeit gethan, dachte er, aber ich bin müde— ſehr müde. O ſtille Ruhe, wann kommſt du denn? Er fuhr auf: ein Schrei— ein entſetzlicher Schrei ſchlug aus dem Parke an ſein Ohr. Er horchte, Alles war ſtill. Er öffnete das Fenſter und hörte nichts mehr. Ich muß mich getäuſcht haben, dachte er. Doch ließ es ihm keine Ruhe, er ging zu Leonie's Zimmer und horchte an der Thüre, aber auch hier regte ſich nichts. Er wollte öffnen, die Thüre war geſchloſſen. Sie wird allein ſein wollen, ſagte er ſich und kehrte in ſein Zimmer zurück. Den folgenden Morgen in aller Frühe wurde laut und heftig an das Hauptthor des Schloſſes gepocht. Ein Arbeiter hatte die Gräfin ſcheinbar leblos im Gar⸗ ten liegen geſehen. Die ganze Dienerſchaft gerieth in Aufruhr. Man hob ſie auf, ihre Kleider waren vom Thau der Nacht ganz durchnäßt. Indeſſen war ſie nicht todt, nicht einmal bewußtlos ſchien ſie zu ſein, denn ſie ſtöhnte laut und unausgeſetzt; aber gehen konnte ſie nicht, und man trug ſie in das Schloß. Die Thüre ihres Zimmers wurde erbrochen, ſie mußte den Schlüſ⸗ ſel von ſich geſchleudert haben, als ſie dem Marquis begegnete, denn ſpäter fand man ihn an der Mauer des Parkes, und Niemand konnte ſich erklären, wie er dahin gekommen war. Der Graf eilte in großer Beſtürzung herbei; ein Arzt wurde geholt; aber alle angewendeten Mittel blie⸗ ben wirkungslos. Sie weinte nicht, es war ein inneres Stöhnen, dem keine Klage ſich vergleichen ließ. Der Arzt ſchüttelte den Kopf und erklärte es für eine Nerven⸗ — Ree —— eeee 206 Hermine Wild. erſchütterung. Zeit und vollkommene Ruhe ſeien das einzige Mittel, meinte er Sie ſträubte ſich auch gegen nichts, aber ihr Zuſtand blieb unverändert. Sie lag mit geſchloſſenen Augen und ſchien Niemand zu er⸗ kennen. Ihr Mann riß ſich von allen Geſchäften los und eilte herbei als er die Nachricht von ihrer Krankheit erhielt. An dem Tage, da ſeine Ankunft erwartet wurde, verlangte ſie zum erſten Male aufzuſtehen und ließ ſich ankleiden, dann ſetzte ſie ſich und wartete., Er kam, böſer Ahnungen voll, denn alle ihre Be⸗ fürchtungen vor ſeiner Abreiſe waren ihm eingefallen, aber dennoch übertraf das, was er fand, ſeine ſchlimmſten Vorausſetzungen bei weitem, und er ſchlug die Hände ſchmerzvoll zuſammen vor dem bleichen, ſchattengleichen Abbild ſeiner jungen, vor Kurzem ſo blühend friſchen Frau. Bei ſeinem Eintritt hatte ſie ſich erhoben; ſie ging ihm entgegen und ſank ſchweigend an ſeine Bruſt. Das ſchöne Haar, mit dem er ſo gerne geſpielt, hatte man ihr abſchneiden müſſen, ſie ſah jünger aus, und faſt ganz wie ein Kind. Leonie! rief er in tiefen Schmerz, ſie inuig an ſeine Bruſt ſchließend und ihr in die Augend ſehend. O, was haben ſie aus dir gemacht! fuhr er fort und blickte vorwurfsvoll ſeinen Schwiegervater an. Ich hatte es dir vorausgeſagt erwiderte ſie. Er hob ſie auf, trug ſie auf das Ruhebett zurück und ſank neben ihr auf die Kniee. Sie ſah zu ihm nieder und legte die kleine abgemagerte Hand auf ſei⸗ nen Kopf. Du kommſt eben recht, mich ſterben zu ſehen, ſagte ſie. Die alte Härte war noch immer in ihr. Er ſchloß ſie in die Arme und ſchluchzte laut. Der ruhige, kluge Mann war nicht zu erkennen, ſo brachte ihn die Verzweiflung außer ſich. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 207 Wir gehen fort von hier, war ſein erſtes Wort, als er der Rede wieder mächtig war. Ein Schatten ihres ehemaligen Lächelns glitt über ihre Züge, verſchwand aber ſogleich wieder. Nun iſt es zu ſpät, ſagte ſie. Dennoch ſchien die verſprochene Veränderung ſie ein wenig zu beleben, und ſie ordnete ſelbſt Manches zu ihrer Abreiſe an. Sie frug nicht, wohin er ſie bringen würde, und er führte ſie nach Rothwalde, wo⸗ hin ſie ſich vor ihrer Trennung von ihm ſo ſehr zu ſehnen ſchien. An ſeinem Arme durchwanderte ſie wie⸗ der die Alleen, die ſie zuerſt blühend in allem Glanze ihrer Jugend und ihres Glückes geſehen. Aber es war nicht mehr dieſelbe Leonie! Das feine Gewebe ihrer Nerven, dieſes Meiſterwerk der Natur, war zerriſſen wie durch einen rohen Griff, und alle Verſuche, ſie zu neuem Leben zu wecken, ſcheiterten an der Apathie, in welche ſie ſich wie in ein Leichentuch hüllte. Putz und Koſtbarkeiten und tauſend Kleinigkeiten, die ſie ſonſt ſo ſehr geliebt, wurden um ſie gehäuft. Sie nahm ſie in die Hand, lächelte und legte ſie theil⸗ nahmslos wieder weg. Was früher Mark und Saft ihres Lebensbaumes geweſen war, Stolz, Leidenſchaft, Eitelkeit und— nur in anderem Sinne freilich, als man es gewöhnlich nimmt— die zarte und vollendete Weiblichkeit, die über ihre ganze Erſcheinung ausge⸗ goſſen war, Alles war entſchwunden auf immerdar. Die Krankheit, welche die Mutter nach Jahren dahingerafft, entwickelte ſich bei der Tochter in reißen⸗ der Schnelligkeit. Sie welkte ſichtbar dahin und blieb doch immer rührend ſchön. Endlich konnte ſie nicht mehr gehen. Der Tod, der ihr früher ſo viel Grauen eingeflößt, ſchien ihrer Phantaſie nur mehr ein grau⸗ ſames Spiel zu ſein. Für ihre zarten Arme waren die goldenen Armbänder alle nun zu groß. Mit einer katzenartigen Luſt an fremdem Leid machte ſie ihren 208 Hermine Wild. Mann aufmerkſam darauf. Nun biſt du bald von mir erlöſ't, ſagte ſie. O Leonie! war Alles, was er erwidern konnte, indem er ſich ſprachlos hinwegwandte. Der tiefe Gram in ſeiner Stimme durchſchauerte ſie. Sie blickte auf und beobachtete ihn einen Augenblick. Verzeihe mir! rief ſie aus und warf ſich an ſeine Bruſt, ich will's nicht mehr ſagen. Otto kam, ſie zu beſuchen; aber ſie hatte weder Wort noch Blick für ihn. Freudetrunken war er mit Mariens Jawort angekommen; nun, bei dem Anblick ſeiner Schweſter, ſchwand alle ſeine Freude hin. Laut weinend ſtand er an ihrem Bette, da wandte ſie ſich plötzlich nach ihm um. Auch du haſt mich tödten helfen, ſagte ſie; du, Alle— ach! und Er— und Er!— ſie drehte das Geſicht nach der Wand, und zum erſten Male ſeit ihrer Krankheit weinte ſie, leiſe aber bitterlich. Graf Hoheneck verließ Leonie keinen Augenblick, er geizte mit jeder Minute, die das entfliehende Leben ihm noch gewährte, und ſie war ſanft und freundlich gegen ihn. Ja, das iſt Liebe! ſagte ſie einmal, ihre Hand in die ſeine gelegt. Ach, was man will, das kann man nicht, und was man kann, das will man nicht! Sie küßte gerührt ſeine Hand. Du hätteſt mich nicht verlaſſen! ſetzte ſie hinzu, und Thränen verdun⸗ kelten ihren Blick. Die harte Rinde um ihr Herz mußte doch etwas geborſten ſein. Nur ſeinen Liebkofungen wich ſie mit Aengſtlichkeit aus. Nun die Verſtellung keinen Zweck mehr für ſie hatte, plagte ſie ſich auch nicht mehr damit.. Als jede Hoffnung, ſie zu retten, verſchwunden war, kam auch ihr Vater an. Sie zuckte zuſammen, als ſie ſeine Stimme vernahm, und wandte das Geſicht hin⸗ ſet war das einzige Zeichen des Erkennens, das ie gab. Eure Wege ſind nicht meine Wege. 209 Ich bin ganz zertreten, ganz wund! flüſterte ſie. als er, über ſie gebeugt, an ihrem Bette ſtand. Er ging hinaus, er konnte es nicht ertragen, das junge Leben, das er zu ſchützen gelobt, nun an der Wunde, die er ihm beigebracht, unaufhaltſam verbluten zu ſehen. Dennoch wachte die alte dämoniſche Kraft noch einmal in ihr auf, als er eines Tages allein in ihrem Zimmer leiſe zu ihr trat, weil er ſie ſchlafend glaubte. Sie ſetzte ſich auf, ſtrich die wirren Haare aus dem Geſicht und ſah ihn an mit einem wilden Blick: Und ich war doch nicht unſchuldig! ſagte ſie und ſank zurück. Sie ſtarb, wie ſie gelebt; ſie hatte nie eine Schuld in ſich gefühlt, und weder Reue noch Angſt trübten ihren letzten Augenblick. Sonderbar war es, daß nie eine Ahnung in ihr aufdämmerte, wie ſie ſich ihr Schickſak doch ſelbſt gemacht. Ihr Sinn für das Schöne und Zierliche lebte noch in den letzten Stunden in ihr. Sie kokettirte ſozuſagen mit dem furchtbaren Zerſtörer, dem ſie entgegenging. Sie ließ ſich ankleiden, und man mußte Blumen bringen an ihr Bett. Mit den zarten Händchen ſtrich ſie mehrmals über die friſchen Kelche hin: Morgen, flüſterte ſie, wo ſind wir dann? Sie ließ das Fenſter öffnen, und die Abendſonne übergoß mit blendendem Licht die ſchattenhafte, bräut⸗ lich weiße, noch immer unausſprechlich liebliche Geſtalt. Lebewohl! ſagte ſie und hob wie grüßend die ſchwache Hand. Und ohne Gewalt, ſanft wie ein Sonnenſtrahl, verlöſchte ſie auch. Selbſt im Tode war der wunderbare Reiz nicht von ihr gewichen, der ſie im Leben geſchmückt. Wie ein hülfloſes Kind lag ſie da, Schutz bedürfend und Schutz erflehend. Sie war noch nicht zwanzig Jahre alt, als man ſie zu Grabe trug.. Ihr Mann war in Verzweiflung. Von der wah⸗ ren Urſache ihres Todes erfuhr er nie etwas und wollte nie etwas erfahren. Er ſchrieb ihn ſtets der Härte Nopellenſchatz. Bd. TKII. 14 4 210 Hermine Wild. zu, mit welcher er ihre Bitte, ſie nicht nach S. zu ſchicken, von ſich gewieſen. Louis blieb verſchollen ſeit jener Nacht, die ein ſo ſchreckliches Licht auf ſeine Liebe geworfen. Erſt nach Jahren wollten die Zeitungen von einem jungen Geiſtlichen franzöſiſcher Abkunſt wiſſen, der, plötzlich in Braſilien erſchienen, durch ſeinen Eifer und ſeine Menſch⸗ lichkeit überall Liebe und Verehrung gewonnen. Als das gelbe Fieber mit ungewöhnlicher Wuth unter der farbigen Bevölkerung des Landes ausbrach, widmete er ſich der Pflege der Verlaſſenen, und die Seuche hatte ihn bald hinweggerafft. Aus den Papieren, die man bei ihm gefunden, wollte man wiſſen, er ſei der Letzte geweſen des altberühmten Hauſes Derer von Chantelvup. So war der Traum ſeiner Kindheit in Erfüllung gegangen, nur anders wohl, als er es ſich gedacht; er ſtarb als ein Märtyrer der Menſchheit, aber ſtatt der göttlichen Liebe war es die irdiſche ge⸗ weſen, welche ihn zu ſeinem hohen Ziele geführt. In S. ging durch Otto's Vermählung mit Marie ein reges, glückliches Leben auf, durch welches der alte Graf wie ein finſterer Schatten ſchlich. Leonie's Tod hatte den letzten Funken ſeiner Kraft vernichtet. Er erlebte es noch, ſeinen erſten Enkel zu ſehen, aber ſelbſt dieſe Freude bannte die Erinnerung an die Verſtorbene nicht, und keine Vernunftgründe vermochten den Wurm zu tödten, der ihm am Herzen fraß; denn vielleicht— vielleicht war ſie ja doch ſein Kind, und vielleicht war es der Stachel ſeiner Liebloſigkeit geweſen, der ſie zu⸗ erſt ihrem Verderben entgegentrieb. Eine Nacht. Von Frnſt Andolt (Bernhard Abeken). Weſtermann's Illuſtrirte Monatshefte. 1857. 14* Bernhard Abeken wurde am 27. März 1826 in Braun⸗ ſchweig geboren, ſtudirte in den Jahren 1845— 1849 in Heidel⸗ berg, Bonn und Berlin die Rechte, wurde 1850 Auditor, 1856 Advocat in ſeiner Vaterſtadt, gab aber die Advocatur nach einigen Fhren wieder auf, um ſich belletriſtiſchen und journa⸗ liſtiſchen Arbeiten zuzuwenden. Sm Januar 1874 wurde er als Abgeordneter für den zweiten Wahlkreis des Herzogthums Braunſchweig in den Reichstag gewählt, in welchem er ſich der national⸗liberalen Partei anſchloß. Die Nopelle, die wir hier mittheilen, entſtand in Folge einer Preisausſchreibung von Seiten der Redaction der Weſter⸗ mannſſchen illuſtrirten Monatshefte. Sie iſt ungekrönt ge⸗ blieben, vielleicht gerade wegen der Vorzüge, die ſie uns der Aufnahme in den Novellenſchatz würdig erſcheinen ließen: jener feinen Schlichtheit und Klarheit des Tones, die faſt an eine frühere Epoche, an die Stilfarbe Rumohr's und Geiſtes⸗ verwandter erinnert. Hierzu kommt der überaus glücklich durchgeführte beſcheidene Humor, der ſchon in der Faſſung der Aufgabe hervortritt. Eine Reihe bedeutſamer Abenteuer aus kriegeriſch bewegter Zeit werden von einem Manne des Friedens erzählt, der ſeine eigene Aengſtlichkeit, ſeinen Man⸗ gel an phyſiſchem Muth treuherzig eingeſteht, und dennoch unſeren Antheil zu gewinnen weiß, da er in den entſcheidenden Augenblicken das Herz immer auf dem rechten Flecke hat. Auch die Charakteriſtik der übrigen Perſonen und die Führung der Handlung zeigen eine ſo ſichere Hand, daß u in dem Pſeudonymus„Ernſt Andolt“ mit gutem Recht ei gereiften Novelliſten vermuthen durfte. Um ſo überraſchender war die Entdeckung, daß die Novelle eine Erſtlingsarbeit eines in ganz anderem Berufe thätigen Dilettanten ſei, und zwar zugleich die 214 erſte und letzte, ein Fall, der gerade im Gebiete der Novelle wohl einzig daſtehen möchte. Fünf Jahre ſpäter freilich hatte derſelbe Autor unter ſeinem wahren Namen einen Roman „Greifenſee“(Rümpler 1862) erſcheinen laſſen, der aber zum größten Theil ſchon aus der Studentenzeit ſtammte und durch mancherlei lebendige Details nicht für die mangelnde Reife und die zerſtreute Geſammtwirkung entſchädigen konnte. Die Novelle dagegen wird ihren Platz unter den eeſeeih⸗ lungen zünftiger Novelliſt o ehrenvoll behaupteih wie in der Zeit, die ſie ſchildert, die Freiwilligen in den Reihen des ſtehenden Heeres. Aber nun zu der Bowle eine Geſchichte! Wer erzählt uns eine Geſchichte? Ja eine Geſchichte, aber eine wahre. ünd die zugleich überraſchend iſt. Und recht ſchauerlich; o Herr Paſtor, Sie ſind unſer Mann; würzen Sie unſern Punſch mit einer Geſchichte aus Ihrem thatenreichen Leben!— Alle Blicke richteten ſich auf den Paſtor, welcher ſchmunzelnd umherſchaute. Aus meinem thatenreichen Leben? ſagte er mitleidig lächelnd.— Wahrhaftig— wenn alle Menſchen ſo thatenreich gelebt hätten, als ich— es ſühe recht ſtill und friedlich auf der Welt aus. Nein, meine Lieben! ich bin weder ein Gil⸗Blas, noch ein Münchhauſen; ich bin em ruheliebender Die⸗ ner des Herrn, der ſeit vielen Jahren nicht über die Grenze ſeiner Pfarre hinausgekommen iſt. Wenden Sie ſich lieber an den Herrn Major— Beileibe nicht! rief dieſer, ich will mich hängen laſſen, wenn mein Kriegerleben in dieſer friedlichen Zeit nicht eben ſo unblutig als das ſeiner Hochehr⸗ würden geweſen! Aber wenn ich nicht irre, ſo ſind Sie, Herr Paſtor, in der weſtphäliſchen Zeit Mitglied einer geheimen Verbindung geweſen— auch ſollen Sie ein⸗ mal über Hals und Kopf bei nächtlicher Weile wegen Conſpirationen nach Caſſel transportirt ſein; ich weiß Ernſt Andolt. nicht, wer mir davon geſagt hat; das können Sie uns i einigen pvetiſchen Ausſchmückungen zum Beſten geben. In der That, verſetzte der Geiſtliche, ich habe in meiner Jugend etwas der Art erlebt; aber ich zweifle, ob dieſe mir ſelbſt allerdings höchſt intereſſante Bege⸗ benheit geeignet ſein möchte— O gewiß! unterbrach man ihn von allen Seiten, erzählen Sie uns die Geſchichte Ihrer Conſgiration —— das muß herrlich in— Ich bin zu neugierig, Lief Fräulein Antonie, unſern lieben, frommen Paſtor als Genoſſen einer Verſchwö⸗ rung kennen zu lernen. Ich kann Sie mir gar nicht in ſolcher Rolle denken. Ich war auch der unſchuldigſte Menſch bei der ganzen Geſchichte, verſetzte Jener. Indeſſen, wenn Sie es denn hören wollen, ſo ſei es darum; aber ich bleibe außer Verantwortung, wenn Sie ſich dabei langweilen. So hören Sie denn den getreuen Bericht von der merkwürdigſten Nacht meines Lebens. Das Schneegeſtöber draußen und die nächtliche Stille, welche nur zuweilen ein heulender Windſtoß unterbricht, das Alles iſt eine vortreffliche Begleitung zu den Scenen, die ich Ihrer Phantaſie vorführen werde. Am 12. Februar 1812 Nachmittags ſtand ich in Halle auf meinem Studirzimmer und packte meinen Koffer. Dies Geſchäft war nicht ſo einfach, als es bei meinen geringen Habſeligkeiten zu erwarten ſtand. Denn wenn ich auch wenig Wäſche und keinen Ueberfluß an ſonſtigen Kleidungſtücken hatte, ſo beſaß ich doch ver⸗ hältnißmäßig viele, meiſt in Auctionen und Trödelbuden erſtandene Bücher, von denen ich aus Mangel an Raum nur einen Theil mitnehmen konnte. Die Auswahl wurde mir unendlich ſchwer; wohl ſämmtliche Bücher paſſirten nach und nach den Koffer, ohne daß ich zu einem End⸗ refultat gelangen konnte. Kaum glaubte ich fertig zu ſein und die Elite glücklich in den engen Raum ein⸗ Eine Nacht. 217 gepreßt zu haben, ſo fiel mein Blick auf neue, bisher überſehene Concurrenten, welche mir würdiger als manche der verpackten erſchienen. Da ſtritt ſich Platb mit Moosheim, Sophokles und Homer mit dem würdigen Klopſtock, das Heidenthum mit dem Chriſtenthum, Rö⸗ mer mit Griechen und Franzoſen; alle Sprachen und Nationen kämpften um den engen Raum. Da kam zum Glück als Deus ex machina zur Auflöſung dieſes tragiſchen Conflicts der Poſtknecht, um meinen Koffer abzuholen mit der Mahnung: ich möge mich beeilen, die Pferde würden ſchon angeſpannt. Nun packt ich raſch, ohne Wahl, in halber Verzweif⸗ lung Alles, was zunächſt lag, in dieſen literariſchen Noahkaſten; die profane Hand des Poſtmercurs half. mit verwünſchter Dienftfertigkeit, den Proceß zu be⸗ S ſchleunigen. Klapp! flog der Deckel in das Schloß des Koffers und dieſer auf den Schultern des Kerls zum Hauſe hinaus. Ich prüfte möglichſt ſchnell meine Ti⸗ lette, ſtopfte meine Pfeife, revidirte meine Taſchen, in deren Lücken ich noch einige Bände klemmte, warf einen letzten wehmüthigen Abſchiedsblick in die ſo lang⸗ bewohnten, theuren— nun ſchon halb verödeten Räume und eilte ſeufzend hinaus. Vor dem Poſtgebäude fand ich einen von außen nicht ſehr einladenden Beiwagen bereits meiner harrend und neben demfelben den Profeſſor H., meinen wür⸗ digen Lehrer und Gönner, deſſen gütiger Empfehlung ich die Hauslehrerſtelle verdankte, der ich entgegen fuhr. Ein letzter Händedruck, einige gerührte Dankes⸗ und Abſchiedsworte von meiner, einige mehr geflüſterte als geſprochene Warnüngen vor freiſinnigen Reden, fran zöſiſchen Spionen u. ſ. w. von ſeiner Seite, das war . Alles, was der Augenblick geſtattete; ich ſtieg— ſtürzte vielmehr in den Wagen; das Poſthorn tönte, und fort rollten wir. Ich will Sie, andächtige Zuhörer, mit den Rührun⸗ gen n mit welchen ein armer Candidat auf immer Ernſt Andolt. von der Muſenſtadt ſcheidet, in deren Mauern er die freieſten und ſtolzeſten, wenn nicht die ſchönſten drei, vier Jahre ſeines Lebens genoſſen hat. In ſolchen Augenblicken däucht uns nur die Vergangenheit werth und golden; die Zukunft mit ihren kleinen, bürgerlichen Verhältniſſen erſcheint uns ſchaal und armſelig und drückt bleiern auf die Schwungfedern unſrer Phantaſie. Neben mir in dem Poſtwagen ſaß ein Herr mit einem blaſſen Geſichte, welches einen ſtolzen, abge⸗ ſchloſſenen Ausdruck hatte, ſchwärzlichem Haar und Schnurrbart, in einem grauen, bis an den Hals zuge⸗ knöpften Rock. Ihm gegenüber ſaß ein junges Mäd⸗ chen, deren Geſicht ein liebliches Gemiſch von Seelen⸗ reinheit, Beſcheidenheit und Verſtand ausdrückte. Sie trug einen Hut von ſchwarzer Seide und war in einen einfachen braunen Mantel gehüllt. Ein viertes Indi⸗ viduum gab mir ſeine Anweſenheit in dem Wagen zu erkennen, indem es mich auf die Füße trat, ohne um Entſchuldigung zu bitten; dieſes unangenehme Vis-àvis beſtand in einem jungen, derbknochigen Geſellen, deſſen von langem, ſchlechtgekämmtem blondem Haar einge⸗ ſchloſſenes Geſicht von Geſundheit ſtrotzte; ſeine Unter⸗ kleider beſtanden trotz des kalten Schneewetters aus grauer Leinwand, und er ſchien ſo wenig von dem Einfluß der Witterung zu leiden, daß er eine Art Flausrock, welchen er darüber trug, nicht einmal zuzu⸗ knöpfen würdigte. Seine Hände waren groß und mäßig rein. Das war meine Reiſegeſellſchaft. Es war vier Uhr, als wir aus dem Thore der Stadt fuhren. Es war das letzte Mal, daß ich die Glocken der Muſenſtadt hörte. Ich wollte Reflexionen über meine Wagengenoſſen anſtellen und die Frage ſtillſchweigend erwägen, ob überhaupt und worüber etwa eine Unterhaltung ohne Gefährde zu eröffnen ſei.— O, Sie waren doch immer Derſelbe, unterbrach hier lächelnd eine ältere Dame den Erzähler; Sie haben 6 ich eben nur ein Feuerzeug hätte. Eine Nacht. 219 ſtets ein ganzes Compendium von Bedenklichkeiten und Vorſichtsmaßregeln im Kopfe. Wie kann man nur das Leben ſo ſyſtematiſch behandeln! Zumal ein Mann des Glaubens, des Gottvertrauens! Spotten Sie nur, verſetzte der Paſtor, ich bin es längſt gewohnt, mit meiner Vorſicht— oder, wie ſie Manche nennen möchten, Furchtſamkeit— geneckt zu werden. Aber was kann ich dafür, daß ich weiter ſehe, als andere Leute? Denn ohne mich loben zu wollen, ſage ich es ganz kühn heraus: meine ſoge⸗ nannte Furchtſamkeit iſt keine Schwäche des Herzens, ſondern eine Stärke der Phantaſie und des Wiſſens. Der Unwiſſende ſieht keine Gefahr, wo der Wiſſende ſie in hundert Dingen, welche möglicher Weiſe unter gewiſſen Einflüſſen gefährlich werden können, in denen alſo irgend ein Unglück ſo zu ſagen embryoniſch ver⸗ borgen liegt, anticipirt. Genug; ich anticipirte— und Niemand kann mir die Berechtigung meiner Beſorgniſſe abſtreiten— in dem neben mir ſitzenden Schnurrbart einen franzöſiſchen Officier, der aus Gott weiß welchen Gründen incognito reiſen wollte, vielleicht gerade, um die Stimmung über den bevorſtehenden ruſſiſchen Feld⸗ zug zu erforſchen. Ich wollte eben in meinen Vermuthungen weiter⸗ gehen, als mir einfiel, daß ich meine Pfeife, den Hebel meiner geiſtigen Functionen, noch immer kalt und trocken in den Händen hielt; noch bevor ich die Frage ent⸗ ſchieden hatte, ob das Anzünden derſelben und der Geruch des Tabaks Niemand im Wagen beleidigen könnte, bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß ich mein Feuer⸗ zeug in der Eile der Abreiſe zurückgelaſſen. Jetzt erſt empfand ich das ganze Glück, die ganze Unentbehrlich⸗ keit einer brennenden Pfeife, jetzt ballte ich in der Taſche zornig die Fauſt gegen mein feindliches Schickſal; jetz fühlte ich, daß ich alle Rückſichten verachtend dem Kai⸗ ſer Napoleon ſelbſt ins Geſicht rauchen würde,— wenn 220 Ernſt Andolt. Der mir gegenüberſitzende Blondkopf ſchien meinen Schmerz zu errathen und ſagte mit einem überlegenen Lächeln: Ihr bedauert wohl gar, daß Ihr den Dunſt Eures Giftkrauts nicht einathmen könnt?— Ich war über die ſonderbare Anrede ſo beſtürzt, daß ich anfangs keine Antwort finden konnte. Indeß hoffend, dieſer etwas ungewöhnliche Eingang möchte bloß eine ironiſche Einleitung zu einem freundlichen Feuerangebot ſein, ſagte ich höflich: Könnten Sie, Verehrter, mir vielleicht aus der Noth helfen? Und wenn ich's auch tauſendmal könnte, ſo thät' ich's doch nicht, verſetzte er: ich werde wahrlich nie einem Menſchen behülflich ſein, ſich zu vergiften. Denn, ſetzte er mit ſalbungsvollem Tone hinzu, unſer Leib ſoll uns heilig ſein. Nach dieſen Worten ſtieß er das Wagenfenſter auf, fuhr mit dem Arm hinaus, ſchaufelte an der äußeren Wand des Wagens eine Handvoll Schnee zuſammen und rieb ſie ſich ins Geſicht. Mich fröſtelte bei dem Anblick. Ich blickte unwillkürlich die übrige Geſellſchaft an; der Herr neben mir verzog keine Miene, die junge Dame lächelte, und erröthete, als ich es bemerkte. Ich 7 hätte ſie gern angeredet; aber bei dem bloßen Gedan⸗ ten daran wurde ich ſo verlegen, daß ich nahe daran war, auch zu erröthen. Inzwiſchen verhüllte die raſch zunehmende Abenddämmerung die Geſtalten in dem Wagen mehr und mehr. Ich verſank in Betrachtungen über meine Zukunft, aus denen mich nur zuweilen die unruhigen Bewegungen des mir gegenüberſitzenden jun⸗ gen Bramarbas erweckten, welcher wiederholt ſeinen Kopf aus dem Wagenfenſter ins Schneegeſtöber hinaus⸗ ſteckte. Ein herrliches, urteutoniſches Wetter! Lisf er begeiſtert; wie wohl thut einer deutſchen Bruſt dieſer ſauſende Nordwind! Sagt an, Freund, vermißt Ihr bei dieſem reinen Hauch noch Euren Tabaksdunſt?— J ſehe wohl, erwiderte ich halb verdrießlich, halb lächelnd, Sie ſind ein abgeſagter Feind des Rauchens; aber Sie retten. Friſch, frei, fröhlich, fromm— das muß jetzt Eine Nacht. 221 ₰ werden mir wenigſtens zugeben, daß es, wenn es auch gerade kein ſehr geſundes, doch ein halb geiſtiges, ein ſo zu ſagen philoſophiſches Vergnügen iſt. Philoſophiſches Vergnügen? verſetzte er höhniſch; was Philoſophie! ich halte nichts davon. Das Wort klingt nicht deutſch, und die Sache iſt auch nicht deutſch. Das iſt ſo ein welſcher Tand, den die fränkiſchen Gottes⸗ läugner bei uns eingeſchwärzt haben, der Voltaire und Rouſſeau, und wie ſie alle heißen. Nein, Landsmann! traut nimmer auf den philoſophiſchen Quark. Frommer Glaubensmuth und keuſche Kraſt allein können uns die Loſung ſein. Dieſe Rede erfüllte mich mit heftigem Schrecken. Ich merkte wohl, daß ich einen jener wunderlichen Ordensbrüder vor mir hatte, welche in der Haſenhaide bei Berlin am„Reck“ und„Schwingel“ für die Rettung Deutſchlands arbeiteten. Ich erkannte zugleich, welch einen guten Kern die ungeſchlachte Außenſeite dieſes Jünglings barg, und hätte ihm gern verſichert, daß ich trotz meiner Tabakspfeife ſeine vaterländiſche Geſinnung theilte. Aber der Gedanke an meinen unheimlichen Nachbar, der jetzt vielleicht ſchon im Stillen aus jener Rede eine Denunciation formulirte, ſchnürte mir die Kehle zuſammen, und ich erwiderte kein Wort. Zu meinem Entſetzen aber fuhr der junge Menſch fort, ſich in ſeinen Lieblingsbetrachtungen zu ergehen. Ja, ja, ſagte er, wir haben uns Alle ſchwer verfündigt, und dafür müſſen wir jetzo büßen. Die Franken haben es herrlich verſtanden“ uns zu verderben. Erſt ſchickten ſie uns ihre philoſophiſchen Giftpulver aus der Vol⸗ taire'ſchen Apotheke und die ſchmutzigen Romänchen aus Crebillon's Küche über den Rhein; und ach! wie ſchnalz⸗ ten wir danach mit dem Zünglein! wie mundete unſern Großen und Schöngeiſtern die neue Koſt! wie gierig verſchlangen wir das Gift, das uns ausmergelte und ſiech machte an Sinn und Sitten. Aber danach kam 222 Ernſt Andolt. das Gericht; danach kamen die galliſchen Räuberſchaa⸗ ren mit Mann und Roß; und es half uns nichts, daß wir ihre Büchlein ſo fleißig ſtudirt und ihre Sprache ſo manierlich parlirten. Sie ſchlugen uns mit der eiſernen Zuchtruthe, machten die Pfalzen unſerer Fürſten zu Caſernen und unſere Gotteshäuſer zu Pferdeſtällen. Ha! wenn ich denke—— Um Grotteswillen, junger Mann, unterbrach ich ihn mit flehender Stimme, mäßigen Sie Ihre Hitze! Er ſah mich verächtlich an: Mäßige ſich, wer da mag; ich kann nicht ſchweigen, wo die Steine ſchreien möchten. Ja, Mäßigung! das iſt immer die Loſung der Philiſter in Zeiten der Schmach!— Verbindet euch das Maul, daß ihm keine Klage entſchlüpfe, kein Stoß⸗ gebet für das entweihte Vaterland!— Macht euren Henkern ein freundliches Geſicht, küßt ihnen die Hände, mit denen ſie euch geißeln!— Baut ihrem Oberhaupt Ehrenſäulen und macht Hymnen auf eure Niederlagen! Glaubt mir, Freund, wenn Alle ſo dächten und rede⸗ ten, wie dieſe klugen Leute, ſo käme nie ein Tag der Erlöſung. Ich war in der peinlichſten Verlegenheit; ich hätte den kühnen Sprecher umarmen mögen; ich fühlte mich beſchämt über die Meinung, welche ich bei ihm erweckt hatte; mehr als einmal öffnete ich den Mund, um ihn vom Gegentheil zu überzeugen. Aber nein! die Ueber⸗ legung ſiegte. Lieber eine Weile verkannt werden, dacht' ich, als zwei Menſchenleben für nichts und wieder nichts gefährden! Ich durfte ihn nicht noch tiefer in ſo gefährliche Reden verſtricken. Ich warf mich daher, ohne zu antworten, in meine Wagenecke zurück und machte Miene, zu ſchlafen. Er ſchwieg nun ebenfalls, und ich athmete freier.. Inzwiſchen hielt unſere Kutſche; wir waren bei der erſten Station angelangt. Ein mit der Laterne vor⸗ leuchtender Hausknecht führte uns in ein Wirthszimmer, in welchem eine behagliche Wärme meine fröſtelnden 8 3 Eine Nacht. 2²3 Glieder erquickte. Die Dame ließ ſich Kaffee, der Mann mit dem Schnurrbart ein Glas Grog geben, ich folgte ſeinem Beiſpiel und ſteckte mit großem Behagen nun endlich meine geliebte Pfeife an. Der Turner hatte ein Glas Waſſer hinuntergeſtürzt und war in den Hof gegangen, wo er, wie ich durchs Fenſter bemerkte, im Schnee mit großer Gewandtheit einige Verrenkungen und Purzelbäume ausführte. Ich blickte zerſtreut in ein auf dem Tiſche liegen⸗ des Zeitungsblatt; militäriſche Beförderungen, Truppen⸗ märſche, Hinrichtungen in Spanien, entdeckte Conſpira⸗ tionen und ähnliche Angelegenheiten— trübe Bilder einer eiſernen Zeit— bildeten den Inhalt derſelben. Unmuthig ſah ich auf, und meine Blicke fielen auf die junge Dame, welche mir in einiger Entfernung gegenüber ſaß und in ſchmerzliche Betrachtungen ver⸗ funken ſchien. Ach, wie verklärte der geheime Gram und die in ihrem Auge glänzende Thräne ihre Züge!— Jc, ſie war ſchön; in dieſem Antlitz malte ſich, was wir ſo oft vergebens ſuchen— eine Seele.— Ich ſtand auf und wollte ihr näher treten, als plötzlich die Thür heftig aufgeriſſen wurde und ein Mann in der Uniform eines Polizeibeamten eintrat und uns mit ſchnarrender Stimme zurief: Ihre Päſſe, meine Herren! Die ganze Erſcheinung dieſes Mannes hatte für mich etwas Impoſantes; die eiſige Ruhe ſeiner blaß⸗ gelben Phyſiognomie, der ſtechende Blick womit er uns durch und durch zu blicken ſchien, verriethen eine ſichere Allwiſſenheit und ſchienen, in Worte überſetzt, uns zu ſagen: Gebt euch keine Mühe, arme Schächer, mich zu täuſchen. Ich kenne euch längſt. Mit dieſer Miene prüfte er unſere Päſſe. Wie erleichtert fühlte ich mich, als er mir den meinigen ohne Bemerkung zurückgab. Auch der Paß des inzwiſchen wieder eingetretenen Turners ſchien ihn zu befriedigen, obgleich er die Figur desſelben mit einem mißtrauiſchen Blick maß, der jedoch allmählich in ein feines Hohnlächeln 224 Ernſt Andolt. überging. Jetzt kam der ſchweigſame Mann an die Reihe. Der Polizeibeamte betrachtete abwechſelnd ihn und ſeinen Paß aufmerkſam, legte dann den letzteren ruhig zuſammen und ſagte eben ſo ruhig: Herr Haupt⸗ mann, folgen Sie mir aufs Bureau; Sie können nicht weiter reiſen.— Was haben Sie gegen meine Legiti⸗ mation zu erinnern? fragte der Officier ſcharf; iſt ſie etwa nicht in Ordnung?— Sie folgen mir aufs Bureau, wiederholte Jener kalt, den Paß in die Bruſttaſche ſteckend.— Was ſoll das? rief der Hauptmann heftig; ich ſtehe im Dienſte eines mit Ihrem Souverän ver⸗ bündeten Monarchen, und ich erwarte, daß man mich in dieſer Eigenſchaft behandle. Mein König wird Ge⸗ nugthuung fordern, wenn— Er fordere ſie! Das iſt die Sache meiner Vorgeſetzten; ich handle auf höheren Fefehl. Wache!— Zwei Gensdarmen traten ein. Führt en Herrn nach dem Bureau, ſagte der Beamte, auf den Hauptmann deutend, er iſt Arreſtant. Habt ihr den Wagen durchſucht?— Zu Befehl, Herr Commiſſär, verſetzte einer der Gendarmen; wir haben nichts, als dieſen Tabaksbeutel gefunden.— Es iſt der meinige, rief ich unwillkürlich, als ich das mir ſo werthe Kleinod erkannte. Der Polizeimann gab ihn mir zurück und ſagte herablaſſend zu uns: Sie können abreiſen!— Ziemlich aufgeregt über die erlebte Scene ſtiegen wir wieder in den dunklen Poſtwagen, mit Ausnahme des Hauptmanns, welcher von den Gensdarmen be⸗ wacht zurückblieb. Das Poſthorn tönte, und fort rollte der Wagen in die beſchneite Landſchaft hinaus. In welcher Schreckenszeit leben wir! ſeufzte die junge Dame kaum hörbar. Ja wohl eine Zeit des Schreckens! erwiderte ich, erfreut, eine Gelegenheit zu meiner Rechtfertigung zu finden; eine Zeit, in der man mit Götz von Berlichin⸗ gen ſagen mag:„Schließt eure Herzen ſorgfältiger als eure Thore.“ Eine Nacht. Das iſt eben das Unglück, verſetzte der Schüler Jahn's; wenn Alle offen ſprächen und aus ihren Ge⸗ ſinnungen kein Hehl machten, würden bald die Gefäng⸗ niſſe der Feinde zu eng werden, und Tauſende würden ſich erheben wie ein Mann. Aber ſo ballt Jeder die Fauſt in der Taſche, und Keiner traut dem Anderen. Ich betheuerte ihm meine patriotiſchen Gefühle, machte aber beſcheidene Einwände gegen die Zumuthung, mich vor der Zeit muthwillig zu erponiren. Nachdem er dieſe meine Bedenken weitläufig bekämpft und, da ich verſtummte, widerlegt zu haben glaubte, auch einige düſtere Winke über die nahe bevorſtehende blutige Er⸗ hebung hingeworfen hatte, lehnte er ſich zurück und entſchlief ſanft, wahrſcheinlich in Folge der ſtarken Kör⸗ perübungen, zu welchen er den Hof des Sttehee benutzt hatte. Ich bemerkte dies mit Vergnügen u wollte nun nicht länger meinem wachſenden Intereſſe für die anmuthige Reiſegefährtin Zwang anthun; nach einiger Ueberlegung fragte ich ſie höflich über den Zweck ihrer Reiſe. Ich reiſe nach Helmſtädt, antwortete ſie, und von da weiter nach einem in der Nähe liegenden Gute. Ich fühlte mich freudig überraſcht: ſie nannte meine Vaterſtadt. Und Sie wollen dort vermuthlich längere Zeit verweilen? fragte ich ſchüchtern. Ich fürchte es. Das fürchten Sie? Haben Sie eine ſo ſchlechte Meinung von den dortigen Menſchen? Das nicht; aber die Urſache meiner Reiſe iſt ſo traurig, daß ich Hier ſchienen Thränen ihre Stimme zu erſticken. Ach! wie fühlte ich mein Herz von ihrem mir unbe⸗ kannten Leid zuſammengeſchnürt; wie kämpfte meine Theilnahme mit der Beſorgniß, zudringlich zu erſchei⸗ nen, wenn ich weiter fragte! Jedoch die Sympathie, oder wie Sie es vielleicht lieber nennen möchten, die Novellenſchatz. Bd. T. 15 226 Ernſt Andolt. Neugier hätte jedenfalls über die Schüchternheit geſiegt, wenn nicht—— aber ſo geht es immer im Leben: im Augenblick der intereſſanteſten Entwickelungen, der wichtigſten Aufklärungen plumpt irgend ein dummer Zufall dazwiſchen und bringt Alles in Confufion. Hier manifeſtirte ſich das Schickſal in der Geſtalt des Poſtillons, welcher plötzlich, nachdem er ſchon durch wildes Antreiben der Pferde, ſonderbare Schwenkungen des Wagens und unarticulirte Ausrufe Symptome einer bedenklichen Aufregung an den Tag gelegt hatte, von dem Pferde, auf welchem er ritt, hinunterfiel, in Folge deſſen die ſchon unruhig gewordenen Thiere ſich in Carriere ſetzten und ohne Zügel fortgallopirten, noch mehr angetrieben durch das Fluchen des eine Weile hinter dem Wagen hertaumelnden Poſtillons, welcher raſch und unbeſchädigt von ſeinem Falle erhoben atte. Das Gefühl der Gefahr verbannte ſofort bei der Geſellſchaft im Wagen alle anderen Empfindungen. Der Turner war erwacht, riß die Wagenthüre auf und lud unſere Reiſegefährtin ein, ſich ſeinem nervigen Arm anzuvertrauen; er wolle mit ihr aus dem Wagen ſprin⸗ gen, ſie habe nicht das Mindeſte dabei zu beſorgen, da er alle Arten von Sprüngen und Kraftſtücken mit der größten Sicherheit ausführe. Ich proteſtirte, und wir geriethen in einen heftigen Wortwechſel, den die Dame dadurch beendigte, daß ſie erklärte, ſich ruhig dem Schick⸗ ſal unſers Fuhrwerks überlaſſen zu wollen. Der Tur⸗ ner beſchloß jetzt, durch das Fenſter das Dach der Kutſche zu erſteigen und von dort aus in den Sattel des Reitpferdes zu ſpringen, um ſo die Leitung der Pferde zu übernehmen. Trotz meiner Gegenvorſtellungen führte er den erſten Theil dieſes Kriegsplanes mit lobens⸗ werther Gewandtheit aus: er gelangte glücklich auf das Dach; aber nicht weiter; mochte ihm von ſeinem erhöh⸗ ten Standpunkt aus betrachtet der Ritterſprung gefähr⸗ licher als zuvor erſcheinen, mochte die kalte Abendluft Eine Nacht. 227 beruhigend auf ſeine turneriſchen Wallungen wirken: er blieb auf ſeinem Gipfel zwiſchen Koffern und Kaſten ſitzen und rief uns die beruhigende Nachricht herunter, daß weitere Maßregeln nicht nöthig ſeien, da die Pferde auf der Landſtraße blieben und er ſchon von fern den Stationsort zu erblicken glaube. Trotz dieſer Verſicherung war ich nicht ruhig, ſon⸗ dern ergriff alle mir einfallenden Vorſichtsmaßregeln, um für den Umſturz des Wagens die ſchöne Gefangene desſelben möglichſt ſicher zu ſtellen. Ich häufte unge⸗ achtet ihrer herviſchen Gegenvorſtellungen alle im Wa⸗ gen befindlichen Kiſſen gleichſam als ein weiches Ge⸗ häuſe um und auf ſie. Ich weiß nicht, was ich in mneiner Herzensangſt, die in der Sorge für das ſchwä⸗ chere Geſchlecht einen Beſchönigungsgrund fand, Alles verſucht und gethan habe. Das Ende war, daß wir glücklich das nächſte Dorf erreichten, vor deſſen Poſtgebäude die ermüdeten Pferde mechaniſch Halt machten. Obgleich ich mit einem dankbaren Blick gen Him⸗ mel dem dunklen Gefängniß entſtieg und mit unbeſchreib⸗ lichen Gefühlen den kurzen elaſtiſchen Druck der beim Herabgleiten auf meinen Arm ſich ſtützenden Schickſals⸗ geführtin empfand— während der Turner mit einem gewaltigen Satze über uns weg dem aus dem Hauſe kommenden Poſtnieiſter in die Arme ſprang— ſo durch⸗ fuhr mich doch in demſelben Augenblick der ſchmerzliche Gedanke, daß ein tyramiſches Geſchick zwei vielleicht 3 ganz für einander geſchaffene Menſchenſeelen, welche es unter beängſtigenden Umſtänden zuſammengeführt hatte, ſchon jetzt durch ſeinen gebieteriſchen Spruch— viel⸗ leicht auf ewig— wieder trennen mußte. Ach! jeder verkaſſene Menſch, welcher vergebens nach einer ihm harmoniſchen, von der Natur gerade für ihn geſtimm⸗ ten und beſtimmten Perſon ſeufzt iſt dieſer wohl ſchon 1 auf den flüchtigen Pfaden des Lebens begegnet, ohne 1 ſein Glück geahnt zu haben, oder doch wieder an den 228 Ernſt Andolt. Kreuzwegen des Schickſals von ihr getrennt worden, ehe die Ahnung zum Bewußtſein werden konnte. Um es kurz zu ſagen, ich war am Ziel meiner Poſtreiſe; ein Wagen meines künftigen Brodherrn ſollte mich an der Station erwarten und nach dem benach⸗ barten Landſitze desſelben entführen. Ein im Hofe haltendes beſpanntes Cabriolet blickte mich finſter an. Sie lächeln, wie ich ſehe, über eine ſo ſchnell ent⸗ ſtandene, ſo wenig durch die Dauer des Zuſammenſeins motivirte Zuneigung. Aber fordern Sie für Alles Motive— nur nicht für derartige Gefühle. Inzwiſchen fluchte der Poſthalter entſetzlich; er hatte Gründe genug zum Zorn: der fehlende Poſtillon — die ſchweißtriefenden, ſchnaubenden Pferde, ſeine bei dem Sprunge des Turners zerbrochene Brille— Alles kam zuſammen, dieſen Ehrenmann zu erbittern. Ich führte die Dame in das von einem Talglichte matt erhellte Wirthszimmer und fragte, als ſie ſich in einem alterthümlichen Seſſel niedergelaſſen, wie ſie ſich nach dem Schreck befinde?— Ich glaube, ſagte ſie lächelnd, die Sache hat mir von Allen am wenigſten Schreck gemacht; was hilft auch das Fürchten? Gefahr iſt überall; und ſchon häufig hab' ich bemerkt, daß uns die Uebel, welche uns am meiſten Sorge machen, am wenigſten treffen, dagegen andere, an die wir gar nicht gedacht habe.— Die Hauptſache iſt, daß man ſich auf ſeine Glieder ver⸗ laſſen kann, ſagte der während der letzten Worte ein⸗ getretene Turner.— Das nützt verdammt wenig, rief der ihm folgende Poſtmeiſter, wenn man ſich nicht auf ſeinen Verſtand verlaſſen kann; und es zeigt verdammt wenig Verſtand, bei drei Grad Kälte auf dem Kutſchen⸗ dache zu fahren und den Leuten ins Geſicht zu ſpringen. Der Turner ſuchte ihn zu begütigen; der Poſt⸗ meiſter ſagte: Nun, die Sache iſt abgemacht. Wer von den Herrſchaften reiſ't weiter? Ich erwarte hier, ſagte ich vortretend, ein Fuhr⸗ werk des Freiherrn von— Eine Nacht. 229 Ah! das ſind Sie! ſagte er; der Wagen hält hier ſchon ſeit einer Stunde. Johann! rief er einem ein⸗ tretenden Livreebedienten zu, hier iſt der Herr endlich, den Ihr fahren ſollt. Der gnädige Herr erwartet Sie, ſagte der Be⸗ diente ſich verbeugend; belieben Sie einzuſteigen. Sogleich, ſagte ich ſeufzend und näherte mich trau⸗ rig der jungen Dame, um ihr Lebewohl zu ſagen. Ach! warum war auch der rothnaſige Poſtmeiſter, der Tur⸗ ner und der Bediente im Zimmer! Was für ein Ab⸗ ſchied!— Was ich dem Fräulein geſagt, was ſie darauf ge⸗ antwortet, wie wir Beide dabei ausgeſehen haben— das hab' ich nie erfahren. Ich habe eine dunkle Erinnerung, daß ich hinaus ging, daß ich in einen weichgepolſterten Wagen zu ſitzen kam, und daß dieſer Wagen auf einem ſehr holperigen Weg mit mir davonfuhr. Der Weg führte allmählich aus dem offenen Felde in einen Eichenwald. Die rieſigen Stämme mit ihren weitausſtrebenden entlaubten Aeſten hoben ſich majeſtä⸗ tiſch aus dem glänzenden Schnee empor, Darüber flim⸗ merten die Mhriaden Sterne auf ihrem ſchwarzen Schattengrunde. Es legte ſich weich und ſtill um mein Herz; die ſchweigende Majeſtät der Natur gab mir eine tiefe, göttliche Ruhe. Ja, redete ich innerlich, ich will euch ſeſt anſehen, ihr knorrigen Eichen, und euch. ihr blitzende Sterne hoch oben, als ſähe ich euch zum letzten Mal. Und wenn auch der frevelhafte Wahn⸗ ſinn der Menſchen rings umher ſo manches Glück zer⸗ trümmert, wenn auch die idealen Hoffnungen der Ju⸗ gend immer mehr verdorren in dem winterlichen Sturm dieſer Zeit, wenn auch alle anderen Freuden verſiegen: du bleibſt dir gleich und uns allgegenwärtig, ewige Natur, ein unerſchöpflicher Born von Wonne jedem Gemüth, das zu genießen weiß. Deine Reisze kann uns keine Thrannei verkümmern; kein Despotenarm reicht„ 230 Gruſt Andolt. ſo weit, um die leuchtenden Wahrzeichen dort oben aus⸗ zulöſchen! O gütiger Gott, wenn auch mein Herz einſt kälter ſchlagen und für Vieles abſterben wird, erhalte mir wenigſtens bis zum letzten Athemzuge dieſe reine, erfriſchende Freude an Deinen Werken! Der Wald lichtete ſich; wir fuhren durch ein Thor, dann durch eine Allee, an deren Ende ſich einige erleuch⸗ tete Fenſter zeigten. In einigen Secunden hielt der Wagen vor einem weiten, ſchloßartigen Gebäude. Eine Hünengeſtalt von Diener öffnete den Schlag. Ich ord⸗ nete ſo gut als möglich im Dunklen meine Toilette und ſtieg aus. Ich betrat eine weite mit Hirſchköpfen und anderen Jagdemblemen geſchmückte Hausflur; der Hüne ergriff einen ſchweren meſſingenen Armleuchter und ſchritt mir ſchweigend voraus eine breite Treppe hinauf, dann durch einen Corridor, an deſſen Ende ſich eine Thür öffnete, aus der mir ein Mann entgegentrat. Es war eben ein Mann: ſein Geſicht, ſeine Geſtalt, Alles an ihm ſprach Kraft und Entſchiedenheit aus; er trug einen kurzen grünen Sammetrock und ſchwarze Unterkleider. Seien Sie mir willkommen! ſagte er mit ernſter Herzlichkeit, indem er mich durch eine Bewegung einlud, in das Cabinet zu treten, während der Diener ſich entfernte.. In dem kleinen Zimmer, deſſen einziges hohes Fenſter mit ſchweren blauſammetnen Gardinen verhan⸗ gen war, verbreitete eine in einem großen Kamin lo⸗ dernde Flamme behagliche Wärme. Ein in der Ecke befindlicher Schreibtiſch war mit Briefen und Papier⸗ ſtößen bedeckt; einige Reihen Bücher ragten darüber em⸗ por und über dieſen auf einer Conſole die broncene Büſte Friedrich's des Großen. Ueber dem Kamin hing ein altes Gemälde, das Bruſtbild eines Ritters dar⸗ ſtellend. Eine halb geöffnete Seitenthür führte in ein anderes Zimmer. Glückliche Reiſe gehabt? Eine Nacht. Ich danke Ihnen— ja, Herr Baron. Nirgends angehalten? Nein! die einzige kleine Gefahr, die ich auf der kurzen Tour zu beſtehen hatte, war, daß auf der letz⸗ ten Station die Pferde durchgingen. Aber Alles gut abgelaufen? Mit Gottes Hülfe— ja. Freut mich. Jetzt zur Sache! Niemand kann uns hier hören; was bringen Sie mir? Freilich nur mich ſelbſt und die ergebenſten Grüße dem edlen Profeſſor H., dem ich das Glück ver⸗ anke— Profeſſor H.? Hat man ihn eingeweiht? Seit wann? Mir neu. Soll allerdings ein guter Patriot ſein—— O gewiß, Herr Baron, und ein herrlicher Exeget, und wenn er wollte, könnte er unſer größter Kivchen⸗ hiſtoriker ſein. Nun, davon wiſſen wir nichts; Sie ſcheinen ſich ſehr für Wiſſenſchaft zu intereſſiren, mehr als Officiere ſonſt pflegen— aber zur Sache: Hat Ihnen Graf Chaſot Briefe mitgegeben? Graf— Chaſot?— Man denke ſich mein Erſtau⸗ nen, als ich in ſo naher Verbindung mit meiner ge⸗ ringen Perſon den Flügeladjutanten des preußiſchen Königs nennen hörte. Der Baron runzelte die Stirn. Was ſollen dieſe Poſſen? rief er ärgerlich; zweifeln Sie, daß ich der bin, an den Sie adreffirt ſind— oder hat vielleicht das Berliner Eomité neue Vorſichtsmaßregeln und Er⸗ kennungsceremonien vorgeſchrieben? Doch plötzlich, als wenn ihm ein Licht aufginge, ſah er mich halb erſchrocken, halb drohend an und ſagte heſtig: Herr, wer ſind Sie⸗ Wie kommen Sie hierher? Ich nannte meinen Namen und erzählte die Ver⸗ anlaſſung meiner Reiſe— freilich verlegen genug; denn ich ſah ein, daß hier ein Mißverſtändniß obwalten mußte. 232 Ernſt Andolt. Der Freiherr wurde während meiner Rede leichen⸗ blaß. Für wen halten Sie mich denn aber, rief er, für wen? Für den hochverehrlichen Freiherrn von Stawitz, der mir auf Empfehlung meines Gönners, des Pro⸗ feſſors H., die Erziehung ſeiner Kinder anzuvertrauen die Gewogenheit hatte. Der Teufel hole den Baron von Stawitz und Ihren Profeſſor H. dazu! Aber die Sache iſt nicht Ihre Schuld, ſehe ich wohl. Ein unglückſeliges Zu⸗ ſammentreffen!— Ich errathe jetzt die ganze Geſchichte. Herr von Stawitz iſt mein Gutsnachbar— ſein Wa⸗ gen wird ſich verſpätet haben— aber der Hauptmann mußte doch auch—— Was iſt denn aus dem ge⸗ worden?—— Vielleicht meinen Sie, Herr Baron, einen preußi⸗ ſchen Officier, welcher mit derſelben Poſt reiſ'te, und Sie in meiner Perſon zu empfangen glaub⸗ ten? O, alſo das Ganze iſt nur ein Scherz, rief der Baron mit verklärtem Geſichte; Sie ſind der Haupt⸗ mann und haben ſich in dies alberne Koſtüm geſteckt, um keinen Verdacht zu erwecken, und benutzten es nun, um mir einen Schreck zu bereiten! Nun, das iſt Ihnen faſt gelungen. Nein, Herr Baron, ſagte ich ruhig und feſt, ich bedaure, Ihnen dieſe angenehme Täuſchung ver⸗ derben zu müſſen. Der von mir erwähnte Officier iſt auf der erſten Station hinter Halle von einem weſtphäliſchen Polizeibeamten verhaftet worden, und ich bin Der, für den ich mich von Anfang an ausgegeben habe, Candidat Friedmann; und um jeden Verdacht gegen meine Perſon zu entfernen, ſehen Sie hier den Brief des Herrn von Stawitz, in welchem er mich— Schon gut! rief der Baron, das dargereichte Schreiben heftig ergreifend, um es flüchtig zu durch⸗ laufen und auf den Tiſch zu werfen. Eine Nacht. 233 Dann ging er ein paar Mal ſchweigend auf und ab, trat plötzlich vor mich hin und ſagte feierlich: Glauben Sie an die Heiligkeit des Eides? Wie können Sie daran zweifeln! erwiederte ich, die Hand aufs Herz legend. Wohlan, mein Herr! Sie ſind durch eine ſonder⸗ bare Verkettung von Umſtänden— ich will annehmen, ohne jede Schuld von Ihrer Seite— in Geheimniſſe ein⸗ geweiht, welche meinen Kopf und vielleicht werthvollere Köpfe Ihrer Discretion anheim geben. Der von mir genannte Name des Grafen Chaſot genügt, Ihnen un⸗ zweifelhaft zu machen, welcher Natur jene Geheimniſſe ſind. Durch den Frieden von Tilſit bin ich weſtphä⸗ liſcher Unterthan geworden, meine Güter liegen auf weſtphäliſchem Boden— ich bin in der Gewalt der weſtphäliſchen Behörden. Mein Herz iſt preußiſch ge⸗ blieben und wird ſtets nur für meinen wahren König — nie für den Uſurpator ſchlagen. Sie können mich verrathen, Sie können mich unglücklich machen. Ich verlange daher einen Eid von Ihnen, daß Sie nichts, — auch gegen Ihren intimſten Freund kein Wort ie⸗ mals von dem ausſprechen werden, was Sie innerhalb dieſer Wände gehört, erfahren, oder auch nur errathen haben! Ich kann nicht in Ihr Herz ſehen, ich ver⸗ lange Ihren Eid. Den werden Sie nie bekommen, ſagte ich nach einer Pauſe der Ueberlegung. Er trat zur Seite, berührte eine Stelle der Wand; eine Tapetenthür ſprang auf und ließ eine Riſche ſehen, in der eine Cavallerie⸗Uniform und verſchiedene Waffen aufgehängt waren. Er ergriff zwei ſchön gearbeitete Piſtolen, reichte ſie mir und ſagte mit eiſiger Ent⸗ ſchloſſenheit: Wählen Sie! Sie haben mich, meine Zuhörer, in den früheren Scenen dieſer Erzählung ohne Zweifel als einen ſehr ſchüchternen, wohl gar furchtſamen Mann kennen ge⸗ iernt. Ich leugne nicht, daß mir oft im Leben bei 234 Ernſt Andolt. unbedeutenden Gefahren jene phyſiſche Feſtigkeit fehlte, welche den Herzſchlag ruhig, den Kopf kalt erhält, jene Geiſtesgegenwart, welche ſogleich das rechte Mittel und den raſchen Entſchluß giebt. Aber ein Muth hat mir nie gefehlt: der moraliſche. Wo es ſich um ſittliche Güter, um meine Menſchenwürde handelte, habe ich nie Furcht gekannt. Ich gehöre zu den Menſchen, welche ein biffiger Hund mehr erſchreckt, als ein wüthen⸗ der Menſch. Ich nahm ſchweigend eine der dargereichten Piſto⸗ len, feuerte ſie in das Kamin ab und ſagte: Ich erlaube Ihnen, mich zu erſchießen; aber Sie werden mich nie zwingen, etwas wider meine Ehre zu thun. Der Eid, welchen Sie von mir fordern, ver⸗ trägt ſich nicht damit; denn was bedeutet Ihre Zumu⸗ thung anders, als daß Sie mich durch eine moraliſche Handſchelle, durch ein religiöſes Zwangsmittel verhin⸗ dern wollen, einen Schurkenſtreich zu begehen, den jeder Ehrenmann von ſelbſt nicht begeht, bei deſſen bloßer Erwähnung mein ganzes Inneres von Unwillen zittert. Halten Sie mich für fähig, die Köpfe meiner Lands⸗ leute der fränkiſchen Polizei zu verrathen, ſo thun Sie, was Sie vor Ihrem Gewiſſen verantworten zu können glauben. Aber nichts ſoll mich bewegen, einen Eid zu ſchwören, über den ich erröthen müßte. Der Baron warf die Piſtole auf den Tiſch und ging finſter auf und ab. Ich ſetzte mich in einen da⸗ ſtehenden Seſſel und ſtellte Betrachtungen über den Tod und die Unſterblichkeitslehre an; ich dachte an meine arme, verwittwete Mutter daheim, die auf mich, ihren einzigen Sohn, ihre lebensherbſtlichen Hoffnungen geſetzt hatte; mein Herz wurde weich und wehmüthig, aber mein Entſchluß blieb feſt; ich beſann mich zur Stärkung auf die erhabenſten Stellen aus Seneca und Plato und war eben im Begriff, eine der ſchönſten Sentenzen aus der Apologie des Sokrates zuſammen⸗ zubringen, als ſich in dem Gange ſchwere Tritte hören Eine Nacht. 235 ließen und alsbald der reckenhafte Bediente eintrat mit der lakoniſchen Meldung: Der HerrReferendarius ſind da. Der Baron beſann ſich eine Weile und ſagte dann: Er kann hereinkommen. Mir wurde leichter ums Herz; ein Juriſt, ein Diener der Themis— gab es einen ſtärkern Schutz gegen die mörderiſchen Gelüſte meines Wirthes2 Der Referendarius— außer Dienſt, wie ich nach⸗ her erfuhr, indem er nach dem Frieden von Tilſit we⸗ gen Mangel an Beſchäftigung entlaſſen und zu ſtolz war, in weſtphäliſche Dienſte zu treten,— erſchien in der Geſtalt eines langen, blaſſen, ſchwarzgekleideten Mannes mit hohen Vatermördern und einer hörnernen Brille. Er begrüßte uns ſchweigend. Bruder! ſagte der Freiherr, ihm die Hand drückend, hier iſt ein kritiſcher Fall. Der Erwartete iſt nicht gekommen, ſtatt deſſen dieſer Herr. Dabei ſtellte er mich dem Referendarius vor, welcher mir eine ſteife Ver⸗ beugung machte, erzählte ihm die ganze Sachlage, ſogar ſeinen verzweifelten Entſchluß in Betreff meiner und forderte ſeinen Rath. Das iſt ja die einfachſte Sache von der Welt, ſagte Jener, und da hätteſt du beinahe ein homicidium be⸗ gangen; welche Uebereilung! Wir werden ſogleich wiſſen, wie wir daran ſind. Eventuell können wir ja den Herrn Candidaten durch mildere Maßregeln unſchädlich machen. Aber ich hoffe, er iſt ein Mann von Ehre und Vater⸗ landsliebe, was ich gleich ermitteln werde. Damit ging er ſeierlich auf mich zu, legte ſeine Hände auf mein Haupt und befühlte es von allen Seiten. Seine Miene wurde bei dieſer komiſchen Unterſuchung immer freundlicher, und er erklärte am Ende derſelben: Wir können ganz ruhig ſein. Ich garantire für ihn. Der Teufel hole deinen phrenologiſchen Unſinn! verſetzte der Baron halb zornig, halb lachend. Doch die Sache iſt abgemacht; mein Herr, ich vertraue Ihrer Ehre. Hier iſt meine Hand. 236 Ernſt Andolt. Mit Heroismus beſtand ich ſeinen herculiſchen Händedruck und erklärte dann: nunmehr, da er ſeine Drohungen zurückgenommen, wolle ich ihm offen erklä⸗ ren, daß ich in jeder Hinſicht mit ſeinen patriotiſchen Geſinnungen ſympathiſirte, adaß ich zwar weder dem Tugendbunde, noch ſonſtigen geheimen Verbindungen angehörte, aber ein durch und durch deutſches Herz hätte und das an dieſem Abend Erlebte ſo lange darin verſiegelt halten würde, bis Deutſchland von dem frem⸗ den Joche befreit ſein werde. Nach dieſer mit über⸗ fließender Beredtſamkeit gegebenen Erklärung wollte ich mich empfehlen mit der Bitte, mir einen Boten nach dem Gute des Herrn von Stawitz mitzugeben. Aber mein Schickſal hatte es anders beſchloſſen. Der Baron erklärte, ich müſſe für die Nacht ſein Gaſt bleiben und einige Flaſchen Wein mit ihm leeren. Mit dieſen Worten, keinen Widerſpruch geſtattend, führte er mich und den Referendar in das Nebenzim⸗ mer, wo eine Tafel für drei Perſonen gedeckt ſtand. Als wir uns zu Tiſch ſetzten, ſchlug eine ehrwürdige Wanduhr, welche in Geſtalt einer Capelle auf dem Spiegeltiſch ſtand, in krächzenden Schlägen eilf Uhr. Der Bediente ſervirte einen ſtattlichen Wildbraten; einige Flaſchen erleſenen Rheinweins wurden entkorkt und ergoſſen ihren duftigen Lebensbalſam in drei hohe grüne Gläſer mit vergoldeten Rändern. Das Convivium war anfangs ſchweigſam wie ein Leichenſchmaus: Jeder hatte viel zu denken. Der arme Hauptmann! ſagte endlich der Baron, wenn er nur keine gar zu compromittirenden Papiere bei ſich trägt! Und wenn die Briefe, welche er dir bringt, nur nicht an dich adreſſirt ſind! fügte der Referendar hinzu.— Wahrhaftig, ſagte Jener, ich muß mich reiſe⸗ fertig halten; ich werde Alles zur Flucht nach Oeſter⸗ reich oder Rußland in Stand ſetzen,— ſonſt könnte ich Eine Nacht. 237 leicht das Schickſal Kroſigk's haben und eines ſchönen Morgens aufgehoben werden! Beſſer bewahrt, als beklagt; indeß müſſen wir ſo lange als möglich hier aushalten; denn hier können wir der guten Sache am meiſten nützen. Ich hoffe noch immer auf eine Berliner Kriegserklärung, und dann muß ſich die ganze Gegend wie Ein Mann erhe⸗ ben. Der Geiſt unſrer Bauern iſt vortrefflich. Aber Sie trinken nicht, Herr Candidat! Meine Freunde, fuhr er fort, das Glas erhebend, es lebe unſer König Friedrich Wilhelm. Wir ſtanden auf und ſtießen an. 3 Der Wein verbannte ſchnell die Sorgen; die Unter⸗ haltung nahm eine heitere Wendung; der Referendar erzählte ſeine Jenenſer Studienjahre und ſprach mit Begeiſterung von den Vorleſungen Fichte's Der Baron proteſtirte dagegen und erklärte, nie ein ſo langweiliges, abgeſchmacktes und verderbliches Buch geleſen zu haben, als Fichte's Moral. Ein ſo hölzernes Klapperwerk von moraliſchen Sätzen, ſagte er, ein ſo lebloſer, ſchwer⸗ fälliger Mechanismus iſt mir nie vorgekommen; dieſer Fichte will uns für unſer Gefühl von Recht und Un⸗ recht, für den warmen Herzſchlag unſers Gewiſſens eine Art moraliſches Exercierreglement in die Bruſt ſetzen, welches uns jederzeit anzeigen ſoll, was wir zu thun oder zu laſſen haben. Das bloße Gefühl leitet uns oft irre, verſetzte der Referendar; man muß nicht nach Gefühlen, ſondern nach Grundſätzen handeln. Die Grundſätze müſſen aber auf philoſophiſcher Grundlage baſirt ſein, dieſe wiederum —— und ſo hielt er uns eine lange Vorlefung mit eine ruften, pedantiſchen Miene, mit ſo vielen an den rn abgezählten Diviſionen und Subdiviſionen, daß wir Anderen zuletzt in ein unwiderſtehliches Lachen ausbrachen. Der Referendar ſtutzte, ſah uns eine Weile ſtarr an, ſtand auf und ging ſchweigend hinaus. 236 ernſt Andolt. O halten wir ihn zurück! rief ich aufſpringend, er wird unſer Gelächter übelgenommen haben. Glauben Sie das nicht! ſagte der Baron, im Ge⸗ gentheil! der Mann ſchließt aus unſerm Lachen nur, daß er ſich in den Schlingen ſeines Syſtems verwirrt und Unſinn geſprochen hat. Er iſt bei dem bravſten Charakter ein unklarer Kopf und hat bei ſeiner, con⸗ fuſen Naturen oft eigenthümlichen, Leidenſchaft für Phi⸗ loſophie auf der Univerſität viel und gern disputirt, dabei aber immer das Unglück gehabt, ſich in ſeinen künſtlichen Sätzen zu verwirren und häufig gerade das Gegentheil von dem zu ſagen, was er beweiſen wollte. Dann fingen ſeine Opponenten an zu lachen. Er iſt ein leidenſchaftlicher Fichtianer und hat dieſem Syſtem ſein eignes Denken eben ſo ſclaviſch untergeordnet, wie es die Kirche von dem Chriſten der Bibel gegenüber verlangt. Daneben hat er Gall während ſeines Auf⸗ enthaltes in Halle gehört und läßt ſich darauf todt⸗ ſchlagen, daß man jedem Menſchen am Schädel anfüh⸗ len kann, ob er ein Genie, oder ein Dummkopf, ein braver Kerl oder ein Hundsfott ſei. In dieſem Augenblick kam der Referendar ſchon zurück, ein Buch in der Haud haltend, ſetzte ſich, ohne uns zu beachten, auf ſeinen Platz und blätterte eifrig in dem Buche, indem er dabei dann und wann vor ſich hinmurmelte: Ach ſo! da— ganz recht!— Haha! — Ja, ſo iſt es— das hatt' ich vergeſſen. Dann legte er das Buch ruhig und mit ſichtbarer Befriedigung bei Seite, leerte ſein Glas und ging mun⸗ ter in eine zwiſchen dem Baron und mir angeknüpfte Unterhaltung über andere Dinge ein. So plauderten und tranken wir vergnügt bis tief in die Nacht hinein; wir beſprachen, je meh Wein erhitzte, unſere Hoffnungen für die Zukünft eine allgemeine europäiſche Erhebung gegen die fran⸗ zöſiſche Tyrannei und unſere Entſchlüſſe für dieſen Fall, welche darauf hinausliefen, daß der Baron dabei als Eine Nacht. 239 kühner Huſarenoberſt, der Referendar als Oberauditeur und ich ſelbſt als Feldprediger und Verfaſſer von Pro⸗ clamationen mitwirken müſſe. Um drei Uhr endlich trieb der Referendar zum Schlafengehen. Der gaſtliche Wirth wollte es anfangs nicht zugeben, daß wir ſchon auseinander gingen. Es iſt doch verdammt einerlei, ſagte er, ob wir eine Stunde länger trinken, oder eine Stunde früher einſchlafen. Bedenke, Freund, verſetzte der Andere, daß es ab⸗ ſolut keine moraliſch gleichgültige Handlung giebt; daß wir alſo jetzt, wenn wir nach ſittlichen Grundſätzen leben wollen, entweder ſchlafen gehen oder forttrinken müſſen; nur eine dieſer beiden Möglichkeiten kann mora⸗ liſch, die andere muß unmoraliſch ſein. Es iſt nun für mich ſchlechthin moraliſche Nothwendigkeit, zu Bett zu gehen, und damit gute Nacht! Er nahm mit dieſen Worten ſeinen Fichte und ging hinaus. Auch ich fühlte, wenn nicht ein moraliſches, doch phyſiſches Bedürfniß der Ruhe. Der Baron ſchellte und befahl dem langen Diener, mich zu Bett zu führen. Nachdem wir uns gegenſeitig eine gute Nacht gewünſcht, folgte ich dem vorleuchtenden Giganten durch einige labhrinthiſche Gänge und Galerieen und gelangte endlich in ein geräumiges Schlafzimmer, in deſſen Kamin eine helle Flamme kniſterte. Der Diener ſtellte das Licht auf den Tiſch und ging ſtumm von dannen. Als der letzte ſeiner Schritte verhallt war, über⸗ lief mich ein angenehmer Schauer; ich fühlte mich in einer höchſt romantiſchen Situation: in einem alten Ritterſchloſſe gefährlich bedroht, dann gaſtlich bewirthet, in eine dunkle Verſchwörung halb und halb mit einge⸗ weiht— jetzt in einer abgelegenen, wunderlichen Kammer, deren Decke mit Wolken, Engeln, Drachen und anderen Fabelthieren bemalt war, vor einem ungeheuren Himmel⸗ bett— mit rothen Vorhängen, in welchem vielleicht ganze Generationen von Rittern und Edelfrauen geruht hat⸗ ten— das ganze Bild ſchauerlich beleuchtet von der 240 Ernſt Andolt. praſſelnden Kaminflamme— das Alles ſchien mir un⸗ gemein pvetiſch. Ich entkleidete mich langſam und wollte eben in das Bett ſteigen, als mir einfiel, daß ich einige Vorſichtsmaßregeln verſäumt hatte, welche ich auf Rei⸗ ſen gewiſſenhaſt zu beobachten pflegte. Ich ſah unter das Bett, ob auch Niemand darunter läge; dann unter⸗ ſuchte ich die Thür, fand aber zu meinem Schrecken, daß ſie ſich nicht verſchließen ließ. Ich bin ſtets der Anſicht geweſen, daß man den vollen Genuß der Nacht⸗ ruhe nur im Gefühl völliger Sicherheit und zwar bei verſchloſſenen und verriegelten Thüren haben kann. Um dem Uebelſtand einiger Maßen abzuhelfen, erfand ich eine Vorkehrung, daß die Thür nur mit einem bedeu⸗ tenden Geräuſch geöffnet werden könnte, indem ich zwei alte Stühle an derſelben gegen einander lehnte und auf die zuſammenſtoßenden Lehnen derſelben mit großer Geſchicklichkeit das Waſchbecken in einer nur auf dem genaueſten Gleichgewicht beruhenden Poſition anbrachte, ſo daß der ganze Apparat bei dem geringſten Druck gegen die Thür zuſammenſtürzen mußte. Sehr zufrie⸗ den mit meinem Werke, überſah ich ruhigen Muthes noch einmal das ganze Gemach, als ich plötzlich eine zweite und zwar eine Tapetenthür entdeckte. Wohin führte ſie?— Dieſe Frage zu entſcheiden, öffnete ich ſie mit einer Art ſchauerlicher Neugier. Ein kalter Hauch kam mir aus einem weiten, dunklen Raume ent⸗ gegen, ich ergriff das Licht und leuchtete hinaus. Ein weiter Bodenraum that ſich vor mir auf. Welche Un⸗ vorſichtigkeit, dachte ich, nür ein ſolches Schlafgemach zu geben, welches von allen Seiten zugänglich iſt; wie leicht können Diebe von dieſem Boden aus zu mir ein⸗ dringen! Oder ha! ſollte man mich abſichtlich in ein ſo ſchlecht verwahrtes Quartier geſetzt haben, um mich vielleicht in der Nacht zu knebeln, ſich meiner Perſon zu bemächtigen, um mich— wie der Referendarins ſagte— unſchädlich zu machen?— Es wäre entſetz⸗ lich! Jedenfalls will ich auf meiner Hut ſein; Miß⸗ Eine Nacht. 241 trauen iſt in dieſen Zeiten eher eine Tugend, als ein Laſter; und was ſchadet es nachher, wenn es unbe⸗ gründet ſein ſollte!— Unterſuchen wir vor Allem die Natur dieſes Bodens! Ich ging fröſtelnd, mit dem Lichte umherleuchtend, vorwärts. Doch ach! Des Menſchen Vorſicht ſelbſt zeugt oft Gefahr! Indem ich nach allen Seiten umherſpähte, blies ein durch eine Dachluke einfallender Windſtoß mein Licht aus; erſchrocken tappte ich umher, den Rückweg zu finden; ich fühlte eine unbeſchreibliche Angſt und Verwirrung in der Finſterniß; ich tappte immer wei⸗ ter, ohne die erſehnte Pforte zu finden—— da plötz⸗ lich trete ich mit dem vorgeſtreckten Fuße ſtatt auf ſolide Bretter in die leere Luft und ſtürze mit einem Schrei des Entſetzens in einen dunkeln Abgrund. Ich fiel weicher, als ich hoffen durfte— in einen Heuhaufen, deſſen duftige, prickelnde Wogen über mir zuſammenſchlugen. Tiefes Dunkel rings umher. Schmachvolles Schickſal! rief ich, unwürdiges Loos eines Candidaten der Gottesgelahrtheit, eines künftigen Feld⸗ und Siegespredigers!— Da lieg' ich hülflos— bei drei Grad Kälte— in einer Scheune, in einem ſchnö⸗ den Heuhaufen, um morgen von dem Kuhhirten oder dem Hausknecht erlöſtt und allgemein ausgelacht zu werden!— Hab' ich deßhalb der bleiernen Drohung eines ergrimmten Ritters getrotzt— hab' ich deßhalb durch die Kühnheit meiner Tiſchreden die Hochachtung zweier Ehrenmänner erworben— um morgen als zähneklapperndes Geſpenſt aus dem Abgrund eines Futterbodens aufgefiſcht zu werden?— Friedmann! wie tief biſt du geſunken!—— Aber dir iſt recht ge⸗ ſchehen; wozu dieſe übertriebene Vorſicht, dieſe überall umherſpähende Furchtſamkeit! Ohne ſie könnteſt du jetzt in einem warmen Bette hinter rothen Vorhängen liegen und pon Ruhm und Feldpredigten träumen. Novellenſchaz. Bd. LRKII. 16 242 Ernſt Andolt. Indeſſen beſchloß ich, Alles zu verſuchen, mich, wenn möglich, aus meinein Abgrund zu befreien und das verlorne Paradies durch eigene Anſtrengungen wiederzugewinnen. Ich tappte vorſichtig umher, ob ich nicht einer Leiter habhaft würde oder einen Ausgang fände. Obgleich ich nach und nach ſämmtliche vier Wände berührt und mir einige Brauſchen geſtoßen hatte, fand ich doch nur eine von außen verſchloſſene Thür und kein anderes Geräth, als einige Heugabeln und Dreſchflegel. Ich überlegte eben, ob ich die Thür ſprengen und auf die Gefahr hin, von den Hofhunden zerriſſen zu werden, oder doch mir eine vielleicht lebens⸗ gefährliche Erkältung zu holen, von außen wieder in das Haus zu dringen verſuchen ſollte: als ich draußen plötzlich ein Geräuſch vernahm. Schwere Fußtritte ließen ſich hören, ſodann ein halblautes Geſpräch, von dem ich nur einzelne Worte verſtand, welche mich mit Be⸗ ſorgniß erfüllten. Gleich darauf verloren ſich die Fuß⸗ tritte. Alles wurde ſtill. Ich überlegte, ob ich ſchreien und das Haus allarmiren ſollte. Aber das war nicht von Nöthen: denn ein lautes Krachen, wahrſcheinlich vom gewaltſamen Erbrechen einer Thür, und ein fürch⸗ terliches„Rüdengeheul“ ertönte. Bald darauf wurde der Lärm allgemein, aber bereits im Innern des Hau⸗ ſes; Thüren wurden zugeſchlagen, Möbeln umgeworfen — ein Schuß fiel. Dann eine augenblickliche Stille, der ein wildes Geſchrei folgte; es kam immer näher; ich hörte Fußtritte über meinem Haupte, und plötzlich ſprang eine weiße Geſtalt von oben herunter, mir faſt auf die Schultern Wer da? rief ich erſchrocken. Ein Fauſtſchlag, der mich zu Boden warf, war die Antwort, und ich hörte, wie ſich die Geſtalt in einer Ecke des Speichers im Heu verkroch. Gleichzeitig fiel ein grelles Schlaglicht von oben in den Raum. Ich ſah eine auf der Spitze eines Bayonetts ſchwankende Laterne durch eine Oeffnung der Decke hereinſchweben. Zugleich hörte ich oben Stimmen: Ich ſehe ihn, Herr Cymmiſſär!— Eine Nacht. 243 Ah vraiment! le voilà!— Die Laterne verſchwand wieder. Gleichzeitig hörte ich in der Nähe eine ge⸗ dämpfte Stimme: Verrathen Sie mich nicht! Der Zuſammenhang wurde mir auf ein Mal klar. Mochte man bei dem am Abend arretirten Hauptmann compromittirende an den Baron gerichtete Briefe gefun⸗ den, oder ſonſt Verdachtsgründe gegen ihn haben eine Patrouille war nach der damals bei wichtigen Fällen beliebten Praxis zur Nachtzeit ausgeſandt, um den Baron zu verhaften und ſich ſeiner Papiere zu bemäch⸗ tigen. Der Letztere hat ſich wahrſcheinlich durch mein Schlafzimmer auf den dahinter liegenden Boden ge⸗ flüchtet und war durch jene mir ſo verhängnißvoll gewordene offene Fallthür in den Speicher hinabge⸗ ſprungen. Ehe ich Zeit hatte, dieſe Möglichkeiten weiter zu erwägen, öffnete ſich die Thür, und ein Mann in Uni⸗ form, eine Laterne haltend, gefolgt von zwei Soldaten, trat ein. Mein Herr, Sie ſind Arreſtant! ſagte er zu mir. Hier ſehen Sie den Verhaftsbefehl! Er hielt mir ein Blatt Papier vor, auf welchem ich bei dem flackernden Scheine der Laterne nur ein großes Siegel und die Namen meines Wirthes und des Referendars bemerkte. Kommen Sie ſchnell, ſich anzukleiden! rief der Beamte. Ich folgte ihm in den Hof, von da raſch in der Mitte zweier Soldaten auf die Hausflur wo bei hellem Lichterſchein noch verſchiedene Polizeileute und die erſchrockene Dienerſchaft umherſtanden. Auch den langen Referendar fand ich daſelbſt, von zwei Männern bewacht; er putzte ſeine Brille mit dem Taſchentuche und hatte die gleichmüthigſte Miene von der Welt. Man führte mich hinauf in die Zimmer des Ba⸗ rons, wo ich an dem offenen Schreibtiſch desſelben einen kleinen ſchwärzlichen Mann in Uniform beſchäf⸗ tigt fand, die darin befindlichen Papiere in Bündel zuſammenzuſchnüren. Derſelbe fixirte mich mit einem ſtechenden Blick und fragte den neben mir gehenden 16* 244 Ernſt Andolt. Mann, welcher mich verhaftet hatte, in gebrochenem Deutſch, ob er ſicher ſei, daß ich die rechte Perſon.— Zu Befehl, Herr Commiſſär, verſetzte dieſer, Sie haben ſelbſt geſehen, wie er in statu quo aus ſeinem Schlafzimmer entſprang, das Piſtol auf uns abfeuerte und hernach durch eine Fallthüre verſchwand.— Aber, fragte Jener, Sie ihn nich kenn von Perſon?— Nein, ich habe ihn früher nie geſehen. In dieſem Augenblick trat der gigantiſche Diener ins Zimmer; er trug Kleidungsſtücke über dem Arm und fragte mich in ehrfurchtsvoller Haltung und mit einem eigenthümlichen Zwinkern der Augenwinkel: Be⸗ fehlen der Herr Baron, daß ich Sie ankleide? Ja, verſetzte ich mit feſter Stimme, entſchloſſen, die mir vom Schickſal übertragene Heldenrolle mit Würde zu ſpielen, und legte mit Hülfe des Bedienten die dar⸗ gebotenen Kleidungsſtücke raſch an, während der kleine Commiſſär, ſich vergnügt die Hände reibend, in den Bart murmelte: Ah, c'est lui; maintenant plus de doute. Eine Stunde ſpäter ſaß ich neben dem guten Re⸗ ferendar mit dem freundlichen vis-à vis zweier Gens⸗ d'armen, deren Karabiner beſtändig auf uns gerichtet blieben, in einem Wagen, welcher raſch durch die Mor⸗ gennebel dahinflog. Es iſt nur ein Glück, ſagte der Juriſt, mit der den wahren Philoſophen charakteriſirenden Gemüths⸗ ruhe, es iſt nur ein Glück, daß ich in der Eile noch einen Band von Fichte eingeſteckt habe; da hat man doch auf der Reiſe eine vernünftige Lecture. Wohin mögen wir fahren? Vermuchlich nach der Hauptſtadt, ſagt' ich be⸗ klommen. Was iſt nur aus dem Baron geworden? fragte er wieder. Laſſen Sie das, Freund, ſagt' ich, ihm einen ſanf⸗ ten Fußtritt verſetzend, die Leute kennen mich und Eine Nacht. 245 laſſen ſich nicht durch Ihre wohlgemeinte Frage irre n. Der Referendar ſtarrte mich verwundert an und ſchien zu erwägen, ob mein Gehirn durch den Schreck vielleicht krankhaft afficirt ſein möge. Er zuckte die Achſeln, zog ſein Buch aus der Taſche und fing an zu leſen. Unſere Reiſe ging unaufhaltſam vorwärts; von Station zu Station wurden die Pferde gewechſelt; die beiden Häſcher blieben uns fortwährend gegenüber. Der Referendar war ſchweigſam und las viel in ſeinem Fichte, ohne ſich um die auf ihn gerichteten Feuerſchlünde zu kümmern; mich peinigte dagegen beſtändig der Ge⸗ danke, dieſelben könnten ſich durch eine Erſchütterung des Wagens plötzlich entladen, und ich geſtehe, daß ich mich möglichſt außerhalb der Schußlinie zu halten be⸗ müht war. Es geſchah jedoch nichts der Art, und wir langten wohlbehalten in Caſſel an, um aus dem Wa⸗ gen ins Gefängniß zu ſteigen. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß man den über meine Perſon entſtandenen Irrthum bald ent⸗ deckte, zumal da der Referendar, welcher als gewiſſen⸗ hafter Fichtianer jede, auch die wohlgemeinteſte Unwahr⸗ heit verdammte, ſich ganz offen über den Sachverhalt ausſprach. Ich ſelbſt war inzwiſchen ganz zufrieden, der Löwenhaut entkleidet und wieder ich ſelbſt zu wer⸗ den, und bemühte mich beſtens, die vorgegangene Ver⸗ wechſelung als einen mir höchſt unangenehmen Zufall, an dem ich völlig unſchuldig, darzuſtellen. Man wollte jedoch anfangs meinet wahrheitsgemäßen Erzählung, wie ich in das Schloß des Barons und ſpäter in den Heuſchober gerathen, keinen Glauben ſchenken und be⸗ handelte mich als einen gefährlichen Verbrecher. Ich fühlte mich durch dieſe mir beigelegte Wichtigkeit jetzt nicht im mindeſten mehr geſchmeichelt; düſtere Viſionen ſtiegen in meinem Kerkerloch, beſonders in ſchlafloſen Nächten, vor meinem Geiſte auf; ich dachte häufig an Ernſt Andolt. den Herzog von Enghien, den Buchhändler Palm und die vor Braunſchweig erſchoſſenen Schillſchen Krieger. Ich machte mich auf ein ähnliches Lvos gefaßt und unterhielt mich damit, meine Abſchiedsrede von der Welt zu entwerfen und mit den dazu gehörigen Geſten förmlich einzuüben. Ich glaube, ich hätte die Sache recht gut gemacht; auch war ich, weil ja ein Ster⸗ bender hienieden Nichts mehr zu fürchten hat, feſt ent⸗ ſchloſſen, mit einer patriotiſchen Verwünſchung des Kai⸗ ſers Napoleon zu ſchließen. Ich dachte dabei oft meines Reiſegefährten, des Turners, wie ich in ſeiner Achtung ſteigen würde, wenn er die Beſchreibung meiner Hin⸗ richtung in den Zeitungen läſe. Das Schickſal hatte es indeß anders beſchloſſen. Durch mehrfache Verhöre und über mein vergangenes Leben eingezogene Erkundigungen gelangten meine In⸗ quirenten allmählich zu der Ueberzeugung, daß ich im Grunde ein ſehr harmloſes Subject und mehr das Opfer, als der Urheber der vorgegangenen Täuſchung wäre, und ſo wurde ich endlich— beinah ein Jahr nach meiner Verhaftung— entlaſſen. Blaß, abgemagert, hohläugig wie ein Geſpenſt trat ich aus den Kerkermauern wieder in die Welt, der ich halb und halb ſchon entſagt und von deren Schick⸗ ſalen ich ſo lange Nichts erfahren hatte. Wie ſtaunte ich, als ich nun die großen Ereigniſſe des Jahres 1812, die Kataſtrophe von Moskau, den Untergang der großen Armee, die Capitulation des York'ſchen Corps erfuhr! Ich fühlte mich wie berauſcht. Auch die Menſchen fand ich ſo verändert; an die Stelle der hoffnungsloſen, knech⸗ tiſchen Ergebung war eine dumpfe Gährung getreten; man flüſterte ſich die furchtbaren Verluſte, die Entmu⸗ thigung des franzöſiſchen Heeres zu, und Viele erwar⸗ teten ungeduldig nur den Wink der heimiſchen Fürſten, um gegen die verhaßten Fremdlinge in offenem Auf⸗ ruhr loszubrechen. Ich eilte jedoch vor Allem, die kindliche Pflicht zu Eine Nacht. 247 erfüllen, nach Helmſtedt in die Arme meiner ſchwer⸗ geprüften Mutter. Welch ein Wiederſehen!— Ja, das waren glückliche Tage.—— Aber ſie waren kurz. Meine Mutter lebte in den dürftigſten Verhältniſſen; und ſo ſehr ſie mir ihren Mangel unter einem Aufwand von Pflege und Froh⸗ ſinn zu verbergen ſuchte, ſo erröthete ich doch bei dem Gedanken, ihr anſtatt eine Stütze— noch immer eine Bürde zu ſein. Ich hatte bereits an Herrn von Sta⸗ witz geſchrieben und die freilich wohl zu erwartende Antwort erhalten, daß die mir zugedachte Stelle längſt anderweit vergeben ſei. Ueber den Baron, für den ich ins Gefängniß gewandert, erfuhr ich bei dieſer Gelegen⸗ heit, daß er damals glücklich nach Rußland entkommen ſei und daſelbſt in der Armee Dienſte genommen habe. Auch von ihm war alſo vor der Hand nichts zu hoffen. In dieſer niederdrückenden Lage erhielt ich von einem benachbarten Gutsbeſitzer, Amtmann O., die Auf⸗ forderung, gegen ein allerdings ſehr geringes Honvrar den Unterricht ſeiner Söhne zu übernehmen. Obgleich mir der Charakter des Mannes nicht eben günſtig ge⸗ ſchildert wurde, betrachtete ich doch dieſes Anerbieten als eine gütige Fügung des Himmels, wobei mich be⸗ ſonders der Gedanke beglückte, meiner armen Mutter in dieſen gefahrvollen Zeiten ſo nahe zu bleiben. Ich eilte daher, den Amtmann brieflich von der Annahme des Engagements zu benachrichtigen, und einige Tage darauf ſchickte er mir eine Caleſche, welche mich nach ſeinem Gute beförderte. Ich langte gegen Mittag daſelbſt an und wurde ſogleich durch einen wohlgepflegten Gemüſegarten zu meinem neuen Patron geführt, welcher in einer dunklen Laube bei einer halbgeleerten Flaſche Burgunder ſaß und ſeine Pfeife rauchte. Ohne bei meiner Begrüßung ſich zu erheben, deutete er auf eine in der Laube be⸗ findliche Vank und befahl dem Bedienten, welcher mich zu ihm geführt hatte, noch ein Glas und eine Flaſche 248 Ernſt Andolt. „von demſelben“ zu bringen. Ich nahm, über dieſen ſchweigſamen Empfang ein wenig verdutzt, den mir an⸗ gewieſenen Platz und betrachtete mir mit Muße den breitſchultrigen, wohlgenährten Mann, welcher mir auf den erſten Eindruck unter ſeinem ſchattigen Blätter⸗ baldachin, bei dem röthlich funkelnden Rebenſaft und von den Gewölken ſeiner Pfeife ſanft umwirbelt als einer der glücklichſten Erdenbürger erſchien. Ich be⸗ merkte jetzt, daß ſein volles, feiſtes Geſicht nichts weni⸗ ger als Zufriedenheit ausdrückte; die kleinen grauen Augen ſchauten ſo grämlich unter den ſtarken Wimpern hervor und lugten ſo mißtrauiſch in die Welt hinaus, die Stirn zeigte ſo viele Runzeln, und um die Mund⸗ winkel ſpielten ſo mürriſche Falten, daß ich den Mann ſchon nicht mehr beneidenswerth finden konnte. Seien Sie mir willkommen, ſagte er mit näſelnder Stimme; Sie wollten alſo die Information meiner Söhne übernehmen; wünſche viel Vergnügen dazu; die Rangen werden Ihnen genug zu ſchaffen machen. Sie haben bislang nur die Dorfſchule beſucht, und unſer Schulmeiſter iſt ein vollſtändiger Ignorant; ſchneidet während der Schulſtunden Häckſel oder ſtrickt Strümpfe. Außerdem fehlt die Mutter im Hauſe; ich bin ſeit Jah⸗ ren Wittwer. Sie werden Ihre Noth haben, ſag' ich Ihnen. Ich äußerte, daß es an Eifer von meiner Seite nicht fehlen ſolle, daß ich mich glücklich ſchätzte, ein Feld für meine Thätigkeit zu finden. Nun ja! verſetzte er, in ſchlechten Zeiten muß man vorlieb nehmen. Jeder hat ſeine Plackerei hienieden: das iſt einmal ſo geordnet. Nach dem Pferde iſt der Menſch das geplagteſte Geſchöpf auf der Welt, alles andere Vieh hat es beſſer. Ich lächelte. Zumal in dieſen ſchrecklichen Zeiten! fügte er mit einem Seufzer hinzu. Wir gehen allerdings, verſetzte ich, einem großen Eine Nacht. 249 Kampf entgegen— aber einem Kampfe, der hoffent lich das wenn auch blutige Morgenroth friedlicher Zei⸗ ten iſt. Ich glaube nicht daran. Wäre Rußland erobert, ja! dann hätten wir Frieden. Aber ſo—— Tiefer Seufzer. Sie könnten wirklich wünſchen, daß das letzte Boll⸗ werk, welches auf dem Continent ſich der franzöſiſchen Sündflut entgegenſtemmte, gefallen wäre? fragt' ich erſtaunt. Ja, ich gäbe viel darum. Wenn gans Europa nur Einem gehorchte, hätten wir keine Kriege mehr. Aber auch keine Nationalitäten, keine Bewegung, kein Leben mehr! Es würde die Ruhe eines Kirch⸗ hofes ſein. Sagen Sie: die Ruhe einer wohlgeordneten Haus⸗ haltung, wo Jeder ohne Streit und Widerrede ſeine Schuldigkeit thut. Die fleißigen und friedliebenden Men⸗ ſchen würden ſich ſehr wohl dabei befinden, während bei dem Schwindel, der jetzt auf einmal in den Köpfen graſſirt, nichts als Blutvergießen und Contributionen, Hunger und Elend abzuſehen iſt. Nach ſo vielen traurigen Erfahrungen kann aller⸗ dings auch die jetzige Erhebung als gewagt erſcheinen. Sagen Sie: als ein Unfinn, purer Unſinn! Glau⸗ ben Sie, weil dem Kaiſer in Rußland eine Armee erfroren, werde er vor den Koſaken oder gar vor den Turnern und der preußiſchen Landwehr Kehrt machen? Aber vielleicht vor dem neuen Geiſt, welcher unfre Nation bewegt; es ſind nicht bloß Heere, die er zu bekämpfen hat, es ſind Ideen— die größten, welche je die Menſchheit beſeelten und welche zu allen Zeiten Wunder wirkten. Ideen— hm! Mit all Ihren Ideen werfen Sie kein franzöſiſches Bataillon über den Haufen. Gewiß nicht; aber die Ideen werben uns deutſche Bataillone und machen ſie unbeſiegbar. 250 Ernſt Andolt. Pah, wenn ſie 1806 der preußiſche Corporalſtock nicht unbefiegbar machen konnte, ſo werden es Hirn⸗ geſpinnſte erſt recht nicht.— Nun, hier in der Gegend hat es, Gottlob! nichts zu ſagen; wir ſehen hier täg⸗ lich franzöſiſche und andere Truppen durchmarſchiren, nach der Elbe zu, um die kaiſerliche Armee zu verſtär⸗ ken Dieſer Anblick hat für die Ideologen und Hitz⸗ köpfe etwas ungemein Abkühlendes. Aber jenſeit der Elbe— in Preußen ſollen die Menſchen wie toll ſein — beſonders die Studenten und Turner. Wenn ſie noch wüßten, wofür ſie ſich ſchlügen! Das wiſſen ſie ſehr wohl. Virklich?— Ich meines Theils weiß es nicht. Wenn Sie mich darüber belehren können, werd' ich Ihnen ſehr obligirt ſein. Wie? leugnen Sie etwa, daß wir unter dem ſchmählichſten Joch ſchmachten? daß unſre nationalen Heiligthümer bedroht ſind, wie damals, als Varus mit ſeinen Legionen in unſern Gauen ſtand? daß es gilt. den blutgierigſten Tyrannen—— Halten Sie ein, junger Mann! unterbrach mich der Amtmann ängſtlich; wenn ich Ihnen rathen ſoll, hüten Sie Ihre Zunge. Solche Reden können Ihnen den Kopf koſten und mich, wenn ich ſie anhöre, com⸗ promittiren. Sie können unſre Thrannei nicht beredter ſchil⸗ dern, als mit dieſer Bemerkung, ſagte ich lächelnd. Wie ſo? verſetzte er; nennen Sie es Tyrannei, daß hochverrätheriſche Reden verboten ſind? Das war immer ſo, das war vor der weſtphäliſchen Regierung noch weit ſchlimmer. Tyrannen— wenn Sie die, welche uns regieren, ſo tituliren wollen— hat es von jeher gegeben und wird es immer geben. Das iſt ein⸗ mal ſo geordnet. Ich für mein Theil will nun lieber en gros, als im Kleinen tyranniſirt werden. Wenn auf viele Millionen ein Thrann kommt, ſo iſt das leich⸗ ter zu tragen, als wenn auf eine Million viele Tyrannen Eine Nacht. 251 kommen, wie wir das bei uns im Heiligen Römi⸗ ſchen Reich ſeligen Andenkens ſattſam genoſſen haben. Je kleiner das Land, deſto mehr Schlagbäume und deſto größere Steuern; je weniger Volk, deſto mehr Standesunterſchiede; je weniger zu regieren, deſto mehr Beamte; je kleiner das Heer, deſto mehr Paraden; je weniger Macht, deſto mehr Anmaßung. Und um dieſe Herrlichkeit zurückzuführen, ſollen wir unſern letzten Thaler hergeben oder gar unſer Leben riskiren?— Thoren, die's thun! Ich kann nicht leugnen, daß die den meinigen ſchnurſtracks entgegenlaufenden Anſichten des Amtmanns mir imponirten; ich wurde zweifelhaft und fühlte mich in meinem Vertrauen auf den Sieg der guten Sache erſchüttert. In dieſem Augenblick wurde Herr O. ab⸗ gerufen; er erſuchte mich, ſeine Rückkunft zu erwarten. Ich trat aus der Laube und bemerkte, daß der hintere Theil des Gartens in Parkanlagen auslief. Ich wandelte zwiſchen den im erſten ſommerlichen Grün prangenden Baumgruppen umher, als ich unter den Wipfeln einiger hochſtämmiger Buchen ein Borken⸗ häuschen in der Form einer Kapelle erblickte. Ich trat näher und ſah die Thür des Häuschen offen ſtehen. Nach einigem Bedenken folgt' ich dem Zuge der Neu⸗ gier und trat hinein. Wie erſchrak ich aber, als ich mich einer ſchwarz gekleideten Dame gegenüber fand, welche im Innern der Kapelle an einem mit buntfar⸗ bigen Scheiben gefüllten Fenſter vor einer Staffelei ſaß, auf welcher ein faſt vollendetes Porträt aufgeſtellt war Mein Eintritt war ſo geräuſchlos geweſen, daß die Dame, in ihre Arbeit vertieft, mich nicht bemerkt hatte. Ich wollte zurücktreten; aber der Anblick feſſelte mich. Es war ein Bild wie aus einem Tieck'ſchen Märchen. Die kleine, gewölbte Kapelle, matt erhellt von den durch die farbigen Scheiben brechenden Sonnen⸗ ſtrahlen,— die ſchwarzgekleidete Frauengeſtalt, deren blaſſes, edel geformtes Antlitz von den gelben und Ernſt Andolt. violetten Lichtern, welche durch das ſchmale Fenſter ein⸗ fielen, wunderbar beleuchtet noch bläſſer und leidender erſchien— der heilige Ernſt, mit welchem ſie, ganz in ihr Werk verſenkt, die zarten Farbenſtriche auf die Lein⸗ wand webte— die tiefe Ruhe, welche über der ganzen Scene lag— das Alles übte auf meine Phantaſie einen mächtigen Zauber. Je länger ich das Profil der ſchönen Künſtlerin betrachte, deſto bekannter werden mir ihre Züge— es dämmert ſeltſam in meiner Erin⸗ nerung— jal trotz der magiſchen Beleuchtung erkenn' ich es, dieſes liebe Antlitz welches mir oft tröſtend in den Träumen meiner Kerkernächte auftauchte— nein! ich täuſche mich nicht— ſie iſt es!— Und wenn es doch eine Täuſchung wäre? Dieſer Zweifel trat eiskalt an mein Herz. In dieſem Augenblick ſah die Dame auf und wandte mir ihr volles Geſicht zu: kein Zweifel mehr— es war die Reiſegefährtin von 1812. Erſchrocken über meinen Anblick hatte ſie ſich erho⸗ ben; ſie erröthete, aber ich glaubte zu bemerken, daß ſie auch mich wiedererkannte. Ich ſtammelte meine Entſchuldigung, erklärte meine Anweſenheit, beklagte die Störung: je mehr ich redete, deſto muthiger fühlte ich mich: ich erinnerte ſie an unſer Zuſammentreffen auf jener verhängnißvollen Reiſe. — Aber Sie haben das vielleicht längſt vergeſſen? fügt' ich mit traurigem Accent hinzu. Nein, ich hab' es nicht vergeſſen, ſagte ſie gerührt, alle Eindrücke jenes Winterabends ſtehen noch hell vor meiner Seele, auch die hülfreiche Theilnahme, welche Sie mir bewieſen bei dem kleinen Unfall mit den Pferden. O, mein Fräulein, Sie benahmen ſich herviſcher dabei, als ich ſelbſt— indeß all meine Angſt und Be⸗ ſorgniß galt nur Ihnen— beſonders als unſer toller Reiſegenoſſe den Einfall hatte, Sie durch ſeine tur⸗ neriſchen Künſte aus dem Wagen zu befreien. Sie lächelte; aber es war ein flüchtiger Strahl, Eine Nacht. 253 der gleich wieder dem ſtillen Kummer wich, welcher ihr Antlitz trübte. Was war die Urſache dieſer ſchwei⸗ genden Klage? Meine Blicke fielen auf das Gemälde; es war das Porträt eines Mannes; ich trat näher— ein ſchö⸗ nes, ausdrucksvolles Geſicht mit großen blauen Augen und einem braunen Backenbart— aber ein Geſicht in der Reife des Alters— ich athmete freier. Es iſt das Bild meines armen Vaters, ſagte das Fräulein mit einer Thräne im Auge. Ich konnte es leider nur nach der Erinnerung entwerfen. Er iſt wohl fern von Ihnen? fragte ich theil⸗ nehmend. Recht fern— und vielleicht recht nahe, flüſterte ſie und deutete mit der weißen Hand nach oben. Todt!— rief ich erſchüttert. Das Fräulein rang nach Faſſung. Ach! er iſt Ihnen nahe, ſprach ich bewegt, indem mir ſelbſt Thränen in die Augen traten. Er blickt liebend auf Sie herab— entſagen Sie nie dieſem Glauben. Es entſtand eine Pauſe; ich wollte reden, aber die Stimme verſagte mir; mein Herz war ſo voll. Plötzlich hört' ich Schritte; der Amtmann trat in die Kopelle. Nie war mir ſeine Erſcheinung ſo wider⸗ lich, als in jenem Moment. Wo bleiben Sie nur, Herr Candidat? rief er mit ſeiner näſelnden Stimme; ſeit einer halben Stunde ſuchte ich Sie' im ganzen Garten. Haben derweil die Bekanntſchaft meiner Nichte gemacht. Fräulein von Hal⸗ den— Candidat Friedmann— ſagte er, uns gegen⸗ ſeitig vorſtellend. Wie gefällt Ihnen der Kaſten? fuhr er fort, auf die Wände deutend. Ein Denkmal meiner Schwäche für die Wünſche dieſer jungen Dame. Die Baracke war total verfallen, mit Spinnweben und Geſtrüpp überzogen, als ich das Gut übernahm. Ich hatte zehn Jahre lang, die ich hier wirthſchafte, kein Geld für Ernſt Andolt. Verſchönerungen, die nichts nützen. Aber auf einen Wink des gnädigen Fräuleins da läßt der gutmüthige Onkel ſofort Tiſchler und Glaſer kommen und aus der Ruine, welche kein Menſch betreten mochte, dieſes aller⸗ dings etwas ſonderbare Boudoir machen. Aber ſie hat mir ſchlecht dafür gelohnt; verſteckt ſich hier den ganzen Tag und entzieht mir ihre anmuthige Geſellſchaft. Der Mann war wie umgewandelt; er ſprach mun⸗ ter und belebt, und mit den kleinen grauen Augen blin⸗ zelte er das Fräulein freundlich an. Doch ein guter alter Herr! dachte ich; auf den erſten Eindruck etwas menſchenfeindlich, aber im Grunde nicht ohne Gemüth. Ich bin Ihnen gewiß von Herzen dankbar, Herr Onkel, erwiderte Fräulein von Halden, und ich glaubte das gerade dadurch zu beweiſen, daß ich dieſe liebe Stätte, die mir Ihre Güte bereitet, ſo gern bewohne. Wenn du mir wenigſtens endlich das trauliche „Du“ geben wollteſt, wie es ſich unter Verwandten ſchickt! Ja, Onkel! ſehen Sie, das verträgt ſich nicht mit der Ehrfurcht, mit der ich zu Ihnen, meinem Wohlthäter und Beſchützer, emporblicke. Sie ſprach dieſe Worte zögernd und mit einiger Verlegenheit. Was ſoll mir die Ehrfurcht! verſetzte Herr O., in ſeinen grämlichen Ton fallend. Du ſollſt mich lieb haben. Doch da kommt die Mamſell— das Eſſen wird fertig ſein. Gehen wir! Eine wohlgenährte weibliche Geſtalt, in der ſommer⸗ lichen Blüte des Lebens prangend, mit vollem, roth⸗ bäckigem Geſicht präſentirte ſich und machte die vom Amtmann vorausgeſehene Meldung. Wir begaben uns nach dem Wohnhauſe, wo in einem höchſt einfach möblirten Zimmer das Mittags⸗ mahl genommen wurde; ich machte hier auch die Be⸗ kanntſchaft meiner Zöglinge, welche mich ſcheu begafften. Am Nachmittag mußte ich dieſelben in Gegenwart des Amtmanns examiniren, und dieſe Prüfung überzeugte Eine Nacht. 255 mich allerdings, daß ſich für meine Lehrthätigkeit hier ein völlig unbebautes Feld eröffnete. Der Unterrichts⸗ plan wurde feſtgeſetzt, wobei der Amtmann über meine Zeit in einer ziemlich deſpotiſchen Weiſe disponirte; er hatte ſie ja gekauft, und ich ergab mich in mein Lvos. Wie ſchlichen die Stunden dahin, wie ſehnt' ich mich nach dem Abend, der mir Gelegenheit geben würde, das Fräulein zu ſehen!— Ach, ich mußte ihre Schick⸗ ſale erfahren; ſie mußte mir Alles anvertrauen, ich hatte ihr ſo viel zu ſagen. Der Abend kam, aber meine Hoffnung wurde ge⸗ täuſcht; ich ſah Fräulein von Halden erſt bei Tiſch, wo ſich die Unterhaltung meiſt um Wirthſchaftsangele⸗ genheiten bewegte. Nach beendigtem Mahl wurde der vom Hausherri eingeführten und heilig gehaltenen Ge⸗ wohnheit gemäß eine Whiſtparthie geſpielt, an welcher ich mit dem Verwalter und der„Mamſell“ Theil neh⸗ men mußte. Das Fräulein wurde nur auf ihre drin⸗ gende Bitte davon dispenſirt und zog ſich auf ihr Zimmer zurück, worüber Herr O. ſehr ungehalten ſchien. Am andern Morgen erwacht' ich mit dem erſten Sonnenſtrahl, kleidete mich raſch an und eilte in den Park. Wie ein Dieb ſchlich ich nach dem Borken⸗ häuschen; die Pforte war verſchloſſen. Ich konnte mir nicht verſagen, durch das Fenſter in das Innere des Heiligthums zu blicken; das Bild ſtand noch immer auf der Staffelei; ich betrachtete es mit eigenen Ge⸗ fühlen, es war mir, als ob der Mann mit den großen blauen Augen mich trauernd anblickte, und als ob ſich ſeine Lippen bewegten. Ich kehrte nach dem Hauſe zurück; außer dem Amtmann fand ich ſchon alle Perſonen wach und in Bewegung. Ich begann meine Unterrichtsſtunden Gegen Mittag ſah ich durchs Fenſter den Amtmann ins Feld reiten. Ich gab meinen Zöglingen die Freiheit und ging nach der Kapelle. 256 Ernſt Andolt. Ich fand das Fräulein, wie am vorigen Tage; das Gemälde war beendigt, und ſie ſtand ſinnend davor. Ich begann mit einer wohleinſtudirten Schutzrede für meine Kühnheit, ſchon wieder unberufen in das Heiligthum einzudringen. Ich berief mich auf meine doppelte Eigenſchaft als einſtiger Reiſegefährte und nun⸗ mehriger Hausgenoſſe und deutete auf die wunderbare Fügung unſeres Wiederſehens hin. Möchten Sie darin, rief ich warm, einen Wink des Himmels ſehen, daß Sie mir vertrauen dürfen. Betrachten Sie mich als einen beſcheidenen und zuverläſſigen Freund. Allerdings iſt unſre Bekanntſchaft von kurzer Dauer. Aber find wir armen Menſchen hienieden denn ſo überreich an fremder Liebe, um noch ſo viele Schranken des Miß⸗ trauens und der Convention gegen einander aufzuthür⸗ men, um höflich kalt an einander vorüberzugehen, wenn vielleicht das Herz nach Mittheilung ſeufzt? Ich ſprach noch viel in dieſer Weiſe; ich war auf einmal ſo beredt, als ich den Tag zuvor ſcheu und linkiſch geweſen ſein mochte. Vielleicht, daß mein geiſtlicher Stand und meine ehrliche Phyſiognomie, welche ſelbſt vor einem Lavater Gnade gefunden hätte, den Antrag meiner Freundſchaft unbedenklich erſcheinen ließ— genug, Anna von Halden ſchenkte mir Vertrauen und erzählte mir die Schickſale, welche ſie in dieſes ländliche Aſyl verſchlagen hatten. An dem Tage, an welchei wir uns zuerſt begegnet, an jenem auch für mich ſo bedeutungsbollen 12. Februar, hatte ſie ihren Vater zum letzten Mal umarmt. Er hatte als preußiſcher Major nach dem Frieden von Tilſit ſeinen Abſchied genommen und voll Kummer über das Loos ſeines Landes in der Zurückgezogenheit ge⸗ lebt, als der zwiſchen Frankreich und Rußland drohende Krieg ſeine Hoffnungen neu entflammte. Er beſchloß, wie ſo mancher ſeiner preußiſchen Waffenbrüder, unter die Fahnen Alexander's zu eilen und auf den ſarmatiſchen Steppen für Deutſchlands Erlöſung zu kämpfen. Er wollte ſeiner einzigen Tochter trotz ihrer innigſten Bitten 257 Eine Nacht. nicht geſtatten, ihn auf einer ſo gefahrvollen Bahn zu begleiten. Er veranlaßte ſie zu einem Beſuch bei dem Gatten ſeiner verſtorbenen Schweſter, dem Amtmann H., mit dem Verſprechen, ſie vor ſeiner Abreiſe dort noch zu ſehen, da er ſelbſt mit dem Amtmann Geld⸗ angelegenheiten zu ordnen habe. Mochte ſein Ver⸗ ſprechen auch ernſtlich gemeint ſein, bei der Trennung übermannte ihn eine ſeinem ſtrengen Weſen ungewohnte Rührung, und ſie no Augen von Thränen umflort. Ahnung ſagte, daß es für das letzte Mal ſei. In und als er ſein Kind in den Wagen hob ch einmal an ſeine Bruſt drückte, waren ſeine Vielleicht, daß ihm eine einem kurzen Briefe ſagte er dem Fräulein Lebewohl und befahl ihr, bis zu weitern Nachrichten bei dem Amtmann zu bleiben und ſich möglichſt in ſeine Launen und Eigenheiten zu fügen, da er ihr kein anderes Afhl zu bieten wiſſe. Es waren die letzten Zeilen, die ſie von ſeiner Hand empfing. Der ſchickſalsreiche Winter verfloß in ängſtlicher Erwartung; gegen Ende desſelben erhielt das Fräulein durch Mittheilung gefangener Offi⸗ ciere die Trauerkunde, daß der Major in der Schlacht bei Borodino den Heldentod gefunden. Erzählte Leiden bilden zwiſchen den ſich mitthei⸗ lenden Perſonen ein ſtilles, ſtarkes Band. Der trau⸗ liche Verkehr mit dem ſchwergeprüften jungen Mädchen, obwohl auf ſeltene, karg zugemeſſene Augenblicke be⸗ ſchränkt, verſöhnte mich mit den vielen Unannehmlich⸗ keiten meiner Stellung, welche mir beſonders durch den Deſpotismus und das mürriſche Weſen des Amtmanns erſchwert wurde. Die ganze Natur dieſes Mannes ruhte auf einem naiven Egoismus. Alle Dinge der Welt beurtheilte er nach den Einflüſſen, welche dieſelben auf ſeine Perſon äußerten, oder möglicher Weiſe äußern könnten. Er gefiel ſich in ſeinem einträglichen Beſitz und dem ruhigen Wachsthum ſeiner irdiſchen Güter, welche er auf feine Weiſe genoß, und haßte Alles, was ihn darin zu beunruhigen oder zu ſchmälern drohte. 7 Novellenſchatz. Bd. WII. 17 Ernſt Andolt. Daher ſein Abſcheu gegen die patriotiſchen Beſtrebun⸗ gen, das franzöſiſche Joch abzuſchütteln. Er fühlte ſich darunter ganz zufrieden und wünſchte der ſchleſiſchen Armee von ganzem Herzen ein neues Jena. Dabei hatte er es gern, wenn ich meine Anſichten lebhaft gegen ihn vertheidigte; mein warmes Intereſſe für eine Sache, bei deren Sieg ich für mich ſelbſt materiell nichts zu gewinnen hatte, erſchien ihm als eine pfychologiſche Curioſität. Er betrachtete mich in dieſer Hinſicht mit einem behaglichen Gefühl geiſtiger Ueberlegenheit als einen unpraktiſchen Schwärmer, der wohl nie im Leben etwas erreichen werde. Beſonders als nach der Schlacht bei Bauzen der Waffenſtillſtand geſchloſſen und die Pra⸗ ger Conferenzen eröffnet wurden, triumphirte er und prophezeite, Alles werde beim Alten bleiben, Kaiſer Alexander werde ſich glücklich ſchätzen, einen leidlichen Frieden zu erhalten; Preußen bereue längſt, ſich an einem ſo ungleichen Kampfe betheiligt zu haben, und Oeſterreich werde ſchon im Intereſſe der Ordnung die Partei des Weltherrſchers ergreifen. Die Schwärmer und Phantaſten, fügte er mit einem mitleidigen Blick auf mich hinzu, werden freilich ihre Rechnung nicht dabei finden, aber die ruhigen Bürger deſto mehr; die lieben gar nicht, ihre Haut zu Markte zu tragen für zukünftige Dinge, die nicht von ihnen abhängen. Was hilft mir auch der beſte Staat von der Welt, wenn ich vorher todt oder zum Krüppel geſchoſſen bin! Ich glaube nicht, daß der glänzendſte Sieg uns für einen dabei verlorenen Arm entſchädigen kann, den wir alle Tage unſers Lebens vermiſſen werden. Da iſt mein Schwager, der arme Major von Halden— was hätte er nun davon, wenn auch Deutſchland das größte und ſ Reich der Welt würde— er wäre nicht mit abei! Mein Vertrauen auf die Sache der Verbündeten war auch einigermaßen geſunken; Napoleon an der Spitze einer zahlreichen Armee, die bereits glänzende Eine Nacht. 259 Proben ihrer Begeiſterung und kriegeriſchen Tüchtigkeit abgelegt hatte, im Beſitz der Oder⸗ und Elbfeſtungen, hinter ſich die ihm noch immer ergebenen Staaten des Rheinbundes— kein Wunder, daß der Glaube an ſeine Unüberwindlichkeit in den Gemüthern der Men⸗ ſchen wieder auflebte! Für den Verluſt meiner politiſchen Hoffnungen tröſtete ich mich mit dem Gedanken, daß es mir nach Wiederherſtellung des Friedens gelingen werde, mit Gottes Hülfe einen eigenen Herd zu gründen. Ich malte mir in glücklichen Träumereien ein ſtilles, von Linden umſchattetes Pfarrhäuschen, abſeit von dem Lärm der Welt, ein Gärichen am Ufer eines rauſchenden Baches — und in der Geisblattlaube drei ſelige Menſchen. Daß zwei dieſer Perſonen meine Mutter und ich ſein würden, iſt leicht zu errathen; wer die dritte, war mein Geheimniß. Gegen den Amtmann äußerte ich nichts von dieſen Träumen; über die politiſchen ließ ich ihn nach Herzensluſt ſpotten. Ja, ich begann mehr und mehr ſeine quietiſtiſche Weltanſicht zu theilen, Wie wenig, ſagte ich mir, gewinnt bei der politiſchen Größe und Macht eines Staates das Wohlſein der Individuen! Der Einzelne wird ſein Glück immer für ſich unab⸗ hängig von den öffentlichen Angelegenheiten ſuchen müſ⸗ ſen; ſein Königreich find doch immer nur die vier Pfähle, innerhalb deren er hauſet. Aus dieſen Träumereien weckte mich die Kunde von dem Wiederausbruch des Krieges; das Geſicht meines Brodherrn verzog ſich dabei in düſtere Falten, und ſeine grauen Augen blickten mißtrauiſcher als je. Die Welt iſt toll, murmelte er wiederholt mit einem tiefen Stoßſeufzer: das einzige vernünftige Volk lebt in Amerika; könnt' ich mich doch mit meinem Grund und Boden dahin verſetzen! Seine Stimmung wurde immer ſchwärzer Nie⸗ mand konnte es ihm recht machen; Kinder und Geſinde hatten viel zu leiden; ich nicht minder, ſo daß ich mehr 17* 260 Ernſt Andolt. als einmal im Begriff war, das Haus zu verlaſſen. Nur mit Fräulein von Halden machte er eine Aus⸗ nahme, gegen ſie hatte er nur ſelten ein rauhes Wort, dem dann auch immer bald ein verſöhnendes folgte. Er ſuchte ihr den Aufenthalt auf dem Gute ſo angenehm als möglich zu machen, und ihre Gegenwart ſchien ſeine ſchlimmſten Launen zu verſcheuchen, wenigſtens unterdrückte er die Ausbrüche derſelben. Dieſer Zug verſöhnte mich faſt mit ſeinen übrigen Fehlern. Das Unglück wenigſtens, dacht' ich, iſt dem ſonſt⸗ ſo ſelbſtſüchtigen Manne heilig; er ehrt den Schmerz der Waiſe. Bielleicht auch, daß er nicht unempfänglich für ihre Vorzüge, ihren Seelenadel iſt, daß er wenigſtens an Andern die ſittliche Schönheit empfindet, welche ihm ſelbſt fehlt. Wie hatt' ich mich getäuſcht! Ich bemerkte häufig, daß es dem Amtmann unan⸗ genehm war, wenn ich mich mit ſeiner Nichte lebhaft unterhielt, beſonders wenn das Geſpräch religiöſe oder literariſche Gegenſtände betraf; er ſuchte uns darin auf alle mögliche Weiſe zu ſtören. Es mißfiel ihm, daß wir geiſtige Berührungspunkte hatten, welche ihm fremd waren. Noch ärgerlicher war es ihm, wenn wir gele⸗ gentlich im Garten oder auf einem Spaziergang uns abſonderten Die„Mamſell,“ welche die Wirthſchaft führte und in dieſem Amte viele ſchätzbare Eigenſchaften bewies, nahm dagegen unſere Partei und warnte uns, wenn wir uns allein trafen, vor ſeinen Ueberfällen. Sie ihrerſeits ſchien es ungern zu ſehen, wenn ſich Onkel und Nichte mit einander allein befanden, und ſtörte nicht ſelten ein ſolches Zuſammenſein durch wirth⸗ ſchaftliche Mittheilungen oder Anfragen. Mit der un⸗ ermüdlichſten Thätigkeit, wegen deren ſie der Amtmann ſchätzte, verband ſie einen gewiſſen Widerſpruchsgeiſt und wünſchte in dem ihr zugewieſenen Kreiſe unum⸗ ſchränkt zu herrſchen. Ich ahnte die geheimen Motive aller dieſer Vor⸗ gänge nicht, als mich eines Tages der Amtmann in Eine Nacht. 261 der naiven Unbefangenheit ſeines Egoismus aufklärte. Ich ſaß mit ihm in der Gartenlaube beim Kaffee. Fräulein von Halden hatte uns eben verlaſſen, um ſich mit einem Bande von Jean Paul in ihre Einſiedelei zurückzuziehen. Schade, ſagte Herr O., daß ſie ſo wenig Sinn für die Wirthſchaft hat. Die verdammten Bücher— ich möchte ſie alleſammt verbrennen. Ich äußerte beſcheiden, daß ſich das Fräulein ohne Zweifel gern der Wirthſchaft mit annehmen würde, wenn ſie es nicht aus Rückſicht für die Haushälterin unter⸗ ließe. Die könnte ſie ja mit der Zeit erſetzen bemerkte der Amtmann. Jedenfalls wird ſich Mamſell trotz ihres Eigenſinnes bald darein finden müſſen, unter der Con⸗ trole einer Herrin zu ſtehen, wie es früher war bei Lebzeiten meiner Frau. Beabſichtigen Sie vielleicht— die Frage ſtockte mir zwiſchen den Lippen. Mich wieder zu verheirathen; allerdings, mein lie⸗ ber Candidat. Ich habe auch bereits meine Wahl ge⸗ troffen. Schade, daß Sie noch nicht Paſtor ſind, ſonſt ſollten Sie die Trauung beſorgen. Ich würde mich glücklich ſchätzen, einen ſo ehren⸗ vollen Auftrag zu vollziehen, verſetzt, ich lächend; übri⸗ gens hab' ich für die Perſon der Braut nicht die lei⸗ ſeſte Ahnung. Ich erinnere mich, nie Damenbeſuch auf dem Gute geſehen zu haben, ſo lang ich hier bin. Sie ſehen wie gewöhnlich den Wald vor Bäumen nicht; Sie ſuchen immer in der Ferne, ſtatt zu ſehen, was ſich vor Ihren Augen begiebt. Ich erſchrak. Das Mädchen, fuhr er ruhig fort, hat allerdings ihre etwas abſonderlichen Liebhabereien, ſchwärmt gern in unpraktiſchen Ideen und ſchwatzt über Dinge, über die ein Frauenzimmer keine Meinung haben ſoll; in⸗ deſſen in der Ehe giebt ſich das. Glauben Sie mir, 262 ernſt Andolt. mein junger Freund, die Ehe iſt ein durch und durch praktiſches Inſtitut. Sie dächten wirklich daran, Fräulein von Halden— Zu heirathen, ja. Es iſt wahr, ſie hat kein Ver⸗ mögen, und das hat mich einen Augenblick zweifelhaft gemacht. Aber grade darum iſt es zugleich ein gutes Werk. Ihr Vater wird es mir im Himmel Dank wiſſen, falls es überhaupt eine Fortdauer nach dem Tode giebt, was ich für ungewiß halte. Aber bedenken Sie den Abſtand— der Jahre, wollt' ich ſagen, fürchtete aber den Amtmann zu be⸗ leidigen. Welchen Abſtand? fragte er verächtlich. Sie meinen wohl ihren Adel?— Nun das Vorurtheil ſind wir zum Glück auch durch die Franzoſen losgeworden. Vor der Hand leben wir noch im Königreich Weſtphalen, wo es den Unſinn von Standesunterſchieden nicht giebt. Bürgerliche Gleichheit, heiliges Palladium der menſch⸗ lichen Geſellſchaft! Er blickte wie verklärt um ſich: Ja, mein Herr, noch beſitzen wir es, dieſes werthvollſte Gut des Staats⸗ bürgers. Noch haben es uns Ihre preußiſchen„Frei⸗ heitskämpfer“ nicht wieder entriſſen. Wie können Sie glauben, rief ich entrüſtet, daß ich die Wiederkehr der alten Mißbräuche wünſchte!— Ich meinte auch keineswegs dieſe Bedenken— ich wollte ſagen— ich dachte an die nahe Verwandtſchaft. Darüber ſeien Sie außer Sorge. Das Fräulein iſt nicht meine leibliche Nichte, ſondern lediglich die meiner verſtorbenen Frau— Gott habe ſie ſelig! Als künftiger Prediger ſollten Sie wiſſen, daß ein ſolches Verhältniß kein Ehehinderniß iſt. Mein Advveat hat mich längſt über dieſen Punkt aufgeklärt. Ich weiß das, verſetzte ich ein wenig piquirt; trotzdem widerſpricht eine ſolche Ehe unſerm Gefühle— Dem Ihrigen vielleicht— dem meinigen nicht, und darauf kommt es lediglich an. Eme Nacht. 263 Aber ſind Sie ſo gewiß, daß das Fräulein mit Ihren Gefühlen übereinſtimmt? Ich habe ihr in Rückſicht auf ihre Trauer, die Anſtands halber noch einige Monate dauern muß, meine Intentionen noch nicht ausgeſprochen. Es kann indeß jeden Tag geſchehen, und ich bin überzeugt, daß das liebe Kind bei einer Reflexion über ſeine Verhältniſſe und Ausſichten ſich glücklich ſchätzen wird, einen Mann zu bekommen. Es zuckte mir in den Fingern, und ich hatte meine ganze Selbſtbeherrſchung nöthig, ſehr unchriſtliche Reg⸗ ungen, welche ich gegen den Amtmann fühlte, äußerlich wenigſtens zu unterdrücken. Dieſer ahnte offenbar von meiner Stimmung nicht das Mindeſte und ſagte ruhig: Da Sie nun, mein lieber Herr Friedmann, in meine Abſichten eingeweiht ſind, werden Sie die Schick⸗ lichkeit berückſichtigen und eine zu große Vertraulichkeit mit Fräulein von Halden zu vermeiden ſuchen. Ich glaube gern, daß Sie nichts weiter dabei denken, wenn Sie mit ihr unter einem Eichenbaume für Klopſtock's Oden ſchwärmen— indeſſen, es iſt doch angemeſſener, wenn das von jetzt an unterbleibt. Mit dieſen Worten verließ er mich und ging aus dem Garten. Ich ſtand wie betäubt; mein erſter Ge⸗ danke war, nach dem Borkenhauſe zu eilen und mich dem Fräulein zu entdecken. Durft' ich länger zögern, ſie über die Gefühle ihres Oheims zu enttänſchen?— Durſt' ich ſie länger über meine Gefühle im Zweifel laſſen?— Aber wie? ſollt' ich auf der andern Seite das mir geſchenkte Vertrauen verletzen? ein fremdes Geheimniß verrathen? Sollt' ich die kaum verharſchten Wunden in ihrer Seele wieder aufreißen, indem ich ihr Abſichten enthüllte, die ſie verletzen, erſchrecken, die ihr den Aufenthalt unter dem Dache ihres einzigen Ver⸗ wandten verleiden mußten?— Und was konnt' ich ihr bieten?— Ein ärmliches Aſyl im Hauſe meiner Mut⸗ ter, bis— wer konnte ſagen, wann?— meine Hoff⸗ Ernſt Andolt. nungen auf ein noch ſo beſcheidenes Amt ſich realiſiren würden?— Verzweifelte Lage! Nach langem Kampfe entſchloß ich mich, die mir gemachte Mittheilung treu zu bewahren, dem Amtmann aber ſelbſt bei einer paſſenden Gelegenheit frei und furchtlos das Verwerfliche ſeines Beginnens vorzuhal⸗ ten. Im äußerſten Falle würd' ich meine Entlaſſung nehmen und den Schutz der Gerichte anrufen, um das Fräulein ſeiner Gewalt zu entziehen. Zu dieſem letzten Mittet hatte ich freilich ſelbſt wenig Vertrauen, und nur die feſte Ueberzeugung, daß Anna von Halden nie den Anträgen ihres Oheims Gehör geben würde, hielt mich in dieſer ſchrecklichen Lage von übereilten Schrit⸗ ten zurück. Wie bitter empfand ich damals das Gefühl meiner Abhängigkeit. Wie ängſtlich ſucht' ich nach einem Aus⸗ weg, der mir eine anſtändige Selbſtändigkeit gewähren konnte!— Ich ſchrieb an meinen Gönner, den Pro⸗ feſſor H., ob er mir nicht eine noch ſo geringe Lehr⸗ ſtelle an einer öffentlichen Anſtalt verſchaffen könnte. Bevor ich jedoch ſeine Antwort erhielt, traten große Veränderungen ein.. Von den Erfolgen der Verbündeten waren nur vage Gerüchte an uns gelangt. Da kam plötzlich im Oktober die große Kunde von der Schlacht bei Leipzig und von dem fluchtartigen Rückzug des franzöſiſchen Heeres. Meine alten Gefühle erwachten, und ich be⸗ ſchloß in einer Stunde heiliger Begeiſterung, mich als Freiwilliger der erſten deutſchen Truppenſchaar anzu⸗ ſchließen, welche unſre Gegend betreten würde. Ich theilte vor der Hand Niemandem mein Vorha⸗ ben mit. Ich leugne nicht, daß mir dieſer Entſchluß ſchwer geworden; entſagt' ich doch damit vor der Hand all jenen idylliſchen Träumen, die mich noch vor weni⸗ gen Wochen ſo entzückt hatten!— mußt' ich doch zwei mir unendlich theure Perſonen in der hülfloſeſten Lage zurücklaſſen— vielleicht um ſie nie wieder zu ſehen! Eine Nacht. 265 Eines Tages, gegen Ende des Oktobers, ſaßen wir beim Mittagsmahle, als der Schäfer des Gutes athemlos und leichenblaß ins Zimmer ſtürzte. Sie kommen! rief er zitternd, rettet euch, ſie ſind ſchon im Dorfe, rauben und morden! das Haus des Schulzen brennt lichterloh! Wer? die Koſacken? rief der Amtmann entſetzt. Rein, Franzoſen, verſetzte der Schäfer und lief aus der Stube. Eine verſprengte Schaar franzöſiſcher Krieger war in das benachbarte Dorf eingebrochen; vom Fenſter aus ſah ich eine große Rauchwolke aus demſelben aufſteigen. Der Amtmanu war aufgeſprungen und in ein Nebenzimmer geeilt. Mit Hut und Stock, in der Hand einen Korb mit ſilbernen Löffeln, trat er wieder ein. Laſſen Sie das Vieh in den Wald treiben! Schnell! rief er dem Verwalter zu. Ihr Uebrigen folgt mir! In den Wald! Er eilte voraus, wir ihm nach. Ich blieb dem Fräulein, welche die meiſte Ruhe zeigte und den jüngſten Sohn des Amtmanns am Arm führte, immer zur Seite. Wir gelangten durch den Garten aus einer Hinter⸗ thür ins Freie; wir ſahen von dort, wie die Plünderer vereits in das Gehöft drangen. Sie werden Alles verbrennen! jammerte der Amt⸗ mann. Fort! fort!— Vir eilten durch eine Wieſe dem nahen Gehölze zu. O Gotti das Bild meines Vaters! rief plötzlich Anna erbleichend und die Hand des Knaben fahren laſſend, ich muß zurück.— Unſinn! donnerte der Amtmann, ihren Arm er⸗ greifend. Ich bring' es Ihnen! rief ich ſchnell und lief nach dem Garten zurück. Nein! nein! rief ſie mir mit flehender Stimme nach; aber ich hörte nichts mehr, ſprang über den Zaun und eilte durch den Garten nach dem Hauſe zurück; 266 Ernſt Andolt. ich war entſchloſſen, das Bild zu retten, ſollt' es mein Leben koſten. Das Haus wimmelte von Soldaten in halbzerriſſener Uniform, von verwildertem Ausſehen. Fluchend waren ſie beſchäftigt, Schränke und Kommoden aufzuſchlagen und zu durchwühlen. Ich gelangte, ohne beachtet zu werden, bis in das Zimmer des Fräuleins, wo das Porträt über ihrem Bette hing. Zwei der Marodeurs wühlten in dem erbrochenen Secretär und ſtarrten mich verwundert an, als ich mit einem Sprunge das Bild vom Nagel riß und damit forteilen wollte. Ein in dieſem Augen⸗ blick eintretender Soldat verſperrte mir den Ausgang, während die beiden in dem Zimmer beſchäftigten auf mich losſtürzten und mir das Bild entriſſen. Es iſt etwas von Werth darin! rief der Eine in franzöſiſcher Sprache, indem er es unterſuchte. Wer ſeid Ihr? wo habt Ihr das Geld verſteckt? donnerte mich der Andre an, mich an der Bruſt packend? Hört mich! rief ich in ihrer Sprache, ihr ſollt Alles erfahren! Aber verſchont das Bild.— Es ſteckt nichts darin, verſetzte Der, welcher es unterſucht hatte, indem er es gegen das Licht hielt. Das iſt ein Officier! fügte er hinzu, den Kopf be⸗ trachtend. Es iſt ein Officier, verſetzte ich; er ſchläft auf dem Felde von Borodino bei ſo vielen eurer Brüder! Bei Borodino, ah! rief der zuletzt eingetretene Krieger, ein graubärtiger Sappeur; ich war dort. Er kämpfte unter den Fahnen eurer Feinde, fuhr ich fort; es war für die Freiheit ſeines Landes, und er ſtarb als braver Soldat. Das Bild iſt das einzige Andenken, welches ſeiner Tochter— einer armen Waiſe von ihm geblieben. Sie erwartet von den Soldaten der großen Armee, daß ſie ihr dieſes einzige Erbtheil nicht entreißen werden. Das Wort ſchien zu wirken; die Soldaten ſahen Eine Nacht. 267 einander an. Wo iſt ſie? fragte der Soldat, welcher mich gefaßt hatte. Sie iſt nicht hier, verſetzt' ich, ſie iſt auf einem benachbärten Gute, wo ſie eine Freundin beſucht. Hätte ſie eine Ahnung von dieſem Ereigniß gehabt, würde ſie jenes Bild mit ſich genommen haben. Sie würde un⸗ tröſtlich ſein, wenn ſie es bei ihrer Rückkehr nicht fände. Aber ich hoffe, ihr ſagen zu können: Hier, mein Fräu⸗ lein, das Bild des Majors, Ihres Vaters— franzö⸗ ſiſche Krieger gaben es mir zurück, als ſie erfuhren— Genug, rief der Sappeur, nehmt das Bild, junger Mann. Wer ſeid Ihr? Ich bin ein armer Teufel, verſetzt' ich, ich unter⸗ richte die Kinder des Gutsherrn. Wo iſt er? Schon ſeit einer Stunde entflohen— er hatte von eurem Herannahen erfahren. Ich kehrte zurück, weil mir das Bild des Fräuleins in den Sinn kam. Wo iſt das Geld vergraben? Ihr wißt es! rief Der, welcher mich noch immer hielt, mit ſchrecklicher Stimme. Wie ſoll ich das wiſſen! verſetzt ich, durchſucht mich— nehmt, was ihr findet. Ich habe nichts als meine Armuth! 6 Laßt ihn! rief der alte Sappeur. Gebt ihm das ild. Der, welcher mich ſeſthielt, ließ mich los, zog mir aber dabei meine Uhr aus der Taſche und ſteckte ſie in die ſeinige. Der Sappeur runzelte die Stirn und machte eine Bewegung gegen ihn, als plötzlich unten ein Ruf ertönte: Der Feind! zu den Waffen! Die drei Soldaten eilten hinaus. Preußiſche Hu⸗ ſaren ſprengten in den Hof und ſchlugen ſich mit den Marodeurs herum; ich nahm das Bild und eilte hinun⸗ ter, um aus dem Hauſe zu entkommen, weil ich fürch⸗ tete, die Plünderer möchten es angezündet haben. Als ich auf die Hausflur gelangte, fiel von dem Ernſt Andolt. Hof aus, wo der Kampf noch fortdauerte, ein Schuß durch das Fenſter, welcher mich in den rechten Arm verwundete. Ich fühlte meine Beſinnung ſchwinden und ſank zu Boden, das Bild mit letzter Kraft feſt an mich drückend. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, begeg⸗ neten meine Blicke dem zarten Antlitz des Fräuleins, welche mit zarter Hand meinem verwundeten Arm einen Verband anlegte. Ich befand mich auf einem Sopha ausgeſtreckt im Zimmer des Amtmanns, welches noch die Spuren der Verheerung trug. Ueber mich gebeugt ſtand die Mamſell, die mir die Stirn mit Spi⸗ ritus rieb. Bei meinem Erwachen that das Fräulein einen Freudenſchrei; ich ſah, daß an ihren Wimpern Thrä⸗ nen hingen. Von den Fragen üher mein Befinden, Dankſagun⸗ gen, zärtlichen Vorwürfen und Selbſtanklagen, die nun folgten, will ich ſchweigen; ich fühlte mich als der glück⸗ lichſte Sterbliche; der geringe Schmerz meiner Wunde diente nur, meine Seligkeit zu erhöhen. Das gerettete Bild lag unbeſchädigt neben mir auf dem Tiſche. Durch den Ueberfall der Huſaren waren die Ma⸗ rodeurs verhindert, die Gebäude in Brand zu ſtecken, was ſie ſonſt wohl aus Rache gegen den Beſitzer, welcher ſeine Werthgegenſtände ſo wohl verborgen hatte, nicht verſäumt haben würden. Der Amtmann tröſtete ſich über ſeine zerſchlagenen Möbel mit ſeinen— er allein wußte, wo— vorſorglich vergrabenen Schätzen. Die Preußen waren zu ſeiner Freude nach einigen Erfriſchungen aus Küche und Keller abgezogen; nur ein bleſſirter Huſar blieb zurück. Gegen Abend erſchien der aus dem nächſten Flecken herbeigeholte Wundarzt; er erklärte meine Wunde für nicht gefährlich, verordnete aber die größte Vorſicht und Schonung. Meine krie⸗ geriſchen Pläne mußt' ich alſo einſtweilen aufgeben. Die Söhne des Amtmanns betrachteten die Ferien, welche Eine Nacht. 269 ſie ſich von meinem Zuſtand verſprechen durften, als das Beſte bei der ganzen Affaire. Die Tage meiner allmählichen Geneſung gehörten zu den ſchönſten meines Lebens; ich verweile gern dabei, wenn ich mich zuweilen für die Plagen des Alters aus dem Born der Erinnerung erquicke Anna von Hal⸗ den ließ es ſich nicht nehmen, täglich der Vorſchrift des Chirurgus gemäß den Verband meines Arms zu er⸗ neuen, obgleich der Amtmann mehr als einmal ärger⸗ lich ſagte, dergleichen Dienſte würden ſich beſſer für die „Mamſell“ ſchicken. Kein Verbot ihres Onkels verhin⸗ derte ſie, den größten Theil des Tages mir Geſellſchaft zu leiſten; wir laſen zuſammen und kauſchten Gedanken; wir waren im Geiſte bald verlobt und verſprochen, vereint auf Lebenszeit, ohne es einander je geſagt oder die Ringe gewechſelt zu haben. Mein Herz war eher geheilt, als mein Arm, ich ſah der Zukunft ruhig ent⸗ gegen. Der Amtmann ſchien von dieſem inneren Vor⸗ gang etwas zu ahnen; jedenfalls erſchienen ihm unſre Geſpräche über Klopſtock's Oden nicht mehr ſo harm⸗ los, als ehedem. Er faßte ſeinen Entſchluß und axran⸗ girte meine Entfernung mit einer diplomatiſchen Zart⸗ heit, welcher ich noch heute meine Anerkennung zol⸗ len muß. Ich war völlig wieder hergeſtellt— im December, wenn ich nicht irre,— als Herr O. ſeine Nichte zu einer Schlittenfahrt einlud. Beim Wegfahren nickte er mir freundlich zu. Als der Schlitten in der Ferne ent⸗ ſchwunden und ich fröſtelnd auf mein Zimmer zurück⸗ gekehrt war, trat der Verwalter ein und überreichte mir ſchweigend mit feierlicher Miene eine verſiegelte Geldrolle nebſt einem Brief. Was ſoll das? fragt' ich verwundert. Vom Herrn Amtmann, erwiderte der Verwalter lakoniſch. Ich öffnete das Schreiben und las; es lautete ungefähr alſo: „So ſehr ich Urſache habe, mit Ihrem auf die Er⸗ 270 Ernſt Andolt. ziehung meiner Söhne verwendeten Eifer und den Fort⸗ ſchritten derſelben zufrieden zu ſein, ſo ſehr ich mithin aus väterlichen Rückſichten die Fortdauer dieſes Ver⸗ hältniſſes wünſchen möchte, ſo beſitzen Sie, mein ver⸗ ehrter Candidat, doch zu viel Zartgefühl, um nicht zu begreifen, daß wir uns von einander trennen müſſen. Sie kennen die Abſichten, welche ich für das Wohl der Nichte meiner vom Schauplatz dieſer Erde zu früh ab⸗ gerufenen Gattin gefaßt habe. Dieſe Abſichten ver⸗ tragen ſich nicht mit dem Benehmen, welches Sie gegen Fräulein von Halden beobachten. Ich verzeihe Ihrer Jugend, daß Sie für die Reize meiner Nichte nicht unempfindlich ſind; Sie werden jedoch als ehrlicher Mann fühlen, daß dieſes Verhältniß für beide Theile geführlich iſt. Sie werden vielleicht bei dieſen unglück⸗ lichen Zeitläuften nie in die Lage kommen, eine Frau ernähren zu können; Sie ſind mir daher zum Danke verpflichtet, daß ich Ihrem Herzen den Kampf mit der Pflicht erſpare und Sie erſuche, ſofort nach Empfang dieſes Schreibens mein Haus zu verlaſſen. Das ein⸗ jährige Honorar von 12 Louisdor füg' ich zur gefäl⸗ ligen Empfangnahme bei und bitte, die einliegende Quit⸗ tung unterzeichnen und dem Ueberbringer einhändigen zu wollen. Mit ausgezeichneter Hochachtung und den beſten Segenswünſchen für Ihre fernere Zukunft der Ihrige ꝛc.“ Ich war wie verſteinert; ich fühlte, wie mir die Schamröthe über eine ſolche Behandlung ins Geſicht ſtieg; ich war unſchlüſſig, wie ich dieſem Schlage be⸗ gegnen ſollte. Die Caleſche iſt ſchon angeſpannt, ſagte der Ver⸗ walter mit höhniſchem Lächeln. Ich werde nicht abreiſen, bevor ich Herrn H. ſelbſt geſprochen habe, rief ich in heftiger Aufwallung. Der Herr Amtmann hat Ordre hinterlaſſen, ſeinen Willen auf alle Fälle zu vollziehen. Die Caleſche iſt angeſpannt. Eine Nacht. 271 Ich werde ſeine Rückkehr erwarten. Sie werden ſofort abreiſen. Die Caleſche iſt an⸗ geſpannt. Und wenn ich mich weigere? Dann würde ich mich genöthigt ſehen, Sie mit Gewalt über die Grenze des Guts zu ſchaffen. Kann ich Ihnen beim Packen des Koffers behülflich ſein? Ich danke Ihnen ich werde das ſelbſt beſorgen. Beeilen Sie ſich gefälligſt! Die Caleſche iſt ange⸗ ſpannt. Mit dieſen Worten verließ mich der ſeines Herrn würdige Diener; ich hätte mich an ihm vergreifen kön⸗ nen; aber ſeine athletiſche Geſtalt flößte mir Mäßigung ein. Ich begann meine geringen Habſeligkeiten zu packen, ſchrieb dann raſch einige Zeilen an Fräulein von Halden, worin ich ihr meine erzwungene Entfer⸗ nung anzeigte mit dem Verſprechen, das Aeußerſte auf⸗ zubieten, um ſie baldigſt aus der Gewalt des Tyran⸗ nen zu befreien. Ich hatte dieſes Schreiben eben ver⸗ ſiegelt, als der Verwalter wieder eintrat. Fertig? fragte er mit cyklopiſchem Lächeln. Sogleich. Wenn Sie die Güte haben wollen, mei⸗ nen Koffer zu verſchließen, werd' ich unterdeſſen eines meiner Bücher ſuchen, welches in einem andern Zim⸗ mer liegen muß.— O, ich verſtehe, Sie wollen den Brief da an ſeine Adreſſe beſorgen. Nun, Herr Candidat,— ich mein' es im Grund nicht böſe, obgleich mich dieſes ſumma⸗ riſche Verfahren des alten Herrn königlich amüſirt. Aber es kann ihm nichts ſchaden, wenn Sie ihm einen gro⸗ ben Brief unters Sophakiſſen ſtecken. Ich weiß von nichts. Den Koffer will ich unterdeſſen beſorgen. Ich eilte auf das Zimmer des Fräuleins, ſchob den Brief unter ein auf der Toilette liegendes Schnupftuch und ging nach einem wehmüthigen Blick auf die heilige Stätte die Treppe hinunter in den Hof, wo mich der 272 Ernſt Andolt. Verwalter, welcher den Koffer bereits befeſtigt hatte, erwartete. Nun, Glück auf! ſagte er, als ich in den Wagen ſtieg. Sagen Sie Ihrem Principal, ich müſſe ſein Be⸗ nehmen für unwürdig erklären und würde ihm Gelegen⸗ heit geben, es zu bereuen.. Mit dieſen Worten, welche der Verwalter gewiſſen⸗ haft zu beſtellen verſprach, fuhr ich von dannen. Der eiſige Nordwind kühlte meine erhitzte Stirn. Die Caleſche fuhr langſam durch den hohen Schnee. Meine Stimmung wurde immer düſterer: wie ein Lump aus dem fremden Hauſe geſtoßen, in der peinlichſten Angſt für die geliebteſte Perſon, welche nun ganz den Launen eines herzloſen Tyrannen preisgegeben war, ohne Hoffnung für die nächſte Zukunft fühlte ich mich recht von Gott und Welt verlaſſen. Die ſchrecklichſten Verſuchungen gingen damals durch meine Seele; in dem Gefühle meiner Ohnmacht haſcht' ich gierig nach jedem Mittel der Rache, welche mir meine erhitzte Phan⸗ taſie vorſpiegelte; dann wieder überkam mich eine eis⸗ kalte Verzweifluug. Ich vermochte nicht zu beten; ich war nahe daran, zu läſtern.— Gütiger Gott! wie be⸗ ſchämteſt du mich! Ich empfand einen heftigen Stoß, hörte ein Ge⸗ räuſch und einige Flüche. Aus meiner Erſtarrung auf⸗ fahrend, ſah ich, daß mein Kutſcher mit einem uns ent⸗ gegenkommenden Fuhrwerk zuſammengefahren war. Beide Kutſcher ſchimpften einander, als eine tiefe Baßſtimme aus dem fremden Wagen rief: Schock Schwerenoth! Statt zu raiſonniren, ſeht zu, wie ihr aus einander kommt. Und ein in einen Pelz gehüllter Mann mit einem gewaltigen Schnurrbart ſah mit funkelnden Augen über den Bock hervor. Seine Erſcheinung ſchien auch meinem Phaeton zu imponiren, und beide Wagenlenker bemühten ſich, ſeiner Weifung zu genügen. Ihre An⸗ ſtrengungen wurden durch einen ſchnellen Erfolg be⸗ lohnt, und eben waren wir im Begriff, friedlich an Eine Nacht. 273 einander vorbeizufahren, als der Herr mit dem Schnurr⸗ bart ein donnerndes Halt! rief. Dann ſich aus dem Wagen lehnend und mich ſcharf fixirend, rief er mit freudiger Stimme: Aber ſind Sie es denn auch? Sehe ich recht? Candidat Friedmann? Mein Gott ja, rief ich überraſcht, der bin ich. Da ſprang der fremde Mann trotz ſeines Stelz⸗ fußes, den ich jetzt bemerkte, mit einem Satz aus dem Wagen; ich folgte höflich ſeinem Beiſpiel; aber meine Frage erſtickte an der breiten Bruſt des Fremden, welcher mich in ſeine gewaltigen Arme ſchloß und heftig an ſein Herz drückte. Kennen Sie mich denn nicht mehr? rief er, mich endlich aus ſeiner Umarmung entlaſſend, Sie, mein Retter, mein Märtyrer! O ich weiß ja Alles! Jetzt erkannt' ich den Baron; mein Auge wurde feucht, mein Herz ſtand ſtill, ich fühlte meine Füße unter mir wankend. Eine Ahnung ſagte mir, daß nun„ Alles gut werde. Ich hätte mich auf die Knie werfen und beten mögen. Auch dem Baron traten die Thränen in die Augen. Er faßte meine Hände und zog mich nach ſeinem Wa⸗ gen: Steigen Sie ein— ſo bald trennen wir uns nicht mehr! Mechaniſch folgte ich ſeiner Aufforderung. Dieſes plötzliche Glück in dem Augenblick, wo ich an Allem verzweifelte, hatte mich übermannt. Aber ſoll ich denn den Herrn nicht weiter fahren? fragte der Kutſcher des Amtmanns verlegen. Fahre wohin du willſt, mein Sohn, ſagte der Frei⸗ herr, aber dein Herr bleibt in meinem Wagen. Georg, rief er ſeinem Kutſcher zu, nimm den Koffer des Herrn auf den Bock! Der Kutſcher des Barons gehorchte; der des Amt⸗ manns wandte um und fuhr dem Gute zu; der Wagen des Barons folgte in derſelben Richtung. Ja, Sie haben viel für mich gelitten, ſagte der Novellenſchatz. Bd. XXII. 18 274 Baron gerührt, und es dedurfte nur eines Wortes von Ihnen, um Sie zu retten und mich zu verderben. Ach! ich kann es Ihnen nie vergelten! Ich war in Ver⸗ zweiflung, Ihren Aufenthalt nicht zu wiſſen— alle meine Erkundigungen waren umſonſt— und nun find' ich Sie mitten auf der Landſtraße und muß das Un⸗ geſchick meines Kutſchers ſegnen, ohne das Sie unbe⸗ merkt an mir vorbei gerollt wären. Ich fragte den Baron nach ſeinen Schickſalen in der Zeit, daß wir uns nicht geſehen. Er hatte unter Kutuſow den Krieg in Rußland mitgefochten, war dann unter die Fahnen ſeines Königs geeilt, um auf deut⸗ ſchem Boden gegen den. alten Feind zu kämpfen. Bei Leipzig hatte er ein Bein verloren, ein Mißgeſchick, das er nur beklagte, weil es ſeinem Kriegerleben ein Ende machte. Nun, ſprach er am Ende ſeiner Erzäh⸗ lung, es ſollte ſo ſein. Auch ohne mich werden unſre Truͤppen in Paris einziehen und die preußiſche Fahne auf Montmartre pflanzen— ich wäre freilich gerne bis zu Ende dahei geblieben. Sie haben Ihr Wort gehalten, ſprach ich bewegt, und ich ſchätze mich glücklich, durch eine gütige Fügung des Himmels ohne mein Verdienſt dazu beigetragen zu haben, einen ſolchen Mann dem Vaterlande zu erhalten. Ich ſelbſt dagegen bin leider weder als Feldprediger, wie Sie damals ſcherzten, noch als Mitſtreiter bei dem großen Erlöſungskampfe thätig geweſen; indeſſen— Machen Sie ſich darüber keine Sorge, verſetzte der Baron, mich unterbrechend; Jeder in ſeinem Be⸗ ruf! Wir haben Soldaten genug, und ich zweifle nicht, daß der Krieg in wenigen Monaten beendigt ſein wird, Napoleon's Mittel ſind erſchöpft, unſre Armeen ſind ihm um das Sechsfache überlegen. Und wo lebten Sie ſeit Ihrer Entlaſſung aus dem Gefängniß? fragte er nach einer Pauſe. Hier in der Gegend, verſetzte ich, beim Amtmann O in der beſcheidenen Stellung eines Hauslehrers. „ Eine Nacht. 275 Ah! das iſt merkwürdig. Haben wir noch weit bis dahin? Höchſtens noch eine Viertelſtunde— wir müſſen gleich den Giebel des Hauſes erblicken. Fahren Sie denn zu dem Amtmann? Ja, ein wichtiges Geſchäft führt mich zu ihm. Wie iſt der Mann beſchaffen? Ich zuckte die Achſeln. Er ſoll ein Menſchenfeind, ein verdrießlicher alter Kauz ſein, wenig umgänglich. Nun, Sie wollen nicht ſchlecht von ihm reden; Sie leben unter ſeinem Dache— Offen geſagt, Herr Baron, ich bin mit ihm zer⸗ fallen und hatte eben ſein Haus verlaſſen, als wir uns ſo wunderbar begegneten. Mein Urtheil würde daher leicht parteiiſch ausfallen. Die Geſinnung eines Ehrenmannes!— Gut denn, ſchweigen wir von dem Amtmann. Aber das können Sie mir beantworten: lebt in dem Hauſe eine junge Dame, ein Fräulein von Halden? Ich bejahte in der lebhafteſten Bewegung; die Frage hatte mich zu ſehr überraſcht. In welcher Be⸗ ziehung ſtand der Baron zu dem Fräulein?— Dieſer bemerkte meine Bewegung und fixirte mich ſcharf. Weiß die Dame bereits den Tod ihres braven Vaters? fragte er zögernd. Ja, ſchon ſeit längerer Zeit. Wenn Sie wüßten, wie ſie ihn betrauert! Fühlt ſie ſich übrigens in dem Hauſe des Amt⸗ manns glücklich? Ich glaube— oder ich weiß vielmehr— nein! Ich bin feſt entſchloſſen, ſie um jeden Preis aus jenem Hauſe zu befreien. Hoho! Mit welchem Recht? Mit dem Rechte der Humanität— der Nächſten⸗ liebe. Sie müſſen mich dabei unterſtützen! Klären Sie mich auf! Ich bin dazu bereit. Doch zuvor, Herr Ba⸗ 18* Ernſt Andolt. ron, in welchem Verhältniß ſtehen Sie zu dem Amt⸗ mann! Bis jetzt in gar keinem. Ich hab ihn nie geſehen. Aber— Fräulein von Halden— kennen Sie? Ich habe ſie vor Jahren einmal als Kind im Hauſe ihres Vaters geſehen. Er war mein langjähri⸗ ger Kamerad. O, dann bin ich Ihres Beiſtandes gewiß. Sie werden die Tochter Ihres Waffenbruders nicht in den Händen eines Tyrannen laſſen, der— Der?— Warum reden Sie nicht weiter? Miß⸗ trauen Sie mir? Nein, nein! Sie ſollen Alles wiſſen! Ich ſchilderte ihm nun die völlige Vereinſamung, in welcher das Fräu⸗ lein bei Herrn O. lebe, wie ſie, abgeſchnikten von allem geſelligen Verkehr, lediglich auf den Umgang des für alle edleren Intereſſen unempfänglichen Hausherrn an⸗ gewieſen, in einem Daſein ohne Reiz und Anregung verkümmern müſſe, ich deutete ihm endlich auch die Heirathspläne des Amtmanns, jedoch lediglich als eine Vermuthung an. Schon gut, ſagte der Baron lächelnd, wir werden ſehen, was zu thun iſt. Indeſſen, wer weiß? vielleicht geht das Fräulein auf die Wünſche des alten Herrn ein? Man hat Fälle,— O nimmermehr! Glauben Sie das nicht. Das Fräulein würde erſchrecken, wenn ſie die Abſichten des Amtmanns je ahnen ſollte! Ei, ei, was hat Sie deſſen ſo gewiß gemacht? fragte er, mich ſcharf anſehend. Die vollſtändige Verſchiedenheit der Charaktere; wenn Sie Herrn O. eine Viertelſtunde lang beobachtet haben, werden Sie mir gewiß beiſtimmen. Nun wohl, wenn dem ſo iſt, wird die junge Dame noch heute ſein Haus verlaſſen. Ich fürchte, das wird nicht ſo leicht zu bewirken ſein. Seien Sie unbeſorgt; ich werde die Prinzeſſin Eine Nacht. 277 aus der Drachenhöhle erlöſen— auch ohne das Horn des Hüon zu beſitzen.— Doch nun zu Ihren eigenen Angelegenheiten, mein wackerer Freund! Würden Sie mit einer Landpfarre vorlieb nehmen? Landpfarre?— Vorlieb nehmen? ſtammelte ich; Sie ſcherzen, Herr Baron! Nein! ich gönnte Ihnen lieber eine Profeſſur, oder ein höheres Kirchenamt, wo Sie Ihr Licht beſſer leuch⸗ ten laſſen könnten, als vor einer Dorfgemeinde. In⸗ deſſen, vor der Hand, meinte ich— Mein Gott! die beſcheidenſte Landpfarre würde mich zum glücklichſten Menſchen machen! Vortrefflich! In der Nähe meines Gutes iſt eine eröffnet, welche Graf S. als Patronatsherr zu verge⸗ ben hat. Ich habe mich ſchon bei dem Grafen für Sie verwandt; als ich ihm Ihr edles Benehmen in jener denkwürdigen Nacht erzählte, war die Sache im Reinen. Aber leſen Sie denn keine Zeitung?— Seit drei Wochen ruf' ich Ihnen in ſechs öffentlichen Blät⸗ tern ein flehentliches„Samiel, erſcheine!“ zu, und Sie laſſen nichts von ſich hören. Der Baron erſchrak faſt über die Bewegung, welches dieſes neue Glück in mir hervorbrachte. Ich zitterte, wurde blaß und roth und ſuchte vergebens nach Worten. Aber wurd' ich nicht auch an dieſem Tage aus dem Füllhorn der ewigen Güte wie mit einem Frühlingsregen überſtrömt?— Wenn ich daran denke, ſtaun ich noch heute, wie viel Freude auf ein Mal der Menſch zu ertragen vermag. Kaum bemerkt' ich, daß wir bereits im Hofe des Amtmanns hielten. Ich geſtehe, daß ich eine Anwand⸗ lung von Eitelkeit fühlte, ſo im Triumph dort wieder zu erſcheinen. Sie gehen mit mir, ſagte der Baron, ich wünſche bei der Verhandluug mit Herrn O. einen Zeugen zu haben. Der im Hofe ſtehende Kutſcher des Amtmanns, welcher eben ſeine Pferde ausgeſpannt hatte, ſtarrte Ernſt Andolt. uns verwundert an. Der Baron gab ihm eine Viſiten⸗ karte mit dem Auftrag, er laſſe den Amtmann um eine kurze Unterredung erſuchen. Dieſe Meldung ſtörte, wie ich ſpäter erfuhr, Herrn O., welcher, von ſeiner Schlittenfahrt bereits zurück⸗ gekehrt, beim Frühſtück ſaß, in einer an Fräulein von Halden gerichteten Rede, welche von meiner Abreiſe beginnend zu einer Zergliederung meines Charakters im Allgemeinen und meiner„gewiſſenloſen“ Handlungs⸗ weiſe im Beſondern überging, dann meine armſeligen Verhältniſſe und die Unmöglichkeit ausführte, daß ich je zu einer anſtändigen Verſorgung gelangen könnte. Er war gerade bei der näheren Begründung dieſes letztern Punktes, als ihm die Karte und Beſtellung des Barons überbracht wurde. Was will der Mann von mir? Ich kenn' ihn nicht, ſagte der Amtmann. Der Name iſt mir bekannt, rief das Fräulein, es iſt ein alter Freund meines ſeligen Vaters. Der Amtmann entfärbte ſich. Herr Friedmann iſt auch wieder mit angekommen, bemerkte der Kutſcher. Was? wie kommt Der hierher? Im Wagen des Barons. Ich will von Beiden nichts wiſſen, Lief der Amt⸗ mann heftig; ſie ſollen ſich packen, ich biſt nicht zu Hauſe. Aber ich, ſagte das Fräukein ic erhebend mit feſter Stimme, ich will den Freuns und Waffenbruder meines Vaters ſehen; ich glaube ein Recht dazu zu haben. Das haben Sie allerdings, mein Fräulein, ſagte der bei dieſen Worten mit mir ins Zimmer tretende Baron, und ich bin hier, Sie in dieſem, wie in ihren ſonſtigen Rechten zukren* Er verbeugte ſich gegen den Amtmann. Dieſer erhob ſich und maß den Baron mit einem ſtechenden Blicke. Eine Nacht. 279 Mit welchem Rechte, fragte er langſam, miſchen Sie ſich eigentlich in fremde Familienangelegenheiten? 5e7 5 Zunächſt mit dem Rechte einer langjährigen Freund⸗ ſchaft, welche zwiſchen dem Vater dieſer Dame und mir beſtanden. Darauf giebt das Geſetz gar nichts— Freund⸗ ſchaft hat keine legale Wirkungen. Sie haben Recht; und da auch Herrn von Halden dieſe Bemerkung nicht entging, verſäumte er nicht, vor ſeiner Abreiſe nach Rußländ bei dem königlichen Ge⸗ richt zu Steinau ein Teſtament zu deponiren, in welchem er mich für den Fall ſeines Todes zum Vormund des Fräuleins ernannte. Ein Teſtament! Vor— mund— lallte der Amt⸗ mann und ſank wie gelähmt in ſeinen Seſſel zurück. O Gott, es kränkt ihn, rief Fräulein von Halden bewegt; und neben ihm niederknieend ergriff ſie die Hand des alten Mannes und ſuchte ihn zu begütigen. Vormund oder nicht, Onkel, ſprach ſie, ich werde nie vergeſſen, was ich Ihnen ſchuldig bin. Bitte— nehmen Sie Platz, meine Herren, ſagte der Amtmann mit einer Handbewegung. Wo iſt Jo⸗ hann? Er ſoll die Pferde des Barons in den Stall bringen! Nicht doch, Herr Amtmann, ſagte der Baron, ich gedenke ſogleich mit dem Fräulein abzureiſen; nach dem Empfange, welcher mir von Ihnen zu Theil wurde, will ich Sie nicht länger beläſtigen. Entſchuldigen Sie mich; bedenken Sie, Herr, wie konnt' ich wiſſen— Geſtatten Sie mir wenigſtens einen Blick in das Teſtament meines Schwagers— Sie werden es doch ohne Zweifel 52 Mitgebracht haben. Allering⸗ und zwar in ge⸗ richtlich beglaubigter Abſchrift. Hier, leſen Sie mit Muße, indeſſen Sie, gnädiges Fräulein, Ihre Reiſe⸗ vorbereitungen machen werden— nicht ſo? 280 Ernſt Andolt. Die Frage war mit einer herzlichen Höflichkeit etont. Es war der ſpecielle Wunſch Ihres Herrn Vaters, ſetzte er leiſe hinzu, daß Sie, ſobald es die Umſtände erlaubten, dieſes Haus mit dem meinigen vertauſchen möchten. Die Gründe ſpäter! Der Baron hatte in dem Blick ſeines Auges etwas ſo Feſtes und Ehrliches, daß man ihm unwillkürlich folgen mußte. Der edle Mann! rief jetzt Herr O., welcher inzwi⸗ ſchen das Teſtament geleſen, mit pathetiſcher Stimme. Ja, ſo war er immer— ſanft ruhe ſeine Aſche! Ich könnte weinen, wenn es nicht gegen meine Grundſätze wäre. Sich dann an den Baron wendend, fuhr er fort: Sie werden mir geſtatten, von dieſem Actenſtück eine Abſchrift zu nehmen!— Bitte, behalten Sie Platz. Auch Sie, Herr Friedmann. Vor Abend dürfen Sie mich nicht verlaſſen. Verzeihen Sie, ſagte der Baron, wir müſſen ſofort reiſen, um noch bis Abend in Halberſtadt zu ſein, wo meine Frau das Fräulein voll Sehnſucht erwartet. Meine Frau— herrlicher Ausſpruch! mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich will es nur geſtehen je mehr ich während der vorhergehenden Scene den Ba⸗ ron in ſeiner ſtattlichen Erſcheinung, ſeinem gewandten und vitterlichen Anſtand bewundern mußte: je bedenk⸗ licher erſchien mir die neue über Anna von Halden verhängte Vormundſchaft. Bei dem ſichtlichen Eifer, welchen er zeigte, das Fräulein ſo raſch als möglich von dannen zu führen, ſchien es mir kaum noch zweifel⸗ haft, daß er mit größerer Berechtigung als ſein Vor⸗ gänger die Heirathsgedanken desſelben adoptiren dürfte, und das alte Incidit in Scyllam etc. trat drohend vor meine Seele, als mir jene zwei Worte lieblich ins Ohr tönten und mich von dieſer neuen Sorge befreiten. Von nun an erſchien mir der Baron erſt in ſeiner wahren Gloire. Eine Nacht. 281 Doch die Stunde drängt— ich eile zum Schluß. Um die letzterzählten Vorgänge, die mir ſelbſt damals ziemlich dunkel erſchienen, zu erklären, muß ich bemer⸗ ken, daß in früheren Jahren der Major von Halden ſeinem Schwager, mit dem er ſonſt nicht ſonderlich harmonirte, ein nicht unbedeutendes Capital geliehen hatte, um demſelben das durch Kriegsereigniſſe und Mißwachs überſchuldete Gut zu erhalten. Außer den beiden Männern wußte Niemand von jenem Darlehn; insbeſondere mit ſeiner Tochter pflegte der Major nie über ſeine Geldangelegenheiten zu ſprechen. Als er 1807 ſeinen Abſchied genommen, verbrauchte er in den folgenden Jahren trotz ſeiner mäßigen Lebensweiſe den Reſt ſeines Vermögens, ſo daß ihm bei ſeiner Abreiſe nach Rußland nur jenes Capital blieb, über welches ihm der Amtmann einen bereits mehrmals prolongirten Wechſel ausgeſtellt hatte. Er glaubte es vor der Hand noch bei demſelben am beſten aufgehoben. Nur ungern beſtimmte der Major für die Dauer ſeiner Abweſen⸗ heit das Haus ſeines Schwagers zum Aſhl der zurück⸗ bleibenden Tochter. Weit lieber hätte er dieſelbe ſeinem Freunde, dem Baron, anvertraut; da er jedoch die ge⸗ fahrvolle Lage des Letzteren kannte und ſonſt keinen paſſenden Aufenthalt wußte, entſchloß er ſich zu jener Wahl. Als der Amtmann die Nachricht von dem Tode des Majors erhielt, fand er es nicht paſſend, mit der tiefgebeugten Waiſe über Geldangelegenheiten zu reden er erwähnte daher nichts über jenes Darlehn und ließ ſie in dem Glauben, daß ihr Vater kein Vermögen hinterlaſſen habe. Auch ſpäter ſchien ihm noch immer nicht der paſſende Augenblick für die betreffende Mit⸗ theilung gekommen zu ſein, und er gewöhnte ſich immer mehr an den Gedanken, daß es am beſten ſei, das Ca⸗ pital überhaupt nicht zurückzuzahlen Bei fernerer Ueber⸗ legung fand er, daß ſich jene ſeine Lieblingsidee mit den Pflichten gegen ſeine Nichte durch ſeine eheliche Verbindung mit dieſer am leichteſten und angenehmſten Ernſt Andolt. vereinigen laſſe. Er beſaß jedoch Menſchenkenntniß genug, um ſich mit der Eröffnung dieſer Abſicht nicht zu übereilen. Alle dieſe Pläne durchkreuzte nun jenes Teſtament; er hatte nichts von der Errichtung desſelben geahnt, da er ſeinen Schwager zu der Claſſe der„un⸗ praktiſchen Charaktere“ zählte, wohin er alle Menſchen zu rechnen pflegte, die ihre Lebensthätigkeit idealen In⸗ tereſſen widmen und gar dafür Opfer bringen konnten. Er dachte nun im erſten Schreck nicht anders, als daß dem Vormund des Fräuleins freie Hand gegeben ſein würde, jenen Wechfel ſofort gegen ihn geltend zu machen — was ihn trotz ſeiner günſtigen Verhältniſſe in der That in einige Verlegenheit geſetzt haben würde. Mit aufrichtiger Rührung erfüllte ihn daher bei Leſung des Teſtaments eine darin enthaltene Beſtimmung, nach welcher hinſichtlich der Rückzahlung des Capitals mit möglichſter Schonung für die Intereſſen des Amtmanns verfahren werden ſollte. Dem Wunſche des Barons gemäß beſchleunigten wir unſere Abreiſe. Das Fräulein umarmte ihren Oheim mit aufrichtiger Rührung. Ja, ja, ſagte dieſer, es iſt traurig, daß du liebes Kind ſo von meiner Seite geriſſen wirſt; du fühlteſt dich ſo glücklich in dieſem Hauſe. Nun, ich hoffe, du wirſt den Weg dahin nicht vergeſſen und mit Erlaubniß deines Vormundes von Zeit zu Zeit mich beſuchen. Und Sie, Herr Candidat, ſprach er, ſich zu mir wendend, wollen mich alſo auch verlaſſen?— Hätte man dies Alles vorausſehen können, ſo könnten wir noch lange zuſammenbleiben. Es thut mir wirklich leid. — Es iſt das Beſte ſo, verſetzt' ich trocken. Im Wagen kam ich dem Fräulein gegenüber zu ſitzen; ich fühlte mich lebhaft an jene frühere Reiſe erinnert, wo wir uns zum erſten Mal ſo einander gegenüber fanden. Auch damals waren die Felder mit Schnee bedeckt, und der kalte Nordwind ſauſ'te um die Wagenfenſter, es war dieſelbe Tageszeit; die Däm⸗ Eine Nacht. 283 merung brach allmählich herein— wie ähnlich, und doch wie verändert! Die Geſpräche im Wagen waren freilich auch dies⸗ mal traurig ernſter Natur; der Baron mußte dem Fräu⸗ 5 lein von ihrem Vater und den näheren Umſtänden ſeines Endes erzählen; die Dunkelheit verbarg ihre Thränen. Ziemlich ſpät am Abend erreichten wir Halber⸗ ſtadt, wo wir in einen anſehnlichen Gaſthhof einfuhren. Die Baronin, eine noch hübſche Frau von einnehmen⸗ den Geſichtszügen, empfing uns und war anfangs über meine Erſcheinung nicht wenig erſtaunt; aber kaum hatte der Baron meinen Namen genannt, als ſich in ihrem Antlitz die freudigſte Ueberraſchung malte, und ſie mich mit der aufrichtigſten Theilnahme als den Retter ihres Gemahls begrüßte. Ich war nicht ſein Retter, gnädige Frau, ver⸗ ſetzte ich gerührt; mein ganzes Verdienſt beſchränkt ſich darauf, daß ich nicht ſein Verräther werden wollte. Aber der Baron iſt heute in der That mein Retter geweſen. Sie wünſchte Aufklärung über die letzte Andeu⸗ tung; aber ich verſchob ſolche auf eine paſſendere Zeit. Nach einem vergnügten Souper, bei welchem der Baron viel von dem Kriege in Rußland und von der furchtbaren Kälte jenes verhängnißvollen Winters daſelbſt erzählte, während das Kniſtern und Praſſeln in dem geräumigen Windofen zu ſeinen Schilderungen eine an⸗ genehme Begleitung bildete, zogen ſich die Damen zurück. Ich wollte mich nun ebenfalls verabſchieden; mein tapferer Freund beſtand aber darauf, noch einige Fla⸗ ſchen mit mir zu leeren. Am andern Morgen wollte ich von dieſen mir ſo theuer gewordenen Perſonen Abſchied nehmen, um nach meiner Heimath zu reiſen und meiner Mutter das mir wiederfahrene Glück zu verkünden. Das geht nicht an, ſagte der Baron; Ihren kind⸗ Ernſt Anbolt. lichen Gefühlen alle Ehre— aber ich muß darauf drin⸗ gen, daß Sie vor der Hand erſt mit mir nach meinem Gute und von da zum Grafen S. fahren, um ihn per⸗ ſönlich von der Annahme der für Sie beſtimmten Pfarre zu benachrichtigen. Nebenbei beſehen wir uns mit Muße das Pfarrhaus und die Kirche; Sie machen die Be⸗ kanntſchaft Ihrer künftigen Gemeinde— und dann mögen Sie mit Gott heim reiſen, um bald auf längere Zeit zu uns zurückzukehren. Ich folgte ſeinem Rathe; nachdem ich einen Brief an meine Mutter auf die Poſt gegeben, fuhren wir dem Gute des Barons zu, wo wir gegen Abend anlangten. Mit welchen Gefühlen betrat ich jene Schwelle und die breite Hausflur!— die braunen Hirſchköpfe an den Wänden ſchienen mir freundlich zuzunicken als alte Be⸗ kannte; auch der Goliath erſchien, ganz wie damals, mit dem mächtigen Armleuchter in der Hand, um uns in ſteifer Haltung vorauszuſchreiten. Bei meinem An⸗ blick ſpielte um ſeine Lippen ein wohlgefälliges Lächeln, welches jedoch gleich wieder in dem feierlichen Ernſt ſeiner Miene verſchwand. Ich bat mir als beſondere Gunſt aus, auf dem⸗ ſelben Zimmer einquartiert zu werden, auf welchem ich bei meinem früheren Beſuch übernachtet— oder viel⸗ mehr nicht übernachtet hatte. Als mich der Baron ſelbſt dahin führte, fragte er plötzlich: Aber nun, zum Henker! erklären Sie mir, wie Sie in jene Scheune gelangten, wo ich Ihnen beinah auf den Kopf ſprang— ich habe mir das immer nicht erklären können. Ich machte ein ziemlich verlegenes Geſicht zu die⸗ ſer Frage und ſuchte anfangs Ausflüchte; dann aber geſtand ich meinem Gaſtfreund offen den wahren Zu⸗ ſammenhang und meine lächerliche Vorſicht, die mir ſo verhängnißvoll werden ſollte. Er lachte recht herzlich darüber. Und damit Sie nicht wieder, ſagte er, eine ſchlafloſe Nacht unter meinem Dache zubringen, will ich Eine Nacht. 285 ſogleich jene Ihnen ſo unheimliche Thür verſchließen und, wenn Sie es wünſchen, vernageln laſſen.— Nicht doch, verſetzt' ich eifrig, ich weiß ja nun nach eigener Erfahrung, was dahinter iſt, und werde ſicherlich keine neue Entdeckungsreiſe in jenes Gebiet unternehmen. Außerdem haben die Begebenheiten jener Nacht mich von meiner Furchtſamkeit geheilt; ich weiß jetzt: Nie⸗ mand entgeht ſeinem Schickſal. Ein wahres Wort, erwiderte der Baron, und man könnte mit Diderot's Jaques le fataliste ſagen: Es ſtand dort oben geſchrieben, daß Sie nicht in dieſem Bette ſchlafen, daß Sie in einem Heuſchober übernachten und aus demſelben ins Gefängniß wandern ſollten.— Nun, ich lobe jetzt die Wanderung; hat ſie mich doch ans Ziel meiner Wünſche geführt. Wir umarmten uns herzlich und kehrten zu den Damen zurück. Soll ich noch erzählen, wie wir Tags darauf zu dem Graſen S. fuhren, wie derſelbe mich überaus gütig empfing und das dem Baron gemachte Verſprechen erneuerte?— Es genüge, daß ich nach einigen Wochen als ordinirter Prediger mit meiner überglücklichen Mut⸗ ter in dem freundlichen Pfarrhauſe zu—dorf ſaß. Der Baron hatte dasſelbe in meiner Abweſenheit aufs Herr⸗ lichſte in Stand ſetzen laſſen; es war weit ſtattlicher und größer als das, welches ich mir in meinen Träu⸗ mereien erbaut hatte. Auch war ein kühler, ſchattiger Garten dahinter mit einer Laube, zwar nicht von Geis⸗ blatt, aber von andern, auch ganz artigen Schlinggewäch⸗ ſen. Und als ich an einem ſchönen Maimorgen neben meiner Mutter in beſagter Laube am Kaffeetiſch ſaß und die Predigt für den nächſten Sonntag meditirte, da fehlte mir wirklich nichts mehr, um der glücklichſte Erdbewohner zu ſein. Doch nein, Etwas fehlte mir noch. Das bewieſen ſchon die häufigen Spaziergänge, welche ich oft beim ſchlechteſten Wetter, nach dem Schloſſe des Barons 286 Ernſt Andolt. machte; aus meiner Verehrung und Freundſchaft für ihn ließen ſie ſich nicht wohl erklären, ſeitdem er auf längere Zeit in Geſchäften verreiſt war. Als er zurück⸗ gekommen, hatten wir ein langes Geſpräch unter vier Augen, in welchem wir uns Beide ein wenig ereiferten: der Baron war nicht ganz frei von Adelsvorurtheilen; trotzdem rief er am Schluſſe der Unterredung: Wohlan, das Mädchen mag ſelbſt entſcheiden; im Grunde gönn' ich ſie Ihnen ja vom Herzen. Und wenn es dort oben geſchrieben ſteht, daß Anna von Halden und der Land⸗ prediger von Neu⸗Wakefield ein Paar werden ſollen, ſo läßt ſich nichts dagegen machen, und dem zuletzt gefragten Vormund bleibt nichts übrig, als ſein Jawort zu ſprechen. Und es ſtand allerdings oben geſchrieben; und als ich einige Wochen ſpäter in der gedachten Gartenlaube zu Dreien ſaß, ohne an die Predigt für den nächſten Sonntag zu denken,— da fehlte mir wirklich nichts mehr. Mit dieſen Worten endigte der Paſtor ſeine Er⸗ zählung, während draußen der Wächter die zwölfte Stunde rief. Und was iſt aus dem Referendar geworden? fragte der Major. Er ſtarb vor einigen Jahren als Regierungsrath! Und von dem Amtmann haben Sie wohl nichts weiter gehört? Nur, daß er in derſelben Woche, als ich Hochzeit hielt, ſeine Verbindung mit der„Mamſell“ feierte, bei welcher Gelegenheit ſich der Verwalter ſtark betrunken haben ſoll. Und dieſe ganze Geſchichte wäre wahr? fragte Fräu⸗ lein Antonie. Nein, nein, Herr Paſtor, ich kann es nicht glauben; es fügt ſich Alles darin zu wunderbar Eine Nacht. 287 glücklich, um baare Wirklichkeit zu ſein; ich habe Sie in Verdacht, daß Sie uns einen Roman erzählten! Ich weiß nicht, ob Ihr Verdacht für meine Erfin⸗ dungsgabe ſchmeichelhaft iſt. Uebrigens ſteht Ihnen frei, meine Gattin darüber zu examiniven, ſobald ſie von ihrer Badereiſe zurück ſein wird. Und ſollte wirk⸗ lich hie und da ein Körnchen Dichtung mit untergelau⸗ fen ſein, ſo beruf' ich mich auf das Wort unſers größ⸗ ten Dichters: Giebt's ein Geſpräch, wenn wir uns nicht betrügen, Mehr oder weniger v— So ein Ragout von Wahrheit und von Lügen, Das iſt die Kocherei, die mir am beſten ſchmeckt. Aber ich glaube, es wird Zeit ſein, aufzubrechen. S S 8 S S —— ſ 18 19 ſ M ſ 15 16 1 9 8 9 10 11 13 14