Leipbittithet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Hießen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und eſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 4 7 ühr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 8 den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: ür uhchentlich—2 Bücher:— 4 Bücher: Bücher: auf 1 Monat: Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Juli 1846 war für die Be⸗ wohner der Rheingegend, des Hundsrückens und weit bis nach Frankreich hinein und in's Reich, jenſeits des Rheines, ein Abend des Schreckens und der Beäng⸗ ſtigung. — ir ſind alle gewohnt, auf die Feſtigkeit der Erde unker unſern Füßen, im Gegenſatze gegen das beweg⸗ liche Waſſer, unbedingt zu zählen und zu rechnen. Wir können es uns nicht denken, daß ſich dieſer feſte, ſtarre Boden irgendwie bewege, und wer ein Erdbeben noch nicht erlebt hat, der hat auch durchaus keine Vorſtellung davon, wie augenſcheinlich man es ihm auch beſchreibe. Ich will es gerne eingeſtehen, meine lieben Leſer, daß es mir ebenſo ging. Ich hatte viel von Erdbeben geleſen, wie ſie Italien und das ſüd⸗ liche Amerika heimſuchen oder auch die Inſel Island 4 droben im Norden, aber daß ich es mir hätte klar denken können, das iſt einmal nicht wahr.— So kam 6 der 29. Juli 1846. Der Tag war drückend heiß ge⸗ 3 weſen. Ich freute mich auf die Kühle des Abends, auf das leiſe Wehen des Abendwindes; aber es wurde 3 Abend und keine Kühle kam und kein Luftzug bewegte † die matt herabhängenden Blätter der Bäume des Gar⸗ Horn. Erdbeben von Liſſabon. 1 tens, in dem ich ſaß. Plötzlich rauſcht's in den Blättern der Bäume, als fahre der Hauch des Windes durch ſie hin. Die Vögel, die dort ihre Ruheſtätte gefunden, flattern, ängſtlich ſchreiend, aus dem rauſchenden Laube. Die Erde bewegt ſich deutlich fühlbar, mehrmals unter meinen Füßen und ein Getöſe erfüllt die Luft, als ob ein ſchwer mit Eiſen beladener Wagen über das Stra⸗ ßenpflaſter rolle. Die Fenſterſcheiben des Hauſes klirren, und: Was iſt das? rufen angſtvoll die, welche um mich ſaßen, meine Frau und einige Freunde. Ein Erd⸗ beben! antwortete ich, aber ich wilbs nicht leugnen, daß meine Bruſt beengt war und ein unausſprechliches Gefühl mich bewegte; daß meine Stimme dabei bebte vor innerer Erregung.— Es war das erſte und einzige Erdbeben, welches ich bis heute erlebt habe, und ſeitdem verſtehe ich Eſt, was das Wort ſagen will; kann mir das furchtbare Ereigniß denken, und begreife die Schrecken, die es in die hülfloſe Menſchenſeele hineinträgt. Es war eben eine Reihe von Tagen ſpäter, als ein Kreis be⸗ freundeter Menſchen ſich in dem Hauſe eines hochge⸗ achteten Mannes verſammelt hatte zu freundſchaftlicher Unterhaltung. Der alte Weiher war ein Mann von großem Wiſſen und Erkennen; er hatte die Welt in weiten Strecken und Kreiſen geſehen, viel erfahren und erlebt, noch mehr ſtudirt und geleſen, und hatte dabei die liebenswürdige Eigenſchaft, daß er aus ſeinem Schatze Altes und Neues gerne mittheilte; insbeſondre beſaß er die Gabe angenehm zu erzählen und wußte eine erſtaunliche Menge ſchöner, unterhaltender und lehrreicher Geſchichten. Saßen wir bei ihm in ſeinem ſchönen Garten in den Sommertagen oder um den 5. warmen Ofen, wenn der Winter draußen den Schnee auf die ruhende Erde ausbreitete und die ſeltſamen Eisblumen die Fenſter bedeckten, ſo mußte er erzählen und nie ließ er ſich umſonſt darum bitten. Begreiflicher Weiſe war das Erdbeben vom 29. Juli der Gegenſtand, welcher zur Sprache kam. Jeder ſchil⸗ derte, wie es ihm dabei zu Muth geweſen, und Einer erzählte, wie ſein Papagai in ſeinem Käfich gar jäm⸗ merlich geſchrieen habe. Nun ſagte Herr Weiher, dem mag's dabei zu Muthe geweſen ſein, als ſei er noch in ſeiner Heimat und die Palmenkrone, darinnen er ſein Nachtquartier aufge⸗ ſchlagen, wackele bedenklich und nicht vom Winde oben⸗ her, ſondern vom Stamme, unten herauf. Ach lieber Herr Weiher, ſagten die Frauen und kgeren in der Geſellſchaft, wir haben uns recht auf dieſen Nachmittag gefreut, weil wir feſt darauf gerechnet haben, daß Sie uns über das Erdbeben und ſeine Urſachen belehren würden. Wie iſt es doch eigent⸗ lich damit und wie geht's zu?— Der heitre Greis kratzte ſich hinter dem Ohre und ſagte lächelnd: Das hab ich mir wohl ſchon vorſtellen können, daß der alte Weiher einmal wieder würde herhalten müſſen. Da hab' ich mich denn ein Bischen umgeſchaut und will's verſuchen, ſo gut es geht, und Euch auch eine Geſchichte erzählen, die ſich an das ſchauerlichſte und ſchrecklichſte Erdbeben knüpft, an das nämlich, welches die Hauptſtadt Portugalls, das reiche, herrliche Liſſabon, am 1. November 1755 gänzlich zerſtörte und zum ſchauerlichen Grabe vieler Tauſende von Menſchen machte. Ihr Lieben müßt nur Geduld haben und für Lieb nehmen!— Dieſe Worte verbreiteten Freude in dem Freun⸗ deskreiſe. Wir traten in den Garten am Hauſe und ſetzten uns in der ſchönen Rebenlaube um Herrn Weiher. Es trat das erwartungsvolle Schweigen ein. Ja, ja, ſagte er, was die Natur und Urſache der Erdbeben betrifft, ſo geht es mir faſt, wie dem Bruder Kapuziner, der eine Predigt über die Stelle: Evan⸗ gelium Johannis 3, Vers 7 und 8 hielt und alſo anhob: „Wir wollen heute von dem Winde reden, und zwar „Erſtens: Woher er kommt? Zweitens: Wohin er „fährt? und Drittens: Wie wir Beides nicht wiſſen!“ denn:„Wie wir Beides nicht wiſſen,“ das iſt ſo eigentlich der Predigttheil, den unſre gelehrten Herren abhandeln, die da dicke Bücher über die Erdbeben geſchrieben haben. Der liebe Herr im Himmel, der auch die Erde erbeben läßt, damit der arme Meliſtl erkenne, es ſei hier keine bleibende Statt für ihn; er müſſe die zukünftige im Glauben ſuchen; der ihn mahnen will, es ſei auf Erden Alles eitel, nichtig und unbeſtändig, und nur das Hinmliſche ſei das Aechte, Wahre, Bleibende— der liebe Herr im Himmel, ſage ich, hat nicht für gut gefunden, ſo einen ſchlitzöhrigen, feinnaſigen Profeſſor oder Schulmeiſter herbei zu rufen, wenn's da unten braußt und gährt, wackelt und bebt, donnert und brüllt, auf daß er ſich's gemüthlich an⸗ ſchaue und nun da droben im Tageslichte den Leuten ſage: Kommt her, ich war dabei; habe Augenſchein genommen, und will' Euch nun auslegen, daß Ihr's ſo genau wißt, wie zweimal zwei ſei vier. Es geht uns Menſchen mit dem Erdbeben, wie mit hundert andern Dingen. Wir ſehen die lieblichen Farben der Blumen; wir riechen ihren erquickenden Duft, aber — keine Weisheit kann es uns ſo recht klar ſagen, wie es der liebe Herrgott macht, der ſie ſo viel ſchöner kleidet, als Salomon in ſeiner Herrlichkeit gekleidet war, und wie er die Wohlgerüche hineinlegt, die uns erquicken und von wannen er ſie herholt. Wir wiſſen die Wirkungen des Erdbebens wohl, denn man hat ſie hier und dort, wo man ſie erlebt, gar genau und ſchauerlich beſchrieben; aber wie ſie kommen, das liegt im Dunkeln des geheimen Haushalts der göttlichen Allmacht und ihres Waltens in der Natur. Was wir davon wiſſen, das iſt eben von geſcheiden Leuten mit bewundernswürdiger Scharfſinnigkeit zuſammengeſtellt und vermuthet worden. Dieſe Vermuthungen aber ſind ſo einleuchtend, daß man meinen ſollte, es könnte gar nicht anders ſein. Nun, Gott allein weiß, ob's überall und immer ſo iſt und zutrifft, und es wird die Zeit wohl kommen für uns alle, wo wir im Lichte ſchauen, was uns hier dunkel blieb. Das aber wird geſchehen, wenn das Stückwerk vergeht; wenn das leibliche Auge ſich im Tode wird geſchloſſen haben, das Auge des Geiſtes aber aufgeht, das zum Er⸗ kennen der Wahrheit im Lichte befähigt iſt. Was aber unſere Gelehrten darüber geſagt haben, das will ich verſuchen, Ench verſtändlich zu machen, dabei mir's aber gehet nach dem Sprüchworte, daß jedwedes Vögelein pfeifet, wie ihm der Schnabel ge⸗ wachſen iſt, und man alſo mit Fug und Recht ein An⸗ deres von ihm nicht heiſchen darf.— Die Gelehrten ſagen, in dem Innern der Erde, wohin freilich kein naſeweiſes Menſchenauge geblickt hat, ſei Feuer, und dieß Feuer durchdringe die Höhlungen der Erde, wie das Blut die Adern des Menſchenleibes. Das wird Einem allerdings klar, wenn man an die feuerſpeien⸗ den Berge denkt, deren ſich mehrere Tauſende über die ganze Oberfläche der Erde verbreitet finden, nicht nur in den heißen Gegenden des Südens, ſondern auch in den vom ewigen Eiſe ſtarrenden Landen des Nordens; manchmal viele nahe bei einander, wie auf der im hohen, kalten Norden liegenden Inſel Island, oder in der Gebirgskette, welche unter dem Namen der Anden, Amerika der Länge nach durchzieht oder endlich da drunten in Italien, wo ſich auch ſo eine unheimliche Sippſchaft zuſammenfindet, deren Haupthähne der Ve⸗ ſuv bei Neapel und der Aetna auf der ſchönen Inſel Sicilien ſind; denn aus dieſen Bergen, die meiſt die Form eines Zuckerhutes haben, dem die Spitze abge⸗ ſchlagen iſt, und oben eine Oeffnung, die man Krater oder zu deutſch: Becher nennt, quillt und ſprühet zu Zeiten Feuer in erſchrecklicher Weiſe und es fließen aus dem Krater oder aus Spalten und Oeffnungen an der Seite des Berges furchtbare Ströme einer feuri⸗ gen Maſſe, ähnlich dem Eiſen in Schmelzöfen, wenn die Gluth es flüſſig gemacht hat und es unten aus der Oeffnung ſo langſam, aber glühend, herausquillt. Dieſe Ströme fließender, feuriger, teigartiger Maſſe, welche Thäler ausfüllt, weite Landſtrecken überdeckt, und Alles Brennbare in Flammen aufgehen läßt, wenn ſie es erreichet, heißt man Lava, und wenn ſie erkaltet iſt, nach langer, ſehr langer Zeit, Rieht ſie ſchwarz aus und faſt wie die Schlacken einer Glashütte, nament⸗ in ihrem Bruche. Solche feuerſpeiende Berge haben von ihrem Krater hinab in die ungeheure Tiefe, wo das Feuer der Erde kocht und brennt, einen Kanal, und zu Zeiten, wenn etwa ein Theil der harten Erdkruſte da drunten ein⸗ ſtürzt und die flüſſige Feuermaſſe drückt oder wenn andere, uns unbekannte Kräfte der Tiefe in Bewegung ſind, hebt ſich dieſe Maſſe, ſteigt in den Kanal des feuerſpeienden Berges und ſprühet dann oben heraus. Wenn dies geſchieht, ſo ſagt man: der Berg arbeitet. Zu andern Zeiten iſt er ziemlich ruhig, aber immer ſieht der, welcher keck genug iſt, und ſich an den Rand des Kraters wagt, Feuerflammen in der Tiefe züngeln und Rauchwolken aufſteigen, wie aus einem ungehenern Schornſteine. Da hineinzuſchauen, iſt auch eine abſon⸗ derliche Pläſir! Man hat darum auch dieſe feuerſpeienden Berge die Schornſteine der Erde genannt, und der Name iſt ſo eigentlich recht paſſend. Wenn nun ſo ein feuerſpeiender Berg aus ſeiner oft lange dauernden Ruhe in den Zuſtand übergeht, wo man von ihm ſagt, er arbeite— das heißt, wo er beginnet Feuer und Lava auszuwerfen, mit einer Kraft, daß ſie vft viele hundert Fuß hoch in die Luft geſchlendert werden, dann ſtrömen Dampffäulen empor, die bei Nacht feurig glühen; die glühende Lava ſteigt in dem Krater herauf und füllt ihn immer mehr. Der Dampf aber drängt ſich immer mehr dazwiſchen und hebt die Maſſe empor und ſchleudert ſie hoch hinauf in die Lüfte; denn wir wiſſen's ja, welche Gewalt der Dampf hat, wenn er in einem Raum zuſammengepreßt wird und können es alle Tage ſehen an den Dampf⸗ maſchinen, welche die Schiffe gegen die mächtige Ge⸗ walt des niederfliegenden Stromes treiben oder auf Eiſenbahnen den Feuerwagen, den man Locomotive nennt, forttreibt mit einer ungeheuern Kraft, die die „ ſchwerbeladene, lange Reihe von Wagen hinter ſich her zieht, als wären ſie ſo leicht, wie eine ausgeblaſene Eierſchaale. Wie hier der Dampf eine große Kraft beweiſt, ſo iſt da, wo der Dampf durch eine unge⸗ heure Feuerkraft noch viel ſtärker iſt, die Maſſe der Lava gehoben und trotz ihrer großen Schwere, wie ein leichter Ball in eine ungeheure Höhe hinaufgeſchleu⸗ dert. Es grauſet Einem, wenn man ſich ſolche Kräfte vorſtellt, für die uns alles Maß fehlt! 6 Wenn man nun ſo an einer Eiſenbahn ſteht, und hört, wis der Dampf, der aus dem Dampfwagen her⸗ ausbricht, ſtöhnt und brüllt oder man ſteht am Rauch⸗ fange eines Dampfſchiffes, wenn es aufhört zu ſchau⸗ feln mit ſeinen Rädern und der Dampf brüllt oben aus dem Rauchfange heraus, ſo kann man ſich's etwa vorſtellen, daß das Hervorbrechen der unermeßlichen Dampfkraft aus ſo einem Schlunde eines feuerſpeien⸗ den Berges auch nicht leiſe vor ſich geht, wie etwa eine Quelle leiſe dahinfließt; ſondern, daß es da Knalle und Schläge thut, gegen die der Donner des Gewit⸗ ters nur gehalten und damit verglichen werden kann. Bedenkt man dabei, daß die Feuer und Rauchſäule, die aus dem feuerſpeienden Berge von tauſend bis zu ſieben tauſend Fuß Höhe ſenkrecht hinaufſteigt in die Luft, die doch gewaltig auf ſie drückt, ſo kann man ſich leicht einen Schluß machen auf die Kraft, die ſie von unten hinaufpreßt. Da mag's brummen und donnern, daß Einem, der nahe wäre, Hören und Se⸗ hen verginge. Mit dem Dampf und Qualm ſteigt auch eine Menge ſogenannter elektriſcher Kraft auf. Daher ziſchen förmliche Blitze nach allen Richtungen aus der Dampfwolke und der Donner kracht dazwiſchen auf 6 —2 — . grauenhafte Art. Wenn nun der Kanal oder Gang des feuerſpeienden Berges, der aus der bodenloſen Tiefe des inneren Feuerheerdes der Erde in den Krater oder die ausgehöhlte Oeffnung des Berggipfels geht, von Lava angefüllt iſt und die Dämpfe noch nicht heraus können, von innen aber immer gewaltiger gepreßt wer⸗ den, ſo zittert und bebt der ganze Berg nicht nur, ſondern vft auf viele Meilen weit das ganze Land und der Meeresboden, daß Alles auf der Erde umgeſtürzt wird, alſo daß ganze Städte in Trümmer fallen, und das Waſſer im Meere plötzlich aufkocht und aufziſcht, daß es ein Grauen und Entſetzen iſt für die, welche es vom Lande aus ſehen, aber noch mehr für die, welche in einem Schiffe auf dem plötzlich ſo wild bewegten Meere fahren, das, ſo ſtark es auch iſt, doch ein Werk der Menſchenhand und Nichts iſt gegen die Werke Gottes in der Natur. Sie fühlen auch in ihm die Stöße, welche das Waſſer von unten auf, nämlich von ſeinem Boden und Grunde, kriegt. Mag auch keine Luſt ſein. Solche Ausbrüche der feuerſpeienden Berge dauern nicht immer gleich lange. Manchmal ſind ſie in weni⸗ gen Tagen zu Ende; aber es fehlt auch nicht an ſol— chen, die Wochen, ja viele Monate lang ununterbro⸗ chen fort getobt und gewüthet haben, ehe ihre Kraft erloſch.. Immer ſind dann Erdbeben damit verbunden, vft ununterbrochen bebt's, zuckt's, ſtößt's und wackelt's auf der Erde, daß ganze Länderſtrecken ein Haufen von“ Trümmern werden, wie es dem ſchönen Landſtriche Ca⸗ labrien, da unten in der Spitze der ſtiefelförmigen Halb⸗ inſel Italien, ſchon manchmal ergangen iſt, wenn der Aetna auf der Inſel Sicilien ſeine wilde Wirthſchaft zu treiben begann, obgleich ein Meeresarm, wie Ihr auf der Karte ſehen könnt, dazwiſchen liegt.— Man kann, glaub' ich, ſagen, fuhr Weiher nach einer Weile des Ausruhens fort, daß die Erdbeben mit dem in⸗ neren Feuer der Erde, welches in den feuerſpeienden Bergen zu Tage⸗tritt, allemal in Verbindung ſtehen, ja daß ſie dort ihren Ausgang nehmen. Großer Gott! rief da angſtvoll eins der jungen Mädchen aus, das mit großer Aufmerkſamkeit und Theilnahme den Worten des lieben Mannes gefolgt war, iſt uns denn das am 29. Juli ſo nahe geweſen? — Wir wiſſen ja doch nichts von einem feuerſpeien⸗ den Berge bei uns?— Wie nahe oder wie ferne es von der Stelle war, wo an jenem Abende Dein Füß⸗ chen geſtanden hat, mein gutes Minchen, kann Dir Niemand ſagen, verſetzte lächelnd Weiher; aber ſo lange Du nicht durch Deine Sohle die Hitze des Erd⸗ bodens fühlſt, kannſt Du doch einſtweilen, wie ich zu glauben Urſache habe, ruhig ſitzen bleiben oder Dich ruhig zu Bette legen, wenn Dir der Schlaf kommt; denn wenn man in die allertiefſten Schachte der Berg⸗ werke hinunterſteigt, ſo iſt's noch nicht ſonderlich viel wärmer, als hier oben im Lichte und ich halte dafür, daß die Erdrinde, die um das innere Feuer rings herum liegt, dick genug iſt, um uns hier zu Lande nicht zu ängſtigen. Bei den feuerſpeienden Bergen verhält es ſich freilich ein Wenig anders, aber den⸗ noch leben die Leute dort ruhig, weil ſie wiſſen, daß ihr Leben, wie überall, in Gottes Vaterhand ſteht. Ich meine, wenn wir mit einem Erdbohrer, womit man Brunnen bohrt, ein Loch bohren könnten und * — wollten bis zu dem Feuer, das den innerſten Kern der Erde bildet und von dannen aus die Lebenswärme durch alle Adern der Erde ausſendet, ſo müßten wir gar manche Meile tief hinunterbohren und ob wir, wenn wir immer Tag und Nacht fortbohrten, in Hun⸗ dert und mehr Jahren dem Feuerheerde ſo nahe kämen, daß der Erdbohrer zu ſchmelzen anfinge, das iſt eine Frage, die keine Menſchenſeele ſicher beantworten kann, die ich aber dennoch zu verneinen nicht geringe Luſt trüge. Das Bohren geht langſam und die Erdkugel iſt dick.— Du ſiehſt alſo, liebes Kind, daß Deine allzu große Furcht vorerſt ohne Grund iſt, wenn auch in der Eifel und am Siebengebirge längſt erloſchene Vulkane liegen, das heißt: Feuerberge. Aber Sie ſagen ja doch— die Erdbeben gingen von dem inneren Feuer der Erde aus? bemerkte Minchen. Ja doch, Kind, antwortete Weiher; aber denke Dir einmal, daß das Erdbeben, welches am 1. November 1755 die Stadt Liſſabon zerſtörte, wie ich ſpäter erzäh⸗ len werde, zu gleicher Zeit und Stunde in allen Theilen Europa's, bis in den fernen Norden hinauf, in Afrika und in Amerika verſpürt wurde, und doß die Gelehr⸗ ten es berechnet haben, daß das Erdbeben ſich auf einem Flächenraume der Erdoberfläche fühlbar machte, der ſiebenmal Hunderttauſend Geviertemeilen mißt, alſo nahe zu auf dem dreizehnten Theile der ganzen Erdkugel verſpürt wurde; da kannſt Du Dir von der unermeßlichen, unbegreiflichen Kraft eine Vorſtellung machen, die dabei im Innern der Erde wirkſam muß geweſen ſein. Die Art und Weiſe aber wie dieſe Wirk⸗ ungen ſo weit ſich verbreiten können, mögen wir uns nur ſo erklären, daß im Innern der Erde Spalten, — Höhlen, Klüfte und Kanäle ſind, wie ſie in den feuer⸗ ſpeienden Bergen nach oben gehen, die ſich in allen Richtungen verbreiten viel Tauſende, ja Hunderttau⸗ ſende von Meilen weit. Doch ich will noch erſt Eins und das Andre erwähnen, ehe ich darauf zurückkomme. Sind dieſe Höhlungen und Gänge, in denen das, was die Erdbeben hervorbringt, in einem kleineren oder größeren Kreiſe abgeſchloſſen, ſo iſt auch das Erdbeben ein kreisförmiges, das heißt, es erſchüttert den Boden eben nur in dem Kreiſe, zu dem die Höhlungen der inneren Erde den Zugang geſtatten; liegen aber die Spaltungen und Höhlungen, an einander grenzend, in einer Reihe, ſo verbreitet ſich die erſchütternde Kraft in grader Richtung fort, bis ſie das Ende der Spal⸗ ten und Höhlungen erreichen und je weiter die Höhlen von der Stelle entfernt ſind, wo die Einwirkungen aus der Tiefe begonnen, deſto ſchwächer ſind die Stöße und Zuckungen. Dieſe Stöße kommen manchmal von unten nach oben, manchmal ſind ſie, wie am 29. Juli letzthin, wellenförmig fortlaufend zu verſpüren. Andere Folgen der Erdbeben ſind nicht ſelten, daß ſich die Erde in weiten Oeffnungen ſpaltet, dann oft das Land, welches mitten zwiſchen den Spalten liegt, ver⸗ ſchlingt, in die Tiefe begräbt, und ſich dann wieder darüber ſchließt, als ob Nichts da geweſen wäre, oder daß die Macht der Dämpfe, welche ſich in dem In⸗ nern der Erde zuſammengedrängt und geballt haben, große Strecken Landes in die Höhe hebt, daß Hügel und Berge entſtehen, wo früher keine zu ſehen waren. Du kannſt aber ruhig ſein, Minchen, bei uns Gottlob, kommen ſolche Geſchichten kaum vor, ſondern in der Nähe der unheimlichen Geſellen, der feuerſpeien⸗ Bohren endlich den Berge, wie es wohl in Sicilien, Calabrien und in Südamerika geſchieht. Freilich— wir wiſſen nicht, wie es Gott fügt, da bei dem Erdbeben in Liſſabon, wo doch auch kein feuerſpeiender Berg in der Nähe iſt, ſolche Erſcheinungen nicht fehlten. Item, wir wollen einſtweilen ruhig dem Herrn vertrauen und uns damit tröſten, daß da ſeit unvordenklichen Zeiten im lieben Rheinlande und auch im weiten, theuern, deutſchen Vaterlande ſo etwas nicht vorkam, wir's ja wohl auch nicht erleben werden. Was ſo bei und mit den Erdbeben in minderem oder größerem Maße vorkommt, wiſſen wir, ſeit wir den 29. Juli dieſes Jahres erlebt haben, aus eigner Erfahrung, nämlich die zitternde Bewegung des Bo⸗ dens, die freilich ſich ſo ſteigern kann, daß die Glocken in den Thürmen von ſelbſt läuten, ja daß Städte ein⸗ ſtürzen, wie einſt die Stadt Liſſabon, die Stadt Meſ⸗ ſina in Sicilien und die Stadt Carraccas in Amerika und viele Andere, und das raſſelnde, oft donnerähn⸗ liche Getöſe, welches wir gehört haben; allein häufig verſiegen auch Brunnen und Quellen und kehren oft erſt nach langer Zeit wieder in ihre Stelle zurück; aber es kann auch der Fall eintreten, daß durch die Verſchiebung der Geſteine im Innern der Erde neue Quellen entſtehen. So will ich Euch eine allerneueſte Thatſache erzählen, wie ſie aus dem bekannten Sool— bad Nauheim bei Friedberg in der Wetterau gemeldet. wird. Dort hatte man vor mehreren Jahren ver⸗ mittelſt eines Erdbohrers nach einer neuen Salz⸗ quelle tief in die Erde hinab gebohrt, aber eine ſolche nicht gefunden; daher wurde denn auch das ingeſtellt und Niemand dachte mehr 8 daran. In der Nacht des 29. Juli letzthin aber, kurz nach dem auch dort heftigen Erdbeben, hörten die Be⸗ wohner von Nauheim ein ſeltſames, ihnen unerklärli⸗ ches Brauſen und Rauſchen. Als ſie endlich mit La⸗ ternen ſich dem Orte näherten, wo das Rauſchen herkam, da zeigte ſich ihren erſtaunten Blicken ein wunderbares Schauſpiel. Aus dem ſechs Zolle weiten ehemaligen Bohrloche brauſte, ſo weit das Loch war, ein mächti⸗ ger Waſſerſtrahl hoch über die Erde hinaus, ein na⸗ türlicher Springbrunnen, und als man das Waſſer unterſuchte, fand ſich eine ſehr reiche Salzauelle, deren Waſſer einen bedeutenden Grad von Wärme hatte, für den berühmten Badeort ein unſchätzbarer Gewinn, und dieſer neue Kurgaſt war dort willkommener, als ein ganzes Dutzend anderer. Wie aber ſoll dieß zugegangen ſein? fragte Jemand aus der Geſellſchaft. Anders iſt es nicht zu erklären, erwiederte Herr Weiher, als daß das Geſtein, unter welchem das Salz⸗ waſſer ſich in der Tiefe verbarg und welches der Erd⸗ bohrer nicht erreicht hatte, ſich durch das Erdbeben verſchob und in dieſer Weiſe die Quelle einen Zug nach dem Bohrloche gewann, aus dem ſie ſeitdem mit gleicher Kraft, Wärme und Fülle herausbricht. Die einzelnen Stöße der Erdbeben ſind meiſt ſehr kurz und ſelten dauern ſie länger, als ein paar Se⸗ kunden oder eine Minute; aber ſie wiederholen ſich öfter und werden ſo ungemein verderblich und zerſtörend für die Werke der Menſchenhand und das Menſchenle⸗ ben ſelbſt. Komme ich nun auf die vermuthliche Urſache ſol⸗ cher Erdbeben, fuhr Weiher fort, ſo muß ich Euch noch — zuerſt etwas Anderes ſagen. Wie in der Erde tief, ſehr tief gegen den Mittelpunkt der ungeheuern Erd⸗ kugel flüſſiges Feuer iſt, welches durch die Schlünde der feuerſpeienden Berge zu Tage kommt und als glü⸗ hende, ſpäter erkaltende Lava an den feuerſpeienden Bergen herabfließt, ſo befindet ſich auch Waſſer in der Erde in großen Tiefen und zwar in ungeheuren An⸗ häufungen, ja ſelbſt in fließenden Strömen. Bohrt man mit Erdbohrern in die Tiefe in dem dazu geeigneten Erdreich, ſo ſtrömt, wie ich oben an dem Beiſpiel der Salzquelle von Nauheim gezeigt habe, das Waſſer fort⸗ während in ungeheurer Menge heraus, was auf einen unermeßlichen Vorrath deſſelben in der Tiefe zu ſchlie⸗ ßen geſtattet. Manchmal muß man ſelbſt vierzehn bis fünfzehn Hundert Fuß tief bohren, ehe man es findet. Es liegt alſo hier der Oberfläche näher, dort tiefer im Schoße der Erde, wie das Erdfeuer auch hier weit hinab in der Tiefe glüht, dort, wie z. B. bei den feuer⸗ ſpeienden Bergen, der Oberfläche näher zu ſein ſcheint. In vielen Erdhöhlen, wie man ſie in den Kalkſtein⸗ gebirgen antrifft, hört man in grauenvoller Tiefe ein wildes Brauſen unterirdiſcher Gewäſſer, ja in einem Bergwerke fährt man in einem Kahne eine bedeutende Strecke unter der Erde fort, bis man an einer Stelle wieder anlangt, wo das Geſtein ausgehauen iſt, daß man wieder ausſteigen kann. Irre ich nicht, ſo iſt das in dem Steinſalzbergwerke zu Wieliczka. Woher der Strom kommt und wohin er gehet, weiß kein Menſch. Trifft es ſich nun, daß dieß unterirdiſche Gewäſſer mit dem Feuer der Erde in Berührung kommt, ſo geht e raſch in Dampf auf, wie wir das in jeder Küche ſelbſt probiren können, wenn wir Waſſer auf erhitzte Platten Horn Liſſabon. 2 X ſchütten. Dieſe Dämpfe erfüllen nun die Räume der Erde, finden keinen Ausweg, namentlich wenn die Kra⸗ ter der feuerſpeienden Berge mit Lava erfüllt ſind. Sie werden zuſammengepreßt und zuſammengeballt und ge⸗ ſpannt, daß ſie plötzlich in die weiten Klüfte, Spalten und Kanäle der inneren Erde ſtrömen und durch ihre Gewalt die Erde in dieſer Richtung erbeben machen, bis ſie wieder durch einen Krater oder ſonſtwo ihren Ausweg finden. Nun iſt es aber meines Dafürhaltens gar nicht nothwendig und erforderlich, daß zu einem Erdbeben ein feuerſpeiender Berg in der Nähe iſt. Wie nämlich aus dem innerſten Feuerheerde der Erde ein Schlot oder Kanal zu der Mündung des Kraters eines feuer⸗ ſpeienden Berges hinausgeht, aus dem die Dämpfe und ſo weiter einen Ausweg in Gottes freie Luft fin⸗ den, ſo kann ich mir auch ſolche Kanäle denken, die weit unter der Oberfläche der Erde ihr Ende finden und wohin, weil ſie zu enge ſind, und keine Oeffnung in der Luft haben, die feuerflüſſige Lava nicht ſteigt, ſondern nur der Qualm, die Dämpfe. Wenn nun dieſe durch etwaigen Einſturz eines Theiles der Wandung des Erdinnern oder durch eine andere, uns natürlich unbekannte Urſache und Kraft, gedrängt und fort und fort zuſammengepreßt und geballt werden, ſo brechen ſie aus in die leeren Höhlungen und Spaltungen im Innern der Erde und dieß bewirkt die Stöße des Erd⸗ bebens, die ſich natürlich ſo weit fortpflanzen, als dieſe Dämpfe Räume finden, ſich auszudehnen, aber in dem Grade ſchwächer werden, als ſie ſich weiter ausdehnen können und dazu Raum finden, bis endlich ihr gepreß⸗ ter Zuſtand aufhört. — Wollte man das unbegreiflich finden, ſagte nach einer Weile Herr Weiher, ſo würde ich fragen: Habt Ihr nichts davon gehört, daß die Dampfkeſſel der Dampfſchiffe zerſpringen und daß dann die mächtigen Schiffe, worinnen ſie ſich befanden, zerſplittert und hoch in die Luft geſchleudert werden mit allem, was drinnen, darauf und daran iſt? So iſt ja eins der Dampf⸗ ſchiffe, welche zuerſt die Rhone in Frankreich befuhren, irre ich nicht, in oder bei Lyon, zerſtört worden, und fanden alle, die darauf waren, den gräßlichſten Tod; ſo zerſprangen die Keſſel der amerikaniſchen Boote auf dem Miſſiſippi, welche unzähligen Menſchen das Leben koſteten. Und fragt man: Warum zerſprangen und zerſpringen dieſe Dampfkeſſel? So iſt die Antwort: weil unmäßig gefeuert, unmäßig viel Dampf erzeugt wurde, der nicht ſchnell genug abgeleitet werden konnte, ſich daher ungeheuer ſpannte und ballte, und ſo den mächtigen Keſſel aus getriebenem Kupfer zerſprengte und das ganze Schiff in tauſend Splitter zerriß. Solche ſchreckliche Wirkung kann der Dampf in ſo einem ver⸗ hältnißmäßig kleinen Keſſel hervorbringen, wieviel mehr wo er in ſo ungeheurer Mengez Macht und Kraft ſich erzeugt, daß uns der Maßſtab fehlt, ſolche zu beurtheilen. Da gibt's ein ganz anderes Sto⸗ ßen und Beben, indem der Widerſtand ſo viel ſtär⸗ ker iſt.. So denke ich mir nun, daß, da der Mittelpunkt des Erdbebens am 29. Juli letzthin in der Nähe des Städtchens Sanct Gvar am Rheine war, dort herum ſo ein Kanal aus der bodenloſen Tiefe des Innern der Erde, freilich, wer weiß, wie tief noch unter der Oberfläche unſerer Erde, ſich befindet, durch den einmal „ . „ ———— — . ———————. die Dämpfe aus dem Innern derſelben grade damals aufſtiegen, ſich ballten und zuſammengepreßt wurden; von da aus aber ihre Auswege durch die Spalten und Zerklüftungen verbreiteten ſo weit, als das Erdbeben reichte. Bei Sanct Goar und da herum war ſeine Wir⸗ kung am Gewaltigſten, und je weiter von dieſem Orte verſpürt wurden, deſto ſchwächer wa⸗ ren ſie. Hier ſchwieg der alte, freundliche Mann, weil er glaubte, ſein Wort nach Kräften gelöſt zu haben. Frei⸗ lich blieb Manchem in der Geſellſchaft Dieß und Jenes noch unklar, und es entſpann ſich ein längeres Ge⸗ ſpräch, das aus Hin⸗ und Herfragen und Antworten und Erläuterungen beſtand, die ich hier nicht mehr erzählen kann, weil mich das viel zu weit führen würde, und doch vielleicht Einem und dem Andern meiner lieben Leſer noch Vieles zu fragen übrig bliebe, da⸗ rauf ein armes Menſchenkind doch die Antwort ſchul⸗ dig bleiben müßte. Mir, daß ich es nur bekenne, war es nach dieſer kurz gefaßten Belehrung über die Wirkungen und Ur⸗ ſachen der Erdbeben darum zu thun, daß uns der liebe, alte Mann ſeine Geſchichte erzähle, in und mit der er uns ein Bild der ſchrecklichen Wirkungen des Erdbebens von Liſſabon entwerfen wollte. Die ſchonende Rückſicht auf die Anſtrengung des Greiſes ließ es als nothwendig erſcheinen, ihm eine Ruhe zur Erholung zu gönnen. So bezähmte ich denn mein Verlangen, bis er nach einiger Zeit ſelber wieder anhob und ſagte: Nun will ich denn zu meiner Geſchichte übergehen, die ſich zur Zeit des Erdbebens von Liſſabon am 1. November 1755 zutrug, welche mich nöthigt, in den — Zeitraum einer Reihe von Jahren vor dieſem Erd⸗. deben zurückzugehen, denn da fing eigentlich die Ge⸗ ſchichte an und das wollen meine lieben Hörer und Hörerinnen doch auch wiſſen. Nicht wahr? . Es war in den heißen Junitagen des Jahres 1720, als ein ſtattliches Handelsſchiff, von Oporto kommend, mit vollen Segeln in die Mündung des Tajo einlief und ſich dem Hafen der herrlichen Stadt Liſſabon näherte, welche die reiche und mit zahlloſen Pracht⸗ gebäuden gezierte Hauptſtadt des Königreichs Portugall iſt, jetzt, wie damals, des Landes Edelſtein. Es war ein Abend ſo ſchön, ſo mild, ſo wolken⸗ los, wie man ihn nur unter dem ſchönen Himmel der ſüdlichen Landſtriche unſres Welttheils erleben kann. Nach der Hitze des Tages erquickte der Windhauch, welcher die Segel füllte und das Schiffzüber die leicht⸗ gekräuſelte Fluth dahintrug, aber zugleich die Wohlgerüche der blühenden Ufer des n Tajo⸗ fluſſes herübertrug zu denen welche auf dem Verdecke des ſtattlichen Kauffahrers ſich des ſchönen Abends erfreuten. Das Gold der ihrem Niedergange nicht mehr fer⸗ nen Abendſonne ruhte auf den mächtigen Gewäſſern des Tajo, die ſich dem Meere zudrängten, in deſſen Schooße ſie bald verſchwinden ſollten. Es ſchien, als ſei jede der leichtbewegten Wellen, deren Kämme ſich, 22 leiſe aufſchäumend, brachen, vom reinſten, ſtrahlend⸗ ſten Golde, ſo ſpiegelte ſich die wunderbare Gluth des Abendhimmels und der Sonnenſtrahlen in ihnen. Die Sonne ergoß noch einmal ihre ganze Gluth auf den Himmel, die Gewäſſer und das blühende, grüne Land, welches die Ufer in weiter Entfernung ſäumte, während die ſchneebedeckten Gipfel des hohen Ge⸗ birgszuges, welche die Sierra Nevada heißt, froſtig und fremdartig auf dieſe wahrhaft paradieſiſch ſchönen Umgebungen herüberſchauten. Kein Wölkchen ſchwamm in dem gluthigen Abend⸗ himmel. Herrlich beleuchtet, lag Liſſabon da mit ſeiner weißen Häuſermaſſe, aus welcher Palaſt an Palaſt, Kirchthurm an Kirchthurm aufſtieg. An den grünen Hügeln reckte es ſeine Häuſermenge, gleich rieſigen Gliedern, hinauf, und dieſe bildeten einen friſchgrünen Rahmen um das ſtolze Bild, aus dem aber wieder die zahlreichen, prachtvollen Landhäuſer der Reichen und Mächtigen, wie einzelne Perlen in dieſem Laub⸗ kranze, hervorblickten. Nur die Feſtungen, welche die Stadt ſchützten und der alte, finſtre Thurm von Belem, in dem die Seufzer ſo vieler unglücklichen Gefangenen an den dumpfen und feuchten Mauern verhallten, blickten drohend und unfreundlich auf die ſchöne Stadt und ihre unbeſchreiblich ſchönen und lieblichen Umgebungen. Wandte man den Blick von dieſem reizenden Bilde auf den Strom, ſo ſtellte ſich hier dem Auge wieder ein anderes anziehendes Schauſpiel dar. Da ſegelten große, gewaltige Seeſchiffe den breiten, ſelbſt einem Meeresarme gleichenden Strom hinab, um in See zu ſtechen, wie ſich der Seemann in ſeiner abſonder⸗ lichen Sprechweiſe ausdrückt; andre, vielleicht aus dem ——————— — 23— weiten Indien kommend, warfen ihre ungeheuern Anker in die Tiefe, um ſicher zu liegen; noch Andre waxen im Ausladen ihrer Güter begriffen, während wieder Andere ihre Güter an Bord ſchafften, um mit gün⸗ ſtigem Winde abzufahren. Zwiſchen dieſen ungeheuern Gebäuden der Men⸗ ſchenhand, deren Maſten hochhinauf in die Luft ragten, ſegelten Fiſcherbvote ab und zu; andre kleine Fahr⸗ zeuge tanzten gleichſam über die Wellen, um die Ver⸗ bindung der beiden entfernten Ufer des Fluſſes zu unterhalten, und noch andre trugen Luſtfahrende, deren Geſänge und Lautenſpiel, vom Waſſer getragen, aus weiter Ferne herüberklangen. Alle dieſe kleinen Fahr⸗ zeuge waren mit ihren weißen Segeln anzuſehen wie Möven, die ſich bald in die Fluth ſenkten, bald wie⸗ der ſich hoch erhoben. Es ließ ſich nichts Schöneres denken, als der Anblick, welchen der gluthige, allmä⸗ lig in Roſenroth und Purpur übergehende Himmel, das wunderbar dieſen Farbenglanz des Himmels zu⸗ rückſtrahlende Gewäſſer, die ſchöne Stadt und die zahlloſen Fahrzeuge, welche die große Waſſerfläche be⸗ lebten, in dieſen Stunden darboten. Daher kam es denn auch, daß che, welche mit dem Handelsfahrzeuge von Oporto oder andern Küſten⸗ ſtädten, wo es angelegt hatte, nach Liſſabon fuhren, auf dem Verdecke des Schiffes ſaßen oder ſtanden, um ſich des wundervollen Anblicks zu erfreuen, und überall hörte man die mehr oder weniger lauten Ausrufungen der Bewunderung. Nur Zweie ſtanden ſtille und trüb⸗ ſelig da in dieſem Kreiſe heiterer Menſchen, die ſich des Augenblicks freuten und des nahen Zieles einer ermüdeten Seereiſe. Und ſeltſam, beide waren jung, blühend und geſund; beide ſtanden in den erſten Blü⸗ thentagen des Jünglingsalters. Wie wenig auch ihre Gemüthsſtimmung mit der ihrer nächſten Umgebung gemein hatte; wie groß auch der augenſcheinliche Un⸗ terſchied zwiſchen beiden war, ihre Stimmung hatte dennoch einen ähnlichen Grund, aus dem ſie erwuchs. Auch in andrer Beziehung hatten ſie, trotz des ſie ſcheidenden Abſtandes, Manches gemein. Dieß war zunächſt, wie ſchon bemerkt, ihr Alter. Es wäre ſchwer zu ſagen geweſen, wer von beiden Jünglinge der Aeltere ſei, und faſt nicht minder ſchwer wäre es geweſen, ſich darüber zu einigen, wer von beiden als der Blü⸗ hendſte, Schönſte und Kräftigſte möchte zu bezeichnen ſein. Der Eine war ſehr gut und fein gekleidet; man ſah es ihm an, daß er einer vornehmen Familie an⸗ gehörte; der Andere war höchſt dürftigen Ausſehens. Er trug die Kleidung und den breitkrempigen Hut aus grobem Strohgeflechte, wie etwa das Volk in Gali⸗ zien, und unverkennbar gehörte er den Söhnen die⸗ ſes ſpaniſchen, überaus armen Gebirgslandes an, die n der Ferne ihr Brod zu ſuchen pflegen und häufig in Liſſabon als Waſſerträger und Tagelöhner ihren Unterhalt finden, und mit dem Namen: Galego's be⸗ zeichnet werden, was auf ihr Vaterland hinweiſt. Den Galego's oder Gäliziern geht es nämlich auf's Haar ſo, wie den armen Piemonteſen und Savoyar⸗ den in Italien. Wie dieſe in ihrer Jugend mit einem Murmel⸗ thierlein in einem Käſtchen oder einem Fäßlein voll Dinte oder einem Dudelſacke ausziehen aus den lieben Bergen ihrer armen Heimath und ihr Stücklein Brot ſuchen in allen Ländern des mittleren Europa's, und wenn ſie ſich etwas erſpart und erdarbt haben, wie⸗ der heimkehren, um in dem theuren Lande ihrer Väter ein ſtilles Grab zu ſuchen, es ſei denn, daß ſie ein recht gutes Geſchäft in irgend einer Stadt in der Fremde gründen, das ſie an ſolchen Ort bindet, ſo zieht auch der junge Galego in die Fremde, aber beſonders nach Liſſabon, um ſich dort einen Erwerb oder eine neue Heimath zu ſuchen. In Liſſabon's Straßen begegnet man ihnen allenthalben. Sie ſind ein treues, fleißiges Geſchlecht, dem man gerne ſeine Handarbeiten anver⸗ traut, weil ſie mit ebenſo großer Gewiſſenhaftigkeit, als Fleiß und Genauigkeit ihre Arbeiten zu verrichten pflegen. Ihre Wohnſtätten ſind die ärmlichſten von der Welt und ſie haben ſie meiſt in dem Stadttheile, wel⸗ cher Bairro alto heißt und hoch am Berge liegt. Sie haben die Eigenthümlichkeit, daß ſie ſtrenge ſich unter⸗ einander überwachen, damit nicht etwa Auswürfe ihres Volkes das Zutrauen und das Wohlwollen beeinträch⸗ tigen, deſſen ſie ſich bei Jedermann erfreuen. Auch ver⸗ laſſen ſie einander in Krankheit, Noth und Unglück nicht, ſondern theilen willig ihr Brot und ihre Kraft mit dem Landsmanne, dem das Glück den Rücken zugewendet hat. So bilden ſie, auch in der Fremde, eine Gemein⸗ ſchaft, ein Volk, was höchſt achtungswerth iſt. Auch der junge Galego, der mit ſo trübem, trau⸗ rigem Ausdrucke in ſeinem ſchönen. Geſichte an der Schiffsbrüſtung lehnte, hatte ſeine Heimath verlaſſen und war nach Oporto gewandert, um etwa ein mildes Schiffskapitänsherz zu finden, das ihn um Gotteswil⸗ len mit nach Liſſabon nähme. Als er das Handelsſchiff ſegelfertig im Hafen Oporto's liegen ſah, und vernahm, —— 4 4 — 26 es ſei nach Liſſabon beſtimmt, da pochte ihm das Herz und er faßte ſich den Muth, trat zu dem Kapitän und ſagte: Herr ich möchte gerne nach Liſſabon, aber ich habe keinen Kreuzer Geld. Wolltet Ihr Euch nicht mei⸗ ner erbarmen, und mich mitnehmenz; ich will dafür Euern Matroſen arbeiten helfen und Ihr ſollt ſehen, daß Ihr Euch an mir nicht betrüget und verrechnet!— Der Kapitän war ein gutmüthiger Mann, der etwas auf die treuen Galego's hielt. Der junge, kräftige, bild⸗ hübſche Burſche gefiel ihm, und er ſagte: Meinetwegen! Aber für Deine Koſt mußt Du ſelber ſorgen, es iſt genug, wenn ich Dich umſonſt mitnehme. Der Kapitän dachte nicht daran, daß der arme Schelm geſagt hatte, er habe keinen Kreuzer Geld; aber der junge Juan müßte kein Galego geweſen ſein, wenn ihm das Letzte, was der Kapitän geſagt, hätte Kummer machen ſollen. Erſtlich hatte er daheim in der Hütte ſeiner Aeltern das Hungerleiden frühe hinlänglich ge⸗ übt, um damit vertraut zu ſein; ſodann hatte eben dieß Leben in der väterlichen Hütte dafür geſorgt, daß er kein Leckermaul geworden war; endlich aber wußte er, daß ein Galego überall ein Stücklein Brot zu er⸗ warten hat, wenn er unermüdlich in ſchweren Arbeiten aushilft. So traute er mehr auf die menſchenfreund⸗ liche Geſinnung der Matroſen, als auf die des Kapi⸗ täns und kam fröhlich auf das Schiff, welches durch ſeine Geräthſchaften nicht belaſtet wurde, weil er nichts hatte, als was er auf ſeinem Leibe trug. Er griff friſch und mit Geſchick jede Arbeit an und der Kapitän ſah bald eben ſo gut ein, wie die Matroſen, daß der Ga⸗ lego ein höchſt brauchbarer Menſch ſei. Sie gaben ihm darum die Abfälle ihres Tiſches und die ſchmeckten „ — ihm ſo köſtlich, als die koſtbaren Speiſen dem reichen Feinſchmecker nur munden können, wenn ſie auch leider nur in magern und kleinen Biſſen ihm zufloſſen. Er war zufrieden und darbte gerne, weil er in Liſſabon eine beſſere Lage freudig hoffte und durch Fleiß und Treue ſich mit Gottes Hülfe gründen wollte. An dem Abende deſſelben Tages, da die Arbeit der Befrachtung und Zuſtandſetzung des Schiffes vol⸗ lendet war, ſah der Galego Juan, daß ein Boot ſich dem Schiffe nahte, in dem ein junger Menſch ſeines Alters und ein bejahrter Mann ſaßen. Mit der Be⸗ reitwilligkeit, die ihm eigen war, eilte er zur Landungs⸗ ſtelle; warf das Tau den Bootsknechten zu, ließ ſchnell die Aufſchlagetreppe hinab und eilte den Ankommenden entgegen, um ihnen die Hand beim Aufſteigen zu bie⸗ ten und das Gepäcke in Empfang zu nehmen. Da ſah er denn, wie die thränenfeuchten Blicke des Jünglings auf der Stadt ruhten, der er Lebewohl ſagen zu müſſen ſchien; er hörte die liebevollen, auf⸗ richtenden und tröſtenden Worte des alten Mannes; ſah den traurigen Abſchied, den der Alte von dem Jüng⸗ ling nahm, und dieß alles zog das offeke, treue Herz des Vaterkindes der Gebirge Spaniens zu dem jungen Portugieſen hin, den er als einen im Herzen Unglück⸗ lichen anſah. Er trug, als der Alte in's Boot zurück⸗ trat, des Jünglings Gepäck auf das Verdeck und führte ihn in die Cajüte, wo ihn der Kapitän mit großer Freundlichkeit empfing und Don Antonio anredete. Nun merkte der Galego, daß er es mit einem vornehmen Jünglinge zu thun hatte. Er zog ſich beſcheiden von ihm zurück, war aber überall ihm gefällig, ſo daß der junge Antonio ihn liebgewann, ſich mit ihm einließ und bald ſein ganzes Schickſal, ſeine Furcht und ſeine Hoff⸗ nungen kannte bis in's Einzelne und Kleinſte hinein. Obwohl nun Antonio ſelbſt arm war, ſo theilte er doch ſeine Mahlzeit mit dem armen Juan und be⸗ handelte ihn mit Liebe. Das kettete das treue Galego⸗ herz mit unzerreißbaren Liebesbanden an den jungen Portugieſen. Dieſer war der Sohn eines Mannes, welcher aus einer ſehr vornehmen Familie des Landes ſtammte, aber nicht den Stolz und Uebermuth ſeines Standes theilte. Er hatte gegen den Willen ſeines Bruders ein Mädchen niedern Standes geheirathet und der Bruder, welcher das Haupt der Familie und ledig war, ihn enterbt. Was ſollte da der junge Mann anfangen, der ein treffliches Weib und ein liebes Kind zu er⸗ nähren hatte? An Arbeit war er nie gewöhnt geweſen, denn im Ueberfluſſe auferzogen und herangewachſen, war er nicht genöthigt, ſein täglich Brot durch eigenen Fleiß zu verdienen, wie es die größere Mehrzahl der Menſchen unter Sorgen und Entbehrungen zu thun genöthigt iſt. Es war gewiß ein gutes Zeichen für das Herz des jungen Mannes, daß er mit einem Male alle Vorurtheile und Gewohnheiten ſeines Stan⸗ des hinter ſich warf und als Schreiber in die Dienſte eines Kaufmannes zu Oporto trat. Er wollte nicht zurückbleiben hinter ſeiner vortrefflichen Frau, die mit allerlei künſtlichen Handarbeiteneinen bedeutenden Theil der Bedürfniſſe der kleinen Haushaltung beſtritt. Der Kaufmann erkannte bald, daß er in dem jungen Manne eine tüchtige Kraft für ſein Geſchäft gewonnen habe, und richtete demgemäß auch die Beſoldung ein, welche er ihm gab. So vergingen Jahre, bis endlich der junge Mann Geſchäftstheilhaber des Kaufmanns wurde. Es ſchienen blühende Ausſichten in die Zukunft ſich ihm zu eröffnen; allein mit dieſen Ausſichten erhoben ſich auch kühne Wünſche und Pläne. Er wollte ſeinem Kinde Reichthümer ſammeln, um einſt wieder in dem Glanze der Familie auftreten zu können; aber ſeine kecken Unternehmungen mißglückten und ein Bankerott brachte ihn an den Rand des Abgrundes tiefer Armuth. Dieß Schickſal, welches alle ſeine Hoffnungen zu Nichte machte, beugte ihn ſo tief, daß ihn eine ſchwere Krankheit auf das Siechbette warf, von dem er nach Gottes unerforſchlichen Rathſchlüſſen nicht mehr auf⸗ ſtehen ſollte. Er hinterließ ſein Weib und ſeinen Sohn Antonio in Armuth. Die lange Krankheit und der Tod des Gatten drückte Antoniv's gute Mutter in noch tiefere Armuth hinab. Von nun an mußte ſie ſich und ihr Kind ganz mit ihrer Hände Arbeit ernähren und that es mit hingebender Muttertreue und Selbſtverleugnung. Die Familie ihres Gatten, die in Liſſabon wohnte, war mittlerweile herabgeſchmolzen bis auf deſſen älte⸗ ſten Bruder, welcher als Junggeſelle en trauriges Leben führte, weil ſeine finſtere Gemüthsart es nicht zuließ, daß er viel Umgang mit andern Menſchen hatte. Er nahm ſpäter den Sohn einer Schweſter, welcher auch Waiſe geworden war, zu ſich und lebte mit ihm und einem Haufen müſſiger Diener in dem Palaſte am Razio zu Liſſabon, ohne zu wiſſen, wie er die Fülle ſeines Reichthums verbringen ſollte. Um ſeinen verſtoßenen Bruder kümmerte er ſich nicht, wollte auch nichts von ihm wiſſen, und erfuhr es daher nicht einmal, daß er geſtorben ſei. — Dieſer Todesfall blieb aber nicht ohne Folgen. Antonio's Mutter genas nicht mehr von ihrem Schmerze um ihren theuren Gatten. Die Liebe zu ihrem Kinde hielt ſie allein aufrecht und das Bewußtſein, daß An⸗ tonio ohne ſie einer troſtloſen Lage hingegeben ſei. Dennoch erlag ſie, als Antonio etwa zwölf Jahre alt war, der Laſt ihrer Trauer. Sie ſtarb, und der arme Knabe wäre nun einem hülfloſen Zuſtande verfallen, ſich vielleicht bettelnd ernähren zu müſſen, wenn nicht der wackere Kaufmann, mit dem einſt ſein Vater das Geſchäft geführt und der wieder ein kleines Handels⸗ geſchäftchen betrieb, ihn zu ſich genommen und ihm als Handelslehrling einen Weg eröffnet hätte, ſich in der Zukunft ein ſelbſtverdientes und vorwurffreies Stück Brot in der Welt verdienen zu können. Seine Anlagen, ſeine Luſt zur nützlichen Thätig⸗ keit machten ihn dem Kaufmanne ſehr werth und, da er keine Kinder hatte, dachte er daran, den braven An⸗ tonio zum Erben ſeiner geringen Habe zu machen, als ein Ereigniß eintrat, welches dem Leben Antonios eine andere Wendung gab. Die Schweſter ſeines Vaters war an einem Gra⸗ fen von Palmella verheirathet geweſen. Der Bruder dieſes Grafen Palmella kam in dieſer Zeit als Be⸗ fehlshaber nach Oporto. Er kannte wohl, freilich aber dunkel, die Geſchicke des Bruders ſeiner verſtorbenen Schwägerin, mit dem er einſt eine glückliche Jugend verlebt und in treuer Jugendfreundſchaft geſtanden hatte. Selbſt bis in das höhere Mannesalter hatte er dem unglücklich gewordenen Jugendfreunde treue Liebe bewahrt. Er wußte, daß er in Oporto gelebt hatte und als ihn der König nach dieſer Stadt ſandte und ihm den Oberbefehl übertrug, da war es ihm eine heilige —— — Pflicht, nach ſeinem Freunde dort zu forſchen. Er that es redlich; aber er fand nur ſein ſtilles Grab, das ein einfaches Kreuz von Holz ſchmückte, wie die übrigen Grabhügel der Armen aus dem Volke. Diejenigen aber, bei welchen er ſeine Erkundigungen einzog, wußten nichts von des Verſtorbenen Sohne, weil ſie ſich näher nie nach ihm erkundigt hatten. Eines Tages aber hielt Palmella eine große Muſte⸗ rung über die Beſatzung der Stadt. Unter den Zu⸗ ſchauern erblickte er einen Knaben, deſſen auffallende Schönheit ihn lebhaft an ſeinen verſtorbenen Freund erinnerte. Der Graf war ein edler Mann, der in ſei⸗ nem Herzen eine Treue bewahrte, wie ſie ſelten im Leben gefunden wird. Er ſandte ſeinen Adjutanten, ſich bei dem Knaben nach ſeiner Herkunft und ſeinem Na⸗ men und Wohnort zu erkundigen und bald hatte er die Gewißheit, daß er den eifrig Geſuchten gefunden habe. Es war ihm nun ein lebhafter Drang des Her⸗ zens, den Knaben zu ſich zu nehmen; aber Antonio, den der Glanz des Reichthums nicht blendete, dankte und hielt an ſeinem erſten Wohlthäter mit Treue feſt. So blieb dem Grafen Palmella nur ührig, für ihn nach dem Maße ſeines Wohlſtandes und Antonio's Bedürfniſſen zu ſorgen. Dies geſchah insbeſondere in Bezug auf ſein Wiſſen und Erkennen. Der Graf hielt ihm tüchtige Lehrer und Antonio nahm in raſchem Fortſchritte zu an den nothwendigſten Kenntniſſen. Dabei ließ es jedoch Palmella nicht bewenden. An⸗ tonio war der natürliche Miterbe ſeines Oheims in Liſſabon, der jedoch noch nicht die Entfremdung ver⸗ geſſen konnte, welche zwiſchen ihm und ſeinem verſtor⸗ benen Bruder durch deſſen Heirath eingetreten war. Palmella raſtete nicht, bis er es erwirkt hatte, daß der Oheim, Antonio, der nun zum Jünglinge heranreifte, zu ſich zu nehmen ſich entſchloß. Antonio war jetzt auf der Hinreiſe nach Liſſabon und der alte Mann, von dem er ſo rührenden Abſchid in Oporto genommen, war jener Kaufmann geweſen, der ſich ſeiner mit väterlicher Liebe und Sorgfalt an⸗ enommen, als er, eine vater⸗ und mutterloſe, arme Waiſe, hülflos und verlaſſen in, der Welt daſtand. Antonio's Gemüth war durch die ſchweren Er⸗ fahrungen ſeiner Jugend ernſt geworden, aber dennoch weich und ſanft geblieben. Der Geiſt ſeiner milden, liebevollen Mutter war in ihm wieder lebendig ge⸗ worden, aber er hatte auch als Erbe ſeines Vaters eine Feſtigkeit und geiſtige Kraft gewonnen, die das entſchiedene Handeln ſtets weichlichem Hingeben in die Umſtände des Lebens vorzog. Die heilige Saat frommen Glaubens, feſten Vertrauens auf Gott, ge⸗ wiſſenhafter Pflichterfüllung und aufopfernder Liebe für die leidende Menſchenwelt, die ſeine Mutter in ſeine Seele geſtreut, war fröhlich aufgegangen und begann ihre ſchönen Früchte zu tragen. Er war dem Heimrufe ſeines ihm unbekannten Oheims gefolgt, nicht weil Palmella ihm die Aus⸗ ſicht auf das reiche Erbe eröffnet, ſondern weil ſein treuer Pflegevater, der brave Kaufmann, es ihm drin⸗ gendſt angerathen hatte, obwohl er ſich nur mit tiefem Weh von Antonio, der ſein Liebling war, hätte tren⸗ nen können; dem edeln Manne ging Antonio's Zukunft über Alles. So waren denn jetzt in ſeiner Seele alle die Er⸗ innerungen ſeiner Kindheit wieder erwacht. Er kannte — die Geſchicke ſeines Vaters, die Leiden ſeiner Mutter— und das ging nun in trüben Bildern an ſeiner Seele vorüber. Das Ungewiſſe der nächſten Zukunft aber war nicht geeignet, ſeine Seele heiter zu ſtimmen. Von der Gemüthsart ſeines Oheims hatte er nicht die beſten Erwartungen; denn der Mann, der ſeine theure Mut⸗ ter gehaßt, weil ſie nicht ſeinem Stande angehörte, der den eigenen Bruder hatte darben laſſen, deſſen Vermögen nur der väterliche Zorn ihm zugetheilt, gab ihm wenig erfreuliche Hoffnungen. Wie er ihn aufneh⸗ men würde, wie ſich ſein Leben in dem vornehmen Hauſe geſtalten würde— das bewegte ſein Herz und man⸗ ches Gebet ſtieg als Fürbitte für ihn ſelber und ſeine Zukunft und als Segenswunſch für ſeinen väterlichen Wohlthäter, den alten Kaufmann in Oporto, zum Him⸗ meb uſf Die nothwendigen Arbeiten, welche das Einlaufen eines Schiffes in den bergenden Hafen zu begleiten pflegen, waren jetzt vorüber. Die Anker waren in die Tiefe geſenkt, an denen das Schiff ſicher ruhte. Es trat eine augenblickliche Ruhe ein, die dem Abfertigen der unterſuchenden Zollbeamten gewidmetwar, und der die Ausſchiffung, der mit dem Schiffe gekommenen Rei⸗ ſenden zu folgen pflegt, deren Papiere die Polizeibeam⸗ ten der Königlichen Hauptſtadt Portugalls unterſucht hatten, welche an Bord gekommen waren. Jetzt trat der Galego Juan mit freundlichem, be⸗ ſcheidenem Weſen zu Antonio und ſagte: Don Anto⸗ nio, darf ich Euer Gepäcke zu dem Hauſe tragen, wo Ihr wohnen werdet? Gewiß, Iuan, thue das, entgegnete Antonio; aber, wo wirſt Du denn eine Unterkunft finden? Horn Liſſabon. 3 * Gott wird meiner nicht vergeſſen, antwortete weh⸗ müthig der arme Galego. Noch weiß ich es nicht; ſo wenig ich weiß, wo ich dieſe Nacht mein Haupt nie⸗ derlegen werde. Zwar ſollen die Galego's ihrer Lands⸗ leute ſich liebevoll annehmen; allein ich weiß nicht, wo der Stadttheil Buirro alto liegt, den ſie größtentheils bewohnen, und ihn dieſen Abend noch zu ſuchen, dürfte mir, der ich völlig fremd in der großen Stadt bin, doch ſehr ſchwer werden. Das iſt richtig, ſagte nachdrücklich Antonio; aber plötzlich fuhr ihm ein Gedanke durch die Seele. Haben wir nicht vom Grafen Palmella gehört, ſein Oheim ſei ein ſehr vornehmer Herr, der eine Menge Bedienten halte und einen prachtvollen Palaſt bewohne? Was hielt ihn alſo ab, den jungen Galego, dem er ſein Zutrauen und Wohlwollen geſchenkt, als ſeinen Diener anzunehmen? Er gewann ſo eine treue Seele, die ihm Liebe bewahrte in einem Hauſe, wo er ſie kaum zu finden hoffen durfte, und dem armen Jungen war auch geholfen. Antonio's Entſchlüſſe waren raſch und die Ausfüh⸗ rung ließ nicht lange auf ſich warten. Weißt Du was, Juan, ſagte er zu dieſem, ich will Dich in meine Dienſte nehmen. Dann bleibſt Du im⸗ mer bei mir und es kommen keine Sorgen der Nah⸗ rung über dich. Wenn ein trüber Himmel eine Landſchaft dunkel beſchattet hat und plötzlich die Sonnè das Gewölke durchbricht und nun die Landſchaft in ihrem Strahle verklärt daliegt, ſo läßt ſich dieſer Wechſel der Beleuch⸗ tung, dieſe völlige Veränderung nur mit derjenigen vergleichen, welche auf dem Angeſichte Juan's dieſe Worte Antonios hervorbrachten. Der düſtre, wehmü⸗ thige Ausdruck ſeiner Augen und ſeines Geſichtes wich plötzlich einer verklärenden Freude, die ſein Anſehen völlig umänderte. Ach mein Herr und Gott! rief er aus, und man hörte es dem Tone an, womit er dieſe Worte ſprach, daß ſie aus ſeiner tiefſten Seele hervorkamen; wolltet Ihr das, Don Antonio? Gott ſegne Euch dafür! Ihr befreit mich da von viel bangen Sorgen, und erfüllt den heißen Wunſch meines Herzens, immer um einen ſo gütigen jungen Herrn zu ſein, und ihm thun zu kön⸗ nen, was er nur verlangt und wünſcht. Seid über⸗ zeugt, daß Ihr einen treueren, ergebneren Diener nicht finden werdet, als mich! Gut, gut, verſetzte Antonio mit freundlichem Lächeln. Ich hoffe das von Dir. Halte dich denn zu mir und beſorge meine geringen Habſeligkeiten! So ſchnell auch dieſer Vertrag abgeſchloſſen wor⸗ den war, ſo hohe Zeit war es doch auch wieder, daß er ſeinen Abſchluß gefunden hatte; denn der Kapitän des Schiffes trat zu Antonio und ſagte: Das Boot zu Eurer Landung ſteht bereit. Ich werde Euch bis zu Euerm Herrn Oheime begleiten, wie es mir Graf Pal⸗ mella zur Pflicht gemacht hat. Geht der Galego mit Euch? fragte er, als er ſah, daß Juan das Gepäcke Antonios auf ſeine Schultern lud. Ich habe ihn in meine Dienſte genommen, ver⸗ ſetzte Antonio, und ohne daß ein Wort weiter geredet wurde, beſtiegen ſie das Boot, das an der Seite des Schiffes ihrer harrte. 3 Der Hafendamm war mit dichten Menſchengruppen beſetzt, die bei der Landung etwas zu verdienen hoff⸗ 3. — 36—* ten oder die, mit dem Schiffe ankommenden Freunde, Verwandte oder Geſchäftsverbundene erwarteten. Unter den Anweſenden am Ufer ſtand auch ein hoher, hagerer Mann, deſſen ganzes Aeußere einen Vornehmen ankündigte, denn die Leute, die ſich ſonſt ſehr drängten, ließen ihm, ohne daß er darauf achtete, einen freien Raum. Als das Boot landete, trat er demſelben näher. Kapitän, ſagte er ohne alle Förmlichkeiten, nur leicht grüßend, hat Euch Graf Palmella nicht einen jungen Menſchen anvertraut, der Antonio de Ribera heißt? Der Kapitän verbeugte ſich tief und ſagte: Ich woll GEhre geben, ihn Euch, gnädiger Herr, vorizſſt⸗ iſt er. Aßnio cckte feſt, ja mit einem gewiſſen Stolze und k Haltung in das finſtere Angeſicht des Mannes, un dem er ſeinen Oheim vermuthete, deſſen ſtechendes Ange ihn von Kopf bis zu den Füßen maß, ohne daß ſich ein Zug in dieſem Angeſichte verändert hätte, das einem ſtarren Steinbilde glich. Nachdem er ihn prüfend gemuſtert, reichte er ihm die Hand und ſagte: Ich bin Dein Oheim. Laß uns gehen! Er drehte ſich um, ohne auf eine Erwiederung, auf ein Wort Antonios zu warten, und ſchritt durch die Menſchen, die ihm ehrerbietig auswichen. Doch wandte er ſich noch einmal zu dem langſam folgenden Antonio und fragte: Wer trägt Dein Gepäcke? Die⸗ ſer Galego, antwortete kalt, aber feſt Antonio, den ich als Diener auf dem Schiffe angenommen habe! Gut; verſetzte der Oheim und ſchritt weiter. Die Sonne war hinter den fernen Höhen unter⸗ gegangen und die Dämmerung kam ſchnell. Don Ribera ſchritt raſch voran. Kein Wort kam über ſeine Lippe und auch Antonio fand ſich nicht be⸗ wogen, auch nicht in der Stimmung des Gemüthes, das Schweigen zu brechen. Endlich langten ſie an dem weiten, ſchönen Platze Rozio an, und gegen das hohe Portal eines großen und ſtattlichen Palaſtes ſchreitend, ſagte der Oheim: Wir ſind zu Hauſe. In dem Portale trat Don Ribera ein Mann entgegen, der in einem reich mit Silber⸗ borden beſetzten Rocke ſteckte und empfing ihn mit zahlreichen Bücklingen. Soreiha ſagte der Oheim, dieſer junge, Mann iſt Don Antonio de Ribera mein Neffe S 6 hn in ſeine Gemächer! Damit wandte er ſich rechts, ſtieg haße ar⸗ mortreppe hinauf und kümmerte ſich nz ſter um Antonio. Der Alte, welcher Niemand Anderes, als der Haus⸗ hofmeiſter Don Ribera's war, verbeugte ſich tief vor Antonio und ſagte: Wollet mir folgen, Don Antonio de Ribera! Er ſchritt die Marmortreppe, die ſich links hinauf zog, voran und öffnete bald ein prachtvolles Gemach, an das ſich noch Andre anreiheten. Der Herr hat dieſe Gemächer zu Eurer Woh⸗ nung beſtimmt, ſagte der Haushofmeiſter. Juan hatte das Gepäcke abgeſtellt und ſtand da, den Sombrero in den Händen bewegend. Galego, ſagte Soreiha zu dieſem, indem er ihm ein Trinkgeld in die Hand drückte, Du kannſt nun Deine Wege gehen!— Er iſt mein Diener, ſagte Antonio, und bleibt hier! Dieſer lumpige Galego? fragte höhniſch lachend Soreiha. Grade dieſer! entgegnete Antonio ſcharf betont. Geht jetzt, Soreiha, und ſorgt dafür, daß Inan ſchon morgen in der Kleidung der Diener des Hauſes Ribera erſcheine! Der Alte, welcher ein höhniſches Geſicht zu machen Luſt trug, ließ es doch bleiben und brummte in ſich hinein: Der iſt doch grade, wie ſein Vater war!— Laut aber ſagte er: Habt Ihr nichts weiter zu be⸗ fehlen?* Ein kurzes Nein ſchnitt allen weitern Verkehr ab. Juan ſtand ganz verblüfft da und ſah ſeinen jungen Herrn an, als wollt' er fragen: Geht das mit rechten Dingen zu? Biſt Du der milde, ſanfte Antonio, der Du ſo herriſch und unfreundlich hier redeſt? aber er wagte es nicht, das zu äußern, was in ſeiner Seele vorging, denn das, was er jetzt ſah, bekümmerte ihn zu ſehr. Antonio war in einen der reichgepolſterten Seſſel geſunken und bedeckte ſchluchzend ſeine Augen mit ſeinen Händen. Das alſo iſt der Willkomm des Bruders meines Vaters! rief er aus. Fluch Dir, Palmella! ſtieß er wild heraus. Warum ließeſt Du mich nicht in Oportv, wo ein liebevolles Herz für mich ſchlug? Hier werde uund mueß ich verkümmern! Was nutzt mir all' dieſe Pracht ohne Liebe?— ———— —˙—————— quis ging ſtets zu Fuße. Er lebte einfa Der Marquis de Ribera war ein kalter, herzloſer, dabei aber dennoch der Schmeichelei ſehr zugänglicher Mann. Selbſt Junggeſelle und ohne Beziehung zu andern Menſchen, verlangte er nichts, als ſtrenge Unterwerfung unter ſeinen Willen, ſklaviſchen Gehor⸗ ſam. In den weiten Räumen eines Palaſtes war er freudlos bei allem Ueberfluſſe des größten Reichthums.. Alles geſchah in der Stille. Jeder ſchlich leiſe dahin, um nur nicht die etwaige gute Laune des Herrn zu ſtören. In ſeinem Thun zeigte ſich ein ſeltſames Ge⸗ miſch von nutzloſer Verſchwendung und peinlichem Geize. In allen, ſelbſt in den unbedeutendſten, ja völlig unbenutzten Räumen des weiten Palaſtes herrſchte eine überladene Pracht und ein Ueberfluß, der ſündlich ge⸗ nannt werden konnte; aber flehte ein Armer um eine Gabe, ſo wurde er weggejagt. In ſeinen Remiſen ſtanden die koſtbarſten Karoſſen und Kutſchen, aber nie ſah man den Marquis in einer derſelben ausfah⸗ ren; in ſeinen Ställen ſtanden andaluſiſche Pferde von der edelſten und ſchönſten Raſſe; aper der Mar⸗ 3 und ärmlich, wie ein Galegv vom Bairro alto. Geſellſchaften mied er ſowohl bei andern, als in ſeinem eigenen Palaſte. Freunde hatte er faſt keine und Umgang liebte und ſuchte er nicht. Er war wortkarg gegen Andre und was er in ſeinen meiſt verſchloſſenen Gemächern trieb, wußte kein Menſch. Niemand durfte ſich rühmen, daß er ihm beſondre Freundlichkeit erwieſen, als Einer und dieſer Eine war ein Jüngling, wie Antoniv. 8 Eben der Bruder des Grafen Palmella, de Oporto befehligte, war Don Ribera's Schwager ge⸗ weſen. Als Ribera's Schweſter ſtarb, wurde deren Gatte als Befehlshaber auf eine der portugieſiſchen Beſitzungen in Afrika geſandt und erlag dort ſchnell dem mörderiſchen, heißen Himmelsſtriche. Er hinter⸗ ließ einen Sohn, der Jaime hieß, und nichts blieb dem einſiedleriſch lebenden Don Ribera übrig, als den Waiſen zu ſich zu nehmen und zu erziehen. Dieß ſchien dem unfreundlichen Manne das ſchwerſte Opfer, welches er zu bringen habe. Indeſſen machte ſich die Sache beſſer, als er ſeiber dachte. Der Knabe war ungemein lebendig, ſchmeichleriſch und zuthunlich und wußte ſich in kurzer Zeit bei ſeinem Oheim ganz un⸗ entbehrlich zu machen. Es war die einzige Menſchen⸗ ſeele, von der man ſagen konnte, daß Ribera ihr Zu⸗ neigung bewieß. - So viel er bei ſeinem Oheime galt, ſo wenig liebte die zahlreiche Dienerſchaft den kleinen Grafen Jaime de Palmella; denn er war gegen ſie ſchnüppiſch, hoch⸗ fahrend und höchſt ungezogen. Sein augendieneriſches Weſen verläumdete Jeden bei dem Oheime, der ihm nicht das gethan, was er von ihm wollte, und wagte es einer der Diener, dem Unholde entgegen zu treten, ſo verfolgte ihn ſeine tückiſche Rachſucht unermüdlich — ja, es kamen Fälle vor, wo er ihm unliebe Diener aus dem Dienſte gebracht hatte. So kam es denn, daß alle ihm blindlings gehorchten und jedem ſeiner Wünſche zuvorzukommen ſuchten, um ſich nur ihm Alles, was er ſagte. Was in dieſer Weiſe aus dem böſen Buben wer⸗ den mußte, läßt ſich einfach begreifen, denn unter ſol⸗ nicht ſeinen Haß zuzuziehen; denn Don Ribera glaubte chen Umſtänden konnte ſich nur ein boshaftes, tückiſches, lügneriſches Gemüth herausbilden. Jaime war ungefähr ſo alt, als Antonio, und die⸗ ſer in ſeinem ernſten Weſen, in ſeiner milden, barm⸗ herzigen Weiſe— wie ſollte er mit Jaime zurecht kom⸗ men, mit dem er zuſammenlebte, mit dem er umgehen ſollte? Antonio durchſchaute ſchnell die Denkart Jaime's und fühlte ſich von ihm abgeſtoßen. Während Jaime die Wege der wilden Luſt und Ausſchweifung ging, dieß aber heuchleriſch vor ſeinem Oheim zu bemänteln oder zu verbergen wußte, war Antonio, in reiner Sitte erzogen, keineswegs ſein Genoſſe, ja vielmehr machte er ihm oft die nachdrücklichſten Vorſtellungen. Der Oheim gab beiden ein ſo reiches Taſchengeld, daß, obgleich Antonio überall mit milder Hand Wohlthaten ſpendete, er dennoch einen bedeutenden Theil deſſelben zurücklegte, da er weder Spieler war, wie ſein Vetter Jaime, noch ſonſt auf leichtfertigen und gottloſen We⸗ gen ſein Geld vergendete. Seine einzige Freude war es, wenn er mit ſeinem Juan ausreiten konnte in die reizenden Umgebungen Liſſabon's oder wenn er in einem Boote, ſelbſt es lenkend, auf den Fluthen des Tajo ſich ſchaukeln durfte. An ſolcher Luſt nahm Jaime nie Antheil. Er ging ſeine heimlichen Schleichwege. Hätte er Antonio in ſeiner Weiſe ungefährdet gehen laſſen, ſo wäre dieſer glücklich geweſen; allein der ſitt⸗ liche Ernſt und Unwille, mit dem Antonio ſein laſter⸗ haftes Leben rügte und tadelte, ließ in ſeinem verdor⸗ benen Herzen den giftigen Stachel des Haſſes zurück, und Jaime war Keiner von denen, die ihren Haß ſtille im argen Herzen tragen können. Er mußte dieſen gif⸗ ttigen Stachel gegen den kehren, dem er galt und ihm zu ſchaden ſuchen, wo und wie er konnte. So war denn dem boshaften Gemüthe kein anderer Weg übrig, um Rache an Antonio zu nehmen, als der heimlicher An⸗ ſchwärzung und Verleumdung bei dem gemeinſamen Oheime, und er ſäumte nicht, Alles, was er trieb und that, Antonio zur Laſt zu legen. Offen ihm entgegen zu treten wagte er nicht; ein⸗ mal, weil er vor Antonios ſittlicher Reinheit doch eine geheime Scheu hatte, und dann, weil er ſeine rück⸗ ſichtsloſe Wahrheitsliebe und Rechtlichkeit kannte. An⸗ ders ihm zu ſchaden, wäre ihm unmöglich geweſen, da die Dienerſchaft des Hauſes von ganzer Seele Anto⸗ nio liebte und in dem Grade und Maße, wie ſie Jaime haßte. Selbſt bei Ribera hatte Antonio durch ſein ſtilles, geſittetes Betragen und durch den Eifer, womit er gute Bücher las, um ſein Wiſſen und Erkennen zu berei⸗ chern, viel gewonnen und der Oheim war dahin ge— langt, dann und wann Vergleichungen zwiſchen ſeinen beiden Neffen anzuſtellen, die je mehr und mehr zu Antonio's Gunſten ausfielen. Das hatte Jaime bemerkt und auch erkannt, daß es nun Zeit ſei, an dem Ver⸗ derben des gefährlichen Gegners und Nebenbuhlers zu arbeiten. Solche Wege hatte er zu oft betreten und mit zu gutem Erfolge, um nicht zu wiſſen, daß er langſam ſeinem verworfenen Ziele zuſchreiten müſſe. Wie die Schlange im Finſtern liſtig und leiſe heranſchleicht, ihr Opfer mit giftigem Zahne zu faſſen, ſo wandt ſich der ſchlaue, liſtige Jaime, ſeinem Ziele näher zu kommen. Heute ließ er eine Andeutung fallen, morgen wieder eine andere; allein er wußte, daß dieſe ————— — 43— Worte nicht in den Schvoß des Meeres fielen, ſondern ſehr ſicher den Weg durch ſeines Oheims Ohr dahin fänden, wohin ſie, nach ſeinem Plane, kommen ſollten. Er wußte ferner, daß ſein Oheim nicht der Mann war, ſogleich von dem Gebrauch zu machen, was er etwa Arges von Jemanden aus ſeiner Umgebung wußte, ſondern daß er das Gift des Argwohns und des Miß⸗ trauens erſt recht tief eindringen, ſich recht anhäufen ließ den Unmuth und Zorn, ehe er zu einem Ausbruche kam, der aber dann auch um ſo verderblicher für den war, gegen den er ſich entlud, weil er keine Entſchul⸗ digung, keine Rechtfertigung gelten ließ. Jaime rückte in dieſer Weiſe ſeinem Ziele immer näher und wieß dennoch dem heimlich verfolgten An⸗ tonio alltäglich ein freundlich Angeſicht. Wohl merkte Antonio eine Entfremdung ſeines Oheim's gegen ihn und nahm ſelbſt eine Zunahme dieſer Geſinnung wahr; allein nicht im Entfernteſten dachte er daran, die Ur⸗ ſache in Jaime de Palmella zu ſuchen. Und hätte er geahnet, wie es ſtehe, er würde ſelbſt gefragt haben, was ſein Oheim gegen ihn im Herzen trage, da er ſich keines Vergehens bewußt war, das eine ſolche Entfremdung rechtfertigen konnte.— Ein Ereigniß führte die Entſcheidung ſchneller herbei, als ſie ſonſt wohl gekommen wäre. Antonio hatte eine Barke gemiethet, um eine Luſt⸗ fahrt auf dem Tajo zu machen, wie er es oft zu thun pflegte. Bei ſolchen Fahrten begleitete ihn nur ſein treuer Juan und ſeine Hauptluſt beſtand darin, daß er ſelber das Steuerruder führte und kein Schiffer ihn begleitete.. 6 Es war einer jener milden, ſchönen Abende, wie * — ſich Liſſabon inſonderheit ihrer zu erfreuen hat. Der Tajo glänzte wieder im Golde der ſinkenden Sonne, wie an jenem Abende, als Antonio in Liſſabon an⸗ langte, da trat Antonio mit Juan in die Barke, die ihm bereit gehalten worden war. Grade, als Juan das Segel entrollte, um es dem leichten Winde preiszu⸗ geben, der kühl von der Sierra Nevada herbließ, trat Jaime auf den Damm des Hafens. Antonio lud ihn ein, mit ihm das Vergnügen der Luſtfahrt zu ge⸗ nießen. Jaime wieß die Bitte zurück, weil er wirklich den Muth nicht hatte, ſich der Barke anzuvertrauen, zumal er an Antonio's Schifferkunſt zweifelte.— Antonio kannte dieſe Feigheit ſeiner Natur und ver⸗ ſpottete ihn. Die Leute umher hörten die Worte und nahmen durch Lachen Antheil daran. Ihr könnt Euch Don Ribera ſchon anvertrauen, ſagte der Schiffer, dem die Barke gehörte, zu Jaime. Er fährt ſo ſicher, wie Unſereiner, der auf dem Waſſer alt geworden iſt. Wollte er nicht ſich dem Spotte der Schiffer und Laſtträger preisgeben, ſo blieb Jaime jetzt nichts übrig, als in die Barke zu ſteigen. Er that es, wenn auch mit Unmuth und Widerwillen. Wer kennt nicht den Uebermuth jugendlicher See⸗ len, wenn es gilt, einen elenden Feigling zu necken durch einzujagende Furcht? Er liegt ſo nahe, lockt ſo unwiderſtehlig, daß ſelten ihm Widerſtand geleiſtet wird. Auch bei Antonio regte er ſich und er war ſonſt ſo ernſt! Heute aber konnte er der Luſt nicht wider⸗ ſtehen. Kannſt Du ſchwimmen? fragte er Jaime. Nein! Nein! rief dieſer ängſtlich. Aber warum fragſt Du ſo?— 5 Boden der Barke. Der Wind treibt uns der Mündung des Tajo ſo mächtig zu, daß ich kaum die Barke werde bewältigen können, ſagte Antonio mit erkünſteltem Ernſte, und ſiehſt Du dort die mächtigen Wolken! Leicht dürfte es ein Gewitter geben, und die Stürme, welche das Gewitter zu begleiten pflegen, ſind ſchrecklich!— Ach, Antoniv, ich bitte Dich, kehre um! rief Jaime, deſſen Wangen ſo bleich wurden, wie Schnee. Wir ſind dem Lande noch nahe genug. Das wäre feig, Jaime! entgegnete er. Der Mann muß auch einmal eine Gefahr beſtehen lernen. Sollte die Barke umſchlagen— Antonio! ſchrie Jaime, was ſoll dieß Gerede? Kehre um! Sollte ſie umſchlagen und ich könnte Dich nicht retten, ſo ſuche nur irgend etwas von der Barke zu erhaſchen. Wird ſie dann nicht in's offene Meer hinaus⸗ getrieben, ſo iſt Deine Rettung möglich, ſagte Antonio. Kalter Schweiß bedeckte Jaim's Körper. Er ſchrie, er bat, er flehte. Aber Antonio that als bemerkte er es nicht und ließ die Barke hart an die Brandung anlaufen, welche ſich ſchäumend an dem altersgrauen Mauern des Thurmes von Belem brachen. Die Barke ſchwankte heftig. Der Giſcht der Bran⸗ dung ſchlug über ſie hin und durchnäßte Jaime, der in der Verzweiflung den Maſt der Barke umſchlang und laut heulte, betete und auf Antonio fluchte, Alles in einem Athem. Jetzt ſchrie Antonio: Wir ſind verloren! Gräßlich ſtarrte Jaime in das wilde Wogenge⸗ brauße der Brandung und ächzend ſank er auf den Eine Wendung des Ruders— und die Barke ſchwamm wieder im ruhigen Strome des Tajo. An⸗ tonio blickte mit ſpöttiſchen Mienen auf Jaime. Er konnte indeſſen jetzt nicht mehr anhalten. In ein ſchallendes Gelächter ausbrechend, ſchöpfte er Waſſer mit der Hand und goß es in Jaime's Geſicht. Dieſer war nicht ohnmächtig. Er ſprang auf und richtete durchbohrende Wuthblicke auf Antonio. Er knirſchte mit den Zähnen vor Wuth und Grimm. Du biſt ein zweiter Vasco de Gama, ſagte An⸗ tonio ſpottend. Wahrlich, Du würdeſt den Seeweg nach Indien auch aufzuſuchen im Stande ſein, wenn ihn dieſer nicht ſchon unglücklicher Weiſe gefunden hätte! Antonio, ſchrie Jaime, lande! Ich will nicht der Gegenſtand Deines Spottes ſein! Lande oder— Oder? fragte Antvnio: Willſt Du Dich mit mir ſchlagen, ritterlicher Held? Wohlan, unſre Kampfbahn ſei das Waſſer. Spring' hinein Jaime, ich folge Dir auf der Ferſe! Immer wüthender wurde Jaime. Er riß ſeinen Dolch hervor, um ihn nach Antonio zu ſchleudern, aber Juan, der ruhig im Schnabel der Barke geſeſſen, hielt ſeine Hand und entriß ihm die Waffe des Feiglings, die nur meuchelmörderiſch zu treffen beſtimmt iſt. Soll ich ihn in den Tajo ſtürzen? fragte mit flammenden Blicken der Galegv. Nein, Juan, wirf nur die Meuchelwaffe hinein, ſagte Antonio lachend. Wir fahren noch ein Wenig. Schon weht der Wind ſchärfer, und ich höre den Don⸗ ner rollen in der Ferne. Ich denke der Wetterſturm ſoll noch ein Bischen die Barke tanzen laſſen. Gibts Gefahr, ſo retten wir uns durch Schwimmen. ———— — Aber ich? ſchrie Jaime, und Thränen traten in ſeine Augen. Sei ruhig Jaime. So ein Sturm hat Erbarmen mit einem ſo feigen Menſchen wie Du und die Feig⸗ linge gehen nicht unter, wie die fetten Leute. Sie ſchwimmen wie eine leere Tonne, und werden irgendwo an's Ufer geworfen. Jaime war außer ſich. Als er ſah, daß ihn Alles nichts half, ſetzte er ſich und weinte, wie ein Weib. Das empörte Antonio. Er konnte nun nicht mehr ſcherzen. Mit bittern Ernſte hielt er ihm ſeine Feig— heit vor, ließ dann die Barke auf's Ufer laufen und ließ Jaime an's Land. Wie ein Beſeſſener lief er von dannen, während Antonio langſam zum Hafen zurück⸗ ſtenerte, wo eben ein Schiff nach den azoriſchen In⸗ ſeln ſich ſegelfertig machte, deſſen Größe und Schönheit er bewunderte. Antonio ahnete nicht, was ihn erwartete, als er in den Palaſt ſeines Oheims am Rozio zurückkehrte. — Er ahnte nicht, welche Bedeutung dieß Schiff für ihn gewinnen ſollte! Jaime war heimgeilt und hatte in der allsrentſtelteſten Weiſe dem Oheim die Begebenheit erzählt. Nach die⸗ ſer Erzählung war es dabei auf nicht Anderes abge⸗ ſehen, als ihn im Tajo zu ertränken. Was konnte er anders beabſichtigen, als allein Erbe Eurer Reich⸗ thümer zu werden? fragte er am Schluſſe ſeiner Mit⸗ en die Zoͤrn, Wuth und Rache athmete, ſeinen Oheim. Der ſchwache Ribera ging in ſeine Darſtellung ein. Er glaubte jedem Worte dieſes Gewebes von Lug und Trug, Bosheit und Tücke, und ſein Zorn — durchbrach den Damm, der ihn bisher lange Zeit zu⸗ rückgehalten hatte. Als Antonio zurückkehrte, rief er ihn zornglühend in ſein Gemach und der wildeſte Strom ungebändig⸗ ten Grimmes brach endlich hervor, mit einer Wucht und Gewalt, wie ſie ähnlich Antoniv nie geahnet hatte. Er wollte den heftigen Ausbruch vorübergehen laſſen, ehe er das Gewebe der Bosheit und Lüge vor den Augen des Oheims enthüllte und in ſeiner Verworfenheit nachwieſe. Er beſchuldigte ihn aber ſo grober Ver⸗ gehen, ſo ſchändlicher Handlungen, daß endlich Antonio nicht mehr an ſich halten konnte. Es iſt Lüge! rief er donnernd in des Oheims Redeſtrom hinein, daß dieſer einen Augenblick ver⸗ ſtummte. Hört meine Vertheidigung! Ruft Eure Die⸗ nerſchaft; ob nicht das Alles Jaime's Thaten ſind, das fraget ſie! Wasꝰ ſchrie plötzlich aus allen Fugen gedrängt, Ribera. Du willſt auf ihn Deine Laſter und Ver⸗ brechen bürden? EFlender, der Du die verworfene Ge⸗ ſinnung Deiner Mutter hegſt.— Antonio richtete ſich bei dem Worte auf; wie wenn ihn ein Skorpion geſtochen, ſo zuckte er bei der Schmach zuſammen, die Ribera auf ſeine Mutter häufte, deren edles Herz ihm uſendlich hoch ſtand. Still donnerte er dem frevelnden Oheim zu, ſtill? Noch ein Wort der Schmach auf meine fromme, edle Mutter, die reineres, edleres Blut in ihren Adern trug, als alle Ribera's und Palmella's, und ich könnte leicht ergeſſen, daß Ihr mein Oheim ſeid! Bei dem Wort ſprühte ſein großes Auge Feuer und er ſtand ſo ehrfurchtgebietend da, daß ſelbſt Ribera — 5 einen Augenblick verwirrt wurde; aber er ermannte ſich wieder. Wie? ſchrie er, Du wagſt es mir zu drohen? fort aus meinen Augen, aus meinem Palaſte, Auswurf, Miſchling, der Du keinen Tropfen edlen Blutes in Deinen Adern haſt! Antonio hatte kaum dieſe Worte gehört, als er ſich langſam umwandte und ging. Es war eine wunderbare Veränderung in ihm vorgegangen. Die Hitze, die ihn übermannt hatte, war plötzlich in eine eiſige Kälte umgeſchlagen. Seine volle Beſonnenheit war zurückgekehrt. Ein Augenblick reichte hin, ihm es klar zu machen, daß nun diè Banden zer⸗ riſſen ſeien, die ihn, freilich locker genug, an dieſen Oheim geknüpft hatten. Er erkannte, wer ihm dieſe Grube gegraben, aber auch die unausbleibliche Folge Auftritts ſtand in leichter Klarheit vor ſeinem eiſte. Er trat in ſeine Gemächer und rief ſeinen Juan. Packe! ſagte er. Wir verlaſſen dieſes Haus! Aber eile Dich! Es brennt an die Sohlen! Inan ſtarrte ihn an. ¹ Haſt Du mich nicht verſtanden? fragte noch ein⸗ mal Antoniv. Packe Alles, was mein iſt; wir ver⸗ laſſen auf immer dieſes Haus. Wohin aber gehen wir, Don Antonio? Je weiter, je lieber! rief Antonio. Ha, ich erin⸗ nere mich des Schiffes, das im Hafen ſegelfertig liegt. Bring' ſchnell meine Habe auf dieß Schiff. Mit ihm fahre ich nach den Azoren! Willſt Du mich nicht be⸗ gleiten, ſagte er, ſo erkläre Dich. Ich gebe Dir Deinen Lohn; Du gehſt nach dem Bairra alto und ich ziehe Horn. Liſſabon. 4 — — wieder hinaus in die fremde Welt, wo man es beſſer mit mir meint, als hier im Stammſchloſſe meiner Väter. Ich? rief Juan. Geht Ihr an's Ende der Welt, ſo begleit' ich Euch bis zum Grabe! Gut denn, ſprach bewegt Antonio, ſo packe ſchnell und bringe Alles auf das Schiff. Noch heute Abend verlaſſe ich das Haus. Er rief einen Bedienten, daß er Antonio helfe; dann nahm er alle ſein vorräthiges Geld, ſteckte es zu ſich und ging, um mit dem Kapitain die Ueberfahrt aus⸗ zubedingen. Als er an die Thüre kam, welche zu dem Zimmer führte, wo er die unſelige Unterredung mit ſeinem wüthenden Oheim gehabt, wollte er vorübergehen, aber er hörte Jaime's Stimme drinnen und trat ein⸗ Als ihn Jaime erblickte, erbleichte er vor Schrecken. Sei ruhig, giftige Natter, ſagte er kalt, ich trage keinen Banditendolch, wie Du ihn heute nach mir ſchleudern wollteſt. Du haſt mich auch ohne Dolch ſicher getroffen. Dein Zweck iſt erreicht, heuchleriſcher Bube! Ich gehe in dieſem Augenblick, um für immer dieß Haus bübiſchen Verraths zu verlaſſen; aber das geſtehe, daß, was Du mir aufgebürdet, Deine Laſter⸗ thaten ſind! Geſtehe es! Mit dieſen Worten ergriff er mit ſeiner eiſernen Fauſt den zitternden Verräther, der ſich wandt, wie ein Aal, aber ſich nicht losmachen konnte.— Doch nein, ſagte Antonio, und ſchleuderte ihn an die Erde, Dein Bekenntniß würde nichts ändern! Jetzt wendete er ſich an ſeinen Oheim, der ſelber er⸗ bleichend daſtand und in deßen Seele es dämmerte, daß er eine Schlange an Jaime in ſeinem Buſen ge⸗ nährt und einen Edeln verſtieß. Don Ribera, ſagte er kalt und ruhig, ich verlaſſe in dieſem Augenblicke Euch und Euer Haus, das Haus meiner Väter. Dieſer Schurke hier, der mich um Euer froſtiges Wohlwollen betrogen, bleibt Euch. Möget Ihr nie bereuen, ihm Euer Herz geöffnet zu haben. Lebt wohl! Nehmt meinen Dank, daß Ihr mich auf⸗ nahmet, mich ernährtet, kleidetet und mir die Mittel gabt, daß ich wenigſtens für's Erſte in der Welt draußen nicht verhungere. Lebet wohl und vergeſſet meiner und des Unrechts, das Ihr an mir thatet!— Er wandte ſich um, ging langſam hinaus und ſchritt die Marmortreppe hinab. Als er in die Vorhalle trat, ſtanden da weinend eine Anzahl Diener des Marquis de Ribera. O bleibet, bleibet, Don Antonio! flehten ſie. Seit Ihr hier ſeid, iſt unſere Lage unendlich beſſer geworden! Er reichte ihnen ſeine Hand und ſagte: Ich kann nicht mehr zurück, mir iſt das Loos meines guten Vaters gefallen. Es mußte ſo kommen, daß ich nichts vor ihm voraus hätte? Als er über den Rozio hinüber ſchritt, hörte er ſeinen Namen rufen. Er ſah zurück und erblickte ſeinen Oheim, wie er die Arme nach ihm ausſtreckte und rief: Komm' wieder mein Antonio! Aber er wandte ſich ab und ging raſcher dem Tajo zu. Mit dem Kapitaine des Schiffes war er bald einig. Juan und zwei andre Bedienten brachten ſein in Eile zuſammengerafftes Gepäcke. 4 Hinter ihnen her keuchte Soreiha, der alte Haus⸗ — 52— hofmeiſter. Er trug eine große Geldſumme in einem Sacke. Nehmet dieß von Eurem Oheim! ſee der Alte. Er ſendet es Euch!— Oheim? fragte Antoniv. Ich habe en mehr, ſeit er meine gute, edle Mutter geſchmäht! Saget Don Ribera, ich würde mich ernähren und der Glaube ſtände feſt, daß mich Gott nicht verließe, denn der Segen meiner Eltern ruhe auf meinem Haupte. Sein Geld mag ich nicht! Die Diener ſchieden tief betrübt. Soreiha ver⸗ ſuchte noch einmal alle ſeine Ueberredungskunſt, bis Antomo die Stirne in Falten legte und ſeinen Un⸗ muth zü erkennen gab. Nun ging er, dem Jüngling ſeie i he laſſend, von dannen. Und gegen Mitternacht blies der Wind günſtig in die Segel und das Schiff lichtete ſeine Anker und ſegelte dem offenen Meere zu. III. Es iſt wohl keine Frage, nahm nach einer kleinen Ruhe Herr Weiher das Wort wieder, daß auch An⸗ tonio vielfach gefehlt hatte, ſeinem Kopfe ſo ohne Weiteres zu folgen. Sein Oheim hatte das Arge, was er ihm angethan, bereut, als er ihn am Rozio zurück⸗ rief. Aber das Menſchenherz thut im Zorne nicht, was vor Gott Recht iſt. Was ihn am Tiefſten ½ hatte, „ das war das Schmähen ſeiner Mutter, die er in hei⸗ liger Dankbarkeit und Liebe im treuen Sohnesherzen trug. Wir wollen nicht richten, nicht mit ihm rechten. Die Leiden ſeiner nächſten Zukunft waren die Strafe ſeines wilden Sinnes, der ihn von dannen getrieben in unverſöhnlichem Zorne. Wir wollen ihn reiſen laſſen auf den untreuen Wellen des Meeres bis in die Nähe der azoriſchen Inſeln. Nach des Kapitains Berechnung mußten ſie am folgenden Morgen die ſchöne Inſelgruppe erreichen; allein ſchon am ſpäten Abend, konnten die Seeleute die deutlichen Anzeigen eines nahenden heftigen Ge⸗ witters wahrnehmen. Noch war es nicht als ein Sturm losbrach, wie er ſelten die Tiefkn des Weltmeeres aufgewühlt hat. Die Nacht war raben⸗ ſchwarz. Blitze zuckten grell und ſchauerlich am Himmel hin und beleuchteten die himmelhochſteigenden Wellen des Meeres, die das Schiff hin und her ſchleuderten, es bald hoch hinauf hoben, bald in die ſchwarze Tiefe ſtürzten. Der Donner roltte, krachte und brüllte da⸗ zwiſchen, daß ein Grauen durch die hülfloſe Menſchen⸗ ſeele zog. Bei einem der heftigen Windſtöße brach der Haupt⸗ maſt und drohte durch ſeine Wucht das Schiff um⸗ zuſchlagen. Nur ſchnelles Kappen der Taue und des Tackelwerkes und über Bord werfen des Maſtes rettete noch das Schiff, deſſen Planken ſtöhnten und ächzten unter den gegen ſie ſchlagenden und ſtoßenden Wogen. Eine kleine Viertelſtunde ſpäter ließ der Kapitän die Schaluppe in die See, denn das Schiff hatte, wahr⸗ ſcheinlich an einer Klippe, einen Leck erhalten, der es unendlich raſch mit Waſſer füllte und dem ſichern Ver⸗ — ſinken in den tiefen, dunkeln Schvoß des Meeres zu⸗ führte. Das Waſſer im Raume des Schiffes war mit einer ſo ungeheuren Schnelligkeit gewachſen, daß an ein Retten deſſen, was in der Kajüte oder ſonſt im Raume des Fahrzeuges ſich befand, gar nicht gedacht werden konnte. Weder Antoniv noch der Kapitän, noch ſonſt Jemand hatte mehr, als was er auf dem Leibe trug; alle Habe lag im Waſſer. Es wäre Wahnſinn geweſen, an einen Verſuch denken zu wollen, no Etwas zu holen. Vielmehr drängte der Kapitän auf's Nachdrücklichſte zur Eile, da er den Umfang der Ge⸗ fahr allein am Beſten ermeſſen konnte; denn waren ſie nicht weit vom Schiffe weg, wenn es ſank, ſo zogen die Wirbel, welche das Unterſinken des Schiffes her⸗ vorbrachten, die Schaluppe rettungslos mit in den Abgrund. Das rief ihnen der Kapitän zu, und die Liebe zum Leben, ſelbſt ohne alle Güter, iſt ſo mächtig in jedem Menſchenherzen, daß ſie jetzt aus dem Zuſtande dumpfer Rath⸗ und Troſtloſigkeit, in den ſie verſunken waren, wie mit einem Schlage erwachte. Antonio fühlte ſich plötzlich von zwei ſtarken Ar⸗ men umfaßt und war im nächſten Augenblicke ſchon in der Schaluppe. Juan hatte ihn ergriffen und hin⸗ eingetragen. Leider aber war das Fahrzeug für drei⸗ ßig Menſchen zu klein. Der Kapitän ſah das mit Entſetzen. Er gebot ihnen, ſich auf den Boden der Schaluppe niederzuſetzen, ergriff ſelbſt das Steuer⸗ ruder und— eine mächtige Woge riß das Fahrzeug vom Schiffe und ſchleuderte es mit Einem Rucke in eine Entfernung, welche es ganz aus dem Bereiche der drohenden Gefahr des Untergangs mit dem Schiffe — hinaustrug und brachte. Dennoch wuchs die Gefahr mit rieſiger Macht auch in dieſer Lage; denn die Macht des Sturmes nahm mit jedem Augenblicke zu. Die Wellen wurden immer höher und grauſiger. Sie warfen das Fahrzeug wie eine Nußſchale bald in ſchwindelnde Höhe, bald ſenkten ſie es in den Abgrund der Tiefe. Nur der Geſchicklichkeit des Kapitäns in der Regierung des Steuerruders war es beigemeſſen, daß es nicht ſchon umgeſchlagen war; aber alle dieſe Kunſt reichte nicht aus, da die Nacht mit undurchdringlicher Schwärze auf dem wild empörten Meere lag. Kein Stern leuchtete; nur die zuckenden Blitze erhellten auf Augenblicke die grauenvolle Finſterniß, um aber dann das geblendete Auge in eine deſto ſchwärzere Nacht zu hüllen. Wo ſie waren, welche Richtung ſie nehmen mußten, um ſich den, als nahe vermutheten azoriſchen Inſeln zu nahen, wußte Nie⸗ mand. Nur einmal ſah das ſcharfe Auge des Kapitäns in einer Richtung ein großes Licht, als ſich die Scha⸗ luppe eben auf dem Kamme einer ungeheuern Woge befand.— Er traute indeſſen ſich ſelber nicht. Er rief dem Bootsmanne, der zu ihm herankroch. Als nun wieder das Boot auf der Höhe eiher Woge war, erkannten beide beſtimmt und klar das Licht und nun ſuchte der Kapitän dieſe Richtung zu verfolgen. Zwar ließ die Macht des Gewitters und Sturmes gegen Mitternacht mit einem mächtigen Regenſtrome nach; nicht aber die hohe, wilde See. Dennoch nah⸗ men auch die Wellen an Gewalt allmählig ab. Deut⸗ licher erkannte der Kapitän das Licht, welches er für einen Leuchtthurm hielt und das Frohgefühl möglicher Rettung des Lebens durchdrang ihn und ſeine Leidens⸗ — 56— gefährten. Gleichwohl war Juan, der in der Schaluppe ein Seil fand, auf den Gedanken gekommen, dieſes, welches ziemlich lang war, ohne daß es Jemand von den Uebrigen bemerkte, ſich und Antonio um den Leib zu binden, jedoch ſo, daß es im Falle eines Unglücks Heiden hinlänglichen Spielraum freier Bewegung zum Schwimmen gönnte. Als Antonio fühlte, daß er das Seil um ſeinen Leib wand, fragte er: Was machſt Du, Jnan?— Seid ſtille, flüſterte ihm Juan zu; ich thue es ja nur, daß wir einander nicht verlieren, wenn die Nußſchale, in der wir uns befinden, umſchlägt! Juan erkannte die Nützlichkeit ſeines Planes und Antonio ſelbſt konnte ihn nicht tadeln. Als das Meer einiger Maßen ruhiger geworden war, ſahen alle das Feuerzeichen und ſchöpften eine Hoffnung. Der Kapitän ſteuerte rüſtig darauf zu und ſie täuſchten ſich nicht in der Bemerkung, daß es immer größer, ſie ihm alſo immer näher kamen. Leider iſt aber die Hoffnung vft trügeriſch und ſie war es auch hier. Denn vielleicht keine Viertelſtunde war verfloſſen, in der ſie ſich dem Lande um ein Bedeutendes genähert hatten, da ſtieß plötzlich die Schaluppe im vollen Laufe auf eine Klippe.— Sie ſchlug um und begrub alle in der Tiefe.— Schwimmet in gleicher Richtung mit mir! rief Juan ſeinem Herrn zu, der in der ſchreckenden Ueber⸗ raſchung des Ereigniſſes eine andere Richtung genom⸗ men hatte und Juan mit ſich fortzureißen drohte. Antonio fühlte inſtinktartig die Nichtigkeit dieſes Wortes und nun theilten beide, vortreffliche Schwim⸗ mer ſeit früher Jugend, die Wellen mit aller Macht jugendlicher Stärke, Gewandtheit und Liebe zum Leben. Bald fühlten ſie die Macht der Brandung; aber ihre Kraft war auch völliger Erſchöpfung nahe.— Eine Sturzwelle faßte jetzt beide durch das Seil Ver⸗ bundene und warf ſie an ein flaches ſandiges Ufer. Auf! auf! rief Juan ſeinem erſchöpften Herrn zu. Wir müſſen ſchnell das Ufer hinankriechen, ſonſt nimmt uns die folgende Sturzwelle ebenſo wieder mit zurück, wie uns dieſe an's Land geſchleudert hat. WMit Aufbieten ſeiner letzten Kraft zog er Antonio mit ſich fort, bis ſie in einer Entfernung waren, die jede Furcht vor dem empörten Elementen überflüßig machte. Jetzt aber trat auch eine völlige Erſchöpfung ein, welche beide in einen Zuſtand der Betäubung ver⸗ ſetzte, welche ihr Ohr dem Gebrauße der Brandung, ihr Auge dem Lichte der allmählig hervortretenden Sterne, ihr Gefühl dem ſie durchſchauernden Froſte gänzlich verſchloß. Völlig bewußtlos lagen ſie da.— Als ſie erwachten war es lichthelle um ſie. Eine wohl⸗ thuende Wärme durchſtrömte wieder ihre erſtarrten Glieder und menſchliche Stimmen ſchlugen an ihr Ohr. Beide getrauten ſich nicht, das was ſie wahrnah⸗ men, für wahr und für mehr zu halten, als für das Gebilde eines ſchönen Traumes. Dennoch erkannten ihre erwachenden Sinne bald, daß es Wirklichkeit ſey; daß ſie in einem Bette lagen und daß Meuſchen ſie umgaben, die ſich in wehmüthiger Theilnahme über ihr Schickſal unterhielten. Es war überdieß die portu⸗ gieſiſche Sprache, die an ihr Ohr ſchlug. unausſprechlich war das Gefühl der Freude, wel⸗ ches dieſe Gewißheit ihnen gab. Juan wagte zuerſt, ſich aufzurichten. Er faßte An⸗ tonio an und fragte mit bebender Stimme: Herr, lebt Ihr?— Als die Bewohner der Hütte dieſe Worte hörten, ſprangen ſie freudig auf, und leuchteten mit ihrer Thranlampe auf das Bette, in welchem die Geretteten lagen und Juan blickte in die offenen Augen ſeines Herrn und pries Gott mit lauter Stimme. Groß war die Freude der Schiffer und Fiſcher, in deren Hütte ſie ſich befanden. Sie brachten nun erwärmende Lebens⸗ mittel herbei, und als ſich die beiden Verunglückten erquickt hatten, vernahmen ſie von den armen Fiſchern, daß ſie, ahnend, daß vielleicht ein Schiff in dieſer greulichen Wetternacht der Küſte ſich nähern konnte, das Feuer angezündet und unterhalten hätten, welches der Kapitän und der Bvotsmann zuerſt geſehen hatten. Sie erzählten, daß ſie von dem Gedanken gequält, es könnten an den Klippen Unglückliche ſcheitern, von Zeit zu Zeit mit Fackeln an der Küſte, wie an dem ſeichteren Strande, hingegangen ſeien, und dort hätten ſie die beiden lebloſen Körper, an ein Seil gebunden, aufgefunden. Bei genauerem Zuſehen, hätten ſie noch Leben in ihnen entdeckt, ſie in ihre Hütte getragen und dort in ihr Bette gelegt und Belebungsverſuche angeſtellt, bis endlich die Lebenswärme langſam zu⸗ rückgekehrt ſei, wo ſie ſie dann ruhig dem Schlafe hätten überlaſſen können, in welchen ihr Zuſtand über⸗ gegangen ſei. Herzinnig war der Dank, den beide Gerettete Gott im Gebete, und ihren Nettern mit warmen Worten darbrachten; groß war die Frende der einfachen und guten Menſchen über ihre glückliche Rettung. Wohl fragte mit großer Bepegung Antonio, ob ſie denn ſonſt Niemanden gefunden? Sie verneinten das; als er ihnen aber ſagte, wie viele noch außer ihnen in der umgeſchlagenen Schaluppe geweſen, da brachen ſie noch einmal zu einem Gange an die Küſte und den Strand auf. Erſt nach langer Zeit kehrten ſie wieder mit der Nachricht, das weder Trümmer, noch Menſchen an's Ufer ſeien geworfen worden, woraus ſie den Schluß zogen, daß alle ihre Unglücksgefährten ihr Grab in den Wellen des ſtürmiſchen Meeres gefunden. Wenn dieſe Gewißheit auf der einen Seite ſie zu deſto innigerem Danke gegen die Gnade Gottes trieb, ſo war dennoch ihr Herz voll Trauerns um die Ar⸗ men, nach denen jetzt umſonſt die Blicke der Liebe ihrer Angehörigen ausſchaueten, und ſie ſandten ihre Gebete um Frieden und Gnade für die Umgekomme⸗ nen, und um Troſt für ihre Hinterbliebenen zu dem Herrn empor. Mit großer Theilnahme hörten die Fiſcher ihre Erzählung von den Schreckniſſen dieſer Nacht an und erſt gegen Tag legten ſich die ebenfglls ermüdeten Fiſcher auf den Boden ihrer Hütte zum Schlafe nie⸗ der, während ſie ihr Bette gerne den Fremdlingen überließen. Als der Tag ſchon hell und klar durch die kleinen Fenſter der Hütte ſchien, erwachten Juan und Antoniv. Die Hütte war leer, denn die guten Leute waren ſchon mit dem Grauen des Tages wieder hinausgegangen, um nach den übrigen Verunglückten zu ſuchen. Die Kleider hatten ſie ſchon in der Nacht an dem lodern⸗ den Feuer des Heerdes aufgehängt. Sie waren ſoweit — 65 wenigſtens getrocknez, daß beide ſie ohne Bedenken anzogen. Dann aber fielen ſie auf ihre Kniee nieder und dankten noch einmal der rettenden Vaterliebe Gottes und durch Antonio's Seele zog ein Schmerz⸗ gefühl der Reue über ſein Benehmen gegen ſeinen Oheim. Er konnte und wollte es ſich nicht verhehlen, daß wenn er dem beſſern Gefühle ſeines Herzens ge⸗ folgt wäre, ſich nicht von ſeinem heißen Blute hätte fortreißen laſſen, das Unglück nicht würde über ihn gekommen ſein, das er jetzt trug und deſſen Folgen er jetzt noch zu ermeſſen außer Stand war. Sie brauchten unterdeſſen nicht Hunger zu eiden. denn die guten Fiſcher hatten ihnen ein Frühſtück zu den glimmenden Kohlen des Feuers geſtellt. Wenn es auch rauh und ärmlich war, ſo ſchmeckte es Antonio doch herrlich. Auch jetzt kommen die Fiſcher zurück, ohne eine Spur der übrigen Verunglückten gefunden zu haben und es blieb nun kaum mehr ein Funken von Hoff⸗ nung, daß ſie könnten gerettet worden ſein. Erſt jetzt erfuhr denn Antonio, daß ſie ſich auf der öſtlichen Seite der azoriſchen Inſel Terzeira, in einer ſehr einſamen Gegend befanden und ziemlich weit von der Stadt Angra entfernt waren, welche die Hauptſtadt der Inſel iſt. Der Gedanke, was er und Juan beginnen ſollten, trat nun mit erſchreckender Wahrheit an ſie heran. Wie es auch werden mag, ſagte Juan, ich ver⸗ laſſe Euch nicht und werde meine letzte Kraft daran ſetzen, für Euch zu arbeiten. Antonio drückte mit Rührung die Hand des treuen Menſchen.. — Die Schiffer riethen ihnen, nach der Haupt⸗ und Handelsſtadt Angra zu gehen, weil dort, wo viel Verkehr und Handel ſei, ſie gewiß eine Ausſicht fin⸗ den würden, ihr Brot zu verdienen. Unter den lebhafteſten Dankſagungen verließen ſie am nächſten Morgen die Hütte, begleitet von dem jüngſten Sohne der Fiſcherfamilie, der ihnen als Führer nach Angra diente. Als ſie die Stadt erreichten, war es Antonio's erſte Pflicht, zu dem Gouverneur zu gehen, um ihm die Anzeige vom Untergange des Schiffes und der Bemannung deſſelben zu machen. Mit großer Theil⸗ nahme hörte der hohe Beamte dieſe Mittheilung an. Er wieß den beiden Verunglückten ſogleich eine Woh⸗ nung an und gab ihnen Mittel, ſich das allernoth⸗ wendigſte für ihre Bekleidung anzuſchaffen. Als die Nachricht ihres Unglücks ſich in der Stadt verbreitete und Antonio's Name, der einer der geachtetſten Por⸗ tngalls war, in der Stadt bekannt wurde, wetteiferten die erſten und reichſten Familien, ihm Unterſtützung aller Art zu gewähren. Es war ein Wetteifer der Menſchénliebe, wie ihn verunglückte S efahrer an ſol⸗ chen Orten in der Regel zu erfahren ſilegen, die an Meeresküſten liegen und deren Verkehr mit andern Ländern nur zur See ſtattfinden kann. Bald fehlte es beiden an Nichts mehr, was das Leben erheiſchte, als an einer Stellung, welche ein ſicheres Beſtehen gewähren kann; und auch daran ſollte es ihnen auf die Dauer nicht fehlen. Antonio's Kenntniß des Handels, welche er dem wackern Kaufmann in Oporto verdankte, der ſich ſeiner ſo liebevoll angenommen, als er verwaiſt in der Welt — dageſtanden, ließ ihn eine Stelle in einem Handels⸗ hauſe finden, die, wie ſie ſeinen Kennthiſſen und Fähig⸗ keiten entſprechend war, ſo ihm die Mittel eines ſorgenloſen Lebens darbot. Juan nahm eine Diener⸗ ſtelle in demſelben Hauſe um ſo freudiger an, als ſie ihm die Gelegenheit darbot, bei ſeinem geliebten Herrn bleiben zu können. IV. Ich kann, fuhr Herr Weiher fort, wohl über die einzelnen Begebenheiten in dem Leben Antonio's und Juan's in Angra ziemlich ſchnell hinweggehen. Aus Liſſabon vernahmen ſie wenig. Es lag auch gar nicht ſo nahe, daß ſie ſich lebhaft darnach zu erkundigen Luſt trugen. Dennoch lag der wehmüthigſte Gedanke, ſo ferne von ſeiner Heimat zu ſein, ſchwerer auf dem Herzen des treuen Galego, als auf dem An⸗ tonio's. Juan verbarg indeſſen dieſe Regungen ſeines Herzens ſorgfältig vor den Ohren und Angen ſeines geliebten Herrn. Ihn zu kränken, oder ihm wehe zu thun, wäre für ihn das Bitterſte geweſen, denn ſeine Seele hing an ihm mit einer Liebe und Treue, die kein Opfer ſcheute, und der auch keines zu ſchwer ge⸗ weſen wäre. Die ſchöne Inſel Terzeira, ihre milde, herrliche Luft, die angenehmen Verhältniſſe in dem Hauſe, wo er diente; die Nähe ſeines lieben Herrn, den er fort⸗ während bedienen durfte und der ihn mehr als einen — 63— Freund, denn als einen Diener behandelte, ſöhnte indeſſen ſein Herz aus und die Zeit heilte den Anflug von Heimweh, das ſich bei ihm zu regen begonnen atte. Antonio's Kenntniſſe, ſein Fleiß und ſeine Treue erwarben ihm in hohem Grade das Vertrauen und die Achtung des Vorſtehers des Handelshauſes, wel⸗ chem er diente. Sein Gehalt wuchs mit der Dauer ſeines Aufenthaltes in dem Geſchäfte und mit der Ausdehnung ſeiner Thätigkeit in demſelben. Er ſelbſt hatte, und das war die Frucht ſeiner Erziehung in Dürftigkeit, bald den Ueberfluß vergeſſen, der ihn in Liſſabon umgeben hatte. Es gab jetzt Augenblicke ge⸗ nug, wo er den Verluſt alles deſſen, was er ſein ge⸗ nannt und noch der Güte ſeines Oheims zu verdanken gehabt, als ein Glück anſah. Gott will, ſagte er oft zu ſich ſelbſt, daß ich mich nie und nimmer auf die Schultern eines Andern ſtützen ſoll; vielmehr ſoll ich meine eigne Kraft regen und anwenden lernen und darin liegt ein Segen. Meine Familie hat meinen Vater und mich ausgeſtoßen; nun iſt die letzte Brücke zwiſchen ihm und mir durch den Schiffbruch abgebrochen und ſoll es bléiben. Gottes„ Gnade ſegnet mich. Sie wird ja auch ein ehrlich und rredlich Ringen und Streben nicht ohne Segen laſſen für die Folgezeit. Gelingt es mir, eine ſelbſtſtändige Stellung mir zu erwerben, ſo nehme ich meinen Juan zu mir und unſre Tage ſollen hinfließen in Frieden und ſtillem, treuem Zuſammenleben und im Dienſte meiner Menſchenbrüder. Solche Entſchlüſſe waren zu edel, als daß ſie nicht hätten von Gott geſegnet ſein ſollen. — Antonio hatte wenig Bedürfniſſe. Er konnte, denn er hatte es frühe gelernt, ſich mit Wenigem begnügen. Daher erſparte er ſich weit über die Hälfte ſeines anſehnlichen Gehalkes in jedem Jahre. Der Kaufmann, bei dem er in Dienſten ſtand, war ſelbſt einſt als armer Handlungsdiener nach den Azoren gekommen und hatte durch Fleiß und Sparſamkeit ein be⸗ deutendes Vermögen erlangt. Er ſah daher mit Ver⸗ gnügen die Sparſamkeit Antonio's und geſtattete es gern, daß er ſeine Erſparniſſe in dem Handelsge⸗ ſchäfte anlegte. So gingen Jahre hin. Immer enger wurde das Band zwiſchen dem Kaufmanne und Antonio und ganz Angra ſah es als eine ausgemachte Sache an, daß der Marquis de Ribera, der Schwiegerſohn des Kaufmanns Pereira und der Theilhaber des Geſchäf⸗ tes in kurzer Zeit werden würde. An dieſem Gerüchte. war denn auch ſehr viel Wahres. Don Pereira hatte eine einzige Tochter, die wohl erzogen, ſanft, gut und ſchön war. Sie hatte längſt Wohlgefallen an Antonio und auch er erkannte die Vorzüge Iſabella's, deren Jugend indeſſen noch bisher einer Verbindung im Wege geſtanden hatte. Auch ſah ſich Antonio für zu arm an, Schritte zu thun, um die reiche Erbin ſeines väterlichen Freundes zur Gattin zu erhalten. Dieß fügte ſich jedoch ſchneller, als An⸗ tonio es ſelber dachte, und das offene Entgegenkom⸗ men ſeines Principals bahnte ſchnell den Weg. Sie wurde ſeine Gattin und er wirklicher Theilhaber des Geſchäftes, das er einſt ganz erben mußte, da Pereira außer Iſabellen keine Kinder hatte. Jeder Mann in Angra freute ſich dieſes Ereigniſſes, nur Juan ſeufzte manchmal tief. Wenn er ſich auch aufrichtig des Glückes ſeines lieben Herrn freute, ſo ſah er doch darin eine Hemmniß für die einſtige Rückkehr nach Portugal und — in ſeine Heimat für ihn.— Freilich wurde ſeine Stellung im Hauſe jetzt eine andere. Antonio ſetzte ihn als Hausmeiſter über ſeinen neuen Haushalt, was Juan mit großem Danke an⸗ nahm. Er war nun von Niemanden mehr abhängig, als von Antonio ſelbſt. Sein Gehalt war ein ſo rei⸗ cher, daß es alle, auch die kühnſten Hoffnungen und Erwartungen des beſcheidenen, treuen Menſchen weit übertraf. Nach der Hochzeit ſagte Antonio zu Juan: Ich denke, Du folgſt meinem Beiſpiele bald nach? Juan! Deine Lage iſt jetzt ſo, daß Du eine Familie verſorgen kannſt und willſt Du Dich vermählen, ſo richte ich Dir nicht nur die Hochzeit aus, ſondern auch Dein ganzes Hausweſen ein. Nun liegts bloß an Dir! Juan lächelte wehmüthig und dankte. Zürnet mir nicht, edler Don, ſprach er, wenn meine Sehnſucht über das Meer hinüber reicht. Nicht, als ob ich mir dort eine Frau zu holen gedächte; nein, vielmehr kommt mir gar oft ein Heimweh an. Antonio ſah ihn ernſt an. Stimmt das mit Deinem Worte, mein treuer Lei⸗ densgefährte und Freund? fragte er. Sagteſt D nicht, daß Du mit mir an der Welt Ende gehen wollteſt und daß nur der Tod Dich von mir ſcheiden ſollte? Juan blickte unter ſich und eine Thräne ſtahl ſich aus ſeinem Auge. So iſt es auch, ſagte er, darauf ſeinen lieben Herrn anblickend, der ihn ja ſeinen Freund genannt hatte; Horn. Liſſabon. 5 aber ich dachte mit Euch heimzukehren. Ich habe alte Eltern und viele Geſchwiſter in meiner fernen Heimat, die darben, während ich dem Glücke im Schvoße e.— Iſt es das, ſagte Antonio mit einer tiefen Be⸗ wegung ſeines Herzens, ſo höre, was ich Dir vor Gott im Vertrauen zu ſagen habe: Auch ich gedenke nicht, wenn mir Gott das Leben erhält, in Terzeira zu ſterben; aber ſo lange mein Schwiegervater lebt, darf ich nicht undankbar ſein und dem Greiſe ſein Kind nehmen, um ihn in ſeinem Alter hier allein zu laſſen, das wäre eine vor Gott und meinem Gewiſſen nicht zu rechtfertigende Handlung. Was aber die Deinen betrifft, ſo danke ich Gott, daß ich Mittel habe, eine Schuld der Dankbarkeit gegen Dich, meinen Lebens⸗ retter, abzutragen. Vor dem Gotte, der in ſeiner über⸗ ſchwänglichen Gnade mich und Dich gerettet und mich in eine Lage hat kommen laſſen, die es mir geſtattet, ohne mir wehe zu thun, Dein Herz zu erfreuen und von einem ſchweren Kummer zu befreien, gelobe ich es Dir, ſie ſollen von mir und durch mich aller Sor⸗ gen enthoben werden und dieſes Verſprechen zu er⸗ füllen, ſoll mir eine theure Pflicht ſein; ja ich will nicht raſten, bis ſie Dir ſelber geſchrieben haben, ſie ſeien glücklich und zufrieden! Das war zuviel für des treuen Juan's Herz. Weinend fiel er vor ſeinem Herrn auf die Kniee und preßte ſeine Hände an ſeine Lippen. Reden konnte er nicht, ſo voll war ſein Herz von ſtürmiſchen Gefühlen. Antonio hob ihn auf und drückte ihn an ſeine Bruſt. Dein Glück iſt das Meine, ſagte er bewegt und Du biſt forthin nicht mehr mein Diener, ſondern 7— ———— ₰ mein Freund, der ſich auf dieſen heiligen Namen ein unveräußerliches Anrecht erworben hat. Gott wird ja Alles wohl machen und es mir gelingen laſſen, Dir bald den Beweiß zu liefern, wie wahr das iſt, was ich ſage! O Ihr habt es ja wahr gemacht, vom erſten Augen⸗ blicke auf dem Schiffe an, wo Ihr Euer Brot mit mir theiltet, bis heute! rief der glückliche Juan, der ſeine Seele vom Schwerſten befreit fühlte, was ſie gedrückt. Er wußte für ſein Gefühl keine Worte zu finden, aber das fühlte er, daß nun das ſtille Weh' gewichen ſei, was ſeine Tage getrübt und ſeine Nächte oft ruhelos gemacht hatte. Es war nun für Antonio eine nicht aufzuſchiebende Angelegenheit vorerſt zu ermitteln, wo Juan's An⸗ gehörige ſeien und in welcher Weiſe er ihnen erfolg⸗ reich helfen könne. Durch ſeine zahlreichen Han⸗ delsverbindungen mit Oporto erreichte er ſchneller ſein Ziel, als er ſelber gedacht. Er vernahm, daß ſeine Eltern noch lebten und zwar in drückender Ar⸗ muth. Seine Geſchwiſter hatten ſich theils verheirathet, theils dienten ſie als Hirten; alle aber waren aller⸗ dings ſehr arm. Er ließ nun vorerſt für die Eltern rgen, unter⸗ ſtützte die Geſchwiſter, und das, was er mit freigebiger Hand ſpendete, war in dem armen Galizien ein Reich⸗ thum, der die beſcheidenen Wünſche der geſammten Familie mehr als erfüllte. Alle dieſe Gaben aber ſandte er in Juan's Namen. Erſt nach einem Vierteljahre übergab er Juan die Briefe aus ſeiner Heimat, die von Dank überfloſſen und genau nachwieſen, wie ſie ſeine Geſchenke ſo nützlich verwendet hatten, daß ſie ihnen zum dauernden Vortheil werden mußten. Er trat in Antonio's Gemach und legte die Briefe auf deſſen Schreibtiſch und ſtand ſprachlos darneben; aber heiße Thränen rollten über ſeine Wangen. Er faßte Antonio's Hand und benetzte ſie mit ſeinen Thränen. Biſt Du zufrieden? fragte lächelnd Antonio. Juan legte ſtumm die Hand auf ſein Herz. End⸗ lich ſagte er: fordert mein Leben, Don Ribera und es iſt Euer! Davor behüte mich Gott! ſagte lächend Antonio. Du ſollſt vielmehr noch recht lange froh und glücklich bei mir leben! Von da an ging Juan umher, wie ein Seliger. Sein Auge ſtrahlte von Glück und Jedermann erzählte er, was ſein edler Herr für ihn und die Seinen ge⸗ than. Das Heimweh war, wie verſchwunden, und nichts trübte ſeine Stimmung; aber ſeine Anhänglichkeit wäre, hätte ſie noch wachſen können, unendlich größer geworden. Antonio lebte aber auch in recht glücklicher Lage. Seine Gattin war ein engelsgutes Weſen, die ihm das Leben, wo und wie ſie konnte, verſchönerte und verſüßte. Nur war ſie leider ſchwächlich und das Glück, Kinder zu haben, wurde ihm nicht zu Theil. Dadurch aber wurde er deſtomehr ein Segen der Unglücklichen und Armen. Juan war der Vermittler ſeiner Wohl⸗ thaten. Er ſuchte die Noth überall auf und trug Er⸗ quickung und Hülfe in die Hütten der Kranken und Dürftigen. Sein Namen war in Aller Munde und tauſendfache Segnungen begleiteten ihn, wo er ſich blicken ließ. Freudig nahm ſeine gute Gattin daran Antheil und lernte erſt durch ihn die tiefe Wahrheit des heiligen Wortes Chriſti kennen, daß Geben ſeliger iſt, denn Nehmen. Die Segnungen der Armuth und des Unglücks, die er empfing, bewieſen ſich aber auch in ihrer rechten Wirkſamkeit; denn ſein Handel blühte wunderbar auf; ſeine Unternehmungen krönte überall der überraſchendſte Erfolg. Sein Vermögen wuchs zu einer außerordentlichen Höhe und es zeigte ſich an ihm recht ſichtbarlich, wie wahr das Sprüchwort iſt: Almoſengeben armet nicht, und jenes andre heilige Wort, daß Gott ſiebenfach wieder gibt, was ein mildes Herz den Armen reicht. Dennoch blieb das Weh' des Lebens und ſeine Prüfung ihm nicht fremd. Sechzehn Jahre waren hingefloſſen, ſeit er. in Angra lebte, in der ſorgenfreiſten, glücklichſten Lage; geehrt, geliebt, geachtet, wie ſonſt Niemand auf der Inſel. Man hatte ihm oft Ehrenſtellen angetragen. Immer wies er ſie zurück, weil er ſeine Freiheit nicht für die goldenen Ketten eines Amtes hingeben mochte. Seine Ehe war nie getrübt worden durch häuslichen Zwiſt. In Liebe und Frieden waren ſeine Tage hin⸗ gefloſſen. Da begann ſeine theure Gattin bedenklich zu kränkeln. Was die Kunſt der Aerhte vermochte, bot er auf, dies theure Leben zu erhalten. Als ein Arzt ihm ſagte, in dem milden Klima Madeira's hoffe er Geneſung für das Leiden ſeiner Gattin, begab er ſich mit ihr dahin; allein die Wurzel der Krankheit war zu tief hinabgedrungen zum Sitze des Lebens, als daß dieſer Wechſel der Luft noch hätte wirken können. Iſabella verlangte ſelbſt wieder nach Terzeira zu⸗ rück und ſie kam nur dort an, um in den Armen ihres Gatten und ihres hochbetagten Vaters zu ſterben. — Das war ein Schlag, der beide furchtbar heftig traf. Jede Lebensfreude war für ſie zerſtört. Was helfen mir meine Reichthümer, ſagte Antonio zu ſeinem Juan, die mir doch das theure Leben nicht haben erhalten können? Sie haben Euch viel geholfen, theuerer Herr, ſagte Juan, denn Ihr habet die Thränen der Nothleiden⸗ den getrocknet, die Gebeugten aufgerichtet, die wunden Herzen geheilt! Habt Ihr mich nicht oft hingewieſen auf den Herrn, der andre Wege mit uns gehet, als wir ſie wünſchen? Habt Ihr nicht geſagt, als ich um meinen Vater und meine Mutter trauerte, denen ich die treuen Augen nicht zudrücken konnte, ſie ſind mit einem Segen für Dich auf ihren Lippen geſtorben? War es nicht ſo mit der Theuern, die doch an Eurem Herzen ſtarb? Habt Ihr mir damäls nicht geſagt, der Herr habe ſie auch lieb gehabt und ſie zu ſich genommen, damit ich mit größerer Freude gen Him⸗ mel blicken könnte? Und wollt Ihr nicht halten an dieſem Troſte? Habt Ihr mir nicht oft geſagt: Wir müßten des Augenblicks ſtets eingedenk ſein, wo ſie uns dort in Gottes ſchönem Himmel willkommen hießen, wenn auch wir von dannen ſchieden, um getröſtet die Pilgerfahrt des Lebens fortzuſetzen? O theurer Herr, das waren mir Worte eines himmliſchen Friedens; ſollten ſie es Euch nicht ſein? Damals ſagtet Ihr, wir ſind nicht geſchieden von den Seligen droben, denn unſre Liebe zu ihnen und ihre Liebe zu uns iſt ein heiliges, von Gott geknüpftes Band, das der Tod nicht zerreißen kann? Fühlt Ihr das Band nicht? Als er ſo mit frommbewegtem, gläubigem Gemüthe ſprach, da richtete ſich Antonio auf, richtete die thrä⸗ ——— — Grab. — nenden Blicke lange, lange auf ihn und ſagte dann: Dank Dir, Du Treuer, Du haſt mir mit der Fackel des Glaubens hingeleuchtet auf meinen Weg! Du haſt mir das Anker wieder gegeben, das mich halten kann. Es ſoll mir nicht wieder entriſſen werden, und ſein Schmerz wurde ſtille und Gott ergeben. Der Leichenzug ſeiner Gattin zeigte klarer, als es Worte vermochten, wie hoch ihn die Bevölkerung hielt; denn Niemand blieb zurück. Schaaren der Armen folg⸗ ten weinend dem Sarge und ſtreuten Blumen auf das Antonio mußte ſich ermannen, um den troſtloſen Greis zu ſtützen, der ſein einziges Kind in den Schooß der Erde gelegt; der an ihm ſich aufrichten mußte. Er war ihm nun Kind und Troſt; aber der Tod ſeiner Tochter hatte dem betagten Manne das Herz gebrochen. Noch ein Jahr lebte er, da ſchloß auch er ſein Auge im Tode.. Juan, rief Antonio, als er von den beiden Grä⸗ bern in die ſtillen, nun ſo leeren Räume des Hauſes zurückkehrte, nun biſt Du allein noch da, von denen, die ich liebte! Weinend ſagte Juan: Nicht doch, theurer Herr, der Schmerz blendet Euern Blick. Sind nicht noch ſo viele da, nämlich die Armen, die Hülfloſen, die Un⸗ glücklichen? Ihnen gehöret Ihr an und ſie Euch? An⸗ tonio drückte ihn an ſeine Bruſt und weinte lange;— aber er fühlte tief, was der edle Menſch ſagte und er gelobte, daß es ſo ſein ſollte. 3 Antonio gab in Folge dieſer ſchweren Verluſte ſei⸗ nen Handel auf. Er beſaß ein großes Vermögen und er bedurfte deſſen nicht. Juan war aller Dienſtleiſtun⸗ X Recht. Was hindert uns nach Portugal zu gehen?— — gen enthoben. Er war der Seelenfreund ſeines Herrn geworden. Er nannte ihn Bruder und ſtand zu ihm in dem Verhältniß, welches dieſer Name begründet. Hielt es auch ſchwer, bis Juan ſeine Dienſtesſtellung vergaß, ſo glich doch endlich die Liebe die große Kluft, welche Juan immer erkannt hatte, aus. Was Antonio's war, das war auch Juan's und er mußte das Ver⸗ mögen verwalten, weil Antonio keinen Sinn mehr für ſolche Dinge zu haben ſchien. Er übte nur Wohltha⸗ ten aus und pflegte die Blumen ſeines Gartens, die ſeine theure Gattin gepflegt und ſo lieb gehabt hatte. Eines Abends ſaß er mit Juan in ſeinem Garten. Die Wolken zogen dahin, wo Portugal lag. Er ſah dem Zuge lange mit Nachdenken zu. Plötzlich fragte er Juan: Weißt Du, wohin dieſe Wolken ziehen? Ich kenne die Richtung, erwiederte Iuan. Seltſam! verſetzte Antonio; warum wecken dieſe Wolkenzüge den Gedanken an Liſſabon, an Oporto— an die beiden Orte, die in meinem Leben eine ſo wich⸗ tige Bedeutung gewannen? Warum drängt ſich in mir die Frage hervor, die ich nie aufkommen ließ: Wie mag es um meinen Oheim ſtehen? Lebt er noch?— Ich möchte nicht aus dem Leben gehen, ohne mit ihm mich verſöhnt zu haben! Ich weiß nicht, warum Ihr die Verſöhnung mit ihm an den Gedanken Eurers Todes knüpft? fragte Juan. Ich ſollte denken, der Gedanke an ſeinen Tod läge Euch näher, denn er muß, wenn er noch lebt, ein hochbetagter Greis ſein, der nicht ferne von ſeinem Ziele ſein kann. Antonio ſprang auf. Wahrlich, ſagte er, Du haſt ——— —— Nichts, gewiß Nichts! antwortete ihm Juan. Wollt Ihr denn nicht einmal Kunde von ihm einziehen? Ihr nicht wiſſen, wie es Jaime de Palmella eht? Thue es, Juan, thue es, ſo bald Du kannſt, rief Antonio in ſeltſamer Bewegung. Es dürfte leichter ſein, als Ihr denkt, verſetzte Juan, denn es liegt ein Kauffahrer von Liſſabon im Hafen. Ich will die Kundſchaft einziehen! Die geſegneten Eilande, welche wir unter dem Na⸗ men der Azoriſchen kennen, entbehren, bei dem reichen Segen, den ihnen die Vaterhand Gottes gegeben, doch Eines Gutes, deſſen ſie zum Verkehre mit der übrigen Welt, von der ſie das weite Weltmeer ſcheidet, ſo ſehr bedürfen, nämlich eines guten Hafens. Die Schiffer müſſen in einer weiten Entfernung vom ſchützenden Ufer Anker werfen und jeder Sturm droht ihnen die größte Gefahr. So lag auch ein großes Kauffahrteiſchiff, welches erſt vor einigen Tagen aus Liſſabon angekommen war, in ziemlich weiter Eutfernung vom Ufer, als am Mor⸗ gen des Tages, welcher dem Abende ſolgte, an dem Antonio die Unterredung mit Juan gehabt hatte, eine ſtattliche Barke ſich nahte und an Bord beilegte. Der Kapitän kannte den Mann nicht, der in ſtatt⸗ licher Kleidung und in dem Benehmen eines Mannes ſich ihm nahte, welcher ſich in vornehmer Umgebung zu benehmen gelernt hat; er trat ihm mit aller Höf⸗ lichkeit entgegen und fragte nach ſeinen Wünſchen. Vergebt, ſagte Juan, denn er war es, wenn ich durch einige Erkundigungen Eure koſtbare Zeit beein⸗ trächtigen ſollte!— — —— Meine Zeit iſt frei, und darum zu Eurer Verfü⸗ gung, verſetzte der Kapitän und geleitete ihn in die Kajüte. Als Juan ſich niedergelaſſen, hob er mit den Wor⸗ ten an; Ihr ſeid grade von Liſſabon gekommen, Herr Kapitän? So iſt es, erwiederte dieſer. Und ſeid vielleicht— wenn mich Eure Ausſprache nicht täuſcht, aus Liſſabon?— fragte Juan. Auch darin irret Ihr nicht, war die Antwort. Iſt Euch der Name des Marquis de Ribera be⸗ kannt, deſſen Pallaſt am Rozio ſteht, und ſeines Nef⸗ fen, des Grafen Pallmella? fragte Juan weiter. Allerdings ſind mir beide wohl bekannt, verſetzte der Kapitän. Was wünſcht Ihr von ihnen zu wiſſen? Vieles, wenn Ihr ſo freundlich ſein wolltet, mir Rede zu ſtehen. Der Kapitän verbeugte ſich freundlich. Wie ſteht es um den Marquis und um den Gra⸗ fen Palmella? fragte Juan? Da muß ich Euch eine lange, unerfreuliche Geſchichte erzählen, begann der Kapitän. Vor mehr denn funf und zwanzig Jahren, nahm der unverheirathete Mar⸗ quis de Ribera, der ein finſterer, von allem Umgange ſich abſchließender, geiziger Mann war, zwei Neffen zu ſich, einen Ribera und einen Palmella, die beide, wie man in Liſſabon erzählte, ſehr verſchiedene Na⸗ turen waren. Der junge Ribera, der, wie man ſagte, durch die Schule des Unglücks in ſeiner Jugend ging, ſoll ein edler Menſch geweſen ſein, der immer eine of⸗ fene Hand und ein menſchlich fühlendes Herz gehabt habe, und namentlich den Armen ſoll er viel Gutes ———— gethan haben; dagegen der junge Palmella ein hartes Gemüth ſoll geweſen ſein und dabei ein höchſt aus⸗ ſchweifender, ſittenloſer Menſch, der, was erſt ſpäter herauskam, ungeheuere Summen verſpielte. Er wußte es dahin zu bringen, daß der Oheim den guten Ribera verſtieß. Was aus ihm geworden, iſt ſo eigentlich nie bekannt geworden. Manche ſagten, er ſei bei einem Schiffbruche umgekommen; Andere dagegen, er und der in Angra lebende, reiche Kaufmann Ribera ſeien ein und dieſelbe Perſon. Ich habe, fuhr der Kapitän fort, nie Veranlaſſung gehabt, dieſem Gerüchte auf den Grund zu kommen; ich hatte auch nie Luſt dazu, ob ich gleich mit dem alten, braven Pereira, ſeinen Schwie⸗ gervater, manches vortheilhafte Geſchäft machte. Ich laſſe alſo dieß ruhen, und faſſe blos den Oheim zu Tiſſabon und den jungen Palmella ins Ange. Mit dem jungen Ribera ſcheint der Segen aus dem Hauſe des Marquis de Ribera gewichen zu ſein. Der alte Marquis wurde finſterer, menſchenſcheuer, als je. Da er ſich von dem heuchleriſchen Palmella umgarnen ließ, kümmerte er ſich kaum mehr um ſeine Vermögensangelegenheiten und der leichtſinnige, aus⸗ ſchweifende Palmella ſchaltete damit nach Herzensluſt. Vergebens warnte ihn der alte Soreiha, ſein Haus⸗ hofmeiſter; er drohte, ihn aus ſeinem Dienſte zu jagen, wenn er auch ſeinen Neffen verleumde. Der Schurke wußte aber auch recht ſchlau ſeine Streiche zu bemänteln, ſo daß Niemand eigentlich erfuhr, wie und wo er ſeine Streiche trieb. Die Dienerſchaft des Oheims zitterte vor ihm, der nun der alleinige Erbe war, und wagte es nicht, nachzuſpüren, wo die Spielwinkel ſich befan⸗ den, die er allabendlich beſuchte. —— Es war etwa vor zwölf Jahren, da kam der Graf von Palmella, der in Oporto befehligte, nach Liſſabon zurück. Er war es der ſeines Bruders Sohne endlich einen Kappzaum anlegte. Die Furcht vor dem ſtrengen Oheim hielt ihn lange Zeit in der Ordnung und Palmella, der es endlich dahin gebracht, daß der Mar⸗ guis de Ribera mit ihm verkehrte, entwarf einen Plan, der den Wildfang auf eine beſſere Lebensbahn zu bringen, Ausſicht gab. Er vermählte ihn mit ſeiner einzigen Tochter, einer nicht eben ſchönen, aber deſto beſſern jungen Dame, damit der Reichthum der Häuſer Palmella und Ribera zuſammen bliebe. So lange der Graf lebte, ging Alles leidlich. Jaime de Palmella hatte drei Kinder und die beiden Alten hofften, daß er nun einem geregelten, ſittlichen Leben gewonnen ſei. Es war eine eitele Hoffnung, denn die Haare verliert wohl der Wolf, nicht aber ſeine Tücken. Der alte, brave Graf Palmella ſtarb und nun brach plötzlich der eingedammte Strom aus und wurde um ſo verheerender, als er ſo lange in Feſſeln ge⸗ ſchlagen war. Ohne Scheu führte nun Palmella das verworfenſte, ruchloſeſte Leben. Die alte Leidenſchaft des Spiels erwachte wieder mit einer unbezähmbaren Gewalt. Nicht viele Jahre gingen in's Land, da brach das Verderben hérein.— Die Gläubiger, die lange genug gewartet hatten, ruhten nicht mehr, als er ſelbſtſtändig in den Beſitz des Vermögens ſeiner Frau gekommen war. Es ſtellte ſich eine ſo ungeheuere Summe von Schulden heraus, daß das Erbe ſeiner Frau und ſeiner Kinder darauf ging, und auch nicht ein Millreis übrig blieb. Ihr mögt Euch denken, was dieß ein Aufſehen in Liſſabon machte! X Seccce Schlange in ſeinem Buſen genährt. Daß ich es kurz —,— Hätte damals der Marquis de Ribera ihn enterbt, und ſein Vermögen den Kindern vermacht, ſo wären doch dieſe Schuldloſen nicht in das Elend hineinge⸗ zogen worden; aber Ihr habt wohl, wenn Ihr, wie ich nicht zweifle, in Liſſabon bekannt ſeid, von dem ſtarren Kopfe dieſes Mannes gehört. Der Heuchler kannte, wie es ſcheint, die Schwächen des alten Man⸗ nes. Er ſoll kniefällig und mit Thränenſtrömen um Verzeihung gefleht, und Beſſerung gelobt haben. Seine gute Frau und der Oheim vergaben ihm wieder. Er nahm den Schein der Beſſerung an und wußte ſich zu halten, bis er wieder im Sattel ſaß. Da aber gings von Neuem, wie vorher, nur noch geheimer und ſchlauer. Es gränzt an's Unbegreifliche, daß ſeine Frau, wie ſein Oheim fortwährend an ſeine Beſſerung glaubten. Und der Marquis hatte ſchon frühe eine Verfügung getroffen, die Palmella in den Beſit ſeines Vermö⸗ gens ſetzte, und für ſich ſelbſt nur den Palaſt am Ro⸗ zio und eine unbedeutende Rente aushielt. Palmella wußte ſich in den Beſitz dieſer Urkunde zu ſetzen. Sie reichte hin, ihm bei ſeinen Spielgenoſſen und den Wuche⸗ rern angemeſſenen Kredit zu verſchaffen, weil Jeder glauben mochte, er ſei ſein einziger Bieublger Jetzt ſegelte Palmella mit vollen Segeln— aber es mußte doch einmal bezahlt werden und er ſpielte unglücklich, wollte aber das Glück zwingen durch ſtets höhere Ein⸗ ſätze. Mit dem Spiele gingen ſeine übrigen Ausſchwei⸗ fungen Hand in Hand. Nur wenige Jahre währte es — und der Bau ſeiner Schurkereien brach zuſammen. Da that ſich dann der bodenloſe Abgrund auf und zu ſpät erkannte der alte Ribera, daß er eine giftige mache, fuhr der Kapitän fort, Ribera iſt ein armer Mann geworden, dem nur die kargliche Rente für ſich und ſeine unglückliche Nichte blieb. 3 Juan ſaß bleich, wie ein Marmorbild, vor dem Kapitän. Und was iſt aus Jaime de Palmella geworden? fragte er bebend. Ein Vagabonde, ein falſcher Spieler, ſag' ich Euch, Herr! verſetzte der Kapitän, der ſich mit dem Auswurfe der Hauptſtadt umhertrieb und keinen Weg verſchmähte, ſich Geld zu verſchaffen. Vor einem Jahre haben ſie einen jungen Engländer im Spiele der Art ausge⸗ plündert, daß der engliſche Geſandte die Sache in ſeine Hand nahm. Die Bande wurde aufgehoben und auf friſcher That ertappt. Das Urtheil Palmella's war: zehn Jahre Haft im Thurme von Belem. Man ſagt aber, ſeine Geſundheit ſei durch das Laſterleben, wel⸗ ches er führte, der Art zerrüttet, daß er nicht im Stande ſein werde, dieſe Haft auszuhalten. Und wie ſteht es um ſein Weib und ſeine Kinder? um den Marquis de Ribera? fragte Inan voll Ent⸗ ſſetzen über alle dieſe ſchauderhaften Geſchichten. So viel ich weiß, erzählte der Kapitän, hat er kurz vor meinem Auslaufen aus dem Hafen von Liſſabon ſeinen Palaſt am Rozio verkauft und iſt mit ſeiner Nichte und ihren Kindern weggezogen; wohin aber, das kann ich Euch nicht ſagen. Nur ſoviel hab⸗ ich gehört, daß er ſeine Diener alle entließ; allein ſeit⸗ dem noch finſtrer und menſchenfeindlicher geworden ſein ſolle. Mit dem, was er ans dem alten Palaſte erlöſte, und ſeiner beſcheidenen Rente ſoll er ein ein⸗ faches aber gewiß ſehr beſchränktes Leben führen können. — — *— Wie es um die Kinder des verworfenen Palmella ſteht, und um ihre ſtandesmäßige Erziehung mögt Ihr Euch wohl vorſtellen. Das iſt alles, was ich Euch ſagen kann und ich bedaure ſehr, Euch nichts Ange⸗ nehmes haben mittheilen zu können, da ich ſehe, daß Ihr einen ungewöhnlichen Antheil an den Geſchicken der Familie nehmet.— Juan that, als höre er die letzten Worte nicht, die offenbar eine Erklärung heiſchten, wie und aus welchem Grunde er von der Erzählung ſo ſehr er⸗ ſchüttert worden ſei. Wie aus tiefem Sinnen erwachend, fragte er den Kapitän, wenn er die Anker zur Heimfahrt zu lichten gedenke? Dieſer beſtimmte die Friſt von etwa vier Wochen und Juan kündigte ihm, als ſehr wahrſchein⸗ lich zwei Cajütenpaſſagiere an. — V. Etwa vier Wochen ſpäter, ſchwamm der Kuffahrer, deſſen Kapitän Juan die betäubenden Mittheilungen gemacht, auf den Gewäſſern des Meeres und ſeine Segel wieſen gen Europa hin. Er hatte zwei Reiſende an Bord. Es war ein ſtürmiſcher Tag. Der Kapitän kam nicht von dem Verdecke. Beide Männer ſaßen daher allein in der Kajüte. Ihr Ausſehen war ſehr verſchieden. Beide ſtanden in den reiferen Mannesjahren und unverkennbare Spu⸗ ren wieſen darauf hin, daß das halbe Jahrhundert an ihnen vorübergegangen ſei, oder nicht ferne war. Der Eine war ein Mann von mittlerer Größe, hager und ſchlank. Sein Haar war ſchneeweiß und die tie⸗ fen Furchen, welche ſein ſonſt regelmäßig und wohl⸗ gebautes Geſicht zeigte, waren nicht vom Alter ein⸗ gegraben, wohl aber mochte man vermuthen, daß ſchwere Leiden und tiefer Kummer das Werk des höhern Al⸗ ters vor der Zeit vollendet hatten. Der Andere war weniger hager. Sein Geſichtsausdruck, wenn auch we⸗ niger kummervoll, als der ſeines Gefährten, war ernſt, ohne daß er die Zeichen großer Herzensgüte hätte ver⸗ wiſchen können. Sie trugen die Kleidung bemittelter Pflanzer von Terzeira, während Bildung, Haltung und Gehaben auf einen höheren Stand hätte mögen ſchließen laſſen. Sie waren in lebhaftem Geſpräche. Juan, ſagte der mit dem greiſen Haare, wir müſ⸗ ſen einen feſten Lebensplan machen. Niemand in Liſ⸗ ſabon darf ahnen, wer wir ſind. Unglück und Zeit haben gemeinſam gearbeitet, daß uns Niemand dort mehr wieder erkennen wird; indeſſen ſind mitunter die Leute ihre eigenen Verräther, wenn ſie nicht mit einem beſtimmten Plane an ihr Werk gehen. Für's erſte müſſen wir uns verhüllen, ſo ſorgſam wir nur können. Dein Name Cavallo iſt unbekannt. Du haſt nicht nöthig ihn zu verändern; ich aber werde den meines ſeligen Schwiegervaters annehmen und alſo Pereira heißen. Ihr habt Recht, ſagte Juan; aber damit ſind wir noch nicht zu Ende⸗ Wo werden wir wohnen? Ueberlaſſen wir das der Gunſt des Augenblickes, 6 „ ————— mein Freund, bemerkte Antonio, denn er war der Mann mit dem zu Schnee gebleichten Haare und dem vom Kummer durchfurchten Geſichte. Jedenfalls aber, fuhr er fort, wünſche ich eine Wohnung außerhalb der Stadt; am Liebſten auf jenen friſchgrünen Hügeln, von wo das Auge ſo wohl über die Stadt, als über den ſchönen Tajo hinausſchweift. Da läßt ſich's ver⸗ borgen leben und die Galego's, Deine Landsleute, ſind es, die uns am ſicherſten auf die Spur meines Oheims und der unglücklichen Gattin des Verworfenen helfen. Das überlaſſe ich ganz Deiner Klugheit. Möge nur der Herr mein Gebet erhören, daß wir ſie finden, damit ich im Stande bin mein Unrecht gut zu machen an dem Greiſe und Jaime's Ruchloſigkeit zu vergelten mit Segen! Und iſt mein Ziel erreicht, dann kehre ich heim nach Terzeira, damit ich einſt gebettet werde bei meinen Lieben. Und Du, Juan, Du? fragte er nach einem Zwiſchenraume einiger Minuten.— Ich gehe nach Galizien, um noch einmal die Mei⸗ nen und die Berge der Heimat zu ſehen; bete auf den Gräbern meiner guten Eltern und kehre zu Euch zurück, um mit Euch zu leben, bis uns Gott für ein Kleines ſcheidet. Antonio drückte innig ſeine Hand, und das Ge⸗ ſpräch wurde von dem Kapitän unterbrochen, der, da das Wetter weniger ſtürmiſch geworden war, herab kam, um ſich zu erholen. Das Geſpräch ging jetzt auf das Wetter über. Der Kapitän verſprach ſich für die folgenden Tage ſehr günſtige Witterung. Dieſe Vor⸗ herverkündigung des erfahrenen Seemannes traf voll⸗ kommen ein. Die ſchönſten Tage und der günſtigſte Horn. Liſſabon. 6 das ehrwürdige, alte Gebäude gelegt hatte. Die Eigen⸗ —— Wind machten die Fahrt des Schiffes zu einer wahren Luſtfahrt und ungewöhnlich ſchnell erreichten ſie die Mündung des Tajo's und liefen dann wohlbehalten in den Hafen von Liſſabon ein. Aber mit welchen Gefühlen erblickte Antonio die Stadt? Wie trat wieder der Augenblick ſeines erſten Ein⸗ trittes vor ſeine Seele; wie wurden alle die Erleb⸗ niſſe wieder lebendig, die er längſt überwunden zu haben glaubte! Wie ſtand ſein Scheiden vor ſeiner Seele! Er hörte im Geiſte den Ruf ſeines Oheims: Komm' wieder, mein Antonio! Und wie wurde ſein Herz ſo ſchwer, wenn er gedachte, daß, wenn er da⸗ mals geblieben wäre, das Leid nicht über ſeinen Oheim gekommen wäre! Und dennoch wäre er nicht ſo reich an Erfahrungen geworden; das Leben hätte ſeine goldnen Thore nicht vor ihm aufgethan, ſie aber auch nicht über zwei theuern Gräbern wieder geſchloſſen! Auch Juan ſtand, verſunken in den Anblick der Stadt, da und ähnliche Erinnerungen und Gefühle bewegten auch ihn. Denkſt Du noch daran? fragte ihn Antonio be⸗ deutſam. Er nickte und reichte dem Freunde die treue Hand. Sie wurden ausgeſchifft. Hunderte ſtanden auf dem Hafendamme, aber keine Seele kannte die beiden Männer. Als Antonio an dem alten Palaſte ſeiner Väter vorüber ging, that es ihm einen Stich in's Herz, daß er nun in die Hand eines Andern übergeganaen war, der ſchon mit Neuerungen ſeine frevelnde Hand an or dem Auge des Beſchauers breitete ſich die ge⸗ thümlichkeit des ſchönen Bauwerks war gänzlich zer⸗ t. Komm, ſagte Juan. Es muß überwunden ſein. Habt Ihr nicht ſchon Schwereres mit der Stärke Eurer Seele überwunden? Du haſt Recht, Freund; ſagte er und folgte ihm. Schon nach dreien Tagen waren ſie an dem nächſten Ziele ihres Strebens. Grade über der Stadt erhebt ſich ein Hügel, höher und ſtolzer, als die übrigen. Dort ſtand unter drei gewaltigen, uralten Kaſtanienbäumen ein einfaches, niedliches Häuschen, das Raum hatte für etwa zwei Familien. Hoch war es nicht, vielmehr nur einſtöckig, aber deſto breiter und tiefer. Alle Gemächer lagen zu ebener Erde. Rings um das Häuschen zog ſich ein Garten, in dem Apfelſinen und Orangenbäume ſtan⸗ den. Weiter zurück, wo der Hügel noch etwas anſtieg, befanden ſich Rebenpflanzungen. Eine Mauer faßte den Garten und Weinberg ein und auch an ihr rankten Reben am Spalier und edle Obſtbäume ſtanden hin und wieder. Trat man auf den Raſenplatz vor dem dicht von den Kaſtanien beſchatteten Häuschen, ſo ſtanden grade über dem ziemlich jähen Abfall des Hügels nach der großen Häuſermaſſe der Stadt, zwei herrliche Kaſtanienbäume, unter denen eine Bank zur Raſt und zur Umſchau einlud, die zu den reizendſten gehörte, welche ſich dem Auge darbieten kann. Grade waltige Stadt aus, mit ihren Thürmen und Dächern, aus denen die Baumkronen der Gärten hervorſchauten abſonderlich die des Königlichen Palaſtes. Weiter rul der Blick auf dem Hafen mit ſeinen Schiffen, der 6* 6 — Tajo mit ſeinen Tauſenden von Kähnen, Booten, Barken und Segeln. Weit dort unten ſah man das Meer. Dort wieder erſchien Belem auf ſeinem Felſen⸗ vorſprunge und ſein alter, ſchauerlicher Thurm, an deſſen mächtigen Fuße ſich die Wellen brandend brachen. Und über das unbeſchreiblich reizende Bild ſchweifte der Blick zu den fernen, ſchneebedeckten Häuptern der Sierra Nevada und über dem Ganzen ſpannte ſich der tiefblaue, heitre Himmel des Südens aus. Dieß Häuschen hatte in frühern Tagen oft Juan's Blicke auf ſich gezogen und jetzt, wo die Lage deſſel⸗ ben ſo ganz mit Antonio's Wünſchen übereinſtimmte, erinnerte er ſich ſeiner wieder, und zwar zur guten Stunde. Der Winzer, welcher es bewohnt und beſeſſen hatte, war geſtorben. Sein Sohn, ein Handwerker in der Stadt, konnte das entlegene Haus nicht brauchen und mochte es gern verkaufen. Kaum vernahm dieß Juan von einem Galego, den er nach ſolch einer Wohnung fragte, als er hineilte, 3 es noch einmal zu beſehen, dann aber augenblicklich Erben deſſelben aufſuchte und es ohne Weiteres kaufte. Nun erſt ging er in den Gaſthof, Antonio zu holen. Als ſie an die Stelle kamen, rief Antonio aus: Oie glücklich wollte ich mich preiſen, könnte ich hier wohnen! So thut es denn in Gottes Namen, ſagte, in ſei⸗ ner S2 Gott dankend, der treue Juan. Ich habe es gekauft. Antonio's Freude war ungemein groß darüber. Die beiden Freunde zogen noch an demſelben Tage „ — ein, beſtellten ihre einfachen, zum Hauſe und zu dem Stande, den ſie erwählt, paſſenden Geräthe und wa⸗ ren bald ſo eingewohnt, als hätten ſie Jahrzehnte dieſen reizenden Fleck beſeſſen. Von hieraus begannen ſie nun mit allem Eifer und Fleiße ihre Nachforſchungen nach dem Aufenthalte des Marquis Ribera's und nach der Gattin Jaimes. Von dieſem hatte bereits Antonio gehört, er ſei ſei⸗ ner Auflöſung nahe. Er eilte nach Belem, um ſich die Erlaubniß zu er⸗ wirken, ihn beſuchen zu dürfen. Nur mit vieler Mühe gelang es ihm. Kurz vorher, ſagte der Gefangenwärter, ſei auch eine Dame bei ihm geweſen, die wohl ſeine Frau müſſe geweſen ſein. Wißt Ihr wo ſie wohnt? fragte heftig Antoniv. Der Gefangenwärter verneinte das. Wie ſteht es um ſeine Seele? fragte Antonio die⸗ ſen darauf. Ich glaube, gut, verſetzte der alte Mann. Er fühlt tiefe Reue über ſeine Vergehungen, und ich glaube, er wäre ſchon entſchlafen, wenn ihn nicht noch ein Unrecht drückte, das er einem Verwandten angethan den ferne iſt. Hat er ſich denn mit ſeinem Oheime verſöhnt? fragte Antoniv. Ihr meint den alten Marquis de Ribera?— Ja wohl, verſetzte der Greis. Er konnte nicht ſelber hier⸗ herkommen. Die Dame hatte ihm ſeine Verzeihung gebracht. Sie traten jetzt in das Gemach, welches dem Ver⸗ brecher als Kerker diente. Es war hell und freundlich. Er lag auf einem ärmlichen Bette, ein Bild des — — Jammers; abgezehrt, entſtellt, mit dem Stempel des Laſters auf ſeinem Antlitze. Antonio ſtand, wie angefeſſelt, bei ſeinem Anblicke. Alle die bittern Erinnerungen, alle die ſchmerzlichen Gefühle, die ſich an den Anblick dieſes Menſchen knüpf⸗ ten, waren verſchwunden aus Antonio's Herzen. Ein tiefes, ſittliches Mitleid mit dem Tiefgeſunkenen ergriff ſein Herz und drängte Thränen in ſeine Augen. Der Leidende richtete ſeine großen, ſchwarzen Augen mit einem fragenden Ausdrucke auf ihn. Es lag etwas in dieſem Blicke aus dieſen hohlen Augen, das Anto⸗ nio bis in's Innerſte der Seele drang. Der Herr hat Euch ſehen und ſprechen wollen, ſagte der Kerkermeiſter und ging auf Antonio's Bitte, die eine reiche Gabe begleitete, hinaus. Jetzt trat Antonio zum Bette und ſagte: Jaime! Der Kranke fuhr empor. Er richtete ſich trotz ſei⸗, ner Schwäche auf und ſaß aufrecht in ſeinem Bette. Gerechter Gott! rief er mit matter Stimme aus, ſtehen denn die Todten auf? Das iſt Antonio's Stimme! O ich kenne ſie unter Tauſenden heraus. Aber Du biſt Antonio nicht! Dein Haar iſt greis— nein!. † Und doch bin ich Antonio, entgegnete mit beweg⸗ ter Stimme Antonio; auch Kummer und Leid können das Haar bleichen, lange vor der Zeit, wo es das Al⸗ ter würde gethan haben. aime ſtarrte ihn mit erſchüttertem Ausdrucke an. Er zitterte heftig. Biſt Du es, fragte er, biſt Du es wirklich? Und ſind es Gedanken des Friedens, die Dich her zu mir verworfenem Sünder führen? Oder willſt Du mich mahnen an meine Schuld? O ich kenne ſie, ich fühle ſie. Wie brennt das hier!— Er deutete auf ——— —— ſeine Bruſt. Ach erbarme Dich, Antonio! flehte er mit gefalteten Händen. Du warſt immer gut. Fluche mir nicht, ich flehe Dich an! Alle haben mir vergeben. Nur Du fehlteſt noch. Jetzt kommſt Du; o vergib, ver⸗ gib meine Schuld! Antoniv konnte gar nicht zum Worte kommen. Jaime, ſagte er endlich, als der Kranke einen Au⸗ genblick inne hielt; ich bin gekommen, Dir zu ver⸗ zeihen! O mein Gott! rief der Kranke und ſank zurück. Der Gefangenwärter trat herein. Die Zeit iſt um, ſagte er zu Antoniv. Der Arzt geſtattet nur eine Vier⸗ telſtunde. Er blickte jetzt auf den Kranken und that einen lauten Schrei. Er iſt todt, ſagte er dann. Antonio trat tief erſchüttert zu dem Bette. Es war ſo, wie der Gefangenwärter geſagt hatte. Antonio ſank an dem Bette auf die Kniee und betete. Auch der Ker⸗ kermeiſter folgte ſeinem Beiſpiele. Darauf erhob ſich Antonio, drückte ihm die Augen zu und wankte hinaus. Um Gottes Willen, was iſt Euch? fragte Juan, als Antonio am Abend bei ihm eintrat. Ihr fht tief⸗ erſchüttert aus!— Da erzählte ihn Antonio, was ihm begegnet war. Er hörte ſchweigend zu. Ich möchte Euch um den Frieden beneiden, den Euch dieſe chriſtlich fromme Handlung in's Herz bringt. Ihr habt Böſes mit Gutem vergolten, das iſt groß und herrlich vor Gott!— Und wirklich brachte es Antonio Frteden. Ihm war ſo wohl im Herzen ſeitdem, wie lange nicht. 2 Aber alles Forſchen, den Aufenthalt des Marquis X — de Ribera aufzufinden, ſchien vergeblich. Juan hatte alle Galego's von Buirro alto in ſeinem Solde; An⸗ tonio bot auf dem Wege amtlicher Erforſchung alles auf; aber Niemand kannte ſeinen Aufenthalt. Was indeſſen dem unabläſſigen Forſchen mißlang, das ſollte eins jener Ereigniſſe vollenden, welche der arme kurzſichtige Menſch mit dem inhaltloſen Namen: Zufall benennt, während der Chriſt, der es aus Jeſu Munde weiß: daß kein Haar von unſerm Haupte fällt, ohne den Willen und das Wiſſen deſſen, der ſie alle gezählt hat, in jedem, auch dem anſcheinend unbedeu⸗ tendſten Ereigniſſe ſeines Lebens göttliche Fügung und Zulaſſung zu den heilſamſten Zwecken erkennt. Antonio ging eines Tages über den Commereio, einen der ſchönſten und größten freien Plätze der Stadt, und bog in eine enge Seitenſtraße ein, um einen Theil des Weges zu ſeiner Wohnung abzuſchneiden⸗Da er⸗ blickte er einen zwölfjährigen Knaben, der vollkommen Jaime's Züge trug. Das ſind die Züge Palmella's! rief überraſcht An⸗ tonio aus. Der Knabe ſah ſich um, und eine Gluth bedeckte ſein Angeſicht. Antonio eilte ihm nach und faßte ſeine Hand. Nicht wahr, Du heißeſt Palmella? fragte er dringend. Der Knabe blickte nach einem kleinen Hauſe hin und ſagte: Ja, ich heiße ſo; aber die liebe Mutter will es nicht haben, daß wir's Jemand ſagen. Wo wohnſt Du denn, mein Sohn? fragte er, den Knaben mit tiefem Mitleide in Blick und Ton. Dort ſagte der Knabe, und wies auf ein kleines — 5— Haus hin, an deſſen Fenſter jetzt eine ſehr bleiche, lei⸗ dende Frau erſchien, die den Namen Jaime ausrief. Der Knabe eilte hinweg. Antoniv ſtand eine Weile ſtille. Die reichſte Freude erfüllte ſein Herz. Aber wie ſollte er es machen, um zur vollſten und gewiſſeſten Ueberzeugung zu kommen? Was ſollte er thun, um alle die Räthſel zu löſen, die hier vorlagen, und deren Löſung die Aufgabe ſeines Kommens über das Meer war? Da erblickte er die gelben Becken eines Barbiers. Er trat dort ein und während der Barbier ſeine Kunſt an Antonio ausgeübt, hatte dieſer alle Erkundigungen eingezogen, deren er bedurfte um ſein Ziel zu erreichen, da der Mann auch den alten Margquis bediente. Schon am andern Morgen, war er wieder bei dem redſeligen Barbier. Er bat ihn, wenn er wieder den Marquis bediene, ihm zu ſagen, daß man ſage, ſein Neffe ſei zurückgekommen von den Azoren. Er bat ihn genau darauf zu achten, welchen Eindruck es auf ihn mache und ihm die Nachricht in ſeine Wohnung zu bringen, wo er ihn belohnen werde. Antonio und Juan harrten mit geſpannter Fn⸗ tung auf die Nachricht. 2 Endlich kam der Mann; aber er war traurig und niedergeſchlagen. O daß ich Thor in Euren Auftrag willigte! rief er leidenſchaftlich und heftig aus. Wußte ich es doch, daß mir die Dame verboten hatte, irgend je ein Wort mit ihm zu reden! Nun iſt mein Verdienſt für mich dahin. Er hat einen Andern angenommen! Beide mußten den Mann erſt beruhigen und ihn ſchadlos zu halten, geloben, ehe er den Zuſammen⸗ hang erzählte.— 8 — 6 Er war Morgens bei dem finſtern Manne einge⸗ treten, und ſagte während ſeiner Arbeit: Habt ihr es ſchon vernommen, gnädiger Herr, daß Euer Neffe von den Azoren heimgekehrt iſt?— Er ſchwieg darauf; als aber der Barbier fertig war, ſtand er heftig auf, zahlte ihn aus und ſagte: Ich habe keinen Neffen mehr fort! Kommt nie wieder!— O mein Gott! rief Antonio, wie muß der Schmerz ſich ſo ganz dieſer Seele bemeiſtert haben! Von dem Barbier erfuhren ſie übrigens noch, daß der Marquis arm ſei, und die unglückliche Mutter nicht einmal etwas auf die Bildung der hoffnungs⸗ vollen Knaben verwenden könne. Am andern Tage ging Juan in der Kleidung ei⸗ nes Galego in das Haus und legte einen Pack mit einer bedeutenden Summe auf den Tiſch. Er hatte die Aufſchrift: Für die Bildung der Kinder Jaime's. Raſch entfernte er ſich wieder, ohne daß die Grä⸗ fin Palmella auch nur eine Frage an ihn richten konnte. Wenige Tage ſpäter berichtete der Barbier, daß eine weſentliche Veränderung in dem Hauſe der Grä⸗ fin vor ſich gegangen. Sie ſei heiterer, wie ſonſt und habe zwei Lehrer für ihre Knaben angenommen. Sie müſſe irgend woher Mittel bekommen haben. Glücklich, daß er ſeine Abſicht ſo vollkommen er⸗ reicht, drückte am Abende Antonio die Hand ſeines Inan's. Mehrere Jahre ſetzte er ſeine reichen Gaben fort, die Juan unter den verſchiedenſten Verkleidungen in der Gräfin Hand zu bringen wußte. Aber ſie war nicht die Einzige, die Wohlthaten von Antonio empfing. Wo ſich das Elend zeigte; wo der Mangel eine — Wange bleichte; wo das Leid eine Seele drückte; wo eine Seele zu retten vom Abgrunde, da waren die Freunde, die Helfer, die Tröſter, die Retter, und faſt überall waren die treuen Galego's ihre Kundſchafter, ihre Helfer. Antonio hatte nur noch dieſen einen Zweck des Lebens und es war ihm und Juan Freude und Selig⸗ keit, wenn ſie unerkannt Gutes thun konnten. Zu dem Marquis zu kommen, war indeſſen fruchtlos. Er war todt für die Welt. Nicht einmal die Kinder mochte er um ſich leiden. Nur ſeine Nichte, die Gattin des verſtorbenen Jaime durfte zu ihm. Sie war ſeine Pfle⸗ gerin; aber auch mit ihr wechſelte er ſelten ein Wort. Stille ſtarrte er zur Erde, und nur wenn er alleine war, hörte man ihn oft laut reden, ohne daß man jedoch das verſtehen konnte, was er mit ſich ſelber redete. Einzig den Namen Antonio verſtand man, den er laut ausſprach. Seine übrigen Worte brummte er mehr in den Bart, als daß er ſie ausſprach. War früher ſchon ſein Weſen mürriſch und ein⸗ ſilbig, kalt und zurückhaltend, ſo mochte das Unglück ſeiner letzten Jahre das noch unendlich geſteigert ha⸗ ben, nämlich der Verluſt alles ſeines Vermögens; die Täuſchungen Jaime's; deſſen Verworfenheit und mehr noch der drückende Gedanke, daß er Antonio hůlflos in die Welt geſtoßen, der dadurch ſeinen Tod im Meere gefunden habe; denn dieſe Nachricht hielt er darum für wahr, weil auch nicht die entfernteſte Kunde von Antonio in ſeine Einſamkeit und Zurückgezogen⸗ heit gedrungen war. VI. So war das Jahr 1755 gekommen. In das wohl⸗ thätige Wirken für Andere, in das Pflegen ſeines Gärtchens war Antonio's Zeit getheilt. Obgleich er reiche Summen verwendet für Jaime's edle Gattin für ſeine hoffnungsvollen Kinder, deren Verwendung auch ſeinem Oheim wieder zu Gute kam, ſo nagte es doch an ſeinem Herzen, daß er ihn ſelbſt'weder ge⸗ ſehen, noch eine Möglichkeit herbei zu führen war, ihn zu ſprechen. Sollte er ſterben ehe er mit ihm ſich ver⸗ ſöhnt? Es war ein drückender Gedanke für Antoniv. Juan war in der Heimat geweſen. Antonio hatte gefürchtet, er möge dort gefeſſelt werden; aber er hatte vergeſſen, daß Juan mit den Augen des altern⸗ den Mannes die Heimat anſah und nicht mehr mit denen des Jünglings; daß ſeine Gefühle, ſeine Ge⸗ danken andre Richtungen genommen hatten. Er kehrte bald wieder, ſchneller, als es Antonio erwartet. Wenige der Seinen waren noch am Leben und die Lage dieſer Wenigen hatte Antonio großmüthig ſo verbeſſert, daß ſie ſorgenlos der Zukunft entgegen gingen. Als er zurück kam, fiel er Antonio um den Hals und rief: Nun bin ich Euer bis zum letzten Hauche des Lebens! Ach, ich habe meine Heimat wiederge⸗ ſehen, aber ich fand ſie nicht mehr ſo ſchön, als ich ſie in frühern Jahren gefunden und in meinen Träu⸗ men geſehen! O, ſagte Antonio, Deine Heimat iſt geblieben, wie ſie war, aber Du biſt ein Anderer geworden Juan. Du biſt alt geworden und Deine Gefühle ſind kühler, Dein Verſtand nüchterner geworden. Glaube es mir; denn ſo iſt mir's ja hier, ſo iſt mir's in Oporto ge⸗ weſen. Wie fandſt Du die Deinen?— Sie ſegnen Euch, denn ſie leben ohne Sorgen und ſind zufrieden! Gott ſegne es ihnen und ihren Kindern, ſagte Antoniv. An den Gräbern meiner Eltern habe ich geknieet und gebetet, ſprach Juan, und ſie hätten mich dort allein feſthalten können, wenn nicht die Liebe zu Euch überwogen hätte. Antonio drückte herzlich ſeine Hand. Dank Dir, Juan! Ohne Dich hätte ich kaum mehr leben mögen, ſetzte er hinzu; aber was Du von den Gräbern ſagſt, das fühlte ich auch in Oporto. Das iſt's, was auch nach Terzeira zieht! Hier iſt mein Werk leicht zu beenden, fuhr er fort. Sieh' ich darf Jaime's Kindern ja nur ein Erbe aus⸗ ſetzen und hinterlegen, was wäre dann noch für uns übrig hier? Auch in Terzeira finden wir Unglückliche, die unſrer bedürfen; wir haben für uns genug bis an's Ende⸗ Euer Wille geſchehe! ſprach Juan. Mein Wort iſt gegeben und ich werde es löſen— ich gehe mit Euch, wohin Ihr geht und bis zum letzten meines Lebens bin ich Euer! Dabei bleibt es! Wohlan dann, ſagte Antonio; laß uns ordnen, was wir zu ordnen haben und wenn die Stürme der Tag⸗ und Nachtgleiche vorüber ſind und der milde Hauch des Herbſtes durch die Blätter zieht, ſo laß uns das cheure Eiland wieder aufſuchen, wo ich die glücklich⸗ ſten Jahre meines Lebens verlebt habe und nun auch den Abend meiner Tage verleben möchte; aber ſollte ich ſcheiden, ohne meinen Oheim geſehen zu haben, 38 ds würde mir ein Dorn in der Seele ſein. 5 Was indeſſen hier die Freunde beſprochen hatten, war ſeiner Erfüllung nicht ſo nahe, wie ſie es ſich gedacht. Es trat ein Ereigniß ein, deſſen Schrecklich⸗ keit kaum eine Feder zu beſchreiben oder das Wort wiederzugeben im Stande iſt. Schon am ein und dreißigſten Oktober hatten Juan und Antonio auf ihrem ſchönen Hügel einen eigenthümlichen Anblick und eine höchſt unangenehm berührende Empfindung gehabt. Sie ſaßen im traulichen Geſpräche auf der Bank unter den beiden weitäſtigen und hohen Kaſtanien⸗ bäumen vor ihrem Hauſe, von wo ab der Hügel ſich ziemlich raſch zur Stadt hinabſenkte. Sie pflegten hier die Schönheit des Sonnenunterganges jeden Abend zu genießen; aber heute hatte dieß wundervolle Schau⸗ ſpiel etwas eigenthümlich Unheimliches. Wie am Mor⸗ gen, dieſes Tages, ſo auch jetzt erfüllte ein übelrie⸗ chender, röthlicher Nebel die Luft ſo weit das Auge reichte. Die Sonne ſtand ſtrahlenlos, ein glühend ro⸗ ther Feuerball am Rande des weiten Geſichtskreiſes und färbte den Nebel noch röther. Er drückte den Rauch, der aus der ungeheuren Häuſermaſſe der Stadt aufſtieg, tief herab, das er ordentlich die Stadt ein⸗ hüllte und doch hatte dieſer abſonderliche Qualm ei⸗ nen beſonderen Geruch, als ihn der Rauch der Heerde zu haben pflegt. Die Sonne gab in ihrem Nieder⸗ gange dem Himmel eine faſt blutrothe Färbung. Die Waſſer des Tajo's waren hoch angeſchwollen und ſchäumten gewaltig, indem ſie hohe Wellen aufwarfen, an niedern Stellen weit über die Ufer traten, poder ſich heftig daran brachen. Antonio hatte lange dieß eigenthümliche, faſt beängſtigende Schauſpiel betrach⸗ legen. tet, als er zu Juan ſagte: Erinnerſt Du Dich des Erdbeben, welches vor etwa zwölf Jahren Terzeira erſchütterte. Gewiß entgegnete Juan, denn es war das Erſte, welches ich erlebte, und den Schrecken, den es mir bereitete, vergeß' ich niemals.— Nun, damals beobachtete ich den Himmel gerade wie heute Abend. Wäre ein Vulkan in der Nähe,— ich würde ein Erdbeben fürchten, verſetzte Antonio. Wie kommt Ihr hier auf dieſe ſeltſame Vermu⸗ thung? fragte Juan. Weil dieſe Vorzeichen ganz dieſelben ſind, wie da⸗ mals auf Terzeira, und weil ich ein ängſtigendes Ge⸗ fühl in mir trage, entgegnete Antonio. Juan redete ihm indeſſen die Sache aus und An⸗ tonio ſchien ſelbſt ſpäter kein Gewicht mehr darauf zu Das Geſpräch lenkte ſich auf die Azoriſchen Inſeln und da der Abend kam, kehrten die Freunde in das Haus zurück. Antonio, der übrigens beunruhigt war, trat, ehe ſie ſich niederlegten, noch einmal heraus in's Freie. Kein beängſtigendes Zeichen war indeſſen mehr wahrzunehmen. Der Himmel war ziemlich klar. Der Nebel hatte ſich vertheilt. Einzelne Sterne leuchteten im vollen Glanze; andere waren durch einen leiſen Dunſtflor halb und halb bedeckt. Kein Lufthauch be⸗ wegte die Blätter der Kaſtanien, und beruhigt legte ſich Antonio nieder. Der unbeſorgte Juan lag ſchon tief in den Feſſeln des Schlafes. Beim Anbruch des Tages war ein leiſes Erbeben der Erde fühlbar. Antonio fuhr auf aus ſeinem Mor⸗ genſchlafe. Es war ihm, als hätte er das Bewegen ſeines Bettes gefühlt, doch als keine neue Erſchütte⸗ — rung erfolgte, ſchlief er wieder ein. Juan hatte nicht das Mindeſte gefühlt. Der erſte November, das Feſt aller Heiligen, das Liſſabon mit beſonderer Pracht zu feiern pflegt, war angebrochen. Aller Glocken feierliches Geläute begrüßte den Feiertag. Bei den zahlreichen Kirchen der Hauptſtadt war es etwas wunderbar Er⸗ greifendes, dieß Gewoge der gewaltigen Töne zu hö⸗ ren, beſonders in einiger Entfernung und auf der Höhe des Hügels. Wenige nur hatten die leiſe Zuckung des Bodens beim Grauen des Tages wahrgenommen. Jeder gab ſich der bevorſtehenden Feier hin und kleidete ſich dazu in ſeine beſten Gewänder. Auch die beiden Freunde kleideten ſich feſtlich an, um in der herrlichen Kathe⸗ drale ihrer frommen Pflicht ein Genüge zu thun. Die Glocken hallten wieder in herrlichem Chore zuſammen; die Andächtigen ſtrömten in die geſchmückten Gottes⸗ häuſer und ſobald das Geläute verhallt war, lag eine friedliche, feſtliche Stille auf Liſſabon, und es ſchien, als habe die Natur Theil an dieſer Sabbathruhe ge⸗ nommen; denn auch nicht das leiſeſte Lüftchen zog durch die Blätter der Bäume. Heute hatten die Freunde länger beim gemeinſchaft⸗ lichen Frühſtücke geſeſſen als gewöhnlich. Es war neun Uhr vorüber, als ſie eben aufſtehen wollten, um den Hügel hinab, der Stadt und der Kathedrale zuzuſchrei⸗ tén, da ſie vernahmen plötzlich ein unterirdiſches Ge⸗ töſe und ein Krachen, welches ſich nur mit dem Raſſeln beladener Wagen vergleichen ließ und mit einem lei⸗ ſen, aber fühlbaren Erbeben der Erde verbunden war. Beide ſprangen mit Entſetzen auf von ihren Sitzen. Gott behüte uns, rief Antoniv. Siehſt Du, Juan, meine Vermuthung von Geſtern Abend beſtätigt ſich! „ Schon beim Grauen des Tages weckte mich ein ähn⸗ licher Erdſtoß, aber, weil ich nicht wach war, hielt ich's für einen Traum. Antonio hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als urplötzlich ein Orkan zu wüthen anfing, wie er ihn nie auf den Azoren erlebt. Die Gewäſſer des Tajo und des Meeres traten weit zurück, um wenige Au⸗ genblicke ſpäter mit einer fürchterlichen Gewalt und Wuth und in zehnfach vermehrtem Maße zurück zu kehren. Die Schiffe des Hafens wurden gegen einan⸗ der geſchleudert, von ihren Ankern geriſſen und zer⸗ trümmert, namentlich die kleineren; die größeren, ob⸗ gleich nur wenige untergingen, wurden doch vielfältig beſchädigt. Das fürchterliche Raſſeln, das man bald in den Lüften, über ſich zu hören meinte, bald deutlich unter ſeinen Füßen vernahm, begleitete das wilde Toben des Orkans, das Raſen der Wellen, das Jammergeſchrei der Tauſende, deren Wohnungen die Fluth ergriff. Gleichzeitig erfolgten die ſchrecklichſten Erdſtöße unun⸗ terbrochen mehrere Minuten lang, dann nach kurzer Unterbrechung in der Dauer von faſt ſieben Minuten mit ſolcher Heftigkeit, daß die feſteſten Gebäuds wank⸗ ten und im Augenblick zuſammen ſtürzten. Es war ein Geraſſel, Geheule und Toben der Elemente, daß Todes⸗ ſchrecken Jeden ergriff. Als Juan und Antonio aus ihrem krachenden Hauſe ſtürzten, ſahen ſie die Stämme und Wipfel ihrer Kaſtanien vor dem Hauſe aufs heftigſte wanken und ſich bewegen. Sie taumelten wie Trunkene und ſtürz⸗ ten zur Erde, weil es unmöglich war, ſich auf den Füßen zu halten. Horn. Liſſabon. 7 — Schrecklich aber war der Anblick, als ſie auf die Stadt hinabblickten. Der Thurm der Kathedrale wankte, bewegte ſich mehrmals, als wiege er ſein ehrwür⸗ diges Haupt. Die Glocken klangen an, als läute er ſich ſelber zu Grabe, dann ſtürzte er, wie aus dem Fundamente gehoben, krachend auf die Kirche und die nahe ſtehenden Häuſer. Krachend ſtürzte das Gewölbe der Kirche ein, in der Tauſende von Betern ſich be⸗ fanden. Zur Feſtandacht war ja die Menge gekommen. Das einſtürzende Gewölbe begrub ſie unter ſeinen Trümmern; aber ſie war es nicht allein. Schon beim erſten Stoße ſtürzte der Königliche Palaſt zur Hälfte ein, alle Kirchen, Klöſter, Thürme und Häuſer, beſonders die aus Steinen erbauten, fielen in Trüm⸗ merhaufen zuſammen. Die Stadt war ein einziger Trümmerhaufen. Eine unermeßliche Staubwolke hüllte die Stadt ein. Das Mark und Gebein durchdringende „Jammergeſchrei drang bis zu den Ohren der mit Ent⸗ ſetzen erfüllten Freunde. Ihr Haus ſtand noch, weil es von Balkenwerk erbaut war. Ihre Haare ſträubten ſich zu Berge; alles Blut drängte das Entſetzen nach dem Herzen zurück; ihre Glieder zitterten, wie die eines vom Schlage Ge⸗ lähmten. Es war ein Aufruhr der Elemente überall, daß der Menſch in ſeiner Hülfloſigkeit der Verzweif⸗ lung preisgegeben war, denn der Tajo brüllte fort und fort auf ſchauerliche Weiſe, und der Orkan ent⸗ wurzelte mit einem einzigen Stoße die ſtärkſten Bäume. Antonio und Juan ſanken auf ihre Kniee nieder und rangen die Hände gen Himmel. Als die Stöße aufhörten und die Erde ſich be⸗ ruhigt zu haben ſchien, ſprang Antonio auf. Der Or⸗ —— kan jagte die Staubwolken hinweg, die faſt das Tages⸗ licht verdunkelten. Er blickte über die Stadt hin. So weit ſein Auge reichte Trümmer und Graus und Schrecken der ſchauerlichſten Zerſtörung. Juan! rief er plötzlich, als durchzucke ein Hichtſtrahl ſeine Seele. Juan, wie wird es um meinen Oheim ſtehen, um Jaime's Weib und Kinder? Bin ich über das Meer gekommen, um des Friedens und der Verſöhnung Willen und heute ſollte ich hier bleiben, ohne den Verſuch ihrer Rettung? Ich eile hinab. Gottes Engel werden mich ſchützen. Und mit dieſen Worten eilte er den Hügel hinunter. Antonio war nicht zurück zu halten. Vergebens ſandte ihm Juan ſeine Bitten nach. Darf ich ihn allein gehen laſſen? rief er dann aus und ſtatt der Antwort, die er ſich ohnehin hätte ſelber geben müſſen, eilte er hinter ihm drein. 4 Aber welch ein Anblick trat ihnen entgegen, als ſie die Staßen der zerſtörten Stadt erreichten! Schaaren Flüchtender kamen ihnen entgegen, die das Freie ſuchten, meiſt halb nackt; Manche im feſt⸗ lichen Kleide; Prieſter im Ornate. Mütter trugen ihre Kinder auf den Armen; andre ſchleppten Verwundete fort; aber auf aller Geſichtern ſtand leſerlich der Schrecken des Todes geſchrieben, die Verzweiflung, die Furcht, das Entſetzen, welches an Wahnſinn grenzt. Alle jammerten laut, beteten, weinten. Es war ein Anblick, welcher jedes Herz erſchüttern mußte. Alles drängte, ſtieß, ſtrebte, voran zu kommen. Nur aus der Stadt, wo das Schrecklichſte, das Begraben⸗ oder Zerſchmettertwerden von den Trümmer überall drohte, war Aller Loſung, aller Ziel. Kehret um, wenn Ihr nicht unter den Trümmer 7* ner heranſtürmten, und ſprangen von den Knieen empor. begraben werden wollet! riefen die Flüchtenden den beiden Männern zu, die ſich indeſſen durch ſolche Zu⸗ rufe nicht abhalten ließen der Stimme ihres Herzens zu folgen. Als ſie in die Straßen der Stadt kamen, über⸗ traf das Entſetzliche jede, auch die kühnſte und aus⸗ ſchweifendſte Vorſtellung. Hier ſchrie ein Halbzetſchmet⸗ terter um Erbarmen; dort lag ein Unglücklicher unter einem Haufen Balken und ſeine Stimme drang wie aus dem Grabe hervor: Rettet mich! Hier irrte eine Mutter mit aufgelöſten Haaren und ſuchte im halben Wahnſinne Gatten und Kinder; dort drangen die Jammertöne von Kinderſtimmen in die Seele herein, die nach ihren vexlorenen oder verſchütteten Eltern ſchrieen. Unter ſolchen Schreckniſſen und Bildern des herz⸗ erſchütternden Jammers erreichten ſie endlich, nachdem ſie über Berge von Trümmern hatten ſteigen müſſen, oft noch in Lebensgefahr durch einſtürzende Gebäude gerathen waren, den Platz Commergio und nahe bei ihm das kleine Haus, wo verborgen dem Auge der Welt, die Gräfin von Palmella in einer engen Sei⸗ tenſtraße wohnte. Dieſes kleine Haus war aus Holz erbaut und hatte theilweiſe noch den Gewalten der Tiefe Widerſtand geleiſtet. Nur ein Theil war einge⸗ ſtürzt und ein fallender Balken hatte den Marquis de Ribera verwundet. Der Greis lag ohnmächtig auf einem Bette und um daſſelbe knieten die Mutter und ihre drei Kinder in der unausſprechlichſten Todesangſt und Rathloſigkeit. Voll Entſetzen fuhren ſie auf, als die zwei Män⸗ N — 101— Um Gotteswillen eilet aus der unglücklichen Stadt!, rief Antonio. Wo iſt der Marquis? Ehe er von den Doppelterſchrockenen eine Antwort erhielt, ſah er den Ohnmächtigen blutend auf dem Bette liegen. Er ſprang hinzu, riß ihm das Kleid von der Schul⸗ ter und erkannte ſchnell, daß der Balken nur den Kopf geſtreift, die Schulter leicht verwundet hatte. Er ergriff mit ſeinen ſtarken Armen den Greis, lud ihn auf ſeine Schultern und rief: folget ſchnell, ehe ein neuer Erdſtoß, der nicht ausbleiben wird, Euch unter den Trümmern begräbt! Juan ergriff die beiden kleinſten Kinder unter ſeine ſtarken Arme und zog die Mutter und dem Aelteſten mit ſich fort. Schnell, ſchnell, wenn Euch das Leben lieb iſt! ſchrie er ihnen zu, und, vom gräß⸗ lichſten Schrecken ergriffen, folgten Alle dem raſtlos dahin eilenden Antonio nach. Durch die winkeligſten Gaſſen, über Haufen von Trümmer, unter dem herzzerreißenden Jammergeſchrei der Verwundeten, eilten ſie dahin, bis endlich der Fuß des Hügels erreicht war. Langſamer ſtiegen ſie hinauf. Droben aber fanden ſie das Haus voll Frauen und Kinder, die faſt nackt ihren Häuſern enteilt waren. Sie gehörten meiſt den höheren Ständen an und hatten vor Scham und Schrecken in dem offenſtehen⸗ den Hauſe Schutz geſucht, das von dem Erdbeben noch wenig gelitten hatte. Antonio gab ſich ihnen als den Hausherrn zu er⸗ kennen, erklärte ihnen aber aufs Beſtimmteſte, ſie ſollten und könnten alle bleiben. Nur für den Ver⸗ wundeten müſſe er einen Raum und ein Bette fordern. — 102— Dieß wurde ſogleich geräumt, allein kaum wollte Antonio ſeine Laſt auf daſſelbe betten, als ein neuer, furchtbarerer Stoß das Haus erkrachen, die Erde ſchreck⸗ licher, als früher, erbeben machte⸗ Hinaus! hinaus! ſchrieen Alle und im wirrem Knäuel drängten ſich alle dem Ausgang zu. Selbſt Antonio, Juan, die Gräfin und die Kinder eilten hinaus auf den Raſenplatz, wo die Kaſtanien noch ſtanden, deren Gipfel aber der Orkan abgeknickt hatte, wie einen dünnen Grashalm. Dieſer Erdſtoß, welcher gegen halb eilf Uhr etwa mit einer unausſprechlichen Gewalt eintrat, bewegte die Oberfläche der Erde wellenförmig. Der ſtärkſte Mann vermochte nicht, das Gleichgewicht zu erhalten, und alle, die hier oben Schutz und Rettung geſucht, ſtürzten ſchwindelnd und taumelnd zur Erde und lautes Jammergeſchrei erſchallte herzzerreißend und von allen Seiten. Noch viel ſchrecklicher wirkte der Erdſtoß in der Stadt. Was von den ſtarken und dauerhaften Ge⸗ bäuden noch die früheren Erdſtöße überſtanden oder doch noch kümmerlich, wenn auch mit zerriſſenen Mauern, ſich erhalten hatte, das ſtürzte jetzt ein und erſchlug Die, welche noch in dieſen Gebäuden waren. Manche Stimme, welche die Vorübergehenden um Rettung an⸗ gefleht hatte, verſtummte jetzt für immer. Die ganze herrliche Stadt war ein Trümmerhaufen. Faſt kein Gebäude ſtand mehr. Zahlloſe Unglückliche waren verſchüttet und von den einſtürzenden Gebäuden ge⸗ tödtet. Endlich erfolgte zwiſchen eilf und zwölf Uhr der dritte Erdſtoß. Er war bei Weitem der heftigſte. Die 4 — 103— feſteſten Grundmauern, die noch ſtanden, die dauerhaf⸗ teſten Gewölbe, die allen den Stößen bis jetzt Wider⸗ ſtand geleiſtet hatten, brachen jetzt zuſammen. Der Stoß war ſo heftig, daß die Steine umherflogen, geſchleu⸗ dert von einer unſichtbaren und daher um ſo ſchreck⸗ * lichern Gewalt. Viele der Unglücklichen, die allen den ʒ Zerſtörungen entgangen, ihre Rettung im Freien ſuchen wollten vder die verwundet, nur langſam ſich fortzu⸗ ſchleppen im Stande waren, fanden noch jetzt ihren Tod vom ſtürzenden Geſtein und Balkenwerkez andere wurden verſchüttet. Die Verwirrung und Angſt machte die Unglücklichen ſo rathlos, daß ſie, wie wahnſinnig, grade der Gefahr und dem Tode in die Arme iefen. Viele Menſchen hatten ſich an die Ufer des Tajo gerettet, allein ſie waren grade hier dem ſicherſten Ver⸗ derben geweiht. Zu dreien Malen trat die Fluth weit zurück von ihren Ufern; dann aber war es, als bäum⸗ ten ſich die Wogen des Meeres zu Bergen auf, ſtürz⸗ ten auf die Waſſer des Tajo und trieben dieſe weit hinaus über ihre Ufer, und was das Zucken der Erde nicht zerſtört, das vernichtete das wilde Gewäſſer; was das ſtürzende Gebälke und Mauerwerk nicht getödtet, das tödtete die Fluth, und ſchwemmte die Menſchen hinweg von dem bergenden Ufer. Zahlloſe Boote, welche Menſchen nach den Schiffen der Flotte bringen woll⸗ ten, wurden mit denen, die auf ihnen Rettung geſucht, in die Tiefe der Wellen begraben. Die Erde riß an vielen Stellen auf und zeigte tiefe Spalten und Ab⸗ gründe. Als endlich die Geängſteten hofften, das Maß des Jammers und Schreckens ſei voll, da kamen um zwei — Uhr Mittags noch zwei Erdſtöße, die, wenn ſie auch weniger heftig waren, dennoch wieder neuen Jammer brachten. Da ziemlich lange die Erde geruht zu haben ſchien, ſo hofften Viele, daß nun das gräßliche Ereig⸗ niß vorüber ſei und die Liebe erwachte zu denen, die ihnen fehlten. Viele ſah man zur Stadt eilen, um die Verlorenen zu ſuchen; die vielleicht Verſchütteten zu retten und mitten in dieſem Eifer der Liebe, in dieſer angſtvollen Haſt des Herzens ereilte ſie nun der Tod in den Straßen, die ſelbſt der Eingeborne von Liſſa⸗ bon nicht mehr kannte, indem die umſtürzenden und umgeſtürzten Wohnungen und Paläſte nur Eine große Ruine bildeten, und daher die Stellen unkenntlich machten.. Leider war es noch nicht genug mit dieſen Zer⸗ rüttungen der bebenden Erde und des wildzerſtörenden Waſſers: es ſollte noch ein Drittes Element hinzutre⸗ ten, auf daß der Graus der Zerſtörung, der Greuel der Verwüſtung vollkommen werde. In den meiſten Wohnungen war auf den Heerden das Feuer entzündet, um die Mittagsmahlzeit des feſt⸗ lichen Tages zu bereiten für die, welche in den Kir⸗ chen waren, oder noch dahin gehen wollten und den übrigen Theil der Hausgenoſſen. Durch den Einſturz der Gebäude wurde das Feuer verdeckt, ohne überall gelöſcht zu werden. Blieb ihm Spielraum zum Fort⸗ glimmen, wurde ihm Nahrung durch herabſtürzendes Gebälke zugeführt, ſo glomm und gluthete es heimlich fort und wurde erſt zur lichten Flamme angefacht, wenn es endlich in ſeinem Fortſchreiten an die Luft trat, die fort und fort noch in einer ſtürmiſchen Bewegung ge⸗ plieben war und gegen Abend wieder zum heftigen Sturme anſchwoll. War es, daß das Feuer an vielen Stellen endlich zu Tage trat oder war es das wilde Blaſen des Stur⸗ mes in die Ruinen, welches plötzlich die Flamme zum hellen Auflodern trieb— kurz, als endlich die Sonne ihren Lauf vollendet hatte und zur Rüſte gehen wollte, da brach aus dem Munde der Tauſende, welche die Hügel um Liſſabon obdachlos, hungernd und zitternd vor Froſt bedeckten, ein Schrei des Entſetzens;— denn an mehr denn dreißig Orten zugleich über dem weiten, unermeßlichen Trümmerhaufen qualmte dunkler, dicker Rauch auf, dem wenige Augenblicke ſpäter Flam⸗ menſäulen folgten, die der Wind bald niederlegte, bald in wilder Luſt erhob. Noch war die Nacht mit ihrem Schleier nicht her⸗ abgeſunken auf die Stätte gräßlichen Elendes— da wogte Ein Feuermeer über den Trümmern der Stadt von einem Ende derſelben bis zum andern. Was noch emporragte, wurde der Flamme Opfer; aber nicht bloß in die Höhe brannte es, ſondern auch in die Tiefe und der Gedanke an die Verſchütteten, die nun einem P⸗ lichen Tode preisgegeben waren, machte die von alle dem, was ſie an dieſem Tage erlebt, faſt abgeſtumpf⸗ ten Herzen auf's Neue erbeben und preßte ihnen ein Jammergeſchrei aus, das kaum zu beſchreiben iſt.— An ein Löſchen war auch nicht im Entfernteſten zu denken; denn wer hätte zu der allgemeinen Brand⸗ ſtätte gekonnt? Wer hätte dem Gedanken Raum ge⸗ ben können, einer ſolchen Gluth, einer über ein ſo unge⸗ heuer ausgedehntes Gebiet verbreiteten Feuersbrunſt Einhalt zu thun? Woher hätte man die Löſchgeräthe —— nehmen ſollen, die alle verſchüttet, woher das Waſſer, da zu keinem Brunnen ein Zugang zu gewinnen war? Ja,— da überhaupt Niemand ſich in die Stadt ge⸗ traute, wo man jeden Augenblick neue Stöße des Erd⸗ bebens erwarten zu müſſen glaubte, wer hätte helfen können?— So ſtanden die nicht genug zu beklagenden Un⸗ glücklichen und ſahen, wie das gierige Element den letzten Reſt ihrer Habe verſchlang, mußten es fünf Tage lang wüthen ſehen, bis ihm endlich die Nahrung ge⸗ brach und es in ſich ſelbſt erloſch, während in der Tiefe es noch fortglomm und ſeine erſtickenden Rauch⸗ ſäulen, als unzweideutige Zeichen ſeines Daſeins und zerſtörenden Wirkens in die Höhe trieb. Zu dieſen ſchrecklichen Wirkungen der Kräfte der Tiefe und der entfeſſelten Elemente geſellten ſich ſchnell zwei andere Uebel, die nicht weniger zur Vermehrung des Elendes beitrugen. Wer könnte die Thränen zählen, die um verlorne Lieben geweint wurden; wer den Schmerz ermeſſen, der die Herzen kinderloſer Aeltern, älternloſer, verlaſ⸗ ſener Kinder, getrennter Gatten erfüllte? Und zu die⸗ ſem beiſpielloſen Schmerze über verlorne Lieben, über zerſtörtes Lebensglück, über den Verluſt aller Habe, trat jetzt bei dem ſinkenden Abende der bebende Froſt, der nagende Hunger, der brennende Durſt! Niemand hatte in der Eile der Flucht an Lebens⸗ mittel gedacht. Die meiſten Brunnen waren verſchüt⸗ tet; zum Tajo wagte Niemand zu gehen, deſſen Waſ⸗ ſer ohnedem durch das Eindringen des Meeres un⸗ genießbar geworden war. Was in den Gärten noch Eßbares war, das wurde verſchlungen. Die Bewoh⸗ ———————————————— — —— ————— — — 107— ner der Landhäuſer gaben willig ihre Vorräthe hin; dennoch waren Viele am Verſchmachten, als durch des Königs Fürſorge Lebensmittel anlangten und nahe Quellen ihr Waſſer ſpendeten. Und wäre nicht aus der weiten Umgegend Hülfe gekommen, hätte man nicht aus Spanien ſelbſt Lebensmittel geſendet, der Hungertod hätte eine faſt ebenſo große Zahl hingerafft, als das Erdbeben, die Fluth und die Flammen. Das andere Uebel, welches das Elend vermehrte, ging leider von menſchlicher Ruchloſigkeit aus. Man hat behaupten wollen, auch das Feuer ſei von mord⸗ brenneriſcher Hand angelegt worden; allein es iſt ſo nahe gelegt, die Urſache deſſelben in den ſchon erzähl⸗ ten Umſtänden zu finden, daß ich, fuhr Herr Weiher in ſeiner Erzählung fort, zur Ehre der Menſchheit dieß nicht finden kann. Es iſt ſo leicht geſagt, und ſo ſchwer bewieſen! Wollte Gott, ich müßte Ihnen nicht jetzt Thaten berichten, vor denen das Herz ſchaudert. In einer Stadt von ſo zahlreicher Bevölkerung, wie die Hauptſtadt des Königreichs Portugal, darf man leider ſchon auf eine große Zahl Uebelthäter und Verworfene ſchließen. In ſolchen Hauptſtädten ſam⸗ melt ſich Raub⸗ und Diebsgeſindel in Menge, weil es da ſeine abgelegene Schlupfwinkel und Gelegenheit findet, ſeine ſchändliche Gewerbe zu üben. Nun waren während des Erdbebens aus den Gefängniſſen die Verbrecher theils aus Barmherzigkeit entlaſſen worden, damit ſie nicht verſchüttet und zerſchmettert würden, theils hatten ſie ſich, da Alles floh, ſelbſt befreit. Sie einigten ſich nun mit denen, welche ſich in Liſſabon herumtrieben und bandenweiſe durchzogen ſie die Stadt und raubten, was zu rauben war, ſelbſt auf die Ge⸗ — 108— fahr hin, ihr Leben einzubüßen Bei dieſen Raubzügen wurden furchtbare Greuel verübt. Verwundeten, welche Ringe an den Fingern oder in den Ohren hatten, nahmen ſie ſich nicht die Mühe, dieſe abzuziehen, ſon⸗ dern ſie ſchnitten ihnen Finger und Ohren ohne Er⸗ barmen ab und warfen dann ſie ſelbſt in die Flam⸗ men. Beſonders waren die Paläſte, und unter dieſen der Königliche Palaſt ihr Augenmerk. Sie ſtahlen den Schatz von koſtbaren Edelſteinen und Perlen, die Kö⸗ nigliche Krone, das koſtbare Geräthe von Silber und Gold, denn Niemand hinderte ſie. Niemals hat das Verbrechen freiere Hand, weiteren Spielraum gehabt, als hier unter dieſen Trümmern des menſchlichen Glückes. Aber welch ein Grad von Verworfenheit tritt dabei zu Tage! Wie muß doch der Menſch alles Beſ⸗ ſern entkleidet ſein, wenn er auf ſolcher herzergrei⸗ fenden Stätte des Unglücks ſeiner Mitmenſchen rau⸗ ben und ſtehlen, allem menſchlichen Gefühle Hohn ſpre⸗ chen kann? Nicht blos auf die Stadt beſchränkten ſie ihre Ruchloſigkeit; ſie benutzten die allgemeine Ver⸗ wirrung, um in Haufen in die benachbarten Orte und Schlöſſer einzubrechen, die Reiſenden auf den Land⸗ ſtraßen zu berauben und zu ermorden. Von allen Sei⸗ ten, ſelbſt aus dem nicht fernen Spanien erſchienen Räuberbanden, ſo das der Zuſtand völliger Auflöſung der Ordnung, Sicherheit und Ruhe eintrat, bis end⸗ lich der König eine Menge Galgen rings um die Stadt errichten ließ, und Soldaten ſandte, um ſie aufzugreifen, und ſofort aufzuknüpfen, wen dieſe auf ſolchen Wegen und friſcher That ergriffen. Selbſt Sol⸗ daten flohen von ihren Fahnen und ſchlugen ſich zu den Räubern, die zuletzt auch, faſt öffentlich, den Un⸗ — 109— glücklichen das raubten, was ſie aus dem Grabe der Zerſtörung etwa noch gerettet hatten. Der Hof befand ſich auf dem Luſtſchloſſe Belem, eine kleine Stunde von Liſſabon. Aber auch dort er⸗ ſchütterte das Erdbeben in gleicher Weiſe, wie in der Hauptſtadt, den Felſen, auf dem das Schloß liegt. Der König und ſeine Familie ſammt dem Hofe und ſämmtlichen Bewohnern von Belem flohen auf das freie Feld und brachten dort drei Tage und drei Nächte zu. Als er hier von den Greueln des Raubens in Liſſabon, von dem Hunger und der Verzweiflung Tau⸗ ſender vernahm, ergriff er ſchnell die geeigneten Mittel dem Raube zu ſteuern und den Hunger zu ſtillen. Die Räuber wurden ohne Schonung ſtandrecht⸗ lich aufgeknüpft und überall her, befahl der König, Lebensmittel herbei zu ſchaffen. Ganz beſonders hal⸗ fen hier die Schiffe im Hafen. Ihre Vorräthe halfen der erſten Noth ab, dann aber wurden Lebensmittel in Menge herbei gebracht. Ebenſo Kleidungsſtücke. Man baute Hütten aus Reiſig und Stroh und lagerte ſich darinnen, bis es möglich war beſſere Zelte her⸗ zurichten oder die Obdachloſen in den Wohnorten der Nähe unter zu bringen, wo ſie das Mitleid mit Freu⸗ den aufnahm. Erſt am fünften November, nachdem die Feuers⸗ brunſt erloſchen war, begann man in der Stadt auf⸗ zuräumen. Der König ließ ganze Regimenter dabei anſtellen und arbeiten. Kein Stand wurde freigeſpro⸗ chen. Jeder mußte Hand anlegen. Wie that es aber auch Noth. Welch neues Elend war zu befürchten, wenn der Geruch der Leichname die Luft verpeſtete! Bis zum achten November waren in einem Be⸗ . — 110— reiche, welcher etwa den vierten Theil der in Ruinen liegenden Stadt umfaßte acht Tauſend Leichname ausgegraben und in ungeheueren Grüften beerdigt wor⸗ den. Aber es waren leider nicht alle Zerſchmetterte, viele, ſehr viele wurden völlig unverletzt hervorgezogen, die der Rauch des Brandes erſtickt hatte oder die des grauſenhafteſten Hungertodes geſtorben waren.— Manche fand man noch lebend und widmete ihnen die menſchenfreundlichſte Sorgfalt; aber es waren ihrer nur Wenige. Dreißig Tarſende waren ein Opfer dieſes grauſen⸗ haften Ereigniſſes geworden, eine Zahl, welche noch vermehrt wurde durch die, welche die Schrecken dieſes Tages, die erduldeten Leiden von Hunger, Durſt und Kälte bei kaum verhüllender, heidung, dr Schmerz von verlorenerGeliebte, ſo ten, nee und Eltern, und um den Verluſt aller Habe dem Tode üherlieferten. Viele wurden völlig wahnſinnig.— Herr Weiher ſchwieg, weil ihn die Darſtellung tief erſchüttert hatte. Wir alle ſaßen ſtille da und die Bilder des Jammers, die er uns geſchildert hatte, preßten uns Thränen des Mitleids aus. Ach ſagte nach einiger Zeit Eine aus der Geſell⸗ ſchaft, die Schilderung das jedes Menſchenherz er⸗ ſchütternden Ereigniſſes hat Sie der Perſonen ver⸗ geſſen laſſen, an denen wir ſo innigen Antheil genommen. Es iſt wahr, ſagte der liebe Mann, und Sie thun wohl, mich daran zu erinnern. Ich habe Sie da verlaſſen, wo der gewaltige Erdſtoß, alle, welche in Antonios Häuschen Unterkunft gefunden, ins Freie getrieben hatte. Antonio hatte ſeinen noch immer ohnmächtigen — — 111— Oheim auf den Raſen niedergelegt. Auf den Greis richtete ſich ſeine ganze Thätigkeit und Sorgfalt. Er fühlte es, die Stunde war gekommen, wo er ihm all den Kummer vergelten ſollte, den er ihm durch ſeine trotzköpfige Entfernung gemacht und all den Jammer, den ihm Jaime's Verworfenheit bereitet, die ſicherlich nicht in dem Maße ihn hätte beugen können, wenn er bei ihm geblieben wäre. Die Schuld des Oheims, die freilich nicht klein war, hätte Antonio längſt vergeben. Der Kummer, den er erlebt, hatte ſein Herz geläutert. Nur verſöhnen, nur beglücken wollte der edle Menſch, das war das Ziel ſeines Ringens. 33 Der Umſtand, daß das Häuschen, welches er mit“ Juan bewohnte, aus Holz erbaut, nur einſtöckig und mehr breit, als hoch war, verurſachte es, daß alle die Erdſtöße es nicht zum Einſturze brachten. Wohl hatte es gelitten, allein, es war doch noch bewohnbar geblie⸗ ben und es ſchien, als ob auf der Höhe die Gewalt der Erdſtöße minder heftig geweſen wäre. Kaum war jener gewaltige Stoß vorüber, ſo eilte Antonio in das Haus und holte eine Flaſche Wein, um dem Greiſe einige Tropfen einzuflößen und kihn damit anzuwaſchen. Die Gräfin Palmella, die weder Juan noch An⸗ tonio kannte, begriff die Theilnahme der fremden Män⸗ ner an dem Marquis, an ihr und ihren Kindern nicht; als ſie aber Juan genauer betrachtete, erkannte ſie in ihm den Mann wieder, der unter verſchiedenen Ver⸗ kleidungen ihr die großen Geldſummen gebracht, welche ſie in den Stand geſetzt hatten, nicht nur ihren Kin⸗ dern eine beſſere Erziehung zu geben, ſondern auch die ſchweren Sorgen der Erhaltung des leiblichen Lebens von ihnen allen wegzuſcheuchen. Sie faßte ſeine Hand und fragte ihn, wer er, wer Antonio ſeien; ſagte ihm, daß ſie ihn wiedererkannt. Jetzt glaubte Juan das Schweigen brechen zu dür⸗ fen. Als ſich die unglückliche Frau einigermaßen von dem Schrecken erholt hatte, erzählte er ihr in kurzen Worten Alles, was ſie zu wiſſen wünſchte, und wiſſen mußte, um Antonio's ganzen Edelmuth zu begreifen und zu würdigen. Sie eilte dann zu ihm, um ſeine Bemühungen an dem Greiſe mit zarter Hand zu unterſtützen. Endlich ſchlug er matt die Augen auf. Sein Blick ruhte lange auf Antonio, als ſuche er dieſe Züge mit den Erinnerungen ſeines Gedächtniſſes zu vereinigen. Allmählig erholte er ſich. Die Erquickung des Weines belebte wieder die geſunkene Lebensktaft. Er richtete ſich auf. Sind die Todten auferſtanden in dieſem Grau⸗ des Erdbebens? fragte er. Du biſt das Bild meines, ach leider verſtoßenen Bruders, das Bild meines un⸗ glücklichen Antonio's— aber der könnte nicht ſchnee⸗ weißeres Haar haben vor Alter, wie ich es trage mit der Laſt der Jahre! Es iſt Antonio, Euer Neffe, unſer Wohlthäter ſeit Jahren, ohne daß wir es ahneten, ohne daß Ihr ihn ſehen wolltet, als Euch der Barbier ſagte, er lebe und ſei zurückgekammen! ſprach unter heißen Thränen die Gräfin zu ihm. Lange ſtarrte ihn der Greis an. Es war als thaue die Sonne göttlicher Gnade das Eis auf, das ſich um ſein Herz gelegt hatte. Seine Züge nahmen einen wei⸗ — 113— chen, milden Ausdruck an, wie man ihn nie an ihm beobachtet hatte. Dann zuckten die Muskeln ſeines Ge⸗ ſichts heftig und ein Thränenſtrom brach hervor mit voller Macht, um ſo ergreifender für Antonio und die Gräfin, als ſie nie Zeugen einer ſolchen Regung ſei⸗ nes Gemüthes waren. Er bedeckte ſein Geſicht mit ſei⸗ nen Händen und weinte laut. Ach, ſagte er dann— die Gnade Gottes geht überſchwänglich liebevolle Wege mit mir! Ich bin nicht werth aller Liebe und Gnade, die Gottes Erbarmung mir erweiſt! Aber ſo mußte es kommen, daß dieß harte Herz gebrochen würde. Alles Gut der Erde, an dem meine Seele hing, mußte hingehen; aller Glanz eines großen Namens, auf den ich eigenſinnig hielt, mußte erbleichen und mit Schmach und Elend bedeckt werden; aller Hochmuth, der den Menſchen nicht als Bruder anerkennen woilte, weil er nicht ebenbürtig wäre, mußte zertreten werden; die Barhmerzigkeit deſſen, den ich von mir ſtieß, weil er beſſer war, als ich, als alle, die ich höher ſtellte, mußte noch vor Hunger ſchützen— damit ich geheilt würde, damit, dem Grabe nahe— die Reue den Zugang fände zu meinem böſen Pn — O mein Antonio, Kind meines mißhat eten Bruders, ſelbſt mißhandelt von mir, der Dein Vater hätte ſein müſſen— Antonio, kannſt Du mir ver⸗ zeihen?— Er breitete ſeine Arme aus, Antonio entgegen, und der edle Menſch, der dieſen ſeligen Augenblick ſo lange erſehnt, ſein Nichtkommen ſo tief beklagt hatte, flog an das Herz des Greiſes und weinte wohl⸗ thuende, herzerleichternde Thränen an der Bruſt, an die er ſich ſo oft vergeblich geſehnt. Horn. Liſſabon. 3 8 — 114— Es war ein Wettſtreit verſöhnender Liebe, der nun entſtand. Keiner wollte dem Andern etwas zu vergeben haben; jeder flehte nur um Verzeihung. Aber mitten aus dieſen Ereigniſſen ihrer Herzen riſſen ſie die Mächte der Tiefe, als wollten ſie nicht zulaſſen, ſolch wohlthätig Regen der Menſchenbruſt. Die Erdſtöße folgten mit ihrem Entſetzen. Das grauen⸗ volle Bild der Zerſtörung menſchlicher Herrlichkeit und menſchlichen Glückes entrollte ſich vor den Blicken, bis endlich der Kampf der Elemente ſein Höchſtes erreichte, da Erdbeben, tobende Fluth und heulender Sturm ſit den himmelhochauflodernden Flammen im Bunde ie Gemüther betäubten. Da ſprang der Greis, wie mit jugendlicher Kraft auf und rief: Gottes Gerichte brechen über uns her⸗ ein, laſſet uns bekennen unſre Schuld und flehen um Gnade und Vergebung. Und wie von einer unſichtbaren Macht überwäl⸗ tigt, ſtürzten alle, die auf dem Hügel zitternd und bebend ſtanden, auf ihre Kniee nieder und ſchlugen an ihre Bruſt mit dem Rufe: Meine Schuld, meine ganze Schuld! Herr vergib!— Die Nacht kam endlich, nicht aber das Dunkel, welches den Anblick des grauſigen Bildes der Zer⸗ ſtörung hätte dem Auge der Tiefgebeugten verhüllen können, denn die lodernden Flammen beleuchteten es immer auf's Neue mit ihrem ſchauerlich grellen Scheine. Alle Räume in Antonio's Hauſe füllten ſich mit Schutzſuchenden. Seine Lebensmittel reichten hin, ſie zu ſättigen. Nur ein Stübchen hielt er ſich frei für den Greis, für die Gattin Jaime's, ſeine Kinder und — — 115— Juan, den der Marquis wieder erkannt und ohne allen Stolz an ſeine Bruſt gedrückt hatte. Jetzt erſt ſtrömte der Gräfin Herz über von Dankbarkeit. Jetzt erſt er⸗ fuhr der Marquis Alles, was Antonio ihr gethan, ihren Kindern und ihm. Jetzt erſt erzählte Antonio ſeine Lebensgeſchicke und erfuhr die ſeines Oheims, wobei jedoch Jaime's Name nie genannt wurde, bis endlich die Aufregung einer Ermattung wich und alle in die Arme eines Schlafes ſanken, aus dem freilich wilde, entſetzliche Träume ſie oft aufſchreckten, aber auch leiſes Erbeben der Erde, deren krampfhafte Zuckungen noch ziemlich lange fortdauerten. VII. Es gibt Ereigniſſe im Leben der Menſchen, ſagte Herr Weiher, nachdem er längere Zeit ausgeruht hatte, die als Wendepunkte zu betrachten ſind für ihr gei⸗ ſtiges Leben, wie es Wendepunkte in dem leiblichen Leben gibt, wo dasſelbe in eine höhere Stufe ſeiner Entwickelung tritt, oder auch in Krankheit, wo die Macht derſelben von der erwachenden Kraft der Na⸗ tur überwunden wird, und nun eine raſche Geneſung eintritt. Solche Wendepunkte des geiſtigen Lebens, wo der Menſch ein Anderer wird, als er bisher geweſen, führt die Gnade Gottes oft wunderbar herbei und bedient ſich dazu auch ſchwerer Lebensſchickſale, Prüf⸗ ungen und Leiden. Ich könnte, fuhr Herr Weiher fort, vielfache Bei⸗ 8* — 116— ſpiele aus dem Leben bekannter und berühmter Men⸗ ſchen anführen, wenn es meine Erzählung nicht zu weit abführte von ihrem nahen Ziele; kennten wir aber das inwendige Leben der Menſchen genauer, wir würden mit Dank gegen Gott erkennen, wie ein Sterbe⸗ fall in der Familie, eine ſchwere Krankheit, ein plötz⸗ liches Unglück, ein unerwartet eintretendes Ereigniß, eine plötzliche Rettung aus großer Gefahr, ein erſchüt⸗ terndes Naturereigniß— den Menſchen von ſchlim⸗ men zu beſſern Wegen, von der Bahn des Laſters auf die Wege der Gottesfurcht führten; den Leichtſinnigen ernſt; den Hartherzigen ſanft, den Feindſeligen verge⸗ bend und milde machten.— Das nennen dann die armſeligen, blinden, glaubensarmen Menſchen: Zufall — während ſie doch wiſſen ſollten, daß kein Haar von unſerm Haupte fällt, ohne den Willen deſſen, der ſie alle gezählt; wiſſen ſollten, daß der Wille des Herrn die Welt und die Ereigniſſe in ihr lenkt und Alles nur kommet, weil Er es ſo will und dabei unendlich höhere Abſichten hat, als wir, Söhne des Staubes, es faſſen und begreifen können. Könnten wir, wie es der All⸗ wiſſende konnte, in die Herzen der Menſchen, in das ſpätere Leben derjenigen blicken, welche gerettet aus dem furchtbaren Ereigniſſe des Erdbebens hervorgin⸗ gen, welches die reiche, üppige Stadt Liſſabon im Zeit⸗ raume weniger Stunden in ein großes Grab, in einen wüſten Trümmerhaufen verwandelte, welche Aenderun⸗ gen des Sinnes, der Gefühle, der Lebensanſichten und Richtungen, welchen Bekehrungen von der Sünde zu Gott würden wir begegnen! Wohl dem, der ſolcher Strafgerichte nicht bedarf, daß ſeine Seele den Herrn erkenne und fürchte! Wohl —— dem, der in Treue Ihn nie verließ, einer reuevollen Umkehr alſo nicht bedarf! Wohl aber auch dem, der, erſchüttert durch die Schickſale, an ſeine Bruſt ſchlägt und ſpricht: Herr ſei mir Sünder gnädig! Und nun treu Gottes Wege geht! Unter den Vielen, bei denen dieß ſchreckliche Er⸗ eigniß eine gänzliche Umänderung bewirkte, war der alte Oheim Antonio's, der Marquis de Ribera. Ihm waren die Schrecken des Weltgerichts nahe genug an die Seele herangetreten, und ſie hatten ihn wohlthä⸗ tig erſchüttert. Zwar war die Nichtigkeit alles Irdi⸗ ſchen ihm nicht unbekannt geblieben, als des verwor⸗ fenen Jaime gottvergeſſenes Treiben alle die Habe ver⸗ ſchlang, die er geizig gehütet; als ſeine Verbrechen auf ſeinen Namen Schmach gehäuft, auf den er ſo ſtolz war; als ihn das Sckickſal herunterdrückte in tiefe Armuth, die er nie gekannt; aber das Werk der Umänderung eines ſo finſtern und harten Herzens for⸗ derte heftigere Erſchütterungen⸗ Die kamen, als der Boden unter ihm wankte; als das Haus über ihm einſtürzte; als der fallende Balken ihn niederſchlug und betäubte. Sein Erwachen aus der Ohnmacht und Betäubung war ein Erwachen zum neuen Leben. Es war das Eis ſeiner Seele geſchmolsen. Er erkannte in ſeiner und der Angehörigen Rettung die ſchützende Vaterhand Gottes; er ſah im Wiederfinden Antonio's die helfende Liebe Gottes. Alles, was einſt groß und köſtlich war in ſeinen Augen, das war zertrümmert und zu Grunde gegangen und nur die Liebe dieſes verſtoßenen Antonio's, des Sohnes ſeines verſtoßenen, edeln Bruders— die Liebe der Gattin Jaime's und ihrer Kinder, die Liebe eines Menſchen, den er einſt — 118— kaum ſeines Blickes gewuͤrdigt, des trefflichen Juan— war ihm aus dem großen Schiffbruche ſeines Lebens geblieben, und— mehr als dieß Alles— die Gnade Gottes, die ihn retten wollte für ein höheres Leben. Das wirkte wunderbar. Solches Erkennen führte ihn in ſich hinein. Er dachte nach über ſein früheres Leben und die tiefſte Reue kam über ihn. Er fragte nach den Früchten ſeines früheren Lebens— und fand keine! Er dachte an die unverdiente Gnade Gottes in ſeiner Lebensrettung und— wandte ſich zu dem Herrn und in ſein gebeſſertes Herz kam die Liebe und mit ihr erſt das wahre Glück des Lebens. So kam er dahin,* daß er Gott dankte für die Schickſale, die er er⸗ duldet. Von jetzt an war er heiter, ja fröhlich in dem Kreiſe. der edeln Menſchen, die ihn umgaben, ſie liebend und von ihnen geliebt. Antonio durfte nicht von ſeiner Seite. Er mußte ihm erzählen von ſeiner Kindheit und Jugend in Oporto; von ſeinem Vater und ſeiner Mutter; von ſeinem Thun in Liſſabon, das der verworfene Jaime ſo ſchmählich entſtellt und verleumdet hatte; wie es ihm ergangen in Terzeira— kurz den ganzen Lebens⸗ lauf. Thränen ſtanden dann in des alten Mannes Augen. Er drückte Antonio's Hände und rief: Ach, wie muß ich mich anklagen vor Gott! Ich ſtieß in heil⸗ loſer Blindheit die Edeln von mir; verſchloß ihnen mein Herz— und die giftige Schlange nährte ich im eigenen Buſen. Wie hab' ich meine Strafe verdient, und wie viel mehr verdiente ich, als ich empfing. Ich bin nicht werth aller Liebe und Treue, die der Herr an mir gethan hat; nicht werth der Liebe, die ich von 4 Euch empfange! 3 — — 119— In Antonio's Hauſe das bald wieder hergeſtellt war, lebten ſie nun alle zuſammen zufrieden und glück⸗ lich, weil ſie in Liebe verbunden waren. Jaime's hoffnungsvolle Kinder blühten fröhlich auf und zeigten, wie herrliche Anlagen des Geiſtes, ſo auch die edler Herzen, denn alle zuſammen ſtrebten dahin, die Keime des Guten, der Gottesfurcht und Frömmig⸗ keit in ihre Herzen zu pflanzen, weil allein dadurch das wahre Glück des Lebens gewonnen und der wahre Werth des Menſchen beſtimmt wird. So vergingen in einem harmloſen Glücke noch eine Reihe von Jahren. Dann aber nahmen die Kräfte Ribera's ſchnell ab. Achtzig Jahre war er alt gewor⸗ den und doch hatte er erſt in den letzten Jahren ge⸗ lernt, wie glücklich man in dieſer Welt ſein kann, wenn auch der äußre Reichthum fehlt, wenn nur das Leben ein reines, durch Frömmigkeit und gegenſeitige Liebe geheiligtes iſt. Wie innig dankte er Gott für dieſe wenigen Jahre eines rechten Glückes. Sie alle ſegnend, ihnen Allen dankend ſtarb er ſanft, Gott ergeben und voll Glau⸗ ben und Hoffnung auf das durch Chriſtus e Heil. Antonio's Hand ruhte in der Seinen, bis ſie erkaltete; ſein Auge weilte auf ihm, bis es brach. Antonio drückte es ihm zu. Er machte eine rechte Lücke in ihrem engen und ſchönen Kreiſe.⸗ WMeehr denn je erwachte in Antonio die Sehnſucht, nach Terzeira zurück zu kehren; allein die Erziehung der hoffnungsvollen Kinder Jaime's lag ihm zu ſehr am Herzen. Er ſtand darin der Mutter wacker zur Seite, bis ſie einer höhern Lehranſtalt mußten über⸗ — 120— geben werden. Da zog die Mutter mit ihnen und die 5 Stunde war gekommen, wo endlich Antonio Liſſabon mit ſeinem Juan verließ.* cinclich erreichten ſie Terzeira, wo ſie ſich in die Verwaltung der Güter Antonio's theilten. Einträchtig und liebevoll verbunden, wie Brüder, lebten Juan und Antonio, und Wohlthätigkeit gegen unglückliche Mitmenſchen war ihre Freude. Den armen Fiſchern, welche ihnen das Leben ge⸗ rettet, als er mit Juan bei der erſten Reiſe nach Terzira Schiffbruch gelitten, hatte Antonio in frühern Tagen ſchon ein beſſeres Loos bereitet. Einer ihrer Söhne, den Antonio hatte ausbilden laſſen, war der Kapitän des Schiffes, mit welchem ſie jetzt nach den Azoren gefahren waren. Auch ihr Glück hatte wie jedes irdiſche, das Loos des vergänglichen zu tragen. Juan erkrankte und ſtarb in den Armen Antonio's. Leiſe ſagte er in des Ster⸗ benden Ohr: Ich folge Dir bald nach, mein Bruder! Er beſtattete ihn neben ſeiner Gattin und nicht viele Wochen ſpäter ſchloß ſich die Gruft auch über ihm, an der viele Thränen dankbarer Liebe floſſen. Sein noch immer anſehnliches Vermögen erbten Jaime's Gattin und Kinder. Friede mit ihm! Mit dieſen Wor⸗ ten ſchloß Herr Weiher ſeine Erzählung. —— ſ ſ 14 1 5 65 6 7 8 9 10 11 12 13