Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vor Cdnard Ollmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Iesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 WMk.— Pf. — — „3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. . 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 3 der Leſer zum Erſatz des Ganzen veypflichtet. . eet Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. P —— Der Unhbrekanntr. 5 e, ſ. Eduard van der Delsnitz. Leipzis⸗ bei C. 6. Kayſer⸗ 1825. —————————— 2 vh 4 ⸗ „ „ 07 —„ ⸗„ —+—. —— 25 den romantiſchen Thülern des Manharts⸗ berges im Lande unter der Ens, liegt ſtill ab⸗ geſchieden von der Welt ein Servitenkloſter, deſſen Bewohner das mannichfache Weh des Lebens laͤngſt uͤberwunden haben, in frommer Betrachtung zu dem Allheiligen und Allwah⸗ ren in der Höhe gewendet.— Sieg über die Welt und ihre Taͤuſchungen, ſelger Friede in dem Bewußtſeyn ein großes Ziel erteicht zu haben, und einem großeren nahe zu feyn— der Freiheit ſchöne Palmen verklären das ſanfte, von keiner irdiſchen Leidenſchaft geſpannte Antlitz dieſer ehrwuͤrdigen Greiſe. Aber je göttlicher dieſe Serviten leben, um ſo milder und menſchlicher ſie ſind. Aehnlich der reichen und ſchönen Natur, welche das Kloſter um⸗ giebt, öffnen ſie Ohr und Herz allem, was A Menſch heißt, und den Segen des Himmels und der Erde ſpendend, haben ſie Barmher⸗ zigkeit, Troſt und Huͤlfe fuͤr die Leidenden und Trauernden, und haben frohes Mitgefuͤhl fuͤr die Gluͤcklichen und Froͤhlichen. An den Mauern des Freidhofes, welcher der frommen Väter letztes Ziel auf dem Wege zur Heimath einſchließt, zieht ſich ein wohl⸗ unterhaltener, reicher Weinberg, welcher dem Kloſter gehört, und deſſen Bearbeitung die Er⸗ holungöſtunden ſeiner jedesmaligen Beſitzer aus⸗ füllt. Die Zeit der Weinleſe lockt allemal nicht blos Elſtern in die klöſterliche Einſam⸗ keit, ſondern aus Naͤhe und Ferne ſtrömt eine zahlreiche Menſchenmenge, vornehm und ge⸗ ring, aus verſchiedenen Abſichten hier zuſam⸗ men. Dieſe wollen ſich an den ſchönen, hier⸗ her verpflanzten Trauben von Burgund, und daneben an einem reichlichen Mahle ergötzen, welches die Gaſtfreiheit der Väter ſpendet: — jene wollen mehr ſchauen und fuͤhlen, als genießen, und vor allem des Anblicks der ehr⸗ wuͤrdigen Gaſtgeber und ihres heitern, reichen Geſpräches ſich erfreuen. An einem Morgen des Oktobers 1810 kam der Prior Ambroſius aus dem Weinberg in den Kloſterhof mit gar freundlichem Lächeln gegangen. Alsbald verſammelten ſich die Bru⸗ der im großen Kapitelſaale, und Ambroſius trat mitten unter ſie mit ſeiner freundlichen Miene, und ſeine Hand hob eine purpurgeſprenkelte Traube von ſeltener Größe und Schönheit hoch empor. Die Brüder alle lächelten eben ſo freundlich, und der Pater Schaffner fragte? „Soll ich?“—„Ja, mein Bruder!“ entgeg⸗ nete ihm der Prior. Fener gieng hierauf eilig fort, und Am⸗ broſius zu den Bruͤdern gewendet, ſagte mit dem Ausdruck inniger Ruͤhrung, wobei ſeine Haͤnde wie zum Gebet ſich falteten:„So ſchenkt uns denn der Himmel wieder eine Weinleſe auf Erden, da Gottes Sonne Acht⸗ zigmal ſchon die Trauben gefärbt hat, ſeit ich hienieden pilgre. Dank ſey dem Geber alles Gu⸗ ten fuͤr die Gnade, die er dem Unwuͤrdigen verleiht; und moͤchten eben ſo erfreulich alle Fruͤchte im Weinberg des Herrn reifen, wenn wit längſt eingegangen ſind, zu unſtes Hei⸗ 2 lands Freude!“ Er ſprach's und reichte die Traube dem Pater Anton, welcher die Al⸗ moſen des Kloſters an die Bedürftigen aus⸗ zutheilen hatte. Der legte ſie in eine irdene, mit Herbſt⸗ blumen verzierte Schuͤſſel; darunter ein Gold⸗ ſtuͤck. Und jetzt nahm er den Wanderſtab, um das nahliegende Dorf zu beſuchen, um ſeinem älteſten und duͤrftigſten Greiſe als Geſchenk zu uͤberbringen, wäs in jedem Herbſt wiederkehrte, und von dem frommen Sinne der Vätet zum Herkommen geheiligt war. Bald wehete von des Weinberges hoͤch⸗ ſtem Gipfel die weiße Fahne, als Zeichen der weichen Trauben. Der Glocken heller Klang flog in raſchen Zügen durch die Thäler. Es ſammelten ſich zum Dankgebet die Serviten in den feſtlich geſchmuͤckten Hallen der Kirche, und Arbeiter ſtroͤmten in den Weinberg. Die laute Fröhlichkeit der zu Fuß, zu Roß und zu Wa⸗ gen herbeiziehenden Menge brach in die fried⸗ liche Stille der kurz zubor noch einſamen Klo⸗ ſtermauern, bis ſich vor den Pforten der Kirche der Jubel der freudemuthigen Herzen im —————— —27— ——— ———— ———— — — Strom feierlicher Hymnen, auf dem Fluͤgel der Andacht, zu erhob und lauterte. Nach vollbrachtem Hochamt, ſprach der Prior einige Worte der ernſten und ſinnigen Betrachtung zu den Verſammelten. „Froͤhlicher Genuß“— ſagte er—„der ſchoͤnen Gaben, welche unſer himmliſcher Va⸗ ter uns ſchenkt, iſt ein Dank, der ihm ange⸗ nehm iſt: aber er iſt der höchſte nicht.— Freuen ſollen wir uns! Es iſt des Schoͤpfers Gebot an ſeine Kreatur, als er ihr Leben gab und des Lebens Guͤter. Aber dieſe Freude ſoll ſeyn, wie ſie wuͤrdig iſt unſterblicher Gei⸗ ſter, die ihres erhabenen Urſprungs ſich be⸗ wußt. Dieſe Freude ſoll in unſerer Seele die Flammen der reinſten und ſtaͤrkſten Liebe entzunden, auf daß wir unſern Bruͤdern und dem allliebenden Gott nahe ſind. So wird unſte Freude die ächte, reine, beſeligende, welche nimmer vergeht, und dem Himmel wohlgefaͤllig iſt: es iſt die Freude, welche dem Allerhöchſten ein geläutertes, frommes und gläubiges Herz, unſern Mitmenſchen aber in⸗ niges Mitgefuͤhl und wohlthuende Gaben zum Opfer darbringt.— So, meine Geliebten, laſſet uns danken dem Urheber der Welt, dem Geber alles Guten! Es iſt der hochſte Dank, den ſterhliche Menſchen zu bringen ver⸗ mögen.“ Ambroſius hatte geendigt; das Volk drängte ſich zu ihm, ſeinen Segen zu erhal⸗ ten. Und als er die Kirche verließ, um im Sprachzimmer die vernehmen Gaͤſte, welche ſich diesmal eingefunden, zu empfangen,— rauſchte die Menge hinter ihm her, ſich unter die Zelte und Laubhütten zerſtreuend, die auf einem weiten Raſenplatze errichtet waren, und lange reichbeſetzte Tafeln fur das Volk enthielten. Nachdem Ambroſius die Gäſte begrußt, und für deren freundliche Unterhaltung geſorgt hatte, empfahl er ſich auf einen Augenblick der Geſellſchaft, um zu ſehen, ob auch alles in Bereitſchaft ſey, die Bewirthung der Gäſte nach Kräften zu vollbringen. Als er durch einen der Kreuzgänge kam, erblickte er einen jungen Mann in höchſt duͤrftiger Kleidung mit blaſſem, leidensvollen Antliz. An einen ————— ——— * Pfeiler gelehnt, heftete er das kummergetruͤbte Auge ſtill betrachtend auf ein großes Bild, unter welchem die Worte ſtanden:„Pece pater! domus nostra a Gallis destructa.“ Nicht konnte Ambroſius an ihm voruͤber⸗ gehen, denn er ſah, daß der Unbekannte litt. Theilnehmend blieb er vor ihm ſtehen, indem er ſagte: So jung mein lieber Freund, und ſo kummervoll? Was blickt ihr denn auf jene Ruinen, die uns der Feind zuruͤck ließ? Großer und herrlicher iſt ja aus ihnen ein neuer Bau auferſtanden! Ward Euch irgend ein Gut geraubt, irgend eine Hoffnung zer⸗ ſtört— O! ſo habt Ihr ja, lieber junger Freund, einen Troſt und Beiſtand zu erwar⸗ ten, welcher keine Seele verläßt? die Vorſe⸗ huug eines allguͤtigen Gottes! Entdeckt mir Euren Kummer— was ich vermag zu Eurer Huͤlfe, ſoll mit Freuden geſchehen. „Es iſt mir,“ erwiederte der Unbekannte:“ als hörte ich die Stimme eines Menſchen⸗ Ach! Sie zu horen, habe ich faſt verlernt.“ Indem er es ſagte, ſuchte er eine Thraͤne zu verhergen, die in das in mäͤchtiger Bewegung rollende Auge tnt. Dann fuhr er ſeufzend fort:„Was waͤre wohl, mein ehrwürdiger Vater in dieſer Welt anderes zu finden, als Ruinen? Ja! dieſt hohen, weiten Hallen, welche füͤr die Ewigkeit erbaut ſchinen, ſieht der Seher der Zukunft in Frümmern. Ein Wechſel von Vauen und Serſtören— das iſt eigentlich der Inhalt des Lebens. Richt im⸗ mer jedoch läßt ſich das Zerſtörte wieder auf⸗ bauen, gleich dieſem Gotteshauſe.— Die Vorſehung iſt wohl nur ein Sonnenſchirm fuͤr Glückliche! Der unglückiche, welcher den Wetterwolken Preis gegeben, kann ſich damit nicht ſchützen, noch wehren.“ „Wahrlich!“ rief der Prior:„Ihn nůß· tet fehr unglücklich ſeyn. So ſpricht die Ver⸗ zweiflung, und Gott möge ſich Eurer erbar⸗ men! Noch einmal— könnet ihr Vertrauen zu mir haben, ſo ſagt immer, was Eure Sele quält, und glaubt nur ſicherlich: was ich als Wenſch und als Prieſter an Euch thuen kann, das werde ich nicht inte⸗ laſſen. 6 „Dank, Hochwirbiget!“ rief np —— kannte:„Glühenden Dank dieſes gramgefol⸗ terten Herzens für Eure Guͤte! Allein nicht himmliſche noch irdiſche Mittel koͤnnen mein Weh verbannen, und mir helhen w IFhr nicht.“ Der Prior ſah den— Fünging forſchend ant er gewahrte in dem abgezehrten Geſicht ſehr edele Zuͤge, die Spuren von et⸗ was Wuͤrdigem und Hohem.„Es geziemt mir nicht,“ ſagte er, jweiter in Euch zu vngenz ſo hroße Theilnahme Ihr auch ein⸗ floͤßet. Jboch werdet Ihr mir wenigſtens die kleine Bitte nicht verſagen: am heutigen Tage in unſerer Geſellſchaft das Feſtmahl ein⸗ zunehmen, und Euren Gram etwas iu⸗ ſtreuen.“ „Mimmermeht! Obſchon ich ———“ Das rief der Unbekannte und be⸗ wuſtlos ſtuͤrzte et mit zu 555 Pro Fuͤßen. Der Greis„n um Hule. Nen den Ohnmächtigen in die Zelle des Pater Medicus, und es gelang deſſen Bemuͤhung, ihn wieder ins Leben zuruͤck zu rufen. Jetzt 3 2 ——————— — 10— brachte Ambroſius eine ſtärkende Bruͤhe, die dem Entkräfteten eingefloßt wurde; worauf er ſich erholte. Kaum aber fuͤhlte er wieder einige Kraft, als er aufſprang und forteilen wollte. Jedoch der Väter freundlicher Zu⸗ ſpruch hielt ihn zuruͤck; er ſank ſchweigend und vor ſich hin ſtarrend auf das Ruhebette, ohne eine der vielen Fragen zu tmen⸗ man an ihn richtete. Der Prior wurde jetzt zur Geuſchft zu⸗ rich gerufen. Er ging, nachdem er den Kran⸗ ken der ſorgfultigſten Pflege der Bruͤder em⸗ pfohlen hatte, und hrachte den Gedanken an das duſtere Verhaͤngniß, welches auf dieſem Ungluͤcklichen laſtete⸗ zu ſeiner Liſe heiterm S Man ſetzte ſich zur Tafel, an welcher der Sobutiſche Becher, und der geiſtvolle, gut⸗ muͤthige Scherz in die Runde giengen. Der Nachtiſch fand die Lebensgeiſter erhoht, und von allen Seiten die Bemuͤhung: Neues und Intereſſantes aus verſchiedenen Gebieten mit inander auszutauſchen.„Haben Sie ſchon“ begann der Baron von Freienfels, ein be⸗ — 11— nachbarter Landedelmann:„Haben Sie ſchon von der merkwuͤrdigen Erſcheinung gehoͤrt, die neulich in den Ruinen des Schloſſes Rothen⸗ burg Statt gefunden?“— Alles horchte neugierig auf, und der Baron fuhr fort: „Es iſt eine wunberliche Geſchichte, wobei man nicht recht weiß, was davon zu halten ſcy, Bwar kann der Glaube an gewöhnliche Geiſter⸗ und Spukgeſchichten in unſerer Zeit nicht mehr aufkommen; allein was man mit leiblichen Ohren und Augen gehoͤrt und geſe⸗ hen hat, laͤßt ſich doch auch nicht ablehnen. Darum weiß ich nicht, wie man zu dieſem den Schluͤſſel finden will.“ Die Erwartung war auf das hoͤchſte ge⸗ ſpannt, und von allen Seiten rief man dem Baron zu:„von dem Nhſ nicht 8 S ſelhaft zu ſprechen!“— „Sie kennen“ n dieſer ſane exh⸗ lung:„meine Leidenſchaft füͤr das Vergnuͤgen der Jagd; oft führt ſie mich in die entlegen⸗ ſten, unwegſamen Gegenden, die ſelten eines Menſchen Fuß betritt. So kam ich in vo⸗ riger Woche, bei der Verfolgung einer Gemſe, nach dem Felſengrund, wo aus der Höhe die Truͤmmer der Rothenburg in wilde Einſam⸗ keit hinabſehen. Die Gems lockte mich von Klippe zu Klippe, und endlich ſah ich mich, ohne das Wild erreichen zu können, von der Abenddämmerung uͤberraſcht, muͤde und matt bei dem Gemaͤuer des alten Schloſſes, das unter dem Landvolk als Sitz boͤſer— 2 FJahren verrufen iſt.“ „Ausraſtend ſetzte ich mich auf die reighi ſine Mauer des alten Burghofes; aber ein aufziehendes Wetter, das den Regen in Stro⸗ men herabſchickte, nothigte mich, in den Bo⸗ gengängen der Ruinen Schutz zu ſuchen, wie dunkel und unheimlich es dort auch war. Mein Fußtritt widerhallte dumpf und ſchauer⸗ lich in den Gewöolben; ichnſtehe ſtill, und höre noch immer den Schall von Tritten, welche bald naher zu kommen, bald ſich zu entfernen ſcheinen. Nicht lange konnte ich dieſes Geräuſch auf Rechnung eines fortge⸗ ſetzten Wiederhalles meiner Schritte ſtellen; es mußte noch außer mir etwas Lebendiges in dieſen Gewölben hauſen. Nicht wiſſend, weſſen ich mich zu verſehen habe, ſicherte ich mir den Ruͤcken durch die Mauerwand, und hielt mein Gewehr ſchußfertig.“ „Die Schritte kamen naͤher und entfern⸗ ten ſich wieder, ohne daß ich irgend Etwas bemerken konnte. Muͤde dieſes vergeblichen Lauerſtandes, ſchritt ich endlich die Mauer entlang vorwaͤrts, unnd gelangte ſo an eine halb geoͤffnete Thuͤr, durch welche ſchwacher Lichtſchimmer entgegen kam. Ich gehe hin⸗ durch, und ſehe eine verwitterte Stiege vor mir, hinabfuͤhrend zu einem weiten Gewolbe, in deſſen Hintergrund der Lichtſchimmer ſich be⸗ wegte, und eine rieſengroße Geſtalt erkennen ließ, welche in demſelben hin und her wan⸗ delte. Zweifelhaft, ob ich weiter gehen oder umkehren ſolle, ſtand ich einen Augenblick, da kam die Geſtalt auf mich zu. Ich bedachte nun ſchnell, daß es gerathen ſeyn moͤchte, dieſem Weſen, welche Abſicht es auch habe, in Zuverſicht und mit drohender Geberde ent⸗ gegen zu treten.“ „Ich ſprang die Stiege hinunter, und das Gewehr fallend rief ich der Erſcheinung —— mlt lauter Stimme: Wer biſt du, und was iſt deines Amtes hier? Das Echo gab dieſe Worte fürchterlich zuruͤck; da verſchwand der Lichtſchimmer, ich hoͤrte das Geraſſel von Ket⸗ ten, und eine hohle Stimme rief: Wage es kein Sterblicher, den Frieden dieſer Hallen zu ſtören, oder er iſt des Todes. Fremdling, hebe dich fort von hier!— Damit fuhr es mir eiskalt über die Stirn, ein Donnerſchlag erſchuͤtterte das Gewölbe, die Geſtalt war verſchwunden.— Kaum gelang es mir, in der Dunkelheit die Stiege wieder zu finden, und ſehr zufrieden war ich, als ich endlich das Freie gewann.“ „Am folgenden Tage durchſuchte ich mit Windlichtern, in Begleitung meiner Jaͤger, alle Winkel dieſes alten Raubneſtes, doch keine Spur zu finden von jener Erſchei⸗ nung.“ Eben wollte die Geſellſchaft in allerlei Bemerkungen und Urtheilen uͤber dieſe Bege⸗ benheit ſich ergehen, als es plotzlich mit dum⸗ pfer Stimme uͤber die Tafel rief:„Elender Prahler! Das alte Raubneſt ſah andere Großthaten, als Du dort verubt.“ Stau⸗ nen feſſelte alle Zungen; man ſprang auf, um den unbekannten Sprecher zu entdecken, allein vergeblich. Nicht wußte man, woher die Stimme gekommen, und erſchoͤpfte ſich in Muthmaßungen. Der Freiherr aber ſaß bleich und zitternd, mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen ſchweigend da; von neugierigen Blicken betrachtet, in welchen Spott und Mitleid ſich begegneten⸗ Der Prior, als er den feindlichen Geiſt wahrnahm, welcher die heitere Stimmung ſei⸗ ner Gäſte bedrohete, hob die Tafel auf. Man zerſtreute ſich auf Spaziergängen durch die Weinberge. . X Am Abend, als die Fremden fortgezogen waren, und die alte Stille auf den Kloſter⸗ mauern ihr Lager wieder eingenommen hatte, trat Ambroſius in die Zelle des Pater Medi⸗ eus, um nach dem armen Kranken zu ſehen. Aber er fand ihn nicht und der Pater er⸗ — 16— zähltet er ſey ihm plötzlich verſchwunden, und vergeblich habe er ihn überall im Kloſter ge⸗ ſucht.„Sonderbar!“ ſagte der Prior, und begab ſich in ſein Clauſet, um nach den rau⸗ ſchenden Auftritten dieſes Tages, ſich der ſtillen Betrachtung des Unvergaͤnglichen zu uͤberlaſſen. Als um Mitternacht der Schall des ſil⸗ bernen Glöckleins die Väter zur erſten Vigilie berief, ſtand er auf von dem harten Lager, wo er kurzen Schlummer gefunden hatte, um⸗ ſchwebt von den Boten einer andern Welt. Wie er durch die erleüchteten Kreüzgäͤnge nach der Kirche wandelte, ſah er zu großer Ver⸗ wunderung den Unbekannten;— wieder an den Pfeiler gelehnt, wieder auf das Bild hin⸗ ſtarrend. Es erfaßte ihn bei dieſem Anblick ein unheimliches Grauſen; allein er uͤberwand es, und wollte ihn anreden. Aber da ge⸗ dachte er ſeiner Pflicht, und eilte mit 60 Bruͤdern auf das Chor. Als er nun nach vollbrachtem Guttezdienſt wieder an dem Pfeiler voruber gieng, fand er den Unbekannten in derſelben Stellung, worin biſt Du Ungluͤcklicher? Was bannet Dich an dieſe Staͤtte?“ „Du nennſt mich“ ſagte jener mit erſtor⸗ benen Toͤnen:„bei dem rechten Namen. Nicht frage mich, wer ich bin— frage wer ich geweſen!— Frieden ſuch' ich hier.“ Ambroſius neigte ſich uͤber ihn leiſe betend. Dann ſagte er:„Friede wohnt in dieſen Be⸗ hauſungen nur dann, wenn alle irdiſche Ge⸗ walten von uns niedergekämpft wurden, und wir mit dem Göttlichen verſoͤhnet ſind. Huſt Du es, ſo haſt Du Frieden.“ Der Unbekannte ſtöhnte tief; dann gab er ein Zeichen, daß man ihn fortführen möge⸗ Man brachte ihn wieder in Pater Medicus Zelle, wo dieſer mit Ambroſius die Nacht hindurch bei dem Fremdling wachen blieb. Sprach⸗ und ſchlummerlos, jede Erquickung abweiſend, war der Unglückliche in dumpfer Betäubung auf dem Lager hingeſtreckt. Als durch die gothiſchen Fenſter das erſte Morgenroth einbrach, und die verlöſchende B er ihn verlaſſen, ſtarr wie ein ſteinernes Bild. Er blieb vor ihm ſtehen, und ſprach:„Wer —————————— 6— Lampe den letzten matten Schein uͤber den Leidenden warf, bewegte ſich dieſer unruhig auf dem Lager. Nach dem Pulſe forſchend, erfaßte Medieus ſeine Hand; da ließen die Haͤhne des nahgelegenen Dorfes ihren Morgen⸗ ruf vernehmen. Kopfſchuͤttelnd wendete ſich Medicus zum Prior, indem er leiſe flüſterte: „Thut Gott keine Wunder; ſo glaube ich⸗ wohl, daß dieſer arme Pilger keinen Hahn mehr wird kraͤhen hoͤren.“ Bei dieſen Worten richtete ſch der Un⸗ bekannte ohne Anſtrengung auf dem Lager empor, und mit erhobener Stimme rief er: „Willkommene Botſchaft! Eh ich hinuber⸗ gehe, habet Dank, und wiſſet— ich bin der Letzte hier ſank er athemlos zuruck, ohne Zeichen des Lebens. Der Prior und Medicus bſickten einander wehmüthig an. Ein inbruͤnſtiges Gebet zur Hoͤhe ſendeten ſie nun fuͤr das Heil des Ab⸗ geſchiedenen.„Dort oben“ ſprach Ambroſius, „werden alle Räthſel ihm geloͤſet werden, und erfahren werden auch wir einſt, was dieſer wunderbare Fremdling auf Erden geweſen.“ ———— — Am dritten Tage nach jenem Morgen, wo der Unbekannte heimging, kam eine praͤch⸗ tige Equipage vor das Kloſter gefahren. Ein fremder Herr mit Stern und Band lehnte aus dem Wagen, und ließ den Prior bitten, ihm einen Beſuch zu erlauben. Er ward an⸗ genommen und in das Sprachzimmer gefuͤhrt. „Hochwürdiger!“ begann der Fremde ge⸗ gen den ihn begruͤßenden Prior:„ Ich bin der Geheime Rath Graf St, und komme unmittelbar von Wien, um in einer Angele⸗ genheit mit Ihnen zu conferiren, welche dem Allerhoͤchſten Hofe von Wichtigkeit iſt.“ Bei dieſen Worten ſah er im Zimmer rund umher, mit bedeutungsvollem Blicke auf einige viten, welche gegenwaͤrtig waren. Der Prior, hochverwundert uͤber dieſen er gang, erklärte: daß er nicht begreife, wie er in ſeiner Unbedeutenheit und Abgeſchiedenheit von der Welt, das Auge des Herrſchers habe auf ſich ziehen konnenz ſedoch ſey er nach beſſerm Wiſſen und Gewiſſen bereit, auf die Eroffnungen Sr. Excellenz einzugehen, und dem Allerhoͤchſten Befehle nachzukommen.“ S2 ————— —— — 6— Hierauf gab er den Brüdern einen Wink, und dieſe entfernten ſich. „Hochwuͤrdiger, ich habe viel zn ben ſagte der Graf. „Und ich werde antworten, wenn ich kann,“ entgegnete ihm Ambroſius. Der Graf zog eine Briftaſche hervor, breitete verſchiedene Papiere auf dem Tiſch aus, und erbat ſich Schreibzeug. Dann fing er an:„Ich werde Ihnen die hier aufgezeich⸗ neten Fragen vorleſen, und erſuche Sie, Ihre Antworten in möglichſter Kuͤrze und Be⸗ ſtimmtheit abzugeben, damit ich ſie ipsissimis verbis ſogleich niederſchreibe. Frage. Wie lange ſind Sie im Orden, und aus welchen Lebensverhaͤltniſſen traten Sie in denſelben? Antwort. Ich war Freiher des heiligen romiſchen Reiches, welches nicht mehr iſt. Seit einem halben Jahrhundert leb' ich dem Orden, und weiß nichts von der Welt. Frage. Ihr Name, als Sie in n der Welt lebten? Antwort⸗. Aloys von —————— —————— —— (Hier ſuchte der Graf eine heftige Ven gung zu verbergen.) Frage. Haben Sie niemals geliebt? Der Prior ſah den Grafen mit einem Blicke an, in welchem ſich Unwillen und Er⸗ ſtaunen miſchten, der aber bald in ein weh⸗ müthiges Lächeln uͤberging. „Herr Graf!“ ſagte er, Sie ſetzen mich auf ſchwere Proben. Solche Frage dürfte dem Greiſe von achtzig Jahren auf diploma⸗ tiſchem Wege wohl niemals vorgelegt worden ſeyn. Ich weiß nicht, ob der Prieſter zu offenbaren habe, was der Menſch vor einem halben Jahrhundert in ſeinem Buſen fuͤhlte?— was er von unſichtbarer Gnade erfuhr, und zu den Geheimniſſen des Herzens zaͤhlt, die mit in das Grab gehen.“ „Mein Herr Prior,“ rief der Graf mit Heftigkeit, indem er auf ſeinem Stuhl hin und her rückte:„ich bitte zu bedenken, daß ich eben, um der Zartheit des Gegenſtandes zu ſchonen, mich herablaſſe eine Verrichtung zu übernehmen, welche in andern Fallen mei⸗ nen Sektetairen uͤberlaſſen bleibt.— Sie ha⸗ 6 8 3 ben beſonders zu erwägen, daß nicht ich frage, ſondern durch mich des Kaiſers Perſon.“ „Ich fuͤge mich dem Willen eines Höhern in Demuth!“ ſagte der Prior.„Schwer wird es mir, kurz vor dem Uebergange zu einem hoͤheren Leben, vor Jemand, der nicht mit mir gelebt und gelitten hat, die Täuſchungen einer Vergangenheit zu enthuͤllen, die mir laͤngſt abgeſtorben iſt— Wunden wieder auf⸗ zureißen, welche Religion und Zeit lange gichloſſen. Eine Pauſe, in welcher Ambroſius nach Feſſung rang, der Graf aber půhniſc und lauernd auf ihn hinſtarrte. „Leicht, Herr Graf,“— ſo begann er wie⸗ der— möchte es mir ſeyn, Erſfindung ſtatt wirk⸗ licher Begebenheit zu geben; allein in dieſem Hauſe iſt Wahrheit in Worten und Werken aller Geſetze erſtes. Hier iſt meine Antwort: in wenig Worten der ſchwere Inhalt eines ganzen Lebens von Qual und Büßung.— Ich liebte, und ward wieder geliebt mit der gluͤhendſten Flamme eines jugendlichen Ge⸗ — muͤthes. Wollte Gott, dieſe erſte und letzte irdiſche Liebe wäre unſträflich geweſen! Aber ich liebte eines Andern Weib; der Beleidigte ermorderte die unſchuldige Gattin, und ftloh in's Ausland. Da ſuchte ich Ungluͤckſeliger unter fremdem Namen Troſt und Verſohnung mit dem Himmel in der Verborgenheit dieſer Mauern. Ein langer Kampf hat mir Frie⸗ den gegeben, und Hoffnung zu dem Allbarm⸗ herzigen.“ Oft hatte der Graf, während er dieſes nirderſchrieb, den Prior mit einem Anflug von Rührung betrachtet; allein dieſer verlor ſich vald wieder in das bittere Laͤcheln, mit wel⸗ chem er ſich an dem Schmerz deſſelben wei⸗ dete. Jetzt ſtand er auf, ging nachdenkend im Zimmer auf und nieder, dann blieb er vor einem Gemälde ſtehen, das einen jungen Mann im Ordenskleide der Maltheſertitter darſtellte. Er betrachtete es aufmerkſam, waͤhrend ſich Ueberraſchung und Verwunderung in ſeinen Zügen ausdruͤckte. Zum Prior gewendet, ſagte er:„War Ihnen das Original zu die⸗ ſem Bilde bekannt?“ ——— — ——— — 24— —. theuerſte Freund meiner Jugend, welcher längſt nicht mehr iſt. Sein Andenken aber bleibt mir ſtets heilig.“„So!“ ſagte der Graf mit Spannung, und ſetzte ſich, um ſein In⸗ quiſitor⸗Amt weiter fortzufuͤhren. Frage. Wie war der Name des Man⸗ nts, welchen Sie beleidigten, und erfuhren Sie etwas von ſeinem fernern Schickſal? Antwort. Der Freiherr von Rothenburg floh mit ſeinem einzigen Kinde. Seinen Auf⸗ enthalt zu entdecken, hieß ich vergeblich nach⸗ forſchen, und ſo war es mir nicht vergönnt, an dem Sohne zu verguten, was durch mich der Vater verlor.„ Frage. Wo liegt die ermordete Frau von Rothenburg begraben?. (Der Prior legte in ſchmerzlicher Bewe⸗ gung die Hand aufts Herz, und mit krampf⸗ hafter Zuckung ſchlug er das Auge gen Himmel,) Antwort. Die Aſche der Ungluͤcklichen liegt zerſtreut in den Felsſchlunden der Ro⸗ thenburg, wo die Hand ihres Gatten ſie von „Es war“ entgegnete Ambroſius,„der der Hoͤhe hinabſtuͤrzte; ihr Leichnam ward nie Frage. Woher die ſchnelle S des Schuſſo Rothenburg? Antwort. Durch Zeit und enninie und durch gottloſe Menſchen. Rothenburgs Güter wurden nach der Flucht des Freiherrn auf Befehl kaiſerlicher Majeſtat eingezogen, das Schloß aber blieb unbewohnt. Bald ging die Sage, zuweilen ſähe man die Fen⸗ ſter des Schloſſes in wunderbarer Beleuchtung, und an denſelben geiſterhafte Geſtalten. Viel⸗ leicht daß Räuber ihre Zuftucht in den un⸗ tern Gewoͤlben der Burg genommen hatten, und mit allerlei Gaukelſpiel das Volk aͤften, um ungeſtört ihr Weſen zu treiben. Als nun, vor ohngefaͤhr dreißig Jahren, das Schloß zum Sitze des Forſtamts eingerichtet werden ſollte, ſtand es eines Nachts in vollen Flam⸗ men, und liegt ſeitdem in Trümmern. Auch hat man ſeildem von Eiſcheinungen nichts mehr gehört. „Prior,“ rief der Graf:„Das iſt die Wahrheit nicht, die Sie mir zuſagten. Richts — ——— — 26— haben Sie alſo von einer im Schloſſe gehoört?“ Ambroſius war betreten, als er ſich nun jener Erzählung des Baron Freienfels erinnerte.„Wohl hoͤrte ich“ ſagte er,„vor wenigen Tagen ſo etwas, allein ich halte es fuͤr ein Phantaſieſtuͤck, in müßiger Stn npen⸗ „Und die Stmme?“ fragt der Guf pihriſch weiter. „Ich weiß darüber keine gecherſchaft zu geben.“ „Schon gut!“ ſagte der Graf.„Aber nun komme ich an die letzte Frage, die Sie hoffentlich zu beantworten wiſſen. Wer iſt der junge Menſch, der vor einigen Tagen hier im Kloſter aufgenommen wurde? „Dennoch weiß ich es nicht!“ entgegnete der Prior.„Krank empfingen wir ihnz er ſtarb, ehe er ſich zu erkennen gab. Sein Geiſt ſtehet vor dem allwiſſenden Richter, die Huͤlle wird heute dem Schooß der Erde vertraut.“ Der Graf, die Stirn runzelnd, ſagte: „Schlimm, ſehr ſchlimm! Aber hat man denn — 2— bei dem Verſtorbenen keine Papiere gefunden, die uͤber ſeine Perſon irgend einen Aufſchluß geben konnten?“ „Er hat“ entgegnete der Prior;„eine Brieftaſche hinterlaſſen. Was aber dieſe ent⸗ hält, weiß ich nicht zu ſagen; ſie iſt von mir verſiegelt, um Morgen dem Landrichter zuge⸗ ſendet zu werden. Denn mir kam es nicht zu, den Inhalt mit weltlicher NReugierde zu durchſuchen.“ „Die Brieftaſche! die Brieftaſche!“ ſchnie der Graf. Als der Prior zu zogern ſchien, fuhr jener heftig auf, indem er ſagte:„ Sie werden nicht vergeſſen, daß ein kaiſerlicher Ge⸗ heimer Rath naͤheres Recht zu dieſem Nachlaß habe, als der Landrichter.“ Der Prior ging mit ungewiſſen Schritten; dann kam er mit der Brieftaſche zuruͤck, legte ſie in die Haͤnde des Grafen mit der Bitte: ihn zu entſchuldigen, wenn er von Schwäche uͤberwältigt, jetzt in ſeine Clauſur ſich zu⸗ ruckziehe. Ungeſtüm löſte der Graf die Siegel, welche die Brieftaſche verſchloſſen, zog die darin ent⸗ haltenen Papiere alle heraus, und ging mit Eifer an das Leſen derſelben: allein er fand nichts, was ihm des ehemaligen Beſitzers Na⸗ men und politiſche Verhältniſſe offenbart hatte. Alle jene Schriften waren„Bemerkungen auf einer Reiſe durch Deutſchland“ und einige Gedichte voll tiefen, elegiſchen Ge⸗ fuͤhls, die der Graf k wieder zu⸗ 3 ruͤckſchob. Schon wollte er die Brieftaſche ſonegn als ihm ein Seitenbehaltniß in's Auge fiel, wel⸗ ches er vorhin nicht bemerkte. Daſſelbe oͤffnend, kam ihm eine ſchmale goldene Kapſel entgegen. „Vielleicht hier einige Spur!“ rief er, und die Kapfel ſprang auf, und er war getäuſcht. Nichts weiter, als eine blonde Haarlocke mit einer Roſaſchleife war hier zu ſinden.„Und ſollte“ rief der Graf,„dieſes Geheimniß mit. eiſernen Ketten an die Hölle geſchloſſen ſeyn, ſo muß ich es doch herauf beſchwören!“ Noch einmal begann er die Durchſuchung der Papiere mit größerer Sorgfalt. Jetzt ſiel — —————— ihm ein mit Bleiſtift beſchriebenes Blatt in die Hand, daß er noch nicht geleſen hatte— auch dieſes befriedigte nicht und ward fortge⸗ worfen. Da aber in demſelben mehrere Ge⸗ danken und Gefühle ausgeſprochen ſind, welche als Zeugen von dem Geiſte des Unbekannten und ſeiner Weltanſchauung zu betrachten ſindz ſo wollen wir Etwas daraus hier mittheilen⸗ Aus den Papieren des Unbekannten⸗ Fuͤr die Liebe giebt es keine Alpen, kei⸗ nen Ocean und keine Zeit. Die unendliche Ferne wird ihr zur ewigen Nahe, die Jah⸗ reszeiten zum ewigen Frühling, das Alter zur Jugend⸗ Freundlos bin ich uͤber die Erde gegan⸗ gen; der Jugend war ich zu alt, dem Alter zu jung. Da habe ich geſtrebt, mein eigener Freund zu werden.— Ach! Es hat mir manchen ſchweren Kampf und blutige Thraͤ⸗ nen gekoſtet. Was hat mir der Sieg geg⸗ ben? Eine traurige Philoſophie und Selbſt⸗ kenntniß, die ich gern mit Thorheit vertau⸗ —— ſchen moͤchte, koͤnnte ich nur einmal einen Menſchen als Bruder an mein Herz drücken. Berlin und Wien mit allen ihren geprie⸗ ſenen Freuden haben mich gar nicht uberzeugt, daß Leben beſſer ſey, denn Sterben. Vielleicht verſtehe ich das erſtere nicht, aber ich glaube das letztere.— Habe ich noch immer Muth zu leben, ſo weiß ich doch, daß es thöricht iſt, ohne Hoffnung unter der Laſt des Kum⸗ mers zu leiden. Daß man ſo oft uͤber den Religionen und ihren Formen, die Religion und ihren Geiſt ver⸗ gißt; uͤber dem Staatsbuͤrger den Menſchen! Chriſten fand ich chen ſo ſelten, als Men⸗ ſchen. Statt ihrer: Larven von Katholiken, Lutheranern, Herrnhuthern,— Präſidenten, Grafen, Barone, Hofräthe und Geſindel. Noch giebt es keine Geſchichte der Menſch⸗ heit, und in dieſem Jahrhundert wird ſie nicht geſchrieben. Das ſelbſtbeſtimmende Prin⸗ eip in den Erſcheinungen der moraliſchen Welt iſt noch nicht feſt genug, und die Natur iſt noch nicht unterjocht, wie auch unſete Philoſophen ſich geberden mögen.— So lange es nicht dahin ——— — gekommen iſt, daß die Welt ein Abdruck un⸗ ſeres Willens iſt, ſo lange haben wir keine Geſchichte, welche in ihrem Spiegel die Strah⸗ len menſchlicher Vernunftgröße, im klaren ein⸗ fachen Lichte wachſend, von Jahrhundert zu Jahrhundert zuruͤckwirft. Deutſchlands Dichtergeiſt iſt untergegan⸗ gen wie ſein Rittergeiſt. Wie die Ruinen unſrer alten Burgen auf einſamer Höhe, er⸗ ſcheinen auch die Werke großer Dichter des Vaterlandes: beide an ein großartiges, kräf⸗ tiges Leben erinnernd, welches voruͤberging. Die beſſern deutſchen Frauen ſind die Ein⸗ zigen noch, welche Deutſch ſind— Huͤterin⸗ nen des wahrhaft Edelen und Schönen im eigenthuͤmlichen Geiſte der Nation.— Alles andere iſt ein Borgen und Flicken aus allen Völkern und Zeitaltern, das ſehr ſchlecht die eigne Armuth verbirgt. Dieſe Zeit iſt wie ein Strom, der nie ſeiner Muͤndung wieder zurückkehren will, ſich in verworrenen Kreiſen ſchlaͤngelt, und uͤber leichte Kieſel brauſet und ziſcht, als wären es die mächtigen Felſen, die er in ſeiner Ju⸗ — — 32— gendfülle zu durchbrechen hatte.— Man ſagt, das erhoͤhte Selbſtbewußtſeyn, welches durch die neue Zeit gehe, ſey der große Markſtein zwiſchen ihr und der alten Barba⸗ rei.— Wollte Gott, die Barbarei bräche nicht ein durch dieſe winzige Grenzſcheidung! Die Barbaren hatten Gemuͤth, wir ſprechen davon. Dieſe Zeit läßt uns den cite Pol der alten guten Zeit ſehen: die Jugend hat Liebe und Poeſie mit Politik vertauſcht, und nur das Alter iſt jung.— Alles wird in Begriffe zerſpalten, und das Lehen und ſein Genuß als etwas Fertiges antizipirt. Leben will der Geiſt, ehe er noch geboren, und die Welt iſt eine große Rechenmaſchine. Welche kuͤnſtliche Menſchen wir geworden findz ſo fern von der Ungeſchminktheit ur⸗ ſprünglicher Natur, vom Reinmenſchlichen. Un⸗ ſre Bildung ſorgt dafuͤr, daß die Taille des Geiſtes in ihrer Schnuͤrbruſt recht fein und ſchmächtig erſcheine, und daß dieſer Geiſt uni⸗ formirt in Gliedern marſchire.— Wehe dem Erdenſohn, der ſich heute einfallen läßt, — 33— einſam zu erſcheinen und ſtark aufzutreten, wie ſeine Natur gebietet. Bald wird er hier eine Modenpuppe, dort ein Kartenhaus oder Potpourri umſtoßen. Dann wird man ihm ſeine Spaziergänge gar ſehr verbittern, und er wird ſich nach den blauen Bergen ſehnen. — Der Graf war ſehr unmuthig.„Herr Prior!“ rief er,„Ich glaube, Sie wiſſen mehr, als Sie mitzutheilen fuͤr gut finden. Dieſe Moͤnche ſind ein liſtiges, tuͤckiſches Ge⸗ zuͤcht; aber zeigen wollen wir ihnen, daß ſie mit keinem Schuͤler zu thun haben, der ſich leiten läßt am Gäͤngelbande Ihrer Froͤmmig⸗ keitsworte und Evangelienmienen. Mit dieſen Worten trat er vor das Bin des Maltheſers, betrachtete es lange mit ei⸗ nem Laͤcheln des Hohns. Dann ſprach er: „Guter Freund, Du haſt dem Leben Valet geſagt, und haſt ſehr wohl daran gethan! Denn durch mich ſollte die Welt Dir gar enge gemacht werden. Warum mußteſt Du, C —— . —— — 34— Armſeliger, mir entgegentreten in Deinem tollen Wahn? Meine Vahn ging uͤber Dich weg— Du biſt vernichtet. Waͤre es moglich, riefe ich einen Augenblick Dich in's Leben zuruck, um Dir meinen Triumph zu zeigen, und mit Deiner Ohnmacht Höllengefuͤhl zum zweiten⸗ mal Dich zu zerſchmettern.“ Jetzt erklang der Sterbeglocken Geläut lang⸗ ſam und ſchwermuͤthig durch das Kloſter. Der Graf trat ins Fenſter und rief hinaus:„Jac- ques! Ich laſſe befehlen, daß man den Tod⸗ ten nicht eher beerdigt, als bis ich erſcheine und ihn geſehen habe.“ Das Zeichen der Erloͤſung vor ſich her⸗ tragend, gingen die Serviten im ſtillen, fried⸗ lichen Zuge uͤber den Kloſterhof nach der Tod⸗ ten⸗Capelle, um den ausgelittenen Fremdling einzuſegnen und, mit Gebeten fuͤr das Heil der unſterblichen Seele, den Staub dem Staube zu übergeben.— Da erſchien des Grafen Kammerdiener mit ſeiner Botſchaft; und die Väter, gehorchend, hielten mit dem Zuge ſtill und ſetzten ſich rings auf die be⸗ mooßten Graber ihrer Bruͤder, um auszura⸗ ſten von der Ermuͤdung, womit ihr Greiſes⸗ alter ſie beſchlich. Wunderbares begab ſich unterdeß in der verſchloſſenen Todten⸗Capelle, welche im Schatten alter Linden, von Blumenbeeten rings umgeben, in des Freidhofes Mitte ſtand⸗ — Im duͤſteren Scheine der Ampel, welche auf eine Reihe von Särgen niederſah, richtete ſich aus einem derſelben eine in weiße Tuͤcher gehullte Geſtalt empor.„Bin ich, oder bin ich nicht?“ ſtohnte eine aus beaͤngſtigter Bruſt hervorgepreßte Stimme. Der Auferſtehende blickte auf ſein Ge⸗ wand, dann auf die finſtern Umgebungen, mit einer Bewegung des Entſetzens. Die Stimme ſprach weiter:„Ha! So iſt denn auch die letzte Ruhe mir nicht vergonnt? Soll ich wie⸗ der in's Leben, wenn ich nicht will?— All⸗ barmherziger! Wenn Du keine Fabel biſt, ende meine Leiden; oder verzeihe, wenn Dein Ge⸗ ſchoͤpf Dir und allem Erſchaffenen flucht!“ Die Leichentuͤcher hinter ſich her ziehend, C 2 wälzte ſich der Vetzweifelnde aus dem Sarge auf den Boden, wo er leiſe ächzend einige Augenblicke liegen blieb. Dann richtete er ſich auf, und ſprang in wilder Haſt an ein Gitterfenſter, durch welches ihm die Serviten ſichtbar wurden, wie ſie, die ſilbergelockten Haͤupter in die hohle Hand ſtutzend, mit ern⸗ ſten Blicken nach der Capelle ſchauten. „Ach!“ ſagte er,„die wollen mich be⸗ graben!— Ungluͤcklicher— dieſer geweihte Boden darf dir nicht zu Theil werden.— Himmel und Erde verſtoßen mich! Ich bin ein Schatten, der durch das öde Reich des Nichts raſtlos umher geworfen wird.“ Jetzt kam mit ſchnellem Schritte der Graf gegangen, und die Serviten erhoben ſich. Da fuhr der Unbekannte entſetzt vom Fenſter zu⸗ ruͤck.„Verfolgt mich“ ſo rief er, indem ſeine Hände ſich krampfhaft ballten:„Ver⸗ folgt mich dieſes Ungeheuer bis an die Pfor⸗ ten des Todes? Himmel, wir ſind quitt— keine Vorſehung! Keine Vorſehung!“ Mit dieſem Ausruf eilte er dem verlaſſe⸗ nen Sarge zu, und warf ſich hinein„ das —— Geſicht mit den Tuͤchern verhullend.— Die Riegel der Pforte ſprangen zuruͤck, ſie fuhr raſſelnd auf. In Begleitung des Pater Me⸗ dicus traten mehrere Kloſterleute ein, die den Sarg empor hoben, und auf den Freidhof hinaustrugen, wo der Graf ſeiner wartete.“ Auf des Grafen Geheiß wurden die ver⸗ huͤllenden Tuͤcher fortgezogen, und er neigte ſich uber den Sarg, die Zuge ſeines Inhabers aufmerkſam pruͤfend.„Sicherlich“— ſogte er leiſe vor ſich hin:„Sicherlich, er iſt's! Oder vielmehr, er war es.— Ich bin zu⸗ frieden!“ rief er gegen die Geiſtlichen gewen⸗ det, und winkte, den Sarg zu ſchließen. In dieſem Augenblick aber gingen die ab⸗ geſpannten Zuͤge des vermeinten Todten zu dem Ausdrucke wilder Wuth uͤber. Das in Wahnſinn rollende Auge aufſchlagend, fuhr er mit lautem Hohnlachen empor, ſtuͤrzte auf den Grafen zu, mit dem Ausruf:„Was verfolgſt du mich?“ Laut ſchreiend ſprang der Entſetze znrück unter die in ſtummen Er⸗ ſtaunen hinſtarrende Verſammlung.— Sich erholend, rief er:„Im Namen des Kaiſers! — 38— Man ergreife dieſen Böſewicht.* Niemand regte ſich, ausgenommen Jacques, des Grafen Kammerdiener; dreiſt ging er auf den Erſtan⸗ denen los, um ihn anzugreifen. Aber dieſer, von uͤbernaturlicher Kraft belebt, warf jenen zur Erde, und floh unverfolgt eilenden Laufes uͤber den Kirchhof dem freien Felde zu. Ver⸗ gebens befahl der Graf, dem Fluchtlinge nach⸗ zuſetzen, und bald war er dem Auge ent⸗ ſchwunden. Da ſchrie er:„Jacques! Spanne ein Pferd vom Wagen, und ſuche ihn einzu⸗ holen!— Bringſt Du ihn— ſo rief er dem Fortſprengenden nach— todt oder lebendig zuruck, ſo ſind hundert Dukaten Dein.“ Der Graf begab ſich nach dem Kloſter zuruͤck, in einer beſchämenden Verwirrung, die er nicht zu bergen vermochte; zugleich aber mit einem finſtern Grimm„der in den Mus⸗ keln des ausgetrockneten Geſichts arbeitete, das den Wahlplatz mancher Leidenſchaft dar⸗ bot.— Hier ließ er den Prior, welcher krank in ſeiner Clauſur zuruͤck geblieben war, zu ſich entbieten. Am Stabe geſtuͤtzt, kam der gebeugte — 9— Greis hingewankt, und vernahm, was ſich zu⸗ getragen.„Hochwuͤrdiger Prior!“ ſagte der Graf mit bitterm Lächeln:„Sie haben be⸗ liebt Comödie mit mir zu ſpielen. Allein ich ſtehe nicht dafuͤr, ob dieſe nicht zum Trauer⸗ ſpiel ſich verwandlen werde.“ 3½ „Herr Graf,“ entgegnete Ambroſius, in⸗ dem er ſich mit Wuͤrde empor hob, und ihn feſten Blickes anſchaute:„ Meine Seele ge⸗ hört Gott! Das Uebrige bekuͤmmert mich nicht.“ Jetzt kam Jacques mit der Nachricht: daß er die Spur des Fluͤchtlings gefunden, und beinah ihn ereilt habe, als er plotzlich in den Felsgründen der Rothenburg ihm ver⸗ ſchwunden ſey „Ich erſuche Sie Herr Prior“ ſagte der Graf:„mir einen Fuͤhrer beizugeben, der jener Felsgründe wohl kundig iſt. Ich ſelbſt will die Ruinen durchſuchen, und hoffe des gefährlichen Menſchen habhaft zu werden.— Jacques! Wir ſind, glaube ich, mit Piſtolen verſchen?“— Dieſer bejahte e. „Mein Herr Graf,“ ſprach Ambroſius, „Ihr Wille geſchehe! Nur muß ich geſtehen, ₰—— daß die Gefahr, welcher Sie ſich beim Be⸗ ſuch der Ruinen ausſetzen, mir groͤßer zu ſeyn dunkt, als die Wichtigkeit, welche Sie auf die Perſon jenes Unbekannten legen.“ „Ha! Ha!“ rief jener, indem er dem Prior auf die Schulter klopfte:„Sprechen Sie aus dieſem Done? Fuͤrchten Sie nichts fuͤr mich, heiliger Mann! Ich will nach den Ruinen.“ Da gab der Prior Befehl, daß der Klo⸗ ſtervogt den Grafen geleiten ſolle, und dieſer verließ das Kloſter, mit der Ankündigung: in wenig Stunden wiederzukehren. Der Graf befahl raſch zu fahren, und bald kundigte ihm Jacques an, daß die Ro⸗ thenburg ſich zeige. Der Graf lehnte aus dem Kutſchenſchlagz da erblickte er ein finſte⸗ res Gemaͤuer, das uͤber waldbewachſenen Ber⸗ gen, in anſehnlicher Höhe einen Kreis von Felsſchluchten beherrſchte„ aus welchen das Rauſchen eines Wildbaches hinaufdrang. Jetzt hielt der Wagen an der Seite des —— Berghanges, welcher den einzig möglichen Zu⸗ gang nach den Ruinen erlaubte.— Den Kloſtervogt vor ſich, Jacques im Ruͤcken, mit Degen und Schießgewehr, begann der Graf die Höhe hinanzuklimmen. Als er ziemlich erſchoͤpft den Gipfel erreichte, und ſich von verwitterten Steinmaſſen umringt ſah, ſprach er zu Jacques:„Der Schwarzrock wollte mir bange machen vor dieſer Reiſe. Aber das ſind ja Kindermaͤhrchen dieſe Gefäͤhrlich⸗ keiten hier! Nicht wahr Jacques?“ Dieſer zuckte die Achſeln.— Nun befahl der Graf die Windfackeln anzuzuͤndenz unter dem Vor⸗ tritt des Kloſtervogts ſtieg man in die Ruinen. Vom Lichtſchimmer geſcheucht, flatterten Doh⸗ len und Uhus auf, umſchwirrten die Häup⸗ ter der Ankommlinge mit lautem Gekraͤchz. Der Vogt fuͤhrte den Grafen durch mehrere Säle, deren gothiſche Wölbung, den Einſturz drohend, modernde Feuchtigkeit auf den Boden herabtröpfelte. Die Wände entlang wucherte Moos und Schimmel, an welchem hie und da aufgeſchreckte Lacerten herabſchoſſen, ſich in Spalten der Mauer verbergend.— Der — 42— Graf, der mit gezogenem Degen die forſchen⸗ den Blicke nach allen Seiten umher warf, entdeckte hier nichts, was ihm auffiel. Man trat jetzt auf eine Baſton, welche nach den Felsgruͤnden hinabging. Ueber dem hohen Portal war hier, in Stein gehauen, ein Wappenſchild zu ſehen, welches drei Perlen fuͤhrte; daruͤber die Freiherrnkrone mit zwei Adlerfluͤgeln. Einen grimmigen Blick warf der Graf auf das Wappen, indem er vor ſich hin murmelte:„Nicht lange mehr ſollſt du hier prangen! Bald laß ich dich in den Ab⸗ grund hinunter ſtuͤrzen.“ Man kam hierauf an eine Wendelſtiege, deren Stufen zum Theil uͤberſprungen werden mußten, weil ſie vom Zahn der Zeit abgeloſt waren. Sie fuͤhrte zu einem weiten Gewoͤlbe, in deſſen Moderluft die Fackeln ſchädlich und duͤſter brannten, während auch die Flamme des Muthes in dem Grafen allgemach zu verloͤſchen begann, als man aus der Ferne einiges Geraͤuſch zu hoͤren glaubte. Als nun der Vogt uͤber etwas, das im Wege lag, ſtolperte, und der Schein der Fackeln das — 43— Gerippe eines Menſchen erkennen ließ: da wäre der Graf wohl gern umgekehrt; aber er furchtete den Hohn des Vogts, welcher un⸗ erſchocken vorwaͤrts ging. Durch mancherlei Windungen des ſchauer⸗ lich dunkeln Gewölbes, gelangte man an eine eiſerne Thuͤr, die ohne Widerſtand ſich offnete. Der Graf blieb zögernd an der Schwelle, als aus dem Hintergrund des Ge⸗ maches, welches jetzt ſich aufthat, ein leiſes Aechzen hörbar wurde. Da rief der Vogt ihm zu:„Gnädiger Herr, hier muß etwas zu finden ſeyn, oder nirgends!“ Sich ermu⸗ thigend, ſagte der Graf:„Vogt, Ihr ſeyd ein wackerer Mann! Immer vorwärts, Du Jacques aber, bewachſt die Thuͤr!“ Sie hatten des Gemaches Ende micht ohne etwas zu entdecken. Der Vogt ſchwenkte nun ab, um die Seitenwinkel zu beleuchten; der Graf aber trat an einen Pfeiler, um von hier den Weg des Vogts zu überſehen. Da ſchrie er plotzlich:„Huͤlfe Vogt— ich ſinke!“ — Beſtuͤrzt kehrte jener um, Jacques eilte zitternd herbei, und von allen Seiten beleuch⸗ tete man vorſi e6 die n des Pfeilers; aber von dem Grafen keine Spur zu ſinden. „Hier iſt“ ſprach der Vogt,„ keine an⸗ dere Moͤglichkeit, als daß der Graf mit einer Fallthure herabgeſunken iſt. Habt Ihr Muth Kamerad, ſo treten wir zum Pfeiler hin, und ſinken mit herab.“—„Um Gotteswillen nicht!“ ſn⸗ Ich habe Frau und Kinder.“ „„Ich auch!“ entgegnete der Vogt.„Aber es iſt meine Pflicht, den nicht zu verlaſſen, der ſich meiner Führung vertraute; obſchon Eutr Herr ein gar ſchlimmer Kunde ſcheint.— Aun wollt Ihr mit; oder nicht?“ Ich bitt Euch Vrgt, laßt uns zurüc⸗ Wer ſich muthwillig in Gefahr be⸗ gieht, dem geſchiehet Recht, wenn er darin umkommt.“ 1 Nimmermehr, guter Frund!“ ſrch der Vogt.„Gebt mir Eure Piſtoſen, und nehmt hier die Fackel;— nun machet, daß Ihr fortkommt!“ Mit dieſen Worten trat er an den Pfeiler und war verſchwunden. In tauſend Aengſten ſuchte Jacques den ——— Ruͤckweg; doch als er ihn gefunden, konnte er nirgends den Graͤflichen Wagen entdecken. Mit ſeiner Schreckensgeſchichte erſchien athemlos an den Pforten des Kloſters, bange Sorge und eifrige Berathun* in. aufrufend. Auf dem Schloſſe Freienfels ſaß, kuͤrzlich von der Jagd heimgekehrt, der alke Baron im Lehnſtuhl vor der lodernden Flamme des Ka⸗ mins, in Schlafrock und Pantoſfeln. Er uͤberließ ſich dem Schlummer, womit Ermũ⸗ dung von ſeinen Streifzugen durch die Wälder ihn heimſuchte; mit ihm der zu ſeinen Fuͤßen ausgeſtreckte Wachtelhund.— Zur Seite des Barons, an einem kleinen Marmortiſche, re⸗ gierte die zweite Hand des Fräuleins Eliſa⸗ veth, ſeiner einzigen Tochter, gar aͤmſig den Strickſtrumpf. Ihr ſeelenvolles, blaues Auge flog dabei uͤber die Blaͤtter eines vor ihr auf⸗ geſchlagenen Buches; nicht ohne Gefahr, die reichen blonden Locken des hinuͤbergeneigten Haupts an den Flammen 8 Kerze zu ent⸗ zuͤnden. Jetzt tönte von der Wanduhr die ſiebente Abendſtunde. Da erhob ſich das Fräulein. hinlegend, machte ſie ein Buch, ſah lächelnd nach dem ter, und verließ das Zim⸗ Zeit kehrte ſie zuruͤck; ein rundes Ziſchchen mit Schleſiſchem Damaſt deckend, ſchob ſie es leiſe vor den Vater hin. Darauf trat mit vorſichtigem Schritte ein Diener in das Zimmer; der trug eine ſilberne Schuͤſſel, überreichte ſie dem Fräulein, und ging.— Es war die vom Freiherrn jeden Abend genoſſene Jagdſuppe, durch Eliſabeth ſelbſt bereitet, und ward von ihr auf das Tiſchchen geſtellt. Der Baron erwachte. Wie der Dampf der Schuͤſſel ihm entgegenſtieg, ſah er ſehr freundlich auf die holde Tochter.„Du biſt doch mein liebes Kind!“ ſagte er zaͤrtlich, und kuͤßte die mit weichen Armen ihn ſanft Um⸗ ſchlingende. „Vater,“ ſagte Eliſabeth,„ich bin froh, —— daß Du zu Hauſe biſt? Welch rauhes Wet⸗ ter draußen tobt! Sturm jagt Regenwolken durch die kalte Nacht, und einen ganzen Blu⸗ menflor hat er mir vom Altan hinunter geſtürzt.“ „Meine Tochter!“ ſprach der Freiherr: „Wollte der Himmel, jeder Sturm brächte der Erde nicht mehr Unheil, als daß er ein paar Blumentoͤpfe zerſchlaͤgt.“ „Wahrlich,“ ſagte Eliſabeth,„ich fuͤrchte mich vor dem langen Winter. Ach, koͤnnte es doch immer Fruͤhling ſeyn!“ „Was wuͤrde denn“ entgegnete lachend der Baron:„ aus meiner Jagd werden? und aus dem ſchoͤnen Weizen, den ich nach Wien ſchicke? Ihr Maͤdchen wuͤnſcht immer in's Blaue hinein, und ärgert Euch, das Schnee⸗ flocken keine Schmetterlinge ſind.“— Da⸗ mit ſchickte er ſich an, die Suppe zu ver⸗ zehren. 8 Bald darauf war er ſchlafend wieder in den Lehnſtuhl zurück geſunken, und Eliſabeth hatte ſich in ihr Buch vertieft; da pochte es an die Thuͤr. Ueberraſcht ſtand das Fräulein auf, nicht wiſſend, ob das„Herein“ uͤher — 48— ihre Lippen kommen duͤrfe. Aber ſchon öffnet ſich die Thuͤr und hinein trat eine hohe, im Reiſemantel verhuͤllte Geſtalt. Eine hohle Stimme ſprach:„Der verirrte, von Wind und Wetter hart bedraͤngte, Wanderer flehet um Obdach und Imbiß.“ Eliſabeth ſtaunte den Fremden an, da fuhr dieſer in veränder⸗ tem Tone fort:„ Auch wird gebeten um ein freundliches Geſicht nebſt einem Kuß.“ „Linden!“ rief das Fraͤulein:„Linden, wo kommen Sie her?“ „Aus dem Fegfeuer gerade zu in's Pr⸗ radies!“ rief dieſer fröhlich„warf den Man⸗ tel ab, und vor Eliſabeth auf ein Knie ſich niederlaſſend, bedeckte er ihre Hand mit Kuͤſſen. „Vetter,“ ſagte Eliſabeth drohend, indem ſie dem Ungeſtuͤmen ſich entwand:„Sie ver⸗ geſſen Ihr Geluͤbde!“ „Ich vergeſſe“ entgegnete ſchmeichelnd der Juͤngling:„der kuͤnftigen Seligkeit, wenn ich Couſine Eliſabeth erblicke. Das Geluͤbde aller Gelubde heißt: der Schonheit zu huldi⸗ gen, wo ſie ſich zeigt.“ Dabei ſah er fin⸗ ſter auf das Maltheſerkreuz, das an ſeiner Bruſt ſtrahlte. Von dem Geräuſch erweckt ſah der Baron voll Erſtaunen auf den Mann hin, der ſich vor ſeiner Tochter niedergelaſſen hatte. Da ſprang dieſer auf und warf ſich dem Schloß⸗ herrn in die Arme.„Guten Abend, mon neveu!“ ſagte der Baron.„Erdruͤcke mich nur nicht. Was haſt Du denn wieder mit Eliſabeth— habt wohl eine Stene aus Don Carlos probirt?“ „Onkel,“ ſagte gnen ablertend:„ich habe auf dem Hochforſt einen kapitalen Damm⸗ hirſch geſchoſſen.“ „Wie haben der Sit Ritter ſch u unter⸗ fangen koͤnnen, auf dem Hochforſt, welcher meinem Jagdbann angehoͤrt, zu proſchen?“ „Mein Vater“ fiel Eliſabeth ein:„Lin⸗ den muß beſtlaft werden: ich trage ernſthaft darauf an. Denn uͤbermuͤthig frevelt er wi⸗ der alles Geſetz⸗“ „Grauſames Fraͤulein!“ ſeufzte Linden. „Dies der Ritterdank fuͤr ſtandhafte, treue Minne zu der Dame, deren Farbe ich trage, D — 50— deren Bild in mein Herz verſchloſſen iſt.“ Mit dieſen Worten zeigte er auf die Roſa⸗ ſchaͤrpe, welche Cliſabeths ſchlanken Wuchs umſing, und zog eine ſeidene Schleife von gleicher Farbe hervor.„Hier iſt“ fuhr er fort,„mein Amulet, das mich ſicher in den Kampf mit Heiden und Tuͤrken hineinfüͤhren ſoll. Falle ich „Mon neveu!“ unterbrach ihn der Frei⸗ herr:„Noch immer kannſt du nicht die Soli⸗ dité erlangen, welche ich in Deinen Jahren beſaß. Wäre nicht das Kreuz dort auf Dei⸗ ner Bruſt, ſo moͤcht' ich wohl verſuchen, ob nicht ein Hauskreuz Dich weiſer machen könne.“ Eliſabeth ſchlug errothend das Auge nie⸗ der, der Ritter aber ſah den Schloßherrn mit einem fragenden Blicke an, aus welchem leb⸗ haftes Feuer blitzte. „Uebrigens Forſtfrevler“L fuhr der Baron fort:„ſoll Deine Strafe noch ziemlich gnädig ausfallen: Du bleibſt wenigſtens Acht Tage bei mir, um einer großen wilden Schweins⸗ jagd beizuwohnen, auf welcher ich Deine —— Weidmannskuͤnſte pruͤfen will. Zugleich ſollſt Du mit mir den Tokaier⸗Ausbruch verſuchen, der geſtern aus Wien einpaſſirt iſt.“ „Ich danke fuͤr die gnädige Strafe!“ rief Linden froͤhlich, und ſah laͤchelnd auf Darauf ſchellte der Baron mit dem ſilber⸗ nen Gloͤckchen, das vor ihm ſtand, und als⸗ bald erſchien ein Diener, welcher Befehl em⸗ pfing, den Ungariſchen Nektar hinauf zu holen. „Sage mir doch Linden,“ begann der Baron, als er die Roͤmer fuͤllte:„Auf welche Weiſe biſt Du denn hier angrkommen; zu Roß, zu Wagen oder zu Fuß? Und wo kommſt Du denn eigentlich her?“ Linden ſchien verlegen um eine Antwort. Dann ſagte er:„Lieber Oheim, Sie werden mich ausla⸗ chen, wenn Sie mein Abentheuer hören.— Ich war heute von der Jagd etwas fruhzeitig nach Lindenhorſt zuruͤckgekehrt, und fand große Geſellſchaft. Hier verfo'gte mich wieder die⸗ ſelbe Unruhe, welche mich ſchon den ganzen Tag durch Haide und Moor getrieben. Mich heimlich fortſtehlend ließ ich meinen Rennet 5 D 2 ſatteln, und ſprengte in Sturm und 6 auf dem wohlbekannten Pfade hin, der mir der liebſte im ganzen Gau iſt, weil er zu dem freundlichen Schloſſe meines lieben Oheims fuͤhrt. „Von Herzen verbunden, mon neveu!“ ſagte der Freiherr. „Als ich“ fuhr der Ritter fort:„an den Felsgründen der Rothenburg vorbei komme, ſehe ich zur Seite einen Lichtſchimmer, der ſich mir nähert und erkenne eine vermummte Geſtalt, die eine Blendlaterne trägt. Der Schatten jener Erſcheinung fiel jetzt vor mein Pferd; es ſcheuet, bäumt ſich plötzlich in die Hoͤhe, und der ſonſt ehrenfeſte Ritter faͤllt, aller Verſuche im Sattel zu bleiben ohnerach⸗ tet, ſchimpflich auf deutſche Erde. Das Roß aber ſprengt im vollen Lauf davon, und war verſchwunden, gleich wie die Geſtalt. Als demüthigen Fußknappen ſahen des Freien⸗ fels Thore mich einwandern.“ „Das kann“ ſagte der Baron:„dem beſten Reiter vorkommen. Aber ein wunder⸗ . 5 licher Caſus bei der Geſchichte, iſt die Geſtalt. Wie hat ſie denn ohngefähr ausgeſehen?“ „Ja Onkel,“ rief Linden,„das läßt ſich ſchwer ſagen! Rieſengroß iſt ſie geweſen, ſo viel ſah ich wohl; aber eiß ich nichts davon.“ „Hm! Hm!“ brummte der ʒuihen mit geheimnißvoller Miene, und Eliſabeth ſah uͤber das Strickzeug erwartend nach ihm hin. Al⸗ lein er ſchwieg, in Nachdenken verloren; und ald darauf hatte der Geiſt des Tokaiers ihn abermals in den Lehnſtuhl mit geſchloſſenen Augen ſanft zuruͤckgelehnt. „Theure Baſe,“ hob der Ritter an, in⸗ dem er dem Fraͤulein näher ruͤckte:„Darf man fragen, wie der Name des Buches, wel⸗ chem das Glück wird, Dero himmkiſches Auge zu feſſeln, während der arme Vetter nicht ei⸗ nes Blickes theilhaftig werden kann?“ „Ich leſe“ entgegnete Eliſabeth,„die heilige Genovefa, von Ludwig Tieck. Sie kennen wohl die Dichtung?“ „Ob ich ſie kenne? Ich liebe und bewun⸗ 6* dieſelbe eben ſo ſehr, als ihren Dichter.“ 6 „O, ſagen Sie!“ rief das Fräulein: „Kennen Linden den Dichter Tieck? Iſt er jung, iſt er alt? beſchreiben Sie mir ihn. Spricht er gut Franzöſiſch? Wie wohnt er, wie kleidet er ſich, welche Geſellſchaft ſieht 2 „Theures Fräulein,“ rief der Ritter mit unaufhaltſamer Lachluſt:„Eine Frage iſt nach⸗ zutragen in dem Regiſter, welches Sie mir vorlegen; ob nůmlich der Dichter verheira⸗ thet ſ „O!“ entgegnete Eliſabeth—„Ich habe die Ehre, Ihnen zu verſichern: iſt er nicht verheirathet, und käme auf dieſes Schloß, und meine Hand könnte ihm wuͤnſchenswerth ſeyn, ſo wuͤrde er mein Gemahl: Für die heilige Genovefa allein, begrüßt ihn meine Seele niemals auf das herzlichſte.“ *„Was wuͤrden Sie thun, ſchöne Baſe“ ſagte der Ritter,„wenn Sie andere Werke des Dichters läſen! Ich ſehe, dieſer Tieck wird mir ein gefaͤhrlicher Menſch. Und wie ſehr ich ihn verehre, ſo beneide ich ihn doch um das Gluͤck, der holden Eliſabeth zu ge⸗ fallen.“ *— —————— „Vetter!“ ſagte Eliſabeth traulich, indem ſie ihm ſanft auf die Schulter ſchlug:„Vet⸗ ter, erzählen Sie mir etwas von dieſem Dichter.“ „Von Perſon“ entgegnete Linden,„ſah ich ihn nie⸗ Aber wie ſein innerer Menſch in allen von ihm ausgegangenen Dichtungen rein und glänzend hervortritt, ſo ſchließe ich, daß Ihr Liebling Einer ſey, der den Blick des Weltmanns und die feinſte geſel⸗ lige Kultur mit dem Phantaſieſchwung, mit der ganzen Empfindungsſtärke, Tiefe, Klar⸗ heit und Ruhe eines ächt poetiſchen Ge⸗ muͤthes vereint. Meines Erachtens iſt er der letzte Romantiker, welchen Deutſchland her⸗ vorgebracht; unſte Poeſie ſchwindet hinter trau⸗ rigen Nebelſchleiern. Die Laune der Natur trägt nicht mehr die Farbe meiner Eliſabeth, couleur de rose; ſonſt wuͤrde ſie mehr wahre Dichter und mehr ſchone Mädchen an's Licht bringen. So iſt Fraulein Eliſabeth Freien⸗ fels das letzte ſchone Mädchen in Oeſterreich.“ „Aber Sie Vetter“ entgegnete das Fräu⸗ lein:„wahrſcheinlich der letzte phantaſtiſche — 56— Wildfang nicht, der die Pfeile ſeiner Laune, gegen ein unbewehrtes Mädchen richtet.“ Der Ritter ſah mit einem, Vergebung er⸗ flehenden Blicke auf die ſchmollende Eliſabeth; da erlaubte ihm dieſe fortzufahren:„Johann Wolfgang von Göthe iſt heut der Großkophta deutſcher Literatur. Die Armſeligkeit der mei⸗ ſten ſeiner poetiſchen Zeitgenoſſen dient zur Folie ſeines Reichthumes. Ich bewundere den Dichtergreis, obſchon ich ihn nicht liebe; denn mehr europäiſch iſt er, als deutſch. Aber bitter tadeln muß ich die Idolatrie, welche die Menge mit demſelben treibt. Wie man jetzt alles bei Göthe zu ſuchen und zu finden gewohnt iſt, ſo geſchah es auch einſt mit den Schriften des Ariſtoteles; aber man weiß, welche erbärmliche Zeit das geweſen. Die Anſchuldigung des Deutſchen„daß ihm Alles gleich feſt und ewig werde“ iſt nur zu wahr. Es liegt aber eben das unendliche Fortſchrei⸗ ten im Weſen der romantiſchen Kunſt. Wer⸗ den einmal die Forderungen derſelben erkannt, wird es auch an eigenthůmlicher poetiſcher Fulle nicht mangeln; die flache Nachahmungsſucht — — —, ——— und Effektqualerei unſerer Tage wird hoffent⸗ lich verbannt ſeyn.“ 5 „ Sehen Sie hier, Baſe Eliſabeth“ fuhr Linden fort, indem er eine Reiſetablette vor⸗ zog:„mehrere trockne Blumen⸗Erinnerungen, die ich eine Botanik der deutſchen Literatur nennen mochte. Dieſe Roſe ward gepfluckt in den Thälern, wo Schiller den Don Karlos dichtete; dieſe Lilie in dem Garten, wo Wie⸗ lands„Heron der Edle“ entſtand; dieſes Vergißmeinnicht an den Ufern der Ilme, wo Iphigenia in's Lehen trat; dieſes Veilchen in Gegenden, wo Tieck ſeine erſten Ausflüge in's romantiſche Land unternahm.— Gefällt es Ihnen, Eliſabeth, ſo wählen Sie unter dieſen Blumen ein Erinnerungszeichen für ſich aus.“ 6 Das Fräulein erwählte das Veilchen, und dankte mit Freudigkeit. Da rief in frohlichem Ungeſtüm der Ritter:„Nicht alſo, holdeſte Baſe! Eines thätigen Dankes von dieſen Roſenlippen war ich gewärtig.“. „O, des Eigennützigen!“ ſagte Eliſabeth, zu dem Vitter ſich neigend, empfing die⸗ ſer den langerſehnten Kuß. Nun zog er ent⸗ zuckt und freudetrunken den Tokaierbecher an die Lippen, und ſprach: Dem, welchen ich die nie gewährte Gunſt verdanke— Ludwig Zieck lebe!“ Es erhob ſich bald darauf ein wüthendes Gebell der Doggen auf dem Schloßhofe. Athemlos ſtürzte ein Diener in's Zimmer, der Baron erwachte. Eliſabeth ſprang erſchrocken auf, und der Ritter ſah ſich nach Waffen um, mit der Frage:„Was bedeutet dieſer Höllenlaͤrm?“ „Gnädige Herrſchaft!“ rief der Bediente: „Ich glaube, Gott verzeih mir's, der boſe Feind iſt los. So eben ſprengte in den Schloßhof auf dem Goldfuchs des Herrn Rit⸗ ters ein baumſtarkes altes Weib, fürchterich wie eine Hexe. „Du haſt wohl zu tief in's Glas geſe⸗ hen!“ lachte ihm der Ritter entgegen. „Ew. Gnaden,“ betheuerte jener:„ein Heide will ich heißen, wenn es nicht wahr — 59— iſt! Und was noch mehr iſt— hinter ihr ſaß etwas auf dem Pferde angeklammert, nicht Menſch noch Thier.“ n usberraſcht ſtand der Schloßherr vom Lehn⸗ ſeſſel auf, der Ritter aber ſagte:„Nun, was iſts mehr? Nicht werden wir uns doch von einem alten Weibe in's Bockshorn jagen laſſen!“ „Wo blieb ſie denn?“ fragte Eliſabeth. In dieſem Augenblick ließen ſich ſchwere Tritte vernehmen, welche die Treppe hinaufſtolperten. „Das iſt ſie!“ ſchrie der Bediente, und ſprang ſchnell hinter den Ritter; Alle hefteten ihre Blicke verlangend auf die Thuͤr.— Un⸗ geſtum ward dieſe jetzt aufgeriſſen, herein trat eine Matrone, welche der Beſchreibung des Dieners nahe kam. Ein rother Mantel um⸗ flog die hohe Geſtalt; das wild umherhan⸗ gende Haar deckte ein ſchwarzer Hut mit wei⸗ ßer Feder. Mit raſchem, feſtem Schritte ging ſie auf die Geſellſchaft zu, die in ſprachloſer Verwunderung dieſem grotesken Bilde entge⸗ gen ſah. Hinter ihr bliebe eine im ſchwarzem Mantel verhullte Geſtalt ſtehen. 5 „Ich nebſt meinem Begleiter“ rief die greiſe Amazone mit heiſerer Stimme:„begeh⸗ ren von dem Herrn dieſes Schloſſes eine Zwieſprach!“ „Das iſt ja“ ſagte der Ritter zu Eliſa⸗ beth:„ein Geſicht, welches alle Jahreszeiten vereinigt. Auf dem Kopfe der Winter; in dem flammenden Auge der Sommer, auf den gelben Wangen der Herbſt, auf der Naſe der Frähling.“. „Näher werden wir uns kennen lernen,— 3 Ritter!“ ſagte die Rothmäntlerin mit grinſen⸗“ dem Lächeln. 3 viel ſchon!“ erwiederte jener. Der Freiherr hatte unterdeß forſchend den Schwarzmantel betrachtet, und mit Zweifeln gekämpft, ob er den verdächtigen Ankömmlin⸗ gen eine Conferenz zu bewilligen habe. Jetzt hob er an:„Zuvor wünſchte ich zu wiſſcn wer ihr ſeyd!“ „Es genuͤgt, Freiherr,“ ſagte die Alte mit beſtimmten Tone:„daß ich verſichre, wir ſind Freunde vom Hauſe.“ — „Ganz allerliebſte Freunde!“ murmelte Linden. 3 Da bedeutete der Schloßherr den Fremden, ihm in ſein Kabinet zu folgen. Linden, der mit der aͤngſtlich beſorgten Eliſabeth zuruͤck⸗ vlieb, ſprach lachend:„Ich beneide dem lieben Oheim dieſes intereſſanten Rendezvous ganz und gar nicht.“ —————— Lange dauerte die Unterredung des Barons mit den Fremden. Die Neugierde der Zu⸗ ruckgebliebenen auf's höchſte ſpannend.— Als er nun wieder mit der Rothmaͤntlerin und ihrem Begleiter im Saale erſchien, verneigte ſich Erſterer mit altväteriſcher Grandezza, und entfernte ſich eiligſt. Der Schwarzmantel aber ließ ſich Eliſabeth gegenuͤber auf einem Stuhl nieder, das verhullte Geſicht in die hohle Hand ſtutzend. „Bei der Jungfrau!“ rief jetzt der Ritter: „Nun erſt fällt mein Goldfuchs mir ein!“ Damit eilte er in raſchen Spruͤngen hinter der Alten her. Bald aber kam er zuruck, bleich und bebend; ſetzte ſich ſchweigend neben Eliſabeth, indem er den Schwarzmantel auf⸗ merkſam betrachtete. Jetzt ruhrte der Freiherr das ſilberne Glöck⸗ chenz ein Diener erſchien.„Ich ſende“ ſagte er hierauf, zu dem Fremden gewendet:„ſo⸗ gleich einen Eilboten nach Wien— haben Sie vielleicht„ Eine abgezehrte Hand ſtreckte ihm aus dem Mantel einen ſchwarzge⸗ ſiegelten Brief entgegen.„Beduͤrfen Sie“ fuhr der Schloßherr fort:„Einſamkeit und Ruhe, ſo haben Sie zu gebieten.“ Der Fremde nickte bejahend. „Fuͤhre“ ſagte der Baron zu dem Die⸗ ner:„dieſen Herrn auf das blaue Zimmer, und ſey in Allem ſeiner Befehle gewärtig.“ Der Fremde erhob ſich und mit edelem An⸗ ſtand gegen die Geſellſchaft ſich neigend ging er. Alsbald offenbarte ſich Eliſabeths ſchwer bekäͤmpfte Neugierde in einer Frage nach des Fremden Stand, und der Abſicht ſeines Hier⸗ ſeyns. Allein der Baron ſagte ſehr ernſt: „Ich habe mein Ehrenwort gegeben!“ Gute Nacht wuͤnſchend, begab er ſich in ſein Kabi⸗ net, um die Schriften fuͤr den Boten nach Wien auszufertigen. „Vetter,“ ſprach das Fräulein mit einer komiſchen Betruͤbniß:„ich ärgere mich, daß ich ſo ganz umſonſt an Mutter Even erinnert habe.— Ihr Spaziergang wird Sie ermuͤdet haben— das grüne Zimmer iſt fur Sie ein⸗ gerichtet. Gute Nacht, Vetter! Träumen Sie nicht von dem furchterlichen Rothmantel.“ Damit war ſie dem Zimmer entſchluͤpft; und der Ritter begab ſich in das angewieſene Ge⸗ mach in großer Verſtimmung⸗* Vergebens ſuchte Linden Ruhe hinter den grauſeidenen Vorhaͤngen des hoch aufgethuͤrm⸗ ten Himmelbettes. Der Schlummer floh ihn, und die Vorfälle des Tages beſchaͤftigten ſeine Phantaſie mit dunkelverworrenen Bildern, die ihm große Qual verurſachten. Ihr zu entgi⸗ hen, ſprang er vom Lager wieder auf, und trat an das Fenſter, in die kalte, von keinem frundlichen Stern echellte Nacht hinaus⸗ ſehend. Rauh fuhr der Nordwind durch die herbſtlich rauſchenden Wipfel der Baͤume, und ſchaurig trieb er das gefallene Laub umher. Oede Stille lag unter den Thaͤlern, dann und wann von dem Klirren der Thurmfahne, und dem Geſchrei eines die Waͤlder verlaſſenden Hirſches unterbrochen.— Linden uͤberließ ſich mancherlei Betrachtungen, die ihm Bilder ent⸗ flohner Juͤnglingsjahre vor die Seele fuͤhrten. Mit Wehmuth erfuͤllte ihn der Gedanke: nun bald von ſeiner Heimath ſcheiden zu muͤſſen, um getreu ſeinem Geluͤbde, jenſeits des Meeres dem Dienſt des Ordens zu leben. „Ich werde“ ſagte er ſeufzend:„dort den bluͤhenden und ſingenden Fruhling ſinden; eine mildere Luft wird mir des Suͤdens berau⸗ ſchende Duͤfte entgegenfuͤhren, und mancher Zauber mich umſpielen. Aber werde ich gluͤck⸗ lich ſeyn?— O, es giebt keinen Himmel ohne die Liebe! Und fuͤr ein Herz, das menſch⸗ lich fuͤhlet, iſt Entſagen und Verlieren ſeines hoͤchſten Gutes, ein Vorgefuͤhl aller Qualen der Verdammniß. Eliſabeth! Dein theures Bild wird mich umſchweben; doch nie ſehe ich Dich wieder, um einſam und verlaſſen im fremden Lande mein ödes Daſcyn zu be⸗ ſchließen.“ Als er ſo in ſchmerzlicher Bewegung klagte, ſah er am Horizont plötzlich eine blutrothe Feuerſaͤule emporſteigen, und vernahm das dumpfe Gewimmer der Sturmglocken aus der Ferne. Mit bittern Gefuhlen ſchloß er das Fenſter, als er durch die Tapetenwand im an⸗ ſtoßenden Simmer heftig auf und nieder gehen hoͤrte, und das Selbſtgeſpraͤch einer maͤnnlichen Stimme vernahm. „Ich weiß nicht,“ ſagte es in abgebroche⸗ nen Lauten:„ wie ich mir vorkomme? Mir iſt, als ſollt' ich fortpilgern, und dann wieder, als muͤßte ich bleiben.— Wer enthuͤllt das große Geheimniß meines Lebens? Wer giebt mir Freiheit, wer beweiſet, daß die Welt in mit, ein harmoniſches Glied des ſittlichen Uni⸗ verſums ſeyz daß es eine Zukunft giebt uͤbet dem Raume und der Zeit, einen gerechten Richtet, zu verſöhnen und zu rächen?—“ Eine lange Pauſe; dann fuhr die Stimme ſchnell und heftig fort:„Jammer, dein Name heißt Menſch! Sehnſucht ohne Erfüllung, Ah⸗ E — nung ohne Gewißheit, Glauben ohne Unter⸗ pfand, Streben ohne Ziel, Wille ohne Kuaft, Traum ohne Weſen, Tugend ohne Lohn.— Das iſt des Schattenſpieles trauriger A welches Leben genannt wird.“ „Hoffend begann ich, aber duldend und weinend ging ich weiter; die Freude blieb zu⸗ ruͤck, ich nenne den Schmerz Bruder. Möchte doch ein mitleidiger Engel dieſes zerriſſene Herz und ſein großes Weh ſanft ablöſen aus dem Nachtgewebe des Zufalls und dem der Elemente.“ Des unbelunnten Monolog endigte hie, S der Ritter ſagte tief gerührt:„Armer, armer Schwarzmantel! Finſter wie Deines Gewandes Farbe iſt Deine Weltanſchauung. Du ſcheinſt unglucklicher, als ich— welcher traurige Troſt! Nicht ohne Bedeutung erſcheint dir das Himmelblau deines Zimmers, und mir das Meergruͤn des meinigen. Beide werden wir pilgern müſſen: dulde muthig für den Himmelʒ ich will handeln fuͤr die Welt⸗ Dann wollen wir ja ſehen, ob uns auf dieſem — 67— Wege nicht Troſt werde, und wir endlich an einem gewiſſen Orte uns zuſammen finden.“ Linden hoͤrte den Unbekannten nicht weiterz vielfach durch deſſen Rede aufgeregt, ging er umher. Sein Geiſt erhob ſich an dem Un⸗ gluͤck des Fremdlings; große Entſchluſſe zogen bei ihm ein, und der edle Wille, entſagend die Dinge zu beherrſchen, ab ihm Muth, Heit⸗ keit und Ruhe. So fand ihn die aufgehende Sonne. Da erfuhr er, daß der Schloßherr Nachts eine Botſchaft aus Wien empfangen, worauf er unverzuglich mit Eliſabeth abgereiſt ſey, dem Ritter einen Abſchiedsgruß hinterlaſſend. Lin⸗ den war einen Augenblick traurig daruͤber, die Geliebte vielleicht nie mehr wieder zu ſehen: dann ließ er ſein Roß vorfuͤhren, und eilenden Laufs trug es ihn durch die Wälder. Die vom Prior aufgebotenen Leute waren wohl bewaffnet nach den Ruinen gezbgen. Hier durchſuchten ſie ſorgfaͤltig alle Säle und S auch dasjenige, welches nach Jacques E3 — 68— Angabe die Fallthuͤr enthalten ſollte; allein ihre Unterſuchung war fruchtlos. Am Abend kamen ſie nach dem Kloſter zuruͤck, ohne von dem Schickſale des Grafen und des Vogt's irgend Kunde geben zu koͤnnen. Durch ſein Verſinken war der Graf in eine bedenkliche Lage verſetzt worden. Als er von dem Fall und ſeinem Schrecken ſich erholet, ſah er ſich in einem engen unterirdiſchen Gange, deſſen Dunkel kein Licht des Tages erhellte. Von den gräßlichſten Vorſtellungen durchſchauert, tappte er umher, als er Etwas neben ſich mit Geräuſch herabſtuͤrzen hoͤrte. Erſchrocken fuhr er zurück, da fluſterte es: „Herr Graf, ſind Sie es?““— Zitternd hielt er ſich ſtill, da fragte es wieder, und er erkannte den Vogt. „Ach, Vogt!“ ſagte er,„Wo ſind wir hingerathen? Warum habt Ihr mich in dieſe Moördergrube gefuͤhrt, wo wir elend werden umkommen muͤſſen.“ „Gnädiger Herr,“ erwiederte jener,„des Menſchen Wille, ſein Himmelreich! Ich habe — Ew. Excellenz Befehlen gehorcht, und nun ſoll ich die Schuld tragen?“ „Mein lieber Vogt,“ ſprach der Graf begütigend:„Ihr ſeyd ein wackerer Mann! Aber wißt Ihr denn keinen Rath, um wieder los zu kommen aus dieſem furchterlichen Auf⸗ enthalt?“ „Keinen, Herr Graf, wenn nicht Ihr Kammerdiener, welcher weiß wo wir Sbleben Huͤlfe herbeiholt.“. „Ach Jacques! Jacques!“ ſeufzte der Graf, indem er verzweifelnd ſich in eine Ecke druͤckte. Der Vogt aber durchmaß mit vorſichtigem Schritt das dunkle Behältniß, forſchend ob nicht vielleicht eine Thür den Zuſammenhang mit andern Gewölben des Schloſſes eroffne. Indem er ſo die Waͤnde entlang ſchlich, glaubte er durch eine kleine Mauerſpalte Licht⸗ ſchimmer wahrzunehmen. Da ging er auf denſelben zu: allein er verlor ſich, wie er näher kam, und nichts weiter war zu entdecken. „Herr Graf,“ ſagte er,„wir ſitzen feſt, wie der Fuchs im Tellereiſen.“ „Vogt!“ fluͤſterte jener:„Ich habe zwei⸗ hundert Dukaten bei mir— ſie ſind Euer, wenn Ihr mich gluͤcklich heraus bringt. 6 „Pah! Behalten Sie die Dukaten, Gnä⸗ diger Herr. Beten muͤſſen Ew. Ercellenz! Kommen wir gluͤcklich wieder an's Sonnen⸗ lichtz ſo gehört der Dank dem lieben Gott.“ — Aengſtlich entgegnete der Graf:„Mein lieber Vogt, betet Ihr!“ Jetzt erhob ſich uͤber ihnen das Geräuſch vieler Stimmen, Fußtritte kamen näher, und ſchallten durch die Decke des Gewolbes herab. „Ha!“ rief der Vogt: Da ſind unſre Retter!“ Mit voller Anſtrengung der Stimme ſchrie er hinauf:„Hier ſind wir!“ und forderte den Grafen auf, mit ihm zu rufen. Aber nach mehrmaligem Rufe entfernten ſich die obern Stimmen wieder, und ſtill ward es wie zuvor. Da überließ ſich der Graf einer wuͤthenden Verzweiflung, und der Vogt, in ſtiller Ergebung, lagerte ſich auf den kalten Boden des Gewölbes. So hatten ſie, ohne Hoffnung der xe⸗ freiung, mehrere Stunden zugebracht, als ſich ein dumpfes Getöſe erhob: wie von Schlöſſern ——— und Riegeln, welche klirrend zuruͤckgeſchoben werden, und von dem Auf⸗ und Zuwerfen eiſerner, in roſtigen Angeln knarrender Thuͤ⸗ ren.— Leiſe horchten die Gefangenen. Da öffnete in des Gewölbes Hintergrund ſich plötz⸗ lich die Mauer, und in dem Blitzſtrahle ei⸗ nes herausdringenden Lichtglanzes, ſtand vor ihnen, mit ſtolzer und gebietender Haltung— die Rothmaͤntlerin. Auf ein bloßes Schwerdt gelehnt, ſah ſi auf die Ueberraſchten hin. Die buſchigen Au⸗ genbraunen verzogen ſich zum Ausdrucke des Hohns, während die Muskeln des grauſen⸗ vollen Geſichts, von Zorn geſchwellt, in zittern⸗ der Bewegung daß faltenreiche Kinn hoben. „Willkommen, Ihr ſchonen Herrn!“ ſprach ſie mit ſpoͤttiſchem Weſen:„Willkommen! In meinem Schlößchen iſts gar fein. Wo⸗ mit kann man denn ſo ſeltenen Gäſten auf⸗ warten, nach Anſehen und Gebuͤhr?“ „Seyd, wer Ihr wollt“— nahm der Vogt das Wort:„ Teufel oder Menſch! Ohne Verzug verlangen wir aus Eurer Mör⸗ dergrube an Gottes freien Himmel ungefährdet zuruͤck.“ „Mein lieber Vogt,“ ſprach die Roth⸗ mäntlerin:„Gönnt mir doch ein wenig das Vergnügen, Euch zu beherbergen und nach Kräften zu bewirthen. Habe hier lange keinen Beſuch gehabt von ſo vortrefflichen Geſellen.— Hochgeborner Graf, erhebet Euch und folget Eurer Magd!“ Der Graf zögerte und ſah den Vogt an, da fuhr es kreiſchend von den blauen Lippen: Ihr folgt, oder ſeyd des Dodes!“ „Das iſt eine wunderliche Gaſtfreund⸗ ſchaft!“ ſagte der Vogt, indem er dem Gra⸗ fen vom Boden aufhalf.„Wißt Ihr auch, ſchöne Frau Wirthin, daß Eure Gäſte nicht umſonſt Degen und Piſtolen fuͤhren? Und daß ſie Eure Rechnung bezahlen können?“ „Ihr wollet Euch nicht bemühen, werther Herr Vogt!“ entgegnete die Alte hohnlachend. „Was Ihr gebt, wird zehnfach zuruͤckgezahlt. Kommt nur huͤbſch, und ſpart die Kompli⸗ mente.“ Damit wies ſie durch eine ironiſche Verneigung nach der Oeffnung der Mauer, — — 23— und als nun ihre Gäſte zagend und erwartend hindurchſchritten, eilte ſie raſch hinter ihnen her. Auf einen Druck ihrer Hand fuhr eine Steinplatte in die Mauer, welche die Heff⸗ nung wieder ſchloß. —̃———— Durch mehrere Thuͤren, welche die Ma⸗ trone hinter ſich verſchloß, kamen ſie in eine geräumige Halle, angefullt mit altväteriſchen Möbeln, welche die Spuren ehemaligen Glan⸗ zes verriethen. In einem Kamin von ſchwar⸗ zem Marmor, an welchem der Zahn der Zeit genagt, loderte ein helles Feuer. Sich wär⸗ mend ſaß hier im Großvaterſtuhl ein Greis mit ſilberweißen Haaren, deſſen Zuͤge das hochſte Menſchenalter verkuͤndeten. Bewegungs⸗ los ſtarrte er auf die Ankömmlinge hin; dann ſprach er in hohlen Tonen:„Träumt mein alter Kopf, oder ſehe ich den Grafen von Su „Ja, Deodat!“ rief die Rothmaͤntlerin: und Er iſt's! Freue Dich, daß Du vor Dei⸗ nem Ende ihn noch einmal ſiehſt.“ Jetzt — 74— ergriff ſie des Grafen Arm, zog ihn vor den Stuhl des Greiſes.„Kennt Ihr dieſen, Hoch⸗ geborner Graf?“ ſchrie ſie fuͤrchterlich in ſein Ohr.“— Der Graf ſchauderte zuruͤck.— „Armſeliger Wicht!“ fuhr ſie fort:„Funfzig Jahre von Qual und Verzweiflung haben dieſe Minute nicht zu theuer erkauft. Zer⸗ ſchmettert windeſt Du Dich vor einem Weibe, das die Rache des Allmächtigen uͤber Dich aufgerufen hat!— Mein glühendes Gebet war: O laß mich ſein Blut einſt als Ver⸗ ſöhnungsopfer gen Himmel ſprutzen.— Du biſt in meiner Hand, ich kann es vollbringen!“ Da zitterte der Graf heftig, und verſuchte es, ſich der fürchterlichen Alten zu entreißen. Die aber hielt ihn mit Rieſenſtäͤrke feſt; und dem Vogt, welcher ſich naͤhern wollte, gebot ſie mit drohender Geberde Entfernung.„Glaube nicht“ rief ſie,„daß ich dieſen Elenden mor⸗ den will! Tauſendfaͤltigen Tod hat er verdient, aber ich uͤberlaſſe ihn einem hohern Richter.“ Mit dieſen Worten ſchleuderte ſie den Grafen von ſich, und Deodat nickte beifällig mit ben greiſen Haupt. — In dieſem Augenblick kroch eine ſchwarze Katze unter dem Großvaterſtuhl hervor, und ſchwang ſich auf die Schulter der Rothmaͤnt⸗ lerin. Da zog ſich der Vogt ſcheu zuruͤck, in⸗ dem er das Kreuzeszeichen ſchlug und leiſe vor ſich hinmurmelte.* „Vogt!“ rief die Matrone, und ihr We⸗ ſen erhob ſich zu Ruhe und Wuͤrde:„So kennt Ihr mich nicht mehr? Seht in mir des Freiherrn von Rothenburg ungluͤckliche Gemahlin!“ „Uum Gott!“ ſchrie der Vogt,“ Ihr wäret es, Edle Frau?— Seyd Ihr von den Todten auferſtanden? Lebt Ihr wirklich, oder ſeyd Ihr ein Geiſt!“ „Nur näher Vogt!“ ſprach die Freifrau mit einem Lächeln der Huld, welches ſich in ihren, von wildem Gram zerriſſenen Zuͤgen wunderlich abſchattete.— In ehrfurchtsvoller Scheu faßte der Vogt die dargebotene durre Hand, druckte ſie mit dem Zeichen lebhafter Ruͤhrung an ſeine Lippen. Ein Bild des Erſtaunens, ſtarrte der Graf die Dame an. Darauf murmelte er zähne⸗ — 76— knirſchend etwas vor ſich hin.—„Nicht wahr Herr Vetter?“ wendete ſich jene zu ihm:„Es iſt nicht angenehm, wenn man nach Funfzig Jahren Jugendbekanntſchaften erneuert! Beſonders wenn ſie uns an das Ende und eine ewige Gerechtigkeit mahnen.“ „Füͤrchterliches Geſpenſt!“ ſchrie der Graf: „Du biſt eine Sendung der Hoͤlle, mich zu martern!— Dolch gieb mir oder Gift, damit ich dies Daſeyn vernichte, und mich von Dir los mache.“ „Lebe!“ ſagte die Matrone mit furchter⸗ licher Kälte:„Lebe, um langſam zu ſterben!— Ich weiß, was Dich hirher führte, und bin zuftieden, daß Du Anderes gefunden, als ge⸗ ſucht— daß ich Dich ohnmächtig und zer⸗ knirſcht geſehen habe, ehe ich dort hin gehe, wo die Tugend herrſcht und keine Thräne mehr geweint wird.— Gehe Du Deiner ver⸗ gifteten, engen Zukunft und dem Lohn Dei⸗ ner Thaten entgegen— auf dieſer Erde ſehen wir uns nimmer!“ Bei dieſen Worten be⸗ trachtete ſie den Grafen mit einem durchboh⸗ — — — renden Blick lange: dann winkte ſie, ihr auf den Ruͤckweg zu folgen. 8 Da rief der Vogt, indem er ſich auf ein Knie vor ihr niederließ:„Soll man Euch nie wieder ſehen, Edle Frau? Werden nie die Geheimniſſe aufgeklärt, welche dieſe Burg be⸗ gräbt? Wollet Ihr in die Welt zuruͤck oder noch länger hier verborgen bleiben?“ „Vogt!“ ſagte die Dame, mit einer ſchmerzlichen Bewegung:„Die Welt mag er⸗ fahren, daß ich noch athme. Ich furchte nichts„ und einem Höhern zugewendet, achte ich nicht, was die Welt Chre und Schande nennt. Iſt die rechte Zeit gekommen, werde ich erſcheinen und das Schickſal verſohnen.“ Sie rüttelte ein ſchweres Schluſſelbund, das ihr vom goldgewebten Guͤrtel herabhing, und nochmals winkend, ſchritt ſie ſchweigend voran. Als nun der Vogt mit dem Grafen folgte, bewegte ſich der Greis Deodat langſam in ſeinem Stuhl, wendete ſich mit Anſtrengung gegen die Scheidenden, und mit erhobener Rechten rief er ihnen dumpf und ſchaurig nach:„Grüßet alle, welche leben! Meinen * Urenkeln ſagt, daß Deodat ſich im Grabe be⸗ wegt, und daß an ſeinem Herzen der Wurm des Gewiſſens nagt.— Betet fuͤr meine arme Seele!“— Damit ſank er regungslos in ſeinen Stuhl wieder zuruͤck. Eine dunkle Erinnerung fruͤheſter Jugend erwachte dem Vogt bei dem Namen Deodat. Er ſchauderte, als er bei dieſem Abſchiedswort, des Grafen Geſicht erbleichen und von innerm Kampfe gräͤßlich entſtellet ſah; und floh vor ihm, durch die Pferte, welche die N jetzt aufthat. Durch eine Reihe verddeter Genicher wo unter dem hallenden Fußtritt das Getafel wankte und brach, und Stuͤcke morſcher Sei⸗ dentapeten herabſielen— gelangte man in ei⸗ nen großen Saal, von deſſen Waͤnden die Ahnenbilder des Geſchlechts Rothenburg, Rit⸗ ter und Frauen, mit ihren Wappen ernſthaft niederſchauten. Sie trugen verſchiedene Ge⸗ wänder und Ruͤſtungen, von jenen welche das Mittelalter geſehen hatten, bis zu denen im Anfange des Achtzehnten Jahrhunderts.— Unter ihnen waren Drei mit einem ſchwarzen. Vorhange überdeckt. Die Freifrau trat vor denſelben hin; und wie ſie ihn in die Höhe zog, ſtürzten die Bilder mit dumpfem Schall zu ihren Füßen, daß ſie entſetzt zuruͤck wich. „Sehet hier!“ rief ſie mit erſtickter Stimme:„Dieſe Bilder rufen Wehe uͤber mein Leben, und daß alles Irdiſche vergeht!— Kennſt Du Graf, dieſen blͤhenden Jüngling mit dem Blicke frommer Unſchuld? Das biſt Du geweſen! Kennſt Du dieſe Jungfrau, mit dem huldvollen Lächeln, das Paradieſe ſchuf? Das bin ich geweſen! Und nun be⸗ trachte dieſes Bild, und vergehe!“— Der Graf warf einen Blick des Entſez⸗ zens hin, da ſtartte ihn jener Maltheſer an, welchen er ſchon im Servitenkloſter angetroffen hatte.„Dieſer“ fuhr die Matrone fort: „ſteht vor dem Throne Gottes, um Dich an⸗ zuklagen. Fuͤrchte Deinen Richter!“ „Madame!“ rief ſich ſammelnd der Graf mit wildem Hohn:„Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß auch Ihre Rechnung nicht klein ausfälltz wenn es wahr iſt, daß Jemand dort oben zuſammen zähle.“ 6— Die Freifrau ſah mit einem Blicke tiefer Verachtung nach ihm hin und ſchwieg. Dann ſagte ſie ernſt:„Meine Zeit iſt gemeſſen!“ ruͤttelte mit dem Schluſſelbund, und raſch ging ſie durch den Saal in ein anſtoßendes Kabinet.— Hintretend vor einen Schrank von Nußbaummaſer, uͤber welchen viele Spin⸗ nen ihr luftiges Gewebe aufgeſpannt hatten, ſprach ſie zu dem Vogt:„Ihr ſeyd ein wak⸗ kerer Mann, und Eure Mutter war die Ge⸗ ſpielin meiner Jugend. Nicht ſollt Ihr ohne ein Angedenken von mir, aus dieſen Mauern ziehn.“— Damit öffnete ſie den Schrank, nahm einen großen ſilbernen Becher mit dem Wappenſchild der Rothenburge heraus; reichte ihn dem Vogt mit den Worten:„Er iſt hier zu keinen Dienſten mehr! Mein Großvater brachte ihn als Beute aus der Schlacht von Nördlingen im Schwedenktiege— mancher Rothenburg hat damit Friedens⸗ und Freu⸗ denfeſte begangen. Nehmet ihn hin zum Denk⸗ mal dieſer Stunde! Und ſo oft ihn Eures Daſeyns Freude mit Oeſterreichs Weinen ———————————— — 31— fullt, ſey jeder Zug daraus, ein ſtilles Valet ſeiner unglücklichen Geberin.“ Nicht wagte der Vogt ſolch' reiches Ge⸗ ſchenk anzunehmen, aber die Freifrau gebot es⸗ Dann ſprach ſie, zu dem Grafen gewendet: „Dieſes Wappen haſt Du in den Abgrund ſchleudern wollen; aber ich ſage Dir, und die kunftigen Jahrhunderte werden es erfahren? Mit Gott, ſollen dieſe Adlerflügel nicht in den Staub ſinken! Zur Sonne werden ſie ſich erheben, und das Geſchlecht Rothenburg bluͤhet neu auf in Glanz und Freudigkeit;— an manchen Königsthron werden ſeine Helme ſich wurdig bffnen.“ Dieſes in einem An⸗ flug weiſſagender Begeiſterung ausrufend, eilte die Freifrau ſchnell weiter, durch mehrere Ge⸗ wölbe Trepp auf und ab, bis ſie mit ihren Begleitern in einem ſchmalen Gange ſtand. Hier ſank, auf einen Schlag, den ſie gegen die Mauer fuͤhrte, eine Steinplatte nieder— und der geſtirnte Himmel ſah hindurch⸗ „Jetzt“ ſprach die Dame„tretet hinaus in die Welt, und gonnet mir Frieden. Die⸗ ſer Stein trennt uns fuͤr dieſes Leben— er F ſey der Markſtein zwiſchen Euch und mir, bis zur Auferſtehung!“ Da neigte ſich der Vogt über die Hand der Freifrau tief erſchuͤttert, und rief, indem er hinausſchritt:„So lebet denn ewig wohl, Edle Frau!“— Und in dieſem Augenblick erfaßte es den Grafen mit niegekannten Ge⸗ fuͤhlen, beugte auch ihn vor dem hohen Geiſt der Matrone.„Vergebung!“ ſtammelte er, und wendete ſich mit flehendem Ausdruck nach ihr zuruͤck.—„Sie ſey Dir— Moge Dir Gott vergeben wie ich!“ Die Matrone rief's in heftiger Bewegung, und dumpf raſſelnd fuhr der Stein. ſie und die Scheidenden. Als der Graf und der Vogt von dem Gewaltſamen dieſer Scene ihre Geiſter erholt, ſahen ſie ſich auf der Seite des Burghofes, welche nach den Felsgruͤnden ging. Der Voll⸗ mond ſtand hoch am Himmel, und leuchtete ihnen auf dem Pfad, der vom Schloßberg hinabführte. An den Fuß deſſelben gelangt, 5 war des Grafen Equipage nicht zu ſchen, und ihr Rufen, von den Waldhuͤgeln ſchauer⸗ lich zuruckgegeben, lockte keine lebende Seele herbei. Da entſchloß ſich der Vogt, den zum Hinſinken erſchopften Grafen, den Weg nach dem Kloſter mehr zu tragen, als zu fuͤhren. Wie er mit dieſer Buͤrde in die Thäler hinabkam, ſah er einen feurigen Schein in Mitternacht aufſchlagen, und von der Sturm⸗ glocken Schreckenstone wurden ſeine Schritte beflugelt. Heftig pochte es an den Thoren des Klö⸗ ſters. Der herbeieilende Pförtner ftagte nach dem Begehr; und freudig ſchloß er auf, als des Vogtes Stimme ſich vernehmen ließ. „Das ſey Gott gedankt!“ rief er den Ein⸗ tretenden entgegen. Schon füͤrchteten wir, Euch niemals wiederzuſehen!— Alles im Kloſter iſt zur erſten Vigilie auf dem Chor— laßt uns den Gnädigen Herrn in's Refekto⸗ rium fuͤhren.“ „Nein“ ſagte der Graf, indem er eiſchðpft an einem Pfeiler ausruhte:„Man bringe zur Kirche!— Hier ſank er am Hoch⸗ F 2 — altare auf die Kniee vor dem im Glanze vie⸗ ler Kerzen ſtrahlenden Bilde des Erlöſers, und ſah ſchmerzdurchzuckt zu dem Göttlichen flehend hinauf.— So fand ihn der Prior, als er mit den Serviten vom Chor niederſtieg, und blieb ihm zur Seite, und ver⸗ wundernd. „Eggenberg!“ ſprach z. Graf, als er ihn erblickte:„Der Nazarener hat geſiegt!“— Mühſam erhob er ſich, und ward ven den Vaͤtern in das Refektorium geleitet. Dort angekommen, erklärte er: daß er noch in dieſer Nacht Wien etreichen müſſe, und ſey des Priors Begleitung ihm durchaus noth⸗ wendig.— Dieſer erinnerte, wie er ohne ſchwere Verantwortung das Kloſter nicht ver⸗ laſſen duͤrfe. Run zog der Graf ein Papier mit dem Siegel der Staatskanzley hervor, reichte es dem Prior. Der gab es nach ei⸗ nem fluͤchtigen Blicke wieder zuruͤck. Darauf zu den Bruͤdern gewendet, ſagte Ambroſius:„Noch einmal muß ich dieſe Frie⸗ denswohnung verlaſſen, um in die Stuͤrme der Welt zuruͤckzukehren. Ich hoffe, Gott —— wird mit Euch, meine geliebten Bruͤder, mich bald wieder vereinigen.“ Damit ertheilte er den Befehl fuͤr die Abreiſe, und ſaß bald an der Seite des Grafen im Wagen, der von den Segenswuͤnſchen der Serviten begleitet, die Straße nach Wien ſortrollte. Zwei Monate nach Entfernung des Ba⸗ rons, fuhr ſein Reiſewagen in den Schloßhof zu Freienfels. Demſelben entſtiegen, von der Dienerſchaft fröhlich begrußt: Fräulein Eliſa⸗ beth, und ihre in Wien lebende Tante, Gräfin Odescalchi. Eliſabeth hatte für jeden der Hausgenoſſen ein freundliches Wort und ein angenehmes Grſchenk aus der Hauptſtadt mitgebracht. An ihrer Seite erſchien die Gräſin kalt und ſtolz, mit der pretiöſen und abgemeſſenen Hal⸗ tung, welche ehemals fur das Weſen eines vornehmen Welttones genommen wurde; und ziemlich finſter betrachtete ſie die Herablaſſung ihrer Nichte.„Ah! que suis- je fatigus!“ rief ſie mit Affektation, indem ſie erſchoͤpft in „ einen Fuutei nitderfant. Dann betrachtete ſie die Drapperie des Salons und ſeine Mö⸗ beln, wobei ſich ihr Mund zu einem ironiſchen Lächeln verzog.—„Ma chere niece!« ſagte ſie zu Eliſabeth:„Laſſen Sie mir ein Zimmer anweiſenz ich habe die Toilette zu machen. Sodann wollen wir diniren.“ Das Fräulein geleitete die alte Dame in die Fremdenzimmer des Schloſſes, und beur⸗ laubte ſich dann ſchnell, um losgeſchnürt von dem Zwang, den ihr die Tante aufgelegt, nach ihrer gewohnten Art frei und offen ihr natuͤrliches Weſen zu bewegen. Jetzt kam Liddy, des Fräuleins Fanntr⸗ maͤdchen angehupft, und küßte ihrer Herrſchaft vielmals die ſchönen Hande.„Ach, Gnädiges Fräulein!“ rief ſie mit komiſcher Traurigkeit: „Wos fuͤr ein ſtrenges Regiment haben Sie in unſer Schloß gebracht! Die Frau Gräfin ſetzt alles in Bewegung, was Haͤnde und Füße hat; und die gnaͤdigen Kammerfrauen, die ſehen mit vornehmem Naſeruͤmpfen auf uns herab, und verrathen und verkaufen uns mit ihrem franzöſiſchen Geplapper.— Da iſt —.——— nichts gut genug! Die Spiegel ſind blind, die Stecknadeln ſind ſtumpf, die Nähnadeln zu grob, das Kräuſeleiſen zu kalt oder zu warm; die Luft im Schloſſe taugt nicht für den Lockenwurf— und weiß der Himmel, was alles nicht taugt!“ „Meine liebe Liddy!“ ſagte das Fraͤulein lächelnd:„Ich habe es nicht äͤndern konnen⸗ Der Vater wird von ſeinen Geſchaͤften in Wien noch auf unbeſtimmte Zeit zuruͤckgehal⸗ ten; meiner Bitte, in die liebe Heimath zu⸗ ruckkehren zu duͤrfen, gab er nach. Da be⸗ ſchloß die Graͤfin, mich in das ihr unbekannt gewordene Freienfels zu begleiten, und zur Ehre mußte ich rechnen, was ich gern abge⸗ lehnt hätte.“ „Warum blieben Sie auch nicht laͤnger in dem herrlichen Wien?“ ſagte Liddy?„Sie brauchen ja nicht ſechs Stunden Toilette, um ſchon zu ſeyn, und zu bezaubern! Laß nur die Gräfin, mit ihrem Ronge und den falſchen Locken, den Brillanten und Nieder⸗ lander Spitzen kommen— Fraͤulein Eliſabeth iſt doch tauſendmal ſchöner und reicher im weißen Mouſſelinkleid mit der Roſaſchärpe.“ „Geh Schmeichlerin!“ ſagte das Fräu⸗ lein zuͤrnend. „Nun?“ entgegnete Liddy:„Ich ſpreche doch nur Wahrheit! Sie ſind ja das ſchoͤnſte Fräulein im ganzen Manhartsberg, und ver⸗ dienen den ſchönſten, edelſten Gemahl,— Ich glaube gar, die böſe Tante hat Sie entfuͤhrt, damit ſie in Wien neben meinem Fräulein nicht häßlicher erſcheine, als ſie wirklich iſt.“ „Liddy!“ ſprach Eliſabeth drohend;„Laß dieſe Reden, oder ich werde bös.“ „Werden Sie nur böſe, gnädiges Fraͤu⸗ lein!“ rief jene.„Sie werden noch tauſend⸗ mal ſchoͤner. Ach! Ihre arme Liddy moͤchte gar zu gern einmal in Wien hauſen, wenn— aber ich darf es ja nicht ſagen!— Sehen Sie mich nicht ſo ſtrenge an, goldenes gnä⸗ diges Fräulein! Ein freundlicher Blick von Ihnen gilt mehr, als der Gräfin franzöſiſch Geplapper.“ Damit neigte ſie ſich liebkoſend uber Eliſabeths Hand. „Du biſt nicht klug, Liddy!“ ſagte das — — 89— Fräulein lachend.„Sprich! Was iſt in mei⸗ ner Abweſenheit auf dem Schloß vorgefallen? Iſt denn der Fremde noch hier?“ „Ja!“ ſagte Liddy mit einem ſchalkhaften Lächeln:„Ew. Gnaden aufzuwarten. Er iſt noch hier! Aber daß ſich Gott erbarme; der Menſch iſt ſtumm oder verliebt. Nicht ein geſcheutes Wort hat man aus ſeinem Munde gehört, ſeit er im Schloſſe hauſt. Alles Er⸗ forderliche bringt ihm Johann in's blaue Zim⸗ mer: Da wohnt und ſpeiſt, lieſt, ſchreibt, ſpaziert, ſchläft und traͤumt er. Zuweilen hoͤrt man ihn auch auf Ew. Gnaden Harfe ſpielen, die ihm Johann herauf geben mußte, Auch wird er dann und wann, aber hochſt ſelten, im Schloßgarten geſehen, wo er durch die Boskets wie toll hin und her rennt, und Dinge vor ſich hinmurmelt, die kein Chriſten⸗ menſch verſteht.“ „Ich höre die Gräfin!“ ſagte das Fräu⸗ lein.„Man ſoll in der Bildergallerie an⸗ richten. Johann wird das Silberſervice her⸗ ausgeben, und mag ſorgen, daß alles in Ord⸗ nung und würdig erſcheine, während ich ver⸗ — 90— ſuchen will die Tante zu unterhalten.“ Liddy entfernte ſich mit einem Knix, und das Fräu⸗ lein dachte:„Ich bin doch neugierig, ob der Fremde herabkommen wird, uns zu begrüͤßen?“ Die Gräſin erſchien jetzt in reicher Parure, mit hochrauſchendem Kleide und aufgethurmter Friſur, umduftet von allen Wohlgeruͤchen franzöſiſcher Parfüͤmerie⸗Kunſt. An den weiß geſchminkten Armen glänzte ein goldenes Bra⸗ celet mit dem Bildniſſe ihres verſtorbenen Ge⸗ mahls, brennend im Feuer großer Diamanten, während es in ihrem Herzen laͤngſt erloſchen war.„Ich hoffe doch, ma niece,“ ſprach die Gräfin, indem ſie mit Wohlgefallen vom Trimeau ſich abſpiegeln ließ:„Ich hoffe doch, wir werden Societät haben?“ „Bedauern muß ich, gnädige Tante,“ entgegnete Eliſabeth:„daß ich fuͤr den Augen⸗ blick nicht im Stande bin, andere Geſellſchaft zu bieten, als mich ſelbſt und vielleicht einen Fremden, den mein Vater vor Kurzem im Schloſſe aufnahm.“ „Eh bien! Ich hoffe doch, daß dieſer ——————— — 91— Fremde ein Edelmann iſt, den man bei Tafel ſehen darf, ohne ſich zu compromittiren?“ In dieſem Augenblick kam ein Bedienter mit der Meldung: Der Fremde wuͤnſche den Damen aufzuwarten.„Soll willkommen ſeyn!“ beſchied Eliſabeth, waͤhrend ſie laͤchelnd bemerkte, wie jetzt die Gräfin beſorgt war, ſich in eine Haltung zu werfen, welche impoſant und graziös zugleich erſchiene. Der Fremde trat ein, und um ſo höher uͤberraſcht war Eliſabeth durch die Art ſeiner Ankundigung, je mehr ſie nach fruͤherem Ein⸗ drucke urtheilend, Jemand zu ſehen erwartet, welcher hochſtens durch ſein ſchweigendes Dul⸗ den intereſſiren könne. Stolz und frei, wie es dem ſeiner wuͤrdig bewußten Manne geziemt; aber mit jener fei⸗ nen Achtungsbezeugung, welche fremden Werth ehrend, gegen edle Frauen ſo wohl anſtehet, trat vor die Damen ein Mann in der Blüthe jugendlicher Schönheit, und dem Schmuck ei⸗ ner glänzenden Uniform. „Soyez le bien-venu!“ ſprach die Gräfin in huldvollem Tone, ihre angenommene Gran⸗ —— dezza ganz vergeſſend, und Eliſabeth neigte ſich ihm, erroͤthend vor den forſchenden Blicken, die der Unbekannte auf ſie richtete. „Monsieur est Officier? Sans doute au service royal d'Angleterre ꝰ“ fragte die Graͤ⸗ fin, waͤhrend ſie ihn neugierig betrachtete. Der Fremde verneigte ſich ſchweigend, indem er es ungewiß ließ, ob er die Frage bejahe, oder ablehne. Man rief zur Tafel. Da fluͤſterte die Gräſin gegen Eliſabeth:„Er ſcheint ein Edel⸗ mann! Allein es iſt mir noch nicht gewiß. Wenn er mir ſeinen Arm bietet, bin ich in Verlegenheit, ob ich ihn annehmen ſoll.— „Wagen Sie's immer, gnaͤdige Tante!“ er⸗ wiederte jene. Jetzt näherte ſich der Unbekannte, indem er wirklich der Graͤfin, wahrſcheinlich aus Ruͤckſicht fuͤr ihr hoͤheres Alter den rechten Arm, dem Fräulein den linken bot. So fuͤhrte er die Damen mit großer Anmuth nach der Bildergallerie, wo eine reich beſetzte und geſchmackvoll verzierte Tafel, von ſechs galon⸗ — nirten Bedienten umgeben, dieſes Kleeblatt erwartete. Der Ofſizier erhielt ſeinen Platz den beiden Damen gegenuͤber, die ihm wie Fruͤhling und Winter erſchienen. Er bemerkte, daß die Blicke der alten Dame lauernd an ſeine Mienen und Manieren ſich hefteten, waͤhrend die juͤngere ſorgfaͤltig bemuͤht war, eine Begegnung ihres Blickes mit dem ſeinigen zu vermeiden. „Monsieur le chevalier!“ wendete ſich endlich zu ihm die Gräſin mit ihrem franzöſi⸗ ſchen Jargon:„Waren Sie niemals à Paris?“ Der Unbekannte verneigte ſich.— Als er jetzt das vor ihm ſtehende Weinglas erfaßte und trank, fluͤſterte die Graͤfin zu Eliſabeth: „Mon enfant, ich verſichere Dir! Mit dieſem Anſtande trinkt nur ein Kavalier. Und be⸗ trachte den koſtbaren Solitair, den er trägt! Die Faſſung iſt ſehr altmodiſch zwar, jedoch der Stein wenigſteus 20,000 Gulden werth. Ich ſterbe vor Neugierde zu wiſſen, wer er denn eigentlich iſt.“— Eliſabeth war ſehr verlegen uͤber das Schweigen des Unbekannten, und der Graͤfin dringende Verſuche, daſſelbe zu löſen. Da begann dieſe wieder:„Irre ich mich, Cheva⸗ lier, oder hatte ich die Ehre, Sie im vorigen Jahre zu Rom auf dem Karneval anzutref⸗ fen?—“ Jener verneigte ſich abermals.— Es ſagte darauf die Gräſin mit einem erzwun⸗ genen Lächeln, welches Humor ausdruͤcken ſollte:„Wir leben in ſonderbaren Zeiten! Laͤngſt abgeſtorben iſt der Geiſt der Chevalerie; und doch begegnet man Rittern, welche ſtumm ſind, als haͤtten ſie ein Gelubde des Schwei⸗ gens abgelegt, oder waͤren von einer boͤſen Fee verzaubert.— A propos ma niece! Sie kennen doch Don Juan, oder den ſteinernen Gaſt, par Mozart?“ Die letztern Worte be⸗ gleitete ſie mit einem ſtechenden Blick auf den Ofſizier. Dieſer blieb ruhig, und ſah laͤchelnd auf das Fraͤulein hin, welche ein unangenehmes Gefuͤhl, durch das Benehmen der Gräfin ver⸗ urſacht, nicht zu unterdruͤcken vermochte. Sie eilte die Tafel, deren tiefes Schweigen, von den ſchielenden Blicken der Gräfin umſchlichen, unheimlich zu werden begann, moͤglich ſchnell — 96— aufzuheben, als die Nachricht kam: ſo eben ſey ein Courier vor das Schloß geſprengt.— Der Offizier ſchien uͤberraſcht und unruhig, die Gräfin betrachtete ihn mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit und Eliſabeths Blick hing erwar⸗ tend an den Thuͤren des Salons. Sie ſpran⸗ gen auf, und eintrat der Courier mit der Frage:„ob ein fremder Offizier auf dem Schloß ſich befinde?“ Der Unbekannte deutete ſchweigend auf ſich: da uͤberreichte ihm der Courier ein ſchweres Paquet mit vielen Sie⸗ geln, und verlangte eine Beſcheinigung des richtigen Empfanges, mit der Bemerkung: daß er unverzuͤglich weiter eilen muͤſſe.— Bei den Damen durch eine Verbeugung um Erlaubniß nachſuchend, ſtand der Unbekannte ſchweigend auf, und begab ſich mit dem Cou⸗ rier auf ſein Simmer. Jttzt brach die Gräſin los:„Mon Winn! Welcher ſonderbare, pedantiſche Menſch das iſt! Laͤßt alles von ſich abprallen, und iſt ein ſchlechterer Geſellſchafter, als die Mumien im Koiſtrlichen Naturalienkabinet.— Ich moͤchte doch nur wiſſen, was hinter dieſem Incognito — 960— verſteckt iſt, und dem Kaiſerlichen Siegeh wel⸗ ches die Depeſche verſchloß?“ Als Eliſabeth ſchwieg, fuhr ſie fort:„Ma niece, Sie hätten ihn doch foreiren ſollen, ſich zu nennen, äls er vor uns erſchien. Hätte ich nur einen Siegelring bei ihm wahrgenom⸗ men, ſo könnte ich Ihnen wohl leicht ſagen: ob er von hohem Adel iſt, wie er heißt, und wie alt ſeine Familie iſt.“ „Gnädige Tante,“ entgegnete das Fräu⸗ lein:„ich geſtehe Ihnen, daß ich keinen Sinn habe fuͤr dergleichen Dinge. Er iſt mir von hohem Adel, wenn er ein redlicher Mann iſt. Der ſchoͤnſte Name iſt Menſch, und das Alter ſeiner Familie kann ſo hoch nur hin⸗ aufſteigen, als ſeine Tugend.“ „Oh ciel!“ rief die Graͤfin:„ Voila die Fruͤchte der Etziehung meines buͤrgerlich ge⸗ ſinnten Bruders. Fräulein;z ich bemerke, man bedarf nobler Geſinnung, um zu begreifen, was es heißet hof⸗ und ſtiftsfähig ſeyn.“ Damit erhob ſich die Dame ziemlich brusk, und ſpazierte in der Gallerie umher, die Wäppen der Ahnenbilder von Freienfels muſternd. 4 Eliſabeth empfahl ſich, um auf ihrem Zim⸗ mer nach den Blumen zu ſchen, welche ſo lange verwaiſt geweſtn. Dann eilte ſie in den Garten hinab, um vor dem Einbruche des Winters noch einmal ihre Lieblingsplätz zu beſüchen; um mancherlei Luftſchlöſſer auf⸗ zubauen, und mit Traͤumen ſie zu bevölkern. Die holde Eliſabeth ward von der Natur im Trauergewande, mit dem ſtillen, wehmuͤthi⸗ gen Scheidelaͤcheln ihres reichen Wonnelebens begrüßt. Die Blumen beugten die verwelkten Haͤupter hinab die Kronen der Bäume waren geſunken, die Lauben entſchattet; die Hecken verödet. Als ſie uͤber das im Herbſtwind rauſchende Laub die Gänge des Gartens ent⸗ lang wandelte, zog ein ſchwermuͤthiger Geiſt bei ihr ein; ſtill und ſinnig betrat ſie den Pavillon der Flora, der ſich am Ende des Gartens uͤber dem Ufer eines großen See's erhob. Hier ttaf ſie den alten Gärtner, wel⸗ G —— cher beſchäftigt war, verſchiedene Saͤmereien und Blumenzwiebeln zu ordnen. „Ach, mein gnädiges Fräulein!“ rief er ihr entgegen:„Seit Sie uns verlicßen, iſt's traurig hergegangen mit unſerm lieben Garten. Sturm und Wetter haben viel Schaden ge⸗ than; mit der Sommerluſt iſt's zu Ende, und ich ſauge nun die Blumenhoffnungen fuͤr das kuͤnftige Jahr ein. Möchten ſie doch recht fröhlich auferſtehen, gruͤnen und blühen, daß mein liebes Fräulein daran ihre Freude haben wird.“ „Das werden ſie ja, guter Vater!“ ſagte Eliſabeth geruͤhrt. „Und hier“ fuhr jener fort:„ſehen Sie, was ich zum Winter fuͤr Sie aufgeſpart habe.—“ Monatsroſen, Myrthen, Hyaein⸗ — und mehrere andere Gewächſe ſtanden Topfen zierlich geordnet. „Ei Gärtner, ich danke ſchön!“ Wer hat denn die herrliche Myrthe ſo kuͤnſtlich in den Namenszug verſchlungen? Iſt ja 66 ein E und ein F?“ „Ja!“ entgegnete der Gaͤrtner:„Das — — 9— hat der fremde Offizier gethan, der mich oft beſucht, und nach Ew. Gnaden Lieblingsplaͤtz⸗ chen fragt. Manchesmal hat er da geſeſſen, und ich mußte ihm erzählen, wie Ew. Gna⸗ den— verzeihen mir's, daß ich ſo gradezu ſpreche— ein ſo gutes engliſches Kind wären, das gar frohlich vor dem lieben Gott wandelt, und ſo liebreich gegen die armen Leute iſt.— Und dann iſt der Offizier ſehr luſtig geweſen, hat mich gefragt, welche Blumen Ew. Gna⸗ den lieben und wann Ihr Geburtstag ſey. Da hab' ich ihm geſagt, mein Fräulein wurde den ſiebenundzwanzigſten November ſechs⸗ zehn Jahr.“ Eliſabeth ſtand uͤberraſcht vor den Eroff⸗ nungen des redſeligen Alten. Sie ſuchte ihre Unruhe zu verbergen, indem ſie ihm auftrug, ihr von den Blumen einige auf das Schloß zu bringen; und entfernte ſich bald.„Soll ich die Myrthe mit dem Namenszug auch mit⸗ bringen?“ rief der Gärtner nach.„Nein!“ war die Antwort, und damit hüpfte das Fräu⸗ lein die Terraſſe hinab. Unter einer vielaͤſtigen Linde blieb ſie ſt⸗ G 2 — 100— hen, während ſie ſinnend langſam vot ſich hin ſagte:„Ein E und ein F? Waͤre das Eliſa⸗ beth Freienfels? Oder des Unbekannten Name vielleicht?“ Dieſer Zweifel war der Pfeil, welchen der fernhintreffende Gott in das offene Maͤdchenherz abſendete, um es in Luſt und in Weh zu theilen. Und dieſer Moment war es, der in dem zart empfindenden Buſen Eli⸗ ſabeths die ſchöne Himmelsbluͤthe emporſteigen ſah, welche ſelige Engel freundlich umſpielen, ſie erziehend fuͤr die Heimath der Geiſter— die Erde zum Paradieſe, das arme Leben zum befluͤgelten Göttertraum wandelnd. Eliſabeth legte ihre Hand auf die Stirn, und als eine liebliche Penſeroſa beugte ſie ſich gegen den Stamm der Linde. Als ſie ihr Haupt von der kalten Rinde des Baums wie⸗ der zuruͤcklehnte, kam ihr von derſelben ein verſchlungenes E und F entgegen. Da ſchien ſie ſich bezaubert und verwandelt, und wie eine höhere Gluth ihr Herz erhob, konnte je⸗ ner Namenszug Ewiges Feuer bedeuten. Sie ging den Weg nach dem Schloſſe in einem Aufruhr ihres Innern, der von jeder — 101— Seele nut gefuhlt, nicht begriffen und beſchrie⸗ ben werden kann. Denn es erwacht in dem⸗ ſelben das Blumenleben des Geiſtes und ſein Schtummer in den Armen der Natur, zum klaren Bewußtſeyn, zur Erhebung uͤber ſich ſelbſt, zur Freiheit, zur Anſchauung des ewig Schonen.— Es iſt die Auferſtehung des Herzens, und ſeine opfernde, gläubige Hinge⸗ bung an die unſichtbaren Mächte; iſt der Geburtstag des Ewigen in der Zeit. Wie nun das Unendliche in Eliſabeths Seele gezogen, rang ſie ſich los von den Ban⸗ den geſtältloſer Kindheitsträͤume, und das hatmloſe Madchen war umgewandelt in das ernſte, göttlich empfindende Weib. In ihrer neuen Anſchauung der Dinge ſchloß ſich ihr eine neue Welt voll Zauber und unermeßli⸗ chem Glüͤcke auf, welche ihr Geiſt im Licht der erſten Liebe jauchzend umflog. Ahnung! und Sehnſucht, Freude und Schmerz, Furcht und Hoffnung theilten ſich wunderbar in ihr Weſen, daß ſie zagend und muthig zugleich war.— Endlich trat aus dieſem Freiheits⸗ kampf einer ſchonen Sele das Bild des Ge⸗ — 102— liebten deutlich hervor, und ſiegend beſtimmte ſie ihr Schickſal mit dem Ausruf:„Ich liebe ihn! Ewig! Ewig!“ Bei dieſen Worten ſah ſie mit dem Flam⸗ menblicke ihres begeiſterten Auges kuͤhn und vertrauend zum Himmel; und die Arme aus⸗ breitend gegen die entſeelte Natur, als wollte ſie zu Leben und Freude aufrufen, flog ſie den Garten hinab, nach ihren Zimmern. Hier begegnete ihr die Grafin, und rief bei ihrem Anblick aus:„Par Dieu, Made- moiselle! Was iſt Ihnen widerfahren? Sie ſind ja athemlos und lauter Purpur!“ „O, Nichts gnädige Tante!“ verſetzte die von dieſem Suſammentreffen unangenehm Be⸗ ruͤhrte.„Ich bin etwas raſch gegen den Nordwind gelaufen.“ „Miece!e“ rief jene:„Was ſind Sie doch leichtſinnig! Wiſſen Sie wohl, was ich unter⸗ deſſen gelitten habe?“ Eliſabeth ſah ſie verle⸗ gen an.—„Das Ungluͤck“ fuhr die Gräſin fort:„ſcheint mich in Freienfels zu u Denken Sie ſich, mein geliebter Amaran — 103— der Gräſin mit dem laut ſchreienden Wind⸗ ſpiel derſelben ein, gefolgt vom Dorfbarbier. Ihm rief die Gräfin entgegen:„Iſt Huͤlfe für den Leidenden?“ Jener zuckte bedenklich die Achſeln, indem er ſchneidende Inſtrumente und Balſambuͤchſen hervorzog.„Das kann ich nicht anſehen, Du armer Amaranth!“ ſchrie die Gräfin, und zog das Fräulein in's entlegenſte Zimmer mit ſich fort. ſun „Das iſt“ ſchrie ſie voll Entrüſtung, in⸗ dem ſie ſich auf ein Sopha warf:„Das iſt die Schuld des charmanten, ſtummen Ritters! Amaranth verfolgt muthig das Pferd des Cou⸗ riers, das ſchlägt unvernuͤnftig aus, und Ama⸗ ranth hat ein zerbrochenes Bein, und ſtirbt vielleicht. Ma chere, donnez moi d Fau de Luce!“ Eliſabeth, ſo ernſt und epiſch ihre Stim⸗ mung war„hatte Mühe, bei den Ergießungen dieſes Schmerzes ein muthwilliges Lachen zu unterdruͤcken. Nicht wenig Ueberwindung ko⸗ ſtete es ihr, die Gräfin zu ertragen, und froh war ſie, als dieſe von der Nachricht„ Ama⸗ ranth ſey außer Gefahr“ wieder beruhigt ward. — 104— „Il fait froid!“ ſagte die Graͤfin, indem ſie ſich vom Sopha erhob.„Laſſen Sie uns den Thee vor dem Kamin einnehmen.“— Hell loderte die Flamme auf, und beſchien Eliſabeths von weltumfaſſendem Gefühl belebten Zuge, daß ſie wie eine Heilige und Verklärte in ihrer ſtillen Seligkeit da ſaß. Die Gräfin, waͤhrend ſie den Dhee ſchlrfte, ſah forſchend auf das gedankenvoll ſchweigende Fräulein. Endlich ſagte ſie:„Baroneſſe! Wie wäre es, wenn Sie den Chevalier einladen ließen, uns Geſellſchaft zu leiſten? Vielleicht hat er ein⸗ geſehen, daß er uns ennüjirte, und wird ſein Papajeno⸗Schloß abwerfen. Wenigſtens muß er mich doch wegen Amaranth um Verzeihung bitten, wenn er Lehensart beſitzt.“ Eliſabeth gab den Befehl, nicht ohne Un⸗ ruhe, und erwartend nach der Thuͤr gewendet, durch weſche der Erwählte ihrer Seele erſchei⸗ nen mußte.— Der Bediente kehrte zuruͤck mit der Nachricht: Der Offizier laſſe ſich den Damen in Unterthaͤnigkeit empfehlenz; von Geſchäften bedrängt, die ihm heute das Gluͤck — 105— ſo erwuͤnſchter Geſellſchaft entzoͤgen, ſh er ſich ſehr unzufrieden. „Ziemlich galant!“ ſagte die Gräfin„ Eliſabeth, der heimlich Trauernden. Jetzt erſchien ein Diener und meldete: ein fremder Harfner ſey im Schloſſe angekommen; er ſuche um die Gunſt nach, vor den ſpielen zu dürfen. „Bh bien!“ ſagte die Grifin:„Man nin ſich desennuͤjiren.“ n war cher Meinung. Der Harfner erſchien, neigte ſich den Da⸗ men. Nachdem er auf dem Inſtrument meh⸗ rere einleitende Accorde geſchlagen, fuhr er uͤber die Saiten mit kunſtgeuͤbter Hand, daß ſie voll und rein in lieblicher Melodie erklan⸗ gen, und mit gefühlvoller Stimme bcen er das Lied aus Egmont: Freudvoll und Leidvoll n Gedankenvoll ſeyn, Hangend und bangend hn wechſelnder Pein; immelhoch jauchzend Zum Tode betrubt, Gluͤcklich allein Iſt die Seele, die liebt. — 106— Eliſabeth glaubte die Stimme eines aus fernen Höhen ſie gruͤßenden befreundeten Gei⸗ ſtes zu vernehmen. Auf den Dönen und Klän⸗ gen ſchwang ſich das freudenreiche Gemuth zu freundlichen Bildern und begluͤckenden Grfüh⸗ len ſeiner Heimath. Noch ſang der Harfner manches Lied von Liebe und Treue, von Kampf und Sieg, Freude und Hoffnung; in ihrem Zauberkreiſe fuͤhlte ſich Eliſabeth ſehr wohl. Da ſprach die Gräfin:„Ma Foi! das ſind mir ganz alberne Arien. Mein lieber Mann, wir haben genug!“ Damit zog ſie die Börſe. Allein der Harfner erwartete die⸗ ſen Dank nicht? einen wehmuͤthigen Blick nach dem Fräulein ſendend, verneigte er ſich zum Abſchied.— Ihn ſo ziehen laſſen, konnte Eliſabeth nicht. Freundlich dankend ſtand ſie auf, und bat jenen, fuͤr die Nacht Obdach und Erquickung im Schloſſe anzunehmen, auch mit den erſten Lerchen des Fruhlings wieder⸗ zukehren. 3 „Ich weiß nicht,“ ſagte die Graͤſin, als der Harfner dankbar geſchieden:„Wo Sie, mein Fraͤulein, dieſe Sentimentalität her ha⸗ — 107— ben! Wie kann man über dieſe erbärmlichen Chanſons außer ſich gerathen und ſich in Ent⸗ zuͤckungen verlieren? Es iſt eine veraltete piece à tiroir, dieſes Puppenſpiel von Liebe und wieder nichts als Liebe; für den Pobel erfun⸗ den und fuͤr denſelben amuͤſabel. Vor hohern Staͤnden und ihrer Verſtandeskultur kann dieſe Faſtnachts⸗Mummerei nicht beſtehen. Sich verlieben, iſt gemein! Dieſe Schande habe ich meiner Familie nie gemacht— ich heirathete den Grafen aus Raiſon. Daͤchten alle Edel⸗ damen ſo, wuͤrde es nicht viele Wn geben.“ „D Du Aemſte!“ ſeufzte Euſabeth. klagend, da rief die Gräfin:„Minon! The- rese! Ou étes-vous done?““ Die Kammer⸗ frauen erſchienen; es erhob ſich die Graͤfin, und von Eliſabeth ſcheidend ſagte ſie:„Allons nous coucher!“ Von der Tante uſt, athmete Eliſabeth wieder frei. Sie eilte zu dem Bildniß ihrer Mutter, und mit der ganzen Kraft ihres Ge⸗ muths ſich zu dem verklärten Geiſte derſelben wendend, vertraute ſie ihm, was ihren unent⸗ — 108— weiheten Buſen ſuͤß und ſchmetzlich unche. Getroͤſtet, erhoben und vielfach angeregt, be⸗ trat ſie das Schlafzimmer, wo Liddy ihrer wartete, aber fortgeſchickt wurde.— Noch einmal trat Eliſabeth an das Fenſter, hinaus⸗ ſchend in die ſternenhelle Nacht. Schlummer fand ſie nicht, aber ein unendliches Gewirr von Gedanken und Phantaſien, die erſt von ihrem Lager wichen, als die Motgenſonne i Autitz— p Unbekannte war eufnun der buch den Courier überbrachten Depeſche, in einen ſeltſamen Zuſtand wankender Hoffnun⸗ S, finſtrer Beſorgniſſe und erhöheten Kraft⸗ gefühls verſetzt Man ſchtieb ihm folgendes: „ Leider hatten wir zu ſeih etunp ge⸗ tufen! Ihre Angelegenheiten ſtehen ſo mißlich, als nimmer zu erwarten geweſen. Wir haben einen harten Kampf mit Ihren Feinden zu kaͤmpfen, und bald ſtehen wir auf dem Punkte der Entſcheidung; wo Ihnen gewonnen — 100— oder verloren werden muß. Erlaubten es b Umſtände, daß Sie ſelbſt handelnd auf den Schauplatz treten dürften, würde vielleicht manches leicht beſeitigt werden konnen, was uns jetzt große Schwierigkeit darbietet. Da dieſes aber nicht ſeyn kann; ſo bitten wir um die bewußten Papiere, und Ihr Vertrauen: daß wir als deutſche Mäͤnner treulich zu er⸗ ſtreben ſuchen, was dem Rechte und der Wahrheit gebührt.“ Nachdem er dit betreffenden Schriften dem Courier behändigt, begann er ſeine ſuͤmmtlichen Papiere zu ordnen; und war dann bis ſpät in die Nacht mit ſchriftlichen Arbeiten beſchaf⸗ tigt, die er in einen ſchwarzen Folianten trug⸗ So viel wir wiſſen, iſt darin die Geſchichte ſeines Lebens enthalten⸗ Ermudet von ſeiner angeſtrengten Thätig⸗ keit ſtand der Unbekannte auf, als er die Schloßuhr Mitternacht herabtönen hörte. Jetzt nahm er Eliſabeths Harfe, die ihm noch nicht zurückgefordert war.„Was iſt“ rief er aus: „alle ächte Muſik anderes, als ein Troſtſpre⸗ chen und Ermuthigen des Leibes an die Seelez — 110— auf daß der echabene Fremdling in heiligen Phantaſien aus dem dunkeln Kerker zu ſeinem harmoniſchen Vaterland hinauffluͤchte.“ Da⸗ mit ſtuͤrmte er in brauſenden Accorden fort, bis dieſe allmaͤhlig in ein ſanftes Adagio über⸗ gingen, und in dem ſchmerzenden Tone ſußer Schwermuth erſtarben. „Eliſabeth!“ ſprach er wehmuͤthig:„Theu⸗ res Weſen! Du biſt das leßte Unterpfand meiner Hoffnung auf Gluͤck und Freude die⸗ ſer Erde— Wie Dein Bild in den wilden Aufruhr meiner Seele Frieden trägt, ſo ver⸗ ſoͤhne mich mit Welt und Schickſal! Kannſt Du je die Meinige werden?— Muß ich Dir entſagen und werde von hier ſcheiden, ſo will ich doch Deiner wuͤrdig ſeyn in dem Auf⸗ gebot der edelſten Kraͤfte; will leben Deine reine Tugend huldigend zu verehren, und will ſterben mit Deinem Namen.“ Verworrene Traͤume umringten ſein Lager⸗ Hier ſah er einen glühenden Lavaſtrom von den Bergen ſich herabſtuͤrzen, ganze Waͤlder krachend darin verſinkenz und das geſchmolzene Etz der Schachten ſchmolz in glänzenden Ster⸗ — 44— nen daruͤber hin— rings umher ein Bild der Zerſtörung, das den Weltuntergang verkün⸗ dete. Aber mitten durch die flammenden, wankenden, wogenden Thaͤler zog ſich ein mit Blumen uͤberſaͤeter, gruͤner Pfad, der ihn rettend empfing, waͤhrend um ihn her die auf⸗ geloßte Natur in Truͤmmern verſank. Dort tönte ihm eine unbeſchreiblich liebliche, vom ſußeſten Entzuͤcken ſchwellende Muſik. Von unſichtbarer Macht getragen, flog er den Har⸗ monien entgegen. Da ſtand unter Roſen und Palmgebuͤſch vor ihm eine leuchtende Geſtalt, die nach einem den Himmel umfangenden Re⸗ genbogen hinwies. Er betrachtete die Geſtalt und bekannte Zuͤge ſtrahlten ihm entgegen⸗ „Wer biſt Du höheres Weſen? biſt Du mein Genius vielleicht, der liebend und ſchutzend mir naht?“ So fragte erz da brach der En⸗ gel eine der Roſen, reichte ſie ihm dar. Und nun kannte er ihn, und rief:„Eliſabeth!“ Als er vielfach bewegt und erweckt von den Bildern entfeſſelter Phantaſie, ſich dem kurzen Schlummer entwand, ſtand vor ihm der Diener Johann und ſprach:„Herr Ritter, . —— die Sonne ſteht hoch! Die Damen warten ſchon lange beim Dejeuner.“ Wni Am Theetiſche ſaß die Gräfin, den krän⸗ ken Amaranth auf dem Schooße; ihr gegen⸗ über Eliſabeth, beſchäftigt die von der Dame fleißig geleerten Taſſen zu füllen.„Es ſoll mich doch wundern“ hob jene an:„ob der geſtrenge Herr Ritter ſich herabläßt zu kom⸗ men, und ob er belieben wird zu zeigen, daß er Franzoſiſch verſteht?“ Kaum geſagt, da rauſchten die Flügelthuͤren auf, der Unbekannte trat ein; und Eliſabeth, die eben eine Taſſe überreichen wollte, ließ dieſe aus zitternder Hand ſinken, daß der Inhalt uber das Atlas⸗ kleid der Gräfin floß. „Ah! Mademoiselle, jus ctes voüs gauche!e“ rief zornig die Dame; ein glühen⸗ des Roth flog über Eliſabeths Wangen. Da wendete ſich der Unbekannte mit einem feinen Anſtand gegen die Graͤfin, indem er im rein⸗ ſten Franzöſiſch lächelnd ſptach:„Beſſer ein verdorben Kleid, als ein beflecktes Herz!“— Ueberraſcht und mit verbiſſenem Ingrimni ſchwieg dieſt; Eliſabeth aber erhob einen denk⸗ baren Blick gegen den Dheuren, deſſen Stimme ſie nun zum erſtenmal, und fuͤr ſie ſprechend hoͤrte. Sie begegnete einem Blicke, der mit dem Ausdruck inniger Empfindung auf ihr ruhete, und ihr Herz mit der Zuverſicht er⸗ hob:„Ja! er liebt mich!“ Nicht verzeihen konnte die Graͤfin die Art, auf welche der Ritter ſeine Kunde des Franzoſiſchen bewieſen hatte. Ihn und Eli⸗ ſabeth mit ſatyriſchem Laͤcheln meſſend, ſchwieg ſie: Die Liebenden aber, welche kaum ange⸗ fangen hatten auf die Deutungen jener ſtillen Sprache zu horchen, welche ein liebendes Herz fuͤr ſeine Myſterien bildet, ſchwiegen auch; weil ſie nicht offenbaren konnten, was ihre innere Welt durchleuchtete. So befanden ſich alle Theile ziemlich unfrei, und ſahen mit Zufriedenheit ihr Unbehagen enden, als ein Beſuch aus der Nachbarſchaft gemeldet wurde. Der Unbekannte, welcher ſeine Gründe haben mochte, jene Geſellſchaft zu vermeiden, empfohl ſich bei deren Erſcheinen. Eliſabeth ſah ihm traurig nach; die Graͤfin aber erhob ſich zur ganzen Hohe ihrer vornehmen Hal⸗ — 114— tung, den Gaͤſten die Herrlichteit der Haupt⸗ ſtadt und ihres Ranges voruͤberfuͤhrend. Der Unbekannte eilte in's Freie, mit den Baͤumen und Büſchen, und dem weiten Him⸗ mel zu ſprechen, welches er ſchon oft gethan, wenn ihm das Menſchenleben zu eng gewor⸗ den und er ein großes Gefuhl zu offenbaren hatte, das nur Gott und die Natur mitem⸗ pfindend in verſtändliche Sprache übertragen können. Als er am Ende des Gartens den See erreicht hatte, begegnete ihm der alte Gäͤrtner. „Wo wollen denn Ew. Gnaden hinwandern?“ redete ihn dieſer an.„Sie haben ſich recht lange nicht bei mir ſehen laſſen!“— Darauf etzählte er ihm von Eliſabeths Beſuch im Pa⸗ villon der Flora, und ſchloß mit den Worten: „Und Ihre ſchöne Myrthe, hat ſie mir ver⸗ boten in's Schloß zu bringen!“ Unerwuͤnſcht erſchien dem Wanderer des Alten Redſeligkeit, und das Schickſal der Myrthe erregte ſeine Beſolgnißs was vielleicht — nicht geſchah, haͤtte er mehr Kenntniß des weiblichen Herzens gehabt.„Morgen“ fuhr der Alte fort:„iſt der ſiebenundzwanzigſte Rovember! Haben Ew. Gnaden vielleicht ei⸗ nige Blumen zu befehlen?“— Wollen ſehen! wär die muͤrriſche Antwort. Damit naͤherte ſich der Unbekannte dem Ufer des Sec's. Hier fand er einen Kahn,„ der beſtimmt war, nach der Inſel hinuͤber zu tragen, welche aus des See's Mitte ſich erhebend, eine Ere⸗ mitage im Kranz lombardiſcher Pappeln trug. „Der Pappelinſel wollen wir einen Beſuch machen!“ Sprach's, beſtieg den Kahn und durchſchnitt die Fluthen. „Wie doch“ ſagte er lundend: die Ziele im Leben ſich uns wunderbar erweitern und wieder beſchränken! Einſt befuhr ich den Oeean und ſah die Kuͤſten der neuen Welt; jetzt iſt mein Linienſchiff dieſer Kahn, und Domingo iſt dieſes kleine Eiland.— Ich ſche wohl, das Maaß fuͤr alles Große und Erhabene giebt nicht die Sinnenwelt: es liegt in un⸗ ſerm Geiſt. Wie der unendlich und ftei iſt, S 3 — 116— ſo darf er nur gebieten, um Zeit und Raum vor ſich zu erweitern und der Schöpfung Markſteine daͤmmern zu ſehen.“ Von dem Geraͤuſch des Ankommenden ver⸗ ſcheucht, erhoben ſich vom Ufer einige Schwaͤne, und ruderten ſtolz in den See hinein. Mit Luſt betrachtete der Unbekannte die ahnenden Vögel, und in ihrer Erſcheinung ſinnige Bedeu⸗ tung antreffend, ſprach er:„Schweigend geht ihr durch das Leben, und ſein Scheiden erſt giebt Euch Toͤne! Ich entdecke in der Men⸗ ſchenwelt das gleiche Geſetz. Koͤnnen wir un⸗ ſerm Gluͤck, unſrer Freude eine Sprache geben, ſo ſind jene geweſen. Ach! Was in des Herzens ſtillen Räumen liegt, das iſt heilig, es gehort Gott und Uns; was aber der Lippe entflieht, gehört der Welt, und wir haben es verloren. Eliſabeth! Ich bin ſelig im Glau⸗ ben und Hoffnung, wie ich Dich unendlich liebe, und dieſe Liebe keiner lebenden Seele vertraue. Wenn ich es nun ausſpreche das große Wort: Ich liebe Dich! wird nicht viel⸗ leicht durch ſeinen Schall mein ganzes Para⸗ dies zertruͤmmert?— Doch es ſey! Sagen — 7— will ich Dir, daß Du das Leben meines Le⸗ bens biſt, und ſollte dies auch mein Schwa⸗ nengeſang ſeyn.“ Mit dieſen Worten ging er nach der Ere⸗ mitage zu, um ſich dort ſtiller Betrachtung zu überlaſſen. Ueberraſcht blieb er ſtehen, als er in einen kleinen Gemüſegarten trat, und vor der Thür Fiſchernetze ausgebreitet ſah. „Nur näher, lieber Herr!“ erſcholl es jetzt aus dem Häuschen, und mit treuherzigem Gruße hereinnöthigend, zeigte ſich der Bewoh⸗ ner, ein alter Mann, der eben mit Ausbeſ⸗ ſerung einer Fiſchreuſe beſchaͤftigt war. Der Unbekannte trat in ein kleines, freund⸗ liches Stübchen, wo ihn die Döchter des Fi⸗ ſchers, zwei bluhende Maͤdchen empſfingen. Die ältere ſtickte an einem Strauß von Roſen und Vergißmeinnicht, der ſich der Vollendung nahte; ihre Schweſter wand einen großen Kranz lebendiger Blumen: Tauſendſchoͤn, Aſtern, und was dem Herbſtſturm entgangen war. Als der Fiſcher die Verwunderung des Fremden bemerkte, ſprach er:„Sie muſſen nur wiſſen, lieber Herr, daß Morgen der — 118— ſiebenundzwanzigſte November, unſeres lieben gnädigen Fraͤuleins Geburtstag iſt. Da wol⸗ len meine Maͤdchen ein kleines Angebinde auf's Schloß überbringen, wie es unſer dankbares Herz geben kann; denn was Fräulein Eliſa⸗ beth an uns gethan hat, können wir niemals lohnen.“ Damit erzaͤhlte er dem aufmerkſam Horchenden: wie er durch Unglück ſo ganz arm geworden ſey. Da habe ihm Eliſabeth dieſe Huͤtte einraͤumen laſſen; ihn mit allem Noͤthigen reichlich verſorgt, daß er nun kum⸗ merlos leben könne.„Und was noch mehr iſt!“ ſetzte er mit einer Thräne im Auge hinzu:„Meine Mädchen hat der Engel in allem Guten angefüͤhrt. Was ſie wiſſen und können, verdanken ſie dem Fräulein!“ Jetzt wurden die Mädchen mit ihrem Blu⸗ mengewebe fertig, ſprangen auf und verglichen ihre Arbeiten gegen einander.„Ach!“ rief die Juͤngere;„Wie friſch und fröhlich Dein Strauß geworden iſt, als käme er eben aus dem Garten!“ Damit ſah ſie traurig auf ihr Herbſtgewinde.—„Nein!“ rief ihre Schweſter:„Dein Kranz verdient den Preis. — 119— Es ſind ja Gottes lebendige Blumen! Liebt ja auch unſer Fraulein alles, was einfach und natürlich iſt; und gar nicht ſo ſtolz und prunkend iſt ſie, wie andere Damen.“ „Ihr holden Kinder!“ dachte der Unbe⸗ kannte:„Ihr ſeyd auch Blumen der Flur, die meine Koͤnigin erzogen hat.“—„Meine ſchonen Kinder“ ſprach er:„Ihr wollt mir gonnen, daß ich Euren lieblichen Angebinden auch das meine hinzufuͤge.“ Damit zog er die Schreibtafel hervor, trug mit Bleiſtift ei⸗ nige poetiſche Zeilen hinein, wie ſie ihm des Augenblickes Empfindung eingab.„An Eli⸗ ſabeth“ uberſchrieben, reichte er das Blatt den Mädchen, indem er ſie bat, daſſelbe Mor⸗ gen mit ihren Blumen dem Fräulein zu über⸗ reichen. Darauf faßte er eine Hand voll Goldſtücken aus der Börſe, nöthigte ſie dem weigernden Fiſcher mit den Worten auf? „Nehmt es immer als einen Beitrag zur Aus⸗ ſtattung Eurer durch Eliſabeth gebildeten Töch⸗ ter. Lebt wohl, Ihr habt mir einen frohli⸗ chen Tag gemacht!“ Und er ſprang in den Kahn, von des Fiſchers und ſeiner Doͤchter Segenswünſchen über den See geleitet. Sehr ſpaͤt hatte der Beſuch das Schloß verlaſſen. Der bangen Sehnſucht des Unbe⸗ kannten daͤmmerte endlich der Morgen heran, und freudig und ahnungsvoll begrüßte er die Sonne, deren Strahl vor ſechszehn Jahren der Geliebten in's Daſeyn leuchtete.— Die Dienerſchaft erſchien heute in der Galla⸗Livree, ein lebhaftes Treiben erhob ſich im Schloſſe. Das Vorzimmer ward von den Offizianten der Hertſchaft und den ſchöhſten Mädchen des Dorfes gefuͤllt. Alle waren auf's Beſte geſchmuͤckt und warteten der Königin des Ta⸗ ges, um ihr glückwünſchend mit Blumen und Hetzen zu huldigen. Die vom erwartungsvollen Blick der Menge bewachten Flügelthuren des Saals rauſchten auf, und heraustrat die Erſehnte in den ſie freudig begrüßenden Kreis: mit dem Zauber ihres holdſeligen Weſens allen freundlich nah, mit beglůͤckendem Lächeln und geruͤhrtem Danke die Gabe der Verehrung empfangend. — 1— Das Angebinde der Fiſchermädchen und das Gedicht war in ihren Haͤnden. Mit ver⸗ vindlicher Anmuth den Froͤhlichen ſich neigend, entließ ſie die Verſammlung mit den Worten: „Ich bitte darum, Euch Alle heute als meine Gäſte anſehen zu duͤrfen.“ Damit gab ſie Auftrag, daß ein feſtliches Mahl den Glück⸗ wuͤnſchenden bereitet werde. Als Eliſabeth durch die Bildergallerie ging, um ſich in das Geſellſchaftszimmer zu begeben, kam ihr mit feierlichem Anſtand die Gräſin entgegen.„Ma niece!“ ſprach ſie,„Sie treten heute in Ihr ſicbzehntes Jahr! Nehmen Sie meine Gratulation und dieſen goldenen Ring mit ihrem Wappen. Tragen Sie den⸗ ſelben, um nie zu vergeſſen, daß Sie eine Freienfels ſind!“ Das Fräulein durfte dies ihr unangenehme Geſchenk nicht abweiſenz aber wehmüthig betrachtete ſie die Blumen, womit ſie reich bekraͤnzt war, und dachte:„Gr iſt nicht gekommen? Er hat mir nichts zu bieten?“— Darauf erhob ſich die Gräfin, feierlich wie ſie gekommen, um ſich fuͤr das von ihr — 2— erwartete glaͤnzende Diné in ein prunkendes Coſtüm zu werfen. Eliſabeth trat in ein Fenſter, um das empfangene Gedicht anzuſe⸗ hen. Da bemerkte ſie den Unbekannten, wie er die Terraſſe vom Tempel der Flora herab⸗ kam, und nach den Fenſtern des Schloſſes hinauf ſah.„Ob er vielleicht hierher kommt?““ fragte ſie ſich mit Unruhe, und begann das Blatt zu leſen. vnn „An Eliſabeth.“ In des Liedes freien Toͤnen, In der Blume Farbenſpiel Offenbart ſich alles Sehnen, Und des Herzens Hochgefuͤhl.. Seele gruͤßet andre Seelen! Was ſie hofft und was ſie glaubt, Alles, was kein Winter raubt, Sollen Strahl und Klang erzaͤhlen. und es ſchweben holde Traͤume Stolzer Luſt und ſußen Weh's, Um der Roſe Purpurſaͤume, um's Vergißmeinnicht des See's. Alle zieh'n ſie nach dem Lichte, Das Eliſen heut' verklaͤrt: Was Sie auch verſagt— gewährt, Lebt im Kranze und Gedichte. — 123— Deutung dieſen Traͤumen geben Kann Eliſens zarter Sinn! Ihnen leihend wahres Leben, Wird des Tages Koͤnigin Manche Seele reich begluͤcken, Manches Herz zu Gott erhoͤh'n;— und der Sehnſucht leiſes Fleh'n Laut zu Jubelklang entzuͤcken. Von dem geheimnißvollen Geiſt dieſes poe⸗ tiſchen Grußes war das Fräulein maͤchtig angeregt, ſann hin und her, ob ſie die rechte Deutung finden möchte; und hatte ſie gefun⸗ den, indem ſie ſagte:„Wer kann ſo Etwas ſchreiben, als Er? Und dieſe Gefühle, ſind ſie Wahrheit und keine Dichtung? Und ſoll⸗ ten ſie mir gewidmet ſeyn?— Ich wäre ſehr gluͤcklich!“ In dieſem Augenblick trat der unbekannte in die Gallerie, im Glanze einer Uniform, welche viel reicher war als die, welche man vorher an ihm geſehen. Mit ungewiſſem Schritte ging er auf die in der Fenſterwöl⸗ bung bebend gelehnte Eliſabeth zu; ſeine Hand hielt einen Strauß der ſeltenſten und köſtlich⸗ — 124— ſten Blumen. Jehzt ſtand er nahe vor Eliſa⸗ beth, und indem er ihr den Strauß entgegen hielt, und ſein Gedicht in den Händen der Geliebten ſah, wollte er ſie anreden:— allein die Sprache hatte keine Worte fuͤr dasjenige, was er ausdruͤcken wollte. Da ſank er ſchwei⸗ gend zu ihren Füßen, im mächtigen Kampf der Gefuͤhle. Eliſabeth neigte ſich zu ihm, ringend zwi⸗ ſchen der Gewalt ihrer Liebe und maͤdchenhaf⸗ ter Schüchternheit; bis jene in ihrer Göttlich⸗ keit uͤberwand, und die Jungfrau hoch errö⸗ thend in des Geliebten Arme ſank mit dem leiſen Geſtaͤndniß:„Ich liebe Dicht⸗ Wer beſchreibt ſolche Momente reinſter Seligkeit! Das Geſtändniß der Gegenliebe einer ſchoͤnen Seele tritt als leuchtender Engel auf unſre Pilgerbahn, und reicht die Kronen des ewigen Lebens und der ewgen Jugend.— Der Unbekannte erhob ſich in dem ſiegestrun⸗ kenen Bewußtſeyn ſeines Gluͤckes, umſing die Einzige als ſein hochſtes Gut fuͤr alle Zeit. Umfaſſend und umfaßt druͤckte er ſprachlos das geliebte Leben an ſich.— In dieſen Armen war der Hafen, wo ihm die Stuͤrme der — 125— Welt ſchwiegen, an dieſem Herzen die Erlö⸗ ſung von dem finſtern Schickſal, das ſo lange durch Dornen ihn getrieben hatte. Eliſabeth ſchmiegte ſich an den Geliebten mit jenem jungfraͤulichen Weſen, jener zarten Innigkeit, wodurch alle erſte, reine Liebe, ſo wonnevoll und himmliſch gemacht wird. Im Beſitz einer Welt gingen die Gluͤcklichen durch den Bilderſaall. Vor dem Gemaͤlde ihrer Mutter blieb Eliſabeth ſtehen, und ein ſeelen⸗ voller Blick auf daſſelbe bat um Segen für den Bund, den ihr Herz geſchloſſen.„Heute“ ſagte ſie it ſuͤßer Anmuth:„heute iſt der Geburtstag meiner Seele! Ich danke fuͤr Dein Angebinde.“ Man hoͤrte ein Geraͤuſch der Gallerie nahe kommen, und trennte ſich ſchnell.„Heute Abend am ſelbigen Orte!“ fluͤſterte es von beider Lippen, und auf verſchiedenen Seiten abgehend, geleitete man ſich lange mit den Abſchiedsgruͤßen der in Liebesgluth leuhtden Augen.— Es war große&uuſcheft auf dem Swn 5 angeſagt: Der Unbekannte vergrub ſich und ſeine Seligkeit in die Einſamkeit des blauen Simmers, den Abend heiß erſehnend. Er kam, und mit ihm entfernte ſich der Beſuch, aber ſein Glück erſchien nicht.— Als er eben nach der Bildergallerie eilen wollte, erſchallten Poſt⸗ hörner, und ein Reiſewagen rollte in den Hof. Bediente in den Farben des Hauſes Odes⸗ calchi bffneten den Schlag; heraus ſprang ein junger Mann, der nach der Gräfin und nach Eliſabeth fragte. Der Unbekannte verwünſchte die böſe Stö⸗ rung durch dieſen ungebetenen Gaſt; in der unglücklichſten Stimmung rannte er im Zim⸗ mer auf und ab. Da klopfte es leiſe, und herein ſchlüpfte Liddy.„Guten Abend, Hert Ritter! So allein?“ ſispelte das muntre Geſchöpf, und uͤberreichte ihm ein Billet. Es war von Eliſabeth, und wurde mehr verſchlun⸗ gen, als geleſen. 3 6 „Theurer!“ ſchrieb dieſe in flchtigen Bleiſtiftzügen:„So ehen iſt mein Couſin Odescalchi, ein erklarter Liebling der Tante, on Wien eingetroffen. Ich habe Gründe, — 127— um Deine Gegenwart zu bitten. Aber einen andern Namen mußt Du mir nennen, als meine Liebe Dir giebt; denn vorſtellen muß ich, der Sitte gemaäß. Und nicht gern ſähe ich Dich allerlei gehaͤſſigen Vermuthungen blos geſtellt!— Unterzeichne hier Deinen Namen, und dann erſcheine, um mit ſtiller Freude be⸗ gruͤßt zu werden, von Deiner ewig treuen Eüſabeth.“ Dieſe Zeilen der geliebten Hand erfüllten den Unbekannten mit Bitterkeit. Sie floß in ſeine Antwort uͤber, und ward bereuet, als Liddy ſchon mit dieſen Zeilen fortgeſchickt warz „Namen ſind tönendes Erz und klingende Schelle! Ohne die Liebe ſind ſie Nichts.— Meine Ehre habe ich dafuͤr verpfaͤndet; den Namen, welchen Gluͤck und Geburt mir gaben, in dieſem Lande nicht eher auszuſprechen, als bis jene wuͤrdig anerkannt ſind.— Genügt es Dir nicht zu wiſſen, daß ich ein Mann von Ehre binz ſo kann ich nicht erſchei en. Und dann bin ich uͤberhaupt gewohnt, mich — 128— ſelbſt vorzuſtellen, und mit dem Bewußtſeyn meiner Wuͤrde alle Einflüͤſterungen gemeiner Naturen niederzuſchlagen. Es empfiehlt ſich: Der Unbekannte.“ Das Fräulein ließ eine Thraäne der Em⸗ pfindlichkeit auf dieſes Billet fallen.„Der Grauſame!“ ſagte ſie, und ſchlich mit betrub⸗ tem Herzen zur Geſellſchaft der Tante und des jungen Grafen, ihres Sohnes. Der Graf war einer von den jungen Maͤnnern in Deutſchland, von welchen ſich nicht viel ſogen laͤßt, und kennte man auch den ganzen Inhalt ihres Lebens. Er war weder gut noch böſe, und ſein Kopf eben ſo leicht, als ſein Betra⸗ gen. Uebrigens war er reich, jung und nicht häßlich; und das Ziel ſeines Strebens ging dahin, dieſen Eigenſchaften durch das Weſen eines großſtädtiſchen Elegants„in Kleidung, Manieren und Converſation, die glaͤnzende Folie zu geben. „Sur mon honneur, Baronesse1“ hewill⸗ kommte er Eliſabeth:„Sum Entzucken ſind — 129— Sie ſchoͤn geworden, wie Raphaels Engel'in Belvedere.“ „Und Sie, mon Cousin,“ entgegnete das Fraͤulein laͤchelnd:„ſind ſo galant ge⸗ worden, als weiland Amadis von Gallien.“ „Sie erſcheinen mir“ fuhr der Graf fort: „als eine Schäferin aus Arkadien, bei deren Anblick man den Zepter vergißt, und zum Hirtenſtabe greift.“ „Und Sie,“ war die gnn„erſchei⸗ nen als ein junger Graf aus Wien, der in der Mode⸗Poeſie Fortſchritte macht.“ „Elle a de Pesprit!“ rief die Gräfin. „Et vous, mon fils, vous étes aimable comme un ange. Embrassez— moi!“ Und ihren Sohn mit großem Wohlgefallen betrach⸗ tend, warf ſie einen bedeutenden Blick auf Eliſabeth. Das Fraͤulein war es vah mude, die ab⸗ geſchmackten Tiraden anzuhören, welche der Graf ihr gelaͤuſig entgegen lispelte. Sie ſchwieg zuletzt, um nicht durch bittere Bemit⸗ kungen, welche ſich ihr aufdrangen, die Graͤfin zu verletzen. Der Eingebildete hielt es fuͤt ₰ — 130— einen Triumph ſeiner Geiſtesüberlegenheit, und eine Folge des Eindrucks, welchen er auf die Couſine gemacht habe. In dieſem Wahn, naͤherte er ſich derſelben mit erhoͤhtem Selbſt⸗ gefuͤhle und zudringlicher Artigkeit. Im Sturm gedachte er ihr Herz zu erobern, und ſah ſei⸗ nen Muth durch die beifälligen Winke der Graͤſin Mutter beſteuert: es galt der einzigen Erbin bedeutender Guͤter.— Als die beſchwerlichen Gäſte ſich zuruͤck⸗ gezogen, überließ ſich Eliſabeth der bangen Sorge für die Zukunft. Schon ſah ſie das heitre Freudenlicht, womit der Morgen dieſes Tages ſie begrüßt, von Schleiern trüb ver⸗ hüllt, und fragte ſich:„Wie werden dieſe Verwickelungen gelöſet?— Mein Herz glaubt an ihn, und liebt ihn ewig. Aber mein Va⸗ ter? Wird nicht die Gräfin verſuchen, mein Paradies zu zerſtören?— Und dann fahre wohl Leben, mit allen ſchoͤnen Traͤumen von Gluͤckſeligkeit!“ So erfuhr Eliſabeth im Fruhroth ihrer jungen Liebe, das Weh derſelben, ſo bald ſie — 131— aus des Buſens ſtillen Raͤumen der t und dem Schickſal entgegentritt. Allein Eliſabeths Muth unterlag ihren Beſorgniſſen nicht, erhob ſich vielmehr zu be⸗ geiſterter Standhaftigkeit, indem ſie ausrief: „Treu will ich ihm bleiben, und ſeiner werth, und ſollte alles ſich wider uns verſchwoͤren!“ Als ſie durch den Corridor nach ihren Zimmern ging, hörte ſie ein leiſes Geftuͤſter, das aus der blauen Stube kam. Sie unter⸗ ſchied eine fremde Stimme; ſah bald darauf die Thuͤr oͤffnen und eine im Mantel ver⸗ huͤllte Geſtalt heraustreten, welche eilig an ihr voruͤber fliehend, in den dunkeln Gaͤngen verſchwand. Leberraſcht blieb ſie ſtehen, und horte noch lange die Schtitte des Geliebten, welcher mit Heftigkeit im Zimmer auf und nieder wandelte. Gequalt von neuen Zweifeln, ging ſie; mit einem wehmüthigen Blicke nach der Thuͤr, welche den Theuren verſchloß, deſſen ſchmerzliche Unruhe ſie ahnete.„Ich darf ihn jetzt nicht ſehen!“ flüſterte ſie, und trug den Kampf ihres Innern mit ſich fort. S Der Unbekannte war durch die Mitthei⸗ lungen des Fremden in große Bewegung ver⸗ ſetzt worden: er erfuhr, daß ſein Schickſal nun in wenigen Tagen ſich entſcheide, und alsdann der Freiherr auf das Schloß zurück⸗ kehren werde.„Fäͤllt Dein Loos“ hatte der Fremde geſagt:„nicht ſo, wie ich's vom Himmel heiß erflehe— dann meide dieſes Land auf immer, in tiefſter Einſamkeit Dich zu verbergen.— Ich weiß, Du haſt hier Liebe gefunden! Aber etwas Hoͤheres noch giebt es, als jene Leidenſchaft.— Wie auch die Dinge ſich geſtalten mögenz; ſo vertraue ich, als einen Mann Dich zu ſehen, der ſei⸗ nes Urſprungs wuͤrdig, muthig zu dulden und zu handeln weiß.“— „O der herrlichen Weisheit, die immer auf das Unſichtbare in uns hinweiſt, wenn alles Sichtbare mit ſeinen Paradieſen verſank, und nichts fuͤr uns übrig bleibt, als der Schmerz eines einſamen und verlaſſenen Gei⸗ ſtes, der das ewige Abſcheiden ſeiner hochſten Lebensguͤter betrauert.“ Dieſes ſprach der — 133— Unbekannte, als er ſich allein ſah, mit bitterer Ironie.— „O Eliſabeth!“ rief er dann:„Ich ſollte Dir entſagen? Wollt ihr eine gottliche Tu⸗ gend, ſo nehmt mir das menſchliche Herz, ihr finſtern Mächte! Ich habe mit Euch gerungen, habe gelitten und getragen, und kann nicht mehr. Eliſabeth, mit Dir ſchwindet mein Ftiedensengel, und ich bin dem Abgrund verfallen.“ ———————— Düſtere Nebelwolken verhüͤllten Freienfels, und die aufgehende Sonne konnte ſie nicht durchbrechen. Traurig, wie der Herbſtmorgen uber der Gegend lag, fand er auch die Be⸗ wohner des Schloſſes, ausgenommen die graͤf⸗ lichen Gäſte, welche im gewohnten Gleiſe ihres Tages⸗ und Lebenslaufes ſich gleich⸗ müthig bewegten. Die Gräſin quälte Ninon und Thereſen am Putztiſch; ihr Sohn den Kammerdiener. Alsdann begab ſich jene mit Amaranth an den Foyer, und dieſer ging an die Lektüre eines Mode⸗Journals; worauf er — 134— im Spiegelzimmer verſchiedene Stellungen ein⸗ uͤbte, und mehrere Stellen aus Solbrigs „Deklamator“ vortrug. Eliſabeth erfuhr an der Graſin Seite alle Qualen eines tief empfindenden Gemuͤthes, welches im Kampfe mit ſich und der Außen⸗ welt begriffen, dieſen Kampf unter dem An⸗ ſchein ruhiger Bchaglichkeit zu verbergen ge⸗ zwungen iſt. Geduldig ausharren mußte ſie, als der junge Graf mit einem Buche in der Hand erſchien, und ſich den Damen zum Vorleſer erbot. Mit den Worten:„Ma chere cousine, Sie werden ein Meiſterſtuͤck kennen lernen!“ ſchlug er Claurens Mimili auf, und unter⸗ brach ſeine Lekture durch den öftern Ausruf: „Iſt das nicht magnifik und göttlich? O Mi⸗ mili, holdeſtes der Alpenkinder!“ Jetzt klopfte es plotzlich auf ſeine Schulter, und ſprach:„Der Herr Graf ſahen wohl niemals Alpen?“ Eiſchrocken fuhr dieſer auf und erblickte den Unbekannten, der Allen un⸗ bemerkt hinter Eliſabeths Stuhl getreten war, und den Porleſer mit ſtozem Blicke maß. — 135— Der Graf ſchlug die Augen nieder, dann ſuchte er ſich zu faſſen, und rief:„Mein Herr, Sie erlauben ſich eine Vertraulichkeit, die. Hier ſah ihn der Unbekannte mit einem durchbohrenden Lächeln an, und jener verſtummte.. Eliſabeth war von der ängſtlichen Verle⸗ genheit ergriffen; die Gräfin aber rief mit zit⸗ ternden Lippen, die der Sorn färbte:„Mon- Sieur le chevalier! Sie ſind ſehr kuͤhn.“ „Nichts weniger, meine Gnädige!“ erwie⸗ derte dieſer.„Ihr Hert Sohn und ich, ſind alte Bekannte, die ſich nichts übelnehmen. Nicht wahr, lieber Graf?“ Jener ſtotterte ein banges„Ja!“—„Und was noch mehr iſt;“ fuhr der Unbekannte fort:„Wir haben in Paris. „Auf ein Wort, wenn ich bitten darf!“ ſiel der Graf ein, indem er nach der Thur des Kabinets zeigte. „O!“ ſagte der Unbekannte:„Es iſt rein zwiſchen mir und Ihnen. Sie, Herr Graf, haben keine Geheimniſſe— reden Sie offen!“ Da warf der Graf einen flehenden Blick auf — 136— ihn, ſtand auf und verließ das Zimmer. Der Unbekannte, indem er läͤchelnd auf die beſorgte Eliſabeth zuruͤckſah, folgte. „Dieu merci!« rief die Gräfin:„Sie ſehen, mein Sohn hat noblen Muth, und gedenken wird er dem Chepalier ſeine Kuͤhn⸗ heit. Er füͤhrt den Degen mit der groͤßten Gewandheit, wie es einem Kavalier geziemt. Unruhig wuͤrde ich ſeyn, wüßte ich nicht, daß der Unbekannte von Adel iſt. Aber ſo mag er immer einen Gang mit ihm wagen. Eliſabeth konnte ihre Unruhe nicht verber⸗ gen. Sie glaubte Degen klirren zu hoͤren und bewachte mit aͤngſtlichem Blicke die Thuͤr, durch welche man zuruͤckkehren mußte:— vielleicht kam der Geliebte nicht wieder.— Die Gräfin beobachtete das Fraulein auf⸗ merkſam, indem ſie aus der goldenen Dabatiere Spaniol nahm, und wiegte bedeutend ihr von Wiener Seidenlocken umflattertes Haupt. Nun oͤffnete ſich endlich die Thuͤr, und heraus trat mit verſtörtem Anſchen der Graf, bleich und — — 137— „Oh ciel!“ rief die Gräſin ihm entge⸗ gen:„Est- il tombé?“ Bei dieſen Worten ſprang Eliſabeth auf, und ſturzte aus dem Saal.„Mama!“ rief der Graf:„ich werde die Ehre haben, Ihnen das Abſchiedökompliment zu machen.“ „Wie, mon fils? Sie wollen reiſen in dem Moment, wo Sie alles gewinnen muͤſ⸗ ſen? Der Baron kehrt zuruck, und Eliſabeth— Sagen Sie mir Graf, was iſt es mit dem Unbekannten? Wer iſt er— Sie haben ihn doch nicht mortellement bleſſirt?“ „O Nein, Gnädige Frau!“ verſicherte der Graf.„Er lebt; aber wer er iſt, kann ich Ihnen wahrhaftig nicht ſagen. Leben Sie wohl! Ein dringendes Geſchäft ruft mich nach Wien zuruͤck— à revoir!“ Damit ſprang er fort und die Graͤfin ſtand in ſprachloſem Erſtaunen, als ſie gleich dar⸗ auf den Reiſewagen vorfahren horte, und die Koffres ihres Sohnes forttragen ſah. Sie eilte hinunter.—„Aber mon fils!“ flüſterte ſie dem Grafen zu:„Was fällt Ihnen denn ein? Ou'en dira-t-on! Wollen Sie denn die — 138— Baroneſſe aufgeben? Sicher verdirbt der fatale Unbekannte ihr Spiel.“ „Ich hoffe, es ihm zu verderben!“ ent⸗ gegnete der Graf.„Ich empfehle mich unter⸗ thänigſt!“ Und der Wagen rollte mit ihm davon, Eliſabeth, das Schrecklichſte befürchtend, 3 durcheilte das Schloß. Ohne eine andere Ruͤckſicht zu erkennen, als das ihr vorſchwe⸗ bende Schickſal des Geliebten, wankte ſie zo⸗ gernd— da ſie ihn nirgends angetroffen hatte, nach dem blauen Zimmer. Hier trat ihr der ſchmerzlich Erſehnte lächelnd entgegen. „O mein Geliebter!“ rief Eliſabeth, von ihrer freudigen Ueberraſchung ſich erholend: „Du lebſt, und biſt mir wiedergegeben?“ Der Unbekannte ſchloß die Holde voll In⸗ nigkeit in ſeine Arme.„Gewoͤhne Dich, meine Eliſabeth,“ ſagte er:„mich uͤberall Sorge und Verwirrung bereiten zu ſehen, wo ich erſcheine. So will es mein dunkles Schickſal! Dieſer Graf iſt uns unſchädlich— —— —— — 139— de faͤhrt er hin. Dank ſey es dem Aben⸗ theuer in Paris, wovon ich Zeuge war; ſeine unerwuͤnſchte Entdeckung ſucht der Graf zu meiden, indem er Freienfels hinter ſich läßt.“ Eliſabeth forſchte nicht weiter, als der Geliebte jetzt ſchwieg, bat ihn aber, ſie mit der Graͤfin um keinen Preis allein zu laſſen. Ihre Gloſſen machte die alte Dame, als ſie —das Fraͤulein mit heitrer Miene zuruͤckkehren ſah, und bald darauf der fatale Unbekannte, ohne Spur einer Verletzung, in ſeiner gewohn⸗ ten ernſten Haltung erſchien. „Ich bedaure recht ſehr, meine Gnadige!“ —redele er die Graͤfin an:„wenn Sie nur ei⸗ nen Augenblick zwiſchen mir und dem Herrn Sohn eine Differenz gefüͤrchtet, Wir Beide ſind die beſten Freunde.“ „Hm! Hm! Läßt ſich nicht anders er⸗ warten“ murmelte die Graͤſin. Die Zuͤge des Unbekannten lichteten ſich zu freundlichem Lächeln, als er von der fin⸗ ſter gerunzelten Stirn der Gräfin nach dem Fenſter hinüͤberſah: hier prangte der Myrthen⸗ baum mit den verſchlungenen E und F.— — 140— Je unbefangener nun ſeine fröhliche Stim⸗ mung ſich ofſenbarte, je verſchloſſener und feindlicher die Graͤſin ward. Da kam die Meldung:„eine verſchloſſene Sänfte werde ſo eben in den Schloßhof getragen.“ Alles eilte an die Fenſter, um den auf ungewöhnliche Weiſe nahenden Fremden aus⸗ ſteigen zu ſthen. Der Unbekannte gerieth in heftige Bewegung, als ihm von der Sänfte ein Kreuz entgegen ſtrahlte. Krampfhaft preßte er Etiſabeths Hand, indem er ihr zufluſterte: „Ich glaube, die Entſcheidung naht!“ Die Thüͤren ſprangen auf, und am Stabe geſtuͤzt, zeigte ſich der Prior der Serviten. Grüßend mit dem Namen desjenigen, den er verkundigte, trat er in die Geſellſchaft. Er⸗ wartungsvoll hing an ihm der Blick des Un⸗ bekannten, da ſprach er:„Mein Sohn, ich erſcheine hier, um eine Botſchaft des Friedens zu bringen. Was ich Ihnen vertrauen will, betrifft Sie allein.“ „Auf den Abend in der Bildergallerie!“ fluͤſterte der Unbekannte ſeiner Eliſabeth zu, — 1— indem er des Greiſes Arm unterſtuͤtzte; und geleitete ihn nach dem blauen Zimmer. „Sur mon honneur!“ rief jetzt die Grä⸗ ſin;„Das iſt ein geheimnißvolles Schloß hier! Welche werden da an den Tag kommen? 26 „Der, welcher Dich verfolgte,“ begann der Prior, nachdem er ſich erſchöpft niederge⸗ laſſen:„iſt nicht mehr! Ich komme vom Sterbebett des Grafen StX, habe ſeine Reue geſehen, und bringe Dir ſein letztes Wort: es forderte Vergebung! Mit ihm ſchied er— Deine Leiden ſind geendigt, und ein ſchoͤner Morgen des Lebens geht Dir auf.— Wiſſen willſt Du, warum Er in fernen Laͤn⸗ dern von Nichtswürdigen Dich umlauern ließ, und Deine Ruhe ſtörte; ja, bis an den 85 des Grabes Dich verfolgte?“ „O mein Sohn!“ fuhr er nach einem Augenblick des Schweigens fort, in dem er den Unbekannten mit ſchmerzlichem Ausdruck betrachtete.„O mein Sohn! Dunkel ſind — 4— die Wege der Vorſehung, aber ſie fuͤhren zum Licht. Glauben ſollen wir und dulden— kommen muß die Stunde, wo aus Pruͤfun⸗ gen ein herrlicher Sieg hervorglaͤnzt. Dann ſegnen wir die Hand, die uns ſchlug!“ Ahnungsvoll heftete ſich des Unbekannten Blick auf die Siegel des Pakets, welches der Prior aus dem Gewande hervorzog.„Hier!“ ſagte dieſer, und reichte ihm die Papiere: „hier iſt das Bekenntniß des reuigen Suͤnders verſchloſſen! Es eröffnet Dir eine helle Aus⸗ ſicht auf alle dunkel verſchlungenen Pfade, welche Dein Geſchick Dich geführt. Che ich aber dieſes wichtige Pfand, wovon Deine und meine Ruhe abhängt, Dir vertraue, gieb mir die Verſicherung: nicht eher dieſe Siegel zu löſen, als der Freiherr aus Wien zuruͤckkehret — und auch dann nur zu löſen, wenn Alles entſchieden wird, wie Du es hofſſt.— Iſt dieſes nicht, ſo ſchwore mir, dieſe Papiere und ihr Geheimniß den Flammen zu opfern!“ Der Unbekannte ſchwieg und ſann einen Augenblick; die nach den Papieren ausgeſtreckte Hand zögerte ungewiß, zwiſchen Ergreifen und N — 143— Zuruͤckweiſen. Dann rief er:„Ich will es! bei der Ehre meines Namens.“ Und mit einem ſchmerzlichen Blicke auf die Siegel, ver⸗ barg er das Geheimniß in ſeinem Buſen. „Was an mir lag“ fuhr der Prior fort: „habe ich fuͤr die Wendung Deines Schick⸗ ſals gethan. Dein Schreiben an des Kaiſers Majeſtät iſt beſtellt. Ich ſelbſt habe den Er⸗ habenen geſprochen, und Du erwarte getroſt, was der Himmel beſchließen wird.— Nur eine Minute noch hätte Graf S dem ſchweren Todeskampf widerſtehen mögen; ſo war Deine Bahn geebnet. Aber da, wo er gut machen wollte, traten ſeine Hinterbliebenen ſtörend entgegen. Nichts weiter habe ich Dir zu ſagen? ſey gefaßt auf Alles! Die Stunde finde den Mann.“ Noch dieſen Worten erhob ſich der Prior zum Abſchiede. Aber der Unbekannte hielt ihn zuruͤck, indem er ſchmerzlich ausrief: „Ohne Euch, Hochwuͤrdiger, wäre ich kein Gaſt dieſer dunkeln Erde mehr! Das Räthſel meines Lebens waͤre geloßt. Laſſet mich nicht verzweifeln auf dieſem Scheidepfad! Was ſoll —— ich thun, wenn der Freiherr nun zuruckkehrt, und ich ſche meine Hoffnungen zerſtört?“ „Augenblicke giebt es,“ ſagte der Prior nach einigem Beſinnen:„Augenblicke auf un⸗ ſrer Pilgerbahn, wo Menſchen nicht rathen können, wo Gott ſprechen muß. Thue, wie die innere Stimme Dir gebieten wird! Darf Dein Name hier nicht genannt werden, ſo.„ „O, ſprecht es aus, Ehrwürdiger!“ fiel der Unbekannte haſtig ein. „So fliehe dieſes Land, entſage, und finde in ſtiller Beſchränkung den Frieden und das Gluͤck, welche ein reines Herz gewaͤhrt. Koͤnnte Dir mit meinem Leben ein Dienſt geſchehen, ſo wollt' ich's opfern.“ Der Prior ſprach es, indem er ſcheidend in uͤberwaͤltigen⸗ der Ruͤhrung den Unbekannten umfaßte.— Als dieſer ihn ſchweigend und duͤſter fortge⸗ leitete, ſagte der Prior noch:„Mein Sohn! Ich weiß nicht, ob ich auf Erden Dich wi⸗ derſche. Aber das weiß ich: Wie ich zuerſt bei der Betrachtung von Trümmern Dich fand, ſo werde ich Dich einſt dort wieder finden, wo wir im herrlichſten Glanze auferſte⸗ hen ſehen, was die Zeit zerſchlagen hat.“ Das Auge des Unbekannten rollte in wil⸗ den Kreiſen.„Lebet wohl, Ehrwurdiger Herr!“ ſprach er im Tone der Hoffnungsloſigkeit. „Lebet wohl! So darf ich auch nicht erfahren, wer die wunderbare Frau iſt, die meiner Huͤlf⸗ loſigkeit ſich annimmt?“ „Darfſt Du die Siegel loͤſen, wird's Dir offenbart!“ entgegnete der Prior, indem ein Schauer ſeine Glieder durchbebte. Noch ein⸗ mal traurig auf den Unbekannten zuruckblik⸗ kend, heſtieg er die Sänfte. Wie dieſe ſich entfernte, zogen Geſtalten des Zweifels, der Furcht und der Qual, ihren engen, dunkeln Kreis um den Unbekannten. Cüſabeth ſah jetzt di Litet ſchleichen.„ als ihr vormals die Tage und Jahre flohen. Dieſelbe Sehnſucht, welche den Morgen dieſes verhaͤngnißvollen Tages hinauf beſchwor, haͤtte jetzt der Abendrothe Flügel leihen mögen.— Wie nun die erſten K — 146— Schatten um das Schloß zogen, ließ Eliſabeth die Gräfin nebſt Amaranth am Foyer zurück, um nach der Bildergallerie zu ſchlupfen. Hier ſchauten die Bilder ihrer Ahnen mit geiſterhaften Blicken auf ſie herab, als wollten ſie Kunde geben aus einer verſunkenen Welt, und die Geheimniſſe der künftigen entſchleiern. Eliſabeth fuͤhlte ehrfurchtsvolle Schauer, als ſie einſam, mit wiederhallendem Schritt, durch die lange Reihe ihrer Vorfahren wandelte. „Was ſeht Ihr“ ſprach ſie leiſe:„ſo ernſt⸗ haft herab auf die letzte Eures Stammes! Habt Ihr keine Sprache fuͤr dieſes ſchlagende Herz? Sagt mir, ob ich glucklich ſeyn werde? Und ob ich es werth bin?— Ihr ſchweigt, und Nacht iſt zwiſchen Euch und der letzten Freienfels! Mein Herz will ich fragen. Es ſagt: Du biſt gluͤcklich, denn Du liebſt.“ „Und biſt geliebt in Ewigkeit!“ rief es da hinter der Gedankenvollen, und zwei Arme umſchlangen ſie heiß und innig. Ein glühen⸗ der Kuß brannte auf ihren Lippen, und die Ueberraſchte vernahm des Geliebten Stimme. „Meine Eliſabeth,“ ſagte er,„In Deinem N — 147— Herzen wohnt die Wahrheit! dieſe Minute und ihr Gluͤck gehort der Liebe, und kein Gott kann es rauben. Unſer Schickſal ruht in un⸗ ſerer Bruſt— laß uns ihm entgegen gehen!— Bang beſorgt kam ich hierher um Dir des Serviten dunkle Botſchaft zu vertrauen; Deine ſchoͤne Seele erhebt nich hoch in Licht und Freiheit!“„. Darauf wiedecholte der Unbekannte des Priors Bericht, und ſchloß mit den Worten: „Noch habe ich Dir alſo keinen Namen zu nennen, und Nichts zu bieten, als Dunkil⸗ heit und ein unſicheres Lvos. Ein Verfolger iſt uͤberwunden, hundert andere mögen aufge⸗ ſtanden ſeyn.— Fällt nun die Entſcheidung, und es ruft: Verlaſſe dieſes Schloß arm und verachtet— was ſagt Dein Herz, Eliſabeth?“ „Daß ich Dir angehöre, ob auch Alles Dich verlaͤßt!“ „Nun ſo mogen“ rief der Unbekannte in Begeiſterung:„dieſe Siegel ewig uneroffnet bleiben. Ich weiß ja nun Alles, was Erd' und Himmel Begluͤckendes fuͤt mich haben.— Aber Geliebte; ich zittere bei dem Gedankent K 2 — 148— Dich aufgeſchreckt zu haben aus Deinem ſtil⸗ len Herzensfrieden, und die ſchönen Hofſnun⸗ gen Deiner Jugend an mein grauſames Ge⸗ ſchick zu knuͤpfen!— Wiſſe, daß ich außer Dir Nichts mein nenne auf der weiten Erde, als das ſchmerzliche Gedächtniß einer Zeit, die mein Geſchlecht in Ruhm und Glanz bluͤhen geſehen. Mein Vater ſtarb in Elend, und der letzte ſeines Stammes, durch Schlach⸗ ten und Unglück getrieben, kam hierher um in der Heimath ſeiner Väter bei den Denk⸗ maͤlern vergangener Herrlichkeit ſein ödes Da⸗ ſeyn zu beſchließen.“— Ich habe Dich ge⸗ funden!“ ſetzte er voll hoher Innigkeit hinzu. Eine Fat ſchwebte auf Eüſabeths 2 Lip⸗ pen; aber ſie erſtarb, als plötzlich der ſchmet⸗ ternde Ruf von Poſthörnern nach dem Schloſſe hinaufſcholl, die Thorfluͤgel aufrauſchten, und ein Reiſewagen mit großem Getoöſe in den Hof einfuhr. Sie ſprang an's Fenſter, und ward beeich.„Mein Vater!““ rief ſie, und hielt ſich bebend an einer Säule. „Wohl!“ rief der Unbekannte:„die —— Stunde iſt gekommen— Muth, Eliſabeth! Ich gehe, gefaßt auf Alles.“ „O, mein Geliebter!“ rief Eliſabeth ihm nach:„Wie werden wir uns wiederſehen?“ Als ſie in qualvollem Zuſtande nach ihren Zimmern wankte, um ſich für den Empfang des Vaters zu ſammeln, begegnete ihr Ritter Linden, der mit ſeiner gewohnten Lebhaftigkeit die Treppen hinauf geſtuͤrmt kam. Gleich nach der Ankunft, begab ſich der Freiherr in ſein Kabinet. Wer ihn hier auf⸗ zuſuchen eilte, war die Gräfin.„Mon frere redete ſie ihn an:„Hohe Zeit war's, daß Sie endlich an einem Ort erſcheinen, wo man Ihre Abweſenheit benutzt, um„ „Nur weiter, Frau Schweſter!“ ſagte der Freiherr mit gerunzelter Stirn. „Um das Thuen“ fuhr die Graͤfin fort: „was Sie unmöglich gut heißen können! Oder Sie müßten vergeſſen, was Sie Ihrem Na⸗ men, und dem Ihrer Schweſter ſchuldig ſind.— Dieſer Unbekannte, den man ſo beichtſinnig in Ihrem Schloſſe aufnahm, iſt ein Menſch, der üͤber verderblichen Anſchlägen bruͤtet. Sa⸗ gen Sie mir, Baron, ob dieſer Namenloſe es ungeſtraft wagen durfte, mir veraͤchtlich zu begegnen— meinen Sohn todtlich zu belei⸗ digen, und bei Nachtzeit verdaͤchtigen Men⸗ ſchen im Schloſſe Zugang zu verſchaffen?“— Der Baron zuckte die Achſeln.. „Ich frage Sie endlich,“ ſagte die Gräſin heftig:„ob dieſer privilegirte Geheimnißvolle etwa auch Erlaubniß hat, ein Liebesverſtaͤnd⸗ niß mit Ihrer Tochter anzuknuͤpfen, und der⸗ ſelben geheime Rendezvous zu geben?“ „Dieſe Nachricht“ verztzte der Freiherr: „uberraſcht mich, ohne mich zu beunruhigen. Der Unbekannte, welcher nun bald aufgehört haben wird, ein ſolcher zu ſeyn, iſt und bleibt ein Mann von Ehre.“ Forſchend ruhten die Blicke der Graͤfin auf ihrem Bruder, als dieſer nun ſchwieg. „Ich daͤchte,“ ſagte ſie lauernd:„Sie gäben mir die Baroneſſe auf einige Wochen nach Wien! Denn ich hoffe nicht, daß Sie dieſe Leidenſchaft begünſtigen werden. Auch iſt die —— Hauptſtadt beſſer geeignet, eine junge Dame zu zerſtreuen und zu bilden, als dieſe dde Burg.“ „Abgeſchlagen Frau Schweſter!“ ſagte der Baron laͤchelnd. In dieſem Augenblick meldete Johann den fremden Offizier. Die Gräſin, welche ſich feſt vorgenommen, von ihrem Bruder den Namen dieſes Verhafteten zu erforſchen, ſchied voll Mismuth. Dem Eintretenden breitete der Freiherr die Arme entgegen, indem er ausrief:„Wir ha⸗ ben überwunden! Ich wuͤnſche Ihnen Gluck, zu dem Namen, dem Glanz, und der Tugend Ihrer Vorfahren!“ Der Unbekannte ſank mit ſprachloſen Dank⸗ gefuͤhlen an die Bruſt des Freudebringers. „Hier!“ fuhr der Baron fort, indem er ihm ein Papier hinreichte:„ Hier iſt die Urkunde, wodurch das Recht Ihrer Geburt anerkannt, und Ihnen der volle Beſitz Ihrer Familien⸗ güter zuerkannt wird.“* Der Unbekannte nahm die Urkunde ſchwei⸗ gend, mit einem Blicke, in welchem alle — Schmerzen einer truͤben Vergangenheit ſich losrangen, und die ſchonſten Hofſnungen ſeines Lebens im heiterſten Freudenlichte verklaͤrt wurden.— Eines aber war ja noch unerfullt; und er ſtand zogernd, in banger Ungewißheit vor der allerletzten Entſcheidung, die ihm Alles geben, oder Alles nehmen mußte. „Mein edler Freiherr!“ begann er endlich: „Sie haben mir viel, ſehr viel gegeben; und ich habe keine Worte, um ſo großmüthige Theilnahme an meinem Schickſal wurdig zu preiſen. Aber möchten Sie mich nicht un⸗ dankbar nennen, indem ich frei bekenne: daß mir dies dargebotene Gluͤck nichtig iſt, wird es nicht durch ein höheres, welches Sie ge⸗ währen konnen, erſt in's Leben gerufen.“ Das Auge des Freiherrn ruhete auf ihm mit freundlichem Wohlwollenz da fuhr er in leidenſchaftlicher Heftigkeit fort:„Damit ich es nur herausſage, das große Wort, deſſen Inhalt meine Stligkeit iſt: Ich liebe Eliſa⸗ beth, und werde von ihr geliebt. Nun Frei⸗ herr, geben Sie mir Leben oder Tod!“ „Hat denn“ ſagte der Freiherr, indem er —— voll Rührung zu ihm ſich hinneigte:„Hat denn das Schickſal dieſen Feuergeiſt noch im⸗ mer nicht ruhig gemacht?— Ich alſo ſoll beſtimmt ſeyn, Dich mit dem Leben auszu⸗ ſohnen? Wohl! Liebt Dich Eliſabeth, ſo biſt Du des letzten Freienfels Eidam und Erbe!“ „O, mein Vater!“ rief der Unbekannte. „Nicht ſo raſch, Herr Ritter!“ entgegnete der Freiherr.„Ich habe eine Bedingung zu machen.“ „Tauſend für Eine!“ „Da Dein Incognito mancherlei Ge⸗ ruͤchte veranlaßt hat, ſo erſcheint es billig, daß Du daſſelbe öffentlich ablegſt; und als⸗ dann erfahre man, daß Eliſabeth die Deine wird. Zu dieſem Zweck laſſe ich auf Mor⸗ gen Freunde und Nachbaren einladen, und fordere jetzt Dein Ehrenwort: daß bis dahin der Inhalt unſeres Geſprächs verſchwiegen bleibt; ſelbſt vor Eliſabeth.— Sogar wäre es mir lieb, wenn Du unterdeß Dich meiner Tochter nicht naͤherſt. Auf Wiederſehen, mein lieber Sohnl! Du wirſt noch Einiges in Ord⸗ nung zu bringen haben; und ich gehe, um —— Deinen mächtigen Nebenbuhler Linden in's Auge zu faſſen.“ Mit einem ſchalkhaften Laͤcheln ſchied der Freiherr; und ſo nahe am Ziel, ſah ſich der Unbekannte den Qualen eines unge⸗ duldigen Sehnens und einem Gefuͤhl von Ei⸗ ferſucht preis gegeben. „So ſoll denn“ rief er:„die aufgehende Sonne noch meine Ketten ſehen! Nun mögen auch in Gottes Namen dieſe Siegel geldſet werden.“ Damit eroͤffnete er das vom Prior Ambroſius erhaltene geheimnißvolle Papier. Die erſten Worte, welche ihn hier entgegen glänzten, waren:„Friede und Freude mit Dir! Heil Deinem Siege!“ Was er nun weiter las, erfuͤllte ihn wech⸗ ſelnd mit Erſtaunen, Freude und Ruͤhrung. „Wiſſe!— ſchrieb der Prior— Jene wunderbare Frau, welche Dich in Verzweif⸗ lung auf den Ruinen umher irren fand, welche die Retterin Deines Lebens, die Schöpferin Deines Gluͤckes geworden— iſt Deines Va⸗ ters Mutter.— Schwere Verſchuldigung trennte ſie von Deinem Aeltervater; ſeine eigene Hand ſtieß ſie in den Abgrund, zu welchem jetzt die 82 — 155— Trümmer der Rothenburg hinabſehen. Det Wille der Vorſehung(Zufall kann ich nicht ſagen) rettete ſie; Dein Aeltervater entfloh mit dem Bewußtſeyn der Blutſchuld, das ſeit⸗ dem als furchtbares Verhangniß an Dein und Deines Vaters Daſeyn ſich geheftet hatte. Deodat, ein Diener Deines Aeltervaters, welcher im Solde des Grafen von Si ſtand, und deſſen Buͤbereien ausfuͤhren half, hatte auch jenes Ungluͤck bereitet. Nach Dei⸗ nes Aeltervaters Flucht, als das Schloß ver⸗ ddet ſtand, ſchlich Deodat aus und ein, um ſich Manches von den zurückgebliebenen Koſt⸗ varkeiten anzueignen. Da horte er ein leiſes Wimmern, das aus den Felsgruͤnden herauf⸗ kam; er ſteigt hinunter, und findet in bekla⸗ genswerthem Zuſtand ſeine Gebieterin. Dieſer Anblick traf ſein Gewiſſen. Er hob ſie auf, und von Niemand geſehen, trug er ſie nach den untern Gemaͤchern des Schloſſes, welche fruͤher unbewohnt geweſen, und deren verbor⸗ gener Zugang außer Deinem Aeltervater nur Deodat bekannt war. Von ihm ſorgfältig gepflegt, genaß die Unglückliche von der Ver⸗ — 156— letzung ihres Sturzes in den Felsgrund, und hat nun in dieſer Verborgenheit funfzig Jahre ein Leben der Buͤßung und Verſohnung mit dem Himmel gelebt.— Deodat, der von nun an ſich ganz ihrem Dienſt widmete, verließ nur das Schloß, um ſeine Gebieterin mit allen Bedürfniſſen zu verſorgen, und dadurch einen Theil der Schuld abzutragen, deren er ſich bewußt war. Daß Deine Aeltermutter noch unter den Lebendigen wandle, ſollte ein ewiges Geheim⸗ niß bleiben; die Ruinen das Grab ſeyn, wel⸗ ches ihren einſamen Gram der Welt verſchlöſſe. Da erſchieneſt Du und ein neuer Lebensfun⸗ ken flammte in der Bruſt derjenigen auf, welche unter der Laſt der Jahre, und eines raſtlos nagenden Kummers erlag. Ihren En⸗ kel zu retten, ihm wiederzugeben, was er durch ſie verlor, trat ſie in die Welt— Dein Gluͤck wird das Ende und der Lohn ihrer Pilgerſchaft ſeyn. Um zu begreifen, wie mich die Nachricht von dem Leben derjenigen traf, welche ein holbes Jahrhundert für mich todt geweſen, — — 157— erfahre: daß ſie die Geliebte meiner Jugend war.— Graf Suwx, der um ſie warb, trat feindlich zwiſchen uns. Abgewieſen, wußte er es dahin zu bringen, daß ihr von Deinem Urgroßvater Rothenburgs Hand ohne Liebe aufgedrungen ward. Nicht zufrieden mit den Leiden, welche er ihr bereitet, benutzte er Dei⸗ nes Aeltervaters heftige und argwöhniſche Ge⸗ müthsart, um den Keim der Eiferſucht und Zwirtracht in ihm zu nähren, bis er fürchter⸗ lich ausbrach, und das Opfer grfallen war. Der Bruder der Ungluͤcklichen, eine Zierde des Maltheſerordens, der edle unvergeßliche Freund meiner Jugend, trat jenem Gottloſen entgegen, und von ſeiner Hand. 61 8 it N Während Dein Arltervater verbannt grühtet⸗ ſich mit Reue und Schmerz in fer⸗ nen Laͤndern verbarg, erlangte Graf S als nächſter Lehns⸗Agent einen Theil der zur Rothenburg gehörigen Güterz der andere ward von Staatswegen eingezogen. Warum alſo Graf Sx ſich bemuͤhete den Aufenthalt Deines Vaters auszuforſchen; und niemals — 158— aufhörte ihn und zu verfolgen, begrifſt Du leicht. Jener whinn ot Tag, der Dich in unſer Kloſter fuͤhrte, gab dem Grafen Gele⸗ genheit zu ſeiner letzten Verfolgung. Baron Freienfels gab die Etzählung von einer Er⸗ ſcheinung in den Ruinenz ſie waͤre vielleicht bald vergeſſen worden. Da erſcholl aus dem intergrunde des Refektoriums eine wunder⸗ bare Stimme, uns Allen unerklaͤrbar.— „Ha!“ rief der Unbekannte, als er bis hierher geleſen: So wollte es denn eine ho⸗ here Macht, daß ich damals den verborgenen Suhörer abgeben, und ausrufen mußte, was mir Schmerz und nichtachtende vnu Die Kunde von dieſer ſeltſamen Bezchen⸗ heit— fuhr die Schrift fort— gelangte bald nach Wien, und Graf Sus, der bereits einige Spuren von Deiner Ankunft in dieſen Gegenden erhalten hatte, ward heftig beun⸗ ruhiget. So kam er in der Eigenſchaft eines Staatsbeamten in das Kloſter; und die frü⸗ hern Schickſale der Rothenburg, die Sage ven ——— N — 159— Raubern und anderm Unweſen, boten keicht Gelegenheit, ſeinem Verfahren den Anſtrich einer Sendung von Sziten der Regierung zu geben. Nicht ahndete ich in jenem Augen⸗ blick, den ehemaligen Todtfeind vor mir zu ſehenz denn durch eine funfzisjahrige Trennung und einen andern, ihm durch Adoption zuge⸗ kommenen Namen, war er mir fremd ge⸗ worden. n So hat das dunkle Gewebe ſich gelößt, das uns Alle befangen hielt, ſeit wir leben; Wahrheit leuchtet uns und Freiheit! Und der Droſt einer ewigen Liebe, welche in ſchweren Kämpfen die laſtende Schuld von unſrer Secle nimmt, ſiegt uͤber irdiſches Weh; daß Wahn und Verbrechen hinſinken, und das Ewige ver⸗ ſohnet wird.— In meinen letzten Tagen, ſegne ich die Laufbahn, welche Du beginnſtz denn die Sonne der Gerechtigkeit iſt aufge⸗ gangen und fuhrt mich in die Heimath.“ „Heil Deinem Siege!“ 6 ———— —— ——— ——— ₰ ———— —— — — 460— Er wiederholte die Worte:„Hri Dun „Alſo Morgen! Morgen! Aber en will ich an die erſte der Pflichten denken. Zu Dir, ungluͤckliche Mutter meines Vaters, um Dir zu ſagen: daß die Nacht des Schickſals ſcheidet; daß Dein Name in Gluck und Freude aufbluͤhet, und Dein Enkel Dich ſeg⸗ net!“ Er ſprach's und rief nach den Die⸗ nern. Bald beſtieg er ein muthiges Roß, das von ſeiner Ungeduld und Seil Saen mit ihm davon flog. Als er aus dem Thal nach Fueneh zu⸗ niuticte; ſih er von der Plateform des Schloſſes viele Raketen in feurigen Bogen aufſteigen, und die Finſterniß durchleuchten. „Moöchte das“ ſeufzte er:„kein Sinnbild eines Gluͤckes ſeyn, das kuͤhn und freudig in die Welt emporſteigt, um ohne Spur zu ver⸗ ſchwinden!“ In Gedanken vertieft ſprengte er der Rothenburg entgegen. * — 1061— Auf einem der Waldhuͤgel des Manharts⸗ berges, uͤber den Fluthen der brauſend vorbei ſtromenden Donau, erhebt ſich eine Kapelle unſter lieben Frau, Maria Taferle genannt. Hier brannten die Kerzen des Altars vor dem Madonnenbilde, durch die heiligen Räume ein Helldunkel ausgießend, das mit den Glasbil⸗ dern der Gothiſchen Fenſter wunderlich ſpielte. An die Stufen des Altars war eine verhuͤllte Geſtalt in ſchweigender Andacht hingeſunken. Jetzt offnete ſich das Pfortchen der Kapelle und hereintrat mit zögerndem, wankenden Schritte, der Prior Ambroſius. Die Geſtalt vor dem Altar erhob ſich lang⸗ ſam, beim Anblick des Priors von heftigem Schauder durchbebt. „So ſehen wir uns wieder!“ ſprach der Prior mit zitternder Stimme, indem er an einer Saͤule lehnte⸗ „Ja!“ antwortete es dumpft„Wir ſehen uns wieder als Abgeſchiedene, die auf dieſer Welt nichts weiter zu verhandeln haben, als — 3 — 162— das letzte Lebewohl, und eine Bitte an den ewigen Vater, um Barmherzigkeit und ein ſanftes Ende.“ „Er iſt nun glucklich!“ ſagte der Prior. „Der Himmel iſt verſohnt.“ „Glaubſt Du denn,“ verſchte die Geſtat: „Daß mein Gewiſſen ſo leicht ſich abfertigen laſſe? Kannſt Du mir Buͤrgſchaft geben, daß die Saat des Böſen, die wir ausſtreuen hal⸗ fen, erſtickt iſt fuͤr alle Zeiten?— Eggen⸗ berg! Ein halbes Jahrhundert voll Schmerz und Qual liegt hinter mir. Ich habe Dich nur wiederſehen wollen, um zu fragen: Ob Du Gnade erwarteſt fuͤr Dich und mich?“ „Unglückliche!“ ſagte Ambroſtus mit tie⸗ fem Seufzer: Die Täuſchungen unſers Lebens ſind entflohen, und der letzte Troſt, de ich Dir bieten kann, iſt— der Glaube die hochſte Guͤte.“ „Wohl!“ ſprach die Geſtalt, indem ſie den verhüllenden Schleier zuruͤck warf:„Hier ſehe in das Antlitz, das Dir einſt theuer war!“ Der Prior bebte zuruͤck vor den ſtarten —— — 463— Zügen des blaſſen Leidengeſichts, aus dem ein erſtorbenes Auge ihn düſter anſchaute. „Ich ſehe jetzt“ fuhr jene fort:„in Dir den Menſchen nicht mehr! von dem Prieſter verlange ich, daß er mir das Heilige nahe bringt. Hochwürdiger! Ich begehre die Angſt dieſes gepeinigten Herzens in der Beichte vor Euch zu offnen, und Erloͤſung zu empfangen im Namen Gottes!“ Der Prior ſuchte nach Faſſung. Ringend zwiſchen den Erſchutterungen eines menſchlich fühlenden Herzens und der Pflicht ſeines geiſt⸗ lichen Berufes, vernahm er die Bekenntniſſe der Ungluͤcklichen. Als ſie nun vollendet hatte, und er ihr die Benediktion gab; da konnte er ſeinem Schmerz nicht länger gebieten: er brach in Thraͤnen aus. „Ich danke Dir Eggenberg!“ ſprach die Bekennerin.„Erleichtert fuͤhle ich die ſchwere Buͤrde, und Frieden gab mir Dein Gebet. Nimm auch meiner Stele Dank fur die treue Mühwaltung, welche dem litzten Rothenburg das Erbe ſeiner Väter wieder giebt. Meine — 464— Stunden ſind gezählt— haſt Du auf dieſer Erde mir noch Etwas zu ſagen?“ Eine Pauſe des feierlichen Schweigens und verborgenen innern Kampfes. Dann ſprach Ambroſius in den erſtorbenen Lauten der Troſtloſigkeit:„Helena! Du biſt ſtaͤrker denn ich— der Friede Gottes ſey mit Dir, und das ewige Leben!— Dein Bild hat den bangen Traum meines Daſeyns mit dem Troſt einer unvergaͤnglichen Freude umſchwebt. Dieſe Trennung verbirgt uns eine Vereinigung in hohere Harmonien, dort, wo die Sehn⸗ ſucht Erfüllung findet, der Schmerz verſinket, die Freiheit erlöſet wird;— und ewige Ju⸗ gend und Liebe die verwandten Seelen in die Umarmung der Wahrheit und Gluͤckſeligkeit fuͤhren.“ „Wir ſehen uns wieder im reinern Licht!“ rief Helena.„Ohne Schuld werde ich leben mit Dir, und den Heimgegangenen. Lebe wohl! o lebe wohl!“— Sie rief's in dem Siegeston einer weiſſagenden Begeiſterung, warf auf den Prior noch einen Scheideblick —— des in überirdiſchen Flammen leuchtenden Auges, und verſchwand.— Vor dem Bilde der Gebenedeieten, ſank Ambroſius auf die Kniee, den ſchmerzverhüll⸗ ten Geiſt in Gegenden des Lichts erhebend. Vor den Felſen der Rothenburg hielt ſchnaubend das erſchopfte Roß; und der wilde Reiter ſprang herab, den Bergpfad zu den Ruinen hinauf zu eilen. Er fand den ihm bekannten Eingang; aber alles dde und ttill. Laut rief er den Namen, der hier viele Jahre nicht genannt worden— keine Antwort! „Hörſt Du nicht?“ rief er:„Dein Enkel iſt da! Dieſe Drümmer ſollen auſerſtehen in neuem Glanz!“— Der Wiederhall gab dieſe Worte vielfach zuruͤck, aber kein lebendes Weſen erſchien Da ſah ſich der einſame Rufer von Gei⸗ ſtern der Vergangenheit umringt, und ſie flü⸗ ſterten ihm Kunde zu von einer verſunkenen Zeit, wo ſeine Ahnen dieſe Truͤmmer in Herr⸗ — 166— lichkeit fahen: wo der Ritter quszog zum blu⸗ tigen Kampf, und kam er heim, der Frauen Sittſamkeit ihn hold begrüͤßte, und zarte Hände den Eiſenpanzer vom Herzen loßten— Wo beim hellen Becherklang Der Minneſaͤnger lieblich ſang.— Er ſah hinguf und rief;„Zwei Dinge ſind groß, ewig ſchön und wahr;— der ge⸗ ſtirnte Himmel über uns, und das Gluͤck un⸗ endlicher Liehe in der ahnenden, fuͤhlenden Bruſt!“ Unaus ſprechliches bewegte ſeine Seele; da tönte es plotzlich in des Entzuͤckten Träume: „Sey mir gegrüßet in der Burg Deiner Vä⸗ ter!“ Und vor ihm ſtand die Aeltermutter. „Ich komme“ ſprach ſie,„von einer gro⸗ ßen Abſchiedsſtunde, die mich von allen Gu⸗ tern und Hoffnungen dieſes Lebens abwendete. — Nun ſey mir geſegnet, Du ſchmerzlich theurer Enkelſohn, und lange bluͤhe Dein Glüͤck auf Erden!“ Die Matrone neigte ſich zu dem in Dank — 167— und Ruͤhrung vor ihr Hingeſunkenen, und ihre Thränen floſſen auf des Juͤnglings Haupt, „Das ſind“ rief ſie wehmuͤthig:„Deines Wappenſchildes Perlen! Thränen haben ſie mir bedeutet, ſeit ich in dieſe Mauern zog. Aber aus Thränenſaat blühet Freude.“ „O, meine Mutter! Du zieheſt mit mir nach Freienfels, bis hier unſer Schloß neu erſtehet!“ „Morgen, mein Sohn, ſiehſt Du mich dort; jedoch zum letzten Mal. Jetzt gönne mir Ruhe und Sammlung für den Augen⸗ vlick, wo ich nach funfzig Jahren in dem Kreis der Edlen dieſes Landes wieder erſcheine, — Bis dahin lebe wohl, und Deine Braut grüße vielmals!“ Der Juͤngling ſchied im Wechſel ſtreiten⸗ der Empfindungen. Als er in den Schloßhof von Freienfels ſprengte, ſah er die Fenſter der Bildergallerie hell erleuchtet.„Meine Eliſa⸗ veth!“ dachte er,„Ahneſt Du wohl unſer Gluͤck, oder verdunkelt Beſorgniß um mich Dir dieſe feſtlichen Lichter?“ — 168— Auf der großen Treppe begegnete ihm Liddy.„Soge mir Zofe!“ ſprach er ſie an: „Wie lebt Dein Fräulein?“ „Ew. Gnaden aufzuwarten!“ erwiederte jene mit komiſchem Knix, den Ritter mit ſchalkhaftem Lächeln meſſend.„Aber, wo kommen Sie denn her? Der Herr Baron er⸗ zählte, Sie wären nach Wien abgereiſt— da hat man ſich recht ſehr gefreut!“ „Sehr verbunden! Darf man wiſſen, wem ich die Freude verdarb?“ „Nun, meinem Fräulein!“ rief die Zofe ſchadenfroh, und entſchluͤpfte. „O Eiiſabeth! So nah iſt die Sonne, welche der Weihe des unzertrennlichen Bundes leuchtet— und ich darf Dein Auge nicht ſchauen!“ Das ſprach der Ritter und betrat ſeufzend die Schwelle des blauen Zimmers. —— Wirklich hatte der Freiherr angekündigt: der fremde Offizier ſey eilig nach Wien abge⸗ gangen. Die Gräfin verbarg ihre Freude; — 169— nicht ſo Eliſabeth eine ſchmerzliche Ueberra⸗ ſchung, die mit allen Schrecken der Vernich⸗ tung auf ſie eindrang. Die Graͤſin ſixirte ſie mit ſarkaſtiſchem Lächeln; Ritter Linden er⸗ ſtarrte mit dem Strome ſeiner Redſeligkeit und ſah auf die ſchöne Leidträgerin ſchweigend und traurig. Der Freiherr aber, mit ſeinem gluͤck⸗ lichen Geheimniß im Herzen, ergotzte ſich an dem Wechſelſpiel dieſer verſchiedenen Empfin⸗ dungen, deren Schickſal in ſeiner Hand ruhete, zu deren Beſchwörung er die Zauberformel beſaß.„Jauchzet nur und weinet!“ dachte er:„Der Morgen bringt Ruhe und Klarheit.“ Kaum flog der Sonne erſter Strahl uͤber die Spiegelfenſter des Schloſſes, als ſchon der Freiherr mit den leiſen Tritten der Ueber⸗ raſchung heimlich durch die Corridore ſchlich. Hier kam ihm Liddy entgegen. Er winkte ihr Entfernung, doch mit ſpähenden Blicken verfolgte die Neugierige das Mahagonykäſtchen, welches der Freiherr ſorgfältig vor ſich her trug. Ein Paar gruͤn ſeidene Vorhänge wurden von ſeiner Hand ſanft zurückgezogen, und das — 170— von Schuldloſigkeit und Schlummer hold ver⸗ klärte Antlitz der geliebten Dochter kam ihm entgegen. Sie lächelte, und die Lippe ward bewegt, als ſpräche ſie mit dem Friedensen⸗ gel, der ſie umſchwebte. Mit dem Ausdrucke väterlichen Wohlwollens betrachtete der Frei⸗ herr das himmliſche Geſicht; da ſprach es leiſe: „Mein Einziger, Du wirſt mich nicht verlaſ⸗ ſin— ich bin ja ewig Dein!“— „Eliſabeth!“ rief der Freiherr„ und fuhr leicht üͤber die Stirn der Träumenden. Sie entwand ſich dem Schlummer, und fragte, ob das Wirklichkeit ſey. Denn in der Galla⸗ Uniform der Landſtaͤnde erblickte ſie den Va⸗ ter, wie er die glänzendſten Roben, Spitzen von Brabant, und Brillant-Garnituren vor ihr ausbreitete.„Vater!“ rief ſie,„biſt Du es denn, oder iſt's Traum?“ „Erhebe Dich, meine Dochter!“ ſprach der Freiherr, indem er einen feierlichen Ernſt annahm. Eliſabeth ſah ihn in ſchweigender Verwunderung an. 6 ———— — 171— „Erhebe Dich!“ fuhr er fort, Ber Bräutigam iſt da!“ Eliſabeths Auge ſah wie verzaubert zu ihm hinan, ſah nieder zu den Kleinodien, und blieb darguf haften; der Krieg der rothen und der weißen Roſe zog über ihre Wangen.„Erhebe Dich!“ ſprach der Freiherr nochmals, ließ üͤber die mit Engeln Ringende die Vorhaͤnge herab, und entfernte ſich⸗ Freude und Erwartung ließen bald die Vor⸗ hänge weit aufrauſchen; ſchon wie der junge Tag entſtieg dem Lager die gluͤckliche Braut.— Jetzt kam athemlos Liddy geſprungen, ſtarrke vald die Herrin, bald die umher geſtreuten Koſtbarkeiten an⸗ Rit dem Ausruf:„O wie glücklich ſind Sie, mein goldenes, gnädiges Fräulein!“ um⸗ faßte ſie Eliſabeths Kniee.„Sie ſind Braut, und welch eine ſchone; und wie ſtattlich iſt der Braͤutigam, der edelſte Ritter in Oeſter⸗ reich!— Mein engliſches Fräulein, Liddy zicht mit Ihnen bis an's Ende der Welt!“ — 172— „Warum ſoll ich denn Braut ſeyn?“ fragte das Fräulein die Schwätzerin. „O, das weiß man ſchon!“ entgegnete dieſe.„Bald wird das ganze Schloß der gnaͤdigen Braut entgegen jubeln. Horen Sie Fräulein! Die Equipagen von Graf Clary fahren vor;— und nun Henneberg— und wieder zwei Wagen.— Gnadiges Fräu⸗ lein, um Gotteswillen, machen Sie die Toi⸗ ktte!— Geſchwind— Befehlen Sie das Atlaskleid, die Spitzenrobe— nehmen Sie Brillanten oder Perlen?“ So trieb die Zofe, vis nach langen Debatten ihre Herrſchaft vom großen Lüſtre im vollen Coſtum abgeſpiegelt ward. Eliſabeth hatte himmelblau Atlas mit ro⸗ ſafarbenem Gürtel gewählt. Ein Perlenband umſchlang den lieben Hals und durchzog das Lockenhaar.— Jetzt ſchellte es an der au⸗ ßern Thuͤr des Vorzimmers; Liddy eilte hin⸗ Mit einem köſtlichen Strauß rother Roſen kehrte ſie zuruͤck, ihn dem Fraulein uͤberrei⸗ chend. Cliſabeth erblickte auf dem weißen — —— — Seidenband, der den Strauß umſchloß, von des Geliebten Hand die Worte:„Dieſe Ro⸗ ſen grußen ihre Koͤnigin, und bitten: Komm! o komm— wo ein treues Herz Dich er⸗ ſehnt!“— Im Rauſche des Entzückens nahm Eliſabeth der Roſen ſchoͤnſte, und heftete ſie an den hochwallenden Buſen⸗ Von den Melodien dieſer Stunde der Ah⸗ nung und Sehnſucht begleitet, ging die Braut zogernd und verlangend. In dem zur Bilder⸗ gallerie führenden Vorſaal erwarteten ſie: Der Braͤutigam, der Vater, und— die Aeltermut⸗ ter Rothenburgs.— Gluͤhend wie die Mor⸗ genröthe ſank ſie in die umfangenden Arme des Geliebten— empfing des und der Aeltermutter Segen. Mit den Worten:„Nimm, und trage es zu meinem Andenken, als ein Zeichen der Liebe, welche die Welt beſiegt!“ überreichte ihr die Matrone ein reiches Demantkreuz. Die Flügelthüren der Gallerie rauſchten auf. Von dem Bräutigam gefuͤhrt, an der Seite der Ahnfrau, trat Eliſabeth mit ihrem Vater in den feſtlich geſchmuͤckten Saal, un⸗ ter eine glänzende Verſammlung von Herren und Damen, die erwartend den Ankommen⸗ den entgegen ſahen. Blicke, aus welchen Erſtaunen und Neu⸗ gierde ſprachen, hefteten ſich auf den Unbe⸗ kannten, der geſchmuckt mit den Orden eines fremden Reichs, neben der holden Jungfrau ſich den Göͤſten mit edelem wuͤrdevollem We⸗ ſen neigte. Vor allem betrachtete man ver⸗ wundernd die hohe Geſtalt der Matrone, in der Robe von ſchwarzem Sammet, die ernſtlich und feierlich daher ſchritt; und die Dekoration des S die von ihrer Bruſt glänzte.— Jetzt nahm der Freiherr den Arm der Uin⸗ bekannten, und ſie der Geſellſchaft vorſtellend, ſprach er:„Das iſt die Freifrau von Rothen⸗ burg!“— Ein heiſes Geftuͤſter erhob ſich, und einige ältere Damen fagten einander: „Giebt das Grab ſeine Todten wieder?“ „Und hier“ fuhr jener fort:„Sehen Sie den Freiherrn von Rothenburg, ihren Enkel!— — —.————— ———— Meine Tochter ſtelle*. Ihnen a Fint Braut vor!“— Dieſe Worte ſizten die Damen und Her⸗ ren in Bewegung. Alle drangten ſie ſich gluͤckwuͤnſchend um das Brautpaar; unter ihnen Graͤfin Odrscalch, Ueberraſchung und Groll verbergend. Im Hintergrund ſah Ritter Linden truͤbſinnig nach den Gluͤcklichen. End⸗ lich trat auch er vor ſie hin, und ſprach mit bewegter Stimme:„Eliſabeth, ich bin gluͤck⸗ lich, wenn Sie es ſind! Freiherr, ich goͤnne den Beſitz des Holdeſten— nur ihrer würdig konnte Eliſabeth wählen!“ Der freudenvolle Brautigam umarmte den Ritter; da näherte ſich dieſem die Matrone, und ſprach:„Ich habe Wort gehalten: wir lernen uns naͤher kennen! Aber einen Dank, Herr Ritter, habt Ihr noch von mir zu em⸗ pfangen— wofuͤr? das iſt Euch bewußt. Ich bitte Cuch, das Andenken aus den zit⸗ ternden Händen einer aus dem Leben Schei⸗ denden nicht zu verſchmaͤhen? es ruhet Stgen darauf!“ M — 176— Damit löſete ſie die goldene Halskette mit dem brillantirten Bildniß der Kaiſerin Maria Thereſia, und uͤberreichte ſie dem Rit⸗ ter.„Mögt ihr dieſes“ fügte ſie hinzu: „Derjenigen verehren, welche Euch als die Vollkommenſte unter den Frauen erſcheint, und Eure Liebe gewinnt! Denn Maria The⸗ reſia war tugendhaft groß im Glück wie im Ungluͤck, dabei weiblich mild.“ Der Ritter empfing die Gabe mit einem ſchmerzlichen Blicke auf Eliſabeth, und auf das Maltheſerkreuz an ſeiner Bruſt.— Wonneleben mit Sang und Klang und Herzensjubel durchrauſchte das Schloß Frei⸗ enfels. Draußen ſtuͤrmte es uͤber den Win⸗ terſchlaf der verödeten Natur, aber den Thron der Liebe umblühete der friedliche Zauber heller Frühlingsluſt.— Spät erſt ſchieden die Gäſtes die letzten, welche blieben, waren die Ahnftau und Ritter Linden. Jetzt winkte der Schuoßhen. Hi zu⸗ gelthiuen der Saͤle ſprangen auf, und eine lange Reihe der Dienerſchaft in den Farben 2 — 477— von Rothenburg und Freienfels, im Scheine vieler Fackeln, ward ſichtbar. Eliſabeth und der Geliebte blickten ſich ſchweigend, ahnend, in dem ſuͤßen Weh unausſprechlicher Ge⸗ fühle an. Da nahm der Freiherr die Hand des Bräutigams, fuͤhrte ihn zur Gräfin Odescalchi, um derſelben den Arm zu bieten. Zu ſeiner Tochter führte er den Ritter; er ſelbſt unter⸗ ſtutzte die Ahnfrau. So zogen ſie durch die Reihen der Fackelträger, unter dem frohlichen Rufe:„Heil Rothenburg und Freienfels!“— Die Schloßkapelle und der Prieſter am Altar empfingen ſie. Die Bilder der Heiligen ſchauten verklaͤrt mit Himmelsgruͤßen hinabz bluͤhende Maͤdchen ſahen mit pochendem Her⸗ zen hinauf— als nun von dem Ritter, mit einem Blicke ſchoner Reſignation, die holdeſte Braut ihrem Erwaͤhlten zugefuͤhrt ward— als das Wort ertonte, welches den Bund der 6 Seelen fuͤr alle Zeiten weihete. Jetzt fluͤſterte Linden zu dem gluͤckſeligen Gatten, indem er ihm gewaltſam die Hand — 15— ⸗ druͤckte:„Denke an das blaue Zimmer, und preiſe die Vorſehung— ſey gluͤcklich!“ Noch warf er einen ſchmerzlichen Blick auf Eliſa⸗ beth; dann ſtuͤrzte er fort, um im Gewuͤhl der Schlachten zu vergeſſen, oder zu fallen.—— Als die Vermählten aus der Kapelle zu⸗ ruͤckkehrten, trat die Aeltermutter vor ſie hin. „Meine Kinder!“ ſprach ſie,„Seyd geſegnet mit den letzten Worten, die ich ſpreche! Meine Walffahrt iſt vollendet— Ihr ſehet mich niemals wieder. Lebet wohl, und ſchenkt mir eine Thräne!“— Sie aufzuhalten, verſuchte man umſonſt— ſie ſchied und ward nicht wieder geſehen.— Bald erhob ſich auf den Trummern der Rothenburg, uͤber dem Grabe der Ahnfrau, n neuer, ſchöner Bau. Ueber dem hohen Portal des ſtattlichen Schloſſes prangt das vereinigte Wappen von Rothenburg und„ Oft ſieht der Beſitzer gedankenvoll hin und ſpricht:„Dieſe Adlerfluͤgel meines Wap⸗% pens hedeuten: daß, ob uns alles Irdiſche ſchwinde, und keine Hoffnung bleibt, doch der — M„ Geiſt ſich aufſchwingen ſoll zu des Glaubens Höhen.— Was Zeit und Wandel zerſtören, 1hn die Liebe wieder auf. Denn ſie iſt von Gott!“— kehrte, wie die erſten Lerchen ſchwirrten; da erſchien auch der von Eliſabeth geladene Saͤn⸗ ger, und fand ſie in den Armen des Man⸗ nes ihrer Liebe. Es leuchtete ſein Auge in hohern Flammen; kuͤhn griff er in die Saiten, und dieſes Lied erklang: 3 w Wo der Seelen Fruͤhling waltet, Liebe labt und Freude lebt; Wo das Schoͤne ſich geſtaltet und ein Glanz des Heilgen ſchwebt:— Da iſt Saͤngers Heimathsland, und er kommt in Luſt gezogen Auf des Hochgefuͤhles Wogen, WMit des Gluͤckes unterpfand. Kennſt Du wohl des eebens Sterne! das erſte Lied! Wie nun der Fruͤhling der Erde zuruck⸗ — 180— Wo die Sehnſucht bangt und zagt.— Welche Sterne willſt Du haben, Welche Freude ſoll Dich laben? Haſt Du ſchon Dein Herz gefragt? Alle Sterne will ich haben, Und es ſey der Himmel mein!— Zede Freude ſoll mich laben, Liebe, Glaube, Hoffnung ſeyn!— DO, dann liebe, ſehnend Herz! Da iſt Alles reich gegeben, und ein leichtes Goͤtterleben Schwingt die Seele himmelwaͤrts. 1 In demſelben Verlage iſt erſchienen: Die Tabakspfeife. Eine Geſchichte aus den Kriegen des 18ten und 19ten Jahr⸗ hunderts. 8. Shi. Der Waizenkorb, oder Pruͤfung und Lohn; vom Verf. der Tabakspfeife. 8. 1 Thlr. 6 Gr. Sophiens Reiſen und merkwuͤrdige Schick⸗ ſale in England und der Türkei. 3. 1 Thlr. 8 Gr⸗ —————— — m t 15 1 2 18 9 10 11 12 4 —, En .