5 . 4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſeßedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens piiuhn n Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe i welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: TN.— Pf T. 2.— f. „ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Vovellen von Hermann Gelſchläger. S — — S — 8 — 8 8 1— 7 Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1874. Das Geſpenſt. Oelſchläger, Novellen. 1. . Die Nachmittagsſonne lag heiß und drückend auf den dunklen Dächern und Thürmen der alten, wohl⸗ umſchirmten Reichsſtadt Regensburg. Halb ſchläfrig und verdroſſenen Muthes machten die Wachen in ihrem ſchweren Rüſtzeug auf der Mauer die Runde oder ſchauten mit müdem Auge auf die rebengrünen Hügel, die ſich gegenüber auf der andern Seite des Fluſſes in ſchönen Linien hinzogen und denen allein dieſer wolkenloſe, wärmeſpendende Auguſthimmel noch ſo recht zu ſtatten kommen ſollte. Kaum hörbar ſpül⸗ ten die ſilberglitzenden Wellen des breiten Donauſtroms an die ſchmuzigen Mauern der Stadt, wie im Un⸗ muth, daß aus ihrem leuchtenden Spiegel nun ſeit Wochen ſchon nur die wohlgeſpickten Schießſcharten und 4 zahlreiches Gewaffe von den Thürmen widerglänzten und daß noch überdies in den letzten Tagen eine eherne Kette am Prenbruner Thor die Fahrt geſperrt und ſo den Strom verhindert hatte, ſich wie in früheren Zeiten allem Volk nutzbar zu machen, dem Handels⸗ mann zum Verkehr, dem Betrübten zur Walffahrt, dem Fröhlichen zur Luſtfahrt. Doch nicht allein die alte Donau war mit dieſen ſchweren Zeitläuften unzufrieden, in der Stadt ſelbſt — vom übrigen heiligen römiſchen Reich gar nicht weiter zu ſprechen— war ſchon viel böſer Jammer und viel böſe Klage laut geworden, und heute gar ſchien ſich der Unmuth des durch Noth, Hunger, Elend und Krieg nun ſchon ſo lange gedrückten Volkes auf entſchiedenſte Weiſe Luft machen zu wollen. Die Läden waren geſchloſſen, die Gewerbe ruhten, die Geſchäfte feierten, und ſelbſt das gryßartige Baugerüſte um den Dom mit ſeinen rieſigen Maſten und ſeinem vielver⸗ ſchlungenen Bauwerk, auf dem ſonſt unter der tüchti⸗ gen Leitung Roritzer's Steinmetz, Maurer und Zimmer⸗ mann zur Ehre Gottes ſo fröhlich hantierten, war verlaſſen und ragte ſtill und vereinſamt weit über alle Giebel ringsum in den blauen, ſonnenerfüllten Him⸗ mel hinein. Noch lagen Kelle und Meißel unordentlich neben dem hingeworfenen Schurzfell auf dem Gerüſt, — — 5 zum Zeichen, daß der Arbeiter ſich ihrer nur raſch entledigt hatte und vielleicht in der Hoffnung, ſie bald wieder aufnehmen zu können. Jetzt aber hatte er ſich wohl ſchon unter die erregten Haufen gemiſcht, die aus allen den winkligen Gaſſen der Stadt dem Rathhauſe zuzogen, haſtig, in wildem Gedränge und den leiden⸗ ſchaftlichen Reden einzelner Wortführer Beifall ſchreiend. Kopf an Kopf wälzte ſich die Maſſe des Volkes gegen den Markt, Männer und Frauen, und ihre zornigen oder angſterfüllten Mienen zeigten aufs deutlichſte, daß ſie alle ohne Ausnahme, wenn auch in verſchiedener Weiſe, doch in dem gleichen Grade von dem aufregenden Ereigniſſe ergriffen waren, davon die Kunde ſo eben mit Windeseile durch die Stadt geflogen war. Aber ſchon vermochte der Marktplatz die nachdrängenden Maſſen nicht mehr zu faſſen; auf der Haid, beim Goliath und in den andern einmündenden engen Straßen mit ihren hohen Giebelhäuſern ſtockte die Menge, während es andererſeits den beiden Schaarwächtern am Thore des Rathhauſes alle Mühe koſtete, mit ihren Hellebarden das Volk zurückzudrängen und den Eingang in die hohe, ſchattenkühle Halle frei zu halten, in deren dunk⸗ lem Hintergrund zahlreiche Bewaffnete und Beamte der Stadt ſichtbar waren, unter ihnen der Stadtvogt, die linke Bruſt mit dem buntgeſtickten Wappen der 6 Stadt geſchmückt. Eine breite Steintreppe führte von hier herauf zu den Sitzungszimmern des Rathes. „Und noch einmal befehl' ich Euch: Zurück!“ don⸗ nerte der eine der beiden Schaarwächter am Thore, indem er einem kleinen, aber behenden und, wie es ſchien, aufs äußerſte erregten Männlein, das um jeden Preis das Rathhaus ſtürmen zu wollen ſchien, entſchloſſen die blitzende Hellebarde auf die Bruſt ſetzte. Der Kleine wich ſofort zurück, unbekümmert darum, daß er ſeinem Hintermann auf die empfindlichen Fuß⸗ zehen trat; denn mit dem rieſenhaften Kriegsmann war offenbar kein Spaß zu treiben. Unter dem mit wallenden Federn geſchmückten, ſchmalkrempigen Hute blitzten ein paar zornige blaue Augen hervor, und der wilde Ausdruck des wettergebräunten Geſichtes wurde durch den ſtattlichen Vollbart und den geradezu martialiſchen Schnurrbart, deſſen ſchmalzugedrehte Spitzen auf den breiten Schultern auszuruhen ſchienen, nur noch erhöht. Der koloſſale Oberkörper war in eine kurze Jacke von dunklem, ſchwarzbraunem Stoff eingezwängt, die durch ungeheuer weite, nur am Hand⸗ gelenk wieder knapp geſchloſſene Aermel ausgezeichnet war. Die Kniehoſe, von dunkelgrüner Farbe und das angeſtemmte Bein ſtraff umſpannend, war wie die weiße Strumpfhoſe reichlich geſchlitzt, um ein brennend —— — 3 rothes Unterfutter zu zeigen, das an einzelnen Stellen offenbar in gefallſüchtiger und eitler Abſicht herausge⸗ zogen und aufgebauſcht war. Ein langes Schwert mit grobem Griff, ein kurzes Meſſer, das an einem um den Leib geſchlungenen Riemen auf dem Rücken hing, bildeten zuſammen mit der ſchon erwähnten Hellebarde die Bewaffnung des Mannes. Dieſe Hellebarde aber wurde nur darum ſchon erwähnt, weil ſie in dieſem Augenblick eine gar be⸗ drohliche Stellung einnahm und gerade auf die Bruſt des Mannes gerichtet war, der in unſerer Erzählung eine nichts weniger als unwichtige Rolle zu ſpielen berufen iſt. Und dazu hat er ein volles Recht. Denn wenn auch ſeine äußere Erſcheinung dem erſten Blick unanſehnlich und im Verhältniß zu ſeinem goliath⸗ gleichen Widerpart vielleicht ſogar lächerlich erſcheinen mag, ſo wird ein näherer Beſchauer doch bald finden, daß die Zierlichkeit und Behendigkeit der Geſtalt ihren Beſitzer dem ſchwerfälligen Landsknecht gegenüber in einen gewiſſen Vortheil bringt, der nicht unterſchätzt werden darf. Außerdem aber iſt den von Schelmerei und Klugheit blitzenden Augen leicht genug zu ent⸗ nehmen, daß Meiſter Fellner da, wo ihn ſeine kör⸗ perliche Ausſtattung im Stich zu laſſen droht, mit um ſo größerem Geſchick vielleicht ſeine Zunge ſpielen 8 laſſen wird, deren Schnellfertigkeit nicht leicht einer nachkommt. Und gerade in dieſem Falle hatte er dann die Lacher um ſo mehr auf ſeiner Seite, als ihm das wirr aufgeſträubte Haar, durch das er im Momente großer Erregung mit ausgeſpreizten Händen immer und immer wieder zu fahren pflegte, wirklich einen äußerſt poſſirlichen und lächerlichen Anſtrich gab. Auch jetzt hatte der kleine Mann im erſten Schrecken ſein Barett mit der Linken vom Kopfe ge⸗ riſſen, ein heftiger Griff mit der Rechten durch ſeine Haare ſträubte dieſe mächtig in die Höhe; dann aber ſchlug er die Hellebarde raſch auf die Seite und ſeinem Gegner geſchickt auf den Leib rückend, rief er, die bei⸗ 5 den Fäuſte geballt und ſeine dünne Geſtalt zornbebend auf die Spitzen ſtellend, obgleich er mitſammt dieſer Manipulation dem reckenhaften Kriegsmann nicht ein⸗ mal bis an die Mitte der Bruſt reichte: 6 „Iſt das eine Art, einem Bürger und Meiſter der reichsfreien Stadt Regensburg mit Eurem ſpitzen Ding da ſo lebensgefährlich um die Naſe herumzu⸗ fuchteln, wie Ihr es thut?“ Nach dieſen Worten blies er ſein vom Zorn oder von der Hitze geröthetes Geſicht in ſehr komiſcher Weiſe hoch auf und richtete, den Kopf vorgebeugt, ſeine Blicke ſo durchdringend auf den Landsknecht vor 9 ihm, wie wenn er deſſen breite Bruſt damit durch⸗ bohren wollte. „Aber Meiſter Fellner—“ antwortete der Kriegs⸗ mann, indem er ſeine Hellebarde ſenkte und nur ihren Schaft wie abwehrend zwiſchen ſich und Fellner hielt. „Was?“ unterbrach ihn dieſer, und ſeine Augen blitzten wirklich vor Zorn.„Ihr kennt mich und ſchämt Euch nicht, einem ehemaligen Kriegsknecht des braven Herzogs Albrecht von Baiern ſo übel mitzu⸗ ſpielen?“ „Nur nicht ſo hitzig, Meiſter“, begütigte der Landsknecht, indem er den noch immer Andrängenden mit dem Schaft ſeiner Hellebarde langſam zurückſchob; „was Ihr wart, weiß ich, und was Ihr ſeid, weiß ich auch. Hoffentlich verſteht Ihr aber die Nadel und den Zwirn beſſer zu handhaben, als Ihr da⸗ mals mit dem groben Kriegsgeräth umgegangen ſein mögt.“ Ein ſchallendes Gelächter der Umſtehenden brachte Meiſter Fellner, der ſolche Anſpielungen auf ſein ge⸗ genwärtiges Handwerk nie freundlich hinzunehmen pflegte, aufs neue in Harniſch. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fuhr er los, in⸗ dem er abermals mit den Händen ſich durch die ge— ſträubten Haare fuhr.„Hab' ich meinem Herrn etwa 10 ſchlechter und weniger treu gedient, als Ihr Lands⸗ knechte es heute dem und morgen jenem thut?“ „Das nicht“, meinte der Gefragte gutmüthig, „aber“, fuhr er fort und ſtrich ſich langſam über den dichten Vollbart,„man erzählt ſich, daß Euer Herzog Euch in jede Schlacht die Hellebarde und das Schwert hat im Wagen nachfahren laſſen, weil Ihr ſie nicht habt tragen können.“ „Das lügt Ihr in Euren fuchsrothen Bart hin⸗ ein“, ſchrie Fellner zornig,„und hab ich meine Schuldig⸗ keit immer redlich gethan, wenn ich vielleicht auch nicht ſo viel geſtürmt, geſengt und gebrannt habe. wie Eure zuchtloſen Rotten, die dem ganzen deutſchen Land zum Schrecken und zum Leide ſind. Habe ich nicht Recht, Leute?“ Damit ſtülpte er keck ſein Barett auf den Kopf und wandte ſich mit einer raſchen Drehung ſeines örpers gegen die Umſtehenden, indem er noch die weiten Schöße ſeines abgetragenen Mantels vorn weit übereinander ſchlug, wie zur Bekräftigung ſeiner Rede. „Ja, Ihr habt Recht, Fellner“, antwortete es ihm aus viel hundert Kehlen, und der Wächter zog ſeine Waffe feſter an ſich, indeß auch ſein Gefährte, der dem Streite bisher ruhig zugehört hatte, mit ver⸗ droſſener Miene näher trat. 1¹ „Doch“, rief der Schneider wieder,„darum handelt es ſich jetzt gar nicht. Wir wollen wiſſen, wo unſere beiden Rathsherrn Portner und Lyskirchner ſtecken.“ „Ja“, fiel ein Anderer ein,„wir wollen wiſſen, wer ſie ſo frech am hellen lichten Tage weggefangen hat.“ „Mitten noch im Weichbild der Stadt!“ ſchrie ein Dritter.„Mitten im Frieden und ohne daß er die Fehde vorher angeſagt hat!“ „Wir wollen keine geheime Sitzung des Rathes“, erklärte Fellner.„Wir wollen Alles wiſſen, und ob es wahr iſt, daß der übermüthige Staufer ſich wirk⸗ lich an den Rathsherrn vergriffen hat, wie man er⸗ „Ja, es iſt wahr“, riefen ihm einzelne Stimmen aus der Menge zu. „Wir wollen es aber vom Rathe ſelbſt hören, Ihr Leute“, fuhr Fellner wieder los;„verſteht Ihr? Vom Rathe ſelbſt, und wenn es wahr iſt, ſo ſoll die ruch⸗ loſe That geſtraft und der Staufer in ſeinem RNeſt berannt werden, damit fortan unſere Freiheit und unſer Leben nicht von jedem frechen Junker gefährdet werde.“ „Was nur den Staufer zu ſolchem Frevel getrie⸗ ben haben mag?“ fragte einer kopfſchüttelnd. 12 „Ihr wißt es doch“, antwortete der Stadtvogt, der eben näher getreten war,„daß viele der Anhänger des Pfalzgrafen Ruprecht beim Ausbruch dieſes unheil⸗ vollen Krieges werthvolles Hab und Gut in die Stadt geflüchtet haben, weil ſie es hier für ſicherer gehalten haben als draußen mitten in den Fahrniſſen des räu⸗ beriſchen Kriegsgetümmels; das aber hat den Kaiſer baß verdroſſen, und im Zorne hat er all das Beſitz⸗ thum der Pfalzgräflichen dem Bernhardin von Stauf und deſſen Geſellen, denen er wohl von früher ver⸗ pflichtet ſein mag, zugeſprochen.“ „Dieſen Friedensbrechern und Ränkeſchmieden?“ „Eben ihnen.“ „Und der Rath will das Gut nicht herausgeben?“ „Darf er denn?“ fragte der Stadtvogt entgegen. „Soll die Stadt ſo ihrem Glimpfe und ihrer Ehre zu⸗ wider handeln, daß ſie das Gut an die habgierigen Leute hinausgibt, das lange zuvor ihren treuen Hän⸗ den übergeben und anvertraut worden iſt, ehe der Pfalzgraf in die Acht des Reiches gefallen war?“ „Das verhüte Gott, daß wir uns ſolche Schande anthun möchten“, rief Fellner.„Wer im Reiche möchte noch fürder Vertrauen zu uns haben?“ „Aber der Kaiſer beſteht darauf“, nahm der Stadt⸗ vogt beſorgt wieder das Wort,„und will es, wie er erſt neulich an den Rath geſchrieben, als eine Ver⸗ letzung ſeiner kaiſerlichen Hoheit ſelbſt anſehen, wenn ihm nicht zu Willen gehandelt werde. Darauf ſtützt ſich nun wieder der Staufer und verlangt täglich dringender das Gut der Pfalzgräflichen.“ „Und fängt“, fiel einer entrüſtet ein,„wie ein Wegelagerer uns Rath und Kämmerer der Stadt von der Straße weg!“ „Hält ſie wie Verbrecher auf ſeiner Burg feſt“, ergänzte ein Anderer. „Und höhnt uns alle mitſammt der Stadt von ſeinem Räuberneſte aus!“ zeterte ein Dritter. „Beruhigt Euch, Leute“, mahnte der Stadtvogt, der einen neuen Ausbruch des Volksunwillens fürchtete. „Unſer wohlweiſer Rath hält die Ehre der Stadt feſt in ſeiner Hand, und auch der Kaiſer wird dieſen Un⸗ glimpf nicht dulden wollen.“ „Der Kaiſer!“ meinte ein junger Menſch in einem Tone, der wenig Vertrauen verrieth;„der iſt unſerer Stadt doch nie recht grün geweſen, und nun währt der Krieg ſchon Monate hin, überall durchs deutſche Reich ziehen ſengend und brennend die Kriegsvölker, und dafür weiß erſt recht keine Seele, wer in Strau⸗ bing Herr werden ſoll. Hätte man doch die Pfalz⸗ gräfin Eliſabeth als Herrn dort gelaſſen! Wie ſtolz 14 und ſchön iſt ſie neulich durch Regensburg geritten! Und ich kann's dem alten Herzog nicht übel nehmen, wenn er ſein Herzogthum lieber ſeiner jugendlichen fürſtlichen Tochter hinterließ, ſtatt es denen in Mün⸗ chen als willkommenen Erbſchaftsbrocken hinzuwerfen.“ „Das verſteht Ihr nicht“, eiferte Fellner.„Der Herzog iſt ohne Stammeserben hingeſchieden— da gehört ſein Land von Rechts⸗ und Vertragswegen allein dem Münchener Herzog. Statt deſſen beſchwört er ſterbend Krieg und Kriegesnoth über das unglückliche Volk herauf; ſein Schwiegerſohn, der Pfalzgraf Ru⸗ precht, muß mit Liſt und Gewalt gegen Kaiſer und Reich kämpfen, um ſich in der Herrſchaft zu erhalten, und ſtirbt zuletzt doch eines elendiglichen Todes an der Peſt— Gott habe ſeine Seele gnädig!“ Die Umſtehenden lüfteten mit Fellner ihr Barett.„Und nun facht auch die Pfalzgräfin noch trotz ihrer Witt⸗ wentrauer die wilde Kriegsflamme immer höher an, wenn ſie auch am Ende doch nachgeben muß!“ „Das wird ſie nicht“, rief derſelbe, der vorhin ſchon zu Gunſten der Pfalzgräfin geſprochen hatte;„ſie bleibt die Herrin von Straubing trotz des Kaiſers und trotz Eures Herzogs Albrecht!“ „Ihr werdet auch erſt klug“, verſetzte Fellner zor⸗ nig, indem er ſich durch die Haare fuhr,„wenn Eure 1 * ——————— —————— ſchöne und ſtolze Pfalzgräfin erbärmlich am Boden liegt und das ganze deutſche Reich ihr zu Liebe an den Bettelſtab gebracht iſt. Seht Ihr's nicht jeden Abend, wie der Himmel ringsum geröthet iſt von den—“ Fellner konnte ſeinen Satz nicht vollenden. Ein ungeſtümes Schreien und Toben der Menge tönte von der Straße her, welche noch heute durch jenes alte, hohe Haus mit der rieſengroßen Darſtellung des Kampfes zwiſchen Goliath und David berühmt iſt, die ſeine breite Außenſeite bis zum dritten Stockwerk hinauf ſchmückt. Aber dieſes Schreien klang nicht mehr wie ein Ausbruch des Zorns und der Rachgier, ſondern das waren Rufe der Freude, die ſich raſch immer näher wälzten und um ſo gewaltiger wurden, je näher ſie kamen. Die Rathsherren, die nun ſchon Stunden lang da oben den heiklen Fall mit beſorgten Mienen er⸗ wogen hatten, eilten überraſcht an die Fenſter ihres Sitzungsſaals, und nun theilte ſich auch aufſchreiend die Menge, und durch die ſchmale Gaſſe kam in ſau⸗ ſendem Galopp ein Reiter herangejagt, mit glühendem Geſichte, barettlos und die grauen Locken gleich dem Mantel im Winde flatternd. Als der Lärm laut geworden war, der Fellner um den Schluß ſeiner ſchönen Rede bringen ſollte, hatte auch dieſer ſich überraſcht gewandt und, ſeine kleine Geſtalt ſtreckend, nach dem Grund ſolch neuen Tumultes geforſcht. Wie aber Männer und Weiber erſchrocken zur Seite wichen, dem heranſtürmenden Pferde Raum zu geben, erhielt Fellner's Aufmerkſam⸗ keit jäh eine andere Richtung und zwar eine von der unerfreulichſten Art. Denn mitten aus dem Tunult und Wirrwarr, den namentlich die aufkreiſchenden Weiber erheblich zu ſteigern bemüht geweſen waren, hatte er eine Stimme erkannt, deren Lieblichkeit ihm nur zu vertraut war und deren ſüßer Klang ihm ſelbſt mit⸗ ten im grauenhafteſten Kriegs⸗ und Schlachtengetümmel nicht entgangen wäre. Das Blut ſchoß ihm ſiedend zum Herzen, der ganze Tumult, die tobende Volks⸗ menge, der herangaloppirende Reiter, Alles war ver⸗ geſſen, ſein gunzer reichsſtädtiſcher Patriotismus, der ſich eben noch ſo breit und lärmend gemacht hatte, war in nichts verflogen vor dem einen, einen Klang, der ihm noch im Ohre zitterte. Und zugleich war es nicht ein Ton der Freude, nein, ein Ruf der Angſt geweſen, den er aus der drängenden Menge gehört, ein Ruf um Hülfe, und er ſtand hier, machtlos einge⸗ keilt, ſelbſt kaum Herr ſeiner eigenen Glieder. Vergebens ſuchte er ſeine kleine Geſtalt nur um einen Finger breit noch höher zu ſtrecken; trotz der fieberhafteſten Anſtrengung ſeiner Muskeln hatte er nur 17 zu bald das Maß gefunden, das zu überſchreiten ihm nicht möglich war, und ſah er nichts als nur die Köpfe der Umſtehenden, federngeſchmückte Baretts, ge⸗ ſchwungene Arme, geſtikulirende Hände. In unſag⸗ licher Aufregung drehte und wandte er ſich. Da tauchte plötzlich die rieſenhafte Geſtalt des Landsknech⸗ tes wieder vor ihm auf, mit dem er vorhin in Streit gerathen war; mühelos blickte dieſer über die Köpfe hin; aber da war auch ſchon Fellner's Entſchluß ge⸗ faßt— ein Satz und mit keckem Griff ſaß er dem über⸗ raſchten Söldner gekrümmt im Nacken, ein Gegenſtand des Gelächters für alle Umſtehenden. Pfeilſchnell flog ſein angſtvoll ſuchender Blick über das Volk weg in der Richtung, in welcher er vorhin die Stimme ge⸗ hört hatte, und ſchon ſah er auch Agathe, ſein Weib, dort, wo die Häuſer den Platz begrenzten, mühevoll nach einem ſichern Platze ringen. Die aufgeregte Menge umflutete ſie, hin und her ſchob ſich die ungefüge Maſſe— da beugte ſich ein Mann, der mit Andern anf den Steinſtufen eines Hauſes ſicher ſtand, hülfebe⸗ reit zu ihr herunter, bot ihr den ſtarken Arm, und mit anmuthigſter Leichtigkeit ſchwang ſich die Bedrängte zu ihm hinauf, der ſich ihr als ein ſo rechtzeitiger Helfer in der Noth erwieſen hatte. Gerade dieſen Moment der Rettung mitanzuſehen, Helſchläger, Novellen. I. 2 18 war Fellner vergönnt, aber ſtatt ſich darüber zu freuen, verzerrten ſich die Züge ſeines Geſichtes vor Eiferſucht und Zorn in einer wahrhaft komiſchen Weiſe. Nur zu gut hatte ſein ſcharfes Auge erkannt, daß der Ret⸗ ter ſeines jungen und ſchönen Weibes der Junker von Guttenſtein geweſen war, einer der berüchtigtſten Ga⸗ lants der damaligen Zeit, und neben ihm gewahrte er nun auch ſchon deſſen vertrauteſten Freund, den Domherrn von Raidenbuch, deſſen Streben, wie man ſagte, gerade auch nicht dahin ging, ſich vor der übri⸗ gen ſittenloſen Geiſtlichkeit ſeiner Zeit durch beſonders tugendhaften Wandel auszuzeichnen. Das Alles war dem armen eiferſüchtigen Schneider genug. Die Au⸗ gen traten ihm vor Entſetzen aus den Höhlen, mit der Rechten fuhr er ſich wie toll durch die aufgeſträub⸗ ten Haare,„Agathe, Agathe“, rief er angſtvoll über die Köpfe des Volkes hin, glaubte ſich auch bereits von ihr erkannt, da ſchüttelte der Landsknecht, des aufgedrungenen Reiters ſatt, ſeine breiten Schultern, und ſofort, wie die reife Frucht vom Baume, fiel Fell⸗ ner wieder herab in die Menge, deren Wogen förm⸗ lich über ihm zuſammenſchlugen. Das war noch nicht das Schlimmſte; denn in dieſem Augenblick— alles Vorangegangene war nur das Ereigniß weniger Sekunden geweſen— kam der 9 Reiter, von dem wir oben ſprachen, zügellos und nur an die flatternden Mähnen des Pferdes ſich noch an⸗ klammernd, herangeſprengt und hätte unfehlbar den un⸗ glückſeligen Schneider, der ſich jammernd am Boden wälzte, überritten, wenn nicht der Landsknecht das zitternde Pferd aufgefangen und ſofort zum Stehen gebracht hätte. Und nun brauſte auch der jubelnde Ruf:„Lyskirch⸗ ner, Lhskirchner!“ durch die Reihen des Volkes. Jetzt erſt hatte man den tollen Reiter erkannt, und von allen Seiten drängte man ſich an den Kämmerer heran; ein Jeder wollte ihm ſeine Freude über ſein unverhofftes Kommen ausſprechen, und über das Ge⸗ ſicht des alten Mannes flog ein Zug wie Rührung über all die offene und unverſtellte Theilnahme, die ihm hier entgegentrat. Hundert Hände wetteiferten, ihm beim Abſteigen vom Pferde behülflich zu ſein, dann aber beruhigte er mit kurzem Worten die Leute und eilte, in das Rathhaus zu kommen und vor dem ver⸗ ſammelten Rath Bericht zu erſtatten über ſeine wun⸗ derbare Rettung aus Feindes Krallen, über ſeinen halsbrecheriſchen Ritt zur Stadt und über das Schick⸗ ſal des zurückgebliebenen Portner. Fellner hatte inzwiſchen mühſam ſeine Glieder wieder zuſammengeſucht und ſich unter tauſend Schmer⸗ 20 zen wieder in die Höhe gerichtet. Wenn er durch den Sturz und von den Hufen des Pferdes, die ihm nahe genug am Kopfe herumgeflogen, auch nicht verletzt war, ſo thaten ihm doch alle Knochen rechtſchaffen weh, ganz zu geſchweigen von dem ungeheuren Riß, den ſein ohnehin ſchon fadenſcheiniger Mantel auf der einen Seite erhalten hatte, von dem ſchäbigen Pelz⸗ werk, das ihm zerfetzt herunterhing, und von dem Schmuz und Staub, den er im Allgemeinen mit auf⸗ geleſen hatte. Aber alles das hatte ihn noch nicht gebeugt, hatte ihn noch nicht zur Ruhe bringen kön⸗ nen. Dankbar nahm er die Hülfe des Söldners, der ihn zuerſt wieder auf die Beine gebracht hatte, an und bat ihn dann, ihn durch die Menge zu der ſtei⸗ nernen Bank zu führen, welche neben dem hochgewölb⸗ ten Thore des Rathhauſes angebracht war. Kaum hatte er das gewünſchte Ziel hinkend erreicht, ſo hob er ſich mit Verleugnung aller Schmerzen am Arme des Söldners in die Höhe auf die Bank, und wieder ſpähte er mit leuchtendem Blick und geſträubtem Haar über die tauſendköpfige Menge weg, hinüber zu Agathen. Da plötzlich wurde ſein Antlitz kreideweiß, ſeine Au⸗ gen blickten wie irr, mit den Armen fuhr er angſtvoll in der Luft herum, ſeine Kniee wankten, und mit der letzten Anſtrengung ſeiner Stimme bat er den Söld⸗ 2¹ ner, ihn raſch auf die Bank niedergleiten zu laſſen Er mußte etwas ganz Entſetzliches geſehen haben, das ihn bis ins Innerſte traf, ein jäher, todbringender Schmerz durchzuckte ihn, er ſchien ſich losgelöſt von Allem, was ihn einſt glücklich und ſelig gemacht hatte. Er hielt ſich für einen Verdammten, der allen Qua⸗ len der Hölle und des Fegefeuers für ewig ausgelie⸗ fert worden ſei. Und jenſeits des Höllenpfuhls, in dem er ſchmachtete und litt, ſtand Agathe, ſein ſchönes, junges Weib, das er ſo innig geliebt hatte und um deſſen willen er einſt ſelbſt den Herrendienſt des Her⸗ zogs Albrecht verlaſſen und wieder zu dem Handwerk gegriffen hattte, das er als Knabe gelernt und einſt aus Verachtung gegen alles zünftige Weſen zur Seite geworfen hatte. Seine ſchmalen, unruhigen Finger waren ja nicht fertig damit geworden, die kleine, glatte Nadel feſtzuhalten. Aber Agathen zu Liebe hatte er doch wieder zu ihr gegriffen, Agathen zu Liebe hatte er ſeiner ungebundenen Freiheit entſagt, ihr zu Liebe war er wieder unter die Schneider gegangen, und das kam ihm jetzt Alles wie ein Traum vor, jetzt, da er ſich um ſein Opfer, um ſein Leben, um ſeine Liebe betrogen ſah. Betrogene Liebe aber iſt wie vergoſſe⸗ nes Menſchenblut und ſchreit um Rache. In ſeinem Hinbrüten hatte der Schneider nicht 22 bemerkt, daß das Volk um ihn aufs neue in Bewe⸗ gung gekommen war. Ein zweiter Reiter in offener Sturmhaube und Hals und Oberarm mit glänzenden Eiſenſchienen verwahrt, indeſſen der übrige Körper nur in eine kurze, enganliegende Jacke und gleiche Beinlinge von greller grüngelber Farbe gekleidet war, kam heran⸗ geſprengt; den aber hatte dig Menge an ſeinen Farben raſch als einen Knecht des Staufer erkannt, veſſelben, der ihre Wuth ſo aufs äußerſte gereizt hatte. Der Knecht ſchien eine willkommene Beute des Volksgrimms werden zu ſollen. Man ſchrie, zeterte, tobte und wollte ihn vom Pferde reißen, wo er un⸗ fehlbar verloren geweſen wäre. Da fiel der Blick des Knechtes, der ſich ſchon längſt nach einem befreunde ten Geſicht in der Menge umgeſehen haben mochte, auf den Schneider, der noch immer trüb und theil⸗ nahmelos auf ſeiner Bank vor ſich hinſtarrte. „Fellner, Fellner!“ rief er zu ihm herüber. Wie eine Natter ſchnellte der Angerufene in die Höhe. Mit einem Satze war er bei dem bedrängten Knechte, einem jungen Burſchen von freiem, männli⸗ chem Anſehen. Statt ihm aber zu helfen und ihn aus den Händen der Menge zu befreien, ſchrie er: „Grade recht kommſt Du mir, Burſche! Schaff' mir mein Weib, ſchaff' mir Agathe wieder!“ 23 Damit faßte er ihn beim Arme und in einem Nu war der Knecht, der jetzt eben auf Hülfe gehofft und ſich weniger mehr vorgeſehen hatte, von den Fäuſten der nächſten Umſtehenden vom Pferde geriſſen. Nun aber ſtürzte der kleine Schneider erſt recht auf ihn los, und indem er ihm den Hals zu würgen ſuchte, der freilich von den Halsbergen genügend geſchützt war, wiederholte er aufs neue mit halberſtickter Stimme: „Gib mir mein Weib wieder!“ Der Knecht des Staufer hatte ſich inzwiſchen von ſeiner erſten Ueberraſchung erholt; mit einem kräfti⸗ gen Griff ſchüttelte er ſich den Schneider vom Leibe und rief dann unmuthig: „Seid Ihr toll geworden, Schwager? Statt mir beizuſtehen, fallt Ihr mich mit wüthender Geberde an und höhnt mich hier auf offenem Markte?“ „Höhnt mich Deine Schweſter nicht auch?“ ſpru⸗ delte der Schneider giftig.„Und ſeid Ihr nicht beide von einem Blute?“ „Wo iſt meine Schweſter?“ fragte der Burſche entgegen, indem er ſeiner Bewegung möglichſt Herr zu bleiben ſuchte. „Dort“, ſchrie Fellner mit rothem Geſichte und wies gegen das Haus hin, auf deſſen Stufen ſein Weib vorhin geſtanden hatte.„Dort iſt ſie und nicht 24 allein! Artige Geſellſchaft hat ſie ſich erwählt. Der Junker von Guttenſtein iſt bei ihr und der Domherr von Raidenbuch, der ihr wohl die Beichte abnehmen wird!“ Das rohe Gelächter der Umſtehenden entflammte den Unwillen des Knechtes aufs neue. „Schämt Euch, Fellner“, rief er voll Entrüſtung, „in dieſer Weiſe Euer Weib und Euch ſelbſt zu ſchmähen vor mir und vor all den Leuten!“ „Iſt ſie nicht“, tobte der Schneider wieder,„vor mir und allen den Leuten mit dem Domherrn und dem Junker dort in das Haus gegangen, mein Weib, mein eigenes Weib? Und haben ſie nicht die Thür hinter ſich ins Schloß geſchlagen? Hat ſie der Gutten⸗ ſteiner nicht vorhin zu ſich auf die Bank gehoben, und hat ſich das armſelige Weiberherz nicht auch ſchon in den zwei Minuten, da ich unter den Hufen des Pfer⸗ des herumkollerte, von den Schmeichelworten des ſau⸗ beren Domherrn bethören und verführen laſſen?“ „Das lügt Ihr, Fellner, das kann nicht wahr ſein!“ „Wollte Gott, es wäre nicht wahr und Alles nur ein Blendwerk der Hölle! Wer würde glücklicher ſein als ich! Aber mit meinen eigenen Augen hab' ich es geſehen, wie der Domherr ſie mit ſeinen frechen Ar⸗ —,—— 25 men umſchlang und ins Haus führte, und der Junker warf lachend die Thür hinter ſich und den beiden zu; denn die Andern hatten ihnen von der Straße ſpot⸗ tend nachgeſchaut. O Konrad, Konrad, ich bin ein unglücklicher Mann für Lebenszeit!“ Mit dieſen Worten warf ſich Fellner dem Bru⸗ der Agathens an den Hals und brach in einen Strom heißer Thränen aus. Das kleine Männchen bebte am ganzen Körper, und auch Konrad war angeſichts der von Fellner vorgebrachten Thatſachen in unleugbarer Verlegenheit. Trotzdem fiel es ihm nicht von fern ein, an der Unſchuld ſeiner Schweſter und wenn ſie in zehnmal ſchlimmerer Begleitung geſehen worden wäre, und wenn der Schein zehnmal lauter gegen ſie geſpro⸗ chen hätte, als es in Wirklichkeit war, auch nur den leiſeſten Zweifel zu hegen. In dieſem Augenblick und gerade zur rechten Zeit erſchien der Kämmerer Lyskirchner auf der Schwelle des Rathhauſes. Von den Fenſtern des Sitzungs⸗ ſaales aus hatte er Konrad von der Menge bedrängt geſehen und in ihm ſeinen wackern Retter aus dem Gefängniſſe der Staufer'ſchen Veſte erkannt. Denn in der That war es Niemand Geringeres als Agathens Bruder geweſen, der, ſelber ein Sohn der reichsfreien Donauſtadt, dem Regensburger Kämmerer heimlich aufs Pferd und davongeholfen hatte, damit er dem Rathe von ſeinem und ſeines Genoſſen Schickſal Kunde geben könne. Nun ſchritt Lyskirchner, ſo raſch es ihm ſein hohes Alter erlaubte, auf Konrad zu, ihm die Hand zum Gruß bietend, überraſcht und erfreut zu gleicher Zeit, ſeinem Freunde ſchon ſo bald wieder in Regensburg zu begegnen. Die Menge wich ehrerbietig zurück. Der greiſe Lyskirchner genoß damals noch großes Anſehen in der Stadt bei Groß und Klein und ſein redlich Herz ahnte nicht, wie ſchon nach wenig Jahren für alle die treuen Dienſte, die er ſeiner Vaterſtadt gethan, erbärmlichſter Undank und nichtswürdigſter Verrath ihn, den alters⸗ ſchwachen, blinden Mann, den Qualen der Folter und dem ſchimpflichen Tode durch Henkershand überliefern würde. Nun ſtand Lyskirchner dem jungen Knechte gegen⸗ über, freundlich aus ſeinen treuherzigen blauen Augen blickend und die ſchüchtern hingeſtreckte Hand deſſelben herzhaft ſchüttelnd. Seine Tracht war die damals übliche der Rathsherren, ein ſchwarzes Schoßwams mit engen Aermeln, das ſich um den ſchlanken Oberkörper ſo ſtraff ſchmiegte wie die Tricothoſen von dunkelviv⸗ letter Farbe, ein etwas über die Kniee reichender und — 27 mit braunem Marderpelz ausgeſchlagener mantelartiger Ueberwurf von ſchwarzer Farbe, der auf beiden Seiten kurz geſchlitzt war, die Arme durchzulaſſen, und ein ſchwarzſammtenes, viereckiges Barett, unter dem die weißen Locken ehrwürdig hervorſchauten. „Gott zum Gruß“, erwiderte Konrad die freund⸗ lichen Worte des Kämmerers und ſetzte dann lächelnd bei:„Ein wahres Wunder iſt es, daß ich Euch noch lebend gegenüberſtehe. Hier nehmt, das iſt ja wohl für Euch, Herr Kämmerer, und glaubt, daß mir eine Botſchaft nicht leicht ſo heiß gemacht worden iſt wie dieſe hier.“ Damit zog er aus der Bruſt zwei kleine Packete, die er erſt prüfte und deren eines er alsdann dem Kämmerer überreichte, während er das andere wieder in die Jacke ſteckte. „Was bringſt Du mir? Was ſoll das ſein?“ fragte der Kämmerer überraſcht. „Ich hatte“, entgegnete der Gefragte,„Euch heute kaum ein Stündlein aufs Pferd gebracht und mich dann ſelbſt der Vorſicht halber im Stalle, wie von der Hitze überwältigt, ſchlafend auf die Streu gelegt da war auch ſchon Eure Flucht entdeckt, Herr Käm⸗ merer! Der Staufer tobte wie toll—“ „Das glaube ich“, lachte Lyskirchner. 28 „Den Verräther, der Euch davongeholfen, wolle er hängen laſſen, brüllte er durch die ganze Bnrg, und dem Herrn Portner drohte er mit der Folter. Bald aber beruhigte er ſich wieder und meinte, am Ende genüge ihm auch der eine, der in ſeiner Hand geblie⸗ ben, und Ihr, Herr Kämmerer, könntet dem Rathe am beſten vermelden, wie er, der Staufer, jetzt das Spaßen und Hin⸗ und Herhandeln ſatt habe. Da fiel ihm auch bei, daß er ſchon ſeit einem Tage zwei Schreiben bereit liegen habe, die ihm ſein Burgpfaff aufgeſetzt und die er nur nicht in die Stadt zu bringen wußte. Sogleich befahl er mir, das ſchnellſte Pferd im Stall zu ſatteln, Euch nachzureiten, einzuholen und den einen der beiden Briefe in Eure Hände zu über⸗ geben. Aber beim beſten Willen holte ich Euch nicht ein und konnt' es auch nicht, denn den beſten Ren⸗ ner im Stalle hatte ich Euch ſelbſt ſchon gegeben.“ „Braver Junge!“ unterbrach ihn der Kämmerer dankbar. „Erſt in der Stadt wurdet Ihr mir ſichtbar, und da ich auf dem Wege hierher dies und jenes mir ſchon überlegt hatte, und wie ich eigentlich des Staufer'ſchen Dienſtes ſatt und wie es doch möglich ſei, daß dem Junker der Streich, den ich ihm geſpielt, noch bekannt werde, ſo dachte ich lieber gleich mit Euch in die . 29 Stadt zu kommen, um ſo mehr“, ſetzte Konrad treu⸗ herzig bei,„als Ihr mir ja doch verſprochen habt, zu meinem weitern Fortkommen mir behülflich zu ſein.“ „Das will ich auch, mein braver Retter“, ver⸗ ſicherte Lyskirchner aufs neue und ſchüttelte ihm wie⸗ derholt die Hand.„Du ſollſt uns willkommen ſein. Burſche wie Du, die nicht allein eine ſtarke Fauſt, ſondern auch das Herz auf dem rechten Flecke haben, können wir in dieſen ſchweren Zeitläuften immer brau⸗ chen. Nun aber komm' in die Rathsſtube, der Stadt⸗ vogt ſoll Dir eine Kanne guten Wein reichen, vom beſten; Du wirſt, denke ich, nach Deinem Ritt die Erfriſchung nöthig haben.“ Mit dieſen Worten kehrte er in das Rathhaus zurück, um dem noch immer verſammelten Rath Be⸗ richt über das Schreiben des Staufers zu geben, das einen allgemeinen Sturm des Unwillens erregte. Er wolle, ſchrieb er, die beiden Gefangenen, deren einer ihm nun freilich wider ſeinen Willen entkommen war, nicht eher frei geben, als bis er die ächtiſchen Güter des Pfalzgrafen und ſeiner Anhänger von der Stadt habe ausgeliefert erhalten.„So gegeben im Herbſt⸗ mond des Jahres 1504“, ſchloß das Schreiben,„Bern⸗ hardin von Stauf.“ In aller Eile ward von den würdigen Vätern 30 der Stadt der Beſchluß gefaßt, über den frechen Stau⸗ fer Beſchwerde beim Kaiſer zu erheben, dann ſtoben ſie auseinander wie Spreu im Winde, den Angſt⸗ ſchweiß auf der Stirn und froh, nicht länger ſich gegenſeitig das beſchämende Schauſpiel der Erniedri⸗ gung und Hülfloſigkeit gegenüber der Unverſchämtheit eines Raubritters und Junkers geben zu müſſen. Als ſich gegen Abend endlich auch Konrad auf den Weg machte, das Haus ſeines Schwagers Fellner aufzuſu⸗ chen, fand er beim Heraustreten aus dem Portale des Rathhauſes dieſen noch immer nebenan auf der Bank ſitzen, in ſich zuſammengekauert, brütend, wie geiſtes⸗ abweſend. Der Markt war inzwiſchen leer geworden und dunkle Schatten lagen auf dem Platze. „Fellner“, rief Konrad ſeinen Schwager an. Dieſer hob langſam ſein blaſſes Haupt. Das Barett lag vor ihm auf dem Boden, und die aufge⸗ ſträubten Haare gaben ihm jetzt bei dem unbeſtimmten Schimmer der hereinbrechenden Nacht etwas Unheim⸗ liches. „Ich bin ein unglücklicher Mann auf Lebenszeit“, ſagte er langſam. „Unſinn!“ erwiderte Konrad verdrießlich„Komm' mit nach Hauſe“ Damit hob er das Barett vom Boden, ſtülpte es Fellner auf das ſorgenvolle Haupt 3¹ und zog ihn mit kräftigem Ruck von der Bank in die Höhe. Willenlos folgte das arme Männchen im zer⸗ fetzten, beſchmuzten Mantel, noch immer halb hinkend, ſeinem Schwager, deſſen kriegeriſche hohe Geſtalt in der blanken Sturmhaube und mit dem Schwert an der Linken ſich neben dem kleinen Schneider ſtattlich genug ausnahm. Sie ſchritten beide durch die dunklen Straße ihrer Wohnung zu. Schmale, winklige Treppen, die es beſonders darauf angelegt zu haben ſchienen, dem mit ihren Eigenthümlichkeiten unbekannten Wanderer den Hals zu brechen, führten durch Nacht und Finſterniß zu den beiden Dachkammern, in denen der würdige Schneider⸗ meiſter Fellner ſein Heim aufgeſchlagen hatte. Als er vor Jahren mit ſeinem jungen, eben angetrauten Weib⸗ chen hier in der Höhe ſeinen Einzug gehalten, meinte er lächelnd: Je näher dem Himmel, deſto beſſer. Heute ſchien er den Spruch von damals vergeſſen zu haben. Schon die Treppen hinauf, an denen ihm natüklich jede Biegung, jede Wendung, jede Senkung auf das beſte vertraut war, hatte er eine ganz bedenkliche Haſt an den Tag gelegt; jetzt ſtürmte er in das eine Zim⸗ mer, dann, als er dieſes leer fand, in das andere, wo Agathe eben damit beſchäftigt war, die müden Kinder zu Bett zu bringen; donnernd warf er die 32 Thür hinter ſich ins Schloß, und Konrad blieb allein in dem ärmlichen Gemache zurück, den Blick finſter auf die Thüre geheftet, hinter der ſein Schwager, die Haare geſträubt, verſchwunden war, und, wie es ſchien, bereit, der Schweſter im Nothfall zu Hülfe zu kommen. Aber das war unöthig; den kurz herausgepolter⸗ ten Anklagen Fellner's folgte nur eine ebenſo kurze, ruhig gehaltene Vertheidigung Agathens, die Konrad nicht verſtehen konnte, weil ſeine Schweſter wohl mit Rückſicht auf die Kinder nur gedämpften Tones ſprach, dann ſchüchterne Gegenrede Fellner's, darauf allgemeine Stille und zuletzt Wiederſcheinen Fellner's, der ſein Barett auf den Tiſch ſchleuderte, und halb beſchämt ſagte: „Da bin ich wieder einmal ein rechter Narr mei⸗ ner ſelbſt geweſen.“ „Ja“, bekräftigte Konrad und fügte dann bei: „Sieh aber doch zu, daß dies anders wird. Du wirſt mit Deiner verwünſchten Eiferſucht Dich und Agathe am Ende doch noch zu Schaden und Unglück bringen.“ Mit dieſen Worten trat er in das anſtoßende Zim⸗ mer, dort das kleine Völkchen zu begrüßen, dem Agathe eben ein ſo ärmliches Lager bereitet hatte, daß es kaum ein Bett genannt werden konnte. Er ſah, daß ſeine Schweſter geweint hatte. Erſchrocken eilte er auf ſie zu, meinend, es ſei Fellner geweſen, der ihr ſo wehe gethan. 33 „Nein, nein“, wehrte ſie ab;„dieſe kindiſchen An⸗ fälle von Eiferſucht bin ich ja an meinem Manne ge⸗ wohnt und verzeihe ſie immer neu, weil er ſonſt von Herzen brav und gut iſt. Aber was mich ſo traurig macht, iſt der Gedanke hier an meine lieben, theuren Kinder. Wie ſchön und friedlich und blühend liegen ſie hier im Schlummer und doch— der Hunger rückt uns immer näher, die Noth wird täglich größer. Mein Gott, wie ſoll das enden?“ Sie verhüllte ihr Angeſicht mit beiden Händen, aufs neue in helle Thränen ausbrechend. Konrad ſuchte ſie zu beruhigen, dann, um nur ihre Gedanken von dieſen traurigen Dingen abzulenken, ragte er, welche Bewandtniß es mit dem Domherrn heute Nachmittag gehabt habe. Agathe lächelte durch ihre Thränen. „Du weißt“, ſagte ſie,„wie mich der Gutten⸗ ſteiner zu ſich auf die Stufen des Hauſes hob. Ich war in Gefahr, von der Menge erdrückt zu werden. Freilich erkannte ich ſofort, in welch ſchlimme Hände ich gerathen war. Aber da ich die Dinge nun einmal nicht ändern konnte, ſo fügte ich mich darein und wehrte nur die albernen, zudringlichen Schmeichelreden des Domherrn ſo gut ab, als ich eben konnte. Ich ſchwieg oder wurde grob. Da glaubte ich plötzlich meinen Namen gerufen; wie ich mich umſehe, erblicke Helſchläger, Novellen I. 3 34 ich meinen Mann in der Ferne und auf den Schultern eines Andern. Ich wußte ſofort, was den Aermſten quälte. Eben wollte ich ihm zuwinken, da fiel er von den Schultern deſſen, der ihn bisher getragen, jäh hinab in die Menge, zugleich ſtürmte das Pferd des Lyskirchner heran, ich ſah, wie es über ihn wegging, und erſchrak ſo, daß ich die Beſinnung verlor und zurücktaumelnd alsbald von dem guten Domherrn aufgefangen wurde. Der ſchaffte mich denn auch— ich weiß nicht, wie— mit ſeinem Spießgeſellen ſchleu⸗ nigſt in das Haus, vor dem wir ſtanden, die Thür warfen ſie hinter ſich zu und ließen mich auf einer Bsnk nieder, die gerade in dem Hausflur ſtand. Das brachte mich ſchon wieder zu mir. Wie aber der Dom⸗ herr es nun für geeignet hielt, ſeine Liebenswürdig⸗ keiten nachdrücklicher zu erneuern, kam mir ſofort die ganze Beſinnung wieder. Ich überſah die unzweifel⸗ hafte Lage; vollſtändig entſchloſſen, wie Du mich kennſt, Konrad, raffte ich mich in die Höhe und habe ohne Zögern den zwei verblüfften Geſellen ſo tüchtig heimgeleuchtet, daß ſie mich gern ziehen ließen. Von draußen hörte man überdies das Geſchrei und Toben der Menge, das mochte ſie denn doch auch gegen ihre ſonſtige Art unſicher machen und ſo gewann ich das Freie raſcher wieder, als ich Dir die ganze 35 Geſchichte erzählt habe. Aber nun wollen wir über dieſe ganze Albernheit kein Wort mehr ver⸗ lieren. Es iſt genug, daß der brave Fellner ſich darüber ſo in Aufregung gebracht hat. Die guten Sitten des Domherrn kennt man ja und meine Schuld iſt es, daß ich mich nicht lieber von der Menge er⸗ drücken ließ, als von dem Junker von Guttenſtein zu ſich und ſeinem Geſellen auf die Stufen heben.“ Konrad lachte, das reſolute Weſen ſeiner Schwe⸗ ſter gefiel ihm. Er beugte ſich noch einmal über die ſchmalen blaſſen Geſichter der ſchlafenden Kinder; dann verließ er mit Agathen das Gemach, leiſen Schrit⸗ tes, aber haſtig, denn eine klingende Stimme hatte ihm eben geſagt, daß ein Gaſt in die beſcheidene Wohnung getreten ſei, und wie willkommen, wie theuer war ihm dieſer Gaſt! Als er die Thür öffnete, ſtand ihm eine ſchlanke, zierliche Frauengeſtalt gegenüber. Aber das Zimmer war dunkel und nur aus der kleinen Handlaterne, welche die in einen langen Mantel gehüllte Geſtalt trug, fiel ein ſchmaler, greller Lichtſchein auf den Ein⸗ tretenden, deſſen hohe, jugendlich kräftige Erſcheinung ſich in der knappen, farbenfriſchen Reitertracht vor⸗ theilhaft genug aus dem Dunkel ringsum abhob. Dann eilte er freudeſtrahlend und mit ausgebreiteten Armen 3 auf die ihm wohlbekannte Geſtalt zu, die lachend die Laterne zur Seite auf den Tiſch ſtellte und ihm an den Hals flog. holden Geſchöpfes mit einem Male alle ſeine Sorgen vergeſſen zu haben. Mit fröhlichem Zuruf und heiterer Stirn, von der alle eitle Bekümmerniß wie weggeblaſen war, ſprang er von ſeinem Stuhle auf, dem Mädchen entgegen und offenbar in der lobenswerthen Abſicht, auch ſeinerſeits wöglichſt viel Antheil zu nehmen an der zärtlichen Umarmung der Liebenden, deren Auf⸗ richtigkeit an ihrer ſchier kein Ende nehmenden Dauer eine glänzende Probe beſtand. Als ſich das Mädchen endlich aus Konrad's Ar⸗ men gelöſt und den Blechſchirm der Laterne völlig zurückgeſchlagen hatte, daß ihr Strahl nun das ganze kleine Zimmer erleuchtete, ſtreifte ſie den langfaltigen, hinten mit einem geſteiften Ueberfallkragen verſehenen Mantel ab und bot ihre ganze liebliche Geſtalt den bewundernden Blicken des Geliebten, der ihr nicht oft genug ſagen konnte, wie viel ſchöner und anmuthsvoller noch ſie ſeit ihrer letzten Begegnung geworden ſei. ſchalkhaft lächelnd an und mit jener Unbefangenheit, aus der man ſofort ſchließen konnte, daß ſie an der Auch der Schneider ſchien bei dem Anblick des Gertrud hörte die begeiſterten Lobſprüche Konrad's 37 Wahrheit des Gehörten auch nicht im mindeſten zweifle. Sie hatte ein Recht dazu, denn ihre ſchlanke mädchen⸗ hafte Geſtalt in dem dunkelgrünen Gewand, das, ab⸗ geſehen von dem ſehr tiefen Ausſchnitt auf der Bruſt, der nur von einem weißen, in zierliche Falten geleg⸗ ten und kunſtvoll geſtickten Kragentuch bedeckt war, völlig jenen idealen Zuſchnitt zeigte, den wir heute allgemein als Gretchen⸗Coſtüm zu bezeichnen pflegen, war wirklich ganz von der Anmuth unffloſſen, die froh und lebensluſtig bekannter Maßen noch ſchöner iſt als die Schönheit ſelbſt und dauerhafter wirkt und auch bei allen Verſtändigen und Klugen höher im Preiſe ſteht als dieſe. Die leichtgerundeten Wangen waren von einer zarten, durchſichtigen Röthe angehaucht, ganz im Einklang mit der unbegrenzten Lebensluſt, die aus den großen, klaren dunkelbraunen Augen blitzte und von der auch der feingeſchnittene Mund ſprach, deſſen volle Lippen ſich nur zu gern zu ſchalkhaftem Lachen öffneten. Die ſchmale und etwas niedrige Stirn aber war vom ſchönſten Goldblond der Haare beſchattet, das ſich von den faſt ſchwarzen Augenbrauen ſeltſam genug abhob und über den Nacken in langen, dichten und ſchweren Zöpfen niederſiel. Gertrud hatte dieſer beſonderen Schönheit halber auch Recht, wenn ſie es verſchmähte, einen der damals üblichen wunderlichen 3 — —— —— 38 Aufſätze auf dem Kopfe zu tragen, die direct aus dem unheiligen Türkenland verſchrieben ſchienen. Sie hatte nur ein einfaches Kopftuch von brauner Farbe um den Scheitel geſchlungen, deſſen Enden unter dem Kinn zuſammenliefen und auf das reichſte mit Spitzen beſetzt und verziert waren. „Wie herrlich Du biſt!“ rief Konrad immer aufs neue, indem er bald die großen weißen Puffen be⸗ wundernd betaſtete, mit denen die Aermel ausgeſtattet waren, bald das Täſchchen prüfend hob, welches an der tief herabreichenden Metallkette des ſilbergeſtickten Ledergürtels hing und für die Schlüſſel des Hauſes oder auch zur Aufbewahrung des Roſenkranzes be⸗ ſtimmt ſein mochte. Gertrud lachte.„Nachdem ich mich ſo lange für keinen empfindenden Chriſtenmenſchen ſchmücken konnte, mußte ich mich nicht heute für Dich ſo ſchön machen und das Beſte nehmen, was Kiſten und Kaſten boten?“ Dabei ſchürzte ſie kokett das Gewand vorn in die Höhe, wie aus Sorge, Konrad's bewundernden Blicken könne bis jetzt noch das darunter befindliche Unterkleid entgangen ſein, das, von dunkelbrauner Farbe und reich geſtickt, vielleicht noch koſtbarer war als das Oberkleid ſelbſt. „Wie herrlich ſie iſt!“ rief, auf Gertrud deutend, nun auch der kleine Fellner ſeinem Weibe zu und zwar im Tone der aufrichtigſten Bewunderung. Dieſe drohte ihm lächelnd mit erhobenem Finger. Aber Fellner faßte ſie raſch bei der Hand.„Du biſt doch noch ſchöner“, flüſterte er innig und fuhr dann flehend fort:„Kannſt Du mir verzeihen, Agathe? Wie tollköpfige Thorheit war es über mich gekommen und ich war meiner einfältigen Sinne nicht mächtig. Schwer habe ich Dein gutes Herz beleidigt und es war Sünde, an Dir zu zweifeln. Aber ſieh, ich bitte Dich um Verzeihung, auf den Knieen, wenn Du willſt, A und nie, nie mehr— Agathe ſchnitt den Redefluß ihres reuigen Ehe⸗ herrn mit einer raſchen abwehrenden Handbewegung ab. Verzichen habe ich Dir ſchon längſt“, lächelte ſie,„und Du brauchteſt mich nicht erſt darum zu bitten. Aber ich will kein Verſprechen von Dir hören.“ „Wie?“ fragte Fellner, in ſcheinbarer Entrüſtung einen Schritt zurücktretend.„Glaubſt Du nicht an mein Verſprechen? Glaubſt Du nicht an das Ver⸗ ſprechen eines Mannes?“ „O“, lachte Agathe wieder und ſchlug ihren Mann ſchalkhaft auf die Wange,„wenn nur dieſer Mann nicht eben mein Mann wäre und wenn er ſich 40 nur gerade in dieſem Punkte nicht immer ſo unver⸗ beſſerlich gezeigt hätte.“ „Weib, Du haſt Recht“, erwiderte der Schneider pathetiſch,„Du haſt leider Recht; darum kurz und gut: Gott beſſer's!“ „Einverſtanden!“ rief Agathe und Fellner drückte ihr den feierlichen Kuß aufrichtigſter Reue und mora⸗ liſcher Beſſerungsabſicht auf die ſchönen Lippen. „Und nun, Kinder“, rief er, luſtig in die Hände klatſchend,„nun laßt uns vergnügt beiſammen ſein. Der größte Narr iſt, der ſich ſelbſt ſein Glück ver⸗ bittert, und der größte Thor iſt, der ſich ſelbſt um die Freude ſeiner Tage bringt. Sorgt nur, daß Ihr Euch immer den Sinn friſch und das Gemüth froh er⸗ haltet.“ Man ſetzte ſich im Kreiſe zuſammen, Agathe ihrem vergnügten Cheherrn gegenüber, das Liebespaar zwi⸗ ſchen beiden, Konrad ſeinen Arm um den Nacken Ger⸗ trud's ſchlingend. So hörte man ihre Geſchichten an. Lyskirchner war am Abend zu ihrem Vater gekommen, mit dem er ſeit vielen Jahren eng befreundet war. Er hatte dieſem ſeine Abenteuer und ſeine Rettung aus der Burgveſte des Staufer durch Konrad erzählt. Er hatte von dieſem preiſend geſprochen und ſeine Ver⸗ — wendung zugeſagt, Konrad im Dienſte der Reichsſtadt gut unterzubringen. Der bejahrte Weitmos, Gertrud's Vater, hatte das Alles erſt ſtill mit angehört; er war ein alter Apotheker, der auf Hochſchulen ſtudirt und namentlich in Welſchland ſich viele Kenntniſſe geſam⸗ melt hatte. Mit der einzigen Tochter hatte er ſeinem künftigen Schwiegerſohn auch einmal die Apotheke zu übergeben gedacht. Nun hatte ſich Gertrud's Herz Konrad zugewandt, dem Bruder ihrer vertrauteſten Freundin, der aber den Augen des gelehrten Weitmos nicht anders denn als ein leichtfertiger Springinsfeld er⸗ ſchien. Dafür nämlich galt ihm Alles, was nicht hinter Büchern geſeſſen hatte, namentlich aber, was nur mit Schwert und Hellebarde umzugehen verſtand. Trotzdem hütete er ſich, auf die Neigung ſeiner Tochter, die er aufs zärtlichſte liebte, irgendwie einzuwirken, und am Ende mußte er doch zugeben, daß Konrad ein tüch⸗ tiger, ehrenfeſter Burſche ſei und, einmal im richtigen Fahrwaſſer, auch ein tüchtiger Mann und Bürger noch werden könne. In dieſes Fahrwaſſer wollte ihn der Kämmerer nun bringen. Dann war auch der heim⸗ liche Widerſtand des Apothekers gewiß zu überwinden. Konrad hatte die Kunde von dieſer erfreulichen Wendung der Dinge klopfenden Herzens vernommen; er jubelte laut auf und ſah mit einem Male alle Hin⸗ —————————— 42 derniſſe verſchwunden und ſich im Beſitze des geliebten Mädchens. „Nun“, fiel Fellner ein, der alle die Neuigkeiten bis jetzt ſchweigend mit angehört hatte,„wenn Dein Vater nun wirklich ſein Jawort gegeben hat, wollt Ihr denn dann auch wahrhaftig ſo leichtſinnig ſein und Hochzeit machen?“ „Gewiß“, erwiderte Gertrud und reichte ihre Hand leuchtenden Blickes dem Geliebten.„Worin aber ſoll der Leichtſinn liegen?“ „Das fragt Ihr noch?“ fragte Fellner verwundert. Jetzt, in dieſen Zeiten der Noth und Heimſuchung, wo Jedermann froh iſt, wenn er den nächſten Tag noch lebend erſchaut und nicht unverſehens über Nacht Hungers geſtorben iſt?“ „Ein kräftiger Arm kann immer das Nöthige ſchaffen, deſſen er für ſich und ſein Weib bedarf!“ rief Konrad lebhaft. „Am kräftigen Arm“, erwiderte Fellner achſel⸗ zuckend,„fehlt es auch mir nicht, aber des Nöthigen für Weib und Kind ermangele ich gerade zum Ueber⸗ fluß im Hauſe. Und doch“, rief er mit leuchtendem Blicke aus,„und doch haſt Du Recht, Konrad, daß Du Dir den Muth nicht rauben läſſeſt; Du biſt ein ganzer Mann und auch Ihr, holde Gertrud, verdient alles Lob, daß Ihr Euch durch den böſen Lauf dieſer Tage nicht wollt bange machen laſſen. Gebt mir Eure Hand, Ihr ſeid ein Goldmädchen auch ohne Eure ſchönen blonden Haare. So, laßt mich ſie nur ein wenig ſtreicheln, dieſe kleine, liebe, weiche Patſch⸗ hand; vielleicht“, ſetzte er mit ſchelmiſchem Seitenblick auf Agathe bei,„vielleicht gelingt es mir denn doch einmal, auch in meiner würdigen Ehehälfte den dum⸗ men Eiferſuchtsteufel loszulaſſen.“ Alles lachte. Fellner aber, die Hand Gertruds wieder loslaſſend, wandte ſich aufs neue an Konrad. „Alſo, wie geſagt, nur immer mit der jungen Frau den Kopf oben behalten! Das wird Euch beiden nicht ſchwer fallen, und wenn es auch die Meiſten nicht mehr haben wollen, weil ſie eben Tröpfe ſind, ſo ſage ich Dir doch: Lieber den Kopf ein wenig zu hoch oben als zu tief unten! Man ſtößt deswegen nicht gleich an die Wolken an. Mir ſelbſt iſt es frei⸗ lich auch ſchon ſauer genug geworden, meiner goldenen heiteren Lebensregel treu zu bleiben und faſt habe ich ſchon alle Luſt an einem fröhlichen Streiche verloren. Denn bei allem Fleiße, was hilft Dir die Arbeit, wenn ſie ſchlecht oder gar nicht bezahlt wird? Und was willſt Du machen, wenn Niemand zahlen kann und Niemand 4 Geld hat? Selbſt der verwünſchte Guttenſteiner zahlt nicht und ſitzt bei mir am tiefſten in der Wolle. Ja⸗ in Sammt und Seide wollen die Herren Junker ſpa⸗ zieren, aber zahlen wollen ſie nicht und wollen einen noch dafür zum H— machen, da ſoll doch—“ Wüthend ſchlug Fellner auf das Fenſterbret neben ſich und ſprang dann auf, erregten Schrittes das Zim⸗ mer zu durchmeſſen. Konrad ſuchte die Gedanken ſeines Schwagers von dem verfänglichen Thema wieder abzulenken, was ihm einen dankbaren Blick der beiden Frauen eintrug, und fragte: „Iſt die Noth überall in der Stadt ſo groß?“ „Sie kann nicht mehr größer werden. Alles darbt und Alles hungert. Nun aber haben die Herren vom Rathe auch kein Geld mehr und wollen deshalb, wie ich heute höre, die Söldner abſchaffen. Die Bürger ſollen den Wachtdienſt fortan ſelbſt thun; da kann ich denn meinen Spieß auf dem Walle im Sonnenſchein ſpazieren tragen und unterdeſſen verhungern mir Weib und Kinder zu Hauſe.“ Bei dieſen Worten fuhr er ſich ungeſtüm durch die geſträubten Haare. Gertrud aber, um nur keine drückende, angſtvolle Pauſe im Geſpräch eintreten zu laſſen, erzählte, wie Krankheit und Fieber in der Stadt 45 immer mehr um ſich griffen. Das Volk ſei in ſeiner Noth aufs höchſte erregt und Alles ſei erfüllt von Gerüchten der merkwürdigſten Wunderdinge, die ſich in den letzten Tagen ereignet haben ſollten. Neugierig forſchte Konrad weiter und Gertrud erzählte, wie man an verſchiedenen Perſonen, welche in ſpäter Stunde St.⸗Peter verlaſſen hätten, wo ſie ihre Abendandacht verrichtet, beim Heraustreten aus dem Dom weiße Kreuze bemerkt habe, welche ganz deutlich auf dem Rücken des Mantels oder vorn auf der Bruſt ſichtbar geweſen. Man wußte nicht, wie ſie dahin kamen; ſie waren plötzlich da, leuchteten eine Weile und verſchwanden dann auf ebenſo geheimniß⸗ volle und raſche Weiſe wieder, wie ſie gekommen waren. Fellner nahm ſeinen Platz am Fenſter wieder ein und äußerte ungläubig einige Bedenken. „Der Stadtſchreiber Arnold“, verſicherte Gertrud, „hat die ſeltſame Erſcheinung mit eigenen Augen ge⸗ ſehen und durch ihn ſelbſt habe ich die erſte Kunde davon erhalten.“ „Ueberhaupt“, meinte Agathe dann,„ſehe ich gar nicht ein, warum ſich Gott in außerordentlichen Zei⸗ ten nicht auch außerordentlicher Mittel bedienen ſoll, den Menſchen ſeine Gegenwart kund zu thun und ſie 46 zum Glauben an ihn und auf den Pfad der Fröm⸗ migkeit zurückzuführen.“ Fellner lächelte und neigte voll Zweifel ſein klu⸗ ges, ungläubiges Haupt. „Aber das iſt nicht genug“, nahm Gertrud wie⸗ der lebhaft das Wort,„auch die dicke Agnes hat ſich ſeit ein paar Tagen wieder ſehen laſſen.“ „Die dicke Agnes?“ lachte Fellner laut auf.„Wer iſt denn das? Hab' ich doch mein Lebtage nichts von einer ſolchen Heiligen gehört.“ „Das kommt davon“, antwortete Agathe,„weil Du eben aus München und nicht in unſerer heiligen Stadt Regensburg geboren biſt. Hier kann es Dir jedes Kind ſagen. Meine ſelige Mutter“, fuhr ſie fort,„hat uns oft von der dicken Agnes erzählt; ſie hat ſie ſelbſt geſehen, das war in den ſechziger Jahren, und bald darauf iſt die ſchwarze Krankheit gekommen und hat viele tauſend Menſchen hingerafft.“ „Daran war alſo die dicke Agnes ſchuld?“ fragte Fellner. „Wenn ſie ſich ſehen läßt“, erklärte Agathe,„ſo bedeutet das immer ein Unglück für die Stadt oder für den, dem ſie begegnet.“ „Eine angenehme Heilige“, ſpöttelte Fellner,„das muß ich ſagen.“ 47 „Wer ſich jedoch“, fiel Gertrud ergänzend ein, „mit einem Almoſen für die armen Seelen im Fege⸗ feuer bei ihr löſt, bleibt von dem Unheil verſchont.“ „Ach, das läßt ſich doch noch hören“, witzelte Fellner wieder,„die dicke Agnes nimmt alſo Rückſich⸗ ten. In dieſem Falle wird ſie immer gute Geſchäfte hier machen, ja?“ „Frevelt nicht“, bat Gertrud, indem ſie näher an den Geliebten rückte. „Man glaubt hier alſo wirklich an dies geheim⸗ nißvolle Weſen, von dem ich nicht weiß, ob ich es unter die Heiligen oder unter die Geſpenſter rechnen ſoll?“ „Ob man glaubt? Ob man nicht glaubt?“ fuhr die Gefragte eifrig dazwiſchen.„Wie Ihr nur ſo re⸗ den könnt! Wenn man etwas geſehen, mit ſeinen eignen, geſunden Augen geſehen hat, hört die Frage, ob man daran glauben oder nicht glauben will, doch auf.“ „Iſt ſie Euch vielleicht auch ſchon begegnet?“ ſagte Fellner. „Die dicke Agnes? Gott behüte mich vor ihr! Nein! Ich glaube kaum, daß ich noch lebendig hier ſitzen würde. Schon damals, als uns Deine Mutter, Agathe— erinnerſt Du Dich noch des Abends? Wir waren kleine Kinder und draußen tobte ein wüthender 1 48 Winterſturm— das Lied der dicken Agnes vorſagte, lief es mir eiskalt über den Rücken.“ „Was iſt das für ein Lied?“ ſagte Fellner und ſeine Neugier wurde immer geſpannter.„Spricht Eure Heilige auch?“ „Ich weiß die Worte noch“, entgegnete ſeine Frau zögernd,„ich habe ſie ſeit jenem ſchauerlichen Abend nicht mehr aus dem Gedächtniſſe verloren. Wenn Ihr ſie hören wollt— „Um Gotteswillen, nein!“ rief Gertrud erſchreckt und Konrad wunderte ſich, daß ſein ſonſt ſo verſtän⸗ diges Mädchen ſo tief in dem Glauben an das merk⸗ würdige Geſpenſt befangen ſchien. Sein redliches Rei⸗ tergemüth ſträubte ſich mit aller Kraft dagegen, wenn auch andererſeits die Leichtfertigkeit, mit der Fellner davon ſprach, ihm durchaus nicht gefallen wollte. Trotzdem ſchloß er ſich dem Drängen ſeines Schwagers, daß Agathe das Lied der dicken Agnes zum Beſten geben möge, an, und dieſe ſprach dann mit halblauter, faſt angſtvoller Stimme ihren aufgeregten Zuhörern die folgenden Worte vor: „Wehklagend zieh' ich durch das Land, Die dicke Agneſe, Peſt, Krieg und Hunger, Mord und Brand Folgt mir, wohin ich geh'! 49 Doch bringt Ihr Euer Geld zu Hauf', Dann fliegt die Seel' zum Himmel auf, Dann heil' ich alles Weh', Die dicke Agneſe.“ „Hm“, machte Fellner ſinnend und wiederholte die Verſe leiſe vor ſich hin.„Dies Lied ſingt die dicke Agnes alſo?“ „Ja, ſie ſpricht es, wenn ſie des Nachts durch die Straßen ſpukt.“ „Natürlich“, meinte Fellner wieder ſpottend,„ſie wird alle Urſache haben, das Tageslicht zu ſcheuen.“ „Sie erſcheint“, nahm Agathe das Wort,„erſt als ein kleines, unanſehnliches Weibchen, das mit je⸗ dem Tage dicker und größer wird, und zwar um ſo ſchneller, je raſcher das Unglück hereinbricht, das ſie ankündigt. Sie kommt abends nach dem Gebetläuten unter den Grabſteinen hervor und ſoll beim Hahnen⸗ ſchrei unter denſelben wieder verſchwinden.“ „Es läßt ſich nicht behaupten“, ſagte Fellner, wie im Abſcheu ſich ſchüttelnd und ſich feſter in ſeinen dünnen Mantel wickelnd,„daß die gute Agnes in der Wahl ihres Ortes einen übertrieben guten Geſchmack an den Tag legt.“ „Spottet nur“, eiferte Gertrud,„der Vater Eures Oelſchläger, Novellen. I. 4 ſo hochverehrten Herzogs hat ſeiner Zeit auch das Spotten verlernt und hat daran glauben müſſen.“ „Wie kommt Ihr von der dicken Agnes auf den Vater meines Herzogs Albrecht? Das war ein tapferer Held, und mancher ritterliche Räuber, deſſen Felſenneſt er dem Lande zum Frommen brach, vermochte wohl ein Lied davon zu ſingen. Seinen freudigen Muth hat noch Niemand anzutaſten gewagt.“ „Schön; aber habt Ihr denn gar nichts davon gehört, daß die dicke Agnes auch ihm vor vielen Jah⸗ ren begegnet iſt?“ „Albernheiten— kein Sterbenswörtchen habe ich davon gehört. Und wenn ſie ihm begegnet wäre, glaubt Ihr, er hätte ſich mit einem Almoſen gelöſt? Das heißt, verſteht mich recht! Fromm und mildthä⸗ tig iſt der verſtorbene Herzog immer geweſen; aber deſſen könnt Ihr verſichert ſein, durch Eure dicke Agnes hätte er ſich nicht einen Heller aus der Taſche jagen laſſen; nein, das Schwert aus der Scheide, würde er den ſchlauen Regensburgern raſch genug den Be⸗ weis geliefert haben, welche Bewandtniß es mit der dicken Agnes habe.“ „Meint Ihr?“ ſagte Gertrud ruhig.„Nun, leider iſt das gerade Gegentheil der Fall geweſen, und um⸗ gekehrt war es die dicke Agnes, die Eurem tapfern 54 Herzog den Beweis geliefert hat, welche Bewandtniß es mit ihr habe.“ „Ihr macht mich wirklich neugierig.“ „Die Geſchichte iſt ſehr einfach. Herzog Albrecht hatte dazumal die ſchöne Bernauerin zum Weibe ge⸗ nommen und war hierher nach Regensburg gekommen, um auf einem Turnier gleich den vielen andern Für⸗ ſten und Edlen ſeine ritterlichen Tugenden zu zeigen.“ „Ja, ja, er hatte damals harten Stand wider ſeinen Vater, den Herzog Ernſt, den dieſe Verbindung mit einer niedrigen Bürgerstochter hoch ergrimmt hatte.“ „So iſt es. Am Abend nun vor dem Turnier, da er gerade von einem luſtigen Trunke nach Hauſe gehen wollte, trat ihm in einer engen Gaſſe die dicke Agnes entgegen und vertrat ihm förmlich den Weg.“ „Er wird ſich wohl Platz verſchafft haben“, meinte Fellner. „Er blieb erſtaunt einen Augenblick ſtehen und hörte auf das Sprüchlein, das die dicke Agnes ſagte. Dann lachte er hell auf in ſeiner weinſeligen Stim⸗ mung und ſagte endlich luſtig, ſie ſolle nur am näch⸗ ſten Morgen zu ihm in den Biſchofshof kommen, da habe er Zeit und werde ſehen, was er ihr ſchenken könne. Er hielt die dicke Agnes wohl für ein Bettel⸗ 4* 52 weib; denn noch war ſie nicht erſchreckend und von gewöhnlicher Menſchengröße.“ „Nun?“ „Der Herzog forderte S die dicke Agnes wich nicht und ſtand. Wie aber jener zu ſchelten und zu toben anfing und ſein Schwert ziehen wollte—“ „Seht Ihr?“ unterbrach Fellner eifrig die Er⸗ zählerin. „Wuchs die Erſcheinung vor ihm plötzlich rieſen⸗ groß auf, ſchier bis an die Rinne der Dächer, und der Herzog wankte wie vom Donner gerührt auf die Seite. Als er wieder zu ſich kam, war die dicke Ag⸗ nes verſchwunden, und kein Menſch wollte von ihr etwas bemerkt haben.“ „Da haben wir's“, fiel Fellner ein;„denn für jeden Verſtändigen liegt doch auf der Hand, daß der Herzog nur ein Spiel ſeiner weintrunkenen Sinne war. Was iſt natürlicher, als daß ihm wirklich ein altes Weib begegnete, das den Herzog nicht kannte und ihn anbettelte? Der Herzog war nicht in der Laune zu geben, die Bettlerin aber war zudringlich, bis jener endlich ſich jäh erhitzte und im Aufbrauſen der ſchon erregten Sinne für einen Augenblick ſein Bewußtſein verlor. Als er wieder zu ſich kam, war das Weib verſchwunden, und nun rann bei ihm Wahr⸗ 53 heit und Trunkenheit ſo eng zuſammen, daß er Beides nicht mehr von einander zu unterſcheiden wußte.“ „Ihr ſeid ſehr klug, lieber Fellner, aber denkt, der Herzog Albrecht glaubte nicht minder klug ſein zu müſſen und hielt zuletzt wirklich Alles nur für eine Einbildung ſeiner erregten Sinne. Wie er jedoch am nächſten Morgen ſich zum Turnier einſtellte, wurden ihm die Schranken nicht geöffnet, weil er mit der Ber⸗ nauerin in Buhlſchaft lebe, und dieſe ſelbſt wurde ein Jahr nachher auf des Herzogs Ernſt Befehl bei Strau⸗ bing elendiglich in der Donau erſäuft.“ „Und die Lehre, die aus Eurer traurigen Erzäh⸗ lung hervorgeht?“ „Ich meine Herzog Albrecht hätte ſich loskaufen ſollen, wie andere Menſchen, ſo wäre es ihm wohl beſſer gegangen und die Schande beim Turnier wie der Jammer um ſein armes Weib wären ihm ver⸗ muthlich erſpart geblieben.“ Fellner blickte einen Augenblick nachdenklich vor ſich hin.„Und eben dieſe dicke Agnes“, ſagte er dann, „ſpukt jetzt wieder?“ „Gewiß, man hat ſie ſchon an verſchiedenen Or⸗ ten zur Nachtzeit geſehen. Und ſagt Ihr nicht ſelbſt, die Zeiten ſeien ſchlimm genug und könnten trotzdem noch ſchlimmer werden? In ſolchen Tagen hat die dicke Agnes nie lange auf ſich warten laſſen.“ „Sie iſt alſo pünktlich und das iſt leicht zu be⸗ greifen; denn das Unglück der Andern iſt für ſie eine Quelle der Einnahmen. Was ſie nur mit dem Gelde anfangen mag? Haben denn Geſpenſter auch Bedürf⸗ niſſe? Oder hat ſie ſchon Jemand einkaufen ſehen?“ „Ihr habt es ja vorhin gehört, wie die dicke Ag⸗ nes ſelbſt ſagt: Doch bringt Ihr Euer Geld zn Hauf', Dann fliegt die Seel' zum Himmel auf, Dann heil' ich alles Weh, Die dicke Agneſe.“ „Ach richtig“, lächelte Fellner zu Konrad hinüber, „das Geld kommt den armen Seelen zu gute. Nun, das iſt auch ein Beruf und vielleicht nicht der ſchlech⸗ teſte.“ „Spotte nur“, fiel Agathe zürnend ein;„viell eicht iſt ſolch ein Beruf immer noch beſſer als der oder jener, bei dem man trotz aller leichtfertigen Reden ver⸗ hungern kann.“ Es that Fellner weh, von ſeinem Weibe eine ſo unſchöne Rede zu hören, nur weil er an ihre Ge⸗ ſpenſtergeſchichte nicht glauben wollte. Aber er be⸗ herrſchte ſich.„Kann ich alles das ändern, liebe Frau“, ſagte er ruhig,„oder ſoll ich vielleicht Eure dicke Agnes anbetteln und bei ihr eine Anleihe machen? Aber ſie unter ihren Grabſteinen aufzuſuchen, dazu habe ich keine Luſt. Wer weiß, Agathe, ſie könnte Gefallen an mir finden und mich zurückbehalten. Da wohne ich doch lieber noch friſch und geſund unter dem Dache, wenn auch die Noth und Sorge zum Fenſter hereinſchauen. Was meinſt Du, Weibchen?“ „Daß Du Recht haſt“, erwiderte die Gefragte und faßte ſchmeichelnd das Haupt ihres Mannes.„Du thuſt, was Du kannſt, thuſt, was recht iſt, ich ſtehe Dir treulich bei, ſoviel in meinen Kräften liegt, ſoll da nicht noch zur rechten Zeit Hülfe vom Himmel kommen?“ „Das hoffe ich ganz gewiß!“ ſagte Fellner zu⸗ verſichtlich, indem er, ſich vom Stuhle erhob und damit das Zeichen zum Aufbruch gab, denn es war ſchon ſpät in der Nacht geworden. Aber Gertrud fürchtete ſich nicht vor dem Heimweg trotz all der Nachtſchwär⸗ mer und leichten Geſellen, die die Straßen unſicher machten. Sie hatte ja den tapfern Konrad zum Be⸗ gleiter und der Himmel war ſternenhell; nur im We⸗ ſten zuckte es bisweilen von einem fernen Gewitter leuchtend auf. 56 Agathe ſah noch einmal ſorglich nach den Kindern und ſuchte dann ſelbſt, nachdem ſie ſich fromm das Antlitz mit Weihwaſſer beſprengt, mit Fellner das Lager. Der konnte lange nicht ſchlafen und ward von vielen unruhigen Träumen geplagt, in welchen ſich ſeine Gläubiger und ſeine Schuldner, Lyskirchner und die dicke Agnes, Konrad und Gertrud auf die wun⸗ derlichſte Weiſe begegneten. Aber ohne Aufhören und die ganze Nacht hindurch klang ihm das Lied der dicken Agnes in den Ohren: Wehklagend zieh ich durch das Land, Die dicke Agneſe, Peſt, Krieg und Hunger, Mord und Brand Folgt mir, wohin ich geh'! Doch bringt Ihr Euer Geld zu Hauf⸗ Dann fliegt die Seel' zum Himmel auf, Dann heil' ich alles Weh, Die dicke Agneſe. II. Am Morgen des nächſten Tages war Fellner ſchon früh genug auf den Beinen. Er hatte einen unruhigen Geiſt und ſobald der erſte Sonnenſtrahl ſein Fenſter traf, litt es ihn beim beſten Willen nicht mehr im Bette; mit beiden Füßen ſprang er aus demſelben und ſein erſtes war, nun auch die Kinder zu wecken und mit ihnen allen Unfug und Schabernack zu trei⸗ ben, der ihm durch den luſtigen Kopf wirbelte. Da tobten und tollten, kugelten und tanzten in ihrem eben⸗ ſo kurzen als durchſichtigen Nachtgewande die Kleinen um ihn herum, ungewaſchen, ungekämmt, und es war ſeine glücklichſte Stunde, wenn unter dem lauten Hal⸗ loh der beiden Knaben endlich ſeine Kleinſte, die vier⸗ jährige Kunigunde, mit dem Rücken auf dem Boden lag, das kirſchrothe Geſichtchen halb zugedeckt von den 58 blonden Locken, die dicken Arme und nackten Beinchen zum Himmel ſtreckend und vor lauter Gelächter ſchon halb athemlos und erſtickt. Vergeſſen war dann die Noth des Lebens, ver⸗ geſſen die Sorge der Tage und der arme Schneider fühlte ſich in ſeinem Vaterſtolze und in ſeiner Vater⸗ freude glücklicher und reicher, denn alle Patricier und Herzöge zuſammen. Da bedurfte es denn zuletzt auch wohl immer des ernſten Einſchreitens Agathen's, die ihm die ſich ſträubenden Kinder mit Gewalt entriß, um dieſelben mit Schwamm und Kamm einem Reini⸗ gungsproceß zu unterziehen, deſſen lobenswerthes Ziel kein anderes ſein konnte, als die kleinen Würmer zu anſtändigen Mitgliedern der menſchlichen Geſellſchaft zu machen. Fellner ſaß dann mit Nadel und Faden verdrießlich zur Seite, dann und wann einen ſcheuen Blick zu den armen Opferlämmern hinüberwerfend, über deren Häupter Agathe unbarmherzig ganze Kübel rauſchenden Waſſers dahingoß, und es hätte wenig gefehlt, daß er, lediglich weil ihm ſein glückliches Mor⸗ genſpiel ſo widerwillig geſtört war, ſich zu der unge⸗ eigneten Behauptung hätte hinreißen laſſen, er ſehe die ganze Procedur nur als eine arge Quälerei an und am beſten ſei es ganz gewiß, hier wie überall- der Natur ihren freien Lauf zu laſſen und ihrer For⸗ menbildung nirgends ſtörend und hemmend in den Weg zu treten. Fellner's einziges Töchterchen hieß Kunigunde nach der holden Gemahlin des von ihm bekanntlich ſo hoch⸗ verehrten Herzogs Albrecht; nach dieſem ſelbſt war der ältere Junge, ein Fant von etwa ſieben Jahren, be⸗ nannt, während der Jüngere, ein Knabe von ſechs Jahren, Chriſtoph hieß, wie des Herzogs Albrecht ſtreitbarer und heldenhafter Bruder. Aber ſein Lieb⸗ lingskind war die kleine Kunigunde mit ihren blonden Locken und ſeine immer wiederkehrende Mahnung an ſie war, nur ebenſo hold, anmuthig und tugendhaft zu werden, wie eben des Herzogs Albrecht holdſelige Gemahlin war, denn auch für dieſe trug er eine hohe ſchwärmeriſche Neigung im Herzen. Gar Vieles und Schönes wußte er von ihr zu erzählen und nichts konnte ihm lieber ſein, als wenn er vor einem lau⸗ ſchenden Hörerkreis von der Herzogin Kunigunde und von der Bewerbung Herzog Albrecht's um ihre Hand und von der liſtvollen Eroberung derſelben berichten durfte. Er war ja ſelbſt dazumal immer dabei geweſen, wie ſein hoher Herr zum Oeftern und Oeftern von München nach Innsbruck ritt, zum Erzherzog Sig⸗ mund, ſcheinbar nur in freundlicher Nachbarweiſe, in 60 Wahrheit aber von Leidenſchaft erfüllt für Kaiſer Friedrich's liebliche Tochter, die eben dazumal in Innsbruck zum Beſuche weilte. Gar anmuthig und luſtig wußte Herzog Albrecht's ehemaliger Diener von der ſittſamen Werbung ſeines fürſtlichen Herrn zu be⸗ richten, wenn auch nicht ganz ſo ſchalkhaft, wie jener andere Augenzeuge und würdige Chroniſt, der dem Hofe von Innsbruck offenbar noch um ein Kleines näher geſtanden iſt und noch um einiges mehr erlau⸗ ſchen konnte, als unſer einfacher und ſchlichter Fellner. Zu jenen Zeiten, berichtet eben dieſer glaubhafte Hiſtorienſchreiber, ging es in Innsbruck an ein arges Grüßen und Danken und ſo oft der Herzog Albrecht kam, war Fräulein Kunigunde fröhlichen Gemüthes. Und ſo ſie bei dem Erzherzog Sigmund miteinander den Imbiß einnahmen, da ließ Fräulein Kunigunde je zuweilen ein Gäblein oder ein Tiſchmeſſerlein von den Tiſch fallen, da übertraf Herzog Albrecht alle Diener und Dienerinnen an Behendigkeit, wollt' ſich den Dienſt nit nehmen laſſen, hob das auf und gab das mit ſittlichen Geberden und mit feiner Hoffarth dem Fräulein wieder, das ſich hinwieder gar ſchön und höflich bedankte. Und ſo Herzog Albrecht wieder heimreiten wollte und ſich ſich dann von ihr beurlaubt hatte, da hatte ſie allemal noch etwas vergeſſen und —— 61 kam aus ihrer Kammer wieder in Erzherzog Sigmund's Kammer, wo ſie wohl wußte, daß Herzog Albrecht ſich gern verſpätete, und meinte, daß ſie unhöflich ge⸗ than, ſo ſie nicht auch an Albrecht's Brüder, ihre lie⸗ ben Vettern, einen Gruß mitgegeben hätte. Aber auch das, wie dann Herzog Albrecht, der ſich von der Gunſt Kaiſer Friedrichs trotzdem wenig Freund⸗ liches und Gutes verſah, mit ebenſo viel Liſt als Kühnheit in den Beſitz der Geliebten kam, auch das wußte Fellner getreu zu berichten, wie auch von dem prunkvollen Einzug der fürſtlichen Neuvermählten in München. Bei dem prächtigen Turnier aber, das die Stadt Regensburg nachher dem hohen Paare zu Ehren veranſtaltete, war es ja geweſen, daß er, unter der Tribüne, in welcher die junge Herzogin mit ihrem Ge⸗ mahl ſaß, mit Andern Wache haltend, zum erſten Mal Agathe ſah und dem Beiſpiel ſeines herzoglichen Herrn ſchleunigſt folgend, ſie zur Gefährtin erkor auf ſeines Lebens ferneren Pfaden. Unter dieſen Umſtänden war die große Sehnſucht kein Wunder, mit welcher er auf die Geburt eines Töchterleins gewartet hatte, nur um ihm den Namen Kunigunde beilegen zu dürfeu. Mehr noch, er nannte ſie am liebſten ſeine kleine Herzogin, namentlich wenn er mit ſeinen beiden Jungen Turnier ſpielte und Ku⸗ 62 nigunde feierlich auf dem Tiſche ſaß, in den kleinen Händchen einen aus grünen Lappen zuſammengeflickten Lorbeerkranz haltend, der dem ruhmreicheu Sieger im Kampfe zufallen ſollte. Der Aeltere der Knaben, eine ſchlanke Geſtalt mit lang niederhängenden blonden Haaren, war dann der Herzog Albrecht; der dunkel⸗ äugige Jüngere aber mit wirren ſchwarzen Locken, und bräunlichem Teint, wie ihn ſeine Mutter hatte, hieß der König Matthias, jenem ungariſchen König gleich, der ſich auch einmal, aber in ſehr unrühmlicher Weiſe, um Fräulein Kunigunde von Oeſterreich beworben hatte. Schneider Fellner trieb dieſes ritterliche Spiel mit ſeinen Kindern in der Regel dann, wenn ſie den reinigenden Händen Agathens wieder entronnen waren. Dann glühten ihre Wangen noch von dem friſchen Naß, in das ſie getaucht worden waren, und die Gei⸗ ſter waren eher geneigt auf einander dreinzuſchlagen. So auch heute. Der geſtrige Ausſpruch Agathen's war in ihrer mütterlichen Fürſorge offenbar übertrie⸗ ben geweſen. Die Hleinen ſahen munter genug drein. Schlaf und Morgenimbiß hatten ſie in der wünſchens⸗ wertheſten Weiſe erquickt. Nichts hängt ja das Köpf⸗ chen leichter, als eine in ihrem Wachsthum bedrohte Kinderblüte; aber auch nichts richtet ſich leichter und n 63 freudiger wieder auf. Unter ſcherzhaften Worten band Fellner den Knaben ein paar alte roſtige Harniſche um, die ihnen bis ans Knie reichten und aus deren weiten Armlöchern die Kinderärmchen dünn genug her⸗ vorſahen. Die Burſchen werden in die Löcher noch hinein⸗ wachſen, pflegte ſich Fellner zu tröſten. Eine alte, mit zahlreichen Buckeln und Narben verſehene Blechhaube vervollſtändigte die Ausrüſtung. Die Haube fiel den Kindern bis auf die Naſe herein. So ſeid Ihr um ſo beſſer geſchützt, tröſtete Fell⸗ ner auch hier. Dann reichte er den Knaben die beiden hölzernen Schwerter, die er einſt ſelbſt ſehr kunſt⸗ und mühevoll zuſammengeſchreinert hatte, die aber jetzt ſchon zahlreiche Zeiten häufiger und rückſichtsloſer Be⸗ nutzung aufzuweiſen hatten. Ganze Splitterſtücke wa⸗ ren aus ihrer Klinge gebrochen. „Hier“, ſagte Fellner,„und dann los! Komm, kleine Herzogin und nimm Deinen Ehrenplatz auf der Tribüne ein. Das Turnier beginnt.“ Damit hob er ſein Töchterchen, das den tuchenen Lorbeerkranz ſchon längſt krampfhaft umklammert hielt, auf den Rand des wurmſtichigen Tiſches, zu deſſen Füßen das ritterliche Schauſpiel vor ſich gehen ſollte. 64 „Ich will nicht“, ſagte plötzlich der ſchwarzlockige König Matthias und warf ſein Schwert weg. „Du willſt nicht?“ fragte ſein Vater erſtaunt, „was ſoll das heißen? Was ſicht Dich an?“ „Weil ich immer ſo viele Prügel kriege“, erklärte der Gefragte trocken,„das habe ich ſatt.“ „Aber bedenke nur“, verſetzte Fellner, noch immer m Tone größter Verwunderung,„auch Matthias von Ungarn hat dazumal bei ſeiner ſchimpflichen Werbung die verdiente Prügel weggekriegt.“ „Aber nur Einmal“, entgegnete ſein kluger Sohn, „ich kriege ſie immer neu.“ „Soll ich mich vielleicht von Dir ſchlagen laſſen, Du knirpſiger König Matthias?“ rief jetzt Herzog Al⸗ brecht und ſchüttelte ſtolz die blonden Haare, die lang unter ſeiner Blechhaube hervorreichten. „Nein, nein“ fuhr Fellner erregt dazwiſchen und hielt die beiden Hände wie ſchützend über den, der eben geſprochen,„das geht unmöglich, das darf nie ge⸗ ſchehen. Sei vernünftig“, wandte er ſich dann ſchmei⸗ chelnd zum Andern,„ſei vernünftig, mein kleiner Kö⸗ nig Matthias. Wir ſpielen ja nur und Alles iſt nur zum Scherze.“ „Ich danke“, verſetzte der Kleine heftig.„Das letzte Mal hat mich Herzog Albrecht mit ſeinem Schwerte 65 ſo über die Schulter geſchlagen, daß ich acht Tage lang blaue Flecke davon gehabt habe.“ „Du ſollteſt nicht ſo derb zuſchlagen“, mahnte Fellner beſchwichtigend den Größern. „Iſt er nicht der König Matthias?“ lachte dieſer hohnvoll,„und verdient er die Schläge nicht?“ „Das iſt es ja!“ knirſchte der Kleine wieder und zornige Thränen traten ihm in die dunklen Augen. „Deswegen will ich auch den ſchlechten König nicht mehr ſpielen und mag nicht mehr.“ „Aber mein Gott“, rief Fellner verzweifelnd,„was ſoll aus unſerem Turnier werden? Wir können doch die Geſchichte nicht anders machen. Und Du, meine kleine Herzogin, darfſt doch Keinem, als dem edlen Herzog Albrecht, den Kranz geben?“ Die kleine Herzogin nickte ernſthaft zuſtimmend mit dem Kopfe. „Ach, um den lumpigen Tuchkranz da iſt mir's gar nicht“, meinte König Matthias geringſchätzig,„und die da oben auf dem Tiſch iſt auch keine Herzogin.“ „Aber Chriſtoph“, rief Fellner aus, bei der plötz⸗ lichen Frühreife ſeines Sohnes gänzlich aus der Rolle fallend;„ich kenne Dich heute nicht mehr. Hier, ſei brav, nimm Dein Schwert und laß das Turnier los⸗ Oelſchläger, Novellen. I. 5 66 gehen. Du verdirbſt uns ja allen Spaß, mein Lieber, und was ſollen wir ohne Dich anfangen?“ Der Kleine, ein gutmüthiger Burſche, zauderte un⸗ ſchlüſſig einen Moment. Dann griff er wieder zum Schwerte. „Gut, ich will heute noch einmal. Und warte nur“, rief er zu ſeinem Bruder hinüber, drohend und mit blitzenden Augen,„ich will Dich heute ſchon kriegen.“ Dieſer lachte.„Immer los, König Matthias!“ rief er und ſchwang ſein Schwert. Fellner athmete tief auf.„Schlag' nicht ſo heftig drein!“ mahnte er halblaut den Aelteren, dann an den Tiſch zurücktretend, hielt er die gekrümmte Hand vor den Mund, ein ſchmetterndes Trompetenſignal zu geben: „Bahn frei— los!“ Wie zwei gewaltige Meereswogen prallten die bei⸗ den kleinen Helden auf einander; die Hiebe fielen ha⸗ geldicht, die Splitter flogen nach links und rechts und an der Art ihrer Schwertführung konnte man wohl erkennen, daß ſie bei ihrem Vater in der früher von ihm geübten Kunſt nicht umſonſt in die Schule gegan⸗ gen waren. Die Harniſche klapperten nur ſo unter den wuchtigen Hieben und die Blechhauben dröhnten den beiden hoffnungsvollen Kämpen auf den Köpfen. 67 Fellner begleitete den Kampf mit lautem Beifall und mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit. Kein Hieb ent⸗ ging ihm, kein Stoß blieb ihm unbeachtet. „So iſt's recht“, rief er mit glühendem Geſicht. „Das war gut! Ein trefflicher Hieb, Herzog Albrecht! Immer los, immer drauf, König Matthias! Ah, aus⸗ gezeichnet, vorzüglich parirt! Jetzt ſchnell nach! Immer zu! Halt, aufgepaßt! Nimm Dich in Acht, Herzog Al⸗ brecht! Nicht ſo hitzig! Acht gegeben! Ruhiger, ruhiger!“ Und in dieſem Tone ging es fort, bald aneifernd, bald beſchwichtigend, bald lobend, bald tadelnd. Schon ſehr bald aber merkte er, daß der von ihm veranlaßte Zweikampf heute ein ſehr ernſthaftes Geſicht anzuneh⸗ men begann und daß die beiden Helden heute leiden⸗ ſchaftlicher auf einander gingen, denn je. Der kleine König Matthias ſetzte ſeinen Gegner hartnäckig zu, unter der Blechhaube vernahm man ſein haſtiges, heißes Athmen und Herzog Albrecht hatte alle Mühe, ſich ſeiner zu erwehren. Da gedachte dieſer der Sache raſch ein Ende zu machen; er erkannte, daß es heute auf bitteren Ernſt ankomme. So gewaltig er konnte, holte er mit hoch⸗ geſchwungenem Schwerte von hinten aus und holla— da flog ein getroffener Steinkrug vom Geſimſe, nahe an Fellner's Kopf vorbei, der ihm nur noch durch eine 5 raſche Bewegung entgehen konnte, und zerbrach auf dem Boden klirrend in hundert Scherben. „Halt, halt!“ ſchrie jetzt Fellner, dem bange zu werden anfing, und auch die kleine Herzogin ſah bei ſolch ungewohntem Verlaufe des Turnieres angſtvoll drein. Aber umſonſt! Die Wuth der Kämpfenden ſchien jetzt erſt neu entfacht. Schnell, ſo ſchnell, daß ſich der Schneider kaum noch rechtzeitig durch einen kräftigen Schwung aus dem Gewühl des Kampfes auf den Tiſch neben die kleine Herzogin retten konnte, war ein Stuhl daneben in den Bereich des Kampfes gezogen, klappernd ſchlug er um und dem Herzog Albrecht ſo unglücklich zwiſchen die Beine, daß dieſer ſtrauchelte und ſchon auf ein Knie und einen Arm zu fallen kam. Solchen günſtigen Augenblick wollte der kleine König Matthias, mit hellem Jubelruf auf den Gegner ſtürzend, ſich nicht entgehen laſſen; der aber, eine ruhm⸗ loſe Niederlage vorausſehend, faßte in höchſt unrühm⸗ licher Weiſe mit der einen ihm frei gebliebenen Hand König Matthias beim Bein, zog kräftig an und ſchleu⸗ derte ihn beim Falle ſo unſelig an das wurmſtichige Tiſchbein, daß dieſes krachend zuſammenbrach und der ſchreiende Fellner mitſammt der weinenden Kunigunde vom Tiſche mitten in die Turnierbahn kollerte. Entſetzt eilte Agathe aus der anſtoßenden Küche 69 herbei. Sie ſah eben noch, wie ihr würdiger Gatte ſich vom Falle halb ſcheltend, halb lachend mühſam aufrichtete; die kleine Herzogin lag noch auf dem Bauche und weinte ganz erbärmlich; die beiden Knaben woll⸗ ten ſich voll Zornes eben wieder in die Haare oder vielmehr in die Blechhauben fahren und von den Scherben des Kruges, den abgebrochenen Tiſch⸗ und Stuhlbeinen und von den grünen Tuchblättern des zerriſſenen Lor⸗ beerkranzes war der Boden ringsum ſo gründlich bedeckt, daß ein Kampſplatz in all ſeinem Chaos und in ſeiner Verwüſtung nicht beſſer gedacht werden konnte, als hier. Agathe ſtellte, ohne ein Wort zu ſagen, zuerſt die kleine Herzogin wieder auf ihre Füße; dann nahm ſie den Knaben die Schwerter aus der Hand und ſchob die beiden hoffnungsvollen Sprößlinge in die Kammer nebenan. Zuletzt trat ſie vor ihren Mann hin. „Du biſt ein rechter Narr, Fellner“, ſagte ſie. „Ja, ja“, entgegnete dieſer kleinlaut und betrach⸗ tete das abgebrochene Tiſchbein, indem er es in der Hand melancholiſch hin und herdrehte.„Zanke nur nicht“ ſetzte er dann noch in einem ſcheuen Tone bei, der ihm aber nicht ganz ernſthaft aus der Bruſt zu kommen ſchien. Denn ſchon zuckte es wieder wie ein leichtes Lächeln um ſeine Mundwinkel. „Wozu zanken?“ entgegnete Agathe ruhig,„was 70 würde das helfen? Aber Deine Kinder könnteſt Du doch wahrhaftig in beſſeren Streichen unterrichten, als Krüge zu zerwerfen, Tiſchbeine zu zerbrechen und ſich ſelbſt die Köpfe blutig zu ſchlagen.“ „Blutig? Du übertreibſt wieder, mein theueres Weib? Aber die Tiſchbeine, die Stuhlbeine, wer flickt die wieder zuſammen? Und um den Krug iſt es wohl auch für immer geſchehen.“ „Das glaube ich auch, der ſchöne Krug!“ „Es iſt gewiß jammerſchade um ihn, Agathe; aber, mein Weib, Du weißt gar nicht, wie mir mit⸗ ten im tollſten Lärmen am wohlſten iſt, und je wilder das Toben, deſto froher mein Mnth.“ „Muß denn dabei das Haus verwüſtet und das theuere Gut zerſtört ſein? Und dann noch Eines: auf den Junker Waldprecht haſt Du wohl ganz ver⸗ geſſen und auf ſeine Beſtellung?“ „Mein Gott, woran errinnerſt Du mich?“ rief Fellner, indem er ſich verzweifelt durch die Haare fuhr. „Ganz vergeſſen! Aber was wird es ſein? Der ſchäbige Junker hat wohl ein altes Wamms, das ich ihm aus⸗ flicken und wie neu ausputzen ſoll! Viel Plagerei und kein Verdienſt dabei!“ „Fellner“, mahnte Agathe ernſt.„Wir müſſen heut⸗ zutage dem Himmel für Alles danken, was er uns gibt.“ —— 74 „Ja, Du haſt Recht, wie immer“, entgegnete der Getadelte achſelzuckend und warf das abgebrochene Tiſchbein in die Ecke„Alſo her mit Nadel und Scheere, Seide und Zwirn— das Ritterſpiel iſt am Ende und die edle Schneiderei hebt an.“ Bald hatte er Alles im Sacke, was er zu ſeiner Arbeit, die er in des Junkers Haus ſelbſt vornehmen ſollte, brauchte und nach wenigen Minuten ſtand er auf der Straße. Auch heute noch war es ziemlich lebhaft in der Stadt und die Gemüther waren noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Man ſtand in erregten Gruppen da und dort zuſammen und unterhielt ſich, wenn man nichts Neues vorzubringen wußte, wenigſtens von den Ereigniſſen des geſtrigen Tages. Aber Agathe hatte ihren Mann zur Eile gemahnt, hatte ihm die eindring⸗ lichſten Lehren mit auf den Weg gegeben, hatte ihn auf das ernſthafteſte vor jeder Verſuchung gewarnt, die ihm etwa begegnen könnte, und ſo ſchritt er denn, ſeinen Werkſack unter dem Arme, ſo eilfertig als ernſt⸗ haft durch die Morgenfriſche hin, nicht links noch rechts ſchauend und feſt entſchloſſen, ſich in keinem Falle von dem Pfade der Tugend locken zu laſſen, der ihn zur Arbeit führen ſollte. Zu ſeinem Unglück ſah er ſich ſchon bald genug angerufen. Zögernd wandte er ſich zur Seite: aber ſieh, es war nur der Apotheker Weitmos, der ihm die Ehre des Grußes gegönnt hatte, und von dieſem war ſicher keine Lockung in die ſündhafte Trinkſtube zu befürchten. Voll Ehrerbietung zog er die abgeſchabte Sammt⸗ mütze vom Kopfe; die hohe, würdevolle Geſtalt des weißlockigen Geſtalt des Apothekers flößte Scheu und Zurückhaltung ein. Aber Weitmos begrüßte ihn überaus freundlich; er fragte Fellner theilnahmsvoll nach dem Befinden ſeiner Familie, belobte ihn, daß er ſo pflichtgetreu zur Arbeit eile, während das andere Volk ſich nichtsnutzig und nur nach neuen Aufreguugen begierig in den Gaſſen umhertreibe, und erzählte, dann, wie er ſelbſt nur ſeine Apotheke verlaſſen habe, um mit dem Käm⸗ merer Lyskirchner eine Sache, die ihm ſehr am Herzen liege, zu beſprechen. Mit dieſen Worten verabſchiedete er ſich von unſerem Meiſter. Der fühlte ſich ob ſo freundlicher Zurede überaus geſchmeichelt.„Ei“, dachte er dann,„das Blättchen muß ſich ja überraſchend zu Gunſten Konrads, meines Schwagers, gewendet haben.“ Dieſer Gedanke brachte ihn ſchnell auf die lieb⸗ liche Gertrud und wie ſie jetzt allein zu Hauſe ſei, die 73 alte Apotheke zu hüten. Und ſchon war er auch auf dem Wege zu ihr. Die Möglichkeit, mit dem ſchönen Kinde ein halbes Stündchen allein zu verplaudern, zu lachen, zu ſcherzen, ließ ihn auf alle ſeine guten Vor⸗ ſätze ſchleunigſt vergeſſen. Vergeſſen war Agathe, ver⸗ geſſen waren ihre goldenen Worte, vergeſſen war die Arbeit und noch leichtfüßiger als bisher und zugleich noch ein bischen fröhlicher eilte er zur Apotheke, mit dem Werkſack unter dem Arme und ſich von Herzen des Sonnenſcheines freuend, der ſo hell und goldig auf der Straße lag. An der Apotheke angekommen, hielt es Fellner doch für rathſam, erſt den Boden vorſichtig auszu⸗ kundſchaften, ob er auch ſicher ſei. Er kannte die Gelegenheit, er wußte, daß er rückwärts im Hofe von der Treppe aus, welche zu der Galerie des erſten Stockwerkes führte, durch ein Oberlicht in die Wohn⸗ ſtube ſehen können, die Gertrud's gewöhnlicher Aufent⸗ halt war. Auf den Zehen ſchlich er durch den Thor⸗ weg und die Treppe hinauf. Vorſichtig bog er den wilden Wein, deſſen Zweige das kleine Fenſter um⸗ wucherten, auseinander; dann ſchnitt er ein Geſicht, wie wenn er was recht Unerquickliches gekoſtet hätte. Und das war es auch. Denn wenn er auch vorhin mit jugendlichſter Eilfertigkeit der Apotheke zugerannt war, mit einer Eilfertigkeit, an der ſeine Ehehälfte Agathe wahrſcheinlich wenig Gefallen gehabt hätte, ſo war ein Anderer doch noch ſchneller geweſen und das war niemand Geringerer, als Konrad, Fellners theurer Schwager. Derſelbe war, was der Schneider freilich nicht ahnen konnte, bei der Beſchäftigungsloſigkeit, deren er ſich in ſeiner gegenwärtigen Lage erfreuen konnte, ſchon ſeit Sonnenaufgang vor des Apothekers Haus Wache geſtanden und hatte dann die erſte Ge⸗ legenheit benutzt, den längſt erſehnten Einfall in ſeines Liebchens Haus zu wagen. Nun ſaßen ſie beide in der kühlen, dunklen, trau⸗ lichen Wohnſtube ſo glücklich, als ſie beide nur wün⸗ ſchen und begehren mochten. Fellner aber oben hinter dem Fenſter, von deſſen Anweſenheit ſie natürlich keine Ahnung hatten, fluchte vor Aerger und das Geſcheiteſte wäre geweſen, wenn er mit ſeinem Werkſack ſofort zur Arbeit gegangen wäre. Denn im Grunde genom⸗ men, was hatte er überhaupt hier zu thun? Aber dazu konnte er ſich nicht entſchließen. Am erſten wäre ſein Trachten noch dahin gegangen, dem verliebten Paare da unten irgend einen Streich und Schabernack zu ſpielen. Er wußte nur nicht recht, wie. Da ward plötzlich ſeine Aufmerkſamkeit auf etwas Anderes gelenkt. — 75 Konrad war vor Gertrud niedergeſunken und ſah voll innigen Glückes zu ihr in die Höhe, die ſich lang⸗ ſam zu ihm niederbeugte und ihm mit ihren ſchmalen weißen Händen ſchmeichelnd durch die braunen Locken ſtrich. Schweigen waltete in dem Gemache ringsum und nnr oben an das braune altersdunkle Holzgetäfel der Decke ſtieß brummend und ſummend eine Wespe, die von der Kühle zum offenen Fenſter hereingelockt worden war. Da öffnete ſich nebenan die Thür, unter der eine ſeltſame Geſtalt ſichtbar ward, ein kleiner buckliger Menſch mit ſtruppigen ſchwarzen Haaren, gelbem Ge⸗ ſicht, aus dem zwei ſtechende tückiſche Augen leuchteten, und von Kopf bis zu Fuß in brennendes Roth ge⸗ kleidet, das freilich viel von ſeinem erſten Glanz ver⸗ loren hatte. Denn die lederne Schürze, die der Menſch vorne trug, hatte die auffallende Farbe ſeines Ge⸗ wandes nicht gänzlich vor dem Schmutz der Arbeit zu ſchützen vermocht. Einen Augenblick blieb der Kleine auf der Schwelle ſtehen, die Arme über der Bruſt gekreuzt und das in ſich verſunkene Liebespaar wie voll tödtlichen Grimms betrachtend. Leiſe ſchlich er dann näher. Man ſah dabei, daß er auf dem einen Fuße ein klein wenig hinkte. Noch immer hatte weder Gertrud noch Konrad —.———— 76 ſein Nahen gehört. Endlich blieb er vor beiden ſtehen; ein häßliches Lächeln umſpielte ſeinen breiten Mund. „Meine beſten Glückwünſche, Jungfer Gertrud“, ſagte er endlich und ſeine heiſere Stimme klang ganz unheimlich durch die Stille des Gemachs. Erſchrocken fuhren Konrad und Gertrud in die Höhe; erſterer griff bei dem ſo unerwarteten Anblick des widerwärtigen Geſchöpfes zum Schwerte. Gertrud legte raſch ihre Hand auf ſeinen Arm. „Wozu Deinen Glückwunſch?“ ſagte ſie dann mit möglichſter Ruhe zu dem Menſchen und eine flammende Röthe ſchlug ihr in das ſchöne Geſicht. „Zu einem ſo ſüßen Schatze!“ antwortete der kleine Bucklige höhniſch und floh mit einer Gewandt⸗ heit, die man ſeinem lahmen Fuße nicht zugetraut hätte, hinter einen Stuhl, deſſen hohe Lehne ihn völlig verdeckte. Denn Konrad, deſſen Herz voll Grimm über die widerfahrene Störung war, hatte ſich bei ſeiner frechen Rede auf ihn ſtürzen wollen. „Laßt nur Eure Saufeder ſtecken!“ rief er jetzt und ſtreckte ſein gelbes Geſicht hinter dem Stuhle vor, daß er ganz das Ausſehen eines Kobolds hatte.„Ich fürchte ſie nicht und bin auch hier zu Hauſe.“ Konrad ſah das Mädchen fragend an. „Meines Vaters Famulus!“ antwortete dieſe ſei⸗ 77 nem Blicke und wandte ſich dann wieder zu dem Buck⸗ ligen.„Und nun geh“, ſagte ſie in einem Tone, dem man die gezwungene Freundlichkeit wohl anmerken konnte.„Geh, man hat Dich nicht gerufen.“ „O, wenn ich warten wollte, bis Ihr mich ruft, Jungfer“, ſpottete der Rothe,„ſo würde ich wohl nie in Eure vielholde Nähe kommen. Und nun gar erſt Euch, die Ihr immer ſo kalt und ſpröde thut, unver⸗ muthet zärtlich zu ſehen—“ „Pack Dich, buckliger Satan“, fuhr Konrad in jähem Zorn dazwiſchen,„oder ich werfe Dich dort zum Fenſter hinaus und wenn Du zehnmal hier zu Hauſe biſt.“ „O“, ſpöttelte der Kleine wieder,„ich ſeh's Euch an, Ihr werdet einmal tüchtiges Hausrecht üben Aber noch iſt's nicht an der Zeit dazu, wie Ihr auch Eile haben möget, und wenn ich den hochgelehrten Meiſter Weitmos recht kenne, ſo wird in ſeinem Hauſe ein Reitknecht auch nie—“ „Schweig, giftige Kröte, ehe ich Dir den Hals zuſchnüre“, ziſchte Konrad und ſein Ausſehen war, wie wenn er ſeiner Drohung ſofort die That wollte folgen laſſen. Da aber trat Gertrud auf den Buckligen zu, das braune blitzende Auge feſt auf ihn gerichtet und mit erhobenem Arm. ———— „Geh“, ſagte ſie mit klangvoller Stimme,„geh.“ Dabei wies ſie nach der Thür, durch die er vorhin eingetreten war. Der Kleine ſchien die hohe blondlockige Geſtalt vor ihm mit ſeinem glühenden Auge verzehren zu wollen; ſeine Fäuſte ballten ſich und über ſeinen ganzen Kör⸗ per flog ein leichtes Zittern und Beben. „Geh!“ befahl Gertrud noch einmal, aber drohend und unheilvoll. Da wandte er ſich, ſeine verwachſene Figur ſelt⸗ ſam krümmend, und wie von einer unſichtbaren Macht im Nacken gefaßt. Vor der hoheitvollen, jungfräulichen Erſcheinung des Mädchens vermochte der Dämon in ihm nicht Stand zn halten nnd er floh aus dem Ge⸗ mach, deſſen Thür er krachend hinter ſich ins Schloß warf. Gertrud athmete tief auf, wie von einem Alp befreit. „Das iſt ja ein abſcheulicher Hausgenoſſe, den Ihr hier habt“, ſagte Konrad verwundert. „Es iſt, wie ich ſchon ſagte, meines Vaters Fa⸗ mulus, ein unglückliches Geſchöpf, dem Niemand in der Welt wohl will. Ich weiß nicht, woher er kam. Er iſt im Hauſe ſo lange ich denken kann und ſchon als Kind habe ich mich vor ſeiner grauenvollen Er⸗ — — ſcheinung gefürchtet. Doch mein Vater hält hohe Stücke auf ſeine Geſchicklichkeit und ſein Wiſſen. Sonſt will aber auch er nichts von dem Buckligen wiſſen und er ſagt oft, er vertrage freundlichen Sinn nicht und man könne ihn nur mit Strenge und hartem Weſen in ſeiner Nähe halten.“ „Hat er ſchon öfter ſolchen Wahnwitz gezeigt wie in dieſer Stunde?“ „Nein; aber manchmal wünſchte ich dennoch, er wäre aus dem Hauſe; wo freilich ſoll der Aermſte dann ein Unterkommen finden? Mir iſt in ſeiner Gegenwart unheimlich und er blickt mich oft ſo ſelt⸗ ſam an, daß ich mich faſt fürchten möchte, ohne zu wiſſen warum. Mein Vater ſagt, Thier und Teufel ſtecken in ſeiner Bruſt und halten ſeinen Sinn immer auf Böſes gerichtet. Gerade dieſen Sinn aber müſſe man mit ſtarker, unbarmherziger Hand immer nieder⸗ halten.“ Gertrud hatte nicht vollendet, als plötzlich in dem Raume nebenan, demſelben, in welchem der Bucklige verſchwunden war und in welchem ſich hochgewölbt das Laboratvrium der Apotheke befand, ein entſetz⸗ licher Lärm anhob, ein Dröhnen und Klingen als wenn mit allen Glocken geläutet würde und daß es unmöglich war, ferner auch nur ein Wörtlein zu verſtehen. 80 Konrad ſah die Geliebte befremdet an. „Beunruhige Dich nicht“, lächelte dieſe.„An die⸗ ſes Geſpenſterſpuken bin ich gewöhnt. Der Bucklige iſt übler Laune und vollführt wohl auch darum mit ſeinen Metallmörſern und Stößern einen ſo heilloſen Lärm, damit wir unſer Liebesgeplander nicht mehr ſollen verſtehen können.“ Konrad lachte. „Dann wollen wir uns küſſen“, verſetzte er, indem er Gertrud umſchlang,„und wollen glauben, daß uns ſchon die Hochzeitsglocken läuten.“ „Laß, ſie ſind es noch nicht“, wehrte das Mäd⸗ chen ſchalkhaft ab,„und darum komm, auf die Galerie im Hofe zu gehen; dort iſt Luft und Sonne. Seitdem der Bucklige im Zimmer war, iſt mir, als könnte ich hier nicht mehr Athem holen.“ Sie gingen. Das aber war Fellner, dem Lau⸗ ſcher da oben ſehr unangenehm und brachte ihn in eine mißliche Lage. Mit wachſendem Staunen hatte er das Gebahren des Buckligen mit angeſehen; jetzt galt es ſo ſchleunig wie möglich den Rückzug anzu⸗ treten; denn um auf die Galerie zu gelangen, mußte ſein Schwager mit Gertrud eben die Treppe paſſiren, auf der er ſtand. Da hörte er ſchon unten ihr Kommen. Unentdeckt 8¹ durch den Hof zu gelangen, daran war nicht mehr zu denken. Raſch entſchloſſen ſprang er in flüchtigen Sätzen den Reſt der Treppe hinauf bis zur Galerie und eilte dann auf dieſer ſchier unhörbar bis vor zu einer am andern Ende gelegenen Kammer. Dieſe pflegte der Apotheker im Sommer zum einſamen Ar⸗ beiten zu benutzen, wenn er jeder Störung aus dem Wege gehen wollte, und von hier aus, das wußte Fellner, führte eine ſchmale Eiſenthür von kaum Man⸗ neshöhe auf den Stadtwall ins Freie. Mit einem Satze war er durch die Kammer an der Thür, der Freiheit nahe. Haſtig rüttelte er an der kleinen Pforte. Sie war verſchloſſen. Mit einem halb unterdrückten Fluche und ſeine Neugierde zehnmal verwünſchend wandte er ſich nach einem andern Zu⸗ fluchtsorte, als ſein Blick auf einen Vorhang in der einen Ecke des Zimmers fiel, der von der Decke bis auf den Boden reichte. Ohne Beſinnen verſchwand er hinter demſelben; bald merkte er, daß er in eine Art Rumpelkammer gerathen war und ſich mitten in altem Hausgeräth befand, zerbrochen, beſtaubt, von Spinnen⸗ gewebe überzogen. Dennoch fühlte er ſich wie im Pa⸗ radies. Da öffnete ſich die Thür von der Galerie her. „Ein Arbeitszimmer meines Vaters“, ſagte Ger⸗ Delſchläger, Novellen I. 6 82 trud,„für die Sommerzeit. Wir aber wollen hier im Freien bleiben und damit uns der Vater nicht über⸗ raſche, der auch oft vom Stadtwall aus hier ins Haus tritt, wird es gut ſein, dieſe zweite Thür zu verſchlie⸗ ßen. Du haſt dann immer noch Zeit“, lachte ſie,„die Treppe hinunter zu kommen.“ „Und wenn Dein Vater vom Hofe herkommt?“ fragte Konrad beſorgt. „Auch dafür iſt geſorgt“, beruhigte ihn Gertrud. „Sieh, dort iſt unſer Wächter ſchon.“ Konrad folgte der gegebenen Richtung und ſah unten am Fenſter des Laboratoriums, das gleichfalls auf den Hof herausging, das häßliche Geſicht des Buckligen, der das Treiben der beiden da oben auf der Galerie mit lauerndem Blick verfolgte. Da er ſich verrathen ſah, wollte er raſch zurück. Aber Gertrud, ſich über das Geländer der Galerie beugend, rief ihn ebenſo raſch an. „He Du“, ſagte ſie.„Du haſt hier nichts zu ſuchen. Nimm Deinen Platz am Hausthor und achte, ob mein Vater kommt. Sobald Du ihn von fern ſiehſt, meldeſt Du mir's. Verſtanden?“ Das gelbe Geſicht des Buckligen zeigte in dieſem Augenblick ein wunderbares Gemiſch von Bosheit, Leidenſchaft und Hingebung. Sein Auge blitzte falſch auf. 83 „Verſtanden?“ wiederholte Gertrud nochmals in herriſchem Tone. „Ja“, nickte der Bucklige. „Dann geh“, verſetzte Gertrud, ihn mit der Hand fortweiſend. Der Bucklige wand ſich unter dieſem Befehle wie eine Schlange. Dann ging er. „Wird er Dir folgen? fragte Konrad verwundert. „Ohne Weiteres. Das iſt ja das Seltſame, daß er mir im letzten Augenblick immer aufs Wort ge⸗ horcht und gar nicht zn ahnen ſcheint, welche Angſt ich heimlich im Herzen vor ihm habe. Und nun laß uns die Thür ſchließen.“ Zweimal und nicht ohne Anſtrengung drehte ſie den gewaltigen Schlüſſel im Schloß. Der Riegel ſchnappte vor und das Schlimmſte war geſchehen, was dem unglücklichen Fellner in ſeiner Lage begegnen konnte, er war von beiden Seiten gefangen. Froh und ungeſtört gaben ſich Konrad und Ger⸗ trud indeß der Seligkeit und der Gunſt des Augen⸗ blicks hin. Und das Plätzchen war wie zum Koſen geſchaffen. Mit ſorgſamer Hand hatte ſich Gertrud hier auf dem Geländer der um den ganzen Hof lau⸗ fenden Galerie einen kleinen Garten angelegt, in deſſen Scherben jetzt freilich nur noch die bunten duftloſen 6* 1 84 Aſtern, die Vorboten und Begleiter des Herbſtes, blühten. Aber um das Geländer ſchlang ſich aus hölzernen Kaſten herauf wilder Wein, ſchon roth ge⸗ färbt, und unten aus dem Hofe ſtreckte ein alter Ka⸗ ſtanienbaum ſeine grünen Zweige herauf, auf denen in dieſer Stunde die Vormittagsſonne warm und gol⸗ den lag. Um den Stamm unten lief eine hölzerne Bank; auf der ſaß jetzt im kühlen Schatten ein graues Kätzlein, ſich fleißig die Pfoten putzeud oder nach den weißen Schmetterlingen ausſchauend, die da oben im Blättergrün und Sonnenſchein ihr bewegtes Spiel trieben. „Ich habe die Nacht von Dir geträumt“, ſagte Konrad,„die ganze lange Nacht.“ „Lieb und gut?“ „Du warſt mein vielſüßes Weib und ich koſete mit Dir und wurde nicht ſatt. Aber voll frohen Mu⸗ thes erwachte ich heut am frühen Morgen, daß ich meine Schritte gleich hierher lenken mußte, immer noch allein voll von dem einzigen Gedanken an Dich, wie es in dem Liede heißt: Das hat die Güte, die Schöne gemacht Und ihr rother Mund, der ſo minniglich lacht.“ Gertrud erröthete bis unter die Schläfe. „Du Glücklicher!“ rief ſie dann.„Ich habe mich ——————— 85 die ganze Nacht voll Angſt und Pein auf dem Lager herumgeworfen und habe von der abſcheulichen dicken Agnes geträumt, die mir leib⸗ und wahrhaftig von Angeſicht zu Angeſicht erſchienen iſt.“ „Was Tauſend!“ rief Konrad beluſtigt,„und das häßliche Geſpenſt hat mein Schätzchen ſo ſehr ins Bockshorn gejagt?“ „Lache nur; auf Schritt und Tritt hat mich das Geſpenſt verfolgt, aus dem Hauſe hier über den Markt, durch die Gaſſen, über die Brücke, daß ich in die Do⸗ nau ſpringen wollte, um mich vor ihrer Verfolgung zu retten, am hellen lichten Tage— ich hatte mich in meiner entſetzlichen Noth ſchon auf das Geländer ge⸗ ſchwungen— die Arme zum Himmel gehoben und die Engel um Hülfe anflehend, da, wie ich eben den Sprung thun wollte, war ich erwacht, mit Herzklopfen, den Angſtſchweiß auf der Stirn—“ „Du Aermſte!“ „Und noch die ganze Nacht hatte ich nicht den Muth ein Auge zuzuthun oder im Zimmer umherzu⸗ ſchauen, ſo ſehr war ich von Angſt und Entſetzen er⸗ füllt.“ „Das iſt die Folge, weil wir geſtern Abend von nichts Geſcheidterem zu ſprechen wußten und uns mit dieſen Ammenmärchen den Kopf erhitzten!“ 86 „Verſteht ſich!“ rief Gertrud voll Entrüſtung. „Aber“, ſetzte ſie ernſthaft bei,„wenn Du mich lieb haſt, prich mir nicht mehr von Ammenmärchen. Schon der frevelhafte Fellner hat geſtern leichſinnig genug geſchwätzt; natürlich, dem iſt Nichts heilig und er iſt nur froh, wenn er ſeine albernen Späße machen kann; doch Dir—*“ Gertrud ahnte nicht, daß der frevelhafte Fellner jedes ihrer erregten Worte zu ſeiner größten Beluſti⸗ gung lauſchend hinter der Thüre auffing. „Ich?“ nahm Konrad verwundert das Wort. „Soll ich am Ende auch an Eure Geſpenſtergeſchichten glauben?“ „Geſpenſtergeſchichten?“ rief Gertrud außer ſich. „Geſpenſtergeſchichten? Die ganze Stadt—“ In dieſem Augenblick tönte ein leiſer Pfiff aus dem Hofe herauf. Der bucklige ward ſichtbar, haſtig zur Galerie heraufwinkend. „Der Vater!“ rief Gertrud erſchrocken den Ge⸗ liebten zum Aufbruch drängend.„Geh, geh! Ich folge Dir langſam nach. Unten an der Treppe war⸗ teſt Du, bis Du den Vater in die Apotheke eintreten hörſt. Er nimmt ſeinen Weg nie durch den Thorweg, ſondern immer durch den Laden der Apotheke. Du — 87 kannſt dann ruhig und ungeſehen durch das Thor auf die Straße treten.“ Sie warf ſich Konrad an den Hals, eine Thräne im Auge. „Mein Gott, iſt es denn Sünde, daß ich den eigenen Vater ſo hintergehe? Aber nein, es geſchieht ja aus Liebe zu Dir und dieſe Liebe zu Dir hat mir Gott ſelbſt ins Herz gepflanzt, mein braver, theurer Junge.“ Konrad war kaum die Galerie entlang und die Treppe hinunter geflohen, ſo ſchloß Gertrud wieder die Thür auf, hinter welcher Fellner eingeſchloſſen war. Der Apotheker hielt die Thüre nie geſchloſſen und ſo hätte ihm das Gegentheil auffallen können. Dann eilte ſie, ihren Vater unten zu begrüßen. Sie hatte der Thüre kaum den Rücken gedreht, da drehte ſich dieſe ſchon wieder leiſe in ihren Angeln Fellner ſchob ſeinen Kopf heraus, vorſichtig und ſofort zur ſchleunigſten Rückwärtsbewegung bereit. Aber die Lnft ſchien rein. Gertrud verſchwand eben unten in der Wohnung, der Hof lag ſtill, es blieb alſo die Haupt⸗ ſache, dem Apotheker nicht zu begegnen, wenn es dieſem vielleicht einfallen ſollte, gerade jetzt ſein Galeriezimmer aufzuſuchen. An dem heutigen Unglückstage hielt Fellner Alles für möglich. Da erſpähte ſein nach 88 einem Ausweg ſuchender Blick eine Stange, die um das hier weit vorſpringende Blumenbrett zu halten, vom Boden herauf bis zur Galerie reichte. Fellner pries den glücklichen Einfall Gertruds ſich hier einen Blumengarten zu halten. Zwar die Stange war dünn, aber er ſelbſt faſt noch dünner. Schnell trat er aus dem Gemach; den Werkſack zwiſchen die Zähne nehmend, ſchwang er ſich über das Geländer und glitt wie ein Aal in den Hof hinunter die Stange bog ſich, aber ſie hielt. Bravo Stange! dachte Fellner; dann lief er unter der Galerie hin und er hatte alle Urſache zu laufen, denn ſchon ward über ihm der ſchwere Schritt des Apothekers hörbar— noch ein Sprung und er ſtand gerettet auf der Straße, aus vollem Halſe lachend, daß die Vorübergehenden meinen konnten, da ſei einer um ſeinen Verſtand gekommen. Im Hauſe des Apothekers inzwiſchen, an derſelben Stätte, die Fellner eben flüchtig verlaſſen, war ein wüſter Lärm laut geworden. Der Apotheker, ſonſt ein ſo würdiger und geſetzter Mann, tobte und zeterte auf der Galerie oben, daß Gertrud am ganzen Körper zitternd gelaufen kam. „Hat denn hier ein Narr gehauſt?“ ſchrie ihr der Vater mit kirſchrothem Geſichte entgegen.„Oder iſt eine Bande Teufel hier los geweſen?“ 89 Das Zimmer des Apothekers war in ein Chaos verwandelt, alles alte Hausgeräthe war hervorge⸗ ſchleppt und lag mit ſammt dem Schmutz und Unrath, der es ſeit Jahren bedeckte, auf den Tiſchen umher, die Stühle ſtreckten ihre Beine in die Höhe, die Bücher und Folianten waren vom Brette genommen und lagen aufgeſchlagen auf dem Boden, dazwiſchen Kleider und Pelzwaaren, die aus dem Schranke geworfen waren. Der Apotheker, ſchäumend vor Wuth, denn er war ein ordnungsliebender Mann, hob eben einen Mantel auf; ſeine Aermel waren oben und unten zu⸗ genäht, und der ſchöne Pelzbeſatz lief ſtatt an der Seite herunter hinten über den Rücken. Gertrud ſtand zu Tod erſchrocken; ſie hatte ja eben vor dem Zimmer geſeſſen, ſie hatte ſelbſt auf und zugeſchloſſen— wer konnte hier ſo gehaust haben? Da fiel ihr Blick auf den Schreibtiſch am Fenſter und todtenblaß, mit einem Ausruf des Schreckens taumelte das gute Kind in die Arme des Vaters, der es be⸗ ſorgt auffing. „Um Gottes Willen, was iſt Dir, Gertrud?“ rief Weitmos, dem es im alten Kopfe zu wirbeln anfing. Gertrud deutete tonlos auf den Schreibtiſch. Auf ſeiner glatten, ſchwarzgeſtrichenen Fläche ſtanden mit Kreide ziemlich ungeſchickt geſchrieben die Worte: 90 „Die dick Agnes Weitmos mußte ſeine Tochter zu Bette bringen, denn ein Fieberſchauer ſchüttelte ſie nach dem andern. Dann eilte er in die Apotheke. „Verdammter Buckliger“, rief er zornbebend und mit flammendem Auge,„wer anders hat mir dieſen Narrenſtreich geſpielt, daß mir die Tochter im Fieber liegt und mein Haus zur Stätte des Jammers wird!“ Der Bucklige betheuerte ſeine Unſchuld und zwar gegen ſeine Gewohnheit ſo ruhig, daß der Apother in ſeinem Verdachte irre ward und den Buckligen wirklich für halb und halb unſchuldig hielt. Dann ſtieg er wieder voll Gram hinauf zu ſeiner Tochter. II. Das Haus des Junkers von Guttenſtein lag in einer feuchten und finſtern Straße. Auch die andern Häuſer in derſelben waren ſo hoch und ſtanden ſich ſo eng gegenüber, daß allein im Hochſommer ein be⸗ lebender Strahl Sonne in die oberſten Stockwerke drang, der ſonſt nur auf den ſteilen Giebeln mit ihren krächzenden Wetterfahnen lag und auf den zahl⸗ reichen Dachluken, die über dem eigentlichen Haus noch ein paar beſondere Stockwerke für ſich zu bilden ſchie⸗ nen. Die Fenſter waren niedrig und ſchmal, dazu im Erdgeſchoß vergittert, was das unfreundliche Aus⸗ ſehen des finſtern Gebäudes noch erhöhte. Das Por⸗ tal war hoch gewölbt und von kräftigen, eng an ein⸗ ander gereihten Säulen aus Sandſtein getragen, die eine tüchtige Steinmetzarbeit bekundeten, geſchmackvolle Arabesken die ſchlanken Schäfte hinauf und abenteuer⸗ liche Thiergeſtalten unter dem Knauf, von dem aus der Bogen ſchön in die Höhe ſtieg, um in ſeiner Mitte das prangende Wappen derer von Guttenſtein zu zeigen. Aber trotzdem hatte auch dieſes Portal nichts Verlockendes zum Eintreten. Denn hatten ſich auch zufällig einmal die maſſiven, aus ſchwerem Eichenholz gezimmerten Thorflügel mit ihren breiten, ſchwarzen Eiſenbändern und ebenſo koloſſalen Schlöſſern knar⸗ rend aufgethan, ſo ſah man nur in einen dunkeln, finſtern, ſteingepflaſterten, immer feuchten Thorweg, der, an ſeinem andern Ende gleichfalls wieder durch ein ſchweres Thor geſchloſſen, nur aus dem Schieb⸗ fenſterchen des Thorwächters nebenan das nothdürf⸗ tigſte Licht erhielt und von dem aus eine ziemlich breite, gewundene Steintreppe in die oberen Stockwerke führte. Die Stufen dieſer Steintreppe waren ſchon ganz be⸗ denklich ausgetreten, und das war kein Wunder, denn die Herren von Guttenſtein hatten von jeher geliebt, feſt aufzutreten, und wie viele ihres Geſchlechtes wa⸗ ren ſchon dieſe Stufen herauf⸗ und wieder hinabge⸗ wandelt! Dennoch barg auch dieſes nach außen ſo unfreund⸗ liche Haus ſein Stückchen Paradies in ſich, und zwar in Form eines weitläufigen, wohlgepflegten Gartens, der ſich hinten an die epheubewachſene Rückwand des Gebäudes anſchloß und von alten, hochſtämmigen Lin⸗ denbäumen beſchattet war. Dieſe, ſowie das dichtver⸗ wachſene Buſch⸗ und Strauchwerk, das über den Raum gebreitet und nur von ſchmalen gewundenen Wegen durchſchnitten war, gab dem Ganzen das Ausſehen eines kleinen Parkes, dem auch die dunkelgrüne Raſen⸗ fläche in der Mitte nicht widerſprach. Dieſelbe zog ſich um ein ſteingefaßtes Baſſin, aus deſſen ſilberglitzernden Wellen ein mächtiger Waſſerſtrahl emporrauſchte, um oben im Glanz der Sonne tauſendfach zu zerſtieben und ſeine funkelnden Waſſerſtäubchen nach allen Seiten hin zu zerſtreuen. Da und dort blickte ein kleines Hüttchen aus dem Gebüſch, aus Holz gezimmert und mit Baumrinde überzogen, der Zeuge manchen zärt⸗ lichen Geflüſters und der Schauplatz mancher verſtoh⸗ lenen Freuden, wenn der Mond hoch am blauen Nacht⸗ himmel ſchweigend hinzog und in ſeinem zauberiſchen Schimmer Hans von Guttenſtein mit ſeinen Freunden und Freundinnen durch den dunkeln blütenduftenden Garten ſchwärmte. Davon konnte auch eine niedrige Steingrotte er⸗ zählen, welche auf der dem Hauſe entgegengeſetzten Seite des Gartens künſtlich aufgeführt war. Dieſelbe war ſo tief gebaut, daß ſie niemals von einem Strahl der 94 Sonne erreicht werden konnte. Sie war darum auch an heißen Sommertagen der Lieblingsaufenthalt des dickwanſtigen Junkers von Guttenſtein und dies um ſo mehr, als man gerade von hier aus den ſchönſten Blick hatte auf den ſonnenbeſtrahlten Springbrunnen und auf eine Gruppe ſchöner Lindenbäume, von deren dunklem Hintergrund ſich die immer bewegliche, in den bunteſten Farben ſchillernde Waſſerſäule auf das wir⸗ kungsvollſte abhob. Neben ſchönen Frauen und feuri⸗ gem Wein war Hans von Guttenſtein auch für ſolche harmloſere Reize der Natur nicht unempfindlich. Angeſichts der ſengenden Feuerpfeile, welche die Sonne ganz unerwartet in dieſen Tagen des Herbſt⸗ mondes noch verſchoß, hatte der Junker dieſen ſeinen Lieblingsplatz darum auch heute ſchon eine geraume Weile vor der Mittagszeit aufgeſucht und ſich ganz jenem Behagen hingegeben, welches ihn immer über⸗ kam, wenn er mit einem guten Freunde ungeſtört eine Kanne Wein um die andere leeren und ſich der ein⸗ gehenden Beſprechung aller jener Schelmenſtreiche hin⸗ geben konnte, die er ſchon begangen oder noch zu be⸗ gehen im Sinne hatte. Und Hans von Guttenſtein hatte noch ein weites Feld erſprießlicher Thätigkeit vor ſich: gar mancher Fehdebrief war noch an die Mauern von Städten und Dörfern anzuſchlagen, gar 95 mancher güldene Schatz ſammt Pferd und Wagen war noch dem Kaufherrntölpel auf der Landſtraße abzu⸗ jagen, gar mancher ſchöne Mund war noch zu küſſen, gutwillig oder nicht, gar mancher Becher dem oder jenem Kloſter vor der Naſe weggefangenen Goldweins war noch zu leeren, und bei all dem Treiben und in jedem beſondern Falle war des deutſchen Kaiſers Maje⸗ ſtät gründlich zu verlachen mit allen ihren wohlgemeinten Briefen, Schreiben und Ermahnungen an die Stände, Städte, Fürſten und Junker der deutſchen Nation. Vor allem aber wollte er leben und zwar gut leben. Davon zeugte ſein ganzes Weſen auch jetzt, wie er ſo behäbig in den Drehſtuhl zurückgelehnt da⸗ ſaß, die breite, umfangreiche Geſtalt in ein reiches Wams von blauer Seide mit langen, enggefalteten Schößen gekleidet, mit dem ausgeſtreckten linken Arm bequem auf dem runden Steintiſch ruhend, indeß die Rechte nachläſſig herunterhing und mit der koſtbaren geſtickten Decke ſpielte, die über den Stuhl, auf dem er ſaß, gebreitet war. Vorn auf der Bruſt war das Wamms in ſchrägen Streifen geſchlitzt, durch die, wie dies auch bei den weiten Puffen der Aermel der Fall war, gelber Stoff aufgebauſcht leuchtete. Barett und Raufdegen lagen zur Seite auf dem Tiſche, denn dem Junker war trotz der Kühle in der Grotte ſchon ſehr 7 96 warm geworden. Sein gewaltiger Schädel, der ſo feſt gefügt auf dem wuchtigen Nacken ſaß, fing bereits an ſachte zu erglühen und ſich in ſcharfen Contraſt zu ſtellen zu den blonden Haaren, die ganz kurz geſchoren ſeinen Scheitel deckten, während der blonde Vollbart in um ſo üppigerer, doch wohlgepflegter Fülle dem Junker bis auf die halbe Bruſt reichte, wo er nach einwärts gerundet und zierlich zugeſtutzt war. „Ihr beſteht alſo immer noch auf Euren frevel⸗ haften Abſichten, hochwürdiger Herr?“ fragte er jetzt lachend den Domherrn von Raidenbuch, der ihm in der Sutane von violetter Halbſeide gegenüber ſaß und bis jetzt ſinnend vor ſich hingeblickt hatte. „Gewiß“, entgegnete der Gefragte raſch und ſtrich ſich mit der ſchmalen, weißen, beringten Hand wohl⸗ gefällig über den ſchwarzen, glänzenden Bart, der ſein feines, blaſſes Antlitz einrahmte, dann nahm er den kurzen Krempenhut vom Kopfe und legte ihn zu dem Barett des Junkers.„Warum ſoll ich auch nicht?“ fuhr er endlich fort.„Agathe iſt ſchön und ich liebe ſie.“ „Hol' mich der Teufel!“ rief der Junker,„Agathe iſt ſchön und Ihr liebt ſie! Wie Ihr das nur ſo ruhig herausſagt! Hört man Euch, man möchte darauf ſchwö⸗ ren, daß dem wirklich ſo ſei.“ „Zweifelt Ihr daran?“ 97 „Kann ich Euch in das Herz ſehen?“ fragte der Junker entgegen.„Aber wenn ich an alle die Liebes⸗ händel denke, die Ihr an dieſer Stelle mit mir ſchon verhandelt habt, ſo—“ „So könnt Ihr auf den reichen Quell von Liebe ſchließen“, unterbrach der Domherr den Redenden lä⸗ chelnd,„der in meiner Bruſt fließt.“ „Mag ſein“, rief der Andere.„Und ich will dar⸗ über nicht ſtreiten. Was ſoll mir ein Wortgefecht mit Euch? Ihr ſagt, Ihr liebt das Weib, dann muß ſie auch Euer werden. Wer ſoll es wehren?“ „Sie war geſtern nicht übermäßig zärtlich“, wandte der Domherr bedenklich ein, indem er ſeine Finger vorſichtig durch die gekräuſelten, duftigen Haare gleiten ließ. „Wahrhaftig, das war ſie nicht. Ueberhaupt rath' ich Euch, geht mit Klugheit zu Werke. Frauen, die ſchreien, verſteht mich, die vorher ſchreien—“ „Wäret Ihr nur nicht mit in den Gang getre⸗ ten—“ „Hol mich der Teufel! Iſt das der Dank, daß ich Euch mit meinem breiten Rücken die Thür gedeckt habe? Das Volk draußen murrte, und nur der Ge⸗ danke an die gute Klinge, die ich führe, hat die Leute vor der Thür gehalten.“ Oelſchläger, Novellen. I. 2 98 Damit griff der Junker heftig nach der weitbau⸗ chigen Silberkanne, die vor ihm ſtand. Eine mehrfach gewundene Schlange von ſchöner Arbeit bildete ihren Henkel, und aus dem weitgeöffneten Rachen eines Wolfes floß der Wein in des Junkers Becher, der auf ſchlankem Fuß die ſeltſame Form eines Tannenzapfens bot. Er wollte auch dem Domherrn einſchenken, der ſich jedoch anfangs ſträubte, denn Hans von Gutten⸗ ſtein hatte in dem von ihm häufig beliebten Humor ſeinem Gaſte einen Becher in Form einer Nonne hinge⸗ ſtellt, deren weit ausgeſpannte Kutte allerdings ein er⸗ kleckliches Maß Getränkes in ſich aufzunehmen vermochte, zugleich aber in der Weiſe unten abgerundet war, daß das Gefäß nicht hingeſtellt werden konnte, ſondern mit einem Zuge jedesmal geleert werden mußte. Alles Einreden des Domherrn hatte nichts geholfen. Geiſt⸗ lich gehöre zu geiſtlich, hatte der witzige Wirth ge⸗ antwortet, und dabei mußte es ſein Bewenden haben. „Agathens Mann“, begann der Domherr wieder, „iſt ein Schneider und halb verhungert. Schafft man ihm und ſeinen Kindern Brod, ſo macht man die Frau kirre.“ „Der Einfall iſt gut und Ihr für Euern Theil könnt bei dieſer Gelegenheit Euern anſehnlichen Klei⸗ 99 dervorrath noch ins Unendliche vergrößern“, ſpottete der Junker. „Das werd' ich nicht. Iſt doch die Kirche immer neuer Gewänder bedürftig und kann der ſeidenen Pracht und Herrlichkeit nie genug haben.“ „Immer beſſer“, lachte der Junker vergnügt, und ſeine blauen Augen funkelten vor wahrhafter Freude. „Wenn ich Euch recht verſtehe, ſo muß Euch die Kirche ſelbſt Euern Sündenlohn zahlen. Iſt es ſo, aller⸗ hochwürdigſter Herr?“ „Ihr Vermögen iſt größer als das meinige“, lä⸗ chelte der Domherr.„Und warum ſollen wir denn all das liebe Geld, das uns die wackern Leute ſo gläubig fromm und unermüdlich zuwenden, immer an den luſtigen Hof des Papſtes ſchicken? Deſſen Säckel iſt freilich bodenlos und kann der goldenen Füchſe nicht genug kriegen, die ihm täglich von allen Seiten, na⸗ mentlich aber von der frommen deutſchen Nativn zu⸗ fliegen. Aber wir können den Schatz hier ebenſo treff⸗ lich verwenden und wiſſen die Freuden der ſchönen Welt ebenſo gründlich zu ſchätzen, als es der heilige Vater im Vatican mit ſeinen Geſellen und Allerlieb⸗ ſten thut.“ „Lebt Ihr hier nicht ſchon gottesläſterlich genug?“ rief der Junker wieder.„Habt Ihr nicht wider Recht und 100 Gebot die ſchönſten Weiber im Hauſe und laßt Eure eigenen Kinder zu Euern Fenſtern herausſehen?“ „Kann man die Rangen immer in der Stube halten? Das iſt friſches Blut und ſtrebt ans Sonnen⸗ licht, wie auch der windige Spießbürger ſich dagegen ſperren mag.“ „Und der Biſchof?“ „Das iſt ein alter, hülfloſer Mann, der, ich weiß es, wüthet, daß man rings in den Klöſtern tanzt und ſpringt, aber was will er machen, wenn die ganze zuchtloſe Welt mittanzt und mitſpringt? Er mag uns nur in Ruhe laſſen und zufrieden ſein, wenn wir mit ihm das Volk am Narrenſeile führen und alle Finger lang die Heiligthümer in feierlicher Proceſſion durch die Straßen ſchleppen, Hungersnoth und Krankheit von der Stadt abzuwenden oder ſie am Ende auch noch vor der dicken Agnes in Schutz zu nehmen.“ „Wollt Ihr auch an die nicht glauben?“ fragte der Junker ſcheu. „Solange ich ſie nicht mit eigenen Augen geſehen habe, nein, wenn auch alle alten Weiber vor ihr zit⸗ tern. Geſtern Abend war ich im Floſter zu Obermün⸗ ſter, wo die Frauen ſich des Nachts nicht mehr aus ihren Zellen wagen und die Kirche nicht mehr betreten wollen, weil ſie fürchten, dem fabelhaften Geſpenſt 401 plötzlich einmal auf einem der Gänge oder ſonſtwo zu begegnen. Selbſt die Oberin, Frau Katharina von Redwitz—“ „Hol mich der Teufel!“ rief der Junker,„wollte es doch dem Himmel gefallen, daß er vor allem der würdigen Frau die dicke Agnes zuſchickte und dieſe ihr ſchleunigſt vor Schreck und Todesangſt den Garaus machte!“ „Kennt Ihr die würdige Dame?“ fragte der Dom⸗ herr verwundert. „Den Hals könnte ich ihr umdrehen!“ ſchrie der Junker wieder, vor Zorn kirſchroth im Geſicht und den Becher ſo gewaltig mit ſeinen Fingern umklammernd, als ob er ihn zerdrücken wolle.„Hat ſie meine Baſe, — Ihr kennt ſie ja wohl, Barbara von Marſchalk— nicht der Welt abſpenſtig gemacht und in das ver⸗ fluchte Kloſter geführt, wo ſie nun ſich kaſteien und Pſalmen ſingen kann, mitten in ihrer ſchönen Jugend und Holdſeligkeit? Das war ein Mädchen wie Milch und Blut, blond, zart und fein, und wäre die Frau Aebtiſſin nicht geweſen mit ihren honigſüßen und ver⸗ himmelnden Schmeichelworten, ſo ſäße ich heute wohl mit dem guten Engel auf meinem Schloſſe zu Weichs und gäbe um das ganze tolle Leben, wie ich's bis jetzt geführt, nicht einen Pfifferling.“ 102 „Ihr ſeht mich auf's höchſte erſtaunt. Wann iſt das Alles geſchehen? Ich habe von Euch nie das Ge⸗ ringſte darüber vernommen.“ „Das iſt vor wenigen Monden geſchehen“, ſtieß der Junker heraus und ſah ſeinen Gaſt mit blitzenden Augen an, als ob dieſer für das ganze Unheil verant⸗ wortlich zu machen ſei.„Wenn ich Euch aber nichts davon geſagt habe, ſo laßt Euch kein graues Haar deshalb wachſen, hochwürdiger Herr. Es wäre ſchade darum. Die beſten Dinge behält der rechte Mann doch immer für ſich, und Barbara von Marſchalk war viel zu ſchön und gut, als daß ich beim Wein und Eurem Weibervolk von ihr hätte ſprechen mögen. Nehmt das, wie Ihr wollt“, fügte der Junker trotzig bei. Der Domherr kannte Hans von Guttenſtein zu gut, als daß er ſich hätte merken laſſen, wie verletzend deſſen herausfordernde Rede für ihn war. Er war ſchmiegſam und wußte ſich gegenüber dem wilden We⸗ ſen ſeines Wirthes zu beherrſchen. Freundlich wie im⸗ mer und theilnehmend klang denn auch die Frage, mit der er ausweichend des Junkers Hohnrede beantwortete. „Ihr habt keine Hoffnung, Eure Baſe wieder für Euch zu gewinnen?“ „Das wißt Ihr ſelbſt am beſten“, brauſte Hans von Guttenſtein auf.„Was Ihr einmal in die Hand bekommen habt, das gibt kein Kloſter und keine Kirche mehr heraus. Und der Fang war koſtbar und ver⸗ lohnte ſich, den die Frau Aebtiſſin gemacht hat. Hätte Barbara von Marſchalk aber auch ihr ganzes Hab und Gut, Schloß und Gründe, Wälder und Wieſen dem Kloſter verſchrieben, ich hätte ſie zum Weibe genom⸗ men, wie ſie ging und ſtand, und hätte ſie jubelnd zur Herrin meines Schloſſes gemacht, deſſen leuchtend⸗ ſter Schatz ſie fortan geweſen wäre. So voll Huld und Liebreiz fand ich ſie. Aber ſie wollte mich nicht, ſie verwarf mich. Die Schlangenzungen hatten ihr gar gut ins Ohr geziſchelt, daß ich ein Raufbold und Trinker ſei, ein Weiberfreund und wüſter Geſelle. Eine Zeit lang widerſtand ſie. Dann wandte ſich das holde Geſchöpf von mir und nahm den Schleier. Seit jener Stunde war es aus mit mir. Und ſo mag denn der ſchlechte Reſt meines Lebens hingehen— mit Euch, Domherr, mit Euern Weibern, mit dem Wein und dem verdammten Würfelſpiel. Gebt ſie her— wie? Ihr habt doch gewiß die Würfel bei Euch! Heraus damit, daß ich mein Leid vergeſſe, und ehrlich ge⸗ ſpielt, Domherr, denn ich ſage Euch, meine gute Laune iſt dahin!“ Bei dieſen Worten ſchnaubte der brave Junker in ſolcher Wuth, daß ſein ganzer ſchwerer Körper ſich 104 hob und bebte. Ein Sturm wilder Gefühle tobte durch ſeine Bruſt. Den Becher, den er wieder mit einem Zuge geleert, ſtieß er gewaltſam auf den Tiſch, ſein Geſicht war noch röther als zuvor, und wie um ſich zu beſänftigen, ſtrich er mit der Rechten über den vollen blonden Bart, der ſich in regelmäßigen Zwiſchenräumen zugleich mit der breiten, ſchwer athmenden Bruſt, auf der er ruhte, hob und ſenkte. Der Domherr durchſuchte inzwiſchen die Taſchen ſeiner faltenreichen Sutane; aber er brauchte zu lange oder des Junkers Gedanken waren doch noch nicht bei dem bevorſtehenden Spiele, denn aufs neue brach er los, indem er mit ſeiner wuchtigen Fauſt auf die Stein⸗ platte des Tiſches ſchlug. „Das glaubt mir, Domherr, der Aebtiſſin von Obermünſter bleibt dieſer ſchlimmſte Streich, der mir in meinem Leben geſpielt worden iſt, bis zu meinem Hinſcheiden unvergeſſen, und wenn ich Methuſalem's Alter erreichen ſollte. Tag und Nacht ſoll ſie keine Ruhe vor mir haben, in Glimpf und Unglimpf nicht, und zu ihrem Leide ſoll ſie es tagtäglich erfahren, daß ſie ſich den wilden Guttenſteiner zum unverſöhnlichen Todfeinde gemacht hat. Sie wollt' es nicht anders haben, wahrhaftig, ſie wollte nicht. Und nun her mit den Würfeln! Nun ſeht, da ſind ſie ja! Ich 105 wußt' es doch, daß Ihr ohne dieſes Teufelsſpielzeug nicht über die Gaſſe geht, und ich wette, Ihr habt ſie auch ſchon in der Frühe beim Meſſeleſen in der Taſche.“ Bei dieſen Worten ſchlug der Junker eine ſchal⸗ lende Lache auf, die der Domherr innerlich froh be⸗ grüßte, weil er ſie als ein Zeichen anſah, daß der Sturm im Abzug begriffen ſei. Langſam ließ er aus ſeinen ſchmalen Fingern die Würfel auf den Tiſch gleiten. Sie waren aus Elfenbein und von beträcht⸗ licher Größe. Die eingeſetzten Augen glänzten von grüner Farbe, während die ſechs Flächen noch außer⸗ dem zierliche, eingelegte Arbeit zeigten. Der Domherr wollte ſie eben in ſein Trinkgefäß ſchütten, das als Würfelbecher dienen ſollte, als ein Diener des Junkers in die Grotte trat und dieſem meldete, daß ihn eine Frau ſprechen wolle, die ſich nicht abweiſen laſſe. „Iſt ſie ſchön?“ fragte der Domherr. „Was kann ſie wollen?“ ſagte der Herr des Hauſes.„Laß ſie kommen.“ Der Domherr ließ die Würfel in den Taſchen ſeiner Sutane raſch wieder verſchwinden, dann blickte er nicht weniger neugierig als ſein Wirth in den Garten, der Richtung zu, in welcher die Angemeldete kommen mußte. 106 War die Neugierde der beiden Männer ſchon groß, ſo ſollte die Ueberraſchung, die ihnen zu Theil wurde, doch noch größer ſein. Eine Frau, deren einfache, faſt ärmliche Kleidung ſie ſchon von weitem als dem niedern Bürgerſtande angehörig bezeichnete, ward unter den Bäumen ſichtbar. Sie kam langſam näher. „Agathe!“ rief der Domherr mit gedämpfter Stimme. „Hol' mich der Teufel! ſie iſt es“, entgegnete ebenſo leiſe der Junker und rückte unruhig auf dem Stuhle. Der Domherr wollte aufſpringen. „Bleibt ſitzen“, befahl der Junker,„und rührt Euch nicht! Sie ſoll zu uns in die Grotte kommen“ Der Andere gehorchte. Agathe— denn ſie war es wirklich— hatte nur noch wenige Schritte bis zur Grotte. Sie war in ein einfaches dunkles Wollenkleid gehüllt, das bis an den Hals züchtig geſchloſſen war und doch die ſchönen Formen des Körpers in ihrem tadelloſen Ebenmaß er⸗ kennen ließ. Das tiefſchwarze Haar war in breiten Zöpfen über die lichte Stirn geſchlungen, während die Wangen ein bräunliches Colorit zeigten und im Verein mit den großen, dunklen Augen dem ſchöngeſchnittenen Antlitz eine faſt ſüdliche Färbung gaben. 107 Wie ſie vom Sonnenlicht geblendet daherſchritt, hatte ihr Blick kaum in das Dunkel der Grotte vor ihr dringen können, zu welcher der Diener ſie gewieſen hatte. Jetzt überſchritt ſie zögernd den gewölbten Ein⸗ gang. Eine angenehme Kühle, in die ſich der betäubende Duft des Weines miſchte, ſtrömte ihr entgegen— ein haſtiger Blick, und ſie ſah nur zu deutlich, in welche Geſellſchaft ſie gerathen war. Mit einem jähen Ausruf des Schreckens wollte ſie zurücktreten. Die Anweſenheit des Domherrn war ihr nichts weniger als geheuer. Aber ſchon hatte der Junker, ohne im Uebrigen ſeine bequeme Stellung zu verändern, ſie raſch an der Hand gefaßt und hielt ſie ſo feſt, daß an ein Entrinnen nicht mehr zu denken war. „Sieh da“, ſagte er mit ſeiner tiefen Stimme, der er ſo viel Einſchmeichelndes im Ausdruck zu geben ſich mühte, als ihm möglich war,„unſere ſchöne Begegnung von geſtern! Das iſt ja vortrefflich. Und wie ich zu meiner Freude merke, habt Ihr Euch von dem gehabten Schrecken wieder völlig erholt, ſo ſchön und lieblich iſt heute Euer Anſehen.“ „Ich bitte, laßt mich, Herr Junker“, ſtammelte Agathe angſtvoll, indem ſie ſich vergeblich von ſeinem Händedruck loszumachen ſuchte. 108 „Wollt Ihr ſchon wieder gehen“, ſpottete Hans von Guttenſtein, der ſich ſichtlich an dem erſchrockenen Weſen der armen Frau weidete,„und habt mir noch nicht einmal vertraut, was Euch über die Schwelle meines beſcheidenen Hauſes geführt hat?“ „Mein Mann—“ ſtieß Agathe hervor. „Euer Mann“, lachte der Junker.„Ich bitte Euch, ſprecht mir nicht von Eurem Mann! Zum Lang⸗ weiligſten, was ich kenne, gehören die Frauen, die von ihren Männern reden.“ „Mein Mann“, begann Agathe wieder, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen,„hat mich geſchickt—“ „Hol mich der Teufel! Ein braver Mann! Hat Euch ſelbſt hierher geſchickt. Hol' mich der Teufel, das find' ich lobenswerth. Warum ſeid Ihr denn beim Eintreten ſo erſchrocken?“ „Ich wußte nicht, daß Ihr in Geſellſchaft ſeid.“ „Hoho, das iſt nur ein würdiger Freund von mir, der Domherr von Raidenbuch, vor dem ich kein Geheimniß habe und den Ihr ja kennt— nicht? Seid höflich, mein Freund“, wandte er ſich dann ſpöttiſch zum Domherrn,„ich glaube, Ihr habt die ſchöne Frau noch mit keinem Worte begrüßt.“ Agathe wandte ſich mit einer Geberde des Abſcheus. „Wir ſind arm“, ſagte ſie darauf,„unſere Kinder 109 hungern, all unſere Habe iſt dahin— Ihr, Herr Junker, ſchuldet meinem Manne noch eine Summe Geldes; wenn Ihr—“ „O, Ihr ſeid gekommen, Schulden zu fordern“, rief der Junker mit gerunzelten Brauen, indem er Agathens Hand haſtig losließ und ſeine langen Beine trotzig und wie abwehrend von ſich ſtreckte.„Thut mir leid, ich habe ſelbſt nichts im Kaſten, keinen Pfennig. Darum alſo hat Euch Euer Mann geſchickt?“ höhnte er dann.„Das iſt ja ein recht fein ausgedachter Streich! Natürlich, wer wird den Bitten eines ſo ſchönen Mundes widerſprechen, wer wird ſolchen Augen wider⸗ ſtehen können? Und darum habt Ihr Euch auch in dieſe Löwenhöhle wagen dürfen? Aber trotzdem, der kluge Schneider irrt ſich und kennt den Guttenſteiner nicht.“ „Nun denn“, rief Agathe, die durch den Unmuth, in den ſie des Junkers ſchnöde Weigerung ſetzte, ihre ganze ſonſtige Sicherheit plötzlich wiederkehren fühlte, „ſo will ich Euch die Wahrheit ſagen: mein Mann weiß es gar nicht, daß ich hier bin.“ „Alſo hat er Euch nicht geſchickt?“ frohlockte der Junker.„Ihr verſteht Euch ja vortrefflich aufs Schwänke⸗ machen, Frau Schneiderin.“ „Nein, er hat mich nicht geſchickt, aber er hat mir 110 geſtern ſeinen ganzen Jammer geklagt; kein Biſſen Brod iſt im Hauſe, die Kinder vermag ich kaum mehr vor dem Hunger zu ſchützen— Der Junker rückte ungeduldig auf dem Stuhle. „Nicht des Lebens Nothdurft können wir mehr erſchwingen“, fuhr Agathe unbeirrt fort;„da in meiner Noth faßte ich mir ein Herz, heimlich zu Euch zu gehen, was mein Mann nie geduldet hätte—“ „Glaubs“, lachte der Junker und ſchlürfte mit Behagen ſeinen blanken Becher aus. „Ihr ſeid reich, und am Ende bitte ich doch nur um das, was mein Mann durch die Arbeit ſeiner fleißigen Hände für Euch ſchon längſt verdient hat und was er ein Recht hat, unter allen Umſtänden von Euch zu fordern.“ Agathe hatte dieſe lotzten Worte ſo nachdrücklich und in ſo drohender Haltung geſprochen, daß ſich des Junkers Geſicht flammend röthete und ſeine blauen Augen in aufloderndem Zorne blitzten. Aber die Schmähung, die er für die Frau des Schneiders bereit hatte, blieb ihm hinter den knirſchenden Zähnen ſitzen. Denn ein bedeutſamer Wink des Domherrn, der das Geſpräch der beiden bis jetzt ſchweigend und in ſtillem Abwarten mit angehört unt ſich begnügt hatte, als ein vorſichtiger Mann auch die Umgebung im Auge zu 11¹ behalten, veranlaßte ihn, einen Blick in den Garten zu werfen, und dort gewahrte er denn auch etwas, was ſeine Aufmerkſamkeit aufs äußerſte erregte. Mit einem Sprunge war er in der Höhe und richtig, dort zwiſchen den Bäumen lief ein kleiner, ſchmächtiger Mann aufgeregt hin und her, offenbar bemüht, ſich verſteckt zu halten, und doch beſtrebt, der Grotte immer näher zu kommen. „Hol' mich der Teufel!“ rief der Junker ganz ſtarr vor Erſtaunen.„Hol' mich der Teufel! Iſt das nicht Euer Mann, Agathe?“ Die Gefragte, die dem Garten bisher den Rücken gedreht hatte, wandte ſich raſch und erbleichte vor Schrecken, als ſie wirklich ihren Mann mit dem unvermeidlichen Werkſack unterm Arme ſich zwiſchen den Bäumen herumtreiben ſah. Die Lage der Dinge ward ihr ſofort klar, und fie war außer Zweifel. Fellner hatte ſie gewiß in des Junkers Haus treten ſehen und war ihr, von Eiferſucht aufs neue getrieben, nachgeſchlichen und bis in den Garten gefolgt. Agathe hatte Recht. Fellner hatte kaum Zeit ge⸗ habt, ſich von Herzen ſeiner glücklichen Rettung aus der Apotheke zu freuen und in ausgelaſſenſter Stim⸗ mung all des thörichten Unfugs zu gedenken, den er in der Arbeitsſtube des alten Weitmos verübt, ohne 12 deſſen bedauernswerthe Folgen für die arme, geſpenſter⸗ gläubige Gertrud zu ahnen, als er auf der Straße in geringer Entfernung vor ſich Agathe, ſein Weib, hin⸗ wandeln ſah. Sofort war ſein Herz von der pein⸗ lichſten Unruhe erfaßt. Was hatte Agathe um dieſe Zeit auf der Straße zu ſuchen? Wo hatte ſie ihre Kinder gelaſſen? Und hatte ſie vielleicht heute ihre beſonderen Gründe gehabt, ihn gar ſo dringlich zur Arbeit zu ſchicken? Das Beſte wäre geweſen, ſie um alles dieſes ſofort und auf der Stelle zu befragen. Aber nein. Agathe näherte ſich der Straße, in welcher der Gutten⸗ ſteiner wohnte, mit Einem Male war die ganze Hölle der Eiferſucht in ſeinem liebenden Herzen wieder los⸗ gelaſſen. Geſtern hatte er ſich zwar erſt eben deßhalb einen Thoren geſcholten. Aber das war jetzt vergeſſen. Sein holder Leichtſinn war dahin, er dachte und ſann nichts als Eiferſucht, Verrath, Untreue und Rache und ſeiner unſeligen Leidenſchaft nicht mehr Herr, ſtand das kleine Männchen, da es ſich entdeckt ſah, nun auf ſeinem Platze wie angewurzelt, die Haare hoch auf⸗ geſträubt, das Geſicht von Leidenſchaft verzerrt und die beiden Hände feſtgeballt, wie wenn er mit den Fäuſten Jemand erwürgen wolle. Der Junker ſchäumte vor Wuth.„Das iſt mir 11¹3 ja eine große Freude, Euch hier zu ſehen, Meiſter Fellner“, ſchrie er durch den Garten mit gellender Stimme.„Eure verhungerten Würmer werden Euch wohl auch auf dem Fuße folgen und dann habe ich die Ehre, die ganze würdige Schneiderſippe in meinem Hauſe zu beherbergen. He? Hol' mich der Teufel! Was macht Euch ſo frech, hier eigenmächtig in mein Haus zu dringen? Kommt Ihr vielleicht auch, Schulden von mir zu fordern? Wahrhaftig, dann will ich Euch — hol' mich der Teufel— die Luſt dazu auf immer vertreiben!“ Bei dieſen Worten griff der tobende Junker rück⸗ wärts nach ſeinem Raufdegen auf dem Tiſche. Agathe wollte ihm aufſchreiend in die Arme fallen, und auch der Domherr machte erſchrocken Miene, dem Beginnen ſeines Wirthes Einhalt zu thun. Der aber ſchob beide ungeſtüm zur Seite und trat vor den Eingang der Grotte. Seine breite Bruſt hob ſich zornesmuthig, und der Strahl der Sonne fiel auf die gewaltige Geſtalt, daß die blonden Barthaare im Lichte ſprühten und das ſeidene Wamms prunkend aufleuchtete. Fellner flüchtete ſich mit einem ungeheuren Satze hinter den Baum, der ihm zunächſt ſtand. „Nun, was iſt, Schneider?“ höhnte Hans von Helſchläger, Novellen. I. 8 114 Guttenſtein.„So kommt doch, wenn Ihr den Muth habt, Euer Geld zu holen.“ Fellner ſchob vorſichtig ſeinen Bopf hinter dem Baume vor. Er ſah ungemein kläglich aus.„Gebt mir nur mein Weib, gebt mir meine Agathe wieder“, antwortete er, indem er einen Arm wie flehend hob, „ich denke nicht daran, Herr Junker, Schulden von Euch zu fordern.“ Der Junker ſah verblüfft drein.„Nur die Eifer⸗ ſucht hat Euch hierher getrieben?“ fragte er. Dann warf er verächtlich ſeinen Raufdegen in den Sand und ſchritt wieder in die Grotte zurück, wo der Domherr unterdeſſen bemüht geweſen war, das geängſtigte Ge⸗ müth Agathens mit ſchmeichelnden Worten zu be⸗ ruhigen. Vorſichtig ſchlich auch Fellner näher. „Keinen Schritt weiter!“ donnerte der Junker, als er dies bemerkte.„Euer Weib iſt freiwillig ge⸗ kommen, freiwillig mag ſie auch gehen. Euch aber will ich hier nicht haben und die Luſt zum Eindringen will ich Euch wohl verleiden.“ Damit ließ er ſich nachläſſig wieder auf ſeinem Drehſtuhle nieder und zog dann mit der erhobenen Rechten an einer Schnur, die von der Decke der Grotte herunterhing und gegen den Eingang hinlief. Die beiden Seiten des letzteren waren ſo breit, daß in einer der⸗ ſelben bequem eine ziemlich große Gitterthür von Eiſenſtäben eingelaſſen war, die eben mit der Schnur zuſammenhing und von dem Eintretenden bei der Dunkelheit, die ihn im Gegenſatz zum Tageslicht hier blendend umfing, meiſt unbeachtet blieb. Jetzt ſchob ſie ſich raſſelnd in die Höhe, ein dumpfes Brummen ward hörbar und aus dem ſeltſamen Verließ trat lang⸗ ſamen und plumpen Schrittes ein Bär hervor, zottig und nicht gar freundlich anzuſchauen. Fellner wich vor dem Ungethüm entſetzt zurück, und auch Agathe ſtieß bei ſeinem unerwarteten Er⸗ ſcheinen einen Schrei des Schreckens aus, zum Wohl⸗ gefallen des Junkers, dem ſeine gute Laune nun ſchon wiedergekommen war und der ſich gern an der Ueber⸗ raſchung weidete, mit der Uneingeweihte das Auf⸗ treten ſeines zottigen Freundes hinzunehmen pflegten. Dieſer ließ ſich, nachdem ihm die Kette am Hals ein weiteres Vordringen nicht mehr geſtattete, behaglich auf ſeinem breiten Hintertheile nieder und litt es mit ſtillzufriedenem Brummen, daß ſein Herr ihn mit ſeinen weißen Fingern über der Stirn in den zottigen Haaren kraute. Anſchmiegend hob er ſeinen Kopf und wie um die Gunſtbezeugung ſeines Herrn ganz zu genießen, 8* 146 ſchloß er die kleinen Augen. Das Alles gab wenigſtens dem Schneider ſein bischen Muth wieder; denn ſoviel er ſehen konnte, war Agathe noch immer aller Faſſung bar, allen freundlichen und gefälligen Manieren zum Trotz, welche doch Meiſter Petz gegen alles Erwarten an den Tag legte. Furchterfüllt, ein ſo ſchreckliches Ungeheuer, von deſſen wüſtem und zuchtloſem Treiben in den böhmiſchen Wäldern ſie bisher nur halb ſagen⸗ hafte Kunde gehabt, plötzlich in ſo leibhaftiger Geſtalt ſich nahe zu ſehen, ſaß ſie noch immer auf dem Stuhle, auf den ſie mit Hintanſetzung jeglichen Reſpektes vor⸗ hin im erſten Schrecken geſunken war, in allernächſter Nähe des freundlichen Domherrn, der ſich mit ſeinem Stuhle ohne Zögern und unmittelbar an ſie heran⸗ gemacht hatte und ihr nun im flüſternden Tone ſo zärtlich beſorgt und eindringlich zuſprach, als es ſich nur für einen dunklen Ehrenmann mit redlichſten Ab⸗ ſichten gebührte. Fellner, deſſen eiferſüchtiges Auge ſelbſt in das Halbdunkel der Grotte zu dringen vermochte, hatte dies Alles und in ſeiner Leidenſchaft vielleicht noch viel mehr geſehen, als ſich wirklich begab. Das Blut ſchoß ihm zu Kopfe und die Bilder vor ſeinem Auge begannen ſich zu verwirren. Das aber erkannte er doch noch mit unanfechtbarer Genauigkeit, daß der 147 Domherr eben keck genug war, nach der Rechten ſeiner Frau zu greifen und dieſe mehrmals zu ſtreicheln, indem er gleichzeitig ſein halb geneigtes Haupt in ganz bedenkliche Nähe zu dem von Fellners Gattin brachte. Jetzt war Fellner ſeiner Sinne nicht mehr mäch⸗ tig. Er that ein paar gewaltige Sätze nach vorn und ſchien mit einem tollkühnen Sprung über den Rücken des Bären weg in die Grotte dringen zu wollen. Bei ſeiner ſchlanken und kleinen Geſtalt wäre ihm ſolcher Verzweiflungsact auch ganz gewiß auf das beſte gelungen, aber leider blieb dem Guttenſteiner dieſe Abſicht nicht verborgen. Bei den erſten Sätzen Fellner's erkannte er, wo der Schneider hinaus wolle, zog raſch ſeine Hand vom Kopf des Bären zurück, griff ebenſo flink nach einem der Aepfel, die auf einem Silberteller neben ihm lagen, und warf ihn hoch im Bogen dem glotzenden Thiere zu. „Holla, Petz!“ brüllte er, und der Bär klaffte, den Kopf weit zurückgebeugt, gehorſam den unendlichen Rachen auf, in deſſen dunkler Höhle der fallende Apfel denn ſofort verſchwand. Klatſchend ſchloß ſich dann auch der Rachen wieder, und der Schneider konnte, als er nun das untadelhafte Gebiß des Bären in ſo erfolgreicher Thätigkeit am Apfel ſah, ſich glücklich 118 preiſen, daß er noch zur rechten Zeit zurückgetaumelt und einer vertraulicheren Annäherung an das Thier im inſtinctiven Gefühle ſchuldiger Selbſterhaltung aus dem Wege gegangen war. Das anmuthige Spiel mit dem Apfel wiederholte der Guttenſteiner noch zwei oder dreimal, und jedes⸗ mal, wenn er den Schneider, dem ſolche Scherze noch neu und ungewohnt waren, hinter dem Baume unwill⸗ kürlich zuſammenzucken ſah, lachte er ſo gewaltig, daß die ganze Grotte dröhnte. Dann erhob er ſich; die Sache wurde ihm langweilig, und er gedachte ihr ein Ende zu machen. Mit einiger Anſtrengung hakte er die angervſtete Kette des Bären los. „Wie ich heute erfahren habe, iſt es an der Zeit für mich, dieſen Regensburger Schneiderſeelen etwas mehr Hochachtung vor mir einzuflößen“, antwortete er dem fragenden Blick des Domherrn, indem er ſeiner Stimme jenen tiefen Baß im Klange gab, den er ſcherzhafter Weiſe gern annahm, wenn er irgend eine drollige Drohung oder Verſicherung ausſprechen wollte. „Ihr wollt doch nicht etwa—“ fragte nun 3 der Domherr ängſtlich. „Ich werde“, entgegnete der Guttenſteiner mit demſelben Grundbaß, während er an der losgehakten Kette mit der rechten Hand den Bären hielt und mit der Linken den Raufdegen in den Gürtel hängte,„ich werde meinen braven Petz durch die Straßen ſpazieren führen und ihm die Merkwürdigkeiten unſerer lieben Stadt zeigen. Reicht mir mein Barett. So! Ich danke Euch und nun lebt wohl. Ihr ſollt mir“, ſetzte er dann noch raſch und halblaut bei,„heute nicht zum zweiten Male den Vorwurf machen, daß Euch meine Gegenwart im Wege ſtehe.“ Damit ſchnitt er alle Einwendungen, die der Domherr etwa noch gegen ſein abenteuerliches Unter⸗ nehmen haben mochte, kräftigſt ab. Dann richtete er ſeine reckenhafte Geſtalt hoch auf. „Marſch, Fellner“, donnerte er durch den Garten, „Jetzt hinaus mit Euch, ſonſt hetze ich Euch meinen Bären auf den Hals.“ Dabei klirrte der Guttenſteiner ganz abſcheulich mit der Kette, an der er ſeinen zottigen Hausfreund hielt. Agathe ſchrie aufs neue und Fellner floh ſeit⸗ wärts hinter ein dichtes Gebüſch, das ſeine ganze Ge⸗ ſtalt zu verbergen vermochte. „Nichts da“, donnerte der Junker, indem er nun aus der Grotte ſchritt.„Dort iſt die Thür, Schnei⸗ der. Hinaus mit Euch, oder hol' mich der Teufel, ich laſſe den Bären los!“ 120 Die Geſtalt Fellner's tauchte wieder hinter dem Buſche auf. Er erkannte, daß ſein Witz hier beim beſten Willen nicht mehr ausreichte, der Junker kam mit ſeinem erſchrecklichen Bären immer näher, Alles war verloren. Da warf er denn noch einen letzten verzwei⸗ felnden Blick auf Agathe; die ſaß in der Grotte beim Domherrn, das Antlitz mit beiden Händen bedeckt. Dann floh er, den Werkſack noch immer unter dem Arm, durch den Garten, auf die Thür zu und an Schnelligkeit einem abgeſchoſſenen Pfeil vergleichbar, der Junker hinter ihm her, in tollem Gelächter über ſolche Jagd und dann und wann den plumpen Schritt des Bären durch lau⸗ ten Zuruf befeuernd. So verſchwanden alle drei in dem Hauſe, durch welches der Thorweg auf die Straße führte. Im Garten rauſchten die Bäume, und der plätſchernde Springbrunnen ſchien ſich gar nicht be⸗ ruhigen zu können über alle die ſeltſamen Ereigniſſe die er heute mit angeſehen. Dieſelben ſollten indeß noch lange kein Ende neh⸗ men. Der Schneider, der Junker und der Bär hatten kaum den Garten verlaſſen, als Agathe, endlich zur Beſinnung kommend, von dem Stuhle emporfuhr und wehklagend um das Schickſal ihres Eheherrn aus der Grotte ſtürzen wollte. Sie hatte auch ſonſt keine Zeit zu verlieren, denn eine raſche Bewegung des Dom⸗ 121 herrn, die dem Verſuch einer Umarmung aufs täu⸗ ſchendſte ähnlich ſah, bewies ihr, wie ſehr dieſer bei dem unerwarteten Alleinſein mit der ſchönen Bürgers⸗ frau die zarten Triebe ſeines Herzens erſtarken fühle und wie ſehr er bereit ſei, die zärliche Fürſorge freund⸗ ſchaftlicher Theilnahme ſofort in die verſtändlichere Bewerbung ſtürmiſcher Liebesleidenſchaft zu übertragen. Um ſo mehr mußte Agathe auf ihre Flucht be⸗ dacht ſein; aber noch in der Mitte des Gartens, nahe dem Springbrunnen, holte der liebeglühende Domherr, der für den alten Spruch, daß dem Kühnen das Glück freundlich lächle, ein vorzügliches Verſtändniß zu haben ſchien, die Flüchtige ein und ſchlang den Arm um die ſchlanke Hüfte des Weibes, das umſonſt bemüht war, ſich aus der frevelhaften Umarmung los zu machen. „Wollt Ihr vor mir fliehen, Agathe?“ preßte der Domherr hervor und ſein dunkles, glühendes Auge hing leidenſchaftlich an der bebenden Geſtalt. „Laßt mich! Mein Mann—“ „Fürchtet Ihr für Fellner?“ lächelte der Dom⸗ herr.„Ihr werdet doch nicht glauben, daß der Junker ernſtlich daran denkt, ihm ein Leid zu thun? Seid ſeinetwegen unbeſorgt! Bleibt, ich beſchwöre Euch“, fuhr er ungeſtüm fort,„und glaubt—“ 122 „Um Gotteswillen, hochwürdigſter Herr“, flehte Agathe wieder,„laßt mich frei!“ „Nicht ſo ſchnell, als Ihr wünſcht, ſchönes Weib⸗ chen, und nicht bevor Ihr mir die Beichte meiner Liebe und Leidenſchaft für Euch abgenommen habt.“ „Verhöhnt Ihr Euch ſelbſt und Euren heiligen Stand?“ fuhr Agathe entrüſtet auf.„Iſt Eure Sünde nicht doppeltes Verbrechen, der Kirche und Eurem Ge⸗ löbniß zum Spott?“ „Und beſitzen wir nicht die Macht, auch doppeltes Verbrechen zu verzeihen und zu vergeben? Agathe“, flüſterte er ſchmeichelnd,„mit mir ſündigt Ihr am wenigſten, ich liebe Euch, und wißt Ihr nicht, daß gerade ein Prieſter am beſten zu ſchweigen und ein ſüßes Geheimniß am treueſten zu bewahren ver⸗ ſteht?“ „Mein Gott, mein Gott“, rief Agathe, in einen Strom heißer Thränen ausbrechend,„Ihr tödtet mich, Ihr—“ Der Domherr ſuchte ſie ſtürmiſch nach der Grotte zurückzuziehen, ihre Kniee wankten und ſie fühlte den heißen Hauch des Verführers in ihrem Geſichte, wie er in kurzen abgeriſſenen Worten ſie zu beruhigen, ſie zu bereden ſuchte. Mit einem äußerſten Aufwand von Kraft um⸗ ſchlang ſie mit beiden Händen einen Baumſtamm, den ſie gerade noch erreichen konnte und„Hülfe, Hülfe!“ ſchrie ſie mit gellender Stimme, bevor ihr der Domherr den Mund verſchließen konnte, daß es weit durch den Garten hallte. Da wurden raſch Schritte hinter ihnen hörbar, und ein kräftiger Arm ſchleuderte den Dom⸗ herrn mit ſo gewaltigem Ruck zur Seite, daß er ſich fluchend in ſeine faltenreiche Sutane verwickelte und ſich nur mit Mühe vor dem lächerlichſten Falle zu ſchützen vermochte. „Konrad, Konrad!“ jubelte Agathe auf und hing weinend an dem Halſe ihres Bruders, der ſie innig ans Herz drückte und mit zärtlichen Worten zu be⸗ ruhigen ſuchte. Dann aber wehrte er die noch immer Schluchzende ab, ſich an den Domherrn wendend, der mit zornſprühender Miene vor ihm ſtand und dem verhaßten Störenfried am liebſten den Hals umdrehen zu wollen ſchien. „Was iſt hier vorgegangen?“ fragte Konrad mit verhaltenem Athem. Doch ſeine Schweſter fiel ihm ſofort in die Rede.„Nichts, nichts!“ ſtieß ſie hervor. „Laß uns nur gehen, laß uns nur von dieſem ſchreck⸗ lichen Orte kommen.“ Aber Konrad überſah leicht genug die Dinge. Er war gekommen, den andern Brief des Staufer von Ehrenfels, den ihm dieſer für ſeinen Freund Hans 124 von Guttenſtein mitgegeben, an den Junker zu über⸗ bringen. Er hatte eben im Thorweg überlegt, ob er hier auf einen Diener des Junkers warten, oder ob er ohne weiteres die Treppe hinaufſteigen und den Junker ſelbſt oben im Stockwerk aufſuchen ſolle. In dieſem Augenblick und zur rechten Zeit hatte ihn der Hülfeſchrei Agathens in den Garten gerufen. Schon hatte ſich aber auch der Domherr von ſei⸗ ner erſten Ueberraſchung erholt; er war nicht der Mann, ſich von einem einfachen Reitknecht, wie er ihn nun vor ſich ſah, einſchüchtern zu laſſen, auch wenn er die Farben des befreundeten Staufer trug. „Was haſt Du hier zu thun, Burſche?“ brach er mit wenig geiſtlicher Miene los, indem ſein bleiches, zornverzerrtes Geſicht in lichter Röthe erglühte.„Pack' Dich zum Teufel wieder, der Dich hierher geführ' hat, oder ich laſſe Dich durch des Junkers Diener auf die Straße werfen.“ „Holla, hochwürdigſter Herr“, antwortete Konrad, ſich hoch aufrichtend und kaum ſeinen Grimm bemei⸗ ſternd,„ſo kommt Ihr mir nicht und ſo ſchüchtert Ihr mich nicht ein. Ruft ſie doch, des Junkers Ge⸗ ſellen“, höhnte er,„daß ich ihnen einen tollen, ver⸗ liebten Pfaffen zeige, und ſeht dann, ob Ihr ſie Eurem Wort gehorſam findet.“ 125 „Wahnſinniger Burſche“, ſtieß der Geiſtliche her⸗ aus,„Du redeſt Dich um Deinen Hals; Du weißt nicht, wen Du vor Dir haſt.“ „Nein, das will ich auch nicht wiſſen und brauche es nicht zu wiſſen. Ich aber bin der Bruder dieſer Frau, der Ihr ſo niederträchtig nachgeſtellt habt, und mit Mühe halte ich meine Fäuſte an mir, weil ſie Euren hochwürdigſten Rücken durch Euer Pfaffen⸗ gewand zerbläuen möchten, damit Ihr endlich einmal lernt, was es heißt, eines Bügers Chre zu ſchänden.“ Mit dieſen Worten trat Konrad mit gerunzelter Stirnbraue dicht vor den Domherrn hin, und ſein ganzes Weſen hatte etwas Unheimliches, Unheilvolles. Agathe, die den Auftritt bisher in ſchweigender Erregung mit angeſehen, machte eine abwehrende Be⸗ wegung, aber Konrad beachtete ſie nicht. Der Domherr ſeinerſeits war vor ſeinem Gegner ruhig einen Schritt zurückgetreten; ſein Geſicht war wieder bleich geworden, wie es immer war. Er fürch⸗ tete ſich auch jetzt noch nicht; er war zu ſtolz und von zu adeligem Geſchlecht, ſich zu fürchten. Am eheſten langweilte ihn die Geſchichte noch. Er ſah, daß er um den Preis ſeiner Wünſche gekommen war, daran war nichts mehr zu ändern, und ſo wäre es ihm das Willkommenſte geweſen, ſeine Rache an Konrad 126 auf ſpäter zu verſchieben, jedenfalls aber ſich jetzt nicht weiter von der Gegenwart Agathens und ihres Bru⸗ ders beläſtigt zu ſehen. Er liebte die Frauen, er liebte die Würfel, er liebte den Wein, aber er war ein ent⸗ ſchiedener Feind von Emotionen, die zu keinem Reſul⸗ tate führten, und am wenigſten war es ſeine Sache, ſich mit einem hergelaufenen Reitknecht in zweckloſe Unterhaltungen einzulaſſen, namentlich wenn ſie ſo unerfreulicher Natur waren wie hier. „Eure Wünſche ſind ſehr freundlich“, entgegnete er jetzt gelaſſen und mit leichtem Spott, indem er Konrad voll in das düſtere Auge ſah;„ich bitte Euch jedoch, gebt Euren Fäuſten ein würdigeres Ziel und bedenkt, daß man nicht überall prügeln kann, wo man wünſchte, wie man auch nicht überall küſſen kann, wo man möchte.“ „Was iſt das?“ ſchäumte Konrad, durch die Ge⸗ laſſenheit des Domherrn in neue Wuth verſetzt und zugleich erſtaunt, als hätten ſeine Ohren nicht recht gehört.„Höhnt Ihr mich noch? Spottet Ihr meiner Schweſter noch?“ Der Domherr machte eine ungeduldige Bewegung. „Ich bitte Euch“, ſagte er,„geht und laßt mich jetzt allein. Nehmt auch Frau Agathe, Sure Schwe⸗ ſter, mit. Die Sonne ſinkt ſchon und die Abendluft 427 iſt dem Rufe ehrbarer Bürgerfrauen nur zu häufig ſchon ſehr ſchädlich geweſen.“ Konrad ſtand bei dieſen frechen Worten wie vom Blitze gerührt. „Geht“, wiederholte der Domherr noch ungedul⸗ diger und drückte mit dem Zeigefinger der erhobenen Rechten leicht auf die Bruſt Konrad's, wie zurückweiſend und dem Sinn ſeiner Rede mehr Nachdruck zu geben bemüht. Das aber verſtand Agathens Bruder falſch. „Rührt Ihr mich noch an, verwünſchter Pfaffe?“ rief er, ſich nicht mehr kennend. Dann hob er im Nu die ſchlanke, zierliche Geſtalt des erſchrockenen Dom⸗ herrn mit leichter Mühe in die Höhe und hielt ſie einen Moment feſt umklammert, wie wenn er ſie wuthvoll zerdrücken wolle. Wagerecht ſchwebte Herr von Raidenbuch zwiſchen Himmel und Erde, daß er mit ſeinen Händen die grünen Zweige des Linden⸗ baums über ſich leicht hätte erfaſſen können. Agathe aber mitten in ihrem Jammer lachte hell auf, und das war vielleicht das Bitterſte und Schmerzlichſte, was der eitle Mann erfahren konnte, trotz Allem, was noch kam. Denn Konrad hatte es wohl endlich ſatt, ſeinen verhaßten Feind noch länger dem Himmel und den Göttern wie ein Opfer der Rache entgegenzuhalten; 128 noch einmal ſchüttelte er ihn mit einer Rückſichtsloſig⸗ keit, deren nur ein Reitknecht jener Tage fähig ſein konnte, dann ein machtvoller Wurf zur Seite und ſchäumend ſchlugen die Silberwellen des ziemlich tiefen Baſſins nebenan über dem Haupte des unglücklichen Domherrn zuſammen. Als er wieder auftauchte, hatte ſich auch ſeine violette Sutane ſchon wieder gehoben und ſchwamm nun in weitem Rundbogen auf dem naſſen Element. Konrad zog noch einen Brief aus dem Wamms und warf ihn auf den Raſen. „Den gebt dem Junker, bitt' ich Euch“, ſagte er höhnend,„Euch aber und Eurer Liebesglut möge das kalte Bad wohl bekommen.“ Dann verließ er mit Agathen langſam den Garten, ohne ſich weiter um den Domherrn im Waſſer zu küm⸗ mern, ohne nur noch einmal nach ihm ſich umzuſehen. Die Bäume aber rauſchten wie vorhin, und der plätſchernde Springbrunnen ſchien ſich auch diesmal wieder ganz und gar nicht beruhigen zu können. War ihm doch heute zum erſten Mal, ſeit er hier ſprudelte und rauſchte, ein geweihtes Prieſterhaupt, eine wirk⸗ liche und leibhaftige römiſch⸗katholiſche Tonſur unter ſeine feuchte Traufe gekommen. IV. Die nächſten Tage brachten der Familie Fellner erneute Trauer und erhöhte Beſorgniß. Nicht, daß ſich gerade die Noth und das Elend noch in beſonderem Grade geſteigert hätten, das ſchien ſchon ſeit Wochen nicht leicht mehr möglich wenngleich der wirkliche Hun⸗ ger glücklicher Weiſe noch immer nicht an die Thüre gepocht hatte. Aber das Haupt des Hauſes, der Schneider, war fort, war verſchwunden, und kein Menſch ahnte auch nur, wohin. Seit jener denkwür⸗ digen Flucht aus des Junkers Garten war er nicht mehr geſehen worden. Zwar daß ihn der Bär nicht aufgefreſſen hatte, vermochte man glücklicherweiſe feſt⸗ zuſtellen; aber damit war im Grunde wenig gewonnen. Noch auf der vom beſten Erfolge gekrönten Flucht war er nämlich einigen ihm befreundeten Männern begeg⸗ net, und gerade dieſe konnten nach der Hand nicht Helſchläger, Novellen I. 9 130 ſchauerlich genug von dem aufgeregten Weſen erzählen, das der unglückliche Schneider an den Tag gelegt habe. Er habe ganz verſtört geſprochen, habe in wider⸗ lichſter Weiſe die Augen verdreht und die fuchtelnden Hände habe er aus ſeinen aufgeſträubten Haaren gar nicht mehr herausgebracht. Die Frage, was Fellner denn eigentlich geſprochen und was er vielleicht als die Urſache ſeiner vulkaniſchen Erregung bezeichnet habe, konnten eben dieſe guten Freunde nur dahin be⸗ antworten, daß er in den abgeriſſenen Sätzen, die er zum Beſten gegeben, vor allem auf ein tiefes Zer⸗ würfniß mit ſeiner Frau hingedeutet habe; er habe ſich als einen um ſein ganzes reiches Lebensglück be⸗ trogenen Mann hingeſtellt, ſo zu ſagen, als einen ent⸗ blätterten Stamm, und Alles in Allem habe er den Eindruck gemacht, wie wenn ihm das Leben überhaupt gründlich verleidet und er ſelbſt davon nicht weit ent⸗ fernt ſei, demſelben bei der erſten beſten Gelegenheit für immer ein geeignetes Ende zu machen. Dann war er davongerannt, und ſeitdem hatte ihn kein Auge mehr geſehen. Agathe war bei allen dieſen Nachrichten wie vom Donner gerührt; der ſchreckliche Zuſammenhang der Dinge lag nur zu klar, lag nur zu offen vor ihren Blicken. Jene entſetzliche Eiferſucht, mit welcher ihr 13¹ ſonſt ſo braver Mann ſie ſchon von Anfang ihrer Ehe an oft bis aufs Blut gemartert hatte, war durch die Ereigniſſe der letzten Tage mit neuer dämoniſcher Macht über ihn gekommen und ihr, der unſeligſten aller Leidenſchaften, war er diesmal unterlegen. So⸗ viel Gertrud und Konrad ihr zu widerſprechen ſuchten, für Agathe war das fürchterlichſte Schickſal, das ſie treffen konnte, beſtimmt und zweifellos eingetreten: ſie hatte ihren Gatten, die Kinder hatten ihren Vater verloren. Bleich und ohne Thränen ſaß ſie ſtunden⸗ lang in der Ecke, den ſtieren Blick auf den Boden ge⸗ richtet und theilnahmlos für Alles, was ſie umgab. Der Kinder mußte ſich Gertrud annehmen, die inzwiſchen wieder geneſen war, über den ganzen geheimnißvollen Vorgang aber in der Arbeitsſtube ihres Vaters auf deſſen Wunſch das tiefſte Stillſchweigen beobachtete, ſo ſehr ſie ſich auch noch immer von demſelben bedrückt und geängſtigt fühlte— den Fragen der Kinder nach dem Vater mußte Konrad begegnen. Den erſten und zweiten Tag war Agathe die Gaſſen der Stadt hinauf⸗ und hinuntergeeilt, angſtvoll nach ihrem Manne fragend. Aber man hatte die Achſeln gezuckt und Niemand hatte ihr Kunde geben können. Wer mochte ſich auch jetzt, in dieſen Tagen der allgemeinen Kriegsnoth, um einen fremden Dritten 9* 132 kümmern, und was lag jetzt, da ſelbſt das Schickſal der Stadt täglich ungewiſſer und eine Entſcheidungs⸗ ſchlacht zwiſchen dem Kaiſer und der Pfalzgräfin in nächſter Nähe Regensburgs immer wahrſcheinlicher wurde, an einem einzelnen Menſchen, noch dazu, wenn er ein Schneider und überdies ſein ganzes Leben lang halb überſpannt geweſen war wie Fellner? Denn da⸗ für hatte man ihn gehalten, und ſo nahm das gottes⸗ läſterliche Ende, das er nun gefunden, gar Manchen nicht einmal wunder. Nur Konrad und Gertrud hielten feſt an dem Glauben, daß Fellner noch lebe, ſo wenig ſie ſich auch ſein Verſchwinden zu deuten und zu erklären ver⸗ mochten. Von Stunde zu Stunde harrten ſie darauf, daß das Räthſel ſich löſen werde, und jene ſchöne Zuver⸗ ſicht auf ein gutes Ende, die eine ſo freundliche Be⸗ gleiterin der hoffenden, wagenden Jugend iſt, verließ beide auch diesmal nicht, da ſie an ſo ſchlimmen Aus⸗ gang nun einmal nicht glauben konnten, nicht glauben wollten. Daß ſie aber bei ſo trüber Sachlage ihren Kopf oben zu behalten verſtanden, war um ſo beſſer, als für ſie ſelbſt eine andere bedenkliche Frage in den nämlichen Tagen recht dringlich an ſie herantrat. 133 Wenn Konrad nämlich dem Domherrn von Raidenbuch eine ſo nachdrückliche und eingehende Waſſertaufe hatte angedeihen laſſen, wie unſere wahrheitsgetreue Erzäh⸗ lung berichtet hat, ſo war dies gewiß ſchön und ver⸗ dienſtlich, und der Jubel, mit dem auch die blond⸗ lockige, ſiegesfreudige Gertrud mitten in ihrem ſonſti⸗ gen Kummer dieſe neueſte Heldenthat ihres Herzaller⸗ liebſten aufnahm, wird jedem Unbefangenen erklärlich und erfreulich ſcheinen. Anders aber ſtand es ganz gewiß mit dem getauften Domherrn ſelbſt, und es war zehn gegen eins zu wetten, daß er, ſobald er ſich nur in der Sonne wieder getrocknet hatte, nicht lange zögern werde, aus irgend einem Hinterhalte die ihm angethane Beleidigung durch einen rächenden Schlag nach Konrad gut zu machen. Nicht einmal der alte Weitmos, den ſeine Tochter von dem Aben⸗ teuer in des Guttenſteiners Garten mit Stolz unter⸗ richtet hatte, brauchte mahnend auf die Gefahr hin⸗ zuweiſen; die kluge Gertrud war, nachdem ihre erſte Sieges⸗ und Schadenfreude ſich gelegt hatte, was übrigens eine ziemliche Weile währte, ſelbſt nicht ohne Sorge, und ſchnell entſchloſſen rieth ſie ihrem Gelieb⸗ ten, bis die Sache vergeſſen ſei, ſich lieber ganz den ſpähenden Augen des Domherrn zu entziehen und die Stadt je eher je beſſer auf eine Weile ganz zu ver⸗ laſſen. Eine zeitweilige Trennung, die Beruhigung und Sicherheit gebe, ſei, ſelbſt wenn die Herzen ſo lichterloh in Liebe brennten, wie wenigſtens das ihrige, immer noch einer andauernden Sorge und Unruhe vorzuziehen. Ueberdies wußte die umſichtige Gertrud auch ſchon Rath, wohin Konrad ſeine Schritte zu richten habe. Zu Sarching, einem Dorfe an der Donau, wenige Stunden unterhalb Regensburg, lebte ihr eine ent⸗ fernte Verwandte als Beſchließerin in einem Schloſſe, dort konnte Konrad einſtweilen ein ſchützendes Obdach finden. Heute ſtehen von dieſem wehr⸗ und trutzhaften Bau nur die Ringmauern, gleich am Eingang des Dorfes und auch ſchon ſtark zerbröckelt und von grü⸗ nem Moos überwachſen. Innen, wo damals die feſt⸗ gemauerte Burg ſtand, erhebt ſich jetzt zwiſchen Hof und Garten ein ſtattliches Haus, auch ſchon wie⸗ der alt und verwittert, aber freundlich dreinſchauend und gaſtlich lockend, die Wohnung eines Förſters. Der hauſt mit Büchſe und Hirſchfänger nun an der Stelle, wo einſt manch trotziger Burgherr ſein Weſen trieb, und wo einſt Roß und Reiter ihre ſtreitbaren Tage hinführten, da ertönt heute der grasbewachſene Hof nur noch von dem Ruf fröhlicher Waidleute und vom Gekläffe der ungeduldigen Meute. 135 Dorthin ſollte Konrad ſeine Schritte wenden. Agathe war darüber nicht zu befragen. Noch immer ſaß ſie in der Ecke, die Hände im Schooße ge⸗ faltet und die ſchwarzen Haare über das verhärmte und vergrämte Geſicht hängend, ein Bild des tief⸗ ſten Jammers und unſäglichen Schmerzes. So ſetzten denn die beiden Liebenden die Abreiſe für die nächſte Morgenfrühe feſt. Aber die muntere Gertrud mit den blonden Zöpfen und den braunen Augen hatte einen ganz geſunden, ent⸗ ſchieden aufs wirkliche Leben gerichteten Sinn. In der Apotheke ihres Vaters, wo ſie früher gar oft und gern hantierte, war ſie mit Leuten aus allen Ständen und allen Verhältniſſen in Berührung gekommen; dort hatte ſie gar früh das Leid der Menſchheit kennen gelernt und ſchaudernd in die dunkle Nacht der Armuth und Entbehrung geſchaut. Die Schlüſſe, die ſie aus ſolchen Erfahrungen gezogen, waren ſehr einfach und doch von der edelſten Natur: ſie half, wo ſie konnte, theilte die Meinung eines ſpätern tiefſinnigen Weiſen, daß der⸗ jenige ſehr unglücklich ſei, der um zwei Uhr Mittags noch nicht gefrühſtückt habe, und hegte einen ganz ab⸗ ſonderlichen Haß gegen jene Schwachköpfe, welche, im Hrnſt oder aus Heuchelei, alle Schäden der Welt mit gutem Rathe abzuthun meinen. 136 Von dieſem Weſen aus hatte ſie ſich denn auch bald genug mit einem Gedanken, der dem lebensfrohen Konrad auch nicht einmal im Traume kam, beſchäftigt 1 und der einfach darauf hinaus lief, daß der gute Burſche, jeder Mittel bar, nachdem er des Staufers Dienſt ſo jäh verlaſſen hatte, leicht genug in Noth ge⸗ rathen könne und daß auch die arme Agathe, ihres Gatten wie ihres Bruders beraubt, gerade jetzt mit ihren Kindern nachhaltiger Unterſtützung bedürfe. Die Anſtellung, die Lyskirchner aus Dankbarkeit verſprochen, konnte noch eine geraume Weile auf ſich warten laſſen; daß Konrad in Kriegsdienſte trat, die ſich ihm am leichteſten und ſchnellſten geboten hätten, litt Gertrud ſo wenig, daß ſie ihm darauf ſchon ſein Manneswort abgenommen hatte; andererſeits aber war kaum mit Sicherheit vorauszuſehen, ob die Verwandte in Sar⸗ ching Konrad auf längere Zeit beherbergen werde, zu⸗ mal wenn ſie ſehe, daß dieſer von allem Beſitz entblößt ſei. So mußte denn, das war ihr einfacher Schluß, Geld geſchafft werden, Geld in jedem Fall und Geld für jeden Fall. Konnte doch Niemand vorausſagen, in † welche Lagen Konrad durch dieſen plötzlichen Wechſel der Dinge gerathen werde; Gertrud aber wußte, daß Geld mächtiger ſei als der Blitz, daß es auch Felſen zu ſprengen vermöge, und ihr dunkles Auge leuchtete 137 in doppelter Schönheit auf bei dem Gedanken, daß der Geliebte ihr, ihrer Hand die Sicherheit der näch⸗ ſten Tage verdanken werde. Daß ſich ſein Stolz wei⸗ gern könne, zu nehmen, daran dachte ſie nicht; gehörte ihm doch Alles, was ſie beſaß. Noch in den Nachmittagsſtunden deſſelben Tages, am welchem ſie ſich mit ſolchen Erwägungen beſchäf⸗ tigt hatte, ging ſie, ihre kleinen Schätze zu muſtern. Aus einer wohl mit Eiſenſchlöſſern verwahrten Lade holte ſie ihren goldenen und blitzenden Reichthum her⸗ vor. Sein Haupttheil beſtand in einem ſchweren, maſ⸗ ſiv gearbeiteten und reich mit Steinen beſetzten Gold⸗ ſchmuck, den ſie ihrer zu früh verſtorbenen Mutter verdankte. Ihn ließ ſie unberührt; daneben aber lag ein ſchmaler Kopfreif, zierlich aus Gold getrieben, den ſie einſt von einer vornehmen Dame zum Geſchenk er⸗ halten, welcher die Heilkunſt ihres Vaters das Leben gerettet hatte. Dieſen Reif holte ſie hervor; prüfend hielt ſie ihn eine Weile in ihren Händen. Dann drückte ſie ihn vorn in ihr reiches Goldhaar, daß die daran hängenden runden Goldplättchen in die ſchmale weiße Stirn fielen. Der leuchtende Reif ſchmückte ſie wie eine Königin. Langſam und vorſichtig löſte ſie ihn wieder aus den Haaren, ruhig, wie ſie ihn herausge⸗ 138 nommen, legte ſie ihn wieder in das kleine Käſtchen, das ihm zur Aufbewahrung diente. Als es Abend geworden war, band Gertrud ihre goldnen Zöpfe hinauf und verbarg ſie unter einer ſchmuckloſen Haube, die den ganzen Hinterkopf be⸗ deckte Im faltenreichen Mantel, der ihre Geſtalt bis zu den Füßen verhüllte, und das Käſtchen unter dem Arme, eilte ſie klopfenden Herzens zum Hauſe hinaus, heimlich und ſcheu, denn ihr Weg hatte kein geringeres Ziel als das Judenquartier. Das Judenquartier ſtand in jenen Tagen auf dem heutigen Neupfarrplatz, und mit ihm waren alle Begriffe des Scheußlichſten und Fürchterlichſten ver⸗ bunden. Man ſprach von ſchweren Verbrechen, die hier ſchon begangen worden ſeien, von der Ermordung chriſtlicher Kinder, die das Judenquartier ſchon ge⸗ ſehen, und von andern haarſträubenden Dingen, die Gertrud, ſo vorurtheilsfrei und klar denkend ſie auch ſonſt ſein mochte, doch nicht ganz abgeneigt war zu glauben. Der maßloſe Haß der Chriſten gegen die Söhne Iſraels, zunächſt hervorgerufen durch den un⸗ begrenzten, rückſichtsloſen Wucher, mit welchem die jüdiſche Sippe das Chriſtenvolk auszuplündern und auszuſaugen ſuchte, hatte damals bereits ſeinen Höhe⸗ punkt erreicht, und wenige Jahre nach unſerer merk⸗ und denkwürdigen Geſchichte fiel denn auch das ganze Judenquartier dem chriſtlichen Fanatismus und der chriſtlichen Rachgier zum Opfer. Die Juden wurden vertrieben, ihre Häuſer zertrümmert, das Quartier dem Erdboden gleichgemacht, und an der Stelle der ge⸗ ſchändeten Synagoge, aus welcher die Juden wehkla⸗ gend und mit zerriſſenen Kleidern ihre Heiligthümer gerettet hatten, erhob ſich bald darauf die Kirche zur ſchönen Maria, die heutige Neupfarrkirche. Der Gang, den Gertrud hierher unternahm, ſchloß darum auch ein wirkliches Opfer in ſich, und es war ihr nicht zu verargen, wenn ihr das Herz immer ängſt⸗ licher ſchlug, je näher ſie dem gefürchteten Stadtviertel kam, und wenn ihre Schritte immer kleiner und zaghafter wurden. Dennoch huſchte ſie entſchloſſen durch die Volksmenge hin, welche nun bei der einbrechenden Abendkühle in den Gaſſen wogte, immer längs der Häuſer, damit ſie weniger Gefahr laufe, beachtet zu werden, und immer die Hand feſt um das Schmuck⸗ käſtchen gepreßt, das ſie heute ihrer Liebe zum Opfer bringen wollte. Wenn nur dieſe häßlichen Spukge⸗ ſchichten nicht geweſen wären! In ihren Schläfen pochte es heiß und ihr war, als wenn Jemand mit Gewalt ſie zurückrufen, ſie zurückhalten wolle. Wenn nur wirk⸗ lich Jemand gerufen hätte! Aber unaufgehalten ſchritt ſie 140 durch die Menge. Da lag das Judenquartier, ſchwarz, ſchmuzig; ein garſtiger Dunſt von der Farbe des Blutes ſchien ihr auf ſeinen verrußten Dächern zu la⸗ gern. Es war aber nur der voſige Schimmer des Abends, der noch einmal über die Zinnen der alten Stadt dahinfluthete. Das Thor zur Judengaſſe ſtand noch offen; ein paar zerlumpte Judenknaben ſpielten auf dem Boden vor demſelben und ſtarrten das ſchüchterne Chriſtenkind, das ſeinen Weg gerade gegen die Judengaſſe nahm, mit verwunderten Augen an. Betrat überhaupt ſelten ge⸗ nug ein Chriſt das Judenquartier, er mußte es denn in Amtsgeſchäften thun und verfehlte dann nie, ſich mit einer ſtattlichen Schaar Bewaffneter zu umgeben, ſo war es doch geradezu unerhört, daß ein Chriſten⸗ mädchen zu dieſer Zeit ſich der Judengaſſe zu nähern wagte. Noch ein Schritt, und Gertrud ſtand in dem gefürchteten Quartier, bei deſſen bloßer Nennung ſie früher ſchon geſchaudert hatte Feſter zog ſie ihren Mantel um ſich, wie wenn ihr dieſer Schutz verleihen ſollte. Dicke, dumpfige Luft ſchlug ihr entgegen; denn in dieſe lange, enge Gaſſe mit den dicht zuſammengedrängten, vier und fünf Stockwerk hohen Häuſern, deren Dächer ſich zu be⸗ rühren ſchienen, drang nie ein Strahl der goldenen 141 Himmelsſonne. Niedrige Fenſter, blinde Scheiben, halb⸗ morſche Thüren, dunkle ungedielte Hausfluren, in denen ſich die Bewohner geſchäftig herumtrieben oder plau⸗ dernd zuſammenſtanden, und gleichmäßig über das Alles verbreitet, über die Gaſſe, die Fenſter, die Schei⸗ ben, die Thüren und Hausbewohner, jener liebliche Mangel an Reinlichkeit, der die Söhne Israels und ihre Frauen von jenen Tagen, da ſie an den Waſſern Babylons ihre Harfen an die Trauerweiden gehängt haben, bis in die Gegenwart mit unverbeſſerlicher Aus dauer begleitet hat. Wüſtes Geſchrei da und dort, kreiſchende Kinderſtimmen und dann und wann aus den Häuſern ein aufleuchtendes Licht, deſſen greller Strahl das Unheimliche der Umgebung noch erhöhte. Dunkle Männergeſtalten in langen Gewändern trieben ſich in der Gaſſe umher, mit ſpitzen Bärten nnd mit gedrehten Locken an den Schläfen. Um ihre Kopfbedeckung trugen ſie einen gelben Ring. Gleich den Weibern, welche„an der Unehre ſitzen“, waren ſie gezwungen, durch ſolches Abzeichen Jedermann und überall ihre Abſtammung kund zu thun. Nicht lange konnte ihnen Gertrud unbemerkt blei⸗ ben, ein junger Burſche trat auf ſie zu, von wüſtem Ausſehen und mit frechem Blick. Neugierig betrachtete er einen Augenblick das Mädchen, dann ſtreckte er ſeine 142 ſchmuzige Hand nach ihr aus. Gertrud wich ſchau⸗ dernd zurück, daß die Umſtehenden laut auflachten. Da legte ſich eine Hand auf den Arm der Er⸗ ſchrockenen. Ein Mädchen ſtand vor ihr mit feinen vrientaliſchen Geſichtszügen und großen, dunklen Augen. „Ich kenne Dich“, ſagte ſie freundlich,„folge mir.“ Nit dieſen Worten faßte ſie Gertrud ohne weiteres an der Hand und führte die nicht Widerſtrebende mitten durch die Männer ein paar Schritte die Straße ent⸗ lang. „Ich heiße Judith“, ſagte ſie noch mit ihrer klang⸗ vollen Stimme, wie um Gertrud Muth einzuflößen, deren Furcht ſich nur zu deutlich verrieth. Dann ſchritten beide ſchweigend nebeneinander her, Gertrud mit ſchwerem und beklommenem Herzen; ſie würde in dieſem Augenblick bei aller Liebe zu Konrad wohl viel darum gegeben haben, wenn ſie das ganze Wagſtück nicht unternommen hätte. Vor einem ſchmalen, hohen Hauſe, in deſſen Haus⸗ flur ein paar ältere Frauen mit Kindern beiſammen ſaßen, hielten ſie. Eine kleine Laterne, die an der von Alter und Rauch geſchwärzten Decke hing, warf den Eintretenden ihr kümmerliches, rothgelbes Licht entgegen, und von den Frauen ſprang die älteſte, der Judith ein paar Worte in fremder Sprache zuge⸗ 143 rufen, haſtig auf. Es war eine hohe, dunkeläugige Geſtalt; nachtſchwarze Haare fielen ihr halbgelöſt auf Schultern und Nacken, die von einem rothen, vorn über der Bruſt nur nachläſſig zuſammengeſchobenen rothen Tuch bedeckt waren. „Meine Großmutter“, flüſterte Judith ihrem Schützling zu, und Gertrud war Weib genug, um ſelbſt noch in dieſem Augenblick der Sorge und Aufregung heimlich die neue Erſcheinung anzuſtaunen, die in ih⸗ rem Antlitz und ihrer Geſtalt noch immer die Spuren früherer hoher Schönheit zeigte. Die Alte hatte, da ſie überraſcht aufgeſprungen war, ſofort bemerkt, daß den beiden eintretenden Mäd⸗ chen ein Haufe Burſchen nachdrängen zu wollen ſchien. Ohne Zögern warf ſie die ſchwere, aus zwei unglei⸗ chen Hälften beſtehende Hausthür mit ihrem untern Theile zu, indeß der obere, größere ſeitwärts an die Mauer zurückgeſchlagen blieb. Die Burſchen wichen ſcheu in die Gaſſe zurück, verfolgt von den Drohreden der alten Frau, deren hohe Geſtalt ſich ſcharf von dem rothen Lichtſchein abhob, der durch die Thür in die dunkle Gaſſe fiel. „Zurück!“ rief ſie dräuend und mit erhobenem Arm.„Wer von Euch hat die Stirn, ein fremdes Mädchen hierher unter das Dach des großen Rabbi 144 Eleazar zu verfolgen? Bei Euren Dirnen bleibt, dieſen Eure lüſternen Worte ins offene Ohr zu flüſtern! Beim Zorne Jehovah's, ſeid Ihr nicht ſchon verachtet und verhaßt genug? Wollt Ihr noch mehr die Wuth des Chriſtenvolkes über Euch entfeſſeln, daß ſie wie ein Fels, den die Stürme losgeriſſen haben, auf Eure übermüthigen Häupter herabſtürze und Euch zermal⸗ mend vernichte?“ Wie in prophetiſchem Tone hatte die Alte geſpro⸗ chen, und ihre Augen hatten in wildem Feuer geglänzt. Jetzt ließ ſie den erhobenen Arm fallen und wandte ſich, offene Freude im Antlitz zu den beiden Mäd⸗ chen. „Biſt Du nicht Gertrud“, rief ſie,„des weiſen, großherzigen Heilkundigen Tochter?“ Gertrud bejahte ſchüchtern die Frage. „So ſei Dein Nahen geſegnet und Segen ent⸗ ſprieße den Fußtapfen Deines Weges. Hat nicht Dein Vater bange Nächte mit mir durchwacht an dem La⸗ ger meiner fieberglühenden Tochter Sarah und weinte mit mir, da Gott ſein Auge von uns wandte und die Blume Israels hinwelken mußte wie eine Roſe im heißen Sand der Wüſte? Aber Gott der Herr hat in reichem Lohne ſeine Hand über ihn gehalten: wer Dich anſieht, der rühmt Deine Lieblichkeit, und Dein Herz iſt gut und Deines Vaters Alter wirſt Du ver⸗ ſorgen und Du wirſt ihn ergquicken.“ Gertrud erröthete bei ſolchem Lobe bis zu den Schläfen; mit ſchüchterner Stimme trug ſie der Alten ihr Anliegen vor. Dieſe wog den ihr zum Verſatz an⸗ gebotenen Gvldreif prüfend in der Hand. Dann gab ſie Gertrud einen Wink, ihr zu folgen. Sie ſtieg die enge, finſtere Treppe hinan, welche auf der einen Seite der Hausflur hinauf in das obere Stockwerk führte. Die Stufen krachten bei jedem Schritt, und Gertrud ward, indem ſie zögernd Fuß um Fuß in die Höhe ſetzte, wieder recht ängſtlich zu Muthe. In der Mitte der Treppe blieb die Alte plötzlich ſtehen. „Erwarte mich hier“ ſagte ſie halblaut, ſich rück⸗ wärts zu Gertrud wendend,„wir würden ihn ſtö⸗ ren.“ Gertrud fiel bei dieſen Worten ein Stein vom Herzen. Die Alte ſchritt durch die Dunkelheit weiter die Stufen hinauf. Oben öffnete ſie eine Thür, die ſie beim Eintreten ins Zimmer nicht wieder hinter ſich ſchloß. Ein ſpärlicher Lichtſchein ſiel auf die Treppe, und Gertrud ſah oben im Zimmer, nahe dem Fenſter vor einem kleinen Tiſche, einen alten ehrwür⸗ digen Mann ſitzen. Derſelbe hatte einen ſchneeweißen Bart, der ihm bis weit über die Bruſt reichte, und Oelſchläger, Novellen I. 10 146 trug ein langes ſilbergraues Gewand, das vorn auf der Bruſt mit großen ſilbernen Krampen zuſammenge⸗ halten ward. Das vorgebeugte Haupt mit dem präch⸗ tigen Profil, den weißen, buſchigen Brauen und der mächtig gewölbten Stirn auf die rechte Hand geſtützt, ſchien er bei dem kümmerlichen Lichte, das vor ihm ſtand, eifrig in einem großen Buche zu leſen. Auch beim Eintreten von Judith's Großmutter veränderte er ſeine Stellung nicht. Gertrud ſah ihre ſchützende Begleiterin, die ſie hierher gebracht hatte und ihr nun auch auf die Treppe gefolgt war, fragend an. „Kennſt Du nicht Rabbi Eleazar“, fragte dieſe entgegen,„den berühmten Schriftgelehrten? Er iſt mein Urgroßvater, und unſer Volk nennt ihn ehrend Chereb chadda, ſcharfſchneidiges Schwert, wegen ſeines Scharf⸗ ſinns und hohen Verſtandes.“ „Dein Urgroßvater?“ fragte Gertrud erſtaunt. „Er iſt es.“ „Und in ſo hohem Greiſenalter lieſt er, arbeitet er noch?“ „Er verläßt den ganzen Tag über und oft auch die halbe Nacht ſeinen Lehnſtuhl nicht. Er bringt ſeine Zeit nur in Gebeten zu, oder er forſcht im Tal⸗ mud.“ „Kümmert er ſich ſo gar wenig um die Dinge der Welt?“ „Das ganze Leben, wie wir es um ihn führen, ſagt er, mit all ſeinen Leidenſchaften, ſeinen Hoff⸗ nungen, ſeinen Befürchtungen ſei eitel Schein und nicht der Beachtung eines wahrhaft Weiſen werth.“ „Und wie heißt das Buch, in welchem Dein Ur⸗ großvater lieſt?“ fragte Gertrud neugierig wieder. „Es heißt der Talmud.“ „Ich habe nie etwas davon gehört“, entgegnete Gertrud verwundert. „Rabbi Eleazar ſagt, der Talmud ſei der Inbe⸗ griff alles menſchlichen Wiſſens, und wer ihn verſtehe, dem ſei keine Wiſſenſchaft verborgen.“ Gertrud wollte ihrem Erſtaunen neuen Ausdruck geben, als Judith's Großmutter wieder in der Thür erſchien und dieſe hinter ſich ſchloß. Sie ſtiegen die Treppe hinunter in die Hausflur, wobei Gertrud auch diesmal eine beſondere Behutſam⸗ keit zu zeigen und mit ganz beſonderer Vorſicht ihr kleines Füßchen auf die knarrenden Treppenſtufen aufzuſetzen ſchien, gleich als ſcheue ſie ſich, den ehrwürdigen Greis da oben in ſeinem Sinnen und Forſchen zu ſtören. Judith's Großmutter bemerkte es wohl, und ein freundliches Lächeln glitt über ihr Geſicht. 10* Dann drängte ſie Gertrud mit einer gewiſſen Haſt gegen die Hausthür. Das Mädchen ſtand ſchon halb auf der Straße, als ihr die Alte eine Anzahl Gold⸗* ſtücke mitſammt dem Reifen in die Hand drückte. „Auch ein Jude vergißt empfangener Wohlthaten nicht“, ſagte ſie dabei;„eher möge der Gott ſeiner Väter ſein und ſeiner Kinder vergeſſen.“ Bevor die Erſtaunte nur antworten, nur danken konnte, war ſie von Judith raſch mit fortgezogen worden, und in der That hatten ſie Grund zur Eile, denn die Nacht war inzwiſchen völlig hereingebrochen und eben ſollte die Judengaſſe geſchloſſen werden. In flüchtigem Lauf ereilten die beiden Mädchen das Ende der Straße, noch ein„Gute Nacht!“ und kra⸗ chend fiel das Thor ins Schloß als trennende Mauer zwiſchen der Chriſtentochter und dem Judenmädchen. Gertrud athmete tief auf. Das Schwierigſte, was ſie noch in ihrem Leben gewagt, war überſtanden, war glücklich überſtanden, und nur der alte Herrgott oben vermochte ganz die Aufrichtigkeit ihrer Empfin⸗ dung zu würdigen, mit welcher ſie ihm jetzt dankte, daß ſie nicht beraubt, nicht ausgeplündert, nicht meuch⸗ lings ermordet worden war. Denn das war doch eigentlich das Geringſte, was ihr an ſo unheimlichem Orte hätte füglicherweiſe begegnen können. 149 Beflügelten Schrittes wandte ſie ſich gegen die Geſandtenſtraße und dem väterlichen Hauſe zu; ihr war ſo leicht, ſo fröhlich zu Muthe, daß ſie den Erd⸗ boden gar nicht zu berühren ſchien, und das Herz war ihr übervoll von Glück und Glückſeligkeit. Wenn ſie Konrad jetzt hätte ſehen können, wie ihr dunkles Auge lachte und wie ihr das ganze holde, liebe Ge⸗ ſichtchen ſtrahlte! Feſt an die Bruſt gedrückt hielt ſie wie vorhin, da ſie denſelben Weg zaghaft gewandelt war, den Reif mitſammt den koſtbaren Goldſtücken und dachte dabei bald an Konrad und Agathe, denen das Alles ſo herrliche Dienſte leiſten ſolle, bald an Judith, die ihr ſo freundlich zu Hülfe gekommen war, dann an die ſtattliche Alte, die ihr ſo viel Güte ge⸗ zeigt hatte, und zuletzt an die feierliche Erſcheinung des großen Rabbi Eleazar, der ihr in dieſem Augen⸗ blick ſchon wie ein Traumbild vorkam. Alle dieſe Ge⸗ danken wirbelten ihr durch den kleinen Kopf, und ſie war ſo ſehr mit ihnen beſchäftigt, daß ſie auf nichts Anderes Acht hatte und bei einem Haar von einer wilden Schaar Menſchen, die eben um eine Straßen⸗ ecke durch die Nacht ihr in den Weg geſtürmt kamen, über den Haufen gerannt worden wäre. Erſchrocken ſtand ſie ſtill. Die Nacht war hell genug, um ſie erkennen zu laſſen, daß die vorüber⸗ 150 fliehenden Menſchen den Ausdruck des tiefſten Ent⸗ ſetzens zeigten, und nun hörte ſie auch jenen einzigen Ruf, den ſie mehr fürchtete als die Poſaunenſtöße des jüngſten Gerichts:„Die dicke Agnes! Die dicke Agnes!“ Alſo doch! Einen Augenblick drohte Gertrud die Beſinnung zu verlaſſen, dann warf ſie einen Blick in die Straße zur Linken, die hinauf gegen St.Emme⸗ ran führt und aus der die Flüchtigen hergeſtürmt kamen. Sie ſah von dort durch die Dunkelheit der Nacht eine große, dicke, weiße Geſtalt von unbeſtimmten Umriſſen ſich langſam näher bewegen; Alles floh vor ihr, und wer Geld bei ſich hatte, warf es aus ſeinen Taſchen dem fürchterlichen Geſpenſt zu, das eben in langgezogenen Klagetönen jenen ſchrecklichen Jammer⸗ geſang anhob, den Agathe erſt vor wenigen Tagen in ihrer traulichen Wohnſtube zum Beſten gegeben hatte. Wie hatte der zweifelnde Fellner ſich damals über das Lied und über das Geſpenſt luſtig gemacht! Nun hätte er ſich von der Wahrhaftigkeit beider überzeugen kön⸗ nen, wenn er überhaupt noch am Leben war; nun hätte er die beſte Gelegenheit gehabt, mit dem ent⸗ ſetzlichen Geſpenſt die intimſte Bekanntſchaft zu machen. Aber an alles dies dachte Gertrud in dieſem 15¹ Augenblick wahrhaftig nicht. Hätte ſie nicht den Reif und die Goldſtücke bei ſich gehabt, wäre ſie wohl ſo⸗ fort bewußtlos auf das Straßenpflaſter geſunken und hätte die dicke Agnes in Gottes oder der Hölle Na⸗ men über ihre ſchöne Leiche ruhig hinſchreiten laſſen. Nun aber galt es, Beides vor dem habſüchtigen Ge⸗ ſpenſt zu retten, Reifen und Goldſtücke, und das im Liede der dicken Agnes verſprochene Seelenheil lieber zehnmal in die Schanze zu ſchlagen, als es ſich durch die Hingabe dieſer werthvollen und koſtbaren Gegen⸗ ſtände zu erkaufen. Wie ein geſcheuchtes Reh floh ſie, mit pochenden Schläfen, mit fliegendem Mantel. Sie ſah ſich nicht um, ſie wandte ſich nicht, ſie floh und floh, um end⸗ lich halb ohnmächtig vor ihres Vaters Haus anzukommen. Sie vermochte noch an die verſchloſſene Thür zu pochen, dann ſank das ſchöne Kind bleich und kraftlos auf den kalten Steinſtufen zuſammen. Mit Mühe trug man ſie ins Haus, und nur allmälig er⸗ holte ſie ſich von dem gehabten Schrecken. Sie erzählte ihr Abenteuer, wobei ſie freilich den gefahrvollen Be⸗ ſuch im Judenquartier verſchwieg. Der alte Weitmos war aufs äußerſte beſtürzt. Noch war ihm trotz jenes räthſelhaften Spuks in ſeiner Arbeitsſtube auch nicht im Traume beigefallen, an die wirkliche Exiſtenz 152 der dicken Agnes zu glauben. Aber wenn ſeine kluge, verſtändige Tochter, wenn Gertrud ſelbſt ſie geſehen hatte! Wenn dieſe ſelbſt vor dem Geſpenſt hatte fliehen müſſen! Voll Erregung ſchloß er ſein Kind in ſeine väterlichen Arme und küßte ſie auf die weiße Stirn und war voll Rührung und Dankes gegen Gott, der ſein Kleinod und den Stern ſeines Lebens ſo ſichtbarlich in ſeinen gnädigen Schutz und in ſeine fürſorgende Obhut genommen hatte. Auch Konrad ward am folgenden Morgen durch Gertrud's Erzählung einigermaßen aus der Faſſung gebracht. Mehr noch als die Begegnung mit dem Ge⸗ ſpenſt indeſſen beunruhigte ihn nachträglich ihr Beſuch in der Judengaſſe, an dem freilich auch nichts mehr zu ändern war. Denn wenn er an die dicke Agnes nur halb glaubte, ſo glaubte er um ſo feſter an die Juden und an alle die Tücken, die von ihnen im Volke umgingen. Um ſo mehr aber mußte es auch ſein Herz rühren, daß Gertrud dieſen Schritt, der nach ſeinem Glauben für ſie ſo verhängnißvoll hätte werden können, gerade ihm und ſeiner Schweſter zu Liebe gewagt hatte, und wenn auch zum begreiflichen Bedauern Gertrud's er ſelbſt der ſo freundlich gebotenen Gabe nicht mehr bedurfte, ſo blieb dieſelbe doch für Agathe und deren Kinder noch immer in hohem Grade willkommen. Während nämlich Gertrud nach dem Judenquar⸗ tier gegangen war, hatte ſich noch ſpät am Abend ein Bote des Kämmerer Lyskirchner eingeſtellt, der Kon⸗ rad die angenehme Nachricht von ſeiner Anſtellung als Söldner im Dienſte der Stadt brachte. Er möge ſich, ließ Lyskirchner ſagen, einſtweilen an dieſer Stel⸗ lung, die ja nur ein Nothbehelf ſein ſolle, genügen laſſen, bis es ſpäter gelingen werde, für ihn zur rech⸗ ten Zeit eine paſſendere und ſeinen Wünſchen entſprechen⸗ dere zu finden. Willkommen war dieſer Söldnerdienſt, an dem Gertrud nur ſehr wenig Gefallen zu finden vermochte, auch für Konrad nur darum, weil er nun nicht mehr die Stadt verlaſſen zu müſſen glaubte und weil er hoffen durfte, daß er gerade als Diener des Rathes nun auch von den Rachegelüſten des Domherrn nicht mehr ſo unmittelbar bedroht ſein werde wie bisher. Der gute Junge ahnte nicht, wie er gerade dieſen am allerwenigſten mehr zu fürchten hatte. Als nämlich an jenem ereignißreichen Nachmittag der Junker von Guttenſtein ſich genugſam an dem pa⸗ niſchen Schrecken ergötzt hatte, den die unvermuthete Erſcheinung ſeines zottigen Freundes Petz in allen Straßen der Stadt verbreitete, war er mit dem Bä⸗ ren wieder heimwärts getrollt und eben dazu gekom⸗ . 154 men, wie der Domherr in ſeinem Garten auf und ab ſpazierte und dabei trotz der herrſchenden Hitze juſt diejenigen Stellen mit beſonderem Vorbedacht aufzuſu⸗ chen ſchien, die den glühenden Strahlen der Sonne am meiſten ausgeſetzt waren. Der Grund dieſes ſeltſamen und auffallenden Ge parens ward dem Junker ſofort klar, als er näher kam. Der Domherr war im Begriff, ſich an der Sonne zu trocknen. Mit wenigen Worten der Entrüſtung hatte er die Frevelthat erzählt, die man an ihm ausgeübt hatte. Wenn er aber gewillt war, dabei auch auf die Theil⸗ nahme ſeines Freundes, des Junkers, zu rechnen, ſo hatte er die Rechnung vollſtändig ohne den Wirth ge⸗ macht. Denn dieſer lachte ſo gewaltig, daß der ganze Garten davon widerhallte und die Tauben aufgeſchreckt davonflogen. Sein kirſchrothes Antlitz ſchien bei den wiederholten Lachanfällen, deren Mächtigkeit und Dauer ſich überdies beſtändig zu ſteigern ſchien, berſten zu wollen, und mit thränenerſtickter Stimme gab er dem Domherrn die glaubwürdige Verſicherung, daß er ſeit langem keine ſo heitere und unterhaltende Geſchichte gehört habe als dieſe. Der Domherr wußte, daß unter ſolchen Umſtän⸗ den mit dem Junker nichts weiter anzufangen war⸗ und begnügte ſich deshalb, ſeinen neuen Unmuth hinab⸗ zuwürgen, indem er nur ſeinen Wirth noch auf den Brief aufmerkſam machte, den Konrad im Garten zu⸗ rückgelaſſen hatte. Dann rauſchte er wieder zornes⸗ muthig durch den Garten, ſich aufs neue dem Ge⸗ ſchäfte des Trocknens hingebend, mit dem er übrigens ſchon ganz achtungswerthe Reſultate erzielt hatte. Der Junker band erſt ſeinen Bären feſt, dann hob er den Brief im Graſe auf und öffnete ihn. „Vom Staufer“, ſagte er, nachdem er ihn geleſen⸗ Den Domherrn intereſſirte der Brief im Augen⸗ blick nur ſehr wenig; jetzt war ſein prieſterliches Herz nur von ganz abſcheulichen Racheplänen gegen Konrad erfüllt, und der wackere Junker Hans von Guttenſtein ſchien ihm hierzu gerade das geeignete und paſſende Werkzeug zu ſein. Aber der Junker zeigte nicht die geringſte Luſt, auf ſeine ſchon ſo fein ausgeſponnenen Pläne einzu⸗ gehen. „Helft Euch, wie Ihr könnt“, ſagte er trocken, indem er in der Grotte ſeinen Becher füllte und dann mit ſchwerem Schritt und die Hände auf dem breiten Rücken behaglich das Baſſin umwandelte. Plötzlich blieb er wieder ſtehen und brach aufs neue in jenes brüllende Gelächter aus, das nun 15⁵6 einmal eine ſeiner berechtigten Eigenthümlichkeiten bildete. „Wahrlich“, ſagte er,„ich hätte was darum gege⸗ ben, Euch hier in dem Brunnen liegen zu ſehen, ge⸗ rade Euch, hochwürdiger Herr, weil Ihr das Waſſer ſo gründlich haßt. Sagt, ſeid Ihr zuerſt mit den Beinen hineingerathen, oder habt Ihr Eurem geweih⸗ ten Haupte den Vortritt gelaſſen?“ Der Domherr hielt es für angemeſſen, dieſe letz⸗ tere ſo harmlos an ihn gerichtete Frage unbeantwortet zu laſſen und dafür dem Junker wiederholt zu Gemüth zu führen, daß durch Konrad ſein eigentliches Haus⸗ recht verletzt, daß er ſelbſt in ſeinem Gaſte beleidigt und daß es darum vor allem ſeine, des Junkers, Sache, ſei, ihm, dem Domherrn von Raidenbuch, für den Wurf ins Waſſer Genugthunng zn verſchaffen. Aber der gute Junker konnte ſehr hartköpfig ſein und leider war er es gerade heute. „Helft Euch, wie Ihr könnt“, wiederholte er„ich vermag nichts für Euch zu thun. Soll ich den Bur⸗ ſchen etwa durch meine Leute unſchädlich machen laſ⸗ ſen? Und wenn ich das Euch zu Liebe auch wollte, ich darf es nicht mit dem Rathe verderben, jetzt nicht, da mir der Staufer ſchreibt, daß ich mich für ihn und die Herausgabe der pfalzgräflichen Güter beim Rath verwenden ſoll.“ „Was geht Euch der Staufer an?“ fragte der Domherr verdrießlich. „Er hat mir vor wenig Monden das Leben ge⸗ rettet, da die Nürnberger einen Fehdebrief gegen mich anſchlugen und einen heimtückiſchen Mordgeſellen ge⸗ gen mich ausſandten. Von dem bekam der Staufer zur rechten Zeit Kunde und hat ihn, ohne daß ich von der drohenden Gefahr noch eine Ahnung hatte, von der Straße weggefangen und den Hund auf die Seite geſchafft.“ „Wie gehört das hierher?“ fragte der Domherr noch verdrießlicher als vorhin. „Ich ſagte es Euch ja ſchon“, rief der Junker nun auch ſeinerſeits ungeduldig,„ich bin dem Stau⸗ fer für ſolchen Dienſt verpflichtet und will dafür ſeine Sache beim Rath vertreten, wenngleich, fürcht' ich, es nicht viel fruchten wird. Aus demſelben Grund aber kann ich Euch nicht zu Dienſten ſein. Ueberhaupt laßt mich doch mit Euren Geſchichten und Abenteuern zu⸗ frieden. Was geht Euch auch des Schneiders Frau an?“ Der Domherr erkannte, daß des Junkers ſchlechte Laune im Steigen und daß ſeine Sache bei ihm für heute verloren ſei. Er hielt es unter ſolchen Umſtän⸗ 158 den für gut, ſich zurückzuziehen, und erklärte ſeine Gewän⸗ der für trocken. Der Junker wünſchte ihm Glück dazu Mit kühlen Worten trennten ſie ſich. Als der dicke Junker aber den Domherrn ſo ver⸗ drießlich und unmuthsvoll unter den Bäumen hingehen ſah, reizte ihn wieder ſein Neckgeiſt. Denn er war heimlich voll Schadenfreude und gönnte dem Domherrn die ihm widerfahrene Unbill wohl. Dieſer wollte eben unter der Thür verſchwinden. „Hochwürdiger Herr“, rief ihm der Junker nach, „Ihr habt doch Euere ſchönen Würfel nicht im Waſſer verloren? Ich habe Sorge darum und will in ſolchem Falle den Brunnen gern ablaufen laſſen.“ Der Domherr, der den Spott herausfühlte, wür⸗ digte den Junker auch diesmal keiner Antwort; der aber ging voll Lachens zu ſeinem Bären, kraute ihn hinter den Ohren und gab dem brummenden Thiere von den ſchönen rothen Aepfeln zu freſſen, die es ſo ſehr liebte. i Sich vor den Racheplänen des Domherrn zu fürchten, hatte alſo Konrad noch viel weniger Grund, als er dachte. Um ſo mehr aber fürchtete ſich die blondlockige Gertrud vor der dicken Agnes und dies zwar insbeſondere darum, weil Konrad gerade als Söldner der Stadt, der für den Schutz und die Sicherheit der Regensburger Bürger bei Tag und bei Nacht Sorge zu tragen hatte, am leichteſten Gefahr lief, ihr auf ſeinen abendlichen Rund⸗ gängen zu begegnen. So war es nur natürlich, daß der Abſchied, den Gertrud allabendlich von ihrem Herz⸗ liebſten nahm, wenn er auszog mit Pike und Schwert, ſeine bürgerlichen Obliegenheiten zu erfüllen, ſtets ſo chmerzerfüllt und herzzerreißend war, als wenn er aus ſhrer Umarmung weg ſich mitten in das dichteſte Ge⸗ iwühl einer Schlacht geſtürzt hätte. Konrad ſeinerſeits ging ſeinen neuen Pflichten täglich eifriger und ſorg⸗ 160 fältiger nach. Denn das Haus ſeiner Schweſter war noch immer ein Haus der Trauer; Fellner war noch immer nicht wieder zum Vorſchein gekommen, und nur mit Mühe gelang es, der trauerbefangenen Agathe wenigſtens zeitweiſe wieder einige Theilnahme für die Dinge und Menſchen außer ihr abzuzwingen. Bei ſolchen Zuſtänden wurde es, wie geſagt, Kon⸗ rad zu eng und dumpf im Haus. So ſehr er früher um jede Minute gegeizt hatte, die er mit Gertrud koſend verplaudern konnte, jetzt war ſeinem jungen Herzen nur wohl unter freiem Himmel, ja, er ſehnte ſich nach irgend etwas Großem, um das Unheil im Hauſe ſeiner Schweſter vergeſſen zu können, und am liebſten wäre er in ſeinem Un⸗ und Uebermuthe noch der dicken Agnes ſelbſt begegnet, um dieſem merkwür⸗ digen Geſpenſt einmal Auge in Auge zu ſehen. Und immer lebhafter wurde ſolcher Wunſch in ihm, immer reger ſolches Verlangen; aber er hatte kein Glück, denn die dicke Agnes ſpukte zufällig immer in ganz andern Straßen, als die waren, welche er in jenen Stunden der Nacht Wache haltend durchſchritt, und trieb nun ſchon Tage lang ihr Unweſen mit ſolchen Erfolg, daß die ganze Stadt in immer größeren Schrecken gerieth. Frauen und Geiſtliche namentlich plünderte ſie, ſo zu ſagen, ungeſtraft aus, und kein Landsknecht, kein 161 Söldner wagte vor ihrem Erſcheinen Stand zu halten. So war denn Konrad's Entſchluß gefaßt. Im Kirchhof zu St.⸗Emmeran, hieß es, pflege die dicke Agnes nach ihren Rundgängen in der Stadt immer zu ver⸗ ſchwinden; dort gedachte er das unheimliche Geſpenſt perſönlich aufzuſuchen, heimlich und ohne daß er Jemand zum Mitwiſſer ſeines Wagniſſes gemacht hätte. Drei Abende lang lag er bis tief in die Nacht auf der Lauer, aber umſonſt; ein Regenſchauer jagte den andern und die Luft war kalt. Die Straßen waren wie ausgeſtorben, und auch die dicke Agnes ließ ſich an jenen Abenden nicht ſehen. Vielleicht fürchtete ſie, bei ſolcher Ungunſt des Himmels ſich einen empfind⸗ lichen Geſpenſterſchnupfen zuzuziehen. Aber Konrad war unermüdlich, es gelüſtete ihn durchaus, mit jenem Geiſte ein Wort zu ſprechen. Auch am vierten Abend war er auf ſeinem Poſten. Die ſtädtiſche Söldnertracht von dunkelbrauner Farbe war ſeinem Unternehmen günſtig. Mit ſchwerem Herzen hatte er die bunten Farben des Staufers abgelegt, jetzt freute er ſich doppelt, durch den dunklen Anzug vor unliebſamer Entdeckung geſchützt zu ſein. Langge⸗ ſtreckt und ohne ſich zu rühren lag er auf der Mauer des Friedhofs, zugedeckt von dem Schatten einer Birke, die ihre ſchwankenden Zweige über die Gräber ſtreckte, Delſchläger, Novellen. I. 11 162 und doch im Stande, durch die windbewegten Blätter derſelben mit ſcharfem Auge den ganzen Kirchhof zu überſehen. Der lag hell im Mondſchein da; nur dann und wann glitt ein dunkler Schatten über alle die Gräber und über die weißen Steine hin, wenn eine langſam ziehende Wolke die ſilberne Scheibe des Mon⸗ des für Augenblicke bedeckte. Regte ſich nicht etwas? Konrad's Herz klopfte hörbar und unwillkürlich griff ſeine Fauſt nach dem Schwerte Ein Klang, wie wenn ein eiſerner Riegel geſchoben werde, tönte deutlich durch die Nacht hin. Er kam aus der Richtung dort, wo Konrad gegenüber im Friedhof das Beinhaus ſtand. Das Licht des Mondes fiel hell darauf und jetzt öffnete ſich auch langſam die Gitterthür, die Angeln kreiſchten und eine plumpe, weißgekleidete Geſtalt trat hervor, ohne Zweifel die dicke Agnes. Konrad's Haare ſträubten ſich beim Anblick des ge⸗ geſpenſtiſchen Ungethüms, aber tapfer hielt er auf ſeinem Poſten aus Die fabelhafte Erſcheinung ſchien ſich erſt vorſichtig umzuſehen, dann ſchritt ſie, ſich immer im Schatten haltend, raſch die Mauer entlang auf ein hölzernes Pförtchen zu, das ſich wenige Schritte von Konrad befand und das dieſer längſt vom Alter ein⸗ geroſtet geglaubt hatte. Die dicke Agnes öffnete es, 163 vielleicht durch die unſichtbare Macht eines beſonderen Geiſterſpruchs, vielleicht auch nur durch einen kräftigen Druck der Hand. Sie ſtand auf der Straße und jetzt zog das gefürchtete Geſpenſt dicht unter Konrad hin. Er hätte ihm gleich auf den Geſpenſterkopf ſpringen und hätte ſo durch einen gewaltſamen Ueberfall im beſten Sinne des Wortes das Räthſel dieſes geheimniß⸗ vollen Daſeins löſen können. Aber noch hielt ihn eine unüberwindliche Scheu ab, und feſt an den Mauerrand gedrückt und in athemloſer Spannung ſah er dem Un⸗ gethüm nach, wie es über den Platz wogte und in einer Seitengaſſe verſchwand. Schon hörte er auch in langezogenen Klagetönen das Geſpenſterlied der dicken Agnes. Im Nu wich der Bann, der ihn bis jetzt feſtge⸗ halten. Mit einem Sprung war er von der Mauer und der dicken Agnes auf den Ferſen. Dort ſpukte ſie vor ſeinen leiblichen Augen durch die Gaſſen im hellen Mondenſchein hin. Vorſichtig folgte er in einiger Ent⸗ fernung, immer noch unentſchloſſen, wie er ſich an die ſeltſame Erſcheinung wagen ſolle. Unermüdlich ſang dieſe noch immer ihr Lied in hohlen Tönen und wahr⸗ haft geſpenſterhaft, dabei die unförmliche Geſtalt bald hebend, bald ſenkend, die Arme hoch erhoben und das Entſetzen vor ſich herjagend. Ueber Hals und Kopf floh, wer ſie kommen ſah, und die Meiſten, von der ſchaurigen Melodie bezwungen, opferten dem Geſpenſt, was ſie an Geld bei ſich trugen, indem ſie es entweder dieſem angſtvoll zuwarfen oder in behutſamer Ent⸗ fernung auf die Stufen eines Hauſes legten, wo es dann die dicke Agnes freundlichſt wegnahm und ein⸗ ſackte. Jetzt trat ſie— wann wäre einem richtigen Ge⸗ ſpenſt auch das Heiligſte heilig geweſen!— durch die halboffene Thür einer matterleuchteten Kirche, es war die von St.Caſſian. Konrad, raſch hinter ihr drein, verbarg ſich im Schatten einer breiten Säule. Nur wenige Beter knieten noch in den Stühlen, in einem der Seitenſchiffe hörte ein Prieſter die Beichte. Unge⸗ ſehen ſchritt die dicke Agnes im Mittelgang vor; als aber dann das weiße Geſpenſt durch die andächtige Stille des Bethauſes ſeinen Jammergeſang anhob: Wehklagend zieh' ich durch das Land, Die dicke Agneſe— da ging ein Schrei des Entſetzens durch die Kirche und mitten im brünſtigen Gebet flohen die alten Weiber im wahnſinnigen Schrecken von der heiligen Stätte. Im Nu war die Kirche leer, nur oben vom Chor donnerte der Geiſtliche, der ſich von ſeinem Beichtſtuhl da hinauf geflüchtet hatte, den Weihwaſſerwedel in der erhobenen 165 Rechten ſchwingend, die gewaltigſten Beſchwörungsfor⸗ meln nieder auf das fürchterliche Geſpenſt. Aus alledem ſchien ſich aber die dicke Agnes blut⸗ wenig zu machen. Ruhig ſah ſie ſich in der plötzlich leer gewordenen Kirche um und wollte dieſe offen⸗ bar wieder verlaſſen, vielleicht weil ihren empfindſamen Geſpenſterohren das Geſchrei des Pfarrers da oben denn doch läſtig zu werden anfing, als ſie einen Gegen⸗ ſtand entdeckte, der, ſo unſcheinbar er an und für ſich war und ſo wenig Bedeutung er für eine richtige Ge⸗ ſpenſterexiſtenz haben konnte, trotzdem ihre Aufmerkſam⸗ keit im hohen Grade reizte und feſſelte. Vorn an den Bänken ſtand ein offener Korb mit Fleiſchwaaren, offenbar hatte ihn eine der Frauen, die nur zu einem vorübergehenden Stoßgebet bei St.⸗Caſſian vorgeſprochen war, auf der Flucht zurückgelaſſen. Die dicke Agnes näherte ſich ihm. „Fxorcizo te, omnis Spiritus immunde in nomine Dei Patris omnipotentis“, wetterte der Geiſtliche von oben, mit der Rechten ein ungeheures Kreuz ſchlagend. Die dicke Agnes indeſſen ſchien an dieſen latei⸗ niſchen Redewendungen nicht das geringſte Intereſſe zu nehmen. Sie hob prüfend den Korb empor und fand an ſeinem appetitlichen Inhalt ohne allen Zweifel 166 das größte Gefallen. Abermals ſah ſie ſich nach allen Seiten in der Kirche um. „Et in nomine Jesu Christi“, fuhr der Geiſtliche leidenſchaftlich und mit Donnerſtimme fort,„ülii ejus, Domini et judicis nostri. Aber auch jetzt kümmerte ſich die dicke Agnes weder um die vielen Kreuze, mit denen ihr der Geiſt⸗ liche beizukommen ſuchte, noch um die wuchtigen Bann⸗ worte, mit welchen er ihre teufliſche Exiſtenz bedrohte. Wie der Pfarrer athemholend eine Pauſe machte, ſchien ſie vielmehr ihren Entſchluß gefaßt zu haben, nahm den Korb mit den Fleiſchwaaren einfach unter den Arm und wandte ſich raſch dem Ausgange zu. Ihre Abſicht war nur zu klar, auch für Konrad. Ohne weiteres Zögern ſtürzte er deshalb aus ſeinem Verſteck hervor, vertrat dem fleiſchhungrigen Geſpenſt mit gezücktem Schwert den Weg und rief es an mit den Worten: „Halt, wer Du auch ſein magſt, ein guter oder ein böſer Geiſt, Du ſollſt nicht mehr von dieſer Stelle!“ Die dicke Agnes wich bei der unvermutheten Be⸗ gegnung, die ihr offenbar viel gefährlicher erſchien als der prieſterliche Beſchwörungsact, ein paar Schritte in ſichtlicher Beſtürzung zur Seite und auch der Geiſt⸗ liche oben unterbrach ganz verblüfft ſeine kirchlichen Stilübungen, deren dritten Theil er eben mit erhöh⸗ tem Nachdruck hatte wollen vom Stapel laufen laſſen⸗ Dann aber hob ſie raſchgefaßt den Arm gegen Konrad und ſang drohend: „Wehklagend zieh' ich durch das Land—“ „Heute zum letzten Mal“, rief Konrad ihr entge⸗ gen, der ſich nicht einſchüchtern ließ, und rannte auf die dicke Agnes los. Als dieſe für ihre Sache ein ſo ſchlimmes Ende herankommen ſah, wandte ſie ſich ſchleunigſt und gab Ferſengeld. Den Korb noch immer unter dem Arm, ſprang ſie, daß ihre weiten Gewänder flogen, ge⸗ gen den Hochaltar, um dieſen herum und dann die Stufen wieder hinunter in das Schiff der Kirche. Konrad war ihr, ohne ſie faſſen zu können, immer auf der Ferſe. Als die dicke Agnes dies merkte und als nun auch zu ihrem Unheil der Geiſtliche da oben ſich von ſeiner erſten Ueberraſchung über einen ſolchen Heidenſpectakel erholt hatte und nun zum Glockenſtrang griff und wüthend Sturm läutete, da machte die in ihrer Sicherheit ſo ſchmählich bedrohte dicke Agnes einen kurzen Moment Halt, wandte ſich, faßte den unglückſeligen Korb, der ihre Gelüſte ſo zur Unzeit in Verſuchung geführt hatte, und ſchleuderte denſelben ihrem zudringlichen Verfolger ſo geſchickt zwiſchen die Beine, daß dieſer die Altarſtufen herabkollerte und 168 auf dem Pflaſter ſtöhnend zu Falle kam. Das gab der dicken Agnes Zeit, ſich in gewaltigen Sätzen aus der Kirche zu ſalviren; oben aber ſtürmte die Glocke ſchauerlich fort, als ob das Heiligthum von St.⸗Caſ⸗ ſian ſelbſt in Gefahr und angſtvoller Bedrohung ſei. Hinkend erhob ſich Konrad vom Boden; als er ſich fluchend umſah, war die dicke Agnes freilich ver⸗ ſchwunden, aber das nahm ihm trotzdem nicht den Muth, ihrer heute noch habhaft zu werden. Vor dem Thor der Kirche traf er außer einer Menge in der Eile zuſammengeſtrömten Volkes eine Schaarwache, die durch das Sturmläuten des Geiſtli⸗ 4 chen herangelockt worden war. Sie kam von St.⸗Em⸗ meran her, unbehelligt von der dicken Agnes, die ihren Weg alſo nach einer andern Richtung eingeſchlagen haben mußte. Dies wurde von Andern beſtätigt, die dem Geſpenſt in der That begegnet waren. Davon zeugten auch die bleichen Geſichter; nur war ihnen aufgefallen, daß die dicke Agnes eine ſehr raſche Gang⸗ art beobachtet, ſich wenig um das ihr zugeworfene Geld gekümmert und überhaupt gar nichts mehr von 3 der feierlichen Art ihres ſonſtigen Auftretens gezeigt hatte. Sie hatte nur ihr Lied geſungen, offenbar zu⸗ frieden, mit demſelben ſich wenigſtens die Leute vom Hals zu halten. — 2— e———— 169 Der Schaarwache erzählte Conrad, was er wußte und was ihm begegnet war. Es beſtand für ihn kein Zweifel, daß die dicke Agnes heute doch noch ihren Schlupfwinkel zu erreichen ſuchen werde, und dort wollte er ſie abfangen um jeden Preis und in jedem Fall. Mit einiger Mühe überredete er die noch immer ängſt⸗ lichen Männer, ihm zu folgen und ihn in ſeinem Vor⸗ haben zu unterſtützen. Um den Friedhof von St.⸗Em⸗ meran vertheilten ſie ſich; Niemand vermochte der Mauer nahe zu kommen, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Rit ſcharfem Auge ſpähten ſie durch die Nacht, doch lange blieb Alles ſtill. Es ging ſchon auf zehn Uhr und die Leute ſehnten ſich bei der Kühle, die allmälig ſich einſtellte, in ihr wärmeres Wachlokal. Vielleicht war es auch immer noch ein Reſt geheimer Furcht vor dem Geſpenſt, der die Haſenfüße forttrieb. Nur mit angeſtrengteſter Ueberredungskunſt vermochte Konrad ſie am Platze zu halten; eine halbe Stunde gaben ſie endlich zu und zappelten dabei ſo aufgeregt um die Mauer herum, daß dem reiterfriſchen Herzen Konrad's bei ſolchem Anblick ganz angſt und bang und weh wurde. Da bog um die Ecke einer Seitengaſſe die auf den Platz ausmündete, eine dicke, weiße Geſtalt, die Konrad nur zu bekannt war. 170 „Das iſt ſie“, flüſterte Konrad ſeinem Nebenmann zu, dem ſofort vor lauter Angſt die Zähne aufeinan⸗ der ſchlugen. „Memme!“ knirſchte der andere zornig. Vorſichtig und ſtill näherte ſich die dicke Agnes dem Friedhof. Aber ſie mochte an der Mauer doch einen der Schatten bemerkt haben; denn auf einmal mitten im Platze drehte ſie ſich und rannte mit jener Eilfertigkeit, die Konrad ſchon einmal an ihr kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hatte und die in der That nichts zu wünſchen übrig ließ, in die Seitengaſſe zurück. „Alle nach!“ ſchrie Konrad vorſtürzend, und ſiehe, nun hatten auch die Feigſten plötzlich Muth bekommen und mit einem Gebrüll, das dem der homeriſchen Helden gewiß würdig an die Seite geſtellt werden konnte, rannten ſie über den Platz, das arme gehetzte Geſpenſt unter ihre ſiegesmuthigen Fäuſte zu be⸗ kommen. Der dicken Agnes war heute kein freundliches Lvos gefallen; nun floh ſie ſchon zum zweiten Mal wie das Reh vor der Meute, athemlos unter der Laſt ihrer ſchweren Gewänder, die dem Laufe ſo hin⸗ derlich waren, und es mußte ein ganz beſonderer 17¹ Glücksfall eintreten, wenn es ihr abermals gelingen ſollte, den Händen ihrer hartnäckigen Verfolger zu ent⸗ kommen. Durch Gaſſen und Gäßchen ging die wilde Jagd und immer kürzer ward der Raum zwiſchen ihr und der Schaarwache. Zu letzterer hatte ſich überdies noch viel anderes Volk geſellt, das noch auf den Straßen ſich herumgetrieben, um nun ſtaunend zu erfahren, wem dieſe merkwürdige Jagd gelte. Nun ſchloß ſich ein Jeder an, nun wollte ein Jeder der dicken Agnes zunächſt auf der Ferſe ſein und immer wilder ward das Geſchrei, mit welchem man dem einſt ſo gefürch⸗ teten Geſpenſt zu Leibe ging. Da näherte ſich die dicke Agnes in ihrem Laufe der Straße, welche zwiſchen der Stadtmauer und dem Kloſter von Obermünſter hinführte. Sie war dunkel und die Flüchtige, die kaum mehr die Beine zu heben vermochte, bog keuchend in dieſelbe ein. Die Jagd mußte nun gleich ihren Abſchluß haben, die dicke Agnes war mit ihren Kräften am Ende. Aber was war das? Aus der ſonſt ſo ſtillen, einſamen Straße ſcholl ihr heute heller Schwerterklang entgegen. Um dieſelbe Stunde nämlich hatte der Junker von Guttenſtein das Ständchen, welches er der Oberin von Obermünſter, Katharina von Redwitz ſchon längſt 2 rachevoll zugedacht hatte, auf das wirkungsvollſte in Scene geſetzt und ausgeführt. Mit der größten Harm⸗ loſigkeit von der Welt war er, nachdem die Nacht ein⸗ getreten war, mit mehreren gleichgeſinnten Freunden, deren nachdrückliche Unterſtützung bei ſolchen ſ cherzhaften Abenteuern ihm ſtets ſicher war, von ſeinem Hauſe aufgebrochen, allerdings gefolgt von einer ziemlich be⸗ trächtlichen Anzahl wohl bewaffneter Diener, aber ihm voraus ſchritten in feſtlicher Tracht zwei Pagen, mit großen Windlichtern in den Händen, daß es den Anſchein hatte, als wenn ſich der Junker heute nur in beſonders feierlicher Weiſe zu einem Gelage in einer Trinkſtube oder ſonſtwo geleiten laſſe. Würdevoll, den faltigen weißen Mantel umge⸗ ſchlagen, ſchritt der dicke Junker in der Mitte ſeiner Freunde, das Barett keck auf die Seite ſeines lockigen Hauptes geſchoben, den Raufdegen an der Linken und äußerſt vergnügt und unternehmungsluſtig geſinnt. Bei der Stadtmauer bogen ſie in die Straße ein, in wel⸗ cher das Kloſter friedlich und von der Welt abgeſchie⸗ den lag. In aller Stille kamen ſie vor dem Hauſe an, deſſen fromme Inſaſſen vollkommen ahnungslos waren, welcher verdammungswerthe Greuel ihnen heute noch beſchieden ſei. Nur in den alten Bäumen des Kloſtergartens rauſchte leiſe der Nachtwind, und aus 173 den Spitzbogenfenſtern der anſtoßenden Kapelle leuch⸗ tete matt das ewige Licht. Die Rollen waren ſchon vertheilt. Der Junker mit einem Theil ſeiner Genoſſen kletterte auf die Stadt⸗ mauer, von der aus man bequem in die Fenſter des Kloſters, die faſt alle dunkel waren, ſehen konnte; die Andern blieben auf der Straße; bewaffnete Diener rechts und links hatten als vorgeſchobene Poſten die ehrenvolle Aufgabe, jeden Störenfried fern zu halten, im Nothfall mit Anwendung von Gewalt. Unter den Freunden des Junkers auf der Mauer war auch der Domherr. Er hatte ſich mit Hans von Guttenſtein wieder völlig verſöhnt und hatte ſich's nicht nehmen laſſen, den Spaß mitzumachen, den das Ständ⸗ chen vor dem Kloſter verſprach. Doch trug er welt⸗ liche Kleider, die ihn ganz ſtutzerhaft kleideten, und ſah mehr einem leichtfertigen Junker gleich, denn einem vornehmen Geiſtlichen. Einem Wink ihres Herrn gehorchend, befeſtigten die Diener an Stangen, die ſie mitgebracht hatten, kleine Laternen. Leider war es denſelben nicht ver⸗ gönnt, bei dem vollen Mondenſchein, der auf die Gaſſe und auf die Mauer fiel, während das Kloſter ſelbſt im Dunkeln lag, die volle Wirkung hervorzubringen, die mit ihnen beabſichtigt war. Aber das focht den — 174 dicken Junker nicht an. Er drehte ſich wie ein Kreiſel ſo vergnügt auf der Mauer, von einem zum andern eilend und immer noch neue kurze Befehle ertheilend. Sein Herz war voll übermüthiger Freude, und wenn ihm etwas leid that, ſo war es nur das Eine, daß er nicht ſelbſt mit ſeiner Baſe Barbara von Marſchalk da drüben in einem Fenſter des Kloſters liegen und ſich mit ihr daran ergötzen konnte, wie dieſer ver⸗ wünſchte Guttenſteiner da auf der Mauer ſo närriſch⸗ boshaftes Zeug trieb und im Schilde führte. Der Junker mahnte zur Eile, er konnte, wie er ſagte, es gar nicht erwarten, die ganze Hölle gegen das Klo⸗ ſter loszulaſſen. Denn nichts Geringeres lag in ſeiner wohlwollenden Abſicht und zu dieſem Zwecke hatte er mit ſeinen Freunden und Dienern unter den Mänteln Alles mitgeſchleppt und mitgebracht, was geeignet war, die frommen Nonnen an das Anbrechen des jüngſten Tages und an das Hereinbrechen des Weltgerichts glauben zu machen. Mit Pfeifen und Trompeten, mit Hörnern und Flöten, mit eiſernen Keſſeln und Klapp⸗ hölzern hatten ſie ſich ausgeſtattet und waren bereit, alle dieſe wohlklingenden Werkzeuge mit dem größten Aufgebot von Kraft und Würde zu bearbeiten. Dabei ſollte keiner an den andern oder überhaupt an irgend eine Regel gebunden ſein, jeder ſich auf ſeinen eigenen 175 guten Geſchmack verlaſſen dürfen und der höchſte Preis in ſolcher Kunſt nur demjenigen ertheilt werden, der an Kraft der Lunge oder Ausdauer der Fauſt alle andern übertreffen werde. Sie ſollten, hatte der Junker geſagt, die Töne nur hinausſchmettern, wie ſie ihnen gerade aus der Kehle kämen. Wären ſie einmal aus den Inſtrumenten, dann würden ſich diejenigen ſchon zuſammenfinden, die zuſammen gehörten. Ueberhaupt, betonte er ſtets aufs neue, nur keine Harmonie, keine Melodie, aber Lärm, Lärm, Lärm, und wenn ſie den gehörig und zu ſeiner Freude fertig brächten, daß die Nonnen drinnen ganz zappelig würden, dann wolle er ſein Leben lang gar keine andere Muſik mehr hören und ſie allein zu ſeiner Lieblingsmuſik machen. Das Alles hatte er ſeinen Freunden und Dienern ſchon zu Hauſe zu Gemüth geführt und dabei in ſeine Rede noch andere ſo bedeutungsvolle und ſchwerwie⸗ gende Betrachtungen eingeflochten, daß man faſt glau⸗ ben muß, der gute Junker von Guttenſtein ſei ſeinen Zeitgenoſſen in der Erkenntniß wahrer und echter Muſik und in dem Verſtändniß für dieſelbe ſchier um Jahrhunderte vorausgeweſen. Dem ſei, wie ihm wolle, er ſelbſt trug an jenem Abende eine Laute an breitem Bande von blauer Seide, wie ſie damals bei den höfi⸗ ſchen Kreiſen und den vornehmeren Ständen überhaupt im Gebrauche war, während der ſonſt ſo empfindſame und fein geartete Domherr durch die Aneignung zweier metallener Handbecken einen durchaus gröberen Ge⸗ ſchmack an den Tag zu legen für gut fand. „Seid Ihr alle fertig?“ fragte der Junker leiſe., Da nahmen ſie die Keſſel vor und ſetzten ihre Pfeifen und Trompeten an den Mund.„Nun aufgepaßt“ flüſterte der Junker wieder,„ich zähle bis drei; dann fallt Ihr alle ein und blaſt und trompetet, bis ich Euch mit meinem Arme ein Zeichen gebe. Noch ein⸗ mal: Achtung! Eins— zwei— drei!“ Wenn die armen Nonnen in dieſem Augenblick ſämmtlich aus ihren blütenweißen Bettchen fuhren und den Untergang der Welt herangekommen glaub⸗ ten, ſo war ihnen das wahrhaftig nicht zu verargen, denn das Raſſeln und Praſſeln, Schmettern und Pfei⸗ fen, Dröhnen und Klingen, das nun vor ihrem Kloſter anhub, war geradezu ohrenzerreißend. Selbſt des Jun⸗ kers doch ſo hochgeſpannte Erwartungen wurden durch den vollführten Höllenlärm auf das äußerſte über⸗ troffen.„Vortrefflich, vortrefflich!“ rief er und mit neu entfachter Wuth blieſen die Leute mit aufgetriebe⸗ nen Backen in die Pfeifen und Hörner, daß dieſe ber⸗ ſten und ſelbſt dem Domherrn bei ſeinen übermenſch⸗ lichen Anſtrengungen die Becken ſpringen zu müſſen 177 ſchienen. Dazu ſchwenkten ſie die Laternen hin und her und auch die Pagen ſchwangen ihre Windlichter in weitem Bogen. Die Luft zitterte, ringsum von den entſetzlichſten Tönen erfüllt, und es war gewiß nicht zufällig, daß gerade bei dieſem unerhörten Hexen⸗ ſabbath ſich auch der ſilberne Mond ſchweigend hinter einer dunkeln Wolke verbarg. Endlich erhob der Junker ſeinen Arm und gab das Zeichen zum Aufhören. Die Stille, die darauf ein⸗ trat, war nur jener eigenthümlichen Ruhe in der Natur vergleichbar, die oft ganz plötzlich und unvermittelt einem Sturme folgt, der eben erſt Bäume entwurzelt und Dächer abgedeckt hat. In dem Kloſter waren bei dem erſten Lärmen die wenigen Lichter gelöſcht worden, die noch gebrannt hatten. Alles war ſtill und dunkel in dem alten Hauſe, nichts regte ſich. Aber der Junker war nun erſt recht in ſein eigent⸗ liches Fahrwaſſer gekommen.„Hol' mich der Teufel, das war vortrefflich, Ihr Leute“, ſagte er, ſich ver⸗ gnügt den ſchönen blonden Bart ſtreichend.„Aber nun kommt, wir wollen die Frau Oberin ſchon noch lebendig machen, wenn ſie ſich auch anſtellt, als höre ſie uns nicht und als gehe unſer Ständchen ſie nicht das Geringſte an. Hol' mich der Teufel“, lachte Helſchläger, Novellen I. 12 178 er,„wir wollen nicht ohne Dank von hinnen gehen. Unſer Schelmenlied wird ſie ſchon munter machen und ans Fenſter treiben. Ganz gewiß ſteht ſie ſchon lange hinter dem Vorhang und traut ſich nur nicht hervor in ihrer jungfräulichen Schüchternheit. Alſo vorwärts, für den Anfang ſingen wir die erſte Strophe, der Domherr ſingt das Solv.“ „Gott behüte mich“, fiel der Herr von Raiden⸗ buch abwehrend ein,„die Redwitz kennt meinen Sing⸗ ſang nur zu gut vom Meſſeleſen her.“ „Es wäre auch ſchade“, ſpottete der Junker.„Eure Kehle iſt nur für heilige Lieder geſtimmt. Dann ſinge ich das Solo und Ihr, meine lieben Freunde, ſingt wacker den Chor mit.“ Der Junker hob wieder, das Zeichen gebend, den Arm, dann ſang er, indeß die Diener die Laternen hoch hielten, mit ſeinen Freunden im Chor: „Wir ſtehen vor dem Kloſterhaus Wie Räuber und wie Diebe, Ihr holden Jungfraun, kommt heraus Zum ſüßen Spiel der Liebe. Solo: Wir ſind gar muntre, friſche Knaben Und möchten was Schönes im Arme haben— Chor: Für Lieb und Luſt, für Sang und Schmaus, Ihr holden Jungfraun, kommt heraus.“ „Das klingt ja herrlich“, ſagte einer von des Junkers Freunden,„und Ihr habt Euer Solo ganz artig geſungen.“ „Nicht wahr?“ verſetzte der Junker geſchmeichelt. „Und das alte Haus da wirft den Schall aufs beſte zurück. Da wollen wir denn gleich die zweite Strophe folgen laſſen, die ihre Wirkung drinnen noch beſſer thun wird, weil die Gemüther durch die erſte ganz gewiß ſchon aufs wünſchenswertheſte erſchüttert ſind.“ „Wenn Ihr Euer Solv wieder ſo zärtlich ſingt wie vorhin, ſo macht Ihr mir die Nonnen drin für zeitlebens unglücklich“, ſpottete der Domherr. „Hol' mich der Teufel, das wär' mir lieb“, lachte der Junker,„und nun aufgepaßt, wir ſingen die zweite Strophe.“ „Wir küſſen Euch den rothen Mund So oft, als Ihr im Kloſter Jetzt ſingt das Ave Mariu und Hinplappert das Paternoſter. Solo: Der Papſt küßt auch, wer ihm gefällt, Der Papſt lebt herrlich in der Welt— 12 Chor: Und lacht Euch alle gründlich aus, Ihr holden Jungfraun, kommt heraus.“ „Wirkt das immer noch nicht? Rührt ſich noch immer keine Maus da drinnen?“ rief der Junker un⸗ muthig, als auch jetzt im Kloſter Alles ſtill blieb.„Ge⸗ denkt uns die Frau Oberin vielleicht zu narren? Dann will ich für meine Baſe einmal ein Lied allein ſingen, das wird der frommen Frau Oberin zuletzt doch wohl ſo die Galle aufregen, daß ſie ſich nicht mehr hinter dem Fenſter halten kann. Ich habe mir's nun einmal vorgenommen, der würdigen Dame heute um jeden Preis guten Abend zu ſagen und, hol' mich der Teufel, ich bin nicht willens, mich von ſo höflichem Vorhaben abbringen zu laſſen. Her mit der Laute!“ Ein Diener reichte ihm die Laute, die er vorhin beim Beginn des Ständchens abgelegt hatte. Er nahm ſie in den Arm und präludirte mit kur⸗ zen Accorden. Dann ſang er wohlklingend und ge⸗ fällig folgende, von ihm ſelbſt mühevoll gedichteten Verſe: „Du liebes gutes Kind vernimm, Hör' bei der Nacht auf meine Stimm.““ „Eure ſchöne Baſe könnte noch ſchlafen“, be⸗ merkte der Domherr;„es wäre vielleicht beſſer für 184 Euch, wenn Ihr etwas lauter und vernehmlicher ſängt, damit ſie Eure Stimme auch wirklich zu hören vermag.“ „Ihr habt Recht“, ſagte der Junker,„und Euer Einfall iſt gut.“ Dann ſchöpfte er mit ſeiner mächtigen Bruſt tief Athem und brüllte durch die Nacht: „Daß ich Dein' Huld verloren hab', Macht mir die Freude todt und ab.“ „Das iſt ſchon beſſer zu hören“, ſagte der Dom⸗ herr wieder in trockenem Tone,„und führt uns auch die Schaarwache leichter herbei.“ Der Junker brüllte unbeirrt weiter: „Daß ich Dich nicht mehr ſehen ſoll, Das macht das Herz mir klagevoll.“ „Dazu er ißt und trinkt das Beſt', daß er bleib' feiſt und wohlgemäſt'“, citirte der Domherr aus einem Liede, das eben damals in Schwung gekommen war. „Drum laß das Kreuz, den Roſenkranz Und komm' herab zu Spiel und Tanz.“ „Weiter nichts?“ fragte der Domherr.„Und habt Ihr denn bedacht, Junker, welche unglückſelige Figur Ihr mit Eurer anſehnlichen Leibesſtärke bei dem Tanze ſpielen werdet?“ Dem Junker rannen ſchon die hellen Schweiß⸗ 182 tropfen über das kirſchrothe Geſicht, ſo viel Mühe hatte er ſich's auf den Rath des Domherrn hin koſten laſſen, ſeine Stimme möglichſt vernehmlich zu machen. Aber noch fühlte er ſeine gewaltigen Lungen unge⸗ ſchwächt, und ſein breiter Bruſtkaſten hob und ſenkte ſich noch mit ungeſchmälter Kraft. Nur die Langmuth der Oberin ärgerte ihn ganz unendlich, und ſo klang denn ſeine eigene Ungeduld deutlich genug heraus, als er drohend und zornvoll nochmals mit vollſtem Bruſt⸗ ton zu dem Kloſter hinüber ſang: „Sonſt ſtehl' ich Dich ſelbſt aus dem heiligen Haus Und kratze die Aeuglein der Oberin aus.“ „Immer beſſer“, lachte der Domherr. Der Junker aber, der als ein echter, gottbegnadigter Dichter dieſe letzten ſchönen Verſe in der Aufregung ſeines heiligen Zornes eben erſt improvifirt hatte, gab ſeine Laute wieder an den Diener ab und trocknete ſich die naſſe Stirn. „Hol' mich der Teufel“, ſagte er,„nun iſt's ge⸗ nug. Wer konnte auch denken, daß es die Frau Obe⸗ rin länger aushält als ich?“ Da klang drüben ein Fenſter und eine Frauenge“ ſtalt ward ſichtbar in ſchwarzem Kloſtergewand, weißem Stirnband und ein großes, goldenes Kreuz auf der Bruſt. 183 „Hol' mich der Teufel, die Frau Oberin“, jubelte der Junker.„Muſik, Muſik!“ Und wieder, wie wenn die ganze Hölle losgelaſſen wäre, ſchmetterten die Hörner und Pfeifen und Flöten zum Himmel, und der Domherr ſchlug ſeine metallenen Becken, und der Lärm war ſo gewaltig, daß er ſelbſt des Junkers ungeheueres Gelächter übertönte. Katharina von Redwitz ließ ſich durch dieſen ge⸗ räuſchvollen Empfang nicht irre machen. Würdevoll ſtand ſie am Fenſter, gelaſſen das Ende des Specta⸗ kels abwartend. „Was, Junker von Guttenſtein“, fragte ſie dann, „treibt Euch, zu ſolcher Stunde und in ſolcher Weiſe vor dies Haus des Friedens zu kommen?“ „Ich biete Euch einen ſchönen Abend, hochwürdige Frau Oberin“, antwortete der Junker, ſich unter dem Beifallsgelächter ſeiner Freunde tief gegen die Oberin verneigend. „Das iſt kein chriſtlicher Gruß, den Ihr bietet“, verſetzte die Oberin mit feſter Stimme.„Denn Ihr ſtört unſere Ruhe und entweiht dieſe Stätte.“ „Liebt Ihr die Muſik nicht und den Geſang?“ fragte der Junker ſpöttiſch. „Eure Muſik lieb' ich nicht“, gab die Oberin nach⸗ drucksvoll zurück,„und Eure Lieder ſind unheilig.“ 184 „Hol' mich der Teufel, ich glaub' es wohl, daß ſie Euch nicht gefallen, ſo wenig ich an Euern Lita⸗ neien und Bußpſalmen Geſchmack finden kann. Mich fröſtelt, wenn ich daran denke. Aber was Eure Ruhe betrifft, hochwürdige Frau, ſo habt Ihr die mei⸗ nige ſchon längſt geſtört, und darum will auch ich Euer Wohlleben in Glimpf' und Unglimpf ſo ſehr verbit⸗ tern, als ich nur vermag.“ „Was habe ich Euch zu Leid gethan, Junker?“ fragte die Oberin erregt. „Das fragt Ihr noch? Meine Baſe habt Ihr mir abſpenſtig gemacht.“ „Sie iſt freiwillig eine Magd des Herrn geworden.“ „Barbara von Marſchalk eine Magd des Herrn! Und konnle ſie nicht die Herrin und Gebieterin des Junkers von Guttenſtein ſein?“ „Sie wollte nicht, und Gott ſelbſt hat ſie in ſei⸗ nen gnädigen Schutz genommen.“ „Hol' mich der Teufel!“ brauſte der Junker auf und griff zornvoll nach ſeinem Degen. „Und jetzt kniet unſere fromme Schweſter in ihrer Zelle und fleht unter Thränen zum allbarmherzigen Heiland für Euer Seelenheil.“ „Das dank' ich ihr nicht und das ſoll ſie bleiben laſſen“, ſchrie der Junker.„Hätte ſie ſich von Euern Helfershelfern nicht bethören laſſen, ſo hätte ich meiner Seele Heil ſchon allein in ihren Armen gefunden.“ „Ihr ſeid ein frevelhafter Menſch“, rief die Obe⸗ rin entſetzt,„und ſchlimmer noch, als die Welt von Euch ſpricht!“ „So? Ihr macht mich neugierig“, ſagte der Jun⸗ ker, indem er ſeinen Unmuth bezwang und ſich mit ſcheinbarer Ruhe auf ſeinen großen Raufdegen ſtützte. „Was ſpricht denn die Welt von mir? Erzählt es mir doch; ich habe Luſt, Euch zu hören.“ „Daß Ihr ein Heide ſeid“, verſetzte die Gefragte eifrig,„ein Trunkenbold, ein Weiberfreund, ein Thu⸗ nichtgut, ein—“ In dieſem Augenblick fuhr die Oberin mit einem jähen Aufſchrei des Schreckens zurück. Klirrend ſchlug ſie das Fenſter hinter ſich zu. Ein Diener des Junkers hatte ſich bei ihrer Läſterrede heimlich ans Haus ge⸗ ſchlichen und war ihr mit einem Fuchsſchwanz, den er an eine Stange gebunden hatte, unverſehens ins Geſicht gefahren. Der Junker und ſeine Freunde brachen in ein ſchallendes Gelächter aus, als plötzlich zur Linken der Ruf laut wurde:„Die Schaarwache! Die Schaar⸗ wache!“ Alles griff zu den Waffen. Aber der Junker wehrte ab. 186 „Laßt ſie nur“, ſagte er.„Meine Leute dort halten ſie ſchon auf, daß wir noch zum Schluſſe eine Strophe von unſerem Schelmenlied ſingen können. Wenn dies geſchehen, ziehen wir zur Rechten ab. Wir werden uns doch von dieſen S hier nicht verjagen laſſen?“ Damit begann er übermüthig zu ſingen: „Wir ſtehen vor dem Kloſterhaus Wie Räuber und wie Diebe—“ aber nur Wenige fielen mit ein und das Schwerterge⸗ klirr zur Linken kam immer näher. „Hol' mich der Teufel“, ſagte der Junker un⸗ muthig,„Ihr ſeid rechte Memmen, Euch von ſo lum⸗ pigen Söldnern den Spaß verderben zu laſſen. Nun, dann wenigſtens die Laternen hoch und noch einen letzten Gruß der hochwürdigen Frau Oberin mit Po⸗ ſaunen und Trompeten, dann wollen wir rechts ab⸗ ſchwenken, indeß uns die Andern den Rücken decken.“ Der Vorſchlag gefiel, und eben wollten die Leute zu ihren Inſtrumenten greifen, da ertönte von der rechten Seite der Gaſſe her der Ruf:„Die dicke Agnes, die dicke Agnes!“ und ſchon kamen auch die dort auf⸗ geſtellten Diener des Junkers mit bleichen Geſichtern herangeflohen. Auch der Junker erſchrak heftig. „Die dicke Agnes?“ ſagte er.„Hol' mich der Teufel! dann ſchlage ich mich doch lieber noch durch die Schaarwache.“ Der Domherr, dem ſchon längſt nicht mehr ganz geheuer war, ſuchte ihn davon abzuhalten. „Was wollt Ihr denn?“ rief der Junker heftig. „Gedenkt Ihr hier auf die dicke Agnes zu warten? Oder fürchtet Ihr Euch vor der Schaarwache? Seid kein Haſenfuß! Wenn Ihr auch ein Mann des Frie⸗ dens ſeid, haltet Euch nur immer dicht hinter mir. Ich ſchlage mich und Euch glücklich durchs Gedränge.“ „Ihr werdet doch einſehen“, verſetzte der Dom⸗ herr,„daß ich als Geiſtlicher jede Begegnung mit der Schaarwache vermeiden muß. Man könnte mich er⸗ kennen—“ „Aha“, lachte der Junker kurz,„nun ſeht Ihr, wohin Euch Eure luſtigen Streiche führen. Aber das zu bedenken iſt jetzt keine Zeit mehr. Thut, was Ihr wollt, ich meinerſeits gehe den Geſpenſtern gern aus dem Wege und ſchlage mich lieber durch eine Rotte von Söldnern und Landsknechten— das ſind ganz ſicher Leute von Fleiſch und Blut, und da weiß ich doch, woran ich bin.“ „Und ich will es mit der dicken Agnes verſuchen“, antwortete der Domherr. „Gott behüte Euch“, rief noch der Junker; dann zog er ſeinen Raufdegen und eilte, den Mantel feſt umgeſchlagen, ſeinen Leuten nach, die nun ſchon Alle mit der Wache in ernſtliches Handgemenge gekommen waren. Der Domherr wandte ſich nach der andern Seite, von der die dicke Agnes kommen ſollte. Er war allein. Die metallenen Becken hatte er ſchon vorhin beim erſten Lautwerden des Lärmens von ſich geworfen. Einen Augenblick ſtand er noch überlegend. Dann ſchritt er entſchloſſen dem Geſpenſt entgegen. Dort im Mondſchein nahte ſich etwas Weißes. Dem Domherrn fing bei all ſeinem Heldenmuth doch das Herz ziemlich ſtark zu pochen an, und er zog es vor, hinter einen kleinen Mauervorſprung zu treten, bei dem er gerade angekommen war und deſſen breit⸗ geſtreckter Schatten ihm einige Sicherheit zu verſprechen ſchien. Wer konnte ihm freilich ſagen, ob die dicke Agnes nicht die angenehme Gabe beſaß, die Menſchen ſchon von weitem zu wittern und widerſtandslos in ihren unheimlichen Zauberkreis zu ziehen? Doch wie? Die dicke Agnes kam, das war kein Zweifel; aber wo blieb jener würdige Paradeſchritt, der, ſoweit des Domherrn Wiſſen reichte, ſeit undenk⸗ 189 lichen Zeiten noch allen Geſpenſtern eigen war? Und wo blieb jenes gemeſſene feierliche Weſen, mit welchem nach altem Herkommen alles Ueberirdiſche einherwan⸗ delt, wo jene hoheitvolle Unnahbarkeit, die alles Staub⸗ geborene rückſichtslos vor ſich zu Boden wirft? Die dicke Agnes ging ja nicht mehr, ſie lief, ſie rannte, und ſchon von weitem hörte man ſie ganz erbärmlich keuchen und ſtöhnen. Gerade dieſe Beobachtung aber war es, die dem Domherrn ſeinen ganzen Muth wie⸗ der einflößte, und wie er, der gewiegte Frauenkenner, bei noch größerem Näherkommen gar die unbeſchreib⸗ liche Verwirrung erkannte, in welcher ſich die Geſpen⸗ ſtergarderobe der dicken Agnes befand, ſo glaubte er ſofort zu wiſſen, woran er war. Schon hörte er auch das Haltrufen der verfolgenden Menge, und ohne weiteres Zögern war ſein Entſchluß gefaßt. Hatte er ſich vorhin gleich einem vorſichtigen Feld⸗ herrn, der einem unbekannten Feinde gegenüber ſeine eigenen Streitkräfte zu ſchonen pflegt, hinter die ſchützende Mauer zurückgezogen, ſo brach er jetzt mit jener Heldenhaftigkeit, die großen Männern in großen Momenten immer eigen iſt, aus ſeinem Hinterhalt her⸗ vor, trat dem anſtürmenden Geſpenſt beherzt entgegen, ein Stoß, ein Prall und der tapfere Domherr lag rücklings auf dem Boden, über ihm aber kugelte ſich 190 die dicke Agnes, die mit ihm gefallen war und deren Anſturm er nicht auszuhalten vermocht hatte. Sich unter der wuchtigen Laſt hervorzuarbeiten, war ihm nicht möglich, denn die dicke Agnes war offenbar ſehr müde und lag, nachdem ſie einmal zu Falle gekommen war, auch mit größter Zähigkeit feſt, woran indeß ebenſo ſehr ihre Kleider ſchuld ſein mochten und unter dieſen wiederum namentlich der nach außen gekehrte Schafpelz, in den ihr Oberkörper gehüllt und der ſo dick und umfangreich war, daß er ſelbſt der dicken Agnes die freie Bewegung der Arme ſichtlich erſchwerte. Gerade der aber lag dem guten Domherrn ſo zu ſagen auf dem Mund, daß denn, wenn dieſe Sachlage noch länger fortdauern ſollte, die Gefahr des Erſtickens für ihn nicht mehr in allzu weite Ferne gerückt war. Aber der Domherr war ſichtlich in Gottes Hand, und hatte ihn dieſe neulich vor der Gefahr des Ertrinkens bewahrt, ſo rettete ſie ihn heute aus der ebenſo großen Bedrängniß des Erſtickens. Die dicke Agnes richtete ſich langſam mit ihrem Oberkörper in die Höhe, daß der unglückliche Domherr wenigſtens den Kopf frei bekam und durch vorſichtiges Hin⸗ und Herdrehen ſich die erfreuliche Gewißheit ver⸗ ſchaffen konnte, daß er bei dem unvermutheten Falle nicht den Hals gebrochen habe. Das war wie geſagt 194 erfreulich; aber nicht erfreulich däuchte den Dom⸗ herrn der ſtiere, ja geiſterhafte Blick, den die dicke Agnes jetzt auf ihn gerichtet hielt und der mit jeder Sekunde einen unheimlicheren Ausdruck bekam. Dem Domherrn war nicht geheuer, und doch war an einen Verſuch, das Ungethüm von ſich abzuwälzen, auch nicht einmal zu denken. Still und ohne die Lippen zu einem Worte zu öffnen, ſtarrte die dicke Agnes ihr Opfer an; dann wandte ſie ſich ein wenig zur Seite, daß das Licht des Mondes voll und deutlich auf das Geſicht des Andern fiel, und fragte lang⸗ ſam und mit hohler Stimme, die dem erſchrockenen Domherrn direct aus dem Grabe oder dem Jenſeits zu kommen ſchien: „Seid Ihr nicht der Domherr von Raidenbuch?“ Dem Gefragten traten die Angſttropfen auf die Stirn.„Ja“, preßte er mühſam hervor. „Ja?“ wiederholte die dicke Agnes raſch, und im ſelben Augenblick fiel, ohne daß eine weitere Erklärung aus ihrem Munde gekommen wäre, ein ſolcher Hagel von Schlägen und Püffen auf den armen Domherrn nieder, daß dieſer ohne Uebertreibung ſein letztes Stünd⸗ lein gekommen glauben konnte. Es war ein Wunder, wie die dicke Agnes plötzlich ihre Arme zu rühren ver⸗ mochte; aber ſie rührte ſie mit ungeheurer Schnellig⸗ keit und Leidenſchaft; dem Getroffenen verging Hören und Sehen und ſein Ruf um Hülfe erſtickte unter den Fauſtſchlägen des Geſpenſtes. Endlich war Konrad mit den Andern herbeige⸗ kommen. „Seid Ihr wahnſinnig?“ rief er und riß die dicke Agnes von dem Domherrn weg, der ſich kaum mehr zu rühren vermochte.„Wollt Ihr den Mann erſchlagen?“ Die dicke Agnes richtete ſich langſam und mit Mühe empor. Einen Augenblick holte ſie tief Athem, dann ſagte ſie ruhig: „Das würdeſt Du ebenſo machen, Konrad, der elende Burſche da hat meine Frau verführt.“ Konrad ſtand wie vom Blitz getroffen, die andern Schaarwächter aber mit dem Volk lachten und riefen munter: „Jetzt hat die dicke Agnes auch noch eine Frau!“ „Ach was“, tönte es unwirſch zurück,„ich bin nicht die dicke Agnes, ich bin der Schneider ner.“ Es kann füglich unterlaſſen werden, das unge⸗ meſſene Erſtaunen zu ſchildern, welches die Erklärung der vermeintlichen dicken Agnes im ganzen Kreiſe her⸗ vorrief. Von allen Seiten ſtürmten die Fragen der 193 Neugierigen auf Fellner ein, und die Leute waren völlig wie aus den Wolken gefallen. Am lebhafteſten aber überwog zuletzt doch in aller Herzen die freudige Empfindung, daß ſich dieſe unheimliche Geſpenſterge⸗ ſchichte nun auf ſo äußerſt harmloſe Weiſe gelöſt habe. Konrad nahm ſeinen Schwager auf die Seite. „Du biſt doch eigentlich ein ſchlechter Menſch“, ſagte er,„daß Du Deine Frau einem ſolchen Kum⸗ mer ausgeſetzt haſt.“ „War nur die gerechte Strafe“, rief Fellner pa⸗ thetiſch,„für all den Jammer, den ſie in den letzten Tagen meinem liebenden Herzen zugefügt hat. Daß ihr Beſuch in des Junkers Garten ein unſchuldiger war, iſt mir bei einigem Nachdenken allerdings gewiß geworden; doch warum hat ſie den Eiferſuchtsteufel aber⸗ mals ſo leichtfertig inemir losgelaſſen? Doch jetzt ſind wir quitt, haben einander nichts vorzuwerfen, und ich denke, ſie wird meinen Beſitz nun um ſo höher ſchätzen, nachdem ſie erfahren, wie ſchmerzlich ihr unter Um⸗ ſtänden mein Verluſt ſein könne.“ Konrad lachte. Dann ließ er ſich von Fellner die ganze Geſpenſtergeſchichte erzählen, die indeſſen ſehr einfach war. Durch die Erzählung der Frauen an jenem Abend war er, der ſich bekanntlich immer gern mit poſſirlichen und abenteuerlichen Plänen trug, auf Oelſchläger, Novellen I. 13 den Gedanken verfallen, den Aberglauben der guten Regensburger zu ſeinen Zwecken zu benutzen und auf dieſem allerdigs ſehr ungewöhnlichen Wege dem drän⸗ genden Nothſtand der Seinen abzuhelfen. Die nöthi⸗ gen Verkleidungsſtücke, unter denen der koloſſale Schaf⸗ pelz die Hauptrolle ſpielte, wußte er ſich leicht zu ver⸗ ſchaffen und an dem von ihm als Spukniederlage auserſehenen Orte heimlich unterzubringen. Das Er⸗ lebniß in des Guttenſteiners Garten veranlaßte ihn dann, ſein Vorhaben ohne weiteres Zögern auszufüh⸗ ren. Daß er damit in aller Abſicht eine Strafe für ſeine theure Chehälfte verbinden wollte, hatte er ſchon zugeſtanden. Konrad ſchalt ihn aufs neue. „Sei ruhig“, erwiderte Fellner leiſe,„das Ge⸗ ſpenſtergeſchäft war im hohen Grade einträglic.“ „Und wie lange wollteſt Du denn noch in unſern Straßen herumſpuken?“ „O, heute ſollte es das letzte Mal ſein. Ich ahnte nicht, daß gerade Du meiner Geſpenſterlaufbahn ein ſo unrühmliches Ende bereiten ſollteſt. Aber Du warſt doch der einzige Mann in ganz Regensburg, der ſich von meinem tollen Schwank nicht hat ins Bockshorn jagen laſſen, und auch daran will ich meine Freude haben.“ 195 Die Schaarwächter drängten zum Aufbruch. Das war dem Schneider recht; er war müde und ſehnte ſich nach Hauſe. Aber die Schaarwächter wollten ihn mit ins Narrenhäuschen nehmen, eine Art Käfig, der erſt ſeit wenigen Wochen vor dem Rathhauſe ange⸗ bracht war und in den auf ſtrengen Befehl des Ra⸗ thes alles leichtfertige Volk geſteckt wurde, das die Schaarwächter während der Nacht in den Straßen der Stadt aufgriffen. Die dicke Agnes, ſagten ſie, gehöre vor allen in das Narrenhäuschen. Konrad war in großer Verlegenheit, und ſein Schwager ſah ihn mit äußerſt vorwurfsvollen und melancholiſchen Blicken von der Seite an. Da erſchien zur rechten Zeit der Stadtvogt auf der Stelle, den das Gerücht, daß die dicke Agnes eingefangen worden ſei, hierher gelockt hatte. Er ent⸗ ſchied ohne weiteres, daß Fellner in das Narren⸗ häuschen zu bringen ſei. „Aber dann gehört der auch mit“, ſagte Fellner und deutete auf den Domherrn, der ſich noch immer nicht ganz von ſeinen Schlägen erholt hatte und klein⸗ laut im Kreiſe der Schaarwächter ſtand, die während der ganzen Zeit ein aufmerkſames Auge auf ihn ge⸗ habt. Der Stadtvogt, unterrichtet, in welcher Lage man 13 196 ihn gefunden und wie er an dem famoſen Ständchen des Junkers Theil genommen zu haben ſcheine, wies die Schaarwächter an, ſich auch des Andern zu be⸗ mächtigen. Der aber nahm den Stadtvogt auf die Seite und ſagte ihm ein paar leiſe Worte. Der Stadtvogt kam wieder zurück.„Der Mann“, ſagte er,„will der Domherr von Raidenbuch ſein, und dann gehört er allerdings unter die biſchöfliche Ge⸗ richtsbarkeit. Aber ich kenne ihn nicht. Iſt er einem von Euch bekannt?“ Sämmtliche Söldner verneinten die Frage, und um Fellner's Mund ſpielte ein ſchadenfrohes Lächeln. „Aber Ihr kennt mich doch“, ſagte der Domherr jetzt zu dieſem in einem Tone, der ſehr von ſeinem ſonſtigen hochfahrenden Weſen unterſchieden war. „Ich?“ meinte Fellner.„Ich habe nicht im ge⸗ ringſten die Ehre.“ „Aber Ihr habt mich doch vorhin ſo bärmich zugerichtet, weil ich der Domherr von Raidenbuch bin?“ „Warum ich Euch geprügelt habe, das wiſſen nur wir beide. Sonſt kenne ich Euch nicht.“ Mit dieſen Worten wandte Fellner dem unglück⸗ ſeligen Domherrn den Rücken. 197 „Aber Ihr kennt mich doch“, wandte ſich Herr von Raidenbuch nun demüthig bittend zu Konrad, „und vermögt gewiß dieſen braven Leuten gegenüber meine Perſönlichkeit feſtzuſtellen.“ „Den Domherrn von Raidenbuch“, entgegnete Konrad trocken,„habe ich vor ein paar Tagen ins Waſſer geworfen, vielleicht liegt er noch drin. Euch kenne ich nicht.“ Der Domherr wandte ſich ſeufzend ab. Fellner aber ſprang jubelnd auf ſeinen Schwager zu. „Du haſt den Domherrn ins Waſſer geworfen? Beim Junker, im Garten?“ rief er.„Komm', Herzens⸗ junge!“ Damit faßte er Konrad mit beiden Händen beim Kopfe, hob ſich auf ſeine Fußſpitzen und drückte dem Burſchen zwei herzhafte Küſſe auf die Wangen. „So, nun laß uns gehen; mit dem Domherrn von Raidenbuch im Narrenhäuschen zu ſitzen, wird ja für einen Schneider auch keine Schande ſein.“ Das Narrenhäuschen vor dem Rathhauſe war, wie ſchon geſagt, ein Käfig, nicht gar groß und nur ſo hoch, daß mit Mühe eine Perſon darin aufrecht ſtehen konnte. Die Vorderwand, ſowie die beiden Seitenwände hatten nur ein ſtarkes eiſernes Gitter. Fellner hatte ſich's in dieſem luftigen Quartier raſch bequem gemacht. Er lehnte ſich behaglich in eine Ecke ——— — —— —— —— = zurück und ſtreckte die Beine; denn er war todtmüde von all den Aufregungen und Anſtrengungen der Nacht und ſehnte ſich nach Ruhe. Zudem ſchützten ihn die vielen Frauenkleider, die er über einander trug, ſowie der dicke Schafpelz, der ihm faſt bis an die Kniee reichte, mehr als nöthig war, vor der Kühle. Dem Domherrn ging es leider weniger gut. Fröſtelnd ſchritt er in dem kleinen Raum auf und ab oder ſtarrte mit äußerſten Verdruſſe und der Schande gedenkend, die ihn morgen erwartete, in die Nacht hinaus. Der Schneider ſah ihn mitleidig an. „Wollt Ihr vielleicht einen von meinen Röcken umthun, hochwürdiger Herr?“ ſagte er endlich.„Ich mag ihn leicht entbehren.“ Der Andere wandte ſich ingrimmig ab. Der Schneider zuckte ſchweigend die Achſeln. Dem iſt nicht zu helfen, dachte er und ſah ſtillvergnügt auf den mondſcheinhellen Platz, der nun ſo ruhig vor ihm lag. Denn die Menſchen hatten ſich verlaufen, und nur ein bewaffneter Söldner ging ſchläfrig vor dem Käfig auf und ab. Der Schneider wickelte ſich feſter in ſeinen Pelz. Das Hin⸗ und Herrennen des Domherrn ſtörte ihn. „Es iſt ſchon ſpät“, ſagte er freundlich,„wollt 199 Ihr jetzt nicht auch zu Bette gehen, hochwürdiger Herr?“ Abermals keine Antwort. „Nun denn, wie Ihr wollt“, gähnte der Schnei⸗ der,„ich habe die Ehre, Euch eine geruhſame Nacht zu wünſchen.“ Dann ſank er in ſich zuſammen und ſchlief fried⸗ lich ein. VI. Als Fellner am andern Morgen wieder erwachte, war es ſchon hell, und ſchon hielt ein ganzer Haufen Neugieriger wieder den Käfig umlagert. Fellner hatte vortrefflich ge⸗ ſchlafen und befand ſich in der heiterſten Stimmung. Nicht ſo ſein geiſtlicher Gefährte, der indeſſen bald darauf un⸗ ter den Spott⸗ und Hohnreden der Umſtehenden aus dem Käfig entlaſſen und in die Reſidenz des Biſchofs gebracht wurde, der ihn unter ſeine Gerichtsbarkeit ge⸗ fordert hatte. So war denn Fellner allein, aber nur im Käfig ſelbſt. Denn vor demſelben wuchs die Menge mit je⸗ der Minute mehr an, alle wollten die dicke Agnes ſehen, und auch ſeine Freunde drängten ſich herbei, drückten ihm durch die Gitterſtäbe des Käfigs die Hand und ließen ſich von ihm unter allgemeinem Ge⸗ lächter ringsum immer wieder ſeine heitere Spukge⸗ ſchichte erzählen. Deſſen ward Fellner auch nicht müde; was ihn aber am meiſten freute, war der Umſtand, daß ihm Niemand ſeines Schwankes halber übel wollte, ſondern daß Jedermann geneigt war, am allererſten ſich ſelbſt und alle die Andern auszulachen, die ſich von der dicken Agnes einen ſo nachhaltigen Schrecken hatten einjagen laſſen. Dann kam, von Konrad und Gertrud geführt, auch Agathe, die unter Lachen und Weinen vor dem Käfig ihren wiedergeſchenkten Mann begrüßte, und zuletzt ſogar auch der alte Weitmos, der doch ſelten genug ſeine Apotheke verließ, und der Kämmerer Lyskirchner, der zuerſt Konrad wegen dieſer ſeiner neuen Heldenthat aufs freudigſte begrüßte, dann aber in das Rathhaus eilte, wo die Väter der Stadt ſchon zu ſo früher Morgenſtunde verſammelt ſaßen, dieſen wichtigen Fall gebührend in Erwägung zu ziehen und über ihn Beſchluß zu faſſen. Zunächſt war die dicke Agnes ſelbſt zu vernehmen. Aber als dieſe im Sitzungsſaale erſchien, brachen ſo⸗ gar die ehrwürdigen und hochweiſen Herren Räthe in ein ſtürmiſches und der Feierlichkeit des Ortes durch⸗ aus unangemeſſenes Gelächter aus, von dem man nur nicht wußte, ob es mehr dieſem harmloſen Geſpenſt oder der Stadt galt, die ſich von ihm Tage lang in ſo unbegreiflicher Weiſe hatte am Narrenſeile führen laſſen. 202 Es war ein Glück für Fellner, daß er die Väter der Stadt in ſo guter Laune fand. Aufgefordert er⸗ zählte er in ebenſo heiterer als beſcheidener Weiſe un⸗ ter dem Beifall ſeiner Zuhörer ſeine Geſchichte, wie wir ſie ſchon kennen und wie er, wenn auch nur noth⸗ dürftig mit Trank und Speiſe verſehen, die Tage in einem Winkel des Beinhauſes zu St. Emeran verſteckt zugebracht, die Nächte über aber um ſo ausdauernder in den Straßen der Stadt umhergeſpukt habe. „Und hat Euch Eure Schelmerei gute Einnahme gebracht?“ fragte einer der ganz Klugen. Fellner zögerte einen Moment mit der Antwort, denn die eben geſtellte Frage berührte gerade den kitz⸗ lichſten Punkt in ſeiner ganzen Geſpenſtergeſchichte. Als man ihn aber bedeutete, daß nur die vollkom⸗ menſte Offenheit ihm zu einer milderen Strafe ver⸗ helfen könne, geſtand er, ein ganz anſtändiges Geſchäft gemacht zu haben und gab zugleich in traurigem Tone den Ort an, wo er ſeine Erſparniſſe verborgen habe. Ein zur Stelle geſchickter zuverläſſiger Mann kehrte bald darauf mit einem ziemlich umfangreichen Topfe zurück, der zum Erſtaunen der Rathsherren bis zum Rand mit Geldſtücken jeder Art gefüllt war. Freudig ſchlug Fellner's Herz bei dieſem Anblick; als aber der Rath das Geld mit Beſchlag belegte und —— 203 als Eigenthum der Stadt erklärte, da drohte ihm das Herz vor Schmerz faſt zu brechen und zwei dicke Thrä⸗ nen rollten ihm langſam über die Wangen. Indeſſen war gegen ſolchen hohen Beſchluß um ſo weniger etwas einzuwendeu, als man ihm deutlich genug zu verſtehen gab, er möge lieber den Verluſt des Geldes verſchmerzen und dafür um ſo dankbarer für die Milde und Geringfügigkeit der Strafe ſein, welche man ihm ſonſt noch in guter Laune und nach⸗ ſichtiger Stimmung auferlegte. Dieſelbe beſtand darin, daß Fellner die Urfehde zu ſchwören und auf immer die Stadt zu verlaſſen habe. Das aber ſolle heute noch und zwar in dem⸗ ſelben abenteuerlichen Anzuge geſchehen, den er noch jetzt am Leibe und mit dem er als dicke Agnes durch die Stadt geſpukt habe. Nur die warme Fürſprache Lyskirchner's ſetzte es durch, daß man ihm geſtattete, in einem abgeſonder⸗ ten Gemach des Rathhauſes ſich noch im Beiſein ſei⸗ ner nächſten Verwandten bei Speiſe und Trank, wo⸗ für der Kämmerer aus ſeiner Taſche aufzukommen verſprach, ein paar Stunden zu erholen und zu kräf⸗ tigen. Bis Sonnenuntergang aber müſſe er die Stadt für immer verlaſſen haben. Ziemlich niedergeſchlagen ſetzten ſie ſich in einem dunklen, niedrigen Hinterſtübchen des Rathhauſes zu Tiſche, Fellner, Agathe, Gertrud und Konrad. Bald aber gelang es den freundlichen Reden des Kämme⸗ rers, ſie zu erheitern, und fleißig kreiſte der weinge⸗ füllte Becher um den Tiſch. Namentlich der durſtige Fellner trank für zwei, wie er denn auch den Platz für zwei einnahm. Seine Abſicht, ohne Verzug nach München zu wandern und dorthin Agathe nachkom⸗ men zu laſſen, fand Lyskirchner's Beifall. Nur ge⸗ gen ſeine Frau den Zärtlichen zu ſpielen, mußte er ſich, ſo leid es ihm that, aus dem Sinne ſchlagen, denn bei dem ungeheuren Umfange vermochte er ſie kaum zu umſchlingen, geſchweige denn an ſein gefühlvol⸗ les Herz zu drücken, deſſen heißer Schlag, wie er be⸗ hauptete, doch ſelbſt durch den dicken Schafpelz deut⸗ lich durchzuſpüren ſei. In heiterer, ja faſt ausgelaſſener Stimmung bra⸗ chen ſie, von dem tiefen Stand der Sonne gemahnt, auf. Selbſt Agathe hatte ihr ganzes reſolutes Weſen von früher wiedergefunden, und ſie hatte nur die eine dringende Bitte an ihren Mann, recht bald Nachricht zu geben und ſie mit den Kindern möglichſt bald nach⸗ ziehen zu laſſen.. Als ſie vor das Rathhaus traten, ward ihnen die Ueberraſchung zu Theil, den ganzen Platz und alle anſtoßenden Straßen noch immer voll von Men⸗ ſchen zu finden. Kopf an Kopf ſtanden ſie, und Je⸗ der wollte noch einmal die dicke Agnes ſehen, wollte ihr das Geleite geben. Namentlich Agathe war da⸗ durch etwas peinlich berührt, obwohl ſie's kaum hätte anders erwarten können; als aber die Menge beim Anblick der unförmlichen Geſtalt Fellner's in ein brau⸗ ſendes„Hurrah die dicke Agnes!“ ausbrach, da lachte auch ſie mit den Andern, ſo herzlich ſie konnte, und fand ſich in den Außzug, ſo gut ſie vermochte. Fellner ſelbſt ward von zwei Söldnern in die Mitte genommen, die ihn vor die Stadt zu bringen hatten. Wie Falſtaff in den Frauengewändern, ſo ſchwankte die dicke weiße Geſtalt des Schneiders zwi⸗ ſchen den beiden Bewaffneten hin und her, vergnügt lächelnd und da und dort einem Bekannten einen freundlichen Gruß zunickend oder ein ſcherzhaftes Wort zurufend. Hinter ihm ſchritt Konrad mit Agathen und Gertrud am Arme, um ſie alle herum aber wogte die tauſendköpfige Menge, ſich immer wieder lachend und voll Ausgelaſſenheit Fellner zuwendend, als dem ſchö⸗ nen Mittelpunkt des Ganzen. „Wie ein Kaiſer ziehe ich einher“, ſagte dieſer ſchmunzelnd;„als ich vor Jahren in Herzog Albrecht's Gefolge hier einmarſchirte, hätte ich mirs nimmermehr 206 gedacht, daß mir einſt bei meinem Auszug ſo viel brave Leute das Ehrengeleit geben würden. Kein Menſch vermag doch zu wiſſen, wie weit er's im Le⸗ ben noch bringen kann.“ Nur langſam rückte die Menge vorwärts; durch das innere Thurmthor gelangten ſie endlich auf die prächtige ſteinerne Brücke, unter deren breit gewölbten Bogen die Donau rauſchend dahinzog. Eben ging zur Linken hinter dem oberen Wöhrd die Sonne feu⸗ rig unter, noch einmal die Dächer der Stadt und die Kuppeln der Kirchen und das Gerüſte um den Dom anſtrahlend, während auf dem andern Ufer Stadtam⸗ hof und die Berge oberhalb Winzer ſchon im tiefen Schatten lagen; gerade hier und auf dieſem Punkte ein unvergleichlich ſchönes Schauſpiel, das Fellner ſchon oft bewundert hatte und das er heute zum letz⸗ ten Mal ſich betrachten ſollte. Beinahe wäre ihm doch ein wenig wehmüthig ums Herz geworden, aber ein Blick auf Agathe und ein troſtreicher Druck ihrer treuen Hand machte ihm wieder das Gemüth leicht und voll Vertrauen auf die Zukunft. So waren ſie am äußern Brückenthor angekom⸗ men, deſſen Thore die reichsfreie Stadt Regensburg von Stadtamhof trennten. Hier mußte geſchieden ſein, und zwar ſollte das angeſichts der gaffenden Menge —,—— 207 ſchnell geſchehen. Noch ein letzter Druck der Hand, ein letztes Wort, eine letzte Umarmung, ſo gut ſie eben möglich war, ein letztes Hurrah der johlenden Menge, und ſchon ſchloſſen ſich die Thore wieder hin⸗ ter Fellner, der nun allein und ſo raſch er konnte, in die Gaſſen Stadtamhofs hinabſchritt, wo er einen guten Freund wußte, bei dem er endlich das ihm nun ſehr zur Laſt gewordene Geſpenſterkleid ablegen und gegen ein anderes bürgerliches Gewand umtauſchen konnte. Konrad aber zog mit Schweſter und Braut heimwärts. Sie ſprachen wenig, denn die Herzen waren ihnen voll und es kam, nachdem Fellner von ihnen gegangen war, doch eine größere Trauer über ſie, als ſie vorher gedacht hatten.—— Wochen waren ſeit dem eben Erzählten vergan⸗ gen. In der immer drohenderen Kriegsgefahr hatten die Regensburger bald genug die dicke Agnes vergeſſen; fremdes Kriegsvolk zog in immer größeren Haufen durch ihre Straßen und man ſprach neuerdings von einem entſcheidenden Schlage, den der Kaiſer endlich gegen die Pfalzgräfin Eliſabeth führen wollte, ihr das widerrechtlich behauptete Herzogthum Niederbaiern aus den Händen zu reißen und es in die Herrſchaft des Mün⸗ chener Herzogs Albrecht zu geben, dem es von Rechts⸗ wegen gebührte. Das Elend im deutſchen Reich war 208 groß, viele Hunderte von Dörfern waren ſchon in Flammen aufgegangen, und wen das Schwert ver⸗ ſchonte, den raffte die Seuche oder der Hunger dahin. Endlich hatte der Kaiſer alle ſeine Streitkräfte um ſich verſammelt. In der Nacht vom zehnten zum elften September brach er mit ſeinen Heereshaufen von Stadtamhof auf. Es war eine ungeſtüme Wit⸗ terung, und der kalte Regen floß in Strömen hernie⸗ der. Aber Maximilian war unverzagt, und als ihm von fern die Frühglocken von Regensburg ins Ohr tön⸗ ten, rief er:„Gott hilft uns, wir haben Fürbitten!“ und ſtürmte auf den Feind. Das war bei Wenzen⸗ bach gegen Morgen um die fünfte Stunde. Die Schlacht war mörderiſch und die Pfalzgräfin wehrte ſich verzweifelt. Der Kaiſer ſelbſt wurde durch den Schlag eines Streitkolbens mit ſeinem Pferde niegeſchmettert und verdankte die Rettung von ſichern Tode nur dem heldenhaften Erich von Braunſchweig der, obgleich ſelbſt gefährlich verwundet, in die Menge ſtürzte und ihn wieder aufrichtete. Aber ſiegreich zog der Kaiſer am Abend dieſes heißen Tages in die Thore von Regensburg ein. Die eroberten Siegeszei⸗ chen wurden ihm im Triumphe voraufgetragen, ſieben⸗ hundert Gefangene wurden vor ihm her getrieben, und die Trompeter und andere Spielleute blieſen ihre 209 ſchönſten Stücklein zum Preiſe des Siegers, der, den übrigen Fürſten voraus, ihnen auf hohem Roſſe folgte. Eine unzählige Menge Volkes war, da ſich im Laufe des Tages auch die Ungunſt des Wetters ge⸗ kehrt hatte, dem Kaiſer ſiegesfroh entgegengeeilt. Als dieſer in wehrhaftem Harniſch und koſtbarer Sturm⸗ haube durch die breite Straße von Stadtamhof ſich der Brücke von Regensburg näherte, ſah er die Raths⸗ herren der alten Reichsſtadt verſammelt, ihn feierlich zu empfangen und zu begrüßen, unter ihnen auch Port⸗ ner, den die dringende Einſprache Maximilian's ſchon vor Wochen aus dem Gefängniß des Staufer befreit hatte. Ein zufriedenes Lächeln umſpielte die Lippen des Kaiſers. Noch mehr aber erfreute ſein immer be⸗ gehrliches Herz wohl der Gedanke an den reichen Ge⸗ winn, den ihm ſelbſt dieſer Sieg bringen ſollte. Denn bei all den phantaſtiſchen und abenteuerlichen Plänen, denen er ſein ganzes Leben lang nachjagte, war er mit echtem habsburger Sinn doch ſtets und vor allem nur auf die Vergrößerung ſeiner Hausmacht bedacht, und der gute Herzog Albrecht von München ahnte nicht, wie theuer auch er die Waffenhülfe ſeines kai⸗ ſerlichen Schwagers mit einem Theile ſeiner ſchönſten Beſitzungen noch bezahlen mußte. Ernſte Ruhe im Oelſchläger. Novellen. I. 14 210 hageren Antlitz ritt er unmittelbar hinter dem Kaiſer her, eine hohe Geſtalt, breitgeſchultert und von fürſtli⸗ cher Würde. Voll Huld neigte ſich des Kaiſers Majeſtät zu den Rathsherren und voll Gnade nahm er die Ge⸗ ſchenke entgegen, die ſie ihm in üblicher Weiſe darbo⸗ ten. Sein blaues Auge blickte heiter über das jubelnde Volk hin, und gern gewährte er die Erlaubniß, daß ihn der Rath zunächſt in den Dom geleite, wo der Biſchof ein feierliches Tedeum ſingen ſollte. So ſetzte ſich der Zug weiter über die Brücke in Bewegung. Hinter dem Kaiſer ritten die andern Fürſten des Reichs, dann folgte in vielen Haufen das Fußvolk in leichten Harniſchen und Eiſenkappen, mit Schwertern und langen Hellebarden oder mit ſchweren Handfeuer⸗ geſchoſſen. An dieſe ſchloſſen ſich die Reiter, und den Beſchluß machten die langen Falkonetten und Feld⸗ ſchlangen, die, nun voll Schmuz und Rauch, an jenem Tage gleichfalls ein großes Wort mitgeſprochen hatten. Auf Konrad's Wunſch hatten ſich auch Agathe 6 und Gertrud aufgemacht, des Kaiſers Einzug mitan⸗ zuſehen. Namentlich die erſtere bedurfte der Zerſtreu⸗ ung ſehr, denn ihr treues Gemüth neigte wieder recht zum Trübſinn und zum Grillenfangen. Halb und halb war ihr das auch nicht zu verdenken: Fellner hatte 24 ſeit ſeinem Scheiden noch nicht ein einziges Mal Nach⸗ richt von ſich gegeben, und Agathe war im höchſten Grade um ihn beſorgt. Bei den ſchweren und unſi⸗ chern Zeitläuften konnte ihm leicht genug etwas Men⸗ liches zugeſtoßen ſein, und auch der ſonſt immer zu⸗ verſichtliche Konrad war täglich mehr in Verlegenheit, für die immer angſtvolleren Fragen ſeiner Schweſter eine geeignete und wirklich Troſt bietende Antwort zu finden. Darum auch ergriff er jede Gelegenheit, ſie aus dem trüben Einerlei des Lebens herauszuziehen, und darum auch hatte er ſie heute aufgefordert, mit den andern Menſchen auf die Straße zu gehen. Sie hatte ſich lange geſträubt und zuletzt doch den Zureden Ger⸗ trud's nachgegeben. Die Kinder waren bei einer Nach⸗ barin, einer alten Frau, welche ihre Stube nicht mehr verließ, untergebracht. Nun ſtanden ſie alle drei dem Biſchofshofe gegenüber auf den Treppenſtufen eines Hauſes. Sie konnten hier bequem über die Köpfe der dichtgedrängten Menge hinwegſehen und nichts Be⸗ merkenwerthes entging ihren ſpähenden Augen. Die Siegeszeichen, von hellem Jubel begrüßt, waren ſchon vorübergetragen worden, auch die Gefan⸗ genen waren ſchon vorübergezogen, abgeriſſen und mit düſteren Blicken, nun bogen die Spielleute mit ſchmet⸗ 142 212 terndem Klang vom Goliath her um die Ecke und nun kam auch der ruhmbekränzte Kaiſer des Weges, langſam hinreitend. Voll ſcheuer Ehrfurcht blickten die beiden Frauen dem Oberhaupt des deutſchen Reichs entgegen, aber der Kaiſer war kaum um die Ecke gebogen, da brach der Jubelruf, der ihm entgegenge⸗ tönt war, jäh ab, ſtatt deſſen ward ringsum ſchallen⸗ des Gelächter laut, das ſich mit jedem Augenblick noch vergrößerte, und dazwiſchen riefen fröhliche Stimmen: „Die dicke Agnes die dicke Agnes!“ Der Kaiſer, dem ſolcher Ruf völlig unverſtändlich war, ſah ſich befremdet um; Agathen aber ſchoß das Blut ins Geſicht, denn ſie ſchämte ſich und dachte, daß am Ende gar ihr der Hohnruf gelte, da ſie heute zum erſten Mal wieder ſeit jenem verhängnißvollen Tage unter die Leute gegangen. Inzwiſchen bog ſich Konrad ſpähend vor und entdeckte denn auch ſofort die Urſache der allgemeinen Heiterkeit. „Agathe“, rief er,„ſieh dort Deinen Mann, er ſchreitet neben dem Kaiſer her und hält die Decke ſeines Pferdes feſt.“ Es war, wie Konrad ſagte. Dem Kaiſer zur Rechten ging heiter und vergnügt Fellner, die bunte Decke unter dem Sattel, welche über den ganzen —, Rücken des kaiſerlichen Pferdes hinlief, mit der linken Hand haltend; vor, neben und hinter ihm aber liefen lachend eine Menge Dirnen, geputzt und von höchſt leichtfertigem Ausſehen, die alle ſich an der kaiſerlichen Majeſtät hielten, an einem Waffenſtücke, das ſie mit der Hand erreichen konnten, oder an der Decke des Pferdes, oder ſelbſt an deſſen Schweif, der eigentlich die bequemſte und beſte Handhabe bot. Alle dieſe Dirnen waren wie Fellner vor kurz oder lang vom Rathe aus der Stadt verwieſen wor⸗ den. Einem alten Herkommen gemäß, Niemand ab⸗ uhalten, der an dem Saum des kaiſerlichen Gewan⸗ des die Hand hatte und ſo nebenher lief, hatten ſie ſich auch heute an den Kaiſer angeklammert, und mit⸗ ten unter dieſer Schaar hielt auch Fellner heute un⸗ behelligt und unangetaſtet ſeinen Wiedereinzug in die Stadt. Das Volk aber hatte ihn raſch erkannt und be⸗ grüßte ihn von allen Seiten mit dem verhängnißvol⸗ len Rufe:„Die dicke Agnes!“ Es war gut, daß der Dom nur noch ein paar Schritte entfernt war. Etwas mißmuthig ſtieg der Kaiſer, am Portale vom Biſchof und der geſammten Geiſtlich⸗ keit unter Glockengeläute empfangen, vom Pferde; Fell⸗ ner aber ließ voll Glück und Freude, daß ihm ſein 214 Anſchlag ſo gut gelungen war, deſſen Decke aus der Hand. Kein Menſch, keine Macht durfte ihm nun mehr den Aufenthalt in der Stadt wehren oder ver⸗ bieten. Sein Wiederſehen mit Agathen, mit Konrad, mit Gertrud war um ſo herzlicher, je überraſchender und unvermutheter es war. Jetzt ſolle ſie nichts mehr trennen, ſagten ſie, und in Freud' und Leid wollten ſie treulich fortan zuſammenſtehen. Fellner drängte, die Wohnung aufzuſuchen; dort wolle er ihnen ausführlich erzählen, wie er inzwiſchen gelebt und wo er ſich herumgetrieben habe. Wäre er jedoch aufrichtiger ge⸗ weſen, ſo hätte er geſtanden, daß es ihn durchaus ſtöre, auf Schritt und Tritt fortwährend der Gegen⸗ ſtand der allgemeinſten Aufmerkſamkeit zu ſein, und daß er es unbehaglich finde, beſtändig von dem und jenem lachend als dicke Agnes begrüßt zu werden. Gertrud hatte indeß alle Urſache, mit Fellner's Vorſchlag nur wenig einverſtanden zu ſein. Erröthend zog ſie Konrad auf die Seite und unter Stottern ge⸗ ſtand ſie ihm, daß ihr der Vater den Auftrag gege⸗ ben habe, wenn es nun doch einmal nicht anders gehe, heute Konrad in ſein Haus zu führen, damit er aus ſeiner Hand die Tochter als Braut und zukünftige Hausfrau empfange. Der Siegeseinzug des Kaiſers hatte dem alten Weitmos den Tag zu einem glorrei⸗ chen und freudevollen gemacht, und er glaubte ihn nicht beſſer feiern zu können, als indem er den heiße⸗ ſten Wünſchen ſeiner blondlockigen Gertrud die end⸗ liche Erfüllung nicht länger vorenthielt. Konrad ſei, wie er nun die Ueberzeugung habe, ein braver Burſche, der das Herz auf dem rechten Fleck habe und ſich ge⸗ wiß noch die Stellung verſchaffen werde, die ſeiner Tochter würdig ſei. Das Herz Konrad's jubelte hoch auf. Fellner und Agathe waren ſchnell genug in das ſchöne Geheimniß gezogen, und nach kurzer gemeinſchaftlicher Berathung zogen ſie zuſammen der Apotheke zu, wo der alte Weit⸗ mos, wie alle Tage, ſo auch heute zum Wohle der leidenden Menſchheit geſchäftig herumhantierte. Ger⸗ trud und Konrad eilten bewegten Herzens voraus, die erſtere voll Ausgelaſſenheit plaudernd und la⸗ chend, der andere einſilbig und zuletzt in tiefes Nach⸗ denſen verſunken. Gertrud mochte keine Freude an ſolchem Weſen finden, da ſchwieg ſie denn auch. Aber das dauerte nicht lange. „Es iſt Dir doch nicht unangenehm“, ſagte ſie plötzlich wieder,„daß Dich mein Vater heute um die Ehre bitten will, ſein Schwiegerſohn zu werden?“ 216 Konrad ſchien den pikirten Ton, mit welchem ſeine Freundin dieſe Frage an ihn gerichtet hatte, voll⸗ ſtändig zu überhören. „Nein“, entgegnete er zerſtreut,„ich denke nach.“ „Mein Gott“, rief Gertrud unwillig,„in einem Augenblicke, da ich ſelbſt lauter Glück und Empfin⸗ dung und Seligkeit bin, hat dieſer Menſch die Ruhe, zu überlegen und nachzudenken. Und wenn man fragen darf, was beſchäftigt denn Deinen Geiſt ſo angelegent⸗ ich, daß Du mich jetzt auf dem Wege zur Verlobung ſo langweilig neben Dir herlaufen läſſeſt, als gehöre ich gar nicht zu Dir?“ „Ich denke über die Rede nach, welche ich vor Deinem Vater halten will, um Dich anzuhalten, liebe Gertrud.“ Gertrud lachte hell auf. Dann ſchlang ſie ihren Arm um den Geliebten. „Gib Dir weiter keine Mühe“, ſagte ſie zärtlich. „Ich habe zum Herzen meines guten Vaters ſchon tauſendmal beſſer geſprochen, als Du— nimm mir's nicht übel— beim beſten Willen das vermöchteſt. Sprich, wie Du denkſt und was Dir der ſchöne Au⸗ genblick eingibt. Du wirſt meinen Vater voll Güte finden, und hinter der Thür harre ich ſeines Rufes.“ Aber auch dieſe tröſtliche Verſicherung vermochte 217 die beklommene Einſilbigkeit des ſonſt ſo muntern und kecken Konrad nicht zu bannen. Er trug nicht ge⸗ ringe Scheu vor der großen Gelehrſamkeit und vor der Würde des Apothekers und kam ſich ſelbſt in dieſem Augenblick recht unbedeutend und recht verwegen zu⸗ gleich vor. Gertrud ſchlüpfte allein voraus in das Arbeits⸗ zimmer des alten Weitmos. Sie flog ihrem Vater an den Hals.„Er iſt da“, ſagte ſie leiſe und in holdem Erröthen. „Dann laß ihn eintreten“, entgegnete ihr Vater und küßte liebreich ihre weiße Stirn. 1„Noch eins, Väterchen“ flüſterte ſie bittend.„Nicht . wahr, Du machſt es kurz und läßt mir den guten Konrad nicht zu lange reden?“ „Sei ohne Sorgen, mein Kind“, lächelte der wackere Mann halb wehmüthig,„ich werde ſeine und Deine Ungeduld auf keine lange Probe mehr ſtellen.“ Gertrud eilte in das Nebenzimmer, mit pochen⸗ dem Herzen und voll Aufregung das kleine Gemach auf und ab ſchreitend. Sie ſtrich die goldenen Haare aus der glühenden Stirn. Der arme Junge! dachte ſie in ihrer übergroßen Zärtlichkeit und hätte vermuth⸗ ſcch bei ihrem Vater gerne um ihre eigene ſchöne kleine Hand für Konrad angehalten, nur um dieſem ein 5 218 paar ſchwere Augenblicke zu ſparen, die dem jungen waghalſigen Geſpenſterfänger doch wahrhaftig nicht ans Leben gingen. Aber ſchon ertönte der Ruf ihres Vaters, der den zaghaften Konrad bei ſeinem Eintreten gar nicht zu ſeiner wohlüberdachten Rede hatte kommen laſſen, um ihm nur mit ernſten, warmen Worten ans Herz zu legen, wie er ihm mit Gertrud den beſten und ſchön⸗ ſten Schatz anvertraue, den er beſitze und den Konrad denn auch fürs Leben hoch und gut bewahren möge⸗ Bei ſo ſchlichter freundlicher Rede des alten Weit⸗ mos war Konrad gleich alle einfältige Scheu losge⸗ worden, und ſein männliches Herz war voll aufrichti⸗ ger Verehrung und Dankbarkeit, als ihm der alte Weit⸗ mosherzlich die nun Hand bot und nach ſeiner Toch⸗ ter rief. Zur rechten Zeit traten jetzt auch Fellner und Agathe ein, mit herzlichen Glückwünſchen das junge verlobte Paar zu begrüßen. Als aber die Nacht herein⸗ gebrochen war, ſaßen ſie alle noch vergnügt in der heim⸗ lichen Wohnſtube neben der Apotheke, obenan am ſchwe⸗ ren Eichentiſch der alte Weitmos, der, wie ſichs gebührte, den Vorſitz führte und, da er ſeine Tochter ſo glück⸗ lich und dankbar ſah, in heiterſter Stimmung das Wohl des Brautpaares ausbrachte. 219 In dem Gewölbe ward hallender Lärm laut. Gertrud und Konrad warfen ſich bedeutungsvolle Blicke zu. „Der Bucklige treibt es heute wieder gar zu bunt“, ſagte der Apotheker verdrießlich, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob.„Ich muß ihm das Handwerk legen und er ſoll auch ſeinen Becher Wein haben zur Feier des freudigen Tages.“ „Ja“, rief Gertrud glücklich,„das machſt Du recht, Vater, und ich will ihm ſelbſt den Trunk bieten.“ Da trat der Bucklige unverſehens in das Gemach, über dem rothen Kleid einen ſchlechten braunen Mantel und ein kleines Bündel auf dem Rücken. „Ich muß Euch doch den Abſchiedsgruß geben, bevor ich gehe“, ſagte er trotzig zum Apotheker. „Biſt Du verrückt?“ fragte dieſer entgegen. „Wollte der Himmel“, verſetzte der Bucklige höh⸗ niſch,„alle Leute wären es ſo wenig, als ich.“ „Was willſt Du mit ſolcher Rede ſagen?“ fuhr der Apotheker zornig auf. „Nichts Schlimmes. Aber Euere Tochter habt Ihr hingegeben und mich jagt Ihr aus dem Hauſe.“ „Ich Dich?“ fragte Weitmos erſtaunt, und Ger⸗ trud ſagte freundlich: 220 „Ich habe Dir eben einen fröhlichen Trunk bieten wollen, auf daß Du Dich mit uns freuen ſollſt.“ Aus den kleinen Augen des Buckligen ſchoß ein Strahl wilder Leidenſchaft, doch er beherrſchte ſich: „Behaltet nur Euern Wein“, ſagte er gering⸗ ſchätzig;„vielleicht aber“, ſetzte er hämiſch und mit Nachdruck bei,„erlaubt mir heute auch ohne ihn, daß ich Euch zu einem ſo ſchönen Herzensſchatz Glück wünſche.“ Der Apotheker zeigte Spuren lebhafter Unruhe. Gertrud aber, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen, verſetzte ruhig: „Gewiß dürft Ihr das und Ihr ſeid von mir herzlichſt dafür bedankt. Warum aber wollt Ihr das Haus verlaſſen?“ „Warum?“ fragte der Bucklige entgegen.„Weil ich in dieſes Haus nicht mehr paſſe; ich bin nun ein⸗ mal ein nichtsnutziger Menſch, der zum Glücke nicht taugt, und wenn ich ſo zärtliches Liebesgegirre alle Stunde um mich hören müßte, wäre mir's, als hätte ich Gift geſchluckt.“ Dabei verdrehte er tückiſch ſeine Augen. Der Apo⸗ theker aber ſagte jetzt ruhig: „Gut; wenn Du aus ſolcher Urſache ziehen willſt, ich halte Dich nicht. Sonſt wärſt Du unter meinem 2 Dache immer wohl bewahrt geweſen. Möge Dir die Fremde viel Freundliches bieten. Lebe wohl.“ Der Bucklige ſtand noch einen Augenblick wie zögernd, dann, ohne ein Wort zu erwidern, verſchwand er und ſchritt, eine Welt voll Liebe und Haß im un⸗ glücklichen Herzen, in die ſtille Nacht hinaus neuen Zielen und neuen Schickſalen entgegen. Im Gemach, das er verlaſſen, blieb eine für Alle peinliche Stille zurück, da Jeder mit ſeinen Gedanken und Vermuthungen beſchäftigt war, die er dem An⸗ dern nicht preisgeben wollte, bis Weitmos endlich ſein Sinnen mit den Worten unterbrach: „Der Bucklige hat mir's, glaube ich, nicht mehr verziehen, daß ich ihn neulich ſo arg ſchalt und in einer Sache ſo hart anfuhr, die er gewiß nicht verſchuldet hatte.“ Man horchte hoch auf und Weitmos erzählte nun — zum erſten Male— den Spuk, der auf ſo unbe⸗ greiflicher Weiſe neulich in ſeinem Arbeitszimmer ge⸗ haust hatte. An eine wirkliche Geſpenſtergeſchichte wollte natür⸗ lich Niemand, auch Gertrud nicht mehr glauben, die ja die dicke Agnes heute leibhaftig neben ſich ſitzen hatte. Da ſich aber Agathe, Konrad und ſelbſt der alte Weitmos noch immer in den abenteuerlichſten Ver⸗ 222 muthungen über den ſeltſamen Vorfall ergingen, ſo brach Fellner, der das Lachen ſchon lange nicht mehr bergen konnte, ſein geheimnißvolles Schweigen und gab ſo viel belacht als geſcholten ſeinen ſtaunenden Zuhörern die einfache Löſung des Räthſels, wie er die Rolle der dicken Agnes probeweiſe ſchon früher geſpielt und wie er allein der Urheber all des luſtigen Scha⸗ bernaks geweſen ſei. Aber er erzählte nur die halbe Wahrheit, Gertrud, die ihn mit dankbarem Herzen wol verſtand, verſchmitzt zunickend; daß er dieſe in ihrem traulichen Stelldichein mit Konrad belauſcht habe, verſchwieg er mit lobenswerthem Zartgefühl und das war auch eine Sache, die der alte Weitmos ſelbſt jetzt nicht mehr zu wiſſen brauchte. Mitten in die allgemeine Heiterkeit fiel der Kämmerer athemlos herein. Er kam vom Bankett, das die Stadt dem Kaiſer zu Ehren auf dem Rathhaus gab, und wollte Fellner holen. Der Kaiſer wünſche ihn zu ſpre⸗ chen, ſagte er. „Der Kaiſer?“ wiederholte Fellner und ſetzte das Glas Wein, das er eben zum Munde führen wollte, 3 beſtürzt wieder auf den Tiſch, um ſich mit allen zehn Fingern durch die geſträubten Haare zu fahren. „Der Kaiſer“, beſtätigte Lyskirchner.„Er hat beim Bankett gehört, welche Bewandtniß es mit dem eigen⸗ thümlichen Ruf gehabt hat, den er heute beim Ein⸗ zug vernommen, und will ſich nun Eure Geiſterge⸗ ſchichte von Euch ſelbſt erzählen laſſen.“ „Das hättet Ihr viel beſſer thun können als ich⸗ ſtieß Fellner unwirſch heraus. „Sputet Euch“, drängte der Kämmerer,„ſo vor⸗ nehme Herren warten nicht gern.“ Klopfenden Herzens ſchritt Fellner neben dem Kämmerer durch die dunklen Straßen; in ſeiner Ein⸗ falt hatte er ſogar heimlich Angſt, der Kaiſer möge ihn ſchelten, daß er heute vielleicht ſeines Pferdes Decke zu derb angefaßt habe. Nur mit halbem Ohr vernahm er, was ihm Lyskirchner wohlmeinend rieth und wie er mit dem Kaiſer ſprechen ſolle. Todtenſtill ward es im Saal, als der Schneider, von Lyskirchner geführt, eintrat. Der Lichterglanz blendete ihn, und er ſah all die vornehmen Herren ringsum nur in unbeſtimmten Umriſſen. Nur den dicken Junker von Guttenſtein erkannte er, der ſaß mit hochgeröthetem Geſicht und im blauſeidenen Wamms ganz in der Nähe des Kaiſers. Er ſah, bequem in den Lehnſtuhl zurückgelehnt und den Fuß des Gold⸗ bechers vor ſich mit der Hand umfaßt haltend, ſehr vergnügt drein und nickte dem Schneider wie einem alten Bekannten freundlich zu. Auch der Kaiſer oben ———— am Tiſch, der gut geſpeiſt und gut getrunken hatte, empfing ihn aufs leutſeligſte. Er trug einen Man⸗ tel von ſchwerem dunkelrothem Sammt und mit koſt⸗ barem Pelzwerk beſetzt; am Hals glänzte ihm eine goldene Kette, deren Werth Fellner gar nicht zu ſchätzen wagte. Der Kaiſer forderte ihn auf, ſeine Spuk⸗ geſchichte zu erzählen, von der er ſchon halb und halb gehört habe, aber ſo ausführlich mie möglich. Fellner fuhr ſich vor Verlegenheit durch die ge⸗ ſträubten Haare, und das machte den Kaiſer lachen; dann erzählte er in ſeiner trockenen, luſtigen Art den Hergang der Geſchichte. Der Kaiſer, der auf jedes Worte hörte, und die Fürſten lachten, ſo herzlich ſie nur konnten. „Und dieſer Konrad, Euer Schwager“, fragte Maxmiilian dann, indem er ſich wieder behaglich in ſeinen goldgeſchmückten Lehnſtuhl zurücklegte,„iſt Söld⸗ ner im Dienſte der Stadt?“ „So iſt es“, antwortete Fellner. „Schade um einen ſo tüchtigen Burſchen“, ſagte der Kaiſer,„den will ich ſelbſt in mein kaiſerlichen Dienſt nehmen, und Ihr könnt ihm davon Mitthei⸗ lung machen. Was aber iſt aus dem hochwürdigen Herrn von Raidenbuch geworden, der ja für einen 225 Prieſter ganz ſeltſam ausgelaſſene und wenig würdige Streiche verübt?“ Fellner wußte auf die Frage keine Antwort. Da begegnete ſein Blick dem dicken Freund des Domherrn. „Wenn Eure hochedle Majeſtät“, ſagte er raſch, „vielleicht den Junker von Guttenſtein dort—“ Der Kaiſer wandte ſich überraſcht; der Junker aber wurde noch röther in ſeinem Geſicht, als er ſchon war. Dann antwortete er dem fragenden Blick des kaiſerlichen Herrn. „Der Domherr“, ſagte er,„iſt meines Wiſſens noch im⸗ mer im Gewahrſam des Biſchofshofs und, wie mich dünkt, nicht ganz aus eigenem Willen. Der hochwürdigſte Herr Biſchof“, ſetzte er lächelnd bei,„ſoll nicht üble Abſicht geäußert haben, an dem Domherrn ein ein⸗ dringliches Exempel zu ſtatuiren.“ „Endlich!“ rief der Kaiſer zornesmuthig.„Wer möchte auch noch dem ehr⸗ und zuchtloſen Treiben der Pfaffenwelt ſteuern! Ihr aber“, wandte er ſich dann wieder freundlich zu Fellner,„beantwortet mir noch eine Frage: Wo iſt denn das viele Geld geblieben, das Ihr als dicke Agnes aus den Taſchen Eurer geſpenſterſcheuen Mitbürger ergattert habt?“ Ueber das Geſicht Fellner's flog ein dunkler Schatten. „Das haben mir die hohen Herren vom Rathe Helſchläger, Novellen. I. 15 abgenommen“, ſagte er wehmüthig,„und für die Stadt mit Beſchlag belegt.“ „Mit Recht“, antwortete der Kaiſer wohlwollend „denn es kann keinem Bürger zuſtehen, ſeine Genoſſen unter irgend einer Maske zu brandſchatzen und auszu⸗ plündern. Und nun geht und jagt meinen guten Re⸗ gensburgern nie wieder ſolchen Schrecken ein, wie Ihr diesmal gethan. Damit Ihr aber nicht umſonſt ge⸗ ſpukt und mir mit Euren ergötzlichen Abenteuern nicht umſonſt eine vergnügte Stunde gemacht haben ſollt, möge Euch mein Kämmerer die Summe, die Euch der Rath abgenommen, im gleichen Betrage auszahlen als Geſchenk von Eurem Kaiſer, der Euch in Gnaden ge⸗ wogen iſt.“ Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Perlag von Ernſt Julius Günther in Tripzig. Chriſtoph Pechlin. Eine internationale Liebefsgeſchichte von Wilhelm Raabe. 2 Bände. Eleg. broſch. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. oder Die Geſchichten vom verſunkenen Garten. Von Wilhelm Raabe. 1 Band. Eleg. broch. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. S 2 22 Uus intergßündr. Eine Erzählung von Friedrich Gerſtäcker. 1 Band. Preis 25 Ngr. Berlag von Ernſt Julius Günther in Teipzig. Mann und Weib. Roman von 3 Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Emil Lehmann. Autoriſirte Ausgabe. 3 6 Vde. 8 Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 20 Ngr. Fränlein oder Fran? Erzählung von Wilhie Collins. Aus dem Engliſchen von Emil Lehmann Autoriſirte Ausgabe. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 25 Ngr. Armadale. Roman von Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. ——— ull unn Punſtunz. Roman von Otto Müller. 3 Bände. 8o. Eleg. geh. Preis 4 Thlr. Der Majorutsherr. Roman aus der Gegenwart von Otto Müller. 3 Bände. Eleg. broch. 3 Thlr. 15 Ngr. Die Jagd nach dem Glücke. Roman von J. C. Schubert. 3 Bände. Eleg broſch. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Perlag von Ernſt Zulius Günther in Teipzig. Leben um Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Falifas“ Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 5 Ngr. Ein edles Leben. Roman von der Verfaſſerin von„John Halifax“. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr Die Ogilvies oder: Herzenskämpft. Roman von der Verfaſſerin von„John Falifar“. Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. ————————— ———— * E 3 ————