Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 5 Ednard Otkmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und Feſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em- 3 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von! jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗„ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 6 Mr.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 M.— Pf. 3 „ 6 B„ 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird§ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben“ —— Wunderliche Peutt. Roman von Hermann Oelſchläger. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. Lelſchläger, Wunderliche Leute. III. Dritter Band. Erſtes Kapitel. Frater Heinrich hatte ſeine Erzählung geendet, die Dora mit ſtets ſich ſteigernder Theilnahme angehört hatte. Ein tiefer Zug des Mitleidens für den jungen Novizen wehte durch ihr Herz, und ſie beklagte den armen Mönch, welcher dem Vorurtheile einer Schau⸗ ſpielerin, wie ſie es nannte, und dem frommen Glauben einer Mutter zum Opfer gefallen war. Sie hatte ſeine Erzählung mit häufigen Fragen und mit mancherlei Rufen der Verwunderung oder des Abſcheus, beſonders wenn von Breitſam die Rede ge⸗ weſen war, unterbrochen. Nun wagte ſie nicht das Schweigen zu ſtören, in welches Frater Heinrich vwer⸗ ſunken war, und begnügte ſich, mit ihren Blicken an dem ſchönen, vom Eifer der Rede lleicht gerötheten 1* — — 4 Antlitz des jungen Mannes zu hängen, der, den Arm in das Gras geſtützt, finſter zu Boden ſah. Was hatte er nicht Alles erduldet! Und doch, wie ſehr war er geliebt worden! Frater Heinrich war der erſte, der wieder zu ſich kam. Er richtete ſich auf und ſagte lächelnd: „Beſter Herr, wenn wir nicht hier über Nacht blei⸗ ben wollen, iſt es Zeit, an den Heimweg zu denken.“ „Mein Gott“, rief Dora erſchrocken aufſpringend, was wird mein Oheim ſagen!“ „Nichts Schlimmeres als mein Pater Nikomedes. Doch nun kommen Sie, wir wollen der Unruhe der ehrwürdigen Väter ein Ende machen.“ Es war in der That hohe Zeit, daß die Beiden in das Kloſter zurückkehrten. Die Sonne war eben im Untergange begriffen und ihre letzten Strahlen trafen nur noch die höchſten Bergſpitzen und die am Abendhimmel roſig hinziehenden Wolken. Die Thäler unten hatten ſich in dunkle Schatten gehüllt und auf den ſchwarz hingeſtreckten Wäldern lag es wie ein Hauch der herniederſteigenden Nacht. In größter Eile wurde der Weg durch den Wald und den Berg hinab zurückgelegt. Dora achtete nicht der würzigen Luft, die ſie rings umwehte, nicht des wunderbaren Friedens, in den die Natur geſenkt war, — 6 5 mit erhitzten Wangen flog ſie dem Frater Heinrich voraus und kümmerte ſich nicht, wenn ein knorriger Aſt, den ſie vom Pfade zurückbog, wieder hinter ihr hereinſchnellte und ihres Begleiters Kutte mit gewich⸗ tigem Schlage traf. Sie hemmte ihren Lauf erſt, als ſie vor der Pforte des Kloſtergartens ſtand, wo ſie, glühend und athemlos, eben doch wieder auf Frater Heinrich warten mußte, der ihr gefaßter und mit lang⸗ ſamerem Schritte gefolgt war. Die beiden Flüchtlinge wurden auf der Kegelbahn mit großem Lärm empfangen. Pater Nikomedes ſchien wirklich gelaunt, ſeinem Zögling die gebührende Straf⸗ rede nicht zu erſparen, doch trat der Pater Guardian, an deſſen Seite ſich Dora's Oheim befand, dazwiſchen und bemühte ſich ſelbſt, den eigenmächtigen Ausflug des Novizen im Hinblick auf den Gaſt, der ihn begleitet, zu entſchuldigen. Doctor Anſelmus war wie gewöhnlich in großer Aufregung und, was ſchlimmer noch, er durfte ſich dieſe Aufregung nicht merken laſſen. Jedermann würde ihm in das Geſicht gelacht haben, wenn er geſtanden hätte, daß er wegen des Ausbleibens ſeines Neffen in Beſorgniß ſei. Wer wird ſich ängſtigen wollen, wenn ein junger Student, ohne vorher angefragt zu haben, in den Wald läuft! Der Speſſart birgt keine Wölfe 6 und keine Bären mehr in ſeinen Schatten, und wenn etwas Braunes durch das Grün der Bäume ſchimmert, ſo kann es nur die Wollkutte eines ehrwürdigen Kapu⸗ ziners ſein. Aus dieſem Grunde blieb auch Dora von den Vor⸗ würfen unbehelligt, mit welchen ihr Oheim ſie unter vier Augen überſchuttet hätte; er begnügte ſich mit einigen allgemeinen Redensarten und war zufrieden, als Dora, müde von dem ungewohnten Spaziergange, um die Erlaubniß bat, auf ihr Zimmer gehen zu dürfen. Bald aber verließ auch er die Kegelbahn; er hatte ſich in Laufe des Nachmittags wirklich unendlich ab⸗ gehärmt, und die Gereiztheit, in welcher er ſich ſchon während der letzten Tage, überhaupt ſeit dem Auf⸗ finden der Schachfiguren befand, war dadurch auf einen faſt bedenklichen Grad geſtiegen⸗ Er fühlte ſich körper⸗ lich über alle Begriffe abgeſpannt, als er die Stein⸗ ſtufen hinauf zu ſeiner Behauſung ſchlich, und wieder führte ihn ſein Weg an dem Bilde der Italienerin vorbei. Es hing im Dunkel, und nur am Ende des Corridors, wo die Wand mit einem großen, ſchwarz angeſtrichenen Kreuze geſchmückt war, leuchtete eine kleine Hellampe, die ihren ungewiſſen, zitternden Schimmer kaum bis hierher warf. —— 7 Er blieb vor dem Bilde ſtehen, das er lange be⸗ trachtete. Erſt als er ſich darauf beſann, daß er ja eigentlich nur in das Dunkel, nur in die Nacht ſehe, ging er, aus ſeinem Zimmer, das gleichfalls in Finſterniß lag, den bereitſtehenden Leuchter zu holen und vor das Bild zurückgekehrt Licht zu machen. Wie ein Stern ging die ſtrahlende Schönheit des welſchen Weibes vor ſeinen Blicken auf. „Sidonie!“ flüſterte er. Das war der Name der Italienerin, wie er ihn in den Urkunden und Chroniken gefunden. Sein Auge hing verzehrend an den ſchönen Formen, deren herrliche Linien der Künſtler ſo fein empfunden und mit ſo unnennbarem Geſchicke wieder der Leinwand anvertraut hatte. „Sidonie!“ wiederholte er.„Wer mit dir gelebt hätte, wer um dich hätte ſein dürfen! Um deine Liebe werben, dir dienen, dich lieben—“ Ein Schauer überlief den Körper des Doctor Anſel⸗ mus, denn ihm war, als habe ihn eben ein Blitz aus den großen dunklen Augen der Italienerin getroffen, als habe ihre Wimper gezuckt. Er lächelte über ſich ſelbſt; es war ja nur ein Bild, ein gemaltes Bild, vor dem er ſtand, er mußte ſich ge⸗ täuſcht haben. Aber trotzdem wagte er nicht mehr auf⸗ 8 zublicken, und von Scheu ergriffen, kehrte er nachdenk⸗ lich in ſein Zimmer zurück. Dort harrte ſeiner ein ſeltſamer Anblick. Denn am Fenſter ſaß ſeine Nichte Dora, eingeſchlafen und das Haupt auf den rechten Arm geſtützt, der auf dem Fenſterſims ruhte. Die Linke hing ſchlaff herunter. Sie hatt⸗ es nicht gehört, wie ihr Oheim vorhin den Leuchter geholt hatte; ihr Schlummer war ſo tief, daß ſie auch jetzt ſein Kommen nicht vernahm. Doctor Anſelmus ſtellte das brennende Licht auf den Tiſch, ſein Strahl ſiel hell auf Dora und beleuch⸗ tete ſcharf deren ſchönes Profil. Und wie ihr Oheim hinblickte, überrieſelte ihn wie⸗ der ein Schauer, gerade wie vorhin, da er vor dem Bilde der Italienerin geſtanden. Denn die Schlafende glich aufs Haar der ſchönen Sidonie aus dem Welſchland, nur war die Schönheit Dora's jünger, reiner, mehr noch im Aufknospen begriffen, im Ver⸗ gleich zu der Formvollendung der Andern. Aber es war daſſelbe volle tiefbraune Haar, derſelbe ſtolze Schnitt der Naſe, derſelbe Schwung der Augenbrauen, derſelbe feine Mund. Doctor Anſelmus wurde, er wußte nicht wie. Seit Jahren hatte er Dora täglich geſehen, und nun erſt ſollte er alle die Schönheit erkennen? Er glaubte zu — — 9 träumen, aber Alles, was er ſah, war Wahrheit, und wie gebannt haftete ſein Blick auf der ſchönen Schlä⸗ ferin, die er wie neu, wie noch nie geſehen vor ſich fand. Endlich raffte er ſich zuſammen. „Dora!“ rief er leiſe und wollte ſeine Nichte wecken. „Dora!“ wiederholte er, aber nur flüſternd, denn er fürchtete ſich vor dem Klange ſeiner eigenen Stimme. Aber ſeine Nichte erwachte nicht. Da nahm er den Leuchter vom Tiſch und näherte ſich ihr leiſe auf den Zehen. Voll Bewunderung be⸗ trachtete er ſie wieder, wie die röthliche Helle der Kerze über ihr jugendliches Geſicht floß und wie ihr ſchöner Buſen in gleichmäßigem Athemzug gleich einer Welle ſich hob und ſenkte. Er beugte ſein blaſſes Antlitz über ſie, da fuhr Dora erſchrocken auf, die Nähe des Lichtes hatte ſie geblendet. Schlaftrunken rieb ſie ſich die Augen, dann ſagte ſie halb lachend, halb ärgerlich: „Nein, Onkel, wie magſt Du mich ſo erſchrecken!“ „Ich Dich?“ ſtotterte Doctor Anſelmus verlegen. „Ich wollte Dich nur wecken, es iſt Schlafenszeit.“ „Wahrhaftig“ rief Dora nun völlig munter,„ich glaube, ich bin hier eingeſchlafen, da ich Dich erwarten wollte. Aber was iſt Dir? Du ſiehſt mich mit ſo ſtarren Augen an!“ 10 Doctor Anſelmus erröthete, wie wenn er auf einem Diebſtahl ertappt worden wäre. „Mir?“ ſagte er.„Mir iſt gar nichts, Du ſcheinſt noch zu träumen. Geh zu Bette, es iſt Schlafenszeit.“ „Ja, ich gehe. Gute Nacht, Onkelchen.“ Doctor Anſelmus ſchaute lange auf die Thür, durch welche ſeine Nichte verſchwunden war. Sein dunkles Auge nahm jenen melancholiſchen Ausdruck an, der ſeine äußerſte ſchmerzerfüllte Unzufriedenheit mit ſich, mit der Welt, mit Allem zu bezeichnen pflegte. Er ſtand lange ſinnend, nachdenkend. So wenig er es ſich geſtehen mochte, durch ſein Herz wehten Gefühle eigener Art, Gefühle, die er längſt erſtorben und begraben glaubte. Ihm war wie dem Walde, dem nach langem, endlos ſcheinendem Winterſchlaf plötzlich eine lauhe, neuen Lenz und neues Blühen kündende Luft durch die kahlen Zweige weht. Er trat ans Fenſter und blickte in die milde, ſtern⸗ helle Sommernacht hinaus. Er dachte ſeiner ſchönſten, ſeiner erſten Liebe, jener Tänzerin, die ihm neulich erſt im Traume begegnet, da ſie allzu leichtfertig vor den Kapuzinern getanzt. Er gedachte jener Tage voll Sturm und Leidenſchaft, jener Tage der Jugend voll Kraft und Trot, voll Muth und Glück, und er ſah zu den Sternen, die in ewigem Kreislauf, nach ewigen . . 11 Geſetzen immer neue Tage, immer neue Stunden herauf⸗ führen und keine zurückbringen. Seufzend wandte er ſich zur Arbeit; es galt, auch die dritte Nacht ſeinen Forſchungen betreffs der Schach⸗ figuren zu opfern. Doch rückte ſein Thun nur lang⸗ ſam vorwärts, denn immer mit neuer Gewalt traten die Geſtalten der Italienerin und Dora's vor ſeine Seele und floſſen in wunderſamer Weiſe, nicht mehr von einander zu trennen, zu einem einzigen ſchönheit⸗ leuchtenden Bilde zuſammen. Dann kam es wohl, daß er vom Stuhle aufſprang und mit großen haſtigen Schritten im Zimmer auf und ab ging. Das waren immer die ſchwerſten Stunden ſeines Lebens; denn in ſolchen Stunden geſtand er ſich, daß er vielleicht doch nicht den rechten Weg zum Glücke eingeſchlagen habe, als er in einſamem Trotze und entſagend durch das Leben zu ſchreiten beſchloß; aber heute, heute zum erſten Male wagte er die Frage, ob daran nicht doch etwas noch zu ändern, zu retten, zu gewinnen ſei. Ein leichtes Lächeln umſpielte ſeine Lippen. An was er wohl dachte? Vielleicht blühte nochmals ein Hoffnungstraum in ſeiner Seele auf, nicht wie jener, der einſt ſonnenheiß und verſengend über ſeine Tage hingefahren war, ſondern mehr dem Mondlichte zu vergleichen, das ſanft und träumeriſch 12 auf der dunklen Landſchaft liegt und verborgene Blu⸗ men zum Duften und verſteckte Nachtigallen zum Schla⸗ gen bringt. Am nächſten Morgen mußte es ſeiner Nichte auf⸗ fallen, daß Doctor Anſelmus ſie ſo oft in ihrer Be⸗ ſchäftigung, dem Abſchreiben des Manuſripts, unter⸗ brach. Während er ſonſt, wie mit Ketten an ſeinen Schreibtiſch gebannt, nie ſein Zimmer verließ, trat er heute drei⸗ ja viermal zu ihr, ohne daß er jedoch etwas Anderes als die unbedeutendſte Frage oder Rede an ſie zu richten wußte. Ihr Erſtaunen wuchs, als er ihrem Schreiben zu⸗ ſehend Gelegenheit nahm, ihre kleine hübſche Hand zu bewundern, nicht etwa ihre Handſchrift, deren Vortreff⸗ lichkeit er ſchon öfter rückhaltlos anerkannt hatte, ſon⸗ dern ihre eigentlichſte Hand, die Hand von Fleiſch und Bein, die ſchmale weiße Hand, die ſo kokett aus dem weiten Aermel ihres Männerrocks hervorguckte. „Ah“, lachte Dora,„das iſt ungalant! Haſt Du die Schönheit meiner Hand noch nicht bemerkt? Ich bin ſchon häufig darum belobt worden.“ „Ich habe ſie wirklich noch nicht bemerkt“ ant⸗ wortete Doctor Anſelmus und ſchritt aus dem Zimmer. Er ließ ſich im Laufe des Vormittags nicht wieder ſehen. 13 Die Zeit des Mittageſſens benutzte Dora, in aller Kürze ihrem Oheim die Leidens⸗ und Liebesgeſchichte des Frater Heinrich zu erzählen. Leider kam ſie allzu ſchlecht an. Doctor Anſelmus rückte ungeduldig auf ſeinem Stuhle herum und wollte nichts hören. „Es iſt zu beklagen“, ſeufzte Dora,„wie ſchwer der arme Novize jetzt ſeinen Irrthum büßen muß.“ „Der arme Novize!“ höhnte Doctor Anſelmus.„Es geſchieht ihm gerade recht, wenn er ſeine einfältigen Streiche büßen muß. Aus dem Kloſter hilft ihm ſein Leben lang Niemand mehr heraus.“ „Das iſt ja das Traurige“, ſagte Dora; ihr Oheim aber ſtand ſcheltend vom Tiſche auf, ſeine Nichte hatte ihm glücklich allen Appetit zu vertreiben gewußt. Nicht umſonſt hoffte dieſe darauf, daß er nun dem Schlummer ſein gewohntes Opfer bringen werde, und machte ſich, ſobald Alles ſtill war, auf, in den Garten zu eilen, wo ſie Frater Heinrich mit Beſtimmtheit er⸗ warten zu dürfen glaubte. Ihr Oheim lag, das ſchönſte Bild des Friedens, auf dem Bette, gliedergelöſt und langgeſtreckt, die Augen geſchloſſen, leicht athmend. Sachte ſchlich ſie ſich durchs Zimmer an ihm vorbei, kein Sandkörnchen knirſchte verrätheriſch unter ihren kleinen Füßen, und eben legte ſie die Hand auf die Thürklinke, den Blick unverwandt auf ihren Oheim 14 gerichtet, als dieſer ohne jede Veranlaſſung ſeine Augen langſam aufſchlug und zu ſeinem nicht geringen Er⸗ ſtaunen Dora in dieſer mehr als zweideutigen Haltung vor ſich ſah. Lang und langſam richtete er ſich in die Höhe. „Du wollteſt—“ ſagte er nur. „In den Garten gehen“, antwortete die Gefragte ſchüchtern. „In den Garten? Zu—“ Doctor Anſelmus vollendete den Satz nicht, ſprang vielmehr ſchleunigſt vom Lager, eilte auf die Thür, drehte den Schlüſſel um, der innen im Schloſſe ſtak, und ließ dieſen ſelbſt im dunklen Abgrund ſeiner Hoſen⸗ taſche verſchwinden. „So“ ſagte er;„ich denke, Du ziehſt es doch vor, bei mir zu bleiben. Frater Heinrich wird ſchon ein andermal kommen.“ „Das iſt abſcheulich“, klagte Dora weinerlich,„Du behandelſt mich wie ein Rind.“ „Du willſt es nicht anders haben“ bemerkte Doctor Anſelmus, ſich wieder lang auf dem Bette ausſtreckend; „Du denkſt nicht daran, daß—“ Schon aber war Dora, die Fruchtloſigkeit fernerer Vorſtellungen einſehend, in ihr Zimmer verſchwunden und ſtarrte, nachdem ſie unwillig den Hut in die S 15 nächſte Ecke geworfen, grollend und übellaunig zum Fenſter hinaus. Doctor Anſelmus war in einer nicht minder ver⸗ drießlichen Stimmung; was mochte, ſagte er ſich, dieſer Mönch ſeiner Nichte nicht Alles erzählt haben, ſchmerzen⸗ und thränenreich! Doctor Anſelmus wußte genau, daß das Mitleid am erſten der Boden ſei, dem die Roſen⸗ blüte der Liebe entſproſſe, und wohin ſollte das führen, nachdem Frater Heinrich in Dora doch nur den Stu⸗ denten, den Neffen des Doctor Anſelmus ſah und ſehen durfte. Dennoch begann es ihm bereits leid zu thun, daß er ſeiner Nichte ſo ſchroff entgegengetreten war. Ja, er ſann ſogar darauf, wie er dieſe wieder heiter zu ſtimmen vermöge, und verließ, nachdem er noch eine Weile nachgedacht und zu einem Entſchluſſe ge⸗ kommen ſchien, das Zimmer. Dora hatte inzwiſchen vor ihrem Tiſche Platz ge⸗ nommen und ſaß nun, die Füße auf den blanken Schemel und den Arm auf das eine Knie geſtützt, nach⸗ denklich da, über die Arbeit weg in das Freie hinaus⸗ ſehend. Die kleine weiße Hand, die ihr Oheim vor wenigen Stunden in ſo bedenklicher Weiſe gelobt hatte, ruhte vor dem Mund, deſſen feingeſchnittene, knospende Lippen ſie bedeckte, und wenn ſie nicht ihren braunen Lockenkopf ſo trotzig in ſich hineingeſteckt, ſo hätte 16 ihr Oheim, der gerade, die eine Hand hinter den Rücken haltend, zu ihr ins Zimmer trat, gewiß vor lauter Bewunderung ſich nicht mehr zu faſſen gewußt. „Dora“ ſagte er ſchüchtern. „Du wünſcheſt?“ entgegnete die Angeredete in einem Tone, der ihm vollſtändig die Ueberzeugung beibringen mußte, wie wenig willkommen im Grunde ſein Er⸗ ſcheinen ſei. „Ich habe Dich verletzt“ ſagte Doctor Anſelmus. Dora wandte ſich raſch um; ſo hatte ſie ihren Oheim noch nie ſprechen hören, und dann, welche Innig⸗ keit lag in ſeinem Blick! „Verletzt?“ ſagte ſie.„Nein; doch thut es mir leid, daß Du mir den Beſuch des Gartens verbieten zu müſſen glaubſt.“ „Ich that es nicht gern, doch die Gefahr—“ „Ich weiß. Warum willſt Du überhaupt noch einmal von dem anfangen, was nicht mehr zu ändern iſt?“ „Warum?“ wiederholte ihr Oheim zögernd.„Sieh, ich möchte von Dir nur wiſſen, ob Du wirklich keine andere Abſicht hatteſt, als eben nur in den Garten zu gehen— Du verſtehſt mich, nur in den Garten, eben nur in den Garten.“ „Freilich! Welche Abſicht ſollte ich ſonſt gehabt haben?“ 17 „Schön“, ſagte Doctor Anſelmus,„ich habe mir das auch gedacht; Du liebſt—“ Dora fühlte, wie ihr das Blut blitzgleich in die Wange ſtieg und ihr die Stirn bedeckte. „Die Blumen“, ſetzte ihr Oheim bei und ſie ath⸗ mete leichter. „Darum habe ich“ fuhr jener fort,„geglaubt, Dir eine Entſchädigung bieten zu müſſen, und bitte Dich nun, ſie hier in Geſtalt dieſes einfachſten aller Sträuße anzunehmen.“ Bei dieſen Worten holte er die Hand hervor, die er bis jetzt auf dem Rücken gehalten und in der er einen nicht ohne Geſchmack zuſammengeſtellten Blumen⸗ ſtrauß trug. Dora ſah ihren Oheim überraſcht an. „Scherzeſt Du nicht?“ fragte ſie. „Wie kannſt Du das glauben?“ „Du haſt dieſen Strauß ſelbſt für mich gepflückt?“ „Biſt Du erſtaunt darüber?“ „Allerdings“, antwortete Dora und fuhr dann, in⸗ dem ſie Doctor Anſelmus beim Kragen faßte und neckiſch von der Seite anſah, fort: „Weißt Du auch, daß Du Jemand eiferſüchtig machen wirſt?“ „Eiferſüchtig?“ Helſchläger, Wunderliche Leute. III. 2 18 „Ja, die ſchöne Italienerin, die draußen im Gange hängt. Wenn Du den Strauß als Zoll Deiner Ver⸗ ehrung hinter das Bild jener Schönheit geſteckt und vielleicht des Nachts eine Lampe vor demſelben ange⸗ zündet hätteſt, ah, darüber hätte mich kein Erſtaunen erfaßt; aber ich, Onkelchen, wie verdiene ich, Deine Nichte, eine ſolche Aufmerkſamkeit?“ Dora ſah reizend aus, wie ſie ihren Oheim in ſolcher Weiſe apoſtrophirte. „Wie kommſt Du“, fragte dieſer verwirrt,„auf die Italienerin?“ „Meinſt Du, ich hätte vorgeſtern nicht bemerkt, wie Du noch ſpät des Nachts auf den Corridor ſchlichſt? Geſtern werde ich es verſchlafen haben, aber heute— warte, Onkelchen, Dich in ein Bild zu verlieben!“ Es geht gut, dachte Doctor Anſelmus, ſie wird eiferſüchtig. „Es iſt nur ſchade“ lachte Dora,„daß Du immer zu ſpät kommſt. Diesmal biſt Du gerade dreihundert Jahre zu ſpät auf die Welt gekommen.“ Die Miene des Doctor Anſelmus verfinſterte ſich. „Es iſt unrecht“ ſagte er ſchwermüthig,„daß Du mich in dem Augenblicke, da ich Dir eine kleine Freude zu bereiten ſuche, an meinen ſchwerſten Kummer er⸗ innerſt.“ 1 „Verzeih“, bat Dora ſchmeichelnd;„nimm lieber meinen beſten Dank für den Strauß und dann laß mich für Waſſer ſorgen, daß die Blumen friſch bleiben.“ Während ſie den ziemlich umfangreichen Strauß in das waſſergefüllte Gefäß preßte, konnte Doctor Anſel⸗ mus abermals— heute zum zweiten Male— eine be⸗ wundernde Bemerkung hinſichtlich der ſchönen Hand ſeiner Nichte nicht unterdrücken. „Nimm Dich in Acht“, lachte Dora und drohte mit dem Finger,„Du wirſt die Italienerin ernſtlich böſe machen.“ Es geht immer beſſer, dachte ſich wieder Doctor Anſelmus, ihre Eiferſucht iſt im Wachſen. „Solche gefährliche Bilder“ fuhr ſeine Nichte fort, „ſollte man verbrennen, man ſollte ſie unſchädlich ma⸗ chen, bevor ſie ihren Zauber ausüben können, man ſollte ſie zerſtören, vernichten.“ „Du biſt barbariſch“, ſpöttelte Doctor Anſelmus; „und wenn wirklich ein geheimnißvoller Geiſt in ſolchen Bildern lebte, wäre das Verbrennen und Vernichten nicht ein neuer Tod, den diejenigen, deren Körper ſchon Jahrhunderte im Grabe modert, wiederum hier erleiden müßten?“ „Ach ja“, rief Dora.„Nun in Gottes Namen, laß ſie hängen. Weiß ich doch beſtimmt, daß ich mich nie 20 in einen ſolchen dreihundert Jahre alten rauchgeſchwärzten Kumpan verlieben werde.“ „Biſt Du deſſen ſo ſicher?“ „Freilich.“ „Worin ſoll Dein Schuß liegen?“ „Darin, daß mir die Männer von heute ſchon gut genug gefallen. Ich habe nicht nöthig, ſo weit zurück⸗ zugreifen.“ „Du ſprichſt leichtſinnig, Dora.“ „Gott bewahre! Es iſt nur Freude an der Welt, wie ſie iſt, wie ich ſie ſehe und wie ſie mir gefällt.“ Das Auge Dora's leuchtete in frohem Glanze, und vielleicht war es die ihr ganzes Weſen verklärende Heiterkeit, daß Doctor Anſelmus in dieſem Augenblicke ſich gleichfalls der Anſicht zuzuneigen begann, daß es in der That klug gehandelt ſei, ſich in den Menſchen von heute einen Si gegen die hingegangener Jahr⸗ hunderte zu ſchaffen. Dora gegen Sidonie! Das wäre alſo dasjenige geweſen, was der edle Doctor Anſelmus gebraucht hätte. In großer Unruhe, deren Urſache ſeine Nichte ſchlechterdings nicht zu errathen vermochte, ſchritt er im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor Dora ſtehen. „Wie müßte denn“ fragte er,„der Mann aus ſehen, welcher, um bei der einmal gebrauchten Redewendung zu bleiben, ſo ganz im Stande wäre, Dich vor dem nachwirkenden Zauber früherer Geſchlechter zu ſchützen?“ „Hu, wie gelehrt das klingt!“ ſpottete Dora.„Wenn ich Dich recht verſtehe, fragſt Du, wie der ausſehen müſſe, in den ich mich ernſtlich verlieben oder den ich heirathen möchte?“ „Allerdings.“ Dora ſah ihrem Oheim prüfend ins Auge, ſie wußte nicht recht, wie ſie mit ihm daran war. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht“ ſtieß ſie endlich heraus und glaubte ſich vortrefflich aus der Schlinge gezogen zu haben. „Hm“, meinte ihr Oheim,„das iſt natürlich.“ Dann fuhr er fort:„Wärſt Du zum Beiſpiel im Stande, Deine Liebe einem Manne zu ſchenken, der in frühern Jahren ſchon eine ſtarke Neigung für ein anderes Mädchen gehabt?“ Dora ſtutzte. „Ja“ ſagte ſie dann entſchloſſen. Doctor Anſelmus machte wieder einige haſtige Gänge durchs Zimmer, vor ſich hinblickend und nur von Zeit zu Zeit einen brummenden, knurrenden Laut ausſtoßend⸗ dem Dora jede beliebige Deutung geben konnte. „Dürfteſt Du“ fragte er wieder,„auch wiſſen, daß 1 22 dieſer Mann ſchon Stunden durchlitten, in denen er jede Freude am künftigen Leben verſchworen hatte, in denen er ſich als der unglückſeligſte, jammervollſte aller Menſchen erſchienen, in denen er alſo ganz geknickt, ganz gebeugt, ganz gebrochen eine gewiſſe Schwäche gezeigt?“ Dora's Herz ſchlug faſt hörbar, ein Erſchrecken war über ſie gekommen, daß ihr die Kniee zitterten. Ahnte Doctor Anſelmus das Geheimniß ihres Herzens? „Ja“, antwortete ſie wieder auf ſeine Frage, aber etwas leiſer als das erſte Mal. „Hm“ brummte Doctor Anſelmus, ſehr zufrieden⸗ geſtellt durch die Bewegung, welche ſich ſeiner Nichte zu bemächtigen begann und die ſeinem Scharfblicke nicht entgangen war. Er blieb zum dritten Male vor ihr ſtehen. „Und dürfte“, ſagte er,„dieſer Mann früher ſogar den Wunſch geäußert haben, einſt in einem Kloſter ſterben zu können? Dürfte er alſo ſchon dem äußerſten Grad der Verzweiflung und der Hoffnungsloſigkeit hin⸗ gegeben geweſen ſein? Würdeſt Du Nachſicht übend ihn trotzdem für einen Mann halten, reich genug an Kraft, um Dich an ihn in den Stürmen des Lebens ſicher lehnen zu können?“ Diesmal drohten Dora die Sinne zu vergehen; 23 hatte er ihr in das Herz, in den tiefſten Grund ihres Herzens geſehen? Hatte er mehr errathen, als ſie ſelbſt noch bis zu dieſer Stunde ſich zu geſtehen den Muth gehabt hatte? Er konnte doch nur eins im Sinne haben. Wollte er nun rettend und helfend eingreifen? Aber Doctor Anſelmus wartete auf die Antwort. „Ja“, preßte ſie mühſam hervor, den Blick zu Bo⸗ den geſenkt. „Hm, hm“ ſtieß ihr Oheim heraus und ſein dunkles Auge flammte in wunderſamem Glanze auf. Dann trat er auf ſeine Nichte zu, faßte ihre vielgeprieſene Hand und fragte, ſelbſt klopfenden Herzens und bemüht, ſeine Stimme zum trauten Flüſtern herabzudämpfen: „Und, Dora, wie würde dieſer Mann heißen?“ „Du weißt es ja“, antwortete Dora ängſtlich. „Nun?“ Da barg Dora ihr erglühendes Haupt an der Bruſt des Mannes, der ihr bisher Vormund, Oheim, Vater, Alles geweſen war, und hauchte kaum hörbar: „Heinrich.“ Es iſt eine bedauerliche Thatſache, daß Doctor Anſelmus in dieſem Augenblicke nicht vom Schlage gerührt worden iſt. Die meiſten der verehrten Leſer werden nichts Geringeres als dies erwartet haben, und es iſt immer mißlich für den Erzähler, der an die ein⸗ 24 fache Wahrheit ſeiner Geſchichten gebunden iſt, ſeinen Leſern Täuſchungen zu bereiten. Auf der andern Seite iſt nicht zu leugnen, daß da⸗ durch der Schluß dieſer ſchlichten Hiſtorie bedeutend beeinträchtigt und namentlich in einer Weiſe tragiſch zugeſpitzt worden wäre, die den von einfältigem Humor nicht ganz freien Ton durchaus als ungerechtfertigt würde erſcheinen laſſen. Zudem iſt auch noch zu be⸗ merken, daß der Held dieſer ſchmuckloſen Erzählung, eben der viel und nicht unrühmlich genannte Doctor Anſelmus doch wahrhaftig nicht verdiente, ſo jäh und ſchreckensvoll von dieſer Erde hinweggerafft zu werden. Die in überwiegender Zahl vorhandenen guten Seiten dieſes ehrenwertheſten aller Poeten und Privatdocenten werden keinem der vielen Leſer entgangen ſein, und wenn Doctor Anſelmus ſich diesmal und gegenüber ſeiner Nichte Dora eine kleine Schwäche hat zu Schulden kommen laſſen, ſo iſt wenigſtens der Autor ſo ehrlich einzugeſtehen, daß er der Allerletzte iſt, der um des⸗ willen auf ſeinen Helden einen Stein wirft. Kurz und gut und Alles in Allem genommen, ſo ſcheint es nur erfreulich, daß Doctor Anſelmus über dieſe ſchreckliche Kataſtrophe glücklich hinübergekommen iſt, wenngleich die Aufregung, der er ſich, in ſein Zim⸗ mer zurückgekehrt, preisgegeben fand, eine ſo gewaltige 25 war, wie ſie ſein allzu empfindliches Nervenſyſtem ſchon ſeit langem nicht mehr erfahren. Er hätte am liebſten Alles, was er um ſich ſah und wie'es ihm gerade in die Hände gekommen wäre, kurz und klein geſchlagen. Er hätte ſich zu Hauſe dieſe etwas gewaltſame Herzens⸗ erleichterung auch gewiß verſchafft, hier war es ledig⸗ lich die Heiligkeit des Ortes, die ihn von ſolchem ver⸗ werflichen Thun abhielt und die dem unſaglichen Jam⸗ mer und Schmerzgefühl, das ſeine Bruſt durchtobte, wenigſtens nach außen einen Zügel anlegte. Das, was er nach ſeiner empfindlichen Art am meiſten ſcheute, war, ſich vor ſeiner Nichte lächerlich gemacht zu haben; und doch hätte er gerade darüber am meiſten beruhigt ſein können. Denn Dora, die in ihrer erſten Betäubung ſich über ihr Bett geworfen hatte, deſſen Kiſſen ſie reichlich mit Thränen benetzte dachte noch nicht im geringſten darüber nach, durch was ſie ihren Oheim wohl ſo tief und ſchwer gereizt haben konnte, daß er ſie rauh und ungeſtüm von ſich ſtoßen und ſie mit Scheltworten überhäufen durfte, die ſeiner gewöhnlichen Art zu ſein ebenſo ſehr entgegen⸗ ſtanden, wie ſeine frühern Schmeicheleien. Er hatte ſie eine liſtige Schlange, eine Heuchlerin genannt, das kümmerte ſie jetzt noch nicht, ſie ſann gar nicht darüber nach, welchen Zweck Doctor Anſelmus in dem letzten 26 Geſpräch mit ihr eigentlich im Auge gehabt habe; nur eins erfüllte ſie mit unendlicher Beſchämung, mit un⸗ endlichem Schmerz: daß ſie ſich hatte hinreißen laſſen, ihrem Oheim eine Neigung einzugeſtehen, die ſie ſelbſt faſt noch unbewußt in ſich getragen und die als hoff⸗ nungslos und ziellos von Anfang an ſie ſich ſelbſt eigentlich nur im Traum bekannt hatte. Da ſtürzte Doctor Anſelmus außer ſich in ihr Zimmer. Er verbot ihr zu weinen. „Willſt Du mich verrückt machen?“ rief er. Ein erneuter Thränenſtrom war die Antwort ſeiner Nichte. „Du ahnſt nicht“ fuhr er fort,„wie ich die Thränen haſſe! Und gar die Weiberthränen! Ueber was weinſt Du? Haſt Du einen vernünftigen Grund zum Weinen? Nein, gar nicht, durchaus nicht. Weine lieber über mich, den Du wie mit Abſicht ſo unglücklich, ſo elend machſt, den Du rückſichtslos aus einer Aufregung in die andere wirfſt, den Du krank ärgerſt, den Du um ſeine Ruhe, um ſeinen Frieden, um Alles bringſt. O“, rief er, die Hände ringend,„es iſt entſetzlich zu denken! Mit welchen Hoffnungen, mit welchen Erwartungen kam ich hierher, in die Stille dieſes gottgeweihten Klo⸗ ſters, und nun, wo bleibt die Erzählung, die ich ſchrei⸗ 27 ben wollte, wo bleibt die tiefſinnige Abhandlung über die Schachfiguren, die mich zum Profeſſor der Hoch⸗ ſchule machen ſollte! Es iſt ſchrecklich, Alles iſt vorbei, Alles umſonſt, Alles hin. Das Beſte wäre wohl, ſofort abzureiſen. Aber ich weiß, ein erneuter Wechſel des Aufenthalts würde mich jetzt auf das Krankenlager werfen. Ich will alſo bleiben. Du aber, Unglückſelige, haſt mir geſtanden, daß Du Frater Heinrich liebſt. Dora, ahnſt Du, was das heißt? Ahnſt Du, daß Du an der Sünde vorüberſtreifſt, da Du Deine Augen auf einen Mann wirfſt, der ſein Leben der Kirche, ſein Herz Gott verlobt hat? Ich will Dich ſchonen und darüber ſchweigen. Meine Pflicht aber iſt es, diejenigen Maßregeln zu treffen, die Dein Zuſtand unabweisbar erheiſcht, Du darfſt mit Frater Heinrich nie mehr allein zuſammentreffen. Noch ahnt er nicht, wer Du biſt, noch kann Alles zum Guten geführt werden. Ver⸗ ſprichſt Du mir das?“ „Ja“ ſagte Dora kaum hörbar. „Du verſprichſt mir, Dein Zimmer nie mehr ohne mich zu verlaſſen?“ „Ich werde Dich, wenn ich es paſſend finde, ſpa⸗ zieren führen, auf Wegen, die uns vor Ueberraſchungen 28 ſicher ſtellen. Du wirſt nie mehr nach der Kegelbahn verlangen. Verſprichſt Du mir das?“ „Ja.“ „Ich werde dem Pater Guardian ſagen, daß Dich die Arbeit abhalte, Dich ſo häufig ſehen zu laſſen, wie bisher; Du wirſt meine Ausſage im Nothfalle beſtätigen.“ Dora verſprach in ihrer Zerknirſchtheit Alles; ſie hätte noch mehr verſprochen, wenn ihr Oheim noch mehr verlangt hätte. Und wirklich ging dieſer, als der Abend hereingebrochen war, allein in den Garten, und als Dora ihn den Schlüſſel im Schloß umdrehen hörte, wußte ſie, daß ſie heute zum erſten Male von dem ihr angedrohten Zimmerarreſt betroffen ſei. Zweites Kapitel. Es war ſchon ſpät und die ſilberne Sichel des Mondes über dem ſchwarzen Tannenwalde, der dort den Horizont begrenzte, längſt heraufgeſtiegen, als Doctor Anſelmus wieder zurückkehrte. Er mochte glauben, ſeine Nichte ruhe ſchon, wenigſtens näherte er ſich ihrer Thür nicht mehr und ſchritt, wie er es vor dem Schlafengehen zu thun pflegte, wenn er nicht noch arbeitete, in ſeinem Zimmer auf und ab. Auch Dora verzichtete heute darauf, ihm gute Nacht zu ſagen, und blieb nur, da auch über ſie noch keine Müdigkeit gekommen war, ſtill am offenen Fenſter ſitzen und ſah gedankenvoll durch die ſchweigende, zauberhelle Sommernacht. Aus ihrem Sinnen wurde ſie nach einiger Zeit 30 durch lautes Reden aufgeſtört. Sie horchte. Es war Doctor Anſelmus, der mit ſich ſelber ſprach. Es waren kurze, abgeriſſene, unverſtändliche Sätze, die er polternd herausſtieß. Er ging dabei auf und ab, Dora hörte ſeine Schritte. Nur wenn er haſtiger, heftiger ſprach, blieb er einen Augenblick ſtehen, um dann doch wieder ſeine ruheloſe Wanderung fortzuſetzen. Seiner Nichte ward unheimlich. Sie verſtand keine Silbe des Selbſtgeſprächs, aber durch die Stille der Nacht wirkte der leidenſchaftliche Ton, in welchem die einzelnen Worte herausgeſtoßen wurden, auf die Hörerin doppelt. Mitternacht war nahe und Doctor Anſelmus war noch immer wach. Noch immer ging er im Zimmer auf und ab, noch immer ſprach er mit ſich ſelbſt, haſtig leidenſchaftlich und erregt. Plötzlich hörte ihn Dora die Thür öffnen, welche auf den Corridor führte; ſie ſpähte durch das Schlüſſel⸗ loch, Doctor Anſelmus hatte ſein Zimmer verlaſſen. Was hatte er noch da draußen zu ſuchen? War es wieder das Bild der ſchönen Sidonie, das ihn an⸗ gelockt hatte? Von einer faſt unerklärlichen Bangigkeit ergriffen⸗ eilte Dora durch das Zinmer ihres Oheims an die Thür, die ihr leiſe ſo weit zu öffnen ge⸗ 31 lang, daß ihr ein Blick auf den Gang mög⸗ lich war. Wirklich, Doctor Anſelmus ſtand, das rothe Fes auf dem Kopfe und den Meſſingleuchter in der Hand, vor dem Bilde der Italienerin. Wie ſehr mußte es ihm dieſe angethan haben! Sein Auge glänzte ſeltſam und er ſprach zu dem Bilde, das ſo ſtill und ernſt auf ihn herniederblickte, leiſe Worte, kaum geflüſtert, nur hingehaucht. Hoch über dem Kloſter ſtand im reinen Blau der Mond und ſein ſilbernes Licht beglänzte den ſtillen Kloſterhof und das Kreuz, das in der Mitte deſſelben ſtand. Der Corridor lag im Dunkeln, und nur leiſe an der Seite glitt der milde Schimmer des Mondes über die Säulen hin, die arabeskengeſchmückt den ge⸗ wölbten Gang trugen. Aber wahrhaft geſpenſtiſch beleuchtete der rothe Strahl des Lichtes, das Doctor Anſelmus trug, die aus dem ſchwarzen Rahmen und dem ſchwarzen Hinter⸗ grund wie lebendig hervortretende ſtolze, prunkreiche Geſtalt der Italienerin und die bleichen, müden Züge des Gelehrten, der in ſeiner einfachen ſchwarzen Kleidung regungslos vor ihr ſtand, das dunkle ſchwärmeriſche Auge aufgeſchlagen und nur die ſchmalen Lippen wie zum Gebete bewegend. 32 Minute verging um Minute, da mochte in der Seele des Doctor Anſelmus der Wunſch aufſteigen, dem ſchönen Bilde noch näher zu ſein. Unter dieſem ſtand eine ſchlichte hölzerne Bank, wie deren noch mehrere in den langen Gängen, die bei Regenzeit den Mönchen zum Spaziergang dienten, aufgeſtellt waren. Auf dieſe ſtieg Doctor Anſelmus, daß er dem Bilde nun gegenüber ſtand, Auge in Auge, in ſtummes An⸗ ſchauen verſunken, bis ſich ein ſchwerer Seufzer ſeiner Bruſt entrang, der ſchmerzlich klagend durch die Stille des Säulengangs hinzog und verhallte. Da, als wenn er die Geſtalt des ſchönen Weibes umfaſſen wolle, hob er beide Arme zu ihr empor, mit dämoniſcher Gewalt ſchien es ihn hinzuziehen und halb voll Gier, halb voll Scheu drückte er einen Kuß auf ihre rothen, halb geöffneten Lippen. Doch im ſelben Augenblick brach er, wie vom Blitz getroffen, zuſammen und ſtürzte, nach rückwärts geneigt, beſinnungslos zu Boden. Das Licht entfiel) verlöſchend ſeiner Hand und tiefe Nacht, durch die nur von fern der Strahl der Hellampe vor dem Crucifix zitterte, lag auf dem Corridor. Der gellende Angſtſchrei Dora's, die auf ihren un⸗ glücklichen Oheim zuſtürzte, rief die Hülfe der Mönche 33 herbei. Von allen Seiten eilten ſie aus ihren Zellen und Dora erzählte mit haſtigen Worten den Vorgang, ſoweit ſie ihn ſelbſt begriff. Vorſichtig hob man den noch immer Beſinnungs⸗ loſen auf und trug ihn auf ſein Zimmer, wo man ſich zunächſt überzeugte, daß er wenigſtens äußer⸗ lich keine Beſchädigung erlitten. Man brachte ihn zu Bette und endlich gelang es auch wiederholten Verſuchen, ihn wieder in das Leben zurückzurufen. Aber mit irren Augen blickte er umher und kannte Niemand, nicht Dora, die— es war nun einmal der Tag der Thränen— weinend ſeine Hand umfaßt hielt, nicht den Pater Guardian, der ſich beſorgt über ihn beugte, nicht die übrigen Mönche, die in angſt⸗ vollem Schweigen ſein Bett umſtanden. Man hatte ſich in den wenigen Monaten, die Frater Heinrich im Kloſter zubrachte, daran gewöhnt, ihm, der ſich auf der Univerſität nicht unbedeutende mediciniſche Kenntniſſe erworben hatte, die Verwaltung der Hausapotheke und ſo lange die Behandlung eines Kranken anzuvertrauen, bis der mehrere Stunden ent⸗ fernt wohnende Arzt des Bezirks herbeigerufen war. Zwar war alsbald für Abſendung eines Eilboten geſorgt worden, da deſſen Rückkehr aber nicht vor Anbruch des Tages zu erwarten ſtand, 5 überliez Helſchläger, Wunderliche Leute. III. 34 man es dem jungen Novizen, zu verordnen, was in der erſten Stunde nothwendig ſein mochte. Dieſer— denn er erkannte unſchwer, daß man es hier mit einer merkwürdig auf die Spitze getriebenen Aufregung der Nerven und einem dadurch hervorgerufenen Fieberan⸗ fall zu thun habe— räumte vor allem das Zimmer von den überflüſſigen Zuſchauern, und Dora's fortge⸗ ſetzten Bitten gelang es endlich, auch den ehrwürdigen Pater Guardian zur Rückkehr in ſeine Zelle zu be⸗ wegen. Als er ging, ahnte er nicht, welche Laſt und Sorge er vom Herzen Dora's nahm. Denn dieſe befand ſich in einer Aufregung, die jeder Beſchreibung ſpottet und die ihr nichts weniger als zu verargen war. In der That, wäre Doctor Anſelmus ſich ſelber ſo gegenüber geſtanden, wie ihm Dora nun gegenüberſtand, und wäre es ihm möglich geweſen, alle jene verhängnißvollen Worte mit anzu⸗ hören, die er jetzt in der Raſerei des Fiebers, wenn auch unzuſammenhängend, doch nicht minder ver⸗ rätheriſch und unbedacht herausſtieß, er wäre, auf ſein eignes Ich losſtürzend, in jene namenloſe Wuth ge⸗ rathen, die ſich ſeiner unter gewiſſen Umſtänden zu be⸗ mächtigen pflegte, und hätte ſich, nur um die Ouelle der unglückſeligen Worte zu erſticken, unter tauſend Verwünſchungen den Hals umgedreht, unbekümmert, ob 35 ihm ein würdiger Nachfolger für die Beſchreibung der Schachfiguren erſtehen oder ob dieſe mit ihm in die Nacht des Grabes und der Vergeſſenheit zurückſinken würden auf immer. „Bleib' hier, Dora, bleib' hier“, rief der Kranke. „Um Gotteswillen, geh nicht ins Kloſter— ſieh, wie ſie lachen— alle lachen, der Pater Guardian lacht — ich bin verloren. Sie kommen mit ihren Spießen — ſie kommen, Dora— o wie ſie hauen— und ſtechen— hinaus— fort aus dem Kloſter— Dora—“ Erſchöpft ſank Doctor Anſelmus in die Kiſſen zu⸗ rück und Frater Heinrich war bemüht, ihm den kalten Schweiß von der Stirn zu wiſchen. „Sonderbare Reden, die Ihr Oheim führt“ ſagte er dabei, und Dora meinte zu fühlen, wie ſein Blick prüfend über ſie hinglitt. Hatte ſie vorhin faſt bleich vor Angſt neben dem Bette geſeſſen, durch jedes neue Wort, das ſich von den Lippen ihres Oheims losrang, in neues Entſetzen gejagt, ſo goß ſich jetzt eine Blut⸗ röthe in das Geſicht, und indem ſie ſich ſagte, daß lediglich won ihr und ihrer Haltung der Ausgang dieſer ſeltſamen Verwicklung abhänge, verſuchte ſie ſtandhaft dem Auge des Novizen zu begegnen. Und doch, der Novize hatte kein Arg. „Von wem ſpricht Ihr Oheim immer?“ fragte er. 3* 36 „Von meiner Schweſter, die wir vor unſrer Reiſe hierher in die Hauptſtadt zurückſchickten“, war Dora's gefaßte Antwort und ſie ſegnete den glücklichen Zufall, daß ihr Uebermuth ſchon früher und unter weniger verhängnißvollen Umſtänden auf dieſe Lüge ge⸗ kommen war. „Es wird dienlich ſein, Ihrem Oheim naſſe Tücher über die Stirn zu legen“ ſagte der Novize nach einer Weile und berührte leicht die Stirn des Kranken. Wollen Sie mir nicht behülflich ſein?“ „Gern“, antwortete Dora raſch und war erfreut, für einen Augenblick wenigſtens die Aufmerkſamkeit von dem Kranken ſelbſt abgelenkt zu wiſſen. Sie hatte empfunden, daß der Frater Heinrich am Ende gefähr⸗ licher und mehr zu fürchten ſei, als es der halbtaube Pater Guardian war. Mit flinker Hand bereitete ſie auf dem am Fenſter ſtehenden Schreibtiſche die Umſchläge, ſo flink, daß dem jungen Mönche nichts mehr zu thun übrig blieb. Sie trat an das Lager und befeſtigte gewandt und ohne dem Kranken läſtig zu fallen, die naſſen Tücher um deſſen erhitztes Haupt. Der Novize hatte daneben geſtanden und geleuchtet. Jetzt ſagte er: 37 „Hätte ich nicht ſchon Ihre Fertigkeit im Bohnen⸗ ſchneiden zu bewundern gehabt, Herr Theodor, ſo würde ich jetzt die Geſchicklichkeit bewundern, mit der Sie ſich auf Umſchläge und Krankenpflege ver⸗ ſtehen.“ Der Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, war nichts weniger als unbefangen; der Spott, der dahinter ſteckte, war unverkennbar. Doch aufs neue wußte Dora die Gefahr zu be⸗ ſchwören. „Sie ſcherzen“ antwortete ſie leichthin,„und haben Sie nicht ſelbſt geſagt, man müſſe ſich in allen Dingen von den Frauen unabhängig zu machen ſuchen?“ „Ich ahnte damals nicht“ ſpöttelte der Mönch, „daß Sie in dieſer Kunſt ſchon ſolche Fortſchritte ge⸗ macht haben könnten.“ „Sie übertreiben.“ Dora ſchwieg. Die Fortſetzung dieſes Geſprächs ſchien ihr gefährlich, und ſie wandte ſich zum Kranken, deſſen Schlummer inzwiſchen ruhiger und gleichmäßiger geworden war. Die Nacht ging hin und der Morgen graute, der endlich den Arzt brachte; er erklärte den Zuſtand des Kranken für unbedenklich, verſchrieb ein Medicament und befahl vor allem, den Patienten ruhig fortſchlafen 38 zu laſſen. Seine Natur habe bereits geſiegt und es ſei kaum zu fürchten, daß ſich das Fieber mit der Nacht wieder einſtellen werde. Dora hätte dem Arzte für ſolche tröſtliche Ausſicht um den Hals fallen mö⸗ gen; vor allem aber beſtand ſie darauf, daß Frater Heinrich ihr die weitere Pflege und Wache allein überlaſſe, da ſie das lebhafte Bedürfniß empfand, nach all dieſen nächtlichen Stunden des Schreckens aufzuath⸗ men und unbeobachtet und allein ſich zu erholen. Sie hatte kaum eine halbe Stunde angekleidet auf ihrem Lager geruht, als ſie den ſchwachen Ruf ihres Oheims vernahm. Doctor Anſelmus war aufgewacht, aber es war ihm unmöglich, ſich auf irgend etwas zu beſinnen. Er fühlte ſich zum Tode matt, er vermochte ſeine Füße kaum zu regen, er wußte kaum, wo er ſich eigentlich befinde, nur die eine Ahnung ſchwebte ihm dunkel vor, es habe ſich etwas Außerordentliches mit ihm zuge⸗ tragen, worunter er jetzt noch leide. Ein ſonderbares Gefühl veranlaßte ihn endlich nach der Stirn zu greifen, wo er einen feuchten, kalten Ge⸗ genſtand faßte. Nach einigem Reißen und Zerren ge⸗ lang es ihm, denſelben herunterzubekommen, und er fand die Entdeckung höchſt eigenthümlich, mit einem naſſen Tuch um den Kopf aufgewacht zu ſein. 39 Er rief ſeine Nichte, auf die er die müden Augen in ſtummer Frage richtete. Dora beugte ſich zu ihm und fragte mit theilnahm⸗ voller Stimme: „Wie befindeſt Du Dich, Onkelchen?“ Ein zorniger Blitz leuchtete im dunklen Auge des Doctor Anſelmus auf. „Willſt Du mir nicht erſt gefällig ſagen“, preßte er hervor,„wie ich zu dieſem naſſen Fetzen komme?“ Damtt ſchleuderte er den Umſchlag, den er ſich von der Stirn geriſſen, aufgebracht in die nächſte Ecke. „Du biſt heute Nacht erkrankt“, antwortete Dora ruhig,„Du hatteſt Fieber und man hat Dir die Um⸗ ſchläge verordnet.“ „So“, ſagte Doctor Anſelmus und ſtreckte ſich lang im Bette.„Es iſt wahr, ich fühle mich ſehr ſchwach. Wie iſt das gekommen?“ Dora erzählte ihm, was ſie wußte. Sie that es in ſchonender Weiſe und ſagte, er ſei auf dem Rück⸗ wege in ſein Zimmer von einer Ohnmacht überfallen worden. „So“, ſagte Doctor Anſelmus und wandte ſich dann mürriſch gegen die Wand. Dora trat ſeufzend zurück, ſie hatte ſich auf ſolche ſchlimme Launen gefaßt gemacht. 40 Ihrem kranken Oheim traten indeß mehr und mehr die Vorfälle des letzten Tages vor die Seele; er be⸗ ſann ſich immer lebhafter auf die große Scene, die er mit ſeiner Nichte gehabt; er beſann ſich immer deutli⸗ cher auf die ſchöne Sidonie, er beſann ſich genau da⸗ rauf, wie er in den Corridor gegangen, wie er zu dem Bilde hinaufgeſtiegen, wie er es umarmt hatte, wie es plötzlich Leben zu bekommen ſchien, wie— ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt und er verſank in tiefes, wehmuthvolles Nachdenken. Aber ſchon ſchoß ein neuer Gedanke durch ſein im⸗ mer bewegtes Hirn und auf ſein ſchleuniges Befragen erfuhr er, daß in der That Frater Heinrich es geweſen ſei, der mit Dora die Nacht an ſeinem Bette zugebracht habe. Dieſe Nachricht jagte ihm einen Schrecken ein, der nicht hätte übertroffen werden können, wenn ihm Dora die Mittheilung gemacht, der wahrhaftige Gott⸗ ſeibeiuns habe bei ihm gewacht und habe mit höchſt eigenen teufliſchen Händen die Umſchläge um das Haupt des chriſtlichen Doctors gelegt. Vergebens ſuchte Dora einige erläuternde und entſchuldigende Worte zu ſpre⸗ chen, er wehrte ſie ungeſtüm ab. „Es iſt gut, es iſt gut“ ſtöhnte er,„ich will den Pater Guardian ſprechen.“ In dieſem Augenblick trat der Gewünſchte wie ge⸗ —— 4¹ rufen ein, um ſich theilnahmvoll nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen, und Doctor Anſelmus wußte es ſeiner Nichte nahe zu legen, daß es ihm lieb ſei, mit dem Pater Guardian allein gelaſſen zu werden. So bequemte ſich denn dieſe wenn auch nur ungern, das Zimmer zu verlaſſen und auf dem Corridor, an eine der arabeskengeſchmückten Säulen gelehnt, an Alles zu denken, was ihr lieb war und was ſie freute. Und an wen hätte ſie lieber gedacht als an Frater Heinrich? Dieſer hatte ſich inzwiſchen gar ſeltſamen und wun⸗ derlichen Betrachtungen hingegeben. Als er am frühen Morgen vom Lager des Doctor Anſelmus weg in ſeine Zelle zurückkehrte, war er, ſtatt augenblicklich den ver⸗ ſäumten Schlummer der Nacht nachzuholen, noch lange in dem engbegrenzten Raume auf und ab geſchritten, ſinnend und nachdenkend. Abſonderlich dabei war, daß er, ſobald er ſtill ſtand und ſich auf ſeinen Gedanken ertappte, ein herzliches Gelächter aufſchlug und über ſich ſelbſt den Kopf ſchüttelte. Wahrhaftig, Jedermann mußte zugeben, der junge Mönch konnte ſich keinen kurioſern Gegenſtand zum Nachdenken auswählen als denjenigen, den er wirklich gewählt hatte und der NRie⸗ mand anders war als eben des Doctor Anſelmus Neffe Theodor. 42 Frater Heinrich geſtand ſich vor allem, daß noch kein junger Mann einen ſolchen Eindruck auf ihn ge⸗ macht habe wie jener. Welchen Eindruck? Das ver⸗ mochte ſich der Novize am allerwenigſten zu ſagen. Er bekannte ſich vielmehr daß, abgeſehen von dem da und dort aufblitzenden muntern Spott das Charakteri⸗ ſtiſche Theodor's in einer gewiſſen, für ihn wenigſtens unbeſtimmbaren Milde und Weichheit, in einer biswei⸗ len ſeltſamen, weil unnöthigen Schüchternheit und Ver⸗ legenheit liege; er bekannte ſich, daß dies Eigenſchaften ſeien, die gerade er bis jetzt am wenigſten an einem Manne lobenswerth und preiswürdig gefunden habe. Und doch, weit entfernt, von dieſem, wie er ſelbſt ſagte, knabenhaft erſcheinenden Weſen ſich abgeſtoßen zu füh⸗ len, ſah er ſich vielmehr von demſelben wohlthuend berührt und angezogen. Jetzt freilich hätte er doch Luſt gezeigt, Manches, was ihm an Theodor's Art aufge⸗ fallen war, unſchön und unmännlich zu finden; er war nahe daran, die ſeltſame Manier, wie ihn der Neffe des Doctor Anſelmus zeitweilig von der Seite ſo ſchalkhaft angeſehen hatte, für lächerlich und abge⸗ ſchmackt zu erklären, und doch mußte er ſich geſtehen, daß er an allem dem im Angenblicke, da es ihm wi⸗ derfahren war, Gefallen gehabt hatte. Dann wieder ſagte ſich der Novize, daß ihn der ganze Theodor, 43 wie er war, an Jemand erinnere; aber er konnte nicht darauf kommen, an wen; er ſagte ſich, daß ein⸗ zelne Töne ſeiner Stimme, ja ſelbſt einzelne Worte ſo bekannt an ſein Ohr ſchlügen, aber er wußte nicht, wie ſo. Zuletzt freilich fiel ihm immer wieder das Bohnenſchneiden ein und nun gar dieſe faſt unpaſſende Geſchicklichkeit, naſſe Umſchläge herzurichten— Frater Heinrich hatte Recht, wenn er über ſich ſelbſt in ein helles Gelächter ausbrach und ſchließlich ſein Lager ſuchte. Nach einigen Stunden wachte er wieder auf, leider ohne die gewünſchte Ruhe gefunden zu haben. Im Gegentheile, er ſtützte ſeinen Arm auf das Kiſſen ſeines beſcheidenen Lagers und gab ſich alle Mühe, den Träu⸗ men, die ihm im Schlummer vorübergezogen waren, nachzuſinnen. Er hatte von Theodor geträumt. Lä⸗ cherlich, ſagte er zu ſich ſelbſt. Und doch hatte er in ſo eigenthümlicher Weiſe von ihm geträumt. Er hatte den Neffen des Doctor Anſelmus vor ſich geſehen, aber nicht im grauen, weiten Sackpaletot, ſondern in einer braunen Kapuze, in einer Kapuzinerkutte. Da ſchaute plötzlich aus der Kapuze ein anderer Kopf, der eines allerliebſten Mädchens, und doch war es wieder der Kopf des Neffen und zwar nicht halb oder nur ähnlich, ſondern ganz und gar wie abgeriſſen. Im braunen Haar über der weißen Stirn waren rothe Roſen wie 44 von einem Kranze ſichtbar, und unter dem Kinne hielt das Mädchen mit der kleinen Hand eng die Ka⸗ puze zuſammen, und da ſchaute nun dieſes hübſche, rei⸗ zende Köpfchen ſo drollig und lächelnd heraus und ſchien ihm ſo neckiſch zuzuwinken, daß— Zur rechten Zeit wurde Frater Heinrich aus ſeinem Grübeln aufgeſchreckt. Ein Laienbruder trat ein und meldete, daß der Novize ſich ſogleich zu dem Pater Guardian zu begeben habe. „Sogleich?“ „Sogleich, iſt der Befehl Seiner Hochwürden.“ „Gut, ich komme“ entgegnete Frater Heinrich, ver⸗ wundert den Kopf ſchüttelnd. Denn in der Art und Weiſe, wie ihm der Auftrag wenigſtens ausgerichtet wurde, lag eine Schroffheit, die dem ſonſtigen Weſen und der ſonſtigen Ausdrucksweiſe des Pater Guardian fremd war. Dieſer hatte lange mit Doctor Anſelmus geplau⸗ dert und ſich erſt entfernt, als die zunehmende Schwäche des letztern von ſelbſt der Unterredung ein Ende machte. Als Dora wieder eintrat, fand ſie ihren Oheim ge⸗ faßt und ruhig und ganz der ſchönen Beſchäftigung der Erholung hingegeben. Er dämmerte, meiſt mit geſchloſſenen Augen, ſo vor ſich hin; wenn er aber ⁴ 45 ein Wort an ſie richtete, ſo geſchah es in freundlichem, wohlwollendem Tone, und Dora ging mit Vergnügen auf den geſchloſſenen Frieden ein. Erwachte Doctor Anſelmus wieder aus dem leichten Schlummer, in den er dann und wann fiel, ſo verweilte ſein Auge in ſtil⸗ ler Befriedigung auf der ſchönen Geſtalt ſeiner Nichte, aber ohne daß er wieder in Verſuchung gekommen wäre, ihre ſchöne Hand oder ſonſt etwas an ihr zu loben. Aller Trieb hierzu war erloſchen, er begriff ſeine Verirrung, wie er es nannte, heute ſelbſt nicht; es überkam ihn, als ob er ein Unrecht begangen, nicht an ſich, o nein, noch weniger an Dora, ſon⸗ dern vielmehr an jener Zeit, an jener längſtvergange⸗ nen, für Andere längſt vergeſſenen Zeit, der er ſich ja von Jugend an zu eigen gemacht, der er ſein ganzes Wirken und Walten geweiht und in der ſein ganzes Sein mehr und inniger wurzelte, als in den Tagen des ſchnöden neunzehnten Jahrhunderts, das ihn ge⸗ boren. Und gerade ſeit geſtern, gerade ſeit jener ver⸗ hängnißvollen Stunde vor dem Bilde der Italienerin war ihm das erſt recht zum Bewußtſein gekommen. „Es iſt doch ſeltſam“ ſagte er, ohne es zu wollen, laut vor ſich hin, da er an jenen Vorfall dachte. „Wasd“ fragte Dora, die ſeine Worte gehört hatte, indem ſie von ihrer Arbeit aufſah. 46 „Ich ging vergangene Nacht zu ſpäter Stunde noch auf den Corridor“, antwortete Doctor Anſelmus. „Ich blieb vor dem Bilde der Italienerin ſtehen.“ „Der ſchönen Sidonie?“ „Ich ſtand ihr gegenüber, Auge in Auge.“ „Wie iſt das möglich?“ unterbrach ihn Dora, als wenn ſie von gar nichts wiſſe.„Das Bild hängt ja viel zu hoch.“ „Ich ſtand“ bemerkte Doctor Anſelmus ruhig,„ihr nichtsdeſtoweniger Auge in Auge gegenüber.“ „Dann mußt Du auf die Bank geſtiegen ſein“, fuhr Dora unbarmherzig fort. „Es ſcheint ſo“, entgegnete ihr Oheim erröthend,„ich muß auf die Bank geſtiegen ſein.“ „Das iſt allerdings ſeltſam“, ſpottete Dora wieder. „Wie ich ihr nun ſo gegenüberſtand, umfing mich plötzlich eine wunderbare Welt. Ich fühlte mich der Gegenwart entrückt und zurückverſetzt in jene alten Zeiten, denen mein ganzes Sehnen von je galt. Es umrauſchte mich zauberhaft, ich flüſterte Worte, auf die ich mich heute nicht mehr beſinnen kann, ſchön und ge⸗ heimnißvoll. Voll Innigkeit und von einer unwider⸗ ſtehlichen Macht gedrängt beugte ich mich zum Bilde—“ „Onkelchen“, mahnte Dora. * 47 „Da empfand ich, wie dieſes Leben gewann, über das lächelnde Antlitz flog es wie ein Traum von Liebe und Glück, die Augen leuchteten, ein verſtändnißinniges Lächeln umſpielte den Mund, aus dem Rahmen neigte es ſich mir entgegen, ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen—“ „Onkelchen“ ſagte Dora wieder. „Und ſtürzte, wie vom Blitze getroffen, beſinnungs⸗ los zu Boden.“ Doctor Anſelmus hatte dieſe Erzählung mit ſolcher Ueberzeugung geſprochen, daß Dora nicht den Muth hatte, Zweifel an dieſem räthſelhaften, ſchier überirdi⸗ ſchen Vorgang zu äußern. Vielleicht aber errieth ihr Oheim ihre Gedanken, denn er fuhr fort: „Du glaubſt mir nicht? Und haſt Du doch ſelbſt vor wenigen Tagen erſt zu mir von dem geheimniß⸗ vollen Eindruck geſprochen, von jenem anziehenden oder abſtoßenden Zauber, den einzelne Bilder ſchon auf Dich in unbegreiflicher Weiſe ausgeübt. Du haſt freilich dieſen Eindruck immer nur flüchtig gefaßt, flüchtig und oberflächlich, wie Du ſelbſt biſt.“ „Ach, Onkelchen, das iſt unartig“, rief Dora. „Du haſt Dich bemüht, wiſſentlich oder unwiſſent⸗ lich, dieſen Zauber ſogleich wieder abzuſchütteln, und es gelang Dir, durch Spott und Zweifel den Bann 48 zu brechen, in dem Du Dich willenlos für einen Augen⸗ blick gefangen fühlteſt. Wer aber, wie ich, ſo tief zu empfinden vermag, wer alle Dinge mit Liebe umſchließt und umfaßt und zwar mit jener Liebe, die, ſelbſt gött⸗ lichen Urſprungs, überall Göttlichem nachſpürt und nachforſcht, die heute voll Freude und Luſt, morgen voll Wehmuth und Trauer das Geliebte an das Herz drückt, die überall nur Liebe ſucht, in allen Dingen, in allen Menſchen, in allen Zeiten— der, ſage ich, iſt auch allein empfänglich und vorbeſtimmt, jenem ge⸗ heimnißvollen Reich der Geiſter, das jenſeits der Erde liegt, näher zu treten und von ihm Grüße und Winke zu empfangen, die kalten, liebeleeren Menſchen vorent⸗ halten bleiben und darum auch von dieſen vornehm belächelt werden. Dennoch iſt es ein verhängnißvolles Geſchenk, das uns vom Himmel anvertraut iſt, und gerade derjenige, der es in holden Wonnen erſchauernd mit der größten Hingebung, mit der größten Seligkeit, mit der größten Inbrunſt in Empfang nimmt, gerade der erntet davon am meiſten Wehmuth, am meiſten Trauer, am meiſten Schmerz.“ Wie Doctor Anſelmus dieſe Worte ſprach, lag in ſeinen Zügen jene tiefe, unendliche Melancholie, die ihn zuweilen vollkommen beherrſchte. Aus ſeinem ernſten, tiefdunkeln Auge leuchtete fromme Begeiſterung, leuch⸗ 49 tete jene weihevolle Liebe, von der er geſprochen hatte und deren Strahl nur gedämpft wurde durch den ſchwärmeriſchen Schmerz, der wie ein Schleier darüber lag. Erſchöpft und angegriffen ſank er nun in die Kiſſen zurück, und auch Dora mochte nicht das Geſpräch über ein Thema fortſetzen, für deſſen tieferes Verſtändniß ſie keinen Sinn und kein Geſchick hatte. Gehörte ſie zu den liebeleeren Menſchen, von denen ihr Oheim ge⸗ ſprochen hatte? Gewiß nicht. In dieſem Augenblicke weniger als je. Und wenn ſie ihrem Oheim in den Anſchauungen, die er eben entwickelt hatte, nicht zu folgen vermochte, ſo hatten doch die Kraft, die Wärme, die Ueberzeugung, mit welcher derſelbe ſie vorgetragen, ihre Wirkung nicht verfehlt und ſie entzog ſich jener huldigenden Verehrung nicht, die ſie gern dem über das Gewöhnliche und Gemeine hinausſtrebenden Manne aus vollem Herzen zollte. Eins nur war ihr im Laufe des Nachmittags auf⸗ fallend, daß ſich nämlich Frater Heinrich auch nicht für eine Minute ſehen ließ. Sie wartete und wartete, Frater Heinrich kam nicht. Der Abend nahte, ohne den jungen Novizen zu bringen. Und Dora war es, die dieſes Fernhalten höchſt unpaſſend, höchſt unſchick⸗ lich, höchſt rückſichtslos fand. Aber nicht genug, daß er an dieſem Tage ausblieb, Oelſchläger, Wunderliche Leute. III. 4 50 es verging auch der zweite, der dritte, der vierte Tag, Doctor Anſelmus befand ſich ſchon in der entſchieden⸗ ſten Reconvalescenz und Frater Heinrich hatte ſich noch immer nicht blicken laſſen. Dem Doctor Anſelmus ſchien es nicht aufzufallen, und Dora, ſo aufgeregt ſie über das Ausbleiben des Mönches war, hütete ſich, ihrem Oheim gegenüber des Novizen auch nur flüchtig zu er⸗ wähnen. Daß etwas Beſonderes hier mit im Spiele ſein müſſe, war ihr außer Zweifel; daß die neuliche geheime Unterredung des Pater Guardian und ihres Oheims damit zuſammenhänge, ſchien ihr möglich, aber ſie vermochte ſich nicht zu erklären, wie Doctor Anſel⸗ mus es ſollte dahin gebracht haben, den jungen No⸗ vizen auf immer von ihren Zellen zu verbannen. eeeeleeeeeee — Drittes Kapitel. Doctor Anſelmus hatte bereits wenigſtens für einige Stunden des Tags wieder zu ſeiner Arbeit greifen dürfen und hatte denn auch ſeine Abhandlung über die Schachfiguren ſowie ſeine Erzählung in neuen Angriff genommen; freilich fühlte er ſich, beſonders wenn er in ſeinem Eifer des Guten zu viel gethan, gegen Abend ſo abgeſpannt, daß er zeitig genug ſein Lager ſuchen mußte, um ſich alsdann bis in den hellen Morgen hinein des erquickendſten Schlafs zu erfreuen. Einmal hatte er ſich früher noch, als er ſonſt ge⸗ than, in die Kiſſen vergraben, und Dora zögerte nicht, zu dem Fenſter, von dem ihr Oheim ſie über Tage nach Möglichkeit fern hielt, zu eilen und ſich des ſchon ſo oft genoſſenen Blicks in den grünen, ſtillen, dämmerig 4* 5 52 daliegenden Thalgrund zu erfreuen. Noch humpelte der gutmüthige Laienbruder dienſteifrig über den Hof, und von der Seite her verkündete ein dumpfes Rollen, daß auch die Patres noch nicht ihre Zellen aufgeſucht hatten. Plötzlich erblickte ſie Frater Heinrich, der, nachdem er rechts und links ſpähend umhergeblickt, raſch auf ihr Fenſter zuſchritt und unter demſelben, jenſeits des Weihers, ſtehen blieb. Dora erſchrak nicht wenig über ſeinen unerwarteten Anblick. „Guten Abend, Theodor“, rief es halblaut herauf. „Was macht Ihr Oheim?“ „Ich danke“, rief Dora mit ebenſo verhaltener Stimme und voll Angſt, dennoch gehört zu werden, „er befindet ſich beſſer.“ „Wacht er noch?“ „Nein, er iſt bereits zu Bette gegangen.“ „Dann bitte ich Sie,“ rief der Novize,„kommen Sie nur einen Augenblick auf den Corridor; ich werde ſogleich bei Ihnen ſein.“ Was ſollte Dora machen? Nach nur ganz kurzem Zaudern ſchlüpfte ſie zur Thür hinaus, wo ihr denn auch gleich darauf Frater Heinrich entgegentrat. hhpe 53 Beide ſtanden im Dunkel. Hier, in den innern Räumen des Kloſters, war die Nacht bereits angebrochen. „Endlich ſehe ich Sie wieder“, rief der Novize und ſchüttelte Dora herzlich die ihm halb dargebotene Hand. „Aber nun raſch— denn wir haben keine Zeit zu verlieren— ſagen Sie mir: Was iſt eigentlich vor⸗ gefallen? Was haben Sie gegen mich?“ „Ich?“ fragte Dora erſtaunt entgegen.„Ich gegen Sie? Nicht das Geringſte. Wie kommen Sie darauf?“ „Oder beſſer“, fiel Frater Heinrich ein,„was hat Ihr Oheim gegen mich?“ Das hätte nun Dora dem jungen Mönch allerdings auf das genaueſte auseinanderſetzen können, doch war ihr nicht zu verargen, wenn ſie darauf verzichtete und vielmehr mit der Gegenfrage antwortete: „Was bringt Sie zu ſolcher Annahme?“ „Sie werden doch wiſſen“, rief der Novize,„daß ſich Ihr Oheim für alle Zeiten meinen Beſuch ver⸗ beten hat?“ „Deswegen ließen Sie ſich ſo lange nicht mehr bei uns ſehen?“ rief Dora faſt freudig, da ſie nun hörte, daß es nicht des Fraters Eigenwille war, der ihn fern gehalten hatte.„Kein Wort wußte ich davon.“ „Das iſt doch eigenthümlich“, ſagte der Mönch. „Dann werden Sie mir freilich auch die Erklärung „ 54 ſeiner Handlungsweiſe ſchuldig bleiben müſſen. Hören Sie nur. An dem Morgen, welcher der plötzlichen Erkrankung Ihres Oheims folgte, ließ mich der Pater Guardian rufen und erklärte mir in ſehr aufgebrachter Weiſe, daß Doctor Anſelmus ſich, wenigſtens ſolange er krank ſei, meinen Beſuch verbeten habe. Ich war wie vom Donner gerührt und erlaubte mir die Frage, was den von mir ſo hochverehrten Mann zu einem ſo überraſchenden Verlangen veranlaßt habe. Gerade um dieſen Grund zu erfahren, entgegnete mir der Pater Guardian, gerade darum habe er mich kommen laſſen. Denn es ſei klar, daß ich mir irgend eine Rückſichtsloſigkeit müſſe erlaubt haben, durch die Doctor Anſelmus zu einem ſolchen Vorgehen ſich gezwungen glaubte. Ich verſicherte und betheuerte mit allen mög⸗ lichen Worten meine Unſchuld— umſonſt, ich ſollte um jeden Preis der Schuldige bleiben. Endlich meinte ich, Doctor Anſelmus müſſe doch ſelbſt irgend ein Motiv angegeben haben, da er den Pater Guardian bat, mich von ſeinem Wunſche zu unterrichten. Ja, hieß es, das hat Doctor Anſelmus allerdings.— Und das iſt?— Er verſpüre, ſagte er, wie das häufig unter Menſchen vorkomme, einen beſondern Grad von Abneigung gegen mich, einen ſehr lebhaften Wider⸗ S. willen, den er nicht zu beſiegen vermöge und der ihm eeeee 55 gerade jetzt bei ſeiner krankhaften Reizbarkeit doppelt unangenehm, ja vielleicht ſeiner raſchern Geneſung hin⸗ derlich ſei. Als ich dies hörte, hätte ich laut auflachen mögen, wenn mich die ſtrenge Amtsmiene meines Vor⸗ geſetzten nicht gewarnt hätte. Ich wagte nur die ſchüchterne Bemerkung, daß ich dieſen Grund unmöglich als den wahren könne gelten laſſen, fintemalen ich bis jetzt wenigſtens, ſoviel mir bewußt, von dem Unglück verſchont geblieben ſei, irgend Jemand einen ſo hefti⸗ gen Widerwillen einzuflößen, wie Doctor Anſelmus gegen mich zu empfinden behaupte. „Das glaube ich eben auch“, rief der Pater Guar⸗ dian,„und darum muß von Ihrer Seite irgend etwas begangen worden ſein, das Doctor Anſelmus aus Rück⸗ ſicht für Sie verſchweigt und Sie nicht geſtehen. Wie dem ſei“, fuhr er fort,„ich bin ſehr unge⸗ halten über Sie und bedauere es lebhaft, daß Sie, der nach der Ehre geizt, binnen kurzer Zeit in unſern ehrwürdigen Orden aufgenommen zu werden, daß Sie es gerade ſein müſſen, der einem ſo edlen und be⸗ rühmten Manne, wie unſer ehrenwerther Gaſt Doctor Anſelmus iſt, zum erſten Steine des Anſtoßes hier wird. Gehen Sie, mein Sohn, und thun Sie Buße.“ Ich ging. 5 konnte ich leider nicht thun, denn ich 56 wußte nicht wofür. Aber nun ſagen Sie mir um Gotteswillen, Theodor, was ſoll das Alles heißen?“ „Ich habe keine Ahnung“ ſagte Dora verlegen. „Ich werde“ fuhr Frater Heinrich fort,„ſeit jener Zeit von meinen Brüdern in Chriſto ſcheel angeſehen, der Pater Guardian, früher mein beſter väterlicher Freund, gönnt mir kein wohlwollendes Wort mehr, Pater Nikomedes behandelt mich wie ein räudiges Schaf und hält mir langathmige Vorträge über die Pflichten des heiligen Gehorſams, Sie bekomme ich auch nicht mehr zu Geſicht— was ſoll das Alles? Was hat man vor? Was will Ihr Oheim von mir?“ „Beruhigen Sie ſich“, antwortete Dora,„und glau⸗ ben Sie mir, es waltet hier ein Mißverſtändniß, das ſich gewiß noch aufklären wird.“ „Es muß ſich aufklären“, rief der Novize,„und wenn ich von Ihrem Oheim ſelber eine Erklärung for⸗ dern müßte.“ „Das thun Sie nicht“, fiel Dora erſchrocken ein, „wenigſtens jetzt nicht!“ „Nein, nein“ lachte der Frater,„ſeien Sie außer Sorge. Im Kloſter betreibt man dergleichen gelinde und ich laſſe mir gern Zeit, mich noch in Demuth und Gehorſam zu ſtärken, ſo weh es mil auch thut, 57 von einem Manne, wie Ihr Oheim iſt, verkannt zu ſein. Aber auch Sie bleiben verſchwunden.“ „Sie wiſſen“, rechtfertigte ſich Dora,„die Pflege meines Oheims nimmt meine ganze Zeit in Anſpruch.“ „Ach ja“, lachte der Frater wieder und konnte glück⸗ licherweiſe in der Dunkelheit nicht ſehen, wie er Dora erröthen machte;„die Pflege, zu der ſich der Herr Stu⸗ dent ſo vorzüglich qualificirt! Nun, alſo haben wenig⸗ ſtens Sie mich noch nicht verbannt und verfemt?“ „Nein, ich gewiß nicht“, rief Dora und reichte dem Novizen faſt zu lebhaft die Hand, die dieſer warm ſchüttelte, als unten in der Nacht des Thorbogens vom Weiher her Windlichter aufleuchteten. „Die Patres!“ rief halblaut Frater Heinrich, der noch immer Dora's Hand hielt.„Gute Nacht! Auf Wiederſehen!“ „Gute Nacht! Gute Nacht!“ flüſterte es und im Nu war Dora verſchwunden. Frater Heinrich aber, ſtatt gleich ihr davonzueilen, blieb wie vom Blitze getroffen und rief, die Hand vor die Stirn preſſend: „Was war das? Welcher Ton! Welche Stimme!“ Einen, zwei Augenblicke ſtand er ſo, eine Fülle von Vorſtellungen jagte durch ſein glühendes Haupt; plötz⸗ lich fuhr er, wie von einem glücklichen Gedanken durch⸗ 58 zuckt, in die Höhe und rief, beide Arme in die Luft gebreitet: „Ich hab' es, ich hab' es! Jetzt weiß ich auch, warum Doctor Anſelmus einen ſolchen Widerwillen gegen mich hat!“ Dora war indeſſen nicht wenig über ihren Oheim aufgebracht. Dem Frater Heinrich das Zimmer zu verbieten! Sie wollte davon gar nicht reden, daß ſie in ſolcher barbariſchen Handlungsweiſe wenig von jener Liebe zu entdecken vermöge, die Alles umſchließe und Alles durchdringe und in deren Beſitz zu ſein ſich Doe⸗ tor Anſelmus kürzlich erſt gerühmt hatte. Sie fand es nur rückſichtslos und unverantwortlich, Frater Hein⸗ rich, der doch an Allem ſo unſchuldig und in Allem ſo unwiſſend war als nur möglich, vor den übrigen Be⸗ wohnern des Kloſters, vor dem Pater Guardian und dann gar vor dieſem zelotiſchen Pater Nikomedes in ſolchem Grade bloßzuſtellen, als es geſchehen war. Frater Heinrich mußte büßen für etwas, wovon er nicht einmal eine Ahnung hatte, er mußte das Opfer ſein für etwas, deſſen Schuld man höchſtens Dora zu⸗ ſchieben durfte; er mußte dulden für etwas, wofür man viel eher noch den Doctor Anſelmus ſelbſt hätte zur Rechenſchaft ziehen müſſen. Dora ſeufzte. Sie hatte ihn vorhin, das heißt in ihrem Selbſt⸗ — 59 geſpräche, an Allem ſo unſchuldig und in Allem ſo unwiſſend genannt. Unſchuldig? Ja, das war er; un⸗ wiſſend? Dora ahnte nicht, wie der Novize eben in ſeiner Zelle bemüht war, in der größten Aufregung und fieberhaft alle ſeine Begegnungen mit ihr an ſeiner Seele vorübergleiten zu laſſen, und wie er mit allem Scharfſinn auf jener Fährte glücklich weiter zu ſpüren trachtete, auf die ihn Dora's eigene Unvorſichtigkeit geleitet hatte. Es waren nur zwei Worte, die den Ver⸗ rath an Dora geübt hatten; aber dieſe waren ſo zart, ſo weich geflüſtert worden, daß eine Täuſchung ferner unmöglich war. Julia konnte von ihrem Balkon herunter dem da⸗ voneilenden Romeo nicht mit größerer Anmuth und Innigkeit gute Nacht nachgerufen haben, als es Dora dem Novizen gethan, in deſſen Seele wie mit einem Schlage Licht und Helle geflutet war. Nun ſtand jener Traum wieder klar und ſo leicht erklärlich vor ihm, nun erinnerte er ſich auch wieder der eigenthümlichen, ſonderbaren Sätze, die Doctor Anſelmus in ſeinem Fieberparorysmus herausgeſtoßen und die ſeine Nichte in ſo ſichtbare Verwirrung gebracht hatten; nun wußte er auch, warum Doctor Anſelmus ſeine Beſuche fern zu halten ſuchte. Wie leicht endlich war nun die ſo ganz abſonderliche Fertigkeit im Bohnenſchneiden zu erklären, der naſſen Umſchläge gar nicht zu ge⸗ denken. Wie leicht— doch der Frater rief ſeinen ſich über⸗ ſtürzenden Beweisſätzen ein lautes Halt zu. Sie führ⸗ ten ihn alle zum gewünſchten Ziele, aber gerade das machte ihn mißtrauiſch. Sollte, fragte er ſich jetzt, überhaupt etwas ſo Unerhörtes möglich ſein? Durfte denn ein ſolches Wagniß in einem Kloſter unternom⸗ men werden? Und war denn gerade Doctor Anſelmus der Mann, dem dergleichen zuzutrauen geweſen wäre? Doctor Anſelmus, der Privatgelehrte, der Stubenhocker, der nervenleidende Poet! Nimmermehr! Und dann, ſollte denn er, der Frater Heinrich, allein Augen haben? Sollte er allein ſehen und das, was er entdeckt und ausgeſpürt haben wollte, ſollte das allen andern ehrwürdigen Vätern verborgen geblieben ſein? Allen Vätern, unter denen doch einige nicht zu unterſchätzende Schlauköpfe waren? Wieder drehte ſich Alles um Frater Heinrich im Kreiſe, es war ihm unmöglich, feſten Boden zu faſſen. Jedenfalls ſchien es der Mühe werth, der Sache auf den Grund zu kommen, und die Gelegenheit, dies zu thun, ergab ſich bald genug, freilich nicht ohne daß Frater Heinrich dazu beigetragen hätte, was ihm mög⸗ lich war. 61 Es waren ſeit dem eben Erzählten fünf lange Tage verſtrichen, die der Novize vergeblich benutzt hatte, ſei⸗ nem Geheimniſſe näher zu kommen. Vergeblich war er, ſo oft es unbemerkt geſchehen konnte, durch den äußern Hof geſtrichen, in den hinaus Dora's Fenſter ging; vergeblich hatte er zu jeder Zeit des Tages den Garten nach dem zweideutigen Neffen des Doctor Anſelmus durchforſcht, vergeblich hatte er auch den einfältigen Laienbruder nach dem Befinden der beiden Gäſte ausgefragt.„Es geht ihnen gut“, war die ein⸗ zige, gleichlautende, von ſeinem ſtereotypen Lächeln begleitete Antwort geweſen, die den Novizen faſt zur Verzweiflung brachte. War es ihm zu verargen? Scholaſtik ſtudiren und Predigten memoriren, Kirchengeſchichte treiben und Dogmatik einpauken, zur Hora gehen, die Meſſe nicht verſäumen und der Vesper beiwohnen, endlich beichten, beten, pſalmiren und faſten— das Alles und noch ein ſolches Geheimniß auf dem Herzen? Ein Geheimniß, deſſen alleiniger Beſitzer man iſt? Ein Geheimniß, wie es noch nie dageweſen? Frater Heinrich drohte in des Doctor Anſelmus gewohnten Nervenzuſtand zu ge⸗ rathen, wenn das Geheimniß noch länger Geheimniß bleiben ſollte. In dieſen Tagen wurde in der benachbarten Stadt das dreihundertjährige Gründungsjubiläum der dorti⸗ gen Stiftskirche gefeiert. Um das Feſt in vollendeter Pracht zu begehen und um den möglichſten Glanz der triumphirenden katholiſchen Kirche zu entfalten, war die geſammte Geiſtlichkeit auf viele Stunden im Um⸗ kreiſe entboten worden, und da ſelbſt der Biſchof der Provinz ſeine Theilnahme zugeſagt und ſogar das Feſtamt zu celebriren ſich bereit erklärt hatte, ſo blieb auch dem ganzen andern hohen und niedern Klerus nichts übrig, als in den ſchönſten goldſchweren Ge⸗ wändern, mit wehenden Fahnen und ſchimmernden Bannern ſeine Mitwirkung an Gottesdienſt und Pro⸗ ceſſion zu verſprechen. Auch der Pater Guardian hatte die bezügliche Ein⸗ ladung erhalten und für ſich und die ſämmtlichen An⸗ gehörigen ſeines Kloſters angenommen⸗ Es ſollten nur ſo viele Geiſtliche zurückbleiben, als die kirchlichen Ver⸗ richtungen erheiſchten, und auch dazu waren die älte⸗ ſten der Conventualen ausgeſucht worden, denen man bei der ſich allmälig einſtellenden Gebrechlichkeit we⸗ niger die Anſtrengungen einer Proceſſion und die damit zuſammenhängenden Mühſeligkeiten zumuthen konnte. Dora hatte ſchon mehrere Tage von der bevorſtehenden Feierlichkeit ſprechen hören und ſie empfand keine ge⸗ ringe Freude, als am Vorabend der Pater Guardian 63 ſich von ihrem Oheim verabſchiedete und als ſie wenige Minuten darauf fünf geſchloſſene Chaiſen, von kräf⸗ tigen Bauerpferden gezogen, durch den Kloſterhof hinaus auf die Straße und gegen die Stadt rollen ſah. Denn nun durfte ſie doch hoffen, wenigſtens für einen Tag aus ihrem Gefängniſſe entlaſſen zu werden. Doctor Anſelmus verließ nämlich ſeine Zelle noch immer nicht, aber er hielt dort auch Dora noch immer in ſtrenger Haft. Wohl hatte der Arzt, der noch dann und wann bei Doctor Anſelmus ſeinen Beſuch ab⸗ ſtattete, auf das etwas bleichere Ausſehen des jungen Studenten aufmerkſam gemacht; ihr Oheim aber hatte ſie getröſtet und ihr die feierliche Verſicherung gegeben, daß ſie das Kloſter, ſobald er nur mit ſeinen Arbeiten zu Ende ſei, gewiß verlaſſen würden. Wann aber wurde Doctor Anſelmus mit ſeinen Arbeiten fertig? Zwar die Abhandlung über die Schachfiguren neigte ſich bereits ihrem Abſchluſſe zu und ſchon hatte er dem Pater Guardian, der einige geheimnißvolle Andeutungen von ihm erhalten, verſprechen müſſen, ſie in möglichſt kurzer Friſt den Conventualen zum Vortrag zu bringen. Aber die Erzählung, die Erzählung! Es war beſchä⸗ mend einzugeſtehen, die dreihundertjährige Geſchichte war noch immer nicht über das vierte Kapitel hinaus⸗ gediehen. Ja, wenn man es genau nahm, ſo war 64 eigentlich dieſes vierte Kapitel noch gar nicht geſchrie⸗ ben, indem das dritte mit den vorbereitenden, ſpan⸗ nenden Worten ſchloß:„Und das kam ſo.“ Dann waren als Ueberſchrift die Worte zu leſen:„Viertes Kapitel“, und dieſen folgte auf der nächſten Zeile das Wort:„Nämlich—“ Damit hörte der Tert des vierten Kapitels auf. Nämlich! Man mußte zugeben, daß dieſes Wort einen ſehr guten Introitus, zu deutſch Eingang bildete, und es war nicht zu leugnen, daß in dieſen zwei ſtolzen Silben der ganze Inhalt desjenigen, was nun noch kommen ſollte, enthalten war und vor⸗ geahnt werden konnte. Doctor Anſelmus ſprach ſich dieſe beiden Silben auch mit jenem ſchriftſtelleriſchen Selbſtbewußtſein, ohne das noch nie etwas Großes geſchaffen worden iſt, und mit jenem Aplomb, der ihn ſehr gut kleidete, öfter laut war.„Nämlich— näm⸗ lich.“ Aber damit hatte eben bis jetzt Alles noch ſein Ende gehabt, und das war verdrießlich. Daß nun das vierte Kapitel noch nicht weiter gefördert war, das wußte der Autor durch verſchiedene Umſtände zu rechtfertigen. An dem einen Morgen war es eine Wespe geweſen, die ſummend und brummend zum Fen⸗ ſter herein geraden Wegs auf den nervenſchwachen Ge⸗ lehrten zuflog, daß dieſer noch in der Nachmittagsſtunde am ganzen Körper vor Erregung zitterte; an einem 65 Abend wieder war es der Laienbruder, der drüben im Stall eine Melkkuh mit all zu vielem Geräuſch von ihrem geſegneten Ueberfluſſe befreite; ein drittes Mal war es Dora, die mit einer für ihn beleidigend heitern Miene durch ſeine Zimmer ſchritt, und einmal auch war es die fixe Idee, die ihn plötzlich überfiel und mehrere Tage in angſtvoller Spannung hielt, ob nicht das ganze Kloſter in einer ſchönen Nacht mit Mann und Maus ſpurlos im Weiher verſinken könne, daß die erſtaunte Welt am nächſten Morgen ſchreiend herumſtehe und doch keine Ahnung habe, daß hier in den Wellen auch der berühmte Schriftſteller Doctor Anſelmus ſammt dem deutſchen Urſchachſpiel begraben liege. Dieſer Ge⸗ danke beunruhigte ihn am meiſten, er beunruhigte ihn ſo, daß er ſich's mehrere Stunden koſten ließ, von der Höhe ſeines Fenſters herab in die grünen Wogen zu ſpähen, die da unten den Mauerſtock rauſchend beſpülten. Endlich, da er den Bau noch feſt, die Steine noch dauerhaft genug befand, gelang es ihm, die beruhi⸗ gende Ueberzeugung zu gewinnen, daß ihm die Götter doch vorausſichtlich noch vergönnen würden, ſeine Abhandlung über die Schachfiguren zu vollenden; aber das vierte Kapitel der Erzählung, das er unglück⸗ licherweiſe gerade in jenen Stunden der Aufregung und Angſt hatte ſchreiben wollen, blieb ein S Oelſchläger, Wunderliche Leute. III. 66 ein Torſo, ein Fragment, das im Kloſter leider auch nicht mehr zu Ende gebracht werden ſollte. Und das kam ſo. Nämlich: Es iſt ſchon hervorgehoben worden, daß Dora kaum die Stunde erwarten konnte, da ihr die Ausſicht näher gerückt war, den Garten wieder betreten zu dürfen. Durfte ſie auch nicht hoffen, dort Frater Heinrich zu begegnen, ſo war es ihr doch ſchon erfreulich und ſie wollte ſich daran genügen laſſen, nur wieder in der Laube ſitzen und dort, umſchattet und verborgen vom Rebenlaub, in der Einſamkeit an den Fernen den⸗ ken zu können. Der hartherzige Doctor Anſelmus war jedoch lange nicht geneigt, ihren Bitten und Beſtürmungen Gehör zu geben. Sein Mißtrauen war zu groß, ſeine Aengſt⸗ lichkeit zu lebhaft. Eben, es war um die Mittagszeit, hatte Dora wieder an ſein verſchloſſenes, eigenſinniges Herz gepocht, als der Laienbruder mit den Speiſen eintrat. „Das Kloſter iſt heute wie ausgeſtorben“, ſagte Doctor Anſelmus zu dieſem. „Wie ausgeſtorben“ entgegnete der Gefragte. „Die hochwürdigen Väter ſind alle zur Stadt?“ „Alle zur Stadt.“ 67 „Auch der Pater Guardian?“ „Auch der hochwürdige Pater Guardian.“ „Auch der Frater Heinrich?“ Dora ſtand hinter ihrem Oheim und nickte über deſſen Rücken dem Laienbruder lebhaft zu, nur um Gottes willen raſch ja zu ſagen. Ueber das Geſicht des Gefragten flog wegen ſolcher ihm unverſtändlichen Heimlichkeiten das gewohnte, ſtumpfe Lächeln und er antwortete, Dora freundlich zugrinſend: „Auch der Frater Heinrich.“ „So, ſo“, entgegnete Doctor Anſelmus zufrieden⸗ geſtellt und entließ mit gnädiger Handbewegung den einfältigen Laienbruder. „Nun?“ ſagte Dora, als ſich die Thür hinter jenem geſchloſſen. „In Gottes Namen“ fuhr Doctor Anſelmus in einem Tone heraus, der deutlich bewies, daß es ihm doch am liebſten geweſen wäre, wenn ſeine Nichte nicht auf ihrem Verlangen beſtanden hätte.„Geh, aber dann gleich nach dem Eſſen; ich habe auf dieſe Weiſe wenigſtens den Vortheil, mein Mittagsſchläfchen wieder einmal in gewohnter Ruhe halten zu können.“ Dora ließ ſich das nicht zweimal ſagen; ihr Oheim hatte kaum den Löffel weggelegt und durch wieder⸗ holtes Dehnen und Strecken ſeiner ſchlanken Glieder 68 angezeigt, daß er willens ſei, dem Schlummergotte unverzüglich das gewohnte Opfer zu bringen, als ſie aufſprang und flüchtigen Fußes hinab in den Garten zur Laube eilte. Dort ſaß ſie lange, den Kopf in die Hand geſtützt und ihr junges Herz mit den ſchönſten Träumen und Vorſtellungen beſchäftigend. Wieder dachte ſie Alles und Jedes durch, was Frater Heinrich mit ihr geſprochen und ihr erzählt hatte; ſie litt mit ihm noch einmal Alles, was er unſchuldig gelitten und getragen, und indem ein glückliches Lächeln über ihr Antlitz glitt, ſagte ſie ſich, daß ſie eigentlich gern bereit wäre, den Frater Heinrich das Geſchehene vergeſſen zu machen und ihn mit ſich ſelbſt und der Welt wieder zu verſöhnen. Ja, ſie meinte in ihrer übermüthigen Weiſe, daß ſie, ohne ſich zu ſchmeicheln, wohl am aller⸗ erſten dazu geeignet und hinſichtlich ihrer nicht ganz unbedeutenden körperlichen, ſowie der doch auch nicht geradehin zu verachtenden geiſtigen Vorzüge dazu be⸗ fähigt ſei, als ſie ſich plötzlich in ihrem kühnen Ideen⸗ flug unterbrach und ſich ſelbſt wieder eine Närrin ſchalt. Was ging ſie Frater Heinrich an? War er nicht im Kloſter? Wollte er nicht in wenigen Monaten ſich der alleinſeligmachenden Kirche verloben? Was hatte ſie ſich dann noch um ſeine Seligkeit zu kümmern? Ja, wenn man es genau nahm, hatte ſie nicht einmal 69 ein Recht zu ſolchen Träumereien und Vorſtellungen, und je eher ſie denſelben ein Ende machte, deſto eher that ſie, was Recht und Pflicht war. Aber ein freund⸗ liches Gedenken au den jungen Mönch durfte ſie doch aus dem Kloſter Fünfzehnheiligen mit hinwegnehmen? Oder wäre auch das eine Sünde? Der Ernſt der vor⸗ hin ihre Stirn umwölkt hatte, verſchwand wieder und ſie griff nach einem der neben ihr in der Ecke aufge⸗ häuften, zum Anbinden junger Pflanzen und Schößlinge beſtimmten Holzſtäbe. Mit dieſem begann ſie, den Oberkörper herabgeneigt, in den Sand vor ſich zu zeich⸗ nen. Es waren lateiniſche Lettern, die ſie langſam und mit ſorgfältiger Hand in den Boden grub, bald hier wieder auswiſchend, bald dort nachhelfend, und wenn man die Lettern, nachdem ſie geendet und zufrieden ihre Arbeit betrachtete, zuſammenfügte, ſo war nicht unſchwer zu errathen, was ſie ſollten. Auf dem Bo⸗ den ſtand HEINRICH. In dieſem Augenblicke rauſchte es hinter ihr im Laube, ſie drehte ſich erſchrocken um und ſah vor ſich den jungen Novizen Frater Heinrich, den ſie weit entfernt geglaubt und mit deſſen Namen ſie den Boden der Laube geſchmückt hatte. Ein jäher Schrei entfuhr ihren Lippen und ihr 70 nächſter Gedanke war, die verrätheriſchen Lettern mit dem Fuße zu zerſtören und zu entfliehen. Sie wollte aufſpringen, aber ſchon hatte Frater Heinrich ſie mit einem Arme umfaßt und rief, indem er ſie nach rück⸗ wärts zog und, ſich neben ihr niederlaſſend, ihr in Scham erglühendes Haupt, das ſie umſonſt mit beiden Händen zu verhüllen ſuchte, aufzurichten ſich bemühte: „Bleiben Sie, bleiben Sie, Sie ſind nicht, was Sie ſcheinen.“ „Um des Himmels willen, laſſen Sie mich“, ſtöhnte Dora, indem ſie ſich fruchtlos aus der Umarmung los⸗ zureißen ſtrebte. „Nicht, bevor Sie ſagen, wer Sie ſind“, preßte der Novize hervor und ſein heißer Athem ſchlug in Dora's mit purpurnem Roth übergoſſenes Antlitz. „Schonen Sie mich“, flehte dieſe, ihr Geſicht ab⸗ wendend und mit ihren ſchwachen Händen des Fraters ſie umklammernden Arm auf die Seite zu drücken bemüht. „O“ fuhr der Novize haſtig fort,„ich habe längſt Ihr Geheimniß geahnt und ich halte Sie, bis Sie mir geſtanden haben.“ „Sie täuſchen ſich“, hauchte Dora, der die Sinne zu vergehen drohten. „Ich täuſche mich?“ rief Frater Heinrich erregt. 8 71 „Und ich höre doch Ihre Stimme, die Stimme eines flehenden Weibes, ich halte Sie umſchlungen, den ſchön⸗ ſten jugendlichen Leib.“ „Um Gottes willen“ flehte Dora. „Und hier? Leſe ich nicht hier meinen Namen? Meinen Namen, von Ihnen geſchrieben? Nein, ich täuſche mich nicht, ich—“ Er preßte ungeſtüm Dora an ſich und bedeckte mit glühenden Küſſen deren erbleichende Lippen. Erſt als er gar keinen Widerſtand ſpürte, erſt als er fühlte, daß er eine nahezu Ohnmächtige umſchlungen hielt, kam er aus dem jähen Rauſche, der ihn erfaßt hatte, zur Beſinnung und ließ das zitternde Mädchen aus ſeinen Armen. Schweigend, in ſich zuſammengeknickt, ſtarr vor ſich hinſehend, ſaß Dora da. „Verzeihung“ flehte der Novize nun, Verzeihung“, und faßte ihre Hand, die ſchlaff herunterhing und jetzt ohne Widerſtreben, wie unbewußt in der ſeinigen ruhte. „Verzeihen Sie mir“, wiederholte der Novize mit weicher, flehender Stimme. Ein Strom von Thränen, der die angſtbeſtürmte, ſchmerzgepreßte Bruſt Dora's erleichterte, war die Antwort. Mit allen möglichen ſchmeichelnden, verſöhnenden 72 Worten ſuchte ihr Frater Heinrich Muth einzuſprechen, aber ſo ſehr er bat, kein Laut, kein Wort kam über die Lippen des Mädchens, und wohl oder übel mußte er ſich gedulden, bis der Weinkrampf, der ihren Körper durchſchütterte, ſich in ein ſtilles, ihm in die Seele ſchneidendes Schluchzen auflöſte. Habe ich etwas Unrechtes gethan?“ ſagte nun der Novize.„Habe ich Sie beleidigt? Habe ich Sie verletzt? Auf den Knieen will ich dann vor Ihnen liegen, bis ich ein verzeihendes Wort von Ihnen erlangt habe. Hören Sie mich wenigſtens an! Wie ich Ihnen ſchon ſagte, ahnte ich längſt das Geheimniß, in das Sie ſich gehüllt haben. Wie ich darauf kam, das zu ſagen bin ich nicht im Stande. Ich hatte von Ihnen, von Ihrem ganzen Sein, von Ihrem ganzen Weſen einen Eindruck empfangen, den ich mir nicht zu deuten vermochte und den ich doch täglich ſtärker auf mich wirken ſah. Ihr Bild verfolgte mich Tag und Nacht; ich hörte immer und immer, auch wenn Sie mir fern waren, Ihre liebe Stimme, die ſo tief mir zum Herzen gedrungen war, und bei Nacht ſtand Ihr Bild im Traume vor meiner ruheloſen Seele. Sie übten einen Zauber auf mich aus, dem ich mich nicht zu entziehen vermochte und deſſen himmliſche Gewalt ich doch jetzt erſt am meiſten empfinden muß, da der Schleier, der 73 Sie umgab, gefallen iſt und ich Sie in Ihrer wirkli⸗ chen Geſtalt, in Ihrer ganzen Schönheit zu ahnen vermag. Kann das Zufall geweſen ſein, daß ich gerade zu Ihnen das Vertrauen gefaßt habe, das mich Ihnen mein ganzes Leben erzählen und Sie einen Blick in die Tiefe meines Herzens thun ließ? Es war eine noch unverſtandene Macht, die mich zu Ihnen trieb, und wahrhaftig, ich will meine Offenheit nicht bereuen, wenn ich durch dieſelbe das zu erlangen hoffen darf, daß Sie mich gerecht beurtheilen. Darum ſprechen Sie nur ein einziges Wort der Verzeihung, ſagen Sie, daß Sie mir nicht zürnen.“ Der Novize drückte lebhaft Dora's Hand, dieſe aber ſchwieg noch immer, den Blick zu Boden geſenkt, und nur das Wogen ihrer Bruſt verrieth die Auf⸗ regung, der ſie anheim gegeben war. „Ich weiß nicht, wie ich Sie nennen ſoll“ fuhr Frater Heinrich wieder fort,„ich weiß nicht, welchen Namen ich Ihnen geben ſoll, ich ahne nur, daß der Name, den Ihr Oheim meiſt in ſeinem Fieber nannte, der Ihrige ſein könne, aber ich möchte Sie gern mit allen Namen nennen, welche die Zärtlichkeit erfunden und von jeher geſprochen hat. Ich möchte Ihnen ſagen, daß der Gedanke, Ihnen nahe zu ſein, Ihre Hand faſſen zu können, in Ihre Augen ſehen zu 74 dürfen, das trübe Meer, das ich bisher endlos vor mir ausgebreitet ſah, hat verſchwinden machen, und daß ich nun in eine neue Zukunft blicke, daß ich nun eine neue Welt vor mir ſehe, blumen⸗ und blütenreich und nur zum Beglücken beſtimmt.“ Dora zuckte leicht mit der Hand, wie wenn ſie ihm dieſe entziehen wolle. „Sie ſind“, fuhr der Novize dringender fort,„mir der Stern, der mir einen neuen Tag verheißt und heraufführt; oder wollen Sie nur der Engel ſein, der in irdiſchen Kleidern die Erde durchwandert und dann, nachdem er, rings ſegnend und glückſpendend, ſeinen göttlichen Urſprung verrathen, die falſche Hülle abſtreift und im weißen Gewande, mit goldenen Flügeln ſich zum Himmel ſchwingt, nur Trauer und Sehnſucht bei den armen Verwaiſten zurücklaſſend? Nein, das kön⸗ nen Sie nicht wollen, nein, das kann Ihre Abſicht nicht ſein, und darum ſagen Sie mir, daß Sie mir nicht zürnen, daß Sie mir verzeihen, daß— daß Sie mich lieb haben.“ Mit dieſen Worte faßte er Dora ſanft unter dem Kinn und hob ihr Haupt in die Höhe, daß ſie die großen, dunklen Augen aufſchlagen und den ungeſtümen Freier anſchauen mußte. Und wie denn ein ſo voller inniger Strahl aus ihrem Auge auf ihn fiel und wie 75 ein ſo leichtes glückliches Lächeln um ihre Lippen ſpielte, da umarmte ſie der Novize aufs neue im Uebermaße ſeines Glücks und ſprach, indem er ſie küßte und ihr ſchönes Haupt an ſeine Bruſt zog: „Ja, Du biſt mein und nichts ſoll uns mehr trennen.“ Dora fühlte in ſüßem Schauer all das Glück und all die Seligkeit einer jungen erwiderten Liebe trium⸗ phirend in ihr kleines Herz einziehen, als ihr ſchönes Haupt an der Bruſt des jungen Novizen lag, und ge⸗ wiß war es nur die rauhe Wolle der für ſolche Vor⸗ kommniſſe nicht berechneten Mönchskutte, die plötzlich faſt unſanft ihre erglühende Wange geritzt haben mochte und ſie das verſchämte Antlitz wieder in die Höhe heben ließ. Sie mochte darin eine Warnung des Himmels ſehen, denn ſie ſagte, indem ſie ihre treuen Augen zu ihm auf⸗ ſchlug:„Ich that gewiß ein großes Unrecht, daß ich mich ſo von Ihnen überraſchen ließ; weiß ich's doch, daß Sie mir nicht gehören dürfen, weil Sie—“ „Weil ich die Kapuze trage?“ fiel der Frater Hein⸗ rich ein.„Trauen Sie mir nicht den Muth, trauen Sie mir nicht die Kraft zu, die Feſſeln zu brechen, die mich ſchon allzu lange umſtrickt hielten? Muß ich Sie nicht vielmehr ſegnen, daß Sie mir mit einem Schlage die gräßliche Wahrheit enthüllt haben, wie unſaglich 76 unglücklich ich hier an dieſem freudeloſen Ort der Ent⸗ ſagung geworden wäre? Und muß ich Ihnen nicht danken, daß Sie mir den Weg zeigen, auf dem ich alles verlorene Glück wiederzufinden vermag? Frei⸗ lich nur mit Ihnen, nur durch Sie. Aber Du liebſt mich, Du haſt es mir geſtanden, ich durfte es erfahren ohne mein Zuthun, ohne mein Drängen— welche Pflicht kennen wir noch, als die, die Liebe allmächtig und ſegensreich zu machen, in der ſich unſere Herzen gefunden haben?“ Wieder faßte der Novize die Hände des Mädchens und führte ſie an ſeine Lippen. „Sie werden aber“, entgegnete Dora ſchüchtern, „ſchlimm von mir denken. Sie werden mich, wenn auch jetzt nicht im Taumel des Augenblicks, doch ſpäter für leichtfertig halten, wenn Sie ruhiger und beſonnener an die ſeltſamen Umſtände zurückdenken, unter denen Sie mich gefunden und kennen gelernt haben.“ „Wie mögen Sie alſo ſprechen!“ rief der Novize. „Oder glauben Sie wirklich, daß meine Liebe treuer und dauernder geweſen ſei, wenn ich Sie im Tanzſaal oder in einer Kaffeeviſite oder auf der Promenade hätte kennen lernen, all den tauſend Mädchen gleich, die unter der Obhut zärtlicher Tanten und unter der Aufſicht eiferſüchtiger Vettern dort paradiren? Und ſtehe ich 77 nicht, was die Abſonderlichkeit unſerer Begegnung an⸗ langt, in demſelben Verhältniſſe zu Ihnen wie Sie zu mir? Bin ich“, fügte der Novize lächelnd bei,„nicht auch verkleidet wie Sie, und trage ich nicht auch ein Gewand, das jedem Andern mehr ziemen mag als mir?“ „Sie werden“ fuhr Dora fort,„es unbegreiflich fin⸗ den, wie ich in dieſer Maske hierher kommen konnte.“ „Werde ich?“ unterbrach ſie Frater Heinrich in munterem Tone.„Dann thun Sie am beſten, mir zu erzählen, wie das Alles kam. Glauben Sie mir, ich bin ſehr neugierig darauf. Erſparen Sie mir nicht die geringſte Einzelheit Ihres reizenden Abenteuers und denken Sie immer daran, wie ſehr ich an Allem In⸗ tereſſe nehmen muß, nachdem dadurch für mich eine ſo unerwartete und bedeutſame Wendung in meinem Ge⸗ ſchicke herbeigeführt worden.“ Dora erzählte erſt ſtockend und befangen, bis ſie mehr und mehr in Fluß gerieth und endlich ſo aus⸗ führlich ſchilderte, daß dem Novizen wirklich nicht die geringſte Einzelheit erſpart blieb. „Das iſt ja allerliebſt“, rief Frater Heinrich, die Geliebte an ſich ziehend, nachdem ſie geendet.„Und nun ſtellen Sie ſich vor, wie köſtlich es iſt, an Ihren griesgrämigen Oheim zu denken, der oben in ſeiner Zelle den Schlaf des Gerechten ſchläft und keine 78 Ahnung davon hat, daß ſeine Nichte unterdeß in der Laube—“ „Woran erinnern Sie mich!“ rief Dora aufſprin⸗ gend.„Wenn mein Oheim erwacht wäre!“ „Nur einen Augenblick noch, Dora“, flehte der No⸗ vize, feſt ihre Hände haltend. „Nein, nein!“ „Eine Minute!“ „Es ſei“, gab Dora nach,„doch nur damit ich erfahre, wie es kam, daß Sie nicht mit dem Pater Guardian zur Stadt gefahren ſind.“ „Das iſt ſehr einfach“, lachte der Gefragte.„Nach⸗ dem ich einmal eine Ahnung, ja faſt die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der ehrenwerthe Doctor Anſelmus von keinem Neffen begleitet ſei, ſondern uns im beſten Falle eine Nichte in das Kloſter eingeſchmuggelt habe, fand ich es auch erklärlich, warum er mich aus ſeiner Nähe entfernt halten wollte. Sie haben ihm vermuth⸗ lich von meinem frühern Leben erzählt?“ Dora nickte bejahend. „Sehen Sie! Nur dadurch iſt er mißtrauiſch ge⸗ worden, und aus dieſem Grunde ſuchte er jede Begeg⸗ nung zwiſchen uns zu vermeiden.“ Dora lächelte über den Scharfſinn des jungen Mönchs. 79 „Darum, ſchloß ich weiter, hielt er auch, was ſonſt unbegreiflich geweſen wäre, Sie mit ſolchem Starrſinn von dem Garten zurück, und eben darum, vermuthete ich endlich, werde er Ihnen den Spaziergang hierher nicht eher wieder geſtatten, als bis er die Ueberzeugung gewonnen, daß meine Anweſenheit nicht zu fürchten ſei. Nachdem ich mir dies Alles in der erwähnten Weiſe zurechtgelegt, blieb mir, wenn ich der Schlauheit Ihres Oheims die Spitze abbrechen wollte, nichts übrig, als eine günſtige Gelegenheit abzuwarten, und die brachte der heutige Tag. Nachdem ich, um meine Täuſchung wirkſam zu machen, viel und voll freudiger Erwartung von der bevorſtehenden Feier geſprochen hatte, ſah ich mich geſtern plötzlich kurz vor der Abreiſe von einem heftigen Unwohlſein überfallen, ſodaß mich der Pater Guardian, ſo lebhaft ich mich auch dagegen ſträubte, das hohe Kirchenfeſt zu verſäumen, zum Zuhauſebleiben verurtheilte. Ich hoffte, daß dieſer Umſtand Ihrem Oheim verborgen bleiben werde, und ſahmichdarin nicht getäuſcht.“ „Durch einen glücklichen Zwiſchenfall, den ich unbe⸗ wußt herbeigeführt habe“ lachte Dora. „Selbſtverſtändlich verließ ich meine Zelle nicht“, fuhr der Novize fort,„wich aber heute auch nicht vom Fenſter, jeden Augenblick Ihr Kommen erwartend Endlich— nun, das Uebrige wiſſen Sie.“ 80 „Ja“, ſagte Dora,„ich weiß Alles, und doch iſt mir Alles wie ein Traum—“ „Dem“ fiel der Novize ſchmeichelnd ein,„die ſchönſte Wirklichkeit folgen muß. Glaubſt Du nicht daran?“ Dora ſah den Geliebten mit einem Blicke an, der ihn wohl überzeugen mochte, wie ſehr ſie wünſchte, ſei⸗ nen frommen Glauben theilen zu können. „Ich fliehe“ ſagte der Mönch,„ſobald ich kann; noch weiß ich nicht wie, aber ich werde können. Und Dein Oheim? Sollte er uns etwas in den Weg legen?“ „Gewiß“, ſagte Dora traurig. „Sein Widerſtand wird zu brechen ſein!“ rief Frater Heinrich.„Und nun Geliebte, Schatz, Theuere, wann ſehen wir uns wieder?“ „Ich weiß nicht“ flüſterte Dora. „Ich will morgen hier im Garten ſein“ ſagte der Novize,„ich erwarte Dich. O komm, o komm, und wenn Du nicht kommſt, ſo werde ich Dich übermorgen erwarten und am nächſten Tage und ſo fort und fort, bis Du gekommen biſt und bis wir uns wieder ge⸗ ſprochen haben. Nicht wahr?“ „Ja“ ſagte Dora weich und reichte dem Novizen die Hand. „Und nun—“ ſagte dieſer lächelnd. „Nun?“ fragte dieſe. „Zum Abſchied?“ „Zum Abſchied?“ wiederholte Dora erröthend. 1.„Werde ich dieſe ſchönen Lippen nicht barmherzig finden?“ „Nein, nein!“ lachte Dora zurückweichend und indem ſie in ihrer ganzen ſchalkhaften Laune die beiden Hände wie abwehrend ausſtreckte,„nein, nein, ehrwürdiger Bru⸗ der! Nicht, ſolange Sie noch die garſtige Wollkutte tragen, mich immer daran mahnt, daß ich eine Tod⸗ ſünde begehe und der heiligen Kirche ein Opfer abjagen will.“ „Dova!“ flehte der Novize. „Nein, nein!“ ſpottete das Mädchen. „Auch nicht, damit ich, wenn Du fort biſt, um ſo feſter an mein Glück, an Deine Liebe, an unſere Zu⸗ kunft 5 Da beugte ſie ſich zum Geliebten, drückte ihm einen Kuß auf de und war, ehe ſich jener recht be⸗ ſonnen, wie ein ſcheues Reh aus der Laube entflohen. Der Mönch ſchaute ihr nach, wie ſie durch den Garten und, ohne ſich umzuſehen, über die Brücke in das Kloſter eilte. Dann trat er an den Steintiſch zurück und ſetzte ſich auf die Bank, den Kopf nachdenklich in die geſtützt. Oelſchläger, Wunderliche Leute. HI. Er blickte zu Boden; ſein Name war längſt nicht mehr zu erkennen, längſt zerſtört und zertreten. Nach einer langen Weile aber ſtand er auf und murmelte, unbeug⸗ ſame Entſchloſſenheit im Blick: „Es muß gehen und wenn die heilige Kirche alle ihre Mchäte gegen mich loslaſſen würde.“ Dann nahm er langſam ſeinen Weg in das Kloſter. Viertes Kapitel. Dora hatte ihren Oheim glücklich noch ſchlafend ge⸗ funden; ſo gewann ſie Zeit, einigermaßen ihrer Be⸗ wegung Herr zu werden und das glühende Roth, das noch auf ihren Wangen lag, ſich abblaſſen zu laſſen. Zur Ruhe kam ſie freilich noch lange nicht, denn in ihr jubilirte und frohlockte es, daß ſie die ganze Welt hätte umarmen und einem Jeden ſagen mögen, wie glücklich ſie ſei. Die Freude, das Glück, das ſie er⸗ füllte, hatte ſie ordentlich verſchönt, und wie viel rei⸗ zender war ihre jugendliche, elaſtiſche Geſtalt, ihr fein⸗ geſchnittenes, von den dunkelbraunen Locken umrahm⸗ tes Antlitz mit der ſchönen, nicht zu hohen Stirn, unter der nun die großen Augen ſo lebhaft glänzten. Wie viel reizender war ſie in der unter dem Zauber 6* 84 der erſten Liebe ſich eben entfaltenden Jugendſchönheit, als jene welſche Sidonie, deren ſtolze, vollaufgeblühte Pracht des Doctor Anſelmus Herz ſo gefangen! Und trotzddem war Dora mit ſich ſehr unzufrieden. Wie ſie, die Ereigniſſe der letzten halben Stunde ſich zurück⸗ rufend, haſtig in ihrem Zimmer auf und ab ſchritt, führte ſie ihr Gang auch am Spiegel vorbei, der über ihrem Bette hing und in den ihr Blick durch einen unglücklichen Zufall fiel. Denn ſo ſehr ſie ſich bisher in ihrer Verkleidung gefallen und ſo allerliebſt ſie ſich in ihren falſchen Gewändern gefunden hatte, jetzt ſagte ſie ſich, daß ſie abſcheulich, unerträglich ausſehe. Sie fand den weiten Rock, in den ſie ihre Geſtalt geſteckt hatte, geſchmacklos wie einen Sack; ſie ſagte ſich, daß die Art und Weiſe, in der ſie ihre Locken zurecht ge⸗ kämmt habe, eine unverantwortliche und für ihre Er⸗ ſcheinung nichts weniger als vortheilhafte ſei, mit einem Worte, ſie fand, es ſei höchſte Zeit, wieder in die Frauenkleider zurückzukehren, doch dürfe ſie hoffen, Frater Heinrich durch ihre Erſcheinung ſo freudig zu erſchrecken, daß er ſagen werde, der Engel habe nun allerdings ſein ſchönſtes Gewand angelegt, aber glück⸗ licherweiſe nur, um jetzt erſt recht auf der Erde und bei ihm zu bleiben. Sie lachte über ihren Gedanken hell auf und hatte 85 das Unglück, dadurch dem Schlafe ihres Oheims ein definitives Ende zu machen. „Du ſcheinſt wieder ſehr luſtig!“ brummte jener aus ſeinem Zimmer herüber, indeß er ſich lang und langſam vom Lager hob. „Serrr“, antwortete Dora in ihrer parodirenden Weiſe und eilte dann zu Doctor Anſelmus, in deſſen Zelle ſie herumtanzte und in die Hände klatſchend ausrief:„O Onkelchen, das Leben iſt doch ſchön!“ „Es freut mich, wenn Du das findeſt“, entgegnete Doctor Anſelmus trocken und ſtrich ſich dabei die lan⸗ gen Haare über den Scheitel.„Wenn Du aber das nächſte Mal wieder ſo närriſch aus dem Garten zu⸗ rückkommſt, dürfte es doch beſſer ſein, für die Zukunft dieſe Ausflüge ein⸗ für allemal zu unterlaſſen.“ „Nein, nein!“ rief Dora, ihren Oheim ſtürmiſch um⸗ armend,„ich that ja nur ſo närriſch, Dir meine Dank⸗ barkeit zu beweiſen.“ „Bitte, bitte“, ſagte Doctor Anſelmus abwehrend; „Dankbarkeit iſt eine ſchöne Pflicht, aber Verſtand haben—“ „Iſt noch ſchöner“, lachte Dora.„Ich weiß ſchon, ich weiß ſchon. Darum will ich jetzt auch— ja, mein Gott, was ſoll ich jetzt anfangen, was ſoll ich thun, um wieder zu Verſtand zu kommen?“ 86 Bei dieſen Worten drehte ſie ſich wie ein Kreiſel auf ihren Fußſpitzen herum, daß ihrem Oheim Hören und Sehen verging. „Ich dächte“, ſagte dieſer und bückte ſih, unter dem Bette ſeine Pantoffeln hervorzuholen,„das Beſte wäre, Du machteſt Dich an die Arbeit, damit Du die Ab⸗ ſchrift endlich fertig bekommſt und wir bald das Klo⸗ ſter verlaſſen können.“ „Wo mich doch keine Seele kennt?“ lachte Dora, indem ſie einen Augenblick ihre Balletübung unterbrach. Ein ernſter Blick ihres Oheims mahnte ſie noch zur rechten Zeit, das Zimmer zu verlaſſen, aber noch, da ſie die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, konnte man ſie, nach irgend einer luſtigen Melodie, den bekannten Reim aus dem alten Volksmärchen ſingen hören: „Das iſt gut, daß Niemand weiß, Daß ich Rumpelſtielchen heiß'.“ Wer weiß, wie oft es ihr noch Spaß gemacht hätte, dieſe ebenſo ſinnigen als den Umſtänden angemeſſenen Worte zu wiederholen, wenn ihr Oheim ſich nicht nach⸗ drücklichſt Ruhe ausgebeten hätte. Und ſchließlich war ſie es doch ſelbſt, die gleichfalls ihren Sinn bedeuten⸗ dern Dingen zuzuwenden hatte. Denn was ſollte aus allem dem werden? Daß es dem Frater Heinrich gelingen werde, ſeine 87 Kapuze abzuſtreifen und ſich aus der Todtenſtille des weltvergeſſenen Kloſters hinaus in das friſche, freie Leben zu retten, daran zweifelte ſie keinen Augenblick. Sie ſtellte ſich nur vor, wie ſie ſelbſt unter ſolchen Um⸗ ſtänden handeln würde. Es kam nur darauf an, zu wollen. Und wollte Frater Heinrich? Eine Sekunde lang floß ihr das Blut heiß zum Herzen und ſie ge⸗ dachte der Schauſpielerin, ſie gedachte Marion's, die der Novize zur Zeit ſeiner Erzählung offenbar noch nicht ganz vergeſſen hatte. Ihre Beſorgniß dauerte jedoch nur einen Augenblick, dann ſchalt ſie ſich, daß ihr Vertrauen zu dem Geliebten ſo ſchnell wankend gewor⸗ den war, ſie ſchöpfte ihren Glauben aus dem reichen Born ihrer eigenen Liebe und rechnete es vielmehr dem Novizen zur Ehre, daß er kein böſes Wort über Ma⸗ rion geſprochen und ihrer noch immer nur mit zärtli⸗ cher Verehrung gedacht hatte. Daraus war am erſten zu erkennen, daß er wirklich und wahrhaftig geliebt hatte, daß er einer wirklichen und wahrhaften Liebe fähig war, und ſollte ſie, Dora, dem jungen Manne durchaus einen Vorwurf machen, daß er vor ihr ſchon geliebt hatte und glücklich geweſen war? Aber Doe⸗ tor Anſelmus! Von dieſem war der ſchlimmſte Wider⸗ ſtand zu erwarten, und ſo waren es denn gar trau⸗ rige Betrachtungen, denen ſich Dora in den nächſten 88 Tagen hingab, um ſo trauriger, als ſie auch nicht ein einziges Mal durch den Anblick oder durch den Beſuch des Frater Heinrich unterbrochen wurden. Am vierten Tage endlich geſchah es, daß ihr Oheim zum erſten Male wieder zur Kegelbahn ging, nicht ohne vorſichtig die Thür zu ſperren, die ſein Täubchen verwahrt hielt, und nun lehnte Dora im Fenſter, nur wenig auf⸗ merkſam auf die weiche Abendluft, die ihr durch die Locken ſtrich, wenig aufmerkſam auf die Grille, die drüben im Hofe zirpte, und nur ganz von dem Bilde des Geliebten und von dem Gedanken an den Erſehn⸗ ten erfüllt. Da— die Nacht war ſchon ziemlich herein⸗ gebrochen und der Hof lag im Dunkel— näherte ſich eine Geſtalt ihrem Fenſter. Es war Heinrich. Das Herz Dora's jubelte hoch auf und ſie konnte ſich im erſten Sturm ihrer Freude nicht enthalten, mit gepreßter Stimme hinunterzurufen: „Endlich!“ „Ja, endlich!“ war die Antwort, ebenſo vorſichtig geflüſtert. „Sie ſind allein?“ „Ganz allein.“ „Treten Sie einen Augenblick vom Fenſter zurück!“ Obwohl Dora nicht wußte, was ſie damit ſollte, that ſie doch, wie ihr geheißen war. Da flog ein — 89 Stein an ihrem Haupte vorbei und fiel dumpf auf den Boden des Zimmers. Sie bückte ſich raſch und fand einen Brief, der daran befeſtigt war. Als ſie wieder an das Fenſter trat, war der No⸗ vize ſchon in eilfertiger Flucht über den Hof begriffen und gleich darauf im Dunkel der Nacht verſchwunden. Mit zitternden Händen machte ſie Licht und las: „Meine theure, geliebte Dora! Dein Oheim ſcheint unſere Liebe und unſere Geduld auf eine qualvolle Probe ſtellen zu wollen. Schon den vierten Tag erwartete ich Dich heute im Garten mit einer Sehnſucht, die verzehrend iſt, und erwartete Dich umſonſt. Ich zweifle nicht daran, daß es der unbeug⸗ ſame Eigenſinn Deines Oheims iſt, der Dir das Kom⸗ men unmöglich macht. Meine Gedanken müßten Dich ſonſt heranziehen und Dich zwingen, zu kommen, ſelbſt wenn Du nicht wollteſt. Da nun dem launenhaften Treiben Deines Oheims kein Ende abzuſehen iſt, ſo iſt mir ein anderer Ausweg beigefallen, den ich Dir in Vorſchlag bringen will. Die Kloſterkirche pflegt in den Nachmittagsſtunden ganz leer zu ſein; höchſtens ſind es ein paar Weiber aus dem benachbarten Dorfe, die ihr Schläfchen in den Betſtühlen mit größerer Be⸗ quemlichkeit machen als zu Hauſe. Willſt Du nicht gegen vier Uhr auf das Chor kommen, wo die Mönche 90 den Gottesdienſten beizuwohnen pflegen? Eine Ent⸗ deckung iſt an dieſem Orte und zu dieſer Zeit undenk⸗ bar, Dein Oheim kann gegen ſolchen Gang unmöglich etwas einzuwenden haben, und mag die Liebe einen ſchönern Zufluchtsort wählen als das Haus Gottes? Ich werde es morgen veranlaſſen, daß der Laienbruder, der Euch gewöhnlich bedient, Deinem Oheim im Laufe des Vormittags unter irgend einem gleichgültigen Vor⸗ wand einen Strauß aus dem Garten bringt. Gegen Mittag gehe ich durch den Hof. Steht der Strauß an Deinem Fenſter, ſo iſt mir das ein Zeichen, daß Du kommſt, und ich beſchwöre Dich darum. Ich muß ſchließen, da ich, die Anweſenheit Deines Dheims auf der Kegelbahn bemerkend, nur raſch auf meine Zelle geeilt bin, Dir dieſe Zeilen zu ſchreiben. Ich muß ſchließen und hätte Dir ſo viel, ſo viel zu ſagen, doch morgen möge Dein Anblick mich tauſend⸗ mal für alles das entſchädigen, was ich in dieſen Ta⸗ gen entbehrt habe. Wie erſehne ich Dich! Wie ſchlägt Dir mein Herz entgegen! Mit tauſend Grüßen und Küſſen ewig Dein Heinrich.“ Die erſte Empfindung, die über Dora beim Leſen des Briefes gekommen war war nur die der reinſten voll⸗ ſten Freude, daß der Geliebte an ſie gedacht, an ſie trüb und unheilverheißend ihr vorher Manches erſchie⸗ nen war, ſo lachend und heiter ſah ſie nun ſchon wie⸗ der in die Zukunft und ſo ſehr übertrug ſie die himm⸗ liſche Helle des Glücks, das ſie durchſtrahlte, auf die Gegenſtände, die ſie umgaben, auf die Tage, denen ſie entgegenging, auf Alles. Eine Frage war, ob ſie das Rendezvous in der Kloſterkirche annehmen ſollte. Sie lachte bei dieſem Gedanken hellauf in die Nacht hinaus und warf ihr ſchönes Trotzköpfchen lebhaft in den Nacken zurück. Warum verbot ihr der eigenſinnige Oheim auch, in den Garten zu gehen! Daß ſie Frater Heinrich ſehen und ſprechen wollte, war doch ſelbſtverſtändlich, lag doch auf der Hand. Wenn es nicht anders ging, mußte es in der Kirche geſchehen. Die Heiligkeit des Ortes machte ihr weiter keinen Scrupel.„Was iſt denn Sündhaftes daran?“ fragte ſie.„Wie viele tauſend Mädchen haben ſchon vor mir in der Kirche zu Gott gebetet, daß er ihre Liebe zu einem glücklichen Ende führen, das heißt, ihnen den Mann ſchenken möge, den ſie ausgewählt. Ei ja“ lachte ſie,„darum will ich morgen auch beten und meinen Schatz gleich mitbringen, den mir unſer Herrgott gewiß gönnen kann, da er ſchon ſo viele ſtreit⸗ bare Prieſter in ſeiner Kirche hat. Alſo bis morgen!“ geſchrieben, ihr ein Lebenszeichen gegeben habe. So 92 Mit dieſem Gedanken ſchlief ſie, das Herz voll Seligkeit, ein. Doctor Anſelmus war nicht wenig durch die Bitte überraſcht, die ihm ſeine Nichte am nächſten Tage vor⸗ trug. Er wollte Einwendungen machen, aber Dora hatte zur Mittagszeit den Strauß, der im Laufe der Morgenſtunden richtig eingetroffen war, an das Fenſter geſtellt und ſogar vom Hintergrunde ihres Zimmers aus den Novizen im Hofe vorübergehen ſehen; ſie mußte ihr Verlangen alſo um jeden Preis durchzuſetzen ſuchen. Und im Grunde war es doch natürlich, daß Dora ein⸗ mal die Kirche zu ſehen wünſchte, die ſie während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts im Kloſter noch mit keinem Fuße betreten hatte. „Ich muß mich“, ſagte ſie zu Doctor Anſelmus mit der unſchuldigſten Miene,„ordentlich davor fürchten, daß mich der hochwürdige Pater Guardian einmal fragt, ob ich ſchon in der Kirche geweſen. Glaubſt Du nicht, daß er eine verneinende Antwort mindeſtens ſehr ver⸗ wundert aufnehmen würde?“ „Gewiß; ich finde nur die Zeit ſo eigenthümlich ge⸗ wählt; warum willſt Du nicht des Morgens zum Got⸗ tesdienſte gehen?“ „Onkelchen“ ſagte Dora vorwurfsvoll,„des Morgens wenn alle Mönche in der Kirche ſind, deren Blicken ich 93 mich ja auf Deinen eigenen Wunſch um jeden Preis entziehen ſoll?“ „Du haſt Recht“, antwortete Doctor Anſelmus.„Geh, aber bleibe nicht zu lange aus, damit ich mich nicht ängſtige.“ S Es war noch vor der beſtimmten Zeit, als Dora durch das Portal in die Kirche trat. Sie wollte mit Abſicht früher als Frater Heinrich am beſtimmten Orte ſein; es hatte dann mehr den Anſchein, als wenn er ſie zu ſehen komme, denn umgekehrt. Sie hatte noch Muße, ſich in der Kirche umzuſehen; ſie that es, obwohl ſie ihre innere Unruhe kaum zu bewältigen vermochte, und ſchritt langſam durch das Mittelſchiff, bald ſtehen bleibend, bald wieder einige Schritte rückwärts gehend, Alles mit der größten Genauigkeit muſternd, wie wenn ſie auch die kleinſte Einzelheit auf das ſorgfältigſte ihrem Gedächtniß einzuprägen gedenke. Die Kirche war mit höchſter Sparſamkeit gebaut und ihr Zierrath faſt übertrieben einfach. Zwiſchen den hohen Fenſtern der Seitenſchiffe waren Oelgemälde aus der heiligen Legende angebracht, wie ſie von Gläu⸗ bigen geſtiftet und von Hunderten von Künſtlern der Hauptſtadt fabrikmäßig auf Beſtellung ausgeführt werden. Auf den kleinen Altartiſchen davor prangten künſt⸗ liche Roſen, zu Sträußen oder Kränzen zuſammenge⸗ 94 bunden, in der Stadt gekauft und hier als frommes Opfer niedergelegt, als Beweis der Dankbarkeit für einen erhörten Wunſch oder als gut gemeinter Beſte⸗ chungsverſuch für eine noch immer nicht gewährte Bitte. Selbſtverſtändlich fehlte das Bild des heiligen Fran⸗ ciscus nicht und die zahlloſen großen und kleinen Wachs⸗ kerzen aller Farben verriethen, welches Vertrauen der Heilige in der Gemeinde genoß. Dem Hochaltar gegenüber, gleich oberhalb des Por⸗ tals, befand ſich die Orgel, und zwar war der Raum, den dieſe überdachte, von dem eigentlichen Innern der Kloſterkirche durch ein eiſernes Gitter geſchieden, ſo daß man ſich alſo gewiſſermaßen nur in einem Vorhofe befand, der in den außergottesdienſtlichen Stunden des Tags den nur im Vorübergehen die Kirche Beſuchenden zur Benutzung zugeſtanden war. Eine Menge von Vo⸗ tivtäfelchen waren an dieſes Gitter gebunden; da ſtand denn mit ſchlechter Tinte geſchrieben:„Maria hat ge⸗ holfen, Maria hilft, Maria wird weiter helfen.“ Oder kurz und bündig:„Maria hat geholfen“, oder:„Jeſus und Maria haben geholfen.“ Hier richtete eine be⸗ drängte Wittwe an edle Chriſten die Bitte, für ihr armes blind gewordenes Knäblein an die heilige Ma⸗ ria eine fromme Fürbitte zu ſtellen, dort bat eine Tochter um den gleichen Chriſtendienſt, damit ihre 95 ſieche Mutter endlich geſunde. Auf einem mit weißem Papier überzogenen Pappendeckel ſtand, kaum zu ent⸗ ziffern, das etwas unklare Gebet auf den heiligen Charfreitag, da Jeſus im Grabe liegt und ſchreit: Ach weh, ach weh, ach weh, Wie thun meine heiligen fünf Wunden ſo weh! Wenn ich doch einen Menſchen hätt', Der mir dieſes Gebetlein dreimal des Tages beten Den wollt' ich belohnen Mit drei himmliſchen Kronen. Vaterſeele, Mutterſeele, meine Seele, Wer dieſes Gebetlein kann und Niemand lehrt, Wird vor Gottes Gericht nicht erhört. Kur wenige der angeführten Dankſagungen an die Mutter Gottes waren auf Pappendeckeln angebracht, die man mit rothem Papier ſüberzogen und mit großen goldenen Lettern bedruckt hatte, zwei oder drei waren mit bunter Seide auf groben Stramin geſtickt, die meiſten aber gleich den ſpeciellen, an die heilige Jung⸗ frau gerichteten Bittgeſuchen mit ſchlechter Tinte und noch ſchlechterer Schreibekunſt einem höchſt ſchlichten Papierſtreifen anvertraut, der mittels eines oben durch⸗ gezogenen Baumwollenfadens an die Eiſenſtäbe befeſtigt war. Wenn dann die Kirchenthür von einem Eintre⸗ tenden geöffnet wurde, ſo ſtrich der Luftzug darüber 96 hin, daß alle die weißen Blättchen aufflatterten und zur Höhe fliegen zu wollen ſchienen, an die ſie addreſſirt waren. Dora lächelte über den hier vor aller Welt mit dem Himmel gepflogenen Briefverkehr. War denn dieſes Eiſengitter etwas Anderes als der Briefkaſten im Vorzimmer eines hohen Herrn, in welchen der Be⸗ drängte und Arme ſein mit großer Mühe zuſammen⸗ buchſtabirtes Bittgeſuch wirft? Und wie viel Bedräng⸗ niß, wie viel Armuth, wie viele Seufzer, wie viele Thränen waren hier dem Papiere anvertraut! Als ſich Dora dem Eiſengitter, das ſie vom Innern der Kirche trennte, gegenüber ſah, war ſie einigerma⸗ ßen betreten, ein Verſuch aber, durch die Gitterſtäbe zu langen und von innen einen Riegel zu finden, der leicht zurückgeſchoben werden könnte, glückte, und nun ſchritt ſie, nachdem die Gitterthür wieder ins Schloß gefallen war, unaufgehalten vor gegen den Hochaltar. Hinter dieſem führte eine ſchmale Treppe hinauf in das Chor, das oben um den Rücken des Hochaltars herum links und rechts durch die beiden Seitenſchiffe geführt war und auf beiden Seiten an die Orgel an⸗ ſtieß. Von den hohen Fenſtern fiel die Sonne in ſchma⸗ len Streifen in die Kirche und vergoldete die Banner und Fahnen, die Bilder und Kränze und die vom Weihrauch des Morgengottesdienſtes erfüllte Luft. Mil⸗ lionen Sonnenſtäubchen wogten auf dieſer ſchmalen Lichtleiter, die durch das Fenſter bis auf den glatten gepflaſterten Boden reichte, hin und her, auf und nie⸗ der, in fortwährender Bewegung, in ſtetem Wechſel, und ſtreiften die an einem Mittelpfeiler vorſprin⸗ gende Kanzel, während die übrigen Räume der Kirche in Dämmerung und Halbdunkel lagen. Endlich ſchritt Dora die eng gewundene Treppe hinauf und das Herz klopfte ihr ſchneller und ſchneller, als die Stufen unter ihrem ſo leichten, elaſtiſchen Schritte durch die Stille des Gotteshauſes hin ächzten und knarrten. Sie blieb einen Augenblick ſtehen und ſah hinunter in den heiligen, friedenerfüllten Raum, aber es mußte geſchehen, und mit raſchen, entſchloſſenen Schritten eilte ſie weiter hinauf, bis ſie die Höhe des Chors erreicht hatte. Dieſes war leer. Die Gitter⸗ wände waren zurück⸗ und in einander geſchoben, und in größter Aufregung ſank ſie auf den nächſten Betſtuhl nieder. Sie vergrub ihr Haupt in die Hände und bot ſo unwillkürlich die Erſcheinung einer Betenden. Sie hatte kaum einige Sekunden in dieſer Stellung ver⸗ harrt, als ſie hörte, wie eine Thür in nächſter Nähe geöffnet wurde und wie ſich ihr raſche Schritte näher⸗ ten. Sie wagte nicht aufzuſehen, ſie preßte Stirn Oelſchläger, Wunderliche Leute. III. 98 feſter in die beiden Hände, es ließ ſich neben ihr nie⸗ der, ſie wußte, daß es Frater Heinrich war. Dieſer verſtand bald genug ihre Befangenheit zu zerſtreuen und veranlaßte ſie, nachdem er ihr flüchtig die Hand gedrückt, weiter gegen die nächſte Gitterwand zu rücken, wo ſie faſt völlig verborgen war. Er ſelbſt lehnte ſich über die Brüſtung und wußte ſich gleich Dora vollkommen den Anblick eines in Andacht Ver⸗ ſunkenen zu geben, indem er mit niedergeſchlagenen Augen die gefalteten Hände vor den in heißen Liebes⸗ ſchwüren überſtrömenden Mund hielt. Nach und nach floß das Geſpräch ruhiger hin und ſo wich denn auch die Beklemmung und Spannung von Dora's Herzen, daß ſie dann und wann aufzuſchauen und den Geliebten mit glücklichem Auge anzublicken wagte. Ja, nach und nach, wie ſie die Sonne ſo hell und freundlich durch die Kirchenfenſter ſchimmern und an den aus dem Dunkel aufleuchtenden Bildern und Fahnen haften ſah, fand ſie ihre Lage gar nicht ſo unpoetiſch. Aber gerade der Sonnenſtrahl, der ihr ge⸗ genüber durch den Spitzbogen fiel, rückte immer mehr und mehr von ſeinem Platze unten herauf gegen die Gallerie und das Chor und erinnerte ſie daran, wie raſch die Zeit dahingeflohen ſei. Als ſie ſich trennten, mußte Dora das Verſprechen „ 99 geben, am nächſten Tage ſich wieder einzufinden. Und wenn ſich ihre Aengſtlichkeit auch anfangs dagegen ſträubte, ſagte ſie ſchließlich doch nicht gerade allzu un⸗ gern zu. Doctor Anſelmus traute ſeinen Ohren kaum, als ihm Dora tags darauf wiederholt das Anliegen vor⸗ trug, in die Kirche gehen zu dürfen. „Seit wann haſt Du ſolchen Geſchmack am Kirchen⸗ beſuche gefunden?“ fragte er erſtaunt. „Ich habe“, antwortete Dora mild,„den Frieden der Kirchen immer geliebt.“ „So?“ machte Doctor Anſelmus ungläubig.„Davon habe ich noch wenig bemerkt.“ „Dieſe dämmerhafte Ruhe, dieſe träumeriſche Stille—“ fuhr Dora in weichem Tone fort, bis ſie ihr Oheim unterbrach. „Kind“ rief er,„ich glaube, Du treibſt Deinen Spott mit mir!“ „Onkelchen, wie könnte ich das wagen! Aber darf Dich denn das wundern, wenn mich Empfindungen überkommen, denen auch Du Dich, nach Deiner Aus⸗ ſage, in ſtillen Klöſtern und waldverſteckten Abteien nie verſchließen konnteſt?“ „Es iſt wahr“ ſagte ihr Oheim und ſtrich ſich me⸗ lancholiſch die Haare über die Stirn. 100 „Soll ich“ fuhr Dora ermuthigter fort,„keinen Sinn für jene gottgeweihte Luft haben, welche durch die ſon⸗ nenlichten Hallen wogt und den Verweilenden mit einem Frieden erfüllt, den er vergeblich im toſenden Weltlärm zu erreichen begehrt? O, Du glaubſt nicht, welches Glück ich geſtern genoß! Mir war, als ſei alle die Sehnſucht, die mich in den letzten Tagen der Einſam⸗ keit hier quälte, geſtillt, als ſei all mein Wünſchen er⸗ füllt. Wie von Engelfittigen fühlte ich mich umweht, der Himmel ſelbſt ſchien ſich mir mit ſeinen goldenen Thoren zu öffnen und in froher Ahnung ging mir je⸗ nes füße Myſterium auf, welches—“ Dora ſtockte, denn der Schalk in ihr, der ſie bis⸗ her Alles in höchſtem, feierlichſtem Pathos hatte vor⸗ tragen laſſen, hatte ihr auch die letzte volltönende Phraſe eingegeben, bei der ſie ſich ſo wenig dachte, daß ſie dieſelbe nun nicht einmal zu Ende zu bringen vermochte. Doctor Anſelmus hatte ihr mit ſtiller Zufrieden⸗ heit und Bewunderung zugehört. Solches Gefühl hatte er ſeiner Nichte nimmermehr zugetraut. Eine ſenti⸗ mentale Rührung bemächtigte ſich ſeiner. Dora ſchil⸗ derte ja, was er ſchon oft empfunden hatte, und jetzt, gerade jetzt mußte er durch das Stocken ihrer Rede aus ſeiner ſüßen Träumerei aufgeſchreckt werden, wie einer, 101 der ruhig auf dem Strom hingleitet und mit ſeinem Schiffe plötzlich und da er's am wenigſten vermuthet, auf eine Sandbank ſtößt. „Welches Myſterium?“ fragte er jetzt. „Nun, jenes Myſterium“, antwortete ſeine Nichte mit preiswürdiger Zuverſicht. „Aber welches denn?“ „Ach“, rief Dora ungeduldig,„jenes! Du verſtehſt mich ſchon!“ „Ich verſichere Dir, daß ich Dich gar nicht verſtehe.“ „Dann kann ich es Dir auch nicht erklären“ brach Dora entſchloſſen ab und ſetzte dann in leichterem Tone bei:„So etwas läßt ſich in Worten ſchwer ausdrücken. Und nun darf ich gehen, Onkelchen?“ „Geh“, antwortete Doctor Anſelmus und begab ſich kopfſchüttelnd an ſeine Arbeit. Auf dem Wege begegnete Dora dem Pater Guar⸗ dian, der eben mit dem Pater Nikomedes aus der Kirchthür trat. Sie blieb einen Augenblick erſchrocken ſtehen, dann aber ſah ſie ein, daß ſie, um keinen Verdacht zu er⸗ regen, ihren Weg fortſetzen müſſe, und ſo ging ſie denn unbefangen auf die beiden Geiſtlichen zu, welche ſie unter dem Portale erwarteten. „Sie gehen in die Kirche, mein Sohn?“ fragte der 102 Pater Guardian in ſeiner gewohnten wohlwollenden Weiſe. „Ja, hochwürdiger Vater“, entgegnete ſie mit ge⸗ ſenktem Blick. „Sie thun recht daran. Wenn man auch nicht immer ſo geſammelt und jener ſtillen Heiterkeit voll iſt, welche uns das allein Erhörung bringende Gebet in den Mund gibt, ſo ſollte man doch nie an der Kirche vorübergehen, ohne einzutreten. Es iſt die Nähe Gottes, die wir dort fühlen und die unſere Seele ohne unſer Zuthun mit frommen Entſchlüſſen erfüllt. Gott ſegne Sie, mein Sohn.“ Mit dieſen Worten ſchritt der Pater Guardian mit dem Pater Nikomedes weiter, Dora aber ſchlüpfte eiligſt in die Kirche und hinauf in das Chor, wo der Novize bereits wartete. War es die unerwartete Begegnung, die Dora bange gemacht hatte? Genug, ſie war von einer Unruhe erfüllt, die gerade heute um ſo unerklärlicher ſchien, als das geſtrige Stelldichein ſo glücklich ab⸗ gelaufen war. Vergebens ſtellte ihr der Geliebte vor, daß der Pater Guardian, wie das häufig vorkomme, nur einen Gang durch die Hekonomiegebäude mache, um ſich von dem ordnungsgemäßen Stande der Dinge zu überzeugen, vergebens war all ſein Beruhigen, ſein 103 Beſchwören, ſein Bitten, Dora drängte nach der kürze⸗ ſten Zeit zum Aufbruch, ſo daß der Novize ſich wohl fügen mußte und nur, die Hand um ihren ſchlanken Leib legend, in vorwurfsvollem Tone fragte: „Und wann ſehen wir uns wieder, Dora?“ „Nie mehr“ antwortete eine fremde Stimme hinter ihnen. Erſchrocken fuhren die Liebenden aus einander; es war Doctor Anſelmus, Dora's Oheim, aus deſſen Mund das unheilverkündende Wort gekommen war. Dieſer hatte nämlich trotz alledem und alledem keine Ruhe beim Arbeiten finden können; er ſagte ſich, daß die Vorliebe ſeiner Nichte für den Beſuch von Kirchen doch gar raſch und unerwartet gekommen ſei, und fand bei kühlerer Betrachtung ihre ſchwärmeriſche Begeiſterung für gottgeweihte Hallen eigenthümlich und überraſchend. Sollte ſie ihn hinter das Licht geführt haben und in den Garten gegangen ſein? Traf ſie dort am Ende gar den verwünſchten Frater Heinrich, der ihr mit ſeinen ſentimentalen Erzählungen den Kopf verdrehte? Nachdem einmal des Doctor Anſelmus Mißtrauen rege geworden, war es ihm unmöglich, daſſelbe wieder zu bannen, und es ergriff ihn jene nervöſe Aufregung, die ihn krank und zu jeder geiſtigen Thätigkeit unfähig 104 zu machen pflegte. Das Beſte war am Ende, der Nichte zu folgen und ſie ausfindig zu machen. War ſie betend in der Kirche, ſo konnte ſich Doctor Anſel⸗ mus beruhigt zurückziehen; war ſie im Garten, ſo wußte er, was ſeine Pflicht war. Er nahm an, daß ſeine Nichte in dem untern Raume der Kirche verweile, und zog es deshalb vor, vom Kloſter aus über den Gang ſeinen Weg in das Chor zu nehmen, von wo aus er die ganze Kirche überſehen und ſich am leichteſten unbemerkt wieder ent⸗ fernen konnte. Leiſe, um die Andacht der im Gotteshauſe Wei⸗ lenden nicht zu ſtören, öffnete er die Thür und trat in das Chor. Dem Doctor Anſelmus war in ſeinem Leben ſchon Mancherlei widerfahren, und auch nach der Hand iſt ihm noch mancherlei Seltſames vorgekommen, wovon gewöhnliche Sterbliche keine Ahnung haben, aber die Ueberraſchung, die er hier erlebte, war die größte, die ihm noch begegnet war, und blieb es auch für die Zukunft. Wie verſteinert ſtand er auf der Schwelle und ſtarrte auf das Liebespärchen, das ſich hier ſo ſchön und ſchlau zuſammen gefunden. Konnten ihn ſeine Augen täu⸗ ſchen? Er hätte etwas darum gegeben, wenn er das, 105 was er ſah, für ein Trugbild ſeiner toll gewordenen Phantaſie hätte halten dürfen. Aber ſelbſt wenn ſeine Augen unzuverläſſig geweſen wären, waren ſeine Ohren um ſo zuverläſſiger. Das feine Gehör, das die Mutter Natur neben ſo vielen andern preiswürdigen Gaben dem Doctor Anſelmus gegeben, war ſchon oft der Neid und die Bewunde⸗ rung ſeiner Freunde geweſen, und es war nicht unglaub⸗ lich, daß ein Bauer, der in einer bedeutenden Entfer⸗ nung ſeine Senſe dängelte, ihn zur Verzweiflung brachte. Und ſo klang denn auch hier, wo ein Anderer alle ſeine Anſtrengungen hätte aufbieten müſſen, um nur herauszubekommen, daß überhaupt geflüſtert werde, jedes Wort nur allzu deutlich und klar an ſein ſich nie täuſchendes Ohr. Jedes Wort! Ach, Doctor Anſelmus erkannte den ganzen Stand der Dinge. So weit alſo war es ge⸗ kommen! Während er noch ſich darüber den Kopf zerbrach, wie um jeden Preis eine Begegnung des Frater Heinrich mit ſeinem Neffen vermieden werden ſollte, ſchwelgte jener ſchon mit der Nichte in dem zärt⸗ lichſten téte-à-téte. Leiſe ſchlich er näher— Doctor Anſelmus verſtand, wenn er wollte, ſehr leiſe aufzutreten— und ſtand nun hinter den beiden Liebenden wie ein ſchweres Gewitter 106 hinter dem blütenprangenden Berg. Er war ungewiß, wie er am beſten eingreifen ſollte; er wollte erſt Alles wiſſen. Die Frage des Novizen aber riß ihn hin und er konnte ſich nicht enthalten, dieſelbe nachdrucksvoll in ſeinem Sinne zu beantworten. Als Dora den blitzenden Augen ihres Oheims be⸗ gegnete und in ſein nun zornbleiches Antlitz ſah, ſank ſie mit einem leiſen Aufſchrei über den Betſtuhl; Doctor Anſelmus aber erhob ſie mit einer Kraft, die ſeinen ſonſtigen körperlichen Leiſtungen gegenüber faſt unmög⸗ lich erſchien, und ſagte in einem Tone, der keinen Widerſpruch vertrug: „Du gehſt auf Dein Zimmer.“ Ihr Geſicht in das Taſchentuch verbergend, gehorchte ſie und ging, eine düſtere Ahnung ſagte ihr, daß ſie den Geliebten zum letzten Male geſehen habe. Dieſer war beim Erſcheinen des Doctor Anſelmus ſprachlos in die Höhe gefahren; als ſich Dora ent⸗ fernte, machte er eine Bewegung, wie wenn er ihr folgen oder ſie wenigſtens zurückhalten wolle. Doctor Anſelmus aber erhob ſeine Hand wie ab⸗ wehrend und ſagte: „Sie bleiben, mein Herr, ich habe mit Ihnen zu reden.“ „Ich ſtehe zu Dienſten“ entgegnete der Novize feſt und richtete ſich hoch auf. 107 Doctor Anſelmus rang mühſam nach Athem. Nichts war ihm, dem friedliebenden Manne, mehr verhaßt als eine Scene, wie ſie nun kommen mußte, aber ſo gewaltig kochte und gährte es heute in ſeiner Bruſt, daß es nur die unendliche Aufregung war, die ihn einen Augenblick nicht zu Worte kommen ließ. Mit bebender Stimme begann er endlich: „Wir wollen uns kurz faſſen. Es wäre natürlich eine Thorheit von mir, zu leugnen, was nicht mehr zu leugnen iſt. Sie haben das Geheimniß zerriſſen, welches den Aufenthalt meiner Nichte hier umgab. Laſſen Sie mich ausſprechen. Ich darf vorausſetzen, daß Ihnen meine Nichte erzählt hat, wie das Alles gekommen iſt, und ſo iſt jede Erläuterung von meiner Seite überflüſſig. Aber das iſt auch jede Entſchuldi⸗ gung, denn Sie verdienen keine.“ „Herr!“ brauſte der Novize auf. „Was wünſchen Sie?“ rief Doctor Anſelmus.„Ich wiederhole es, Sie verdienen keine Entſchuldigung, da Sie den Zufall, der das Geheimniß in Ihre Hände lieferte, ſo ſchmählich mißbrauchen konnten. Wenn übrigens noch Mannesehre in Ihrer Bruſt lebt, ſo geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß, ſolange Sie athmen, nie eine Silbe von dem Vorgefallenen über Ihre Lip⸗ pen kommt.“ 108 „Sie haben mein Wort.“ „Ich danke Ihnen nicht dafür“ verſetzte Doctor Anſelmus.„Sie waren mir dieſe Genugthuung ſchuldig. Sie erſparen ſich dadurch nicht einmal die Erklärung, die ich Ihnen geben muß, wie erbärmlich, wie niedrig nämlich Ihr Betragen mir und meiner Nichte gegen⸗ über iſt.“ Der Novize machte in auflodernder Bewegung einen Schritt gegen den Doctor Anſelmus. „Rühren Sie ſich nicht von der Stelle“ rief dieſer, der ſich durchaus nicht einſchüchtern ließ,„oder ich rufe das ganze Kloſter zuſammen, um es zum Zeugen und Richter Ihrer Handlung zumachen. Mag für mich daraus entſpringen, was will. Der Convent aber wird Ihnen zu ſagen wiſſen, was mit einem Menſchen, der das Kloſtergelübde abzulegen im Begriffe iſt, wie Sie, der in demſelben Augenblick ein Mädchen hinter dem Rücken ſeines Oheims und Vormundes in ſeine Schlingen lockt, wie Sie, der es gewiſſenlos dem Pfad der Verführung, der Schande und des Unglücks entgegentreibt, wie Sie— was mit einem ſolchen Menſchen anzufangen ſei. Ich ſelbſt reiſe morgen mit meiner Nichte ab; ich habe alſo nicht die demüthigende Bitte an Sie zu richten, meiner Dora keine Aufmerk⸗ ſamkeit mehr ſchenken zu wollen. Sie werden keine 109 Gelegenheit mehr dazu finden. Aber ich hoffe, daß, wenn wir das Kloſter verlaſſen haben, Ihnen Zeit und Muße genug bleiben wird, darüber nachzudenken, wie ſchmählich und nichtswürdig Sie an mir gehandelt haben.“ Damit wollte Doctor Anſelmus gehen, der Novize aber hielt ihn zurück. Er hatte keinen Verſuch mehr gemacht, den Redenden zu unterbrechen; er hatte nur, mit der Fauſt krampfhaft den Betſtuhl umklammernd, das glühende Auge auf Doctor Anſelmus gerichtet, deſſen Beleidigungen angehört. Jetzt ergriff er dieſen haſtig beim Arm und ſagte mit gepreßter Stimme: „Herr Doctor, Sie haben das Recht, das Sie an mir zu haben glauben, redlich ausgenutzt. Ich muß jetzt ſchweigen, aber glauben Sie mir, das letzte Wort iſt noch nicht geſprochen.“ „Nicht?“ rief Doctor Anſelmus, ſich mit einer Geberde des Abſcheus von Frater Heinrich losmachend und aufs neue von jähem Zorn erfaßt.„Nicht? Wollen Sie mir vielleicht drohen? Ich ſage Ihnen, ich habe Sie nur in Rückſicht auf den Ort, an dem wir weilen, ſo glimpflich behandelt; wenn ich einem Manne, wie Sie ſind, einem Manne, der ſo an mir gehandelt hat, wie Sie es gethan, wenn ich einem ſolchen Manne in meinem Hauſe begeg⸗ nen würde ſo—“ 110 „Nun?“ „Glauben Sie mir, daß ich alsdann meine be⸗ ſchimpfte Ehre noch nachdrücklicher zu rächen wiſſen würde. Und nun Gott befohlen!“ Nach dieſen Worten wandte ſich Doctor Anſelmus wirklich zum Gehen, der Novize aber ſah ihm lange nach und ſank dann in den Betſtuhl, wo er ſein Haupt in beide Hände vergrub. Als Doctor Anſelmus in ſein Zimmer zurückkehrte, fand er Dora, die in Thränen aufgelöſt ihm um den Hals fiel und mit erſtickter Stimme bat: „Verzeih, Onkel, verzeih!“ Im Grunde war es ihm ſehr lieb, daß ihm ſeine Nichte in ſolcher Weiſe entgegenkam. Die Begegnung mit dem Novizen hatte ſeine ganze Energie aufgezehrt, er fühlte ſich nach ſolchem Kraftaufwand, wie er ihn hatte zeigen müſſen, ſehr müde und abgeſpannt und fand es darum angenehm, diejenigen Auseinanderſetzungen, die er Dora nun doch einmal machen mußte und in keinem Falle erſparen konnte, in ruhigerer und gehaltener Weiſe zum Beſten geben zu dürfen⸗ Er machte ſich ſanft aus der Umarmung ſeiner Nichte los, die ihr thränenbenetztes Antlitz auf ſeine Schulter gelegt hatte, und ſagte: „Laß uns ruhig ſprechen, es wird ſich Alles finden.“ 111 „Nein, nein, Onkel“, rief Dora,„ich weiß, daß ich gefehlt habe, ich weiß, daß ich ſchuldig bin; ſage nur, daß ich Deine Verzeihung wieder habe; ich will ja gern Alles zugeben.“ „Nun ja, nun ja“, mochte ihr Oheim wieder, trotz⸗ dem nicht geneigt, ſo raſchen Kaufs den gewünſchten Generalpardon zu ertheilen;„ſetze Dich nur erſt, höre auf zu weinen und dann laß uns ruhig ſprechen.“ Die gelaſſene Art, in der Doctor Anſelmus ſprach, hatte fürs erſte die Wirkung, den Thränenſtrom ſeiner Nichte einem frühern Ende zuzuführen, als es wohl ſonſt der Fall geweſen wäre, daß ſie ſchon nach kurzer Weile ſeine Bitte erfüllen und ihm mittheilen konnte, auf welche Weiſe Frater Heinrich dazu gekom⸗ men ſei, jene unglückſelige Entdeckung zu machen. Sie erzählte, ſo gut ſie im Stande war, und die Schlichtheit und Glaubwürdigkeit ihrer Mittheilung trug nicht wenig dazu bei, ihren Oheim noch milder zu ſtimmen, als es von vornherein der Fall geweſen war. Dennoch hielt er es für nöthig, nachdem ſeine Nichte geendet, jene moraliſchen Betrachtungen, die ſich un⸗ abweisbar an den Fall knüpften, beizufügen und be⸗ haglich auszuſpinnen. Dora hörte ihn ſchweigend und den naſſen Blick zu Boden gerichtet an; ſie dachte nicht daran, zu widerſprechen, ſo wenig ſie mit Allem, was der gelehrte Doctor Anſelmus in ſeiner wahrhaft akademiſchen Rede zum Beſten gegeben, einverſtanden war. Sie vernahm zuletzt auch mit der ſcheinbar größten Ruhe deſſen Entſchluß, am nächſten Morgen abzureiſen, und ging, um das Nöthige zu beſorgen. Still und gehorſam fügte ſie ſich den Anordnungen ihres Oheims, der mit wahrer Freude den ausgezeichneten Erfolg ſeiner Rede beobachtete und keine Ahnung davon hatte, wie ſchwer und ſchmerzenreich ſeiner NRichte das Herz ſei. Fünftes Kapitel. Dennoch ſollte aus der für den kommenden Morgen Feſtgeſetzten Reiſe nichts werden; denn abgeſehen davon, daß der Pater Guardian, den Doctor Anſelmus abends auf der Kegelbahn von ſeinem Vorhaben in Kenntniß ſetzte, über den ſo raſch und unerwartet beſchloſſenen Aufbruch ſeiner Gäſte faſt beleidigt war, beſtand er vor allem darauf, daß jener ſein gegebenes Wort ein⸗ löſe und ſeine Mittheilungen über den ſeltenen anti⸗ quariſchen Fund, den er im Kloſter gemacht, zum Vor⸗ trag bringe. Der Gelehrte ſei, fügte der Pater Guardian bei, dies gewiſſermaßen dem Kloſter ſelbſt ſchuldig und er und ſeine Mönche hätten ein Recht darauf, den erſten Bericht über eine Merkwürdigkeit erſtattet zu Helſchläger, Wunderliche Leute. III. 8 114 erhalten, dir, wie er der Verſicherung ſeines gelehrten Gaſtes gern glaube, den Namen des Kloſters in Ver⸗ bindung mit dem des Doctor Anſelmus ruhmvoll bis in die weiteſten Fernen tragen werde. Doctor Anſelmus ſah die Billigkeit dieſes Ver⸗ langens ein und zeigte ſogar nicht üble Luſt, ſich durch daſſelbe geſchmeichelt zu fühlen. Dennoch beſchlich ihn einiger Unmuth und er gab nur widerſtrebend das Verſprechen, ſeine Abreiſe um einen Tag hinauszu⸗ ſchieben. Seine Seele war banger Ahnungen voll und ihm war, nachdem ihm ſchon ſo viel Widerwärtiges im Kloſter widerfahren, wie wenn er durch erneutes längeres Bleiben das Schickſal nur zu größern Tücken herausfordere. Als er am nächſten Morgen aufwachte, war die Sonne ſchon ziemlich hoch geſtiegen; er hatte wieder einmal zu lange geſchlafen. Und doch noch nicht genug? Er ſchloß wiederholt die Augen und rieb ſie ſich mit beiden Händen. Dann verſuchte er klarer und deut⸗ licher um ſich zu ſchauen, und in der That war es ihm nicht zu verargen, wenn er einen Moment einiges Mißtrauen in ſein Sehvermögen ſetzte, denn was ſich beim Aufwachen zunächſt ſeinen Blicken bot, war ſelt⸗ ſam genug. Doctor Anſelmus ſtreckte vorſichtig die Hand aus und zog ſie ebenſo vorſichtig wieder zurück 1¹⁵ er ſcheute ſich offenbar, das Ding, das auf dem Stuhle vor ſeinem Bette lag, anzurühren; da er ſich aber ſchließ⸗ lich doch ein Herz faſſen mußte, ſo griff er zu, und wahrhaftig, ſeine Augen hatten ihn nicht getäuſcht oder ſeine Hände mußten im Bunde mit jenen ſtehen— das, was er ſah, das, was er griff, fühlte und betaſtete, war nicht mehr und nicht weniger als eine Kapuze, eine Mönchskutte. Doctor Anſelmus ſah einige Minuten das eigen⸗ thümliche Bekleidungsſtück, das ſtatt ſeiner Gewänder vor ihm lag, an, dann ließ er es wieder aus den Händen fallen, drehte ſich mit dem Geſichte gegen die Wand und drückte ſein Haupt feſt in die Kiſſen, als ob er nochmals zu ſchlafen beginnen wolle. Aber nicht lange ließ es ihn ruhen, entſchloſſen wandte er ſich wieder gegen das Licht, und nun konnte er es mit keinem Spuk mehr zu thun haben: die Kapuze lag noch immer auf dem Stuhl. „Dora“, rief er melancholiſch zu ſeiner Nichte in das Zimmer. „Guten Morgen, Onkelchen!“ antwortete dieſe ein⸗ tretend.„Haſt Du ſchon ausgeſchlafen?“ „Ich weiß wirklich nicht“, antwortete Doctor Anſel⸗ mus in ungewiſſem Tone.„Sieh einmal her, was iſt das?“ 8* 116 „Gott“, lachte Dora hellauf,„das iſt ja eine Ka⸗ puze! Wie kommt dieſe zu Dir?“ „Alſo doch“, murmelte Doctor Anſelmus,„wirklich eine Kapuze!“ „Mein Gott, Onkelchen“ rief Dora wieder,„es wird ſich doch Niemand einen Poſſen mit Dir erlaubt haben?“ „Meinſt Du?“ gab ihr Doctor Anſelmus zur Ant⸗ wort und ein zorniger Blitz leuchtete aus ſeinen Augen. Dora trat verlegen einen Schritt zurück. „Wenn das ein Zeichen wäre!“ ſagte ihr Oheim jetzt halblaut, indem er noch immer, den Kopf auf den einen Arm geſtützt, die Kapuze betrachtete. „War es nicht immer mein Wunſch“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräche fort,„hielt ich es nicht eigentlich für meine Beſtimmung, der Welt fernab in der Ein⸗ ſamkeit eines gottgeweihten—“ Dora ſchien dieſe Betrachtungen für höchſt un⸗ fruchtbar zu halten, denn ſie fuhr plötzlich mit der Frage dazwiſchen: 3 „Meinſt Du nicht, Onkelchen, daß es angezeigt wäre Umſchau zu halten, wo Deine Kleider eigentlich hin⸗ gekommen ſind?“ Dieſer unleugbar praktiſche und Pügenße Vor⸗ ſchlag riß Doctor Anſelmus aus ſeinen Träumereien- „Geh“ ſagte er; dann lehnte er ſich zurück in die Kiſſen, und es iſt ſchwer zu errathen, welchen Gedanken er, den ſchwermüthigen Blick gegen die Decke gerichtet, nachhing. Dora war auf den Corridor gegangen und ſchritt, da ſie hier keine Seele fand, hinunter in den Hof, ohne eigentlich zu wiſſen, wen oder nur nach was ſie in dieſem ohne Zweifel rein lächerlichen Vorkommniſſe zu fragen wagen dürfe. In dieſem Augenblicke trat der Pater Guardian aus ſeiner Zelle. „Guten Morgen, mein Sohn“ ſagte er freundlich, da er Dora erblickte.„Sie wollen wohl Ihrem Oheim entgegen gehen?“ „Meinem Oheim?“ wiederholte Dora fragend. „Der Pförtner ſagte mir, daß er heute faſt noch vor Morgengrauen Ihrem Oheim öffnen mußte, der einen Spaziergang ins Freie zu machen wünſchte.“ „Ich verſichere Ihnen“, entgegnete Dora mit Er⸗ ſtaunen,„mein Oheim iſt noch gar nicht aufgeſtanden, er liegt oben im Bette und ich habe ihm eben noch guten Morgen geſagt.“ „Dann“ ſcherzte der Pater Guardian,„ſind eben Sie, mein Sohn, der Bruder Langſchläfer und Ihr Oheim hat, von der Friſche des Morgens und dem zu 118 ſolcher Zeit ungewohnten Spaziergange angegriffen, noch einmal das Lager geſucht.“ „Das iſt unmöglich“, Dora„mein Oheim iſt eben erſt aufgewacht—“ „Aber der Pförtner hat ihm doch das Thor ge⸗ öffnet!“ „Das iſt ein Mißverſtändniß.“ „Wie wäre das möglich?“ „Vielleicht“, lachte Dora,„iſt heute der Tag der Mißverſtändniſſe, die Komödie der Irrungen. Ich bin eben auf dem Wege, gleichfalls einem Mißverſtändniſſe auf die Spur zu kommen.“ „Wie ſoſ?“ „Mein edler Oheim iſt auf ſein Lager gebannt, er kann nicht aufſtehen.“ „Iſt er krank?“ „Ich habe ihn ſelten ſo geſund geſehen.“ „Was hindert ihn alsdann am Auſfſtehen?“ „Der Mangel der nothwendigen Bekleidungsſtücke.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich bin eben im Begriffe, ihm Rock und Hoſen ausfindig zu machen. Ich zweifle nicht daran, daß er, ſobald er dieſe von ihm für unentbehrlich gehaltenen Theile ſeiner Garderobe in Händen hat, auch aufſtehen wird.“ 1¹9 „Erklären Sie ſich doch“, bat der P Guardian ungeduldig. 3 „Ja“, lachte Dora,„wenn mir eine Erklärung mög⸗ lich wäre, dann wollte ich auch meinen Oheim nicht lange mehr nach ſeinen Hoſen ſchreien laſſen. Um es kurz zu ſagen: irgend ein Schelm hat ihn heute Nacht um ſeine Kleider Sh und dit eine Kapuze in den 3 gegeben“ i ni 66 „Das iſt mmöglicht“ wief der Pater Guardian. „Dann müſſen Euer Hochwürden an das Wunder glauben, daß ſich über Nacht Tuch in Wolle und Röcke in Kutten werwandeln können.“ „Unbegreiflich, urheeeii Ich nil doch 46 zu Ihrem Oheim gehen und—“ Die letzten Worte murmelte der Pater Seten im raſchen Gehen vor ſich hin, den Kopf ſchüttelnd und ungeduldig in die Hände ſ chlagend; dann blieb er plötzlich ſtehen und rief, ſich gegen Dora umwendend: „Wenn das, was Sie mir eben erzählen, mit dem geheimnißvollen Spaziergänger von heute Morgen zu⸗ ſammenhinge! Bitte, bitte, lieber Herr, holen Sie mir doch ſchnell den Bruder Pförtner. Er ſoll gleich in meine Zelle kommen. Ich will ihn erſt befvagen, dann wollen wir zu Ihrem Oheim gehen.“ i Wäre der Pater Guardian nicht ſelbſt ſo ſehr it 120 ſeinen Gedanken beſchäftigt geweſen, er hätte ſehen müſſen, wie bei ſeinen Worten plötzlich alles Blut aus den Wangen Dora's wich. Mit einem Schlage war Licht in ihre Seele gekommen. Was dem ehrwürdigen Greiſe nur Vermuthung war, war ihr Gewißheit und mit zitternden Knieen eilte ſie, den Pförtner herbeizu⸗ ſchaffen. „Wem haſt Du heute Morgen das Thor geöffnet?“ fragte der Pater Guardian, als Dora mit jenem zurück⸗ gekehrt war. „Dem Herrn Doctor Anſelmus“ lautete die Antwort. „Das kann nicht ſein“, entgegnete der Pater Guar⸗ dian;„Herr Doctor Anſelmus liegt noch zu Bette und hat, wie mir ſein Neffe eben ſagt, heute ſein Zimmer noch nicht verlaſſen.“ „Verzeihen Euer Hochwürden, aber—“ „Erzähle lieber den ganzen Vorgang.“ „Es mag bald nach zwei Uhr geweſen ſein, als ich durch Klopfen an mein Fenſter geweckt wurde. Das Fenſter geht auf den Gang. Wie ich ans Fenſter ſpringe, ſehe ich den Herrn Doctor Anſelmus draußen ſtehen, und bevor ich nur was ſage, wie er ſo früh daherkomme, bittet er mich, ihm den Schlüſſel zum innern und äußern Thor herauszulangen, er könne nicht ſchlafen und wolle ſpazieren gehen. Er komme 121 und lange ihm die Schlüſſel hinaus.„Soll ich offen laſſen?“ fragt der Herr Doctor Anſelmus noch.„Nein“ ſag' ich,„ſperren Sie nur wieder zu und ſtecken Sie die Schlüſſel ein; wir haben von jedem zwei.“ Dann bin ich wieder ins Bett gegangen und hab' mich nur ge⸗ wundert, wie ein Herr von der Stadt ſo früh ſchon aufſtehen mag.“ „Und der Herr Doctor Anſelmus oder der, den Du dafür hielteſt, iſt fort?“ „Ja, ich hab' ihn noch auf⸗ und wieder zuſchließen hören.“ „Haben Sie ihn denn wirklich für meinen Oheim gehalten?“ fiel Dora ein. „Verſteht ſich“, rief der Gefragte.„Der Gang iſt freilich dunkel ſchon am Tage, nun gar in der Nacht und wenn man ſchläfrig aus dem Bette kommt. Aber das hab' ich ſchon geſehen, daß es der Herr Doctor Anſelmus war, den hab' ich ſchon an den Kleidern erkannt.“ Dora mußte ſich ſetzen und der Kopf begann ihr zu ſchwindeln; auch der Pater Guardian nahm eine bedenkliche Miene an, und vielleicht war es nur ſeine Gewohnheit, keine Meinung unbedacht auszuſprechen, oder es war die Anweſenheit Dora's, die ihn zurück⸗ bald wieder.„Iſt ſchon recht, Herr Doctor“, ſag ich 122 hielt, über den kritiſchen Fall ſeine eigentlichen Ver⸗ muthungen und Anſichten zu äußern— da ward die Thür aufgeriſſen und Pater Nikomedes trat ein. „Hochwürden“ rief er, ohne erſt um Entſchuldigung für ſein ungeſtümes Kommen zu bitten„Frater Hein⸗ rich iſt fort!“ „Was ſagen Sie?“ gab der Pater Guardian er⸗ ſchreckt zurück. „Frater Heinrich iſt fort!“ wiederholte der Gefragte. „Woher wiſſen Sie das?“ „Ich habe den Novizen ſchon bei der Hora vermißt, ward aber durch Beichtehören verhindert, mich ſogleich nach ihm umzuſehen. Eben nun bringt mir ein Bauer⸗ junge dieſen Brief und ſagt, er habe ihn von einem Herrn erhalten, der ihm vor einigen Stunden auf der Landſtraße begegnet ſei und ihn gebeten habe, das Schreiben an Pater Nikomedes im Kloſter abzugeben.“ Der Pater Guardian las und reichte dann ſchwei⸗ gend den Brief zu Dora hinüber, der die Buchſtaben vor den Augen tanzten. Der Brief lautete: „Hochwürdiger Vater! Da Sie vermuthlich am meiſten über mein Verſchwinden beſorgt ſein werden, ſo ſollen Sie denn auch, falls mir mein Vorhaben zu entweichen gelingt, derjenige ſein, der die erſte ——— 123 Nachricht von mir erhält. Warum ich das Kloſter ver⸗ laſſe, um nie mehr in daſſelbe zurückzukehren, das aus⸗ einanderzuſetzen behalte ich einem längern Brief vor, den ich an Seine Hochwürden den Pater Guardian ſchrei⸗ ben werde, ſobald ich mich nur in Sicherheit gebracht. Im Augenblicke, da ich dieſe Zeilen an Sie, hochwür⸗ diger Pater Nikomedes, richte, liegen des verehrten Doctor Anſelmus Kleider vor mir, die ich vor einigen Minuten mir angeeignet habe und an deren Stelle ich die Kapuze, die gegenwärtig noch meinen unwürdigen Leib bedeckt, zu legen gedenke. Sie begreifen darum die Aufregung, in der ich bin und die allein mich hin⸗ 3 dert, Ihnen, hochwürdiger Vater, in der letzten Stunde meines Aufenthalts im Kloſter diejenige Verehrung aus⸗ zuſprechen, die ich ſtets für Sie empfunden habe. Um was ich Sie jetzt bitte, iſt nur, den Herrn Doctor Anſelmus wegen des ohne ſein Wiſſen vorgenommenen Kleidertauſches zu beruhigen und ihm die Verſicherung zu geben, daß die Kleider vor Einbruch der nächſten 8 Nacht wieder in ſeinen Händen ſein werden. Der Morgen graut, ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Heinrich Wander.“ Während Dora den Brief las, hatte ſich die Zelle des Pater Guardian mehr und mehr gefüllt. Ein Con⸗ ventuale, ein Novize um den andern eilte herbei, Näheres 124 über die unerhörte Kunde, die ihren Weg blitzſchnell durch das Kloſter gemacht, zu erfahren und dem Pater Guardian den Abſcheu und den Widerwillen auszu⸗ ſprechen, welchen ihnen der unſelige Schritt eines gott⸗ verlaſſenen Menſchen einflöße. Während dieſer erregten Unterhaltung, während dieſes lebhaften Wortwechſels, dem ſich die guten Mönche hingaben, fand Dora Zeit, ſich unbeachtet zu ſammeln und wenigſtens äußerlich der Bewegung Herr zu werden, die beim Leſen des Briefes über ſie gekommen war. Unverſtanden, unbewußt ſchlugen die rings laut werdenden Worte von Gott, Kirche, Gelübde an ihr Ohr. Was kümmerte es ſie, ob die heilige römiſch⸗ katholiſche Kirche einen Mönch mehr habe oder weniger! Ihr war nur gewiß, daß Heinrich nicht von ihr zu laſſen entſchloſſen war; ſie begriff, daß er durch dieſe Flucht die ſchweigende Aufforderung an ſie richtete, ebenſo treu und ebenſo ſtandhaft auszuharren. Und wie gern wollte ſie das! Das Schlimmſte war, daß der Orden dem Unge⸗ treuen gegenüber ziemlich waffenlos war. Der Pater Nikomedes hatte zwar in ſeinem frommen Eifer den Vorſchlag gemacht, den Flüchtling verfolgen zu laſſen, wurde aber von ſeinem Vorgeſetzten darauf aufmerkſam gemacht, daß Frater Heinrich noch nicht das Gelübde 125 abgelegt habe, alſo auch nicht gezwungen werden könne, das Kleid der Entſagung und der Armuth zu tragen. Pater Nikomedes erbot ſich ſodann, dem Fahnenflücht⸗ ling nachzureiſen und ihn mit frommen Vorſtellungen zur Rückkehr zu bewegen. Gott der Herr, meinte er, ſei auch im Schwachen mächtig und der Himmel werde ihm, dem Pater Nikomedes, gewiß die Zunge ſegnen und ſeinen Worten Kraft verleihen; der Pater Guar⸗ dian aber ſchüttelte wieder und wieder das Haupt; man könne, ſagte er, Gott und der Kirche nur dann recht dienen, wenn man ihnen gern und willig diene. Er behalte ſich demnach fürs erſte alle weitern Beſchlüſſe vor und bitte die ehrwürdigen Väter, durch dieſes Er⸗ eigniß, das auch ſein prieſterliches Gemüth auf das ſchmerzlichſte bewege, ſich nicht in ihren heiligen Pflichten und Obliegenheiten irre machen zu laſſen, ſondern mit um ſo größerem Eifer zu Gott zu flehen, daß er ſie ſtark und ausdauernd mache und den Geiſt der Ver⸗ ſuchung von ihnen fern halte jetzt und für immer. Bei dieſen Worten machte er leicht das Zeichen des Kreuzes gegen ſeine Untergebenen, die ſich ehrfurchts⸗ voll verneigten und dann ſchweigend entfernten⸗ „Nun laſſen Sie uns zu Ihrem Oheim gehen“, ſagte der Pater Guardian zu Dora,„er wird in ſeinem Bette ſchon längſt ungeduldig geworden ſein.“ 126 Mit klopfendem Herzen folgte Dora dem würdigen Manne die Stiegen hinauf. Wie hell aber lachte ſie auf, als der Pater Guardian die Thür zu des Doctors Zimmer öffnete und dieſer ihnen in der Kutte mit Kapuze und Strick als ein vollkommener, untadelhafter Kapuziner entgegentrat. „Wie prächtig ſiehſt Du aus, Onkelchen!“ lachte Dora, faſt zu mädchenhaft in die Hände klatſchend, und ſelbſt der Pater Guardian fing bei dieſem komiſchen Anblick ſo herzlich zu lachen an, daß auch Doctor Anſelmus mit einſtimmte und ſich bald infolge einer übermäßigen Erſchütterung des Zwerchfells mit der einen Hand die ſchmerzende Seite halten, mit der an⸗ dern die Thränen aus den Augen wiſchen mußte. Der Pater Guardian konnte nicht oft genug ver⸗ ſichern, wie vorzüglich das Kapuzinergewand den ge⸗ lehrten Doctor Anſelmus kleide; und wirklich paßte der melancholiſche, weltentſagende Ausdruck, der, nach⸗ dem das Gelächter ſich gelegt hatte, die Züge des Doctor Anſelmus wieder beherrſchte, und wirklich paßte die bleiche, faſt krankhaft durchſichtige Farbe der Wangen, das dunkle, tiefſchwarze, oft ſo ſeltſam aufglühende Auge, die hohe, vom Denken gefurchte Stirn ganz vor⸗ trefflich zu der Kutte, welche nun den ſchlanken Leib des Gelehrten umſchmiegte. 127 „Iſt mir doch“, ſagte Doctor Anſelmus lächelnd, „nun auch dieſer eine Wunſch noch erfüllt, den ich ſchon über ein Menſchenalter mit mir herumtrage und der mir ſchon ſo manche wehmutherfüllte Stunde bereitet hat. Wer hätte das geglaubt, daß es mir noch ge⸗ gönnt ſein werde, das Kleid eines Ordens zu tragen, deſſen Angehörige ich ſtets im Stillen beneidet habe. Ich lag im Bette und ſah mir die Kapuze ruhig nach⸗ denkend an, als mich plötzlich der Wunſch befiel, zu ſehen, wie mich dies Gewand der Beſcheidenheit kleiden werde. Ach, lachend zog ich es an, trauernd werde ich es wieder von mir legen.“ „Sie werden“, nahm der Pater Guardian nun einigermaßen verlegen das Wort,„nicht begreifen kön⸗ nen, auf welche Weiſe Sie dieſe Kapuzze ſtatt Ihrer Kleider heute Morgen finden mußten.“ „Ja wahrhaftig“, rief Doctor Anſelmus, erſtaun⸗ lich ſchnell aus ſeiner ſentimentalen Laune in große Heftigkeit fallend,„daran habe ich gar nicht mehr ge⸗ dacht! Bei allen Heiligen, wo ſind denn meine Kleider hingekommen?“ „Ich bitte Sie, verehrter Herr Doctor“, ſagte der würdige Greis,„nicht mich für einen Vorfall ver⸗ antwortlich zu machen, den ich ſelbſt am tiefſten be⸗ klage. Ein Novize hat ſich im Laufe der Nacht aus dem Kloſter geflüchtet und ſich dabei Ihrer Kleider bedient.“ „Was?“ rief Doctor Anſelmus in maßloſem Er⸗ ſtaunen.„Aus dem Kloſter geflüchtet und dabei meine Kleider ſo gewiſſermaßen furtim mitgenommen? Am Ende will er mich gar als Erſatzmann hier laſſen! Wer iſt denn der ſaubere Vogel?“ „Leſen Sie hier“ entgegnete der Pater Guardian, ihm den an Pater Nikomedes gerichteten Brief hin⸗ reichend,„es iſt der Frater Heinrich.“ Es kann füglich unterlaſſen werden, den Zuſtand zu ſchildern, in welchen Doctor Anſelmus durch ſolche Nachricht verſetzt wurde. Mit einem Schlage überblickte er die ganze Sachlage, wußte er mehr, als der hoch⸗ würdige Pater Guardian nur ahnen konnte, und ſagte er ſich, daß ſeine neuliche Begegnung mit dem Novizen vorausſichtlich nicht die letzte geweſen ſein werde. Eine namenloſe Wuth ſtieg in ihm auf, ſein Blick flog zu Dora hinüber; dieſe aber blickte, gelaſſen mit ihren Fingern an den Fenſterſcheiben trommelnd, hinunter in den Hof, wie wenn ſie nicht den geringſten Grund habe, an dem ganzen Vorfall auch nur das kleinſte Intereſſe zu nehmen. Doctor Anſelmus, unvermögend ſeiner Aufregung auch nur ſo weit Herr zu werden, als es dem Pater Guardian gegenüber die Vorſicht erforderte, eilte mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, daß die fal⸗ tige Kutte rauſchend an ſein Bein ſchlug. Sein Auge ſprühte und mit heftiger Bewegung ſtrich er ſich die dunkeln Haare über den Scheitel. „Das iſt infam!“ brach er endlich los.„Aus dem Kloſter zu fliehen! Meine Kleider zu ſtehlen! Er muß verfolgt werden, er muß arretirt werden, er muß ge⸗ ſetzt werden, er muß verurtheilt werden; Sie müſſen Gensdarmen holen laſſen, Hochwürden, Sie müſſen ihm dieſelben nachreiten laſſen; zwiſchen den Pferden, ge⸗ bunden, geknebelt ſoll er mir zurückgebracht werden, dieſer wortvergeſſene, hinterliſtige Kleiderdieb.“ Doctor Aſelnus hielt in ſeiner Rachepredigt inne, denn er ſah mit Staunen, daß ſie auf denjenigen, an den ſie zunächſt gerichtet war, nicht den geringſten Eindruck hervorbrachte. Lächelnd hatte der Pater Guardian ihn angehört, und Doctor Anſelmus hatte ſeinem Unmuth laut genug Luft gemacht, daß ſelbſt jenem trotz ſeiner Schwer⸗ hörigkeit kein Wort entgehen konnte. Jetzt aber ſagte er: „Ich begreife Ihren Unwillen, Herr Doctor, und wiederhole mein Bedauern, daß Ihnen gerade bei uns ein ſolcher Anlaß gegeben werden mußte, aber Sie Oelſchläger, Wunderliche Leute. III. 9 130 werden einſehen, daß ich von allen den Wünſchen, die Sie eben ausgeſprochen, keinen erfüllen kann.“ „Nicht?“ brauſte Doctor Anſelmus auf. „Nein. Den Novizen als ſolchen im Auftrage des Kloſters verfolgen zu laſſen, daran denke ich nicht. Ich werde heute noch meinen Bericht an meine Ober⸗ behörde erſtatten und bin überzeugt, daß man es nur billigen wird, wenn ich jeden Schritt, der einer gewalt⸗ thätigen Einmiſchung gleich ſieht, unterlaſſe und im Gegentheile den ganzen unliebſamen Vorfall möglichſt bald vergeſſen zu machen ſuche. Und ſollten Sie, Herr Doctor, den Flüchtling wegen Ihrer Kleidung wollen verfolgen laſſen?“ „Jo, das will ich!“ „Glauben Sie nicht, daß dieſelben wirklich heute Abend wieder in Ihrem Beſitze ſein werden?“ „Wenn auch, das ändert an der Thatſache nichts.“ „Sollte es Ihnen ſo ſchwer fallen, einen einzigen Tag das Gewand des heiligen Franciscus zu tragen?“ „Im Gegentheil“ antwortete Doctor Anſelmus lächelnd, ſich von oben bis unten betrachtend.„Ich bin zwar ohne, aber nicht gegen meinen Willen dazu gekommen und ich hoffe dieſes Kleides nicht ganz un⸗ würdig zu ſein, hochwürdiger Pater Guardian.“ „Gewiß nicht, mein Freund“ antwortete dieſer, dem 131 Doctor Anſelmus herzlich die Hand ſchüttelnd;„ſicher würdiger als jener, der es unbedacht angezogen und unbedacht wieder von ſich geworfen hat. Darum ſehen Sie lieber in Allem eine Fügung Gottes, der Ihnen einen Lieblingswunſch wenigſtens für einige Stunden erfüllen wollte, und erlauben Sie mir, daß ich, Ihrer Entſchuldigung ſicher, mich entferne, da mich Geſchäfte rufen. Heute Abend werden Sie doch Ihr Wort einlöſen und Ihren längſt erwarteten Vortrag halten?“ „Gewiß, Hochwürden, doch habe ich noch eine Bitte.“ „Sprechen Sie.“ „Mein Vortrag iſt ſo gut wie fertig gearbeitet; bis zum Mittageſſen werde ich den letzten Strich daran gethan haben. Erlauben Sie alsdann, daß ich mit den hochwürdigen Vätern im Refectorium ſpeiſe und den Reſt des Tages mit ihnen verbringe? Wider alles Erwarten trage ich das Kleid des Mönchs, laſſen Sie mich denn auch einen Tag lang ganz und vollkommen ein ſolcher ſein.“ „Mit Vergnügen, beſter Freund“, lachte der Pater Guardian.„Die Conventualen werden es ſich zur Ehre rechnen, Sie bei ſich zu ſehen.“ Als der Pater Guardian ſich entfernt hatte, wandte ſich das ganze Unwetter, das die Bruſt des edlen und ruhmreichen Doctor Anſelmus durchzog, gegen deſſen 9* 132 Nichte Dora; er fand hier jedoch unerwarteten Wider⸗ ſtand. Dora wies alle ſeine Vorwürfe und Anklagen mit ruhiger Beſtimmtheit ab und erklärte, daß ſie von der Flucht des Novizen nicht die geringſte Kenntniß gehabt habe. „Hat Frater Heinrich nie mit Dir davon geſprochen?“ forſchte Doctor Anſelmus. „Früher hat er allerdings angedeutet, daß er im Stande ſei, einen ſolchen Schritt zu wagen; nach Deiner Begegnung jedoch mit ihm hatte ich ſelbſt jeden Ge⸗ danken daran aufgegeben und bin nicht weniger über⸗ raſcht als Du.“. „Du ſiehſt doch ein“ polterte Doctor Anſelmus weiter,„wie er durch den Umſtand, daß er gerade meiner Kleider ſich bei ſeiner Flucht bediente, eine gewiſfe kecke Ueberlegenheit, eine Art Mißachtung gegen mich an den Tag legen wollte?“ „Nicht im mindeſten“, antwortete Dora.„Er wird kein anderes Mittel gekannt haben.“ „So“, höhnte ihr Oheim.„Wird er? Du haſt doch die feſte Ueberzeugung, daß er Dir zu Liebe ent⸗ flohen iſt? Doch was frage ich! Ich brauche Dich nur anzuſchauen und zu ſehen, wie Du von Glück und Wonne ſtrahlſt.“ „Darin täuſcheſt Du Dich, Onkel; denn noch weiß 133 ich keinen Grund, der mich berechtigen könnte, vor Glück und Wonne zu ſtrahlen. Um Dir aber keine Antwort ſchuldig zu bleiben, ſo geſtehe ich meine Ueber⸗ zeugung gern ein, daß Frater Heinrich allerdings mir zu Liebe geflohen ſein wird.“ „Und das ſagſt Du ſo ohne Scheu, ſo ohne Scham?“ rief Doctor Anſelmus.„Dora, Dora—“ „Ereifere Dich nicht umſonſt, Onkel“, bat dieſe. „Ich habe Dir offen Deine Fragen beantwortet, ob⸗ wohl Du das ſelbſt hätteſt thun können. Vielleicht irren wir aber beide in Frater Heinrich, und ſo wird es wohl das Beſte ſein, das Kommende abzuwarten und Alles der Zukunft anheim zu ſtellen.“ „Es ſei“, ſagte Doctor Anſelmus.„Nur das Eine will ich Dir noch warnend ans Herz legen: gib Dich keinen falſchen Hoffnungen, keinen eitlen Träumereien hin. Du wirſt mich feſt und unerbittlich finden. Und nun laß mich allein, ich will meine Abhandlung über die Schachfiguren noch einmal mit ruhigem Blute überleſen.“ Dora ging auf ihr Zimmer, Doctor Anſelmus aber ſaß wie ein gelehrter Kapuziner bis zur Mittagszeit über ſeinem Vortrag und eilte dann ins Refectorium, wo er mit freudigem Zuruf empfangen wurde. Doctor Anſelmus rechnete nach der Hand dieſen Nachmittag 134 zu den glücklichſten Stunden ſeines Lebens. In dieſem hohen, gewölbten Saale, an der rings von Mönchen beſetzten Tafel, er ſelbſt im Gewande der Kapuziner— wie wohl ward ihm bei dieſer Täuſchung, wie ging ihm das Herz auf! Ein unendliches Behagen kam über ihn und durch ſein Gemüth wehte jene wunſch⸗ und grenzenloſe Liebe, die ſich nur durch ſich ſelbſt beglückt fühlt und deren ahnungsvollem Zauber er ſich ſo gern hingab. Es war ihm, als ſei er ſeit vielen Jahren ſchon Bürger des Kloſters, als ſei er ſeit langer⸗ langer Zeit ſchon Mönch, als ſei er nie etwas Anderes geweſen, als werde er nie mehr etwas Anderes wieder ſein. Ja, als er ſich gegen Abend nicht enthalten konnte, an der Seite des Pater Nikomedes durch die Kirche zu wandeln, und als er hier die an den Beicht⸗ ſtuhl ſich herandrängenden Landleute gewahrte— man feierte am nächſten Tag das Feſt eines Heiligen— meinte er, ihm ſei, als habe er ſchon immer die Pflichten und Rechte eines Geiſtlichen geübt, als zwinge ihn eine unſichtbare Macht, in den nächſten Beichtſtuhl zu treten und hier Abſolution und Segen an die Gläubigen zu ſpenden. Pater Nikomedes beglückwünſchte ihn wegen ſolcher gottgefälligen Empfindungen und verſtieg ſich ſogar zu dem Vorſchlag, nie mehr das Kleid der Ar⸗ muth abzulegen und von heute an einer der Ihrigen — 135 zu ſein, ein Anſinnen, das Doctor Anſelmus zwar ſehr ſchmeichelhaft fand, aber trotz all ſeiner ſchwär⸗ meriſchen Stimmung doch erſt in nähere Erwägung ziehen zu müſſen glaubte. Endlich war der Abend hereingebrochen und ver⸗ ſammelte ſämmtliche Mitglieder des Kloſters wiederum im Refectorium. Auf den Garten hatte man verzichten müſſen, da der bewölkte Himmel mit Regen zu drohen ſchien, und ſchließlich war es auch angenehmer, einen längern Vortrag, von dem man keine Silbe zu ver⸗ lieren wünſchen mußte, im geſchloſſenen Raume anzu⸗ hören, als im Freien, wo leicht ein Wort verhallte. Auf den Geſichtern der Mönche lag die geſpannteſte Erwartung, als Doctor Anſelmus mit einer Schachtel unter dem Arm und gefolgt von Dora eintrat, der er doch nicht gern verſagen wollte, Zeugin ſeines Triumphes zu ſein. Auch in ſeinen Zügen lag ein feierlicher Ernſt, der durch die an ihm ungewohnte Kleidung vielleicht noch gehoben wurde. Er trat in eine Fenſterniſche, wo er unbeobachtet war, und zog dort unter ſeiner Kapuze das Schachbret hervor, deſſen Anblick er den Mönchen nicht einmal beim Eintreten hatte gönnen wollen. Mit Hülfe Dora's, deren ungelehrige und verſtändnißloſe Art ihm wieder mehrfachen Anlaß zu gereisten Bemer⸗ kungen gab, ſtellte er ſodann die Figuren auf, bedeckte Alles ſäuberlich mit einem Tuche, das auf den vier Seiten mindeſtens noch drei Hände breit herunterhing, und kehrte dann an die Tafel zurück, wo er das ge⸗ heimnißvolle Kleinod vor ſich hinſtellte. Man hatte ihm den Ehrenplatz am obern Ende des Tiſches ein⸗ geräumt; zu ſeiner Rechten ſaß der Pater Guardian, zu ſeiner Linken Dora, an die ſich ſodann die übrigen Patres und Fratres im Kreiſe anſchloſſen. „Hochverehrte Herren, ehrwürdige Verſammlung!“ begann Doctor Anſelmus in feierlichem Tone, und jeder Blick hing an dem Gelehrten, von deſſen begeiſterten Lippen nun eine Rede ſtrömte, wie ſie ſo kunſt⸗ und glanzreich in dieſen Räumen noch nie gehört worden war. Man wußte nicht, ob man mehr den den ſtrengſten akademiſchen Anforderungen entſprechenden Aufbau der Rede, oder mehr die Tiefe der gelehrten Anſchauungen und die Fülle des gründlichen Wiſſens anſtaunen ſollte, die Doctor Anſelmus entwickelte; man wußte nicht, ob man mehr den blühenden, ſelbſt die trockenſte Materie mit Schmuck umkleidenden Stil bewundern ſollte, oder mehr die logiſche, mathematiſche Nothwendigkeit, mit welcher ſich Satz um Satz, Folge um Folge unabweis⸗ bar ergab. Man war hingeriſſen von der prunkvollen Beredtſamkeit, die aus allen Worten des Gelehrten leuchtete, und man bejubelte den patriotiſchen Eifer, — 137 mit welchem Doctor Anſelmus von ſeiner Entdeckung ſprach. Er hatte im Anfange ſeiner Rede betont, wie er den Ruhm, welcher ſeinen Fund für die Zukunft um⸗ ſtrahlen werde, gewiſſermaßen als Gaſtgeſchenk für die im Kloſter genoſſene Gaſtfreundſchaft zurücklaſſe; er hatte dann weit ausholend eine Geſchichte des Schach⸗ ſpiels gegeben, wie ſie bis jetzt im Umlaufe geweſen ſei; er hatte geſchildert, wie ſein nationaler Ehrgeiz ihn zu den ſtrengſten Forſchungen und anhaltenden Studien getrieben habe, wie er dann dieſe in unverzeih⸗ licher Muthloſigkeit habe wieder fallen laſſen und wie es nur einem jener Zufälle, die gerade dann, wenn man ſie am wenigſten mehr erwartet, ein ſtrahlendes Licht auf einen bisher noch dunklen, geheimnißumge⸗ benen Theil der menſchlichen Forſchung werfen, wie es nur einem ſolchen Zufall vorbehalten geweſen ſei, . allen jenen Sätzen, die er theoretiſch mit der größten Mühe und mit aller Anſtrengung des Geiſtes conſtruirt und aufgebaut habe, die praktiſche Grundlage zu geben, die ſein ganzes Werk erſt kröne und vollende. Die geſpannte Aufmerkſamkeit, mit der man dem Gelehrten folgte, das beifällige Murmeln, das dann und wann hörbar wurde, der laute Zuruf, der ihn öfter unterbrach, alles das ſteigerte noch mehr die 138 Beredtſamkeit, deren Doctor Anſelmus auch bei gerin⸗ gern Anläſſen fähig war, und erhob ihn zu einem Schwung, wie er nur großen Rednern in ihren beſten Momenten eigen zu ſein pflegt. Sein Geſicht glühte und ſeine Augen leuchteten in begeiſtertem Glanze. Als er endlich Alles entwickelt, Alles vorgebracht, Alles dargethan, holte er tief Athem und ſchloß mit folgenden Worten: „Und nun, ehrwürdige Verſammlung, ſeien Sie Zeuge meines wiſſenſchaftlichen Sieges; bewundern Sie 5 mit mir, der ich mich einer heiligen Rührung nicht zu 3 erwehren vermag, das ſchlichte Werk des genialen, im Laufe von vier Jahrhunderten leider vergeſſenen Er⸗ finders; beſtaunen Sie mit mir die Figuren des erſten 6 deutſchen Schachſpiels, das deutſche Urſchachſpiel.“ Bei dieſen Worten hob er das Tuch, unter welchem nun die Figuren ſammt dem Brete ſichtbar wurden, in die Höhe und ein lautes Ah! der Bewunderung ſtieg von den Lippen der ſich herandrängenden Mönche. Triumphirend blickte Doctor Anſelmus im Kreiſe herum und weidete ſich an den ſtaunenden Mienen ſeiner Zuhörer, als ſich der Pater Guardian, der zu Anfang der Rede öfters beifällig genickt hatte, dann aber, weil ihm ſeine Schwerhörigkeit ein längeres Folgen unbequem machte, ſanft eingeſchlummert war, von 139 ſeinem Stuhle erhob und ohne eine Ahnung von dem, was inzwiſchen verhandelt worden war, ſagte: „Ei, Herr Doctor, wie kommen Sie denn zu meinen Schachfiguren?“ Doctor Anſelmus wandte ſich, wie vom Blitze ge⸗ troffen. „Was ſagen Sie?“ rief er. „Schau“, lächelte der Pater Guardian unbefangen, „das hätte ich gar nicht geglaubt, daß dieſe drolligen Figuren auch noch wo zu finden ſeien.“ „Wie meinen Sie das?“ ſtammelte der Gelehrte und es ward dunkel vor ſeinen Augen, ſo daß er, um nicht zu fallen, mit beiden Händen ſich am Tiſch feſt⸗ halten mußte. „Sie werden lachen“ meinte der Pater Guardian freundlich,„daß ich mit ſolchen Klötzen ſpielen konnte; vor vier oder fünf Jahren aber wurde der Biſchof Konrad bei einem Beſuche des Kloſters von einem Unwohlſein überfallen, das ihn mehrere Tage zwang, hier zu verweilen. Er iſt ein leidenſchaftlicher Schach⸗ ſpieler und ich ſelbſt habe es früher leidlich gekonnt. Um uns nun die Zeit hinbringen zu helfen, mußte der Bruder Erdmann, ſo gut es ging, die Figuren hier ſchnitzen und bemalen, denn ein Bret war aus 140 früherer Zeit wohl da, aber das Spiel dazu war ver⸗ loren gegangen. Nicht wahr, Erdmann?“ Mit dieſer Frage wandte ſich der Pater Guardian an den hinter ihm ſtehenden Laienbruder. „Ja, ja“, beſtätigte derſelbe mit ſeinem einfältigen Lächeln,„die Figuren ſind mir gleich ſo bekannt vor⸗ gekommen, wie der Herr Doctor das Tuch weggenom⸗ men hat.“ Erſtaunt blickten die Mönche in die Höhe zu dem armen Doctor Anſelmus, der bei dieſer Erzählung ganz niedergeſchmettert in ſeinen Stuhl zurückgeſunken war. „Sie täuſchen ſich“, rief er endlich im Tone der Verzweiflung.„Sie müſſen ſich täuſchen.“ „Nein, nein“ entgegnete der Pater Guardian, noch immer ohne Ahnung von all dem Unheil, das er an⸗ richtete.„Nicht wahr, Erdmann, es iſt ſo?“ „Ja, ja“, beſtätigte dieſer wieder mit jenem dummen Lachen, das diesmal auch Dora, die erſchreckt dem Gang der Dinge gefolgt war, mit lichtem Zorn er⸗ füllte. Doctor Anſelmus aber hielt die Hand vor die brennende Stirn und ſaß ein paar Minuten ſtill mit geſchloſſenen Augen. Seine Bruſt hob ſich ſchwer, er ſtöhnte und preßte endlich das Wort heraus: „Entſetzlich!“ 141 Als er ſich wieder aufraffte, hatten die Mönche den Saal verlaſſen und er ſah ſich mit Dora, dem Pater Guardian und Pater Nikomedes allein, der ſeinem Vorgeſetzten inzwiſchen den Stand der Dinge klar gemacht hatte, ſoweit das in der Eile möglich war. Der Pater Guardian war im erſten Augenblicke nicht wenig beſtürzt; nachdem dem ehrenwerthen Doctor Anſelmus im Kloſter ſchon ſo viel Mißliches begegnet war, mußte gerade er es ſein, welcher das Maß aller Unannehmlichkeiten, das dem Gaſte zugemeſſen ſchien, voll machte und zwar in der für Doctor Anſelmus peinlichſten und empfindlichſten Weiſe. Aber ſein gerader, geſunder Sinn belehrte ihn, daß es am beſten ſei, das Geſchehene offen einzugeſtehen und zu bedauern, und daß es unwürdig wie zwecklos wäre, das einmal Ge⸗ ſprochene beſchönigen und bemänteln zu wollen. In dieſem Sinne wandte er ſich an den noch immer be⸗ troffenen Gelehrten, um Entſchuldigung bittend und Troſt einſprechend, und er hatte bald die Genugthuung, zu ſehen, daß Doctor Anſelmus nicht hartnäckig das Ohr ſeinen Vernunftgründen verſchließe. Freilich waren es große Hoffnungen und große Pläne, die durch ein einziges Wort zertrümmert worden waren. Aber den meiſten Gram verurſachte dem Gelehrten doch der Ge⸗ danke, daß er ſich vor den Mönchen eine Blöße gegeben 142 habe. Auch hier verſtand der Pater Guardian mit weiſen Worten Troſt einzuflößen und das bekümmerte Herz des Doctor Anſelmus durch den Hinweis aufzu⸗ richten, wie große Verehrung ſie alle ihm auch für die Zukunft zollen würden und wie es nicht ſchimpflich ſei, in einen Irrthum zu verfallen, was ja ſchon den größten Menſchen widerfahren ſei, ſondern nur auf einem ſolchen zu beharren. „Ja, hochwürdiger Herr“, ſagte Doctor Anſelmus, ſein dunkles Auge melancholiſch zum Pater Guardian aufſchlagend,„Sie haben Recht und am Ende war es nur eine gerechte Strafe, die mir für meine eitlen, ehrgeizigen, hochfliegenden Pläne zu Theil geworden iſt.“ „Und nun“ rief der Pater Guardian lächelnd und warf die Schachfiguren in die daneben ſtehende Schachtel, „laſſen Sie uns Gericht halten über dieſe Unheilſtifter. Die gelindeſte Sühne iſt der Feuertod.“ „Nein, nein“, rief der Gelehrte, ſeine Hand wie zum Schutze auf die Schachtel legend,„dieſe Figuren ſollen mich begleiten, ich nehme ſie mit!“ „In die Hauptſtadt?“ „Gewiß; glauben Sie, ich wolle die heutige bittere Erfahrung umſonſt gemacht haben? Den nämlichen Vortrag, den Sie eben von mir gehört, werde ich im Alterthumsverein der Reſidenz halten und dann erſt, 143 wenn ich zu Ende bin, mein ganzes Abenteuer erzählen. Ich weiß manchen guten Freund im Verein, dem es gut ſein wird, ſich durch meine Erfahrung witzigen zu laſſen.“ „Das nenne ich Humor!“ rief der Pater Guardian. „Iſt der Humor“ entgegnete Doctor Anſelmus mild lächelnd,„nicht der einzige Freund, der uns wirk⸗ lich über die Enttäuſchungen der Welt hinwegzuhelfen vermag? Man muß ſich nur mit Schmerzen und Thränen zu ihm durchzuarbeiten wiſſen. Hat man ihn einmal gefaßt, ſo legt er ein linderndes Blatt auf die brennende Wunde, läßt uns auf erlittene Unbill verzeihend zurückblicken und den kommenden Tagen ruhig entgegenharren. Er lächelt uns ſo verſöhnend, ſo liebreich zu, daß auch wir, gerade wenn wir am meiſten dulden und leiden, entſagend lächeln, und wer das nicht lernen mag, geht unter in Ver⸗ biſſenheit, in Groll, Zorn und Haß. Denn derjenigen, die vom Leben nur Glückliches, nur Gutes und nur Gerechtes empfangen, ſind nur wenige.“ „Herr Doctor“, ward der Sprechende plötzlich vom eintretenden Laienbruder unterbrochen,„es iſt eben ein Paquet aus der Stadt an Sie abgegeben worden.“ „Ihre Kleider!“ rief der Pater Guardian. „Iſt das nicht wieder Humor?“ lachte Doctor An⸗ ſelmus.„Im Augenblicke, da ich im Gewande der Armuth meinem Ehrgeiz zu fröhnen und irdiſchen Leidenſchaften zu huldigen gewagt habe, gibt man mich der Welt zurück! Soll ich nicht darin ein Zeichen ſehen, daß ich doch noch nicht der Mönchskutte vollkommen würdig ſei und daß ich mehr noch, als ich geglaubt, mit dem Leben und ſeinem Treiben, mit der Welt und ihren Begierden zuſammenhänge?“ Als ſich Doctor Anſelmus mit Dora auf ſein Zimmer begeben, fand er dort ein Schreiben des Ex⸗ fraters Heinrich vor, der darin die Nothwendigkeit ſeiner Handlungsweiſe darzuthun ſuchte und die Hoff⸗ nung ausſprach, von Doctor Anſelmus noch perſönlich Verzeihung zu erhalten. Dieſer zerriß den Brief, nach⸗ dem er ihn geleſen, und kleidete ſich dann um. Da er, ſo ruhig er auch über das letzte Vorgefallene dachte, ſich doch nicht entſchließen konnte, noch einmal in den Kreis der Mönche zu treten, ſo war es ihm angenehm, als der Pater Guardian ſich für die Stunden des letzten Abends, die er mit Dora im Kloſter zubringen ſollte, zu Gaſte bat. Was das zu bedeuten habe, be⸗ eilte ſich der hinter ſeinem Vorgeſetzten eintretende Bruder Erdmann ſchleunigſt auseinander zu ſetzen, in⸗ dem er zwei Flaſchen Rheinwein mit großer Uebung und Fertigkeit entkorkte und nebſt drei Gläſern und 145 kaltem Imbiß auf den Tiſch des Gelehrten ſtellte. Man ließ ſich's vortrefflich ſchmecken und ſo ging ein Theil der Nacht in munterem Geſpräche hin, bis ſich end⸗ lich der Pater Guardian erhob und von ſeinen Gä⸗ ſten, die ſchon in der erſten Morgenſtunde reiſen woll⸗ ten, herzlichen Abſchied nahm. Oheim und Nichte trennten ſich ſchwer von dem würdigen Greiſe und wenigſtens dem erſtern war es vollkommener Ernſt, als er die von dem Pater Guardian ſtets aufs neue wiederholte Einladung, bald wieder der Gaſt des Klo⸗ ſters zu ſein, mit warm dankenden Worten annahm. Der Pater Guardian ging und Dora begab ſich zur Ruhe; Doctor Anſelmus aber ſchritt ſeiner Ge⸗ wohnheit gemäß noch lange im Zimmer auf und ab. Er ließ die Ereigniſſe ſeines Aufenthalts in Fünfzehn⸗ heiligen an ſeiner Seele vorüberziehen; dann griff er zum Leuchter und trat auf den Corridor, vor das Bild der ſchönen Sidonie. Seit jenem verhängnißvollen Abend hatte er nicht mehr gewagt, zu dem Bilde aufzuſchauen, nur ſcheu war er an ihm vorübergegangen, denn er fürchtete die Kraft, die von demſelben ausging. Heute aber wollte er noch einmal ſich an dem Anblick weiden heute wollte er noch einmal ſeine Seele tauchen in dieſes große, ſtolze Auge, heute wollte er von dem Bilde Abſchied Oelſchläger, Wunderliche Leute. III. 10 nehmen, wie man von einer Lebenden, von einer Ge⸗ liebten Abſchied nimmt. Konnte ihm heute nicht das Gleiche widerfahren wie damals? O, ein Schauer überflog den edlen Doctor, wenn er ſich jener ſüßen Empfindungen erinnerte, die ihn damals durchzuckt hatten. Es war nur ein Augenblick geweſen, aber ein Augenblick im Paradieſe. Nun ſtand er wieder vor dem Bilde, ſchweigend, anſchauend, ahnungsvoll, ſich mit allem ſeinem Fühlen und Denken an daſſelbe hindrängend; aber das Bild blieb ruhig und todt. Der Blick des Doctor Anſelmus ſchien die Geſtalt verzehren zu wollen, aber nichts rührte ſich in deren Zügen. Nichts zuckte an ihr, kein Leben flog über ihr Antlitz, das Bild blieb kalt und todt. Die ſchmalen Lippen des Doctor Anſelmus regten ſich leiſe, ungeſprochene Worte ſchwebten wie zur Beſchwö⸗ rung von dem blaſſen Munde des Gelehrten, umſonſt; es iſt nicht zu bezweifeln, Doctor Anſelmus hätte es ſich mindeſtens nochmals eine Ohnmacht koſten laſſen, wenn ihm heute etwas Aehnliches paſſirt wäre wie damals; aber umſonſt, all ſeine mächtige Liebe ver⸗ mochte heute nicht zum Leben zu erwecken, all ſein Sichhindrängen vermochte heute kein Zeichen, keinen Gegengruß wachzurufen— die Schönheit auf dem Bilde blieb kalt und todt. Sechstes Kapitel. Schon früh, für Dora's geſunden Schlaf nur allzu⸗ früh, knallte am nächſten Morgen des Kutſchers Peitſche im Hofe und ſchon nach einer halben Stunde ſaßen Doctor Anſelmus und Dora im Wagen, an den ſich die freundlichen Mönche herandrängten, um den beiden Gäſten Lebewohl zu ſagen. Auf dieſe Weiſe war die Abſicht, um derentwillen Doctor Anſelmus ſo früh die Zeit zur Abreiſe feſtgeſetzt hatte, vereitelt worden, aber Niemand wußte ſich beſſer darüber zu tröſten als er; denn der letzte Eindruck, den er auf ſolche Art mit fortnehmen mußte, war die Ueberzeugung, daß man ihn nur ungern und mit Bedauern ſcheiden ſehe. Aber die Pferde zogen an und der Wagen rollte durch bas Hofthor hinaus auf die Landſtraße. 10* 148 Wenn Doctor Anſelmus nicht den geraden Weg zur Stadt einſchlagen ließ, ſondern erſt einen Umweg der Art machte, daß er die ſchönen Morgenſtunden durch den duftenden Speſſart fuhr, zur Mittagszeit in einem Bauernhof einkehrte und erſt ſich nach Untergang der Sonne der Stadt näherte ſo geſchah dies weniger darum, weil er die Nothwendigkeit körperlicher Bewe⸗ gung empfand, als vielmehr deshalb, weil er vermei⸗ den wollte, mit ſeiner Nichte noch am hellen Tage vor dem Hauſe vorzufahren. Glücklich und ohne Gefährde aber wurde die Heimkehr vollendet, und wie ſegnete ſich Doctor Anſelmus, daß er nach allen den Abenteuern, nach allen den Aufregungen, nach allen den Strapazen wenigſtens noch ganz und unverſehrt in ſeine vier Wände zurückkehren durfte. Dora war nicht minder froh, die allmälig doch läſtig gewordene Männertracht abwerfen zu können, und es war ihr nicht zu verargen, wenn ſie, vor dem Spiegel ſtehend und ſich ihre Schön⸗ heit bekennend, gern auch dem armen Exfrater Heinrich die Gelegenheit gegönnt hätte, dieſelbe rückhaltlos zu bewundern. Wo er nur ſtecken mochte? Daß er ſich wieder ein⸗ finden werde, das war für Dora außer Zweifel, und ihr Herz pochte gewaltig, wenn ſie ſich vorſtellte, daß er jeden Augenblick eintreten und Luſt tragen konnte 149 das in Fünfzehnheiligen ſo gewaltſam unterbrochene Zwiegeſpräch mit ihr oder ihrem Oheim fortzuſetzen. Sie wußte nicht, ob ſie ſich über ſein Kommen mehr freuen oder mehr ängſtigen ſollte. Und wenn Heinrich, bevor er ſich ins Haus wagte, erſt verſuchen würde, ihr allein auf der Straße, auf der Promenade zu be⸗ gegnen! Das freilich wäre allerliebſt geweſen, und wie wollte ſie ihm dann mitten auf der Straße, mitten unter den Leuten alles Mögliche erzählen und vor allem ihm ſagen, daß ſie ihn nach dieſer faſt endloſen mehrtägigen Trennung noch ebenſo lieb habe wie früher. Hatte ihr Oheim ihn vollſtändig vergeſſen? Es ſchien ſo. Wenigſtens erwähnte er ſeiner mit keiner Silbe und war zufrieden, daß die Erzählung aus dem dreizehnten Jahrhundert einen doch etwas befriedigenden Fortgang nahm. Stunde um Stunde ſaß er vor ſei⸗ nem wieder mit dem unentbehrlichen Ziegelſtein ge⸗ ſchmückten Schreibtiſch, bemüht, aus dieſem traurigen Ueberreſte einer nun längſt ſchon vom Geſchick ereilten Thorruine jene Inſpiration zu empfangen, ohne die er unter keinen Umſtänden arbeiten konnte und die zu ſeiner vierzehnhundertjährigen Geſchichte nöthig war. Wieder war es an einem ſolchen Tage, daß er ſich nach Möglichkeit der Freude des Schaffens und des 150 Arbeitens hingab, als an die Thüt ſeines Zimmers geklopft wurde. Dora, die mit einer Arbeit auf dem Altan geſeſſen und das Klopfen gehört ſhatte, erhob ſich und ſchritt leiſe durch ihres Oheims Zim⸗ mer, die Thür zu öffnen. Denn daß es dem Doctor Anſelmus, ſolange er bei der Arbeit ſaß, nicht ein⸗ fallen werde, Herein! zu rufen, wußte ſie aus Erfahrung. Leiſe drehte ſie am Schloß, öffnete und ein Schrei des Schreckens flog über ihre Lippen. Vor ihr ſtand der ehemalige Frater Heinrich in ſchwarzem Frack und weißer Weſte. „Sie hier?“ ſtammelte Dora. „Mein Gott, Dora, wie ſchön ſind Sie!“ rief Hein⸗ rich Wander und ſein Auge flog leuchtend über die in holder Scham und Verwirrung erglühende Geſtalt des Mädchens. Schon aber war Doctor Anſelmus aufmerkſam ge⸗ worden. „Wer iſt hier?“ rief er und drehte ſich um. Als er Heinrich Wander ſah, ſprang er Zornes voll in die Höhe. „Sie wagen es, mein Herr?“ rief er bebend.„Sie wagen es bei mir einzudringen, bei mir, der ich Ihnen geſagt habe, was ich mit einem Manne wie Sie be⸗ ginne, wenn er mir in meinem Hauſe begegnet?“ 151 „Allerdings“, ſagte der junge Mann beſtimmt, indem er bis in die Mitte des Zimmers vortrat,„ich wage es.“ „Sie“, fuhr Doctor Anſelmus heftig fort,„der doch ich brauche Ihnen nichts zu wiederholen, ich habe Ihnen ſchon Alles geſagt. Dafür haben Sie inzwiſchen dem Ganzen die Krone aufgeſetzt, indem Sie bei Nacht und Nebel aus dem Kloſter flüchteten und mich gewiſſer⸗ maßen zu Ihrem Helfershelfer machten.“ „Sollten Sie“ fiel Heinrich ein,„mir ſo ſehr zürnen, daß ich, da mir kein anderes Mittel blieb, mich Ihrer Kleider bediente?“ „Davon will ich gar nicht reden, einfach deswegen nicht, weil ich jedes Wort zwiſchen uns beiden für über⸗ flüſſig halte. Ich weiß genau, wie ich von Ihnen zu denken habe, und Sie, mein Herr, werden hoffentlich auch wiſſen, wie Sie mit mir daran ſind. Darum die letzte Frage: Was wollen Sie eigentlich hier?“ „Ich komme, um die Hand Ihrer Nichte Dora an⸗ zuhalten.“ „Sie?“ rief Doctor Anſelmus und griff ſich an die Stirn.„Sie um die Hand meiner Nichte? Sind Sie denn raſend?“ „Durchaus nicht“, lächelte Heinrich;„mein Antrag ſollte Ihnen eben beweiſen, wie ſehr ich bei Vernunft 152 bin. Es iſt Ihnen bekannt, welche Kette von unglück⸗ ſeligen Verhältniſſen mich wider meinen Willen und unbedacht ins Kloſter führte, und Sie können meine Liebe zu Ihrer Nichte daraus ermeſſen, daß ſie es war die mich das Opfer, das ich dem Andenken meiner theuern Mutter ſchuldig zu ſein glaubte, verwerfen und wieder in die Welt zurückkehren ließ. Ich habe die letzten Tage in der Hauptſtadt zugebracht und mein nicht unbedeutendes Vermögen aus den Händen meines Vormundes übernommen. Zugleich beabſichtige ich meine mediciniſchen Studien zu Ende zu führen und bin, da ich hoffen darf, in einem Jahre zur Praxis überzugehen, ſomit ſo glücklich, Ihre Nichte, die ich über Alles, mehr als mich und mein Leben liebe, einer geſicherten Zu⸗ kunft entgegenführen zu können.“ „So?“ rief Doctor Anſelmus außer ſich.„Sind Sie glücklich? Das freut mich. Ich ſage Ihnen nur das Eine, meine Nichte wird niemals Ihre Frau, niemals. Ich duld' es nicht und will es nicht.“ „Es läßt ſich nicht leugnen“ ſagte Heinrich ernſt, „daß Ihr Wille bei einer Angelegenheit wie dieſe bedeutend ins Gewicht fällt; aber er iſt doch nicht allein maßgebend.“ „Nicht?“ „Nein, und da Sie Ihren Willen als entſcheidenden — — — Punkt hingeſtellt haben, ſo erlauben Sie mir einen an⸗ dern ihm gegenüberzuſtellen, und erſt, wenn auch dieſer — was Gott verhüte— ſich mir feindlich erweiſen ſollte, will ich mich fügen.“ Mit dieſen Worten ſchritt er auf Dora zu, die während der ganzen Zeit ſtumm und verwirrt zur Seite geſtanden. Er faßte ſie bei der Hand und ſagte mit innigem Tone:„Dora, von Ihnen will ich die Entſcheidung hören, von Ihnen will ich mein Schickſal empfangen. Sie wiſſen, wie ich Sie liebe. Es war nicht die leichte Laune eines Augenblicks, ſondern das Reſultat eines langen reiflichen Ueberlegens, das mich aus dem Kloſter trieb. Ich wog mein Geſchick ab, ich ſah nach meinem Glück aus und hatte, als ich es außerhalb der klöſter⸗ lichen Mauern fand, den Muth, dieſe wieder zu über⸗ ſpringen. Aber das geſchah nur um den Preis Ihrer Liebe und Ihrer Hand. Dora, wollen Sie mich zurück⸗ ſtoßen in jene trübe, freudenleere, nachtumhüllte Wüſte der Entſagung, oder ſoll mich Ihre Liebe, die Liebe meines Weibes einem mehr als göttlichen Glücke ent⸗ gegenführen?“ Heinrich ſchwieg, da ſchlug Dora, die ihre Hand bisher in der ſeinigen hatte ruhen laſſen, ihr ſchönes Auge zu ihm empor und ſank erglühend an ſeine Bruſt, ihm den Hals mit beiden Armen umſchlingend. 154 Heinrich drückte ſie jubelnd an ſich und rief voll Zuverſicht: „Nun, Herr Doctor? Dora iſt mein, mein vor Ihnen und aller Welt.“ „Ich ſage aber nein“, rief Doctor Anſelmus, mit dem Fuße ſtampfend,„ich ſage nein und werde derjenige ſein, der Recht behält.“ Damit eilte er mit großen Schritten auf die nächſte Thür zu, warf ſie klirrend hinter ſich ins Schloß und man hörte, wie er den Riegel vorſchob. Dora wand ſich aus der Umarmung des Gelieb⸗ ten und ſah mit thränendem Auge zu ihm empor, Heinrich aber beruhigte ſie. „Was kann uns fehlen?“ ſagte er.„Lieben wir beide uns nicht? O Geliebte, Alles, Alles muß noch gut werden.“ Und jetzt erſt hatten beide Zeit, ſich gegenſeitig zu bewundern. Wie viel ſchöner mußte Dora den ange⸗ henden Arzt mit dem männlichen Ausdrucke dem mo⸗ diſch geſchnittenen röthlichen Vollbart, in der Toilette des Salons finden, als in der weiten, faltigen, groben Kapuze. Und wie bewunderte Heinrich wieder ſeiner⸗ ſeits den ſchlanken Wuchs der Geliebten! Die Vollen⸗ dung ihrer Formen, die Schönheit ihrer Locken, den Liebreiz ihres Geſichtes— Alles, Alles war ihm ſo 155 neu und in dem glücklichen Auge des Mädchens ſpie⸗ gelte ſich all die Seligkeit des Geliebten. Sie ſagten ſich tauſend Schmeicheleien und verga⸗ ßen darüber vollkommen den ungeberdigen Oheim, der im Nebenzimmer grollend und wuthvoll auf dem So⸗ pha ſaß und ſich mehr und mehr in ſeinem Entſchluſſe befeſtigte, ſeine Nichte nicht dem hergelaufenen Frater, überhaupt Niemand zu geben. Doctor Anſelmus brauchte ſeine Nichte für ſich. Doctor Anſelmus war klug und dachte an die Tage des Alters. Da pochte es an ſeine Thür. Er gab keine Antwort. Das Klopfen wiederholte ſich. „Was gibt's?“ rief er jetzt. „Kann ich“, hörte man die Stimme Heinrichs, „noch einmal das Vergnügen haben, Sie zu ſprechen?“ „Nein“, war die kurze Antwort. „Ich wünſche nicht meinetwegen mit Ihnen zu ſpre⸗ chen, ſondern in einer Angelegenheit, bei der zunächſt Sie intereſſirt ſind.“ „Man kennt das“, replicirte Doctor Anſelmus, ohne ſich von ſeinem Platze zu erheben. „Ich komme im Auftrage des Buchhändlers Langen⸗ meyer.“ 156 Dieſe wenigen Worte ſchnellten den edlen Doctor in die Höhe. „Langenmeyer?“ rief er.„Was wünſcht er?“ „Er wünſcht das Buch, das Sie eben ſchreiben, in Verlag zu nehmen.“ Doctor Anſelmus ſchob eilfertig den Riegel zurück, öffnete handbreit und ſteckte ſein freudiges Geſicht durch die Spalte, der gegenüber Heinrich ſtand. „Was Sie ſagen, iſt wahr?“ rief er. „Ich habe“, entgegnete Heinrich und griff in die Seitentaſche ſeines Fracks,„Ihnen bereits den Con⸗ tract zur Einſicht vorzulegen.“ „Geben Sie“ rief Doctor Anſelmus, die hagere Rechte herausſtreckend. „Wollen Sie ſich“, bemerkte der Andere,„nicht ge⸗ fälligſt in das Zimmer bemühen?“ Der Gelehrte trat ein, haſtig überflog er den für ihn in allen ſeinen Bedingungen glänzenden Contract⸗ entwurf; er wäre in ſeiner Freude dem Anbeter ſeiner Nichte faſt um den Hals gefallen. „Wie kommen Sie dazu?“ fragte er endlich. „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich meiner Ver⸗ hältniſſe wegen die letzte Woche in der Hauptſtadt war. Ich ging bei Langenmeyer vorbei und mir fiel ein, daß es Ihnen gewiß angenehm ſein würde, für das 157 Buch, von dem mir Ihre Nichte geſagt hatte, Langen⸗ meyer zum Verleger zu haben.“ „Gewiß, gewiß, mein ſehnlichſter Wunſch“ fiel Doe⸗ tor Anſelmus ein;„aber bitte, warum ſtehen Sie die ganze Zeit? Wollen Sie nicht gefälligſt Platz neh⸗ men?“ „Ich danke“, lächelte Heinrich ironiſch und fuhr dann fort:„Ich trat alſo bei Langenmeyer ein, ſetzte ihn von Ihrer Arbeit in Kenntniß und hatte das kaum gethan, als er den Wunſch äußerte, den Verlag des Buches, das dem Autor, der es geſchrieben, wie der Firma, unter deren Namen es erſcheine, zur gleichen Ehre gereichen werde, übernehmen zu können; da hatte ich denn, was ich wollte, ohne nur gebeten zu haben; ich ſagte ihm noch, daß ich in dieſen Tagen zu Ihnen hierher reiſen würde, und Langenmeyer glaubte nichts Beſſeres thun zu können, als mir den Contractentwurf hier mitzugeben, den er, wenn er Ihren Beifall hat, Sie möglichſt bald unterzeichnet zurückzuſchicken bittet.“ „Ich werde ſogleich unterzeichnen“ rief Doctor An⸗ ſelmus und griff nach der Feder. „Nur keine Uebereilung“ bat Heinrich.„Sie wer⸗ den mir erlauben, nachdem mich Langenmeyer doch ein⸗ mal zu ſeinem Bevollmächtigten ernannt hat, in drei 158 Tagen wieder zu kommen, und es wird mich freuen, Sie dann noch in Ihrem Entſchluſſe feſt zu ſehen.“ „Sie werden wiederkommen?“ fragte Doctor An⸗ ſelmus gedehnt. „Ich bedaure, Ihnen nochmals läſtig fallen zu müſſen.“ „Ich werde Ihnen den unterzeichneten Contract in das Haus ſchicken. Wo wohnen Sie?“ „Ich werde während der drei Tage über Land ſein.“ „Ich laſſe den Contract bei Ihnen abgeben.“ „Ich werde die Weiſung hinterlaſſen, während mei⸗ ner Abweſenheit nichts anzunehmen.“ Doctor Anſelmus biß ſich auf die Lippen. „Gut“ ſagte er dann,„ich werde alſo in drei Tagen das Vergnügen haben.“ Zugleich machte er gegen Heinrich eine leichte Ver⸗ beugung, wie wenn er ihm damit andeuten wolle, daß er ſich jetzt empfehlen könne. Dieſer aber ging unbe⸗ fangen erſt noch auf Dora zu, der er die Hand reichte. „Adieu“ ſagte er,„auf Wiederſehen!“ Als ſich Heinrich entfernt hatte, durchſchritt Doe⸗ tor Anſelmus in freudiger Bewegung das Zimmer. „Jetzt“ rief er,„iſt Alles recht, jetzt werde ich ar⸗ beiten können, jetzt ſoll mich nichts mehr ſtören. O, ich wußte es ſchon, das, was mich immer zur Ver⸗ zweiflung brachte, was mich in ewiger Spannung hielt, 159 was mich beſtändig krank und nervös ſein ließ, war nur der Zweifel, die innere Unruhe, der Unglaube. Wie lange iſt es nicht ſchon, daß ich durch kein Buch mehr die Aufmerkſamkeit auf mich zog! Mußte man nicht das Feuer meines Geiſtes erloſchen, die Quellen meiner Schöpfungskraft verſiegt mein Talent zu Grunde gegangen glauben? Quälten mich nicht ſchon im Traume die ſchadenfrohen Geſichter meiner Feinde? Verfolgte mich nicht ſchon das Hohngelächter des urtheilsloſen Hau⸗ fens? Ja, mußte ich mich nicht ſchon halb vergeſſen meinen? Mußte ich mich darum nicht mit bangen Zwei⸗ feln zermartern und im voraus ſchon über den Erfolg des Buches abhärmen, das ich ſchreiben wollte? Nun aber iſt Alles gewonnen, ich bin geehrt, geſucht, nun will ich ein Buch ſchreiben, das ſeinesgleichen nicht hat.“ Nach einer Weile unterbrach er ſich und ſagte zu Dora: „Eigentlich iſt es verdrießlich und unangenehm, daß dieſer Herr Heinrich mir eine ſolche Aufmerkſamkeit er⸗ weiſen zu müſſen glaubte. Er wird meinen, mich da⸗ durch verpflichtet zu haben. Er irrt ſich— doch wir werden ja ſehen.“ Nach dieſer Abſchweifung kehrte er wieder zu ſei⸗ nem Buche zurück, welches ihn ſo ſehr beſchäftigte und ſeinen Geiſt ſo gefangen hielt, daß er ſelbſt im Laufe 160 des Abends vollkommen vergaß, ſeiner Nichte gegen⸗ über auch nur ein Wort noch über Heinrich's Hei⸗ rathsantrag zu verlieren. Ja, es verging der erſte es verging der zweite, es kam der dritte Tag, und Heinrich's wurde zwiſchen Onkel und Nichte mit keiner Silbe erwähnt. Dafür arbeitete und ſchrieb Doctor Anſelmus ununterbrochen, und wenn er aufrichtig ſein wollte, ſo hatte er das gedeihliche Wachſen des Buches ſicher weniger dem Ziegelſtein als dem darunter lie⸗ genden Contracte zuzuſchreiben. Am dritten Tage, pünktlich, wie er vorausgeſagt, erſchien Heinrich und es war dem Doctor Anſelmus angenehm, ſeine Nichte im Nebenzimmer zu wiſſen. „Hier iſt der Contract“ ſagte er, Heinrich entgegen⸗ »tretend. „Schon unterzeichnet?“ „Schon unterzeichnet.“ „Ich gratulire.“ „Danke.“ Doctor Anſelmus ſchien keine große Luſt zur Fort⸗ ſetzung des Geſprächs zu haben, Heinrich aber bezeigte noch weniger Verlangen zu gehen. Er nahm gelaſſen auf einem Stuhle Platz, den ihm Doctor Anſelmus diesmal nicht angeboten hatte, und ſagte: „Sie werden es begreiflich und verzeihlich finden, 161 wenn ich heute nochmals von einer Angelegenheit ſpreche, die Ihnen zwar, ſo lebhaft ich das bedaure, unlieb iſt, von der ich aber das Wohl und Wehe meines Lebens abhängig zu machen entſchloſſen bin. Sie wiſſen, ich ſpreche von Ihrer Nichte Dora.“ Doctor Anſelmus wollte erſt aufbrauſen, aber er hielt an ſich und begriff die Nothwendigkeit, heute höflicher aufzutreten als das letzte Mal. Er ſagte: „Ich beklage, daß Sie, wenn Sie auf dieſem Thema beharren, Anlaß zu einer Discuſſion geben, deren Schluß nach keiner Seite hin ein erfreulicher ſein kann. Ich wiederhole Ihnen: Sie müſſen darauf verzichten, Dora von mir zu Ihrem Weibe zu erbitten.“ „Aber um des Himmels Willen“, rief Heinrich⸗ „was haben Sie denn gegen mich und meine Perſon?“ Doctor Anſelmus zuckte ausweichend mit den Achſeln. „Daß ich“, fuhr Heinrich fort,„die Abſicht hatte, Kloſtergeiſtlicher zu werden, kann Ihnen, Herr Doctor, doch kein Stein des Anſtoßes ſein; daß mich eine hef⸗ tige Leidenſchaft für Dora erfaßte, nachdem ich ihr Ge⸗ ſchlecht entdeckt, beweiſt, daß mein Entſchluß, der Welt zu entſagen, jugendlich unbedacht war; daß ich alsbald den Vorſatz faßte, zu fliehen, werden Sie begreiflich finden, ja, Sie würden als junger Mann, das Herz von einer wahren, heißen Liebe durchglüht, auch nicht Oelſchläger, Wunderliche Leute. III. 11 —————— 162 anders gehandelt und gewiß nicht verſucht haben, an ihr zu Grunde zu gehen oder ſie mit dem Schnee mön⸗ chiſcher Kaſteiungen und Bußübungen zu erſticken. Oder tadeln Sie Alles das an mir?“ „Nein“, machte Doctor Anſelmus ungeduldig. „Nun bin ich Arzt, habe Vermögen, bin ſelbſtſtändig, genügt Ihnen Alles das nicht für die Zukunft Ihrer Nichte?“ „Ja, ja“, meinte Doctor Anſelmus zögernd. „Und doch geben Sie Ihre Einwilligung nicht? Dora erwidert meine Liebe, wie Sie ſelbſt wiſſen. Ich ſtehe Ihnen als Mann gegenüber; haben Sie das Recht, mir Ihre Nichte zu verſagen, ſo haben Sie auch die Pflicht, mir den Grund davon kund zu geben.“ „Gut“ ſagte der Gelehrte, von allen Seiten in die Enge getrieben und begreifend, daß er auf irgend eine Weiſe Stand halten müſſe,„ich will Ihnen den Grund ſagen: Ihr Vorleben gefällt mir nicht.“ „Mein Vorleben?“ wiederholte Heinrich erſtaunt. „Mein Leben, bevor ich ins Kloſter ging?“ „Es iſt ſo. Sie haben Dora, die Sie damals noch für meinen Neffen hielten, gar mancherlei Dinge über Ihr früheres Leben in der Hauptſtadt erzählt, und mag meine Nichte ſich mit ihrem kindiſchen Sinn auch daran ergötzt haben, ſo kann doch ich wenig Gefallen daran 163 finden, wenn ein junger Mann, der vom Ernſte des Lebens eine Ahnung haben ſollte, ſeine Zeit im Um⸗ gange mit Komödiantinnen tödtet.“ „Mit Komödiantinnen!“ rief Heinrich.„Sie werden mir doch unter dieſen hervorragende Ausnahmen zugeben!“ „Gewiß“ antwortete Doctor Anſelmus lebhaft,„ich könnte Ihnen ſelbſt Vieles und Schönes davon erzählen.“ „Sehen Sie!“ „Aber Sie werden es auch begreiflich finden, daß ich, wenn ich von einer Komödiantin höre, nicht gleich an die Ausnahme denke, ſondern zuerſt an die Regel.“ „O“ fiel Heinrich ein,„wenn Sie meine Marion gekannt hätten—“ „Marion?“ xief Doctor Anſelmus, Heinrich's Arm ungeſtüm faſſend.„Marion ſagen Sie? Wer war das? Wer iſt das?“ „Eine Schauſpielerin am zweiten Theater der Haupt⸗ ſtadt“, entgegnete Heinrich, befremdet über des Gelehrten Erregtheit. „Wie ſah ſie aus?“ „Glauben Sie ſie gekannt zu haben?“ „Nein, nein! Sagen Sie nur, wie ſah ſie aus? Sie hatte blonde Locken?“ „Gewiß, blonde Locken und blaue Augen.“ „Blaue Augen?“ rief Doctor Anſelmus in ſteigender 11* 164 Erregung.„O ich kenne dieſe blauen Augen! Hat ſie nie von ihrer Mutter erzählt?“ „O ja, ihre Mutter lebt gegenwärtig—“ „Sie lebt noch?“ unterbrach Doctor Anſelmus den Sprechenden. „Sie lebt in Ungarn und war in ihrer Jugend Tänzerin an einem Wiener Theater. Ihr Mann, der Vater meiner Marion, lebt geſchieden von ihr in Wien.“ „Dann“ ſagte Doctor Anſelmus, Heinrich wieder bei der Hand faſſend und ihm warm ins Auge ſchauend, „iſt es ſo, wie ich geahnt habe. Nun verzeihe ich Ihnen Alles, Sie haben ihre Tochter geliebt.“ „ Mein Gott“, rief Heinrich,„ſind Sie der junge Doctor, mit dem Marion's Mutter ein ſo glückliches, frohes Verhältniß hatte?“ „Hat ſogar“, fragte der Gelehrte wehmüthig ent⸗ gegen,„noch ihre Tochter von mir erzählt? Ja, der bin ich.“ Damit machte er, in Nachdenken und Rührung ver⸗ ſunken, ein paar Gänge durch das Zimmer; dann bat er Heinrich, zu dem er plötzlich eine wahre Zuneigung gefaßt hatte, ihm doch recht viel von Marion zu er⸗ zählen, zu ſagen, was er nur wiſſe, was ihm von Mutter oder Tochter nur bekannt ſei, eine Bitte, der denn auch Heinrich mit ſolchem Eifer und ſolcher — 165 Gewiſſenhaftigkeit nachkam, daß Dora, die ſchon längſt hinter der Thür gelauſcht, nun nicht mehr an ſich halten konnte, ſondern eiferſüchtig ſchmollend hervor auf Hein⸗ rich zuſprang, dem ſie neckiſch mit ihrer ſchmalen Hand den Mund zuhielt. „Das iſt abſcheulich“, rief ſie,„kein Wort mehr ſollſt Du von der garſtigen Marion erzählen, ſonſt liebſt Du mich nicht mehr.“ Doctor Anſelmus blickte verblüfft auf; er fand ſich nicht gleich in die vertrauliche Art, die ſich Dora gegen Heinrich erlaubte. „Du haſt gelauſcht?“ fragte er. „Ja“ lachte Dora,„aber nicht das geringſte Neue gehört.“ Der Gelehrte ſah zu Heinrich hinüber, wie wenn ihm dieſer ſagen ſolle, was er von ſolch einem Mäd⸗ chen halte. Heinrich aber hatte mit leichter Mühe Dora's Hand von ſeinem Munde genommen und ſagte nun, dieſe feſthaltend und Dora unverwandt mit glücklichem Lä⸗ cheln anſehend: „Sie haben viel Plage mit Ihrer Nichte.“ „Ich möchte ſie Niemand gönnen“, ſeufzte Doctor Anſelmus. „Auch mir nicht?“ fiel Heinrich vom Stuhl auf⸗ 166 ſpringend ein.„Sie ſagten vorhin, Sie hätten mir verziehen, laſſen Sie es zur Wahrheit werden, geben Sie mir Ihre Nichte.“ Während Heinrich dieſe Worte lebhaft ſprach, hatte ſich Dora wider allen Anſtand und alle Sitte und doch das Haupt verlegen zu Boden geſenkt an ihn geſchmiegt und den einen Arm gebogen auf ſeine Schulter gelegt, wie wenn ſie mit der Hand ihre erröthende Stirn ver⸗ bergen wolle. Doctor Anſelmus aber deutete auf ſie und ſagte mit jenem trockenen Tone, der ihm eigen ſein konnte: „Was will ich denn thun? Sie haben ſie ja ſchon.“ Viel Glück und viel Segen war mit dieſen Worten in dem Hauſe des Doctor Anſelmus eingekehrt, und dieſer ſelbſt fühlte ſich wieder jung angeſichts der hol⸗ den, reinen Liebe, deren Blüten er täglich froher und prangender ſich entfalten ſah. Heinrich gewann er im⸗ mer lieber und es ward ihm zur Nothwendigkeit, ihn jeden Tag einige Stunden um ſich zu haben, ein Bedürfniß, das den beiden Liebenden allein zu ſtatten kam. Er erfreute ſich an dem muntern Geſchwätz und an den Neckereien der Beiden, hörte gern zu, lachte und ſcherzte mit ihnen und geſtattete ſogar, daß beide leiſe plaudernd auf dem Balkon ſaßen, während er im Altanzimmer arbeitete. Nach ſolcher Weiſe war es 167 denn kaum übertrieben, wenn er öfter zu Dora und ihrem Geliebten ſagte: „Kinder, ich kenne mich ſelbſt nicht mehr.“ Und ſo mußte es denn zuletzt auch kommen, daß er eines ſchönen Tages die erfreuliche Mittheilung machte, wie ſeine Erzählung bereits im Laufe des Abends einem erfreulichen Schluß werde zugeführt werden. Am nächſten Tage ſollte dann dem Buche zu Ehren eine Flaſche Wein den Frühſtückstiſch ſchmücken und das Manuſcript an Heinrich ausgeliefert werden. Der feſtliche Moment war gekommen, das Manu⸗ ſeript war übergeben und man hatte das erſte Glas auf eine glückliche Reiſe des Buches im literariſchen Deutſchland getrunken, als ſich Heinrich nochmals er⸗ hob und zu Doctor Anſelmus gewendet ſagte: „Und nun geſtatten Sie mir noch eine kleine Ueber⸗ raſchung, die ich für dieſen Tag mir vorbehalten habe.“ Damit klopfte er an ſein Glas, die Thür öffnete ſich und zwei Männer ſchleppten eine große flache Holz⸗ kiſte herein. Man ſchlug ſie aus einander, Heinrich ſtellte die Kiſte aufrecht an die Wand, zog den Deckel weg und weidete ſich an der ſprachloſen Ueberraſchung des Ge⸗ lehrten. —.—.————————————— L 168 Die Kiſte enthielt nichts Geringeres als das Bild der ſchönen Italienerin, das Bild Sidoniens. Lange, lange konnte ſich Doctor Anſelmus von dem Anblicke nicht trennen; endlich reichte er Heinrich die Hand und ſagte: „Wie danke ich Ihnen, Freund, für die Freude, die Sie mir bereitet. Aber wie haben Sie das mög⸗ lich gemacht?“ „Ich glaube Ihnen geſagt zu haben“ entgegnete der Gefragte,„daß ich dem Kloſter bei der Uebernahme meines Vermögens ein ziemlich bedeutendes Legat zu⸗ gewandt habe, um für mein Verſchwinden eher Ver⸗ zeihung zu erhalten, zugleich jedoch bat ich um die Erlaubniß, mir das Portrait Sidoniens hier copiren laſſen zu dürfen. Sie kennen die Liebenswürdigkeit des Pater Guardian; er glaubte mir das Original anbieten zu müſſen, das im Kloſter doch keine Beach⸗ tung finde, und bat ſich nur die Copie aus, welche dann die Stelle des Originals ausfüllen ſolle, ein Vor⸗ ſchlag, auf den ich mit Vergnügen eingehen konnte.“ „Nochmals, ich danke Ihnen, lieber Freund“ ſagte Doctor Anſelmus, wieder vor das Gemälde tretend, „das Bild ſoll zu Hauſe ſeinen Ehrenplatz über meinem Schreibtiſche haben.“ Wie aber Dora ihren Oheim ſo in ſtiller Bewun⸗ —— 169 derung vor dem Bilde ſtehen ſah und an das Ereigniß im Corridor des Kloſters dachte, lachte ſie und ſagte: „Onkelchen, verzeih mir's, Du biſt doch ein wunder⸗ licher Mann.“ Doctor Anſelmus aber drehte ſich auf dem Abſatze um und ſagte: „Meinſt Du? Weil ich mit meinen Eigenthümlich⸗ keiten, meinen Launen, meinen Ideen, meinen Anſichten mehr herausrücke und weniger hinter dem Berge halte als Ihr, die Ihr nicht den Muth dazu habt und Euch nur das zu ſagen getraut, was außer Euch tauſend Andere auch ſagen könnten, und das Andere verſchweigt? Ein Jeder von uns allen, wie wir nur geboren werden, bringt ſeinen beſondern Sparren mit auf die Welt. Man muß nur die Augen haben, einem Jeden den ſeinigen abzuſehen. Glaubt mir, es iſt nicht noth⸗ wendig, dem Originale nachzulaufen und ihm auf Seitenwegen nachzuſpähen. Man findet es, wenn man den Blick dazu hat, überall auf der Heerſtraße zu jeder Stunde. Nur Ihr, die Ihr nicht immer Acht und die Ihr von Eurem eigenen Sparren keine Ahnung habt, nennt es dann, weil es ſich von dem Gewohnten der Maſſe unterſcheidet, abſonderlich und verdreht. Gut, aber Heinrich's Mutter, die, weil ihrem ältern Sohne auf wunderbare Weiſe das Leben gerettet worden 170 iſt, ihr jüngeres Kind der Kirche verſchreibt; Hein⸗ rich, der, weil er ein erſtes Glück verloren hat, kein zweites mehr hoffen zu dürfen glaubt und ins Kloſter geht; Doctor Breitſam, der Handſchuhe verkauft und Theaterrecenſionen ſchreibt; die geniale Marion, die nicht heirathen will, weil ſie dann nicht mehr lieben kann; Dora, die ſich übermüthig in die Behauſung der Mönche wagt und dort unbekümmert um ihren Oheim und ihr eigenes Geſchick Liebeshändel anſpinnt; ich endlich ſelbſt— ſind wir nicht alle wunderliche Leute?“ Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. Neue Romane aus dem Verlage von Srnſt Julius Günther in Leipzig. In der Welt verloren. Eine Erzählung von Edmund Hvefer. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. „—„ e Die Spionin. Roman aus der Geſchichte des amerikaniſchen Bürgerkriegs von Adolf Schirmer. Verfaſſer von:„Lütt Hannes“„Familiendämon“,„Fabrikanten und Arbeiter.“ 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Von demſelben Verfaſſer erſchien bereits früher Gedichte Hermann Oelſchläger. Inhalt: I. Lieder und Liederartiges. II. Sonette. III. Geſtalten und Geſänge. IV. Carneval. V. Som⸗ mernachtsträume. VI. Vermiſchtes. VII. Brief nach Paris. München, Verlag von E. Rerhoff. Statt alber Anpreiſung heben wir aus den in ſeltener Weiſe einſtimmig anerkennenden Urtheilen, welche den Gedichten im In⸗ und Auslande zu Theil wurden, folgende hervor: Oelſchläger's Gedichte ſind in der großen Mehrzahl im Ge⸗ danken neu und eigenartig, ſie ſind warm empfunden und ſchön durchgearbeitet. Beſonders glücklich iſt der Verfaſſer in ſolchen Gedichten ernſten wie heitern Inhalts, welche mit einem Refrain nach Art Bérangers durchgeführt ſind; es iſt etwas von einem deutſchen Chanſonnier in ihm, der uns noch fehlt. Sammler(Augsburg). The poems of Hermann Oelschläger indicate a highly cultivated mind and great command of language. Saturday Review(London). Wir verſäumen nicht, ſoweit unſer Leſekreis reicht, auf die⸗ ſes wahrhaft poetiſche Buch Hermann Oelſchläger's aufmerkſam zu machen. Walhalla(München). Im vorliegenden Bande Oelſchläger'ſcher Gedichte tritt uns ein nach Form und Inhalt fertiger, reifer Dichter entgegen, der ſich durch die Gluth tiefer, ächter Leidenſchaft, durch Originalität der Stoffe und ihrer Behandlung, ſowie durch den umfaſſenden Geſichtskreis ſeiner poetiſchen Anſchauung in vortheilhafteſter Weiſe geltend macht. Propyläen(München). Die„Sommernachtsträume“, ſtehen nach Form und Inhalt dem beſten nahe, was die deutſche Literatur in den letzten Jahren geſchaffen hat. Am bedeutendſten und bezeichnendſten im ganzen Buch iſt der Cyklus„Carneval“ und„Vermiſchtes“ Dieſe Bilder aus dem ſocialen Leben, oft mit dem Humor Bérangers gefärbt, ſchlagen einen weſentlich neuen Ton in unſerer Literatur an. Süddeutſche Preſſe München). 7 ſ N 16 1 il 9 10 11 12 13 1 3 18