— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher iteratur 2 Cduard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme e der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4ℳ „ — 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr.— W 1F „ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverkeihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. v———— „ . Wunderlicht Peutt. Roman von Hermann Oelſchläger. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. Zweiter Band. Frater Heinrich. Oelſchläger, Wunderliche Leute. II. S Erſtes Kapitel. Es iſt, erzählte Frater Heinrich, nun etwas we⸗ niger als anderthalb Jahre— es mag im Februar des verfloſſenen Jahres geweſen ſein— daß ich in dem am Ende der Hauptſtadt gelegenen zweiten Theater ein faſt täglicher Gaſt war. Es iſt um den Theaterbeſuch bekanntlich ein eigenthümliches Ding. Hat man ſich einmal daran gewöhnt, die Abende in den gashellen frauengeſchmückten Räumen vor der Bühne zuzubrin⸗ gen, ſo wird es zur ſcheinbaren Unmöglichkeit, ſeinen Schritt zur gegebenen Zeit wo andershin zu lenken, als an die Kaſſe des Theaters, oder gar zu Hauſe zu blei⸗ ben. Man zieht es vor, ein ſchon neunundneunzig⸗ mal geſehenes Stück zum hundertſten Male zu ſehen, bevor man ſich entſchließen kann, ganz wegzubleiben und der lieben Gewohnheit zu entſagen, während der Andere, deſſen Theaterbeſuch etwas Seltenes, etwas Feſttägliches iſt, den ſcheinbaren Genuß nicht entbehrt, nicht vermißt und gar nicht daran denkt, eine Uebung oder Gewohnheit daraus zu machen. Man wird des⸗ halb auch finden, daß das Publikum des Theaters nur aus Leuten beſteht, die es täglich, und aus ſolchen, die es alljährlich nur ein paar Mal beſuchen. Gäſte, welche die Mitte halten, die alſo weder häufig noch ſelten kommen, gibt es kaum. Ich, wie geſagt, gehörte vor anderthalb Jahren zu den fleißigſten Beſuchern, welche das Theater jemals ge⸗ habt hat, und war im Begriff, mich zu einem jener Individuen umzugeſtalten, die man mit dem Namen Theaterhabitues zu bezeichnen pflegt. Ich hatte das Theater früher nie beſucht, und ſo iſt es zu entſchuldi⸗ gen, wenn mich jene Bühne ſo unwiderſtehlich anzog. Daneben war es aber auch noch eine andere Urſache, welche ihre mächtigen Hebel anſetzen mußte, um mich aus der lobenswerthen Bahn meiner wiſſenſchaftlichen Arbeiten zu ſchleudern, und dieſe Urſache hatte ſich zu ihrer Verkörperung die lieblichſte aller Erſcheinungen ausgewählt— es war eine der Schauſpielerinnen, die ich bei ihrem Vornamen, Marion, nennen will. Ich war ein Neuling, ich war, wie geſagt, früher 5 ſelten, ja nie in ein Theater gekommen, ich war ziem⸗ lich unfähig, die Wahrheit vom Schein, die echte Em⸗ pfindung von der gemachten zu unterſcheiden, ich be⸗ geiſterte mich an Allem und glaubte an Alles. Der zitternde Klang der Stimme, die eben noch in Freude und Glück hell gejubelt hatte und nun in Schmerz und Thränen erſticken zu wollen ſchien, rührte mich, und geblendet von all der Pracht, von all der Herr⸗ lichkeit, von all den Mitteln der Täuſchung, denen ſich entzückt mein Auge hingab, dachte ich nicht im ent⸗ fernteſten daran, zu prüfen und zu kritteln, ich gab mich völlig meinen Träumen hin und war glücklich. Ich hing mit meinen Blicken in andächtigem Ernſt an den Lippen und Mienen der Spielenden und fühlte den Zorn heiß in mir aufſteigen, wenn durch die Un⸗ behülflichkeit eines Arbeiters oder durch die Leichtfertig⸗ keit eines Schauſpielers etwas geſchah, was mich aus meinen Träumen riß und die Zuſchauer neben mir lachen machte. Sie ſpotten vielleicht und nennen mein Benehmen albern, aber ich glaube, daß dieſer Zuſtand jedem jungen Menſchen, der zum erſten Male das Theater beſucht und von Haus aus pvetiſch und empfindſam angelegt iſt, eigenthümlich iſt, und darum habe ich auch nicht vor, mich deſſelben zu ſchämen⸗ Uebrigens dauerte es damit nicht allzu lange. 6 Wie andere junge Leute des geſchilderten Schlages war auch ich alsbald bemüht, alle jene Begeiſterung und Schwärmerei, welche damals mein Herz durchflu⸗ teten, auf einen einzigen ihrer würdigen Gegenſtand zu concentriren, und dieſen hatte ich bald genug eben in Marion gefunden. Ich hatte inſofern eine nicht eben tadelnswerthe Wahl getroffen, als Marion jedenfalls die hübſcheſte, die talentvollſte und ſicher die fleißigſte unter ihren Genoſſinnen war. Namentlich das Letztere zu bemerken hatte ich ſpäter häufig genug noch Gelegenheit. Sie war vollkommen in ihrer Art; ſie war jung, lebhaft, witzig, ſie verſtand auch zu rühren und weich zu ſtimmen und beſaß ſo alle Eigenſchaften, die ſie als muntere Liebhaberin nöthig hatte. Marion war mittelgroß, ſchlank gewachſen, mit voller Büſte, und beſaß neben einem reich niederfließenden blonden Lockenhaar zwei große, kluge blaue Augen. Wenn ſie ihren kleinen Mund ſchalkhaft zuſammenzog und ihr Lockenköpfchen auf die Seite legte und mit ihren Augen ſo neckiſch dreinſah, das war ganz aller⸗ liebſt und immer wieder entzückend ſchön. Sie wäre eine Schönheit geweſen, wenn ihre Wangen nicht zu voll geweſen wären. Sie wußte das und verſtand ihr reiches Haar immer ſo zu ordnen und namentlich den Kopfputz dahin auszuwählen, daß die Fülle ihres Ge⸗ 7 ſichts nicht ſtörend wirkte. Das Beſte an ihr waren die Augen, die ſie ſo vollkommen zu beherrſchen ver⸗ ſtand, daß in ihnen Demuth und Trauer in der glei⸗ chen Weiſe wie Uebermuth und Tollheit ihren Aus⸗ druck fanden. Ich fehlte natürlich an keinem Abende, an welchem ſie ſpielte. Ich ſtand regelmäßig auf dem nämlichen Platze, rechts vorn, unmittelbar an der Brüſtung hinter dem Orcheſter, in jener Ecke, welche man im Theater⸗ jargon nebſt der mit ihr correſpondirenden linken die Inſel zu nennen pflegt. Ich war auf dieſe Weiſe der Bühne ſo nahe wie möglich. Es iſt ein eigenes Ding, in eine Schauſpielerin verliebt zu ſein. Ich ſpreche nicht von intimern Beziehungen; welche Bewandtniß es damit habe, wer⸗ den Sie ſpäter hören. Ich meine hier das Lieben und Schwärmen auf Diſtance. Man iſt dabei einer Menge von Aufregungen unterworfen, die ganz unnöthig und einfältig ſind. Man pflegt nämlich alle Erfolge und Mißerfolge der Angebeteten zu den ſeinigen zu machen. Man freut ſich über einen Applaus, der ihr wird, zittert mit ihr bei einer ſchweren Rolle, die ſie hat, und be⸗ trübt ſich über einen Verſuch, wenn er ſchlecht ausge⸗ fallen iſt. Noch mehr. Da einem das Spiel der Angebeteten 8 natürlich immer ſo vortrefflich als nur denkbar erſcheint, ſo geräth man in eine ſchiefe Stellung zum Publikum, deſſen Beifall man ungenügend und beſtochen und deſſen Urtheilsloſigkeit man über alle Begriffe groß findet. Man wird eiferſüchtig auf den Applaus, welcher die übrigen Mitſpielenden auszeichnet, und wittert eine In⸗ trigue, irgend eine Bosheit dahinter, welche eine ſolche Ungerechtigkeit möglich gemacht hat. Dazu kommt noch eine Art von Schamgefühl, die den unglücklichen Ver⸗ liebten hindert, ſich ſelbſt an jenen Beifallsbezeigungen zu betheiligen, die er doch ſo lebhaft herbeiwünſcht. Er glaubt ſich von aller Welt beobachtet und fürchtet der eigene Verräther ſeiner zarten Empfindung zu ſein. In ſeiner übertriebenen Aengſtlichkeit verſagt er ſich ſelbſt die Freude, jenen Grad von Theilnahme durch Klatſchen oder Bravorufen zu zeigen, welchen jeder Theaterbeſucher für ſein Eintrittsgeld in der unbefan⸗ genſten Weiſe zu zeigen berechtigt iſt, und gewinnt durch ſeinen Theaterbeſuch im glücklichſten Fälle nichts als die Gelegenheit, die ganze Leiter von allen mögli⸗ chen Foltern, Qualen und peinlichen Situationen zu durchlaufen. Dieſem Stadium nun war ich Marion gegenüber ziemlich nahe. Ich war nicht verliebt, wenn man mit dem Begriff der Liebe die Sehnſucht und den Wunſch — —— —— — — 2 des Beſitzens verbindet. Dazu däuchte mir, dem ein⸗ fachen Studenten, die von Cavalieren und Offizieren umflatterte und umworbene Schauſpielerin zu hoch zu ſtehen. Aber ihre Perſönlichkeit übte einen unwider⸗ ſtehlichen Zauber auf mich aus, ihre Erſcheinung hielt mich feſt, und ich dachte nicht im entfernteſten daran, jener unſchuldigen Neigung zu widerſtreben, die mich in ihre Nähe zog und die mir die uneigennützigſte, wunſch⸗ und begehrfreieſte Theilnahme einflößte. Ein paar Mal ſchon war es mir vorgekommen, als ob der Blick Marion's während ihres Spieles mich geſtreift hätte, ja, wenn auch nur ſekundenlang, an mir haften geblieben wäre. Das hatte mich immer tief erſchreckt, und wenn ich mich auch täuſchen konnte, ſo lag doch zugleich die Möglichkeit nicht weit, daß Marion mich, der täglich das Theater beſuchte, zuletzt bemerkt habe und daß es ihr namentlich nicht ent⸗ gangen ſei, wie ich gerade den Scenen, in welchen ſie auf der Bühne beſchäftigt war, meine hit Theil⸗ nahme ſchenkte. Ich hatte mich gleichwohl getäuſcht; bei einiger Aufmerkſamkeit mußte ich die beſchämende Entdeckung machen, daß der Blick Marion's nicht mir galt, ſondern einem Herrn, der drei oder vier Plätze von mir ent⸗ fernt ebenfalls vorn an der Parquetbrüſtung ſaß. Der 10 Mann war mir ſchon öfter aufgefallen, da er gleich mir faſt alle Abende auf ſeinem Platze war und eine ganz komiſche Art hatte, von ſeinem Opernglas Gebrauch zu machen. Er ſchielte nämlich auf beiden Augen und war dadurch außer Stande, ein Doppelglas zu benutzen. Da er aber ſchlecht ſah, bediente er ſich eines einfachen Glaſes, das er, um das Bild von der Bühne zu erhalten, denn immer in ſchräger, für den gerade Sehenden falſcher Linie hielt. Es war lächerlich an⸗ zuſehen. Dabei lag er immer dick und breit mit ſei⸗ nen beiden Armen auf der Brüſtung und geberdete ſich überhaupt mit einer Ungenirtheit, als ob er hier zu Hauſe ſei. Ich hatte mich ſchon oft über das ſchier bäueriſche Auftreten des Mannes geärgert, jetzt bekam ich einen Abſcheu vor ihm, da ich ſah, daß er es war, dem Ma⸗ rion auszeichnende Blicke ſchenkte. Ich bemerkte, daß er ſolche Aufmerkſamkeiten der Schauſpielerin, die er fortwährend mit ſeinem Glaſe verfolgte, mit einem unendlich ſelbſtgefälligen Lächeln hinnahm. Es regte ſich etwas wie Eiferſucht in mir. Wäre es ein geſchniegelter Offizier von der Garde oder ein elegantes Mitglied unſerer jeunesse dorée oder irgend eins jener Geſchöpfe geweſen, welche die Welt und namentlich die weibliche wegen ihres glänzenden Auf⸗ 11 tretens und blendenden Erſcheinens zu beſtaunen pflegt, ich hätte mich ſtill gefügt und nicht daran gedacht, gegen den bekannten, wenn auch unbegreiflichen Lauf der Dinge mich zu erheben. Aber dieſer Herr? Er war nichts weniger als hübſch oder gar ſchön zu nennen. Bei ziemlicher Größe war er rund, aufge⸗ dunſen, von jener Fülle, die nicht das Zeichen der Geſund⸗ heit, ſondern eines krankhaften Zuſtandes zu ſein pflegt. Sein ſchwammiges, von einem röthlichen Vollbart um⸗ rahmtes Geſicht ſpielte wechſelnd in allen Farben, bald gelb, bald grün. Eine ſtattliche Glatze, die ſeiner ſonſt unbedeutenden Stirne zu ſtatten kam, deutete auf eine vielleicht zu raſch verlebte Jugend, und die kleine, ſpitze, in die Höhe gerichtete Naſe gab dem Geſichte, das durch die ſchielenden Augen durchaus nicht gewann, etwas Keckes, Herausforderndes. Er hatte in ſeiner ganzen Erſcheinung etwas Klebriges, ein Etwas, das man zu berühren ſcheut. Dazu erſchien er in ſeiner Kleidung nachläſſig, ſeine Wäſche war ſelten ſauber. Dennoch war der Mann eitel; wie ich ſpäter erfuhr, hatte ſich irgend ein Witzbold den Spaß gemacht und ihm geſagt, daß er mit Sokrates Aehnlichkeit habe. Ich fragte den Diener, welcher in den Zwiſchenpau⸗ ſen Gefrorenes und Zuckerwerk zum Verkaufe umher⸗ trägt, ob er mir den Namen des Herrn ſagen könne. „Sie meinen den Herrn, der vorn in der erſten Reihe ſitzt und das Glas nicht vom Auge bringt?“ „Eben den.“ „Das iſt der Doctor Breitſam.“ „Der Theaterarzt?“ „Nein, er ſchreibt.“ „Er ſchreibt?“ „Ja, in die Zeitungen.“ Aha, dachte ich, ein Theaterkritiker. Das Auf⸗ gehen des Vorhangs unterbrach unſer Geſpräch. Ein Zufall verſchaffte mir wenige Tage nachher das Vergnügen, Doctor Breitſam perſönlich kennen zu lernen. Man gab eine Poſſe, die ihre Anziehungskraft nun ſchon ſeit Wochen bewährt hatte und jedesmal volles Haus machte. Das Stück hatte ſchon begonnen, als Doctor Breitſam, der ſich verſpätet haben mochte, in den Zuſchauerraum trat. Dieſer war mit Menſchen ſo vollgepfropft, daß das Fallen einer Stecknadel un⸗ möglich ſchien. Dennoch gelang es dem Herrn, mit der ihm eigenen Rückſichtsloſigkeit ſich bis vor zu mir zu drängen, von wo er alsbald Anſtalten machte, ſich ſei⸗ nes Sitzes, den überdies ſchon ein Unberechtigter einge⸗ nommen hatte, zu bemächtigen. Ein allgemeines Murren über die Störung und ein lebhaftes Ziſchen hinderte ihn an ſeinem Vorhaben. 3* 13 So blieb ihm nichts übrig, als zu reſigniren oder den Ablauf des erſten Actes da, wo er ſtand, abzuwarten. Ein hierauf erneuter Verſuch, zu ſeinem Sitze zu gelangen, hatte keinen beſſern Erfolg. Der ihn ſchon inne hatte, wollte nicht weichen; den Billeteur zu rufen, war eine Unmöglichkeit, und da Doctor Breitſam barſch und brutal auftreten wollte, wurde er von der näch⸗ ſten Menge, die keinen Gefallen an ihm zu finden ſchien, zur Ruhe verwieſen und gab nach. Er wandte ſich an mich und begann über die Un⸗ verſchämtheit und Zudringlichkeit einzelner Menſchen zu klagen. Ich gab eine ausweichende kurze Antwort. Nach einigen Minuten brach er wieder das Schwei⸗ gen, von dem er kein Freund zu ſein ſchien. „Sie ſind häufig im Theater“ ſagte er. „Ziemlich“ war meine Antwort. „Ich habe faſt immer das Vergnügen, Sie zu ſehen.“ Ich ſchwieg. „Ich habe“ fuhr er dann mit einem gewiſſen un⸗ verſchämten Lächeln fort,„ſchon öfter die Ausdauer be⸗ merkt, mit der Sie die abgedroſchenſten Repriſen mit immer gleicher Aufmerkſamkeit verfolgten.“ Ich fühlte die Galle in mir aufſteigen, denn die 14 zudringliche Art genirte mich, wenngleich in den Wor⸗ ten nichts direct Beleidigendes lag. „Intereſſirt Sie das, mein Herr?“ fragte ich ruhig i gemeſſen. „Ach, verzeihen Sie“, entgegnete Doctor Breitſam leichthin,„es gibt nichts in der Welt, was mich nicht intereſſirte.“ „Sie ſind zu beneiden“, ſagte ich nun;„ich finde nichts unausſtehlicher, als von Menſchen beläſtigt zu werden, die ich nicht kenne und die mich nicht inte⸗ reſſiren.“ Damit wandte ich ihm den Rücken, entſchloſſen, das Geſpräch abzuſprechen. Aber Doctor Breitſam ließ ſich nicht irre machen. „Sie ſind ja ein wahrer Eiſenfreſſer“, ſagte er mit ſpöttiſcher Miene;„in der That, es thut mir leid, daß ich der kleinen Marion keinen beſſern Bericht von Ihnen erſtatten kann.“ Ich wandte mich. „Was wollen Sie damit ſagen?“ rief ich. „Der kleinen Marion“ entgegnete Doctor Breitſam, der mit einer gewiſſen Zufriedenheit meine plötzliche Erregung zu bemerken ſchien,„iſt Ihr regelmäßiger Theaterbeſuch nicht entgangen, und ſie iſt eitel genug, ſich als deſſen Urſache zu betrachten.“ — 15 Ich wußte nicht, was ich antworten ſollte; wäre es nicht am beſten geweſen, den Menſchen, der ſich wi⸗ der meinen Willen um mich kümmerte, ganz ſtehen zu laſſen? Meine verwünſchte Eitelkeit ließ das nicht zu. Es konnte ja wahr ſein, was er mir ſagte. „Woher wiſſen Sie das?“ fragte ich. „Fräulein Marion hat mir das erſt vor zwei Stun⸗ den ſelbſt geſagt“, antwortete er. Dieſer Menſch, dachte ich, kennt ſie alſo wirklich, und mit welcher Gemüthsruhe, mit welcher Gleichgül⸗ tigkeit ſprach er von ihr! Ich hätte ihn erwürgen mögen. „Sagen Sie dem Fräulein, daß es ſich irrt“, rief ich,„und wenn Sie“ fuhr ich fort,„ihre Meinung vielleicht theilen ſollten, ſo erſuche ich Sie, dieſelbe aufzugeben und ſich überhaupt ſo wenig um mich zu kümmern, als ich mich um Sie oder um das Intereſſe kümmere, das Sie hierher führt.“ Ich hatte geglaubt, vortrefflich geſprochen und den ehrbaren Doctor Breitſam vernichtet zu haben. Wie aber hatte ich mich getäuſcht! „Sie ſprechen“, antwortete er ruhig,„von dem In⸗ tereſſe, das mich hierher führt? Bah!“ ſagte er in ge⸗ ringſchätzigem Tone und mit einer wegwerfenden Achſel⸗ bewegung,„wenn man dieſe Theaterprinzeſſinnen ſo 16 lange und ſo genau kennt wie ich, dann hört man auf, ſich in ſie zu verlieben.“ So wenig Schmeichelhaftes in dieſen Worten für diejenige lag, der ich einen ſo geheimen und warmen Cultus widmete, hatte ich doch die Schwachheit, mich im erſten Augenblicke darüber zu freuen. Doctor Breitſam geſtand ja mit ihnen ein, daß er kein Rivale von mir ſei. Und dann hatte er ja vom Stande der Schau⸗ ſpieler nur im Allgemeinen geſprochen und dachte ge⸗ wiß nicht daran, ſich hier eine Regel ohne Ausnahme vorzuſtellen. „Sie kennen Fräulein Marion?“ fragte ich, nun meinerſeits bemüht, das Geſpräch fortzuſetzen. „Sie kam vor einigen Monaten von Wien und machte mir, da ſie Empfehlungsbriefe an mich hatte, ihren Beſuch.“ „Sie ſtehen demnach mit dem Theater in Verbindung?“ „Indirect, ja. Ich bin Theaterreferent, und ſo iſt auch die perſönliche Berührung mit dem Künſtler eine unvermeidliche.“ „Ich begreife das“ ſagte ich,„aber wird dadurch die erſte Pflicht des Kritikers, nämlich die, objectiv und parteilos zu ſchreiben, nicht außerordentlich erſchwert?“ Doctor Breitſam ſah mich mit einem Blicke an, der mir vielleicht klar machen ſollte, daß ich etwas unend⸗ * 7 lich Dummes geäußert habe, dann ſagte er mit einem bewundernswerthen Applomb: „Man muß das zu vereinigen wiſſen.“ „Sie haben Recht“, entgegnete ich beſchämt, als das Aufgehen des Vorhangs unſer Geſpräch unterbrach. Nur zerſtreut folgte ich dem Verlaufe des ſchon oft ge⸗ ſehenen Stückes, ich mußte immer wieder an das eben Gehörte denken, und eine leiſe Ahnung davon dämmerte in mir auf, daß ich in gewiſſen Dingen noch ſehr jung und unerfahren ſei. Als der Act zu Ende war, bedauerte Doctor Breit⸗ ſam, ſich entfernen zu müſſen. Die Hitze hatte in der That einen faſt unerträglichen Grad erreicht, und es war keine geringe Aufgabe, eng an⸗ und aufeinander gepreßt in dem ſchmalen Raum zu ſtehen. Doctor Breitſam reichte mir die Hand. „Bleiben Sie nur hier“ ſagte er lachend,„und klatſchen Sie ſtatt meiner für die kleine Marion; ſie iſt ein Prachtmädchen. Auf Wiederſehen!“ Er that, wie wenn wir uns ſchon ſeit Jahren kennten. Ich blieb wirklich; gerade heute war ich nicht im Stande, mich loszureißen. Hatte Marion nicht von mir geſprochen? Es war undenkbar, daß mir Doctor Breitſam eine Unwahrheit geſagt hatte. Dazu konnte er ja keinen Grund haben. Ich war ihr alſo wirklich Oelſchläger, Wunderliche Leute. II. 2 18 aufgefallen, ſie hatte mich bemerkt, ſie hatte von mir geſprochen. Noch nie war mir Marion ſo liebreizend erſchienen, noch nie ſchien ſie mir ſo munter, ſo liebenswürdig, ſo hinreißend geſpielt zu haben. Sie entfaltete alle Fein⸗ heiten, alle Grazie, alle Künſte, die ihr zu Gebote ſtan⸗ den, und als das entzückte, begeiſterte Publikum mit nicht enden wollendem Klatſchen ſie am Schluſſe drei⸗ und viermal rief, erſchien ſie mit vor Freude ſtrahlen⸗ dem Angeſicht und drückte mit glücklicher Anmuth ihren lebhaften Dank aus, indem ſie ſich wiederholt verneigte und wie gerührt durch die ſtürmiſche Anerkennung die Hand aufs Herz legte. Ich hatte ſie keinen Moment aus dem Auge ge⸗ laſſen, da verſchwand ſie hinter den Couliſſen, der Vor⸗ hang fiel, und mit der drängenden Menge ging ich wie ein Träumender aus dem Hauſe. —— Zweites Kapitel. Ein paar Tage lang war ich durch Unwohlſein verhindert auszugehen; als ich dann wieder in das Theater kam, hatte ich das Mißgeſchick, mein Opernglas liegen zu laſſen, und ich eilte am nächſten Morgen zum Theatergebäude, in der Hoffnung, vom Inſpector des Hauſes Auskunft über den verlorenen Gegenſtand er⸗ halten zu können. Doctor Breitſam, der den Abend vorher der Vor⸗ ſtellung nicht beigewohnt hatte, begegnete mir auf dem Wege. Er rief mich ſchon von weitem wie einen alten Freund an, und ich ſetzte ihm den Zweck meines Gan⸗ ges auseinander. „Kommen Sie mit mir; wenn nicht ein Zuſchauer ———— 20 eine unberechtigte Neigung für Ihr Glas an den Tag gelegt hat, ſo werden Sie daſſelbe bald wieder in Händen haben.“ Wir waren angelangt. „So, jetzt folgen Sie mir“ ſagte Doctor Breitſam, „es iſt zehn Uhr, ich werde Ihnen etwas Beſonderes zeigen.“ Wir gelangten in die Vorhalle des Theaters, wo ſich rechts die Kaſſe, links die Garderobe befand. Doctor Breitſam ſchritt mit ſchwerem, hallendem Tritt voraus und gelangte an eine Thür, über der ein Schild angebracht war, mit den Worten: Verbotener Eingang. Ich machte ihn darauf aufmerkſam. „Das gilt für uns Auserwählte nicht. En avant!“ Wir geriethen in einen ſtockfinſtern Gang, an deſſen Ende nur ganz ſchwach eine kleine Gasflamme röthlich brannte. Dort angelangt ſtieß Doctor Breitſam links eine kleine Thür auf, die ich kaum bemerkt hatte, und wir waren wieder im Finſtern, in einem großen, nacht⸗ bedeckten Raum. Ich hörte aus einiger Entfernung laut ſprechen und wäre, da ich vorwärts ſchritt, faſt ein paar Stufen, die meinem Auge entgangen waren, hinab⸗ gefallen. 21 „Pſt!“ flüſterte Doctor Breitſam.„Machen Sie kei⸗ nen ſolchen Lärm, junger Freund; thun Sie an der Wand ein paar Schritte nach vorn, und dann—“ Ich that, wie mir geheißen war, und bei einem Haar wäre mir ein lauter Ruf der Ueberraſchung ent⸗ fahren. Denn jetzt ſah ich erſt, wo ich war. Wir befanden uns im Zuſchauerraum des Theaters, vor der ſchwach beleuchteten Bühne. „Man hält eben Probe“ flüſterte mir mein Begleiter wieder zu. In der That vermochte ſchon mein Auge, das ſich bald an die Finſterniß, die ringsum herrſchte, gewöhnt hatte, die Geſtalten auf der Bühne zu unterſcheiden, und ich erkannte bald die einzelnen Schauſpieler und Schauſpielerinnen, die eben beſchäftigt waren. Der Anblick war mir neu und feſſelnd. Ich that zum erſten Male einen Blick hinter die Cou⸗ liſſen, von denen ich ſchon ſo viel Seltſames und Wun⸗ derbares gehört hatte. Alle die Herren und Damen, die ich ſo oft ſchon, umſtrahlt von einer Lichtflut, im glänzenden Schmuck aller möglichen Coſtüme und Trach⸗ ten bewundert hatte, ſah ich nun vor mir, einfach und ſchlicht, wie andere Menſchenkinder, zum Schutz vor der Kälte, die das leere Haus durchſtrich, dichte in 22 Pelze und Mäntel gehüllt, kaum beleuchtet von zwei trüben Hellampen, die rechts und links an den Soffiten flackerten. Es war ein Luftſpiel, das längere Zeit geruht hatte und nun neu einſtudirt wurde. Die Schauſpieler ſchienen ihre Rollen nicht mehr recht inne zu haben. Sie ſprachen nur mit halber Stimme, und der Souffleur, der abends ſelten zu hören war, hatte hier am leb⸗ hafteſten zu thun. Einzelne Scenen, die nicht gut ge⸗ gangen waren, wurden wiederholt, die Schauſpieler beſprachen ſich über die Art, wie dies oder jenes ar⸗ rangirt werden ſollte, man probirte hin und wieder, der Spruch des Regiſſeurs, der vorn auf einem Stuhle mit dem Buche in der Hand ſaß, unter der Oellampe, gab den Ausſchlag. Jede Decoration fehlte; der Re⸗ giſſeur erläuterte nur, wie bei der Aufführung Alles geordnet und aufgeſtellt ſein werde, und ſo deutete man auch im Spiele Vieles nur an, was abends vollſtändig ausgeführt wurde. Was ich ſah, übte einen ganz ſeltſamen Zauber auf mich aus. Die ſchwarze Nacht, die auf dem weiten, menſchenleeren Hauſe lag, die ſpärliche, kaum noth⸗ dürftige Beleuchtung, die auf die Bühne fiel, die Zwang⸗ loſigkeit, mit welcher die Mitglieder unter einander verkehrten, das gemahnte mich Alles, als ob ich 23 der ungeſehene Zeuge eines geheimnißvoll geführten, noch von Niemand belauſchten Familenlebens ſei. Ach, es war nicht ſo friedlich, als es ausſah! Marion trat auf, ſchön und einfach, wie immer. Ich ſehe ſie noch heute vor mir in dem kleinen weißen Hute, der ihr blondes Lockenköpſchen umrahmte und von dem der blaue Schleier ſo kokett niederfiel. Sie ſpielte die Scene recht brav, ſchien aber unzu⸗ frieden mit dem Herrn, der zugleich mit ihr beſchäftigt war. Sie hatte Mancherlei an ihm auszuſetzen, was dieſer mürriſch und verdrießlich hinnahm, ohne wider⸗ ſprechen zu können, weil ſeine Collegin Recht hatte. Die Scene ſchloß mit einer humoriſtiſchen Apoſtrophe, die der Schauſpielerin, in deren Händen die Rolle lag, unfehlbar Applaus eintragen mußte. Marion hatte die meiſterlich vorgetragene Rede ge⸗ endet und wandte ſich gegen die Couliſſe, als der zurückbleibende Schauſpieler unmittelbar ſeinen nun fol⸗ genden Monolog begann. Marion drehte ſich um und blieb ſtehen. „Sie wollen mir“, rief ſie erregt, gegen den Schau⸗ ſpieler gewendet,„vermuthlich zeigen, was ich von Ihnen heute Abend zu erwarten habe?“ Doctor Breitſam, der bisher ſchweigend neben mir geſtanden, ſtieß mich an und lachte. 4 o „Paſſen Sie auf“, ſagte er,„was jetzt kommt.“ „Ich verſtehe Sie nicht“ hatte der Schauſpieler ge⸗ antwortet. „Aber ich verſtehe Sie, Herr Kalmus“ rief Ma⸗ rion.„Sie ſpielen die ganze Scene unter aller Kritik ſchlecht, und jetzt wollen Sie mir auch den Abgang verderben!“ „Was heißt das!“ fuhr der Andere auf.„Ich ſpiele, wie ich kann.“ „Nein, Sie ſpielen eine Hundekomödie, und nun wollen Sie mich, wie Sie es ſchon zweimal gethan, um den Applaus bringen, indem Sie mir, bevor ich noch geendet, in das Wort fallen.“ „Mein Fräulein!“ brauſte der Beſchuldigte auf. „Mein Herr, keinen Widerſpruch! Sie haben mir immer noch den Applaus mit Ihrem Worte abgeſchnitten. Wenn Sie mir den Abgang heute wieder verderben, ſpiele ich nicht mehr mit Ihnen.“ „Ich verbitte mir jede Beleidigung“, unterbrach Kalmus die erzürnte Schauſpielerin. Dieſe aber fuhr zornig fort: „Trage ich die Schuld daran, wenn der Director die Rolle mir ſchickt und nicht dem Fräulein Ameyer? Habe ich den Director darum gebeten? Fragen Sie ihn doch!“ 25 „Wer iſt Fräulein Ameyer?“ flüſterte ich dem Doctor Breitſam zu, der an dem ganzen Skandal un⸗ beſchreibliches Vergnügen zu haben ſchien. „Das wiſſen Sie nicht?“ fragte dieſer entgegen. „Das iſt die Geliebte des Herrn Kalmus.“ „Ach“ ſagte ich,„ich verſtehe.“ „Was geht Sie Fräulein Ameyer an?“ hatte Kal⸗ mus inzwiſchen gerufen und war todtenbleich im Ge⸗ ſicht Marion einen Schritt näher getreten. „Rühren Sie ſich nicht von der Stelle“, hatte dieſe ihm dann zugerufen.„Mich geht Fräulein Ameyer gar nichts an, und jedenfalls iſt— ich gebe das mit Ver⸗ gnügen zu— das Intereſſe, das Sie an der Dame neh⸗ men, ein lebhafteres als das meinige.“ Das übrige Schauſpielerperſonal, das inzwiſchen neugierig herangetreten war, lachte hell auf. „Aber“ fuhr Marion fort,„ich finde es einmal an der Zeit, daß man Ihnen zeigt, wo Bartel den Moſt holt. Glauben Sie mir, wenn ſich die Orſina neulich es gefallen ließ, daß Sie als Marinelli ihr die große Scene im vierten Acte verdarben— ich laſſe mir von Ihnen nichts gefallen.“ „So?“ höhnte Kalmus voll Wuth.„Warum ſoll ich denn jetzt auch der Orſina die Scene verdorben haben?“ 26 „Weiß ichs? Wahrſcheinlich hätte die Ameyer auch die Orſina gern geſpielt; das Fräulein möchte ja Alles ſpielen. Uebrigens wiſſen Sie jetzt wie Sie mit mir daran ſind. Richten Sie ſich darnach. Adieu!“ Mit dieſen Worten wandte ihm Marion den Rücken und wollte gehen. Kalmus aber machte haſtig ein paar Schritte gegen ſie und ſchrie: „Bei Gott, wenn Sie keine Dame wären, dann—“ „Nun?“ ſagte Marion ruhig, indem ſie ſich nur halb zurückwandte und verächtlich ihren Kopf über die Schulter gegen ihn drehte.„Geniren Sie ſich nicht! Wenn ich keine Dame wäre, was dann?“ „Dann—“ rief Kalmus, aber zur rechten Zeit trat der Regiſſeur dazwiſchen und trennte ihn von Marion, indem er Ruhe gebot. Ich athmete tief auf. „Wahrhaftig“ ſagte ich zu Doctor Breitſam,„ich habe für das Mädchen Angſt gehabt.“ „Angſt?“ ſpottete dieſer.„Warum nicht gar! Alles das iſt nicht ſo ſchlimm gemeint.“ „Das paſſirt“ entgegnete ich.„Aber ſagen Sie“, fuhr ich fort, nachdem auf der Bühne die unterbrochene Probe wieder aufgenommen worden war,„ſagen Sie, was hat Fräulein Marion eigentlich mit dem gemeint, —————— „euh 27 was ſie ihr den Abgang verderben nannte? Ich bin nicht recht klug daraus geworden.“ „Das glaube ich Ihnen“ bemerkte Doctor Breitſam. „Wenn ein Schauſpieler nach einem witzigen Wort, nach einer zündenden Apoſtrophe, überhaupt nach einem effectvollen Moment, der, richtig benutzt, ihm ganz un⸗ zweifelhaft rauſchenden Beifall des Publikums einbrin⸗ gen muß, die Scene verläßt, daß er alſo ſicher iſt, von den applaudirenden Zuhörern gerufen zu werden, ſo nennt man das im Theaterjargon einen guten Ab⸗ gang haben. Ein boshafter College kann denſelben nun inſofern beeinträchtigen oder ganz wirkungslos machen, als er unmittelbar nach dem Abgang des an⸗ dern die Worte zu ſprechen anfängt, welche ihm ſeine Rolle vorſchreibt. Das Publikum verſtummt faſt augen⸗ blicklich wieder in ſeinem Bravorufen, da es vom Stücke nichts verlieren will, und ſo iſt der erſte glücklich um ſeinen Hervorruf gebracht.“ „Dann hat Fräulein Marion“, rief ich,„Recht ge⸗ habt, indem ſie ihrem würdigen Collegen Kalmus den Standpunkt klar machte.“ „Gewiß hat ſie Recht gehabt.“ „Kalmus wird ſich hüten, ihr wieder einen ſolchen Poſſen zu ſpielen!“ „Glauben Sie?“ 28 „Wie? Nach dem eben Vorgefallenen zweifeln Sie noch daran?“ „Ich habe“, ſagte Doctor Breitſam,„im Gegentheil die feſte Ueberzeugung, daß Herr Kalmus ihr den Ab⸗ gang erſt recht verderben wird! Sie werden ſich heute Abend davon überzeugen.“ „Das wäre ja eine Gemeinheit“ rief ich. Doctor Breitſam zuckte ſpöttiſch die Achſeln. „Fräulein Marion wird dann nicht mehr mit ihm ſpielen!“ fuhr ich fort. „Bah“ ſagte Doctor Breitſam wegwerfend,„Pack ſchlägt ſich, Pack verträgt ſich. Sie müſſen beim Theater nicht Alles für baare Münze nehmen. Hier heißt es vor allem, ſich in die Verhältniſſe ſchicken; kann man dieſe nicht brechen, ſo bückt man ſich ſelber. Doch nun kommen Sie, ich muß den Director noch in ſeinem Bureau treffen und Sie dürfen Ihr Opernglas nicht vergeſſen.“ Wir überſchritten den Gang und mein Begleiter, der hier vollſtändig orientirt ſchien, öffnete gegenüber eine Thür, die über drei oder vier Stufen hinab in einen zweiten, ziemlich hellen Gang führte, der in der gerade verlängerten Richtung des erſten nach vorn lief und dort durch eine Glasthür abgeſchloſ⸗ ſen war. 29 „Hier ſind wir nun ſchon im Heiligthum“, ſagte Doctor Breitſam, als ich neugierig umherblickte. Auf der rechten Seite des Ganges befanden ſich fünf oder ſechs Thüren, die in ihren obern Theilen Glas⸗ fenſter trugen. Innen angebrachte weiße Vorhänge hinderten einen Blick in die Zimmer zu thun. „Das ſind“ erläuterte Doctor Breitſam,„die Garde⸗ roben für das weibliche Theaterperſonal. Hier“, fuhr er in komiſchen Ernſte fort,„iſt das Reich der Friſeurs und der Schneiderinnen, der Garderobiers und Modi⸗ ſtinnen. Hier waltet Puder und Schminke, hier ver⸗ einigen ſich täglich Wahrheit und Dichtung, uns Männer draußen zu Rarren zu machen. Dieſe Räume ſehen Reize unſchuldig enthüllt, die wir Armen nur ahnen dürfen. Hier hat die letzte Ballettänzerin daſſelbe Recht auf eine aufmerkſame Behandlung, wie Schott⸗ lands unglückliche Maria Stuart, hier werden die wun⸗ derſamen Metamorphoſen vollzogen, die dem profa⸗ nen Auge ein entzückendes Räthſel bleiben, hier, ja hier iſt das eigentliche Reich der Geheimniſſe und Wunder.“ „Gut geſprochen“, lachte ich.„Und dieſe Thüren hier links?“fragte ich dann, und deutete auf grün ausgepolſterte Thüren, die gegen zehn Fuß hoch ſich auf ihren Angeln nach außen wie nach innen zu öffnen ſchienen. 30 „Das ſind die Zugänge, welche unmittelbar zur Bühne ſelbſt führen“, entgegnete Doctor Breitſam. „Hier—“ In dieſem Augenblicke wurde die eine der erwähn⸗ ten Thüren leicht aufgeſtoßen, und in ihr erſchien Marion. Ich erſchrak nicht wenig. „Sieh da, mein lieber Doctor“, rief ſie mit ihrem gewinnendſten Lächeln und reichte dem Angeredeten ihre kleine, vom feinſten Handſchuh bedeckte Hand,„gu⸗ ten Morgen! Das iſt ja eine prächtige Ueberraſchung! Wollen Sie in die Probe?“ Doctor Breitſam führte ſchmunzelnd die dargebotene Hand zu ſeinen breiten Lippen, ein Anblick, bei dem mir ganz wehe ward.„Es iſt die glücklichſte Vorbe⸗ deutung“ ſagte er dann,„für den ganzen Tag, Ihnen ſchon am frühen Morgen in die Hände zu laufen, kleine Marion—“ „Ach was“ unterbrach ihn dieſe ſchmollend,„warum nennen Sie mich ſchon wieder kleine Marion? Ich will es nicht haben, ich bin gar nicht klein, ich—“ „Sie ſind allerliebſt“, unterbrach Doctor Breitſam ſie wieder,„Sie ſind reizend, ſchön jung, witzig; aber wenn ich Sie zehnmal ſo nennen würde, ſo bezeichnet Sie doch nichts ſo ſehr, als wenn ich kleine Marion zu ————— —— 31 Ihnen ſage. Und dann, haben Sie nicht den kleinſten Mund, haben Sie nicht die kleinſten Hände, haben Sie nicht die kleinſten Füßchen?“ „Sie ſind unverbeſſerlich, Doctor!“ lachte Marion und ſchlug ihn mit dem Schirm ſtrafend auf die Schulter.„Doch zur Probe kommen Sie zu ſpät, ſie iſt gleich zu Ende.“ „Ich weiß das; zum Glück kam ich gerade noch recht, die moraliſche Ohrfeige zu bewundern, die Sie Ihrem Collegen Kalmus gegeben.“ „Wie? Sie haben—“ „Ja, ich war im Parquet und ſah Alles.“ „Ah, das iſt nicht recht. Sie werden zudringlich, lieber Doctor. Denn ſolche Dinge ſind Familienge⸗ heimniſſe, das ſind die wahren Gardinenpredigten!“ „Sie zürnen mir ſchöne Marion?“ ſpottete Doctor Breitſam. „Ja.“ „Wenn ich Ihnen aber verſpreche, heute Abend bei dem bewußten Abgange recht zu klatſchen?“ „Dann“ lachte die Schauſpielerin,„dann würde ich vielleicht zu bewegen ſein, Ihnen zu verzeihen.“ „Die Hand darauf“ ſagte Doctor Breitſam. „Die Hand darauf“, entgegnete die Schauſpielerin und reichte dem Doctor ihr kleines Händchen hin, das 32 dieſer wieder feſthielt und zu ſeinem begierigen Munde führte. „Wahrhaftig, Sie ſind unausſtehlich mit Ihrem Händeküſſen“, rief das Mädchen in einem Tone, von dem man nicht wußte, ob er Scherz oder Ernſt war, und entzog ihm raſch ihre Hand. „Zanken Sie ſchon wieder?“ „Sie ſind wie die kleinen Kinder, denen man von Zeit zu Zeit die Ruthe zeigen muß, damit ſie brav bleiben.“ „Strafe für mich iſt ein ungnädiger Blick aus Ihren ſchönen Augen.“ „Sie wollen mich wieder verſöhnen.“ „Ja, und ſtelle Ihnen zu dieſem Zwecke meinen Freund Doctor Wander vor, derſ es ſich heute Abend zur Ehre rechnen wird, im Klatſchen mein Helfershelfer zu ſein.“ Marion erwiderte meine Verbeugung mit freund⸗ lichem Gruße. Ich glaubte ihr einige Schmeicheleien ſagen zu müſſen, aber mein Begleiter unterbrach mich.. „Kleine Marion“ ſagte er,„hätten Sie doch vorhin die Aufregung ſehen können, in welche unſern Freund Ihre feindliche Begegnung mit Kalmus verſetzte!“ „Wie?“ rief Marion.„Sie waren auch zugegen, mein Ser 33 „Ja, mein Fräulein“ antwortete ich,„ich hatte das Vergnügen, Ihren Muth zu bewundern.“ „Wie indiseret von Ihnen!“ ſagte die Schauſpielerin zu Doctor Breitſam. „Indiscret?“ wiederholte dieſer lachend.„Die mo⸗ raliſche Entrüſtung unſeres Freundes gegen Kalmus gibt Ihnen die Bürgſchaft, daß er heute Abend für Sie ſeine Schuldigkeit thun wird.“ „Als ob man“, entgegnete Marion vorwurfsvoll, „ſeine Freunde nur nach ihrem Klatſchen und Bravo⸗ rufen ſchätzte!“ „Beruhigen Sie ſich“, bemerkte Doctor Breitſam, „das thun wir alle im Leben, mehr oder minder, ſo oder ſo. Und nun Gott befohlen, kleine Ma⸗ rion, ich muß zum Director. Oder begleiten Sie mich?“. „Nein, ich habe in der Garderobe zu thun.“ „Noch eins“, rief Doctor Breitſam.„Darf ich mir in dieſen Tagen das Vergnügen machen, meinen Freund bei Ihnen einzuführen?“ „Die beiden Herren werden mir willkommen ſein.“ „Wann? Morgen? Uebermorgen?“ „Wann es Ihnen gefällig iſt.“ „Und heute Abend?“ Oelſchläger, Wunderliche Leute. II. 0 34 „Klatſchen Sie recht“ rief die Schauſpielerin munter und verſchwand in einem der Ankleidezimmer, Doctor Breitſam und ich betraten durch das Glas⸗ fenſter das für das Theaterperſonal beſtimmte ſtei⸗ nerne Stiegenhaus und ſtiegen eine Treppe höher, wo auf dem Corridor das Bureau des Inſper⸗ tors lag. „Nun, wie gefällt Ihnen die kleine Marion?“ fragte Doctor Breitſam. „Vortrefflich, ſie iſt ein reizendes Geſchöpf. Wie kamen Sie aber dazu, mich bei ihr einführen zu wollen?“ „Ich dachte mir, daß Ihnen das angenehm ſein würde, und benutzte die Gelegenheit. Sie ſind doch ein wenig in Fräulein Marion verliebt.“ „Sie haben mich als Doctor vorgeſtellt, ich bin nicht Doctor. Ich bin ein einfacher Student.“ „Welch unnütze Skrupel! Wer läßt ſich heute nicht Doctor nennen! Und dann, Doctor iſt ein Titel, der Ihnen bei der Theaterwelt überall den zu⸗ vorkommendſten Empfang ſichert, den Sie ſich nur wünſchen können. Man meint, Sie ſchreiben für Zei⸗ tungen.“ „Das thue ich aber nicht“, warf ich ein. „Sie thun es nicht, aber Sie können es thun. 35 Führe ich Sie ohne Titel ein, ſo müſſen Sie einen Geldſack unter den Arm nehmen und ſind doch nicht ſicher, ob Sie nicht hinausgeworfen werden. Der Doc⸗ tortitel iſt für uns, was dem Banquier ſeine Million, was dem Offizier ſeine Uniform, was dem Freiherrn ſeine Krone am Kutſchenſchlag. Alſo, es bleibt dabei, von heute an ſind Sie Doctor Wander.“ „Das iſt Schwindel“, wagte ich ſchüchtern zu be⸗ merken. Doctor Breitſam blieb vor mir ſtehen und ſah mich voll an. Dann ſagte er mit der ernſteſten Miene von der Welt: „Hören Sie, lieber Freund, Sie haben eigenthüm⸗ liche Ausdrücke. Gemeinheit, Schwindel— weiß der Himmel, was Ihnen noch Alles in den Mund kommt. Denken Sie ſich, was Sie wollen, aber geben Sie doch wenigſtens den Dingen, wenn Sie laut davon ſprechen, auch einen anſtändigen Namen. Darauf kommt Alles an, glauben Sie mir das. Wer wird heutzutage ſolche Worte wie Gemeinheit oder Schwin⸗ del in den Mund nehmen! Nennen Sie das eine Rückſichtsloſigkeit und das andere Lebensklugheit, Schlau⸗ heit oder meinetwegen auch noch unberechtigte Schlau⸗ heit— ſehen Sie, das klingt ſchon ganz anders und 3* 36 iſt accurat die nämliche Geſchichte. Darum aufgepaßt, mein lieber Herr.“ Ich verſprach, mir die gute Belehrung zu Herzen zu nehmen, und verabſchiedete mich, nachdem mir Doc⸗ tor Breitſam richtig noch zu meinem Opernglaſe ver⸗ holfen hatte, das ſich wohlverwahrt in den Hän⸗ den des Hausinſpectors befand. Als wir uns trenn⸗ ten, bat mich mein neuer Freund wiederholt, ja abends der Vorſtellung beizuwohnen, was ich zu⸗ ſagte. Ich wäre auch ohne das Drängen des Doctor Breitſam gekommen. Wenn ich gleich an deſſen Per⸗ ſönlichkeit keinen beſondern Gefallen fand, ſo war ich doch ſchon ganz von jenem Reiz umgarnt, den das Theaterleben auf Jeden ausübt, der mit ihm als Neuling in Berührung kommt, und den ich erſt dann vollſtändig wieder auf die Seite zu ſchieben ver, mochte, nachdem ich zu meinem Schaden und leider nur allzu ſpät einſehen gelernt hatte, wie locker und unſicher der von den ſchönſten Blumen überwucherte Boden war, auf welchem ich mich bewegte. Es kam richtig ſo, wie Doctor Breitſam voraus⸗ geſagt hatte. Als Marion ihren letzten Satz mit vollendeter Kunſt, voll Munterkeit und Schalkheit ge⸗ ſprochen und die Bühne verlaſſen hatte, erhob ſich von 37 allen Seiten ſtürmiſcher Beifall; Kalmus aber hatte inzwiſchen ſchon, bevor eigentlich noch Marion recht ver⸗ ſchwunden war, ſeinen Monolog begonnen und ſprach ihn unbeirrt durch die ſeiner Collegin geltenden Bravo⸗ rufe weiter. Ein Theil des Publikums rief dem klat⸗ ſchenden ein Stille heiſchendes Pſt! zu, und Marion war um ihren Hervorruf gebracht. Kalmus hatte ihr den ſchönen Abgang richtig verdorben. Doctor Breitſam, der dieſen Abend in der Direc⸗ torloge breit Platz genommen hatte und von dort aus in ſeiner unendlichen Eitelkeit bemüht war, dem Publikum die Ehre bemerklich zu machen, die ihm da⸗ mit widerfahren war, hatte mich in dem betreffenden Moment durch lebhaftes Zuwinken aufgefordert, mich gleich ihm an dem Applaus für Marion zu betheiligen. Ich that meine Schuldigkeit, wie ich nur konnte, aber wie geſagt, es half nichts. Ich war wüthend, ich hätte den Kalmus erwürgen können. Die Schauſpie⸗ lerin ſchien auch außer ſich zu ſein; denn als ſie wie⸗ der neben Kalmus aufzutreten hatte, warf ſie ihm einen Blick voll Haß und Groll zu, und da Kalmus dieſen Zornausbruch mit einem unmerklichen Lächeln erwiderte, ballte ſie ihre kleine Fauſt, als ob ſie den boshaften Burſchen zu zermalmen wünſchte. Zum erſten Male erfuhr ich, daß auf der Bühne neben der 38 eigentlichen Komödie noch eine andere geſpielt werden kann, die dem uneingeweihten großen Publikum ver⸗ borgen bleibt, an Naturwahrheit aber die ſſich offen⸗ kundig abwickelnde häufig übertrifft. Ich muß geſte⸗ hen, mein Intereſſe an dieſen Dingen wuchs mehr und mehr. Drittes Kapitel. Doctor Breitſam hatte an jenem Abend durch einen Logendiener bei mir anfragen laſſen, ob ich nicht ge⸗ willt ſei, ihm den nächſten Morgen einen Beſuch zu machen, und da er ſich doch einmal erboten hatte, mich bei Marion einzuführen, ſo hielt ich es für eine Pflicht der Höflichkeit, ihn vorerſt aufzuſuchen, und ſagte zu. Faſt hätte ich ſeine Wohnung nicht gefunden. Er hatte mir zwar ſagen laſſen, er wohne Albertplatz Nr. 13; als ich aber dahin kam, fand ich über der Hausthür ein Schild mit der Firma: Joſeph Breitſam, Handſchuhfabrikant. Das konnte Doctor Breitſam nicht ſein! Vielleicht hatte er einen Bruder, der dieſem edlen Induſtriezweig 40 oblag und deſſen Wohnung mir der Logendiener irr⸗ thümlich ſtatt der des Doctors genannt hatte. Jedenfalls konnte ich aber hier erfahren, wo der letztere wohnte. Ich trat alſo in den neben der Hausthür befind⸗ lichen Laden, deſſen Auslage mit Handſchuhen aller Farben und aller Größen geſchmückt war, und wer beſchreibt meine Ueberraſchung, als ich hinter der Laden⸗ tafel richtig meinen Freund Doctor Breitſam hand⸗ thieren ſah! Ich glaubte zu träumen; ein paar Damen waren beſchäftigt, ihre Auswahl unter den vorgelegten Hand⸗ ſchuhen zu treffen, und Niemand anders als Doctor Breitſam war es, der ihnen mit der vollendetſten Ge⸗ ſchäftsmiene und mit der Lebhaftigkeit eines Commis⸗ Voyageur ſeine Waare anpries. „Ich würde Ihnen rathen, dieſe zu nehmen, mein Fräulein“ ſagte er und reichte der einen der Damen ein paar hellbraune Handſchuhe hin;„ſie ſind zwar etwas theurer als die von Ihnen gewünſchten, aber ihre Qualität iſt prima, und ſo reizende Händchen, wie die Ihrigen, ſollten ſich doch nur mit der beſten Waare ſchmücken.“ Die junge Dame lachte und erröthete. In mir aber war nach dem Gehörten kein Zweifel 4¹ mehr, daß es wirklich Doctor Breitſam ſei, der vor mir ſtand, das Glas in das eine ſeiner Augen einge⸗ kniffen und mit einer wahren Faunmiene ſeine ſchöne Käuferin betrachtend. Indem gewahrte er mich. „Guten Morgen, Doctor, guten Morgen“, rief er. „Das iſt ſchön, daß Sie Wort halten. Ich bitte nur einen Augenblick noch mich zu entſchuldigen.“ Doch der Kauf war ſchon geſchloſſen, die Damen entfernten ſich, von Doctor Breitſam unter einer Flut von Artigkeiten und Verbeugungen bis an die Thür begleitet. Als ſich dieſe geſchloſſen, küßte er ſchnalzend ſeine ſchmuzigen Fingerſpitzen. „Ein reizendes Geſchöpf“ ſagte er.„Doch nun kommen Sie, lieber Doctor, wir wollen es uns nebenan bequem machen— Eduard“ rief er einem bleichen, hinter ſeinem Schreibpult kauernden Ladenjungen zu, der vorhin ſo wenig wie ſein würdiger Principal die Damen auch nur einen Moment aus den Augen gelaſſen hatte,„ich bin für Niemand zu ſprechen, hören Sie, für Niemand. Wenn Jemand kommt, bedienen Sie die Kunden, aber ſchneiden Sie mir nicht ſo viel die Cour. Das ſchickt ſich für Sie noch nicht.“ Der Junge ward blutroth im Geſicht und beugte 42 ſich verlegen über ſeine Arbeit. Doctor Breitſam aber führte mich in ein an den Ladenraum ſtoßendes Ka⸗ binet, wo ich kalte Küche und Wein ſervirt fand. Es waren nur zwei Couverts aufgelegt, die Vor⸗ bereitung galt alſo allein mir. Wir hatten Platz genommen und Doctor Breitſam forderte mich auf zuzugreifen. Ich muß geſtehen, ich war befangen, ich vermochte mich nicht in die doppelte Natur meines Wirths, der die Beſchäftigung eines Handſchuhfabrikanten und eines Theaterreferenten in einer Perſon vereinigte, zu finden. Ich hatte in meiner Einfalt erwartet, in die Studir⸗ ſtube eines Aeſthetikers zu treten, und war in eine Handſchuhfabrik gerathen. Es kam mir, wie ſchon öfter in den letzten Tagen, wieder einmal ſo vor, als ob nicht Alles auf der Welt den idealiſchen Anſchauungen entſpräche, denen ich mich bis jetzt über Kunſt und Kunſtbeſtrebungen hingegeben hatte. Ich war tief verſtimmt. Doctor Breitſam, wie ich ihn denn auch fernerhin nennen will, obwohl mir klar zu werden anfing, warum er den Tag vorher mein Sträuben gegen den Doctor⸗ titel mit ſo lebhaftem Spott bekämpft hatte, mochte ahnen, was in mir vorging. Als er einſah, daß er meine Unluſt zum Eſſen 43 nicht zu beſiegen vermöge, bot er mir eine Cigarre, zündete ſich ſelbſt eine an und begann dann, lang in ſeinen Fauteuil ausgeſtreckt, folgendermaßen: „Sie ſcheinen mir einigermaßen überraſcht, lieber Freund, mich in dieſer Umgebung zu finden. Ich nehme Ihnen das nicht übel, aber Sie verſetzen mich dadurch in die Nothwendigkeit, Ihnen einige erläuternde No⸗ tizen über mich zu geben.“ Ich wollte Doctor Breitſam unterbrechen, er wehrte aber ab und fuhr fort: „Laſſen Sie mich reden, Verehrteſter. Ich ſagte Ihnen ja, ich nehme Ihnen Ihr Erſtaunen nicht übel, und die Nothwendigkeit, über mich ſelbſt zu ſprechen, verſetzt mich in keine Verlegenheit. Hören Sie alſo. Ich bin in Norddeutſchland geboren, in Oſtpreußen, und meines Zeichens ein Kaufmann. Ich ward als ſolcher erzogen. Schon als ein ſehr junger Burſche begriff ich die Zeit und begriff namentlich, daß man heutzutage nicht das iſt, was man iſt, ſondern das, was man ſcheint. Sie verſtehen mich vielleicht nicht. Ich meine, man gilt heutzutage lediglich ſo viel, als man ſelber aus ſich macht. Man muß nur den Muth haben, zu ſcheinen, und die Welt läßt einen gelten. Wer viel fragt, geht irre, und wer Alles, was er thut, als ſelbſtverſtändlich und berechtigt hinſtellt, dem läßt die 44 Welt auch Alles hingehen. Wie geſagt, ich begriff das ſehr bald, und ſo kann es Sie nicht Wunder nehmen, wenn Sie mich ſchon vor zehn Jahren an der Redaction eines Blattes finden, obgleich ich nur ein junger ge⸗ lernter Kaufmann war. Ich hatte nämlich immer die lebhafteſte Neigung für Frauen und namentlich für die vom Theater gehabt; ich ſah ein, daß ich mir einen nicht unbedeutenden Einfluß verſchaffen würde, wenn ich die Theaterkritik in meine Hände brächte, und kaufte mir eine große Anzahl Actien eines Journals unter der Bedingung, daß man mir das Theaterreferat über⸗ laſſe. Das geſchah, und ich hatte keinen Grund, mein Unternehmen zu bereuen. Im Anfang freilich mag ich doch etwas ſchüchtern aufgetreten ſein, denn ich ward von den Mitgliedern des Theaters noch immer nicht mit demjenigen Reſpekt behandelt, den ich für wünſchenswerth hielt. Einige mochten auch Lunte riechen hinſichtlich meiner Quali⸗ fication zum Recenſenten. Da entſchloß ich mich denn gröbere Töne anzuſchlagen, ſchalt auf Alles, was ich ſah, tadelte Alles, was ich hörte, und ſiehe da, die guten Leutchen krochen zu Kreuze, und ich war ein gemachter Mann. Auf den Kopf war ich nicht gefallen, und ſo verſtand ich mich ſelbſt über kritiſche Lagen, in die mich mein Mangel Eurer ſogenannten klaſſiſchen 45 Bildung hätte bringen können, durch einige Purzel⸗ bäume glücklich hinwegzubringen. Nun begann ein gott⸗ volles Leben, voll Intriguen, voll Abenteuer, voll Le⸗ bensluſt. Ich ſage Ihnen, ich war damals ein ſauberer Burſche, ſtattlich und etwas vorſtellend, ich hatte keine Concurrenz zu fürchten, und— doch laſſen Sie mich über jene Zeit raſch hinweggehen. Nach ein oder zwei Jahren ſollte ich erfahren, daß nicht Alles Gold ſei, was glänzt. Einige Schauſpieler begannen ſich gegen meine Kritik aufzulehnen, das böſe Beiſpiel fand Nachahmung, ich erhielt anonyme Schmähbriefe, man drohte mir mit Schlägen und eines ſchönen Abends ward mein Aus⸗ geher ſtatt meiner wirklich mit einer Tracht unver⸗ dienter Prügel geſegnet. Das genügte mir. Was man im gewöhnlichen Leben perſönlichen Muth nennt, habe ich immer für ein Uebermaß phyſiſcher Brutalität gehalten, und ſo entſchloß ich mich, müde der fortgeſetzten Anfeindungen, Knall und Fall die Stadt zu verlaſſen. Dazu hatte mich plötzlich eine faſt krankhafte Sehnſucht ergriffen, ein ruhiges und zurückgezogenes Leben zu führen, ich ſtellte mir das Wirken in einer kleinen Stadt als höchſt idylliſch vor, und ſo benutzte ich die ſich mir eben bietende Gelegenheit, mit dem Reſte meines ſchon bedeutend 46 geſchwundenen Vermögens mir eine Siegellackfabrik zu kaufen. Von dieſer Zeit ſpreche ich nicht gern, denn nach fünf Jahren ſah ich mich genöthigt, Concurs an⸗ zumelden. Was war nun zu thun? Zur rechten Zeit erin⸗ nerte ich mich meines alten Grundſatzes: Man iſt, was man ſcheint. Ich begann Bücher zu ſchreiben und zwar, Sie werden ſtaunen, Reiſebeſchreibungen.“ „Sie ſind wohl viel gereiſt?“ unterbrach ich meinen Erzähler. „Gott bewahre!“ rief dieſer.„Von allen den Ge⸗ genden, die ich mit ſo großem Erfolge als Touriſt ge⸗ ſchildert habe ich keine einzige geſehen.“ „Unmöglich!“ rief ich. „Mit Gottes Hülfe“, entgegnete Doctor Breitſam, „mit einiger Phantaſie und mit der Benutzung der ſchon vorhandenen Reiſeliteratur iſt Alles möglich.“ „Ihr Name auf dem Titel mußte Sie aber ver⸗ rathen“ warf ich ein. „Ich unterdrückte meinen perſönlichen Ehrgeiz und gebrauchte nur die Hälfte meines Namens. Ich nannte mich kurzweg Joſeph Breit.“ „Breit“, rief ich,„Breit, deſſen lebendige Dar⸗ ſtellung einer Montblancbeſteigung ich vor einigen Jahren geleſen habe?“ aettcc 47 „Allerdings, die habe ich geſchrieben“, bemerkte Doctor Breitſam ſelbſtgefällig;„den Montblanc ſelbſt habe ich nie in meinem Leben geſehen.“ „Das iſt ſtark!“ rief ich und wußte nicht, ob ich über die Unverſchämtheit meines Gegenüber lachen oder mich erzürnen ſollte. „Hören Sie weiter“ fuhr Doctor Breitſam fort.„Um dieſe Zeit ſtarb meine Mutter— mein Vater war ſchon lange todt. Ich bekam durch dieſen traurigen Fall wieder etwas Geld in die Hände und beſchloß nun, der, wenn man nie ſeine vier Wände verlaſſen hat, doch immer etwas gewagten Exiſtenz eines Reiſebeſchreibers ein Ende zu machen. Unſchlüſſig, wohin ich mich wenden ſolle, las ich in der Zeitung, daß hier in Ihrer Reſi⸗ denz ein auf die Gant gekommenes Handſchuhfabrik⸗ geſchäft zu verkaufen ſei. Da ich noch nie in Süd⸗ deutſchland geweſen, reizte mich die Idee, ich reiſte hierher, beſah das Anweſen und nach wenigen Wochen war es mein Eigenthum. Aber das Geſchäft ging flau, ſehr flau. Als Nord⸗ deutſchem mochte es mir ſchwer fallen, Kunden herbei⸗ zuziehen, ich hatte bald mehr Zeit, als mir lieb war, hinter meiner Ladenbudel über die Hinfälligkeit dieſes Erdenlebens nachzudenken. Zur rechten Zeit für mich wurde hier der Plan gefaßt, ein großes Theater zu 48 erbauen; ſofort erwachte die alte Leidenſchaft in mir und mein Plan war gefaßt. Sie ſtaunen über dieſe Neenaſſociation? Sie war nicht ſo ſeltſam, als ſie Ihnen erſcheinen mag. An dem Tage, da der Grundſtein zum Theater feierlich gelegt wurde, ſetzte ich mich mit den bedeuten⸗ dern auswärtigen Theaterjournalen in Verbindung, indem ich mich, Bezug nehmend auf meine frühere jour⸗ naliſtiſche Thätigkeit, zu Referaten über das neue Theater anbot, und an dem Tage, da die Beleuchtungsprobe in dem wie durch ein Wunder raſch hingeſtellten Muſen⸗ tempel vor ſich ging, richtete ich an den Theaterdirector im Hinweis auf meine Verbindung mit den Theater⸗ zeitungen mein Geſuch um Gewährung eines Frei⸗ billets. Dies hatte natürlich keinen Anſtand, und an dem Tage endlich, da mit Feſtouvertüre und Feſtvor⸗ ſtellung das Inſtitut glänzend eröffnet wurde, ſaß der Handſchuhfabrikant Breitſam vergnügt und zufrieden wieder als Reporter im Parquet.“ „Sie glaubten“, fiel ich fragend ein,„durch Ihre journaliſtiſche Thätigkeit ſich das Einkommen zu ſichern, das Ihnen Ihr Geſchäft verſagte?“ „Nein“ rief Doctor Breitſam,„das glaubte ich nicht! Ueberhaupt, journaliſtiſche Thätigkeit— Ein⸗ kommen— Sicherheit— wie reimt ſich das zuſammen? 49 Ich benutzte meine Stellung nur als Mittel, den Bo⸗ den, den ich unter meinen Füßen ſchwanken ſpürte, neu zu befeſtigen.“ „Ich verſtehe“, ſagte ich. „Ich richtete meine erſten Referate über das neue Theater ſo ein, daß ſie geeignet waren, Aufſehen unter deſſen Mitgliedern und je nach dem guten oder ſchlechten Gewiſſen, das die einzelnen hatten, Furcht oder Freude zu erregen. Ich wußte, daß man von meinen Be⸗ richten ſprechen werde, und hatte es unter der Hand zu verbreiten gewußt, daß ich der Verfaſſer ſei, wenn⸗ gleich ich öffentlich die Autorſchaft mit Beſtimmtheit zurückwies. Nach kurzer Zeit ließ ich wieder einige geharniſchte Kritiken los, in denen ich nur die tüchtigſten Kräfte des Theaters mit Angriffen verſchonte, nicht ohne bei günſtiger Gelegenheit durch ein Lächeln oder durch eine unbeſtimmte Antwort zugegeben zu haben, daß die vielbeſprochenen Berichte doch von mir her⸗ rühren könnten. Und da ich ſah, daß dieſe die gewünſchte Wirkung gehabt hatten und wie eine Bombe einge⸗ ſchlagen waren, führte ich den Hauptſchlag, indem ich in allen Zeitungen der Stadt Annoncen erſcheinen ließ, die mein junges Geſchäft dem Wohlwollen des Publi⸗ kums empfahlen.„Handſchuhe, Handſchuhe, Handſchuhe von Joſeph Breitſam“ las man in allen Blättern, an Helſchläger, Wunderliche Leute. II. 4 — 50 allen Ecken der Stadt. Das zündete. Schon am nächſten Morgen erſchien die erſte Soubrette des Theaters, um bei mir einzukaufen, nachmittags ſtellten ſich die beiden Lokalkomiker ein, ihrem plötzlich eingetretenen Bedürf⸗ niſſe an Handſchuhen abzuhelfen, am zweiten Tage erſchien die Liebhaberin, der Heldendarſteller, der In⸗ triguant, und am dritten ſah ich faſt den ganzen Laden vom Ballet, vom Chor und von der Schaar der Figu⸗ rantinnen belagert, zwiſchen denen ſich mit Mühe der Regiſſeur und der Muſikdirector durchdrängten, mir das Maß für ihre handſchuhbedürftigen Hände zuzurufen. Am vierten Tage war mein nicht unbedeutendes Lager ausverkauft, ich hatte kaum Zeit, alle die gemachten Beſtellungen zu befriedigen, ich verdoppelte die Zahl der Näherinnen, ſchaffte mir einen Lehrjungen an und bin jetzt, wie Sie ſehen, ein gemachter Mann.“ Doctor Breitſam hatte geendet und ſchien ſich an dem Erſtaunen, das offenbar meine Züge trugen, ſicht⸗ lich zu weiden. Ich dachte daran, mit welchem Ernſte ich bisher alle Berichterſtattungen in den Theaterjour⸗ nalen geleſen, denn nie war mir eine Pflicht höher und heiliger erſchienen als die einer unparteiiſchen Kritik, und nun hörte ich aus dem eigenen Munde eines Mannes vom Fach, nach welchem Maßſtabe er die Leiſtungen der Theatermitglieder beurtheilte. Nach 1 ———— 32 ehehee 51 ihrem Handſchuhbedarf! Fürwahr, die Sache wäre unendlich lächerlich geweſen, wenn ſie nicht auch wenig⸗ ſtens in meinen Augen ihre gar ſehr ernſte Seite ge⸗ habt hätte. Ich ſprang auf, ich verachtete den Menſchen, der mir noch dazu alles das mit einer an Beleidigung grenzenden Offenheit erzählt hatte. Ich machte aus meiner Anſicht kein Hehl, wenn ich ſie auch nicht ſo derb ausſprach, als wohl am Platze geweſen wäre. Doctor Breitſam ſetzte zuerſt in aller Gemüthsruhe die Cigarre wieder in Brand, die ihm während des Erzählens ausgegangen war, und lachte mir dann in das Geſicht. „Lieber Freund, das verſtehen Sie nicht“ ſagte er. „Lernen Sie erſt das Leben kennen, wie es in ſeiner Wirklichkeit iſt, und dann urtheilen Sie. Uebrigens, die Leutchen wollen es nicht anders. Zwinge ich Je⸗ mand, bei mir ſeine Handſchuhe zu kaufen? Nein, ſie kommen von ſelber. Soll ich ſie abweiſen? Oder ſoll ich ſie fragen, aus welchem Grunde ſie bei mir kaufen? Das wäre doch der ausgeprägteſte Unſinn! Alſo mögen ſie kommen. Lieber Herr, man muß die Menſchen immer ſo behandeln, wie ſie es ſich gefallen laſſen.“ „Fräulein Marion kauft auch bei Ihnen?“ 4* 52 „Nummer 4 ½, die kleinſte Nummer, die ich habe⸗ Der Abſatz, den ich durch meine Verbindung nach außen habe, iſt übrigens mindeſtens ebenſo ſtark als der in loco.“ „Wie machen Sie das?“ „Ich? Ich thue in dieſer Beziehung gar nichts⸗ Aber faſt jede Woche ſtellen ſich bei mir Schauſpieler von fremden Theatern ein, die hier gaſtiren möchten. Sie werden an mich empfohlen, und Sie würden, wenn ich Ihnen ein Verzeichniß dieſer Paſſanten geben wollte, die bedeutendſten Namen Deutſchlands darunter finden. Dieſe verlaſſen mich natürlich nicht, ohne auch in die Reihe meiner Kunden eingetreten zu ſein, und denken ſie gar daran, über kurz oder lang ein Engagement hier zu ſuchen oder ihr Gaſtſpiel ſpäter einmal zu wiederholen, ſo verfehlen ſie nicht, ſich durch Beſtel⸗ lungen von Zeit zu Zeit in meine Erinnerung zurück⸗ zurufen.“ „Sie ſind ein bewundernswerther Kopf“, ſagte ich und wollte gehen. Ich hatte genug. Doctor Breitſam hielt mich noch einen Augenblick zurück; er gab mir die Hand. „Sie werden“ ſagte er,„hoffentlich nicht im Grolle von mir ſcheiden. Ich habe Sie liebgewonnen und ich wünſchte noch recht oft Ihnen zu begegnen. Sollte 53 meine Offenheit mir bei Ihnen ſchaden? Ich hätte ja auch ſchweigen und es ruhig abwarten können, ob es Ihnen gelingen werde, in alle dieſe Verhältniſſe, die ich unaufgefordert Ihnen bloßlegte, einzudringen. Offenheit verdient aber, meine ich, immer Dank. Ich will noch offener ſein, ich will Ihnen ſogar geſtehen, daß ich ſelbſt nicht Alles, was ich thue, entſchuldigen möchte, oder daß ich es wenigſtens lieber ungethan wiſſen möchte. Es iſt mir nie eingefallen, mich als einen Tugendſpiegel hinzuſtellen, und ſo bin ich ehr⸗ licher als viele Andere, die ſich dafür auszugeben den Muth haben und es weniger ſind als ich. Aber um eins bitte ich Sie: glauben Sie mir, daß das Leben ſchwer und ſein Kampf hart iſt. Glauben Sie mir, daß es nur wenige Glückliche gibt, die ungezwungen und unberührt vom Schmuze, der uns Andern anklebt, über dieſes Daſein hinwegkommen; und darum muß man auch milder und nachſichtiger über ſeine Mit⸗ menſchen urtheilen lernen, als man vielleicht in manchen Fällen berechtigt zu ſein glaubt.“ Ich ſah dem würdigen Doctor ins Geſicht, wie weit es ihm mit dieſem moraliſchen Wiſchwaſch Ernſt ſein möge. Aber aus ſeinen Augen war nichts zu erkennen; das eine, das ſicher auf mich gerichtet war, 54 blickte in die Ecke des Zimmers, und das andere war von dem eingekniffenen Lorgnon ganz zugedeckt. Und doch konnte er mich nicht täuſchen! Dieſe biedere, ehrliche Miene ſtand zu ſehr im Gegenſatze zu ſeinen Handlungen. Er war ein vollendeter Heuchler. Er las vielleicht in mir, denn er ſchlug ſogleich einen andern Ton an und rief: „Und nun genug davon! Morgen gehen wir zur kleinen Marion, wie wir es ihr verſprochen haben, und wenn ich Sie durch dieſe Gefälligkeit, die ich Ihnen erweiſe, nicht mit mir ausſöhnen kann, dann ſind Sie der langweiligſte Philiſter, den die Welt je getragen Adieu.“ Er hatte Recht, ich ließ mich wirklich durch dieſen Dienſt mit ihm ausſöhnen. Marion beſuchen zu können, überwog alle andern Bedenken; Doctor Breitſam, ſo ſagte ich mir vor, konnte ich ja als ein überflüſſiges Werkzeug beiſeite ſchieben, ſobald ich ſeiner nicht mehr bedurfte. Viertes Kapitel. Marion wohnte in derjenigen Straße, in welcher die meiſten ihrer Collegen und Colleginnen wohnten. Wie die Studenten, die Offiziere, der reiche Adel ihre beſondern Viertel in der Stadt haben, ſo haben auch die Schauſpieler in den meiſten Städten ihr beſonderes Quartier, in das ſich nicht leicht ein Anderer verirrt. Daſſelbe pflegt naturgemäß in der Nähe des Theaters zu ſein, und es kann den dort ſpazieren Wandelnden leicht begegnen, daß aus dem Fenſter des einen Stockwerks der Häuſer eine durchdringende Stimme den Entſchluß des dort memorirenden Intriguanten ver⸗ kündet: Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter Kann kürzen dieſe fein beredten Tage, Bin ich gewillt, ein Böſewicht zu werden— 56 während auf der andern Seite Marquis Poſa ſchwär⸗ meriſch ausruft: O Königin, das Leben iſt doch ſchön! Dazu wird in der Ferne Klavier geſpielt, werden Sca⸗ len geſungen, Triller geſchlagen, Läufer geübt, und wäh⸗ rend ſich in Donna Anna's glühende Rachearie das übermüthige ca, ca, ca, ca des Banditen miſcht, iſt es gewiß nur der Höhe der Fenſterbrüſtung oder dem Mangel eines geeigneten Fußbodens zuzuſchrei⸗ ben, wenn über derſelben nicht zu gleicher Zeit der ſchmale Fuß der Tänzerin ſichtbar wird, die ihre Kraft und Anmuth an die gewagteſten Pas und Entrechats vergeudet. Ich hatte mich meiner Verabredung mit Doctor Breitſam gemäß um die Mittagszeit in der Theater⸗ ſtraße eingefunden und mich eine Zeit lang an den mit feinem Geſchmack und verſchwenderiſcher Ausſtat⸗ tung von den Damen der Bühne zur Schau getragenen Wintertviletten ergötzt, nicht minder an der weltver⸗ achtenden Miene, die der Darſteller des Hamlet auch auf der Straße beibehalten zu müſſen glaubte, und an der kecken Zuverſicht, mit der der muntere Liebhaber den vorübergehenden Mädchen unter die Schleier zu ſehen für geboten fand. Endlich ward auch Doctor Breitſam ſichtbar. 57 Er verſicherte durch Geſchäfte abgehalten worden zu ſein. „Es geht ſchon ſtark auf zwei Uhr“ ſagte er, ſeine Uhr herausziehend,„die Kleine wird beim Eſſen ſein indeß wollen wir unſer Glück verſuchen.“ Wir gingen auf das Haus zu, in deſſen zweitem Stock die Wohnung der Schauſpielerin lag. Ein nettes Kammermädchen öffnete uns. „Grüß Gott, Lina“ ſagte mein Begleiter, den Hut leicht lüpfend,„iſt es erlaubt?“ „Das Fräulein ſind beim Speiſen, der Herr Doctor ſind jedoch, wie Sie wiſſen, immer willkommen.“ Sie öffnete die nächſte Thür, uns eintreten zu laſ⸗ ſen, und verſchwand wieder im Gange, vermuthlich, um uns anzumelden. Es war unnöthig; denn wir waren kaum in den Salon, zu dem uns das Mädchen geführt hatte, einge⸗ treten, als aus dem geöffneten Nebenzimmer die Stimme der Schauſpielerin laut wurde: „Nur herein, Doctor, ich habe Sie ſchon gehört. Sie kommen gerade recht.“ „Das iſt geſcheidt, kleine Marion“, anwortete Doe⸗ tor Breitſam, und als ich hinter ihm eintrat, ſah ich, daß Marion wirklich eben beim Eſſen ſaß. Ich hielt es für paſſend, einige Entſchuldigungen 58 vorzubringen, ſie wurden aber in der munterſten Weiſe zurückgewieſen. Doctor Breitſam hatte indeſſen ſein Lorgnon in das linke Auge gekniffen und ſich über den Tiſch ge⸗ beugt, die in zierlichen Schüſſeln und Platten aufge⸗ tragenen Speiſen zu muſtern. Die Schauſpielerin ſprach noch mit mir fort, da nahm er in der gemüthlichſten Weiſe deren Gabel vom Teller und ſteckte ſich ein Stück vom Fiſche, den ſich jene eben vorgelegt hatte, in den Mund. Er ſchmatzte mit den Lippen. „Daran“, rief er,„erkennt man doch gleich die Wie⸗ nerin! Feſche Kleider, feſche Küche! Der Fiſch iſt de⸗ licat!“ Ich hätte dem unverſchämten Burſchen eins hinter die Ohren geben können. Marion lachte. „Die Herren haben noch nicht geſpeiſt? Lina, noch zwei Couverts!“ Ich lehnte in der beſtimmteſten Weiſe meine Theil⸗ nahme an dem Diner ab; Doctor Breitſam breitete die. Serviette über ſeinen Schooß und war bald vollkom⸗ men mit der Aufgabe beſchäftigt, welche die in reichli⸗ chem Maße vorhandenen Speiſen ihm ſtellten. Es war unſchön, den Mann eſſen zu ſehen. 59 „Ein Gläschen Wein werden Sie doch nicht ver⸗ ſchmähen?“ ſagte Marion zu mir. Ich mußte mich fügen und ſtieß auf das Wohl der Schauſpielerin an. Dieſe hatte inzwiſchen ihr Diner geendigt, ſchob die Teller zurück und begann ſich's in der Chaiſe longue, auf der ſie Platz genommen hatte, bequem zu machen. Sie lehnte ſich in die Ecke zurück und zog ihre Füß⸗ chen hinauf. Dabei ſchlug ſie unten auf das Kleid, daß dieſes keine verrätheriſchen Falten werfe, lachte über eine un⸗ paſſende Bemerkung, die Doctor Breitſam bei dieſer Gelegenheit ſeiner Beſchäftigung abzugewinnen für gut fand, und ſetzte dann in der unbefangenſten Weiſe ihr Geſpräch mit mir fort. Sie war entzückend in ihrem Geplauder, wie in der ganzen Art, zu ſein und ſich zu geben. Die Frei⸗ heit, die ſie ſich nahm, über Manches, was uns Andern Conbenienz und Sitte gebeut, graziös hinwegzu⸗ ſpringen, begeiſterte mich. Manches, was ſie that und was ſie ſagte, hätte an einer Andern mißfallen müſſen, ſie aber verſtand in alle ihre Handlungen und Bewegungen eine Anmuth zu legen, der man Alles verzieh. Wir ſprachen natürlich vom Theater. 60 „Sie beſuchen unſere Vorſtellungen häufig?“ fragte mich die Schauſpielerin. Ich bejahte es. „Doctor Wander“, rief Breitſam,„iſt einer Ihrer begeiſtertſten Verehrer.“ „Sie übertreiben wieder“, lächelte ſie und fuhr dann wieder zu mir gewendet fort: „Ich habe Sie neulich, da mir Kalmus ſeinen bos⸗ haften Streich ſpielte, zum erſten im Parquet bemerkt.“ „Jetzt ſitze ich ſchön in der Patſche“, unterbrach ſie Breitſam. „Wie ſo?“ „Ich habe Doctor Wander geſ ſagt, daß Ihnen ſein regelmäßiger Theaterbeſuch ſchon längſt aufgefallen ſei.“ „Ah“, machte die Schauſpielerin gedehnt. „Sie haben alſo gelogen?“ fuhr ich gegen Breit⸗ ſam auf. „Was Sie ſchon wieder für garſtige Ausdrücke ge⸗ brauchen!“ ſagte dieſer.„Wahrhaftig, am Ende muß ich Sie gar noch fordern. Aber ich bitte Sie, laſſen Sie mich in Ruhe und ſtören Sie mir den Genuß nicht, welchen mir dieſer vorzüglichſte aller Weinpuddings bereitet.“ Damit ſcharrte er ruhig die Sauce in ſeinem Teller ——————————————— 61 zuſammen und führte den faſt überlaufenden Löffel zum Munde. Nur die Anweſenheit Marion's brachte mich Si daß ich an mich hielt. „Welchen Grund hatten Sie aber, dieſe Unwahrheit zu ſagen?“ fragte jene. „Welchen Grund?“ wiederholte der Gefragte und ſah von ſeinem Teller auf.„Ich hatte die ſtarke Ver⸗ muthung, daß mein ehrenwerther Freund in Sie ver⸗ liebt ſei, das intereſſirte mich und ich beſchloß der Sache in der einfachſten Weiſe auf den Grund zu kommen. Ich fing von Ihnen zu ſprechen an, und ſiehe, mein Freund Doctor Wander zeigte eine ſo glühende Ver⸗ legenheit, daß ich alſogleich erkennen mußte, wie wenig ich mich getäuſcht habe.“ „Mein Herr“ brach ich jetzt los,„Sie fangen an unverſchämt zu werden.“ „Schon wieder ſo ein abſcheuliches Wort!“ ſchalt Doctor Breitſam.„Wenn Sie ſich doch nur einmal dieſe Unarten abgewöhnen wollten!“ „Pſt, pſt!“ beruhigte mich Marion.„Ich ſehe, Sie kennen unſern Freund Doctor Breitſam noch zu wenig und ahnen nicht, wieviel wir alle von ihm zu ertragen und auszuſtehen haben. Wiſſen Sie übrigens daß ich Grund hätte, Ihnen ernſtlich böſe zu ſein?“ „Mir?“ fragte ich überraſcht. „Ja, Ihnen“ lachte Marion.„Habe ich Ihnen neulich abends nicht ganz freundlich von der Bühne zugewinkt?“ „Ja, das haben Sie“, beſtätigte ich. „Und Sie haben nicht einmal meinen Gruß erwi⸗ dert!“ „Unerhört“, bemerkte Doctor Breitſam, mit einem Glaſe Wein, das er ſich voll eingeſchenkt hatte, den letzten Biſſen hinunterſpülend. „Ich hatte nicht den Muth dazu“ entgegnete ich. „Ueberdies war ich doch in Zweifel, ob der Gruß wirk⸗ lich mir gegolten habe.“ „Wem denn ſonſt?“ lachte die Schauſpielerin wieder. „Sie vergeſſen, kleine Marion“, nahm Doctor Breit⸗ ſam das Wort,„daß Sie es mit einem Neuling in ſolchen Dingen, mit einem Neophyten zu thun haben, den Sie mit Ihren Grüßen von der Bühne nur recht erſchrecken. Ich wette, daß er blutroth im Geſicht ge⸗ worden iſt, ſchnell auf die Seite geſehen und verlegen und klopfenden Herzens im ganzen Hauſe umherge⸗ blickt hat, ob nicht das ganze Publikum den merkwür⸗ digen Vorgang bemerkt hat. Ich kenne das, es ging mir früher auch ſo.“ 63 Doctor Breitſam hatte Recht, ich war wirklich über alle Maßen verlegen geworden und hatte mich geſcheut, während des ganzen Abends wieder dem Blick Marion's zu begegnen. Doctor Breitſam hatte inzwiſchen, nachdem er ſich ſorgſam und behaglich den Mund abgewiſcht hatte, die Serviette weggelegt und langte nun in ſeine Rocktaſche. „Kleine Marion“ ſagte er,„ich bin überzeugt, daß Sie nach ſo vorzüglichem Diner für einen nicht minder vorzüglichen Mokka Sorge getragen haben, und werden mir deshalb erlauben, eine Cigarre anzuzünden.“ Damit brachte er ein Cigarrenetui zum Vorſchein. „Nein“, ſagte Marion,„das werde ich Ihnen nicht erlauben.“ „Die Cigarre iſt mir Bedürfniß.“ „Ich bedauere, in meiner Wohnung wird nicht ge⸗ raucht.“ „Aber, kleine Marion—“ „Ihr Bitten iſt umſonſt, Sie wiſſen, was ich mir einmal in den Kopf geſetzt habe, geſchieht.“ „Sie ſind ein launiſches Kind.“ „Mag ſein“ verſetzte Marion und fügte dann mehr ernſthaft bei:„Sie nehmen ſich immer mehr heraus, lieber Doctor; wer weiß, wo das noch aufhören würde.“ Doctor Breitſam ward verdrießlich. 64 Mit mürriſcher Miene ſteckte er ſein Etui wieder ein. Dann ſtand er auf und ſagte, er habe vergeſſen, daß er ſich in einem Kaffeehaus ein Rendezvous ge⸗ geben. „Wenn jder Umſtand, daß Sie hier Ihre Ci⸗ garre entbehren ſollen, Sie vertreibt“, ſagte Ma⸗ rion,„dann will ich Sie auch nicht Doctor.“ 4 Wir gingen, und Marion bat mich in der herz⸗ lichſten Art, recht bald wiederzukommen. Ihr Abſchied von Doctor Breitſam war ziemlich kühl. „Ein närriſches Mädchen, dieſe kleine Marion“, lachte mein Begleiter auf der Stiege.„Aber ein rei⸗ zendes Ding, ein Prachtkerl! Apropos, warum haben Sie die Einladung zum Eſſen nicht angenommen?“ „Ich hielt es für unpaſſend“ ſagte ich trocken. „Sie ſind ein unpraktiſcher Menſch. Was haben Sie gewonnen? Nichts, als daß Sie jetzt in eine Re⸗ ſtauration gehen und dort für theures Geld aufge⸗ räumte Ueberreſte hinnehmen müſſen. Ich habe mit dieſem Beſuch mindeſtens einen Thaler profitirt.“ „Von Ihrem Standpunkt aus haben Sie Recht“, ſagte ich.„Und nun adieu, ich gehe in einer andern Richtung.“ Ich hatte das Bedürfniß, mich von Doctor Breit⸗ 65 ſam zu trennen, der einen immer abſtoßendern Ein⸗ druck auf mich machte, ich wollte allein ſein. Natürlich kam mir das Mädchen nun gar nicht mehr aus dem Kopfe; weniger als je verſäumte ich das Theater und bemerkte wohl, daß der erſte Blick Marion's, wenn ſie auftrat, immer in die Ecke fiel, wo ich ſtand. Wenn ſie konnte, nickte ſie mir unmerklich zu, un als ich das erſte Mal den Muth faßte, ihren Gruß durch ein gleiches leiſes Nicken zu erwidern, lachte ſie und ſchien große Freude an den Fortſchritten zu haben, die ich in dieſer geheimnißvollen Sprache entwickelte. Doctor Breitſam ſuchte ich zu vermeiden, was mir freilich ſelten gelang, und ſo lernte ich all⸗ mälig ſeinen Umgang wie eine Laſt, die man nicht abſchütteln kann, ertragen. Nach einigen Tagen ſuchte ich die Schauſpielerin allein auf, ohne Döetor Breitſam etwas davon zu ſagen. Ich traf ſie zu Hauſe, und es ſchien ihr lieb zu ſein, daß ich meinen Beſuch ſobald wiederholte. Sie war in einer einfachen und doch geſchmackvol⸗ len Haustoilette. Als Schauſpielerin war ihr die Kunſt, ſich mit wenigen Mitteln zu ſchmücken, eine ge⸗ läufige. Mit den einfachſten Dingen verſtand ſie ihre Schönheit, ihr Haar, ihre Geſtalt zu heben. Oft war Helſchläger, Wunderliche Leute. I. 5 66 es nur ein Band, das ihr einen neuen Reiz, oft nur eine kleine ſeidene Schürze, die ihr einen leichten An⸗ ſtrich von Koketterie und dem Wunſche zu gefallen Ausdruck gab. Sie hatte mir im Salon Platz angeboten. Derſelbe war in der glänzendſten Weiſe möblirt, ohne ſchwerfällig oder überladen zu erſcheinen. Links von der Thür, durch die man eintrat, ſtand das Sopha, vor ihm ein mit Albums und ähnlichen Spiblereien bedeckter Tiſch. Die Fauteuils, das Sopha, die Stühle waren mit ſchwerem grünen Sammt überzogen. Rechts von der Thür ſtand ein Wiener Flügel mit zierlich geſticktem Notenbehälter. Die eine Ecke vorn war durch einen großen reich vergoldeten Spiegel, unter dem ſich ein Schmuckkaſten befand, ausgefüllt, die andere mit einem großen Glasſchrank, der zum Aufbewahren des Silberzeugs diente. Das mittlere der drei mit ſchwe⸗ ren, bis zum Boden reichenden Vorhängen verhüllten Fenſter war durch einen großen blütenbedeckten Blu⸗ mentiſch verſtellt, in deſſen Mitte ſich Bradier's reizende Bacchantin erhob, in den Niſchen der beiden andern ſtanden geſtickte Dreifüße, die zum Betrachten der Straße und der vor den Wen ſich ausdehnenden Anlagen einluden. Der Porzöllanofen endlich war oben in ſei⸗ ner ganzen Breite mit einer Unmaſſe alter, vertrock⸗ 67 neter und beſtaubter Blumenbouquets belaſtet— ſtummer Zeugen ebenſo vieler Triumphe— während die Wände mit Portraits ausgezeichneter und berühmter Schauſpieler und Schauſpielerinnen geſchmückt waren— Viele dieſer ſorgfältig und mit Geſchmack eingerahmten Bildniſſe trugen unten die eigenhändige Widmung der Geber. „Sie ſind reizend eingerichtet“, ſagte ich, nachdem ich meine Muſterung geendet. „Ich pflege, wenn ich nicht beſchäftigt bin, meine Zeit meiſt zu Hauſe zuzubringen und liebe es darum, die Räume, in denen ich mich aufhalten muß, bequem und comfortable zu haben.“ „Daß der Spiegel dort in der Ecke hängt, habe ich in Erfahrung gebracht, ohne ihn geſehen zu haben.“ „Wie das?“ lachte Marion.„Sie mußten ihn ja bei Ihrem neulichen Beſuche bemerken.“ „Nein, ich bemerkte ihn wirklich nicht; aber als Sie geſtern nachts vom Theater nach Hauſe gingen, folgte ich Ihnen und ſah dann noch von der Straße aus, wie Sie das Licht hier auf den Schmucktiſch ſtellten und ſich vor dem Spiegel die durch die Kapuze zerrütteten Locken in Ordnung brachten.“ Marion erröthete. Das ſtanf ihr außerordent⸗ lich gut. „ 5* 68 „Wann“ rief ſie,„iſt man denn eigentlich vor Euch Männern ſicher?“ Sie ſtand dann auf, mir die übrigen Räume ihrer * Wohnung zu zeigen. „Hier iſt mein Schlafzimmer“, ſagte ſie und öffnete die dem Eingang zum Speiſezimmer gegenüberliegende Thür. Ich warf einen raſchen Blick in das durch die ro⸗ then Vorhänge mit einem heimlichen Dunkel erfüllte Gemach. Toilettentiſche, Kommode, Schränke, bis zum Boden reichende Ankleideſpiegel nahmen den Raum ein; Alles war mit verſchwenderiſchem Luxus ausge⸗ ſtattet. Im Hintergrunde ſtand das mit ſeidenen Decken zugezogene Bett, vor ihm ein niedriger lederner 6 Lehnſtuhl, in deſſen Ecke eine zierliche Stiefelette lag,„ während die andere unter dem Bette hervorguckte. Die Luft war mit allen möglichen Odeurs und Parfüms gefüllt. Von der Decke in der Mitte des Zimmers hing eine rothe Kryſtalllampe herab. „Ich kann nicht im Dunkel ſchlafen“, ſagte Marion. „Wenn ich hier die Lampe anzünde, ſieht es in dem Zimmer wie in einer Kapelle aus.“ „In der Sie die Heilige ſind“, fiel ich ein. Wir traten in den Salon zurück, und Marion führte mich in das Speiſezimmer. 69 Wie ich ſchon das letzte Mal bemerkt hatte, war die ganze Länge deſſelben auf einer Seite von bis an die Decke reichenden Schränken aus Nußbaumholz einge⸗ nommen. Marion öffnete einen derſelben. Das iſt mein eigentlicher Reichthum“, ſagte ſie. Die Schränke waren mit einer glänzenden Garderobe angefüllt. Sie nahm einzelne Stücke heraus und ſagte mir, in welchen Rollen ſie dieſelben trage. Sie befragte mich um meinen Geſchmack, ſie wollte ſogar in einem beſon⸗ dern Falle meinen Rath haben. Ich geſtand, in ſolchen Dingen ein vollſtändiger Laie zu ſein. Sie lachte mich aus und meinte, ich ſei bei ihr gerade in die rechte Schule gekommen. Sie ſagte mir voraus, daß, wenn ich meine Beſuche fleißig wieder⸗ holen würde, ſie mit mir viel über die Toilette ſpre⸗ chen werde; Alles was mit dieſer zuſammenhänge, bilde nun einmal für ſie eins der wichtigſten Momente. Ich ſolle ihr übrigens, bat ſie, darum nicht böſe wer⸗ den oder gar ausbleiben, und wenn ſie nur erſt meine ſchwache Seite errathen habe, dann wolle ſie auch ſo viel mit mir darüber plaudern, daß ich ſie gewiß loben würde. 70 Sie ſagte das Alles mit bezaubernder Anmuth in Wort und Blick; jedes neue Lächeln, das ihren kleinen Mund umſpielte, legte eine neue Feſſel um mich. Wir blieben im Speiſezimmer, und ſie nahm auf der Chaiſe longue Platz, wo ſie ihre Füßchen gerade wieder hinaufzog wie das erſte Mal. Ich ſetzte mich ihr gegenüber auf einen Rohrſtuhl. Sie erzählte mir von ihren Verhältniſſen. Sie ſagte mir, daß ihre Mutter in Ungarn, ihr Vater in Wien lebe. Ich wurde aus ihren Familienbeziehungen nicht ganz klug, denn ich ſcheute mich, ſie weiter mit Fragen zu beläſtigen, und gab mich zufrieden mit dem, was ſie mir mitzutheilen für gut fand. Ihr Vater unterſtützte ſie aufs reichlichſte. Sie hatte, ſagte ſie mir, nicht nothwendig, von der Kunſt zu leben, aber eine mächtige Leidenſchaft für das Theater hatte ſie auf die Bühne geführt. Sie dachte nicht daran, dieſe zu verlaſſen; ſie war ehrgeizig, und ihr Sinn verlangte immer neue Aufregungen. Dabei war ſie, wenn es ihr gerade einfiel, prachtliebend, verſchwenderiſch. Jetzt kannte ſie keinen Wunſch, den ſie mit der Fülle ihrer Mittel ſich nicht hätte erlauben dürfen. Darum konnte ſie nach keiner Aenderung lüſtern ſein; ſollte ſie jemals heirathen, ſo mußte ein Mann kommen, der ihr noch Glänzenderes bot, als ſie ſchon hatte. Herabzuſteigen, 71 zu entſagen ſei ihr nicht möglich, verſicherte ſie mir, ſelbſt nicht aus Liebe. Sie plauderte alle dieſe Dinge mit einer muntern Offenheit heraus, und es war eine Freude, zuzuhören. Da wurde Beſuch gemeldet; ein Baron trat ein, deſſen Namen Roſenſtein war, ein älterer Herr und, wie es ſchien, ein Jude. Ich erhob mich zu gehen, um ſo raſcher, als ich in der Art, wie der Kommende die Schauſpielerin begrüßte, eine gewiſſe Vertraulichkeit bemerken wollte. Marion machte keinen Verſuch, mich zum Bleiben zu bewegen. Das verdroß mich, denn ich ſagte mir, ich ſei plötz⸗ lich überflüſſig geworden. Ich ſtand ſchon unter der Thür, als ſie mich bat, ſie am nächſten Morgen in der Probe zu beſuchen. „Iſt mir das erlaubt?“ fragte ich. „Bah“, antwortete ſie,„fragen Sie nur nach mir.“ Damit reichte ſie mir die Hand, und ich ſpürte einen leichten Druck, während ihr Auge an dem mei⸗ nen hing. Ich ging, nachdem ich mich noch über die hochmü⸗ thige, bäuriſchwornehme Art geärgert hatte, mit welcher der Baron meinen Gruß erwiderte. Als ich am nächſten Morgen meinem Verſprechen 72 gemäß die Schauſpielerin aufſuchte, öffnete ich eine der Thüren, durch welche ſie damals herausgetreten war, hatte ein paar Staffeln zu ſteigen und ſtand nun wirklich auf der Bühne, ſtand auf den Brettern ſelbſt, welche die Welt bedeuten ſollen und die doch durch das Wenige ſchon, was ich von ihnen geſehen und erfahren, ſo viel in meinen Augen verloren hatten. Ich ſtand bei einer der hinterſten Couliſſen, umge⸗ ben von einer Dunkelheit, an die ſich das Auge erſt gewöhnen mußte. Das Licht fiel zwar hinten voll und hell durch haushohe Fenſter herein, wurde aber auf ſeinem Wege allenthalben durch die rieſigen Seiten⸗ couliſſen und die Schlußcouliſſen aufgehalten, die vom Schnürboden, der ſich über mir in ſchwindelnder Höhe ausbehnte, bis auf den Boden herabfielen. Ich that einen erſtaunten. Blick in dieſes ſcheinbare Chaos von Maſchinen, Gerüſten, Stricken, Holz⸗ und Sparrenwerk, das mich oben und zur Seite umgab. Auf ſchmalem Geländer waren Arbeiter auf den höchſten Gallerien beſchäftigt mit Zange und Hammer, mit Farbe und Pinſel, und ein einfacher Flaſchenzug vermittelte mit ungemeiner Schnelligkeit den Verkehr von Stockwerk zu Stockwerk. Einige Schauſpieler ſtanden plaudernd wenige Schritte von mir. 73„ Ich näherte mich ihnen und fragte nach Marion. Sie ſei eben beſchäftigt, bekam ich zur Antwort; doch werde ſie gleich abtreten. Wenn ich bis zur erſten Couliſſe vorgehen wollte, würde ich ſie ſehen und mich ihr bemerklich machen können. Ich ſchlich mich leiſe zur bezeichneten Stelle vor und hatte nun einen freien Blick auf die Bühne hin⸗ aus, vor der der ganze Zuſchauerraum in dunkle Nacht begraben lag. Ich ſah auch Marion, die eben ſpielte. Sie bemerkte mich gleich und nickte mir unbefan⸗ gen zu. Wohl ſchritten einige Schauſpieler und neugierige Damen mich muſternd an mir vorbei, ich hielt aber, wenn auch klopfenden Herzens, Stand und wartete, bis die Scene zu Ende geſpielt war. Marion hatte im folgenden Acte faſt gar nichts zu thun, ſie ſetzte ſich deshalb zu mir an einen Tiſch, der zwiſchen der erſten und zweiten Couliſſe ſtand, und begann mit mir zu plaudern. Wir hatten dabei die Bühne, auf welcher die Probe unter Leitung des Re⸗ giſſeurs ihren Fortgang nahm, vor uns und ich fand dieſe Art von Unterhaltung voll Reiz und an⸗ genehm. Marion nahm Gelegenheit, mich dem Director vor⸗ zuſtellen, der eben vorüberging, und ebenſo wurde ich 74 9 mit mehreren andern Mitgliedern der Geſellſchaft be⸗ kannt. Auf der andern Seite der Bühne zwiſchen der zweiten und dritten Couliſſe zeigte ſie mir die Ameyer und Freund Kalmus, die, wie mir nicht entging, uns keinen Augenblick unbeachtet ließen. Die Ameyer war nicht hübſch, auch nicht mehr ganz jung und verlor am meiſten durch den mißmuthigen, verbitterten Aus⸗ druck, der ihrem Geſicht eingeprägt war. Ich konnte es nicht erwarten, Marion zu fragen, welche Bewandtniß es mit dem Beſuch habe, den ich Tags zuvor bei ihr getroffen. Sie lachte. „Ich habe es Ihnen wohl angeſehen“ ſagte ſie, „daß er keinen ſonderlich angenehmen Eindruck auf Sie gemacht. Ich mag ihn auch nicht leiden; da ich aber durch meinen Vater an ihn empfohlen bin und er zudem in der gefälligſten Weiſe die Abwickelung meiner Geldſchäfte übernommen hat, ſo muß ich ein Auge zudrücken und ihn empfangen, wenn es ihm eben einfällt, mich zu beſuchen.“ „Er ſtellte ſich ſehr vertraut gegen Sie“, ſagte ich. „Leider, leider“, ſeufzte Marion.„Das iſt ja das Unglück einer Schauſpielerin, daß ſie den Männern gegenüber fortwährend auf dem Kriegsfuße ſtehen muß. Wer glaubt nicht gerade bei einer Künſtlerin 75 ſich Alles erlauben zu dürfen? Dabei iſt ſie ſchutz⸗ los, ohne Beiſtand, lediglich auf ſich ſelbſt angewieſen und kommt auf dieſe Weiſe nie aus der Kriegsbereit⸗ ſchaft heraus.“ „Ach, man ſagt, daß die Damen vom Theater gern Frieden ſchließen!“ „Sagt man? Wirklich? Sie ſind abſcheulich.“ „Zürnen Sie nicht, ſchöne Marion“ bat ich. „Verdanken Sie dieſe menſchenfreundliche An⸗ ſchauung vielleicht Ihrem Freunde, dem Doctor Breit⸗ ſam? Glauben Sie ihm nicht Alles; es ſind nicht alle Dinge und nicht alle Menſchen ſo, wie er ſich einbildet.“ „Ich habe“, bemerkte ich,„mit Doctor Breitſam noch nie über dieſen Punkt geſprochen; ich vermeide es überhaupt, mit ihm über Gegenſtände zu ſprechen, in denen ich ihn für minder rückſichtsvoll und zartfüh⸗ lend halte, als man ſein ſollte.“ „Sie thun recht daran“ fiel Marion ein;„Doctor Breitſam iſt ohnehin kein Umgang für Sie.“ „Das ſagen Sie mir, Fräulein? fragte ich er⸗ ſtaunt. Es iſt vielleicht unrecht“, entgegnete die Schau⸗ ſpielerin,„daß ich ſo von Doctor Breitſam ſpreche, der Sie doch bei mir eingeführt hat. Indeß— ich habe 76 meine Gründe, ich kenne den Mann und weiß, wie man mit ihm umgehen muß.“ „Und doch geht er ſo häufig bei Ihnen ein und aus?“ fragte ich wieder. „Muß ich's nicht ertragen?“ rief die Schauſpiele⸗ rin.„Hänge ich nicht von ihm ab? Kann er mir nicht durch ſeine Verbindungen außerordentlich ſchaden? Bin ich ſchuld daran, daß er ſich bei mir nicht zufrieden gibt, wenn ich ihm jährlich für ſechzig oder ſiebzig Thaler Handſchuhe abkaufe? Der würdige Mann hat es ſich einmal in den Kopf geſetzt, mir die Ehre ſei⸗ nes Umgangs und ſeiner Beſuche zu gönnen— ich muß es mir gefallen laſſen. Aus Klugheit; daran iſt nichts zu ändern. Lieber Herr, Sie kennen die Bitterkeiten und Unannehmlichkeiten unſeres Standes noch nicht. Wir ſind in vielen Fällen Sklaven, wo wir Herrinnen, erniedrigt, wo wir angebetet ſchei⸗ nen. Glauben Sie mir das. Sie werden noch man⸗ cherlei Leute bei mir kennen lernen, die meine Wohnung ſtürmen, aus purer Schwärmerei für die Kunſt. So ſagen ſie, und ich widerſpreche nicht. Laſſen Sie ſich derkei Begegnungen nicht verdrießen. Denken Sie daran, warum ich mich mit Doctor Breitſam nicht überwerfen darf— in keinem Stande hat man Freunde nothwendiger als in unſerem.“ 77 Ich ſchwieg, dann ſagte ich leiſer: „Und ſollte es Keinem noch gelungen ſein, aus einem Freunde—“ In dieſem Augenblick gab der herantretende In⸗ ſpicient der Schauſpielerin das Stichwort. Sie mußte auftreten und lachte. „Das mag Ihnen ein Zeichen ſein“ ſagte ſie,„daß Sie im Begriffe waren, zu viel zu fragen.“ Dann bat ſie mich noch das Ende des Aufzugs abzuwarten, damit ich ſie nach Schluß der Probe nach Hauſe begleiten könne. Ich that nach ihrem Wunſche, und wenn ich auf⸗ richtig ſein ſoll, konnte ich mich nicht ganz eines Ge⸗ fühls der Eitelkeit erwehren, als mir die ſchöne, ge⸗ feierte Schauſpielerin geſtattete, neben ihr durch die Straßen zu gehen. Ich beſuchte ſie von dieſer Zeit an wöchentlich drei⸗ oder viermal, meiſt allein, bisweilen in Begleitung des Doctor Breitſam, den ich nicht mehr abzuſchütteln ver⸗ mochte. Ich hatte dabei Marion den Vorſchlag gemacht, dann und wann zuſammen etwas von unſern klaſſi⸗ ſchen oder von unſern neuen Poeten zu leſen, und ſie war gern darauf eingegangen. An den übrigen Ta⸗ gen begegnete ich ihr gelegentlich der Proben im Theater, ſodaß auf dieſe Weiſe wirklich kein Tag 78 verging, ohne daß wir uns ſprachen. Es war mir zum Bedürfniß geworden, und Marion verſicherte mir das ihrerſeits in gleicher Weiſe. Sie that das, ohne daß ich daraus für mich eine Hoffnung auf eine inti⸗ mere Annäherung ſchöpfen konnte. Sie bevorzugte mich, ohne daß ich mir ein Recht daraus zu machen wagte. Dennoch gewann ich allmälig gegenüber den vielen andern Beſuchen, die ſie empfing, ein Gefühl der Sicherheit. Ich hielt keinen derſelben für gefähr⸗ lich, ja mit Marion ſelbſt machte ich mich über die Bouquets luſtig, die täglich von kühnen wie zag⸗ haften Verehrern abgegeben wurden, und ſetzte etwas darein, daß nie einer der vielen Sträuße, welche in den Zimmern umherſtanden, von meiner Hand her⸗ rührte. Ich brachte ihr dann und wann eine Klei⸗ nigkeit, irgend einen Modeartikel, der gerade aufkam, aber Alles das hatte keinen Geldwerth und ſollte auch keinen haben. Ich war im Verhältniß zu dem, was ich hätte ausgeben können, geizig, doch nur aus Stolz; ich wollte nicht beſtechen. Widerwärtig war es mir nur, dem jüdiſchen Baron Roſenſtein zu begegnen, und daß mir zuweilen auch Doctor Breitſam läſtig fiel, will ich nicht leugnen. Gegen den erſtern hatte ich ein tiefes Gefühl der Abneigung wegen der vielen Vertraulichkeiten, die er ſich zu geſtatten Luſt hatte 79 und denen er ein gewiſſes väterliches Wohlwollen un⸗ terzulegen ſuchte; der Andere ſchien mir unzuver⸗ läſſig und wie einer, der ſich trotz der faſt beleidigenden Offenheit in vielen Dingen doch nicht gern in alle Karten ſchauen läßt. Fünftes Kapitel. So verging eine Zeit, es war Frühling geworden und begann Sommer zu werden. Ich wurde ungeduldig; meine Leidenſchaft wuchs von Tag zu Tag, ſie beherrſchte mich mehr und mehr, und wenn auch Marion nichts that, was mich eigentlich hätte entmuthigen können, ſo wagte ich doch kein entſcheidendes Wort zu ſprechen. Ich kam mir nachgerade lächerlich vor. Alle Herren, welche die Schauſpielerin beſuchten, nahmen ſich mehr heraus als ich; alle bewegten ſich mit größerer Frei⸗ heit ihr gegenüber als ich, und warum ſollten ſie es auch nicht thun? Marion ſelbſt ermunterte ſie ja dazu. Bei ihnen war ſie immer guter Laune, immer luſtig, immer voll neuer Einfälle, von denen der eine toller war als der andere. Sie war ausgelaſſen und nahm 81 es nicht übel auf, wenn auch Andere ausgelaſſen waren. Das verdroß mich. Bei mir war ſie ernſter; es iſt wahr, ſie ſprach dafür mit mir über Dinge, die ſie mit ihren andern Beſuchen unbeſprochen ließ, und ſprach dann in einem weichen, milden Tone, der gerade bei ihr rührte und mild ſtimmte. Aber das genügte mir nicht. Ich ſaß ihr ſteif, hölzern gegenüber, jedes ihrer Worte regte ein Meer in mir auf, und ich hätte ihr am liebſten um den Hals fallen mögen. Ich war un⸗ zufrieden mit mir und mit der Rolle, die ich ſpielte. Hatte Marion eine Ahnung davon? Eines Nachmittags ſaß ich ihr wieder gegenüber im Speiſezimmer, das Marion vorzog, weil es kleiner und heimlicher war als der Salon. Sie erzählte mir Allerlei, aber ich war verſtimmt und blieb einſilbig. So war ich ſchon mehrere Tage geweſen, und im⸗ mer war ich doch wiedergekommen, nur um das ge⸗ liebte Mädchen zu ſehen, nur um in ihre ſchönen blauen Augen blicken zu können. Endlich ſah Marion von der Arbeit, mit der ſie ſich mehr aus Spielerei beſchäftigte, auf. „Was iſt Ihnen?“ fragte ſie.„Sie ſind ſeit einiger Zeit in ſo eigenthümlicher Stimmung.“ Jetzt hatte ſie mir Gelegenheit gegeben, iest konnte Oelſchläger, Wunderliche Leute. II.„ 82 ich reden, jetzt konnte ich Alles ſagen. Trotzdem wagte ich es nicht, und wie um meine Muthloſigkeit, die mich vor mir ſelbſt beſchämte, zu verbergen, ſtieß ich rauh und kurz heraus: „Was mir fehlt? Nichts, nichts. Ich bin nur ver⸗ drießlich.“ „Wie unartig“ ſagte Marion und beugte ſich wie⸗ der zu der Stickerei, die ihr auf dem Schooße lag. Ich ſchwieg hartnäckig; mein Auge hing nur ver⸗ zehrend an der ſchönen Geſtalt der Schauſpielerin, und alle Qualen, die ich vorhin geſchildert habe, ſtürmten mit neuer Macht auf mich ein. Da begann Marion wieder: „Warum aber ſind Sie verdrießlich, lieber Freund? Haben Sie einen Grund, über mich zu klagen? Sie verſtimmen auch mich, wenn ich Sie leiden ſehe.“ „Bah“, ſpottete ich,„das wird nicht ſo ſchlimm ſein, liebe Marion. Ich möchte viel lieber wiſſen, welche Freude Sie insgeheim darüber empfinden, einen ſo ſchmachtenden Seladon wie mich täglich zu Ihren Fü⸗ ßen zu ſehen.“„ Morion erröthete. Dann zwang ſie ſich, heiter zu ſcheinen, und ſagte lachend: „Was meinen Sie damit?“ „Ich meine“ fuhr ich aufgeregt fort,„daß ich Ihnen 83 gewiß lächerlich genug vorkomme, indem ich unbeirrt von all den Anbetern und Verehrern, die ſich mit einer Flut von Geſchenken und mit einem Schwall ſchöner Worte um Ihre Gunſt bewerben, täglich zu Ihnen komme und, der ſchlichteſte aller Ihrer Bewunderer, nicht müde werde, Sie anzuſehen und nach einem freund⸗ lichen Blick Ihrer Augen zu haſchen.“ Nun war es heraus; ſie aber ſagte: „Wie mögen Sie ſo von ſich ſelber ſprechen? Wie mögen Sie ſich ſelbſt ſo erniedrigen? Und wiſſen Sie denn wirklich nicht, wie gern ich Sie bei mir em⸗ pfange?“ „Ach“, entgegnete ich, ohne wirklich zu wiſſen, was ich ſagte,„das haben Sie ſicher ſchon vielen Ihrer Be⸗ ſucher ſagen müſſen. Iſt es denn unmöglich, daß Sie den Umgang mit mir nicht auch für eine jener Laſten halten, die Ihr Stand mit ſich bringt und von denen Sie mir ſchon geſprochen haben?“ „Das iſt allerdings unmöglich“ lachte Marion jetzt. „Warum?“ rief ich. „Würde Ihnen denn“, ſagte die Schauſpielerin fein, „ein gar ſo großer Gefallen geſchehen, wenn ich die Möglichkeit zugeben würde? Aber ich kann es wirklich nicht, denn— offen geſtanden— in dieſer Richtung, wohlgemerkt, in dieſer Richtung, welchen Nutzen habe 84 ich denn von Ihrem Kommen, oder vielmehr, welchen Nachtheil hätte ich denn von Ihrem Ausbleiben?“ „Ich bin Ihnen zu unbedeutend“, rief ich verletzt. „In der That, Ihre Offenheit verdient alle Anerken⸗ nung.“ „Sie haben es ſo haben wollen“, entgegnete die Schauſpielerin, nicht im geringſten außer Faſſung ge⸗ bracht, dann ſetzte ſie hinzu: „Und nun laſſen Sie uns ein vernünftiges Wort reden. Es iſt ja unnöthig, daß ich Ihnen erſt die Ver⸗ ſicherung gebe, welche Freude mir Ihre Beſuche, Ihre täglichen Beſuche machen. Freilich, Ihr Männer ſeid eitler als die Frauen und könnt Euch an ſolchen Ver⸗ ſicherungen, die Eurer Selbſtgefälligkeit ſchmeicheln, nicht ſatt hören. Alſo, ich wiederhole es: Sie ſind mir täglich willkommen, und ich würde Sie vermiſſen, wenn es ihnen plötzlich einfallen ſollte, Ihre Beſuche einzuſtellen. Sind Sie mit dieſem Geſtändniß nicht zufrieden? Sie müſſen es ſein, und darum laſſen Sie ſich aus Allem, was Sie ſonſt auch hören und ſehen mögen, keine unnöthigen Beſorgniſſe und Zweifel an mir erſtehen. Sie wiſſen, daß ich Ihnen von Herzen gut bin, und daß es mir Genugthuung bereitet, Sie als meinen Freund zu kennen. Alſo ſchlagen Sie ein, darauf, daß wir gute Freunde bleiben.“ 85 Sie hielt mir ihre Hand hin und ſah mich mit ſo gewinnendem Blicke an, daß es ſchweri gefallen wäre, zu widerſtehen. Ich hatte ihre lange Auseinanderſetzung ſchweigend angehört. Vieles in ihr hatte mir unendlich wohlge⸗ than, aber wie ſie wieder und wieder von Freundſchaft und von der Genugthuung ſprach, die ihr das Bewußt⸗ ſein der erſtern gewähre, hatte es mir doch das Herz zuſammengeſchnürt. Das war nicht, was ich wollte. „Alſo ſchlagen Sie ein“ rief Marion wieder, und als ſie mir ſo ins Auge ſah, konnte ich nicht anders, ich mußte ihr die Hand geben. Es zwang mich ſogar, dieſe Hand zu küſſen, was ich nie noch gethan hatte; aber ſie zog ſie raſch zurück. Es war gut, ich hätte ſie mit Küſſen bedeckt. „Nein, nein“, rief ſie;„mir die Hand zu küſſen, wie Doctor Breitſam thut, geſtatte ich Ihnen nicht, und anders darf es unter Freunden nicht ſein.“ Ich erhob mich, um zu gehen; es wäre mir nicht möglich geweſen, in dieſer Stimmung noch länger mit ihr zuſammen zu bleiben. Ich hatte zwar nur ſehr zurückhaltend und ſcheu von meiner Liebe geſprochen, aber, ſagte ich mir, ſie hatte mich doch verſtanden und dieſe zurückgewieſen. Sie hatte mir ihre unveränderte Freundſchaft dafür geboten. Ich wagte nicht weiter 86 zu ſprechen, eine bange, ſchmerzliche Muthloſigkeit er⸗ griff mich; es trieb mich fort, ja ich glaube, ich war in dieſem Augenblick entſchloſſen, nicht mehr zu kommen. „Apropos“, ſagte Marion, als ich ſchon unter der Thür ſtand,„das Paradies“— ſo nannte ſich ein ge⸗ ſelliger Verein von Künſtlern, Schriftſtellern und Schau⸗ ſpielern, deſſen Mitglied ich war—„feiert ja heute Abend ſein Stiftungsfeſt. Werden Sie hingehen?“ „Ich weiß noch nicht“, ſagte ich ausweichend. „Thun Sie das“, bat Marion,„und dann kommen Sie morgen recht bald, um mir davon zu erzählen.“ Selbſtverſtändlich war ich viel zu gedrückt und viel zu bewegt, als daß ich nach der rauſchenden und über⸗ müthigen Geſellſchaft hätte Verlangen tragen ſollen, die mich abends erwartete. Da ich jedoch ein Gedicht zugeſagt hatte, das zur Erklärung eines Tableaus be⸗ ſtimmt war, und mein Ausbleiben in das Programm der Feſtlichkeiten leicht eine Störung hätte bringen können, ſo entſchloß ich mich zuletzt doch, meinen Gram niederzukämpfen und wenigſtens ſo lange zu verweilen, als meine Anweſenheit eben nothwendig war. Den Reſt der Nacht brachte ich in banger Sorge zu, und nicht am wenigſten bekümmerte mich die Frage, ob ich Marion wieder beſuchen oder mit einem Mal der ganzen Sache ein Ende machen ſolle. Freundſchaft 87 gegen Liebe? Die beiden Angebote waren zu ungleich. Und doch regte ſich etwas in mir, was mir immer leb⸗ hafter zurief, meine geſtrige Begegnung mit Marion nicht die letzte ſein zu laſſen. Ich war noch unſchlüſſig, als mir die Schauſpie⸗ lerin am nächſten Mittag auf der Straße begegnete. Sie kam vom Theater. Schon von weitem rief ſie mir zu: „Sie waren geſtern im Paradies?“ Ich beſtätigte es. „Ich habe ſchon davon gehört“ ſagte ſie.„Haben Sie ſich gut unterhalten?“ Dieſe Frage verdroß mich, ohne daß ich ein Recht dazu hatte. Ich ärgerte mich jedoch darüber, daß ſie mir zutraute, nach dem, was ich wenige Stunden vor⸗ her bei ihr erfahren, in der Kneipe ein Vergnügen fin⸗ den zu können. Ich meinte ſie ſtrafen zu müſſen und ſagte in pikirtem Tone: „Ob ich mich unterhalten habe? O ja; ſo gut man ſich nur mit dem Bewußtſein, Ihre Freundſchaft zu beſitzen, unterhalten kann.“ „Das iſt ſchön von Ihnen“, lachte ſie.„Ich ſehe, Sie werden ſchon vernünftiger. Heute Nachmittag alſo kommen Sie und erzählen mir.“ Ich verſicherte, daß ich meiner Zeit nicht ganz Herr 88 ſei. Ich bin ans Lügen nicht gewöhnt und vielleicht ſah ſie mir darum die Unwahrheit an. „Bah“ ſagte ſie„das ſind Ausreden. Kommen Sie nur, ich zähle beſtimmt auf Sie, und zwar gleich nach dem Eſſen. Ich will ſogar mit dem Kaffee auf Sie warten, und wenn Sie ganz brav ſind, dür⸗ fen Sie auch eine Cigarre bei mir rauchen.“ Das war eine Freiheit, die ich ſchon öfter bei ihr genoſſen hatte. Ich ſagte zu und fand mich zur beſtimmten Stunde bei ihr ein. Ich war dazu gezwungen. Marion war nie ſo ſchön geweſen als an jenem mir unvergeßlichen Nachmittage. Sie hatte nur einen weißen, faltigen Pudermantel übergeworfen, der die ſchlanken, vollen Formen verhüllte und doch verrieth. Ich wagte kaum ſie anzuſehen und hatte mir vorge⸗ nommen, meiner ganz Herr zu bleiben. Doch erzählte ich ziemlich ausführlich; ich wollte, um von nichts An⸗ derem ſprechen zu müſſen, die Zeit damit ausfüllen und dann gehen. Das konnte mir um ſo mehr gelingen, als Marion mich in jedem Augenblick unterbrach. Sie war in der beſten Laune und liebte es, in ſolchen Stimmun⸗ gen einen Dritten, der irgend eine Neuigkeit zum Beſten 89 ⁸ gab, fortwährend zu unterbrechen, indem ſie alle mög⸗ lichen und unmöglichen Fragen dazwiſchenwarf. Eine ſolche Stimmung beherrſchte ſie heute, und es wäre jedem Andern als mir ein Vergnügen geweſen, dieſes Feuerwerk von ſpaßigen, drolligen Einfällen, das ſie zum Beſten gab, zu bewundern. Von dem Inhalte unſeres geſtrigen Geſprächs war keine Rede mehr. Ich hatte meine Erzählung geendigt, als mich Ma⸗ rion ſchelmiſch fragte: „Warum erzählen Sie mir denn nichts von Ihrem Gedichte?“ „Von welchem ſprechen Sie?“ fragte ich. „Verſtellen Sie ſich nicht! Ich ſpreche von dem Gedichte, das Sie geſtern Abend vorgetragen haben.“ „Ach, das iſt nicht der Rede werth.“ „Es ſoll außerordentlich gefallen haben, es ſoll das Beſte von Allem geweſen ſein.“ „Wer Ihnen das ſagte, hat ſich einen unpaſſenden Scherz erlaubt.“ „Nein, nein, ich habe in vollem Ernſte davon ge⸗ hört. Bitte, können Sie es nicht auswendig?“ „Das Gedicht?“ „Ja; tragen Sie es mir vor, ich möchte es gar gern hören.“ 90 „„ „Sie ſind kindiſch, liebes Fräulein. Das Gedicht—“ „Ich vertrage keine Weigerung“ rief Marion.„Wenn Sie es nicht auswendig können, haben Sie es gewiß in der Rocktaſche. Alſo heraus damit!“ „Was denken Sie von mir?“ „Ein Poet trägt ſeine Gedichte immer mit ſich herum.“ „Ich bin kein Poet von Profeſſion und Sie dürfen ſich nur Glück wünſchen, daß ich jener von Ihnen er⸗ wähnten Gewohnheit nicht huldige.“ „Es iſt überhaupt abſcheulich von Ihnen“, warf Ma⸗ rion ein,„daß Sie mir noch nie etwas von Ihren Verſen geſagt haben.“ „Im Gegentheil, es iſt abſcheulich von demjenigen gehandelt, der Ihnen die erſte Mittheilung davon ge⸗ macht hat. Ich bin ja kein Poet, ich mache meine Verſe zu meinem Vergnügen, und ich hoffe, die Nach⸗ welt wird mir einmal dafür ein Denkmal ſetzen, daß ich ſie mit meinen Verſen verſchont habe.“ „Gut, laſſen Sie mich darüber urtheilen. Sie müſſen mir morgen ein Gedicht mitbringen, und zwar eines, das Sie erſt noch machen. Ich will es haben.“ „Gvoethe ſagt zwar: Gebt Ihr Euch einmal für Poeten, ſo commandirt die Poeſie— aber wie ich nun ſchon zum dritten Male ſagen muß, ich bin kein Poet, alſo—“ 91 „Kein alſo! Und damit Sie ſehen, wie Ernſt es mir iſt, ſo ſage ich Ihnen, daß Sie das Gedicht gleich jetzt machen müſſen.“ „Immer beſſer“ rief ich, erheitert durch die kindi⸗ ſchen Launen der Schauſpielerin.„Haben Sie nicht vielleicht auch die Güte, mir das Thema aufzugeben?“ „Warum nicht?“ rief Marion munter.„Machen Sie ein Gedicht an— nein“, unterbrach Sie ſich dann ſelbſt,„das geht nicht, das darf ich Ihnen doch nicht ſelbſt vorſchreiben.“ „Was meinen Sie?“ fragte ich, obwohl ich ſie errathen zu haben glaubte. „Nein, nein, das kann ich Ihnen nicht ſagen.“ „Vielleicht“, ſagte ich, denn nun machte es mir Spaß, ſie zu necken,„an den Mond?“ „Ach gar“ ſagte ſie. „Oder an Ihren Director?“ Sie gab keine Antwort. „Oder an Sie?“ ſagte ich jetzt. Da wurde ſie roth im Geſicht und ihr Auge leuch⸗ tete und ſie nickte mir ſchweigend zu. „Hm“ fuhr ich fort,„das wird ſchwer halten.“ „Warum?“ rief ſie und ſchnellte mit dem Oberkör⸗ per von dem Divan in die Höhe, auf welchem ſie ruhte. „An eine Freundin?“ ſagte ich. 92 5 „Ja ſo“, antwortete ſie und ſank, die Augen zu Boden geſchlagen, wieder in die Ecke zurück. „Wenn Sie mir Ihren Wunſch nur geſtern ausge⸗ ſprochen hätten!“ fuhr ich unbarmherzig fort.„Geſtern hätte ich mir vielleicht noch den Muth genommen, meine Verſe an die Geliebte zu richten, aber heute, nach unſerem Vertrag? Und an die Freundin? Das iſt doch ein— wie ſoll ich nur ſagen?— ein zu all⸗ gemeiner, zu neutraler Stoff!“ „So?“ rief die Schauſpielerin.„Und haben Sie mir nicht aus Ihrem Lieblingsdichter die Worte vorgeleſen: Ich aber weiß, was wenige Menſchen glauben, Daß wahre Freundſchaft zarter iſt als Liebe.“ „Ich erinnere mich, Ihnen die Stelle vorgeleſen zu haben, aber ich glaube nicht an die Wahrheit der⸗ ſelben.“ „Sie ſollen daran glauben“, rief ſie unwillig,„ich will es, oder halt— ich will in Einem nachgeben, geben Sie in dem Andern nach.“ Mit dieſen Worten ſprang ſie auf und eilte in den Salon, wo ſie einen ſchon vorher von mir bewunderten Veilchenſtrauß aus dem Glaſe vom Tiſche nahm. „So“, ſagte ſie und brach die in der Mitte der Veilchen prangende weiße Roſe aus dem Strauß.„Hier nehmen Sie die Roſe und— ja“ fuhr ſie ſtockend fort, 93 „wenn Sie ſich auch dagegen ſträuben, Poet genannt zu werden, ſolange Sie Verſe machen, ſind Sie doch Dichter und nehmen Ihre Phantaſie in Anſpruch. Bil⸗ den Sie ſich alſo ein, Sie hätten die Roſe von der Geliebten erhalten und müßten darauf mit einem Ge⸗ dichte antworten. Das iſt Alles nur eingebildet. Da Sie die Roſe aber von mir empfangen, ſo iſt das Ge⸗ dicht, ob Sie wollen oder nicht, doch an mich gerichtet, und Sie haben mir, ohne unſerem Vertrage untreu zu werden, meinen Wunſch erfüllt.“ Sie hatte dieſe Worte vor mir ſtehend geſprochen und mir die Roſe dabei hingehalten. Ihr Blick blieb auf die Blume in ihrer Hand geſenkt, und je länger ſie ſprach, ein deſto lichteres Roth zog über ihre Wan⸗ gen, bis wo die blonden Locken in das Angeſicht herein⸗ fielen. Sie war entzückend ſchön. Ich nahm ihr die Roſe aus der Hand und ſagte: „Sie ſollen die Verſe haben.“ „Das iſt herrlich“, lachte ſie jetzt wieder auf und holte Papier und Tinte herbei. „So“ ſagte ſie,„jetzt denken Sie nach, ich werde Sie nicht mehr ſtören.“ Dann legte ſie ſich in die Chaiſe longue zurück, zog die Füßchen hinauf und hielt ſich ganz ruhig, mich 94 nur immer, wie ich ſann und ſchrieb, unverwandt be⸗ trachtend. Nach einer Weile reichte ich ihr das Papier. „Schon fertig?“ jubelte ſie.„Laſſen Sie mich ſehen.“ Sie las: Mir die Roſe, Dir das Lied? Schlimmern Tauſch kannſt Du kaum haben. Doch wie Götterhand beſchied, Jeder gibt von ſeinen Gaben. Du, da Deine Stirne mild Lieb' und Lieblichkeit umſchweben, Gibſt der Schönheit ſchönſtes Bild Und das friſche volle Leben. Aber ich, und ſäng' ich auch Melodieen ſondergleichen, Würde nie der Roſe Hauch, Ihren Zauber nie erreichen. Nur Dein Lob denn voll und rein Will ich in die Verſe gießen, Wie von ſonnenklarem Wein Goldne Becher überfließen. Nimm es hin, das kleine Lied, Und ſo preiſ' ich meine Looſe— Jeder gibt, wie Gott beſchied, Ich das Lied und Du die Roſe. Ich hatte erwartet, daß ſie, wenn ihr das Gedicht gefiele, in laute Freude ausbrechen es kam aber cnhe 95 „Wie ſchön“ ſagte ſie ganz ernſt und reichte mir über den Tiſch hinüber die Hand. Es ward mir ſeltſam zu Muthe. „Laſſen Sie mich das Gedicht noch einmal leſen“, bat ſie dann. Sie las es ſtill hin, den ſchönen Lockenkopf auf die kleine Hand geſtützt. Als ſie geendet, ſagte ſie wieder: „Sie glauben nicht, welche Freude Sie mir bereitet haben.“ Sie ſtand auf und kam zu mir herüber. Sie faßte meine Hand. „Wie ſoll ich Ihnen danken?“ ſagte ſie. Ich wußte wahrhaftig nicht, was ich ſagen ſollte; ich hatte das Mädchen noch nie in ſo weicher Stim⸗ mung geſehen. Und das Alles wegen des Gedichts? Ich ſchlang meinen Arm unwillkürlich um ihre Hüfte und ſah ſie ſchweigend an. „Ich möchte Ihnen“ ſagte ſie dann leiſer,„einen recht ſchönen Lohn dafür geben; aber“ fügte ſie zö⸗ gernd bei,„ich weiß ja nicht, ob Sie ihn wollen.“ „Marion“ rief ich, das Herz heißer Ahnung voll. Und im ſelben Augenblick beugte ſie ſich zu mir herab, und ich fühlte ihre Lippen auf den meinigen ruhen. 96 Es war ein Moment. Da hob ſie ſchon wieder ihr erglühendes Haupt, und trunken vor Glück rief ich: „Du liebſt mich, Marion? Ich darf Dich lieben?“ Sie ſank an meine Bruſt, und jubelnd vor Ent⸗ zücken und Wonne drückte ich die blühende Geſtalt des Mädchens in meine Arme. Es begann für mich eine glückliche, frohe, wunder⸗ bar ſchöne Zeit. In einer ſpätern ruhigen Stunde erzählte mir Marion, wie ſie mich von Anfang an liebgewonnen und gerade deshalb gern geſehen und bevorzugt habe, weil ich ohne Anſprüche an ſie herangetreten ſei. Ge⸗ rade meine Zurückhaltung ſei es geweſen, die mir ihr Herz gewonnen, und da ſie auch in mir die Leidenſchaft heranreifen ſah, und da ſie ihrer ſelbſt nicht mehr ſicher zu ſein fürchtete, ſo habe ſie jenen Vertrag vorgeſchla⸗ gen, der uns binden und doch wieder aus einander halten ſolle. Freilich ſei ihre Klugheit nicht von lan⸗ ger Dauer geweſen, ſie ſelbſt habe ſogar noch am näm⸗ lichen Tage ſich unterſtanden, einige Reue darüber zu empfinden, und jetzt, fügte ſie lächelnd bei, glaube ſie ſelbſt, daß es nicht beſſer habe kommen können, als es ge⸗ kommen ſei, und jedenfalls ſei es unziemlich wie unmöglich, den Beſchlüſſen der Götter entgegenarbeiten zu wollen. 97 Unſer Geheimniß den Augen der Welt zu entzie⸗ hen, verſtand namentlich Marion vollkommen. Sie wußte mir die Nothwendigkeit des Geheimhaltens klar zu machen, und ich ſelbſt war ſchon in dem Gedanken glücklich, nur ihre Liebe zu beſitzen. Was kümmerte mich die Welt! Ich bewunderte Marion oft über die Art, wie ſie jeden Argwohn zu zerſtreuen, wie ſie ſich zu beherrſchen und zu verſtellen vermochte. Ich wäre einige Male in meiner Lebhaftigkeit unvorſichtig genug geweſen, mich und die Geliebte bloßzuſtellen. Marion brachte immer Alles wieder ins Gleis. Ich wunderte mich nicht darüber, ſie war Schauſpielerin, und es war ihre Kunſt, die ihr dabei zu ſtatten kam. Ich ſah mit Genugthuung, daß Marion bemüht war, die Beſuche ihrer Verehrer zu vermindern; daß man ſie nicht völlig abſchneiden konnte, ſolange wir unſer Verhältniß geheim hielten, begriff ich. Doch ließ ſich Marion von jener Zeit an öfter verleugnen und gab dem und jenem wohl auch zu verſtehen, daß es ihr läſtig ſei, ſo oft von ſeiner Gegenwart behelligt zu werden. Das wirkte ſelbſt jenem geadelten Juden gegenüber, der mitunter ſich nicht abgeneigt gezeigt hatte, aus der Beſorgung der Geldgeſchäfte Verpflich⸗ tungen der Schauſpielerin gegen ſich abzuleiten, und ſo waren wir denn wirklich die meiſte Zeit allein uñd Oelſchläger, Wunderliche Leute. I. 7 98 glücklich im Bewußtſein unſerer Liebe und unſerer Zärt⸗ lichkeit für einander. Ich führe dieſe Einzelheiten nur an, um zu zeigen, wie gern Marion damals that, was ſie mir zu Ge⸗ fallen thun konnte, und daß ſie mich wirklich und von ganzer Seele lieb hatte. Doctor Breitſam hatte inzwiſchen ſeine Beſuche bei Marion in der gewohnten Weiſe fortgeſetzt. Da dieſe wenn ich bei ihr war, in der Regel die Anweiſung gab, Nie⸗ mand mehr vorzulaſſen, ſo traf ich mit ihm meiſt in der Probe zuſammen, wo er ſich aufs angelegent⸗ lichſte beſtrebte, allen nur irgendwie hübſchen Mäd⸗ chen ſeine Huldigungen darzubringen. Bisweilen holte er mich auch abends noch zu einem Spaziergang ab; dann kam es wohl, daß wir beide in tiefer Nacht noch in den Anlagen der Theaterſtraße auf und ab wan⸗ delten, vor den erleuchteten Fenſtern der Schauſpielerin. Dieſe bildete dann den ausſchließlichen Inhalt unſeres Geſprächs. Doctor Breitſam ſprach allerdings ſehr ſchwärmeriſch von ihr, aber ich ſah kein Arg darin. Ich erinnerte mich an ſeine frühern Aeußerungen, die er in dieſer Beziehung gethan, und ich freute mich nur darüber, ſie, die mir ihre Liebe geſchenkt, auch von An⸗ dern geprieſen und bewundert zu ſehen. Sechstes Kapitel. So gingen wieder Wochen um Wochen hin, die glücklichſten meines Lebens. Den einzigen Kummer, dem damals mein Herz offen ſtand, bereiteten mir die Briefe meiner geliebten Mutter, die nicht müde ward, immer und immer an den Beruf zu mahnen, der mir eigentlich beſtimmt ſei, und die mich in den rührendſten Ausdrücken immer und immer wieder bat, ihr doch endlich jene einzige Freude zu bereiten, die ſie von dieſem Leben noch hoffe. Ach, die Gute ahnte nicht, wie ſehr ich mich von jenem Ziele entfernt hatte, das ſie mir ganz ſicher ge⸗ ſteckt glaubte, und ich ſelbſt hatte nicht den Muth, ihr offen und rückhaltslos mein Herz auszuſchütten. Mit ausweichenden Antworten tröſtete ich die Harrende Tag 7* 6 100 um Tag, und hoffte, daß es der Zeit beſchieden ſei, Alles zum wünſchenswerthen Ende zu führen. Erinnerlich iſt mir aus jener Zeit auch noch, daß Doctor Breitſam einmal Anlaß nahm, mir zu rathen, ich möchte auf der Probe meine Aufmerkſamkeit nicht ausſchließlich Marion ſchenken.„Sie laufen“ ſagte er, „dadurch Gefahr, die Eiferſucht der übrigen Schau⸗ ſpielerinnen zu wecken, und es wäre möglich, daß Ihnen gelegentlich Verdrießlichkeiten daraus entſtänden. Machen Sie es wie ich“, ſetzte er bei,„Figaro hier, Figaro dort, ſo verdirbt man es mit keiner.“ Ich glaubte ſeine Beſorgniſſe für ungegründet halten zu dürfen. „Ich wollte Sie nur gewarnt haben“, erwiderte er und brach das Geſpräch ab. Einige Tage darauf kam er ſchon in aller Frühe in meine Wohnung. „Sind Sie dabei?“ fragte er.„Wir wollen dem Fräulein Marion einen kleinen Spaß machen.“ „Wie verſtehen Sie das?“ fragte ich. „Sie werden wiſſen“, verſetzte er,„daß ſie heute Abend ihre Benefizvorſtellung hat.“ „Ich weiß es.“ Gut, das Haus wird ausverkauft ſein, daran iſt nicht zu zweifeln. Die Partei der Ameyer aber und 101 die guten Freunde des Kalmus werden alles Mögliche verſuchen, den Beifall niederzuhalten.“ „Glauben Sie?“ „Ich zweifle nicht daran. Um ſo mehr iſt es unſere Pflicht, für Marion zu thun, was in unſern Kräften ſteht. Wir müſſen gleichfalls Leute in das Theater ſchicken.“ „Bezahlte Leute? Nein, das iſt Marion's unwürdig.“ „Unwürdig! Unwürdig iſt nur, was öffentlich be⸗ kannt wird. Wenn man Fräulein Marion um ihren Applaus zu bringen ſucht, ſollen wir dann nicht mit gleichen Waffen kämpfen?“ „Ich glaube, daß ſelbſt Marion keinen Geſchmack daran finden wird.“ „Sie könnten ſich täuſchen, lieber Freund! Ein Schauſpieler nimmt den Applaus freudig, wie er iſt, und fragt nicht, woher er kommt.“ „Das iſt ja Selbſttäuſchung, Selbſtbetrug.“ „Nennen Sie es, wie Sie wollen, nur entſchließen Sie ſich. Wir haben nicht viel Zeit zu verlieren. Ich meine auch, es wäre gut, wenn wir einen Kranz bereit halten würden.“ „Sie ſcherzen.“ „Nein; einen Kranz mit langen blauen Schleifen, rieſig groß, daß er mit dem gehörigen Schwung 102 hinunterfliegt und niederfällt. Das macht Wir⸗ kung.“ „Aber ein Kranz, den wir, der Dame nächſte Freunde, im Namen des Publikums werfen, iſt doch Humbug.“ „Erwarten Sie vielleicht, daß die Feinde des Fräu⸗ leins den Kranz werfen werden?“ „Nein. Wie ſollen wir das aber anfangen?“ „„Das laſſen Sie meine Sorge ſein. Wir gehen zum alten Jakob—“ „Dem Spelunkenwirth in der Theaterſtraße?“ „Eben zu dem. Der ſetzt uns Alles in Scene. Nur müſſen Sie noch eine Gewiſſensfrage erlauben: Sind Sie bei Kaſſe?“ „Deſto beſſer. Dann ſtecken Sie nur ein paar Zehner zu ſich. Ich ſelbſt bin im Augenblick entblößt—“ „Schon gut, ſchon gut“, unterbrach ich ihn, nahm das nöthige Geld aus der Schatulle und zog dann mit Doctor Breitſam ab, der mir auf dem Wege aus⸗ einanderſetzte, welche Bewandtniß es mit dem alten Jakob habe und wie er dem Theaterperſonal für einen richtigen Applaus eine unentbehrliche Perſon ſei. Der alte Jakob war, wie ſchon geſagt, ein Wirth, der an der Theaterſtraße eine niedrige, ſchmuzige Kneipe beſaß. Das Getränk jedoch, das er verabreichte, war 103 gut, und es waren immer Gäſte, meiſt Schauſpieler, dort zu treffen. Wir traten durch den Hof in die Küche. „Laſſen Sie ſich auch wieder einmal ſehen, Herr Doctor?“ rief uns der alte Jakob entgegen. „Ja“ ſagte mein Begleiter.„Wir haben Geſchäfte für heute Abend.“ „Ich verſtehe“ antwortete der alte Jakob,„einen Applaus?“ „Einen großen?“ „Einen großen.“ „Halleluja“ ſagte der Wirth, ein hoher, ſtämmiger alter Mann, und rieb ſich die Hände,„ich bin heute gerade in der Stimmung. Wollen die Herren nur in mein Wohnzimmer treten, in der Gaſtſtube ſind Gäſte.“ Ich will hier gleich bemerken, daß es Gewohn⸗ heit des originellen Kauzes war, bei jeder paſſenden oder unpaſſenden Gelegenheit in ſeine Rede das Wort „Halleluja“ einzuflechten, wobei er die vorletzte Silbe kurz gebrauchte und den Accent regelmäßig auf das e legte. Wir traten ein. „Iſt den Herren nichts gefällig?“ fragte er dann. Doctor Breitſam, den ich noch nie ohne Appetit geſehen hatte, beſtellte ſich eine Cotelette und machte ſich dann mit ſolchem Eifer an deren Vertilgung, daß ich das Geſpräch mit dem Wirthe faſt allein zu führen hatte. „Für wen wünſchen Sie einen Applaus?“ „Für Fräulein Marion“ ſagte ich. „Für die Marion?“ entgegnete der alte Jakob mit der Miene der Enttäuſchung.„Für die thu' ich es nicht gern.“ WVie ſo?⸗ „Bei der Marion gibt es keine Arbeit; da klatſcht das Publikum von ſelber, da iſt keine Kunſt zu retten.“ „Wie verſtehen Sie das?“ „Wenn wir einem Schauſpieler über den Durchfall weghelfen, dann ſagen wir: Wir müſſen die Kunſt retten. Das gibt es bei der Marion nicht.“ „Allerdings. Wir fürchten aber eine Gegenpartei die den Beifall für Fräulein Marion erſticken könnte.“ „Das ließe ſich hören. Wer ſoll das ſein?“ „Herr Kalmus.“ „Der?“ ſagte der alte Jakob höhniſch.„Da brauchen Sie keine Angſt zu haben, der hat ja kein Geld dazu. Kommt er neulich zu mir, der arme Lazarus, und be⸗ ſtellt einen kleinen Applaus für die Ameyer bei mir. Wie viel glauben Sie, daß er mir gegeben hat? Hal⸗ leluja, einen ganzen Thaler! Dafür ſollte ich ihm einen kleinen Applaus machen! Na, ich hab' ihm einen ge⸗ macht, aber er war darnach.“ „Wenn wir auch von dieſer Seite Herrn Kalmus nicht zu fürchten haben, wie Sie ſagen, ſo hat er doch gute Freunde, die aus Gefälligkeit für ihn dem Fräu⸗ lein Marion vielleicht gern einen Poſſen ſpielen.“ „Wird auch nicht gefährlich werden“, ſagte det alte Jakob wieder geringſchätzig.„Indeß, der Marion zu Liebe will ich mich der Sache annehmen. Wie viel gedenken Sie ſpringen zu laſſen?“ Der alte Jakob machte dabei die Pantomime des Geldzählens. „Soviel Sie nothwendig haben“ ſagte ich. „Das läßt ſich hören; dann kann ich auch für ein richtiges Halleluja einſtehen. Alſo merken Sie: für einen großen Applaus brauche ich acht Sperrſitze— vier rechts, vier links— zwölf Parterrebillets und ebenſo viele für die Gallerie, doch thun es da oben auch ſechs, denn dort klatſcht die Bande ſchon von ſelbſt.“ „Nehmen Sie zwölf“, entſchied ich. „Gut.“ „Wir wollen auch einen Kranz geworfen haben.“ „Einen Kranz? Das hätten Sie mir geſtern ſchon ſagen ſollen, weil dazu nicht jeder von meinen Leuten paßt. Ihn richtig von der Höhe der Gallerie auf die Bühne und vor die Füße der Schauſpielerin zu bringen, ihn ihr nicht auf den Kopf oder gar in das Orcheſter zu werfen, iſt ſchon nicht ſo leicht, als das dumme Volk glaubt. Es iſt aber auch keine Kleinigkeit, den Kranz im richtigen Augenblicke hinunterzubringen, keine Se⸗ kunde zu früh, keine zu ſpät, damit das dumme Volk nicht ſtatt, Bravo zu rufen, in ſein albernes Gelächter ausbricht— wie ſchon Shakſpeare im Don Carlos ſagt: Vom Erhabenen bis zum Lächerlichen iſt nur ein Schritt. Jedenfalls iſt mir noch ein Galleriebillet nöthig.“ „Das ſollen Sie haben. Wem wollen Sie den Kranz anvertrauen?“ Der Wirth nannte den Namen eines jungen Ma⸗ lers, den ich ſchon öfter in Schauſpielergeſellſchaft ge⸗ troffen hatte. „Gibt ſich der auch dazu her?“ fragte ich erſtaunt. Der alte Jakob ſah mich beleidigt an, Doctor Breit⸗ ſam aber rief mir zu: „Gebrauchen Sie ſchon wieder einen Ihrer un⸗ paſſenden Ausdrücke? Sie werden es mit dem alten Jakob gleich verdorben haben.“ Faſt ſchien es ſo, denn der Wirth ſagte pathetiſch: „Mein Herr, ich verkehre nicht gern mit Leuten, 107 welche meine Beſchäftigung nicht zu achten wiſſen und niedrig von ihr denken.“ Ich wollte ihn beruhigend unterbrechen, er aber fuhr fort: „Was ich thue, thue ich nicht aus verabſcheuungs⸗ werther Gewinnſucht oder aus Eigennutz ſondern ledig⸗ lich aus Liebe zur Kunſt; Herr Doctor Breitſam werden mir das gewiß bezeugen.“ „Jawohl, alter Jakob“, beſtätigte dieſer. „Sie haben es“ ſagte er weiter,„nur Herrn Doctor Breitſam zu verdanken, wenn ich mich überhaupt jetzt noch um den Applaus kümmere. Denn auch uns er⸗ geht es wie den andern Herren vom Theater, auch wir wollen nicht gezwungen, ſondern mit Luſt und Liebe an die Arbeit gehen, und dieſe iſt um kein Haar kleiner als die der andern Herren vom Theater, aber auch wir wollen gewürdigt und geachtet ſein; denn wir retten die Kunſt. Halleluja!“ Der alte Jakob hatte dieſe erhabenen Worte in einem Tone geſprochen, der halb beleidigt, halb wei⸗ nerlich klang. Doctor Breitſam warf ein Stück Co⸗ telette im Munde hin und her, um nicht aufzulachen, und auch ich hatte alle Mühe, an mich zu halten. „Seien Sie mir nicht böſe“, ſagte ich,„Sie müſſen mich mit meiner Unkenntniß der Verhältniſſe entſchul⸗ 108 digen. Und hier nehmen Sie einmal das Geld. Es iſt ſo viel, als Sie brauchen.“ Der alte Jakob warf einen flüchtigen Blick auf die Summe, der ihm ſogleich die Ueberzeugung verſchaffen mußte, daß ihm ein ganz artiger Ueberſchuß blei⸗ ben werde, und ſchob ſodann das Geld ruhig in die Taſche. „Wen werden Sie heute außerdem noch in das Theater ſchicken?“ fragte ich neugierig. Der Wirth nannte mehrere Namen, die ich ſchon öfter hatte nennen hören. Es waren meiſt anſtändige Leute aus guter Geſellſchaft, junge Künſtler, junge Handelsbefliſſene, ein Tapezirerlehrling, ein Klavier⸗ ſpieler und Andere. Dieſe Art Claque war mir neu. „Werden die Leute ſihre Schuldigkeit thun?“ fragte ich. „Dafür laſſen Sie mich nur ſorgen. Meiner Herren im Parquet bin ich ſicher, im Parterre dirigire ich ſelber und oben auf der Gallerie hat mein Schenkkellner die Sache in der Hand.“ „Ihr Kellner?“ „Der arme Burſche iſt überdies zum Todtſchießen in die Marion verliebt; er wird heute ſo klatſchen, daß er mir morgen kein Faß heben kann. Das wird ein ſauberes Halleluja werden.“ 109 „Ueberſehen Sie denn Ihre Helfer?“ „Jeder hat ſeinen Platz, und iſt die Mannſchaft richtig vertheilt, ſo kann es nicht fehlen. Jetzt laſſen Sie mich aber gehen, damit ich meine Leute verſtän⸗ digen kann. Nur eins noch. Ich möchte genau Ihre Inſtructionen haben. Sie haben zwar vorhin ſchon von einem großen Applaus geſprochen; lieber aber wäre es mir, wenn Sie mir ſagten, wie oft Sie die Marion heraußen haben wollen.“ „Heraußen?“ „Nun ja, herausgerufen.“ „Ja ſo. Das läßt ſich aber doch nicht vorherbe⸗ ſtimmen?“ „Nicht? Na, lieber Herr, wofür wären wir denn da?“ „Nun“, ſagte ich,„dann rufen Sie das Fräulein eben am Schluſſe der Vorſtellung.“ L.So?“ ſagte der alte Jakob pikirt.„Am Schluſſe der Vorſtellung? Das wäre mir das wahre Halleluja⸗ Dann nehmen Sie nur Ihr Geld wieder.“ Damit langte er in ſeine Taſche, wie um das Geld wieder hervorzuholen. „Ich begreife Sie nicht“ rief ich. „Nicht?“ ſagte der Wirth aufgebracht.„Ich ſoll die Marion einmal herausrufen? Meinen Sie denn, 110 ich gäbe mich zu einer ſolchen Lumperei her? Oder meinen Sie, ich hätte Luſt, mich Ihretwegen um mein ganzes Renommé zu bringen?“ „Sie ſprechen in Räthſeln“, rief ich wieder. „Na, dann will ich deutlich ſprechen. Ich gehe nur in das Theater, wie die andern Herren, wenn ich zu thun habe. Und wenn ich komme, ſo wiſſen alle, die den Theaterſchwindel nur halb los haben, was das zu bedeuten hat. Und wenn das Glück gut iſt, ſo kann ich's ſelber ſehen und hören, wie neben mir einer den andern in die Rippen ſtößt und ihm ſpöttiſch zuruft: Du, der alte Jakob iſt da! Heute wird wieder die Kunſt gerettet! An ſolchem albernen Geſchwätz liegt mir nichts, das dumme Volk verſteht es nicht beſſer. Aber ich thue meine Pflicht, und wenn ich einen großen Applaus verſprochen habe, ſo muß das ganze Haus vom Bravoſchreien bis in ſeinen Grund zittern, und geklatſcht muß werden, daß man es auf der Straße hören kann, und der Schauſpieler muß heraus, daß ihm das Herz im Leibe hüpft, drei⸗, vier⸗, fünfmal hintereinander, flott, luſtig, wie ein Donnerwetter, mit Pauken und Trompetenſchall, das iſt dann das wahre Halleluja. Sonſt möchte ſich ja der Teufel mit der Arbeit abgeben.“ „Ich bewundere Sie“, ſagte ich.„Wie fürchten 111 Sie aber mit einem geringern Aufwand von Beifalls⸗ bezeigungen Ihr Renommé zu verderben?“ „Das iſt ſehr einfach“, antwortete der Wirth.„Wenn ich da bin und der Applaus zieht nicht ſo, wie ich ihn eben geſchildert habe, ſondern ſchleppt ſich mager hin, wie ein abgetriebener Fiakergaul, dann ſchreibt man mir die Schuld zu, dann werde ich dafür verantwortlich gemacht und ausgelacht, und dann komme ich um mein Renommé. Um es alſo kurz zu machen, die Marion wird heute zweimal nach jedem Acte, viermal nach dem Schlußacte und dreimal nach der großen Scene gerufen, wo ſie den Kranz bekommt. Sind Sie damit zufrieden?“ „Vollſtändig.“ „Ich denke die Marion wird es auch ſein. Das Stück hat vier Acte, macht dreizehn Hervorrufe, abge⸗ ſehen von dem, was noch nebenher läuft. Das kann ſich ſelbſt der Dawiſon nicht beſſer wünſchen.“ „Alſo abgemacht“ ſagte Doctor Breitſam.„Den Kranz können Sie gegen Abend bei dem Gärtner, der unmittelbar neben dem Theater wohnt, holen laſſen⸗ Wir beſtellen ihn noch in dieſer Stunde.“ „Schön; guten Morgen, meine Herren. Sie können ſich auf mich verlaſſen.“ „Das iſt recht“ lachte Doctor Breitſam,„Halleluja.“ „Man lernt nicht aus“, ſagte ich zu dieſem, als wir wieder auf der Straße waren. „Ein abgedroſchener Satz“ ſpottete mein Begleiter. „Nun hören Sie weiter. Wenn das Halleluja voll⸗ ſtändig ſein ſoll, müſſen wir auch die Preſſe in Be⸗ wegung ſetzen.“ „Das iſt wohl Ihre Sache“, rief ich. „Nein, ich meine die Lokalpreſſe. Fräulein Marion ſoll ſchon morgen in aller Frühe ihren Triumph ſchwarz auf weiß verkündet ſehen. Mit den hieſigen Journalen ſtehe ich nicht in Verbindung. Kennen Sie keinen der Redacteure?“ „Doch, Doctor Feil iſt mir flüchtig bekannt. „Gut, das iſt der rechte Mann. Damit unſere Notiz noch in die Morgenausgabe ſeiner Zeitung auf⸗ genommen werden kann, ſchreiben Sie bereits heute Nachmittag ein Referat über die Vorſtellung von heute Abend und geben es auf die Poſt. SIhr Brief kommt dann gerade noch recht in die Hände des Doctor Feil.“ „Welchen Schwindel muthen Sieemirzdenn eigent⸗ lich zu?“ rief ich entrüſtet. Doctor Breitſam zuckte die Achſeln.„Ich habe“, ſagte er,„es ſchon längſt aufgegeben, Ihre unhöflichen Umgangsformen verbeſſern zu wollen. Was ich Ihnen übrigens ſagte iſt nothwendig.“ 113 „Was Sie mir ſagten“ entgegnete ich,„iſt einfach eine Niederträchtigkeit; denn als ſolche betrachte ich jede berechnete Täuſchung des Publikums.“ „Täuſchung des Publikums“, lachte Doctor Breit⸗ ſam,„Schwindel, Niederträchtigkeit— Sie ſind heute in Ihrer Unſchuld wirklich groß. Wenn Sie ſich übri⸗ gens nicht dazu verſtehen wollen, ſo werde ich mich entſchließen müſſen.“ „Ich kann Ihnen nichts verbieten, was Sie zu thun für geeignet finden.“ „In dieſem Falle möchte ich Sie nur erſuchen, mir mit einem Zehnthalerſchein auszuhelfen, welchen ich dem Referat beilege.“ „Sie wollen den Mann beſtechen?“ „Sie ſind komiſch. Ich zahle dem Doctor Feil den Dienſt, den er mir eerweiſt. Weiter nichts. Oder werden Sie mir dieſe Gefälligkeit verſagen?“ „Hier haben Sie das Geld. Denken Sie aber nicht daran, daß es heute Abend ganz anders kommen kann, als Sie jetzt ſchon ſchildern wollen?“ „Es wird nicht anders kommen, und wenn— man muß dergleichen riskiren“ entgegnete Doctor Breitſam kaltblütig. Ich war abends zur Zeit im Shente Eine eigenthümliche Scheu hatte mich abgehalten, meinen Oelſchläger, Wunderliche Leute. II. 8 gewöhnlichen Platz einzunehmen, es war mir, als wenn bei dem, was kommen mußte, aller Augen ſich auf mich richten würden, und ich war froh, als es mir gelang, noch ein Logenbillet zu erhaſchen. Das Haus war ausverkauft. Ich war kaum in die Loge eingetreten, als mich der alte Jakob, der mitten im Parterre aufgepflanzt war, bemerkte und mir verſtändnißinnig zunickte. Als ich weiter umherſpähte, begegnete mein Blick auch allen jenen, von welchen mir der Wirth geſprochen hatte. Es waren lauter altbekannte Geſichter, die ich ſchon oft im Theater geſehen und deren beifallsluſtige Theil⸗ nahme mich ſchon oft ergötzt hatte. Ich wußte nun, woran ich war. Ich will über die Vorſtellung raſch hinweggehen. Es gelang dem alten Jakob, einen Applaus hervorzu⸗ rufen, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Ein Bei⸗ fallsſturm folgte dem andern, das Haus erdröhnte, die Menge wurde nicht müde, Marion immer und immer wieder herauszurufen. Dieſe ſelbſt ſtrahlte vor Ent⸗ zücken und Freude. Ich ſah auf den alten Jakob hin, ein zufriedenes Lächeln ſpielte um ſeine Lippen. Er hatte die Kunſt gerettet, Halleluja. Bemerkt mag noch ſein, daß die Rolle, in welcher „ 1¹5 Marion an jenem Abende aufgetreten war, nicht einmal zu ihren beſten gehörte. Sie hatte nicht einmal Ge⸗ legenheit, ihr Talent völlig zu entfalten. Und dennoch war das Publikum in die Schlinge gegangen, war maßlos im Beifall, trunken vor Vergnügen— ich ver⸗ mochte ſeitdem wirklich nichts mehr auf das Urtheil der Menge zu geben. Ich hatte an jenem Abende keine Gelegenheit mehr, Doctor Breitſam zu ſprechen, und am nächſten Morgen konnte ich natürlich kaum die Stunde erwarten, da ich Marion ſehen und von ihr hören durfte, welche Freude ihr die Ueberraſchung gemacht. Daß dieſe von uns herrührte, mochte ſie ſich wohl denken. Ich ging in die Probe, nicht ohne zuerſt eine Nummer der Zeitung des Doctor Feil geholt zu haben. Der Artikel ſtand darin und Doctor Breitſam mußte ihn wirklich ſchon im Laufe des Nachmittags geſchrieben haben. Denn das Referat war nur allgemein gehalten und ſchilderte den Triumph der Schauſpielerin nicht einmal ſo vollſtändig, als er in Wirklichkeit geweſen war. Als ich im Theater an die Thür gelangte, welche unmittelbar zur Bühne führte, wurde ich ſtutzig. Ein großer weißer Zettel war angeklebt, auf welchem die Worte ſtanden:„Der Zutritt zur Bühne iſt jedem Unbeſchäftigten unterſagt.“ * 8* 116 Geſtern war der Zettel noch nicht dageweſen. Ich beſchloß trotzddem mein Glück zu verſuchen, um ſo mehr, da ich mir nicht einreden konnte, daß das Verbot ſich auch auf mich erſtrecken werde, öffnete und trat auf die Bühne. Auf der andern Seite zwiſchen den Couliſſen ſah ich Doctor Breitſam mit Marion im lebhaften Geſpräch. Ich wollte zu beiden hinüber, als mir der Inſpicient den Weg vertrat. „Sie verzeihen, Herr Doctor“, begann er in der höflichſten Weiſe,„ein ſtrenges Verbot des Directors—“ „Ah“, ſagte ich munter,„beruhigen Sie ſich, ich werde wohl nicht zu den Exilirten gehören.“ „Der Director erklärte ausdrücklich, gar keine Aus⸗ nahme geſtatten zu können.“ „Da drüben aber ſehe ich Doctor Breitſam.“ „Er hat mit dem Director zu ſprechen und befindet ſich in geſchäftlicher Angelegenheit hier. Wenn Sie vielleicht auch—“ „Nein“, unterbrach ich den Sprechenden;„doch ich will Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten und gehe. Es waltet hier wohl ein Mißverſtändniß, das ſich bald aufklären wird.“ Ich ging, ohne Marion geſprochen zu haben, die mich auch nicht bemerkt zu haben ſchien. 117 Auf der Straße erſt fiel mir jene Warnung des Doctor Breitſam wieder ein, die ſich auf meinen Beſuch der Bühne und mein Verhältniß zu den übrigen Glie⸗ dern der Geſellſchaft bezogen hatte. Sollte ich von dem Verbote doch nicht ausgeſchloſſen ſein, oder war dieſes am Ende gerade auf mich gemünzt? Ich gerieth in große Aufregung und ging in die Wohnung der Geliebten, deren Kommen ich hier abzu⸗ warten beſchloß. Ich hatte ziemlich lange zu warten, Stunden voll Qual und Ungeduld. Selbſt die Erzählung des Kammer⸗ mädchens, wie ihre Herrin vor Glück und Freude die vergangene Nacht kaum ein Auge habe ſchließen können, vermochte mich nicht zu beruhigen. Sie habe, ſagte mir das Mädchen, immer von mir geſprochen und von Anfang an mich als denjenigen bezeichnet, dem ſie ge⸗ wiß dieſe Ueberraſchung zu danken habe. Der Kranz mit den langen blauen Bändern prangte bereits oben an einer Ecke des goldumrahmten Spiegels. Endlich kam Marion ſelbſt. 1 Sie ſchritt in großer Erregtheit auf mich zu. „Du warſt heute auf der Bühne?“ fragte ſie. „Kurz nach Beginn der Probe.“ „Und wurdeſt abgewieſen?“ „Mit allem Anſtand hinausgeworfen.“ 118 „Das iſt abſcheulich!“ rief ſie.„Und Du haſt keine Ahnung, wer Dir dieſen Streich geſpielt haben könnte?“ „Ich glaubte, es werde ein Mißverſtändniß ob⸗ walten.“ „Du irrſt Dich! Das Verbot iſt direct gegen Dich gerichtet.“ „Unmöglich“, rief ich. „So höre. Nachdem geſtern die Vorſtellung zu Ende war, eilte Kalmus, der ſchon während des ganzen Abends wüthend über meinen Erfolg hinter den Cou⸗ liſſen herumgetobt hatte, wie ein Wahnſinniger zum Director, der noch im Hauſe war, und erklärte ihm, ſchon am nächſten Tage ſeinen Contract brechen und die Stadt verlaſſen zu wollen, wenn er, der Director, nicht ſofort aufhöre, den Unfug zu unterſtützen, mit welchem gewiſſe Herren bemüht ſeien, eine einzige Schau⸗ ſpielerin in den Augen des Publikums zu heben und alle andern herabzuziehen und herabzuſetzen. Der Director, ein alter ſchwacher Mann, wie Du weißt, fragte ihn erſtaunt, was er meine. „Sehen Sie denn nicht“, fuhr Kalmus fort,„wie dieſer ganze Beifallsſturm heute Abend nur gemacht war, und wie das einfältige Kranzwerfen nur darauf berechnet war, dem Publikum Sand in die Augen zu ſtreuen?“. 119 „Ich kann doch“, entgegnete der Director,„Nie⸗ wand verbieten, Kränze zu werfen, wenn es ihm ge⸗ fält?“ Nein“ ſchrie Kalmus außer ſich,„das können Sie nicht aber Sie können Jedermann den Beſuch der Bühmw verbieten, der nicht dazu berechtigt iſt. Das verlanzen die Theatergeſetze, und ich beſtehe darauf. Oder ſullen wir andern noch länger mit eigenen Augen anſehen, wie gewiſſe Herren, die hier gar nichts zu ſchaffen haben, auf der Bühne herumſchwänzeln und ſich von der Liebenswürdigkeit gewiſſer Dämchen ſo bezaubern aſſen, daß ſie Skandale aufführen, wie der heutige war? Ich dulde das nicht länger, und wenn dieſe andern herren nicht gegangen werden, ſo gehe ich.“ Der Direcor, der noch immer auf meiner Seite geſtanden hatte ſuchte ihn zu beruhigen, es war um⸗ ſonſt. Im Gegntheil kam nun auch noch die Ameyer, ſchreiend und heulend, dann noch ein paar Andere, die mir nie ſonderlich grün waren und vermuthlich von der Ameyer und Kamus angeſtiftet waren. Die Scene wurde immer ärger und toller, bis endlich der Director ſein Ehrenwort gab, heute ſchon in aller Frühe ein Placat an die Thür mſchlagen zu laſſen, das jedem Unbetheiligten den Zutitt zur Bühne unterſage. Das iſt geſchehen, und damit weißt Du Alles.“ 120 Ich war während der Erzählung der Geliebten mit großen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen. „Warſt Du“ fragte ich ſie dann,„zugegen, weh⸗ rend dieſer Auftritt vor ſich ging?“ „Nein, ich war in der Garderobe, ich hörte Kal⸗ mus aber ſchreien und toben, und was ſonß ſich ereignete, ward mir im nämlichen Augenblicke friſch und warm erzählt.“ „Es iſt gut“, ſagte ich;„ich werde zum Hirector gehen und mit dieſem über die Sache ſprechei.“ „Wohin ſoll das führen? Das Verbot kann und wird er nicht mehr widerrufen.“ „Dann werde ich von dieſem ſaubern Hern Kalmus Rechenſchaft verlangen“ rief ich aufbrauſend. „Auch das wird Dir nichts helfen. E iſt in ſeinem Rechte, und Du erreichſt nur, neben der Gefahr, von ihm in ſeiner Weiſe geſchmäht zu nerden, daß der ganze unangenehme Vorfall noch melr beſprochen und noch mehr wider Dich ausgebeutet vird.“ „Soll ich denn dieſe Beleidigung tuhig hinnehmen?“ rief ich. „Du wirſt Dich fügen müſſe. Doctor Breitſam meinte auch, das werde das Beſe ſein.“ „Doctor Breitſam!“ höhnte ich.„Was verſteht Doctor Breitſam von dem, wes paſſend und ſchicklich 121 iſt! Ich wollte, ich hätte dieſen Handſchuhfabrikanten nie kennen gelernt.“ „Und auch mich nicht?“ ſchmollte Marion. „Verzeihe, Geliebte“, bat ich, ſie an mich drückend⸗ „Ohne ihn hätte ich ja auch Dich nicht gefunden. Ich war undankbar. Ich ſchulde ihm Dich, Marion, Dich, mein ganzes Glück. Und was wären tauſendfache Verdrießlichkeiten, was wäre tauſendfaches Mißgeſchick gegen die Wonne und gegen die Seligkeit, Dich zu beſitzen!“ Wir kamen alsbald auf den geſtrigen Theaterabend zurück. Marion dankte mir warm und herzlich, aber es kam mir doch vor, als wenn Doctor Breitſam die beſte Hälfte des Dankes mir ſchon vorweggenommen habe. Es koſtete mir keine große Mühe, mir dieſen würdigen Mann zu denken, wie er ſich heute in der Probe ſo hinzuſtellen wußte, daß Marion eigentlich ihm den ganzen ſchönen Erfolg zu danken hatte. Das lag ja ganz in der Natur des Doctor Breitſam. „Und welche Freude wurde mir heute ſchon bereitet!“ rief Marion. „Eine Freude? Laß hören.“ Sie reichte mir die Nummer der Zeitung des Doctor Feil hin, dieſelbe Nummer, die auch ich ſchon in der Taſche hatte. 122 Ich that, als wenn ich den Artikel noch nicht ge⸗ leſen hätte. „Der gute Breitſam hat ihn geſchrieben“, ſagte ſie; „er gab mir ihn in der Probe und hat mir viele Freude damit gemacht. Ich werde die Zeitung meiner Mutter ſchicken. Wie glücklich wird ſie ſein, wenn ſie ihr Herz⸗ töchterchen ſo gefeiert weiß.“ Ich ſchwieg und hütete mich, ihr die Entſtehungs⸗ geſchichte dieſes Artikels zu erzählen. Warum ſollte ich ſie aus ihrem glücklichen Traume reißen? Aber ich begann gegen Doctor Breitſam einen Groll zu hegen. Mußte er mir denn immer und immer in den Weg treten? Wenn das ſo fortging, ſprach Marion bald von nichts Anderem mehr als von ihm und ſeiner aufopfernden Gefälligkeit. Gewiß, ſie ahnte nicht, wie wehe ſie mir that. Siebentes Kapitel. Die nächſten Tage gingen ruhig vorüber; ich begann es ſchon als ein Glück anzuſehen, daß ich aus dem innern Heiligthum des Theaters durch gut angelegte Intriguen ausgeſchloſſen worden war, und ſagte mir, daß dort kein Boden für mich ſei, auf welchem ich mich zu bewegen verſtände. Um ſo inniger ſchloß ich mich an Marion an, deren Geſtalt ich nun nicht mehr in Berührung mit einer ihrer imwürdigen Umgebung ſah und die mir nun in um ſo reinerem Lichte, um ſo ver⸗ ehrungswürdiger erſchien. In die Zeit fiel ein kleines Feſt, das in unſerer Geſellſchaft Paradies, von der ich ſchon geſprochen habe, mit einem ſplendiden Diner begangen wurde. Ich traf dort Doctor Breitſam, den ich ſeit dem verhängnißvollen 124 Theaterabend faſt gar nicht mehr oder nur ſehr flüchtig geſprochen hatte. Er ſchien mich zu vermeiden, und ich betrachtete dieſe Zurückhaltung als einen Beweis ſeiner gewonnenen Ueberzeugung, daß wir beide nicht zuſammenpaßten. Ich war damit ſehr zufrieden. Bei dem Diner ſaß er zwar neben mir, doch be⸗ ſchäftigte er ſich zumeiſt mit ſeinem Nachbar auf der andern Seite, und es geſchah erſt ſpäter, daß ihm der Wein auch mir gegenüber die Zunge löſte. Er ſprach von Marion; er that das in einer Weiſe, die mich verletzte. Er zeigte ſich durchaus als der eitle, ſelbſtgefällige und zügelloſe Menſch, der er war. „Ich habe“ ſagte er,„heute in der Probe mit ihr geſprochen, lange, lange, aber man wird nicht müde bei ihr. Sie iſt ein Mädchen wie—“ Er vollendete ſeinen Vergleich nicht, dafür küßte er ſich die Fingerſpitzen, was bei ihm als Ausdruck der höchſten Schwärmerei galt. Er zwang mich, mit ihm anzuſtoßen. „Haben Sie nicht Angſt“, ſagte er dann,„daß ich Luſt bekommen könnte, Ihr Nebenbuhler zu werden?“ „Ich genieße“, antworte ich ruhig,„wie Sie ja wiſſen werden, bei Fräulein Marion kein größeres Vor⸗ recht als Sie und jeder Andere.“ Na, na“, lachte er roh,„machen Sie mir nichts 125 weis. Ich glaube, was ich ſehe, und wenn ich auch ſchiele— ſchielen“, unterbrach er ſich dann ſelbſt,„iſt nicht ſchön. Das muß wahr ſein. Es iſt nicht ſchön. Aber ich habe einmal einen Schatz gehabt, einen Schatz, ſage ich Ihnen“ und wieder küßte er ſich die Finger⸗ ſpitzen,„die war eben doch in meine Augen verliebt, und— ober ich muß auf das zurückkommen, was ich eigentlich ſagen wollte. Was war es denn nur? Rich⸗ tig, ich wollte ſagen: Ich glaube, was ich ſehe, und weun ich auch ſchiele, ſehe ich mit meinen Augen doch oft mehr als Andere, die ſo glücklich ſind, kein Augen⸗ leiden zu haben. Alſo wollen Sie den Kampf mit mir aufnehmen?“ Dabei kniff er ſein Lorgnon in das linke Auge und ſah mich mit ſeinem weinerhitzten Geſicht heraus⸗ fordernd an. Da ich ſchwieg, fuhr er fort: „Wollen Sie? Ich ſage Ihnen: noch ein paar Artikelchen wie ber neuliche, noch ein paar richtige Hallelujas, wie der alte Jakob ſagt, und die Wirkung kann nicht ausbleiben.“ „Für dieſen Fall“, entgegnete ich ironiſch,„ſteht Ihnen meine Börſe wieder vollkommen zur Verfü⸗ gung.“ „Das war ein Hieb“, rief Doctor Breitſam,„der hat geſeſſen. Aber darum keine Feindſchaft! Sie wiſ⸗ ſen, ich vertrage viel.“ „Das iſt wahr“ ſagte ich. „Schon wieder eine Ihrer unpaſſenden Bemerkun⸗ gen“ lachte Doctor Breitſam.„Denn wenn Sie wüß⸗ ten, was unter anſtändigen Menſchen Brauch iſt, ſo hätten Sie mir nachdrücklich widerſprochen. Indeſſen — ſtoßen Sie an; Marion ſoll leben!“ Ich wollte jede Scene vermeiden und ſtieß mit ihm an. Dann erhob ich mich. „Sie gehen ſchon?“ fragte Doctor Breitſam. „Zur ſchönen Marion?“ fragte er weiter mit ſchwe⸗ rer Zunge.„Sie ſind doch ein Glückspilz.“ Dabei ſtürzte er wieder haſtig ein Glas Wein hinunter. Ich ging, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Noch verſtimmt durch das Auftreten des Doctor Breitſam, kam ich am nächſten Mittag zu Marion. Sie war in ihrer gewohnten heitern Laune. Sie lachte und ſcherzte, ſprach von dieſem und jenem. Plötzlich ſagte ſie: „Ich muß Dir doch noch eine Ueberraſchung ma⸗ chen, die ich faſt vergeſſen hätte.“ „Ich muß geſtehen“ entgegnete ich,„nicht ſonderlich 127 lüſtern zu ſein. Alle Ueberraſchungen der letzten Zeit waren nicht von der erfreulichſten Art.“ „Du biſt ein Griesgram“ ſcherzte die Schauſpielerin und zog ein Blatt Papier aus der Taſche.„Bevor ich jeedoch mein Geheimniß preisgebe, möchte ich einige Vorfragen an Dich ſtellen.“ „Frage.“ „Wie ſtehſt Du mit Doctor Breitſam?“ Schon wieder dieſer Handſchuhfabrikant! dachte ich und es ahnte mir nichts Gutes.„Ich ſtehe eigent⸗ lich gar nicht mit ihm“ ſagte ich. „Sahſt Du ihn in der letzten Zeit?“ „Geſtern, er war beim Diner.“ „Nun begreife ich! War er etwas—“ Marion machte eine leichte Bewegung mit der Hand gegen die Stirn. „Du meinſt, ob er etwas angeheitert war? Nun, nüchtern war er eben nicht mehr zu nennen.“ „So, ſo. Ich habe mir dergleichen doch ſofort ge⸗ dacht. Jetzt lies einmal.“ Sie gab mir das Blatt und ich erkannte ſofort die Handſchrift des Doctor Breitſam. Es war ein Brief, der mit den Wortenkbegann „Göttliche Marion!“ „Infam!“ knirſchte ich, als ich zu Ende geleſen. 128 Der Brief enthielt eine Liebeserklärung, ein Ge⸗ ſtändniß der zarteg, Regungen, welche der Handſchuh⸗ fabrikant für Marion fühlte. „Wann erhieltſt Du dieſen Brief? forſchte ich, das Papier in der Fauſt zerknitternd. „Geſtern ſpät abends.“ „Er gibt zu verſtehen, daß er Dich heirathen wolle.“ „Breitſam iſt ein Narr.“ „Kein ungefährlicher. Wie kann er ſich unterſte⸗ hen, Dich in dem Briefe fortgeſetzt mit Du anzuſpre⸗ chen?“ „Er that das jedenfalls in der Trunkenheit.“ „Ich werde ihn nüchtern machen“, rief ich, voll Zorns im Zimmer auf und ab gehend. „Willſt Du ihn zur Rede ſtellen?“ fragte Marion. „Ob ich will?“ wiederholte ich erſtaunt, vor ihr ſtehen bleibend.„Ob ich will? Du wirſt mir doch den Brief zu keinem andern Zweck gegeben haben?“ „Ich habe das gerade nicht im Auge gehabt, ich gab Dir den Brief nur, weil ich überhaupt kein Ge⸗ heimniß vor Dir habe. Indeſſen, wenn ich es recht überlege, ſo ſtimme ich Dir bei. Es kann nicht ſcha⸗ den, wenn dem Uebermuth dieſes Herrn einmal ein Zügel angelegt und ihm die Grenze gezeigt wird, inner⸗ halb welcher er ſich zu bewegen hat.“ 129 „Das will ich thun“, bekräftigte ich;„heute noch ſoll es geſchehen, heute noch.“ „Du mußt natürlich vorſichtig ſein, wenn Du ihm unſere Beziehungen nicht verrathen willſt“, mahnte Marion. „Sei ohne Sorgen, ich werde vorſichtig ſein.“ „Geh lieber morgen, Du biſt bis dahin ruhiger.“ „Nicht um ein Haar ruhiger als heute“ fuhr ich auf. 6 will nicht ruhig ſein, mit Zorn, mit Haß will ich ihm kommen und, wenn er nicht auf den Knieen Dich um Verzeihung bittet, ihin die Peitſche ſein. angethan! Er ſoll mich fürchten, er ſoll es mir glau⸗ ben, wenn ich ihm ſage, daß ich ihn die Stiege hinab⸗ 9 werfe, ſobald er es wagen ſollte, noch einmal Deine Schwelle zu betreten.“ „Willſt Du ihm das Haus verbieten?“ unnſ Du ihn noch empfangen?“ „Warum denn nicht?“ lachte Marion. Ich ſtand verſteinert. „Nach ſolcher Keckheit? Nach ſolcher Beleidigung?“ „Mein Gott“ ſagte ſie, und jedes ihrer Worte ſetzte Oelſchläger, Wunderliche Leute. II. 9 130 mich in ein größeres Erſtaunen,„Du nimmſt auch Alles ſo tragiſch. Was hat er denn gethan? Er hat mir eine Liebeserklärung gemacht! Nun, das iſt doch noch kein Verbrechen. Er hat mich Du genannt. Ach, Du ſagſt ja ſelbſt, er ſei nicht nüchtern geweſen. Er hat ſich alſo einen dummen Streich zu Schulden kom⸗ men laſſen. Gut, den verbitteſt Du Dir für die Zu⸗ kunft, und damit iſt die Sache abgemacht.“ „Ich kenne Dich nicht mehr“ ſagte ich, die Geliebte bei der Hand faſſend.„Ich habe geglaubt, gerade Du müßteſt am lebhafteſten die Nothwendigkeit, den Wunſch empfinden, Doctor Breitſam für die Zukunft nicht mehr bei Dir zu ſehen. Ich weiß ja, wie Du über ihn urtheilſt; Du ſelbſtzhaſt in der erſten Zeit, da wir uns kennen lernten, geglaubt, mich vor ihm warnen und ſeinen Umgang als unpaſſend bezeichnen zu müſſen. Heute nun kannſt Du unmöglich beſſer von Breitſam denken. Oder ſoll ich jetzt derjenige ſein, der Dich warnt? Nein, Du mußt ihn von Dir entfernen, weil Du es dem Anſtand, weil Du es Deiner Würde ſchuldig biſt.“ L„Lieber Freund“, verſetzte Marion,„liebſt Du mich weniger, oder glaubſt Du, daß ich mich ſelbſt in meinen Augen ſinken laſſe, weil ſich ein Trunkener etwas gegen mich erlaubt hat, was die gewöhnlichſte Sitte und der 131 gewöhnlichſte Anſtand verbieten? Gewiß nicht. Und dann, was ſind Sitte und Anſtand? Begriffe, die dem Wechſel unterworfen ſind, wie die Mode. Ich habe mich, das weißt Du ja ſelbſt, nie um das bekümmert, was man Sitte nennt, und wenn ich mich recht erin⸗ nere, warſt gerade Du es, der ſich ſo oft an meinem Geſchick ergötzte, mich über Sitte und Herkommen un⸗ bemerkt und gefällig hinwegzuſetzen. Das hat nun auch Doctor Breitſam verſucht, aber nicht geſchickt und nicht gefällig, ſondern plump und flegelhaft. Er kann es nicht anders. Und ſollen wir ihm das nicht verzeihen können?“ „Nein“, rief ich,„Menſchen, deren Plumpheit und Schwerfälligkeit mir Unannehmlichkeiten zu bereiten im Stande ſind, halte ich von mir fern.“ „Du handelſt nach dem Standpunkt, den Du ein⸗ nimmſt. Mein Verhältniß zu Breitſam jedoch iſt ein anderes, ich kann ihn nicht entbehren, mehr noch, ich darf mich nicht einmal mit ihm verfeinden.“ Ach ja“, ſagte ich,„das haſt Du mir damals auch ſchon auseinandergeſetzt.“ „Seine Feindſchaft“ fuhr Marion fort,„kann mir nur Nachtheile zuziehen, kann mir nur ſchaden. Und glaubſt Du, er werde ſich nicht rächen? Ich könnte Dir Beiſpiele genug anführen, wie er an Schauſpielern, 9* 132 die ihm zu verſtehen gaben, wie gering ſie eigentlich von ihm dächten, oder an Schauſpielerinnen, die ſich nach ſeinen Begriffen nicht gefällig genug erzeigten, fortgeſetzt kleinliche und boshafte Rache übte. Es klingt lächerlich, aber der Handſchuhfabrikant Breitſam iſt eine Macht, und ich darf nicht daran denken, mich mit ihm vollſtändig zu überwerfen.“ Ich hatte in einem Fauteuil Platz genommen und ſann nach. Woran denkſt Du?“ fragte mich Marion. „Ich habe mir“, antwortete ich in etwas gereiztem Tone,„eben noch einmal Alles überlegt, was Du ſag⸗ teſt, und finde, daß Du von Deinem Standpunkte aus Recht haſt. Ich würde vielleicht anders handeln, doch jedenfalls weniger klug als Du. Da ich Dir nun für die Nachtheile, welche Dir Breitſam's Mißwollen be⸗ reiten könnte, keinen Erſatz zu bieten vermag, ſo kann ich auch kein Recht haben, Dir zu widerſprechen oder Dich zu einer andern Handlungsweiſe, als Du für gut hältſt, zu beſtimmen.“ Es trat eine kleine Pauſe ein, dann faßte mich die Geliebte bei der Hand, und ſagte, indem ſie meinen Kopf in die Höhe hob: „Biſt Du mir böſe?“ „Warum ſollte ich Dir böſe ſein, liebes Kind?“ 133 antwortete ich ganz ruhig.„Es kommt ja häufig genug im Leben vor, daß man gerade da auf Verſchiedenheit in ſeinen Meinungen ſtößt, wo man keine vermuthet hätte. Man muß das ertragen lernen.“ Die Ruhe, mit der ich die Worte geſprochen hatte, ſchien ſie zu verletzen. Sie ließ meine Hand los und machte keinen Verſuch mehr, das Geſpräch fortzuſetzen. Als ich mich verabſchiedete, fühlten wir wohl beide, daß nicht Alles ſo ſei, wie es ſein ſollte. Aber warum ſollte man auch gleich das Aergſte fürchten! Mußte ich denn gleich Alles ſo tragiſch auffaſſen, wie Marion verſichert hatte? Es war ja nur Meinungsverſchieden⸗ heit, die uns für den Augenblick trennte, und ich hatte Marion ja ſelbſt geſagt, man müſſe das ertragen lernen. Mein nächſter Weg führte mich zu Doctor Breitſam. „Iſt das Ihre Handſchrift?“ fragte ich, als wir in das Kabinet neben ſeinem Laden getreten waren⸗ und hielt ihm den Brief hin. Er kniff das Lorgnon in ſein Auge, betrachtete eine Weile, wie prüfend, das Papier, dann mich und ſagte endlich ganz ruhig: „Das wird wohl meine Handſchrift ſein.“ „Ich möchte eine beſtimmte Antwort haben“, ver⸗ ſetzte ich ungeduldig. 134 „Ich ſage Ihnen ja, es iſt leicht möglich, daß dies meine Handſchrift iſt.“ „Ja oder nein?“ „In Gottes Namen denn, wenn Sie es durchaus haben wollen, ja. Aber belieben Sie nicht Platz zu nehmen?“ „Ich danke. Wie kommen Sie dazu, gegen Fräulein Marion eine ſolche Impertinenz zu begehen?“ „Daß Sie ſchon wieder ſo unpaſſende Ausdrücke gebrauchen!“ ſagte Doctor Breitſam. „Dieſer Ausdruck ſcheint mir im Gegentheil ſehr paſ⸗ ſend zu ſein; Sie haben ſich, ich wiederhole es, imper⸗ tinent benommen.“ „Das ſcheint nur ſo.“ „Dann bitte ich Sie, ſich an Ihren eigenen Satz zu erinnern: Man iſt, was man ſcheint. Wie kommen Sie alſo dazu, Fräulein Marion durch einen ſolchen Wiſch zu beleidigen?“ „Iſt Fräulein Marion wirklich beleidigt?“ „Das fragen Sie noch? Ich komme im Auftrage des Fräuleins, Rechenſchaft von Ihnen zu fordern.“ „Wollen Sie ſich vielleicht mit mir ſchießen?“ „Ich fange an zu glauben, daß Sie nicht derjenige ſind, von welchem man in ſolcher Weiſe ſich Satisfac⸗ tion verſchafft.“ 135 „Ah“, lächelte Doctor Breitſam ſpöttiſch,„das thut mir leid. Wie ich Sie zornſprühend und racheſchnau⸗ bend bei mir eintreten ſah, konnte ich mir natürlich ſogleich denken, was Sie herführte. Ich hoffte in die⸗ ſem Augenblick wirklich, daß Sie mich fordern und ſich mit mir ſchießen würden.“ „Dergleichen zu hoffen ſieht Ihrer ſonſtigen Art zu ſein nicht ähnlich.“ „Ich glaube das, aber ſeit einiger Zeit gehen die Geſchäfte wieder flau, ſehr flau, ich brauche eine neue Reclame. Todtſchießen hätten Sie mich, den alten Freund, der Sie bei der Marion einführte, anſtändiger⸗ weiſe doch nicht können. Was wäre nun das Reſultat geweſen? Vielleicht ſo ein kleiner Streifſchuß, den Sie bekommen hätten, den ich bekommen hätte— wer weiß das? In jeden Falle wäre am nächſten Tage mein Laden überlaufen geweſen, ich wäre intereſſant gewor⸗ den, ich hätte gute Geſchäfte gemacht— ach, es iſt wirklich abſcheulich, daß ſie ſich nicht mit mir ſchießen wollen.“ „Treiben Sie Ihren Scherz mit mir? fuhr ich auf. „In einer Sache, die Sie ſo ernſthaft behandeln?“ entgegnete Doctor Breitſam ironiſch⸗„Wie könnte ich das wagen! Was wünſchen Sie aber eigentlich von mir?“ 136 „Daß Sie an Fräulein Marion einige Zeilen ſchrei⸗ ben, die ich Ihnen hier dictiren werde und in denen Sie die Dame um Verzeihung bitten wegen des Schimpfes, den Sie ihr angethan haben.“ „Weiter nichts?“ höhnte Doctor Breitſam.„Nein, verehrteſter Herr, das thue ich nicht.“ „Sie weigern ſich? Sie ſind—“ „Sprechen Sie nicht aus, ten Sie die Be⸗ zeichnung, die mir zu gel könnten. Sie würden doch nichts damit Sie beleidigen mich nicht—“ „Ich glaube“ fiel ich ihm ins Wort,„man iſt beim beſten Willen nicht im Stande, Sie zu beleidigen.“ „Haben Sie dieſen vielleicht?“ ſpottete Doctor Breit⸗ ſam wieder.„Dann bedauere ich die Anſtrengungen, die Sie ſich's möchten koſten laſſen. Ich habe zu ſelten Luſt, mich beleidigt zu fühlen, die Welt iſt es nicht werth.“ „Die Welt wird ſich über die geringſchätzige Art, in der Sie von ihr denken, zu tröſten wiſſen.“ „Ich zweifle nicht daran.“ „Welche Genugthuung gedenken Sie nun dem Fräu⸗ lein zu geben?“ n Sie vielleich — — — 8 8 „Lieber Herr, laſſen Sie doch Ihre hochtrabenden. 5 Ausdrücke beiſeite. Genugthuung! Wenn Sie ſich 1 7 3 wenigſtens mit mir geſchoſſen hätten, dann würde ich mir Ihre ſtolzen Worte gefallen laſſen. Beleidigung— Herausforderung— Genugthuung— Satisfaction— Piſtolenduell— Streifſchuß, da hätte man ſich doch etwas Orden dabei denken können, das wäre doch, wie der alte Jako richtiges Halleluja ge⸗ weſen und hätte ng gethan. Aber ſo! ich denn eigentlich verbrochen? Ich habe inen Liebesbrief geſchrieben. Das war dumm hr nämlich geſchrieben habe. Man ſoll nie etwas Schriftliches von ſich geben. Wäre ich zu ihr ge⸗ gangen, hätte mich vor ihr auf die Kniee geworfen, hätte ich ihr die kleinen Füßchen geküßt und gerufen: Madame, ich liebe Sie— was wäre dann geweſen? Ich hätte vielleicht einen Korb von ihr bekommen— vielleicht— vielleicht auch S Fräulein Marion hätte mich vielleicht 6t— vielleicht— vielleicht auch nicht. Damit wäre die Sache abgemacht und am nächſten Tage vergeſſen geweſen. Was iſt auch daran? Und nun kommen Sie und ſchreien und raſ⸗ ſeln mit dem Schwerte, daß einem angſt und bange werden möchte.“ „Sie haben ſich unterſtanden, Fräulein Marion mit Du anzureden.“ „Hat Marion das übel genommen?“ 138 „Ja.“ „Das war auch ungeſchickt von mir. Wenn ich das Fräulein ſehe, werde ich ihr ſelbſt ſagen, daß ich es nun bedaure.“ „Fräulein Marion war ſehr ungehalten darüber“, glaubte ich bemerken zu ſollen. „Hat ſie ſich vielleicht für die Zukunft meinen Be⸗ ſuch verbeten?“ „Nein, das eben nicht.“ „Na, ſehen Sie. So wird ſich das Andere wieder ins Gleis bringen laſſen. Und was iſt denn im Grunde? Ich habe den Brief geſtern nach dem Diner geſchrieben. Daß ich vorher mein Herz am Wein ge⸗ nügend erfreut, iſt Ihnen wohl nicht entgangen. Da überkam mich denn eine ppetiſche Stimmung und ich nahm die poetiſche Licenz für mich in Anſpruch, zu Marion Du zu ſagen. Nur die Reime ließen mich eben im Stich. Wären dieſe da und hätte ich in Verſen geſchrieben, ſo hätte kein Menſch ein Wort über das Du verloren. Warum alſo von der ganzen Sache ſo viel Aufhebens machen?“ Nach dieſen Worten holte ſich Doctor Breitſam in aller Gemüthsruhe eine Cigarre heraus und zündete ſie an. „Darf ich Ihnen anbieten?“ 139 „Ich danke“, ſagte ich. Ich ſah wohl, daß dem Menſchen nicht beizukommen war und daß es von mir ein thörichtes Vorhaben ge⸗ weſen ſei, ihn zur Rechenſchaft ziehen zu wollen. Um nicht ganz leer auszugehen, beſchloß ich mich wenigſtens an die eine Conceſſion zu halten, die er vorhin gemacht hatte. „Ich darf“, ſagte ich,„Fräulein Marion alſo mit⸗ theilen, daß Sie den ganzen Vorfall bedauern?“ „Den ganzen Vorfall? Ich habe eigentlich nur von dem verhängnißvollen Du geſprochen. Aber wenn es Ihnen Spaß macht, meinetwegen, ſagen Sie es. Vielleicht. komme ich morgen oder übermorgen ſelbſt zu ihr, dann wird ſich das Andere ſchon aufklären und in allgemei⸗ nes Wohlgefallen auflöſen.“ Ich hatte Marion, obwohl ungern, verſprochen, ihr noch am nämlichen Abend Bericht über meine Unter⸗ redung mit Doctor Breitſam zu erſtatten. Sie ſchien mit dem Ausgang ſehr zufrieden. „Es iſt recht“, ſagte ſie,„daß Alles ſo gegangen und gekommen iſt. Breitſam hatte einen dummen Streich gemacht— er gibt das ſelbſt zu— und bedauert ihn, was will ich alſo mehr? Und biſt Du nun auch zufrieden?“ ſagte ſie, ihren Arm um meinen Hals ſchlingend und ſich zu mir beugend. 140 „Ich muß es“, entgegnete ich,„wenn Du es biſt.“ Marion ſchien übrigens doch zu empfinden, daß ſie etwas an mir gut zu machen habe. Sie war an die⸗ ſem Abend doppelt zärtlich und hingebend gegen mich. Wenn ich aufbrechen wollte, bat ſie mich mit immer neuen ſüßen Schmeichelworten, noch zu bleiben. Ich war nie ſo lange geblieben. Die Stille der Nacht wiegte uns ein, und wir waren glücklich in dem zaube⸗ riſchen Halbdunkel, das uns umgab und durch das nur das reine Weiß ihrer Stirn und ihrer ſchönen Arme leuchtete, wenn ſie mich A chlingend ihr Auge in das meinige ſenkte und, das lockige Haupt an meine Bruſt gelehnt, mir erröthend zuflüſterte, wie ſehr ſie mich liebe. Als ich nach Hauſe kam, war mein Entſchluß ge⸗ faßt. Marion ganz zu beſitzen, ſie ganz die Meine zu nennen, nur darin konnte ich mein einziges Glück noch ſehen. Hatte ſie nicht immer ſo gehandelt, wie ich wünſchte, ſo mußte es eben meine Aufgabe ſein, ſie aus der Sphäre zu reißen, deren Anſchauungen und Gewohnheiten auf ſie ſtörend einwirkten. Sie ſelbſt ſtand im Grunde meiner Seele immer noch als das Ideal, als der Engel, den ich von Anfang an verehrt und über Alles geliebt hatte. War es mir aber nur einmal gelungen, ſie öffent⸗ 14¹ lich als meine Verlobte, als meine Braut erklären zu dürfen, dann konnte es auch nicht ſchwer ſein, das Haus von denjenigen Beſuchen, die mir unangenehm waren, vollkommen freizuhalten, bis zu dem Augenblick, da ſie auf immer die Bühne verließ. Vorher freilich hatte ich noch eine ſchwere Aufgabe zu vollenden, ich mußte die Einwilligung meiner Mutter gewinnen, die ich in keinem Falle entbehren wollte. Was ſollte ich der guten Frau ſchreiben, was ihr ſagen? Ich wußte, daß ich ſie bis ins Innerſte verwunden würde, aber ich ſah mein Lebensglück an dieſem Schritte hängen. Um mir Muth einzuflößen, ſagte ich mir ſelbſt vor, daß es eine Ungerechtigkeit, ein willkürliches Ver⸗ langen ſei, mich zum Opfer dafür zu machen, daß mein Bruder zu einer Zeit, da ich noch nicht einmal am Leben war, einer ſchweren Gefahr glücklich entgan⸗ gen war; ich lehnte mich mit aller Macht gegen dieſe Zumuthung auf und gewann ſo den Muth, meiner Mutter Alles, was ich im letzten halben Jahre erlebt hatte, mitzutheilen. Ich ſchrieb noch in der nämlichen Nacht. Ich ſchilderte ihr die Geliebte, die ich ihr als Schwiegertochter zuführen wollte, und mit wel⸗ chen Farben, mit welcher Liebe ſchilderte ich ſie! Als ich den Brief geſchloſſen, graute eben der Morgen des neuen Tages. 142 Mit großer Angſt, mit unbeſchreiblicher Unruhe erwartete ich die Antwort. Ich fürchtete nicht, von der Mutter abſchlägigen Beſcheid zu erhalten. Ich wußte, daß ſie ihre Einwilligung geben werde, denn ſie hatte es immer betont, daß ſie, ſo wenig ſie meinen Bruder zum geiſtlichen Stande gezwungen habe, mich dazu zwingen werde; aus freiem Herzen, ſagte ſie, ſolle ich bereit ſein, das von ihr dem Himmel gegebene Ver⸗ ſprechen einlöſen zu helfen; aber ich ward von Un⸗ ruhe verzehrt, wie ſie den Kummer, den ich ihr wiſſentlich bereitete, tragen und wie ſie ſich in die Nothwendigkeit fügen werde, den ſeiner Erfüllung ſchon ſo nahe ge⸗ glaubten Lieblingswunſch ihres Lebens jetzt noch ſchei⸗ tern zu ſehen. Der Geliebten ſelbſt, der ich ſelbſtverſtändlich bisher auch Alles verſchwiegen hatte, was ſich auf meinen eigentlichen künftigen Beruf bezog, und die mein Stu⸗ dium der Medicin, von dem ich ihr wohl dann und wann erzählt hatte, für mein Berufsfach hielt, machte ich auch von dieſem Schritte, den ich für ſie gethan, keine Mittheilung. Die Einwilligung meiner Mutter in der Hand wollte ich vor ſie hintreten und um ſie werben. Wie glücklich konnten wir beide werden! Zwar fielen mir gerade in dieſen Tagen des Har⸗ 143 rens die Worte wieder ein, mit denen ſie mir vor langer Zeit einmal verſichert, daß ſie ſelbſt aus Liebe nie ein Opfer bringen und nur dem Manne ihre Hand reichen werde, der ihr noch glänzendere Verhältniſſe bieten werde, als ihre derzeitigen ſeien. Erſt erſchrak ich, doch nur um mich gleich wieder zu beruhigen. Denn ſo konnte ſie ſprechen, da ſie nicht liebte; jetzt aber liebte ſie, liebte ſie mich, jetzt mußte ſie auch im Stande ſein, zu entſagen und ein Opfer zu bringen, wenn ſie das Verlaſſen der Bühne und der damit zu⸗ ſammenhängenden Verhältniſſe durchaus ſo nennen wollte. An einem dieſer Tage war es— der Sommer neigte ſich ſeinem Ende zu— als Marion den Vor⸗ ſchlag machte, die ſchöne Witterung noch zu benutzen und einen Ausflug auf die Walterſchwaige— einen benachbarten Vergnügungsort— zu unternehmen. Ich ging mit Vergnügen auf die Idee ein. „Wir wollen“ ſagte ſie,„auf der Schwaige zu Mit⸗ tag eſſen.“ „Das wird herrlich werden“, meinte ich. „Doch wir können nicht allein fahren, wir brauchen noch einen Herrn und eine Dame.“ „Glaubſt Du?“ ſagte ich verſtimmt. „Ja, es iſt nothwendig, um für alle Fälle das Ge⸗ rede der Leute zu vermeiden.“ 144 „Wen würdeſt Du dann in Vorſchlag bringen?“ „Die Dame haben wir gleich. Wir laden Lulu; ſie iſt ſehr gern bei ſolchen Partien und verdirbt nichts.“ Lulu war die Soubrette des Theaters. Ich hatte nichts gegen ſie einzuwenden.„Und der Herr?“ fragte ich dann. „Der Herr?“ wiederholte Marion nachſinnend.„Ich wüßte wohl einen, aber ob er Dir recht iſt?“ Ich errieth, wen ſie meinte. „Nein“, antwortete ich,„mit dieſem Herrn mache ich keinen Ausflug.“ „Ich habe mir das wohl gedacht“, warf Ma⸗ rion ein. Sie brachte dann den und jenen in Vorſchlag. Ich hatte an allen etwas auszuſetzen. Marion kam endlich wieder auf Doctor Breit⸗ ſam zurück, den ſie von Anfang an im Auge gehabt hatte. Ich weigerte mich hartnäckig. Sie ſuchte mir die Grundloſigkeit meiner Einwände nachzuweiſen und nannte mein Beharren auf der Wei⸗ gerung Eigenſinn. Sie jammerte, daß auf dieſe Weiſe der ganze Plan zu nichte werde, und ſchalt mich, daß ich nicht 145 im Stande ſei, ihr zu Liebe eine perſönliche Abneigung zu überwinden. Dieſe Anklage verdroß mich um ſo mehr, als ich ihr noch nicht ſagen durfte, einen wie viel größern Beweis meiner Liebe ich ihr zu geben gedachte. Ich überlegte und erinnerte mich daran, daß ich in jeder Stunde die Einwilligung meiner Mutter zu der Verlobung mit Marion erhalten müſſe, daß alſo, wenn die Partie nach der Walterſchwaige wirklich noch vor dem Eintreffen der erſehnten Antwort zu Stande kommen werde, es ſich höchſtens darum handle, die Gegenwart des Doctor Breitſam zum letzten Male zu ertragen. Ueberdies hatte er Marion wirklich um Verzeihung gebeten, er hatte ſeine Liebeserklärung als einen unüberlegten Streich hingeſtellt, ich entſchloß mich alſo, nachzugeben und mich noch einmal in die Anweſenheit des mir ſo unange⸗ nehmen Herrn zu finden. Es wurde einer der nächſten Tage, an dem Ma⸗ rion abends eben nicht beſchäftigt war, feſtgeſetzt, und dieſe erbot ſich, die Zwiſchenträgerrolle zwiſchen Breitſam und mir zu übernehmen. Ich wollte in keinem Falle derjenige ſein, welcher die Annäherung wieder zu ſuchen ſchien. Doctor Breitſam erklärte ſich zu Allem bereit, und während ich an den Wirth der Walterſchwaige ſchrieb, wählte er bei einem Lohnkutſcher eine glänzende Oelſchläger, Wunderliche Leute. II. 10 146 Equipage aus, welche die Damen auf die Walterſchwaige bringen ſollte. Wir ſelbſt beabſichtigten in einem Zwei⸗ ſpänner vorauszufahren und Marion nebſt Lulu auf der Schwaige zu erwarten. Zur beſtimmten Stunde hielt Doctor Breitſam vor meiner Wohnung im Wagen. Ich hatte ihn ſeit unſerer letzten Begegnung nicht mehr geſehen und geſprochen und war eben im Begriffe, den Plaid über die Schulter zu werfen und mein Zimmer zu verlaſſen, als es draußen klingelte. Ich öffnete, es war der Poſtbote. Zitternd vor Aufregung griff ich nach dem Briefe, den er mir überreichte, ich blickte auf die Handſchrift der Adreſſe, es war die Antwort meiner Mutter. In meine Wohnung zurückgekehrt, öffnete ich und las den Brief. Es war ſo, wie ich erwartet hatte, er enthielt die Einwilligung, die ich erſehnt hatte, aber er ſprach auch deutlich und ergreifend von der ſchmerzlichen Enttäuſchung, welche ich der Mutter bereitet. Sie ſchrieb gefaßt und ruhig, aber ich glaubte in ihr thränenumflortes Auge zu blicken. Sie wollte meinem Glücke nicht entgegen ſein, ſagte ſie und ſegnete mich am Schluſſe des Briefes. Auf einen Stuhl geſunken, betrachtete ich die Züge der geliebten, theuern Hand. Ich hätte am liebſten weinen mögen, ich wußte nicht, ob aus Freude oder aus Schmerz⸗ 147 Da wurde die Schelle an der Hausthür heftig ge⸗ riſſen, ich ſchrak auf und verbarg den Brief in meiner Taſche. Es war Doctor Breitſam, den ich ganz vergeſſen hatte. „Zum Teufel“, rief er,„wo ſtecken Sie denn? Ich ſitze ſchon eine halbe Stunde unten im Wagen und erwarte Sie. Ich wette, daß die Damen ſchon längſt vorausgefahren ſind und wir zu ſpät kommen.“ Ich entſchuldigte mich, ſo gut ich konnte, und ſtieg mit Doctor Breitſam in den Wagen, der uns raſch durch die Stadt und hinaus auf die luftigen, ſonnigen Höhen brachte, die den Strom entlang zur Walter⸗ ſchwaige führten. Achtes Kapitel. Es war ein wunderſchöner Tag und das Herz„ dehnte ſich einem ordentlich aus, wie wir durch die maleriſche, ſonnenerfüllte Landſchaft fuhren. Hinter uns blieb die Stadt, links von uns ſpannten ſich weite grüne Felder, zur Rechten rauſchte der Strom im Thal, und vor uns lag im ſchönſten zarten blauen Duft das Gebirge geſtreckt von den fernen Tiroler Alpen an der ſteil abfallenden Zugſpitze vorbei bis zu den Aus⸗ läufern des ſchwäbiſchen Algäus. Immer und immer nur an das Theater und ſeine Umgebung gebannt, hatte ich dieſen Anblick lange ent⸗ behrt, und ſo ſog ich mit um ſo größerer Luſt die reine, waldfriſche Luft ein und freute mich innig der Sonne, die ſo voll und golden vom wolkenreinen Himmel lachte. 149 Wäre nur nicht der Brief in meiner Taſche gewe⸗ ſen! Er zog immer wieder meine Gedanken von den Schönheiten ab, die mich hier umgaben, und er war es auch, welcher mich nur allzu wenig Aufmerkſamkeit den Worten meines Begleiters ſchenken ließ, der ſeine Aufgabe darin ſehen mochte, mich zu unterhalten. Er ſprach von allem Möglichen und kam vom Hundertſten ins Tauſendſte, wie man zu ſagen pflegt. Unſere letzte Unterredung ließ er unberührt— ein Taktgefühl, das ich bei ihm nicht geſucht hätte. „Apropos“, ſagte er, nachdem wir ſchon mehr als die Hälfte Wegs zurückgelegt hatten,„Sie ſcheinen heute faſt zu nachdenklich geſtimmt; was geben Sie mir, wenn ich Ihrer lahmliegenden Heiterkeit einigermaßen auf die Beine helfe?“ „Haben Sie ein ſicheres Mittel?“ fragte ich. „Unzweifelhaft. Doch mache ich zur Bedingung, Sie dürfen ſich nur davon erheitern laſſen, das heißt: Sie ſollen mir dabei mit gewiſſen unzarten Ausdrücken vom Halſe bleiben.“ „Sie nehmen ja doch keine weitere Notiz davon“, lachte ich. „Wenn ich es auch nicht merken laſſe“, entgegnete Doctor Breitſam in dem von mir ſchon einmal an ihm beobachteten biedern, weichen, faſt an Sentimentalität 150 ſtreifenden Tone,„es thut mir doch innerlich weh, von Ihnen ſo behandelt zu werden.“ „In der That? Sie überraſchen mich.“ „Und Sie ſind es, der mich verkennt und der mir Unrecht thut.“ „Schön, ſchön!“ rief ich ungeduldig.„Rücken Sie mit Ihrem Mittel heraus, ſonſt bin ich erheitert, bevor Sie jenes nur anwenden.“ „Hören Sie alſo. Wie ich Ihnen kürzlich erſt bei einer gewiſſen Gelegenheit fagte, gehen die Geſchäfte gegenwärtig ſehr flau. Sie erinnern ſich doch?“ „Sehr gut.“ „Um dieſem Uebelſtande abzuhelfen, verfiel ich auf eine Idee, die—“. „Ihrem ſpeculativen Kopfe ſicher alle Ehre machen wird“, unterbrach ich ihn. „Sie mögen ſelbſt urtheilen. Ich beabſichtige dem⸗ nächſt für das Theaterperſonal ein Abonnement zu eröffnen.“ „Ein Abonnement? Auf was denn?“ „Wie können Sie nur fragen! Ein Abonnement auf meine Handſchuhe, ein Handſchuhabonnement.“ „In der That, Sie erheitern mich. Ihre Idee iſt neu. Sie haben doch dabei die Leihbibliotheken im Auge?“ 151 „Nichts Anderes. Wie nicht Jedermann im Stande iſt, ſich diejenigen Bücher zu kaufen, deren Kenntniß ihm doch unerlaßlich iſt, ſo vermag auch nicht Jeder⸗ mann, namentlich beim Theater, diejenigen Koſten zu beſtreiten, welche ihm der häufige und nothwendige Ge⸗ brauch der Handſchuhe auferlegt.“ „Ach“, ſagte ich,„die Primadonnen werden doch—“ „Auf dieſe rechne ich auch weniger“, fiel Breitſam ein.„Mein Plan iſt mehr für die kleinern Schauſpie⸗ ler und was drum und dran hängt, berechnet.“ „Die Handſchuhe werden ſchmuzig! Aber das genirt Sie nicht!“ „Warum denn? Ich habe bei meinem Plane Alles dies ſchon in Anſchlag gebracht. Hören Sie mich nur. Mein Abonnement zerfällt in drei Klaſſen. Die erſte umfaßt alle bedeutendern Kräfte des Theaters. Dieſe bekommen den Handſchuh friſch und neu aus dem La⸗ den, und zwar zum nur einmaligen Gebrauch. Als⸗ dann wird der nämliche Handſchuh zur Benutzung der zweiten laſſe zugetheilt, welche die kleinern Schau⸗ ſpieler, die Darſteller der Bedientenrollen und andere umfaßt. Dieſen ſtelle ich den Handſchuh dreimal zu Gebote. Alsdann kommt er⸗ natürlich geputzt und ge⸗ reinigt oder nach Umſtänden auch gefärbt, zur Dienſt⸗ leiſtung in die dritte Klaſſe, welche die Choriſten und Choriſtinnen, Figurantinnen und ähnliches Volk ein⸗ ſchließt, und von hier, nach gleichfalls dreimaliger Be⸗ nutzung, wandert er wieder in meinen Laden zurück, wo er, wenn er nicht allzuſehr mitgenommen worden 5 iſt immer noch einen Abnehmer zu annehmbarem Preiſe finden kann. Ich zähle dabei auf Dienſtmädchen, Ge⸗ ſellen, Bediente, Studenten.“ „Ihr Plan iſt vorzüglich“, lachte ich.„Doch wie wollen Sie Controle üben?“ „Darüber bin ich mir noch nicht ganz klar; ich werde aber den Modus, zweifeln Sie nicht daran, noch finden.“ „Und Sie rechnen alſo wirklich auf eine ſtarke Betheiligung?“ „Mit Zuverſicht. Man wird ſich um die Abonne⸗ ments reißen.“ „Man wird“ fiel ich ein,„dieſe Ihre neueſte Spe⸗ culation mit Ihren Theaterreferaten in Verbindung bringen.“ „Wird man?“ wiederholte Doctor Breitſam ſpöttiſch. „Man wird Unrecht thun.“ „Man wird“, ſagte ich nachdrücklich,„ſich nur aus dieſem Grunde an Ihrem Handſchuhabonnement be⸗ theiligen.“ „Das müßte ich bedauern.“ 153 „Sie ſind wieder im Begriffe, eine Ihrer ſpecula⸗ tiven Handlungen zu begehen, welche—“ „Bitte, bitte“, unterbrach mich Doctor Breitſam und hielt mir den Mund zu.„Das geht wider unſere Verabredung. Keine unpaſſenden Ausdrücke! Sehen Sie lieber dorthin, wir kommen richtig zu ſpät.“ Ich folgte der angedeuteten Richtung und bemerkte zwei Damen, welche am Saume des faſt unmittelbar an die Walterſchwaige ſtoßenden Waldes ſpazieren gingen. „Wahrhaftig, wir kommen zu ſpät“ rief ich,„das iſt Marion.“ Als wir in den Hof der Schwaige einfuhren, ſahen wir auch ſchon die Equipage ſtehen, welche die beiden Damen herausgebracht hatte. Doctor Breitſam bedeutete unſern Miethkutſcher, daß wir ſeiner nicht mehr benöthigt ſeien und daß er nach Hauſe fahren könne. „Wie ſollen wir aber in die Stadt kommen?“ fragte ich. 3„Heute Abend fahren wir mit den Damen“, ent⸗ ſchied Doctor Breitſam. „In derſelben Equipage?“ „Verſteht ſich! Das wird der Hauptſpaß wer⸗ den!— — 154 Der arme Doctor Breitſam, wie ſollte ſich er ent⸗ täuſcht ſehen! Wir gingen auf den Wald zu, von dem aus uns die beiden Mädchen ſchon entgegenkamen. Marion trug ein ſchlichtes weißes Kleid mit blauem Seidengürtel, von welchem eine Schleife von der näm⸗ lichen Farbe niederflatterte. Sie war voll Einfachheit und Schönheit. Ich hatte ſie den Tag vorher gebeten, gegen Doc⸗ tor Breitſam nicht allzu freundlich zu ſein. Sie werde mich ſonſt eiferſüchtig machen, hatte ich geſagt. Sie begrüßte meinen Begleiter wirklich mit einer Kälte und Zurückhaltung, die faſt unartig zu nennen waren und Doctor Breitſam für einen Augenblick verſtimmten. Bald aber wählte er das beſſere Theil und beſtrebte ſich, alle ſeine Liebenswürdigkeit an die ſchöne Soubrette zu verſchwenden, die, auf das angenehmſte davon be⸗ rührt, ihm auf halbem Wege entgegenkam. Der Ort, wo das Diner ſervirt werden ſollte, war vom Wirth mit Geſchick ausgewählt worden. Es war ein kleines Sallet, das wie ein Schwalbenneſt an die ſteil abfallende Felswand hingeklebt ſchien, zu deren Füßen ſich breit und haſtig der grüne Bergſtrom vor⸗ überwälzte. Das mit zierlichen Holzſchnitzereien ge⸗ ſchmückte Luſthäuschen hatte überallhin, ausgenommen 155 diejenige Seite, durch die man eintrat, hohe, breite Fenſter und bot dadurch eine unbeſchränkte Fernſicht. Gegenüber hob ſich das andere Ufer des Stroms gleich ſteil und abſchüſſig, wie das dieſſeitige, doch in ſeiner ganzen Länge mit einem hochgewachſenen Fich⸗ ten⸗ und Föhrenwald bedeckt. Auf der Südſeite, wo die waldigen Ufer infolge einer Krümmung, die der Fluß machte, bald zuſammen⸗ ſtießen, war in ſeiner ganzen Schönheit das blaue, mit einzelnen Schneeflächen fernhinleuchtende Gebirge ſichtbar, während auf der Nordſeite die den Strom beengenden Höhen bald zurücktraten und einer ſandi⸗ gen, ſpärlich von Buſchwerk unterbrochenen Fläche Platz machten, an deren Ende die große Stadt mit ihren Thürmen und Kirchen ausgebreitet lag. Unter muntern Geſprächen ging das Diner hin, das mit jedem neuen Gang in vollkommener Weiſe Zeugniß für die Kunſt des Wirthes ablegte. Schon hatte ich den Pfropfen der erſten Champagnerflaſche an die Decke fliegen laſſen— zum großen Schrecken der Mädchen und zum Verdruß Breitſam's, der dieſen Ge⸗ brauch für abgekommen und bäueriſch erklärte— als uns ein dumpfrollender Donner auf das Nahen eines Gewitters aufmerkſam machte. „Vortrefflich“, rief Marion leuchtenden Auges und 156 ſchwang ihr überſchäumendes Glas dem Blitze entgegen, der gerade im Gebirge aufzuckte,„die Götter laden ſich zu Gaſte, ſie wollen mit uns ſein! Blitz und Donner, ſeid willkommen, wie lieb' ich euch!“ Sie war aufgeſprungen, und an das geöffnete Fenſter tretend, durch das ein kühlender Wind, der Vor⸗ bote des Sturms, leicht hereinſtrich, leerte ſie den ſchimmernden Kelch bis zur Neige. „Jetzt wird mir wohl“ rief ſie.„Gewitter und ich ſind alte Freunde! Schon als Kind war ich nicht mehr im Hauſe zu halten, wenn ein Wetter im Anzuge war. Ich lief hin, wo ich am weiteſten den Kampf der Elemente überſchauen konnte, auf den Kirchthurm, auf eine benachbarte Anhöhe, auf die Stadtmauer, und als einmal mitten in einer Sommernacht ein tolles Ge⸗ witter über die Stadt hinzog, daß die Häuſer zitterten und die Fenſter klirrten, ſtand meine Mutter beſorgt auf und fand, da ſie ſich umſah, zu ihrem Schrecken mein Bett leer. Ich war leiſe auf den Boden des Hauſes geſchlichen, und am Sparrenwerk mühſam bis zu einer Dachluke emporkletternd, ſpähte ich in die pechſchwarze Nacht hinaus, mich an dem erhabenen Naturſchauſpiel ergötzend, während der Sturm mir die Locken zerwühlte und der ſtrömende Regen mir das Geſicht peitſchte.“ 157 Das Gewitter zog raſch näher, das Gebirge war längſt in einen dunklen Regenſchleier eingehüllt, als die ſich immer ſchneller folgenden Windſtöße die Wolkenmaſſe zu uns heraufjagten; da leuchtete es über unſern Häup⸗ tern auf, ein gewaltiger Donnerſchlag folgte, und der Regen begann nun rauſchend niederzufließen, ſelbſt das jenſeitige Ufer unſern Blicken entziehend. „Das iſt eine Feſtouvertüre!“ lachte Marion und litt nicht, daß wir das Fenſter ſchloſſen, durch das der Wind den Regen hereinjagte. An den Pfoſten gelehnt, ſchaute ſie wie trunken in den Sturm hinaus, bisweilen nur ſich zurückwendend und eine ſpöttiſche Bemerkung über die Soubrette machend, welche in der hinterſten Ecke des Zimmers ſaß und ängſtlich dem Verlaufe des Wet⸗ ters folgte. „Ich mache einen Vorſchlag“ rief Marion plötzlich „Wir wollen ſpazieren fahren. Wer hat Luſt?“ „Jetzt? Bei dieſem Unwetter?“ fragte ich. „Ja, gerade jetzt— durch den Sturm hin, unter dem Blitze weg.“ 6„Um Gotteswillen, nein!“ ſchrie die blaſſe Soubrette. „Das hieße den Himmel verſuchen!“ „Seit wann ſind Sie ſo fromm geworden, liebe Lulu?“ ſpottete Marion.„Doctor Breitſam, haben Sie Luſt?“ 158 „Mit Ihnen durch Feuer und Waſſer“ rief der Ge⸗ fragte.. „Gut, wir werden die Probe machen.“ „Der Kutſcher wird nicht wollen“, mahnte ich. „Bah, rufen Sie ihn; er wird ſich doch nicht von uns beſchämen laſſen wollen?“ „Seine Pferde—“ „Rufen Sie ihn.“ Der Kutſcher kam und ſeine glühenden Wangen zeugten dafür, daß auch er den Champagnerkorb des Wirthes nicht ungenutzt an ſich hatte vorübergehen laſſen. In ſolcher Stimmung that er gegen den Vor⸗ ſchlag der Schauſpielerin nur geringe Einſprache. Um ſo leichter wußte ihn Marion durch das Verſprechen eines reichen Trinkgeldes zu bereden, und ſo ging er denn, einzuſpannen. Lulu ſchämte ſich, allein zurückzubleiben, vielleicht fürchtete ſie ſich auch— genug, ſie ſchloß ſich uns an, mußte aber in das Coupé halb gehoben wer⸗ den. Bald ſaß die ganze Geſellſchaft im geſchloſſenen Wagen. Die Wirthsleute umſtanden uns, ſprachlos über unſer unerhörtes Beginnen. Der Schlag warzugefallen. Eben wollte der wackere Roſſelenker ſeine Thiere antrei⸗ ben, da flammte ein Blitz über den Hof hin, die Pferde 159 ſtiegen in die Höhe und ſchoſſen dann in vollem Galopp durch den Hof in die zum Gute gehörende Pappelallee hinaus. Der Kutſcher hatte alle Mühe, die Thiere in der Gewalt zu behalten, die Soubrette ſchrie laut auf, und auch Doctor Breitſam, der ihr gegenüber ſaß, ſah et⸗ was bedenklich drein. Die Anſtifterin aber all des Unheils lachte und declamirte: „Dem Sturm, dem Regen, Dem Blitz entgegen—“ Wir fuhren nun wirklich unter dem Gewitter weg⸗ Dem Kutſcher gelang es, ſeine Pferde in eine ruhigere Gangart zu bringen. Der Himmel ſchien in ein Meer von Glut getaucht, der Donner umheulte uns, und ich hätte vielleicht auch einige Beſorgniß für den guten Ausgang unſerer ſeltſamen Spazierfahrt gehegt, wenn mein Blick nicht bewundernd an Marion gehangen hätte, deren ganzes Weſen ein verändertes, ein gehv⸗ benes, faſt begeiſtertes ſchien. Wir waren ſo eine Strecke zugefahren, vielleicht eine kleine halbe Stunde weit, als die Allee, auf der wir hinrollten, in die Landſtraße einlenkte, welche wie⸗ der zurück zur Walterſchwaige führte. Die Soubrette erhob ſich mühſam vom Polſter, in welchem ſie die ganze Zeit ſtumm und mit geſchloſſenen 160 Augen gelegen, und bat aufs flehentlichſte, endlich umzukehren. Die Arme dauerte mich und ich S meine Bitten mit den ihrigen. Auch Doctor Breitſam ſchien ſich im Srlet behag⸗ licher zu fühlen; denn unſer Anſuchen unterſtützend und auf das zitternde Mädchen hindeutend, parodirte er: „O laßt nun genug ſein des grauſamen Spiels! Sie hat euch beſtanden, was keine beſteht.“ „Meinetwegen“, lachte Marion,„das Wetter iſt ohnedies bald vorüber.“ Ich bog mich zum Schlage hinaus und gab dem entſprechenden Kutſcher Weiſung, die dieſer mit zufrie⸗ denem Brummen befolgte, Lulu athmete leichter auf, wir ſahen uns alle ſchon wieder geborgen hinter den unſerer noch harrenden Champagnerflaſchen, da wurden unſere Augen plötzlich geblendet, wie wenn ein Feuer⸗ ball auf uns herabgefallen ſei, und im ſelben Moment krachte und knatterte es über unſere Köpfe hin, als ob das ganze Gebäude des Himmels einſtürzen wolle. Ich werde dieſen Augenblick nie vergeſſen. „Eingeſchlagen!“ riefen wir alle aus einem Munde mit Ausnahme der Soubrette, die zuckend in der Ecke lag. Nachdem ich mich zunächſt überzeugt, daß wir im 161 Wagen keinen Schaden genommen— der Blitz hatte, wie der Kutſcher ſpäter erzählte, dreißig bis vierzig Schritte vor uns einen Baum geſpalten— ſah ich nach unſerm Roſſelenker, ob er der Thiere noch Herr ſei. Dieſe ſtiegen und ſperrten ſich freilich mit möglichſter Kraft⸗ anſtrengung gegen Zügel und Zaum und hatten keine beſſere Abſicht als die, durchzugehen, aber glücklicher⸗ weiſe gelang es dem Manne, die ſcheuen Pferde zu beruhigen und wenigſtens ſo weit an ſich zu halten, daß ſie immer noch in ſeinen Händen waren. Was ich hier erzähle, war nur das Thun und Beobachten eines Augenblicks. Noch hatte ich kaum mich vom glücklichen Stande der Dinge überzeugt, da fuhr ich erſchreckt vom Chaiſenfenſter zurück, denn ſau⸗ ſend und brauſend jagte ein Wagen vorüber, der hin⸗ ter uns hergekommen ſein mußte und deſſen Pferde in⸗ folge des Blitzſchlags durchgegangen waren. Er flog daß die Räder zerſchellen mußten, und ſchon ſchien auch ein Unfall geſchehen zu ſein, denn unſer Kutſcher hielt an und rief mir zu, auszuſteigen. Nachdem ich Breitſam gebeten, bei den Damen zu bleiben und namentlich der armen Soubrette beizuſtehen— auch die Zuverſicht Marion's ſchien etwas geſchwun⸗ den— verließ ich den Wagen und eilte auf die Straße. Ungefähr achtzig Schritte vor uns hatten die durch⸗ Oelſchläger, Wunderliche Leute. II. 11 162 gegangenen Pferde den Wagen in den Chauſſeegraben geſchleppt und waren, nachdem dieſer ſich in Schmuz und Koth feſtgerannt, ſtehen geblieben. Jetzt war der Kutſcher vom Bock geſtiegen und ſuchte die zitternden Thiere durch Streicheln und Zureden zu beruhigen. Ich rief ihm zu, ob kein Unglück geſchehen ſei. „Den Pferden nicht“, gab er zur Antwort,„dem Wa⸗ gen, wie ich glaube, auch nicht. Aber da drinnen, da ſehen Sie einmal hinein.“ Ich trat an den Wagenſchlag und ſah in der Ecke des Coupes eine nicht mehr ganz junge Dame liegen, ohne Beſinnung, ohnmächtig. Ich riß den Schlag auf, ich rieb der Fremden die Schläfe, umſonſt. Zum Glücke fiel mir ein, daß Marion oder ihre Begleiterin gewiß ein Riechfläſchchen bei ſich haben würde; ich eilte alſo zum Wagen zurück und bat um ein ſolches. „Iſt die Dame jung? Iſt ſie ſchön?“ rief Doctor Breitſam alsbald. „Ich weiß es wahrhaftig nicht“, entgegnete ich är⸗ gerlich.„Ich habe die Ohnmächtige bis jetzt weder auf ihre Jugend noch auf ihre Schönheit angeſehen.“ „Dann muß ich hin“ antwortete Doctor Breitſam eilfertig,„ich will die Fremde ſehen.“ 163 „Bleiben Sie doch hier bei unſern Damen“, fuhr ich auf, und auch Lulu, die wieder zu ſich gekommen gekommen war, ſagte ängſtlich: „Ach ja, bleiben Sie hier, Herr Doctor.“ Der aber war nicht mehr zu halten; mit beiden Füßen ſprang er aus dem Wagen und eilte, das Lorgnon ins Auge gekniffen, mir durch Schmuz und Regen nach. Eben hielt ich der Ohnmächtigen das Flacon unter die Naſe, als mich Doctor Breitſam einholte. Er warf einen einzigen Blick in den Wagen, dann prallte er er⸗ ſchrocken zurück und rief: „Mein Gott, nun falle ich auch in Ohnmacht!“ „Was iſt Ihnen?“ rief ich beſorgt. „Meine Frau, meine Frau!“ jammerte jener. „Sind Sie toll?“ rief ich wieder und glaubte wirk⸗ lich einen Irreredenden vor mir zu haben. „Ich wollt' ich wär es!“ jammerte Doctor Breitſam wieder.„Dieſe Dame iſt meine Frau.“ „Ihre Frau? Sind Sie denn—“ Verheirathet, wollte ich fragen. In dieſem Augen⸗ blicke aber kam die Ohnmächtige zu ſich, ſah ſich lang⸗ ſam um, wie wenn ſie ſich auf etwas beſinnen wolle, und fragte dann: „Wo bin ich denn?“ ———————— 164 Da trat Doctor Breitſam vor und ſagte— ich hatte ihn noch nie in ſo vollendetem Humor geſehen— mit zärtlicher, vor Rührung erſtickter Stimme: „An der Bruſt Deines liebenden Gatten.“ Damit ſchloß er ſie in die Arme. „Breitſam“, rief die Dame erregt,„Breitſam, biſt Du es? Gott ſei Dank, daß ich Dich endlich wieder⸗ habe!“ „Ja“, ſagte Breitſam mit erſtickter Stimme, indem er ſeine Umarmung wiederholte,„Gott ſei Dank, daß wir uns wiederhaben.“ Er ließ dabei ſein Lorgnon aus dem Auge fallen und ſchien voll dankbarer Rührung zum Himmel zu blicken. „Wie kommſt Du aber in aller Welt hierher?“ forſchte er dann. „Sieh, Männchen, Du haſt ſo lange nicht geſchrie⸗ ven und ich habe zugleich Sachen von Dir gehört, Sachen— Männchen, ich ſage Dir, wenn nur die Hälfte davon wahr iſt, darf ich Dich nicht mehr lieb haben.“ „Na, ſo ſchlimm wird es nicht ſein“, fiel Doctor Breitſam ein,„die Welt verleumdet.“ „Da hab' ich mich denn geſtern Abend auf die Eiſen⸗ bahn geſetzt und bin heute Mittag in der Stadt ange⸗ 165 kommen. Wie ich nach meinem Männchen frage, heißt es, er iſt auf der Kalterſchwaige—“ „Walterſchwaige“, verbeſſerte Doctor Breitſam. „Da konnt' ich es nimmer aushalten, fuhr Dir nach, und ehe ich es nur erwarte, muß ich Dich hier finden. Iſt es nicht rührend?“ Dabei ſchien ſie ſich wieder an die Bruſt ihres Gatten werfen zu wollen; dieſer aber, der ſich in ſol⸗ cher Beziehung offenbar genug gethan zu haben glaubte, machte den Kutſchenſchlag zu, daß er wie ein Schlag⸗ baum zwiſchen ihm und ſeiner Frau ſtand, und ant⸗ wortete dann: „Ja, hier auf der Landſtraße, es iſt wirklich rührend.“ „Und wie geräthſt Du hierher, Männchen?“ forſchte Frau Breitſam nun ihrerſeits.„Bei dieſem Wetter!“ „Wir ſind Dir entgegengefahren.“ „Du ſcherzeſt. Wer konnte Dir ſagen, daß ich käme?“ „Die Stimme meines Herzens“ antwortete der Ge⸗ fragte melancholiſch. „Und nun fährſt Du mit mir?“ „Nein, liebes Kind! Das wäre ja unartig gegen die übrige Geſellſchaft, welche mit mir Dir entgegen⸗ gefahren iſt. Aber wir ſehen uns gleich wieder. Nicht wahr, Herzchen?“ 166 Er hatte dieſe Worte ſanft und zärtlich geſprochen und am Schluſſe die Hand geküßt, welche ihm ſeine Frau liebevoll lächelnd gereicht. Nun erhob er ſich und rief mit lauter Stimme: „Fahr' zu, Kutſcher!“ Da hieb der Kutſcher ein und im Flug rollte der Wagen mit Frau Breitſam dahin. Mein würdiger Freund ſah ihm eine Weile nach, dann wandte er ſich zu mir und ſagte, das Lorgnon wieder ins Auge gekniffen und die beiden Hände in den Hoſentaſchen, in ſeiner trockenen Weiſe: „Na, was meinen Sie zu dem Halleluja? Das iſt ein Wiederfinden! Auf der Landſtraße, bei Sturm und Regen, bei Donner und Blitz! Doch jetzt kom⸗ men Sie, wir wollen zu unſern Damen gehen.“ Die ganze Scene hatte auf mich zunächſt einen un⸗ endlich komiſchen Eindruck gemacht. Breitſam, der Allerweltsliebhaber, plötzlich verheirathet! Dabei an ein von zärtlichem Gefühl überſtrömendes Weib, deſſen ſüßes Girren und liebevolles Anklagen er mit vollen⸗ deter Ironie beantwortete! Wahrhaftig, die beiden Gatten ſchienen einander würdig. Neuntes Kapitel. Wir wurden von Marion wegen unſeres langen Ausbleibens mit lauten Vorwürfen empfangen, die jedoch verſtummten, als beide Damen mich in der augenſcheinlich heiterſten Stimmung, Breitſam abern ach⸗ denklich und faſt verblüfft hinter mir herſchreiten ſahen. „Was iſt Euch begegnet? Was iſt geſchehen?“ wurden wir gefragt. „Sie müſſen Doctor Breitſam erzählen laſſen“, rief ich, in lautes Gelächter ausbrechend;„er allein weiß unſer Abenteuer richtig zu würdigen.“ „Ob ich es weiß!“ ſeufzte Breitſam und fuhr ſich von hinten über die kahle Stirn herüber. „Dann erzählen Sie“ rief Marion.„Hurtig, ſteigen Sie ein und laſſen Sie uns nicht zu lange warten.“ 168 „Was iſt da viel zu erzählen!“ entgegnete Breitſam, nachdem er wieder Platz genommen.„Sie ſehen ja, wie froh ich bin! Ich habe meine Frau gefunden.“ „Eine Frau? Das wiſſen wir ja ſchon. Heraus damit, wer iſt dieſe Frau?“ „Ich ſag' es ja— meine Frau!“ „Ihre Frau?“ „Um Gotteswillen, was iſt da ſo Seltſames dabei? Ja, ja, ja, es iſt meine Frau, mein Weib, Ehege⸗ ſpons, Ehegattin, conjux, nxor— was weiß ich noch!“ „Na, na, ereifern Sie ſich nicht“, unterbrach ich Doctor Breitſam, der den durch unſer Erſtaunen Gekränkten ſpielen zu wollen ſchien,„das iſt allerdings ſeltſam, wenn einer, der überall als Junggeſelle gilt und ſich als ſolcher gerirt, plötzlich auf der Landſtraße eine Dame findet, die ihm an den Hals fliegt und ſich als ſeine ehrſame Ehefrau vorſtellt. Oder iſt das nicht ſeltſam?“ „Seltſam?“ ſchrie der Gefragte.„Seltſam? Nein, das iſt ärgerlich und verdrießlich. Aber ſo war meine Frau immer: gerade da kam ſie, wo man ſie am wenigſten erwartet hätte, und gerade dann, wenn man ſie am liebſten davon gewußt hätte. Macht ſie es heute anders? Sie konnte es nicht beſſer in Scene 169 ſetzen: kaum ſchlägt der Blitz ein, iſt ſie auch da. Der reinſte Elias, der, wenn ich mich recht entſinne, auch in einem Feuerwagen vom Himmel gekommen iſt.“ „Sie haben aber“, ſpottete ich,„doch unendlich zärtlich mit ihr gethan.“ „Nun ja— Männchen, Herzchen— Herzchen, Männchen— das geht ſo hin und her. Man thut das der Welt wegen. Meine Frau iſt wie ich. Nur keine Aufregung, nur keine—“ „Nur keine unpaſſenden Ausdrücke!“ fiel ich ein. „Allerdings. Die führen ohnehin zu nichts.“ „Nun ſtillen Sie doch raſch unſere Neugierde“, rief ich.„Erzählen Sie uns! Wo lebte Ihre Frau? Seit wann ſind Sie verheirathet? Wie viele— kurz, ſtellen Sie uns Ihre Familienverhältniſſe vor, damit wir uns keine Blöße geben.“ „Seit fünf Jahren“ antwortete Doctor Breitſam, „iſt meine Frau ſo glücklich, mich zu beſitzen. Ich habe Ihnen ſeiner Zeit geſagt, daß ich in W. ein Siegellack⸗ geſchäft gekauft habe, das dann auf die Gant ge⸗ kommen ſei. Davon iſt nur die Hälfte wahr: ich habe das Geſchäft nicht gekauft, ſondern erheirathet; auf die Gant iſt es darum doch gekommen. Meine Frau hat ſich meinetwegen mit ihrer ganzen Familie über⸗ worfen, die es nicht dulden wollte, daß ſie mich 170 heirathe und mir das im ſchönſten Flor ſtehende Geſchäf zubringe. Ich weiß nicht, was die Leute gegen mich hatten, vielleicht konnten ſie das Schielen nicht leiden. Genug, ich heirathete mein Herzchen dennoch und damit hat denn auch die Siegellackfabrick ihren erſten Stoß erhalten. Sehen Sie, ich hatte keine Freude an dem Geſchäft, es ging mir zu ſolid. Nachher kamen noch mehrere Stöße und endlich brach Alles über unſerm Kopf zuſammen. Nun aber bekam ich auch erſt das rechte Intereſſe an der Fabrik. Man fing nämlich kaum in der Stadt zu munkeln an, wie ſchlecht es mit mir ſtehe, ſo ſetzte ich mir in den Kopf, das ganze Geſchäft wieder in die Höhe zu ſchwindeln. Zu dieſem Zwecke ging ich abends in das erſte Gaſthaus der Stadt, aß wie ein Prinz, trank wie ein König und erzählte fort⸗ während von den koſtbaren Schmuckſachen und den türkiſchen Shawls, die ich meiner Frau geſchenkt haben wollte. Wer mich ſprechen hörte, mußte mich für den Kröſus aller Fabrikanten halten, aber es war zu ſpät, es half nichts mehr. Die einen zwar ärgerten ſich aus Neid, daß ſie ihren Frauen nicht auch ſolche Pretioſen kaufen konnten, den meiſten aber ſtieg die Galle darüber auf, daß ich ihnen ſolche Renommiſtereien zu glauben zumuthete. Schließlich ging das Geſchäft unter allgemeinem Halleluja zu Grunde und ich ſaß in der Patſche. Was ſollte ich beginnen? Von den Ver⸗ wandten meiner Frau war kein Heller herauszupreſſen, ſo kam ich endlich auf den Einfall, unter die Gelehrten zu gehen und Reiſebücher zu ſchreiben. Wie ich das trieb, wiſſen Sie bereits. Als ich nach einiger Zeit dieſen ehrenreichen, aber gewagten Erwerbszweig auf⸗ gab, reiſte ich hierher, mein jetziges Geſchäft zu kaufen. Das war vor nun anderthalb Jahren. Mein Herzchen wollte mir zwar ſogleich folgen, ich verſtand ihr aber klar zu machen, daß ich ſelbſt erſt feſten Boden faſſen müſſe, und ſo blieb ſie. Von Zeit zu Zeit beſuchte ich ſie und war bemüht, ſie in ihrem Strohwittwenſtande zu tröſten. Na, nun iſt ſie da und ich zweifle nicht, daß ſie mir nimmermehr zurückkehren wird. Wahr⸗ ſcheinlich wird der ganze Haushalt bis auf Katze und Kanarienvogel im Laufe des morgigen Tages hier eintreffen, wenn er nicht ſchon da iſt. Eins, wenn es Sie intereſſiren ſollte, mag zum Schluſſe noch bemerkt. werden: Kinder ſind nicht.“ Breitſam's offenherzige Erzählung war mehrfach durch unſer Lachen unterbrochen worden. Der Mann wußte ſich zu perſifliren, das mußte man zugeben. Zu weitern Gloſſen gebrach es an Zeit, denn er hatte kaum geendet, als der Wagen in den Hofraum rollte und vor dem Luſthäuschen hielt. Breitſam begab ſich in das Wirthſchaftsgebäude, wo ihn vermuthlich ſeine Frau erwartete; wir Andern traten in das Sallet, das nun wieder den ſchönſten Blick auf die ſonnige Landſchaft bot. Das Wetter hatte die Luft gereinigt und ein erfriſchender würziger Duft ſtieg von den Bäumen empor und wallte in das kleine Gemach herein. Marion bat die Soubrette, ſich nach der Wirthin umzuſehen, der ſie einen Auftrag zu geben wünſche; ich ſah wohl ein, daß ſie mit mir allein ſein wollte. Als Lulu die Thür hinter ſich geſchloſſen, trat ſie auf mich zu und ſagte, die Hände zuſammen⸗ 6 ſchlagend: „Nun, was denkſt Du von dieſer Geſchichte?“ „Ich bin erſtaunt wie Du“, entgegnete ich. „Das iſt ja Schwindel!“ „Breitſam würde Deinen Ausdruck zwar unpaſſend finden, aber ich glaube, daß er den Nagel auf den Kopf trifft.“ „Er hat nie davon geſprochen, daß er nicht ver⸗ heirathet ſei; aber ſeine Art zu leben war doch ſo, daß man das annehmen mußte.“ „Gewiß.“ „Und dieſer Herr hat ſich unterſtanden, mir eine Liebeserklärung zu machen und mir die Ausſicht auf 173 ſeine Hand zu eröffnen! Du denkſt gar nicht daran, wie mir ſcheint.“ „Verzeih' liebe Marion; die Erinnerung daran war mein erſter Gedanke, aber es lag in meiner Abſicht, Dich ſelbſt darauf kommen zu laſſen.“ „Er verdiente für dieſe Keckheit die ſchwerſte Züchtigung!“ rief Marion, und ich ſah mit Freuden, daß ſie den Handſchuhfabrikanten Breitſam nun in ſeinem vollen Lichte zu erkennen ſchien. „Die“, entgegnete ich lächelnd,„kann man ihm immer noch angedeihen laſſen.“ „Ja, ja“, rief das Mädchen, mich lebhaft bei der Hand faſſend,„aber ohne Aufſehen, ohne Lärm. Still“ ſetzte ſie dann flüſternd bei,„ſie kommen. Ich bin wahrlich begierig, wie Breitſam's beſſere Hälfte ausſieht.“ Die Thür öffnete ſich und herein trat das würdige Ehepaar, Arm in Arm, vor Glück ſtrahlend. Ich hatte eigentlich ſelbſt zum erſten Male Gelegen⸗ heit, mir die Dame genauer anzuſehen. Frau Breitſam war ſehr klein und ſehr mager, ſie reichte ihrem Manne kaum bis an die Schulter, aber Alles an ihr war ſpitz. Ihre Naſe war ſpitz, ihre Schultern waren ſpitz, ihre Hände waren ſpitz— ich 174 zweifelte gar nicht daran, daß unter Umſtänden auch ihre Zunge ſpitz ſein konnte. Sie trug ein ſchwarzſeidnes Kleid, das hoch über ein blaurothes Unterkleid hinaufgeſchürzt war. Um den magern gelben Hals ſchlang ſich eine goldene Uhr⸗ kette. Der Hut, den ſie trug, war weiß und ſein greller vielfarbiger Ausputz zeugte von dem Geſchmack ſeiner Beſitzerin. Doctor Breitſam beeilte ſich, die Damen einander vorzuſtellen. „Ah, Fräulein Marion“ ſagte ſeine Frau, auf die Schauſpielerin zutretend,„wie freut es mich, Sie kennen zu lernen. Sie ſind es alſo der zu Liebe ich mich begraben laſſen ſoll!“ „Madame!“ entgegnete Marion verblüfft und einen Schritt zurücktretend. „Nun ja, ſind Sie es nicht, die meinen Mann gern heirathen möchte? „Madame!“ fuhr Marion jetzt zornig auf, aber ſchon trat Doctor Breitſam ängſtlich dazwiſchen. „Herzchen, Herzchen“ ſagte er,„was ſprichſt Du da für unverſtändliche Dinge!“ „Du ſiehſt, Männchen, daß ich Alles weiß— Alles, ſag' ich Dir, und mehr noch, als Dir lieb iſt.“ „Laß uns nachher davon ſprechen. Fräulein Marion, 175 beruhigen Sie ſich, das Mißverſtändniß wird ſich auf⸗ klären, und Du, Herzchen, wirſt ſehen, wie wenig Du Urſache haſt, dieſer Dame feindlich zu begegnen.“ „Gott bewahre“, lächelte Frau Breitſam,„ich habe nicht das Geringſte gegen dieſes Fräulein. Sie ſind jung, ſchön, ich ſehe, daß mein Männchen Geſchmack hat; ach, er hat immer Geſchmack gehabt. Aber ſagen Sie, ſind Sie wirklich vom Ballet? „Ich bin Schauſpielerin, Madame.“ „Gott ſei Dank! Man hatte mir geſagt, Sie ſeien vom Ballet, und das, offen geſtanden, hätte mich von meinem Manne verdroſſen. Sehen Sie, ich mag das Ballet nicht leiden, ſowohl wegen ſeiner Tricots, als wegen ſeiner unmoraliſchen Geſinnungen. Aber Schauſpielerin— das laſſe ich mir gefallen. Nun, ſeien Sie aufrichtig, iſt Ihnen mein Männchen wirklich ſo gefährlich geweſen?“ „Ich verſtehe Sie nicht—“ „Na, bekennen Sie es nur, er wird es Ihnen ge⸗ rade ſo gemacht haben wie mir, als er um mich an⸗ hielt. Weißt Du es noch, Männchen?“ „Ja, ja, mein Kind, aber nun ſetze Dich nur, ich habe Kaffee beſtellt.“ „Kaffee?“ rief Frau Breitſam.„Nein, nein, dort ſteht Champagner, ich will Champagner trinken! Das 176 iſt der beſte Wein, Männchen, und ich habe ſchon lange keinen Champagner mehr getrunken. Komm, gib mir Dein Glas, damit ich mit den Herrſchaften anſtoßen kann.“ Man nahm Platz und die Flaſche machte die Runde. Frau Breitſam hielt ihr Glas in die Höhe und ſah munter herum. „Männchen“, ſagte ſie dann,„Du haſt Dir da eine allerliebſte Geſellſchaft ausgewählt. Dieſe beiden Damen ſind jung und reizend; wie galant jener Herr ſein kann, habe ich vorhin ſchon— aber wahrhaftig, ich habe Ihnen noch nicht einmal für Ihre gefällige Hülfe gedankt. Nehmen Sie mir das nicht übel. Sie müſſen dieſe Unachtſamkeit der Freude zuſchreiben, die ich empfand, als ich mein Männchen wieder vor mir ſah. Ein ſolches Gefühl überwiegt alle andern Empfindungen.“ „Ach ja“, ſeufzte Doctor Breitſam und führte ſein Glas an den Mund. „Und nun, meine Herrſchaften“, fuhr ſeine Frau fort,„trinken wir darauf, daß wir uns recht oft in ſo vergnügtem, heiterem Kreiſe ſehen mögen.“ Marion und ich ſahen uns verwundert an, doch was war zu thun? Wir mußten wohl mit Frau Breitſam anſtoßen. „Du haſt alſo vor, hier zu bleiben?“ fragte Doctor Breitſam, ſein Glas auf den Tiſch ſtellend. „Freilich! Jetzt erſt recht, nachdem ich ſehe, wie gut man ſich bei Euch amüſirt.“ „O ja, das thut man.“ „Man wird das auch ferner thun“, meinte Frau Breitſam. „Ohne Zweifel“ entgegnete ihr Mann kleinlaut;„es wird recht artig werden.“ „Nun will ich Dir auch erzählen“, rief Frau Breit⸗ ſam lebhaft,„wie ich dahinter gekommen bin, daß Du für Fräulein Marion eine faſt allzu warme Neigung in Deinem empfindſamen Herzen trägſt.“ „Bitte, bitte“, unterbrach ſie ihr Mann,„ich bin durchaus nicht neugierig, am wenigſten auf Dinge, die ihre Exiſtenz nur der Verleumdung und dem Klatſch verdanken.“ „Du ſollſt mich doch hören.“ „Du bedenkſt nicht, daß Du das Fräulein Deine Erzählung verletzen könnteſt!“ „Unmöglich. Höre nur. Du weißt, daß wir in W. ein Sommertheater haben?“ „Ja.“ „Es iſt nicht allzu ſchlecht, wenn es auch nicht gerade den höchſten Anforderungen der Kunſt entſpricht.“ Oelſchläger, Wunderliche Leute. II. 12 178 „Ich kenne den Director, ſein Theater iſt das richtige Meerſchweinchen.“ „Vor vier Tagen nun hatte ich Anlaß, dieſem Herrn einen Beſuch zu machen.“ „Du kennſt meine Leidenſchaft für das Theater, die der Deinigen um nichts nachſteht. Vielleicht biſt Du es ſogar, der ſie mir erſt eingeflößt hat. Dieſe Leidenſchaft ſuchte ich zu bethätigen.“ „Durch Kritiken?“ „Was denkſt Du!“ ſagte Frau Breitſam gering⸗ ſchätzig.„Mein Ehrgeiz ging höher, ich ſchrieb ein Luſtſpiel.“ „Du eine Komödied Na, das iſt wirklich lächerlich.“ „Nicht ſo ſehr, als Du glaubſt“ ſagte Frau Breit⸗ ſam ſchnippiſch.„Mein Luſtſpiel hat fünf Acte, gute Scenen, dankbare Rollen, einen Effect nach dem andern — der Erfolg kann gar nicht fehlen. Ich ging alſo zum Director, ihm mein Stück zur Aufführung einzu⸗ reichen.“ „Unter Deinem Namen?“ „Nein, dazu hatte ich den Muth noch nicht. Ich ſann alſo auf einen Ausweg und begnügte mich, nach⸗ dem Du mir die erſte Hälfte unſeres Namens ſchon 70 weggenommen, mit der zweiten, ich nannte mich Sam, Julie Sam.“ „Alſo, Frau Julie Sam“, ſpottete ihr Mann,„was ſagte der Director?“ „Laß mich nur geordnet und in der Reihenfolge erzählen“ rief Frau Breitſam verdrießlich. „Verzeih' noch einen Augenblick— wie heißt der Titel Deines Luſtſpiels?“ „Ein Haus wird verkauft.“ „Ein recht poetiſcher Titel, voll feinen Humors!“ ſpottete Doctor Breitſam.„Doch fahre nur fort, ich will Dich nicht mehr unterbrechen.“ „Als ich zum Director kam, mußte ich im Vor⸗ zimmer warten; es ſei bereits ein Herr im Bureau, ſagte der Diener und bot mir einen Stuhl. Ich wartete. Das Geſpräch nebenan wurde ſehr laut ge⸗ führt, meine Gedanken waren jedoch vollkommen mit dem Manuſcript beſchäftigt, das ich in der Taſche trug. Plötzlich hörte ich den Namen Breitſam. Ich fuhr auf und eilte auf das Zimmer zu, in welchem der Director ſich befand, ich glaubte gerufen worden zu ſein. Der Diener hielt mich zurück und klärte mich über meinen Irrthum auf. Nun horchte ich, denn daß mein Name genannt worden war, ſtand mir außer Zweifel. Ich lauſchte und vernahm, wie ſich 12* der Director von dem Herrn, der ihn eben beſuchte, Mittheilungen über die Verhältniſſe des hieſigen, Ihres Theaters erbat. Man war dabei auch auf Sie ge⸗ kommen, Fräulein, und der Director bedauerte, Sie für kein Gaſtſpiel gewinnen zu können.„Die hat jetzt keine Zeit“, rief der Beſucher,„ihre Verehrer laſſen ſie nicht fort.“—„Hat das Fräulein deren ſo viele?“ fragte der Director.„Ja; vorgeſtern Abend erſt, es war in einer luſtigen Weinkneipe, erzählte der Doctor Breit⸗ ſam— der Herr Director kennen ihn doch?“—„Den Handſchuhfabrikanten? Ob ich ihn kenne!“—„Nun, der erzählte, als über die Sprödigkeit der Marion ge⸗ ſpottet wurde, daß er ihr einen Heirathsantrag ge⸗ macht habe, aber abgewieſen worden ſei.““ „Haben Sie das wirklich erzählt?“ fuhr Marion gegen Breitſam gewendet dazwiſchen. Wie können Sie glauben, Fräulein,— antwortete dieſer, blutroth im Geſicht. „Sie müſſen es doch gethan haben“, brauſte die Schauſpielerin nun auf,„denn Doctor Wander und ich haben von Ihrer Keckheit geſchwiegen. Sie haben ſich alſo nicht entblödet, mich bloßzuſtellen, und ſind ſo zu Ihrem eigenen Verräther geworden! Schämen Sie ſich!“ „Mein Männchen hat demnach wirklich um 181 Sie angehalten?“ rief jetzt Frau Breitſam ent⸗ rüſtet. „Nun, nicht gerade das“ entgegnete Marion aus⸗ weichend, da ſie die leidenſchaftliche Erregung der kleinen Dame ſah und wenigſtens hier eine Scene zu vermeiden wünſchte. „Na, beruhige Dich Männchen“ ſagte Frau Breit⸗ ſam ſpitzig.„Ich habe Dir ſchon viel zu Liebe ge⸗ than, aber zu Allem könnte ich mich doch nicht ent⸗ ſchließen.“ „Ich begreife gar nicht“ ſtotterte ihr Mann ver⸗ legen,„wie Du auf ſolche Gedanken kommſt.“ „Dann höre weiter. Wie ich das Geſpräch ſo weit vernommen hatte, wollte ich in das Gemach ſtürzen; denn bei dem, was da erzählt wurde, hatte ich doch auch ein Wörtlein mitzureden. Wieder aber warf ſich der verwünſchte Diener dazwiſchen und wiederum mußte ich mich gedulden. Glücklicherweiſe dauerte das nicht lange und ſchon nach wenigen Minuten öffnete ſich die Thür, durch welche ſich eben der Herr empfahl, der dem Director ſo intereſſante Neuigkeiten mitge⸗ theilt hatte. Ehe er ſich's verſah, hatte ich ihm den Weg vertreten. Hochmüthig maß er mich von oben bis unten.„Was wünſchen Sie?“ fragte er.„Nichts als die Ehre, Sie kennen zu lernen.“—„Ich bin der Schau⸗ 182 ſpieler—“ Gott, wie hieß nn Kaktus, glaube ich.“ „Kalmus!“ riefen wir alle aus einem Munde. „Ja, ja, ſo hieß er! Kalmus ſagte Frau Breitſam. „Hab' ich mir's doch gedacht!“ knirſchte ihr unglück⸗ licher Gemahl vor ſich hin. „„Ich bin der Schauſpieler Kalmus“ ſagte er„aus ., und bin hier, um zu gaſtiren.“ In dieſem Augen⸗ blick drängte mich der Diener, beim Director einzu⸗ treten. Wiſſen Sie was“ ſagte ich zu Herrn Kalmus, ves würde mich freuen, wenn Sie heute Abend eine Taſſe Thee bei mir trinken würden.““ „Das haſt Du gethan?“ fragte Breitſam auf⸗ gebracht. „Ja, ja, ich war unbeſonnen, aber aus Liebe zu Dir.“ „Kalmus hat natürlich angenommen, der Hunger⸗ leider?, „Der unverſchämte Menſch faßte mich unterm Kinn und ſagte:„Sieh da, ſchon eine kleine Eroberung!“ Ich machte ihm aber ſofort den Standpunkt klar und ver⸗ ſicherte, ihn nur in einer dringenden Angelegenheit ſprechen zu müſſen. Er lächelte mit unbeſchreiblicher Sitelkeit, fragte mich noch nach meinem werthen Namen — Julie Sam, antwortete ich raſch— und ging.“ 183 „Er kam abends?“ „Freilich; ich zwang ihn aber, ſich mit ſiedend⸗ heißen Thee förmlich die Kehle zu verbrühen, ſo große Eile zeigte ich, und that alles Mögliche, ihn nur raſch genug wieder aus dem Hauſe zu haben.“ „Es hat ſich alſo im Grunde nicht verlohnt, ihn einzuladen?“ „Nicht im geringſten. Ueber die Hauptſache wußte er mir nicht mehr mitzutheilen, als ich ſchon durch die Thür vernommen hatte, und was erfſonſt von Dir erzählte, war allerdings nicht lobenswerth, ſchien mir aber von einem gewiſſen Groll gegen Dich eingegeben. Ueberdies konnte jch ihn nicht ausfragen, wie ich wohl gewünſcht hätte, wenn ich nicht Dich und mich hätte bloßſtellen wollen.“ „W dankbar und küßte ſeiner Frau die magere Hand, was ihr ſehr zu gefallen ſchien. 3 „Und Ihr Manuſcript?“ fragte ich neugierig. „Der Director blätterte es durch und ſagte, er fühle ſich durch mein Zutrauen ungemein geſchmeichelt, er werde es ſich zur Ehre rechnen, das Stück eines einheimiſchen Talents zur Aufführung zu bringen, nur möge ich es um zwei Drittel kürzen, denn gerade um ſo viel ſei es zu groß gerathen.“ Wie rückſichtsvoll Du biſt!“ ſagte Doctor Breitſam 184 „Und das letzte Drittel wird Dir der Regiſſeur ſtreichen; verlaß Dich darauf.“ „Dann habe ich doch eins gewonnen, was ich freilich jetzt nicht mehr benutzen kann.“ „Und das iſt?“ „Ich erbat mir im Hinblick auf meine bühnen⸗ ſchriftſtelleriſche Thätigkeit ein Freibillet.“ „Und bekamſt es?“ „Unverzüglich.“ „Du wirſt es an ſelbſtbewußtem Auftreten nicht haben fehlen laſſen.“ „Warum auch? Wer etwas erreichen will, darf nicht ſpröde thun.“ „So kannſt Du von Glück ſagen, daß es Dir nicht wie jenem Journaliſten gegangen iſt kennen die Herrſchaften die Geſchichte?“ „Nein, erzählen Sie!“ „Ach, ſie iſt im Grunde einfach genug. Ein junger hoffnungsvoller Mann, der ſeine Luſt am Theater zu groß, ſeinen Kaſſenbeſtand für ſolche Ausgaben aber zu klein fand, beſchloß einen nicht mehr neuen Ausweg einzuſchlagen und ſich auf dem Felde der Bühnen⸗ kritik ſeine wohlfeilen Lorbeeren zu verdienen. Auf Grund der letztern bat er natürlich den Director um einen Freiplatz. Der Director willfahrte. Dieſe Be⸗ 185 reitwilligkeit ſchwellte den Kamm unſeres edlen Theater⸗ journaliſten, ſein Selbſtbewußtſein wuchs und er forderte vom Bühnenvorſtand eine Begünſtigung um die andere, Eine um die andere wurde gewährt; als aber unſer. wackerer Federheld auch den beſcheidenen Wunſch aus⸗ ſprach, auf ſeinem Parquetſitz regelmäßig einen Theater⸗ zettel zu finden, unterbrach ihn der Director mit ſeiner weltbekannten beißenden Ironie:„Erlauben Sie mir vielleicht auch noch, daß ich Ihnen jeden Abend mit einer Portion Vanille aufwarten laſſe?„Da wußte der brave Bühnenkritiker, wie viel es geſchlagen habe, und ging. Als er am nächſten Morgen ſein Billet in gewohnter Weiſe wollte holen laſſen, war daſſelbe im Auftrag des Theatervorſtandes mit Beſchlag belegt und ihm für immer entzogen.“ Wir lachten, ich konnte aber nicht umhin, den Doctor Breitſam im Verdacht zu haben, daß er ſelbſt der Held ſeiner Erzählung geweſen ſei. Inzwiſchen trieb Frau Breitſam ihren Mann zum Aufbruch. Sie ſei von der Reiſe müde, ſagte ſie, und fühle das Bedürfniß der Ruhe. Ihr Mann fand das ſehr begreiflich. „Es thut mir nur leid“, ſagte Frau Breitſam „daß ich Dich ſobald aus Deinem heitern Kreiſe reißen ſoll.“ 186 „Wie? Du erlaubſt alſo nicht—“ „Nein, nein, Alles, was recht iſt. Du fährſt mit mir und die Herrſchaften werden es begreiflich finden und Dich nicht aufhalten wollen.“ Folgſam ſtieg Doctor Breitſam in den vorfahren⸗ den Wagen, allerdings mit verdroſſenem Geſicht, aber gerade ihm, der ſich die Heimfahrt ſo ganz anders gedacht, gönnte ich dieſen Streich. Er verdiente ihn, und wenn ihm ſeine Frau unter vier Augen die ſchlimmſte Gardinenpredigt las, die jemals geleſen worden iſt, ſo kam er immer noch zu gut weg. Uns Zurückbleibende beſchäftigte natürlich nur das Abenteuer, das wir erlebt, und wir waren einig im Verurtheilen einer Handlungsweiſe, wie ſie ſich Doctor Breitſam hatte zu Schulden kommen laſſen. „Ich muß geſtehen“, ſagte Lulu zu mir,„daß ich mich ſchon heute Mittag über die unbefangene Weiſ wunderte, in welcher Sie mit Doctor Breitſam ver⸗ kehrten.“ „Nachdem er einmal eingeladen war?,“ „Wie mochten Sie ihn aber einladen, nachdem er Ihnen einen ſo deutlichen Beweis ſeiner Abneigung gegeben?“ „Was meinen Sie damit?“ „Ich meine das Verbot, das er gegen Sie aus⸗ wirkte, unſere Bühne fernerhin zu betreten.“ 187 „Das hätte Breitſam gethan? Sie irren ſich, Fräulein. Das konnte Breitſam nicht, ſo gern ich zugeben will, daß ſchon damals ſein Wohlwollen für mich ein ſehr geringes war.“ „Sie dürfen verſichert ſein, daß nur Breitſam es war, auf deſſen Betreiben Kalmus das bekannte An⸗ ſinnen an den Director ſtellte.“ „Und davon ſoll ich jetzt das erſte Wort hören?“ „Ich bin ebenſo überraſcht“, bemerkte Marion;„ich habe von dem, was Lulu erzählt, bis zur Stunde nicht eine Silbe vernommen.“ „Man ſprach mit Ihnen nicht darüber“, verſetzte die Soubrette,„weil man annahm, daß Ihnen der ganze Vorfall unangenehm ſei. Ihre Feinde waren zu⸗ frieden, Doctor Wander entfernt zu wiſſen, und Ihre Freunde waren eine Zeit lang faſt geneigt zu glauben, daß Doctor Breitſam mit Ihnen im Einverſtändniß gehandelt habe.“ „Wie das?“ rief Marion erregt. „Weil man ſah, daß Breitſam von jenem Tage an ſich häufiger als je bei den Proben einfand und ſich mit noch lebhafterem Eifer als früher um Ihre Gunſt bewarb.“ „Das that er allerdings“ ſagte Marion;„ich er⸗ wähnte es ſelbſt geſprächsweiſe gegen Doctor Wander, 188 aber ich legte doch keinen Werth darauf und dachte am wenigſten daran, dieſe Aufmerkſamkeiten Breitſam's in einen Zuſammenhang mit dem gegen Wander er⸗ laſſenen Verbot zu bringen.“ „Dieſe Handlungsweiſe iſt empörend“, rief ich,„und es wird mir wie immer gehen: ich werde Niemand zur Rede ſtellen können.“ „Wenigſtens“ ſagte Lulu,„werden Sie kein Reſultat davon haben. Breitſam wird hartnäckig Ihre Anklage eine Verleumdung nennen, und Kalmus, der ſich doch der Unterſtützung Breitſam's zu jener Zeit laut rühmte, wird Ihnen Alles ſchamlos wegleugnen und Ihnen am Ende, wenn Sie ihm Zeugen gegenüberſtellten, lachend die Verſicherung geben, wie er es ſchon ein⸗ mal in einem ähnlichen Falle gethan: er ſpreche ſo viel im Laufe eines ganzen Tages, daß er ſich unmög⸗ lich auf Einzelheiten beſinnen könne.“ „Infames Geſindel!“ tobte ich und hatte wenig Luſt, mich wieder und wieder, wie es nun ſo oft ſchon geſchehen, von Marion beruhigen zu laſſen. Nur der Gedanke, daß mit dem nächſten Tage Alles zur Entſcheidung kommen müſſe, vermochte mich am Ende doch über den Groll, der mich zernagte, hinweg⸗ zubringen, aber es war natürlich, daß auch ich auf der Heimfahrt, die ich doch durch die laue Sommernacht 189 in Geſellſchaft der zwei reizenden Mädchen machte, verſtimmt und mißlaunig blieb. Auch Marion lehnte ſchweigſam in der Ecke, und zuletzt gab auch Lulu ihre vergebliche Verſuche, eine muntere Unhaltung in Gang zu bringen, verdrießlich und ſchmollend auf. Das war der Schluß eines Tages, der ſo ſchön und verheißungsvoll begonnen. Zehntes Kapitel. Am nächſten Morgen ſchrieb ich Marion ein Billet, in welchem ich anfragte, ob ich ſie nachmittags zu einer beſtimmten Stunde zu Hauſe treffen könne. Sie antwortete, daß ſie nur zur Probe ausgehen und dann bis abends ihre Wohnung nicht mehr vevlaſſen werde. Als ich kam, flog ſie mir an den Hals und rief: „Gott ſei Dank, daß Du da biſt!“ „Iſt Dir etwas Schlimmes zugeſtoßen?“ rief ich beſorgt. „Man kann es ſchon ein Unglück nennen“, lachte ſie. „Nun?“ „Breitſam mit ſeiner Frau war hier.“ „Schon? Muß man denn dieſem Handſchuhfabri⸗ kanten ſtets und überall begegnen?“ 191 „Das habe ich mich auch gefragt. Und dann, nachdem Frau Breitſam weiß, wie ſich ihr Mann mir gegen⸗ über geſtellt hat, iſt es nicht mindeſtens eine Taktloſig⸗ keit von ihr, mein Haus zu betreten? Ja, müßte ihr Stolz ſie nicht jede Begegnung mit mir vermeiden heißen?“ „Stolz!“ rief ich.„Stolz ſuchſt Du bei ſolchem Schlage von Menſchen immer vergeblich; was Du allen⸗ falls finden kannſt, iſt Hochmuth und Eigendünkel.“ „Wie unausſtehlich“, klagte Marion,„war oft Breit⸗ ſam allein! Aber jetzt mit dieſer Frau! Und dieſe Zärtlichkeiten anſehen zu müſſen, mit denen ſie ſich gegenſeitig überhäufen, die verliebten Reden anhören zu müſſen, die ſie an einander verſchwenden— es iſt eine wahre Marter, eine Pein! Und dabei iſt Alles eitel Wind, Heuchelei, Schwindel.“ „Pfui“, ſpottete ich,„welche unpaſſenden Ausdrücke! Sind die Herrſchaften bald gekommen?“ „Du kannſt die Stunde leicht errathen.“ „Ah! Kurz vor Eſſenszeit?“ „Natürlich. Sie blieben ſo lange, daß ich ſie ſchließ⸗ lich einladen mußte, an meinem Tiſche Theil zu nehmen. Erinnerſt Du Dich noch des Appetits, mit welchem Breitſam aß, als er Dich bei mir einführte? Ein ſol⸗ cher Anblick wird unvergeßlich ſein und iſt doch nichts 192 gegen den Genuß, ſeine Frau ſpeiſen zu ſehen. Leider nur, daß einem ſelbſt bei dieſer Gelegenheit Hunger und Appetit vergehen. Nachdem ſie ſich ſatt gegeſſen, ſprang die immer unruhige kleine Dame auf und zwang mich, ihr die Wohnung zu zeigen. Das hätte ich mir noch gefallen laſſen, wenn nicht Frau Breitſam alle Schränke aufgeriſſen und ihren Inhalt mehr als neu⸗ gierig gemuſtert hätte. Hatte ſie gerade Luſt, ſo zog ſie dieſes und jenes Stück heraus, um es dann wieder ohne weiteres auf den Boden des Schrankes zu wer⸗ fen. Ihr Mann ſtand inzwiſchen hinter ihr und ſchaute mit dem Lorgnon im Auge ihr über die Schultern, ſeine bekannten unpaſſenden und zweideutigen Scherze zum Beſten gebend. Endlich hatte ich genug, ſchloß den würdigen Ehegatten einen Schrank, mit deſſen In⸗ halt ſie gerade angelegentlich beſchäftigt waren, vor der Naſe zu und bedauerte, das Vergnügen ihrer Geſell⸗ ſchaft nicht länger genießen zu können, da ich gezwun⸗ gen ſei, auszugehen. Darauf hin zog das theure Paar ab, nicht ohne daß Frau Breitſam die wärmſte Ver⸗ ſicherung gegeben, wie ſie ſeit langem nicht ſo gut ge⸗ geſſen und ſich ſeit langem nicht ſo gut unterhalten habe.“ „Nach einer ſolchen Tortur, wie Du ſie überſtanden“, warf ich ſcherzend ein,„wundere ich mich, daß Du über⸗ haupt noch am Leben biſt.“ 193 „Das iſt eine Gnade Gottes“ lachte Marion,„die er mir Dir zu Liebe erwieſen. Wie habe ich mich nach Dir geſehnt und mich auf Dein Kommen gefreut! Nach ſolchem Geſchwätz und nach ſolcher Unterhaltung, wie ich ſie eben ertragen, mit Dir zu plaudern und Dich zu haben, das iſt mir immer, wie wenn ich mit⸗ tags aus dem Theater und von der finſtern Bühne weg unter den blauen Himmel und in die liebe goldene Sonne trete.“ „Dann biſt Du ja“, meinte ich,„gerade in der rechten Stimmung, mich anzuhören. Ich möchte näm⸗ lich mit Dir etwas ſprechen, was mir ſehr am Herzen liegt.“ „Iſt es etwas Ernſtes?“ „Etwas ſo Ernſtes, daß ich Dich ſogar bitte, mir Deine ganze Aufmerkſamkeit zu ſchenken.“ „Du erſchreckſt mich. Aber es wird wohlz t ſchlimm ſein. Komm, laß uns ſetzen.“ Damit eilte ſie zum Divan, legte ſich halb hinein und zog wie gewöhnlich ihre Füßchen hinauf. Dann zwang ſie mich, auf einem Taburet vor ihr Platz zu nehmen, faßte meine beiden Hände und ſagte „So, nun ſprich, ich will ganz aufmerkſam zuhören.“ Dabei ſenkte ſie ihr Köpfchen, daß ihr die langen blonden Locken über die Schultern hereinfielen, und Oelſchläger, Wunderliche Leute. II. 13 194 blickte vor ſich hin auf meine Finger, die ſie ſpielend durch die ihrigen gleiten ließ. Mir war ſehr bange. Aber in ſchlichten, einfachen Worten begann ich von meiner Liebe zu ſprechen und ihr zu erzählen, was ich ihr ſo oft ſchon erzählt, wie ich ſie von jenem Tage an, da ich ſie zum erſten Male geſprochen, ſo heiß und innig geliebt habe, und wie meine Liebe ſeitdem nur gewachſen ſei und wie ich ſie mehr lieben müſſe als mein Leben. Marion nickte mit dem Kopf, ohne aufzuſehen. Das gab mir Muth und ich fuhr nun fort von ihrer Liebe zu mir zu ſprechen und ihr das Glück zu ſchildern, das ſie mit dem Geſtändniſſe ihrer Neigung über mich ausgegoſſen. Ich erinnerte ſie daran, wie ſie in den ſchönſten und ſüßeſten Stunden mich ihrer Leidenſchaft verſichert habe, und ſchloß, indem ich die Ueberzeugung ausſprach, daß ſie mir wirklich und von ganzem Herzen gut ſei. „Mehr, als Du glaubſt“, flüſterte ſie, und ich führte in dankbarer Bewegung ihre kleinen Finger an meine Lippen. 3 Es entſtand eine unmerkliche Pauſe, welche auch Marion nicht unterbrach, bis ich endlich aus tiefſter Bruſt Athem holte und mit zitternder Stimme ihr ſagte, 195 wie ich heute gekommen ſei, das Band, das uns jetzt ſchon einige, zu einem dauernden zu machen; wie mein einziges Streben ſei, das Glück, deſſen wir jetzt ſchon theilhaftig ſeien, endlos an uns zu feſſeln, und wie ſie darum heute meine Seligkeit woll machen und meine Bitte gewährend mir ihre Hand ſchenken möge für immer, für das Leben. Marion hatte kaum errathen, um was es ſich handle, als ſie mit glühendem Haupte in die Höhe fuhr, wie um aufzuſpringen. Aber ich drückte ſie mit ſanfter Gewalt zurück, und bat ſie ruhig zu bleiben und mich zu Ende zu hören. Ich weiß nicht mehr Alles, was ich ſagte. Ich ſprach mit jener Beredtſamkeit, welche allen Ver⸗ liebten eigen iſt, die um das Theuerſte ihres Herzens kämpfen, und ſprach mit jenem Ungeſtüm, welches die Worte aller Verliebten zu begleiten pflegt, die im Ver⸗ ſagen ihrer Bitte ihr Todesurtheil ſehen. Ich ſprach davon, wie ich in kürzeſter Zeit das Studium der Me⸗ dicin zu Ende führen wolle, und wie ich, ſelbſt mit Gütern geſegnet, im Stande ſein würde, ihr eine ſorgenloſe, ehrenvolle Stellung im Leben zu bieten. Ich ſagte ihr, wie ich bereits die Zuſtimmung meiner Mutter erbeten und erhalten und wie dieſe, um ihr den Abgang von der Bühne zu erleichtern, bereit ſei, — 196 ſie bis zur Verwirklichung unſerer letzten Wünſche als Tochter in ihrem Hauſe aufzunehmen. Ich ſchwieg, aber auch Marion ſprach kein Wort. Sie blickte, den Kopf immer noch geſenkt, in ihren Schooß, und ich ſah nur, wie ihre Bruſt in ſtürmiſcher Aufregung wogte. „Sagſt Du mir gar nichts?“ fragte ich endlich. „O, ich wußte, daß es ſo kommen werde“ preßte ſie hervor,„und doch, warum haſt Du mir das an⸗ gethan?“ „Marion, Marion, ich verſtehe Dich nicht!“ Sie ließ meine Hand los, die ſie noch immer um⸗ ſchloſſen hielt, und ſtand auf. Sie trat an das Fenſter und blickte durch die Schei⸗ ben auf die Straße, mir den Rücken wendend. Sie hatte mir wohl verbergen wollen, daß ſie weinte; denn als jich ſie umfaßte und ihr Antlitz zu mir wandte, ſtanden ihr die Thränen in den Augen. Ich wußte nicht, wie mir geſchah; ich faßte ſie wie⸗ der bei der Hand und ſagte: „Haſt Du denn keine Antwort für mich? Oder liebſt Du mich nicht mehr? Nein, nein, Deine Liebe kann nicht verflogen ſein, wie die Blüte vom Strauch. Sag' es, daß Du mich liebſt! Sag' es, daß Du mir 197 für das Leben gehören, daß Du mein liebes, gutes, treues Weib werden willſt.“ „Ich kann nicht!“ ſchrie ſie auf, ſich mir an den Hals werfend, und ein Strom von Thränen löſte die ſchwere Beklemmung, die auf ihrer Bruſt gelegen. WMir war, als wenn es Nacht vor meinen Augen werden wolle; ich faßte kaum, was vorging, ich fühlte nur einen heißen Schmerz, der durch mein Gehirn zuckte, und es war mir, als ob ich inkein leeres, trübes Nichts ſähe, ohne Ende, ohne Anfang. Aber noch hielt ich ſie ja umſchloſſen, noch fühlte ich mich von ihren Armen umfangen, noch lag ihr Haupt auf meinen Schultern, noch war es meine Bruſt, an die ſie ihren von Schmerz und Angſt geſchüttelten Körper lehnte— noch war nicht Alles verloren. Ich richtete ihr Antlitz ſanft in, die Höhe und ſagte: „Komm zu Dir, Marion, laß uns ruhig und be⸗ ſonnen ſprechen. Mein Antrag kann Dich nicht über⸗ raſchen, und wenn Du mich liebſt, ſo muß Dir Dein Herz ſagen welche einzige Antwort Du für ihn haben kannſt.“ Marion trocknete ſich die Thränen und ſah mich mit einem Blick an, in dem ein Himmel voll Liebe und Güte lag. Sie mußte mich noch lieben. Dann 198 wandte ſie ſich wieder ab und ging, wie um ihrer Be⸗ wegung Herr zu werden, im Zimmer auf und ab. Endlich blieb ſie vor mir ſtehen und ſagte: „Ja, Du haſt Recht, laß uns ruhig und beſonnen reden.“ Sie war ganz gefaßt, ſie ſprach mit feſter und klarer Stimme, kein Menſch hätte ihr mehr die Leiden⸗ ſchaft anſehen können, der ſie vorhin unterliegen zu wollen ſchien. „Ich habe es“, begann ſie,„Dir ſchon geſagt, wie ich ahnte, daß es ſo kommen werde. Ich kenne Dich zu gut und wußte, daß Du Dich trotz oder vielleicht gerade wegen aller meiner Liebe für Dich nicht eher beruhigen würdeſt, als bis es Dir gelungen ſein werde, mich dauernd an Dich zu feſſeln. Mit welcher Angſt, mit welcher Pein, mit welcher Sorge mich dieſer Ge⸗ danke erfüllte, vermagſt Du Dir nicht vorzuſtellen. Ich hätte zu Gott beten können, daß er jenen Augenblick immer und immer verſchieben möge, jenen Augenblick, von dem ich wußte, daß er kommen und daß er uns auf immer trennen werde.“ „Das kann nicht ſein!“ rief ich in höchſter Seelen⸗ angſt; aber ſie wehrte mich ab und fuhr dann fort: „Du haſt meine Warnung nicht beachtet; vor lan⸗ 199 ger, langer Zeit ſchon ſagte ich Dir, wie ich vom Hei⸗ rathen dächte—“ „Das war“ fiel ich ein,„als wir uns noch nicht liebten.“ „Allerdings, ich hatte dieſe Worte zu Dir geſpro⸗ chen ohne Anlaß, ohne Beziehung. Aber ſpäter, da Du mir theuer und lieb geworden warſt, erinnerte ich mich gern und mit einem gewiſſen Gefühle der Sicher⸗ heit daran, daß ich Dir zur rechten Zeit meine Ge⸗ danken vertraut, und ich erfuhr, was ich ſchon manchmal erfahren: man ſpricht im Leben bisweilen in einem dunklen, ahnungsvollen Drange Worte, die ihre wahre Bedeutung erſt in ſpätern Tagen erlangen und deren volles Gewicht einem erſt in ſpätern Zeiten recht vor die Seele tritt. Du haſt das freilich nicht beachtet oder nicht beachten wollen und nun ſollen wir beide, Du wie ich, in vollem Maße dafür büßen.“ „Du ſprichſt ſehr verſtändig“, ſagte ich bitter,„aber das Erſte, das, worauf Alles ankommt, iſt doch, ob Du mich liebſt, ob Du mich wirklich liebſt, ob Du mich ſo liebſt wie Du immer ſagteſt, ſo, wie ich Dich liebe. Wenn das der Fall iſt, was kann unſerer Verbindung im Wege ſtehen?“ „Ob ich Dich liebe?“ ſagte Marion, und ihre Stimme begann zu zittern, daß mir ihr Klang tief in die Seele 200 ging.„Muß ich es Dir denn immer aufs neue ſagen? Ich liebe Dich ſo ſehr, ſo innig, ſo mächtig, als ich nur zu lieben vermag, aber Dein Weib, nein, Dein Weib kann ich nicht werden.“ „Warum nicht? Weshalb nicht?“ „Ich liebe Dich zu ſehr, ich will Dich nicht unglück⸗ lich machen.“ „Du mich? O Marion, Deine Hand kann nur Glück, nur unendliches Glück bringen.“ „Nein, denn ich kann nur lieben, wann ich will nicht wann ich ſoll. In der Ehe ſoll ich lieben. Meine Liebe aber muß der Freiheit die Hand reichen, in deren Hauch allein ich zu leben vermag; an dem Tage, an welchem ich vor den Altar treten würde, müßte ich meine Liebe begraben. Jedes Wort der Pflicht, das der Prieſter ſpräche, würde meine Natur ſich aufbäu⸗ men machen und ich würde lieber lebenslang jedes Wort der Zärtlichkeit feſt in mich verſchließen, ehe ich es hingeben könnte da, wo ein Anderer ein Recht darauf zu haben glaubte. Meine Liebe muß ein Ge⸗ ſchenk ſein, das ich freiwillig und mit aller Fülle ſpende, offen vor der Welt oder verborgen in ſüßem Geheimniß, aber immer und jede Stunde aus neuem freien Entſchluß. Sobald ſie mir Pflicht wäre, würde ſie mich tödten, wenn nicht ich ſie zuerſt vernichtete.“ 201 „Du betrügſt Dich ſelbſt“, rief ich.„Und ſprachſt Du nicht vielmehr davon, Du würdeſt Deine Hand nur einem Mann reichen, der Dir eine noch glänzen⸗ dere Stellung bereiten könnte, als Du ſchon haſt? Du trägſt vielleicht gleich andern Deiner Kunſtgenoſſinnen nach einem Grafen Begehr, nach einem Prinzen— warum ſcheuſt Du Dich das heute zu ſagen? Sprich es offen aus, ſag' es laut: ich bin Dir zu gering.“ „Wie magſt Du ein ſolches Wort über Deine Lip⸗ pen treten laſſen“, ſagte Marion tief verletzt.„Was Du mir vorhältſt, habe ich wirklich geſagt und leugne es nicht; doch iſt mein Beweggrund ein anderer, als Du glaubſt. Du kennſt ja ſelbſt meinen Sinn für das Aufregende, für das Spannende, vielleicht für das Abenteuerliche. Er iſt es, der allein mich über ſo viele abſtoßende und beleidigende Verhältniſſe beim Theater hinwegſehen läßt. Er iſt es aber auch, der mir das Le⸗ ben in den einſchränkenden bürgerlichen Kreiſen un⸗ möglich machen würde. Ich müßte in dieſen Grenzen erſticken, zu Grunde gehen. Oder ich müßte dieſe Linien durchbrechen und meinen Mann täuſchen, hinter⸗ gehen, verderben. Die Treue, die ich unter andern Umſtänden vielleicht ſo rein halten würde, daß nicht ein Hauch des Verdachtes ſie trüben dürfte, würde ich verabſcheuen, haſſen und in Scherben ſchlagen, nur 202 weil ſie Tugend heißt und als ſolche von mir gefordert wird. Anders iſt es in jenen Kreiſen, von denen Du eben ſprachſt. An der Hand des Mannes, der mich in dieſelben einführte, tauſchte ich nur Bühne gegen Bühne, Komödie gegen Komödie aus. Oder iſt es etwas An⸗ deres als Komödie, was dort geſpielt wird? Dieſe rauſchenden, prunkvollen Verhältniſſe, die nichts ver⸗ ſagen und Alles gewähren, würden einen unendlichen Reiz auf mich ausüben; was ich ſo oft vor den Oel⸗ lampen dargeſtellt, würde ich in glänzenden Sälen nun wirklich ſein, und nur für die Außenwelt ſichtbar, für uns ſelbſt kaum fühlbar würde die Feſſel ſein, welche die Ehe um uns ſchlägt.“ „Denkſt Du von dieſer ſo niedrig?“ fragte ich dumpf. „Man ſoll“, entgegnete ſie,„freilich nicht alle Ver⸗ hältniſſe aus ſich heraus beurtheilen— genug, mir ſcheint, mir iſt die Ehe ein Grab der Liebe. Die Liebe iſt immer eine Feſſel, doch wer läßt ſich von ihr nicht gern in Bande ſchlagen? Unerträglich und ſchwer⸗ laſtend können aber ſelbſt Roſenketten werden, wenn man ſie nicht mehr abzuſtreifen vermag, wenn man ſie tragen muß, während zum Spielzeug die Eiſenringe werden, die man abzuwerfen die Freiheit hat, wann man mag. Und iſt nicht die Freiheit Luft, Licht und Bedingung des Lebens? Ich habe die ariſtokratiſchen Kreiſe nie um das beneidet, was äußerlich an ihnen iſt und was die Menge an ihnen bewundert, wie Glanz, Titel, Würden, aber ich beneide ſie um die Bedin⸗ gungen, unter denen ſie mit einander leben, unbefangen im Genuſſe, uneingeſchränkt in ihren Empfindungen, ſicher ſtehend auf der goldenen Höhe des Lebens.“ „Das kann Dein Ernſt nicht ſein!“ rief ich auf⸗ gebracht.„Gott bewahre unſere bürgerlichen Kreiſe vor jenen Zuſtänden!“ „Dein Wunſch mag berechtigt ſein, und es wird wohl auch ſo bleiben. Die Stellungen jener Kreiſe ſind Ausnahmeſtellungen gleich denen der Künſtler, der Dichter, der Schauſpieler, und iſt nicht eine ſolche Aus⸗ nahmeſtellung auch die meine? Ich habe ſie aus eige⸗ nem Antriebe gewählt, weil nur ſie meiner Natur, meinen Anlagen, meinem Wollen entſpricht, und ich würde in das Elend ſteigen, wenn ich ſie aufgäbe.“ „Ich ahne“, ſagte ich zu Marion, ohne dieſe an⸗ zuſehen,„daß es eine tiefe Kluft iſt, die uns trennt. Aber“ ſetzte ich bei,„ſollten denn dieſe Gegenſätze nicht zu verſöhnen, ſollte denn dieſe Kluft nicht auszufüllen, nicht zu überbrücken ſein? Marion, Marion, Du han⸗ delſt ſchwer an mir, wenn Du mich von Dir ſtößeſt.“ „Ich handle zu unſer beider Beſtem.“ 204 „Und das ſagſt Du ſo ruhig, ſo kalt, ſo nüchtern? Iſt mir doch, als wenn Du mit jedem Deiner Worte eine Eisrinde um mein Herz legen, als wenn Du die ſchöne Leidenſchaft in mir erſticken wollteſt, deren Flamme mich bis heute ſo warm und heilig durchglühte.“ „Ich ſpreche, wie ich muß, wie Du mich zwingſt zu ſprechen; denn fortan, von dieſer Stunde an darf kein Hehl darf kein Verborgenes zwiſchen uns ſein.“ „Ich gebe Dir Recht“ rief ich,„doch laß uns nicht zu ſchnell, nicht zu raſch urtheilen. Marion, denke an Alles, was wir zuſammen erlebt haben, denke an Alles, was uns immer aufs neue noch enger und inniger ver⸗ bunden hat, denke an Freud' und Leid, die wir ge⸗ meinſam getragen, an alles Glück, das wir gemeinſam genoſſen, und ſage, ſoll dies Alles umſonſt geweſen ſein? Soll dies Alles ein Ende nehmen, ſoll dies aufhören wie ein Wort, das verhallt, wie ein Blitz, der verſinkt, wie ein Lenztag, der im Sturm unter⸗ geht?“ „Du glaubſt nicht“, ſagte Marion wieder in weiche⸗ rem Ton,„welche Schmerzen Du in mir aufwühlſt. Meinſt Du, daß ich, auf alles das verzichtend, woran Du mich eben erinnerſt, mit geringerem Schmerze ver⸗ zichte als Du? Du fragteſt mich, ob die Kluft, die uns trennt, nicht zu überbrücken ſei. Ich könnte Dir als Antwort aus dem Leben meiner Mutter erzählen, deren Art zu ſein vollſtändig auf mich übergangen, ja in mir vielleicht noch ausgeprägter und ſchärfer iſt als in jener. Sie war, wie ich Dir ſchon geſagt zu haben glaube, in ihrer Jugend Tänzerin an einem Wiener Theater. Sie lernte damals einen jungen Schriftſteller kennen, dem ſie ihre Liebe ſchenkte. Sie ſpricht von jener Zeit heute noch als von der glücklich⸗ ſten Zeit ihres Lebens, der junge Poet war ihre erſte, ihre heißeſte, ihre ſchönſte Liebe. Da fiel jenem ein, meine Mutter heirathen zu wollen, und ſie verlobte ſich mit ihm. Damit war der roſige, hoffnungsreiche Traum geendet. In dem Maße, als ihr künftiger Gatte das Gebiet ſeiner Rechte auf ſie beſtändig zu vergrößern ſuchte, in dem Maße, als er mit Eiferſüchteleien und Rechthabereien ſie peinigte und quälte, in demſelben Maße erkaltete die Liebe meiner Mutter zu ihm. Er mag es auch toll getrieben haben, denn ſpäter, wenn ſie von ihm erzählte, nannte ſie ihn ſcherzweiſe nie anders als ihren verrückten Doctor. Nun, die Span⸗ nung zwiſchen beiden wurde immer größer, die Gereizt⸗ heit auf der einen, die Erkältung auf der andern Seite wurde immer unleugbarer— es blieb zuletzt nichts übrig, als das Verhältniß aufzuheben und das Verlöb⸗ niß als ungeſchehen zu betrachten. Später verheirathete 206 ſich meine Mutter mit meinem Vater, dem ſie von Herzen gut war, mit dem ſie aber doch auch nur einige Jahre lebte. Dann trennten ſich die beiden Gatten freiwillig und meine Mutter zog mit mir und meiner jüngern Schweſter nach Ungarn, während mein Vater in Wien zurückblieb. Es war die Vereinbarung getroffen, daß wir Kinder alle Jahre mindeſtens zwei Monate in Wien leben ſollten; unſer Vater wollte uns ſehen, wollte uns bei ſich haben. Da kam es denn häufig vor, ja es ward zur Regel, daß die Mutter uns begleitete und während unſeres Aufenthalts in Wien mit uns beim Vater Wohnung nahm. Denn nun ereignete ſich das Seltſame, daß die beiden Ehe⸗ gatten wieder auf das Beſte mit einander verkehrten; ſie gingen in ihrer Zärtlichkeit und Aufmerkſamkeit für einander ſo weit, daß man ſie hätte für Braut⸗ leute halten können. War aber die beſtimmte Zeit um, ſo trennten ſie ſich wieder, nicht ohne Bedauern, ſo raſch ſchon wieder ſcheiden zu müſſen. Das iſt eine Ehe.“ Ich hatte die Erzählung Marion's ſchweigend an⸗ gehört; als ſie zu Ende war, zuckte ich mit den Ach⸗ ſeln. Ein Gefühl der Rückſicht hinderte mich, meine WMeeinung über das, was ich eben gehört hatte, auszu⸗ ſprechen. Aber es begann mir klar zu werden, wie — 207 Marion zu den Anſchauungen und Anſichten hatte kommen können, die ſie vorhin entwickelt hatte. Ich blickte eine Weile vor mich hin, dann raffte ich mich in dem Bewußtſein, daß ich den Kampf, deſſen Entſcheidung dieſer Stunde vorbehalten war, noch nicht aufgeben dürfe, wieder zuſammen und ſagte: „Ich will zugeben, daß Du, indem Du mir die Hand für das Leben reichſt, ein Ofper bringſt. Aber iſt es nicht gerade die Liebe, deren Hoheit vor keinem Opfer zurückſcheut und ſich vielmehr zu Opfern drängt, nur um unwiderleglich für ſich zu zeugen?“ „Du haſt Recht, Heinrich. Und Du ſelbſt darfſt und wirſt nicht daran zweifeln, daß ich lächelnd und heiter das ſchwerſte Opfer bringen würde, wenn ich dadurch das Glück unſerer Liebe, wenn ich dadurch Dein Glück, Deine Liebe retten könnte. Aber werde ich das, indem ich der Bühne entſage und Dir folge? Nein. Einem kurzen goldumſponnenen Traum würde die ſchrecklichſte Enttäuſchung folgen und was Du heute als ein Opfer von mir anerkennen würdeſt, müßteſt Du in Betracht meiner Natur, meiner Art zu ſein, zu denken, zu fühlen, zu lieben, über kurz oder lang einen Frevel nennen. Ich kann nur in der Freiheit leben, nur in der Freiheit lieben.“ Ich ſtand auf und preßte meine Hand an die heiße, glühende Stirne. 208 Ich wuße nicht mehr, was ich ſagen ſollte. Und gerade das, was mich am meiſten der Verzweiflung nahe bringen wollte, war die Ruhe und Sicherheit, mit welcher Marion ihre Einwände vorbrachte und aus der ich am erſten erkennen mußte, wie feſt und unbeug⸗ ſam ihre Anſichten ihr in der Bruſt wurzelten. Einen letzten Verſuch wollte ich noch wagen. Ich griff in die Taſche und holte den Brief meiner Mutter heraus, den ich zu mir geſteckt hatte. Sie ſollte ihn leſen und erfahren, welches Opfer ich, welches noch größere meine Mutter gebracht habe, ihr zu Liebe. Das mußte ſie erweichen, mußte ſie rühren. Mit wenigen einleitenden Worten ſetzte ich ihr das Verhältniß, in welchem ich zu meiner Mutter ſtand, und die Wünſche und Hoffnungen, welche dieſe auf mich geſetzt hatte, auseinander, dann gab ich ihr den Brief. Mit ſteigender Verwunderung hatte ſie mich ange⸗ hört, wortlos griff ſie nach dem Schreiben und las. Als ſie geendet, ließ ſie die Hand mit dem Blatte in ihren Schooß ſinken und ſagte: „Wie gut! Wie ſchön!“ Eine Thräne leuchtete in ihrem blauen Auge, dann nahm ſie den Brief wieder auf und blickte hinein, wie wenn ſie ihn nochmals leſen wolle. Ich begann zu hoffen; ſie hatte der Innigkeit, der ſchmerzlichen Ent⸗ 209 ſagung die durch dieſe Zeilen wehte, nicht widerſtehen können. Aber im nämlichen Augenblick warf ſie den Brief jäh von ſich und rief aufſpringend: „Ich kann nicht! Laß mich, Heinrich, ich kann nicht!“ Das waren die nämlichen Worte, die ſie mir am Anfange unſerer Unterredung geſagt hatte. So weit alſo war ich in einer Stunde, in einer ganzen Stunde ge⸗ kommen. Ich kann nicht ſagen, wie mir in dieſem Momente zu Muthe war. Ich hatte Alles verloren, Alles, was ich beſeſſen. In unendlicher Aufregung, vergeblich mich nach einem Ausweg umſehend, wie ein Ertrinkender, über den die Wogen zuſammenſchlagen wollen, ſchritt ich im Zimmer auf und ab, und auch Marion, die wie⸗ der in den Divan zurückgeſunken war, hielt ſchweigend ihren Kopf in die Hand geſtützt und blickte trübe ins Weite. Aber die Lage der Dinge ſtand mir klar vor Augen; ein Entſchluß mußte gefaßt werden; nach Allem, was vorausgegangen war, konnte es nur einer ſein, freilich der ſchmerzlichſte, der bitterſte, der, zu ſcheiden. Ich ſchritt auf Marion zu und ſtreckte ihr die Hand hin. Mit zitternder Stimme ſagte ich: Oelſchläger, Wunderliche Leute. I. 14 210 „Laß uns wenigſtens friedlich und verſöhnt Abſchied nehmen.“ „Du willſt gehen?“ „Kann ich anders? Ich muß gehen, ich muß Ab⸗ ſchied nehmen.“ „Auf wie lange?“ fragte ſie leiſe. „Auf immer“, antwortete ich feſt. „Nein“, rief ſie,„das kann, das darf nicht ſein!“ Und wieder hing ſie mir am Halſe, weinend und klagend. Ich löſte mit ſanfter Gewalt ihre Arme, die ſie um mich geſchlungen hatte, und ſagte: „Laß uns das Scheiden nicht ſchwer machen. Du ſagteſt ja ſelbſt ſchon: es muß ſein. Was Liebe und Treue ſagen können, habe ich geſagt— laß mich nun gehen.“ Außer ſich faßte ſie meine beiden Hände und rief: „Kannſt Du mich ſo ſtrafen? Ich kann, ich will nicht ohne Dich leben, ich kann Dich nicht hingeben; bleibe, verlaß mich nicht.“ „Ich darf nicht“ ſagte ich ruhig. „Du mußt bleiben, Heinrich“, rief ſie aufſchreiend, „ich liebe Dich, liebe Dich zu ſehr. Sei mein Herr, mein Gebieter; Alles, was ich bin, was ich habe, gehöre Dir; mache mit mir, was Du willſt, nur bleibe, hleibe.“ Sie hatte dieſe Worte in wilder Leidenſchaft her⸗ ausgeſtoßen, ihr brennendes Auge hing an dem meinen, und während ſie noch meine Hände umklammert hielt und ihr Körper ſich wie bittend vor mir wand, fühlte ich, wie mich der heiße Hauch ihres Mundes um⸗ wehte. Sie war ſchön, unendlich ſchön. Da ich ſchwieg, fuhr ſie fort: „Willſt Du mich tödten? Liebe, liebe mich! Das iſt Alles, worum ich Dich flehe. Wenn ich auch Dein Weib nicht werden kann, warum ſollen wir uns ver⸗ laſſen, warum müſſen wir uns denn trennen?“ Mit unſaglicher Angſt im Blick ſchaute ſie mich an und ich zitterte, als ich das erglühende, in ſeiner Liebe und Hingebung doppelt ſchöne Mädchen zu meinen Füßen ſah. Die blonden, thränenfeuchten Locken fielen aufge⸗ löſt in ihr Antlitz und ſie wand ſich und rang ihre weißen Arme wie eine Verzweifelnde zu mir empor. Einen Augenblick übermannte mich, was ich ſah; einen Augenblick unterlag ich all dieſem Reiz, dem auch ein Stärkerer ſchwer widerſtanden hätte, wie ein Rauſch von Glück und Seligkeit überkam es meine Sinne, aber im rechten Augenblick trat ein anderes Bild vor meine Seele und ich ſagte: „Und was ſoll ich meiner Mutter ſagen?“ 14* 212 Da ließ mich Marion los und ſich abwendend verhüllte ſie ihr ſchluchzendes Antlitz mit beiden Händen. Wie ich nach Hauſe kam, weiß ich nicht mehr. Die nächſten Tage verließ ich meine Wohnung nicht, mir war zum Sterben weh, all mein Denken, all mein Empfinden war gebrochen und ich ſchleppte nur das dumpfe Gefühl mit mir herum, daß mich ein ſchweres, ſchweres Unglück betroffen habe. Wenn die Nacht hereingebrochen war, ſchlich ich mich wie ein Verbrecher auf die Straße und nach dem Hauſe, wo Marion wohnte. Auf dem Theaterzettel ſtand ſie als krank gemeldet, aber ihre Fenſter waren erleuchtet und ich ſah auch ihren Schatten hin und her ſchwe⸗ ben. Wenn das Licht erloſchen war, trat ich durch die nachtbedeckten Straßen der Stadt meine Jrrwanderun⸗ gen an, von denen ich oft erſt mit dem Morgengrauen nach Hauſe kam. So ward ich denn wirklich krank und fiel in ein hitziges Fieber. Zur ſelben Zeit traf mich, wie ich ſchon erzählt habe, die Unglücksnachricht von dem Tode meines Bruders. Meine Mutter eilte nach deſſen Be⸗ erdigung an mein Krankenbette, wir hatten uns beide zu tröſten. Die gute Frau errieth mehr, als ich ihr erzählte. Ich habe Ihnen ſchon mitgetheilt, wie in 213 ihrer Bruſt die alten frommen Wünſche und Hoffnun⸗ gen wieder auftauchten, und leider kam dieſen meine unglückliche Stimmung zur Genüge entgegen. Ich ver⸗ zichtete auf jedes Glück, auf jede Freude des Lebens und ſah nur die eine Pflicht vor mir, den Schmerz, den ich meiner guten, geliebten Mutter umſonſt bereitet, wieder gut zu machen und zum ſtillen Glücke ihrer alten Tage, was ich konnte, beizutragen. Ich habe Ihnen auch ſchon erzählt, wie ich kaum geneſen in das hieſige Kloſter trat und wie ich wenige Wochen darauf meine Mutter, der der Kummer um den Tod des Gatten und des Sohnes zu tief im Herzen ſaß, verlor. Einen Tag vor meiner Abreiſe aus der Hauptſtadt begegnete ich auf einem der ſeltenen Ausgänge, zu denen mich der behandelnde Arzt zu überreden ver⸗ mochte, einem mir bekannten Schauſpieler. Ich wollte ihm ausweichen, aber er rief mich an. Er drückte mir zuerſt ſeine Freude über meine Wiedergeneſung aus und fragte dann: „Nun, und was ſagen Sie denn zu Fräulein Ma⸗ rion?“ Ich fühlte, wie mir die Sinne vergehen wollten; zum erſten Male ſeit langer Zeit hörte ich wieder den theuern Namen nennen. Kaum hatte ich die Kraft zu fragen: 214 „Was meinen Sie?“ „Sie wiſſen es noch nicht?“ rief der Schauſpieler überraſcht.„Ah, Sie ſind weit zurück in der Welt⸗ geſchichte. Vor einigen Wochen— es mag um die⸗ ſelbe Zeit geweſen ſein, da Sie krank wurden— ſchrieb Fräulein Marion Knall und Fall, ohne daß Je⸗ mand nur eine Ahnung hatte, an den Director und bat um ihre Entlaſſung. Der Director war natürlich außer ſich und wollte nicht darauf eingehen. Sie be⸗ harrte auf ihrem Verlangen. Als alle Vorſtellungen und Bitten von ſeiten des Directors nichts halfen, ſchickte dieſer den Doctor Breitſam zu ihr, in der Hoff⸗ nung, daß der mit ſeiner unübertroffenen Zungen⸗ fertigkeit etwas ausrichten werde. Er hätte keinen ſchlimmern Boten wählen können; denn Marion ließ ihn gar nicht vor, ihr Kammermädchen ſoll ihn im Gegentheile halb die Stiege hinuntergeworfen haben, was Doctor Breitſam ſehr unpaſſend und unanſtändig fand. Daraufhin blieb dem armen Director nichts übrig, als ſich zu fügen, und er verlangte wenigſtens ein Reugeld. Als dieſes die Dame in der nämlichen Stunde zahlte, hoffte er ſie auch moch zu einem letzten Auftreten zu bewegen, ſie aber gab auf ſeine Bitte gar keine Antwort und reiſte am ſelben Tage von hier ab, vermuthlich um, man weiß nicht wo, ein neues Enga⸗ 215 . gement zu ſuchen. Der alte Jakob aber lachte, als man abends auf der Kneipe davon ſprach, und ſagte:„Schau, ſchau, das hätte ich der kleinen Marion doch nicht zugetraut; . das iſt ja ein wahres Halleluja.““ . Ende des zweiten Bandes. 3 Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. —— 8 ſfſ 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 16 17 2₰ 3— S—* S