deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednurd Okimann in Giehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jeem Ta e Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 en angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1„ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: au 1 Monat: 1 Mt— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wr.— Pf. 3 3 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der; Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen e age feſtgeſetzt und wird ſ 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem. Diejenigen, welche die⸗ 3 felben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Wunderliche Leutr. Roman von Hermann Oelſchläger. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. Erſter Band. Doctor Anſelmus. Erſtes Kapitel. Es war im wunderſchönen Monat Mai, als Doctor Anſelmus den kühnen Entſchluß faßte, die Hauptſtadt, aus der er ſchon ſeit einer langen Reihe von Jahren keinen Fuß mehr geſetzt hatte, zu verlaſſen und einen weitern Ausflug zu unternehmen. Wenn dieſer Ent⸗ ſchluß kühn genannt wird, ſo geſchieht dies nur im Hinblick auf den Charakter, auf die eigentlichſte Per⸗ ſönlichkeit unſeres Helden. Doctor Anſelmus iſt ein deutſcher Schriftſteller ein Privatgelehrter, unverheirathet, im Anfange der fünf⸗ ziger Jahre. Damit iſt Alles geſagt, was füglich zu ſeiner Schilderung nöthig iſt oder nur geſagt werden kann. Man denke ſich ein Individuum, welches alle Vorzüge und Eigenheiten eines deutſchen Schriftſtellers Oelſchläger, Wunderliche Leute. I. 1 2 mit allen Launen und Idioſynkraſien eines Junggeſellen in ſich vereinigt, und der geneigte Leſer hat das voll⸗ ſtändige Bild des Doctor Anſelmus. Er trägt immer dunkle Kleidung, geht immer in Halbtrauer und deutet ſomit nicht unpaſſend den melancholiſchen, trauernden Zuſtand ſeiner Seele an. So viele Wünſche hat er in der langen Dauer eines halben Jahrhunderts be⸗ graben, ſo viele Hoffnungen, die einſt auch ihm, wie allen Erdgeſchöpfen, in der roſenbekränzten Jugend⸗ zeit ſo zuverſichtlich und verheißend lächelten, hat er hinſterben ſehen, ſodaß er jetzt, da er die bei wei⸗ tem größere Hälfte ſeiner irdiſchen Laufbahn hinter ſich hat, und da er es täglich empfindet, daß der Pfad ſeiner Pilgerfahrt ſich ſchon abwärts zu neigen beginne, auf alle Anſprüche an das Leben verzichtet hat. Wie aber alternde Jungfrauen aus dem Schiffbruch ihrer Tage wenigſtens ein kleines, mit aller Liebe umſchloſ⸗ ſenes Beſitzthnm ſich zu retten vermögen, ſei es auch nur in Geſtalt eines immer beweglichen Strickſtrumpfs, der, ſo oft ſchon vollendet, ſtets wieder von neuem ſein Daſein beginnen muß, oft erſt den kommenden Geſchlech⸗ tern zum Nutzen, ſo hat auch Anſelmus ſich in das zweite halbe Hundert ſeiner Jahre ein paar ſtille Freu⸗ den mit hinübergenommen, denen er ſich mit ganzer Seele verſchrieben und die wie laue Frühlingsluft allein „ 3 noch vermocht hatten, ſein Herz vor dem völligen Aus⸗ trocknen und Zuſammenſchrumpfen zu bewahren. Er hat, wie geſagt, auf alle Anſprüche an das Leben ver⸗ zichtet, ſeine einzige Erholung iſt noch, Bücher zu leſen, an die außer ihm kein Menſch mehr denkt, ſeine einzige Freude iſt, Bücher zu ſchreiben, die außer dem Setzer kein Menſch mehr lieſt. Sein einziger Stolz iſt der Doctortitel, den ihm einſt die Landesuniverſität honoris causa zuerkannt hat, und ſein einziger Troſt iſt die Gewißheit, daß ihm dieſe Erholung, dieſe Freude, dieſer Stolz von keiner Macht geraubt werden können, und daß wenigſtens dieſe drei Gefährten und Genien ſeines Lebensherbſtes ihm treu bleiben werden, bis er einmal die Augen ſchließen wird auf immer, um ſie nie mehr zu öffnen und entzückt zur wohlverdienten ewigen Ruhe einzugehen. Es war des Doctor Anſelmus eigene Schuld, wenn er ſich verurtheilt ſah, ſein Leben in faſt Mitleid er⸗ weckender Einſamkeit zu verbringen; die Unberechenbar⸗ keit ſeiner Launen, ſeine Reizbarkeit, ſeine Unzufrie⸗ denheit mit ſich und der Welt ließen ihn nur ſelten als angenehmen Geſellſchafter erſcheinen, und er hatte im Laufe der Jahre faſt vollſtändig die Fähigkeit ver⸗ loren, durch ſeinen Witz, durch ſein Lächeln und durch ſeine Lebhaftigkeit zum Vergnügen und zur Unterhal⸗ tung derjenigen beizutragen, denen er auf ſeinem Wege begegnete. Er hätte Gelegenheit gehabt, den Mangel an duld⸗ ſamen und ausdauernden Freunden durch einen Um⸗ gang zu erſetzen, um den er von Manchem beneidet worden wäre. Aber er war es ſelbſt geweſen, der ſich deſſelben beraubte, als er es für gut fand, ſich von ſeiner Nichte Dora, einer Waiſe und dem anmuthigſten und lieblichſten aller Mädchen, zu trennen. Dora hatte ihren Vater, eben des Doctor Anſelmus Bruder, ſchon frühzeitig verloren und war nach ihrer WMutter Tod in das Haus ihres Oheims gekommen, dieſem die Wirthſchaft zu führen. Aber das that nur ein paar Wochen gut. Das Mädchen brachte in ſeinem Haushalte, wie wenigſtens Doctor Anſelmus glaubte, Alles durcheinander, ſtellte Alles auf den Kopf, ver⸗ räumte alle Dinge und konnte den Gelehrten ſchließlich zur Verzweiflung treiben, wenn ſie nur Ordnung in ſeine Junggeſellenwirthſchaft zu bringen verſicherte. Dretor Anſelmus fand nichts mehr; er ſollte ſeine Lampe jedesmal, wenn er ſie gebraucht, auf den Ofen ſtellen, ſodaß er dieſelbe am nächſten Abend vergeblich unter dem Tiſch ſuchte, wo ſie auch nach den Begriffen anderer Menſchen nicht hingehörte. Er ſollte ſein Petſchaft nicht mehr als Pfeifenſtopfer benutzen 5 dürfen, ſollte nicht mehr das Recht haben, ſeine Ci⸗ garrenreſte auf den Boden zu werfen, ſollte täglich zur beſtimmten Zeit mit Dora frühſtücken. Dazu kam das ewige Lachen und Scherzen des Mädchens, das der Gelehrte, und wenn er alle Thüren hermetiſch ver⸗ ſchloſſen hätte, durch drei Zimmer zu hören vermochte und das ihn aus ſeiner miſanthropiſchen Laune hätte bringen können! Alles das verſetzte ihn dergeſtalt in eine nervöſe Aufregung, daß jeder Verſuch, zu arbeiten— und Doctor Anſelmus brannte vor Begierde, ein neues ruhmbringendes Buch in die Welt zu ſchicken— vergeb⸗ lich war, und daß er ſich endlich von der Gegenwart ſeiner Nichte wieder frei zu machen beſchloß, indem er ſie trotz Thränen und Bitten bei einer befreundeten Familie unterbrachte und ihr nur als beſondere Gnade zugeſtand, ihn von Zeit zu Zeit in ſeinen ſtaubigen, bücher⸗ und ſchriftenbedeckten Räumen beſuchen zu dürfen. Leider war nur wenig damit geholfen, denn des Doctor Anſelmus nervöſe Aufreizung dauerte trotz alle⸗ dem und alledem fort. Vermöge ſeiner ſenſitiven Natur bildete er ſich nun ein, Dora könne jeden Augenblick bei ihm eintreten; obgleich ſie ſtraßenweit von ihm entfernt war, hörte er ſie doch beſtändig neben ſich lachen und ſcherzen, und obgleich ſie ſeit ihrer Entfer⸗ nung die Schwelle ſeiner Wohnung nicht mehr betreten hatte, fürchtete er doch jeden Augenblick, einer aller⸗ neueſten Ungeſchicklichkeit von ihr zu begegnen. So trieb ihn die ſteigende Unruhe mehr und mehr im Kreiſe herum, bis er endlich in der höchſten Verzweiflung auf den Einfall kam, ſich ein ganz abgelegenes, von Men⸗ ſchen und Menſchenlärm entferntes Zimmer zu miethen und darin tagüber zu hauſen. Dort mußte er arbeiten, ſchaffen, dichten können! Leider hatte Doctor Anſelmus auch hier wenig Glück. Am erſten Tag war es eine auf der Straße in voller Thätigkeit begriffene Holzhackerfamilie, welche den Ge⸗ lehrten hinderte, das Haus, zu dem er ſeine Zuflucht hatte nehmen wollen, auch nur zu betreten. Zwar lag das gemiethete Zimmer im vierten Stock, aber des Doctor Anſelmus ſcharfes Ohr hätte jeden Fall des Beils vernommen, das Aechzen der Säge hätte ſein empfindliches Nervenſyſtem völlig zu Grunde gerichtet, ja, ihm wäre geweſen, als ſolle er ſelber geſägt und klein gehackt werden. Es war zu bedauern, aber die deutſche Literatur ſah ſich an jenem Tage wieder um eine Hoffnung ärmer. Das nächſte Mal ſchien der Verſuch des wackern Gelehrten von beſſerem Erfolg begleitet. Schon ſchritt er in ernſter Sammlung durch das Zimmer, ſinnend, —¹ nachdenkend. Bisweilen fuhr er ſich mit der flachen Hand über die hohe Stirn und über die ſpärlichen langen Haare, welche ſorgfältig von der linken Seite über den ganzen Scheitel herübergezogen waren. Dann ward ſein Gang haſtiger, ſein Schritt größer, ſein Auge leuchtete ſeltſam auf und ein zufriedenes Lächeln ſpielte um die ſchmalen Lippen. Raſch nahm er vor dem Pulte Platz und griff eben zur Feder, als plötzlich in einem kleinen, unſcheinbaren Häuschen gegenüber mit mächti⸗ gen Accorden ein Klavier angeſchlagen wurde und aus dem geöffneten Fenſter das Lied ertönte:„Was iſt des Deutſchen Vaterland?“ Doctor Anſelmus fuhr wie von einer Wespe ge⸗ ſtochen in die Höhe; voll Verzweiflung rannte er durch das Zimmer, aber all ſein Zürnen, Wüthen, Toben half ihm nichts. Er mußte das Lied Zeile für Zeile, Vers für Vers anhören; erſt bei der letzten Strophe gab ſich der unbekannte patriotiſche Sänger zufrieden; er wußte endlich, wo er Deutſchland zu ſuchen habe, und aus begeiſterter Kehle ſcholl es:„Das ſoll es ſein, das ſoll es ſein! Das ganze Deutſchland ſoll es ſein!“ Doctor Anſelmus athmete auf.„Ja“ wiederholte er dumpf, indem er ſeine Papiere zuſammenſuchte,„das ſoll es ſein, das ſoll es ſein! Das ganze Deutſchland ſoll es ſein!“ Vom Arbeiten war aber auch heute wieder keine Rede mehr. Als der arme Gelehrte daran dachte, zum dritten Male den Verſuch zu wagen, wandte er ſich an einen ihm nahe befreundeten Maler Namens Morten, von dem er eben gehört hatte, daß er Studien halber auf einige Wochen zu verreiſen gedenke, und bat ihn, ihm für ſo lange die Benutzung ſeines am Ende der Stadt und faſt mitten in Gärten gelegenen Ateliers zu ge⸗ ſtatten. Der Maler ſagte mit Vergnügen zu. „Sie ſchreiben eine Erzählung?“ hatte er den Poeten gefragt. „Ja“, entgegnete dieſer;„ſie ſpielt gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts.“ „Um Gotteswillen“, war des Malers Antwort ge⸗ weſen,„warum müſſen Sie denn immer und immer wieder in dem alten Moder herumwühlen? Warum ſchreiben Sie nicht etwas Modernes, etwas, das keck aus unſerer Zeit gegriffen iſt? Sie kennen ja das Leben!— Sie haben“ fuhr der Maler, der mit den Verhältniſſen ſeines ältern Freundes ziemlich vertraut ſchien, fort,„Jja auch geliebt und gelebt. Schreiben Sie doch aus Ihren Erinnerungen etwas nieder. Haben Sie nicht den prächtigſten Stoff zu einem Roman in Ihren Abenteuern mit jener Ballettänzerin, die—“ 4 * „Still, ſtill!“ fiel Doctor Anſelmus erſchrocken ein, indem er ſich ängſtlich nach allen Seiten umſah;„ſtill, ſtill! Sie wiſſen ja ſelbſt am beſten, das würde ſich nimmermehr mit meinen ſchriftſtelleriſchen Antecedentien vertragen.“ „Ach was! Weil Sie einmal durchſchlagenden Er⸗ folg mit einer dreizehnhundertjährigen Geſchichte gehabt und dabei der tonangebenden Partei in unſerm Staate gefallen haben, wollen Sie nun immer den alten Wuſt hervorziehen und wiederkäuen, obwohl Sie ihn uns doch niemals mundgerecht machen können. Sie ſind ein Poet. Schreiben Sie, was Sie heute packt und ergreift, und kümmern Sie ſich den Teufel um das, was begraben und vermodert iſt. Dieſen Zwieſpalt, den Sie nicht löſen können oder wollen, Sie ſelbſt am meiſten, und an ihm kranken Sie.“ ₰ „Sie mögen Recht haben“, entgegnete der Doctor Anſelmus weich,„ein bischen habe ich es aber doch auch. Sie wiſſen ja— trotzdem ich, wie Sie ſagen, ge⸗ liebt und gelebt habe, verſtehe ich unſere Zeit nicht. Ich ſchwärme für das Mittelalter und ſeine Geſtalten, für ſeine Kirchen und Kapellen, für die traumhafte Dämmerung, die auf ihnen liegt; ich ſchwärme für die Klöſter mit ihren hohen gewölbten Säulengängen, für die gottbegnadigte Einſamkeit, in der ſtolze Abteien 10 lagen, für die zinnengekrönten Burgen mit ihren ſchönen Schloßfrauen, für die verfallenen Thürme und die ver⸗ ſteckten Einſiedeleien, für— mit einem Wort: ich bin um ein paar Jahrhunderte zu ſpät geboren.“ „Sie ſind ein Träumer!“ „Seien Sie aufrichtig, und ſagen Sie: Sie ſind ein Narr. Und nun Gott befohlen!“ „Adieu!“ rief der Maler,„und mögen Ihnen die WMuſen günſtig ſein.“ Doctor Anſelmus trennte ſich von ſeinem Freunde in etwas verdrießlicher Stimmung und zwar deshalb, weil es ihm unangenehm war, an jenes Liebesaben⸗ teuer erinnert zu werden, wenigſtens auf der Straße. Insgeheim ſprach er dann und wann wohl ſelbſt gern davon. Er hatte in jungen Jahren werſtanden, das Leben von ſeiner ſchönern Seite aufzufaſſen, und bald gefunden, daß dabei die Mithülfe liebenswürdiger Frauen nicht zu entbehren ſei. Was man jetzt in ſeinen ältern Tagen launiſch, geziert und unangemeſſen an ihm nannte, beliebte man damals als originell, excen⸗ triſch und als einen Anflug von Genialität zu bewun⸗ dern. Das war namentlich in Wien der Fall geweſen, wo er nach ſeinem Abgange von der Univerſität einen längern Aufenthalt nahm und ſich ſogar mit einer blonden, blauäugigen Dame vom Ballet verlobte. Wie ——— — 11 geſagt, Doctor Anſelmus ſprach jetzt nicht mehr gern davon; dennoch war es die glücklichſte Zeit ſeines Lebens geweſen, und vielleicht wollte er ſie nicht allein deshalb in Vergeſſenheit begraben wiſſen, weil ſein damaliges Treiben mit ſeinen gegenwärtigen Anſchauungen und Gewohnheiten in zu großem Widerſpruch ſtand, ſondern auch darum, weil er ſich bewußt war, das jähe Ende jenes Traums durch eigene Schuld und eigene Unbe⸗ ſonnenheit herbeigeführt zu haben. Im Weitergehen gelang es ihm indeß, ſeiner Stim⸗ mung wieder Herr zu werden, und getroſten Muthes öffnete er das Atelier ſeines Freundes, wo die Erzäh⸗ lung aus dem dreizehnten Jahrhundert endlich einmal zum Beginne gebracht werden ſollte. Das Zimmer unter⸗ ſchied ſich in nichts von denen anderer Künſtler. Fer⸗ tige und halbvollendete Gemälde ſtanden mit und ohne Goldrahmen auf den Staffeleien umher, die Wände waren mit Skizzen und extemporirten Kohlenzeichnungen geſchmückt, zwiſchenhinein hingen Gipsabgüſſe aller Art, während ſich auf den Tiſchen Farben, Lacke, Fir⸗ niſſe und andere Utenſilien in bunter Unordnung breit machten. Doctor Anſelmus räumte von einem ſchweren Eiſentiſch, hinter welchem ein ſtark abgenutztes, mit grünem Wollſtoff überzogenes Sopha aufgepflanzt war, alle Hinderniſſe, die ihm entgegenſtanden, ent⸗ faltete die mitgebrachte Schreibmappe und nahm dann ſelbſt auf einem hochlehnigen altdeutſchen Stuhl, den er aus der Ecke herbeigerückt hatte, Platz. Er beachtete kaum die umherſtehenden Bilder, er bewunderte kaum Kleopatra, die ſich nebenan auf einer Leinwand von koloſſalem Umfange eben den Tod gegeben hatte, er bedauerte kaum den zu ſpät eintretenden Octavian, hatte nur Sinn für ſſeine eigene Arbeit, für die eigenen Geſtalten, welche ſein Dichterhirn erſonnen hatte, er ſchrieb, und ſein Freund, der Maler, ſchien geſtern nicht umſonſt die Gunſt der Pieriden für ihn angerufen zu haben. Plötzlich wurde lebhaft an die Thür geklopft; ein unmuthiges„Herein!“ war die Antwort, und auf der Schwelle des Ateliers erſchien ein reizendes junges Mädchen in geſchmackvoller Toilete. Unter dem gelben koketten Strohhut, welcher den feingeſchnittenen Kopf bedeckte, floſſen ſchöne ſchwarze Locken bis auf die blaue Jacke hernieder, die, in den Ecken und an den Rändern mit weißer Stickerei geſchmückt, den ſchlanken, vollen Oberkörper leicht umſchmiegte. Das gelbe, durch eine lange Schleppe ausgezeichnete Gewand legte ſich gleichfalls in reichen Falten eng um die mittelgroße Geſtalt und war vorn kurz genug geſchürzt, um die kleinen Füßchen ſo gut wie die zierlichen glanzledernen —— 13 Stiefeletten bewundern zu laſſen, welche, auf hohen Abſätzen ruhend, faſt noch die Hälfte des Beins feſt und knapp zu umſchließen ſchienen. Doctor Anſelmus muſterte die Eintretende finſtern Blicks.„Sie wünſchen?“ rief er. Das Mädchen ſah ihn mit ihren großen braunen Augen einen Moment voll an; dann brach ſie in ein heiteres Gelächter aus, welches ein paar Reihen ſchnee⸗ weißer Zähne zeigte. „Sie können ein ſolcher Bärenbeißer ſc Herr Doctor?“ ſagte ſie noch immer lachend.„Sie, der Liebling der Muſen, der Günſtling der Grazien, der— „Sie kennen mich, mein Fräulein?“ antwortete der Gelehrte noch immer etwas mürriſch und doch ſchon halb verſöhnt durch die ihm gewordenen Schmeicheleien. „Ob ich Sie kenne?“ rief das Mädchen, raſch näher tretend und den Strohhut mit der Linken vom Haupte nehmend, indeß ſie mit der Rechten vor dem Spiegel die etwas zerrütteten Locken ordnete.„Ob ich Sie kenne? Sind Sie nicht der allgenannte Doctor Anſelmus, ruhm⸗ und ehrenreich? Wie oft ſchon hat mir Morten — ihm gilt nämlich eigentlich mein Beſuch— aus Ihren Büchern vorgeleſen, wenn wir beide müde waren! So“, ſagte ſie, indem ſie noch einmal mit einem kleinen Kamm durch die Locken ſtrich,„ſo, nun kann ich mich wieder ſehen laſſen, und jetzt laſſen Sie mich ſetzen, Verehrteſter, die heutige Hitze hat mich zum Sterben krank gemacht.“ Damit nahm die Kleine den Tiſch, auf den ſie ihren Strohhut ſammt dem hellfarbigen Sonnenſchirm gelegt hatte, ſchob ihn ein wenig auf die Seite und warf ſich ohne Umſtände in die Ecke des Divans, dem Doctor Anſelmus gegenüber, der nicht wußte, was er aus dem Beſuch machen ſollte und ſchon nahe daran war, über all den Liebreiz ſeiner Erſcheinung ſeine dreizehnhundertjährige Geſchichte zu vergeſſen. „Herrn Morten“, begann er,„werden Sie heute nicht mehr treffen.“ „Ich weiß es. Als ich ihn geſtern Abend verließ, ſprach er die Abſicht aus, heute zu verreiſen; da jedoch Morten einer von denen iſt, die raſch ihre Entſchlüſſe ändern, glaubte ich nachſchauen zu müſſen und bin nun doppelt erfreut, Sie zu finden.“ „Sehr gütig“, meinte der Gelehrte verlegen;„darf ich auch wiſſen, mit wem—“ „Wie? Sie kennen mich nicht?“ unterbrach ihn ſein Gegenüber munter.„Das iſt beleidigend! Ich heiße Kleopatra.“ „Kleopatra? Ein berühmter Name.“ „Ja, aber nur mein Spitzname“, entgegnete das — 15 Mädchen, indem ſie mit ihren Fingern auf den Stroh⸗ hut trommelte;„meinen eigentlichen Namen habe ich darüber faſt ſchon ganz vergeſſen.“ „Und warum taufte man Sie Kleopatra?“ „Auch das errathen Sie nicht? Dann bitte, ſchauen Sie einmal dorthin!“ Doctor Anſelmus folgte der gegebenen Richtung und fand ſogleich die rechte Spur. Kleopatra auf der Lein⸗ wand nebenan hatte eine überraſchende Aehnlichkeit mit der ihm gegenüberſitzenden. „Sie haben zu jener geſeſſen?“ fragte er. „Ja, und da vor einigen Jahren ein Maler mit einer Kleopatra, die er eben nach mir gemalt hatte, außergewöhnliches Glück machte, ſo kam es in die Mode, den Tod der ägyptiſchen Königin zu malen; ich aber mußte regelmäßig dazu ſitzen und davon iſt mir der Name Kleopatra geblieben.“ Doctor Anſelmus wußte nun, woran er war; er hatte es mit einem Modell zu thun. Man kann nicht behaupten, daß ihm dieſe Ent⸗ deckung gerade beſondere Freude gemacht hätte; es koſtete ihm im Gegentheil einige Mühe, ſeine Sammlung zu bewahren, und es kam ihm vor, wie wenn er ſich in einer Geſellſchaft befinde, die ſeiner unwürdig ſei. Noch mehr, der ehrenwerthe Gelehrte erſchrak bis ins Innerſte bei dem Gedanken, er könne von irgend Jemand, der Morten zu beſuchen käme, hier im téte à téte mit der Modellſteherin betroffen werden, und er würde dieſer gewiß in aller Höflichkeit die Thür gewieſen haben, hätte ihn nicht trotz alledem ihre Schönheit und ein gewiſſer Grad von Bildung, der ſich in ihren Reden kund gab, davon abgehalten. Er rückte unruhig auf ſeinem Stuhle herum und verrieth vielleicht zu ſehr die heimlichen Gefühle, die ihn bewegten; denn Kleo⸗ patra, die ihn eine Weile prüfend betrachtet hatte, warf ſich vornehm in die Ecke des Sophas zurück und ſagte, indem ſie ihr ſchönes Auge wieder voll auf ihn ge⸗ richtet hielt: „Daß Ihr Künſtler doch nichts Tüchtiges ohne uns zu Wege bringt! Maler und Bildhauer ſind es nun gleich gar nicht im Stande, Ihr Poeten aber ebenſo wenig. Dabei ſeid Ihr aber auch gefährlich denn wäh⸗ rend der Maler mein Geſicht, meine Bruſt, meinen Hals, meinen Nacken dochnur dann auf der Lein⸗ wand wiederzugeben vermag, wenn ich es ihm geſtatte, ſo ſitzen Euch Poeten die Menſchen meiſt, ohne daß ſie es wiſſen, und finden ſich urplötzlich conterfeit, bevor ſie nur eine Ahnung davon gehabtzhaben. Wer nun gar von Euch die Verirrungen und Gebrechen, die Narrheiten und Thorheiten ſchildertzund ſich über ſie — — luſtig macht, iſt geradezu zu fürchten in der Unbarm⸗ herzigkeit, mit welcher er— Alles ſeinem lieben Buche zu Ehren— die Masken abreißt und die Schönpfläſter⸗ chen verſpottet, mit denen wir der Welt gegenüber uns nun doch einmal alle gern bedecken.“ Doctor Anſelmus lächelte. „Es iſt nicht ſo ſchlimm“ ſagte er dann,„wie Sie meinen. Der Poet vermag freilich ſo wenig als der Maler die Natur zu entbehren, aber wie dieſer kann er ſie doch nur in einer gewiſſen Beſchränkung benutzen; er muß einzelne Züge abſchleifen, andere neu dazu erfinden, und da mag dann ſchließlich wenig genug von dem übrig bleiben, was ihm anfänglich, wie Sie ſich ausdrücken, als Modell gedient hat. Beſitzt übrigens der Poet nicht das Recht, zu verſpotten und zu tadeln, zu geißeln und zu ſtrafen? Und wollen Sie ihm die Stofffreiheit rauben? Was ſich öffentlich zeigt und öffentlich wirkt, muß auch öffentlich beſprochen und öffentlich geſchildert werden dürfen. Iſt der Poet dafür verantwortlich zu machen, wenn er an ſeinem Modell nur Züge entdeckt, die ſeinen Humor reizen?“ Kleopatra lachte.„Ich will nicht weiter mit Ihnen ſtreiten“, rief ſie munter,„aber laſſen Sie ſich's zur Warnung geſagt ſein, lieber Herr Doctor: Ihnen möchte ich nie als Modell dienen, und wenn, ſo Helſchläger, Wunderliche Leute. I. 2 werde ich mich auf dieſelbe Weiſe an Ihnen zu rächen 1 wiſſen.“ 1„Das heißt: Sie wollen dann mich zum Helden eines Romans machen? Vortrefflich! Ich geſtatte Ihnen das, aber nur unter zwei Bedingungen!“ „Die ſind?“ „Sie müſſen ſich von mir das nothwendige Mate⸗ rial geben laſſen, von deſſen Reichthum Sie nimmer⸗ mehr eine Ahnung haben, und Ihr Roman muß künſt⸗ leriſchen Werth haben, damit ich mich auch darüber freuen kann.“ Kleopatra verſprach Beides in heiterem Scherz und Doctor Anſelmus hatte über dieſer Unterhaltung nun wirklich vollkommen ſeine dreizehnhundertjährige Ge⸗ ſchichte vergeſſen. „Wie kommt es, Fräulein“— nahm er das Geſpräch wieder auf, wurde aber ſofort von dem Mädchen un⸗ terbrochen. „Fräulein!“ rief ſie lachend,„Fräulein! Wie komiſch das klingt! Nennen Sie mich doch bei meinem Namen, nennen Sie mich Kleopatra!“ Doctor Anſelmus gerieth in Verlegenheit und wurde roth, das Wort war ihm ſelbſt wider Willen ent⸗ ſchlüpft. „Gut, meine ſchöne Kleopatra“, begann er wieder, 19 doch etwas ſtockend,„wie kommen Sie eigentlich dazu—“ „Modell zu ſtehen?“ fragte das Mädchen lebhaft. „Nicht wahr?“ „Gewiß. Ihre Art zu ſein, Ihre Ausdrucks⸗ weiſe—“ „Ach“ ſagte Kleopatra,„das iſt eine einfache Ge⸗ ſchichte, die ich Ihnen erzählen will; doch dazu paßt ein Glas Wein! Darf ich Ihnen aufwarten?“ Mit dieſen Worten erhob ſie ſich raſch vom Divan, trat an einen zur Seite ſtehenden altmodiſchen Schrank, drückte an einer verborgenen Feder und holte zum großen Erſtaunen des Doctor Anſelmus eine Flaſche Wein mit Gläſern hervor. „So“ ſagte ſie, indem ſie Beides auf den Tiſch ſtellte.„Seien Sie ohne Beſorgniß, ich habe ein Recht, über den Weinkeller Ihres Freundes zu verfügen; ſtoßen Sie an, der Wein iſt nicht ſchlecht, es iſt ein kleiner Burgunder.“ Damit hatte ſie ſelbſt ein Glas auf einen einzigen Zug hinuntergeſtürzt und auf dem Sopha wieder ihren Platz eingenommen. „Wie heiß!“ ſagte ſie und knöpfte ohne weiteres ihre Jacke auf, unter der ſie, wie ſich Doctor Anſelmus ſofort überzeugte, nur noch das nothwendigſte aller 2* 20 Bekleidungsſtücke trug. Der arme Gelehrte ſah ſich dadurch genöthigt, ſeinen Augen beharrlich eine andere Richtung zu geben, denn ſeit er dreizehnhundertjährige Geſchichten ſchrieb, hatte er ſich daran gewöhnt, in ſolchen Dingen empfindlich zu ſein. „Ich bin“, begann Kleopatra, nachdem ſie es ſich in der geſchilderten Weiſe bequem gemacht hatte,„armer Leute Kind, und es ereignete ſich eines Tages, daß mich ein Maler, er hieß Leonardo, um die Mittagszeit mit andern Unglücklichen vor einem Kloſter bettelnd fand, in Lumpen und ein zerbrochenes Geſchirr in der Hand. Ich war kaum vierzehn Jahre alt. Ich erregte ſeine Aufmerkſamkeit und er erhielt leicht von meinen Ael⸗ tern die Erlaubniß, für meine Erziehung und Bildung ſorgen zu dürfen. Ich lernte ziemlich viel, das Meiſte von ihm, denn er kam wenigſtens jeden zweiten Tag, mich perſönlich zu unterrichten oder doch mit mir zu plaudern. Ich brauche nicht viel zu erzählen: Leonardo hatte mich lieb und ein paar Jahre ſpäter war er mein Herzensſchatz. Damals war es denn auch, daß ich ihm zum erſten Male als Modell diente, denn nach den Begriffen, die er mir von der Kunſt beigebracht hatte, konnte er nichts Arges darin finden. Er hatte mich gelehrt, die Schönheit als das Herrlichſte auf dieſer Welt zu betrachten, ihr Cultus ging ihm über Alles. u— 21 In den langen Winterabenden laſen wir mit einander die alten Göttergeſchichten, die alten Völkerſagen, und ich lieh ihm gern, was Schönes an mir war, wenn er die herrlichen Geſtalten, die er erſonnen, auf das Papier warf. Er war dann voll flammender Begeiſterung, ganz von der hohen Aufgabe erfüllt, die ihm ſein Talent geſetzt. So war auch ſeine Erſcheinung, ſtolz, kräftig, ſchön, keiner von den Gecken, wie ſie heute durch die Malerſchulen ſchwärmen. Leonardo ſollte nicht alt werden, er fiel in einem Piſtolenduell, da er kaum das vierunddreißigſte Jahr vollendet hatte.“ Kleopatra ſchwieg einen Augenblick, ſie weihte dieſe Pauſe des Schweigens dem, wie es ſchien, noch immer unvergeſſenen Todten. Dann fuhr ſie fort: „Später kam der eine von Leonardo's Freunden und quälte mich ſo lange, ihm als Modell zu ſitzen, bis ich mich herbeiließ, dann kam der andere, dann der dritte und— nun, Sie wiſſen, wie das geht. Aber ſtoßen Sie an, lieber Herr Doctor! Die Kunſt ſoll leben!“ Kleopatra war aufgeſprungen und hatte ein paar Gänge durch das Atelier gemacht. Jetzt blieb ſie vor dem Gelehrten ſtehen. „Es iſt keine Freude mehr“, ſagte ſie lebhaft,„mit den Künſtlern zu verkehren, ſie wiſſen Alles beſſer und nehmen keinen Rath an. Leonardo that nichts, ohne mich befragt zu haben. Sehen Sie einmal dieſe Kleo⸗ patra an— nein, dieſen Auguſtus! Er iſt zum Todt⸗ ſchießen! Sein Mantel, ſein Panzer, ſein Kranz, ſein Schwert— Alles vortrefflich gemalt, aber das Ganze in Haltung und Geberde ohne Feuer, ohne Leiden⸗ ſchaft. Auguſtus mußte ſo ſein— aber warten Sie einmal, lieber Herr Doctor— Kleopatra ſchritt raſch auf das Sopha zu, auf welches ſie ſich in ihrer ganzen Länge niederließ. Sie nahm ſo ziemlich die Stellung ein, wie Kleopatra auf dem Bilde; der rechte Arm, deſſen Hand die Schlange noch umklammert hielt, und das rechte Bein hingen ſchlaff herunter, während die Linke zuſammengepreßt auf dem Herzen lag. Dabei hatte ſich die Jacke vorn noch weiter geöffnet, aber Kleopatra hatte den Kamm aus ihren Haaren genommen, daß die ſchwarzen Locken des rückwärts geneigten Hauptes in reicher Fülle auf den Nacken und auf die Bruſt von blendender Weiße fielen. Doctor Anſelmus war aufgeſprungen und ſtand nun ſtarr wie eine Bildſäule. „Kleopatra!“ rief er. „Mein Auguſtus!“ antwortete dieſe und brach, da ſie den Kopf ein wenig gegen Doctor Anſelmus hob, 23 in ein unbändiges Gelächter aus.„Vortrefflich!“ rief ſie. „O wenn Sie ſich ſehen würden! Wie Ihr Auge leuchtet! Wie Ihre Züge vom Schrecken entſtellt ſind! Welche Natur, welche Wahrheit! O Auguſtus, Auguſtus!“ Ein neu ausbrechendes Gelächter erſtickte ihre Worte. Der arme Doctor Anſelmus aber verlor nun ſchier alle Faſſung; er, ein deutſcher Privatgelehrter, ein Schrift⸗ ſteller in ewig ſchwarzer Kleidung, er— Auguſtus und ſie dort, das Modell, Kleopatra, ſeine Kleopatra! Das war ihm zu viel. Er ſchritt, ohne ein Wort zu ſagen, zum Tiſch, wo er ſeine Papiere zuſammenpackte. Kleo⸗ patra hatte ihr Lachen unterbrochen. Der Gelehrte aber griff nun zum Hute und ſagte: „Mein Fräulein, erlauben Sie, daß ich mich entferne; ich fühle leider noch keinen Beruf dazu, mich im Modell⸗ ſtehen einzuüben.“ „Herr Doctor“, rief Kleopatra, vom Sopha auf⸗ ſpringend; ſchon aber hatte dieſer das Atelier verlaſſen. Das angefangene Manuſcript unterm Arme ſchlich er ſich, die tiefſte Melancholie in den bleichen Zügen, von dannen. „Fort“ murmelte er,„fort! Fort aus dieſer menſchen⸗ verpeſteten Stadt, in der ich krank bin und leide! Fort aus dieſen verhaßten Mauern, in denen ich umſonſt nach Un⸗ ſterblichkeit ringe! Fort auf das Land, in die Einſamkeit!“ Zweites Kapitel. Wenige Tage nachher war Doctor Anſelmus auf dem Wege nach Franken. Vor einigen Jahren war er auf einer größern Reiſe durch den weſtlichen Theil dieſes ſchönen Landes gekommen, hatte die Ufer des Mains geſehen bis dahin, wo der rebenbekränzte Fluß ſeine Wellen mit denen des Rheins niſcht, und ſeit jener Zeit war in ihm der Wunſch rege geblieben, einmal mehrere Wochen unter dieſem heitern blauen Himmel weilen, die grünen blumenreichen Thäler und die hohen ſchattigen Wälder, die getreidewogenden Ebenen und die traubenreichen, ſonnebeſtrahlten Hügel genießen und in dieſer holden Umgebung ſich völlig der anmuthigſten Einſamkeit freuen zu dürfen. Jetzt, da ihn der Lärm der großen Stadt der Verzweiflung nahe gebracht hatte, war in ihm die Erinnerung an jenen köſtlichen Strich der Erde doppelt wach geworden, und ſeine Phantaſie ſchmückte ihm jene Gegenden mit allen Reizen eines irdiſchen Paradieſes aus. Er erinnerte ſich, wie er am Ausgangspunkte ſeiner Reiſe zu Mainz auf dem Käſtrich geſtanden und von dort auf die geſegneten Gefilde Naſſaus geblickt hatte, er erinnerte ſich, wie er dann auf dem Dampfſchiff nach dem blumenreichen Biberich gefahren war, wie er den Taunus durchſtreift hatte und wie er, von der Eiſenbahn nur allzuraſch durch den ſagenhaften Speſſart entführt, ſich endlich in Würzburg Raſt gönnen durfte, dort und auf der nahen mainumfloſſenen Vogelsburg gründlich nachzu⸗ denken über die ſüßen Geheimniſſe des Frankenweins. Und doch hatte er ſich nur mit Mühe zur Reiſe entſchloſſen, denn aus dem tiefſten Herzen und vor allen Dingen war ihm die Eiſenbahn verhaßt. Wie anders war ſonſt das Reiſen geweſen, ein wirkliches Wandern vom thaufriſchen Morgen bis zum kühl ſich herniederſenkenden Abend; bald durch wogende Aehren⸗ felder, bald unter hochſtrebenden, breitſchattigen Bäu⸗ men hin, mit der Ausſicht, den heißen Mittag heute neben einer einſam gelegenen Thalmühle, morgen im Schatten einer den Einfall drohenden Burgruine ver⸗ träumen zu können; mit der Gewißheit, heute den 26 Abendtrunk von einer zierlichen blonden Dorfſchönen kredenzt zu bekommen und morgen von einer drallen Braunen das grobe Linnen über das erſehnte Lager gebreitet zu ſehen. Und jetzt! Doctor Anſelmus bekam förmlich Krämpfe, wenn er an das Sauſen und Brauſen, an das Praſ⸗ ſeln und Raſſeln dachte, dem er einen ganzen Tag lang ſein ſenſitives Nervenſyſtem preisgeben ſollte. Er war nahe daran, den ſchon geſchloſſenen Reiſeſack wieder auszupacken, wenn er an den Käſig dachte, in den er hülflos und auf ſeine eigenſte Perſönlichkeit verzich⸗ tend geſperrt werden ſollte, wenn er ſich die Trom⸗ pete des Conducteurs und das Pfeifen der Locomotive vorſtellte, wenn er ſich das Rennen, Stoßen, Drängen, Laufen auf den Stationen vergegenwärtigte und ſich der ſchlanken, blaſſen, ſchwarzgekleideten Kellner erin⸗ nerte, die in den Warteſalons wie ruheloſe Geiſter umherfliegen und nach des Doctor Anſelmus Idee allein von aller Welt das Recht haben, ihre Mitmen⸗ ſchen mitleidlos und ohne Erbarmen auszuplündern ſoweit es ſich dieſe natürlich gefallen laſſen. Was, aber ließ ſich Doctor Anſelmus nicht gefallen, zumal auf der Reiſe und noch dazu im Eiſenbahncoupé! Er, der ungeſcheut in ſeinem Studirzimmer beim matten Schein der Oellampe die Schatten ſtolzer, reckenhafter, 27 längſt dahingegangener Geſchlechter citirte und mit ihnen bis zum Morgengrauen verſtändnißinnige Zwie⸗ ſprach hielt, ſeufzend, wenn er ſie beim Hahnenſchrei wieder in die dunkle Gruft ihrer Väter entlaſſen und ſich daran erinnern mußte, daß er im neunzehnten Jahr⸗ hundert auf der Erde wandle, in der bedauernswerthen Geſellſchaft ebenſo eingebildeter als verkommener, ebenſo blaſirter als entnervter, ebenſo lüſterner als einer wah⸗ ren Leidenſchaft unfähiger Epigonen— er, der Doctor Anſelmus, der glühende Schwärmer für männliche Tu⸗ gend und ritterliche Kraft, er war das mitleidswertheſte Geſchöpf, wenn er gezwungen war, ſich dem alltäglichen rauſchenden und wogenden Verkehr des Lebens anzu⸗ vertrauen, ſei es auch nur auf die kürzeſte Zeit. Er glich dem Kinde, das ſich auf dem Markte von der Hand der Mutter weg verloren hat und nun ſchreiend durch die Straßen irrt; den freundlichen Reden guter Menſchen, die es um den Namen ſeiner Aeltern fragen, vermag es nur mit krampfhaftem, ſtoßweiſem Schluchzen zu antworten, und den bedauernden Blicken der Vor⸗ übergehenden zeigt es nur verweinte Augen und eine unſaubere Naſe. Und wer endlich vermochte dem Doctor Anſelmus zu ſagen, welche Geſellſchaft ſeiner im Coupé des Wag⸗ gons wartete? Vielleicht ein Engländer— die Söhne aus dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts davon⸗ 28 Albions haßte der Doctor mehr noch als die Maikäfer, wenn ſie zur Frühlingszeit ſummend und brummend an ſeinen Hut ſtießen— vielleicht ein Engländer, der ihm gegenüber Platz nahm und dann mit kühner Be⸗ wegung ſeine langen Beine auf das über dem Haupte des Doctors angebrachte Bret für Hüte und Reiſe⸗ ſchachteln zu ſchwingen wußte, daß der arme Gelehrte, wenn er Luft ſchnappen wollte, ſeinen Kopf wie durch eine Heugabel durch die Beine ſeines blondbebarteten Gegenüber ſtecken mußte, das mit ſtoiſchem Gleichmuth ſich hinter dem rothen Bädeker verſchanzt hatte. Viel⸗ leicht ein Weinreiſender, der, an den niedrigen Ufern der Spree geboren, für ein Haus in Bordeaur arbeitete und deſſen Gascognergeſchwätzigkeit nicht minder zu fürchten war als die Brutalität Englands. Oder ein erſt drei Stunden altes Ehepaar, deſſen Liebeswuth dem über die Maßen ausgebildeten Zartgefühl des Doc⸗ tors zu nahe treten konnte, oder eine hübſche Frau, die ihr wimmerndes Kind nicht anders zur Ruhe zu bringen wußte, als daß ſie ihm die junge Bruſt reichte und dabei den Doctor mit einem ſo freundlich bittenden Blick um Entſchuldigung anlächelte, daß er mit dem beſten Willen nicht zürnen konnte und daß ihm ob des holden Schauſpiels alle Ideen zu ſeiner Geſchichte 29 flatterten. Wäre es Ferienzeit geweſen, ſo hätte man auch noch ein Zuſammentreffen mit heimkehrenden Studenten und ihren unausſtehlich langen Pfeifen in Anſchlag bringen müſſen, und gewiß, die Wolke, in die ſich Jupiter, ſeiner Gemahlin grollend, hüllte, konnte nicht dichter geweſen ſein als diejenige, die nach des Doctors Ueberzeugung von dem Begriffe eines deut⸗ ſchen Studenten unzertrennlich iſt und deren Vorſtellung allein ihm im nämlichen Augenblicke ein heftiges Nie⸗ ſen verurſachte. „Helf Gott!“ rief die muntere Stimme ſeiner Nichte Dora und entriß dadurch den geplagten Mann ſeinen qualvollen Träumen. „Helf Gott!“ rief ſie noch einmal, denn es dauerte einige Zeit, bis Doctor Anſelmus zu ſich und zur Er⸗ kenntniß gekommen war, daß der gelbe Engländer mit ſeinen langen Beinen, der norddeutſche Weinreiſende mit ſeiner Geſchwätzigkeit, das junge Ehepaar mit ſei⸗ nen Galanterien, die hübſche Frau mit dem Kinde und der heimkehrende akademiſche Bürger mit ſeiner langen Pfeife wieder einmal nur in ſeiner Einbildung gelebt hatten, und daß er ſelbſt ſich noch wohlbehalten und unbehelligt in der Lieblingsecke ſeines Sophas befinde, die erloſchene Cigarre in der müden, herabgeſunkenen Hand. Dora ſah ihn verwundert an; Doctor Anſelmus hatte nämlich ſeine Furcht, allein zu reiſen, nicht über⸗ winden können und ihr darum gern die Erlaubniß gegeben, ihn zu begleiten, ja er hatte ihr ſogar auf eine oder zwei Stunden des Tages wieder die Schwelle ſeines Hauſes geöffnet, um ungeſtört die Vorkehrungen zur Reiſe treffen zu können. Seinen eigenen Nerven hätte er, wie ihm bekannt war, eine ſolche Anſtren⸗ gung unter keinen Umſtänden zumuthen dürfen. Er ſtand auf und ſtrich ſich, nachdem er das rothe Fes mit der blauen Quaſte, das er gewöhnlich zu Hauſe trug, abgenommen, zwei⸗ dreimal über das Haupt und legte die dünnen, über den Scheitel herüberge⸗ kämmten ſchwarzen Haare an den Seiten zurecht. Sein dunkles, großes Auge hatte in dieſem Augenblicke wirk⸗ lich etwas unendlich Schwermüthiges, das durch die blaſſe, durchſichtige Farbe des Geſichtes noch erhöht wurde. „Dora“ ſagte er nach einer Minute Nachdenkens zu ſeiner auf dem Boden vor ihm knieenden Nichte, die damit beſchäftigt war, einen Koffer Fſehtaen„laß das, wir reiſen nicht.“ „Wie, Onkel?“ rief das Mädchen erſchrocken. „Wir reiſen nicht?“ „Nein; ich habe es mir überlegt und denke, es iſt beſſer ſo.“ 31 Dora kannte die Reizbarkeit ihres Oheims, ſie wußte, daß mit Zureden und Drängen nicht das Ge⸗ ringſte von ihm zu erreichen war. Sie ſagte deshalb auch ganz ruhig:„Wie Du meinſt.“ Dann ſchob ſie den Koffer unter den Tiſch und trat an das Fenſter, ohne weiter ein Wort zu ſprechen. Auch Doctor An⸗ ſelmus ſagte nichts mehr und machte ein paar Gänge durch des Zimmer. Dann blieb er vor dem Mädchen ſtehen. „Du hatteſt Dich wohl ſehr auf die Reiſe gefreut?“ ſagte er. „Ja, Onkelchen“ antwortete Dora;„Deinet⸗ wie meinetwegen.“ „Es hätte uns beiden gutgethan, einmal wieder aus dem trägen Einerlei des Lebens herauszukommen.“ „Und in der friſchen, kräftigen Waldluft hätteſt Du Dich gewiß bald wohler gefühlt.“ „In der Stille, in der Einſamkeit hätte ich unge⸗ ſtört aus mir ſchöpfen und ſchaffen können.“ „Aber warum willſt Du auf einmal nicht mehr rei⸗ ſen?“ „Du weißt, ich vermag mich nicht unter fremden Leuten zu bewegen; das iſt auf der Reiſe nöthig.“ „Deshalb erlaubteſt Du ja, daß ich Dich begleite. Ich hätte für alles Nothwendige geſorgt, alles Stö⸗ rende von Dir fern gehalten, Dich keine Deiner Ge⸗ wohnheiten entbehren und Dich wieder mit Dir allein gelaſſen, wie es Deine Stimmung und Deine Arbeit erforderten. Mir konnteſt Du Alles ſagen, was Du wünſchteſt, Alles anvertrauen, wie Du es wünſchteſt, und Du wäreſt gewiß mit mir zufrieden geweſen, Onkelchen.“ „Ich glaube Dir, mein Kind. Aber man muß auf der Reiſe viel von der Rohheit und Brutalität un⸗ gebildeter Leute dulden!“ „Fürchteſt Du Dich?“ lachte Dora, ſehr zufrieden mit der Wendung, welche das Geſpräch nahm.„Fürchteſt Du Dich, wenn ich mich nicht fürchte?“ „Man kommt mit geſchwätzigen Leuten zuſammen oder gar mit ſolchen, deren Tabaksqualm einen erſtickt.“ „Dann nehmen wir ein Coupé für Nichtraucher.“ „Du weißt, mein Kind“, wandte Doctor Anſelmus erröthend ein,„ich rauche ſelbſt, nicht viel, aber ich möchte ſelbſt dies Wenige nicht entbehren.“ „Gut, dann öffnen wir ein Fenſter im Coups.“ „Es wird ziehen.“ „Du ſetzeſt Dich auf die Seite, wo der Wind Dich nicht beläſtigen kann.“ „Man muß auf der Reiſe, wo die Menſchen weniger Rückſicht auf einander nehmen zu müſſen glauben, weil 33 ſie ſich gegenſeitig fremd ſind, Manches ſehen, was ſonſt für ungeziemend und unſchicklich gehalten wird.“ „Ach gar, Onkelchen. Doch dann drücken wir die Augen zu.“ „Ja, Du haſt Recht, Dora; dann drücken wir die Augen zu“, antwortete Doctor Anſelmus und dachte an die hübſche Frau mit dem Kinde, die er vorhin halb im Traume geſehen. „Alſo, Onkelchen, wir reiſen doch?“ rief Dora fre udig. „Nun, in Gottes Namen, morgen mit dem Aller⸗ früheſten.“ Ein Kuß ſeiner Nichte belohnte ihn für dieſen heroiſchen Entſchluß. Noch aber hatte Doctor Anſelmus vor ſeiner Ab⸗ reiſe einen wichtigen Gang zu thun. Wie überall nämlich, ſo war man auch in der Reſidenz, in welcher der Gelehrte wohnte, ſeit einem Jahrzehnt darauf gekommen, alle alten S und Thürme, die dem ſtets wachſenden Verkehr im Wege ſtanden, niederzureißen und dadurch immer neue Wege und Verbindungsſtraßen zu eröffnen. An Stelle der moleriſchen, aber unnöthig gewordenen Sei igungs⸗ werke erhoben ſich glänzende Kaffeehäuſer oder Fabriken, Bä oder man pflanzte grüne Anlagen, d Bäume Oelſchläger, Wunderliche Leute. I. zur Raſt mitten im Lärmen der Stadt einluden, und gönnte der freien Luft, dem ſonnigen Licht ungehemmten Zutritt zu den größern Plätzen und breitern Straßen. Jedermann fand das lobenswerth, mit Doctor An⸗ ſelmus aber war das anders. Denn ihm, der gerade mit Vorliebe in jene Zeit ſich zurückverſetzte, deren Bauüberreſte man ſo ſcho⸗ nungslos vertilgte, ihm war, wie wenn mit jedem Thürmchen, mit jedem Stück Mauer, das man niederbrach, ihm ein Stück aus dem eigenen Herzen geriſſen werde. Jene alten winkligen dumpfen Thore übten einen un⸗ endlichen Zauber auf ihn; jene verwitterten alter⸗ ſchwarzen Trümmer waren für ihn die einzigen Zeugen einer ſchönen, längſt untergegangenen Welt, und je mehr eins um das andere hinſank, der modernen Zeit zum Opfer, deſto weher wurde ihm ums Herz und deſto vereinſamter und verlaſſener fühlte er ſich. In dieſen Tagen nun hatte man damit begonnen, ein am öſtlichen Ende der Stadt gelegenes altes Thor niederzubrechen. Man gewann dadurch freien Ver⸗ kehr und erfüllte einen ſeit Jahren laut gewordenen Wunſch. Doctor Anſelmus kannte die Geſchichte dieſes Thores genau; er hatte ſie ſelbſt ſchon geſchrieben und erzählt, wie dazumal— es war auch ſo um das Jahr 1400— 35 draußen im deutſchen Reiche und in fremden Landen viel Düſteres und ſonſt Merkenswerthes geſchah, daß es einen ſchier Wunder nimmt, wenn er's nur einiger⸗ maßen in Betracht zieht. Das Thor hatte alſo Mancherlei geſehen und er⸗ lebt, und doch, nun war auch dieſes auf den Abbruch verkauft worden. Doctor Anſelmus war täglich an Ort und Stelle gegangen, und mit blutendem Herzen hatte er es mit angeſehen, wie die unheiligen Hände der Maurer Stein um Stein losriſſen, und wie das ehrwürdige Gemäuer allmälig hinſank, in eine wallende Staubwolke gehüllt. Doctor Anſelmus war es zu Muthe, wie wenn er dem ns eines Freundes beiwohne. Wie oft war er durch das Thor gegangen und hatte geſagt: „Ich allein noch kenne deine Leiden und Freuden, ich allein kenne die Schickſale deiner Jugend, ich allein weiß dich darum noch im Alter zu ehren und blicke mit inniger Luſt zu deinen ſchwarzen Mauern empor, die andern Unwiſſenden und Kalten nur als ein unnützer Steinhaufen erſcheinen. O“, ſetzte er dann wohl bei, „geht es mit uns Menſchen anders? Je älter wir werden, deſto einſamer fühlen wir uns und wir ſehen nichts als eine naſeweiſe Jugend, die ſich überall breit macht, es nicht der Mühe werth hält, bei uns in die 3* Schule zu gehen, und die am liebſten über unſere Köpfe hinwegſchreiten möchte.“ Solche Gedanken waren es, mit denen Doctor An⸗ elmus auch heute wieder vor dem alten Thore ſtand, non dem nur noch ein kleiner Theil der Seitenmauer übrig war. Lange betrachtete er dieſe ehrwürdigen Reſte, und ein ſchmerzliches Gefühl zog durch ſeine Bruſt.“ Endlich raffte er ſich auf; es war ſchon Nacht ge⸗ worden und die Straße leer. Dennoch blickte er ſcheu um ſich, wie wenn er fürchte, auf einer böſen That ergriffen zu werden, dann ſchritt er entſchloſſen auf den Trümmerhaufen zu und begann vermittelſt eines Stemm⸗ eiſens, das er aus der Taſche gezogen, an dem noch ragenden Mauertheil zu arbeiten. Der Schweiß perlte ihm von der Stirn, und die Hände, nur den leichten Federkiel gewohnt, drohten wund zu werden. Aber er mußte zu Ende kommen, unverdroſſen bohrte und arbeitete er in die Mauer hinein und endlich gelang es ihm, einen ganzen unverletzten Ziegelſtein heraus⸗ zubrechen. Mit leuchtendem Auge hob er den theuern Beſitz dem Mondlicht entgegen, das die ſeltſame Gruppe be⸗ ſchien; dann zog er einen großen unbeſchriebenen Bogen nus der Taſche, den Stein mit aller Sorgfalt darein 8 5 1 37 zu wickeln. Ein letzter ſcheidender B lick noch auf das Thor, und Doctor S ſchritt, überſelig, wenigſtens ein kleines Andenken an das theure Gemäuer ſich ge⸗ rettet zu haben, ſeiner Wohnung zu. Mit welcher Ehr⸗ furcht und Liebe trug er ſein unſchätzbares Kleinod— es war ihm die Locke, die man der Geliebten vom Haupte ſchneidet, bevor ihr blaſſer Leib der Erde über⸗ liefert wird, die nichts mehr herausgibt. Am nächſten Morgen machten ſich Dora und ihr Oheim wirklich auf den Weg. Das Glück war ihnen günſtig, ſie blieben von Reiſenden unbehelligt, und— abſichtlich oder nicht— Doctor Anſelmus war größten⸗ theils die Urſache davon. Denn wo nur irgend der Zug hielt, ſtreckte er ſeinen Kopf zum Fenſter hinaus, und wo nur irgend Jemand die Abſicht zeigte, ſich dem fraglichen Cvupé zu nähern, vielleicht verlockt durch das roſige Mädchengeſicht, das im Hintergrunde ſichtbar ward, ſchnitt Doctor Anſelmus eine derartig eiſenfreſ⸗ ſeriſche Miene, daß Jedermann ſchleunigſt die Flucht ergriff, ſeinen Platz anderswo zu ſuchen. Sie hatten allmälig die Hochebene verlaſſen, auf deren Plateau die Hauptſtadt, den Glutſtrahlen der Sonne preisgegeben, lag, und je mehr ihre Fahrt ſie dem Unterland zuführte, um ſo angenehmer ward die Luft, die ihnen entgegenwehte, um ſo lieblicher das, was ſich dem Auge darbot. Saftige Wieſen wechſelten mit wogenden Getreidefeldern und rauſchenden Wäl⸗ dern, kräftige Landleute in Hemdärmeln ſchritten hinter den wohlgenährten Rindern auf dem Acker her und in den Gemüſegärten waren hochgeſchürzte Dirnen beſchäf⸗ tigt, Unkraut auszujäten oder aus dem ſteingefaßten Ziehbrunnen den gefüllten Eimer an eiſerner Kette aufzuwinden. Freundliche Dörfer, wohlhabende Land⸗ ſtädtchen boten dem Auge willkommene Ruhepunkte— Alles Dinge, die unſere Reiſenden lange genug hatten entbehren müſſen und deren Anblick eines Jeden Herz immer wieder mit einer unnennbaren Zufriedenheit und Freudigkeit erfüllt. Später ward das Terrain hüge⸗ liger, der Bahnzug mußte ſich häufig durch ſchmale Thäler winden und dann und wann ein klares Gewäſſer, das den Fuß der zu beiden Seiten aufſteigenden Hügel benetzte, überfliegen, die Ausſicht war öfter beengt, aber dieſe Höhen, deren Rücken vom goldenen Strahl der Sonne beglänzt war und von denen eine wunderbare Luft herniederwehte, waren mit dem köſtlichſten Gewächs dieſer Erde, mit der edelſten Pflanze, die aus der Hand des Schöpfers gekommen, mit der ſchlanken, blatt⸗ reichen, weinſpendenden Rebe geſchmückt. Die erſten Weinberge, die ihnen entgegentraten, ſchienen ein etwas verkümmertes Ausſehen zu haben, 39 bald aber wölbten ſich die Hügel mächtiger, voller rauſchte der Strom thalabwärts, in hellem, warmem Blau ſpannte ſich der lichterfüllte Himmel darüber, und von der Höhe, die mit Buchen⸗ und Eichenſtämmen umſäumt mar, bis herunter zu der ſtaubigen Fahr⸗ ſtraße, die ſich am Ufer des leichtbewegten Fluſſes hin⸗ drängte, wogte ein ununterbrochenes, immer lebendiges Meer von grünen gezackten Rebenblättern, aus dem nur da und dort der Kopf eines Arbeiters auftauchte, der mit Hacke und Spaten über die harten Schollen weg ſich die ſteilen Höhen hinanmühte. Es gibt nicht leicht einen ſchönern Anblick als eine ſolche, wie es ſcheint, endlos an einander gereihte Kette friſch grünender Weinberge. In ſanften, anmuthi⸗ gen Linien ziehen ſich dieſe Hügel mit all ihren Ein⸗ ſchnitten und Buchten hin, hier ſich ſenkend, dort wieder aufſteigend, bald jäh abfallend, bald wie ein reicher ſchwerer Teppich ausgebreitet. Von der Höhe rieſelt in enger Rinne oder den noch bequemern Weg über die ſchmale moosbedeckte Steintreppe nehmend ein mun⸗ terer Onell ins Thal, und an manchen Orten heben ſich einzelne Quittenbäume oder andere fruchttragende Stämme aus der gleichförmigen und doch ſtets be⸗ wegten Fläche. Dazwiſchen blinken weiß angeſtrichene Hütten, nicht groß und meiſt nur aus einfachem Lat⸗ 40 tenwerk errichtet, denn ihr Dienſt iſt ein kurzer und dauert nur wenige Tage. Bei alledem ſcheint es aber, wie wenn über dieſen Hügeln und höher noch ein beſonderer eigenthümlicher Zauber ruhe. Er liegt nicht in den weichen Linien der Berge, er liegt nicht in dem Grün der Reben, nicht in dem wunderbaren Blau des Himmels, er liegt noch am erſten in der Luft, die ſo lau und mild darüber hinfächelt, oder in dem reinen Licht der Sonne, das ſo voll, ſo warm, ſo voll Liebe zu den treibenden, näh⸗ renden Sproſſen ſich hindrängt, oder in den Sternen, die ſo klar und leuchtend allnächtlich wie ſegnende Geiſter hinter dem Walde aufſteigen und herniederfun⸗ keln auf dieſen geheimnißvollen Boden; er liegt viel⸗ leicht nur im Begriff, nur im Begreifen all des Wun⸗ derbaren, das ſich an die Frucht der Rebe, an die Traube, an den Wein knüpft, aber Niemand, der ſchon je durch ein reiches, prangendes Weinland ge⸗ wandert iſt, wird dieſen Zauber wegleugnen können, der mit Gewalt über einen kommt und wie berau⸗ ſchend heiß bis zum Herzen heraufſteigt. Doctor Anſelmus ſchien dergleichen zu empfinden, während die Reiſenden mit dem Eilzuge die geſegneten fränkiſchen Gaue durchflogen, und Dora hatte andächtig der Begeiſterung gelauſcht, mit welcher ihr Oheim ſich 4¹ über die Herrlichkeit der Rebe erging und dann wieder ſtill lächelnd zugehört, als er ihr die Freuden des Herbſtes und der Weinleſe ſo lebhaft und farbig aus⸗ malte. Sie betrachtete neugierig die kräftigen Männer⸗ geſtalten, die mit der Hacke auf dem Rücken dem Wengert, das heißt Weinberg, zuſchritten und in Blick und Hal⸗ tung deutlich jenen derben Charakter verriethen, der die Bewohner der Häckerorte im Mainthal über die Grenzen ihres Gaues hinaus berühmt gemacht hat. Aber der Eilzug flog vorüber, weiter und weiter, bis er endlich bei einbrechender Nacht die Speſſartberge erreichte. Doctor Anſelmus ſchlummerte ſchon längſt ſüß in der Ecke ſeines Coupés, Dora aber ward nicht müde, in die ſchier undurchdringliche Nacht zu ſehen und den zahl⸗ loſen aufblitzenden Feuerfunken, die oft zu einer ganzen Wolke zuſammengeballt dahinflogen, nachzublicken. Brau⸗ ſend und donnernd rollte der eherne Wagenzug, ein⸗ gehüllt in die phantaſtiſch wogenden glührothen Rauch⸗ wolken. Auf beiden Seiten ſtiegen die ſchwarzen Fels⸗ maſſen empor und ſchienen ſich auf den frechen Ein⸗ dringling herabſtürzen zu wollen, der die ſchlummernden Tannen und die im Geſtein wohnenden Geiſter ſo un⸗ ſanft aus ihrer nächtlichen Ruhe aufſchreckte. Dazu eilten und jagten die Wolken am Himmel hin, und das Laub der Wälder rauſchte und brauſte; ſo mochte 42 vordem der wilde Jäger den Forſt durchflogen und mit ſeinem Hali und Hallo das Echo der zitternden Felſen wachgerufen haben. Endlich, ſpät nach Mitternacht, traten die Berge wieder weiter zurück, eine dämmerige Ebene breitete ſich im Mondlicht aus und ziemlich am Beginn der⸗ ſelben lag die Stadt, der Zielpunkt der Reiſe. Wie der ſchläfrige Doctor in ſeinen Gaſthof, dort in ſeine Zimmer und hier wieder in ſein Bett gelangte, das hätte er am nächſten Tage vermuthlich kaum Jemand zu erzählen vermocht. Genug, es bewies ſich für ihn höchſt vortheilhaft, ſeine Nichte Dora mit auf die Reiſe genommen zu haben. Denn ſie war es, welche Alles ins Gleis und Alles zum rechten Ziele zu bringen wußte. Doctor Anſelmus? Ei, der gerieth außer Faſ⸗ ſung, als er ſich von einem halben Dutzend der ihm ſo ſehr verhaßten Kellner umgeben ſah, die ihn nach ſeinen Wünſchen, nach ſeinen Befehlen fragten Sie trugen ja die bekannten, nach der neueſten Mode ge⸗ ſchnittenen Fracks, welche dem Doctor Anſelmus das Widerwärtigſte und Unſchönſte von Allem däuchten; zugleich aber ſchwangen ſie unter dem zierlich gebogenen Arm die weiße Serviette, deren geſchäftige Unruhe des armen Gelehrten Nerven in völlige Aufregung verſetzte. Und dann, trug nicht erſt der Oberkellner jenen gra⸗ 43 ziöſen Scheitel, der ſich von der intelligenten Stirn über das Hinterhaupt hinab gegen den Nacken zu in ſcharfer Linie verlief? O, Doctor Anſelmus erklärte dieſen Gipfelpunkt der menſchlichen Friſirkunſt für eine Arro⸗ ganz, für eine Unverſchämtheit, für eine Beleidigung, dem reiſenden Publikum direct in das Geſicht geſchleu⸗ dert. Nein, es war nicht zu verwundern, wenn er nach alledem den devot anfragenden Kellner mit:„Nichts, nichts, nichts“! anſchrie und dann heftigen Schrittes, brummend und ſcheltend den Saal durchmaß, bemüht, das auf der Reiſe in Unordnung gerathene Haar ſorg⸗ fältig über den Scheitel herüberzuſtreichen. Dora trug indeſſen Sorge, den erſchrockenen Gargon zu beruhigen und ihm die geringen Bedürfniſſe, welche die beiden Reiſenden ſpät noch haben mochten, auseinanderzuſetzen. Drittes Kapitel. Die folgenden Tage brachte man damit zu, theils die nächſte Umgebung der reizend gelegenen Stadt kennen zu lernen, theils eine Wohnung zu ſuchen. Das Letztere hatte ſeine Schwierigkeiten und geſtaltete ſich für Dora nach und nach zu einer wahren Pein. Nicht allein, daß Ihres Oheims ſonderbare Ideen überall zum Durchbruch kamen und jede, auch die annehmbarſte Wohnung für unannehmbar erklärten, ſondern Doctor Anſelmus fand auch überall die Preiſe zu hoch. War er auf der einen Seite bis zum Uebermaß unpraktiſch und warf das Geld aus reiner Unkenntniß öfters zum Fenſter hinaus, ſo gerieth er andererſeits, wenn er es ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte, ſparſam und haushälteriſch zu ſein, in den ebenſo unpaſſenden 45 Gegenſatz und war bis zur Lächerlichkeit geizig. So ging es ihm hier. Hatte er wirklich einmal eine Woh⸗ nung gefunden, die ihm zuzuſagen ſchien, hatte er die Stiege für paſſirbar, die Decke für nicht zu niedrig, den Schornſtein für ungefährlich, die Tapeten für nicht zu hell, die Straße vor dem Hauſe nicht mit Steinen gepflaſtert und die Wohnung überhaupt einſam genug gelegen befunden, ſo begann er augenblicklich von dem zuerſt geſchehenen Angebot bis auf die Hälfte herunter⸗ zugehen und auf dieſem Standpunkt mit einem be⸗ wundernswerthen Eigenſinn zu handeln. Er lief ein paar Mal Gefahr hinausgeworfen zu werden, na⸗ mentlich als er mit recht unzeitigem Selbſtbewu ßtſein auf die Ehre hinzuweiſen wagte, die dem Eigenthümer ſchon allein daraus erſtehe, daß er, Doctor Anſelmus, der bekannte Privatgelehrte und Dichter, ſich herablaſ ſſe, mit ihm unter einem Dache leben zu wollen, aber Dora war auch hier ein rettender, ſchützender Engel, und ihrer Klugheit gelang es zuletzt, den Oheim nach⸗ giebig zu ſtimmen und ihn zum Miethen einer Woh⸗ nung zu bewegen, die in der That alle nur wünſchens⸗ werthen Vorzü Das Haus, in welchem man ſich einzuniſten be⸗ ſchloß, lag auf einer kleinen Anhöhe am Ende der Stadt. Der auf der andern Seite ziemlich ſteil ab⸗ ge in ſich zu vereinigen ſchien. 46 fallende Rücken des Hügels war mit Reben bepflanzt. Von den Fenſtern des Hauſes hatte man unbeſchränkte Ausſicht auf den unten breit hinwallenden Strom, der von einer ſtattlichen Steinbrücke überwölbt war. Links zur Seite lag der Speſſart und über den Fluß drüben dehnte ſich Wieſe und Feld, in allernächſter Nähe von ausgedehnten Parkanlagen und dahin führenden ſchat⸗ tigen Alleen unterbrochen. Man hieß das Haus zur ſchönen Ausſicht, und wirklich, es verdiente dieſen Namen. Doctor Anſelmus ward in der kleinen Stadt der Gegenſtand mannichfacher Aufmerkſamkeit, und ſo wenig er es ſeiner Nichte eingeſtanden wiſſen wollte, ſo ſehr ſchien es ihm doch zu ſchmeicheln, als er am dritten Tage nach ſeiner Ankunft in der Zeitung die Notiz las:„... 25. Mai 186— Unter den Tou⸗ riſten von Bedeutung, welche in dieſen Tagen unſere Stadt berührten, befindet ſich auch Dr. Anſelmus aus 4.; dem Vernehmen nach gedenkt derſelbe einige Zeit hier zu verweilen und wir wünſchen von Herzen, daß es dem rühmlichſt bekannten Schriftſteller recht lange in unſerer Mitte gefallen möge.“ Den darauffolgenden Tag erſchien der Redacteur des Tageblattes vor Doctor Anſelmus in Perſon, ſtellte ſich ihm als College vor und ging nicht eher von der 47 Stelle, als bis er eine Flaſche Wein und ein nicht eben ſparſames Frühſtück, das ihm der Doctor in einem Anflug von Dankbarkeit vorſetzen ließ, bis auf den letzten Reſt vertilgt hatte. Der Redacteur übrigens erkannte dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit ſeinerſeits wieder vollkommen an und machte noch am nämlichen Tage in der Abendnummer ſeiner Zeitung dem Publikum folgende Mittheilung:„... 26. Mai 186— Unſere geſtrige Notiz bezüglich des Herrn Dr. Anſelmus hat ſich vollkommen beſtätigt. Der ge⸗ nannte Herr hat, wie wir aus beſter Quelle vernehmen, ſich bereits in dem reizend gelegenen Hauſe zur ſchö⸗ nen Ausſicht eingemiethet und wird die Zeit ſeines hieſigen Aufenthalts dazu benutzen, einen größern Ro⸗ man zu vollenden, der nicht verfehlen wird, bei ſeinem Erſcheinen das größte Aufſehen zu erregen, und der, wie wir unſern Leſern jetzt ſchon verrathen dürfen, ganz geeignet iſt, alle jene liebenswürdigen Eigenſchaften zu entfalten, die an dem berühmten Schriftſteller Jeder⸗ mann zu bewundern gewohnt iſt, der das Glück hatte, ihm perſönlich näher zu treten.“ „Ja, mit ihm eine Flaſche Wein zu trinken!“ ſagte Doctor Anſelmus und ſchob das Zeitungsblatt von ſich, wobei es jedoch ſeine Miene unentſchieden ließ, ob 4 S er den ſo erkenntlichen Redacteur bald wieder oder gar nicht mehr zu ſich zu laden gedenke. Daß Doctor Anſelmus übrigens noch nicht daran gehen konnte, ſeine Arbeit, die er doch, wie er ſich gern ausdrückte, fir und fertig im Kopfe hatte, wieder auf⸗ zunehmen, lag auf der Hand; noch waren ſeine Glieder von den Anſtrengungen der Reiſe zermartert, ſeine Gedanken waren unſtät und zerſtreut, die neuen Ein⸗ drücke wirkten noch zu lebhaft auf ihn; es galt vor allem ſich einzugewöhnen und die nur allzu begreifliche Aufregung der Nerven zur Ruhe kommen zu laſſen. So verging einige Zeit in füßem Nichtsthun, doch war nicht zu leugnen, daß die immer ausgedehnteren Spaziergänge, zu denen Dora ihren ſonſt ſo gehträgen Oheim verführte, erfriſchend und ſtärkend auf dieſen wirkten. Einmal auch wanderten ſie dem Speſſart zu, das in der Nähe gelegene Kapuzinerkloſter Fünfzehnheiligen zu beſuchen. Es war ein gar ſchöner Weg, den Doctor Anſelmus mit ſeiner Nichte durch die Getreidefelder einſchlug. Links ragte der Findberg deſſen Gipfel mit dem fernhinleuchtenden rothen Sandſteinbruch ſich 4 aus dem Schwarzgrün der Föhren und Fichten erh und der namentlich abends beim Sonnenuntergang etor ſchon täuſchend an das Alpenglühen der ſüd⸗ 49 lichen Berge gemahnt hatte, während der daneben lie⸗ gende Stengerts mächtig durch den Contraſt der dunklen Föhren und der blaßgrünen Buchen und Eichen, die ſeinen Rücken bewalden, wirkte. Es war am frühen Morgen, als die Beiden durch dieſen lieblichen Thalgrund ſchritten; ein paar rau⸗ ſchende Gewitterregen in der Nacht hatten die ſommer⸗ liche Temperatur erträglich abgekühlt und nun grünten und funkelten und glänzten im Strahle der jungen Sonne all die tauſend zarten Frühlingsblätter der Buchen und Eichen, und das Korn, das hoch empor⸗ geſchoſſen ſchon in der nächſten Woche blühen ſollte, wogte und ſchwankte im Hauche des Morgenwindes, indeß die Lerche, die Singrakete des Frühlings, mit munterem Geſchmetter hinauf zum wolkenreinen Himmel ſtieg. Es war ein zauberreiches Bild, dem noch er⸗ neutes Leben beigeſellt ward, als zwei Rehe ſorglos aus dem Walde traten, gemüthlich äſten und dann aufgeſchreckt, in weiten Sätzen das Korn niedertretend und aus dem ſchwanken Meere der grünen Aehren bald emportauchend, bald darin wieder verſchwindend, dem bergenden Walde zueilten. Nur wenige Schritte noch und die beiden Wanderer ſtanden mitten in dem vielgefeierten ſagenhaften Speſ⸗ ſart, umgeben von hohen, zum Himmel ſtrebenden Fich⸗ Oelſchläger, Wunderliche Leute. I. 4 50 ten, die Stamm an Stamm gereiht oben zuſammen zu ſtoßen ſchienen und nur hier und dort ein Stücklein blauen Himmels, einen ſcheuen Strahl der Sonne durch⸗ blicken ließen, die ſich draußen über Berg und Thal, über Wald und Wieſe in ungemeſſener Fülle ergoß. Ein kräftiger würziger Geruch durchzog, vom Winde getragen, die ſchattenreichen Räume. Ringsherum heilige, tiefe Stille, nur dann und wann unterbrochen vom Sang einzelner Vögel oder vom Hacken des Spechtes und vom fernen Rufe des unermüdlichen Kukuks. Ununterbrochen aber wand ſich der mehr oder minder ſchmale Pfad durch den Wald, bald in die Höhe, bald in die Tiefe leitend. Dann und wann traten die ärmlichen Hütten eines Dorfes entgegen, das, aus einer Menge vereinzelter, durch laubige Büſche und Bäume halb verſteckter Häuſergruppen beſtehend, ſich in viertelſtundenlanger Ausdehnung an der einen Seite des Thals hinzog. Der Pfad führte endlich thalein, die Schlucht er⸗ weiterte ſich, der Wald trat weiter auf die Höhen zurück und am Fuße der einen Keſſel bildenden Berge erſchienen Wieſen und Felder, deren ſchlechtem Boden der Landmann mit ſaurem Fleiß einiges Hafer⸗ und Sommerkorn abgewann. Zuletzt wurden wieder kleine 51 Häuſergruppen hinter Obſtbäumen ſichtbar, niedrig, alt und halb verwittert, der Weg machte eine kurze Wendung, und vor den überraſchten Blicken lag das Kloſter Fünfzehnheiligen. Fünfzehnheiligen, ein ziemlich umfangreiches, aus gleichen Längentheilen beſtehendes Viereck bildend, das den innern Hof vollkommen umſchloß, erſchien nichts weniger als regelmäßig gebaut. In der Mitte der Frontſeite ein hoher maſſiver Thurm mit wenigen, faſt ſchießſchartenartigen Fenſtern, links und rechts von ihm zwei Gebäude, beide einſtöckig, aber von ungleicher Höhe, das erſtere links mit einem ſchmuckloſen hoch⸗ ragenden Treppengiebel, das andere rechts mit einem etwas zierlichern zinnenartigen Giebel und mit dem Thurm durch eine ſchmucke, über ein breit gewölbtes Thor hinführende gothiſche Gallerie verbunden; am äußerſten linken Flügel noch ein Thurm, miedrig und von faſt unförmlicher Breitef das war das Kloſter Fünfzehnheiligen. Aber wie es ſich ſſo mit ſeinem weißen Gemäuer unmittelbar aus den Fluten des Forellenteichs aufbaute, deſſen kryſtallgrüne plätſchernde Wellen ſeinene Fuß ringsum beſpülten, wie es ſo hell und licht daſtand in dem düſtern Dunkel der Nadel⸗ hölzer, die hoch zur Rechten jund Linken den Berg be⸗ waldeten, und wie dann hinten imklieblichſten Sonnere 4* 52 ſchein freundlich und lachend die ſchönſten lichtgrünen Eichenwälder hereinſchauten, das war Alles ganz un⸗ vergleichlich ſchön und maleriſch. Ein geräumiger Außenhof, von ſtattlichen Oekono⸗ miegebäuden eingefaßt, geſtattete den freieſten Blick auf den ziemlich breiten Teich, in deſſen Mitte das Kloſter ſtand. Da, wie ſich der gelehrte Doctor Anſelmus ſogleich ſagte, die einzelnen Theile zu verſchiedenen Zeiten ent⸗ ſtanden ſein mußten, ſo war es ſelbſtverſtändlich auch nicht möglich, von einem durchweg eingehaltenen Stil des Gebäudes zu ſprechen. Doch war deſſen Charakter, ſoweit ein ſolcher hervortrat, gothiſch, wofür nament⸗ lich ein am rechten Flügel angebrachter breiter Erker, einzelne Spitzbogenfenſter und die Gallerie über dem Waſſerthore ſprachen. Dem rechten Seitenflügel gegenüber lag die durch hohe Spitzbogenfenſter und einen ſchlanken Thurm aus⸗ gezeichnete Kirche, die erſt in den letzten Jahrzehnten aufgeführt worden ſein mochte. Mit dem Kloſter war ſie durch einen bedeckten hölzernen Gang, der über den Weiher zum Seitenflügel hinüberlief, verbunden, ſodaß die Mönche auf das Chor gelangen konnten, ohne in das Freie treten zu müſſen. Für die andächtige Menge, welche meiſt von Angehörigen der umliegenden Dörfer 53 und Weiler gebildet wurde, führte der Weg zum Portal durch den großen Außenhof, der durch die Kirche im Hintergrunde ſomit ſeinen eigentlichen Abſchluß erlangte. Daß das Kloſtergebäude nicht von jeher die fromme Beſtimmung gehabt haben konnte, die es gegenwärtig hatte, trat dem Beſchauer alsbald vor Augen. Man ſah ihm an, daß es früher der Sitz eines ſtolzen adligen Geſchlechts geweſen war; auf Befragen erfuhr man, daß zu Ende des vorigen Jahrhunderts von dem letzten Sproſſen der einſt ſo zahlreichen Familie, einem un⸗ verheirathet gebliebenen Fräulein, das Schloß der Kirche geſchenkt worden war, unter der Bedingung, daß es zu einer Behauſung der ehrwürdigen Brüder vom Orden des heiligen Franciscus umgewandelt werde. Dieſer letzte Wille ward erfüllt, aber noch hatte das Gebäude von außen wenigſtens ſein freundliches, heiteres An⸗ ſehen bewahrt, und man war nicht wenig erſtaunt, wenn man über den Hof, den man eher von einer jagd⸗ gierigen Meute oder von einem ſchimmernden Diener⸗ troß angefüllt erwartet hätte, einen demüthigen Laien⸗ bruder in brauner Kutte einſam zu den Hekonomie⸗ gebäuden ſchreiten ſah. Sonſt allerdings war der Ort wie gemacht zur Erbauung, und dem Doctor Anſelmus ging das Herz ordentlich auf, als er das Kloſter ſo 54 ſtill und verlockend in ſeiner erhabenen Einſamkeit vor ſich liegen ſah. Er konnte es ſich nicht verſagen, näher zu treten, und ſein in dieſen Kreiſen wohlgelittener Name ver⸗ ſchaffte ihm leicht Einlaß. Dora aber benutzte dieſe Zeit, im laubigen Gartenhäuschen des Forſtwarts, das nur einige hundert Schritte entfernt lag, willkommene Erfriſchungen zu ſich zu nehmen, und ergab ſich dann darein, in aller Geduld die Rückkunft ihres Oheims abzuwarten, dem es im Kloſter nur allzugut zu gefallen ſchien. Die Sonne ſtand ſchon ziemlich tief, als Dora endlich Doctor Anſelmus wieder zu Geſicht bekam, deſſen geröthete Wangen und lleuchtende Augen zur Genüge bewieſen, daß ihm die gaſtfreundlichen Mönche nicht allein von dem klaren Quellwaſſer vorgeſetzt hatten. Haben wir uns bei der Beſchreibung von Fünfzehn⸗ heiligen ſchier etwas zu lange aufgehalten, ſo vermögen wir uns genügend damit zu entſchuldigen, daß eben das Kloſter nach der Hand eine wichtige Rolle in den Abenteuern des ſchwärmeriſchen Doctor Anſelmus ſpielen ſollte, und das kam ſo. Wenn Doctor Anſelmus nicht überhaupt glauben ſollte, daß ihm die Fähigkeit der poetiſchen Production bereits vollſtändig abhanden gekommen ſei, ſo mußte 55 er endlich daran gehen, die vielbeſprochene Arbeit wieder aufzunehmen. Zudem wurden infolge der verwünſchten Zeitungsnotiz mancherlei Fragen der Neugierde über den Fortſchritt ſeines Romans an ihn geſtellt, Fragen, die er durchaus nicht immer wahrheitsgetreu beant⸗ worten konnte und die ihm darum häufige Selbſtpein ſchufen. Endlich— es war an einem prächtigen, ſommer⸗ riſchen Morgen und nachdem ihm die Nacht vor poe⸗ tiſchem ſchöpferiſchen Drange ſchier ſchlaflos vergangen war— fühlte er ſich in der rechten geweihten Stimmung. Eine Fülle von ebenſo neuen als unerwarten Ideen flutete durch ſein Haupt, und ein inniges Entzücken bemächtigte ſich ſeiner, als er bei einigem Nachdenken und Sinnen leicht ſich überzeugen konnte, wie ſich das Alles ſondere und ſichte, plaſtiſch verdichte und Geſtalt gewinne, daß es endlich klar und deutlich, jung und ſchön vor dem begeiſterten Auge des Denkers ſtand. Er trat voll ſtummer Seligkeit auf den Altan hinaus, um noch einmal die ganze Schönheit der in feierlicher Stille ausgebreiten Gegend zu genießen und mit vollen Zügen die wunderbare Morgenluft einzu⸗ athmen. Er fand dort Dora mit einer Handarbeit beſchäftigt. Aber er hatte nicht Zeit noch Laune, ſich mit ihr in ein Geſpräch einzulaſſen; nach kurzem Auf⸗ 56 enthalt eilte er in ſein Arbeitszimmer zurück, deſſen offenſtehende Glasthür eben auf den Altan führte, ſetzte ſich vor den Schreibtiſch, auf deſſen unterſtem Bret der aus dem Thore der Hauptſtadt gebrochene Ziegelſtein lag ergriff die Feder und ſchrieb. Er ſchrieb und ſchrieb, und ein unnennbares Behagen der Sicher⸗ heit kam über ihn, wenn er zuweilen vom Pulte auf⸗ ſah und ſinnend gegen das geſchloſſene Fenſter blickte, vor dem im lichten Sonnenſchein goldgrün die Wein⸗ reben ſchwankten. Aber die Pauſe dauerte nie lange. In bunter Fülle drängte ſich Gedanke an Gedanke an ihn heran und im raſtloſen Eifer flog die Feder über das Papier, deren Kritzeln allein die heimliche Stille unterbrach. Auf dem Altan ſaß indeſſen Dora, leider von minderem Fleiße beſeelt als ihr nach Unſterblichkeit ringender Oheim. Sie hatte ſchon vor geraumer Zeit die Arbeit auf ihren Schooß fallen laſſen und blickte träumeriſch, den braunlockigen Kopf auf die kleine Hand geſtützt, in die anmuthige Landſchaft hinaus. An was ſie wohl dachte? Dora hatte ſich keiner allzu glücklichen Jugend zu erfreuen. Ihr Vater, des um volle acht Jahre ältern Doctor Anſelmus Bruder, war Maler geweſen, und zwar mit unverkennbarem, deutlich ausgeſprochenem 57 Talent. Er war ſeines Zeichens Hiſtorienmaler und hatte ſich jung mit ſtolzen, großen Idealen getragen. Während er noch in ſeiner künſtleriſchen Entwicklung begriffen war, hatte er eine leidenſchaftliche Neigung zu einem ſchönen, aber armen Mädchen gefaßt, dem er auf einem der wegen ihrer Großartigkeit und brillanten Ausſtattung weithin berühmten Künſtlerfeſte begegnet war. Dieſe Liebe beherrſchte ihn bald ſo vollſtändig, daß er glaubte, nicht eher wieder ganz ſeiner Kunſt leben zu können, als bis er das Mädchen ſein nenne. Dann glaubte er voll Ruhe und Sicherheit dem Tempel des Ruhms zufliegen zu dürfen. Selbſt ohne Vermögen, wagte er es, die Geliebte, die mit gleicher Innigkeit an ihm hing, zum Altar zu führen, und hatte ihr nichts mitzubringen als Möglichkeiten, Ausſichten und Hoffnungen. Alle drei erwieſen ſich trügeriſch. Der Zwang, für ſich, ſeine Frau und Dora, die ſich bald genug eingeſtellt hatte, den täglichen Unterhalt zu ver⸗ dienen, machte es ihm unmöglich, die früher im großen Stil begonnenen Gemälde auszuführen; Beſtellungen reicher Mäcenaten, auf die er zuverſichtlich gehofft, blieben aus, und er ſah ſich endlich in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt, kleine Bilder zu malen, in der Künſtlerwelt Kitſchbilder genannt, die von ſpecula⸗ tiven Kunſthändlern um einen Spottpreis erworben 58 und dann wieder um den dreifachen Werth verkauft wurden. Zu alledem warf ihn eine langwierige Krank⸗ heit auf das Lager, und nur die treue Hingebung, die unwandelbare Liebe und der durch keine Drangſal zu beugende heitere Sinn ſeiner Frau erhielten ihn am Leben. Aber ſeine Schöpferkraft ſchien gebrochen. Zur rechten Zeit verſchafften ihm einflußreiche Freunde die Stelle eines Cuſtos an einer der dem Staate ange⸗ hörigen Kunſtgallerien, und ſo war wenigſtens die dringendſte Sorge um das Leben gehoben. Doch auch dieſes ſo beſcheidene Glück währte nicht lange. Der verletzte Stolz, der Gram um eine verfehlte Laufbahn, der Schmerz um alle die zerſchellten Hoffnungen und Träume nagten an ihm, und ſchon im fünften Jahre der Ehe drückte Dora's Mutter dem geliebten Manne das gebrochene Auge zu. Die Penſion, welche den Hinter⸗ laſſenen blieb, genügte nicht, die allernothwendigſten Bedürfniſſe zu befriedigen, aber ſie war ein willkom⸗ mener Zuſchuß zu dem, was ſich die Wittwe des Künſt⸗ lers durch ihrer fleißigen Hände Arbeit verdiente. Doctor Anſelmus war zum Vormunde des Kindes er⸗ nannt worden und hatte dieſe Pflicht mit dem red⸗ lichſten Willen übernommen. Er hatte dem ſterbenden Bruder verſprochen, mit allem Eifer und aller Liebe der Hinterbliebenen ſich anzunehmen, aber wahrhaftig, 59 Niemand taugte zu ſolchem Dinge weniger als gerade Doctor Anſelmus. Er hätte wohl gern überall ge⸗ holfen, er that auch, was ihm nur irgend möglich war, aber er konnte es nun und nimmermehr unterlaſſen, in ſeiner polternden Redeweiſe immer und immer wieder zu betonen, wie thöricht und unbeſonnen ſein Bruder gehandelt habe, indem er jung, unfertig in ſeiner künſt⸗ leriſchen Ausbildung, unbekannt mit der Welt und un⸗ erfahren in ihren wirklichen Zuſtänden, geheirathet habe. Das war Alles vielleicht ſehr weiſe geſprochen, aber es war unnöthig und taktlos, nachdem das Unglück geſchehen und nichts mehr zu ändern war. Die Wittwe, die eher aufrichtenden Troſt erwartet hätte, war ver⸗ letzt, beleidigt und ſchwieg. War Doctor Anſelmus wieder fort, ſo drückte ſie ihr hübſches armes Kind heftig an das Herz und weinte viele Stunden lang. Dora ſelbſt begann ſich vor dem Oheim zu fürchten, der immer zankte und ſchalt, und die Liebkoſungen und Geſchenke, zu denen er ſich nicht ſelten wieder herbei⸗ ließ, vermochten nicht das eingeſchüchterte Kind zu⸗ thulich oder zutraulich zu machen, was denn ſeinerſeits Doctor Anſelmus wieder nicht wenig beleidigte. So kam es denn, daß deſſen Beſuche immer ſeltener wur⸗ den, zumal er ſah, daß es ſeiner Schwägerin mit be⸗ harrlichem Fleiß und ausdauernder Sparſamkeit gelang, 60 ihre Verhältniſſe geordnet und geregelt zu erhalten. Das dauerte gegen elf oder zwölf Jahre, dann ſtarb auch Frau Anſelmus, nicht ohne unter Thränen dem Doctor das Gelübde abgenommen zu haben, für ſeine Nichte treulich zu ſorgen. Doctor Anſelmus hielt ſein Verſprechen, aber eben wieder in ſeiner Art. Er nahm die Nichte, die von ihrer Mutter den leichten, heitern Sinn ererbt und vom Vater das auf der einen Seite Uebermüthige, Phantaſtiſche und doch wieder Ernſte einer genialen Künſtlernatur überkommen hatte, zu ſich, verbot ihr aber alles Lachen und Scherzen, zeigte ihr ſtets den griesgrämigſten Kopf und ſchien es durchaus darauf anzulegen, ihr mit tollen Ideen und barocken Launen das Leben ſauer zu machen. Er litt durchaus keinen Eingriff, wie er es nannte, in ſeine Jungge⸗ ſellenwirthſchaft, und ſtatt daß er dem zarten, anmu⸗ thigen Walten der in allen Dingen wohlunterrichteten Nichte die Führung ſeines Haushalts überlaſſen hätte, zog er dieſe vielmehr zu ſich herunter und verlangte, daß ſie an den Unregelmäßigkeiten, an der Ordnungs⸗ lofigkeit und an dem wirren Treiben ſeiner Wirthſchaft Theil nehme. Obwohl Dora Alles verſuchte, ihren Oheim, an dem ſie, älter geworden, mit wirklicher Liebe und Dankbarkeit hing, mit ihrem Aufenthalt in ſeinem Hauſe zu verſöhnen, ſo gelang es ihr doch nicht, und 61 Doctor Anſelmus, der ſich nur allein, hinter den Bü⸗ chern verſchanzt und vergraben glücklich fühlte, beſchloß endlich, wie wir ſchon erzählt haben, ſich in der Weiſe von ſeiner Nichte zu trennen, daß er ſie der Obhut einer ihm ſeit vielen Jahren befreundeten Familie an⸗ vertraute, wo denn Dora gleichalterige und gleichge⸗ ſinnte Genoſſinnen und damit ihre alte, im Laufe des letzten Jahres doch etwas geſchwundene Heiterkeit wieder⸗ fand. Wohl hatte es ſie anfangs geſchmerzt, daß ihr Oheim ſo ohne Rückſicht und der verwandtſchaftlichen Bande ſchier ganz uneingedenk die Trennung vollzogen hatte, aber ſie gelangte bald zur Einſicht, daß gewiß ſo am beſten gehandelt war, und daß diejenigen Recht hatten, welche gleich anfangs, da ſie des Doctor An⸗ ſelmus Haus betrat, die feſte Ueberzeugung ausſprachen, es werde ihr unmöglich ſein, den fünfzigjährigen Jung⸗ geſellen, dieſen Ausbund von Tollheit und Ueberſpannt⸗ heit, zur Raiſon zu bringen. Ließ Dora alle dieſe Eindrücke und Bilder jetzt an ſich vorübergleiten? Sie ſah ſinnend auf den Strom, auf den Wald, auf das Feld hinaus. Da blitzte etwas in der Wieſe auf und blendete ſie einen Augenblick. Sie überſchattete mit der Hand das Auge und ſpähte nach dem Grund dieſer Erſcheinung. Bald bemerkte ſie jenſeits des Stroms einen Schnitter, der die zur 62 Raſt unterbrochene Arbeit des Mähens wieder aufnahm und eben ſich bereitete, die im Sonnenſchein blitzende Senſe durch das duftige Gras zu ſchwingen. Die Senſe mochte nicht ſcharf genug eingreifen; der Bauer griff zu dem ihm zur Seite hängenden Wetzſtein und begann dieſelbe zu wetzen. Im ſelben Augenblick fuhr Doctor Anſelmus wie ein Raſender aus dem Zimmer heraus auf den Altan. Sein Auge blitzte und er hielt mit der Fauſt krampf⸗ haft die Feder umſpannt. „Was iſt das? Was iſt das?“ ſchrie er. Dora vermochte vor Schrecken und Ueberraſchung kaum zu antworten. „Was denn?“ fragte ſie entgegen.„Was meinſt Du?“ „Hörſt Du nicht?“ ſagte ihr Oheim wieder und lauſchte athemlos hinaus in die Ferne.„Hörſt Du? Jetzt— jetzt wieder— hörſt Du nicht?“ Dora lachte hell auf. „Mein Gott“ ſagte ſie,„Du meinſt doch nicht den Schnitter, der da drüben auf der Wieſe ſeine Senſe wetzt?“ „Ob ich ihn meine?“ fuhr Doctor Anſelmus auf. „Allerdings meine ich ihn; ich meine“, fuhr er immer hitziger fort,„jenen Schnitter, der da drüben auf der Wieſe ſeine Senſe wett.“ 63 „Warum denn? Stört er Dich?“ lachte Dora. „Das wäre doch zu komiſch.“ „Komiſch?“ brauſte der Andere wieder auf.„Ich bitte Dich um Gotteswillen, wie kannſt Du das ko⸗ miſch nennen, was mich ruinirt, was mich elend, was mich unglücklich macht! Höre nur— kling— ling— ling! Um Alles in der Welt, will denn der Burſche heute noch das Gras des ganzen Königreichs abmähen, weil er ſo endlos an ſeiner Senſe wetzt? Hörſt Du denn nicht?“ „Gewiß, ich höre den Ton ganz gut. Aber klingt das nicht hübſch und poetiſch ſo durch die Stille her?“ „Dora, Dora“, rief Doctor Anſelmus,„ſoll ich wirk⸗ lich durch Dich zur Verzweiflung kommen? O ich weiß, was Du ſagen willſt. Du deuteſt mir an, daß ich, den dieſes Geräuſch unfähig zu Allem, aufgeregt, krank und elend macht, daß ich, Dein Oheim, eben ein Narr ſei, daß ich—“ „Aber, Onkel—“ flehte Dora. „Daß ich jedoch krank bin, daß meine Nerven an⸗ gegriffen ſind, daß ich der Schonung bedarf, davon haſt Du keinen Begriff. Du weißt nicht, welche Un⸗ ruhe mir ein derartiges Vorkommen verurſacht und welchen Schrecken, welches Herzklopfen mir das ſcheinbar unſchuldigſte Geräuſch zu erzeugen vermag.“ 64 „Der Bauer hat ſchon wieder aufgehört“, wandte Dora ſchüchtern ein. „Hat er?“ fragte Doctor Anſelmus und horchte wieder.„Wahrhaftig! Ich glaubte ihn aber noch die ganze Zeit zu hören. Kling— ling— ling— ſo klang es mir fortwährend im Ohr. Es iſt richtig, er hat aufgehört.“ „Nun wirſt Du wieder arbeiten können?“ „Das iſt ja mein Unglück“, jammerte der Doctor und lief händeringend auf dem Altan hin und her. „Das iſt ja mein Unglück, daß ich nun nicht mehr fort⸗ arbeiten kann, denn jetzt meine ich, jetzt bilde ich mir fortwährend ein, den Bauer mit ſeiner Senſe zu hören, und indem ich fortwährend unterſuche, ob der Bauer wirklich wetzt, und indem ich mich fortwährend darauf zu ertappen ſuche, daß ich nur von meiner Einbildungs⸗ kraft genarrt ſei, bin ich ohne Vermögen, einen einzigen Satz zuſammenhängend zu denken, geſchweige denn niederzuſchreiben.“ „Das iſt ſeltſam“, meinte Dora und ſetzte dann mit leichtem Spotte bei:„Die Entfernung von der ver⸗ wünſchten Senſe bis hierher beträgt doch mindeſtens eine Viertelſtunde.“ Doctor Anſelmus trat hart an ſie heran und ſchien ſie mit ſeinem Auge durchbohren zu wollen.„Du 3 65 beneideſt mich wohl um mein gutes Gehör?“ fragte er mit dumpfer Stimme. „Nein, aber ich bewundere es.“ Der Gelehrte drehte ſich auf dem Abſatze herum und ſchritt an das entgegengefetzte Ende des Altans, von wo er mit düſterem und verdrießlichem Ausdruck und die Feder zerknitternd, die er noch immer in der Hand hielt, gegen den Speſſart blickte. Auch Dora ſchwieg und dachte über dieſen troſt⸗ loſen Zuſtand ihres Oheims nach. Denn wenn dies ſo fort ging, oder wenn ſich dieſer krankhafte Zuſtand nur noch einigermaßen ſteigerte, ſo konnte Doctor An⸗ ſelmus die ganze Welt durchwandern und fand doch nirgends eine Stätte, an der er ſich vor Störungen und Unterbrechungen vollkommen ſicher fühlte. War ſchon ein Bauer, der in einer ganz bedeutenden Ent⸗ fernung ſeine Senſe wetzte, im Stande, den unglücklichen Doctor aus dem Concept zu bringen, was war dann überhaupt noch unmöglich? Dora dachte nach und ihr muthwilliges, ſchelmiſches Geſichtchen nahm einen ganz ernſthaften Ausdruck an. Sie ſeufzte. Ihr Oheim wandte ſich und ſah ſie fragend an. Dora dachte, ihm einen kleinen Hieb geben zu müſſen. Oelſchläger, Wunderliche Leute. I. 5 66 „Ich habe mir eben vorgeſtellt“ ſagte ſie ganz ruhig,„daß Du bei Deiner nervöſen Aufregung am Ende nur noch in einem Kloſter arbeiten kannſt.“ Doctor Anſelmus umfaßte die beiden Hände ſeiner Nichte. „Dora“, rief er,„dieſen Gedanken hat Dir Gott eingegeben.“ „Wie ſo?“ fragte dieſe verwundert. „Kannſt Du noch fragen? Ich gehe nach Kloſter Fünfzehnheiligen, dort werde ich arbeiten können.“ „Nach Fünfzehnheiligen? Zu den Mönchen?“ „Warum nicht?“ „Sie werden Dich nicht einlaſſen.“ „Mich? Gewiß. Und wenn nicht, verſchaffe ich mir die Erlaubuiß bei ihrer vorgeſetzten Behörde. Ich werde ſie ſicher erhalten.“ „Und Du willſt im Kloſter wohnen?“ „Gewiß.“ „In einer Zelle?“ d, ja.“ „Und ich? Was fange ich inzwiſchen an?“ „Du?“ fragte Doctor Anſelmus betroffen.„Ja ſo, an Dich habe ich freilich nicht dabei gedacht.“ Willſt Du mich am Ende auch in ein Kloſter ſtecken?“ 67 „Nein, nein! Aber ſieh, ich, ich muß nach Fünf⸗ zehnheiligen; das wird kaum zu ändern ſein, und ſo bleibt für Dich, da Du doch hier nicht allein wohnen kannſt, nichts Beſſeres übrig, als eben nach Hauſe zu reiſen.“ „Ach, Onkel, das iſt abſcheulich.“ „Was willſt Du machen?“ fuhr Doctor Anſelmus auf.„Ich muß um jeden Preis meine Geſchichte ſchrei⸗ ben. Schon ſind mehr als drei Jahre verfloſſen, ſeit ich mein letztes Buch drucken ließ; es iſt die höchſte Zeit, daß ich etwas Neues auf den Markt bringe; Deutſchland fängt an mich zu vergeſſen. Das verſtehſt Du freilich nicht, aber glaube mir, es bleibt für Dich nur das Eine übrig, wieder nach Hauſe zu reiſen.“ „Läßt ſich denn gar kein anderer Ausweg finden?“ hob Dora wieder an, die es im tiefſten Grunde der Seele verwünſchte, ihrem Oheim dieſe neue Idee ein⸗ gegeben zu haben. „Ich weiß nicht, was Du ſonſt thun könnteſt“, ant⸗ wortete dieſer ſo beſtimmt, daß man ihm wohl an⸗ merken konnte, es werde unmöglich ſein, ihn von ſeinem Entſchluſſe abzubringen. Mitnehmen kann ich Dich nicht—“ „Warum nicht?“ fiel Dora plötzlich ein.„Was kann Dich hindern?“ 5* 68 „Warum nicht, fragſt Du? Einfach darum nicht, weil Frauen in ein Mönchskloſter keinen Zutritt haben. Das wird Dir doch nicht unbekannt ſein!“ „Durchaus nicht! Wenn ich mich aber verkleiden würde?“ „Als Mann?“ „Ja, als Mann.“ „Laß doch Deine tollen Poſſen“ entgegnete Doctor Anſelmus unwirſch.„Du weißt, daß ich heute vor allem zu dergleichen nicht aufgelegt bin.“ „Das biſt Du nie“ lachte Dora,„darum ſcherze ich auch nicht. Was ich ſagte, meinte ich in vollem Ernſt.“ „Kind, Kind“ ſagte Doctor Anſelmus wieder mit unwillig abwehrender Handbewegung,„laß dieſe Ge⸗ ſchichten; Dir ſpuken heute wieder die Narrheiten Deines Vaters im Kopfe. Der fand auch an ſolchen aben⸗ teuerlichen Dingen Gefallen und nannte das Künſtler⸗ launen. Ich aber bitte Dich, ſprich mir nicht mehr davon, Du machſt mich krank.“ „Nur einen Augenblick noch, lieber Oheim“, bat Dora ſchmeichelnd. Der Doctor ging unruhig auf dem Altan hin und her. „Nur einen Augenblick noch höre mich an, und 69 dann will ich gern, wenn Du mir's befiehlſt, davon ſchweigen. Im Kloſter kennt man mich nicht, Du kannſt mich alſo, wenn ich eine paſſende Verkleidung finden ſollte, leicht als Deinen Neffen oder ſonſt einen Ver⸗ wandten vorſtellen. Daß man meine Mummerei nicht entdecke, dafür laß nur mich ſorgen; Du wrirſt Dich erinnern, daß ich auf der großen maskirten Aka⸗ demie des letzten Winters, die ich als Page beſuchte, während der ganzen Nacht unerkannt blieb. Du gibſt vor, Du habeſt mich als Deinen Hülfsarbeiter mitge⸗ nommen, und bitteſt, uns zwei neben einander liegende Zellen zu überlaſſen. Den Tag über bleibe ich zu Hauſe bei Dir, und um mir die Zeit zu vertreiben, übernehme ich es, Deine Arbeit täglich ins Reine zu ſchreiben. Du erſparſt damit Zeit und Geld und haſt, wenn Du Dich erinnern willſt von meiner ebenſo zierlichen als einfachen Schrift immer nur Lobendes zu ſagen gewußt.“ „Das ließe ſich hören“, murmelte Doctor Anſelmus den Dora an ſeiner ſchwachen Seite zu faſſen verſtanden hatte. „Ich beſorge alſo unter Deinen Augen die Abſchrift, die Du dann ohne weiteres an den Buchhändler ab⸗ ſchicken kannſt, und abends, wenn es dunkel wird, unter⸗ nehmen wir in nächſter Nähe einen Spaziergang, der uns ſtärkt und erfriſcht, um am nächſten Morgen zeitig wieder an unſer Werk zu gehen. An allen Gottes⸗ dienſten, Gebetsübungen und frommen Büßungen Theil zu nehmen, werden uns die geſtrengen Herren hoffent⸗ lich nicht zumuthen, und wenn, ſo wird ſich wohl ein finſteres Plätzchen in der Kloſterkirche finden, in wel⸗ chem wir beſcheiden und ſtill die gebotene Pflicht er⸗ füllen können. Was meinſt Du?“ „Das iſt Alles ganz gut geſagt“ bemerkte Doctor Anſelmus,„aber die Ausführung möchte ſich in Wirk⸗ lichkeit doch ſchwerer machen, als Du Dir vorſtellſt.“ „Wie ſo? Man muß nur den Muth zum Anfang haben, das Uebrige gibt ſich dann ganz von ſelbſt.“ „Jawohl, darin magſt Du Recht haben, das Uebrige gibt ſich dann ganz von ſelbſt, nämlich die Entdeckung und die Schande. Stelle Dir nur vor, was meiner warten würde, wenn die Mönche Dich trotz Deiner Verkleidung erkennen ſollten und zum Kloſter hinauswieſen. Meine Ehre als Mann, meine Be⸗ deutung als Schriftſteller— Alles, Alles wäre verloren.“ „Man wird mich nicht erkennen“, entgegnete Dora zuverſichtlich,„und wenn, glaubſt Du nicht, daß gerade die Mönche zuerſt Anlaß haben würden, von dem ganzen Vorfalle zu ſchweigen, der ſie nur lächerlich machen würde?“ 71 „Wir dürfen dieſe Möglichkeit gar nicht annehmen“, jagte Doctor Anſelmus ängſtlich. „Alſo, Du nimmſt mich mit?“ rief Dora lebhaft. „Ich wohne bei Dir, arbeite mit Dir, ſchlage den bär⸗ tigen Kapuzinern ein Schnippchen. O, das wird herr⸗ lich werden!“ Dabei tanzte ſie im Zimmer herum und umarmte ſchließlich ihren Oheim, der ſich bei alledem nicht im mindeſten behaglich befand. „Laß mich, laß mich, das will Alles genau über⸗ legt ſein.“ „Ueberlege Dir's nur“, jubelte Dora ſiegesgewiß. „Du wirſt Dich doch entſchließen⸗ denn ohne mich—“ und wieder ſtreichelte ſie des Gelehrten ſchlecht raſirte Wange—„kannſt Du auf die Dauer doch nicht leben.“ Sie nahm ihrem Oheim gegenüber auf einem Fau⸗ teuil Platz und betrachtete ihn lächelnd, wie er ſo voll Zweifel und Beſorgniſſe auf und ab ſchritt. „Jedenfalls“ ſagte er nach einer Pauſe,„werde ich heute Nachmittag nach Fünfzehnheiligen fahren und mit den Patres Rückſprache nehmen.“ „Du ſprichſt“, fiel Dora ein,„dann gleich von mir, Deinem Neffen.“ „Das wird ſich Alles zeigen.“ „Nein, nein, darauf mußt Du mir die Hand geben. 72 Wenn Du mit den Kapuzinern von mir geſprochen und ſelbſt von dieſen ſchon die Erlaubniß erhalten haſt, mich mitzubringen, ſteht es Dir ja noch immer frei, davon Gebrauch zu machen oder nicht. Nicht wahr? Alſo gib mir die Hand darauf, daß Du mit den Mön⸗ chen von mir ſprichſt.“ „In Gottes Namen“, ſeufzte Doctor Anſelmus,„das will ich thun. Aber in das Kloſter— nein, in das Kloſter nehme ich Dich doch nicht mit.“ „Wir werden ſehen“, lachte Dora wieder,„und jetzt gehe ich das Mittageſſen zu betreiben, damit Du durch nichts aufgehalten biſt, zeitig Deine Reiſe zum Kloſter anzutreten.“ Viertes Kapitel. Doctor Anſelmus reiſte ab, nicht ohne nochmals ein feierliches Gelübde in die Hand ſeiner Nichte ab⸗ gelegt zu haben, und Dora wartete mit erregtem Her⸗ zen. Denn zu verführeriſch lockte das Abenteuer, das ſie beſtehen wollte; zu ſehr reizte das Seltſame des Unternehmens ihren aufgeweckten Sinn, und ſie ver⸗ ſprach ſich viel Stoff für ihren Uebermuth in der Ge⸗ genwart, wie eine allerliebſte Erinnerung für die Zu⸗ kunft. Es war ſchon Nacht, tiefe Nacht, als endlich das Fuhrwerk, welchem Doctor Anſelmus ſeinen gebrechli⸗ chen Körper anvertraut hatte, wieder in den Hofraum raſſelte. Der Gelehrte ſah müde und bleich aus. Lang⸗ ſam ſchlich er die Treppe hinauf und ſeinem Zimmer 2 zu. Dora, die kaum eines Grußes von ihm gewürdigt worden war, wagte ihm nicht zu folgen. „Laß mich nicht zu lange warten!“ rief ſie ihm nach, da er die Thür hinter ſich ſchließen wollte. Doctor Anſelmus wandte ſich und blickte ſeine Nichte mit jenem melancholiſchen Ausdruck ſeiner Augen an, der ihm in den Stunden moraliſcher und körper⸗ licher Zerknirſchtheit beſonders eigen war. „Du meinſt?“ ſagte er mit trüber Stimme.“ „Ei, ich bin begierig, Deine Nachrichten zu hören. Halte Dich nicht zu lange mit dem Umkleiden auf.“ „Ich werde zu Bette gehen.“ „Jetzt ſchon?“ „Beſtimmt“, entgegnete Doctor Anſelmus mit ſo unverkennbarer Anſtrengung und Mühe, daß Dora da⸗ rauf verzichtete, ihren Oheim länger zu halten. Doch eine Frage mußte ſie ſich geſtatten. „Gehen wir nach Fünfzehnheiligen?“ „Wir gehen.“ „Beide?“ „Beide.“ Doctor Anſelmus ſchien das Zwiegeſpräch nicht weiter fortſetzen zu wollen, denn das letzte Wort ſprach er ſchon unter der Thür, die ſich gleich darauf knarrend hinter ihm ſchloß. Dora aber jubelte in höchſter Freude und ſaß noch 75 lange auf dem Altan, damit beſchäftigt, ſich alle mög⸗ lichen Einzelheiten des bevorſtehenden Abenteuers aus⸗ zudenken und auszumalen. Schwere Prüfungen indeß waren am nächſten Tage dem armen Doctor Anſelmus vorbehalten. Zunächſt galt es einen Zuſtand zu überwinden, der zu den ſchrecklichſten Strafen gezählt werden muß, die neidvolle Götter denjenigen Menſchen zugeſprochen ha⸗ ben, welche in unbeſonnener Erregung dem Leben eine ſorglos heitere, im Genuß unbeſchränkte Stunde abzu⸗ gewinnen ſuchen. Wer über die Niederträchtigkeit der Menſchen ſchilt, möge ſich zur rechten Zeit an die hin⸗ terliſtige Bosheit der Götter erinnern, und wer freu⸗ dig die quellende Traube gebrochen, möge ſich vor der Schlange hüten, die unter den breiten zackigen Blät⸗ tern lauert. Der erfahrene Leſer wird errathen ha⸗ ben, daß hier von jenem Zuſtande geſprochen wird, wel⸗ chen man gemeinhin und ſchlechtweg Katzenjammer zu nennen pflegt. Es iſt ganz erſtaunlich, welche Fülle von Leiden und Freuden ein einziges Wort auszuſpre⸗ chen und in ſich zu ſchließen vermag. Katzenjammer! Ein zwar zuſammengeſetztes, aber immerhin ſchlichtes und erträgliches Wort, indeß doch gerade mit ihm alle jene Hede, Leere, Hoffnungsloſigkeit, Niedergeſchlagen⸗ heit, Betrübniß, Reue, Verzweiflung, Tollheit, all 76 jenes Sauſen und Brauſen, Hämmern und Pochen, dem der arme Kopf unterliegt, ſeine vollkommene Bezeich⸗ nung findet. Doctor Anſelmus hatte einen Katzenjammer, der einem deutſchen Studenten Ehre gemacht haben würde. Seine Schläfe pochten und hämmerten, der Druck auf der Stirn ſchien unerträglich, wie flüſſiges Feuer glühte es durch ſeine Adern und mit heißen, kraftloſen Knieen lag er auf dem Divan, dann und wann ſeiner Nichte Dora, die beſorgt und angeſichts ſolcher ihr noch nie vorgekommener Krankheitserſcheinungen beängſtigt neben ihm ſtand, mit matter Stimme eine Klage oder eine Anweiſung zuflüſternd. Sonſt wäre er in ähnlicher Lage grob, barſch und unwirſch geweſen, heute aber ſchmolz unter der Wucht dieſes ungeheuern Elends ſelbſt ſein Trotz und Zorn hin und geduldig und mild wartete er auf eine Beſſerung und Erleichterung ſol⸗ chen Jammers und ſolcher Noth. Er wartete bis zum Nachmittage. Da ſchien ſich endlich die Laſt von ihm heben zu wollen. Dora, die mit weiblichem Inſtinkt doch bald die Lage der Dinge und die Specifica, von denen allein hier Rettung zu erwarten war, erkannt hatte, half mit einigen richtig und taktvoll gewählten Speiſen nach, und ſo ward es denn gegen Abend dem armen Doctor wieder möglich, ſich auf den Altan hinauszuſchleppen und ſelbſt einen Verſuch mit der Cigarre zu wagen, deren ſonſt ſo geliebtes Kraut ihm während des Tages einen wahren Abſcheu und Ekel eingeflößt hatte. Alles ging gut, der blaue Rauch der Nicotiana ſtieg leicht gekräuſelt in die Luft und ein zur rechten Zeit genommener Schluck Rothwein half über eine leichte, zu Anfang ſich einſtellende Uebelkeit weg. Nun gewann Dora auch Zeit, ihren Oheim des Nähern über ſeine Erlebniſſe des vergangenen Tages zu befragen. Sein mit einiger Selbſtanklage und mil⸗ der Beſchämung erſtatteter Bericht ließ ſich kurz dahin zuſammenfaſſen, daß die Mönche mit Freuden ſeine Bitte gewährt und dann verſucht hatten, ihm einen kleinen Beweis davon zu geben, daß die einſt ſo viel und hoch geprieſene Gaſtfreundſchaft der Klöſter auch heute noch nicht ausgeſtorben ſei. Waren nun die ehr⸗ würdigen Väter in ihrer Beweisführung zu weit ge⸗ gangen? Oder hatte er, Doctor Anſelmus, ihre Gaſt⸗ freundſchaft ſchon am erſten Tage mißbraucht? Er wußte es ſelbſt nicht; doch empfand er ein tiefes Ge⸗ fühl der Reue und es koſtete ſeiner Nichte einige Mühe, ihn wieder aufzurichten. Er ſah wehmüthig in die Ferne und murmelte vor ſich hin: „Nunquam, nunquam—“ 78 Dora aber, die auch hier wieder den Dingen mehr und beſſer auf den Grund ſah als ihr gelehrter Oheim, füllte das neben ihm ſtehende leere Glas aufs neue und bot ihm lächelnd den rothen kraftſpendenden Trank. Uebrigens war es Zeit, an die Vorbereitungen zur Reiſe zu denken und, was die Hauptſache war, ein paſ⸗ ſendes Coſtüm für Dora herbeizuſchaffen. Doctor Anſel⸗ mus war naiv genug, ihr einen von ihm abgetragenen Sommeranzug in Vorſchlag zu bringen, und es koſtete ſeiner Nichte einige Mühe, ihr von der Unzulänglichkeit und Unmöglichkeit dieſes Hülfsmittels zu überzeugen. Er bequemte ſich ſeufzend zu einer beſondern Ausgabe, noch ſchwerer aber fiel ihm der Entſchluß, ſich ſelbſt in einen Schneiderladen zu begeben und in eigener Perſon den Ankauf der nothwendigen Kleidungsſtücke vorzunehmen. In der Hauptſtadt war er gewöhnt, zur paſſenden Zeit, das heißt, wenn die Jahreszeiten wech⸗ ſelten, ſeinen Schneider bei ſich eintreten zu ſehen und von dieſem zu hören, welche Acquiſitionen und welche Bereicherung des Kleiderſchranks er, der Schneider, für den Doctor Anſelmus für zweckdienlich halte. Der Gelehrte überließ alsdann die Auswahl des Stoffs der kundigen Hand des Meiſters, der ohnedies wußte, daß er von dem ſeit Jahren hergebrachten Schnitt der 79 gleider nicht abzuweichen habe, und daß er mit der bloßen Erwähnung deſſen, was„jetzt“ Mode ſei, Ge⸗ fahr laufe, dem Doctor Anſelmus ein gelindes Nerven⸗ fieber an den Hals zu hetzen. Hatte der edle Künſtler ſeine Aufgabe vollendet, ſo war es Doctor Anſelmus wiederum, der mit ſich einen harten Seelenkampf zu beſtehen hatte; denn nur ungern ging er daran, alte Kleidungsſtücke abzulegen und neuer ſich zu bedienen. So kam es wohl vor, daß er aus lauter Abneigung gegen einen ſolchen Wechſel die liebgewonnenen Som⸗ merkleider bis gegen Ende des Winters forttrug und dann erſt ſich entſchloß, die warmen, ſchon ein halbes Jahr bereit liegenden Winterkleider anzulegen, deren Benutzung in naturgemäßer Folge ſich wieder bis über die Mitte des Sommers hinaus erſtreckte. Er ärgerte ſich ſelbſt am meiſten darüber, daß er mit ſeinen Klei⸗ dern nie in die Reihe komme, wie er es nannte, und verſicherte häufig, daß er allein darum ſeinen Jungge⸗ ſellenſtand verwünſche, weil er keinen Sohn habe, der ihm die unangenehmen neuen Kleider zu bequemen, ſchmiegſamen, freundlich anmuthenden herantragen könne Indeß mag es dem Doctor Anſelmus mit ſolchen Ge⸗ danken kaum Ernſt geweſen ſein, wenigſtens iſt hiſtoriſch feſtgeſtellt, daß er die bezüglichen dienſteifrigen Aner⸗ bietungen mehrerer jüngerer Freunde dankend ablehntez 80 Nach alledem mag man beurtheilen, wie widerwillig ſich Doctor Anſelmus den Aufträgen ſeiner Nichte un⸗ terzog. Und nun ſollte er die Kleider nicht einmal für ſich ſondern für ein Mädchen auswählen. Gewiß, die ganze Geſchichte war zum Tollwerden, und es war dem armen geplagten Oheim nicht zu verargen, wenn ihm die Schweißtropfen auf der Stirn ſtanden, als er in den Laden des Schneiders trat. Indeß, es ging Alles beſſer, als der Lage der Dinge nach zu hoffen war. Dora erklärte ſich mit den ge⸗ machten Einkäufen nicht eben unzufrieden und ſchickte ihren Oheim wiederholt in die Stadt, auch für einen paſſenden Filzhut zu ſorgen, deſſen breite Krempe die etwas übermüthig hervorquellenden Locken zu verdecken im Stande ſein werde. Als er wieder nach Hauſe kam, hatte ſich Dora in ihr Zimmer eingeſchloſſen, um, wie ſie ihrem Einlaß begehrenden Oheim durch das Schlüſ⸗ ſelloch zurief, mit erfahrener Hand einige nothwendige Veränderungen an ihrem Coſtüm vorzunehmen. Doc⸗ tor Anſelmus hing den Hut an einen der auf dem Hausflur befindlichen Kleidernägel und begab ſich als⸗ dann müde und abgeſpannt, wie er war, auf ſein Zim⸗ mer, wo er ſich bald in die Lectüre ſeiner Erzählung, ſoviel er bis jetzt zu Stande gebracht hatte, vertiefte. Er hielt dieſe Recapitulation für nothwendig, wenn er 81 ſich in der Lage ſehen wollte, gleich an einem der näch⸗ ſten Tage weiter zu ſchreiben. Mitten aus dieſer Beſchäftigung wurde er durch ein ſehr heftiges Klopfen an ſeiner Thür aufgeſchreckt. Unwillig erhob er ſich und rief mit verdrießlicher Stimme:„Herein!“ Die Thür ward weit geöffnet und Doctor Anſel⸗ mus ſah beim ungewiſſen Schimmer ſeiner Studirlampe einen hochgewachſenen ſchlanken Herrn eintreten. Doctor Anſelmus ging dem Beſuch einige Schritte entgegen. „Habe das Vergnügen“, begann dieſer mit etwas rauher Stimme und ſcharfem Accent,„Herrn Doctor Anſelmus, Ritter hoher Orden, Verfaſſer mehrerer nicht mit Unrecht berühmten Schriften zu ſprechen?“ „Zu dienen, der bin ich“, entgegnete der Gelehrte, der nicht recht zu wiſſen ſchien, was er aus dem Frem⸗ den machen ſollte;„ich bin Doctor Anſelmus.“ „Serrr wohl“, fuhr der Fremde faſt polternd fort⸗ „Ich bin auf Durchreiſe— wollte die Errre haben, Sie kennen zu lernen.“ „Ich bin ſehr erfreut. Wollen Sie gütigſt Platz nehmen?“ „Serrr wohl“, entgegnete der Fremde und warf Hut und Stock mit ſolch vornehmer S auf Oelſchläger, Wunderliche Leute. L. den Tiſch des Doctors, daß die Blätter hoch auf⸗ flogen. Doctor Anſelmus ſah ſeinen Beſuch, der ſich inzwi⸗ ſchen breit auf dem Sopha niedergelaſſen hatte, miß⸗ trauiſch von der Seite an und konnte ſich nicht ent⸗ ſchließen, auf dem Stuhl, auf den ſein Gaſt mit ein⸗ ladender Handbewegung hinwies, ebenfalls Platz zu nehmen. Er ergriff verlegen deſſen Lehne und rückte unruhig damit hin und her. Der Fremde räusperte ſich und hielt dabei die Hand vor den Mund. „Sie haben“, begann er dann wieder,„ein ſerr ſchö⸗ nes Mädchen zur Nichte?“ Jetzt ſchritt Doctor Anſelmus ruhig auf die Lampe zu und ſchlug deren Schirm zurück, daß der volle Strahl des Lichts auf ſeinen ſeltſamen Beſuch fiel. „Ja“ ſagte er dann, die Sprechweiſe und den Ton des Fremden carikirend,„ich habe ein ſerrr ſchönes Mädchen zur Nichte, von der ich mir aber für die Zu⸗ kunft ſo ſchlechte Witze verbitten möchte.“ Mit lautem Gelächter ſprang Dora— ſie war der Fremde— auf und umarmte ihren Oheim. „Sei mir nicht böſe“, bat ſie;„ich wollte Dir nur beweiſen, daß kein Menſch meine Verkleidung zu ahnen vermag. Sieh mich nur an, wie hübſch ich bin.“ Dora ſah wirklich allerliebſt aus. Ihre Geſtalt ſtak in einem weiten Sackpaletot von dunkelgrauem Stoffe und in gleichfarbigen Beinkleidern, aus denen die ſchmalen Füße faſt zu kokett hervorguck⸗ ten. Unter dem breit ausgeſchlagenen Hemdkragen leuchtete eine hellrothe ſchmale Binde, und ein dunkler Filzhut beſchattete genügend das Geſichtchen, das einem eben erſt den Armen der Mutter entlaufenen jungen Studentchen zu gehören ſchien. Aber das Studentchen war reizend, mit dieſen Augen, dieſen Grübchen, dieſen Zähnen, ſchier zu ſchön, und das war die Meinung des Doctor Anſelmus auch. „Dora, Dora“, ſagte er warnend,„das geht nicht gut aus.“ „Aber, Onkelchen“, ſagte dieſe erregt,„wenn das ſo fortgeht, ſo werde ich meine Männerkleider allen Ernſtes anbehalten und Dich wird man dafür in einen Wei⸗ berrock ſtecken müſſen.“ „In einen Weiberrock? Wie meinſt Du das?“ fragte Doctor Anſelmus, ſie ſcharf fixirend. „Nun, ich meinte, daß Du nicht im Stande ſcheinſt, eine doch gewiß unbegründete Furcht gänzlich zu über⸗ winden.“ „So?“ antwortete Doctor Anſelmus.„Du ſcheinſt heute meine Geduld auf die Probe ſtellen zu wollen.“ 6* 84 „Ach nein, nein“, rief Dora in munterem Tone, durch welchen ſie ihren beleidigten Oheim zu verſöhnen hoffte,„nein, nein! Nur eine Frage habe ich noch an Dich zu richten. Ich muß mir einen andern Namen anſchaffen, ich muß mich umtaufen laſſen— wie meinſt Du, daß ich mich nennen ſoll?“ „Ich glaube kaum, daß bei ſolchem Carnevalſpaß irgend ein Heiliger gern Pathenſtelle bei Dir vertreten wird.“ „Dann muß meine bisherige Namenspatronin, der ich ſchon genug Ehre angethan habe, daß ich mich ſiebzehn Jahre nach ihr nannte, helfen— ich nenne mich Theodor.“ „Gut. Aber jetzt, lieber Theodor, kleide Dich um; mir wird angſt und bange, wenn ich Dich noch länger in dieſem Aufzuge vor mir ſehen ſoll.“ „Nein, Onkelchen, dieſe Kleider behalte ich heut⸗ Abend an.“ „Den ganzen Abend?“ „Ja. Haſt Du nicht davon gehört, daß Schauſpie⸗ lerinnen, wenn ſie abends in Männerrollen aufzutreten haben, den ganzen Tag die Männerkleider tragen, um ſich dann auf der Bühne deſto freier und unbefangener in ihnen zu bewegen? Ich thue das Gleiche; ich übe mich heute noch ein, um morgen nicht aus der Rolle zu fallen.“ 85 „In Gottes Namen“ ſeufzte Doctor Anſelmus.„Dann laß mich für heute noch auf meinem Zimmer allein; ich habe zu arbeiten, und es wird nöthig ſein, morgen mit dem Früheſten aufzuſtehen.“ „Gut. Und es bleibt beizunſerer Verabredung?“ „Hinſichtlich der Abreiſe? Ja.“ „Ich breche ein, halbes Stündchen vor Dir auf, um unbemerkt aus dem Hauſe zu kommen, und ſteige erſt auf der Landſtraße zu Dir in den Wagen.“ „Ja, die Schlüſſel ſtecke ich zu mir, und ſo mag man glauben, Du ſeiſt etwa heute Nacht mit dem Eilzuge nach Hauſe gefahren. Nun, gute Nacht.“ Doctor Anſelmus mußte ſchlecht geſchlafen haben, denn am nächſten Morgen waren ſeine Augenlider ge⸗ röthet, und er erwiderte kaum den Morgengruß ſeiner Nichte, die, ſchon marſchbereit, ein elegantes Reiſetäſch⸗ chen an der Seite, in aller Frühe bei ihm eintrat. Schweigend wurde der Morgenimbiß eingenommen, und Doctor Anſelmus ging alsdann daran, die letzten Klei⸗ nigkeiten in den Koffer zu packen und dieſen zuzuſchnü⸗ ren. Als er auch den ſchon oft erwähnten Ziegelſtein vom Tiſche hob, ihn achtſam mit Papier umwickelte und mit der Sorgfalt einer Mutter in den Koffer legte, war Dora nahe daran, ein helles Gelächter aufzuſchla⸗ gen. Ein ernſter Blick ihres Oheims hinderte dieſen 86 unzeitigen Ausbruch ihres Humors, und in einer An⸗ wandlung beſchämender Reue gab ſie die Rolle einer ironiſchen Zuſchauerin auf und half dem von der An⸗ ſtrengung ſchon halbkranken Doetor den letzten Riemen um den FKoffer ſchlingen und zuziehen. Es war Zeit zum Aufbruch und Dora reichte ihrem Oheim die Hand zum Abſchiede. „Einen Gefallen könnteſt Du mir noch thun“ ſagte dieſer. „Womit?“ „Die rothe Halsbinde, die Du da trägſt, erſcheint mir zu auffallend, ich würde eine ſchwarze paſſender finden.“ Mit flüchtigem Blick ſtreifte Dora den ihr gegen⸗ über hängenden Spiegel und ihr Geſichtchen nahm einen Ausdruck an, der deutlich bewies, daß ſie ihrerſeits ge⸗ rade dieſe rothe Binde ganz untadelhaft finde. Doch ſie gehorchte und die Aenderung nach dem Wunſche ihres Oheims war bald vorgenommen. „Adien, Onkelchen, laß mich nicht zu lange mar⸗ ſchiren.“ Mit muntern Füßen ſprang ſie die Stiege hinab und zum Hauſe hinaus. Es war nicht zu leugnen, daß r das Herz ge⸗ waltig zu klopfen anfing. Jetzt ſtand ſie auf einmal 87 in der Welt allein, verkleidet und war es denn wirk⸗ lich ganz unmöglich, daß ſie erkannt wurde? Wenn nur die geringſte Möglichkeit dazu vorhanden war⸗ ſo durfte der Scherz nicht gewagt werden. Wer weiß wie ſie ſo einen Augenblick vor der Thür auf der Straße ſtand, vom verrätheriſchen, Alles ſo hell be⸗ ſtrahlenden Licht der Morgenſonne umglänzt, und wie ihr allerlei Möglichkeiten durch den kleinen Kopf ſchoſſen, ſie wäre vielleicht auf der Stelle umgekehrt und hätte den Muth verloren, das Abenteuer auszu⸗ führen. Doch ſie ſchämte ſich vor ihrem Oheim. Der erſte Schritt war gethan, ſo mochte denn der zweite folgen. Entſchloſſen drückte ſie ihren Hut tiefer in die Stirn, legte die linke Hand lockernd an den Riemen des Reiſetäſchchens, der ihr über die Bruſt lief, und umfaßte kräftig den Stock, den ſie aus dem Vorrath ihres Oheims genommen hatte. So ging ſie raſch ihren Weg und hatte die Genugthuung, daß die erſten Leute, die ihr entgegenkamen, vorübergingen, ohne weiter Notiz von ihr zu nehmen. Das gab ihr denn ſogleich das nur einen Augen⸗ blick geſunkene Selbſtvertrauen wieder, und als ſie in die nächſte Gaſſe bog, wagte ſie ſogar ſchon einige kühne Lufthiebe mit dem Stocke, wie ſie das früher an verwegenen Studenten der Hauptſtadt bewundert hatte. Die Gefahr war auch nicht allzu groß, da zu die⸗ ſer Stunde nur Dienſtboten oder Arbeiter zu ſehen waren. Wo Dora an einem bekannten Hauſe vorüber⸗ kam, hütete ſie ſich zu den Fenſtern hinaufzuſehen, und ſo gewann ſie glücklich das Freie und ſtand, ehe ſie es gedacht, auf der Brücke, durch deren weite Bogen der Strom im Morgenlicht majeſtätiſch dahinfloß. Wie ging dem Mädchen das Herz auf! Welche Herrlichkeit der Natur umgab ſie, welche Stille, welcher Frieden! Die Wellen rauſchten und blitzten, die Felder zur Seite dampften, und über Allem lag die Lichtflut der himmliſchen Sonne. Aus tiefſter Bruſt ſog ſie die Luft des Morgens ein, und wie ſie über den Brücken⸗ rand gelehnt in all den Zauber hineinſchaute, zog eine Welt voll Uebermuth, voll Scherz und Laune durch ihre Bruſt. Sie fühlte ſich glücklich wie nie, frei und ledig aller hemmenden Feſſeln. Wie ſie weiter ſchritt, kamen ihr zwei hübſche Bauer⸗ mädchen entgegen, welche auf dem Rücken Früchte zur Stadt trugen. Die Beiden ſchienen einander unendlich wichtige Dinge zu erzählen; ſie kamen Dora gerade recht, die an Jemand ihren Uebermuth auslaſſen mußte. Sie ging hart an ihnen vorbei und kniff der einen in die derbe Wange, indem ſie ſagte: 89 „Ihr ſeid ja zwei allerliebſte Mädchen!“ Die Beiden erſchraken über dieſe ſeltſame Zudring⸗ lichkeit, beſchleunigten zur großen Beluſtigung Dora's möglichſt ihre Schritte und faßten erſt nach einer Weile den Muth, ſich umzuwenden und das helle Gelächter des nachblickenden Herrn in gleicher Weiſe zu erwidern. Befriedigt von dem Erfolge dieſer Heldenthat, bog Dora nun in die Allee ein, welche ſie in der Richtung gegen den Speſſart hinführte und auf welcher Doctor Anſelmus ſie einholen wollte. Mit freiem Blick ergötzte ſie ſich an den Schönheiten der Natur, die ihr bei je⸗ dem Schritt entgegentraten und die ihr nie in ſo un⸗ widerſtehlichem Reize erſchienen waren, wie heute, und benutzte die Zwiſchenpauſen, die tiefſinnigſten Betrach⸗ tungen über das beneidenswerthe Loos der Männer den Frauen gegenüber anzuſtellen, Betrachtungen, die eben nicht neu waren und denen ſie auch keine neue Seite abzugewinnen verſtand, die aber gewiß in dieſem Augen⸗ blick zeitgemäßer denn je waren und deren Höhepunkt erreicht zu ſein ſchien, als ſie mit klingender Stimme das bekannte Lied zu ſingen begann, deſſen melancholi⸗ ſcher Refrain lautet: Wir armen, armen Mädchen Sind wahrlich übel dran; Ich wollt' ich wär' kein Mädchen, Ich wollt', ich wär' ein Mann. 90 „Nein“, unterbrach ſie ſich dann ſelbſt, indem ſich ihr Unmuth unbewußt bis zu einem Paradoxon ver⸗ ſtieg,„wenn es nur keine Frauen gäbe!“ Dabei ſchlug ſie mit kräftigem Streich einen von der nächſten Pappel niederhangenden Zweig ab. Indem vernahm ſie das Rollen eines herannahen⸗ den Wagens und ſah ſchon von weitem, wie ihr Oheim links und rechts zum Wagenſchlage hinausſpähte. Ihr Zuruf machte den Wagen halten, und im Nu hatte ſie neben Doctor Anſelmus Platz genommen. Der Kutſcher ſchnalzte mit der Zunge, und alsbald zo⸗ gen die jungen Pferde an. Das Rollen des Wagens machte vielleicht ein Ge⸗ ſpräch unmoglich; wenigſtens ſetzte Doctor Anſelmus den verſchiedenen Verſuchen ſeiner Nichte, ein ſolches anzuknüpfen, beharrliches Schweigen entgegen und nickte endlich leicht ein, als die ſchattige Kühle des herrlichen Speſſart die beiden Reiſenden aufnahm. Doctor Anſelmus beſaß nämlich die Fähigkeit, ein⸗ zuſchlafen, wann er wollte. Wenn er Luſt dazu hatte, ſchlief er des Morgens, Mittags, Abends und die ganze Nacht, deren Schlummer durch die vorhergegangene Ruhe keine Einbuße erlitt. Er ſchlief auch unabhängig von allen äußern Umſtänden. Ein Lärm, ein Geſchrei, das auf der Straße hörbar war, hinderte ihn am Ar⸗ 91 beiten— Niemand, der Doctor Anſelmus gekannt hat, vermag ſich zu erinnern, daß ihn je ein Lärm in ſeiner unmittelbarſten Nähe am Einſchlafen gehindert hätte. Er ſchlief im Kaffeehauſe auf dem Strohſtuhle ſo gut und gründlich wie in ſeinem Zimmer auf dem Kanapee. Wenn ihn abends in der Geſellſchaft ſeiner Freunde ein Geſpräch langweilte oder ärgerte und er infolge der ihn umgebenden lebhaften Discuſſion die Unmög⸗ lichkeit einſah, ſeinen Gedanken auf eigene Fauſt nach⸗ zuhängen, ſo erwählte er den beſſern Theil, wie die neuteſtamentliche Maria, und ſchlief. Mit einem Wort: ſo hohe intellectuelle Eigenſchaften ihn auszeichneten, eine Tugend hatte er mit Hunden und Katzen gemein, nämlich die, ſo viel Zeit, ſo viel Sorge, ſo viel Kum⸗ mer, ſo viel Anſtrengung, ſo viel Langeweile wegzu⸗ ſchlafen, als ihm gerade beliebte. Dora wußte dieſe Tugend zu ſchätzen und hütete ſich, ſeinen Schlummer zu ſtören, heute um ſo mehr, als ſie in dem Vergnügen ſchwelgte, das ihr Wald und Waldesduft, Sonne und Vogelgeſang bereiteten⸗ Leider ſollte dieſe Luſt nicht allzulange währen; denn jeder Hufſchlag der Pferde erinnerte ſie daran, wie raſch ſie ſich dem vorgeſteckten Ziele näherten, und bald fing ihr Herzchen wieder an, ängſtlich zu klopfen; ſie ſah die Strahlen der Sonne nicht mehr durch das 92 dunkle Laub blitzen, ſie hörte die Vögel nicht mehr in dem buſchigen Schlage ſingen, ihr war nur, als müßte ſie jeden Augenblick dem Kutſcher ein Halt! zurufen, und als müſſe ſie ihn anflehen, ihre Ankunft in Fünfzehnheiligen wenigſtens um eine halbe Stunde, ach, um eine halbe Minute zu verzögern. Aber fort zauſten die Pferde, fort und immer weiter, und jetzt, jetzt ging es um die Thalecke und vor den Reiſenden lag im ſchönſten Sonnenſchein das Kloſter. Ein ganz heftiger Stoß Dora's weckte den armen Doctor Anſelmus aus ſeinem Schlummer. Wie das ſo ſeine Gewohnheit war, ſchien er auch diesmal brum⸗ men und ſchelten zu wollen; aber nein, der Anblick des Kloſters brachte ihn nur allzu ſchnell zu ſich und ver⸗ ſetzte ihn mit einem Schlage in die ganze Abſonderlich⸗ keit der Situation, welcher er mit ſeiner Nichte entge⸗ genging. Zudem ſchienen die Pferde ſich deſſen be⸗ wußt zu ſein, daß ihnen das Ende der Anſtrengung winke; mit neuem Eifer holten ſie aus, kaum gewann Doctor Anſelmus Zeit, ſeiner Nichte einige ihm noch nöthig erſcheinende Rathſchläge zu ertheilen, und ſchon rollte der Wagen in den äußern Hof des Kapuziner⸗ kloſters. Es war um die Mittagszeit oder etwas ſpäter, als Doctor Anſelmus mit Dora ſeinen Einzug hielt. Die 93 Sonne ſtand hoch oben und brannte mit nicht zu un⸗ terſchätzendem Nachdruck auf den weiten Hof und die denſelben begrenzenden weiß angeſtrichenen Oekonomie⸗ gebäude. Keine Seele regte ſich ringsum, nur ein paar gackernde Hühner verfolgten ſich über den weiten Plan und flogen ängſtlich aus einander, als der Wagen ſei⸗ nen Weg in den Hof nahm. Nun erſchien auch unter einer der Stallthüren ein Laienbruder und eilte auf Doctor Anſelmus zu, den er auf das beſte bewillkommnete. Mit neugierigem Auge muſterte er die ſchlanke Geſtalt Dora's; dieſe aber ſchien ſo ſehr mit den Anweiſungen hinſichtlich des Gepäcks beſchäftigt zu ſein, daß ſie kaum Zeit fand⸗ ſeinen wohlgemeinten Gruß mehr als flüchtig zu erwi⸗ dern. Ja, ſie ſchien es nicht zu ſehen, wie der herzens⸗ gute Bruder ihr die Hand hinreichte; denn im ſelben Augenblick beugte ſie ſich zu dem ſchon vom Wagen geſchafften Koffer nieder und hob ihn auf der einen Seite in die Höhe, wie um ſeine Schwere zu prüfen— eine unnöthige Anſtrengung, der allein ſie es auch vermuthlich zu danken hatte, daß ihr die lichte Röthe in das Geſicht ſtieg. Doctor Anſelmus fand in alledem einen lebhaften Anlaß, den Laienbruder, der inzwiſchen an dem von den Dekonomiegebäuden zum Portal des Kloſters ge⸗ 94 leiteten Glockenzug geriſſen und damit das Zeichen von der Ankunft Fremder gegeben hatte, mit Begrüßungen und Fragen förmlich zu überſchütten und dergeſtalt in Beſchlag zu nehmen, daß er gewiß keine Zeit mehr fand, von Dora noch weitere Notiz zu nehmen. Zum Glücke öffnete ſich drüben das Thor, und Doctor Anſelmus ſchritt mit Dora, gefolgt von dem Laienbruder, der das Gepäck auf ſeine Schultern gela⸗ den hatte, über die Brücke in das Kloſter. Auch der Pater Pförtner, ein Mann mit kahler Stirn und langem, tiefſchwarzem Barte rief ſeinen Will⸗ kommen ſo freundlich und herzlich entgegen, daß Oheim und Nichte nicht mehr darüber in Zweifel ſein konnten, wie gern man dem berühmten Doctor Anſelmus und ſeinem Neffen Gaſtfreundſchaft gewähre. Dora ſchlug ſich leidlich geſchickt durch die Begrüßungsſcene, und ihr Oheim erfuhr eben nicht zu ſeinem Bedauern, daß der Pater Guardian mit den Mönchen bei der Tafel im Refractorium verſammelt ſei. Das Anerbieten des Pförtners, den erſtern von ſeiner Ankunft in Kenntniß zu ſetzen, lehnte er beſtimmt ab und bat nur, in die ihnen zugewieſenen Abtheilun⸗ gen geführt zu werden, wo er das Ende des Mittags⸗ mahls und den Entſcheid des Pater Guardian abwarten werde, wann dieſer ſeinen Beſuch entgegennehmen wolle. 95 Der Laienbruder, der ſie zuerſt in Empfang ge⸗ nommen, ſchritt voraus über den kleinen innern Hof, der mit einer anmuthigen Raſenfläche bedeckt und in ſeiner Mitte mit einem großen ſteinernen Kreuz ge⸗ ſchmückt war, und trat alsdann in den gegenüberlie⸗ genden Flügel des Gebäudes, wo ſie eine ſchmale ſtei⸗ nerne Wendeltreppe emporſtiegen. Oben angelangt, wo ſich der breite Corridor nach rechts und links theilte, öffnete der Führer die Thür des Eckzimmers und ließ Doctor Anſelmus und Dora zuerſt eintreten, denen beiden zu gleicher Zeit ein Ausruf der angenehmſten Ueberraſchung entfuhr. Die Räume nämlich, welche den Gäſten zum zeitweiligen Aufenthalte angewieſen waren, bildeten das ganze obere Geſchoß des auf dem rechten Flügel des Kloſters befindlichen runden Eckthurms. Dadurch, daß man einen hölzer⸗ nen Verſchlag durch das urſprünglich faſt unheimlich große Gemach gezogen hatte, waren zwei Zimmer von ungleicher Größe, aber beide heimlich und wohnlich, gewonnen, welche einen höchſt anmuthigen Blick über die Wieſen und Felder hinüber gegen die Thalöff⸗ nung zu gewährten, von der Doctor Anſelmus hergekom⸗ men war. Ganz entzückt und in ſchweigender Bewunderung ſtand dieſer am offenen Fenſter und ließ ſeinen leuchtenden Blick — 96 auf der einfachen, aber lieblichen ſonnenbeglänzten Land⸗ ſchaft ruhen. „Frater“, rief er dann jubelnd aus und ſtreckte dem Angeredeten, der ſtillvergnügt hinter ihm ſtand, beide Hände hin,„Frater, hier iſt es herrlich, hier wollen wir Hütten bauen. Ihr ſeid ja reizend hier eingerichtet“, fuhr er fort und drehte ſich bewundernd auf dem Ab⸗ ſatz herum, während Dora vergeblich nach dem Grunde dieſes Entzückens ſpähte, da die Einrichtung des Ge⸗ machs ſich in der That nur auf das Allernothwendigſte, Tiſch, Stuhl und Bett beſchränkte.„Ihr ſeid ja rei⸗ zend eingerichtet. Bruder, ich ſage Euch, von dem Buche, das ich hier ſchreiben werde, werde ich“— hier ſtockte er ein wenig, faßte ſich aber raſch wieder— „jawohl, von dem Buche werde ich Eurer Bibliothek ein Freiexemplar ſchenken.“ Der Laienbruder ſchmunzelte und ſagte: „Herr Doctor ſind ſehr gütig, aber wollen denn der Herr Doctor ein ganzes Buch hier ſchreiben?“ „Jawohl“ rief Doctor Anſelmus,„ein ganzes Buch, und noch dazu in zwei Wochen. Wenn ich in Stim⸗ mung bleibe, iſt das eine Kleinigkeit für mich. Nicht wahr, Do— Theodor?“ „Pure Kleinigkeit“ lachte Dora in übermüthiger Weiſe. M „Schreiben der junge Herr auch Bücher?“ fragte der Laienbruder, gewaltig eingeſchüchtert durch die große Gelehrſamkeit, die mit Doctor Anſelmus in das Kloſter eingezogen ſein ſollte. „Nein. Ich ſchreibe nur die Bücher meines Oheims ab, damit beim Druck keine Fehler vorkommen.“ „Ich verſtehe“ lächelte der Frater wieder.„Alſo laſſen der Herr Doctor doch manche Fehler ſtehen. Nun, hier können Sie arbeiten, ſoviel Sie wollen. Aber Sie, Herr— Herr—“ wandte er ſich an Dora. „Theodor“ ergänzte dieſe. „Schreiben Sie nicht zu viel, Herr Theodor; das iſt wider die Geſundheit und macht bruſtkrank. Unſere Herren ſchreiben auch nicht zu viel. Doch erlauben Sie, daß ich jetzt gehe. Ich will nach Ihren Pferden ſehen.“ Doctor Anſelmus war noch im Begriffe, auszupacken, als der gefällige Laienbruder ſich ſchon wieder einſtellte, diesmal eine große Platte mit Speiſen auf der einen und eine grüne Weinflaſche in der andern Hand. „Seine Gnaden“ ſagte er,„der Herr Pater Guar⸗ dian laſſen dem Herrn Doctor ſeine Freude ausſpre⸗ chen daß Sie gekommen ſind, und laſſen beſten Appetit wünſchen. Seine Gnaden wollen jetzt nicht läſtig fallen, ſonſt würden Seine Gnaden ſich die Freiheit nehmen, Helſchläger Wunderliche Leute. J. den Herrn Doctor zu beſuchen. Wenn aber der Herr Doctor heute Abend zu Seiner Gnaden kommen wollten, ſo würde ſie das ſehr freuen. Auch müſſen Seine Gnaden jetzt einen Krankenbeſuch bei einem Bauer in der Nähe machen. Der Herr Doctor möchten entſchul⸗ digen.“ Es hatte dem ehrlichen Frater keine geringe Mühe gekoſtet, dieſe wohlgeſetzte Rede vom Stapel laufen zu laſſen, was jedoch Doctor Anſelmus nicht hinderte, mit einem mindeſtens ebenſo großen Aufwande von Be⸗ redtſamkeit ſeine Rührung zu äußern, die ihn infolge der Aufmerkſamkeiten Seiner Gnaden überkomme. Für jetzt verſprach er in ſeinem und ſeines Neffen Namen, den durch Schönheit und Fülle von der beſten Seite ſich darſtellenden Speiſen durchaus nicht aus dem Wege gehen zu wollen, und wenn ihm etwas den Appetit beeinträchtigen könne, verſicherte er weiter, ſo ſei es nur das Bedauern, Seiner Gnaden nicht ſchon jetzt den lebhafteſten Dank für den bereiteten freundlichen Em⸗ pfang ausſprechen zu können. Es war Zeit, daß Doctor Anſelmus ſeinen Ser⸗ mon, den Dora benutzt hatte, die Etikette auf der Weinflaſche zu ſtudiren, beendete, denn dem wackern Laienbruder ſtanden ſchon jetzt die Schweißtropfen auf der Stirn. 89 Nachdem das Thürſchloß hinter ihm zugefallen war, machten ſich Oheim und Nichte, deren Eßluſt weniger infolge der Reiſe als infolge des gelungenen An⸗ fangs ihres Abenteuers ſich gebieteriſch geltend machte, daran, einen Sturmlauf gegen die aufgetragenen Spei⸗ ſen zu unternehmen, und ſahen ihre Anſtrengung inſo⸗ fern mit Erfolg gekrönt, als binnen kürzeſter Zeit Alles mit Stumpf und Stiel von der Platte ver⸗ ſchwunden war. Kaum gelang es noch der geſchickten Hand Dora's, einen ſogenannten Anſtandsbiſſen herzu⸗ ſtellen, der ſich denn auch verlaſſen und trübſelig ge⸗ nug in der ihn rings umgebenden Einſamkeit ausnahm. War dieſe eine Luſt zur allſeitigen Zufriedenheit gebüßt, ſo wäre es Unrecht geweſen, ſich die andere zu verſagen, und im richtigen Verſtändniß dieſer Wahrheit ſtreckte ſich Doctor Anſelmus lang und ſchlank auf dem Bette aus, entſchloſſen, nachdem er noch dankend und lobend der geſchickten Köche des Kloſters gedacht, nun auch den Gott des Schlummers um ſeine ſegnende Spende anzurufen. Wie immer ſah er ſich auch dies⸗ mal raſch genug erhört, es Dora überlaſſend, die Ein⸗ richtung der beiden Zimmer weiter zu Ende zu bringen. Fünftes Kapitel. Die Sonne neigte ſich ſchon gegen die Berge und warf ihre Strahlen ſchräg in das Gemach, als Doctor Anſelmus durch ein helles Läuten, das vom Thurme des Kloſters ſcholl, ſich in das Leben zurückgerufen ſah. Nicht alſogleich kehrte ihm auch die Beſinnung wieder, und ſich die Augen reibend, bedurfte es einiger An⸗ ſtrengung, um ſeiner eigenen Exiſtenz wieder vollkom⸗ men auf den Grund zu kommen. Mit einem Satze ſprang er aus dem Bette heraus, und die vorher abgelegten Stiefel in der Hand, ſtürmte er in das Zimmer ſeiner Nichte, die dort am geöffne⸗ ten Fenſter ſaß und las. „Man läutet bereits zur Vesper“ rief er,„und wir haben dem Pater Guardian noch keinen Beſuch gemacht.“ 101 „Seine Gnaden werden darin kaum einen Beweis unſerer Höflichkeit finden.“ „Es iſt zum Verzweifeln, daß wir gleich am erſten Tage uns eine ſolche Rückſichtsloſigkeit zu Schulden kommen laſſen. Was ſollen wir thun?“ „Jedenfalls wird es das Beſte ſein, wenn Du erſt ein⸗ mal aufhörſt, die Dauerhaftigkeit Deiner von mir in langen Winternächten geſtrickten Strümpfe länger auf die Probe zu ſtellen. Das heißt, an Deiner Stelle würde ich vor allem erſt Stiefel anziehen.“ „Du haſt Recht“ ſagte Doctor Anſelmus beſchämt und verſchwand mit richtigem Anſtandsgefühl hinter der Thür ſeines Zimmers, wo er dieſen auch nach ſeiner Meinung unumgänglich nothwendigen Beklei⸗ dungsact vornahm. Sich die Haare über der Stirn zurechtſtreichend und noch ein paar Mal mit dem Fuße aufſtampfend, wie wenn es ihm noch nicht gelungen ſei, feſten Boden in ſeinen Stiefeln zu faſſen, erſchien er wieder vor ſei⸗ ner Nichte. „Ich meine“ ſagte er,„das Beſte wird ſein, wenn wir das Ende der Vesper abwarten und uns dann beim Pater Guardian anmelden laſſen. Die Tage ſind lang und man thut immer beſſer, wenn man die Pflicht der Höflichkeit ſpät als gar nicht erfüllt.“ 102 „In dieſem Falle“, bemerkte Dora,„würde ich Seine Hochwürden von unſerm Beſuche jetzt ſchon verſtändigen laſſen.“ „Du haſt Recht“, rief er und eilte hinaus auf den Corridor, der eben von den zur Kirche ſchreitenden Ka⸗ puzinern erfüllt war. Sie alle kamen aus ihren im erſten Stocke liegenden Zellen, Brevier und Roſenkranz in der Hand, und gern übernahm es einer der Patres, die ſich von allen Seiten herbeidrängten, dem geehrten Gaſt die Hand zu ſchütteln, deſſen Auftrag an den Pa⸗ ter Guardian auszurichten. Doch ſchon waren die letz⸗ ten Schläge der Glocke verhallt, und Doctor Anſelmus ſtand allein auf dem hochgewölbten offenen Gange, deſſen nach dem Hofe zu gelegene Seite nur von ſchlan⸗ ken, arabeskengeſchmückten Säulen gebildet war. Wehmüthig ſah er den Geſtalten der Mönche nach. Das waren Menſchen, deren Daſein er beneidete! Ab⸗ geſchieden von der Welt, im Stillen wirkend, erhabene Lehren übererbend und fortpflanzend, beſchauliche Stun⸗ den hinführend und hoch gehoben über den Kummer, den Neid, die Sorgen, die Schlechtigkeit der modernen Welt, das wären in frühern Jahren für Doctor An⸗ ſelmus preiswürdige Ziele geweſen. Jetzt war es an⸗ ders; ein verfehltes Leben, ſo ſagte er wenigſtens, lag hinter ihm; für den Reſt, der noch vor ihm lag, hatte 103 er reſigniren gelernt; er beſaß nicht den Muth, die Ketten, die er mit Bewußtſein nach ſich ſchleppte, zu brechen, und zog es vor, ſchon deren Laſt als ein Mär⸗ tyrerthum anzuſehen, welches er dafür tragen müſſe, daß er um einige Jahrhunderte zu ſpät auf die Welt gekommen ſei. Ein närriſcher Kauz fürwahr! Seufzend wandte er ſich zurück in ſein Zimmer, wo er ſeine Nichte ſchon wieder tief in ihre Lectüre ver⸗ ſenkt fand. „Ich hoffe“, ſagte er,„Du haſt die Bücher, die Du mit hierher nahmſt, mit ſchicklicher Rückſicht auf unſern Aufenthaltsort ausgewählt?“ „Gewiß“, antwortete Dora lakoniſch. „Was lieſt Du da?“ examinirte er weiter. „Hier“ ſagte ſie trocken und reichte ihm das Buch hin. Doctor Anſelmus warf nur einen Blick hinein, dann ſchleuderte er das Buch wüthend in die Ecke. „Das Buch der Lieder?“ ſchrie er. „Von Heinrich Heine“, ergänzte Dora lachend. „Wie kannſt Du Dich unterſtehen?“ „Ereifere Dich nur nicht unnöthigerweiſe. Ich habe auf monche langweilige Stunde gerechnet, die mir hier in dem Kloſter beſchieden ſein werde, und nahm denn, 104 wie Du das auch thuſt oder thateſt, eins meiner Lieb⸗ lingsbücher mit.“ „Das nennſt Du eins Deiner Lieblingsbücher?“ rief Doctor Anſelmus entſetzt.„Wahrhaftig, das ſind mir ſchöne Lieblingsbücher! Wenn es wenigſtens noch die Gedichte von Emanuel Geibel wären! Aber Heine, Heine! Es iſt ſchrecklich! Wenn das der Pater Guar⸗ dian ahnte!“ „Nun“ ſchmollte Dora,„weiter hätte nichts gefehlt, als daß Seine Hochwürden auch noch unſere Koffer hätte durchſtöbern laſſen, um verbotene Bücher zu con⸗ fisciren.“ „Damit wäre Dir Recht geſchehen“, rief Doctor An⸗ ſelmus wieder,„vollkommenes Recht; denn es iſt ein Frevel, die Werke eines Dichters, dem nichts, auch das Heiligſte nicht heilig iſt, eines Dichters, der das Erha⸗ benſte mit Spott und Satire überſchüttet und in den Schmuz ſeines Humors zieht, an dieſe gottgeweihte Stelle zu bringen.“ „Bitte, Onkelchen“ rief Dora, die ihre Ruhe wie⸗ dergewonnen hatte und nun von dem Eifer ihres Oheims nur beluſtigt ward,„läſtere meinen Poeten nicht zu ſehr! Ueberdies bin ich überzeugt, daß ich, wenn es mir morgen einfallen ſollte, Deinen ehrwür⸗ digen Brüdern in Chriſto einen Vortrag aus Heine S 105 zu halten, einen Kreis der aufmerkſamſten und andäch⸗ tigſten Zuhörer haben würde.“ „So?“ rief Doctor Anſelmus aufgebracht.„Biſt Du überzeugt? Na, dann wird es gut ſein, dieſer Verſuchung vorzubeugen.“ Sprach's, hob das goldene Buch der Lieder aus der Ecke, in die er es geſchleudert hatte, auf und ſchloß es ohne weiteres in ſeinen Koffer. „Onkel, Onkel“, rief Dora, von ihrem Sitze auf⸗ ſpringend,„iſt das Dein Ernſt?“ „Vollkommen“ lachte er und ſchob den Kofferſchlüſſel mit unbeſchreiblich vergnügter Miene in ſeine Weſten⸗ taſche. „Ich ſoll das Buch nicht mehr bekommen?“ „Nicht mehr, ſolange wir im Kloſter ſind.“ „Onkelchen, Onkelchen, Du wirſt es bereuen.“ „Auf dieſen Fall wollen wir es ankommen laſſen.“ „Du biſt wirklich—“ „Ich bitte Dich, ſpare Deine Worte, der Schlüſſel iſt in meiner Gewalt und ſomit auch das Buch. Den erſtern wirſt Du mir nicht entwenden.“ „Nein.“ „Somit bleibt das letztere auch—“ In dieſem Augenblick klopfte es an der Thür und der Laienbruder, der zur Bedienung der beiden Gäſte 106 beſonders beſtimmt zu ſein ſchien und den Namen Erd⸗ mann führte, erſchien mit ſeinem unveränderlich ver⸗ gnügten Geſichte auf der Schwelle, zu melden, daß Seine Gnaden bereit ſeien, den Herrn Doctor Anſel⸗ mus ſammt dem Herrn Theodor zu empfangen. Beide erklärten, dem Bruder, der auch hier wieder den Führer machte, ſogleich folgen zu wollen. Doctor Anſelmus gewann kaum noch Zeit, ſeiner Nichte einen Blick zuzuwerfen, der vielleicht bedeutete, ſie möge ſich nun zuſammennehmen und ſich hüten, das Mißtrauen Seiner Gnaden zu wecken. Dora aber lachte und ſchwang den Hut, ein Leichtſinn, der ihren Oheim in nicht geringe Aufregung verſetzte, den wackern Bruder aber zu der Bemerkung veranlaßte: „Der Herr Theodor ſcheinen ſehr vergnügt zu ſein.“ „Serrr!“ gab Dora zur Antwort in der Art, wie ſie geſtern ihren Oheim düpirt hatte, und eilte dann mit elaſtiſchem und leichtem Schritte den beiden Män⸗ nern voraus, die ihr kaum zu folgen vermochten. Den Gruß einiger begegnenden Kapuziner erwiderte ſie in der eleganteſten und freundlichſten Weiſe, daß ſelbſt Doctor Anſelmus, da er ſie mit einer Sicherheit ſich bewegen ſah, als habe ſie nie in ihrem Leben eine andere Tracht getragen, wieder einigermaßen Vertrauen und Zuverſicht gewann. 107 Im Uebrigen koſtete es ihm nicht geringe Ueberwin⸗ dung, den Korridor ohne Aufenthalt zu durchſchreiten. Derſelbe war nämlich in ſeiner ganzen Länge mit großen, altersgebräunten, ſchwarz eingerahmten ODel⸗ bildern geſchmückt, welche, wie der Frater erklärte, die Ahnen der frühern Beſitzer des Schloſſes darſtellten. Es waren ſtattliche Geſtalten, Männer, Frauen, Kinder, die erſtern in vornehmer Haltung, im Har⸗ niſch oder in ein reiches Sammtwams mit Pelz⸗ mantel gekleidet, die Bruſt mit goldener Kette geſchmückt, ſtolz dreinblickend, häufig einen mächtigen Jagdhund zur Seite. Die Frauen erſchienen einfacher, meiſt mit rieſigen Halskrauſen, im Seidenkleid, einen Fächer oder ein Gebetbuch in der Hand. Einmal auch war das lebensgroße Bild einer Nonne zu ſehen, ein Beweis, daß der fromme Sinn der Familie, welche zuletzt das Schloß an einen geiſtlichen Orden verſchenkte, nicht erſt von geſtern war. 7 Mit wahrer Ehrfurcht betrachtete Doctor Anſelmus dieſe ſtolzen Geſtalten, obwohl die Dämmerung ſchon ſo weit hereingebrochen war, daß es ſchwer fiel, mehr als die Umriſſe zu erkennen, auch wenn nicht da und dort die Farbe eines Bildes ſo ſehr eingeſchlagen ge⸗ weſen wäre, daß ein ungeübtes Ange ſchier nichts als eine ſchwarze Fläche vor ſich ſah. 108 Aber gerade dieſe Bilder waren dem Doctor An⸗ ſelmus die liebſten, gerade vor dieſen ſtellte er ſich auf die Zehen und ſpähte mit allem Eifer, die Brille bald herunternehmend, bald wieder aufſetzend, ob es ihm nicht möglich wäre, irgend eine Jahreszahl am untern Theile des Bildes zu entdecken. War eine ſolche nicht vorhanden oder wenigſtens nicht zu erblicken, ſo ließ er ſich durch die Dämmerung nicht abhalten, das Alter des Bildes auf das Haar zu beſtimmen und dem ver⸗ wundert dreinſchauenden, vergnügt vor ſich hinlächeln⸗ den Frater Erdmann auf das genaueſte auseinander⸗ zuſetzen, woher er, der gelehrte Doctor Anſelmus, alles das errathe. Zu ſeinem Leidweſen fand er mehrere Bilder be⸗ ſchädigt, Löcher oder Riſſe in denſelben; mit trau⸗ rigem Kopfſchütteln nahm er die Nachricht hin, daß Niemand im Kloſter ſich um die Bilder kümmere und Intereſſe für ſie zeige. Aber ſeine Seele heiterte ſich auf und ein Meer von Wonne ergoß ſich in ſein Hers, als ihm der Bruder mittheilte, daß oben in der Rum⸗ pelkammer noch mancherlei altes und unbrauchbares Zeug untereinander liege. Er war ein zu gewiegter Alterthumsforſcher, als daß er nicht verſtanden hätte, ſeines Buſens Aufregung wenigſtens äußerlich zu be⸗ wahren und mit der gleichgültigſten Miene von der 109 Welt zu fragen, ob er wohl einmal Gelegenheit finden könne, unter dieſem Kram herumzuſtöbern, wenngleich, wie er mit der vollendetſten Heuchelei hinzuſetzte, kaum anzunehmen ſei, daß ſich dort eine irgend nennens⸗ werthe Ausbeute werde machen laſſen. Sie waren am Ende des Corridors angelangt, wo ſie um die Ecke bogen und auf die Haupttreppe ſtießen, die von hier in das Erdgeſchoß führte. Dort hatte der Pater Gnardian ſeine Wohnung. Der Bruder ſchritt voraus durch einen ähnlichen Säulengang, der wie oben um den Hofraum herumlief, und blieb end⸗ lich vorj einer Thür, über welcher ein chlichtes höl⸗ zernes Crucifix angebracht war ſtehen. „Der Herr Doctor“ ſagte er,„dürfen ſchon etwas laut klopfen, Seine Gnaden hören nicht gut.“ Doctor Anſelmus wußte das bereits und begann denn auch, das Ohr gegen die Thür geneigt, dieſe mit gehöriger Energie zu bearbeiten. Sie brauchten nicht lange zu warten; ſchon beim zweiten Klopfen ward von innen die Aufforderung laut, einzutreten. Bevor Doctor Anſelmus auf die Thürklinke drücken konnte, faßte ihn Dora beim Arm. Verwundert ſchaute ihr Oheim ſie an. „Noch ein Wort“ ſagte ſie haſtig und mit halb⸗ 110 lauter Stimme.„Wirſt Du mir Heine wirklich nicht mehr ausliefern?“ „In des Teufels Namen“, rief Doctor Anſelmus ärgerlich und vollſtändig die Heiligkeit der Schwelle, auf der er ſtand, vergeſſend,„nein, nein!“ „Gut“ erwiderte jene mit der größten Ruhe von der Welt;„dann laß uns eintreten.“ Mit noch zorngeröthetem Antlitz trat Doctor An⸗ ſelmus in das Gemach des Pater Guardian ein; ſo⸗ gleich aber ſchmolz all ſeine Entrüſtung hin unter dem gewinnenden Eindruck, welchen die Erſcheinung des würdigen Geiſtlichen heute faſt noch mehr als bei den frühern Begegnungen auf ihn machte. Es war eine hohe, ſtattliche Geſtalt, von deren brei⸗ ten Schultern der braune rauhe Rock in weiten Fal⸗ ten bis auf die Sohlen niederfloß. Ein ſchneeweißer, ſorgfältig gekämmter Vollbart reichte bis zur Hälfte der Bruſt und den kahlen Scheitel bedeckte ein braunes Käppchen, unter dem noch einzelne Silberlocken hervor⸗ ſtrebten. Charakteriſtiſch war die ſcharf gebogene Naſe, über deren Wurzel die ſtarken Brauen dicht zuſammen⸗ ſtießen, ohne daß dadurch die Züge des Geſichtes etwas Strenges bekommen hätten. Das hinderten die ſchönen, lichtblauen Augen, die tief in der Höhlung lagen und einen überaus wohlwollenden, milden Ausdruck hatten. 111 Der Pater Guardian ſtreckte den Ankömmlingen beide Hände entgegen. „Seien Sie mir gegrüßt in meiner Einſamkeit“ rief er,„und“ ſetzte er gegen Doctor Anſelmus gewendet bei,„ſeien Sie überzeugt, daß ich ſtolz darauf bin, einen ſo verdienſtvollen Gelehrten und Schriftſteller in mei⸗ nem Hauſe beherbergen zu können.“ Doctor Anſelmus verbeugte ſich und erwiderte einige Worte des Dankes, die, obwohl ſehr laut geſprochen, der würdige Greis doch nicht vollkommen aufgefangen zu haben ſchien. Doch wie wenn er deren Sinn errathen habe, lächelte er gutmüthig, indem er wieder⸗ holend ſagte:„Ja, ja, es freut mich, Sie bei mir zu ſehen“ und lud dann die Beiden ein, mit ihm näher an das mit wildem Weinlaub umſponnene und hoch ge⸗ wölbte Fenſter zu treten, durch das ſich noch eine ſchwache Röthe der Abenddämmerung ſtahl. Am Fenſter befand ſich ein kleiner Antritt nebſt Rohrſtuhl und Tiſch, auf welch letzterem eine aufge⸗ ſchlagene Bibel vor einem Crucifix lag. Wie nun der Pater Guardian ſeinen beiden Gäſten zwei Stühle gegen den Vordergrund des Zimmers ge⸗ rückt und dann ſelbſt auf dem Stuhle am Fenſter Platz genommen hatte, machte die ganze Gruppe, um die noch das Zwielicht des Abends ſpielte, einen gar ſelt⸗ 112 ſamen Eindruck. Dora wenigſtens konnte ihre Blicke lange nicht von dem ſtattlichen Manne mit ſeinem weißen Barte wenden, der ſo eindringlich mit ihrem Oheim ſprach und deſſen Fragen Doctor Anſelmus ſelbſt mit ſolcher Ehrerbietung beantwortete; ja, wie ihr die Schön⸗ heit ſeines Profils, das ſich ſcharf von der Helle drau⸗ ßen abhob, ſo recht entgegentrat, und wie ſie den edlen Greis in einer Pauſe des Geſprächs ſinnend mit dem um den Leib laufenden Leinenſtrick ſpielen ſah, konnte auch ſie ſich eines leichten Anflugs von Ehrfurchts⸗ ſchauer nicht erwehren. Ihre Natur war aber nicht dazu angethan, daß ſie ſich einer derartigen Empfindung lange hingegeben hätte. Nur mit halbem Ohre hörte ſie, wie der Pater Guardian ihrem Oheim in der gefälligſten Weiſe die Erlaubniß ertheilte, das ganze Kloſter zu durchforſchen, ob vielleicht irgend etwas der Aufbewahrung Werthes aus alter Zeit noch in einem Winkel verſteckt und ver⸗ graben ſei; ſie hörte, wie er ihrem Oheim die unbe⸗ ſchränkte Benutzung der Kloſterbibliothek zuſagte, in welcher ſich namentlich manche auf die frühern Beſitzer des Schloſſes, deren Bilder vorhin auf Anſelmus einen ſo mächtigen Reiz ausgeübt hatten, bezügliche Urkun⸗ den finden ſollten. Alles dies vermochte ihre Auf⸗ merkſamkeit nur wenig zu feſſeln. Sie fand mehr 113 Gefallen daran, ein hinter dem Crucifix am Fenſter hängendes weibliches Portrait in altmodiſcher Tracht zu ſtudiren und mit den Zügen des vor ihr ſitzenden Greiſes zu vergleichen, und begann, nachdem ſie die Ueberzeugung gewonnen, daß es das Bild ſeiner Mutter ſei, dem der hochwürdige Pater Guardian dieſen Ehren⸗ platz eingeräumt, mit echt weiblicher Neugierde auch die übrigen Theile des Zimmers zu muſtern. Schade, daß ihre Neugierde ſo wenig Befriedigung fand: ein Schreib⸗ tiſch mit Tintenzeug, eine Schnupftabaksdoſe, Acten, ein hohes Geſtelle mit Büchern, ein Betſchemel, eine Kommode und ein offenes Aeolodikon, das eine ſtark abgenutzte Taſtatur zeigte, bildeten den ganzen Zier⸗ rath des Zimmers, an das ein kleiner Alkoven anzu⸗ ſtoßen ſchien. So wandte ſich Dora's Blick denn wie⸗ der gegen das hohe, außen mit Eiſenſtangen verſehene Fenſter, und ſie mußte ſich geſtehen, daß der ſchönſte Schmuck des Zimmers eben der Greis, der hochwür⸗ dige Pater Guardian ſelber ſei. Unendlich behaglich war es aber hier, mild und kühl wehte die Luft her⸗ ein, und wie ſie ſo ſicher im Dunkeln dem Pater Guardian gegenüber ſaß, kam all die tolle Laune wieder über ſie, mit der ſie ihren Oheim ſchon ſo oft zur Verzweiflung gebracht hatte. Sie ſah ſich indeſſen zum Schweigen verurtheilt, Helſchläger, Wunderliche Leute. I. 8 114 denn der Pater Guardian war ſo unmerklich in das Erzählen hineingekommen, wie ein Stein ins Rollen, und Doctor Anſelmus hörte um ſo lieber zu, als ein Zwiegeſpräch mit dem Greiſe, der ſtets genöthigt war, zwei⸗ und dreimal zu fragen, wirklich läſtig fiel. War es doch auch gar anmuthig, dem Manne zu lau⸗ ſchen, der aus ſeinem einfachen Leben als Weltgeiſt⸗ licher, von ſeinem Eintritt in das Kloſter, von ſeinem Wirken als deſſen Vorſtand ſo ſchlicht und doch ſo beredt, ſo beſcheiden und doch ſo zur Anerkennung zwingend zu erzählen wußte. „Wie lange gehören Euer Gnaden ſchon dem Orden an?“ fragte plötzlich Dora und verſetzte dadurch ihren Dheim, dem bei ihrem zurückhaltenden Schweigen ganz wohl geworden war, in nicht geringe Aufregung. „Wie ſagen Sie?“ entgegnete der Pater Guardian und hielt die linke Hand an das Ohr, um den Schall der Antwort vollkommen auffangen zu können. Dora wiederholte ihre Frage diesmal faſt ſchreiend und raunte dann ihrem Oheim lächelnd zu: „Ich wollte nur ſehen, wie weit die Taubheit des alten Herrn geht.“ Dieſer ſchien ſie trotzdem noch nicht genau verſtan⸗ den zu haben, denn er ſagte: „Ich bin nun ſchon im fünfzehnten Jahre deſſen 115 Vorſtand.“ Er meinte damit natürlich ſein kleines Kloſter. „Gern hätte ich mein Amt ſchon auf jüngere Schultern übertragen, aber trotz meines Leidens hat mich das Ver⸗ trauen meiner Vorgeſetzten und die Liebe meiner Un⸗ tergebenen immer wieder darin feſtgehalten. Es ſcheint Ihnen wohl räthſelhaft, wie man in ſolcher Abgeſchie⸗ denheit von der Welt zu leben vermag; in der That, ich bewundere Sie ſchon darum, daß Sie ſich ent⸗ ſchließen konnten, Ihrem Oheim, wenn auch nur auf kurze Zeit, in dieſe Einſiedelei zu folgen. Ihr Oheim ſagte mir vorgeſtern, daß Sie Student ſeien, nicht wahr?“ Dora nickte mit dem Kopfe. „Sie ſehen noch ſehr jung aus. Wie heißen Sie?“ „Dora“ entgegnete die Gefragte feſt, doch mit halb⸗ lauter Stimme. Sie wußte wohl, daß der Greis ſie nicht verſtehen werde, und hatte es nur auf ihren Oheim abgeſehen, dem im nämlichen Moment alle Röthe aus dem Geſichte wich, ſodaß er vor Schrecken blaß wie eine Leiche daſaß. Richtig, der Pater Guardian wiederholte ſeine Frage. „Theodor“ antwortete Dora diesmal ſehr laut und ein triumphirender Blick blitzte zu Doctor Anſelmus hinüber, der nun ganz vor innerem Zorne erbebte; denn jetzt wußte er, woran er war. 8* 116 „Sie haben“ fragte der Geiſtliche weiter,„die Stadt wohl mit ſchwerem Herzen verlaſſen?“ „Ich nicht, Hochwürden, nein, ich nicht; aber meine Schweſter, die uns begleitet hatte, bedauerte, ſich von uns trennen zu müſſen.“ Während Dora dieſe Unwahrheit ſagte, die, an und für ſich ungefährlich, nur berechnet war, ihren Oheim in Harniſch zu bringen und aus einer Angſt in die andere zu jagen, hing ihr Blick feſt an dem Geiſtlichen, und ſie hütete ſich wohl, zu Doctor Anſelmus hinüber zu ſehen, deſſen zornſprühendes Auge ſie ſtechend auf ſich gerichtet empfand. Und der Arme mußte ſchweigen! „Sie haben eine Schweſter?“fragte der Pater Guardian. „Zu dienen, Hochwürden, etwas jünger als ich. Wir ſehen uns beide ſo ähnlich, daß ich glaube, man würde mich, in einen Weiberrock geſteckt, kaum von ihr zu unterſcheiden wiſſen.“ Diesmal konnte Doctor Anſelmus nicht mehr an ſich halten, und ein mächtiger Fußtritt, zu dem er ſich hinreißen ließ, traf den Stuhl Dora's. Der Pater Guardian aber ſagte: „Solche Aehnlichkeiten ſind nicht ſelten, wenn auf der einen oder andern Seite noch nicht der Höhepunkt der Entwicklung erreicht iſt.“ Bei dieſen Worten beugte er ſich gegen das Fenſter, um eine Weinlaubranke, 117 die ihren Weg direct in das Fenſter nehmen zu wollen ſchien, wieder am Gitter zu befeſtigen. Dieſen Moment benutzte Dora. Willſt Du mir meinen Heine wiedergeben?“ rief ſie ihrem Oheim haſtig zu. „Was?“ fragte der entgegen, außer Faſſung über dieſe unerwartete Apoſtrophe. Willſt Du?“ wiederholte Dora eilig, ohne ſich auf eine weitere Wiederholung einzulaſſen.„Ja oder neinl“ Nun war dem gequälten Doctor die ganze Bosheit ſeiner Nichte klar. Darauf alſo war es, abgeſehen! Was wollte er thun? In dieſem Augenblick hätte er ſeines Bruders! Tochter wohl in den tiefſten Ab⸗ grund der Erde wünſchen können. Aber: Willſt Du?“ flog es wieder zu ihm herüber. „Ja“, preßte er mühſam hervor. „Dein Wort?“ Dora hatte das Spiel gewonnen. Mit der größten Ruhe und Zufriedenheit lächelte ſie ihrem Oheim zu, der ſeine Fauſt ohnmächtig ballte und mit ſeinem Blick ſie vernichten zu wollen ſchien. Was half es? Dora hatte das Spiel gewonnen. Es war für ſie die höchſte Zeit geweſen, denn der Pater Guardian wandte ſich wieder zu ihr und ſagte: 118 „Sie werden hier einen jungen Novizen finden, der ebenfalls die Univerſität beſucht hat und erſt ſeit wenigen Monden bei uns weilt. Sie werden ſich zu dem jungen Manne hingezogen fühlen. Ich hoffe ihn zu einem tüchtigen Prieſter heranreifen zu ſehen.“ Nach dieſen Worten erhob er ſich und lud ſeine beiden Gäſte ein, ihm in den Garten zu folgen, der jenſeits des Weihers rückwärts an das Kloſter ſtieß. „Dort“ ſagte er,„pflegen wir die Abende zu ver⸗ bringen und meine Brüder lieben es wohl auch, mit einem unſchuldigen Kegelſpiel ſich die Zeit zu ver⸗ treiben. Wollen Sie mir folgen? Die Herren ſind eingeladen.“ Dora, durch ihre bisherigen Erfolge muthig ge⸗ macht, ergriff ſogleich das Wort, um für ſich wenigſtens zu danken und um die Erlaubniß zu bitten, den Abend anf ihrem Zimmer zubringen zu dürfen. Sie ſei müde und von der Fahrt angegriffen; ihren Oheim jedoch bat ſie, ſich dadurch nicht abhalten zu laſſen. Er liebe ja, fügte ſie mit einem Blick voll ſchelmiſcher, über⸗ müthiger Bosheit bei, ſo ſehr ein Spiel auf der Kegel⸗ bahn, er möge ſich alſo ihrethalben das Vergnügen nicht verſagen. Doctor Anſelmus war wie aus den Wolken gefallen. Er erfuhr, daß er für die Kegelbahn ſchwärme, und 119 hatte nie in ſeinem Leben eine Kugel angerührt. Im Gegentheil, ſo ziemlich alle körperlichen Bewegungen waren ihm in den Tod zuwider, um wie viel mehr das Kegeln, das Rücken, Kniee und Arme zu gleicher Zeit in die angeſtrengteſte Thätigkeit verſetzt. Da jedoch der Pater Guardian ſich gleichfalls den Ausführungen Dora's anſchloß, ſo blieb ihm nichts übrig, als willenlos wieder ja zu ſagen, und obwohl noch gerädert durch die Fahrt, ermüdet durch die vielen neuen Eindrücke, angegriffen durch die eben beſtandene Aufregung, folgte er dem Geiſtlichen in den Garten, wo ihm die Ausſicht blühte, ſeinen ohnehin ſchon mal⸗ trätirten Körper nun noch einige Stunden durch ein unfreiwilliges Vergnügen auf der Kegelbahn weiter zu malträtiren. Dora aber, im äußerſten Glücke über Alles, was ſie heute ſchon mit Leichtſinn und Bosheit durchgeſetzt hatte, flog die Stiege hinauf in ihr Zimmer, wo ſie vergnügt noch eine Zeit lang zum offenen Fenſter in die Abendlandſchaft hinausſah, ſich dann und wann in neckiſchem Geſpräch mit dem Laienbruder Erdmann, der noch geſchäftig im Hofe umherwirthſchaftete, unter⸗ haltend. Lange trieb indeß auch ſie es nicht mehr und bald ſuchte ſie, von der Müdigkeit überwältigt, ihr Lager, 120 ſich einem ſo feſten Schlummer hingebend, daß ſie nicht einmal ihren heimkehrenden Oheim vernahm.“ Als ſie am nächſten Morgen ziemlich ſpät erwachte, fand ſie Heine's Buch der Lieder bereits auf dem Fenſter⸗ bret bei den andern Büchern liegen und traf, nachdem ſie ſich angekleidet hatte, Doctor Anſelmus ſchon in voller Thätigkeit an ſeinem mit dem Ziegelſtein ge⸗ ſchmückten Schreibtiſch. Dora glaubte ihn wegen ihres geſtrigen Benehmens erſt verſöhnen zu müſſen; er winkte aber ängſtlich, ihn nicht in ſeiner Beſchäftigung zu ſtören— ein Be⸗ weis, daß er mit guter Laune aufgeſtanden war— und ſo zog ſie ſich denn alsbald mit dem Reſte des Frühſtücks, das ſie auf einem Seitentiſchchen fand, wieder in ihr Zimmer zurück. Sie bewunderte die Ausdauer, mit welcher ihr Dheim arbeitete; denn als er ſich von dem Tiſche erhob, an dem er raſtlos geſchrieben, hatte bereits die Mittags⸗ ſtunde geſchlagen. Strahlend von Glück trat er zu Dora. „Hier läßt es ſich arbeiten!“ rief er.„Sieh nur dieſe Schönheit der Natur! Dieſe Ruhe, dieſe Stille! Und wie ſehr iſt die ganze Umgebung, das Kloſter mit ſeinem Garten, mit ſeiner Kirche, mit ſeinen Mönchen und vor allem mit die ſer würdigen Erſcheinung des 121 Pater Guardian dazu angethan, mich in meiner Arbeit zu fördern!“ Dora empfing das Manuſcript, das ſie der Ver⸗ abredung gemäß im Laufe des Nachmittags abſchrei⸗ ben ſollte. Denn dieſen ſelbſt wollte Doctor Anſelmus zu einer wiſſenſchaftlichen Erpedition nach der Rumpel⸗ tammer benutzen, deren geheimnißvolle Schätze zu heben er kaum erwarten konnte. Sechstes Kapitel. Das Mittagsmahl verging unter ſpärlicher Unter⸗ haltung. Dora hütete ſich, die Erinnerungen an den geſtrigen Abend aufzufriſchen, und Doctor Anſelmus begnügte ſich zu erwähnen, daß der Pater Guardian ihm die liebenswürdige Verſicherung gegeben habe, wie er ſammt Dora durchaus nicht an die Ordnung des Kloſters gebunden und darum auch in der Lage ſei, auf ſeinem Zimmer eſſen, leben und ſterben zu können, wie und wann er wolle. Dann eilte er, ſelbſt das gewohnte Mittagsſchläfchen entbehrend, ſchnurſtracks den Bruder aufzuſuchen, der ihn in das dunkle Reich der Bodenkammer einführen ſollte. Nach einigen Stunden erſt, die Dora benutzt hatte, das in der That oft räthſelhafte Manuſeript ihres Oheims mit ſtaunenswerthem Fleiß zu entziffern und in eine lesbare, zierliche Currentſchrift zu übertragen kam Doctor Anſelmus zurück, keuchend, athemlos, glü⸗ hend, beſchmuzt von oben bis unten mit Staub, Kalk, Spinneweben, die Haare ungeordnet und jzerrauft, aber triumphirend über die Laſt, unter der er ſich bog und die er der Rumpelkammer glücklich abgejagt hatte. Ein Höllenlärm an der äußern Thür hatte Dora von ihrer Arbeit aufgeſchreckt, ſie eilte zu öffnen, und ſiehe, es war eben Doctor Anſelmus, der vermittelſt eines Bündels von alten, roſtigen Hellebarden, die er über der Schulter trug und mit beiden Armen um⸗ klammert hielt, ſo polternd Einlaß begehrt hatte. Dora ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen. „Wie ſiehſt Du aus, Onkelchen! Trief ſie.„Wie ſiehſt Du aus!“ „Nimm hier das Bret“, entgegnete dieſer,„ſchnell) Ich muß es ſonſt fallen laſſen.“ Und nun erſt gewahrte ſie, daß ihr Oheim unter dem einen Arm eingeklemmt mühſam ein altes Schach⸗ bret trug. Raſch befreite ſie ihn von der hinderlichen Laſt, brach aber in helles Gelächter aus, als ſie nun auch den Laienbruder gravitätiſch ſchreitend eintreten ſah. Denn dieſer hatte eine buntfarbige Tapete nach Art der Prieſter beim Meſſeleſen umgeſchlagen und 124 hielt ſie vergnügt lächelnd vorn über der Bruſt zu⸗ ſammen, daß die in die Tapete eingewebten Figuren ihm quer über den Leib liefen. „Das ſind Gobelins!“ bemerkte Doctor Anſelmus wichtig, nachdem er ſeine Hellebarden in eine Ecke ge⸗ lehnt hatte;„ſehr gut erhaltene Gobelins, und wenn wir erſt den Staub und Schmuz entfernt haben, wirſt Du ſtaunen über die Farbenglut, die ſich darunter erhalten hat. Sieh nur jetzt ſchon, welche Pracht!“ Damit nahm er vorſichtig dem Frater die Tapete vom Rücken und bat dieſen, das eine Ende zu faſſen, während er ſelbſt ausgebreitet das andere hielt. Seiner Nichte wies er den Platz an, von dem aus ſie die Herrlichkeit in ihrer ganzen Vollkommenheit ſehen könne, und begann ſodann das Meiſterwerk zu erklären. Auf grünem Grunde waren die lebensgroßen Fi⸗ guren der Mitglieder der freiherrlichen Wellrodt'ſchen Familie, welcher das Schloß ehedem gehört hatte, mit der Jahreszahl 1561, eingewebt. Es war der alte Freiherr mit fünf Söhnen, über deren jedem m das Alter zu leſen war. Auch der Diener war nicht vergeſſen und ſtand mit dem Bute in der Hand hinter dem jüngſten Sproſſen des Wellrodt'ſchen Stamms, drüber die Worte:„Michel Vetterer, aller Wellrodt Diener.“ 125 „Der Umſtand“ ſagte Doctor Anſelmus tiefſinnig, „daß die Tapete auch das Bildniß des Dieners trägt, geſtattet uns den Schluß zu machen, daß in der Fa⸗ milie derer von Wellrodt ein wahrhaft redlicher Sinn waltete, wohlwollend und jeden Hochmuths bar. O Michel Vetterer, treue Seele, ſo biſt du es, der heute noch zeugen muß für den wahrhaft adligen Sinn derer, die einſt deine Herren waren und nun ſelbſt längſt gleich dir zu Staub und Aſche geworden find.“ Bei dieſen Worten ſchlug er heiter mit der flachen Hand gegen die Tapete, um das Antlitz des Michel Vetterer völlig vom Staub zu befreien. Eine Wolke flog auf und zugleich fiel von der Tapete eine mächtige Spinne herunter auf den Boden, um eilfertig ihren Weg in der Richtung gegen Dora zu nehmen. Dieſe ſchrie erſchrocken auf, der wackere Frater Erdmann aber hatte mit einem einzigen Schritt das Ungethüm eingeholt und mit der breiten Sohle ſeines Stiefels zermalmend zugedeckt. „Das thut nichts, Herr Theodor“ ſagte er mit ſeinem ſtereotypen Lächeln und trat dann wieder in ſeine vorige Stellung zurück, die Tapete unbeweglich in die Höhe haltend. Dora aber hatte die Luſt zum Sehen vollſtändig vetloren; ſie bat, dieſes Alterthumsſtück, deſſen Kunſt⸗ 126 werth ſie durchaus nicht unterſchätze, das ſich jedoch für den Augenblick nur als ein Brutneſt für Staub und Schmuz, Spinnen und Motten darſtelle, erſt einer ein⸗ gehenden Säuberung zu unterwerfen; dann ſei ſie mit Vergnügen bereit, wiederholte und noch viel genauere Einſicht davon zu nehmen. Doctor Anſelmns murmelte etwas von Unverſtand und rollte ſodann die Tapete ſorgfältig zuſammen. Schon am nächſten Tage, erklärte er ſolle ſie gereinigt werden, und er gedenke ſofort eine Abhandlung darüber an die Redaction der kunſt⸗ äſthetiſch⸗ kritiſch⸗ hiſto⸗ riſchen Zeitſchrift des Landes einzuſenden. „Auch über die Hellebarden hier“, fuhr er fort, „ließe ſich einiges nicht ganz Unbedeutendes ſchreiben. Indeſſen iſt ſchon ſo viel füber derlei Dinge veröffent⸗ licht worden, daß ich mich nicht weiter damit befaſſen will. Vielleicht mache ich gelegentlich einem jungen Archäologen in der Hauptſtadt davon Mittheilung, dem ich es dann gern gönne, wenn er ſich ſeine Ritter⸗ ſporen daran verdienen will. Gereinigt mögen die Waffen indeſſen immerhin werden. Hier aber“ ſagte Doctor Anſelmus wichtig und fuhr ſich in die beiden hochaufgebauſchten Hoſentaſchen,„hier habe ich das Be⸗ deutendſte von Allem, einen Fund, wie er ſeit den letzten zwei Decennien nicht mehr gemacht worden iſt. Meine 127 Mittheilung hierüber wird die ganze kunſthiſtoriſche Welt in Aufregung ſetzen; das Verdienſt, das ich mir durch Beſchreibung, Abbildung und Veröffentlichung, überhaupt durch das bloße Finden ſchon erwerbe, wird meine akademiſchen Gegner, dieſe hämiſchen, gallſüch⸗ tigen Profeſſoren, dieſe Kunſt⸗ und Alterthumsforſcher ex professo, grün und gelb vor Neid machen. Der heutige Tag iſt der glücklichſte, er iſt jedenfalls der entſcheidendſte meines Lebens. Denn von heute an kann ſich die Akademie der Wiſſenſchaft unmöglich mehr der Pflicht entziehen, mich zu ihrem ordentlichen Mit⸗ gliede zu ernennen, eine Ehre, auf die ich perſönlich durchaus keinen Werth lege, die man aber des großen, unwiſſenden, nur auf Aeußerlichkeiten gehenden Haufens wegen annehmen muß, wenn man gelten will; ja, noch mehr, jetzt wird, wenn ſie meine ſchrifſtelleriſchen Ver⸗ dienſte und Beſtrebungen nach Recht und Gerechtigkeit lohnen will, ſelbſt die Univerſität, ſelbſt die Hochſchule nicht mehr umhin können, mir einen Lehrſtuhl anzu⸗ bieten. Ich weiß nicht, ob ich ihn annehme. Ich glaube kaum. Aber das Anerbieten wird mir gemacht werden müſſen, und welche Wonne, welcher Genuß wird es mir ſein, die Ehre dankend ablehnen, refüſiren zu kön⸗ nen. Man wird—“ „Aber, Onkelchen“, unterbrach Dora neugierig den 1 — ———— ——————— 128 Redeſtrom ihres begeiſterten Oheims,„ſo laß doch nur ſehen, was Du gefunden haſt.“ „Richtig“ entgegnete Doctor Anſelmus,„das hätte ich ſchier vergeſſen. Du wirſt mir indeß meine Auf⸗ regung nachſehen, Du wirſt ſie begreiflich finden und mit mir theilen, ſobald Du in Erfahrung gebracht haſt, um was es ſich handelt. Doch, edler frater converse, ich habe Euch ſchon lange genug aufgehalten und Eure Zeit faſt zu unbeſcheiden in Anſpruch genommen, nehmt meinen Dank einſtweilen und habt die Güte, Seiner Gnaden dem Pater Guardian zu ſagen, daß ich ihn heute Abend im Garten zu ſehen hoffe. Und nun, laßt Euch nicht länger aufhalten und geht.“ „Du haſt ja den wackern Bruder förmlich fortge⸗ ſchickt“ ſagte Dora, nachdem jener ſich gehorſam ent⸗ fernt hatte. „Ich habe ihn nicht zum Zeugen meiner Mitthei⸗ lungen an Dich haben wollen, und nun ſieh.“ Doctor Anſelmus zog aus ſeinen beiden Taſchen eine ganze Menge kleiner, roh zugeſchnitzter Holzklötz⸗ chen, braun und ſchmuzig, und legte ſie triumphirend auf den Tiſch. „Nun?“ fragte Dora, die prüfend eins um das an⸗ dere in die Hand nahm. „Bemerkſt Du nichts?“ 129 „Nichts Abſonderliches. Das ſind rund oder vier⸗ eckig zugeſchnitzte Holzſtückchen.“ „Ganz recht. Weiter!“ „Nach den Einſchnitten oder Erhöhungen, die ſie an ſich tragen, ſcheinen ſie einem beſondern Zweck ge⸗ dient zu haben.“ „Gut! Weiter!“ „Sie verrathen auch Spuren von Farbe.“ „Allerdings; der untere Theil dieſer Holzſtückchen, wie Du ſagſt, ſcheint bei der einen Hälfte durchgängig ſchwarz, bei der andern roth angeſtrichen geweſen zu ſein. Wenigſtens deuten einige Reſte darauf hin.“ „Einige Abzeichen oder Merkmale“ ſagte Dora wieder,„ſcheinen ſich zu wiederholen.“ „Ganz richtig.“ „Je länger ich die Hölzer betrachte, deſto mehr ge⸗ winne ich die Ueberzeugung, daß ſie, wie geſagt, nach einem beſtimmten Plan in dieſer Weiſe bearbeitet worden ſind.“ „Siehſt Du, ſiehſt Du“, triumphirte Doctor Anſel⸗ mus,„Du kommſt ſchon darauf.“ „Ich verſichere Dir“, gab Dora zur Antwort,„ich komme noch gar nicht darauf. Ich kann mir durchaus nicht vorſtellen, daß dieſe Holzklötzchen je einen Werth gehabt haben ſollten.“ Helſchläger, Wunderliche Leute. 1. 9 3 — 130 „Nicht?“ ſagte ihr Oheim traurig.„Nun, ſo ſieh einmal her, was iſt das?“ Damit deutete er auf das Schachbret, das ihm Dora vorhin abgenommen hatte. „Ein Schachbret.“ „Freilich, freilich! Das iſt ein Schachbret! Und das ſagſt Du ſo trocken! Ahnſt Du denn nichts?“ „Nicht das Geringſte.“ „Dann paß auf! Dies alſo iſt, wie Du mir zugibſt, ein Schachbret?“ „Gewiß, was ſonſt „Und dieſe Holzklötzchen hier ſind? Erräthſt Du es noch nicht?“ „Mein Gott“, rief Dora und lachte aus vollem Halſe,„das ſollen doch nicht gar am Ende Schach⸗ figuren ſein?“ „Das ſind Schachfiguren“, verwies Doctor Anſel⸗ mus ſeine Nichte ſtreng,„und zwar von großem, ich kann ſagen, von unſchätzbarem Werthe.“ „Du ſcherzeſt, Onkelchen. Solche Schachfiguren könnte ich beſſer machen.“ „Was heißt das“ brauſte Doctor Anſelmus auf, „ſolche Schachfiguren könnteſt Du beſſer machen? Frei⸗ lich könnteſt Du das, und es wäre eine Schande für Dich, wenn Du es nicht könnteſt. Mißt man denn 2 131 aber den Werth eines aus alter Zeit überlieferten Gegenſtandes darnach, ob wir ihn heutzutage beſſer und ſchöner herzuſtellen verſtehen oder nicht? Und dieſe Schachfiguren ſind aus ſehr alter Zeit.“ „Iſt das Dein Ernſt? Am Ende gar aus der Zeit der Pfahlbauten?“ „Pfahlbauten“, entgegnete der Verſpottete trocken, „kommen bis jetzt nur im Waſſer vor, werden auch wohl ſonſt nirgends vorkommen. Uebrigens ſollte ein Maler ſein Bild nur einem Kunſtverſtändigen zeigen, ein Muſiker nur vor einem muſikaliſch Gebildeten ſpielen, ein Poet ſein Gedicht nur einem Mitfühlenden vor⸗ leſen, ein Alterthumsforſcher den Anblick ſeiner Schätze nur wieder Kunſtkennern gönnen. Du ahnſt nicht, wie weh es unſereinem thut, von— ich muß es offen herausſagen— von Unwiſſenheit und Unbildung igno⸗ rirt zu werden.“ „Verzeihe, wenn ich Dir wehe gethan habe“ ſagte Dora.„Das konnte natürlich meine Abſicht nicht ſein, und Du ſelbſt weißt ja am beſten, wie weit ich Dir zu folgen im Stande bin und wo nicht mehr. Du ſiehſt, dieſen alten Schachfiguren gegenüber bin ich bereits im letztern Falle. Ach, ich muß es geſtehen, es iſt auch für unſereins ſehr traurig, wenn man ſo gar wenig weiß.“ 9. 132 Dem Doctor Anſelmus ſchien die Jronie der letz⸗ tern Worte entgangen zu ſein. „Ich bin mit Vergnügen bereit“, ſagte er,„Dir in dieſer Beziehung unter die Arme zu greifen.“ „Wahrhaftig? Ich fühle mich Dir verpflichtet.“ „Das Schachſpiel“ begann Doctor Anſelmus, der Dora's letzte Rede vermuthlich gern als verſteckte Auf⸗ forderung zum Reden nahm,„iſt— Du weißt, ich ſelbſt ſpiele es erträglich— das beſte Spiel, das wir haben. Es iſt unterhaltend, anregend, anſtrengend, geiſtreich, es zeichnet ſich in dieſer Beziehung vortheil⸗ haft vor allen andern Spielen aus, die nur erfunden zu ſein ſcheinen, auf eine mehr oder minder anſtändige Weiſe die Zeit todtzuſchlagen. Es hat mich nun immer ſchon verdroſſen, daß wir Deutſche dieſes ſchönſte, ele⸗ ganteſte und geiſtreichſte aller Spiele wieder einmal von fremden Völkern ſollten überkommen haben. Du weißt, man hat es verſtanden, uns jetzt ſchon ſo ziem⸗ lich alle unſere Erfindungen ſtreitig zu machen, mit Ausnahme der des Bieres; dieſe gönnt man uns, ſie iſt uns unbeſtritten. 1 Was ſonſt deutſcher Geiſt ſchon erſtrebt, erſonnen und erdacht, immer ſuchten fremde Völker ſich das Recht der Erfindung anzumaßen. Wir ließen es meiſt geduldig geſchehen. Sollte nun nicht auch einmal der 133 umgekehrte Fall möglich und denkbar ſein? Ich meine ſollte nicht auch einmal dasjenige, was wir von andern Völkern in unſerer unendlichen Beſcheidenheit ange⸗ nommen und erworben zu haben glauben, nicht am Ende doch ſchon früher bei uns oder doch wenigſtens gleich⸗ zeitig bei uns entſtanden ſein können? Das Schachſpiel ſoll im ſechsten Jahrhundert aus Indien nach Perſien gekommen ſein. Von hier ſoll es namentlich durch die Kreuzzüge, alſo im zwölften und dreizehnten Jahrhundert, zu uns ſeine Verbreitung gefunden haben. Die Chineſen wollen es ſogar ſchon zweihundert Jahre vor unſerer Zeitrechnung gekannt haben. Dieſe Chi⸗ neſen! Doch natürlich, von ihnen darf uns eine ſolche Unverſchämtheit noch am wenigſten Wunder nehmen. Wollen ſie nicht auch das Pulver ſchon vor uns ge⸗ kannt haben? Ich ſage Dir aber, ſie haben das Pulver nicht erfunden, ſo wenig wir beide es erfunden haben, Du oder ich.“ „Bitte rechtſſehr“, meinte Dora lächelnd, und Doctor Anſelmus machte Athem holend eine längere Pauſſe⸗ „Ich muß mich kurz faſſen“ fuhr er dann fort „und will Dir alſo nur flüchtig das Reſultat eines ſeit vielen Jahren fortgeſetzten ernſten Nachdenkens über dieſen Punkt geben. Es iſt mir immer aufge⸗ fallen, daß gerade ein Deutſcher einer der erſten oder 134 vielleicht überhaupt der erſte war, der über das Schach⸗ ſpiel geſchrieben hat; es war noch dazu ein Fürſt, der Herzog Auguſt von Braunſchweig, der berühmteſte Schachſpieler ſeiner Zeit. Nicht minder bemerkenswerth iſt, daß, wie wir Deutſche denn überhaupt, was wir treiben, gründlich treiben, ſich allein im Laufe der letzten drei Jahrhunderte ein ganzes Dorf durch ſeine emi⸗ nente Begabung im Schachſpielen ausgezeichnet hat. Es ſind dies die Bewohner des Dorfes Ströbeck bei Halberſtadt. Dieſe Thatſache beweiſt doch gewiß, daß die Begabung für dieſes herrliche Spiel eine echt deutſche iſt. Noch mehr, bei den Deutſchen allein heißt die Figur, die dem Könige zunächſt im Range ſteht, Kö⸗ nigin. Sie hieß und heißt beiſpielsweiſe im Morgen⸗ lande Vezier. Und iſt dies nicht ein echt deutſcher Zug, daß wir die Figur, die thatſächlich den meiſten Spielraum, die meiſte Gewalt hat, nach der Königin, nach dem Weibe benennen, deſſen Verehrung bei uns eine ſprichwörtliche geworden iſt? Man könnte ein⸗ wenden, daß wir Deutſche eben erſt eine andere Be⸗ nennung für die Figur des Veziers angenommen haben. Ich ſage aber dreimal nein; denn dann wieder wäre es allein deutſch geweſen, gerade den fremden Namen beizubehalten und ſich ſtrengſtens vor der Anwendung eines neuen nationalen, eines deutſchen zu hüten.“ 135 Doctor Anſelmus ſchwieg, er ſah ſeine Nichte mit blitzenden Augen an, wie um den Eindruck zu beob⸗ achten, den ſeine Sätze auf ſie gemacht hätten. „Und der Schluß, zu dem Du nun kommſt?“ fragte dieſe. „Der Schluß, zu dem ich nun kam, iſt ein ſehr ein⸗ facher. Wie ich Dir ſagte, es war lange, lange eine Lieblingsidee von mir geweſen, die Erfindung des Schachſpiels für unſer deutſches Volk in Anſpruch nehmen zu dürfen. In den Freiſtunden, die mir meine ſonſtige ſchriftſtelleriſche Thätigkeit ließ, beſchäftigte ich 6 mich mit keinem andern Gedanken mehr. Aber alle die Gründe, die ich für meinen faſt zur fixen Idee gewordenen Lieblingsplan aufzufinden vermochte, waren lediglich theoretiſcher Natur, und wenn ſie auch mich zu überzeugen vermochten, ſo ſah ich doch ein, daß ich, um das deutſche Volk zu überzeugen, das in ſolchen Dingen mit der Ehrlichkeit eines Dummkopfs vorzu⸗ gehen pflegt, noch jeiner thatſächlichern Grundlage be⸗ dürfte. Wo aber dieſe finden? So ſchlug ich mir denn dieſen Gedanken nach und nach aus dem Kopfe, wenn auch ungern, und habe mich gewiß ſeit zehn bis zwölf Jahren nicht im geringſten mehr damit beſchäftigt.“ Doctor Anſelmus machte wieder eine Pauſe und blickte tiefbewegt auf den Boden. 136 „Heute nun“ nahm er ſeine Rede wieder auf, „ollte ich durch den einfachſten Zufall von der Welt— nein, nein“ rief er und ſprang erregt von dem Stuhle auf—„heute war es mir beſtimmt, dem ſo lange mit der bewundernswertheſten Ausdauer verfolgten und dann doch in unverzeihlicher Muthloſigkeit aufgegebenen Ziele ganz nahe zu kommen, ja, ich hoffe, es zu er⸗ reichen. Ich hatte mir oft geſagt, daß es eigentlich nur darauf ankomme, ein Schachſpiel aufzufinden, deſſen Urſprung und Entſtehung mit Sicherheit bis auf die Zeit vor den Kreuzzügen zurückgeführt werden könne. Damit war ſchon viel gewonnen; denn damit war nachgewieſen, daß wir die Kenntniß des Spiels über⸗ haupt nicht den heimkehrenden Kreuzfahrern verdankten, daß dieſe Kunſt vielmehr, gleichviel, ob nun ſpäter oder ob gleichzeitig mit fremden Völkern, jedenfalls ſelbſt⸗ ſtändig auf deutſchem Boden erdacht und erſonnen worden ſei. Welcher Gewinn! Mögen wir immerhin die Ehre der Erfindung mit einem andern Stamme theilen müſſen— und wie manchmal kam es vor, daß ein welterſchütternder Gedanke gleichzeitig von zwei großen Männern an verſchiedenen Orten zuerſt gedacht wurde— wenn wir nur nachweiſen können, daß wir nicht von Andern erſt ſie überkommen haben! 137 Wie aber ein ſolches Schachſpiel finden? Es iſt begreiflich, daß man nicht eine Reiſe nach einem Ding machen kann, von dem man nicht einmal weiß, ob es überhaupt exiſtirt. Man muß dergleichen leider dem Zufall überlaſſen; man iſt gezwungen, man iſt ver⸗ dammt dazu. Heute nun— heute— laß Dir ruhig erzählen, wie ich zu dieſem Schachſpiele kam. Mit Noth und Mühe hatte ich mich, geführt von unſerm ehrlichen Frater, durch das wirre Sparren⸗ und Balkenwerk unter dem Dache gewunden, jeden Augenblick bereit, der heiligen Kunſt zu Liebe mir an irgend einem vorſtehenden Nagel ein Auge auszuſtoßen, als wir endlich die Kammer betraten. Wie ſah es hier aus? Zwei Ratten, die gemüthlich in der Mitte der Kammer Zwieſprache gehalten, ſprangen bei un⸗ ſerm Erſcheinen auseinander, eine erſchreckte Fleder⸗ maus flog im Winkel auf, und Alles, was wir ſahen, lag bunt untereinander, bedeckt mit Staub und Moder. Mit der Wonne aber, mit der ein geübter Schwimmer in die Fluten taucht, ſtürzte ich mich in das Chaos, holte die Schätze, die Du hier ſiehſt, Gobelins und Hellebarden jubelnd heraus und war eben im Begriff, die Kammer zu verlaſſen, als ich in einem dunkeln Winkel noch ein Bret ſtehen ſah, welches mir unter dem Staube, der es bedeckte, Schachfelder zu enthalten Spuren ja hier noch zu entdecken ſind und die allein 138 ſchien. Ich trete hinzu und finde, wie ich das Bret faſſe, unter demſelben zerſtreut auf dem Boden liegend die nun hier befindlichen Schachfiguren. Das iſt die einfache, ſchmuckloſe Geſchichte meines hochwichtigen Fundes. Aber, höre ich die Univerſitätspro⸗ feſſoren im Chor ſchreien, das iſt nur ein Zufall, das iſt kein Verdienſt von dir! Allerdings, werde ich ruhig antworten, es iſt nur ein Zufall, warum aber war der Zufall euch nicht günſtig? Warum ließ er gerade euch nicht, die ihre hochweiſen Naſen ſonſt in alle Winkel ſtecken und deren eminentem Spürſinn auf eine einfache Bitte hin ſich alle königlichen Schlöſſer und Kunſtkammern öffnen, warum ließ er gerade euch nicht dieſe Ueberreſte einer alten, einfachen Kunſt, dieſe ehr⸗ würdigen Zeugen deutſchen Scharfſinns auffinden? Denn ſieh, Dora, es iſt kein Zweifel mehr, daß ich hier ein Schachſpiel aus dem neunten oder gar achten Jahr⸗ hundert vor mir habe. Betrachte nur dieſe rührende Einfachheit der Formen, die doch ſchon auf die Thätig⸗ keit einer wenn auch noch nicht zum Bewußtſein ihrer ſelbſt gelangten Phantaſie deutet; betrachte dieſe Ein⸗ fachheit des Stoffs und deſſen ſchlichte, anſpruchsloſe Behandlung, die früher vielleicht allein durch eine ge⸗ lungene Anwendung der Farben gehoben war, deren 139 auch im Stande waren, dieſes Kunſtwerk vor den Ein⸗ flüſſen der Zeit zu ſchützen und bis auf unſere Tage zu erhalten. Noch ſind die Figuren in ihrer gegen⸗ ſeitigen Unterſcheidung nur wenig ausgebildet, die Merk⸗ male, welche heute den Springer vom Bauer, den Läufer vom Thurm unterſcheiden, ſind nur leiſe an⸗ gedeutet; aber der Gedanke, der ſchöpferiſche Gedanke iſt da, iſt gegeben, und wahrhaftig, ſtolz und ſchön hat er ſich durch die kommenden Geſchlechter fortentwickelt! Nur die Unwiſſenheit— nein, ſelbſt ſie wird ſich beu⸗ gen müſſen! Nur die Bosheit wird es nach alledem noch leugnen wollen, daß wir hier eins der erſten deutſchen Schachſpiele vor uns haben, ja es ſind vielleicht die erſten Figuren des genialen Erfinders, es ſind vielleicht die deutſchen Urſchachfiguren!“ Mit ſeligem Entzücken betrachtete Doctor Anſelmus ſeinen Fund. Dora, welche die Ausführungen ihres Oheims mit getheiltem Intereſſe angehört hatte, brach endlich das Schweigen und ſagte: „Wie mögen aber dieſe Figuren hinauf in die Dach⸗ 2 kammer gekommen ſein?“ „Du ſtellſt wahrhaftig unſchuldige Fragen, liebes Kind“, entgegnete ſpöttiſch Doctor Anſelmus.„Auf welche Weiſe die Familie Wellrodt in den Beſitz dieſer 140 Figuren kam, ob ſchenkweiſe oder durch Erbſchaft oder durch Zufall, das wird kaum mehr nachzuweiſen ſein; denn da das vorliegende Schachſpiel bis heute voll⸗ ſtändig verſchollen war, ſo iſt es nicht glaubwürdig, daß die Familie auch nur eine Ahnung hatte, welchen Schatz, welches Kleinod ſie in ihm beſitze. Unbeachtet, ungeſchätzt, allzu beſcheiden ſich neben den ſpäter und auf koſtbarere Weiſe entſtandenen ausnehmend, ward es denn zuletzt auf die Seite gelegt und ſchließlich in die Dachkammer verwieſen. Der Mühe werth muß es indeß jedenfalls ſcheinen, die Familienchronik derer von Wellrodt mit Fleiß durchzublättern, ob ſich nicht viel⸗ leicht doch eine oder die andere Notiz über die Figuren findet.“ „Und über dies Schachbret!“ meinte Dora. „Doch nicht“, entgegnete ihr Oheim, dieſes ge⸗ ringſchätzig hin und her wendend.„Das Bret hier iſt neu, es iſt kaum älter als fünfzig Jahre, vielleicht nicht einmal ſo alt. Aber die Figuren— Dora, ich bin heute der glücklichſte Menſch!“ Damit packte er die Schachfiguren zuſammen und verſchloß ſie in den Koffer, deſſen Schlüſſel er zu ſich ſteckte. Noch einmal hob er den Deckel, es fehlte nichts, der Riegel war eingeſchnappt. „So, und nun laß uns in den Garten gehen; es 141 iſt ſpät, die Väter werden uns erwarten. In ſolcher Aufregung, wie ich ſie ſeit Jahren nicht mehr empfand, würde ich doch zu arbeiten außer Stande ſein; ich glaube ſogar, die körperliche Bewegung auf der Kegel⸗ bahn wird mir wohl thun“ „Du glühſt ganz, Onkelchen“, ſagte Dora ängſtlich, „Du haſt Dich zu ſehr erregt.“ „Ohne Schaden, Kind; doch laß uns gehen, mir wird ſchier zu eng in dieſen Mauern.“ „Ich darf Dich begleiten?“ „Freilich“, ſagte Doctor Anſelmus, der nur noch an ſeine Schachfiguren zu denken und nur noch für dieſe beſorgt zu ſein ſchien.„Aber noch eins: ſchweige, verrathe durch keinen Blick mein Geheimniß. Von den Gobelins, von den Hellebarden kannſt Du plaudern; die Schachfiguren ſind vorerſt mein.“ „Wie Du willſt, Onkelchen“ ſagte Dora und warf wieder einen beſorgten Blick auf ihren Oheim, der nochmals an den Koffer zurückging und ſich nochmals davon überzeugte, daß er auch wirklich verſchloſſen ſei. Dann erſt verließ er das Gemach und ſtieg mit Dora die kleine Wendeltreppe hinab, die ſie tags zuvor heraufgekommen waren. Sie durchſchritten den innern Hof, über dem wieder die Abenddämmerung lag, und blieben vor dem Thore 142 ſtehen, das zur Haupttreppe führte und deſſen zierliches Säulenwerk die Bewunderung Dora's erregte. Ueber dem Thore entdeckte ſie zwei in Stein ge⸗ hauene Bruſtbilder, von denen das männliche den Bei⸗ ſatz: alt 49, das weibliche den Beiſat alt 44, führte. Unter den beiden Bruſtbildern ſtand ein Vers, den Dora, weil er ihr ſo ausnehmend gefiel, auch ihrem Oheim vorleſen mußte und der alſo lautete: Ehelich Lieb in Got Und Stete Trew Bringt Glück Und Segen An Alle Rew Mit Ernſt und Fleiß haben Wir Got Vertravd Den Unſern zu Guet dießs Haws gebaudt. Unter dem Vers ſtand die Jahreszahl 1564. „Dieſer Vers“, bemerkte Doctor Anſelmus im Weiter⸗ gehen,„kann nur auf einen Theil des Gebäudes Bezug haben; der Thurm, in welchem wir wohnen, iſt jeden⸗ falls älter.“ Sie überſchritten den Steg, der hinter dem Kloſter über den ungefähr zwanzig Fuß breiten Weiher führte, und kamen in den ſich in langer Ausdehnung hin⸗ ziehenden, von drei Seiten mit hoher Mauer umge⸗ benen Kloſtergarten, aus dem ſchon das dumpfe Rollen der Kugeln an ihr Ohr ſchlug. Siebentes Kapitel. Der Garten ſchien lediglich für den Nutzen be⸗ ſtimmt; nur die Seiten waren frei gelaſſen für breite, ſchattige Laubgänge, die in den Ecken zu einladenden Lauben zuſammenſtießen. Der ganze innere Raum war von Gemüſebeeten eingenommen, aus denen ſich auch in regelmäßigen Zwiſchenräumen fruchttragende Bäume erhoben. Der auf der rechten Seite des Gartens hinlaufende Laubgang war in eine Kegelbahn verwandelt worden. Zu ſeiner Beleuchtung diente nur eine über dem Kegel⸗ bret angebrachte Windlampe, eine andere brannte oben auf dem kleinen Tiſchchen, vor welchem ein Conven⸗ tuale mit Kreide und Schiefertafel ſaß, das Plus und 1 Minus jeder Partei auf das genaueſte zu verzeichnen. .—*— —— Im Hintergrunde ſtand eine längere Tafel, deren ſtei⸗ nerne inhaltſchwere Laſt den Beweis lieferte, daß die aus zehn bis zwölf Mönchen nebſt einigen Novizen beſtehende Geſellſchaft lebhaft das Bedürfniß empfand, den im Spiel ſich abmattenden Leib von Zeit zu Zeit zu erfriſchen; vorn gegen die Bahn zu ſaß der Pater Guardian behaglich in einem Lehnſtuhl, von dem aus er das ganze Spiel verfolgen konnte, ohne ſelbſt daran Theil zu nehmen. Es machte einen gar eigenthümlichen Eindruck, die Mönche hier in einer ſo weltlichen Beſchäftigung be⸗ griffen zu ſehen, und Dora mochte ſchier lachen, als ſie einen alten Pater mit grauem Bart und eine große Stahlbrille auf der leicht gerötheten Naſe hintreten, eine Kugel prüfend wägen, dann die lange Wollkutte zierlich in die Höhe ſchürzen, ſich bücken und endlich die Kugel hinauswerfen ſah. Ja, wie der Mönch dann unter der faltenreichen Kutte ſeine Beine herumwarf, ein bekanntlich bei leidenſchaftlichen Spielern ebenſo beliebter als unnützer Verſuch, der ſchon ziellos ſich verlaufenden Kugel noch eine richtige Wendung und Drehung zu geben, das war in der That poſſirlich anzuſehen. Es war Dora begreiflicherweiſe nichts weniger als unangenehm, daß die Beleuchtung eine ſo unzureichende 145 war; die bärtigen Geſtalten in ihren Kutten und Ka⸗ puzen bewegten ſich alle im Halbdunkel, zufrieden, das Ziel der Bahn in hellem Lichte vor ſich zu ſehen. Doctor Anſelmus hatte ſich bereits unter die Spie⸗ lenden gemiſcht, als Dora, die ſich ſchüchtern im Hinter⸗ grunde gehalten hatte, von dem Pater Guardian her⸗ beigerufen wurde. Mit wohlwollenden Worten erwi⸗ derte er ihren Gruß, dann wandte er ſich um und ſagte zu einem jungen Mönche, der hinter ſeinem Stuhle ſtand und den Dora in ihrer Verwirrung jetzt erſt bemerkte: „Das iſt unſer junger Gaſt, Heinrich, von dem ich mit Ihnen ſchon geſprochen. Ich werde Ihnen verpflichtet ſein, wenn Sie ſich ſeiner ein wenig annehmen wollen.“ Der junge Mönch verbeugte ſich leicht gegen ſeinen Vorgeſetzten, und Dora, die nun zu dem vom Pater Guardian ihr beſtimmten Mentor aufſah, erröthete bis tief in den Hals, als ſie die großen, glänzenden Augen des Novizen forſchend auf ſich gerichtet ſah. Wie ein Blitz ſchoß es ihr heiß ins Herz, und das fremde Gefühl einer plötzlichen jedoch nur einen Augen⸗ blick währenden tiefen Beklemmung ſchnürte ihr die Bruſt zuſammen. Es war in der That höchſt erwünſcht, daß dieſe Verlegenheit Dora's im Dunkel des Abends verborgen Oelſchläger, Wunderliche Leute. I. 10 bleiben konnte, und da ſie ſich ſchnell wieder zu be⸗ meiſtern verſtand, ſo war ſie bald mit dem Novizen in ein unbefangenes Geſpräch verwickelt. Da auch der Frater Heinrich ſich nicht am Spiele betheiligte, ſo waren beide an den Eingang der Laube getreten, und Dora lehnte ſich halb gegen das mit üppigem Weinlaub umzogene Geländer, ſodaß ſie, ſelbſt völlig im Dunkel, ihren neuen Freund, der außerhalb der Laube ſtand und auf deſſen ihr zugewandtes Ge⸗ ſicht der Strahl der Lampe beleuchtend fiel, ſich un⸗ geſtört betrachten konnte. Es läßt ſich nicht leugnen, daß ſie dieſer Beſchäf⸗ tigung mit Vergnügen oblag; denn es war eine feine, vornehme Phyſiognomie, die den künftigen Mönch vom Orden des heiligen Franciscus auszeichnete und die durch die ſteife, rauhe Wollkutte vielleicht nur gehoben wurde. Er ſprach erſt mit Zurückhaltung und wie beengt von einer Laſt, deren er ſich nicht zu entledigen vermochte, und wenn er ſprach, fuhr er mit der ſchmalen Hand durch den röthlichen, mäßig langen Vollbart, ihn glättend und in der Mitte nach engliſcher Sitte aus⸗ einanderhaltend, wie Jemand, der gewohnt iſt, auf dieſe Zierde großen Werth zu legen und ihr alle Pflege und Sorgfalt angedeihen zu laſſen. Dora horchte dem Novizen gern zu, obwohl er 2 147 nur von der Gegend, von dem Kloſter, von dem Leben in demſelben ſprach. Er äußerte kein Urtheil darüber, er verhielt ſich nur ſchildernd, und doch war es ihr, wie wenn er hier leiſer ſpräche, wie wenn er den Ton ſeiner Stimme unterdrückte, um nicht gehört zu werden. Es kam ihr vor, als ob gerade die ſtille, ruhige, zurückhaltende Art, in welcher er ſeinen neuen Stand ſchilderte, mehr ſagen ſolle als die lebendigſte Klage⸗ Denn nichts Geringeres als dieſe glaubte ſie aus ſeiner Rede heraushören zu müſſen, ihrer Phantaſie eröffnete ſich ein weiter Spielraum, und ſie war entſchloſſen, der Sache auf den Grund zu kommen. Sollte ſie das verſchieben? Sie trat aus der Laube, an deren Eingang ſie bis jetzt wie feſtgewurzelt geſtanden, heraus unter den ſchönen blauen Nachthimmel, der ſterngeſchmückt ſich in wunderbarer Pracht oben wölbte, und machte einige Schritte nach vorwärts, wie um die kühle, friſche Abendluft mit vollen Zügen einzuathmen. Der Novize folgte ihr; ſie ſetzten ihren Weg fort und ſtanden erſt wieder ſtill, als ſie ſicher waren, hier von Niemand mehr belauſcht und gehört zu werden. „Offen geſtanden“, ſagte ſie dann plötzlich und wie unwillkürlich ihren Gedanken Ausdruck gebend, „ich habe es nie begreifen können, wie man ſich für 10* 148 ſein ganzes Leben in den Mauern eines Kloſters be⸗ graben kann.“ Der Novize ſah ihr erſt forſchend ins Auge, dann ſagte er: „Auch jetzt nicht, da Sie den unendlichen Frieden, der uns hier umgibt, kennen gelernt und“— damit wies er leicht lächelnd auf die Kegelbahn hin— ſich überzeugt haben, daß wir uns auch den weltlichen Ver⸗ gnügungen nicht ganz verſchließen?“ Dora dachte: Er traut mir nicht, ich muß offener ſprechen. „Für die alten Herren“ ſagte ſie lachend und leicht⸗ hin,„mag ein ſolches weltliches Vergnügen, wie das dort, zweckentſprechend ſein; aber jung ſein und ſein ganzes Leben lang beten und Kegel ſchieben zu müſſen, das ſcheint mir ein trauriger Beruf.“ „Wiſſen Sie, daß Sie ſich mit ſolchen Reden ketze⸗ riſcher Umtriebe hier ſchuldig machen?“ „Darüber bin ich unbeſorgt, Sie werden mich nicht verrathen.“ Der Novize ſuchte in ſeiner Kutte eine Verbeugung zu machen, die im Fracke ſich vielleicht recht gut aus⸗ genommen hätte, hier aber nicht deutlich und elegant genug ans Licht kam. „Sie haben den alten Adam noch nicht ganz aus⸗ 149 gezogen, wie ich ſehe“, ſpöttelte Dora;„haben Sie deshalb keine Ordnungsſtrafe zu fürchten?“ „So ſtreng“ lachte Bruder Heinrich,„iſt man mit uns eben nicht! Man überläßt das ruhig der Zeit und thut recht daran; denn dieſe vollbringt mehr, als Ermahnungen oder Strafen ausrichten können.“ „Um auf den Ausgangspunkt unſeres Geſprächs zurückzukommen“ ſagte Dora wieder, die ihrem Freunde um jeden Preis auf den Zahn fühlen wollte,„nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich begreife wirklich nicht, wie man in Kutte und Kapuze der ganzen Welt den Rücken zukehren kann.“ „Der Gründe dazu ſind viele“, antwortete Bruder Heinrich,„und ich wette, daß, wenn Ihnen die ehr⸗ würdigen Väter dort aufrichtig Rede ſtehen wollten, jeder ein anderes Motiv nennen würde, das ihn dazu führte, den Pfad der Entſagung und der Einſamkeit zu beſchreiten.“ „Zum Beiſpiel?“ „Die einen glauben einer Eingebung, einem Rufe Gottes zu gehorchen, während andere in ſeltenem Leicht⸗ ſinn nur einer augenblicklichen Laune folgen. Viele führt uns ein äußerer Zwang zu, wie Schwäche, Ar⸗ muth, Qual einer Schuld, Furcht vor Strafe, andere wieder das Beiſpiel, das hoch im Anſehen ſtehende —— Kloſtergeiſtliche geben, die Gewalt einer begeiſterten Predigt, die ſie hörten, die Sehnſucht nach einem himm⸗ liſchen Vaterlande, das ſie ſchon auf Erden finden möchten.“ „Glauben Sie nicht, daß ſchon oft die Reue auf dem Fuße gefolgt iſt?“ „Der unbedachten That gewiß.“ „Man ſollte meinen, daß Niemand, der nicht von vornherein Neigung zu einem beſchaulichen Leben in ſich trägt, einen ſolchen Schritt thun könnte.“ „Ging doch“, warf der Novize ein,„ſelbſt der Dichter des berühmten Mihi est propositum, in taberna mori einſt in das Kloſter!“ Das war nun für Dora allerdings zu hoch, doch durfte ſie ihre Unwiſſenheit nicht merken laſſen; ſie ſagte daher, da das Wort taberna ihr darauf hinzu⸗ deuten ſchien, daß es ſich um einen Trunkenbold handle: „Gewiß zur eigenen Strafe.“ „Er erkrankte heftig am Fieber und verlangte, da er zu ſterben fürchtete, noch die Aufnahme in einen Mönchsorden. Mit großer Reue legte er das Kleid an, um, kaum geneſen, es deſto raſcher wieder auszu⸗ ziehen und zu entfliehen.“ „Gleicht er nicht dem gezähmten Wild, das plötzlich wieder in den freien Wald hinausläuft?“ 5 „Gewiß“, entgegnete der Novize leiſer.„Ach, die Freiheit iſt ſchön.“ Das war ein Geſtändniß! ſagte ſich Dora, aber ſie wußte nicht, wie ſie, ohne unbeſcheiden zu erſcheinen, dem Novizen, der nun in Gedanken verſunken neben ihr herſchritt, weiter beikommen ſollte. Als er ihr die verſchiedenen Beweggründe aufzählte, die einen Menſchen in das Kloſter führen können, war ſie gewiß, daß er denjenigen, der ihn ſelbſt zu dieſem außer⸗ ordentlichen Schritte hatte führen können, nicht nennen werde. Niemand rührt gern an ſeine eigene Wunde. In dieſer Meinung wurde ſie noch beſtärkt, weil gerade dasjenige Motiv, das ſie nach echter Weiberart von Anfang an mit aller Beſtimmtheit bei ihm voraus⸗ geſetzt hatte, von ihm nicht aufgeführt worden war. Wäre ſie ihm als Mädchen gegenüber geſtanden, ſo hätte ſie ſich zum Schweigen verurtheilt geſehen. Jetzt aber dachte ſie aus ihrer Verkleidung allen möglichen Vortheil zu ziehen und alle Rechte, die ihr dieſelbe geben konnte, gewiſſenhaft zu benutzen. Sie überwand deshalb jede mädchenhafte Scheu, die ſich trotz alledem bei ihr geltend zu machen ſuchte, und ſagte in einem Tone der Sicherheit, wie wenn ſie über Dinge ſpräche, deren geſprächsweiſe Behandlung ihr, dem jungen Stu⸗ denten, höchſt geläufig wäre: ———— 152 „Zertrümmertes Lebensglück, getäuſchte Hoffnungen, betrogene Liebe mögen auch häufig genug mitwirkende Factoren ſein.“ Bruder Heinrich ſchwieg und hielt ſein Haupt ge⸗ ſenkt, ohne Antwort zu geben. Diesmal habe ich das Richtige getroffen! dachte Dora und im Augenblick zog ein ganzer Roman, deſſen ſchließliches Opfer der arme Kapuzinermönch war, an ihrer Seele vorüber. „Indeſſen“ fuhr ſie fort,„mag gerade hier klöſter⸗ liche Ruhe und mönchiſche Beſchauungsart zuerſt Hei⸗ lung der Wunde herbeiführen.“ „Es kommt eben“, antwortete Bruder Heinrich nach einer Weile,„darauf an, von welcher Beſchaffenheit die Wunde iſt.“ „Sie meinen, daß manche Wunde auch bei den beſten Heilmitteln ſich nicht mehr zu ſchließen vermöge?“ „Allerdings“, ſtieß der Gefragte heraus,„aber ich meine zugleich, daß es auch Wunden gibt, deren Schlie⸗ ßung und Heilung vielleicht auch ohne ſolch kräftiges Medicament und Pflaſter vor ſich gegangen wäre.“ Dora wußte nicht recht, was ſie entgegnen ſollte, denn wenn ſie nun auch das zu haben ſchien, was ſie wollte, ſo konnte ſie ſich einerſeits doch der Furcht nicht entſchlagen, den jungen Mann durch eine Fortſetzung 153 dieſes Geſprächs zu verletzen, und andererſeits koſtete es ihr nicht geringe Ueberwindung, jene Theilnahme in ſich zu verſchließen und nicht laut werden zu laſſen, die ſie dem armen Novizen, der ihr in dieſem Augen⸗ blicke der unglücklichſte Menſch auf der ganzen Erde zu ſein ſchien, aus vollſtem Herzen ſchenkte. „Sie haben noch Familie?“ fragte ſie in der Abſicht, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, und doch zugleich beſtrebt, den Frater Heinrich als Gegen⸗ ſtand deſſelben feſtzuhalten. „Ich habe Niemand mehr“, antwortete der Novize. „Einen Bruder, der älter war als ich, habe ich vor etwas länger als einem Jahre, meine Mutter ſehr bald darauf und meinen Vater ſchon ſehr früh verloren. Mein Vater“, fuhr er nach einer Pauſe fort, unter⸗ brach ſich aber ſogleich wieder, da ſie bei ihrem Auf⸗ und Abwandeln wieder an dem der Kegelbahn ent⸗ gegengeſetzten Ende des Gartens und bei der dort be⸗ findlichen Laube angekommen waren. „Wollen wir uns hier nicht ſetzen?“ fragte er.„Das langſame Auf⸗ und Abſchreiten ermüdet, und ich möchte Ihnen wohl dieſe Geſchichte erzählen.“ „Mit Vergnügen“ antwortete Dora;„ſetzen wir uns.“ „Mein Vater“, nahm Frater Heinrich ſeine Erzäh⸗ lung auf,„war der bekannte Fabrikherr Wander und —— ————— ———— 154 hinterließ ſeiner Familie ein bedeutendes Vermögen. Meiner Mutter, die ſchon als Mädchen ſehr zu religiöſer Schwärmerei geneigt war, begegnete, als ſie einmal noch ſpät abends mit einer Arbeit am Bette meines dreijährigen Bruders ſaß— ich kam erſt ein Jahr darauf zur Welt— der Unfall, daß ſie den Leuchter auf dem Tiſche vor ſich umſtieß und gerade auf die Kiſſen des Kindes warf. Der Schrecken hatte ſie ſo 3 gelähmt, daß ſie, unfähig, nach dem Kinde zu greifen, nur einen gellenden Schrei um Hülfe ausſtieß, der denn das glücklicherweiſe im Nebenzimmer noch beſchäftigte Dienſtmädchen herbeirief. Dieſes riß meinen Bruder noch ſchnell genug aus den eben auflodernden Flammen; als man das Kind unterſuchte, war es unverſehrt und hatte auch nicht eine einzige Brandwunde davonge⸗ tragen. Dieſer Vorfall machte auf meine Mutter einen tiefen Eindruck, und als ſie am nächſten Morgen in die Kirche eilte, Gott ihren Dank für die wunderbare Rettung des Kindes auszuſprechen, gelobte ſie deſſen k Leben ihm zu weihen; der Knabe ſollte einmal Geiſt⸗ licher werden. Das wäre nun ganz gut geweſen, wenn nur der Knabe ſpäter auch Luſt und Anlage zu dieſem Berufe gezeigt hätte. Davon aber war gerade nur das Gegentheil zu bemerken und der unruhige, ſtets 155 auf neue Unternehmungen, auf neue Entwürfe gerichtete und doch zugleich praktiſche Sinn des Vaters machte ſich nur allzuſehr in dem Sohne geltend. Als man die⸗ ſem einmal nur andeutete, daß er Geiſtlicher werden ſolle, ſträubte er ſich mit Händen und Füßen dagegen und erklärte, lieber in die weite Welt laufen zu wollen, und was dergleichen kindiſche Drohungen mehr ſind. Mein Vater triumphirte, daß er über die Mutter Recht be⸗ hielt, und dieſe mußte ſich daran gewöhnen, zu ſehen, daß der von ihr dem Herrn verlobte Knabe dem Kauf⸗ mannsſtand zugewandt wurde und der tüchtige Erbe der Fabriken ſeines Vaters zu werden verſprach. Dennoch verſtand ſich meine Mutter zu tröſten und zwar in der Hoffnung auf mich, der als Kind ein ruhiges, ſtilles Weſen und ſich wie geeignet dafür zeigte, daß das dem Herrn gethane Gelübde wenigſtens nicht ganz gebrochen werde. Kurz, nachdem der ältere Sohn ſich dem Prieſterleben ſo völlig abgeneigt erwieſen, ſah meine Mutter ein Zeichen darin, daß Gott dieſes Opfer ſelbſt verworfen habe, und beſtimmte dafür mich zum Geiſtlichen, was ſie mit um ſo größerer Sicherheit durchzuſetzen hoffte, als mein Vater, der ſonſt viel⸗ leicht Einſpruch gethan hätte, inzwiſchen geſtorben war. Meine geſetztere Art befähigte mich nun allerdings zum Studium überhaupt, aber ſie genügte doch noch —— 156 nicht, mich zu dem ernſten Berufe eines Seel⸗ ſorgers tüchtig zu machen. Auch ich erhob, da ich die Univerſität bezog, Einwendungen gegen den Wunſch meiner Mutter und ſetzte es mit Mühe durch, daß ich wenigſtens ein Jahr lang mich rein philoſophiſchen Studien hingeben dürfe, ohne mich weiter für einen Fachberuf zu entſcheiden. So verging ein Jahr und wieder ein Jahr, ſchon neigte ſich das dritte ſeinem Ende zu und ich hatte noch immer nicht meinen Entſchluß gefaßt. Das heißt, verſtehen Sie mich wohl, ich konnte mit der Zeit nicht darüber in Zweifel mehr ſein, ob ich den von meiner Mutter gewünſchten Stand ergreifen ſolle oder nicht. Ich hatte mich im Gegentheil zu fügen beſchloſſen, weil ich meine Mutter zu ſehr liebte, um ſie, wie ich im Weigerungsfalle meinerſeits vorausſah, einem fort⸗ nagenden Schmerze zu überliefern. Aber ich verſchob den letzten Schritt von einem Tag zum andern, ſtudirte aus Liebhaberei Medicin, indem ich mir entſchuldigend vorſagte, daß mir die Kenntniß dieſer Wiſſenſchaft ein⸗ mal als Vicar oder Pfarrer auf dem Lande trefflich zu ſtatten kommen könne, ſah mich auch in der Welt und im Leben um, deſſen Erfahrungen mir gleichfalls zweckdien⸗ lich für meinen künftigen Beruf ſchienen; aber dieſen ſelbſt zu ergreifen behielt ich immer noch einer ſpätern Zeit vor. 157 Da trat plötzlich ein Wendepunkt in meinem Leben ein, der entſcheidend für mich zu ſein ſchien, den ich aber hier nur flüchtig berühren kann. Ich lernte ein Mädchen kennen, deſſen Liebe mir höher als Alles ſchien, was ich bisher geliebt hatte, und deſſen Gewinn ich für das preiswürdigſte aller Looſe hielt. Zum erſten Male dachte ich daran, daß doch ein Tag kommen könne, an welchem ich meine Mutter auf den Knieen bitten würde, mir die Erfüllung ihres Lieblingswunſches zu erlaſſen. Ja, ich wagte dieſe Bitte zu ſtellen, ich wagte das Herz meiner Mutter zu zerreißen, die weinend nachgab, und doch hätte ich ihr den Gram erſparen können, ich ſelbſt war der Getäuſchte. Ich weiß nicht, lieber Herr, ob Sie jemals ſchon geliebt, ob Sie jemals ſchon dergleichen erfahren haben. Möge es ihnen erſpart bleiben! Ich denke mit Schrecken an jene Zeit zurück; denn körperlich und geiſtig zum Tode krank, traf mich ein neuer Unglücksſchlag, ich ver⸗ lor meinen Bruder durch einen jähen Sturz vom Pferde. Der Schmerz meiner Mutter war unbeſchreiblich; alte Erinnerungen wachten wieder in ihr auf, ſie ſah ſich wieder, wie vor vielen Jahren, am brennenden Bette meines Bruders und gedachte deſſen, was ſie da⸗ mals dem Himmel gelobt. Entgegen ihren frühern Anſchauungen ſah ſie nun in dem plötzlichen Tod, der 7 6 158 meinen Bruder aus den Armen des Glücks und des Reichthums riß, eine Strafe ihrer Wortbrüchigkeit. Sich tröſten zu laſſen eilte ſie zu mir, der ſelbſt des Troſtes im höchſten Grade bedürftig war. Meine Mutter hatte immer lebendigen Verkehr mit Geiſtlichen gehabt; dieſelben beſuchten ſie auch in der Univerſitäts⸗ ſtadt, ſie beſuchten auch mich, und maßlos verwundet durch den Jammer, der mir meine Liebe, aufs tiefſte erſchüttert durch den unerwarteten Tod, der mir den Bruder geſtohlen, legte ich in die Hände meiner Mutter das Verſprechen ab, ſobald ich geneſen, den Schritt zu thun, durch welchen allein ſie ſich wieder dem Himmel zu verſöhnen hoffte. Ich ſehe noch heute die ſtille Freude, die bei meinen Worten über das bleiche, kum⸗ mervolle Antlitz der guten Frau flog. Der Arzt hatte mich noch in der Behandlung, als ich den Entſchluß ausſprach, in das hieſige Kloſter ein⸗ treten zu wollen. Meine Mutter ſtutzte, denn als Or⸗ densgeiſtlichen hatte ſie mich gerade nicht ſehen wollen. Da ich jedoch darauf beſtand und von dieſer Bedin⸗ gung Alles abhängig machte, gab ſie, wenn auch wei⸗ nend, nach. Kränker noch, als ich es geſtehen mochte, trat ich im vorigen Jahre meine Reiſe hierher an, und an dem Morgen, da ſich zum erſten Male die Erde mit Schnee, kaltem Schnee zugedeckt hatte, ſchloß ſich hinter 159 mir die Thür des Kloſters, und ehe es Mittag war, trug ich die rauhe Kapuzinerkutte. Wenige Wochen darauf ſtarb, wie wenn ſelbſt das letzte Band zerreißen ſollte, das mich noch an die Welt feſſelte, auch meine Mutter. Ihr immer leidender Kör⸗ per hatte den ſchweren Schickſalsſchlägen, die ſie in den letzten Jahren getroffen, nicht länger zu widerſtehen vermocht. Der Novize ſchwieg und ſtützte ſeinen Kopf ſchwer auf den ſteinernen Tiſch, der vor ihm ſtand. „Sie ſind unglücklich!“ ſagte Dora weich, die Hand auf ſeine Schultern legend. „Unglücklich?“ fuhr der Bruder auf.„Ich bin geſund, nichts weiter! Denken Sie an den Mönch, von dem ich Ihnen vorhin ſprach— der bin ich!“ „Haben Sie nicht auch den Muth wie jener?“ flüſterte Dora. „Nein, es laſtet immer der Gedanke auf mir, als ob ich dadurch ſelbſt jetzt noch meiner Mutter im Grabe weh thun würde“, ſagte der Novize gepreßt. „Sei es denn! Verdorben, geſtorben— was iſt es mehr?“ „Das iſt ein entſetzliches Loos, das Sie ſich ſelbſt erwählen. Wie bellage ich Sie!“ „Ich danke Ihnen, lieber Herr“ entgegnete der junge 160 Mönch und faßte die Hand Dora's, die er kräftig ſchüttelte;„aber haben Sie nie etwas von Opfern ge⸗ hört? Man muß auch Opfer bringen können.“ Mit dieſen Worten erhob ſich der Novize, um zur Ke⸗ gelbahn zurückzukehren, Dora folgte ihm ſchweigend. Die Patres hatten ihr Spiel bereits geendet, Doctor Anſelmus aber mußte den Mönchen von ſeinen anti⸗ quariſchen Funden Andeutungen gemacht haben, denn der Pater Guardian ermahnte ihn, als ſie ſich trennten, mit ſeiner Entdeckung nicht allzu lange hinter dem Berge zu halten. „Nicht länger“, entgegnete Doctor Anſelmus, „als bis ich meine Unterſuchungen darüber beendigt habe.“ Als ſie in ihrem Zimmer angekommen waren, be⸗ merkte Dora zu ihrem Erſtaunen, daß ſich ihr Oheim noch an ſeinem Schreibtiſche zu ſchaffen machte. „Gehſt Du noch nicht zu Bette?“ ſagte ſie. „Nein“, antwortete der Gefragte, indem er den Koffer aufſchloß und das Papier mit den Schach⸗ figuren aus demſelben nahm,„ich will heute noch in aller Kürze meine Gedanken über dieſen Fund wenigſtens ſtizziren.“ „Du weißt“, mahnte Dora beſorgt,„wie ſehr Dich nächtliches Arbeiten angreift und aufregt.“ 161 „Ich weiß es; aber es iſt immer das Beſte, die erſte günſtige Stimmung feſtzuhalten und zu benutzen. Gute Nacht!“ Dora ging, ihr Oheim aber ſtellte die Schachfiguren regelrecht vor ſich auf und begann nun eine der tief⸗ ſinnigſten Unterſuchungen, die jemals aus der Feder eines Privatgelehrten gefloſſen, niederzuſchreiben. Als er ermüdet ſeine Arbeit für diesmal wenigſtens zu beſchließen gedachte, hatte es ſchon drei Uhr auf dem Kloſterthurme geſchlagen und das Licht war tief herabgebrannt. Sorgfältig wickelte er die Figuren wieder zuſammen, verſchloß ſie in den Koffer und be⸗ grub ſich dann ſelbſt tief unter der Decke ſeines Bettes. Leider ſollte er ſich keines allzu geſunden Schlafes erfreuen; denn kaum mochte er einige Zeit die Augen geſchloſſen haben, als er träumend die Thür ſeines Zimmers ſich öffnen und den wackern Laienbruder mit ſeinem ſtumpfen Lächeln eintreten zu ſehen glaubte. Doctor Anſelmus wollte ihn fragen, was er hier zu thun habe, aber er vermochte ſich nicht aus den feſten Banden des Schlummers zu löſen und brachte es nur dazu, ſich ſchwerfällig und ſtöhnend auf ſeinem Lager herumzuwälzen. Was er aber weiter ſah, trieb ihm die Tropfen des Angſtſchweißes auf die Stirn. Denn leiſe, leiſe kam der Laienbruder an das Bette Helſchläger, Wunderliche Leute. J. 11 162 des Doctor Anſelmus geſchlichen und beugte ſich tief über ihn, wie um ſich zu überzeugen, daß er auch wirklich ſchlafe. Dann ſchritt er ebenſo leiſe, wie auf Geiſterſocken, gegen den Koffer hin, kniete vor dem⸗ ſelben nieder und war offenbar bemüht, deſſen Schloß aufzuſprengen. Doctor Anſelmus wußte nicht, wie ihm ge⸗ ſchah, alles Blut ſchoß ihm zum Herzen, er wand ſich ſeufzend auf ſeinem Lager, um aufzuſpringen, aber die Kniee, wie mit Bleigewichten beſchwert, verſagten ihm den Dienſt; er wollte um Hülfe ſchreien, aber der Laut blieb ihm in der zuſammengeſchnürten Kehle ſtecken. Eine wahre Verzweiflung kam über ihn, und wie nun gar der Laienbruder mitten in ſeiner Arbeit ſich gegen ihn wandte und ſein erfolgloſes Bemühen höhniſch angrinſte, hätte er toll, hätte er mitten im Kloſter und trotz des Crucifixes, das über ſeinem Bette hing, des Teufels werden mögen. Nun ſprang der Deckel auf und ſogleich wimmelte das ganze Heer der Schachfiguren aus dem Koffer em⸗ por. Einige, die Beherzteſten, ſprangen ſogleich heraus und dem Laienbruder auf die Kniee, andern mußte dieſer mit ſeiner ungeſchlachten Hand nachhelfen, und wieder andere ſetzten ſich erſt rittlings auf die Kante des Koffers und blickten ſchadenfroh zu Doctor Anſel⸗ mus hinüber, der ſie ſo erbarmungslos eingeſperrt. 163 Endlich aber ſetzte ſich Alles in Bewegung und krabbelte an dem Laienbruder hinauf, auf ſeinen Armen oder auf ſeinen Schultern Platz zu nehmen. Einigen paſſirte dabei das Unglück, im Gedränge auszugleiten und auf der andern Seite wieder hinunterzufallen. Glücklicher⸗ weiſe fielen ſie nicht tief, ſondern nur in die Kapuze, aus der ſie ſich dann wieder ſo weit in die Höhe ar⸗ beiteten, daß ſie wenigſtens ihren Kopf herausſtrecken konnten, indem ſie ſich mit beiden Armen an dem Rande der Kapuze feſthielten. Nachdem ſo Alles untergebracht und der Laienbru⸗ der noch einen Blick in den Koffer geworfen hatte, ob Niemand zurückgeblieben ſei, erhob er ſich und ſchritt geradeswegs auf das Bett des Doctor Anſelmus zu. Dort zog er die Kniee ein wenig ein, um ſich kleiner zu machen, und ſtreckte dann ſeine Arme in der Art aus, daß ſie zum Bette des Schlafenden hinüber eine Brücke bildeten, über die ſich die Schaar der Schach⸗ figuren alſogleich in Bewegung ſetzte. Auf der Bett⸗ decke angelangt, ſchienen ſich die beiden Heere ſondern und in Schlachtordnuug aufſtellen zu wollen. Das war jedoch nicht leicht möglich, denn Doctor Anſelmus hatte die Decke ſo unordentlich über ſich geworfen, daß von allen Seiten die Falten wie Berge in die Höhe ſtanden und eine Menge der kleinen Leute darüber 164 hinpurzelten. Einer der Bauern hätte bei dieſer Ge⸗ legenheit beinahe ein Bein gebrochen. Daraufhin hielten die Vornehmſten unter dem Vorſitze der Könige Kriegsrath, deſſen Ergebniß darin beſtand, daß vier Bauern herbeigerufen und mit entſprechenden Befehlen betraut wurden. Nach vier Seiten gingen ſie aus ein⸗ ander, faßten mit ihren kleinen Händen die wollene Decke, zogen ſie mit unendlicher Anſtrengung ausein⸗ ander und flach, daß ſie ſchier einer weſtfäliſchen Haide zu vergleichen war, und nagelten dann— es iſt ſchreck⸗ lich zu erzählen— mit ihren Spießen die Decke an den vier Ecken auf dem Leibe des armen Doctors feſt. Dieſer zuckte in großem Schmerze zuſammen, denn es war ihm an den betreffenden Stellen, wie wenn ihn Jemand tüchtig mit Nadeln geſtochen hätte, und er zitterte bereits vor der Schlacht, die auf ſeinem Körper entſchieden werden ſollte. Doch ſeine Furcht war voreilig; denn wie die Bauern und Läufer und Springer plötzlich durcheinander liefen, jeder ſeinen Platz zu ſuchen, ſah Doctor Anſelmus ſtatt ihrer auf einmal zwei Abtheilungen allerliebſter Kapuziner ſich gegenüberſtehen, mit langen Bärten und jeder eine mächtige Hellebarde in der Hand, und ſiehe, aus ihrer Mitte traten die beiden Frauen, die Doctor An⸗ ſelmus vorhin als die Königinnen erkannt hatte, aber —— 165 hochgeſchürzt, in lauter durchſichtige Gaze gekleidet, und Roſen in den braunen Locken. Die kleinen Kapuziner klatſchten bei ihrem Erſcheinen dergeſtalt jubelnd in die Hände, daß manchem vor lauter Entzücken der Spieß aus den Armen fiel, und nun begannen die beiden Dämchen die zierlichſten Tänze aufzuführen. Dem Doctor aber wurde, er wußte gar nicht, wie; denn die eine der Tänzerinnen war ihm gar ſo ſehr bekannt, und ihm war, als habe er ſie mit ihrem niedlichen Geſichtchen und ihren ſchmachtenden Augen ſchon ein⸗ mal vor vielen, vielen Jahren tanzen ſehen. Das war aber in Wien geweſen, und nun tanzte ſie, die einſt das ganze Publikum von den Küraſſieroffizieren des erſten Ranges bis zum Schuſterjungen des Paradieſes herab entzückt und begeiſtert hatte, hier vor Mönchen, vor Kapuzinern. Dieſe aber ſchienen ſich mit nicht gerin⸗ gerem Kunſtverſtändniß als das Publikum der öſter⸗ reichiſchen Kaiſerſtadt an den Leiſtungen der beiden Bullerinen zu ergötzen und brachen fort und fort in neue Beifallsbezeigungen aus. Doctor Anſelmus aber ſpürte die Fußſpitzen der beiden Dämchen bis unter die Decke hinunter und das verurſachte ihm ein ſo eigenthümliches, ſchmerzliches Gefühl, daß er ſeinen Körper plötzlich zu wenden ver⸗ ſuchte und daß dadurch die Decke auf der Seite, wo ——————————— 166 ſie feſtgenagelt war, riß. Dieſes Ereigniß brachte eine unbeſchreibliche Verwirrung hervor; die beiden Tän⸗ zerinnen ſtürzten und flohen jammernd, ſobald ſie ſich wieder erhoben hatten. Den Zuſchauern wankte der Boden unter den Füßen, laut ſchreiend fielen ſie über⸗ und durcheinander. Kaum aber hatten ſie den Schla⸗ fenden als den Urheber des ganzen Unheils erkannt, ſo ſammelten ſie ſich in Reih und Glied, bildeten Schlacht⸗ ordnung, fällten die Waffen und ſtürmten gegen ihn vor. Der eine König führte das Haupttreffen, der an⸗ dere die Reſerve; unter wildem Rufen ſtürmte es gegen ihn heran; zugleich waren es nicht mehr die Kapu⸗ ziner von vorhin, ſondern wieder die alten Bekannten, die Bauern, die Läufer, die Springer, die Thürme— das ganze Schachſpiel. Zur verzweifelten Gegenwehr bereit, wenn er nicht ſein ganzes Geſicht zerhackt und zerſtochen haben wollte, ſchlug Doctor Anſelmus mit aller Kraft, deren er fähig war, gegen die antobende Heeresmacht, fegte ſie über den Haufen, that mit ſei⸗ nem Körper einen Ruck, der plötzlich allen Bann von ihm zu nehmen ſchien, ſeufzte aus tiefſter Bruſt und erwachte. Als er zu ſich gekommen war, lag die Decke auf dem Boden und alle Glieder waren ihm zerſchlagen und zermartert. Sein Herz klopfte hörbar. Er beſann 167 ſich auf Alles und blickte ſcheu im Zimmer umher. Was war das? Unter der Thür glaubte er eine hohe weiße Geſtalt ſtehen zu ſehen; er ſah wieder hin, er täuſchte ſich nicht. Er wollte rufen, er konnte nicht. Der Gedanke an ſeine Schachfiguren blitzte ihm durch den Kopf und beſiegte die Geſpenſterfurcht, die er ſonſt empfunden hätte. Er flog aus dem Bette und im Hemde, wie er war, auf die Geſtalt los. Er griff zu und hatte ſein weißes Handtuch in Händen, das in gewohnter Weiſe an der Thür hing. „Armer Thor!“ ſeufzte Doctor Anſelmus und griff an ſein betäubtes Haupt. „Armer Thor!“ wiederholte er und hob die Bett⸗ decke vom Boden auf. Lange, lange konnte er keine Ruhe finden, mit er⸗ hitzten Sinnen wälzte er ſich auf dem Lager und erſt gegen Morgen brachte ihm ein leichter Schlummer einige Erquickung. Achtes Kapitel. Wie anders war das Erwachen Poras, da der erſte Strahl des Tages in ihr Fenſter fiel und ſie an das Aufſtehen mahnte. Wenn auch ſonſt gewohnt, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten, konnte ſie ſich heute doch nicht dazu entſchließen, heute wollte ſie in den Kiſſen noch wachend ein wenig träumen, vielleicht nur einen Traum der Nacht noch fortſpinnen— wer weiß es? Ein glückliches Lächeln flog über ihr ſchönes Geſicht, und auf dem einen gebogenen ſchneeweißen Arm mit dem Haupte ruhend, mit dem andern, den ſie leicht rück⸗ wärts nach oben ausgeſtreckt hatte, ihr braunlockiges Köpfchen umrahmend, lag ſie lange in holder Anmuth da, ſinnend, träumend und wieder ſelbſtvergeſſen. End⸗ lich ſtrich ſie haſtig die Locken aus der Stirn und floh — 169 vom Lager, um ſich nicht von ihrem Oheim durch Fleiß und Munterkeit beſchämen zu laſſen. Onkel Anſelmus war heute aber weder fleißig noch munter; als ſie eintrat fing er ſogleich an, ſie mit heftigen Klagen wegen der ſchlechten Nacht die er ge⸗ habt hatte, zu überſchütten, und verſicherte, als Dora die Meinung äußerte, daran ſei gewiß ſein langes Aufbleiben ſchuld, er wiſſe gar nichts, was er mehr haſſe als Weisheitslehren, nachträglich zum Beſten ge⸗ geben. Daß ihn ſeine Nichte den Abend zuvor gewarnt hatte, das ſchien er vergeſſen zu haben. Dora fragte ihn, ob er nicht durch einen Spazier⸗ gang Erfriſchung zu gewinnen hoffe. „Durch einen Spaziergang?“ polterte Doetor An⸗ ſelmus.„So wollt' ich doch, daß alle meine Abgeſchla⸗ genheit Dir in die Glieder führe! Vielleicht würdeſt Du es dann aufgeben, ſolche abgeſchmackte Vorſchläge zu machen.“ „Du kannſt“, meinte Dora ruhig,„den Vormittag gewiß auch im Garten zubringen; in der Laube jiſt Schatten.“ „Und meine Arbeit?“ höhnte Doctor Anſelmus. „Hier meine Erzählung, dort mein Artikel über die Schachfiguren, dann die Forſchungen in der Familien⸗ 170 chronik, die unabweisbar ſind— wahrhaftig, ich habe keine Zeit, den Morgen zu verträumen.“ Dora zuckte mit den Achſeln, ſie wußte nichts Beſ⸗ ſeres mehr vorzubringen. „Ich will einmal verfuchen“, ſagte ihr Oheim nach einer Weile mürriſch,„ob ich an meiner Erzählung weiter ſchreiben kann. Du, nimm hier das Manuſcript, das ich heute Nacht fertig gebracht habe. Du wirſt Intereſſe an der Abhandlung nehmen, und ſo gönne ich Dir gern die Freude, mir eine Abſchrift davon zu machen.“ Dora lächelte und begab ſich mit der Handſchrift des Gelehrten in ihr Zimmer zurück, wo ſie ſich ſo⸗ gleich an die aufgetragene Arbeit machte. So verging der Vormittag in ſeinem weitern Verlaufe ruhig, und Doctor Anſelmus äußerte nach dem Eſſen den Wunſch, zu ſchlummern und die verſäumte Ruhe der Nacht nach⸗ zuholen. Dora ſchien durch dieſe Abſicht ihres Oheims ſehr erfreut zu ſein, ſie beſtärkte ihn noch darin und zog ſich alsbald in ihr Zimmer zurück, deſſen Thür ſie nur angelehnt ließ, ſodaß ſie ſich leicht die Gewiß⸗ heit verſchaffen konnte, ob ihr Oheim zur Ruhe gegan⸗ gen ſei. Endlich ſchien dies der Fall zu ſein und ſie glaubte 17¹ ſeine Athemzüge zu hören. Raſch griff ſie zu ihrem Hute, öffnete kräftig die Thür, damit ſie nicht in den Angeln knarre, und trat in ihres Oheims Zimmer. Sie wartete klopfenden Herzens einen Augenblick. Alles war ruhig, Doctor Anſelmus lag in tiefem Schlafe. Sachte ſchritt ſie durch das Gemach, an ihrem Oheim vorbei und huſchte leiſe und unhörbar zur Thür hin⸗ aus. Sie ſtand auf dem Corridor. Eine Weile noch blieb ſie unſchlüſſig ſtehen, dann aber, da ſie Niemand gewahrte— die Mönche mochten Sieſta halten— ſchritt ſie feſt und ſicher durch den Gang, daß dieſer zu ihrer Freude davon wiederhallte, und eilte die Treppe hinunter über die Brücke in den Garten. Es war ein heißer Mittag, Alles ſchien zu ſchlafen, und die Welt ringsum lag in träger Stille. Breit, wie zur Ruhe hingeſtreckt, lag der goldgrüne Weiher, bis zum Grunde vom leuchtenden Strahl der Sonne er⸗ hellt, wie ein in Liebe ſeliges Herz. Kein Blatt rührte ſich im Garten, die Gräſer nickten wie im Traume und fuhren nur erſchrocken auf, wenn vielleicht ein dürres Aeſtchen unter ſie herabfiel und für einen Augen⸗ blick die geweihte Stille unterbrach. Nicht ein Lüftchen wehte vom nahen Walde, der in regungsloſem Schweigen von den Bergen in den Garten hereinſah, und Alles 172 lag bezwungen vom Zauber, den das vom lichtblauen Himmel niederblitzende Geſtirn ausübte. Dora eilte aus dieſem Meere von Glut wieder herauszukommen und ſchritt auf die Laube zu, in der ſie geſtern mit Frater Heinrich das bedeutſame Zwie⸗ geſpräch gehalten hatte, deſſen Erinnerung ſie noch nicht einen Augenblick verlaſſen. Sie wollte nichts An⸗ deres, als eben nur in der Laube ſein. Man liebt die Orte, an denen man eine bedeutende Bewegung des Herzens oder des Geiſtes erfahren hat. Man liebt ſelbſt die Orte noch, an denen man tief unglücklich war, warum nicht vielmehr die, an denen uns ein Hauch des Glückes geſtreift hat! Auf dem Tiſche in der Laube ſtand eine Schüſſel mit eben gebrochenen Frühbohnen; daneben ausgebreitet lag eine Schürze von blendender Weiße, beſtimmt, das geſchnittene Gemüſe aufzunehmen. Der Gärtner mochte in ſeiner Arheit unterbrochen worden ſein und hatte Alles, wie es war, liegen und ſtehen laſſen. Inſtinktmäßig griff Dora nach dem unter den Bohnen halbvergrabenen Meſſer und begann des Gärtners unter⸗ brochene Arbeit fortzuſetzen. Mit kundiger Hand löſte ſie erſt die Fäden auf den beiden Seiten ab und ge⸗ brauchte alsdann das Meſſer, daß die länglichen Scheiben, haarfein geſchnitten, nach rechts und links flogen. 173 „Das nenne ich eine Geſchicklichkeit“ rief plötzlich eine Stimme hinter ihr, und als ſie, das Meſſer von ſich werfend, mit brennender Stirn ſich umwandte, ſtand Frater Heinrich lächelnd vor ihr. Sie erglühte noch mehr in Scham und ſtammelte etwas, wie wenn ſie der Gelegenheit hier nicht habe widerſtehen können, auch einmal ihre Geſchicklichkeit in ſolchen Dingen zu erproben. „Nun“ lachte Frater Heinrich,„Sie können es weit bringen, lieber Freund. Soviel ich ſah, bearbeiteten Sie die Bohnen mit ſo fabelhaftem Geſchick, daß man auf die Vermuthung kommen könnte, Sie hätten nie etwas Anderes getrieben, oder ſeien wenigſtens in der Küche aufgewachſen.“ Die Verlegenheit Dora's wuchs immer mehr, mochte aber von dem Novizen falſch gedeutet werden, denn er fuhr gutmüthig fort: „Nun, nun, beruhigen Sie ſich nur. Es ſchadet gar nichts, wenn man ſich von den Frauen möglichſt unabhängig zu machen ſucht. Man kann alles Erlernte in dieſem Leben wenigſtens einmal brauchen, und gerade mit den Frauen iſt nur dann zu verkehren, wenn ſie 8 5 wiſſen, daß man ſie auch zu entbehren vermag. Merken Sie ſich das, lieber Herr!“ Eine ſpitzige Antwort ſchwebte ſofort auf Dora's Lippen, ſie mußte ſie jedoch unterdrücken und ſchon damit herzlich zufrieden ſein, daß ihr unbeſonnener Streich keine weitere Folge für ſie hatte als die, eine ungalante Aeußerung über ihr Geſchlecht ſchweigend einſtecken zu müſſen. Sie ſagte, um nur etwas zu ſagen: „Wie kommen Sie hierher?“ „Ich ſtand eben an dem Fenſter meiner Zelle, als ich Sie durch den Garten kommen ſah. Unſer Lector, Pater Nikomedes, wird hoffentlich nichts einzuwenden haben, wenn ich die heiße Stunde des Mittags lieber hier mit Ihnen als hinter ſeinem ſcholaſtiſchen Quark zubringe.“ „Iſt Pater Nikomedes ſtreng?“ „Gegen Andere, ja.“ „Gegen Sie nicht?“ „Habe ich Ihnen geſtern nicht geſagt, daß ich der Erbe eines bedeutenden Vermögens bin? Man weiß das zu ſchätzen und hütet ſich, mich allzuſehr die Pflichten des heiligen Gehorſams jetzt ſchon empfinden zu laſſen.“ „Das iſt ja recht hübſch vom Pater Nikomedes“, lachte Dora. „Gewiß“ entgegnete der Novize.„Wenn er mir nur nicht zu gleicher Zeit mit aller Gewalt die religiöſe Er⸗ leuchtung im Geiſte beibringen wollte!“ 175 Dora wünſchte dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben. „Was Sie vorhin“ ſagte ſie,„hinſichtlich der Frauen bemerkten, daß man nämlich ſie zu entbehren ver⸗ ſtehen müſſe, muß man doch vor dieſen ſelbſt zu ver⸗ bergen wiſſen.“ „Gewiß, gewiß, doch glauben Sie mir, die Frauen empfinden das, auch ohne es mit dürren Worten ein⸗ geſtunden zu hören. Sie haben hierfür einen merk⸗ würdig feinen und ausgebildeten Sinn.“ „Mich intereſſirt ſehr, was Sie da ſagen“, fuhr Dora fort.„Halten Sie aber nicht denjenigen für un⸗ glücklich, der ſo ohne Ueberwindung zu entbehren und zu entſagen vermag, vorausgeſetzt“, fügte ſie leiſer bei,„daß die Liebe wirklich ein ſo hohes Gut iſt, als man gemeinhin ſagt?“ „Im Gegentheil, ich halte denjenigen, der ſich zu dieſer Entſagung, zu dieſem Entbehrenkönnen durch⸗ gearbeitet hat, für den glücklichſten Menſchen. Denn nun erſt iſt er ſich der Stärke recht bewußt, in der er feſtgegründet ſteht.“ „Das nennen Sie ein Glück?“ fragte Dora zweifelnd. „Ja, weil der Mann, der die Liebe entbehren kann, die ihm geſchenkte um ſo wärmer zu empfinden, um ſo mächtiger zu erwidern vermag.“ 6 176 „Das klingt recht hübſch“, entgegnete Dora,„und doch kommt es mir ein wenig vor, wie wenn Sie von den Frauen nicht ſeben ſonderlich hoch dächten, viel⸗ leicht, weil—“ „Nun? Weil?“ „Sie erzählten mir geſtern—“ fuhr Dora zögernd „Ach, daß ich getäuſcht worden ſei?“ Dora nickte mit dem Kopfe. „Und Sie halten das wirklich für einen Grund, deshalb dem ganzen Geſchlechte der Frauen zu zürnen? Lieber Freund, nehmen Sie es mir nicht übel, Sie ſprechen wirklich wie ein Mädchen. Denn dieſe ziehen bei ihrem Urtheile auch immer den Schluß vom Ein⸗ zelnen ins Allgemeine. Sie werden übrigens älter werden und dann einſehen, daß das umgekehrte Ver⸗ fahren das richtige iſt. Man muß vom Allgemeinen zum Einzelnen ſchließen.“ Dora ſah ihn an, wie wenn ſie ihn nicht ganz verſtanden hätte. „Ich meine“, ſagte dieſer,„der Mann liebt im Weibe immer das Bild, das er ſich mit ſeiner Phan⸗ taſie von ihr geſtaltet hat; das Weib liebt den Mann immer, wie er iſt. Kann ſich nun die Phantaſie nicht als trügeriſch erweiſen? Sie thut das wirklich in vielen 77 Fällen, und wer mag dann entſcheiden, wer vom Andern getäuſcht oder nur von ſich ſelbſt betrogen worden iſt? Im richtigen Falle wird das Weib dafür Sorge tragen, daß der Mann das Bild ſeiner Phantaſie immer inner⸗ lich jung und neu vor ſich ſieht; denn glatben Sie mir, das Weib iſt es, welches das heilige Feuer der Liebe allein zu unterhalten vermag; ihre Liebe iſt es, welche die Reize ſchafft, und nicht umgekehrt.“ Dora ſah ſtill vor ſich hin. Manches von dem, was Frater Heinrich geſagt, befremdete ſie, ohne ihren Widerwillen zu erregen, Manches gefiel ihr um ſo mehr. Da lachte der Novize hell auf. Dora ſah ihn fragend an. „Ich habe“, ſagte jener,„eben daran gedacht, daß ſolche Geſpräche wohl noch nie in einem Kloſter geführt worden ſind. Es iſt auch beſſer, wir ſprechen von etwas Anderem; in ſolcher Anſtalt haben die Mauern Ohren und die Bäume können reden. Mir“ ſetzte er dann in demſelben harten Tone hinzu, den er tags zuvor ſchon ein paar Mal angeſchlagen hatte,„ſteht es nun gar nicht zu, von ſolchen Dingen zu reden. Wie paſſen Mönch und Weiber, Kapnze und Liebe zu einander Es iſt nur zu einfältig von mir, daß ich das immer und immer wieder vergeſſe.“ Oelſchläger, Wunderliche Leute.. I. 12 178 Bei dieſen Worten ſchlug er ſich vor die Stirn und blickte mürriſch ins Freie hinaus. Dora verſuchte von andern gewöhnlichen Dingen zu reden, es ging nicht mehr recht. Plötzlich fiel ihr Doctor Wiſelmus ein, den ſie im Eifer des Geſprächs ganz vergeſſen hatte. Sie erſchrak, denn er konnte ſchon aufgewacht ſein. Raſch verabſchiedete ſie ſich und Frater Heinrich bat ſie, abends auf die Kegelbahn zu kommen. Er empfinde eine große Dankbarkeit dafür, ſich wieder einmal gegen Jemand frei und nach Her⸗ zensluſt ausſprechen zu dürfen. Dora ſagte zu und ſuchte dann eiligſt ihr Zim⸗ mer auf. Doctor Anſelmus ſchlief noch hart und feſt. Be⸗ ruhigt griff Dora zum Manuſcript ihres Onkels, war aber noch weniger als am Morgen im Stande, demſelben einigen Geſchmack abzugewinnen. Sie ließ die Feder gleich wieder ſinken, und den Kopf auf die Hand geſtützt, dachte ſie über alles das nach, was Frater Heinrich über Frauen und Männer und Liebe geſagt hatte. Sie ließ ſich in der That ein ernſthaftes Nachgrübeln über dieſe Dinge nicht verdrießen, wobei ſie freilich nicht umhin konnte, ſich auch mit dem jungen Novizen und ſeinen Einwänden und Aufſtellungen auf das lebhafteſte zu beſchäftigen; kurz und Alles in Allem 179 genommen, es war ein gefährlicher Feuerfunke, den Frater Heinrich unbewußt in dies lebhaft und warm ſchlagende Herz geworfen. Endlich— die erſte Hälfte des Nachmittags war ſchon verfloſſen— dachte auch Doctor Anſelmus daran, ſeinen Schlummer für heute zu beendigen. Während er ſchwer⸗ müthig und ſchläfrigen Auges die langen ſchwarzen Haare über die bleiche Stirn herüberſtrich, verſicherte er, durch die Ruhe doch ein wenig Erquickung gewon⸗ nen zu haben, und begab ſich, nachdem er noch mit Genugthuung von dem Fleiße ſeiner Nichte Kenntniß genommen hatte, in die zu ebener Erde befindliche Kloſterbibliothek, dort in der Familienchronik derer von Wellrodt nach den, wie er geäußert hatte, unabweis⸗ bar nothwendigen Notizen über die Schachfiguren zu ſpähen. In dieſer Richtung zwar ſah er ſeine Hoffnungen nicht mit dem geringſten Erfolge gekrönt— ein Um⸗ ſtand, der einen Gelehrten wie ihn trotzdem nicht im geringſten, an der Richtigkeit ſeiner Entdeckung zwei⸗ feln machen durfte und auch nicht zweifeln machte— dafür hatte er aber das Glück, in den Chroniken und Urkunden auf die intereſſanteſten Mittheilungen und Nachrichten hinſichtlich der ehemaligen Beſitzer des Schloſſes zu ſtoßen. Es war ihm eine nicht geringe 12* 180 Freude, alle dieſe Dinge in einem ſchier unbeſchreibli⸗ chen Zuſtande der Verwirrung und Unordnung zu fin⸗ den; deſto mehr gab es für ihn zu thun, deſto mehr reizte die Möglichkeit, noch immer willkommenere, noch immer ſeltenere Schätze aufzuſpüren, und deſto mehr mußte man ſein Verdienſt anerkennen, wenn es ihm einmal gegönnt war, die aufgeſtöberten Alterthümer zu ordnen, zu ſichten, zu prüfen, zu erläutern, zu erklä⸗ ren und endlich geordnet, geſichtet, geprüft, erläutert und erklärt dem Alterthumsvereine der Hauptſtadt vor⸗ zulegen. Die Portraits, welche die Corridore des Kloſters zierten, nahmen natürlicherweiſe jetzt in noch höherem Grade ſeine Theilnahme in Anſpruch; namentlich war es eine Dame geweſen, deren Bild ihn bereits den Abend vorher am meiſten gefeſſelt hatte. Daſſelbe war in der Weiſe des Tintorett gemalt, mit dunkelbraunem Haar, weißer Halskrauſe und einer Perlenſchnur über der Bruſt. Es war ein ſtolzes, ſchönes Frauenzimmer mit edlen Zügen, mit vollen Formen. Schon geſtern hatte er ſich an den großen braunen Augen nicht ſatt ſehen können und lebhaft den fein geſchnittenen und doch vollen, lebensfriſchen Mund bewundert. Es gelang ihm, über die Schickſale dieſer Frau, die im ſechzehnten Jahrhundert von den ſchönen, milden 3 181 Geſtaden Italiens hierher in den rauhen Speſſart ver⸗ ſchlagen worden war, Mancherlei zu erfahren, und mit wahrer Gier vertiefte er ſich in die einzelnen Blätter, welche Nachricht von ihr gaben. Als er der Dunkelheit halber ſeine Forſchungen einſtellen mußte, fühlte er ſich zu ermüdet, um noch an dem Kegelſpiel der Mönche Theil zu nehmen, und zog es vor, einen Spaziergang in den nahen Wald zu un⸗ ternehmen, auf welchem er Dora zwang, ihn zu be⸗ gleiten. Er mußte Jemand haben, dem er ſein ganzes Herz wieder ausſchütten, zu dem er von ſeinen Helle⸗ barden und Gobelins, von den Schachfiguren und der Italienerin, von der Univerſität und den Profeſſoren ſprechen konnte. Seine Redeweiſe war auch ungeſtüm und abgeriſſen, haſtig und aufgeregt. Aber Dora achtete nicht darauf, in verdrießlichem Schweigen ging ſie neben ihm her und gedachte des Frater Heinrich, der ſie erwartete und dem ſie das gegebene Wort nicht halten konnte. Endlich drängte ſie ungeduldig zur Rück⸗ kehr, aber es half ihr nichts; als ſie wieder heimkamen, lag der Garten ſtill und verlaſſen, die Mönche hatten ſich bereits zurückgezogen. Kaum brachte ſie es über ſich, ihrem Oheim freund⸗ lich gute Nacht zu ſagen, und ein zorniger Blick ſchoß aus ihren Augen, als dieſer, das rothe Fes auf dem 182— Kopfe und das brennende Licht in der Hand, auf den Corridor hinausſchlich, um vor dem Bilde der Italie⸗ nerin Halt zu machen, deren ihn bezaubernde Schönheit er mit leuchtenden Augen betrachtete. Sie hörte ihn zurückkommen und ſchloß aus dem Geräuſch, das er mit Ziegelſtein und Tintenfaß machte, daß er noch arbeiten wolle. Dem war auch ſo, und die Sterne begannen ſchon wieder zu erbleichen, als Doctor Anſelmus erſt daran dachte, ſich zur Ruhe zu be⸗ geben. Der nächſte Morgen ging in der gewohnten Weiſe vorüber. Doctor Anſelmus vergrub ſich in der Biblio⸗ thek, Dora ſuchte ſich durch Leſen oder Schreiben über die nur allzu langſam hinſchleichenden Stunden hin⸗ wegzuhelfen. Endlich kam der Mittag und mit ihm Doctor Anſelmus. Er ſprach bei Tiſche wenig und zerſtreut; er klagte über Kopfweh und preßte mehrmals die Hand auf die brennende Stirn. Vielleicht hatte er auch allzu raſch ein paar Gläſer Wein hinunter⸗ geſtürzt. Er empfand das Bedürfniß der Ruhe, er ſehnte ſich nach Schlaf, und wahrhaftig, ſeine Nichte war die letzte, welche ihm Beides mißgönnt hätte. Mit Sehn⸗ ſucht wartete ſie auf den Augenblick, in welchem ſie ſich von dem feſten Schlummer ihres Oheims über⸗ zeugen durfte, und eilte dann klopfenden Herzens hin⸗ 5 — 183 unter in den Garten; ſie wußte, daß ſie Frater Hein⸗ rich dort finden werde. Er war ſchon da. Mit Vorwürfen trat er ihr entgegen, daß der Stu⸗ dent ſein Wort ſo ſchlecht halte, aber Dora wußte ihn zu beruhigen und ihm begreiflich zu machen, daß es ihr unmöglich und daß ſie wirklich nicht Herrin ihres Willens geweſen ſei. Der Novize machte ihr einen Vorſchlag. „Statt hier in der dumpfen Laube zu bleiben“, ſagte er,„laſſen Sie uns in den Wald treten, und dort den Berg hinaufwandern. Man genießt oben eine entzückende Ausſicht, und es läßt ſich dort jedenfalls leichter plaudern als hier.“ „Dürfen Sie ſich ſo weit entfernen?“ fragte Dora überraſcht „Ob ich darf? Ich will mir einen kleinen Verweis gern gefallen laſſen, und ich habe mir nun einmal in den Kopf geſetzt, ſolange Sie hier ſind, Ihre Freund⸗ ſchaft auszubeuten, ſo gut ich kann.“ „Mein Oheim könnte erwachen!“ „Wir ſind in einer Stunde wieder hier“, tröſtete der Novize,„und wenn nicht— fürchten Sie Ihren Oheim mehr als ich meinen frommen Pater Nikomedes?“ „Nein“, meinte Dora verlegen. 184 „Gut, dann laſſen Sie uns gehen.“ Frater Heinrich ſchritt durch den Garten voraus, öffnete eine kleine Thür, die ſich in der Mauer befand, und bald hatte beide der Schatten des Waldes aufge⸗ nommen. Da das Terrain ſich alsbald hob und der ſchmale Pfad nicht geſtattete, neben einander zu gehen, ſo wurde das Geſpräch nur bruchſtückweiſe und unterbrochen ge⸗ führt. Dennoch war es Dora gelungen, von Heinrich das Verſprechen zu erhalten, ſeine Liebesgeſchichte zu erzählen. „Sie ſind wohl ſehr neugierig darauf?“ hatte Hein⸗ rich gefragt. „Gewiß“, antwortete Dora. „Erwarten Sie nicht zu viel“, bemerkte jener,„Sie könnten enttäuſcht werden. Immerhin wird es gut ſein, wenn Sie ſich meine Erfahrung zur Warnung ng dienen laſſen wollen.“ „Zur Warnung“ lachte Dora,„es nicht zu machen wie Sie, oder zur Warnung vor den Frauen?“ „Beides“, entgegnete Heinrich. Endlich war man, immer vom Walde eingeſchloſſen, auf der Höhe des Berges angekommen. „Ah“ rief Dora,„hier ſtand einſt eine Burg!“ „Sie meinen das alte, verwitterte und zerfallene 185 Gemäuer, das Sie rings um den Gipfel laufen ſehen?“ „Gewiß“, rief Dora, und lief voraus, um auf einem der umgeſtürzten moosbewachſenen Steinblöcke Platz zu nehmen. „Ihr Irrthum iſt verzeihlich“, entgegnete Frater Heinrich, der vor Dora ſtehen blieb.„Dieſe Steinhaufen ſind jedoch nicht die Ueberreſte einer durch Brand oder Eroberung zerſtörten Ritterburg— wie das ganze Volk in der Umgegend meint— ſondern ſie haben hier eine jener großen Aſylſtätten vor ſich, in welchen die Ger⸗ manen bei Kriegszeit ſich und ihre Habe in Sicherheit brachten.“ Ach, wie ſchade!“ rief Dora.„Sie zerſtören alle meine Illuſionen uud Träume.“ „Von Junkern und Rittern, Burgfrauen und Edel⸗ fräuleins. Iſt es denn weniger pvetiſch, uns daran zu erinnern, daß wir hier auf einer Stätte ſtehen, die un⸗ ſern Vätern mit ihren Frauen und Kindern, mit ihrem Hab und Gut den letzten Zufluchtsort vor dem Andringen der römiſchen Fremdlinge bot? Es iſt wahrſcheinlich, daß auf dieſem Punkte, der die weiteſte und ungehindertſte Fern⸗ ſicht bot, Wachen aufgeſtellt waren, um die Germanen von den Ausfällen der Römer, deren befeſtigte Grenze ſich drü⸗ ben am linken Mainufer hinzog, in Kenntniß zu ſetzen.“ 6 186 „Woraus ſchließen Sie das Alles?“ „Aus dem Umſtand, daß dieſe nun zerſtreuten Stein⸗ trümmer offenbar die Ueberreſte eines Ringwalles ſind, der in doppelter Linie hier um die frei und ſteil ab⸗ fallenden Seiten des Berges führt, während er drüben auf der Seite, welche ſich an den nächſtgelegenen Berg⸗ rücken anſchließt, dreifach vorhanden iſt, eine Erſchei⸗ nung, die ſich auch bei den andern als celtiſch oder germaniſch erkannten Ringwällen wiederholt.“ „Ich danke für die Belehrung“ ſpottete Dora,„wol⸗ len wir aber nicht lieber uns jetzt nach der Fernſicht umſchauen, die Sie mir als ſo entzückend rühmten?“ „Gern“, entgegnete Frater Heinrich;„es war nur meine Abſicht, Sie erſt vollkommen ausruhen zu laſſen.“ „Ich bin bereit“, rief Dora aufſpringend, und der Novize wand ſich nur mühſam voraus durch das Ge⸗ büſch, deſſen Zweige allzu gern an ſeiner Wollkutte hängen blieben, bis ſie auf eine Art Terraſſe gelangten, deren prachtvolles Panorama dem Mädchen einen lauten Ausruf der Bewunderung und des freudigſten Erſtaunens entlockte. Frater Heinrich verſtand mit kundiger Hand den Erklärer zu machen. Vor ihnen lag das weitgedehnte, liebliche Mainthal, belebt von zahlreichen Dörfern und Weilern und be⸗ . 6 187 deckt von wogenden Getreidefeldern, aus denen im Strahle der leuchtenden Sonne da und dort der Main wie ein Silberband aufblitzte. Rechts vom nahegelegenen Gebirg ragte das Schloß der benachbarten Stadt mit ſeinen ſtolzen röthlichen Thürmen aus dem Dunkel der es umgebenden Anlagen und Gärten hervor, links ward die gewerbfleißige Stadt Hanau und weiter hinten ſelbſt die Kuppel des Frankfurter Doms ſichtbar. Nach Sü⸗ den war der Blick durch die Berge des Rheingaus, nach Norden durch den Taunus begrenzt. Dora blieb lange im Anſchauen verſunken, nur dann und wann eine Frage an ihren Begleiter richtend, wenn ſie da oder dort aufs neue einen Kirchthurm oder ein Waſſer ihrem Blick entgegenleuchten ſah. Aber der Novize drängte zum Aufbruch. „Kommen Sie“, ſagte er,„wir haben noch Schöneres zu ſehen.“ „Unmöglich“, rief Dora. Und doch behielt der No⸗ vize Recht. Sie ſchritten zwiſchen den beiden Mauern des Ring⸗ walles, über und neben dem ſich nun hochwipflige, breitſchattige Bäume erhoben, um die eine Seite des Berges herum und gelangten bald an einen mit Bän⸗ ken bezeichneten Ruhepunkt, von dem aus die nach Weſten gebotene Fernſicht einen von dem frühern we⸗ 188 ſentlich verſchiedenen, aber für das ermüdete Auge wohlthätigen Charakter trug. Hier hob und ſenkte ſich das Terrain, bildete Hügel und bildete Thäler, aus denen Dörfer und vereinzelte Hütten neugierig hervorguckten, und gewann durch dunkle Wälder und grüne Saaten, die ſich regellos ausbreite⸗ ten, den Reiz der Abwechslung und der Mannichfaltigkeit. Die Grenze war enger gezogen; denn der ſchon unten wellenförmige Boden begann raſch zu ſteigen, bis der im blauen Duft verſchwindende Odenwald, von dem rechts ſich noch klar und ſcharf der Melibocus erkennen ließ, den Abſchluß bildete. Weſtlich davon glaubte Frater Heinrich noch ziemlich deutlich die Ruine Frankenſtein, die als der Anfang der berühmten Bergſtraße gelten kann, zu erblicken, aber Dora lachte ihn aus und meinte, es gebe auf jedem Berge ein paar Punkte, welche die meiſten Beſchauer, ſich nicht genügen laſſend an dem, was ſie ſahen, auch noch geſehen haben wollten, welche aber, wenn man der Wahrheit die Ehre geben wolle, noch von keinem geſehen worden ſeien. Es lag etwas Bezauberndes in der Landſchaft, die in ihren Formen ſo bewegt war und über der doch wieder ein ſo einlullender, heißer, ſonniger Duft ſchwebte. Nur leichte zarte Wolkenſchatten flogen zuweilen über die Hügel, kein lebendes Weſen war zu entdecken, die 189 Vögel hielten Sieſta in dem Schatten der Bäume, die Menſchen hatten ſich in die kühlen, ſonnengeſchützten Wohnungen geflüchtet. „Laſſen Sie uns hier bleiben, Frater Heinrich“ ſagte Dora,„hier können wir ruhen, und hier, im Angeſicht der wundervollen Natur, läßt ſich am allerbeſten eine gewiſſe Hiſtorie erzählen, die ich heute um jeden Preis noch hören möchte.“ „Wie Sie befehlen, Verehrteſter“, lächelte der Novize, warf ſich, ſtatt neben Dora auf der Bank Platz zu nehmen, ins Gras auf den Boden und begann nach kurzer Pauſe ſeine Geſchichte. Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſan. Von demſelben Verfaſſer erſchien bereits früher: Gedichte von Hermann Oelſchläger. Inhalt: I. Lieder und Liederartiges. II. Sonette. IHI. Geſtalten und Geſänge. IV. Carneval. V. Som⸗ mernachtsträume. VI. Vermiſchtes. VII. Brief nach Paris. Statt aller Anpreiſung heben wir aus den in ſeltener Weiſe einſtimmig anerkennenden Urtheilen, welche den Gedichten im In⸗ und Auslande zu Theil wurden, folgende hervor: Oelſchläger's Gedichte gehören zu den beſten und formenreich⸗ ſten der letzten Zeit; die Sonette und beſonders die„Sommer⸗ nachtsträume“ haben eine glühende Färbung und ſind durch und durch gedankenreich. Bidaskalia(Frankfurt.) Es liegt ſo viel Sinnigkeit, Gemüthswärme und ein faſt muſikaliſcher Wohlklang in dieſen Liedern, eine überraſchende Fülle von Schönheit, hinreißender Glut, zarteſter Sehnſucht und ge⸗ fälliger Anmuth in den lyriſchen Gedichten, eine Formvollendung und Reinheit in den Sonetten und ein ſo reicher Aufwand von beſchreibender Poeſie in den„Sommernachtsträumen“ wie ſie nur der Hauch wahrer Begeiſterung in dem Jünger der Dichtkunſt zum Ausdruck zu bringen vermag. Neue Freie Preſſe(Wien.) „Die„Sommernachtsträume“, durchgearbeitete und ſtilvolle Geſänge, ſtehen dem Beſten nahe, was die deutſche Literatur in den letzten Jahren geſchaffen hat; die Bilder aus dem ſocialen Leben aber, oft mit dem Humor Beranger's gefärbt, ſchlagen einen weſentlich neuen Ton in unſerer Literatur an. Süddeutſche Preſſe München.) Seit Langem hat keine Sammlung neuer Gedichte uns ſo ge⸗ feſſelt, angeregt und erquickt, als dieſe friſchen, ſtolzen, tiefſinni⸗ gen und faſt ohne Ausnahme von reinſter Formſchönheit künſt⸗ leriſch geweihten Bekenntniſſe. Salon Gerlin.) Neue Romane aus dem Verlage von rnſt Julius Günther in Leipzig. 3 ——— In der Welt verloren. Eine Erzählung von 1 Edmund Hvoefer. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. ——— Die Spionin. Roman aus der Geſchichte des amerikaniſchen Bürgerkriegs von Adolf Hchirmer. Verfaſſer vont„Lütt Hannes“,„Familiendämon“,„Fabrikanten und Arbeiter.“ 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. 1 1 1 0 1 6 7 =. 2 4 5 1 ———,