1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Ednurd Oltmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Czution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: T N.— Ff 1 W 5 Pf. 2 W Pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, i verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —— A — x Fürſt und Proletarier. * Ein Roman aus der Gegenwart von Theodor Oelckers. Zweiter Band. Leipzig, Verlag von Otto Klemm⸗ 1846. Vierter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Es waren jetzt zwei Wochen verfloſſen, ſeit Heinrich das letzte Mal heimlich waͤhrend der Nacht in Waldrode an⸗ gekommen war. Aeußerlich war die Ruhe hier wie in den benachbarten Fabrikdoͤrfern vollkommen hergeſtellt, die Arbei⸗ ter waren wieder, wie vorher, beſchaͤftigt und die Truppen hatte man zuruͤckgerufen. Trotzdem war aber die Gährung unter der Bevolkerung noch keineswegs beſchwichtigt und obwohl man zuverſichtlich glaubte, daß die energiſchen Maß⸗ regeln, welche man ihnen gezeigt hatte, die Arbeiter vor je⸗ dem neuen Ausbruche der Unzufriedenheit bewahren wuͤrden, ſo erkannten die wenigen beſſer Unterrichteten doch, daß es nur eines leiſen Hauches beduͤrfen werde, um den ſchlum— mernden Funken zur verderblichen wilden Flamme anzu⸗ fachen. Man hatte nicht läͤugnen koͤnnen, daß die Mehrzahl der Arbeiterfamilien im druckendſten Elend ſchmachtete, be⸗ muͤhte ſich jedoch eifrig, das wahre Verhaltniß nicht zur 1* Oeffentlichkeit kommen zu laſſen. Alles wurde in moͤglichſt milden Farben dargeſtellt. Indeß mußte man doch dulden, daß das öffentliche Mitleid zum Beſten der Ungluͤcklichen an⸗ gerufen wurde und daß man allenthalben Sammlungen zur Unterſtuͤtzung der Bedraͤngten veranſtaltete.— Es that Heinrich faſt weh, als er ſich von Seiten der Schloßbewohner mit wahrer Freude bewillkommt ſah,— konnte er doch ſicher ſein, daß ſich dieſes Wohlwollen bald in Haß verwandeln werde. Man wufßte nicht, daß er zu der unbehaglichen Stimmung, welche ſeit einiger Zeit im Kreiſe der Familie herrſchte, ſehr viel beigetragen hatte. Man er⸗ innerte ſich nur, daß man heitrer geweſen ſei, als er das Schloß bewohnte und daß ſeit ſeinem Abſchiede Alles anders geworden war. Daran trug freilich der Baron die naͤchſte Schuld, aber man mochte ſich dies nicht geſtehen. Die von den Eltern ſo eifrig unterſtuͤtzte Bewerbung jenes Mannes wuͤrde zwar in jedem Falle den Frieden getruͤbt haben, allein gewiß nicht in ſo hohem Grade, wenn nicht ein Andrer, Heinrich, das Herz der jungen Graͤfin bereits beſeſſen haͤtte. Der Baron war der erſte, den Heinrich erblickte, als er zur Schloßpforte eintrat, denn Ollersdorf ritt in dieſem Augenblick heraus. „Ah, guten Morgen!“ rief er dem Ankoömmling ent⸗ gegen, als er dieſen erkannte, und dabei reichte er Heinrich die Hand und zeigte uberhaupt eine Freundlichkeit und gute Laune, die ſonſt nicht an ihm bemerkt worden war.„Man hat hier viel an Sie gedacht und wird ſich freuen, daß Sie der Reſidenz endlich uͤberdrußig ſind. Wie ſteht's dort?“ „Man iſt betruͤbt, glaub' ich, daß es Ihnen hier ſo lange gefäͤllt, Herr Baron. Sie ſind ſchon Urſache geworden, daß man Thraͤnen vergoſſen hat“— „O, Sie meinen die Warren? Hol der Teufel das Weib! Ich glaub's wohl, daß ſie mich vermißt. Aber, im Vertrauen, Freund, Sie werden mir einen Gefallen thun, wenn Sie ihrer hier gar nicht erwaͤhnen. Man liebt in Waldrode dergleichen kleine Haͤndel nicht und es koͤnnte mich in falſches Licht ſtellen, wenn man hoͤrte, daß ich vertraut mit jener Perſon geweſen. Alſo, ich bitte darum, kein Wort von der Warren. Auf Wiederſehn, Herr Berg!“ Damit entfernte er ſich. Heinrich glaubte dieſen Mann ſehr verwandelt zu fin⸗ den und es ſchien wirklich, als habe der Baron angefangen, ſein Weſen nach demjenigen ſeiner jetzigen Geſellſchaft um⸗ zubilden. Jedem ſeiner Worte war fruͤher der Stempel der Rohheit aufgedruͤckt geweſen; jetzt erſchien er wenigſtens als ein— gewoͤhnlicher Menſch. Als Heinrich dieſe Bemer⸗ kung gegen Alfred aͤußerte, fand er, daß auch dieſer bereits eine beſſere Meinung vom Baron gefaßt hatte und nichts Anſtoͤßiges mehr in einer Verbindung deſſelben mit Pau⸗ linen erblickte. Deſto ſchlimmer! dachte Heinrich; und um ſo nothiger wird es ſein, daß wir raſch handeln!— Kaum daß er eine Stunde in Waldrode geweilt hatte, ſo ſehnte er auch ſchon den naͤchſten Morgen herbei, wo er ſich wieder entfernen wollte. Es war fuͤr ihn jetzt eine ſchwere Pruͤfung, einen Tag in dieſem Kreiſe zu verleben, von Seiten der Angehoͤrigen, welche ſich auf den uͤbermor⸗ 6 wo man ihm freundlich begegnete und wo er heiter erſchei⸗ nen mußte. Jedes Wort koſtete ihm Muͤhe und doch mußte er ſich geſpraͤchig, unterhaltend zeigen. Er hatte ſich darauf vorbereitet, mit Paulinen jede geheime Beſprechung entbeh⸗ ren zu koͤnnen. Alles, was ſie wiſſen mußte, ſeinen ganzen Plan, hatte er ausfuhrlich niedergeſchrieben. Er nahm nun die erſte Gelegenheit wahr, wo er ihr das Papier unbemerkt uͤbergeben konnte und ſie nuͤtzte eine Stunde des Alleinſeins, um es durchzuleſen. Er fuͤhlte ſich beruhigt, als ſie ihm darauf das be⸗ ſtimmte Zeichen ihrer vollkommenen und unbedingten Ein⸗ willigung gab. Obwohl er Proben von der Stärke ihres Charakters zu haben glaubte, hatte er bis dieſen Augenblick doch gefurchtet, der Plan koͤnne ihr zu gewagt ſcheinen und ihre Entſchloſſenheit moͤchte an ihrer Schuͤchternheit ſcheitern. Nachdem er ſie unterrichtet wußte, ward es ihm auch(was von den Andern freilich nicht bemerkt werden konnte,) deut⸗ lich, daß in ihrem Innern eine Veraͤnderung vorgegangen ſei. Sie kannte jetzt genau den Zeitpunkt, wo ſie dieſen Ort fliehen ſollte, ſie wußte, daß alles vorbereitet war, ſie hatte uͤber ihr Geſchick entſchieden. Dieſe Beſtimmtheit deſ⸗ ſen, was ihr bevorſtand und was ihr eigner unwiderruflicher Wille war, machte ſie gleichwohl weich in dem Bewufßtſein, daß die Zeit, welche ſie noch bei den Ihrigen zuzubringen hatte, nur noch nach Stunden zu berechnen ſei. Jedes Wort der Eltern oder des Bruders, welches an ſie gerichtet wurde, ſchien ſie zu erſchrecken oder zu bekuͤmmern; jede Erwaͤhnung 7 genden Tag bezog, erfullte ſie mit einer gewiſſen Wehmuth — an jenem Tage ſollte ſie ja bereits die Heimat verlaſſen haben! Haͤtte die Vorſicht es nicht ohnehin noͤthig gemacht, ſo wuͤrde Heinrich heute doch nur zu gern auf jede Aufmerk⸗ ſamkeit von ihrer Seite verzichtet haben, damit ſie dieſe um ſo ausſchließlicher denen widmen konnte, welche ihr theuer waren und die ſie am folgenden Tage fuͤr immer verlaſſen ſollte. Nur dies natuͤrliche Gefuͤhl war es, was ihr beim Gedanken an das Bevorſtehende Schmerz verurſachte, denn im Uebrigen war ſie uber jede kleinliche Ruͤckſicht erhaben. Heinrich ließ ſich von den Andern, die nicht wiſſen konnten, daß er kuͤrzlich nur durch gluͤcklichen Zufall dem Tode in Waldrode entgangen war, von den juͤngſten Ereig⸗ niſſen, welche noch immer das Tagesgeſpraͤch bildeten, erzaͤh⸗ len. Man hatte heute beſondern Anlaß, des hilfsbeduͤrftigen Zuſtandes der Arbeiterfamilien zu gedenken, denn an dieſem Tage ſollte im Gaſthauſe des Dorfes ein Conzert zum Be⸗ ſten der Nothleidenden ſtattfinden und man hoffte auf eine ſtattliche Einnahme, da die ſchoͤne Lage des Ortes, die Naͤhe der Eiſenbahn und aͤhnliche guͤnſtige Umſtaͤnde geeignet wa⸗ ren, ein zahlreiches Publikum aus der Umgegend herbeizu⸗ locken. Zudem glaubte man dem guten Zwecke noch beſon⸗ ders foͤrderlich zu ſein, wenn man ſich nicht damit begnuͤgte, einige Einlaßkarten freigebig zu bezahlen, ſondern die Ver⸗ ſammlung auch mit perſoͤnlicher Gegenwart beehrte, trotz des ſehr gemiſchten Publikums, welches zu erwarten ſtand. Es ſollte weniger von einer Vergnuͤgung die Rede ſein, als von einer durch die That kundgegebenen Verſicherung, daß man bereit ſei, die aͤrmern Bruͤder zu unterſtutzen. Bei alldem hatte man eine Unvorſichtigkeit begangen: man hatte die Raͤume, welche des Sonntags nur von den niedern Volksklaſſen belebt zu werden pflegten, in Beſchlag genommen, und die luſtigen Taͤnzer ſollten fuͤr heute daraus verbannt ſein. Nicht nur der geraͤumige Garten, wo das Conzert ſtattfinden ſollte, auch der Saal, welcher daran ſtieß, ſollte heute, zumal da ein Gewitter die Freude im Freien zu ſtoͤren drohte, fuͤr die wohlthaͤtigen Gäſte aufbewahrt blei⸗ ben, denn man rechnete darauf, nach Beendigung des Con⸗ zerts den Tag mit einem improviſirten Balle ſchließen zu koͤnnen. Die Herrſchaften wollten aus Menſchenfreundlich⸗ keit und Wohlthätigkeitsſinn ſich herablaſſen, in demſelben Raume zu tanzen, wo ſonſt nur der niedre Proletarier ſein Weſen trieb. Diejenigen, welche ſich hier Sonntags in Bier, Branntwein und ohrenzerreißender Muſik betaͤubten, waren freilich nicht dieſelben, denen man die Unterſtuͤtzung zugedacht hatte. Denn mocht' es auch richtig ſein, daß die Beſucher dieſes Beluſtigungsortes die wenigen Groſchen nicht uͤbrig hatten, welche ſie hier verjubelten, ſo waren ſie doch immer noch die beſſer Bedachten; bei weitem die groͤßere Zahl der in der Gegend lebenden zahlreichen Arbeiterfamilien konnte an dergleichen Ueppigkeit nie denken und war froh, wenn ſie ſich des Sonntags mit Brod ſattigen konnte, wäh⸗ rend ſie ſich in den uͤbrigen ſechs Tagen der Woche mit Kar⸗ toffeln begnuͤgen mußte. Dieſe Leute vertrieb man alſo heute nicht, indem man Geld fuͤr ſie ſammelte;— trotzdem war es eine Unvorſichtigkeit, was man beging, wie der heu⸗ tige Tag noch lehren ſollte. Der Pfarrer, welcher einen kurzen Beſuch auf dem Schloſſe machte, deutete darauf hin, daß die heutige Feſtlich⸗ keit viel boͤſes Blut unter der Bevoͤlkerung zu erregen ſcheine und daß man wohl beſſer gethan hätte, die beabſichtigte Sammlung auf andre Weiſe zu veranſtalten. „Es herrſcht ein gewiſſer hartnäckiger Stolz unter den Leuten ſeit den letzten Unruhen,“ ſagte er.„Sie wollen nicht unterſtuͤtzt ſein, meinen ſie, weil ſie ſechs Tage in der Wo⸗ che, und wohl auch den ſiebenten, von fruh bis ſpät genug arbeiteten, um davon ohne Almoſen leben zu können. Man gäbe ihnen nur nicht, was ſie verdienten, man beſtehle ſie, und einzelne Muͤßiggaͤnger aͤrnteten die Frucht ihrer Muͤhe.“ „Hm, etwas mag davon wahr ſein,“ bemerkte der Graf. „Es gibt hier einzelne Muͤßigganger ſolcher Art; allein es iſt nicht die Sache der Arbeiter, zu murren. Dergleichen duͤrfte auf keinen Fall geduldet werden und die Menſchen machen ſich dadurch einer Beſſerung ihres Lohnes unwerth. Und wer ſind ſie denn, die ſo ſprechen? Es muͤſſen doch Einzelne ſein, die dergleichen laut werden laſſen, und warum nimmt man dieſe Einzelnen nicht feſt, um ſie zur Rede zu ſtellen und zu ſtrafen?“ „Seit den letzten Auftritten ſitzt noch eine Anzahl im Gefangniß, und dieſer Umſtand naͤhrt nur den Unwillen der Andern. Die Leute ſind verhaftet, weil ſie das Wort fuͤr die Maſſe fuͤhrten, welche einen hoͤhern Lohn aus dem einfachen Grunde forderte, weil ſie denſelben verdiente und 10 brauchte, um nicht zu hungern. Macht man eine ſolche Forderung unter ſolchen Umſtänden zum Verbrechen, ſo ge⸗ ſteht man zugleich ein, daß man die Arbeiter als willenloſe Maſchinen, zum wenigſten als Sklaven betrachtet. Soll man ihnen dies auf ihre Beſchwerden zur Antwort geben? Jedermann muß es freiſtehn, den Preis ſeiner Arbeit ſelbſt zu beſtimmen; iſt er zu theuer, ſo wird man ſeine Arbeit nicht begehren. Jene Armen begehren aber im Grunde gar nicht ſo viel, ſie wollen nur leben ohne zu hungern.“ „Hm!— das Alles hat jedoch nichts mit dem heuti⸗ gen Conzerte zu ſchaffen. Zeigen ſich die Leute der Unter⸗ ſtuͤtzung unwerth, ſo wuͤrde man, denk ich, wohlthun, wenn man den Ertrag einem andern Zwecke widmete.“ „Das kann man wohl; allein dadurch wird die Miß⸗ ſtimmung noch nicht verbannt, welche der Umſtand, daß man ſie der Luſt eines Sonntags beraubt, hervorgerufen hat. Auch wollen dieſe Arbeiter der Unterſtuͤtzung gar nicht wuͤrdig ſein, weil ſie ſich eines ausreichenden Lohnes fuͤr wuͤrdig halten. Ich muß geſtehn, daß ich ihnen darin nicht Unrecht geben kann. Die Umſtaͤnde dieſer Armen erinnern mich immer an das Wort eines unſter Philoſophen:„die menſchliche Haut iſt ein Boden, worauf Haare wachſen; mich wunderts, daß man noch kein Mittel ausfindig gemacht hat, ihn mit Welle zu beſaͤen, um die Leute zu ſcheren.“ Wenn man ſie nicht ſcheren kann, ſchindet man ſie doch.“ „Hm— das ſind nur Redensarten, nehmen Sie mirs nicht uͤbel, Herr Pfarrer, Redensarten, mit denen nichts ausgerichtet wird.“ 11 „Leider fuͤhl' ich das wohl,“ entgegnetete der Pfarrerz „und es thut mir von Herzen weh, das Amt eines Seel⸗ ſorgers hier nicht beſſer verſehen zu koͤnnen,— die armen Menſchen behalten ja keine Zeit uͤbrig, ihrer Seele rathen zu laſſen.“ Obwohl der Graf Alles, was der Pfarrer uͤber dieſen Gegenſtand ſagen mochte, nicht billigte, ſo pflegten derartige Geſpraͤche zwiſchen beiden doch meiſt ziemlich lange zu waͤh⸗ ren und dies war auch heute der Fall.„Warum aber,“ fragte endlich der erſtere,„warum legen Sie ſo viel Gewicht auf die Mißſtimmung, welche das Conzert unter dem immer unzufriedenen Volke erregen kann? Wollen die Leute etwa die Muſik lieber ſelbſt hoͤren?“ „Ihre eigne Muſik in dem gewohnten Raume, den ſie einmal als den ihrigen betrachten. Es klingt das wun⸗ derlich— allein man thaͤte doch beſſer, die Leute durch nichts zu reizen. Ich muß geſtehn, daß ich es gern ſehn wuͤrde, wenn jene Wolken, die ein Gewitter zu verkuͤnden ſcheinen, bei Zeiten heranzoͤgen und ſich uͤber Waldrode ergöſſen, da⸗ mit die Sache von ſelbſt unterbleiben muͤßte.“ „Wenn es regnet, wird das Conzert im Saale gehal⸗ ten, wie Sie wiſſen, denn dieſer vermag recht bequem vier bis fuͤnfhundert Menſchen zu faſſen. Wir wollen den Be⸗ weis liefern, daß wir auf das Beſte der Armen bedacht ſind.“ „Nun, gebe Gott, daß die Armen dies glauben,“ er⸗ wiederte der Pfarrer, welcher ſich nun angelegen ſein ließ, von andern Dingen zu ſprechen, und ſich bald nachher em⸗ pfahl. Es ſchien, als habe er noch etwas ſagen wollen, was er nur ungern unterdruͤckte. Nachdem er hinweg war, machte der Graf, wie gewöhnlich, noch eine humoriſtiſche Bemer⸗ kung nach ſeiner Weiſe uͤber den„wunderlichen Pfarrer,“ und damit war dieſer ſammt ſeinen Aeußerungen vergeſſen. Wenigen Stunden nachher erinnerte man ſich jedoch ſeiner Worte wieder, als der Wirth aus dem Gaſthauſe er⸗ ſchien und den Grafen zu ſprechen begehrte, um ſich deſſen Rath und Beiſtand zu erbitten. Es hatten naͤmlich, waͤh⸗ rend bereits die erwarteten Gäſte von allen Seiten einzu⸗ treffen begannen, eine ziemliche Anzahl von Maͤnnern aus dem Volke, wie allſonntäglich ſo auch heute, von den Ti⸗ ſchen des offentlichen Gartens Beſitz genommen und ſchienen feſt entſchloſſen, ihre Plätze, trotz der freundlichen Vorſtellun⸗ gen von Seiten des Wirths, zu behaupten. Es war da ſchwer zu rathen, denn man durfte nicht hoffen, Gewalt mit Gewalt vertreiben zu können, da die ohnehin ſchon zahlrei⸗ chen ungebetenen Gaͤſte von Minute zu Minute durch neu⸗ ankommende Genoſſen vermehrt wurden. „Nun, wenn die Leute bereit ſind, das feſtgeſetzte Mi⸗ nimum des Eintrittsgeldes zu erlegen,“ ſagte der Graf,„ſo wird man ſie nicht zuruͤckweiſen koͤnnen. Dies kann uͤber⸗ haupt nicht ſtatthaft ſein, da das Conzert fur keine geſchloſ⸗ ſene Geſellſchaft ſtattfindet, ſondern fur jeden zugaͤnglich iſt. Jedermann ſteht es ja frei, zu kommen oder wegzubleiben.“ Der Wirth machte nun deutlich, daß die Ungebetenen es ganz anders meinten. Sie wollten kein Eintrittsgeld zahlen, mochten vom Conzert uͤberhaupt gar nichts wiſſen, und waren nicht gekommen um zu hoͤren, ſondern um allen 13 Andern das Hoͤren zu verleiden. Mit einem Worte, ſie wollten das Concert nicht ſtattfinden laſſen, ſobald ihnen daſ⸗ ſelbe ein Hinderniß ſein ſollte, ſich nach hergebrachter Art an dem gewohnten Orte zu unterhalten. „Ja,“ bemerkte der Graf,„mir war's durchaus nicht recht, daß man das Militär ſo ſchnell abrief. Hätten wir heute eine einzige Kompagnie hier, ſo wuͤrde ſich das Feld bald reinigen laſſen. Hat man den Leuten auch gehoͤrig in der Guͤte zugeredet?“ Der Wirth verſicherte, ſeinerſeits alles moͤgliche ver— ſucht zu haben, aber ohne den geringſten Erfolg. Er hatte ſogar noch Drohworte und Schmahungen von den Stamm⸗ gäſten vernehmen muͤſſen. Seine einzige Hoffnung beruhte nun auf dem Beiſtande des Grafen, welchem er deutlich zu verſtehen gab, daß eine perſoͤnliche Erinnerung von Seiten deſſelben an die Widerſpenſtigen ſicher von Wirkſamkeit ſein wuͤrde. „Was, lieber Mann?“ entgegnete der Graf lachend, „Sie muthen mir zu, eine Rede an das Geſindel zu hal⸗ ten? Das geht nicht. Ich kann nichts thun, als erlauben, daß der Richter in meinem Namen die Leute zu beſchwichti⸗ gen ſucht. Fuͤr den Fall daß auch dies nichts fruchtet, waͤr's vielleicht am gerathenſten, wenn man gleich einen Eilboten nach der Stadt ſchickte und um militäriſchen Beiſtand nach⸗ ſuchte. Binnen hier und einigen Stunden kann alsbann mittels der Eiſenbahn ſicher wirkende Hilfe eintreffen. Sind die Menſchen wirklich ſchon in ſo großer Anzahl da?“ 14 „Bereits ihrer fuͤnfzig— lauter ruͤſtige und verwogene Burſche, welche die beſten Plaͤtze eingenommen haben. Ich weigerte mich, ihnen Getraͤnk reichen zu laſſen; allein ihre Drohungen noͤthigten mich nachzugeben. Einer aͤußerte gegen mich, daß ſeine Kameraden vielleicht zum ſofortigen Abzuge zu bewegen waͤren, wenn der Herr Pfarrer ihnen dazu riethe—“ „So, der Herr Pfarrer!— nun ja, ich weiß, er iſt ganz, was man einen popularen Mann nennt. In der That wäre mir's angenehm, wenn ich bei der Sache gar nichts, auch nicht einmal mit meinem Namen, zu thun haͤtte. Warum haben Sie ſich nicht an den Pfarrer gewendet?“ „Ich war bei ihm und ſtellte ihm die Sache vor. Allein er entgegnete, das waͤre nicht ſeines Amts, es waͤren Polizei⸗ angelegenheiten, die ihn nichts angingen.“ Der Graf war in Verlegenheit. Er wuͤnſchte nicht, ſich bei dieſer mißlichen Angelegenheit irgendwie bloszuſtellen, und ebenſo war es ihm unangenehm, auf ſeinem Grund und Boden aͤrgerliche Auftritte, wie die hier in Ausſicht geſtellten, vorgehen zu ſehn. „Hoͤren Sie,“ ſagte er nach einigem Nachſinnen,„der Pfarrer muß die Sache ſchlichten. Gehen Sie noch einmal hin und ſagen ihm, ich ließe um ſeine Vermittlung bitten. Entweder mag er ſelber in den Garten gehn und die Menſchen anreden, oder er kann einige der Radelsfuͤhrer zu ſich kommen laſſen und ihnen zur Suͤhne reden.“ Der Wirth entfernte ſich und trug dem Geiſtlichen den Wunſch des Grafen vor. 15 „Ich wills verſuchen,“ ſagte der Pfarrer lächelnd, der nun ſogleich ein Paar der Gaͤſte zu ſich entbieten ließ. Die Schaar war im Begriff ein wuͤſtes und laͤrmendes Gelag zu beginnen, als die Abgeordneten im Garten wieder erſchienen, um den Andern des Pfarrers Meinung mitzutheilen, welcher nur wenige aber wirkſame Worte an ſie gerichtet hatte. Binnen wenigen Minuten waren alle aufgeſtanden, hatten ihre Glaͤſer geleert und verließen den Garten, um in geordnetem Zuge und unter lautem Geſang den Weg nach der naͤchſten Schenke einzuſchlagen, wo ſie eines guten Em⸗ pfangs ſicher ſein konnten. „Waͤr's uns nicht um den Pfarrer, den wir gern haben, ſo haͤtten wir eure ganze geputzte Geſellſchaft zum Henker gejagt!“ hatte man beim Abſchied noch gegen die Leute des Wirths geaͤußert. Der Graf war ſehr zuftieden, den Sturm gluͤcklich be⸗ ſchwichtigt zu ſehen, und bald nachher, nachdem ſich der Garten mit andern Gäſten ſchon ziemlich gefuͤllt hatte, begab er ſich, von ſeiner Familie begleitet, ebenfalls dorthin. Meilenweit aus der Umgegend hatte der Wohlthatig⸗ keitsſinn zahlreiche, meiſt den hoͤhern Ständen angehörige Gäſte hier zuſammengefuͤhrt, welche nicht verſäumten, ſich durch ein nach Belieben ſehr erhoͤhetes Eintrittsgeld als „Standesperſonen“ kund zu geben. Der Saal, welcher zum Abend die Tanzluſtigen aufnehmen ſollte, war ſorgfältig ge⸗ ſäubert und mit Guirlanden ausgeſchmuͤckt worden. Wie der erwaͤhlte Ausſchuß, welcher das Kaſſengeſchäft beſorgte, mit der Einnahme zuftieden war, ſo waren es anfänglich Alle 16 mit dieſem„laͤndlichen“ Vergnuͤgen um ſo mehr, als einige Wolken vor die Sonne traten und die druͤckende Schwuͤle des Tages mäßigten. Leider ſollte die Freude bald wieder eine Unterbrechung erfahren, als ein dumpfes Rollen und einige uͤbergroße Regen⸗ tropfen das nahende Gewitter verkundeten. Bald brachte ein Blitz, dem ein gellender Donnerſchlag ſogleich folgte, das ausgezeichnete Orcheſter zum Schweigen und Alles fluchtete nun eilend in den ſchuͤtzenden Saal, wo man ſich ſo gemuͤth⸗ lich wie moͤglich einrichtete, waͤhrend ſich draußen der Regen in Stroͤmen zu ergießen begann. Die Muſik mußte vor⸗ laͤufig ſchweigen, da ſie vom Rauſchen des Regens und den Gewitterſchlaͤgen faſt uͤbertaͤubt wurde. Der Graf hatte ſich mit ſeiner Gemahlin und Tochter ſogleich auf's Schloß zuruͤckbegeben und nur Alfted und Hein⸗ rich befanden ſich unter den Gaͤſten im Saale, denn auch der Baron hatte nicht geſaͤumt, ſich mit jenen hinweg zu begeben. Wenige Minuten nachher fand Heinrich Urſache, ſich gleichfalls hinwegzuwuͤnſchen, als er in geringer Entfer⸗ nung Eliſabeth in Geſellſchaft zweier alten Damen erblickte. Er machte Alfred aufmerkſam und war im Begriff dieſen zur Entfernung aus jener Naͤhe aufzufordern, als es leider zu ſpät war, denn die Blicke beider Parteien begegneten einander bereits. Nun zog es auch Heinrich vor, lieber einige laͤſtige Minuten auszuſtehen, als durch ſein Betragen auffaͤllig zu werden, ſo gern er der Warren auch den Ruͤcken gekehrt haͤtte. Man mußte die Namen der beiden alten Betſchwe⸗ ſtern hoͤren, deren Geſellſchaft Eliſabeth beſondern Spaß zu 17 machen ſchien; denn aͤußerſt fröhlich zeigte ſie ſich und von den Thränen, die ſie das letztemal vergoſſen hatte, war jede Spur verwiſcht. Sie wunderte ſich, Heinrich hier zu ſehen, den ſie in der Reſidenz vermuthete, und ſie ſprach dies im Tone eines leiſen Vorwurfs aus, denn der„Freund“ haͤtte ſie doch benachrichtigen ſollen, ſobald er die Stadt verließ. Heinrich taͤuſchte ſich indeß nicht, wenn er zu bemerken glaubte, daß jener Vorwurf nur ironiſch gemeint war. Sie fuͤhlte ſich jetzt in der That uͤberzeugt, daß er ſie, wo nicht verachtete, doch vollig gleichgiltig anſah, und wenn ſie bei jeder Gelegen⸗ heit noch von ihrer beiderſeitigen Freundſchaft und dergleichen ſprach, ſo that ſie dies im Grunde nur, um ihn zu aͤrgern, waͤhrend ſie im Stillen auf Rache ſann. Heinrich wuͤnſchte ſich Gluͤck dazu, ſie nun zum letzten Male zu ſehn, und in dieſem Bewußtſein lachte er ihrer Bosheit, die ihm nicht entging. Sie geſtand, die Herren ſchon in Geſellſchaft der An⸗ dern im Garten geſehn zu haben. Auch vom Baron ſprach ſie und Heinrich zweifelte nicht, daß ſie auch gegen dieſen einen Racheplan ſchmiedete. Alfred fragte, weshalb ſie nicht laͤngſt Waldrode mit einem Beſuche begluckt haͤtte und warum ſie nicht wenigſtens die heutige Gelegenheit benutzt habe, um auf dem Schloſſe einzuſprechen. Gern haͤtte Eliſabeth dieſe Gelegenheit genuͤtzt, den Baron zu verleumden; boch waren die Gruͤnde zu wichtig, durch welche ſie ſich abhalten ließ. Erſtens lief ſie dabei Gefahr, ſich ſelbſt bloszuſtellen, und dies war um ſo mehr I. 2 18 zu vermeiden, als ihr daran gelegen war, die Gunſt der Waldrodes möglichſt zu erhalten. Mußte es ihr doch ſchon lieb ſein, daß Watkins hier kein Unkraut fur ſie geſaͤet hatte. Sodann hatte ſie auch noch nicht alle Hoffnung aufgegeben, den Baron wieder einmal an ſich zu feſſeln, denn ſie konnte es kaum fur moͤglich halten, daß ein Verhaͤltniß zwiſchen ihm und Pauline Beſtand haben ſollte. Sie entſchuldigte ſich bei Alfred mit ihrer ſpaͤten An⸗ kunft hier und mit der Geſellſchaft der beiden wuͤrdigen Da⸗ men, in welcher ſie ſich befand. Inzwiſchen war bereits der Abend, heute zeitiger als gewoͤhnlich, eingebrochen. Das Gewitter hatte zwar aufge⸗ hoͤrt zu toben, es regnete jedoch noch ſtark und drohte damit fortzufahren, zum großen Leidweſen derjenigen Gäſte, die ohne Wagen gekommen waren. Zu dieſen gehoͤrte auch Eli⸗ ſabeth mit ihren Begleiterinnen, welche den Weg von der Eiſenbahnſtation heruͤber zu einem Spaziergang benutzt hatten. Der von vielen erſehnte Tanz mußte unterbleiben, da der Saal die Gäſte ohnehin kaum zu faſſen vermochte und die Tanzluſtigen mußten ſich mit der Muſik begnuͤgen. Waäͤhrend einige bei dem unaufhorlich fortſtroͤmenden Regen mit Beſorgniß die Nacht einbrechen ſahen, einige Gluͤcklichere bereits ihre Wagen beſtiegen und ſich entfernten, und Andre ſich noch ziemlich gut gelaunt uber ihr Mißgeſchick zu troͤſten ſuchten, drohte ein neues Gewitter gegen die Ge⸗ ſellſchaft loszubrechen. 19 Heinrich und ſeine dermaligen Gefaͤhrten hatten wenig auf die Umgebung geachtet. Alfred hatte die drei Damen getröſtet und ſie fur die Nacht auf's Schloß eingeladen, wo⸗ gegen ſich indeß beſonders die beiden Alten ſtraͤubten, welche um keinen Preis eine Nacht von Hauſe wegbleiben wollten, und den andern Vorſchlag des jungen Grafen, ſie bis zur Eiſenbahn mit ſeiner Equipage zu bedienen, ſchon annehm⸗ licher fanden. Das ploͤtzliche Abbrechen eines Muſikſtuͤckes und eine unruhige Bewegung im Saale erregte jetzt die Aufmerkſam⸗ keit Aller. Ein wildes Geſchrei ließ ſich vor den Eingangen vernehmen. Man dachte natuͤrlich ſogleich an die Arbeiter, welche vielleicht zuruͤckgekehrt waren, um ihre Feindſeligkeiten zu erneuern. Daruͤber wunderte ſich Heinrich im Stillen, da er ahnen konnte, worauf ſich der Einfluß des Pfarrers, den dieſer heute geuͤbt, gruͤndete, und da es ihn unwahr⸗ ſcheinlich duͤnkte, daß man das Wort dieſes Geiſtlichen ſo ſchnell habe vergeſſen koͤnnen. Der nachſte Augenblick lehrte jedoch, daß man ſich nicht irrte. Der Saal war rings von zuſammengelaufenen, großen⸗ theils trunkenen Arbeitern umſtellt, welche, erbittert ihren Raum gemaͤchlich von Andern eingenommen zu ſehn, waͤh⸗ rend ſie ſelber vom heftigſten Regen durchnaͤßt waren, Miene machten, gewaltſam einzudringen, die Fremdlinge zu vertrei⸗ ben und das ſtreitig gemachte Gebiet ſelbſt wieder einzuneh⸗ men. Ihr Haß ward beſonders dadurch geſteigert, daß ſie ihre unmittelbaren Peiniger, die Fabrikbeſitzer aus der Ge⸗ gend, in der Geſellſchaft vermutheten. % — 20 Nachdem harte Worte von Seiten einiger Anweſenden die Menge draußen vollends zum Epceß gereizt hatten, ſo blieben alle nachherigen beguͤtigenden Worte, die anfangs vielleicht Alles vermocht hätten, ohne Erfolg. Auch waren es nicht dieſelben Maͤnner, mit welchen der Pfarrer heute einen Friedenſchluß zu Stande gebracht hatte. Es war eine zweite Schaar, welche von jenem Frieden noch gar nicht unterrichtet war und ſich daher um ſo weniger zu Guͤte und Verſoͤhnung aufgelegt zeigte. Sie ſchimpften laut auf das „heuchleriſche, ſeidne Volk“ da drinnen, welches ſich wohl ſein ließe unter dem nichtigen Vorwande, den Armen zu hel⸗ fen. Trinken und luſtig ſein konnten ſie ſelber und es waͤr' ihnen nichts gedient, wenn das Andere fuͤr ſie thun wollten. Allein auch bei ſolchen Reden bewendete es nicht. Die Vorpoſten der feindlichen Schaaren hatten bereits die Schwelle des Haupteinganges beſetzt und zeigten der Geſellſchaft ihre wilden Geſichter. Die Damen ſuchten die entlegenſten Theile des Saales zu gewinnen, waͤhrend ſie gleichwohl den Blick nicht von jenem Eingange zu wenden vermochten, denn der Vorfall erfullte ſie mit unheimlicher Neugier. Die anweſen⸗ den Herren waren minder neugierig und trugen durchaus kein Verlangen nach näherer Bekanntſchaft mit den Eindring⸗ lingen, welche Schritt fuͤr Schritt vorruͤckten und jeden Au⸗ genblick bereit waren, Hand anzulegen. Dabei ſah man durch den offenen Eingang draußen im erleuchteten Vorzim⸗ mer die dichte ungeduldig nachdraͤngende Schaar, waͤhrend an die andern eilig verriegelten Nebeneingaͤnge kräftige Schlaͤge gefuͤhrt wurden. 2¹ Mit Gewalt konnte man ſich der unheilvollen Gaͤſte nicht entledigen, Worte der Guͤte wurden in dem Tumulte nicht einmal mehr vernommen, und als einer der Herren ſeine Boͤrſe zog und einigen der vorderſten Feinde Geld in die Haͤnde druͤcken wollte, ſchlug man ihm auf die ſeinigen und die Thaler wurden durch den Saal geſchleudert, daß klirrend einige Spiegel und Fenſterſcheiben herniederfielen. Man befand ſich in verzweifelter Lage. In dem Augenblicke jedoch, als das Schlimmſte einzu⸗ treten drohte, wurde draußen eine kraͤftige, den Laͤrm durch⸗ dringende Stimme laut, welche Ruhe und Einhalt gebot. Man ſah, wie ſich darauf plötzlich die Menge theilte und einen Mann vorließ, welcher einige Worte mit den Rädels⸗ fuͤhrern ſprach. Hinter dieſem Manne, welcher auch nur ein Arbeiter zu ſein ſchien, glaubte Heinrich Wolfs Geſtalt zu bemerken. Die Worte jenes Menſchen wirkten aber außerordentlich raſch. Die Tumultuanten ſchwiegen und zogen ſich zuruͤck. Bald wurde alles ſtill und die Gaͤſte blie⸗ ben noch einige Minuten in tiefem Schweigen, wie um ſich zu vergewiſſern, daß die Gefahr wirklich abgewendet ſei. Dies war allerdings der Fall, und gleich nachher erſchien der Wirth mit der beruhigenden Nachricht, daß die Ruheſtoͤrer ohne weitere Feindſeligkeiten bereits abgezogen waͤren. Zum Ueber⸗ fluß entſchuldigte er ſich noch wegen des unangenehmen Vor⸗ falls und bat die Herrſchaften, ganz ſorglos zu ſein und ihr Vergnuͤgen nicht zu unterbrechen. Aber das Vergnugen war einmal geſtort und die meiſten Anweſenden begannen ſich ohne fernern Aufenthalt zum Aufbruch zu ruſten. 1 22 Heinrich hatte Alfred die Sorge fuͤr die Damen gern allein uͤberlaſſen, um nach der Thuͤr zu gehen und ſich zu uͤberzeugen, ob wirklich Wolf der Begleiter des Ruheſtifters geweſen ſei. Der letztere war mit all den Seinen bereits verſchwunden, Wolf aber fand ſich, ebenfalls zur Abfahrt bereit, in einem der mit Gaͤſten aller Art erfuͤllten Zimmer des Hauſes. „Das war nun wieder einer der duͤmmſten Streiche, die mir vorgekommen ſind,“ ſagte Wolf.„Wenn die Leute nicht dulden wollen, daß man auf ſolche Weiſe Almoſen fur ſie ſammele, ſo haben ſie ganz recht. Aber welche Taktloſig⸗ keit, welche Rohheit, die Sache auf ſo gewaltſame Weiſe zu unterbrechen. Waͤren dieſe Menſchen uͤbereingekommen, jede aus dieſer Quelle fließende Gabe zuruͤckzuweiſen, haͤtten ſie vielleicht ſogar, mit Angabe ihrer Gruͤnde, dagegen oͤffentlich in der Zeitung proteſtirt, ſo war das ganz gut und es wuͤrde gewiß einen trefflichen Eindruck hervorgebracht haben. Aber ſo— Nun, trotzdem kann ich dieſen armen Leuten die Schuld nicht beimeſſen, denn ſie wiſſen nicht was ſie thun. Die Schuld laſtet auf allen Jenen, welche nichts thun, ſolche rohe Ausbruͤche unmöglich zu machen und den Armen ein Be⸗ wußtſein ihrer Wuͤrde zu geben. Es iſt Alles ſehr zu be⸗ dauern. Der Zweck dieſes Tumults iſt gut— nur der Tu⸗ mult ſelber nicht, der die gute Sache immer wieder einen Schritt ruͤckwärts fuͤhrt. Doch, dies iſt nicht Zeit und Ort, um daruͤber zu ſprechen. Zum Gluͤck kam ich zeitig genug hieher, um ſchlimmere Scenen zu verhuͤten. Die meiſten der Leute waren betrunken; aber es gelang mir, einen zu 23 finden, der viel bei ihnen gilt und der ſich von mir beſtim⸗ men ließ, den Sturm zu beſchwoͤren. Und was Sie betrifft, Heinrich, ſo glaubt' ich Sie ſchon weit entfernt und am we⸗ nigſten haͤtt' ich Sie noch in Waldrode geſucht.“ „Es iſt nur ein Abſchiedsbeſuch,“ entgegnete Heinrich. „Doch ſollen auch die Leute hier nicht wiſſen, daß ich fort⸗ gehe, um nie wieder zu kommen. Haben Sie in letzter Zeit etwas von Watkins vernommen?“ „Nichts von Bedeutung. Er ſchreibt mir allerdings von Zeit zu Zeit, aber durchaus nichts Wichtiges, und ich ſehe bei ſeinen Briefen keinen Zweck, wenn nicht den, die Bekanntſchaft mit mir zu bewahren, um mich kuͤnftig einmal zu benutzen. Ebenſo kurz wie ſeine Briefe ſind meine Ant⸗ worten. Und wann reiſen Sie, Heinrich?“ „Ich habe die Stunde noch nicht genau beſtimmt. Doch waͤr' es mir angenehm, wenn ich Sie morgen bei Zeiten noch einmal in der Stadt ſprechen koͤnnte, denn ſpäter duͤrfte es unmoglich werden. Erwähnen Sie meiner gegen niemand, und wenn man Sie nach mir ftagen ſollte, ſo ſagen Sie was Sie wollen, nur muß es von der Art ſein, daß man dabei an eine Reiſe nicht denkt.“ Wolf nahm Abſchied, um nach der Stadt zuruͤckzufah⸗ ren. Man hatte des Concerts wegen eine Extrafahrt auf der Eiſenbahn veranſtaltet und Alles beeilte ſich jetzt, um dieſe nicht zu verſäumen. Als Heinrich in den Saal zuruͤckkehrte, war Alfred mit den Frauen bereits verſchwunden, und Heinrich zweifelte nicht, daß Alle die Einladung angenommen und jenen nach dem 24 Schloſſe begleitet haben wuͤrden. Er trat ebenfalls den Weg dorthin an und traf, noch ehe er die Schloßpforte erreichte, die Andern, welche auf dem vom Regen verdorbenen Pfade ſehr langſam vorwaͤrtskamen. In Ermangelung anderer Geſellſchaft war ihm jetzt ſelbſt die jener alten Weiber will⸗ kommen, weil ſie dazu beitrug, die Aufmerkſamkeit um ſo mehr von ihm ſelbſt abzulenken. Denn je näher die Stunde der Erloͤſung kam, um ſo unruhiger fuͤhlte er ſich. Es war theils Bangigkeit theils Ungeduld, was ihn in eine Stimmung verſetzte, in welcher er ſich nicht gern beobachtet ſehen mochte. Er fragte nichts darnach, was an dieſem Abend um ihn her vorging und was geſprochen wurde. Er ſehnte nur die Stunde herbei, wo er ſich ſchicklicher Weiſe zuruͤckziehen konnte. Auch an eine Zuſammenkunft im Ahnenſaale konnte nicht mehr gedacht werden, und er hatte dies gegen Pauline bereits in der Schrift bemerkt, wodurch ſie uͤberhaupt von Allem, was geſchehn oder nicht geſchehn ſollte, ausfuͤhrlich unterrichtet war. Endlich war dieſer ſchwuͤle Tag uͤberſtanden und Hein⸗ rich befand ſich allein in ſeinem Zimmer. Draußen ſchlug der Regen noch gegen die Fenſter und der einſame Gaſt ſehnte lange vergebens den Schlummer herbei. * Zweites Kapitel. Heinrich hatte gefurchtet, er werde ſich am Morgen genoͤthigt ſehen, dem weiblichen Kleeblatt das Geleit nach der Stadt zu geben, doch ſah er ſich zum Gluͤck dieſer Muͤhe uberhoben. Denn obwohl die beiden Alten feſt darauf be⸗ ſtanden, an dieſem Tage zuruͤckzukehren, ſo ließen ſie ſich doch bewegen, den Abſchied auf den Nachmittag zu verſchieben. Heinrich wurde mit dem Wunſche entlaſſen, daß er ſich recht bald und auf laͤngere Zeit wieder einſtellen mochte und er widerſprach dieſer Hoffnung nicht. Er ſagte allen leichthin, als gaͤlt' es nur auf wenige Tage, Lebewohl und eilte hinweg. Seine geſtrige Unruhe war mit dem Morgenlichte ver⸗ ſchwunden. Er fuhlte ſich friſch, unternehmend und ſo mu⸗ thig, wie ein Menſch, der ſich bewußt iſt, daß ihm nichts mißlingen kann. Er hatte im Grunde heute wenig mehr zu thun, als das Ende des Tages ruhig abzuwarten. Er 26 war ſo gluͤcklich geweſen, alle noͤthigen Anſtalten ohne be⸗ ſondere Schwierigkeit treffen zu koͤnnen und Alles war zu ſeiner Zufriedenheit gelungen. Wolf war der Einzige, den er aus Zuneigung noch einmal beſuchte. Faſt nahm dieſer Freund es uͤbel, als er noch einmal an die tiefſte Verſchwie⸗ genheit erinnert wurde, und er ſagte dies Heinrich.„Doch,“ fuͤgte er hinzu,„Sie ſind aͤngſtlich um das Gelingen Ihres Planes, und ich verzeihe Ihnen daher dieſen pedantiſchen Zug gern. Sie kennen die Adreſſe, unter welcher Ihre Briefe an mich gelangen werden. Vielleicht werden Sie mich noch eher nachfolgen ſehn, als wir beide es jetzt ver⸗ muthen. Ich bin ſo ziemlich fertig mit Europa, denn Deutſch⸗ land, als das wunderlichſte Land dieſes Erdtheiles, hatte ich meiner Betrachtung bis zuletzt aufgehoben. Ich kenne es nun ſchon zur Gnuͤge. Auch muß ich meinen Abſchied um ſo mehr zu beſchleunigen ſuchen, da ich bei laͤngerem Aufent⸗ halt fuͤrchten muͤßte, wegen verſchiedner Dummheiten, die das ungeſchlachte Volk hier begeht, zur Verantwortung ge— zogen zu werden, obwohl ich ſehr unſchuldig an dergleichen Dingen bin. Aber eine bloße Unterſuchung, die in Deutſch⸗ land bekanntlich ſtets mehr auf ſich hat als eine Strafe, koͤnnte meinen Aufenthalt auf unerwuͤnſchte Weiſe verlaͤn⸗ gern. Möglich, daß ich geſtern einige Menſchen vor Ver⸗ ſtummelung und Mißhandlung, wo nicht vor dem Tode, bewahrt habe, indem ich vermittelnd auftrat; allein das wuͤrde man mir nicht glauben, man wuͤrde vielmehr nur meine Bekanntſchaft mit jenen Leuten und meinen Einfluß bei denſelben ins Auge faſſen, und dieſe Umſtände wuͤrden N genuͤgen, mich einzuſperren. Ich kann meine heile Haut anderwaͤrts nuͤtzlicher machen und werde daher auf den Ruck⸗ zug denken. Ich mag nicht zum Profeten werden hinſicht⸗ lich der goldnen Zukunft Deutſchlands; ich denke jedoch, es hat noch einige Zeit, ehe dieſes Gold den deutſchen Horizont ſaͤumen wird. Die Freiheitsgoͤttin hat euch gar zu uͤbel be⸗ dacht und eh' ihr einmal einen wahrhaft freien Athemzug thun koͤnnt, werdet ihr wahrſcheinlich noch mancherlei zu beſtehen haben, was in die Kategorie der dreißigjaͤhrigen Kriege gehoͤrt. Aber reiſen Sie nur, Heinrich;— ich muͤßte mich ſehr irren, wenn Sie nicht trotz alldem bald das Heimweh nach dieſer dumpfen deutſchen Luft empfinden wer⸗ den. Sie werden mirs wiederſagen; aber es iſt ganz gut, wenn Sie das aus eigner Erfahrung kennen lernen.“ „Ich habe jetzt das Heimweh,“ entgegnete Heinrich, „das Heimweh nach einer Heimat, die ich noch nicht kenne. Leben Sie wohl! Auf gluͤckliches Wiederſehn, wann und wo es auch ſei!“ Wolf druͤckte ihm ſchweigend die Hand und ſie ſchie⸗ den.——— Von Waldrode fuͤhrte ein wenig betretener Weg nach einem etwa ein Viertelſtundchen entfernten Vorwerk, bei welchem ſich zugleich eine Schenke befand. Es fuͤhrte dort eine Landſtraße voruͤber, dieſelbe, auf welcher Heinrich noch heute ſeine Reiſe antreten wollte. um dorthin zu gelangen haͤtte ihn unter gewöhnlichen Umſtaͤnden die Eiſenbahn die 28 naͤchſte Gelegenheit geboten; allein er konnte heute am we⸗ nigſten hoffen, hier ſicher vor jeder Begegnung zu ſein und hatte daher beſchloſſen, auf wenig betretenen Fußwegen ſein Ziel zu erreichen. Er hatte fuͤr einen Wagen geſorgt, wel⸗ cher nach Einbruch der Daͤmmerung an jener Schenke be⸗ reit ſtehen mußte. Dieſer ſollte ihn eilends nach der naͤch⸗ ſten Poſtſtation fuͤhren, wo gleichfalls dafuͤr geſorgt war, daß die Reiſe ohne den geringſten Aufenthalt fortgeſetzt wer⸗ den koͤnnte. Die ganze Nacht hindurch mußte dieſe Fahrt dauern, damit man am Morgen zur rechten Stunde eine Eiſenbahn erreichte, und ſo konnte man darauf rechnen, am zweiten Tage die Hafenſtadt, wo man ſich einſchiffen wollte, zu betreten. Auch dort waren im Voraus ſchon Vorberei⸗ tungen getroffen, um nirgend auf ein Hinderniß zu ſtoßen. Heinrich hatte nicht den geringſten Umſtand außer Acht ge⸗ laſſen, auf jeden denkbaren Zufall war er vorbereitet. Bei guter Zeit machte er ſich, nachdem er ein Paar Piſtolen, die er ſich beſorgt, noch einmal ſorgfältig unterſucht hatte, auf den Weg und es gelang ihm, die Stadt zu ver⸗ laſſen, ohne daß ihm noch einer ſeiner Bekannten begegnete. Er hatte nicht Luſt, noch irgend jemand Rede zu ſtehen. Der Himmel hatte ſich nach dem geſtrigen Unwetter noch nicht wieder aufgeheitert. Ein ziemlich rauher Wind wehte, welcher von Zeit zu Zeit Regenſchauer herniederſen⸗ dete. Aber dies truͤbe Wetter war dem einſamen Wandrer heute um ſo willkommener, da es unwillkommene Spazier⸗ gänger, welche auf die oder jene Weiſe zur Vereitelung ſei⸗ nes Planes beitragen konnten, daheim halten mußte. Auch der Umſtand ſchien ihm vortheilhaft, daß bei dem dichtum⸗ woͤlkten regneriſchen Himmel die Nacht um ſo fruͤher ein⸗ brechen wuͤrde. Es daͤmmerte bereits ſtark, als er nach einer durch die ſchlechten Wege ziemlich anſtrengenden Wanderung die Ge⸗ gend von Waldrode erreichte. Er befand ſich jetzt auf einer Hoͤhe, von welcher man bei Tage die Warte des Schloſſes druͤben uͤber dem Geholz hervorragen ſah; jetzt war die Dun⸗ kelheit ſchon zu ſtark und alle Gegenſtaͤnde verſchwammen in eine formloſe dunkelgraue Maſſe. Heinrich mußte ſich begnuͤgen, nach der Richtung hinuͤber zu blicken, wo ſie, die er an dieſem Abend erwarten wollte, jetzt noch weilte. Bis dieſen Augenblick war noch kein Zweifel am Ge⸗ lingen ſeines Planes in ihm aufgeſtiegen. Nun aber er⸗ wachten Gedanken in ihm, welche nicht geeignet waren, ſeine gute Stimmung, die er bis daher bewahrt, aufrecht zu er⸗ halten. Er dachte an all die tauſend Moͤglichkeiten, welche Paulinen verhindern konnten, das Schloß zur rechten Zeit zu verlaſſen. Eine Stunde Aufſchub konnte ſchon unabſeh⸗ bare Folgen nach ſich ziehen. Aber er ſuchte endlich all dieſe Gedanken zu verbannen. Sie hatte ja Zeit zur Vorbereitung gehabt und bei gehoͤriger Vorſicht konnte ſie keine Schwierigkeiten finden, um unbe⸗ merkt Waldrode zu verlaſſen. War ihr dies einmal gelun⸗ gen, ſo blieb wenig mehr zu fuͤrchten. Er baute auf die Entſchloſſenheit, die Kuͤhnheit des Maͤdchens, welches ſich ſicherlich durch kein aͤngſtliches Gefuͤhl irren laſſen wuͤrde. 30 Eilend ſchritt er durch ein niederes Gehoͤtz auf einem ſchmalen im Dunkel kaum mehr zu unterſcheidenden Pfade, welcher ihn gerade nach jener Schenke fuͤhren mußte. Es war bereits vollkommene Nacht, als er dies Haus erreichte. Dicht vor demſelben hielt ein Wagen und Heinrich uͤber⸗ zeugte ſich ſogleich, daß es der ſeinige ſei. Der Kutſcher war ein vollkommen zuverlaͤſſiger Menſch, deſſen Verſchwiegenheit und Puͤnktlichkeit Heinrich bereits erprobt hatte. In der Schenke war Alles leer und ſtill. Kein Wun⸗ der, denn dieſe Straße war wenig belebt und das Wetter wurde von Minute zu Minute ſchlechter. Es regnete jetzt unaufhoͤrlich und die Finſterniß nahm mehr und mehr zu. Der Kutſcher verſicherte, daß waͤhrend derſelben Stunde, ſeit welcher er bereits hier wartete, kein Menſch voruͤberge⸗ gangen ſei. Heinrich hatte ſich auf ſeinem Wege von der Reſidenz ſelbſt etwas laͤnger aufgehalten, als er anfangs fuͤr noͤthig gehalten. Es fehlte jetzt nur noch eine Viertelſtunde an der Zeit, wo Pauline hier eintreffen ſollte. Sie mußte demnach in dieſem Augenblicke das Schloß verlaſſen, wofern ſie nicht bereits unterwegs war. Heinrich ſchaͤrfte dem Kutſcher nochmals ein, ſich fer⸗ tig zu halten, huͤllte ſich darauf in ſeinen Mantel, welcher im Wagen aufbewahrt war, und entſchloß ſich, Paulinen entgegen zu gehn. Es war ein ſehr rauher Weg, welcher hier ſeitwaͤrts von der Straße nach Waldrode hinuͤberfuͤhrte. Die tiefen Fahrgleiſe hatte der Regen mit Waſſer angefullt und es fand 31 ſich kaum eine Stelle, wo man ſicher auftreten konnte. Dieſer Weg fuͤhrte durch ein Gehoͤlz, durch welches der Wind, der ſich mehr und mehr erhob, unheimlich rauſchte. Die Dunkelheit war ſo groß, daß man keinen Schritt weit vor ſich ſehen konnte und dabei regnete es fort und fort. Heinrich verwuͤnſchte nun den argen Zufall, der ihn gerade dieſen Tag zur Ausfuͤhrung ſeines Planes hatte waͤh⸗ len laſſen. Er empfand Mitleid mit Paulinen, die in ſol⸗ cher Nacht und auf ſo abſcheulichem Wege die Heimat ver⸗ laſſen ſollte. Inzwiſchen begannen ſich ſeine kaum erſt be⸗ ſchwichtigten Beſorgniſſe von neuem zu regen. Er war eine Strecke vorwartsgeſchritten und ein nicht ſehr fernes Hunde⸗ gebell erinnerte ihn jetzt, daß er ſich ſchon dicht vor Wald⸗ rode befaͤnde. Sehen konnte er nicht das Geringſte. Er war unſchluͤſſig, ob er hier im Freien mitten in dem Unwetter warten oder nach der Schenke zuruͤckkehren ſollte. Weiter gehen konnte er auf keinen Fall und gleich⸗ wohl ſchien es ihm grauſam, das arme Madchen allein auf dieſem Pfade die beſchwerliche Wanderung antreten zu laſſen. In dieſem Augenblicke war es ihm, als vernähm er vor ſich Schritte. Er mußte jeder Begegnung ausweichen und trat daher ſeitwärts unter die Baͤume, um einen etwai⸗ gen Wandrer voruͤber zu laſſen. Wirklich ſchritt von Wald⸗ rode her eine Geſtalt an ihm voruͤber, und bald vernahm er ihren Schritt, von Wind und Regen uͤbertaͤubt, nicht mehr. Die dichte Finſterniß hatte ihm nicht geſtattet, zu unter⸗ ſcheiden, ob es ein Mann geweſen, doch ſchien ihm dies das Wahrſcheinlichſte. 32 Noch einige Minuten wartete er, unentſchloſſen, was zu thun ſei. Da kam ihm ploͤtzlich der Gedanke, daß Pau⸗ line ſelbſt jene Geſtalt geweſen ſein koͤnne. In dem Au⸗ genblicke, als er ſie eilig voruͤberſchreiten ſah, hatte er aller⸗ dings einen maͤnnlichen Tritt zu bemerken geglaubt, allein die Umſtände machten eine Taͤuſchung ſehr leicht moͤglich. Hätte er dieſen Gedanken auch borhin ſchon gehabt, ſo durfte er doch keinenfalls ein Zeichen geben, ſo lange er nicht be⸗ ſtimmt wußte, wen er vor ſich hatte. War ſie es geweſen, ſo wartete ſie nun vielleicht auf ihn, waͤhrend er hier vergebens ihrer Ankunft entgegen ſah. Dieſer Gedanke entſchied endlich. Irrte er ſich und hatte ſie das Schloß noch nicht verlaſſen, ſo konnte er nicht um⸗ hin, ſie nach dem beſtimmten Orte gehen zu laſſen. Dies durfte ſie ohnehin nicht anders erwarten, da ſie ihn, ſeiner Angabe gemaͤß, erſt vor der Schenke bei dem Wagen fin⸗ den ſollte. Heinrich ging nun wieder zuruͤck, waͤhrend tauſend pei⸗ nigende Gedanken ſein Vertrauen auf das Gelingen ſeines Vorhabens zu untergraben ſtrebten. Bereits laͤnger als neun Stunden war er nun faſt ohne Unterbrechung auf mehr oder minder beſchwerlichen Wegen gewandert; allein er fuͤhlte ſich nicht ermuͤdet, ſeine Aufregung ſtieg vielmehr und er befand ſich in einer qual⸗ vollen Spannung. Bald erreichte er die Schenke wieder. Der Kutſcher ſaß, dicht in ſeinen Mantel gehuͤllt, an ſeinem Platze. „Iſt jemand hier voruͤbergekommen?“ fragte Heinrich. 33 „Ein Mann kam hierher,“ fluͤſterte der Kutſcher.„Er ging ins Haus und ich hab' ihn noch nicht wieder heraus⸗ kommen ſehn. Mir ſchien, als käm er von Waldrode her⸗ uͤber und ich denke, Sie muͤſſen ihm begegnet ſein.“ Heinrich hatte ſich demnach geirrt, wenn er Paulinen hier vermuthete. Er fragte den Kutſcher, ob er von jenem Manne be⸗ merkt und angeredet worden ſei. „Nein,“ war die Antwort.„Zwar war mirs, als werfe er einen fluͤchtigen Blick auf den Wagen, doch ging er ohne Aufenthalt voruber und trat ins Haus.“ Man konnte die Gaſtſtube von der Straße aus uͤber⸗ ſehn. Heinrich näherte ſich einem der niedern Fenſter, um das nicht ſehr umfangreiche Gemach zu uͤberſchauen. Es war ziemlich dunkel darin. Der Wirth ſaß ſeitwärts auf einem Stuhle, das Haupt auf die Bruſt geneigt, ſcheinbar eingeſchlummert. Durch eine halboffene Hinterthuͤr ließ ſich ein Blick in die Kuͤche thun, wo ein helles Feuer auf dem Herde praſſelte. In einem zweiten Winkel des Gemachs, dem Wirthe gegenuͤber, ſaß eine Perſon; allem Vermuthen nach der Gaſt, welchem Heinrich erſt begegnet, und den auch der Kutſcher bemerkt hatte. Es ließ ſich jedoch nicht unter⸗ ſcheiden, welcher Art dieſer Fremde ſein mochte, denn er ſaß mit dem Geſicht nach entgegengeſetzter Richtung und hatte uͤberdies den Kopf mit der Hand geſtuͤtzt. Neben ihm ſtand ein halb geleertes Weinglas, und das armſelige, lang unge⸗ putzte Talglicht dabei geſtattete nur eine Dämmerung, ohne Licht zu verbreiten. II. 3 34 „Mag er ſitzen,“ dachte Heinrich,„wenn er nicht neu⸗ gierig iſt.“ Allein es war nun bereits eine Viertelſtunde uͤber den Zeitpunkt, wo Pauline hatte eintreffen ſollen. Je beſorgter ſich Heinrich nun fuͤhlte, um ſo peinlicher war ihm das Warten. In das Haus mochte er nicht ge⸗ hen, weil er da Gefahr lief, mit dem einſamen Gaſte in ein Geſprach verwickelt zu werden, was er ebenſo wenig mochte, als er ſich durch eine barſche oder kalte Zuruͤckhaltung auffäl⸗ lig machen durfte. Auch wars ja möglich, daß der Mann ihn kannte. Der Regen hatte jetzt ein wenig nachgelaſſen, es war ſogar etwas heller geworden und hatte den Anſchein, als wolle der Mond uͤber die Wolkenſchleier ſiegen. Auch der Wind wehte minder ſtark. In der feſtgeſetzten Stunde konnte ſich Pauline nicht geirrt haben; allein er mußte ſich ja ſelbſt geſtehn, daß hun⸗ dert kleine Hinderniſſe moͤglich waren. An der jetzt ver⸗ floſſenen halben Stunde war im Grunde noch nichts verlo⸗ ren. Heinrich ſuchte ſich zu troͤſten und zu ermuthigen. Sie mußte bemerken, daß der Himmel jetzt minder muͤrriſch herabſah, und that gewiß Alles, um den Harrenden nicht laͤnger in banger Ungewißheit zu laſſen. Noch einmal ging er vorwaͤrts auf jenem Pfade. Als er jedoch die Mitte deſſelben erreicht hatte, bedachte er wieder, daß es jedenfalls rathſamer ſei, die Erwartete in der Naͤhe des Hauſes zu empfangen. Es konnte moglicherweiſe noch einen zweiten Weg von Waldrode geben, den er nicht kannte; 35 er konnte ſie verfehlen, und wenn ſie vor ihm bei der Schenke anlangte, konnte der Zufall nur zu leicht einen ſchlimmen Streich ſpielen. Auch bedurfte ſie jetzt der Begleitung um ſo weniger, da die wahrhaft ſchreckliche Dunkelheit gewichen war und man jetzt wenigſtens einige Schritt weit den Pfad vor ſich uͤberſehn konnte. Heinrich kehrte um, und begab ſich wieder zur Schenke. Ein Blick durchs Fenſter belehrte ihn, daß jener Gaſt verſchwunden war. Er befragte den Kutſcher und dieſer berichtete, der Mann ſei vor wenig Augenblicken aus dem Hauſe getreten und habe ſo ſtill wie zuvor ſeinen Weg in entgegengeſetzter Rich⸗ tung auf der Straße fortgeſetzt. Heinrich, der ſich jetzt außerordentlich erſchoͤpft und er⸗ mattet fuͤhlte, trug nun kein Bedenken mehr, das Haus zu betreten. Er ging in die Gaſtſtube, ſetzte ſich an demſelben Tiſche nieder, wo ſein Vorgänger geſeſſen, und beſtellte ein Glas Wein. 3* —=— Drittes Kapitel. Vergebens ſuchte Heinrich nach einer befriedigenden Er⸗ klaͤrung des Verzugs. Sein Blick heftete ſich auf die Thuͤr, denn mit jedem Augenblick hoffte er, den Kutſcher oder Pau⸗ linen ſelbſt dieſelbe oͤffnen zu ſehn. Sie mußte ja kommen — es war ja dafur geſorgt, daß kein ernſtes Hinderniß ein⸗ treten konnte. Es waͤre recht gut, wenn der Menſch ſo frei zu ſein vermoͤchte, daß er uͤber allen Zufaͤllen, Vechaͤltniſſen, Begeg⸗ niſſen ſtände; freilich waͤre er dann nicht mehr Menſch, und mit den Unannehmlichkeiten buͤßte er auch die Freuden ein. Das menſchliche Leben waͤre dann ſo ungetruͤbt, aber auch ſo nuͤchtern, wie ein reines Glas Waſſer. Wer nicht ein Pflanzenleben fuͤhren will, darf gar nicht daran denken, es bis zu ſolchem Grade der Unbefangenheit zu bringen. Je muthiger und kuͤhner Heinrich bis jetzt geweſen war, um ſo troſtloſer drohte ſein Zuſtand zu werden. Er hatte, wie 37 ſchon erwähnt, Alles ſo vorſichtig eingeleitet, auf Alles ſo ſehr Bedacht genommen, daß ihm der Gedanke an ein moͤg⸗ liches Mißlingen ſeines Unternehmens gar nicht ernſtlich bei⸗ gekommen war, und ſelbſt jetzt, wo ſchon Grund zum Miß⸗ trauen vorhanden war, glaubte er nicht an eine Vereitelung ſeiner Abſichten. Dieſe ſchien ihm unmoͤglich. Er hatte die Vorgaͤnge der nächſten Tage, wie er ſie beplant, bereits geiſtig vorausgelebt und ſie duͤnkten ihn daher ſo feſt und unwandelbar, als waͤren ſie bereits vergangen. Freilich iſt auch unwandelbar, was noch im Schoße der Zukunft ruht, nur daß wirs uns anders denken als es geſchehen ſoll und wird. Die Nacht war jetzt ſo ſtill, daß man jeden Laut um das Haus deutlich vernehmen konnte. Nun hoͤrte Heinrich, wie ſich draußen Schritte naherten. Er bemerkte, daß der Kutſcher von jemand angeredet wurde. Gleich darauf naͤ⸗ herten ſich die Schritte der Thuͤr und dieſe oͤffnete ſich, wah⸗ rend Heinrichs Blick mit der geſpannteſten Erwartung darauf geheftet war. Alfred trat ein. Heinrich haͤtte eher des Himmels Einſturz erwartet, als zu dieſer Stunde und an dieſem Orte den Anblick ſeines Freundes. Dieſer mußte ihm jetzt als der bitterſte Feind er⸗ ſcheinen. Allein er vermochte nichts zu ſagen, er war ſich ſeiner eignen Gedanken kaum bewußt. Schweigend blieb er ſitzen und ſtarrte dem Eingetretenen ohne die geringſte Be⸗ wegung ins Geſicht. 38 „Endlich treff' ich dich, Heinrich!“ ſagte Alfred, indem er einige Schritte näher trat. Seine Miene war ſehr ernſt, jedoch nicht unfreundlich. „Ich glaube wohl,“ begann er nach einer kurzen Pauſe wieder,„daß du mich nicht hier zu ſehn erwarteteſt. Ich war ſchon einmal hier, um dich zu erwarten. Ich hielt es endlich nicht laͤnger aus, ich mußte einige Schritte in freier Luft gehn;— es iſt mir lieb, daß ich dich nun finde.“ Heinrich beharrte immer regungslos in ſeiner Lage und ſprach kein Wort. Er war wie betaͤubt, ſeine Zunge ver⸗ ſagte ihm den Dienſt und ſeine Augen hatten ein ſtarres glaſiges Anſehn. „Heinrich,“ fuhr Alfred nach einer neuen kurzen Pauſe fort,„ich war anfangs willens, eine ſchriftliche Nachricht hier fur dich niederzulegen. Ich entſchloß mich jedoch end⸗ lich, ſelber zu dir zu ſprechen. Ich denke dir dadurch einen Beweis meiner aͤchten Freundſchaft zu geben, welche durch nichts in der Welt wankend gemacht werden ſollte. Du wirſt dieſe Freundſchaft nun zu beurtheilen wiſſen, nachdem du mir und meiner Familie einen ſo boͤſen Streich zu ſpie⸗ len gedachteſt, wie er unter Freunden wohl ohne Gleichen iſt. Ja, du wirſt darnach meine freundſchaftliche Geſinnung beurtheilen koͤnnen, welche trotz alldem noch nicht von mir gewichen iſt. Du ſchweigſt. Ich weiß nicht, ob ich dieſes Schweigen richtig deute, aber ich will es ſo deuten, wie es einem Freunde nur immer moͤglich iſt. Ich kann dir uͤber das, was du wollteſt, kaum noch ein Wort ſagen— Alles ſcheint mir uberfluͤſſig, denn du wirſt dir ſelbſt Alles ſagen 39 köͤnnen. Nur wegen⸗der Folgen haben wir noch mit ein⸗ ander zu ſprechen. Ich bin uͤberzeugt, daß wir dieſen Ort nur als innigere Freunde verlaſſen werden, Heinrich!“ Noch immer konnte Heinrich ſeine wirren Gedanken nicht regeln. Ihm war zu Muthe, wie einem, dem das unmoͤglich Geglaubte plotzlich vor Augen geſtellt wird. Er ſieht es, er muß es ſohen, und doch bleibt ihm das Vor⸗ handenſein noch unbegreiflich. Er glaubte in ſeinem Stau⸗ nen, in ſeiner Beſtuͤrzung uber Alles was er hoͤrte und kaum faſſen konnte, zu traͤumen. Er ſchwieg noch immer und regte ſich nicht. „Ich ſehe dich erſtaunt, beſtuͤrzt, unfähig zu ſprechen, wie es ſcheint,“ fuhr Alfred fort;„und dein Zuſtand nimmt mich nicht Wunder. Um ſo mehr hab ich ſelbſt uͤber dein letztes Thun ſtaunen muͤſſen, Heinrich, welches mir uner⸗ klaͤrlich bleibt, da ich dich immer als beſonnenen, verſtaͤndi⸗ gen Mann kannte. Es iſt mir räthſelhaft, wie du einen Plan zu pflegen und auszubilden vermochteſt, der mir ans Unglaubliche ſtreift;— wie du unter uns weilen konnteſt, uͤber deinem Vorſatze brutend und uns zugleich Freundſchaft bezeigend! Ich konnte, ich wollte daran nicht glauben, bis mir die traurige Gewißheit ward. War es noch ein raſch erſonnener Einfall geweſen— ein Gedanke, der dich waͤh⸗ rend einer ſchwachen Stunde beſchaftigte;— aber leider mußt ich finden, daß reifliche, lange Ueberlegung vorausge⸗ gangen war. Heinrich, es ſchmerzt mich tief, daß du gegen mich und die Meinen ſo geringe Achtung hegen konnteſt; daß du meine Achtung gegen ein Weſen ſchmaͤlern halfſt, 40 welches mir lieb und theuer iſt; und daß du ſelber dahin ſtrebteſt, uns Allen die Achtung fur dich zu benehmen. Ich kann dein Unternehmen nicht beſchoͤnigen, ſo gern ich auch nach Entſchuldigungsgruͤnden ſuchen moͤchte. Du gingſt darauf aus, unſte Familie zu beſchimpfen, und ſelbſt Pau⸗ line— Doch ich weiß ja, daß ich da nur unnuͤtze Worte mache, du mußt Alles ſelbſt fuͤhlen. Ich will keinen Vor⸗ wurf mehr verſchwenden— Heinrich, ich erwarte ein troͤſt⸗ liches, ein beruhigendes Wort fur mich von dir.“ Heinrich antwortete noch immer nicht und beharrte wie vorher in ſeiner Stellung, waͤhrend der Freund ſein Beneh⸗ men fortwaͤhrend falſch deutete und glaubte, jener ſei ſtumm vor Scham und Zerknirſchung. Aber ganz andre Gefuͤhle beherrſchten Heinrich. Zeither war er in einer Art von Be⸗ taͤubung geweſen, unfaähig zu handeln, zu reden, zu denken. Nun aber begann er ſich ſeiner Lage bewußt zu werden, nun ſtand ihm mit entſetzlichen Lettern vor der Seele klar und deutlich geſchrieben: Dein Plan iſt vereitelt. Er war bei dieſem Gedanken zu heftig erſchuͤttert, als daß jetzt Schmerz um das Entriſſene oder ähnliche menſchliche Em⸗ pfindungen Raum in ihm hätten gewinnen koͤnnen. Er fuͤhlte ſich von einer unbeſchreiblichen Wuth, von einem ent⸗ ſetzlichen Drang nach Rache durchdrungen, ein Gefuͤhl, wel⸗ ches um ſo heftiger in ihm gährte, als er ſich noch immer unfaͤhig fuhlte, demſelben durch Worte Luft zu machen. Eine krampfhafte Bewegung, ein zorniger Blick war Alles. Alfred, ſo ſchuldig in ſeinen Augen der Freund auch war, wollte doch gern Alles nur als einen ubereilten Jugend⸗ 41 ſtreich betrachten und war wirklich in der Abſicht gekommen, die fatale Sache ruhig zu eroͤrtern und einen voͤlligen Bruch mit Heinrich zu verhuͤten. Der Umſtand, daß es ihm ge⸗ lungen, den heilloſen Streich zu verhindern, ſtimmte ihn um ſo eher zur Verſoͤhnlichkeit und zum Verzeihen. In der That gehoͤrte bei ſeinen Verhaltniſſen und bei ſeinen Anſich⸗ ten ein mehr als gewoͤhnliches Freundſchaftsgefühl dazu, nach dieſem Beginnen ſich nicht ſofort mit Heinrich zu verfeinden. Allein der junge Graf war auch wirklich noch nicht im Stande, ſich die Einwilligung ſeiner Schweſter als gewiß zu denken. Er konnte ſich mit dieſem Gedanken nicht vertragen und trotz⸗ dem, daß man ihn des Gegentheils verſichert hatte, glaubte er, Alles ſei aus Heinrichs Kopf allein entſprungen und dieſer ſei in einem ungeheuren Irrthum befangen geweſen, wenn er ſich einbilden konnte, die junge Graͤfin wurde wirklich im Stande ſein, die Flucht zu theilen. Daß Pauline eine Nei⸗ gung fuͤr Heinrich gehegt habe, daran konnte er freilich nicht zweifeln; allein dies durfte nur eine fluͤchtige und, wenn auch tadelnswerthe, doch noch verzeihliche Neigung geweſen ſein, weit entfernt, bis zu Schritten zu fuͤhren, wie ſie Heinrich beabſichtigte. Pauline hatte allerdings das Schloß verlaſſen wollen und Alfred hatte ſie daran verhindert. Allein der letztere uͤberredete ſich, daß es von ihrer Seite nur ein momentanes Stelldichein gegolten habe, daß ſie jedoch gar nicht an ernſtere Schritte dachte, deren Beplanung Heinrich ganz allein zur Laſt fiel. Wollte dieſer das Maͤdchen dann auch, wie die getroffenen Anſtalten deutlich genug zeigten, wirklich zur 42 Flucht bereden, ſo verſtand es ſich von ſelbſt(dachte Alfted), daß dieſe Ueberredungsverſuche bei ihr ohne Erfolg blieben. Und daß Heinrich in dieſem Falle faͤhig geweſen wäre, Gewalt anzuwenden, ſchien ihm gleichfalls undenkbar. In jedem Falle waͤr' es alſo bei dem bloßen Verſuche geblieben; allein ſoweit durfte man auch dieſen nicht gedeihen laſſen. Nach alldem mußte Pauline— da ſie ihres Ranges auf ſo unbe⸗ greifliche Weiſe vergeſſen koͤnnen— allerdings ſchuldig ſein; aber er konnte ſie nicht in dem Grade fur ſchuldig halten, als ſie es wirklich war. Sein Stolz gab dies nicht zu, und ſo wurde dieſer Stolz, welcher außerdem gerade Haß gegen Heinrich hätte erzeugen muͤſſen, im Gegentheil die Urſache, daß Alfred, die Schuld viel zu gering anſchlagend, die Freund⸗ ſchaft fuͤr jenen bewahrte. Bemerkte nun Alftred auch zu ſeiner Verwunderung, daß Heinrich von Gefuͤhlen beherrſcht war, welche von Reue weit verſchieden waren, ſo hatte er doch noch keine Ahnung von deſſen Zuſtande. Er glaubte vielmehr, Heinrich kenne ſein eignes Vergehen und die Schwere deſſelben noch nicht recht und daher hielt er's fuͤr angemeſſen, ihm daſſelbe etwas mehr zu Gemuͤthe zu fuͤhren. Es lag ihm viel daran, den Vorfall vergeſſen zu machen. Die Eltern, welche er nicht davon unterrichtet glaubte, ſollten womöglich nichts erfahren. Daß Pauline gern uͤber Alles ſchweigen und den Freund ver⸗ geſſen werde, verſtand ſich ſeiner Meinung nach von ſelbſt, und er hatte daher weiter nichts zu thun, als die ganze An⸗ gelegenheit mit Heinrich auszugleichen. Dies ſollte, wie ge⸗ ſagt, auf freundſchaftliche Weiſe geſchehn und indem er ſich 43 hierzu entſchloß, glaubte er der Freundſchaft kein geringes Opfer zu bringen. Heinrich war, wie er ſah, offenbar in einer mehr als blos ernſten oder traurigen Stimmung. Statt daher zu be⸗ reuen, trieb derſelbe wohl gar ſeine Anmaßung ſo weit, ſich ungerecht behandelt zu glauben. So begann ihm jener denn ſein„Vergehen“ durch Gruͤnde und auf eindringliche Weiſe klar zu machen. Er ſpielte deutlich auf den Unterſchied des Standes an— wie ſehr ſich Heinrich in ſeinen Wuͤnſchen verſtiegen und wie ungeheuer er geirrt habe, wenn er waͤhnen konnte, in der That die Grafin ſeine ausſchweifenden Plaͤne gutheißen zu ſehn. Jetzt gewann Heinrich endlich die Sprache wieder. Aber ſeine Stimme hatte einen Ausdruck, daß Alfred unwillkurlich einen Schritt zuruͤckwich, als jener zu reden begann. „Du ſchmaheſt deine Schweſter,“ ſagte Heinrich,„waͤh⸗ rend du ſie mit Gruͤnden vertheidigſt, die eine zum wenigſten ſehr unadelige Geſinnung verrathen, eine unedle gewiß. Du haͤltſt ſie keiner ernſten Neigung zu mir, nur eines gemeinen Scherzes fuͤr faͤhig. Sie konnte nie ſo unedel denken. Nimm die Verſicherung, daß ſie auf's vollkommenſte mit mir uͤbereinſtimmte. Leider hat ſie einen Bruder, deſſen größtes Talent ſich im Spioniren aͤußert“— Alfred unterbrach Heinrich, denn er fuͤrchtete deſſen Heftigkeit geſteigert zu ſehn. Sein bloßer Anblick war ge⸗ eignet, Grauen einzufloßen. Der Graf hatte die letzten Aeußerungen nicht beachtet. Es lag ihm Alles daran, in gutem Vernehmen von Heinrich zu ſcheiden, wenn auch vollige 44 Verſoͤhnung heute nicht moͤglich ſein ſollte. Er reichte dem Erbitterten die Hand. „Laß uns Freunde bleiben,“ ſagte er;„ich mag mich mit dir nicht entzweien, ich kann es nicht.“ Heinrich verſchmaͤhte die dargebotene Rechte. Er ver⸗ ſank wieder in ſein Schweigen. Jener verſchwendete noch viele Worte und bat wiederholt um Verſoͤhnung, waͤhrend er nicht begriff, wie heftig es in Heinrich gaͤhrte und tobte. Das Paſſendſte wäre jedenfalls geweſen, wenn ſich der Graf, in Erwartung einer guͤnſtigern Stunde, ruhig entfernt haͤtte. Indem er jedoch nun den Gegner vergebens zu be⸗ ſaͤnftigen ſuchte, erwachte plötzlich in Heinrich wieder das volle zermalmende Bewußtſein, daß Alles verloren ſei, und die heftigſte Wuth ergriff ihn auf's Neue. Aber es war nicht die ſtumme Wuth von vorhin. Er erhob ſich von dem Stuhle, von welchem er ſich bis jetzt nicht bewegt hatte, und uͤberhaͤufte den andern mit Schmaͤhworten. Alfred haͤtte eher alles Andre, als einen ſolchen Aus⸗ bruch erwartet. Die Reihe war jetzt an ihm, vor Staunen zu verſtummen. Endlich beſann er ſich.„Ich will dir Zeit goͤnnen, um dich zu ſammeln und Faſſung zu gewinnen,“ ſagte er, waͤhrend er ſich anſchickte, das Gemach zu verlaſſen. „Nein!“ rief Heinrich, der ſeiner nicht Meiſter war, waͤhrend er jenem in den Weg trat.„Nein, ich laſſe den Moͤrder meines Lebensgluͤckes nicht uͤber dieſe Schwelle, ohne Genugthuung zu haben.“ 45 „O, du biſt außer dir, Freund,“ entgegnete Alfred, der ſich vorgenommen hatte, ſeine Ruhe unter jeder Bedin⸗ gung zu behaupten.„Du vergißt, daß es wohl an mir waͤre, Genugthuung zu verlangen. Allein ich will heute gern auf jede weitere Eroͤrterung verzichten. Laß uns jetzt ſchei⸗ den, und ich will geduldig warten, bis du deine ruhige Be⸗ ſinnung wieder erlangt haſt. Dann wollen wir die Sache zur Gnuͤge beſprechen.“ „O ja! beſprechen!“ entgegnete Heinrich, deſſen Wild⸗ heit ſich immer ſteigerte.„Alles denkt ihr Leute mit Be⸗ ſprechen abzumachen! Aber ich will Genugthuung und Rache — ich will dieſe nicht aufgeſchoben wiſſen. Hier ſind Waf⸗ fen“— ſetzte er hinzu, ſeine Piſtolen aus der Taſche zie⸗ hend—„hier, waͤhle! Ich will keinen Aufſchub, keine Ausfluͤchte, ich will ſogleich Rache!“ Der Anblick der Waffen belehrte Alfred, daß Alles denn doch ernſter gemeint ſein mußte, als er ſich geſtehen wolltez doch dachte er jetzt daran nicht weiter. Es kam fuͤr den Augenblick nur darauf an, den wuͤthenden Gegner zu be⸗ ſänftigen. Der Graf bereute es nun, nicht(wie er erſt be⸗ abſichtigt) einen Brief fur Heinrich hier niedergelegt zu haben, denn er war in Verlegenheit, wie er ſich aus dieſer Affaire ziehen ſollte. „Ich will das nicht,“ ſagte er,„heute nicht. Erwarte wenigſtens den morgenden Tag. Du ſollſt bis dahin ein⸗ ſehn, wer von uns im Recht und wer im Unrecht iſt. Du forderſt Genugthuung von mir, waͤhrend du meine Verzeihung erbitten ſollteſt. Du weißt nicht, was du verlangſt“— 46 „Ich weiß es! ich verlange Rache— augenblickliche Rache. Dein Blut— oder das meine— ſoll dieſen Durſt löͤſchen! Du entgehſt mir nicht! ich ſage dir, daß ich dich nicht von hier laſſe, bis ich meinen Willen durchgeſetzt habe — hier, nimm, du haſt die Wahl.“ „Du irrſt. Ich werde mich nicht mit dir ſchlagen. Heute gewiß nicht. Das Duell waͤre ungleich, weil ich ruhig bin, waͤhrend du außer dir biſt— andrer Ungleichheiten nicht zu gedenken.— Uebrigens will ich uͤberhaupt nicht. Erinnere dich an Alles, was ich dir ſagte und daß ich Alles verzeihen will, ſogar deine jetzige Heftigkeit, die dem Freunde, dem ſchwerbeleidigten, nach dem Leben trachtet. Ueberleg' dir Alles und lebwohl.“ „Ich wiederhole, du ſollſt mir nicht entgehen,“ ent⸗ gegnete Heinrich.„Vergebens ſuchſt du deine Feigheit durch tauſend elende Ausfluͤchte zu bemaͤnteln. Sie kümmern mich nicht. Du biſt mein Todſeind geworden, und wenn du mir nicht ſtehſt, ſchieß' ich dich nieder, elender Menſch!“ Alfred wollte die Schmaͤhungen des Wahnſinnigen nicht hören. Mit einer raſchen Wendung erreichte er die Thuͤr und eilte hinaus, um ſich ſogleich nach Waldrode zuruͤckzu⸗ begeben. Heinrich folgte ihm jedoch ſofort und holte den Eilenden an der Stelle ein, wo der Weg durchs Gehoͤlz nach dem Dorfe hinuͤberfuͤhrte. Er hatte wenig von Allem ge⸗ hoͤrt, was jener geſprochen hatte. Von Alfreds letzten Aeußerungen hatte er nur die Worte:„andrer Ungleichheiten nicht zu gedenken,“ aufgefaßt, die ihm eine Anſpielung des Grafen auf den buͤrgerlichen Stand ſeines Gegners ſchienen. 47 Er bot nun Alles auf, um den kaltbluͤtigen Alfred zu reizen, und endlich gelang es ihm den Grafen aufs Aeußerſte zu treiben, den er wiederholt niederzuſchießen drohte, wenn er ſich nicht vertheidigen wollte. „Hier iſt nur ein Mord moͤglich, kein Zweikampf,“ ſagte Alfred, indem er eine von den Piſtolen nahm;„aber du willſt es ſo haben, ſo trag' auch die Schuld!“ Beide ſtanden in dem engen Waldwege einander gegen⸗ uber. „Wir muͤſſen zugleich ſchießen,“ ſagte Alfred.„Es iſt niemand hier, der uns ein Zeichen geben koͤnnte“— „Schieß zuerſt!“ rief Heinrich.„Ich beſtehe darauf. Wir brauchen keinen Zeugen. Schieß, ich bin bereit.“ Alfred zielte zum Schein und jagte im naͤchſten Augen⸗ blick die Kugel ſeitwaärts ins Gebuͤſch. Unmittelbar darauf ſchoß auch Heinrich und der Graf ſank zu Boden. Jetzt gewann Heinrich plotzlich ſeine ruhige Beſinnung wieder. Seine unnatuͤrliche Wuth war verſchwunden, und andere, ſehr verſchiedenartige Empfindungen begannen ſich in ihm zu regen. „Alfred!“ ſagte er, indem er ſich zu dem Gefallenen niederbeugte. Allein dieſer gab keine Antwort. Der Ge⸗ danke, er iſt todt, drohte Heinrich die Beſinnung aufs Neue zu rauben. Er fuͤhlte ſich völlig rathlos und unfaͤhig etwas zu thun, waͤhrend er neben dem Freunde auf dem feuchten Boden kniete. Der Mond brach durch die zerriſſenen Wolken und be⸗ leuchtete die Scene. Alfted bewegte ſich nicht. Sein Gegner 48 war viel zu verſtort, als daß er ſich zu uͤberzeugen vermocht haͤtte, ob jenen nur eine Ohnmacht oder der Todesſchlaf be⸗ fangen halte. Er glaubte ihn getodtet zu haben. Einige Sekunden ſtarrte er auf den Koͤrper des Freun⸗ des hin. Dann raffte er ſich empor, hob den Gefallenen auf und trug ihn nach dem Hauſe hin. Hier legte er ihn auf eine Bank, die ſich außen neben der Thuͤr befand. Der Kutſcher, der die beiden Schuͤſſe vernommen, aber ſeinen Platz nicht verlaſſen hatte, ſchaute dieſem Beginnen ſtaunend zu. „Leg' ihn in den Wagen und fahr' ihn nach Waldrode auf's Schloß— er iſt todt!“ ſagte Heinrich zu dem Kutſcher, ohne daß er ſelbſt ſich klar bewußt geweſen waͤre, was er ſprach und that. „Wie? Herr“— begann der Kutſcher, welcher jetzt abgeſtiegen war. „Ich brauche dich nicht mehr!“ antwortete Heinrich nur noch, und eilte dann von dem Hauſe weg, ohne zu wiſ⸗ ſen, welchen Weg er einſchlug. Nur die Geſtalt des Getoͤdteten, wie ſie im Mond⸗ ſchein vor ihm gelegen, ſchwebte ihm noch vor. Er hatte keinen andern Gedanken. Athemlos eilte er auf ungebahn⸗ ten Wegen abwechſelnd durch den Wald und uͤber Wieſen. Er hatte kein Ziel; er lief, wie wenn er ſich ſelbſt entgehen wollte. Er trat aus dem Gehoͤlz, als eben wieder eine duͤſtre Wolke von der Mondſcheibe wich— er ſah ſich dem Schloſſe gegenuͤber und unmittelbar vor ihm breitete ſich das Dorf aus. Augenblicklich wandte er ſich ab und ſchlug einen andern Weg ein. 49 —— Ohne zu ruhen und raſten ging er weiter, die ganze Nacht i Der naͤchſte Tag neigte ſich bereits ſeinem Ende zu, als Heinrich aus einem tiefen Schlaf erwachte. Er befand ſich in demſelben Zimmer in der Stadt, welches er während ſeines Aufenthalts in der Reſidenz bewohnt und das er ge⸗ ſtern verlaſſen hatte, um nie dahin zuruͤckzukehren. Es waͤhrte lange, es' er ſich auf Alles beſinnen konnte, was er gethan und was mit ihm vorgegangen; wie er endlich un⸗ willkuͤrlich nach der Reſidenz zuruͤckgelangt, und ſeine alte Wohnung aufgeſucht hatte. Alles dies war in einem Zu⸗ ſtande geſchehn, aͤhnlich dem eines Nachtwandlers. Die Aufregung war jetzt voruber. Während er ſich alles Geſchehene vergegenwaͤrtigte, empfand er einen Gleich⸗ muth, welcher ihn ruhig den Folgen der letzten Ereigniſſe entgegenſehen ließ. Seine Apathie war ſo groß, daß er ſich nicht einmal daruͤber wunderte, als niemand erſchien, um ihn zur Verantwortung zu ziehn. Es war, als wolle man ſtill⸗ ſchweigend ſeinen eigenen Wunſch erfullen, den, alles Ver⸗ gangene mit volliger Vergeſſenheit zu begraben. Niemand kam zu ihm, niemand fragte nach ihm, und ihn ſelbſt kuͤm⸗ merte nichts mehr auf der Welt. Es vergingen viele Tage und er verließ ſeine Wohnung nicht ein einzigmal. Die dienenden Perſonen im Hauſe fanden ihn ſtets ſchweigend und hatten auch keine Mitthei⸗ lungen fuͤr ihn. II. 4 Viertes Kapitel. Es iſt wohl naturlich, daß eine Stimmung, gleich der, in welche Heinrich in der letzten Zeit gerathen war, bei einem jugendlichen kraͤftigen Geiſt und Koͤrper von keiner langen Dauer ſein konnte. Nach und nach begann er Alles genau zu erwaͤgen, was er unternommen und was ihm mißlungen war. Er begann einzuſehn, daß er nicht muͤßig bleiben duͤrfe, daß von ſeiner Seite irgend etwas Neues unternom⸗ men werden muͤſſe. Was Paulinen anlangte, ſo gab er ſich, wiewohl im Grunde ohne allen Erfolg, viel Muͤhe, ſie und ſeine Neigung zu ihr gänzlich zu vergeſſen. Denn wenn er das Vorgefallene erwog, mußte er ſich geſtehn, daß er da keine Hoffnungen ferner hegen durfte; und in der Ueberzeu⸗ gung, daß er fuͤr immer auf ſie verzichten muͤßte, ihrer zu gedenken, war ihm zu niederſchlagend. So heilſam in den erſten Tagen die Einſamkeit fuͤr ihn geweſen ſein mochte, ſo war ſie ſpaͤter ſeinem Zuſtande doch nicht guͤnſtig. Er fuͤhlte dies ſelbſt, und da er's noch nicht uber ſich gewinnen konnte, jemand aufzuſuchen, ſo erſchien ihm Wolf, welcher ſich endlich bei ihm einfand, doppelt will⸗ kommen. „Nun ſchmied' einer noch Plaͤne!“ ſagte der Amerika⸗ ner.„Man ſieht, was unſre Vorausſicht werth iſt. Nehmen Sie mir's nicht ubel, Heinrich, Sie haben einen verteufelt dummen Streich gemacht!— Nun, machen Sie ſich keine Gedanken daruͤber, daß ich die Geſchichte kenne; ich bin nur einer von den wenigen Unterrichteten. Die Sache iſt keines⸗ wegs Stadtgeſprach und die grafliche Familie wird es ſich, denk' ich, am erſten angelegen ſein laſſen, daß Alles ſo ge⸗ heim wie möglich bleibt.“ „Alſo nicht allgemein bekannt?“ „Ganz und gar nicht, nur unter wenigen Eingeweih⸗ ten,“ ſagte Wolf und Heinrich hörte dieſe Verſicherung ſehr gern. „Ich hoͤre,“ fuhr jener fort,„daß Sie ſeit dem Schwa⸗ benſtreiche das Haus nicht verlaſſen haben,— das taugt nichts, pfui Henker! Sie ſehen ſchon aus wie eine Keller⸗ pflanze, man ſieht, daß Ihnen die Himmelsluft fehlt“— „Und wiſſen Sie nichts Naͤheres uber den Zuſtand auf Schloß Waldrode?“ „Dort ſcheint wenig veraͤndert zu ſein. Der junge Graf, der, wie man mir ſagte, von Ihnen eine Piſtolen⸗ kugel in die Schulter bekommen und der an dem bewußten Abend ohnmaͤchtig ins Schloß getragen wurde, iſt ziemlich wieder hergeſtellt und vermag ſchon das Zimmer zu ver⸗ laſſen“— 4* 52 „Gott ſei Dank!“ ſagte Heinrich.„Ich glaubte an⸗ fangs, ihn getoͤdtet zu haben, und ſchoͤpfte erſt neue Hoff⸗ nung, als jede Nachricht ausblieb. Im ſchlimmſten Falle wuͤrde man mich mit der Schreckenskunde gewiß nicht ver⸗ ſchont haben.“ „Ja, ſo huͤtet man oft ein Geheimniß vor aller Welt, und ploͤtzlich iſt es doch Allen verrathen. Ich hätte nimmer gedacht, daß die junge Grafin Ihre Begleiterin ſein ſollte. Dieſe wird nun wohl bald nolens volens einen ſtattlichen Junker, den Baron Ollersdorf, heirathen muͤſſen, den Sie vermuthlich kennen. Die Angelegenheit wird beſchleunigt werden, um jedem neuen Attentate vorzubeugen. Iſt die Graͤfin erſt in Kurland, ſo hat's gute Wege, denkt man.“ Wolf wußte nicht, wie ſehr durch ſeine Worte Liebe und Schmerz im Innern des Zuhoͤrers geweckt wurden. „Was denken Sie nun vorzunehmen?“ fragte er denſelben. „Daran hab' ich bis dieſen Augenblick kaum gedacht.“ „Deſto ſchlimmer. Wozu haben Sie ſich nun all die Muͤhe gegeben— wozu hab' ich meine ſchoͤnen Empfehlun⸗ gen geſchrieben?“ „Ich weiß, wer den Schaden hat muß auch den Spott noch ertragen“— ſagte Heinrich.„Doch laſſen Sie's gut ſein, Wolf! Ihre Empfehlungen und meine Anſtalten ſollen doch nicht vergebens geweſen ſein. Ich denke, das Beſte iſt fuͤr mich, wenn ich nun allein auswandre. Ich kann jede Stunde fort,— habe nichts mehr zu thun, nichts zu hoffen oder zu verſaͤumen hier.“ 53 „Das iſt doch ein Gedanke! Ich glaube ſelbſt, daß eine Reiſe jetzt das Beſte fuͤr Sie ſein wuͤrde. Sie werden, offen geſtanden, hier doch nichts Geſcheidtes mehr vorzuneh⸗ men wiſſen. Alſo fort, und am liebſten gleich morgen früh. Wie haben Sie's nur hier ſo lang' aushalten koͤnnen! Hat Sie der heitere Himmel nie hinausgelockt? Pfui, wer wird ſich ſo beugen laſſen! Folgen Sie meinem Rathe und machen Sie dieſe Stunde noch einen tuͤchtigen Spaziergang ins Feld. Das wird Ihre Luſt zur Auswanderung erhoͤhen und Sie werden leichten Herzens dieſes gute Land verlaſſen koͤnnen. Wann wollen Sie abreiſen?“ „Auf keinen Fall übereilt. Ich fuhle mich jetzt ruhig genug, um Alles mit Muße thun zu können. Bis Morgen werden Sie mich gewiß noch hier finden und auch noch einige Tage laͤnger“— ſagte Heinrich, während er ſich zum Aus⸗ gehen anſchickte. „Hoffentlich iſt's Ihnen uͤberhaupt Ernſt damit,“ ent⸗ gegnete Wolf.„Ich moͤchte Hundert gegen Eins wetten, daß Ihr Herz Sie noch nicht fortläͤßt. Daß Sie nur nicht Luſt bekommen, auch dem Baron eine Kugel ins Herz zu jagen— Nun, Adieu! die freie Luft wird Ihnen leichtere Gedanken machen.“ Heinrich war allein. Er hatte bis jetzt nichts wieder von Waldrode gehoͤrt und die gunſtige Nachricht hinſichtlich Alfreds hatte ihm nun eine Laſt von der Seele genommen. Zwar konnte er ſich im Allgemeinen leicht vorſtellen, was man dort von ihm denken und wie man gegen ihn geſinnt ſein mochte; doch wie gern haͤtte er Naͤheres erfahren, zumal 54 da ihn die Nachricht, daß man auf eine baldige Verbindung Paulinens mit dem Baron denke, mit dem bitterſten Un⸗ muth erfullte. Vergebens ſann er auf ein Mittel, Paulinen eine Nachricht zukommen zu laſſen. Es erfuͤllte ihn mit Beſorgniß, daß nicht die leiſeſte Kunde von ihr an ihn ge⸗ langt war. Bewachte man ſie ſo ſtreng? und war ihre Neigung zu ihm ſo ſchwach, daß ſie einen ſolchen Zuſtand zu ertragen vermochte? Unter ſolchen Gedanken hatte Heinrich ſeine Wohnung verlaſſen. Waͤhrend er durch die Straßen wanderte, fuͤhlte er ſich, wie ein lang' gefangen Gehaltener, dem endlich die freie Luft und Bewegung wieder geſtattet wird. Bald hatte er die Thore der Stadt hinter ſich und ſog in vollen Zuͤgen die balſamiſche reine Luft eines ſchoͤnen Sommerabends ein. Er waͤhlte keinen Pfad und folgte ſtets dem nächſten, der ſich ihm eben darbot. So ſtreifte er lange durch die Felder, bis ihn die untergehende Sonne an den Ruͤckzug mahnte. Dieſen begann er langſamern Schrittes anzutreten. Er kehrte nicht gern nach der Stadt zuruͤck. Er ſtraͤubte ſich dagegen, ſchon jetzt einen Entſchluß faſſen zu ſollen, denn er fuͤhlte das Beduͤrfniß, ſich vor allen Dingen geiſtig und kor⸗ perlich zu erholen, um Alles klar uͤberdenken und ſein Ge⸗ ſchick wieder in eigner Hand haben zu koͤnnen. Bis dahin mußten einige Tage vergehen. Es daͤmmerte bereits ſtark, als er die aͤußerſten Um⸗ gebungen der Stadt wieder erreichte. Hier gab es keine be⸗ lebten Straßen, die Haͤuſer ſtanden nicht in gedraͤngten Reihen, ſondern einzeln und von Gaͤrten unterbrochen. Hier —————————— und da ſaßen die Bewohner vor den Hausthuͤren, um die Abendkuͤhle zu genießen. Alles hatte ein mehr laͤndliches als ſtädtiſches Anſehn. Heinrich ging ſehr langſam durch eine dieſer ſtillen Straßen, als im Erdgeſchoß eines kleinen aber huͤbſchen Hau⸗ ſes, im Augenblick als er ſich vor demſelben befand, haſtig ein Fenſter geoͤffnet wurde. „Das iſt herrlich— Sie kommen mir erwuͤnſcht— Bitte, treten Sie ein wenig bei mir ein.“ Es war Eliſabeth. Heinrich wußte kaum, ob er ſich aͤrgern oder vielmehr daruber lachen ſollte, daß ihn ſein Ge⸗ ſchick gerade ſie hier finden ließ. Er war ſonſt keinem ſeiner Bekannten begegnet, nur Eliſabeth ſchien ihm nicht entgehn zu duͤrfen. Er wollte mit dem Wunſche eines guten Abends voruͤbergehn; allein dies gab Eliſabeth nicht zu. „Sie irren ſich diesmal ganz gewiß in mir,“ ſagte ſie; „ich habe keine andre Abſicht als die, Ihnen zu beweiſen, daß ich Sie keineswegs mehr lieb habe. Weiter will ich nichts.“ „Gut,“ ſagte Heinrich.„Ich weiß das nun und kann gehn.“ „Nicht doch, ich will mit Ihnen ſprechen. Nicht blos von mir. Ich habe Ihnen noch mancherlei in Bezug auf Waldrode zu ſagen.“ Die bloße Möglichkeit, Nachrichten von dort zu erhal⸗ ten, reichte ſchon hin, um Heinrich zu feſſeln. Zwar ver⸗ muthete er, Eliſabeth benutze dieſe Ausſicht nur als Koder fur ihn; allein er trat dennoch ein.“ 56 Eliſabeth empfing ihn im Vorhauſe, nach welchem un⸗ mittelbar die Thuͤr ihrer Wohnung oͤffnete. Mit welch be⸗ ſcheidenem Raume begnuͤgte ſie ſich jetzt, die noch vor wenig Wochen einen Palaſt bewohnt hatte. Auch das Gemach ſelbſt, welches Heinrich nun betrat, war aͤußerſt einfach aus⸗ geſtattet. Die Bewohnerin zeigte ſich ebenfalls in zwar nettem, aber doch ſehr ſchlichtem und beſcheidenem Aufzuge. Zwar ſchien ſie ein wenig angegriffen, war aber im Ganzen noch immer die aufgeräumte und ſchoͤne Miß Eliſabeth. „Sie wundern ſich uͤber meine Einſchränkung?“ ſagte ſie, indem ſie Heinrich zum Sitzen einlud und dabei ver⸗ traulich ihren ſchoͤnen Arm um ſeine Schulter legte.„Nun ja, der Glanz iſt fuͤr den Augenblick erloſchen, aber ganz ge⸗ wiß nicht auf lange Zeit. Da Sie mich nicht lieben, ſo wird es Ihnen nicht unangenehm ſein, wenn ich Ihnen die mißlichen Umſtaͤnde naͤher bezeichne, in die ich gerathen bin; und da auch ich Sie nicht mehr liebe, ſondern ſogar haſſe, ſo koͤnnen Sie ſelbſt beurtheilen, wie frei und erhaben ich mich uͤber aͤußere Verhältniſſe fuͤhle, wenn ich kein Bedenken dabei finde, Ihnen zu geſtehn, daß ich in beſchraͤnkten Ver⸗ haͤltniſſen bin. Auch Ihnen iſt es nicht nach Wunſch ge⸗ gangen und wir haben alſo treffliche Gelegenheit, uns wechſel⸗ ſeitig zu aͤrgern.“ „Sie wollen originell erſcheinen,“ ſagte Heinrich laͤ⸗ chelnd.„Aber ſprechen Sie nur, ich hoͤre gern zu, da ich eben nichts zu thun und zu denken habe. Erzaͤhlen Sie mir, welcher Zufall Sie aus dem Palaſt in dieſes beſcheidene Haͤuschen geworfen hat. Es ſieht heſcheiden und anſpruchlos 57 aus, wie ein Tempel der Tugend. Sie wollen ſich doch wohl nicht bekehren?“ „Ich wohne hier bei Freundinnen,“ ſagte Eliſabeth. „Dieſe ſind Ihnen nicht unbekannt: ein Paar bejahrte Da⸗ men, in deren Geſellſchaft Sie mich in Waldrode ſahen. Sie bewohnen dies Haus, welches ihnen gehoͤrt, mit mir, der Sie eine Freiſtatte darin gegeben haben. Es ſind zwei wuͤrdige Frauen, die nur ſelten ihre Wohnung verlaſſen und ſich des Gebets und frommen Wandels befleißigen. Ich war ſo gluͤcklich, mir ihre Freundſchaft zu erwerben, und da ſie an mir verſchiedene fromme Regungen bemerkten, ſo prieſen ſie das Mißgeſchick, welches mich traf, als eine Gnade des Himmels, und nahmen mich gern hier auf, um das Werk des Heils durch fromme Zuſprache und gemeinſame Andacht an mir vollenden zu koͤnnen.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Heinrich.„In der Bedraͤngniß benutzten Sie die Betſchweſtern als Rettungsanker. Sie erwarten in dieſem langweiligen Hafen nur guͤnſtigen Wind, um wieder auf die hohe See zu gehen.“ „Freilich. Die beiden Alten, die jetzt uͤber uns mit Beten oder Läſterung, beides verſchwimmt bei Ihnen in eins, beſchaͤftigt ſein mögen, ahnen jedoch nicht, daß ich mich nur verſtelle. Ich hoffe, ihrer bald nicht mehr zu be⸗ durfen.“ „Und wie kam es, daß Sie ſo ſchnell fremder Hilfe be⸗ durften?“ „Fremder Hilfe— das iſt im Grunde kein paſſender Ausdruck. Ich weiß mir ſtets zu helfen. Nun, Sie wiſ⸗ ſen, daß mich ein Freund verließ, und leider war dieſer ge⸗ rade der einzige, auf den ich mich zu jener Zeit verlaſſen hatte. Anderweite Quellen verſiegten gleichzeitig durch die Undankbarkeit gewiſſer Perſonen, denen ich wichtige Dienſte geleiſtet hatte— ich war von Schulden belaſtet und ſah mich plotzlich genoͤthigt, aller Pracht Lebewohl zu ſagen. Es iſt wahr, meine Unvorſichtigkeit trug die meiſte Schuld; denn ich haͤtte mir andere Quellen eroͤffnen ſollen und koͤn⸗ nen, bevor die alten aufhoͤrten zu fließen. Allein das Ge⸗ ſchick wollte mir nun einmal einen Streich ſpielen und ſo ſah ich mich genoͤthigt, einſtweilen mit der Lage zufrieden zu ſein, in der Sie mich jetzt finden. Wie geſagt, das wird nicht lange waͤhren.“ „Ich habe wohl von den wichtigen Dienſten ſprechen hoͤren, deren Sie jetzt erwaͤhnten. Eliſabeth, ſtanden Sie im Solde des Juſtizminiſters unmittelbar, oder halfen Sie nur einem Hauptſpion— wie?“ „Ach, Sie irren ſich. Das war nur ein dummes Ge⸗ ruͤcht. Meine wichtigen Dienſte waren ganz andrer Art und hatten mit dergleichen gar nichts gemein.“ „Gut, Sie wiſſen ſich zu verſtellen. Sie haben ſich abſichtlich zuruͤckgezogen und die Maske der Duͤrftigkeit an⸗ genommen, um jenes Geſchaͤft deſto ſicherer und ohne Ver⸗ dacht zu erregen, wieder beginnen zu koͤnnen. Mir kann daran nichts liegen. Aber erzaͤhlen Sie weiter, Ihre Ge⸗ ſchichte iſt ſtets erbaulich.“ „Glauben Sie davon, was Sie wollen, Heinrich. Ue⸗ brigens bin ich mit mir fertig und wir koͤnnen nun das — ——— 59 zweite Kapitel unſers Geſpraͤchs beginnen, welches uns Beide, hauptſaͤchlich aber Sie angeht.“ Man pochte an die Thuͤr und eine der beiden Alten erſchien, welche ſtaunend einen jungen maͤnnlichen Gaſt hier erblickte. Sie war indeß bald beſchwichtigt, als ſie den Herrn aus Waldrode in ihm erkannte und von Eliſabeth den Zweck ſeines Beſuchs vernahm. „Er iſt untroſtlich,“ ſagte die Miß,„und kann ſich die traurigen Ereigniſſe, welche er aus Leichtſinn veranlaßte, nicht mehr aus dem Sinne ſchlagen. Ich hoffe, ſein Herz der Gnade zugaͤnglich machen zu koͤnnen. Bitte, laſſen Sie uns jetzt allein, und wenn mirs gelingt, ihn in die rechte Stimmung zu bringen, ſo ſoll er an unſter Abendandacht Theil nehmen, wofern Sie nichts dagegen haben.“ „Gott gebe ſeinen Segen,“ ſagte das alte Weib.„Sie haben ſich ſchwer verſuͤndigt, junger Mann. Bereuen Sie, beten Sie— ich wuͤnſche Ihnen alles Heil dazu.“ Sie entfernte ſich und Eliſabeth fragte den Gaſt, ob er Luſt habe, ſich bei der Andacht zu betheiligen. „Vielleicht,“ ſagte Heinrich.„Doch Sie wollten von Waldrode ſprechen. Ich bin begierig, was Sie mir davon zu ſagen haben werden.“ „Wenig, was Sie nicht ſchon wuͤßten, aber Alles mit neuen Gloſſen. Sehen Sie, ich bin jetzt in mißlicher Lage, es iſt wahr, obwohl Sie meinen Worten nicht glauben; es iſt wahr, daß ich vergeſſen, vernachlaͤſſigt, mit Undank be⸗ lohnt bin von denen, welchen ich nutzlich war. Man hat mich gebraucht und dann hat man das unnuͤtze Werkzeug 60 verachtet. Jetzt habe ich weiter keine Beſchaͤftigung, als auf Rache zu denken, auf Rache gegen alle, die ſich an mir ver⸗ gangen haben, und unter dieſe gehoͤren beſonders auch Sie, Heinrich. Freilich auf ganz andre Weiſe, denn alle Uebrigen. Sie liebte ich und Sie haben mich verachtet. An Ihnen muß ich mich daher auch auf weit raffinirtere Weiſe raͤchen, als an den Andern. Ich raͤche mich nicht durch einen Schlag, welcher ſchnell toͤdtet, wie er ſchnell trifft, oder den man ver⸗ ſchmerzen kann. Nein, meine Rache darf ſich nicht auf einen Augenblick beſchraͤnken, ſie muß Dauer haben und nach⸗ haltig ſein, fuͤr mich ſowohl, der ſie Genuß bereitet, als fuͤr jene, welche von ihr getroffen werden. Das Geſchick will nun, daß wir fuͤr jetzt beinahe Leidensgefaͤhrten ſind, allein das kuͤmmert mich wenig; mein Leid iſt zu ertragen, ich weiß mich daruͤber zu erheben; aber das Ihre iſt weit her⸗ berer Art und wird Sie lange quaͤlen. Und wenn Ihnen die Zeit eine Wunde heilt, ſo werd ich Mittel finden, Ihnen eine neue zu ſchlagen. Sehen Sie, Heinrich, das iſt ſo meine Weiſe. Sie ſind ſchuld; denn Sie haben meine Liebe verachtet— eine Liebe, wie ich ſie bis dahin noch nicht em⸗ pfunden hatte. Sie iſt nun fuͤr immer im Rachegefuhl un⸗ tergegangen. Aber glauben Sie nicht, daß es mit meiner Rache wenig auf ſich habe, weil ich ruhig mit Ihnen ſpreche und ſogar ſcherzen kann. Auch das iſt meine Weiſe. Je luſtiger ich ſcheine, um ſo aͤrger mein ich es. Sie haben mich dahin gebracht, das muß ich Ihnen immer wiederholen, und daher muͤſſen Sie auch die Folgen empfinden.“ „Sie machen mich in der That neugierig,“ entgegnete 61 Heinrich laͤchelnd.„Was Sie ſagen klingt unheimlich und beinah ſchauerlich, wie die Einleitung zu einem haarſträu⸗ benden Romane. Laſſen Sie ſchnell hoͤren, ich bitte Sie. Es iſt der Einleitung genug— kommen Sie zur Sache ſelbſt.“ „Ich bin ja nicht Willens, Ihnen zu ſagen, wie ich mich raͤchen werde, ſondern wie ich mich geraͤcht habe. Und das ſoll ſtets ſo ſein, damit Sie dem Unheil nicht vor⸗ beugen koͤnnen. Ich habe Ihnen keineswegs eine ſchauer⸗ liche Neuigkeit mitzutheilen, ſondern will Sie nur an das erinnern, was bereits geſchehn iſt und was Sie wiſſen. Wir ſind, wie ich ſagte, gleichſam Leidensgefaͤhrten, naͤmlich durch den Baron, der uns Beide kraͤnkte, Sie, indem er Ihnen in den Weg trat, mich, indem er mir aus dem Wege ging. Sie glaubten ihn zu betruͤgen und wähnten ſich nah am Ziele, wo Sie alles Leids uͤberhoben ſein wuͤr⸗ den. Sie erinnern ſich, wie Sie in Waldrode mich kalt, faſt hoͤhniſch behandelten, weil Sie im Stillen triumphirten, weil Sie glaubten, meiner bald los zu ſein und fern vom Kampfplatze ins Fäuſtchen zu lachen, allen Andern zum Trotz. Sie Armer! Sie ahnten damals nicht, daß ich im Stillen ſchon weit ſicherer triumphirte, denn ich kannte Ihren Plan und hielt bereits die Scheere in ſichrer Hand, um den kunſtlich geſponnenen Faden zu durchſchneiden— gerade in dem Augenblicke, wo er Sie aus dem Labyrinch fuͤhren ſollte.“— „Sie kannten meinen Plan?“ „Ja, guter Heinrich! Ich war von Allem ziemlich ſo genau unterrichtet wie Sie ſelbſt, und wo meinen Daten etwa der Zuſammenhang fehlte, da wußte ich ſo geſchickt 62 und ſicher zu combiniren, daß ich keiner Aushilfe weiter be⸗ durfte. Wie geſagt, ich wußte Alles.“ „Und koͤnnen Sie mir nicht ſagen, auf welche Weiſe Sie hinter Alles gekommen waren? Ich ſtelle dieſe Frage wirklich aus bloßer Neugier, denn ich begreife die Moͤglich⸗ keit nicht, wie“— „Das glaub ich Ihnen wohl! Allein meine Quellen und Mittel mag ich Ihnen nicht verrathen. Ich kann die⸗ ſelben vielleicht noch fuͤr kuͤnftige Faͤlle nuͤtzen, folglich muß ich verſchwiegen ſein.“ „Und was thaten Sie?“ „Ich ließ die Sache ſo weit wie moͤglich gedeihen. Waͤr ich zu zeitig eingeſchritten, zu einer Stunde, wo Sie ſelbſt noch nicht ganz feſt ans Gelingen glaubten, dann hätt' ich Sie auch weniger gekraͤnkt; um zufrieden zu ſein, mußt ich Ihnen den Wermuthbecher ſo voll und bitter als moͤg⸗ lich geben.“ „Sie verpflichten mich immer mehr. Ja, Sie fangen an, mir intereſſant zu werden— Sie lehren mich einen Charakter kennen.“ „So wie nun der rechte Zeitpunkt gekommen war, ent⸗ warf ich zwei Brieſchen, die ich uͤbrigens nicht mit meinem Namen unterzeichnet habe. Das eine ſandte ich an den jungen Grafen und das andre, welches einige Stunden ſpaͤ⸗ ter abgegeben ward, an den Vater. Ich machte die Herren darauf aufmerkſam, was vorgehen ſollte, und der Erfolg iſt Ihnen wohlbekannt. Das iſt ein vorlaͤufiges Probeſtuckchen meiner Rache geweſen.“ 63 „Ich danke Ihnen dafuͤr.“ „Armer Mann! Sie danken mir dafuͤr! Ihre Bitter— keit verſteht es ſchiecht, ſich paſſend zu maskiren.“ „Sie mißverſtehen mich. Ich danke Ihnen nur fuͤr die ſoeben gemachten Mittheilungen. Sie haben mir dadurch das Herz ſehr erleichtert, denn ich ſehe daraus doch, daß nie⸗ mand, von dem ich dies nicht wuͤnſchen konnte, der Verrä⸗ ther war.“ „Nun, Freund, Sie wiſſen ja nicht, wer meine Ge⸗ hilfen waren, die ich doch jedenfalls haben mußte, das ſehen Sie ein. Aber fuͤr die Zukunft will ich Ihren Wink nuͤtzen:— Sie ſollen ſich von Leuten gekraͤnkt ſehen, die Sie lieben. Ich will mir Muͤhe geben, dies zu bewerk⸗ ſtelligen.“ „Und ich werde mir nicht einmal die Muͤhe geben, Ihnen aus dem Wege zu gehen; ich furchte Sie nicht. Sie machen ſich in der That viel zu ſchaffen mit einem Manne, der ſich um Sie nicht kuͤmmert, Eliſabeth. Sie koͤnnten Ihre Muͤhe fuͤr Sie ſelbſt fruchtbarer machen bei Andern. Bei mir ärnten Sie doch nichts als Verachtung, wenn ich Ihrer uͤberhaupt denken werde.“ „Ich ärnte die ſuͤße Frucht der Rache und bin ſicher, daß Sie meiner noch oft genug denken werden. Ich fuͤhle mich belohnt genug, wenn ich mein Werk gelungen ſehe.“ „Wohl, ich goͤnne Ihnen auch dieſen Lohn.“ „Ich glaub es Ihnen, weil die Sache fuͤr diesmal vor⸗ uͤber iſt. Ich erinnere Sie jedoch, meiner auch bei Aerger⸗ niſſen zu denken, welche Ihnen die naͤchſte Zukunft ſchon 64 bringen kann. Ich ſagte Ihnen ja, daß ich mich nicht mit einer momentanen Rache begnuͤgen kann, ich verlange dauern⸗ den Genuß, und Sie duͤrfen ſich darauf verlaſſen, daß ich ihn mir werde zu bereiten wiſſen.“ Heinrich verachtete ihre Drohungen, und was das Ge⸗ ſchehene betraf, ſo hatte er jetzt bereits zu viel Faſſung ge⸗ wonnen, als daß ihm Eliſabeths Eroffnungen noch beſonders ſchmerzlich haͤtten ſein koͤnnen. Neue Plaͤne hatte er noch nicht gefaßt und er hatte nicht zu fuͤrchten, daß er ſich in Zukunft werde Verraͤthern blosſtellen muͤſſen. Inzwiſchen ließ Eliſabezh nicht ab in ihren Verſuchen, ihn zu quaͤlen, zu aͤrgern und ihm deutlich zu machen, daß ſie ſein Geſchick in ihrer Hand habe. Sie probirte alle Waffen gegen ihn, die ihr zu Gebote ſtanden, Spott, hoͤhni⸗ ſchen Witz und alles dem Aehnliche. Sie konnte nicht glau⸗ ben, daß er gegen dergleichen völlig unempfindlich ſein könne und ſie wandte, als ſie ſeine ſcheinbare Ruhe bemerkte, tau⸗ ſend Manöver an, um ihren Worten moͤglichſte Schaͤrfe zu geben. Sie begann harmloſe Bemerkungen zu machen, ſcherzte und ſuchte ihn in heitere Stimmung zu verſetzen, um dann plotzlich ihren vergifteten Pfeil um ſo wirkſamer in ſein Gemuͤth zu ſenden. Und bei alldem gab ſie ſich Muͤhe, ſeinen Abſchied zu verzögern, nicht blos in der Ab⸗ ſicht, um ihn laͤnger peinigen zu koͤnnen, ſondern weil ihr ſeine Gegenwart auch in andrer Hinſicht noch angenehm war. Ihr verwildertes Gemuͤth vermochte fuͤr den Gegenſtand, den ſie jetzt zu quaͤlen bemuͤht war, noch eine gewiſſe Nei⸗ gung zu empfinden, und dies war der Grund, daß ſie teinen 65⁵ Augenblick abließ, die kleinen Kuͤnſte ihrer Koketterie in Be⸗ wegung zu ſetzen. Wo ſie nicht mehr Liebe zu erregen wußte, warf ſie ihr Netz aus, um wenigſtens die Luͤſternheit zu gewinnen. Ihr Egoismus kannte hier keine Graͤnzen und ihr ſehnlichſter Wunſch war: in jeder Hinſicht, nicht blos durch ihre gelungene Rache, uͤber jenen zu triumphiren. Ihr Glaube an Heinrichs vermeintliche Unerfahrenheit be⸗ ſtärkte ſie noch in dieſem Plane und um ihr Ziel ſicher zu erreichen, ließ ſie allmaͤlig ab, ihn mit hoͤhnenden und krän⸗ kenden Bemerkungen zu reizen. Sie wollte ihn alles dies fuͤr den Augenblick vergeſſen machen, ſie wollte ihn dahin bringen, daß er von ihren Reizen bezwungen werde, um ihn dann ploͤtzlich, wie ſie meinte, mit doppelter Schmach bela⸗ den zu entlaſſen. Heinrich durchſchaute ſie jedoch vollkommen. Er ließ ſie getroſt eine Zeitlang manoͤvriren, bis er uͤberzeugt ſein konnte, daß ſie ſelbſt ſehnlich nach dem Ende der Scene verlangte. „Sie haben mit all Ihrer Muͤhe doch nur Verachtung erworben. Ich ſcheide mit dieſer Verſicherung und in der Ueberzeugung, daß in dieſem Augenblicke die Rache mein iſt, obwohl mir gar nichts daran gelegen. Sie werden ſich jet mindeſtens eine Stunde länger aͤrgern muͤſſen, als ich an Sie denke. Adieu, Eliſabeth.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich und uͤberließ die Getaͤuſchte ihren ſicherlich ni erquicklichen Betrachtungen. Unterwegs konnte er inde ſelbſt nicht umhin, Betrach⸗ tungen uͤber Eliſabeths Verrath anzuſtellen, welcher ihm II. 5 66 Stoff genug zum Nachdenken bot. Gar gern hätte er ge⸗ wußt, woher ſie ihre Kunden geſchoͤpft hatte. Außer Wolf und Watkins hatte er bis zum letzten Augenblicke niemand von ſeiner beabſichtigten Reiſe etwas geſagt. Selbſt der Kutſcher war erſt am letzten Tage gemiethet worden. Die Perſonen, welche ihm den Paß ausgeſtellt hatten, waren die einzigen, die mehrere Tage vorher um ſeine Reiſe wußten; aber dieſe Leute kannten ihn ſo wenig als er ſie, und uͤber⸗ dies hatte er den Reiſepaß nicht perſoͤnlich, ſondern durch Wolfs Vermittlung erhalten. Welcher Art der Zuſammen⸗ hang nun auch ſein mochte, er ſah deutlich, daß er von Ver⸗ raͤthern umgeben ſein muͤſſe und daß dazu gerade ſolche Per⸗ ſonen gehoͤrten, denen er das meiſte Vertrauen geſchenkt hatte. Ob er nun auch geneigt war allen zu mißtrauen, ſo ſtraͤubte ſich ſein Gefuͤhl gegen dies Mißtrauen doch wenig⸗ ſtens in Bezug auf einen, auf Watkins nämlich. Auch Wolf mochte er nur ungern beargwoͤhnen, wiewohl ihn ſein Gedachtniß an manche Fälle erinnerte, welche dieſen Arg⸗ wohn unterſtutzen konnten. War es doch, nach ſeinem ei⸗ genen Geſtaͤndniß, Wolf geweſen, durch deſſen Vermittelung auf irgend eine Art Eliſabeth von ſeinem Vertrag mit Wat⸗ kins Kunde erhalten hatte. Waäre ihm uͤberhaupt daran noch ein Zweifel geblieben, ſo glaubte er ſich doch von heut an feſt uͤberzeugt, daß das Geruͤcht nicht gelogen hatte, welches Eliſabeth die Geſchaͤfte eines Spions zuſchrieb. Jedenfalls durfte er in Zukunft bei Allem, was er un⸗ ternehmen mochte, ſich nicht mit gewoͤhnlicher Vorſicht be⸗ 67 gnugen, mußte vielmehr all ſeinen Umgebungen ohne Aus⸗ nahme mißtrauen und ſich einzig auf ſich allein verlaſſen. Als er in ſeiner Wohnung angekommen war, fand er einen Brief von Watkins, der ganz ſo lautete, wie er es er⸗ warten konnte. „— Ich bin,“ ſchrieb derſelbe unter Anderm,„von Allem was geſchehn iſt, wie Sie ſich denken koͤnnen, unter⸗ richtet, und Sie duͤrfen ſich daher jede eigne Schilderung erſparen, obwohl mir eine ſolche von Ihnen angenehm ſein wuͤrde. Daß Sie mir in der betreffenden Sache kein Ver⸗ trauen ſchenken mochten und ſich Muͤhe gaben, vor mir alles darauf Bezuͤgliche zu verbergen, war ſehr natuͤrlich. Auch wuͤrde ich Ihnen ganz davon abgerathen haben. Sie glau⸗ ben ſich ſelbſt berechtigt, gegen mich zuruͤckhaltend zu ſein, Sie wollen damit Gleiches mit Gleichem vergelten. Ich verzeihe Ihnen Ihren Irrthum, weil Sie denſelben gegen⸗ waͤrtig nicht begreifen können. Trotzdem aber bin ich uͤber⸗ zeugt, daß Sie es gut mit mir meinen und daß Sie die⸗ ſelbe Ueberzeugung von mir hegen. Dies iſt allein ſchon ein werthvoller Umſtand und Grund genug fur uns, einan⸗ der nicht im Stich zu laſſen. Ich bin nun jetzt durchaus nicht unterrichtet, was Sie ferner beabſichtigen; vielleicht beabſichtigen Sie uͤberhaupt noch gar nichts. Geben Sie mir doch daruͤber eine Andeutung. Fuͤhlen Sie ſich geneigt, den alten Vertrag in derſelben Weiſe wieder einzugehn? Mir wuͤrde das ſehr lieb ſein. Heut zu Tage muß man der Gegenwart angehoͤren, um die Zukunft gehoͤrig vorberei⸗ ten zu koͤnnen.— Wir wollen daher der Vergangenheit 5* 68 nicht weiter gedenken und geſchehn ſein laſſen, was einmal geſchehn iſt, außer Sie muͤßten aus eignem Antriebe darauf zuruͤckkommen wollen. In dieſem Falle bin ich gern erboͤ⸗ tig, Ihnen mit meinem Rathe und Troſte zu dienen, ſo gut ich es vermag. Zunächſt antworten Sie mir umgehend auf die oben geſtellte Frage. Melden Sie mir beſtimmt, ob Sie unter jetzigen Umſtaͤnden in Deutſchland und an Ihrem derzeitigen Aufenthaltsorte bleiben wollen, oder ob Sie noch ernſtlich Willens ſind, Europa zu verlaſſen. Mir liegt an beſtimmter Beantwortung dieſer Frage ſehr viel.“— Heinrich empfand allerdings, wie fruͤher ſo jetzt, ein ungemeſſenes Vertrauen zu dem Schreiber dieſes Briefes. Aber er durfte dem Zuge ſeines Herzens hier nicht allein mehr folgen und dem kalten Verſtande mußte eine Stimme eingerͤumt werden. Alles, was er uͤber ſich ſelbſt zu ſagen hatte, mußte er daher von nun an weit genauer erwaͤgen, als es bis dahin geſchehen war. Uebrigens ſah er ſich fuͤr diesmal im Stande, ziemlich offenherzig zu ſein, da er ja wirklich noch nicht wußte, wozu er ſich entſchließen ſollte. Er ſchrieb Watkins daher, daß er den Vertrag fuͤr den Au⸗ genblick gern als erneuert betrachten wolle, obwohl es moͤg⸗ lich ſei, daß er die beabſichtigte Reiſe dennoch bald antreten werde. Er ſchilderte ſeinen Gemuͤthszuſtand, der ihn noch zu keinem Entſchluſſe habe kommen laſſen. Ausdruͤcklich berichtete er auch Eliſabeths Eroͤffnungen, und daß ſie ſich ihm als Verrätherin bekannt hätte; er meldete deren jetzigen Zuſtand und daß ſie, wenigſtens vorgeblich, nichts mehr mit den bewußten geheimen Geſchaͤften zu thun habe. Außer⸗ 69 dem beſchrieb er ausfuhrlich ſein ganzes Unternehmen und wie daſſelbe mißlungen. Abſichtlich ſchilderte er dabei ſeinen Schmerz um das Verlorene mit den lebendigſten Farben, und bemuͤhte ſich, recht deutlich hervortreten zu laſſen, daß er wirklich Alles fur verloren halte. Noch am naͤmlichen Abend hatte er dieſen Brief ge⸗ ſchrieben. Es war jetzt ſpaͤt in der Nacht, er hatte ſein Licht geloͤſcht und ſchaute noch hinaus durchs Fenſter in die herrliche Mondnacht. Er war ſich des Grundes ſelbſt nicht genau bewußt, warum er Watkins von ſeiner völligen Entſagung zu uͤber⸗ zeugen ſuchte. Er hatte jene Stelle gleichſam inſtinktmaͤßig niedergeſchrieben, als wolle er damit neuen Hinderniſſen vor⸗ beugen, waͤhrend er ſelber noch auf ein gluͤckliches Erreichen des Zieles hoffte. „Und iſt denn nicht wirklich Alles verloren?“ ſagte er zu ſich ſelbſt, waͤhrend er hinaus in die ſtille laue Nacht ſchaute;—„bin ich nicht ein Thor, noch zu hoffen, was nun doch unerreichbar bleibt?“ Aber es war doch ſo— in ſeinem Innern lebte noch immer die Hoffnung. Fünfter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. „Wilhelm,“— ſagte die junge Graͤfin zu dem Bur⸗ ſchen, der beſchaͤftigt war, die Wege des Schloßgartens mit gelbem Sand zu beſtreuen. Der Angeredete hielt inne mit ſeiner Arbeit, wandte ſich um nach der Laube, in deren Naͤhe er ſtand und erwie⸗ derte, eines Befehles gewärtig:„Gnaͤdige Graͤfin?“ „Wilhelm,— doch ſetze nur deine Arbeit ruhig fort, waͤhrend ich mit dir rede,— du erzaͤhlteſt, als du bei uns in Dienſt kamſt, von einem Herrn, der Euch in eurer Woh⸗ nung beſucht und unterſtuͤtzt hatte. Wirſt du ihn noch ken⸗ nen, wenn du ihn wiederſiehſt?“ „O, unter Tauſend!“ erwiederte Wilhelm.„Der brave Mann hieß Herr Berg, wie mir unſer Richter geſagt hat. Weiter konnt' ich nichts von ihm erfahren und das that mir recht leid. Er hatte uns woͤchentlich einen Thaler ver⸗ ſprochen. Dann ſchickte er uns auf einmal dreißig, mit der Nachricht, daß er weit verreiſe und alſo ſpaͤter nicht im 74 Stande ſein wuͤrde, fuͤr uns zu ſorgen. So hab' ich alſo gar keine Hoffnung, ihm noch einmal meinen Dank zu ſagen.“ „Wuͤrdeſt du ihm wohl gern einen Dienſt erweiſen?“ „Tauſend Dienſte, mit Freuden, wenn ich es vermag, gnaͤdige Graͤfin.“ „Man wird dich heut oder morgen fruͤh nach der Stabt ſchicken, Wilhelm, um dort verſchiedene Aufträge auszurich⸗ ten. Ich mochte dir auch einen folchen geben, aber du muͤßteſt gegen jedermann daruͤber ſchweigen. Dein Wohl⸗ thaͤter befindet ſich noch in der Stadt und zu ihm ſollſt du gehen. Aber, wie ich ſagte, es darf niemand davon etwas erfahren,— du mußt ſchweigen koͤnnen, wenn du Herrn Berg nicht große Unannehmlichkeiten bereiten willſt.“ Wilhelm ſuchte vergebens nach Worten, um ſeine Be⸗ reitwilligkeit und ſeinen treuen Dienſteifer in gehöriges Licht zu ſetzen. „Nun, ſei nur ſtill und arbeite fort,“ ſagte Pauline. „Ich bin ſchon uͤberzeugt, daß Herr Berg auf dich bauen kann. Hier, Wilhelm, ſtecke dieſen Brief zu dir und ver⸗ wahre ihn gut. Ich ſchaͤrfe dir noch einmal die ſtrengſte Verſchwiegenheit ein. Der Brief iſt an Herrn Berg, deſ⸗ ſen Wohnung genau darauf angegeben iſt; du darfſt das Papier aber nur ihm ſelbſt uͤbergeben, horſt du? und wenn du mir Antwort zu bringen haſt, ſo nimm dich in Acht, daß auch davon hier niemand etwas bemerkt.“ Wilhelm freute ſich von Herzen, ſeiner jungen Herr⸗ ſchaft und dem faſt unbekannten Wohlthaͤter einen Dienſt erzeigen zu koͤnnen. Es bedurfte von ſeiner Seite keiner weitern Verſicherung ſeiner Zuverlaͤſſigkeit, denn dies Be⸗ kenntniß war ſchon mit untruglichen Buchſtaben auf ſeinem ehrlichen Geſicht zu leſen. „Wie geht es deiner Mutter, Wilhelm?“ „Ach, Sie ſind ſo freundlich, gnaͤdige Grafin! Es geht der guten alten Frau beſſer denn je. Sie hat nie ſo gute Tage gehabt, waͤhrend ich noch in der Spinnerei arbei⸗ tete, und die Nachbarn, denen es von Tag zu Tage ſchlechter geht, haben Urſache genug, ſie zu beneiden.“ Noch eine Frage war Pauline im Begriff zu thunz allein ſie unterließ es, nach der armen Marie zu fragen, weil ſie damit Wilhelm weh zu thun fuͤrchtete. „Nun, Wilhelm,“ ſagte ſie,„du weißt, was du ver⸗ ſprochen und was du zu thun haſt. Sei gewiſſenhaft und vorſichtig. Ich wuͤnſche nicht, daß man uns mit einander ſprechen ſieht. Du wirſt mir daher auch die Antwort erſt uͤbergeben, wenn ich dich darnach frage.“— Je mehr ſich Pauline jetzt genothigt ſah, vor den Ihri⸗ gen Alles, was in ihr vorging, zu verbergen, und je mehr ſie die innere Unruhe durch ſcheinbare Faſſung zu verſtecken bemuͤht war, um ſo peinlicher war ihr Zuſtand. Haupt⸗ ſaͤchlich Alfred hatte ſie es zu danken, daß man ſie mit Er⸗ waͤhnung des Vorgefallenen, mit Vorwuͤrfen und dergleichen wider Erwarten verſchont hatte. Dieſe Schonung war ihr jedoch im Grunde läſtiger als jedes andre Benehmen von Seiten ihrer Familie. Man ſchien vorauszuſetzen, daß auch ſie ſich dadurch zu größerm Nachgeben veranlaßt fuhlen muͤſſe und daß ſie, im Gefuͤhle ihres fruͤhern Unrechts, nun ſtilſchweigend in Alles willigen wuͤrde, was man verlangte. Dabei konnte ihr jedoch nicht entgehen, daß ſie aufs ſtrengſte beobachtet und bewacht wurde. Sie hatte niemand, dem ſie ſich vertrauen konnte, und ſah ſich zeither alle Gelegenheit genommen, an Heinrich eine Kunde gelangen zu laſſen. Wilhelm, der kuͤrzlich ſeinen Dienſt hier angetreten hatte, bot ſich ihr nun als geeignete Mittelsperſon, doch auch ihm vertraute ſie erſt auf die angegebene Weiſe, nachdem ſie das Benehmen des Burſchen eine Zeitlang vorſichtig gepruͤft hatte. Wenige Minuten ſpaͤter, nachdem ſie dem Arbeiter ihren Auftrag gegeben und Wilhelm ſich entfernt hatte, kam Alfred zu ihr in die Laube. Er war noch leidend und trug den rechten Arm in ei⸗ ner Binde. „Pauline,“ ſagte er, indem er ſich neben ſie ſetzte,„wir haben es bis dieſen Augenblick beide, vielleicht unwillkuͤrlich, vermieden, von den Vorfaͤllen zu ſprechen, welche uns Allen ſo viel Schmerz verurſacht haben. Verzeih' es mir, wenn ich jetzt dieſe Wunden beruͤhre, bevor ſie noch geheilt ſind.“— Pauline ſchwieg, zeigte ſich jedoch bereit, aufmerkſam anzuhoͤren, was jener ſagen wuͤrde. „Ich darf vorausſetzen,“ fuhr er fort,„daß du mir nur die feindſeligſte Geſinnung gegen ihn zutrauſt, der ſo lange unſer Freund war. Eh' ich in Betreff ſeiner ein Weiteres mit dir ſpreche, möcht' ich dir jene Meinung benehmen. Ich habe die durch ihn erlittenen Beleidigungen weder veranlaßt 77 noch vergolten. Ich habe mich zum Zweikampfe zwingen laſſen und kann dir geſtehn, daß ich bei dieſer Gelegenheit mein Piſtol abſichtlich in die Luft ſchoß. Uebrigens mußt du wiſſen, daß ich es war, der von jeder Verfolgung des Beleidigers abrieth. Man gab meinen Vorſtellungen Ge⸗ hoͤr, weil man einſah; daß es fuͤr uns wuͤnſchenswerth ſein muͤſſe, die ganze Sache geheim zu halten; allein, dies war beim Himmel nicht mein hauptſaͤchlicher Grund! Ich hin⸗ tertrieb jede feindſelige Maßregel nur aus Freundſchaft fuͤr Heinrich. Wie vorher, ſo war ich auch ſein Freund in je⸗ ner unſeligen Stunde, und ſo bin ich es noch in dieſer. Und allen Kraͤnkungen zum Trotz, die er mir in ſeiner heilloſen Verblendung widerfahren ließ, wuͤrde ich auch jetzt noch be⸗ reit ſein, neue Schritte zur Verſoͤhnung zu thun, wenn ich nicht Grund haͤtte, den guten Erfolg fuͤr unmoͤglich zu hal⸗ ten. Das Hinderniß iſt ſeine Neigung zu dir, von welcher er vielleicht noch nicht geheilt iſt. Sei aufrichtig gegen mich, Pauline— fuͤhlſt du dich jetzt frei, haſt du jener Neigung ernſtlich entſagt?“ „Dieſe Frage ſetzt mich in Erſtaunen, Alfred,“ erwie⸗ derte ſie. Er wußte nicht, wie er dieſe Antwort deuten ſollte und wiederholte daher ſeine Frage.„Ich bitte dich, ſei offen ge⸗ gen mich. Ich frage aus Liebe zu dir und aus Freundſchaft fuͤr ihn, und obwohl ich zu deiner Ehre vorausſetzen muß, daß du nach jenem fluͤchtigen Traume jetzt voͤllig zur Be⸗ ſonnenheit zuruͤckgekehrt biſt, ſo muß ich doch die beſtimmte Verſicherung von dir vernehmen, eh' ich mich zu neuen Ver⸗ ſuchen entſchließen kann, um eine Freundſchaft herzuſtellen, die mir ſtets werth und theuer war.“ Pauline fand gerathen, einer beſtimmten Antwort aus⸗ zuweichen. Weniger indeß aus Mißtrauen gegen die Abſich⸗ ten des Bruders, als weil ſie uͤberzeugt war, daß es verge⸗ bens ſein wuͤrde, gegen angeerbte und tiefgewurzelte Vorur⸗ theile zu kaͤmpfen. „Erlaß mir die Antwort und wiederhole jene Frage nicht,“ ſagte ſie.„Ich vermuthe, daß du deinem Freunde die Ueberzeugung geben zu können wuͤnſcheſt, er ſei von mir vergeſſen. Wenn er mich jedoch, wie ich uberzeugt bin, liebte und noch liebt, ſo ſeh' ich nicht ein, was du durch eine ſolche Kunde bei ihm gewinnen willſt; er wuͤrde ſie nicht einmal fur wahr halten und darin nur Grund zu neuem Mißtrauen gegen dich finden. Das Bewufßtſein, ſeine Wuͤnſche für im⸗ mer vereitelt zu ſehen, muß ihm ohnehin ſchmerzlich genug ſein; warum ihn nun noch ſchmerzlicher beruͤhren, indem man ihm den Glauben an meine Zuneigung raubte, wenn dieſer Glaube auch ein irriger waͤre? Ich glaube, er findet ſich darin getroſtet und dieſen Troſt ſollte man ihm wenig⸗ ſtens laſſen. Kannſt du es uͤberhaupt uͤber dich gewinnen, dich ihm wieder zu naͤhern, ſo darfſt du in mir kein Hinder⸗ niß ſehn;— unſer Haus wird er doch keinenfalls wieder be⸗ treten, denn ſchwerlich werden unſte Eltern jemals deine freundſchaftliche Geſinnung fuͤr ihn theilen.“ „Ich halte das nicht fuͤr unmoͤglich, was auch geſchehn iſt. Sie hatten ihn zu lieb gewonnen, als daß mit der Zeit ihr Wohlwollen nicht wieder erweckt werden koͤnnte. Viel⸗ 79 leicht in kurzem wirſt du dieſes Haus verlaſſen, Pauline; und dann werden mir die Eltern leicht geſtatten, ihn hier wieder einzufuͤhren.“ „Du biſt doch auch wie die Andern, Alfred, und deine Achtung fur mich iſt ſogar noch geringer.— Zwingen wird man mich vielleicht in kurzem, Waldrode zu verlaſſen, das iſt moͤglich— leider wahrſcheinlich! Allein haͤltſt du Hein⸗ rich fur faͤhig, alsdann hieher zuruͤckzukehren? Du ſtellſt deine Freundſchaft ſo hoch— aber ſie iſt in der That ſehr wenig werth, ſie will ſich nur auf Bedingung geben, ſie feilſcht und verkauft ſich nur. Und waͤhrend du von ihm ſprichſt, erinnerſt du mich ohne Schonung an umſtaͤnde, die mich dies Haus zu verlaſſen noͤthigen werden. Nein, frage mich nach nichts mehr. Wir ſind ja Alle im Klaren uͤber das Kommende— ich weiß, daß ich mich werde opfern laſ⸗ ſen muͤſſen, und du magſt dann thun, was du fur gut fin⸗ deſt. Ich bitte dich, kein Wort mehr uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand. Begnuͤgt Euch, wenn ihr ein geduldiges und ſchwei⸗ gendes Opfer an mir findet. Mehr duͤrft und koͤnnt ihr von mir nicht erwarten.“ Auch ohne ihre ausdruckliche Bitte mußte man jetzt von dieſem Gegenſtande abbrechen, da der Baron im Garten erſchien, der von all den Urſachen, welche Alfreds Verwun⸗ dung herbeifuhrten, nicht unterrichtet war. Pauline ſelbſt hatte ſich gern dazu verſtanden, ihres Verhältniſſes mit Hein⸗ rich nicht gegen ihn zu erwaͤhnen, was vielleicht der Fall ge⸗ weſen ſein wuͤrde, hätte ſie den Baron nicht zu ſehr verachtet. Dieſer hatte, ſeit er ſich in Waldrode aufhielt, wirklich Muͤhe 80⁰ darauf verwendet, ſeine rohen Aeußerungen und ſein plumpes Betragen zu beſeitigen. Dies gelang ihm inſoweit, daß ihm nur noch ſelten ein Fluch oder eine Verwuͤnſchung und der⸗ gleichen entſchluͤpfte. Allein je mehr er im Aeußern die Roh⸗ heit abzulegen ſuchte, um ſo mehr trat ſein fades Weſen hervor und er irrte ſich auf bedauerliche Weiſe, wenn er ſich jetzt fur liebenswuͤrdiger hielt. Pauline ſprach in ſeiner Ge⸗ genwart faſt gar nicht und er plauderte dagegen um ſo mehr. Es war undenkbar, daß von den Andern ſeine Nichtigkeit unbemerkt geblieben waͤre— um ſo raͤthſelhafter war aber auch die Achtung, die ſie ihm bewieſen. Am meiſten nahm ſie dies von Seiten Alfreds Wun⸗ der, der noch vor kurzem ſelbſt eine große Abneigung gegen den laͤſtigen Bewerber gehegt hatte und ſich ſeit einer gewiſ⸗ ſen Zeit wie umgewandelt in dieſer Hinſicht zeigte. Pauline fuͤhlte ſich dadurch doppelt gekraͤnkt, denn ſie ſah ſich nun des einzigen Vertrauten und Freundes beraubt, den ſie hier noch gehabt hatte. Um ſo mehr mußte der Baron ihren Unwillen empfin⸗ den und ſie brachte es heute— was ihr noch nie gelungen war— ſogar dahin, daß der nicht leicht aus der Faſſung zu bringende Ollersdorf verſtimmt wurde und ſich bald wieder entfernte. „Du thuſt ſehr Unrecht, Schweſter!“ ſagte Alfred, nachdem er allein eine Zeitlang ſchweigend neben ihr geſeſſen. „Du ſollteſt dem Baron nicht in ſolcher Weiſe begegnen.“ „Aber wie ſonſt? Ich kann ihn nicht leiden. Ihr Alle ſetzt mich immer mehr in Erſtaunen und beſonders du. Erin⸗ 80 nerſt du dich noch deines Verſprechens, welches du mir an⸗ fangs gabſt? Du wollteſt in jedem Falle dafur ſorgen, daß Ollersdorf noch freiwillig zuruͤckträte!“ „Und ich werde dies Verſprechen halten, verlaß dich darauf, Pauline! Du ſollſt ohne deinen Willen ihm die Hand nie reichen. Allein du ſollſt ihm dies nicht ſelbſt ſagen.“ „Aus welchem Grunde? Warum ſoll ich eine Neigung erheucheln, deren Gegentheil ich empfinde?“ „Ich bitte dich, Pauline, bau auf mein Wort. Ich verlange nicht, daß du ihm eine Zuneigung beweiſeſt— nur ſollſt du auch das Gegentheil nicht— ſollſt ihn nicht zuruͤck⸗ ſtoßend behandeln— ſollſt ihm die Hoffnung nicht rauben. Dies iſt nothwendig, und du mußt dich eine kurze Zeit darein fuͤgen. Der Grund iſt ein Geheimniß, welches du nach des Barons Entfernung erfahren ſollſt. Es ſteht dabei viel auf dem Spiele. Laß ſcheinbar wenigſtens alles uͤber dich ergehn und denke dabei, daß ich mein Verſprechen am Ende halten werde.“ Mit dieſen Worten ging er, um die Staunende ihren Gedanken zu uͤberlaſſen. II. 6 Zweites Kapitel. Es war noch ziemlich fruͤh am Tage, als ein beſchei⸗ denes Klopfen an die Thuͤr Heinrich einen Gaſt verkuͤndete, und zu ſeiner Ueberraſchung ſah er Wilhelm, Mariens un⸗ gluͤcklichen Liebhaber, eintreten. Die Freude ſtrahlte dem Burſchen aus dem Geſicht, daß er im Stande war, ſeinem Wohlthaͤter, der ihn freundlicher behandelt hatte, als bis dahin irgend ein Menſch, einen Dienſt zu erweiſen, und er ſchien ſich nicht wenig an Heinrichs Ueberraſchung zu weiden. „Wilhelm!— hätt' ich doch kaum daran geglaubt, Sie jemals whberzuſehn. Aber Sie ſcheinen mir frohliche Botſchaft zu bringen, wenn Ihr Geſicht mich nicht taͤuſcht. Deſto beſſer. Wie iſt's Ihnen zeither gegangen?“ „Immer gut, ſeit dem letzten Ungluͤck,“ ſagte Wilhelm. „Seit Sie das letztemal bei uns waren, haben wir immer Gluͤck gehabt. Ich hab' auch noch eher, als Ihr Darlehn aufgezehrt war, Arbeit gefunden— es ſind noch zehn Thaler 83³ ubrig geblieben, die ich Ihnen hier zuruͤckbringe, um fuͤr das Uebrige noch dankbar in Ihrer Schuld zu bleiben.“ Damit zog Wilhelm einen Beutel aus der Taſche, um die beſagte Summe aufzuzählen. Allein Heinrich duldete das nicht. „Nein, lieber Freund!“ ſagte er.„Thun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie fur das Ganze noch immer mein Schuldner, wenn Sie es durchaus als Geſchenk verſchmähen. Die boͤſen Tage kommen oft unvermuthet, wo ſich kein Freund findet, und dann iſts immer gut, wenn Sie einen Noth⸗ pfennig haben. Behalten Sie das Geld, ich bitte Sie darum. Und was treiben Sie jetzt, Wilhelm?“ „Ich bin Gärtnergehilfe im Schloß Waldrode geworden und weiß nun kaum mehr, was Noth iſt,“ antwortete Wilhelm. „In Waldrode! Das kann erſt ſeit kurzem geſchehn ſein. Aber wie ſind Sie dahin gekommen?“ „Ich hoͤrte, daß man dort einen Arbeiter brauchte und meldete mich. Sobald der Graf hörte, daß mich Herr Reich verabſchiedet haͤtte, nahm er mich ohne Weiteres an. Er hat die Fabrikherren nie leiden können, und die Unzufrieden⸗ heit eines ſolchen ſcheint bei ihm fuͤr ein gutes Zeugniß zu gelten. „So, ſo!— Hoͤren Sie, Wilhelm, es freut mich recht ſehr, daß Sie in Waldrode angeſtellt ſind. Sie haben, denk' ich, eine recht gute Herrſchaft gefunden. Wie befindet ſich die graͤfliche Familie?“ „O, es iſt alles gut dort. Der junge Graf, dem kurz vor meinem Antritt irgend ein Spitzbube oder Wilddieb im Walde eine Kugel durch die Schulter gejagt hatte, iſt ſo ziemlich hergeſtellt, und die Uebrigen befinden ſich alle wohl.“ „Und Sie werden beſſer behandelt, als in der Fabrik, nicht wahr?“ „Ja, lieber Herr, ich bin in Waldrode wie im Him⸗ mel, und wuͤrde gar nicht zu klagen haben— aber jeder hat doch ſeinen Kummer“— „Alſo auch Sie? Aber ich glaube Sie zu verſtehen, guter Wilhelm. Sie denken gewiß noch an die arme Marie“— Wilhelm wiſchte ſich eine Thraͤne aus dem Auge. „Haben Sie gar nichts von dem ungluͤcklichen Kinde gehoͤrt?“ fragte Heinrich weiter. „Gar nichts. Wahrhaftig, es kommt mir immer vor wie eine Suͤnde, an das zu glauben, weſſen man ſie be⸗ ſchuldigt hat, obgleich ſie es ſelber eingeſtanden haben ſoll. Ich halte ſie fur ſo rein und ſchuldlos wie einen Engel. Aber auch ſie hatte ihren Kummer, und es iſt mir erſt ſpäter ein⸗ gefallen, daß ſie vielleicht im Stillen einen andern liebte; denn ſie war doch immer traurig und das um ſo mehr, je liebevoller ich ſie behandelte. Doch, was kuͤmmert Sie das Geplauder, ich vergeſſe daruͤber meinen Auftrag.“ „Wie, einen Auftrag? an mich?“ „Ja, lieber Herr, von der jungen gnädigen Graͤfin,“ erwiederte Wilhelm geheimnißvoll, indem er das ſorgfältig verwahrte Brieſchen hervorzog und Heinrich uberreichte.„Ich ſoll, denk' ich, auf Antwort warten. Oder wenn Sie einige Worte ſchreiben wollen, ſo kann ich nach einer Stunde noch einmal zu Ihnen kommen.“ „Thun Sie das, Wilhelm,“ ſagte Heinrich, nachdem er den Brief geoͤffnet und fluͤchtig uͤberblickt hatte. Wilhelm ging und Heinrich las nun mit mehr Muße noch einmal. „Mein geliebter Freund!— Endlich find' ich Gelegen⸗ heit, dir einige Nachrichten von mir geben zu koͤnnen. Dies war mir nur zu lange unmoͤglich gemacht; ich konnte keinen zuverlaͤſſigen Boten finden und mußte ſogar Bedenken tragen, dem hieſigen Poſtamt einen Brief fuͤr dich zu uͤbergeben. Du wirſt im allgemeinen von den Folgen unſers mißlungenen Plans unterrichtet ſein, aber du weißt nicht, welchen Kum⸗ mer ich ſeitdem zu erdulden hatte. Du wirſt dir vorgeſtellt haben, welchen entſetzlichen Eindruck die Kunde, daß wir verrathen waren, auf mich machen mußte; aber deine Vor⸗ ſtellung kann der Wahrheit nicht zur Hälfte gleichkommen. Ich hatte mich mit aller Vorſicht auf den nächtlichen Gang“ vorbereitet und war im Begriff, mein Zimmer und das Schloß zu verlaſſen. In welcher Stimmung! Ich ſollte Alle, Vater, Mutter und Bruder, die harmlos nichts der⸗ gleichen ahnen konnten, alle ſollt' ich ohne Abſchied fuͤr immer verlaſſen. Die Nacht kam mir ſchrecklich vor. Aber ich mußte dir folgen und raffte all meine Entſchloſſenheit zu⸗ ſammen. Noch zwei Minuten, und ich haͤtte die Schloß⸗ pforte hinter mir gehabt;— da trat Alfred ins Zimmer. Du biſt im Begriff auszugehen, Pauline, ſagte erz es iſt eine trube, unangenehme Nacht, in welcher ich dir unter allen 86 umſtanden von einem Spaziergang abrathen wuͤrde. In dieſem Falle jedoch muß ich dich ausdrucklich zuruͤckhalten. „Ich ſtand wie zerſchmettert vor ihm, waͤhrend er fort⸗ fuhr: Ich will nicht viel Worte machen; du ahnſt oder weißt ſchon aus dem Geſagten, daß ich von deiner Abſicht unter⸗ richtet bin. Du willſt einen Freund treffen, der frech genug iſt, dir und uns die Schmach anzuthun und dich auf ſolche Weiſe einzuladen. Bemuͤhe dich nicht weiter, du wirſt nicht gehn, ich leid' es nicht und habe bereits Anſtalt getroffen, um dir das Verlaſſen des Schloſſes fuͤr heute unmoͤglich zu machen. Ich danke dem Himmel, daß ich bei Zeiten von Allem unterrichtet ward, um die Ehre unſers Hauſes wahren zu können. Uebrigens trage keine Sorge, daß der Freund zu lange vergebens warten mochte. Ich ſelbſt geh'in dieſem Augenblick hin, um ihn von dem Scheitern ſeines klugen Planes in Kenntniß zu ſetzen.— Schon unter der Thuͤr, kehrte er ſich noch einmal um und ſagte: Pauline, bis jetzt wiſſen die Eltern von deinem Vorhaben noch nichts; ich allein habe davon Kenntniß, und ich denke es wird gut ſein, wenn wir ihnen dieſe heilloſe Geſchichte unbekannt bleiben laſſen. Sei vernuͤnftig und ich will Alles zum Beſten lenken.— Mit dieſen Worten verließ er mich. Vergebens wuͤrde ich dir meine Empftndungen zu ſchildern verſuchen. Eine Zeit lang uͤberließ ich mich der ſchrecklichſten Verzweiflung. End⸗ lich aber raffte ich mich empor, um hinauszueilen. Ich weiß kaum, was ich beabſichtigte. Vermuthlich hegte ich eine ſchwache Hoffnung, daß noch nicht Alles verloren ſei und daß ich durch raſches und entſchloſſenes Handeln die Flucht noch gluͤcklich ausfuhren könnte. Als ich jedoch das Zimmer ver⸗ laſſen wollte, trat mir mein Vater entgegen, deſſen Miene mir das Schlimmſte verkuͤndete. Auch er war ſoeben von unſter Abſicht unterrichtet worden— durch wen, iſt uns Allen bis jetzt unbekannt geblieben. Uebrigens fand ich ihn gemäßigter in ſeinen Vorwuͤrfen, als ich haͤtte erwarten duͤr⸗ fen. Ich erwiederte nichts und folgte ihm endlich auf ſein Geheiß nach dem Zimmer meiner Mutter. Er hatte be⸗ ſchloſſen, dieſe wenigſtens vorlaͤufig nichts wiſſen zu laſſen und mir deshalb mein Verhalten vorgeſchrieben. Zum Gluͤck war der Baron dieſen Abend nicht anweſend; ſein Anblick wuͤrde mich vollends getoͤdtet haben. Nun vergingen zwei fuͤrchterliche Stunden. Niemand ſprach; die Eltern laſen Zeitungen, und das war mir lieb, denn ſo war ich doch vor Fragen ſicher, da mich jedes Wort, welches ich haͤtte erwie⸗ dern muſſen, geſchmerzt haben wuͤrde. Die Stille ſollte aber noch einmal gräßlich unterbrochen werden. Wir hoͤrten einen Wagen in den Hof fahren und vermutheten anfangs, es ſei der des Barons. Da trat der alte Paul ein und fluͤſterte dem Grafen einige Worte ins Ohr. Nie werde ich die Wirkung vergeſſen, welche dieſelben bei meinem Vater her⸗ vorbrachten. So von Leidenſchaft erregt hab' ich ihn nie zuvor geſehn. Du ahnſt, welche Kunde unſer wartete— man brachte den ohnmaͤchtigen, jetzt todtgeglaubten Alfred nach Hauſe. Ich will dir die Verwirrung und beſonders meine furchterliche Lage in dieſer Schreckensnacht nicht be⸗ ſchreiben. Ich hätte jetzt leicht entfliehen koͤnnen, niemand achtete auf meine Schritte. 88 „Doch ich halte mich bei Ereigniſſen auf, die dir ſicher⸗ lich ſchon bekannt ſind. Man hat mir ſeit jenem Tage eine aͤußerſt ſchonende Behandlung widerfahren laſſen— aber aus beſondern Abſichten. Nur die Mutter hat deiner einigemal gegen mich erwaͤhnt und obwohl ſie unſern Schritt mit der naͤmlichen Haͤrte, wie die Andern, beurtheilt, ſo ſcheint ſie doch noch immer ſehr wohlwollende Geſinnungen fuͤr dich zu hegen. Daſſelbe glaube ich von Alfred, welcher Alles auf⸗ bot, um den Grafen von jeder raͤchenden Maßregel gegen dich abzuhalten. Sie ſcheinen uͤberhaupt jedes Kundwerden des Vorfalls außerordentlich zu ſcheuen, und uͤber Alfreds Verwundung hat man niemand genau unterrichtet. Mit alldem war ich gern einverſtanden, ſehe mich aber nun deſto mehr bedraͤngt. Durch meine Verſchuldung, wie ſie es nennen, ſcheinen ſie ſich um ſo mehr berechtigt zu halten, eine Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche von mir zu verlangen, und alles ſtrebt darauf hin, mich ſo bald als moͤglich zur Ver⸗ bindung mit Ollersdorf zu noͤthigen. „So iſt jetzt die Lage der Dinge. Heinrich, muß ich dich erinnern, daß wir auf Hilfe zu denken haben? Nein, ich weiß, daß du bereits mit der Foͤrderung unſers Heils be⸗ ſchaͤftigt biſt, obwohl ich noch nicht einſehe, wie nun ein Gelingen moglich ſein ſoll. Aber ich will Muth faſſen! Ja, es ermuthigt mich ſchon, daß ich jetzt im Stande bin, dir Mittheilungen zu geben. Der Ueberbringer dieſes Briefes kennt dich; ich halt' ihn fuͤr zuverlaͤſſig und uͤberlaſſ' es dir, ihn noch genauer zu pruͤfen. Du wirſt mir durch ihn Ant⸗ wort ſenden und zugleich beſtimmen, auf welchem Wege wir 89 uns ferner beſprechen können. Mit Ungeduld ſehe ich der erſten Nachricht von dir entgegen. Was wir auch unter⸗ nehmen werden— ich will vor nichts zuruckſchrecken, wenn du mich geleiteſt. Ich fuͤhle mich entſchloſſener, muthiger denn je zuvor.“——— Heinrich hatte ſich ſelbſt Vorwuͤrfe machen moͤgen, daß er mehrere Wochen in unnuͤtzer dumpfer Ruhe vergeudet hatte, — daß er, durch ein Mißlingen entmuthigt, Alles hatte fuͤr verloren halten können. Er ſchaͤmte ſich beinah, ihr gegen⸗ wärtig nichts, als leeren Troſt, ſenden zu koͤnnen. Zugleich aber empfand er eine ſtaͤrkere, hoöhere Zuverſicht, und dieſe theilte ſich den wenigen Worten mit, die er diesmal an Pau⸗ line ſchrieb. Er mußte ſich beeilen, denn Wilhelm war be⸗ reits wieder erſchienen, welcher nicht ſaͤumen durfte, um zur rechten Zeit wieder in Waldrode einzutreffen. „Schickt man Sie öfters nach der Stadt, Wilhelm?“ fragte Heinrich. „Zum hochſten wöchentlich ein Mal wird dies geſchehn. Allein— ich merke ſchon, was Sie wuͤnſchen, lieber Herr— wenn Sie etwas zu beſtellen haben, ſo ſoll es ſo gut beſtellt werden, wie durch mich ſelbſt, wenn ich auch einen Andern zu Hilfe nehmen muß.“ „Das wird nicht angehn, Wilhelm. Auf Sie verlaſſ⸗ ich mich in jedem Falle, aber Andre“— „Ich ſchwoͤr' Ihnen bei meinem Kopfe, daß ich mehr als einen Bekannten habe, auf den Sie bauen koͤnnen, wie auf Felſen. O, ich weiß vorſichtig zu ſein und kenne meine Leute. Hoͤren Sie, liebſter Herr, es kommt vor allen Dingen darauf an, ob Sie mir ſelbſt vertrauen koͤnnen.“ „Dies kann ich, Wilhelm, wie ich ſchon ſagte.“ „Dann iſt die Sache abgemacht. Wenn ich ein ehrlicher Mann bin, ſo kann ich Ihnen auch niemand empfehlen, fuͤr den ich nicht einſtehn und auf den ich nicht ſchwören kann. Was ich ſelber thun kann, werd' ich uͤbrigens keinem Andern ubertragen. Ich weiß auch, was ein Geheimniß fur ein ge⸗ faͤhrliches Ding iſt und habe bei mehr als einer Gelegenheit Behutſamkeit gelernt. Ich ſtehe zu Ihren Dienſten, wenn Sie mich brauchen wollen.“ „Gut. Sie ſind zuverlaͤſſig. Geben Sie dies Brieſchen Ihrer jungen Graͤfin— ohne daß es ein dritter bemerkt, brauch' ich nicht erſt hinzuzufuͤgen. Leben Sie wohl, Wilhelm. Je eher ich Sie wiederſehe, um ſo lieber wird es mir ſein.“ „Meine Freude wird nicht geringer ſein, mein Wohl⸗ thaͤter!“ ſagte Wilhelm, welcher ſich nun eilig empfahl, um die Abfahrt des Dampfwagens nicht zu verſaumen. Heinrich fuhlte all ſeine friſche Unternehmungsluſt zuruͤck⸗ gekehrt. Aller Unmuth war verſchwunden und er war reicher an Hoffnung denn je.„Guter Watkins,“ dachte er,„unſer Vertrag wird wohl bald wieder aufgehoben werden, doch darf ich dich diesmal nicht allzugewiſſenhaft vor der Zeit davon unterrichten.“ Leider konnte er im Augenblicke noch nichts unterneh⸗ men, denn er mußte erſt die Verhaͤltniſſe in Waldrode noch genauer ſondiren. Drittes Kapitel. Eine Sammlung von Liebesbriefchen gehoͤrt, bei den proſaiſchen Zeitläuften, heutigen Tages leider nicht mehr ſo ausdruͤcklich wie ehedem unter die wertheſten Beſitzthuͤmer Liebender und man findet dergleichen nur noch in ſeltenen Faͤllen als Reliquie aufbewahrt; am wenigſten bei jungen Mannern, die, durch polizeiliche Papierdurchſuchungen ſchuͤch⸗ tern gemacht, ein werthes Blatt lieber vernichten, ehe ſie es profanen Augen preisgeben moͤgen. Auch wuͤrde Heinrich vielleicht noch unter die geringe Zahl ſolcher Beſitzenden ge⸗ hoͤrt haben, haͤtte ihm die Klugheit jetzt nicht gerathen, alle Papiere, die nicht aufbewahrt werden mußten, den Flam⸗ men zu weihen. Dies Schickſal traf auch Paulinens Brief, nachdem er ihn noch einmal andaͤchtig uͤberleſen. Kaum waren die letzten der theuren Schriftzuge ver— kohlt, als ein ebenſo unerwarteter als unwillkommener Be⸗ ſuch erſchien. Der Charakter der eintretenden Herren konnte nicht zweifelhaft ſein, wenn ſie ſich auch nicht zu erkennen gegeben haͤtten. Nachdem ſie ſich uͤberzeugt hatten, daß Heinrich die Perſon ſei, welcher ihr Beſuch galt, eroͤffneten ſie ihm, daß ſie auf hoͤhere Verfuͤgung eine Durchſuchung ſeiner Papiere vorzunehmen haͤtten. Gegen die hoͤhere Verfuͤgung ließ ſich nichts einwenden und obwohl der Grund derſelben nicht ſo⸗ gleich angegeben ward, zoͤgerte Heinrich doch keinen Augen⸗ blick, dem Verlangen zu genuͤgen. Seine Papiere beſtanden großentheils in unbeſchriebenen Bogen und es fand ſich, Dank ſeiner Vorſicht, durchaus nichts Verdaͤchtiges darunter. Allein was ihm unverdaͤchtig ſchien, konnte doch in den Augen Andrer nicht ſo erſcheinen. Auch Heinrichs Schreibtafel ge⸗ rieth den ſcharfſichtigen Herren in die Haͤnde und ward eines Theils ihres Inhaltes entledigt, wobei die bedeutende Summe in Banknoten, die ſich darin befand, zu des Beſitzers Ver⸗ wunderung nicht vergeſſen wurde. Alles, was man ſolcher⸗ geſtalt in Beſchlag genommen, ward nunmehr mit einem Umſchlag verſehn und verſiegelt und man erſuchte Heinrich, ſein eignes Siegel ebenfalls hinzuzufuͤgen. Des Kummers, ſich ſogar von dem ſo noͤthigen Gelde getrennt zu ſehen, ſollte er bald uͤberhoben werden, denn nachdem die Herren in aller Ordnung ihr Geſchaͤft hinſichtlich der Papiere beendigt hatten, erſuchten ſie ihn, ſie zu beglei⸗ ten. Er ſah bald ein, daß jede Frage um Erklaͤrung ver⸗ geblich ſein werde, er mußte ſich auf„hohere Verfuͤgung“ verhaften laſſen. Jetzt mehr als je haͤtte er gar gern mit Sucie 93 Dank die Ehre abgelehnt, daß ſich„Höhere“ um ihn kuͤm⸗ merten. Es blieb ihm jedoch nichts uͤbrig, als ſich, wenn auch in Ungeduld, zu fuͤgen, denn geduldig vermochte er's nicht. Man war uͤberdies ſo artig geweſen, einen Wagen zu beſorgen, welcher vor dem Hauſe wartete, und ſo ſah Hein⸗ rich fuͤr den Augenblick ſich aller Sorge um einen neuen Plan und deſſen Ausfuͤhrung uͤberhoben, indem er das Vergnuͤgen hatte, nach dem Stadtgefängniß gebracht zu werden. So ſehr man ihn bei der Verhaftung zur Eile getrieben hatte, um ſo mehr Zeit ſchien man ihm in ſeinem Gefaͤng⸗ niß zur Ueberlegung laſſen zu wollen. Er mochte ſich geber⸗ den wie er wollte, man uͤberließ ihn den erſten Tag ſeiner Gefangenſchaft ganz ungeſtört ſeinen Betrachtungen. Er er⸗ fuhr nicht, weßhalb er verhaftet und konnte ſein Nachdenken uben. Daß er in Folge ſeines Duells mit Alfred hiehergekom⸗ men, ließ ſich nicht denken. Er hatte ſodann freilich gefähr⸗ liche Bekanntſchaften; da er ſich jedoch bei deren etwaigem Thun und Treiben nicht betheiligt wußte, was er denn doch ſehr leicht darzuthun gedachte, ſo troͤſtete er ſich und beſchloß, die wenigen Tage ſeiner Gefangenſchaft ruhig zu ertragen. Da ſah er ſich nun ftleilich bitter getaͤuſcht. Zwar war er ſo gluͤcklich, ſchon am nächſten Tage zu einem Verhoͤr zu gelangen und bei dieſer Gelegenheit zu erfahren, weßhalb er ſeiner Freiheit beraubt warz allein dieſer Raub ſollte ihm ſo⸗ bald noch nicht zuruͤckgegeben werden. 94 Er war verdaͤchtigt, mit den Perſonen in thätiger Ge⸗ meinſchaft zu ſtehen, auf deren Betrieb jenes Koncert in Waldrode durch die Tumultuanten unterbrochen worden war. Nun konnte er ſich doch einen Zuſammenhang denken: man hatte ihn dort mit Wolf ſprechen ſehn, welcher offenbar mit den Raͤdelsfuͤhrern bekannt ſein mußte. Gern haͤtte er ge⸗ wußt, ob auch jener verhaftet ſei, doch gelang es ihm noch nicht, ſich daruͤber Gewißheit zu verſchaffen. Er mußte bei dieſem Anlaß ſogleich an Eliſabeth den⸗ ken, welcher er ohne Zweifel die Ungelegenheit zu danken hatte. Irrte er ſich auch darin, ſo blieb es doch fatal, daß jenes Weib ſchon wieder Recht behalten ſollte. Er gedachte ihrer Worte:„ich erinnere Sie, meiner auch bei Aergerniſſen zu denken, die Ihnen die naͤchſte Zukunft bringen kann.“ Heinrich ſah ſich ſo manche Frage vorgelegt, die ihn in Erſtaunen ſetzte. Es ging ihm bei dieſen Verhoͤren aͤhnlich, wie bei jenen Gelegenheiten, wo ihn Perſonen, wie Eliſa— beth, auszuforſchen ſtrebten; waͤhrend er ſelbſt nichts zu be⸗ kennen hatte, lernte er manches, wovon er ſich nichts ge⸗ traͤumt haͤtte. So gut es nun auch fuͤr ihn ſein mochte, daß man ihn auf keine Weiſe einer Schuld zu uͤberfuͤhren wußte, ſo ſah er die Zeit dieſer Unterſuchung ſich zu ſeinem Entſetzen doch be⸗ deutend ausdehnen. Die Verhoͤre folgten nicht raſch auf⸗ einander und wollten nicht weiterfuͤhren, da man ihm, nur ſtets in anderer Form und Folge, immer ſo ziemlich dieſelben Fragen vorlegte. Das Gericht beſaß nun ſchon eine ziemlich ausfuͤhrliche Lebensbeſchreibung des Gefangenen, mit Aus⸗ 95 nahme der verſchiedenen Abenteuer, durch deren Mittheilung er den wuͤrdigen Herren kein Aergerniß geben wollte. Man wußte, wie er mit Wolf bekannt geworden; er hatte, obwohl nicht ganz richtige, doch genuͤgende Auskunft uͤber den Zweck ſeines hieſigen Aufenthalts gegeben, ja man wußte ſogar, daß das bei ihm vorgefundene Geld ein Darlehn von Watkins war, und was dergleichen Geheimniſſe mehr waren, bei deren Enthuͤllung er kein Bedenken hatte. Sei es nun, daß die Herren aller Orten Beſtätigung des Geſagten einholten oder ſich auf neue Fragen beſinnen wollten— genug, die Verhoͤre wollten zu nichts fuͤhren, und immer verſtimmter kehrte er in ſein Gefäͤngniß zuruͤck. Bei Gelegenheit der Fragen uber den Tumult in Wald⸗ rode hatte er ſich auf die Bekanntſchaft des Grafen und der Familie deſſelben berufen. Er hoffte, daß man auch dort Nach⸗ frage halten moͤchte, denn auf dieſe Weiſe konnte auch Pauline eine Kunde von ſeiner jetzigen Lage erhalten. Ihr Bote konnte öfters bei ihm geweſen ſein, denn ſeine Gefangen⸗ ſchaft hatte nun bereits drei Wochen gewaͤhrt und was mußte ſie von ihm denken, da er ſie ſo lange ohne alle Nachricht ließ. Schmerz und Wuth drohten ihn zu uͤberwaͤltigen, wenn er ſich alle Moglichkeiten vorſtellte, was während ſeiner Haft draußen vorgehen konnte. Nur zu bald war er zu der Ueberzeugung gekommen, daß es auf keine Weiſe in ſeiner Macht ſtand, den tragen Gang dieſer nutzloſen Unterſuchung zu beſchleunigen. Um ſo empoͤrender war ihm dies langſame Verfahren, da ſich aus verſchiedenen Umſtaͤnden ſchon nach den erſten 96 Tagen ſeiner Gefangenſchaft ergab, daß man keinenfalls einen beſonders gefaͤhrlichen Menſchen in ihm ſah. So erlangte er z. B., obwohl mit Muͤhe, eine Verguͤnſtigung, deren Ge⸗ waͤhrung er nicht erwartet haͤtte: man geſtattete ihm naͤmlich, ſich mit Schreiben zu unterhalten, freilich nur unter der Bedingung, daß er wirklich nichts weiter, als was er ange⸗ geben, naͤmlich ein Tagebuch ſeiner Haft, ſchreiben werde. Dazu wurden ihm geſtempelte und numerirte Bogen zuge⸗ zaͤhlt und er mußte uͤberdies das Niedergeſchriebene täglich einer Durchſicht unterwerfen und bis zu ſeiner Befreiung dem Gericht zur Verwahrung uͤbergeben. Man ſtoͤrte ihn, trotz der bittern Bemerkungen, die er niederſchrieb, in dieſer Beſchaͤftigung nicht. Er gedachte das Ganze am Ende Watkins zu uͤberſenden. Zugleich konnte es, wenn man anders Ruͤckſicht darauf nehmen wollte, als Vertheidigungs- und Beſchwerdeſchrift dienen und manche Frage unnoͤthig machen. Leider iſt es nicht moglich, dieſes an allerlei, hier und da ſelbſt humoriſtiſchen Erguͤſſen reiche Tagebuch mitzutheilen, da es auch in Heinrichs Haͤnde nie zuruͤckgelangen ſollte. Die vierte Woche war bereits in gleich ſchrecklicher Weiſe verfloſſen, wie die fruͤhern, als der Gefangenwaͤrter eines Morgens ein Briefchen an Heinrich abgab. „Ich thu' es nicht heimlich,“ ſagte derſelbe,„ſondern mit ausdruͤcklicher Erlaubniß. Man vermuthet wahrſcheinlich nichts Arges dahinter und ich glaube in der That, Sie wer⸗ den dies Haus nun am laͤngſten bewohnt haben.“ „ „Um ſo ſchlimmer, wenn man mich ohne Noth hier zuruckhaͤlt, ſagte Heinrich, waͤhrend er zum vergitterten Fen⸗ ſter trat, um das parfuͤmirte Briefchen beim Lichte zu be⸗ trachten. Hier erkannte er zweierlei. Erſtens Eliſabeths Handſchrift und zweitens die Dummheit des Aufwaͤrters. Der Brief war naͤmlich geoffnet worden, aber mit dem Ge⸗ richtsſiegel wieder geſchloſſen. Man war wenigſtens, da man ihm den Brief nicht perſoͤnlich im Verhoͤr uͤbergab, ſo dis⸗ kret, die dienenden Perſonen nicht mit ins Geheimniß blicken zu laſſen. Heinrich loͤſte das Siegel, welches einen ganz eigen⸗ thuͤmlichen Kontraſt zu dem ſuͤßen Duft bildete, welcher von dem Papier ausſtroͤmte. Es lag darin eine Karte, eine Verlobungskarte, lau⸗ tend:„Pauline, Gräfin von Waldrode— Baron von Ollersdorf.“ Kaum bemerkte Heinrich noch die wenigen ebenſo arti⸗ gen als hoͤhniſchen Worte, mit welchen Eliſabeth dieſe Sen⸗ dung begleitet hatte.— Der Gefangenwärter war zum Gluck verſchwunden, ſonſt wäre Heinrich in dieſem Augenblick faͤhig geweſen, den Mann zu ermorden.— und der Gefangene konnte nichts thun, er hatte nichts, als ſeine ohnmaͤchtige Wuth. Er hätte ſich einen tiefen Schlaf gewuͤnſcht, um nur all den peinigenden Gedanken zu entgehen, die ſich jetzt in ſeinem Kopfe draͤngten. Er mußte der Verzweiflung anheimfallen, wenn er ſeinen rathloſen Zuſtand erwog, da er hier ſaß, ohne II. 7 98 Aufklärung, ohne den Zuſammenhang der Ereigniſſe zu ken⸗ nen/und ohne Macht, auch nur das Geringſte zu thun. Natuͤrlich verfloſſen jetzt die Stunden ſo traͤge, ſo bleiern, wie noch nie. Die Hoffnung, welche der einfältige Aufwärter ausgeſprochen, ſchien ſich nicht erfuͤllen zu ſollen, denn unter Hoͤllenqualen verfloß der Tag, und ebenſo ein zweiter und dritter, die er ohne alle Kunde von Außen hin⸗ bringen mußte. Er fuͤhlte ſich in dieſen Augenblicken zu jeder Gewaltthat befaͤhigt, berechtigt, und konnte doch nichts thun, als uͤber ſeine Ohnmacht ſeufzen. Nachdem er die letzten Nächte faſt ſchlaflos zugebracht hatte, erwachte Heinrich endlich am Morgen des vierten Ta⸗ ges aus einem langen und tiefen Schlafe. Er fuͤhlte ſich in einer dumpfen Apathie und wenn ihm noch ein Wunſch uͤbrig geblieben war, ſo war es der eines augenblicklichen Todes. Da ward er endlich wieder zu einem Verhoͤr gerufen. Er irrte ſich jedoch, wenn er eine Wiederholung der alten, bis zum Ueberdruß vernommenen Fragen erwartete. Es ſchlug vielmehr jetzt die Stunde ſeiner Befreiung. Noch wenig Minuten vorher hatte er mit Gleichmuth daran ge⸗ dacht, da er uͤberhaupt nichts mehr fuͤrchtete und hoffte. Jetzt aber erwachten ploͤtzlich wieder alle Gefuͤhle des Grolls, des Haſſes und des Wunſches nach Rache, als ihm eroffnet wurde, daß— in Betracht des Mangels einer Begruͤndung des gegen ihn angeregten Verdachts— ſeine ſofortige Frei⸗ laſſung zu verfuͤgen ſei. 99 Heinrich blickte vor ſich hin, nachdem der Beamte ſeinen Vortrag geendigt hatte, gleich als haͤtte er nichts ver⸗ nommen. Der Themisdiener ſchien ſich daruͤber zu wundern. Er legte jetzt, nachdem er ſeiner Pflicht genuͤgt, den amtlichen Ernſt ein wenig bei Seite und ſagte mit hoͤflicher Freund⸗ lichkeit:„Nun, Sie ſind frei, Herr Berg, und ich gratulire Ihnen von Herzen.“ „So, mein wuͤrdiger Herr Gratulant? Sie wuͤnſchen mir Gluck, daß ich faſt funf Wochen in einem Kerker zuge⸗ bracht, der fuͤr den grobſten Verbrecher zu ſchlecht waͤre— daß ich inzwiſchen meine Geſchaͤfte verabſaͤumt, vielleicht meine Geſundheit untergraben habe?“ ſagte Heinrich in hef⸗ tiger Aufregung.„Ich bin doch begierig, zu welcher Genug⸗ thuung ſich die Herren verſtehen werden— denn Genug⸗ thuung werd' ich verlangen und ſollt' ich bis vor den Thron ſelbſt gehn muͤſſen.“ „Sie ſind keiner Strafe unterworfen worden, Sie ha⸗ ben nur eine Unterſuchungshaft beſtanden, und Ihre Genug⸗ thuung erhalten Sie ja ſoeben durch die Freilaſſung.“ Dieſe ſeltſame Logik verſtand Heinrich nicht und er be⸗ hielt ſich ausdruͤcklich ſein Recht der Beſchwerde vor. Die Freilaſſung war ein Schickſal, welches er mit jedem Ver⸗ brecher theilte, der nicht etwa im Gefaͤngniß ſtarb. Da ſich indeß in dieſem Augenblicke nichts weiter vornehmen ließ, ſo entſchloß er ſich, dieſe Raͤume mit dem Eigenthume, welches er zuruckerhalten mußte, zu verlaſſen. Man ſtellte ihm ſeine Papiere und ſein Geld zu, lieferte ihm jedoch das Tagebuch 7* 100 nicht aus. Ein neuer Grund zur Beſchwerde! Doch auch hierin mußte er fuͤr den Augenblick auf ſein Recht verzichten und indem er ſich die Verfolgung deſſelben vorbehielt, eilte er, aus einem Hauſe zu kommen, wo er die traurigſte Zeit ſeines Lebens zugebracht hatte. Er begab ſich ſogleich nach Hauſe, wo er Nachrichten uber Alles, was ihn zumeiſt intereſſirte, zu finden hoffte. Allerdings hatten während ſeiner Abweſenheit verſchiedene Perſonen nach ihm gefragt, und von den verſchiednen ſehr unvollkommenen Beſchreibungen, die er erhielt, paßte die eine ſo ziemlich auf Wilhelm, allein es ließ ſich nichts Be⸗ ſtimmtes erfahren. Nun ging er nach der Poſt, wo Briefe von Watkins fur ihn liegen mußten. Er hatte ſeit einiger Zeit aus Vor⸗ ſicht nichts mehr von jenem Manne direkt an ſich adreſſiren, ſondern unter fingirter Adreſſe bei der Poſt niederlegen laſſen. Er fand ein einziges Schreiben ohne beſonders wich⸗ tigen Inhalt. Doch Alles dies war ihm ziemlich gleichgiltig, ſo lang' er von Paulinen ohne Nachricht war. Er ging wieder nach ſeiner Wohnung, um den naͤchſten Schritt, der etwa zu thun war, zu uͤberlegen. Kaum war er daheim, als Wolf er⸗ ſchien. Es that ihm wohl, einen befreundeten Menſchen zu erblicken, und auch jener ſchien ſich des Wiederſehns hoͤchlich zu freuen. Wolf, welcher gleiches Schickſal gehabt hatte, war gleichfalls an dieſem Morgen entlaſſen worden. „Und Sie wollen ſich noch beklagen, Freund, weil Sie unſchuldig ſind? In Deutſchland gilt die Regel: Unſchuld ſchuͤtzt vor Strafe nicht!— Was ſollte ich erſt thun, wenn ich mein Recht verfolgen wollte? Bin ich nicht fuͤnf Wochen eingekerkert, gepeinigt und geärgert worden, blos aus dem Grunde, weil ich einer Verſammlung von Menſchen das Todtgeſchlagenwerden erſparte? O, nein, ich rechne Alles meiner eignen Schuld bei. Warum war ich leichtſinnig ge⸗ nug, nach Deutſchland zu gehn! Und wenn wir bedenken, daß wir uns in dem beſagten ſehr geſegneten und freien— vogelfreien— Lande befinden, ſo muͤſſen wir uns denn doch geſtehn, daß wir unerwartet gut und gnaͤdig weggekommen ſind. Sie ſind hier ſo gut Auslaͤnder wie ich, und wir beide ſind freigelaſſen worden, ohne Befehl, das Land binnen ſo und ſo viel Tagen zu meiden, ohne Kaution zu ſtellen, und ſogar ohne unter polizeiliche Aufſicht geſtellt zu werden. Fä⸗ und das iſt das Unerhoͤrteſte, nicht einmal zu Koſten ſind wir verurtheilt worden! Was wollen Sie mehr? Man hat Ihnen blos ein Manuſcript vorenthalten, vielleicht nur, weil es der Unterſuchungsrichter ad usum Pelphini geeignet findet und daher drucken laſſen will. Alſo widerfährt Ihnen noch beſondre Ehre. Die Moral von unſrer Geſchichte iſt: Wenn ihr einen Haufen Tumultuanten ſeht, die aufs Todt⸗ ſchlagen ausgehen, ſo hindert ſie nicht daran, ſo leicht ihr's auch vermoͤchtet, wenn euch eure perſoͤnliche Freiheit lieb iſt.“ „Ich wuͤnſchte, ſcherzen zu koͤnnen,“ bemerkte Hein⸗ rich;„allein die Sache hat mich allzuſehr in Nachtheil ge⸗ bracht.“ 102 „Auch mich, Freund. Vielleicht waͤr' ich jetzt ſchon abgereiſt, waͤhrend ich nun mindeſtens noch einen Monat in Deutſchland zubringen muß.“ „Das iſt mir lieb; wir koͤnnen dann vielleicht noch mit einander reiſen. Fuͤr den Augenblick bin ich ſo verwirrt, daß ich noch gar nicht ſagen kann, was ich thun werde.“ „Nur keine Plaͤne wieder, wie die letzten, Freund! Sie haben dabei kein Gluͤck. Wollen Sie nicht in Ihrem trau⸗ rigen Vaterlande verdumpfen, ſo weiß ich nur einen Rath fuͤr Sie: Genießen Sie das Leben jetzt, ſo gut Sie koͤnnen, und thun Sie gar nichts. Wenn dann der Monat voruͤber iſt, ſo halten Sie ſich reiſefertig und gehn Sie mit Wolf uͤbers Meer.“ „Vielleicht— oder wahrſcheinlich. Ach, wie beneid' ich Sie um Ihre Faſſung und Ruhe!“ Wolf ging, nachdem er verſprochen hatte, ſich von jetzt an womoglich täglich ſehen zu laſſen. Heinrich aber ſchrieb in Eile ſeine letzten Erlebniſſe fuͤr Watkins nieder. Kaum hatte er dieſen Brief beendigt, als an ſeine Thuͤr geklopft wurde. Auf ſein„Herein“ erſchien ein gemein ausſehender Menſch von äußerſt verdächtigem Anſehn. Viertes Kapitel. Der naͤmliche Tag, an deſſen Morgen Heinrich ſeine Freiheit wieder erhielt, ſollte auf Schloß Waldrode feſtli⸗ chen Glanz ſehn,— es war der Tag, an welchem Pau⸗ linens Vermählung mit dem Baron von Ollersdorf ſtattfin⸗ den ſollte. Als Heinrich von der Verlobung benachrichtigt wurde, war der Gedanke in ihm aufgeſtiegen, daß ſeine Verhaftung wohl gar nur auf Betrieb des Grafen unter dem angege⸗ benen Vorwande erfolgt ſei, um jede neue Annaͤherung an Pauline ſicher zu verhuͤten. Dies ſchien ihm damals um ſo einleuchtender, als man ihn nicht allzuſtreng behandelte— denn welchem ſtark Verdächtigten wurde man z. B. Schreib⸗ material geſtattet haben? Allerdings war es eine irrige Ver⸗ muthung; doch blieb immer wahrſcheinlich, daß aus aͤhn⸗ lichem Grunde Eliſabeth eine Anzeige ſeiner angeblichen Theil⸗ nahme an jenem Tumult gemacht hatte. 104 Pauline hatte keine Ahnung von dem Geſchick, welches ihren Freund ſo unvermuthet getroffen. Wilhelm war kurz vor ihrer Verlobung nach der Stadt geſchickt worden, allein er kam mit der Nachricht zuruͤck: der Herr ſei verreiſt. Aus wohlmeinender Abſicht fertigte man in Heinrichs Wohnung mit dieſem Beſcheide jeden unbekannten Frager ab. Pau⸗ line empfand dieſe Kunde hochſt ſchmerzlich. Er war ver⸗ reiſt, ohne ihr vorher Nachricht gegeben zu haben; ſie wußte nicht wohin er und auf welche Zeit er abweſend war. Von Tag zu Tag fuͤhlte ſie ſich verlaſſener und muthlo⸗ ſer, und als Wilhelm ein zweites Mal mit demſelben un⸗ genugenden Beſcheide zuruͤckkam, war ſie ſo niedergebeugt, daß ſie faſt willenlos dem unaufhoͤrlichen Zureden der Ihri⸗ gen nachgab und in die foͤrmliche Verlobung mit Ollersdorf willigte. Dennoch wuͤrde ſie ſich dazu wohl noch nicht verſtan⸗ den haben, haͤtte ſie nicht feſt auf das von Alfted oͤfters wiederholte feierliche Verſprechen gebaut. Sie hoffte, daß es nur eine fuͤr ſie qualvolle Komoͤdie ohne ernſte Bedeutung gelte, und ſo entwuͤrdigend ihr dies auch erſcheinen mochte, ſo hatte ſie doch auch hier noch Vertrauen auf Alfreds Ehr⸗ gefuͤhl, welcher deutlich zu verſtehn gegeben hatte, daß ein ſolcher Schritt unumgaͤnglich nothwendig und nicht abzu⸗ wenden ſei. Nun ſollte jedoch die Vermählung der Verlobung raſch nachfolgen, denn der Baron hatte Gruͤnde, bald nach ſeinen heimiſchen Guͤtern zuruͤckzukehren. Vergebens hoffte Pau⸗ line, daß er ſich dazu verſtehen werde, allein dorthin zu rei⸗ — — 105 ſen, um ſpäter zuruͤckzukehren. Sie wuͤnſchte vor Allem Zeit zu gewinnen. Allein nachdem ſie einmal in den erſten Schritt gewilligt hatte, ſchien man der Meinung zu ſein, daß ſich der zweite und wichtigere ganz von ſelbſt verſtaͤnde, und es wurden eilig alle Vorbereitungen zur Vermaͤhlungsfeier ge⸗ troffen, ohne daß man ihre ausdruͤckliche Einwilligung noch fur noͤthig gehalten haͤtte. Eine Woche nach der andern enteilte und jedesmal kam Wilhelm mit der fruͤhern traurigen Botſchaft,„daß der Herr noch verreiſt ſei,“ aus der Stadt zuruͤck. Hatte ſich Heinrich abſichtlich zuruͤckgezogen, weil er vielleicht zu der feſten Ueberzeugung gekommen war, daß er nichts mehr zu hoffen habe? Aber auch in dieſem Falle mußte ſie ſein Benehmen grauſam finden. Von Tag zu Tag ward es ihr deutlicher, daß ſie ihrem Lebensgluͤck entſagen muͤſſe;— es kam ihr bisweilen vor, als fuͤhle ſie ihre Ge⸗ ſundheit angegriffen, und in der That wäre ihr eine ſchwere Krankheit jetzt das willkommenſte geweſen— eine Krank⸗ heit wenn einmal jede Hoffnung ſterben mußte, die nur mit ihrem Leben endete. Waͤhrend ſie dieſem Gedanken nach⸗ hing, gewann ſie denſelben immer lieber— er geſtaltete ſich gleichſam zur fixen Idee, ſo daß ſie am Ende feſt daran glaubte, ſie werde bald ſterben. Zugleich war dieſer Gedanke nun ihr einziger Troſt, der es ihr allein moͤglich machte, mit ruhiger Ergebung die Anſtalten zu der verhaßten Ver⸗ bindung treffen zu ſehen. Ihr heißer Wunſch blieb nur, ſich noch vor dem gefuͤrchteten Tage auf dem Krankenlager zu finden. 106 Sie widerſtrebte den Abſichten der Andern nicht mehr, ſie entgegnete nichts mehr; aber ſie war auch ſtill, theilnahm⸗ los an Allem. Dies fiel natuͤrlich den Andern um ſo unangenehmer auf. Eines Tages, als ſie mit der Graͤfin allein war, begann dieſe:„Pauline, du machſt deinen fruͤhern Fehltritt gut, in⸗ dem du dich jetzt ohne Murren unſerm Wunſche fugſt; allein es muß uns betruͤben, daß du dies offenbar nur ungern und widerwillen thuſt. Deine trube Stimmung, die mir tiefen Kummer verurſacht, laͤßt dies deutlich erkennen.“ Pauline ergriff die Hand ihrer Mutter; eine Thraͤne rollte ihr uͤber die Wangen; aber ſie trocknete dieſe und ſchwieg. Die Gräfin ſchien etwas auf dem Herzen zu haben, ohne doch die rechten Worte finden zu koͤnnen, um der Toch⸗ ter das Geheimniß mitzutheilen. Sie verſchloß es in ſich und begnuͤgte ſich mit troſtreichem Zuſpruch und der Andeu⸗ tung, daß jene durch ihren Gehorſam der Familie einen großen Dienſt erweiſe.— Es war Paulinen längſt klar geworden, daß ſie einer beſondern, mit ihrem eignen Wohl oder Weh wenig in Ver⸗ bindung ſtehenden Abſicht zum Opfer fallen ſollte. Allein welcher Art dieſe Abſicht ſei, mochte ſie nicht fragen. Sie hatte ſich ergeben und es war ihr nun gleichgiltig, warum ſie geopfert wuͤrde. Indeß taͤuſchte ſie ſich dennoch ſelbſt, wenn ſie glaubte, in ihrer Apathie nunmehr Alles ohne neues Erwachen des alten Schmerzes ertragen zu können. Je naͤher der verhäͤng⸗ 107 nißvolle Tag ruͤckte, um ſo verzweifelter ward ihre Stim⸗ mung, wenn ſie des verlorenen Freundes gedachte. Sie konnte endlich den heißen innigen Wunſch nicht mehr zuruͤckweiſen, ihn wenigſtens noch einmal zu ſehen, zu ſprechen und den ſchmerzlichen Abſchied von ihm zu nehmen. Noch am Tage vor der Vermaͤhlung war Wilhelm abge⸗ ſchickt worden— freilich nur, um auch diesmal ohne Troſt zuruͤckzukehren. Pauline hatte eine ſchreckliche Nacht zugebracht, halb unter wirren quaͤlenden Traumbildern, halb unter Thranen. So fand ſie die Morgenſonne, als dieſe die Gardinen ihres Schlafgemachs mit dem erſten Strahl vergoldete. Der Gedanke, daß dies der Tag ſei, wo ſie Allem, was ihr theuer, unwiderruflich Lebewohl ſagen ſollte, drohte ſie zu tödten. Am nächſten Morgen ſchon wollte der Baron mit ihr abrei ſen. Gern hatte ſie ſich ſelbſt den Tod gegeben, um jenem Geſchick zu entgehen. Aber eine unſichtbare Hand hielt ſie von dem furchterlichen Schritte zuruck. „O Gott, laß ihn mich wenigſtens noch einmal ſehen!“ rief ſie. Halb war es gluͤhender Wunſch und Gebet, halb feſte Zuverſicht— ſie mußte ihn noch ein letztes Mal ſprechen. Faſt bewußtlos geſchah es, daß ſie eilig einige Worte niederſchrieb, und das Blatt ſiegelte. Dann kleidete ſie ſich ſelbſt, ohne Bedienung zu rufen, an. Es war ſo fruͤh am 108 Morgen, daß die meiſten Schloßbewohner noch in tiefem Schlafe lagen. Ein Blick aus dem Fenſter belehrte ſie, daß Wilhelm bereits bei ſeinen Beeten im Garten beſchaͤf⸗ tigt war. Lautlos ſchwebte ſie hinab und eilte nach der Laube, wo ſie den Arbeiter durch ein Zeichen zu ſich rief. Wilhelm naͤherte ſich ſogleich. „Du mufßt heute noch einmal nach der Stadt, Wil⸗ helm.“ „O, gnaͤdige Graͤfin, das thut mir von Herzen leid— aber ich darf es, wie Sie wiſſen, ohne beſondern Auftrag nicht wagen“— Ein Blick auf Paulinens leidendes Geſicht ſchien den guten Burſchen zum innigſten Mitleid zu bewegen und er fuhr fort:— „Wenn Sie einen Brief zu beſorgen haben, ſo kann ich Ihnen jedoch dafuͤr ſtehen, daß dieſer durch einen mei⸗ ner Freunde ſo gut und ſicher wie durch mich ſelbſt beſtellt werden ſoll.“ „Aber, Wilhelm“— „Erlauben Sie, gnaͤdige Graͤfin, Sie duͤrfen ganz unbeſorgt ſein. Haͤtt' ich keinen zuverlaͤſſigen Freund, ſo wuͤrd' ich mich nicht unterſtehn, dies vorzugeben. Leicht⸗ ſinn iſt nicht meine Untugend. Ich weiß, wie ſehr Sie mich durch Ihr Vertrauen ehren. Mein Freund kann dann auch an mich die Antwort abgeben und ſie erhalten dieſelbe durch mich.“ 109 „Ich muß mich ſchon auf dich verlaſſen, guter Wil⸗ helm. Aber es hat Eile— hoͤrſt du? noch dieſen Morgen. Wenn der Herr noch nicht zuruͤck ſein ſollte, ſo wird der Brief nicht abgegeben.“ Wilhelm empfing das Briefchen und Pauline eilte wie⸗ der nach ihrem Zimmer. Jener aber begab ſich wenige Mi⸗ nuten nachher ins Dorf hinab, wo er an einer der unſchein⸗ barſten Huͤtten anklopfte.— So beſcheiden war die Arme geworden in ihren Wuͤn⸗ ſchen, daß ſie ſich ſchon an der bloßen ſchwachen Hoffnung, ihn noch ein einzigmal zu ſehn, erquicken konnte. So iſt es auch dem Armen, der zum Richtplatz gefuͤhrt wird, waͤh⸗ rend ſich Alles ſcheu vor ihm zuruͤckzieht, ein Labſal, wenn er unter der fremden Menge noch ein einziges feuchtes Auge erblickt, welches ſeinem Schmerzensgange theilnehmend folgt. Und wenn, wie es nur zu wahrſcheinlich war, der Bote auch heute wiederkehrte ohne eine troͤſtliche Kunde? Dieſer Ge⸗ danke war zu ſchrecklich fuͤr ſie, als daß ſie ihm haͤtte nach⸗ haͤngen koͤnnen. Sie war uͤberhaupt kaum noch des Den⸗ kens faͤhig, ihr Zuſtand war traumartig, und jedem, der ſie betrachtete, mußte ſie vollig fuͤhllos erſcheinen. Binnen wenig Stunden ſollte ſie geſchmuͤckt werden, um in der alten Schloßkapelle, die bereits feſtlich verziert und aufgeputzt worden, einem verachteten Manne ihre Hand zu reichen. Sie traute ſich ſelbſt nicht Kraft genug zu, um ſich waͤhrend jener Ceremonie aufrecht zu erhalten. Nur wenig Gaͤſte wurden erwartet, einige Nahbefreun⸗ dete, die man hatte einladen muͤſſen. Wie ſollte ſie dann den Reſt des furchterlichen Tages uͤberſtehn! Aber Pauline ſelbſt dachte jetzt daran nicht. Sie be⸗ ſchaͤftigte ſich nicht mit den nächſten Scenen; all ihr Gefuͤhl und Sinnen war auf den Augenblick gerichtet, wo ihr einzi⸗ ger Freund noch einmal vor ihr ſtehn mußte— mußte! Denn obwohl diesmal jeder Andre, wenn ſie anders Vertraute gehabt haͤtte, uͤber ihr feſtes Vertrauen mitleidig gelaͤchelt haben wuͤrde, ſie glaubte feſt, unerſchutterlich an dieſes Wie⸗ derſehn. Sogar Wilhelm, vielleicht der einzige im ganzen Schloſſe, der wahres und inniges Mitleid mit ihr empfand, fuͤhlte dies ietzt doppelt erregt, da er ſich uͤberzeugt hielt, daß er ihr nur betrubte Kunde wuͤrde bringen können. Langſam und nach⸗ denklich kehrte er zuruͤck und ſchuttelte heimlich den Kopf uͤber die hochzeitlichen Anſtalten. Fünftes Kapitel. Jener Mann, welcher bei Heinrich eintrat, glich in ſei⸗ nem Aeußern ganz einer ſolchen Geſtalt, welche dem Wandrer, dem ſie im einſamen Walde begegnet, gerechte Beſorgniß ein⸗ zuflößen vermag. Das trotzige wilde Geſicht warf einen raſchen pruͤ⸗ fenden Blick auf den Bewohner des Zimmers, gleichſam um ſich zu uͤberzeugen, daß man den rechten Mann vor ſich haͤtte. „Was wollen Sie?“ fragte Heinrich ziemlich barſch. „Ich will nichts,“ entgegnete der Mann, deſſen Ant⸗ wort um ſo auffalliger klang, als er allerdings tauſend Dinge zu beduͤrfen ſchien. Sein Rock war mit unendlichen Flecken beſetzt, deren nicht ſehr kunſtgerechte Naͤthe ſich allenthalben gegen die morſchen Stoffe empoͤrten. Die uͤbrigen Kleidungs⸗ ſtuͤcke, wenn die Lumpen uͤberhaupt dieſen Namen verdien⸗ ten, waren von gleicher Art. Das ſtruppige Haar des Man⸗ nes und der noch wildere ohne Pflege wuchernde Bart um⸗ 112 gaben ein Geſicht, welches, wahrſcheinlich in Folge des Branntweingenuſſes, eine ebenſo ungewoöhnliche als auffallige Faͤrbung zeigte. „Ich will nichts,“ entgegnete er,„aber ich bringe Ih⸗ nen etwas.“ Mit dieſen Worten uͤbergab er Heinrich Paulinens Brief.„Wer hat Ihnen dies gegeben?“ fragte der er⸗ ſtaunte Empfaͤnger, der den kurzen Inhalt des Papiers raſch uberblickte. „Ein Freund,“ antwortete der Mann,„der Ihnen un⸗ ter dem Namen Wilhelm bekannt iſt.“ Dieſe Erklärung beſeitigte bei Heinrich alles Mißtrauen. Inzwiſchen richtete er noch einige Fragen an den Boten. „Glaub's wohl, daß Sie mich nicht kennen,“ entgeg⸗ nete derſelbe.„Deſto beſſer kenn' ich Sie. Nichts fuͤr un⸗ gut, aber ich muß Ihnen doch geſtehn, daß wir Leidensge⸗ faͤhrten ſind. Erſt vor zwei Tagen hat man mich aus dem Gefaͤngniß entlaſſen, wo ich aus demſelben Grunde wie Sie eingeſperrt war.“ „Wegen des Laͤrms in Waldrode?“ „Ganz recht. Man mufßte mich ſchon gehn laſſen, da man mich nicht uͤberfuͤhren konnte. O, unſte Leute Lönnen treu und feſt ſein, wie Stahl, ſobald ſie nur wollen. Frei⸗ lich hab' ich unterdeſſen meine Arbeit verloren. Ich brauchte deswegen nicht zu hungern, wenn ich die Unterſtutzung der Freunde annehmen wollte; aber das mag ich nicht und un⸗ ſereins weiß ſich ſchon durchzubringen. Aber den Teufel auch, jetzt muͤſſen wir von andern Sachen reden! Ich bin 113 hier, um dem Wilhelm Antwort von Ihnen geben zu koͤn⸗ nen. Am liebſten iſt mirs, wenn Sie Ihren Beſcheid auf⸗ ſchreiben, dann hab' ich nicht viel zu merken.“ Das Briefchen enthielt nur die wenigen Worte:„Heute werd' ich mit dem Baron Ollersdorf vermaͤhlt und morgen ſoll ich mit ihm Waldrode verlaſſen. Ich muß dich noch einmal ſprechen, eh' ich auf immer fortgehe, theurer Freund! Sei in der kommenden Nacht, aber erſt nach Mitternacht, im alten Saal. Ich werde mir Einſamkeit zu verſchaffen wiſſen, um dich an jenem Orte treffen zu koͤnnen. P.“— Der Bote wiederholte ſein Begehren wegen ſofortiger Antwort. Heinrich, ſobald er jene Worte nochmals uͤber⸗ leſen, ſah vor ſich nieder, auf das Blatt ſtarrend, und ſchien voͤllig vergeſſen zu haben, wo er ſich befand und wer bei ihm war. Der Mann mußte ihn ein drittes Mal erinnern, eh' er zum Bewußtſein kam. Allein er war in dieſem Augen⸗ blicke der erſten Ueberraſchung unfähig ein Wort zu ſchrei⸗ ben oder zu uͤberlegen. „Hoͤren Sie,“ ſagte er,„meine Antwort iſt ein ein⸗ faches Ja.“ „Hm!“ meinte der Bote,„das läßt ſich hoͤren und auch merken. Verlaſſen Sie ſich darauf, ich werde Wilhelm kein Nein uͤberbringen. Aber in dieſem Augenblick bin ich einmal noch hier— nichts fuͤr ungut, aber ſie ſcheinen etwas zerſtreut— haben Sie wirklich nur das kleine Wort zu ſa⸗ gen? Das lohnt ja kaum der Muͤhe, um deshalb den lan⸗ gen Weg zu machen.“ II. 8 114 Heinrich legte dem Manne, während er vollig uͤber⸗ hoͤrte, was derſelbe ſprach, eine uͤberreichliche Belohnung in die Hand. „Ein Botenlohn verſchmaͤh' nicht,“ ſagte jener; „allein da ſcheinen Sie ſich doch vergriffen zu haben. Gott behuͤte mich, daß ich mir Ihre Zerſtreuung zu Nutz mache.“ Heinrich hoͤrte ihn nicht. „Sein Sie zuverlaͤſſig,“ ſagte er, waͤhrend er an ganz andere Dinge dachte,„ich werde Sie belohnen.“ „Na, die Zeit draͤngt, wenn ich die Abfahrt nicht ver⸗ ſaͤumen ſoll,“ fuhr der Mann fort.„Ich will denken, ich ſei eine Zeitlang voraus S. Ich hab' Ihre Antwort und empfehle mich.“ Zoͤgernd entfernte er ſich, indem er vergebens Heinrichs Aufmerkſamkeit noch einmal zu erregen hoffte. Der letztere bemerkte nicht, daß er allein war. Noch lange blieb er, im⸗ mer in derſelben Stellung, die Augen auf das Papier ge⸗ heftet, wie betaͤubt ſtehen. Es ſchien, als koſtete es ihn unendliche Muͤhe, den Sinn der einfachen Worte zu begrei⸗ fen. Als dies endlich geſchehn war, ärgerte er ſich uͤber ſeine Niedergeſchlagenheit und das zerſtreute Weſen, wodurch er gehindert worden war, den Boten noch um Das und Je⸗ nes zu befragen. „Ich werde ſie erſt nach der Ceremonie ſehn koͤnnen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Iſt es nicht ein neuer tuͤckiſcher Streich des Geſchickes, daß mir erſt jetzt die Nachricht wirde Einen Tag fruͤher— und vielleicht hätte ſich Alles verhin⸗ dern laſſen!— Und wie mag ſie in den letzten Wochen ge⸗ 11⁵ litten haben! Wie oft mag ihr Bote hier geweſen ſein— O, daß ich ſo befangen war, ſo meiner ſelbſt nicht machtig, daß ich nicht einmal mehr weiß, was der Menſch ſagte. Allein ich verſprach zu kommen und das muß ich halten. Nach der Vermählung!— Wie ſoll ſie es in dieſer Nacht moͤglich machen, mich zu ſehn? „Doch ich muß kommen!— Was geht mich, was geht ſie die lächerliche Ceremonie an? Sie iſt bereits meine Gattin— ſie ſoll mir durch keine Ceremonie entriſſen werden. „Jenes verworfene Weib hatte Recht, da ſie ſagte: ihr ſeid zu ſehr Wortphiloſophen. Aber ich will da eine Aus⸗ nahme machen. Es kann nicht Alles verloren ſein, ſonſt wuͤrde ſie mich nicht rufen.“— Unter ſolchen Selbſtgeſpraͤchen ſchickte er ſich an, um auf denſelben Wegen, wie ſchon fruͤher, Waldrode und den alten Saal daſelbſt zur beſtimmten Zeit zu erreichen. Er ſah ein, daß es heute noch weit noͤthiger ſei, ſich von nie⸗ mand bemerken zu laſſen, und um auf den wenig betretenen Umwegen ſein Ziel zu erreichen, mußte er bei Zeiten aufbre⸗ chen. Er richtete ſich darauf ein, noͤthigenfalls gar nicht wieder zuruͤckkehren zu muͤſſen. Sogar ſeine Piſtolen ſteckte er zu ſich, die er bei Alfred auf dem Kampfplatze zuruckge⸗ laſſen, bald nachher jedoch zugeſchickt erhalten hatte. Er wollte auf alle Fälle gefaßt ſein und wuͤnſchte ſogar ſehnlich, die Sachen ſo geſtaltet zu finden, daß er ſogleich Gelegenheit zum Handeln haͤtte. 8* 116 Heinrich trat ſeine Wanderung an, nachdem er in der Eile alles ſo angeordnet hatte, um dieſe Stadt nicht wieder⸗ ſehn zu muͤſſen, obwohl er von Niemand Abſchied nahm und wie ein gewohnlicher Spazierganger aus dem Thore ging. Die Erſchuͤtterung, welche die heutige Nachricht in ihm hervorgebracht, und die damit verbundene Stimmung, worin er alles nur inſtinktmäßig, unwillkuͤrlich, ohne klare Beſon⸗ nenheit that, verließ ihn zwar mehr und mehr, waͤhrend er im Freien durch eine anmuthige Gegend ruͤſtig dahin ſchritt; allein je klarer er ſich aller Umſtaͤnde bewußt ward, um ſo heftiger ward auch ſein Schmerz und ſeine Unruhe. Er hatte jetzt gar keine Buͤrgſchaft fuͤr die Erreichung ſeiner Abſichten; er hatte keine Ahnung von der Stimmung Pau⸗ linens und welche Anſichten dieſe jetzt uͤber die Lage der Dinge hegen mochte. Mußte ſie nicht Allem entſagt haben, bevor ſie ihre Einwilligung zu der Vermaͤhlung geben konnte? Dieſe hatte jetzt ſicherlich ſchon ſtattgefunden und war es daher nicht offenbare Thorheit, wenn er nun noch im Stande war zu hoffen? Wollte ſie uberhaupt mehr, als Abſchied von ihm nehmen? Und wenn dieſer voruͤber, wenn es ihm uͤber⸗ haupt vergoͤnnt worden war, ſie noch ein letztes Mal zu um⸗ armen, mit welchen Empfindungen ſollte er dann ſeinen traurigen troſtloſen Ruͤckweg antreten? „Das Schickſal,“ dachte er,„wird mir ſelbſt die Hand gefuͤhrt haben, als ich dieſe Piſtolen lud und zu mir ſteckte.“ Es kam ihm der duͤſtere Gedanke, im äußerſten Falle, der zugleich der wahrſcheinlichſte war, ſich bis zum andern Tage in Waldrode verſteckt zu halten und im Augenblick ber Ab⸗ reiſe erſt den Rauber ſeines Gluͤcks und dann ſich ſelbſt zu tödten. Er glaubte ſich zu Allem berechtigt, nachdem ihn ſein Geſchick Schlag auf Schlag ſo tuckiſch behandelt hatte, nachdem ihm jede Hoffnung vernichtet worden. Er fluchte der Zeit, die ihm viel zu traͤge verging, und noch zwiſchen dem heißerſehnten Wiederſehn ſtand, waͤhrend ihm gleichwohl mit jedem Schritte, der ihn dem Ziele naher brachte, baͤnger zu Muthe ward. Im letzten Orte vor Waldrode hielt ſich der Wandrer eine kurze Zeit auf. Er ſah eine Nacht vor ſich, wo er all ſeine Kraft noͤthig haben konnte, die körperliche ſo gut wie die geiſtige, denn es konnten viele Stunden vergehen, wah⸗ rend deren er vergebens in dem kalten Ahnenſaale zu warten hatte. Er forderte Wein, der hier beſſer zu haben war, als ſich von einer ſchlechten Dorfſchenke erwarten ließ, und das Getraͤnk war ſeinem Gemuͤthszuſtande wenigſtens inſoweit heilſam, als es die laͤhmende Bangigkeit verbannte, die ihn bis hieher begleitet hatte. Als Heinrich ſeinen Weg wieder antrat, war es eben noch hell genug, um ihn die graue Schloßwarte von Wald⸗ rode in der Ferne erkennen zu laſſen. Bald wurden die Abendſchatten dunkler und als er das Dorf erreichte, war es bereits vollkommene Nacht. Ungeſtoͤrt gelang es ihm, den muͤhſamen Weg durch die verſchiedenen oͤden Raͤume des Schloſſes nach dem Ahnenſaale zuruͤckzulegen. Waͤhrend er erſt eine Zeitlang, an einen der Fenſter⸗ pfeiler gelehnt, hinaus in die Nacht ſchaute und dann, von der langen Wanderung ermuͤdet, ſich auf dem ſchon bekannten alten Stuhle niederließ, bot ſich ihm reichlicher Stoff zu Betrachtungen. Das Geraͤuſch der Feſtfeier konnte nicht bis hieher dringen, wo ihn die tiefſte Stille umgab; aber er ſtellte ſich das Opfer dieſes Tages vor, wie ſie jetzt genoͤthigt war, ſich unter einem Schwarme laͤſtiger Menſchen, um ſo läſtiger, weil ſie fröhlich waren, zu bewegen, vielleicht auch heiter zu ſcheinen und fade Scherze zu belaͤcheln. Es fehl⸗ ten noch drei Stunden an Mitternacht und folglich konnte er aller Wahrſcheinlichkeit nach deren noch vier in Einſamkeit hier zubringen muͤſſen, waͤhrend er ſich mit der gerechten Sorge peinigen mußte, ob ſich Pauline im Stande ſehen wuͤrde, ihr Verſprechen zu halten. Die Verhältniſſe mußten ſich ganz eigen geſtalten, wenn es der Braut moͤglich werden ſollte, ſich hieher zu ihm zu ſtehlen. Schon hatte er laͤnger als eine Stunde ſeinen truͤben Betrachtungen nachgehangen, als ſich an einer der Seiten⸗ thuͤren ein Geraͤuſch vernehmen ließ. Wer konnte zu dieſer Zeit ſich hieher verirren? Heintich trat hinter einen Pfeiler, voller Erwartung, wer dieſen Aufenthalt zu ſo ungelegner Stunde zu theilen beabſichtigte. Er dachte an einen neuen Verrath und machte ſich auf das Schlimmſte gefaßt. Er hoͤrte, wie jemand eintrat und die Thuͤr leiſe und vorſichtig wieder ſchloß. Der Nachtwanbler ſchritt behutſam gerade auf jenen Lehnſtuhl zu und ließ den Schein einer Blend⸗ laterne darauf fallen. „Noch nicht hier,“ ſagte der Mann, denn als ſolchen verrieth ihn ſchon ſein Gang, halblaut fur ſich; allein Hein⸗ rich erkannte ſogleich dieſe Stimme. 1¹9 „Wilhelm?“ fragte er, waͤhrend er aus ſeinem Winkel trat. „O, da ſind Sie doch ſchon!“ erwiederte in leiſem aber freudigem Tone der ehrliche Burſche.„Wie gut, daß Sie doch endlich gekommen ſind! Es fällt mir damit ein Stein vom Herzen. So hat ſie ſich am Ende nicht getaͤuſcht, das arme Fraulein— oder die arme gnaͤdige Frau muß ich viel⸗ mehr ſagen, denn das iſt ſie doch jetzt.“ „Alſo hat die Vermaͤhlung ſtattgefunden— nun, ich wußt' es ja. Wie befindet ſich die Dame, Wilhelm? Ach, ſetzen Sie die Laterne bei Seite, ich habe viele Fragen zu thun.“ „Schade, lieber Herr!— ich werde keine langen Ant⸗ worten geben duͤrfen, denn ich muß Acht haben, daß mich niemand vermißt. Kaͤme man mir auf die Spur, ſo wär' auch die Ihrige entdeckt. Alſo bitt' ich Sie, kurz zu fragen. Was haben Sie mir aufzutragen?“ „Wenn die ſtolzen Leute wuͤßten, daß ſich eine der Ihrigen den verjagten Fabrikarbeiter zum Vertrauten erwäh⸗ len mußte“— dachte Heinrich.—„Nun, ſagen Sie, wie geht es hier? Iſt die junge Herrſchaft wohl? Sind viel Gaͤſte anweſend?“ „Ach, Herr,“ antwortete Wilhelm,„eine ſolche Hoch⸗ zeit iſt wohl kaum noch erhoͤrt worden. Alles ſtill und traurig. Die wenigen Herrſchaften, die zugegen waren, ha⸗ ben bereits wieder Abſchied genommen. Die Braut befindet ſich nicht wohl und hat ſich ſchon ſeit mehrern Stunden zu⸗ ruͤckgezogen. Natuͤrlich, daß dann die Andern auch nicht 120 frohlich ſein konnten. Nun vermag ſie aber trotz alldem doch nicht ſobald hieher zu kommen und Sie werden ſich wohl noch lange gedulden muͤſſen“— „Aber ich werde doch nicht vergebens warten. Reden Sie, Wilhelm, Sie haben einen Auftrag erhalten?“ „Ich habe Ihnen wenig mehr zu ſagen, als Sie um Geduld zu bitten. Es freut mich nur, daß Sie mein Freund gefunden hat. Der Menſch hat mehr Gluͤck als ich, wie ich ſehe. Ich bin fuͤnf Mal in Ihrer Wohnung geweſen und immer hieß es, Sie waͤren noch verreiſt, und niemand wollte mir ſagen wohin oder auf wie lange. Ich glaube, das Fraͤulein ſelbſt konnte nicht trauriger ſein als ich, wenn ich immer ſo vergebens nachfragte und ſo troſtlos heimkehrte. Ich habe Auftrag, Ihnen hier einige Erfriſchungen zu brin⸗ gen, deren Sie in dieſer langen Einſamkeit wohl beduͤrfen werden.“ „Wilhelm ließ das Licht der Laterne auf einige eßbare Gegenſtaͤnde und eine Flaſche Wein fallen, die er mitge⸗ bracht hatte. „Dieſen Imbiß nehmen Sie nur wieder mit,“ ſagte Heinrich;„nur den Wein werd' ich brauchen können.“ „Ja,'s iſt ziemlich kühl und unangenehm hier, und ich denke, Sie werden noch lange Ihrer eignen Geſellſchaft allein uͤberlaſſen bleiben. Auch das Licht darf ich Ihnen nicht zuruͤcklaſſen. Nun,'s iſt auch nicht noͤthig hier, denn es gibt da wenig Erbauliches zu beleuchten. Lieber Herr, wenn Sie keinen Befehl weiter fur mich haben, ſo erlauben Sie, daß ich mich gleich wieder entferne. Die Vorſicht ver⸗ langt das durchaus.“„ „Ich weiß nichts, Wilhelm. Zwar ſpräch' ich gern noch mancherlei mit Ihnen; aber Sie haben Recht:'s iſt beſſer, wenn Sie gehn, um bei Ihren Kameraden kein Auf⸗ ſehn zu erregen.“ Wilhelm wuͤnſchte gute Nacht und verſchwand wieder. Heinrich vermuthete, daß Pauline wohl nur ein Un⸗ wohlſein gezeigt habe, um ſich eine Moglichkeit zu verſchaffen, ihn aufſuchen zu können. Es freute ihn, als er hoͤrte, daß keine laute Luſtbarkeit im Schloſſe ſtattfaͤnde. Er nahm ſeinen Sitz wieder ein und begann ſich mit Vermuthungen zu beſchaͤftigen, wie hier Alles noch enden werde. Einen Entſchluß wagte er ſelbſt noch nicht zu faſſen; er mußte erſt hoͤren, wie Pauline geſinnt ſei und ob ſie in der That ihm gaͤnzlich entſagt habe. „O, daß ich ſie uͤberzeugen koͤnnte,“ dachte er,„wie nichtig die Ceremonie fur uns ſein muß, welcher ſie ſich heute unterzogen hat. Sie bricht kein Wort, ſie iſt gezwungen worden, und wenn ſie meine Ueberzeugung theilt, ſo verlaͤßt ſie noch in dieſer Nacht das Schloß mit mir, und die Mor⸗ genſonne findet uns weit genug, um der Verfolger zu ſpot⸗ ten. Ich beſitze alle Mittel noch, unſer Fortkommen aus dieſem Lande zu ſichern— warum ſollte ſie ſich weigern?“ Die naͤchſten Stunden entſchwanden ihm ſchneller, als er gehofft hatte. Mitternacht war bereits voruͤber, als ſich jene Thuͤr wieder oͤffnete— jetzt konnte ſie erſcheinen. Er lauſchte mit geſpannter Erwartung, und er hatte ſich nicht getaͤuſcht. In der naͤchſten Sekunde hielt er Paulinens bebende Geſtalt in ſeinen Armen. Wohl war es ein Gluͤck fuͤr ihn, daß dieſer Raum in dichte Finſterniß gehuͤllt war. Das durch langen Kummer und Schmerz angegriffene bleiche Antlitz der Ungluͤcklichen wuͤrde ihn tief erſchuͤttert haben. Das war nicht mehr das heitere bluͤhende Maͤdchen, welches er gekannt hatte; nicht mehr die friſche Roſe— nur eine vom Gram gebeugte, ge⸗ knickte Lilie. Lange hielten beide einander ſprachlos umfan⸗ gen, als ſcheute ſich jedes, zuerſt das Wort zu ergreifen— jedes Wort konnte ja nur eine Wunde ſchmerzlich beruͤhren — keines konnte dem Andern Balſam fuͤr das Weh bieten, welches Beide erfuͤllte. „O, welch' ein Wiederfinden, mein Freund!“ ſagte ſie endlich leiſe.„Welch ſchmerzvolles Wiederfinden— nur um auf ewig zu verlieren! Der Gedanke toͤdtet mich— und— o Gott!— daß er mich toͤdten wird, iſt mein letzter, ein⸗ ziger Troſt!“ „Sprich nicht ſo, theure Pauline,“ entgegnete Hein⸗ rich, waͤhrend er ihre heißen Kuͤſſe erwiederte.„Noch iſt nicht Alles verloren— nein, wir duͤrfen nichts verloren geben. Es war ein boͤſes Verhängniß, welches uns getrennt hielt; aber wir werden einander gehoͤren und keine Macht der Erde ſoll uns wieder voneinander reißen. Ich beſchwoͤre dich, theures Herz, beruhige dich, faſſe dich, und alles wird gut werden“— „Ach, Heinrich, du ſuchſt mich zu troͤſten, da doch aller Troſt unmoͤglich geworden. Du bedenkſt nicht, daß dies die 123 letzte Stunde iſt, die uns vergoͤnnt blieb. Noch ein Tag, und wir ſind auf ewig geſchieden. Schon morgen werden viele Meilen zwiſchen uns liegen. Aber ich werde nicht lange auf dem fremden Boden wandeln, wenn ich ihn auch erreiche — bald, bald wird er mich decken— die einzige Wohlthat, die mir das fremde verhaßte Land bieten kann!“ „Du marterſt dich mit duſtern Bildern, gute Pauline! Nein, faſſe dich— raffe deinen fruͤhern Muth zuſammen! Die Freude des Lebens iſt noch nicht todt fuͤr uns. Denke, es ſeien truͤbe Wolken, die uͤber unſern Horizont ziehen; aber ſie gehen voruͤber, eine heitre Sonne wird uns wieder laͤcheln. Beim Himmel, es iſt nicht meine Abſicht, dir dieſe Stunde des Wiederſehns nur durch nichtigen Troſt zu erhel⸗ len, um dich dann einer deſto traurigern Nacht zu uͤber⸗ laſſen; nein, ich ſpreche aus feſter Ueberzeugung.“ „Du täͤuſcheſt dich ſelbſt, Heinrich. Du vergißt die Verhaͤltniſſe, welche mich jetzt binden, um mich ewig von dir zu trennen. Muß ich es doch ſchon als ein Wunder be⸗ trachten, daß es mir gelang uns dieſe Stunde zu gewinnen. Ich habe mich kraͤnker geſtellt, als ich es bin— denn ich leide in der That, Heinrich, der lange Gram hat ſein Recht bei mir geltend gemachtz— ich beſtand darauf, allein zu ſein. Sie ſchlafen jetzt Alle im Schloſſe; das traurige Feſt, wenn es dieſen Namen verdiente, mußte ſchnell enden. Ich ertrug den ſchrecklichen Tag nur im Gedanken an dieſe Stunde, die mir der guͤtige Himmel noch gewaͤhrt hat. Allein ſie ver⸗ geht raſch und der Morgen“— 124 Heinrich unterbrach ſie, indem er ihr aufs Neue troͤſtend zuſprach. Dann unterrichtete er ſie von dem mißlichen Um⸗ ſtande, der ihn betroffen und der jede Gemeinſchaft zwiſchen ihnen unmoglich gemacht hattez er ſchilderte ihr ſeinen ent⸗ ſetzlichen Zuſtand, waͤhrend er bereits Alles ahnen konnte, was ſich hier zutragen wuͤrde, da er ſich doch außer Stande ſah, irgend etwas zu thun, um ſie vor den unheilvollen Schritten zu bewahren. Er ſchilderte ihr ſeinen Schmerz, womit ihn ſchon der Gedanke erfullen mußte, daß ſie ihn fuͤr wankelmuͤthig halten, an ſeiner Neigung zweifeln und glau⸗ ben koͤnne, er habe ſich willkuͤrlich entfernt, um keinen Theil mehr an ihrem Schickſal zu nehmen.„O, es waren ſchreck⸗ liche Tage und Wochen, die ich verleben mußte, ohne Troſt und Nachricht, der Verzweiflung hingegeben!“ „Und was hätteſt du hier fur uns thun konnen, Freund?“ erwiederte ſie.„Es blieb keine Rettung, ich ſah mich be⸗ drängt, und in der Bedrangniß aller Hilfe beraubt. Selbſt Alfred, der es gewiß mit ſeinem Verſprechen ernſt gemeint hatte, ſcheint an deſſen Erfuͤllung nicht weiter gedacht zu haben, weil er ſie nicht mehr fuͤr nöthig hielt; er wähnte vermuthlich, ich habe mich in Alles ergeben und ſuche keine Rettung mehr. Scheinbar war dies der Fall und ich be⸗ gehrte auch von dem Bruder keine Hilfe. Eine ſehr, ſehr ſchmerzliche Erfahrung hat man mich erſt heute noch machen laſſen. Bisher hatte man mich immer zu gewinnen geſucht, indem man mir andeutete, daß ich dem Wohle der Familie ein Opfer bringen ſollte, ein Opfer, deſſen Grund mir noch Geheimniß bleiben mußte, der jedoch von der bedeutendſten —,. 125 und ernſteſten Art ſei. Ich verlangte keine nähere Erklaͤrung und man wuͤrde mein Verlangen auch ſchwerlich befriedigt haben. Ich weiß nicht, ob irgend Etwas, wär's auch der Untergang der Meinigen ſelbſt, im Stande geweſen ſein koͤnnte, mich dir zu entfremden; ich glaub' es nicht. Dennoch aber wuͤrde mir's ſpäter vielleicht ein Troſt, wenn auch nur ein Scheintroſt, geweſen ſein, wenn ich mir haͤtte ſagen koͤnnen: Du haſt dich auf wuͤrdige Weiſe zum Beſten der Deinen geopfert. Kluͤglich hat man nun, wie geſagt, jede Aufklärung bis zu dem Augenblicke vermieden, wo man des Zieles völlig ſicher zu ſein glaubt, bis heute. Ach, Heinrich, ich ſchäme mich in der Andern Namen, dir zu geſtehn, daß ich verkauft bin— ja, verkauft. Heute, nach der Vermaͤh⸗ lung, hat man mir's geſtanden, um mir auch noch das lie⸗ bende Andenken an die Meinen zu verleiden. Du wirſt es kaum begreifen, wirſt es nicht glauben, und doch iſt es ſo. Mein Vater iſt dem Baron ſehr verpflichtet, das heißt: er ſchuldet ihm bedeutende Summen, und den Schuldſchein hat die Verbindung des Glaͤubigers mit mir zerriſſen.“ „Und du konnteſt dich dem Allen fugen, Pauline? Aber ich will dir ja keinen Vorwurf machen, armes Kind! Du mußteſt dich auch von mir verlaſſen glauben, da du keine Ahnung von meinem Geſchick haben konnteſt. Ich hatte Gelegenheit mich bei meinen Richtern auf die Bekanntſchaft mit deiner Familie zu berufen und ich weiß, daß man beim Grafen die Beſtätigung dieſer Angabe eingeholt hat. Ich hoffte, daß du durch ihn Kunde von meinem Gefaͤngniß er⸗ halten ſollteſt, ſehe aber leider, daß davon abſichtlich geſchwie⸗ 126 gen worden iſt. Ich weiß was ich ſelbſt gelitten habe und kann mich deutlich in deinen troſtloſen Zuſtand verſetzen. Du wußteſt nicht anders zu handeln und mußteſt mit dir geſchehn laſſen, was man fuͤr gut fand. Aber ſie durften dich nicht verkaufen, Pauline!— ſie konnten nicht— oder wenn ſie es dennoch thaten, ſo waren ſie im Irrthum und der ſchnoͤde Kauf iſt ungiltig.“ „Es ſteht nicht mehr in unſrer Macht, ihn ruckgaͤngig zu machen.“ „Doch, doch!— O, von dieſem Augenblick— vergib mir's, Pauline, aber ich muß die Deinen von jetzt an haſſen. Und dieſe ſtolzen Menſchen fuͤhlten keine Scham, daß ſie dir ſogar jene Gemeinheit geſtanden!— Aber der ſaubre Handel gilt nicht, ſei deß verſichert— du warſt bereits mein, Pau⸗ line! Beſinne dich, du biſt meine Gattin, und die zweite Vermaͤhlung iſt ungiltig, ungiltig vor Gott und ſeinem Rechte, wenn auch nicht vor den Menſchen!“ Sie antwortete nur durch einen ſchmerzlichen Seufzer. Es entſtand eine kurze Pauſe. Plotzlich aber druͤckte ſie den Geliebten inniger an ſich und ſprach: „Ja, du haſt Recht, Heinrich! ich gehoͤre nur dir an — und jenes Mannes Gattin werd' ich nie, nie ſein. Es ſoll mich kein Andrer beſitzen als du. Sie werden mich, vielleicht ſchon nach wenigen Stunden, zwingen, dem frem⸗ den Manne zu folgen, aber ſeine Gattin werd' ich nimmer. Und ich weiß doch auch, daß er mich nicht bis zu ſeiner trau— rigen Heimat bringen wird; ich weiß ſicher, daß mich der Tod ſchon fruͤher erloͤſen wird.“ 127 „Ich bitte dich, Pauline, ſprich nicht ſo! Theile meine freundlichere Ueberzeugung, die keine truͤgeriſche iſt, und verbanne alle duͤſtern Betrachtungen. Laß uns die kurze Friſt, die uns heute noch vergoͤnnt iſt, dazu nuͤtzen, um gemeinſam zu berathen und zu beſchließen, was uns zu thun bleibt.“ „O Gott, ja, es bleiben uns nur noch Minuten! Jeder Augenblick, wo ich hier weile, iſt mit Gefahr verbunden— mit Gefahr fuͤr dich, denn ich ſelbſt habe keine mehr zu fuͤrchten.“ „Pauline, wenn du mich liebſt, ſo vergiß die traurige Gegenwart und richte mit mir deine Gedanken auf die Zu⸗ kunft, die unſer gehoͤrt und alles Leid verguͤten wird. Haſt du noch Muth, haſt du noch Vertrauen genug zu mir, um mir zu folgen? Bedenke, daß dich hier nichts bindet— die unwuͤrdige Behandlung hat da jedes Band zerriſſen— du gehoͤrſt nur mir an,— wrllſt du mir folgen? Ich baue dein Heil nicht auf eitle Hoffnung oder auf Zufall; Mittel und Wege ſtehn mir zu Gebot, uns ſicher zu fluͤchten— willſt du mir folgen?“ Sie ſchwieg und nach einigen Augenblicken begann Heinrich wieder: „Du wirſt, wie du ſagteſt, ſchon am kommenden Mor⸗ gen abreiſen ſollen? Kennſt du den Weg, den ihr einſchlagen werdet? Welche Städte werdet ihr beruͤhren?“ Sie nannte ihm die Orte und bemerkte, daß Ollersdorf ſich in Danzig einige Tage aufzuhalten gedenke. 128 „Gut! Soo bin ich des Gelingens gewiß. Ich werde dich in Danzig ſehen und befreien. Ich bedarf dann keiner weitern Nachricht. Du wirſt nichts zu thun haben, als bereit zu ſein, mir zu folgen. Ich werde die geeignete Stunde zu wählen wiſſen und jeder Gefahr vorbeugen. Nur eines iſt noͤthig, was dir nicht ſchwer fallen kann, da ſie dich ſchon fuͤr unwohl halten:— du mußt die Reiſe um zwei oder drei Tage verſchieben und ſodann Sorge tra⸗ gen, daß der Reiſeplan nicht geaͤndert wird. Auch der letztere Fall wuͤrde nichts ſchaden, wofern du mir dann nur bei Zeiten Nachricht geben koͤnnteſt, die mich in Danzig treffen muͤßte. Alles Andre uͤberlaß mir; ich werde dich retten und mir gewinnen. Folge getroſt nach einem oder zwei Tagen dem Baron— du kennſt das Ziel, wo du von ihm erloͤſt wirſt. Ich bedarf des kurzen Aufſchubs nur, um noch einige Anſtalten treffen und Euch zuvorkommen zu koͤnnen. Doch, du ſchweigſt, Pauline? Fuͤhlſt du die Kraft nicht mehr in dir, dich zu entſchließen? willigſt du nicht ein?“„ „Theurer Freund, du weckſt Hoffnungen in mir, die mir fremd geworden waren— ich hatte ſo ganz entſagt— und kaum wag' ich noch zu hoffen— ich fuͤhle mich ſo gebeugt, ſo vernichtet, daß ich ſelbſt zur Hoffnung zu ſchwach bin“— „Dein Muth wird ſich beleben, ich zweifle nicht daran. Sage nur, daß du einwilligſt, und ich kann dir verſprechen, daß nach wenigen Tagen alles Leid hinter uns liegt.“ 129 „Ich willige in deine Wuͤnſche, ich habe keinen Willen als den deinen, Heinrich! Was du auch unternimmſt, ich werd' es gut heißen und zu Allem bereit ſein.“ „Dieſe Worte geben auch mir das Leben wieder! Sie werden mir den Abſchied von dir erleichtern, denn ich weiß nun, daß er nur fuͤr kurze Zeit gilt.“ Heinrich war ſeiner Sache in der That gewiß. Er wußte, daß ſein Plan gelingen mußte, ſohald die Reiſenden jene Stadt beruͤhrten, wo er die geeigneten Verbindungen beſaß, die ihn in Stand ſetzten, ſich mit der Entfuͤhrten lͤngere oder kuͤrzere Zeit verborgen zu halten, bis ſie ſich einſchiffen konnten. Er gab ihr noch einige Andeutungen hinſichtlich dieſer Verhaͤltniſſe, um ſie zu ermuthigen. Sie wiederholte, das ihre getreulich thun zu wollen, und in der That ſchien die Ausſicht auf Rettung ihren Muth zu beleben und ihr Gemuͤth in eine minder duͤſtre Stimmung zu ver⸗ ſetzen. Nachdem alles Nöthige genau erortert und beſprochen war, bot er alle Beredſamkeit auf, um ihren Gedanken vollends eine freundlichere Richtung zu geben und dies gelang ihm, zu ſeiner eigenen Freude, wenigſtens ſcheinbar. Sie theilte ihm ihr Geſpräͤch mit Alfred vom letzten Morgen mit und wie derſelbe den lebhaften Wunſch ausge⸗ druckt hatte, das alte freundliche Verhältniß erneuert zu ſehn. „O, ich kenne das ſchon,“ erwiederte Heinrich;„er gibt ſeine Freundſchaft nur auf Bedingung. Ich hab' ihm das ſelbſt ſchon geſagt. Ein rechnender, kaufmaͤnniſcher Freund! Dergleichen kann uns nicht mehr kuͤmmern., Auch haſſ' ich ihn jetzt, ſo ſehr wie die Andern, denn er hatte Theil an dem II. 9 Handel mit dem Baron. Ich kann keine Gemeinſchaft mehr mit ihm haben, verboͤte dies unſer Plan auch nicht ohne⸗ hin. Wir verlaſſen eine Heimat, Pauline, die wir ſchon verloren haben, jetzt, da wir noch darin ſind. Sie iſt uns zum Gefaͤngniß geworden. Aber wir gehen einer neuen entgegen, die uns freundlich aufnehmen wird, wo wir frei und gluͤcklich ſein werden. Sei getroſt, unſer Mißgeſchick hat nur noch Stunden fuͤr uns und es kommen Jahre des Gluͤcks.“ „Wir wollen es wuͤnſchen— obwohl die Ahnung mir es anders ſagt. Gebe der Himmel, daß wir die naͤchſten ſchweren Stunden zu ertragen vermoͤgen. Ich muß dich jetzt verlaſſen, Freund. Gluͤck genug, wenn dieſe Zuſam⸗ menkunft unentdeckt bleibt. Ach, ich kam hierher, um dir den letzten Abſchied zu ſagen— ſieh, ich mochte dich nicht gern traurig machen; allein mir iſt immer, als wär' es doch wirklich der letzte Abſchied. Du biſt ſo ſicher, ſo feſt in dei⸗ nem freundlichen Glauben, daß du mich leichtern Herzens verlaſſen wirſt, und du wirſt ein Gleiches von mir erwarten. Aber ich kann dir keinen leichten Abſchied ſagen, Heinrich, ich kann dir kein leichtes froͤhliches Lebewohl zurufen. Trotz der neuen Hoffnung, die du mir erregt haſt, wird mir das Herz nicht recht leicht werden.“ Er fuͤhlte, waͤhrend ſie an ſeinem Halſe hing, wie ihre warmen Thraͤnen ſeine Wangen netzten. Es war, als vermoͤchte ſie ſich nicht von ihm loszureißen. Nur der Ge⸗ danke, daß ſie ihm ſelbſt das Lebewohl erſchwere, vermochte heee—— —— 131 ſie endlich, eine Faſſung zu zeigen, von welcher ſie nichts empfand. Noch eine Umarmung, ein warmer Druck der Hand und ein langer heißer Kuß— und die Thuͤr, zu welcher er ſie begleitet hatte, ſchloß ſich zwiſchen ihnen. „Sie wird Muth faſſen— ſchon der Morgen wird ſie in beſſrer heiterer Stimmung finden!“ ſagte Heinrich ſich ſelbſt, waͤhrend er, voͤllig getroͤſtet und des beſten Muthes voll, die dunkeln aber jetzt ſchon wohlbekannten Gemaͤcher durchſchritt, bis er wieder im Freien ſtand. 9* Sechſtes Kapitel. Wie anders war Heinrich jetzt zu Muthe, als am ver⸗ gangenen Abend, da er dieſem Schloſſe, welches ihm ſo merkwuͤrdig geworden, zugewandert war. Jetzt trat er den Ruͤckweg in jener erhöheten Stimmung an, die jeden beſeelt, der, nachdem er zuvor ſo recht niedergeſchlagen und rathlos geweſen, ploͤtzlich einen Entſchluß und Plan gefaßt hat, der ihn von allem Elend erloͤſen ſoll und an deſſen Gelingen er nicht zweifeln kann. Vom Gefuͤhl des Ungluͤcks bis zu dem des Gluͤcks iſt auch nur ein Schritt und es gehoͤrt im Grunde ſehr wenig dazu, um den Menſchen gluͤcklich oder elend zu machen. Stimmung iſt am Ende das allein Weſentliche dabei, und Ausſicht auf Erfuͤllung eines Wunſches iſt meiſt koͤſtlicher, als die Erfullung ſelbſt. Ruͤſtig ſchritt unſer Wandrer auf den Feldwegen dahin, mit denen er ſchon vertraut war. Die Freude uͤber die neuen guten Ausſichten ließ ihn noch lange nicht zur Ueber⸗ legung und Berechnung aller Umſtaͤnde kommen, welche denn doch nöthig ward, wenn er ſich den erwuͤnſchten Aus⸗ gang ſichern wollte. Er empfand, waͤhrend er ſeinen Weg verfolgte, keine Erſchoͤpfung. Selbſt Hunger und Durſt kennt der Glͤckliche nicht, den eine Idee beſeelt, den ein liebgewonnener Plan beſchaͤftigt. Es ſind dies Augenblicke, — denn leider ermattet man nur zu ſchnell,— wo man allein wahrhaft lebt. So erreichte Heinrich bei guter Zeit die Stadt wieder. Sein Wunſch war nun, voͤllig ungeſtoͤrt die kurze Zeit nuͤtzen zu koͤnnen, welche er vor der beabſichtigten Reiſe noch uͤbrig hatte. Ebenſo unangenehm als auffaͤllig war ihm daher eine Einladung zum Juſtizminiſter, welche er daheim vorfand. Er konnte ſich keinen Grund denken, der dazu veranlaßte, denn er kannte jenen vielgefuͤrchteten Mann nicht und ſann vergebens nach, was die Aufmerkſamkeit deſſelben auf einen unbedeutenden Fremdling gelenkt haben könnte. Gleichwohl ſchien es ihm raͤthlich, dem Rufe ſo ſchnell als moͤglich Folge zu leiſten, um ſodann deſto freier zu ſein. Waͤhrend er noch daheim war, erhielt er unerwartet einen Beſuch von jenem Arzte, den er ſeit langer Zeit nicht geſehn hatte und der nun ſein Beileid uͤber die lange Haft und dergleichen ausdruͤckte. Der Menſch hatte ſtets etwas Zudringliches gehabt und daher ſah ihn Heinrich nicht gern. Allein er hatte es ſich zum Geſetz gemacht, ſich gegen nie⸗ mand hier, ſo lang' er noch unter dieſen Umgebungen weilte, zuruckſtoßend zu zeigen. Er zwang ſich, gegen Alle die hei⸗ terſte Miene anzunehmen und ſich den Anſchein zu geben, als woll' er immer hier bleiben, wo ſich alles vereinigte, um ihm den Aufenthalt behaglich zu machen. Er unterrichtete den Arzt von der erhaltenen Einladung, um deſſen Meinung daruͤber zu hoͤren.„Ich kann mir kaum denken,“ ſetzte er hinzu,„daß ich viel Erfreuliches vom Miniſter hoͤren werde. Sie haben mich fruͤher ſelbſt auf⸗ merkſam gemacht, daß jene Eliſabeth Warren der Excellenz geheime Dienſte leiſtete; ſollte ſie mir vielleicht einen neuen Streich vorbereitet haben?“ „Nein, gewiß nicht,“ entgegnete der Arzt.„Erſtens ſtand ſie nie unmittelbar im Dienſte des Miniſters— ſie ſpielte eine untergeordnete Rolle. Sodann hat man ſie aber auch, wie ich beſtimmt weiß, ſchon ſeit einiger Zeit ihres Amtes entbunden. Nein, es iſt doch wohl kein Zweifel, daß eine fuͤr Sie guͤnſtige Veranlaſſung vorhanden iſt, und die Miß kennen Sie ſchon inſoweit, um zu wiſſen, daß ſie am liebſten Unheil ſäet. Jetzt iſt die Dame ſehr in den Hintergrund getreten. Sie lebt ſehr ſtill— procul nego- tis— mit zwei alten Betſchweſtern, denen es ebenſo viel Vergnuͤgen macht, wenn ſie ein junges ſchoͤnes Weib unter das Joch ihrer Fröͤmmigkeit ſtecken können, wie dem Teufel, wenn er einen geſcheidten Burſchen zum Duckmaͤuſer ſtem⸗ peln kann. Ich zweifle ſehr, ob die lebensluſtige Miß der⸗ gleichen lange ertragen wird. Die beiden alten Weiber ha⸗ ben Geld und die Miß hat keines, will aber welches; das iſt der Punkt, um den ſich Alles dreht. Sie wird uͤber lang „ —— — oder kurz einen erklecklichen Theil des Mammons, den die alten Drachen huͤten, an ſich zu reißen wiſſen, um dann ſo⸗ fort der Froͤmmigkeit wieder Valet zu ſagen.“— „Was den Miniſter anlangt,“ fuhr der Doktor kurz nachher fort,„ſo kann ich Ihnen eine Verhaltungsregel ge⸗ ben, die Ihnen bei dieſem Manne ſehr nuͤtzlich ſein wird. Denn“— unterbrach er ſich ſelbſt—„obwohl wir wiſſen, daß uns von dort oben kein Heil kommt, ſo erfordert doch, das werden auch Sie zugeben, die Klugheit, jeden Anhalt, der ſich von dort aus bietet, zu nuͤtzen. Das iſt Kriegsliſt, die wir uns erlauben muͤſſen.“ „Nun, Ihre Verhaltungsregel?“ fragte Heinrich laͤ⸗ chelnd. „Stellen Sie ſich geheimnißvoll, auch da, wo Sie es nicht noͤthig haͤtten. Bei Allem, was Sie dem Miniſter ſagen, muͤſſen Sie geſchickt merken laſſen, daß Sie noch mit Etwas, und zwar mit dem Wichtigſten, hinterm Berge hal⸗ ten. Und mag er ſich geberden wie er will, Sie muͤſſen ihn in dem Glauben erhalten, daß Sie vieles wiſſen, was nur Wenigen bekannt iſt. Wenn er Sie entlaͤßt, muß dies nur geſchehn mit der Abſicht, Sie recht bald wieder kommen zu laſſen. Wahr oder nicht wahr— Sie muͤſſen ihn Ge⸗ heimniſſe vermuthen laſſen und ſich huͤten, ganz offen zu ſprechen, außer in gleichgiltigen Dingen.“ „Sehr gut. Dieſem Rathe will ich folgen, voraus⸗ geſetzt, daß ich uͤberhaupt Gelegenheit dazu finde. Denn erſt muß ich doch abwarten, ob der Miniſter von mir uͤber⸗ 136 haupt etwas erfahren will. Ich furchte, der Mann weiß bereits mehr als ich“— „Um ſo rathſamer wird es ſein, wenn Ste meine Regel befolgen. Nur immer hinterm Berge gehalten. Ich möchte ſelbſt wiſſen, wodurch ſeine Aufmerkſamkeit gegen⸗ waͤrtig auf Sie gelenkt iſt— jedenfalls meint er's gut mit Ihnen“— „Nun, lieber Doktor, wenn Sie mich nach drei oder vier Tagen wieder beſuchen wollen, will ich Ihnen die ganze Staatsaffäre mittheilen. Eher wird es nicht moͤglich ſein: denn wenn man mich nicht feſthaͤlt, ſo denk' ich gleich nach dem Beſuche einen Ausflug auf's Land zu machen. Ich muß mich nach der langen Haft wieder durch freie Luft erquicken. Iſt Wolf noch in der Stadt?“ „Allerdings, und wird, denk' ich, ſo bald nicht fort⸗ gehn.“ „Deſto beſſer. Gruͤßen Sie ihn von mir. Wir ſehn einander bald wieder.“ Während des Geſprächs mit dem Doktor hatte Hein⸗ rich ſich umgekleidet und begab ſich nun auf den Weg zum Miniſter. Jener begleitete ihn noch durch einige Straßen, bis Heinrich einen Lohnkutſcher anrief, um ſich den Reſt des Weges zur Epcellenz fahren zu laſſen. „Sollten Sie noch ein Stuͤndchen eruͤbrigen,“ ſagte der Arzt beim Abſchied, indem er auf ein Kaffeehaus in der Naͤhe deutete,„ſo werden Sie mich verbinden, wenn Sie mich dort aufſuchen wollen. Vermuthlich werden Sie auch unſern Freund Wolf da treffen.“ Nach wenigen Augenblicken hielt der Wagen vor des Miniſters Palaſt, wofern das Haus dieſen Namen ver⸗ diente, denn es war eines der unanſehnlichſten in der ganzen Straße. Heinrich hatte ſich darauf gefaßt gemacht, mindeſtens eine Stunde warten zu muͤſſen, denn er bemerkte eine ziem⸗ liche Anzahl Perſonen, deren ungeduldige und gelangweilte Mienen verriethen, daß ſie ſchon einige Zeit hier waren und noch vergebens harrten, das Angeſicht der vielbeſchaͤftigten Epcellenz zu ſchauen. Um ſo mehr wunderte ſich der Gaſt uͤber den Vorzug, den man ihm gab. Denn kaum hatte er ſeinen Namen genannt, als man ihn aus dem Kreiſe der Harrenden hinwegfuͤhrte, und nach wenig Augenblicken ſtand er dem Miniſter gegenuͤber, ſehr neugierig, was man von ihm verlangen koͤnnte. Der Juſtizminiſter, ein kleiner, etwas verwachſener, aber, wenigſtens in dieſem Augenblicke, aͤußerſt artiger, leutſeliger Mann von ſehr gewinnendem Weſen, empfing den Gaſt auf ſeinem Arbeitszimmer, freundlich, auf ſehr unceremonioͤſe Art, wie ein bejahrter Goͤnner etwa einen juͤngern Freund, den er ſchon genau kennt, aufzunehmen pflegt. „Schade, daß Sie zu dieſer Stunde kommen, Herr Berg,“ ſagte er,„wo ich Ihnen nur wenig Minuten zu widmen vermag.“ Heinrich, dem im Ganzen aͤußerſt wenig an der Zu⸗ ſammenkunft lag, da er jetzt ſelbſt Geſchaͤfte hatte, die ihn 138 wichtiger duͤnkten, als Alles, was die geſammten Miniſter Europas beſchaͤftigte, bat ſogleich, ihm eine andre Stunde zu bezeichnen, wo er die Befehle der Epcellenz vernehmen koͤnnte. „Ich wuͤnſche, in Zukunft noch manche Stunde mit Ihnen ſprechen zu koͤnnen,“ ſagte der Miniſter.„Freilich muͤſſen wir uns diesmal beſchraänken. Sie erlauben mir einige Fragen— wenn dieſelben auch neugierig klingen,“ fugte er lächelnd hinzu.„Sie haben einen Freund, der ſich Watkins nennt und mit' welchem Sie genau bekannt ſind?“ Heinrich bejahte den erſten Theil der Frage, ſetzte jedoch hinzu, daß er den Fraglichen nur ſoweit kenne, als ſich dies nach einem ſehr kurzen Umgange mit einem Manne von ziemlich verſchloſſenem Weſen erwarten laſſen duͤrfte. Das alte Sprichwort ſagt: wie man in den Wald ruft, ſo ſchallt es heraus. Wirklich haͤtte wenig gefehlt, ſo wär' es jenem gelungen, den Gaſt durch das freundliche Begeg⸗ nen zu gewinnen. Die ſo oft und ſtets zur Unzeit ver⸗ nommene Frage nach Watkins verdarb jedoch alles wieder, um ſo mehr, da er ſie aus dem Munde dieſes Mannes hoͤren mußte. Aus Allem ging hervor, daß man jenem Amerikaner eine außerordentliche Wichtigkeit beilegte— Man vermuthete jedenfalls einen Kapitalverbrecher in ihm, und es kam darauf an, jemand zu finden, der den in tiefes Geheimniß Gehuͤllten zu entlarven vermochte; man hoffte, daß Heinrich dieſer Jemand ſein koͤnne und werde. Dieſer 139 bedauerte jedoch im Stillen, daß er nichts zu ſagen wußte, denn es wuͤrde ihm Vergnuͤgen gemacht haben, Alles ver⸗ ſchweigen zu konnen. Der Miniſter ſtellte uͤbrigens keine zweite Frage derſelben Art, ſondern ging ſogleich auf andre Gegenſtaͤnde uͤber. Er ſprach von Heinrichs Haft, indem er das Ereigniß zugleich bedauerte und zu rechtfertigen ſuchte, waͤhrend er deutlich zu verſtehen gab, daß er Heinrich Genugthuung geben koͤnne und wolle, wofern derſelbe ge⸗ neigt ſei, dieſelbe anzunehmen. Er ſprach von Heinrichs Gefaͤngnißtagebuch, welches er in ſeiner Verwahrung hatte und woraus er die Fähigkeiten des jungen Mannes genug⸗ ſam beurtheilen konnte, um zu wuͤnſchen, daß derſelbe zu einer Karriere in hieſigem Lande geneigt ſein möchte, wobei er, der Miniſter, gern foͤrderlich ſein wuͤrde. Auch bat er, ihm das beſagte Tagebuch noch auf einige Zeit zu uͤber⸗ laſſen. Es war Heinrich jetzt nur ſo viel klar, daß man ihn gern zu beſondern Zwecken brauchen wollte. Er kannte ſelbſt ſeine Faͤhigkeiten nicht ſo genau, um ſogleich zu erkennen, was ihm in den Augen dieſer Leute, denen es doch ſicher nicht an bereitwilligen Werkzeugen fehlte, eine beſondere Wichtigkeit beilegen konnte; es lag ihm aber auch daran gegenwärtig nichts. Er antwortete auf mehrere nachfolgende Bemerkungen des Miniſters, welche beinahe wie Anträge klangen, nur durch ſtumme Verbeugungen; er war mit ganz andern Gedanken beſchäftigt, und die Excellenz irrte, wenn ſie das, was nur Unachtſamkeit war, fur Folge der freudigen Ueberraſchung hielt. 14⁴⁰ Heinrich lebte erſt wieder auf, als er ſich auf ſehr ver⸗ bindliche Weiſe entlaſſen ſah. Die verheißenden Worte, die ihm der Miniſter beim Abſchied noch ſagte, hoͤrte er gar nicht; wenigſtens hatte er ſie bereits vergeſſen, als er auf die Straße trat. Er hatte nun ungleich wichtigern Dingen ſeine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Sechſter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. „Ich ſag' Euch, unter gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden kann Euer Volk durch Gewaltſtreiche nichts erlangen, als neues vermehrtes Elend,“ ſagte Wolf zu dem Atzte, der ihn, nach⸗ dem Heinrich ſeine Geſellſchaft verlaſſen, aufgeſucht hatte. „Gewiß, es kann dadurch nichts erlangen, denn die rechte Grundlage, die politiſche Freiheit, fehlt. So könnt ihr noch nicht an vollkommene Beſeitigung der Volksnoth denken, ſondern muͤßt euch mit Linderung des vorhandenen Uebels begnuͤgen, bis Euch einmal eine guͤnſtigere Sonne zum gu⸗ ten Werke leuchtet. Ihr Deutſchen ſeid allemal die erſten, wo es zu leiden gibt und die letzten bei der That.“ „Wir haben viel Geduld, das iſt wahr,“ entgegnete der Arzt;„aber auch ſie endet, wie Sie nun bemerken kon⸗ nen. Unſre Freunde ſind uͤberall fleißig geweſen und bald wird, Dank ihrer Muͤhe, ein Sturm losbrechen, uͤber welchen Sie, Herr Wolf, ſtaunen werden. Die politiſche Freiheit wird ſich finden— unſre Leute werden um ſo eifriger ſein, 144 weil ſie Alles zu gewinnen haben, oder Alles auf lange Zeit verlieren muͤſſen.“ „Ehrlich geſtanden,“ ſagte Wolf,„bin ich ſehr zufrie⸗ den, daß ich mich mit Euch nicht weiter eingelaſſen habe. Sie ſind doch wohl nicht ſo verblendet, Doktor, um nicht uͤberzeugt zu ſein, daß die ganze Affaire, wenn's uͤberhaupt zu etwas Ernſtem kommt, keine andern Fruͤchte traͤgt, als einige Todte und Verwundete und eine große Anzahl von Verurtheilten. Eure Gefaͤngniſſe werden ſich recht tuͤchtig fuͤllen, das iſt Alles— das alte Eiend bleibt.“ „Wenn auch der ſchlimmſte Fall eintraͤte, ſo werden wir uns mit dem Gedanken troͤſten, es war wieder ein Ver⸗ ſuch— und unſre Pflicht wird ſein, einen zweiten, dritten und meinetwegen tauſendſten Verſuch zu wagen.“ Wolf ſchuͤttelte den Kopf und nach einer kurzen Pauſe ſagte er:„Wie geſagt, ich bin froh mich nicht weiter bethei⸗ ligt zu haben. Haätt' ich mehr Verſtand bei der Sache ge⸗ ſehn, ſo wollt' ich mich gern mit dafuͤr geopfert haben; allein ich mag nicht auf Sand bauen helfen. Die Grundlage fehlt euch— Eurem Volke fehlt die rechte Bildung fur dergleichen noch. Da kann nichts zu Stande kommen. Erſt bildet ſie, dann werden ſie ſich ohne euch zu rathen wiſſen.“ „Nun, Sie ſind ein Fremder und ich will nicht mit Ihnen rechten um Ihre Neigung. Sie haben anderwaͤrts zu thun. Meinetwegen. Obwohl ich denke, ein Sieg in der guten Sache, ſei er hier oder dort erkampft, iſt ein Sieg fur alle, die dieſen Planeten bewohnen. Indeß hätten Sie doch dann und wann etwas thun können. Manch guter Kopf hatte durch Sie fuͤr uns gewonnen werden konnen, der uns nun verloren geht. Z. B. Heinrich, jener junge Mann, deſſen Vertrauen Sie ſehr beſitzen“— „O,“ entgegnete Wolf,„der gehoͤrt der guten Sache mehr an, als ihr Alle glaubt, wenn er auch noch nicht offen zu Eurer Fahne geſchworen hat. Er iſt einer der gediegen⸗ ſten, und wenn er Euch— ſcheinbar wenigſtens— ent⸗ fremdet iſt, ſo ſind wahrhaftig nur Eure dummen uͤbereilten Streiche daran ſchuld. Dieſe können Euch niemand ge⸗ winnen.“ „Ich fuͤrchte, er iſt uns nicht blos ſcheinbar entfrem⸗ det— ja, ich furchte, er wird ſogar unſer Gegner werden. So willkommen er mir, aus manchem Grunde, fruͤher in unſern Verſammlungen geweſen waͤre, ſo ungern wuͤrd' ich ihn von jetzt an darin ſehn. Ja, ich fuͤrchte, er iſt fur die Gegenpartei bereits gewonnen, und Sie können denken, welche Rolle ihm in dem Falle unter uns uͤbrig bleibt.“ „Ein ſehr unzeitiger Argwohn. Er wird nur ſo ver⸗ nunftig ſein, ſeinen eignen Weg zu gehn.“ „Hm! es iſt ſchon kein gutes Zeichen, wenn man bei gewiſſen Leuten Vertrauen und Hoffnung auf ſich erweckt.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Heinrich iſt zum Juſtizminiſter gerufen worden. Glau⸗ ben Sie, daß ſo etwas geſchehn wuͤrde, wenn man nicht Grund haͤtte, den jungen Mann fur brauchbar zu halten?“ „Zum Miniſter?“ „Freilich. Er iſt jetzt dort. Moͤglich, daß er noch nicht als unſer Gegner hinging und fuͤr diesmal auch noch I. 10 146 nicht als ſolcher zuruͤckkehrt; allein Sie wiſſen ſelbſt, wie trefflich Jene ihren Koͤder anzubringen wiſſen. Ja, ja, der junge Mann iſt uns durch Ihre Schuld verloren. Sie haͤtten etwas uͤber ihn vermocht. Er war uns wichtig— Sie wiſſen warum“— „Wegen Watkins? Der iſt auch nur ein Mann— und uͤberdies ein zweideutiger.“ „Um ſo mehr mußten wir den Heinrich Berg fuͤr uns haben. Und was die Zweideutigkeit anlangt— ich denke doch anders von Watkins!“ „Nun, wir werden ſehn, was der Miniſter von Hein⸗ rich will. Viel wird's nicht ſein und erlangen wird er in keinem Fall etwas. Ich ſag' Euch, Heinrich iſt gediegen und weiß was er thut. Uebrigens muͤßt ihr ihn uͤberhaupt aus dem Spiele laſſen. Er befindet ſich hier nicht wohl und wollte ſchon fort. Das wird wohl auch noch jetzt ſein Plan ſein.“ „Er befindet ſich hier nicht wohl— und will fort? Wegen des unglucklichen Liebesabenteuers? Das laßt gut ſein! Dergleichen iſt nur heilſam, und jenes Mißlingen hätt' ihn nur um ſo ſtaͤrker an uns feſſeln koͤnnen, wenn Sie, Wolf, den Mann feſtgehalten haͤtten. Fortgehn wird er nun auch nicht, der Miniſter wird ihm ſchon Beſchaͤftigung geben. Ich begleitete ihn ſoeben, als er dahin ging, und er trug mir einen Gruß an Sie auf, als ich ihm ſagte, daß er uns hier finden könnte. Er will, wie er ſagt, ſogleich einen Ausflug machen; doch hoff' ich immer noch, er wird Sie zuvor hier aufſuchen. Dann werden Sie ja hoͤren.“, 14⁴7 „Nun, Doktor, wenn er kommt, ſo wuͤrde mir's lieb ſein, wenn Sie ſich bald entfernten und mich ganz allein mit ihm ſprechen ließen. Er iſt gegen mich offen, waͤhrend ihn Ihre Gegenwart verſchloſſen machen koͤnnte.“ „Meinetwegen. Sie werden wenig Tröſtliches erfah⸗ ren, denk' ich. Wenn er uns aufſucht, ſo iſt das ſchon ein boͤſes Zeichen.“ „O, Sie treiben die Beſorgniſſe zu weit,“ ſagte Wolf lachend.„Wie es auch ſei, gefährlich wird er Ihnen gewiß nicht. Und da kommt er ſchon ſelbſt. Die Unterhaltung kann alſo keine lange geweſen ſein. Er ſieht wahrhaftig nicht aus, wie der Schuͤler eines Diplomaten.“ Der Arzt war zwar entſchloſſen, ſich bald, wie er ver⸗ ſprochen, zu entfernen, was er um ſo eher konnte, da er hoffen durfte, durch Wolf Alles zu erfahren; trotzdem aber war ſeine Neugierde zu ſehr rege gemacht, als daß er nicht einige Zeit hatte zoͤgern ſollen, um womoͤglich ſogleich ſelbſt etwas zu hoͤren. „Nun, Heinrich,“ ſagte Wolf zu dem Eingetretenen, „Sie haben einen Beſuch gemacht, der gewiß von wichtigen Folgen ſein wird. Hoffentlich befriedigen Sie unſte Neu⸗ gierde ein Bischen und theilen uns einige der wichtigſten Punkte aus der Verhandlung mit. Sie ſchweigen? Ei, zum Henker, duͤrfen Sie uns gar nichts von dem Geſpraͤche ſagen?“ „Mit dem Miniſter?“ entgegnete Heinrich.„Ja, wenn ich weiß, ob oder was ich mit dem Manne geſprochen habe, 10* 148 ſo— kurz, ich weiß gar nichts! ich hab' an ganz andre Sachen gedacht.“ Waährend Heinrich zerſtreut vor ſich hin auf den Tiſch ſah, fluͤſterte der Arzt Wolf zu:„da haben Sie's! Aber er verſteht ſeine Sache noch ſchlecht! Er ſpielt den Zerſtreuten zu auffaͤllig und laͤugnet auf eine Weiſe, die nicht taͤuſcht“— Wolf laͤchelte uͤber das Mißtrauen und den Argwohn ſeines Nachbars. „Heinrich,“ ſagte er,„wenn man mit einem Miniſter ſpricht, ſo merkt man denn doch die Worte, zumal wenn der Fall nicht alle Tage vorkommt. Wollte der Miniſter gar nichts von Ihnen? Er wird Sie doch nicht ohne Urſache kommen laſſen? Oder geſtehn Sie es uns nur, wenn Sie ſchweigen muͤſſen.“ „O, was liegt mir daran, ob ich mich einige Minuten bei einem Miniſter oder bei einem Bettler langweilte, der Unterſchied wird nicht groß ſein,“ ſagte Heinrich.„Er hat ein Manuſcript von mir in Haͤnden und bat mich, es ihm noch einige Zeit zu laſſen. Das iſt Alles.“ Der Arzt brannte vor Neugier, als er von einem Manuſcript hoͤrte. Er uͤberzeugte ſich jedoch bald, daß Hein⸗ rich bei ſeinem hartnaͤckigen Schweigen beharren wuͤrde. Da⸗ her ſchien es ihm beſſer, ſich zu entfernen, damit Wolf um ſo erfolgreicher ſeine Forſchungen fortſetzen koͤnnte. Denn erfahren mußte man durchaus, wie die Sachen ſtanden. „Heinrich,“ ſagte Wolf, nachdem der Arzt hinwegge⸗ gangen war,„iſt es nicht von allgemeinerem Intereſſe, was Sie zu dem Miniſter gefuͤhrt hat? Betrifft es nicht ſolche Dinge, die uns Andre auch angehn?“ „Ich glaube wohl,“ antwortete Heinrich,„daß Sie das Alles gern wiſſen moͤchten; und es iſt wahr, ich ſelber wuͤrde begierig nach Gruͤnden und Urſachen fragen, wenn ich nicht vieles im Kopfe haͤtte, was mich weit mehr, was mich aus⸗ ſchließlich in Anſpruch nimmt. Jetzt frag' ich nichts nach dem Miniſter und nach ſeinen Abſichten. Sie wundern ſich daruͤber; aber mich wundert Ihre Unglaͤubigkeit nicht, ſie iſt ſehr natuͤrlich; das ſeh' ich ein. Wahrhaftig, ich weiß nicht, was der Mann von mir will, ebenſo wenig, was er eigent⸗ lich mit mir geſprochen hat. Ich entſinne mich nur, daß er von ſehr beſchraͤnkter Zeit ſprach und daß er naͤchſtens mehr mit mir reden wollte. Auch die fatale Frage nach Watkins, uͤber den ich nichts ſagen kann, weil ich nichts weiß, mufßt' ich von ihm hoͤren. Auf mein Wort, ich beſinne mich ſonſt auf keine Silbe und mache mir auch nichts daraus. Was ſollt' er auch in den wenigen Minuten viel mehr geſprochen haben?“ „Ich glaub' Ihnen wohl,“ ſagte Wolf,„allein unbe⸗ greiflich ſcheint mir doch eine ſolche Zuſammenkunft.“ „Mir auch. Daß er was mit mir vorhat, iſt kaum zu bezweifeln; aber wie geſagt, ich frage nicht darnach, denn ich habe nichts mit ihm vor. Ich folgte ſeinem Rufe nur deshalb ſogleich, um ihn ſchnell loszuwerden; hoffentlich ver⸗ ſchont er mich waͤhrend der nächſten Tage und ſtoͤrt mich in meinen eigenen Angelegenheiten nicht.“ 150 „Es iſt offenbar, daß man hofft, Sie irgend wozu brauchen zu koͤnnen. „So mag man hoffen. Eh' es zu etwas kommt, bin ich ja doch verſchwunden. Wolf, Sie werden mir noch einige kleine Dienſte leiſten koͤnnen, die ich noͤthig habe. Ja, ja, ich bedarf immer noch Ihres Beiſtandes, trotz meiner hohen Bekanntſchaften. Dieſe nutzen mir gar nichts.“ „Ich denke, der Miniſter hat Sie ſondiren wollen, und waͤhrend Sie ſelbſt noch nichts ahnen, waͤhrend Sie nur einige gleichgiltige Worte mit ihm gewechſelt zu haben glau⸗ ben, iſt er bereits voͤllig einig mit ſich uͤber die Rolle, die er Sie ſpielen laſſen will, uͤber die Dienſte, die Sie ihm leiſten ſollen.“ „Ei, zum Teufel!“ entgegnete Heinrich.„So laſſen Sie doch endlich den Miniſter bei Seite! Ich ſchwör' Ihnen, daß ich nichts von ihm weiß, nochwiſſen mag! Hoͤren Sie, Sie ſollen Ihr Ohr meinen Angelegenheiten leihen. Ich will heut Abend abreiſen.“ „Heute ſchon? Darf man wiſſen, wohin?“ „Freilich. Sie ſollen es wiſſen. Ich reiſe zunächſt nach Danzig und von da nach Amerika. Sie werden ſich leicht erklären konnen, warum ich dieſe Richtung wähle, und ebenſo werden Sie aus dieſem Reiſeplane leicht ſchließen, daß es mir voͤlliger Ernſt, wenn ich ſage: Der Miniſter kum⸗ mert mich nicht.“ „Wiek iſt es Ihr Ernſt, der Dame Ihres Herzens zu folgen? Und was ſoll Ihnen dies jetzt noch frommen? Iſt nicht Alles fuͤr Sie verloren?“ 151 „Alles ſteht auf dem Spiele und nur der Wagende hat daher Hoffnung, zu gewinnen. Fragen Sie vorlaͤufig nicht weiter nach meinen Ausſichten.“ „Ich fuͤrchte, dieſelben ſind noch weit mehr romanti⸗ ſcher Art, als fruͤher, und wenn die Epcellenz ahnen konnte, mit welchen Plänen Sie ſich tragen, ſo wuͤrde ſie ſich wahr⸗ lich nicht mit Ihnen eingelaſſen haben. Und was meinen Sie, womit ich Ihnen dabei dienen koͤnnte?“ „Sie ſollen nur Briefe, die hier fuͤr mich ankommen, ſogleich nachſchicken. Hier iſt die Adreſſe. Es iſt die eines Freundes, den ich dort habe. Weiter hab' ich in der That nichts von Ihnen zu erbitten, außer etwa, daß Sie ſich Muͤhe geben, niemand ſonſt wiſſen zu laſſen, wohin ich mich wende. Wolf, haben Sie keine Ahnung, auf welche Weiſe das letzte Mal mein Plan mißlang und durch wen Eliſabeth, die mich verrieth, unterrichtet war?“ „Ahnungen ließen ſich wohl angeben; allein dies haͤlfe Ihnen doch nichts. Gehen Sie diesmal ſicherer? Oder haben Sie auch diesmal zu fuͤrchten? Sie ſcheinen etwas Gefährliches wagen zu wollen“— „Nicht doch. Ich habe diesmal nichts zu befuͤrchten. Sollte man Sie jedoch fragen— leider gibt es Leute genug, die ſich um die Angelegenheiten meiner geringen Perſon be⸗ kuͤmmern— ſo nennen Sie, wenn auch nicht gerade Dan⸗ zig ſelbſt, doch irgend einen Ort in der Richtung als das Ziel meiner Reiſe. Ein ziemlich geſcheidter Mann ſchrieb: „Es gibt Faͤlle im Leben, wo man, um gewiß zu ſein, kei⸗ nen Glauben zu finden, nur die Wahrheit ſagen darfz dann 152 wird dieſe Wahrheit zu einer Luͤge, gegen welche die ſtrengſte Moralkritik nichts einzuwenden haben kann.“ Ich habe dieſen Satz ſoeben erſt erprobt, als ich die reine Wahrheit hinſichtlich des Miniſters ſagte und doch keinen Glauben fand; wenn Sie daher die wahre Richtung meiner Reiſe nennen, wird man mich ſicherlich in entgegengeſetzter vermu⸗ then. Nun, am Beſten iſt immer, Sie ſagen ungefragt gar nichts; am wenigſten dem Doktor, der mir in ſeinem Eifer um das, was er die gute Sache nennt, gar zu neu⸗ gierig iſt; und bei ſeiner Neugier iſt der Mann auch noch pedantiſch— das ſind zwei ſchlimme Eigenſchaften.“ „Er meint es deſto ehrlicher, wie ich glauben darf!“ „Wohl moͤglich. Allein ich kann die geſchwaͤtzigen Leute nicht leiden. Ich habe mich erſt ſpäter beſonnen, daß wohl nur er es geweſen ſein kann, durch welchen Eliſabeth meinen Vertrag mit Watkins erfuhr. Darf man einem Manne vertrauen, der ſo mittheilſam gegen ein Weib war, in der er ſelber die geheime Kundſchafterin entdeckte?“ „Hm— da trifft mich Ihr Vorwurf. Denn freilich ward der Arzt erſt durch mich unterrichtet. Er haͤtte nicht ſchwatzen ſollen, das iſt wahr; allein ſeine Schuld iſt nicht ſo groß. Er kannte die Warren damals noch nicht von ihrer ſchlimmen Seite und glaubte, ſie ſtäͤnde in ſehr vertrauten Verhaͤltniſſen mit Ihnen.“ „Mag ſein; jene Sache iſt abgethan. Wiſſen Sie aber auch gewiß, daß Sie nie unvorſichtig waren, daß Ihnen kein Wort hinſichtlich meines letzten Planes entſchluͤpfte, 153 welches der Arzt auffing und in ſeiner— Gutmuͤthigkeit der Warren wieder hinterbrachte?“ „Heinrich, mit ſolchem Argwohn thun Sie uns Allen Unrecht. Geſetzt auch, der Doktor häͤtte Ihren Plan ge⸗ kannt, ſo wiſſen Sie doch, wie er von der Warren jetzt denkt und was er von ihr weiß; ſo geſchwaͤtzig er auch ſcheint, ſo iſt er's doch in wichtigen Fällen nie— er iſt ſchlau und ver⸗ raͤth Leuten, denen er nicht trauen kann, nie etwas.“ „Wolf, wir wollen ebenfalls ſchlau ſein und niemand etwas verrathen. Denken Sie an meine Briefe, und Alles Uebrige wird ſich finden. Ich muß nun alles Ernſtes von Ihnen Abſchied nehmen, denn es bleibt mir im Laufe dieſes kurzen Nachmittags noch viel zu thun.“ „So muß ich den Augenblick nützen,“ entgegnete Wolf, „um Sie noch an Einiges zu erinnern. Thun Sie mir den Gefallen und denken Sie, trotz Ihres Widerwillens, noch einmal an die Affaire mit dem Miniſter.“ „O weh!“ rief Heinrich.„Hoffentlich koͤnnen Sie ſich uͤber dieſe Materie kurz faſſen.“ „Es ſind wenig Worte nöthig. Sie ſind zu ſehr von dem eingenommen, wes Ihnen jetzt am Herzen liegt, und ſomit fur alles Andre zu zerſtreut, als daß Sie dem heutigen Ereigniß viel Aufmerkſankeit haͤtten ſchenken koͤnnen. Das iſt nicht gut. Sie haben andre Pflichten, als die, an welche Sie jetzt denken. Es bietet ſich Ihnen Gelegenheit, wie ich vermuthe, der guten Sache unendlich zu nuͤtzen.“ „Beim Himmel!“ ſagte Heinrich,„alle Welt legt es dar⸗ auf an, mir eine hohe Meinung von mir ſelbſt beizubringen.“ * 154 „Wenn man nur fluͤchtig die Umſtände erwaͤgt,“ fuhr Wolf fort,„durch welche des Miniſters Aufmerkſamkeit auf Sie gelenkt worden iſt, ſo kann man kaum mehr zweifeln, daß er Ihnen ſchmeicheln und Sie befoͤrdern will, nur um Sie als ſein Werkzeug benutzen zu koͤnnen.“ „Das klingt faſt komiſch! Aber fahren Sie nur fort. Ich bin begierig, zu hoͤren, zu welchen Zwecken ich mich eigne.“ „Nun, Sie ſollen am Ende nur ein aͤhnliches Amt erhalten, als es fruͤher der Warren zugetheilt war. Man weiß, daß Sie unter„gefaͤhrlichen und beruͤchtigten“ Perſo⸗ nen Bekanntſchaften haben. Man wird Sie als Spion nuͤtzen wollen“— „Und wenn man ſich in mir irrt?“ „So ſollen Sie den Leuten den Irrthum nicht nehmen. Sie ſollen ſich verſtellen, ſollen ſich eifrig zeigen, um, waͤh⸗ rend man durch Sie Geheimniſſe zu erfahren hofft, die Kund⸗ ſchafter ſelbſt auszukundſchaften. Liſt gegen Liſt muß Ihr Thema ſein. Ich gebe gern zu, daß Ihre Rolle immer eine unangenehme ſein wird, denn wer moͤchte nicht ſtets lieber offen handeln? Allein aus der Noth muß man eine Tugend machen. Sie muͤſſen ſich den Anſchein geben, als waͤren Sie der eifrigſte Diener des Miniſters, waͤhrend Sie doch nur der Sache dienen werden, die er unterdruͤcken will. Sie werden Ihre Freunde von Allem unterrichten, was auf dieſelben Bezug hat, während Sie vor dem Miniſter alles verbergen, was er nicht wiſſen ſoll.“ ——— ————— 1 15⁵ „Gott ſei Dank,“ entgegnete Heinrich,„daß ich noch nicht ſo weit bin, und daß ich weder etwas zu verbergen noch zu eröffnen habe. Ich wuͤnſche wahrlich der guten Sache, der Freiheit, alles Heil, und wollte ihr von Herzen gern foͤrderlich ſein, ſo weit ich es vermag;— nur glaub' ich nicht, daß dieſelbe durch all die Beſtrebungen, die Sie da im Sinne haben, bei uns viel gefoͤrdert werden kann. Doch, ſei dem wie ihm wolle:— ich bin ja jetzt gar nicht im Stande, etwas zu thun.“ „Sie werden es bald ſein. Sie muͤſſen die Gelegen⸗ heit feſthalten, um genau mit dem Miniſter bekannt zu wer⸗ den und ſich in ſeiner Gunſt feſtzuſetzen.“ „Ich ſagt' Ihnen ſchon, daß ich die Gunſt dieſes Man⸗ nes nicht mag und nicht brauche. Nicht einmal ſeine ge⸗ nauere Bekanntſchaft will ich. Ueberdies iſt ja das Alles unmoͤglich, da ich, wie Sie hoͤrten, noch dieſen Abend ab⸗ reiſen werde. Ich gehe jetzt, um die Anſtalten zur Abreiſe zu treffen.“ „Der Miniſter wird Sie gewiß ſehr bald, vielleicht ſchon heut oder morgen wieder zu ſich rufen laſſen; Sie wer⸗ den dem Rufe wohl folgen muͤſſen, und wenn Sie bereits abgereiſt waͤren“— „Ja, dann wird der brave Mann freilich das leere Nachſehn haben. Denn ſo hoch wird man meinen Werth hoffentlich nicht anſchlagen, daß man mir nachſendet und mich durch Kuriere zuruckbeſtellen laͤßt. Uebrigens, Scherz bei Seite, Wolf! ich glaube, die ganze Sache iſt leicht zu erklaͤren. Der Miniſter weiß, daß ich unſchuldig fuͤnf Wochen — 156 im Gefängniß ſaß; bei der allgemein hertſchenden Mißſtim⸗ mung hielt er's nun fuͤr nutzlich, einem etwaigen Geſchrei wegen ungerechter Behandlung und dergleichen dadurch vor⸗ zubeugen, daß er perſoͤnlich mit mir ſprach und mir Ausſicht auf Genugthuung eroffnete.“ „Das iſt nicht das Wahrſcheinlichſte. Von den Folgen Ihrer Haft iſt wenig zu furchten. Sie waren verdaͤchtigt und mußten ſich daher ſchon eine Unterſuchung gefallen laſ⸗ ſen, die ja weder das erſte noch das letzte Mal vorkam. Ich ſehe wohl, daß Sie jetzt nicht fähig oder aufgelegt ſind, die Sache gehoͤrig zu uͤberlegen; allein das wird Alles noch kom⸗ men. Wenn Sie jetzt auch Abſchied von mir nehmen— eine Ahnung ſagt mir, daß wir einander noch in Deutſch⸗ land wiederſehn ſollen.“ „Wir wollen das nicht hoffen. Das Gluͤck darf mir nicht jedesmal unguͤnſtig ſein. Je weniger es mir das letzte⸗ mal half, um ſo eher muß mir's diesmal lächeln. Daher— auf Wiederſehn jenſeit des Oceans!“ Gern haͤtte Wolf den Scheidenden zuruckgehalten; allein er ſah ein, daß jeder Verſuch unnuͤtz hätte ſein muͤſſen. Heinrich entfernte ſich, um ſeine Angelegenheiten eiligſt zu ordnen, denn er war in der That entſchloſſen, ſeine Reiſe noch an dieſem Abend anzutreten. Er hatte, aus mehrfachen Gruͤnden, diesmal weit we⸗ niger eine Vereitelung ſeiner Abſichten zu fuͤrchten. Die Umſtaͤnde waren jetzt von der Art, daß nicht leicht jemand ahnen konnte, womit er umging. Er beſorgte nicht das ge⸗ ringſte Hinderniß und das einzig fuͤr ihn denkbare war eine * 157 Weigerung von Seiten Paulinens ſelbſt,— aber er zweifelte nicht an der Feſtigkeit ihres Entſchluſſes. Der Zufall fuͤgte es ſo guͤnſtig fuͤr ihn, daß er in jener Stadt ſeinen Freund Ulrich hatte, auf deſſen unbedingten Beiſtand er ſicher zaͤhlen durfte, und ſo gedachte er Paulinen zu entfuͤhren, indem er Sorge truͤge, die Aufmerkſamkeit des Verfolgers nach einer andern Richtung zu lenken, bis er ſelbſt ſich in Sicherheit, d. h. zu Schiffe, befinden wuͤrde. Was Watkins anlangte, ſo befand ſich Heinrich in einiger Verlegenheit. Er wollte jenem nicht gern eine Un⸗ wahrheit ſagen und wagte gleichwohl nicht, ſeine Abſichten zu eroͤffnen. Er hielt es endlich fuͤr's Beſte, ſeinen Ver⸗ trag diesmal noch nicht aufzukuͤndigen. Er ſchrieb dem Freunde ganz offen, daß er nach Danzig reiſen werde, um dort den letzten Abſchied von der Scheidenden zu nehmen. Die wahre Lage der Dinge wollte er, angeblich als Folge eines plötzlichen Entſchluſſes, dem Amerikaner erſt melden, ſobald jede Gegenmaßregel bereits unmoͤglich ſein mußte.— Hätte ſein boͤſes Geſchick gewollt, daß er an dieſem Tage noch ein⸗ mal der verachteten Miß Eliſabeth Warren begegnet wäre, ſo wuͤrde er dieſer ebenfalls das Ziel ſeiner Reiſe offen ge⸗ ſtanden haben, eingedenk des Wortes:„Es gibt Fälle, wo man, um ſicherlich keinen Glauben zu finden, nur die Wahr⸗ heit ſagen darf.“ Zweites Kapitel. Heinrich war abgereiſt und am vorlaͤufigen Ziele ſeiner Reiſe, wo ſich, wie er hoffte und glaubte, ſein Schickſal end⸗ lich entſcheiden ſollte, angelangt. Er durfte vorausſetzen, daß er hier einen oder zwei Tage werde warten muͤſſen, bevor Pauline eintreffen konnte, denn er hatte ſeinen Abſchied von der Reſidenz nur ſo ſehr beſchleunigt, um jeder neuen Ein⸗ ladung des Miniſters auszuweichen. Indeß kam ihm dieſe Eile nunmehr zu ſtatten, da ſie ihn in Stand ſetzte, ſeine Anſtalten mit Muße und Umſicht zu treffen. Alles fugte ſich, wie ers nur wuͤnſchen konnte. Der Jugendfreund, den er ſogleich aufſuchte, war zu jeder Hilfleiſtung bereit und fand, waͤhrend ein Andrer vielleicht nur Bedenklichkeiten geaͤußert und abgemahnt haͤtte, das ganze Unternehmen eben ſo„koſtbar als närriſch.“ Er ſorgte dafuͤr, daß Hein⸗ rich im erſten Augenblicke von der Ankunft des Barons und ſeiner Gemahlin unterrichtet werden mußte, und ebenſo ge⸗ 159 währte er ein ſicheres Aſil, falls man ſich nicht ſogleich ein⸗ ſchiffen konnte. Der Baron, der von Paulinens Verhält— niß zu Heinrich nichts ahnte und uͤberhaupt leichtglaͤubig war, ſollte durch einige, von Paulinen zu hinterlaſſende Zei⸗ len benachrichtigt werden, daß ſeine Gemahlin nach der Hei⸗ mat zuruͤckgekehrt ſei. „Deine Mine iſt ganz trefflich angelegt,“ ſagte Ulrich, nachdem Alles angeordnet war.„Du haſt nun nur noch den rechten Augenblick zu erwarten. Wie aber, wenn ſich der Gemahl auf keine Weiſe von ihr, die du ihm zu ent⸗ fuͤhren gedenkſt, entfernen ließe? Wenn der Satan Unkraut ſaͤte und den guten Baron wittern ließ, was fuͤr ein Plan gegen ihn im Werk iſt?“ „Das letztere iſt gar nicht moͤglich, und ebenſo wenig kann er Paulinens Entfernung hindern, da er ja gar keinen Argwohn hat.“ „Und wenn er dennoch—2“ „Wozu an unmogliche Faͤlle denken? Sein Geſchick wird ihn bewahren, hoff' ich, daß ich nicht genoͤthigt werde, Gewalt zu brauchen.“ „Das wollt' ich nur hoͤren. Alſo durchgeſetzt wird die Sache jedenfalls, mit oder ohne Gewalt. Wie willſt du aber mitten in einer belebten Stadt Gewalt brauchen koͤnnen?“ „Ich werde nicht Gewalt brauchen, denn ich ſagte dir, der Fall iſt unmoͤglich.“ „Und ich ſagte: wenn er doch moͤglich wuͤrde?“ 160 „Dann ſtech' ich den Menſchen nieder, wenn du es durchaus wiſſen mußt. Du irrſt, wenn du glaubſt, ich ſei nicht auf alle Faͤlle vorbereitet.“ „Hm! Aber was wuͤrde ſie zu dem Morde ſagen?“ „Nichts, denn ich wuͤrde die Sache ſchon einzurichten wiſſen, daß es nicht unmittelbar vor ihren Augen geſchaͤhe. Uebrigens bin ich uͤberzeugt, daß es ſelbſt im Falle der Ent⸗ deckung nicht leicht zu dieſer aͤußerſten That kommen koͤnnte. Ich wuͤrde den armen Baron gewiß mit der Todesangſt davon kommen laſſen, die bei ihm maͤchtig genug ſein wuͤrde, um ihn zur Einwilligung in Alles zu vermoͤgen. Und ehe ſein Muth wiederkehrte und er ſich anders beſaͤnne, wuͤrden wir weit genug ſein, ſo daß er ſicherlich nur das Nachſehn haͤtte— ja, auch das nicht einmal, denn unſer Weg ſollte ihm vorlaͤufig noch verborgen bleiben.“ „Heinrich, ich muß dirs geſtehn, es iſt mir ein wah⸗ rer Troſt, daß Alles ſo eingerichtet iſt, um jede ſolche Ge⸗ waltthat uͤberfluͤſſig zu machen. Denn, beim Henker! ich weiß nicht, wie mir bei deinen energiſchen Vorſaͤtzen zu Muthe wird.“ „Warum fragſt du mich darnach? Oder glaubſt du, ich wuͤrde nicht hinreichende Sorge tragen, daß jeder Andre außer mir der Verantwortlichkeit uͤberhoben ſein muͤßte?“ „Ei was! Du mußt auch beſſeres Zutrauen zu mir haben! Man kann wohl Betrachtungen anſtellen. Aber meine Freundſchaft wird durch nichts erſchuͤttert— und ſolche Verſicherung brauchen wir einander gar nicht erſt zu geben. Jetzt ſind wir noch jung und muthig: warum ſoll⸗ 161 ten wir da einander nicht uͤberall helfen! Nein, wir haben uns zu gut kennen gelernt und was der Eine will, dagegen kann der Andre nichts einwenden. Kann ich fuͤr dich Etwas thun, ſo iſt meine Freundſchaft mein Gewiſſen. Und ſo bleibts unter uns fuͤr immer, das wiſſen wir beide. Laß fuͤnfzig Jahre vorbeigehn, ohne daß wir einander wiederſehn, und dann komm zu mir altem Graukopf und verlange, daß ich mit dem Gottſeibeiuns Bruͤderſchaft mache, oder mich fur dich todtſchlagen laſſe— ſo weißt du, daß ſich meine Einwilligung von ſelber verſteht.“ „Gut, Freund, gut, ſo ſolls bleiben. uebrigens brauch ich dich fuͤr dies mal nicht weiter in Anſpruch zu nehmen. Ich kenne dein Haus und weiß Alles was ich wiſſen muß. Wenn Alles gut geht, ſo iſts nicht noͤthig, daß du dich weiter um mich kuͤmmerſt. Lebwohl. Denn es iſt moͤg⸗ lich, daß wir einander nie wiederſehn. Geh an deine Ge⸗ ſchaͤfte, wie ich an das meine.“ „Hm, hm! Du weißt Alles und brauchſt meinen Rath nicht weiter, das iſt wahr.'s iſt nicht noͤthig, daß wir noch mit einander plaudern.“ Ulrich war im Begriff, ſeinen Freund zu verlaſſen. Da kehrte er noch einmal um und ſagte:„Heinrich, unter die moͤglichen Fälle gehoͤrt es doch aber auch, daß wir nach dieſer Zeit einander nie wieder begegnen?“ „Freilich. Das wird nur ein Zeichen ſein, daß wir einander nicht brauchen.“ „Du haſt Recht. Was ſollen wir ohne Noth bei ein⸗ ander? Uns wechſelſeitig anſehn?— Allein du gehſt uͤbers I. 11 Meer,— das wird ſich verdammt breit zwiſchen uns ſtrecken, und wenn dann einer den andern einmal braucht“— „So iſt der Weg blos ein Bischen weiter als zeither; aber fuͤr keinen von uns wird er zu weit ſein.“ „Ja, ja! Vergib, ich waͤre beinah weich geworden bei dem Gedanken an die große Entfernung und die Tren⸗ nung vielleicht auf ewig. Adieu! Wenn du mich hier nicht mehr brauchſt, ſo kann uns der Zufall nur unnuͤtzerweiſe noch einmal zuſammenfuͤhren.“ Jetzt ging Ulrich und es ſollte ſich allerdings ſo fuͤgen, daß ſie einander diesmal nicht wiederſahen. Außer den Fäͤl⸗ len, wo einer des Andern bedurfte, fand keine äußerliche Gemeinſchaft zwiſchen ihnen ſtatt. Keiner fragte nach dem Andern, kein Briefwechſel wurde unterhalten. Sie ſahen einander nur, wenn der Zufall ſie zuſammenfuͤhrte, was na— turlich nicht oft geſchehn konnte, oder wenn einer die Dienſte des andern in Anſpruch nahm, wie es gegenwaͤrtig der Fall war. Sobald man dann die betreffende Sache abgethan hatte, kuͤmmerte ſich keiner mehr um den Andern. Heinrich bewohnte das Haus ſeines Freundes nicht, ſondern wollte daſſelbe nur als momentanes Aſil fuͤr Pau⸗ linen nutzen, auf welche er nun bereits ſeit vier und zwanzig Stunden wartete. Die Zeit verfloß aͤußerſt träge und er wunderte ſich uͤber das lange Ausbleiben der Reiſenden. Da indeß keine Nachricht von Paulinen einlief, ſo glaubte er auch an keine Aenderung des Reiſeplans und wartete, immer noch geduldig, einen zweiten Tag. 163 Als jedoch endlich der dritte und vierte erſchien, ohne ihm die Erſehnte zuzufuͤhren, da gedachte er unwillkuͤrlich ſeines fruͤhern Wartens, wo ſeine feſte Zuverſicht getaͤuſcht worden war. Eine Woche ging bereits zu Ende, da erſchien endlich ein Packet Briefe von Wolf. Dieſer meldete eine Menge Neuigkeiten, an denen Heinrich gleichwohl jetzt gar nichts lag.„Es gaͤhrt gewaltig unter der Arbeiterbevoͤlkerung hier,“ ſchrieb jener;„alle Fabriken ſtehen ſtill und die Leute halten Verſammlungen, die man dulden zu wollen ſcheint, ſo lange keine Gewaltthätigkeiten vorkommen. Fuͤr dieſen Fall ſind bereits zahlreiche Truppen in Bereitſchaft. Ich ſehe ſchon, daß wieder dumme Streiche begonnen werden ſollen, und die Nachſicht, mit der man den Dingen zuſieht, ſetzt mich in Erſtaunen. Das bedeutet nichts Gutes. Wie nützlich könn⸗ ten Sie jetzt werden, wären Sie nicht davon gelaufen und hätten abgewartet, welche Stellung man Ihnen zudachte. Hoffentlich kommen Sie zuruͤck, waͤhrend es noch nicht zu ſpaͤt iſt. Sie finden unter den beifolgenden Papieren auch ein Billet vom Miniſter. Es iſt eigenhaͤndig von ihm ge⸗ ſchrieben und ich haͤtt' es beinah gar nicht bekommen, bis ich wiederholt verſicherte, daß es ſogleich in Ihre Hände ge⸗ langen und Sie zur Heimkehr veranlaſſen wuͤrde. Ich habe mich gehuͤtet, jemand von Ihrem weitausſehenden Plane etwas zu ſagen. Dies mocht' ich um ſo weniger, da ich darauf ſchwoͤren will, daß Sie binnen vierzehn Tagen wie⸗ der hier ſind. Sie ſehen, wie viel an Ihnen gelegen iſt! Eine Extellenz nimmt ſich die Muͤhe, eigenhaͤndig an Sie 164 zu ſchreiben! Ich moͤchte wohl wiſſen, was Ihnen ſo viel Vertrauen von jener Seite erwerben konnte. Ihre Expecto⸗ rationen im Gefängnißtagebuch werden doch nicht von der Art geweſen ſein? Den Schluͤſſel zu dieſen Räthſeln ent⸗ haͤlt vielleicht ein Brief von Watkins, den ich Ihnen eben⸗ falls hierbei uͤberſende. Mein Pſeudolandsmann iſt zuletzt doch wohl die Mittelsperſon und fungirt, waͤhrend die mei⸗ ſten einen Erzdemagogen in ihm vermuthen, als— Aber ich will Sie nicht kraͤnken, er iſt Ihr Freund. Neugierig bin ich, nach welcher Seite Sie ſich(ſobald Sie von Ihrer jetzigen Excurſion heimkehren,) neigen werden. Hoffentlich nach der meinen: Es muß dabei bleiben, daß wir mit ein⸗ ander abreiſen. Oder ſollt' ich mich dennoch irren, und die gegenwaͤrtige Sendung Sie bereits nicht mehr in Danzig treffen und Ihnen uͤber den Ocean nachziehn muͤſſen? Denn in dieſem Augenblicke iſt die Dame Ihres Herzens aller— dings bereits abgereiſt und Sie ſehn dieſelbe vielleicht eher als meinen Brief.“ Der Umſtand, daß er dieſen Brief trotzdem eher erhielt, mußte Heinrich mit gerechter Beſorgniß erfuͤllen. Allein jedes unvermuthete und ernſtliche Hinderniß haͤtte ſie ihm ja doch melden muͤſſen. Gewiß fand nur ein unbedeutender Aufenthalt unterwegs ſtatt und ſie mußte mit jeder Stunde eintreffen koͤnnen. So viel Muͤhe ſich Heinrich gab, um ſich zu troſten und das Beſte zu hoffen, ſo vermochte er doch den einmal erwachten Argwohn nicht wieder zu verbannen. Kaum beach⸗ tete er den Inhalt der uͤbrigen Briefe, welche er erhalten 165 hatte. Das Billet des Miniſters enthielt nichts Beſtimm⸗ tes, außer einer Aufforderung, den Beſuch zu erneuern, und zugleich den Wunſch, daß der Empfaͤnger bereit ſein moͤge, zu erklaͤren, in welcher Weiſe man ihm foͤrderlich ſein koͤnnte —„man wuͤrde es, wie ſchon fruͤher angedeutet worden, gern ſehen, wenn ſich derſelbe zur Uebernahme einer geeig⸗ neten Stelle, mit Ausſicht auf raſche Weiterbefoͤrderung, geneigt zeigen werde.“ Heinrich legte dieſen Brief bei Seite, welcher ſeine Theilnahme auf keine Weiſe erregen konnte. Etwas aufmerk⸗ ſamer las er das Schreiben von Watkins.„Ihre Nachricht, nach Danzig zu reiſen,“ ſagte dieſer,„hat mir, ehrlich ge⸗ ſtanden, keine Freude gemacht. Hatten Sie noch nicht ge⸗ nug an den Unannehmlichkeiten, die Sie ſich und Andern bereits aufbuͤrdeten? Aber wer will Sie zuruͤckhalten! Thun Sie mir wenigſtens die Liebe an, recht geſchwind zuruckzu⸗ kehren, man wird Sie brauchen koͤnnen. Sie muͤſſen endlich aufhoͤren, ein Egoiſt zu ſein, der Alles und das Wichtigſte zuerſt, ſeiner eignen Laune opfert. Fruͤher bewieſen Sie keine ſo große Beharrlichkeit in Liebesangelegenheiten. Nun, ich will davon weiter nichts ſagen. Haͤtten Sie nur nicht auch mich darunter leiden laſſen. Ich werde nun vergebens auf Nachrichten warten muͤſſen, waͤhrend ich ſie am ſehnlich⸗ ſten wuͤnſche. Ich bitte Sie inſtaͤndig, ſpielen Sie nicht zur Unzeit den Sonderling— Sie ſcheinen, wie ich aus Ihren Worten erkenne, die Bekanntſchaft mit dem Miniſter gänz⸗ lich verachten zu wollen. Das darf aber nicht ſein. Waͤh⸗ rend Sie durch dieſe Verachtung gar nichts erlangen oder 166 nuͤtzen, außer daß Sie Ihren eignen Stolz ein wenig kitzeln, gehen dadurch unberechenbare Vortheile verloren, nicht allein fuͤr Sie ſelbſt, ſondern, und das iſt die Hauptſache, auch fuͤr die Andern, vielleicht fuͤr die Geſammtheit. Mag man Sie brauchen, wie man immer will, Sie werden ſicherlich, wenn Sie Ihrer Geſinnung nur treu bleiben, viel Gutes ſtiften, zum mindeſten doch viel Boͤſes verhuͤten koͤnnen. Be⸗ greifen Sie, wie koſtbar die Gelegenheit iſt, welche ſich Ih⸗ nen bietet und die jeder Andre mit Freuden ergreifen wuͤrde — der Knechtiſche, um ſeinen eignen Vortheil zu ſichern, der Freigeſinnte, um fuͤr das allgemeine Beſte zu wirken. Sie ſchaden dem Letztern, wenn Sie in Ihrer Verblendung beharren. Iſt jetzt auch die Zeit darnach, um eines Weibes wegen den Kopf zu verlieren? Wiſſen Sie ſich nicht aus dieſem heilloſen Traume emporzuraffen? Geſchwind ſchrei⸗ ben Sie mir, daß Sie ſich des Beſſern beſonnen haben!“ Heinrich legte auch dieſen Brief zu den Uebrigen. Er hatte gegenwärtig nicht Luſt, irgend einen zu beantworten. „Ueber all dieſe Thoren!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Sie beſtuͤrmen einen jungen Mann mit Ihren Abſichten und Plänen, welche ihm ſo fern liegen. Woran ſoll ich denn Theil nehmen? Was erwarten dieſe Weltverbeſſerer von mir? Schade, daß ich nicht Zeit habe, ihren Abſichten und ihren Urſachen gruͤndlich nachzuſpuͤren, denn es klingt wahr⸗ haftig Alles unerhoͤrt! Als ob ich ein Prinz waͤre, der bald aus ſeiner jetzt dunkeln Sphaͤre gezogen werden ſoll, und um deſſen Gunſt ſich nun im Voraus alle Parteien bewer⸗ ben. War' ich nicht in Feſſeln andrer Art und beſaß' et⸗ 167 was mehr Neugier, Ränkeſucht, Ehrgeiz und Arroganz, ich brauchte nur dreiſt zuzugreifen, um all dieſe Leidenſchaften vollauf zu befriedigen. Ja, es iſt Schade, daß gerade ich ſo reichlich mit guter Gelegenheit uͤberſchuͤttet werde, da ich ſie doch verachte. Ach, ich mache nur einen einzigen An⸗ ſpruch, und iſt dieſer erfullt, ſo goͤnn' ich den Andern gern Alles Andre. Moͤgen ſie ihren Plaͤnen nachrennen, mich ſolls nicht kuͤmmern. Es wird mir ſpaͤter, wenn ich mei⸗ nes Zieles ſicher bin, vielleicht eine angenehme Unterhaltung gewaͤhren, zu erfahren, was die eifrigen Leute von mir er⸗ warteten und womit ſie mich zu begluͤcken, oder vermuth⸗ lich vielmehr ungluͤcklich zu machen gedachten. Ihr Eifer bezeugt es deutlich, daß ſie nicht ahnen, wie wenig ich nach alldem frage und wie ſehr mirs Ernſt iſt mit der Erreichung meines eignen beſcheidnen Zieles. Sie ſchelten mich un⸗ bedachtſam und thoͤricht, waͤhrend ich doch auf ein gedie⸗ generes Gluͤck bedacht bin, als ſie alleſammt. Sie probiren doch nur, was Tauſende vor Ihnen ſchon vergebens ver⸗ ſuchten, wofuͤr auch ich einmal ſchwaͤrmte und was doch nie zur Reife gedeihen wird. Erſt will ich das Sichere und Naͤchſte— dann wird mein Herz fuͤr Wohl und Weh der Menſchheit auch nicht erkaltet ſein und mit Got⸗ tes Hilfe werd' ich dann wirken, ſo weit meine Kraft reicht. Aber ich mag nicht im gleichen Augenblick einem Schatten nachjagen, waͤhrend ich ein wahres Gluͤck vor mir ſehe. Moͤgen ſie mich einen Egoiſten ſchelten— wer weiß, wem von Allen das Herz am wärmſten ſchlaͤgt. Ich mag kein Spiel ohne Ausſicht auf Gewinn, das iſt Alles. Sie 168 aber werfen weg was ſie haben, um gar nichts zu errei⸗ chen. Warum ſoll ich der Spielball, das Werkzeug dieſer Menſchen ſein? Warum geſtehn ſie mir nicht offen, was ſie wollen? O, daß ich Ihnen ſchon das Lebewohl zurufen koͤnnte, ſicher, keinen Gruß des Wiederſehns darauf folgen zu laſſen! Gebe der Himmel daß der erſehnte Augenblick nah' iſt!“ Drittes Kapitel. Die Beſorgniſſe, welche ſich bereits im Herzen des Har⸗ renden geregt hatten, ſollten noch nicht zewreut werden. Der Tag neigte ſich wieder ſeinem Ende zu, und noch im⸗ mer wartete er vergebens. Die ſchlimmſte Kinde haͤtte ihn nicht ſo peinlich beruͤhren können, als dies entſetzliche Warten. Den folgenden Morgen langte wieder ein Brief von Wolf an. Heinrich ſchleuderte in ſeinem Unmuthe das Schreiben an den Boden. Was lag ihm an all den An⸗ dern, ſo lange er uͤber Paulinens Schickſal nicht im Klaren war!— Dann bedachte er jedoch, daß er jetzt durch jenen Freund uͤberhaupt alle ſchriftlichen Zuſendungen erhielt, und, ſchon etwas ruhiger, hob er das verſchmaͤhte Papier wieder auf und loͤſte das Siegel. Ein einziger eingelegter Brief von unbekannter Hand fiel ihm daraus entgegen. „— Kaum iſt meine Sewung abgegangen,“ ſchrieb Wolf,„ſo erhalte ich da einen Brief mit dem Poſtzeichen D—, und mit einem freiherrlichen Siegel, fuͤr Sie. Ich weiß nicht, wie ich auf den Gedanfen gekommen bin, daß es damit beſondre Eile haben noͤchte; allein, obwohl ich Willens war, erſt wieder eine Anzahl Briefe zuſammen— kommen zu laſſen, treibt mich ſo eine Art Inſtinkt, dieſen einzigen unverzuͤglich abzuſenden. Sie werden ja aus dem Inhalte ſehn, ob es der Muͤhe lohnte und ob auf mein Ah⸗ nungsvermoͤgen etwas zu bauen iſt. Hoffentlich ſchenken Sie dem miniſteriellen Briefchen die gebuͤhrende Aufmerk⸗ ſamkeit? Nur dieswal nicht leichtſinnig oder hochmuͤthig! Der Ueberbringer var an mich gewieſen und ich gab dem⸗ ſelben die Verſichrung, daß Sie nur einen kurzen Ausflug unternommen jätten und durch die Botſchaft von Sr. Ex⸗ cellenz gewiß zur ſchleunigſten Ruͤckkehr veranlaßt werden wuͤrden. Srafen Sie mich alſo nicht Luͤgen. Etwas Neues iſt hier ncht vorgegangen. Das Alte iſt immer noch das Neue. Die Truppen ſtehn jeden Augenblick bereit zum Ausucken und das ganze Land geht muͤßig. Das gibt eine dumpfe Stille, ſchwuͤl wie vor dem Gewitter, und niemand zweifelt, daß bald einige Donnerſchlaͤge den Losbruch eines Unwetters verkuͤndigen nerden. Die Sachen ſtaͤnden jetzt trefflich, wenn das Volk tuͤchtige Fuͤhrer hätte, d. h. ſolche, die, wahrend ſie dem Volke die Gewalt ließen, gleichwohl jede rohe Handlung verhuͤt'ten und dafüuͤr ſorgten, daß das Recht allein waltete. Auferdem hat man freilich nur ent⸗ ſetzliches Unheil zu erwarter. Sie werden im Nothfall doch aus Ihrem Schlafe erwagen? Jeder vernuͤnftige Menſch, der die Menge leiten und auf gerechtem Wege fuhren hilft, wird unberechenbaren Werth haben. Leider fehlen Sie noch da, wo Sie hingehoͤrten, und wandeln gerade auf dem Pfade, wo Sie nur Unheil anrichten. Heinrich nahm den beigelegten Brief zur Hand und las: „Geehrter Herr! „Ich ſehe mich genoͤthigt, Ihnen mit einer Bitte zur Laſt zu fallen und Sie ſelber werden am Ende beſſer beur⸗ theilen koͤnnen, ob ich dazu ein Recht habe oder nicht, denn ich vermuthe, daß Sie irgend ein Geheimniß thei⸗ len, woruͤber ich voͤllig ununterrichtet bin. Sie wurden in der Reſidenz und in Waldrode mit mir bekannt, wie Sie wiſſen, und waren in letzterm Orte ſchon vor mir hei⸗ miſch, wie es ſcheint. Es iſt Ihnen natuͤrlich bekannt, daß ich mich vor wenigen Tagen mit der jungen Graͤfin vermählt habe und, gleich nach unſrer Verbindung, mit meiner Gemahlin die Reiſe nach meinen Guͤtern in Kurland an⸗ trat. Leider fuͤhlte ſich die Baronin ſchon vor der Abreiſe unwohl, und dieſes Unwohlſein nahm gleich am erſten Tage dergeſtalt zu, daß wir hier in D— bleiben mußten. Meine Gemahlin iſt von einem hitzigen Fieber befallen worden und die Aerzte zweifeln an Ihrer Geneſung. Je betrubender dieſe Umſtaͤnde an und fur ſich fuͤr mich ſind, um ſo mehr thut es mir leid, mich jetzt auf eine Weiſe an Sie wenden zu muͤſſen, die allem Vermuthen nach Sie weit weniger in Erſtaunen ſetzen duͤrfte, als mich ſelbſt. Ich muß Sie bitten ſogleich ſicher zu reiſen und uns zu beſuchen.(Ich erlaube mir, hierbei zugleich die 172 Reiſekoſten zu verguͤten.) Aus einzelnen Aeußerungen meiner Gemahlin, beſonders jenen, die ich in ihren Fie⸗ berphantaſien vernehmen mußte, kann ich, obwohl ich keine beſtimmte Erklärung zu finden vermag, doch ſoviel deutlich ſchließen, daß Sie mit der Kranken ein Geheim⸗ niß theilen, welches großentheils die Urſache der Krankheit bilden mag. Die Leidende hat in ihrem bewußtloſen Zu⸗ ſtande mehrmals das Verlangen ausgeſprochen, Sie zu ſehen. Ein Arzt, dem ich dies im Allgemeinen vertraute, raͤth mir, Sie um Ihre Gegenwart zu erſuchen, da dieſe vielleicht allein im Stande ſein koͤnnte, die Geneſung her⸗ beizufuͤhren. Ich folge, obwohl ſehr ungern, dieſem Rathe, denn ich darf nichts unverſucht laſſen, um das Ungluͤck abzuwenden. Auch hab' ich Gruͤnde, zu wuͤnſchen, daß ich meine Reiſe bald fortſetzen köͤnne. Sie ſehen aus Obigem, daß ich das bewußte Geheimniß wenigſtens deut⸗ lich ahne. Laſſen Sie ſich uͤbrigens dadurch nicht abhal⸗ ten zu kommen. Ich verlange von Ihnen weiter nichts, als ſtrenge Verſchwiegenheit, deren Bruch Sie ſchwer be⸗ reuen ſollten. Außerdem ſollen Sie nichts von mir zu furchten haben, obwohl Sie, offen geſtanden, ſolche Scho⸗ nung nicht zu verdienen ſcheinen; doch ich habe nicht Zeit, mich mit der Beſtrafung Ihrer Anmaßung und Ihres Vichtſinns aufzuhalten. Merken Sie fuͤr jetzt, daß die größte Eile noͤthig iſt, wenn Sie nicht zu ſpaͤt kommen wollen, um ein Unheil, welches Sie angerichtet, wenig⸗ ſtens zum Theil gut machen zu helfen.— Baron von Ollersdorf.“ 173 Der Eindruck, welchen dieſer ſeltſame Brief auf Hein⸗ rich hervorbrachte, duͤrfte ſchwer zu ſchildern ſein. Er beach⸗ tete die anmaßenden und ungezogenen Aeußerungen des Schreibens gar nicht. Er erſah weiter nichts aus dem Gan⸗ zen, als die ſchreckliche Kunde, daß Pauline nicht kommen werde, daß ſie dem Tode nahe ſei. Ja, vielleicht hatte ſie, den erhaltenen Nachrichten zu⸗ folge, bereits geendet. Aber dieſer Gedanke war zu ſchrecklich. Schon im Begriff, die Reiſe ſofort anzutreten, hielt Heinrich plotzlich inne, um das niederſchlagende Schreiben noch einmal durchzuleſen. Er hatte ſich bei ſeinen letzten Unternehmungen und uͤberhaupt in all ſeinen Verhaͤltniſſen zu ſehr von Verrath umgeben geſehn, als daß nicht jetzt der Argwohn neuen Verraths in ihm hätte erwachen ſollen. Vielleicht war Alles nur erfunden, um ihn auf gute Weiſe von ſeinem Vorhaben abzulenken. Mit ſo mißlichen Em⸗ pfindungen ihn dieſer Gedanke auch einerſeits erfullen mußte, da ja ſein Plan ſo gut wie vernichtet war, wenn man Kenntniß von demſelben hatte, ſo fand er doch in dieſem Argwohn jetzt einen Troſt. Er hoffte in dieſen Augenblicken nur, daß ſie außer Gefahr ſein moge. Dann fiel es ihm ein, daß ja der Brief nicht direkt, ſondern auf bedeutendem Umwege an ihn gelangt war. Man hatte ihn alſo nicht hier, ſondern noch in der Reſidenz, wie die Adreſſe bezeugte, vermuthet. Dies war ein Beweis, daß man den Inhalt nicht erfunden hatte. Dagegen kam ihm wieder der Gedanke, daß das Ganze vielleicht nur ein von Wolf abgekarteter Streich ſein moͤchte. 174⁴ Hatte derſelbe doch auf den bedeutſamen Inhalt des Briefs angeſpielt. Man wollte ihn um jeden Preis zur Ruͤckkehr bewegen— warum? Das mochten die andern wiſſen. Jede dieſer Vermuthungen hatte nur allzuviel fur ſich; aber ebenſowohl konnte das Schreiben aͤcht und voͤllig ernſt gemeint ſein. Heinrich ſchwebte in einer qualvollen Ungewißheit. Was ſollte er thun? ueberdies war ſeine Gemuͤthsſtim⸗ mung nun nicht von der Art, um dabei viel uberlegen zu köͤnnen. Nur ſo viel war ihm klar, daß er nichts aufs Spiel ſetzen duͤrfe. Er entſchloß ſich endlich, der Einladung nach D— zu folgen und zugleich dafuͤr zu ſorgen, daß er durch die Reiſe ſeinen Zweck in dem derzeitigen Aufenthaltsorte nicht verfehlte. Er ging, um Ulrich noch einmal aufzuſuchen, fand denſelben jedoch nicht in ſeiner Behauſung. Nun ſchrieb er eilend verſchiedene Aufträge fuͤr„den Freund“ nieder: Ulrich ſollte das Werk fur ihn thun, falls die Reiſenden noch an⸗ kaͤmen. Auch einige Zeilen zur Beglaubigung des Freundes fuͤr Paulinen legte er dieſer Inſtruktion bei. Kaum war dies geſchehn, ſo ruͤſtete er ſich zur ſchleu⸗ nigſten Reiſe nach D—. Es bedurfte dies keiner weitern Vorbereitung, da er ohnehin fur jeden Augenblick reiſefertig war. Wenige Stunden nach Empfang des freiherrlichen Briefes ſaß Heinrich bereits im Poſtwagen. Er befand ſich in einer unbeſchreiblichen Unruhe. Sein Plan, der, obwohl mit aller Vorſicht angelegt und zuverlaͤſſig, dennoch immer ein ſehr gewagter blieb, die Spannung, in 175 welcher ihn die Ausfuͤhrung deſſelben bisher unausgeſetzt ge⸗ halten hatte, das eilige und raſtloſe Reiſen, das ungeduldige Warten, die verſchiedenen ebenſo laͤſtigen als auffälligen und unbegreiflichen Mahnungen und Beſtuͤrmungen von Seiten der Freunde— Alles dies mußte ihn wohl in einem Zu⸗ ſtande erhalten, welcher dem eines Gefolterten wenig nachgab und wo viel geiſtige Staͤrke erforderlich war, um uͤberall der vollen Beſinnung maͤchtig zu bleiben. Nun noch die Trauer⸗ botſchaft und die zugleich erwachenden Zweifel und Bedenk⸗ lichkeiten, die neue Reiſe und die geſpannte Erwartung— es fehlte nichts, um die peinlichſte Lage vollſtaͤndig zu machen. Stundenlang lehnte er, ohne einen beſtimmten Gedan⸗ ken faſſen zu köͤnnen, im Wagen; und wenn er ſich dann wieder ſeine Lage klar vergegenwärtigte, ſo bedraͤngten ihn nur allzubange Betrachtungen. Wie ſollte er ihr begegnen? Wie ſollten ſich die Ver⸗ hältniſſe nun geſtalten, ſelbſt wenn der ſchlimmſte Fall nicht eintrat,— wenn ſie geneſen das Krankenlager verließ? Er wußte ſich jetzt keine Antwort zu geben und es war ein Gluͤck fur ihn, wenn er wieder in ſeinen gedankenloſen Zuſtand verſank. Dabei ging ſeiner fieberhaften Ungeduld die Reiſe gleichwohl viel zu langſam von ſtatten. Halb wahnſinnig vor Erwartung und Unruhe langte er endlich in D— an. Viertes Kapitel. Klopfenden Herzens eilte Heinrich nach dem ihm be⸗ zeichneten Hotel. Er war im Begriff beim Portier nach den Gaͤſten zu fragen, als ihm jemand eine Hand auf die Schulter legte. Er wandte ſich um und ſah Alfred vor ſich. „Du biſt lang' erwartet worden,“ ſagte der Graf, in⸗ dem er Heinrichs Arm nahm. Ohne ein Wort zu ſagen, ließ ſich der letztere nach der Wohnung des Barons fuͤhren. Auch Alfred ſprach nichts weiter, bis er den Freund nach ſeinem Zimmer geleitet hatte. Hier angekommen, heftete er einen langen, ernſten, aber nicht unfreundlichen Blick auf Heinrich, welchen dieſer ebenſo ſtumm erwiederte. „Verweile hier ein wenig,“ ſagte Alfred dann;„ich werde ſie auf deine Ankunft vorbereiten.“ „Gott ſei Dank!“ rief Heinrich tief aufathmend.„Sie lebt alſo! Deine Miene ſchien mir das Schlimmſte zu bedeuten.“ „Sie lebt,“ erwiederte Alfred;„aber ich fuͤrchte, ſie lebt nur, um dich noch einmal zu ſehn. Sei gefaßt— gib dich keiner freundlichen Taͤuſchung hin— ihr Leben haͤngt an einem ſehr ſchwachen Faden— Bleib hier, bis ich dich rufe. Du ſcheinſt ſelbſt der Erholung beduͤrftig.“ Mit dieſen Worten verließ Paulinens Bruder das Zimmer, wo Heinrich nun allein zuruckblieb. Eine Sterbende war es alſo, die ihn erwartete. Dies war es, was ihm anſtatt des erſehnten ſchoͤnen Zieles nun begegnen mußte!„Aber ſie wird geneſen!“ ſagte er zu ſich ſelbſt—„der Tod wird dieſe kaum entfaltete Bluͤthe nicht brechen— ſie darf nicht ſterben, ſie muß noch Ruhe und Gluͤck im Leben finden!“ Nach wenigen Minuten trat Alfred nieri ein. „Sie iſt ſehr angegriffen,“ ſagte er,„und die Nach⸗ richt von deiner Ankunft ſcheint einen heftigen Eindruck hervorgebracht zu haben. Sei vorſichtig, Heinrich. Be⸗ denke, daß die leiſeſte neue Aufregung augenblicklich tödtlich werden koͤnnte. Die Arme hat ganze Tage lang in be⸗ wußtloſem Zuſtande gelegen; jetzt iſt eine ruhige Stunde eingetreten. Sie will dich allein ſehn und heißt alle An⸗ dern das Gemach verlaſſen. Ich glaube, du wirſt wohl⸗ thun, wenn du dieſe erſte Zuſammenkunft moͤglichſt ab⸗ kuͤrzeſt.“ Heinrich uͤberhoͤrte all dieſe Ermahnungen. Er folgte jenem, bis ſie das Zimmer der Kranken erteichten. Heinrich ſah ſich der Leidenden allein gegenuber. Er hatte den erſten Augenblick des Wiederſehns gefurchtet und II. 12 178 daher gewaͤhrte es ihm einige Beruhigung, als er Pauli⸗ nen keineswegs aufgeregt, ſondern ſtill und gefaßt fand. Aber dies war nur Folge der vorhergegangenen heftigen Spannung. Sie war ermattet. Seine anfängliche Hoff⸗ nung ſchwand nur zu bald und als ſich ſein Blick erſt an die im Gemach herrſchende Dämmerung gewoͤhnt hatte, fuhlte er ſich heftig bewegt durch ihren Anblick, welcher ihn an der baldigen Auflöſung der Ungluͤcklichen nicht zwei⸗ feln ließ. „O, wie ſehr dank' ich dir, daß du gekommen biſt, Heinrich,“ ſagte ſie, waͤhrend ſie ihm die Hand entgegen⸗ ſtreckte und vergebens bemuͤht war, ſich ein wenig aufzu⸗ richten.„Du weißt nicht, wie ich die letzten Tage um dich gelitten habe, da ich von Stunde zu Stunde umſonſt deine Ankunft erwartete“— Heinrich fuͤrchtete, ſie moͤchte ſich durch Sprechen ſcha⸗ den. Er wollte ſelbſt reden, um ſie daran zu verhin⸗ dern; aber er vermochte kein Wort hervorzubringen. Krampf⸗ haft hielt er ihre Hand in den ſeinigen, während ſie fortfuhr: „Armer Freund, du warſt ſo reich an ſchoͤnen Hoff⸗ nungen, und ſiehſt nun Alles vernichtet vor dir. Aber du ſollſt dich nicht beugen laſſen. Du biſt nicht der Erſte, dem der Tod eine Freundin entreißt, und ich will nicht, daß du meinen Verluſt zu hoch anſchlaͤgſt. Ich hätte dich gern ſchon fruͤher auf dieſen Ausgang vorbereitet— es war Nacht, als wir das letzte Mal bei einander waren, und du ſaheſt da nicht daß ich das Zeichen des Todes ſchon auf 179 der Stirne trug. Ich hatte Mitleid mit dir und mochte dir deine Ausſichten einer lachenden Zukunft nicht gern truͤben. Vergib es der Sterbenden, daß ſie dir dieſe Stunde nicht erſparen konnte, daß ſie dich noch einmal zu ſich rief. Ich weiß, daß ich nun ſterbe— ich darf nur noch nach Mi⸗ nuten rechnen“— „Ach, du taͤuſcheſt dich ſelbſt, theure Pauline!“ er⸗ wiederte Heinrich mit faſt erſtickter Stimme.„Ich bitte dich, ſuche deinen Gedanken eine freundlichere Richtung zu geben“— „Es iſt dies die freundlichſte“— unterbrach ſie ihn. „Glaub' mir, die freundlichſte! Du biſt bei mir im letzten Augenblick, du allein— denn es darf uns niemand ſtoren, es darf niemand weiter Zeuge meines Todes ſein.“ Sie ſchwieg vor Erſchöpfung und es trat eine kurze Pauſe ein. Dann nahm ſie das Wort wieder: „Heinrich, glaubſt du, daß uns ein Traum Wahr⸗ heit zu verkuͤnden im Stande iſt? Ich hatte am Tage vor der Abreiſe von Waldrode noch einen Traum, den ich⸗ dir mittheilen muß. Er betraf Marien, jenes ungluͤckliche Maͤdchen, deſſen du dich wohl erinnern wirſt. Sie wurde an mir voruͤbergefuͤhrt zum Gefaͤngniſſe. Ich redete ſie an und richtete einige Fragen an ſie. Sie gab keine Ant⸗ wort und ſchien nur durch Zeichen andeuten zu wollen, daß ſie unſchuldig ſei. Die Perſonen, die ich bis dahin fuͤr die Diener der Gerechtigkeit gehalten hatte, welche die Schuldige nach dem Orte ihrer traurigen Beſtimmung ge⸗ leiten ſollten, hatten ſich inzwiſchen verwandelt: in der einen 2 erblickte ich einen mir unbekannten Mann und in der an⸗ dern erkannte ich Eliſabeth Warren. Beide begannen mich anzureden, und waͤhrend ſie ſprachen war Marie plotzlich verſchwunden. Sie ſelbſt tragen einen Theil der Schuld, ſagte Eliſabeth zu mir, denn Sie haben der Ungluͤcklichen einen Freund geraubt, der ſie beſchuͤtzt haben wuͤrde. Er koͤnnte ſie noch retten, wenn er ein Opfer bringen wollte, und ich wuͤrde ihm dazu ſelbſt rathen koͤnnen;— aber ich will nicht, weil ich Euch alle haſſe und Euer Verder⸗ ben gern ſehe.— Es iſt wahr, begann darauf der fremde Mann, Heinrich hat Marien geliebt und ſie liebt ihn noch; haͤtte er ſich nicht durch Sie, Pauline, blenden laſſen, ſo wuͤrd' er die Arme vor ihrem Ungluͤck bewahrt haben, wel⸗ ches eine Unſchuldige trifft.— Gut, daß Alles ſo gekom⸗ men iſt, ſetzte Eliſabeth hinzu. Nun werdet ihr Alle elend, und neben dem eigenen Ungluͤck wird Euch auch noch das Bewußtſein quaͤlen, Andre elend gemacht zu haben.— In dieſem Augenblicke ergriff der fremde Mann meine Hand und fuͤhrte mich hinweg von der Warren. Pauline, ſagte er, jenes Weib irrt ſich. Denn du ſelbſt wirſt bald ganz gluͤcklich ſein und Eliſabath ſoll ſelbſt dazu beitragen, daß Marie und Heinrich verſoͤhnt und vereinigt werden. Weiter vernahm ich nichts, der Traum endete. Ich habe ihn aber nie wieder aus dem Gedanken gebracht. Heinrich, kannteſt du Marien, wie es mir der Traum ſagte?“ Der Gefragte war um die Antwort in einiger Verle⸗ genheit. Indeß theilte er mit kurzen Worten mit, was er wußte. 181 „Ich zweifelte nicht an der Wahrheit deſſen, was ich traͤumte,“ ſagte Pauline.„Ich hielt es fuͤr meine Pflicht, dir dieſe Mahnung, denn dafur halt' ich den Traum, mit⸗ zutheilen. Du ſprachſt von einer fluͤchtigen Neigung— das iſt kein guter Ausdruck, Heinrich. Alles wird ſich er⸗ fullen— aber ich weiß doch, daß ich von dir geliebt ſterbe. Noch um Eines bitt' ich dich: Verſoͤhne dich mit den Mei⸗ nigen,— verſprich mirs,— ich mag nicht mit dem Ge⸗ danken ſcheiden, daß ich Euch feindſelig und in Haß zu⸗ ruͤcklaſſe“— Ihre Stimme ward jetzt gebrochener, bis ſie endlich, auf das Kiſſen zuruͤckſinkend, voͤllig ſtill ward. Ihr Athem war ſchwer und Heinrich beobachtete mit aͤngſtlicher Span⸗ nung ihr Geſicht. Ploͤtzlich richtete ſie ſich wieder empor. Sie befand ſich in ſichtlicher Aufregung und ſprach wirre, unzuſam⸗ menhängende Worte. Heinrichs Beſorgniß ſtieg, als er bemerkte, daß ſie verſchiedene Perſonen, die ſie vor ſich zu ſehen glaubte, anredete, waͤhrend ſie ihn ſelbſt nicht mehr kannte. Er mußte Beiſtand rufen, und waͤhrend mehrere Per⸗ ſonen,— auch Alfred und die Mutter der Kranken,— eintraten, zog ſich Heinrich, ſeiner Sinne kaum maächtig, zuruͤck, ohne jedoch das Gemach zu verlaſſen. Er wußte nicht, was um ihn her vorging; er hatte auf niemand von den Eintretenden geachtet. Sein ſelbſt nicht bewußt lehnte er, das Geſicht mit den Haͤnden bedeckt, an der Wand. 182 Das fuͤrchterliche Wort,„ſie ſtirbt,“ welches ihm Al⸗ fred leiſe zufluͤſterte, weckte ihn endlich aus ſeiner Betäu⸗ bung. Er wankte hin zu der vor Schmerz verſtummten Gruppe, welche das Lager umgab. Aber der Augenblick, in welchem er auf ſie ſchaute, war auch der letzte Pauli⸗ 1 nens. Sie war ſoeben in den Armen ihrer Mutter ver⸗ ſchieden. Fünftes Kapitel. Heinrich erwachte aus einer Ohnmacht. Seine Kraft war in jenem erſchuͤtternden Augenblicke erlegen. Neben ihm befand ſich Alfred, welcher ihn nach ſeinem Zimmer gefuͤhrt, wo den durch anhaltend aufgeregten Ge⸗ muͤthszuſtand Angegriffenen die Beſinnung ploͤtzlich verlaſſen hatte. „Iſt dir wohl?“ fragte Alfred.„Wuͤnſcheſt du, daß ich den Arzt rufe, der ſich noch im Hauſe befindet?“ „Nein, nein; ich bedarf ſeiner nicht. Die Schwäche iſt voruͤber. Du wuͤrdeſt ſie erklaͤrlich und natuͤrlich finden, wenn du wuͤßteſt, was ſeit Wochen und Monaten mein Inneres bewegt hat.“ „Ruhe wird dir wohlthun, Heinrich. Du biſt noch ſehr aufgeregt“— „Sprich nicht von Ruhe,“ entgegnete Heinrich.„Ich mag keine Ruhe und ich wurde auch keine finden. Aber ich brauche jetzt Einſamkeit, und Euch wird der Gaſt auch nicht 184⁴ willkommen ſein. Ich gehe nach meinem Gaſthaus zuruck, Alfred. Dort kannſt du mich ſpäter finden, wenn du mir noch etwas zu ſagen haben ſollteſt“— „Ich habe dir ſehr viel zu ſagen, Heinrich!— Aber du ſollteſt noch einige Zeit hier bleiben, du haſt dich noch nicht wieder erholt.“ „Doch, doch! Ich bin jetzt unnuͤtz hier— Lebwohl!“ Heinrich ging hinweg, um in der Einſamkeit ſeinen truͤben Gedanken nachzuhaͤngen. Er war jetzt ruhiger, wenn der dumpfe Zuſtand, in welchem er ſich nun, im Gegenſatz zu der vorhergehenden Aufregung, befand, Ruhe heißen konnte. Aber er war wenigſtens nun im Stande, uͤber all das in letzter Zeit Erlebte nachzudenken. Es war, als hatte ſich alle Spannktaft ſeines Geiſtes auf einmal zu ſehr erſchoͤpft, als daß ſein Schmerz nun noch auf heftige Weiſe haͤtte er⸗ wachen konnen, und er wunderte ſich ſelbſt uber ſeine gegen⸗ waͤrtige Faſſung.— Mochte er nun auch momentan eines andern Gegen⸗ ſtandes gedenken, immer draͤngte ſich unwillkuͤrlich Paulinens Traum ſeiner Erinnerung auf. Er mußte denſelben wun— derbar nennen, denn er konnte ſich nicht auf fruͤher Geſehnes oder Gehoͤrtes gruͤnden, ein Umſtand, wodurch ſich die mei⸗ ſten weiſſagenden Träume erklaͤren laſſen. Es war eine voll— kommene Offenbarung geweſen und Heinrich ſah darin deut⸗ lich eine Aufforderung an ſich ſelbſt, fur die Verlaſſene, Schmachbedeckte zu handeln, obwohl er nicht wußte, wie dies moͤglich werden ſollte.— Am folgenden Tage erſchien Alfted bei ihm. 185 „Heinrich,“ ſagte er,„wir haͤtten gewiß viel mit ein⸗ ander zu ſprechen— aber das meiſte liegt mir wie eine Buͤrde auf der Seele und ich wuͤnſchte, wir verſtänden einander ohne Worte und ließen alles Läſtige und Druckende von tiefer Ver⸗ geſſenheit begraben ſein.“ „Wir koͤnnen beide ſchweigen, denk' ich— und was haͤtten wir einander auch noch zu eroͤffnen? Wir haben beide einen Verluſt erlitten; nur iſt ein Unterſchied dabei:— du wußteſt das Verlorne nicht zu ſchaͤtzen und daher haſt du auch weit weniger verloren, als ich, der ich den Verluſt in all ſeiner Schwere empfinden muß.“ „Leider haſt du ein Recht, ſchlimm von mir zu denken, und ich will keine Worte verſchwenden, um mich zu recht⸗ fertigen; obwohl du irrſt, wenn du meinen Schmerz fuͤr gering haͤltſt. Du haſt auch gefehlt, Heinrich, und gewiß ſehr ſchwer— allein wir wollen das jetzt ruhen laſſen.“ „Und was begehrſt du von mir?“ „Vor Allem ſollſt du die Kaͤlte verbannen, mit welcher du mir noch immer begegneſt. Ich verlange nicht, daß du dein Unrecht bekennen ſollſt; ich ſagte ſchon, wir wollen das ruhen laſſen; ich denke, der geſtrige Tag ſollte fuͤr uns ab⸗ gerechnet haben. Ja, Heinrich, laß alle Schuld vergeſſen und begraben ſein!“ Es war weniger hartnaͤckiger Groll und feindſelige Ge⸗ ſinnung, als die Apathie, die Gleichgiltigkeit gegen Alles, wis Heinrich jetzt fortwaͤhrend kalt erſcheinen ließ. In anrer Stimmung wuͤrde er vielleicht jeden Antheil an der Schld von ſich gewieſen hahen, während er jetzt nichts ent⸗ gegnete. Ueberdies ahnte er noch nicht, daß ſelbſt jetzt noch alles Unrecht, welches ihm vom Grafen beigemeſſen ward, in dem Vergeſſen ſeiner niedern Stellung gegenuͤber der graf⸗ lichen Familie beſtand; er konnte dies anfangs nicht ahnen, obwohl Alfred durch manche Aeußerung darauf hindeutete. Der Letztere war in ſeinem Standesvorurtheil ſo befangen, daß ihn die„ungeheure Anmaßung“ Heinrichs ſtets mit dem hoͤchſten Staunen erfuͤllte, und Heinrich war hinwieder zu ſehr in ſeinen Anſichten befangen, daß er gar nicht an die Moͤglichkeit eines ſolchen Vorurtheils in ſolchem Grade den⸗ ken konnte. So kam es, daß keiner den andern recht ver⸗ ſtand. Wenn Alfred von einem Unrecht ſprach, welches er ſich ſelbſt zur Laſt legen mußte, ſo war damit durchaus nicht die Vereitelung des Planes der Liebenden gemeint; er dachte nur an ſein und ſeiner Familie Verfahren gegen Pauline hinſichtlich des Barons. Er war heute in der Abſicht zum Freunde gegangen, um gleichſam eine Beichte abzulegen, denn er wußte nicht, daß Heinrich zum Theil bereits unter⸗ richtet war. Nun hielt ihn aber auch ſein Stolz, welcher immer wieder erwachte, von jedem derartigen Geſtaͤndniß zuruͤck. Ja am Ende ging er ſo weit und vergaß ſich ſo ſehr daß er jenen um Verſchwiegenheit in Betreff des ganzer Verhaͤltniſſes und hauptſaͤchlich auch der letzten Scenen er ſuchte. Er wuͤnſchte, daß es nicht ruchbar werden moͤchte welchen Theil ein Mann„ohne Rang und Herkunft“ an der jungſten Geſchichte der gräflichen Familie gehabt haͤtte. Die⸗ ſen Grund ſprach er freilich nicht offen aus, allein Heivrich erkannte denſelben trotzdem deutlich genug. Aber er ver⸗ achtete jetzt den albernen Stolz und deſſen Wirkungen mehr denn je und blieb ruhig. „Wird der Baron auch ſchweigen?“ ſagte er. Alfred antwortete darauf nicht. „Ich war zu zerſtreut oder verſtoͤrt, als daß ich auf die Anweſenden haͤtte achten koͤnnen,“ fuhr Heinrich fort;„doch iſt mir, als waͤre der Baron nirgend ſichtbar geweſen.“ „Er iſt heut' erſt angekommen,“ antwortete Alfred in einem Tone, als ſchaͤmte er ſich dies Geſtändniß zu machen. „Er zog es vor, einen Ausflug auf's Land zu unternehmen— er langweilte ſich am Krankenlager ſeiner Gattin.“ Nun erſt beſann ſich Heinrich wieder auf den Inhalt des Briefes, der ihn hieher gerufen hatte. Er ſuchte den⸗ ſelben hervor und reichte ihn Alfred. „Was ſagſt du dazu?“ fragte er Alfred.„Aber es iſt ja an einen Plebejer geſchrieben und man darf mich jeden⸗ falls anmaßend nennen, wenn ich den Ton des Schreibens nicht angemeſſen finde. Ich darf nicht vergeſſen, dem edlen Schreiber die Inlage zuruͤckzuſenden, obwohl mir's leid thun wird, ſeinetwegen die Feder zu ergreifen. Und man konnte ſich unterſtehn, das edelſte Maͤdchen ſolchem Elenden verbin⸗ den zu wollen!“ „Mein Wille war dieſe Verbindung nicht,“ entgegnete Alfred.„Ja, ich war entſchloſſen, dieſelbe zu hintertreiben, bis ich dieſen Vorſatz aufgab, weil ich bemerkte, daß ſich Pauline freiwillig in Alles fuͤgte.“ „Das hat ſie nie gethan!“ entgegnete Heinrich heftig. „Ich weiß, daß ſie dies nie konnte, daß ſie nie fahig war, 188 freiwillig eine ſo ſchmachvolle Verbindung einzugehen. Du ſchmaͤheſt ſie, wenn du ihr dergleichen nachſagſt. O, dein Blick ſoll mir ſagen, daß ich meiner Stellung vergeſſe— Nun, verſuch' es, theile jenem edlen Herrn mit, daß ich eine Verbindung mit ihm ſchmachvoll finde— ich bin neugierig, was er thun wird! Vermuthlich wird er mich mit einem Prozeß bedrohen. Denn Genugthuung andrer Art wird er von mir unadeligem Menſchen natuͤrlich nicht verlangen kön⸗ nen, und ich ſelbſt muß geſtehn, daß ich— ganz abgeſehn von Werth oder Verwerflichkeit eines Duells— daß ich den Baron nicht fuͤr wuͤrdig halte, mit einer anſtaͤndigen Waffe bekaͤmpft zu werden.“ „Der Mann mag Verachtung verdienen,“ ſagte Alfred; „erinnere dich jedoch, daß du ſeinetwegen den Stand nicht ſchmaͤhen darfſt.“ „Keinen trifft Schmach, der ſie ſich nicht ſelber bereitet. — Doch, Alfred, du haͤtteſt jene Verbindung hintertreiben wollen? Du? Gleichwohl kannſt du nicht läugnen, daß du das Opfer mit verkaufen halfſt— du ſtaunſt? Ja, leider kenn' ich die Umſtaͤnde! Ihr habt ſie verkauft— und an wen!“ Alfred befand ſich in ziemlicher Verlegenheit und nur mit Muͤhe brachte er anfangs die Worte hervor:„du biſt falſch unterrichtet— ich will nicht fragen, durch wen! Aber ich will deiner wilden, ſchmerzlichen Stimmung jene Aus⸗ bruͤche verzeihn. Heintich, das Weſen welches uns Allen theuer war, iſt noch nicht beſtattet— ſie wuͤnſchte ſelbſt unſre Verſoͤhnung— und wie wenig wird dieſer Wunſch jetzt von 189 uns beruckſichtigt! Ich will dir Zeit und Ruhe goͤnnen. Wir werden einander hier nicht wiederſehn. Morgen reiſen wir nach Waldrode zuruͤck. Dorthin werden auch Paulinens Reſte zur Beſtattung gefuͤhrt,— und dort wollen wir uns wiederſehn. Ich hoffe dich dann in andrer Stimmung zu finden. Wirſt du kommen?“ „Ich werde nach Waldrode reiſen,“ antwortete Heinrich. „So leb wohl!“ Alfred ging und Heinrich war ftoh, ſich wieder allein zu ſehn. Er wuͤnſchte ſelbſt von Herzen, ſeiner druͤckenden Stimmung entfliehn zu koͤnnen und beſchloß daher, noch heute nach der Reſidenz zuruͤckzukehren, obwohl ihm das Wiederſehn der meiſten ſeiner dortigen Bekannten keine er⸗ freuliche Ausſicht bot. Jetzt erſt nahm er die waͤhrend der Reiſe erhaltenen Briefe wieder zur Hand, um ſie aufmerkſam durchzuſehn. Es fiel ihm dabei ſelbſt auf, daß er jetzt die dringenden Auf⸗ forderungen Wolfs der Beruͤckſichtigung weit mehr werth fand, als fruher; ja er bedauerte, nicht ſogleich neue Nach⸗ richten von jenem erhalten zu koͤnnen; aber er fuͤhlte ſich um ſo ſtarker geneigt, ſogleich zuruͤckzureiſen. Zuvor uͤberſendete er dem Baron noch das erhaltene Reiſegeld, ohne jedoch viel Worte dabei zu verlieren.— Mit beſondrer Aufmerkſamkeit las er jetzt auch den Brief des Miniſters. Wunderbar duͤnkte es ihn, wie er darauf ſo wenig habe achten können; doch ſuchte er dieſen Umſtand mit ſeinen damaligen Gedanken und Abſichten zu erklaͤren. All ſein Sinnen und Denken war auf ein einziges Ziel gerichtet geweſen, vor welchem alles 190 Andre zuruͤcktreten mußte. Gegenwärtig vermochte er erſt mit mehr Aufmerkſamkeit und Intereſſe uber die ſonſtigen vorher verachteten Verhaͤltniſſe und Begebenheiten nachzu⸗ denken und er uͤberließ ſich ſolchen Betrachtungen um ſo lie⸗ ber, als ſie ihn wenigſtens momentan von dem einen ſchmerz⸗ lichſten Gedanken ablenkten.— Er ſah ein, daß er dem Miniſter jedenfalls antworten muͤßte, mochte die Antwort immerhin ſein welche ſie wollte. Er zweifelte nicht im Geringſten, daß Wolf und die Andern ganz recht mit ihrer Vermuthung hatten, wenn ſie ſagten, der Miniſter werde Dienſte von Heinrich verlangen, die nicht unter die ehrenhafteſten gehoͤrten. Wahrend er nun jetzt mehr und mehr ſeinen Gedanken von ſelbſt wieder diejenige Richtung gab, in welcher ihn die Freunde ebenſo eifrig als vergeblich zu leiten geſucht hatten, erwachte zugleich in aller Bitterkeit der Haß gegen Alles, was Beeintraͤchtigung des Rechts, Bedruͤckung, Unfreiheit hieß. Am meiſten aber ward ſein Haß durch das Bewußtſein aufgereizt, daß man ihn zu einem Werkzeug der ſchnöden Willkur habe erleſen koͤnnen; daß man ihn fuͤr faͤhig und geeignet halten konnte, einer Sache um Lohn zu dienen, welche er haßte. Man hatte ihn in gleiche Reihe mit einer Eliſabeth ſtellen wollen, man hatte ihm die Rolle eines Spions zugedacht;— er empfand die tiefſte Verachtung gegen jene, welche ſich uͤber⸗ haupt ſolcher Mittel bedienen konnten— er fuͤhlte, daß er ſich jetzt mit aller Kraft der Sache der Freiheit, welcher er ganz gehoͤren wollte, widmen muͤßte.— Er ſehnte ſich nun nach dem Augenblicke, wo er Wolf wiederſehn wuͤrde,— 191 und mit einem Worte, er war umgewandelt, d. h. es er⸗ wachte Alles mit neuer Staͤrke in ihm, was eine Zeitlang, von einem ſchoͤnen Bilde uͤberſtrahlt, hatte zuruͤcktreten und ſchlummern muͤſſen.— Er beſchleunigte ſeine Reiſe und am folgenden Tage traf er wieder in der Reſidenz ein, wo er ſeine fruͤhere Woh⸗ nung bezog. „Wohl hatt' ich ein Recht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „Allem zu entfliehn, was dem nun vernichteten Gluͤcke hin⸗ derlich ſein mußte. Es blieb mir keine andre Wahl und ich ſuchte keine. Jenes Gluͤck iſt nun dahin, und mir bleibt nur ein theures Andenken— aber die Pflichten, die erſt untergeordnet ſein mußten, nehmen nun wieder den erſten Rang ein.„Sie mußten ſtets die erſten ſein!“ wird man mir zurufen. Ich vermag darauf nichts zu entgegnen und— es iſt auch nicht noͤthig. Wenig kann derjenige erlangen oder wirken, der mit ſich ſelbſt rechtet.“ Er ſaͤumte jetzt nicht, das vielverheißende Billet zu be⸗ antworten, welches bereits älter als eine Woche war. Seine Antwort, welche ziemlich lang ausfiel, klang wunderlich ge⸗ nug.„Ich weiß nicht,“ ſchrieb er,„welcher Art die Ge⸗ ſchaͤfte ſein moͤgen, die mir zugedacht werdenz allein ich kann es ahnen, und truͤgt mich dieſe Ahnung nicht, ſo muß ich uͤber die beabſichtigten Antraͤge ſtaunen, nicht weil ſie von Ihnen ausgehn, ſondern weil ſie an mich gerichtet werden. Ich kann offen gegen Sie ſein. Einige meiner Bekannten ſind in Ihren Augen verdaͤchtigt, das weiß ich. Sie geden⸗ ken mich als Kundſchafter zu nutzen, Sie hoffen einen Ver⸗ 192 raͤther in mir zu finden. Glͤcklicherweiſe eigne ich mich zu erſterm nicht und kann letzterer nicht werden, weil ich nichts zu verrathen habe. Sie wollten mich fuͤr ein derartiges Amt erwählen, weil Sie glaubten, ein mittelloſer Mann werde auch ſtets kaͤuflich ſein; nicht einmal beleidigen koͤnnen Sie mich durch eine ſolche Vorausſetzung. Ich beachte Ihren Antrag nur inſoweit, um ihn zuruͤckzuweiſen. Wäre derſelbe auch nicht von der angedeuteten Art, ſo wuͤrd' ich ihn dennoch zuruͤckweiſen, denn Sie haben das Ungluck, der Diener eines Furſten zu ſein, und ich mag keinem Fuͤrſten, weder direkt noch indirekt, dienen. Ich beabſichtige nicht, Sie mit Darlegung meiner Grundſaͤtze zu unterhalten, denn ich ſehe nicht ein, wozu dies nuͤtzen ſollte. Indeß kennen Sie dieſelben nunmehr wenigſtens inſoweit, um mich und Alle, die mir in der Geſinnung gleichen, kuͤnftig mit An⸗ tragen zu verſchonen, welche— Ich uͤberlaſſe den natuͤrlichen Schluß Ihnen ſelbſt und zeichne“ u. ſ. w. Heinrich las dieſen Brief noch einmal durch, eh' er ihn ſiegelte und abſendete. Kaum war das Schreiben abgegangen, als er Wolf auf der Straße voruͤbergehen ſah. Er rief denſelben zu ſich und theilte dem, durch ſeine Anweſenheit freudig Ueberraſch⸗ ten, den Inhalt jener Antwort mit. „Wie! Sind Sie ganz des Teufels geworden!“ rief Wolf.„Und dies heilloſe Papier haben Sie wirklich abge⸗ ſchickt? Es enthaͤlt Beleidigungen, in Folge deren Sie das juͤngſt erſt verlaſſene Gefaͤngniß vermuthlich bald wieder be⸗ ſuchen werden, und dann“— 193 „Nein, ich habe nichts zu befurchten.“ „Heinrich, faſt muß ich glauben, Ihre ungluͤcklichen Reiſen haben Sie um den Verſtand gebracht. Und gerade jetzt haͤtten Sie dieſen nöthiger denn je! Wahrhaftig, es bleibt Ihnen nichts uͤbrig, als die ſchleunigſte Entfernung, wofern Ihnen noch etwas an Ihrer Freiheit liegt. Reiſen Sie ſogleich ab. Die Folgen Ihres verruͤckten Briefes wer⸗ den nicht auf ſich warten laſſen.“ „Nicht doch, Wolf. Das Schlimmſte, was mir be⸗ gegnen koͤnnte, wär' eine Landesverweiſung. Aber auch daran denk' ich nicht. Ich bin uͤberzeugt, daß man mich ganz ungeſtoͤrt laſſen wird. Ich habe gleich im Eingange meines Briefes angedeutet, daß Alles, was ich Vermuthung nenne, bei mir mehr als ſolche iſt— der Miniſter wird glauben, daß ich um Dinge weiß, deren Weiterverbreitung nicht gewuͤnſcht werden kann. Man wird hoͤchſtens guͤtliche Maßregeln ergreifen, um mich zum Schweigen zu vermoͤgen. Und was die Beleidigungen betrifft, von denen Sie ſprechen, ſo wird der Miniſter dieſe gewiß ignoriren— er wird im Noth⸗ fall denken wie Sie: der Menſch hat den Verſtand verloren.“ „Ich theile Ihre Zuverſicht nicht. Aber welchen Zweck hatten Sie bei dem Unſinn?“ „Ich muß geſtehn, daß ich den Brief ſchon im jetzigen Augenblick nicht mehr ſchreiben wuͤrde, obwohl ich noch kei⸗ neswegs bereue, ihn geſchrieben zu haben. Ich mußte mei⸗ ner Galle auf irgend eine Weiſe Luft machen und die Ge⸗ legenheit ſchien mir ganz paſſend. Sein Sie nicht beſorgt um mich, Wolfl es wird mir nichts geſchehn. Uebrigens II. 13 verdien' ich auch Ihre Vorwuͤrfe nicht, jetzt, wo ich zuruͤck⸗ gekehrt bin, um mit allem Eifer der guten Sache zu dienen.“ „Der Anfang iſt ſchlecht genug. Wie kann man alle Beſonnenheit ſo ſehr verläugnen! Haben Sie gar nicht be⸗ dacht, was ich Ihnen hinſichtlich des Miniſters ſchrieb?“ „Solche Klugheit mag ich nicht uͤben, ich tauge nicht dazu. Bei Gott, lieber will ich mich zur großen Klaſſe der Narren zaͤhlen laſſen. Nein, Wolf, ein Spion kann ich nie ſein, weder fur eine gute noch fuͤr eine ſchlechte Sache. Es wäre ein Schimpf fur die gute, wenn ſie ſolcher Winkelzuͤge beduͤrfte. Fuͤr mich hat jener„verruͤckte“ Brief nun wenig⸗ ſtens den Nutzen, daß Sie mich mit derlei Zumuthungen verſchonen werden, da Sie meine Art und Weiſe kennen. Ich will wirkſam ſein, aber offen und ehrenhaft.“ „Man wird Ihnen wenig Spielraum laſſen,“ entgegnete Wolf.„Man wird Sie(vorausgeſetzt, daß nichts Schlim⸗ meres geſchieht,) auf jedem Schritt beobachten, und daher wird es ſogar gut ſein, wenn Sie ſich bei nichts betheiligen. Ihre Theilnahme kann nunmehr nur ſchaͤdlich ſein.“ „So werd' ich allein thun, was ich vermag!“ entgeg⸗ nete Heinrich, waͤhrend Wolf kopfſchuttelnd Abſchied nahm, nachdem ihm jener noch geſagt, daß er ſich zunächſt nach Waldrode begeben wuͤrde. Als Heinrich allein war, ſchrieb er einen Bericht der letzten Ereigniſſe fuͤr Watkins nieder und legte auch eine aus dem Gedächtniß geſchriebene Kopie des Briefes an den Mi⸗ niſter bei. Siebenter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Heinrich ſollte ſeinen Entſchluß, ohne Verzug Waldrode zu beſuchen, an jenem Tage vereitelt ſehn. Denn kaum hatte ihn Wolf verlaſſen, als ſich eine Frau bei ihm ein⸗ fand, welche ihm einen Brief uͤbergab und um ſofortige Ant⸗ wort bat. Er oͤffnete das Billet und ſtaunte, als er es mit„Eli⸗ ſabeth“ unterzeichnet fand. Er erkannte die zierlichen Schrift⸗ zuͤge von fruͤher in dieſen, offenbar mit zitternder Hand und muͤhſam geſchriebenen Zeilen nicht wieder. Dieſelben lau⸗ teten: „Nachdem ich Sie genöthigt, mir wider Ihren Willen ſo manches Opfer zu bringen, bitt' ich Sie noch um ein einziges und letztes: nämlich mich heute noch zu beſuchen. Dieſes Opfer wird um ſo groͤßer, da der Ort, wo Sie mich finden werden, ſo wie meine ganze jetzige Lage nur zu viel des Anſtoͤßigen und Abſchreckenden hat. Aber ich bitte Sie dringend um die Gefaͤlligkeit und gebe Ihnen 198 uberdies die Verſicherung, daß ich Ihnen durch dieſen letz⸗ ten Beſuch nur nuͤtzlich, gewiß auf keine Weiſe nachtheilig werden will.“ Heinrich blickte von dem Papier auf die Ueberbringerin, die ſeinen Blick mit einem fragenden— mit einem wider⸗ lichen Lächeln erwiederte. „Der Herr kennt mich nicht mehr?“ begann ſie.„Ich hatte die Ehre, mit Ihnen bei einem Maͤdchen zuſammen⸗ zutreffen, wo Sie und ein Freund von Ihnen mich verhin⸗ derten, einem verlaſſenen Kinde ein ſorgenfreies Loos zu be⸗ reiten. Unter meiner Leitung waͤre die kleine Marie nicht ins Verderben gerathen!“ Jetzt entſann ſich Heinrich, wen er vor ſich hatte. Daſſelbe Weib, in deſſen Gegenwart er Marien zum erſten Mal geſehn hatte. „Man begegnet im Leben einander oft unvermuthet und wunderbar,“ fuhr ſie fort;—„ich habe meinen fruͤhern Wohnort fuͤr immer verlaſſen und bin nun hier die Eigen⸗ thuͤmerin eines ſehr vorzuglichen Kaffeehauſes geworden“— „Wie kommen Sie zur Beſorgung dieſer Botſchaft?“ unterbrach ſie Heinrich. „Daruͤber wundern Sie ſich? Das glaub' ich wohl. Nun, Fraͤulein Eliſabeth wird Ihnen ja Alles mittheilen. Ich nahm die Dame, die ſich in ziemlich bedraͤngter Lage be⸗ fand, in mein Haus auf. Leider iſt ſie ſehr krank geworden und aus reiner Menſchenliebe hab' ich mich dazu verſtanden, ſie bei mir zu behalten, was uͤbrigens nicht lange währen kann, denn Sie muͤſſen wiſſen, daß Eliſabeth nicht lange 199 mehr zu leben hat; ja, wer weiß, ob ſie den morgenden Tag noch erlebt. Sie leidet an der Schwindſucht, welche plotzlich zum Ausbruch kam und Sie muͤſſen eilen, Herr Berg, wenn Sie nicht zu ſpaͤt kommen wollen.“ „Wo iſt Ihre Wohnung?“ Sie nannte die Straße und das Haus. „Ich werde kommen,“ ſagte Heinrich, wiewohl ich damit allerdings ein Opfer bringe. Sie begreifen, daß ich fur dieſen Beſuch den Abend erwarten muß. Sagen Sie der Dame, daß ich heut Abend kommen wuͤrde. Wofern Sie keinen Auftrag weiter haben, muß ich Sie erſuchen, mich ſogleich zu verlaſſen.“ Die Frau gehorchte und nahm mit ihrem gemeinen frechen Laͤcheln Abſchied. „Sollte die Elende ſo ſchnell von ihrem Geſchick ereilt worden ſein?“ dachte Heinrich;„oder iſt es wieder eine Ko⸗ moͤdie, hinter welcher ein neuer tuͤckiſcher Streich gegen mich lauert?— Ich will dennoch hingehn.“— Sobald die Daͤmmerung eingetreten war, begab er ſich auf den Weg nach der einſamen Straße, in welcher das fragliche„ſehr vorzugliche Kaffeehaus“ gelegen war. Unter den verſchiedenen gleichartigen, die ſich in der Naͤhe befan⸗ den, war es als das ſtattlichſte leicht herauszufinden, und ſo widerſtrebend es Heinrich auch betrat, fuhlte er ſich doch wie durch eine unſichtbare Gewalt hineingezogen. Lauter Jubel und wuͤſter Lärm, durch einzelne Guitarrenklaͤnge und Ge⸗ ſang unterbrochen, ſchallte aus verſchiedenen Gemaͤchern, 200 waͤhrend Heinrich durch den erleuchteten Eingang haſtig nach dem dunklen Hintergrund eilte. „Wohin, ſchoͤner Fremdling?“ rief ihm hier eine ſchmei⸗ chelnde Stimme entgegen und zugleich fuͤhlte er ſich von ein Paar weichen Armen umſchlungen und feſtgehalten. Ziemlich barſch befreite er ſich aus dieſer Umarmung und fragte nach der Wirthin des Hauſes. „Ei, Sie unartiger Herr!“ erwiederte das muthwillige Maͤdchen.„Waͤhrend ich Sie empfange fragen Sie nach dem alten Muͤtterchen! Das iſt unerhört! Nun, dort kommt die gute Dame ſchon!“ In der That erſchien die Wirthin jetzt und Heinrich verlangte ſogleich zu Eliſabeth gefuͤhrt zu werden, denn er wollte das Haus ſo ſchnell als nur möglich wieder verlaſſen. „Leuchte dem Herrn, Hortenſia!“ ſagte die Frau und Hortenſia war ſogleich bereit. Sie ergriff eine Kerze, die im Vorgemach ſtand, und ſagte, während ſie vertraulich Heinrichs Arm ergriff:„Nun, kommen Sie nur, boͤſer Menſch, der Sie Unart auf Unart haͤufen. Statt mir ein freundliches Woͤrtchen zu ſagen, laſſen Sie ſich nun gar zu der kranken Eliſabeth fuͤhren.“ Vergebens bemuͤhte ſich Heinrich ſeinen Arm frei zu machen, waͤhrend ihn das Maͤdchen, immer plaudernd und ſchäckernd verſchiedene Treppen emporfuͤhrte. Auf der dritten blieb ſie ſtehen und ſagte:„Bis zu Eliſabeth haben wir noch zwei recht ſteile garſtige Treppen zu ſteigen; aber hier ſind wir vor meinem Zimmer und ich bitte Sie, ein wenig ein⸗ zutreten. Wir muͤſſen ausruhn, eh' die Wanderung weiter⸗ 201 geht.“ Zugleich oͤffnete ſie die Thuͤr eines netten Gemachs, welches allerdings aufs Einladendſte ausgeſtattet war. Sie trat hinein, ſtellte den Leuchter auf den Tiſch und warf ſich ſelbſt auf das Sofa, waͤhrend ſie den außen harrenden Hein⸗ rich einlud, ihrem Beiſpiel zu folgen. „Sie bemuͤhen ſich umſonſt,“ ſagte er.„Ich habe Eile und Sie werden ſogleich den erhaltenen Auftrag erful⸗ len!“ Er ſagte dies in ſo muͤrriſchem Tone, daß das Maäd⸗ chen unverzuͤglich gehorchte.„Gut,“ ſagte ſie, waͤhrend ſie voranging.„Ich werde warten, bis Sie Ihren Beſuch ge⸗ macht haben. Dann werden Sie hoffentlich geneigt ſein, mir Abbitte zu leiſten.“ Man war jetzt zu einer ſchlechten Bodenkammer gelangt, deren Thuͤr die Fuͤhrerin oͤffnete.„Hier wohnt Ihre Dame; ich wuͤnſche viel Vergnuͤgen!“ ſagte ſie, und im naͤchſten Augenblick ſah ſich Heinrich allein vor dem Krankenlager Eliſabeths. Alles mußte einen peinlichen— einen entſetzlichen Ein⸗ druck auf den Gaſt machen. Es war ein ſehr enger, troſt⸗ loſer Raum, von der einen Seite nur durch das unbekleidete Dach eingeſchloſſen. Ein einziger baufälliger Stuhl und ein alter mit Arzneiflaſchen bedeckter Tiſch waren außer dem aͤrm⸗ lichen Lager die einzigen Geräthſchaften, welche man hier ſah. Dabei herrſchte eine erſtickende mephitiſche Atmoſphaͤre, an die ſich der Gaſt erſt nach mehrern Minuten in Etwas zu gewoͤhnen vermochte. Und inmitten dieſer elenden Um⸗ gebung lag ſie ſelber, die Elende— die einſt ſchoͤne, begabte, lebensfrohe Eliſabeth— jetzt ein Bild des Grauens. 202 Sie ſchien aus einer Art von Schlummer zu erwachen, als Heinrich eintrat. „Setzen Sie ſich, Heinrich,“ ſagte ſie.„Ich bin zu ſchwach, mich emporzurichten, ja zu ſchwach, Ihnen eine Hand zu bieten— aber daran kann Ihnen auch nichts liegen.“ Obwohl ſie nur langſam und mit Anſtrengung zu ſprechen vermochte, fuhr ſie in ihrer Rede doch, einige kurze Pauſen abgerechnet, wo ſie Athem ſchoͤpfen mußte, ununter⸗ brochen fort. „Sprechen Sie nicht, Heinrich,“ ſagte ſie.„Laſſen Sie mich nur ungehindert reden. Es waͤre nutzlos, wenn ich mich noch ſchonen wollte. Seit geſtern hab' ich jede Hoffnung fuͤr mich aufgegeben. Es war meine Abſicht, Ihnen einen kurzen Abriß meiner Geſchichte zu geben, allein das iſt kaum noͤthig, daß Sie Alles leicht ſelbſt errathen koͤnnen. Nur was auf Sie Bezug hat, will ich erwaͤhnen. Warum? weiß ich mir kaum zu ſagen,— denn ich bereue nichts, ich hoffe und wuͤnſche nichts mehr, ich fuͤrchte nichts; ich will Ihnen nur noch gefaͤllig ſein— nehmen Sie das meinetwegen fuͤr Dankbarkeit, weil Sie meine Einladung nicht verſchmaͤht haben.— Ach, Heinrich, vor wenigen Wochen, als ich bedraͤngt und ohne alle Hilfe, von Allen verlaſſen, in dieſem Hauſe Zuflucht ſuchen mußte, da glaubt' ich dennoch nicht an ein ſolches Ende. Ich war da noch immer voll Zuverſicht und Hoffnung— ich war noch bluͤhend und ſchoͤn und hielt mich fuͤr geſund— da ſehen Sie die Verheerung weniger Wochen!— Doch was kuͤmmert Sie 203 das. Ich hab' Ihnen viel geſchadet und Sie glauben mich 3 zu kennen: Sie ſehen in mir ein leichtfertiges, ſinnliches Geſchoͤpf, welches, durchweg egoiſtiſch, Alles der eigenen Luſt zu opfern bereit war. Zum großen Theil mag das wahr 1 ſein; aber wenn Sie jetzt meine voͤllige Ghicigiltigeeit und Kaͤlte, meine ganze hoffnungsloſe Lage erwägen, ſo werden 1 Sie meinen Worten deſto eher Glauben ſchenken. Heinrich, haͤtten Sie mich nicht verachtet, ſo waͤre vielleicht Alles anders gekommen— ich liebte Sie und Ihretwegen waͤr' ich zu jedem Opfer bereit geweſen, wie ich im andern Falle, da ich mich verſchmaͤht ſah, auch zu jeder That, um Sie zu ver⸗ derben und mich zu raͤchen, faͤhig ward. Ich war heiter, lebensluſtig, ungebunden— tauſend Weiber ſind ebenſo, aber nur insgeheim; mein Verbrechen war alſo nur der Mangel aller Heuchelei, der Umſtand, daß ich mich voͤllig ſo gab, wie ich war. Ein eingezogenes Leben behagte mir auf die Laͤnge nie und ſo oft ich auch als Lehrerin oder Geſellſchafterin— zu dieſem Beruf war ich erzogen und gebildet— eine Stel⸗ lung gewann, ſo ſucht' ich doch immer nur zu bald meine. völlige Freiheit wieder. Auch nach Waldrode war ich auf ſolche Weiſe gekommen. Es war mir dort zu ſtill und zu einfoͤrmig und ich verließ jenen Kreis bald. Ein Umſtand, den bis jetzt niemand erfahren konnte, wird Sie intereſſiren. Ich werde dadurch in Ihren Augen ſehr ſtrafbar erſcheinen⸗ Allein ein Blick auf mich und meinen Zuſtand wird Ihnen zugleich ſagen, daß ich bereits aus dem Bereiche aller Strafe oder Rache der Menſchen bin. Mein Leben zählt nur noch „ Stunden, und deshalb bin ich offen und bekenne Alles ohne 204 Scheu. Ich machte, kurz vor meiner Abreiſe, einen Be⸗ ſuch bei der Familie des Fabrikbeſitzers und damals fand ich Gelegenheit, ein Kaͤſtchen mit Schmuckſachen zu entwenden. Es iſt eine laͤngere Zeit vergangen, bevor man die ſehr werth⸗ vollen Gegenſtaͤnde vermißte. Als ich Sie zuerſt kennen lernte, beſaß ich noch einen Ring aus jenem kleinen Schatze, den ich gut verwerthet hatte, und jenen Ring ſchenkt' ich Ihnen beim Abſchied. Gleich nachher erhielt Marie denſel⸗ ben von Ihnen. Das Weitere koͤnnen Sie leicht errathen. Ich war ſicher vor dem leiſeſten Verdachte; als man aber bei jenem unglucklichen Maͤdchen den Ring bemerkte und nun erſt des ganzen Raubes inne ward, mußte aller Verdacht auf die Unſchuldige fallen. Ich ließ natuͤrlich Alles gern ge⸗ ſchehen, zumal da ich glaubte, Sie liebten Marien noch. Es ward eine entehrende Strafe uͤber ſie verhaͤngt und ich war ziemlich ſicher, daß mir das Madchen bei Ihnen nie mehr im Wege ſtehn koͤnnte. Denn kam auch ſpäter ihre Unſchuld an den Tag, ſo blieb bei den vorurtheilsvollen Menſchen doch ſtets der Makel jener Unterſuchung und Strafe an ihr haf⸗ ten.— Sie entſetzen ſich, da Sie ſehen, wie ich alles mei⸗ nem Vortheil opfern konnte? Ach, das Ungluͤck iſt da nicht groß— Marie iſt jung und kann noch ſehr gluͤcklich werden. Und finden Sie von meiner Seite nicht ſchon das Bekennt⸗ niß uͤberhaupt dankenswerth? Das Mädchen iſt ja nun ge⸗ rettet. Es iſt ein armes, thörichtes, gutes Kind! Da ſehen Sie daß wir Frauen in unſter Liebe doch beſſer ſein koͤnnen, als ihr. Marie ließ in ihrer Einfalt lieber Alles, auch das Aergſte, uͤber ſich ergehen, um nur Sie nicht in 205 die unangenehme Geſchichte zu verwickeln. Sobald ſie ge⸗ ſtand, von wem ſie den Ring hatte, war ſie gerechtfertigt und frei. Aber ſie warf ihr ganzes Lebensgluͤck hin, um Sie nicht preiszugeben.“ Sie ſchwieg hier einen Augenblick, da ſie bemerkte, daß jene Eroͤffnung auf Heinrich einen heftigen Eindruck gemacht hatte. Er erwiederte kein Wort, er ſchien keines Lautes faͤhig zu ſein, und Eliſabeth fuhr daher fort. „Wenn Sie mich fuͤr ſchlecht halten, Heinrich, thun Sie mir im Grunde ebenſo viel Unrecht, als wenn Sie mich fuͤr tugendhaft hielten. Danken Sie mir nichts, klagen Sie mich um nichts an! Wie geſagt: es iſt nicht Reue, nicht ein Gefuͤhl des Mitleids, auch nicht mehr Neigung zu Ihnen, was mich zu Bekenntniſſen veranlaßt; es iſt nur ein Einfall, weiter nichts.— Ich denke, meine Kraft reicht noch fuͤr einige Worte hin und Sie moͤgen den Vortheil davon haben. Durch einen Mann, der auch Ihnen bekannt— den Arzt, welchen Sie oͤfters bei mir ſahen,— war mir eine neue Erwerbsquelle eroͤffnet worden. Dieſer Arzt, der ſich das Vertrauen vieler Liberalen, Radikalen und wie ſie heißen moͤgen, erworben hatte, der uͤberdies einer geheimen Geſell⸗ ſchaft zur Einfuͤhrung ſocialer Reformen angehoͤrte, dieſer Arzt iſt ein Spion, welcher von mehrern Regierungen zu⸗ gleich beſoldet wird. Sobald Sie dies wiſſen, wird Ihnen ſein Benehmen und Weſen ganz anders erſcheinen. Er traͤgt oft die Maske der Einfalt und Beſchraͤnktheit und iſt doch ein Fuchs. Es hatte ſeine Richtigkeit damit, was Ihnen das Geruͤcht uͤber mich ſagte. Ich bezog bedeutende Sum⸗ 206 men. Leider aber beging ich bald Unvorſichtigkeiten und ver⸗ rieth mich ſelbſt, wo ich andre errathen ſollte. Ich war viel zu heiter und lebensfroh, um jenes Amt verwalten zu koͤn⸗ nen, und man ſah ſich genoͤthigt, mich der Muͤhe zu uͤber⸗ heben und mein Schweigen zu erkaufen. Endlich verſiegte dieſe Quelle; man wußte ſich auf mehrfache Weiſe gegen mich ſicher zu ſtellen. Auch ein Plan, den ich hinſichtlich der Schaͤtze meiner beiden frommen Freundinnen gebildet, mißlang. Fruͤher ſchon hatt' ich Ihnen vielfaches Leid zu⸗ gefuͤgt. Auch Ihre Verhaftung hatt' ich veranlaßt; ich war damals nicht mehr eiferſuͤchtig, ich ſuchte nur Unterhaltung und dieſe fand ich in der Rache. Ich denke, nach dem, was Sie nun uͤber mich und die Andern gehoͤrt haben, koͤnnen Sie leicht auf das Weitere ſchließen und Alles ſelbſt ergän⸗ zen. Nur einen Umſtand will ich Ihnen noch mittheilen, der Ihnen erklaͤren ſoll, wie ich trotz Ihrer Vorſicht und trotzdem, daß Sie keine Vertrauten hatten, doch Ihren Ent⸗ fuͤhrungsplan zeitig genug erfuhr, um ihn vereiteln zu koͤnnen“— Hier vermochte ſie nicht weiter zu ſprechen. Sie ſchloß die Augen und nur der kurze muͤhſame Athem verrieth, daß noch Leben in der ſonſt regungsloſen Geſtalt wohnte. Heinrich blieb noch eine Weile neben dem Lager ſitzen. Es war eine unheimliche Pauſe. Vielleicht, dachte er, er⸗ wacht ſie aus dieſem Schlummer nie wieder. Er ſchwankte, ob er noch bleiben ſollte, um weitere Aufſchluͤſſe zu erlangen, oder ob es gerathener ſei, wenn er den Beſuch am nächſten Abend wiederholte. Zu letzterem hatte er wenig Neigung 207 und gleichwohl war ein laͤngerer Aufenthalt in dieſem ſchreck⸗ lichen Gemach ebenfalls nicht rathſam. Waͤhrend er noch ſinnend vor ſich nieder auf den Boden ſtarrte, fuͤhlte er eine Hand auf ſeiner Schulter. Er blickte empor und ſah Hor⸗ tenſien neben dem Stuhle. „Sie iſt ja todt!“ ſagte das Maͤdchen, waͤhrend ſie furchtſam nach dem Lager deutete. Sie war todt. Ihr Geſchick hatte ihr wenigſtens ein leichtes Sterben vergoͤnnt, denn ſie war in der That einge⸗ ſchlummert, um nicht mehr zu erwachen. Hortenſia folgte dem Gaſte, als dieſer jetzt das Gemach verließ, eilig nach.„Ich fuͤrchte mich, hier zu bleiben,“ ſagte ſie;„dieſer Anblick wird lange nicht von mir weichen.“ Sie ſchien ſich wieder ſeines Armes, diesmal aber nicht aus Muthwillen ſondern aus Furcht, bemaͤchtigen zu wollen. Allein Heinrich ſehnte ſich nach friſcher Luft, er mußte dieſen Mauern entfliehen. Haſtig eilte er die Treppen hinunter und pries ſich gluͤcklich, als er dies Haus verlaſſen hatte. In Folge der Eroͤffnungen Eliſabeths gab es viel fuͤr ihn zu thun und die Pflicht verlangte, daß keines der dringenden Geſchaͤfte aufgeſchoben wuͤrde. Es galt vor allen Dingen die arme Marie zu befreien und den Arzt zu entlarven. Er⸗ ſtere durfte nicht laͤnger leiden und letzterer nicht laͤnger Un⸗ heil ſtiften. Heinrich bedauerte natuͤrlich, daß Eliſabeth nicht mehr faͤhig geweſen war, ihm Auskunft uber die Mittel zu geben, welche ſie in Beſitz ſeines Geheimniſſes geſetzt hatten. Indeß hlieb dieſer Umſtand fuͤr den Augenblick doch Nebenſache. 208 Noch am naͤmlichen Abend ſuchte er Wolf auf, dem er die noͤthigen Mittheilungen machte, um dann gemeinſam mit ihm die naͤchſten Schritte zu berathen. „Es wird gut ſein,“ entgegnete Wolf, nachdem er ſtau⸗ nend Alles angehoͤrt,„wenn Sie mir die Entwickelung dieſer Dinge uͤberlaſſen wollen. Beſonders gilt dies von der An⸗ gelegenheit mit dem Arzt. Ich gebe Ihnen den Rath, ſo⸗ gleich nach Waldrode zu gehen. Nur hinſichtlich Mariens iſt Ihre Ausſage noͤthig und dieſe werden Sie am fuͤglichſten in Waldrode abgeben koͤnnen. Sie ſind doch ein Sonntags⸗ kind! Nimmer hätt' ich geglaubt, Sie nach Ihrem heutigen Briefe jetzt noch frei umhergehen zu ſehn.“ Waos den Arzt betraf, ſo war Wolf keineswegs geneigt, den Worten Eliſabeths ſogleich unbedingten Glauben zu ſchen⸗ ken. Ihre Ränkeſucht war doch hinlaͤnglich bekannt und es war leicht moͤglich, daß ſie auch in dieſem Falle nur Ver⸗ leumdungen ausgeſprochen hatte; um ſo glaublicher erſchien dies, als der Arzt, wie man wußte, weſentlich zu ihrem Sturze beigetragen hatte. Heinrich lag uͤbrigens jetzt wenig an der Wahrheit oder Unwahrheit ihrer Ausſage in dieſem Falle, denn ihn beſchaͤftigte ganz beſonders das Schickſal Mariens, welches, wie er nun zu ſeinem Kummer einſehn mußte, eigent⸗ lich durch ſeine eigne Schuld herbeigefuͤhrt worden war. Voll Ungeduld ſah er nun dem Augenblick entgegen, wo der Armen Freiheit und Genugthuung werden mußte. Zweites Kapitel. So wenig Neigung er auch dazu empfand, ſo hielt Heinrich es doch fuͤr Pflicht und uͤberdies fuͤr erſprießlich in ſeinen eigenen Angelegenheiten, Watkins wieder von Allem genau zu unterrichten, was jetzt zu ſeiner Kenntniß gelangt war. Er ſchrieb daher noch am Abend des folgenden Ta⸗ ges, den er bereits in Waldrode zugebracht hatte, eine aus⸗ fuͤhrlichere Erzaͤhlung fuͤr den entfernten Freund nieder. „Ich begab mich,“ ſagte er in ſeinem Schreiben, nachdem er Alles bis zu Eliſabeths Bekenntniſſen und ſeinen eignen dadurch veranlaßten Schritten gemeldet hatte,„am heutigen Morgen nach Waldrode. Als ich das Dorf betrat, geſellte ſich der Arzt zu mir, welcher noch keine Ahnung davon hatte, was mir uͤber ihn geſagt worden. Ich nahm bald die Ge⸗ legenheit wahr; mich von ihm zu trennen, ohne ihm meine Kenntniß verrathen zu haben, denn ich wollte das Geſchäft jener Entlarvung Andern uͤberlaſſen. Er ſprach viel uͤber die in der Gegend herrſchende Aufregung und uͤber das auf⸗ I. 14 210 faͤllige Benehmen der Regierung, welche noch immer zoͤgerte, gegen die Ruheſtörer ernſtlich einzuſchreiten; auch erfuhr ich zuerſt durch ihn, daß heute wieder eine große Verſammlung aller Unzufriedenen, der Arbeiter und ihrer Fuͤhrer, ſtattfin⸗ den ſollte; er lud mich ſehr dringend zur Theilnahme ein. Außerdem erhielt ich von ihm uͤber die verſchiedenen Perſo⸗ nen hier, welche mich mehr oder weniger intereſſiren, viel⸗ fache Auskunft. Der Mann war außerordentlich gut un⸗ terrichtet und ich fand nachher jeden Umſtand, Alles, aufs vollkommenſte beſtätigt, was er mir mitgetheilt hatte. Ein merkwuͤrdiger Schlaukopf iſt er jedenfalls; er weiß den Bor⸗ nirten, Gutmuͤthigen und eine gewiſſe Pedanterie— lauter Eigenſchaften, die ihm voͤllig fremd ſind— auf eine mei⸗ ſterhafte Weiſe natuͤrlich darzuſtellen.— Auch mit einigen andern Perſonen, an denen Ihnen zum Theil wenig liegen wird, ſind in letzter Zeit Veraͤnderungen vorgegangen. Der arme Wilhelm, der ungluͤckliche Freund Mariens, den ich von ſeiner Leidenſchaft ſchon geheilt glaubte, iſt in letzter Zeit ganz ſchwermuͤthig geworden, wie man mir erzählt. Ich habe den armen Burſchen noch nicht wiedergeſehn, denn er hat ſeinen Dienſt in Waldrode freiwillig aufgegeben und iſt nach ſeinem Dorfe zuruͤckgegangen. Als ſein fruͤherer Schmerz wieder erwachte und ſich faſt bis zum Wahnſinn ſteigerte, ſoll er ſich mit dem Gedanken getragen haben, ir⸗ gend ein Verbrechen zu begehen, um dann wenigſtens in die Naͤhe des geliebten Maͤdchens gebracht zu werden. So ſehr mich auch meine eignen Angelegenheiten jetzt in Anſpruch nehmen, kann ich doch eine ganz beſondere Theilnahme an 211 jenem einfachen Naturmenſchen nicht bannen und ich ge⸗ denke Wilhelm, wofern ich es moͤglich machen kann, in den naͤchſten Tagen aufzuſuchen. Zunaͤchſt ſuchte ich den Pfarrer hier auf, welcher, wie Ihnen vielleicht ſchon bekannt iſt, von ſeinem Amte ſuspen⸗ dirt worden, weil man ihn der lebhaften Theilnahme an den Umtrieben unter der Bevoͤlkerung beſchuldigte. Es iſt jetzt ein Stellvertreter eingeſetzt, deſſen Predigten jedoch niemand hoͤren mag. Der Expfarter haͤlt nach wie vor Vorträge, in einer Scheune, auch wohl im Freien und die Zuhoͤrer ſtro⸗ men da ſtundenweit aus der Umgegend zuſammen. Auch dieſe Zuſammenkuͤnfte hat man noch nicht zu hindern ver⸗ ſucht und man ſagte mir, vermuthlich unternehme man nichts Ernſteres gegen den Pfarrer aus Ruckſicht gegen den Prinzen Moritz, deſſen Guͤnſtling er iſt. Auch hierin ſind Sie wahrſcheinlich ſchon gruͤndlicher unterrichtet als ich Ich habe mich heute mehrere Stunden in der Wohnung des Pfarrers aufgehalten und ſo ziemlich alle Themen, die mir jett am Herzen liegen, mit ihm durchgeſprochen. Lange un⸗ terhielt ich mich mit ihm uͤber meine beſte theuerſte Freundin, die nun nicht mehr unter den Lebenden wandelt. Ich ſprach wenig, aber jedes ſeiner Worte uͤber die Dahingeſchiedene war mir troſtreich und werth— und doch empfand ich da⸗ bei auch ihren Verluſt jetzt erſt recht tief. Er ſchilderte mir, wie er ihr Lehrer geweſen, wo ſie ihn oft in ihren Gedanken faſt uberfluͤgelte. Er ſchilderte mir, wie unter ſeiner Fuh⸗ rung ihr Charakter und ihre Anſichten ſich entwickelt und ausgebildet.„Aber glauben Sie mir,“ ſagte er dann,„ſie iſt gluͤcklicher, da ſie geſtorben— denn in unſter dumpfen Sphaͤre waͤre ſie doch nie glucklich geworden.“——„Im Laufe unſrer Geſpräche lernt' ich den Mann immer genauer kennen. Er ſprach ſich ſehr offen und ſehr vertrauensvoll gegen mich aus. Ich erkannte bald daß er allerdings zu den Fuͤhrern dieſer Maſſen, welche fuͤr Verbeſſerung ihrer Lage Blut und Leben wagen wollen, gehoͤrt. Es ſetzte mich faſt in Erſtaunen, als ich wahrnahm, daß er, trotz ſeines ſonſt ſehr ſanften Charakters, gerade auf ſehr radikale Weiſe reformiren will. Allein ich ſehe wohl, daß der Anblick dieſes Volkselends, das Schauſpiel all der Ungerechtigkeiten, die uns taͤglich umgeben, noch viele Laͤmmer zu Loͤwen machen wird. Spaͤter begleitete ich ihn in die Verſammlung, wo ich viele Bekannte fand. Auch Wolf war dort, ſprach aber wenig; er hat als Fremder und nach den juͤngſten Erfahrun⸗ gen freilich Grund genug, ſich nicht auf unbedachte Weiſe bloszuſtellen. Der Arzt war— weshalb, blieb unbekannt — nicht erſchienen und das war fuͤr ihn, wie fuͤr die an⸗ dern ſicherlich heilſam, denn es duͤrfte ſeine Anweſenheit ei⸗ nen heftigen und unheilvollen Auftritt veranlaßt haben, da durch Wolf bereits die Meiſten uͤber ihn aufgeklärt waren. Wolf hatte ſchnell gepruͤft und zweifelte jetzt nicht mehr an dem, was mir Eliſabeth eroͤffnet. Ich darf mir wohl eine genauere Beſchreibung der ſehr buntgemiſchten Verſammlung erſparen. Was das Ziel betraf, ſo waren Alle vollkommen einig und nur uͤber das Wie der Erreichung waren die Stimmen ſehr getheilt und verſchieden. Sie kennen derglei⸗ chen und wiſſen ſich von ſelbſt vorzuſtellen, wie es hier zu⸗ — — 62 ging. Nur zweierlei war mir merkwuͤrdig: die Einigkeit der Verſammlung, trotz heftigen Streites und verſchiedner An⸗ ſichten im Einzelnen, die Einigkeit Aller beim Schluß, als es darauf ankam, ein Reſultat der Debatten feſtzuſtellen. Dabei uberzeugte ich mich, daß dieſe Menſchen allerdings im Stande ſein werden, etwas durchzuſetzen. Sodann war es die Rede oder vielmehr die Predigt des Pfarrers, welche mir beſonders anziehend erſchien. Er entwickelte die Lehren des Chriſtenthums auf die geiſtreichſte und doch ſehr populaͤre Weiſe im reinkommuniſtiſchen Sinne— ergreifend und uͤber⸗ zeugend fuͤr die Gebildetern und dabei ganz geeignet, die Maſſe zu fanatiſiren.— Unheimlicher als der ſofortige Aus⸗ bruch eines Sturms war mir die ruhige Entſchloſſenheit, mit welcher ſich hernach Alle zerſtreuten.— Ich denke, die nach⸗ ſten Tage werden mir viel zu berichten geben. Es iſt jetzt tief in der Nacht und ich nehme fuͤr heute Abſchied.“—— In der Fruͤhe des naͤchſten Tages ſollte Paulinens irdiſche Huͤlle auf dem Friedhofe des Dorfes beſtattet werden. Sie hatte dies ſelbſt gewuͤnſcht— ſie wollte unter dem gruͤ⸗ nen Raſen ruhen, nicht in der dumpfen Schloßkapelle, wo man ſonſt die Waldrodes beizuſetzen pflegte. Ebenſo ſollte das Begräbniß auf die einfachſte, ſchlichteſte Weiſe ſtatt⸗ finden. Heinrich war nach dem Friedhofe gegangen. Er wollte von Andern ungeſehn dem Begraͤbniß beiwohnen und der mit hohen Leichenſteinen und dichtem Buſchwerk bedeckte Raum begunſtigte dieſe Abſicht. Faſt die geſammte Bevol⸗ 21⁴ kerung des Dorfes hatte ſich verſammelt und unter dieſer Menge war er um ſo ſichrer, von den anweſenden Gliedern der graͤflichen Familie unbemerkt zu bleiben. Erſt nachdem Alles voruͤber und alle Zuſchauer wieder entfernt waren, trat er hinter dem bemooſten Steine, der ihn bisher verborgen, hervor, um ſich dem friſchen mit Blumen uͤberdeckten Huͤgel zu naͤhern. Da erſt bemerkte er, daß dort noch eine einſame Geſtalt weilte. Er trat wieder zuruͤck, denn er mochte hier keinen Zeugen und keinen Gefaͤhrten haben. Der Fremde beim Grabe, eine hohe, dicht in einen Mantel gehuͤllte Ge⸗ ſtalt, blieb noch lange, wie in tiefes Sinnen verſunken, ſtehen. Endlich wandte er ſich und ging. Dann hielt er, beim Ausgange des Friedhofs, inne und blickte noch einmal nach dem Grabe zuruͤck. Heinrich ſah in dieſem Augenblicke das Geſicht des Fremden nur einen Augenblick aus der Ferne; aber dieſer fluͤchtige Blick beſtätigte, was ihm ſchon Geſtalt und Haltung des Mannes ahnen laſſen— es war Watkins. Es wäre jetzt vergebens geweſen, ihm nachzueilen, denn er hatte ſich bereits eilenden Schrittes entfernt und es blieb un⸗ gewiß, welchen Weg er eingeſchlagen. Vermuthlich begab er ſich nach dem Schloſſe und dort wollte und konnte ihn Heinrich jetzt nicht aufſuchen. Die ploͤtzliche Erſcheinung des ferngeglaubten Amerika⸗ ners verbannte aber zum Theil die wehmuͤthige Stimmung, in welcher ſich Heinrich hier bis dieſen Augenblick befunden. „Schlaf wohl, Theure!“ ſagte er leiſe, indem er von dem geſchmuͤckten Huͤgel ſchied. Er erinnerte ſich, daß nun viele Lebende ſeine Muͤhe und Sorge in Anſpruch nähmen.— X 215 Im Gaſthauſe fand er einige Briefe vor und erfuhr, daß ſeit dem letzten Abend allerdings ein Herr Watkins hier geweſen ſei und auch das Schloß beſucht habe. Der Fremde war jedoch, nachdem er noch zwei Briefe fuͤr Heinrich abge— geben, vor wenigen Minuten abgereiſt.„Immer noch ge⸗ heimnißvoll und zuruͤckhaltend!“ dachte Heinrich.„Er wußte alſo doch um meine Anweſenheit, ſah mich vielleicht— und muß dennoch abreiſen, ohne mir ein einziges Wort zu ſagen.“ Watkins ſchrieb:„Sie ſehen aus gegenwaͤrtigem, daß ich hier war; leider verhinderte mich meine aͤußerſt beſchraͤnkte Zeit, Sie aufzuſuchen. Ich begegnete Wolf, der mir einige durch Sie gemachte Entdeckungen mittheilte. Vermuthlich haben Sie einen ausfuͤhrlichen Bericht fuͤr mich bereits ab⸗ geſendet und ich werde ſomit das Naͤhere erfahren. Was Marie anlangt, ſo erſuch' ich Sie, vorlaͤufig nichts zu unter⸗ nehmen; denn ich kann Ihnen verſprechen, daß in kurzeſter Friſt dieſe Angelegenheit durch mich vollkommen geordnet werden ſoll; Sie haben nichts zu thun, als ſich bereit zu halten, um auf Verlangen ſogleich Ihr Zeugniß wegen des Ringes und der Ausſage Eliſabeths abzugeben. Nun noch Eines: das beifolgende Billet iſt von der Grafin, welche mit Ihnen zu ſprechen wuͤnſcht. Ich bitte Sie, verſoͤhnlichen Gedanken Raum zu geben. Wenn Sie das Schloß am heutigen Nachmittag beſuchen, werden Sie die Gräfin allein finden. Alle die mannichfachen Aufſchluͤſſe, die Sie von mir zu erwarten haben und auch erhalten ſollen, behalte ich unſter naͤchſten, jedenfalls ſehr nahe bevorſtehenden Zuſam⸗ menkunft vor. Haben Sie Geduld, nicht allein mit mir, ſondern auch mit den Andern und erfuͤllen Sie meine Bit⸗ ten. W.“ Das Billet der Grafin enthielt in einfachen herzlichen Worten die ſchon von Watkins ausgeſprochene Bitte und Heinrich mußte ſich ſchon entſchließen, dem Wunſche zu ent⸗ ſprechen. An Zeit gebrach es ihm nicht; nahm ihm doch ſelbſt die Sorge um Mariens Befreiung der Amerikaner ab. — Noch am nämlichen Vormittag erſchien der Pfarrer bei ihm, welcher gleichfalls mit Watkins geſprochen hatte. „Ich habe den Auftrag, Sie mit einem Verhaͤltniß bekannt zu machen,“ ſagte derſelbe,„von welchem Sie Wat⸗ kins in Kenntniß geſetzt wuͤnſcht, bevor Sie die Graͤfin be⸗ ſuchen. Watkins ſowohl als ich, iſt eng befreundet mit dem Prinzen Moritz, der, wie Ihnen bekannt ſein wird, langwierige Reiſen unternommen hat. So wie fruͤher ich und zwei oder drei andere Vertraute jenes liebenswuͤrdigen Prinzen(der ſich ſo ſehr von all ſeinen Standesgenoſſen unterſcheidet,) ſo hat in letzter Zeit Watkins das Amt eines Vermittlers zwiſchen dem Entfernten und ſeinen heimiſchen Freunden verwaltet. Sie werden hiervon bereits unterrichtet ſein und werden ſich dadurch ſchon ſo manches erklaͤrt haben, was außerdem an Watkins wunderbar erſcheinen koͤnnte, z. B. ſeinen bedeu⸗ tenden Einfluß, den er uͤberall geltend zu machen weiß. Ver⸗ ſchiedene Verhaͤltniſſe, vorzuͤglich aber einige Differenzen mit ſeinen Verwandten, veranlaßten den Prinzen vor einigen Jahren auf Reiſen zu gehen. Doch das Alles iſt Ihnen 217 bekannt; unbekannt aber iſt Ihnen, daß Pauline die Tochter des Prinzen war; außer den naͤchſten Vertrauten kennt bis dieſen Augenblick niemand das Geheimniß, wovon, wie Sie denken konnen, auch unſte theure Entſchlafene keine Ahnung haben konnte. Das ebenſo geheime als innige Einverſtaͤnd⸗ niß, in welchem beide, der Prinz und die nachmalige Graͤfin, einſt ſtanden, wurde zwar nie vernichtet, aber ſie ſahen ein⸗ ander doch bis auf wenige Ausnahmen nie wieder, nachdem die Graͤfin durch ihre Verwandten gleichſam gezwungen wor⸗ den, ihrem gegenwaͤrtigen Gemahl die Hand zu reichen. Im Laufe des erſten Jahres ihrer Ehe wurde Pauline gebo⸗ ren, welche alle, auch der Graf ſelbſt, fuͤr deſſen Tochter halten. So viel moͤge Ihnen vorlaͤufig genuͤgen. Sie ſehen aus all dem, daß Watkins nur deswegen ſo bedeutende Gel⸗ tung in dieſem Hauſe hat, weil er der Beauftragte des Prinzen iſt.“ „Und Alles dies durft' ich nicht fruͤher hoͤren?“ ſagte Heinrich.„Unſer Freund verfaͤhrt auf recht eigenthuͤmliche Weiſe; er verſchmäht es, mir ſeine Geheimniſſe ſelbſt zu ent⸗ decken und nur allmaͤlig darf ich dieſelben durch dritte Per⸗ ſonen erfahren. Vermuthlich wird auch die Graͤfin allerlei Eroͤffnungen zu machen haben.“ „Ich vermuthe dies nicht,“ entgegnete der Pfarrer. „Was Ihnen Watkins noch zu entdecken haben kann, wird er wohl der nächſten Zuſammenkunft mit Ihnen vorbehalten. Die Graͤfin aber iſt in nichts eingeweiht, außer was ſie ſelbſt betrifft. Sie hat Ihnen, wahrſcheinlich auf Wactkins aus⸗ 218 druͤcklichen Wunſch, jene Einladung nur geſendet, um den Zwieſpalt, den die letzten Familienereigniſſe veranlaßt, wieder auszugleichen und ſich mit Ihnen zu verſoͤhnen. Sollte ſie Ihnen freundlicher, herablaſſender und beſonders auch mit⸗ theilſamer erſcheinen, als Sie erwarten duͤrften, ſo muͤſſen Sie Alles der Geltung zuſchreiben, welche Watkins' Rath bei ihr hat.“—— Heinrich begab ſich am nämlichen Tage auf's Schloß und wurde in der That von der trauernden Graͤfin uͤberaus freundlich aufgenommen. „Ich danke Ihnen von Herzen fuͤr Ihren Beſuch,“ ſagte ſie,„denn ich ſehe daraus, daß Sie bereit ſind, die Scheidewand, welche traurige Verhaͤltniſſe zwiſchen uns ſtell⸗ ten, wieder fallen zu laſſen. Wir leiden beide aus gleicher Urſache und gemeinſames Ungluͤck pflegt ja leicht zur Ver⸗ ſohnung geneigt zu machen,— und der beſtr Freund unſers armen Kindes wird hoffentlich auch noch unſer Freund ſein.“ Eine ſolche Umwandlung der Anſichten wurde Heinrich fuͤr unmöglich gehalten haben; ſein heftiger Groll gegen die Familie war ohnehin durch die letzten Ereigniſſe und die ver⸗ ſchiedenen erhaltenen Nachrichten ſehr gemildert worden und das nunmehrige Benehmen der Graͤfin entwaffnete ihn vollends. „Indeß,“ fuhr ſie fort,„geh' ich vielleicht ſelbſt zu weit, wenn ich annehme, daß Sie uns uͤberhaupt in Folge der letzten Vorfaͤlle feindſelig geſinnt waren; ich muß viel⸗ ———— ——— mehr uͤberzeugt ſein, daß Sie die Umſtaͤnde ſehr wohl zu wuͤrdigen wußten und daß Sie, während Sie ſich in Ihrer Herzensangelegenheit gedrungen fuͤhlten, gegen uns zu han⸗ deln, doch zugleich anerkannten, wie auch wir unſterſeits nicht anders, als es geſchah, handeln mußten. Sie werden es gewiß billigen, daß ich all die vielfach ſchmerzlichen Ver⸗ haͤltniſſe ferner mit Schweigen uͤbergehe, inſoweit dies moͤg⸗ lich iſt. Nur die Verſicherung geſtatten Sie mir, daß ich Ihnen ſtets freundlich geſinnt geblieben bin und daß es nur traurige Nothwendigkeit war, welche mich zwang, Ihren Wuͤnſchen entgegen zu ſein. Auch iſt es mir erſt waͤhrend der letzten Tage unſter theuren Geſchiedenen deutlich gewor⸗ den, wie ſehr Sie von ihr geliebt waren. Aus einer Be⸗ merkung meines Sohnes kann ich ſchließen, daß Ihnen et⸗ was von den Motiven bekannt geworden iſt, welche eine Verbindung unſers Kindes mit Ollersdorf wuͤnſchenswerth machten; nur erſehe ich aus jener Bemerkung zugleich, daß nur eine ungenuͤgende Kunde jener Umſtaͤnde zu Ihnen ge⸗ langt ſein mußte, ſo ungenuͤgend, daß uns Unrecht geſchieht, wenn Sie Ihrem Berichterſtatter voͤlligen Glauben ſchenken wollen. Ich bitte Sie beſonders in dieſer Hinſicht um Ver⸗ trauen, Herr Berg; Sie koͤnnen unmoͤglich glauben, daß ich faͤhig geweſen waͤre, das Gluͤck meines Kindes einem bloßen Vorurtheil zu opfern.“ Heinrich haͤtte gar gern geſehn, wenn ſie von dieſem Gegenſtande abgegangen wäre. Ließ ſich da doch jetzt nichts mehr ändern und gut machen! Gleichwohl ſchien ihr viel 220 daran gelegen, den fatalen Punkt— den Verkauf Pauli⸗ nens— in einem minder unguͤnſtigen Lichte darzuſtellen und Heinrich ſah ſich genöthigt, noch eine Unzahl von Grun⸗ den und Beſchoͤnigungen anzuhoͤren, von deren Haltloſigkeit er nur zu ſehr uͤberzeugt war. „Ich habe,“ ſagte ſie, nachdem ſie ſich daruber gehoͤrig ausgeſprochen zu haben glaubte,„heut' einen Beſuch von Watkins erhalten. Auch uͤber ihn beklagen Sie ſich viel⸗ leicht und es thut mir leid, daß ich, obwohl ich Ihnen uͤber Ihren Freund vollkommene Auskunft zu geben vermoͤchte, doch zum Schweigen genoͤthigt bin. Sie muͤſſen Geduld mit uns Allen haben und was Watkins anlangt, ſo werden Sie, nach geſchehener Aufklaͤrung, die vielleicht in wenig Tagen erfolgt, ſicherlich ſelbſt geſtehen, daß er in gewiſſen Dingen verſchloſſen und zuruͤckhaltend ſein mußte.“ Heinrich glaubte ſich nicht zu irren, wenn er als gewiß annahm, daß die Grafin all ihre(hinſichtlich ſeiner auffal⸗ lend liberalen) Aeußerungen und Eröffnungen nicht aus freiem Antriebe gab, ſondern auf den Rath Watkins. Dieſer war jedenfalls mit vollgenuͤgenden Vollmachten vom Prinzen verſehn und ſeine Worte fanden vermuthlich deshalb beſon⸗ dere Beachtung, weil der Prinz ſelbſt nicht mehr fern war — wenigſtens hatte der Pfarrer darauf hingedeutet, daß man in den nächſten Tagen der Ruͤckkehr des Prinzen Mo⸗ ritz entgegen ſaͤhe: nämlich von Seiten ſeiner Vertrauten, denn derſelbe gedachte vorlaͤufig ein ſtrenges Incognito zu behaupten. Langer As eine Stunde war nun Heinrich bereits ein faſt ganz ſtummer Zuhoͤrer geweſen und er ſchoͤpfte neuen Athem, als die Grafin endlich begann:„Ich muß Sie um Entſchuldigung bitten, daß ich fuͤr die meinige ſo viel und ſo lange geſprochen habe. Es geſchah hauptſaͤchlich doch nur, um von Ihnen in keiner Weiſe mehr mißdeutet zu werden. Was meinen Gemahl und Alfred betrifft, ſo ſahen ſich dieſe genoͤthigt, ſogleich nach der Reſidenz zu fahren und waren ſomit leider abgehalten, Ihnen ſchon heute die⸗ ſelben Verſicherungen zu geben, welche Sie von mir bereits vernommen haben. Ich habe mich noch eines Auftrags zu entledigen, Herr Berg,“ fuhr ſie fort, indem ſie zu ihrem Schreibtiſch trat und ein verſiegeltes Packet herausnahm. „Als Vorwort dieſes Auftrags muß ich Sie benachrichtigen, daß wir uns entſchloſſen haben, in den nachſten Tagen Waldrode zu verlaſſen, um kuͤnftig in der Reſidenz zu leben. Wir haben dieſes Gut verkauft. Sie ſtaunen daruͤber— ich finde das natuͤrlich, denn es iſt mir wohlbekannt, daß man der Familie Waldrode ſtets nachzuſagen pflegte, ihr Stammbaum und ihr Wappen ſei ihr Gott, und ſomit mußten ſie auch wohl den alten Stammſitz beſonders werth halten. Allerdings muß ich geſtehn, daß meinem Gemahl dieſer Entſchluß ſchwer gefallen iſt; allein die Gruͤnde, die denſelben hervorriefen, waren zu wichtig. Nehmen Sie dieſe Papiere, Herr Berg, welche mir Wackins fuͤr Sie einge⸗ haͤndigt hat. Der weſentliche Inhalt derſelben iſt mir, zum Theil wenigſtens, bekannt. Vielleicht ſchon morgen wird mein Gemahl und Alfred, bevor wir gaͤnzlich Abſchied von —— —— Waldrode nehmen, noch einmal hieher zuruͤckkehren und ich bitte Sie, uns alsdann zu beſuchen.“ Sie hatte ſich bei den letzten Worten erhoben und Hein⸗ rich, der kaum wußte, was er von alldem denken ſollte, nahm nun Abſchied, ſehr begierig, zu erfahren, was das er⸗ haltene Couvert fuͤr ihn enthalten moͤchte. Drittes Kapitel. In ſeinem Zimmer im Gaſthof angekommen, loͤſte Heinrich ſogleich das Siegel des Packets, aus welchem ihm außer einem Briefe von Watkins noch mehrere Papiere ent⸗ gegenfielen. Jener lautete: „Wenn Sie dies Schreiben erhalten, werden Sie be⸗ reits durch unſte Freunde uͤber Das und Jenes aufgeklaͤrt ſein. Ich habe, wie Sie ſogleich finden werden, in Betreff Ihrer etwas eigenmaͤchtig gehandelt, hoffe indeß, daß Sie mir dies verzeihen und mit meinen Anordnungen zufrieden ſein wer⸗ den. Ich habe Ihnen fuͤr den Augenblick nur folgende Mit⸗ cheilungen zu machen. Noch am Todestage Paulinens kam ich nach D—, wenige Stunden ſpater, als Sie das Haus verlaſſen hatten. Ich konnte da zum Theil Zeuge von Sce⸗ nen ſein, welche zu mißlicher Art waren, als daß ich ſie naͤher ſchildern moͤchte. Der Baron, welcher ſich waͤhrend der Krankheit wenig um ſeine junge leidende Gemahlin gekuͤm⸗ mert und ſich meiſt außer dem Hauſe aufgehalten hatte, kam nun zuruͤck und zeigte ſeinen Mangel alles Gefuͤhls, die Roh⸗ heit ſeines Charakters ohne allen Ruͤckhalt. Wie geſagt, ich mag da nichts ſchildern und deute Ihnen nur die Urſachen der ſtattgehabten ſchlimmen Auftritte mit. Leider war ſo ziemlich begruͤndet, was Sie uͤber das Verhaͤltniß des Gra⸗ fen zum Baron erfahren hatten. Letzterer hatte ſich bereit erklaͤrt, einige Schuldſcheine, die er in Haͤnden hatte, zu vernichten und uͤberdies mit ſeinem Vermoͤgen auszuhelfen, um der Familie den Beſitz des tiefverſchuldeten Waldrode zu ſichern. Jetzt war der Helfer ploͤtzlich wie umgewandelt. Er hatte ſich mit einemmal des Schlechtern beſonnen, leiſtete die verſprochenen Vorſchuͤſſe nicht und drang im Gegentheil auf Zahlung— denn die Papiere, die er beſaß, waren be⸗ reits faͤllig. So verfuhr er bereits wenige Stunden nach dem Tode Paulinens. Ich trat als Vermittler auf— und meine Vermittlung ward angenommen, ſo ſchwer der Graf ſich auch fugen mochte. Die Umſtände waren zu drängend und er mußte ſich in Alles ergeben. Ich befriedigte den Baron, welcher ſogleich abreiſte, und ferner kauft' ich Wald⸗ rode. Sie werden ſich vielleicht wundern, daß ich der Fa⸗ milie nicht auf andre Weiſe meinen Beiſtand gewährte, daß ich ſie nicht im Beſitze des alten Stammſchloſſes ließ. Ab⸗ geſehn davon, daß ich die alten Stammſchloͤſſer nicht liebe, beſtimmten mich mehrfache Gruͤnde zu meinem Verfahren und uͤberdies wird der Graf von jetzt an jedenfalls ſorgen⸗ freier leben, als zeither. Genug, ich habe ſehr uͤberlegt und in beſter Abſicht gehandelt. Waldrode ward mein und ſchon „ 2²5 am folgenden Morgen war alles in gehoͤriger Form und Ordnung abgeſchloſſen. Das Gut iſt jedoch nur bis zu dem Augenblicke mein Eigenthum geweſen, in welchem Sie dieſe Senbung eroffneten. Unter den beifolgenden Papieren, welche Alles, was fur Sie hierbei noͤthig und zu wiſſen, enthalten, finden Sie eine Schenkungsurkunde. Ich trete Ihnen Waldrode ab, es iſt jetzt Ihr Eigenthum. Ich hoffe mit aller Zuverſicht, daß Sie dies Geſchenk eines Freundes nicht verſchmaͤhen und zuruͤckweiſen werden. Ich kenne Ihr We⸗ ſen und bedachte ſogleich, daß Sie meine Gabe annehmen wuͤrden, um dieſelbe, aus uͤbelverſtandenem Pietaͤtsgefuͤhl vielleicht, den alten Beſitzern ſogleich wieder zu uberlaſſen. Dies iſt jedoch durch mich unmoͤglich gemacht, denn ſelbſt fur den nicht denkbaren Fall, daß man ſich von jener Seite mit Ihnen wegen eines ſolchen Uebereinkommens zu verſtän⸗ digen bereit wäre,(man wird dies aber nicht ſein,) hab' ich Sorge getragen, um dergleichen im Voraus zu verhindern. Ich will Ihnen dabei geſtehn, daß es mir, abgeſehn von guten Gruͤnden anderer Art, auch des Gegenſatzes wegen Freude macht, Sie als Beſitzer von Waldrode zu ſehen:— der Proletarier— denn zu dieſer großen Klaſſe gehoͤrten Sie zeither doch— an der Stätte, wo bisher ein ſtolzes Adelsgeſchlecht waltete. Trotzdem wuͤnſcht' ich freilich, dies Schickſal haͤtte eine andere, als gerade dieſe Familie be⸗ troffen.. „Was Marie betrifft, ſo werd' ich mir es angelegen ſein laſſen, meinem armen kleinen Schuͤtzling glaͤnzende Ge⸗ nugthuung zu verſchaffen.“ . 15 226 Bei dieſer Stelle dachte Heinrich ſogleich:„Wofern ich mich dazu verſtehe und mir dieſes Gut anvertrauen laſſe, ſo muß Marie daſſelbe verwalten helfen. Daruͤber wuͤrde ſich Watkins nicht minder freuen: die arme Proletarierin an der Stätte gebietend, wo man ſie mit Schmach uͤberhaͤufte und verſtieß!“ Er ahnte nicht, welche Hinderniſſe der Ausfuh⸗ rung dieſes Planes entgegenſtanden. Der Brief aber lautete ferner: „Wenn ich einen Freund und Gleichgeſinnten im Beſitz von Waldrode ſehen wollte, ſo handelte ich nicht ganz un⸗ eigennuͤtzig. Es liegt naͤmlich mir nicht minder als dem Prinzen Moritz, von welchem Sie nächſtens noch Weiteres hoͤren werden, viel daran, daß ein wahrhafter Freund des Volkes jenen Sitz einnimmt. Prinz Moritz, welcher, wie Ihnen bekannt, in Folge ernſtlicher Differenzen mit ſeinen Verwandten ſeine Reiſen antrat, wird binnen kurzem zuruͤck⸗ kehren. Derſelbe hat, gemeinſchaftlich mit mir, einen Plan ausgebildet, welcher nun zur Ausfuͤhrung kommen ſoll. Er will, um mich dieſes Ausdrucks zu bedienen, eine Muſter⸗ gemeinde gruͤnden und hat dazu das Thal von Waldrode erleſen. Hier ſoll eine große Fabrik errichtet werden, in welcher jeder Arbeiter einen gerechten Theil an der Ein⸗ nahme erhaͤlt. Die uͤbrigen Fabrikbeſitzer werden dieſem Be⸗ ginnen freilich mit ſcheelen Blicken zuſehn; Sie werden jedoch bei näherer Einſicht des bereits entworfenen und umfaſſenden Planes ſelbſt finden, daß derſelbe erſtens ſehr wohl ausfuͤhr⸗ bar(wenn, wie hier, der Unternehmer mit Liebe, gutem Willen und uneigennuͤtzig an's Werk geht,) und daß in Folge 227 dieſes Unternehmens die vielen Blutſauger des Volkes von ſelbſt genoͤthigt ſein werden, billigen Wuͤnſchen Gehoͤr zu geben. Der Prinz wird ſich, jemehr er dabei den Beifall der Arbeiter erlangt, deſto zahlreichere Widerſacher in den hoͤhern Regionen zuziehen. Natuͤrlich. Aber wie einfluß⸗ 4 reich wird nicht das Beiſpiel ſein muͤſſen, welches er gibt! Sie wiſſen, wie gegenwaͤrtig der Stand der Dinge iſt. Ein Theil der Bevoͤlkerung ſteht auf dem Punkte, offenen Auf⸗ ruhr zu beginnen— es geſchieht nichts, um dem vorzu⸗ beugen, hoͤchſtens denkt man, im Nothfall Alles mit Ge⸗ waltmaßregeln zu unterdruͤcken. Unter dieſen Umſtaͤnden kann und muß es unberechenbare Folge haben, wenn ſich im kritiſchen Moment ein Prinz an die Spitze der Bewegung ſtellt.—„Das Vergangene,“ rufen die Stuͤrmiſchſten jetzt, „muß vergeſſen werden, es iſt der Verweſung anheimge⸗ geben; aber fur das Neue gilt es Kampf auf Leben und Tod.“— Wir wollen hoffen, daß uns alles Neue, was gut iſt, auch ohne einen Kampf auf Tod und Leben wird. Alle Ausſicht iſt vorhanden, daß jener Wunſch ſich erfulle, wenn der Prinz im rechten Augenblick auftritt und die Sache des Volks zu der ſeinigen macht. Aller Herzen werden ihm dann entgegenſchlagen und Alles, was uns jetzt noch gerechte Beſorgniß einfloßt, der drohende, durch Gewalt und Blut⸗ vergießen bezeichnete Aufruhr, wird von ſelbſt unterbleiben. — Ich ſtimme in jeder Hinſicht mit den Anſichten des Prinzen uͤberein und habe mit ihm, wie geſagt, den Plan fur eine hier zu gruͤndende, nach gerechten Grundſätzen zu organiſirende Arbeitergemeinde entworfen. Daß Alles dies 5 uͤberhaupt, beſonders aber die Theilnahme des Prinzen, bis jetzt ein ſtrenges Geheimniß bleiben mußte, werden Sie ganz natuͤrlich finden; und da ich, wie Sie nun ſehn, nicht fuͤr mich allein handelte, ſo werden Sie ſich ferner nicht uͤber meine Zuruͤckhaltung und Verſchloſſenheit beklagen. Ich habe, dies geſtehen Sie jetzt ſicherlich zu, ich habe Sie kei⸗ neswegs, wie Sie oͤfters argwoͤhnten, zu einem blinden Werkzeug machen wollen— Sie dienten nur Ihren eignen Zwecken, waͤhrend Sie die meinigen unterſtuͤtzten. Wahr iſt allerdings, daß Sie der Sache ſehr viel genuͤtzt haben, ohne dies ſelbſt immer zu wiſſen;— der Schleier des Ge⸗ heimniſſes war aber auch durchaus nothwendig wegen mei⸗ nes Freundes, des Prinzen Moritz. Hatten die Gegner nur die leiſeſte Ahnung, daß derſelbe in einem andern als ihrem Sinne hier wirkſam ſei, ſo wuͤrden ſie natuͤrlich jedes Mittel angewendet haben, um Alles zu hintertreiben, und es iſt gewiß, daß ihnen dies nur zu leicht gelungen ſein wuͤrde. Unſer Plan geht beſonders dahin, einen gluͤcklichen Zuſtand des Volkes ohne Gewaltmaßregeln anzubahnenz; an Macht und an Mitteln fehlt es uns nicht und es iſt nur ſchlimm, daß das Volk jetzt durch wohlmeinende aber leider etwas rohe Fuhrer mißleitet wird. Die Gegner nuͤtzen dies; aber das Auftreten des Prinzen wird hoffentlich im Stande ſein, Alles zum Beſten zu lenken.— Mich ſehen Sie in den allernaͤchſten Tagen wieder, Heinrich, und es werden daher von heut' an auch keine Berichte mehs noͤthig ſein. Behaupten Sie Ihre Ruhe und Feſtigkeit, und vor allem auch Unbefangenheit, die uns ganz beſonders noͤthig 229 iſt, denn es kommt Alles darauf an, daß Allen ihr Recht 1 werde.“—— So karg im Grunde dieſe Mittheilungen ſein moch⸗ ten, ſo waren ſie doch hinreichend, um Heinrich nunmehr ſeine eigne, wie die Stellung ſeiner Freunde raſch uͤber⸗ blicken zu laſſen. Dies war um ſo noͤthiger, als zu ruhi⸗ gem Sinnen und Forſchen keine Zeit mehr uͤbrig war. Viertes Kapitel. Während Heinrich auf ſolche Weiſe aufgeklaͤrt wurde, nahm die Verwirrung, nicht nur in den nähern Umgebungen von Waldrode, ſondern auch in den meiſten uͤbrigen Fabrik⸗ diſtrikten des Landes, ſtuͤndlich mehr zu und vermuthlich war es eben der Umſtand,— nämlich daß die Unzufriedenheit allgemein und daß allenthalben ein Ausbruch derſelben zu gleicher Zeit drohte,— welcher die Regierung bisher an energiſchem Entgegenwirken verhindert hatte. Man furchtete, allzuviel zu wagen. An demſelben Tage, wo Heinrich der Beſitzer von Waldrode wurde, hatte der Juſtizminiſter eine lange, ge⸗ heime Conferenz mit dem Arzt. „Meine Berichte haben ſich noch ſtets bewaͤhrt, wie Ew. Excellenz ſehr wohl wiſſen,“ ſagte er,„und ich bin auch diesmal wohl unterrichtet.“ „Irren iſt menſchlich, Herr Doktor. Beſinnen Sie ſich, wie viel Sie von jener Englaͤnderin erwarteten, deren 231 Unbedachtſamkeit uns nachher ſo viel zu ſchaffen gemacht hat“ „Dies war ein Fall und der einzige. Ich bin ſonſt ſtets ſicher gegangen und diesmal ſicherer denn je. Ich ver⸗ rechne mich nicht zweimal und der Fehlgriff hinſichtlich der Eliſabeth Warren hat mich fuͤr alle Zeit klug gemacht. Lei⸗ der bin ich nun erſt zu meinem Nachtheil an ſie erinnert worden, denn nur ſie kann meinen Wirkungskreis verrathen haben und zwar, wie ich vermuthe, unmittelbar vor ihrem Tode an Heinrich Berg, in welchem ſich Ew. Epcellenz auch geirrt hatten. Ich weiß, daß er, unmittelbar bevor ſie ſtarb, noch bei ihr geweſen iſt. Ich wuͤnſchte nur, Ew. Excellenz haͤtten laͤngſt bie Verhaftung Bergs, Wolfs und des Pfar⸗ rers in Waldrode verfuͤgt“— „Das konnte zeither nicht geſchehn. Wir duͤrfen den Prinzen Moritz nicht offen beleidigen. Dies geſchähe aber wenn wir die Perſonen verhafteten, die er ausdruͤcklich in ſei⸗ nen Schutz genommen hat. Ueberdies iſt ſeine nahe Ruͤck⸗ kehr in Ausſicht geſtellt— dies verhindert uns an jeder auffalligen Maßregel gegen Watkins und ſeine Genoſſen.“ „Darf ich meine Anſicht ausſprechen,“ erwiederte der Arzt,„ſo iſt jetzt der guͤnſtigſte Zeitpunkt— aber auch die hoͤchſte Zeit!— um gegen jene Perſonen einzuſchreiten. Ich habe zeither das unbedingte Vertrauen jener zu Aufruhr und Tumult Verbuͤndeten gehabt. Ich habe jenen Amerikaner Schritt fur Schritt aufmerkſam beobachtet. Er beſitzt Men⸗ ſchenkenntniß und Scharfblick und wußte ſtets die tauglichſten 232 Subjekte zu Ausfuͤhrung ſeiner Pläne zu finden. So war's auch mit Heinrich Berg, von welchem ſich alle Uebrigen nur wenig verſprachen, waͤhrend er ſich jetzt als treueſter Anhaͤn⸗ ger Watkins' und ſeiner Sache bewaͤhren wird. Alles aber, was letzterer unternahm, geſchah doch nur im Auftrage des Prinzen und Alles dies kann jetzt noch durch einen raſchen Handſtreich vereitelt werden. Wartet man jedoch, bis der Prinz ſelbſt auftritt, ſo iſt die Sache mißlich. Alles, was uns entgegen, wird ſogleich fuͤr den Prinzen ſein, und Ew. Epcellenz wiſſen, daß uns gegenwaͤrtig ſehr viel entgegen iſt. Dieſen Augenblick laͤßt ſich noch Alles abwenden.“ „Da ſind wir gebunden. Thun Sie Ihre Pflicht, Doktor, und erinnern Sie ſich in jedem Falle, daß wir die ernſteſten Maßregeln nicht eher anwenden, als bis es wirk⸗ lich zum Aeußerſten gekommen iſt. Haben Sie keine genaue Kunde, wenn der Prinz zuruckkehren wird? Sie aͤußerten die Vermuthung, daß er ſich bereits in Belgien aufhalte?“ „Prinz Moritz verfuhr in allem, was er unternahm, mit ſo großer Vorſicht, daß man ſelbſt dann, wenn man Ge⸗ wißheit hat, nur Vermuthungen zu äußern wagen moͤchte“— „Genau eine ſolche Vermuthung hab' ich auch.— Waos meinen Sie?“ Der Arzt war hier in einiger Verlegenheit. Gar zu gern haͤtte er die„Vermuthung“ des Miniſters vernommen, bevor er die ſeinige äußerte. Scheinbar ſehr ruhig, pruͤfte er doch insgeheim mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit die Miene des Miniſters; allein da konnte jetzt der ſchaͤrfſte Blick nichts 233 erforſchen. Er zoͤgerte behutſam mit ſeiner Antwort. Nur Eines wußte er beſtimmt, ohne daß es ihm geſagt worden war: naͤmlich daß die Ruͤckſicht gegen Prinz Moritz und die Schonung die man deſſen Freunden bewies, eine erheuchelte und nur ſcheinbare war; er wußte, daß man gar gern gegen den Prinzen ſelbſt die entſchiedenſten Maßregeln— die der Gewalt— angewendet haͤtte, wäre die oͤffentliche Meinung nicht zu fuͤrchten geweſen. Jener Prinz, auf welchen das Volk viele Hoffnungen baute und den ſeine Verwandten und die Regierenden in gleichem Grade fuͤrchteten, war— das wußte man— entſchloſſen, ein Mann des Volkes zu wer⸗ den, wie ſeit Jahrhunderten kein Fuͤrſt es geweſen. Kam er unter dermaligen Zeitumſtänden zuruͤck, ſo mußten die Ideen der neuen Zeit ſiegen, und alle Bollwerke des Alten, Bureaukratie, Prieſtergewalt, Alles dem Aehnliche mußte ohne Erbarmen ſtuͤrzen. Ja, man wuͤnſchte daher nicht nur, den Prinzen fern zu halten, man war ſogar entſchloſſen, ihn, wenn er heimkehrte, durch jedes Mittel unſchaͤdlich zu machen. Aber dieſen Entſchluß äußerte man nicht, man heuchelte, wie geſagt, gefliſſentlich die ruckſichtsvollſte Schonung, um ſich in keinem Falle vor der gefuͤrchteten offentlichen Meinung, vor dem aufgebrachten, jetzt zu allem faͤhigen Volke bloszu⸗ ſtellen. Alles dies war dem Arzte wohlbekannt und er wußte ſehr gut, wie er ſeine Rolle ſpielen mußte. Er war eines Lohnes verſichert, um deſſen Erwerbung willen er be⸗ reit war, noͤthigenfalls alle Schmach und Schuld auf ſich zu nehmen. Seine Rolle erforderte aber Kunſt und Schlau⸗ heit. Wenn ſein Patron ihm ſagte:„Wir muͤſſen den 234 Prinzen und ſeinen Anhang ſchonen,“ ſo mußte der Arzt genau zu unterſcheiden wiſſen, was dies bedeutete und er ſah, ohne dies irgend aͤußern zu duͤrfen, ein, daß es hier weiter nichts bedeutete, als: Einſtweilige Schonung, Scho⸗ nung vor der Welt, aber die entſchiedenſte Bekaͤmpfung, Unterdruͤckung und Strafe insgeheim. Darin war er mit ſeinen Gebietern ſtillſchweigend voͤllig einverſtanden. Jetzt kam aber der Moment näher, wo ſeine Verantwortlichkeit eine rieſengroße werden konnte und er wuͤnſchte daher, ge⸗ nauer zu ſondiren. Es war eine gar zu ſchwierige Aufgabe, Auftrage und Befehle von ſeinen Obern nur zu errathen, nicht förmlich in klaren Worten zu hoͤren. „Meine Vermuthung,“ ſagte er nun,„iſt, daß ſich Prinz Moritz jetzt nicht mehr in Belgien, ſondern bereits in unſerer Naͤhe befindet.“ Im ſcharfen Beobachten war er Meiſter, wenn es darauf ankam, und er war jetzt uͤberzengt, daß der Mini⸗ ſter jene Kenntniß ebenfalls ſchon hatte. Einige weitere Aeußerungen und Fragen belehrten ihn ferner, daß man ihm eine Vollmacht ertheilte, ſtillſchweigend wie alle fruͤ⸗ hern— eine Vollmacht, auf die er ſich nie berufen konnte;— allein er war ſeines Lohnes verſichert und daher auch entſchloſſen, jeden ſtillſchweigenden Auftrag zu vollziehn. Welcher Art dieſer Auftrag war, dies wußte er bereits aus fruͤhern Winken des Miniſters. um ſich voͤllig zu vergewiſſern, daß der Miniſter von gewiſſen Um⸗ ſtanden hinreichend unterrichtet ſei und daß kein Mißver⸗ ſtaͤndniß ſtattfinden koͤnnte, fragte er endlich: 235 „Ew. Ercellenz ſind alſo entſchloſſen, im außerſten Falle gegen Watkins die ernſteſten Maßregeln anzuwenden?“ „Im aͤußerſten Falle!“ „Und ich habe wohl nicht noͤthig, zu fragen, daß ich hiermit beauftragt bin, in beſagtem Falle das Meine zum Vollzug jener Maßregeln beizutragen?“ „In jedem Falle thun Sie Ihre Pflicht, Doktor!“ Der Arzt biß ſich auf die Lippen. Er verſtand ſehr gut, was die vieldeutige Antwort ſagen wollte; allein er ärgerte ſich, daß man ſo unbeſtimmt antwortete. „Thun Sie Ihre Pflicht!“ wiederholte der Miniſter, als jener ſchwieg. Zugleich gab die Epcellenz das Zeichen der Entlaſſung und der Arzt entfernte ſich. Es war ſpäter Abend, denn nur im Dunkeln durfte er den Gebieter be⸗ ſuchen, um keinen Argwohn zu erregen oder den ſchon er⸗ wachten wenigſtens nicht zu nähren. „Ein verteufelter Schlaukopf!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, waͤhrend er, den Hut tief im Geſicht und dicht in den Mantel gehuͤllt, auf Umwegen ſeine Wohnung ſuchte.„Er weiß ſo viel oder vielleicht mehr als ich und ſucht ſich und die Seinen in jedem Falle ruͤckenfrei zu machen. Ich ſoll Alles thun, ich, das Werkzeug. Aber ſie ſollen ihren Mann an mir finden!“ Wie anders war dieſer Menſch jetzt, wo er un⸗ beobachtet, mit ſich allein, uͤber einem ſchwarzen Plane bruͤtete. Das war nicht jener geſchwaͤtzige, beſchraͤnkte 236 Pedant, den Heinrich kennen gelernt hatte; auch nicht der halb offen herausſprechende, halb kriechend gehorſame Die⸗ ner des Miniſters; es war ein egoiſtiſcher Schurke, der um einen Haufen Gold kein Bedenken hat, eine Unthat zu be⸗ gehen— ein Schurke, wie ihn die Regierung dieſes Landes leider brauchen konnte. Fünftes Kapitel. In den nächſten Tagen draͤngten ſich die Ereigniſſe. Die Arbeiter hatten ſich foͤrmlich organiſirt und Fuͤhrer er⸗ waͤhlt, und das Militaͤr, welches bereit ſtand, wartete noch immer des Befehles, die Rebellen anzugreifen und ausein⸗ ander zu jagen. Heinrich hatte ſich bei der betreffenden Behorde ange⸗ meldet, um zu bezeugen, daß Marie jenen Ring von ihm erhalten hatte und daß Eliſabeth vor ihrem Ende ſich aus⸗ drucklich als die allein Schuldige bekannt. Er mußte ſeine Ausſage durch einen Eid bekräftigen und ward mit der Verſicherung entlaſſen, daß das Erforderliche ohne Verzug geſchehn wuͤrde. Das Gericht ſchien bereits unterrichtet und Heinrich fand nicht die geringſte Schwierigkeit bei der An⸗ gelegenheit. Um ſo mehr Schwierigkeit machte es ihm, Waldrode wieder zu erreichen, wo ſeit vierundzwanzig Stunden die gräfliche Familie wieder eingetroffen war. Heinrich war — 238 willens, heute das Schloß zu beſuchen, um die fruͤhern Be⸗ ſitzer, die nur einige Tage hier zu weilen gedachten, zu ſehn und— weil Watkins es wuͤnſchte— womoglich ein gutes Vernehmen mit denſelben wieder herbeizufuͤhren. Je näher er indeß dem Orte kam, um ſo mehr wurde ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit durch ganz andre Dinge in Anſpruch genommen. Der Tumult war, ebenſo wie gleichzeitig an vielen andern Orten, endlich ausgebrochen. Man hoͤrte noch die Sturm⸗ glocken laͤuten und die ziemlich geordneten Schaaren der Auf⸗ ruͤhrer verſtärkten ſich mit jedem Augenblicke. Heinrich hatte ſchießen hoͤren und vermuthete, daß einige hundert Schritt vor ihm ein Gefecht ſtattgefunden haben muͤſſe; nur verbarg ihm ein Waldchen den Kampfplatz noch. Seine Vermu⸗ thung beſtaͤtigte ſich. Jenſeit des Waͤldchens begegnete er einem Manne, von welchem er erfuhr, daß eine kleine Mili⸗ tärabtheilung in einem nahen Hohlweg von einer Arbeiter⸗ ſchaar angegriffen und verjagt worden war. Aber auch einige der Arbeiter waren in dieſem Gefecht gefallen und als Hein⸗ rich den Kampfplatz erreichte, ſah er noch mehrere der Auf⸗ ruͤhrer bei ihren gefallenen Bruͤdern beſchäftigt. Einer der Gefallenen war Wilhelm. Kaum moͤchte jetzt irgend etwas im Stande geweſen ſein, in Heinrich ſo wehmuͤthige Gefuͤhle zu erwecken, als der Anblick dieſes Armen, den der Tod nun von allem Leid erlöſt hatte— auch von ſeinem Kummer um Marie. Hein⸗ rich bereute es, den Unglucklichen nicht waͤhrend der letzten Tage aufgeſucht zu haben— die Nachricht, daß Marie ſchuldlos und daß ihre Befreiung nahe, haͤtte ihn vielleicht 239 von der Theilnahme an dieſem unbeſonnenen Kampfe abge⸗ halten, durch welchen nichts erreicht werden konnte.— Man hatte nicht genug Zeit, die Todten mit hinwegzunehmen und ſo begnuͤgte man ſich, dieſelben fuͤr den Augenblick im nahen Gebuͤſch niederzulegen. „Aber wuͤrde ihn die Kunde von Mariens Rechtferti⸗ gung auch gluͤcklicher gemacht haben?“ fragte ſich Heinrich, welcher nun gleichfalls ſeinen Weg fortſetzte.„Der arme Burſche haͤtte nur neuen Kummer gefunden, denn Marie“— er ſetzte ſein Selbſtgeſpraͤch nicht weiter fort. Er war aber bereits feſt entſchloſſen, Marien, zu welcher die einſt ſchnell erkaltete Neigung jetzt um ſo waͤrmer erwachte, ſeine Hand anzubieten. Je mehr die Unſchuldige in den Augen der Welt mit Schmach belaſtet worden, um ſo angelegentlicher wollte er ſich es ſein laſſen, ihr ſeine Liebe und Achtung auf die glaͤnzendſte Weiſe zu bekunden. Im Dorfe fand er Alles in Alarm. Mehrere tauſend kampfluſtige Maͤnner waren hier verſammelt, die Anfuͤhrer hielten Reden und beriethen die zunachſt zu thuenden Schritte. Alles ſah ſehr drohend aus, auch fuͤr die Arbeiter, denn man wußte, daß noch am naͤmlichen Tage mehrere Tauſend Mann Truppen eintreffen wuͤrden. Im Gaſthofe fand Heinrich den Pfarrer, welcher mehrere der Rädelsfuͤhrer um ſich verſammelt hatte und ſich alle Muͤhe gab, ſie von Ge⸗ waltſchritten, wenigſtens fur den Augenblick, zuruͤckzuhalten. So viel jedoch ſonſt ſein Wort auch galt, ſo vermochte er die erbitterten Maͤnner doch nicht zu bewegen, mit ihren Kame⸗ raden nach Hauſe zu gehen, und nur das Verſprechen erhielt 24⁴⁰0 er, daß man nichts gegen die Wohnungen der Bedruͤcker unternehmen, beſonders auch die Maſchinen in den Fabriken nicht zerſtoͤren wollte.„Wenn euch bis heute,“ ſagte er, „die Maſchinen keinen Segen gebracht haben, ſo bedenkt doch, daß in Zukunft all euer Heil darauf beruht.“ Hier und da waren ſchon dergleichen Zerſtoͤrungen vorgekommen und die zuſammengerotteten Arbeiter furchteten ſich jetzt ganz mit Recht, auseinanderzugehen. „Ich habe Sie den ganzen Tag geſucht und ſuchen laſ⸗ ſen, Herr Berg,“ ſagte der Pfarrer dann zu Heinrich. „Watkins war hier und haͤlt ſich auch noch in der Naͤhe auf. Er laͤßt in vielen tauſend Exemplaren ein Manifeſt verthei⸗ len, worin er die Unzufriedenen auffordert, ſich gegenwaͤrtig ruhig zu halten und jede Gewaltthat zu vermeiden. Dieſes Manifeſt iſt mit keinem Namen unterzeichnet, enthaͤlt aber, fuͤr Alle die es leſen deutlich genug, die Andeutung, daß es nur die Wuͤnſche und Abſichten des Prinzen Moritz ver⸗ oͤffentliche, welcher eintreffen werde, um zwiſchen Volk und Regierung als Vermittler aufzutreten und in Zukunft nur fuͤr gruͤndliche Verbeſſerung der Lage der„arbeitenden Klaſ⸗ ſen“ zu arbeiten. Es enthaͤlt das Verſprechen, daß zunaͤchſt hier auf Koſten eines„dem regierenden Fuͤrſtenhauſe nah⸗ verwandten“ Mannes Fabriken nach dem Wunſch und dem Beduͤrfniß der Arbeiter errichtet werden ſollen— Fabriken mit Bildungsvereinen verbunden, zu deren Benutzung der Arbeiter bei ausreichendem Verdienſt Zeit genug erhalten ſoll— Fabriken, die durch ihre Concurrenz die uͤbrigen im Land bald noͤthigen werden, aͤhnliche Einrichtungen zu treffen. — — 241 Der Kampf der Proletarier gegen die reichen Egoiſten, ſagt er, iſt eine Nothwendigkeit. Er will aber beweiſen, daß keine metallenen Waffen nothig ſind, um dieſen Kampf ſieg⸗ reich durchzufuͤhren. Sie werden das Blatt, welches in Inhalt und Form ſeines Gleichen ſucht, leſen, Heinrich, und dann werden Sie ſo gut wie ich dem Verfaſſer vollkommen beipflichten. Mir liegt nun Alles daran, dieſe hier verſam⸗ melten Schaaren wenigſtens von offenſiven Schritten abzu⸗ halten; ich bin uͤberzeugt, daß jenes Manifeſt Wunder wir⸗ ken und dieſe tollen Leute vernuͤnftig machen wuͤrde. Allein es iſt noch nicht hier angekommen, obwohl Watkins eine Sendung verheißen hat.“ Heinrich verſprach, ſich noch heute beim Pfarrer wieder einzufinden. Fuͤr den Augenblick bedurfte er der Ruhe. Er begab ſich nach ſeinem Zimmer, um nach einigen Stunden, wie er ſich vorgenommen, die Schloßbewohner zu beſuchen. Unterdeſſen beſtrebten ſich der Pfarrer und einige Freunde vergebens, ihren Einfluß auf die Maſſe geltend zu machen. Man fand die lange Stille und das ewige Harren unertraͤg⸗ lich und ſo marſchirten alle Verſammelten, mit Ausnahme der diesmal verachteten Friedensprediger, aus dem Dorfe, um den Truppen entgegen zu gehen und dieſelben an einer geeigneten Stelle ploͤtzlich zu uberrumpeln. Kaum hatten ſie das Dorf geräumt, als von entgegengeſetzter Seite eine ſtarke Truppenabtheilung einzog. Heinrich war im Begriff, ſeinen Weg nach dem Schloſſe anzutreten, als er ſelbſt einen nicht erwarteten Beſuch er⸗ hielt: eine von Militar begleitete Gerichtsperſon. Er war II. 16 es jedoch nicht allein, dem dieſer uͤberraſchende Beſuch ward. Gleichzeitig wurde, ebenſo wie Heinrich, der Pfarrer ver⸗ haftet und daſſelbe Schickſal traf Wolf, der ſich damals in der Stadt aufhielt, und einige andre Perſonen, welche mit Watkins befreundet waren. Auffaͤllig war nur, daß man den letztern ſelbſt frei umhergehn ließ, ſelbſt nachdem er ſein Manifeſt wirklich verbreitet hatte. Der gluͤckliche Zu⸗ fall, vielleicht auch die Inſtruktion der Offiziere, hatte an jenem Tage einen neuen Kampf verhuͤtet, und jenes Mani⸗ feſt wirkte nun in der That Wunder, wie der Pfarrer vor⸗ ausgeſagt hatte. Ebenſo auffaͤllig war das Verfahren gegen die Ver⸗ hafteten. Man ließ ſich in keine lange Unterſuchung ein, ſondern ſtellte nur die Frage an ſie, ob ſie bereit waͤren, freiwillig das Land zu meiden und nach Amerika auszu⸗ wandern. Was im Weigerungsfalle geſchehen wuͤrde, ſahen die Gefangenen von ſelbſt voraus: es ſtand alsdann eine jahrelange, vielleicht lebenslaͤngliche Haft in Ausſicht. Wolf war trotzdem der Einzige, welcher ſich verpflichten konnte, binnen zwei Wochen jenen Weg anzutreten. Schon am dritten Tage der Haft wurde Heinrich (und ebenſo den Andern) ein noch weit mehr auffaͤlliger Antrag geſtellt, welchem ſich Alle ſofort fuͤgten. Sie wur⸗ den auf Handgeloͤbniß und unter der Bedingung ſich uͤber eine gewiſſe Weite nicht zu entfernen, und ebenſowenig ſich bei revolutionaͤren Bewegungen zu betheiligen, ent⸗ laſſen. Niemand begriff dieſes Poſſenſpiel, außer die Re⸗ gierenden, auf deren Befehl es ſtattfand, und die Vertrau⸗ ten derſelben, z. B. der Arzt. Man hielt es fur gut, recht verſchwenderiſch mit Nachſicht und Schonung zu ſein;— ſo iſt Milde ſchon oft zum Deckmantel der grauſamſten Haͤrte genuͤtzt worden. Die Freigelaſſenen konnten ſich dieſer Freiheit wenig freuen, da ſie doch uberzeugt ſein mußten, daß man ſie auf jedem Schritte beobachten wuͤrde. Ehe Heinrich die Stadt verließ, traf er mit Watkins zuſammen, welcher ebenſo, wie jener, im Begriff war, nach Waldrode zu fahren.„Ich habe ausdrucklich Ihre Freilaſſung, die ich vorausſah, er⸗ wartet,“ ſagte er,„denn es lag mir daran, den Weg ge⸗ meinſam mit Ihnen zu machen. Der Graf iſt mit den Seinigen nur heute noch in Waldrode, denn morgen wird das Schloß von den alten Beſitzern fuͤr immer geraumt.“ „Und glauben Sie wirklich,“ fragte Heinrich,„daß ich jenen durch meine Gegenwart nicht weh thun werde? Unmoͤglich können ſie doch ihre Sinnesweiſe ſo ſehr veran⸗ dert haben oder ſich ſo gaͤnzlich verlaͤugnen, um nicht den gegenwaͤrtigen Wechſel der Dinge auf das Schmerzlichſte zu empfinden.“ „Beſorgen Sie nichts,“ entgegnete Watkins.„Ich bin keineswegs ſchonungslos gegen den Grafen und die Seinen verfahren. Es ſind ihnen Ausſichten eroͤffnet, durch welche ſie ſich hinreichend entſchaͤdigt fuͤhlen. Dies gilt vom Grafen und von Alfred; die Graͤfin ſieht den Verluſt Waldrodes ohnehin mit Gleichmuth. Der alte Graf, 16* 244 welcher auch meine Verhaftung im Anzuge ſah, hat ſogleich eine Erklaͤrung in Betreff meiner abgegeben und ſich zu jeder Buͤrgſchaft erboten. Er fuͤhlt ſich gluͤcklich in dem Wahne, noch einen ungeheuren Einfluß zu beſitzen, denn er bildet ſich wirklich ein, daß ich meine Freiheit nur ſei⸗ nem Fuͤrwort verdanke. Aber laſſen Sie uns eilen, Hein⸗ rich. Ich denke, Sie werden bald all Ihre Freunde wie⸗ derſehn und in Waldrode warten noch einige Ueberraſchun⸗ gen auf Sie.“ Sechſtes Kapitel. In Waldrode fand es Heinrich ganz, wie Watkins angedeutet hatte. Er wurde herzlich empfangen und bemerkte nicht den leiſeſten Schatten des Mißmuths. Dies wuͤrde wunderbar geweſen ſein, haͤtte er ſich die Sache nicht ſchon von ſelbſt zu erklaͤren gewußt. Man war genuͤgend unter⸗ richtet, daß Watkins keineswegs aus eigner Macht handelte, man wußte, daß derſelbe vielmehr in Allem nur den Willen des Prinzen Moritz erfuͤllte, und man hoffte, ja man war uͤberzeugt, daß dieſer Prinz, der jetzt uͤberhaupt als präſum⸗ tiver Thronerbe betrachtet werden konnte, es ſich angelegen ſein laſſen wuͤrde, die Familie fuͤr jeden Verluſt bei ſeiner Ruͤckkehr zu entſchaͤdigen und den alten Glanz des Hauſes auf andere Weiſe wieder herzuſtellen. Auch Wolf und der Pfarrer waren bereits in Wald⸗ rode eingetroffen und der erſtere hatte nun bereits den Tag ſeiner Abreiſe feſtgeſetzt. Um ſo auffaͤlliger mußte die ploͤtz⸗ liche Freilaſſung dieſer Gefangenen ſein, da die Gegend noch 246 keineswegs beruhigt war. In den uͤbrigen Fabrikdiſtrikten waren die„Rebellen“ zwar allenthalben wieder an die Arbeit zuruͤckgekehrt, obwohl man immer neuen Ausbruͤchen der Unzufriedenheit entgegenſehn mußte; im Thal von Waldrode jedoch feierte noch Alles. Man ſtudirte hier eifrig das(wie man feſt uͤberzeugt war, vom Prinzen ausgegangene) Mani⸗ feſt, und uberdies ſchienen die Leute, trotz der Arbeitsloſigkeit, nicht mehr als fruͤher zu darben. Offenbar floß ihnen aus unbekannten aber reichen Quellen Unterſtuͤtzung zu. Auch war eine große Anzahl von Handarbeitern bereits bei den Vorarbeiten bedeutender Bauten— der kuͤnftigen Fabrikge⸗ baͤude— in der Naͤhe des Dorfes beſchaͤftigt. In einem der Zimmer auf Waldrode, welche Watkins jetzt bewohnte, fand Heinrich verſchiedene Plaͤne und Entwuͤrfe bezuglich des großartigen Unternehmens vor und Watkins gab ihm zu ver⸗ ſtehn, wie er's ſehr gern ſehn wuͤrde, wenn ſich Heinrich hierbei thaͤtig zeigen wollte. Man wußte uͤbrigens, daß gegen das beabſichtigte und ſchon begonnene Unternehmen von Sei⸗ ten der alten Fabrikherren bereits zahlreiche Beſchwerden bei der Regierung eingelaufen waren. Alle außer Watkins waren am Nachmittag verſammelt und Heinrich uͤberzeugte ſich, indem er die Grafen beobachtete, immer mehr von dem gewaltigen Einfluſſe, welchen die ſicher erwartete Protektion des Prinzen hier äußerte— Obwohl im Begriff, auf immer Abſchied von dem werthgehaltenen Stammſitze zu nehmen, waren Vater und Sohn— die Graͤfin ohnehin— ſo heiter, als es das noch friſche Anden⸗ ken an den Tod ihrer Tochter und Schweſter nur geſtatten konnte. Nach einiger Zeit geſellte ſich auch Watkins wieder zur Geſellſchaft. „Es hat ſich,“ ſagte er,„ſo guͤnſtig gefuͤgt, daß wir im Stande waren ein ſchweres Unrecht gut zu machen, ſo unſchuldig wir ſelbſt auch daran ſein mochten. Ich ſpreche von der ungluͤcklichen, Ihnen Allen bekannten Marie. Sie iſt frei. Seit dieſem Morgen, wo ſie hier ankam, hielt ſie ſich bei der Familie des Gaſtwirths auf und ich bin jetzt im Begriff, ſie in dieſem Kreiſe einzufuͤhren, wo ſie gewiß die herzlichſte Theilnahme finden wird.“ Waͤhrend die Uebrigen allerdings große Theilnahme an den Tag legten, ſchienen die beiden Grafen doch in bedeu⸗ tender Verlegenheit. Alfred ſchwieg. Der alte Graf allein wagte das Wort zu ergreifen. „Aber, Herr Watkins— bedenken Sie— die Ver⸗ haͤltniſſe— bedenken Sie, welchen Ort jenes Maͤdchen ſo⸗ eben verlaſſen hat“— „Ich verſichere, daß ich gerade alles dies ſehr wohl be⸗ denke. Es iſt unſre Pflicht, ihr, die ſo vieles unſchuldig erdulden mußte, zu verguͤten, inſoweit es in unſter Macht ſteht.“ „Thue man ihr doch alles Gute— ich will ſelber das Meine beitragen, ihr eine ſorgenfreie Lage zu verſchaffen“— antwortete der Graf;„gllein eine perſoͤnliche Zuſammenkunft — nachdem ſie die entehrendſte Strafe erduldet“— „Da ruht die Schmach nicht auf ihr,“ erwiederte Wat⸗ kins,„ſondern auf unſern geſellſchaftlichen Umſtaͤnden, welche Uebelſtaͤnde ſind; auf jenen Unſitten, die wir, verſchroben 248 genug, Sitten nennen. Herr Graf, ich will nicht mit Ihren Anſichten rechten. Sie ſind in denſelben erzogen worden, zum Mann erwachſen und nun dem Greiſenalter nahe ge⸗ kommen. In meinen Augen iſt es freilich Vorurtheil, wenn Sie von Ihren ererbten Begriffen nicht abgehen mogen; aber wie geſagt, ich bedenke die Verhaltniſſe und verlange daher auch nicht, daß Sie ſich ploͤtzlich jungere Anſichten aneignen. Zum Gluͤck bin ich im Stande, Ihre Skrupel zu beſchwich⸗ tigen, wie ich wenigſtens hoffe. Wiſſen Sie denn, daß Prinz Moritz ſelbſt fur die Befteiung und Rechtfertigung Mariens thatig war, daß der Prinz ſelbſt ſie aus dem Gefängniß, aus dem Hauſe der Schmach abholte und hieher geleitete— daß ein Prinz es iſt, welcher das Maͤdchen jetzt hier einfuͤhren wird. Ich laſſe die Maske fallen, welche ich aus guten Gruͤnden bis dieſe Stunde trug— ich ſtelle mich Ihnen als den Prinzen Moritz vor.“ Alle, mit Ausnahme der ſeit kurzem untertichteten Graͤ⸗ fin und des Pfarrers, waren hoͤchlich uͤberraſcht und niemand erwiederte in den erſten Augenblicken etwas. „Ich bitte Sie herzlich,“ fuhr der Prinz fort,„ganz die Haltung beizubehalten, wie vor meinem erfolgten Ge⸗ ſtaͤndniß; ich bitte Sie, nehmen Sie Ihre Plaͤtze wieder ein. Sie wuͤrden mich verkennen und mir Unrecht thun, wenn Sie glauben wollten, daß ich meinem Range einen falſchen Werth beilegte. Werth hat derſelbe nur fuͤr mich, weil er mir Macht und Gelegenheit gibt, die Pläne zur Ausfuͤhrung zu bringen, welche ich zum Beſten meiner Mitburger ent⸗ worfen habe. Wahrſcheinlich wurd' ich mein Incognito bei⸗ 24⁴9 behalten und noch einige Tage mein eigner Agent geblieben ſein, haͤtt' ich mich nicht zu Ihrer Beruhigung entdecken muͤſ⸗ ſen, Herr Graf. Ich hoffe, Sie finden jetzt kein Bedenken mehr dabei, Marien in unſter Mitte zu ſehn?“ Die mannichfachen Gefuͤhle und Gedanken, ſo wie die außerordentliche Verlegenheit der Grafen laſſen ſich denken. Der Prinz fuͤhrte Marien, die er bereits nach dem Schloſſe kommen laſſen, in der Geſellſchaft ein. Auch die ſehr ver⸗ ſchiedene Art der Bewillkommnung von Seiten der einzelnen Anweſenden läßt ſich denken. Marie ſelbſt war aͤußerſt ver⸗ legen, und Heinrich nahm es im Stillen dem Prinzen beinah uͤbel, daß er ihm nicht ſchon vorher eine Zuſammenkunft mit dem trotz des langen Leidens und Kummers jetzt doch doppelt anmuthigen Maͤdchen veranſtaltet hatte. Es verging einige Zeit unter Beileidsbezeigungen und Gluͤckwunſchen, bis der Graf endlich der Geſellſchaft vorſchlug, die Abendkuͤhle des Schloßgartens zu genießen. Trotz des maͤchtigen Einfluſſes der prinzlichen Gegenwart,— welche in ſeinen Augen auch der kaum aus dem Arbeitshaus Ent⸗ laſſenen jeden Makel haͤtte nehmen muͤſſen,— ſchien ihn doch die Luft des Gemachs zu bedruͤcken, welche er mit Marien athmen mußte. Heinrich aber freute ſich, daß der Vorſchlag angenommen ward, denn im Garten hoffte er mit Marien, ohne die Andern zu Zuhoͤrern zu haben, ſprechen zu koͤnnen. Ihn kuͤmmerten in dieſem Augenblicke nicht die Gedan⸗ ken, Ausſichten und Aeußerungen der Andern. Er freute ſich, als er Gelegenheit fand, die ſeinigen Marien zu eroffnen. Es gab da ſehr viel zu ſprechen, und manches durfte nur leiſe 250 angedeutet werden. Mit jeder Minute aber uͤberzeugte er ſich mehr von der ſtarken unendlichen Liebe dieſes Maͤdchens und von der Groͤße des Opfers, welches ſie ihm gebracht hatte. Beſonders erkannte er dies, als er ihr freundliche Vorwuͤrfe daruber machte, daß ſie in ihrem Mißgeſchick ſich nicht ſogleich auf ihn berufen und ſomit das ganze Ungluͤck alsbald von ſich abgewendet haͤtte.—„Kurz vor jenem trau⸗ rigen Vorfall,“ ſagte ſie,„erhielt ich einen Brief ohne Na⸗ mensunterſchrift,(er war von der raͤnkeſuchtigen, alle Ver⸗ haͤltniſſe ausſpionirenden Eliſabeth,)„in welchem mir Ihre Anweſenheit in Waldrode gemeldet und zugleich angedeutet wurde, was Sie beſonders an jenen Familienkreis feſſelte. Ich kannte die junge Graͤfin und fand keinen Grund an der Wahrheit des Inhalts des erwähnten Briefs zu zweifeln. Ich mußte einſehn, daß Ihnen, drohte da auch vielleicht kein ſo herbes Loos wie es mir ward, jede Entdeckung doch ſehr ſtoͤrend werden muͤßte, zumal da mir die Sinnesweiſe Ihrer Freunde hier bekannt war. Ich glaubte mit Zuverſicht, daß meine Unſchuld einmal, wenn auch erſt ſpaͤt, an den Tag kommen wuͤrde; ich ſelbſt hatte ja nichts mehr zu verlieren auf der Welt, wäͤhrend ich ahnte, daß Sie noch viel zu ge⸗ winnen wie zu verlieren hätten: ſo waͤr' es grauſam geweſen, haͤtt' ich Sie in jene traurige Angelegenheit mit verwickeln wollen.“ „Preiſen wir das Geſchick, welches jetzt Alles zum Beſ⸗ ſern gewendet hat, Marie,“ ſagte er.„Aus Allem muß ich erkennen, daß ich Ihnen unendlichen Dank ſchuldig bin; ich ſehe ein, daß ich nie in meinem Leben faͤhig ſein werde, dieſe Schuld vollig abzutragen— und dennoch wuͤnſcht' ich, Sie erlaubten mir, Ihnen zu noch groͤßerer Dankbarkeit verpflich⸗ tet zu werden— nämlich dadurch, daß Sie ſich entſchloͤſſen, mein Geſchick von jetzt an gaͤnzlich mit mir zu theilen.“ Sie blickte zu Boden und ſchwieg. „Marie,“ fuhr er fort,“ alle Umſtaͤnde vereinigen ſich, um einen raſchen Entſchluß nothwendig zu machen— Sie haben die Macht, durch ein einziges Wort uͤber mein Schick⸗ ſal zu entſcheiden— und ich bitte Sie um dieſes Wort.“ „Erlaſſen Sie mir die Antwort in dieſem Augenblicke,“ erwiederte ſie nach einer Pauſe.„Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen ſchriftlich mittheile, was ich zu ſagen habe. Ich bitte Sie, jetzt nicht mehr auf einen Gegenſtand zuruͤckzu⸗ kommen“— Sie ſchwieg wieder und Heinrich erfuͤllte ihre Bitte gern, um die Schuͤchterne hier, wo die uͤbrige Geſellſchaft Zeuge der Unterredung(wenn auch nicht des Inhalts derſelben) war, nicht noch verlegener zu machen, als ſie es ohnehin war. Die Geſellſchaft trennte ſich bald. Die Grafen konn⸗ ten ſich hier nicht behaglich fuͤhlen und nur die Ausſicht auf kuͤnftige Entſchaͤdigung vermochte ſie die gegenwaͤrtigen Au⸗ genblicke ertragen zu laſſen. Man nahm Abſchied und be⸗ gab ſich nach der Stadt zuruͤck, und ebenſo entfernte ſich Marie nach ihrem derzeitigen Aſile. Nur der Prinz mit ſeinen drei Freunden blieb im Schloſſe. Fuͤr Heinrich wurde jetzt Alles erklaͤrt, was ihm bisher noch dunkel geblieben war. Er vernahm, wie der Prinz, der ſein Aeußeres hinreichend unkenntlich gemacht hatte, ſchon laͤngſt, waͤhrend man ihn noch in Amerika vermuthete, unter dem Namen Watkins in der Nähe der Heimat weilte. Durch einige Getreue jenſeit des Oceans ward es moͤglich, mit ſeinen Verwandten und Allen, die das Geheimniß nicht kennen durften, eine Correſpondenz zu unterhalten und, ſchein⸗ bar von Amerika aus, Antworten ergehen zu laſſen. Auch die Gräfin war bis auf die letzten Tage ſo getaͤuſcht worden und erfuhr erſt bei des Prinzen perſoͤnlichem Erſcheinen, daß er mit Watkins eine und dieſelbe Perſon war. Dieſes aufs Strengſte zu beobachtende Incognito hatte ihn auch verhin⸗ dert, in der Angelegenheit mit dem Baron— der ihm uͤber⸗ dies als ein Ehrenmann geſchildert worden war— zur rech⸗ ten Zeit einzuſchreiten. Jetzt, wo das Geheimniß offenbart worden, gedachte er auch offener und energiſcher die Ausfuͤhrung ſeiner Plaͤne zu betreiben. Er ahnte nicht, daß trotz aller Berechnung und aller Vorſicht bereits ſeit einigen Wochen ſein Geheimniß verrathen war. Wenigſtens waren der Juſtizminiſter und der Arzt bereits unterrichtet, obwohl beide ſich huͤteten, irgend jemand eine Andeutung davon zu geben. Ihnen war allein von Watkins— nicht von dem Prinzen— etwas bewußt, und nur gegen erſtern ſollten, während ſie den letztern ab⸗ ſichtlich ignorirten, ihre Maßregeln gerichtet ſein. Jetzt war natärlich, daß binnen wenigen Tagen das Geruͤcht von des Prinzen Ruͤckkehr allenthalben verbreitet ſein wuͤrde und die Feinde mußten ſich beeilen, um bei ihrem Verfahren ſich gegen jede Verantwortlichkeit noch durch die Entſchuldigung 253 ſichern zu koͤnnen: daß daſſelbe nur gegen„Watkins“ gerich⸗ tet geweſen ſei. Schon am nachſten Morgen erhielt Heinrich von Marie — die gleichzeitig auch an den Prinzen ſchrieb— den ver⸗ ſprochenen Brief, worin ſie ihm— Lebewohl ſagte. Das Schreiben mochte ihr unendliche Muͤhe gekoſtet haben. Sie vermochte ihre Liebe nicht zu verbergen und zu verſtellen und wollte dies vermuthlich auch nicht; aber ſie ſah ſich genothigt, auf alle Verhältniſſe der juͤngſten Vergangenheit und der Gegenwart hinzudeuten, um ihren jetzigen Schritt zu recht⸗ fertigen. Es war nicht Stolz,— dieſen wuͤrde ihre Liebe beſiegt haben,— es war nur ein, vielleicht ubertriebenes Zartgefuͤhl, welches ihr verbot, Heinrich anzugehoͤren. So geſchickt und zart ſie ſich auch ausgedruckt hatte, ſo ließ ſich die Entſchiedenheit und Feſtigkeit ihres Entſchluſſes doch nicht verkennen. Dem Prinzen dankte ſie fur die freundliche Hilfe, die er ihr nun ſchon zum zweitenmale gewährt und ſprach den Entſchluß aus, im Kreiſe der Familie des Gaſtwirths, wo ſie ſich vielfach nutzlich zu machen wußte, fortan zu bleiben. Heinrich theilte die erhaltene Antwort dem Prinzen mit und dieſer war ebenfalls der Meinung, daß Bitten oder Ueber⸗ redung hier nichts fruchten koͤnnten. In all' ihrer Beſcheidenheit und Herzensunſchuld kannte Marie doch ihren Werth. Sie mochte dem Zufall nicht das verdanken, was ihr das Theuerſte war— und wenn Pau⸗ line noch am Leben geweſen waͤre,(dieſe Ueberzeugung hatte ſie,) ſo wurde jener Antrag, wie ernſt er auch jetzt gemeint ſein mochte, dennoch nicht an ſie ergangen ſein. Ihr Brief hatte ihr nicht allein in der ſchwierigen Wahl paſſender Aus⸗ druͤcke Muͤhe gekoſtet— ſie entſagte, indem ſie ihn abſchickte, noch einmal allem Lebensgluͤck, ſie opferte ſich noch einmal. Und um ſo ungluͤcklicher fuͤhlte ſie ſich jetzt, als ſie durch dieſes Opfer niemand— am wenigſten dem Geliebten— Freude oder Vortheil brachte. Es war ein unnuͤtzes, aber wie ſie glaubte nothwendiges Opfer.— Die Arme litt in ihrer Einſamkeit unendlich und doch konnte ſie ihren Schritt nicht bereuen. Siebentes Kapitel. Heinrich hatte ſich und Andern in letzter Zeit ſo Vieles, was mit Liebe und Eifer erſtrebt worden, verleidet geſehn, daß er im Augenblick an nichts mehr einen regen oder thaͤ⸗ tigen Antheil nahm, als an ſeiner eignen naͤchſten Herzens⸗ angelegenheit. Ein einzig Mal ſprach er noch am naͤchſten Tage mit Marien, deren Weigerung ſeine Neigung nur mehr gereizt und geſteigert hatte; ſie war, ob auch traurig und niedergeſchlagen, doch gegen ihn freundlich— nur durfte er nicht wagen, ſeinen Antrag irgendwie wieder zu erneuern. Dies erfullte ihn mehr und mehr mit Mißmuth, er ward einſilbig und beſchaͤftigte ſich auch mit des Prinzen Angele⸗ genheiten wenig. Um ſo eifriger dachte dieſer ſelbſt an die Ausfuͤhrung ſeiner Plaͤne. Nachdem er ſich einmal verrathen, hatte er gleich am naͤchſten Morgen dem Hofe die Meldung geſendet, daß er incognito angelangt und bis auf Weiteres ſeinen Aufenthalt in Waldrode genommen habe, wo er in⸗ deß vorlaͤufig niemand zu empfangen gedächte. Er war mit der Reviſion eines Entwurfs der Einrich⸗ tung der Gemeinde, wie ſich dieſelbe im Thale von Wald⸗ rode geſtalten ſollte, beſchaͤftigt.„Sie wiſſen ſchon,“ ſagte er zu Heinrich, nachdem er dieſem jene Arbeit mitgetheilt, „Sie wiſſen ſchon, ohne daß ich es ausdruͤcklich ſagen duͤrfte, daß ich meine Wuͤrde nur deshalb noch behaupte und werth⸗ halte, weil ſie mir die Macht gewaͤhrt, mit Energie und er⸗ folgreich der verderblichen Beamtenherrſchaft, der Geldherr⸗ ſchaft und allen andern Herrſchaften, welche das Wohl mei— nes Vaterlands hindern und untergraben, entgegentreten zu koͤnnen. Gleiches wird am beſten durch Gleiches bekaͤmpft. Aber, Heinrich, ich ſehne mich von Herzen nach der Zeit, wo ich der Welt deutlich zeigen kann, daß ich dieſe Wuͤrde nur als Nothmittel brauchte und daß ich am liebſten ein Buͤrger unter Buͤrgern bin. Dieſer Augenblick wird nicht ſo ſchnell kommen, denn es wird einige Zeit noͤthig ſein, bevor unſre neue Muſtergemeinde ſo weit gedeiht, um uͤberall zur Nach⸗ ahmung zu reizen und bevor wir den herrſchenden Egoismus beſiegen. Aber ſo mißlich auch Alles noch ſcheint— am Ende iſt Deutſchland doch berufen zu einer Pflegerin des Heiles der Menſchheit— der Sieg des deutſchen Geiſtes wird ein Sieg des Guten fuͤr alle Laͤnder ſein.“ Waͤhrend Heinrich vom Prinzen deſſen Reiſen, Aben⸗ teuer und Beſtrebungen ſchildern hoͤrte, vergaß er ſelbſt mo⸗ mentan ſeinen jetzigen Kummer.— Man beruͤckſichtigte den Wunſch des Prinzen von Sei⸗ ten des Hofs, das heißt, man ließ ihn ungeſtört in Wald⸗ rode. Noch am naͤmlichen Tage aber, da er ſeine Ankunft 257 gemeldet, begann man auf's Neue gegen ſeine Freunde zu verfahren. Aber nicht auf gewaltſame Weiſe. Es wurde ihnen nur der Rath ertheilt, ihre etwaigen Guͤter zu ver⸗ äußern und binnen acht Tagen das Land zu meiden; man rieth ihnen zur Auswanderung nach Amerika, und binnen vierundzwanzig Stunden nach Empfang dieſes Rathes— der ihnen uͤbrigens nicht auf ſtreng offiziellem Wege zukam— ſollten ſie ihren Entſchluß angeben. Was im Falle der Nicht⸗ annahme jenes Rathes zu erwarten ſtand, blieb ihrem eignen Scharfſinn zu errathen uberlaſſen; allein dies koſtete ihnen natuͤrlich wenig Kopfzerbrechen. „Einen beſondern Plan muß man wohl bei dieſem merkwuͤrdigen Verfahren im Auge haben,“ ſagte der Prinz. „Indeß iſt Ihr Entſchluß leicht zu beſtimmen. Staͤnden Sie allein, ſo wuͤrde Ihnen gar nichts uͤbrig bleiben, als die Auswanderung. Die Herren glauben wahrſcheinlich nicht, daß es mir mit meinen Abſichten vollkommener Ernſt ſei, — ſonſt wurden ſie ſich die unnuͤtze Muͤhe erſpart haben. Sie ſtehen unter meinem Schutz und folglich wird Ihnen nie⸗ mand etwas anhaben. Ich rathe Ihnen, den Herren zu melden, daß Sie zu bleiben gedenken.“ Es war bereits Abend, als jene Aufforde erung an die Betreffenden— den Pfarrer und Heinrich— ergangen war, folglich hatte man bis zum Abend des nachſten Tages Be⸗ denkzeit. und befand ſich allein auf ſeinem Zimmer. Noch ſpaͤt in der Nacht, nachdem er bereits Alles in tiefem Schlaf ver⸗ II. 17 Heinrich hatte ſich heute zeitig vom Prinzen entfernt 258 muthete, glaubte er eine unruhige Bewegung in jenem Theile des Schloſſes, den der Prinz bewohnte, zu bemerken. Dann war wieder Alles ſtill und er ſank endlich ſelbſt in die Arme des Schlummers. Er mochte mehrere Stunden ge— ſchlafen haben, als man ihn weckte und benachrichtigte, daß der Prinz ploͤtzlich krank geworden ſei und ſich in dem be⸗ denklichſten Zuſtand befinde. Mehrere Boten waren abge⸗ ſchickt, um Aerzte herbeizurufen, doch war bis dieſen Augen⸗ blick noch keiner eingetroffen. Eilig kleidete ſich Heinrich an, um ſich zu dem Kran⸗ ken zu begeben. Unterwegs ſagte ihm der zitternde Diener, daß der Prinz ſich fuͤr vergiftet halte. Sein Unwohlſein hatte unmittelbar nach einem frugalen Abendeſſen, welches er ganz allein eingenommen, begonnen, und ſchon jetzt, nach wenigen Stunden, ſtehe das Aergſte zu befuͤrchten. Ein fremder Mann, der nach einer hier nicht anweſenden Perſon gefragt, habe ſich, nach der Ausſage des Kochs, einige Augen⸗ blicke in der Kuͤche aufgehalten und ſei dann ſpurlos ver⸗ ſchwunden. So ließ ſich ein gräßlicher Zuſammenhang er⸗ rathen. Heinrich fand den Prinzen bei vollem Bewußtſein, aber in einem koͤrperlichen Zuſtande, welcher die nahe Aufloͤſung unzweifelhaft ließ. „Heinrich,“ ſagte der Prinz,„ich habe Sie nicht eher rufen laſſen, um Ihnen nicht laͤnger als nothig einen trau⸗ rigen Anblick zu gewaͤhren. Jetzt fuͤhl' ich mein Ende und hoffe noch Kraft genug zu haben, um Ihnen das Wenige zu ſagen, was ich ausſprechen muß. Ich hielt mich fuͤr zu 259 maͤchtig und war vielleicht zu unvorſichtig— jedenfalls zu ſicher. Die Feinde haben diesmal wieder geſiegt. Ich hoffte ohne Kampf mit Waffen, ohne Hinterliſt oder Gewalt, ſon⸗ dern nur durch die Wahrheit zu ſiegen. Jene haben einge⸗ ſehn, daß ich ein allzugefaͤhrlicher Feind war und darum entſchloſſen ſie ſich zu einem Gewaltſtreich— ich bin ver⸗ giftet. Ich war zu zuverſichtlich, zu hoffnungsreich— jetzt fuͤrcht' ich, es kann noch ein dreißigjaͤhriger Krieg fur Deutſch⸗ land kommen muͤſſen, eh' die gute Sache einen vollſtändigen Sieg erringt.— Jetzt“(fuhr er fort,)„werden auch Sie das ſeltſame Verfahren gegen Sie und unſte Freunde be— greifen oder wenigſtens die Abſicht ahnen. Es bleibt Ihnen nun nur die Auswanderung uͤbrig— wird es dereinſt nothig, ſo koͤnnen Sie ja noch immer zuruͤckkehren, muͤßt' es auch unter fremdem Namen ſein. Man wird alle Zeugen meines Todes zu beſeitigen wiſſen— die Dienerſchaft und die uͤbri⸗ gen Fremden geben keine Beſorgniß; Sie aber, Wolf und der Pfarrer muͤſſen wenigſtens das Land verlaſſen und in Ihrer Abweſenheit getraut man ſich vermuthlich alle Ge⸗ ruͤchte verſtummen zu machen. Weigern Sie ſich aber zu gehen, ſo wird man Sie Alle ſelbſt ebenfalls leicht zum Verſtummen bringen. Dies iſt die Lage der Dinge, und wenn Sie“— Hier war der Prinz, deſſen Stimme mehr und mehr bei den letzten Worten ermattet war, genoͤthigt abzubrechen. Er ſank auf das Lager zuruͤck und lag eine Zeitlang mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, erſchoͤpft und wie in einer Art von Be⸗ täubung. Dann erwachte er plotzich, aber nicht zu klarem 260 Bewußtſein— die Augen traten weit aus ihren Höhlen und der Körper ward von heftigen Kraͤmpfen hin und her geworfen. Die Diener, welche Heinrich ſogleich zu Hilfe gerufen hatte, ſtanden ebenſo rathlos wie er ſelbſt bei dem Lager. Der bis heute kerngeſunde Prinz hatte uͤberhaupt nie, und am wenigſten waͤhrend ſeines Incognito, einen Arzt auf ſeinen Reiſen bei ſich gehabt. Ein ſehr geſchickter Heilkunſtler wohnte zwar in Waldrode ſelbſt; allein gerade in dieſer Nacht war er, vielleicht auch nur durch die Moͤrder des Prinzen, zu einem entfernten Kranken gerufen worden. So mußte Heinrich den Mann, an welchen ihn Liebe, Hochachtung und Dankbarkeit feſſelten, im entſetzlichſten Zu⸗ ſtande vor ſich ſehen, ohne ihm die geringſte Linderung be⸗ reiten zu koͤnnen. Die Krämpfe, von denen der Kranke befallen war, wurden immer heſtiger; endlich ſtieß er einen dumpfen, aber herzzerreißenden Schrei aus und ſank im nächſten Augenblicke auf das Lager zuruck, ſtumm und laut⸗ los. Seine Leiden hatten das Ziel erreicht.— Wenige Minuten nach ſeinem Tode erſchienen zwei Aerzte, die es ſich angelegen ſein ließen, den Zuſtand des Verſtorbenen zu unter⸗ ſuchen und einen Bericht aufzuſetzen. Nur eine Oeffnung des Leichnams wagten ſie, ohne anderweit dazu autoriſirt zu ſein, nicht vorzunehmen. Die Dienerſchaft und alle An⸗ weſenden wurden vernommen und mit dem moͤglichſt voll⸗ ſtändigen Berichte ſofort ein Eilbote nach der Reſidenz ge⸗ ſendet. Auffällig mußte es natuͤrlich ſein, als im Laufe des ganzen folgenden Tages nicht die geringſte Verfuͤgung oder —— 261 Erwiederung auf jenen Bericht erfolgte. Schon ſeit dem vorigen Tage waren in mehrere benachbarte Ortſchaften wie⸗ der Truppen gelegt worden. Freilich mußte man ſich gegen einen Sturm ſichern, der nur zu leicht losbrechen konnte, ſobald ſich das Geruͤcht vom gewaltſamen Tode des Prinzen verbreitete. In einem ungewoͤhnlich raſchen Wechſel der Ereigniſſe gewoͤhnt man ſich bald, Vieles, was ſonſt Staunen und Verwunderung erregen muͤßte, mit ziemlich gleichgiltigem Blick zu betrachten. So ging es jetzt Heinrich. Er hatte in raſcher Aufeinanderfolge ſo viel gewonnen und verloren, daß er bei den letzten Ereigniſſen einen gewiſſen Gleichmuth zu bewahren vermochte. Achtes Kapitel. Am Morgen nach jener verhaͤngnißvollen Nacht oͤffnete ſich, waͤhrend Heinrich beſchaͤftigt war Briefe, Berichte u. ſ. w. in Bezug auf das traurige Ereigniß in Ordnung zu brin⸗ gen, ploͤtzlich die Thuͤr ſeines Zimmers und Ulrich trat ein. „Guten Morgen, Heinrich! Ich treffe dich unter recht verwickelten Umſtaͤnden, wie ich hoͤr' und ſehe.“ „Urich! O, du weißt nicht, welche Erquickung mir dein Anblick gewahrt! So zur rechten Zeit biſt du noch nie gekommen! Ich brauche nicht zu fragen, was dich her⸗ fuͤhrt— ich will denken, du folgteſt unwillkuͤrlich und un⸗ bewußt der Nothwendigkeit— es war noͤthig, daß ich ein⸗ mal in das ehrliche, treue Geſicht meines Freundes ſaͤh', um in dem heilloſen Wirrwarr den Verſtand nicht zu ver⸗ lieren.“. „Nun,“ antwortete Ulrich,„es freut mich, wenn ich nicht ganz unnuͤtz gekommen bin, denn ich fuͤrchtete ſchon, ————— 263 du wuͤrdeſt mich als uͤberfluͤſſiges Hausgeräth gleich wieder fortſchicken. Ich bin eigentlich nur auf der Durchreiſe be⸗ griffen und gehe noch einige Meilen weiter, um eine Erb⸗ ſchaftsangelegenheit meiner Frau in Ordnung zu bringen. Du biſt jetzt der Eigenthuͤmer dieſes Schloſſes, wie man mir ſagt.“ „So iſt's,“ ſagte Heinrich;„allein man verleidet mir den Aufenthalt und zwingt mich gleichſam, den Beſitz zu veraͤußern und auszuwandern, jetzt, wo ich ſelbſt weniger Neigung dazu habe.“ Er machte Ulrich mit Allem bekannt, was ſich hier zugetragen hatte und traf ſodann mit demſel⸗ ben eine Uebereinkunft wegen des Gutes Waldrode. ulrich ſollte daſſelbe, wenigſtens vorlaͤufig als nomineller Beſitzer, kaͤuflich uͤbernehmen, um die Kaufſumme dem Ausgewan⸗ derten ſpäter nachzuſenden. Es bedurfte natuͤrlich hierbei keiner langen Verhandlung, denn es verſtand ſich von ſelbſt, daß Ulrich den Handel ſo vortheilhaft als moͤglich fuͤr Hein⸗ rich zum Schluß bringen wuͤrde. „Wofern ich es irgend vermag,“ ſagte Ulrich,„werde ich dies Gut nicht in andre Haͤnde gehen laſſen, und hof⸗ fentlich kehrſt du noch einmal zuruͤck, um es ſelbſt wieder zu uͤbernehmen. Noch eine Neuigkeit kann ich dir mit⸗ theilen“— In dieſem Augenblick trat der Pfarrer ein, welcher äußerte, Ehre und Pflicht verlange jetzt, ſich hinſichtlich der geforderten Erklaͤrung dahin zu entſcheiden, daß man nicht auswandern wolle.„Man fuͤrchtet uns,“ ſagte er,„und 264 zwar mit Recht. Es iſt unſre Pflicht, alles aufzubieten, gaͤlt' es auch unſer eignes Leben, um die Schandthat, deren Zeugen wir ſind, zu veroͤffentlichen und“— „Und ſelbſt nutzloſe Opfer neuer Schandthaten zu wer⸗ den?“ fiel ihm Ulrich ins Wort.„Wir fuͤhlen ſelbſt Alles, was Sie ſagen wollen, gewiß. Dennoch denk' ich, bleibt Ihnen jetzt nichts uͤbrig, als abzureiſen. Sie koͤnnen im Augenblick nichts thun— darnach ſind leider die Verhalt⸗ niſſe. Die Nemeſis aber wird ihrer Zeit von ſelbſt er⸗ wachen. An Allem, was hier vorgegangen iſt, ſeh' ich meine fruͤhere Anſicht auf's Neue beſtaͤtigt: Einzelne richten beim beſten Willen nichts Dauerndes und Erfolgreiches aus; und wenn dieſe Einzelnen mächtige Fuͤrſten wäͤren— ihre Plaͤne und Abſichten kommen doch nur dann zum Ziel, wenn die Zeit reif dazu iſt— ſie ſind nur dann maͤchtig, wenn ſie die Forderung der Zeit erfuͤllen. So war's mit allen Reformatoren; ihr alleiniger Wille wuͤrde gar nichts ausgerichtet haben; ſie waren doch nur die Herolde ihrer Zeit. Der Prinz haͤtte wohl ein ſolcher Herold werden koͤnnen, nur leider traf er nicht genau den rechten Moment. Auch hat er, glaub' ich, ſein Incognito gar zu lange be⸗ hauptet. Nun, wie geſagt, die Nemeſis wird zur rechten Zeit erwachen. Was aber Sie anlangt,— Sie muͤſſen auswandern. Sie wuͤrden ſich außerdem unnuͤtz opfern. Ich wuͤrde Ihnen uͤberhaupt rathen, die Friſt weniger Tage, die man Ihnen geſtattet, nicht abzuwarten. Reiſen Sie lieber gleich morgen, wenn es ſein kann.“ — — 265 Man ſah ſich bald genoͤthigt, die Wahrheit deſſen, was Ulrich ſagte, zuzugeben, und ſo beſchloß man, ſeinem Rathe zu folgen. „Ich war im Begriff, noch ein Ereigniß mitzutheilen, als der Herr Pfarrer eintrat,“ bemerkte Ulrich.„Waͤhrend ich durch das Waͤldchen vor'm Dorfe kam, war man be⸗ ſchaftigt, einen Mann, den man dort erhaͤngt gefunden, fort⸗ zuſchaffen. Es war kein Selbſtmoͤrder, wie ich hoͤrte, ſon⸗ dern ein von fremder Hand Umgebrachter.“ „So iſt's,“ ſagte der Pfarrer,„und ich habe den Tod⸗ ten geſehn. Es war der Arzt. Ohne Zweifel gerieth er, als er geſtern nach veruͤbter Mordthat das Schloß verlaſſen, in die Haͤnde einiger erbitterten Dorfbewohner, die in ihm den alten Verraͤther erkannten und Lynchjuſtiz uͤbten. So weit iſt es bei uns gekommen!“— Die Freunde hatten ihre Angelegenheiten geordnet und waren bereit zur Abreiſe. In ihrer bedraͤngten Lage und da beſtimmte Beweiſe doch nicht beizubringen waren,(die Gegner ſorgten dafuͤr, dem gehoͤrig entgegenarbeiten zu koͤn⸗ nen,) mußten ſie es fuͤr den Augenblick aufgeben, ein Ver⸗ brechen zu enthuͤllen, von we ſie mehr als moraliſch uͤberzeugt waren. Am Abend vor der Abreiſe, als penn ziemlich me⸗ lancholiſch geſtimmt in Geſellſchaft Ulrichs, Wolfs und des Pfarrers ſaß, ſagte der Letztere: 266 „Sie ſind traurig, Heinrich, und ich ahne den Grund. Sie haben noch nicht Alles in Ordnung gebracht. Sie haben verſaͤumt, Marie zu der Reiſe einzuladen.“ „Weil ich weiß, daß ſie der Einladung nicht folgen wuͤrde“— „Dummes Zeug!— Ich habe mit unſern Freunden hier die Sache bereits beſprochen und wir ſtimmen in un⸗ ſerer Meinung vollkommen uͤberein. Es iſt die hoͤchſte Zeit, wenn Sie das Beſte nicht verſäumen wollen. Sie haben bereits von Allen, von den Todten wie von den Leben⸗ digen, Abſchied genommen, nur noch nicht von Marien“— „Doch,“ erwiederte Heinrich;„ich war dieſen Mor⸗ gen bei ihr und wir haben einander das letzte Lebewohl geſagt.“ „Hm! davon wußten wir freilich nichts,“ fuhr der Pfarrer fort;„aber ſei dem wie ihm wolle, beſuchen Sie das liebe Madchen gleich noch einmal— es wird ſich ja ein Vorwand denken laſſen, um noch ein allerletztes Lebewohl zu ſagen.“ „Ich will dich begleiten,“ ſagte Ulrich.„Und im Voraus will ich dir nur ſagen, daß ich beabſichtige, Euch in paſſendem Augenblicke, wofern das nöthig wird, allein zu laſſen. Komm ſogleich, Heinrich, jetzt iſt es noch Zeit.“ Heinrich folgte faſt unwillkuͤrlich und dennoch gern. Er freute ſich, daß ein letztes Lebewohl ein allerletztes noch nicht ausſchloͤſſe. — — —— 267 Sie fanden Marien allein im Familienzimmer des Gaſtwirths, mit einer Nätherei beſchäftigt. Tief erroͤthend erhob ſie ſich, als die unerwarteten Gäſte eintraten— man ſah deutlich, daß ſie ſehr geweint haben mußte.— Heinrich ſtellte ihr ſeinen Freund vor. „Und ich hoffe den Namen eines Freundes auch vor Ihnen zu rechtfertigen,“ ſagte Ulrich.„Ich bin ein Freund, der jedes Vorurtheil haßt und gern Gluͤckliche ſieht. um ſo mehr thut es mir leid, daß ſich dieſer böſe Menſch hier nur uͤberreden ließ, Sie noch einmal zu ſehn, unter dem Vorwand, Ihnen ein allerletztes Lebewohl zu ſagen. Frei⸗ lich liegt nur noch eine kurze Nacht zwiſchen hier und der Abreiſe, und bald wird das Weltmeer zwiſchen Ihnen liegen.“ Heinrich und Marie ſtanden einander gegenuͤber und beide ſchwiegen. Er blickte ſie bekuͤmmert an, waͤhrend ihr Blick am Boden haftete. „Das Lebewohl auf immer faͤllt mir recht ſchwer, Marie,“ ſagte Heinrich endlich. Sie zitterte ſichtbar, wagte aber nicht zu ihm aufzu⸗ blicken, und ſchwieg noch immer. „Ein Zeuge bei ſolchem Abſchiednehmen mag nicht immer ſtatthaft ſein,“ ſagte Ulrich;„diesmal aber iſt er nothwendig. Ihr koͤnnt ja beide nicht läugnen, daß ihr einander liebt und mit einander gluͤcklich ſein wuͤrdet— Unter ſolchen Umſtaͤnden ſind Stolz, ſogenanntes Zartge⸗ fuhl und dergleichen lauter mißverſtandene Dinge— ich bitt' euch, folgt der Stimme eurer Herzen!“ Langſam ſchlug Marie die Augen zu Heinrich auf, deſſen Blick voll unendlicher Liebe und zugleich voll unge⸗ duldiger Erwartung auf ihr ruhte— aber ſchon im naͤchſten Moment hing ſie weinend und gluͤcklich an ſeinem Halſe, von ſeinen Armen umſchlungen. Dieſen Augenblick nuͤtzte Ulrich, um das Gemach zu verlaſſen und die draußen harrenden Freunde von dem guten Erfolg zu benachrichtigen. Sie hatten ohne Wiſſen der Liebenden, aber im Einverſtändniß mit der Familie, in deren Kreis Marie aufgenommen war, bereits Anſtalten zu einer kleinen Feſtlichkeit getroffen; denn ſie waren im Voraus uͤberzeugt, daß Marie im Augenblick des Scheidens jede falſche Ruͤckſicht vergeſſen wuͤrde. Noch an dieſem Abend ſprach der Pfarrer ſeinen Se⸗ gen uͤber die endlich Vereinten.— Ulrich aber war ohne weitern Abſchied verſchwunden,— vermuthlich weil er ſich fur uberfluͤſſig hielt, nachdem Alles in Ordnung gebracht Obwohl frei und ſicher in ihrer neuen Heimat, er⸗ folgte von Seiten der Ausgewanderten doch nirgend eine Erklärung hinſichtlich des Prinzen und der letzten Ereig⸗ niſſe. Sie mußten wohl ihre guten Gruͤnde haben, welche ſie zum Schweigen beſtimmten.— Ebenſo war guter Grund vorhanden, hier uͤber die Plaͤne des Prinzen, uͤber deren Scheitern und uͤber das Verfahren der Gegner nicht Druck von Bernh. Tauchnitz jun⸗ 269 3 ausfuͤhrlicher zu berichten, als es geſchehn iſt. Man er⸗ klaͤrt nicht gern, wo Erklaͤrungen uͤberfluͤſſig ſind. Den⸗ jenigen Leſern aber, welche die Geſtalt des Prinzen fur etwas in der Wirklichkeit Unmoͤgliches, fuͤr eine Ueber⸗ treibung und alſo fuͤr reine Erfindung halten, möge es immerhin freiſtehn, die ganze Erſcheinung als Allegorie zu deuten. 18 20 St