* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3 3. CQuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „*„ e—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S——— ſ S S Fürſt und Proletarier. Ein Roman aus der Gegenwart von Theodor Oelckers. Erſter Band. Leipzig, Verlag von Otto Klemm. 1846. Erſter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. In einer großen Stadt am Rhein begegneten einan⸗ der nach langer Trennung zwei Freunde, junge Maͤnner, deren Aeußeres gewaltig von einander abſtach. Die leichte Blouſe, der Stock in der Rechten und die durch einen Ue⸗ berzug verwahrte Kopfbedeckung verriethen in dem Einen den reiſenden Handwerker. Ueber ſein ehrliches derbes, doch klu⸗ ges Geſicht flog ein Schatten von Verlegenheit, als der An⸗ dre, ein junger eleganter Herr, ſtehen blieb und ſeine Hand ergriff. „Ulrich!“ ſagte der letztere uͤberraſcht.„Das wenn ich ein gluckliches Zuſammentreffen! Ich hab' im Augenblick an dich gedacht und du kannſt dir vorſtellen, wie lieb mir dein Erſcheinen iſt. Ich glaube wahrhaftig, du haſt noch die alte Grille: Du wollteſt an mir voruͤbergehen und am 1* Ende gar den Hut vor deinem alten Kameraden ziehen. Schaͤm' dich!“ „Ich will's nicht laͤugnen, Heinrich,“ entgegnete Jener; „aber nicht eigentlich ich, ſondern nur meine Blouſe und die ſtaubigen Reiſeſtiefeln ſollten vorbeigehn. Ich wuͤrde dich in der naͤchſten Viertelſtunde aufgeſucht haben, denn ich wußte ſchon, daß du hier warſt.“ „Wunderlicher Menſch!“ ſagte Heinrich.„Nun, fuͤr diesmal ſoll dir's noch vergeben ſein. Du mußt aber doch im Reiſehabit mit mir gehen. Mein Gaſthof iſt nur we⸗ nige Schritt von hier und da wollen wir ein wenig plau⸗ dern und du ſollſt mir erzahlen, wie dir's gegangen und wo du geweſen biſt.“ Mit dieſen Worten nahm er den Arm des Handwerksburſchen und fuͤhrte ihn den Weg nach ſeiner Behauſung. „Sieh, Heinrich,“ ſagte der Handwerker, der wohl oder uͤbel mitgehn mußte,„das iſt nun eigentlich wieder gegen unſre alte Abrede. Wo ich zeither geweſen, daran kann dir wenig liegen, und daß mir' bis dieſe Stunde leidlich gut gegangen, kannſt du aus dem Umſtande abnehmen, daß ich deine Hilfe nie verlangt habe.“ „Ja, freilich, du haſt ganz recht; aber ich habe gerade jetzt meine neugierige Stunde. Komm nur, hier ſind wir ſchon am Orte. Wir ſetzen uns in das Gaſtzimmer und probiren, ob dich eine Flaſche Wein redſelig machen kann.“ Ulrichs Geſchichte war einfach genug. Er hatte ſich hier und dort in der Welt umgeſehen, hatte an verſchiedenen Orten gearbeitet und war jetzt im Begriffe nach Danzig zu reiſen, um ſich dort niederzulaſſen. Er hatte in der genann⸗ ten Stadt ſeine Braut, deren Vater, ein Lohgerber, kuͤrzlich geſtorben war, und Ulrich, der demſelben Handwerk ange⸗ hörte, wollte nun das Geſchaͤft des Verſtorbenen uͤberneh⸗ men. Er war kein ungebildeter Menſch, allein es fehlte ihm die äußerliche Gewandtheit, die ſich uͤberall Geltung zu ver⸗ ſchaffen weiß; ſo blieb er mit ſeinem geſunden Verſtand und ſeinem treuen Gemuͤth auf die nächſte Umgebung beſchraͤnkt und war weit entfernt, groͤßere Anſpruͤche zu machen. Kannte er doch die Sphaͤre, in welcher er nicht blos ſcheinen, ſon⸗ dern in Wahrheit gelten konnte. Heinrich war ein Freund ſeiner Kindheit geweſen und ſie waren mit einander aufge⸗ wachſen, bis ſie die verſchiedene Beſtimmung aus einander fuͤhrte. Seitdem ſahen ſie einander nie, außer wenn ſie der Zufall zuſammenfuͤhrte, wie heute, und das geſchah freilich aͤußerſt ſelten. „Es war doch anders und beſſer,“ ſagte Heinrich,„be⸗ vor wir durch Stand und Beruf geſchieden waren. Du erinnerſt dich doch, wie wir beiſammen lebten? Das war Freundſchaft, wie ihrer die ſpätern Jahre gar nicht mehr fähig ſind. Damals waren wir ächte Naturkinder, Men⸗ ſchen, frei vom Schmutz und Staub aller gemachten Ver⸗ hältniſſe. Dann wurden wir getrennt, denn du mußteſt die Lohgerberei lernen, ich ward Gymnaſiaſt und endlich Juriſt, und es ſieht nun wahrhaftig aus, als wären wir einander fremd.“ „Allerdings,“ erwiederte Ulrich,„es ſieht ſo aus und iſt in gewiſſer Hinſicht auch ſo. Ob es gut oder ſchlecht iſt, 6 davon red' ich jetzt nicht; aber vorhanden iſt nun einmal der verſchiedene Stand. Zum ſteten Umgang taugen wir nicht mehr fuͤr einander. Du haſt eine andre Bildung als ich— und ſelbſt wenn ich im Innern dir hinreichend aͤhn⸗ lich bin, deine Ideen theilen, deinen Gedanken folgen kann: es fehlt mir doch immer eure aͤußere Glatte, euer gewandter anſprechender Ausdruck, mit einem Worte, das, was man ſo im gemeinen Leben Bildung nennt, und dieſer Mangel wuͤrde dir immer ſtörend ſein, muͤßte dich ſtören.— Nun,“ fuhr er fort, als er bemerkte, daß Heinrich eine ungeduldige Entgegnung auf den Lippen ſchwebte,„nun, das ſoll uns nicht weiter kuͤmmern. Es bleibt doch immer bei unſerm Jugenduͤbereinkommen, als wir uns trennen mußten und wo ich dir ſagte: Wir gehen von einander, aber wir bleiben Freunde und werden einander zu finden wiſſen, ſobald einer den andern braucht.“ „Daran halten wir ſtets feſt,“ ſagte Heinrich;„allein betruͤbend iſt es mir doch immer geweſen, daß die Noth das einzige ſein ſoll, was uns moͤglicherweiſe in Verbindung bringen kann. Die Freundſchaft muß ohne dies beſtehen koͤnnen, denn was iſt ſie ſonſt: Eine Freundſchaft wie die unſte ſollte von Rechtswegen unnoͤthig ſein, denn in der Noth ſollte jeder ohnehin ſo viel Freunde haben, als Men⸗ ſchen in ſeiner Nähe ſind. „Ich ſage dir, laß uns das nicht kuͤmmern,“ entgegnete Ulrich.„Unſre Zeit iſt einmal noch nicht, wie wir ſie haben moͤchten.“ 7 „Aber der Handwerker iſt doch heut zu Tage ein ganz andrer, wie ehedem; du ſelbſt biſt ſchon anders und weißt das, und du fuͤhlſt dich auch. Warum alſo mit Gewalt ſich ab- und ausſchließen?“ „Du mißverſtehſt mich. Ich will nicht, daß wir uns abſchließen. Wir thun das auch nicht. Geh doch in die Buͤrgerverſammlungen, in Vereine, wo Gelehrte und Hand⸗ werker untermiſcht ſitzen; da kannſt du die letztern recht wacker ſprechen hoͤren; da ſieht man, daß es im Beſſerwer⸗ den begriffen iſt und fuͤhlt ſich an die markigen Buͤrgerna⸗ turen in den mittelalterlichen Städten gemahnt, die ihre Maͤnner durchs Leben und nicht durch Schulen erzogen und wo einer ein tuͤchtiger Rathsherr ſein konnte, ohne die hohe Schule beſucht zu haben, und ein gediegner Feldherr, ohne auf Militäͤrakademien geweſen zu ſein. Laß nur den wah⸗ ren Gemeindeſtaat wieder erbluͤhen, dann wird ſich das Alles noch herrlicher entfalten. Und wie geſagt, es iſt auch jetzt ſchon ein gut Stuͤck vorwaͤrts und wir durfen im oͤffentlichen Leben ſchon einander gleichen Schritt halten. Aber im Pri⸗ vatleben fehlt noch viel, da iſt der Unterſchied der Stände noch grell, und haͤlt auch uns, die wir Freunde ſind, aus einander.“ „Hol' der Teufel deinen Standesunterſchied!“ rief Heinrich. „Er wird ſchwinden, aber fuͤr uns vielleicht noch nicht. Ich bin davon uͤberzeugt und gehe ruhig meinen Weg, wie ich ihn klar und deutlich vor mir ſehe.“ 8 „Ja, du gehſt an deine Gerberei und wirſt ein Phili⸗ ſter, wie ſie immer geweſen ſind, leider! Du nimmſt ein Weib, zahlſt deine Steuern und ſchickſt deine Kinder in die Schule. Du ſiehſt ſchon aus, wie ein Ehemann, haſt tuͤch⸗ tig an Umfang zugenommen in den letzten zwei Jahren.“ „Und ſpiele ſomit neben dir eine traurige Rolle, neben deinem modiſchen Rocke, den wohlklingenden Worten und dem zierlichen Schnurrbart. Aber glaub' mir, Heinrich, der Philiſter wird bei ſeinen Gerbergeſellen eine Rolle zu ſpielen wiſſen, die gar nicht zu verachten iſt!“ Heinrich ſchien einen Augenblick nachzuſinnen, dann ergriff er raſch die Hand des Freundes und ſagte:„Ulrich, du haſt in deiner Weiſe ſehr recht und wer weiß, ob ich nicht uͤber lang oder kurz Luſt bekomme, zu dir nach Dan⸗ zig zu laufen und die Lohgerberei zu lernen. Wundere dich nur nicht, wenn ich noch einen ſolchen Streich ausfuͤhre.“ „Das heißt wieder zu weit gehen. Laß uns die beßere Zeit, ſo weit es an uns iſt, jeden in ſeiner Weiſe herbeifuh⸗ ren helfen. Aber den Augenblick muß jeder wie ein Mann ertragen. Inzwiſchen muͤſſen wir unſre eignen Wege gehen, wie wir's uns vorgenommen haben, und duͤrfen einander nur aufſuchen, wenn's noͤthig iſt. Der Zufall ließ mich dich hier finden; ich haͤtte dich aber ganz gewiß vermieden, wär' ich nicht eben in dem Falle, wo ich dich brauche. Mein Rei⸗ ſegeld geht auf die Neige und du ſollſt mir helfen.“ „Ich beneide dich,“ ſagte Heinrich, waͤhrend er einige Banknoten aus ſeiner Brieftaſche zog und dem Freunde uͤbergab,„ich beneide dich wahrhaftig um deine Zuver⸗ 9 ſicht und Zufriedenheit. Während du ruͤſtig und froͤh⸗ lich dein Weſen mit Ochſen⸗ und Kalbshaͤuten treiben wirſt, werden dich ſolche Gedanken uͤber Gleichheit und Gerech⸗ tigkeit, wie ſie unſereinen peinigen, nicht ſehr plagen. Hätt' ich nur ein Quentchen von deiner guten Zuverſicht. Ich muß dir nur geſtehen, ich bin faſt ſo weit, daß ich den wahr⸗ haft guten Zuſtand fuͤr unerreichbar halte und daran ver⸗ zweifele, ja, daß ich den Leuten Recht gebe, die ſo ganz und gar Egoiſten ſind.“ ulrich hatte das Geld ſorgfaͤltig eingeſteckt und ſtand nun auf, indem er Heinrich die Hand reichte.„Lebwohl. Laß mir gelegentlich deinen Aufenthalt wiſſen. Den meini⸗ gen kennſt du: ich gehe direkt nach Danzig und bleibe dort.“ „Ei zum Henker! du willſt ſchon fortgehen? Ich dachte, du ſollteſt mir wenigſtens einige Stunden Geſellſchaft leiſten. Ich habe da im Gaſthaus ſeit geſtern einen Mann kennen gelernt, einen Amerikaner, der dir gewiß gefallen wird. Wir haben fuͤr dieſe Stunde eine Spazierfahrt ver⸗ abredet und du kannſt uns begleiten. Mein neuer Bekann⸗ ter iſt eine ehrliche derbe Natur—“ „Es geht doch nicht,“ entgegnete Ulrich mit ſeiner ru⸗ higen Feſtigkeit.„Lebwohl.“ „Nun, ſo lebwohl!“ rief Heinrich.„Hoffentlich ſpielt der Teufel einem von uns beiden recht bald einen Streich, damit wir Gelegenheit finden, wieder zuſammen zu kommen.“ Sie ſchieden mit kraͤftigem Druck der Hand. Ulrich verließ das Haus und Heinrich begab ſich nach dem Zimmer ſeines neuen Bekannten, des Amerikaners. 10 Hier blickte Heinrich durch's Fenſter und war, wäh⸗ rend ihn ein Gegenſtand auf der Straße feſſelte, nur halb bei dem Geſpraͤche. „Sie ſagen, Sie haben keine Ausſichten,“ bemerkte Wolf, der Amerikaner;„ein garſtiger Ausdruck, er klingt ſo recht europaͤiſch! Allein mir gefaͤllt das an Ihnen, daß Sie ohne Ausſichten ſind. Keine Ausſichten und kein Vermoͤ⸗ gen— daruͤber ruͤmpft jeder Philiſter der alten Welt die Naſe; bei mir aber iſt es eine vortreffliche Empfehlung. Und Sie haben keine Verwandten, wie Sie ſagen? Sie ſtehen allein auf der Welt? Nun, wie man's gerade be⸗ trachtet:— wir Alle ſtehen in einer Hinſicht allein auf der Welt; aber auf der andern Seite auch wieder nicht. Es gibt ja ſo ungefaͤhr tauſend Millionen Menſchen, und ich daͤchte doch, dies wäre genug gegen die Einſamkeit. Mir gefallen Ihre Verhaͤltniſſe.— Allein was gedenken Sie zu thun fuͤr die Zukunft?“ „Hm— ehrlich geſtanden, gar nichts! Ich habe meine Studien beendet, was man ſo nennt, und nun blieb mir von einem ohnehin nicht bedeutenden Erbe noch eine ſehr geringe Summe, die ich dazu nuͤtze, mich ganz ſorglos ein Bißchen im Lande umzuſehen. Wenn ich dazu noch be⸗ merke, daß jenes Suͤmmchen ſchon bedeutend geſchmolzen iſt, ſo kennen Sie meine ganze Lage. Ich habe mir feſt vorgenommen, niemals Sorge zu tragen und mein dermali⸗ ger Zuſtand hat ſogar einen großen Reiz fuͤr mich, denn ich bin wirklich neugierig und geſpannt darauf, was ich nach 11 Verlauf einiger Wochen anfangen und wo ich ſein oder wie ich mich befinden werde.“ „Das hat ſeinen Reiz, o ja! ſo lange naͤmlich das Suͤmmchen noch nicht ganz geſchmolzen iſt“— ſagte der Amerikaner.„Freilich muͤſſen Sie das Stuͤck abwarten, Sie ſind noch beim erſten Akte.“ „Das ſieht ſeltſam aus! Schon zum dritten Male!“ rief Heinrich, der immer durchs Fenſter geſchaut hatte, halb fuͤr ſich.„Sehen Sie jene verſchleierte Dame, Wolf? Eine wunderbare Geſtalt! Ich muß geſtehen, daß dieſe Erſchei⸗ nung fuͤr den Augenblick meine Aufmerkſamkeit mehr feſſelt, als meine ganze Gegenwart und Zukunft. Was mag ſie vorhaben? Sie iſt ſchon einigemal die Straße auf und ab⸗ gegangen und ſcheint unter all dieſen Haͤuſern eines verge⸗ bens zu ſuchen.“ Aber jetzt wurde gemeldet, daß der beſtellte Einſpaͤnner fuͤr die beiden Gaͤſte bereit ſei und da die feſſelnde Geſtalt uͤberdies nicht wieder umkehrte, blieb Heinrich nichts uͤbrig, als mit ſeinem Gefaͤhrten in den Wagen zu ſteigen und auf's Land zu fahren. Zweites Kapitel. Die ſchon ziemlich tiefſtehende Sonne ſchien freundlich durch das weinlaubumkraͤnzte Fenſter in die Kuͤche eines kleinen ländlichen Wirthshauſes. In der Kuͤche ſtand neben der fleißigen Wirthin ein Herr, welcher aufmerkſam durch das Fenſter hinausblickte. Die Frau Wirthin war diesmal, zu ihrem eigenen Leid⸗ weſen, gar nicht im Stande, auf neugierige Fragen weit⸗ läufige Antworten zu ſpenden. Es war ganz gewiß nicht ungefälligkeit von der guten Frau, denn haͤtte ſie's vermocht, ſo wurde ſie um ſo bereitwilliger jede Auskunft gegeben ha⸗ ben, da der Fragende ein immer gern geſehener Gaſt, ein Arzt aus der benachbarten Stadt war, der ſtets, ſo oft ihn ſein Beruf in dieſe Gegend fuhrte, auf einige Augenblicke im Hauſe einſprach. „Schade! Sie wiſſen in der That weiter gar nichts von ihm?“ wiederholte der Herr zum dritten oder vierten WMal ſeine Frage. 13 „Nichts, gar nichts weiter, als ſeinen Namen, der ſehr fremdartig klingt,“ entgegnete die Frau, welche ſonſt von jedermann ſo viel oder mehr wußte, als man nur begehrte; diesmal aber mochte ihr der Gegenſtand auch gar zu unbe⸗ deutend vorkommen. „Und was kann Ihnen daran liegen?“ ſetzte ſie, in ihrer wirthſchaftlichen Arbeit endlich inne haltend, hinzu, in⸗ dem ſie durch's Fenſter deutete.„Sehen Sie nur den Mann an: was wird's denn am Ende ſein? So ein verarmter Handelsmann etwa, oder ein Muſterreiter außer Dienſt, der jetzt Muße genug hat, um auf ein neues Brod zu warten. Er iſt taͤglich ein Stuͤndchen hier, und da trinkt er, wenns hoch kommt, ein einzig Viertelchen Wein. Und immer ſitzt er ſo allein da. Ich glaube, er wuͤrde nicht boͤſe ſein, wenn Sie ihn anreden wollten, wiewohl ich noch nicht bemerkte, daß er mit irgend jemand viel ſprach, außer bisweilen mit den Kindern.“ „Hm, hm!“ entgegnete der Arzt nachdenklich.„Leute, von denen niemand etwas zu wiſſen ſcheint und die dem ungeuͤbten Auge oft ganz unſcheinbar vorkommen, haben bisweilen gerade eine beſondere Bedeutung. Sie erinnern ſich wohl jenes Geruͤchtes, wie vor einigen Jahren den Prin⸗ zen Moritz von— Nun, ich meine den Mordanſchlag auf den Prinzen, wovon die Zeitungen nachher ſo viel Lärmen machten, bis das Gerede verboten ward“— „Lieber Gott! ja freilich erinner' ich mich. Alle Welt ſprach ja davon! Es hieß, die Jeſuiten haͤtten ihn vergiften wollen.“ 14 „Ganz recht, ſo ſagte das Geruͤcht. Was hat man den Jeſuiten nicht Alles ſchon aufgebuͤrdet! dieſe waren ſehr unſchuldig bei der Sache. Der Prinz trat gleich nachher ſeine Reiſe nach Amerika an“— „Ja, und man ſprach ſogar davon, er ſei keineswegs abgereiſt, ſondern in der That vergiftet und ganz in der Stille begraben worden.“ „Das war muͤßiges Geſchwaͤtz,“ entgegnete der Arzt. „Prinz Moritz befindet ſich ganz wohl und munter in Ame⸗ rika. Allein man beſchrieb damals einen der Verdaͤchtigen, welcher kein Jeſuit war— und jene Beſchreibung paßt vollkommen auf Ihren einſamen Gaſt da draußen.“ „Jeſus Marie! welch ein graͤßlicher Verdacht!“ rief die Frau, deren Hand jetzt das Meſſer, womit ſie Salat rei⸗ nigte, entſank. „Nun, meine Aeußerung iſt keine Anklage! Sie duͤr⸗ fen daruber nicht erſchrecken. Es war das nur ſo ein Ge⸗ danke von mir. Doch moͤcht' ich den Mann wohl genauer kennen lernen,“ ſagte der Arzt, indem er ſich zum Fortgehen anſchickte.„Sie werden mir gefallig ſein, wenn Sie ihn etwas genauer beobachten wollen. Er wird wohl nicht ſtets allein ſein, und ich moͤchte gern wiſſen, mit wem er umgeht.“ Nachdem er durch's Kuͤchenfenſter noch einen Blick auf den Gegenſtand ſeiner Neugier geworfen, nahm der Arzt Ab⸗ ſchied, um ſeinen Weg nach der Stadt fortzuſetzen.— Ein voͤllig heitrer blauer ſommerlicher Nachmittag, ei⸗ ner von denen, wie ſie ſelbſt unter dem rauhen deutſchen 15 Himmel zum„ſuͤßen Nichtsthun“ einladen koͤnnen, neigte ſich ſeinem Ende zu, und der ſo eifrig beobachtete Fremdling ſaß einſam auf einem freien Vorſprung hinter dem kleinen Gaſthauſe, wo ſich eine weite prachtvolle Landſchaft uͤber⸗ blicken ließ. Unmittelbar vor dieſem Punkte, aber hundert Fuß in der Tiefe, breitete ſich die glaͤnzende Flaͤche des ſchoͤnen Rheines, durch einige ſtattliche Schiffe und zahlreiche Kaͤhne belebt. Das jenſeitige Ufer uͤberragten maͤßig hohe begruͤnte Hoͤhen, die jedoch einige lockende Fernſichten offen ließen. Zur Rechten ſchien ſich der Fluß in einer unabſehbaren Ebene zu verlieren und verrieth ſich dem Blicke nur noch an einzelnen Punkten, wo ſeine Flaͤche die Sonnenſtrahlen blendend zuruͤckwarf. Zur Linken aber, in nur geringer Ent⸗ fernung, erſtreckte ſich an ſeinem Ufer das Haͤuſermeer der umfangreichen Stadt. Die anmuthige Umgebung und die ſuͤße Stille mußten angeſichts einer getuͤmmelvollen Stadt, deren Geraͤuſch doch nicht bis hierher dringen konnte, nur um ſo reizender ſein. Der einſame Gaſt— ein ſchoͤner hochgewachſener und kraͤftiger Mann, etwa vierzig Jahr alt, zwar mit Sorgfalt und Geſchmack, aber aͤußerſt ſchlicht gekleidet,— hatte ſchon laͤnger als eine Stunde dort geſeſſen, waͤhrend ſein Blick bald ruhig uͤber die naͤhere und fernere Umgebung ſchweifte, bald ſich wieder zu Boden ſenkte, als waͤr er in Traͤume⸗ reien verſunken. Es war jedoch mehr Nachdenken als Traͤumerei. 16 Ein Geraͤuſch, welches vom Ufer des Fluſſes unten, wo ein ſchmaler Weg hart am Strande voruͤberfuͤhrte, her⸗ aufſcholl, ſtoͤrte ploͤtzlich das ſcheinbar ruhige Sinnen des Mannes; er erhob ſich raſch von der Bank und trat zu der Bruſtwehr am Abhang, uͤber welche er ſich ſpahend beugte. Der Weg unten hatte, bei dem hohen Waſſerſtande, zwiſchen der Felswand und dem Fluſſe nur eben Raum genug, daß ein Wagen auf trockenem Boden voruberfahren konnte. Kaum hatte der fremde Mann einen fluͤchtigen Blick hinabgeworfen, als er ſich eilig nach einem zum Ufer hin⸗ abfuͤhrenden Wege begab. Unten lag naͤmlich ein umge⸗ ſtuͤrzter Einſpaͤnner, deſſen abgeworfene Inſaſſen, Wolf und Heinrich, den Unfall vermuthlich nur ihrer Unachtſamkeit zu danken hatten. Wolf, ein kraͤftiger Mann mit ſonngebraͤun⸗ tem Geſicht, welcher ziemlich gleichen Alters mit jenem ein⸗ ſamen Fremden ſein mochte, war eine Zeitlang mit ſeinem Gefaͤhrten beſchaͤftigt, der beim Sturz des Wagens heftig gegen einen Stein geſchleudert worden war und nun be⸗ wußtlos am Boden lag. Wolf beugte ſich noch einmal zu dem Ohnmaͤchtigen nieder und legte ihn dann, nachdem er ſich uͤberzeugt glaubte, daß wirklich nur eine gefahrloſe Ohn⸗ macht ſtattfinde, in moͤglichſt bequemer Weiſe an die Fels⸗ wand. Dann ſpannte er eiligſt das Pferd aus und ſuchte, indem er das Thier mit ſich fuͤhrte, den Weg nach dem Hauſe oben, um von dort Hilfe herbeizuholen. Auf der Mitte des gekruͤmmten und ziemlich langen Weges begegnete ihm der Fremde. 17 „Iſt Ihr Begleiter beſchaͤdigt?“ fragte dieſer. „Von Verletzung iſt aͤußerlich nicht das Geringſte zu ſpuͤren,“ antwortete Wolf;„allein das macht den Fall viel⸗ leicht um ſo mißlicher. Ich uͤberließ dem jungen Tollkopf die Leitung des Wagens, ohne ſelber Acht zu haben, bis uns ein verdammter Stein zu Falle brachte. Der arme Burſche ſturzte ſo heftig, daß er kein Glied mehr zu regen vermag. Er liegt in tiefer Ohnmacht.“ „Eilen Sie zuruͤck, Ihr Freund darf nicht allein blei⸗ ben,“ ſagte der Fremde, indem er den Zuͤgel des Pferdes nahm.„Ich will ſogleich die noͤthigen Anordnungen treffen und folge Ihnen dann.“ Während Wolf wieder nach dem Fluſſe hinabging, fubrte der Fremde das Pferd nach dem Hauſe und uͤbergab es der Sorge des Hausknechts, den er zugleich beauftragte, ſogleich den Dorfbader herbeizuholen. Einen aͤhnlichen Auf⸗ trag gab er dem Wirthe und eilte ſodann gleichfalls wieder nach dem Ufer.— „Ei, was haſt du denn ploͤtzlich vor?“ fragte die Wir⸗ thin verwundert, als ſie ihren Mann eilig zu Pferde ſtei⸗ gen ſah. „Nach der Stadt will ich reiten und zuſehn, ob ich den Doktor noch einhole. Leicht moͤglich daß Friedrich den Bader nicht daheim findet, und ein Arzt muß doch ſchlech⸗ terdings herbeigeſchafft werden.“ „Und du willſt deswegen fortreiten? Hat denn die Sache ſo große Gefahr? Fuͤr das Bischen Ohnmacht war' an einem Arzte mehr als genug, denk' ich, und unſer 2 Gaſt ſcheint mehr befehlen zu wollen, als er am Ende be⸗ zahlen kann.“ „Nicht voreilig!“ erwiederte der Wirth.„Wer wird nach dem einfachen Rocke urtheilen! Der Herr druͤckte mir blanke zwei Thaler in die Hand, um dafuͤr einen zweiten Boten abzuſchicken, und nun denk' ich, es ſei am Beſten, wenn ich ſelber den Boten mache.“ Mit dieſen Worten ritt er auf ſeinem Klepper eilig davon, waͤhrend ihm die Frau kopfſchuttelnd nachblickte. „Zwei Thaler fuͤr den Boten!“ ſagte ſie dann.„Wer haͤtte das dem Herrn angeſehn! Zwei Thaler fuͤr einen wild⸗ fremden Menſchen!“ Nachdenklich ſchlich ſie ins Haus zuruͤck, mit dem Vor⸗ ſatze, ſich gelegentlich den Fremden doch etwas genauer zu betrachten, auf welchen des Arztes auffallige Aeußerung ihre Aufmerkſamkeit ohnehin mehr als vorher lenken mußte. Aber der ſchlichte Gaſt, der ſeit einer Woche taäglich einige Zeit hier geweilt hatte war nun ſchon bedeutend in ihrer Achtung geſtiegen. Friedrich, der Hausknecht, war von ihm einmal nach ſeinem Gaſthof in der Stadt geſchickt worden und bei dieſer Gelegenheit hatte man erfahren, daß der Mann dort ein Zimmerchen im vierten Stock bewohnte und aͤußerſt einfach lebte. Er war mithin ein armer Teufel, d. h. eine Perſon, die bei rechtſchaffenem Lebenswandel wohl einen leidlichen Kandidaten fuͤr's Himmelreich abgeben mochte, auf der lieben Erde jedoch wenig Ruͤckſicht verdiente. Aber jetzt ſcheute er ſich nicht, zwei Thaler auf einmal fur gar nichts 19 hinzuwerfen, und ſo viel hatte die brave Frau ſeiner Taſche kaum zugetraut. Inzwiſchen war der Gegenſtand ihrer Betrachtung am Ufer bei Wolf angelangt. Außer letzterm und dem Wagen mit der zerbrochenen Achſe fand er jedoch dort niemand. „Verloren und verſchwunden!“ rief ihm Wolf entge⸗ gen.„Ich weiß wahrlich kaum, was ich davon denken ſoll. Kaum fuͤnf Minuten mag ich abweſend geweſen ſein, und als ich zuruͤckkehre, find' ich den Wagen da auf die Seite geſchoben und vom Ohnmaͤchtigen keine Spur.“ „Wie,“— ſagte der Fremde—„er wird doch nicht etwa“— „Sie meinen, in den Fluß geſtuͤrzt ſein? Nein, das gewiß nicht. Der Fluß iſt ja an die zwanzig Ellen vom Ufer ab ſehr ſeicht und ohne ſtarke Stroͤmung— die Fluth hat ihn nicht verſchlungen. Aber der zur Seite geſchobene Wagen und dieſe friſchen Fahrgleiſe hier deuten auf etwas Anderes hin. Er iſt jedenfalls geborgen und auf dem Wege nach der Stadt. Unſre Muͤhe war unnuͤtz.“ In dieſer Ueberzeugung gingen nun beide nach dem Hauſe zuruͤck. Wolf gab unterwegs dem Fremden einige Auskunft uͤber ſich und ſeinen jungen Gefaͤhrten. Er be⸗ merkte, daß er jetzt in Europa reiſe, um Volk und Land kennen zu lernen, beſonders aber, um ſich genauer von den verſchiedenen nationaloͤkonomiſchen Verhaͤltniſſen zu unter⸗ richten. Er hielt ſich erſt ſeit wenigen Tagen in der Stadt auf und hatte nur ſeit geſtern den jungen Mann kennen ge⸗ lernt. Dieſer war Inlaͤnder, hatte unlaͤngſt ſeine Univerſi⸗ 20 taͤtsſtudien beendet und war jetzt, nach ſeiner eigenen An⸗ gabe, nur auf einer kleinen Erholungsreiſe begriffen. Im Fremdenbuche hatte er ſich als Heinrich Berg, Rechtscandi⸗ dat, eingezeichnet. Dies war Alles, was Herr Wolf aus Philadelphia uber ſich und Jenen ſagen wollte oder konnte. Nachdem er dieſen kargen Bericht angehoͤrt, bezeigte der Fremde ſeine Freude, einen Landsmann in Wolf zu fin⸗ den.„Auch ich bin Amerikaner,“ ſagte er,„und zwar aus Newyork, heiße Watkins, und reiſe ausſchließlich, um mich zu unterhalten. Einen ernſtern Zweck kann ich leider nicht angeben.“ Waͤre Wolf ein eifrigerer Beobachter von Geſichtern geweſen, ſo haͤtte er in dem des Herrn Watkins, als er die⸗ ſem ſeinen Namen nannte, den voruͤbergehenden Ausdruck der Ueberraſchung bemerken koͤnnen. Er achtete jedoch unter ge⸗ genwaͤrtigen Umſtaͤnden nicht darauf. Als ſie das Haus erreichten, nahm Watkins, der ohne weitern Aufenthalt nach der Stadt zuruͤckzukehren wuͤnſchte, Abſchied, verſprach jedoch, dem Landsmann noch am ſelbigen Abend einen Beſuch zu machen. „Ein Landsmann von mir“— ſagte Wolf zu ſich ſelbſt, nachdem jener gegangen war;—„wenn der ein aͤch⸗ ter Amerikaner iſt, ſo taͤuſch' ich mich gewaltig. Er iſt Eu⸗ ropaͤer, obwohl ſein Engliſch ziemlich gut amerikaniſch klang. Er hat ſo etwas an ſich, was den Europaͤer nicht verken⸗ nen laͤßt.“ 21 Jetzt erſchien die Wirthin und meldete, daß Friedrich zwar den Dorfarzt nicht gefunden habe, daß ſie jedoch ihren Mann in Begleitung des Doktors haben zuruͤckkehren ſehn. Im naͤchſten Augenblicke traten die Genannten ſchon ein. „Herr Wolf!“ rief der Arzt uberraſcht, als er den ihm ſchon bekannten Amerikaner erblickte. „Ja, Sie erwarteten nicht, mich zu finden,“ entgegnete Wolf,„und es thut mir Leid, daß Sie ſich vergebens be⸗ muͤht haben. Wir koͤnnten jetzt allenfalls einen Stellma⸗ cher brauchen, aber keinen Arzt fuͤr den Kranken, denn der iſt ſchon munter, auf und davon, ob durch die Luft oder wie ſonſt, kann ich nicht ſagen. Die Leute werden uͤber⸗ haupt bald keine Zeit mehr fuͤr eure kleinen Krankheiten uͤbrig haben; es gibt gar zu große zu heilen und jeder ohne Ausnahme ſollte Arzt werden, bis Geſundheit in der Welt waltet.“ Er erklaͤrte dem Doktor den Hergang, ſoweit er ihn ſelbſt kannte oder vermuthen konnte, und jener beſtaͤtigte die Vermuthung. Es war ihm unterwegs eine Equipage be⸗ gegnet, die er kannte, und obwohl der Wagen geſchloſſen war, ſo daß er nicht unterſcheiden konnte, ob auch eine dem vermißten Heinrich aͤhnliche Perſon darin befindlich geweſen, ſo blieb doch daran kein Zweifel und man konnte mit Si⸗ cherheit annehmen, daß Heinrich geborgen ſei. „Und was halten Sie von dem hilfreichen Fremd⸗ ling?“ fragte der Arzt.„Er hat ſich fuͤr Ihren Lands⸗ mann ausgegeben? Dies und ſein Name war mir ſchon bekannt, aber ich halte beides fuͤr falſch und muß geſtehn, 2 daß mir hinter dem Mann etwas zu ſtecken ſcheint, was des Wiſſens wohl werth ware— beſonders fuͤr uns, Herr Wolf!“ „Glauben Sie das? Nun, hinſichtlich Ihrer Zweifel muß ich Ihnen beiſtimmen. Uebrigens hat mir der Mann ſeinen Beſuch verſprochen und da wird ſich das Weitere wohl entdecken laſſen.“ „Das iſt trefflich! Ich wuͤnſchte, ich koͤnnte zugegen ſein.“— „Ei, wozu dieſer Eifer! Iſt er ein Mann Ihres und meines Sinnes, ſo wird er ſich von ſelbſt zu uns finden.“ „Moͤglich, daß er fuͤr uns iſt— allein nicht minder moͤglich, daß er gegen uns iſt. Ich ſchwanke da zwiſchen Vertrauen und Mißtrauen, und glaube nur darin nicht zu irren, wenn ich behaupte, der Mann iſt eine bedeutſame Perſon.“ Unter ſolchem Geſpraͤch, der Arzt ſehr eiftig, Wolf ſehr gelaſſen, faſt gleichgiltig, traten ſie den Weg nach der Stadt an.— Drittes Kapitel. Die Ohnmacht feſſelte Heinrich nicht lange. Er ſchlug die Augen auf und ſuchte ſeine Gedanken zu ſammeln; aber die Umſtaͤnde waren darnach, daß ihm dies nicht ſogleich ge⸗ lingen konnte. Zwar hatte ihm der Sturz außer der vor⸗ uͤbergehenden Betaͤubung nicht den geringſten Schaden zu⸗ gefuͤgt; allein wie ſollte er ſeine nunmehrige Lage deuten? Im erſten Augenblick glaubte er, in einen kurzen Schlaf gefallen zu ſein und jetzt im Wagen neben Wolf zu erwa⸗ chen. Dies war jedoch ein andrer Wagen, und nicht Wolf, — nein, er glaubte noch in einem Traume befangen zu ſein:— denn neben ihm ſaß eine feenhafte Geſtalt, dieſelbe, die er heute auf der Straße bewundert. Die Dame mochte ſich einige Augenblicke an ſeinem Staunen und ſeiner Verwirrung weiden, bis die Sorge um ſein Wohlbefinden die Oberhand gewann. Mit cheilneh⸗ mendem Tone redete ſie den wieder zum Bewußtſein Er⸗ 2 wachten an, der noch nicht faͤhig geweſen, ein Wort hervor⸗ zubringen. Bei ihren Worten kehrte aber ſeine Beſinnung zuruͤck. Der Abend begann nun bereits zu daͤmmern, und ſo ver⸗ mochte er um ſo weniger durch den dichten Schleier ihre Zuͤge zu unterſcheiden, zu deren Gunſten jedoch ſchon der angenehme Klang ihrer Stimme ſprach. Heinrich fuͤhlte ſich doppelt uͤberraſcht durch ihre Worte, denn die Dame ſprach engliſch und er vermochte ſich in dieſer Sprache kaum nothduͤrftig verſtaͤndlich zu machen. „Ein luſtiges Abenteuer ſcheint ſich da entwickeln zu wollen,“ dachte er;„Schade nur, daß die Unterhaltung et⸗ was lahm gehen wird.“— Er verſuchte franzoͤſiſch mit ihr zu ſprechen, allein es zeigte ſich, daß die Dame kein Wort davon verſtand. Es blieb ihm nichts uͤbrig, als engliſch zu radebrechen. Waͤhrend ſie langſam der Stadt zufuhren, welche in der reizendſten Abendbeleuchtung vor ihnen lag, ward das Zuſammentreffen von beiden Seiten leicht erklaͤrt. Sie ſah ihn, von einer Spazierfahrt heimkehrend, am Wege liegen, und da ſich niemand zu ſeiner Pflege in der Nähe zeigte, hielt ſie es fuͤr Pflicht, ihn der nachtheiligen Abendkuͤhle zu entziehen und ihren Wagen theilen zu laſſen. „Mein Freund wird in nicht geringer Beſorgniß ſein,“ ſagte Heinrich.„Er konnte nicht ahnen, daß ich einen Schutz⸗ geiſt finden wurde, der jedes Uebel von mir gewendet hat. Denn ich muß in der That an Wunder glauben, da ich mich 25 nach ſo gefaͤhrlichem Sturz vollkommen leicht, munter und wohl fuhle.⸗ Heinrich vernahm, daß ſeine ſchoͤne Gefährtin, Miß Eliſabeth Warren, im Engliſchen Hofe wohne und erſt ge⸗ ſtern hier angelangt ſei. Der Wagen rollte jetzt durch das Portal des genannten Gaſthauſes. Dieſes Haus war eine jener großartigen Anſtalten, wo es zu jeder Stunde des Tages und der Nacht getuͤmmelvoll und lebendig zugeht, wo Menſchen einander wochenlang voruͤbergehen und unter demſelben Dache wohnen, ohne im mindeſten auf einander zu achten:— das verjuͤngte Bild einer großen Stadt, wo jede Stunde einer Welle gleicht, die die Vorgaͤnge der letzten verſchlingt und unter Vergeſſenheit begraͤbt. Die Gemächer, welche Eliſabeth Warren hier bewohnte, gehoͤrten zu den prächtigſten im erſten Stock des weitlaufi⸗ gen Gebaͤudes und aller Prunk war darin in einem Maße verſchwendet, daß dem ſo uͤppiger Einrichtung ungewohnten Heinrich gerade durch uͤbertriebene Pracht und Bequemlich⸗ keit alles Behagen geſtoͤrt worden ſein moͤchte, haäͤtte die ſchoͤne Wirthin ſeine Aufmerkſamkeit nicht zu ſehr gefeſſelt, ſo daß er der lebloſen Umgebung anfangs weniger achtete. Er ſah eine Koͤnigin, die vom Throne geſtiegen, um, ihrer Wuͤrde uneingedenk, unterm Volke zu wandeln, waͤhrend ſie, ihr ſelber unbewußt, doch immer noch der Nimbus umfließt. Sie bat ihn um einige Augenblicke Geduld und begab ſich in ein anſtoßendes Gemach, waͤhrend ſie den Gaſt ſeinen Gedanken oder Gefuhlen uͤberließ. 26 Das heißt doch ein Bißchen Wechſel in dem einfoͤrmi⸗ gen Leben, dachte Heinrich. Es ſcheint, daß mich das Ge⸗ ſchick anmuthig hin und her ſchaukeln will und auf ſolche Weiſe ließe ſich ſchon eine Zeitlang recht huͤbſch auskommen. Immer Bewegung und Wechſel! Wenn's nur alle Tage ginge wie heut, ich wollte mit Vergnuͤgen leichtſinnig ſein. Beguͤnſtigt der Zufall doch die Leichtſinnigen am meiſten. Ein Sturz aus dem Wagen auf harte Steine, daneben der Strom, der das Ungluͤck vollenden konnte, und dennoch mit heiler Haut davon gekommen,— ja, nun gar noch zum Schluß das kleine Mißgeſchick durch ein ſo angenehmes Be⸗ gegnen verguͤtet— Gluͤck aufl ich will kein Thor ſein und das Leben nehmen, wie ſich's bietet!— Das weite und prachtvolle, aber trotzdem behagliche Gemach war von einer Lampe matt beleuchtet, welche die ganze wohlige Ausſtattung in einem ſo angenehmern Lichte zeigte, als ſich Heinrich nun gerade in der rechten Stimmung befand, um das Lockende dieſes Ortes recht durch und durch zu empfinden. Ueberdies war's ein ſtiller Sommerabend und die jetzt wenig belebte Straße ließ kein ſtoͤrendes Getoͤſe heraufſchallen. Sein Blick muſterte traͤumend die Gegenſtaͤnde ringsum, während er auf dem Diwan ruhte. Stimmung des Augen⸗ blicks und Phantaſie ſchaffen allein alles Schoͤne, und auch ihm verzauberten dieſelben hier alles in einer Weiſe, daß er unter einem feenhaften Ueberhauch erblickte, was er zu an⸗ drer Stunde und unter andern Umſtaͤnden vielleicht kalt und nuͤchtern betrachtet haͤtte. und was Alles malte ihm nicht ſeine Phantaſie vor! Er erwachte wie aus traumvollem Schlummer, als Eliſa: beth jetzt ploͤtzlich wieder vor ihm ſtand und ihn mit ihrem ſchalkhaften Lächeln aus ſeinem Sinnen weckte. Er war ſo geblendet, daß er die meiſten ihrer Worte gar nicht ver⸗ ſtand.— Sie hatte ſich in ein leichtes Hauskleid geworfen, die reichen Locken umwallten den ſchoͤnen Kopf in geordneter Unordnung,— und ſo ſetzte ſie ſich neben ihm nieder und plauderte ihm mit ihrer anmuthigen Stimme tauſend Dinge vor, waͤhrend er in der ungewohnten Sprache nur wenig und mit Schwierigkeit zu antworten vermochte. —„Bitte, kommen Sie,“ ſagte ſie dann, indem ſie aufſtand.„Sie gewaͤhren mir die Freude, etwas laͤnger mein Gaſt zu ſein. Sie ſchlagen mir dies gewiß nicht ab, nicht wahr?“ Heinrich haͤtte ſich uͤberhaupt nicht im Stande gefuͤhlt, dieſem Weſen irgend etwas abzuſchlagen; wie gern folgte er daher jener freundlichen Einladung. Sie fuͤhrte ihn nun in das anſtoßende Zimmer, wel⸗ ches verſchwenderiſch erleuchtet war und ſo einen grellen Ge⸗ genſatz zu jenem bildete, welches ſie jetzt verließen. Auf einem Tiſche luden erleſene Erfriſchungen zum Genuſſe ein; die Luft wurzte ein ſuͤßer Wohlgeruch, welchen eine kleine Fontaͤne verbreitete, die mitten auf dem Tiſche ihre koſtbare Fluſſigkeit emporſendete. Im Becken darunter ſchwammen Goldfiſchchen, ſcheinbar in der duftenden Eſſenz ſelbſt. Verſchiedene andere Tiſche trugen ein Gewuͤhl von Buͤchern, Bildern, weiblichen Arbeiten und allerhand Taͤn⸗ 28 deleien, welche durcheinander gemiſcht lagen und, nebſt dem geoffneten Flugel, ungefaͤhr andeuteten, wie die Bewohnerin dieſer Gemaͤcher ihre Stunden auszufuͤllen pflegte. Waͤhrend Heinrich jetzt neben ihr auf dem Sofa vor dem Tiſche mit den Erfriſchungen ſaß und er mit Vergnuͤ⸗ gen auf jedes ihrer Worte lauſchte, konnte er gleichwohl nicht umhin, einigen nuͤchternen Betrachtungen Raum zu geben. Eine ſeltſame Rolle ſpielte dieſe ſchoͤne Eliſabeth Warren denn doch, die ihn von der Straße nach ihrer Woh⸗ nung nahm und nun in einem, zwar ebenſo reizenden als geſchmackvollen, doch auch ziemlich freien Koſtuͤm in ſpäter Abendſtunde die liebenswuͤrdigſte Wirthin machte. Freilich hatte er fruͤher von den reiſenden Sohnen und Toͤchtern Altenglands viel des Wunderlichen gehort; allein es faͤllt den proſaiſchen Menſchenkindern, die mehr gruͤbeln als genießen, doch immer ſehr auf, ſobald ſie etwas märchen⸗ artiges ploͤtzlich einmal verwirklicht ſehen.„Aber ich bin ein Thor,“ ſchalt er ſich dann ſelber.„Ich habe Gedanken, auf die ich gar nicht kaͤme, wenn ich nicht ein deutſcher Kleinſtädter waͤre!“ Sie ſchien etwas von ſeinen Gedanken zu errathen, denn ſie nahm bald von freien Stuͤcken Gelegenheit, Eini⸗ ges uͤber ſich ſelbſt und ihre Verhaältniſſe zu ſprechen. „Man wird immer mißverſtanden und mißdeutet,“ ſagte ſie,„und das Beſte, was man dabei thun kann, bleibt, daß man nicht darauf achtet, ſondern ungeſtoͤrt den Weg fortwandelt, den man einmal als den paſſendſten erwaͤhlte. Die meiſten Laͤnder des Continents, und beſonders Deutſch⸗ 29 land, ſtecken voll Wortphiloſophen, das weiß ich wohl. Ich verſtehe darunter Alle, die ihre guten oder ſchiefen Gedanken aufſchreiben und drucken laſſen, aber trotz dieſer gedruckten Glaubensbekenntniſſe den hergebrachten Weg der Thorheit fortwandeln. Die Menge lieſt, lobt oder tadelt, glaubt und preiſt all die trefflichen Gedanken, und damit iſt es gleichfalls abgethan; Alle bleiben nach wie vor beim hergebrachten, und ſo ſind jene geprieſenen Weisheitswerke doch nichts, als koſt⸗ bare aber ebenſo unfruchtbare Mumien. In meinem Va⸗ terlande iſts ſchon beſſer. Da werden weniger Syſteme und Ideen weitlaͤufig und langweilig in Buͤchern begraben, es gibt dort mehr lebendige Philoſophen, mag man ſie auch Sonderlinge ſchelten. Denken Sie deshalb nicht ſchlechter von mir, weil ich mich in Ausdruͤcken, die Ihnen vielleicht abgenutzt oder pedantiſch vorkommen, verſtaͤndlich zu machen ſuchte. Jede Vorrede gilt fuͤr langweilig, iſt aber doch meiſt noͤthig. Das Geſagte ſollte die Vorrede zu meinem eignen Thun und Laſſen ſein. Hoffentlich haben Sie nicht uͤber⸗ hoͤrt, was ich ſprach, und werden mich nun ſchon beſſer zu beurtheilen wiſſen. Kurz, ich ſtehe allein, aber zum Gluͤck mit den Mitteln, um es ohne Unbequemlichkeit zu koͤnnen. Ich reiſe und verweile, wie mirs gefaͤllt, bald da, bald dort, laͤnger oder kuͤrzer,— und, ich wills Ihnen nur geſtehen, ich bin eine kleine Sinnesverwandte des alten Diogenes, ich ſuche Menſchen mitten unterm Getuͤmmel der Stadt. Gluͤck genug, wenn man nach langem Suchen unter Tauſenden einmal einen findet; dann ertragt ſich die Einſamkeit ſchon wieder eine Zeitlang.“ 30 „Nun, meine liebenswürdige Philoſophin, das heißt denn doch auch ſyſtematiſch leben,“ ſagte Heinrich.„Offen geſtanden, mir behagt das im Grunde wenig. Es iſt zu viel Vorſatz, zu viel Rechnen dabei, und es iſt dann doch eine ſchönere Sache um das Leben ins Blaue hinein.“ „O, ich rechne nie, Freund,“ erwiederte ſie, während ſie zerſtreut mit ſeiner Hand ſpielte.„Ich faſſe auch nie Vorſaͤtze, denn die taugen durchaus nichts, und verkuͤmmern das Bißchen Freiheit nur. Aber es gibt doch dann und wann muͤßige Augenblicke, die am Ende nicht ſchlecht angewendet ſind, wenn man ſie zum Nachdenken uͤber ſein Leben be⸗ nutzt. Die Gedanken kommen dann unwillkuͤrlich, aber es iſt gar nichts Pedantiſches dabei. Nein, ich geſtatte der jetzi⸗ gen Stunde nie, eine nachfolgende im Voraus in Feſſeln zu ſchlagen. O, Sie muͤſſen mich verſtehen— hier, mein Freund, laſſen Sie uns anklingen, daß die Welt einmal klug werde!“ „Recht von ganzem Herzen!“ erwiederte Heinrich, wel⸗ chem das feurige Getraͤnk bald alle ſtoͤrenden Betrachtungen verbannte.„Nur ſoll, verſteht ſich, der Klugheit das Herz nie fehlen,— gewiß nicht!“ fuͤgte er hinzu, waͤhrend ſein rechter Arm die ſchoͤne Wirthin umſchlang, und er ihr, mit der Linken die Locken ſtreichend, in die Augen ſah. Sie laͤchelte; aber dies geſchah vielleicht nur uͤber ſein muͤhſam geſprochnes Engliſch. Wenigſtens ſchien ihm dies der Fall und er aͤrgerte ſich daruͤber. Er beſchloß, ſeine Worte zu ſparen und druͤckte einen Kuß auf die laͤchelnden Lippen.. 31¹ Sie duldete dies einen Augenblick, dann entwand ſie ſich ſanft ſeinem Arme, ſtand auf und ſetzte ſich vor den Fluͤgel. Heinrich blieb indeß ruhig ſitzen und bewunderte im Stillen die Umriſſe der Geſtalt und des umlockten Hauptes, und die Gelaͤufigkeit, mit welcher ihre Finger uͤber die Ta⸗ ſten liefen. Bald aber nahm ihr Spiel einen melancholi⸗ ſchen Charakter an, und nun erregte ſie— nicht mehr bloße Bewunderung— tauſend ſtuͤrmiſche und wehmuͤthige Em⸗ pfindungen in dem Zuhoͤrer, indem ſie eine Romanze ſang, klagend und ſehnend und zugleich bewegt und ſtuͤrmiſch, eines jener Lieder, bei deren Klange vergangene und kuͤnftige Se⸗ ligkeit, aber mehr geahnte als wirklich empfundene, den Zu⸗ horer uͤberwaͤltigt, daß er, des gegenwaͤrtigen Augenblickes vergeſſend, vor Sehnſucht vergehen moͤchte. Und nachdem das letzte Wort verhallt und die letzten Akkorde leiſe ver⸗ klungen waren, ließ ſie die Arme niederſinken und ſchien, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, ſelber in tiefe Traumerei verſunken. Eine Mauſe trat ein, welche Heinrich anfangs nicht unterbrechen mochte.— Endlich aber erhob er ſich, ſeiner Empfindung nicht laͤnger Meiſter, eilte zu ihr hin und um⸗ ſchlang ſie gluhend, bis ſie einen guͤnſtigen Augenblick, ſich aus ſeiner Umarmung zu befreien, wahrnahm und lächelnd ſagte: „Unſte angenommene Deviſe hat einen zwiefachen Klang: Klugheit und Herz! Finden Sie es nicht ſchwer, die beiden immer Hand in Hand gehen zu laſſen?“ „Sie ſollen meine Lehrerin ſein,“ erwiederte er.„Was kann leichter ſein, als Ihren Lehren zu folgen?“ „Nun,“ ſagte ſie lachend,„erwarten wir es denn in Geduld, ob ſich eine guͤnſtige Stunde fuͤr den Unterricht fin⸗ den wird. Jetzt ſchreiben Klugheit und Herz Ferien vor.— Sie ſind geblendet, und es taugt in der That nichts, wenn man Nacht zum Tage macht.“ Mit dieſen Worten ließ ſie durch einen leiſen Druck die verſchiedenen Flammen, welche das Gemach erleuchtet hatten, erloͤſchen, und es blieb nur eine mit dunkelrothem Schirm bedeckte Lampe uͤbrig, welche ein mattes rothliches Daͤmmerlicht verbreitete. Heinrich kam nicht mehr zu nuͤchternen Betrachtungen bei der ſchoͤnen Wirthin, die mit jedem Worte und jeder Bewegung, ja mit jedem Athemzuge einen Liebreiz entfal⸗ tete, welcher unbedingt ſiegen mußte und jede Kritik entwaff⸗ nete.—— Die ſchoͤnen Stunden der kurzen Sommernacht waren unmerklich entflohen. Es war bereits wieder Tag geworden, als Heinrich aus einem kurzen Schlummer auf demſelben Diwan erwachte, wo er den ſchoͤnſten Abend ſeines Lebens zugebracht hatte. Er ſah ſich allein und glaubte im erſten Augenblick nur getraͤumt zu haben, bis ihn die Umgebung eines Andern belehrte. Alles befand ſich noch in demſelben Zuſtande wie am Abend, nur daß goldne Streifen der Mor⸗ genſonne, welche zwiſchen den Vorhaͤngen hereindrangen, eine magiſche Beleuchtung bereiteten. Tr— — Auch jetzt machte Alles, was er hier ſah, einen ſo ſuͤßen Eindruck auf Heinrich, daß er ſich dieſem Einfluſſe gern uͤberließ, ohne kritiſchen Gedanken Raum geben zu moͤgen. Nur daruͤber aͤrgerte er ſich faſt, daß er ſich hier hatte vom Schlaf uberwaͤltigen laſſen. Erſt nach einigen Minuten entſann er ſich des Mo⸗ ments, wo Eliſabeths Geſtalt von ſeiner Seite und aus dem Gemache geſchwebt war. Als er ſich nun ruhiger umſah, bemerkte er auch einige Veraͤnderungen im Gemache, die waͤhrend ſeines Schlafs, leiſe und behutſam, um denſelben nicht zu unterbrechen, ſtattgefunden haben mußten. Fuͤr je⸗ den Wunſch des Gaſtes war hier geſorgt. Eine jetzt nur angelehnte Tapetenthuͤr fuͤhrte zu einem Kabinet, wo ſich ein fuͤr ihn beſtimmtes aber unbenuͤtzt gebliebenes Lager zeigte. Es waͤhrte nicht gar lange, ſo erſchien eine Dienerin, welche dem Gaſte meldete, daß ihn die Miß im naͤchſten Zimmer zum Fruͤhſtuͤck erwarte. Heinrich ſaͤumte nicht, ſich dorthin zu begeben, wo ihm Eliſabeth, heiter und bluͤhend wie die Goͤttin des Morgens, entgegentrat. Waͤre Heinrich minder befangen von ihrem zauberi⸗ ſchen Weſen geblieben, ſo wuͤrde ſeiner Beobachtung eine leiſe Unruhe wohl nicht entgangen ſein, die ſie nicht voͤl⸗ lig zu verbergen wußte. Aber er hoͤrte nur ihr ſuͤßes Ge⸗ plauder. Endlich ſagte ſie:„Es thut mir weh, meinen lieben Gefangenen ſchon jetzt entlaſſen zu muͤſſen— ich reiſe noch dieſen Vormittag ab.“ 6 8 34 Und der Gefangene darf Sie nicht begleiten?“ erwie⸗ derte Heinrich.„Das iſt traurig fuͤr ihn, denn ſeine Frei⸗ heit gilt ihm gar nichts mehr.“ „Sie konnten und wollten mich begleiten?“ ſagte ſie, einen Augenblick nachſinnend.„Aber nein,“ fuͤgte ſie dann hinzu,„diesmal geht das nicht an, wiewohl ich Sie wie⸗ derzuſehen hoffe. Und Sie ſollen erfahren, wo Sie mich finden können. Jetzt muͤſſen wir uns trennen und Sie dur⸗ fen nicht nach dem Warum fragen. Beim Wiederſehn, viel⸗ leicht nach wenigen Tagen, will ich Alles erklären. Leben Sie wohl!— Aber ein ſichtbares Zeichen der Gefangenſchaft muß ich Ihnen doch mitgeben— hier,“ ſagte ſie, indem ſie einen werthvollen Ring vom Finger zog und ſich bemuͤhte, denſelben an Heinrichs Hand zu befeſtigen. Dies koſtete ei⸗ nige Muͤhe und ſie ſprach laͤchelnd:„Er paßt nur fuͤr den kleinen Finger, doch wohnt ihm hoffentlich Kraft genug inne, um Sie feſſeln. Leben Sie wohl, mein Freund— Sie wer⸗ den bald von mir hoͤren.“ Es duͤnkte Heinrich ſehr traurig, ſie ſo ſchnell verlaſſen zu muͤſſen, um ſich auf unbeſtimmte Zeit, vielleicht auf im⸗ mer, von ihr getrennt zu ſehen. Allein er ſah ein, daß er gehorchen muͤſſe, und ſo riß er ſich endlich mit innerm Wi⸗ derſtreben von ihr los und ging. Er befand ſich noch viel zu ſehr in einem aufgeregten und dabei halb traumartigen Zuſtande, um nicht unbedingt zu thuen, was ſie verlangte; und aus gleichem Grunde dachte er, was er ſchon in der nachſten Stunde bereute, gar nicht daran, ſie nach dem nachſten Ziel ihrer Reiſe zu fragen. 35 Doch wahrſcheinlich waͤre dies auch vergeblich geweſen und ſie wuͤrde ihm das, wie Anderes, freiwillig geſagt haben, haͤtte ſie es fuͤr gut befunden. Uebrigens troͤſtete ihn auch das beſtimite Verſprechen, daß ſie bald Nachricht von ſich geben wolle.— Was ihm in andrer, minder aufgeregter und mehr nuͤchterner Stimmung ſogleich Stoff zum Nachdenken gege⸗ ben haben wuͤrde, beachtete er jetzt kaum. Als er ihre Wohnung ſoeben verlaſſen hatte und uͤber den Korridor nach der Treppe ſchritt, begegnete ihm Wat⸗ kins, der Amerikaner, welcher nach den inzwiſchen von Wolf erhaltenen Mittheilungen leicht vermuthen konnte, wen er vor ſich hatte. Sichtlich uͤberraſcht blieb er ſtehn und fragte: „Sie kommen aus jenen Zimmern?“ „Ja,“ erwiederte Heinrich;„es faͤllt Ihnen doch nicht auf, wenn Sie einen Fremden aus irgend einem Zimmer in einem Gaſthaus treten ſehn?“ „In gegenwärtigem Fall allerdings, weil ich weiß, wer dort wohnt und weil ich im Begriff bin, ſelbſt einen Beſuch dort zu machen.“ „Das iſt die wunderlichſte Logik, die ich je gehoͤrt. Vielleicht ſind Sie ein Landsmann der Miß“— „Eliſabeth Warren bewohnt jene Zimmer noch, nicht wahr?“ fragte Watkins. „Ganz recht. Sie ſehn, ich bin ſehr geduldig, wenn man mich viel fragt.“ „Und Sie ſind der Herr, welcher dieſer Dame ſeit ge⸗ ſtern Geſellſchaft leiſtete?“ 3* 36 „Aber meine Geduld reißt bisweilen auch ploͤtzlich,“ erwiederte Heinrich.„Ich bitte, verſchonen Sie mich mit Ihrer Wißbegier— ich bin in dieſem Augenblick gar nicht aufgelegt zu einem ärgerlichen Auftritt, der, wie Sie ſich ſelbſt ſagen koͤnnen, durch Ihre Worte veranlaßt werden duͤrfte. Adieu.“ Damit wandte ſich Heinrich raſch ab und eilte die Treppe hinunter. Als er die Straße erreichte, hatte er jene Begegnung bereits wieder vergeſſen. Hatte er doch nicht einmal recht darauf geachtet, als jener erklaͤrte, er ſei ſelbſt im Begriff, Eliſabeth zu beſuchen. Viertes Kapitel. Heinrich hatte ſich nach ſeiner Wohnung begeben. Wolf ſein Nachbar, war, wie er hier vernahm, ſchon ſehr fruͤh ausgegangen. Der junge Mann nahm mit mehr als ge⸗ woͤhnlicher Sorgfalt einige Veraͤnderungen in ſeiner Klei⸗ dung vor und beſtellte ein Fruhſtuͤck, da er jenes bei Eliſa⸗ beth in der That gar nicht beruͤhrt hatte. Waͤhrend er ſich auf ſolche Weiſe beſchaͤftigte, vermochte er allmaͤlig klarer uͤber ſein kleines Abenteuer nachzudenken und begann ſich nun erſt Vorwuͤrfe zu machen, daß er bei dem ſchnellen Ab⸗ ſchiede allzunachgibig geweſen ſei und nicht einmal auf ge⸗ nauere Auskunft und beſtimmte Erklaͤrung hinſichtlich des Wiederſehens gedrungen. Er uͤberlegte lange, ob es nicht rathſam ſei, ihrem Wunſche entgegen ſogleich noch einen Beſuch zu wagen und das Verſaͤumte gut zu machen. Mochten die Gruͤnde ihres Verfahrens ſein welche ſie immer wollten, Eliſabeth konnte ſeine Ruͤckkehr doch unmoͤglich uͤbel aufnehmen, zumal ſie 38 darin nur einen klaren Beweis ſeiner Zuneigung erkennen mußte. Er berieth mit ſich hin und her und konnte lange zu keinem Entſchluſſe kommen. Endlich aber fiel es ihm ſchwer auf's Herz, daß ſie, wo nicht bereits abgereiſt, doch vielleicht ſo eben im Begriff ſei, die Stadt zu verlaſſen, und dieſer Gedanke entſchied. „Wenn ich ſie ziehen ließe, ohne noch ein Wort mit ihr geſprochen zu haben, muͤßte ſie mich entweder fuͤr einen Narren oder fuͤr einen Gleichgiltigen halten, und keines von beiden will ich in ihren Augen ſein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, indem er ſich anſchickte hinzugehen. In dieſem Augenblick uͤberbrachte man ihm jedoch ein Briefchen von Eliſabeth. Haſtig oͤffnete er und las: „Mein werther Freund! „Dieſe Zeilen ſend' ich Ihnen in dem Augenblicke, wo ich meine Wohnung und dieſe Stadt verlaſſe. Ich beab⸗ ſichtigte, Ihnen erſt von B. aus, an einem der naͤchſten Tage zu ſchreiben und die verſprochene Nachricht zu ge⸗ ben; doch noͤthigt mich ein beſondrer Umſtand, ſchon jetzt die Feder zu ergreifen. Als Sie mich dieſen Morgen verlaſſen hatten, begegnete Ihnen ein mir bekannter Herr, Watkins, ein Amerikaner, der mich unmittelbar nachher beſuchte. Ein etwas verworrenes Verhaͤltniß, woruͤber Sie mit naͤchſtem aufgeklaͤrt werden ſollen, hat mir die Feindſchaft dieſes Mannes zugezogen, welcher bei ſeinem Mangel an einer wuͤrdigern Beſchaͤftigung ein beſonderes 39 Vergnugen darin findet, mich auf vielfache Weiſe zu be⸗ läſtigen und zu verfolgen. Zwar iſt dieſer Herr durchaus nicht im Stande, mir irgendwie zu ſchaden; da ich jedoch aus ſeinem eigenen Munde vernahm, daß Sie ihm nicht unbekannt ſind und er Ihnen wahrſcheinlich abgeſchmackte Maͤrchen bezuͤglich meiner mittheilen wird, ſo glaubt' ich es uns Beiden ſchuldig zu ſein, daß ich meinen werthen Gefangenen ohne Verzug darauf aufmerkſam machte. Empfangen Sie meinen freundlichſten Gruß“ u. ſ. w. Heinrich dachte erſt jetzt wieder an den Mann im Eng⸗ liſchen Hofe. Schon wieder ein Amerikaner, ſagte er zu ſich ſelbſt; aber deſto beſſer, vielleicht wird Wolf etwas von ihm wiſſen. Gern hätte er dieſen jetzt geſprochen; da er jedoch auf die baldige Heimkehr des Nachbars nicht rechnen konnte, ſo verließ er gleichfalls das Haus, um einen Spaziergang in den anmuthigen Umgebungen der Stadt zu machen. Es war ihm angenehm, daß zufolge Eliſabeths An⸗ deutung ſein kleiner Roman ſogleich eine Fortſetzung erhalten ſollte, denn ihm bangte bereits vor der Pauſe bis zum Em⸗ pfang neuer Nachrichten von der geheimnißvollen Freundin. Faſt unwillkuͤrlich hatte er den Weg nach derſelben Gegend eingeſchlagen, wo ihm Tags zuvor jener Unfall be⸗ gegnet war. Er ſah das Wirthshaus in geringer Entfer⸗ nung auf der Hoͤhe liegen und waͤhlte es zum Ziele ſeiner kleinen Wanderung. Bald befand er ſich auf dem Vor⸗ ſprung hinter dem Hauſe, wo wir Watkins zuerſt fanden. Heinrich fuͤhlte ſich durch die reizende Ausſicht uͤber den Strom gefeſſelt. Er ließ ſich auf einer der hier befindlichen 40 Baͤnke nieder und uͤberſchaute mit innigem Behagen die außerſt belebte Landſchaft, deren Schoͤnheit durch den lieb⸗ lichſten Sommermorgen noch bedeutend gehoben wurde. Jetzt bewegte ſich von der Stadt her ein ſtattliches Dampfſchiff, deſſen Deck bei dem herrlichen Wetter von Rei⸗ ſenden erfullt war. „Sollte ſie ſich auf dem Schiffe befinden?“ dachte Heinrich;„hochſt wahrſcheinlich, denn es geht nach B., wo⸗ hin ſie ſich begeben wollte.“ „Eliſabeth Warren befindet ſich allerdings auf dem Dampfſchiff,“ ſagte Watkins, der ſeit einigen Minuten un⸗ bemerkt hinter Heinrich ſtand und deſſen halblaut gedachte Worte vernommen hatte.„Sie befindet ſich auf dem Schiff,“ wiederholte er,„und ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck zu der Ent⸗ fernung dieſer Dame.“ Waͤre Heinrich auch erzuͤrnt geweſen, ſo hielt ihn jeden⸗ falls ein ihm ſelbſt nicht bewußtes Etwas ab, ſeinem Unwil⸗ len paſſende Worte zu geben. Ueberdies erinnerte er ſich, daß ihm Verleumdungen von Seiten dieſes Mannes bereits in Ausſicht geſtellt waren und er beſchloß, geduldig anzuho⸗ ren, was ihm Watkins etwa zu eroͤffnen haben werde. „Ich vermuthe,“ ſagte er,„daß Sie mir manches uͤber Miß Eliſabeth mittheilen werden, was den Charakter dieſer Dame in nicht vortheilhaftem Lichte zeigen ſoll. Ich bin bereit zu hoͤren. Damit Sie ſich jedoch nicht wundern, wenn ich meinen Gleichmuth behaupte, und dulde, was Sie ſagen, ſo leſen Sie zuvor dieſe Zeilen.“ 4¹ Dabei reichte er Watkins den erhaltenen Brief. Wat⸗ kins las das Papier und gab es dann laͤchelnd zuruͤck. „Ich ſehe aus all dem,“ ſagte er,„daß Sie die Dame allerdings noch nicht kennen; ich hatte das Gegentheil ver⸗ muthet. Auskunft könnt' ich Ihnen zur Gnuͤge geben; allein jenes Papier iſt vielleicht kraͤftig genug, um Sie mit Unglauben zu waffnen. Daher iſt es wohl gerathner, wenn ich ſchweige. Vielleicht lehrt es Ihnen die nächſte Zeit, daß Sie nur einem gemeinen und raͤnkeſuͤchtigen Weibe zum Werkzeug dienen ſollen.“ „Raͤnkeſuͤchtig? Und wie ſollt' ich ihr Werkzeug ſein koͤnnen? Ach, Sie verſtehen ſo etwas nicht recht einzuleiten, Sie wiſſen Ihre Worte nicht glaubhaft zu machen,“ erwie⸗ derte Heinrich.„Nun, wie dem auch ſei: es wird mich vielleicht unterhalten, wenn Sie Alles ſagen, was Sie im Sinne haben.“ „Gern, da Sie es wuͤnſchen; obwohl meine Auskunft kaum mehr nothig iſt, nachdem ſich die Warren bereits ent⸗ fernt hat. Ich kenne dieſelbe erſt ſeit einer Woche, ſo lange als ich mich in dieſer Stadt aufhalte. Eliſabeth Warren iſt eine Zeitlang Lehrerin in einem graflichen Hauſe geweſen, wo ſie ſich in ſehr vortheilhafter Lage befand; ihr leichtferti⸗ ger Charakter ließ ſie indeß dort bald Langeweile empfinden, ſie gab jene Stellung auf und zog es vor, als abenteuernde irrende Dame eine kurzweiligere Rolle zu ſpielen. Gleich nach meiner Ankunft hier wendete ſie ſich zu meiner Ver⸗ wunderung an mich, den Fremdling— wie wahrſcheinlich auch an viele Andre— und erſuchte mich, ihr die Mittel zur Ruͤckreiſe nach ihrer Heimat zu verſchaffen. Ich ver⸗ fugte mich nach ihrem Gaſthaus, wo ſie mir muͤndlich ihre Lage ausfuͤhrlicher ſchilderte. Sie verſicherte, zu bereuen, daß ſie ihre fruͤhere Stellung aufgegeben haͤtte und mit Freuden in eine andre derartige eintreten moͤchte. Der Zu⸗ fall wollte, daß ich ihr hierbei mit Rath und That an die Hand gehen konnte. Ich gab ihr einen Empfehlungsbrief nach der Schweiz, wo ſie in einem angeſehenen Hauſe die gewuͤnſchte Stellung finden konnte. Zugleich verſah ich ſie reichtich mit den Mitteln zur Reiſe und verließ ſie, ohne zu ahnen, daß ich ſie nach einer Woche in ſehr auffaͤlligen Ver⸗ haͤltniſſen noch hier finden wuͤrde.“ „Eliſabeth hielt ſich ſchon laͤnger als eine Woche hier auf, ſagen Sie?“ „Sie ſind entſchloſſen, meine Erzaͤhlung fuͤr unwahr zu halten,“ entgegnete Watkins, indem er ein Papier aus ſeiner Brieftaſche ſuchte;„in dieſem Falle fuhr' ich jedoch den Beweis bei mir, denn das Datum dieſes Briefes der Eliſabeth Warren beſtaͤtigt meine Angabe. Hier, uͤberzeugen Sie ſich ſelbſt.“ Heinrich fand durch das Papier das Meiſte des bisher gehörten bekraͤftigt. Er ſagte nichts, hoͤrte aber aufmerkſa⸗ mer und geſpannter als vorher zu. „Ich habe weder Gelegenheit noch Luſt gehabt, den Charakter dieſes Weibes genauer kennen zu lernen,“ fuhr Watkins fort.„Ich halte ſie nur fuͤr leichtfertig und ge⸗ nußſuͤchtig. Von ihrer Undankbarkeit und den Verleumdun⸗ gen, deren ſie ſich gegen mich ſchuldig gemacht, will ich nicht 43 ſprechen. Ich hatte zu meiner Verwunderung erfahren, daß die Warren nicht weiter als bis nach dem erſten Gaſthauſe der Stadt gereiſt ſei, wo ſie außerordentlich verſchwenderiſch lebe, natuͤrlich nur auf Koſten der Freigebigkeit einiger ver⸗ blendeter Narren. Ich wuͤrde ſie ohne weitere Theilnahme ihrem Geſchick uͤberlaſſen haben, hätt' ich nicht fuͤrchten muͤſſen, ſie koͤnne den von mir erhaltenen Empfehlungsbrief auf grobe Weiſe mißbrauchen. Dieſer Umſtand allein ver⸗ anlaßte mich, ſie noch einmal aufzuſuchen, und bei der Ge⸗ legenheit uͤberzeugte ich mich von ihrem wahrhaft furſtlichen Leben und der intereſſanten Weiſe, wie ſie ihre Tage und Naͤchte zubringt. Wir begegneten einander im Vorzimmer dieſen Morgen. Daß uͤbrigens die liebenswuͤrdige Miß ſich auf die eine oder andre Weiſe noch etwas von Ihnen ver⸗ ſpricht, beweiſt das Briefchen, worin ſie ſich uber mich ſo ſchmeichelhaft aͤußert. Schon Tags zuvor hatte ich mich nach ihr erkundigt; ſie mochte dies erfahren haben und ſich ohnehin aus mehrfachen Gruͤnden veranlaßt ſehen, ihren Aufenthaltsort zu wechſeln. Mein Beſuch von heute Mor⸗ gen hat ſie vollends zur Eile getrieben. Zu ihren tauſend Manoͤvern ſcheint auch das zu gehoͤren, daß ſie bisweilen vorgibt, allein engliſch zu ſprechen, obwohl ſie der deutſchen Sprache vollkommen maͤchtig iſt.“ Heinrich fuͤhlte ſich von alldem ſehr unangenehm be⸗ ruͤhrt. Indeß war es weniger Unwille gegen Eliſabeth, was er empfand, als Mißmuth uͤber die Eröffnungen Watkins. Mochte auch Alles wahr ſein, was dieſer ſagte, ſo hatte Heinrich doch unter keiner der tadelnswerthen Eigenſchaften 44 der Eliſabeth Warren zu leiden gehabt; ſie erſchien ihm, im Gegentheil, noch jetzt als eine ſo gebildete und liebens⸗ wuͤrdige Geſellſchafterin, wie er ſie nur wuͤnſchen koͤnnte; und hatten ſich andre uͤber ſie zu beklagen, ſo hatten ſie Alles ihrer eignen Thorheit zuzuſchreiben. Gleichwohl lag aber auch im ganzen Weſen Watkins etwas, was kein Mißtrauen gegen denſelben aufkommen ließ, und Heinrich fuͤhlte ſich zu ihm hingezogen, ſo wenig er ihm auch fuͤr die Zerſtorung angenehmer Täuſchungen dankbar ſein konnte. Zudem ſchien es, als habe derſelbe nicht Alles geſagt, was er von Eliſabeth wußte. Watkins mochte wohl ahnen, was in dem jungen Manne vorging und er ſagte laͤchelnd: „Sie wuͤrden dem Dampfſchiffe, welches nun ihrem Blicke ſogleich durch jene Huͤgel entzogen ſein wird, mit an⸗ dern Gedanken und Gefuͤhlen nachgeſchaut haben, waͤr' ich nicht als Stoͤrenfried erſchienen. Es thut mir leid, Sie um eine ſuͤße Stunde gebracht zu haben; im Uebrigen aber iſt's mir um ſo lieber, denn es duͤrften ohne meine Bemer⸗ kungen ſehr viel unangenehme Stunden gefolgt ſein. Ich will Sie Ihren Betrachtungen uͤberlaſſen und bin uͤberzeugt, daß Sie ſich ſehr bald getroͤſtet fuͤhlen werden.“ „Gut, uͤberlaſſen Sie mich meinen Betrachtungen,“ ſagte Heinrich muͤrriſch. Watkins reichte dem Verſtimmten die Hand und ent⸗ fernte ſich. Heinrich ſah ihm nach bis er verſchwunden war und dann ſagte er zu ſich ſelbſt:—„Der Mann hat jeden⸗ falls Recht. Schon ſeine Miene ſieht ganz darnach aus, 45 als ob er ſich gar nicht irren koͤnnte. Aber—— Nun, es ſei, ohne Wenn und Aber! Ich will ihm vertrauen und ſeinen Umgang nicht meiden, auf ſo peinliche Weiſe er mir auch die Binde von den Augen nahm. Zum Henker! das war ein verteufelter Irrthum, obwohl ein ſchoͤner! Ich hoffte ſo eine Art idealer Aſpaſia gefunden zu haben— und ich war im Grunde nur ein Spielwerk zu augenblicklichem Zeit⸗ vertreib, und fuͤr die Zukunft wahrſcheinlich zum Werkzeug erleſen, um Gott weiß was fuͤr ſaubere Plaͤne ausfuͤhren zu helfen.“ Heinrich kehrte mit ganz andern Empfindungen nach Hauſe zuruͤck, als mit denen er ausgegangen war. Auf dem Ruͤckwege hatte ſich auch der voruͤbergehende Mißmuth, eine Folge der ploͤtzlichen Enttaͤuſchung, verloren. Er war jetzt nuͤchtern, ohne kalt zu ſein, ruhig und dennoch frohlich. Fünftes Kapitel. „Wiſſen Sie, daß ich ein Narr geweſen bin?“ fragte er Wolf, welchen er jetzt daheim fand. „Ich weiß es,“ antwortete der Amerikaner trocken. „Ich kenne Ihr ſogenanntes Abenteuer nur erſt unvollkom⸗ men, kann jedoch den Zuſammenhang errathen. Huͤten Sie ſich uͤbrigens! Eine Dame wie die bewußte wird man ſo ſchnell nicht los und die Sache kann noch tauſend unerwar⸗ tete aber ſchwerlich erfreuliche Folgen fuͤr Sie haben. Das gleicht einer Klette, die, vom Kleide geriſſen, an der Hand haͤngen bleibt und jedenfalls doch einige Stacheln zuruͤck laßt.“ „O, fuͤr mich iſt da ſchwerlich zu fuͤrchten!“ antwortete Heinrich.„Sobald ich mich einmal ſelber frei fuͤhle, bin ich auch frei und ſicher und lache jeder Intrigue, denn ich zerhaue im Nothfall ihren Knoten mit Alexanders Schwert.“ „Hm, es ſchadet dennoch nichts, wenn man auf der Hut ſteht. Wir leben in der Zeit eines Krieges Aller wi⸗ der Alle, und dieſer Krieg iſt weit gefaͤhrlicher und atſche licher, als jener das europaͤiſchen Mittelalters, denn es wird nicht mehr mit dem Schwerte, ſondern nur noch mit Hin⸗ terliſt gekämpft. Die Ehrlichen und Harmloſen ſind da im⸗ mer die Beſiegten und Alexanders Schwert muß roſten.— Ich habe in der Zwiſchenzeit auch eine weibliche Bekannt⸗ ſchaft gemacht, freilich ganz andrer Art als die Ihrige. Ich wollte, Sie waͤren dabei geweſen.“ „Nun, laſſen Sie hoͤren.“ „Ich bin im Begriff, die kleine Freundin oder Pfleg⸗ befohlne,— ſie iſt beides,— die ich heut kennen lernte, wieder zu beſuchen, und es wird mir lieb ſein, wenn Sie mich begleiten wollen. Der Weg iſt weit genug, daß un⸗ terwegs Zeit vollauf bleibt, um Ihnen das Nähere mitzu⸗ theilen.“ Heinrich erklaͤrte ſich gern bereit und folgte den Ame⸗ rikaner. „Es iſt ſeltſam,“ bemerkte Wolf, als ſie die Straße erteicht hatten,„welche Rolle dieſer Watkins ſpielt. Offen⸗ bar ſucht er meinen Umgang eifrig und ich kann nur noch nicht begreifen, aus welchem Grunde. Je mehr ich ihn beobachte, um ſo mehr werd' ich uͤberzeugt, daß er nicht Amerikaner iſt. Noch auffaͤlliger aber iſt mir der Umſtand, daß ihn kein Menſch zu kennen ſcheint, waͤhrend er gleich⸗ wohl nach allen Seiten Einfluß beſitzt und uͤbt. Daß er ſchlicht, beinah aͤrmlich lebt, waͤhrend er offenbar uͤber un⸗ geheure Summen zu verfuͤgen hat, dies ſollte mich am we⸗ nigſten in Erſtaunen ſetzen, denn es gibt genug reiche Son⸗ 48 derlinge. Nur uber ſeine ſonſtigen raͤthſelhaften Verhaͤltniſſe muß ich mich wundern.“ „Auch an mir ſcheint er einen Antheil zu nehmen, deſſen Grund ich nicht zu erklaͤren weiß,“ ſagte Heinrich. „Ganz unrecht hat Eliſabeth doch vielleicht nicht.“ „Worin?“ „Hinſichtlich deſſen, was ſie uͤber Watkins ſagt— doch Sie wollten mir von Ihrer Freundin ſprechen.“ „Ganz recht, und ich begann mit Watkins, weil dieſer es war, der mich mit der kleinen Freundin bekannt machte. Ich war dieſen Morgen ſehr ftuͤh ausgegangen und begeg⸗ nete dem ſonderbaren Manne auf der Straße.„Haben Sie eine Stunde fur mich uͤbrig?“ fragte er, und als ich bejahte, fuͤhrte er mich bis vor's Thor der Stadt nach dem Friedhofe.—„Ich habe,“ berichtete er,„Gelegenheit ge⸗ funden, einem armen Kinde eine Wohlthat zu erweiſen, was man ſo nennt. Es iſt ein verwaiſtes Maͤdchen, welches mit ſeiner Mutter aus Suͤddeutſchland nach Hamburg reiſen wollte, wo der Vater irgend eine Anſtellung gefunden hatte⸗ Die Armen mochten zeither ſchon viel Elend erlitten haben⸗ Als ſie nun auf der Reiſe hier anlangten, fuͤhlte ſich die Mutter, deren Geſundheit ſchon ſeit längerer Zeit untergra⸗ ben, aͤußerſt matt, und die beiden Reiſenden entſchloſſen ſich, da man uͤberdies hier einen Brief mit Nachricht und Geld zu finden hoffte, einen Raſttag in dieſer Stadt zu halten. Als Marie, die Tochter, bei der Poſt nachfragte, fand ſich der erwartete Brief aus Hamburg allerdings vor, aber ſein Inhalt vernichtete alle Hoffnungen auf's Fuͤrchterlichſte. Der 49 Vater, der ſich in ſeinen Ausſichten gaͤnzlich getaͤuſcht ge⸗ funden, hatte aus Verzweiflung ſein Leben gewaltſam enden laſſen, nachdem er vor dem Tode noch ſelbſt den Brief mit der Schreckenskunde abgeſchickt. Als die Mutter dieſelbe vernahm, machte ein Nervenſchlag ihrem Leiden ein Ende und die Tochter ſah ſich nun in einer fremden Stadt ohne alle Mittei allein und verlaſſen. Dieſe Geſchichte(fuhr Watkins fort), iſt ſehr einfach, nicht wahr? und Sie werden ſo gut wie ich wiſſen, daß ſich dergleichen, zumal hier in Europa, jeden Tag wiederholt.“— Ich nickte bejahend und er ſprach weiter:—„man beachtet nur gewoͤhnlich derglei⸗ chen nicht gehoͤrig; ich ſelbſt aber ſuche ſolche Scenen auf, weil ſie aus beſondern Gruͤnden etwas Anziehendes fuͤr mich haben, und ſo ward ich vom guͤnſtigen Zufall auch zu dem verlaſſenen Madchen gefuͤhrt. Es fehlten ſogar die Mittel, die Mutter begraben zu laſſen, und Sie koͤnnen ſich vor⸗ ſtellen, daß der Wirth des elenden Hauſes beide Gaͤſte gern los ſein wollte, die Todte wie die Lebende. Ich war im Stande, dem armen Kinde die kleine Summe zu geben, welche fuͤr das Begraͤbniß und zur Befriedigung des Wirths erforderlich war. Ich verließ ſie mit dem Verſprechen wei⸗ terer Hilfe, aber ich habe nicht Luſt, ſelbſt noch einmal hin⸗ zugehen. Wollen Sie mein Bote ſein?“— Ich erklaͤrte mich bereit dazu. Wir hatten unterdeſſen den Friedhof er⸗ reicht. Bei einem offenen Grabe blieb Watkins ſtehen und ſagte:—„Vermuthlich iſt dies die Stätte, wo die Verſtor⸗ bene gebettet werden ſoll. Ich weiß, daß das Begraͤbniß in dieſer Stunde ſtattfindet; gewiß brauchen wir nicht lange I. 4 50 zu warten. Sie werden die Tochter ſehn, welche wahrſchein⸗ lich die einzige Begleiterin ſein wird. Sobald die Ceremo⸗ nie hier voruͤber iſt— man wird ſich bei der Beſtattung einer armen Frau nicht lange aufhalten— dann folgen Sie dem heimkehrenden Maͤdchen und uͤbergeben ihr dieſes Geld und dieſen Brief. Es iſt ein Empfehlungsſchreiben, welches ihr eine fuͤr ihre Verhaltniſſe anſtaͤndige und jedenfalls ſor⸗ genfreie Lage verſchaffen wird. Weiter hab' ich Ihnen nichts zu ſagen. Etwaige nöthige Rathſchläge werden Sie dem armen Kinde wohl gern ertheilen.“ „Ich ſteckte“(fuhr Wolf fort),„die Geſchenke zu mir. In dieſem Augenblicke bemerkten wir die Ankunft eines Lei⸗ chenwagens, und von der andern Seite erſchienen die Knechte des Todtengraͤbers.—„Treten wir zuruͤck,“ ſagte Watkins, „ich wuͤnſche, daß wir unbemerkt bleiben“— wir entfernten uns ein wenig und waren ungeſehn Zeuge der nicht ſehr umſtaͤndlichen und beſchleunigten Beerdigung. Der Wagen entfernte ſich ſogleich, nachdem man den Sarg herabgenom⸗ men hatte, und die Todtengräber, die in wenig Minuten ihr Geſchaͤft beendigt hatten, verließen den Ort gleichfalls ohne Aufenthalt. Das Mädchen befand ſich ganz allein bei dem friſchen Grabe, auf welchem ſie einen ziemlich duͤrftigen Blumenſchmuck ordnete. Ich konnte ſie um ſo ungeſtörter betrachten, da auch Watkins bald weggegangen war.— Marie weilte noch lange bei dem Grabe ihrer Mutter;— ich weiß nicht, ob ich mich ſo ganz in ihre Empfindungen mit hineinfuͤhlen konnte, aber wenigſtens empfand ich das Gefuhl der gänzlichen Verlaſſenheit deutlich genug mit ihr. 51 Mehrmals war ſie im Begriff zu gehen und immer wieder trat ſie zuruͤck und ſchaute in tiefem Schmerz, aber ohne lindernde Thränen, auf den Huͤgel nieder.— Wie ich ver⸗ ſprochen, folgte ich ihr, als ſich Marie endlich hinweg begab. Ich erfuͤllte die uͤbernommenen Auftraͤge, und vermocht' ich das arme Kind auch nicht heiter zu machen, ſo glaub' ich doch, daß die unerwartete Hilfe ihr wenigſtens Ruhe verlie⸗ hen haben wird. Ich bin nun, wie geſagt, im Begriff, ſie noch einmal zu beſuchen, um ihr womoͤglich durch meinen Rath zu nuͤtzen, und es freut mich, daß Sie mir Geſellſchaft leiſten wollen. Sie werden freilich nur ein ſchlichtes, noch dazu in Kummer verſunkenes Weſen mit verweinten Augen ſehen, keine Aſpaſia,— ein armes Maädchen in einem elen⸗ den Gemach, weit entfernt von der uͤppigen Pracht, welche Eliſabeth umgibt“— „Es iſt mir faſt beſchaͤmend,“ unterbrach Heinrich ſei⸗ nen Fuͤhrer, welcher, obwohl gewoͤhnlich mit Ruhe, doch oft in einem gewiſſen bittern Tone ſprach,„daß mich wenige Worte, die Watkins zu mir ſprach, ſo raſch umzuſtimmen vermochten; aber Sie haben ihn ſelbſt gehoͤrt und geſehen und werden daher ſeinen Einfluß begreiflich finden, welcher mir binnen wenigen Stunden gleichgiltig gemacht hat, was mich erſt ſo ſehr feſſelte. Beim Himmel, ich gehe Ihrer Un⸗ bekannten mit einer Theilnahme entgegen“— „Hier ſind wir an unſerm Ziele,“ ſagte Wolf, indem er Heinrich zum Eingang eines großen, aber unanſehnlichen und baufalligen Hauſes fuhrte, welches ganz einer Bettler⸗ herberge aͤhnlich ſah. 4* Unterm Eingang trat ihnen der Wirth entgegen. „Wie freut es mich, daß der Herr ſich um das gute Kind ſo bemuͤht,“ ſagte der Mann, der das„gute Kind“ noch Tags vorher gern auf die Straße geworfen hätte. „Ich hab' der Kleinen vergebens eins meiner beſten Zimmer mit Ausſicht nach der Straße angeboten; ſie will bis zum letzten Augenblick in dem Gemache weilen, wo ſie ihre Mut⸗ ter zum letzten Mal geſehn— ich mußt' ihr am Ende den Willen laſſen. Ich werde nie vergeſſen, wie ruͤhrend“— „Sie bewohnt alſo noch daſſelbe Gemach?“ unterbrach Wolf den geruͤhrten Wirth. „In demſelben. Es iſt jetzt eine Dame bei ihr.“ „Eine Dame?“ fragte Wolf. „Ja, eine aͤltliche Dame, welche, glaub' ich, dem ar⸗ men Kinde ein Unterkommen verſchaffen will.“ „Das duͤrfte ein mehr als überfluͤſſiger Beſuch ſein,“ bemerkte Wolf, indem er ſich mit Heinrich nach einem du⸗ ſtern Eingang im Hofe begab, der gar nicht wie ein Weg zu menſchlichen Wohnungen ausſah. Die Treppe, welche man erſtieg, wurde nur dadurch weniger abſchreckend, daß ſie in vollkommene Nacht gehuͤllt war, denn ſo konnten ihre abſchreckenden Eigenſchaften minder bemerkbar ſein. „Glauben Sie meiner Erfahrung, gutes Kind,“ toͤnte es im Innern des Gemachs,„es wird Ihnen traurig gehen, wenn Sie ſich ſolchen Herren anvertrauen. Sie ſehen ſelbſt, daß der Erſte ſchon geſtern mude geworden iſt, Sie zu be⸗ ſuchen; mit dem Zweiten wird es ebenſo gehn, bis Sie ſich 53 im Elend ſehn. Aber in meinem Hauſe werden Sie ein ruhiges und ſorgenfreies“— Die Gäſte unterbrachen dieſe Rede, indem ſie jetzt in das Gemach traten, deſſen Anſehn ganz dem Eingange ent⸗ ſprach, ſchwarzgeraͤucherte Waͤnde und wenig miſerable Ge⸗ raͤthſchaften; doch konnten jetzt nur die darin befindlichen Perſonen ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen. Schon aus den wenigen Worten, welche man beim Eintreten aus dem Munde der anweſenden Frau vernahm, und noch deut⸗ licher aus dem Anſehn und Benehmen derſelben konnte der Erfahrene leicht errathen, welchen philantropiſchen Abſichten Marie den Beſuch dieſer barmherzigen Schweſter zu dan⸗ ken hatte. „Hier kommt der Herr,“ ſagte das ſchuͤchterne Mad⸗ chen,„welcher mir ſeinen Schutz und Rath ertheilt, und ich muß daher den Ihrigen dankbar ablehnen.“ Mit einem impertinenten Blick, von einer ziemlich fre⸗ chen Aeußerung begleitet, maß die fremde Frau die neuen Gaͤſte, durch welche ihr menſchenfreundlicher und gewiß eben ſo uneigennuͤtziger Plan, der verwaiſten Marie ein Unter⸗ kommen zu verſchaffen, vereitelt werden ſollte. „Es wundert mich freilich nicht ſehr,“ bemerkte ſie noch,„wenn Ihnen der Rath dieſer Herren jetzt annehmli⸗ cher erſcheint, als der meinige, mein gutes Kind; indeß ſoll⸗ ten Sie doch erwaͤgen“— Wolf, welcher das Weib einige Augenblicke ſchweigend betrachtet hatte, unterbrach ſie jetzt.„Sehen Sie wirklich 54 noch nicht ein, daß Sie voͤllig uͤberfluͤſſig ſind?“ fragte er kurz und barſch. Die verſchmaͤhte Helferin wuͤrde ſich vermuthlich noch in einem Strome von Gegenreden ergoſſen haben, hätte nicht Wolfs entſchiedenes und drohendes Weſen jeden Wi⸗ derſpruch unrathſam gemacht. Sie begriff ſchnell, daß ſie es mit Leuten zu thun hatte, von welchen ſie auf den erſten Blick erkannt war, und daß ſie einen ſchoͤnen, wahrſcheinlich oft erprobten Plan, der ſich auf Mariens Unerfahrenheit grundete, aufgeben muͤſſe. Mit einem unverſchaͤmten Gluck⸗ wunſch, deſſen Bedeutung die argloſe Marie zum Gluͤck nicht verſtand, und indem ſie die Hoffnung ausſprach, uber lang oder kurz der Hilfloſen doch noch beiſtehn zu koͤnnen, nahm die Frau Abſchied. Während dieſes kurzen Zeitraums hatte Heinrich Zeit genug gehabt, Marien zu betrachten, und je laͤnger ſein Blick auf der ebenſo anmuthigen als anſpruchloſen Erſchei⸗ nung ruhte, um ſo unbegreiflicher begann es ihm zu werden, wie ihn eine Eliſabeth auch nur momentan häͤtte feſſeln koͤn⸗ nen. Er war anfangs nur im Anſchaun verloren und ver⸗ nahm nichts von dem, was Wolf zu dem Maͤdchen ſprach. Marie hoͤrte aufmerkſam all die Rathſchlaͤge, die ihr ertheilt wurden, und wenn ſie eine Antwort gab oder um etwas fragte, ſprach ſie ſo ſchuͤchtern und ſo leiſe, daß ihre Worte kaum vernehmlich waren. Das Empfehlungsſchreiben, wel⸗ ches ſie von Watkins erhielt, war an einen Grafen Wald⸗ rode, auf dem gleichnamigen Schloſſe, gerichtet, in deſſen Hauſe ihr eine angemeſſene Stellung verheißen ward. Schloß 55 Waldrode war vierzig oder fuͤnfzig Meilen entfernt, und Marie ſollte jetzt die Reiſe dorthin antreten, nachdem ihr der hilfreiche Fremde mit edler Freigebigkeit die Koſten be⸗ ſtritten hatte. Sie kannte nicht einmal ſeinen Namen, und als Wolf ihr denſelben nannte, aͤußerte ſie, wie leid es ihr thue, dem freundlichen Wohlthaͤter in Dank nicht wieder⸗ holt ausſprechen zu koͤnnen. Heinrich hatte von alldem nichts vernommen; er war, wie geſagt, bisher ganz im Anſchaun verſunken geweſen. Die ſchoͤne Geſtalt Mariens zeigte ſich in dem ſehr einfachen Trauerzuge um ſo vortheilhafter. Ihr Geſicht war regel⸗ maͤßig und dabei doch nicht kalt; ihr dunkles Auge verrieth Leben und Waͤrme; das reiche braune Haar umfloß einfach geſcheitelt die ſchoͤne Stirn; und der Zauber, welcher uͤber ihr ganzes Weſen waltete, machte ſeine Kraft und ſeinen Einfluß in einem Grade geltend, daß Heinrich ſelbſt daruber erſtaunt geweſen ſein wuͤrde, waͤr' er nur einen Augenblick zu kaltem Bewußtſein gekommen.— Und kaum erblickt, ſollte dieſe Erſcheinung ſeinen Augen ſchon wieder entruͤckt werden. „Hat Ihnen unſer Freund naͤher erklaͤrt, welche Stel⸗ lung Sie im Hauſe des Grafen Waldrode einnehmen wer⸗ den?“ fragte Wolf. „Es kann jedenfalls nur eine ſehr beſcheidene gemeint ſein,“ antwortete ſie;—„wie dem auch ſei, ich werde mich bemuͤhen, die Zufriedenheit der Herrſchaft zu erwerben.“ „Wie! am Ende iſt gar die Stelle einer— Dienerin gemeint?“ rief Heinrich, als er dieſe Aeußerung hoͤrte.„Iſt 56 dem ſo, dann handelt Watkins unverzeihlich. Sie werden ſich unbehaglich, ungluͤcklich fuͤhlen“— „Ich glaube ſelbſt,“ bemerkte Wolf, indem er den hitzi⸗ gen Sprecher mit ironiſchem Laͤcheln unterbrach,„daß unſre Freundin nur der beſten Lebenslage wuͤrdig iſt; allein das Schickſal iſt tyranniſch. Wiſſen Sie indeß beſſern Rath, Heinrich, als ihn Herr Watkins geben konnte, ſo werden Sie ſich unſer Aller Dank erwerben.“ Heinrich biß ſich aͤrgerlich auf die Lippen. Er hätte gern viel entgegnet, ſchwieg jedoch, um die peinliche Situa⸗ tion nicht zu ſteigern. Ihm lag jetzt hauptſächlich daran, Marien anzudeuten, wie hoch er ſie achtete. „Leider ſehen Sie,“ fuhr Wolf fort,„daß es fuͤr den Augenblick bei dem einmal beſchloſſenen wird bleiben muͤſſen. — Ich meinerſeits habe Ihnen nichts weiter zu ſagen, Ma⸗ rie, als den herzlichen Wunſch, daß es Ihnen wohlergehen moͤge. Die Poſt wird in einer halben Stunde abgehen, und da es mir leider unmoͤglich iſt, Sie dahin zu begleiten, ſo wird mein Freund hier wohl die Guͤte haben. Moͤge Ihre Reiſe gluͤcklich ſein und Sie ſich am Ziele derſelben zufriedener fuͤhlen, als es Ihnen der junge Herr profezeit.“ Mit dieſen Worten nahm Wolf Abſchied und Hein⸗ rich uͤbernahm den erhaltenen Auftrag mit Freuden— aber auch mit Schmerz, denn es galt doch nur Lebewohl zu ſa⸗ gen. Leider draͤngte die Zeit und machte einen fernern Aufenthalt unſtatthaft.— Heinrich fuhlte, daß es fuͤr den Augenblick allerdings das Gerathenſte ſein moͤge, dem ver⸗ laſſenen Madchen ihr Loos im beſten Lichte zu zeigen. Ohne 57 ſich noch ſelbſt ſagen zu koͤnnen, wie er im Stande ſein werde, ſich ihr hilfreich zu beweiſen, nahm er doch als gewiß an, daß er dafuͤr ſorgen muͤſſe, Marie ſobald als moͤglich aus jeder allzuabhaͤngigen Lage zu befreien. Uebrigens huͤtete er ſich, waͤhrend der kurzen Friſt, da er noch ihr Gefaͤhrte ſein konnte, eine auf ihre Lage deutende Bemerkung zu ma⸗ chenz er bot Alles auf, um ſie heiter zu ſtimmen und ihre Gedanken von dem juͤngſt erfahrenen Mißgeſchick möglichſt abzulenken. So klar ihr auch ſeine Geſinnung werden mußte, ſo hatte er doch, faſt widerwillen, nicht das mit Worten ausgeſprochen, was er ihr am Liebſten geſagt haͤtte. Es un⸗ terblieb nicht, weil er die Stimmung und Lage, in welcher ſie ſich befand, fuͤr unpaſſend hielt— aber die Minuten entſchwanden ſchnell und er verſchwieg den einen Gedanken, bis es zu ſpät war, ihn auszuſprechen. Doch troͤſtete er ſich in der Ueberzeugung, daß er trotzdem verſtanden ſei. Marie war im Begriff in den Wagen zu ſteigen und in dieſem Augenblick war Heinrich ſo ungluͤcklich, etwas zu begehen, woruͤber er ſich im nächſten Augenblick als uber einen dummen Streich aͤrgerte. Sein Blick fiel nämlich auf den von Eliſabeth erhaltenen Ring, den er noch trug; er zog ihn vom Finger und bat Marien, ihn anzunehmen. Sogleich duͤnkte ihn nun dieſe Gabe eine Entweihung ſeiner kaum erwachten Neigung, aber das Geſchenk war nun ein⸗ mal geboten und angenommen. Er muͤhte ſich nun nur, ihr auf die beſtmogliche Weiſe anzudeuten, wie es nicht ſein Wunſch ſei, daß ſie auf dies Geſchenk einen beſondern Werth legen moͤchte; daß ihr in ihrer verlaſſenen Lage der reelle 58 Werth des Ringes vielleicht einmal nuͤtzlich ſein koͤnne. Da er ſich indeß, in dem Beſtreben, die zarteſten Worte zu waͤh⸗ len, nicht deutlich auszuſprechen wagte, konnte er nicht wiſ⸗ ſen, ob Marie ſeine Worte vollkommen begriffen hätte. Aber der Vorfall klang ihm jedenfalls wie ein Mißton durch die Scene. Wenige Augenblicke nachher rollte der Wagen davon und entfuͤhrte ſeinen Blicken ein Weſen, welches er nicht ſo leicht vergeſſen zu koͤnnen glaubte, als Eliſabeth. Wir muͤſſen fuͤr den Augenblick unterlaſſen, den Ein⸗ druck zu ſchildern, welchen die letzten Begegniſſe und beſon⸗ ders die Theilnahme ihres letzten Gefaͤhrten in Mariens Gemuͤth zuruͤckließen, und waͤhrend ſie dem noch unbekann⸗ ten Ziele ihrer neuen Beſtimmung entgegengeht, bleiben wir vorlaͤufig bei den Perſonen, welche ſie in jener Stadt zuruͤck läßt, wo fuͤr ſie auf unerwartetes herbes Mißgeſchick ebenſo unerwartete Hilfe folgte. Heinrich ſchaute dem dahineilenden Wagen nach, und blieb noch immer, als derſelbe längſt in der nächſten Straße verſchwunden war, auf der Stelle ſtehen, wo er den letzten Blick Mariens erhalten hatte. Dann ſchlich er in ſich ge⸗ kehrt nach Hauſe, waͤhrend er im Stillen ſein Geſchick ver⸗ wuͤnſchte, welches ihm nicht geſtattete, der Entfernten ſofort nachzueilen, um, konnte er ihr nicht ſogleich ein freies und frohliches Loos bereiten, doch mindeſtens in ihrer Naͤhe zu ſein.— Sechſtes Kapitel. „Ihre Neigungen wechſeln ſchnell,“ ſagte Wolf zu ihm, nachdem er ihn ſchweigend einige Minuten betrachtet hatte. „Ich leſe Alles deutlich in Ihrem Geſicht;— allein ich find' es ganz recht, daß Ihnen die Gegenſtaͤnde immer ſchnell entruͤckt werden: Sie wiſſen noch nicht treu zu ſein!— Dann iſt es auch, offen geſtanden, nicht gut, daß Sie ſich vorſätzlich dem Muͤßiggange widmen; aber das mag man Ihnen verzeihen, da Sie vermuthlich noch nicht wiſſen, wie unendlich viel es in der Welt zu thun gibt.“ „So will ich Ihnen,“ entgegnete Heinrich geaͤrgert, „auch Ihre ſublime Weisheit verzeihen und Ihnen zugleich die große Lehre verrathen, daß es in der Welt unendlich we⸗ nig zu thun gibt. Wie waͤr's, wenn jeder von uns nur da⸗ fur ſorgte, ſein Leben mit Annehmlichkeit auszuſchmuͤcken?“ „Gut. Hoffentlich werden Sie das verſtehn, wenn uͤber lang oder kurz die Maſſe des Unangenehmen auf Sie eindringt.“ 60 „Ich werd' es verſuchen und es wird gelingen. Vor der Hand will ich nichts zu thun haben, ſo lang' ich keinen wahrhaft vernuͤnftigen Zweck fuͤr mein Thun weiß. Ich habe Jahrelang in der Irre umhergetappt; jetzt ſoll mich die Neigung des Augenblicks fuͤhren.“ „Warum folgen Sie trotzdem nicht Ihrer Neigung? Warum z. B. ließen Sie unſte kleine Freundin dem unge⸗ wiſſen Schickſal entgegen reiſen?“ „Ich konnt' ihr nicht folgen.“ „Warum nicht?— Ich denke der Hauptgrund oder der einzige Grund war, daß es Ihnen an hinreichenden Geldmitteln fehlt. Das klingt freilich erbaͤrmlich, aber es iſt doch ſo. Koͤnnen Sie aber, ſolchen Verhaltniſſen gegen⸗ uͤber, noch behaupten, daß es wenig zu thun gebe? Hätten Sie in der That noch nie daruͤber nachgedacht, worauf der⸗ gleichen mißliche Umſtaͤnde einzig und allein beruhen?“ „Ich ſollte wohl denken, die Sache ſei ſonnenklar,“ entgegnete Heinrich, deſſen Gedanken wieder abſchweiften. Wolf ſchwieg eine Weile und dann begann er, als wolle er von einem ganz verſchiedenen Gegenſtande ſprechen: „Es gibt in eurem Deutſchland einen Mangel, Heinrich, welcher dem aufmerkſamen Fremden ſogleich auffaͤllt, naͤmlich euern Mangel an Gemeinſiun, den Mangel an patriotiſchem Gefuͤhl. Ihr ſeid gleichgiltig, kalt gegen Alles, was das Ganze betrifft; anderwaͤrts findet man wohl patriotiſchen Egoismus, bei euch aber nur Egoismus der Einzelnen.“ „Ach, Freund,“ entgegnete Heinrich,„Sie wiſſen nichts davon, wie ſehr wir fur Freiheit und Vaterland geſchwaͤrmt 61 und auch geduldet haben;— ich ſelber gehoͤrte nicht nur, ich gehoͤre, offen geſtanden, im Stillen noch zu den Schwaͤr⸗ mern, obwohl mir eine gewiſſe kalte Vernunft einwenden will, daß dieſe Schwaͤrmerei nie Fruͤchte tragen werde. Sehr viele Deutſche haben ſich bereits ſo uͤberreden laſſen, und um ſich doch Ehren und Schande halber zu Etwas zu be⸗ kennen, geben ſie ſich fur Kosmopoliten aus, obwohl ſie da— von keinen Begriff haben, denn unſer Volk ſcheint nur noch aus Kleinſtaͤdtern zu beſtehen— es gibt da nur noch Buͤr⸗ germeiſter, Buͤttel, Philiſter und eine ſtattliche Anzahl Va⸗ gabunden, damit die Poeſie gerettet wird. Zur letzten Klaſſe gehoͤr' ich ſelher, wie ich glaube.“ „Jedenfalls ſeid Ihr ein wunderliches Volk, und das Wunderlichſte iſt,(wenn man es nicht als ein Zeichen eurer Verdumpfung anſehn will), daß Ihr nicht verzweifelt, wenn ihr die Geſchichte eurer fruͤhern Vergangenheit uͤberblickt und ſie mit eurem heutigen Zuſtande zuſammenhaltet. Ja, man darf euch mit andern Nationen nicht vergleichen wollen, ihr habt zu viel Unbegreifliches. Wenn man mit Recht an⸗ nimmt, daß allenthalben die politiſche der ſocialen Freiheit vorangehen und dieſer als Grundlage dienen muͤſſe, ſo iſt es bei euch vielleicht umgekehrt, und die ſociale Freiheit wird der politiſchen vorangehen.“ „Mir gibts immer einen Stich,“ bemerkte Heinrich, „wenn ich die Freiheit, die untheilbare eine, ſo klaſſificiren hoͤre.“ „Ich glaube auch an die Goͤttin, die eine und ganze Freiheit. Allein die Umſtände noͤthigen uns ſchon zu jenen Benennungen. Es hat ja doch einmal den Anſchein, als duͤrften wir die Freiheit nur ſtuͤckweis erobern. Und ich moͤchte wetten, auch Sie haben unter verſchiedenen Geſtalten und Aeußerungen die Goͤttin verehrt. Republikaniſche, Re⸗ praͤſentativverfaſſung uͤberhaupt, Preßfreiheit und was damit zuſammenhaͤngt— darin beſtund wohl all Ihre Freiheit! An ein Mehreres haben vielleicht Einzelne unter Euch laͤngſt gedacht und jetzt lehrt man auch wohl die Maſſen nach dem zu verlangen, was ihnen zunaͤchſt noth thut. Allein das Ungluͤck iſt, daß gerade ſehr viele der Beſſern unter euch nur immer mit den alten Puppen ſpielen und fuͤr die neue Lehre harthoͤrig ſind. Was dieſe wollen, iſt dann freilich einſeitig und eitel Theorie. Schaffen etwa ihre freien Ver⸗ faſſungen, ihre freien Preſſen, wenn ſie ſolche hätten, den Tauſenden von hungernden Arbeitern Brod, bannen ſie das verzehrende Elend aus den Huͤtten, das glaͤnzende Elend aus den Palaͤſten und aus beiden die Unmoral? Wuͤrde Marie in der Republik minder verlaſſen und ungluͤcklich geweſen ſein? Es moͤgen edle Guͤter ſein, nach denen jene Leute ſtreben, aber fuͤr ſich allein nicht die edelſten. Blicken Sie auf England, wo freie Verfaſſung, freie Preſſe, Macht und Anſehn nach Außen und Kraft im Innern— das iſt doch ein Staat, wie heut zu Tage wenige! Aber zählen Sie dort die Verkuͤmmerten, die Verhungernden, und ſagen Sie mir dann noch, ob's der Muͤhe lohnt, die ſogenannte politi⸗ ſche Freiheit allein als das hoͤchſte und ſchoͤnſte Ziel zu erſtreben.“ „Sie meinen,“ entgegnete Heinrich,„die ſociale duͤrfe nicht fehlen, und dagegen laͤßt ſich gar nichts einwenden. Ich denke nur, Sie ſtehen hier nicht auf dem rechten Stand⸗ punkt: Sie ſprechen als Buͤrger eines Staates, der politiſch frei iſt, und ſomit bei ſeinem Streben die politiſche Freiheit aus dem Spiele laſſen kann. Sie vergeſſen, daß wir auch noch darum ringen muͤſſen. Uebrigens ſchelten Sie uns nicht traͤge, was ſociale Umgeſtaltung und Veredlung be⸗ trifft. Ich will jetzt ganz von den neuen ſocialiſtiſchen Be⸗ ſtrebungen ſchweigen, bei denen ich in der That noch nirgend thätig betheiligt war. Wer aber unſern Bildungsgang wirk⸗ lich kennt, der weiß auch, daß edle Geiſter unter nns, noch ehr die Woͤrter Soeialismus und Communismus gaͤnge wa⸗ ren, fuͤr Socialreformen thaͤtig geweſen ſind, und einen Grund in unſerm Volksleben gelegt haben, der ſeiner Zeit einen Bau tragen wird, weit uͤberragend all die luftigen Ge⸗ ruͤſte der ubereilt bauenden Nachbarn.“ „Ich zweifle kaum daran,“ ſagte Wolf,„und um mich von alldem zu unterrichten, bin ich ja nach Europa gekom⸗ men. Ich kenne eure Geſchichte und eure Literatur, die aͤl— tere wie die neuere. Huͤtet Euch aber vor Selbſtſchmeichelei, die leicht in der Trägheit, eurem alten Erbtheil, beſtaͤrkt. Es gibt hier wie anderwaͤrts noch außerordentlich viel zu thun. Beſonders fehlt es noch am rechten Unterricht, der Nach⸗ denken und Bewußtſein weckt. Iſt erſt dafur geſorgt, dann werden die Leute zu einem Begriffe der Freiheit kommen, fur welchen ſie nicht blos ſchwaͤrmen werden.“ Wolf war weit entfernt, durch Worte unterrichten zu wollen. Er kannte Heinrich bereits vollkommen, vielleicht beſſer, als dieſer ſich ſelbſt kannte. Er wußte, daß Heinrich 64 ſich keineswegs glucklich fuͤhlte, daß es mit ſeinem„Leben ins Blaue“ gar nicht ernſtlich gemeint war; daß der junge Mann im Gegentheil nach einem Halt ſuchte, wie ein Schißbruͤchiger. Von den jugendlichen Idealen begann vor ſeinen Augen der myſtiſche Schleier zu weichen, er ſah nur nach Taͤuſchungen, waͤhrend doch das Jugendfeuer, welches ſich ſo gern von Taͤuſchungen, die es fuͤr Wahrheiten nimmt, naͤhrt, noch in ihm gluͤhte. Vergebens trug er ein kaltes, aller Traͤumerei lachendes und daruͤber erhabenes vernuͤnf⸗ telndes Weſen zur Schau; vergebens ſuchte er ſich auch wohl ſelbſt zu uͤberreden, es ſei ihm damit Ernſt.— Der kundige Wolf durchſchaute ihn beſſer und ſah ungefaͤhr die naͤchſte geiſtige Laufbahn voraus, durch welche ſich Heinrich wuͤrde bewegen muͤſſen. Aber er fuͤhlte ſich hier nicht zum Lehrer berufen, zumal in dieſem Augenblicke, wo Watkins erſchien, der Mann, hinſichtlich deſſen er ſich ſelbſt gern be⸗ lehrt geſehen haͤtte.— „Sie haben das Mißgeſchick, Herr Watkins,“ ſagte er zu dieſem,„daß Sie auf der andern Seite Ungluͤckliche ma⸗ chen, während Sie auf der einen Wohlthaten ſpenden.“ „Man kennt nicht immer alle Fruͤchte ſeiner Thaten; allein wen hätt' ich jetzt unglucklich gemacht?“ „Ihre im Uebrigen ſo wohl angewendete Guͤte hat doch zugleich unſerm Freunde hier Kummer bereitet. Er hat die liebliche Marie kennen gelernt und zwar zur Gnuͤge, um ſie nur mit Schmerzen ſcheiden zu ſehen. Er dankt Ihnen gar nicht fuͤr die Entfernung des lieben Maͤdchens.“ 8 66 „Das wird einer andern Dame Thraͤnen koſten, ant⸗ wortete Watkins.„Aber es iſt kein Wunder, wenn Sie ſich in das Kind verliebt haben. Nur getroſt, das geht vor⸗ uͤber und iſt kein Ungluͤck zu nennen.— Oder waͤr' es doch ernſtlich gemeint? In dieſem Falle haͤtt' ich einen Vor⸗ ſchlag, durch deſſen Annahme Sie ſogleich wieder in Ma⸗ riens Naͤhe kommen koͤnnten.“ „Das wuͤrde mich uͤberhaupt nur eine Wanderung von wenigen Tagen koſten,“ ſagte Heinrich.„Indeß kann ich Ihren Vorſchlag immerhin anhoͤren.“ „Nach Allem, was ich bereits von Ihnen hoͤrte,“ ſagte Watkins,„binden Sie ſich nicht gern. Sie werden auch, denk' ich, nichts von Ihrer Freiheit einbuͤßen, wenn Sie das Amt uͤbernehmen, welches ich fuͤr Sie in Bereit⸗ ſchaft habe.“ „Nur jetzt nichts, was man ein Amt nennt!“ rief Heinrich.„Damit wuͤrde mir wahrhaftig nicht gedient ſein, es muͤßte mir denn freiſtehn, jeden Augenblick meine Ent⸗ laſſung zu nehmen.“ „Es iſt nichts gemeint, was man gewoͤhnlich unter Amt verſteht. Fuͤrchten Sie nicht, in den Staatsdienſt berufen zu werden; Sie ſollen nur in den meinigen treten, wenn das Wort Dienſt uͤberhaupt paſſend ſein koͤnnte. Nur mit mir werden Sie es zu thun haben und es ſoll Ihnen aller⸗ dings freiſtehn, jede Stunde Ihre Entlaſſung zu nehmen. Ihr Geſchaͤft ſoll nur das eines Berichterſtatters fuͤr mich ſein. Sie reiſen zunaͤchſt nach Waldrode, wo Sie nichts weiter zu thun haben, als einen Brief von mir zu uͤber⸗ I. 5 reichen und ſich nach Ihrer Freundin zu erkundigen. Sie halten ſich dann ferner abwechſelnd in der nicht fernen Re⸗ ſidenzſtadt auf, oͤfter aber noch in den verſchiedenen Ort⸗ ſchaften um Waldrode; Sie ſuchen ſich eine möglichſt ge⸗ naue Kenntniß aller Zuſtaͤnde des dortigen Landes zu ver⸗ ſchaffen, nicht ſowohl in politiſcher Hinſicht, woran weniger gelegen iſt; in allem Uebrigen aber merken Sie genau auf jeden Umſtand und zeichnen Alles auf, was irgend Ihnen der Muͤhe werth ſcheint. Dann ſenden Sie mir möglichſt oft, zum wenigſten jede Woche einmal, Ihre Berichte. Es wuͤrde darin die Rede ſein muͤſſen von allen großen und kleinen Ereigniſſen, die zu Ihrer Kenntniß gelangen; von der Volksſtimmung in den Städten wie auf dem Landez mit einem Worte, Sie ſchreiben mir alles Bemerkenswerthe ſo ausfuhrlich als moglich. Außerdem haben Sie ſich zu nichts zu verpflichten, es waͤre denn vollkommene Verſchwie⸗ genheit gegen Jedermann hinſichtlich Ihres Verhaltniſſes zu mir. Ueber das Weitere, beſonders auch einen ange⸗ meſſenen und fuͤr all Ihre Beduͤrfniſſe ausreichenden Ge⸗ halt, werden wir uns leicht verſtändigen koͤnnen. Was ſagen Sie zu meinem Antrag?“ „Er iſt an und fuͤr ſich ſo klar,“ antwortete Heinrich, „daß er keiner weitern Erlaͤuterung zu beduͤrfen ſcheint. Das Geſchäft iſt leicht und im Allgemeinen gewiß nicht unangenehm. Die Stellung iſt ſo frei, ſo ungebunden, wie wenige. Nur ein wichtiger Umſtand iſt fuͤr mich zu bedenken. Ich kann mich nicht dazu verſtehn, ein willen⸗ loſes knechtiſches Werkzeug zu ſein. Ja, das Warum und * Wozu iſt es, was noch in Betracht kommt. Daruͤber klaͤ⸗ ren Sie mich auf und ich werde ohne ferneres Bedenken Ja oder Nein ſagen.“ Wolf hatte Alles mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit, aber mit der gleichgiltigſten Miene von der Welt, angehoͤrt. Watkins ſchien ihm viel Vertrauen zu ſchenken, da er ihn zum Zeugen eines geheimen Vertrags machte. „Sie haben ein Recht, nach dem Zwecke zu fragen,“ ſagte Watkins.„Ich trat meine Reiſen an, gleich man⸗ chem reichen Manne, nur aus langer Weile und weil ich ſonſt nichts zu thun wußte. Nun will ich aber auch gele⸗ gentlich nationaloͤkonomiſche Erfahrungen— und zwar im weiteſten Sinne, nicht blos in jenem der ſogenannten Na⸗ tionaloͤkonomen— ſammeln, gleich Herrn Wolf. Die Nationalökonomie liegt in der Wirklichkeit furchterlich im Argen und ich kann da vielleicht, fang' ich gleich nur als Dilettant an, einen guten Griff fur's Gemeinwohl thun. Nun wohl, Sie ſollen mir auf die angegebene Weiſe bei meinen Anfangsſtudien behilflich ſein. Waͤhrend ich in ei⸗ ner Gegend ſelbſt ſehe und hoͤre, thun Sie daſſelbe fuͤr mich in einer andern, und ich finde ſpäter vielleicht Gele⸗ genheit, Ihre Berichte mit meinen eigenen Erfahrungen zu vergleichen. Sind Sie in der genannten Gegend fer⸗ tig, ſo können Sie ſich zu gleichem Zwecke in einer an⸗ dern aufhalten, vorausgeſetzt daß Sie unſers Vertrages nicht ſchon eher uͤberdrußig werden. So werden Sie den (vielleicht doch auch gemeinnuͤtzigen) Zwecken eines Privat⸗ 5* 68 mannes dienen, welchen Sie dabei als Ihren Freund be⸗ trachten mögen, dem Sie in freundſchaftlichen Briefen Alles nur irgend Bedeutſame und Intereſſante melden. Herr Wolf meint vielleicht, daß ich meine Studien von einer allzubreiten Baſis beginne, ich denke jedoch darin Recht zu haben. Sind Sie mit der Erklärung zufrieden?“ „Ich bin es,“ antwortete Heinrich,„und ich bin be⸗ reit, den Vertrag einzugehen; verſteht ſich, auf unbeſtimmte Zeit.“ „Gut. Wir wollen die einzelnen Bedingungen noch heute beſprechen, und wenn Sie bei Ihrem Entſchluß blei⸗ ben, koönnen Sie in den nächſten Tagen oder ſchon mor⸗ gen dieſelbe Straße verfolgen, auf welcher Ihnen Marie entflohen iſt. Ich will mich ſogleich von allen Geſchaͤften befreien, um noch heute weiter mit Ihnen berathen zu koͤn⸗ nen. Adieu bis dahin, meine Herrn.“ Watkins ging.— „Sollt' ich da nicht vielleicht im Begriff ſein,“ ſagte Heinrich jetzt zu Wolf,„der Spion eines Spions zu wer⸗ den?— Etwa im Solde einer nordiſchen Macht?“ Wolf lachte laut auf bei dieſer Bemerkung.„Nein, nein!“ ſagte er dann.„Alles Andre iſt eher moͤglich, als das. Watkins will ſeine Geheimniſſe haben, wie ich ſehe; aber ich denke, Sie duͤrfen trotzdem den Vertrag ohne Be⸗ denken ſchließen. Ja, ich rathe Ihnen ſogar, bei deſſen Er⸗ fullung recht gewiſſenhaft zu Werke zu gehen, und ohne den mindeſten Ruͤckhalt uber Alles zu was Ihnen vor⸗ kommt.“ 69 Zwar wußte ſich Wolf, dem juͤngern Gefährten gegen⸗ uber, den Anſchein zu geben, als durchſchaue er den Charak⸗ ter und die Abſichten Watkins jetzt vollkommen; im Stillen war es ihm jedoch um ſo ärgerlicher, daß er das Geheim⸗ niß, welches dieſen Mann umgab, nicht zu durchdringen vermochte. Siebentes Kapitel. Nach einigen Tagen war Heinrich zur Abreiſe bereit. Von Wolf, welcher Tags zuvor einen Ausflug ſtromauf⸗ waͤrts unternommen, hatte er ſich bereits verabſchiedet, nach⸗ dem ihm jener verſprochen hatte, daß er ihn bald in der Ge⸗ gend von Waldrode aufſuchen werde. Jetzt befand ſich der junge Berichterſtatter zum letzten Mal bei Watkins. 8„Ihre Nachrichten,“ ſagte dieſer,„koͤnnen Sie auf verſchiedene Weiſe geben. Thatſachen bleiben natuͤrlich wie ſie ſind; aber das Urtheil, die Anſichten daruͤber werden ent⸗ weder Ihre eignen ſein, oder diejenigen Andrer, Einzelner oder der Maſſen. Ich wuͤnſche aber, daß Sie beides mit⸗ theilen, ſowohl Ihre eigne Kritik, als die der Andern, be⸗ ſonders aber auch jenes Urtheil, welches man oͤffentliche Meinung nennt. Da Sie ohne Cenſur ſchreiben werden, ſo können Sie ſich auch durchaus unumwunden ausdruͤcken. Je mehr Letzteres der Fall iſt, um ſo werthvoller werden v v. mir Ihre Briefe ſein. Aufrichtig im Auffaſſen wie im Wiedergeben der Gegenſtaͤnde und in beidem fleißig— das iſt Ihre ganze Aufgabe. Und nun reiſen Sie gluͤcklich und leben Sie ſo frei und frohlich, als es Ihnen nur mog⸗ lich iſt.“ „Noch Eins will ich Ihnen vor dem Abſchiede mit⸗ theilen, Herr Watkins,“ entgegnete Heinrich, indem er je⸗ nem ein Papier uͤberreichte.„Dieſen Brief hab' ich ſo eben noch von Eliſabeth Warren erhalten. Je weniger ich ſelbſt noch ein Intereſſe an ihr nehme, um ſo weniger trag' ich auch Bedenken, Ihnen dieſe Zeilen vorzulegen. Ich ſehe daraus, daß entweder Sie ſelbſt oder Wolf in einer Verbin⸗ dung mit Eliſabeth ſtehen muͤſſen.“ Watkins las den Brief, in welchem es hieß: „— Ich war im Begriff, Ihnen den Ort unſers lei⸗ der ſchon verſpaͤtigten Wiederſehens zu nennen, als ich die Nachricht erhalte, daß Sie ſich in Angelegenheiten Watkins nach dem Schloß Waldrode begeben werden. Das iſt leider ein neues Hinderniß und es werden nun vielleicht Wochen vergehen, eh' ich Gelegenheir finde, Ih⸗ nen mein Verſprechen zu halten. So ſchmerzlich mich dieſer Umſtand beruͤhrt, ſo muß ich im Uebrigen Ihren Schritt doch vollkommen billigen. Auch die Reſidenz werden Sie theilweis zu Ihrem Aufenthaltsort wählen, wie ich hoͤre, und dort werd' ich vermuthlich die Freude haben, Sie wieder zu finden. Ich habe Recht gehabt, wenn ich vermuthete, W. werde Ihnen verſchiedene artige Neuigkeiten uͤder mich mittheilen, nicht wahr? Sei dem wie ihm wolle, von meiner Seite iſt ihm im Voraus verziehen und bei Ihnen bleibt ja doch jede auf mich be⸗ zugliche Verleumdung machtlos. Freilich verſteht dieſer W. ein argloſes Gemuͤth leicht zu beruͤcken, ſo daß es ihm unwillkuͤrlich trauen muß, waͤhrend er lichtſcheue Zwecke verfolgt.— In der Gegend von Waldrode wird es Ihnen ſehr gefallen, lieber Heinrich; ſie iſt recht an⸗ muthig. Ich habe ſelbſt einige Zeit das ehrwuͤrdige Schloß Waldrode bewohnt, und zwar— was glauben Sie?— in der Eigenſchaft einer Lehrerin! zu welcher ich mich wohl nicht beſonders eigne. Dennoch werden Sie, wenn Sie meiner etwa dort erwaͤhnen, ſicherlich hoͤren, daß ich das aus ſeltſamer Grille erwaͤhlte Amt zu voll⸗ kommenſter Zufriedenheit verſah“ u. ſ. f.— „Wolf war allerdings gegenwärtig und hörte zu, als wir unſre Uebereinkunft trafen, und es geſchah von meiner Seite nicht aus Unbedachtſamkeit, ſondern vielmehr abſicht⸗ lich, daß ich ihn Alles hoͤren ließ,“ ſagte Watkins, wahrend er den Brief zuſammenfaltete und Heinrich zuruͤck gab. „Nun, laſſen Sie ſich dadurch nicht irren. Es iſt gut, daß niemand, auch er nicht, die Adreſſen kennt, unter denen Sie mir ſchreiben werden.— Die Dame findet, wie ich ſehe, fuͤr gut, Sie auf das und jenes vorzubereiten, was Sie von ihr hoͤren koͤnnten, oder dasjenige im beſten Lichte dar⸗ zuſtellen, was Sie ſchon gehoͤrt haben. Ich muß geſtehn, daß mir dieſer Verrath unſerer Angelegenheit unlieb iſt. In⸗ deß, fur Sie bleibt das gleichgiltig, und ich werde den Zu⸗ ſammenhang wohl erfahren. Leben Sie wohl, Heinrich. ——— —— 73 Ich hoffe, wir werden noch ſo gute Freunde werden, daß es kein Geheimniß mehr zwiſchen uns geben ſoll. Nach Schloß Waldrode muß ich Ihnen uͤbrigens noch eine War⸗ nung mitgeben:— Sie könnten dort leicht Gefahr lau⸗ fen, der kleinen Marie untreu zu werden— huͤten Sie ſich„ Heinrich war wahrend der letzten Tage faſt unausge⸗ ſetzt in Watkins Geſellſchaft geweſen und dieſer Mann war ihm von Stunde zu Stunde räthſelhafter geworden. Zu⸗ gleich hatte er ihn aber auch— und das war unter ſolchen umſtaͤnden ſeltſam— von Stunde zu Stunde lieber ge⸗ wonnen, und es that ihm wahrhaft weh, ſich jetzt von ihm trennen zu muͤſſen. Er fragte nicht mehr nach dem Zwecke ſeines Geſchaͤf⸗ tes, ſo gern er denſelben auch wohl durchſchaut haͤtte; aber er lebte der feſten Ueberzeugung, daß ihm Watkins gewiß bald ſein volles Vertrauen ſchenken werde; und ſeinerſeits empfand er ſelbſt nunmehr gegen jenen ein ſo unbedingtes Vertrauen, daß er ohne Bedenken jeden Auftrag des geheim⸗ nißvollen Fremdlings erfullt haben wuͤrde.— Heinrich verließ die Stadt in dem naͤmlichen Wagen, welchem er neuerdings voll Sehnſucht nachgeblickt hatte. Er war diesmal einen großen Theil des Weges der einzige In⸗ ſaſſe deſſelben, und hatte ſo in der Einſamkeit um deſto mehr Zeit, Betrachtungen uͤber ſich und ſeine Verhaͤltniſſe 74 anzuſtellen.— Es war ihn gewiß nicht gleichgiltig, ob er im Begriff ſei, einer guten oder einer ſchlechten Sache zu dienen; aber er folgte jetzt blindlings, weil er doch bei ſich uͤberzeugt war, daß Watkins nur gute Zwecke verfolgen könnte. Inſofern das Geſchaͤft nur die Privatangelegenhei⸗ ten deſſelben betreffen mochte, fragte er uͤberhaupt nach dem Zwecke gar nicht und es kam ihm dabei nur darauf an, ſein Verſprechen puͤnktlich zu erfuͤllen. Er hatte von Watkins zwei Briefe erhalten, einen an den Grafen von Waldrode und den andern an die Grafin. Den letztern ſollte er der Graͤfin insgeheim uͤberreichen. Es waltete alſo auch hier ein Geheimniß, und Heinrich war noch jung genug, um gerade in der Geheimnißthuerei einen Reiz zu finden. Drängte ſich ihm dann und wann der peinliche Gedanke auf, daß er ſich am Ende doch nur zu einem willenloſen Werkzeug gebrauchen laſſe, ſo troͤſtete ihn, außer dem Vertrauen zu Watkins, vorzuͤglich auch der feſte Entſchluß, jeden Augenblick auf ſeiner Hut ſein zu wollen, um die Fäden eines Dramas, welche er etwa verknuͤpfen ſollte, auch ſtets mit Bewußtſein in der Hand zu behalten und die Abſicht der Andern, die ihn zur Maſchine machen wollten, zu vereiteln. Er hoffte in Waldrode ſo manches durchſchauen zu koͤnnen und nahm ſich vor, beſonders der Graͤfin gegenuͤber, die Miene eines völlig Eingeweiheten an⸗ zunehmen. Er haͤtte den Ort ſeiner Beſtimmung mit Bequemlich⸗ keit in wenigen Tagen erreichen koͤnnen, wenn er ſich nicht, auf Watkins ausdruͤcklichen Wunſch, in mehreren Städten — unterwegs einige Tage aufgehalten und ſchon von hier aus briefliche Mittheilungen zuruckgeſandt hätte. Dieſer Um⸗ ſtand war ihm ſelbſt inſofern lieb, als er dadurch Zeit ge⸗ wann, ſich vollkommener auf ſeine Rolle in Waldrode vor⸗ zubereiten. Im Uebrigen ſah er freilich auch dem Ende der Reiſe voll Ungeduld entgegen, denn er ſehnte ſich nach Ma⸗ riens Anblick. Mehr als einmal gedachte er der Aeußerung, welche Watkins beim Abſchiede hingeworfen hatte: daß der Aufenthalt in Waldrode ſeiner gegenwaͤrtigen Neigung ge⸗ faͤhrlich werden koͤnne. Er hatte keine Erklaͤrung dieſer Worte verlangt und bedauerte dies auch nicht, denn ſo blieb ihm vielleicht eine neue Ueberraſchung bereitet. Um ſo un⸗ angenehmer war ihm dagegen die Ausſicht, auch Eliſabeth vielleicht wieder ſehen zu muͤſſen; Wolfs Profezeiung von der klettenartigen Natur dieſes Weibes ſchien ſich erfullen zu wollen. Wolf ſelbſt ſchien in einer Verbindung mit Eliſabeth Warren zu ſtehen, obwohl er gerade das Gegen⸗ theil angedeutet hatte. Wohin ſtrebten all dieſe Perſonen und was hatten ſie mit ihm ſelbſt vor? „Ich will mir keine Gedanken daruͤber machen,“ ſagte Heinrich endlich zu ſich ſelbſt,„ſondern der Zukunft und meiner Vorſicht die Loͤſung des verworrenen Knaͤuels uͤber⸗ laſſen und jedenfalls ſelber frei und unbefangen in der ver⸗ wickelten Geſchichte bleiben.“— Seit ſeinem Abſchiede von Watkins waren bereits vier⸗ zehn Tage verfloſſen, als er an einem der ſchoͤnſten Junius⸗ morgen auf einer vortrefflich unterhaltenen Landſtraße durch 76 ein fruchtbares Huͤgelland fuhr. Es war die letzte Station vor Waldrode. Ihm zur Seite ſaß nur ein einziger Reiſegefaͤhrte, ein freundlicher Mann, welcher in der Gegend vollkommen be⸗ kannt zu ſein ſchien.— „Dort ſehen Sie Ihr Ziel ſchon,“ ſagte derſelbe, als die Straße eine plotzliche Biegung machte, auf einen fernen Thurm zeigend.„Das iſt der alte des Schloſ⸗ ſes Waldrode.“ Heinrich ergriff die Gelegenheit, ſich nach den Bewoh⸗ nern jenes alten Sitzes ein wenig zu erkundigen und der Begleiter vermochte ihm ausfuhrliche Auskunft uber die Fa⸗ milie zu geben. „Sie werden viel altadeligen Stolz dort finden, da⸗ durch haben ſich die Glieder jenes Hauſes von jeher ausge⸗ zeichnet. Eine Verbindung, welche dem Werthe ihrer Ahnen nicht völlig entſpraͤche, wuͤrde dieſer Familie eine Todſuͤnde duͤnken; abgeſehn von dieſer Seite ihres Charakters, die, in⸗ ſofern ſie dadurch niemand ſchaden, noch zu den verzeihlich⸗ ſten gehören duͤrfte, weiß man nur Lobendes uber die Fa⸗ milie zu ſagen, welche jahraus jahrein das Schloß, wo ſie gleichſam eingeroſtet iſt, bewohnt, und nur ausnahmsweiſe kleine Ausfluͤge unternimmt. Der alte Graf iſt ein ſchon ziemlich bejahrter Mann, wenigſtens im Verhaͤltniß zur Graͤfin, die ſeine zweite Gemhlin iſt. Es iſt da ein Sohn aus erſter Ehe, der mit Ihnen von gleichem Alter ſein duͤrfte. Rechnet man den unbaͤndigen Adelſtolz ab, ſo beſitzt dieſer junge Mann nur liebenswuͤrdige Eigenſchaften. Dieſe laſſen 77 ſich auch dem Vater nicht abſprechen, von welchem ſich jener allerdings durch eine der neuen Zeit angemeſſene Bildung unterſcheidet, waͤhrend der alte Herr, ſo ein bon homme der guten alten Zeit, in ſeinen Anſichten um mehr als ein hal⸗ bes Jahrhundert zuruͤck iſt. Was die Adelsgrille betrifft, ſo gilt das Geſagte auch in vollem Maße von der Gräfin, nur daß bei ihr, welcher uͤberdies eine gewiſſe natuͤrliche Sentimentalität eigen iſt, das Gutmuͤthige des Charakters mehr hervortritt. Ihre Tochter, die junge Gräfin Pauline, iſt wegen ihrer Schoͤnheit beruͤhmtz ich kann da keine Schil⸗ derung verſuchen, aber ich bin uͤberzeugt, daß Sie auch nach der feurigſten Schilderung noch immer uͤberraſcht ſein muͤſſen, ſobald Sie die Dame ſelbſt erblicken.“— Das war alſo die Gefahr— dachte Heinrich— auf welche Watkins hindeutete. Nun, wir werden ſehn! Die erhaltenen Andeutungen, die ihn im Voraus we⸗ nigſtens einigermaßen orientirten, waren ihm ſehr willkom⸗ men. Hatte er doch bisher nicht einmal gewußt, wie viel Glieder die Familie zählte. Er nuͤtzte die Gegenwart ſeines Gefahrten noch moͤglichſt, und begann ſich, jemehr ihm von Waldrode geſagt wurde, dort ſchon heimiſch zu fuͤhlen, bevor er den Ort noch betreten hatte. Endlich hielt der Wagen vor dem Gaſthauſe in Wald⸗ rode, einem anmuthigen Dorfe, welches im Halbkreiſe das Schloß umgab. Heinrich quartirte ſich vorlaͤufig in dieſem Gaſthaus ein, wo ſich zugleich die Poſthalterei befand.— Von ſeinem Zimmer konnte er einen großen Theil des Tha⸗ les, in welchem Waldrode lag, uberſehen. Ein Fluͤßchen, deſſen Waſſer mehrere Muͤhlen und Hammerwerke in Be⸗ wegung ſetzte, durchſchnitt dieſes Thal. Etwa eine Viertel⸗ ſtunde entfernt erhoben ſich mehrere ſtattliche Gebäude, Fa⸗ briken, wie ſich ſchon aus den gewaltigen Rauchſaͤulen, welche dort emporſtiegen, erkennen ließ. Aber in unmittelbarer Naͤhe erhob ſich auf einem niedrigen Felshuͤgel das Schloß, ein Gemiſch von uralten und modernen Gebaͤuden, uͤber welche die alte graue Warte hoch empor ragte;— ein Reſt der alten Zeit mitten in der gegenwärtigen: denn im Uebrigen zeugte Alles ringsum von einer auf den Gipfel getriebenen Induſtrie des neunzehnten Jahrhunderts. Heinrich wollte ſeinen Beſuch im Schloſſe nicht ver⸗ ſchieben, und trat daher, nachdem er ein wenig ausgeruht und ſich raſch umgekleidet hatte, mit ſeinen Briefen den Weg dorthin an. Zweiter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. An der Stelle, wo ſich vor Jahrhunderten eine Zug⸗ bruͤcke befunden hatte, fuhrte jetzt ziemlich ſteil aufwaͤrts ein mit niedern Mauern eingefaßter Fahrweg uͤber den ohnehin ziemlich verſchuͤtteten Graben ins Schloß hinuͤber. Hier ge⸗ langte Heinrich durch einen dunkeln gothiſchen Schwibbo⸗ gen, welcher das erſte Gebaͤude ſchraͤg durchſchnitt, in den rings von den verſchiedenen Theilen des Schloſſes umgebe⸗ nen innern Hof, in deſſen Mitte ſich einſam und ohne alle Verbindung mit den uͤbrigen Maſſen des Baues die Warte erhob. In die Mauer der letztern, welche ſonſt ohne jede Oeffnung in dem untern Theile war, hatte man jetzt einen Eingang gebrochen, und Zimmerleute waren noch mit dem Bau einer Treppe beſchaͤftigt. Der Ankömmling blieb einige Augenblicke, den ganzen Raum muſternd, im Hofe ſtehen. Rechts ſtand das geraͤu⸗ mige neuere Gebaͤude, deſſen moderne Formen und freund⸗ licher Anſtrich einen auffallenden Gegenſatz zu den alten [6 6 82 Schloßtheilen bildete, welche zwar, wie fuͤr die Ewigkeit ge⸗ fuͤgt, noch vollkommen erhalten waren, jedoch ſchon durch das äußere Anſehn verriethen, daß ſie unbewohnt und un⸗ benutzt daſtanden. „Wuͤnſcht ſich der Herr im Schloß umzuſehn?“ fragte ſehr freundlich ein alter invalider Bedienter, eine Geſtalt, wie man ſie noch haͤufig an dergleichen Orten trifft, wo ſie das ſogenannte Gnadenbrod genießen, weil ſie den vielleicht auch ſchon ergrauten Herrn noch als kleinen Junker auf den Knieen geſchaukelt oder ihm Vogelſprenkel gemacht haben. „O ja, mein Freund,“ entgegnete Heinrich,„ich hoffe mich hier recht ordentlich umſehn zu koͤnnen; aber es eilt damit nicht. Zunächſt mocht' ich mich dem Herrn Grafen vorſtellen und ich wuͤnſche, daß ich ſogleich gemeldet werde.“ „Der gnädige Herr Graf,“ ſagte der alte Diener mit einem Tone, welcher ſeine ergebene Anhaͤnglichkeit und Ehr⸗ furcht auf eine ruͤhrende Weiſe ausdruͤckte,„der gnädige Herr Graf iſt gerade jetzt nicht anweſend und wird auch unter einigen Stunden ſchwerlich wieder hier ſein. Meinen Sie aber vielleicht unſern jungen Herrn oder wuͤnſchen Sie die Frau Gräfin zu ſprechen, ſo will ich Sie ſogleich mel— den. Die Herrſchaften befinden ſich im Garten.“ „Gut,“ ſagte Heinrich, indem er dem Alten ſeinen Namen nanntez„es waͤre mir angenehm, wenn ich die Frau Graͤfin ſprechen koͤnnte. Stör' ich jetzt, ſo fragen Sie, zu welcher ſpatern Stunde ich die Ehre haben kann.“ Heinrich folgte dem Bedienten in das Haus und ſie betraten einen kleinen Saal, deſſen Fenſter einen Theil des — 83 nicht umfangreichen Schloßgartens uͤberſehen ließen. Unmit⸗ telbar zur Linken des letzten Fenſters befand ſich eine Re⸗ benlaube, in welcher man ſprechen hoͤrte, und dorthin ging der Bediente. Heinrich konnte jedes Wort verſtehen. Kaum nannte der alte Mann des Fremden Namen, als eine Stimme rief: „Wie, Heinrich Berg? Iſt's ein junger Mann?“ „Ja,“ war die Antwort;„etwa in gleichem Alter mit dem gnaͤdigen Herrn ſelbſt.“ „Auch von meiner Geſtalt, nicht wahr? Lichtbraunes Haar jedoch und muntere einnehmende Zuͤge?“ „Ganz wie der gnädige Herr ſagen?“ „Wahrhaftig, den Mann kenn' ich!“ rief die Stimme. „Wo iſt er?“ „Der Herr wartet hier im Salon.“ Im Augenblick trat ein junger Mann aus der Laube, eilte in den Salon und rief, dem Gaſte die Hand bietend: „Willkommen, lieber Junge! obwohl es faſt den Anſchein hat, als kennteſt du mich nicht mehr.“ Das war keineswegs der Fall, denn auf den erſten Blick erkannte Heinrich in dem jungen Grafen einen fruhern Freund von der Univerſitaͤt, mit welchem er einen Sommer hindurch faſt täglich beiſammen geweſen war. Obwohl er ſich nun ſelbſt wunderte, daß er ſich deſſelben bis dieſe Stunde nicht wieder erinnert hatte, ſo erklaͤrte ſich dieſer Umſtand dennoch leicht. Es hatten ſich damals drei ver⸗ ſchiedene„Waldrodes“ auf der Univerſität befunden, und um ſie nicht zu verwechſeln hatte man ſie ſtets nach den 6* 84 Vornamen genannt. So kannte Heinrich ſehr wohl den Grafen Alfred, waͤhrend der Name Waldrode ſo wenig ge⸗ laͤufig geweſen war, daß Heinrich dieſem Freunde anderwaͤrts ſehr leicht haͤtte begegnen koͤnnen, ohne daran zu denken, daß er einen Waldrode vor ſich habe. Erinnerten ſich doch beide noch jetzt ſo manches lieben Bekannten aus jener Zeit, von denen ſie keinen andern als den„Spitznamen“ wußten. Bis dieſen Augenblick hatte Heinrich noch nichts von jenem unbaͤndigen Adelſtolz bemerken können, wovon ihm geſagt worden war. Freilich geſchah ſeine Einfuͤhrung auch auf eine Weiſe, wobei dergleichen nicht grell hervortreten konnte. Alfred nahm ihn beim Arm, fuͤhrte ihn hinaus und ſtellte ihn ohne viel Ceremonie der Graͤfin als ſeinen lieben alten Freund Heinrich Berg vor. Von dieſer noch immer huͤbſchen Dame, obwohl ſie dem vierzigſten Jahre nicht fern ſtehen konnte, wurde der Gaſt aͤußerſt freundlich aufgenommen. Vor einer Stunde haͤtt' er noch nicht ver⸗ muthet, daß er hier im Grunde gar kein Fremdling ſei. Aber dieſer Umſtand blieb denn doch in Bezug auf ſeine ihm ſelbſt geheimen Zwecke ein rein zufälliger und er war nun geſpannt darauf, welchen Eindruck er durch die Briefe hervorbringen werde. Er beobachtete die Grafin ſehr auf— merkſam, als er den Namen Watkins nannte und deſſen Brief an den Grafen erwaͤhnte. Faſt hatte er vermuthet, was geſchah. „Lieber Alfred,“ ſagte die Graͤfin,„Pauline wird auf ihrem Zimmer ſein?“ „Vermuthlich.“ 85 „Geh' doch und ſag' ihr, ſie moͤchte uns jetzt Geſell⸗ ſchaft leiſten.“ Alfred entfernte ſich, und Heinrich ſaͤumte nicht, den an die Graͤfin adreſſirten Brief zu uͤberreichen. „Ich brauche Sie nicht zu fragen, ob man Ihnen Stillſchweigen aufgelegt hat,“ ſagte ſie, waͤhrend ſie das Schreiben empfing.„Ich bin deſſen ſchon verſichert, da Sie der Ueberbringer dieſes Papiers ſind. Wußte Herr Watkins, vaß Sie mit Alfred befreundet waren?“ „Er konnt' es ſchwerlich ahnen,“ entgegnete Heinrich. „Nun, ich empfehle Ihnen, das angelobte Stillſchwei⸗ gen auf's gewiſſenhafteſte zu halten,“ fugte ſie hinzu, waͤh⸗ rend ſie mit einer gewiſſen Haſt das Couvert loͤſte;„Sie erlauben— ich vermuthe Nachrichten, von denen ich mich ohne Aufſchub in Kenntniß ſetzen muß.“ Die Inlage des Couverts war noch einmal verſiegelt und adreſſirt, und zwar, wie Heinrich zu bemerken glaubte, von einer andern Hand als der Umſchlag geſchrieben. Waäh⸗ rend ſie das ziemlich lange Schreiben eilig durchlief, hatte Heinrich Gelegenheit, ungeſtort das Geſicht der Graͤfin Wald⸗ rode zu beobachten; aber keine Miene verrieth ihm, was in ihr vorgehen mochte. Als ſie geleſen hatte, verbarg ſie den Brief ſorgfäͤltig. „Sind Sie ſeit laͤngerer Zeit mit Watkins bekannt, Herr Berg?“ fragte ſie dann. „Erſt ſeit kurzem. Ich vermuthe, daß ſich mein Freund in dem Briefe an den Herrn Grafen ausfuͤhrlich uͤber mich ausgeſprochen haben wird.“ 86 „Geben Sie mir dieſen Brief, er iſt eben ſo gut an mich gerichtet.“ Heinrich uͤberreichte ihr das zweite Schreiben, welches ſie gleichfalls ſogleich erbrach und las.—„Hätte Herr Wactkins,“ ſagte ſie dann,„gewußt, daß Sie ſchon als Freund unſers Alfred hier gern geſehn ſein wuͤrden, ſo haͤtte er um ſo weniger noͤthig gehabt, ſo viel Schmeichelhaftes von Ih⸗ nen zu ſagen, wie es der Fall iſt. Nun, Sie ſind uns ſo doppelt willkommen.“ Heinrich haͤtte viel darum gegeben, wenn er den In⸗ halt des Briefes ſelbſt genau gekannt haͤtte, war es auch nur, um zu wiſſen, ob man hier eine Kenntniß von ſeiner Beſtimmung und ſeinem Vertrage mit Watkins habe. Wahr⸗ ſcheinlich duͤnkte ihn letzteres nicht. „Herr Watkins,“ bemerkte die Graͤfin,„erkundigt ſich da nach einem jungen Maͤdchen, welches er unterſtutzt und uns empfohlen hatte; er ſagt, daß auch Sie die Kleine kennen lernten und Antheil an ihrem traurigen Geſchick nahmen.“ Dieſe Geſchwaͤtzigkeit Watkins aͤrgerte Heinrich ſehr, ohne daß er ſich im Augenblick bewußt war, warum. Er ſchwieg, denn er war geſpannt darauf, zu vernehmen, was uͤber dieſe Angelegenheit etwa weiter geſagt ſein mochte. Zu ſeiner Beruhigung ſchien es bei ganz allgemeinen Ausdruk⸗ ken bewendet zu haben, denn kein Wort der Graͤfin deu⸗ tete darauf hin, daß ſie etwas von ſeiner Neigung zu Marie wiſſe. ———— 87 „Es thut uns leid, daß wir Herrn Watkins nichts Erfreuliches von ihr werden berichten können, die er ſo freundlich in ſeinem Schutz nahm. Wir haͤtten das Kind, deſſen Aeußeres und deſſen Benehmen allerdings allein ſchon empfehlend war, gern bei uns behalten; aber in unſerm Hauſe war keine Stelle frei. Indeß fand ſich eine ſolche bei Herrn Reich, dem Beſitzer der Spinnereien hier in der Naͤhe, und wir ſtanden nicht an, das Maͤdchen auf's Beſte zu empfehlen. Leider hoͤrt' ich, daß man dort ſehr unzu⸗ frieden mit ihr ſein mußte und ſie daher nur wenige Tage behielt. Was aus ihr geworden, kann ich nicht ſagen; ver⸗ muthlich wird ſie nach ihrer Heimat zuruͤckkehren muͤſſen.“ Heinrich vermochte jetzt nicht, ſich genauer nach dieſen Verhaͤltniſſen zu erkundigen, obwohl ihm das Vernommene ein hoͤchſt peinliches Gefuͤhl verurſachte. Er glaubte feſt, daß Marie die Schuld an ihrem Geſchick nicht trage, und er beſchloß, die erſte Gelegenheit zu ergreifen, um nach ihr zu forſchen. Nur hier mochte er dies nicht thun, ohne ſich uͤber das Warum Rechenſchaft geben zu koͤnnen. Es war ein der Feigheit aͤhnliches Gefuͤhl, was ihn abhielt, und er machte ſich ſelbſt Vorwuͤrfe daruͤber; aber er konnte nicht von der Angelegenheit ſprechen, auf welche die Graͤfin uͤbri⸗ gens auch wenig Gewicht zu legen ſchien, denn ſie begann ſogleich wieder von andern Dingen zu reden und zwar von ziemlich gleichgiltigen. Dies war Heinrich erwuͤnſcht, wel⸗ cher ſich ſelbſt erſt eine genauere Kenntniß der Verhaltniſſe verſchaffen wollte, eh' er genoͤthigt ſein moͤchte, von ſich oder Watkins viel zu ſagen. Er kam ſich vor wie ein junger 88 Diplomat, der ſein Probekunſtſtück zu machen hat und alle Aufmerkſamkeit aufbieten muß, weder zu viel noch zu we⸗ nig zu ſagen, aber Alles und wo moͤglich mehr als Alles zu hoͤren. Jetzt vernahm man Alfreds Stimme wieder vom Sa⸗ lon her und Heinrichs Erwartung erreichte den hoͤchſten Grad. Als jener mit Paulinen erſchien, machte die Grafin eine Bewegung, als ſei ſie im Begriff, den Gaſt in beſter Form vorzuſtellen; allein Alfred ließ es nicht dahin kommen. „Ich muß dich aufmerkſam machen, Heinrich,“ ſagte er,„daß ihr beide, du und dies Fräulein, einander ſchon gar nicht mehr ſo fremd ſeid, als es dir ſcheinen mag. Meine Schweſter erinnert ſich deiner ſehr wohl, obgleich ſie dich jetzt zum erſten Male ſieht. Aber es war einmal viel die Rede von dir, als ich vor Jahren in den Ferien hieher kam. Da hatt' ich ſchon verſprochen, dich mitzubringen und wußte ſo viel von dir zu erzählen, daß man wahrhaft neugierig auf meinen Genoſſen wurde und ſeiner Ankunft mit Ungeduld entgegenſah. Aber du verſchmaͤhteſt uns und waͤhrend du am Rhein oder im Schwarzwald herumſtrichſt, erhielt ich durch dritte Hand nur einen Abſagebrief von dir. Damals bliebſt du unverhofft weg und heute biſt du unverhofft aber ganz erwuͤnſcht gekommen. Nun magſt du dein fruheres Unrecht abbitten.“ „Ich bin vollkommen zuftieden, wenn ich kein gegen⸗ waͤrtiges abzubitten brauche“— agte Heinrich, aber jener unterbrach ihn ſchnell: ——— „Pfui doch! das klingt, als wollteſt du Anlauf zu ei⸗ nem Complimente nehmen! Iſt's nicht genug, wenn man dich einmal willkommen geheißen hat?— Freilich iſt er nicht mehr ganz der Alte, Pauline. Nicht wahr, du haſt ihn dir anders vorgeſtellt nach meiner Schilderung? Ich glaube wahrlich, es iſt ein Anflug der neuen Zeit, der ſein Weſen zum Theil verwandelt hat. Allein das ſchadet nichts; man ſagt uns hier ſo gern nach, es ſpukten alte Geſpenſter in Waldrode— was ſagſt du dazu, Pauline?“ „Sie werden ſich dadurch nicht beunruhigen laſſen,“ entgegnete Pauline;„das Geruͤcht ubertreibt wie immer, und wenn auch der Geiſt der alten Zeit wirklich durch dieſe Mauern wandeln ſollte, ſo tritt er doch hoffentlich nie als Geſpenſt auf.“ Bevor Heinrich die junge Grafin erblickte, hatte er ſich noch recht feſt vorgenommen, Watkins Warnung Luͤgen zu ſtrafen. Aber bei ihrem erſten Anblick brach ſein Vorſatz zuſammen. War er bis dieſen Augenblick mit Blindheit geſchlagen geweſen, daß ihm ſo manches in der Welt ſchoͤn erſchienen war, waͤhrend er ſich doch nun geſtehen mußte, daß er erſt jetzt des Sehens faͤhig, oder daß ihm erſt jetzt ein des Schauens wuͤrdiger Gegenſtand erſchienen ſei? Er empfand es nun nur zu deutlich, wie recht Watkins mit ſeiner Warnung gehabt hatte. Jetzt erſt fing er an zu leben, jetzt erſt glaubte er zu erfahren, was Schoͤnheit ſei, die Schoͤnheit, die Alles, was in ihre Naͤhe kommt, in Feſſeln ſchlagt. Wie tief beſchaͤmte ihn in dieſem Augenblicke der Gedanke an eine Eliſabeth!— Er ſank im Geiſte der hold⸗ 90 ſeligen zu Fuͤßen und betete:„Mache mich rein, du Engel, von den Schlacken, welche meine Seele bis hieher befleckt haben, mache mich wuͤrdig, dich anzuſchauen!“ Er glaubte zu traͤumen, ſein Verſtand konnte das Gluͤck nicht faſſen, welches ihm beſchieden ward, das Gluͤck, dieſe holde Blume nur zu ſchauen. War es moͤglich, daß ihres Gleichen auf Erden bluͤhte, den Blicken der Menſchen preisgegeben! Er befand ſich in einer Stimmung, in einer Aufregung, wo ihm nur halb bewußt ſein konnte, was er that, was er ſprach; aber ſein Genius oder der Zufall ſorgte fuͤr ihn und inſpirirte ihn gleichſam, ſo daß jede ſeiner Aeußerungen ge⸗ waͤhlt, treffend und gewinnend war. So gluͤcklich war er ſonſt bei nuͤchternſtem Bewußtſein ſelten und bei ſeiner jetzi⸗ gen Stimmung war es geradezu wunderbar; aber er war ſelbſt in dieſen Augenblicken fähig, an Wunder zu glauben.— Bis jetzt hatte er hier Alles anders gefunden, als er ſich's gedacht hatte oder als ihm geſagt worden war. Nur Watkins hatte Recht gehabt mit der Gefahr, die ihm in Waldrode drohen koͤnne; aber es war dies eine Gefahr, wel⸗ cher er ſich nur zu gern ausſetzte. Dennoch ſchwebte ihm dabei mehr als einmal Mariens Bild vor, freilich nur um in einfacher Anmuth recht gering und arm im Vergleich mit Pauline zu erſcheinen. Er haͤtte ſeinem eigenen Gedaͤchtniß zuͤrnen moͤgen, welches ihn wie zum Vorwurf immer an die ungluͤckliche Marie mahnen wollte. Jeder Umſtand war ihm daher willkommen, der ſeinen Gedanken, wenn auch nur auf Augenblicke, eine andre Richtung geben mußte, und ſo gewaͤhrte es ihm auch eine —,— ——— —,— ——— 91 Erleichterung, als ſich der Graf bei der kleinen Geſellſchaft einfand: ein großer ſtattlicher Mann, der mit einer Wuͤrde einherſchritt, welche ſich eher fuͤr den Buͤrgermeiſter einer alten Reichsſtadt geeignet haben wuͤrde; gleichwohl lag darin nichts Laͤcherliches oder Kleinliches, denn dieſe Wuͤrde war dem Grafen natuͤrlich, ebenſo wie das herablaſſende Weſen eines wohlwollenden Protektors, welches er im Geſpräch mit dem Gaſte blicken ließ. Der Graf las den Brief, wozu er ſich bedeutend mehr Zeit nahm, als ſeine Gemahlin. Dann faltete er ihn lang⸗ ſam zuſammen und blickte dabei Heinrich mit der Miene eines Mannes an, welcher die Leute ſogleich durch und durch zu wuͤrdigen verſteht. Das Reſultat dieſes Blickes war je⸗ denfalls ein zufriedenſtellendes, denn die ernſte Miene ward eine freundliche, leutſelige, als er ſich nun mit dem Gaſte zu unterreden begann. „Ich ſehe hieraus, daß Sie ſich, im Auftrage des Herrn Watkins und zugleich zur Bereicherung Ihrer eignen Erfahrungen, mit unſern induſtriellen Zuſtaͤnden bekannt machen wollen,“ ſagte der Graf,„und ich will Ihnen mit Vergnuͤgen dabei forderlich ſein. Schon unſre naͤchſte Um⸗ gegend gibt reichen Stoff zur Belehrung, nur freilich auf negative Weiſe, denn bei unſerm Fabrikweſen werden Sie am erſten lernen, was nachtheilig und verwerflich iſt. Dieſe Fabriken kann ich nur mit Abſcheu betrachten, ſie ſind die wahren eigentlichen Volksverderber; nun, Sie werden ſich davon täglich ſelbſt uberzeugen koͤnnen, da Sie ſich laͤngere Zeit hier aufzuhalten gedenken.“ Aus alldem erkannte Heinrich zu ſeiner Befriedigung, daß Watkins genug geſagt habe, um ihn nicht Fragen aus⸗ zuſetzen, deren Beantwortung ihn leicht in Verlegenheit haͤtte bringen koͤnnen. Doppelt willkommen war es ihm uͤbrigens, daß der alte Herr fuͤr gut fand, das Geſpraͤch auszudehnen und den, wie aus Allem hervorging, ſehr dringend und auf's vortheilhafteſte empfohlenen jungen Mann ganz allein in Beſchlag zu nehmen. Heinrich hoffte dabei Zeit zu gewin⸗ nen, um ſich von der Gemuͤthsbewegung einigermaßen zu ſammeln, welche Paulinens Maͤhe hervorgerufen hatte, und er ſah es daher ſogar gern, als ſich bald nach des Grafen Ankunft Mutter und Tochter entfernten. Er athmete tief auf, ſobald er ſich mit den beiden Maͤnnern allein ſah und bald gelang es ihm, wenigſtens aͤußerlich jene Unbefangen⸗ heit zu zeigen, welche ihm ſonſt natuͤrlich eigen war. Er hatte ſchon nach den erſten Worten gemerkt, daß der Graf einer von jenen Maͤnnern war, die ſich zu viel Erfahrung und gruͤndliche Einſicht zutrauen, um nicht in allen Dingen ihrer eignen Meinung ſchon im Voraus den unbedingten Vorzug einzuraͤumen, waͤhrend ſie die des Andern im Grunde gar nicht hoͤren und ſich wenigſtens nicht die Muͤhe geben, ſie zu pruͤfen. Bei dergleichen beſchraͤnkten Naturen hilft kein Predigen und fruchten die beſten Gruͤnde nicht. Das wußte Heinrich wohl und huͤtete ſich, bei den meiſt wunder⸗ lichen Anſichten des Grafen unnuͤtzen Widerſpruch zu wa⸗ gen. Alfred, mit eben ſo viel umfaſſender Kenntniß als klarem Verſtande begabt, ſchien derſelben Meinung zu ſein. Er be⸗ ſchraͤnkte ſich faſt ausſchließlich darauf, die Fragen, welche —— — 93 der Vater etwa an ihn richtete, genuͤgend doch kurz zu beant⸗ worten, miſchte ſich aber uͤbrigens wenig ins Geſpraͤch, wel⸗ ches Heinrich gar bald zu langweilen begann. Er wußt' es dem alten Diener großen Dank, als dieſer endlich kam und durch die Ankuͤndigung des Mittagmahls der Sache vorlaͤu⸗ fig ein Ende machte. Gern hätte Heinrich fuͤr diesmal auf die Geſellſchaft verzichtet und ſich nach dem Gaſthauſe zuruͤckgezogen. Das war freilich unmoͤglich. Sein Schickſal wollte ihn ganz in der Gewalt haben und ihm keine Stunde Zeit zur Berechnung und Ueberlegung laſſen. Dazu war es uͤberhaupt ſchon zu ſpaͤt, denn ſein Loos war unabänderlich beſtimmt, nachdem er Paulinen einmal geſehn hatte. Der Graf kam ihm zuvor, eh' er noch ſeine Abſicht, ſich zu entfernen, ausſprechen konnte. „Ihre Effekten koͤnnen ſogieich heruͤbergeſchafft werden,“ ſagte der Graf,„und Sie koͤnnen ſich im Schloſſe ganz nach Belieben einrichten. Ihre Geſellſchaft wird uns im⸗ mer angenehm ſein, und wenn ſie andrerſeits die Einſamkeit ſuchen, ſo werden Sie hier ungeſtoͤrter denn irgendwo leben. Sie werden bemerkt haben, daß es nicht an Raum im Schloſſe Waldrode gebricht. Auch wiſſen dieſe alten Mauern viel zu erzaͤhlen und die Geſchichte dieſes Denkmals einer gediegnern Zeit wird Ihnen eine angenehme Erholung bei Ihren Studien gewaͤhren, welche mir, offengeſtanden, etwas unerquicklich ſcheinen.“ Gegen dieſe ſo unumwunden ausgeſprochene Meinung ließ ſich freilich wenig erinnern, und die Einladung, ſich auf dem Schloſſe einzuquartiren, die ſich den Umſtänden nach faſt von ſelbſt verſtand, wurde dankbar angenommen. So ſehr ihn auch das Hierbleiben mit banger Beſorgniß erfullte, ſo konnte ſich Heinrich doch nicht verhehlen, daß er fern von Waldrode doppelt unglucklich ſein wuͤrde.„Zum Henker mit aller Bedenklichkeit,“ dachte er endlich, indem er ſich zu ermannen ſuchte,—„das Geſchick wirft mir den Handſchuh hin und ich heb' ihn auf. Ich will das Ende des Kampfes feſten Muthes erwarten und das alte Wort erproben, wel⸗ ches ſagt: der Muthige beſiegt die Verhältniſſe!“ Mit dieſen Entſchluſſen war es ihm voͤlliger Ernſt, er fuhlte ſich damit ſchon weit ruhiger und gefaßter und folgte den beiden Grafen, die nicht die leiſeſte Ahnung von den Gedanken haben konnten, welche ihn beſchaͤftigten, ziemlich. erleichterten Herzens in den Speiſeſaal, wo er nicht der ein⸗ zige Gaſt war, denn er fand dort den Geiſtlichen aus dem Dorfe, einen Mann, der ihn wenig intereſſirte und deſſen Gegenwart ihm nur in ſofern angenehm war, als er dadurch in Stand geſetzt ward, mehr und ungeſtoͤrter zu beobachten und ſeine Gedanken im Stillen verfolgen zu koͤnnen. Im Grunde ſchmeichelte er ſich keineswegs mit uͤber⸗ ſpannten Hoffnungen, denn, war er auch noch ziemlich jung, hatte er auch noch keine großen Taͤuſchungen erlebt, ſo hielt ihn, einzelne Momente abgerechnet, ſein nuͤchternes Bewußt⸗ ſein doch immer auf der richtigen Bahn und in der Sphaͤre, wo er nach oben wie nach unten, ruͤckwärts wie vorwaͤrts, die Gegenſtaͤnde gerade in der rechten Weite erblickte, um ſie richtig beurtheilen zu koͤnnen, und was ihm dabei an —— —,— 95 eigentlicher Erfahrung mangelte, erſetzte ein gewiſſer geiſtiger Inſtinkt, der, bisweilen wenigſtens, eben ſo ſchaͤtzbar iſt, als jene. Was anders beſchaͤftigte ihn gleichwohl, wenn es nicht Bilder der Hoffnung waren? Er legte ſich wohl im Stil⸗ len ſelbſt dieſe Frage vor und konnte oder wollte keine Ant⸗ wort finden. Er wiederholte ſich dann den Entſchluß: ich will mich gehen laſſen, erwarten was geſchieht, und Alles, Gluͤck wie Unheil, gefaßten Muthes hinnehmen. Derglei⸗ chen Gedanken waren aber eigentlich doch nur Sophismen, womit er vergeblich die ſtets von neuem erwachende Unruhe zu beſchwichtigen ſtrebte. Es geſchah auch wohl, wenn er vor ſich niederblickte oder wenn er das ruhige aber charakter⸗ volle Geſicht des Geiſtlichen betrachtete, daß er dann dachte: ſei kalt und feſt, ſtehe dies Fegfeuer einen, oder etliche Tage aus, und hernach ſchuttle den Staub von deinen Fußen, zieh ab und ſei fern von hier wieder der heitre ſorgloſe Menſch. Sobald er jedoch ſeinen Blick nur eine Sekunde auf Paulinen ruhen ließ, war es mit ſolchen Vorſaͤtzen vor⸗ bei; dann mußte er wieder bleiben, um Alles uͤber ſich erge⸗ hen zu laſſen. Dieſer ſchwankende, zweifelhafte Zuſtand ſollte aber bald ein Ende nehmen, als er nach der Mahlzeit Gelegenheit fand, ſie, die er bis jetzt doch nur aus dem An⸗ ſchaun und wie aus der Ferne kannte, im Geſpraͤch genauer kennen zu lernen. War es eine leicht erklaͤrliche Selbſttau⸗ ſchung oder Wahrheit— er glaubte hier ſein eignes Ideal eines Weibes, wie es ihm jemals vorgeſchwebt, weit uͤber⸗ troffen zu ſehen. 96 Man blieb im Ganzen hoͤchſtens zwei kurze Stunden beiſammen und ſeine Unterredung mit ihr waͤhrte nicht den dritten Theil dieſer Zeit, und trotzdem fuhlte er ſich ſchon ſo heimiſch, als haͤtt' er ſo viel Monate als Stunden hier zu⸗ gebracht,— vielleicht auch eine Folge der verſchiednen raſch⸗ wechſelnden Gefuͤhle, die durch ſein Inneres gezogen wa⸗ ren, um am Ende einer ſeligern Unruhe— wenn der Zu⸗ ſtand ſo heißen konnte— zu weichen, als er ſie jemals em⸗ pfunden. Noch am naͤmlichen Tage begann er ein Schreiben an Watkins, worin er ſagte:—„Unterwegs hieher war ich ſchon nahe daran, unſern Vertrag zu bereuen. Es begann Alles mich anzuwidern, und ich ſollte dann auch noch nie⸗ derſchreiben, was mich langweilte! Das iſt nun anders. Sie ſollen lebendige Berichte erhalten. Freilich iſt Ihnen damit vielleicht weniger gedient und duͤrre tabellariſche Ue⸗ berſichten, wo Alles mit Zahlen belegt wird, waͤren Ihnen lieber. Allein ich kann mir nicht helfen. Sie muͤſſen wiſ⸗ ſen, daß ich ſeit heute ein durchaus Anderer geworden bin, daß ich dem Heinrich, welchen Sie kennen, kaum noch gleiche. Erſt heute habe ich angefangen zu leben, zu ſein, zu lieben. Ich bin aufrichtig gegen Sie, ſelbſt hinſichtlich meiner eigenſten Angelegenheiten, und Sie können ſich dem⸗ nach das unbegraͤnzte Vertrauen vorſtellen, welches ich zu Ihnen habe. Es uͤbertrifft das Ihrige zu mir. Aber ich kann mich nun einmal nicht mit Geheimniſſen vertragen und wenn ich gegen Andre ſchweigen muß, ſo ſollen Sie doch Alles wiſſen. Zuerſt traf ich hier den jungen Grafen, 97* in welchem ich einen Freund wiederfand. Das wird ſchon eine Neuigkeit fuͤr Sie ſein. Die Andern kennen Sie ver⸗ muthlich ſchon beſſer als ich, und ich weiß heute weiter nichts von denſelben zu ſagen. Mich beſchaͤftigt im Grunde jetzt nur ein Weſen hier— Sie ſchienen dies ſchon vorauszu⸗ ſehn, als Sie mir eine warnende Andeutung mit auf den Weg gaben. Aber Sie ſind mit⸗meinen Empfindungen ein⸗ verſtanden— warum haͤtten Sie mich ſonſt hiehergehen laſ⸗ ſen, wo ſehen und in Feſſeln geſchlagen werden unvermeid⸗ lich war? Oder Sie kennen die junge Graͤfin nur aus mat⸗ ten Schilderungen? Ich wuͤnſche das Gegentheil, denn von mir erhalten Sie keine Schilderung Paulinens, geſetzt auch, ich waͤre im Stande, wuͤrdig und treffend zu malen; ich kann und mag das nicht, wo ich liebe. Aber— laſſen Sie mich nur etwas zur Ruhe kommen(wenn das moͤglich iſt), um Stoff zu erwuͤnſchten Notizen fur Sie zu ſammeln. Heut' und morgen und vielleicht viele Tage kann ich nichts als ſehen, traͤumen, im Himmel ſein, Alles, nur keinen Be⸗ richt ſchreiben.“— Zweites Kapitel. Es war ein Sonntagsmorgen, als Heinrich zum erſten⸗ mal auf Schloß Waldrode erwachte; einer der praͤchtigen, warmen blaugoldnen Trinitatisſonntage, welche Jean Paul den Wunſch ausſprechen ließen, daß das Jahr ihrer dreihun⸗ dert funf und ſechzig zaͤhlen moͤchte. Die Gegend, wie ſie Heinrich von ſeinem hochgelegenen Gemache uͤberſchauen konnte, ſchien heute ein feſtliches Gewand zu tragen; die Natur zeigte ſich in feierlicher Stille, ſie ſchien ſelbſt— nicht zu ſchlafen— zu ruhen. Ueber die Feldwege ſah man nur einzelne Geſtalten ſich bewegen, nicht mit der geſchafti⸗ gen Haſt des Werkeltags, ſondern in ruhiger Behaglichkeit. Die Rauchſäulen der Fabrik druͤben waren heute nicht ſicht⸗ bar, kein Laut regte ſich durch das ganze Thal, außer dem Zwitſchern der Voͤgel und dem fernen Geläut einer Dorf⸗ kirche, und uber das Ganze wolbte ſich ein völlig reiner, tiefblauer, ruhiger Sommerhimmel. ———— 99 Heinrich hatte ſich vorgenommen, den ganzen Vormit⸗ tag fuͤr die Fortſetzung ſeines Berichtes zu benutzen, obwohl er, wenn er von ſeinen eignen Angelegenheiten abſah, noch wenig Poſitives zu melden hatte. Allein es wollte ihn nicht im Zimmer dulden, und als er einen Blick in den Schloß⸗ garten hinunterwarf, zwiſchen deſſen noch im Fruͤhthau glaän⸗ zenden Beeten Paulinens Geſtalt ſich bewegte, da verſchloß er eilig den begonnenen Brief und begab ſich ſelber hinab. Die Andern ruhten noch Alle und verſchliefen den herrlichen Morgen, und Pauline, welcher die Geſellſchaft des fruͤhmun⸗ tern Gaſtes recht willkommen ſchien, geſtand ihm, daß auch ſie nur heute eine Ausnahme von der leidigen Regel ge⸗ macht habe. Es war ihr ſicherlich noch ſelber unbewußt, daß waͤh⸗ rend der letzten vier und zwanzig Stunden ihr Inneres eine Veraͤnderung erfahren habe; auch Heinrich hatte davon frei⸗ lich noch nichts bemerken koͤnnen, allein es beſeelte ihn eine gewiſſe Zuverſicht, welche ſtark genug war, um ſeiner Liebe Muth einzufloͤßen. Wir wollen uns hier nicht bemuͤhen, in dichteriſcher Weiſe das Erwachen und Erſtarken einer Liebe zu ſchildern, welche im Herzen beider nur zu bald zu einem Grade gedei⸗ hen ſollte, daß kein Unterdruͤcken der Gluth, kein Umkehren auf der gefaͤhrlichen Bahn mehr denkbar warz— wir wer⸗ den uns meiſt damit begnuͤgen muͤſſen, zu ſagen: ſo war's — indem die Ereigniſſe unſte Muͤhe vollauf in Anſpruch nehmen werden. 7* 100 Heinrich hatte ſich jedenfalls ſchon genug in der Welt umgeſehn und genug darin gelebt, um noch in jugendlicher Begeiſterung blind befangen zu werden und ſich leicht ſelbſt zu taͤuſchen; er wußte gegenwaͤrtig ſehr gut, daß ſein Urtheil kein uͤbertriebenes war, wenn er ſich geſtehen mußte, daß Pauline das reizendſte vollendetſte weibliche Weſen ſei, wel⸗ ches ihm je vorgekommen, welches ihm je ſeine idealen Traume hatten ſchaffen koͤnnen. Von dunkelm, faſt ſchwarz zu nennendem Haar, welches ſie in reichen Locken zu ordnen pflegte, war ein edles, wahrhaft ſchoͤnes und ausdruckvolles Geſicht umgeben. Ein mildes Feuer belebte die dunkeln Augen, die oft etwas melancholiſch blickten, wiewohl die Goͤttin der Heiterkeit mit dem Ernſte Hand in Hand ging, welcher ſonſt Paulines ganzes Weſen begleitete. Ihre Herzen waren ſchnell einverſtanden und vertraut mit einander, und beide waren ſich deſſen bewußt, ohne daß ein gegenſeitiges Bekenntniß noͤthig geweſen waͤre; und waͤh⸗ rend ſich Heinrich mit jedem Augenblick noch inniger mit ihr befreundet, noch ſtärker an ſie gekettet fuͤhlte, war es ihm doch, als muͤſſe ſie ihm ſchon von jeher bekannt und vertraut geweſen ſein, als koͤnne ſeine Liebe nicht erſt einen Anfang genommen haben. Es war eine Art Altan uͤber der Mauer, welche den Garten hier umſchloß, und Heinrich ſtand neben der jungen Gräfin, waͤhrend ſie in den ſtillen heitern Morgen hinaus⸗ ſchaute, wo die Lerche uͤber den Feldern ſang und aus den Huͤtten blaue Rauchwölkchen emporſtiegen, welche die Sonne vergoldete. 101 „In dieſen niedern Wohnungen empfinden ſie doch am beſten den wahren Reiz eines Sonntags,“ ſagte ſie, „waͤhrend er fuͤr uns gleich den andern Tagen iſt. Um ihre Sonntage hab' ich jene armen Leute oft faſt be⸗ neidet.“ „Glauben Sie in der That, daß er jetzt in all dieſe Huͤtten ſo ſchoͤn eingekehrt ſei, als Sie ihn denken?“ ent⸗ gegnete Heinrich.„Freilich wohl ruhen heute die Maſchi⸗ nen, welche jene Werkſtaͤtten in Bewegung ſetzen, und die Menſchen, welche dort ſechs Tage lang ins Joch geſpannt ſind, bleiben heut' in ihren Wohnungen. Ob aber mit ſonntäglichen Empfindungen? Ach, das Elend haftet zu feſt an den meiſten und begleitet ſie auch heute. Wenn Sie dieſe Huͤtten durchwandern wollten, ſo wuͤrden Sie wohl wenig finden, was Sie die Armen um ihren Sonntag be⸗ neiden ließe.“ „Ich weiß das,“ antwortete ſie.„Jene gewaltigen Werkſtaͤtten, wo ſich die Woche hindurch der Fleiß von vie⸗ len Hunderten vereinigt, ſchaffen Reichthum; aber nicht fuͤr die Hunderte, nur fuͤr Einen. Die Reichen kennen den Sonntag nicht und fuͤr die Armen geht ſeine Bedeutung verloren, alſo bleibt ſein Zweck ganz verfehlt. Ein Ruhetag und ein Tag des Genuſſes wie der Erhebung ſollt' er ſein; — aber nachdem die Arbeit eine thieriſche geweſen, kann auch Ruhe und Genuß nur thieriſch ſein. Und ſo iſt es lei⸗ der, ich weiß das wohl.— Glauben Sie nicht,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort,„daß jetzt, wenn nach den er⸗ ſten ſechs Tagen des Schaffens, wie die bibliſche Mythe 102 erzaͤhlt, ſchon ein Ruhetag, ein Tag der Beſchauung noͤthig befunden ward, daß dann jetzt nach ſechstauſendjaͤhrigem Schaffen endlich ein Ruhetag mehr errungen ſein ſollte? Warum immer nur erſt der ſiebente, warum nicht auch ſchon ein ſechſter und fuͤnfter? Wenn der menſchliche Geiſt Ma⸗ ſchinen erſann, welche die rohe Arbeit ubernehmen muͤſſen, weßhalb buͤrdet man dann dem groͤßten Theile der Menſch⸗ heit dennoch thieriſche Arbeit auf, während durch jene Hilfs⸗ mittel ein neuer Ruhetag errungen ſein koͤnnte, wo ſich die Armen ihrer Menſchheit bewußt werden duͤrften, waͤhrend ſie ſich jetzt,— da die Vortheile der ſechstauſend Jahre ei⸗ nige wenige an ſich reißen,— nur durch das Bewufßtſein ihres Elends vom Laſtthier unterſcheiden?“ Heinrich ſtaunte, ſolche Aeußerungen hier zu verneh⸗ men, und um ſo mehr, als er uͤberzeugt ſein konnte, daß ſie vom Herzen gingen. „Sie erwiedern mir nichts,“ fuhr ſie fort;„aber ich weiß, daß Sie mir beipflichten. Sie zweifelten nur, ob ſolche Worte aus meinem Munde ernſtlich gemeint ſein konnten?“ „Ich zweifle keineswegs; aber— nun ja, ich bin uͤber⸗ raſcht“— „Ueberraſcht? Nein, das ſollten Sie nicht ſein! Ge⸗ ſtehen Sie mir nur Ihre Meinung!“ Fragend und laͤchelnd blickte ſie auf Heinrich, welcher in der That um die Antwort verlegen war. „Es iſt nicht Recht, daß Sie ſchweigen,“ fuhr ſie fort, „nachdem ich bereits eine Art von Glaubensbekenntniß ab⸗ 103 gelegt habe. Und noch dazu iſt dies jetzt zum erſtenmale geſchehn, denn kaum brauch' ich Ihnen zu ſagen, daß ich mich hier unter lauter Andersglaͤubigen befinde, deren Ana⸗ them ich zu fuͤrchten habe. Vielleicht auch das Ihrige?“ ſetzte ſie hinzu. „Wahrlich, Sie beſchaͤmen mich durch Ihr offenes Glaubensbekenntniß,“ antwortete Heinrich,„und ich muß bekennen, daß ich pedantiſch genug geweſen wäre, das mei⸗ nige minder offen auszuſprechen. Aber je mehr ich mich nun beſchaͤmt fuͤhle, um ſo mehr muß ich Sie bewundern.“ „Nun, ich ſagte Ihnen ja, daß auch ich gegen alle Welt ſchweige und ſchweigen muß.“ „Und beweiſen mir alſo ein beſondres Vertrauen— ach, deſſen bin ich noch lange nicht wuͤrdig!“ „Still! wir wollen einander nicht wechſelſeitig beſchä⸗ men. Wie viel Muͤhe wird es nicht koſten, eh' ich den nachtheiligen Eindruck mildern kann, den ich bei Ihnen ſchon hervorgebracht haben werde. Ich wuͤnſche, daß Sie mich beſſer beurtheilen lernen. Aber dort kommt Alfred, der von unſerm Geſprach nichts wiſſen ſoll. Wir fahren heute nach der Reſidenz ins Theater, was jetzt weit bequemer angeht, ſeit uns die Eiſenbahn eine achtſtuͤndige zu einer einſtundi⸗ gen Entfernung gemacht hat. Sie werden der erſten Auf⸗ fuhrung einer neuen Oper beiwohnen.“ „Erlauben Sie mir, daß ich zuruͤckbleibe,“ ſagte Hein⸗ rich.„Erlauben Sie mir, daß ich bei den Andern dringende Arbeiten vorſchuͤtze, obwohl ich Ihnen offen ſage, daß ich keine eigentliche Abhaltung habe. Ich will den Nachmittag 104 benutzen, um mich zu ſammeln, denn ich bin weit unruhi⸗ ger, als es den Anſchein hat. Spaͤter erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen die Urſachen dieſer Unruhe zu beichten“— „Haben Sie deren ſo viele?“ „Ja, mehr als eine gewiß“— „Nun gut. Sie bleiben alſo heute hier.— Alfred,“ ſagte ſie zu dem Bruder, welcher jetzt herzu kam,„unſer Gaſt wird nicht mit nach der Stadt fahren.“ „Ei ſchaͤm' dich, Verehrter,“ ſagte Alfred;„du wirſt dich doch nicht hier allein verſchließen wollen? Doch das findet ſich. Fuͤr jetzt hab' ich dich zu ſprechen, und unſer Fräulein muß erlauben, daß ich dich entfuͤhre.“ Heinrich war dies jetzt gar nicht gelegen; allein jener nahm ſeinen Arm und begann, waͤhrend ſich Pauline nach dem Schloſſe begab, tauſend Fragen in Betreff Watkins vorzulegen, der ſeiner Neugier Stoff zum Nachdenken gegeben hatte. Hein⸗ rich erkannte daraus, daß hier die Meiſten von jenem Manne nicht mehr, vielleicht kaum ſo viel, als er ſelbſt, wußten. In dieſem Augenblicke war es ihm ſogar lieb, wenig Aus⸗ kunft geben zu koͤnnen, denn er fuͤrchtete ohnehin, zu viel zu ſagen. Als ſich am Nachmittag die Familie nach der Stadt begab, freute er ſich, die Theilnahme abgelehnt zu haben, was wirklich ohne bewußten Grund geſchehen war; aber er gedachte die Einſamkeit wohl zu benutzen. Er war im Be⸗ griff, an ſeinem Bericht fuͤr Watkins zu arbeiten, als er von dieſem einen Brief erhielt.— 105⁵ „Ich fuͤhle mich veranlaßt,“ ſchrieb Watkins,„Sie wiederholt in allen Dingen zur aͤußerſten Vorſicht zu mah⸗ nen. Was Ihr Verhaͤltniß zu mir betrifft, ſo hab' ich das voͤllig genuͤgende Verſprechen Ihrer Verſchwiegenheit; nur Eins will ich noch erinnern: verbrennen Sie alle Briefe von mir ſogleich, nachdem Sie dieſelben geleſen haben, und zwar ohne Ausnahme, gleichviel welches Inhalts ſie ſein moͤgen. Vielleicht bin ich ſelbſt(um auf Ihre eignen Angelegenhei⸗ ten zu kommen) unvorſichtig geweſen, wenn ich Sie nach Waldrode ſchickte. Obwohl mich die Bewohner dort nicht perſoͤnlich kennen, ſo hab' ich doch Gelegenheit gehabt, Alle zu ſehen, auch die junge Gräfin. Ich haͤtte bedenken ſollen, daß die Erſcheinung der letztern leicht alle fruͤhern Eindrucke bei Ihnen verwiſchen koͤnnte, zumal da ich Ihr leicht ent— zuͤndliches Herz kenne. Sie wuͤrden nur Ungluͤck anrichten, in gleichem Grade fuͤr Andre wie fuͤr Sie ſelbſt, wenn Sie einer ſolchen Neigung Raum geben wollten. Dieſer Brief wird Sie vermuthlich noch als neuen Ankoͤmmling in Wald⸗ rode treffen, und ich hoffe, daß er nicht zu ſpaͤt kommt. Wenn Sie erſt laͤngere Zeit mit der Familie bekannt ſind, wird Ihnen dieſelbe ganz anders erſcheinen, als es jetzt ver⸗ muthlich der Fall iſt. Sie haben jetzt nur harmloſe friedfer⸗ tige Menſchen dort gefunden, Sie fuͤhlen ſich behaglich wie im Kreiſe einer gemuͤthlichen Buͤrgerfamilie, und Sie werden mir nicht glauben wollen, wenn ich Ihnen bemerke, daß ihr uraltes reines Wappen der Gott der Waldrodes iſt. Tritt was ich beſorge nicht ein, ſo werden Sie ſich vielleicht lange Zeit dort aufhalten koͤnnen, ohne ein Zeichen des herrſchenden 106 adeligen Stolzes zu bemerken; man wird Sie faſt wie ein Glied der Familie behandeln und Sie werden wie unter Ihres Gleichen leben koͤnnen. Sie wuͤrden aber, was ich andeutete, auf die unangenehmſte Weiſe beſtaͤtigt finden, wenn Sie auch nur die Moͤglichkeit ahnen ließen, daß Sie Ihre Blicke uͤber Ihre Sphäre zu erheben wagen koͤnnten. Wäre die Neigung dann nur auf Ihrer Seite, nun, ſo waͤren Sie auch nur allein der Verlierende, koͤnnten den Staub von Ihren Fuͤßen ſchuͤtteln und maͤnnlichen Muthes dem Hauſe Valet ſagen. Erwaͤgen Sie aber die weitern Moͤglichkeiten. Graͤfin Pauline iſt die Einzige in der Fa⸗ milie, welcher ich ein Abweichen vom Charakter des Hauſes zutrauen koͤnnte. Sie hat, zum großen Leidweſen der Fa⸗ milie, bereits eine Verbindung ausgeſchlagen, welche ſelbſt fuͤr ihre Anſpruͤche eine hoͤchſt glaͤnzende zu nennen war. Alſo darf man fuͤr moglich halten, daß hoher Rang und dergleichen ihre Wahl nicht allein leiten werde. Ja, ich halte es fuͤr moͤglich, daß ein Wagehals Ihrer Art das Herz des Madchens erobern konnte. In dieſem Falle waͤ⸗ ren Sie aber auch fuͤr das Ungluͤck Paulinens verantwort⸗ lich. Leſen Sie dieſen Brief recht aufmerkſam vor dem Verbrennen! Meine Beſorgniſſe moͤgen ungegrundet ſein, vielleicht beherrſcht die kleine Marie noch Ihr Herz, und dies beſtätigt zu hoͤren wuͤrde mir Freude machen. Sie werden ſich vielleicht den Kopf zerbrechen uͤber das Verhaͤlt⸗ niß zwiſchen mir und der Grafin? Sie werden zu ſeiner Zeit Alles erfahren. Schreiben Sie mir ſogleich, und wo⸗ möglich auch uͤber Ihre eignen, innern wie aͤußerlichen, An⸗ 107 gelegenheiten. Ich bin begierig auf Ihren erſten Brief aus Waldrode. Suchen Sie gelegentlich auch die Bekanntſchaft des Geiſtlichen im Dorfe, und theilen mir ausfuͤhrlich mit, was Sie von dieſem Manne halten. Vergeſſen Sie auch nicht, recht bald die Fabriken und die Arbeiter darin zu beo⸗ bachten. Jede Notiz iſt mir willkommen.“ Heinrich beſchaͤftigte ſich eine Zeitlang damit, ſeine be⸗ reits niedergeſchriebenen Berichte zu vervollſtaͤndigen. Was ſeine Herzensangelegenheit betraf, ſo theilte er Watkins zwar keine Unwahrheit mit, unterließ es jedoch, demſelben etwas von den Hoffnungen, die er bereits hegen durfte— ja, die ihm bereits mehr als bloße Hoffnungen waren— ahnen zu laſſen. Er glaubte, trotz der vertrauensvollen Zuneigung, welche er fuͤr Watkins hegte, doch auf ſeiner Hut ſein zu muͤſſen und beſchloß, die Warnungen des Freundes auf alle Weiſe zu nuͤtzen. Er erkannte daraus, wenn anders Wat⸗ kins Recht mit dem hatte, was er von der Familie ſagte, daß letztere ein Liebesverhaͤltniß, wie das in Rede ſtehende, uberhaupt ganz außer dem Bereiche der Möglichkeit glauben mußte und daß ſich daher bei gehoͤriger Vorſicht das Ge⸗ heimniß deſto leichter bewahren laſſen werde. Aber zuruͤck wollte er nicht mehr, geſetzt auch, daß er es vermocht haͤtte. Er glaubte ſeines Zieles gewiß zu ſein und nahm ſich vor, daſſelbe allen Hinderniſſen zum Trotz zu verfolgen. Schon die naͤchſten Tage ſollten ihm ſeine bis zur Ueberzeugung geſteigerte Hoffnung beſtaͤtigen. Voll dieſes Gedankens ſie⸗ gelte er ſeinen Brief an Watkins, deſſen Schluß ihm ein diplomatiſches Meiſterſtuͤckchen dunkte, und nachdem er das 108 ſoeben erhaltene Schreiben verbrannt hatte, ſchickte er ſich an, auszugehen, um das ſonntägliche Leben um Waldrode zu beobachten. Am äußern Portale des Schloſſes fand er den alten Bedienten, der hier in feſttäglicher Ruhe auf einer Bank ſaß und, im Gefuͤhle fuͤr den Augenblick aller Dienſtlaſten enthoben zu ſein, voll Behaglichkeit ein Pfeiſchen rauchte, waͤhrend er dabei eine ſchon veraltete Nummer der Landes⸗ zeitung ſtudirte. Heinrich befragte den alten Mann uͤber Mancherlei und erhielt uͤber Alles erwuͤnſchte Auskunft. Selbſt das einſei⸗ tige Urtheil, welches er ſeinen Bemerkungen uͤber verſchiedene Perſonen beifuͤgte, war lehrreich. Der alte Bediente ſprach von allen hoͤhergeſtellten Perſonen mit einer gewiſſen Foͤrm⸗ lichkeit und Ehrfurcht, und wenn er den Namen des Grafen oder auch nur des Geiſtlichen erwaͤhnte, ſo verfehlte er nie, an ſeinem Sammtkaͤppchen zu ruͤcken. Als er gefragt wurde, ob der Pfarrer beliebt ſei, blies er erſt eine dichte Wolke aus der Pfeife und wartete einige Sekunden, eh' er ant⸗ wortete. „Ich wuͤrde wohl Unrecht thun,“ ſagte er,„wenn ich das Gegentheil behauptete. Sehn Sie, wenn unſre gnaͤdige Herrſchaft allein uͤber die Stelle zu verfuͤgen gehabt haͤtte, ſo haͤtten wir unſern Herrn Pfarrer ſchwerlich bekommen. Nun kommt zwar die Beſetzung unſrer Herrſchaft eigentlich zu; allein es hat ſich da ein hoher Einfluß, eine Empfehlung von hoher Hand geltend gemacht, und der Herr Pfarrer mußte ſchon angenommen werden.“ 109 „Nun, nach Ihrem Geſchmacke ſcheint er nicht zu ſein.“ à „Hm! wenn Sie mir's nicht ubel deuten, daß ich meine Anſicht ausſpreche:— der Herr Pfarrer iſt Alles eher, als ein Geiſtlicher. Er mag wohl ein hochſtudirter Mann ſein, o ja— allein was die Religion und Gotteswort betrifft, du lieber Gott! es gibt hier herum ohnedies wenig davon, aber von der Kanzel bekommen wir's am allerletzten. Sonſt war Alles anders hier. Ich kam als ein junger Burſche hieher, wie der Vater unſers gnaͤdigen Herrn noch lebte. Dieſer war im Begriff ſich zu vermaͤhlen und da ließ der ſelige alte Herr die kleine Schloßkapelle herrichten, daß es eine Pracht war. Kurz nachher ſtarb der gute Herr und ich begleitete die junge Herrſchaft mehrere Jahre auf Reiſen. Als wir zuruͤckkamen, waren viele von den bunten Scheiben in der Kapelle ſchon wieder zerbrochen, die Malerei verbli⸗ chen und die Goldleiſten mit Staub bedeckt. Es hat nie⸗ mand wieder an eine Renovation gedacht und jetzt wuͤrden Sie den Ort gar nicht mehr fuͤr das erkennen, was er vor⸗ ſtellen ſoll. Ich kann mir nicht helfen, aber ich muß ſchon den Kopf dazu ſchutteln; haͤtte man lieber die Kapelle her⸗ geſtellt, ſtatt daß man da fuͤr ſchweres Geld eine Treppe in das alte Rabenneſt, den Thurm im Hofe, baut. Es wer⸗ den wenig Leute dahinauf klettern wollen. Aber der gnädige Herr will oben wieder eine Fahne mit den Farben des Hauſes aufſtecken. Moͤcht' Alles ſein, wenn man daneben nicht die Kapelle verfallen ließe. Ich denke immer, es fehlt uns ein Geiſtlicher, wie er ſein ſollte.“ 110 „Alſo die Religion pflegt dieſer Geiſtliche nicht. Aber was thut er denn, Paul?“ „Ja, was ſoll ich ſagen? Lieber Herr, der gelehrte Herr Pfarrer, dem ich uͤbrigens alle ſchuldige Ehrerbietung bewahre, thut vielerlei, nur nicht das, was ſeines Amts iſt. Das gemeine Volk, das Geſindel, welches die Fabriken be⸗ ſchaͤftigen, hat ihn lieb. Darnach koͤnnen Sie ſchon urthei⸗ len, wenn Sie auch nur einen unvollkommenen Begriff von dieſem Fabrikpöbel haben. Dem thut er allen Vorſchub, waͤhrend er auf der andern Seite auf's Heftigſte gegen die reichen Leute zu Felde zieht. Er kann jeden Sonntag druͤ⸗ ben aus dem Gaſthofe bis in die tiefe Nacht Tanzmuſik und Lärm hoͤren, dagegen wird er doch kein Wort ver⸗ lieren.“ Einzelne Klaͤnge der Muſik und bazwiſchen den Schall fallender Kegel und jubelnder Stimmen hoͤrte man auch jetzt heruͤbertoͤnen, und Heinrich ſetzte, während er den kopfſchut⸗ telnden Alten verließ, ſeinen Weg nach dem Dorfe fort. Zuerſt trat er bei dem Geiſtlichen ein, einem noch jun⸗ gen, im Geſpraͤch lebhaften Manne, der ſich des Beſuches ſehr freute und dem Gaſte gleich anfangs erklaͤrte, daß er ihn ſo ſchnell nicht wieder fortlaſſen werde. Beim Grafen hatte der Pfarrer nur ſehr wenig geſprochen und da Hein⸗ rich auch das Wenige uͤberhoͤrt hatte, ſo lernte er ihn erſt jetzt genauer kennen, wurde aber mehrere Stunden lang durch die Geſpraͤche mit dieſem Manne ſo gefeſſelt und er⸗ hielt zugleich hier ſo gruͤndliche Auskunft uber das Leben 1¹¹ und Treiben der Umgegend, daß der Abend bereits dunkelte, als er endlich, mit dem Vorſatze dieſen Umgang moͤglichſt fortzuſetzen und zu nuͤtzen, Abſchied nahm. Jetzt leuchteten ihm die glaͤnzend erhellten Fenſter des Tanzſaales vom Gaſthof entgegen und er entſchloß ſich, ein⸗ zutreten und einige Minuten ein Zuſchauer der lauten Luſt⸗ barkeit zu ſein. Ein hoher und umfangreicher Saal em⸗ pfing ihn, welcher praͤchtig heißen konnte, wenn man erwog, daß er nur zum Sammelplatz der niedrigſten und ärmſten Klaſſen beſtimmt war. Eine freie Wendeltreppe zur Seite des Haupteinganges fuͤhrte nach einer Gallerie empor, welche ſich um den ganzen Saal zog und mit Ausnahme des fuͤr die Muſiker beſtimmten Theiles von Zuſchauern beſetzt war. Das Gedränge, welches in dem Saale herrſchte und fuͤr die Tanzenden einen verhaͤltnißmaͤßig nur kleinen Raum uͤbrig ließ, ſchien auf der Galerie minder laͤſtig. Heinrich ſtieg daher hinauf und wählte ſich einen moͤglichſt freien Platz, ſo gut ſich ein ſolcher noch finden ließ. Es herrſchte eine druk⸗ kend heiße noch dazu von Tabaksqualm getruͤbte Atmoſphaͤre, welche fuͤr den, ſolcher Lokalitäten Ungewohnten etwas Be⸗ täubendes hatte. Dabei das Geraͤuſch und Laͤrmen der dich⸗ ten Menge, welche ſich unten in Bier und Fuſel berauſchte, die abſcheulichen Mißtöne der Blechinſtrumente und das Raſen der Taͤnzer— der Menſchenfreund, welcher auf dies Chaos herniederſchaute, mußte ſich im Innerſten ergriffen fuͤhlen und wenn ihn einerſeits Abſcheu und Ekel erfuͤllte, ſo erregte das wuͤſte Schauſpiel doch zugleich auch Mitleid mit dieſer tobenden Menge und vielleicht auch ein Gefuͤhl * 112 des Haſſes gegen die, welche dem Armen nichts uͤbrig gelaſ⸗ ſen hatten, als dieſe thieriſche Luſt. „Mein Gott, welche Geſtalten, welche Carikaturen!“ bemerkte ein junger elegant gekleideter Herr, der neben Hein⸗ rich ſtand und die verſchiedenen Gruppen lorgnettirte.„Da waͤre gutes Futter fuͤr einen Hogarth. Ich bemuͤhe mich umſonſt eine menſchliche Geſtalt zu entdecken. Wahrhaftig, wenn man einen Blick auf die Miſere wirft, vergehen einem die Gedanken an Gemeinſchaft und Gleichheit und ich denke, die meiſten Kommuniſten wuͤrden bekehrt werden, wenn ſie ſich dies Volk oͤfter ſo in Maſſe beſehn wollten.“ „Ich denke das Gegentheil,“ erwiederte Heinrich.„Boͤ⸗ ten dieſe Maſſen einen erfreulichern Anblick, ſo wuͤrden jene Ideen jedenfalls minder erweckt worden ſein. Weil man das Uebel ſieht, denkt man auf Verbeſſerung“— Der junge Herr hoͤrte nichts mehr. Er lorgnettirte ſehr eifrig nach einer Stelle, wo er vermuthlich eine menſch⸗ liche Geſtalt entdeckt hatte. Die bei weitem uͤberwiegende Mehrzahl der wilden Gaͤſte, der Tänzer wie der Taͤnzerinnen, beſtand aus Fabrik⸗ arbeitern, welche hier die wenigen ſchwer errungenen Groſchen hinwarfen, um das ſechstaͤgige Leben eines Laſtthiers in ro⸗ her Betaͤubung zu vergeſſen. Nachdem ſich Heinrich einigermaßen an das ſinnver⸗ wirrende Getoͤſe und den faſt athemberaubenden ſchwuͤlen Dunſt gewoͤhnt hatte und ſein Blick die einzelnen Geſtalten und Gruppen unten eher zu unterſcheiden vermochte, be⸗ gann er ſich damit zu unterhalten, daß er die ihm zu⸗ naͤchſt ſitzenden oder ſtehenden Gaͤſte in der Tiefe einzeln muſterte. Ein einziges Paar, welches ganz einſam an einem Tiſche im Winkel zur Seite des Saales ſaß, zog ſeine be⸗ ſondre Aufmerkſamkeit auf ſich. Ein junger Menſch, mit freundlichem aber plumpem Geſicht, auf welchem zugleich der Ausdruck des Mitleids zu ruhen ſchien, ſprach mit ſeiner Gefährtin, einem Maͤdchen, welches, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, in Traurigkeit verſunken neben ihm ſaß. So viel ſich aus den Geberden errathen ließ, mochte er all ſeine Be⸗ redſamkeit aufbieten, um die truͤbe Freundin aufzuheitern und zur Theilnahme an den Freuden, die dieſer Ort bot, zu bewegen. Seine Muͤhe ſchien jedoch ganz erfolglos zu blei⸗ ben. Sie beharrte in der angegebenen Lage und ſchien nur immer trauriger zu werden, während der theilnehmende Freund ihre Hand ergriff und ſich in Bitten und rſrg gen erſchoͤpfte. Jetzt erhob ſie ihr Haupt, um mit einem ſchmerzlichen Seufzer tief Athem zu holen, und blickte dabei empor. Heinrichs Athem ſtockte, waͤhrend ihm das Blut heiß nach dem Herzen ſchoß— er erkannte in dem traurigen Maͤdchen Marien.— Auch er ward von ihr geſehn, denn kaum daß ihr zufaͤllig erhobener Blick ihn traf, ſo ſtieß ſie einen kurzen Schrei aus und ihr Geſicht war von Purpur uͤbergoſſen, aber nur, um ſich im naͤchſten Moment mit Todesbläſſe zu uberziehen. Sie ließ das Haupt matt auf den Buſen ſinken und ſchien einer Ohnmacht nahe. 6 8 8 4 114 d Heinrich ſchwankte einen Augenblick, was er thun ſollte — ſollte er zu ihr hinabeilen? Allein er vermochte es nicht, ja, er fuhlte ſich jetzt unfaͤhig ihren Blick zum zweiten Male zu ertragen und unwillkuͤrlich trat er einen Schritt zuruck in den Schatten eines Pfeilers und wendete das Geſicht nach der entgegengeſetzten Richtung. Aber dieſe Anwandlung von ſeltſamer Schwäche, deren er ſich ſelbſt ſchaͤmte, ging ſchnell voruͤber. Während er es ſich nicht verbergen konnte, daß er Marien gleichſam fuͤrchte, warf er ſich ſelbſt ſein Benehmen vor, beſchloß jene Furcht zu bemeiſtern und zu ihr zu gehen. Er trat wieder an den Rand der Gallerie und ſah hinunter; aber weder Marie noch ihr Begleiter waren mehr zu ſehen und jener Tiſch war be⸗ reits von einer laͤrmenden Geſellſchaft wieder in Beſchlag genommen. Heinrich fuͤhlte den Drang, friſche Luft zu ſchoöͤpfen. Vielleicht konnte er auch das arme Maͤdchen noch in der Naͤhe des Hauſes finden. Mit dieſem Gedanken verließ er die Gallerie und war im Begriff aus dem Saale zu treten, als ihn jemand beim Arm ergriff. „Wie, Sie wollen fort, waͤhrend ich eben erſt eintrete, um das luſtige Voͤlkchen hier zu betrachten,“ fragte der Mann, von welchem er ſich feſtgehalten ſah. Es war Wolf. Heinrich war uͤberraſcht und zugleich erfreut, einen be⸗ kannten Menſchen zu finden. „Ihre Erſcheinung iſt mir ſehr tröſtlich,“ ſagte er. 2 11¹⁵ „Aber kommen Sie, ſprechen wir im Freien. Ich vermag dieſe Atmoſphaͤre nicht laͤnger zu ertragen.“ „Nur jetzt nicht ſchon wieder in die Nacht hinaus!“ erwiederte Wolf.„Ich brauche Ruhe und einen behaglichen Platz dazu, der ſich wohl noch hier finden wird.“ Er zog Heinrich mit ſich fort durch den Saal und ſie betraten ein kleines an denſelben ſtoßendes Gemach, wo Ein⸗ ſamkeit und eine reinere Luft herrſchte. „Hier laß uns der Ruhe pflegen, junger Freund,“ ſagte Wolf.„Ich bin abgeſpannt von der Reiſe, denn ich bin die Minute erſt aus dem Wagen geſtiegen und nun muß ich mich behaglich beim Glaſe Wein fuͤhlen, wenn ich Hiobs⸗ poſten anhoͤren ſoll. Denn es ſcheint in der That, als haͤt⸗ ten Sie ſolche zu berichten, Ihr Geſicht zeigt keine Feſttags⸗ miene. Oder,“ fuhr er fort, als Heinrich truͤbſinnig ſchwieg, „Sie ſchmollen doch nicht mit mir, daß ich auf ſehr un⸗ ſchuldige Weiſe zum Verräther Ihres Reiſeziels wurde? Ich kann allerdings nicht laͤugnen, daß die ſchoͤne Eliſabeth durch mich dahinter gekommen iſt, obwohl auf ſehr indirekte Weiſe, da ich ſelber die Dame nicht entfernt kenne. Ueberhaupt thut das Wie weiter nichts zur Sache. Watkins iſt ſo ziemlich davon unterrichtet, und im Grunde ſchadet es ja nichts. Aber zum Henker! Sie hoͤren mich gar nicht ſpre⸗ chen? Was haben Sie denn ſo Außerordentliches im Kopfe? Hier, trinken Sie— Sie muͤſſen rein austrinken! und gleich ein zweites Glas hinterdrein! So, das iſt bravz nun wer⸗ den Sie Ihres Truͤbſinns eher Herr werden, und mir die Ehre geben, mich den Grund und die Urſache dieſer verhen⸗ 8* 116 kerten Stimmung erfahren zu laſſen. O, jetzt fallt es mir ein— ſollte die kleine Marie Ihr Quälgeiſt geworden ſein? Wie befindet ſich das Kind?“ „Gewiß nicht wohl— ich glaube vielmehr recht ſehr ſchlimm,“ antwortete Heinrich.„Ich ſah ſie zum erſten⸗ male ſeit meiner Ankunft vorhin, unmittelbar bevor ich Sie traf, und auch dies eine Mal ſah ich ſie nur einige Augen⸗ blicke von fern.“ „Nur einige Augenblicke von fern? und doch wohnen Sie mit ihr unter einem Dache, denk' ich— wie?“ Heinrich theilte jenem mit, was er bereits von der Graͤfin erfahren hatte und wie ihm nun erſt Marie wieder erſchienen war. „Hm!“ ſagte Wolf,„mit rechten Dingen geht das nicht zu. Mit dem Kinde mußte man zufrieden ſein. Pfui, pfui! und Sie konnten das ſo gelaſſen mit anhoͤren, Heinrich, ohne die arme Marie auf's Aeußerſte zu verthei⸗ digen?“ „Ich nahm mir vor, ſie ſelbſt aufzuſuchen.“ „Das iſt einzig! Ein elender Fabrikherr unterſteht ſich, mit dem Dienſte eines ſo vortrefflichen Kindes unzufrieden zu ſein. Und warum konnte man ſie in dieſer graͤflichen Wirthſchaft nicht gleich behalten? Freilich, fuͤr grobe Arbeit war dies Maͤdchen aus zu feinem Stoff gewebt und außer⸗ dem hielt man ſie fuͤr unnuͤtz. Schmach uͤber dieſe Menſch⸗ heit! Mir wuͤrde die Geſellſchaft einer ſolchen Marie tau⸗ ſendmal annehmlicher ſein, als hundert ſolche unnuͤtze Grafen und Graͤfinnen. Und dieſe ſchicken das Kind fort, weil ſie 117 es nicht brauchen koͤnnen! Nun, Heinrich, Sie ſchweigen immer? Sind Sie bis dieſen Augenblick noch nicht in Wuth gerathen uͤber ſolche Barbarei?“ „Ich hielt es fur meine Pflicht, ohne fremden Beiſtand fur ſie zu ſorgen.“ „Ei was! man muß nichts fuͤr ſeine Pflicht halten, aber man muß ſeine Pflicht thun!— Was haben Sie denn gethane Sie haben das arme Kind weinend und elend geſehn und haben ſie ihres Wegs gehen laſſen.“ „Sie traten mir in den Weg, als ich ſie aufſuchen wollte,“ ſagte Heinrich, dem das heftige Weſen Wolfs läſtig ward. Es hatte ſich ſeiner in dem Augenblicke, als er Marie nicht mehr im Saale erblickte, ein wehmuͤthiger Schmerz um das Maͤdchen bemeiſtert. Er empfand das tiefſte Mitleid fur ſie, waͤhrend er ſich geſtehen mußte, daß die fluchtige Neigung, welche ſie ihm eingefloßt, erkaltet war; und waͤh⸗ rend er ſich doch uͤberzeugt fuhlte, daß ſie noch in dieſem Au⸗ genblick mehr fuͤr ihn empfinden moge, als er je fuͤr ſie ge⸗ fuͤhlt habe. „Faſt kommt mir's vor, als hätten Sie fuͤr Marie auch keine tiefere Neigung gefaßt, wie fuͤr Miß Eliſabeth und funfzig aͤhnliche Frauen. Sprechen Sie nichts davon! um ſo beſſer, wenn ich unrecht habe; im entgegengeſetzten Falle aber wäre doch jedes Wort uberfluͤſſig, denn die Wahr⸗ heit waͤre dann ſo untroͤſtlich, wie die Heuchelei unwuͤrdig. Ich werde mich hier aufhalten und werde auch Marie auf⸗ ſuchen. Vielleicht findet ſich ſchon Morgen Gelegenheit dazu und es wird mir lieb ſein, wenn Sie mir ſuchen helfen wol⸗ 118 len. Ich empfinde große Luſt, dieſe Grafen und Fabrikherren zu beſchaͤmen. Sie ſollten ſich doch nach beſſerer Geſellſchaft umſehen, Heinrich. Was wollen Sie unter dieſen hochmuͤ⸗ thigen Leuten, unter denen Sie nur Ihre Freunde verkennen lernen!“ Heinrich erwiederte nichts. Er nahm ſich vor, lieber auf keines der heftigen und ſchmaͤhenden Worte Wolfs zu achten, als nur durch einen Laut oder eine Geberde die leiſeſte An⸗ deutung von dem zu geben, was ihn an Waldrode feſſelte. Auch wurde Wolf enblich des Tadelns muͤde, er begann von andern Dingen zu ſprechen, bis es ihm endlich gelang, ſelbſt Heinrich etwas aufzuheitern. Es war ſehr ſpaͤt, als der letz⸗ tere Abſchied nahm und nach dem Schloſſe zuruͤck ging. Er gedachte es jenem allein zu uͤberlaſſen, Mariens Aufenthalt zu erforſchen, denn er wuͤnſchte von ihrer Lage und Stim⸗ mung vorher genauer unterrichtet zu ſein, eh' er ſich ihr naͤ⸗ hern wollte. Drittes Kapitel. Die Familie war noch nicht aus der Stadt zuruck, als er das Schloß erreichte; und da er ſich ſelbſt noch zu aufge⸗ regt fuͤhlte, um Schlaf erwarten zu durfen, begann er wieder ſeine Beobachtungen und Bemerkungen hinſichtlich des ver⸗ floſſenen Tages niederzuſchreiben. Spaäter hoͤrte er den Wa⸗ gen uͤber die Schloßbruͤcke in den Hof rollen, bis Alles wie⸗ der ſtill wurde. Dann warf er einen Blick hinaus in die ſchoͤne ruhige Sommernacht. In Paulinens Zimmer brannte noch Licht; er ſah, wie ſich ihr Schatten hin und wieder be⸗ wegte. Einige Klaͤnge des Piano ſchallten herauf, dann war wieder Alles ſtill, das Licht erloſch und Heinrich wußte nun, daß er der Einzige im Schloſſe ſei, der noch wachte. Und es kam dieſe Nacht auch kein Schlummer uͤber ſeine Augen, ſo ſehr er ſich darnach ſehnte. Die aufgehende Sonne fand ihn noch munter auf dem Lager. Waͤhrend er ſich nun erhob und ſeinen ſchriftlichen Bericht vollendete, verließ ihn allmaͤ⸗ lig die dumpfe Aufregung, in welcher er ſich befunden hatte. 120 Er gedachte den groͤßten Theil des Tages zu einer Wande⸗ rung in der Umgegend zu benutzen, deren Kenntniß er recht bald erlangen wollte. Es ſchwebte ihm wie eine Ahnung vor, daß ſeine Zeit hier eine gemeſſene ſei, welche er um ſo mehr nuͤtzen muͤßte. Watkins hatte in ſeinem letzten Briefe auch eine An⸗ deutung gegeben, woher der Einfluß ruͤhrte, den er— ob⸗ wohl ein Fremder und angeblich noch nie in Perſon hier geweſen— in dieſer Familie beſaß. Er war naͤmlich, wie aus jener Andeutung hervorging, mit dem Prinzen Moritz befreundet, durch welchen er den angeſehenſten und vornehm⸗ ſten Haͤuſern empfohlen war. Wie er zu jener Freundſchaft gekommen, blieb freilich ein Geheimniß, ebenſo wie die Art, auf welche er den erlangten Einfluß zu uͤben wußte. Indeß war es Heinrich ſchon lieb, zum wenigſten ungefaͤhr zu wiſſen, wem er die guͤnſtige Aufnahme hier im Grunde zu danken hatte. Sobald er mit ſich einig daruͤber geworden war, was er wollte, ſo ſtärkte und befeſtigte ſich die Kuͤhnheit ſeiner Abſichten von Stunde zu Stunde. Paulinens Hand war das Ziel, wonach er ſtrebte und welches er trotz aller Hinderniſſe errei⸗ chen wollte, ſobald er einmal ihrer eignen Einwilligung ſicher war. An dieſer zweifelte er im Grunde ſchon nicht mehr und es kam zunaͤchſt hauptſächlich darauf an, das Geheim⸗ niß vor den Andern zu verbergen. Seine Freundſchaft mit Alfred und das freundliche Wohlwollen, womit man ihm uͤberhaupt begegnete, mußte ihm Gelegenheit geben, ſich um der Geliebten Gunſt zu bewerben, ohne daß ſonſt jemand —— — 121 etwas davon argwoͤhnen und ahnen konnte. Doch ſah er wohl ein, daß die ſonſt guͤnſtigen Umſtaͤnde auf der andern Seite auch doppelte Vorſicht noͤthig machten, und beſonders galt es vor Alfred auf der Hut zu ſein, gerade weil er mit dieſem zu vertraut war und alſo um ſo eher in den Fall kom⸗ men konnte, ſich zu verrathen. Wie ſich Alles geſtalten und was der Ausgang von Allem ſein werde, konnte er ſich aller⸗ dings noch nicht ſagen; aber er war entſchloſſen, das Seine zu thun und dabei ſeinem Muth und ſeinem Gluͤcke zu ver⸗ trauen. Bald fand ſich Alfred bei ihm ein, welcher ſich wirk⸗ lich der Gegenwart des alten Genoſſen freute, mit dem er ſchon vor Jahren eng befreundet geweſen war. Zwiſchen jener Zeit und jetzt ſchien keine Kluft zu liegen und es konnte nicht fehlen, daß bei längerem Hierſein Heinrichs beide bald auf's innigſte vertraut werden mußten. Auch ſah Heinrich dies voraus und es that ihm weh, daß er vor jenem doch immer ein Geheimniß werde haben muͤſſen, deſſen einſtige Enthuͤllung, mocht' es fruher oder ſpaͤter geſchehn, das Freund⸗ ſchaftsband gewaltſam wieder aufloͤſen muͤßte. Aber er dachte jetzt noch nicht ſehr an die fernere Zukunft, da die verſchie⸗ denartigen Beſorgniſſe, welche gegenwärtig in ihm wach wa⸗ ren, all ſeine Aufmerkſamkeit fuͤr den Augenblick in Anſpruch nahmen. „Ich bringe dir einen Gruß von jemand,“ ſagte Alfred, „und du wirſt vielleicht bedauern, uns geſtern nicht begleitet zu haben. Miß Eliſabeth Warren“— 122 „O, muß mich dies Weib uͤberall verfolgen!“ unter⸗ brach ihn Heinrich unmuthig.„Haſt du ſie in der Stadt geſehn? Ich weiß, daß dieſe Perſon eine Zeitlang bei euch hier gelebt hat.“ „Wie!“ rief Alfred lachend.„Dir ſcheint wenig an einer Nachricht von dieſer Dame zu liegen, und ich glaubte mir damit doch deinen Dank zu verdienen. Sie ſaß im Schauſpielhaus in einer Loge neben der unſern und plau⸗ derte unendlich. Meine Eltern hatten, als ſie hier war, den Narren an ihr gefreſſen, was man ſo nennt, und ſahen es gar nicht gern, als die Schmeichlerin ihr Stelle aufgab. Ich habe nur halb gehoͤrt, was ſie uns Alles von ihren Ab⸗ ſichten und Ausſichten in der Reſidenz vorſchwatzte, gewiß aber waren es Luͤgen. Dann begann ſie von dir zu ſprechen, erzaͤhlte, wie und wo ſie dich kennen gelernt, ſchilderte dich von tauſend ruͤhmlichen Seiten und ſchaͤrfte mir es ausdruͤck⸗ lich ein, dich ja recht freundlich zu gruͤßen. Sie hat uns ſogar einen Beſuch in Ausſicht geſtellt.“ „Nun, dann werd' ich zur ſelbigen Zeit einen Ausflug von eurer gaſtlichen Burg unternehmen muͤſſen,“ ſagte Hein⸗ rich, welchem Eliſabeths zudringliches Weſen jetzt in doppelt aͤrgerlichem Lichte erſchien.„Sie ſcheint ſich in guten Ver⸗ haͤltniſſen zu befinden?“ fragte er leichthin. „Allerdings. Dem Anſchein nach in glaͤnzenden Um⸗ ſtaͤnden, und ich weiß nicht, ob ich deshalb eine beſſere oder vielleicht eine um ſo ſchlechtere Meinung von ihr hegen ſoll. Das letztere wag' ich uͤbrigens gegen meine Eltern kaum zu aͤußern, die ſie, wie geſagt, ins Herz geſchloſſen haben und —— —— 123 ihr zu verſtehen gaben, daß ihnen ihr Beſuch in Waldrode nicht unangenehm ſein werde. Aber ſprich, liegt dir wirklich an dieſer Eliſabeth nichts? Nach ihren Aeußerungen mußt' ich nothwendig das Gegentheil vermuthen.“ „Ich werde dir gelegentlich Zuͤge von ihr mittheilen, die genuͤgen werden, um dir zu beweiſen, wie uͤbel ſie bei mir angeſchrieben ſteht. Reden wir fuͤr jetzt lieber nicht weiter von dieſem Weibe, vor deren Wiederſehn mich der Himmel bewahre.“ „Wenigſtens moͤcht' ich dich noch fragen, ob du von ihrem Thun und Laſſen naͤher unterrichtet biſt. Als ich das Theater verließ wechſelte ich einige Worte mit einem Be⸗ kannten, der mich mit Eliſabeth im Geſpraͤch bemerkt hatte. Er fragte mich, woher ich ſie kenne, und ich erwaͤhnte ihres fruͤhern Aufenthalts bei uns.„Nun,“ ſagte mein Freund, „ſo hat die Dame jetzt eine weit verſchiedene, aber wie es ſcheint eintraͤglichere Laufbahn betreten. Was glauben Sie wohl, womit ſie ſich beſchaͤftigt?“ Ich hatte keine Ahnung und Jener vertraute mir nun als voͤllig gewiß, daß Eliſabeth im Solde unſers Juſtizminiſters ſtehe, um als weiblicher Spion den Urſprung und die Befoͤrderer gewiſſer ſocialiſti⸗ ſcher Umtriebe, die ſich jetzt allenthalben zeigen, auskundſchaf⸗ ten zu helfen. Ich lachte meinen Berichterſtatter ins Ge⸗ ſicht, allein er betheuerte mir trotzdem die Wahrheit ſeiner Ausſage.“ Heinrich war auf's Hochſte uͤberraſcht durch dieſe Mit⸗ theilung, trug aber dennoch Bedenken, ſeine Verwunderung blicken zu laſſen. 124⁴ „Wenn ich auch nicht zweifle, daß man ſich erforderli⸗ chen Falls ſolcher geheimen Mittel bedienen werde,“ ſagte er,„ſo iſt doch nicht wahrſcheinlich, daß man ſo viel Gewicht auf den betreffenden Gegenſtand lege, um deshalb koſtſpie⸗ lige und am Ende unnuͤtze Spione anzuſtellen. Aber jeden⸗ falls wuͤrden dieſe dann vorſichtig genug zu Werke gehen und dafuͤr Sorge tragen, daß man nicht ſobald ihre Abſich⸗ ten durchſchaute.“ „Ueberhaupt ſind jene Umtriebe nicht von der Bedeu⸗ tung, um irgendwem wirkliche Beſorgniß zu erwecken. Auch weiß die Regierung, ohne dergleichen unwuͤrdige Mittel, zu erfahren, was ſie wiſſen muß, denk ich. Die dumme Ge⸗ ſchichte iſt uͤbrigens nicht uͤbel erdacht. Eine geſchickte Si⸗ rene, wie die Warren, vermoͤchte vielleicht eher die felſenfeſte Tugend eines ſtoiſchen Republikaners zu betruͤgen und deſſen Inneres auszukundſchaften, als der ſchlaueſte Mann, und das um ſo eher, je weniger man in ſolcher Hinſicht von der Kurtiſane Unheil fuͤrchtet.“ Heinrich verbarg es, wie geſagt, daß ihm dieſe Kunde den reichlichſten Stoff zum Nachdenken gab; nachdem er ſich uͤberzeugt hatte, daß Alfred ihm nichts weiter uͤber die Sache zu ſagen wußte, ging er ſelbſt auf andte Gegenſtaͤnde uͤber und folgte dann dem Freunde, um die uͤbrigen Hausgenoſſen vor ſeiner kleinen Wanderung noch zu beſuchen.— Alfred, der im Uebrigen ziemlich ernſten Charakters war, legte in Geſellſchaft Andrer, und ſo auch im Kreiſe der Seinen, oͤfters eine ihm nicht natuͤrliche Luſtigkeit an den Tag, wodurch er indeß ein gewiſſes vertrauliches Verhaͤltniß auch zwiſchen 125 dem Gaſte und den Bewohnern Waldrodes ſehr foͤrderte. Dieſer Umſtand war Heinrich vorzuͤglich willkommen, denn um ſo ungeſtoͤrter und leichter konnte ſich ſein Einverſtänd⸗ niß mit Paulinen entwickeln. Wenn es nur mit innerm Vorwurf geſchehen war, daß er hier ſeine Theilnahme an Mariens Geſchick nicht ver⸗ rieth, ſo war dies keineswegs der Fall, wenn er jedes Ver⸗ haͤltniß mit Eliſabeth zu verlaͤugnen ſtrebte. Von Seiten des Grafen und der Graͤfin waͤre ihm ein ſolches uͤbrigens nach dem ſoeben Gehoͤrten ſchwerlich uͤbel gedeutet worden, und hinſichtlich Paulinens konnte er ſich bald beruhigen, denn er uͤberzeugte ſich, daß ſie wenig oder gar keinen Theil an jenem Theatergeſpraͤch genommen hatte, und als man der Englaͤnderin wieder erwaͤhnte, unterließ er nicht, ziemlich unumwunden zu erklaͤren, was er von ihr wußte und dachte. Zu ſeinem Leidweſen wollt' es heute nicht gelingen, mit Pauline zu einem Geſpraͤch unter vier Augen zu kom⸗ men, und er mufßte ſich endlich, auf eine guͤnſtigere Stunde hoffend, entfernen, um ſeine kleine Entdeckungsweiſe anzu⸗ treten, bei welcher er auch Alfreds Begleitung, welche dieſer anbot, unter paſſendem Vorwande abgelehnt hatte. Im Gaſthauſe erfuhr er zu ſeinem Bedauern, daß Wolf mit dem fruͤheſten fortgegangen ſei, um den erſten Zug auf der Eiſenbahn zu benutzen; er hatte ſich nach der Stadt begeben und gedachte am Abend wieder in Waldrode einzutreffen. So trat Heinrich, wie er auch anfangs ent⸗ ſchloſſen geweſen, ſeinen Weg allein an. 126 Er verließ das Dorf und folgte einem Fußpfade in der Richtung nach den Fabriken. Die Felder zwiſchen denen er hinſchritt, waren trefflich beſtellt und zogen ſich zu beiden Seiten des etwa eine Viertelſtunde breiten Thales noch die Höhen hinan, welche nur theilweis bewaldet waren. Als er eine Strecke gegangen war und einen Blick zuruͤckwarf, ge⸗ waͤhrte ihm Schloß Waldrode mit ſeinen Umgebungen einen hoͤchſt maleriſchen Anblick, welcher einen auffallenden Gegen⸗ ſatz zu dem Bilde gab, welches nach der andern Richtung vor ihm lag: den einfoͤrmigen Fabrikgebaͤuden, die ſich um ſo unerfreulicher darſtellten, je naͤher er ihnen kam. Er war eigentlich willens geweſen, heute das Innere dieſer um⸗ fangreichen Werkſtaͤtten in Augenſchein zu nehmen, gab dieſe Abſicht aber bald auf, theils um den freundlichen Tag durch⸗ aus im Freien zu genießen, theils weil ihm das Zuſam⸗ mentreffen mit einem Manne, in welchem er den Beſitzer dieſer Fabriken kennen lernte, die Luſt daran fuͤr diesmal verleitete. Der Fabrikherr, den Heinrich in der Naͤhe der Gebaͤude fand und an den er, bevor er wußte, wen er vor ſich hatte, einige Fragen richtete, war eine wohlgenaͤhrte, große Geſtalt, mit dem Ausdruck der Gemeinheit und Arroganz im Ge⸗ ſichte. Ein Blick ſchien ihm zu genugen, um gleich zu wiſ— ſen, wen er vor ſich hatte. Er merkte ſogleich, daß Hein⸗ rich ein Menſch ſei, der nichts von ihm wollte, ehenſo aber verrieth ihm das hoͤfliche Betragen des jungen Mannes, daß derſelbe ein armer Teufel, ein Menſch ohne Geld ſein muͤſſe. Nach den erſten Worten erkannte er den armen — 127 Touriſten in ihm, der Menſchen und Laͤnder beſieht, um ſeine Bemerkungen daruͤber drucken und ſich bezahlen zu laſſen, und haͤtte ſich Heinrich die Muͤhe nehmen wollen, dieſe Meinung zu widerlegen, ſo wuͤrde er ſie dadurch gerade nur noch beſtaͤrkt haben. Schon waren beide— Herr Reich, weil ihn Geſchafte riefen, Heinrich, weil ihm ſeine Muße zu lieb war— im Begriff, auseinander zu gehen, als der erſtere einen Einfall hatte, welcher ihm wichtig genug ſchien, um deßhalb den jun⸗ gen„Muͤßigganger“ noch eines Wortes zu wuͤrdigen. „Hm,“— begann er,—„Sie wiſſen doch, daß man ſeit einiger Zeit und beſonders in den letzten Tagen ſo man⸗ cherlei in den Zeitungen uͤber das Elend las, welches unter unſern Fabrikarbeitern angeblich herrſchen ſoll. Verſchiedene jener veraͤchtlichen Schreibereien hatten es beſonders auf dieſe Gegend abgeſehn, ja in einer war ſogar eine deutliche An⸗ ſpielung auf mich enthalten. Das iſt nun lauter eitles Ge⸗ ſchwätz. Jeder Narr glaubt uͤber das ſprechen zu koͤnnen, wovon er nichts verſteht. Leider glaubt der große Haufe nur zu gern, was er gedruckt ſieht, und jene Zeitungsphraſen von Volkselend, Unterdruͤckung der Armen, Wucher und aͤhnliche Verleumdungen finden dann auch ihren Wiederhall unter der betreffenden Bevoͤlkerung ſelbſt und erzeugen den Leuten, die ihr Beſtes nicht zu beurtheilen wiſſen, boͤſes Blut. Sie ſind jetzt hier, Sie koͤnnen ſich durch den Au⸗ genſchein uͤberzeugen, daß ſich das Volk gut genug befindet und noch beſſer befinden wuͤrde, wenn es nicht Feiertags den ganzen Wochengewinn in den Schenken vergeudete. Nun, 128 Sie konnen der Wahrheit, der guten Sache einen Dienſt thun, wenn Sie, von der rechten Seite aufgefaßt, die hieſi⸗ gen Zuſtände ſchilderten, und dieſe Darſtellung in einige der verbreitetſten Zeitungen einruͤcken ließen. Ihre Muͤhe ſoll nicht unbelohnt bleiben und ich ſelber werde mich erkenntlich zeigen.“ „Es iſt das nicht mein Beruf,“ entgegnete Heinrich. „Ei was, Beruf oder nicht! Wenn Sie einige Louis⸗ d'or dabei verdienen koͤnnen, wird es wohl ihr Beruf ſein.“ „Ich ſage, es iſt nicht mein Beruf,“ wiederholte Hein⸗ rich;„obwohl es moͤglich iſt, daß ich gelegentlich ein Wort uͤber dieſe Zuſtaͤnde oͤffentlich ausſpreche. Zunaͤchſt aber muß ich dieſelben genau kennen lernen und ich bin eben jetzt im Begriff, mir dieſe Kenntniß zu verſchaffen.“ „Nun, wenn Sie ſchreiben, ſo geben Sie der Wahr⸗ heit die Ehre, und dann koͤnnen Sie ſich bei mir melden. Wenn Sie Ihre Sache gut machen, ſoll mirs auf einige Louisd'or nicht ankommen, wie geſagt.“ Mit dieſen Worten wandte ſich Herr Reich ab, indem er nur kurz mit dem Kopf nickte, und verſchwand in den Gebaͤuden. Heinrich ſah ihm lächelnd nach und kehrte dann der Fabrik den Ruͤcken, um ihr zu einer andern Stunde ſei⸗ nen Beſuch zu ſchenken. Als er bei einem der Nebengebaͤude voruͤber kam, wo ſich der Weg nach dem nahgelegenen Dorfe wendete, ſah er einen Menſchen im Schatten auf einer Bank ſitzen und glaubte denſelben jungen Mann zu erkennen, den er bei 129 Marie im Gaſthofe geſehn hatte. Er blieb ſtehn und redete ihn an. „Lieber Freund, Sie waren geſtern mit einem jungen Maͤdchen in Waldrode, nicht wahr?“ Das plumpe treuherzige Geſicht des Burſchen blickte den Fremden verwundert an und Heinrich mußte die Frage noch einmal wiederholen, hevor ihm ein breites„Ja“ zur Antwort ward. „Ich kenne das Maͤdchen und moͤchte gern mit ihr ſprechen. Sie wiſſen jedenfalls, wo ſie wohnt?“ „Sie wohnt bei uns im Dorfe,“ war die Antwort. „Und ſie iſt jetzt daheim?“ „Nein, ſie iſt jetzt in der Fabrik, und ich warte hier ſchon ſeit einer Stunde auf ſie.“ „Sie erwarten ſie hier— und ſie iſt in der Fabrik?“ „Ja. Sie will ein Unterkommen in der Spinnerei ſuchen. Ich bin ſelber Fabrikarbeiter und habe mir nur Mariens wegen den Tag frei gemacht. Mich wundert, daß ſie noch nicht zuruͤck iſt. Wie geſagt, ſeit einer Stunde wart' ich.“ „Nun, und wenn ſie zuruͤckkommt?“ „Dann geht ſie mit mir nach Hauſe zur Mutter und von Morgen an arbeitet ſie wie ich in der Fabrik.“ So weit war es alſo mit der armen Marie gekommen! Heinrich uͤberlegte, ob er ſie gleichfalls hier erwarten ſolle, oder ob es beſſer ſei, ſich zuvor nach ihrer Wohnung zu begeben. Marie ſchien geſtern ſehr traurig zu ſein?“ fragte er den Burſchen. 9 130 „Ach ja! Ich weiß nicht klug aus ihr zu werden.— Sie hat einen Kummer, aber es laͤßt ſich nichts aus ihr herausbringen. Es koſtete mir viel Muͤhe, eh' ich ſie end⸗ lich einmal uͤberreden konnte, mit mir nach Waldrode zu ge⸗ hen. Was hab' ich nicht Alles ſchon verſucht, um ſie auf⸗ zuheitern, aber es wollte nichts helfen, gar nichts. Auch geſtern blieb ſie in ihrer traurigen Stimmung. Ich mochte ſagen was ich wollte, ſie war nicht zum Tanze zu bringen; ſie genoß nichts und ſprach kaum zwei Worte. Mit einem Mal aber— der Himmel weiß, was ihr plotzlich zuſtoßen mochte— ſchrie ſie faſt laut auf und befand ſich dann ſo uͤbel, daß ich gleich mit ihr nach Hauſe gehen mußte. Das war ein trauriger Heimweg. Gott weiß es, ich wollte mein Leben darum hingeben, wenn ich ſie froͤhlich machen koͤnnte.“ Heinrich ließ ſich nun das Haus im Dorfe beſchreiben, und nachdem er jenem aufgetragen, Marien auf das Wie⸗ derſehn eines Freundes vorzubereiten, ſchlug er den bezeich⸗ neten Weg ein. Er wollte Marien in ihrer jetzigen Woh⸗ nung erwarten. „In der Fabrik arbeiten“— ſagte er unterwegs zu ſich ſelbſt—„nein, das ſoll ſie doch nicht. Armes Maͤd⸗ chen! Es waͤre ihr Tod, wenn ſie Tag fuͤr Tag unter die⸗ ſen rohen, zum Theil halbwilden Menſchen zubringen muͤßte. Kann ich ihr fuͤr den Augenblick auch keine ihrer ganz wuͤr⸗ dige Lage bereiten, ſo bin ich doch zum Gluͤck jetzt im Stande, ſie wenigſtens vor dieſer unwuͤrdigen zu bewahren. Mir iſt, als haͤtt' ich dieſem Maͤdchen eine große Schuld 131 abzutragen und ich will wuͤnſchen, daß ich dies im Stande ſein werde.“ Bald war die Huͤtte gefunden, welche Wilhelm, Ma⸗ riens neuer Freund, als ſeine Wohnung beſchrieben hatte. Sie befand ſich mitten unter einer Reihe aͤhnlicher, von de⸗ nen die eine immer baufaͤlliger und aͤrmlicher als die andre ausſah. Von der ſchmutzigen Dorfſtraße war das elende von Lehm erbaute und mit Stroh gedeckte Haͤuschen durch einen kleinen ſchlechtumzaͤunten Vorplatz getrennt, welcher in der poetiſchen Sprache dieſes Ortes ein Garten genannt wurde, weil einige armſelige Vegetabilien es allerdings wagten, auf dieſer Staͤtte ein kuͤmmerliches Daſein zu friſten. Mit zwei Schritten gelangte Heinrich durch den„Gar⸗ ten“ zur Hausthuͤr, welche aus zwei Häͤlften beſtand, deren obere geoͤffnet war. Das hoͤhlenartige Vorgemach, in wel⸗ ches der Blick des Fremden hier zuerſt fiel, war zugleich die Kuͤche, auf deren Herde eine alte Frau mit zuſammengele⸗ ſenem Reiſig ein Feuer unterhielt, welches, in Harmonie mit der ganzen Umgebung, uͤber ſeine Exiſtenz unter ſo troſt⸗ loſen Umſtaͤnden zu ſeufzen ſchien. Heinrich rief die Frau an, welche ihm, ohne ſeine An⸗ weſenheit zu gewahren, anfangs den Ruͤcken zukehrte, eifrig beſchaͤftigt mit einem Gebraͤu, dem ſie den ſtolzen Namen Kaffee beilegte. Mit wenigen Worten that er ihr kund, was ihn hieherfuͤhrte und was ſeine Abſicht ſei. Aber mit wenigen Worten war da nichts ausgerichtet: ſie war viel zu ſehr von dieſem Beſuche uͤberraſcht, um das Geſagte ſo ſchnell begreifen zu koͤnnen. 132 Heinrich ließ ſie ſtaunen und fuhr, nach vorhergegan⸗ genen Erläuterungen, fort:„Ja, gute Frau, ich bitte mich hier zu Gaſte. Ich kann mir aber denken, daß Sie darauf nicht eingerichtet ſind— hier iſt Geld— ich ſah am Ein⸗ gange der Straße bei der Schenke einen Handel mit Back⸗ werk und ſolchen Dingen— kaufen Sie dort das Beſte ein, was zu haben iſt, ſorgen Sie auch fuͤr ein gutes Getraͤnk, und wenn das geſchehn iſt, dann ſein Sie ſo gut und erzäh⸗ len mir Alles, was Sie von Marien wiſſen.“ Nachdem er die immer noch zoͤgernde und ſtaunende Alte zum Fortgehen gebracht, ſetzte er ſich auf einen großen Stein, welcher gleich neben der Hausthuͤr lag. Gern haͤtte er uͤberlegt, wie er die arme Freundin empfangen, was er ſagen ſollte— aber er vermochte das nicht und mußte Alles dem Augenblick uͤberlaſſen. Seine Wirthin erſchien auch bald wieder, beladen mit Schaͤtzen, wie ſie in ſolcher Art und Fuͤlle dies Haus vielleicht noch nie beherbergt hatte. Der Gaſt wartete geduldig, bis ſie Alles abgelegt und geord⸗ net hatte, dann folgte er ihr in das Wohngemach, welches dieſen Namen eigentlich gar nicht verdiente. Statt auf Die⸗ len oder wenigſtens einem erträglichen Eſtrich ſtand man hier auf Gottes(noch dazu ſehr unebenem) Erdboden, waͤh⸗ rend man die aus ungehobelten Bretern beſtehende ſehr ge⸗ ſchwaͤrzte Decke mit dem Kopfe beruͤhrte. Ein uralter Tiſch und einige Sitze waren vorhanden; uͤbrigens herrſchte ein mitleidiges Dunkel, welches die herrſchende Armuth einiger⸗ maßen verhuͤllte, daß man ſie erſt, nachdem ſich das Auge an die Finſterniß gewoͤhnt, genuͤgend beurtheilen konnte. 133 Nur uͤber einen Umſtand wunderte ſich Heinrich, der in die⸗ ſem Raume fand, was er da nicht vermuthet haͤtte: friſche reine Luft. Er merkte bald, daß dies eine der Neuerungen war, welche ſtattgefunden hatten, ſeit Marie Mitbewohnerin dieſes Hauſes geworden. So viel angenehme Beſchaͤftigung auf einmal, wie heute, hatte die alte Frau, Wilhelms Mutter, in ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt, und Heinrich mußte noch manche Erinnerung verſchwenden, bis er ſie endlich dahin brachte, ſich ruhig niederzuſetzen und ihm zu erzaͤhlen. „Du lieber Gott, es gibt da eigentlich nicht viel zu ſagen,“ begann ſie.„Das Maͤdchen, das ſich im Grunde ſo wenig fuͤr unſer Haus ſchickt, wie Sie, lieber Herr, war bei Herrn Reich in der Fabrik— Sie kennen ihn natuͤrlich — in Dienſt getreten. Gewiß ein guter Dienſt; aber ſie muß ihn doch wohl zu gering fuͤr ſich gehalten haben. Frau Reich und ihre Tochter werden ihr mehr befohlen haben, als ſie ſich befehlen laſſen wollte— ich weiß das nicht und ſie hat auch weiter nichts davon geſagt. Genug, ſie war kaum zwei oder drei Tage dort, als man ſie wieder fortſchickte, obwohl ſie behauptet, von freien Stuͤcken gegangen zu ſein. Aber wohin nun? Sie hatte kein Unterkommen, hier blei⸗ ben konnte ſie ſo nicht laͤnger und Sie koͤnnen ſich denken, in welcher Bedraͤngniß das arme Kind ſein mußte. Ich wußte von alldem nichts, hatte auch weder von ihr gehoͤrt noch geſehn. Da kommt zu Mittag mein Wilhelm nach Hauſe und bringt die Marie mit ſich. Er erzaͤhlte mir, was vorgefallen war und ſagte: Mutter, Marie wird bei uns 13⁴ bleiben einſtweilen. Sie weiß im Augenblick nicht wohinz; wir haben Raum genug. Ich werde hier auf der Bank ſchlafen und ſie kann oben mein Lager einnehmen.— Frei⸗ lich hatt' ich mein Bedenken bei der Sache, aber ich mußte ſchon nachgeben.— Fuͤrchten Sie nicht, daß ich Ihnen läſtig ſein werde, gute Frau, ſagte Marie zu mirz ich habe noch eine Baarſchaft von etlichen Thalern, die ich Ihnen gern fuͤr meine Bekoſtigung geben will; und dann werd' ich Ih⸗ nen in Allem helfen, ſo lang' ich hier bin; Sie ſollen ſich um gar nichts bemuͤhen, ich werde Ihre kleine Wirthſchaft ganz allein beſorgen.— Sehen Sie, lieber Herr,“ fuhr die Alte fort,„da wußte das gute Kind nicht, wie wenig es verſprach, denn in meiner armen Wirthſchaft iſt blutwenig zu thun und ich kann ohne Muͤhe allein damit fertig wer⸗ den, außer etwa, wenn es mehr ſolche gute Tage gaͤbe, wie den heutigen. Daß ich aber das Geld von ihr angenommen haͤtte, gab Wilhelm durchaus nicht zu. Uebrigens hatt' ich das Mädchen in der erſten Stunde ſelber ſchon lieb gewon⸗ nen. Sie war ſo ſanft, beſcheiden und gefaͤllig, daß man ihr nicht gram ſein konnte. Darum war mir auch Wil⸗ helms Betragen gleich erklaͤrlich. Er hatte Marien etwa ein Paar mal von fern geſehn, wenn er nach der Fabrik ging, und als ſie nun das Haus verlaſſen mußte und rath- und hilflos war, da fuͤhrte der Zufall ihn dem Madchen entge⸗ gen, und er ſaͤumte nicht, ihr eine Zuflucht anzubieten, ob⸗ gleich wir ſelber kaum das tägliche Brod haben. Aber er hat ſie lieb und das ſo recht von grundaus. Er hat eine ordentliche Ehrfurcht vor ihr und benimmt ſich wie ein Knecht vor ſeiner gnaͤdigen Herrſchaft. Ja freilich, auch mir hat ſie's angethan. Aber wie geſagt, es geht gar ſehr knapp bei uns her und ich konnte am Ende doch nicht anders, ich mußte beiden zu verſtehen geben, daß die Sache ſo nicht fortgehen koͤnnte, und daß Marie entweder etwas verdienen oder ſich eine andre Heimat ſuchen muͤßte. Wilhelm wurde ſehr boͤſe daruͤber, allein ich konnte dem guten Jungen nicht helfen; auch hatte ſich Marie ſchon bereit gezeigt, in der Spinnerei Arbeit zu ſuchen, gleich den andern Maädchen, und es war ausgemacht worden, daß ſie heute hinuͤber gehen ſollte. Dabei war ſie aber auch mit jedem Tage trauriger und truͤbſinniger geworden und ich habe ſie wirklich noch nicht einmal lachen ſehen. Abends ſaß da der Wilhelm ſtun⸗ denlang und beobachtete ſie, wie ſie ſtill fur ſich weinte und nicht ſprach. Es koſtete ihm immer Ueberwindung, eh' er's wagte und ſie anredete, obwohl ſie ſtets recht ſanft und freundlich antwortete. Geſtern faßte er ſich nun endlich ei⸗ nen Muth und redete ein Langes und Breites mit ihr; ich glaube, der Junge hat zeitlebens noch nicht ſo viel geſpro⸗ chen, wie diesmal. Es war Sonntag und ſie ſollte mit ihm hinuͤber nach Waldrode gehen. Ach, was hat ſie ſich da ge⸗ ſträubt, bis ſie endlich doch nachgab, um dem armen Wil⸗ helm die Freude zu machen. Sie iſt aber immer traurig geblieben, wie er mir ſagte, bis er ſie endlich, ſchwermuͤthi⸗ ger als zuvor und obendrein beinah krank, wieder nach Hauſe brachte. So muß ich nun meinen Kummer haben, in meinen alten Tagen; denn ſeit die Marie hier iſt, ſieht ſich der Wilhelm auch ſelbſt nicht mehr aͤhnlich: ſonſt war er immer luſtig und munter jetzt iſt er wie verwandelt. „Ich wollte es ſelbſt nicht haben,“ ſprach Wilhelms Mutter weiter,„daß das arme Kind, da es ſich unwohl be⸗ fand, ſchon heute hinuͤber gehen und Arbeit ſuchen ſollte, zu⸗ mal da es gewiß ein recht bitterer Gang fuͤr ſie ſein muß, in dieſem Hauſe um ihr Brod zu bitten. Aber ſie beſtand nun darauf und ließ ſich nicht zuruͤckhalten. Wilhelm iſt ſelber heute von der Arbeit weggeblieben, und buͤßt dafur ei⸗ nen Theil ſeines Wochenlohns ein; aber er meinte, heute ſei fuͤr Marien der letzte freie Tag und der muͤßte noch als ein Feſt begangen werden. Der liebe Gott wuͤrde ſchon ſorgen, daß wir deshalb nicht mehr darben muͤßten, als zeither.“ „Und nun hat er ſie begleitet, und will mit ihr zuruͤck⸗ kehren. Allein, gute Mutter,“ bemerkte Heinrich,„ich daͤchte, die Leute blieben ſehr lange aus. Als ich Wilhelm traf, hatte er ſchon uͤber eine Stunde gewartet und ſeitdem iſt nun ſchon wieder eine hubſche Zeit vergangen.“ „Ja, das iſt wahr,“ meinte die Frau;„mir iſt auch ſchon ganz bange geworden. Wo ſie nur bleiben moͤgen? Aber vielleicht fuhrt er ſie noch ein Stuͤck ſpazieren, um ganz allein mit ihr ſprechen zu koͤnnen, da er weiß, daß ein frem⸗ der Herr hier iſt.“ Heinrich fing bereits an zu glauben, daß Marie viel⸗ leicht ſeinetwegen, nachdem ſie durch Wilhelm ſeine Anwe⸗ ſenheit erfahren, nicht nach Hauſe zu gehen wage. Voll Un⸗ geduld wartete man noch, bis wieder eine Stunde vergangen war und die Erwarteten noch immer nicht erſchienen. 137 Eine alte Nachbarin ging jetzt draußen voruͤber und Wilhelms Mutter rief ihr zu, ob ſie ihren Sohn nicht ge⸗ ſehen habe. Die Nachbarin, die ſehr eilig zu haben ſchien, nickte nur mit dem Kopfe und ſagte dann, waͤhrend ſie ſchnell weiter ging:—„Erſchreckt nicht, Gevatterin, euer Wilhelm wird euch eine boͤſe Nachricht mit nach Hauſe bringen; ihr muͤßt euch gefaßt machen.“ „Ach du Herr Gott im Himmel! was mag nun ge⸗ ſchehn ſein!“ rief die alte Frau jammernd, welche Heinrich vergebens zu troͤſten und zu beruhigen ſuchte. Ihm ſelber war nichts weniger als wohl zu Muthe und er waͤre gar gern weit von hier geweſen, haͤtten ihn Theilnahme, ſelbſt auch einige Neugier, vor Allem aber ein gewiſſes Pflichtge⸗ fuͤhl nicht zuruͤckgehalten, um den Ausgang zu erwarten. Bald nachher ſah man Wilhelm die Straße daher kommen. Er ging langſam, in ſich gekehrt und geſenkten Hauptes. „Er kommt allein!“ ſagte die Mutter, die ihm erwar⸗ tungsvoll entgegenſah. Aber er trat ein, ohne ein Wort zu ſprechen. Stumm ging er auf eine Bank zu, in dem einen Winkel des duſtern Gemaches, und dort blieb er, das Geſicht in beide Haͤnde geſtutzt, lautlos ſitzen. „Aber um des Himmels willen, Wilhelm, was iſt denn geſchehn?“ fragte die Mutter.„So ſprich doch nur, rede doch! Siehſt du nicht, daß ein fremder Herr hier ſteht, „ der ſchon ſeit ein Paar Stunden auf dich gewartet hat und der ſo herzlichen Antheil an Marie nimmt“— „Laßt mich, laßt mich doch!“ rief Wilhelm und be⸗ harrte wieder in derſelben Lage und in Schweigen. „Ei nun bitt' ich dich aber, Wilhelm, antwortet man ſo ſeiner Mutter, wenn ſie fragt und in tauſend Aengſten ſchwebt? Kannſt Du uns nicht ſagen, wo Marie geblie⸗ ben iſt?“ „Ihr ſollt Alles hoͤren,“ ſagte er dumpf,„laßt mich nur jetzt in Ruhe.“ „Guter Freund,“ ſagte Heinrich, ſich dem Schweig⸗ ſamen naͤhernd,„Sie haben noch keine Mahlzeit gehalten; es wuͤrde zuträglich ſein“— „Ich mag, ich kann nicht eſſen!“ ſagte Wilhelm kurz. „Allein Sie ſind angegriffen und erſchoͤpft, und Sie ſollten wenigſtens etwas trinken zur Staͤrkung. Hier“— ſagte Heinrich, indem er ein volles Glas Branntwein(die Mutter hatte eine ganze Flaſche aus der Schenke mitgebracht) vor Wilhelm auf den Tiſch ſetzte—„Hier, thun Sie mir Beſcheid. Was auch geſchehen ſein mag, wir werden ſchon zu helfen wiſſen. Aber ich bitte Sie, trinken Sie!“ Mechaniſch ergriff Wilhelm das Branntweinglas und ſtuͤrzte den Inhalt hinunter. Heinrich ſaͤumte nicht, ſogleich noch einmal einzuſchenken und das gebrannte Waſſer, dieſes Univerſalmittel des niedern Proletariers in Leid und Luſt, verfehlte ſeine Wirkung nicht. „Das war eine ſchwere Stunde und ich werde nun nie wieder froh werden!“ ſagte Wilhelm, indem er tief Athem 139 holte.„Ich muß euch freilich erzaͤhlen, was ich geſehn und gehoͤrt habe, aber es wird mir ſchwer werden. Der Herr da fand mich, als ich vor der Fabrik auf Marien wartete. Es verging eine Viertelſtunde nach der andern und die Zeit wurde mir herzlich lang. Aber ich dachte: vielleicht haben die Da⸗ men dort oben gleich etwas fuͤr ſie zu thun gehabt, was ſie nicht zuruͤckweiſen konnte; ſo wartete ich wieder eine Zeitlang geduldig. Waͤhrend ich noch da ſaß, ging Herr Reich bei mir voruͤber.„Wie, haſt Du ſo gute Zeit, um da muͤßig zu ſitzen, fauler Menſch?“ fragte er.— Mich aͤrgerte das und ich ſagte nur: wenn ich feiere, werd' ich auch nicht be⸗ zahlt, und hab' es bei mir zu verantworten.—„Immer frecher wird das Geſindel,“ fuhr er fort;„hor' er einmal, Menſch, hat er nicht eine gewiſſe Marie in ſeinem Hauſe gehabt?“— In, ſagt' ich, Herr Reich. Das Mädchen wohnt noch bei uns, und jetzt wart' ich hier auf ſie. Sie wollte Arbeit in der Spinnerei ſuchen und iſt deshalb zum Herrn Faktor gegangen.— Gut, gut! ſagte Herr Reich, der nun, als haͤtt' er was vergeſſen, wieder in die Fabrik zuruͤck⸗ ging. Einige Minuten nachher kam der Bediente, Johann, zu mir heraus. Armer Wilhelm, ſagte der, du dauerſt michz und ſollt' ich dafuͤr aus dem Dienſte gejagt werden, ich muß dir dennoch reinen Wein einſchenken. Ich ſoll dich hinauf⸗ rufen, zu unſrer Herrſchaft, das iſt mein Auftrag.— Und was ſoll ich?— Nun, wenn der Brodherr ruft, ſo fragt man doch nicht lange hin und her, ſondern folgt auf den Wink. Der Herr hat dich hier geſehen und heißt dich hin⸗ aufkommen, das iſt einfach.— So will ich hinaufgehn, 14⁰ antwortete ich, und ſtand von meinem Sitze auf. Johann aber fuhr fort: Nein, nein, armer Schelm, ich ſagte ja, ich will dir reinen Wein einſchenken, wenn du nur ſchweigen und mir ſelbſt keine Ungelegenheit machen willſt. Hoͤr' an, du thu'ſt am geſcheidteſten, wenn du nicht hinaufgehſt, ſon⸗ dern dich gleich aus dem Staube machſt und heute noch einige Meilen laͤufſt. Sieh', ich habe dich immer fur einen ehr⸗ lichen Kerl gehalten und thu' es noch, obwohl man dich in böſen Verdacht bringen will. Doch ſtill, ich muß mich ganz kurz faſſen, ſonſt wird man kommen, eh' ich fertig bin und du fort biſt. Alſo hoͤr' an. Ich kenne den Zuſammenhang ſelber noch nicht genau, aber was ich weiß, will ich ſagen. Als da deine huͤbſche Marie heruͤberkommt, um ſich unter den Spinnermaͤdchen anſtellen zu laſſen, bemerkt ſie die Frau Reich vom Fenſter aus und läßt ſie hinaufkommen. Ver⸗ muthlich hatten ſie eine Naätherei fuͤr das Maͤdchen, die ſie ihr uͤbertragen wollten, denn Marie war ſehr geſchickt und Madame wollte vielleicht auch die Härte, mit der ſie das arme Kind erſt behandelt hatte, wieder gut machen. Dem ſei nun wie ihm wolle. Genug, Marie geht hinauf, und waͤhrend ſie mit Madame ſpricht, will es der boͤſe Zufall, daß ſie aus dem Strickbeutel oder aus dem Buſen, ich weiß nicht woher, einen Dukaten verliert, und zwar einen gehen⸗ kelten alten Dukaten, den Madame ſogleich als den ihrigen erkennt, denn er hatte ſich mit unter den Sachen befunden, die neulich bei unſrer Herrſchaft geſtohlen worden ſind. Marie wird natuͤrlich gleich zur Rede geſetzt, man ſchickt nach dem Richter, und kurz und gut, ſie geſteht, daß ſie die 1⁴4¹* Sachen geſtohlen hat. Siehſt du nun, man glaubt, daß du behilflich geweſen biſt, obwohl ſie auf's eifrigſte behauptet, keine Mitſchuldigen zu haben. Der Sicherheit wegen will man dich aber hinaufhaben, um dich gleich mit einzuſperren, eh' du Gelegenheit haſt, zu Hauſe alles Verdaͤchtige auf die Seite zu ſchaffen. Armer Wilhelm, wenn an der Geſchichte was waͤre, ich meine, daß du um Mariens Diebſtahl wuͤß⸗ teſt, das ſollte mir leid um dich thun. Sieh, ich will ſagen, ich haͤtte dich nicht mehr hier gefunden, obwohl mir das theuer zu ſtehen kommen kann; lauf' du nun ſchnell nach Hauſe, nimm Abſchied von der Mutter und dann mache, daß du uͤber die Graͤnze kommſt. Auf Marien wuͤrdeſt du doch umſonſt warten. Das arme Maͤdchen wird nicht wieder frei gelaſſen. Ach, es war gewiß ihr erſter Fehltritt, ſonſt wuͤrde ſie nicht ſo raſch eingeſtanden haben!— „Ich war einen Augenblick wie betaͤubt, als der Menſch ſchwieg,“ fuhr Wilhelm fort, welchen beide Zuhoͤrer noch mit keiner Sylbe unterbrochen hatten.„Dann aber ſagt' ich: Nur ein Schuft ſoll mir dergleichen nachſagen und ich werde gleich mit dir gehen!— Das wollt' ich auch; aber ich be⸗ dachte nun, daß dir die Nachricht zu viel Schrecken verur⸗ ſachen wuͤrde, arme Mutter, wenn du ſie durch fremde Leute zuerſt erfahren ſollteſt. Daher ging ich lieber erſt nach Hauſe, wo ſie mich ja auch finden koͤnnen, um ſich zu uͤberzeugen, daß ich keinen Grund habe, davon zu laufen. Ich will mich nur noch ein wenig erholen, denn jetzt bin ich noch zu ſehr von Schmerz und Zorn und Wuth uͤberwaͤltigt; und wenn ſie dann nicht kommen, um mich zu holen, ſo geh' ich den⸗ 142 noch freiwillig hin und will den Schurken ſehn, der ſich unterſteht, meinen ehrlichen Namen zu verdaͤchtigen.“ Wilhelm ſchwieg, und nun brach der langverhaltene Jammer der alten Mutter auf's Heftigſte aus. Heinrich, der dieſen Strom von Klagen doch nicht zu hemmen wußte, glaubte fuͤr den Augenblick hier nichts nuͤtzen zu koͤnnen, be⸗ ſchloß aber, ſogleich nach der Fabrik zu gehen und dort ſelber die nahern Umſtaͤnde zu erfragen. Mit dem Verſprechen, morgen wieder zu kommen, verließ er die unglucklichen Be⸗ wohner dieſer Huͤtte. Viertes Kapitel. Wilhelm hoffte vergebens, ſich zu beruhigen. Liebe, Schmerz um das, was er verloren ſah, gekraͤnkte Ehre und die kaum verhaltene Wuth gegen die Raͤuber ſeines Gluͤckes, dies waren die Daͤmonen, welche den armen Burſchen, der ſich bis dahin ſelbſt in der aͤußerſten Duͤrftigkeit noch behag⸗ lich gefuͤhlt, nicht zur Ruhe kommen ließen. Zu all dem Elend geſellten ſich nun noch die Klagen und Thraͤnen der alten Mutter, welche in ihrem Kummer harte vorwurfsvolle Worte in Bezug auf Marie hoͤren ließ. Er hielt es endlich nicht laͤnger aus, ihm war, als muͤſſe er erſticken in dem engen Gemach, und ſo ſtand er auf, um ſogleich wieder nach der Fabrik hinuͤberzugehen, wo er ſich rechtfertigen und Rechenſchaft fur jede Unbill verlangen wollte. Als er jedoch im Begriff war, aus der Thuͤr zu treten, ſchritten ſo eben die Gerichtsperſonen auf das Haus zu und noͤthigten ihn, umzukehren. 144 „Ich ſagt' es Ihnen gleich,“ bemerkte der Dorfrichter gegen ſeine Begleiter,„daß wir ihn daheim treffen wuͤrden. Ich kenn' ihn als grundehrlichen Burſchen und wir werden hier wahrſcheinlich nichts finden. Das Maͤdchen hat die Wahrheit geſagt, als ſie erklaͤrte, daß ſie keine Mitſchuldigen habe. Wilhelm hatte keine Urſache, uns aus dem Wege zu gehen.“ Die Andern, ein Herr vom Amte und der Gerichts⸗ diener, waren nicht ganz dieſer Ueberzeugung.„Sie haben in dergleichen Dingen nicht unſre Erfahrung, liebſter Freund,“ ſagte der Herr;„die Praxis lehrt uns die Menſchen mit andern Augen anſehn. Indeß wird ſich ja bald Alles auf⸗ klären.“ „Du darfſt jetzt nicht ausgehen,“ ſagte der Richter dann zu Wilhelm.„Du und deine Mutter duͤrfen die Stube nicht verlaſſen, ſo lange wir da ſind. Wir ſind ge⸗ kommen, um Hausſuchung zu halten.“ „Gut, ſuchen Sie in Gottes Namen,“ ſagte Wilhelm mit verbiſſener Wuth, indem er ſich ſcheinbar ruhig auf ſeine Bank ſetzte und waͤhrend die Mutter immerfort die Haͤnde rang und laut weinte. „Was kann nicht allein unter dieſem Fußboden liegen,“ meinte der Herr vom Gericht.„Sehen Sie doch zu, Herr Richter, ob ſich da eine Spur zeigt, daß der Boden neuer⸗ dings durchwuͤhlt worden.“ Die alte Frau ſchien endlich ihre Thraͤnen erſchoͤpft zu haben und ſo blieben die Bewohner der Huͤtte nun in dum⸗ pfem Schweigen ſitzen, waͤhrend zwei von den ungebetenen 14⁴5 Gaͤſten alle Raͤume und Behaͤltniſſe des Häuschens ſorgfältig durchſuchten. Der eine blieb fortwährend im Gemach, um die„Verdächtigen“ im Auge zu behalten. Dies Amt war dem Richter zugefallen, welcher ſich jetzt zu verſchiedenen Betrachtungen veranlaßt ſah, in Folge deren ſein feſter Glaube an Wilhelms Ehrlichkeit etwas wankend gemacht wurde. Er bemerkte naͤmlich einen Theil der verſchiedenen fur dieſen Ort koͤſtlich zu nennenden Lebensmittel und die volle Brannt⸗ weinflaſche. Er kannte die Hilfsmittel dieſes Hauſes zu gut, als daß er ſich uͤber ſolchen Ueberfluß nicht haͤtte wundern ſollen. Woher kam dies Alles, noch dazu an einem Montag, wo dieſe Fabrikarbeiter ſtets, in Folge des Sonntags, am ärmſten waren? und welchen vernuͤnftigen Grund konnte Wil⸗ helm haben, gleich den erſten Arbeitstag der Woche zu feiern? Endlich traten die Andern wieder ein und man ſchickte ſich an, ein Protokoll aufzunehmen.„Allerdings,“ ſagte der Herr,„haben wir von den vermißten Gegenſtaͤnden keine Spur entdecken koͤnnen, indeß haben ſich andre Dinge vor⸗ gefunden, uͤber deren rechtmaßigen Erwerb wir Nachweiſe zu verlangen haben.“— Sie hatten in der Kuͤche den Korb gefunden, worin die alte Frau die Lebensmittel eingekauft hatte, deren groͤßter Theil ſich noch darin befandz ebenſo lag auf dem Boden des Korbes noch der Reſt des von Heinrich erhaltenen Thalers. Man war uͤberzeugt, daß die Leute nichts erſpart haben konnten, man wußte, daß jene Gegen⸗ ſtaͤnde auf außergewoͤhnliche Weiſe erworben ſein mußten. „Es kann nicht anders ſein,“ ſagte der Herr zum Dorf⸗ richter;„das Maͤdchen wollte nur zum Schein Arbeit ſuchen, . 10 146 damit ſie, ohne Argwohn zu erregen, das Geraubte nach und nach in Anwendung bringen konnte.“ Der Richter wagte ſchon nicht mehr zu widerſprechen. Auch in dem Koffer, welcher Mariens geringe Habſeligkeiten enthielt und auf den man, nachdem er um- und umgewuͤhlt worden, ſogleich Beſchlag legte, hatte man nichts Verdaͤchtiges entdeckt. Es erfolgte nunmehr ein Examen, wobei Wilhelm alle Fragen kurz und barſch beantwortete. Die Mutter fragte man bald nicht mehr, weil ihre Worte durch Weinen und Schluchzen ganz unverſtaͤndlich waren. Nur mit Muͤhe hatte man von ihr herausgebracht, daß ein fremder Herr das Geld zu jenen Dingen hergegeben hätte und daß derſelbe ein Freund Mariens geweſen ſei. „So! hm!“ war die Antwort.„Ein Freund Mariens? Dieſer Umſtand macht uns die Bekanntſchaft des fremden Herrn um ſo wuͤnſchenswerther.“ Es war jedoch nichts weiter uͤber ihn zu erfahren, außer daß man eine ziemlich ungenuͤgende Beſchreibung der Perſon erhielt. Da man im Uebrigen nichts vorgefunden hatte und da keine Anklage vorlag, indem Marie ſelbſt ausdruͤcklich die Unſchuld der Hausgenoſſen bezeugt hatte, ſo begnuͤgte man ſich endlich damit, die beiden Bewohner auf Handgeloͤbniß zu verpflichten, daß ſie bis auf Weiteres den Ort nicht ver⸗ laſſen wollten. Nachdem Alles dies geſchehn, entfernten ſich die Herren wieder, um zwei arme Ungluͤckliche ihrem Kummer zu uͤber⸗ laſſen.— 14⁴7 Heinrich war, nachdem er die Huͤtte verlaſſen hatte, ſogleich nach der Fabrik gegangen, um womoͤglich Marien ſelbſt zu ſprechen. Als er dort ankam, hoͤrte er, daß ſich die Herren vom Gericht bereits entfernt hätten, und die Per⸗ ſonen, die er befragen konnte, beſtaͤtigten ihm nur Alles, was er von Wilhelm bereits gehoͤrt hatte. Sein Glaube an Mariens Unſchuld begann jetzt wan⸗ kend zu werden, ſo ſehr ihn auch der bloße Gedanke empoͤrte. Und wenn ihm nun der Daͤmon zufluͤſterte, daß Marien vielleicht nur das Schuldbewußtſein und die Furcht vor Ent⸗ deckung ſo traurig und duͤſter gemacht habe, waͤhrend er ſich einbildete, die Neigung zu ihm ſei die Urſache ihres Kum⸗ mers— ſo erregte ihm dieſer Gedanke ein unbeſchreibliches Gefuͤhl des Unmuths. In hohem Grade verſtimmt ging er nun langſam auf dem Wege nach Waldrode zuruͤck, wo er ſich ſogleich nach ſeinem Zimmer begab, denn er wußte ſich heute nicht zu verſtellen und hatte doch nicht Luſt, den An⸗ dern Rechenſchaft von ſeiner Verſtimmung zu geben. Doch konnte er ſich noch immer nicht entſchließen, die Erinnerung an Marie in die Reihe derjenigen ſeiner Erfahrungen zu ſtellen, in welcher ſich der Name der Eliſabeth Warren befand. Am andern Morgen ging er mit dem Fruͤheſten wieder hinuͤber nach dem Fabrikdorfe, um von Wilhelm den weitern Verlauf der geſtrigen Ereigniſſe zu erfahren. War ſeine Neigung auch erkaltet, ſo hatte er Marien doch geliebt und bewahrte immer noch eine Theilnahme fuͤr ſie, aͤhnlich jener, 10* 148 wenn auch minder ſtark, welche der arme Fabrikarbeiter fuͤr das verlorne Maͤdchen hegte. Er fand Mutter und Sohn in dumpfes Sinnen ver⸗ ſunken. Den letztern hatte man, als er am heutigen Mor⸗ gen an ſein Geſchaͤft in der Spinnerei gehen wollen, zuruͤck⸗ gewieſen und aus der Arbeit entlaſſen. Heinrich vernahm nun Alles, was nach ſeinem Weggange hier noch ſtattgefun⸗ den hatte und wie ſeine Freigebigkeit Urſache geworden war, den Verdacht gegen die armen Leute zu unterſtuͤtzen. „So bin ich im Grunde ſchuld daran,“ ſagte er zu Wilhelm,„daß Sie um Ihr Brod gekommen ſind? Wie viel betrug Ihr woͤchentlicher Verdienſt zeither?“ „Ich erhielt einen Thaler die Woche.“ „Gut. Bis Sie wieder Arbeit haben, werd'ich Ihnen jede Woche einen Thaler leihen. Was die Wiedererſtattung betrifft, ſo hat es damit Zeit, bis Sie einſt in beſſern Ver⸗ haͤltniſſen ſind. Ich verſpreche, Sie nie darum zu mahnen. Hier iſt das erſte Wochendarlehn und ich werde die Fort⸗ ſetzung nie vergeſſen, bis Sie mir ausdruͤcklich erklären, daß Sie deſſen nicht mehr beduͤrfen.“ Er freute ſich, als man ſeinen Beiſtand annahm und unter der Form eines Darlehns ſein Geſchenk nicht ver⸗ ſchmahte. Mit der Zuſage, die betreffenden Perſonen ſo⸗ gleich zu benachrichtigen, daß Alles Vorgefundene von ihm herruͤhrte, und ſomit den noch ſchwebenden Verdacht zu ver⸗ nichten, nahm Heinrich Abſchied von den Bewohnern der Huͤtte, und ging noch einmal nach der Fabrik, wo er indeß niemand anweſend fand, mit dem er in dieſer Angelegenheit 14⁴9 hätte ſprechen koͤnnen. Er begab ſich zum Dorftichter, einem gutmuͤthigen aber beſchraͤnkten Menſchen, der ſich freute, als er vernahm, daß Wilhelm von jedem Verdacht freigeſprochen werden koͤnnte. Heinrich ſchrieb ſelbſt ſeine Ausſage nieder und unterzeichnete das Papier, und der Richter verſprach, dafuͤr zu ſorgen, daß Wilhelm, der ſich jetzt auswaͤrts nach Beſchaͤftigung umſehn mußte, moglichſt bald ſeines Orts⸗ arreſtes entbunden wuͤrde. Fuͤr Marie war freilich keine Ausſicht, ſobald frei zu werden, da ſie hartnaͤckig das Ge⸗ ſtaͤndniß, was ſie mit den entwendeten Gegenſtaͤnden ange⸗ fangen habe, verweigerte; und ſelbſt wenn ſie geſtand, mußte ſie immer noch eine Reihe von Jahren im Arbeitshauſe zu⸗ bringen. Heinrich glaubte hier ſein Geſchaͤft beendigt und er ſaͤumte nicht, den Ort zu verlaſſen, der die widrigſten Ein⸗ druͤcke in ihm zuruͤcklaſſen mußte. Moͤge auch in Zukunft geſchehen, was da wolle, dachte er, ich werde wenigſtens nie wieder leichtglaͤubig ſein!— Er gab ſich Muͤhe, Ereigniſſe und Perſonen zu vergeſſen, an denen ſeine Theilnahme voͤllig erkalten mußte; die Muͤhe war jedoch nicht ganz erfolgreich, und er täͤuſchte ſich ſelbſt, wenn er ſich uͤberreden wollte, daß ihm ſchon jetzt Mariens Schickſal ganz gleichgiltig ſei. Faſt empfand er dies ſchon ſelbſt, als er ſich zu dem peinlichen und doch nicht abzuweiſenden Geſchaͤft verſtehen mußte, den ganzen Verlauf fuͤr Watkins niederzuſchreiben. „Ich hatte mich,“ fuͤgte er ſeinem Berichte hinzu,„bisher nur wenig um dergleichen Dinge bekuͤmmert; jetzt aber, zu⸗ mal da ich durch unſern Vertrag dazu genothigt bin, draͤngen 150 ſich mir tauſend neue Gedanken auf, waͤhrend ich die wechſel⸗ ſeitigen Verhaͤltniſſe der verſchiedenen Volksklaſſen und Stände betrachte. Gerade hier zeigen ſich die Gegenſätze— beſon⸗ ders zwiſchen Arm und Reich— ſehr grell und ich ſehe die natuͤrliche Gleichheit der Menſchen aufs groͤbſte verſpottet. Raͤthſelhaft iſt mir dabei immer der dumpfe Gleichmuth, mit welchem die Zuruͤckgeſetzten ihre Nachtheile ertragen. Freilich laſſen ſich unter der Arbeiterbevoͤlkerung hier herum die Symptome einer gewiſſen Gaͤhrung nicht verkennen, die wohl einmal mit einem verderblichen Sturme enden kann, wenn ſie nicht in Zeiten gruͤndlich geheilt wird. Den Pfar⸗ rer, deſſen Umgang Sie mir empfahlen, hab' ich einmal beſucht und viel mit ihm geſprochen. Er hat mich auf Mancherlei, was den Zuſtand der erwaͤhnten Bevölkerung anlangt, aufmerkſam gemacht, worauf ich ſonſt wohl noch nicht ſogleich von ſelbſt gefallen wäre. Wolf war hier, hat ſich jedoch ſchnell wieder entfernt. Sie kennen dieſen Mann jedenfalls ſchon genauer als ich, und ich will daher im Augen⸗ blick meine ihn betreffenden Vermuthungen nicht auseinander⸗ ſetzen. Mir iſt im Ganzen recht wunderlich zu Muthe und ich befinde mich in einer unerklaͤrlichen Aufregung. Es iſt mir, als ſollte hier bald ein bedeutſames Drama, in dem auch ich eine Rolle uͤbernehmen muͤßte, aufgefuͤhrt werden.“— Die erwaͤhnte Aufregung ließ ſich keineswegs, wenig⸗ ſtens nicht hauptſaͤchlich, durch die Hoffnungen und Erwar⸗ tungen erklaͤren, welche Heinrich hinſichtlich der ſchoͤnen Be⸗ wohnerin Waldrodes nahrte. Er fuͤhlte recht wohl, daß noch manches Andre im Hintergrunde lauerte, was fruͤher oder ſpaͤter zur Erſcheinung kommen und auch ihn vollauf beſchaͤf⸗ tigen werde. Er glaubte an keine Dauer des Beſtehenden mehr, gegen welches ein unbezwingliches Mißtrauen in ihm erwacht war. Auch in ihm gaͤhrte und tobte es, und ſo ſchnell auch die Tage entflohen, ſo vergingen ſie ihm doch noch viel zu traͤge, weil ihm der Augenblick jetzt nichts mehr galt, aber alles die Zukunft.— In der That knuͤpfte ſich das freundliche Verhaͤltniß, in welchem er mit der Familie ſtand, taͤglich feſter, und ge⸗ ſtaltete ſich alſo ganz anders, als man ihm vorhergeſagt hatte. Es war nicht zu verkennen, daß ihn der Graf und die Gräfin täglich lieber gewannen und ſeine Geſellſchaft hochlich ſchatz⸗ ten. Mit Alfred verband ihn eine wahrhaft bruderliche Freundſchaft, und an einer innigen Zuneigung von Seiten Paulinens zweifelte er nicht mehr, obwohl nicht formlich das ſtattgefunden hatte, was in Liebesgeſchichten unter dem Na⸗ men„Geſtaͤndniß“ oder„Erklaͤrung“ eine ſo bedeutende Rolle zu ſpielen pflegt. Die Umſtaͤnde konnten kaum erfreulicher ſein und gleichwohl war ihm ganz zu Muthe, wie einem Menſchen, der ein Schwert am Pferdehaar uͤber ſeinem Haupte weiß. Watkins hatte ihm geſagt, daß ihn dieſe Leute ganz wie den Ihrigen behandeln wuͤrden, bis auf einen Punkt— bis er etwa wirklich der Ihrige werden moͤchte. Das freundliche und vertraute Beiſammenleben fand nun ſtatt, er ſah ſich faſt als ein Sohn vom Hauſe behandelt— aber waͤhrend ihm dabei ſtets das ihm allein wuͤnſchenswerthe und doch als verderblich fur Alle dargeſtellte Ziel vor Augen ſchwebte, ſah er, trotz des allſeitigen Wohlwollens, doch einen Zwieſpalt zwiſchen ihm und den Andern ſich bilden, welcher von Tag zu Tage, obwohl nur erſt von ihm ſelbſt bemerkt, groͤßer wurde. Unaufhoͤrlich beſchaͤftigten ſich damit ſeine Gedanken und es bildete ſich, halb unbewußt, allmaͤlig ein Gefuͤhl des Haſſes gegen alle beſtehenden Verhaͤltniſſe der Geſellſchaft in ihm aus, ein Gefuͤhl, wovon er fruͤher kaum eine Ahnung gehabt hatte, welches aber nun um ſo heftiger und ſtaͤrker werden mußte, als es aus Erfahrungen erwuchs, welche ſein eigenes Wohl und Weh betrafen.— Welche Bedeutung hatte dieſe Geſellſchaft, deren Grundlagen ſo offenbar der Vernunft und dem natuͤrlichen Gefuͤhle Hohn ſprachen! Wer anders, als einzig der Egoismus war es, der dieſelbe mit lächerlichen oder emporenden Sophismen vertheidigte,— wenn er ſich uͤberhaupt in ſeinem dummen Pochen auf das einmal Beſtehende zu einer Vertheidigung bemuͤhte und herab⸗ ließ!— Es mußte zwiſchen dem hergebrachten Unweſen und dem natuͤrlichen Rechte endlich zu einem gewaltſamen Zu⸗ ſammenſtoß kommen, es mußte ein Kampf entbrennen, der, wenn anders die Welt nicht vom Unſinn regiert ward, ſieg⸗ reich fuͤr die Vernunft werden mußte. Es war ein peinlicher Zuſtand. So ſieht der kundige Schiffsmann, waͤhrend ſich die unerfahrnen Reiſenden des heitern ruhigen Himmels freuen, den von niemand ſonſt beachteten Sturmvogel, der das drohende Unheil weiſſagt. Der einzige Troſt war, daß dieſer Zuſtand bald, wenn auch nur im Sturme, enden wuͤrde.— 153 Es waren nur wenige Tage nach den Vorfällen im Fabrikdorfe verfloſſen, als Heinrich einen Brief von Watkins erhielt, welcher diesmal ungewoͤhnlich lakoniſch ſchrieb. Er ſprach den Wunſch aus, daß Heinrich ſeinen jetzigen Aufent⸗ haltsort ohne Verzug mit der nahen Reſidenz vertauſchen moͤchte, um uͤber verſchiedene Vorgange dort zu berichten. Dies kam Heinrich aͤußerſt ungelegen, allein ſein Vertrag band ihn jetzt einmal, und haͤtt' er ihn auch aufkuͤndigen wollen, ſo half dies doch fuͤr die naͤchſten Wochen nichts. Er mußte ſich entſchließen, ſchon am folgenden Tage Wald⸗ rode zu verlaſſen, wenn der rechte Zeitpunkt, wo er die von Watkins gewuͤnſchten Nachrichten ſammeln konnte, nicht unbenutzt voruͤbergehen ſollte. Allerdings war es wahrſcheinlich, daß er ſchon nach einer Woche oder noch fruͤher hieher wuͤrde zuruͤckkehren koͤn⸗ nen; allein ihn duͤnkte jeder Tag Abweſenheit von Waldrode jetzt ſchon ein unerſetzlicher Verluſt. Am Mittag dieſes Tages benachrichtigte er die Familie, daß er am naͤchſten Morgen auf einige Tage, vielleicht auch auf laͤngere Zeit Abſchied nehmen muͤßte, und er konnte deutlich genug bemerken, daß die Aeußerungen des Bedauerns, welche er von Allen vernahm, keineswegs leere Hoͤflichkeits⸗ formen waren. Er war ſchon ein zu lieber Geſellſchafter geworden, als daß man ihn nicht ungern haͤtte vermiſſen ſollen. Fünftes Kapitel. Haͤtt' er es auch gewollt, er durfte an dieſem Tage nicht daran denken, ſeine Geſellſchaft den Andern zu entzie⸗ hen. Unangenehm war ihm dies, weil ihm ſomit jede Ge⸗ legenheit geraubt war, Paulinen vor ſeiner Abreiſe noch ein⸗ mal allein zu ſprechen. Tauſend kleine Umſtaͤnde, wie eben⸗ ſoviel kleine Teufel, verſchworen ſich heute, ihn daran zu verhindern. Oft genug war es allerdings in letzter Zeit und zwar um ſo eher geſchehen, als die Andern(wie auch Wat⸗ kins geſagt hatte,) ein anderes und mehr als oberflaͤchlich geſelliges Verhaͤltniß zwiſchen beiden unter die unmoͤglichen und undenkbaren Dinge rechneten; die Reiſe eines Touriſten nach dem Monde wuͤrde ſie kaum ſo in Erſtaunen und na⸗ menloſe Beſtuͤrzung verſetzt haben, als von Seiten Heinrichs die Kuͤhnheit, und von Seiten Paulinens das Vergeſſen ihres Ranges und Adels, welche zur Knuͤpfung eines Lie⸗ besverhaͤltniſſes in dieſem Falle nothig ſein mußten. Allein 155 trotz der oͤftern Gelegenheit, ſie ungeſtoͤrt von Allem, was in ſeinem Herzen und in ſeinem Kopfe vorging, zu unter⸗ richten, hatt' er die Hauptſache doch immer verſchoben, viel— leicht nur, weil er darin voͤllig ſicher zu ſein glaubte, bis nun der letzte Tag erſchienen war, welcher kein einſames Stuͤndchen mehr fur ſie hatte. „Vielleicht faͤnden ſich noch Mittel,“ ſagte Pauline zu ihm,„Ihren Abſchied aufzuſchieben oder auch ganz unnöthig zu machen, wenn wir im Stande waͤren, die Sache gemein⸗ ſam zu berathen. Das koͤnnen wir nun freilich nicht und Sie tragen die Schuld ganz allein, denn Sie ſind nie auf⸗ richtig, und man vermag nicht einmal zu errathen, warum Sie fortmuͤſſen.“ „Ach, das iſt nicht mein Geheimniß,“ erwiederte Hein⸗ rich.„Was aber die Aufrichtigkeit anlangt, ſo thun Sie mir gar ſehr Unrecht. Man kann aufrichtig und ehrlich ſein auch ohne Worte; und in ſolcher Weiſe bin ich es ſtets ge⸗ gen Sie geweſen. Wer weiß, ob Sie es nicht tadeln wuͤr⸗ den, wenn ich aufrichtig ſprechen wollte? Aber Ihr Vor⸗ wurf trifft mich um ſo peinlicher, weil mir vor dem Ab⸗ ſchiede und vielleicht auf lange Zeit die Moͤglichkeit genom⸗ men iſt, ihn zu entkraͤften.“ „Immer Ihre eigne Schuld! Sie kommen dadurch um die Gelegenheit, beichten zu können, und werden daher auch keine Abſolution mit hinwegnehmen.“ „Ich hoffe dennoch, Sie werden noch einen guten Rath fuͤr mich haben, Pauline! Bitte, ſinnen Sie raſch nach— 156 die Frau Graͤfin wird die Minute mit ihrem Journal fertig ſein, Alfred und Ihr Vater koͤnnen jeden Augenblick ein⸗ treten und dann iſt's zu ſpaͤt— Bitte, geben Sie mir ei— nen Troſt!“ „Sie haben Recht,“ ſagte Pauline.„Der Augenblick muß genuͤtzt ſein und zwar recht ernſtlich, denn zum Scherz haben wie keine Zeit mehr, glaub' ich. Aber ein ernſtes Wort kann ich nicht anders und nicht eher mit Ihnen be⸗ ſprechen, als nachdem ſich die Andern zur Ruhe begeben haben werden. Genauer kann ich die Stunde nicht be⸗ ſtimmen“— „Und wo, Pauline?“ „Ich weiß da nur einen Rath und Sie werden daruͤ⸗ ber laͤcheln; allein ich denke, lieber komiſch als tragiſch, und lieber unbequem als unſicher! Auch die bloße Möglichkeit, daß uns jemand bemerken koͤnnte, muß beſeitigt werden. Wir muͤſſen einander im alten Schloſſe ſehen— jeder an⸗ dre Ort wäͤre nicht ſicher genug. Sie kennen den Weg von Ihrem Zimmer nach dem alten Ahnenſaale— dort⸗ hin begeben Sie ſich eine halbe Stunde ſpäter nachdem Alles zur Ruhe iſt“— Nachdem er ſo viel gehoͤrt hatte, war es ihm ziemlich gleichgiltig, daß in dieſem Augenblicke die Grafin ihre Zei⸗ tung bei Seite legte, waͤhrend der Graf und Alfred, denen bald nachher der Pfarrer folgte, eintraten und jede vertrau⸗ liche Mittheilung ferner unmoͤglich machten. So ſehr ſich auch die Stunden dieſes Nachmittags dehnten, ſie gingen voruͤber und der erſehnte Abend erſchien. 157 Heinrich verabſchiedete ſich von Allen, denn er mußte mit Tagesanbruch abreiſen, wenn er zur rechten Zeit bei der naͤchſten Station der Eiſenbahn eintreffen wollte. Bald loͤſchte er ſein Licht, um ſich vor einem etwaigen Beſuche Alfreds ſicher zu ſtellen, und dann wartete er voll Ungeduld auf den guͤnſtigen Zeitpunkt. Endlich war im Gebaͤude Alles ſtill und dunkel ge⸗ worden und draußen ſchwebte der Vollmond uͤber der ruhi⸗ gen Gegend. Leiſe ſchlich Heinrich einen langen Korridor entlang, an deſſen Ende eine ſelten geoͤffnete Thuͤr nach den Raͤumen des alten Schloßtheiles fuͤhrte. Hier herrſchte allenthalben die dichteſte Nacht, und die Mondlichtſtreifen, welche an ei⸗ nigen Stellen, ohne den Raum im uͤbrigen zu erhellen, durch wenige ſchießſchartenaͤhnliche Oeffnungen fielen, machten einen geiſterhaften Eindruck auf den Nachtwandler. Hinter jenem Korridor empfing ihn ein ebenſo großes als ödes Vor⸗ gemach, wo der Mondſchein Eingang genug fand, um we⸗ nigſtens die Waͤnde erkennbar zu machen. Auch dieſes Ge⸗ mach, wo ſelbſt der leiſeſte Tritt einen Wiederhall hervorrief, ward durchſchritten und Heinrich ſtand nun vor einem der Eingaͤnge des„Ahnenſaäles.“ Dieſer ſtattliche hochgewoͤlbte, aber trotz der hier ſo werthgehaltenen Ahnen doch auch ver— nachläſſigte Saal war mit einer langen Reihe gemalter Rit⸗ ter und Frauen geſchmuckt, deren einige ſo dunkel geworden waren, wie die Zeit, welcher ſie angehoͤrten. Bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war die Reihe der Grafen von Waldrode, die Beſitzer dieſes Schloſſes geweſen, hier 158 vollſtaͤndig vorhanden und die juͤngſten derſelben zeigten ſich ſchon nicht mehr als geharniſchte Maͤnner, ſondern in der Gallatracht ihrer Zeit, friſirt und gepudert, den zierlichen Degen wagrecht uͤber der Huͤfte. Um ſo mannhafter erſchie⸗ nen, neben jenen frivolen Herren, die alten eiſenbedeckten Maͤnner, von deren einigen noch ſchauerliche Geſchichten, die den wackern Recken nicht eben zur Ehre gereichten, im Munde des Volkes lebten. Rundum an den Waͤnden ſtanden ei⸗ chene geſchnitzte Stuͤhle aus dem vierzehnten Jahrhundert, die ſich, obwohl ſehr verwittert, bis heute erhalten hatten. Der Boden des Saales war ein Eſtrich, vielleicht aus noch fruͤherer Zeit, aber felſenfeſt. Eine Reihe von fuͤnf hohen Spitzbogenfenſtern befand ſich an der einen Seite des Saa⸗ les und gewaͤhrte eine aͤußerſt freundliche Ausſicht nach dem maleriſchſten Theile des Thals. Aber die bunten in Blei gefaßten Fenſterſcheiben waren ſchon großentheils verloren ge⸗ gangen und hier und da noch nicht wieder durch neue erſetzt worden. Wenn die vernachlaͤſſigten, ſtaubbedeckten Gegenſtaͤnde dieſes einſt prächtigen Raumes beim Tageslicht jetzt auch nur einen unbehaglichen und faſt troſtloſen Anblick gewähr⸗ ten, ſo ſchien ſich alle Poeſie, die den Ort umſchweben konnte, in ſolchen Vollmondnächten gleich der heutigen hier verſam⸗ meln zu muͤſſen. Dieſelbe Luna, welche den geharniſchten Raubrittern(denn auch davon enthielt Waldrodes Stamm⸗ baum einige) auf ihren Stegreifzuͤgen geleuchtet hatte; welche ſpaͤter die Schaͤferſtunden der gepuderten Grafen beſchienen: ſtand auch heute im vollem Glanze gegenuͤber am Himmel 15⁵9 der Sommernacht und ſandte ihre vollen Strahlen durch die gothiſchen Fenſter in den alten Ahnenſaal herein, wo eine der Toͤchter dieſer ſtolzen Maͤnner— die erſte, wofern die Geſchichte des Hauſes die Wahrheit redete— im Begriff war, angeſichts der ſaͤmmtlichen Ahnen zu vergeſſen, daß das Blut der Waldrode in ihren Adern floß. Ruhig und unbekuͤmmert um das, was vor ihrem Antlitz geſchehen mochte, ſchaute dieſe alte Luna hernieder, als ein Symbol des im Wechſel wahrhaft Beſtehenden. Dem Trauernden duͤnkt ſie freilich ernſt auf ſeine kleinen Angelegenheiten zu blicken, waͤhrend ſie der Heitre hernieder lachen ſieht; aber ſie theilt weder Trauer noch Luſt, ſie iſt kalt und es gilt ihr gleich, ob ihr Licht zum Vollbringen einer Unthat leuchtet, oder ob es einen Verbrecher entdecken hilft. Indeß thut der Menſch ganz recht, ſie ſo zu deuten, wie es ihm eben paßt; nahm doch auch ſie die Bilder dieſes Saales wie ſie waren, und ließ einige grimmig, andere freundlich aus den vom geſpenſtiſchen Lichte erhellten Rah⸗ men blicken. Als Heinrich aus dem dumpfen Vorgemach, wo eine kellerartige Luft herrſchte, in den mehr dem Zutritt der Som⸗ merwärme offenen Saal trat, empfing ihn eine lauere wohl⸗ thaͤtige Atmoſphaͤre. Die dunkeln Pfeilerſchatten quer uͤber den Fußboden ſtachen grell gegen die wandbeleuchteten Stel⸗ len ab. Waͤhrend er die Thuͤr ſorgfaͤltig hinter ſich anlehnte, ſpaͤhete ſein Auge in dem ſchweigenden Raume umher, wo er noch niemand fand. Schon machte er ſich gefaßt, mit den unheimlichen Wandbildern noch eine Zeitlang allein bei⸗ 160 ſammen bleiben zu muͤſſen, als er bemerkte, wie ſich von einem der alterthuͤmlichen Stuͤhle im Schatten eines Fen⸗ ſterpfeilers eine Geſtalt erhob. Raſch eilte er dorthin und ſank in Paulinens Arme. Mehrere Minuten hielten beide einander feſt umſchlun⸗ gen, ohne daß eines ein Wort geſprochen hätte. Endlich unterbrach Pauline dieſe Pauſe.„Die Zeit iſt uns nur noch karg zugemeſſen,“ ſagte ſie.„Wir haben einander wohl viel zu ſagen, theurer Freund, und duͤrfen dieſe Stunde nicht ungenuͤtzt entfliehen laſſen.“ „Wir haben einander verſtanden ohne Worte, Pau⸗ line,“ entgegnete er;„zwiſchen uns gilt es nichts mehr aus⸗ zugleichen und nichts zu erklaͤren. Was wir zu berathen haben, betrifft die Andern; und was koͤnnten wir hinſichtlich derer in dieſem Augenblicke fuͤr einen Entſchluß faſſen, den wir nicht ſtillſchweigend ſchon gefaßt hätten? Mein Gluͤck iſt vollkommen— es fehlt ihm nichts als die Dauer, und dieſe“— „Dieſe ſoll uns gewiß ſein! Wer will uns trennen? Ich gehoͤre von dieſer Stunde nur noch dir an“— „In deiner Liebe gehoͤrſt du mir in alle Ewigkeit— ich glaube dies, und dieſer Glaube iſt meine Seligkeit. Al⸗ lein eine nahe Zukunft kann und wird uns Stuͤrme bringen, maͤchtig genug, um uns vielleicht auseinander zu reißen. Ich kenne die Hinderniſſe, welche ſich unſrer Neigung entgegen⸗ ſtellen werden. Waͤr' es jenen dunkeln Geſtalten, die auf uns niederſehen, noch vergoͤnnt zu reden, ſie wuͤrden ein⸗ 161 ſtimmig ihren Einſpruch gegen unſer Buͤndniß erheben. Wir haben aber nur noch mit dem Vorurtheil und der Selbſt⸗ ſucht der Gegenwart zu kaͤmpfen, Feinde, die machtig genug ſind, um all unſre Traͤume zu vernichten, wenn wir nicht feſt und treu ſind.“ „Und was können wir thun? Ich vertraue mich dir und bin zu allem bereit, was dein Rath fur gut halten wird.“ „Wohl, vertraue mir! Unſer Gluck ſoll Tag und Nacht mein Gedanke ſein und die Stunde wird ſicherlich bald er⸗ ſcheinen, wo ich an dein Verſprechen erinnere— Vertraue mir! von deiner Liebe begleitet furcht' ich nichts mehr und wir werden alle Hinderniſſe beſiegen. Ueberlaß mir die Zu⸗ kunft, uͤberlaß es mir, zu ſinnen, wie ſie ſich geſtalten ſoll; — aber in dieſer Stunde erinnere dich, daß es vielleicht die letzte iſt vor einer langen Reihe peinlicher Tage; an dieſe denke jett nicht weiter— wir haben es heute nur mit der Gegenwart, mit dem Augenblick zu thun.“ Obwohl ſelber voll Beſorgniß und von den truͤbſten Ahnungen erfuͤllt, bemuͤhte er ſich doch, des beſten Muthes voll zu erſcheinen und ſie aller duͤſtern Ausſichten vergeſſen zu machen. Und nur zu gern ließ ſie Alles drohende durch ſeine ſuͤße Ueberredung in Schlummer wiegen, bis er ſelber, froh der eignen Taͤuſchung, Alles andre uͤber der Wonne des Augenblicks vergaß. Schweigend und ſtarr wie immer blickten die Ritter und Frauen auf das Feſt der Liebe, welches hier gefeiert . 11 162 wurde, wo ſeit den Zeiten der Urgroßeltern nur noch die melancholiſche Einſamkeit gewohnt hatte. Jetzt flohen unter Kuͤſſen und Koſen die Minuten raſch, ohne daß ihrer Flucht die Gluͤcklichen gedachten, bis auf einmal dichte Nacht den Saal erfullte. Es war nur eine dunkle Wolke vor die Mondſcheibe getreten. Die Uhr der Dorfkirche verkuͤndete den Ablauf der zweiten Morgenſtunde. Es war die hoͤchſte Zeit, an die Trennung zu denken. Noch eine Umarmung, und das Maͤdchen riß ſich los. „Bald Wiederſehn— gluͤckliches Wiederſehn!“ hauchte ſie und im naͤchſten Augenblicke verſchwand ſie durch eine kleine duͤſtre Pforte am entgegengeſetzten Ende des Saales. Noch mehrere Minuten blieb Heinrich, an den Pfeiler daneben gelehnt, ſtehen und ſtarrte auf jene dunkle Thuͤr, die ihm wie der Eingang einer Gruft erſchien, in welche man all ſein Lebensgluck verſenkt habe. Endlich raffte er ſich zuſammen und ſuchte den Weg nach ſeinem Zimmer. Er fuͤhlte ſich abgeſpannt, aber trotz⸗ dem floh der Schlaf ſein Auge. Auch hatte er hier nur noch wenige Stunden uͤbrig. Und auch dieſe waren ihm, ſo ſehr ſie ſich dehnen mochten, am Ende doch immer zu ſchnell vergangen. Die Wehmuth drohte ihn zu Boden zu druͤcken, als er im Begriff war das Schloß zu verlaſſen. Alle in dem weitläufigen Gebäude, Alle bis auf Eine, ruhten noch, als er an die Kammer des alten Bedienten pochte, um ſich die Schloßpforte oͤffnen zu laſſen. 163 „Ei der Tauſend, Herr Berg!“ ſagte der alte Mann, der ihm nun mit raſch uͤbergeworfenem Mantel und klap⸗ perndem Schluͤſſelbund zur Thuͤre vorausging;„das iſt ja aber auch ſehr fruh! Die Sonne geht erſt auf und Sie haͤtten noch ein Stuͤndchen ruhen und ein Fruhſtuͤck einneh⸗ men ſollen.“ Die erquickliche herrliche Morgenluft und der erfei⸗ ſchende Duft, welcher von den nahen Feldern und Gaͤrten ſelbſt bis in dieſe Steinhallen wehte, war nicht darnach, um einen fruͤhen Aufbruch bereuen zu laſſen. „Wir bekommen einen ſchonen Tag heute,“ ſagte der Bediente;„nun, gluckliche Reiſe und gluckliche Ruͤckkehr!“ Die Pforte ſchloß ſich wieder und Heinrich ſchritt nach dem Dorfe hinab. Er hatte bis zur nächſten Station der Eiſenbahn ein Stuͤndchen zu gehen und zwei lange Stun⸗ den hatte er dazu noch vor ſich. Einen Blick warf er nach dem Schloſſe zuruͤck, eh' er in die Gaſſe des Dor⸗ fes einbog. Er ſah, wie ſich ein Fenſter oͤffnete und er⸗ hielt noch einen letzten Gruß. Dann ſchritt er raſch vor⸗ wärts.— Aber noch ein trauriges Begegnen ſollte ihm auf die⸗ ſem Wege bevorſtehen. Er war im Gaſthofe des naͤchſten Dorfes eingetreten, um eine Erfriſchung zu ſich zu neh⸗ men. Als er ſeinen Weg fortſetzen wollte, bewegte ſich langſam ein Wagen, von einem Gensdarm begleitet, auf der Straße voruͤber, und auf dem Wagen ſaß Marie, die nach dem Arbeitshauſe zu S. gebracht wurde. Heinrichs Weg fuͤhrte nach andrer Richtung und raſch eilte er vord⸗ 164 ber. Ein halbunterdruͤckter Schrei, den er vernahm und deſſen Ton ihm durch Mark und Bein drang, verkuͤndete ihm, daß man ihn erkannt habe. Aber er vermocht' es nicht einmal ſich umzuſehn und wie Kain, von unſichtbarer Hand gejagt, eilte er athemlos weiter. Stand ihm doch ihr Bild quaͤlend genug vor der Seele.— Dritter Abſchnitt. Erſtes Kapitel. Jetzt erſt begann Heinrich der mit Watkins geſchloſſene Vertrag laͤſtig zu werden, waͤhrend ihn gleichwohl mehrere Gruͤnde beſtimmten, alle Punkte deſſelben gewiſſenhaft zu erfuͤllen und die mögliche Aufloͤſung des Contrakts zu ver⸗ meiden. Im Allgemeinen war dieſer auch leicht zu erfullen und bot ſogar vielfache Vortheile, indem er nicht wenig dazu beitrug, Heinrichs Kenntniſſe zu erweitern, ſeine Anſichten zu berichtigen und das Bedeutſame in allen moͤglichen Le⸗ bensphaſen vom Unbedeutenden geuͤbten Blickes ſcheiden zu lernen. Freilich gab es dann und wann auch Unannehmlichkei⸗ ten zu beſtehen, welche nicht zu umgehen waren, und unter deren peinlichſte gehoͤrte ein Beſuch bei Eliſabeth, um wel⸗ chen Watkins ausdruͤcklich gebeten hatte. Heinrich glaubte um ſo eher, daß viel daran gelegen ſei, da er ſich des Geruͤchts erinnerte, welches ihm Alfred kuͤrzlich mitgetheilt hatte. 168 Wie ſehr wuͤnſchte er jetzt, jenes Weib nie gekannt zu haben, um wenigſtens als voͤllig Unbekannter und daher un⸗ befangen bei ihr erſcheinen zu köͤnnen. Sie konnte ſein Er⸗ ſcheinen jetzt doch falſch deuten, wenn ſie ſich auch wohl ſei⸗ ner Abneigung bewußt ſein mußte, nachdem er ihren letzten Brief wie den muͤndlich erhaltenen Gruß gaͤnzlich unbeachtet gelaſſen hatte. Zum Gluͤck ſollte ihm jedoch die Demuͤthigung erſpart werden, von freien Stuͤcken bei ihr zu erſcheinen. Eliſabeth wußte bereits, daß er in der Stadt angelangt war und ſandte ihm eine aͤußerſt freundliche Einladung, verbunden mit dem in die ſchmeichelhafteſten Worte gekleideten Vor⸗ wurf, daß er bereits zwei Tage hier ſei, ohne ſie aufgeſucht zu haben. Unter andern Verhältniſſen wuͤrde er davon gar keine Notiz genommen haben und die Einladung wäre ihm nur ärgerlich geweſen, weil ſie den Beweis gab, daß er noch nicht vollig frei von dieſem Weſen war. Jetzt kam ihm, wie geſagt, die Einladung ganz gelegen, denn einigemal mußte er ja doch zur Warren gehen. Miß Eliſabeth Warren hatte jetzt eine prachtvolle Woh⸗ nung in der ſchoͤnſten und vornehmſten Straße der Stadt. Die ehemalige, an ſehr beſcheidene Verhaͤltniſſe gewoͤhnte Gouvernante hielt drei oder vier Leute zu ihrer Bedienung und darunter auch einen glaͤnzenden Livreebedienten. Man⸗ chen Tag ſah man ſie durch die Straßen der Reſidenz fah⸗ ren, um die Runde bei ihren zahlreichen Freunden zu ma⸗ chen, während ſie an andern Tagen ihre Wohnung nicht 169 verließ, um vom fruhſten Morgen bis zum Abend abwechſelnd Briefe zu ſchreiben, auf dem Fluͤgel zu phantaſiren oder zu leſen. Die Abende aber brachte ſie mit ſeltenen Ausnahmen daheim zu, wo ſich dann regelmaͤßig ein kleiner aber gewaͤhl⸗ ter Kreis von Freundinnen und Freunden bei ihr verſam⸗ melte. Leute, welche ſich gern mit Berechnung der Koſten fremden Haushalts beſchäftigten, und ſolche gibt es leider allenthalben, wußten fabelhafte Summen anzugeben, welche die voͤllig mittelloſe Miß Eliſabeth jaͤhrlich noͤthig haben werde, um, ohne Schulden anzuhaͤufen, ihre Lebensweiſe alſo fortſetzen zu koͤnnen; aber die klugen Rechner wußten auch verſchiedene Quellen anzudeuten, deren Ueberfluß ein moͤgliches Defizit decken konnte. um der Miß nicht Unrecht zu thun, muß bemerkt wer⸗ den, daß ſie in der That eine beſondere Zuneigung, die— waͤr' es auch nur ihres uneigennuͤtzigen Charakters wegen— wohl Liebe genannt werden konnte, fuͤr Heinrich empfand. So ſehr ſie ſich ubrigens in der Gewalt hatte, ſo meiſterhaft ſie ſich zu verſtellen wußte, und ſo viel Kaͤlte und Berech⸗ nungsgabe ihr auch eigen war: ſo war ihr Inneres doch der Leidenſchaft faͤhig; aber fand dieſe Leidenſchaft nicht ihr Ziel, begegnete ihr Kaͤlte oder Verachtung, ſo war ſie ganz dazu geeignet, um an die Stelle der Zuneigung einen toͤdtlichen und unausloſchlichen Haß treten zu laſſen. Daß Heinrich keinen Schritt wieder gethan hatte, ſich ihr zu naͤhern, fand ſie leicht erklaͤrlich, da ſie vermuthete, daß Watkins des Nachtheiligen nur zu viel uͤber ſie mitge⸗ theilt haben werde. Allein Alles dies hoffte ſie durch eine 17⁰ einzige Zuſammenkunft wieder gut machen zu koͤnnen. Sie hatte in dem jungen Mann ein unerfahrenes Kind zu finden geglaubt und baute zuverſichtlich auf ihre Koketterie, um ihn feſſeln zu können, wenn es ihr nur gelang, ihn ſtets in ihrer Naͤhe feſtzuhalten, um jede Verleumdung, die ihm zu Ohren kommen konnte, durch ein Wort, einen Blick, oder auch wohl durch eine rechtzeitige Thraͤne wirkungslos machen zu koͤnnen. Seit vier und zwanzig Stunden hatte ſie bereits ſei⸗ nem Erſcheinen voll Ungeduld entgegengeharrt und begann ſich ſchon mit dem Gedanken zu guaͤlen, daß er ſie dennoch verachten koͤnne. Sie ahnte nicht, daß er nur im Auftrage eines Andern kam und empfand eine innige Freude, als jetzt endlich ſeine Ankunft gemeldet wurde. Sie befahl, den Herrn ſogleich vorzulaſſen, und warf ſich in eine reizende Attituͤde, um ihn womoͤglich gleich im erſten Augenblick reuig zu ihren Fuͤßen zu ſehen. Dies war freilich nicht der Fall. Heinrich ſtellte ſich ihr kalt und hoͤflich vor, obwohl er ſich huͤtete, unfreundlich zu erſcheinen. Aber auch ein ſolches Auftreten kam ihr nicht unerwartet.—„Der liebe Junge,“ dachte ſie,„iſt noch nicht abgeſchliffen genug; er beſitzt noch eine gewiſſe Scheu und Befangenheit und dieſe, die jetzt ſo ſelten, muß er ſich bewahren— er wird dabei nur um ſo verliebter ſein.“— „Ich glaubte,“ ſagte ſie dann,„mein lieber Gefange⸗ ner hätte die Flucht ergriffen— Aber ich will Sie nicht ſchelten, Heinrich! Trag' ich doch allein die Schuld, da ich von Ihnen ging und Sie in unpaſſender Geſellſchaft zuruͤck ließ. Bitte— kein Wort daruͤber! Ich kenne dieſen Wat⸗ kins nur zu gut und weiß, was er gegen mich verbrochen hat.— Und ich weiß auch,“ fuͤgte ſie nach einer kurzen Pauſe hinzu,„daß jener Mann die Urſache war, wenn Sie Eliſabeth uber einer Marie vergeſſen konnten“— „Ich habe Sie keineswegs vergeſſen, Eliſabeth,“ ent⸗ gegnete er,—„und auch jenes arme Kind, an welches Sie mich erinnern wollen, hab' ich nicht vergeſſen;— aber es ſetzt mich in Erſtaunen, Sie von dem Allen ſo wohl unter⸗ richtet zu ſehen.“ „Nur ein Beweis, wie ſtark meine Theilnahme am Geſchick eines Freundes iſt. Sie kennen mich noch wenig, Heinrich; aber es wird, hoff' ich, die Zeit kommen, wo Sie meiner nicht mehr uͤber einer ſolchen Marie vergeſſen wer⸗ den, an welche Sie nur voll Beſchaͤmung zuruͤckdenken koön⸗ nen. Nur Eins verſprechen Sie mir, Heinrich, geben Sie jedes Verhaͤltniß mit dem Watkius auf,— ich weiß, daß Sie mit ihm immer noch in Verbindung ſtehn. Dieſer Amerikaner, der in aller Weiſe den Geheimnißvollen ſpielt, ein Menſch, den im Grunde niemand kennt und niemand achtet, außer wenige, die er zu bethoͤren wußte, dieſer Menſch ſcheint nur uͤbers Meer gekommen zu ſein, um mir zu ſcha⸗ den. Unerklaͤrlich iſt mir die Achtung, die man ihm in Waldrode ſchenkt und der Einfluß, den er dort beſitzt.“ „Allein er iſt, meines Wiſſens, nie dort geweſen. Ue⸗ brigens verdank' ich ſelbſt es nur ſeiner Geltung, daß ich Gelegenheit fand, mich in Waldrode aufzuhalten und folg⸗ 172 lich auch jetzt bei Ihnen zu ſein. Denn ohne die Reiſe nach Waldrode hätt' ich auch dieſe Stadt vielleicht nie be⸗ treten.“ „Sie wuͤrden ſie betreten haben, Heinrich, denn ich haͤtte Ihnen gewiß Nachricht von meinem hieſigen Aufent⸗ halt gegeben, mochten Sie ſich auch am Ende der Welt be⸗ finden.“ Heinrich nahm ſich zuſammen, um ihr läͤchelnd ein Wort des Dankes fuͤr die gute Meinung ſagen zu können. Er durfte ihr jetzt den guten Glauben noch nicht nehmen, daß er eines ſo weiten Weges von der Welt Ende faͤhig ſei, um ſie zu ſehen. Er ſtaunte uͤber ſich ſelbſt, wie gut es ihm gelang, den ſchuͤchtern Zuruͤckhaltenden ihr gegenuͤber zu ſpie⸗ len, fuͤr welche er nichts als unendliche Verachtung empfand. Und Miß Eliſabeth ließ ſich täuſchen und begann immer wieder das angenehme Geſchaͤft, den Freund zu belehren, ſo wie etwa eine guͤtige Fuͤrſtin vor alter Zeit dem bloͤden Pa⸗ gen Lektionen in arte amandi ertheilte. So wenig gelehrig ſich auch heute der Schuͤler, den ſie denn doch ſchon als in die Myſterien geweihet kannte, zeigen mochte, ſo ſtoͤrte dies die ſchoͤne Lehrerin doch keineswegs. Sie freute ſich ſogar daruͤber, denn der Unterricht gewaͤhrte ihr eine laͤngſt nicht mehr gewohnte und darum neue Un⸗ terhaltung. Um ſo unbehaglicher befand ſich Heinrich dabei, der ſich von Herzen nach einer Unterbrechung dieſes fuͤr ihn mehr als peinlichen téte-Atéte ſehnte. Wie erwuͤnſcht kam 173 ihm daher der Bediente, welcher einen neuen Beſuch, den Baron von Ollersdorf, ankuͤndigte. „Ein ungelegner Gaſt, lieber Freund,“ ſagte Eliſabeth, ebenſo unmuthig, als Heinrich erfreut, uͤber die Stoͤrung. „Aber es noͤthigen mich Ruͤckſichten, dieſen Herrn nicht ab⸗ zuweiſen.“ „Wuͤnſchen Sie, daß ich mich entferne, Eliſabeth?“ fragte Heinrich. „O nein, durchaus nicht!“ entgegnete ſie.„So iſt es nicht gemeint. Ich wuͤnſche im Gegentheil, daß Sie hier bleiben, und bitte Sie ausdruͤcklich darum.“ Dies war Heinrich lieb, denn er wuͤnſchte die Freunde der Miß moͤglichſt ſchnell kennen zu lernen, um, wenn dies Geſchaͤft zu Ende, auch ſo ſchnell als moͤglich ſeine Beſuche einſtellen zu koͤnnen. Denn ſein Widerwille gegen Eliſabeth ſtieg von Minute zu Minute um ſo mehr, als es ihn Muͤhe koſtete, denſelben zu verbergen. Sie war ihm bisher nur noch gleichgiltig geweſen und er wuͤnſchte dabei nichts, als ſie zu vermeiden; jetzt, wo an die Stelle der Gleichgiltigkeit Verachtung und Haß trat, ſehnte er ſich nach dem Augen⸗ blicke, ihr dieſe zu erkennen zu geben. „Der Baron iſt ein Freund der Waldrodes, Herr Berg,“ ſagte Eliſabeth,„und er gedenkt in den naͤchſten Tagen einen Beſuch dort zu machen.“ Der Baron von Ollersdorf, ein großer plumper Kur⸗ laͤnder, empfahl ſich ſchon durch ſein erſtes Auftreten nicht beſonders. Aber mit ſeinem Adel verband er einen unge⸗ heuren Reichthum und folglich gehoͤrte die Welt ſein. Ein reichliches Maaß von Rohheit, Bornirtheit und Stolz oder vielmehr Duͤnkel waren ſeine hervorragendſten Eigenſchaften, wie man ſie an ſolchen Menſchen meiſt findet, welche, von der Natur zu Geſchaͤften des Laſtthiers beſtimmt, die launi⸗ ſche Gluͤcksgoͤttin in eine ganz entgegengeſetzte Sphaͤre warf. Baron Ollersdorf ſchien ganz der Mann dazu, Leibeigene zu pruͤgeln und einen Reitjagdverein ſtiften zu helfen. Heinrichs Anweſenheit hinderte ihn nicht, ſich Vertrau⸗ lichkeiten gegen die ſchoͤne Wirthin zu erlauben, die ihn je⸗ doch in Schranken zu halten wußte. Dazu gehörte aber auch ein Weib von Eliſabeths Charakter. Heinrich betrachtete ſich den Ritter um ſo genauer, als er vernahm, daß derſelbe Waldrode mit ſeiner Gegenwart zu begluͤcken gedachte. „Ja, ich will in dieſen Tagen einmal hinaus,“ ſagte der Baron, waͤhrend er ſehr gemaͤchlich in einer Sophaecke ruhte;—„wiewohl ich fuͤrchte, daß es eine langweilige Partie geben wird. Mir iſt nur der alte Graf perſoͤnlich bekannt.'s iſt eine tuͤchtige Herrſchaft, Waldrode, hoͤr' ich.“ „O ja! Die ſchoͤnen Bewohnerinen werden Ihnen al⸗ lein genug zu bewundern geben, Herr Baron,“— ſagte Eli⸗ ſabeth,—„und Sie werden bald bereuen, daß Sie die Par⸗ tie langweilig nannten. Der junge Graf iſt ein unermuͤd⸗ licher Reiter, ein gewaltiger Jaͤger, ein wahrer Nimrod, und der Schloßkeller birgt Schatze— nun, wie geſagt, Sie wer⸗ den Ihr Vorurtheil bereuen.“ „Hm, wollen ſehn!“ ſagte Ollersdorf, indem er mit den Fingern auf dem Knie trommelte. 175⁵ „Nur einen Rath muß ich Ihnen mitgeben, Baroͤn⸗ chen,“ ſetzte Eliſabeth hinzu.„Sie werden wohlthun, wenn Sie dort weniger als geharniſchter Ritter auftreten, und ſich vielmehr als ſittiger ſchmachtender Junker aus der Zeit der Minſtrels zeigen. Sie geben mir da gewiß Recht, Herr Berg, nicht wahr? Aber Sie haben mir auch noch kein Wort geſagt, wie Ihnen die Gräfinnen gefallen? Nun, ich will damit keine Gewiſſensfrage gethan haben. Sehen Sie, Baron, hier mein Freund iſt ſo eine poetiſche Natur, wie ſie in Waldrode Gluͤck machen konnen— Wer weiß, wer weiß, ob Sie nicht zu ſpaͤt dorthin kommen!“ „Keine Sorge, kleine Eliſabeth“— entgegnete der Baron;„ich bin noch nie und nirgends zu ſpaͤt gekommen. Laſſen wir das jetzt ruhen, Kind; wir haben noch viel mit einander zu ſprechen. Zunaͤchſt aber bitt' ich mich heute hier zu Gaſte— ich fuhle mich erſchrecklich muͤde und kann vor Abend keinen Schritt von hier gehen.“ „Mein Haus freut ſich der Ehre— nur muß ich be⸗ dauern, daß Sie mit geringer Geſellſchaft vorlieb nehmen muͤſſen, es wird weiter niemand als der Doktor mit Ihnen eſſen, der jedenfalls kommt. Ich ſelber werde faſten, Briefe ſchreiben und recht viel noͤthige Dinge mit meinem Freunde hier zu beſprechen haben.“ „So, hm!“ erwiederte der Baron, welcher mehr eines tuͤchtigen Schlafes als einer Mahlzeit benoͤthigt ſchien, denn ſein geſtriger Tag hatte erſt mit der Fruͤhe des heutigen ein Ende genommen. Man vernahm nur noch einige unarti⸗ kulirte Toͤne von ihm, bis er vollig ſchweigſam wurde und der Natur ihren Tribut zollte. Man ſah ihn bald in einem wahrhaft eiſernen Schlafe liegen. „Der gute Baron wird nun unter einigen Stunden durch nichts in der Welt zu erwecken ſein und wir wollen den Doktor, wenn dieſer kommt, fortſchicken. Unſer erſtes Wiederſehn darf kein ſo kurzes ſein. Apropos, Heinrich, zu meinem Staunen hoͤr' ich, daß ſich verleumderiſche Zungen ein Vergnuͤgen daraus machen, mir nachzuerzaͤhlen, ich haͤtte im Auftrage der Regierung gewiſſe geheime Geſchafte uͤber⸗ nommen— haben Sie etwas davon gehoͤrt?“ Heinrich verneinte. „Nun, Sie werden wohl noch davon ſprechen hoͤren. Ein albernes und hochſt argerliches Geruͤcht, wenn ich anders auf dergleichen Unſinn achten wollte. Allein ich weiß be⸗ ſtimmt den Urſprung dieſer Verleumdung— Watkins hat ſie erſonnen und verbreitet— immer derſelbe Watkins, der kleinlich genug iſt, mich auf ſo niedrige Weiſe zu verfolgen, weil ich ſeine Huldigungen verſchmaͤht habe. Heinrich, ich weiß, daß Sie in einer gewiſſen Verbindung mit ihm ſtehen, ohne ihm deswegen irgendwie verpflichtet zu ſein— ich weiß, daß Sie nur einen Vertrag, gleich Geſchaͤftsleuten, mit ihm geſchloſſen haben, mit einem Worte, daß Sie nicht eigentlich befreundet mit ihm ſind.“ Das letztere beſtaͤtigte Heinrich ausdruͤcklich und Eliſa⸗ beth fuhr fort: „Sie wuͤrden mir einen Beweis Ihrer Freundſchaft geben, wenn Sie mich aufklären wollten, wer mein Verfol⸗ 177 ger, mein unverſöhnlicher Feind eigentlich iſt und womit er ſich beſchaͤftigt. Man hat mir verſichert, er ſei keineswegs geborener Amerikaner— Sie muͤſſen genauer von ſeinen Verhaͤltniſſen unterrichtet ſein— Wer iſt Watkins? heißt er wirklich ſo und welche Abſichten haben ihn nach Europa gefuͤhrt? Es iſt nicht Neugierde allein, was mich dieſe Fragen thun laͤßt— Sie begreifen von ſelbſt, daß man ſei⸗ nen Feind kennen muß, wenn man ihn nicht zu fuͤrchten haben mag. Ich bitte, ſagen Sie mir, was Ihnen be⸗ kannt iſt.“ Heinrich zeigte ſich ſehr erſtaunt. Er erklaͤrte, nichts weiter von Watkins zu wiſſen, als was all den Bekannten deſſelben ebenfalls bewußt wart daß er nämlich wirklich Ame⸗ rikaner ſei, der ſein Geld nicht auf Spekulationen verwende, ſondern Reiſen zu ſeiner eignen Unterhaltung unternehme; ein Mann, der ſich von Geſchäften freigemacht, um das Le⸗ ben ganz ungenirt nach ſeiner Art zu genießen. „Das,“ fugte Heinrich hinzu,„iſt Alles, was ich von ihm weiß. Wenn er mich recht berichtet hat, ſo ging er damit um, ein Buch uͤber die einzelnen Lander Europa's zu ſchreiben, und der Vertrag mit mir, von welchem Sie auf mir unbegreifliche Weiſe unterrichtet ſind, verpflich⸗ tete mich, ihm Notizen fur jenes beabſichtigte Werk zu ſchaffen. Uebrigens ſcheinen Sie nicht zu wiſſen, daß ich den Vertrag gleich in den erſten Tagen wieder aufgekuͤn⸗ digt habe und gegenwaͤrtig in gar keiner Beziehung mehr zu Watkins ſtehe?“ „Soll ich das glauben, Heinrich?“ I 12 „Sie ſetzen mich immer mehr in Erſtaunen. Welchen Grund koͤnnten Sie denn haben, mir nicht zu glauben? oder weshalb ſollt' ich Ihnen die Wahrheit nicht ſagen, in einer Sache, die nicht gleichgiltiger ſein kann?“ „Der Grund iſt klar:— wenn Sie Watkins Freund ſind, ſo werden Sie mir den Gefallen nicht thun wollen, mich von ſeinen Verhaͤltniſſen genauer zu unterrichten. Gleich⸗ giltig iſt mir aber die Sache keineswegs, denn ich ſagte Ihnen ſchon, daß Watkins Urſachen, um mich zu verfolgen, zu haben glaubt.“ „Sie ſpannen mich auf die Folter, Eliſabeth, um Dinge von mir zu erfahren, die ich nicht weiß, ja, von de⸗ nen ich Sie bis dieſen Augenblick weit eher und brſ un⸗ terrichtet glaubte, als mich.“ Dieſe Aeußerung war eben ſo richtig, als wahrgemeint und Heinrich ſchoͤpfte jedesmal neuen Athem, wenn er im Stande war, ein Wort ohne Verſtellung zu ſagen, welche ihm ſchwer genug fiel. Je aufmerkſamer und nachgibiger er ſein mußte, um ſo höher ſtieg ſeine Verachtung dieſes ſchoͤnen, aber, nach ſeiner Ueberzeugung, verworfenen Weibes. Nicht einmal das Vergnuͤgen durfte er ſich machen, ihr die verſchiedenen kleinen Raͤnke vorzuwerfen, deren ſie ſich ſchul⸗ dig gemacht hatte, z. B. ihre Verleugnung der Kenntniß der deutſchen Sprache, welche ſie doch jetzt ſehr vollkom⸗ men inne hatte. Eliſabeth bot in der That Alles auf, um etwaige Ge⸗ heimniſſe, die ſie hier vorausſetzte, aus Heinrich heraus zu locken. Obwohl er nun ſchon hier und da unterrichteter war, 179 als noch vor einigen Wochen, obwohl er Manches ahnen konnte und von Manchem mehr oder weniger feſt uͤberzeugt war, ſo ſah er ſich dennoch von Geheimniſſen genug umge⸗ ben und hatte noch immer Urſache, ſich als ein blindes Werkzeug in der Hand eines Andern zu betrachten und er haͤtte darauf wetten mögen, daß Eliſabeth im Grunde ſchon mehr wußte, als er ſelbſt. So ſchlau ſie aber auch in allen andern Faͤllen ſein mochte, ſo verließ ſie doch diesmal ihr Talent und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ſie wirk⸗ lich in Heinrich— von deſſen Eiſeskälte ihr nichts ahnte— verliebt war. So kam es, daß ſie weit mehr verlor als ge⸗ wann, daß ſie verrieth wo ſie zu errathen hoffte, und daß ſie das Goldſtuͤck preisgab, ohne die geſuchte Kupfermuͤnze dafuͤr zu gewinnen. Sie war mit Heinrich in ein Nebenzimmer getreten, weil ſie dem Eiſenſchlafe des Ritters doch nicht ganz trauen mochte, waͤhrend ſie tauſend Zärtlichkeiten verſchwendete, um ſowohl das Herz des kalten Schuͤlers zu erwaͤrmen, als ſeine Zunge zu löſen. Die erſte Abſicht ward allmalig die hauptſächliche und zuletzt die ausſchließliche, waͤhrend ſie nach und nach und nur mit Muͤhe zu der Ueberzeugung zu kom⸗ men ſchien, daß Heinrich nur deshalb verſchwiegen ſei, weil er nichts auszuplaudern haͤtte. Der Kampf mit wechſelſei⸗ tigen Fragen und Antworten und Verſtellung auf beiden Seiten war noch eine Zeit lang fortgefuͤhrt worden, und ohne daß ſie es ahnte hatte Heinrich in dieſem Geſpraͤche Dinge erfahren, die ihn nicht wenig uͤberraſchten. Er konnte ſich ſagen, daß er dies Haus ſehr unterrichtet verlaſſen werde 180 und mit vielfachen Winken verſehn, welche als Schlͤſſel zu dem gelten konnten, was er noch nicht klar durchſchaute; bei einem zweiten und dritten Beſuche hoffte er alles Gehoͤrte zur Gnuge vervollſtaͤndigen zu können, um dann nicht wie⸗ derkommen zu muͤſſen. Eliſabeth war nicht bei Watkins allein ſtehn geblieben. Ihre Forſchungen hatten ſich z. B. auch auf den Pfarrer in Waldrode, auf Wolf und einige andre Perſonen erſtreckt, und in ihrem zugleich verliebten Eifer hatte die Verblendete nicht bemerkt, daß ſie nur das Gegentheil ihrer Abſicht er⸗ reichte, daß ſie nur lehrte ohne zu lernen. Zuletzt kam ſie, wie geſagt, zu der Ueberzeugung, daß der„liebe Junge“ in nichts eingeweiht ſei und nur ein blindes Werkzeug abgebe. Sie gab ſich ſolcher Ueberzeugung diesmal um ſo lieber hin, als ſie nun ungetheilt ihre Muͤhe darauf verwenden konnte, in dem„Freunde“ wieder all die Liebe zu wecken, welche er ihr fruher im Engliſchen Hofe bewieſen hatte. Allein zu ihrem nicht geringen Mißvergnugen ſah ſie ſich bald in die⸗ ſem angenehmen Streben unterbrochen. Der Baron im Nebenzimmer war erwacht. Man vernahm ſeine kraͤftige Stimme ſcheltend und polternd, waͤh⸗ rend eine andre von weit milderem und artigerm Klang ihn lachend zu beſchwichtigen ſtrebte. „Das iſt der Doktor,“ ſagte Eliſabeth.„Wir muſſen uns nun wieder hinuͤber begeben; kommen Sie, Heinrich.“ „Herr Doktor Muͤller,“ ſagte ſie, als ſie mit Heinrich eingetreten war,„welcher ſich erſt ſeit kurzem hier auf⸗ 181 haͤlt, um geologiſche Studien in dem Bergen da herum zu treiben.“ Es war der naͤmliche Arzt, der ſich im Wirthshaus am Rhein ſo eifrig nach Watkins erkundigt hatte. Es ſchien, als kenne er Heinrich ſchon, obwohl dieſer den Mann nie geſehn hatte. „Dieſe Herren, Heinrich,“ ſagte Eliſabeth,„vertragen ſich nie. Der Doktor macht ſich eine Freude daraus, dem Baron immer die reine Wahrheit zu ſagen, und der Baron ſchilt dann unſern guten Freund hier einen Plebejer, den ich aber in Schutz nehmen muß, denn ich habe in meinem Hauſe eine vollkommene Gleichheit der Stäͤnde eingefuͤhrt. Iſt Ihnen gefallig zur Tafel zu gehn, Herr Baron— Ihr Geſellſchafter iſt angekommen und ich wuͤnſche guten Appetit.“ „Ach, ich bin nur gekommen, um mich gleich wieder zu empfehlen,“ ſagte der Doktor.„Soll mich freuen, wenn ich Morgen die Ehre haben kann. Sie duͤrfen nicht boͤſe ſein, Miß, allein mich rufen Geſchaͤfte“— „Warum kommen Sie dann?“ „Nur um mich von Ihrem Wohlbefinden zu uͤberzeu⸗ gen. Es ſoll mir Vergnuͤgen machen, wenn ich recht bald die Ehre haben werde, laͤnger in Ihrer Geſellſchaft zu ſein,“ ſagte er zu Heinrich, und indem er dieſem die Hand reichte, flͤſterte er ihm zu:„Ich erſuche Sie in Ihrem eigenen Intereſſe, mir womoͤglich gleich zu folgen. Ich erwarte Sie in Ihrem Gaſthofe.“ Damit empfahl ſich der Doktor und erleichterte durch ſein Weggehen auch Heinrich einen ſchnellen Abſchied, da ein Alleinſein mit Eliſabeth fur jetzt doch nicht gut möglich blieb. Er mußte verſprechen, noch dieſen Abend oder wenigſtens am naͤchſten Tage wieder zu kommen, und während ihm der Baron, immer noch in ſeiner Softeck liegend, ein nach⸗ lͤſſiges„Adieu“ zukommen ließ, begleitete ihn die zaͤrtliche Eliſabeth bis zur Thuͤr des Vorgemachs und entiieß ihn mit einem Handdruck und einer Miene, uͤber die er im Stillen lachen mußte. In ſeiner Wohnung fand Heinrich richtig den Doktor, welcher erklaͤrte, daß er dem jungen Manne einige Eroff⸗ nungen zu machen habe, welche dieſem jedenfalls nuͤtzlich ſein wuͤrden. „Nach dem,“ begann er,„was ich Ihnen ſagen werde, moͤgen Sie ſelbſt meine Aufrichtigkeit und den Grad des Vertrauens, welches ich Ihnen ſchenke, beurtheilen. Ich gehe ohne Weiteres zur Sache, obwohl Sie vielleicht erwar⸗ ten, daß ich eine Entſchuldigung, eine Rechtfertigung in Betreff meiner Bekanntſchaft mit Miß Eliſabeth voraus⸗ ſchicken ſollte. Indeß, ich habe das wohl nicht noͤthig, da Sie in aͤhnlichem Falle ſind und ſelbſt wiſſen, daß man in beſter Abſicht in die unangenehme Lage gerathen kann, mit jenem Weibe bekannt zu werden. Sie kennen die Bewe⸗ gungen der neueſten Zeit, Herr Berg; Sie kennen die Be⸗ ſtrebungen der unter dem Namen Socialiſten und Kommu⸗ niſten bekannten Parteien; Sie wiſſen, daß es eine kommu⸗ niſtiſche Propaganda gibt, deren Centrum ſich hauptſaͤchlich 183 in Frankreich und in England befindet, und daß dieſe Pro⸗ paganda bereits mehr, als man oͤffentlich zugeben will, auch in Deutſchland, ſo wie in andern Laͤndern mit Erfolg gewirkt hat. Dieſe Dinge ſind Ihnen bekannt.“ „Ich habe dergleichen hier und da in den Zeitungen geleſen,“ bemerkte Heinrich.„Doch hat allem Anſchein nach dieſe Propaganda, wofern ſie wirklich exiſtirt, in Deutſchland noch wenig Raum und Bedeutung gewonnen.“ „Ich verarge Ihnen keineswegs,“ fuhr der Doktor fort, „wenn Sie einem fremden Manne kein unbedingtes Ver⸗ trauen ſchenken. Ich verlange auch keine Eroffnungen oder Geſtaͤndniſſe von Ihnen. Ich werde, was ich noch uͤber dieſen Gegenſtand zu bemerken habe, ſo ſagen, als ſetzte ich eine voͤllige Unkenntniß deſſelben bei Ihnen voraus. Die ſocialiſtiſchen Lehren haben in Deutſchland bereits eine weite Verbreitung und einen fruchtbaren Boden gefunden und es beſtehen geheime Verbindungen, deren Zweck die Verbreitung jener Lehren, die moͤglichſte Verwirklichung und Anwendung der ſocialiſtiſchen und ſelbſt kommuniſtiſchen Grundſaͤtze iſt. Sie ſelbſt zaͤhlen unter Ihren Bekannten Einige, welche jenen Vereinen mehr oder weniger nahe ſtehen. Ich will nur z. B. den Geiſtlichen in Waldrode nennen; vor Allen aber den Amerikaner Wolf, mit welchem auch ich befreundet bin. Dieſer von Haus aus vermoͤgende Mann hat aus reiner Begeiſterung fuͤr die Sache die Foͤrderung derſelben zum Zweck ſeines Lebens gemacht. Nachdem er in ſeiner Heimat bereits verſchiedene derartige praktiſche Verſuche unter⸗ nehmen helfen und dieſelben mit allen Kraͤften unterſtuͤtzt, 184 reiſt er nun in Europa, weniger um auch da praktiſch zu wirken, als um ſich fur kuͤnftige großartige Unternehmungen zu unterrichten und neue Erfahrungen zu ſammeln. Nun haben mancherlei bedenkliche Erſcheinungen, beſonders in den Fabrikdiſtrikten unſers Vaterlandes, welche auf das Vorhan⸗ denſein ſocialiſtiſcher Umtriebe deutlich hinzuweiſen ſchienen, die Aufmerkſamkeit der Regierungen rege gemacht. Man beſtrebt ſich, den Grund der Sache genau zu erforſchen und beſonders etwaige Raädelsfuͤhrer, kommuniſtiſche Sendlinge, deren Daſein man vorausſetzt, zu ermitteln. Man ſucht dabei alles Aufſehen zu vermeiden, betreibt die Nachforſchun⸗ gen aber um ſo eifriger im Stillen. Eine namhafte und hochgeſtellte Perſon iſt dabei ganz beſonders thaͤtig und es unterliegt jetzt keinem Zweifel mehr, daß dieſelbe verſchiedene Perſonen in ihrem Solde hat, welche unter der Maske, ſelbſt Anhaͤnger und warme Freunde der neuen Socialſyſteme zu ſein, die Verbreiter dieſer Lehren auszuforſchen ſuchen, durch welche alles Beſtehende, ſo meinen ſie, beſeitigt werden ſoll, um in Religion, in Staats⸗ und geſellſchaftlichem Leben, in Allem, dem neuen Reiche der wahren Freiheit Platz zu machen. So iſt jetzt die Lage der Dinge. Macht und An⸗ ſehn befinden ſich, im Ganzen noch immer ungeſchmälert, in den Haͤnden der Regierenden, und die Neuerer ſpielen ein gewagtes Spiel, inſofern ſie daran denken, ihre Theorien praktiſch durchzuſetzen. Nun, lieber Herr Berg, ich weiß in der That nicht, wie ſehr oder wie wenig auch Sie bei den genannten Zeitbeſtrebungen betheiligt ſind; ich weiß nur, daß Sie uͤberhaupt betheiligt ſind, und ſage Ihnen dies offen, 185 obwohl Sie mich verwundert anblicken, als wollten Sie Alles in Abrede ſtellen. Ich ſelbſt habe meinen Theil an all dieſen Dingen, und wenn Sie unſern beiderſeitigen Freund treffen, ſo wird dieſer Ihnen uͤber mich genuͤgende Auskunft geben können, wofern Sie es der Muͤhe werth halten, darnach zu fragen. Allein dies Alles war es nicht, weshalb ich Sie um eine Unterredung bat, denn Sie kennen dieſe Dinge, ſo ſehr Ihr Mißtrauen Sie auch zum Läͤugnen auffordert. Ich ſagte— was kein Geheimniß mehr iſt— daß Spione gegen uns unterhalten werden. Neuerdings hat ſich das Geruͤcht verbreitet, daß man zu ſolchem Zwecke einige Kurtiſanen an⸗ geſtellt hat. Dieſe moͤchten ſich in mancher Hinſicht ſehr wohl dazu eignen, ſind aber auf der andern Seite deſto un⸗ zuverlaͤſſiger und ſchaden nichts mehr, ſobald ſie nur einmal Anlaß zum leiſeſten Verdachte gegeben haben. Eliſabeth Warren, die ich in meinem fruͤhern Wohnort fluͤchtig kennen lernte, floͤßte mir bald nachher Argwohn ein und ich habe die Bekanntſchaft mit ihr bis heute fortgeſetzt, um mir Ge⸗ wißheit zu verſchaffen. Sie gehort allerdings zu den erwaͤhn⸗ ten Spionen und ich habe mir ſelbſt Muͤhe gegeben, dies bekannt werden zu laſſen. Mit dem ſaubern Ehrenſolde fuͤr ihre Bemuͤhungen, ſo wie durch die Freigebigkeit einiger Freunde, deren Reichthum und Narrheit ſie ausbeutet, be⸗ ſtreitet ſie ihren Aufwand. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieſes Weib durch Sie hinter manches noch unentdeckte Geheimniß zu kommen ſucht, und dieſer Umſtand iſt es, weshalb ich Sie warnen wollte. Sie ſtehen in vertrauten Vechältniſſen mit einem Manne, uͤber welchen Alle, wir 186 ſelbſt ſowohl als unſre Widerſacher, im Unklaren ſind:— einige, auf unſrer wie auf jener Seite, halten ihn fuͤr einen der Unſern, den nur Gott weiß welche Gruͤnde beſtimmen, ſich nicht zu entdecken. Andre wieder ſehen in ihm einen Hauptſpion und fuͤhren dafur ziemlich plauſible Gruͤnde an. Der letztern Meinung bin ich durchaus nicht, obwohl ich auch noch nicht im Stande bin, mich der andern unbedingt an⸗ zuſchließen. Sie, Herr Berg, ſind einer der wenigen, viel⸗ leicht der Einzige, welcher von dem Charakter und den An— ſichten jenes Mannes unterrichtet iſt,— ich brauche nicht erſt zu erwaͤhnen, daß ich von Watkins rede. Eliſabeth, welche viel thorichtes Zeug uͤber dieſen Mann ſchwatzt, kennt ihn im Grunde ſo wenig, wie wir Andern. Er hat ihr Wohlthaten erwieſen und ſie hat ihn mit Undank belohnt, das iſt Alles. Sie haßt ihn jedoch nun aufs bitterſte und ihr groͤßter Triumph wuͤrde es ſein, ihn mit doppeltem Kreuz auf ihre Proſcriptionsliſte ſetzen zu koͤnnen. Daß ſie durch Ihren Beiſtand, den ſie ſich mit Liſt zu verſchaffen ſucht, etwas fuͤr ihren Zweck zu erfahren hofft, liegt klar am Tage; nur Sie ſelbſt haben davon vielleicht noch nichts geahnt, und ich erlaube mir daher, Ihnen alle Vorſicht anzuempfehlen.“ „Ich danke Ihnen,“ entgegnete Heinrich jetzt.„Sie haben mir Einiges geſagt, was mir noch voͤllig unbekannt war, und Vieles, was ich nie geahnt haben wuͤrde. Ich hatte zufällig von Eliſabeths Hierſein gehört, wuͤrde ſie jedoch nie aufgeſucht haben, hätte ſie mich nicht ausdruͤcklich ein⸗ geladen. Ich hatte eben nichts Wichtiges zu thun, und ſo fuͤhrte mich die Neugier zu ihr. Indeß hab' ich nichts von 187 all' dem bemerkt, worauf Sie mich aufmerkſam machen. Durch keine Silbe, durch keine Miene hat ſie mir angedeutet, daß ſie Geheimniſſe bei mir vermuthet.“ „Sie iſt ſehr ſchlau,“ ſagte der Doktor. „Und es iſt wirklich Ihre Ueberzeugung,“ fuhr Heinrich fort,„daß man Dinge, die meiner Anſicht nach zeither nur in den Koͤpfen uͤberſpannter Theoretiker ſpukten, praktiſch auszufuͤhren ſtrebt? Daß es in Deutſchland Leute gibt, die an eine Verwirklichung der fraglichen Ideale glauben koͤnnen? Daß dies in andern Ländern der Fall, weiß ich ſo gut wie Jedermann, aber in Deutſchland haͤtt' ich dergleichen nimmer⸗ mehr vermuthet.“ „Ich fange an einzuſehn,“ ſagte der Doktor,„daß meine Warnungen bei Ihnen uͤberfluͤſſig waren.“ „Das ſind ſie in jedem Falle; aber ich bin Ihnen trotz⸗ dem Dank ſchuldig. Ueberfluͤſſig wuͤrden die Warnungen auch dann fuͤr mich ſein, wenn ich tief in jene maͤrchen⸗ haften Beſtrebungen verwickelt waͤre— denn was ſollte ich fuͤrchten? Ich bin frei, wie der Vogel in der Luft, und habe keine Ruͤckſichten zu nehmen. Man kann mir keine Karriere verkuͤmmern, denn ich ſuche keine. Ich beſitze nichts als ein lebensluſtiges Herz und dabei Geduld genug, um ſelbſt eine Gefangenſchaft von einigen Jahreszeiten zu ertragen— und das waͤre doch das Aeußerſte, was mir ge⸗ ſchehen koͤnnte, wenn ich mich bei einer Weltverbeſſerung betheiligte. Ich bin jedoch zu ſehr Egoiſt, um mich bis dahin zu verſteigen. Ich will mich wohlbefinden und zu meiner Unterhaltung die Welt um mich her wie ein Schau⸗ 188 ſpiel betrachten, ohne ſelber mitzuſpielen. Von heut' an werd' ich jedoch wenigſtens ein aufmerkſamerer Zuſchauer ſein, denn ich muß geſtehn, es gehoͤrt wohl ein aͤußerſt ſcharfes Auge dazu, um manche von den Dingen, deren Sie erwaͤhn⸗ ten, zu bemerken.“ Ein ſo artiger Mann der Doktor auch war, konnte er jetzt doch nicht umhin, einige Empfindlichkeit uͤber Heinrichs verſtelltes und zuruͤckhaltendes Weſen zu zeigen. Er ver⸗ mochte nicht zu verbergen, daß er ſich durch ein Mißtrauen gekraͤnkt fuhle, welches er nicht zu verdienen glaubte, nach⸗ dem er ſich ſelber unumwunden entdeckt und vielleicht blos⸗ geſtellt hatte. Er ſetzte voraus, daß Heinrich bereits durch Wolf und Andere in Alles eingeweiht ſei und ahnte nicht, daß er jenem in der That eine Menge Neuigkeiten geſagt habe. Denn was Heinrich von dem Thun und Laſſen ſeiner Bekannten wußte, hatt' er doch eben nur errathen. Er fand es aber fuͤr gut, ſich noch unwiſſender zu ſtellen, als er's war. „Wie,“ ſagte der Doktor nach einer Pauſe,„Sie fin⸗ den es noch ſchwierig, die Zeichen unſrer Bemuͤhungen zu erkennen? Bemerken Sie nicht die dumpfe Gährung unter gewiſſen Klaſſen des Volkes, beſonders auch in dieſer Ge⸗ gend?“(Heinrich laͤchelte im Stillen uͤber die Eitelkeit, welche glaubte, die Bemuͤhung der wenigen habe die Volks⸗ gaͤhrung hervorgebracht.)„Hoͤren Sie nicht den niedern Arbeiter ſelbſt jetzt von Organiſation der Arbeit und aͤhnlichen Dingen ſprechen, die noch vor wenigen Jahren hier nirgend gehoͤrt wurden? Doch genug, Herr Berg, ich habe noch 189 nicht die Ehre, von Ihnen gekannt zu ſein, und daher fallt mir's nicht ſchwer, Ihnen Alles zu verzeihn. Ich bin ge⸗ wiß, daß Sie ſchon nach wenigen Tagen S mit mir ſprechen werden.“ Mit dieſen Worten griff der Doktor nach ſeinem Hute und antwortete, waͤhrend er Abſchied nahm, auf Heinrichs Entgegnungen und Entſchuldigungen nur mit einem freund⸗ lichen„Schon gut!“— Zweites Kapitel. Nach jener Unterredung mit dem Arzt, welche bei dem⸗ ſelben entweder ein großes Vertrauen oder eine nicht minder große Beſchränktheit vorausſetzen ließ, waren mehrere Tage vergangen. Das Geſpraͤch hatte Heinrich ſogleich reichlichen Stoff zu Betrachtungen gegeben und er mußte ſich geſtehen, daß er an jenem Tage ſehr viel erfahren habe, wovon er noch nichts gewußt hatte. Er uͤberdachte nun ſeine eigne Stel⸗ lung und ſeine Umgebungen und es fiel ihm nicht ſchwer, die Lage der Dinge ungefähr zu uͤberblicken. Er konnte nicht zweifeln, daß er, ohne ſich ſelbſt deſſen bewußt zu ſein, zu einem Bunde gezaͤhlt wurde, deſſen Zweck im weiteſten Sinne Förderung des Volkswohles, der wahren Freiheit, war. Dafuͤr hatte er ſich ſelbſt, beſonders in der letzten Zeit, wo ihm alle Mißverhaͤltniſſe der heutigen Geſellſchaft ins Auge fielen, ſchon begeiſtert, ohne dazu einer Anregung von Seiten Anderer zu beduͤrfen. So erfreulich ihm nun auch 191 die Bemerkung war, daß ſehr viele ein gleiches Streben theilten, ſo mußte ihm in ſeinen dermaligen Verhältniſſen doch ſo Manches hoͤchſt aͤrgerlich und beleidigend erſcheinen und ſeinem Unwillen reiche Nahrung geben. Eine Rnzahl Maͤnner, welche nicht anſtanden, ſich ſeine Freunde zu nennen, verwickelten ihn, wie er jetzt erkennen konnte, in ihre Angelegenheiten und wuͤrdigten ihn dabei ſo wenig ihres Vertrauens, daß es ſchien, ſie wollten ihn nur benutzen und ihm nur die Stelle eines Handlangers einräu⸗ men, welcher blindlings den Plan des Meiſters ausfuͤhren hilft, ohne von dieſem Plane ſelbſt eine Ahnung zu haben. Die wenigen Perſonen, die er in dieſer Weiſe beſchuldigen konnte, waren ihm allerdings meiſt immer noch fremd genug geblieben; nur von Seiten Wolfs empfand er jenes Verfah⸗ ren als eine Beleidigung. Er nahm ſich vor, dieſen beim naͤchſten Zuſammentreffen daruͤber zur Rede zu ſetzen und ſich entweder ſogleich uͤber Alles volles Licht geben zu laſſen, oder von Stund' an ſeines Wegs fuͤr ſich und außer aller Gemeinſchaft mit andern zu gehen. So vermochte er uͤbrigens nunmehr ziemlich genau das Treiben und Streben der Perſonen zu uͤberſehen, welche ſich bis jetzt vor ihm in ein geheimnißvolles Dunkel gehuͤllt hatten. Nur Watkins blieb noch immer eine raͤthſelhafte Erſcheinung, gerade derjenige Mann, dem er jetzt am naͤchſten ſtand und uͤber welchen ihm eine Aufklaͤrung am meiſten erwuͤnſcht ge⸗ weſen waͤre. Nun traten aber auch Momente ein, in denen all dieſe Dinge vor ihm in den Hintergrund treten mußten und wo 192 andre Gedanken ihn mehr und mehr ausſchließlich in An⸗ ſpruch nahmen— naͤmlich hinſichtlich ſeines Verhaͤltniſſes zu Waldrodes Bewohnern. Immer von Neuem erwog er alle Umſtaͤnde, welche damit im Zuſammenhang ſtanden, und muͤhte ſich ab, um ein gluͤckliches Auskunftsmittel, eine ge⸗ nuͤgende Loͤſung der dort eingeleiteten Verwickelung zu finden. Sehr ſchnell mußte er allerdings daruͤber mit ſich einig ſein, daß er nur, indem er ſich die uͤbrigen Glieder der Fa⸗ milie zu unverſoͤhnlichen Feinden machte, Paulinen beſitzen koͤnnte, und daß ihn nur ungewoͤhnliche und gewagte Mittel und Wege mit ihr vereinigen koͤnnten. Er entwarf verſchiedene Plaͤne, von denen einer immer abenteuerlicher als der andre war, und die er daher ebenſo ſchnell wieder verwarf. Ihm ſelber waͤre freilich der aben⸗ teuerlichſte recht geweſen, haͤtte er nicht Ruͤckſicht auf ſie genommen, die er keiner Gefahr preisgeben, keinem Wagniß unterwerfen wollte. Am Ende liefen alle dieſe Plaͤne auf eine heimliche Flucht hinaus, und war er auch wegen des Wie trotz aller moͤglichen Schwierigkeiten nicht verlegen, ſo vermochte er doch uͤber das Wohin nicht mit ſich einig zu werden. So oft er auch, des fruchtloſen Sinnens muͤde, all dieſe Gedanken zu verbannen ſuchte und ſich entſchloß, Alles vom Augenblick abhaͤngig zu machen und vor Allem eine guͤnſtige Zeit zu erwarten, ſo kehrten ihm jene Gedanken doch unwillkuͤrlich immer wieder und er mußte ſich Tag und Nacht damit beſchaͤftigen. Der Znſtimmung Paulinens glaubte er in Allem, was er auch unternehmen moͤchte, ſicher zu ſein. 193 Inzwiſchen hatte er ſeine Berichte an Watkins wie gewohnt fortgeſetzt und dieſem uͤber Alles— nur nicht uͤber ſein eignes Verhaltniß zur jungen Gräfin— die ausfuhrlichſte Auskunft ertheilt. Auch das Geſpräch mit dem Arzt war nicht vergeſſen und daran die dringende Bitte geknuͤpft wor⸗ den, das geheimnißvolle Weſen baldmoglichſt aufzugeben. Er erklärte dabei, daß ihn weniger Neugier zu dieſem Ver⸗ langen treibe, als der ſehr natuͤrliche Wunſch, ſich nicht laͤnger in einer ſchiefen und zweideutigen Stellung zu wiſſen. „Soll ich einer guten Sache förderlich ſein,“ ſchrieb er,„ſo will ich dies wenigſtens mit Bewußtſein. Ein Menſch, welcher nicht ohne Talent iſt und zum geringſten doch ſelbſt⸗ ſtändig zu denken vermag— was, wie Sie hoffentlich zu⸗ geben, beides bei mir der Fall— fuͤhlt ſich unbehaglich, wenn er nur vorſchriftsmaͤßig handeln ſoll. Ich mag nicht laͤnger willenlos ſein. Haben Sie trotzdem Gruͤnde, Ihre Geheimniſſe niemand, auch mir nicht, mitzutheilen, ſo er⸗ klaͤren Sie mir dies wenigſtens ein fuͤr allemal unumwun⸗ den, damit ich doch uͤber mein Verhaͤltniß zu Ihnen eine beſtimmte Meinung habe. Ich achte Sie hoch genug und liehe Sie hinreichend, daß ich ſeloſt dann noch gern auf die eingefuͤhrte Weiſe Ihr treuer Korreſpondent bleiben will. Nur ein beſtimmtes Wort, ob es uberhaupt ſo bleiben ſoll.“ Gleich am naͤchſten Tage nach ſeinem erſten Beſuch war Heinrich wieder zur Warren gegangen, und hatte, da ſie jetzt nur noch den Freund in ihm erblickte und nicht glaubte, gegenwaͤrtig durch ihn noch etwas Weiteres erfahren zu koͤnnen, eine um ſo mehr ſchmeichelnde und freundliche I. 13 194 Aufnahme gefunden. Sie theilte ihm mit, daß der Baron ſchon an dieſem Tage nach Waldrode gefahren ſei, wo ſich derſelbe, jenachdem es ihm behagte, laͤngere Zeit aufhalten wollte. „Sie ſcheinen wenig bekuͤmmert durch ſeinen Abſchied,“ ſagte Heinrich.„Und doch kann ich nicht zweifeln, daß er einer Ihrer beſten Freunde iſt.“ „Nun,“ antwortete ſie,„er haͤlt ſich wenigſtens dafuͤr und ich widerſpreche dieſer Meinung weder vor ihm noch vor Andern, was Sie denn doch begreiflich finden werden, Hein⸗ rich. Er iſt ebenſo reich als bornirt, und in gewiſſer Hin⸗ ſicht ebenſo gutmuͤthig als arrogant. Ja, daß man ihn bei all ſeinen uͤbrigen ſaubern Eigenſchaften auch noch gutmuͤthig nennen kann, iſt das Einzige, was ihn von dem ganzen Schwarme ſeines Gleichen unterſcheidet.“ „Mich wundert nur, Eliſabeth, daß Sie einen ſo gut⸗ muͤthigen Freund nach Waldrode gehen laſſen konnten, wo er ſich leicht gefeſſelt fuͤhlen duͤrfte. Warum haben Sie ihn davon nicht abgehalten?“ „O,“ ſagte ſie lachend,„weil ich ihn zu gut kenne. Im Gegentheil, ich hab' ihm ſogar ſehr zugeredet, jenen Beſuch keinen Tag laͤnger aufzuſchieben. Ich ſehe voraus, daß ſich ſeine Rohheit in jenem Kreiſe nicht behaglich fuhlen kann, und daß man ihn dort zu wenig liebhaben wird, als daß man ihn zu laͤngerm Aufenthalt noͤthigen ſollte. Die ſchoͤne Pauline wird ihm freilich ſogleich auffallen; ſobald er aber, was gewiß am erſten Tage geſchieht, die unterrichtete, gebildete, geiſtreiche und gefuhlvolle Pauline in ihr entdeckt, —— 4 195 ſo wird ſeine anfaͤngliche Begeiſterung ſchnell ſchwinden, denn jene Eigenſchaften koͤnnen ihm, der ihrer keine ſein nennt, nur ſtoͤrend ſein. Ich bin uͤberzeugt, ein einziger Blick von ihr wird ihn ſogleich einſchuͤchtern, und da auch der Umgang mit den Andern aus gleichen Gruͤnden ihn nicht lange wird unterhalten koͤnnen, ſo muß die Sehnſucht nach Miß Eliſg⸗ beth um ſo ſchneller und ſtaͤrker wieder in ihm erwachen. Ja, ich erwarte ihn mit jedem Tage zuruͤck, um ſobald nicht wieder das Weite zu ſuchen. Dort fehlt ihm der Spieltiſch, die Geſellſchaften, in denen er ſich betrinken kann und das Haus, wo er ſich von ſeinem wuͤſten Leben taͤglich erholen darf, das meinige. Ja gewiß, wir ſehen ihn vielleicht heut oder morgen ſchon wieder.“ Als Heinrich nach einigen Tagen Euſubeth noch ein⸗ mal beſuchte, war der kurlaͤndiſche Baron noch nicht zuruͤck⸗ gekehrt; indeß machte ſie ſich keine Sorgen darum. Heinrich ging diesmal mit dem Entſchluſſe von ihr, nicht wieder zu kommen. Sein Geſchaͤft war hier beendigt. Daheim aber wartete ſeiner eine Ueberraſchung, ein Brief von Paulinen. Seit ſeinem Abſchied von Waldrode hatte er nur ein einzig Mal an Alfred geſchrieben und von dieſem auch eine Antwort mit freundlichen Gruͤßen von den Uebrigen, nebſt dem Wunſche, daß er bald zuruͤckkehren moͤge, erhalten. Außerdem hatte er keine Nachricht von dort erlangen koͤnnen und noch weniger hatte er eine ſolche an Paulinen zu ſenden vermocht. Je mehr ſich faſt ſtuͤndlich ſeine Sehnſucht nach dem geliebten Mädchen geſteigert hatte, um ſo freudiger fuhlte 196 er ſich nun durch das erhaltene Schreiben uͤberraſcht, obwohl deſſen Inhalt Grund genug zu ſchweren Beſorgniſſen ent⸗ hielt. Es war ein langer Brief, zu verſchiedenen Zeiten, jenachdem es die Gelegenheit geſtattet, geſchrieben. Schon die Abgabe deſſelben beim Poſtamt mochte mit Schwierig⸗ keiten verknuͤpft geweſen ſein, da niemand ahnen durfte, daß ſie an dieſen Freund ſchriebe. Heinrich hatte das Schreiben bereits durchlaufen, ohne ſich des Inhalts noch deutlich bewußt zu ſein. Seine freu⸗ dige Haſt, mit welcher er las, ließ ihn nicht ſogleich zur Ruhe kommen, und erſt bei wiederholtem Leſen wurde ihm die feindſelige Partie des Inhalts klar. Sie ſchrieb unter Anderm:—„Ja, es wird dir unglaublich ſcheinen, da du dieſen Mann kennſt, aber es iſt doch ſo: Baron Ollersdorf hat ſich bei mir und bei den Eltern um meine Hand bewor⸗ ben. Bis jetzt hab' ich mich vor einer Erklärung zu ſchuͤtzen gewußt, indem ich einer ſolchen ſtets mit einer ſcherzhaften Wendung auszuweichen ſuchte, ſo ſchwer mir dieſe auch wer⸗ den mußte, wo ich mich nur zu gern recht unumwunden aus⸗ gedruͤckt haͤtte. Der Vater iſt leider verblendet genug, mir die uͤble Meinung, die ich vom Baron hege, ausreden zu wollen. Die Mutter ſcheint den Gaſt allerdings nicht be⸗ ſonders zu achten, ſpricht ſich aber nicht entſchieden aus und begnuͤgt ſich mit der Erklaͤrung, ihrerſeits mir durchaus keinen Zwang anthun zu wollen. Alfred allein, obwohl er den Baron ſehr ruͤckſichtsvoll behandelt, iſt es, der entſchieden meine Partie gegen dieſen laͤſtigen Gaſt nimmt. Seine Familie iſt mit der unſern von altersher befreundet, d. h. 197 wenigſtens mit meinem Vater, und da bei letzterm ein alter und reiner Adel, wie der meines Quälgeiſtes, unendlich viel, ich kann wohl ſagen Alles gilt, ſo iſt es kein Wunder, daß ſich der Menſch einer vorzuͤglich guten und ausgezeichneten Aufnahme erfreute, zumal da mein Vater ſeinen Stolz auch darein ſetzt, den Ruf einer edlen Gaſtfreiheit zu behaupten.— Ich bin, was dir nicht bekannt ſein kann, bereits einmal in ähnlicher Lage geweſen,— doch unterſtutzten damals ver⸗ ſchiedene Umſtände meine Weigerung. Aber um wie viel ſchlimmer bin ich jetzt daran! Sllersdorf iſt ein Menſch, den ich verachten, verabſcheuen muß, und der gleichwohl auf unbegreifliche Weiſe die Gunſt meiner Eltern ſogleich fuͤr ſich zu gewinnen wußte. Auf dringendes Bitten meiner Mutter hab' ich verſprochen, ihm wenigſtens vorlaͤufig keine ent⸗ ſchieden abſchlaͤgige Antwort zu geben; ich bereue dies Ver⸗ ſprechen ſehr— welchen Grund konnte man haben, es zu verlangen und wohin ſoll ein ſolches Verhaltniß fuͤhren?— Ein Mann von ehrenhafter Geſinnung oder einigem Zart⸗ gefuͤhl, waͤre ſogleich freiwillig zuruckgetreten; allein ein ſolcher Schritt iſt von Ollersdorf gar nicht zu hoffen. Er nimmt mein Zuruͤckhalten natuͤrlich nur fuͤr jugendliche Ziererei, kindiſchen Eigenſinn, und glaubt ſich(eider mit Rechtl) des Beifalls meiner Eltern bei ſeiner Bewerbung völlig gewiß.“—„Ich bedarf des Troſtes, Heinrich, des Troſtes von dir, denn von welcher Seite duͤrft' ich ihn ſonſt erwarten? Trotzdem darf ich deine Gegenwart fur jetzt nicht einmal wuͤnſchen, denn ich fuͤrchte zu ſehr, daß wir uns dann verrathen koͤnnten. Schreiben darfſt du mir natuͤrlich auch 198 nicht auf offenem Wege— ich werde jedoch auf ein Mittel denken, wie wir unſre Mittheilungen einander zukommen laſſen koͤnnen. Ich fuhle mich ſchon etwas erleichtert durch das Bewußtſein, daß du von meiner peinlichen Lage unter⸗ richtet biſt, denn ſo bin ich wenigſtens der Theilnahme jemands ſicher. Ich bitte dich, fuͤr jetzt ruhig zu warten, bis du neue Nachricht von mir erhaͤltſt; ſo bald es moͤglich iſt, werd' ich dir wieder ſchreiben. Ich bin nur muthlos, ſo lang' ich mich verlaſſen und meinem eigenen Rathe allein anheim gegeben ſehe; jedoch hoff' ich dich zu uͤberzeugen, daß ich im entſcheidenden Moment mich aller kleinlichen Furcht zu entſchlagen weiß.“ So hatte Miß Eliſabeth ſich doch verrechnet. Sie war es indeß nicht, an welche Heinrich bei dieſer Nachricht dachte, eine Nachricht, die ihn, weit entfernt ihn traurig zu machen, in eine nicht unangenehme Aufregung verſetzte. Er ſah dar⸗ aus, daß die Zeit eines dumpfen unthätigen Harrens nun⸗ mehr bald abgelaufen ſein werde, denn das geſchilderte Ver⸗ haͤltniß mußte binnen kurzem ſicherlich eine Entſcheidung her⸗ beifuͤhren; eine Entſcheidung auch fur ihn, eine voͤllige Um⸗ geſtaltung ſeiner Lage, welche ihn jetzt mit ueberdruß er⸗ fuͤllte. Er ſehnte ſich aus all dieſem Treiben hinaus,— er wollte Deutſchland, Europa verlaſſen, ein Meer zwiſchen ſich und all die am Ende doch fruchtloſen Beſtrebungen der Heimat wälzen. Aber das war nur erſt eine dunkle Idee, die jedoch ſehr bald weiter ausgebildet werden ſollte.— In dieſen Tagen erhielt er plötzlich einen Beſuch von Wolf, der ſich, wie er ſagte, hier und da in der Gegend umgeſehn hatte. Heinrich ſäumte nicht, ihm ſogleich die Eröffnungen von Seiten des Arztes mitzutheilen und ſich uͤber das zuruͤckhaltende Weſen, welches ihm die Freunde bewieſen, zu beſchweren. „Aber, lieber Freund, entgegnete Wolf, nachdem er jenen ruhig ausreden laſſen,„Sie ſetzen mich da wahrhaftig in Erſtaunen. Wenn ſich der Doktor von Ihnen beleidigt glaubt, ſo kann ich ihm das kaum verdenken, denn er mußte, ſo gut ich ſelbſt dies thue, bei Ihnen eine Kenntniß alles Deſſen vorausſetzen, was er Ihnen ſagte und was Sie zu meiner Verwunderung erſt durch ihn erfahren haben wollen. Iſt dies wirklich der Fall, ſo ſind Sie verteufelt kurzſichtig geweſen. Uebrigens ſind wir in letzter Zeit wenig beiſammen geweſen; aber ich wußte, daß Sie mit Leuten umgingen, die unſre Anſichten theilen und mit uns nach gleichem Ziele ſtreben. Daher haͤtt' ich nimmermehr erwartet, mich nun erſt auf ſolche Weiſe von Ihnen befragt zu ſehen. Was der Doktor uͤber mich geaͤußert hat, iſt gleichfalls vollkommen wahr, nur daß ich allerdings mich hier zu Lande nicht eigent⸗ lich thätig zum Beſten unſrer Sache betheilige, weil mich dies ohne Nutzen in unangenehme Lage bringen wuͤrde. Meine Heimat iſt das Feld, welches ich bebauen will und wo ich die Freiheit und Kraft dazu habe. Hier bin ich mehr— hauptſaͤchlich um meine Erfahrung zu erweitern— ein bloßer Zuſchauer, und ſuche hoͤchſtens, wie's die Gele⸗ genheit gibt, durch meinen Rath nuͤtzlich zu werden. Wohl moͤglich, daß ich ſehr bald Europa verlaſſe; mit Deutſchland werd' ich wenigſtens waͤhrend der naͤchſten Monate fertig 200 werden. Ja, Heinrich, der Doktor hat Ihnen einen Dienſt leiſten wollen, indem er Sie vor Eliſabeth warnte: denn es iſt ſo gut wie gewiß, daß ſie als Spionin dient, und im Solde des Juſtizminiſters ſteht, ob mittelbar oder unmittel⸗ bar, das bleibt ſich am Ende gleich. Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie ſich der Perſon noch einmal naͤhern wuͤrden.“ „Ich bin jedenfalls ſicher vor ihr,“ bemerkte Heinrich. Nach einer Pauſe ſagte er zu Wolf:„Es hat mir leid ge⸗ than, als ich Sie am Morgen nach unſter Zuſammenkunft im Gaſthauſe zu Waldrode nicht wiederfand. Haben Sie ſeitdem etwas von Mariens Schickſal gehoͤrt?“ „Das arme Kind!“ ſagte Wolf.„Ich weiß Alles, allein ich verdamme ſie keineswegs. Erlauben Sie mir, daß ich uͤber die ganze Geſchichte meine eignen Gedanken habe und ſchweigen wir jetzt davon. Wahrhaftig, Heinrich, ich ſehne mich herzlich aus eurem Lande heraus, wo es ſo viel Zucht⸗ haͤuſer gibt, ſo viel Beamte und Polizei, und ſo viel Hun⸗ ger und Kummer. Es mag edel ſein, wenn Sie in dieſem Kerker, denn ſo muß ich das Land nennen, ſtandhaft aus⸗ halten und Ihr Leben in der Hoffnung verkuͤmmern, einſt dieſe Kerkermauern brechen zu helfen; ich wuͤrde mich wahr⸗ ſcheinlich auch ſo aufopfern;— allein, Heinrich, ich wollte deshalb noch nicht ſchlechter von ihnen denken, wenn Sie mir die Hand reichten und ſagten: Alter Freund Wolf, ich ziehe mit dir uͤbers Meer und rette mein freies frohes Herz aus all dem ſtaubigen Wuſt hier.“ „Es koͤnnte wohl ſein, das dies geſchäh',“ ſagte Hein⸗ rich, der dann wieder nachdenklich ſchwieg. 3— „Heinrich,“ begann Wolf nach einer Pauſe wieder, „Sie haben Andre und beſonders auch mich der Zuruͤckhal⸗ tung angeklagt, waͤhrend ich doch weit eher ein Recht hatte, Sie in dieſer Weiſe anzuklagen. Sie kennen den geheim⸗ nißvollen Watkins beſſer als wir Andern alle— niemand kann ſagen, ob man ſich vor dieſem Manne huͤten oder ihm vertrauen ſoll, ob er unſer Feind oder unſer Freund iſt;— Sie allein ſind daruber hochſt wahrſcheinlich laͤngſt im Klaren und wiſſen jedenfalls mehr als wir. Iſt ein Geheimniß dabei, nun, ſo wird niemand verlangen, daß Sie es auf dem Markte erzaͤhlen— indeß glaubt' ich doch zeither, einigen Anſpruch auf Ihr Vertrauen zu haben. Es liegt mir um ſo mehr daran, Aufklärung uͤber Watkins zu erhalten, als derſelbe noch immer Bekanntſchaft mit mir unterhaͤlt und mit mir briefwechſelt. Der Wunſch, Naͤheres uͤber ihn zu wiſſen, iſt alſo ſehr natuͤrlich. Geſtehn Sie mir wenigſtens, ob Sie zum Schweigen verpflichtet ſind.“ „Nein,“ entgegnete Heinrich;„auf mein Wort, ich weiß von Watkins nicht mehr als Sie, vielleicht nicht einmal ſo viel. Ich hab' auch noch keine Frage deshalb an ihn ge⸗ richtet. Geſetzt, er waͤre aufrichtig und ſagte, ich heiße nicht Watkins, ſondern ſo und ſo, ſtamme auch nicht aus Amerika ſondern aus Indien, dann wuͤßt' ich einen andern Namen ſtatt des vorigen und das waͤr' am Ende Alles. Ich fange wirklich an zu glauben, daß hier gar nichts Geheimnißvolles im Spiele iſt; man vermuthet es nur einmal und daher will man es finden.“ 202 „Ich glaub' Ihnen, Heinrich. Allein es iſt Ihnen vielleicht nicht bekannt, daß dieſer Watkins ſich der Protektion des Prinzen Moritz in beſonderm Grade erfreut, daß er von dieſem allenthalben empfohlen iſt und daß ſeine bedeutenden Geldmittel vielleicht auch aus der Schatulle des Prinzen, der jetzt in Amerika, fließen.“ Das wußte Heinrich allerdings ſchon und doc fiel ihm erſt jetzt dieſer Umſtand mehr auf. „Von jener Goͤnnerſchaft hab' ich eine Kunde erhalten,“ ſagte er.„Und was koͤnnte wohl daraus gefolgert werden?“ „Viel, nur leider nichts mit Beſtimmtheit“ entgegnete Wolf.„Prinz Moritz iſt jetzt, wie geſagt, auf Reiſen. Es mag ihm daran gelegen ſein, die Lage der Dinge hier aus andern als offiziellen Berichten genau zu erfahren. Der regierende Fuͤrſt iſt alt und hat jedenfalls nur noch kurze Zeit zu leben; der Kronprinz iſt beſtändig kränklich. Bedenken Sie das Alles und ziehen Sie daraus Schluͤſſe, welche Sie immer wollen. Wiſſenswerth ſcheint es mir immer, in welchem Sinne Watkins dem Prinzen dient— denn daß er ihm dient, ſcheint mir außer Zweifel.“ „Nun, das Alles ſind Dinge, an die ich beim Himmel nicht ohne Sie gedacht hätte!“ rief Heinrich.„Sie ſehen, daß Sie mehr wiſſen, als ich. Watkins im Dienſte des Prinzen! Moritz beſitzt viel Anhaͤnger, die es bedauern, nicht den Kronprinzen in ihm zu ſehn.“ Wolf ſtand auf, um fortzugehn. „Werden Sie ſich noch lange hier aufhalten?“ fragte er. 203 „Das iſt ganz unbeſtimmt,“ antwortete Heinrich.„Doch bitt' ich Sie, mir jedenfalls Ihre Adreſſe zu geben, wann einer von uns die Stadt verlaͤßt. Ich werde vielleicht bald Ihre Freundſchaft und Ihren Rath in Anſpruch nehmen muͤſſen.“ Wolf verſprach, ſtets von ſeinem Aufenthaltsorte Kunde zu geben.— Durch die letzten Briefe Watkins' war Heinrich geno⸗ thigt worden, ſeinen Aufenthalt in der Reſidenz immer zu verlaͤngern. Indeß war er jetzt von dem anfaͤnglichen Arg⸗ wohn vollig zuruͤckgekommen, daß nur das unvorſichtige Ge⸗ ſtaͤndniß ſeiner Neigung zu Paulinen die Urſache ſeiner Ent⸗ fernung von Waldrode geweſen ſei. Auch waͤre dieſe dann unnuͤtz geweſen, da es ja immer bei ihm ſtand, Beſuche auf dem Schloſſe zu machen. Nachricht von Pauline. Sie beſtätigte all die Beſorgniſſe, die ihr erſtes Schreiben ſchon angedeutet hatte. Der Baron Ollersdorf zeigte ſich wider alles Erwarten als einen aͤußerſt beharrlichen Bewerber. Sie wuͤrde ſich unter allen Umſtaͤn⸗ den dadurch beläſtigt gefuͤhlt haben, haͤtte jedoch das Unan⸗ genehme leichter ertragen, ſo lange ſie ihre voͤllige Freiheit haͤtte behaupten duͤrfen und der Baron von niemand in ſei⸗ nen laͤſtigen Bemuͤhungen unterſtutzt worden waͤre. Nun mußte ſie aber, was ihr ſelbſt unter die unbegreiflichen Dinge gehoͤrte, bemerken, daß ihre Eltern alles anwendeten, um ſie dem verachteten, ja verabſcheuten Manne geneigt zu machen. Der Graf und die Gräfin ſchienen völlig mit Blindheit geſchlagen und erwieſen dem Gaſte fortwaͤhrend die zarteſte Aufmerkſamkeit, ohne deſſen veraͤchtlichen Cha⸗ rakter und ſeine Rohheit zu bemerken. Alfred, obwohl er Paulinen bedauerte und den Kopf zu alldem ſchuͤttelte, hielt Drittes Kapitel. Wenige Tage nachher erhielt Heinrich wieder ſchriftliche 205 ſich doch im Uebrigen neutral und ſprach ſeine Meinung nie gegen die Eltern aus. Vielleicht hoffte er im Stillen, bei Gelegenheit den Baron ſelbſt noch auf andre Gedanken zu bringen; wenigſtens ſchloß Pauline aus einer Aeußerung des Bruders, daß derſelbe im ſchlimmſten Falle darauf denken werde, Ollersdorf zu entfernen, und ſich nur vorlaͤufig neu⸗ tral zeige, um nicht ohne Mutzen Eroͤrterungen zu veran⸗ laſſen, welche nur den Frieden der Familie ſtoͤren konnten. Heinrich hielt es fuͤr gut, auch ſeinerſeits(er vermu⸗ thete, daß dies von Seiten der Gräfin ſchon geſchehn,) Wat⸗ kins von dieſer Lage der Dinge in Waldrode zu unterrichten. Er ſchrieb dieſen Bericht mit großer Vorſicht, um jeden Ausdruck zu vermeiden, welcher ſeine dauernde Neigung fuͤr die junge Gräfin hätte verrathen koͤnnen. Allein er wies doch deutlich darauf hin, daß ihm Pauline, die den Baron haßte, ſehr ungluͤcklich zu ſein ſcheine, und daß ihm in der That das Gluck unbegreiflich ſei, welches dieſer Mann bei den Eltern machte. Wie er Ollersdorf bei Eliſabeth Warren kennen gelernt, wußte Watkins bereits. Er erhielt eine Antwort von letzterm, welche ihn ſehr ſchmerzlich beruͤhrte. Man ſah deutlich daraus, daß Wat⸗ kins von der Gräfin eine nicht unvortheilhafte Schilderung des Barons erhalten haben mußte. Paulinens Abneigung hielt man fuͤr voruͤbergehende Grille— Watkins glaubte dieſelbe auf Rechnung ihres fluͤchtigen Gefallens, welches ſie an Heinrich gefunden, bringen zu können, er pries dieſen gluͤcklich, daß er ſich nicht ferner einer unheilbringenden Nei⸗ gung uͤberlaſſen habe, und ſprach die Ueberzeugung aus, daß 206 man den Baron jedenfalls zu hart beurtheile und daß Pau⸗ line ſicherlich am Ende gluͤcklich mit demſelben ſein werde. Heinrich erſuchte er, noch einige Tage in der Reſidenz zu bleiben, um ſich dann, nach erhaltener Weiſung, wieder nach Waldrode zu begeben, von wo er vielleicht manches Wichti⸗ gere, als Heirathsangelegenheiten, zu berichten finden wuͤrde. Am naͤmlichen Tage wandelte Heinrich auf einem der Spaziergaͤnge vor den Stadtthoren, als ein Wagen an ihm voruͤberrollte, welcher ploͤtzlich ſtill hielt. Eliſabeth ſaß darin, welche den einſamen Spaziergaͤnger bemerkt hatte und zu ſich heranwinkte. Sie erſuchte ihn einzuſteigen und er war zerſtreut genug, ihrer Aufforderung zu folgen, was er im naͤchſten Augenblicke bereute. In ſich gekehrt und nachden⸗ kend ſaß er an ihrer Seite und hoͤrte es kaum, daß ſie ihn mit einer Fluth von Vorwuͤrfen uͤberſchuͤttete uͤber ſein lan⸗ ges Ausbleiben, ſeine Kaͤlte und dergleichen. „Aber, wie? Sie hoͤren mich ja gar nicht an, Hein⸗ rich!“ ſagte ſie endlich.„Sie ſchweigen und ſtarren vor ſich hin, als waͤren Sie ganz allein, waͤhrend Sie Ihre beſte Freundin zur Seite haben?— Wahrhaftig, ich glaube, Sie ſelber haben einen Kummer— ja, es iſt offenbar, Sie ſind traurig, ſehr traurig! Nun, da haben wir uns zur guten Stunde getroffen, bei mir finden Sie Theilnahme; auch ich bin verſtimmt, recht ſehr verſtimmt und habe mich nach Ih⸗ nen geſehnt, um mich ausſprechen zu koͤnnen.“ Nach wenigen Minuten hielt der Wagen wieder ſtill. Man befand ſich vor Eliſabeths Hauſe und Heinrich ſah ſich genoͤthigt, bei ihr einzutreten. 207 „Böͤſer Menſch,“ ſagte ſie zu ihm,„mich ſo zu ver⸗ nachlaͤſigen! Ich verzeih' es Ihnen jedoch; es quält Sie irgendwas und Sie wollten mir kein muͤrriſches Geſicht zei⸗ geu, nicht wahr, das war der Grund?— Wiſſen Sie auch, daß Ollersdorf noch nicht zuruͤck iſt?“ Heinrich ſtellte ſich unwiſſend und gleichgiltig. „Ja, leider hatten Sie Recht und ich hatte Unrecht, wenn ich ſeine ſchnelle Ruͤckkehr beſtimmt erwartete. Wer haͤtte das in dieſem Menſchen geſucht! Aber Sie ſcheinen gar nichts zu wiſſen?“ „Ich muß Ihnen geſtehn, daß mich Alles ſehr gleich⸗ giltig laͤßt, was dieſen Baron betrifft. Iſt er nicht mehr Ihr Freund? Ich daͤchte doch, Sie konnten ſich dabei troͤ⸗ ſten— Es wird Ihnen nicht an Freunden fehlen.“ „Er wird ſich naächſtens mit Pauline von Waldrode vermaͤhlen,“ ſagte Eliſabeth. „Das klingt wirklich unglaublilch,“ bemerkte Heinrich. „Er hat die Geſchichte wohl nur erfunden, um Sie ein we⸗ nig zu ärgern. Es ſollte mir leid um die junge Graͤ⸗ fin thun.“ „S iſt Alles nur allzuwahr,“ entgegnete Eliſabeth, welche nun ihrem Unmuthe Luft machte, indem ſie eine Fluth von Schmaͤhungen uͤber den Baron haufte. Endlich ſchien ſie ſich erſchoͤpft zu haben, ihre heitre Miene kehrte zuruͤck und ſie ſagte:„Nun, Heinrich, Sie wiſſen, was mich gekraͤnkt hat; theilen Sie auch Ihren Kummer jetzt mit, damit Ihnen leichter ums Herz wird. Sprechen Sie, ich 203 werde die geduldigſte und theilnehmendſte Zuhorerin von der Welt ſein.“ „Sie irren ſich,“ entgegnete Heinrich;„ich habe nichts zu ſagen. Wenn Sie mich niedergeſchlagen finden, ſo iſt das eben nur Mißſtimmung ohne beſondern Grund— Sie wiſſen, daß mein Naturell kein heitres.“ „Leere Ausfluͤchte! allein ſie ſollen Ihnen nichts helfen. Ich habe mir einmal vorgenommen, Sie nicht anders als mit erleichtertem Herzen hier fortzulaſſen.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich der Doktor melden. „Er iſt uns willkommen,“ ſagte Eliſabeth, indem ſie dem Bedienten zugleich einige Auftraͤge gab. Der Arzt trat ein und ſchien ſich zu wundern, daß Heinrich dieſe Bekanntſchaft noch immer nicht aufgegeben habe.„Wir haben einander neulich beide verkannt,“ ſagte er zu jenem.„Wolf hat mich aufgeklärt und ich verzeihe Ihnen von Herzen Ihr Mißtrauen. Huͤten Sie ſich jetzt beſonders vor unſrer ſchoͤnen Wirthin.“ Heinrich begannen die unablaͤſſigen Warnungen von ver⸗ ſchiedenen Seiten um ſo läſtiger zu werden, als er eigentlich gar keinen Grund zur Vorſicht zu haben glaubte, da er ſelbſt nicht recht wußte, was es fur ihn zu verrathen gab. Der Bediente brachte einige Leckereien und eine ziem⸗ liche Anzahl Champagnerflaſchen. „Wir ſind allein, meine Herrn,“ ſagte Eliſabeth,„und es wird weiter niemand vorgelaſſen. Wir Alle haben unſern Kummer, jedes in ſeiner Art, und muͤſſen uns aufheitern. „ 209 Erzaͤhlen Sie uns einen Schwank, Doktor, irgend eine laͤ⸗ cherliche Tagesneuigkeit.“ „Ach,“ ſagte der Arzt lachend,„fur Sie gibt es leider keine Neuigkeiten mehr, ſchoͤne Eliſabeth. Auch von jener Vermaͤhlung, die bald ſtattfindet und Ihnen gewiß zu Her⸗ zen geht, ſind Sie gewiß ſchon unterrichtet. Waldrode iſt jetzt uͤberhaupt Zeuge von lauter Feſt- und Feiertagen. Seit geſtern haben, wie ich hore, die Arbeiter in ſaͤmmtlichen Fa⸗ briken dort draußen die Arbeit in Maſſe eingeſtellt. Die Spinnereien ſind entvölkert. Man ſcheint ſo etwas laͤngſt vermuthet zu haben, denn auf die erſte Nachricht hat man bereits am geſtrigen Abend einige Compagnien Militaͤr von hier abgeſchickt, welche das Gaſthaus in Waldrode be⸗ ſetzten, wo die Arbeiter eine Verſammlung halten wollten. Als ſie darauf unter freiem Himmel zuſammen kamen, jagte man ſie auseinander. Zur Arbeit ſind ſie jedoch noch nicht zuruͤckgekehrt und fordern eine bedeutende Lohnerhoͤhung.“ Dies waren uͤberraſchende Nachrichten und der Arzt wunderte ſich ſehr, daß Heinrich erſt jetzt davon hoͤrte. Eliſabeth ſchien jedoch an ſolchen Neuigkeiten wenig gelegen. Sie munterte die Gaͤſte zum Genuſſe des vorzug⸗ lichen Getraͤnkes auf und indem ſie dabei mit ihrem Bei⸗ ſpiele voranging, bot ſie zugleich Alles auf, jene in eine lu⸗ ſtige Stimmung zu verſetzen. Der Verluſt eines„Freun⸗ des,“ wie Ollersdorf, war ihr in der That ſehr empfindlich und ſie wollte ſich zerſtreuen. Der Champagnergeiſt that vortreffliche Dienſte. Selbſt Heinrich mußte unwillkurlich alles Leid und Weh vergeſſen, 14 210 als Eliſabeth, die allmaͤlig in eine hoͤchſt roſige Laune ge⸗ rieth, die Koſten der Unterhaltung ganz allein zu tragen be⸗ gann. Heinrich ſtraͤubte ſich anfangs dagegen, Wohlgefallen an dem, was ſie ſprach und that, zu finden; bald aber ſchämte er ſich dieſer Pedanterie und mußte ſich geſtehen, daß Eliſabeth einen ebenſo uͤbermuͤthigen als liebenswuͤrdi⸗ gen und jedenfalls hinreißenden Humor zu entfalten wußte. Er mußte ſich geſtehen, daß es wahrhaft Schade um dies Weib ſei, welches ſicherlich dem Untergang entgegen eilte. Sie foͤrderte die ergotzlichſten Einfalle zu Tage und was ſie ſprach, trug ſie auf eine Weiſe vor, daß ſie jeden Verzwei⸗ felten zu Lachen und Frohſinn gebracht haben wuͤrde. Da⸗ bei ſchonte ſie freilich des Getränkes nicht. Ihre Wangen gluͤhten, ihre Augen leuchteten und von Minute zu Minute ward ſie ubermuͤthiger. Dabei aber verlor ihre Unterhaltung keineswegs an Reiz, ihre Einfaͤlle nahmen einen faſt genia⸗ len Flug, je toller ſie wurden, und ihre wunderbare Gabe ſchien anſteckend zu ſein, denn die Gaͤſte blieben keineswegs theilnahmloſe Zuhoͤrer.— Heinrich, der bald in eine Stim⸗ mung gerathen war, daß er ſich gehen ließ und ſich der Hei⸗ terkeit vollig hingab, die ihm in letzter Zeit ſo fremd gewor⸗ den war, bemerkte, waͤhrend ihm ſelber der Rebengeiſt zu Kopfe ſtieg, ebenſowenig wie Eliſabeth, daß der Doktor allein maͤßig blieb und ſich ſorgfältig vor dem leiſeſten Rauſche huͤtete, obwohl er ſcheinbar an aller Fröhlichkeit Theil nahm. Ihre ausſchweifende Luſtigkeit hatte den hochſten Grad erteicht, und wäͤhrend ſie in ſolcher Stimmung vor den Gaͤ⸗ ſten ſaß, während ihr reiches langes Haar in vollen Locken 211 aber in reizender Unordnung ihr auf den Nacken und den ſchoͤnen Buſen niederwallte, und waͤhrend ſie eine Bemerkung ausgeſprochen, welche durch kecken Witz, durch geiſtreiche und kuͤhne Bedeutung Entzuͤcken, Bewunderung, Staunen er⸗ regte:— da ward ſie im naͤmlichen Moment plotzlich ſtill, ſenkte das Haupt, welches ſie auf den ſchoͤnen Arm ſtutzte und begann zu— weinen. „Schade, daß dies mimiſche Meiſterſtuck kein großeres Publikum bewundern kann,“ fluſterte der Doktor jetzt Hein⸗ rich zu.„Ich bin neugierig in welche Geſtalt ſich die ſchoͤne Magdalena zunächſt verwandeln wird.“ Er hatte ſo leiſe geſprochen, daß ſie ihn unmoͤglich ver⸗ nahm. Aber ſie ſchien ſeine Gedanken errathen zu haben. „Sie irren ſich in mir,“ ſagte ſie, indem ſie das in Thraͤnen gebadete Geſicht zeigte.„Ich ſelber bin in einem Irrthum befangen, glaub' ich. Meine Herrn, ich bitte Sie, * mich nun zu verlaſſen. Meine Stimmung vertragt keine Zeugen und es iſt auch ſpät in der Nacht.“ Der Doktor ſchuͤttelte mit dem Kopfe, er wußte nicht, was er von dieſer Tragikomödie halten ſollte. Noch erſtaun⸗ ter war Heinrich. Beide aber mußten den Wunſch der Miß erfuͤllen. Sie empfahlen ſich, Eliſabeth erhob ſich nur einen Moment, als ſie Abſchied nahmen, und ſank, noch ehe die Gaͤſte das Gemach verlaſſen hatten, auf das Sofa zuruͤck, wo ſie weinend das Geſicht auf ein Kiſſen druckte. Man hatte die Flucht der Zeit nicht beachtet und ſo waren bei dieſem wunderlichen Gelag ſieben Stunden ver⸗ floſſen. Mitternacht war bereits voruͤber. 14* 212 „Ich hätte nicht geglaubt,“ ſagte Heinrich, eh' er von ſeinem Begleiter Abſchied nahm,„daß dies Weib ſo ſeltſa⸗ mer Launen faͤhig waͤre, und ich weiß nicht, ſoll ich es auf Rechnung des Weines oder eines plotzlichen reuigen Gefuͤhls ſchreiben, daß ſie mit einemmal von der aͤußerſten Luſtigkeit in die tiefſte Schwermuth fallen konnte.“ „Wie,“ rief der Arzt lachend,„ſo halten Sie den Streich wirklich fuͤr mehr als eine bloße Komoͤdie? Kennen Sie dieſe Schauſpielerin noch ſo wenig? Nein, nein, es war ein bloßer Scherz von ihr, den ſie ſehr leicht ausfuͤhren konnte, da ſie Thraͤnen und Lachen vollkommen in ihrer Ge⸗ walt hat. Aber eine Abſicht iſt jedenfalls hinter dem Scherze verborgen. Geben Sie acht: ſie wird auf mich ſchmähen, wenn Sie ihr ſagen, welche Auslegung ich dem Poſſenſpiel gebe, und Alles wird ſie anwenden, um Sie glauben zu machen, daß dieſe Thränen aͤcht waren und daß ſie wirklich in plotzliche Trauer verſunken geweſen. Irgend einen Zweck will ſie bei Ihnen erreichen und Sie werden dies bald er⸗ fahren.“ „Hoffentlich werd' ich dazu keine Gelegenheit mehr ha⸗ ben, wenn mein boͤſer Genius mich nur einige Tage nicht wieder in ihre Naͤhe zwingt. Willkuͤrlich bin ich nicht zu ihr gekommen.“ Heinrich ſagte dem Doktor nun eilig gute Nacht und begab ſich nach ſeiner Wohnung. Er empfand jetzt erſt, daß ſein Kopf ſchwer war und pries ſich nur glucklich, daß er keinen Anlaß gehabt hatte, ſeine Geheimniſſe zu verra⸗ 213 then, was in ſolchem Zuſtande nur zu leicht haͤtte geſchehen koͤnnen. Er fuͤhlte ſich um ſo dringender aufgefordert, kunftig derartigen Gelegenheiten auszuweichen und ſich der aͤußerſten Vorſicht zu befleißigen, als ein Brief von Paulinen, den er daheim fand, ihn daran mahnte, was Alles fuͤr ihn auf dem Spiele ſtand. Sie konnte ihm allerdings wenig Neues melden, nur daß die mißlichen Verhaͤltniſſe, von denen ſie bereits geſpro⸗ chen, ſich jetzt aufs Aeußerſte geſteigert hatten. Alles wurde aufgeboten, um ihr das Jawort abzunoͤthigen, und die Gra⸗ fin hatte ſie, da man ihren unbezwinglichen Widerwillen be⸗ merkte, aufs Neue dringend gebeten, dem Baron wenigſtens kein voreiliges Nein zu ſagen. Dieſen Wunſch hatte ſie bisher erfullt, feſt entſchloſſen, das Ja ebenſo beharrlich zu vermeiden. „— Dieſen Zuſtand der Dinge,“ ſchrieb ſie,„vermag ich nicht laͤnger zu ertragen. Es muß ein Ausweg, Troſt und Hilfe gefunden werden. Ich weiß nichts mehr zu den⸗ ken und ſetze all mein Hoffen auf dich. Wir muͤſſen uns ohne Verzug ſprechen. Ich habe hin und her geſonnen, wie dies moͤglich zu machen ſei und weiß keinen andern Rath als den fruͤhern— eine Zuſammenkunft im alten Schloſſe. Wirſt du es moͤglich machen koͤnnen, unbemerkt hieher zu kommen und mich um dieſelbe Stunde wie fruͤher dort zu ſehn? Ich meine nicht, daß dies bei Gelegenheit eines oͤf⸗ fentlichen Beſuchs hier geſchehen ſolle— du muͤßteſt heim⸗ lich des Abends nach Waldrode kommen, um dich gleich nach unſter Zuſammenkunft wieder nach der Stadt zuruͤck⸗ zubegeben. Du kennſt den Zugang zum alten Schloß, wel⸗ ches du betreten kannſt, ohne dich hier von jemand bemerken zu laſſen. Ich werde dich dort uͤbermorgen zu der bewußten Zeit erwarten.“ Faſt mußte Heinrich uͤber dieſe ſehr romantiſche Zu⸗ ſammenkunft laͤcheln, doch ſah er ſelbſt ein, daß ſich eine ſolche auf andre Weiſe nicht leicht werde bewerkſtelligen laſ⸗ ſen. Die Hauptſchwierigkeit beſtand darin, ſeine Fahrt nach Waldrode von niemand ahnen zu laſſen, und er ſorgte daher in Zeiten dafuͤr, jeden laͤſtigen Geſellſchafter fur den naͤchſten Abend fern von ſich zu halten. Was den unruhigen Zuſtand der Gegend um Wald⸗ rode anlangte, ſo hoͤrte er am naͤchſten Tage Alles beſtaͤtigt, was der⸗„Arzt geſagt hatte. Die Zuziehung von Militär hatte die Gaͤhrung der Arbeiter nur noch vermehrt, die Fa⸗ briken ſtanden noch immer ſtill und die Verhaftung Einzel⸗ ner, die als Raͤdelsfuͤhrer verdaͤchtigt waren, ſteigerte die ge⸗ reizte Stimmung immer mehr. Es ſchien, daß Alles, worin Heinrich jetzt mehr minder verwickelt war, jetzt einer Entſcheidung entgegengehen ſollte und er ſehnte dieſe von ganzem Herzen heran. Er hielt fuͤr's Beſte, daß Alles gewagt werde, um Alles zu gewin⸗ nen,— denn er fuͤrchtete, daß ihn ein laͤngeres Schwanken und Erwarten aufreiben werde. Viertes Kapitel. Um ſich dem Auge jedes unwillkommenen Bekannten um ſo ſicherer zu entziehen, hatte er eine Abtheilung bei dem gegen Abend abgehenden Dampfwagenzuge fur ſich al⸗ lein gemiethet. Dieſer Zug konnte erſt mit einbrechender Daͤmmerung die naͤchſte Station erreichen, und ſo hoffte er im Dunkeln nach dem bezeichneten Orte gelangen zu können. Mit den Wegen um Waldrode war er vollkommen vertraut und hatte daher auch nicht noͤthig bei irgend jemand Erkun⸗ digungen einzuziehen. Freilich hatte er dann immer noch einige langweilige Stunden in der Einſamkeit hinzubringen, da er vor elf Uhr Nachts nicht auf Paulinens Erſcheinen rechnen durfte; und anderwaͤrts als an dem Orte der Zuſammenkunft wagte er ſich nicht aufzuhalten, da er bereits waͤhrend der Fahrt be⸗ merken konnte, daß ſich die Gegend allenthalben in unge⸗ wohnter Aufregung befand. 216 Es war bereits vollig dunkel, als er die Eiſenbahn ver⸗ ließ, um ſogleich einen einſamen Feldweg nach Waldrode ein⸗ zuſchlagen. Als er die Gartenzaune, welche das Dorf in dieſer Richtung begraͤnzten, erreicht hatte, fand er neuen Anlaß zu aͤußerſter Vorſicht. Ein ungewohntes Gerauſch erregte ſeine Aufmerkſamkeit. Es war eine voruͤberziehende Patrouille, welche ſo eben jemand anrief und examinirte. Heinrich wußte nicht, daß hier eine Verordnung erlaſſen worden war, nach welcher ſich niemand nach zehn Uhr im Freien blicken laſſen ſollte, den nicht unabweisbare Geſchafte dazu noͤthigten. Er erkannte indeß wenigſtens, während er im Schutze eines al⸗ ten Birnbaums die Soldaten an ſich voruͤberziehen ließ, daß man nicht allein im Fabrikdorfe, ſondern allenthalben in der Runde, die unzufriedene Stimmung der Bewohner furchtete und allen Folgen derſelben durch energiſche Mittel zu begeg⸗ nen ſuchte. Voll Beſorgniß, einer der umherziehenden Abtheilungen in die Haͤnde zu fallen und etwa ein Eramen beſtehen zu muͤſſen, ſchlich er behutſam durch eine Nebengaſſe des ver⸗ ödeten Dorfes, waͤhrend er nichts als den fernen Schritt der Patrouillen vernahm, und gluͤcklich gelang es ihm, den Schloßgraben zu erreichen, wo er keine Begegnung weiter fuͤrchten durfte. Dieſer halbverſchuͤttete Graben, welcher nur noch um den alten Schloßtheil vorhanden war, machte es ihm moͤglich, den Ahnenſaal zu betreten, ohne die Schloß⸗ pforte vorher paſſiren zu muͤſſen. Die Mauer war naͤmlich an einer Stelle hier ſo verwittert, daß man ziemlich bequem 217 wie auf einer Leiter und noch dazu unterm Schutze dichter Gebuͤſche und Baäume zu einer Oeffnung emporklimmen konnte, die nach einem oͤden Gemach fuͤhrte, welches ehedem zu einem Pferdeſtall beſtimmt geweſen ſchien. War dieſer Punkt einmal erreicht, ſo konnte ein der Oertlichkeit Kundi⸗ ger ohne weitere Schwierigkeit zum Ahnenſaale wie in alle andern Theile des Schloſſes gelangen. Er wußte ſelbſt nicht, wie glucklich er geweſen war, den militaͤriſchen Spähern zu entgehen, denn es war ihm unbe⸗ kannt, daß ſich die Gegend gleichſam im Belagerungsſtande befand. Trotzdem aber, daß er die gluͤcklich uberſtandene Ge⸗ fahr nicht kannte, athmete er doch tief auf, als er jenes alte dumpfige Gemach erreicht hatte, wo vor Zeiten die Roſſe der Grafen von Waldrode geſtanden hatten. Er mußte hier ſeinen Weg, mit den Haͤnden an der feuchten Wand tap⸗ pend, weiterverfolgen, denn es herrſchte die vollkommenſte Nacht, da heute durch die engen Fenſteroffnungen auch kein Mondlicht dringen konnte. Indeß fuͤhlte er ſich doch unbe⸗ ſorgt vor jeder Stoͤrung, während er verſchiedene Treppen emporſtieg und mehrere Gaͤnge durchſchritt; es verirrte ſich nicht leicht bei Tage und ſicherlich nicht zu dieſer Stunde jemand hieher. Er betrat den Ahnenſaal, der heut auch voͤllig dunkel war und jener geſpenſtiſchen Mondbeleuchtung entbehren mußte. Selbſt das matte Sternlicht konnte heute keinen leiſen Strahl hereinſenden, denn der Himmel war umwoͤlkt. Heinrich ſuchte den alten Stuhl, den er bereits von dem fruͤhern Beſuche kannte und ließ ſich in demſelben nie⸗ 218 der, um geduldig noch eine oder zwei Stunden in dieſer troſt⸗ loſen Einſamkeit zuzubringen. Er hatte da Muße genug zum Nachdenken, da nichts vorhanden war, was ſeine Ge⸗ danken haͤtte ſtoͤren können. Es herrſchte die tiefſte Stille und die ſchwaͤrzeſte Finſterniß verbarg dem Blicke jeden Ge⸗ genſtand. Zu ſeiner Freude ſollte die Zeit des Erwartens weit eher enden, als er vermuthet hatte, denn noch war er keine Stunde hier geweſen, als ſich eine der zum Saale fuͤhren⸗ den Thuͤren oͤffnete.— Im naͤchſten Augenblicke hielt er ſie wieder in ſeinen Armen. Es waren nun bereits Wo⸗ chen verfloſſen, ſeit dieſer Ort Zeuge ihrer erſten Zuſammen⸗ kunft geweſen war, und damals glaubten beide noch nicht, daß ihr Geſchick ſo bald ein drohendes Anſehn gewinnen wuͤrde. Heinrich druckte einen langen heißen Kuß auf ihren Mund. Dann ließ er ſich auf dem alterthuͤmlichen Stuhle nieder, zog ſie an ſeine Seite und ſagte:„Pauline, biſt du entſchloſſen, mir in jeder Lage zu folgen? Oder vielleicht haſt du in der letzten Zeit einen neuen Entſchluß gefaßt— den du mir mittheilen wirſt?“ „Nein, Heinrich, keinen neuen Entſchluß; nur immer mehr beſtaͤrkt fuͤhl' ich mich in dem alten.“ „So biſt du demnach entſchloſſen, mir unter jeder Be⸗ dingung zu folgen, ſobald ich ſage, es iſt Zeit daß wir flie⸗ hen? So willſt du ohne Zoͤgern dies Schloß und was dir ſonſt lieb iſt, verlaſſen, wenn ich ſage, daß die Stunde ge⸗ kommen iſt?“ 219 „Ja, Heinrich, Alles will ich um deinetwillen verlaſſen. Ich werde ſtandhaft und muthig ſein, wenn dieſe Stunde erſcheint; ich werde Alles mit Gleichmuth verlaſſen können. Ich fuͤhle wohl, daß ſpäter Augenblicke kommen koͤnnen, wo ich mit Wehmuth an Waldrode zuruͤckdenke— ſolche Au⸗ genblicke werden gewiß kommen— allein, in der entſchei⸗ denden Stunde werd' ich feſt und kalt gegen alles Andre ſein, verlaß dich darauf, Heinrich.“ „Ich habe jetzt noch keinen Plan fuͤr uns ausgebildet,“ ſagte Heinrich,„aber ich werde nunmehr meinen Entſchluß faſſen und ich glaube ſicherlich, daß du, ehe der Neumond wieder eintritt, Waldrode zum letzten Mal geſehn haben wirſt. Es wird uns nur wenig Gelegenheit zu gemeinſa⸗ mer Berathung werden, Pauline, und du mußt daher mir Alles allein uͤberlaſſen— biſt du damit zufrieden?“ „Ich folge dir und vertraue mich dir.“ „Nun, ſo werd' ich alle Anſtalten treffen, um mit dir fuͤr immer dieſe Gegend und Deutſchland zu verlaſſen. Den Tag und die Stunde ſo wie alles Andre mußt du dabei mir uͤberlaſſen. Ich werde ſobald es nur moͤglich iſt, das heißt wenn alle noͤthigen Vorbereitungen zur Ausfuͤhrung unſers Planes getroffen ſind— und ich hoffe, daß dies binnen laͤngſtens zwei Wochen geſchehn ſein ſoll— hieher kommen, um dir die betreffenden Mittheilungen zu machen. Ich werde dann Waldrode einen fluͤchtigen Beſuch ſchenken und unter paſſendem Vorwande das Schloß am nämlichen Tage wieder verlaſſen. Ich denke, auch du wirſt es an dem näm⸗ lichen Tage und kurz nach mir verlaſſen muͤſſen. Etwas 220 Beſtimmteres vermag ich dir jetzt noch nicht mitzutheilen. Du aber wirſt mich inzwiſchen von Allem unterrichten, was hier vorgeht. In der Ausſicht auf baldige Befreiung wird dir's nicht ſchwer fallen, die Zudringlichkeit deiner Umgebun⸗ gen noch einige Wochen in Geduld zu ertragen;— obwohl es rathſam ſein mag, daß du wie bisher denſelben Wider⸗ willen an den Tag legſt, um auf keine Weiſe den leiſeſten Verdacht zu erregen. Du darfſt vor den Deinigen durchaus nicht anders erſcheinen, als in der letzten Zeit. Weiter hab' ich nichts zu erinnern, Pauline. Du wirſt einen gewagten Schritt thun, aber du kennſt deine eigne Kraft, und was du thuſt wirſt du mit Bewufßtſein thun.“ „Und ich werde voll Ungeduld die Stunde erwarten,— furchte nicht, meine Entſchloſſenheit wanken zu ſehn. Ue⸗ berall wo du biſt, wird meine Heimat ſein.“ „Wir werden einander nicht wieder ſehen bis zu jenem erſehnten und entſcheidenden Tage— die gegenwärtige Stunde darf uns darum um ſo weniger ſchwermuͤthig ſehn. Die Trauer und der Schmerz gehoͤrt nur den Einſamen; wir ſind jetzt nicht einſam, und daher ſei heiter, Geliebte. Suche jetzt Alles zu vergeſſen, was wir zu erwarten haben, ſchlag dir jeden Gedanken an unſern Plan aus dem Sinne, wie ich es heute ebenfalls thun will.“ Es gelang ihm bald, die Bangigkeit, welche trotz ihres entſchloſſenen Sinnes nicht ganz aus dem Herzen des Maͤd⸗ chens weichen wollte, zu beſchwichtigen. Er begann von minder wichtigen Dingen zu plaudern, denn da er einmal ihres Entſchluſſes ſicher war, ſo wollte er Alles anwenden, 22¹ um ſie nicht bekuͤmmerten und ſchweren Herzens von dieſem Orte gehen zu laſſen. Er ließ ſich von den uͤbrigen Bewoh⸗ nern des Schloſſes erzaͤhlen, von den Unruhen in der Umge⸗ gend und von den Sicherheitsanſtalten, welche man gegen dieſelben getroffen hatte. Sie ſchilderte ihm die Angſt, welche ſie ſeinetwegen empfunden hatte, waͤhrend er einer der allent⸗ halben aufgeſtellten Wachen in die Haͤnde fallen konnte. Es war zu ſpaͤt geweſen, um ihn von dieſen Umſtaͤnden noch in Kenntniß zu ſetzen, und nun, wo er den Ruͤckweg noch vor ſich hatte, war die Gefahr doch erſt zur Hälfte uͤberſtanden. Er ſuchte all ihre Beſorgniſſe zu zerſtreuen, was ihm um ſo leichter gelang, da er ſelbſt keine hatte. Diesmal konnten die alten Ahnenbilder nicht zuͤrnend und drohend auf die Liebenden herniederſehn, da, wie erwaͤhnt, eine vollkommene Finſterniß herrſchte; auch fuͤrchteten die in ſtarker Liebe Verbundenen jenes Drohen nicht mehr. Plotzlich wurden ſie jedoch aus ihren ſuͤßen Traͤumen aufgeſchreckt. Ein roͤthlicher Schimmer faͤrbte auf einmal die dichten Wolken, welche den Himmel voͤllig umzogen hatten— faſt im naͤmlichen Augenblicke, da man dies bemerkte, begann die Sturmglocke zu laͤuten und die Hoͤrner der im Dorfe lie⸗ genden Jäger ſchreckten die Einwohner aus dem Schlafe empor. Die Ausſicht nach dem Fabrikdorfe war dem Blicke hier durch einige vorſpringende Theile des Gebaͤudes verdeckt; man bemerkte jedoch deutlich, daß in jener Richtung ein Haus in Flammen ſtehen muͤſſe. Es war vorauszuſehn, daß binnen wenigen Augenblicken ganz Waldrode munter ſein werde und 22 auch Pauline mußte furchten, in ihrem Zimmer geſucht und vermißt zu werden. Es war keine Zeit zu verzoͤgertem Abſchied vorhanden. Nicht einmal die Angſt um ihn, welcher jetzt nur zu leicht bei ſeiner Flucht entdeckt werden konnte, durfte ſie ausſpre⸗ chen. Noch ein Kuß, ein Lebewohl, und ſie ſuchte eilend den dunkeln Weg nach ihren Gemaͤchern. Heinrich glaubte weniger Eile zu haben. Er vermu⸗ thete, daß man eines der Fabrikgebaͤude in Brand geſteckt haben möge. Die Gluth war immer im Steigen begriffen und der Lärm im Dorfe nahm zu. Unter dieſen Umſtaͤnden hielt er's fuͤr gerathen, den erſten Tumult voruͤber zu laſſen, bevor er ſelber den Ruͤckweg antraͤte. Er ſetzte voraus, daß die in Waldrode liegende Militärabtheilung nach dem ge⸗ faͤhrdeten Orte aufbrechen werde; in dieſer Vermuthung ſah er ſich jedoch getaͤuſcht; er wußte nicht, daß auch in jenem Orte bereits eine hinreichend ſtarke Truppenzahl ſtand. In ſeinem gegenwaͤrtigen Aſile war er allerdings voll⸗ kommen ſicher; allein er mußte daran denken, daß er mit Tagesanbruch womoͤglich die vier Meilen entfernte Stadt erreichen wollte, ein Weg, den er diesmal zu Fuße zuruͤckzu⸗ legen hatte. Er hoffte ebenſo gluͤcklich davon zu kommen, wie er hergekommen war, und begann daher nun dieſelben Gemaͤcher und Gaͤnge wie vorher zu durchſchreiten, bis er den Schloßgraben erreichte. Mitternacht war unlaͤngſt vor⸗ uͤber; alle Dorfbewohner, die nicht von Amtswegen bei der Feuersgefahr erſcheinen mußten, waren auch jetzt genoͤthigt, ſich im Innern ihrer Wohnungen zu halten. Dieſer Umſtand 223 war mißlich. Denn als einzelner Wandrer konnte Heinrich um ſo leichter bemerkt werden. Dennoch gelang es ihm auch diesmal, ungefaͤhrdet das Ende des Dorfes zu erreichen. Schon ſah er das freie Feld vor ſich, als er von einer Wache angerufen wurde. Heinrich fand fuͤr gut, keine Antwort zu geben, ſondern ſeinen Weg im Dunkel der Nacht um ſo eiliger fortzuſetzen. Der Ruf wurde raſch wiederholt und verdoppelte Eile war des Wand⸗ rers einzige Antwort, welcher bemerkt hatte, wie der unwill— kommene Frager das Gewehr anſchlug. Statt einer neuen Frage erfolgte ein Buͤchſenſchuß und Heinrich fuͤhlte, daß ihm die Kugel dicht uͤberm Kopfe wegging. Er ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, nur ſeinen Hut durchbohrt zu finden. Von jetzt an hatte er nichts mehr zu furchten und konnte ſeine Wan⸗ derung ungehindert fortſetzen. Am Morgen erreichte er, ermüdet zum Umſinken, ſeine Wohnung, nachdem er einen Weg in ſechs Stunden zuruͤck⸗ gelegt hatte, zu welchem ſonſt mindeſtens neun erforderlich waren. Fuͤr den Augenblick konnte und wollte er nichts thun und denken. Er verſchloß ſich in ſeinem Zimmer und uͤber⸗ ließ ſich dem Schlafe, deſſen er jetzt vor Allem bedurfte. Fünftes Kapitel. Heinrich ſäumte nunmehr keinen Augenblick, zu han⸗ deln. Er fuͤhlte, daß er ſich fuͤr das Gluͤck Paulinens, fuͤr den Frieden ihrer Familie verantwortlich machte. An ſich ſelbſt dachte er dabei nicht. Aber die Flucht, zu welcher man ſich entſchloſſen hatte, war ihr Wille ſo gut wie der ſeinige. Sie ſelbſt war uͤberzeugt, daß ſie nicht glucklich werden koͤnnte, wenn ſie ſich den Verhaͤltniſſen unterwerfen und ihren Ent⸗ ſchluß aufgeben wollte. Ihre Liebe zu Heinrich war zu ſtark, zu feſt, um ihn je vergeſſen oder ruhigen Herzens ſeiner den⸗ ken zu koͤnnen, ſobald er ihr verloren war. Welche Aus⸗ ſichten hätte ſie daher ſelbſt in dem Falle gehabt, wenn es ihr gelang ſich von dem Baron zu befreien— Aber ſie ſchwankte nicht mehr und Heinrich wußte das. Mit Muth und Entſchloſſenheit war es jedoch nun nicht allein geſchehn. Er mußte einen Plan entwerfen, auf welchen er ſich ſelbſt zu verlaſſen vermochte. Hätte er nur fuͤr ſich ſelbſt allein irgend ein Ziel erſtrebt, ſo wuͤrde er wenig nach 225 Buͤrsſchaften fuͤr das Gelingen ſeines Unternehmens gefragt haben; er hätte dann nur kuͤhn gehandelt und das Ende er⸗ wartet. Aber er wollte Paulinens Wohl nicht dem Zufall anheimgeben. Es galt, fur ſie und ihn eine guflucht, ein Aſyl zu finden, deſſen Erreichung nicht nur moͤglich oder wahrſcheinlich warz er mußte ſicher gehen und jeden Umſtand, jede Moͤglichkeit, im Voraus reiflich erwägen. Hätte ihn ſeine Liebe nicht zu ſo berechnetem, auf Vorſicht und reifliche Beplanung gegruͤnbetem Verfahren beſtimmt, ſo wuͤrde ihm ein ſolches ſchwer genug geworden ſein. All ſeine Bekannten, ſelbſt diejenigen, welche ihm mehr oder minder befreundet und lieb geworden waren, durften von ſeinem Vorhaben nichts ahnen, und nur Wolf, auf deſſen Treue und Verſchwiegenheit er ſicher rechnen zu duͤrfen glaubte, ſollte zum Theil eingeweiht werden; aber auch dieſer nur, weil er deſſen Rath und Beiſtand in Anſpruch zu neh⸗ men hoffte. Alle Andern waren ihm uͤberhaupt ziemlich gleichgiltig, mit alleiniger Ausnahme Watkins. So zuruͤck⸗ haltend dieſer bisher auch faſt in allen Stuͤcken gegen ihn geweſen war, ſo hatte dies ſeine Zuneigung zu dieſem Manne doch im Grunde wenig zu erſchuttern vermocht. Mußte er ſich auf der andern Seite doch geſtehen, daß ihm dieſer ver⸗ ſchloſſene Menſch auch ein ungewöhnliches Vertrauen bewie⸗ ſen hatte, und ſo dunkel ihm ſein Thun und Laſſen auch großentheils blieb, ſo zweifelte er doch nie an den ehrenhaften Abſichten, welche Wackins verfolgen mochte. Um ſo mehr that es ihm weh, ſich gerade vor dieſem Manne diesmal vorzuͤglich huͤten zu muͤſſen und denſelben nichts von ſeiner 15 226 Abſicht errathen zu laſſen. Dies war um ſo ſchwieriger, weil er auch der Hilfe Watkins bedurfte. Er hatte, von andern Gedanken und Gegenſtaͤnden zu ſehr beſchaͤftigt, noch wenig daruͤber geſonnen, welcher Art das Verhaͤltniß ſein mochte, welches den Amerikaner mit der Grafin in eine geheimniß⸗ volle Verbindung brachte. Auch lag ihm wenig an der Er⸗ gruͤndung dieſes Geheimniſſes; das Vorhandenſein deſſelben war jedoch ein Hauptgrund, weshalb er gegen Watkins auf ſeiner Hut ſein mußte, der ihm ohnehin ſchon Andeutungen gegeben hatte, daß er ſeine Neigung zu Pauline nicht billigte. Nach Allem jedoch, was Heinrich ſeit ſeinem erſten Briefe aus Waldrode an Watkins uͤber ſich ſelbſt berichtet hatte, mußte derſelbe ſchließen, daß jene Neigung auch bereits wieder erkaltet und„vernuͤnftigen“ Gruͤnden gewichen ſei. Solche und aͤhnliche Betrachtungen und Erwaͤgungen ſtellte Heinrich gleich am naͤmlichen Tage an, nachdem er ſich von ſeiner nächtlichen Wanderung erholt hatte. Die Zeit war koſtbar und er ſah ein, daß er ſeine Anſtalten ohne fernern Verzug treffen muͤßte. Sein Plan ließ ſich vor allen Dingen nicht ohne Geld ausfuͤhren und die Beiſchaffung einer hinreichenden Summe mußte demnach ſeine naͤchſte Sorge ſein. Er war ſelber ohne Mittel, und ſeine Freunde waren, was dieſen Punkt anlangte, zum Theil ganz in gleicher Lage, waͤhrend er die Uebrigen nicht um derartigen Beiſtand bitten mochte. Watkins war und blieb der Einzige, an welchen er ſich vertrauensvoll wen⸗ den durfte. Langes Ueberlegen und Bedenken durfte jetzt nicht mehr ſtattfinden, und ſo wie ſich Heinrich einmal ge⸗ ſtehen mußte, daß Watkins in Betreff des Gelbpunktes ſeine einzige Zuflucht, ſein könne, ſo ſetzte er ſich ſogleich nieder, um ſich ſchriftlich an dieſen Mann zu wenden. „Der Fall,“ ſagte er in ſeinem Briefe,„welchen wir bei Abſchluß unſers Vertrags ſogleich als moͤglich annahmen und den wir daher beſonders bedachten, iſt gegen all mein Erwarten ſchon jetzt eingetreten. Ich ſehe mich genoͤthigt, den Kontrakt aufzukuͤndigen und muß mich dabei leider an den Punkt halten, nach welchem mir geſtattet iſt, dies ſchon zwei Wochen vor der formlichen Aufloͤſung meiner Verpflich⸗ tung zu thun. Dies geſchieht nun hiermit, Freund Watkins, und Sie können mir auf mein ehrliches Wort glauben, daß es von meiner Seite ungern geſchieht und daß mich nur Gruͤnde, die ſich durchaus nicht beſeitigen laſſen, zu dieſem Schritte zwingen. Ich befinde mich nicht mehr wohl hier und will fort, weit fort— geſtatten Sie mir, daß ich mich nicht weiter uͤber den Grund meiner beabſichtigten Entfernung ausſpreche. Sie wuͤrden vielleicht nur daruͤber lachen und das mag ich nicht riskiren; mir iſt die Sache zu ernſt.— Sie wuͤnſchen, daß ich mich in den naͤchſten Tagen nach Wald⸗ rode begebe. So lieb mir unter andern Verhältniſſen jede Gelegenheit wäre, jenen Ort wieder zu beſuchen, ſo furcht' ich doch, daß der dortige Aufenthalt mir auf's Neue ſchmerz⸗ liche Gefuͤhle erwecken könnte, deren ich mich zeither vollig entſchlagen zu haben glaubte. Wenn Sie daher nicht durch beſonders wichtige Zwecke zu jenem Wunſche beſtimmt wer⸗ den, ſo erzeigen Sie mir einen Gefallen, wenn Sie keinen Anlaß geben, mich wieder dorthin zu fuͤhren. Eine zweite 5* 15 Gefaͤlligkeit, um welche ich Sie bitte, iſt, mir Reiſegeld zu ſchicken. Da ich nicht weiß, wenn ich im Stande ſein werde, Ihnen die Summe, um welche ich Sie bitte, zuruͤckzugeben, — vielleicht wird dies nie der Fall ſein,— ſo wird der Dienſt, welchen Sie mir dadurch leiſten, nur um ſo werth⸗ voller: Sie muͤſſen das Kapital preisgeben, ohne auf Zinſen zu rechnen, denn es iſt leicht moͤglich, daß Sie ſo bald nichts wieder von Ihrem Korreſpondenten hoͤren. Dieſer Gedanke ſollte mich allerdings erinnern, dem Abſchiede von Ihnen einige Worte mehr zu widmen; allein,(wir ſind doch nur unſers Willens, nicht unſers Schickſals Herren!) allein es iſt mir, als fluſterte mir eine dunkle Ahnung zu, da es mit dem Lange⸗nicht-wiederſehn keineswegs ſo ſchlimm ſein werde. Nach einem kurzen Aufenthalte in Frankreich und England will ich nach Amerika reiſen und mich dort wenigſtens ſechs Monate, auch wohl ein Jahr, aufhalten. Somit werden Sie ſelbſt am Beſten berechnen koͤnnen, welcher Summe ich bedarf. Vielleicht koͤnnen Sie mir einige Empfehlungen uͤbers Meer mitgeben, und das ſollte mir lieb ſein. Bis heut uͤber vierzehn Tage haben Sie alſo noch Berichte von mir zu erwarten, die ich waͤhrend dieſer Zeit auf gewohnte Weiſe abgehn laſſen werde. Im Laufe der Woche hoffe ich die erbetenen Geldanweiſungen zu erhalten, und Sie wiſſen ſicherlich zu beurtheilen, welchen Troſt Sie dem unſteten Wandrer bereiten werden, wenn Sie ihm, der fortgeht ohne Sie noch einmal zu ſehn, um Ihnen ſeinen Dank und ſeine Liebe muͤndlich zu ſagen, die Verſicherung Ihrer fortdauernden Guͤte und Freundſchaft auf den Weg mitgeben wollen— auf den Weg, den er ſelbſt noch nicht kennt, den er planlos waͤhlt und der ihn am Ende nur zu neuem Weh und Kum⸗ mer fuͤhrt, waͤhrend er dem alten darauf zu entgehen hoffte. Ja, Watkins, behalten Sie mich lieb. Ich ſuche dies da⸗ durch zu verdienen, daß ich von Herzen wuͤnſche, recht bald zuftiedenen und ruhigern Sinnes wieder vor Ihnen ſtehen zu können.“ Es war ein Gedanke der Nothwehr, der Selbſterhaltung, wenn Heinrich, der dieſem Freunde die Wahrheit verſchwieg und denſelben irre zu fuͤhren ſuchte, von Herzen wuͤnſchte, daß Wackins nur diesmal mit Blindheit geſchlagen ſein und keine ing von der eigentlichen Lage der Dinge erhalten moge. Dies war auch in der That nicht leicht moͤglich. So war der erſte Schritt zur Ausfuͤhrung eines abenteuer⸗ lichen Planes gethan und die uͤbrigen durften keinen Augen⸗ blick verſchoben werden. Er begab ſich ſogleich zu Wolf, welcher jetzt in der Stadt wohnte, um auch deſſen Hilfe in Anſpruch zu nehmen. „Nun,“ ſagte dieſer,„was halten Sie von der Art, wie ſich das Voͤlkchen dort draußen jetzt zu regen beginnt?“ „Mir ſcheinen dies ſehr beklagenswerthe Vorfälle,“ ent⸗ gegnete Heinrich;„Vorfaͤlle, welche ich allerdings nicht den Aufruͤhrern zur Laſt legen kann, da doch die Gebieter den erſten Anlaß gegeben haben; aber beklagenswerth, weil ich einſehe, daß dadurch das Recht nicht erlangt wird. Die Reichen werden dabei weiter nichts lernen, als wie ſie die Armen noch haͤrter bedrucken mogen, und ſomit verlieren die letztern nur mehr, ſtatt zu gewinnen.“ 230 „Freilich, daran zweifelt niemand, und jeder weiß das, der den Gang ſolcher Dinge kennt;— allein, in eurem Deutſch⸗ land kann es kaum anders ſein, da nimmt einmal Alles klei⸗ nen Anfang. Auch ſeid ihr geduldig und arbeitet immer nur fuͤr die liebe Zukunft, damit die Nachkommen Euch aufs Grabmal ſchreiben koͤnnen, hier ruhet in Gott u. ſ. w. Ja, ihr ſeid arme Teufel, das iſt wahr. Allein, Spaß bei Seite, ſo ganz beklagenswerth und verwerflich ſcheinen mir dieſe Dinge doch nicht. Sie muͤſſen gute Fruͤchte tragen. Ihr greift freilich Alles noch ſehr ungeſchickt an, es fehlt Euch der rechte Takt, Ihr benehmt Euch etwas unreif; das wird ſich indeß noch geben. Auch taugen Brandſtifterei und durchaus dabei nichts, ware es auch nur, weil dadurch ein nuͤtzliches Obdach vernichtet wird. So haben ſie in letzter Nacht Feuer in den Fabriken bei Waldrode angelegt, doch iſt zum Gluͤck nur ein unbedeutendes Nebengebaͤude niederge⸗ brannt. Schade, daß Ihr Euch hier gar zu viel Beſchraͤn⸗ kungen habt auferlegen laſſen. So verbietet z. B. Euer Geſetz Verſammlungen der Arbeiter, um da die gemeinſame Bera⸗ thung wegen Lohnerhoͤhungen und dergleichen Dingen vorzu⸗ nehmen. Dabei erreicht man den Zweck nur halb, verſchwen⸗ det viel Zeit, und der Gemeingeiſt wird weit ſchwieriger ge⸗ weckt. Belehrt aber muͤſſen die Leute jetzt werden. Es kann nur gut ſein, wenn man ſie vorlaͤufig wieder zur Arbeit bringt. Solche Geſchichten, wie ſie bis jetzt vorgegangen ſind, taugen wenig. Das heißt nur leeres Stroh dreſchen, oder bei geſundem Leibe zur Ader laſſen und den geſunden Zahn ausziehen, wäh⸗ rend der ſchmerzende daneben ſtecken bleibt. Lange wirds gewiß 231 nicht waͤhren, ſo bricht ein neuer Sturm los, wenn man auch den jetzigen beſchwichtigt zu haben glaubt. Ich habe mich ſelbſt uͤberzeugt, daß in einigen Ortſchaften hinter Waldrode, die Noth graͤnzenlos iſt. Im naͤchſten Fabrikdorfe iſt das Elend noch immer weniger ſichtbar, die Leute werden da ver⸗ hältnißmaͤßig noch ertraͤglich bezahlt. Hoͤren Sie, Heinrich, Sie haben ſich zeither, wie mir ſcheint, bei dieſen Dingen ziemlich gleichgiltig gezeigt. Sie thaten daran ſehr unrecht. Es eroͤffnet ſich hier ein Feld fuͤr Ihre Wirkſamkeit und wenn Sie nicht von aller Liebe zur Sache verlaſſen ſind, ſo widmen Sie ſich nun derſelben mit ganzem Herzen.“ „Jetzt nicht,“ entgegnete Heinrich. „Wie,“ ſagte Wolf,„Sie werden um ſo ſchlaffer, je hoͤher allenthalben die Aufregung ſteigt?“ „Ehrlich geſtanden, Wolf, ich bin jetzt mehr denn je Egoiſt, und denke vor allen Dingen fur mich ſelber zu ſorgen. Nur dieſe egoiſtiſche Sorge iſt es, welche mich jetzt auch zu Ihnen fuͤhrt.“ „Sprechen Sie, damit ich hoͤre, was Ihre eigne Perſon jetzt ſo wichtig macht, wo man's doch mit einigen Menſchen⸗ leben nicht gar genau nimmt. In letzter Nacht haben die Soldaten dort draußen mehr als einen elenden Arbeiter nieder⸗ geſchoſſen. Aber ſprechen Sie.“ „Sie ſprachen neulich ein Wort zu mir, was beinah wie eine Einladung klang, daß ich Sie uͤbers Meer begleiten moͤchte. Ich habe jetzt große Luſt, dieſer Einladung zu folgen. Noch mehr, Ich will Ihnen ſogar vorausgehn.“ 232 „Nun, weiter,“ ſagte Wolf,„denn jetzt begreif' ich noch ſo viel wie gar nichts.“ „Ich darf vorausſetzen, Wolf, daß Sie in Amerika vielfache Verbindungen haben und daß Ihr Wort dort etwas gilt. Sie koͤnnen jemand empfehlen, der nach Amerika kommt, Sie ſind reich an Bekanntſchaften, die einem Fremden dort foͤrderlich ſein koͤnnen.“ „Ich kann dies Alles nicht in Abrede ſtellen. Fahren Sie fort.“ „Ich habe Luſt, dieſe guͤnſtigen Umſtaände fur mich zu nuͤtzen. Ich will nach Amerika, und zwar nicht erſt nach Monaten, ſondern ſchon nach einer kurzen Reihe von Tagen. Sie ſollen mir gute, zuverläſſige und ſicher wirkſame Em⸗ pfehlungen mitgeben.“ „Ich bin kein Mann von Wenn oder Aber, Heinrich,“ entgegnete Wolf.„Es waͤre laͤcherlich, wenn ich Sie, ſofern Sie mich nicht freiwillig zum Vertrauten machen wollen, erſt lange nach warum, weshalb u. dergl. fragte. Wir ſind Freunde, Sie verlangen als ſolcher mein Bischen Einfluß zu nutzen, und ich will dieſen nach beſten Kraͤften aufbieten. Ich hoffe auch, er ſoll fuͤr Sie hinreichen. Sie duͤrfen mir nur ſagen, in wiefern Sie empfohlen zu ſein wuͤnſchen. Wenn Sie erſt in einigen Wochen reiſen wollen, wird mirs lieb ſein. Denn fur die naͤchſten Tage iſt meine Zeit ſehr beſchraͤnkt. Muß es jedoch ſein, ſo ſollen Sie ſchon morgen einen Brief haben. Sie brauchen in der That nur einen von mir, und ich ver⸗ ſprech' Ihnen, daß er von vollkommenem Erfolg ſein wird. —— 233 Machen Sie mir nur irgend eine Mittheilung, damit ich weiß, was ich von Ihnen zu ſagen habe.“ „Sie kennen mich ſo ziemlich und wiſſen meine Kennt⸗ niſſe und Fähigkeiten zu beurtheilen. Ich brauche eine fuͤr mich geeignete Stellung. Wozu Sie mich empfehlen koͤnnen, wiſſen Sie demnach von ſelbſt. Ich werde mittellos ſein, denn ich kann von hier wenig mehr als die Koſten der Reiſe mitnehmen. Uebrigens wird mich noch eine Perſon begleiten, und darauf werden Sie Ruͤckſicht zu nehmen haben.“ „Wie, Freund! ich fange an zu glauben, daß Sie die kleine Marie aus der Gefangenſchaft erretten wollen. Das waͤr' ein gewagtes Unternehmen.“ „Es iſt am Beſten, wenn Sie gar nichts vermuthen wollen, Wolf. Sie kommen mir ja doch uͤber kurz oder lang nach und werden mich dann mit meiner Geſellſchaft finden. Ich danke dem Himmel, einen Freund wie Sie gefunden zu haben. Ich muß aber auf alle Fälle ſicher gehen. Wohin Sie mich dort empfehlen, uͤberlaſſe ich Ihrem Ermeſſen, Sie werden dies gewiß zu meiner Zufriedenheit einrichten. Ich werde nun zwar erſt nach zwei Wochen abreiſen, wuͤnſche aber dennoch, daß Sie den bewußten Brief ſchon heute mir vor⸗ ausgehen laſſen. In vierzehn Tagen geben Sie mir einen zweiten deſſelben Inhalts, den ich ſelber mitnehme.“ „Gut,“ ſagte Wolf.„Sie ſollen Beide haben. Ich will Ihnen von Herzen gern nuͤtzlich werden.'s iſt nur Schade, daß Sie, darauf wollt' ich wetten, Zeit, Muͤhe, That⸗ kraft und das Bischen Herzenswarme jetzt auf eine unnuͤtze Weiſe verſchwenden. Was koͤnnten Sie leiſten, wenn Sie 234 dieſe Schätze ungetheilt Ihrem Vaterlande widmen wollten!“ —„Das Leben der Liebe währt ein Jahr, wenns hoch kommt zwei Jahr, und iſt es koͤſtlich geweſen, ſo iſt es doch nur eitel Muͤhſal und Kummer geweſen. Sie denken jetzt anders—“ „Adieu, Wolf! Wir werden in Amerika darauf zuruͤck⸗ kommen konnen.“— Heinrich gab ſich Muͤhe, niemand von dem Zuſtande der Spannung und Aufgeregtheit, in welchem er ſich jetzt befand, etwas ahnen zu laſſen. Er ſuchte ſeine Bekannten nicht auf, vermied ſie jedoch auch nicht, um ſich auf keine Weiſe auffaͤllig zu machen. Pauline ſchrieb ihm noch einmal. Sie wankte in ihrem Vorſatze nicht. Was ſie beſchloſſen hatte, ſollte unabänder⸗ lich ſein, und gerade weil ſie an keine Aenderung ihres Ent⸗ ſchluſſes mehr dachte, uͤberließ ſie ſich all ihren Empfindun⸗ gen jett mehr als vorher. Es war Heinrich lieb, daß alle Gefuͤhle— Wehmuth, Trauer um das zu Verlaſſende— jetzt ſchon lebhaft in ihr erwacht ſchienen; denn ſo konnte er hoffen, ſie um ſo ruhiger und gefaßter nach dem Abſchiede von der Heimat zu finden. Sie ſprach ſich uͤber all die Per⸗ ſonen aus, von welchen ſie zeither umgeben war und die ihr mehr oder weniger nahe ſtanden. Eine beſondre Achtung ſchien ſie fuͤr den Pfarrer in Waldrode zu hegen, deſſen Unter⸗ richt ſie, wie Heinrich jetzt erſt erfuhr, fruͤher genoſſen hatte. Sie ſchien dieſen Lehrer auf eine faſt ſchwaͤr neriſche Weiſe zu verehren und es wurde zugleich mit dieſer Entdeckung jetzt auch der Urſprung gewiſſer Anſichten Paulinens, welche bei einer jungen Gräfin uberraſchen mußten, erklärlich. Heinrich — —— bedauerte jetzt, nicht mehr und oͤfter den Umgang jenes Man⸗ nes geſucht zu haben. Auch die Antwort Watkins ließ nicht lange auf ſich warten. So ausfuͤhrlich wie diesmal hatte derſelbe noch nie geſchrieben. Er bot Alles auf, um Heinrich zu beweiſen, daß er im Begriff ſei, einen falſchen Schritt zu thun, wie⸗ wohl er zu gleicher Zeit anzunehmen ſchien, daß Heinrich ſich durch nichts in ſeinem Entſchluſſe werde wankend machen laſſen. Dies bewies auch ſchon ein beigelegter Wechſel von weit hoͤherm Betrag, als Heinrich erwartet und fur noͤthig gehalten hatte. Es trug nicht wenig zu ſeiner Beruhigung bei, zu bemerken, daß Watkins durchaus keinen Verdacht geſchoͤpft haben koͤnne.„Sie geſtehn ſelbſt,“ ſchrieb er,„daß Sie den Schmerz um ein Gluͤck, welches fuͤr Sie verloren war, eh' Sie es noch gefunden hatten, ſo ziemlich bezwun⸗ gen haben. Fuͤrchten Sie nun dieſen Schmerz durch die Naͤhe des Entriſſenen neu erwachen zu ſehn, ſo iſt das eine ſehr natuͤrliche Beſorgniß; allein Sie brauchen ja deshalb nicht tauſend Meilen weit zu fliehen. Ich muß Ihren Ent⸗ ſchluß ſehr beklagen, und ganz beſonders leid thut es mir, Sie vor Ihrer Abreiſe nicht noch einmal ſprechen zu koͤnnen. Sie ſcheinen nicht zu ahnen, welch' hohen Pflichten Sie ſich durch Ihre Flucht entziehen, und leider noͤthigen mich Gruͤnde, Sie jetzt nicht daran zu mahnen. Wohin Sie aber auch gehen moͤgen, verſäumen Sie nie, mir fortwaͤhrend Nachricht von Ihrem Befinden zu ſenden und laſſen Sie mich ſtets Ihren Aufenthalt wiſſen. Es duͤrfte leicht moͤglich ſein, daß hoͤhere Ruͤckſichten, als die, durch welche Sie ſich 226 jetzt vertreiben laſſen, bald Ihre Anweſenheit wuͤnſchenswerth machen, und ich zweifle nicht, daß Sie ſogleich umkehren werden, wenn ich Ihnen die Nothwendigkeit zu Gemuͤthe fuͤhre. Verzoͤgern Sie wenigſtens Ihren Abſchied von Eu⸗ ropa ſo lange als moͤglich. Die Zeit iſt gewiß nicht ferne, wo Sie ſich uͤberzeugen werden, daß ich Ihnen ein unendli⸗ ches Vertrauen geſchenkt habe, obwohl Sie jetzt eher das Gegentheil glauben moͤgen. Allein ich will keine Worte un⸗ nuͤtz verſchwenden, da ich doch weiß, daß Sie Ihrem Ent⸗ ſchluſſe treu bleiben werden. Iſt letzteres aber einmal der Fall, ſo brauchen Sie auch einen Beſuch in Waldrode nicht ſo ſehr zu ſcheuen. Es wuͤrde mir ſehr angenehm ſein, wenn Sie mir noch eine recht genaue Schilderung aller Verhaͤlt⸗ niſſe, wie ſich dieſe dort gegenwaͤrtig geſtalten, aus eigner Anſchauung geben wollten. Ich meine beſonders was die Familienangelegenheiten betrifft. Auch fuͤr Sie ſelbſt wird eine ſolche Schilderung heilſam ſein, indem Sie genoͤthigt werden, Alles recht klar und vorurtheilofrei zu erwaͤgen und dabei völlig mit ſich ſelbſt abzuſchließen. Sie werden jeden Ueberreſt Ihres Schmerzes in dieſe Schilderung niederlegen und begraben koͤnnen; Sie ſtellen ihn damit gleichſam außer⸗ halb Ihres Selbſt und werden ihn voͤllig los. Probiren Sie das, es iſt ein heilſames und ſelten erfolgloſes Mittel. Leben Sie indeß wohl und handeln Sie in nichts uͤbereilt. Jedenfalls werd' ich Ihnen noch einmal ſchreiben, bevor Sie Ihre Reiſe angetreten haben.“ Die Tage entflohen waͤhrend der noch zu treffenden Vorbereitungen ſchnell. Nichts, was erforderlich ſein mochte, 237 ward von Heinrich vergeſſen. Er hatte ſich bereits Paͤſſe fuͤr ſich und ſeine Begleiterin verſchafft. Wolfs Brief war gleich an jenem Tage abgegangen und das zweite Exemplar des Schreibens beſaß Heinrich gleichfalls ſchon. „Ich muß es den Freunden uͤberm Meer uͤberlaſſen,“ hatte der hilfreiche Amerikaner geſagt,„welcher Art die Stel⸗ lung ſein kann, die Ihnen werden wird; ich buͤrge aber da⸗ fur, daß ſie all Ihren Anſpruͤchen und Wuͤnſchen entſprechen wird, ſowohl was den Wirkungskreis, als die pekuniären Vortheile anlangt.“ Heinrich wußte, daß er ſich vollkommen auf Wolfs Wort verlaſſen konnte. Im Uebrigen hatte er alle Anſtalten ohne fremde Hilfe zu treffen gewußt und ſich gehuͤtet, jemand die leiſeſte Ahnung von ſeinem Geheimniß faſſen zu laſſen. Er hatte jeden Umſtand auf das genaueſte berechnet, alles war erwogen und ſelbſt bis auf die Minute beſtimmt wor⸗ den. Es mußte ein Wunder geſchehn, wenn er ſeinen Plan vereitelt ſehen ſollte. Nun erſt, nachdem Alles geſchehn war, deſſen Gelingen nicht in ſeiner Hand allein lag, nachdem alle äußern Mittel herbeigeſchafft und Alles angeordnet war, und da es nur noch ſeines Muthes und ſeiner Entſchloſſenheit bedurfte, um das Werk zu vollenden, fuhlte ſich Heinrich ruhig und gefaßt. Es war ihm leicht gemacht worden, jeder laͤſtigen Frage auszuweichen, denn gluͤcklicherweiſe hatte ihn der Zufall in dieſer letzten Zeit vor der Zudringlichkeit jener Bekannten, die ſich ſeine Freunde nannten, bewahrt. Selbſt Eliſabeth hatte ihn verſchont und er konnte glauben, daß dieſelbe ent⸗ 238 weder anderweit zu ſehr beſchaͤftigt war oder ſich endlich uͤberzeugt hatte, daß ihr von ſeiner Neigung nichts mehr zu hoffen blieb. Beides war ihm uͤbrigens gleichgiltig, da er ja doch binnen wenig Tagen aus dem Bereich dieſes Weibes wie aller andern Laͤſtigen erloͤſt werden ſollte. Es war ein Sonntagsmorgen, als er, um den letzten und entſcheidenden Schritt vollends vorzubereiten, nach Wald⸗ rode fuhr. Druck von Bernh. Tauchnitz jun. un 7 ſ 8 9 1 1 16 17 1 10 1 2 13 14 15 1¹ . 4 *