Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1— 1W 2 „*„„ er—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das L eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * ——„—— Des Fjauſes Ectſtein. Roman von J. von Oben. Erſter Band. Leipzig, ne ork, Crnſt Julius Günther. 2 V. Schmidt. Thürme in die Lüfte ſtiegen, als wollten ſie einander 3 Erſtes Kapitel. Der Ingend DTräume. 6 Palmarum war's und ein duftiger Tag in einem der ſchönen romantiſchen Thäler, welche die Saale durch⸗ ſtrömt, bald ſtill über grüne Triften gleitend, bald geräuſchvoll durch trotzig Geſtein den Weg ſich er⸗ zwingend. Heute aber trugen alle noch den Winterſtaat: der Saalſtrom die Decke von Kryſtall, die Palmen des Thales, Fichten, Tannen, Kiefern und Lärchen, den Puder von friſch gefallenem Schnee; die alten Burgen auf den ſchönen Bergen phantaſtiſche Gewänder von Nebel, Froſt und Duft, aus denen wie rieſige Scepter die mit Figuren und Knöpfen verzierten bereiften von Oben, Des Hauſes Eckſtein. I. 1 2 zuwinken:„Noch herrſchen wir auf dieſer märchen⸗ und ſagenreichen Erde!“ Um den Bergesfuß der älteſten und ſtolzeſten dieſer Burgen lagerte in maleriſcher Unordnung ein Städtchen. Seltſam geformte Felſen und Gruppen mächtiger Eichen und Linden oder ſchlanker Pappeln, welche jetzt entlaubt und weiß candirt zwiſchen den Häuſern hervorſahen, ſowie gewaltige Bruchſtücke einer ehemals das Ganze um⸗ ſchließenden Ringmauer mit abgebrochenen Eckthürmen, hohen, noch ſehr wohlerhaltenen Thoren und kleinen verſteckten Pförtchen verliehen ihm einen eigenthüm⸗ lichen Charakter. Das Ganze glich in der durch den Nebel gedämpften und gebrochenen Frühlingsbeleuchtung einem„Wintermärchen“ In der alterthümlichen Kirche mitten im Orte war der Morgengottesdienſt zu Ende; ſie öffnete ihre Pfor⸗ ten und entließ vie Beſucher, von denen eine Gruppe vor einem der alten thurmähnlichen Thore ſtehen blieb um wohlgefällig einem jugendlichen Wanderer in feiner ſchwarzer Kleidung nachzuſchauen, welcher raſch dahin⸗ ſchritt. Es war der neugewählte Rector des Städtchens, welcher eben ſeine Kirchenprobe gehalten hatte und bald antreten ſollte. Ein ſolcher hatte eine dreifache Probe abzulegen. * 3 Wanderungen geſammelt hatte. Er mußte erſtens ſchriftliche Arbeiten einſchicken, dann einer mündlichen Prüfung des Superintendenten ſich unter⸗ werfen, welcher die Herren Patrone, die meiſt adligen Beſitzer der umliegenden Güter und Schlöſſer, und der Bürgermeiſter für die Bürgerſchaft beiwohnten, und zuletzt die Orgel ſpielen und ſingen, auch wohl eine Kirchenmuſik aufführen; es vereinigten ſich nämlich in ſeiner Perſon die Würden eines Cantors, Organiſten und erſten Lehrers. Eben trat der Bürgermeiſter an die dem Rector Nachſchauenden heran, auch ein ſchlichter Bürger in Kleidung und Weſen, aber doch wichtig durch ſein Amt wie ſeine Weltkenntniß, welche er ſich früher auf ſeinen „Ihr freut Euch wohl über die gute Wahl, welche wir getroffen haben?“ hob er, ſich doch ein wenig in die Bruſt werfend, an, nachdem er freundlich gegrüßt hatte. „Nun, laßt nur dem lieben Gott auch ſein Theil daran“, verſetzte ſchnippiſch die Nachbarin, welche im⸗ mer mit ihm im Kriege lag.„Wenn er den Rector nicht geſchaffen und geſchickt hätte, ſo hättet Ihr ihn nicht wählen können.“ „Die Frau Nachbarin weiß doch gleich zu 66 daß man nicht ſtolz werde“ erwiderte gutmüthig lächelnd 1* ————— 4 der Bürgermeiſter.„Indeß habt Ihr Recht, Frau Ge⸗ vatter, der Rector iſt wirklich wie extra geſchaffen für ſein Amt, und das ſollte immer ſo ſein, wenigſtens bei Lehrern, Prieſtern und Aerzten! Was die letztern für den Körper, ſind die erſten für die Seele, und wenn einem von ihnen der natürliche Beruf zu ſolchem Berufe fehlt, bringt er gewiß ſtatt Nutzen unberechenba⸗ ren Schaden. So einem hätte ich aber auch meine Stimme nicht gegeben!“ „Ei, erzählt uns doch etwas von der Probe geſtern droben auf dem Schloſſe“, bat ein neugieriger Mu⸗ ſikant. „No, ich ſage Euch, die Kinder werden Viel lernen! Der Rector wußte prächtig mit ihnen umzugehen und ſie hatten auch gleich Vertrauen zu ihm, was eine große Hauptſache iſt. Dieſem folgt gern die Neigung und mit den beiden Hülfsmitteln wird er mehr aus⸗ richten als mit allen andern. Sodann ſchreibt er eine Hand wie Kupferſtich und war in allen Wiſſenſchaften zu Hauſe, in denen der Herr Superintendent und die Herren Patrone ihn examinirten, und der Herr Patron Kammerherr drüben auf dem Nachbarſchloſſe, der's ver⸗ ſteht, der hat geſagt, der Rector wiſſe viel mehr, als er hier brauche. Dazu wie ſchön und jugendfriſch ſieht * er aus, wie herrlich kann er ſingen und die Orgel ſpielen“ 5 „Ja“, ſagte eine muntere Großmutter,„gerade als ob das alte Werk im Himmel neu gebaut wäre und einer aus den Heerſchaaren von dort ſpielte darauf“ „Und die ſchönen goldigen Locken, die er hat, gerade wie der Engel über dem Altare“, bemerkte ein junges Mädchen. „Ob er wohl ſchon eine Braut hat?“ meinte ein dicker Bäcker, welcher ſieben, ſage ſieben heränwach⸗ ſende Töchter hatte. „Sehr möglich“, ſagte der Bürgermeiſter.„Solche Männer gefallen den Mädchen und er Zählt ſchon ſiebenundzwanzig Jahre voll.“ „Aber ſo ſieht er nicht aus, viel u eine junge Frau ein. „Er wird ſich wohl ein bischen älter haben der andern Bewerber wegen“, verſetzte raſch die Schnip⸗ piſche. „Daß Ihr Weiber doch flugs uns zutraut, was Whr denkt und thut“ ſtrafte jetzt das Oberhaupt der Stadt. „Wir machen uns nicht älter“ unterbrach ihn jene lachend. „Nein, jünger und uns ſonſt noch ein für ein U, wo es geht. Für den Rector aber wollte ich bürgen daß er nicht mit einer Lüge unter uns getreten iſt, welche ohnedies der Taufſchein ans Licht bringen müßte. Nein, er hat eben ſeine Jugend heilig gehalten, dieſes herrlichſte Geſchenk der Natur, welches Jeder, der da lebt, empfängt, aber nur einmal! Dieſes Einmal ſollte man der Jugend ganz anders zu bedenken geben, 3 als es geſchieht, und die körperliche Geſundheitslehre überhaupt müßte im Schulplan ein Hauptkapitel bil⸗ den, auf daß man in der Welt nicht ſo Vielen begeg⸗ nete, die im beſten Alter ſchon alt und fertig mit dem Leben ſind. Und dann, welch ſchöne Empfehlung war es bei Groß und Klein dem neuen Rector, daß er nur ſo gern anzuſchauen, ſo unberührt vom Leben und der Erde unter uns erſchien, recht wie ein Bild Gottes!“ Unterdeß ſchritt der Wanderer immer tiefer in die verſchwimmende Ferne hinein. Unter ſeinen elaſtiſchen Schritten knarrte leiſe der Schnee, in den goldenen Locken ſaß der Reif— er merkte es nicht. Drinnen in der Bruſt mußte lichter, warmer Frühling ſein, denn ſelig lächelnd ſchaute er gen Oſten und flüſterte:„He⸗ Du dem Drängen Deiner ſtolzen Familie, mich zu laſſen, widerſtanden, ſieben Jahre an mir feſtgehalten; jetzt kann ich dieſe Treue lohnen, Dich heimführen an igene Herd, in dieſe herrliche Gegend, unter die , uheczigen Bewohner. Heroine, wie glücklich werden e e ſein!“ * roine ahnſt Du wohl mein Glück? Sieben Jahre huſt„ 7 Heroine, eigentlich Philippine und nur von ihm wegen jener Treue ſo genannt, war die Tochter eines großen Hauſes in einer kleinen Reſidenz. Es war eine hübſche, lebendige Stadt, die Reſidenz, in anmuthiger Gegend. Ein klarer, munterer Fluß rollte ſeine ſilbernen Wellen murmelnd und eilig vor⸗ über, als wolle er unwirſch den Hemmungen entlaufen, welche ihn in Geſtalt von Mühlen, Färbereien, Gerbe⸗ reien und Fabriken mancher Art aufhielten, parfümir⸗ ten, colorirten und ſeine weichen Wellen trübten. Helle Chauſſeen mit grünen Alleen liefen wie Strahlen nach allen Himmelsgegenden auf die länd⸗ lichen Vergnügungsorte der Umgegend von der Haupt⸗ ſtadt aus. Deren Bewohner waren ein gar lebens⸗ luſtiges Volk, und an Sonn⸗ und andern ſchönen Ta⸗ gen erſchienen dieſe Strahlen mit Spaziergängern 4 aller Art beſüt. Dem Fremdling aber, der dahin —— 3 3 2 kam, gefiel die Stadt und das Leben darin meiſt über alle Maßen, beſonders des guten Bieres und der hüb⸗ ſchen Mädchen halber, welche man da fand und die beide die Stadt berühmt machten. Und da ſie außer ihrem gewerblichen Aufſchwunge auch ein Gymnaſium und eine Garniſon deſaß, kamen alljährlich freiwillig und unfreiwillig eine hübſche Anzahl junger Männer aller Stände da nſnn — . p und mit ihnen ein fruchtbares Feld für die Eroberungs⸗ luſt der Frauenwelt. Einer aber wich dem Entgegenkommen von ſeiten dieſer Welt faſt ſchen aus; das war der nunmehrige Rector des Städtchens an der Saale, Friedrich Stern vulgo der ſchöne Friedrich, als er noch das Gymna⸗ ſium der Reſidenz frequentirte. Sein muſikaliſches Wiſſen wie ſeine wundervolle Tenorſtimme machten ihn ſpäter zum Präfecten des Chores, welches ſich allwöchentlich vor und in den Häuſern der Großen und Reichen hören zu laſſen hatte — es gehörte das zum guten Ton. Dabei hatte er Philippine geſehen und wieder ge⸗ ſehen und ſein reines Herz an ſie verloren— die Liebe kommt ja doch zumeiſt erſt durch die Augen in dieſes, und Ph vpine war ſchlank, dunkellockig, blühend von Geſtalt u angenehm, artig und ſittſamen We⸗ ſens, welch letztene Eigenſchaft ihn noch ganz beſonders anzog. Ihr Vater war Regierungsrath, ihre Mutter todt, und deren Stelle hatte nun nach des Vaters Willen naturgemäß die älteſte ſeiner vier Töchter zu verwalten, welche Einrichtung ſie ſelbſt ſehr angenehm, die jüngern aber im Gegentheil berührte; ſie hatten ſämmtlich keine Luſt, ihr zu gehorchen, ſie waren ihr ja ebenbürtig. — Lange ſang der ſchöne Präfect ſeine ſchönſten Lieder und Arien vor und in dem Hauſe Philippinens, ehe er wußte, daß er ihr nicht gleichgültig ſei, und noch länger währte es, ehe er am dritten Orte ſich ihr nahen konnte, da ſie ſelten ausging. Und als es endlich geſchah, da war ſie ſo zurück⸗ haltend und er ſo ſchüchtern und darum mit ſo Weni⸗ gem zufrieden; ein Gruß, ein Blick, ein Walzer— wie lange war er davon beglückt! Welch eigenen Reiz hatte dieſe langſam keimende Liebe! Und wie nachhaltig iſt ſie geweſen gegen das Surrogat, welches man jetzt ſo titulirt, welches, mit Dampf cultivirt, ſich wie dieſer wieder ſpurlos ver⸗ flüchtigt in kürzeſter Zeit! Nach beendigtem Curſus, nicht mit dem amo, ſon⸗ dern mit allem Andern, was das ymnaſium lehrt, hatte Friedrich auf den Rath ſeines Vnkels, Pathen und Wohlthäters, des Hofſchneidermeiſters Biedermann, die ihm offerirte Hauslehrerſtelle im Saalgebiet ange⸗ nommen— vorläufig, wie er meinte— er wollte ja ſo gern ſtudiren. „Was ſo von ſelbſt in die Hand läuft, muß man ſich windeſtens erſt beſehen, ehe man es fallen läßt“ hatte dieſer geſagt;„es iſt manchmal beſſer als das, was man ſucht.“ 10 In den Ferien ſah der neue Informator dann Philippine wieder, einmal ſogar in der Jasminlaube ſeines Vaterhauſes, wo ſie ſich den Dorfkirchhof be⸗ ſehen und bei den Alten plaudernd ſitzen geblieben war—. „Wollen Sie einen eigenen Herd, lieber Sternd⸗ fragte eines Abends heimkehrend der Principal.„Ich habe in Ihrem Pulte hier einmal eine lange Locke geſehen, die nicht auf Ihrem Blondkopfe gewachſen iſt, in den letzten Jahren auch geheime Correſpondenz be⸗ merkt, und da unten, ſieben bis acht Stunden thalab⸗ wärts, iſt die erſte Lehrerſtelle vacant, für welche ich heute einem der Herren Patrone Sie beſtens empfohlen habe; alſo melden Sie ſich, wenn Sie wollen.“ So war dem ſchönen, überall beliebten Friedrich wieder ganz von ſelbſt die neue Erhöhung gekommen. „Siehſt Du“, ſagte der erfreute Onkel,„da biſt Du wahrhaftig ſchon mehr wie Dein Vater! Haſt nun die Pfarre, mußt Dich aber vorſehen mit der, welche Dir darin das Leben verſüßen, aber auch verbittern kann, wer weiß wie ſehr!“ „Verſüßen, Herr Pathe!“ lächelte der neue Rector. „Ja, das denkt Jeder, der freit, ſonſt würde er's ja bleiben laſſen. Du denkſt an Philippine— iſt ein hübſches, achtbares Mädchen, aber ſo oft ich weiß, hat 11 es nicht gut bekommen wollen, über ſich zu langen; darum ſei vorſichtig! Was ſagt Dein Vater dazu?“ „Ich werde ihn fragen.“ „Sie iſt immer ſo für ſich“, ſagte der Vater,„ich denke, Du könnteſt Deine Noth bekommen. Der Re⸗ gierungsrath iſt zu rechtſchaffen, um große Reichthümer zu ſammeln, wie andere ſeinesgleichen, und ob das vornehme Mädchen ſelbſt lernen will, was ſie bisher nur thun ſah, iſt eine ſehr brennende Frage, die Du erſt gründlich mit ihr erörtern möchteſt. Bleib' auf alle Fälle jetzt noch ledig und laß ihr Zeit zur Ueberlegung!“ Friedrich hatte, durch trübe Erfahrungen eines Freundes beſtimmt, ſich vorgenommen, bei ſeiner Wahl hauptſächlich auf Bildung zu ſehen. Philippine erfüllte dieſe Hauptbedingung, ihr Stand garantirte dieſelbe, und er liebte ſie— wie hätte er an ihr zweifeln ſollen? Und ſie liebte ihn, hatte treulich an ihm feſt⸗ gehalten Jahre lang— wie hätte er nun ſie verlaſſen können? Dennoch fügte er ſich dem, was die Alten geſagt hatten, er wollte ihr Zeit zur Erwägung dieſer von Welt und Familie bizarr genannten Liebe laſſen, ſich ſelbſt erſt orientiren und ihr lieber entſagen, als ſie zu einem Schritte bewegen, den ſie nicht genug kannte und ſo bereuen konnte. In geſelliger Beziehung war es zwanglos und gemüthlich im Städtchen. Es hatte einige Beamten⸗ familien, mit denen auch der umwohnende Adel freund⸗ lich verkehrte, deren Hub in geiſtiger Beziehung Pfarrer und Diakonus waren. Der erſtere, ſchmächtig, dunkel⸗ äugig, mit klugen, feinen Zügen, apoſtelartig anzu⸗ ſchauen mit ſeinem langen braunen Haar, war ein nobler Charakter, ein vortrefflicher Prediger und zugleich ein Geſellſchafter voll Liebenswürdigkeit und feinſten Hu⸗ mors; der Diakonus, kleiner, runder von Geſtalt, blond, wohlwollenden Ausdrucks, zarten Gemüthes, Denker und Dichter, großer Freund des Alterthums, der Kinderwelt und des Familienlebens; beide wohnten gleich neben und hinter der Kirche und hielten mit dem Rector treue Nachbarſchaft. Beide wären ihm ſogar gern noch näher befreundet geweſen— der Pfarrer hatte eine hübſche, ſinnige Schweſter, der Diakonus zwei Schwägerinnen, welche dem Rector um die Wette gern in die blauen Augen ſchauten. Um ſo geſpannter waren alle auf die, welche er heimführen ſollte, die, wie man hörte, aus Liebe zu ihm ſo hoch herun⸗ terſtieg. Die Wohnung, an der Hauptſtraße des Städtchens gelegen, freundlich und groß genug für ein glücklich liebend Paar, bildete rückwärts ein erhöhtes Parterre, 2 2 15 wo der Rector ſeinen eigenen Eingang auf dem zwiſchen Schule und Kirche geebneten adligen Kirchhof hatte, deſſen Erbbegräbniſſe für nur zwei Patronatsfamilien ſich ſelten für einen neuen Heimgegangenen öffne⸗ ten. Der freie, luftige, ſonnige Platz war um die Grabſteine mit weißen und rothen Roſen bepflanzt, von ein paar Bäumen beſchattet und ſo eine Art Gar⸗ ten gleich am Hauſe. Die Beſoldung war außer dem üblichen Natural⸗ einkommen freilich weder hoch noch ſicher, alſo daß die alte Obſtfrau wohl behaupten konnte, das wäre ſo, damit die Schulmeiſter nicht nur ihrem Amte leben, die Leute nicht zu klug machen ſollten— es waren meiſt Accidenzien. Der Pfarrer hatte indeß berechnet, daß die Stelle eine der beſten jener Gegend und für be⸗ ſcheidene Anſprüche ausreichend, auch noch durch Pri⸗ vatſtunden und dergleichen zu erhöhen ſei; und damals kam man dort damit auch genau dreimal ſo weit, wie jetzt mit dem Gleichen. Der Rector ging ſehr ehrlich zu Werke. Er ſchrieb Pbilippinen Alles, wie es war, und ſtellte ihr frei, zu rückzutreten, wenn ihre Angehörigen es für ihr Beſtes erkennen würden. Darauf ging Heroine zu ihrem Papa und bat um Erlaubniß, eine auswärtige Freundin beſuchen zu dür⸗ 14 fen; ſodann nahm ſie einen Wagen und fuhr direct dem Saalthale zu, ganz heimlich Umſchau zu halten. Was ſie hernach dem Rector geſagt oder geſchrie⸗ ben, muß ſehr ermuthigend geweſen ſein, denn bald darauf hielt er in aller Form um ſie an. Zu der Zeit hatte die Aelteſte nur noch zwei Schweſtern zu regieren, die dritte hatte den Regierungs⸗ ſecretär Lesnau geheirathet und dem Regierungsrath bereits den erſten Enkel, Hermann, präſentirt. Der Regierungsrath war in die Siebzig und hatte noch zwei unverſorgte Töchter. Philippine hatte ent⸗ weder ernſtlich keine andere Bekanntſchaft gewollt, oder die ſie zu ſuchen geſchienen mit ihr, hatten es nicht ernſtlich gemeint; und da die Schweſtern über ihr zu⸗ nehmend verſchloſſenes Weſen, heimliche Thränen und ſo weiter klagten und Gemüthskrankheit befürchteten, vom Rector aber die beſten Zeugniſſe einliefen, ſo willigte er in die Verbindung, welche ſo lange ein beunruhigendes Element in der Familie geweſen und von ſeiner Tochter ſo conſequent feſtgehalten worden war. Dabei bemerkte er jedoch dem künftigen Schwieger⸗ ſohn, daß die Mitgift ſeiner Tochter blos in einer an⸗ ſtändigen Ausſtattung beſtehen werde. Mitgift! Der Rector ſah das Wort an, als ob 15 es ihm zum erſten Mal vor die Augen käme, dann ſchüttelte er den Kopf über die Wunderlichkeit des alten Mannes, welcher für möglich hielt, daß man bei der Liebe auch daran denken könne, und beeilte ſich, dem Schwiegervater in spe für die Einwilli⸗ gung zu danken und die Verſicherung beizufügen, daß er bei ſeiner Werbung nur an Philippine gedacht und nur noch den Wunſch habe, ſie zufrieden und glücklich zu ſehen. Es ward Herbſt. Die Schwalben auf der alten Kirche rüſteten ſich zur Reiſe nach dem Süden, das Laub der Bäume glänzte im Bronzeſchmuck, das Fir⸗ mament in heitern Farbentönen; die leiſen weißen Fäden, das eigenſte Symbol des Herbſtes, flatterten ſpielend und neckend durch die reine Luft, in welcher ſich behaglich die bunten Köpſchen der Aſtern wiegten. Zum zweiten Male nach drei Jahren zog mit ſelig klopfendem Herzen der ſchöne Rector den Weg gen Oſten; diesmal aber im ſchönſten Wagen, welcher auf⸗ zutreiben geweſen war. Er wollte Heroine heimholen. Welche Träume umgaukelten ihn, welche Hoffnun⸗ gen und Pläne zogen mit ihm dahin! Er malte ſich aus, wie beglückend es ſein werde, nun erſt ein trautes, gemüthliches Daheim zu haben, ein Weſen neben ſich zu wiſſen, welches ihn verſtand 16 und über Alles lieb hatte, mit welchem er bereden, berathen, theilen konnte, was da kam von Luſt und Weh, welches ſeine Achtung, ſeine Neigung, ſein Ver⸗ trauen beſaß, welches er zu jeder Zeit treulich waltend in ſeinem Hauſe wiederfand. Er freute ſich der Erholungsſtunden, da er mit ihr in der romantiſch ſchönen Umgebung des Städtchens ſpazieren oder daheim muſiciren werde. Sie ſpielte Klavier und hatte in ihrer friſchen und ſehr wohllau⸗ tenden Sopranſtimme einen wahren Schatz, wie ihr alter Lehrer ſagte. Er ſah im Geiſte, wie ſie in der Geſellſchaft ihm Ehre und Freude machen, die ſo hübſche, bisher ſo einſame Schulwohnung durch ſie belebt, wie ſie beliebt werden würde. Er dachte— ach, was dachte er nicht Alles, wie weit eilte ſeine geſchäftige und reiche Phantaſie der Wirklichkeit und ihm ſelbſt voraus! Wie züchtig und ſchön erſchien ſie ihm im Braut⸗ ſchmuck, den weißblütigen Myrtenkranz in den dun⸗ keln Locken, das lichtblaue Atlaskleid die ſchlanke Ge⸗ ſtalt umfließend. Als er mit ihr unter die Gäſte trat, da durchlief eine Bewegung der Bewunderung die Reihen dieſer vornehmen Welt. Selbſt die kalte, ſtolze älteſte Schweſter, welche ſtets und immer wieder gegen die Schulmeiſter⸗ * verwandtſchaft opponirt und darum den ſchönen Fried⸗ rich nie hatte hübſch finden können, auch ſie mußte der Wahrheit die Ehre geben und zu ſich und ihrer andern Schweſter ſagen:„Ja, er iſt ſchön, wie kein Zweiter in unſerm Geſichtskreis. Der Schuldirector hat ihn den Jünger Johannes genannt— es iſt wirklich etwas überirdiſch Schönes in dieſer Bräutigamserſcheinung!“ Während dieſes Zugeſtändniſſes von ſeiten einer conſequenten Gegnerin fiel der erſte bittere Tropfen in die Seele des Rectors. Unter all den Geſichtern, welche ſich glückwünſchend nahten, war keins, welches ihm von ſeiner Seite verwandt oder befreundet und bekannt geweſen wäre. Waren ſie nicht gekommen oder nicht geladen? Seinen Vater, welcher der Geſellſchaft völlig unbe⸗ kannt, alt und kränklich war, hatte er ſelbſt entſchuldigt; wo aber war der Onkel und Pathe Biedermann, der ſich als zweiter Vater ſeiner angenommen, der ein weltgewandter, wohlhabender und wohlangeſehener Mann in beſten Jahren war, welcher mit dem Fürſten und ſeinem Hofe, mit den Höchſten der Stadt perſönlich verkehrte und ſich in ſolchem Cirkel wohl zu verhalten wüßte? Ihm gehörte von des Bräutigams Seite die Würde des Zeugen— wer ſollte das nun ſein? Eben trat er ein, faſt der letzte ii auch von Oben, Des Hauſes Eckſtein. I. 18 ein Verwandter, aber ein entfernter. Er war im Amte angeſtellt und hatte einen wenn auch nichts bedeutenden Titel, alſo darum größere Anwartſchaft, hier zu er⸗ ſcheinen. Indeſſen ſchien er ſelbſt über ſeine alleinige Anweſenheit betroffen und verlegen. Der alte vielbeſchäftigte Regierungsrath hatte in Händen ſei, das Arrangement der Hochzeit ſeinen Töch⸗ tern überlaſſen, welche ja, zum Theil aus Erfahrung, wiſſen mußten, was ſich ſchickte. Nun war Philippinens Pathe die reichſte und größte Kaufmannsfrau der Stadt; die ganze Hochzeitsgeſell⸗ ſchaft beſtand aus den oberſten Schichten derſelben und darunter nun einen Bürger miſchen, und noch dazu als Zeuge, als Pathe, vielleicht gar als Führer der vornehmen Frau Pathe— das ging nicht; er blieb alſo weg, man lud ihn als ſtörendes Element ein⸗ fach nicht ein. Obſchon dem Regierungsrath der Bauer ſo viel ſtand, er alſo das Ausrangiren eines achtungswerthen Mannes in ſeinem Hauſe weder gebilligt noch geduldet haben würde, hatten es die Töchter doch gewagt, weil ſie wohl wußten, daß der Papa den Stammbaum des Rectors weniger kannte als ſie ſelbſt; und dieſer, der Vorausſetzung, daß die Angelegenheit in den beſten galt wie der Baron, wenn er nur achtungswerth da⸗ 19 welcher bei einer frühern, ſehr kurz gemeſſenen Anwe⸗ ſenheit dem Onkel die Verlobte vorgeſtellt und ſie mit deſſen Güte gegen ihn bekannt gemacht hatte, welcher im Begriffe ſtand, ſein ganzes künftiges Wohl und Weh in ihre Hand zu geben— er hatte ihr ebenfalls vertrauensvoll die Hochzeitsangelegenheit überlaſſen. Der beſſ're Menſch tritt in die Welt Mit fröhlichem Vertrauen, Er glaubt, was ihm die Seele ſchwellt, Auch außer ſich zu ſchauen. Der ſchöne Friedrich erfuhr hierbei, daß Günſtlinge keine Familie haben dürfen— er begann den Zu⸗ ſammenhang zu ahnen und tief zu empfinden, wie durch ſolche Zurückſetzung der ſich beleidigt und gekränkt fühlen mußte, welcher ihm ſo nahe verwandt, welchem er ſo zu Danke verpflichtet war. Die Worte des Pathen vom Ueberſichlangen fielen ihm ein; man hatte in der Perſon deſſelben ihn ſelbſt mit zurückgeſetzt und verletzt, und er hatte doch nie daran gedacht, daß dies von Philippinens Seite irgend⸗ wie geſchehen könne. Ein beklemmendes Gefühl des Alleinſtehens in dieſer Sphäre beſchlich ihn mehr und mehr, trübte ihm den Tag und ließ ihn ſehnſüchtig den der Abreiſe herbeiwün⸗ ſchen. Draußen verſahen Pfarrer und Diakonus ſelbſt den Dienſt, es ihm möglichſt leicht zu machen, und er hatte verſprochen, längſtens den dritten Tag wieder zu kommen. Aber— wieder eine Täuſchung! un Heroine ihm dahin folgen ſollte, wohin ſie ihm ihre von Liebe und Sehnſucht überſtrömenden Briefe geſendet, wo ſie ihn zuletzt ſelber heimlich aufgeſucht, nun konnte ſie ſich auf einmal nicht trennen vom Vater⸗ hauſe. Erſt nach noch verſchiedenen, vom Rector nicht dazu beſtimmten Tagen, einem Abſchiednehmen ohne Ende und ſo weiter ſah er mit erleichtertem Herzen die meilenweit ſichtbare alte Burg am Horizonte auftauchen, und nach und nach rollte ſich das ganze farbenreiche Landſchaftsbild vor ihnen auf, welches ſeine neue, ihm ſchon ſo lieb gewordene Heimat umſchloß; die prächtige Fernſicht, welche man auch von den Fenſtern der Wohnung aus hatte, mit ihren Fluren, Dörfern, Kirchen, Hügeln, Bergkegeln, Schlöſſern und dem in der herbſtlich klaren Nachmittagsbeleuchtung wie flüſſiges Gold ſich hindurch ſchlingenden Saalſtrom, eingerahmt nach Weſten von fernen bläulichen Gebirgsketten, nach Nord und Süd von bewaldeten und unbewaldeten Höhen, deren einen Grenzſtein der ebenfalls meilenweit ſichtbare Fuchsthurm bei Jena bildete, und zuletzt vor ſich als öſtlichen Schluß † 1 5 21 des Panoramas das freundlich⸗romantiſche Städtchen mit ſeinen Gärten, Baumgruppen, alten Thoren, Eck⸗ thurmreſten, Ringmauerſtücken und verſtreuten Felſen, welche jetzt, wo der Herbſt das Blättergrün in Gelb und Roth verwandelt, ſich ſämmtlich mit friſchen Tep⸗ pichen und Guirlanden von Moos, Epheu und Immer⸗ grün feſtlich angethan hatten. Rittergut, Schule, Pfarre, Kirche und Diakonat ſtiegen terraſſenartig faſt bis unter die ſteil anſtrebende Felswand empor, auf deren Scheitel die faſt tauſend⸗ jährige alte Burg, das Schloß genannt, thronte und weithin die Gegend beherrſchte, und bildeten mit dem⸗ ſelben einen ſchönen maleriſchen Mittelpunkt des Ortes, deſſen andere Häuſer ſich größtentheils ebenfalls auf⸗ wärtsſtrebend dieſem Centrum anreihten und wie Kin⸗ der an die Mutter ſich an den Schloßberg ſchmiegten. Die kleinſten derſelben verloren ſich ſogar bis in die hier und da drohend überhängenden Felſen hinein. Das Völkchen, welches allda hauſte, liebte, ſich die Welt von Oben zu beſehen. Philippine hatte für all die Schönheit, welche ſich vor ihnen aufthat, keinen Blick. Weinend, als ſei ihr das größte Leid widerfahren, ſaß ſie im Wagen, und es war gut, daß der hier fremde Kutſcher ſich verfuhr und über der Ankunft der Abend hereinbrach. Deſto mehr Aufmerkſamkeit ward ihr, als und wo man ſie ſah. Hatte ſchon zuvor ihr heroiſches Feſthalten an dem Rector für ſie eingenommen und Bewunderung erregt, ſo that dies nun noch mehr ihre blühende Ge⸗ ſtalt, das vornehme Weſen, die glänzende Garderobe und reiche Ausſtattung— ſo war noch keine Rectorin dort eingezogen! Ueberall ſprach man von ihr, gönnte dem Rector ſein Glück. „Nun, Mama, was ſagſt Du zu unſerer neuen Nach⸗ barin?“ fragte der Pfarrer ſeine Mutter, eine kleine, ſanft und zugleich klug blickende Frau. „Ich urtheile nicht gern zu i ſagte ſie mit ihrer ſanften Stimme. „D, im Gegentheil, Mama, Du biſt damit ſehr raſch und ſicher— dahinter ſteckt etwas.“ Sie ſann ein wenig nach. „Ich habe allerdings Einiges bemerkt, was für des ſchönen Friedrich Frieden fürchten läßt.“ „Möchteſt Du mir's nicht nennen?“ „Dir— ja! Zuerſt ſchien die Munterkeit der hüb⸗ ſchen jungen Frau mehr Kunſt als Natur—“ „Woraus Du folgerſt?“ „Daß ſie nicht wahr wäre.“ Der Pfarrer ward ſehr ernſt.„Das wäre ent⸗ ſetzlich.“ 23 „Ja! Dann finde ich ihre Stirn hart und ihren Blick kalt— gerade neben ihm fiel es mir auf.“ „Der Rector kennt ſie doch ſehr lange.“ „Ob aber näher? Jugend und Geſundheit ſchmücken ſie, geben dem Auge Glanz, dazu hat ſie die Ge⸗ wohnheit, ſelten und nur flüchtig, die mit ihr ſprechen, anzuſehen— man muß aufpaſſen, einen Blick zu er⸗ haſchen—“ „Dieſes geſenkte Auge hat etwas Anmuthendes, Züchtiges, Demüthiges—“ „Ganz recht, und alſo wird es dem Rector auch erſchienen ſein— es ſieht ſchön, wenn die dunkeln Wimpern auf den rothen Wangen liegen. Züchtig iſt ſie auch ohne Zweifel, und das iſt ebenfalls ſchön, demüthig aber nicht, dagegen ſtreitet ihr ganzes übriges Weſen.“ „Doch ſoll es die Liebe ſein, und was ſonſt könnte ſie bewogen haben, ſo conſequent an dem Rector feſtzuhalten, gegen den Willen der Ihrigen?“ „Vielleicht dieſer Widerſpruch, vielleicht ſeine Schön⸗ heit— wer weiß es genau? Es gibt Individuen, Frauen, Extreme, die alle Logik zu Schanden machen.“ „Hoffen wir, daß ſie nicht dazu gehört.“ „Hoffen wir's, mein Sohn, denn es gibt noch eine dritte Klippe, an der das Wohl des Rectors ſcheitern 24 könnte! Wenn ſie ihrem erſten Auftreten gemäß hier weiter exiſtiren und den angeregten Erwartungen ge⸗ recht werden will, muß ſie Vermögen haben oder eine ſehr gute Wirthin ſein; die kommen aber ſelten aus ſol⸗ chen Regionen, in denen ſie groß geworden iſt. Auch habe ich bemerkt, daß ſie Kleinigkeiten mißachtet, aus denen doch ſo ſicher Größen werden.“ „Du nimmſt ſie in die Lehre.“ „Gern, wenn ſie welche annehmen wird, was ich aber auch bezweifle.“ Der Pfarrer ſah ſeine Mama lächelnd an.„Ge⸗ ſtehe nur, Mama, Du hätteſt des Rectors Heil gern unter Deine Flügel genommen und ſiehſt nun die, welche Dir zuvorkam, gleich etwas mißgünſtig oder mißtrauiſch an.“ „Nicht darum, Theodor— ich will mich gern in Allem irren, was ich da ſagte.“ Nochmals, hoffen wir es, liebe Mama! Die junge Frau iſt voll Kraft an Leib und Seele; ſie wird als Tochter eines ſolchen Hauſes und einer ſolchen Stadt Erziehung und Intelligenz genug beſitzen, um den ſelbſt⸗ gewählten Wirkungskreis richtig aufzufaſſen und wür⸗ dig auszufüllen. Glück und Frieden können ja überall wohnen.“„ „Amen“ ſagte die Mama, ihre kleinen Hände faltend. Verſchiedene Wochen waren vergangen, waren zu Monden geworden. Die Spätherbſtſonne warf zuweilen flüchtige Blicke in das Wohnzimmer des jungen Paares, zog ſich aber immer wieder undüſtert hinter ihre Wolkengardinen zurück— was hatte ſie geſehen? Nichts von dem, wie man eine junge und alte Häuslichkeit ſo gern ſieht: nett, behaglich, traulich! Keine gemüthlich warme Atmoſphäre trotz des feucht⸗ kalten Novembertages draußen und des geſpickten Holz⸗ bodens drinnen; kein nervenerfreuendes Arom einer werdenden Erquickung, wie ſie der Rector heute brauchen konnte; kein geſchäftiges, oft ſo reizendes Hin und Her der jungen Frau, welche im Sorgen und Wirken für Andere, für den, mit dem ſie Hand und Herz ge⸗ tauſcht, aufgeht und in dieſer Selbſtvergeſſenheit heiter und zufrieden iſt— nichts von alledem, was dem Bewohner das Heimgefühl gibt, den Beſucher feſſelt, die guten Hausgeiſter einziehen, die böſen umkehren und uns aus dem ſchrankenloſen Außen in das engbe⸗ grenzte Innen zurückſehnen macht. Auf den fein⸗ polirten Möbeln lag Staub, die leicht beweglichen ſtanden da wie im Begriff davonzulaufen, ein halb⸗ offener Kaſten ſchien ſehnſuchtsvoll der Entwirrung ſeines Chaos zu harren; auf dem eleganten Sopha aber ſaß 26 3 oder lag vielmehr, hingeworfen wie ein eigenſinniges Kind, die Seele des Ganzen, Philippine, und ſchaute vor ſich hin. Nach einer Weile ſchlug die Thurmuhr zwei, eine Thüre ging draußen auf und ein Geräuſch ward hör⸗ bar: die Schule war aus. Sofort nahm das Geſicht der Rectorin einen trotzigen Ausdruck an, und der Blick, welchen ſie nach der Stuben⸗ thür warf— ja, die Mutter des Pfarrers hatte Recht: es war ein kalter, harter Blick, welcher den ein⸗ tretenden Rector empfing. Er ſah viel bläſſer als ſonſt und trübe, faſt ſcheu irrte ſein Auge über den ungaſtlichen Raum und die junge Frau, welche ſich nicht erhob bei ſeinem Erſchei⸗ nen. Dennoch ging er auf ſie zu und ſagte in ſeiner gewöhnlichen freundlichen Weiſe:„Nun, Philippine?“ „Nun?“ fragte ſie zurück, den Kopf ein wenig hebend. „Nun, was möchteſt Du wieder?“ Er wich wie fröſtelnd nach dem Ofen zurück, welcher ſo wenig Anwartſchaft auf Wärme und Erquickung bot.„Ich möchte Dich fragen, ob Dir's noch immer nicht iſt, wie Dich hier häuslich einrichten.“ „Nein!“ „So kann es aber doch nicht bleiben!“ 27 „Dann mache es anders, wenn Dir's nicht gefällt; mir gefällt es eben auch nicht.“ „Was an mir liegt, wird geſchehen, es liegt aber hauptſächlich an Dir.“ „Ich weiß ja ſchon“, unterbrach ſie ihn unge⸗ duldig, ſich noch etwas weiter aufrichtend.„Ich ſoll mir auch noch Mühe geben, nicht an das zu denken, was ich um Deinetwillen verlaſſen habe.“ „Du ſchriebſt mir ja, daß Du Dich förmlich fort ſehnteſt von Hauſe—“ „Ja, fort vom Regimente meiner Schweſter.“ „Alſo nur fort, nicht hierher“, ſagte Friedrich traurig. „Nein, nicht hierher in das einſame Neſt“, er⸗ widerte ſie rückſichtslos. Der Rector ward noch bläſſer als vorhin. „Doch hatteſt Du Dich hier umgeſehen und mir ge⸗ ſagt, es gefalle Dir ausgezeichnet“, bemerkte er mit leiſem Vorwurf. „Ja doch!“ entgegnete ſie heftig, ſich mittels eines ungraciöſen Ruckes vollends emporſchnellend, daß ſie nun im Sopha ſaß.„Ja doch; in den paar Stun⸗ den, die ich hier war, kam es mir erträglich vor, das ſagte ich Dir. Warum biſt Du ſo ſimpel, Alles buchſtäblich zu nehmen?“ 28 „Warum, Philippine?“ erwiderte er ernſt und nach⸗ drücklich.„Weil zu einem Bündniß, wie die Ehe iſt, Wahrheit gehört— weil Ich aufrichtig gegen Dich ge⸗ weſen bin!“ „Nicht in Allem! Von den vielen Kindern, die mir hier alle Tage im Wege ſind, haſt Du nichts geſagt.“ „Sie ſind ſelbſtverſtändlich, um ihretwillen wir da.“ „Nichts von der alten furchtſamen Kirche.“ Der Rector betrachtete kopfſchüttelnd ſeine Heroine. „Furchtſam, Philippine?“ Jal „Du haſt ſie aber unmöglich damals iberſehen können, man ſieht ſie ſtundenweit— hat auch noch Niemand ein Leid gethan.“ „Sie hat aber, nun ſie mir ſo nahe iſt, etwas Schauerliches für mich, denn wenn ich da ſitze und ver⸗ geſſen will, wo ich bin und was mich alterirt, da fangen ſie an zu läuten oder die einfültige Uhr ſchlägt, daß man erſchrickt.“ Sie thut ihre Schulbigkeit, ſie mahnt tn und wie die Zeit vergeht.“ „Das geht mich nichts an.“ „Doch! Zeit iſt ein edles Kapital, das ganze Städt⸗ chen betrachtet ſie als ſolches und rechnet nach der Uhr.“ 29 Heroine fuhr auf.„Aber ich nicht, ich laſſe mich nicht unter die rechnen, welche unter mir ſtehen.“ „Der Hochmuth hebt Dich nicht über ſie, Philippine. Iſt Dir nicht bekannt, daß nur taube Aehren die Köpfe hoch tragen, die vollen aber ſie demüthig neigen — daß man nur über dieſe ſich freut?“ Die junge Frau ſah einige Augenblicke erſtaunt darein. „Behalte die Kindergeſchichten!“ ſagte ſie dann kalt. „Sie nützen Dir nichts bei mir und Aerger habe ich ſo ſchon genug, daß Du mir ſo widerſprichſt und das Opfer nicht erkennſt, welches ich gebracht habe, Dir hierher zu folgen.“ „Ich habe kein ſolches gefordert und würde es nicht angenommen haben, wenn ich das hätte ahnen können. Was nützt es auch, wenn Du es bereuſt und mich fühlen läſſeſt täglich und ſtündlich ohne Barm⸗ herzigkeit?“ Sie war bei dieſen in ergreifendem Tone geſpro⸗ chenen Worten ſehr roth geworden, ſchien aber das Gefühl, welches über ſie kommen wollte, mit einer kurzen harten Kopfbewegung abzuſchütteln und erwiderte ſpöttiſch:„Meine älteſte Schweſter hat immer geſagt, daß Schulmeiſter etwas Hochtrabendes hätten, was ihnen ſehr ſchlecht ſtände— jetzt kommt es auch bei Dir zum Vorſchein.“ 30 „Nein, Philippine, es iſt leider die lautere Wahr⸗ heit: Du biſt ungerecht und lieblos gegen mich wie nie Jemand zuvor und machſt die gute und hohe Meinung, welche ich und Andere von Dir hatten, zu Schanden.“ „Ich frage nichts nach Andern.“ „Aber ich muß darnach fragen! Ich habe Dir bis⸗ her in Allem nachgegeben, wo es billig und möglich war, Dich ganz gehen und thun laſſen, wie Du woll⸗ teſt— ich ſehe, daß Du Dich trotz dieſer Freiheit und Deiner vortrefflichen Geſundheit weder beſonders wohl befindeſt, noch zufrieden biſt— Du kannſt es ſo nicht in und mit Dir ſelber ſein. Um es zu werden, möchteſt Du nun ernſtlich anfangen, Dir das ſelbſtge⸗ wählte Heim heimiſcher zu machen.“ „Und Dir mit— nicht wahr?“ verſetzte ſie in ſeltſamem Tone, ihm wieder einen raſchen böſen Blick zuwerfend. Er ließ aufmerkſam ſein klares Auge auf ihr ruhen. „Ja, mir mit— würde Dir das ſtörend ſein?“ „Ja. Ich will nicht ſorgen und mich mühen für Andere.“* „Doch iſt es der Beruf des Menſchen überhaupt und des Weibes insbeſondere— der liebe Gott hat wohl gewußt, wie nöthig dem Menſchen die Arbeit iſt! Sie erhält geſund, läßt die Langeweile nicht auf⸗ kommen und iſt ſo wirklich eine Würze des Lebens.“ „Nun, ſo würze Dir das Deine damit“, entgeg⸗ nete ſie raſch.„Ich danke ſchön dafür.“ Er hatte den Platz am kühlen Ofen verlaſſen und ſuchend im Zimmer umhergeſchaut. Ihre Blicke ver⸗ folgten ihn. „Du warſt nicht herübergekommen, mir das Leben angenehm zu machen, wie es Deine Schuldigkeit iſt“, fügte ſie ironiſch hinzu,„Du wollteſt etwas für Dich? Denn wenn Du Dich zeigſt, haſt Du Bedürf⸗ niſſe!“ „Ich habe Dir geſtern geſagt, daß wir heute ein öffentliches Begräbniß haben, und weil Du mir nicht zurechtgelegt haſt, was ich dazu brauche, muß ich Dich darnach fragen.“ „Und dieſes Fragen und Bedürfen— das weckt meinen Zorn.“ Auch in ihm ſchien etwas Derartiges aufzuwallen, aber er hielt an ſich und ſagte nur ernſt: „So hält alſo Heroine das Verſprechen, welches ſie mir mündlich und ſchriftlich und zuletzt am Altare ge⸗ geben hat? Das iſt das Leben, welches Sie mir ſo ſchön geſchildert hat, wie es auch ſein könnte wenn—“ 32 „Wenn Du mehr Geld hätteſt“, ergänzte ſie raſch und maliciös, von dem Thema ab⸗ und zu einer andern Variation überſpringend. Abermals firirte der Rector ſeine Hälfte. „Geld?“ fragte er dann ruhig zurück.„Durchaus nicht! So allmächtig es ſonſt iſt, ſo ohnmächtig iſt es Dir gegenüber— Du weißt das auch! Was man da⸗ für haben kann, namentlich Putz und dergleichen, haſt Du ſchon, mehr als unſere Edelfrauen— Geſelligkeit und Derartiges liebſt Du nicht, Du willſt Ruhe haben. Eine Hülfe im Hauſe haſt Du auch zurückgewieſen, weil man Dich fragen und„ſtören“ oder es nicht recht machen und Dich„ärgern“ würde. Du ſiehſt, damit wäre nichts geändert! Das können hier nur die höchſten Güter des Menſchen bewirken: Vernunft—“ „Wie galant Du biſt!“ „Blos aufrichtig— Vernunft und freier guter Wille!“ „Der koſtet nichts.“ „Er würde unbezahlbar ſein— Du würdeſt, wenn Du wollteſt, hier auch das Gute anerkennen.“ „Es gibt eben nichts!“ „Ueberall etwas. Bleiben wir gleich einmal bei der Wohnung. Sie iſt neu, hell, geſund, ſchön gelegen, hat gute Nachbarſchaft, prächtige Ausſicht, mitten im 33 Orte— trotzdem ſprichſt Du nur von der Seite, wo wir gleichſam als Hintergrund und Schutz die Kirche, wo wir nur Küche und Vorſaal haben. Wenn Du wollteſt, würdeſt Du dieſe recht gut zeitweilig über Mittag⸗ und Abendſeite vergeſſen können.“ Philippine beabſichtigte eben wieder einen ihr paſſenden Gedankenſeitenſprung, als das weitum ſchönſte ſonore Geläute erklang, von dem ſie bei der Bau⸗ ſchau geäußert, daß es dem ihrer Vaterſtadt ähn⸗ lich ſei. „Da haſt Du es“, ſagte ſie in wegwerfend trium⸗ phirendem Tone.„Wenn ich auch wollte, das alte Eulenneſt macht ſich von ſelbſt bemerkbar— ich finde die ganze Lage häßlich und widerwärtig!“ „Und ich finde, Philippine, daß es auf einmal iſt, als ob unter Deiner Maske ſich ein wildfremdes Weſen bei mir eingeſchlichen hätte.“ „Das freut mich, da weißt Du hübſch, wie es mir zu Muthe iſt bei der Mesalliance.“ „Verſündige Dich nicht, Frau!“ „Nein!“ rief ſie wild und ſprang auf, wie halb abweſend,„nein, die Sünde fällt auf Dich, daß Du wagteſt, mich zu begehren und hierher zu führen.“ Sie trat zur Kommode, zog ein weißes Tuch hervor und warf es auf den Tiſch.„Hier“, ſagte ſie rauh, 3 von Oben, Des Hauſes Eckſtein. I. während ihre Blicke ſtechend und häßlich auf ihn fielen, „mache, daß Du zu Deiner Leiche kommſt!“ Sie warf ſich wieder auf das Sopha. Der Rector betrachtete ſelbſt wie abweſend die fein⸗ gearbeiteten Enden des Tuches, welches ſie ihm als* heimlich Verlobte geſtickt und geſchickt und damit wie mit den es begleitenden liebeathmenden Zeilen ihn unendlich erfreut hatte; dann ging er wortlos, uner⸗ wärmt und unerquickt in jeder Weiſe in die kaum ver⸗ laſſene, ebenfalls kühle und dickluftige Schulſtube zurück, ſich zu dem Gange nach dem weitentlegenen Gottesacker fertig zu machen. Es ging nicht vorwärts damit. Immer war das 5 Tuch zu feſt, als ob es ihm den Hals zuſchnüre. Er mußte des Trauungstages gedenken, wo er es zuerſt getragen, an welchem ſeine Täuſchungen oder vielmehr Enttäuſchungen begonnen hatten. Ach, das waſſerblaue Brautgewand, ihre Wahl, ſchien ominös geweſen— alle ſeine ſchönen Träume waren zu Waſſer geworden! Sie luſtwandelte nicht mit ihm in der ſchönen Natur, ſie hatte ſo wenig Sinn dafür, daß ſie jedes Buch weg⸗ warf, wenn es eine derartige Schilderung enthielt. Sie muſicirte nicht mit ihm, es war noch keine Taſte berührt worden, ja ſie hatte ſogar ihn allein zu ſpielen verhindert. Sie hatte ihm nur wenige Male in Geſellſchaft Ehre und Freude gemacht, nachher aber jedes Entgegenkommen ſchroff zurückgewieſen— ſie wollte keinen ſolchen Zwang. Sie hatte ihm kein trautes, glückliches Daheim ge⸗ ſchaffen, ſondern ihm nur das noch genommen, was er vor ihr gehabt hatte, ſeine ruhige Einſamkeit. Er hatte begreiflich gefunden, daß die Trennung vom Vaterhauſe und dem Gewohnten überhaupt, die Verſetzung auf unbekanntes Terrain, in ungewohnte Verhältniſſe nicht ohne Störung für Philippinens inneres Gleichgewicht vorüberging. Er hatte ihr darum Zeit laſſen wollen, es wieder zu finden, und ihren Aus⸗ brüchen von Klagen und Unzufriedenheit Geduld und freundliches Zureden entgegengeſetzt. Er hatte geglaubt, daß ihr eigentlich heiteres Naturell ſchließlich doch die Oberhand gewihnen werde— er hatte ſie ja nie anders geſehen. Daß aber nach Verlauf ſolcher Zeit ſolche Stunden wie die eben erlebte kommen, daß ſolche Worte fallen konnten, das brachte ihn dußer Faſſung, verwirrte ihn. Die Frucht der höchſten Bildung iſt die Humanität! Wo war Philippinens Bildung, ihre Liebe, ihr Heroismus? Was war der Grund dieſer entſetzlichen Umänderung? Was ſollte er thun? 36 Er konnte nicht darüber nachdenken. Die Thür flog auf und im freundlichſten Tone bat ihn ſeine Frau, doch hinüberzukommen. Er ſah faſt erſchrocken auf und in der offenen Wohnſtube gegenüber den Pfarrer ſtehen, welcher gekommen war, ihn abzuholen. Die junge Frau mußte ſich beſonnen haben, daß er kommen werde. Sie hatte das Gemach geordnet, Toilette gemacht und den Pfarrer ſehr artig empfan⸗ gen, auch den Rector ſofort zuvorkommend davon be⸗ nachrichtigt. Dieſen verwirrte die abermalige plötzliche Umwand⸗ lung ſeiner Frau nur noch mehr. Er konnte dieſen windſchnellen Wechſel von Stimmung und Phyſiognomie nicht faſſen. Sie kam ihm vor wie Janus mit ſeinem Doppelgeſicht. Das alte mürriſche, welches ſtereotyp nach der Vergangenheit ſieht, ſchien allein für ihn da, das jugendlich heitere, welches der Zukunft gehört, für die, welchen ſie imponiren wollte oder die ihr im⸗ ponirten. Auf den Pfarrer ſchienen beide Fälle an⸗ wendbar. Dem Rector kam es auf einmal an wie Schwindel. Wie ſie jetzt dem Pfarrer gegenüber war war ſie ihm gegenüber geweſen, als er ihr noch fern ſtand. War ſie damals daheim und für ſich auch ſchon eine Andere als vor der Welt? 3 37 Sein Hirn begann zu fiebern, ihm war, als blicke er in eine ungeheure Leere. Eins ward ihm endlich klar: ſie konnte, was ſie wollte; warum mochte ſie nicht wollen, was ſie konnte? Der Pfarrer war ſeit dem Ausſpruch ſeiner Mama der Rectorin eifrigſter Beobachter geworden. Unbemerk⸗ bar für ſie ſelbſt ſtudirte er ſie förmlich, ſchlug die verſchiedenſten Saiten an, zu hören, wo es in ihr einen Wiederhall gab. Er bemerkte auch jetzt, während er zwanglos mit ihr plauderte, daß der Rector bis ins Innerſte alterirt, daß das nicht das Werk ſeiner Schüler war. Er ſah, wie die junge Frau ſich Mühe gab, ihn in das Geſpräch zu ziehen, indem ſie ſich lächelnd mehr⸗ mals direct an ihn wendete, und wie dieſer darob leiſe zuſammenzuckte, als verwunde ihn ihre Anrede; er ſah, wie der Rector, nachdem er ihn ſelbſt mit ſtummem Handdruck begrüßt, ihr ſichtbar ſchweigend auswich. Er hatte längſt ſeiner Mama Recht geben müſſen— die Tochter des großen Hauſes der kleinſtaatlichen Reſidenz war nicht wahr, weder gegen ſich noch gegen Andere, und hatte wirklich alle Logik zu Schanden gemacht. Alle Widerſprüche der menſchlichen und weiblichen Natur traten hei ihr ſchroff zu Tage. Sie liebte es, für ſich allein, ungenirt und ungeſtört, 38 dahinleben zu können, und ſchloß ein Bündniß für das Leben, wie es die Ehe iſt! Sie liebte das Geld und wählte einen armen Mann. Sie liebte das Geräuſch der Stadt und wählte einen Mann, der ſeinen Wirkungskreis in ländlicher Abge⸗ ſchiedenheit hatte. Sie liebte nicht die Kinderwelt und heirathete einen Lehrer. Sie liebte nicht zu ſchaffen und ſich zu mühen für Andere und begab ſich in ein Verhältniß, wo es galt, gerade ſo zu wirken. Sie haßte allen Zwang, als welchen ſie auch Regel⸗ mäßigkeit und Pünktlichkeit bezeichnete, und erzwang ſelbſt eine Situation, welche von ihren Angehörigen jahrelang zurückgewieſen worden war, wo gerade ſie das Haus, welches eine Welt im Kleinen iſt, pünktlich regieren und das Sprichwort zur Geltung bringen ſollte: Ordnung erhält die Welt! Und nachdem ſie unverrückbar jahrelang nach dem Allem geſtrebt hatte, da dankte ſie dem, durch den ſie es erreicht, mit Vorwürfen, Bitterkeiten, Unzufriedenheit und achtete ſeine Herzensgüte, ſeine Schönheit, Liebe und Treue für gar nichts. Das war überhaupt charak⸗ teriſtiſch an ihr, daß ſie immer wollte, was ſie nicht hatte, und was ſie hatte, nicht wollte, nicht achtete. Und was war der Grund zu dem Allem? Der Pfarrer meinte, die innere Grundloſigkeit. Wo jene ebenerwähnten Widerſprüche durch Moral, Vernunft oder Gefühl überwacht, beherrſcht und ge⸗ läutert werden, da gibt es am Ende wohl ein Ganzes, welches himmliſche Roſen ins irdiſche Leben zu flechten verſteht. Als bei Philippine die Leidenſchaft floh und die Liebe bleiben ſollte, da waren beide weg, und 3 in den leeren Raum niſtete ſich der verzehrende Un⸗ friede ein. Der Pfarrer dachte viel darüber nach, wie dem Rector zu helfen ſein möchte. Lehre nahm die junge Frau ſelbſt nicht an— ſeine Mama hatte auch hierin Recht gehabt. Er nahm den Rector öfter mit zu ſich, vertiefte ſich mit ihm in dieſes oder jenes, wobei er Winke fallen ließ, und äußerte einſt, als ſie politifirten:„Ja, wenn man mit Nachgeben bis zu einer gewiſſen Grenze nicht zum Frieden kommt, ſo darf man auch den Krieg nicht ſcheuen, im Privatleben ſo gut wie in der großen Welt!“ Unterdeß war unverhofft die jüngſte Schweſter Phi⸗ lippinens, Ulrike, zu Beſuch gekommen, eine friſche, hübſche Blondine, welche ihr Anbeter dahein, ein junger, vielbeleſener Commis, ihres ſchönen Wuchſes 5 40 3 halber mit Juno verglichen hatte, worauf ſie ſich nicht wenig zu gute that. Auch ſie ging auf Eroberung aus, und da Philippine ihr von den lichten Seiten des neuen Aufenthalts ge⸗ ſchrieben hatte, ſo hatte ſie Luſt bekommen, ſich dort einmal umzuſehen und ſehen zu laſſen. Ihre Gegenwart änderte die Scenerie in der Schule, um ihretwillen mußte die Rectorin zu⸗ und umgäng⸗ licher ſein. Freilich war dieſer Zwang ihr insgeheim bald fatal; trotzdem war ſie außer ſich, als Ulrike ab⸗ reiſen wollte und ſie dableiben ſollte. Sie reiſte alſo mit, blieb mehrere Wochen fort und kam unduldſamer, tadelſüchtiger, unerträglicher zurück, als ſie gegangen war, während der Rector allein im alten ruhigen Gleiſe gelebt und ſich wohl befunden hatte. Da fielen ihm des Pfarrers Worte ein und er ſtellte ihr mit aller Entſchiedenheit die Alter⸗ native, entweder ſofort und für immer wieder heimzu⸗ kehren, wenn es ihr denn gar nicht bei ihm gefallen wolle, oder endlich die Verheißungen zu erfüllen, welche er ſo vielmals mündlich und ſchriftlich von ihr empfan⸗ gen habe. Sie ſchien erſt nicht zu faſſen, daß das Ernſt ſein könne, und als ſie ihn begriff, da machte ſie abermals alle Logik zu Schanden: ſie bat, gelobte, verſöhnte ihn — — 41 wieder. Er konnte ja nicht gut Fremden abſchlagen, was zu gewähren in ſeiner Macht ſtand, wie hätte er ſie unerhört abweiſen ſollen, die zum erſten Male als Bittende vor ihm und ihm ſo nahe ſtand? Er hatte ja immer gehofft, ihr beſſeres Selbſt ſich noch durchringen zu ſehen, er hatte ſo lange an ſie geglaubt und ſie geliebt, und ſie konnte ja, was ſie wollte! Sie unterzog ſich mit Fleiß und Geſchick ihren häuslichen Pflichten und Arbeiten, zog ſich reizend an und ging in Geſellſchaft, wo ſie mit Vergnügen und Takt die Artigkeiten der Herrenwelt entgegennahm, war auch zu Hauſe heiterer als je bisher. Die beſſern Tage, von denen der Rector geträumt, ſchienen zu kommen. Während dieſelben zu Wochen, Monden, Jahren wurden, änderte ſich Manches nach außen. Die älteſte Schweſter heirathete einen Künſtler, welcher bei einer Hofkapelle im Thüringerlande ange⸗ ſtellt war, Ulrike verlobte ſich mit einem jungen Geiſt⸗ lichen, welcher ebendaſelbſt Anwartſchaft auf die Pfarre eines großen, hübſchen, wohlhabenden Walddorfes hatte— ein feiner, ſchlanker, gediegener Mann, ähnlich dem im Saalthalſtädtchen von innen und außen. Dieſer ward bald nachher verſetzt und an ſeine Statt kam ſein Gegentheil, mit welchem die Rectorin 42 ſehr bald in offener Fehde lag, wofür er als des Rec⸗ tors nächſte Behörde dieſem ſein Amt möglichſt ſauer machte. Das Stück Land war überhaupt einem größern Staate einverleibt, der Zuzug freier geworden unter den neuen Geſetzen, wodurch das Städtchen raſch an Köpfen, aber nicht an Mitteln reicher ward. Da ſtarb der alte Regierungsrath und hinter⸗ ließ unverhofft jeder ſeiner Töchter ein hübſches, rundes Baar, hinter dem drei Nullen ſtanden, deſſen Zinſen einen ſtattlichen Zuſchuß zu dem an ſichern Baarein⸗ nahmen ſo unſichern Rectorate gaben, ſodaß Philippine nun ganz zufrieden hätte ſein können, da ſie ſich auch nach wie vor der beſten Geſundheit erfreute. Sie war aber einmal eine unberechenbare vulkaniſche Natur! Bei Wenigem war ſie voll Unmuth geweſen, mit dem Mehr ſchoß wieder üppig der Hochmuth empor. Sie wiederholte, daß ſie ſich in dem Neſte nicht ewig feſtzuſetzen gedenke, ließ die Gelder in ihrer Heimat zum beliebigen Gebrauch für ſich von einem Verwandten überwachen und den Rector, welcher, trotzdem er ein Dorfkind, doch viel zu delicat war, mit Gewalt in dieſe Angelegenheit zu dringen, gar nicht erfahren, wie viel die Erbſchaft eigentlich betrug. Sie ließ nun auch im Hauſe wieder Alles nach 43 ihrem Sinne gehen, ihren Eigenthümlichkeiten gemäß; ſie haßte ja allen Zwang, ſie brauchte ſich nun dem nicht mehr zu fügen. So ſtand der Tageslauf in ihrem Bereiche mit dem des übrigen Ortes häufig im ſtrieten Widerſpruche, woraus freilich gerade wieder für ſie, die Leichtgenirte, Unduldſame, die mannichfachſten fatalen Alltäglichkeiten und Nichtalltäglichkeiten erwachſen muß⸗ ten, wie denn überhaupt der Menſch, welcher einfach nicht gegen ſich ſelbſt zu Felde ziehen mag, ſich dann, ſtatt mit einem, mit vielen Feinden herumſchlagen muß, mit den Folgen der Nachgiebigkeit gegen ſich ſelbſt und der Rückſichtsloſigkeit gegen Andere. So fand neben dem Hochmuth auch der Unmuth wieder ſein Feld. Mittlerweile waren dem Regierungsſecretär Lesnau Zerſetzende Ideen gekommen. Er arbeitete daran, ſeine Ehe zu trennen. Da kein geſetzlicher Grund vorhanden, mußte er capituliren. Die Frau behielt den Titel und die Kinder, für welche er ſich zu Erziehungsgeldern verpflichten mußte für gewiſſe Jahre, dann ward der Bund fürs Leben wieder gelöſt, welcher noch nicht ſo viele Jahre beſtanden hatte, als weiland König Pharao erſt fette und dant magere Kühe aus dem Waſſer ſteigen ſah im Traum! Der Rector war begierig, welchen Eindruck dieſes Ereigniß auf ſeine Frech machen wette, das ihr 44 eigentlich eine Lection ſein mußte. Aber unbewegt, wie der Fels die Flut, warf ſie ihm die Nachricht mit den Worten zurück:„Sie iſt alſo die erſte Si unter uns, ſie iſt wieder für ſich!“ „Was hätte aus der Rectorin werden können, könnte es noch“ ſagte der Pfarrer zu ſeiner Mama,„wenn ſie ihre Kraft und Energie auf Großes, Edles concentrirte, ſtatt ſie in ſteter Oppoſition, in ewigem Widerſpruch gegen Alles, was da kommt, zu zerſplittern und zu vergeuden!“ Es war kein Wunder, wenn dem Rector bei jenen Worten ſeiner Frau abermals die Nachahmung in den Sinn kam, die ohnedies im Menſchen liegt; er wußte jetzt, warum ihm, ſo zu ſagen, der Boden, darauf er ſein Haus hatte bauen wollen, immer wieder unter den Füßen wich: Philippinens Bildung war nicht die, welche er vorausgeſetzt hatte, ſtatt einer tiefen mo⸗ raliſchen oder veredelnden wiſſenſchaftlichen nur eine geſellige, welche gerade hier ein ziemlich todtes Ka⸗ pital war. Die ihr innewohnende urwüchſige Kraft war ohne Zaum und Zügel, gefiel ſich in der Ungebundenheit, in jähen Sprüngen und ungeahnten Exploſionen und zertrümmerte ſo, was ſie außerdem hätte ſchaffen können weit über das Erdendaſein hinaus. —— 45 Der Rector meinte, der alte ehren⸗ und gewiſſen⸗ hafte Regierungsrath habe doch wohl einen großen 7 Fehler begangen, als er die jüngſten ſeiner Töchter unter die Obhut der älteſten gab, ſtatt ſie alle ohne Unterſchied einer fremden weiblichen Autorität unter⸗ zuordnen und ſie ſo gehorchen zu lehren noch einer Andern als ihm ſelbſt! Dadurch, daß ſie dieſe Aelteſte eigenmächtig ſchalten und walten und ſich erlauben ſahen, was ihnen unterſagt war, waren Neid und Widerſpruch wie die Luſt zum Selbſtherrſchen geweckt worden; dadurch, daß ſie dieſe Schweſter als ihre Obere wenigſtens in Va⸗ ters Gegenwart reſpectiren mußten, hatten ſie ſich ver⸗ ſtellen, jenen windſchnellen Wechſel von Stimmung und Phyſiognomie zu eigen machen gelernt, den der Rector nicht hatte begreifen können. So war die Lüge in die jungen Seelen gepflanzt worden, ſo war da, wo bei rechter Bebaunng eine reiche Ernte edler Früchte ge⸗ diehen wäre, das alltägliche Unkraut emporgeſchoſſen. Sollte er ſie jetzt fallen laſſen? Nein! Wenn er es that, ging ſie erſt recht ver⸗ loren und ſie konnte nicht für das verantwortlich ge⸗ macht werden, was Andere verſäumt hatten. Sie war die Mutter ſeiner zwei lieblichen Kinder, und ſo un⸗ wirſch ſie das erſte, das„einfältige Mädchen“ empfangen 46 hatte, ſo gut hatte ſie es ſpäter gepflegt und gehütet; und wenn das auch ganz in der Ordnung und natür⸗ lich erſchien, ſo mußte er bei ihrer Abneigung gegen Kinder überhaupt doch gerade ihr das Natürliche als Beſonderes anrechnen. Sie konnte, was ſie wollte; was ſie aber nicht wollte, das geſchah auch nicht, und wenn die Welt in Trümmer ging, und ſo hätte er auch gar nichts machen können, wenn ſie die Kleinen fremden Händen über⸗ antwortet hätte, wie es ja Sitte iſt in den Städten und den Ständen, denen ſie entſtammte. Sie hatte es nicht gethan und nun hätte er es thun oder ſich zugleich mit von den Kindern trennen müſſen, von ihr, ſeiner kleinen Fanny, dem Lichtſtrahl des Hauſes. Nein, nein! Das kleine, von blonden Löckchen umrahmte Geſicht mit den ſonnigen Augen und dem glück⸗ lichen Lächeln war ihm ſüßes Bedürfniß; wie öde wären die Tage geweſen ohne daſſelbe, ohne ihren Ruf nach ihm mit ſihrer zarten, melodiſchen Stimme, die ſich wie Vogel⸗ ſang in die Herzen ſchmeichelte bei Alt und Jung! Und der noch ganz kleine Bruder ward ihr ſo ähnlich, daß Fremd und Heimiſch den Kindern nachſah, wo man ſie ſah. Dazu hatte Philippine die Gunſt des Publikums wieder gewonnen, weil ſie mitleidig gegen die Armen war, weil ſie gern und reichlich half mit dem, was ſie 47 für ſich hatte. Sie hatte doch auch ihre guten Keime, ſie brachen nur langſam durch oder jäh ab bei äußerer Berührung. Er mußte weiter verſuchen, dieſelben zu cultiviren, er mußte dieſem Fels gegenüber ſtehen wie ein Berg, ein Berg Gottes: den Fuß in Ungewittern, das Haupt in Sonnenſtrahlen. ——— Zweites Kapitel. Ein Begegnen. Palmarum war's wieder und Frühling zugleich im lieblichen Thale der Saale. Hehr und herrlich war der Sonntagsmorgen heraufgekommen, die laue Luft voll Blumenduft, voll Sonnengold und Sonntagsfrieden, voll Lerchenſang und Glockenklang. Auch im Städtchen, auf welches die alte Burg ſo feſt und majeſtätiſch herabſieht, wallte Alt und Jung wieder der Kirche zu, wo heute neunundreißig junge Chriſten die Einſegnung empfangen ſollten. Zum letzten Male verſammelten ſie ſich in der Schule, um unter Führung des Lehrers zum erſten Male an den Altar des Herrn zu treten, hinter welchem dann das Leben ſelbſt uns in die ernſtere Schule nimmt. Eben trat der Rector aus ſeinem Wohnzimmer, —— 49 gefolgt von drei jungen Mädchen, welche man auf dei erſten Blick für Schweſtern hätte halten können. Alle drei waren blond und weiß gekleidet. Sie gehörten zu den Confirmanden und des Rectors Einzige war dabei. Darum war er heute ſo beſonders bewegt und feierlich geſtimmt. Die andern Beiden waren die Jüngſte vom Dia⸗ konus und die Lehrerstochter einer Nachbarſtadt, deren Haus abgebrannt war, weshalb ſie auf dem gaſtfreien und befreundeten Diakonat einſtweilen eine Freiſtatt gefunden hatte. Sie hieß Fanny Wagner und zum Unterſchiede von Fanny Stern die Kleine. Sie und Eliſe waren von gleicher Größe, geſund und friſch, blauäugig und rothwangig, wozu die roſenfarbenen Schleifen auf den weißen Kleidern ſehr hübſch ſtanden. Eliſe hatte einen lebensfrohen, die kleine Fanny einen ſehr ſanften Ausdruck im Geſicht. Fanny Stern, die Große genannt, mit blauen Schleifen am weißen Gewande, war blaß, ernſt, ſchmäch⸗ tig, ſo zu ſagen krankhaft aufgeſchoſſen, und obgleich ſie faſt alle ihre Mitſchülerinnen überragte, doch körper⸗ lich durchaus noch unentwickelt und zurück. Trotzdem war ſie für den tiefern Beobachter gewiß die Vielverſprechendſte und Intereſſanteſte. Sie hatte das üppigſte Haar, die anmuthigſte Laltung⸗ den von Oben, Des Hauſes Eckſtein. I. ——— 50 leichteſten Schritt, die lieblichſte Stimme. Die wunder⸗ baren Augen, bald licht, bald dunkel von Bläue, bald träumeriſch ſanft, bald forſchend oder aufleuchtend, kün⸗ deten warmes inneres Leben. Sie beſaß auch das reichſte Gemüth, das weichſte Herz, die beſten natürlichen und moraliſchen Anlagen, den regſten Geiſt, und darum vielleicht war der Körper zurückgeblieben, wie man das häufig bei geiſtiger Frühreife findet. Am Nachmittage des wichtigen Tages gingen die Confirmirten nicht wie jetzt in gewiſſen größern Städten zu öffentlichen Vergnügungen, Spiel und Tanz, als ſei der Austritt aus der Schule der Freibrief zu Allem, was dieſelbe bisher verboten hatte, was der Jugend nutzlos, der Geſundheit aber, welche gerade in dieſem Alter ihren ſtärkſten, vielleicht letzten Aufſchwung nimmt, ſchädlich oder tödtlich iſt und werden kann. Die„geſegneten“ Kinder des Saalthalſtädtchens gingen anſtändig, Knaben und Mädchen gewöhnlich für ſich, in ihrer ſchönen Natur ſpazieren. Als die neunzehn Mädchen den bewaldeten, mit hübſchen Anlagen verſehenen Berg erſtiegen hatten, auf welchem das Nachbarſchloß mit ſeinen vielen Fen⸗ ſtern in der Sonne glänzte, kamen von der andern Seite Fremde herauf, drei Herren und drei Damen. Die eine davon war älter, die beiden andern jung und 51 die jüngſte von dieſen, welche den Hut abgenommen hatte, ſchön wie ein Bild. Lange ſchwarze Locken fielen auf einen ſchneeweißen Hals, ihre kohlſchwarzen Augen blitzten wie Karfunkel unter den langen Wimpern her⸗ wor, und auf ihren Wangen blühten und glühten die friſcheſten Roſen. Ihre Kleidung war Sammt und Seide. Neben ihr ging ein ſchlanker Herr im feinen ſchwarzen Anzug, welcher ſehr vornehm ausſah. Die beiden an⸗ dern Herren waren in Uniform, und der eine davon zeichnete ſich durch einen prächtigen lichtbraunen Locken⸗ kopf und eben ſolchen dichten Vollbart aus. Die Mädchen grüßten, wie man ſie gelehrt in Schule und Haus, und traten dann zur Seite, um die Frem⸗ den vorüber zu laſſen. Nur die ältere Dame und die Herren dankten, der eine mit flüchtigem Neigen des Kopfes, der Lichtbraune, indem er militäriſch ſeine Mütze der Vornehme in Civil zog ſogar den Hut, wobei man einen Augenblick ſeine ſchöne edle Stirn und ein paar ſtrahlende dunkle Augen zu ſehen eam. Nur flüchtig indeß, faſt achtlos, ſtreiften die⸗ ſelben die Mädchenſchaar, dann wandten ſie ſich wieder ſeiner ſchönen Begleiterin zu. Dieſe fing auf einmal laut und etwas gellend an zu lachen, während ſie ſtehen blieb. 52 „Ah, mon ami“ ſagte ſie zu ihm,„Sie werden wohl⸗ thun, in Zukunft eine Hutfabrik zu etabliren.“ „Weil ich danke, wenn man uns grüßt?“ fragte er mit ſehr wohlklingender Stimme zurück. „Wenn Sie künftig Alles ſo verbindlich grüßen wollen, was Ihnen in den Weg läuft.“ „Ich bitte um Entſchuldigung“, nahm lebhaft der Lockenkopf das Wort.„Comteſſe ſcheinen augenblicklich die Begriffe verwechſelt zu haben. Die jungen Mäd⸗ chen ſind ohne Zweifel hier auf ihrem Terrain, und wir ſind ihnen in den Weg gelaufen.“ Die junge Schöne verſtummte einen Moment vor dem ernſten Blicke, welcher die leicht hingeworfenen, halb ſcherzenden Worte begleitete. Dann warf ſie ſchmol⸗ lend die Lippe auf und fragte mit einem zornigen Blitze ihrer ſchwarzen Augen:„Nun, und was iſt da weiter?“ „Da iſt weiter, daß dieſe jungen Mädchen augen⸗ blicklich mit uns auf gleicher Höhe ſich befinden und wir keine Urſache haben, auf dieſelben herabzuſehen“, verſetzte wieder doppelſinnig ſcherzend der Herr. „Und daß wir dem Rencontre zu Danke verpflichte ſind, weil es uns den Schlüſſel liefert, weshalb der Herr Rittmeiſter ſo gleichgültig gegen die Damenwelt der Reſidenz iſt“, warf ſpöttiſch die zweite junge Dame ein. 7— 53 „Sind das wirklich Deine Schönheiten?“ lachte der zweite Herr in Uniform, während er einen inſolenten Blick auf die Mädchengruppe warf und wie zum Schutz an die andere Seite der ſchönen jungen Dame trat. „Dieſe aufknospende Mädchenſchaar iſt eine höchſt anmuthige Begegnung“, verſetzte launig der Ritt⸗ meiſter.„Es kann ſich manches hübſche Blümlein daraus entwickeln.“ „Ich lobe mir, was iſt, nicht was erſt werden ſoll“, erwiderte der zweite Offizier, indem er einen ganz an⸗ dern Blick, als den die Mädchen bekommen hatten, auf die Schöne neben ſich heftete. „Und ich möchte hier nicht warten lernen“, fügte die andere junge Dame hinzu. „Ich auch nicht“, lachte die Schöne,„zumal es ſchließlich doch allerſeits eine Mesalliance für den Ritt⸗ meiſter Freiherrn von Scholler gäbe.“ „Allerſeits?“ fragte dieſer. „Allerdings; wo wären die Ausnahmen?“ „Die drei im Gewande der Unſchuld.“ „Gehören höchſtens dem höhern Bauernſtande, Pfarrer und Schulmeiſter an, ſonſt wären ſie nicht unter den andern.“ „Und wenn ich nun hier meine eigenen abſoluti⸗ ſtiſchen Ideen hätte und weniger nach dem Woher als „ 54 dem Wohin fragte? Es ſteht doch feſt, daß die ſogenannten untern Schichten mehr wirkliche Größen geliefert haben als die ſogenannten obern“, verſetzte er mit blitzenden Augen. „Glauben Sie ihm nicht, Comteſſe, er ſagt das nur, um länger mit Ihnen Krieg führen zu können“, be⸗ merkte der Offizier, welcher der Schönen treu zur Seite blieb und bei den letzten Worten des Rittmeiſters die Stirn derſelben ſich zornig röthen ſah. „Das wären ja auch revolutionäre Ideen“, warf ſcharf betonend die ältere Dame ein.. „Die Extreme berühren ſich“, lachte ſpöttiſch die Jüngere. „Allerdings“, erwiderte unbeirrt heiter der Ritt⸗ meiſter.„Und darum kann auch Niemand behaupten, daß nicht die eine oder andere dieſer Knospen ſich s Blume hoch emporzuranken vermag.“ „Ah, und welcher von den drei Grazien ſtellen Sie dieſes Prognoſtikon?“ Zunächt ihr, Comteſſe, welche Sie jeßt ſo durch“ dringend anſieht, als wollte ſie Ihnen auf den Grunt der Seele ſchauen“, entgegnete leiſer der Rittmeiſter auf Fanny die Große deutend. 3 „Das Mondſcheingeſicht auf der zerbrechlichen G ſtalt?“ verſetzte deſto lauter die Schöne.„Ach, t 55 könnt Ihr Recht haben, Herr Prophet, die kann bald ſehr hoch ſteigen— in den Himmel.“ „Vielleicht auch den Himmel geben. Sehen Sie, wie reizend das Morgenroth kommt.“ Er deutete abermals leiſe auf Fanny mit den blauen Schleifen, welche die theilweiſe franzöſiſch ge⸗ führte Unterhaltung ganz verſtanden hatte und deren Wangen ſich bei den letzten laut und ganz deutſch ge⸗ ſprochenen Worten der Schönen zu röthen begannen. Dieſe trat plötzlich heftig auf das junge Mäd⸗ chen zu. „Nun, Somnambüle, was haſt Du geſehen?“ fragte ſie gereizt und herriſch. Fanny, wenig Jahre jünger und faſt ſo groß als die, welche ſie ſo ohne weiteres mit Du ankedete, hatte eine doppelte Autwort auf die Frage:„Nichts“ oder„Ge⸗ ſpenſter“ wollte ſie ſagen. Aber ein Blick auf den Herm, welcher die dunkle Kleidung trug und, noch auf der⸗ ſelben Stelle ſtehend, unruhig forſchend die Schöne be⸗ trachtete, ſchien das zu ändern. Raſch legte ſie ſich ſelbſt den Finger auf die bereits geöffneten Lippen, ſchüttelte verneinend ihr goldglänzendes Haupt und wandte der Dame graziös den Rücken. Im nächſten Augenblick flatterte die ganze Schaar wie ein auf⸗ geſcheuchtes Rebhuhnvolk ihr nach den Berg hinunter. 56 Auf dem Diakonat angekommen, erzählten Eliſe und die kleine Fanny die Begegnung mit den glänzenden Offizieren, dem vornehm ausſehenden Herrn in Eivil und den geputzten Damen, von denen die eine ſo ſchön war, wie das Bild der Schloßfrau im Ahnenſaale der alten Burg, welches ſie ſo oft bewundert und dabei gemeint hatten, daß eben nur Bilder ſo ſehen nicht lebendige Menſchen. „Es wird der Herr von Gleichen mit ſeiner Braut geweſen ſein, welche drüben auf dem Schloſſe zum Beſuch erwartet wurden“ ſagte der Diakonus.„Lange Figur, dunkles Haar, dunkle Kleidung— das ſtimmt, und die Braut ſoll ſehr ſchön ſein.“ Fanny die Große horchte geſpannt dieſen Worten und zog ſich dann ſtill auf ihr Lieblingsplätzchen zwiſchen Piano und Ecktiſchchen im Schatten zurück. Als nach einer Weile der Diakonus ſich nach ihr umſah, hatte ſie die Hände über die Augen gedeckt, wie ihre Gewohnheit war, wenn ſie über etwas nachſann. Der Diakonus trat zu ihr und legte ihr ſanft ſeine Hand auf den glänzenden Scheitel. „Was hat das Pathchen zu ſinnen?“ Ihre Hände glitten herab und ſie ſah ihn an. „Ich möchte wiſſen, ob das wirklich der Herr von ——— 7 — —, * S Gleichen mit ſeiner Braut geweſen iſt“, ſagte ſie langſam. Der Herr Pathe betrachtete aufmerkſam das erregte junge Mädchen mit den heißen Wangen und feuchten Augen. „Und wenn Du wüßteſt, daß er es war, würde Dich das beunruhigen?“ „Ja!“ „Ja? Und weshalb?“ „Weil— ich habe Dich einmal ſagen hören: Für das, was auf der einen Seite geboten würde, müſſe es auf der andern ein Verſtändniß, eine Würdigung geben, ſonſt ſei keine Harmonie denkbar.“ „Nun— und?“ „Und da iſt mir's, als ob's bei Herrn von Gleichen auch ein traurig Leben ohne Harmonie geben könne, wie—“ Sie hielt inne. „Wie kommſt Du darauf?“ Sie ſenkte die Lider unter ſeinem forſchenden Blicke. „Ich fühle es“, ſagte ſie dann leiſe. „Du fühlſt es?“ „Ja, wenn ich an— wenn ich mir noli me tangere neben der Neſſel denken muß.“ „Selbſt noli me tangere“, dachte der Diakonus, ſie fortwährend betrachtend. 58 „Hat man Dir weh gethan?“ fragte er. „Mir und ihm, und beide hatten wir nichts gegen ſie verſchuldet.“ „Nun?“ Sie erzählte ihm die Scene mit dem Gruße; als ſie geendet, war ſie bleich vor innerer Erregung. „Hm, Ihr ſagtet, die ſchöne Dame ſei noch ſehr jung“, entſchuldigte der Diakonus. „Eben!“ betonte Fanny. „Sie kann ſich ändern.“ Fanny ſchüttelte traurig den Kopf.„Eine klingende Schelle, wie die Bibel ſagt, wird keine Harfe, und wenn ſie Jahrhunderte nebeneinander wären.“ Der Diakonus ſtreichelte ihr die Wangen. „Die Bibel ſagt auch, man ſoll vergeben und ver⸗ geſſen— Du kannſt es ja ſonſt.“ „Für mich, ja, und ich denke auch jetzt nicht an mich. 3 „Alſo an ihn?“ „Ja!“ „Aber, Kind, wie kannſt Du Dir das Glück oder Nicht⸗ glück eines Dir völlig Fremden ſo zu Herzen nehmen?“ Sie ſchlug die Augen wieder zu ihm auf, wäh⸗ rend der leiſe Hauch von Röthe, wie derſelbe ihr ſeit einiger Zeit zuweilen eigen war, auf ihre Wangen trat. 59 „Das iſt's eben, Herr Pathe, der Herr war mir nicht völlig fremd.“ „Du ſahſt denſelben ſchon?“ „Niemals. Aber als er den Hut zog, wobei ich Stirn und Augen zu ſehen bekam, da hatte er etwas Bekanntes für mich, und darüber ſann ich vorhin auch mit nach.“ „Und ich ſtörte Dich.“ „Nicht doch, Herr Pathe, im Gegentheil. Wer weiß, ob ich freiwillig erzählt hätte, was ich Dir jetzt be⸗ antwortet habe. Nun kannſt Du mir erklären, was das iſt, wenn Jemand ganz Fremdes uns doch nicht ganz fremd iſt.“ „Das iſt, wenn man ihm ſelbſt ſeeliſch verwandt iſt“ dachte der Diakonus, während ſein Auge prüfend, voll Unruhe und Zärtlichkeit zugleich auf dem jungen Mädchen ruhte. Aber er hütete ſich, das laut zu ſagen. „Das iſt, wenn wir eine Aehnlichkeit mit denen finden, welche wir kennen“ ſagte er nach einer Weile. „Von außen oder von innen?“ „Wohl mehr von innen. Deine Namensſchweſter Fanny hier und deren Couſine Emilie ſind äußerlich Gegenſätze: dieſe braun, Fanny blond, dieſe hübſch, jene nicht, und doch ſehen ſie ſich ähnlich, weil ſie es ſind. Im Gemüth, in ihren Anſichten harmoniren 60 ſie, und das macht ſich in Blick und Ausdruck be merkbar.“ „Dann hab ich's, Herr Pathe“, lächelte das junge Mädchen.„Dir war der Fremde ähnlich.“ „Mir? Fängſt Du an, Deinem alten Pathen Com⸗ plimente zu machen?“ „Nein, nein, Du weißt wohl, daß ich Dir nur Wahres ſage; aber wie jetzt Dein Blick, war auch der des Fremden.“ „Auf Dich gerichtet?“ „Nein, auf ſie, welche ihm weh gethan mit Worten und ihn auch nachher gar nicht mehr beachtet hatte.“ „Hm, am Ende iſt's doch der Herr von Gleichen nicht geweſen. Ich werde mich erkundigen. Unterdeß ſetze Dich wieder mit zu den Andern; wer weiß, ob's überhaupt ein Brautpaar war.“ „Siehſt Du“, ſagte nach einigen Tagen der Dia⸗ konus zu Fanny,„es iſt kein Beſuch drüben auf dem Schloſſe geweſen. Die Euch begegneten, waren alſo Fremde, welche unſere Gegegend beſuchten. Nun kannſt Du Deine Sorge um Herrn von Gleichen und ſo weiter vergeſſen.“ Aber Fanny konnte nicht vergeſſen. Das Bild des Fremden ſtahl ſich in ihren Traum und in ihr Wachen, und wie ſie daheim in der Schulwohnung ſtets für ſich ——— 61 geweſen war mit ihrem Denken und Fühlen, ihrer Leid und Glück, ſo verlor ſie ſich auch jetzt wieder in die ſie umgebende romantiſche Einſamkeit. Einmal traf ſie der Diakonus auf einem Kirſch⸗ baum ihres Gartens, wo ſie ſich vom Wind hin und her wiegen ließ und ihn nicht bemerkte, obgleich er ſie ſchon ein Weilchen beobachtet hatte. „Was thuſt Du da oben, Stella?“ Er nannte ſie zuweilen ſo, weil ihr Familienname Stern war. Sie ſah auf und erhob ſich grüßend von ihrem ſchwanken Sitze.„Ich ſchaffe“, gab ſie zurück. „Eine Welt?“ „Komm herab und laß mich einen Blick hineinthun.“ Sie trat graziös auf die Spitze des Aſtes unter ihr, hielt ſich an dem über ihr und kam ſo auf dem ſich mit ihr zur Erde neigenden anmuthig herab. „Die Schöpfung iſt erſt im Werden, Herr Pathe!“ „Muß aber ſchon hell ſein, das zeigt Dein Geſicht.“ Sie erröthete unter ſeinem forſchenden Blick. „Ja, zwei dunkle Augen geben ihr Licht.“ Damit hing ſie ſich an ſeinen Arm und ſchritt mit ihm ſeinem Hauſe, ihrer zweiten Heimat zu. Daheim war ja auch ein traurig Leben ohne Har⸗ monie, beſonders ſeit der kleine bildſchöne Bruder neben 62 ihr ſtand. Es gehörte zu den Eigenthümlichkeiten Philippinens, ſelbſt unter Kindern das andere Geſchlecht höher zu ſtellen als das eigene. Sie hatte den Knaben nicht nur ganz anders empfangen wie das Mädchen, er ward auch ihr Vorzug vor dieſem, ihr Goldſohn. Das Beſte im Hauſe, in der Speiſekammer, in der Seele der Mutter gehörte ausſchließlich ihm, überall ſtand er obenan. Die moraliſch ſo weich beanlagte kleine Fanny fühlte bitter die unverſchuldete Zurück⸗ ſetzung, die Ungerechtigkeit der Mutter, welche der Vater verurtheilte, bekämpfte, aber— ſie fühlte auch das— ohne Erfolg. Sie ſchlich dann hinaus unter die Roſenbüſche der Gräber oder ſtreifte weiter durch Feld und Wald, bis ſie die Geſpielin von den beiden Töchtern ihres Pathen, des Diakonus, geworden und in ſeiner Familie bald heimiſcher war als daheim. Wie traut und lehrreich waren die Nachmittags⸗ oder Abendſtunden, welche man arbeitend und erzählend im Hausgarten zubrachte, oder in denen muſicirt und vorgeleſen ward, während rechts und links neben der emſig ſpinnenden Frau Pathe die jungen Mädchen die leiſe ſurrenden Räder drehten! Wie gemüthlich ſaßen ſie abends um den grünübertuchten Familientiſch und verzehrten die frugale Suppe, welche das Dienſtmädchen mit dem braunen Pudelkopfe ſo gut zu kochen verſtand! 63 Ruhig ſah der große graue Kater auf der Schulter ſeines Herrn zu, nicht ahnend, daß ihm bald eine junge ſeidenweiche Cyperkatze, die ſchöne Melly, ſeine Rechte ſtreitig machen werde. Oder es gab ſchauerlich ſchöne Dämmerſtunden, wo die Mädchen auf dem Fußteppich hockten, Märchen erzählend und ſich gruſelnd vor den geſpenſtiſchen Ge⸗ ſtalten, womit die im Ofen kniſternde und zuckende Glut die Wände belebte; oder lauſchend auf ein Natur⸗ concert, wie man es nur in ſolchen Bergen hören kann, wenn der Sturm die gefrorenen Regentropfen an die Fenſter wirft, mit der Fahne des Thurmes tanzt, daß ſie kreiſcht und die Eule mit lautem Klageruf ihr Ver⸗ ſteck verläßt; wenn vor ſeinem gewaltigen Odem die Todtenkränze und Kreuze des Kirchhofs zittern, rau⸗ ſchen und klappern, und er dann wieder von der alten Burg herab ſeine wilden, wunderſamen Melodien ſingt, daß es durch die ſtarren Felſen geht wie ein nimmer⸗ endendes Echo. Wie ſchön das klingt, wie mächtig!“ ſagte Fanny. Sie liebte leidenſchaftlich das Reich der Töne. Und jedes Jahr um die Weihnachtszeit zog es ſchon ein paar Wochen vor dem Feſte in die Schule ein. Da wurden die Geſänge eingeübt für das Neujahrsſingen, mit welchem noch heute die Lehrer jener Gegend ſich 64 einen Theil ihrer Beſoldung einzuholen verpflichtet ſind. Der Rector beſaß eine auserleſene Sammlung, dicke Partituren, meiſt von ſeiner eigenen kupferſtichgleichen Hand geſchrieben, welche er vermöge ſeines eigenen hohen Verſtändniſſes für Muſik auch zum Ausdruck zu bringen verſtand. Unter den genau bekannten, dunkelbekleideten Kna⸗ ben⸗, Jünglings⸗ und Männergeſtalten tauchte, mit ihnen vertraut, weil von Jedem behütet, wie aus dunklem Gebüſch die Blume, die lichte, zarte Geſtalt der kleinen goldhaarigen Fanny auf, welche in dieſen Proben die erſte und ſchönſte Sopranſtimme ſang und ſich mit der ihr eigenen Leichtigkeit den ganzen reichen Liederſchatz zu eigen machte. In ihrem elften Jahre ging ſie mit all den Sän⸗ gern und Muſikern auf die Empore der alten Kirche, um in der Oſterfeſtmuſik die Hauptarie zu ſingen. Lautlos ſaß die dichtgedrängte Menge, aus welcher manches bekannte Geſicht bangend zu ihr herauf⸗ und herüberſah. Aber ruhig, als ſei ſie allein, ganz ver⸗ loren in die ſchöne Compoſition, welche ſich in der aku⸗ ſtiſch vortrefflich gebauten Kirche ganz anders ausnahm als im Zimmer, löſte ſie ihre Aufgabe, und die An⸗ weſenden drückten ihr die Hand und freuten ſich über ſie; ſelbſt die junge ſchöne Edelfrau verſäumte nicht, ſie 65 vor allen damit auszuzeichnen. Solche Tage ſind Licht⸗ punkte im Leben. So waren wieder Jahre vergangen und der kleine Goldſohn ſo groß geworden, daß er zu weiterer Aus⸗ bildung das Vaterhaus verlaſſen ſollte. „Es iſt doch recht verkehrt, daß man die Kinder, die man liebt, fortſchicken und die andern, die Mäd⸗ chen, behalten muß“, ſagte grollend die Rectorin, wäh⸗ rend Fanny für den Bruder nähend am Fenſter ſaß. „Man muß ſie nicht behalten“ ſagte ſie raſch; auch in ihr war ja längſt ein mächtiges Sehnen erwacht, hinaus zu gehen, weiter zu lernen und zu erwerben. „Nicht?“ ſagte die Mutter.„Nun was denn ſonſt?“ „Man ſtellt ſie den Knaben gleich und läßt ſie auch einen Beruf wählen.“ „Ei ja, Kapital daran wenden!“ „Warum nicht? Es würde ſich ebenſo verin⸗ tereſſiren.“ „Gar nicht! Die Frauenarbeit wird viel ſchlechter bezahlt.“ „Die Männer brauchen auch ſo viel mehr für ſich, es bleibt ſich gleich.“ „Nein, ſie haben ganz andere Freiheiten, können ganz anders Carriere machen als ſſo ein armſeliges Mädchen.“ von Oben, Des Hauſes Eäſtein. I. 5 66 „Um ſo mehr müßte man für dieſes ſorgen, wenn jene ſchon ſo bevorzugt ſind.“ „Fängſt Du wieder an zu hofmeiſtern?“ „Nein, ich bitte ja blos darum, mich auch mit hinaus zu ſchicken. O ich will fleißig und dankbar ſein!“ Sie war warm geworden, aufgeſprungen und hatte bittend die Hand der Mama gefaßt. Dieſe trat zurück⸗ als ſei ſie verleumdet worden. „Wenn Du zwei Söhne hätteſt, müßte es ja auch ſo ſein!“ bat Fanny weiter. „Ja; da ich aber nur einen habe, nehme ich an, daß man Alles an ihn wenden ſoll; die Töchter ge⸗ hören ins Haus.“ Fanny ſenkte traurig den Kopf. Was ſollte ſie daheim? Sie ging zum Herrn Pathen. „Fanny hat Recht!“ ſagte der Rector, ſich nun von ſeinem Pulte erhebend, wo er anſcheinend unbekümmert um das Geſpräch beſchäftigt geweſen war.„Sie ſollten beide gehen, der Knabe, weil er muß, das Mädchen, weil ſie will, weil ihr Geiſt über die Scholle hinaus⸗ ſtrebt, auf der ſie geboren iſt.“ „Und was ſoll ſie werden?“ „Das, wozu ſie Luſt und Geſchick hat, wohin die Natur ſie ſelber weiſt. Ihre Anlage zur Muſik und Poeſie iſt ungewöhnlich.“ 67 „Aber ſehr gewöhnlich, daß die, welche ſich damit beſchäftigen, nichts haben.“ „Es kommt da viel auf die erſte Erziehung an; Fanny iſt nicht verwöhnt.“ Der Rectorin ſchwoll die Stirnader. „Sie hat ferner die Gabe, vortrefflich mit Kindern umzugehen, ſie hat dieſelben gern“ fuhr er fort. „Wie Du, und da weiß ich eben auch, wie es bezahlt wird, wie ſauer und undankbar das Ge⸗ ſchäft iſt.“ „Jeder Stand hat Laſt und Frieden! Dazu hat Fanny ſich alle weiblichen Fertigkeiten ganz von ſelbſt zu eigen gemacht, uns ſo noch gar nichts gekoſtet— wir müßten etwas an ſie wenden.“ „Wir!“ ſpöttelte ſie.„Ich willſt Du ſagen, ich will aber nicht, ich laſſe mich nun einmal nicht zwingen.“ Fanny war unterdeß beim Herrn Pathen ange⸗ kommen. Er wußte ſchon, daß es ſo kommen werde. Und ſo lieb er ſie hatte und ſo ungern er ſich von ihr trennen mochte, zum Tantalus oder zur Danaide daheim war ſie ihm eben doch zu lieb. Dennoch mußte er vorſichtig ſein. „Ueberlege wohl, was Du thun willſt“, ſagte er herzlich.„Du könnteſt das Heimweh bekommen. 8 — „Das wäre immerhin beſſer als das Gegentheil.“ „Allerdings. Warum willſt Du eigentlich fort?“ „Weil ich hier nichts mehr lernen und nichts ändern kann; weil ich am Gegentheil gelernt und geſehen habe, wie verderblich es iſt, Zeit und Kraft nutzlos zu verſchwen⸗ den; weil, wenn ich nicht da bin, mir Niemand weh thun kann“ ſetzte ſie leiſer hinzu. „Das werden die Fremden beſorgen, unter denen Du biſt, verlaß Dich darauf.“ „Ich weiß, aber da wird es nicht ſo tief gehen, ſie ſind mir weder Liebe noch Rückſicht ſchuldig.“ „Und welchen Begriff haſt Du von dem Wie Deines erſten Schrittes in die Welt?“ „Da man nichts an mich wenden will, muß ich mir mit dem forthelfen, was ich weiß. Ich möchte einen kleinen Wirkungskreis, wo ich zugleich verdienen und lernen könnte, ich möchte der Mutter beweiſen, daß ſie mir Unrecht thut, daß ich nicht ſo feig bin, darum da zu bleiben—“ „Nun gut, wir werden uns nach einem e Platze umſehen für Dich, wenn Dein Vater einver⸗ ſtanden iſt, und wenn es ſein ſoll, wird ſich's ſchicken.“ Eines Tags ſchickte es ſich. Der Edelmann auf der alten Burg bekam adligen Beſuch, eine einſam ſte⸗ hende Dame, welche gern aus dieſer Gegend ein junges „ 69 Mädchen zur Geſellſchafterin wünſchte, ſich ſofort für Fanny entſchied und den Diakonus um Vermittlung bat. „Meine Tochter darf nicht dienen wie die gewöhn⸗ lichen Leute“, ſagte die Rectorin ſtolz,„am wenigſten ſolch adliger Sippe; ich bin dieſe Rückſicht dem An⸗ denken meines Vaters ſchuldig.“ Ein ſeltſames Lächeln wie eine Reflexion oder Recenſion ſtieg auf in des Rectors Geſicht. Die Töchter dieſes Mannes verlangten von den Enkeln, was ſie ſelbſt verſäumt hatten bezüglich des ehrenden An⸗ denkens. Auch Fanny mußte lächeln.„Man kann in jeder Stelle Ehre machen, und ich verſpreche Dir, Mutter, meine Abkunft nicht zu vergeſſen.“ „Frau von Barryt iſt eine ſehr hübſche Dame“, ſagte der Rector,„nobel, gebildet, human— Fanny wird nicht gleich eine zweite ſo finden.“ „Sie ſoll aber nicht mit, ich kann einmal das eigenmächtige Handeln nicht leiden.“ Wieder lächelte der Rector ſeltſam. Hatte ſie je anders gehandelt? Auch Fanny hatte von ihr ein Stück Nichtnachgeben geerbt, welches ſich nun ihr ſelbſt gegen⸗ über geltend machte. „Sie hört nicht auf mich, Du mußt das Machtwort ſprechen“ ſagte Philippine zum Rector. „Ja, ſie geht, mit meiner Bewilligung, ſo ſchmerz⸗ lich ich ſie auch vermiſſen werde, in ihrem und Deinem Intereſſe. Du ſollſt endlich das ſo lange und con⸗ ſequent erſehnte Fürdichſein haben! Ich habe für alle freie Zeit Stunden außer dem Hauſe verſprochen, werde Dich alſo ſelten ſtören, Du kannſt einzig thun, was Du willſt, und nun ausruhen von dem, was Dir bisher zu viel, zu unangenehm war!“ Mittlerweile war die Kinderzahl im Städtchen eine ſo große geworden, daß ein neues Schulhaus nöthig ward. Weit außerhalb des Thors, da wo der Schloßberg zur Ebene verlief und man von der ganzen Majeſtät der alten Burg nur das äußerſte ruinenhafte Hofthor ſah, ward ſie gebaut; ein paar ſtumme oder ſtaubausathmende Scheunen waren das nächſte Gegen⸗ über. Die Klaſſen befanden ſich im Erdgeſchoß des großen, hallenden Gebäudes— auch die Schüler waren den Lehrerfrauen nun nicht mehr im Wege, da deren Woh⸗ nung oben war. Wenn im Sommer die Ferien und alle Leute auf dem Felde waren, ſah Philippine halbe Tage lang keine lebende Seele. Wie ſchön erſchien ihr jetzt die ſo geſchmähte, ſchon mit höchſtem Widerſtreben ver⸗ laſſene Wohnung, wie vermißte ſie die alte Kirche, 71 deren Uhr ſie hier nur flüchtig einmal hörte, wenn der Wind verlorene Klänge an ihr Ohr trug! Dort war doch allſonntäglich und auch in der Woche oft Leben ge⸗ weſen und die Uhr und das Läuten doch etwas, was ſich bewegte, was Lebenszeichen gab! Als ihr's gar zu peinlich ward, beſchloß ſie einen Schachzug— ſie reiſte nach ihrer Heimat. Aber auch hier hatte ſich Alles verändert. Durch Bahn und an⸗ dere Entwickelungsproceſſe war viel fremdes Element in die Reſidenz gekommen, dieſe ſelbſt vergrößert, aber auch Luxus und dergleichen Gefolge in die neuen Bauten eingezogen, alle Lebensbedürfniſſe doppelt geſtiegen, das Vaterhaus in fremder Hand. Der Mann der älteſten Schweſter hatte es dem Schwager Lesnau nachgemacht und ſich getrennt, den Proceß ſelbſt aber vereinfacht. Er hatte ſeine Urlaubstour als Künſtler über den Ocean ausgedehnt und von dort ſeinen Entſchluß gemeldet, nicht wieder zu kommen. Die Aelteſte war nun zwar wieder in der geprieſenen Vaterſtadt, es hatte ihr aber erſtens viel Geld und Mühe gekoſtet, aufgenommen zu werden, wo ſie ihr Recht verzogen hatte, und dann war ſie nichts weniger als zufrieden und froh, hatte ſich auch bereits mit Frau Lesnau entzweit, weil dieſe ihr zu ſehr mit dem großſtädtiſchen Strome ſchwamm, ſodaß ſie nicht zu einander kamen. Jede forderte nun auch, daß Philippine nicht zur Andern gehen ſollte, weil ſie bei ihr geweſen war; ſo ward ihr Aufenthalt unan⸗ genehm. Ihre beſte Freundin befand ſich im Irren⸗ hauſe, eine andere in ſehr gedrückten, eine dritte in ſo entgegengeſetzten Verhältniſſen, daß ſie die Rec⸗ torin nicht mehr kannte, was dieſe doppelt empörte, da eine ihrer Haupteigenthümlichkeiten der Neid war, wel⸗ cher in der Reſidenz überhaupt als localiſirt erſchien. „Matt“ von allen Seiten kehrte Philippine in ihre Ein⸗ ſamkeit zurück. „Nun hat ſie, was ſie wollte“, ſagte der Diakonus zu ſeiner Frau, als ſie an der Schule vorübergegangen waren. „Einſam, wie gefangen— ſie thut mir dennoch leid.“ „Wirklich gefangen, im eigenen Netz.“ „Sie ſoll zuweilen außer ſich ſein.“ „Sehr folgerichtig. Sie hat ſtets beklagt, was ſie erſt begehrte; es mußte ſo kommen, ſie hat ſich ſelbſt iſolirt.“ „Sie würde das ſehr beſtreiten.“ „Gewiß, mich aber nicht überzeugen. Daß ſie ſo war, wie ſie war, kann man ihr nicht anrechnen, alle, die wir von dort kennen, ſind ihr ähnlich; es ſcheint, die Töchter jener Stadt reflectiren oder repräſentiren mehr oder minder die kleinſtaatliche Willkühr, Hoffart und Bodenloſigkeit; daß ſie aber ſo geblieben iſt mit fürchter⸗ — 73 licher Conſequenz durch alles Gute und Böſe, was ihr das Leben gab, das iſt ihre Schuld und dieſe muß ſie jetzt büßen.“ „Wie Robinſon auf der Inſel.“ „Ja! Bezeichnend iſt übrigens, was mir neulich ein⸗ fiel! Wenn man vom Namen jener Hauptſtadt die Buchſtaben durcheinander wirft und anders ordnet und noch was dazu thut, läßt ſich das Wort Argen daraus bilden. „Das kann Dir eine Kriegserklärung bringen!“ „Thut nichts, wir wollen ſie weiter ſo nennen, bis man uns andere Begriffe von ihr beibringt. Hier gibt es Feld für Forſcher.“ Drittes Kapitel. In der Pfarre. Es war Sonntagmorgen. In die Fenſter des freundlichen Pfarrhauſes zu A. auf dem Thüringer Walde ſchien warm die erſte Maienſonne und erhellte die ſanften, bleichen, umwölkten Züge des Pfarrers Manuel, welcher ſchon angekleidet oben im Studir⸗ ſtübchen ſtand. Die Pappeln und Birken vor dem Hauſe begannen unter dem belebenden Lichte leiſe zu zittern und zu flüſtern, wie in froher Erwartung; ſie ſchienen mag⸗ netiſch auf den Pfarrer zu wirken— wie einer erfreu⸗ lichen Eingebung folgend, ſtieg er raſch hinunter ins Wohnzimmer. Seine Frau pflegte ihm den Kaffee gewöhnlich hinaufzuſchicken— dieſer Gewohnheit wollte er heute 75 zuvorkommen, mit ſeiner Familie trinken, er liebte ja das Familienleben und ſeine Freuden über Alles! Er bot Juno⸗Ulrike, welche im tiefſten Negligé und mürriſch am Tiſche ſaß, einen freundlichen guten Mor⸗ gen, welchen ſie nicht erwiderte. Jede Unterbrechung ihrer Einrichtungen, welche alle auf Wahrung ihrer Ruhe hinausliefen, war ihr ärgerlich und darum auch die Erſcheinung ihres Mannes. Sie ſchickte ihm eben den Kaffee hinauf, weil ſie für ſich ſein wollte; daß er ihr heute zuvor⸗, daß er doch kam, verdroß ſie— ſie war ja eine Tochter der durch ihre hübſchen Mäd⸗ chen berühmten Reſidenz! Dieſes ſo hoch angeſchlagene hübſch ſchien übrigens nicht lange Stich zu halten— die ganze junoniſche Ge⸗ ſtalt der Paſtorin documentirte, daß das Erobern vor⸗ über und das Eroberte nicht werth erſcheine, ſich noch dafür zu ſchmücken. Der Pfarrer kämpfte ſichtbar den Eindruck nieder, welchen ſeiner Frau Erſcheinung und Weſen auf ihn machte. Er nahm ihr gegenüber am Tiſche Platz und ſagte freundlich wie zuvor:. „Das trifft ſich ja ſchön, Ulrike, daß Du ſchon da biſt; da können wir heute zuſammen trinken und uns des herrlichen Morgens freuen.“ „Daran ſehe ich nichts zum Freuen“, verſetzte ſie — in grämlichem Tone, der wie Abſpannung klingen ſollte. „Wäre ich in der Stadt, wie meine glücklichen Schwe⸗ ſtern, da ließe ich mir's gefallen. Aber hier in der Einöde— da ärgere ich mich jeden Morgen.“ „Und hier in ihrem ungeſtörten Frieden iſt doch die Natur am ſchönſten— man muß nur Sinn dafür haben.“ „Daß Du welchen haſt, iſt natürlich, weil Du auf dem Dorfe aufgewachſen biſt; aber ich, das iſt etwas Anderes, ich—“ „Wir wollen uns nicht ſtreiten, Ulrike, wie ſo oft ſchon nutzlos— dadurch wird es nicht anders. Sage mir lieber, was Du für den Nachmittag wünſcheſt. Du klagſt immer, daß Du ſo gar keine Erheiterung hätteſt— wollen wir ausgehen oder Beſuch bitten?“ Die von Ulrike ſtets ſelbſt als matt bezeichneten Augen warfen plötzlich einen ſtechenden Blick auf den Sprecher. „Solange ich hier ſein muß auf dem Dorfe, wird mich nichts erheitern. Beſuch bitten! Es wohnen ja gar keine vornehmen Leute, wie ich ſie gewohnt bin, in unſerer Nähe. Du willſt das nur Deinet⸗ wegen.“ „Ich liebe nach ſauern Wochen ein paar frohe Stunden, ein befreundetes Geſicht, heute aber iſt mir 77 ein Ausgang noch lieber; die friſche Waldluft wird uns beiden wohlthun.“ „Ach ja, da denkſt Du wieder an Dich— Du willſt Deine Geſundheit ſtärken, damit Du recht lange lebſt.“ Dieſe Rede war noch herzloſer als die frühern. Die Pfarrerin war mit einer hübſchen Penſion in die Wittwenkaſſe eingekauft und dachte ſich's nun herrlich und köſtlich, wenn ſie davon für ſich in ihrer Heimat leben könnte— darum warf ſie ihm das Wort vom langen Leben hin. Der Pfarrer ward noch bläſſer, als er ſchon war; doch kämpfte er abermals das aufwallende Gefühl nie⸗ der und entgegnete möglichſt ruhig: „Du legſt mir immer böſe Gründe unter, das iſt unrecht! Du müßteſt mich in der langen Zeit, die wir uns haben, doch nun beſſer kennen.“ „Jawohl, eine lange Zeit— wer das hätte denken ſollen!“ ſeufzte die Frau. „Vor dem Altare ſchwört man ſich Liebe und Treue fürs ganze Leben“, ſprach der Pfarrer ernſt. Die matten Augen warfen abermals einen funkeln⸗ den Blick auf ihn, während ſie gelblich zu ſchillern be⸗ gannen.„Ach, warum biſt Du nicht oben geblieben, wenn Du nur Deine ſchlechte Laune hier auslaſſen willſt?⸗ * 78 „Und warum biſt Du immer unwahr gegen Dich und mich, Ulrike? Ich kam herab, weil der ſchöne Morgen mich heiter geſtimmt hatte, weil ich denſelben mit Euch genießen, Deine Wünſche für den Nachmittag vernehmen wollte—“ „Genießen, genießen— ſolche Männer kann ich eben nicht leiden“, unterbrach ſie ihn giftig. „Der Menſch braucht auch zuweilen eine Freude, Ulrike, und die meinen ſind ſehr unſchuldiger Natur. Du weißt das Alles ſehr wohl! Daß Du auch ſolche uns nicht gönnſt und ſelbſt alle Annehmlichkeiten von Dir weiſeſt, läßt mich fürchten, daß dem ein hart⸗ näckiges körperliches Leiden zu Grunde liegt— wir werden einen Arzt zu Rath ziehen.“ „Das wird Dir gar nichts helfen“, verſetzte ſie mit einem Ziehen des Mundes, welches zwiſchen Lachen und Gähnen ſchwebte.„Ich bin nicht krank, ich bin nur außer mir, daß Du mich ſo getäuſcht und hierher geführt haſt, das vornehme Mädchen in die Wüſte— ein Geiſtlicher! Wo ſoll da die Luſt zum langen Leben und die Liebe herkommen?“ „Die Liebe, Ulrike, haſt Du freilich viel genannt, aber doch nie gekannt, ſonſt würdeſt Du die Gegend reizend, das Leben ſchön und meine Nähe immer will⸗ kommen finden, auch wenn die erſte eine Einöde, das 3 ———— 79 zweite voll Mühe und Sorgen und ich das Gegentheil von dem wäre, was ich bin. Die Liebe macht zum Goldpalaſt die Hütte— brechen wir indeß ab dqvon, ich gehe wieder, da meine Gegenwart Dir ſo üble Laune macht.“ Er ſchob die noch uberihrie Taſſe Kaffee, welche vorhin das Dienſtmädchen gebracht und eingeſchenkt hatte, zurück und erhob ſich. „Nein, brechen wir nicht ab!“ rief ſie heftig, ela⸗ ſtiſch aufſpringend und ihm den Weg vertretend.„Ich habe es hier ſatt und will nicht länger da bleiben! Wenn Du keine Memme wärſt, hätteſt Du längſt eine Stelle in der Stadt erzwungen; dann würde ich wieder des Lebens froh, dann erſt wird meine Verſtimmung vergehen.“ „Erzwingen läßt ſich hier gar nichts, Frau. Es war eine Bevorzugung, daß ich gleich ſo placirt wor⸗ den bin, und als Du wußteſt, wohin Du mit mir gehen ſollteſt, haſt Du kein Wort fallen laſſen für das Leben in der Stadt. Nähme man aber wirklich im Conſiſtorium Rückſicht auf ein ſolches unerwartetes Geſuch von mir, ſo gibt es dann keine Wahl, und wer bürgt uns, daß wir nicht in unpaſſende Verhält⸗ niſſe, daß nicht Folgen kommen, an die wir hier nicht denken?“ 80 „Du willſt nur nicht, darum malſt Du Dir lauter Hinderniſſe und Fatalitäten.“ „Ich habe auch keinen Grund mich fortzuwünſchen. Meine Gemeinde ehrt, meine Stelle nährt uns; Luft und Waſſer, zwei Hauptbedingungen der Geſundheit, ſind hier herrlich rein und meine Heimat mir ſo lieb wie Dir die Deine. Meinen alten Vater, meine Schweſtern, die ſo gut gegen unſere Kinder ſind, unſere Freunde— alle würde ich dadurch betrüben. Du ſiehſt, daß ich viel mehr Gründe habe zu bleiben.“ „Und das ärgert mich eben, daß ich Dir nicht höher ſtehe als das Alles, und es iſt geradezu ſchändlich von Dir, daß Du auch nicht an die Kinder denkſt, die in der Stadt ganz anders gebildet werden könnten.“ „Ja, die Kinder, wo bleiben ſie denn?“ ſagte er, nach der Thür ſchreitend.„Es iſt doch ſonſt Johanna's Gewohnheit nicht, ſo lange zu ſchlafen!“ Er ging hinaus und rief ſeine Aelteſte. „Sogleich, Papa!“ jantwortete eine helle Stimme. Dann, nach einer kleinen Weile, klang es die Treppe herab wie Windesrauſchen, die Thür flog auf und herein trat ein ſchmächtiges junges Mädchen von viel⸗ leicht bald fünfzehn Jahren. Man konnte ihr Geſicht weder regelmäßig noch ſchön nennen, aber es war fein und angenehm und die zarten Roſen der erſten — — — Jugend begannen darin aufzublühen. Heute hatten Schlaf und Erregung dieſelben höher gsfärbt, ihre heitern blauen Augen glänzten, und den Aeltern freundlich guten Morgen ſagend, dem nur der Pfarrer dankte, ſagte ſie zu dieſem:„Heute haſt Du mich aus einem ſchönen Traume geweckt!“ Er ſtrich ihr liebkoſend das bräunliche Haar aus der Stirn. So? Nun erzähle!“. „Mir träumte von einer fremden Gegend; ein Thal mit einem Fluſſe, daran eine Stadt mit Thürmen und hohen, dampfenden Eſſen.] Darüber lag Vn hernach röthete ſich der Himmel und prächtig ging die Sonne auf.“ „Und das nennſt Du einen ſchönen Traum? Du biſt doch recht kindiſch, daß Du ſolche Dummheiten er⸗ zählſt!“ ſagte Ulrike ärgerlich. „Laß ſie doch, ſie iſt ja auch noch halb Kind!“ ermahnte der Vater. —„Ein Sonntagsfrühtraum hat auch was zu bedeu⸗ ten, ich muß gleich das Buch holen“, ſagte das junge Mädchen, leichtfüßig wie eine Gazelle davoneilend und ein kleines geſchriebenes Buch bringend.„Hier, Papa, es geht nach dem Alphabet.“ Sie neſtelte ſich die herab⸗ gefallenen F e auf und ſetzte ſich neugierig neben ihn. von Oben, Des Hauſes Ecſtein. I. 6 Der Pfarrer nahm das Büchlein, welches ſeine Nichte Fanny Stern verfaßt und ſich damit bei Johanna in großes Anſehen geſetzt hatte. Bei Sonnenaufgang fanden ſich die erklärenden Worte:„Bedeutet große Freude oder gar ein Glück!“ „Ich möchte wiſſen, wo das bei uns herkommen ſollte!“ warf die Paſtorin noch immer ärgerlich da⸗ zwiſchen. „Das werden wir erfahren“, entgegnete fröhlich Johanna.„Und wenn nicht heute, habe ich doch die Hoffnung— rechneſt Du die für nichts?“ „Nein, die iſt etwas Leeres, die rechne ich nichts!“ verſetzte Ulrike. „Laß ſie dennoch von Niemand Dir nehmen, Sht chen!“ ſagte der Vater. In ſeine Worte miſchte ſich das Geläute, Silche ihn zur Kirche rief. Johanna nickte ihm zu— er ging. In der Thür traf ſeine zweite Tochter mit ihm zuſammen, ein merkwürdig zartes und ſchönes Kind mit überreichem, langem blondem Haar und großen, dunkeln, langbewimperten Augen, aber krankhaft blaß und von gebeugter Haltung. Dieſe Tochter und der Sohn Max, welcher das Gymnaſium der vielgeprieſenen mütterlichen Vaterſtadt —— 8 5 83 gegenwärtig beſuchte, waren der mütterliche Vor⸗ und Verzug vor Johanna. Ulrike war auch hierin ihrer Schweſter Schweſter und ihrer Heimat Tochter. Zur Ehre der Wahrheit ſei übrigens geſagt, daß es auch anderwärts Mütter gibt, denen die Kinder die liebſten ſind, auf welche dereinſt ſtolz zu ſein ſie ſich ſchmei⸗ cheln dürfen. Cäcilie verſprach, ſich durch Schönheit auszuzeichnen. Daß ſie kränklich, ſchwächlich, ſchon halb geknickt er⸗ ſchien, beſchäftigte die Mutter weniger. Man brauchte den Arzt, einen Verwandten des Pfarrers, und hatte ſomit dieſem die Sorge für die Geſundheit übertragen⸗ Cäcilie fing auch an, ſich zeitweilig wohler zu befinden, „ aber die geringſte fehlerhafte Einwirkung warf ſie wieder zurück, weshalb der Doctor die größte Behut⸗ ſamkeit empfohlen hatte. Der Pfarrer begrüßte herzlich ſein leidendes Kind und ſetzte dann ſeinen Weg zur Kirche fort. Da traf er ſeinen Vater, welcher von dem faſt zwei Stunden entfern⸗ ten Städtchen herübergekommen war, ihn zu ſehen. Eben der Vetter Doctor hatte ihm geſagt, daß der Pfarrer ſelbſt ihm mehr Sorge mache wie das Kind, welches geheilt ſei, ſobald die Scropheln ſich vollends herhus auf die Haut werfen würden. Manuel aber könne ſo nicht geſund bleiben, den ärgere ſeine Frau todt bei 6* 84 all ſeiner Sanftmuth und Philoſophie; und da ſie durchaus keine Rückſichten verdiene, ſolle man ihn zur Scheidung beſtimmen, vielleicht ſei es eben noch Zeit⸗ Der alte Mann war in furchtbarer Angſt früh ausgewandert, nach dem Sohne zu ſehen. Er kam ſehr ſelten, denn nur mit Ueberwindung betrat er die Schwelle, welche er noch nie ohne ſchmerzliche Eindrücke wieder verlaſſen, wo es ihn beim Empfange der Frau, welche ſeine Tochter hieß, ſtets froſtig angeweht hatte. Heute war die Sorge mächtiger als Alles und er ſchon vor der Thür geweſen, als Ulrikens Worte zu ihrem Mann an ſein Ohr ſchlugen und ihn wieder davonſcheuchten. „Ja, großer Gott, ſie martert ihn grauſam zu Tode, es iſt die höchſte Zeit zur Rettung!“ ſagte er in heißem Schmerz zu ſich ſelbt. Er harrte nun vor der Kirche des Sohnes, und als er ihn langſam, bleich und müde daherkommen ſah, mußte er ſich doch wieder verſtecken, um ſich erſt zu faſſen, ehe er ihm entgegentrat.— Nach dem Gottesdienſte machten ſie einen Spazier⸗ gang zum nahen Hain und hier ſchüttete der Greis vorſichtig ſeine Beſorgniſſe aus. „Deine Geſundheit muß endlich leiden unter all dem, was Du zu tragen haſt, und doch biſt Du verpflichtet, 85 ſie Deinen Kindern und uns zu erhalten. Siebzehn Jahre haſt Du nun verſucht, Deine Frau zu ändern— ohne Erfolg— ſie will nicht. Darum kannſt Du nun auch ohne Vorwurf zum Letzten greifen: Dich von ihr trennen.“ Manuel ſah überraſcht auf.„Der Gedanke iſt mir auch ſchon gekommen“, geſtand er dann,„aber auch gleich wieder verworfen worden. Ich kenne keinen geſchiedenen Geiſtlichen. Wir ſind berufen, Andere zu vereinen und zu verſöhnen, dürfen alſo nicht ſelbſt ſolch Aergerniß geben. Dazu würde ſie die Wittwen⸗ penſion verlieren, das iſt auch zu bedenken.“ „Sie wünſcht es ja ſelbſt, wieder für ſich zu ſein.“ „Ja; trotzdem erheiſchen Pflicht und Beruf von mir, ſie nicht ohne weiteres fallen zu laſſen. Wenn ich einen Entſchluß faſſen muß, müßte es immer erſt der ſein, mich verſetzen zu laſſen— die Erfüllung dieſes ihres Wunſches kann und ſoll, wie ſie ſagt, Alles noch gut machen.“ Der Alte ſchüttelte heftig den Kopf. „Nein, Karl, glaube mir, es hilft Dir nichts! Sie ſcheint zur Familie derer zu gehören, welche keinen Gott, kein Herz und kein Gewiſſen haben— ich muß Dir auch das ſagen! Darum überlege wohl, was Du thuſt. Reiße Dich los von Allem, was Du kennſt und 86 liebſt; folge ihr, wohin ſie will, bringe ihr die größten Opfer— ſie wird es Dir nicht danken! Hat ſie ſich nicht erſt aus ihrer Reſidenz fortgeſehnt, wie nun wieder hin? Iſt ſie Dir nicht freiwillig gefolgt? Hat ſie das Geringſte von demgehalten, was ſie Dir verſprochen hatte? Haſt Du ihr nicht anfangs ſchon erfüllt, was möglich war, ohne jede Anerkennung ihrerſeits? Du haſt ſo grenzenloſe Geduld mit ihr, Ihr habt die hübſchen, klugen Kinder, ſchöne Wohnung, gutes Auskommen, angeſehene Freunde— achtet ſie wohl eins von dem Allem? Dankt ſie dem Himmel dafür? Nein und abermals nein! Darum gib ſie getroſt auf, laß ſie wieder dahin, wo ſie herkam— wie die Andern.“ „Zunächſt will ich den Doctor fragen. Die fortwäh⸗ rende Verſtimmung kann auch Folge eines körperlichen Leidens ſein— ſie klagt immer, daß ſie ſo matt ſei.“ „Hm, dieſes Matt ſchreibt man bei uns mit vier andern Buchſtaben; ſie klagt darüber, ſolange Du ſie haſt, und ſieht ſonſt nicht leidend aus; frage aber den Vetter, verſäume es nicht, und nun leb' wohl!“ „Nein, nein, Du kommſt mit, die Kinder haben Dich ſo lieb— nachmittags begleiten wir Dich.“ „Nein, ich danke! Deine Frau ſieht mich nicht gern und ich ſie auch nicht.“ „Nun, vergib ihr nur heute und komm!“ 87 Der Greis verneinte abermals. Da flog Johanna herbei, umhalſte den Großvater, erzählte ihm von der Freude, welche ſie zu hoffen habe, wahrſcheinlich heute noch; da ſolle er auch ſein Theil davon haben und nur gleich mit zu Tiſche kommen. Ihr konnte er nicht widerſtehen. Nach Tiſche ſtand Cäcilie am Fenſter und ſagte: „Der Briefträger kommt!“ Ein ſolcher iſt auf dem Lande eine viel wichtigere Erſcheinung als in der Stadt. Und vollends heute! Johanna war wie eine Stahlfeder auf geſprungen, zögernd ſtehen geblieben und dann dem Mannel entgegengegangen, nachdem ſie noch neckend hereingerufen:„Jetzt kommt mein Glück!“ „Wie unſchicklich!“ ſagte Ulrike, ihren Mann vor⸗ wurfsvoll anſehend.„In der Stadt fertigt man ſolche Leute vor der Thür ab und hier läuft ihm das große Mädchen entgegen.“ „Gott erhalte ihr den frohen Muth.“ „Ich weiß wohl, daß Du mir gegenüber ſtets an⸗ derer Anſicht biſt.“ „Ein dicker Brief!“ rief Johanna, wieder ein⸗ tretend. „An Dich, aus der Reſidenz!“ ſagte der Pfarrer, ſeiner Frau den Brief reichend. 88 Beim Oeffnen deſſelben fielen noch zwei andere heraus, einer an ihn ſelbſt vom Sohne Max und einer an Johanna adreſſirt, ein feines, duftendes Cou⸗ vert von zierlich⸗flüchtiger Kaufmannshand überſchrieben. Erröthend hielt ſie es in der Hand und wagte nicht das Siegel zu löſen. „Johanna hat den ſchönſten!“ bemerkte Cäcilie ver⸗ gleichend. Vater und Mutter laſen indeß die ihren. Max ſchrieb, daß er die Pfingſtferien heimkommen und den Couſin Hermann mitbringen werde; deſſen Mutter ſprach ebenfalls den Wunſch aus, mit ihrer Tochter Louiſe die Schweſter beſuchen, dazu aber erſt deren Erlaubniß einholen zu wollen, wie es ſchicklich ſei. „Nun, das iſt wirklich eine unverhoffte große Freude,“ ſagte der Pfarrer, ſich zu ſeiner Frau wen⸗ dend. Dieſe aber, obgleich ihr die Sache am nächſten lag, ſchien am wenigſten angenehm berührt. „Es iſt ſchon recht hübſch“, ſagte ſie gleichgültig, „aber mir wird der Spaß doch gleich wieder ver⸗ dorben.“ „Warum denn?“ „Du fragſt noch! Was kann man denn auf dem Dorfe bieten?“ „Was wir haben, Ulrike.“ „Sie werden ſich langweilen.“ „Nicht doch, es wird auch Rath zu Vergnügen für ſie⸗ Mach's doch wie Johanna vorhin und freue Dich darauf.“ „Nein“, widerſprach ſie gereizt,„ſie gehen wieder fort und ich muß dableiben— es wäre beſſer, ſie kämen nicht!“ „Ach, Mutter, ſage doch das nicht“, bat Cäcilie halb weinend. „Ja, und mit Euch ſteht's auch ſchlimm!“ wandte ſie ſich zu den Töchtern.„Louiſe war im Inſtitut— die wird ſich fein benehmen können, und Ihr— man wird ſich ſchämen müſſen.“ „Der Vater kauft uns neue Kleider“, ſagte Cäcilie, die ſich gern putzte, ſchnell.. „Wollen ſehen! Halte Dich nur gut, daß Ihr hübſch munter ſeid! Aber, Hanna, Du haſt ja Deinen Brief noch nicht geleſen?“ Sie hielt ihn träumeriſch noch in der Hand. Dieſe niegeſehenen Schriftzüge regten eine Welt von Ge⸗ danken in ihr an— das Briefchen war ein Ereigniß in ihrem jungen Leben. „Es iſt eine fremde Hand—“ entgegnete ſie dem Vater ſchüchtern. „Von Hermann wahrſcheinlich— leſen mußt Du ihn doch!“ 90 Er war richtig vom nun erwachſenen Couſin, wel⸗ cher es gleichfalls für ſchicklich gehalten, der nun er⸗ wachſenen Couſine einige höfliche Zeilen zu widmen, gleichſam auch ihre Erlaubniß einzuholen für ſeinen Beſuch. Johanna's Hand zitterte bei Entfaltung des roſen⸗ farbenen Blattes; als ſie zu Ende geleſen, hatte ſie ihre Ruhe wieder und reichte es dem Vater hin. „Der Brief iſt nur von außen der ſchönſte.“ „Warum denn?“ Er iſt ſo— ſo förmlich geſchrieben. Ich habe gehört, der Stil ſei der Menſch— da muß ſich Her⸗ mann ſehr verändert haben.“ „Er ſoll ein tüchtiger Kaufmann zu werden ver⸗ ſprechen, und mit was man umgeht, hängt einem überall ein bischen an. Wer weiß, wie viele ſolche Briefe er ſchreiben muß! Auch weiß er ja nicht, ob ein erſter intimer Brief Dir angemeſſen erſchiene.“ „Du blamirſt Dich eben gründlich“, ergänzte Ulrike.„Es iſt ſehr höflich vom Vetter, Dich beſon⸗ ders zu begrüßen; er nimmt an, daß Du die vornehmen Manieren ebenſo inne haſt wie dort die Mädchen Deines Alters. Derweile findet er eine ganz ungebildete Land⸗ pomeranze. Du kannſt Dir nur ſchleunigſt ein Com⸗ plimentirbuch kommen laſſen.“ ——— 91 Johanna lachte.„Die Complimente ſind erſt recht etwas Leeres, die achte ich für nichts.“ „Du kennſt den Vetter ſchon?“ fragte der Groß⸗ vater. „Ja, als Kind war ich mit der Mutter dort, da ſchenkte er mir einen kleinen Ring mit grünen Steinen.“ „Und den habe ich noch nicht geſehen?“ „Er iſt auf ſeltſame Weiſe verloren gegangen. Als ich im Garten Peterſilie ſchnitt, war es, als ob ihn mir Jemand abzöge; er ſaß ganz feſt am Finger, und trotzdem ich ſofort ſuchte, fand ich ihn nie wieder.“ „Das iſt wirklich ſeltſam“, lächelte der Groß⸗ vater. „Ja. Nun iſt oben in Vaters Bibliothek ein Mär⸗ chenbuch, da ſteht, daß der Erdgeiſt den Mädchen die Ringe abzieht und damit Macht über ſie bekommt—“ „Hm, und wenn der Vetter nun nach ſeinem Ringe fragt?“ „So ſage ich ihm, wie es iſt, ich habe ja keine Schuld dabei. Er bekommt wohl ſogar Reſpekt vor mir, wenn er hört, daß ich mit Geiſtern in Ver⸗ bindung ſtehe“, ſetzte ſie heiter hinzu. Dann traf ein ſchelmiſcher Seitenblick den Vater.„Und das neue 92 Kleid, Großvater, wird auch das Seine thun; mehr aber als Reſpekt verlange ich nicht vom Vetter, er gefällt mir einmal nicht mehr.“ „Da haſt Du Deinen Traum und die Frende zu⸗ vor!“ bemerkte die Paſtorin ſcharf. „O, ich bin ganz zufrieden! Erſt die Erwartung, dann der Großvater, dann Eure Briefe und wieder die Ausſicht auf Beſuch zu Pfingſten, Waldpartien, Muſik— lauter Freude und frohe Hoffnungen. Der Vetter iſt ja nicht die Hauptperſon dabei.“ „Du mußt ihm aber doch antworten mit uns“, ſagte der Vater. „Aber wie ſoll denn das werden? So fremd und ſteif kann ich nicht ſchreiben.“ „Du ſchreibſt, wie Du ſprechen würdeſt; wenn ihm dann Dein Brief auch nicht gefällt, hebt Ihr mit ein⸗ ander auf.“ Zwei Wochen ſpäter war hell und blühend der Pfingſtmorgen angebrochen. Die drei Frühaufe des Hauſes, der Paſtor, Johanna und das Dienſtmädchen, hatten ſich ſchon bald zum Empfange der Gäſte in Staat geworfen, man hatte dieſelben eigentlich geſtern ſchon erwartet. Johanna hatte das neue Kleid an. Es war nur feiner Kattun, kornblumenblau mit weißen Tipp⸗ 93 chen, aber es ſtand ihr allerliebſt zu dem jungen, weißen, freundlichen Geſicht und dem bräunlichen Haar, deſſen glänzende dicke Flechten ſich wie ein Kranz um das feine Köpſfchen legten. Als die Mutter und Cäcilie auch da waren, ging Johanna hinauf, Kuchen zum Kaffee zu holen, ſchlug aber die Hände zuſammen über die Verheerung, welche ſie da angerichtet fand. Faſt alle Kuchen waren kreuz und quer angeſchnitten und einer der beſten faſt alle. Dazu klang es auf einmal wie das verhaltene Kichern eines oder mehrerer Kobolde in der Nähe. Den leeren Teller noch in der Hand, flog Johanna wieder hinab, zu berichten, was ſie gefunden; es war Waſſer auf Ulrikens Mühle. „Da habt Ihr Eure Freuden! Die kommen nicht und die Kuchen werden geſtohlen! Ich habe mir's doch gleich gedacht!“ Der Pfarrer wollte an Stehlen nicht glauben und ging ſelbſt mit hinauf. In der Gaſtkammer nebenan klang lautes, fröhliches Gelächter, und bald nachher erſchienen Max und Hermann in der Thür, ſich als die Diebe zu bekennen. Sie waren, da ihnen die Garderobeangelegenheiten der Damen zu lange gedauert hatten, einſtweilen zu Fuße geſtern Abend ſpät noch angelangt 94 und mittels der Bäume vor dem Hauſe gleich durch die offenen Fenſter in die obere Etage eingeſtiegen. Hier hatte der Duft des friſchgebackenen Kuchens ſie empfan⸗ gen, und da ſie ſich eines ſehr geſunden Appetites er⸗ freuten, beſonders nach der bedeutenden Fußtour durch die kräftige Waldluft, hatten ſie es ſich nicht nur den Abend herrlich ſchmecken laſſen, ſondern auch ſchon ganz früh am Morgen wieder welchen in ihre Kammer geholt. Hermann begrüßte ſehr artig die Couſine und ent⸗ ſchuldigte ſich bei ihr wegen des Schreckens, den ſie ihr verurſacht hatten. Er verſicherte, daß Max das Anſchneiden beſorgt, er aber blos mitgegeſſen habe. „In Bezug auf Kuchen kennt Max kein Geſetz“, lächelte der Pfarrer.„Seid mir herzlich willkommen, Ihr Spitzbuben!“ Nun ging's mit vollem Teller hinunter ins Wohr⸗ zimmer. Im Laufe des Vormittags kam auch Frau Lesnau mit ihrer Tochter angefahren. „O die armen Pferde!“ ſcherzte der Pfarrer, als er den Damen aus dem Wagen half.„Sie hätten in dieſen Bergen doch billig vier haben ſollen, Frau Schwägerin.“ „Wie ſtark Du geworden biſt“, ſagte die Paſtorin. „Und Louiſe ebenſo. Da ſieht man, wie gut ſich's in der Stadt lebt.“ ———————,——— „Hier iſt es aber viel ſchöner, Tante Ulrike“, ſagte Hermann lebhaft.„Ich habe mich königlich über die prächtigen Wälder und Berge gefreut auf der Reiſe hierher. Nur recht hinaus, wenn ich bitten darf, ſo⸗ lange wir hier ſind.“ Erſtaunt heftete Johanna den Blick auf den Vetter, von welchem ſie Solches nicht erwartet, den ſie noch nicht einmal ordentlich angeſehen hatte. War er an⸗ ders als ſein Brief, auch er anders, als ſie er⸗ wartet hatte? Sie hatte ſich die Tante ihrer Mutter ähnlich⸗ Louiſe als ein fröhliches Mädchen, den Vetter ſehr ernſt und förmlich gedacht; es war ja ſo lange her, daß ſie mit ihrer Mutter als ganz kleines Mädchen in Argen geweſen. Alle drei waren ſie jetzt anders, als ſie gemeint. Louiſe war, obgleich nur ein paar Jahre älter als ſie ſelbſt, doch ſchon ſo groß und ſtark wie ihre Mut⸗ ter, von ſolcher Fülle, daß ſie bei den Mauren für eine große Schönheit hätte gelten können. Ihr Haar war dünn, von dunkelblonder Farbe, die Augen hell und unbedeutend, das runde, ziemlich regelmäßige Ge⸗ ſicht faſt ohne Ausdruck, ihre Hautfarbe aber blendend weiß und roth, und ein ſchöner Teint iſt eben eine 96 Schönheit. Louiſe hatte in der Reſidenz bereits mehrere Anbeter gefunden. Auf den erſten Blick konnte man Mutter und Toch⸗ ter verwechſeln, ſo ähnlich waren die Figuren. Dazu war Frau Lesnau ſehr lebhaft, ſcherzte mit den beiden Nichten Johanna und Cäcilie, ſprach und bewegte ſich viel raſcher als ihre Tochter, ging in heitere Farben gekeidet und hatte einen für ihre Jahre ebenfalls noch ſehr weißen Teint. Durch alles das erſchien ſie jün⸗ ger, als ſie war, und machte einen angenehmen Ein⸗ druck. Dazu war ſie, unähnlich ihrer Schweſter Ulrike, auch thätig, mindeſtens die geſchickten Hände viel be⸗ ſchäftigt, den Nichten hübſche Kleinigkeiten zu fertigen, worüber ſich dieſe unendlich freuten wie über den Be⸗ ſuch der lieben Tante ſelbſt. Solange ſie da war, war ja ein ganz anderes, viel ſchöneres Leben im Hauſe! Vetter Hermann war ein hochaufgeſchoſſener, hüb⸗ ſcher, eleganter junger Mann mit goldbraunem Haar, ebenſo feinem Teint wie ſeine Schweſter und dem un⸗ verkennbaren Ausdruck von Gemüth und Intelligenz in dem jungen Geſicht. Das Schönſte an ihm aber waren ſeine braunen Augen, ſolche Augen, die„wie die Töne eines Violoncello blicken“ Er glich mehr dem Vater, Louiſe mehr der Mutter, S nur im Profil hatte Hermann, jedoch viel feiner und nobler, Aehnliches von ihr. Zu Mittag fungirte Johanna, eine nette weiße Schürze über das aufgeſchürzte neue Kleid gebunden, als Kellnerin; der Pfarrer war als aufmerkſamer Wirth in ſeinem Elemente und ſehr heiter, ſelbſt auf Ulrikens Antlitz lag es heller; es war ein froheres Pfingſtfeſt als ſeit Jahren. Auf Hermann's Bitte trank man den Kaffee im Garten, er nannte die Lage der Pfarre wunderſchön. „Siehſt Du, Mutter“, ſagte Johanna erfreut,„un⸗ ſern Gäſten gefällt es doch auf dem Lande und Du zweifelteſt ſo ſehr daran.“ „Sie thun nur ſo“ verſetzte die Mutter. „Aber warum den?“ „Sie wollen uns eben etwas Angenehmes ſagen.“ „Das wären ja aber Unwahrheiten.“ „Nein, es ſind eben Artigkeiten, Complimente.“ „Und was nützen die?“ „Nichts, man hört ſie gern; es iſt in der Stadt ſo Mode.“ „Man nennt das feinen Schliff“ belehrte Tante Lesnau. Johanna's Antlitz hatte ſich geröthet, ſie ſtand einen Augenblick nachdenkend da, dann ſchüttelte ſie energiſch den Kopf und ſagte ebenſo entſchieden: von Oben, Des Hauſes Ecſtein. I. 7 98 „Es wären aber doch nur feine Lügen. Machſt Du wirklich ſolche Complimente?“ fragte ſie plötzlich Her⸗ mann, ihr klares Auge feſt auf ihn richtend. „Nein, nein, kleine Couſine, es iſt Alles wahr, was ich da ſage“ betheuerte Hermann ſo aufrichtig, daß ſie nicht zweifeln konnte. Johanna's Geſicht hellte ſich auf. „Nun, das iſt gut; mir wäre ſonſt die ganze Freude verdorben geweſen, wenn ich nicht glauben dürfte, was Ihr redet. Man müßte ſich ja fürchten vor den Stadtleuten!“ Und ſie holte tief Athem, als ſei etwas ſehr Schweres von ihr genommen. „Siehſt Du, wie einfältig und kindiſch das große Mädchen noch iſt?“ wandte ſich die Paſtorin an ihre Schweſter.„Das iſt's ja eben, weshalb ich ſo gern in die Stadt möchte: die Ausbildung und, wie Du vorhin ſagteſt, feine Abſchleifung der Kinder. Ich habe keine Ruhe, bis Manuel ſich nach der Stadt verſetzen läßt.“ Sie wie ihre Schweſtern und noch andere Frauen ihrer Vaterſtadt nannte ihren Mann ſtets bei ſeinem Familiennamen, als ob er keinen andern habe. „An des Onkels Stelle würde ich mir dieſe Ver⸗ ſetzung ſehr überlegen“, bemerkte Hermann. a* 99 „Ich auch“ fügte Frau Lesnau hinzu;„die Mädchen können ja in unſer Inſtitut kommen.“ „Das koſtet viel“ widerſprach Ulrike. „Das Leben in der Stadt aber auch.“ „Du willſt uns nur nicht hinein haben, Du willſt allein Hahn im Korbe ſein.“ „Was Du gleich für Ideen haſt!“ „Ja, es ſcheint Dir einerlei, wenn ich auf dem Dorfe verkümmere.“ Die Worte der Paſtorin hatten bereits eine ſchärfere Klangfarbe angenommen, ihre Augen rollten hin und her. Die Schweſtern, welche ſich ſo lange nicht geſehen hatten, waren im beſten Zuge, uneinig zu werden. Sie konnten ja beide den Widerſpruch nicht ver⸗ tragen. „Davon ſpäter, Ulrike“, ſagte der Pfarrer.„Heute wollen wir uns des Beſuches und Feſtes freuen.“ „Ja, und die Waldpartie arrangiren, auf welche ich mich ſo freue“ fügte Hermann raſch hinzu, bemüht, dem Onkel zur Seite zu ſtehen. „Sind auch Herren dabei?“ fragte Louiſe in ihrer phlegmatiſchen Weiſe. „Ei wohl! Cantors Anton, Pachters Emil, Marens Kameraden aus der Stadt und Umgegend“, rechnete Johanno;„die ſind aber alle älter als Max.“ 7⁸ 100 „Habt Ihr auch Bälle hier?“ fragte Louiſe weiter. „O ja, drüben im Städtchen, durch welches Ihr gekommen ſeid.“ „Sind ſie hübſch?“ „Ich war noch nicht dort; ſie ſollen aber ſehr hübſch ſein.“ „Du warſt noch auf keinem Ball?“ fragte Louiſe erſtaunt. „Nein.“ „Am Ende auch nicht in der Tanzſtunde?“ „Nein.“ „Ja, da kannſt Du gar nicht tanzen, da glaube ich wohl, daß Du nicht zu Bällen gehſt!“ rief Louiſe laut lachend. „Ei wohl kann ich tanzen!“ erwiderte Johanna raſch erglühend.„Zum nächſten Stegreifballe gehe ich mit, weil Ihr da ſeid; da ſollſt Du es ſehen.“ Louiſe lachte noch mehr. „Ein Stegreifball? Was iſt denn das für einer?“ „Das iſt einer, der ſo mir nichts dir nichts aus dem Stegreif angeſtellt wird, wenn die Gymnaſiaſten und Studenten in die Ferien kommen“, erörterte Max. „Das Vergnügen, welches man ſich ſelbſt macht, iſt gewöhnlich das größte, darum ſollen eben jene Bälle ſehr hübſch ſein.“ 101 „Da wundert es mich um ſo mehr, daß Ihr noch nicht dort wart.“ „Der Vater liebt es nicht, ſo frühzeitig ſolche Gelegen⸗ heiten zu beſuchen. Es iſt hier auch nicht Sitte.“ „Nun, Du biſt ſechzehn Jahr und Johanna kann ganz gut dafür gelten. Bei uns heißt's: Jugend iſt der ſchönſte Schmuck! Alſo je jünger, deſto beſſer.“ „Wenn dieſer Schmuck aber ein Weilchen halten ſoll, muß man ihn doch erſt vollſtändig gefaßt haben“, bemerkte der Pfarrer. „Wir werden alſo einen Ball haben?“ fragte Frau Lesnau mit großem Intereſſe, indem ſie an die Triumphe dachte, welche ſie dort erleben wollte. „Ja, wir werden uns betheiligen, wenn es Ihnen Vergnügen macht“, ſagte artig der Pfarrer. „Aber erſt heißt's: Voller Andacht tret' ich ein in des Waldes Dämmerſchein“, ſagte Johanna. „Ach, Du machſt auch Verſe?“ fragte Louiſe ſehr gleichgültig. „Nein, ich habe es geleſen und da hat es mir ge⸗ fallen. Wenn ich allein oder mit Vater in den Wald komme, macht er ſtets einen erhebenden Eindruck auf mich.“ „Und wenn Ihr Partien macht?“ „Da ſind wir ſehr heiter, da macht die grüne Um⸗ gebung einen trauten Eindruck. Uebermorgen werden wir der Majeſtät unſern Beſuch machen, da wirſt Du ſehen, wie leicht ſich's athmet, wie gut ſich's ſingt, wie froh und frei ſich Alles bewegt.“ Mit feierlichem Rauſchen empfing der Wald die Gäſte, welche, von verſchiedenen Seiten kommend, ihn mit Geſang und Hurrah begrüßten und, nachdem man gegenſeitig vorgeſtellt war, eine Familie bildeten. Es waren wirklich ſchöne, glückliche Stunden, in denen ſo viele junge Gemüther ihren Frohſinn und Jugendübermuth zuſammentrugen, in vollen Zügen Waldluft und Waldluſt genießend, und der Pfarrer ſtillvergnügt, der eigenen Jugend gedenkend, das Ganze überwachte und dirigirte. Die grüne Umgebung bildete einen prächtigen Rah⸗ men um das lebendige und heitere Bild, von deſſen Hauptfiguren unbewußt Johanna als eine der lieblich⸗ ſten und unentbehrlichſten erſchien. Das war eine Elaſticität und Friſche, eine Anmuth und Natürlichkeit, eine Aufmerkſamkeit und Geſchäftigkeit für das Beha⸗ gen Anderer, beſonders ihrer Gäſte, und doch dabei wieder wie anſpruchslos, wie kindlich naiv und einfach! Hermann hatte daheim bereits angefangen, ſeine Schweſter ſchön zu finden wie die bereits erwähnten Anbeter derſelben. Jetzt erſchien ſie ihm ſchwerfällig 103 und ungraziös, und ob auch Viele die neue Erſcheinung bewundernd betrachteten, die ſchönſten Augen der ganzen Geſellſchaft folgten magnetiſch angezogen der jugendlich⸗ſchlanken Geſtalt, unter deren leichten Tritten ſich kaum die Spitzen des Graſes zu beugen ſchienen. Als Johanna dieſen Blicken begegnete oder ſie fühlte, beſah ſie ſich ſchnell, ob etwa ihr Anzug nicht ganz in Ordnung ſei, und als ſich da nichts dergleichen entdecken ließ, ſaß ſie in ihrer bezaubernden Unſchuld plötzlich traulich neben dem Vetter und fragte: „Dir gefallen wohl unſere neuen Kleider?“ „So ſehr, daß ich ſie immer anſehen muß“, entgeg⸗ nete er entzückt und verlegen zugleich. „Ach wie hübſch! Euch zu Ehren haben wir ſie bekommen!“ Damit war ſie ſchon wieder fort und weit von ihm, um einer ältern Dame den abgewehten Hut zurückzu⸗ bringen. Beim Schlafengehen unterhielten ſich Frau Lesnau und ihre Tochter von den Erlebniſſen des Tages. „Es war ganz hübſch ſo, daß wir erſt die heutige Partie hatten“, ſagte Louiſe.„Nun iſt man ſchon bekannt und hat zum Ball gleich ſeinen Hofſtaat von Tänzern im voraus; das iſt ſo mein Entree, wie ich's gern habe.“ 104 „Es iſt wahr, alle machten Dir die Cour und Jo⸗ hanna iſt doch auch ein nettes Mädchen—“ „Ganz nett für ihr Dorf, aber—“ „Gefällig, freundlich, rührig“, unterbrach Frau Lesnau. „Ich liebe das. Dazu gibt ſie ſehr gute Antworten, ſie iſt auch klug.“ „Ja, aber doch auch in Manchem noch ſehr weit zurück. Wo ſie bemerkte, daß Hermann ſie anſah, meinte ſie, es gälte ihrem lumpigen Kattunkleide. Das war doch wirklich einfältig.“ „Ja“, ſagte Frau Lesnau lachend,„das war ein bischen dumm und hätte ſie in der Stadt, wo man nicht ſo nachſichtig iſt wie wir, gehörig blamirt. Es iſt eigentlich unverzeihlich von ihren Aeltern, daß ſie das Mädchen ſo aufwachſen laſſen wie einen Pilz.“ Freilich“, erwiderte Louiſe überlegen;„Du mußt es dem Onkel ernſtlich ſagen. Uebrigens iſt es nur gut, daß Hermann artig gegen ſie iſt!“ „Ja. Da haben wir ihn manchmal getadeit, daß er ſo mitleidig iſt, und nun kommt es uns zu ſtatten.“ „Wenn das Mitleid nur auch zum Balle Stich hält! Da gibt es andere hübſche Mädchen, und wenn ſie nicht tanzen kann, wird er ſich nicht immer mit ihr plagen wollen. Und doch wäre es ſehr fatal, wenn ſie nicht tanzte und darum bald heim verlangte. Du mußt 1 — 105 es Hermann noch einmal ſagen, daß er als Coufin und Gaſt die Pflicht hat, ſich ihrer anzunehmen, ſo zu ſagen ihr Cavalier zu ſein.“ „Ja, ich dachte ſchon daran. Und Du lehrſt ihr einige Pas, damit ſie nicht gar zu ungeſchickt iſt.“ „Gleich morgen. Ich gönne ihr ein Vergnügen, ſie hat bei ihrer Mutter ſo nicht viel frohe Zeit. Wenn man für Alles, was man thut, kein gutes Wort be⸗ kommt und nichts recht iſt, das thut doch weh! Es thut mir leid um ſie und Hermann hatte gewiß heute ähniche Gedanken, als er ſie ſo anſah.“ „Es iſt wahr, meine Schweſter iſt recht grämlich und faſt unkenntlich geworden. Was das für ein großes, hübſches Mädchen war! Da habe ich mich doch anders conſervirt!“ Und wie ein junges eitles Mädchen trehte ſich, das Licht hoch haltend, Frau Lesnau vor dem Spiegel hin und her. Als der Balltag herangekommen war, zogen ſich gleich nach Tiſche Mutter und Tochter auf ihr Zimmer zurück, welches von innen verſchloſſen ward. Sie woll⸗ ten den Waldnymphen ein⸗ für allemal den Rang ab⸗ laufen und beſchäftigten ſich den ganzen Nachmittag angelegentlich mit der Tadelloſigkeit ihrer Toilette und den Eroberungen in spe. 106 Der FPfarrer hielt ſein Mittagsſchläfchen, Ulrike und Cäcilie ebenfalls, Hermann und Johanna ſchwärm⸗ 4ten im Garten umher. Sie dachten nicht daran, fremde Blicke auf ſich zu ziehen. „Brauchen denn alle Damen in der Stadt ſo viel Zeit zu einem Ballanzug?“ fragte das junge Mädchen mit einem Blicke nach den Fenſtern des Damengaſt⸗ ſtübchens, an welchen noch Niemand zu ſehen war. „Ich glaube wohl“, entgegnete der junge Mann. „Aber laß ſie nur, wir haben noch Zeit; es iſt ſo ſchön hier im Freien.“ „Ei, ich werde ie nicht ſtören, ich bin blos neu⸗ gierig, wie ſo eine Stadtballdame dann ausſieht.“ „Und ich bin es auf die Landballdamen und be⸗ ſonders auf Dich.“ „Wohl, weil ich ſo geheimnißvoll gethan habe? Das war nur, weil ſie es ſo machten.“ „Ich darf alſo wiſſen, wie Du erſcheinen wirſt?“ „O ja, wenn Du es wirklich wiſſen willſt.“ „Ich möchte es.“ „Ich ziehe mein Confirmationskleid an, das iſt weißer Drgandy, und ins Haar werden wir jetzt einen friſchen Kranz winden. Komm, Hermann, dort iſt ein hübſches Plätzchen.“ 107 Sie gingen nach einem Raſenplatze, auf welchem eine mächtige Linde ſtand. Im Graſe ſitzend, reichte Hermann ihr aus dem friſchgepflückten Strauße Blätter und Blumen zum Kranze. Der Pfarrer, welcher ſeine Sieſta beendet hatte und die Kinder im Garten vermuthete, ſtand lächelnd von fern und betrachtete das liebliche Bild— die beiden jungen, anmuthigen Geſtalten mit den hellen glücklichen Geſichtern und glänzenden Blicken, zwiſchen Grün und Blumen, vom Schatten der Linde überweht, vom blauen ſonnigen Himmel überwölbt, von ländlichem Frieden umgeben! Seine Bruſt erweiterte ſich, die lange Pfeife ging ihm aus— er ſtand„verloren in Gedanken, die an der Hoffnung Stab ſich blühend ranken“ Unter Johanna's kleinen, geſchickten Händen war indeß ein Stück Kranz fertig geworden, maleriſch nach der Schattirung geordnete licht⸗ und dunkelgrüne Blät⸗ ter, aus denen kleine, weiße, roſenähnliche Blümchen hervorſahen, deren jedes in ſeinem innerſten vollen Kelche einen Tropfen Morgenroth zu bergen ſchien. Das Gewinde weiß und grün ſah ſo einfach und un⸗ ſchuldig und doch wieder ſo apart und jungfräulich durch den zarten roſenfarbenen Hauch, der darüber lag. Hermann bewunderte im Stillen den feinen Geſchmack des ländlichen Mühmchens, welches ſeine Mutter und Schweſter auch gegen ihn mit einem Pilze verglichen hatten. „Nun, wie gefällt Dir unſer Werk?“ fragte Jo⸗ hanna. „Sehr gut, nur glaube ich, Du müßteſt den Kranz etwas breiter oder dicker binden.“ „So? Aber ſchmal ſieht doch viel feiner aus!“ „Ja. Ich habe aber zu Hauſe gehört, auf Bällen bemerke man dergleichen Feinheiten nicht, da müſſe man in die Augen fallen ſchon von weitem, man müſſe fernen—“ „Da müßte es in der Stadt ſo ſein, bei uns gilt die Nähe. Bei Euch alſo der Schein, bei uns das Sein“ ſetzte ſie neckend hinzu. „So ſcheint es.“ „Das Sein iſt mir aber lieber, und— laß einmal gleich ſehen.“ Damit erhob ſie ſich, ſetzte ohne weiteres den halb⸗ fertigen Kranz auf ſein Haupt und trat dann prüfend mehrere Schritte zurück. „Wie ſchön Dir das ſteht!“ ſagte ſie dann lebhaft, ihm wieder näher tretend.„Du ſiehſt aus wie Endymion.“ „Ich wär's zufrieden“, erwiderte er mit leuchtenden Augen. 109 „Ah, ich muß den Vater rufen, daß er Dich ſieht.“ „Da iſt er ſchon“ ſagte lächelnd der Pfarrer, welcher unbemerkt näher gekommen war.„Ein ſchmucker Schä⸗ fer, Hermann! Aber verſäumt nur nicht über den Vorbereitungen zum Ball dieſen ſelbſt. Es iſt bald fünf und nach ſechs iſt der Wagen beſtellt— Ihr habt nichts übrig.“ „Sind Tante und Louiſe ſchon da?“ fragte Jo⸗ hanna. „Nein, ſie können aber jeden Augenblick erſcheinen.“ „Und die Mutter wartet nicht gern“, fügte Hermann hinzu. Johanna beendete raſch ihren Kranz; aber erſt eine volle Stunde ſpäter beſchauten die oben Eingeſchloſſenen ihre vollendete Toilette im Spiegel. „Der Anzug ſteht Dir vortrefflich“, ſagte Frau Lesnau zufrieden,„die Waldvögel werden ſtaunen.“ „Ja, und zuerſt Johanna, ich glaube nicht, daß ſie ſich anzuziehen verſteht. Wir werden überhaupt heute wohl Verſchiedenes zu lachen bekommen.“ „Und Hermann's Aerger, wenn Johanna gar zu ſehr von uns abſtechen ſollte. Hübſch angezogen und hübſch tanzen liebt er einmal.“ „Vielleicht erleichtern ihm die andern Bekannten ſein Amt und engagiren ſie zuweilen.“ 110 „Vielleicht! Und nun hinunter, den erſten Triumph zu feiern.“ Alle waren bereits im Wohnzimmer verſammelt, als die Doppelthüren aufflogen und die Damen herein⸗ rauſchten. Louiſe trug ein Kleid von roſa Seidenflor, welches, mit Blonden, Perlen und Schleifen reich verziert, zu ihrem feinen, friſchen Teint vortrefflich ſtand, und in dem auf einmal viel ſtärkern, ſehr künſtlich verſchlun⸗ genen Haar eine Silberblume, deren hängende Zweige bis über die übervollen weißen Schultern herabfielen. Sie blendete, ſtrahlte, fernte wirklich. Ihre Mutter, die Frau Regierungsſecretärin, war in perlgraue ſchwere Seide gekleidet, dazu am Gürtel die goldene Uhr, auf dem Kopfe einen Aufſatz von Spitzen und künſtlichen Blumen, ſo leicht und ſchillernd wie eine Seifenblaſe. Broſche, Ringe, Armbänder und Ohrgehänge vervollſtändigten bei beiden die reiche Toilette. Als Mutter einer ſchönen Tochter mußte auch Frau Lesnau Aufſehen machen und ihren Stand repräſentiren. Es gelang. Im Familienzimmer feierten ſie den erſten, beim Eintritt in den Ballſaal den zweiten Triumph. Aller * Augen wandten ſich ihnen zu, Alles ſtaunte, bewun⸗ derte, fragte; gleich zur Polonaiſe war ein Commis⸗ 111 Boyageur Louiſens Tänzer, ſie die Vielbeneidete der ganzen Mädchenwelt. Als er ſie dann zu ihrer Mutter zurückführte, da folgten ſchon Andere ihren Spuren, und der Voyageur mußte beginnen im voraus zu en⸗ gagiren. Frau Lesnau ſtrahlte vor Wonne und Ver⸗ gnügen. Hermann aber kämpfte mit einem ganz entgegen⸗ geſetzten Gefühl. Er hatte daheim gehört, man müſſe ſich ein Anſehen zu geben, mit avec zu erſcheinen, grandios zu ſein verſtehen; er hatte das als in der Ordnung, als eine zur Geſelligkeit gehörende Kunſt betrachtet, und nun berührte ihn das Auftreten ſeiner Mutter und Schweſter ſeltſamerweiſe heute ſo unangenehm! Er fand es geſucht, herausfordernd, unweiblich, die grandioſe Silberblume entſchieden häßlich, weil viel zu viel; verſtimmt wandte er ſich ab— die Violoncello⸗ blicke hingen ſich wieder an Johanna's Geſtalt. Halb Kind, halb Jungfrau, glich ſie in dem wei⸗ ßen, nur mit ein paar weißen Schleifen vervollſtän⸗ digten Gewande dem verkörperten Ideal von Unſchuld und Reinheit. Wie reizend lag der ſchmale weiße, wie von Morgenrothfunken ſchimmernde Kranz auf dem bräunlichen Haar über der klaren Stirn, wie har⸗ moniſch ſtimmte das feine, leicht zitternde und wal⸗ 112 lende Gewebe des Kleides zu der ganzen ſylphenartigen Erſcheinung und Bewegung des jungen Mädchens! Man ſagt, im Tanze gebe ſich kund, wer Muſik verſtehe. Hermann und Johanna übten und liebten ſie beide— ſie ſchwebten durch den Sagl. Welche Freude bei dieſer Entdeckung! Louiſe hatte viel erzählt, wie Hermann in der Re⸗ ſidenz als einer der beſten Tänzer gelte und verwöhnt dadurch in Bezug auf Tänzerinnen ſei— es war Johanna faſt angſt geworden. Und nun fühlte ſie, wie gern er mit ihr tanzte, wie herrlich ſie zuſammen fortkamen, nach dem Ausdruck der Dorfbewohner. Selbſt Frau Lesnau und ihre Tochter mußten zu⸗ geben, daß Johanna, das unwiſſende Mädchen, tanzen könne, und die andern Bekannten ſchienen gleicher An⸗ ſicht, da ſie Hermann ſein Amt erleichterten, mehr als ihm lieb war. Sein Blick flog ihr nach, wenn er ſie ſo leicht und voll natürlicher Grazie dahinfliegen ſah, und als er des Onkels Warnung an Johanna gehört, nicht zu viel zu tanzen, ſetzte er ſich plaudernd mit ihr unter die Zuſchauenden. „Hermann kennt ſeine Pflicht oder ſeine Mutter ſehr gut“ ſagte Frau Lesnau lachend zu ihrer Tochter. „Ich bin mit meinem Sohn zufrieden.“ „Und mit Deiner Tochter gewiß nicht minder“, 113 verſetzte ſtolz lächelnd Louiſe,„ſie iſt heute die Königin des Balles.“ „Ich freue mich nur, daß meine Gäſte ſich ſo hübſch amüſiren, faſt als hätten ſie die Reſidenz vergeſſen“, ſagte lächelnd der Pfarrer, als ſie ſich im Büffet zu⸗ ſammenfanden. „Ich könnte die ganze Welt vergeſſen“, entgegnete Hermann, Johanna den beſten Sitz ausſuchend. „Das möchte Dir die Welt ſehr übel nehmen.“ „Das wäre ihre Sache.“ Hermann hatte wirklich ſchon einen Theil dieſer WVelt, ſeine Mutter und Schweſter in der Nähe, ver⸗ geſſen. Dieſe hatten indeß weniger auf die vielſagenden Worte geachtet; ſie hatten keine Zeit und Hermann's Inſtruction lautete ja, den Galanthomme gegen Jo⸗ hanna und die Gaſtgeber überhaupt zu ſpielen. Daheim ward der Ball noch einmal durchlebt, von Louiſe und ihrer Mutter laut erzählend, von Hermann und Johanna im Stillen. Dieſe hatte ſich vollſtändig mit ſeinem erſten Briefe ausgeſöhnt, ihn ſogar die Erſtwirkung deſſelben erzählt. Sie ſpielten zuſammen Klavier und ſangen, der Vetter hörte und begleitete über Alles gern Johanna's zarte und lieb⸗ liche Stimme; ſie ließ ſich von ihm bei ihren Beſchäf 8 von Oben, Des Hauſes Eckſtein. I. 114 tigungen in Haus und Garten helfen, ſie rief ihn her⸗ bei, wenn er einmal fehlte, ſie ſorgte für ſein Beha⸗ gen und freute ſich, wenn er's empfand, und das Alles ſo unbefangen, ſo natürlich und naiv, ſie ſchlug dabei die klaren blauen Augen ſo harmlos zu ihm auf. Es war ein eigenes Gefühl für den jungen Mann, zu wiſſen, daß die Liebe in ſein Herz gezogen ſei, und ſie, der dieſes Herz bereits gehörte, hatte keine Ahnung davon und von der Liebe überhaupt! Auch Frau Lesnau und ihre Tochter blieben ahnungs⸗ los. Sie hatten, wenn überhaupt, nur für Johanna gefürchtet, nicht für Hermann, alſo auch nur ſie beob⸗ achtet, und als da auch ein Argus nichts Arges ent⸗ decken konnte, blieb der Frau Regierungsſecretärin nichts übrig zu thun, ehe ſie wieder abreiſte, als dem Herrn Schwager die Sache wegen der fernern Aus⸗ bildung ſeiner Töchter in einem Inſtitut ans Herz zu legen. „Es thut mir leid, daß ich hier nicht ſo Ihrer Anſicht ſein kann“, entgegnete der Paſtor, ſchwankend wiſchen Ernſt und Scherz.„Ich halte im Allgemei⸗ nen ſolche Anſtalten eher für— für— ja, für Mädchenverderber.“ „Sie ſcherzen, Herr Schwager.“ „Nicht ganz, Frau Schwägerin. Es werden wirklich — 115 keine Mädchen und Frauen dort gebildet, ſondern nur Damen und Dämchen nach der Schablone geformt. Wir haben davon ſchon mehr, als uns gut iſt.“ Frau Lesnau ſah den Sprecher erſtaunt an und ſchüttelte dann den Kopf. „Aber, Herr Schwager, man muß doch mit der Zeit fortgehen, und da will es eben nicht mehr gehen ohne feinen Schliff.“ „Durch ihn wird oft das Beſte, die Natur, wegge⸗ ſchliffen.“ „Das iſt Ihre ſonderbare Anſicht, entſchuldigen Sie! Ich aber denke, es würden nicht ſo viele Aeltern aller Stände, und zwar oft mit großen Opfern, ihre Töchter dahin bringen, wenn ſie nicht gut aufgehoben wären.“ „Daß es viele thun, iſt für mich nicht maßgebend, es iſt da wie mit andern Moden.“ „Die Moden kommen aus großen Städten und ſind dazu da, daß man ſie mitmacht; die es nicht thun, bleiben zurück. Die Welt geht eben vorwärts und da muß man mit.“ „Und in was geht ſie vorwärts?“ „Nun, in der Bildung.“ „Mir ſcheint, hier mehr in der Einbildung, und mit die⸗ ſer geht gerade die Unbildung gewöhnlich Hand in Hand.“ 8* 116 Frau Lesnau ſah ihren Nachbar wieder groß und etwas zweifelhaft, dann wie beleidigt an. „Nicht doch, Herr Schwager.“ „Doch, Frau Schwägerin, oder vielmehr die Ein⸗ bildung baſirt eben auf der Un⸗ oder Halbbildung. Was lernen die jungen Mädchen im Inſtitut?“ „Nun, zeichnen, malen, ſticken, tanzen, muſiciren, ſich benehmen, ſich unterhalten, etwas Engliſch, etwas Franzöſiſch; iſt das nicht genug? Lauter Dinge, welche zur feinen Bildung gehören.“ „Lauter Dinge, mit Ihrer Erlaubniß, welche die meiſten ſpäter wieder liegen laſſen oder laſſen müſſen, lauter ſogenannte Fertigkeiten, in denen es die wenig⸗ ſten zur nützlichen Fertigkeit bringen, weil ſie entweder nicht Luſt und Talent dazu haben, oder weil in der Zeit, die man darauf verwendet, kein rechter Grund dazu gelegt werden kann. Die beſten Zeugniſſe aber über ihr Wiſſen und Können bringen alle mit heim— das liegt im Intereſſe der Anſtalt— und das iſt der erſte Anlaß zur Einbildung. Weiter lernen die jungen Mädchen ſich putzen, ſich zeigen, kokettiren, ſcheinen— was ſie nicht ſind⸗ fügte er leiſer hinzu. „Aber nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Schwager—“. Der Pfarrer war ernſt geworden. „Es iſt dabei nichts übel zu nehmen, Frau Schwä⸗ gerin, es iſt blos wahr. Die jungen Mädchen werden mit Allem tractirt, was ſie nicht brauchen und nicht verdauen; aber das Eine, was nöthig iſt, das eine höchſte Wiſſen für das deutſche Weib: wie man eine glückliche Heimat baut, das lehrt man ihnen nicht!“ Frau Lesnau war längſt erregt durch den Wider⸗ ſpruch des Herrn Schwagers; ſie gehörte ja zu den Schweſtern, welche denſelben nicht vertrugen, ſondern vielmehr dieſes Privilegium allein für ſich in Anſpruch nahmen. Dennoch hielt ſie an ſich, weil ihr ſchien, ſie gerathe auf unbekanntes Terrain. Nach einigem Stillſchweigen ſagte ſie halb maliciös und halb ver⸗ legen: „Ja, Herr Schwager, verzeihen Sie meine Aufrich⸗ tigkeit, aber ich habe das noch von Niemand gehört, obgleich ich zu Hauſe oft mit Männern von Bedeutung zuſammenkomme. Sie haben wirklich eigene Anſichten — ich glaube jetzt meiner Schweſter.“ „Aergere Dich doch nicht mit ihm!“ rief, die Thür des Nebenzimmers, wo ſie gelauſcht hatte, geräuſchvoll aufſtoßend, die Paſtorin.„ Aergere Dich doch nicht mit ihm! Wie kannſt Du Dich mit ihm über ſo etwas ſtreiten? Auf dem Dorfe geboren und bis 118 heute da ſitzen geblieben, wo ſoll da die Einſicht und der Fortſchritt herkommen?“ Der Pfarrer lächelte nur ein wenig, Frau Lesnau aber fuhr fort und entgegnete:„Wir wollen uns gar nicht ſtreiten und ich will auch andern Inſtituten das Wort nicht reden; unſeres aber kenne ich, Louiſe hat. es vier Jahr frequentirt und ich bin ſehr zufrieden mit ihrer Ausbildung. Wer ſie tadeln wollte, würde mich beleidigen; wollen Sie das, Herr Schwager? Auch wir vier Schweſtern ſind da gebildet worden.“ „Ei behüte!“ erwiderte Manuel, welcher einſah, daß ſeine Worte unter die Dornen fielen, auch wohl ſeiner. Rolle als galanter Wirth bis zu Ende treu bleiben und dem Gaſte nicht noch zuletzt die Laune verderben wollte.„Behüte, die Geſellſchaft iſt ja überhaupt alle⸗ mal ausgenommen von dem, was man ſagt.“ „Das wollte ich mir auch ausgebeten haben. Ich habe es gut gemeint, wenn Sie aber nicht meiner Meinung find, laſſen wir die Sache fallen.“. „Das iſt geſcheidt!⸗ fügte die Paſtorin, ihrem Mann den Rücken wendend, hinzu.„Laß ihn mit Johanna machen, was er will, ſie hat einmal den dörfiſchen Namen und iſt auch ſonſt nach ihm gerathen. Meine ſchöne Cäcilie aber muß in die Stadt, das ſetze ich durch es mag biegen oder brechen!“ 8 „Es könnte brechen, Ulrike!“ ſagte der Paſtor ernſt. „Das Sprichwort ſagt: Was man erzwingt, bringt oftmals Leid.“ „Das werden wir ſehen“, verſetzte ſie ſtarrköpfig. Beim Abſchied verſprach man ſich gegenſeitig, fleißi⸗ ger als bisher zu correſpondiren; man lud die Paſtorin ſammt Mann und Töchtern dringend ein, den Beſuch zu erwidern, und ſchließlich bat Hermann um die Er⸗ laubniß, wiederkommen zu dürfen, wenn er, wie ihm in Ausſicht ſtehe, Reiſender geworden ſein werde. Man ſchied im beſten Einvernehmen. Als die Ver⸗ wandten aber fort waren, war Ulrike wieder uner⸗ träglicher Laune und quälte förmlich, die um ſie waren. Der Pfarrer fragte den Arzt. „Sie iſt nicht krank“, erklärte der Vetter Mediciner, „ſie ſtammt nur aus der ſchrecklichen Familie derer vom melancholiſchen Temperament. Die ſehen Alles ſchwarz, ſind voll Neid und Mißtrauen und werden 6 nie zufrieden. Sie ſind empört über Leiden, außer ſich, wenn ſie einem Zufriedenen oder gar Glücklichen begegnen, und mißachten und vernichten doch ſelbſt alles Gute, alles Glück, welches ihnen zu Theil wird⸗ Niemand, ſelbſt Gott nicht, macht ihnen etwas zu Danke, ſie hadern conſequent mit ihm und der Welt. Sie haſſen alle Arbeit, Alles, was ſie im Brüten un Grübeln ſtört; wenn es aber gilt, Andern eine Freude zu verderben, welche fie ihm nie gönnen, einen Stein des Anſtoßes in den Weg zu werfen, da find ſie activ, denn der Neid läßt ſie nicht ruhen dabei.„Nein, ach nein“, und„Gerade nicht“ oder„Und gerade“ ſind ihre Wahrſprüche, iſt, was ſie über Alles gern ſagen und thun. Sie ſind der perſonificirte Widerſpruch und Trotz und vertragen weder Gutes noch Böſes.“ Der Pfarrer ſeufzte tief— der Arzt malte nur, was er täglich erfuhr. „Dieſes unglücklichſte Temperament“ fuhr der Me⸗ diciner fort, iſt, mit den Jahreszeiten verglichen, der Herbſt— rauh, düſter, erbarmungslos vernichtend— und mit den Elementen die Erde, welche Alles, was ſie hervorbringt, auch ſelber wieder begräbt. Herr, wenn man doch Jeden, der da freien will, erſt dazu bringen könnte, Platner's Aphorismen zu leſen und damit das Innere der Erwählten zu ſondiren! Wenn doch Jeder erſt erkunden wollte, womit Leib und Seele genährt worden ſind! Es heißt lächerlich und man wird ausgelacht darüber und doch iſt's wahr: Was der Menſch ißt und trinkt das iſt er!— Die dort in der Vaterſtadt Deiner Frau werden von kleinauf mit Bier gefüttert, viel zu ſchwer und ſtark für Kinder und Frauen überhaupt, in ſeiner modernen Zuſammen⸗ 12¹ ſezung aber vollends nicht geeignet, das Blut leicht den Kopf frei, den freien Willen ſtark zu machen, Vernunft und weibliche Sanftmuth zu cultiviren! Stellt nicht jene Stadt ein verhältnißmäßig bedeutendes, gerade weibliches Contingent in die Irrenhäuſer, und meint man nicht, wenn man das Gebaren jener Frauen ſieht, es gehörten noch mehr, viel mehr dort⸗ hin? Die Erziehung iſt eben auch weniger auf den Geiſt gerichtet, der doch über den Körper herrſchen ſoll, und ſo tritt der umgekehrte Fall ein. Nur hübſch, heißt es vor allem, darauf wird das Hauptaugenmerk gerichtet und das junge Mädchen angewieſen, möglichſt viel Eroberungen, möglichſt bald eine Partie zu machen. Wo die Seele vernachläſſigt iſt und Jü⸗ gend und aufregende Lebensweiſe zuſammenwirken, gewinnt Cupido ſo ſchon Terrain; ganz beſonders aber iſt das melancholiſche Temperament ihm unterthan, daher der Anſchein, als ob die Liebe die hübſchen Mädchen beſeele— Cupido wird mit Amor verwechſelt. Gewiß iſt Dir's ebenſo ergangen! Dazu entwickeln dieſe Frauen eine merkwürdige Ausdauer und Verſtel⸗ lungskunſt, ſolange es etwas zu erreichen, reſpective zu erzwingen gilt. Wenn ſie dann haben, was ſie wollten, ſchlägt der Wind um, ſie wollen, wie die un⸗ gezogenen Kinder, wieder etwas Anderes. Kommt dann 122 zu dem, was ſie ſatt haben, noch etwas, was ſie gar nicht wollten, gibt es etwas zu leiden, zu tragen, zu thun, dann ſind ſie außer ſich, klagen über Täuſchun⸗ gen, bleiben hartnäckig bei allem Unangenehmen ſtehen, ſuchen es auf, werden die Quälgeiſter ihrer Umgebung! Das hübſche Aeußere wird vernachläſſigt, das vernach⸗ läſſigte Innere gibt keinen Halt— wie troſtlos und heillos! Die Urquellen des menſchlichen Glückes, Re⸗ ligioſität und Liebe zu Natur und Menſchen, Luſt und Heiterkeit zur Arbeit, wie unſer alter Lehrer immer ſagte, ſind der verſchloſſen geblieben, welche ihren Mann beglücken, das Haus bauen, das kommende Geſchlecht erziehen ſoll.“ „Ja, ja“, murmelte der Pfarrer mit geſenktem Haupte. „Meinſt Du, armer Freund“, fuhr der Doctor fort, „daß man mit Medicin, ſelbſt wenn es welche gäbe, und mit ſonſtigen ärztlichen Vorſchriften etwas aus⸗ richten würde? Nein! Ulrike würde keine derſelben halten, es gälte ja, Dir oder uns einen Gefallen zu thun. Sie würde eben wieder denken oder ſagen: Gerade nicht! Das vielleicht wirkſamſte Mittel wäre eine zeitweiſe tüchtige Kaſteiung, damit das dicke wi⸗ derſpenſtige Blut durcheinander geſchüttelt würde ſo ein Mal ums andere. Dieſes Mittel kannſt Du als 123 Prieſter nicht anwenden und ſo bleibt Dir nur das eine radicale— die Trennung!“ „Du ſagſt das ſo leicht hin, ohne zu bedenken, daß—“ „Ich ſage, die Andern haben es ganz klug und recht gemacht und Dir die Bahn gebrochen— Du haſt es dadurch wirklich leichter. Willſt Du zeitlebens mit ihr rechts und links ziehen? Willſt Du dabei zu Grunde gehen, während es ihr ganz geſund wäre, wieder da⸗ hin zu gehen, wo ſie herkam? Willſt Du warten, bis ſie ſich todt ärgert?“ Der Pfarrer ſchüttelte trübe das Haupt. „Ich möchte Dir das auch nicht rathen, armer Junge, die Sorte iſt mit Guttapercha zuſammengeſetzt. Darum denke einmal zuvörderſt an Dich, an Deine lieben Kinder und ſchüttle ſie ab, die Dir und ihnen das Leben vergällt. Ich würde es genau ſo machen und Du kannſt Dich frei auf mich und mein Zeugniß berufen; ich kann ſie mit gutem Gewiſſen für unheilbar erklären. Die von ihr ſeit ſo viel Jahren feſtgehal⸗ tene Idee, wieder heim, wieder für ſich ſein zu wollen, iſt eine Art fixe Idee— laß Ulrike ihr folgen, um jeden Preis, und wenn Du Deine Stelle aufgeben, Deinen Beruf wechſeln, das Land verlaſſen müßteſt! Du findeſt einen andern Wirkungskreis, die Erde iſt 124 überall ſchön und es iſt vielleicht für Dich eben noch Zeit, ein anderes Leben zu beginnen.“ Der Doctor hatte die letzten Worte beſonders be⸗ tont. Betrübt blieb der Pfarrer im Studirſtübchen ſitzen, nachdem derſelbe ihn verlaſſen hatte. Er fühlte die Wahrheit und Richtigkeit ſeiner Worte und doch widerſtrebte ein ſolcher Schritt ſeinem Gefühl. Wochen und Monden erwog er das Für und Wider, nahm dieſe Angelegenheit ihm jeden freien Augenblick, Ruhe und Schlaf. Endlich, als ulrike wieder einmal das Lied vom Alleinſein und dem Glücke ihrer Schweſtern ohne Aufhören ſang, trat er in aller Ruhe, aber auch in allem Ernſte mit ſeinem Trennungsvorſchlage hervor. Er kam ſchön an! Sie ſtarrte ihn erſt eine Weile an, als ob ſich ihr Gehirn verwirre, und brach, als ſie den Ernſt begriff, in eine Flut von Vorwürfen aus. Das alſo war ſein Dank für die vielen Opfer, welche ſie gebracht, dafür, daß ſie ihre beſten Jahre und Kräfte und den beſten Theil ihres Vermögens auf der einſamen Pfarre zugeſetzt hatte! Dafür wollte er ſie nun verſtoßen, um die Beruhigung ihres Alters, um die Wittwenpenſion bringen, welche ſie aller⸗ dings nur bekam, wenn ſie beiſammen blieben. Und wie ſauer hatte ſie ſich den Anſpruch daran er⸗ worben, was hatte ſie Alles durchmachen und thun * müſſen, um dieſes Letzte zu erhalten. Darum hatte ſie ſo lange bei ihm ausgehalten, darum hatte ſie es nicht ſo gemacht, wie längſt ihre Schweſtern, und nun— das war alſo ſeine Liebe und ſeine Religion! Und einem ſolchen Vater ſollte ſie ihre Kinder laſſen? Um keinen Preis! Sie wollte gehen von Pontius bis Pilatus, bis zum König und ihn verklagen. Alle Welt ſollte erfahren, welch undankbarer und eigenfüchtiger Menſch er ſei, ſie wollte es dahin bringen, daß er ferner als Prediger unmöglich werde, ſie wollte— ach, was wollte ſie nicht Alles! Der Pfarrer hatte ſich vor dieſen Drohungen durch⸗ aus nicht zu fürchten, aber der Eclat war ihm zuwi⸗ der. Der Gedanke, dadurch als Pfarrer unmöglich zu werden, war ihm von ſelbſt ſchon gekommen, minde⸗ ſtens konnte der ſeltene Schritt, wenn geſtattet, Ver⸗ ſetzung bewirken; und an die großen Kinder dachte er auch mit Beklemmung, obgleich ſie ihm gehörten nach dem Geſetz. Er moderirte ſeinen Vorſchlag dahin, daß Ulrike beſuchsweiſe in ihrer Heimat leben und, ſo oft ſie ihn beſuchen wolle, eines freundlichen Empfanges gewiß ſein ſolle. Man wollte ſagen, daß es ſo um ihrer Geſundheit willen geſchehe, damit ſei Alles natürlich erklärt, alles Aufſehen vermieden. Sie ſollte von ſei⸗ nem Gehalte dazu den Betrag der Wittwenpenſion beziehen. Aber jetzt, wo Ulrike haben ſollte, was ſie ſo lange als höchſtes Glück hingeſtellt, jetzt wollte ſie es gerade nicht, oder, wie ſie ſich ausdrückte:„Nun nicht!“ Sie fühlte nur das Eine, Kränkende, heraus, daß er ſie los ſein wolle. Sie, die ſo oft ihm gegenüber das gewünſcht laut und heimlich, ſie war nun außer ſich darüber, weinte unaufhörlich und konnte nicht faſſen, womit ſie das verdient; hätte ſie das ahnen können, wäre ſie lieber wo anders hin als zur Trauung gegangen. Dem Pfarrer kam dieſe Wirkung ſeines Antrages durchaus unerwartet— ſollte er durchſetzen, was be⸗ gonnen war, abwarten, wie weit dieſe Frau in W Exaltation ging? Wieder ging er tief und ernſt mit ſich und ſeinem Gott zu Rathe und beſchloß dann mit ſchwerem Herzen, das Letzte vor dem Allerletzten zu verſuchen— er hielt um Verſetzung an. WMan wunderte ſich darüber im Conſiſtorium, man nahm Gelegenheit, ihm Vorſtellungen zu machen, fragte nach den Gründen. Er motivirte dieſelben ſo mild und ſo triftig wie möglich; man ging darauf ein, bei Gelegenheit ſeiner zu gedenken. 127 Ueber all dem war die Zeit dahingegangen, faſt zwei Jahre ſeit jenem Pfingſtfeſt, wo die Paſtorin ihrer Schweſter beim Abſchiede verſprochen, künftig fleißiger zu ſchreiben wie bisher. Sie hatte ſehr bald wieder aufgehört und ſich damit entſchuldigt, daß ſie Schlimmes nicht ſchreiben möge und Gutes nicht ſchrei⸗ ben könne. Johanna aber und Hermann hhielten Wort. Wie freute ſich das junge Mädchen, wenn die zier⸗ lich⸗flüchtige Kaufmannshand die Adreſſe geſchrieben, wie natürlich fand ſie jetzt die roſenfarbenen Briefe! Hermann war wirklich Reiſender geworden und einmal ſelber da geweſen, hatte von den Stürmen zwiſchen Ulrike und ihrem Manne nichts erfahren und gefühlt; im Gegentheil ſchien der ſo lange mißachtete Aufent⸗ halt ihr lieber geworden, ſeit ſie wußte, daß ſie ihn verlaſſen ſollte. Er hatte ſich wieder ſehr wohl be⸗ funden in Johanna's Nähe. Er fand ſie äußerlich vollends zur Jungfrau er⸗ wachſen, innerlich aber immer noch kindlichen Weſens, unbefangen ſich ſeines Beſuches freuend, ruhig oder fröhlich die klaren Augen zu ihm aufſchlagend. Seine Zeit war gemeſſen— er reiſte zum zweiten Male mit dem beglückenden und beunruhigenden Bewußtſein ab, Johanna zu lieben, ohne ihrer Neigung verſichert zu 128 ſein. Dieſe Sicherheit zu gewinnen, war er gekommen, ihr ſeine Liebe zu geſtehen, hatte er ſich vorgenommen, aber jetzt, ihr gegenüber, verſagte ihm das Wort— er wagte nicht, den Kinderfrieden ihrer Seele zu ſtören. Dafür erfüllte ſich bald nachher ſein anderer ſehn⸗ licher Wunſch, Johanna in ſeiner Heimat zu empfan⸗ gen. Alle ſeine und ſeiner Mutter Einladungen waren bisher ohne Erfolg geblieben; der Paſtor konnte nicht, die Paſtorin wollte nicht, Johanna ſollte nicht allein ſolch weite Reiſe machen. Auch ſehnte ſie ſich nicht in die Stadt, wo man ſcheinen, fernen, Complimente machen, kurz Alles ſollte, was ſie nicht konnte. Sie hatte Hermann gebeten, lieber bald wieder aufs Land zu kommen. Nun aber hatte ſich Louiſe verlobt und der junge Fürſt ihres Landes ebenfalls. Zur Heimholung der jungen Fürſtin ſollten großartige Feſtlichkeiten ſtatt⸗ finden, die Reſidenzler wetteiferten untereinander, ihr zu huldigen. Auch die geſchloſſene Geſellſchaft, zu wel⸗ cher Frau Lesnau und ihre Kinder gehörten, hatte einen glänzenden Ball arrangirt, und für dieſen Tag war Louiſens Hochzeit feſtgeſetzt. Frau Lesnau calculirte, daß es das Fürſtenpaar doch intereſſiren müſſe, auf dem Balle ein Brautpaar . 129 zu finden, welches faſt mit ihm zugleich die Hochzeit feierte, ſo zu ſagen dadurch dem ihm zu Ehren veran⸗ ſtalteten Feſte noch einen beſondern Glanz und Reiz verlieh. Es konnte das eine beſondere Vorſtellung, Ehre, Neid bringen— Frau Lesnau war ſtolz und ſeelenvergnügt über ihren„göttlichen“ Einfall. Louiſe hatte ſich ein roſa Atlaskleid und vier weiße Brautjungfern gewählt, darunter Johanna. Für den Fall, daß deren Aeltern auch die Hochzeitseinladung ab⸗ lehnen ſollten, ſollte ſie mit Madame Riemer reiſen. Dieſe war auch eine Tochter der Reſidenz, wohnte im Nachbarſtädtchen der Paſtorin als Wittwe und Kapi⸗ taliſtin und wollte zum fürſtlichen Einzug, wie auch ſonſt öfter, ihre Heimat beſuchen. Zugleich ſchrieb Louiſe an Johanna, daß ihr Anzug der Egalität halber gleich in Argen gefertigt werde und ein Geſchenk der Tante Regierungsſecretärin ſei, um welche ſie ſich bei dem Beſuche dort ſo freundlich bemüht hätte. Ulrike ärgerte der ganze Handel und beſonderz das Abfindenwollen ihrer ſtolzen Schweſter. Sie hatte ja auf alle Einladungen bereits den Be⸗ ſcheid gegeben, daß ſie nicht eher wieder in ihre Hei⸗ ———— mat wolle, als bis ſie dort bleiben könne— ſie hatte von Oben, Des Hauſes Eckſtein. 1. 9 130 ſich das einmal vorgenommen. Sie hätten alſo Johanna in Ruhe laſſen können und ſollen. Schon ſann ſie auf Ausflüchte, als Madame Rie⸗ mer ſelbſt erſchien und durchdrang mit ihrer Meinung, daß Johanna wenigſtens mitreiſen müſſe. Die Paſtorin ließ nun, damit ſie auch von ihrer Seite ebenbürtig erſcheinen ſollte, ihr Brautkleid für ſie zurechtmachen, welches für ſie ſelbſt doch nur eine traurige Erinne⸗ rung ſei, und dann brachte der Pfarrer ſein Kind ſelbſt zu Madame Riemer hinüber. Wie klopfte das junge Herz, als die Reiſenden am Abend des be⸗ ſtimmten Tages in die beleuchteten Straßen der Reſi⸗ denz einfuhren, als das Geräuſch der größern Stadt, das Laufen und Fahren, das Schlagen der verſchie⸗ denen Uhren, der fremde Dialekt an Johanna's Ohr ſchlug und vor dem ſtattlichen Poſtgebäude Hermann ſtand, ſie zu empfangen! Hocherfreut hob er ſie aus dem Wagen, begrüßte ſie mit dem üblichen ver⸗ wandtſchaftlichen Kuſſe und führte ſie beflügelten Schrittes heim in die elegante großſtädtiſche Wohnung zu Mutter und Schweſter, welche ſie ebenfalls auf das freund⸗ lichſte willkommen hießen. Am andern Tage fand der Einzug des Fürſten ſtatt, welchen man aus den eigenen Fenſtern mit anſehen konnte, worauf ſich Frau Lesnau nicht wenig zu gute that, und dann folgten Bälle, 13¹ Concerte, Wachparaden, Zapfenſtreiche und Illumina⸗ tionen, lauter niegeſehene und niegeahnte Schauſpiele für das Mädchen vom Lande, und mitten darin Loui⸗ ſens Hochzeit, welche wirklich die gewünſchte Senſation machte. Die neuvermählte Fürſtin hatte ſich nach dem Brautpaar erkundigt, die Hauptperſonen der glänzenden Geſellſchaft vorſtellen laſſen und huldreiche Worte an dieſelbe gerichtet. Frau Lesnau war glücklich und ſelig! Ebenſo und doch in anderer Weiſe war es Her⸗ mann ſeit Johanna's Anweſenheit, den einen Abend ſogar im doppelten Sinne. Er kam mit ſeinem Freunde van Jven, einem ſehr ruhigen jungen Holländer, und ſeinem erſten Rauſche nach Hauſe. Es war eigentlich noch gar kein richtiger Rauſch, ſondern nur eine er⸗ höhte Stimmung, in welcher der hübſche junge Mann in neuer Liebenswürdigkeit erſchien und der Abend ſehr heiter verlief. Aber er hatte auch die Unvorſich⸗ tigkeit begangen, gleich zuerſt nach Johanna zu fragen, und zwar in unzweideutig innigem Tone, und ver⸗ geſſen, daß ſchon ein Verſtoß gegen den großſtädtiſchen Ton im Merkbuche ſeiner Mama notirt war. Derſelbe beſtand in nichts Geringerem, als daß bei einem Spa⸗ ziergang nach einem benachbarten Vergnügungsorte, welchen die Damen allein gemacht hatten, Hermann abends beim Abholen für Johanna ein wärmeres Tuch mitbrachte, während er an ſeine Mutter und einzige Schweſter nicht gedacht hatte, welche dergleichen ſtets ſelbſt zu beſorgen pflegten. Frau Lesnau wußte jetzt, wie es mit ihrem Sohne ſtand, und dachte nun ihrer⸗ ſeits ſofort daran, der armen unbedeutenden Land⸗ pfarrerstochter den Wahn zu benehmen, als ob ſie ſich einbilden dürfe, dereinſt mehr als ſeine Couſine und ihre Nichte zu werden. Sie hatte mit ihrem Sohne ganz andere Pläne. Louiſens Partie war nicht nach ihrem Wunſche. Der nicht vermögende, perſönlich nicht bedeutende, ſchmale, blaſſe Actuar mit ſeiner gezierten Redeweiſe und ſeiner überſchwänglichen Zärtlichkeit gegen die ſehr ruhige Louiſe entſprach durchaus nicht dem Bilde, welches ſich die Frau Regierungsſecretärin von ihrem Eidam ge⸗ macht hatte. Er hatte aber vor den ſonſt bevorzugten Anbetern ihrer ſchönen Tochter den Vorzug voraus, unabhängig gleich heirathen zu können und es auch zu wollen, und der Vater Lesnau hatte ſeine Werbung mit dem Ausſpruch acceptirt:„Wenn man ihn achten kann und er hat Brod, ſehe ich keinen Grund, ihn abzuweiſen. Dazu hörten die Erziehungsgelder von dieſer Seite, welche ohnedies nicht ausgereicht, ſondern einen Theil von Frau Lesnau's Vermögen in Mitlei⸗ denſchaft gezogen hatten, mit nächſtem auf, Louiſe aber ſollte weder für andere Leute arbeiten, noch konnte man die bisher geführte Lebensweiſe ändern. So ward Louiſe auch jetzt ruhig, wie ſie war, die Frau Actuarin einer Mittelſtadt des kleinen Nachbarſtaates, in welchen ſie jedoch ihren Einzug erſt halten wollte, wenn die Einzugsfeſtlichkeiten der Reſidenz vorüber waren. Frau Lesnau wollte nicht zuletzt noch das Vergnügen ihrer Kinder und deren Beiſammenſein ſtören, alſo wegen der Kreuzung ihrer hochgehenden Zukunftspläne durch Hermann's Neigung zu Johanna nicht Krieg mit die⸗ ſem anfangen— ſie machte Johanna dafür verantwort⸗ lich, Johanna, welche, ſo unbewußt ihrer Liebenswür⸗ digkeit wie ihrer Macht, gerade durch die Unſchuld ihres Weſens ſo hinreißend auf Hermann gewirkt hatte, welche in ihrer Demuth und kindlichen Anſchauungs⸗ weiſe immer noch„blind wie der Glaube“ im Familien⸗ kreiſe ſich bewegte, überall gefällig, anſtellig und hülf⸗ reich, immer froh und dankbar, wenn man ſie in An⸗ ſpruch nahm und zufrieden mit ihr war. Heute aber, am Tage nach dem heitern Abend, war das auf einmal anders. Frau Lesnau beſorgte die bisher der Nichte übertragenen kleinen häuslichen Verrichtungen ſelbſt, wies die Anerbietungen derſelben einfach zurück und beantwortete Johanna's ängſtliche Frage, ob ſie etwas nicht recht gemacht habe oder der Tante etwas fehle, mit einem kurzen:„Nein, ich habe nur Wichtiges zu überlegen.“ Während am Nachmittage Johanna grübelnd und gedrückt in ihrem Zimmerchen ſaß, hielt Frau Lesnau mit ihrer Tochter unten hohen Rath. „Es muß ein Dämpfer auf dieſe unſinnige Neigung geſetzt werden und zwar durch Johanna ſelbſt. Sie ſoll ihn auszanken wegen des Rauſches von geſtern Abend—“ „Der war ja aber nicht der Rede werth“, unter⸗ brach Louiſe ihre Mutter. „Um ſo beſſer! Hermann iſt empfindlich, vielleicht kuriren wir ihn. Rufe einmal Johanna.“ „Willſt Du uns einen Gefallen thun?“ fragte Frau Lesnau das raſch eintretende junge Mädchen im alten Tone. „Gewiß, Tante, mit Vergnügen.“ „Nun ſo höre. Ich habe mich geſtern ſehr über Hermann geärgert, daß er berauſcht nach Hauſe kam—“ „Geſtern habt Ihr aber alle darüber gelacht und geſagt, daran ſei Herr van Jven ſchuld“, unterbrach Johanna die Tante. „Ja, das ſagten wir geſtern, heute aber ärgert mich die Sache und ich will vorbeugen, daß ſie ſich nicht E 135 wiederholt. Darum ſollſt Du Hermann, wenn er jetzt kommt, darüber zur Rede ſetzen, ihm die Leviten leſen.“ „Ich, Tante?“ fragte Johanna ungläubig.„Das wird nicht viel helfen, ich verſtehe das nicht.“ „Gerade Du mußt es thun, wenn's helfen ſoll.“ „Ich habe ja aber kein Recht dazu, bin die Jüngſte von Euch allen— wie lächerlich!“ Und unwillkürlich lachte ſie wie ein Kind. „Verſtelle Dich doch nicht ſo“, ſagte Louiſe in ihrer gleichmüthig langſamen Weiſe, Johanna näher tretend. „Du weißt wohl, wie gut er Dir iſt—“ „Ja, wie gut Du bei ihm ſtehſt“, verbeſſerte raſch Frau Lesnau;„als ob Du das nicht wüßteſt!“ Das junge Mädchen ſah die Beiden mit großen Augen an. Sie hatten in plumper Weiſe an die„wonnige Ruh“ von Johanna's Herzen getaſtet, aber es ging vorüber. Frau Lesnau nahm in ſtrengerem Tone das Wort: „Wir haben Dich nicht gerufen, damit Du uns widerſprechen ſollſt, ſondern damit Du thuſt, was wir wünſchen. Willſt Du oder willſt Du nicht?“ „Ich will gern ſagen oder thun, was Du wünſcheſt, Tante, aber in dieſem Falle mußt Du mich erſt genau unterrichten.“ „Nun, das iſt doch ſo einfach— wenn willſt Du 136 % anfangen, ein wenig gewandt zu werden? Du darfſt nicht ſagen, daß wir es ſo wollen, ſondern Du thuſt, als ob es nur Deine Gedanken wären. Du ſagſt ihm, daß Du Dich über ihn geärgert, daß er Dir den Abend verdorben, daß Du ſo etwas gar nicht leiden, ihn ſo nicht mehr gern haben könnteſt und ſo weiter. Wir werden dann unſere Randbemerkungen dazu machen.“ Johanna neigte ernſt das Haupt. Sie ſollte Hermann ſagen, woran ſie nicht ge⸗ dacht— ſie ſollte lügen. Und das in Gegenwart ſeiner Mutter und Schweſter— nimmermehr! Sie ſollte aber auch dieſer Mutter und Tante nicht wider⸗ ſprechen— was nun? Ihr kam, als ſie ſo ſcharf ſinnend das Rechte ſuchte, ein Gedanke. „Der Vater ſagt, eine Zurechtweiſung müſſe ſtets unter vier Augen geſchehen, das ſei viel humaner und wirkſamer als vor Zeugen. Es wird alſo beſſer ſein, ich ſage dem Couſin allein, was er wiſſen ſoll. Er merkt da auch weniger, daß Ihr es erſt angeſtellt habt, weil ſich's ohne Eure Gegenwart viel leichter ſpricht.“ „Da hat ſie Recht!“ bemerkte Louiſe. „Nun gut, ſetze Dich einſtweilen hier ins Fenſter und überlege; wenn er da iſt, gehſt Du gleich hin⸗ über“, befahl die Tante, welche es liebte, daß, was ſie wünſchte, ſtets ſofort geſchah. 137 Schon ein Weilchen ſaß Hermann drüben im Neben⸗ zimmer und betrachtete ſtillvergnügt den feinen goldnen Ring mit! dem Vergißmeinnicht won blauen Steinchen, welchen er ſo eben einem niedlichen Etui entnommen. Johanna hatte ſein Kommen nicht gehört, zum erſten Male, ſie war tief, tief in Gedanken, als die Tante ſie unſanft am Haar zupfte, die Thür öffnete und das junge Mädchen hineinzugehen bedeutete. Als Hermann das Thürſchloß ſich bewegen hörte, hatte er raſch den Ring wieder verborgen. Dann, als Johanna eintrat, ſprang er auf und trat ihr ent⸗ gegen.] „Biſt Du da?“ ſagte er gedämpft, aber mit dem Ausdruck unendlicher Freude. „Ja“, erwiderte ſie ſchüchtern und erröthend.„Ich ſollte— ich wollte—“ Sie ſtockte. „Nun, was ſollteſt oder wollteſt Du?“ „Dich auszanken“ verſetzte ſie immer noch be⸗ fangen, aber im Tone des Scherzes. „Du mich?“ „Ich Dich, ja“, entgegnete ſie lächelnd und mit wiederkehrender Sicherheit. „Ach, das muß allerliebſt ſein. Geſchwind fange an!“ Johanna ſah zur Erde. Seine Worte klangen wie Spott, ſein Ton wie Uebermuth und doch ſo innig. „Ei, ſo thue es doch!“ wiederholte er lauter in herausfordernder Weiſe. Johanna ſchaute entſchloſſen zu ihm auf und öffnete die Lippen, aber kein Wort ging darüber, ſie konnte nicht wie ſonſt in dieſe wunderſchönen braunen Augen blicken, ſie mußte vor dem ſtrahlenden, ſiegenden Aus⸗ druck derſelben die ihren wieder ſenken und langſam das Köpfchen dazu. Sie wußte nicht, wie ihr geſchah— auf einmal hatte er ſie in den Armen und hielt ſie feſt, als wolle er ſie nie wieder laſſen im Leben. „Schilt mich doch!“ flüſterte er, mit glückſeligem Lächeln zu ihr niederſehend, als ſie ſich glühendroth und keines Wortes mächtig ihm zu entwinden ſtrebte; „ſchilt mich doch, wenn Du kannſt!“ Sie konnte es nicht, ſie hatte allen Halt verloren, wie von ſchwerer Schuld gebeugt ſtand ſie da. Er zog ſie neben ſich aufs Sopha nieder.„Komm, wir haben uns viel zu ſagen, wir ſind ſo ſelten allein.“ Wie viel hatte er ihr zu ſagen, wie lange hatte er das Geheimniß ſeiner Liebe allein mit ſich herum⸗ getragen! Stumm, wie im Traum, wie verſchlagen an ein unbekanntes Land, hatte Johanna ihm zugehört und dann gebeten, Alles das Niemand weiter wiſſen und ahnen zu laſſen. — — 139 „Warum?“ fragte er ſorglos.„Ich möchte es der ganzen Welt verkünden.“ Sie wußte nicht warum und wiederholte doch ihre Bitte— er gelobte ihr Schweigen, er war ſo glücklich, ihr etwas gewähren zu können. Frau Lesnau war mehrmals horchend an die Thür getreten und hatte erſt Johanna vom Auszanken, dann ihres Sohnes herausforderndes„So thue es doch“ und zuletzt nur noch ihn eifrig ſprechen gehört, jedoch nichts mehr verſtanden. Wahrſcheinlich hatte Hermann der Couſine den Standpunkt klar gemacht und ihr die Wahrheit geſagt. Dafür ſprach auch ſein gemeſſenes Benehmen gegen ſie, als ob er ſich ſelbſt überwache, und ihr gänzlich verändertes Weſen ihm gegenüber, ihre Befangenheit, ihre niedergeſchlagenen Augen, ihr jähes Erröthen, wenn er kam oder man ſie ſcharf an⸗ ſah. Frau Lesnau frohlockte— ihr Anſchlag war gelungen! Sie war nun wieder freundlicher gegen die Nichte, beſonders in Hermann's Gegenwart. Da ſchmeichelte ſie derſelben und lobte an ihr, was ſie kurz vorher getadelt hatte— Johanna ward förmlich irre an ihrer Tante. Es war gut, daß in die letzten Tage der Einzugs⸗ feier ſich noch Vielerlei zuſammendrängte, woran man 0 vorher ſo nicht gedacht: Abſchiedsbeſuche, Einpacken, Fortſchicken von Louiſens Ausſtattung und ſo weiter— Hermann hatte in ſeiner Selbſtüberwachung manchen unbewachten Augenblick, wo er Johanna einige Worte der Liebe zuflüſtern, ihr Aufmerkſamkeiten erweiſen, ihr zeigen konnte, wie glücklich er ſei. Dieſes Erhaſchen des Augenblicks, dieſe Heimlichkeit hatte ſogar ihren eigenthümlichen Reiz für ihn. Auf Johanna's offenem Gemüth aber lag dieſelbe drückend, obgleich von ihr ſelbſt begehrt, und der unerklärliche, doch— das fühlte ſie dunkel— nicht freundliche Blick aus den grauen Augen der Tante, welchem ſie zuweilen begegnete, nicht minder. Die Situation fing an, ihr peinlich zu wer⸗ den, der Tante gegenüber ganz beſonders— ſie fing an, ſich heim zu ſehnen in ihre Landeinſamkeit. Dort durfte ſie an Hermann denken und von ihm träumen, ihm ſchreiben und mit dem Papa von ihm ſprechen, ihn erwarten und, wenn er kam, ihn begrüßen, wie es ihr ums Herz war, frei wie die Luft des Waldes. Sie athmete auf, als Madame Riemer ſagen ließ, daß man mit der ſpäten Abendpoſt abreiſen wolle. Hermann lag es ob, die Coufine zur Poſt zu be⸗ gleiten. Frau Lesnau und ihre Tochter wollten nach all den unruhigen und aufregenden Tagen eher zur 141 Ruhe gehen, da morgen Louiſens Abreiſe bevorſtand; Hermann und Johanna gingen alſo allein. Eine wundervolle, laue, ſternerhellte und gerade darum magiſch dunkle Nacht lag über der heute un⸗ gewöhnlich ſtillen Stadt und ihrer ſonſt vielbeſuchten Promenade, in welche Hermann mit Johanna einbog⸗ Wie wohlthuend war dieſe ungewohnte Einſamkeit! „Aber wir kommen ja nicht zur Poſt?“ fragte nach einer Weile ſtehen bleibend Johanna. 6 „Nein, mein Herz, noch nicht, wir haben noch eine volle Stunde Zeit.“ „Eine Stunde vor Mitternacht ſollte ich da ſein, und als wir gingen, war ſchon zehn vorbei an Eurer Uhr— wie iſt das?“ „Sehr einfach, eine kleine Kriegsliſt, meine ſüße Unſchuld! Die Mutter und Louiſe waren müde und ich wollte gern noch ein wenig mit Dir allein ſein— ich habe die Uhr vorgerückt— ich hh Dir ja noch ſo viel zu ſagen.“ Sie gingen langſam weiter. Am Ende der Allee, wo die rothen Laternen vor dem Poſtgebäude helle Licht⸗ und dunkle Schattenſtreifen über die Straße warfen, blieb Hermann ſtehen, zog Johanna's Hand an ſeine Lippen und ſuchte ſich dann den Finger aus, an welchen er den Ring ſteckte. Sie hatte überraſcht und faſt erſchrocken zu⸗ geſehen, und nun blieb ihr Blick ſinnend an dem blauen Blümchen haften, welches ſo urplötzlich ihre Hand ſchmückte, bei deſſen Anblick ihr jener kleine Ring mit dem grünen Steinchen einfiel, welchen Hermann ihr als Knabe geſchenkt und den der Erdgeiſt ihr vom Finger gezogen hatte. „Könnteſt Du mich vergeſſen, Johanna?“ fragte der junge Mann. Nein, Hermann— auch ohne dieſes Zeichen der Erinnerung— nie.“ „Nie— das heißt ewig nicht! Ah, es iſt eine ſchöne Verheißung, Johanna, aber nicht genug! Hier unter den ewigen Sternen ſage mir, daß Du mich lieben, daß Du mir gehören willſt fürs ganze Leben.“ Sie ſenkte das Haupt— es kam auf einmal über ſie wie leiſes, dunkles, unbeſtimmtes Bangen. „Sag' mir's, Johanna, verſprich mir's“, bat er dringender.„Denke daran, wie ich dem Zweifel darüber anheim gegeben war— Sie ſah zu ihm auf mit ihren unſchuldigen und ihrem lieblichen Lächeln. „Ich habe Dich über Alles lieb, Hermann— das magſt Du wiſſen— es konnte nicht anders ſein.“ 143 Er hatte ſie leiſe umfaßt, er zog abermals ihre Hand an ſeine Lippen. „Ach, es iſt ein beglückendes Bekenntniß, was Du mir da machſt, Johanna. Wie lange haſt Du mich darauf warten laſſen— und nun— endlich! Welche Seligkeit, das von Dir zu hören, welch himmliſches Gefühl, ſich geliebt zu wiſſen, wo man liebt!“ Im nahen Poſtgebäude hörte man das Stampfen der Pferde, welche eben angeſpannt wurden. Hermann umfaßte ſie feſter. „Wir haben nur noch Minuten, Johanna, und was Du mir ſagteſt, iſt nur die Hälfte von dem, was ich hören wollte. Du ſagſt, es konnte nicht anders ſein, ich aber habe Furcht, daß es anders werden könnte, wenn Andere kommen werden, um Dich zu werben, die mehr ſind als ich; darum ſollſt Du mir geloben, ſchwören, daß Du mein ſein willſt! Und der Ring ſoll Dich daran erinnern, daß mit Dir mir ein neues Leben aufgegangen iſt, daß Du meine Braut, mein Glück, mein Alles biſt.“. Wieder und ſtärker als vorhin kam das Bangen über Johanna; ihr war, als ſehe ſie die kalten grauen Augen von Hermann's Mutter voll Zorn und tödt⸗ lichen Haſſes auf ſich gerichtet— faſt kusſe ſchmiegte ſie ſich an ihn. „Laß Dir genügen, Hermann, an dieſer Hälfte“, ſagte ſie dann, ſich ihm entziehend. „Ach, Du biſt Dein nicht ſicher!“ Er faßte k ihre Hände. Sie ſah zu ihm auf— wie finſter ſah er aus! „Vollkommen, Hermann, das iſt's nicht. Was mir einmal lieb iſt, kann ich nicht wieder laſſen, das war mir immer eigen— wie ſollte es bei Dir anders ſein? Nein, mir iſt, als ob Du nicht ſo über Dich und Deine Zukunft verfügen dürfteſt, als ob Du Deine Aeltern und noch vieles Andere fragen müßteſt, als ob ich ſo den Ring nicht tragen—“ Er unterbrach ſie raſch. Er hatte ihr erſt tief in die reinen blauen Augen geſchaut und darin geleſen, daß ſie die Wahrheit ſprach, ſeine Züge hellten ſich auf — er lachte. „Ach— Du mit Deiner kindlichen Anſchauungs⸗ weiſe!“ flüſterte er zärtlich.„Du— meinſt Du wirk⸗ lich, daß ich ein ſolcher Thor ſein und nach irgend einer andern Meinung fragen oder ſelbſt ſolcher werden könnte, wenn es Dich gilt und das Glück, welches Du mir gibſt, das, wenn Du willſt, mir Niemand nehmen, Niemand anders geben, welches ich mir für alle Schätze der Erde nicht kaufen kann? Ein grüner Baum auf dürrem Haideland, ein Körnchen Gold im ₰ 6 3 145 grauen Lebensſand, ſingt der Dichter von der Liebe— 5 er hat Recht— und ich habe weiter gehört, daß di. Götter dieſes Gold den Sterblichen nur einmal finden laſſen. Noch einmal: Thor und Feigling, der man wäre, wenn man ſolch überirdiſch Köſtliches von einer Erdenmacht ſich wieder nehmen ließe!“ Hier ſtieß der Poſtillon ins Horn, ein Pferd wie⸗ herte hell, ein Uhn flatterte kreiſchend empor aus der Luke des kleinen Thürmchens auf dem großen Poſt⸗ gebäude. Hermann hörte nichts davon— er hette Johanna zum Abſchied umſchlungen, er küßte ſie und flüſterte ihr zu:„Auf Wiederſehen— bald— recht bald!“ Dann waren ſie getrennt, die ſich erſt gefunden hatten! Johanna trug der Wagen raſch nach Weſten, Her⸗ mann ſchritt in entgegengeſetzter Richtung langſam ſeiner Wohnung zu, Jedes aber mit dem ſeligen Bewußtſein, geliebt zu ſein. 2 won Oben, Des Hauſes Eckſtein. I. 10 Viertes Kapitel. Kleine Urſachen. Der Chriſtabend war gekommen. Die Millionen großer und kleiner Herzen, welche ihn herbeigeſehnt, klopften lauter, nur noch kurze Zeit der Erwartung— es dämmerte ſchon. In geheimnißvoller Schöne begann der Himmel ſei⸗ nen Sternenſchleier auszubreiten über die im weißen Feierkleide ſchimmernde Erde, während dieſe ſich allgemach ſchmückte mit dem duftigen Grün und dem Strahlen⸗ diadem ihrer Weihnachtsbäume und Weihnachtsfreuden. In einem eleganten Gargonzimmer einer größern Reſidenz ſtand ein Offizier in voller Uniform zum Aus⸗ gehen bereit am Tiſche und ſchaute flüchtig auf ein Stückchen bedrucktes Papier, welches er gegen die Lampe hielt. Bald aber ſetzte er ſeine glänzende Kopfbedeckung 147 wieder ab, ſich ſelbſt auf den nebenſtehenden Stuhl und ſtudirte nun noch einmal mit großer Ai das unſcheinbare Blatt. „Hm“, begann er, nachdem er zu Ende geleſen,„das könnte etwas für ſich haben! Es iſt doch eine lobens⸗ werthe Gewohnheit von mir, erſt jedes Blättchen zu beſehen, ehe ich's zerreiße— ſteht manchmal ſo Nützliches darauf, wie in den Folianten der Bibliothek. Alſo hier, eine Reiſe, wenn's ſchneit, Heilmittel der Melancholie? Gar nicht ohne, wie mir ſcheint! Es iſt richtig, daß die Flocken etwas wohlthuend Beſchwichtigendes haben, und dieſe Wirkung muß auf ein wundes, für Alles empfäng⸗ licheres Gemüth eine um ſo tiefere ſein. Wenn dann der Schnee ſich häuft, Alles einhüllt, das Gehen er⸗ ſchwert, dann kommt die zweite Wirkung, die auf den Körper: man wird müde oder bekommt Appetit auf die Anſtrengung. Nach einem geſunden Schlafe und einer vom Hunger gewürzten Mahlzeit ſieht die ganze Welt viel freundlicher aus. So eine Weile fort kurirt, könnte wirklich probat ſein.— Ob ich hinausreite zu ihm? Es wäre gerade paſſende Zeit! Ich wollte freilich den Abend unter den Andern verleben, aber es iſt eine häßliche Gewohnheit, nur immer an ſich zu denken, ich will ſie nicht aufkommen laſſen! Da drüben ſind ihrer genug, um luſtig zu ſein, er aber iſt ſicher 10⁸ wieder allein, und es gilt etwas Gutes. Alſo vor⸗ wärts!“ Er klingelte ſeinem Diener. „Mein Pferd, ſogleich!“ „Zu Befehl, Herr Oberſt.“ „Dann gehſt Du hinüber in die Reſſource und ſagſt, ich käme heute nicht, hätte ein Rendezvous.“ „Zu Befehl, Herr Oberſt!“ „Dann kannſt Du machen, was Du willſt, nur keine Dummheiten. Ich komme vielleicht erſt morgen zurück. Nun geh!“ Der Burſche verſchwand. Eine Viertelſtunde ſpäter hatte der Oberſt die leuch⸗ tende Reſidenz im Rücken. In ſeinem romantiſchen Schloſſe ſaß einſam Graf Joſeph von Horſt. Ohne Chriſtbaum und ohne Weih⸗ nachtsfreude, als ſei es nicht da, war für ihn das ſchönſte der Feſte gekommen. Vor ihm auf dem von der Aſtrallampe ſanft erhellten Tiſche lag Theodor Tetzner's intereſſantes Buch:„Die Reiſe durchs Weltall.“ Der Graf neigte ſich darüber, aber die rechte Aufmerkſamkeit ſchien ihm zu fehlen, Gedanken über Gedanken ihn zu ver⸗ folgen und zu ſtören. Er ſchob die Lectüre zurück und erhob ſich— eine ſchlanke, ſtolze Geſtalt, ein feines intereſſantes Geſicht mit großen, dunklen Augen voll Geiſt „ 149 und Gemüth, aber ſchwermüthigen Blick. Die Farbe des Geſichts war ſehr blaß, die edelgeformte Stirn ſchien nicht allein von dem dunkeln, halb lockigen Haar überſchattet. Warum war das ſo und weshalb war er ſo einſam? Der Graf war jetzt zweiunddreißig Jahre alt. In ſeinem vierundzwanzigſten war es anders, da war er heiter und glücklich geweſen. Sein Vater, zwei liebe Freunde und eine ſehr junge und ſehr ſchöne Braut hatten ſeinem Leben Werth und Reiz verliehen. Joſeph war einziges Kind, ebenſo der eine jener Freunde und Geſpiele ſeiner Kindheit, der junge Graf Otto von B. Die Beſitzungen der beiden Familien grenzten an einander, wodurch nachbarlich⸗freundliche Beziehungen entſtanden. Die beiden Knaben hatten an einem Tage das Licht der Welt erblickt, weshalb man ſie ſcherzweiſe die Zwillinge nannte, obſchon Otto perſönlich das ge⸗ rade Gegentheil von Joſeph war: hellhaarig und hell⸗ äugig, von mädchenhaft weichen Zügen und ebenſo un⸗ beſtimmtem Charakter— ein Kind des Augenblicks. Freilich war Otto verwöhnt und verhätſchelt von klein auf; ob darum, weil er etwas ſchwächlicher Natur ſchien, oder ob die Schwächlichkeit Folge des Verhät⸗ ſchelns war— Graf B. dachte darüber nicht nach. Er freute ſich ſeines Stammhalters, erfüllte ihm alle Wünſche, 150 und ihrer waren nicht wenig, und meinte, wenn darunter zweilen ſehr koſtſpielige und ſchwer gewährbare zum Vorſchein kamen:„Wir können's ja haben!“ Graf B. war in der That ſehr reich. In Einem aber glichen Joſeph und Otto wirklichen Zwillingen, und das war in ihrer gegenſeitigen An⸗ hänglichkeit und Unzertrennlichkeit, welche ſpäter zur innigen Freundſchaft ſich ausbildete. Wie ſie beide als Kinder zuſammen geſpielt, gelacht, geweint, gelernt, Kartenhäuſer und Luftſchlöſſer gebaut und ſelber wieder umgeworfen hatten, ſo bezogen ſie ſpäter unter der Aufſicht ihres Erziehers Gymnaſium und Univerſität, machten ernſte Pläne für die Zukunft, welche alle auf eine ewige Unzertrennlichkeit hinausliefen, und traten zuletzt auch zuſammen in die Reihen des ſtehenden Heeres ein. Hier fand ſich ein Dritter dazu, der junge Freiherr Ludwig von Scholler, welcher, noch ein Häuflein kleiner Geſchwiſter hinter ſich, ganz für die militäriſche Lauf⸗ bahn beſtimmt war, während Joſeph und Otto als ein⸗ zige Söhne und Erben ſich nur allſeitig Kausbilden und recht viel Erfahrung und Wiſſen heimbringen ſollten. Otto trug indeß das ſeine nicht mehr in das ſtille Schloß, in welchem er die Kinderſchuhe an⸗ und wieder 151 ausgezogen hatte, ſondern in die Reſidenz eines andern Ländchens des großen Vaterlandes, welchem ſein Vater eigentlich angehörte. Derſelbe hatte dort ſchon länger eine höhere Hofſcharge bekleidet, dieſe aber ſeinem ein⸗ zigen Söhnlein zu Liebe zeitweilig quittirt, damit dieſes in der Landluft unter ſeinen eigenen Augen ſich kräf⸗ tigen und heranwachſen ſollte. Nachdem dieſe Abſicht erreicht und die„Zwillinge“ zur hohen Schule abge⸗ gangen waren, war auch Graf von B. in die lang⸗ entbehrte Sonne des Hoflebens zurückgekehrt. Noch in anderer Weiſe änderte ſich bald nachher die Scenerie in Joſeph's Heimat. Der Tod kam ins Haus und forderte ſeine Mutter, ſchnell und leiſe, wie man ein Licht verlöſcht— ſeine ſanfte, ſchöne Mutter, welcher er viel mehr als dem Vater glich, welche er liebte und verehrte, wie man eine Mutter nur lieben und verehren kann. Dieſes Ereigniß machte einen unauslöſchlichen Ein⸗ druck auf ſein empfängliches Gemüth. So oft er im Laufe der Zeit die väterlichen Hallen heimſuchte, er⸗ ſchienen ihm dieſelben öde und traurig, ihres Glanzes, ihres beſten Schmuckes beraubt. Dann, nach Jahren, ſollte Clementine Gräfin von R. die verwaiſte Stelle einnehmen und, ſo hofften Vater und Sohn, würdig ausfüllen. Erſterer hatte ſelbſt dieſe 152 Verbindung gewünſcht und angebahnt, weil die junge, ſeit kurzem vaterloſe Braut für ebenſo reich galt, als ſie ſchön war, und das wollte viel ſagen. Joſeph hatte, bezaubert von dieſer Schönheit und im Rauſche einer erſten Neigung, nicht darnach gefragt, ſein Vater aber glaubte auch dieſe Eigenſchaft berückſichtigen zu müſſen, da ſeine eigenen irdiſchen Güter nicht zu den unermeß⸗ lichen gehörten. Mit großem Vergnügen malte er ſich aus, wie künftig Jugend und Schönheit, Rang und Reichthum in den vereinſamten Räumen die Hon⸗ neurs machen, ſeinem alten Hauſe neuen Glanz ver⸗ leihen würden, und kaum erwarten konnte er die Zeit, wo Joſeph die junge ſchöne Gemahlin heimführen ſollte. Ebenſo erſehnte Joſeph dieſes Glück, aber die eben⸗ falls in der Sonne des Hoflebens gereifte, ſehr kluge und vorſichtige Mutter Clementinens hatte„in Rückſicht auf die große Jugend der Braut“ die Vermählung noch um ein volles Jahr, bis zum fünfundzwanzigſten Geburts⸗ tage Joſeph's, hinausgeſchoben. Der ſtrenge, ſtolze Graf Horſt und ſein einziger Sohn mußten ſich fügen. Im darauf folgenden Frühling trat die Gräfin von R. „aus Geſundheitsrückſichten“ eine längere Reiſe an, auf welcher natürlich ihre einzige Tochter ſie begleiten mußte. Joſeph, ſeine zwei Freunde und eine um einige Jahre 153 ältere Penſionatsbekannte Clementinens gaben ihnen das Geleit. Schon hatte man die Thäler und Berge der Saale und andere ſchöne Gegenden durchwandert, als Joſeph ein Brief erreichte, welcher ihm die plötzliche Erkrankung ſeines Vaters meldete. Ludwig, deſſen militäriſcher Urlaub ohnedies bald ablief, war ſogleich entſchloſſen, mit Joſeph umzukehren, Otto dagegen verſprach, die Damen noch weiter in ſeinen Schutz zu nehmen, was von dieſen und Joſeph bereitwilligſt angenommen ward. Joſeph nahm alſo ruhig, wenn auch mit ſchwerem Herzen Abſchied von ſeiner ſchönen Braut und ſeinem Freunde Otto und— hatte beide zum letzten Male geſehen. Während er am Lager ſeines Vaters ſaß, empfing Otto's Vater von ſeinem Souverän den Fürſtentitel; während der ſterbende Graf Horſt ſeinem Sohne wieder⸗ holt als letzten Willen kund that, die immer näher rückende Vermählung wegen der Trauer um ihn durch⸗ aus nicht aufzuſchieben, blieben Clementinens Briefe, welche bereits ſeltener und kürzer geworden waren, ganz aus— Joſeph wußte nicht mehr, wo ſie, woran er mit ihr war. Aber er trug ſeine Angſt allein, der Vater ſollte ruhig einſchlafen in der Erwartung, daß ſie nun 154 ſelbſt kommen werde. Gegen Ende des Sommers war das geſchehen und bald nachher noch mehr: Clementine hatte an demſelben Tage, an welchem ſie Joſeph ver⸗ ſprochen, die Seine zu werden, und welcher, wie man ſich erinnern wird, auch Otto's Geburtstag war, ſich in Paris mit dieſem, dem nunmehrigen Prinzen Otto von B., vermählt. Das war das zweite Ereigniß in Joſeph's Leben von unauslöſchlichem Eindruck auf ſein ohnehin durch den Verluſt der Aeltern ſchon wundes Gemüth— da⸗ rum ſtand er noch heute ſo einſam in dem großen Fa⸗ milienzimmer ſeines ſchönen, romantiſch gelegenen Gra⸗ fenſchloſſes. Er begann einen Gang durch den Raum, dann trat er zum Fenſter und öffnete es. Drunten im Dörſchen entbrannten eben auch die Lichter der Chriſtbäume; eins nach dem andern gingen ſie auf, wie die Sterne über ihnen. „Sie ſind glücklich“, ſprach er leiſe.„Sie haben die Liebe und die Freude in ihren Hütten.“ Er trat zurück und begann wieder ſeinen Spazier⸗ gang durch das Zimmer. Er hatte ſich nach jener Kataſtrophe zurückgezogen won der Welt, ſo ſehr ſie ihn geſucht, und auf Reiſen oder ſtill auf ſeinen Gütern gelebt, den Künſten und — — Wiſſenſchaften obliegend oder ſich mit dem Wohlbefinden ſeiner Unterthanen und Nichtunterthanen beſchäftigend. Faſt angebetet von ſeiner Dienerſchaft, mit Freuden begrüßt von den Bewohnern auf und um ſeine Be⸗ ſitzungen, geachtet und geſucht von ſeinen Bekannten und Stammverwandten, war er doch nur für wenige derſelben zugänglich, zu welchen Auserwählten vor allen der nunmehrige Oberſt von Scholler gehörte. Auch auf ihn hatte das Schickſal des Freundes einen bleibenden Eindruck gemacht, auch er war unvermählt geblieben. Er hatte der Frauenwelt den Krieg erklärt und mit aller Hingebung ſeines feurigen Temperaments hing er ſich an den einſamen, trauernden Freund, als wolle er demſelben vergeſſen machen, wie weh der Dritte im Bunde ihnen gethan. Aber Joſeph konnte nicht vergeſſen. Auch heute ſuchte die ſchöne, ſchmerzliche Vergangenheit ihn heim. Nach und nach fing er an laut zu denken, während er hin und her ſchritt. „Nichts, nichts, Joſeph, Alles nichts— glücklich allein iſt die Seele, die liebt! Du haſt die Erde geſehen in ihrer eiſigen und in ihrer glühenden Schönheit und dich nach deinem deutſchen Erbe heimgeſehnt. Du haſt andere Völker und Menſchen kennen 156 gelernt in ihrem Glück und Unglück— Beides hat dir weh gethan— die Glücklichen darunter waren die, denen das Wunderreich der Liebe ſich erſchloſſen. Man hat dir den Strudel der Zerſtreuungen gezeigt, in welchem Andere ſich betäuben— du haſt dich mit Widerwillen abgewendet— zu was Beſſerem find wir geboren. Du haſt dich in die Einſamkeit zurückgezogen und den Wiſſenſchaften zugewendet mit Ernſt und Fleiß. Sie haben deinen Geiſt bereichert, deinen Verſtand ge⸗ ſchärft, aber das Herz blieb ungeſtillt. Du biſt ein Träumer geworden und im Wahne war dein, was du in Wahrheit nicht beſitzeſt; aber heute will's nicht mehr gehen, nach dem Schatten zu greifen und den Wind zu haſchen— immer lauter, immer mächtiger wird das Sehnen nach Leben und Wirklichkeit.— Und die Wirklichkeit?— Einſam, immer einſamer.— Dein Fatum, Joſeph? Gerade du mit deinem heißen Verlangen nach einer gleichgeſtimmten Seele, nach Häuslichkeit und Fa⸗ milienglück— einſam, immer einſamer. Eins nach dem Andern haben ſie Abſchied genom⸗ men: Aeltern und Freunde, Liebe und Freude, Hoffen und Streben. Keins kehrt wieder. Nun geht die Jugend und—“ 157 Er warf ſich wieder in den Seſſel und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. Ein leiſes Seufzen antwortete ihm. In der Nähe des Ofens lag auf weichem Teppich ein großer, ſchöner, aber ſehr alter Neufundländer, ſchlafend, wie es ſchien, in Wahrheit aber ſtill und un⸗ abläſſig mit ſeinem klugen Blicke ſeinen Herrn beobach⸗ tend, als wüßte er, was dieſen bewegte. Jetzt erhob er ſich und kam heran. Wedelnd legte er dem Grafen ſeinen ſchönen, edel⸗ geformten Kopf aufs Knie und mit den ausdrucksvollen, aber vom Alter getrübten Augen wie fragend und bittend zu ihm aufſchauend, ſtieß er wieder jenen eigenthümlichen Laut hervor, welcher wie das Seufzen oder Klagen einer Menſchenbruſt klingt. Sogleich löſten ſich die Hände des Grafen vom Geſicht, die Rechte legte ſich weich und faſt zärtlich auf den Kopf des Hundes. „Willſt auch du mir ſagen, daß du bald ſcheiden wirſt?“ ſagte er wehmüthig, das treue alte Thier ſtrei⸗ chelnd.„Ach, Sirius, zuletzt bleibt nichts als das Seh⸗ nen und das Heimgehen! Und dabei beneidet man mich, meint, ich ſei mir ſelbſt genug, zufrieden und glücklich, ſei größer als Andere. Drückende Größe! 158 Ich, der Feind Alles Falſchen und Hohlen, alles Scheins, erſcheine ſelbſt in falſchen Lichte! 9ohn des Geſchickes! Soll ich den geborgten Nimbus von mir werfen?— Nein! Wozu? Wem könnte es nützen? Die Welt„würde lachen und weiter gehn“. Auch ich muß ſo weiter gehn. Nur du, Sirius, alter, unwandelbar hingebender und verſchwiegener Freund, nur du weißt Alles, dich kann ich nicht täuſchen.“ Als Sirius das Antlitz ſeines Herrn geſchaut und deſſen freundliche Worte vernommen hatte, ſtreckte er ſich beruhigt zu ſeinen Füßen nieder. Der Graf blickte ſinnend zu ihm herab. Da hob ſich geräuſchlos die ſammtene Portiere und die glänzende Geſtalt des Oberſten erſchien auf der Schwelle. Er war etwas kleiner als der Graf, aber friſch und kräftig. Der ſchon erwähnte prächtige lichtbraune Lockenkopf und der ebenſo dichtgekrauſte ſchöne volle Bart umrahmten ein blühendes Geſicht mit kühnge⸗ bogener Naſe und feurigen braunen Augen, welche jetzt ein paar Sekunden ſtillprüfend auf dem Grafen ruhten, ehe ihr Beſitzer mit klingenden Schritten auf dieſen zuging. „Ich dachte mir, daß er da ſitzen und grübeln werde, drum hatte ich keine Luſt unter die luſtigen Kameraden drinnen“, ſagte er mit leichtem Humor. 159 Der Graf erhob ſich mit lebhafter Freude und reichte dem Freunde die Hand. „Willkommen, Ludwig, i „Wirklich?“ „Wirklich und von Herzen. Biſt Du nicht mein liebſter Gaſt?“ Ein heiteres, faſt neckiſches Lächeln ging über das friſche Geſicht. Der Graf betrachtete es aufmerkſam. „Du meinſt, das iſt leicht, wenn man keine Rivalen hat?“ ſagte er dann. „Es ſchoß mir allerdings ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf.“ „Aber Du haſt deren, mehr als Du denkſt.“ „Seit wann?“ „Seit lange.“ „Stelle mir dieſelben vor.“ „Sogleich, aber erſt einen Platz.“ Sie ſetzten ſich. „Nun?“ fragte der Oberſt. „Rathe“, lächelte der Graf. „Er?“ lachte der Oberſt, den ihn freudig umwe⸗ delnden Sirius die hergebrachte Liebkoſung ſpendend. „Auch mit!“ „Wohl gar obenan, über mirb⸗ fuhr der Oberſt luſtig fort. 160 „Nein, Ludwig, aber ich erlaube mir ihn neben Dich zu ſtellen.“ „Als beſtändiges Vorbild etwa?“ „Nicht für Dich, aber mir iſt auch der Gedanke ernſthaft gekommen, daß das noble Thier dem Menſchen oft ein beſſeres Beiſpiel gibt als dieſer ihm, daß alſo gerade unſer Haushund mit ſeinen deutſchen Tugenden uns darum ſo attachirt ſein könnte, um von ihm zu lernen.“ „Du haſt närriſche Einfälle!“ „Ich habe mir die Mühe genommen, aufmerkſam auf das Thier zu ſein, und gefunden, wie aufmerkſam daſſelbe auf uns iſt, wie ihm nichts entgeht, was um und ſogar in uns vorgeht, wie es oft mehr Verſtand und Gefühl an den Tag legt als dieſer und jener ſeiner Herren, der ſich Menſch und Chriſt nennt.“ „Die Auffaſſung iſt eigenthümlich wie Du ſelbſt.“ „Aber richtig.“ „Hm— weiter!“ commandirte humoriſtiſch der Oberſt. Der Graf ward ſehr ernſt. „Ludwig, wie oft findet der Menſch unter ſeines⸗ gleichen einen Freund, der ſo unverändert, treu, wahr, uneigennützig, aufopfernd und opferfreudig, klug und dankbar iſt wie der Hund?“ „Wahr!“ ſagte der Oberſt, ſelbſt ernſt werdend. 161 „Gibt es nicht Beiſpiele, daß ſolch ein treues Thier der einzige Freund und Beſchützer deſſen blieb, den das Glück und mit dieſem ſeine Nächſten unter den Menſchen verlaſſen hatten?“ „Ja“, ſagte der Oberſt nach längerer Pauſe mit wie⸗ derkehrendem Humor.„Ich wollte vorhin ſagen: Viel Ehre für den Sirius, neben mir zu ſtehen, aber ich ſehe, dieſelbe iſt ganz auf meiner Seite! Sind die andern Rivalen auch ſo gefährlich?“ Der Graf ging auf den Ton ein. „Intereſſant und darum gefährlich.“ „Nenne ſie.“ „Kunſt, Natur und Wiſſenſchaft.“ „Lauter Damen.“ „Nein“ erwiderte langſam der Graf, während ſein Geſicht ſich veränderte, daß er auf einmal mehr ſeinem Vater glich.„Nein! Unmuth, Schmerz, Zorn, Haß, Zweifel—“ „Lauter düſtere Geſellen“, ſchalt wieder ernſt und halb für ſich der Oberſt ein. „Auch ſie ſuchen mich heim—“ „Einer unheimlicher als der andere“, murmelte wie vorhin der Oberſt. „Ja, und der unheimlichſte von allen iſt—“ „Der Haß?“ von Oben, Des Hauſes Ecſtein. I. 11 5 „Nein“ erwiderte leiſe und mit geſenktem Blicke der Graf,„nein, es iſt der Zweifel.“ Der Oberſt betrachtete unruhig den Freund. „Ihm mußt Du entſchieden die Thür weiſen.“ „Es geſchieht mit allen, aber trotzig und beharrlich kommen ſie immer wieder.“ „Und Sirius?“ fragte nach kurzer Pauſe doppelſinnig der Oberſt.„Wehrt er ihnen nicht den Eingang?“ Der Graf verſtand ihn. „Es ſind Geiſter, drum kann er ihnen nicht den Eingang wehren; wohl aber hat er bis dato mit⸗ geholfen und gewacht, daß ſie den Ausgang wieder⸗ fanden.“ „Beſſer wär's, ſie kämen nicht herein; aber die eine Dame, welche Du vorhin nicht nannteſt und doch gerade beſonders liebſt—“— „Du meinſt die Einſamkeit?“ „Eben ſie öffnet dem Geſindel Thür und Thor.“ Joſeph ſchüttelte energiſch den Kopf. „Nicht doch! Die böſen Gäſte verfolgen mich noch aus der Welt, in der ich früher lebte. Die Einſamkeit iſt meine freundliche Fee, welche ſogar ſchon manche ſelige Stunde mir gegeben hat.“ „Ah— hier?“fragte lächelnd der Oberſt, auf die vollen Flaſchen deutend, welche der aufmerkſame und über den 163 Beſuch hocherfreute Detlev, des Grafen Bien eben hereinbrachte. Joſeph füllte die Gläſer. „Nicht hier“, ſagte er.„Noch kann ich ohne julch Narcoticum zuweilen träumen von ſeligem Glücke, das mir nicht beſchieden.“ „Ach, und in ſolch lieblicher Träumerei ſtörte vorhin meine materielle Menſchengeſtalt?“ „Du ſtörſt nie, Ludwig, Du gehörſt vielmehr mit hinein.“ Deſto beſſer und ſehr erfreulich! Da darf ich alſo fragen: Wo waren wir, als ich kam?“ Joſeph ſah nieder in den perlenden Wein. „Beichte einmal Deinem beſten Freunde!“ fuhr der Oberſt herzlich fort, als jener nicht antwortete. „Ich dachte daran, daß es nun ſieben Jahre ſind, ſeit ich zuletzt Weihnachten feierte“, entgegnete leiſe und zögernd, noch immer die Perlen des Weines fixirend, der Graf. „Und warum iſt es ſo?“ „Soll ich mir ſelbſt ein Bäumchen putzen, wie eine arme alte Jungfer?“ Der Oberſt lachte. „Du bitteſt Dir Geſellſchaft dazu.“ Der Graf ſah auf. 11* „Du vergißt, daß die Geſellſchaft es war, welche mich in die Einſamkeit trieb. Und wenn das Bäumchen recht gewürdigt werden ſoll, müſſen harmloſe, jauchzende Kinder es begrüßen.“ „So nimm ein Kindlein zu Dir, dem Du beſcheren kannſt.“ „Der Gedanke iſt mir auch gekommen. Aber ein leineres, ein Mädchen— da mißte ich Frauen ins Haus nehmen.“ „Hu, das klingt, als wollteſt Du ſagen: Da müßte ich Schlangen ins Haus nehmen.“ „So ähnlich iſt allerdings das Gefühl, welches mir der Gedanke verurſacht.“ „Dann olſo einen größern Knaben.“ „Da iſt zu erwägen das ſchon mehr ausgeprägte fremde Element in ihm, vielleicht auch fremder Anhang, und die Verantwortung dafür wiegt mir zu ſchwer für ungewiſſe Früchte.“ „Es gilt einen Verſuch. So manches ſchöne Talent geht unter, woran Du Dir Freude erziehen könnteſt.“ „Wollen ſehen, wenn mir's von ſelbſt in die Hand kommt. Suchen will ich nicht, ich könnte Unglück haben.“ „Unterdeſſen beſchere den Kindern Deiner Armen, thue Gutes.“ „Es geſchieht, Ludwig, Dir will ich's ſagen. Jedes bekommt ſein Theil und womöglich, was es wünſcht. Aber nicht im fremden Schloſſe, bedrückt von fremder Einwirkung, ſondern daheim, wo doch erſt die rechte Freude iſt. Das Weihnachtsfeſt muß ein Familien⸗ feſt ſein.“ „So geh hinüber zum Baron und ſieh Dir's dort mit an.“ „Das hatte einen trüben Nachklang, als ich's einmal that. Ich mußte ſchließlich allein zurück in mein ein⸗ ames Heim— die Kinder mit ihrem Glück blieben drüben. Ich konnte nicht ihren Schlaf behüten, nicht ihr Erwachen belauſchen; ich fühlte nur tiefer, daß ich nicht beſitze, was mich beſeligen würde.“ „So ſchaffe Dir, was Du für Dein Glück hältſt; ſieh um Dich, wie viele Arme es ſich ſchaffen.“ „Sie waren dennoch reicher als ich, die Liebe half es ihnen bauen.“ Ludwig's Augen blitzten zu ihm herüber. „So liebe.“ „Ah, und wen?“ „Wen? Sonderbare Frage!“ „Ich meine wen, wo es ein Echo gibt.“ „Dein Echo, willſt Du ſagen.“ 166 „Das iſt vielleicht nicht leicht. Indeſſen— mein Gott, es wird doch auf der ganzen großen Erde eine Frauenſeele geben, mit der ſich leben ließe!“ Joſeph lehnte ſich laß in den Seſſel zurück. „Leben, vegetiren“ ſagte er verächtlich.„Nein, Lud⸗ wig, hier heißt es bei mir: Alles oder nichts.“ „Und dies Alles heißt gewiß in gutem Deutſch: zu viel. Laß einmal hören— Du forderſt?“ „Wahrheit zuerſt.“ „Wahrheit“, wiederholte der Oberſt im Tone der Ueberraſchung. „Ja. Das wundert Dich?“ „Im Wein iſt Wahrheit nur allein“ rief fröhlich der Oberſt, indem er eine neue Flaſche zum Entkorken heranzog. „Sie muß auch Eigenthum der Frauenſeele ſein, die mir, der ich gehören ſoll fürs Leben.“ „Und weiter?“ „Will ich geliebt ſein.“ „Und darüber haſt Du auch Deine Anſichten für Dich?“ „Erſt recht! Wenn ich nach etwas ſtrebe, will ich's echt.“ „Das heißt?“ „Die Liebe, welche wie ein Stern zum uns geleitet, die nicht viel Worte macht und ſchweigend redet, die reich iſt, wenn ſie gibt, und glücklich, weil 167 ſie liebt. Du warſt ja mit dabei im„Sohn der Wildniß““ „Da haben wir's! In Deiner Einſamkeit, in Dei⸗ nen Träumen haſt Du Dir eine Welt geſchaffen, welche dieſe Welt nicht geben kann. Du forderſt wirklich zu viel.“ „Nicht mehr und weniger, als ich ſelbſt entgegen⸗ bringe.“. „Du biſt einmal ein ſeltener Kauz, doch zweifle ich, daß Du auch ſolche— Kauzin finden werdeſt.“ „Dann bleibt es eben bei der Einſamkeit!“ „Da wirſt Du Hypochonder.“ „Nicht, ſolange ich Dich noch habe.“ „Aber ſpäter.“ Joſeph heftete durchdringend ſein Auge auf den Freund.„Du meinſt, wenn die Geſellſchaft auch Dich von mir genommen haben wird. Es könnte alſo wahr ſein, was man ſagt?“ „Und was ſagt man, das wahr ſein könnte?“ „Daß Du im Begriffe ſeiſt, die Kriegserklärung zurückzunehmen, welche Du damals mit mir den Schlangen hingeworfen hatteſt.“ Der Oberſt lächelte geheimnißvoll. „Und wo ſagte man das?“ „Drüben beim Barbn hat man davon geſprochen.“ 168 „Und Du mußteſt das ſchleunigſt für wahr hal⸗ ten?“ „Nicht dort, aber jetzt hier, Dir gegenüber“, ver⸗ ſetzte in ſteigender Aufregung ſein vis-Avis betrachtend, der Graf. „Und was ſagte man weiter, nannte man Namen?“ „Allerdings.“ „Man ſetzte eine Alliance auf Tod und Leben da⸗ mit in Verbindung?“ „Man meinte, eine ſolche ſicher folgern zu dürfen.“ Der Oberſt lachte herzlich. „Muß heißen: man wün ſcht zu machen! Bin ich auch nicht der Größte und Reichſte der Großen und Reichen, ſo bin ich doch eine Partie, welche man von verſchiedenen Seiten zu gewinnen ſtrebt.“ „Und Du beſcheideſt Dich, daß das eines Tages geſchehen ſein könnte?“ „Nein, der Tag iſt noch fern, beruhige Dich.“ „Doch ſagt man auch, daß an jeder Sache etwas Wahres ſei.“ „Der Satz iſt nicht immer richtig.“ „Aber hier?“ „Man kommt mir entgegen.“ „Und Du wehrſt dem nicht mit bewaffneter Hand.“ 169 „Nein. Ich laſſe es geſchehen, ſoweit ſich's mit Ehre und Freiheit verträgt.“ „Du haſt einen Zweck dabei?“ „Ja, und zwar einen durchaus untadelhaften— ich prüfe.“ „Um ſchließlich das Beſte zu behalten?“ „Vorerſt um feſtzuſtellen, ob es überhaupt noch ein Beſtes gibt.“ „Ein gefährliches Geſchäft!“ „Aber lohnend. Ich habe dabei intereſſante Beob⸗ achtungen und goldwerthe Erfahrungen geſammelt.“ „Welche Dich ſo halb und halb bekehrten—“ „Nein, welche die Kriegserklärung noch erhär⸗ ten.“ „Scherz oder Ernſt?“ „Tiefer Ernſt!“ Eine Pauſe entſtand. Immer noch hing der Blick des Grafen forſchend an ſeinem Gegenüber. „Ich ſage Dir, vergiß, was Dir zum Heile Dich verließ“, fuhr dieſer im Tone der Wahrheit fort.„Es muß noch eine Zukunft für Dich geben, wie in Bri⸗ gittens Würfelbüchlein ſtand; vergiß und werde froh, tritt wieder in das Leben—“ „Und wie, als was?“ „Such' Deine Uniform hervor.“ 170 „Sobald das engere oder weitere Vaterland in Ge⸗ fahr iſt, ſonſt nicht.“ „So tritt in den Staatsdienſt, man hat Dir das wiederholt offerirt.“ „Warum ſoll ich einem Andern, vielleicht Befähig⸗ tern den Platz nehmen, welcher ihm erwünſcht oder unentbehrlich iſt, während derſelbe mir Beides nicht iſt?“ „So geh an den Hof. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen, das Fürſtenhaus war ſtets dem Deinen hold. Du könnteſt dort der Beneidete der Männer, der Geſuchte der Frauen werden, Dich rächen—“ „Du ſcherzeſt, Ludwig. Dieſer glatte Boden voll Intrigue und Cabale, voll geſchmückten Elends und geſchminkter Lüge mein Terrain?“ „Aber es iſt ſchade um Dich; die Welt hat nichts von Dir, Du nichts von ihr.“ „Um ſo leichter werden wir uns eines Tages trennen.“ Der Oberſt ſetzte das Glas, welches er eben an die Lippen führen wollte, wieder nieder und warf abermals einen langen und unruhigen Blick auf den Freund. „Daran denkſt Du?“ 171 „Warum nicht? Jeder muß am Ende daran denken.“ „Nicht in unſern Jahren.“ „Es kommt darauf an, was man erfahren.“ „Erfahrung macht weiſe.“ „Auch müde, reſignirt.“ „Da muß ich wieder ſagen: Nicht in Jahren. Aber Du haſt vorhin bei den Damen, meinen Riva⸗ linnen, noch eine nicht genannt, gerade die efihlichſ von allen.“ „Und die hieße?“ „Melancholie.“ „Du meinſt?“ „Sie ſucht Dich heim ſo e, daß Du es ſelbſt nicht weißt.“ „Was thut's?“ „Sie iſolirt, umſtrickt, erdrückt Dich. Ich wollte wirklich, das Vaterland bedürfte Dein!“ „Mir wär's recht, da könnte die Melancholie eines Tages ſchnell geheilt ſein.“ „Ja! Da das aber nicht in Ausſicht ſteht, ſo—“ der Oberſt ging raſch in einen andern Ton über— „ſollſt Du mir einen Wunſch erfüllen— etwas zu Weihnachten beſcheren.“* 172 „Ich Dir, Ludwig?“ „Du mir.“ „Warum zögerſt Dr, es auszuſprechen?“ „Weil ich fürchte, Du könnteſt nein ſagen.“ „Habe ich nicht vorhin gewünſcht, ich möchte be⸗ ſcheren können?“ „Ja, aber ein ſo großes Kind, wie ich, bittet nichts Kleines.“ „Natürlich; indeß wenn es in meiner Macht ſteht—“ „Es ſteht darin.“ „So ſei der Gewährung und Beſcherung im vor⸗ aus verſichert.“ „Ich danke Dir, Du machſt mir eine große Freude.“ „Wenn ich nur erſt wüßte, womit!“ „Du wirſt Dich mir auf ein paar Wochen zu eigen geben.“ Joſeph ſah doch ein wenig überraſcht darein. „Und darf ich wiſſen, zu welchem Zwecke?“ „Von wegen der Melancholie.“ „Ah, Du willſt ſie heilen?“ „Ja „Du?“ „Ich 5 173 Du würdeſt der größte Arzt der Welt ſein!“ „Für Dich mindeſtens.“ „Was Jahre nicht konnten, willſt Du in ſo kurzer Zeit vermögen?“ „Das iſt mein Geheimniß.“ „Aber wie willſt Du es anfangen? Ich medicinire nicht.“ „Meine Medicin wird nicht verſchluckt wie irdiſche Pillen; ſie kommt direct vom Himmel und wirkt eben darum Wunder.“ „Nochmals: Scherz oder Ernſt?“ „Heiliger Ernſt.“ „Bei welchem ich gar nichts zu thun habe?“ „Doch etwas. Du mußt mir treu zur Seite blei⸗ ben, wohin ich gehe, und meine ſonſtigen ärztlichen Verhaltungsregeln befolgen.“ „Und wenn dieſelben über meinen Horizont gingen 2 „Keine Angſt. Ich kenne Dich und fordere nicht zu viel. Uebrigens hatteſt Du die Güte, mir Gewäh⸗ rung zuzuſichern, alſo ſchlage ein.“ Der Graf ſchlug ein. „Du meinſt es gut, Ludwig, und darum ſei es denn, aber ich fürchte, das Patent bleibt aus.“ „Meine Sache.“ „Wann beginnt die Kur?“ — 174 „Sobald ich Urlaub habe, geht es fort. S bereit.“ „Fort? Jetzt im Winter?“ „Gerade in den Winter hinein.“ „Wohin?“ „Ich weiß es nicht.“ „Ah, Du willſt die Melancholie durch Kälte tödten?“ „Wird nichts verrathen.“ „Wird nichts helfen.“ „Meine Sache.“ Ueber Joſeph's Züge ſchlich es wirklich wie ein melancholiſhes Lächeln. „Sie wird wieder lebendig werden, wenn der Früh⸗ ling kommt.“ „Sie kann auch ſpurlos mit dem Schnee verſchwi den. Laß mich nur machen.“ Der Graf ſchüttelte leiſe den Kopf. Der Oberſt hielt ihm ſein Glas hin. „Stoßen wir an darauf“ ſagte er munter.„Siehſt Du, es klingt— ah, wie hell! Es lebe die himmliſche Arznei gegen die treue Melancholei! Hoch!“ Und der neue Doctor dabei!“ fügte ei der Graf hinzu. Ein paar Wochen ſpäter hielt ein hübſcher, leichtet, aber ſchmuck⸗ und wappenloſer Reiſewagen vor dem 175 Portal des Schloſſes Horſt. Der Graf und der Oberſt, letzterer heute ebenfalls in Civil, traten zum Schlage. Der Oberſt hatte beſtimmt, incognito zu reiſen. Dellev als Kutſcher und Diener in einer Perſon, im Bunde der Dritte, gleichfalls incognito, ohne Livree, ſtand bei den ſchönen, muthig ſtampfenden Roſſen und vedete ihnen zu, nicht ſo gar ungeduldig zu ſein. Als die Herren ſich anſchickten, einzuſteigen, trat er näher. „Wollen der Herr Graf oder der Herr Oberſt mir nun befehlen, wohin ich fahren ſoll?“ Der Graf ſah den Oberſt an. „Wohin?“ erwiderte dieſer in beſter Laune.„Gerade ins Gebirge hinein, wo es fein i iſt und brav ſchneit!“ „Sehr wohl“, verſetzte reſpektvoll Detlev,„aber welche Richtung ſoll ich einſchlagen? Wir haben von zwei Seiten Berge.“ Die feurigen braunen Augen des Oberſten über⸗ flogen muſternd die von zwei Seiten den Horizont be⸗ grenzenden fernen bläulichen Gebirgsketten, welche in der klaren ſonnigen Winterluft viel näher erſchienen, als ſie wirklich waren. „Von rechts und links ſoll man das Rechte wäh⸗ len“ bemerkte der Graf. 176 „Richtig! Alſo rechtsum!“ commandirte der Oberſt. Die Herren ſtiegen ein, Detlev auf und fort rollte die kleine Geſellſchaft. Nach einigen Tagen war man im Gebirge. Der Winter war zeitig und ſchneereich gekommen. Soweit das Auge reichte, trugen Flur und Wald, Fels und Thal die weiße Decke. Dennoch, als ob die liebe Erde noch lange nicht warm genug eingehüllt ſei, warf der Himmel eben wieder leiſe, aber mit vollen Händen ſeinen Schneeflaum auf ſie herab und verfrühte ſo die frühe Dämmerung des Januartages, deſſen zweite Hälfte bereits vorgeſchritten war. Nur langſam und vorſichtig konnte auf dem unge⸗ bahnten und unbekannten Wege der Wagen vorwärts kommen. Lauſchend und ſpähend ſuchte Detlev ſich auf ſeinem Bocke zu orientiren, doch vergebens. Die Gegend war bald mit einem dichten lichtgrauen Flor verhüllt, welcher nur wenige Schritte zu ſehen geſtattete, und durch die tiefe Einſamkeit rings umher drang kein Laut, welcher die Nähe bewohnter Stätten bekundet hätte. „Hurrah, jetzt iſt das Wetter wie beſtellt, jetzt ſtei⸗ gen wir aus!“ rief ſeelenvergnügt der Oberſt, den Wagen öffnend. Ohne erſt anhalten zu laſſen, verließen die Freunde 177 denſelben. Feſter ihre Mäntel um ſich ſchlagend, ſchrit⸗ ten ſie ihm raſch voraus und gewannen bald einen Vorſprung. Detlev ſah ihnen kopfſchüttelnd nach. „Sonderbare Launen“, murmelte er,„die die großen Herren haben. Da laufen ſie ſtundenweit im Schnee⸗ wetter, während ſie hübſch im Wagen oder gar zu Hauſe bleiben könnten. Mein Herr wär's auch, aber der Oberſt hat's angeſtellt, ſo ins Blaue oder vielmehr ins Weiße hinein zu fahren, und nicht einmal fragen ſoll man, wohin es eigentlich geht. Ich glaube, ſie wiſſen es ſelber nicht und auch nicht, wie wir wieder aus der Wildniß herauskommen. Möchten ſie laufen, wenn nur meine Pferde nicht dabei ſein müßten. Der Henker hole den Oberſt und ſeine tollen Einfälle!“ Dieſer dachte indeß nicht an den Henker, ſondern pries im Stillen ſeinen Einfall als einen ſehr glück⸗ lichen und beſchloß für nächſtes Jahr eine zweite Auflage, falls die Melancholie Miene machen ſollte, wiederzu⸗ kommen. Daß ſie fürs Nächſte weichen werde, glaubte er ſicher aus Joſeph's Haltung und Weſen ſchließen zu dürfen. Die beiden Freunde ſchritten munter fürbaß, immer gleichen Schritt haltend, ſonſt aber ſtumm wie die Ge⸗ gend ringsum. Der Graf ſchwieg, weil er überhaupt v. Oben, Des Hauſes Eäſtein. I. 12 8 mehr dachte als ſprach, der Oberſt, um die Vollwir⸗ kung der Kur nicht zu ſtören. Allmälig ward indeß der Weg beſchwerlicher. Er ging mehr aufwärts, immer höher häufte ſich der Schnee zu ihren Füßen, immer dichter ward der Flor, den Nacht und Flocken um ſie webten. Athemſchöpfend blieben ſie ſtehen. Da rollte ein leiſer Donner durch die Luft. „Das klingt ja, als käme es aus der Erde“, ſagte lauſchend der Oberſt. „Wir ſtehen vielleicht auf einem Vulkan“ erwiderte ruhig der Graf,„oder auf Rübezahl's Gebiet.“ „Der hauſt ja in Schleſien, hi hätten wir links fahren müſſen.“ „Kann er nicht auch hier Beſitz oder gute Freunde haben und Reiſen machen, ſo gut wie wir?“, „Am Ende gar unſichtbar mit uns?“ lachte der Oberſt. „Sehr möglich.“ „Um uns zu nützen.“ „Oder zu foppen.“ Ein ſchrilles Pfeifen, wie eines Vogels Geſchrei, ließ ſich hören. „Siehſt Du“, fuhr Joſeph fort,„er wird uns in irgend eine Wolfsſchlucht gelockt haben!“ 179 „Meinetwegen, mir gefällt die Spukerei!“ „Dort kommt mehr. Sieh, auf einmal ſteigt es wie ein rieſiges Geſpenſt vor uns auf.“ „Ein Berg warſcheinlich.“ „Nein, es iſt, als ſtreckte es mahnend einen mächti⸗ gen Finger in die Höhe.“ „Das könnte ein Kirchthurm ſein.“ „Da hätten wir's in dieſer Nähe und Stille doch einmal ſchlagen gehört und dann ſieht und hört man ja gar nichts, was auf Menſchennähe deutet.“ „Es kann auch ein Fels ſein.“ „Oder eine Ruine.“ „Ah, ein verwunſchenes Schloß— wie herrlich!“ rief der Oberſt, ſich die Hände reibend. „Sehr ſchön, aber es müßte Licht haben.“ „Und ein Tiſchchen decke dich dazu; ich habe Appetit.“ „Und auch einen gaſtlichen Raum für Sandor und Phädra.“ „Ach ja, die Hauptperſonen nicht zu vergeſſen.“ „Die armen Thiere ſind ganz geſund und müſſen trotzdem mir nichts dir nichts die Kur mit brauchen.“ „Das iſt traurig“, ſpöttelte der Oberſt,„daran hatte ich nicht gedacht. Detlev wird auch Leid um ſie tragen.“ 42 180 „Ganz gewiß.“ „Höre, Rübezahl“, rief der übermüthige Oberſt mit lauter Stimme,„biſt Du wirklich in der Nähe, ſo laß Dich um der Pferde willen erbitten und ſchaffe ein gaſtlich Haus herbei!“ „Haus herbei“, äfften dumpf mehrere Stimmen hintereinander ſeine letzten Worte deutlich nach. „Hier ſcheint es wirklich nicht gehener“ meinte der Graf. „Willſt Du?“ rief der Oberſt wieder.„Wir ſind müde!“ „Müde, müde, müde“, ſpotteten die unſichtbaren Stimmen. „Das ſchwatzt von allen Seiten, und es gibt doch nur einen Rübezahl“, murrte der Oberſt, einige Schritte weiter gehend. „Du haſt ihn zu kameradſchaftlich angeredet“ ſagte der Graf,„da läßt er Dir durch ſeine Diener ant⸗ worten.“ Der Oberſt ging noch einige Schritte weiter vor. „Rübezahl, gnädigſter Fürſt!“ rief er wieder.„Uns friert, uns hungert, uns dürſtet!“ Die Stimmen von vorhin ſchwiegen, ein mehr⸗ maliger lauterer Donner als vorhin antwortete. 181 „Das iſt ſeine Stimme“, ſcherzte der Oberſt, ſtehen bleibend und tief Athem holend;„nun werden wir ja ſehen.“. „Ah, ſieh!“ rief der Graf, welcher dem Freunde voran die Anhöhe vollends erreicht hatte.* Gleich rechts neben ihnen ſtand plötzlich wirklich wie durch Zauber ein ſtattliches Gebäude, deſſen ganze obere Fagade hell erleuchtet war, darin und darum aber Alles ſtill wie zuvor. „Hinein?“ fragte nach einigen Sekunden des Schwei⸗ gens und Betrachtens humoriſtiſch der Oberſt. „Gewiß, Rübezahl war artig, wir müſſen dankbar ſein“, erwiderte Joſeph. „Ganz meine Meinung, doch laß uns warten, bis Detlev heran iſt; wer weiß, ob ſeine profanen Augen das Myſterium ſähen.“ Die Herren traten näher. „Sieh“ bemerkte der Graf, zu den erhellten Fenſtern emporſehend,„ſieh, wie die Schneeflocken ſich an die blendenden Scheiben hängen und dort buchſtäblich vor Neugierde vergehen!“ „Hm, es ſind eben Weiber!“ „Und ob auch die kommenden das Schickſal der vorigen ſehen“, fuhr Joſeph in ſeinen Betrachtungen fort,„doch gehen ſie wieder denſelben Weg.“ „Cvatöchter“, wiederholte der Oberſt;„ſie können nicht laſſen zu thun, was ſie nicht ſollen.“ „Sie können dem Glanze nicht widerſtehen“, wieder⸗ holte der Graf mehr für ſich. In dieſem Augenblick kam der Wagen langſam herangerollt. „Hier kannſt Du Deine Kinder füttern, Detlev“, rief der Oberſt dieſem luſtig zu,„und hernach Dich ſelbſt. Sieh Dich um, ob Ihr unterkommt, wir wollen ſo lange beim Wagen hier warten.“ Detlev gab dem Oberſten die Zügel und ging durch das offene Thor in das Gehöft, welches jetzt ſichtbar geworden war. Nach wenigen Minuten kam er mit der Nachricht zu⸗ rück, daß der warme und ſaubere Stall ſogar erleuchtet ſei, als ob man angemeldet wäre. „Sahſt Du auch Jemand?“ „Keine Menſchenſeele.“ Sonderbar!“ brummte der Oberſt, ſich ſeinem Freunde wieder zuwendend, der noch immer in tiefen ( cbunken daſtand. „So, jetzt wollen wir den Schnee von unſern Gewändern ſchütteln und eintreten, Joſeph. Aber noch eins!“ wandte er ſich wieder zu dem Diener. „Vergiß nicht, wenn man Dich nach uns fragt, 183 daß Du uns nicht kennſt. Wir ſind reiſende Ge⸗ lehrte, Naturforſcher, weiter weißt Du nichts.“ Detlev verneigte ſich.„Ich vergeſſe nie, was der Herr Oberſt oder mein Herr Graf mir befehlen.“ „Gut! Vergiß Dich nur auch nicht, wenn Du in Gegenwart Anderer zu uns ſelbſt ſprichſt.“ Der Oberſt ging zurück zum Grafen. Seelenvergnügt machte ſich Detlev davon, ſeine lie⸗ ben Pferde abzuſchirren und ins Trockene zu bringen. Er lobte ſie, daß ſie ſo folgſam und freundlich bei dem unfreundlichen Wetter geweſen wären, und erzählte ihnen von dem Lohne, den ſie dafür empfangen ſollten. Die ſchönen Thiere ſchienen jedes ſeiner Worte zu ver⸗ ſtehen; ſie liebkoſten ihn förmlich dafür und liefen ihm wie die Hunde nach in den Hof. Unterdeſſen hatten die Herren die Freitreppe vor dem Hauſe erſtiegen und die nur angelehnte Thür geöffnet. Ein matt erleuchteter Raum, mit rothen Steinen gepflaſtert, nahm ſie auf. Rechts und links in den Wänden ſah man verſchiedene Thüren, doch keine öffnete ſich zu ihrem Empfange. Lauſchend blieben ſie einige Sekunden ſtehen. „Niemand heißt uns willkommen, die Stille hier iſt wirklich geſpenſtiſch“, bemerkte leiſe der Oberſt;„in⸗ deſſen—“ er hob ſeine kühngebogene Naſe höher und ſchritt dem Hintergrunde zu—„hier weht ein Hauch wie Tiſchchen decke dich!“ „Da hätteſt Du ja Dein Willkommen“, lächelte der Graf. In dieſem Augenblick ließ ſich oben der dumpfe Ton einer Pauke lund der gellende einer Klarinette hören. Die Freunde ſahen einander an, ſie wußten jetzt, was ſie vorhin draußen im Schnee geneckt hatte. „Suum cuique!“ lachte herzlich der Oberſt.„Hier auch Dein Willkommen, Deine Lieblingsmuſe.“ „Im härenen Gewande.“ „Wie fein, wie zuvorkommend von Rübezahl“, fuhr der Oberſt heiter fort, ohne Joſeph's Einwurf zu beachten;„ſicher finden wir noch mehr der Schweſtern hier.“ „Sicher iſt, daß auch Rübezahl zur Alltäglichkeit herabſinkt— das Geiſterſchloß iſt plötzlich eine irdiſche Kneipe.“ „Unzufriedener Menſch“ zürnte komiſch der Oberſt, „erſt wollteſt Du nur Licht für Dich und Raum für Deine Pferde, Du findeſt mehr und murrſt! Komm, hilf mir jenes Hauches Quelle ſuchen, der mich zuerſt begrüßt; und ob Ambroſia, ob erdgebornen Schöps ſie biete, ich will Dir zeigen, wie man dankbar iſt.“ Damit faßte er den Arm des Grafen und zog ihn — zu einer der letzten Thüren links, welche er ohne wei⸗ teres öffnete. Ein warmer, vom Wohlgeruch werdender Speiſen durchwürzter Luftſtrom drang ihnen entgegen und in dieſem eine kleine runde Frauengeſtalt in dunklem Kattunkleide und ſauberer weißer Latzſchürze. Aus dem noch jugendlichen Kopfe voll natürlicher ſchwarzer Locken hefteten ſich ein paar freundliche blaue Augen neugierig auf die Eindringlinge. „Die Frau Wirthin?“ fragte artig der Oberſt. „Zu dienen!“ knixte ſie. „Können wir etwas zu eſſen bekommen?“ „Gewiß!“ „Und auch ein Zimmer?“ Da habe ich freilich nur unſere Wohnſtube noch übrig!“ Damit öffnete ſie die Thür gegenüber, welche in ein kleines, alterthümlich möblirtes Gemach ſehen ließ, in dem jedoch die Gemüthlichkeit aus allen Ecken her⸗ auslugte. „Es genügt, wenn wir ungeſtört bleiben können.“ „Ich werde dafür ſorgen.“ Sie traten ein. „Und weshalb haben Sie nur dieſes Zimmer 1 übrig?“ fragte der Oberſt weiter. 186 „Weil heute der Herr Diakonus das ganze Obere gemiethet hat.“ „Der Herr Diakonus— iſt hier eine Stadt?“ „Ein Städtchen.“ „Man ſieht ja nichts davon.“. „Nein, der Baumgarten und der Lindenplan ſind dazwiſchen; es liegt mehr bergab auf der andern Seite.“ Ein paar Geigenſtriche klangen herab. „Und was iſt oben eigentlich los?“ „Ei, etwas Außerordentliches! Die Tochter unſers Herrn Diakonus hat Poltetabend, und weil ſie ſo ſehr viel gute Freunde haben, daß die kleine alte Pfarre nicht ausreicht, feiern ſie ihn bei uns. Es iſt ſonſt auch die Leſegeſellſchaft hier.“ Der Arm des Grafen hatte ſich aus dem ſeines Begleiters gelöſt. Dieſer achtete jedoch nicht darauf, ſondern fuhr ruhig fort:„Da kann man ſich das Feſt wohl mit anſehen?“ „Verſteht ſich! Die junge Welt kommt in Maske, hernach gibt's ein Tänzchen. Die Herren haben es gerade gut getroffen.“ „Wirklich, und wenn dazu recht bald ein warmes Abendbrod käme—“ „Ich werde Ihnen ſogleich den Speiſezettel beſorgen.“ 187 Sie entfernte ſich mit einem tiefen Knix. „So, nun wollen wir's uns hübſch bequem machen“, ſagte der Oberſt, Hut und Mantel von ſich werfend. Aber Joſeph ſchien nicht gewillt, ein Gleiches zu thun; wie überlegend blieb er am Eingange ſtehen. War ihm ſchon vorhin draußen, während ſie das Geſchirr erwarteten, eine Flut von Gedanken gekom⸗ men, hatte dann die Muſe im härenen Gewande ſein feines Ohr verſtimmend berührt, ſo mußte noch viel härter und gar ſchmerzlich das Wort Polterabend hin⸗ einfallen, und ſei es nun, daß nach der ungewohnten Körperanſtrengung ſich jetzt auch die Abſpannung fühl⸗ bar machte, Joſeph fühlte ſich von der ungeſtört und achtlos heitern, der ſeinen ſchnurſtracks zuwiderlaufenden Stimmung des Freundes beinahe verletzt. Dieſer hatte indeß ein großes Stück Holz hinter dem großen grünen Kachelofen berbotgeeen und in dieſen hineingeſchoben. „Iſt das Neſt hier nicht ganz behaglich?“ fragte er, zu Joſeph aufſehend. „Ich möchte trotzdem lieber gleich weiter fahren.“ „Gleich weiter? Geht nicht!“ ſagte der Oberſt ruhig, ein zweites tüchtiges Stück Holz dem erſten nachſchickend. „Geht nicht?“ fragte Joſeph zurück. 188 „Nein! Schon um der Pferde willen nicht.“ „So laſſen wir ſie hier und gehen weiter.“ „Und wohin?“ „Ins Städtchen. Du hörteſt, es ſei nicht fern.“ „Es iſt aber ſehr wahrſcheinlich, daß wir's dort nicht beſſer finden, ſie kämen ſonſt nicht von drinnen heraus.“ „Eben darum, weil ſie herauskommen—“ Er hielt inne. Der Oberſt ſah noch ein paar Sekunden in die Glut des Ofens, dann trat er zu Joſeph und ſchaute ihm tief in die Augen. „Ich verſtehe Dich, Joſeph, denn ich habe Dich lieb Ueber Joſeph's Antlitz glitt es wie ein Schimmer von Abendroth. „Zweifelſt Du auch daran?“ fragte leiſe der Oberſt, als Joſeph nicht antwortete. „Nein, noch nicht“, erwiderte dieſer ebenſo leiſe. „Nun, ſo vertraue mir auch! Laß uns dem Feinde nicht ausweichen, ſondern die Stirn bieten.“ „Und wenn wir damit nutzlos Dein vorher begon⸗ nenes gutes Werk zerſtörten?“ „Du meinſt die Kur?“ „Eben ſie. Ein Polterabend“— der Graf ſprach das 189 Wort hart und haſtig, wie mit Anſtrengung aus— „muß gerade das rechte Mittel dazu ſein.“ „Mit nichten, Joſeph! Similia similibus heißt mein Princip, das Grundgeſetz, welches durch die ganze Natur geht, von der auch Du ein Stück biſt!“ „Wär' ich doch ein minder empfindliches“, murmelte der Graf. „Darum müſſen wir“, fuhr der Oberſt eifrig fort, „wenn wir ausgeruht und geſpeiſt haben, gerade in den Kampf hinein— auf meine Verantwortung.“ Joſeph legte jetzt ebenfalls Hut und Mantel lang⸗ ſam ab und warf ſich dann auf das kleine altmodiſche Kanapee. „Ich bin jetzt Dein und darum will ich gehorchen“ ſagte er dann, den Blick auf die Linien ſeiner Hand geſenkt,„aber fragen möchte ich Dich doch, wie lange Du mich dem Aehnlichen da oben auszuſetzen gedenkſt?“ „O nicht gar zu lange, ſolange Du es erträgſt.“ „Dann ſo kurz als möglich! Ach, wenn Du wüß⸗ teſt, wie ſchwer mir's heute wird, Dir Wort zu halten!“ „Ich weiß es, aber— „Da ſchickt die Frau die Speiſekarte“ meldete eintretend Detlev und präſentirte dem Oberſten einen erſt friſch beſchriebenen Streifen Papier. 190 Dieſer überflog die Auswahl.„Nicht viel, aber genug“, meinte er, Einiges mit ſeinem Rothſtift unter⸗ ſtreichend, worauf er das Blatt an Detlev zurückgab. „Hier, ſobald es fertig iſt, ſoll man ſerviren.“ „Und ſobald als möglich fahren wir weiter“, be⸗ merkte der Graf aus ſeiner Sophaecke. „Ja, wir fahren weiter, ſobald Sandor und Phädra es erlauben“, wiederholte der Oberſt mit durchklingen⸗ dem Humor und einem bedeutſamen Blicke dem Diener. „Du meldeſt es uns ſogleich, wenn Du anſpannen kannſt“, rief der Graf dem ſich Entfernenden nach und lehnte ſich wie erſchöpft in die Kiſſen zurück, während ſeine ſchönen Augen dem hin und her wandelnden Freunde folgten. Die Worte„Ich habe Dich lieb“ klangen nach in ſeiner Seele. Wie lange, lange hatte er ſie nicht mehr gehört! Auch Ludwig hatte ſie zum erſten Male ausgeſprochen. Dieſer fühlte den Blick, welcher auf ihm ruhte, und trat an Joſeph heran— wieder ſahen ſie einander in die Augen. „Du wollteſt mir vorhin noch etwas ſagen, als Detlev eintrat“, unterbrach Joſeph das Schweigen, als wolle er jenem wehren, zu tief in ſein Inneres zu ſehen. 191 „Ja“, erwiderte darauf eingehend der Oberſt,„ich wollte Dir ſagen, daß Alles, was an uns herantritt, freundlich oder feindlich, einem höhern Willen dient und ſein Gutes für uns hat, wenn wir's auch nicht gleich faſſen und begreifen können— glaube mir!“ Joſeph ſenkte den Blick.„Ich ſoll immer glauben und bin doch kein Kind, und— der Glaube iſt blind“, fügte er, wie einer dunkeln Erinnerung lauſchend, mehr für ſich hinzu. Der Oberſt aber ſang mit ſeinem ſonoren Baß das Verschen weiter, welches einſt ſein Schweſterchen ihm und dem Grafen kindlich⸗lieblich vorgeſungen hatte: —————„blind Und des Verſtandes bar, Sieht nicht den Weg vor ſich Und führet dennoch dich Zur Heimat wunderbar!“ Er wandte ſich und ſchritt dem Ofen wieder zu, um den altväteriſchen Lehnſtuhl daneben einzunehmen. Wieder folgten ihm die ſtrahlenden Augen von vor⸗ hin, dann, als ob Ludwig auch das nicht ſehen ſolle, ſchloſſen ſie ſich. Einige Minuten ſpäter hörte man die Athem⸗ züge des Grafen. Der Oberſt erhob ſich leiſe. „Schlafe nur“, murmelte er, den Freund betrachtend, „die Kur wird helfen! Man muß auf den Körper 192 wirken, der in unſern Jahren noch immer über den Geiſt regiert.“ Damit holte er den papiernen Lichtſchirm vom alten Pulte und ſtellte ihn ſo, daß der Schlafende im Schat⸗ ten war; er ſelbſt ſuchte ſeinen Stuhl wieder auf. Es ward eine Weile ſtill im kleinen Gemache. Dann, nach und nach, füllte ſich das Haus mit Gäſten, die Wirthin deckte den Tiſch, Joſeph erwachte. Die Freunde ſpeiſten. Doctor von Scholler ver⸗ ordnete ſeinem Patienten einige Gläſer des mitgebrach⸗ ten edlen Rebenſaftes, wovon er ſelbſt das doppelte Quantum einnahm, dann machten ſie ein wenig Toilette und ſtiegen, der Oberſt in beſter Laune, der Graf ſicht⸗ bar ungern und zögernd, in die höhern Regionen empor. Fünftes Kapitel. Eine Wahrſagerin. Dieſe höheren Regionen enthielten drei geräumige Zim⸗ mer, von denen das größte, der Saal benannt, in der Mitte lag. Daſſelbe bildete ein längliches Viereck und nahHm die ganze Tiefe des Hauſes ein, ſodaß acht in doppelter Reihe übereinander liegende Fenſter auf der einen Seite in Hof und Garten, auf der andern auf die Straße ſahen, wo ſie als erhöhter Mittelpunkt der ganzen Fronte und in Verbindung mit derſelben hell erleuchtet einen außerordentlichen Effect machten. In den langen Wänden befanden ſich je zwei einander gegenüberliegende Doppelthüren, welche nach der Straße zu je in ein Nebenzimmer und nach dem Hofe zu auf die Treppen zum Parterre führten. Nahe dieſen Thüren und von einer zur andern die von Oben, Des Hauſes Eckſtein. I. 13 kurze Wand mit den nach Hof und Garten ſchauenden Fenſtern theilweiſe verdeckend, bildete das von Säulen getragene Orcheſter ein kleine Colonnade, welche heute, mit friſchem Grün umwunden und durch hängende Guirlanden verbunden, einer Laube glich, deren innerer ſchmaler Raum nur dämmernd erhellt ward von dem Kerzenlicht, welches zwei mehr nach der Mitte des Saales zu befindliche, von der Decke herabhängende Kronleuchter ſpendeten. Eine nicht große, aber wie es ſchien, gewählte Ge⸗ ſellſchaft hatte ſich darunter verſammelt. Die ältern Herren und Damen ſaßen im Halbkreis um das Braut⸗ paar, welchem die Jüngern in Maske ihre Glückwünſche und Geſchenke brachten. 6ben ſtand die Vergangenheit im weißen Kleide, einen weißen Roſenkranz im Haar, vor der Braut und überreichte ihr mit einem paſſenden Gedicht einen zier⸗ lichen Spiegel. Ihr folgte als Gegenwart ein znr junges Mädchen, ebenfalls weiß, aber mit Roſen und andern Blumen geſchmückt, zur Seite einen ſchönen Knaben mit ſilbernen Flügeln als Genius. Sie boten der Braut eine Schale friſcher Blumen. Dann kam die Zukunft, ein Körbchen mit Früchten im Arm, das hoffnunggrüne Gewand von einem glän⸗ 195 zenden Gürtel, den halbgelüfteten Schleier von einem ſtrahlenden Diadem gehalten. Der Aufzug gefiel allge⸗ mein; alle ſchauten heiter und zufrieden darein, nur der alte, gute Diakonus bekannte, daß das Pathchen fehle, trübe ihm doch das Feſt. „Es iſt zu ſchade, daß ſie nicht da ſein kann“ ſagte die Braut,„ich muß immer an ſie denken.“ „Sie wird ein Gleiches thun“, erwiderte er. „Und weshalb kam ſie nicht?“ fragte eine der Damen. „Weil ſie gegenwärtig gar zu weit von uns iſt, nämlich auf der Reiſe nach Wien. Frau von Barryt iſt, wie Sie wiſſen, eine Verwandte unſeres Herrn Landraths und wollte erſt über hier reiſen, darum hatten wir Hoffnung, Fanny zu ſehen. Nun aber ſchrieb ſie kürzlich, daß der Plan geändert und der Be⸗ ſuch hier bis nächſtes Frühjahr verſchoben ſei.“ Der Diakonus ward unterbrochen, neue Masken ſchwärmten herein, unter ihnen eine Zigeunerin. Sie blieb, während die Andern nach dem Brautpaar dräng⸗ ten, in ruhiger Rundſchau am Eingang ſtehen. Da, als gleich gegenüber ſie die beiden Fremden erblickte, trat ſie mit einer Bewegung der Ueberraſchung zurück und war wie ein Irrlicht wieder verſchwunden. In den leeren dämmernden Raum unter dem 13* 196 Orcheſter war ſie geſchlüpft und hier, von Säulen und Grün gedeckt, die Fremden ganz in der Nähe im vollen Lichte vor ſich, betrachtete ſie mit höchſtem Intereſſe den größern von beiden. Auf dieſer ſchönen umwölkten Stirn ſtand eine ganze Lebens⸗ und Leidensgeſchichte geſchrieben! „Kein Zweifel mehr, ſie ſind's, er iſt's!“ flüſterte die Zigeunerin. Ihr forſchender Blick überflog die Geſellſchaft, und als ſie ſich überzeugt hatte, daß dieſe weder ſie vermiſſe, noch jene beachte, ſetzte ſie ihre Be⸗ trachtungen und ihr Gedankenſelbſtgeſpräch fort. „Sie ſind es, die an jenem Palmſonntage uns be⸗ gegneten, er iſt es, der höflich, aber achtlos, ſtolz, reich und glücklich, wie es ſchien, an uns vorüberging und doch die ſchöne Gefährtin zu lautem Spott und Tadel reizte, weil er uns grüßend dankte für unſern Gruß. Und heute, nach ſieben Jahren, wieder achtlos, aber minder reich und glücklich, wie es ſcheint. Damals Lenz und ſonniger Tag, heute Nacht und Winter, er ohne ſie, vom Blick des Andern ſichtbar überwacht— wie mag das ſein? Ach, wenn ich das ergründen und ihm dann prophezeien könnte! Die Begegnung iſt ſo wunderſam, vorgeſtern noch ſtand feſt, daß wir nicht hierher reiſten.“ Sie trat zum Fenſter. Der Mond begann den 197 Schneeflor zu lichten, welcher von außen noch dicht die Scheiben verhüllte. „Du prächtiger Schneefall haſt zu Wege gebracht, daß wir den Weg doch hierher nehmen mußten. Da⸗ mals ſchwieg ich und floh, heute möchte ich zu ihm reden, aber erſt iſt nöthig, noch tiefer nachzudenken und zu combiniren.“ Sie ließ ſich auf den Schemel neben dem Fenſter nieder und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. „So könnte es ſein“, ſagte ſie, ſich wieder er⸗ hebend.„Damals war ein Dritter noch bei die⸗ ſen Zweien, deſſen Augen die jugendliche Schönheit nicht verließen. Sein ganzes Weſen war Huldigung Für ſie. Sie ſchritt an den Platz zurück, wo ſe die Fremden weiter fixiren konnte. „Wie bleich er ſieht, wie ernſt, ja finſter die ſchönen Augen blicken, wie ſich verächtlich faſt die feine Lippe hebt beim Anblick der Geſellſchaft. Es kämpft in ihm, das Brautpaar regt ihn auf wie eine bitterquälende Erinnerung. Iſt ſie ſein Weib gar nicht geworden? Jener Dritte der Räuber? Nein, der Retter ſeines Glücks. Das muß er wiſſen! Auf, Sibylle! Du kannſt der Pflanze Thau, du kannſt der Wenſchenſele S nung geben!“ 198 Sie wandte ſich dem Ausgang zu, blieb aber, von einem neuen Gedanken berührt, wieder ſtehen. „Auch das iſt tiefer zu erwägen. Man muß das Rechte treffen, wenn er glauben ſoll.“ Sie kehrte zu dem alten Platze zurück. „Alſo auf was ſoll man ihm Hoffnung geben? Macht, hohe Ehren? Nein, die Stände, denen er offen⸗ bar angehört, bedingen das von ſelbſt, und dann zeigen Haltung und Geſicht ein edles Selbſtgefühl, aber von Herrſchſucht keine Spur.— Reichthum? Auch nicht! Man kauft nicht Glück, nur Genuß, und die ſich ihm ergeben, gehen luſtig abwärts. Das iſt er nicht, ſein Blick, der Seele Spiegel, iſt rein, ſein Ausdruck geiſtiger, man ſieht, er iſt ſeit lange viel allein.— Strebt er vielleicht nach Ruhm? Nein! Auch Ehrgeiz iſt in dieſen Zügen nicht zu finden. Er ſcheint vielmehr abgeſchloſſen zu haben mit der Welt, er ſtrebt und hofft nicht mehr. Wie hieß doch gleich, was uns der Pathe lehrte? Was für die Pflanze ihrer Heimat Erde, Das iſt der Glaube für das Menſchenkind, 5 Und was Licht, Thau und Luft für jene ſind, Sind für den Menſchen Lieben, Hoffen, Streben. Das Vierblatt ſoll uns halten und beleben, So lang wir weilen im Gewand von Staube.“ Sie beobachtete wieder ein paar Sekunden ſtill prü⸗ fend den Fremden. 199 „Das Noli hier braucht Licht, mehr Licht vor allem Ruhm iſt da nur ein Schemen, äußere Macht ohn⸗ mächtig, das kalte Gold zu arm, es bleibt für ihn allein das Glück der Liebe!— Du, allmächtige Liebe, wirſt das Rechte ſein, um dich wird er das Vergangene ver⸗ geſſen können. Damals hat nur die Schöne ihn ge⸗ blendet, ein erſter Wahn ihn ſüß bethört. Als dieſer jäh zerriß, zog er ſich in ſich ſelbſt zurück, wie auf den Fels der Aar, aber Ob er's auch ſtolz und klug der Welt verhehlt, Er fühlt, daß ihm das Glück des Lebens fehlt. Ich will es ihm auf gutes Glück verkünden Und innig wünſchen, daß er's möge finden!“ Noch ein paar Augenblicke ſtand die Zigeunerin, ſich ſammelnd, ſtill in ihrem Verſteck im nächſten drau⸗ ßen im Lichte vor dem Brautpaar. Es war eine ſchlanke, elaſtiſche Geſtalt von eleganter Haltung und Bewegung. Sie trug einen Rock von ſchwarzer Seide, aus deſſen Nacht die Himmelszeichen golden flimmerten, ein rothes goldgeſticktes Jäckchen und auf den langherabfallenden, mit rothen Schleifen gebundenen ſchwarzen Flechten eine eben ſolche rothe goldgeſtickte Mütze. Bedeutſamer Schmuck um Hals und Arme und kleine rothe Schuhe vollendeten den kleidſamen Anzug. Sie erbat ſich die Hand der Braut und wahrſagte 200 ihr die Zukunft, nannte die Klippen, welche auf der Lebensreiſe zu umſchiffen ſein würden, und ſah ſich bald von ausgeſtreckten Händen umringt, welche alle ent⸗ ziffert ſein wollten. Sie wußte auch Jedem etwas Tref⸗ fendes zu ſagen, als könne ſie wirklich ins Verborgene ſehen. Dieſer Act elektriſirte förmlich die Geſellſchaft. Man zerbrach ſich den Kopf, wer die Zigeunerin ſein könne. Der Diakonus hatte ſich nicht wahrſagen laſſen⸗ ſondern ſtill beobachtend hinter dem Stuhle der Braut dem Spiele zugeſehen. Als die Zigeunerin jetzt andern Masken Raum gebend ſichentfernte, folgte er ihr unbemerkt. Die Fremden hatten ſich unterdeß von dem erſten Eingange des Saales an den zweiten nach der Straße zu zurückgezogen, wo ſie, ein leeres Gemach hinter ſich und mehr im Rücken der Geſellſchaft, ungenirter und ſelbſt nicht beachtet waren. In der Nähe derſelben holte der Diakonus die Sibylle ein. Er legte ihr leiſe den Finger auf den Arm und ſagte gedämpft: „Wüßt' ich ihn nicht gar zu fern, Dächt' ich doch,*3 wär unſer Stern.“ Sie wandte ſich nach ihm um und ſah eine Se⸗ kunde in ſein forſchendes Auge, dann erwiderte ſie im gleichen Tone das Dichterwort: 201 „Und was die innere Stimme ſpricht, Das täuſcht die hoffende Seele nicht!“ Wie Sonnenglanz ging es über ſeine Züge. Sie aber faßte die dunkle Flechte, welche ihr über die Schulter fiel, und ihm dieſelbe hinhaltend, fügte ſie raſch hinzu: „Doch nur, wenn Du weißt zu ſchweigen, Wird die goldene Wahrheit ſich zeigen!“ Damit entwiſchte ſie ihm. Er ſah ihr mit glück⸗ lichem Lächeln nach, dann ſchien er ſich zu beſinnen, was er zu thun habe; er mühte ſich, ſein offenes Ge⸗ ſicht in möglichſt unverdächtige Falten zu legen, und ſchritt langſam zur Geſellſchaft zurück. Achtlos wollte die Zigeunerin eben an den Frem⸗ den vorüberſtreichen, als der Oberſt ihr den Weg vertrat. „Halt, Gitana, hier ſind auch noch Leute, welche ihr Schickſal wiſſen möchten.“ Sie hemmte den flüchtigen Schritt und ſah auf. „Ihr?“ fragte ſie leicht. „Nein, hier mein Freund!“ entgegnete der Oberſt, auf den ſeitab ſtehenden theilnahmloſen Grafen deutend. „Du biſt bei uns zwar nicht darauf vorbereitet“ fügte er herausfordernd hinzu. „Nicht vorbereitet, nein!“ entgegnete ſie ruhig, aber mit einem eigenthümlichen Blitze des Auges.„Was echt iſt, braucht das nicht.“ Er ſah ſie prüfend an. „Du weißt vielleicht zufällig, wer wir ſind?“ „Ich kenne Euch nicht!“ „Kannſt Du ſchwören?“ „Wohl! Verlangt Ihr Euren oder unſern Schwur?“ Der Oberſt beſann ſich. „Wenn Du biſt, was Du ſcheinſt, Zh unſerer Dir nichts gelten, und biſt Du es nicht, iſt Deiner mir nichts werth. Ich will alſo gar keinen Eid. Gib mir Hand und Wort darauf: Du kennſt uns nicht?“ Sie legte ruhig ihre Hand in die ſeine und ſchaute offen zu ihm auf. „Ich weiß nicht, wer Ihr ſeid, und nicht, woher Ihr kommt, wohin Ihr geht, Ihr aber könnt hernach er⸗ fahren, ob ich lüge!“ „Hm, das klingt, als wäre es wahr!“ „Es iſt ſo, wie es klingt.“ „Nun gut! Precioſa— kennſt Du ſie?“ „Gewiß!“ „Precioſa kann ſchon auf der Stirn und in den Augen leſen. Was ſiehſt Du da bei ihm? Gib einmal Acht!“ Ihr Auge folgte ſeinem Winke. „Joſeph!“ rief er halblaut hinüber zum Grafen. Dieſer wandte langſam ſeine ſchönen dunkeln Augen er Gruppe zu. 203 „Komm, wir wollen uns die Zukunft ſagen laſſen!“ „Es gibt keine mehr“, gab der Graf, ſich wieder abwendend, auf Lateiniſch zurück. Dank ihrer Aufmerkſamkeit bei den Lectionen des Bruders beim Vater verſtand ſie dieſe Beſtätigung ihrer Vermuthung. „Nun, was ſahſt Du?“ fragte leiſe der Oberſt. „In den Tiefen edles Erz, auf der Höhe dunkle Wolken“, entgegnete ſie langſam, wie noch ſinnend. Ein zweiter durchdringender Blick des Ober⸗ ſten überlief ihre ganze Geſtalt, dann zuckte es wie unterdrückter Humor in ſeinem Geſicht. Er kehrte ſich abermals dem Grafen zu und rief ſein„Joſeph!“ hinüber. Dieſer blickte fragend herüber. Der Oberſt deutete auf die Zigeunerin und ſ feierlich: „Audiatur et altera pars— haec.“*) Die Anwendung des alten Rechtsgrundſatzes der Wahrſagerin gegenüber zwang dem Grafen doch ein Lächeln ab— er trat näher. Raſch hier hinein, hier ſind wir ungeſtört“, vrang *) Es werde auch der andere Theil gehört— dieſe. 204 der Oberſt, die Beiden in das leere Nebenzimmer com⸗ plimentirend.„So, Zingara, nun zeige Deine Kunſt, und wenn's belieben wollte, hübſch in Verſen, wie Du vorhin mit dem Alten ſprachſt. Du biſt zwar wieder nicht darauf vorbereitet“ fügte er launig hinzu,„indeß mein Freund hier liebt die Poeſie.“ Wieder traf ein Blitz ihres geiſtvollen Auges den Herausforderer, dann wandte ſie ſich ſanft zu dem immer noch theilnahmloſen Grafen. „Wollt Ihr wohl Eure Hand mir geben, Herr?“ Der Graf ſah auf, wie von etwas Beſonderem be⸗ rührt, und erſt nach einer nochmaligen Aufforderung des lebhaften und eifrigen Freundes zog er ſtumm den Handſchuh ab und reichte ihr ſeine feine, echt ariſto⸗ kratiſche Hand. Sie nahm dieſelbe zart in die ihren, beſah genau alle Linien und Zeichen darin und nachdem ſie faſt ſchüchtern eine Sekunde zu ihm aufgeſchaut, ſagte ſie ſanft, wie vorhin:„Nun nennt mir noch die Blume, welche Ihr liebt.“ Der Graf öffnete die Lippen beſann ſich aber offenbar anders und erwiderte mit einem Anflug von Jronie: Vergißmeinnicht!“ und von den Thieren, welches paßt Ihr da?“ „Die ſchöne, kluge, kalte Schlange.“ 205 Er ſprach's im Tone der Wahrheit. Sie nickte leiſe, wie einer neuen innern Beſtätigung, ließ ſeine Hand wieder frei und hob abermals das Auge zu ihm empor. Sie las in den ſeinen ein leiſe beginnendes Intereſſe, in denen des Oberſten lebhafte Neugierde. Nachdem ſie noch einige Augenblicke nachdenkend das Haupt geſenkt, begann ſie langſam und ausdrucks⸗ voll, doch leiſe, als ſolle nur er es hören: „Aufwärts ſollt den Blick Ihr wenden, Zu der Sterne lichten Höh'n, Daß Ihr inne werden möget⸗ Wie ſie glücklich für Euch ſtehn.“ Der Graf machte eine Bewegung, wie Jemand, dem man eine gewöhnliche Phraſe ſagt. Das begin⸗ nende Intereſſe wollte wieder ſchwinden. Sie aber, welche während der ganzen folgenden Prophezeiung ihn und den Oberſten mit ſteter Aufmerkſamkeit beob⸗ achtete und doch ſelbſt faſt durchgehends die größte Ruhe bewahrte, fuhr auch jetzt ruhig fort: „Schüttelt zweifelnd nicht das Haupt Ob der Alltagsrede, glaubt, Was Sibylle Euch verſpricht, Glaubt es nur, ſie täuſcht Euch nicht!“ Wieder ſah der Graf auf, wie von etwas Beſon⸗ derem berührt. Das erſte Mal war es der ſüße Laut ihrer Stimme, ihre ſanfte Weiſe geweſen, jetzt das Wort:„Sie täuſcht Euch nicht!“ Dennoch ſagte er, mehr, wie um überhaupt etwas zu ſagen: „Nenne, was die Sterne künden!“ Sibylle. Nun, das Glück, wie es Euch fehlt, Wie Ihr's nie mehr meint zu finden, Weil Euch der Verluſt noch quält! Der Graf wechſelte die Farbe, ſie fuhr fort: „Meint Ihr nicht, des Lebens Mai Sei auf immer Euch vorbei? Nein, wenn's einmal wieder um Euch mait, Wird auch in Euch Frühlingszeit!“ Der Graf ſchüttelte doch wieder leiſe das Haupt. Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder, Nur einen Frühling hat des Menſchen Herz. Weißt Du das nicht?“ Sibylle(Lebhafth). Ich weiß, merkt wohl, das Herz! Und Euer früher Lenz lag in den Augen. Die wähnten, es ſei Mai, doch war erſt März, Als eine junge Roſe ſie erblickten, NMit deren Bild ſich Gure Träume ſchmückten. Die wolltet Ihr zur Wirklichkeit geſtalten, Ihr wolltet, was ſo ſchön erſchien, behalten; Doch, ſtatt bei Euch ſich harlich zu entfalten Und Euch fürs Leben ſüßen Duft zu hauchen, War ſie, die Ihr auf ewig raſch erkoren, Im nächſten wechſelnden April verloren. p 207 Graf(leiſe und bitter). Ja, mirt Sibylle(hn aufmerkſam betrachtend). Ihr meint, für einen Andern blühte ſie aufs neue? Dann ſicher auch für ihn mit gleicher Treue! Drum zürnt nicht ihm, der ſie, der ja nur nahm, Was doch nicht Euer war, was ihm entgegenkam. Dankt ihm vielmehr, der Euch vom Wahn befreit, Bevor ein heil'ger Schwur Euch band und reute. Graf(mit finſterm Blich. Dankt ihm vielmehr! Du forderſt viel. Wär' Dir die Dankbarkeit nur Spiel? Sibylle(nach einer Pauſch. Nur wenn's mit ſeinem Du verbunden, Da hat das Ich ſich ſelbſt gefunden. Ihr, nicht an Euer Du gekettet, Ihr wärt verzweifelnd früh geſtorben. Er hat's mit jenem Raub erworben; Er hat Euch erſt das Glück gerettet! Oberſt(ſehr erfreuth. 3 Ha! Bravo! Du verſtehſt Dein Fach. Kommſt meiner Meinung treulich nach: Er hat die beſte Zukunft vor ſich! Gtaf(melancholiſch lächelnd). Sagt nur, was nennt Ihr Glück für mich? Sibylle. Wenn ich Euch ſo ins Auge ſchau', Von dem, was wir auf Erden fanden, Nur das: von einer edlen Frau Geliebt zu werden und verſtanden! — 208 Die Wirkung dieſer langſam und leiſ e geſprochenen Worte war eine mächtige, wenn auch durchaus ver⸗ ſchieden auf beide Hörer. Der Graf erröthete wie ein junges Mädchen, dem man das Geheimniß ſeines Herzens abgelauſcht; der Oberſt ſtand ein paar Augen⸗ blicke wie unter der Wirkung von etwas durchaus Unerwartetem. Dann heftete er ſein Feuerauge faſt zornig auf die Wahrſagerin und ſagte mit einem un⸗ endlichen Ausdruck von Spott und Verachtung: „Ein Weib? Da nehm' ich raſch mein raſches Lob zurück!“ 5 Sibylle Cuhig und unbeirrth. Ein Weib, von Liebenswürdigkeit und Wahrheit Unfloſſen wie von Himmelsklarheit! Das in des Mannes klarem Blick Erkennt des eignen Glückes Quelle; Das, ſeinen Adel in der Seele Und ſeinen Reichthum im Gemüth, Ein Schutzgeiſt wird für jede Schwelle, Dahinter ihm die Heimat blüht. Es ſtrahlt ins Erdendunkel Helle Dem Stertie gleich, der mit Euch zieht, Geh' Euer Weg bergan, thalein. 8 Oberſt(ungeduldig bald ſie, bald ihn fixirend erſt leiſe, dann laut). Wie ſie ihn blendet, die Sirene, Wie ſie ihn lockt mit ſüßem Sang. Wir aber wiſſen, falſche Schöne: Der Wahn iſt kurz, die Reue lang! Die Zigeunerin hob drohend den Zeigefinger gegen 209 ihren Widerſacher. Der Graf aber ſchien nicht zu hören, was er ſagte. Wort⸗ und faſt athemlos ſtand er vor ihr, die ſchönen, ſeltſam ſtrahlenden Augen auf ſie gerichtet, als ſollten ſie in ihr Innerſtes dringen. Eine Sekunde ſtanden ſie ſo, dann fuhr ſie leiſe fort: 5. Seht Ihr nun, Eures Herzens Mai war noch nicht da? Harrt aus noch eine Weile, er iſt nah! Graf(wie erwachend, haſtigh. Du irrſt! Zu ſpät! Was längſt begraben, Kann man nicht lebend wieder haben! Sibylle. Ich irre nicht, aus Gräbern eben Erblüht ein neues, beſſ'res Leben! Drum ſcheucht das Weh, das Euch geblieben K Vom trüben Lenz. Steht nicht geſchrieben: Geprüft, bewährt erſt ſei der Mann, Eh' ihm die Krone werden kann?* Oberſt(voll Spoth. 3 Die Krone eine Frau! Der Schöpfung ſchönſte Lüge⸗ Und nach der halboffenen Thür deutend, durch welche man die Geſtalt des Bräutigams im Saale ſehen konnte, fügte er noch hinzu:„Der da drüben macht morgen wohl auch ſeinen dümmſten Streich!“ Sibylle(uhig nach einer Pauſch. Ihr ſcheint nicht competent in dem Bereich, Ihr zeigt zu ſehr des Weiberfeindes Züge! 6 von Oben, Des Hauſes Eeftein. I. 14 Oberſt(wie oben). 35 Ich bins, weil Ihr falſch ſpielt, weil Ihr Euch Augen borgt! Sibylle(ebhaft). Und wer hat erſt das Miſchen und Vergeben klug beſorgt? Ich will's Euch ſagen, mögt Ihr's gnädigſt merken. Das Muſterwerk von allen Muſterwerken, Der ganzen Schöpfung Perle iſt die Frau— Zeus ſelber hat als ſolche ſie bezeichnet. Unſchuldig, reich begabt, mit Reiz geſchmückt, Vollendet, um das Ganze zu vollenden, Kam ſie aus ihres Meiſters Händen. Wer hat die Wahrheit dann in ihr erſtickt, Wer läßt den Carneval noch heut' nicht enden? Ihr ſelber, die Ihr Herr Euch nennt Und Euch ſelbſt nicht beherrſchen könnt! Oberſt. Ah! Das iſt neu und wirklich intreſſant! Fahr' fort! Sibylle. 4 Sogleich! Wie Euch bekannt, ind wir durch unſer Sein und Weſen angewieſen, Uns liebend an Euch Herren anzuſchließen, Wir ſollen Euch Gehülfin, um Euch ſein. Derweil habt Ihr Euch andern Göttern untereignet. Ihr fragt nicht, was wir ſind und werden ſollen, nein! Ihr tanzt ums goldne Bild. Was wird ſie haben, erben? Und dann vielleicht noch: Iſt ſie hübſch und jung? Das iſt die Loſung, die Entwürdigung Für Euch und uns bei Eurem heut'gen Werben. Oberſt(raſch). Der Vorwurf trifft uns nicht! 211 Sibylle(ruhig und ſanft). Nein, Euer ganz Geſchlecht! Und dort zu beſſern, iſt Euch jetzt geboten; Daß Ihr der gift'gen Frucht das Urtheil ſprecht, Hilft nichts! Ihr müßt bei Euch des Uebels Wurzel roden! Oberſt(nachdem er eine Weile in Gedanken geſtanden). Was Du nicht Alles weißt! Und dann? Sibylle(n einen leichtern Ton übergehendy. Nun Ihr das wißt, mögt Ihr Euch hüten, Noch ferner über uns den Stab zu brechen; Ich hab' geheime Macht, Euch Schach zu bieten: Ich kann die Liebe rufen, uns zu rächen. Oberſt. Du bauſt wohl insgeheim auf Zauberei? Sibylle(chalkhafth. Vielleicht, ſeid wach! (Zum Grafen, leiſer). Ich bau' auf Euren Mai! Seid Ihr beſeligt, wie ihm nimmer ahnt, Erwacht nach gleichem Loos auch ſein Verlangen. Oberſt. Ja, warte nur darauf, uns iſt's vergangen Das Seligwerden, juſt durch Eure Hand! Sibylle(Cittend zum Grafen, über deſſen Züge es wieder wie Schatten ſich legen will). Laßt Euch von ihm das Hoffen nicht verleiden! Oberſt(eftigh. † Ah, Sternenleſerin, wer war's vor Zeiten, Der um der Jugend Hoffen uns beſtahl? 2 Sibylle(ernſh. Das Eilende, dem Ihr Euch anvertraut, Ihr hattet, ſtatt auf Fels, ja nur auf Sand gebaut! Oberſt. Auf Sand? Sibylle(as Haupt bejahend neigend). Auf äuß're eitle Schönheit ganz allein! Darüber hattet Ihr das Weilende vergeſſen Und nicht gefragt, ob ſie es je beſeſſen, Ob ſie's beſitzen wolle, die auf Erden Doch Eures Lebens Leben ſollte werden. Graf(aufmerkſam). Das Weilende, was Du vorhin genannt— Wo aber blüht die Mädchenwunderblume, Die das in ſich vereinte allzumal? Oberſt. Auf daß wir nicht zu lange ſuchen müßten. * Sibylle. Es heißt bei Euch: Wer ſucht, wird finden! Doch dürft Ihr nicht nur in die Gärten blicken, Wo Tulpen glühn und ſchimmern, ſtolz und hohl, Und königliche Roſen dornenvoll. Wollt Euch auch nach der Wildniß Blumen bücken, Wo Veilchen im Stiefmutterkleide lauſcht, Wie es Euch ungeſehn mit ſüßem Duft berauſcht, Und dann das Lieblingsblümchen, blau gemalt, Das Euch den Himmel in die Augen ſtrahlt, Das ohne lautes Wort zum Herzen ſpricht, Das nie vergeſſende Vergißmeinnicht! Seht Euch nur um auf Höhen und in Gründen! Oberſt. Darüber ginge ſacht das Leben hin. Ah, Du biſt klug, wenn nur auch unſer Sinn So gläubig wäre, blind auf Dich zu bauen! Sibylle Gum Grafen, halblauh. Herr, denkt daran: Wer glaubt, ſoll ſchauen! Sie will gehen, der Graf hält ſie zurück. Noch nicht! Ich fange an, Dir zu vertrauen, Doch gib uns Antwort noch auf eine Frage: Wie zeigt ſolch Inn'res ſich von außen? Oberſt. Ja, das ſage! Sibylle(beide ein paar Augenblicke abwechſelnd mit einem eigen⸗ chümlichen klaren, halb ſchelmiſchen Blick betrachtend, dann langſam). Nicht ſchön vielleicht und dennoch ſchön, Man muß nur das zu ſehn verſtehn. Nicht reich vielleicht das Auge blendend, Doch unerſchöpflich Reichthum ſpendend, Vielleicht nicht höchſter Höh' entſtammt, Doch für das Höchſte ſtill entflammt, Vielleicht nicht in der erſten Jugend Kranz, Doch unverwelklich in der Jugend Glanz! Obe rſt(rollend). Zigeunerart egriffe zu verwirren! Graf. Hör' meinen Rath, daß wir nicht wieder irren. Ich weiß noch aus der Märchenzeit, der ſchönen, Daß gute Feen und Zauberinnen denen, Die ſie beſtimmt zu irgend einer That, „ Auch irgend einen Talisman verehrten 214 Ein äußerlich Erkennungszeichen lehrten, Damit ſie, was ſie ſuchten, ſicher fanden. Oberſt. Und nicht etwa in ihr Verderben rannten. 8 Sibylle um Grafen). Ich danke, Herr, für Euer Prädicat, Doch thut mir's leid, denn Ihr beliebt zu ſcherzen Und haltet, was ich ſagte, noch für Trug. Wär' ſonſt der Talisman Euch nicht genug, Der ſichre, den Ihr habt im eignen Herzen? Wo das ſich hingezogen fühlt, gebt Acht Und fragt nicht, ob im Hüttchen, ob am Throne, 3 Was Ihr hochachten müßt, was Euch beſeligt, wohne, Nur nach der Liebe reichem Brautſchatz fragt! Oberſt. Und wenn die Blümlein ihn zu haben ſcheinen Und wohl gar ſelbſt zu haben meinen? Wir müſſen ſondern können Schein von Sein. Graf. 6 Daß man des Wiſſens Gut nicht mdem Herzen zahle! Sibylle Gu ihm aufblickend). Es birgt ſich ſolcher Kern nicht in derſelben Schale, Indeß ſie würde, müßte, die Euch li So ziemlich Anti ſein von ihr, rübt. Oberſt. S Darin ſcheint Sinn zu liegen— leider Für uns zu tief! Wir bitten alſo: Weiter! Sibylle(ufs neue ſinnend, dann zum Grafen ſich wendend) So will ich denn Euch drei der Zeichen nennen, Daran Ihr möchtet Euer Du erkennen: 6 215 1 In deren Nähe es Dir Frieden weht, Als ob Dein Engel Dir zur Seite ſteht, † Sie, deren Wort und Laut Dir in die Seele dringt,— Daß drinnen jede Saite ſüß erklingt,—— 6 Und deren Haupt nicht Nacht iſt, ſondern Licht, 1 Sie iſt's, die Deinem Mai das Werde ſpricht. Sie will ſich zum Gehen wenden, der Graf hält ſie zurück.„Noch nicht!“ Er ſteht ſtil, als ob er das Gehörte ſich wieder⸗ hole, dann zieht er raſch von ſeinem kleinen Finger einen goldenen Ring, welchen ein kleiner Schlüſſel von 3 Brillanten ziert. Er reicht ihr denſelben. 5 Geſtatte, daß wir Dir ein Zeichen 3 Des Dankes noch beim Abſchied reichen! Sibylle Caſt erſchreckt, zurücktretend). Nicht das, o Herr! Der Ring hat hohen Werth! Graf. Viel höheren was wir von Dir gehört. 1 Wir bitten: Nimm! Ich miſſ' dafür ihn gern. Sibylle(wie vorhin, zurücktretend. 6 »Ich dennoch danken, Herr! Erlaubt. So) Stamm ſolch Kleinod achtet Und mi es zu gewinnen trachtet, Wenn Ihr mir lohnen wollt— ſo glaubt! Graf. An Dich? Sibylle. 6 — An mich Euch ſelbſt und Euren guten Stern! 216 Graf. Ich fange an— es iſt in meinem Innern Ein Etwas, eine Stimme, welche für Dich ſpricht. Vielleicht Dein Wort: Sibylle täuſcht Euch nicht! Und daran ſoll der Demant Dich erinnern. Er nimmt ihre Hand und legt den Ring hinein. i Oberſt(welcher ihm kopfſchüttelnd zugeſehen, halb luſtig und halb ärgerlich). Eein Ring, ein Schlüſſel— ominöſe Zwei Fn einer Hexe Hand. Sipyite(dem Grafen den Ring auf der flachen Hand hinhaltend gleichmüthig, faſt kindlich naiv). Bedenkt das, Herr! Oberſt(edeutſam). Ein Lieblingsring, das iſt nicht einerlei! Sibylle(aufmerkſan). Ein Lieblingsring? Sie wirft einen Blick auf die Hände des Grafen, an dem nun kein Ring mehr zu ſehen iſt. Dann 3 ſchließt ſie, wie einer plötzlichen Eingebung folgend, † die ihre, in welcher das Kleinod lieg zurück. 4₰ Ein Lieblingsring— das ändert die Gewähr Von Eurem Wunſche— ich erfüll' ihn jetzt. Will Euch den Ring bewahren, heilig halten. Was man geliebt, iſt nicht ſo leicht verſetzt, Ihr werdet keinen andern dafür tragen! Kommt unterdeß noch mancher Augenblick, Wo alle Zweifel Euch aufs neue faſſen, — 2 Als dürften ſie durchaus nicht von Euch laſſen, Wo die Erinn'rung mit der Hoffnung ringt Und die noch ſchwächere zum Weichen zwingt— Weiſt Ihr nicht ſelbſt ſie ernſt und feſt zurück, Dann ſoll des Rings verwaiſter Platz Euch ſagen, Daß ſich erfüllen kann, was Ihr geträumt, Wenn Ihr das Aufwärtsſchauen nicht verſäumt, Wenn Ihr vertrauen wollt dem ew'gen Walten! Sie hatte die letzten Worte leiſer geſprochen, wie nur für ihn. Ein momentanes Schweigen trat ein. Dann neigte ſie ſich anmuthig tief vor den beiden Herren. So lebt denn wohl! waf(ihr näher tretend). Bis wann? Sibylle Gnach kurzem Beſinnen, ihm den Ring zeigend). Bis Mai! Dann geb' ich Euch den Liebling frei. Sorgt ſelbſt, daß bald es mag geſchehn! Graf. Und ſonſt willſt Du auf immer von uns gehn? Sibylle(wieder nach kurzem Beſinnen). Nun, rufet, wann ich kommen ſoll! 6 Graf. Du wirſt es hören? Sibylle(raſch). Ueberall! Lebt wohl! Graf(hr die Hand reichend). Leb' wohl! Alſo: Auf Wiederſehn! B 218 Sie ging, die Blicke der Beiden folgten ihr. „Johanna geht und nimmer kehrt ſie wieder, mit ihr der Ring“, ſagte lachend, daß ihm die Thränen kamen, der Oberſt.„Und auf wie feine Weiſe hat ſie Dir ihn abgeſchwindelt.“ „Nicht doch“, verſetzte, ihr immer noch nachſchauend, der Graf,„nicht doch, es war mein eigener freier Wille. Sie iſt ſo ungewöhnlich.“ „Hier zu Lande, das iſt möglich! Sie ſcheint ein echt Zigeunerkind, ſcharfſinnig und ſcharfſichtig, kühn und kampfbereit und katzenartig immer wieder auf den Füßen, ſo oft man ſie auch wirft. Dazu der dunkle Blick.“ „Ich dächte, die Augen wären blau geweſen, ganz dunkelblau.“ „Nein, ſie hatten nur zuweilen blauen Glanz, wie das aſiatiſch ſchwarze Haar.“ „Ihr Weſen war ſo zart, ihr Ton ſo ſanft, und was ſie ſagte, klang ſo wahr“, entgegnete der Graf halb für ſich. 3 „Weil ſie an uns gemerkt, wenn ſie getroffen“ er⸗ widerte wieder lachend der Oberſt.„Ich ſage Dir, verfeinert echtes Blut oder—“ 6 Detlev, welcher ſchon ein Weilchen in der Thür geſtanden hatte, näherte ſich, zu melden, daß das Wetter ruhig und er zum Anſpannen bereit ſei. 219 „Schon gut, in zehn Minuten oder etwas mehr kann es weiter gehen, jetzt müſſen wir noch warten“, ſagte der Oberſt, ſich der Thür nähernd, durch welche die Zigeunerin verſchwunden war. „Weshalb noch warten?“ fragte der Graf. „Weil ich erſt wiſſen will, ob die braune Larve „ nicht etwa ein Antlitz verſteckt, welches uns kennt.“ Er öffnete den Eingang zum Saale. Der Anblick der jetzt ſehr lebendig ſich bewegenden Polterabendgeſellſchaft ſchien unangenehm auf den Grafen zu wirken. Er zog ſich nach dem andern Ausgange des Gemachs zurück. „So warte Du, ich gehe hinunter!“ ſagte er. „Du biſt nicht wißbegierig?“ „Nein!“ Der Oberſt ſchüttelte ſein lockiges Haupt. „Ein ſonderbarer Kauz! Ewig anders als wir Andern alle!“ „Was iſt da ſonderbar?“ „Die Larven ſind Dir lieber als ihr Dahinter.“ „Richtig und ſehr natürlich! Solange ſie mich um⸗ gaben, war mein Leben ſchön; als ſie gefallen waren, fürchterlich. Verdenkſt Du mir's? Ich will auch jetzt das Bild der Maske mit mir nehmen“ . 6u. 220 „So muß ich zur Erkenntniß mich allein bequemen“, entgegnete humoriſtiſch der Oberſt. Der Graf ging mit Detlev hinunter, der Oberſt miſchte ſich unter die Geſellſchaft. Er kam gerade recht, um zu ſehen, daß die braune Larve ein eigenthümlich nichtiges Machwerk und ihr Dahinter ein ihm auf den erſten Blick völlig unbekanntes ſei. Hernach ſah er nichts mehr von der Wahrſagerin. Sie war der Brennpunkt der Geſellſchaft geworden. Alles umringte, begrüßte ſie auf die herzlichſte Weiſe, am innigſten der Diakonus und ſeine Töchter. „Wer iſt die Zigeunerin?“ fragte er den nächſten 6 ältlichen Herrn. „Die Tochter des hieſigen Rectors.“ „Hier geboren und erzogen?“ „Dann kennt ſie uns nicht“ dachte der Oberſt.„Wer hat ſie unterrichtet?“ fragte er weiter. „Ihr Vater und ſie ſelbſt. Mit einem regen Geiſte, 1 hellem Verſtande und vortrefflichem Gedächtniß lernt man überall. Sie ſoll ſogar Lateiniſch verſtehen, ohne daß ſie Unterricht hatte.“ 2 „Ah, dann hat ſie auch uns verſtanden. Teufel, wer ſucht das hier!“ dachte wieder der Oberſt. „Auch hat ſie die Gabe, Andern in der Seele zu 221 leſen. Sie iſt eine echte Sibylle“ fuhr der Aufſchluß⸗ 6 geber fort. „Sonderbar!“ murmelte der Oberſt, während wun Sandor und Phädra den Schnee ſtampften, als wollten ſie den Säumigen rufen. Er dankte, empfahl ſich und ſtieg zu dem harrenden Grafen in den Wagen. . Ende des erſten Bandes. 3 Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Nene Romane aus dem Verlag von Frnſt Zulius Günther in Leipzig. Hirell, die Tochter des Calbiniſten. Roman von John Saunders. Verfaſſer von„Ibel Prake's wiſe“ Aus dem Engliſchen von A. Kretzſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Ein muthiges WAeib. Von der Verfaſſerin von„John Halifar“ Aus dem Engliſchen v on Sophie Verena. Autoriſirte Ansgabe. 3 Bände. gr. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Eine Erzählung von Edmund Hvefer. 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. Bei Ernſt Julins Günther in Peipzig ſoeben folgende neue Romane: tze und Krone. Roman in fünf Bänden von Hermann Schmid. § Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 4 Thlr. Die Erbgrafen. Hiſtoriſcher Roman von J. d.§. Temme. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr 20 Ngr. Runderliche ceute. Humoriſtiſcher Roman von Hermann Helſchläger. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 1 iſſſ 12 1 5 16 10 1 9 S ——