deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und geſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe n welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für hchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Er hatte ſeiner Mutter offen ſeine Neigung geſtanden und ſie dieſes Geſtändniß wie etwas Bekanntes auf⸗ genommen, ihm auch freundliche Vorwürfe wegen ſeines Mangels an Vertrauen gemacht. Dann, um zu be⸗ weiſen, wie ſie deſſelben würdig ſei, erbot ſie ſich für die Zukunft zum Poſtillon d'Amour, da ſie in der Mitte von Johanna's und Hermann's künftigen Wohnorten blieb und ihm alſo ſo viel näher wie Johanna. Auch war anzunehmen, daß Hermann ſeine Heimat zuweilen von Oben, Des Hauſes Eckſtein. II. 1 in Geſchäften berühren werde, während Manuel's neues Domicil ganz aus dem Striche lag. Sie mußte über⸗ haupt und beſonders aus den vorigen Gründen eher wiſſen, wo ihr Sohn ſei und wohin die Correſpondenz gehen müſſe, als die abgelegenen Manuels, und zuletzt forderte ſie die Erfüllung dieſes Anerbietens geradezu als Genugthuung für ſich und das bisher verſäumte Vertrauen. Sie fügte hinzu, daß ſie dabei allerdings noch die Nebenabſicht habe, eher eine Nachricht für ſich von ihrer Schweſter zu bekommen, daß dieſelbe aber Niemand ſchaden und er ihr alſo um ſo eher ihren Wunſch erfüllen werde. Hermann fand keinen Grund, nein zu ſagen, reiſte froh und zufrieden ab und kam im wahren Sinne des Wortes glücklich bei Johanna an. Er fand auch keinen Grund, vor ihren Aeltern ein. Hehl aus ſeiner Liebe zu machen. Er ſagte der Tante Ulrike offen, was ihn ſchon wieder hergeführt, er er⸗ zählte Johanna von dem Uebereinkommen mit ſeiner Mutter und ſprach mit dem Onkel, welchen er ſehr liebte, über ſeine Pläne für die Zukunft. Da war es zuerſt beſprochen geweſen, mit van Jven ein Compagniegeſchäft zu errichten. Weil derſelbe aber zu einem Onkel nach Amerika beſchieden war, welchen er beerben ſollte, mußte dieſer Plan auf ungewiſſe Zeit ſiſtirt werden. — 3 Ferner war ein Verwandter von ſeiten ſeines Va⸗ ters gewillt, ſein Kapital mit Hermann zu wagen, ſobald derſelbe ſich die nöthige Kenntniß, Einſicht und Erfahrung angeeignet haben werde, und zu dieſem Behufe ging er eben weiter in ein bedeutenderes Hand⸗ lungshaus. Mit großem Vergnügen malte er ſich mit Manuel aus, wenn er ſelbſtſtändig ſein, ſich den eigenen Herd gegründet haben werde, und wie ihn dann der Onkel recht oft beſuchen müſſe. „Wie wollen wir Dich dann hätſcheln und Dir's behaglich machen, ich und Johanna!“ ſchloß der junge Mann freudig erregt. „Ich glaube Dir, Hermann, und weil ich Dich lieb habe und achte, weil Du mein Vertrauen beſitzeſt, kenne ich keinen größern Wunſch, als mein liebes Kind in Deine Hand zu geben. Gerade darum muß ich Dich aber auch aufmerkſam machen, daß Johanna's Mitgift ſehr unbedeutend ſein wird, was mir um Deinetwillen ſehr leid thut, ſich aber nicht ändern läßt. Es wird jetzt, beſonders in der Geſchäftswelt, Mode, auf Geld zu ſehen, darum halte ich es für meine Pflicht, Dir das zu ſagen.“ Sie ſtanden am Fenſter, welches in den Garten ging; unten ſchnitt Johanna geſchäftig grüne Suppen⸗ kränter ab. Hermann legte dem Onkel die Rechte auf . 15 4 die Schulter, faßte mit der Linken den aufgeſchlagenen Dichter, in welchem er vorhin geblättert hatte, und damit hinunter nach Johanna deutend, las er als Ant⸗ wort auf des Onkels Worte die vor, welche da gedruckt ſtanden: Immer niedlich, immer heiter, Immer lieblich und ſo weiter, Stets natürlich, aber klug, Nun, das, dächt' ich, wär' genug! Es war Hermann's Herzensmeinung; er hatte noch keine Ahnung, daß eine Zeit kommen werde, wo Alles, was Johanna an derartigen Gütern beſaß, nicht genug ſein werde. Er ſagte ihr noch beim Abſchiede, daß er raſtlos lernen und ſtreben wolle, die Zeit bald herbeizuführen, wo ſie ſich nicht mehr trennen würden. Er ſchrieb oft, konnte nicht erwarten, bis ihre Antwort kam, ſandte ihr Noten, Bücher und andere bedeutungsvolle kleine Geſchenke, und als er die neue Stellung angetreten hatte, bekam Frau Lesnau wirklich von ihrer Schweſter Ulrike zuweilen ein paar Zeilen beigelegt, von Jo⸗ hanna faſt allemal und auch von dem„Herrn Schwager“ öfter ein paar artige, launige oder herzliche Worte. Die neue Lebenshoffnung hatte dieſem alle vorher⸗ geſehenen und unvorhergeſehenen ſchmerzlichen Eindrücke des Losreißens von Allem, was ihm theuer war, 5 erleichtert und gemildert; an ſeines Kindes Glück hatte er ſich aufgerichtet, wenn es ihm faſt zu ſchwer werden wollte, Abſchied von denen zu nehmen, welche mit ſo aufrichtiger Liebe an ihm hingen und ihn um jeden Preis feſtzuhalten ſuchten. Als endlich Alles vorüber war, wußte Manuel erſt genau, wie viel ihm die Zu⸗ friedenheit ſeiner Frau koſtete. Nach Jahr und Tag ſitzt er wieder in ſeinem Studirſtübchen in der Stadt, die Hände über das Ge⸗ ſicht gedeckt. Als er ſie wegthut, iſt er verfallen wie ein Sterbender, er hat ein Geſicht, ein Geſpenſt geſehen— Ulrike, wie ſie mit entſetzlicher Conſequenz ſich gleich bleibt, wie ſie die Ausſprüche ſeines Vaters und Vetters: „Sie wird nicht anders!— Sie will nicht“, glänzend rechtfertigt. Bei dieſer Erkenntniß bricht Manuel innerlich zu⸗ ſammen, ſie lähmt, zerſchmettert, vernichtet ihn. Was hatte man hingegeben, was eingetauſcht, woran man nicht gedacht, wie er ihr prophetiſch bemerkt hatte, als ſie die Verſetzung als Preis des Friedens hinſtellte! Die Gegend war kahl, ohne Reiz, das Waſſer hart, grünlich, bitterlich, die Luft rauher, die meiſten Lebens⸗ bedürfniſſe theurer und ſchlechter, weil nicht aus erſter Hand beziehbar. Auf dem Dorfe hatte man dem Herrn Pfarrer allemal reichlich und gut für ſein Geld und 6 oft auch ohne daſſelbe, als Geſchenk, das Beſte gegeben, hier fragte kein Menſch darnach und ſie mußten ſich mehr einrichten, mehr entbehren, um auszukommen, als dort, wo ſie weniger baare Einnahme hatten. Die Wohnung lag nach Norden, war daher den größten Theil des Jahres ſonnenlos, alſo kalt; Garten und Ausſicht fehlten, denn über der Straße drüben richteten ſich die Häuſer noch höher auf als die Pfarre ſelbſt. Wie unbehaglich fühlten ſich alle in der ungewohnten, ungeſunden Wohnung, wie ſchwer konnten ſie einge⸗ wohnen! Die mit Rauch und Dünſten aller Art ver⸗ ſetzte Stadtluft lag ſchwer auf Manuel's ſchon ange⸗ griffener Bruſt, der Lärm, das Rennen, Fahren, Raſſeln, Summen und Schreien that ſeinem feinen Gehör weh, erſchwerte ihm das Studiren, ſcheuchte den Schlaf, den er hier ohnedies ſchwerer fand und ſpäter ſuchen konnte, weil es in der Stadt ſo Brauch iſt. Alles das und noch manches Andere, die veränderte Koſt und com⸗ plicirte Lebensweiſe überhaupt wirkten nachtheilig auf des Pfarrers ſchon erſchütterte Geſundheit, auf ſeinen feinen, empfindlichen Organismus. Klagte doch ſelbſt Ulrike bald über Kopf⸗, bald über Nerven⸗, bald über anderes Weh. Freilich war daran bald dies, bald jenes ſchuld, ſie hatte ja wieder ſoviel gefunden, was ſie ärgerte; aber daß man in der Stadt war, war ſehr — gut, ſchon weil man den Arzt gleich zur Hand hatte. Auch Johanna hatte ſich zu ihrem Vortheil verändert, war geſetzt worden. Die fröhlichen Lieder waren ver⸗ klungen, ſtill wie ein Geiſt ging ſie im Hauſe umher, als ſuche ſie etwas. Ihr fehlte der helle Himmel, das Grün der Bäume, das treuherzige Begegnen der Men⸗ ſchen, ſie fühlte ein unſagbares Heimweh nach Allem, was ſie verlaſſen. Am ſichtbarſten aber empfand Cäcilie, die zarte Pflanze, alle geſundheitlichen Nachtheile des Stadtlebens und dieſes Wechſels überhaupt. Zuerſt konnte die Paſtorin auch hier nur Beſſeres ſehen. Cäci⸗ liens Haut war rein, ihr Auge glänzte, ihre Wangen zeigten zuweilen eine feine hohe Röthe, wie gemalt. „Wie ſchön ſie wird“, dachte die Paſtorin. Daß das Alles eine ſehr gefährliche Schönheit, der Uebergang zum gänzlichen Welken ſei, daran dachte ſie nicht, bis es eben ſichtbar ward. Cäcilie ward bläſſer, reizbarer, matter, ihre Haltung gebückter, ein bedenklicher Huſten ſtellte ſich ein, der Athem war kurz— die beiden conſultirten Aerzte gaben nicht viel Hoffnung. Und dazu kein bekanntes Geſicht, kein heimiſcher Laut. Wie freuten ſich alle, als der Student Max in die Ferien kam und noch zwei Commilitonen mitbrachte, welche zwar zu Ulrikens Beruhigung nur einige Tage blieben, aber doch einen friſchen Luftzug in die ſchwüle Atmoſphäre des Pfarr⸗ hauſes brachten, welcher ſelbſt Cäcilie angenehm anwehte, belebte und ſie ihre Leiden vergeſſen ließ, ſoweit das möglich war. Der eine war ein großer, blühendfriſcher junger Hekonom, der andere ein hinreißend intereſſanter Natur⸗ forſcher mit langem braunem Haar, einem regelmäßig und edel geformten, etwas blaſſen Geſicht mit großen, dunkelgrauen, eigenthümlichen Forſcheraugen, bald ernſt ſinnend, bald voll Laune und Uebermuth. Als er ein⸗ mal, von einer Streiferei durch die Stadt ſehr heiter zurückkehrend, dem Pfarrer begegnete, welcher einem Todten das letzte Geleit gab, ward er ſofort tief ernſt, nahm ſeinen mit einer Roſe geſchmückten runden Strohhut unter den Arm und ſchloß ſich ſtill dem düſtern Zuge an. Dem Pfarrer hatte das ſehr ge⸗ fallen. Am letzten Nachmittag ſaßen die Zwei unter dem einzigen Baume des kleinen Hofes und ſprachen von Johanna, als Madame Riemer in die Hausflur trat und den fremden Stimmen lauſchend ſtehen blieb. „Ich wollte, wir könnten öfter hierher kommen“ ſagte der HDekonom.„Der Paſtor iſt ein prächtiger Mann und Johanna, ſeine Tochter— ich glaube, ich kann ſie nicht wieder vergeſſen.“ „Hm, was gefällt Dir ſo ſehr an ihr?“ fragte mit ————— 5 ſeinem forſchenden Blicke der Andere, während er den Kopf auf beide Hände ſtützte. „Nun, ihre Häuslichkeit, ihre weiblichen Tugenden, das Raſche, Fürſorgliche, Thätige ihres Weſens. Meine Mutter ſagt mir immer, daß ich einmal darauf ſehen ſoll, daß alle dieſe Eigenſchaften, vorzüglich ein gutes Denkvermögen und Ueberblick, in kder Wirthſchaft un⸗ erlaßlich ſeien.“ „So“ ſagte der forſchende Gelehrte gedehnt. „Ja“ erwiderte der erſtere munter.„Haſt Du etwas dagegen einzuwenden?“ „Allerdings, und zwar ſehr viel. Auch ich habe das junge Mädchen in mein Herz geſchloſſen, hörſt Du? Ins Herz, nicht in den Verſtand.“ Er ſaß auf einmal kerzengerade da. Der Andere lachte.* „Lache nur“ fing der angehende Naturforſcher wieder an,„lache nur, die Sache iſt doch ernſt. Du Erden⸗ wurm liebſt das Praktiſche, ich das Poetiſche an ihr; ich ſchwärme für ihr beſſeres Theil, mein Gefühl iſt reiner, tiefer als das Deine. Willſt Du den Kampf mit mir aufnehmen?“ „Gewiß, denn es wird doch hauptſächlich darauf ankommen, wer ihr am beſten gefällt.“ „Das wird es, aber wenn ich ſelbſt nicht ihr Herz 10 gewinnen könnte, welches ja auch ſchon vergeben ſein. kann, ſo werde ich mich doch als ihr Freund und Ritter zu behaupten wiſſen und nicht dulden, daß dieſes ſeltene Blümchen ohne weiteres dahin verpflanzt wird, wo es nur nützen ſoll.“ Hier war Madame Riemer im Hauſe von der Pa⸗ ſtorin entdeckt und dadurch das Geſpräch unterbrochen worden. Die beiden Studenten erſchienen in der Thür, zu ſehen, was es gebe, wurden vorgeſtellt und erregten ſo großes Wohlgefallen bei dem neuen Beſuche, daß Madame Riemer auch den Abend dablieb. Sie wollte bald wieder in die gemeinſchaftliche Heimat der Paſtorin reiſen und erbot ſich zu Aufträgen an die dortigen Verwandten. Ferner brachte ſie Grüße aus der vom Pfarrer verlaſſenen Gegend, erzählte Neuigkeiten und darunter, als Johanna einmal hinausgegangen war, auch die, daß der Calculator ihres Wohnortes geklagt, wie ſchmerzlich ihm der Ausgang nach der Pfarre von A. jetzt fehle; wie er denſelben nur als eine liebe Ge⸗ wohnheit betrachtet, weil der Pfarrer ſein alter Freund ſei, wie aber nun auch die Kinder und beſonders Jo⸗ hanna ihm ans Herz gewachſen wären, wie er ſich ganz vereinſamt fühle und, trotzdem daß er als angehender Hageſtolz gelte, ſich doch zum Gegentheil entſchlie⸗ ßen könnte, wenn Johanna ſeine Gefährtin zu werden —— — * 11 ſich entſchließen würde. Die Wirkung dieſer Neuigkeit war eine ſehr verſchiedene. Der Pfarrer lächelte un⸗ gläubig, Max und Cäcilie lachten leiſe; Ulrike, welche Johanna eigentlich jetzt gar nicht entbehren konnte, bei welcher aber trotzddem das Loswerden ſtereotyp ge⸗ worden war, horchte geſpannt auf Madame Riemer's Worte und die beiden Studioſen ebenfalls, aber aus ganz entgegengeſetzten Gründen. Dem Naturforſcher war es ſehr unangenehm, zu erfahren, daß noch einer in der Nähe ſei, welcher das ſeltene Blümchen erkannt hatte und darauf reflectirte. Der Andere gönnte ihm dieſe fatale Ueberraſchung noch am letzten Abend, beide aber wetteiferten in Aufmerk⸗ ſamkeiten gegen das junge Mädchen, alſo daß Madame Riemer viel erzählen konnte, als ſie ſpäter die Regie⸗ rungsſecretärin Lesnau beſuchte. Dieſe intereſſirte ſich auffallend für das, was die Kameraden Maxens betraf, und ſo oft auch Madame Riemer etwas Anderes unfing, immer kam Frau Lesnau wieder darauf zurück. Sonderbarerweiſe fragte ſie auch nicht, wie Johanna ſich dabei verhalten habe, ſondern ließ ſich nur immer wiederholen, was die jungen Herren geſagt und gethan hatten. Die Paſtorin, welche beim Abſchied Madame Riemer noch einmal gefragt hatte, ob die Erzählung von wegen 12 des Calculators Scherz oder mehr ſei, hatte unterdeß mit ihrem Manne darüber geſprochen und geäußert: „Ich dächte, wir gäben ihm das Mädchen; es iſt eine Verſorgung, wie ſie vielleicht nicht wiederkommt, und ich hätte manchen Aerger weniger; ſie macht ja Alles anders wie ich.“ Manuel ſah ſeine Frau erſtaunt an und ſagte dann nur, mit der ihm eigenen Selbſtbeherrſchung ſie weiter fixirend:„Du könnteſt im Ernſte daran denken, da Du doch weißt, daß ſie Hermann liebt und er ſie? Haſt Dus nicht ſelbſt erſt gebilligt?“ „Ja doch“, verſetzte ſie ungeduldig,„ja doch! Wenn aber einer kommt, der eher heirathen kann, dann müſſen ſolche Kindereien in den Hintergrund treten. Ich finde es überhaupt ſehr lächerlich von Dir altem Mann, daß Du Dir einbildeſt, es könne daraus eine Partie werden. Meine Schweſter hat ganz andere Ideen mit ihrem Sohne, und ich verdenke ihr's nicht.“ „Wirklich?“ fragte er mit rzwungener Ruhe. „Wirklich. Es würde mir auch nicht gefallen, wenn Max für alle Opfer und Koſten, die man an ihn ge⸗ wendet, eine arme, unbedeutende Dovfpaſtorstocher bringen wollte.“ „Nun, glücklicherweiſe ſcheint der Neffe hier weniger ins mütterliche Geſchlecht zu gehören als in das ſeines —,— 13 rechtlichen Vaters. Ich habe ihm Alles zu bedenken gegeben und er hat mir immer geantwortet wie ein Mann von Ehre.“ „Das war, ſolange er bei Dir war; meine Schwe⸗ ſter wird ſchon durchſetzen, daß ſich das ändert.“ „Das müſſen wir doch erſt abwarten“ ſagte der Pfarrer, obſchon er dieſes Durchſetzen aus eigener Er⸗ fahrung kannte. Frau Lesnau war auch wirklich ſchon activ. Sie hatte einen geſcheidten Einfall gehabt, nämlich den, einfach die Briefe zu unterſchlagen, welche ihr Sohn und Johanna ihr vertrauensvoll zur Weiterbeför⸗ derung überſandten. Auf dieſe Weiſe wußten ſie nicht, wer zuletzt geſchrieben hatte, wer die Antwort ſchuldig geblieben war. Als Mutter glaubte ſie ſich das erlauben zu können, es geſchah ja zu Hermann's Beſtem! Wenn dem Vater von Frau Lesnau, dem alten redlichen Regierungsrath, ein ztelungenes Unrecht, eine ſogenannte moderne Klugheit in Ohren kam, hatte er immer gefragt:„Aber wo bleibt das Gewiſſen?“ Wie kam es doch, das ſeine Töchter dieſe Frage ſo ſelten aufwarfen, daß Frau Lesnau ihren geſcheidten Einfall hinſichtlich des mißbrauchten Vertrauens ſo ohne Gewiſſen in Scene ſetzte? 14 Zum erſten Male, ſeit ſie ſich ſchrieben, hatte Johanna ungewöhnlich lange keine Antwort von Hermann auf ihren letzten Brief bekommen. Als ihr's gar zu lange ward, ſchrieb ſie einen zweiten und bat zugleich auch die Tante um Nachricht über ihn. Nach wieder ge⸗ raumer Zeit antwortete dieſe allein, daß ſie ſelbſt von ihrem Sohne ſelten Briefe bekäme, weil er viel zu thun und keine Zeit habe zu dergleichen Jugendbeſchäf⸗ tigungen. Uebrigens befinde er ſich wohl. Johanna, welche gefürchtet, er könne krank ſein, beruhigte ſich vorläufig dabei und dachte daran, daß er ihr geſagt hatte, er wolle raſtlos lernen und ſtreben. Indeß kam die rauhere Jahreszeit herbei und mit ihr eine bedeutende Verſchlimmerung in Cäciliens Zuſtand. Sie fror immer, ward kleiner, ſtatt größer, und blieb endlich ganz liegen. Als nach Weihnachten die Tage länger wurden und der Schnee zum erſten Male ſchmolz, hatte ſie ausgekämpft. Die Paſtorin geberd ſich gls wolle ſie ſich ſelbſt mit ins Grab legen, f lief uher nichtsdeſtoweniger in der folgenden Nacht ſo kuhig wie in der, in welcher Cäcilie geſtorben war, bewacht und geſtützt vom Vater, Jo⸗ hanna und dem Vetter Mediciner, welchen der Pfarrer dringend um ſeinen Beſuch gebeten hatte, weil die Kranke ſo ſehnlich nach ihm verlangt. Sie hatte ſich 15 ja ſo viel wohler gefühlt, als er ſie noch behandelte, ſie hatte nie ſolche Athemnoth gehabt wie jetzt. Der Arzt war gekommen und mit ihm Cäciliens letzte Freude auf Erden. In der Hoffnung, daß er ihr helfen werde, war ſie hinübergegangen, er hatte ihr das Sterben erleichtert. Als die Paſtorin am Tage nach der ruhig ver⸗ ſchlafenen Nacht wieder anfing, über den Verluſt zu klagen und in rückſichtsloſer Weiſe in Johanna's Ge⸗ genwart betonte, wie tückiſch vom Schickſal es ſei, daß gerade die Schöne habe ſterben müſſen, konnte der Arzt ſich nicht enthalten, ihr ebenſo rückſichtslos zu erwidern, daß das ihr Werk ſei, indem ſie die Verſetzung er⸗ zwungen habe.„Ich hatte Sie ja auf das Gefährliche einer ſolchen Veränderung für das zarte Kind auf⸗ merkſam gemacht“ ſchloß er hart.„Es iſt nun ſo ge⸗ kommen, wie xich gefürchtet; die Skropheln haben ſich von der Haut auf einen edeln innern Theil gewor⸗ fen und ſo den Tod herbeigeführt. Es war unver⸗ zeihlich, daß Sie da nicht bleiben wollten, wo Andere es ſich Geld und Mühe koſten laſſen, um wenigſtens einen kleinen Theil des Jahres die herrliche, geſunde Luft zu athmen.“ „Es leben ſo viele Menſchen hier, ich habe es Ihnen ſchon damals geantwortet“, ſagte ſie gereizt. 16 „Ich weiß es noch“ erwiderte er trocken. „Nun, obgleich Sie zur Freundſchaft gehören, wie man auf dem Dorfe ſagt, ſind Sie doch ſehr wenig mein Freund geweſen und dürfen darum nicht denken, daß Ihre Worte bei mir blinden Glauben finden.“ „Iſt auch gar nicht nöthig; ich werde Ihnen be⸗ weiſen, was ich ſagte, und zwar in Gegenwart der beiden hieſigen Doctoren.“ Ulrike that Einſpruch, aber ehe ſie am andern Morgen aufſtand, war die Section geſchehen. Die ganze Lunge war voll eiternder Knötchen. Der Pfarrer war ſtill, ihm war, als ob er ſeinem Kinde folgen werde. Der Gedanke hatte nichts Er⸗ ſchreckendes für ihn; ſein Haus war beſtellt, ſein Tod löſte alle Conflicte. Ulrike bekam die„ſauer verdiente“ Wittwenpenſion, konnte für ſich ſein und ihr köſtliches Leben führen. Max war nach beendetem Studium vom Vetter Doctor als Hülfsarzt engagirt und Johanna hatte ihre Liebe zu Hermann und ihre Hoffnung auf ihn, ſie konnte noch glücklich werden und glücklich ma⸗ chen. War auch die Correſpondenz ins Stocken ge— kommen, ſo zweifelte er doch keinen Augenblick an der Lauterkeit von Hermann's Geſinnung und der Ehren⸗ haftigkeit ſeines Charakters. Als er ſein Ende nahen fühlte, ſchrieb er ſeinen — ſ letzten Brief auf Erden— an Hermann. Er ſagte ihm Lebewohl, dankte ihm für die Freude, welche er an ihm gehabt, für die Liebe, welche er Johanna bewieſen, und bat, ſie in ihrem Schmerze nicht zu verlaſſen, ihr min⸗ deſtens Freund und Bruder zu bleiben, wenn, wie es jetzt den Anſchein habe, ihm nicht mehr geſtattet ſei. Da er ihn nun nicht hienieden, wie verabredet, beſuchen könne, ſolle ihn ſein liebſter Neffe wenigſtens den Troſt mit auf den Weg nehmen laſſen, daß ſeine letzte Bitte an ihn keine Fehlbitte geweſen ſei. Natürlich bekam Hermann dieſe rührenden und er⸗ greifenden letzten Zeilen des Paſtors ebenſo wenig, wie er Johanna's letzte Briefe, wie ſie die ſeinigen erhalten hatte. Der erſte Schritt war gethan und zog wie allemal die andern nach ſich. Als Hermann durch zweite oder dritte Hand den Tod des Pfarrers erfuhr, war er tief ergriffen und ſein Erſtgefühl, ſelbſt zu Johanna zu eilen. Sie hatte freilich ſeine letzten Briefe unbeantwortet gelaſſen, ſie war ihm untreu geworden. Auf ſeine Fragen nach ihr oder ihrer Antwort hatte ſeine Mutter ihm be⸗ richtet, daß an dieſen Schweigen wohl andere Anbeter ſchuld ſein würden, wie ſie aus guter Quelle erfahren; ſie hatte ihm in paſſender Färbung erzählt, was ſie von Madame Riemer wußte. Trotzdem war ihm wieder⸗ von Oben, Des Hauſes Ecſtein. II. 2 18 verſchaffen, und jetzt gab es eine Gelegenheit, welche ſeinem Stolze nichts vergab; er konnte fragen, ob er den zwei hinterlaſſenen Verwandten nützlich ſein könne. Vielleicht hätte er der Stimme ſeines Herzens ohne Säumen gehorcht, wenn nicht mit ihm ſelbſt eine große Veränderung vorgegangen geweſen wäre. Er war in das ſehr große Geſchäftshaus der ſehr großen Stadt gekommen. Die glänzende, betäubende, ſchein⸗ reiche Atmoſphäre des ſteinreichen Hauſes hatte den ihm von der Mutter angeerbten Sinn für Glanz und nobles Auftreten mit rapider Schnelligkeit zur Blüte gebracht; der Chef des Hauſes ſtellte ſeinen jungen Leuten ſelbſt den Grundſatz auf: Was gemacht werden kann, muß gemacht werden, und die jungen Leute, Her⸗ mann's tägliche Geſellſchafter, legten Hieſen Satz dahin aus: Vor allem muß man eine reiche Heirath machen, da iſt man auf die chnellſte und bequemſte Weiſe ein gemachter Mann. So fing Hermann mehr und mehr an, vielleicht ihm ſelbſt unbewußt, mit ſeiner Umgebung dem Zeitgeiſt zu huldigen, und ſeine Mutter operirte auf dem neuen Anbau klüglich weiter. Sie ſtachelte ſeinen Stolz auf und verhinderte damit, daß er ſich direct an Johanna oder ihren Vater wandte, und als holt der Gedanke gekommen, ſich direct Aufſchluß zu —vꝰ————— 15 er jetzt gar ſelbſt hin wollte, trat ſie ihm entſchieden entgegen. „Ein guter Geſchäftsmann muß die glücklichen Chancen benutzen und eine ſolche iſt der Tod des Onkels für Dich. Um ſeinetwillen wäre es ſchwierig geweſen, Dich von jener Jugendliebe, ſagen wir Ingendverirrung, loszumachen. Jetzt iſt es leicht und ich bemerke Dir, daß ich eine ganz andere Wahl von Dir etwarte und zu erwarten auch berechtigt bin. Warum willſt Du weniger Anſprüche machen als andere junge Männer, die Dir perſönlich und ſonſt nachſtehen? Iſt nicht an Dich ebenſo viel gewendet worden wie an ſie? Und wozu hätteſt Du Dich in der Welt umgeſehen, wenn Du nicht benutzen willſt, was Du da gelernt haſt? Du biſt aus guter Familie und von ſeiten Deines Vaters nicht arm, denn er ſoll hübſch geſammelt haben. Ich wüßte hier wele hübſche und reiche Mädchen, wo Du anklopfen kannſt. Mein Vermögen iſt größtentheils für Eure Erziehung draufgegangen und Louiſens Partie nicht ſo ausgefallen, wie ich wünſchte. Du biſt es alſo, auf dem meine Hoffnung ſteht, Du mußt mir ein ſorgenfreies Alter bereiten, und das geht nur mit einer reichen Frau.“ Hermann war nachdenkend und ſchwankend geworden. Seine Mutter fuhr fort: 2½ — ů ůÜ‧“˖·ů‧˙ ˙“˙ ˙ ů˖Ü˖ů 20 „Wenn Du jetzt zu meiner Schweſter kommſt, gibt es eine fatale Situation. Willſt Du wieder anbinden? Das wäre eine Thorheit; man muß in der wichtigſten Lebensfrage ſich nicht von einem augenblicklichen Gefühl beſtimmen laſſen, wie zum Beiſpiel das Mitleid iſt; und willſt Du nicht wieder anknüpfen, was einmal zerriſſen iſt, ſo kommſt Du in eine ſchiefe Lage. Sie haben dort Verwandte von des Paſtors Seite, den Doctor zum Beiſpiel, der wird ſich ihrer ſchon an⸗ nehmen. Sodann glaube ich, daß meine Schweſter hierher ziehen wird— es war ja immer ihr Wunſch— dann haſt Du es viel leichter, Dich zu vrientiren und ihnen gefällig zu ſein. Bleibe alſo ruhig da und über⸗ ſtürze nichts, ich meine es ja nur gut. Wir ſchreiben jetzt und verſichern unſere Theilnahme, was Du, weil Du gerade ſo weit fort warſt, auch für Cäcilie noch ſchuldeſt. Alles Weitere findet ſich ſpäter.“ Hermann und ſeine Mutter ſchrieben alſo an Jo⸗ hanna und ihre Mutter. Endlich wieder die zierlich flüchtigen Schriftzüge, welche ſo lange nicht zu ſehen geweſen waren, und doch wünſchte Johanna, ſie nicht erhalten zu haben. Dieſe letzten Zeilen Her⸗ 6 mann's erinnerten ſie an ſeine erſten und übertrafen dieſelben noch. Dieſe gemeſſenen, vorſichtig geſuchten Worte ſchnitten wie ein letztes Lebewohl in Johanna's 21 Seele. Was hatte ſie verſchuldet, daß er jetzt ſo von ihr Abſchied nahm? „Da haben wir's“, ſagte die Paſtorin rauh und bitter.„Da haben wir's! Ich habe ja immer geſagt, es wird nichts aus der Liebesgeſchichte, die haben an⸗ dere Ideen. Das wäre mir ein Brief von einem Geliebten zu ſolcher Zeit! Ich wollte wirklich, Dein Vater lebte noch, blos damit ich ihm beweiſen könnte, daß ich Recht hatte!“ Aus Johanna's Augen fielen Thränen auf die Worte, welche ihr ſo weh gethan, und begannen ſie zu verlöſchen. „Und meine Frau Schweſter iſt auch noch ertra gegen mich ungezogen“, fuhr die Paſtorin zornig fort. „Statt daß ſie uns einladen ſollten, hineinzuziehen, und ſich freuen, daß dieſer Wunſch mir nun erfüllt werden kann ſtatt deſſen kann man zwiſchen jeder Zeile leſen, daß ſie das nicht wollen, daß ſie es eher hindern als fördern möchten. Eine ſchöne Verwandtſchaft! Aber wartet nur!“ Als die Gnadenfriſt der Wittwe um war in der Stadt, wo ſie Mann und Kind begraben, zog Ulrike wieder zurück in die erſt ſo mißachtete Gegend wo ſie durchaus nicht hatte bleiben können, in das Städtchen, wo Madame Riemer wohnte, welches A. doch zunächſt 22 lag. Ob ſie an den Calculator dachte? Ja, ſie wollte, wenn ſie Johanna los und endlich allein war, aber erſt dann, gerade nach Argen ziehen und den Teufel drum fragen. Mit welchen Gefühlen betrat Johanna die Heimat wieder, wo ſie die Tage der Kindheit, ihre glücklichſten Stunden verlebt, ihres Lebens Traum geträumt und Alles noch beſeſſen hatte, was ihr jetzt verloren war: die Schweſter, den Vater, ihren beſten Freund und Ver⸗ trauten, und Hermann, Hermann, welcher den Frieden ihres Herzens geſtört, ſie die Liebe kennen gelehrt und dann ſich von ihr gewendet hatte, ohne ſie ahnen zu laſſen, warum, ohne zu fragen: Wie wirſt Du es tra⸗ gen? Das war's, was ſo ſchneidend ihr Inneres traf, daß er, wenn er ihr irgend eine Schuld beimaß, ihr nicht gönnte, ſich zu rechtfertigen, und wenn er ge⸗ zwungen war, ſie fallen zu laſſen, ihr nicht offen ſagte: Darum muß es ſein. Er konnte ſie ja viel leichter direct finden, wie ſie ihn, und doch überließ er ſie der quälenden Ungewißheit. Eins aber fand Johanna noch, wie ſie es verlaſſen, das war das herzliche und theilnehmende Begegnen der Dörfler. Jeder begrüßte ſie freundlich, jeder drückte ihr die Hand, jeder wollte ſie in ſein Haus haben; wie wohlthuend war dieſes Wiederſehen! Nur in einem Hauſe empfing man ſie in rauher Weiſe, aber die es thaten, wußten es nicht. Johanna wollte den älteſten Bauer des Dorfes be⸗ ſuchen, der ihnen beſonders zugethan geweſen war, als ſie in der Hausflur ſchon ihren Namen nennen hörte und unwillkürlich ſtehen blieb. „Ja“, ſagte der Alte drinnen,„wir hätten unſern Manuel noch lange haben können, wenn er die Frau nicht gehabt hätte. Ach, ach—“ „Ja“ ſagte ein Anderer,„unſere weltliche Gerechtig⸗ keit iſt doch ſehr kurzarmig. Eine Frau, die ihren Ver⸗ ſtand hat und doch ihren Mann buchſtäblich todt ärgert, die iſt eben nicht beſſer als eine, die ihn vergiftet, und doch wird nur dieſe geſtraft, die Andere geht frei herum.“ Die Beiden ſprachen noch weiter, Johanna aber ent⸗ floh, ſie hatte ſchon zu viel gehört. Um dieſe Zeit ging mit Fanny Stern eine Ver⸗ änderung vor. Ihre Stellung bei Frau von Barryt genügte ihr nicht mehr, ſo angenehm dieſelbe auch war. Sie fühlte ein unbeſiegbares Verlangen, mit Kindern umzugehen, ſich einen Platz als Bonne zu ſuchen. Weil ſie aber damit eine große Verantwortung auf ſich nahm, kam 24 ſie in Conflict mit ihrem Gewiſſen, ob ſie das ſo ohne weiteres dürfe, da ſie nicht dazu vorbereitet war, ſo zu ſagen, darauf gelernt hatte. Währenddeſſen ward Frau von Barryt eine junge Anverwandte übermacht, welche Fanny's Stelle einnehmen konnte, ihr Engagement löſte ſich alſo von ſelbſt. Indeß ſollte Fanny nicht eher gehen, als bis ſie einen ihr durchaus paſſenden Platz gefunden und ihre Dame erſt noch nach Hamburg und Berlin begleitet hatte. In letzter Stadt machte damals der Pſycholog, Phrenolog und Phyſiognom Boſſard großes Aufſehen. Fanny hatte ſchon in den Berliner Blättern mehrere Artikel über ihn mit höchſtem Intereſſe geleſen und beſchloſſen, zu ihm zu gehen, ſobald ſie dorthin kommen werde, um ſich ſelbſt näher kennen zu lernen. Der Menſch kennt ja oft ſich ſelbſt am wenigſten! Als ſie eines Nachmittags an das große graue Haus in der Leipziger Straße kam, hielten mehrere Kutſchen da, im Vorzimmer harrten fein behandſchuhte Herren, denn ins Allerheiligſte durfte immer nur eine Perſon kommen. Als die Thür deſſelben ſich öffnete und der Mann die Dame ſah, mußten die Herren noch warten und Fanny trat ein. Das Zimmer war hell, doch höchſt einfach möblirt, der Tiſch aber ganz mit Portraits, bunt und gezeichnet, bedeckt. Der Gelehrte 25 pflegte die ihm beſonders intereſſanten Köpfe ſofort zu ſkizziren. Fanny hatte ſich einen langen, trockenen Bücher⸗ mann vorgeſtellt und fand einen freundlichen, behäbigen Mann in den mittlern Jahren, welchen auf den erſten Blick nichts von andern Menſchenkindern unterſchied als ſeine Augen, die allerdings etwas eigenthümlich Tiefblickendes, Feſſelndes hatten. Er hieß Fanny niederſitzen, den Hut abthun und die Flechten abſtecken, dann legte er leiſe ſeine Hände auf ihren Kopf. Sie hatte ihn gebeten, ihr zu ſagen, welchen Beruf ſie wählen ſolle. Er ſetzte ſich neben ſie, um das Profil zu fixiren, und ſagte dann auf ihre Frage: „Was Sie wählen ſollen? Blos zu Kindern ſollen Sie gehen. Dieſe leiten, erziehen, begeiſtern für Edles und Schönes, das iſt der Ihnen von Natur angewieſene Beruf, auf welchen Sie ſogar nicht beſon⸗ ders verbreitet zu ſein brauchen, da Sie eher zum Selbſtſchaffen als zum Nachmachen befähigt ſind.“ Fanny's Lippen entſchlüpfte ein Laut der Freude. Sie ſagte ihm, wie das längſt ihr Wunſch, wie und weshalb ſie aber ängſtlich geweſen ſei. Er ſchüttelte den Kopf. Nicht doch, Fräulein! Was hilft alles Lernen, 26 wenn die Anlage fehlt? Und wiederum, wo dieſe iſt, da lernt man von ſelbſt. Gerade der Erzieher muß geboren ſein. Dazu haben Sie das ſeltene ätheriſche oder vernünftige Temperament, Sie haben Ihren Führer in ſich, und wenn Sie auf ihn achten, Ihrer innern Stimme folgen, werden Sie ſtets wiſſen, was Sie zu thun haben. Suchen Sie alſo ohne weiteres die Stelle, welche Sie wünſchen. Haben Sie nur Vertrauen zu ſich ſelbſt und zeigen Sie daſſelbe der Welt, die Erfolge werden nicht fehlen. Bei der Wahl eines Lebens⸗ gefährten ſehen Sie nur auf Geſundheit, Bildung und ein gleichfühlendes Herz. Sie werden ſo Glück finden und geben. Bezüglich der eigenen Geſundheit müſſen Sie, wie die Luft, hin und her gehen, nicht viel ſitzen und aufregende Speiſen und Getränke meiden, weil Sie ſelbſt ſehr regen Geiſtes ſind; zwei Extreme geben, wenn ſie zuſammenkommen, eine Explofion.“ Am andern Tage ging es nach Hamburg. In den dortigen Blättern ſtanden vier Geſuche einer Bonne. Fanny beſchloß, ſogleich die Boſſard'ſche Weiſung zu erproben. Der eine Platz war mit einer deutſchen Fa⸗ milie nach Amerika. Im Hafen lag der ſtattliche Drei⸗ maſter höchſt einladend im Sonnenſchein, die Wimpel luſtig im Winde flatternd. Ihr kam ein Gefühl, als möchte ſie mit hinüber in die andere Hemiſphäre. Aber 27 der Diakonus hatte ihr geſagt, als ſie fortging:„Geh nicht gar zu weit von uns, damit Dich nichts gereue.“ Und ſo ließ ſie dieſe Offerte fallen und ging zu der Familie des durchreiſenden Malers, welcher für ſein einziges Kind eine Erzieherin ſuchte. Er war allein zu Hauſe, ein langer, brauner, noch junger Mann mit blauſchwarzem Haar und Bart und kohlſchwarzen unruhigen Augen. Er empfing ſie ſehr höflich, complimentirte ſie auf das Sopha, und nachdem ſein brennender Blick ſie vom Kopf bis zum Fuße ge⸗ muſtert, ſetzte er ſich ohne weiteres neben ſie. Er fragte nicht: Wer biſt du? Was kannſt du? Wo warſt du bisher? er ſagte nur:„Sie gefallen mir, um welchen Preis wollen Sie mit mir kommen?“ „Um keinen Preis!“ erwiderte glühend vor Ent⸗ rüſtung Fanny, ſich erhebend und mit einer könig⸗ lichen Verbeugung ſich dem verblüfften Künſtler em⸗ pfehlend. Sie ging nun zu dem Kaufmann in Altona; der Spaziergang dorthin paßte gerade, um ſich erſt wieder zu ſammeln. Er fragte nach Allem, was ſie die Kinder lehren ſollte, und zuletzt auch, welcher Richtung ſie be⸗ züglich des Glaubens angehöre. Sie blickte prüfend in das lauernde, von Leiden⸗ ſchaften durchfurchte Geſicht.„Und wenn da mein Be⸗ kenntniß lautete: Fürchte Gott und halte ſeine Gebote, thue Recht und ſcheue Niemand?“ „Ah, orthodor? Sollte mir leid thun!“ „Leid— warum?“ „Weil ich wünſche, daß meine Kinder auch bezüglich der Religion eine zeitgemäße Anſchauung erhalten.“ „Möchten Sie ſich darüber nicht deutlicher erklären?“ „Warum nicht? Die Kinder müſſen Religionsunterricht bekommen, das iſt nicht zu umgehen. Aber dieſe reli⸗ giöſen Begriffe dürfen eben nicht zu ſtreng ſein, weil daraus leicht Gewiſſensſtrupel entſtehen, die am Fort⸗ kommen hindern. Ich meine, man muß das Glück ergreifen, wenn ſich's bietet, und nicht erſt lange fragen: Darfſt du oder darſſt du nicht? Ich wohne nicht hier, ſondern einige Meilen entfernt in einer kleinern Stadt, bin aber darum hierher zu Bekannten gekommen, um mir eine Bonne, wie man hier ſagt, Mamſell, zu ſuchen, welche in jeder Beziehung die Kinder ſo ſchulen kann, wie es die neuere Zeit und die Welt überhaupt jetzt verlangt. Nur ſo werden dieſelben ins Leben paſſen lernen und zu etwas kommen.“ Fanny ſah den Sprecher abermals prüfend an. „Wenn das wirklich Ihr Ernſt iſt, dann wäre ich allerdings ganz entgegengeſetzter Anſicht.“ „Ich kann Ihnen aber gleich beweiſen, daß dieſe 29 Anſichten Sie ſelbſt am Fortkommen hindern. Ohne dieſelben würde ich Sie ſofort engagiren, ſo aber kann ich nicht— thut mir leid!“ Er zuckte mit den Achſeln. Fanny war es, als müſſe ſie hier conſequent ortho⸗. dox antworten.„Denen, die Gott lieben, müſſen alle Dinge zum Beſten dienen“, ſagte ſie ruhig.„Vielleicht wartet bereits die paſſende Stelle auf mich— laſſen Sie ſich's darum nicht leid thun.“ Sie verbeugte ſich und ging. Nachdenkend über das Unerwartete, was ihr auf dieſen zwei Wegen begegnet war, ſchritt ſie durchaus nicht entmuthigt dem letzten Ziele zu. Ein Baron von Uslar, ebenfalls nur beſuchsweiſe in Hamburg, ſuchte für zwei Kinder in noch jungen Jahren eine deutſche Bonne. Er logirte im Hötel de Petersbourg, wo Frau von Barryt ebenfalls abgeſtiegen. Fanny hatte ſich bereits ſchriftlich an ihn gewendet, wie an die Andern auch, welche gebeten hatten, ſich dort vorzuſtellen, und da ſie Alles prüfen und das wollte, war ſie eben zur beſtimmten Zeit hingegangen. Der Baron aber hatte Frau von Barryt bitten läſſgſie beſuchen zu dürfen und ihm die Stunde zu beſtimten, wenn er kommen könne, und dieſe Stunde rückte jetzt heran. Der Baron war ein Mann in den Vierzigen. Mit ſeinem überwiegend ruhigen, aber feinen und freund⸗ daß dieſer Eindruck gegenſeitig war. Trotzdem und lichen Weſen, mit dem Ausdruck von Güte, Wohlwol⸗ len und Rechtlichkeit in dem friſchen runden Geſicht gewann er ſofort Fanny's Vertrauen; ſie fühlte auch, vielleicht auch weil er etwas kurzſichtig war, ging er ſehr vorſichtig zu Werke, forſchte erſt bei ſeiner Stan⸗ desgenoſſin nach Fanny's Herkunft, ihren Kenntniſſen, ihrer Führung und ſo weiter und ſchien ſehr angenehm berührt, daß ſie eine Lehrerstochter und der Grund der Aufgabe ihrer bisherigen Stellung die Vorliebe für die Kinderwelt war. „Ich hätte Ihnen nun nur noch eine, freilich ſehr wichtige Frage vorzulegen und um bündige Antwort darauf zu bitten: Welche Richtung haben Sie bezüglich der Religion? Sie werden wiſſen, daß dieſelbe, auf das Gefühl baſirt, hauptſächlich und zuerſt von den Frauen ausgehen muß.“ Fanny hatte ihm dieſelbe Antwort zu geben, wie dem Kaufmann in Altona. Sie ſah voll zu ihm auf, als ſie es that. „So iſt's recht!“ ſagte raſch und ihr erfreut die Hand bietend der Baron.„Unter welchen Bedingungen wollen Sie in mein Haus kommen?“ Dieſelben waren bald feſtgeſtellt, nur zuletzt noch, wie einer plötzlichen Eingebung folgend, ſtellte Fanny ————————————— 31 eine etwas ungewöhnliche. Sie bat, daß ein mehrtä⸗ giger Urlaub ihr nicht verweigert werden möchte, wenn ſie denſelben auch zu unpaſſender Zeit, vielleicht ſogar bald nach ihrem Antritt beanſpruchen müſſe. „Vielleicht bedarf ich deſſelben auch gar nicht“ fügte ſie hinzu,„es müßte eben daheim oder ſonſt bei meinen Verwandten etwas ganz Außerordentliches meine Ge⸗ genwart erfordern.“ Der Baron acceptirte auch dieſe Clauſel. Im Sep⸗ tember ſollte Fanny antreten. Man trennte ſich ſehr befriedigt. Ihr war beſonders lieb, daß die Kinder noch klein, ihr ausſchließlich überlaſſen ſein ſollten und der Aufenthalt auf dem Lande war. Der Baron be⸗ wohnte eins ſeiner Güter, deſſen Lage er ihr als ſehr romantiſch geſchildert hatte. Alles das hatte ſich Fanny beſonders gewünſcht, ſie mußte lebhaft an den Pſychologen denken. Derſelbe hatte ihr noch Manches geſagt, was ihr jetzt wieder einfiel; er hatte ihr die Hauptſachen, von denen er über ſie zu ihr geſprochen, eingehender er⸗ klärt. Alles, was er von dem bisher Erlebten, von ihrem Lieben und Haſſen ſelbſt von ihren kleinen Ge⸗ wohnheiten geſprochen, war buchſtäblich wahr, warum ſollte es nicht das Prognoſtikon ſein, welches er ihr für die Zukunft geſtellt? Auf ſeinen Rath hatte ſie die Stelle, die ſie S gefucht und gefunden, und es galt nun, den Platz auszufüllen. Sie hatte keine Angſt, ſie fühlte vielmehr Luſt, Muth und Freudigkeit in ſich, ſie hatte das Vertrauen zu ſich ſelbſt, daß ſie, wenn auch einen andern Weg einſchlagend, doch das Rechte finden werde. Das Nach⸗ machen war wirklich nicht ihre Sache; ſo wollte ſie nun alle Kraft und Beſonnenheit, alles Wiſſen daran wen⸗ den, um zu werden, was der Pſycholog als ihre Be⸗ ſtimmung bezeichnet hatte: ein guter Engel für die Kleinen und die Großen. Noch vertieft in Alles, was ſich in den letzten Lu⸗ gen zuſammengedrängt hatte, ging ſie ſpäter durch die Stadt, um Einiges für ihre Dame zu beſorgen. Da traf ſie auf dem Jungfernſtieg mit dem Couſin Her⸗ mann Lesnau zuſammen— ein glücklicher Zufall in der großen Stadt, wie er ſagte. Wie waren ſie einander aus den Augen gewachſen, ſeit ſie ſich zuletzt geſehen! Hermann gab ſeine Freude über die Begegnung zu er⸗ kennen, erzählte ihr, daß er ſich ſeit kurzem ſelbſtändig gemacht, ein Compagniegeſchäft mit dem Onkel väterlicherſeits errichtet und heute auf der Ham⸗ burger Börſe zum erſten Male für ſich ſelbſt ganz hübſche Geſchäfte gemacht habe. Der Onkel beſorge die Oberaufſicht daheim und er die Reiſen. S 5 33 Bei alledem gab ſich in ſeinem Weſen einige Verlegenheit kund, von welcher Fanny im Augenblick nicht wußte, wohin ſie dieſelbe rechnen ſollte. Sie be⸗ ſchloß, weiter zu beobachten. Hermann lud die Couſine ein, Pens mit ihm ins Theater zu gehen; man gab„Don Juan“. Fanny hatte ſchon ein Billet von Frau von Barryt, ſagte ihm aber, daß es ihr ſehr angenehm ſein würde, in ſeiner Begleitung die Oper zu beſuchen. Er ie abends ab. Die Hamburger ſind ſtolz auf ihre ſtets gut beſet⸗ Bühne; ſie ſagen:„Wer bei uns durchkommt, kommt wda überall fort.“ Auch Mozart's vortrefflichſte Oper anr vortrefflich gegeben. Als am Schluß die Furien über Don Juan her⸗ fielen, ein grauſiges Schauſpiel, welches die beiden ganz jungen Mädchen neben Fanny höchlichſt aufzu⸗ regen ſchien, ſah dieſe ruhig zu, welcher Contraſt der Phyſiognomien Hermann aufgefallen ſein mußte, denn im Herausgehen fragte er und ſein Ton klang wie vorwurfsvoll: „Der letzte Act gefiel Dir wohl am teſen⸗ „Nein, es würde mir beſſer gefallen haben, wenn Don Juan ihn vermieden hätte.“ „Dafür iſt er Don Juan.“ von Oben, Des Hauſes Eeſtein. I. 3 34 „Niemand ſoll mit Herzen ſpielen.“ Hermann erröthete bei dieſen Worten, während er ſich doch zum Scherze zwang, als er in leichtem Tone erwiderte: „Warum nicht, wenn ſie mit ſich ſpielen laſſen? Es wird jetzt ſo Mode.“ „Warum nicht?“ wiederholte Fanny, ihm einen ihrer hellen, prüfenden Blicke zuwerfend.„Weil da eben die Nemeſis kommt.“ „Da müßte die halbe Welt unter den Händen der Nemeſis ſein.“ „Das iſt ſie auch. Sieh nur um Dich, hinter die Masken und Couliſſen, wie Viele es gibt, bei denen der Wahn kurz war und die Reue lang.“ „Du nimmſt das ſo ernſt!“ „Es iſt eben ernſt.“ „Weil die Wirklichkeit anders iſt, als wir denken! In der Jugend folgt man eben nur dem Herzen, ſpäter aber kommt der Verſtand und überzeugt uns, daß mehr zum Leben gehört. So muß man der Liebe entſagen.“ „Ich meine, der Verſtand iſt zu Beſſerem da, als Unwahrheit und Unrecht in Wahrheit und Recht um⸗ philoſophiren zu ſollen“, verſetzte ſie ſtreng.„Nicht fordert das Leben vom Menſchen, ſondern dieſer for⸗ dert vom Leben immer mehr. Darum jagt man jetzt ſo um jeden Preis nach Metall.“ „Es klingt, als hätteſt Du Recht, und doch würdeſt Du anders ſprechen, wenn Du ein Mann wärſt.“ „Wär' ich es doch!“ verſetzte ſie warm.„Ich wollte Euch zeigen, was ein Mann iſt!“ Er erröthete jäh bei dieſen Worten und ſchaute ſich angelegentlich die hellerleuchtete Straße an. Sie wußte jetzt, weshalb er heute beim erſten Begegnen verlegen geweſen war. „Wenn Dir übrigens das Thema nicht gefällt, auf welches wir gerathen ſind, ſo laſſen wir es fallen und nehmen ein anderes auf“, fügte ſie ruhig hinzu.„Wir als Unbetheiligte brauchen uns ja nicht um Kaiſers Bart zu ſtreiten.“ Ein forſchender, faſt mißtrauiſcher Blick ſeiner ſchö⸗ nen Augen ſtreifte ſie raſch von der Seite. „Nein, nein“, ſagte er dann lebhaft,„wir wollen die Segel nicht ſtreichen. Der Stoff iſt wichtig und, wie Du darüber ſprichſt, intereſſant! Außerdem kann, was Du ſagſt, nicht mich treffen; ich bin kein Spieler mit Herzen geweſen— umgekehrt, man hat mit dem meinen geſpielt.“ „Das iſt ein ſchwerer Vorwurf, den Du da aus⸗ ſprichſt. 5 3* 36 Und nicht aus der Luft gegriffen. Komm, der Abend iſt ſchön, laß uns noch ein wenig hier eintre⸗ ten.“ Er bog nach einem hellerleuchteten Garten⸗ lokal ein. und da ſoll ich erfahren, wie es mit der Begrün⸗ dung dieſer Behauptung ſteht?“ „Ja, wenn Du es wirklich noch nicht weißt.“ „Nein!“ „Hm, ich weiß, daß Ihr, Du und Johanna, leb⸗ haft correſpondirt.“ „Ja, ich habe ſie ſehr lieb und ſie ſchenkt mir ihr Vertrauen“, erwiderte Fanny, im Stillen verwundert, wie er den Namen ſo ruhig ausſprach. „Dann iſt es wirklich verdächtig, daß Du noch nicht erfahren haſt, was geſchehen iſt.“ Er hatte ſie an einen alleinſtehenden Tiſch geführt und ging, etwas zu beſtellen. „Nun, wie war es mit jenem Spiele, wie erfuhrſt Du es?“ fragte Fanny, als er wieder bei ihr Platz genommen hatte. „D, auf ſehr einfache Weiſe“, verſetzte er ohne ein Zeichen von Alteration oder Trauer, indem er ſeiner Couſine ſelbſt artig kredenzte, was der Kellner gebracht. „Ich bekam auf zwei Briefe keine Antwort und erfuhr ſpäter, daß gerade zu der Zeit ſehr intereſſanter Herten 37 beſuch dort geweſen war, daß Andere ſich um ſie be⸗ worben hatten.“ „Wer ſagte Dir das?“ „Jemand, der es ſehr gut mit mir meint und ſich königlich freut, wenn mir's wohlgeht— meine Mutter.“ „Sie hätte das ſelbſt geſehen?“ „Nein, aber Madame Riemer. Dieſe hatte es der Mutter wiedererzählt, und zwar abſichtslos, denn ſie kannte unſer Verhältniß nicht.“ Fanny hatte mit geſenkten Lidern, den Kopf in die Hand geſtützt, zugehört. Jetzt ſah ſie langſam zu ihm auf. „Es iſt wirklich verdächtig, Hermann, daß Johanna ihrer Vertrauten nichts davon geſchrieben hat.“ „Siehſt Du!“ „Ja, wenn nur nicht eine dritte Hand, welche im Spiele war, daſſelbe gemacht hat.“ „Wie kommſt Du darauf?“ „Ging die Correſpondenz zwiſchen Euch nicht in⸗ direct?“ „Ja!“ „Warum wählteſt Du nicht mindeſtens dann den geraden Weg, als Du keine Antwort mehr erhieltſt?“ „Das heißt, ich hätte meine Mutter anzweifeln ſollen; die Briefe gingen durch ſie!“ zweifeln. Du würdeſt Beides nicht nöthig gehabt ha⸗ ben, wenn Du Dir ſofort mittels directer Anfrage und ebenſo erbetener Antwort Gewißheit verſchaffteſt oder noch ſicherer ſelbſt hingingſt, wie ſonſt.“ Hermann erröthete wieder über das„wie ſonſt“. „Das ging eben nicht“ ſagte er. Fanny ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Gewiß wäre es gegangen, wenn irgend eine Stel⸗ lung, ein Vermögen an dieſem Selbſterſcheinen gehan⸗ gen hätte. Ich bin nur ein Weib, Hermann, aber wenn mir geſchähe, daß ſich etwas von mir losreißen wollte, was ich einmal gefaßt hätte, ich müßte um jeden Preis ſelbſt ſehen, ſelbſt hören, wie und warum.“ „Und was hätte man davon, wenn es dann doch ſein müßte?“ „Wenn es wirklich ſein müßte, könnte man in Frieden auseinander gehen, man bliebe einander werth. Fände ſich Schuld, ſo hätte ich immer das Recht auf meiner Seite, und fände ſich keine, bliebe man ſelbſt vor ſolcher bewahrt.“ „Aber ſo gut Du von mir verlangſt, ich ſoll meiner Mutter nicht trauen, ebenſo gut kann ich von Dir for⸗ dern, ihr, Johanna, nicht Alles zu glauben.“ „So haſt Du freilich vorgezogen, Johanna anzu⸗ 39 Ein leuchtender Strahl ihrer wunderbaren Augen traf wie ein Blitz die ſeinen. „Nein, Hermann, tauſendmal nein! Das bekäme ich nicht fertig; wenn ſie lügen ſoll, dann hört aller Glaube auf!“ „Die Schuld bleibt alſo auf unſerer Seite?“ „Statt aller weitern Antwort will ich Dich fragen: Haſt Du des Onkels letzten Brief erhalten?“ „Einen letzten habe ich allerdings von ihm.“ „Ich meine den letzten, welchen er überhaupt ge⸗ ſchrieben hat. Es iſt wenige Tage vor ſeinem Tode im Vorgefühl deſſelben geweſen.“ „Woher weißt Du das?“ „In ſeinem Tagebuche, welches er ausdrücklich Jo⸗ hanna überwieſen hatte, fand ſich die Anmerkung, daß er ſehr an Dich gedacht und ſchriftlich von Dir Ab⸗ ſchied genommen habe. Er hatte Dich ſo lieb! Da er nicht wußte, wo Du warſt, ging der Brief an die in⸗ directe Adreſſe; der Poſtmeiſter, welcher ihn gerade be⸗ uchte, hat denſelben ſelbſt zur Beförderung mitgenom⸗ men, es liegt alſo kein Grund vor, zu glauben, daß er verloren ſei.“ Hermann war betroffen, er hatte den Brief eben⸗ falls nicht erhalten. Wie um ſich auf etwas zu beſinnen oder das Licht 40 abzuhalten, bedeckte Fanny ihre Augen mit der Hand, während ſie durch die Finger derſelben ihn beobachtete. War ſeine Neigung zu Johanna noch die von früher, ſo mußte, was ſie ihm mitgetheilt, ihn nun zu dem beſtimmen, was er bisher verſäumt hatte. Hermann wechſelte mehrmals die Farbe; er war offenbar im Kampfe mit ſich ſelbſt. Aber ſeine Liebe hatte nicht mehr die erſte Stimme, eine andere hatte mehr Macht. Was Fanny erwartet hatte, geſchah nicht. Er nahm ſeiner Couſine die Hand von den Augen und ſagte halb ernſt und halb ſcherzend: „Und wenn mir nun der kühne Gedanke käme, Dir ſelbſt nicht zu trauen?“. „Thue es, Hermann!“ erwiderte ſie ruhig, ohne mit einer Wimper zu zucken.„Aber forſche auch nach den ver⸗ lorenen Briefen; prüfe Alles, was damit zuſammen⸗ hängt, beobachte dabei ſo ſcharf, wie jetzt mich, und wenn Du die Wahrheit gefunden, dann ſage mir wie⸗ der, ob ich Jemand Unrecht gethan habe.“ 3 „Ja, mit der Meinung, welche, wie der Compaß nach Norden, unabänderlich darauf hinweiſt, daß Deine Tante Lesnau mit dem Herzen ihres Sohnes geſpielt habe!“ Sie hielt abermals ſeinen ſie ſcharf fixirenden Blick aus, als ſie entgegnete: 41 „Wir ſind keine Kinder mehr, Hermann, und ich habe immer aufrichtig mit Dir verkehrt; ich werde es auch jetzt dabei laſſen und Dir mit einem offenen Ja ant⸗ worten. Zugleich aber füge ich hinzu, daß dieſe Mei⸗ nung nicht allein meiner Tante Lesnau gilt, ſondern noch mancher andern Mutter Deiner Vaterſtadt, welche für ihren einzigen Sohn eine glänzende Carriere bean⸗ ſprucht.“ „Warum ſagſt Du gerade meiner Vaterſtadt?“ „Weil ich von dort verſchiedene Frauen kenne, welche alle mehr oder minder eitel und hoffärtig ſind. Infolge deſſen ſind ſie auf das Aeußere und haben eine ſehr hohe Meinung von ſich ſelbſt, alſo, daß Alles, was ſie thun, einen beſondern Werth erhält, es ſei das Natürlichſte oder Unnatürlichſte, das Kleinſte oder das Größte. Wie bei den Jeſuiten der Zweck die Mittel heiligt, ſo bei ihnen ihre Perſon. Was ſie alſo thun, geſchieht immer, in ihrem Sinne, von Rechts⸗ wegen.“ „Hm! Daran iſt etwas Wahres, und da meinſt Du weiter?“ „Daß ſolche Mama erſtens ſich viel, wenn nicht Alles erlauben und zweitens für ihre Opfer, welche ſie den Kindern gebracht zu haben meint, auch wieder ſolche verlangen wird.“ Er ſah ſie wieder ſcharf an. „Du biſt ein eigenthümlich ſcharfſinniger, negativer, rückhaltloſer Anwalt. Es iſt wirklich ſchade, daß Du kein Mann biſt!“ „Kein Anwalt, Hermann“, entgegnete ſie ruhig wie vorher, aber mit einem tiefen Blick ihrer jetzt ganz dunkeln Augen.„Hat ſie, der Du Liebe gelobteſt, erſt einen andern nöthig als Dein Gefühl, ſo iſt es doch um ſie geſchehen! Nein, ich rede für Dich ſelbſt. Du ſtehſt, wie ich ſehe, am Scheidewege, Du willſt oder ſollſt thun, wie jetzt ſo Viele: Du denkſt an eine reiche Partie.“ Er wechſelte abermals die Farbe, ſagte aber dann doch auch leichter als vorher: „Und wenn ich daran dächte, würde es Sünde ſein, das Glück zu ergreifen, wenn ſich's bietet, zumal dabei die Pflicht, die Kindespflicht mitſpräche?“ „Ah, wie heute der Kaufmann in Altona, denn die Pflicht iſt nur die paſſendſte Firma.“ „Wie war das?“ Sie erzählte es ihm. „Der Mann hat nicht Unrecht.“ „Mir gegenüber aber ganz und gar“, und ſie er⸗ zählte ihm weiter die Antwort des Barons von Uslar und ihr Engagement dorthin. 3 43 „Das iſt wirklich intereſſant; ich gratulire. Du wirſt ein ebenſo guter Schulmeiſter werden wie Anwalt, Du biſt wahrhaftig ein Genie!“ „Man hat das ſchon vielſeitig behauptet“, verſetzte ſie gleichmüthig,„es muß alſo auch etwas Wahres daran ſein. Jedenfalls wird mir meine Phyſiognomik bei den Kindern zu ſtatten kommen. Sodann habe ich vor andern Menſchenkindern die Divinationsgabe vor⸗ aus, wenn Du Dich erinnern willſt.“ „Ich erinnere mich, wie überraſchend ſich zuweilen Deine Träume und Ahnungen erfüllt haben.“ Ein liebliches Lächeln ſtieg in ihr Geſicht. „Nun, Hermann, um wieder auf Dich ſelbſt zu kommen, mittels dieſer mir eigenen Clairvoyance ſehe ich in unſerer heutigen Begegnung mehr als einen glücklichen Zufall. Ich ſehe, daß Du daran denkſt, eine unbekannte Höhe zu erſteigen, ohne daran zu den⸗ ken, wie die Stürme da oben Dich tiefer ſtürzen können, als Du jetzt ſtehſt. Mir iſt, als ſollte ich Dich warnen!“ „Thue es, ich will ganz Ohr ſein!“ „Wohl, ſo warne ich Dich, blindlings das Glück zu ergreifen, welches Du jetzt dafür anſiehſt, vielleicht weil Deine Mutter es wünſcht und Deine Bekannten es gleichfalls erſtreben. Es rächt ſich, blos um irdiſcher 44 Vortheile willen leichtſinnig den Bund fürs Leben zu ſchließen, mit dem Heiligſten Handel zu treiben! Es rächt ſich, bei dem wichtigſten aller Schritte im Leben nicht Herz und Vernunft zu fragen, und am empfind⸗ lichſten bei denen, welchen es gegeben war, den Weizen von der Spreu zu ſondern, wie Dir.“ Hermann begann mit einigen verſchütteten Tropfen deſſen, was ſie tranken, Figuren und Zeichen auf den Tiſch zu malen. Er ſah auch nicht auf, als er nach einer Pauſe zu ihr ſagte: „Fahre fort, Du biſt noch nicht zu Ende!“ „Nein“, ſagte ſie ernſt.„In jedes Menſchenleben muß die Verſuchung treten und Dir naht ſie ſich in Geſtalt der reichen Frau. Du wendeſt Dich von ihr, die Dir vorher als Deines Lebens Genius erſchien, weil ſie kein ſchimmerndes Gewand trägt. Iſt Gold das Höchſte, was wir erſtreben ſollen?“ „Es iſt unentbehrliches Mittel zum Zweck; wir ſind nichts ohne daſſelbe. Indeſſen iſt das nur meine An⸗ ſicht im Allgemeinen. Insbeſondere habe ich als guter Sohn aber wirklich Rückſicht auf die Wünſche meiner Mutter zu nehmen, welche bei mir wohnen wird und nur für mich lebt. Was ſie auch gethan hat, es iſt aus Liebe für mich geſchehen.“ Fanny ſchüttelte ihr goldiges Haupt. 45 „Ich bitte um Entſchuldigung, Hermann, wenn ich hier abermals anderer Anſicht bin. Wenn es nur die Liebe wäre, dürfte ſie nicht den Frieden Deines und noch eines unſchuldigen Herzens fordern, nicht verlan⸗ gen, wogegen Dein Rechtsgefühl ſich ſträubt und noch einiges Andere in Deiner Seele. Ich weiß es, wenn Du mirs auch nicht geſtehſt. Nein, es iſt eben jene Eitelkeit, Dich äußerlich nicht hinter Andern zurück⸗ bleiben zu ſehen und— ſich ſelbſt als die Mutter dieſes beneideten Sohnes. Ein ſorgenfreies Alter kannſt Du ihr auch ſo bieten. Du haſt das Deine gelernt, haſt Intelligenz und andere nöthige Eigenſchaften von der Natur erhalten und die Zeiten ſind günſtig fürs Geſchäft. Du kannſt es mit Redlichkeit, Fleiß und Sparſamkeit durch Dich ſelbſt zu Reichthum bringen. Iſt nicht Rothſchild, ſind nicht noch Andere, welche in und vor der Welt eine Rolle ſpielen, durch ſich ſelbſt reich und groß geworden?“ „Ja, vor Zeiten, jetzt thut's das nicht mehr.“ „Die oben genannten Eigenſchaften werden zu allen Zeiten das Ihre thun. Aber ſeit der Dampf die Erde beherrſcht, geht Euch nichts mehr ſchnell genug; auch das Reichwerden ſoll mit Dampf gehen.“ Er lachte und ſagte in heiterem Ton:„So iſt es! Wenigſtens wird Niemand noch lange auf das warten 46 wollen, was er ſofort haben kann. Auch ſoll das goldſchimmernde Gewand nicht allein entſcheiden; ein junger Mann wird immer auf die Perſon ſehen, welche es trägt. Deine künftige Couſine wird Dir auch ſo keine Schande machen.“ Fanny hatte den Kopf wieder auf die Hand ge⸗ ſtützt, ihr tiefer, eigenthümlicher Blick ruhte eine Weile auf ihm, als kämen ihr neue Viſionen. „Kleider machen Leute“ ſagte ſie dann wie für ſich, ſich erhebend. „Du willſt ſchon fort?“ fragte er überraſcht. „Ja, ich bin nicht, wie Du, mein eigener Herr und wir haben lange geplaudert.“ „Ich hätte Dir gern noch länger zugehört; wir waren noch nicht fertig— es thut mir leid!“ „Wir werden fertig bis zu meinem Hotel. Ich habe Dir eigentlich nichts mehr zu entgegnen.“ „Du gibſt mich auf?“ ſcherzte er. „So ziemlich, wenn auch ſehr ungern. Ich will Dir nur noch zu bedenken geben, daß wir von dem ernten müſſen, worauf wir geſät haben.“ Sein Ton hatte einen Anflug von Spott, als er erwiderte: „Sind das nicht Sprüchlein, die wir in der Schule lernten?“ 47 „Ganz recht, um ſie für ſpäter zu behalten und anzuwenden. Weißt Du noch, wie dieſes weiter heißt?“ Er ward verlegen, er wußte es nicht. „Ich will Dir's ſagen: Wer Leben ernten will, ſäe auf den Geiſt!“ „Wie Du das ſagſt!“ verſetzte er in verändertem Ton, indem er ſtehen blieb und die erglühte Couſine mit einer Miſchung von Unruhe, Erregung und Wohl⸗ gefallen betrachtete, während er über all dem den An⸗ flug von Spott feſtzuhalten ſuchte, welcher ſeine letzten Worte gefärbt hatte. Er hatte in dem großen Hauſe der großen Stadt doch gelernt, abzuſchütteln, was ihm zu tief ins Gefühl ging, oder es wenigſtens nicht merken zu laſſen. Fanny's offenen und treffenden, dabei aber ſo warmen und ſanften Worten gegenüber hatte es ſchon den ganzen Abend nicht damit gehen wollen und ihren Blicken ge⸗ genüber erſt recht nicht, vor ihnen konnte er ſich nicht verſtecken. Er hatte ſich am Hotel freundlich und friedlich mit dem Verſprechen von ihr getrennt, ihrer Worte daheim zu gedenken; dort angekommen aber doch von Tag zu Tag verſchoben, nach den verlorenen Briefen zu fragen, und es endlich fallen laſſen. Er fühlte eine Art Be⸗ klemmung, wenn er an des Pfarrers letzten Brief 48 dachte, aber einmal wieder im alten Fahrwaſſer, trat die Begegnung mit Fanny mehr in den Hintergrund und unter die Rubrik der kleinen Abenteuer. „Ich muß in ein Bad reiſen, meiner Geſundheit wegen“, ſagte etwas ſpäter die Paſtorswittwe zu Jo⸗ hanna.„Ich wollte erſt warten bis nächſtes Jahr, aber ich habe zu viel durchgemacht; es ſoll heuer noch geſchehen, ehe die warme Zeit vollends vergeht.“ „Und wohin?“ fragte Johanna. „Wohin? Wie kannſt Du noch fragen!“ „Nun, weil wir hier herum verſchiedene Fichtennadel⸗ und andere Bäder haben.“ „Hier herum— wie dumm! Ich will eben wo an⸗ ders hin, und da iſt's doch ganz natürlich, daß ich in die Nähe meiner Heimat reiſe, wohin ich mich ſchon ſo lange geſehnt habe. Daß Du das Dir nicht ſelber denken kannſt!“ Johanna ſenkte das Haupt— ſie dachte an Hermann. „Wenn ich für mich wäre“, fuhr die Paſtorin in ärgerlichem Tone fort,„ſo zöge ich ganz hin; ſo muß ich mich begnügen, beſuchsweiſe hinzukommen. Du hörſt wohl nicht, was ich ſage?“ ſetzte ſie lauter hinzu, als Johanna nicht antwortete. „O ja“, entgegnete dieſe gelaſſen, aber wie von 49 einer Idee berührt.„Ich dachte daran, Dir die Erfül⸗ lung dieſes Wunſches möglich machen zu helfen—“ „Du willſt den Calculator nehmen?“ fragte die Paſtorin raſch. „Nein, ſo nicht!“ „Nein! Und das ſagſt Du, als ob Du die Wahl unter zwanzigen hätteſt! Auf wen willſt Du noch warten?“ „Auf gar Niemand mehr!“ „So! Und das ſagſt Du wieder, als ob Du von Deinen Renten leben oder ewig bei Deiner Mutter bleiben könnteſt! Wenn ich aber nicht will?“ „Ich habe Dir ja geſagt, daß Du für Dich bleiben ſollſt; ich will mir eine Stelle ſuchen.“ Die Paſtorin lachte ingrimmig. „Das iſt's alſo, womit Du mir meinen Wunſch ermöglichen willſt?“ „Wieder einfältig, ich hätte mir's denken können.“ „Warum denn?“ „Weil Ihr da wiederkommt von einer Stelle.“ „Man kann auch nicht wiederkommen!“ „Du kannſt krank werden, dann bin ich die Nächſte.“ „Ich gehe recht weit fort!“ Pon Oben, Des Hauſes Ecſſtein. I. 4 nicht für die Enkel meines Vaters.“ „Fanny thut's ja auch!“ „Die thut eben auch, was ſie nicht ſoll! Nach dem Trotzkopf ſollſt Du Dich nicht richten!“ „Und Fanny ſagt wieder, es ſei ihr ehrenrührig, erſchienen, wie umſonſt auf der Welt zu ſein. Jeder müſſe ſeinen Wirkungskreis haben, Jeder ſolle nützen und ſchaffen, der es könne. Mir ſchien, ſie habe Recht, es dient ja immer einer dem Andern in der Welt, ſo hoch oder ſo tief er ſteht.“ „Das ſind die verſchrobenen Anſichten, welche Dir Dein Vater hinterlaſſen hat; ich habe mich bei ſeinen Lebzeiten genug darüber geärgert und verbitte mir die Fortſetzung von Dir. Ich denke anders. Wenn ich Dich nicht mit Anſtand und auf immer loswerden kann, ſo muß ich Dich freilich behalten; ich ſehe aber gar nicht ein, was Du gegen den Calculator haſt, der zehn ganz andere wie Du bekommen könnte, wenn er wollte. Das Einzige iſt, daß er noch einmal ſo alt iſt wie Du; dafür kann er aber auch nicht ewig mehr leben. Was haſt Du eigentlich einzuwenden?“ „Nichts gegen ihn ſelbſt, ich habe mich im Gegen⸗ theil immer gefreut, wenn er zu uns nach A. kam und mir ſchon von weitem zurief: Nachtigall, ich hör' Dich „Nein! Du ſollſt eben nicht dienen, es ſchickt ſich — 51 ſingen! Es iſt aber Betrug, ohne Liebe zum Altar zu gehen, darum will ich nicht!“ Sie hatte das leiſe und mit niedergeſchlagenen Augen geſprochen. Die Paſtorin ward zornig. „Liebe! Lächerlich! Wer denkt noch daran? Wahr⸗ ſcheinlich ſind das der dienenden Fanny überſpannte Ideen; ich werde Dir die Correſpondenz mit ihr ver⸗ bieten, wenn ſie ſo auf Dich einwirkt! Was habe ich mich ſchon über Dich ärgern müſſen! Geh jetzt und beſorge, was wir zur Reiſe brauchen, in ein paar Ta⸗ gen muß es fortgehen!“ „Und ich ſoll mit?“ fragte Johanna wie im Traum. Die Paſtorin, welche an den Spiegel getreten war, fuhr herum, als ſei ſie geſtochen worden. „Du fragſt erſt noch? Ich werde doch nicht, wenn ich eine erwachſene Tochter habe, fremde Hülfe mit⸗ nehmen ſollen? Nein, das iſt zu arg!“ Johanna ging, ſie hörte nicht mehr, was die Mut⸗ ter ihr nachrief. Der Gedanke, in Hermann's Nähe zu kommen, von ihm zu hören, ihn zu ſehen, ſtürmte Alles in ihr auf, was bisher gewaltſam zum Schwei⸗ gen gebracht worden war. Im Bade angekommen, ſchrieb die Paſtorin an ihre Verwandten in der nahen Reſidenz. Sie kamen 4* 52 und beſuchten ſie; Johanna ſah inmitten der andern Badegäſte Hermann wieder. Er war artig und freund⸗ lich und lud verbindlich ein, bald und oft nach der Stadt zu kommen. Die Paſtorin ließ ſich das nicht zweimal ſagen und ſo ſah Johanna ihn auch in ſeinem Hauſe wieder. Er war auch hier zuvorkommend und freundlich, gedachte aber der Vergangenheit in keiner Weiſe. So waren pfeilgeſchwind die für die Kur beſtimm⸗ ten Wochen verfloſſen und der Tag des Abſchieds her⸗ beigekommen. Die Paſtorin wollte mit derſelben, jetzt früher abgehenden Abendpoſt abreiſen, mit welcher Jo⸗ hanna von Louiſens Hochzeit heimgekehrt war. Die Badegäſte befanden ſich bei Hermann und ſeiner Mut⸗ ter und es war bereits gegen Abend, als Hermann einen Brief aus Amerika empfing. „Von van Jwen!“ ſagte er erfreut und löſte das Siegel, hielt aber dann inne mit dem Herausziehen des Briefes und beſah wie überlegend die Adreſſe, welche auffallend ſcharfe, ſichere, kleine Schriftzüge zeigte. Frau Lesnau hatte, wie ſtets, wenn Johanna da war, auch jetzt ihren Sohn nicht aus den Augen ge⸗ laſſen.„Du biſt neugierig auf den Inhalt“ ſagte ſie zu ihm.„Immer lies, meine Schweſter nimmt Dir's nicht übel!“ — 53 „Bewahre!“ ergänzte die Paſtorin.„Es würde mich ſogar intereſſiren, wenn wir etwas daraus hören könnten.“ Hermann ſtreifte das Couvert ab. Auf den langen, engbeſchriebenen Seiten fiel die klare Schärfe der Schrift noch mehr in die Augen; die von Hermann vergingen dabei, wie man zu ſagen pflegt. Er ließ die Hand mit dem Briefe finken und bemerkte:„Schreibt der Schlingel ſcharf!“ Frau Lesnau, welche ſich für Leſen und Schreiben gar nicht intereſſirte und die, welche es thaten, darob in ihrem Innern anfeindete, warf jetzt ihren Blick auf die ſtill daſitzende Johanna, während ſie zu ihrem Sohne ſagte: „Laß doch Johanna den Brief vorleſen, ſie hat das ja von jeher geliebt.“ „Es iſt wahr“, entgegnete Hermann, nach kurzem Bedenken ſeiner Couſine das Blatt reichend. „Recht gern“, meinte Johanna, es ergreifend, „aber—“ „Nun?“ „Dürfen wir auch Alles wiſſen, was darin ſteht?“ Hermann erröthete ein wenig, überlegte wieder und entgegnete dann raſch: „Ich habe keine Geheimniſſe vor meiner Familie.“ „Recht ſchön, aber er?“ „Ich glaube nicht. Du kannſt ſie doch auch wah⸗ ren?“ ſetzte er halb neckend hinzu. „Ich? Gewiß!“ ſagte ſie mit leiſem Lächeln. „Soll wohl heißen, wir können es nicht?“ warf Frau Lesnau ſich erhitzend ein. „Nein, nein Tante, ich wollte Niemand zu nahe treten.“ „Ja, Du dünkſt Dich immer beſſer wie Andere. Du weißt freilich nicht, wie Deine Tante Regierungs⸗ ſecretärin ſchweigen kann.“ Dieſe Worte waren von einem triumphirenden leiſen Lachen begleitet. „Kein Streit!“ nahm Hermann das Wort.„Wir wollten Niemand tippen, ſondern nur Deinen Wunſch erfüllen. Ich bitte um Ruhe im Publikum.“ Und ſich auf einmal in alter trauter Weiſe zu Jo⸗ hanna neigend, ſagte er freundlich, faſt herzlich: „Nun lies.“ Das Schreiben enthielt wirklich viel Neues für die Paſtorin. Das Unerwartetſte aber für alle kam zu⸗ letzt. „Du willſt dem Mammon eine Stimme einräumen bei der Wahl Deiner Lebensgefährtin“, ſchrieb van Jwen mit faſt noch ſchärferer Feder als auf den erſten 55 Seiten—„ich mißbillige das entſchieden und werde es niemals thun.“ Johanna, welche dieſe Worte erſt für ſich überflogen hatte, hielt auf einmal erſchrocken, unſchlüſſig, tiefauf⸗ athmend inne mit Leſen. „Nun“, fragte Frau Lesnau,„warum geht's nicht weiter?“ „Sie muß doch auch einmal ruhen“, antwortete Hermann an Johanna's Stelle.„Wir machen eine kleine Pauſe— wir haben ja Zeit.“ Frau Lesnau benutzte die Pauſe zu Vergleichen. Johanna war in den letzten Jahren bläſſer und ma⸗ gerer, ſtill und ernſt, demüthig geworden, wie ſie es nannte, und daneben die ſtattliche, jugendfriſche, eigen⸗ artig hübſche und einnehmende Erſcheinung ihres Soh⸗ nes— wie freute ſie ſich, den unberufenen Liebeshandel gleich zu rechter Zeit zerſtört zu haben! Johanna hatte ſchon beim erſten Wiederſehen mit ihm Aehnliches empfunden. Sie war nicht gut genug für ihn; ein viel ſchöneres, edleres, auserwähltes We⸗ ſen mußte ihm einſt gehören. So war auch ſie zu⸗ frieden mit ſich ſelbſt, daß ſie reſignirt hatte; ſie hatte dadurch ihm gegenüber wieder Ruhe gefunden. „Ich dächte, die Pauſe wäre nun lang genug“ be⸗ merkte die Paſtorin,„die Poſt wartet nicht.“ 56 Johanna ſchob Hermann den Brief zu und ſagte leiſe:„Soll ich oder willſt Du ſelbſt?“ „Sei ſo gut, wenn es Deine Augen erlauben; ich laſſe mir ſehr gern vorleſen.“ „Es kommt jetzt etwas Anderes“, entgegnete ſie wieder ſchüchtern und mit einem bittenden Blick. „Es thut nichts, wir ſind ja unter uns.“ Er ſchob ihr den Brief zurück. Sie las weiter: „Nun zuletzt noch das Wichtigſte für Dich und mich, alter Freund. Du willſt dem Mammon eine Stimme einräumen bei der Wahl Deiner Lebensgefährtin— ich mißbillige das entſchieden und werde es niemals thun. Unſere ſonſt ſo gleichen Anſichten laufen hier ſchnur⸗ ſtracks auseinander, denn ich bin entſchloſſen, gerade nur auf innern Werth zu ſehen. Ihr Andern habt mich oft geneckt wegen meiner Frömmigkeit und doch will, was Ihr jetzt aufſtellt, nicht Stich halten den großen und ewigen Wahrheiten gegenüber, welche das Buch aller Bücher enthält. Da ſagt Salomo: Wem ein tugendſam Weib beſcheret iſt, die iſt viel edler denn die köſtlichſten Perlen.— Wenn das ein ſo großer, reicher und weiſer König empfand, wie viel mehr wird es Jemand empfinden, der kein ſolcher König iſt! Ihr habt mich auch den phlegmatiſchen Holländer ————— genannt, wenn ich zuweilen den ſtillen Beobachter machte. Ich habe da oft noch etwas bewahrheitet ge⸗ funden, was ich einmal gehört habe: Reiche Weiber, arme Männer!“ Wieder hielt Johanna unwillkürlich inne mit dem Vorleſen. Ein heißer Schmerz zog durch ihr Inneres. Alſo nicht für Schöneres, Beſſeres, Selteneres, als ſie war, wollte er ſich, hatte er ſie hingegeben, ſondern für ſchnödes Geld. Dazu geſellte ſich eine ungeheure Angſt um ihn. Wie, wenn er an eine Tochter der Re⸗ ſidenz dachte? Es war Sitte unter den Reichen und Großen daſelbſt, ſich unter einander zu verheirathen, Geld und Glanz zu Geld und Glanz zu fügen; ſelten, daß ein bevorzugter Aermerer, der dann die Arbeits⸗ biene machte, zu Gnaden angenommen ward. Die Ver⸗ bindung mit einer großen Familie war gewiß wenig⸗ ſtens ſeiner Mutter Wunſch, ſie war ja ehrgeizig und ließ ſich gern beneiden. Johanna hatte langſam und ruhig geleſen, war blos immer bläſſer geworden. Sie fühlte Hermann's Blicke auf ſich gerichtet, und das gab ihr die Kraft, ruhig zu ſcheinen; um Alles ſollte er nicht wiſſen, was in ihr vorging. „Iſt es hier alle?“ fragte Frau Lesnau, ſich ver⸗ legen räuspernd. 58 „Nein.“ „So laß uns auch das Ende hören.“ Johanna las weiter: „Darum laß Dich warnen von mir, Deinem beſten Freunde, ſei vorſichtig und bedächtig mit dem, was für das ganze Leben gilt. Wirke und ſchaffe zunächſt, daß Du möglichſt ſelbſt⸗ ſtändig und unabhängig werdeſt, und dann frage Herz, Vernunft und Moral bei Deiner Wahl, dieſe drei ſind es ja, welche uns den erſten Rang auf Erden geben und uns über dieſelbe erheben. Ich möchte Dich auch gern als den Alten wiederfinden, wenn ich nach Deutſchland zurückkomme. Es bleibt dann hei der Verabredung, mit Allem, was ich bin und habe, werde ich Dein Compagnon; bis Deines Onkels Einziger zur Selbſtſtändigkeit reift, wird es ſchon werden. Wenn Du aber ſchon ſo reich wäreſt, daß Du meiner nicht bedürfteſt, wenn Du gar hart geworden wärſt, wie Reichthum die Menſchen machen ſoll, dann wäre mir gleich die Heimkehr verbittert; oder wenn ich's anders fünde, wenn Du nicht glücklich wärſt! Du, gerade Du könnteſt härter büßen müſſen als Andere, die nicht wiſſen, was ſie thun, wenn ſie mit dem Strome ſchwimmen!“ Der letzte Theil des Briefes, von Johannꝙ's ernſter, 59 reiner und ſanfter Stimme vorgeleſen, war von ergrei⸗ fender, überwältigender Wirkung. Während ſie den Schluß noch einmal überlas, war eine Stille im Zim⸗ mer, als ob ein Engel durchginge, wie man zu ſagen pflegt. Und war's nicht ſo? Zwei Engel des Lebens ſogar traten warnend und mahnend an Hermann heran: die Freundſchaft und die Liebe. Sah es nicht aus wie Schickung, daß der Brief gerade kam, als Johanna da und im Begriff war, Abſchied zu nehmen? Wenige Stunden früher wäre ſie noch nicht, wenige ſpäter nicht mehr dageweſen. Er, der wußte, was er übers Meer geſchrieben, hatte wohl eine Antwort in ſeinem Sinne erwartet und es gleich paſſend gefunden, wenn Johanna und ihre Mutter gleichſam als Wiederhall aus des Freun⸗ des Seele erfuhren, um was es ſich handelte. Wie anders klang dieſes Echo und wie ſeltſam war es, daß er gerade durch ſie ſelbſt es hören mußte! Auch Madame Lesnau war frappirt von der Wen⸗ dung, welche ihr tippender Vorſchlag genommen. Sicher hätte der Brief unerbrochen liegen müſſen, wenn ſie dieſen Inhalt ahnen konnte. Ihre Machi⸗ nationen Johanna gegenüber hatten, wie es ſchien, Malheur. In der Paſtorin wechſelten Zorn, Stolz und etwas 60 Schadenfreude; der Stolz behielt den Sieg ſie ſchwieg. Die Uhr im Zimmer endete die peinliche Situation, ſie ſchlug die Trennungsſtunde. Hermann, noch immer wortlos, tief ergriffen, ſchritt mit Johanna voraus, die Schweſtern folgten; die Zu⸗ rückbleibenden wollten die Heimkehrenden zur Poſt be⸗ gleiten. Von ſeinem jetzigen Logis war dieſelbe Promenade der gerade Weg, welche er damals als Umweg auf⸗ geſucht hatte, und wieder lag der Abend lau und hell⸗ geſtirnt über derſelben. Da trat die dritte lautloſe und doch nicht minder mächtige Mahnung an ihn heran: die Erinnerung an jenen Abend, wo er Johanna den Ring, wo er ihr ſein„Vergißmeinnicht“ mit auf den Weg gegeben hatte. So oft ſie jetzt zuſammengeweſen waren, hatte ſich der alte Zauber unwillkürlich geltend gemacht, welchen Johanna immer auf ihn ausgeübt, auch hier in der Allee nahm er wie unbewußt ihre bebende Hand und legte ſie in ſeinen Arm. Sie fühlte, was in ihm vor⸗ ging, es geſchah ihr ja ſelber ſo; die Erinnerung an jenen Abend trat auch an ſie ſüß und traurig heran. Wie um ihr zu entfliehen, ſchritt ſie raſcher vorwärts, während in Hermann jetzt auch Fanny's Worte wieder⸗ hallten. Er hatte ihr verſprochen, daran zu denken, 61 wenn er daheim ſein werde, und nun ſtand ſie im Geiſte lebhaft vor ihm mit ihren beherrſchenden Augen und erzwang die Erfüllung des ſchlecht gehaltenen Ver⸗ ſprechens. So waren ſie ſtumm bis an die letzten Bäume gekommen, wo die rothen Laternen des Poſtgebäudes ihre Licht⸗ und Schattenſtreifen warfen. Hermann blieb ſtehen, faßte die ſich von ſeinem dunkelbekleideten Arm hell abhebende Hand Johanna's und fragte faſt heftig: „Wo haſt Du den Ring?“ „Aufgehoben!“ erwiderte ſie leiſe. „Warum?“ Sie ſah zur Erde. Er zog die Hand an ſeine Lippen. „Trage ihn wieder, Johanna, vergiß!“ Sie ſchüttelte leiſe ihr feines Köpſchen, in ihrer Seele herrſchte doch hauptſächlich nur ein Gefühl: die Angſt um ſeine Zukunft. Während ſie noch kämpfte, ob ſie das, was ſie ihm zu ſagen wünſchte, auch ſagen dürfe, hörte ſie Frau Lesnau mit ihrer Schweſter laut demonſtrirend daherkommen, ſo raſch es ihre Körper⸗ fülle erlaubte. Da hob Johanna den bittenden Blick zu ihm auf und ſagte innig:„Hermann, höre meine letzte Bitte— wähle keine Arganerin, ſie bringen Unglück!“ Er hatte ſie umfaßt und an ſich gezogen, feſt und innig wie ehemals, aber eine einzige Sekunde verging ſo, dann entzog ſie ſich ihm raſch— und da waren auch die mütterlichen Schweſtern ſo nahe, daß Frau Lesnau ihrem Sohne etwas von dem infamen Voraus⸗ laufen zurufen konnte. Er antwortete nicht. Wie da⸗ mals blies der Poſtillon ins Horn; man ging nach der Halle, wo der Wagen bereits vor der offenen Paſſagierſtube hielt. In derſelben unterhielten ſich zwei Herren laut und lebhaft. „Die beſte und ſchönſte Predigt habe ich in Ham⸗ burg gehört“, ſagte der eine.„Ich habe ſie nie ver⸗ geſſen können. Die Dänen hatten damals in Schles⸗ wig⸗Holſtein wieder die Oberhand und den Paſtor Rehof ſeines Amtes entſetzt, die Hamburger aber ihn mit Freuden aufgenommen und an ihrer großen Michaeliskirche angeſtellt. Seit lange war der Platz nicht ſo ausgefüllt worden, als durch ihn, die Kirche war jedesmal gedrückt voll. Aber es war ſo ſtill, als ſei kein lebendiges Weſen da, als er mit ſeinem tiefen, mächtigen, ſo wohllautenden Organ anfing: Reminiſcere, denk' daran!“ Hermann und Johanna ſtanden gerade iu der Stufe vor der Thür, das„Denk' daran“ tönte in ſein Ohr und ſein erregtes Inneres wieder wie ein Mahn⸗ 63 ruf, während er ihr Lebewohl ſagte. Frau Lesnau behauptete heimwärts ſchmollend, die Umſtehenden hät⸗ ten ihn weniger für einen Couſin, wohl aber für einen Bräutigam halten können, ſo habe er von der Couſine Abſchied genommen. Hermann hörte es nicht, er hörte nur immer wieder Johanna's letzte Worte und das„Denk daran“. Unter dem Nachklange deſſelben ſchrieb er ſpäter mit ſeiner Mutter wieder in gehaltener, aber doch un⸗ willkürlich mehr als verwandtſchaftlicher Weiſe an ſie und empfing mit unbeſiegbarer Freude ihre ebenfalls gehaltene und doch ſo herzliche Antwort. Daneben ver⸗ ging die Zeit, er arbeitete, reiſte, vernahm die Wünſche und Pläne ſeiner Muttter und verkehrte mit ſeinen Bekannten. Er blieb auch nicht zurück, wenn dieſelben den als Goldfiſche bezeichneten jungen Damen der Stadt ihre Aufmerkſamkeiten bei Bällen, Concerten und im Theater erwieſen, und gerieth in nicht geringe Auf⸗ regung, als einer derſelben glücklich einen ſolchen Gold⸗ fiſch erhaſcht hatte. Man erwählte Hermann mit zum Brautführer und mit großem Behagen bewegte ſich dieſer am Hochzeitstage in der glanzvollen, berauſchen⸗ den Atmoſphäre des reichen Hauſes und fühlte nach⸗ her deſto größere Abneigung vor dem einfachen Haus⸗ halte des Compagnons. Dieſer hatte ihm geſagt, daß 64 £ die erſten fünf Tauſend ſehr mühſam zuſammenzubrin⸗ gen ſeien ohne beſonderes Glück und die zweiten nicht viel leichter; nachher gehe es ſchon raſcher mit dem Ver⸗ größern ohne beſonderes Unglück. Alſo zehntauſend Thaler war die Loſung! Bei dem Gedanken, vielleicht erſt ſo viele Jahre mit dem Leben um das Leben ſelbſt kämpfen zu müſſen, kam es über Hermann wie Grauen, und daß ſeine Mutter dies nicht minder fühlen würde, wußte er auch. Wenn dann Johanna's Bild vor ihm auftauchte mit dem ſtillen innern Werth, mit der Liebe zu ihm und Allem, was ihn ſo mächtig anzog, wenn die in ihrer Nähe verlebten glücklichen Tage in ſeiner Erinnerung aufſtiegen, dann fühlte er, wie theuer ſie ihm war, wie er ſie nie werde vergeſſen können. Daneben aber ge⸗ wann doch wieder das frühere Bedenken Raum und hielt dem„Denk daran“ die Wage: das drohende, zeitgeiſtige„Nicht genug“ Zweites Kapitel. Kleine Urſachen. Seit faſt einem Monat war Fanny Stern im Hauſe des Barons von Uslar in der neuen, ſo erwünſchten Sphäre als Bonne. Es gibt Perſonen, welche uns ſofort beim erſten Begegnen anziehen oder abſtoßen. Beides hatte Fanny ihrer jetzigen Principalität gegenüber empfinden müſſen. Wie ſich zwiſchen ihr und dem Baron ein gegenſeitiges Vertrauen, eine Uebereinſtimmung fühlbar gemacht, ſo zwiſchen ihr und der Baronin jenes entſchiedene Ab⸗ ſtoßen bei der erſten Berührung. Sie kam dadurch ſogleich in eine ungewöhnlich ſchwie⸗ rige Stellung. Die Beiden gehörten untrennbar zu⸗ ſammen, und ſie ſtand unter ihnen, in gleicher Weiſe beiden Rückſichten, Achtung, gewiſſermaßen Gehorſam von Oben, Des Hauſes Eckſtein. M. 5 66 züglich dieſer Attribute wie ihrer eigenen Perſon ver⸗ ſchiedener Anſicht ſein werde. Die Baronin war die zweite Frau, eine kaum mittel⸗ große Geſtalt mit einem Kindergeſicht, jenem Geſicht, welches man bei Frauen als ſo gefährlich bezeichnet hat. Der Baron begegnete Fanny mit großer Achtung und Artigkeit in wohlthuendſter Weiſe und in ſeiner Gegenwart auch ſeine Gemahlin ihr mindeſtens höflich, ohne dieſe Gegenwart aber ſtand ſie ihr ſtets in vor⸗ nehm nachläſſiger, froſtiger oder gar hochmüthiger Hal⸗ tung gegenüber, ſo wenig auch der Bonne Verhalten dazu Anlaß gab. Daß dieſes tadellos war, ſchien im Gegentheil die Frau mit dem Kindergeſicht zu verdrießen und zu reizen. Zu Glück waren dieſe Begegnungen mit der Ba⸗ ronin allein ſehr ſelten. Sie kam faſt nie in die Kin⸗ derſtube, obgleich das jüngſte ihr eigenes war; dafür hatte man eben die Bonne. Die älteſte, der Confirmation entgegenreifende Toch⸗ ter des Barons, Thekla, war jetzt in einer größern Nachbarſtadt, wo die Familie viele Bekannte hatte. Die Fanny faſt ausſchließlich überlaſſenen Kinder waren ein ſehr hübſcher Knabe von ſechs und ein Mädchen ſchuldig, während ſie annehmen mußte, daß man be⸗ von zwei Jahren, Richard und Klara, wozu ſich häufig 67 noch andere aus der Nachbarſchaft geſellten. Sie wohnte mit ihrer kleinen Geſellſchaft in einem Seitenflügel des wirklich ſchön gelegenen, von einem weitläufigen Park umgebenen Schloſſes und ſpeiſte auch dort mit den Kindern, da der Baron der Anſicht war, dieſe müßten nicht Alles ſehen und haben, was die Großen hätten. Dem Grundſatze gemäß: Was man ernten will, muß man ſäen, war Fanny den Kleinen mit Liebe und Vertrauen entgegengekommen, wofür dieſe ſich ſogleich in kindlicher Traulichkeit an ſie angeſchloſſen hatten. Die ganze Situation, der ländliche Aufenthalt, Alles war nach ihrem Sinne, nur die kleine Geſtalt der Ba⸗ ronin warf einen gewichtigen Schatten über die An⸗ nehmlichkeiten, und es fiel Fanny auf, daß ſie noch nicht einmal in das Familienzimmer zu einer der zahlreichen Abendgeſellſchaften gezogen worden war, von denen beſonders die muſikaliſchen ſie intereſſirten, in denen ſich auch bürgerliche Elemente mit bewegten. Bei Frau von Barryt war ſie ja ſtets dabei geweſen. Sie ließ ſich indeß in ihrer klug beſonnenen, ſtill beobachtenden Weiſe durchaus nichts darüber merken, blieb anſpruchslos und reſpektvoll, ruhig und zurück⸗ haltend, ganz und nur den Kindern ſich widmend, ſich ſofort zurückziehend, wenn Fremde nahten, ſich überhaupt ſo geräuſchlos wie möglich bewegend. 5 Sie wollte ſich erſt gehörig vrientiren, feſten Fuß faſſen ſehen, was da weiter komme. So hatte ſie, um ſich in keiner Weiſe bemerkbar zu machen, auch noch keinen Laut ihrer ſchönen Stimme hören laſſen, obgleich ſie ſich zuweilen ſehr nach der ſüßen Gewohnheit zu ſingen ſehnte. Sie war, ſeit der Pfycholog ſie darauf hingewieſen hatte, aufmerkſamer auf ihre innere Stimme geworden, und dieſe hatte ihr geſagt, daß jetzt Schweigen das Beſte, daß eben Schweigen Gold ſei. So oft ſie dieſer innern Stimme gehorcht, hatte ſie es nicht bereut; ſie war auch diesmal folgſam geweſen. Es war Nachmittag. Die Baronin ſaß in eleganter Toilette im Empfangszimmer, am Stickrahmen, allein, etwas unruhig, öfter nach der prächtigen Pendule blickend, deren Zeiger bereits bis vier Uhr vorgerückt war. Da tönten raſche Schritte durch das Vorzimmer, ſie erhob ſich, der Diener öffnete die Flügelthüren und meldete:„Herr Kapellmeiſter Conradin.“ „Willkommen!“ ſagte lebhaft die Baronin. Der Erwartete trat ein, eine charaktervolle, im⸗ ponirende Perſönlichkeit: eine mehr kleine als große Geſtalt, aber kräftig und vom ſchönſten Ebenmaß der Glieder; darauf ein dunkelbraun gelocktes Haupt mit genialer Stirn, feingebogener Naſe, friſchen Farben und ſo ſchönen dunkelblauen Augen, daß der, welchen 69 ſie anſchauten, meinte, ein warmer, lebendiger Sonnen⸗ ſtrahl ruhe auf ihm. Die Haltung war natürlich edel, ſicher, ſelbſtbewußt, die Kleidung einfach, fein, ge⸗ ſchmackvoll. Der Kapellmeiſter war nicht immer zu haben; die Baronin empfing ihn auf das zuvorkommendſte, er antwortete ihr ebenſo. „Und Sie haben von Bergt einſtudirt?“ ſetzte ſie das Geſpräch fort. „Wie der Herr Baron gewünſcht. Sind die Andern ſchon hier?“ „Die Herren. Unſere erſte Sängerin aber fehlt noch, obgleich ſie halb und halb zuſagte, ſchon den Nach⸗ mittag hier zu ſein.“ „So? Ich war geſtern drüben auf Schloß Kunad, es ſchien Alles für heute vorbereitet und die Damen verſprachen mir, zeitig zu kommen. Ich hätte gern noch eine kleine Generalprobe gehalten, wenigſtens in Bezug auf das Terzett, welches der Herr Baron gewählt hat. Vor allem erfordert dieſe Bergt'ſche Compoſition einen ſeelenvollen Vortrag, welchen ich unſerer Kapelle noch⸗ mals ans Herz legen wollte, um die ſchöne Muſik zur vollen Geltung zu bringen.“ „Nun, ich denke, wenn Fräulein von Kunad nicht ſin⸗ gen oder kommen könnte, würde ſie Nachricht gegeben warten.“ „Und wo ſind die Herren?“ „Drüben im Salon; wenn es Ihnen gefällig iſt, können wir einſtweilen hinübergehen.“ Im Salon ward der Kapellmeiſter ebenfalls artig und freudig begrüßt. „Pünktlich wie immer“ ſagte der Baron, ihm herz⸗ lich die Hand ſchüttelnd. „Pünktlich wie die Sonne“ ſagte ein Anderer.„Nic zu früh, nie zu ſpät.“ „Auch wir, die Trabanten der Sonne, dürfen uns heute dieſes Zeugniß geben.“ „Aber nicht alle.“ „Nein, Venus fehlt noch immer.“ „Sie iſt eben Venus.“ „Sie wird ſich bei der Toilette verſpätet haben.“ Conradin zeigte bei der letzten Bemerkung des naſe⸗ weißen Tenors einen Augenblick ſeine kleinen perlen⸗ gleichen Zähne. Der Baron wandte ſich ihm wieder zu.„Es iſt fatal, daß die Damen ſo viel Zeit dazu brauchen, ge⸗ rade heute möchte ich, daß wir Vollkommenes leiſten könnten.“ „Darf ich fragen, weshalb, Herr Baron?“ haben; wir dürfen ſie daher wohl jeden Augenblick er⸗ 71 „Es iſt des Grafen Geburtstag und ich denke, er wird kommen. Sie wiſſen, ein ungewöhnlich ominöſer Tag. Da es ihn nun unangenehm berührt, wenn man ihn direct beglückwünſcht, ſo wollten wir ihn wenig⸗ ſtens durch unſern vollendeten Vortrag erfreuen; er beſitzt für derartige Aufmerkſamkeiten ein feines Verſtänd⸗ niß und fühlt ſich dadurch wiederum angenehm berührt.“ „Sehr wohl, Herr Baron; ich hatte auch die Abſicht, noch eine Generalprobe zu halten. Wenn es Ihnen alſo gefällig wäre, könnten wir damit anfangen.“ „Aber das Terzett?“ „Wir nehmen es zuletzt, bis dahin wird Apollonia doch kommen; machen wir einſtweilen Alles zurecht.“ Man holte und ſtimmte die Inſtrumente, trug die Noten zuſammen und begann die einzelnen Partien durchzunehmen. Unterdeß harrte zu Hauſe Venus Apolloria unge⸗ duldig des neuen Kleides, welches ſie ſich expreß für dieſen Abend hatte machen laſſen. Auch ſie wußte, daß des Grafen Geburtstag ſei, der zehnte ſeit ſeiner Ver⸗ lobung mit Clementine von R., der neunte ſeit deren Vermählung mit ſeinem Jugendfreunde— Thereſe von Kunad war ja Clementinens Freundin im Penſionat geweſen. Sie calculirte: „Es iſt möglich, daß Graf Einſamkeit der Ein⸗ 72 ladung des Barons zur Soirse auch heute, wie ſchon manchmal, Folge leiſtet, er liebt ja die Muſik. Es iſt möglich, daß er gerade heute, volle zehn Jahre älter, ſeine Einſamkeit mehr als ſonſt fühlt. Es iſt wahrſcheinlich, daß die Vergangenheit ihn heute lebhafter heimſucht als ſonſt, und es iſt natürlich, daß die Erinnerung an dieſe Vergangenheit ſeinen ſonſt ſo ſtolzen Sinn demüthigen, ſeine Anſprüche 1 ſtimmen wird. Wenn ich nun gerade heute einfach erſcheine und in der Farbe, die er liebt, wie die Baronin ſagte, und dann die Herbſtmelancholie von Kücken ſinge, die jetzt zum Herbſte draußen paßt und doch auch wieder ſo für mich und für ihn, dem der Herbſt des Lebens nahe iſt— gewiß, es geht nicht anders, er muß die zarte Aufmerkſamkeit bemerken und würdigen, die ich ihm ſtumm erweiſe. Er muß es fühlen, daß ich Theil an ihm nehme, das muß ihm wohl thun, ihn mir näher bringen— ja, und dann— vielleicht— er iſt ein eigen⸗ thümlicher Charakter— er thut am Ende unwillkürlich einen raſchen Schritt und ich— bin Gräfin. Ah, Baronin, du möchteſt ihm gern die heran⸗ wachſende Stieftochter zuführen; ſie iſt nicht hübſch und wäre gut verſorgt, aber eben darum wird es Zeit für mich ſelbſt, fein, doch ernſtlich zu operiren!“ 8 73 Während dieſer Combinationen hatte die Zofe des Fräuleins ſchwarzes Haar friſirt und mit der letzten faſt weißen Roſe des Blumentiſches geſchmückt. Der in die Stadt zum Schneider geſchickte Bote hatte endlich auch das neue Kleid gebracht. Es war von pfirſichblütenfarbener Seide mit weißen Verzie⸗ rungen und ſah ſehr zart und ſchön aus, als es über die hohe Lehne eiues Stuhls gelegt ward. Thereſe freute ſich aufs neue ihrer Wahl, es gab einen nobeln, geſchmackvollen Anzug. Als die Toilette vollendet war, entfernte ſich die Zofe, Thereſe trat muſternd vor den großen Spiegel. Er ſtrahlte in ruhiger Klarheit das ſchöne Seidenkleid, das ſchwarze Haar mit der faſt weißen Roſe und ein faſt fremdes, ſich immer mehr verdüſterndes Antlitz zurück. Warum ſah dieſes erſt ſo erwartungsvoll lä⸗ chelnde Geſicht nun ſo unmuthig erſtaunt in das Glas und wieder heraus? Thereſe von Kunad hatte bei der Wahl der Lieb⸗ lingsfarbe überſehen, daß dieſelbe auch einen ſehr feinen oder ſehr friſchen Teint verlangt, um gut zu kleiden; Beides beſaß ſie nicht. Geſicht, Hals und Hände hoben ſich bronzeartig dunkel von der zarten Farbe des Ge⸗ wandes ab. Eben trat ihre Mutter herein. 74 „Biſt Du fertig, Thereſe? Es wird hohe Zeit!“ „Ich liebe es nicht, zu früh zu kommen!“ „Dieſen Vorwurf wird Dir heute Niemand machen.“ Thereſe antwortete nicht. Die Mutter trat näher.„Du biſt verſtimmt— paßt das Kleid nicht?“ „O ja, vortrefflich“, erwiderte Thereſe bitter. „Dann iſt es etwas Anderes. Ah!l die Farbe ſteht Dir nicht.“ in „Ich dachte mir's, aber Du fandeſt ſie ſo ſchön und paſſend. Was iſt nun zu thun?“ „Nichts“, erwiderte etwas trotzig das Fräulein. „Nichts, das heißt?“ „Wir bleiben zu Hauſe, ich wenigſtens.“ „Und das Terzett, was ihnen ſo am Herzen lag, deſſentwegen geſtern der Kapellmeiſter noch expreß hier war?“ „Dieſes lederne altmodiſche Terzett kümmert mich ſehr wenig. Viel mehr Effect verſprach ich mir von Kücken's Herbſtmelancholie, die gerade heute eine vor⸗ treffliche Wahl war.“ „Für Deine Zwecke.“ „Ja. Warum ſoll ich immer an Zi denken?“ „Nun, und dieſe wirkungsvolle Herbſtmelancholie, die 75 ſo erfolgreich hätte werden können und die Du eben deshalb gewählt hatteſt?“ „Sie unterbleibt, vielleicht wirkt ſie ſo noch beſſer.“ „Du treibſt Politik?“ „Ich fange an. Es war ja lange Deine Meinung, daß Zurückhaltung die Männer reize.“ „So iſt's!“ „Nun gut, ich fange an mich rar zu machen. Bis jetzt fehlte ich nie bei ihren Soiréen, ich war ſtets zu haben; was trug's für Früchte?“ „Nicht, die Du wünſchteſt.“ „Darum will ich nun einmal nicht zu haben ſein. Gerade heute braucht man mich; man harrt und hofft umſonſt! Man muß mich fühlbar heute vermiſſen. Der Abend iſt geſtört, endlich vielleicht auch ſeine Lethargie.“ „Du liebſt ihn alſo wirklich?“ Thereſe lachte laut.„Es iſt ein ſehr veralteter Ge⸗ brauch, zu lieben, wenn man freit.“ „Nun, nun, er iſt noch immer ein hübſcher, intereſſan⸗ ter Mann, von feinſter Bildung, tadelloſem Rufe und Charakter— er iſt Graf!“ „Ja, Graf, das iſt's, was mir an ihm ausnehmend gefällt, ſonſt aber finde ich ihn weniger liebenswürdig. Er iſt ein Sonderling, ein halber Hageſtolz, nicht un⸗ erſchöpflich reich, nach meinen Begriffen nicht einmal 76 beſonders hübſch und ſchon einmal verlaſſen von einer ſchönen Braut.“ „Du tadelſt ihn und möchteſt ihn doch haben.“ „Das iſt was Anderes, da handelt ſich's um das Gräfinwerden. Du wollteſt übrigens jetzt ſagen, daß ich gerade in dem mit ihm harmonire, was ich an ihm tadelte.“ „Allerdings kam mir auch der Gedanke.“ Thereſe erröthete ſtark, als ſie ſich hierbei ihrer erfolgloſen Jugendneigung zum jetzigen Oberſt von Scholler erinnerte. Sie ſtampfte mit dem Fuße. „Und ich denke“, entgegnete ſie ärgerlich,„daß ich gerade darum für ihn die paſſendſte Partie bin.“ S „Ja, was Jugend und Schönheit betrifft, ſo wird er's damit, ſelbſt an der Jugendgrenze, nicht noch einmal verſuchen wollen. Was den Reichthum anlangt, ſo bin ich, weil wir eben arm ſind, nicht verwöhnt, ſodaß ſeine Güter ausreichen. Das ſollte er auch bedenken. Die Sorge für eine Gemahlin wird ihm die Langeweile hübſch vertreiben, da nützt er doch noch zu etwas in der Welt. Uebrigens können wir's ja wie Andere un⸗ ſeresgleichen halten— Jedes geht ſeinen eigenen Weg; oder er ändert ſich und kann dann ganz zufrieden mit mir leben, auch in Geſellſchaft immer noch geiſtig mit 77 mir glänzen. Daß ihm das Alles noch nicht ſelbſt in die Augen geſprungen iſt, frappirt mich.“ „Und da meinſt Du, wenn Du heute fehlſt, ſoll es ihm beſſer einleuchten?“ „Bei einem Sonderlinge, wie er iſt, kann man es für möglich halten, mindeſtens wird man doch ſehen, was er thut.“ „Nun gut; Du mußt aber doch et geben, daß Du nicht kommſt.“ „Ja, wir ſchicken gleich den Boten mit ein paar Zeilen hinüber.“ „Und womit willſt Du Dich entſchuldigen?“ „Mit nichts; ich ſchreibe blos, daß ich nicht komme. Ein Grund findet ſich nachher. Es iſt ſogar beſſer, ſie wiſſen keinen Grund für unſer Wegbleiben, da müſſen ſie ſich einen ſuchen, vielleicht wird's dabei Tag in ihm. Dann muß man doch artigkeitshalber nach uns fra⸗ gen. Wenn's gut geht, thut's Freund Schweigſamkeit eines ſchönen Tages in eigener Perſon, ich ſinge und ſage ihm hier, was ſpäter auch noch paßt, hier, wo es ganz anders wirken ſoll, weil Niemand weiter beobachtend dazwiſchenſteht. Einmal hier geweſen, kann er anſtands⸗ halber nicht gleich wieder wegbleiben, und öfteres Kommen gibt ihn vor der Welt ſchon halb und halb gefangen. Kurz, es knüpfen ſich an die Möglichkeit, daß er mich 78 heute vermißt, ohne zu wiſſen, weshalb, eine ganze Reihe auderer zweckentſprechender Möglichkeiten; laß uns alſo unverzüglich den Boten nach Schloß Uslar abſenden.“ Während derſelbe eilig ſeinem Ziele zuſchritt, war man dort allgemach ungeduldig geworden. „Da ſtehen wir nun am Terzett“, rief der Baron, „und zum Dreiklang fehlt das Drittel.“ „Gerade den Lichtpunkt des Abends nicht probiren zu können“, zürnte ein Anderer. „Venus hütet ſich, zu viel zu ſtudiren.“ „Und zu früh zu erſcheinen.“ „Sie kommt erſt, wenn man ſich nach ihr ſehnen muß!“ „Um den Eindruck ihrer Erſcheinung zu erhöhen.“ „Und den Empfang lichtvoller zu machen.“ „Warten und Nichtkommen iſt eins von den drei Dingen, woran man ſterben kann.“ „Kapellmeiſter, was wird's nun?“ „Ich will einmal ſelbſt ausſchauen, ob ſie kommt oder ein Interimiſticum ſendet; manchmal hilft's!“ „Das Selbernachſehen?“ Conradin ging, die Partitur noch in der Hand, hinaus auf den Corridor, von wo man den Weg nach Schloß Kunad überſehen konnte. Niemand kam daher, aber ihm kam ein Gedanke. Eben als er umkehren und denſelben dem Baron mit⸗ theilen wollte, trat ihm aus einer Seitenthür die Ba⸗ ronin entgegen. „Noch nicht da?“ fragte ſie ihn⸗ „Nein, Frau Baronin, es kommt auch noch kein Wagen, aber ich hatte einen Einfall bezüglich der Probe.“ Der Kapellmeiſter gab nicht gern auf, was er ſich einmal vorgenommen hatte. Die Baronin ſah ihn fragend an.„Nun, Ihr Einfall?“ „Sie haben eine Erzieherin— könnte ſie vielleicht zufällig aushelfen?“ Die Baronin beſann ſich.„Ich habe noch keinen Ton von ihr gehört. Indeſſen wir können ja fragen; folgen Sie mir!“ Auch der Baronin war ein Gedanke gekommen. Sie dachte an das Vergnügen, von der Bonne etwas ver⸗ langen zu können, was dieſe nicht zu leiſten im Stande wäre, von dem ſie geſtehen müßte:„Das kann ich nicht.“ Bisher war ihr das noch nicht gelungen, ſoviel ſie auch operirt hatte; ja ihr eigenes Wiſſen war in die Gefahr gerathen, in welcher ſie ſo gern die Bonne ge⸗ ſehen hätte. Die Baronin führte den Kapellmeiſter in den Theil des Schloſſes, wo Fanny reſidirte. Dieſe war allein. „Hier die Bonne“ ſagte eintretend in nachläſſigem Tone die Baronin zu Conradin,„und hier“ fuhr ſie, zu dieſer ſich wendend, in einem andern, höhern fort, „der Herr Kapellmeiſter Conradin, welcher gern ein Terzett probiren möchte, zu welchem Fräulein von Kunad die Sopranpartie übernommen hat. Da dieſelbe noch nicht hier iſt, dachte ich, Sie würden vielleicht ſo viel vom Blatte ſingen können, um in der Probe auszuhelfen.“ „Wenn's nicht gar zu ſchwer iſt“, ſagte Fanny be⸗ ſcheiden. Die Baronin ſchien überraſcht.„Alſo auch?“ blick⸗ ten ihre Augen. Dann aber kam ihr wieder die Vor⸗ ausſetzung, daß die hochmüthige Bonne ſich gewiß ſchon würde haben hören laſſen, wenn ſie auch da Beſonderes leiſten könnte. „Sie können ja erſt hier einen Verſuch machen, Herr Kapellmeiſter“ wandte ſie ſich, auf das Piano deutend, zu dieſem,„im Falle es doch zu ſchwer wäre. Ich bin dazu nicht weiter nöthig und Sie wollen mich des⸗ halb entſchuldigen.“ Sie grüßte Conradin flüchtig ließ die Beiden allein. „Hier iſt die Sopranſtimme, Fräulein“, ſagte der. Kapellmeiſter, Fanny artig die Noten präſentirend. Sie warf einen Blick darauf und ein helles Lächeln verklärte ihr ausdrucksvolles Geſicht. 81 Das kannte ſie noch vom Vater her aus den Weih⸗ nachtsmuſikproben ihrer Kindheit, und ihr war, als habe dieſe ihr eben einen Gruß geſandt, ſie die herab⸗ würdigende, verletzende Art vergeſſen zu machen, womit die Baronin ihr begegnet. „Es wird gehen“, ſagte ſie dann zu dem faſt ver⸗ legen vor ihr ſtehenden Kapellmeiſter. Dieſer ſetzte ſich ſtumm an das Piano und ſpielte die Einleitung. Fanny begann zu ſingen. Aber ſchon nach den erſten zwei Strophen ſchlug. der Kapellmeiſter einen Fortiſſimo⸗Accord an, der gar nicht in das Stück gehörte, ſprang auf und ſtarrte wortlos die Sängerin an. „War's nicht recht ſo?“ fragte ſie erröthend mit ihrer ſüßen Stimme. „Nicht recht ſo“, wiederholte Conradin langſam und in tiefen Gedanken.„Jawohl! Wie viel gibt's doch auf Erden, das nicht recht iſt!“ Damit wandte er ſich und ſchritt dem Ausgange zu. Dort ſchien er ſich zu be⸗ ſinnen, kehrte um, und mit einer ſo tiefen Verbeugung, als wäre ſie eine Prinzeſſin, ſagte er, immer noch in Gedanken:„Sie wollen mich auf paar Augenblicke ent⸗ ſchuldigen, mein Fräulein.“ Damit ging er und raſchen Schrittes dem Salon zu, wo die Herren verſammelt waren. von Oben, Des Hauſes Eckſtein. F. 6 die 82 Hier war indeſſen der Brief des Fräuleins von Kunad angekommen und es herrſchte ſo große Aufregung, daß man ſelbſt die„Sonne“ nicht ſogleich gewahrte. Alles ſprach laut und heftig durcheinander. „Da haben wir's!“ „Abſcheulich!“ „So den Abend zu ſtören!“ „Und gewiß blos aus Laune.“ „Oder Politik.“ „Man hätte ſich auch längſt Reſerve beſorgen ſollen, eine Stimme paßt ſo nicht für Alles.“ „Man ſollte nie auf Weiber bauen.“ „Und doch ſoll man ſie ehren, weil ſie himmliſche Roſen ins irdiſche Leben flechten.“ „Hier iſt eine Probe davon.“ „Hurrah, da iſt der Kapellmeiſter!“ „Sehr in Gedanken.“ „Nichts mit dem interimiſtiſchen Sopran?“ „Ich dachte mir's!“ „Wer ſingt ihm gleich zu Danke!“ „Geben Sie ſich zufrieden“, ſagte verdrießlich der Baron,„wir brauchen keine Probe mehr.“ „Nein, wir brauchen keine Probe mehr“, wiederholte zerſtreut der Kapellmeiſter. „Sie wiſſen alſo ſchon?“ 83 „Was?“ „Daß ſie nicht kommt.“ „Wer?“ „Die Primadonna.“ „Venus verläßt ihre Bahn.“ „Sie emancipirt ſich.“ „Laßt ſie, ſo thun wir's auch.“ „Aber heute?“ „Aber ſeht den Kapellmeiſter! Während wir uns ereifern, lächelt er ſeelenvergnügt in ſich hinein!“ „Malice; er iſt ein Weiberfeind und freut ſich un⸗ ſerer Leiden und Täuſchungen durch ſie.“ „So iſt's.“ „Nein, er hat Viſionen.“ „Er iſt ein Träumer, ein Glücklicher; was ihm die Wirklichkeit verſagt, träumt er ſich.“ „Er hört jetzt die himmliſchen Heerſchaaren ſein Terzett ſingen.“ „Können Sie keinen der Himmliſchen herunterci⸗ tiren, Conradin?“ „Soll geſchehen!“ entgegnete dieſer plötzlich mit eigen⸗ thümlicher Betonung, während ſeine Blicke ſuchend umher⸗ flogen; dann verſchwand er in einem der Nebenzimmer. Hier hatte die Baronin unbemerkt der Scene im Salon gelauſcht. 84 Conradin ſchritt raſch auf ſie zu, neigte ſich tief vor ihr und ſchlug dann ſtumm ſeine ſchönen beredten Augen zu ihr auf. Sie lachte. „O Herr Kapellmeiſter, ſehen Sie mich für den En⸗ gel Gabriel an?“ „Gewiſſermaßen ja!“ „Aber ich kann nicht ſingen“, ſcherzte ſie weiter, ihn mit Wohlgefallen betrachtend. „Gewiſſermaßen können Sie auch das, Frau Ba⸗ ronin. Sie gaben mir jüngſt die Erlaubniß, mir eines Tages eine Gnade ausbitten zu dürfen; der Tag iſt gekommen.“ „Wie feierlich das klingt! Es muß etwas Außeror⸗ dentliches ſein.“ „Das iſt's auch“, verſetzte Conradin mit leichter Jronie. „Sprechen Sie es aus!“ „Geſtatten Sie, daß Ihre Bonne dieſen Abend Fräu⸗ lein von Kunad vertrete. Die Stimme paßt für die Partie, und es würde mir ein beſonderes Vergnügen gewähren, das Terzett doch noch aufführen zu können.“ Der Baronin gereichte es nicht zum beſondern Ver⸗ gnügen, die von den Familiencirkeln principiell aus⸗ geſchloſſene Bonne doch da eingeführt zu ſehen. Aber — 07 60 ſie konnte dem liebenswürdigen, aufopfernden, originellen Kapellmeiſter, der des Barons beſonderer Günſtling war, die Bitte nicht abſchlagen, zumal ſie ihm das Ausbitten einer Gnade bei einer beſonders ſchönen muſikaliſchen Aufführung wirklich offerirt hatte. Während ihr das Alles blitzſchnell durch das Köpſchen mit dem Kinder⸗ geſichte ſchoß, ſann ſie zugleich darauf, die ausnahms⸗ weiſe Zulaſſung der Bonne eine Ausnahme bleiben zu laſſen. „Ich glaube Ihnen, daß Sie das Terzett gern durch⸗ ſetzten; ich habe gehört, wie man Sie herausgefordert hat“, erwiderte ſie lächelnd. „Eben.“ „Nun beruhigen Sie ſich, ich werde—“ „Mich erhören?“ fiel er raſch ein. „Natürlich. Was will ich machen? Ich muß mein Wort halten.“ „Dank, Dank, Frau Baronin, Sie retten meine Ehre und einen ſchönen Abend.“ „Ich hätte dafür ſogar noch eine beſonders ſchöne Idee, wenn dieſe wiederum bei Ihnen auf Erhörung hoffen dürfte.“ „O ſicher!“ „So hören Sie! Man hat Sie herausgefordert, einen der Ueberirdiſchen herunterzuholen— verkünden 86 Sie drinnen, daß dies geſchehen werde. Die Bonne erſcheint weiß, als Gabriel, Tenor und Baß drapiren wir ebenfalls in entſprechender Weiſe, aus der Tribüne improviſiren wir eine Art Himmel mit Blumen, Wolken und zauberhafter Beleuchtung. Das Alles wird an⸗ geblich zum würdigen Empfange Gabriel's gemacht, und ſingt derſelbe auch nicht wie ein Engel, ſo iſt's ein Scherz geweſen, welcher den Reiz des Abends erhöht.“ „Eine vortreffliche Idee, Frau Baronin; ich bin voll⸗ kommen einverſtanden.“ „Schön! Ich eile jetzt den Himmel zu beſtellen, in⸗ ſtruiren Sie einſtweilen Ihre Engel.“ Sie trennten ſich. „Mir Alles recht, wenn ſie nur fingt“, murmelte Conradin, als er Fanny's Gemächern wieder zuſchritt. Er klopfte, ihr ſilbernes„Herein!“ klang ihm entgegen. Abermals verbeugte er ſich faſt ehrfurchtsvoll vor ihr.„Da bin ich wieder, mein Fräulein, kehren wir zu unſern Noten zurück.“ Fanny ſchaute ihn fragend und forſchend an. „Ich hatte ſchnell eine kleine Conferenz mit der Frau Baronin, welche Sie bitten läßt, da Fräulein von Kunad dieſen Abend nicht kommt, die Partie gefälligſt ganz zu übernehmen“, ſagte Conradin er⸗ läuternd. 87 Wieder traf ihn ihr heller, faſt erſtaunter Blick. Hatte die Baronin auf ſeine Bitte ihr Princip geändert oder ſonſt noch etwas im Hintergrunde, dieſe Ausnahme zu geſtatten? Wie ſie dieſelbe kannte, war ein un⸗ bedingtes Unterordnen unter fremde Wünſche ihr nicht eigen. „Wenn die Principalität befiehlt, hat die Bonne zu gehorchen“ ſagte ſie dann mit leichter Neigung des Hauptes. „Und Sie werden ſo ſingen wie vorhin?“ fragte der Kapellmeiſter, welchen dieſe Blicke einigermaßen verwirrt hatten. „Haben Sie die Güte, mich zu inſtruiren!“ Conradin trat näher. „Nicht wahr, mein Fräulein, Sie kennen das Stück?“ „Ja, noch aus der Kindheit Tagen.“ „Und lieben es?“ „Sehr, wie die Bergt'ſchen Melodien Der Kapellmeiſter nickte zufrieden. „Sehr gut! Und Sie glauben auch, was Sie hier ſingen werden?“ Sie ſah voll und ernſt zu ihm auf.„Ja, wie da⸗ mals als Kind, glaube ich noch heute an dieſen ſchönen Text.“ Der Kapellmeiſter reichte ihr entzückt die bnt. 88 „Wohl, mein Fräulein, ſo ſind Sie vollkommen be⸗ fähigt, ſo zu fingen, wie Bergt ſich's gedacht hat, wie ich mir's wünſche. Inſtruiren hieße hier profaniren. Singen Sie ſo, wie Sie fühlen, wie Sie für ſich allein das ſingen würden, und Sie werden begeiſtert und be⸗ geiſternd auch die Andern zu ſich erheben.“ In Fanny's ausdrucksvolles Geſicht ſtieg langſam ein feines freudiges Erröthen. Leicht legte ſie ihre Hand in die ſeine. „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Kapell⸗ meiſter, ich werde es rechtfertigen.“ „Und nun noch eins“, fuhr er fort.„Als heute Fräulein von Kunad abſagen ließ und ich mich ſtill dar⸗ über freute, da ſagte einer: ich ſei ein Schadenfroh, und die Andern: ich ſei ein Träumer, der jetzt wahr⸗ ſcheinlich ſein Terzett im Himmel höre. Dann haben ſie mich aufgefordert, doch gefälligſt einen der Ueber⸗ irdiſchen herunterzurufen. Ich habe es zugeſagt. Die Frau Baronin, welche das Alles mit anhörte, läßt die Tribüne heimlich in einen Tempel oder Himmel um⸗ wandeln und Sie bitten, im weißen Gewande, als Gabriel zu erſcheinen.“ Fanny begriff ſofort, daß dieſer außerordentliche Nimbus eben berechnet ſei, ſie möglichſt von der eigent⸗ lichen Geſellſchaft fern zu halten. Ein faſt mitleidiges 89 Lächeln glitt über ihr Geſicht, ging jedoch bald in ein faſt kindlich heiteres über. Wohl, ich will gehorchen und ſchon hier auf Erden eine Stunde oder weniger Engel ſein, aber dann muß es auch durchaus Geheimniß bleiben, daß nur die arme ſterbliche Bonne geſungen hat. Wollen Sie mir das geloben?“ Conradin ſchaute ſie an wie ein Räthſel. Jede An⸗ dere würde der Baronin zum Trotz die Gelegenheit benutzt haben, ſich in die Geſellſchaft einzuführen, in der ſie ſich bewegen und glänzen konnte. Dieſes junge Mädchen von bürgerlicher Herkunft agirte im Sinne ihrer Feindin gegen ſich ſelbſt, indem ſie ſich ſelbſt ver⸗ leugnete— fürwahr, es gehörte dazu viel Großmuth und Selbſtbeherrſchung, viel Seelengröße, und doch ſchien es ihr eben nur ein Spiel zu ſein. „Wollen Sie mir geloben, um was ich bat?“ wie⸗ derholte Fanny, als er nicht antwortete. „Alles, was Sie wollen, Fräulein“, ſagte er mit einem Blicke der Bewunderung. „Schön; ich kann dann auch von dem Rechte der Engel Gebrauch machen und ſofort nach Beendigung meiner Miſſion wieder verſchwinden. Wann wird die rechte Zeit zum Erſcheinen ſein?“ „Ich werde mir ſelbſt die Ehre geben, Sie abzuholen.“ 90 „Mindeſtens mich ſelbſt zu rufen. Von der Tribüne führt eine jetzt unbenutzte Glasthür auf die Terraſſe; ſorgen Sie gütigſt, daß dieſelbe unverſchloſſen ſei. Ich gehe dann, wenn Sie mich benachrichtigt haben, durch den Garten und erſcheine wirklich auf geheimnißvolle Weiſe. „Es iſt aber dann dunkel im Garten.“ „Ich nehme meine Lampe mit unter dem M tel verſteckt, ſodaß nur der Weg hell wird; man wird mich für ein Irrlicht halten und ruhig gehen laſſen, falls ſich ja um dieſe Zeit noch Jemand von der Dienerſchaft in den Garten verlaufen ſollte. Wie lange habe ich noch Zeit zur Gabriel⸗Toilette?“ „Noch Stunden. Wir nehmen das Terzett zuletzt, es wird den Glanzpunkt des Abends geben.“ Der Kapellmeiſter empfahl ſich und ging zu den Muſikern zurück, welche von der Baronin zu einem Imbiß ins Nebenzimmer telegraphirt worden waren. „Immer noch entzückt?“ rief der Baron entgegen. „Das ärgert mich!“ „Ich bringe gute Botſchaft, Herr Baron: das Ter⸗ zett geht vor ſich.“ „Möchte wiſſen wie!“ „Durch ein Wunder.“ „Hoben Sie uns zum Beſten?“ 91 „Niemals Sie, Herr Baron!“ „Zeigen Sie uns das Wunder!“ „Sie werden es ſehen und hören!“ „Ohne Probe? „Ohne Probe; himmliſche Sänger brauchen das nicht.“ „Aber wir“, meinte lächelnd der Tenor. Ja, wir armen Staubgeborenen“, lachte der Baß. „Ihr, die Ihr heute zu Uriel und Raphael avancirt“, ſagte feierlich der Kapellmeiſter, dem es in Stunden der Begeiſterung zuweilen paſſirte, daß er die perſön⸗ lichen Fürwörter verwechſelte,„Ihr nehmt Euch zu⸗ ſammen, werdet Euch Eurer Aufgabe voll bewußt und löſt ſie glänzend, indem Ihr Euch Gabriel durchaus anſchließt.“ „Das iſt leicht geſagt.“ „Die Weihe wird ſchon über Euch kommen, wenn mein Sänger da iſt. Ihn würdig zu empfangen, läßt die Frau Baronin einen Himmel bauen, in welchem Ihr Eure dazu nöthigen Coſtüme finden werdet.“ Die Herren ſahen einander an, ſie wußten nicht, was ſie denken ſollten. „Laſſen Sie uns eſſen, meine Herren“ ſagte, beluſtigt durch des Kapellmeiſters Thun, der Baron,„damit wir gekräftigt find, wenn das Wunder geſchieht.“ „Speiſen Sie, meine Herren, alle, aber mit Ausnahme dieſer“, erwiderte Conradin entſchieden, unter einen Arm den Tenor, unter den andern den Baß nehmend. „Sie gehören heute mir und Bergt.“ Die Herren lachten. „Und dieſe Bevorzugten ſollen hungern?“ „Hunger gibt die reinſte Stimme und ſie müſſen ſich heute ſelbſt übertreffen.“„ „Aber wenn wir ohnmächtig werden?“ Der Kapellmeiſter führte ſie ans Ende der Tafel. „Ich erlaube Euch eine Sardellenſemmel, etwas Geflügel, einige Süßigkeiten und ein Glas Champagner, welches vor dem Terzett wiederholt wird. Ihr habt gewiß ge⸗ hörig dinirt und könnt ſchon aushalten bis nach dem Concert.“ „Und welcher Lohn wird uns für dieſe Tantalus⸗ ualen?“ fragte der Baß, ſehnſuchtsvoll nach dem Rollaal ſchauend. „Wenn man für einen kurzen alltäglichen Genuß einen ſeltenen hohen eintauſcht und damit auch noch An⸗ dern denſelben bereitet, ſo iſt das ein ſchöner Lohn, zu⸗ mal wenn man das Verſäumte nachholen kann.“ Damit expedirte der unerbittliche Kapellmeiſter den Aal und andere verbotene Delicen weit fort von ſeinen Sängern, arrangirte eine kleine Barrikade von Blumen⸗ — 93 vaſen quer über die Tafel, um ſie auch noch den Blicken derſelben zu entziehen, und ſich ſelbſt verſagend, was er ihnen verſagt, ſetzte er ſich, fie überwachend zu ihnen, während die übrige Geſellſchaft in heiterſter Laune ge⸗ noß, was die unglücklichen Terzettiſten nicht einmal ſehen durften. Unterdeß wandelte langſam und gedankenvoll Graf Horſt in ſeinem einſamen Park umher. er Octoberabend begann zu dämmern, die Luft war grau und ſtumm, unter ſeinen Tritten rauſchte das gefallene Laub, womit die Wege wie verſchneit be⸗ deckt waren. Einzelne falbe Blätter ſanken leiſe auf ihn herab. Die kahlen Aeſte ſchwankten in dem luftigen Raume und zeichneten ſich geſpenſtiſch an dem umflorten Himmel ab, an welchem nur zuweilen flüchtig die Mond⸗ ſichel, aber kein Stern zu ſehen war. Die Herbſtmelancholie, welche ihn umgab, hatte ſich heute mehr als je ſeiner Seele bemächtigt, lockend und ſchmerzend zog die Vergangenheit an ihm vorüber. „Rauſche nur, ſterbendes Grün“, murmelte er,„rau⸗ ſche nur zu meinen Füßen, ich höre dich gern. Wie du, muß Alles hienieden vergehen, auch der Menſch, auch ich. Schon bin ich auf, vielleicht über die Höhe des Lebens, es geht ſchon thalein— das tröſte mich!“ Er ſchritt ſinnend weiter. Wieder wehte leiſe 94 ein welkes Blatt auf ihn hernieder. Der Graf blieb ſtehen. „Wir ſterben nicht der Blume leichten Tod, das arme Menſchenherz muß ſtückweis brechen. Wie glücklich machte uns dieſer Tag, als wir Kin⸗ der waren, und dann, als ſie ſich mir verlobte! Selbſt hier die Flur hatte Grün und Blumen noch genug, uns das ganze Schloß zu ſchmücken. Mit welcher ſtolzen Freude ſtellte der Vater, der eine Tochter nie beſeſſen hatte, ſie unſern Gäſten vor, ſie, ſo jung, ſo ſchön, ſo viel⸗ verheißend! Mit ihrer Schönheit Zauber hat ſie auch ihn umſtrickt, der mir Freund und Bruder war ſeit unſerm erſten Lallen. Die Spanne Zeit, in welcher ſie zu uns gehörte, war ihr genug, das Haus zu ſchleifen, welches ſie zu bauen verſprochen hatte, genug, ihre Spuren mit Vernichtung zu bezeichnen! Und dennoch lebe ich noch, ich hab's ertragen, das Uhrwerk in der Bruſt hört noch nicht auf zu ſchlagen!“ Joſeph war an den aus Laub und Nadelholz ge⸗ miſchten Hain gekommen, aus deſſen Tiefe ihm ſchon von weitem der weiße Stein entgegenſchimmerte, wel⸗ cher das Grab des treuen Sirius bezeichnete. Es war dunkel geworden. Ein leiſes Rauſchen, wie geheimnißvolles Grüßen, ging durch die Zweige der Tannen und Kiefern, welche zwiſchen den entblätterten 95 Aeſten des Laubholzes wie ſchwarze Schatten ſich be⸗ wegten und ihm zu winken ſchienen. Die Umgebung wirkt auf die Stimmung. Es war auch dunkler in Joſeph's Innerem geworden. Eine geiſtige und phyſiſche Ermattung kam über ihn, ein Sehnen nach Ruhe und Vergeſſen, wie noch nie. Er ſetzte ſich auf den Stein neben den ruhenden Hund, welcher in ſchöner Arbeit denſelben ſchmückte; ihm war, als müſſe er Sirius beneiden, als möchte er tauſchen mit ihm oder daneben ſich betten. Die Umgebung wirkte auf ihn, immer düſterer zogen Bilder und Gedanken durch ſeine Seele. „Und warum lebt man noch? Der Reſt des Lebens liegt ſtumm und farblos vor mir, wie dieſer Abend. Warum harrt man, bis der Faden von ſelbſt zu Ende? Ein männlicher Entſchluß und er iſt abgeſchnitten!“ Die Rechte des Grafen hatte ein kleines koſtbares Meſſer gefaßt, welches er ſtets bei ſich zu tragen pflegte. Er betrachtete es mit düſterem Blick. „Hier ſein Geſchenk aus unſerer Knabenzeit! Mit welcher Freude empfing ich dich trüb' Symbol! Heute erkenne ich deinen tiefern Sinn: du haſt die Macht, den Faden zu durchſchneiden.“ Er hatte das Meſſer geöffnet und die ſcharfe blanke Klinge leuchtete wie Blitze durch das Dunkel umher. 96 Ein Windſtoß ging durch den Hain; die kahlen Aeſte ſchwankten und bewegten ſich heftig in dem leeren Raume über ihnen, die Stämme bogen ſich und ächzten. „Ihr Bäume ſeufzt und ſtöhnt, als wolltet ihr um mich klagen— fühlt ihr menſchlicher als die Menſchen? Du alter trauter Hain brauchſt nicht zu trauern Vom alten Stamm der letzte deiner Herrn wird erſt recht auf immer dein, wenn er in dir zur Ruhe geht.“ Er erhob ſich und betrat einen der Irrgänge. Da fiel ein ſanftes Licht auf ſeinen Weg. Ein Stern hatte die Wolken durchbrochen, und ſich im nahen Weiher ſpiegelnd, ſchaute derſelbe hell und freundlich aus der dunkeln Tiefe zu ihm herauf. Joſeph hob den Blick zu dem noch heller ſtrahlenden Urbilde zwiſchen den dunkeln Baumwipfeln; ein Gefühl wie Freude zog durch ſeine Bruſt. „Du ſchöner Himmelsbote, willſt du zum letzten Gang mir leuchten?“ Hesperus zog ſich eilend wieder hint die Wolken zurück, der Blick des Grafen folgte ihm. „Warum hüllſt du deine Schöne in düſtere Schleier? Zürnſt du, daß ich heim mich ſehne? Willſt du mich nicht erſt hören?“ Hesperus fing an, hinter dem Schleier hervorzu⸗ lugen. „Du weißt nicht, Stern, wie meine Tage leer und trübe gehen und kommen, wie ſchwer es iſt, allein zu ſtehen inmitten aller! Was ſoll ich länger unter ihnen, die als einen Träumer und Narren mich bezeichnen, weil mir Recht und Wahrheit noch etwas gilt? Wo meine Nächſten mich verrathen und verleumdet haben, daß ſich heute noch mein Innerſtes empört, wo ich nicht vergeſſen kann und doch die Hoffnung mir den Rücken wendet?“ Hesperus war langſam wieder ganz und klar her⸗ vorgekommen. Ein Lufthauch kräuſelte die Fläche des Waſſers, das Licht des Sterns zitterte, ſchwankte, zuckte unruhig hin und her. Dann zerrann es in langen Linien, als ob eine unſichtbare Hand ſeltſame Buch⸗ ſtaben und Zeichen über die Flut zöge. Die Augen des Grafen folgten unwillkürlich den geheimnißvollen Schriftzügen. „Was ſoll das heißen, wunderliches Licht? Was zitterſt du und fliehſt, als ob ich ein Verbrecher wäre? Ich habe mein Haus beſtellt, und ſonſt iſts gleich, ſein oder nicht mehr ſein! Ich gehöre einzig mir auf dieſer Welt, kein anderes theures Leben rankt an meinem, ich laſſe kein Sehnen und Verzweifeln hier!“ Das Waſſer des Weihers hatte ſich wieder geglättet, ruhig, klar und feſt, als wolle er ewig ſo ſtehen, ſchaute von Oben, Des Hauſes Eckſtein. II. 7 der einſame Wanderer des Himmels dem einſamen Wan⸗ derer der Erde in die Augen. Der Graf brach in ein leiſes, ſeltſames Lachen aus. „Was willſt du wieder, ſonderbarer Stern? Erſt ziehſt du mir Geſichter, und nun ſtehſt du da wie eine brennende Frage, als wärſt du Richter im Verhör, als hätte ich dich belogen! Ich leugne nicht, daß zwei Frauenaugen mich verlangend ſuchen, daß in Hoffen und Erbangen— ein Herz? Bewahre! Das wäre Lüge. Die Hand nur möchte ſie vergeben, um Reichthum, Rang und Rechte zu gewinnen! Um mich ſein als Freundin und Gehülfin in Leid und Freude fällt ihr nicht ein! Dennoch wird mein Tod Verzweiflung ihr bereiten; bin ich nicht ihr letztes Hoffen? Ah, daß ich das bin, ich für ſie, das könnte mich ſelber zur Verzweiflung bringen, raſend machen, wenn es nicht ſo niederſchmetternd wäre! Ich habe Kraft und Freudigkeit, ein Glück zu geben, wie man es nur in Märchen noch für Wahrheit hält, ihr, die mich lieben und verſtehen würde. Dennoch, ver⸗ kaufter Joſeph, kannſt du nicht mit deinem Pfunde wuchern, weil Niemand danach fragt. Mißachtet, wie einen veralteten Schmuck, welchen man vor dem Verſpotten ſchützen will, mußt du es liegen laſſen im Verborgenen. Auch Philomele, wie ſie ſelbſt ſich nennt, würde 99 dir die letzte Rettung dem entſprechend lohnen! Sie würde erſt von ſtiller, jahrelang bewahrter Neigung viel erzählen und nach Weiberart ſich's nicht verdrießen laſſen, ſie an den Tag zu legen, bis nach dem Kreuz, von Prieſterhand gemacht. Dann kehrte ſie den Handſchuh um und lebte rückhaltslos, wie ihr's beliebte, nicht für mich, ſondern für die Welt, nach deren Beifall oder Neid ſie ſtreben würde! Angeſichts derſelben würde ſie deshalb huldvoll ſich gefallen laſſen, wenn ich in mo⸗ dernſter Faſſung das Edelſte aus meinem alten Schmucke ihr zu Füßen legte; ſonſt aber blieb ich doch nur Mittel für eigenſüchtige Zwecke, Nebenſache, die man nicht miſſen oder von ſich werfen kann. Sie würde ſchließlich, was ſie wollte, fordern als Gebühr für die Gnade, mir die Hand gereicht zu haben. Nein, Joſeph, rette nicht! Laſſe lieber ſammt deinen Perlen dich begraben, ehe du ſie ihr zu Füßen wirfſt, nur um ſie doch einmal an das Licht zu ziehen. Nein, ein Drama iſt genug!“ Er faßte das kleine ſcharfe Meſſer und legte es auf die klopfenden Pulſe der Linken. Ein Druck, und ich bin frei von Allem, was mich drückt, Ihr und das Menſchenherz hört auf zu ſchlagen.“ Ein zweiter herbſtlicher Windſtoß nahm ihm die leichte Kopfbedeckung— ein leiſes Seufzen ſchlug an ſein 75 100 Ohr. Es war ein erſterbender Ton der in einem Winkel des Parkes angebrachten Aeolsharfe. Dem Grafen S er aus dem Grabe zu kommen. War das nicht Sirius' Weiſe geweſen, wenn er ſeinen Herrn traurig ſah? Da war er gekommen, hatte ihm ſeinen ſchönen klugen Kopf auf das Knie gelegt und mit den treuen Augen unverwandt ihn an⸗ geſchaut, bis die böſen Gäſte wieder fort waren— die lebendig gewordene dringende Bitte: Traure nicht! Ver⸗ traue doch, wie ich dir vertraue! Jener Weihnachtsabend, wo er zu Ludwig davon geſprochen, wo er dieſem geſagt hatte, der Menſch könne vom nobeln Thiere lernen, ſtieg in ſeiner Erinnerung auf. Ein ſonderbares Gefühl, er wußte nicht, ob phyſiſch oder moraliſch, zog ihm die Bruſt zuſammen, zwang ihn, die Augen niederzuſchlagen— ſein Blick fiel auf des Ringes verwaiſten Platz. Eine Reminiſcenz jener Pro⸗ phezeiung zog durch ſeine Seele. Dieſelbe hatte ihn zuerſt lebhaft beſchäftigt und zuweilen mit leiſer Hoffnung erfüllt; nach und nach aber war ſie erblaßt, es war ihm wie Thorheit erſchie⸗ nen, daß dieſelbe ihn ſo hatte erregen können, und zu⸗ letzt hatte die Trennung von Ludwig, welchen ſein Sou⸗ verän zu einer überſeeiſchen Expedition berufen hatte, ſie ganz verwiſcht. 101 Jetzt kam ihm plötzlich der Schluß derſelben klar und deutlich wieder: 6 Es kommt vielleicht noch mancher Augenblick, Wo alte Zweifel Euch aufs neue faſſen, Wo die Erinn'rung mit der Hoffnung ringt. Die Worte waren in dieſem Augenblicke von über⸗ wältigender Wirkung; ſie hatten ſich eben erfüllt! Zweifel und die bittere Erinnerung hatten ihn ver⸗ folgt und gefaßt; er hatte ſie nicht zurückgewieſen, ernſt und feſt, ſondern ihnen ein williges Ohr geliehen; er hatte das Aufwärtsſchauen verſäumt und das Vertrauen zum ewigen Walten. Hesperus, Sirius und des Ringes verwaiſter Platz hatten ihn daran erinnern müſſen! Zum zweiten Male und ſtärker zog das ſonderbare Gefühl von vorhin ihm die Bruſt zuſammen, zwang ihn, die Augen niederzuſchlagen. Dann tauchte, wie vorhin das Licht aus der Flut, das Bild der Zigeu⸗ nerin vor ihm auf mit dem klaren, warmen, ſo ſchüch⸗ ternen und doch gebietenden Blicke, mit ihrer ſanften, zum Herzen dringenden Stimme und der kindlich zu⸗ verſichtlichen, ihn ſeltſam ergreifenden Weiſe, in welcher ſie zu ihm geredet. Der Zauber, welchen damals ihr Wort und Weſen auf ihn ausgeübt, begann jetzt wieder in der lebendigen Erinnerung ihn zu umweben. Wie Nebelbilder, welche nach und nach zu ſonniger Klarheit 102 ſich geſtalten, kamen ihre Worte ihm wieder, zog die ganze wunderſame Weiſſagung an ihm vorüber. Er lauſchte mit geſenktem Haupte, alles Andere vergeſſend, in ſich hinein. „Aufwärts ſollt den Blick Ihr wenden— das war der fang ihrer Rede“, wiederholte er leiſe.„Hat ſie gewußt, was heute kommen werde? Und dann: Glaubt an Euch ſelbſt und Euren guten Stern! Biſt du der meine?“ fragte er, den Blick wieder emporhebend.„Da ich zum Untergange mich entſchließe, mahnſt du mich ſelbſt, zu dir hinaufzuſehen Das iſt ſehr wunderbar!“ Hellfunkelnd, als ob er ſich lebhaft bewege, ſtand Hesperus jetzt ihm und ſeinen Fragen gegenüber, und nicht mehr allein; ein ganzes kleines Heer hatte ſich um ihn vorſammelt und immer noch traten neue glän⸗ zende Schaaren zu ihm durch das zerrinnende Gewölk. Joſeph verlor ſich im Anſchauen dieſer ſtrahlenden Unendlichkeit, er kam ſich ſo klein und ſo groß vor, er fühlte ſich erhaben, er athmete leicht und frei, ihm kehr⸗ ten Ruhe, Sicherheit und Muth zurück. „Nein, letzter Graf von Horſt, du darfſt nicht frevelnd enden, Mußt ihrer werth der Ahnen Reihe ſchließen. Will eine Blume dir am Wege ſprießen, Sollſt du ihr nicht des Dankes Blick verſagen, Und gibt es keine, ihn nach oben wenden: Es muß, ſo oder ſo, auch dir ein Morgen tagen!“ 103 Er ſchloß das Meſſer und warf es in die Flut, daß ſie hoch aufſpritzte, dann wandte er ſich raſch dem Schloſſe zu. Im raſchelnden Laube kamen ihm Schritte entgegen: es war Detlev, welcher melden wollte, daß es Zeit ſei, nach Schloß Uslar zu fahren. „Was ſoll ich dort?“ fragte der Graf, wie aus einem Traume erwachend. Detlev bedeutete ihn, daß der Baron ſchon vor eini⸗ gen Tagen habe einladen laſſen und daß nicht ab⸗ geſagt worden fei. Der Graf beſann ſich, dann gab er Befehl zum Anſpannen. „Ich habe ja gelobt, kein Blümchen zu mißachten, welches mir am Wege blühen will, alſo hinübe'““ Auf Schloß Uslar angekommen, empfing die Ge⸗ ſellſchaft den Grafen von Horſt mit großer Achtung und Herzlichkeit, beſonders ſprach der Baron wiederholt ſeine Freude aus, daß er, der Kunſtrichter, ſein liebſtes Pu⸗ blikum, doch noch gekommen ſei. Dieſe unverkennbare Aufrichtigkeit that ihm ſehr wohl. „Heute hätte mir's ganz beſonders leid gethan, lieb⸗ ſter Graf, wenn Sie nicht gekommen wären“ fuhr der Baron heiter fort.„Unſer Kapellmeiſter Conradin hier wird nämlich Wunder thun.“ 104 „Und Sie glauben daran?“ fragte der Graf. „Daß er zaubern kann?“ „Daß überhaupt noch Wunder geſchehen.“ „Gewiß glaube ich daran, wir mußten ja außeror⸗ dentliche Vorkehrungen treffen zum Empfange—“ Der Kapellmeiſter trat heran und ſagte leiſe:„Wer glaubt, wird ſchauen, Herr Graf.“ „Das ſagte die Zigeunerin auch“, murmelte Joſeph, in Gedanken verſinkend. Die Baronin hatte die Gewächshäuſer, die Gar⸗ derobe, die Schmuckkäſten geplündert, um Gewänder für Uriel und Raphael zu ſchaffen und die Tribüne in einen kleinen Feentempel umzuwandeln. Jetzt war Alles mit einem leichten weißen Stoff verhüllt, durch welchen man eine wolkenartig arrangirte Goldgaze ſchimmern ſah, wenn ein Licht dahinter ſichtbar ward. Darüber wölbte ſich ein blauer, geſtirnter Himmel. Der Graf hatte ſich wie gewöhnlich in den Schatten zurückgezogen, in einen alterthümlichen Lehnſtuhl von dunklem Sammt, welchen er beſonders gern hatte, wes⸗ halb der aufmerkſame Baron denſelben ſ6 für ihn zurechtſtellen ließ. Ein Streichquartett machte den wozu der Baron ganz meiſterhaft das Cello ſpielte. Dann kam die Herbſtmelancholie, welche Thereſe von Kunad ſich 105 beſonders auserkoren hatte und die nun einer der Herren zum Piano ſang. Bei den Schlußworten ſtahl ſich ein leiſes Seufzen durch die Muſik— ob der Graf ſeiner heutigen Geburtstagfeier im Dunkel des Hains dachte? Nach noch ein paar andern Vorträgen trat eine Pauſe ein, während welcher Conradin von ſeinem Diri⸗ gentenpulte verſchwand. „Nun kommt das Wunder“, ſagte lachend der Baron, ſich nach dem Grafen umwendend. „Ich bin ganz Ohr und Auge“, gab dieſer, ſich ſeinen Gedanken entreißend, zurück. „Wunderbar iſt's übrigens, wie Conradin dirigirt“, fuhr der Baron fort.„Dieſe edlen, lebensvollen Geſten!“ „Ja wirklich, jeder Zoll an ihm iſt ſelbſt Mufik.“ „Und nun, wie wird das erſt bei ſeinem Wunder werden!“ Conradin war indeß bei Fanny eingetreten und entzückt in der Thür ſtehen geblieben. Sie hatte ihr goldiges, welliges Haar ſo geordnet, das es mehr dem eines Knaben glich; ein Vergißmeinnichtkranz hielt es zuſammen. Auch ihr langes weißes Gewand, in der Mitte von einem blauen Gürtel mit goldenen Sternen gehalten, war ſo geordnet, daß die ganze Erſcheinung 106 der eines Engels glich, wie man dieſelben auf alten Kupfern veranſchaulicht ſieht. „Ich komme ſogleich, Herr Kapellmeiſter“, ſagte ſie lächelnd.„Ich will blos, um ganz unkenntlich zu ſein, noch ein wenig Roth auflegen.“ Conradin blieb ihr die Antwort ſchuldig. Noch einmal ſchaute er ſie an, dann ſchritt er langſam in den Salon an ſeinen Platz zurück. WAach einer kurzen Pauſe gab er das Zeichen. Das Orcheſter begann eine ſanfte, melodiſche Introduction in GPur, während welcher die äußere Verhüllung der Bühne langſam niederfiel, eine goldumſäumte Wolken⸗ ſchicht bildend, wie man ſie zuweilen am Abendhimmel ſehen kann. Dahinter und von derſelben bis an die Kniee verdeckt, umgeben von Grün und Blumen, um⸗ floſſen von ſanftem Lichte wie Monden⸗ oder Sternen⸗ ſchein, ſah man zwei Männergeſtalten in langen blauen Gewändern, welche über den Hüften von goldenen Gür⸗ teln gehalten wurden. Sie ſtanden etwas zur Seite, als ließen ſie noch Raum für einen Dritten. Ein ſtaunendes Ah! ward ringsum von der Geſell⸗ ſchaft vernommen, es ſah wirklich über die wolkige Schranke hinweg aus, als habe ſich für einen Augenblick ein Stück Himmel geöffnet. Plötzlich fühlte man von dorther einen leiſen Luft⸗ 107 zug, ein roſiges Licht überhauchte das weiße, welches bisher die Scene erhellte, und neben den beiden in Blau gekleideten Männern ſtand ein ſchöner goldhaariger Jüngling im weißen Gewande. Niemand kannte ihn. Die Introduction war zu Ende, ein Takt Pauſe fiel ein. Da erhob ſich, erſt allein, dann vom Orcheſter begleitet, eine Sopranſtimme, ſo ſilberrein und lieblich, ſo ſeelenvoll und herrlich, daß es der ganzen muſika⸗ liſchen Gewalt des Kapellmeiſters bedurfte, um die Ka⸗ pelle im Gleiſe zu erhalten. War's ihm doch ſelbſt nicht beſſer gegangen! In ſanft hingehauchten, dann voller anſchwellenden Tönen vernahmen die Hörer die Worte: Des Pilgers Pfad, ihr Brüder, Hat Dunkelheit und Licht. Bei dem letzten Worte fielen, es markirend, ein ſchmel⸗ zender Tenor und ein ſonorer Baß mit ein; der erſtere ſang dann allein weiter: Geht auch die Sonne nieder— Auf immer geht ſie nicht— flötete wieder der ſüße Sopran. Und lauter, überzeu⸗ gender wiederholten alle drei im klangreichen Wettlauf: Auf immer geht ſie nicht, auf immer geht ſie nicht! Dann in etwas raſcherem Tempo, erſt in tiefern, dann ſteigenden Noten, vom Piano zum Crescendo an⸗ ſchwellend, ſangen ſie weiter; 108 Nur kurze Friſt der Mühe, Nur eine kurze Nacht, Dann iſt in ſtiller Frühe Der treue Strahl erwacht. Und in Adagio übergehend, wiederholten ſie in hohen gehaltenen Tönen: Dann iſt in ſtiller Frühe Der treue Strahl erwacht. Die Inſtrumente ſpielten allein, in DDur über⸗ gehend, dann fiel Gabriel wieder ein: Vit kindlichem Gemüthe, Gibt ſich der Pilger hin— Und der weiche Tenor fuhr fort: Und harrt auf deſſen Güte Der ſorgt von Anbeginn— Und mit dem kraftvollen Baß zuſammen klang es weiter im Terzett: Der alle Zeiten wendet Und auf das Beſſ're lenkt, Der Menſchenleiden endet Und Engelfreuden ſchenkt. Der Geſang ſchwieg, das Orcheſter ſpielte weiter, bis es in CPur übergegangen war, dann fielen freudig, laut und ſiegend im herrlichen Dreiklang die Sänger wieder ein: O ſelig, wer die Quelle Der ſüßen Hoffnung fand! 109 Ihm wird die Seele helle Und jeder Troſt verwandt. Das iſt des Pilgers Segen: Auf allen ſeinen Wegen Ein Herz voll Zuverſicht, Getränkt im höhern Licht! O ſelig, wer die Quelle, Der ſüßen Hoffnung fand. O ſelig, o ſelig, o ſelig! Das letzte dreifache„O ſelig“ war im leiſeſten, lieb⸗ lichſten Pianiſſimo verklungen— auf der Verſammlung lag es wie ein Zauber. Athemlos hatte ſie der Muſik gelauſcht, athemlos lauſchend ſaß ſie noch, als das roſenfarbene Licht auflodernd verlöſchte und der Jüng⸗ ling im weißen Gewande verſchwunden war. Auch Uriel und Raphael hatten, verwundert einander anſchauend, wie gebannt dageſtanden; ſie wußten nicht, hatten ſie ſelbſt oder ein Anderer aus ihnen geſungen, ſie hatten ſich wirklich ſelbſt übertroffen. Jetzt endlich kehrte Leben in die Geſellſchaft, dieſe ſelbſt in die Wirklichkeit zurück. „Kapellmeiſter! Herenmeiſter!“ riefen, Conradin faſ⸗ ſend, jubelnd die beiden Terzettiſten,„wer, wie, was war das?“ „Wollt Ihr Aal?“ fragte Conradin. „O über die Kränkung auf unſer Entzücken!“ „Kapellmeiſter“ rief der Baron, ihn ebenfalls faſſend, 110 „das war ja wirklich, wie es im Himmel ſein muß. Wo iſt der Sopran?“ „Zurück in ſein Land.“ „Damit bin ich nicht zufrieden.“ „Ich muß dennoch bitten, daß Sie es vorläufig ſind.“ „Soll ich nicht wiſſen, was in meinem Hauſe vor⸗ geht?“ „Hochverehrter Herr Baron, wenn irgend Jemand, wird das Geheimniß ſich Ihnen offenbaren! Aber nicht jetzt, nicht durch mich; ich habe dem Sänger Schweigen gelobt und noch nie mein Wort gebrochen.“ „Kapellmeiſter“, ſagte der alte General aus der Stadt,„das war Muſik! Wirklich eine fremde Macht dabei.“ „Die Alles bewältigte—“ „Alle erhob—“ „Das Ueberirdiſche“, bemerkte Conradin. Und der Graf? Er ſaß noch immer mit geſchloſſenen Augen und verklärten Zügen in ſeinem dunkeln Seſſel wie eine ſchöne Statue. Wie die Memnonsſäule, berührt vom Strahle der Sonne, harmoniſch und lieblich erklingt, ſo erzitterte und erklang unter den Worten und Tönen des letzten Muſikſtückes in niegefühlter ſeliger Harmonie jede Saite ſeines tiefinnerſten Seins. 111 Ihm war, als habe der Knabe im weißen Gewande nur für ihn ſo herrlich geſungen, als habe ein warmer, liebender Blick auf ihm geruht, ehe die liebliche Er⸗ ſcheinung verſchwand; ihm war, als müſſe er mit, als zöge das„Selig“ ihn nach— er hatte die Augen geſchloſſen und Alles vergeſſen, was um ihn war. Drittes Kapitel. Die Heirath nach der Mode. Ein paar Wochen ſpäter ſaß Fanny, die kleine Klara auf dem Schvoße, in ihrem Zimmer und ſchaute in den ſpätherbſtlichen Nachmittag hinaus, wo die erſten Schneeflocken leiſe und vereinzelt ſich auf Baum und Strauch niederließen, als man ihr einen dünnen Brief mit dem Poſtſtempel Argen brachte. 3 „Was kann von dort wohl Gutes kommen?“ flüſterte ſie ahnungsvoll, die fremden, flüchtigen Schriftzüge be⸗ trachtend und dann langſam das Siegel löſend. Eine feine, weiße, goldumdruckte Karte fiel ihr entgegen und darauf ſtand: Adelaide Ebers Hermann Lesnau. „Weiter nichts! Alſo eine Arganerin!“ 113 Fanny hatte die Karte auf den Tiſch zurückfallen laſſen, als ſei ſie von derſelben verwundet worden, und ſtarrte nun ſchweigend darauf nieder, bis das Kind auf ihrem Schvoße ihr wie ängſtlich die erblaßte Wange zu ſtreicheln begann. Fanny herzte und beruhigte es, es nahm dann den Brief und ſpielte damit. „Und kein Wort weiter dabei“, fuhr Fanny leiſe und bitter lächelnd in ihrem Denken fort.„Kein Wort! Was hätte er auch mir zu ſagen? Aber ihr? Arme Johanna, auch Dir hatte er ja ſchon lange nichts mehr zu ſagen. Was könnte es jetzt ſein? Auch Dich wird man unter die Handvoll unumgänglicher Verwandten ge⸗ worfen und Dir vornehm wie mir, durch fremde Hand, die Verlobung, den zweiten großen Schmerz Deines Lebens, kund gethan haben, ohne Rückſicht, daß Dein Herz noch von dem erſten blutet. O Hermann, kann Dir das Glück bringen? Konnteſt Du nicht damit warten, bis des Vaters friſchen Hügel der Lenz übergrünt? Mußteſt Du zu dem ſchon vorhandenen Weh noch das um Dein beſſeres Selbſt fügen? Dieſe letzte zarte Rückſicht warſt Du ihr ſchuldig: Du mußteſt ihre Trauer um den Mann ehren, der auch Dir nahe ſtand. Du durft nicht in ihre Klage grell Deinen Hochzeitsjubel mi Arme Johanna! Wie wird Deine Mutter toh, Dein Vater, Dein beſter Berather, ſchon obe von Oben, Des Hauſes Eciſtein. K. 114 Aber oben iſt noch einer, Johanna, einer, der Dich nicht verlaſſen noch verſäumen will, und daß Du nicht verſäumſt, daran zu denken, will ich hinaus zu Dir!“ Sie nahm das Kind auf den Arm und ſchritt dem vordern Flügel des Schloſſes zu. „Könnte ich den Herrn Baron ein paar Augenblicke ſprechen?“ fragte ſie hier den Bedienten. Dieſer ging, ſie zu melden, und ſogleich öffnete ſich die Thür wieder, ſie eintreten zu laſſen. „Nehmen Sie Platz, Fräulein Stern“ ſagte artig der Baron, ihr einen Seſſel bietend.„Sie haben mir etwas zu ſagen?“ „Ja, Herr Baron! Ich möchte bitten, mich des außerordentlichen Urlaubs bedienen zu dürfen, welchen Sie die Güte hatten, mir bei meinem Engagement zu⸗ zuſichern.“ „Iſt derſelbe ſchon nöthig? Ah, wohl der Brief?“ „Ja, Herr Baron, der Brief erfordert ihn.“ „Und darf ich wiſſen, wohin oder wenigſtens wie lange Sie fort wollen? Die Baronin möchte nächſtens ch verreiſen.“ Nach Thüringen geht mein Weg, und wenn ich ch aufbräche, könnte ich in drei Tagen zurück 115 „Und wie lange ſind Sie dann dort?“ „Blos Stunden, aber ſie genügen.“ Der Baron ſchaute ſie kopfſchüttelnd an. „Was in aller Welt können Sie in ſolcher Zeit dort ausrichten? Läßt ſich das nicht ſchriftlich abthun?“ Sie reichte ihm die Karte. „Eine Verlobung!“ ſagte er gleichmüthig. „Eine Alltäglichkeit, wollen Sie ſagen, welche aber doch das Glück oder Unglück von zwei oder mehr Men⸗ ſchenleben in ſich faßt.“ „Allerdings eine nicht alltägliche Auffaſſung dieſer Alltäglichkeit. Hieran“— er gab ihr die Karte zurück — werden Sie nicht viel ändern können.“ „Daran nichts, Herr Baron. Aber dieſes leichte Blättchen Papier mit ſeinen zwei Namen fällt ſchwer auf ein anderes Herz, und da wollt' ich hin.“ „Ja, ja, getheilter Schmerz iſt halber Schmerz! Sie ſind ein ſeltſames Weſen, Fräulein Stern, ſehr ſeltſam, aber reiſen Sie, ich halte mein Wort. Halten auch Sie es und kommen Sie bald wieder. Haben Sie ſonſt, was Sie brauchen? Die Reiſe iſt weit.“ „Alles, Herr Baron, empfangen Sie meinen innigſten Dank!“ Eine Stunde ſpäter ſaß Fanny im herrſchaftlichen Wagen und eilte der nächſten Bahnſtation zu. Da 8* 116 dieſelbe nur theilweiſe zu benutzen war, fuhr ſie mit Extrapoſt durch den prächtigen Thüringer Wald, welchen ſie am andern Abend erreichte. Eine wunderbar ſchöne Nacht, wie ſie dieſelbe ſo gern hatte, mondhell und ſtürmiſch, zog herauf. Ihr ging das Herz auf. In langen Zügen athmete ſie den Duft des Waldes, welchen mit mächtigem Sauſen und Singen der Sturm aus den immergrünen Tannen, Fichten und Kiefern ſchüttelte. Dazwiſchen rauſchte der Waldbach neben dem Wege, ihnen entgegenkommend, und ſacht bergan fahrend blies meiſterhaft der Poſtillon ſein Liedchen. Und darüber wölbte ſich in ſeiner erhabenen Ruhe und Sternenklarheit der blaue Himmel, der Mond ſtrahlte Tageshelle herab, und ob auch Wolken ihn verhüllten, das treue Licht brach ſiegend immer wieder durch. Ah, Johanna“ flüſterte Fanny, entzückt von dem Nachtgemälde,„Du mußt heraus aus Deinen dumpfen Mauern, in den Wald, in Sturm und Mondſchein, unter die Sterne, ich werde Dich entführen.“ Je näher ſie dem Ziele kam, deſto mehr Unruhe fühlte ſie. „Wie wirſt du ſie finden und wie ihre Mutter?“ Endlich, ſchon gegen Mitternacht, rollte der Wagen über das Pflaſter des Städtchens und hielt vor dem ſtattlichen Poſtgebäude, welches zugleich erſtes Hotel deſſelben und Juno⸗Ulrikens Reſidenz war. Fanny ſchaute empor zur zweiten Etage, welche man ihr als die Wohnung der verwittweten Frau Paſtor Manuel bezeichnet hatte; in keinem Fenſter zeigte ſich Licht, nur der Mond goß voll das ſeine darüber hin. Sie ſtieg die Treppe zur zweiten Etage hinauf; an der Vorſaalthür ſteckte der Schlüſſel, ſonſt Alles ſtill. Die Paſtorin ſchlief wohl ſchon. Fanny ging eine Treppe höher, das Erkerſtübchen zu ſuchen, von welchem Johanna ihr geſchrieben, daß es ihr liebſter Aufenthalt ſei. Auch hier Alles ſtill. Leiſe öffnete ſie die nächſte, nur angelehnte Thür vollends und trat in ein kleines, trautes Stübchen, in welchem ihr ſogleich die Möbel aus des ſeligen Paſtors Studirſtube in die Augen fielen. Dort ſein kleines Sopha, ſein Bücherſchrank, das Piano und ſein Bild. Es war ihr, als ob dieſes liebe ſchöne Bild mit den dunkeln, ſprechenden Augen ſie lebendig anſchaue, als ob es die Lippen öffnen wolle, zu ihr zu reden. Sie trat näher, da fiel ihr Blick auf ein anderes Bild. In der Mitte des Zimmerchens, halb dem Fenſter zugewendet, ſtand des Paſtors Sorgenſtuhl, und darin 118 ſaß mit gefalteten Händen, das Haupt zur Seite ge⸗ neigt, vom Mondlicht noch bläſſer gefärbt, als ſie wohl ſo ſchon war, bewegungslos Johanna. Schlief auch ſie? Sie nicht zu erſchrecken, entledigte ſich Fanny ge⸗ räuſchlos ihrer Reiſeumhüllung und trat dann leiſe näher. Johanna blieb regungslos. Fanny rief ſie beim Namen, von unten herauf klang durch die halb offene Thür Gläſerklirren und Gaſthofsgeräuſch— ſie hörte Beides nicht. Fanny ſchaute ſich um. Auf dem geöffneten Piano lag ein geöffneter Brief, ganz dem gleich, welchen ſie geſtern empfangen hatte. Er war an die Paſtorin adreſſirt und dem Poſtſtempel nach erſt heute, vielleicht erſt gegen Abend angekommen. Johanna hatte vielleicht in der Abendſtunde am Piano geſeſſen, der Vergangenheit gedenkend— es war Sonntag— als ihre Mutter den Brief empfing und in ihrer ſchonungsloſen Weiſe ihn zornig der Tochter hin⸗ warf, wie einen Blitz aus hellem Himmel, und ihre härteſten Worte dazu. Und als ſie das vollbracht hatte, da hatte ſie die Verlaſſene auch wieder ver⸗ laſſen, die dreifach verwaiſt war in dieſer Stunde durch Hermann's Handlungsweiſe, gerade jetzt wie zum Hohn eine Arganerin zu wählen, durch der Mutter Gebaren 119 und des Vaters Tod! War's ein Wunder, wenn ſie ſich hinwarf, zu ſterben, wie er? Blitzſchnell waren dieſe Bilder an Fanny vorüber⸗ gezogen, ſie fühlte, ſo werde es ſein. Sie trat wieder zu Johanna, beugte ſich über ſie— ſie hörte kein Athmen, die Hände waren eiskalt; aber es war, als ob zuweilen leiſe Schauer über die blaſſe Geſtalt flögen. War es das zitternde, täuſchende Mond⸗ licht oder bebte ſie innerlich unter dem erſtarrenden Weh, welches über ſie gekommen war? Fanny ſelbſt begann zu ſchauern, fühlte erſt jetzt, wie kalt es in dem hochgelegenen Stübchen war. Sofort entzündete ſie eine wärmende Flamme im kleinen Ofen und blieb dann fragend und überlegend vor dem Bilde ſtehen, welches dem Piano gegenüber hing. Der Blick des Bildes ſchien auf dieſes gerichtet, Fanny ſetzte ſich daran und begann leiſe und lieblich ein paar Accorde anzuſchlagen, dann ging ſie unwillkürlich in die ſchöne Melodie über, welche zu des Verſtorbenen Lieblingsliede „Troſt“ gehörte, das ihm Johanna oft hatte ſingen müſſen, als er in die Stadt verſetzt war. Was grämſt Du Dich? Nach wenig trüben Stunden, Dann heilen Deine Wunden, Dann blickt Dein Auge hell und klar u. ſ. w. 120 Als Fanny geendet, trat ſie wieder an Johanna heran. Da ſah ſie es im Mondenſchein auf dem Trauergewande derſelben wie verſtreute Perlen glänzen, von denen einzelne langſam und geräuſchlos zur Erde rollten. Johanna hatte Fanny's leiſen Ruf nicht gehört, das Geräuſch von unten hatte ſie nicht berührt, aber die bekannten, ſüßen, tröſtenden Klänge fanden ihr feines Ohr, drangen in ihre Seele und gaben ihr die er⸗ quickenden Thränen. „Verzage nicht!“ wiederholte Fanny, Johanna's kalte Hände in ihre warmen faſſend und ſie durch ihre Gegenwart belebend. Dann, als Johanna ſie erkannt und, von innen wie außen erwärmt, voll Dankbarkeit ſich ihr in die Arme geworfen, als Fanny Alles erfahren hatte, was ſie noch nicht wußte, packte ſie einen Theil von Jo⸗ hanna's Sachen zuſammen, beſtellte friſche Pferde, ſchrieb einige Zeilen an die Tante Ulrike, in denen ſie dieſer meldete, daß ſie dageweſen ſei und weshalb, und fuhr mit der willenloſen Johanna davon, ſie wirk⸗ lich entführend. Sie war nur Stunden da geweſen, den unbedeu⸗ tendſten Theil der Zeit, welchen die Reiſe in Anſpruch genommen, aber es war nicht umſonſt geweſen. Wie freudig bewegt war ſie darüber! 121 S Noch einmal ging es durch die nächtlich ſchöne Scenerie des Waldes. Beim Anblick des geſtirnten Himmels weinte Johanna aufs neue. Waren es nicht dieſelben Sterne, welche auf ſie und Hermann herab⸗ geſchaut, als er ihr den Vergißmeinnichtring gegeben, als er von ihr Liebe und Treue auf ewig gefordert hatte? Fanny wollte ihre Couſine zum alten Diakonus brin⸗ gen. Die letzte Tochter deſſelben hatte ſich kürzlich eben⸗ falls nach auswärts verheirathet und er ihr geſchrieben, daß die Lücke ſehr groß, das Piano ſtumm, die ſchöne Melly immer noch traurig über die Trennung ſei und ſie damit umgingen, ſich wenigſtens für einige Zeit ein junges Mädchen hinzunehmen zur Anſprache und Ge⸗ ſellſchaft, doch müſſe es in die Verhältniſſe paſſen. Mit ihr zugleich war ihre Antwort von Schloß Uslar abgegangen mit der Bitte, wenn nöthig, Jo⸗ hanna einſtweilen bei ſich aufzunehmen und zu tröſten. Unterdeſſen beſchäftigte man ſich in der Reſidenz Argen noch immer mit der famoſen Neuigkeit, daß der junge Lesnau die ſiebzehnjährige blühende Tochter des reichen Fabrikanten Ebers heirathen werde. Dieſe Neuigkeit hatte zu niederſchlagend und aufregend zu⸗ gleich auf verſchiedene junge Herren, Damen und deren Mitter gewirkt, um ſie ſobald verwinden zu können. 122 Viele hatten ſie nicht glauben wollen, bis die Ver⸗ lobungskarten jeden Zweifel hoben. Die glücklichſte aller Mütter in der Stadt aber war die Regierungsſecretärin Lesnau, die Mutter des Bräu⸗ tigams. Fortan gehörten er und ſie untrennbar in dieſe angeſehene und reiche Familie, wurden dadurch mit den andern erſten des Ortes verwandt— noch einmal ſo ſtolz ſchritt ſie die Straßen entlang. Und wem hatte ihr Sohn dieſe glänzende Aufſehen erregende Partie zu danken? Ihr hauptſächlich! Sie hatte es durchgeſetzt, daß er jener unfinnigen Neigung zu Johanna entriſſen worden, daß er den beſſern Grundſätzen und Anſichten zugänglich geblie⸗ ben war. Er ſah das jetzt wohl auch ein, ſchien gründlich geheilt; denn er hatte über all den neuen Verwandten und Bekannten wahrhaftig vergeſſen, die beiden, freilich entfernten Tanten und ihre ſelbſtſtändigen Kinder, Fanny und Max, mit auf die Liſte derer zu ſetzen welche Ver⸗ lobungskarten bekommen mußten. Frau Lesnau hatte darüber gelacht und es erklär⸗ lich gefunden; es hatte ja ſo unendlich viel zu bedenken und zu thun gegeben! Die ganze Wirthſchaft hatte umgeſtürzt, erneuert und moderniſirt, Küche und Keller geſpickt werden müſſen, die reiche und verwöhnte Braut 123 und ihre hohe Verwandtſchaft würdig zu empfangen. Es war wirklich verzeihlich und am Ende auch einerlei daß dieſe entfernten Verwandten ihre Karten ſo viel ſpäter bekamen! Ueberdies hatte Frau Lesnau große Luſt, die ihr zuwenigſt entfernte Schweſter Philippine ſelber zu be⸗ ſuchen und ihres Sohnes Glück zu berichten. Sie hatte dieſe ihre Abſicht ihrem Sohne mitgetheilt. „Mache Dir das Vergnügen“ ſagte er.„Aber dann jetzt, weil ſpäter nicht Zeit dazu wird.“ „Habt Ihr ſchon von der Hochzeit geſprochen?“ „So bald ſchon ſoll ſie ſein?“ „Ja, Herr Ebers liebt die langen Brautſtände nicht, und da ich jetzt Ausſicht auf ein angemeſſenes Logis habe, könnte ſie ſehr bald ſtattfinden.“ „Nun, und wie ſonſt?“ „Ganz groß, im Hotel, wenigſtens zweihundert Per⸗ ſonen— es wird eine glanzvolle Geſellſchaft geben.“ „Da werden wir mit den Auswärtigen wieder in Verlegenheit kommen— mit der Einladung zur Hoch⸗ zeit dürfen wir ſie doch nicht wieder vergeſſen?“ „Nein, die müſſen ſie bekommen.“ „Die draußen auf dem Walde ſind noch in der Trauer und dazu die Entfernung und die Jahres⸗ 124 zeit— ſie kommen 8 nicht“ ſagte Frau Lesnau ſehr ruhig. „Nein“ ſagte dernnnn leiſe, ſich nach der Diele. bückend, um etwas nicht Daliegendes aufzuheben. „Deſto näher iſt aber meine Schweſter Philippine.“ „Ja, und die macht ſich auch gar nichts daraus, uns zu blamiren vor der neuen Verwandtſchaft; ſie beſitzt ohnedies eine Portion Neid.“ „Solche Provinzbewohner paſſen nicht mehr in die Geſellſchaft.“ „Es iſt auch ſehr fraglich, ob ſie 6i amüſiren würden.“ „Trotzdem müſſen wir ſie einladen. Ich habe aber immer ſchöne Ideen, auch jetzt! Ich reiſe nun ſofort ſelber hinaus und erzähle ſo viel von der Großartig⸗ keit der Hochzeit und ſo weiter, daß— nun, Du weißt ſchon!“ Wer ſieht hier nicht die Nemeſis? Philippine ſollte jetzt aus demſelben Grunde von dem Familienfeſt weg⸗ bleiben, aus dem ſie bei ihrer Hochzeit ihres Mannes Onkel umgangen hatte. Frau Lesnau reiſte, höchſt elegant und modern equi⸗ pirt, denſelben Tag ab, an welchem zu gleicher Zeit Fanny von ihrer Entführung angekommen und auf dem Diakonat mit offenen Armen empfangen worden war. Der Alte freute ſich wie ein Gott über ſein Pathchen und gelobte, Johanna wie ſeine Tochter zu betrachten. Darauf ging Fanny zu ihren Aeltern. Hier ſah ſie etwas, was ſie noch nie geſehen hatte: die Mutter in Thränen über das„entſetzliche Allein⸗ und Verlaſſenſein“ „Das kann ſich ſofort ändern, wenn Du wilfſt. Johanna wird Dich oft beſuchen und dann werden wir weiter ſehen.“ „Des Vaters Haar iſt viel bleicher geworden“ ſagte Fanny ſpäter zur Mutter;„er muß die Stunden auf⸗ geben und ich will mich bemühen, ihm eine ruhigere Stellung zu verſchaffen; er iſt für dieſen Pfarrer hier zu gut.“ „Ja, im Vergleich zu andern Männern iſt er manchmal ein Engel“ ſagte, ganz erſchrocken, als es heraus war, die Rectorin, für welche die Nähe und die Worte der Tochter jett etwas unendlich Wohlthuendes hatten. „Weißt Du, daß der Mutter das Fürſichſein ent⸗ ſetzich iſt?“ fragte Fanny den Vater, als ſie allein waren. „Ja, ich ſah es voraus! Weil aber alle Vorſtel⸗ lungen nichts halfen und ſie es ihnen gegenüber nur hartnäckiger wünſchte, mußte ſie es haben, um an der Sache ſelbſt zu lernen.“ * 2 126 „Und nun?“ „Werde ich es wieder von ihr nehmen, wenn ſie geheilt iſt davon. Es geſchieht überhaupt Alles zu ihrem Heil. Eine erſte, einzige Liebe wie die meine hält Stich durch alle Zeiten. Darum habe ich ſie nicht auf⸗ gegeben, wie die Andern thaten.“ Fanny faßte gerührt und bewundernd des Vaters Hand. Der ärmſte und geringſte unter den Schwieger⸗ ſöhnen des Regierungsrathes war der am nobelſten denkende. „Mir iſt, als käme noch mehr Beſuch“ ſagte Fanny wieder ſpäter, ihre Erzählung unterbrechend. „Woher denn?“ fragte die Mutter. „Mir will ahnen, aus Deiner Heimat.“ „Gewiß nicht! Die ſitzen im Glück mit ihrer reichen Heirath!“ „Gerade der glücklichen Schwiegermutter könnte es einfallen, Dich zu beſuchen; mache Dich nur darauf ge⸗ faßt, Du weißt, meine Ahnungen ſind nicht ohne!“ Und wirklich, nicht lange nachher erſchien die Re⸗ gierungsſecretärin wohlverſchleiert und bepelzt in der Thür. Vater und Tochter empfingen ſie freund⸗ lich, nur Philippine war verlegen und faſt ſtumm. Sie war erſtens noch pikirt von jenem verlorenen Schachzuge und dann hatte ſie ja den Schwefel des Neides in ſich, welcher ſofort zündete, wenn es Funken gab. „Ach, Pinchen, Du willſt wohl keinen Beſuch?“ ſcherzte die Schweſter. „Nein“, antwortete Fanny an der Mutter Statt.„Die Mama iſt nur betroffen, daß ſich meine Ahnung von vorhin ſo raſch erfüllt hat.“ „Daß ich käme?“ „Wahrhaftig!“ beſtätigte der Rector. „Das wäre ja, als ob Du die Gedanken errietheſt!“ „Die rathe ich!“ ſcherzte Fanny, die Tante weiter enthülſend. „So! Nun, warum komme ich?“ „Um ſelbſt zu erzählen, was Dich jetzt hauptſächlich beſchäftigt.“ „Was die ganze Reſidenz beſchäftigt“, ſagte ſtolz die neue Schwiegermutter. Als ſie ſpäter alle vier, die Tante lebhaft er⸗ zählend, um den Kaffeetiſch ſaßen, hatte Fanny bereits den tiefern Zweck des Beſuchs errathen. „Nun wißt Ihr das Nöthigſte“, unterbrach ſich die Tante,„und ich lade Euch ſammt und ſonders hier⸗ mit zur Hochzeit ein, welche nächſten Monat ſein wird. Da rüſte Dich, Pinchen, und laſſe Dir ein neues Kleid, aber nicht etwa hier machen, daß es altmodiſch ausfällt! 128 Ihr müßt ſo ein paar Tage früher kommen und bei den neuen Verwandten Viſite machen, daß Ihr zur Hochzeit nicht ganz fremd ſeid. Allerdings müßteſt Du Dir dazu ein paar Anzüge wenigſtens moderniſiren laſſen.“ „Und das ſoll man Alles machen, wie Ihr wollt?“ fragte Pinchen mit gerötheter Stirn. „Nun freilich!“ lachte die Schweſter.„Frage doch Fanny, ob das nicht feiner Ton bei den Vornehmen iſt!“ „Die Ebers ſind blos Kaufleute und viellleicht reich, wir aber ſind eines vornehmen Mannes Töch⸗ ter, ich würde denen nie die Honneurs machen“ ver⸗ ſetzte die Rectorin wegwerfend. „Und würdeſt zeigen, daß Du keine Bildung haſt“, entgegnete die Schweſter, ihr Lieblingswort anbringend und ſich erhitzend.„Fanny, ſag' doch Deiner Mutter, daß ich Recht habe!“ „Nun, es kommt auf Begriffe an! Es iſt eine ge⸗ wöhnliche Höflichkeit, wenn der Ankommende ſich vor⸗ geſtellt hat und dann nicht als Fremder behandelt wird, und eine ungewöhnliche, das heißt ausgezeichnete Artig⸗ keit, wenn der Heimiſche zuerſt den Fremden begrüßt. Die Familie Ebers würde alſo gerade recht fein ſein, wenn ſie Euren Gäſten zuerſt entgegenkäme.“ „Was Du für Ideen haſt! Wahrlich, Deinem Stolze 129 nach könnteſt Du eine Gräfin ſein. Es iſt doch ſchade, daß Du keine biſt!“ Und die Tante lachte wieder. „Die wirkliche Bildung hängt nicht vom Range ab, ſie kann in jedem Innern wohnen“, entgegnete Fanny ruhig. „Ei, wieder etwas Neues! Denn bisher waren blos die Vornehmen gebildet und die Andern nicht. Daß es unter denen welche gibt, die es ſich einbilden, auch vornehm zu ſein, das iſt noch keine Bildung.“ Frau Lesnau liebte, wo ihr Gründe fehlten, mit perſönlichen Anzüglichkeiten zu fechten, welches Ver⸗ fahren ſie mit tippen und, wenn es in derberer Weiſe ſtattfand, mit tappen bezeichnete. Sie wollte damit ſiegen— Fanny lachte herzlich. „Man theilt die Bildung in drei Kategorien“ ſagte ſie dann, abſichtlich einen der Tante nicht ganz ge⸗ läufigen Ausdruck gebrauchend,„die geſellige, wiſſen⸗ ſchaftliche und moraliſche. Dieſe iſt die rechte. Mit ihr, mit dem natürlich ſittlichen Gefühl in ſich, wird der ärmſte Dorfbewohner achtungswerth und human gegen ſeinen Nächſten, auch ſtets für die beiden andern Gattungen zugänglich ſein, während ohne ſie der elegan⸗ teſte Städter, der hochadlig Geborene Recht und Sitte nicht achten und ſo tief unter jenem ſtehen wird. Die Geſchichte beweiſt das zur Genüge.“ von Oben, Des Hauſes Eckſtein. II. 9 130 „Aber, nimm mir's nicht übel, ich wundere mich, daß eine adlige Familie Dir ihre Kinder anvertraut bei dieſen Anſichten, die ich durchaus verſchroben nen⸗ nen muß.“ „Wunderbarer Weiſe iſt der Herr Baron von Uslar ganz derſelben Anſicht; er ſagt, aus den entgegen⸗ geſetzten kämen die ungerathenen Kinder.“ „Nun, das brauche ich mir nicht anzunehmen, die meinigen ſind gerathen!“ verſetzte die Tante mit kampf⸗ bereit erhobenem Kopfe. „Bewahre! Ich wollte Dich nicht tippen!“ verſetzte Fanny heiter.„Du biſt uns übrigens die perſönliche Beſchreibung der Braut noch ſchuldig.“ „Ach, bald hätte ich's vergeſſen! Die jungen Leute haben ſich gegenſeitig ihr Bild geſchenkt— es iſt ſo Mode— und da habe ich das der Braut mitgebracht. Hier iſt es.“ Sie reichte es zunächſt ihrer Schweſter. Philippine betrachtete nur die Einfaſſung und gab es mit den Worten:„Ein ſehr ſchöner Rahmen“ an den Rector. „Ach, die iſt neidiſch!“ lachte Frau Lesnau. „Sehr jung noch!“ meinte der Rector. Am längſten betrachtete es Fanny, und ſo ſehr ſie ſich zu beherrſchen verſtand, Erſtaunen und zwar 131 ein unzufriedenes zeigte ſich in ihren Zügen und zuletzt ſchüttelte ſie unwillkürlich leiſe ihr glänzendes Haupt. Frau Lesnau ſchien gerade auf ihren Ausſpruch geſpannt. „Nun, was ſagſt Du?“ fragte ſie neugierig. „Noch nichts!“ „Du ſtudirſt ja förmlich das Geſicht!“ „Ja!“ „So zeige einmal Deine Kunſt, zu wahrſagen. Das Bild iſt Dir unbekannt— jetzt wird ſich zeigen, was Du kannſt.“ „Wahrſagen heißt die Wahrheit ſagen und das iſt zu Zeiten gefährlich.“ „Hier gar nicht— ich glaube blos, was ich will; es iſt ein Scherz. Aber weil es mir eben Spaß macht, befehle ich Dir jetzt als Deine Tante, zu ſagen, was Du in dem Geſicht ſiehſt.“ „Und ich darf Alles beim richtigen Namen nennen?“ „Das ſollſt Du ſogar! Alſo zuerſt?“ „Kann ich mir gar nicht denken, daß das Hermann's Braut ſein ſoll; ſie iſt ihm ſo unähnlich, kein Zug von Seelenverwandtſchaft zu finden. Mir iſt, als paßte ſie durchaus nicht für ihn.“ „Schon fehlgeſchoſſen. Sie paſſen ſehr ſchön zu⸗ 9. ſammen; alle Leute ſehen ihnen nach, wenn ſie zuſam⸗ men gehen.“ Ich meine das„unpaſſend⸗ geiſtig.“ „Das hat aber noch Niemand geſagt.“ „Du wollteſt es und ſo ſage ich es!“ „Beweiſe!“ „Wird die Zukunft bringen!“ „Darauf will ich nicht warten, ich will Deine Gründe hören.“ „Das junge Mädchen hier iſt mehr Körper als Geiſt.“ Die Tante nickte.„Siebzehn Jahre, friſch und kräftig— willſt Du das tadeln?“ „Ich möchte es!“ „Wieder etwas Neues!“ „Ja! Wenig jünger als er wählte der alte Deutſche ſich ſein Weib, und von dorther ſtammt das Sprich⸗ wort: Dreißig Jahre ein Mann. Recht jung, iſt der heutige Wahlſpruch, darin aber liegt Gefahr.“ „Ich dachte gar!“ „Doch! Die Jugend verſteckt Manches, was erſt ſpäter überraſchend und gewichtig einwirkend zu Tage tritt, oder es ſteht ihr wohl an, was nachher unan⸗ genehm oder gar unwürdig erſcheint. Eine ſo junge Frau will das Leben genießen, wie man ſagt.“ „Das ſoll ſie auch, dafür iſt ſie reich!“ 133 „Sie wird mehr nach ihren Rechten als nach ihren Pflichten fragen.“ „Dafür bin ich da! Ich ziehe mit und werde ihr, wenn ſie erſt meine Schwiegertochter iſt, ſchon den Daumen aufs Auge ſetzen. Wir ziehen ſie uns, weil ſie jung iſt.“ „Dieſe nicht!“ „Das werden wir ſehen!“ „Ja. Eure Gegend war früher von Serben und Wenden bewohnt, wie man aus den Namen der Ort⸗ ſchaften ſchließen gewollt. Dieſe Wenden ſollen viel härtere oder dickere Schädel haben als wir Deutſchen, als beſonders Frauen, welche ſich ziehen laſſen ſollen, haben dürfen. Unter der Bevölkerung Eurer Reſidenz gibt es aber noch viele ſolche Köpfe wendiſcher Ab⸗ ſtammung und auch Eure junge Braut hier erinnert daran.“ „Weiter, weiter, mir macht das großen Spaß.“ „Dieſer jugendlich rothwangige Kopf hier alſo zeigt einen ſchon ſtark ausgeprägten Eigenſinn, um nicht zu ſagen Trotz, und das ſchwarze Haar darüber— ſelbſt dieſes iſt widerſpenſtiger Natur. Die ſehr hellblauen Augen reden Selbſtſucht, dieſe kleine Naſe Unzufrieden⸗ heit, Keckheit; der friſche, auf den erſten Blick hübſch geformte Mund bekundet deutlich, daß er gern genießt, 134 und das kleine, etwas zurücktretende Kinn, wie die nicht hohe Stirn ſind Zeichen, daß weder Charakterfeſtigkeit noch überwiegende Geiſteskräfte dieſen Körper beherr⸗ ſchen. Dazu iſt dieſes junge Mädchen die Tochter eines reichen Mannes, gewiß verwöhnt und durch die⸗ ſes Bewußtſein erſt recht nicht gewillt, ſich ju fügen und ziehen zu laſſen.“ „So! Nun will ich Dir auch ſagen, warum mir dieſe Wahrſagerei ſo großen Spaß macht; Deine Tante iſt nämlich ebenſo klug wie Du.“ Und ihrer Gewohnheit gemäß, wenn ſie Andere überliſtet zu haben meinte, erhob ſie ſich lachend mehr⸗ mals halb von ihrem Sitze. „Nun?“ fragte Fanny. „Du ſagſt das Alles nur, um mir Angſt zu machen, um einer Andern willen. Du hätteſt lieber Johanna als Hermann's Braut geſehen.“ „Sie wäre auch die Rechte für ihn geweſen.“ „Ganz und gar nicht! Schon deswegen, weil ſie ſich doch gar ſo wenig gehalten hat.“ „Wie meinſt Du das?“ ſragte Fanny, wieder ihren hellen Blick auf die Tante heftend. „Ich meine, daß ſie zuerſt ganz hübſch zu werden verſprach, hernach aber, als das hätte geſchehen ſollen, ſchon wieder anfing zu verblühen.“ 135 Fanny's Auge hatte ſich wieder auf das Bild in ihrer Hand geſenkt. „Es iſt ihr gegangen wie Deinem Alpenveilchen“ ſagte ſie nach einer Sekunde ernſten Schweigens. „Das hatte bei mir zu wenig onne“ „Ja, ju“ 3 „Und durch die Doppelfenſter nicht genug friſche Luft. „Ganz recht!“ „Vielleicht auch nicht das rechte Erdreich.“ „Wahrſcheinlich!“ „Und ich hatte auch nicht Zeit, das unbedeutende Gewächs förmlich zu ſtudiren, um ihm das Alles recht zu machen.“ „Das arme Blümchen! Warum verpflanztet Ihr's zu Euch?“ „Hermann hatte es damals ſo gern, er fand, daß es ſo lieblich unſchuldig ausſehe und einen ſo feinen, ſüßen Duft habe. Ich konnte es nicht finden, aber Hermann that es ordentlich leid, als es anfing einzu⸗ gehen.“ „Doch ließ er's geſchehen“, flüſterte Fanny halb für ſich, das bräutliche Bildniß weglegend und das Geſicht in die Hände bergend. Sie mußte tief ſchmerz⸗ lich Johanna's gedenken. 136 Frau Lesnau meinte, ſie verberge das Lachen. Sie erhob ſich abermals laut lachend von ihrem Sitze wie vorhin, ließ ſich wieder zurückfallen und ſagte: „Aber Deine Tante iſt wieder ſo klug wie Du! Du willſt mich durch die Blumen ablenken von Johanna, ich merke es nnſhe ſoll Dir aber nicht gelingen, ich muß Dich überzeugen, daß ſie für meinen Sohn nicht die Rechte war.“ Fanny holte ſich eine Handarbeit und ſetzte ſich dann fragend wieder der Tante gegenüber. „Siehſt Du“ ſagte dieſe, erſt jetzt Fanny's innere Bewegung bemerkend,„durch Johanna hätten wir weder eine neue vornehme Verwandtſchaft bekommen noch Vermögen.“ Fanny ſchwieg. Wie war's mit der Liebe des Braut⸗ paars? „Sodann mußte mein Sohn eine Frau haben, mit welcher er in Geſellſchaften brilliren kann, jung, friſch, reich, elegant, von großer Abkunft. Schon Johanna's Name hätte geſtört und an ihr Dorf erinnert; aber Adelaide— das klingt ganz anders vornehm, wenn er ſie ruft.“ „Hm iſt es denn hauptſächlich Zweck des Daſeins, in Geſellſchaft zu gehen und Aufſehen zu machen? Und glaubſt Du, daß derartige Aufregungen und Genüſſe 137 ½ * geſund ſind? Ich denke, ein Leben, wo die Nacht zum Tage gemacht wird, wo lange Tafeln und übervolle Magen die Hauptrolle ſpielen, wo man faſt nie ſein eigen iſt daheim und Zeit, Geld und Kraft im wigen Wirbel beanſprucht werden, ein ſolches Leben iſt für Hermann's fein organiſirte Natur nz gewiß ſchädlich nach allen Seiten. Er wird ſich nur wohlbefinden bei Ruhe und zuweilen einem mehr geiſtigen Genuß nach regelmäßiger, nicht zu anſtrengender Thätigkeit.“ „Deine Anſicht! Weiter!“ „Johanna in ihrer Anſpruchsloſigkeit würde ihr Glück in Hermann's Wohlbefinden, in ihrer Häuslich⸗ keit, in ſeiner Zufriedenheit gefunden, ſie würde ihm ſelbſtthätig zur Seite geſtanden haben und Euch dafür lebenslang dankbar geweſen ſein. Sie, Adelaide, wird das von Euch fordern, da ſie ja noch andere Partien gehabt hätte.“ „So iſt es, und darum können wir ſtolz ſein, daß gerade wir den Vorzug haben.“ „Ach, der Vorzug kann Hermann theuer zu ſtehen kommen. Wenn nun die Braut nicht ſo reich wäre, wie ſie ſcheint? Es war auch ſchon da.“ „Oho, die Ausſtattung iſt ſchon Tauſende werth und hat ſo viel gekoſtet.“ „Was nützt das Hermann? Dieſe Ausſtattung, 138 welche bewundert werden und von ſich reden machen muß, bedarf auch großer Räume, um placirt zu wer⸗ den; der Bräutigam beſorgt alſo zunächſt ein großes Logis. Sodann, weil die reichen Töchter ſelbſt in der Regel nichts thun, ſondern Alles thun laſſen, werden wieder mehr Domeſtiken nöthig; was durch dieſe und die Geſellſchaften ruinirt wird, muß der junge An⸗ fänger nachſchaffen. Auf dieſe Weiſe bezahlt er nach und nach noch einmal ſelbſt die theure Ausſtattung, was aber hat er ins Geſchäft?“ „Nun, Adelaidens Vater verläßt wenigſtens noch drei⸗ bis viermal ſo viel, als die Ausſteuer beträgt.“ Fanny mußte wieder herzlich lachen. „Er ſoll's erſt hinterlaſſen? Ach, Tante, das i ein böſer Caſus! Die junge Frau hät alſo Ausſicht, in ſo und ſo viel Jahren vielleicht zehn⸗ bis fünfzehn⸗ tauſend Thaler zu bekommen. Die Anſprüche aber für mindeſtens das Doppelte bringt ſie gewiß gleich mit und will ſie täglich und ſtündlich befriedigt ſehen Jahr aus Jahr ein. Die Kinder werden derweil auch wieder ſo erzogen, und wenn dann der Schwiegervater nichts verläßt, was bei einem Kaufmann doch ſo leicht geſchehen kann, dann hat der Mann die verwöhnte Frau und vielleicht noch den Vorwurf dazu, daß er in ſeinen unhaltbaren Verhältniſſen die Hand nach ihr 139 ausgeſtreckt. Und wenn dazu noch andere Zeiten kämen— wir haben lange keinen Krieg gehabt— oder ſonſt Geſchäftsſtockungen und Verluſte, wie ſie dem Kauf⸗ mann begegnen können ohne ſein Verſchulden, wenn es ans Dulden und Entbehren gehen ſollte, dann wird eine ſolche an Genießen gewöhnte Frau nicht viel Troſt und Halt gewähren. Sie wird nur ſich beklagen, ihm allein die Sorgen und die Arbeit überlaſſen. Dieſe beiden aber, verbunden vielleicht noch mit Alterationen, würden Hermann's Geſundheit bald noch mehr an⸗ greifen, als die naturwidrige vornehme Lebensweiſe es vielleicht ſchon vorher that. So kann die reiche Partie ihm Alles koſten, was er jetzt ſein nennt, möglicher⸗ i ſogar das Leben.“ 3„Möglicherweiſe, aber wahrſcheinlich nicht. Wir wiſſen ja, warum Du ſo redeſt. Dazu ſoll man immer das Beſte hoffen, auch ich thue das und bin mit dieſer Wahl meines einzigen Sohnes ſo zufrieden, wie ich es mit meiner Nichte durchaus nicht geweſen ſein würde. Sie mag ein ganz gutes Gemüth ſein, aber ich bleibe dabei, nicht paſſend für mich und meinen Sohn. Du wirſt es vielleicht noch einſehen.“ „Ich ſehe es jetzt ſchon ein, Tante, und betrachte es als Johanna's Glück, daß Hermann zeitig untreu war.“ „Wirklich? Nun, es gefällt mir von Dir, daß Du 58 140 mir ſchließlich noch Recht gibſt!“ verſetzte Frau Lesnau ſehr freundlich, den tiefern Sinn dieſer Worte überhörend. Nachdem Philippine ihr wiederholt verſichert, daß ſie jedenfalls nicht zur Hochzeit kommen werde, reiſte ⁰ Frau Lesnau abends mit Fanny ab und hatte wirklich bald nach ihrer Heimkehr alle Hände voll zur Hochzeit oder mit der Brautſchaft zu thun. Eine Menge Féten, welche wetteifernd und ſich überbietend die Verwandten dem Brautpaar zu Ehren veranſtalteten, folgten ſo raſch aufeinander, daß man gar nicht zur Beſinnung kam. Dazwiſchen hatte Hermann Reiſen zu machen, von denen er hübſche Ge⸗ ſchenke, koſtſpielige Kleinigkeiten oder Neuigkeiten, mit⸗ bringen mußte, welche ihm, da reichen Leuten ſchw etwas zu wählen iſt, Kopfzerbrechen machten und den andern Tag vergeſſen waren. Aber der Anſtand wollte es ſo. Endlich mußte auch ein Logis gefunden werden, welches den geſtellten Anforderungen entſprach. Die unerlaßlichſten waren, daß es in einer Hauptſtraße, in der Nähe von Adelaidens Aeltern, erſte Etage und groß genug ſei. Da die Stadt ſehr bevölkert, die Zeit ungelegen war, mußte man andere Annehmlichkeiten, freie Lage, Licht und Ausſicht, fallen laſſen. „Das Logis iſt düſter und kalt“, bemerkte Frau Lesnau darüber ihrem Sohne.„Ich habe mit Deinem 4* 141 Vater in jenem Hauſe gewohnt, und Du haſt ſtets Licht und Freiheit geliebt.“ „Es gibt jetzt kein anderes.“ „Doch, im neuen Anbau.“ „Da können wir nicht mit Anſtand wohnen⸗ 2 „Nur einſtweilen.“ „Nein! Wir bleiben einſtweilen da, bis ſich ein noch paſſenderes findet.“ „Und noch viel theurer.“ „Wahrſcheinlich, ich kann jetzt danach nicht mehr fragen.“ „Mir iſt's nur um den kalten Fußboden, Deinetwegen.“ „Die Liebe wird es erwärmen und erleuchten, über⸗ dies laſſe ich's ſchön herrichten. Sieh, hier iſt auch der Brautſchmuck angekommen.“ „Nicht von hier?“ „Nein, von Berlin, vom Hofjuwelier.“ „Schön, aber, aber—“ „Koſtet natürlich Geld!“ „Mehr wie hundert?“ „Allemal! Verſtehſt Du Dich ſo wenig auf ſolche Dinge?“ „Ach Gott, und das Kleid nebſt Zubehör?“ „Weißer brochirter Atlas. Vielleicht ſo viel Thaler, als Du Jahre zählſt.“ 3 142 „Biſt Du nicht zu ſplendid?“ „Nein. Wäre ich reich, könnte ich eher knickern, es wäre dann Eigenthümlichkeit, Laune, Bizarrerie, ſo aber muß ich in Allem ungeheuer nobel ſein.“ Frau Lesnau ſchlug die Hände zuſammen. „Wenn ich bedenke, Hermann, was dieſe Brautſchaft ſchon gekoſtet hat— mir ſchwindelt!“ „Kommt Alles zehnfach wieder, ſei unbeſorgt; ich bekomme dafür ein hübſche, junge, reiche Frau und werde Eber's Schwiegerſohn, worum ſo und ſo viel Andere mich beneiden!“ Viertes Kapitel. Kleine Urſachen. Das Korn blüht. Zwiſchen den Feldern macht Graf Horſt ſeinen Spaziergang. Es iſt gegen Abend, ein lauer, bewölkter, ſtiller Tag, ſo ſtill, als ob alle Pulſe der Schöpfung anhielten, um zu einem neuen tiefern Athemzuge auszuholen, eine Stille, wie dieſelbe großen Ereigniſſen, ſehr ſchönen oder ſehr ſtürmiſchen Tagen vorauszugehen pflegt. Wie manchmal während ſeiner einſamen Wande⸗ rungen, war der Graf auch heute in ſich ſelbſt hinab⸗ geſtiegen— dieſelbe Stille in ihm. Was mochte ſie bringen? War ſie nur gleichſam das Echo von außen? Sinnend wandelte er die Raine entlang und ge⸗ langte an eine kleine Allee von Obſtbäumen. Die Blätter begannen leiſe zu flüſtern, ein Lufthauch hatte 144 ſich erhoben; er ſchwoll und rauſchte in den Zweigen, bog die Kronen der Bäume und zerriß die Wolken über ihnen, welche ſo beharrlich die Leuchte des Tages ver⸗ deckt hatten. Die Saat ſchlug Wellen wie ein grünes Meer und ſtrömte den der Kornblüte eigenen angeneh⸗ men Geruch aus, welcher an friſch gebackenes Brod, an eine friedliche Häuslichkeit erinnert. In langen Zügen athmete der Graf dieſe berau⸗ ſchende Luft, während ſeine Blicke auf den kleinen Häuſern jenſeits der Saaten weilten, aus welchen der Rauch emporſtieg, in denen geſchäftige Frauen den Abendtiſch beſtellten und jauchzende Kinder den heim⸗ kehrenden Vater begrüßten. Er, der Herr dieſer Felder und Wälder, dieſer Häuſer und des ſtolzen Schloſſes ſah ſehnſuchtsvoll hinüber zu der Wohnung des armen Arbeiters, deſſen Eigenthum er für all das nicht kaufen oder tau⸗ ſchen konnte. Langſam ſchritt er ſeinem ſchönen einſamen Schloſſe zu. Von ſeinem Schreibtiſche blickten ihm auf ſilbernem Präſentirteller zwei Briefe entgegen. Der eine, vom Baron von Uslar, lud ihn zu einer Landpartie ein, welche die Stadtbekannten in Anregung gebracht hatten und in den nächſten Tagen auszuführen wünſchten. Der andere kam von ſeiner Tante, einer jüngern Halb⸗ 5 145 ſchweſter ſeines Vaters und zugleich der einzigen nähern Verwandten, welche er noch beſaß. Joſeph hatte ſie gern, obgleich ſie zuweilen wun⸗ derliche Ideen hatte und trotz ihres feinen Verſtandes und durchbildeten Geiſtes mit außerordentlicher Zähig⸗ keit feſthielt. Gräfin Margarethe von Horſt, dunkel von Augen, Haar und Teint, groß und ſtattlich von Geſtalt wie eine Amazone, war nie ſchön und zuerſt der Ehe förm⸗ lich abhold geweſen, hatte ſich in ihren reifern Jahren aber doch beſtimmen laſſen, die Bewerbungen eines ebenfalls gereiften und geachteten Offiziers, des Grafen Paul von G. anzunehmen und ſich mit demſelben zu ver⸗ loben. Schon war der Tag der Vermählung feſtgeſetzt und der Stoff zum Brautgewand, ein prachtvoller vio⸗ letter Sammt, nebſt ebenſo prächtigem Brillantſchmuck bei ihr angekommen, als bald darauf die Nachricht von dem Tode ihres Bräutigams eintraf, welcher im Duell geblieben war. Margarethe blieb nun unvermählt und beſtimmte ihren ſchönen Brautſtaat der einſtigen Braut ihres Neffen. Sie hatte ſich förmlich in dieſen Gedanken hineingelebt und gar ſehr gefreut, als auch bei ihm der Vermählungstag beſtimmt war. Sein ähnliches Schickſal, als ſei es ein Fatum der Familie, ver⸗ von Oben, Des Hauſes Eckſtein. II. 10 146 urtheilte zum zweiten Male Sammt und Steine, in der dunkeln Truhe zu bleiben, in welcher, ahnungslos, daß es ſein letztes derartiges Geſchenk ſei, Margarethe dieſelben von ihrem Verlobten empfangen hatte. Jahre gingen vorüber, aber den Lieblingswunſch verwiſchten ſie ebenſo wenig, als ſie dem Violett des Sammets oder der leuchtenden Gewalt der Juwelen etwas anhaben konnten. In einſamen Stunden hob die Gräfin zuweilen die Herrlichkeiten ans Licht und gab der Hoffnung neue Nahrung, daß dieſelben doch nicht ewig im Dunkel bleiben und zwecklos dort umkommen dürften. Sie wagte auch, Joſeph zuweilen leiſe Andeutungen von der Unſterblichkeit dieſer Hoffnung zu machen, obſchon ſeine ganze Antwort ſtets in einer traurigen oder ernſten verneinenden Kopfbewegung beſtand. „Ich werde der Letzte unſeres Stammes ſein“ hatte er ihr das letzte Mal geſagt. Gräfin Margarethe wohnte in einer entfernten größern Stadt, brachte aber alljährlich mehrere Tage oder Wochen bei dem Grafen zu, auf welchen ſie alle verwandtſchaftlichen und andern zärtlichen Gefühle, deren ſie fähig war, übertragen und deſſen Geſchick ihr tiefer als das eigene in die Seele geſchnitten hatte. Eben meldete ſie ſich wieder zum Beſuche bei ihm an. 147 Joſeph betrachtete die beiden vor ihm liegenden Briefe. „Wieder zwei Blümlein am Wege, dem einſamen“, ſagte er mit reſignirtem Lächeln.„Am Ende gibt's nach und nach doch noch ein Sträußchen.“ Er ſetzte ſich, ſogleich zu antworten. „Vereint“, ſagte er wieder, ſich zufrieden erhebend. „Erſt ſchien, Ihr beide wärt zu viel auf einen Tag, und nun werdet Ihr Euch verſchmelzen oder in Schach halten, je nachdem.“ Ein paar Tage ſpäter, an einem ſonnigen, luftigen, thaufriſchen Vormittage zogen Sandor und Phädra im ſchönſten Schmucke ſtolz und muthig den Staatswagen des Grafen, in welchem derſelbe ſeiner Tante bis zur nächſten Eiſenbahnſtation entgegenfahren wollte. Detlev und Curt, die Bedienung des Wagens, waren ebenfalls in Gala. Die Gräfin liebte es, ſtandesgemäß empfangen zu werden, und Joſeph ließ es an keiner ihr angeneh⸗ men Aufmerkſamkeit fehlen. Zur beſtimmten Stunde traf der Wagen des Barons mit dem des Grafen zuſammen. Die Baronin, Thekla und Fräulein von Kunad nahmen die andern Plätze ein. Die Bekannten aus der Stadt wollten ebenfalls an einem beſtimmten Punkte mit der übrigen Geſell⸗ ſchaft zuſammentreffen, in einem ländlichen Gaſthofe 10 148 das Mittagsmahl einnehmen und dann in dem ein paar Stunden entfernten, reizend gelegenen Marien⸗ thale den Nachmittag verleben. Der Baron hatte ſeine Damen verlaſſen und ſich zum Grafen in den Wagen geſetzt. „Ein prächtiger Tag! Schade, daß Sie nicht bei uns bleiben können!“ meinte er. „Ich habe meiner Tante darüber geſchrieben, und wenn dieſelbe zeitig genug kommt, wird es ihr gewiß großes Vergnügen machen und mir mit, wenigſtens noch einen Theil des Nachmittags in der Geſellſchaft zuzubringen oder mit derſelben heimzufahren. Uebri⸗ gens laſſen Sie ja die Rückfahrt ganz ad libitum ge⸗ ſchehen, da es ſehr möglich iſt, daß meine Tante erſt gegen Abend kommt. Wir ſehen uns dann an einem andern Tage.“ „Zunächſt bei uns, bitte ich.— Dort kommen auch die Städter“ Der Baron deutete auf zwei Wagen mit Da⸗ men und Kindern und eine mit Herren beſetzte Diligence, in deren Mitte ein paar Uniformen blitzten. Die eine davon ſchmückte den jungen, hübſchen, lebensluſtigen Lien⸗ tenant von Wilmar, in einer Perſon Neffe des Barons und Couſin der Baronin. Dieſe fand Gefallen an ihm und der zwiefachen Beziehung, welche ihr ihm gegen⸗ über ebenſo wohl die Rolle der gleichgeſtellten Couſine „ wie der gnädigen oder ungnädigen Tante zu ſpielen geſtattete, welche letztere Chance ſie ſich bis jetzt noch in petto gehalten hatte. Der muntere Lieutenant ging ebenfalls bereitwilligſt auf den Doppelton ein und war bald der traulich plaudernde Vetter, bald der reſpekt⸗ volle Neffe. Die Wagen kamen einander näher, Tücher und Hüte winkten Grüße, bald war man beiſammen und rollte in fröhlicher Stimmung dem Ziele zu. Sandor und Phädra mußten auf allgemeines Ver⸗ langen den Zug eröffnen und thaten dies mit einem Anſtand und einer ſo allerliebſten Koketterie, daß ſie allgemeines Wohlgefallen erregten. Am Scheidewege empfahl ſich der Graf, um ſeiner Tante weiter entgegenzufahren, die Andern erreichten bald nachher das Thal. „Teufel“ ſagte der Lieutenant, als ſpäter wie alle Fanny mit den Kindern angekommen war,„Teufel, Coufine Baronin, Eure Bonne iſt hübſch. Warum 6 habe ich dieſelbe noch nicht bei Euch geſehen?“ „Weil ich ſie weder hübſch noch nöthig finde, dieſes Oberhaupt der Domeſtiken in die Familiencirkel zu ziehen.“ „Wie hart! Es mag Vorſicht nöthig ſein, aber dieſe— ſie ſieht verdammt vornehm aus!“ 150 Die Baronin lachte.„Vornehm! Sie iſt eine Schulmeiſterstochter aus irgend einem Neſte von Städtchen.“ „Wir egal, man ſieht ihrs nicht an und ich möchte ihr die Cour machen.“ „Das wirſt Du bleiben laſſen, Herr Vetter, Du haſt hier Beſſeres zu thun.“ „Sie kommt mir höchſt intereſſant vor.“ „Mir gar nicht.“ Der Lieutenant ſtrich mit einem etwas impertinen⸗ ten Lächeln ſeinen Schnurbart. „Ah, doch nicht etwa eiferſüchtig, Couſinchen?“ „Du wirſt unartig, Herr Reffe.“ „Warum zeigſt Du ſo auffallend feindliche Geſin⸗ nungen gegen ſie, die doch unter Eurem Schutze ſteht, gnädigſte Tante?“ „Weil ich ſie einfach nicht leiden kann.“ „Ah, ich entſinne mich, Du liebſt die Blondinen nicht.“ „Und dieſe beſonders nicht.“ „Wenn es aber nur das iſt, könnteſt Du mich ihr doch vorſtellen.“ „Nein, ſie beſitzt ohnedies einen Hochmuth, der in ihrer Stellung lächerlich und ärgerlich zugleich iſt.“ „Da ſiehſt Du wohl den Schneeball für eine La⸗ 151 wine an. Sieh, wie beſcheiden ſie ſich mit den Kindern von der übrigen Geſellſchaft entfernt!“ „Klug, daß ſie nicht erſt meine Zurechtweiſung ab⸗ wartet.“ „Sie ſcheint aber ganz in ihrem Element zu ſein und ſich gar nicht nach den Großen zu ſehnen.“ „Sie ahnt wohl, daß dort Demüthigungen ihrer warten könnten.“ „Wohl nur von Dir und Fräulein von Kunad, welche eben auch einen feindſeligen Blick auf ſie wirft.“ „Thereſe denkt wie ich.“ „Dafür bekommt die junge Dame von den Kindern die freundlichſten Geſichter, auch die aus der Stadt umringen ſie wie eine alte Bekannte. Ein reizendes Bild hier im Grünen!“ „O ja, unerfahrene Herzen zu beſtricken verſteht ſie. Fräulein von Kunad nennt ſie darum auch geradezu gefährlich.“ „Neid, liebe Tante, nichts als Neid! Ich ſage Dir—„ „Und ich ſage Dir, daß Du heute unausſtehlich biſt. Wie lange unterhältſt Du mich nun mit dieſem dummen Thema! Bis Dir ein angemeſſeneres einfüllt Adieu“ Sie wandte ſich von ihm. „Du ſchlägſt mir alſo meine Bitte rund ab?“ rief er ihr nach. Sie antwortete nicht. „Gut, ſo werde ich ſie mir ſelbſt erfüllen, erſt recht! Wofür iſt man Soldat?“ Er hielt Wort. Zunächſt wußte er ſich dem reizenden Bilde im Grünen zu nähern und einen Gruß anzubringen, welcher höflich, jedoch nur höflich erwidert ward, ihn aber ent⸗ zückte und zu noch einigen geſelligen Aufmerkſamkeiten beſtimmte, wobei er ſich ſelbſt in aller Form vorzuſtel⸗ len Gelegenheit nahm. Anter Anderm holte er auch mit noch einem ältern Herrn aus der Stadt ein Ge⸗ ſellſchaftsſpielurtheil bei der Bonne ein, welches erſt mit Zurückhaltung verweigert, dann aber ſo weiſe und treffend gegeben ward, daß es große Senſation erregte und dem Lieutenant Stoff gab, die Anmuth und Be⸗ ſcheidenheit, den Geiſt und Takt des jungen Mädchens wiederholt vor den Ohren ſeiner Couſine und ihrer Unzertrennlichen zu preiſen, ſodaß ſich noch mehr be⸗ waffnete und unbewaffnete Augen auf das Bild im Grünen hefteten als ſchon vorher. Während Herr von Wilmar ſich freute, ſeine Couſine und ihr Echo ein wenig zu ſtrafen, dachten die beiden ſympathiſch daran, daß das die Bonne bei erſter Gele⸗ genheit entgelten müſſe. Dieſe war nicht fern und Graf Horſt ward ungeſehen Zeuge davon. Gräfin Margarethe kam nämlich erſt am Nachmit⸗ tage da an, wo Joſeph ihrer harrte und fragte, als ſie heimwärts in die Nähe des Marienthals kamen, ob die Geſellſchaft wohl noch beiſammen ſein werde. „Ich könnte ja hier ausſteigen und den Berg hin⸗ aufgehen!“ meinte der Graf.„Von oben überſieht man das Thal, und wenn ſie noch da ſind, gebe ich Dir mit dem Taſchentuch ein Zeichen, zu kommen. Außerdem kann ich dort wieder zur rechten Zeit mit Dir zuſammentreffen, da Ihr einen bedeutenden Bo⸗ gen zu fahren habt.“ „Du biſt ein vortrefflicher Neffe, und wenn Dir das Steigen nicht unangenehm wäre, würde es mir allerdings angenehm ſein, wenn ich hier gleich alle begrüßen könnte, welche ich ſonſt einzeln aufſuchen muß.“ Joſeph ſagte Margarethe Lebewohl und ſtieg den Berg hinauf. Oben gab er das Zeichen und ſchlug dann abwärts nach dem Thale einen ſchmalen, von Zweigen überwölbten Waldweg ein, von welchem aus er daſſelbe überſehen konnte, ohne ſelbſt bemerkt zu werden, da das Gebüſch ſich weit in den Wieſengrund vorſchob. 8 Sämmtliche Wagen wurden bereits beſetzt und be⸗ ſpannt, ehe er ganz hinabkam; nur die Bonne mit ihren beiden Zöglingen ſtand noch, des ihren harrend, auf dem Platze. Joſeph ſah, wie die Baronin dem Führer deſſelben wie abwehrend mit der Hand winkte— Fanny ſollte wieder die Letzte ſein. Der Diener aber verſtand nicht oder wollte nicht verſtehen, er fuhr raſcher zu und an ein Felsſtück, welches ſofort das leichte Gefährt in zwei Hälften zerlegte. Alles kam in Bewegung, erhob ſich, die Herren ſtiegen ab, nur die Baronin und Thereſe wechſelten einen Blick des Einverſtändniſſes und legten ſich ruhig in den Fond ihres Wagens zurück, als ginge ſie das Ereigniß gar nichts an. Fanny war ſogleich klar, was da n werde und was ſie zu thun habe. Ohne hinzuſehen, ſah ſie, wie die beiden Edeldamen ſich über das Intermezzo freuten und Fräulein von Kunad lachend unaufhörlich ihre ſcharfen, weißen Zähne zeigte, während die Baro⸗ nin, ihren feinern Refler bildend, ihre rückwärtsſitzende Stieftochter ermahnte, doch das neue Kleid hübſch aus⸗ zubreiten, da man ja Raum dazu habe. Der Baron hatte nämlich gleichfalls ſeinen Rückſitz neben Thekla verlaſſen, um den zerbrochenen Wage zu beſehen.* * 155 „Er iſt wohl für die Heimfahrt wieder nothdürftig zuſammenzubinden, aber nicht zu beſteigen. Wollen Gott danken, daß es nicht ſchon geſchehen war! Kom⸗ men Sie, Fräulein Stern“, wandte der Baron ſich dann in ſeiner freundlichen und artigen Weiſe an die Bonne,„kommen Sie, ich werde Ihnen meinen Platz abtreten und Alles wird geebnet ſein.“ „Bitte, Herr Baron, ich kann ſehr wohl nach Hauſe gehen, wenn Sie nur—“ „Gehen? Ei bewahre! Iſt ja gar nicht nöthig. Kommen Sie nur“ wiederholte er, nach ſeinem Wagen voranſchreitend. „Ich trete meinen Platz an Fräulein Stern und Klärchen ab“, ſagte er zu ſeiner Gemahlin.„Thekla, nimm doch Dein Kleid ein wenig zuſammen.“ Die Baronin ſchnitt ihm ein böſes Geſicht.„Und Sie, Herr Baron?“ „Ich komme mit Richard auf der Diligence der Herren unter.“ „Und wenn dieſelbe nach der Stadt ablenkt?“ „Das wird ſie nicht, Frau Baronin. Wir machen uns das Vergnügen, über Schloß Uslar zu fahren.“ „Dieſer Umweg kann aber nicht den Damen und Kindern zugemuthet werden, und ebenſo wenig, daß dieſelben allein nach der Stadt fahren.“ 156 Fanny war mit den Kindern dem Baron gefolgt und trat jetzt mit der ganzen ſtolzen und heitern Ruhe, welche ſie von Anbeginn den Anfeindungen der Baro⸗ nin entgegengeſetzt, an dieſe heran. „Ich habe dem Herrn Baron bereits geſagt, daß ich nach Hauſe gehen werde, und bitte blos, über Klär⸗ chen verfügen zu wollen.“ „Aber um Himmelswillen, Fräulein, es ſind weit über zwei Stunden!“ rief der Baron. „Zwei Stunden über die Dörfer. Ich habe in meiner Heimat ſolche Wege oft gemacht“, erwiderte ſie ſanft. „Aber es wird Nacht, ehe Sie heimkommen.“ „Nicht ganz, Herr Baron. Wir haben Solſtitium und dann kann ich ja im nächſten Dorfe einen Führer oder eine Führerin nehmen.“ „Aber das Alles iſt ja unnöthig und das Ein⸗ fachſte, daß Sie den gebotenen Platz hier annehmen. Steigen Sie gefälligſt ein und nehmen Sie Klärchen zu ſich.“ Philomele warf ſich dazwiſchen.„Ei, Herr Baron, müſſen wir Sie erſt auf unſere Kleider aufmerkſam machen? Ein Herr oder eine kleine Perſon läßt ſich allenfalls noch placiren, mehr aber nicht.“ „Alſo darum?“ Der Baron heftete ſein Auge auf Fanny's einfaches blaßlila Sommerkleid, welches ihr ſo vortrefflich ſtand.„Vielleicht iſt das Ihre minder empfindlich, Fräulein Stern, und Sie bedürfen nicht mehr Raum als ich“ ſagte er dann halb ſcherzend. Ein feines Lächeln umſpielte Fanny's Lippen. „Wer weiß, Herr Baron! Und wenn es auch das Kleid nicht wäre— ich möchte dennoch lieber gehen.“ „Ich gehe mit Dir“ ſagte feurig der kleine Richard, ſie an der Hand faſſend. „Nein, lieber Richard, für Dich iſt es zu weit.“ Der Baron hatte bisher weder auf ſeine Frau noch Thereſe, ſondern nur auf Fanny ſein Augenmerk gehabt, zuerſt, um dieſelbe dem unangenehmen Stehen und Warten möglichſt raſch zu entziehen, und dann, weil ihm ihre, wie er meinte, durchaus ungerechtfertigte Weigerung auffiel einer Artigkeit gegenüber, welche doch eher Anerkennung verdiente. Sie war auch bis⸗ her von ſo feinem Verſtändniß für ſein Wohlwollen geweſen, daß ihm nun doppelt ihre heutige Oppoſition auffallen mußte. Zum erſten Male, ſeit er ſie kannte, wies ſie ſeine ſo natürliche Freundlichkeit zurück und noch dazu vor einer ganzen Geſellſchaft. Er hielt auch jetzt ſein etwas kurzſichtiges Auge unverwandt auf ſie gerichtet und ſah abermals nicht, wie die Phyſiogno⸗ 158 mien der beiden Damen in ſeinem Wagen ſich erhellten bei der Entdeckung, daß die von ihm ſo hochgeſchätzte Bonne auf einmal mit ihm in Disharmonie gerieth. War nur erſt ein Stein gelockert, ein Funke von Miß⸗ trauen oder Mißfallen vorhanden, dann ſich o weiter miniren! Fanny las das auf den beiden Geſichtern, während der Baron in gehaltenem, aber ernſtem Ton zu ihr ſagte:„Ich war bisher der Meinung, Fräulein Stern, Sie könnten nur ſagen, was Sie denken.“ Sie ſah zu ihm auf.„So iſt es, Herr Baron, und ſo ſoll es auch bleiben.“ „Nun, welches iſt dann Ihr eigentlicher Grund, mein ſo natürliches Anerbieten auszuſchlagen?“ „Weil mir einfach die Promenade ganz geſund und viel angenehmer iſt, als hier im Wagen zu— ſtören.“ „Stören? Ich wüßte gar nicht wie! Im Gegen⸗ theil, Ihre Weigerung ſtört. Sie wollen mir daher die Annehmlichkeiten näher bezeichnen, welche der lange, einſame Weg in Geſellſchaft eines Dörflers oder einer Dörflerin für Sie haben kann.“ „Ach, Herr Baron, ich werde mir initt da⸗ heim und ein Kind noch zu ſein. Die Bäuerin wird mir den Glauben nicht nehmen; geſtatten Sie 159 die Reminiſcenz.“ Sie ſagte das ſo aufrichtig und ihr liebliches Organ klang ſo rein, als ſpräche wirklich ein Kind. k „Laſſen Sie mich Ihren Führer ſein“, ſagte jetzt mit ſeiner ehrerbietigſten Verbeugung vortretend der Lieutenant.„Ich gebe Ihnen und dem Onkel hier mein Ehrenwort als Mann und Offizier, daß ich nur den ernſten Wunſch habe, Sie ſicher nach Hauſe zu bringen und mir Ihre Achtung zu verdienen.“ Fanny ließ eine Sekunde ihr Auge auf ihm ruhen. „Ich bin überzeugt, Herr von Wilmar, und Ihnen aufrichtig dankbar, aber—“ „Weiſen Sie mich nicht zurück, Fräulein! Unge⸗ wöhnliche Situationen erfordern und rechtfertigen un⸗ gewöhnliche Mittel, ihnen zu begegnen.“ Wieder ſpielte das feine Lächeln um ihre Lippen, als ſie leiſer ſagte:„Derartige Situationen ſind in meiner Stellung durchaus nicht ſo ungewöhnlich, als ſie Ihnen erſcheinen mögen. Empfangen Sie nochmals meinen Dank!“ Sie verneigte ſich anmuthig gegen den Lieutenant, nahm das Kind auf den Arm und trat beſcheiden an die Baronin heran, um deren Befehle wegen der Klei⸗ nen zu empfangen oder zu erbitten. Dieſe kam ihr zuvor, indem ſie ſich— und das 160 verdroß den lauſchenden Grafen am meiſten— plötzlich eine ganz Andere, freundlich und liebevoll an den Ba⸗ ron wandte. „Ich denke, lieber Oskar, wenn Fräulein Stern dergleichen Spaziergänge gewohnt iſt und Vergnügen daran findet, daß Du ruhig Deinen Platz hier ein⸗ nimmſt und wir die Rückfahrt nicht länger verzögern; es ſteigt ſchon recht feucht vom Raſen auf.“ Das war nun nicht ſo ſchlimm, aber der Baron ſah auch nicht hin, ſondern entgegnete verſtimmt und beſtimmt:„Ich und Richard fahren mit den Herren bis zum Scheidewege und gehen dann das unbedeutende Stück bis heim zu Fuß.“ Er trat mit dem Knaben zurück und befand ſich neben dem Lieutenant, welcher ſchon lange vor Begierde brannte, dem Onkel einige erläuternde Worte zuraunen zu können. „Dann wirſt Du Dich Klärchers annehmen, Thekla“, befahl die Baronin, hinter dem Rücken ihres Gemahls wieder die Vorige gegen die Bonne. Dieſe ſetzte ſorglich die Kleine in die Wagenecke neben Thekla, Philomele gegenüber, dann grüßte ſie die Damen und die übrige Geſellſchaft mit dem ihr eigenen Anſtand und ſchritt raſch der Richtung des nächſten Dorfes zu, auf deſſen funkelnder Kirchthurm⸗ 161 ſpitze ſo eben der letzte Sonnenſtrahl die letzte Tages⸗ umſchau hielt. Ob die kleine Klara ſich vor den ſcharfen weißen Zähnen ihres Gegenübers fürchtete, welche ſich wieder hinter Fanny zu zeigen begannen, oder ob ſie ſich einer Härte Thereſens erinnerte, ob die Kälte der Mutter das kleine Herz zuſammenkrampfte, oder ein dunkles Gefühl der Fanny angethanen Unbill— dieſe hatte ſich erſt wenige Schritte von dem Wagen ent⸗ fernt, als das Kind bitterlich zu weinen anfing. Fanny hörte, wie die Baronin daſſelbe anfuhr, und hemmte den flüchtigen Schritt. Dann aber, wie ſich ſelbſt eine Frage verneinend, ſchüttelte ſie leiſe den Kopf, zog den breiten, runden Strohhut tiefer über die feuchten Augen und wollte eben eilig weiter gehen, als plötzlich die hohe Geſtalt des Grafen vor ihr auf dem ſchmalen Wege ſtand. „Einen Augenblick, Fräulein“, ſagte er mit ſeinem ſchönen, wohlthuenden, klangréichen Organ, in welchem es leiſe wie Erregung bebte.„Sie werden nicht gehen. Erlauben Sie, Ihnen meinen Wagen anzubieten, welcher ſogleich hier ſein wird.“ Bei den erſten Lauten ſeiner Stimme hatten wie mit einem Kopfe Thereſe und die Baronin ſich umge⸗ dreht und die letztere ſchnitt der verhaßten die von Oben, Des Hauſes Eckſtein. M. 162 Antwort durch die dem Graſen raſch entgegengeworfene Frage ab:„Ah, Herr Graf, Sie kommen allein zurück?“ Der Graf ſchritt, ohne die Bonne aus den Augen zu laſſen, höflich dem Wagen näher. „Die Gräfin iſt alſo nicht gekommen?“ die Baronin. „Bitte um Entſchuldigung, meine Tante iſt ge⸗ kommen.“ „Nun, und ihr wollen Sie die Kinder und Gefolge zur Geſellſchaft geben?“ „Warum nicht? Meine Tante wird ſtets willkom⸗ men heißen, was ich ihr zuführe.“ „Eben darum ſollten Sie beſſere Auswahl treffen, Herr Philantrop“, warf Thereſe ein. Der Graf richtete ſeine ſchönen Augen ernſt auf die Sprecherin. „Ich kenne nichts Lieblicheres auf Erden als ein Kind und nichts Edleres, als es leiten und lieben, gewiſſermaßen ſein irdiſcher Schutzgeiſt zu ſein. Wenn. ich nun meiner Tante das Edle und das Liebliche zur Geſellſchaft gebe, ſagen Sie ſelbſt, gnädiges Fräulein, was könnte ich Beſſeres wählen?“ Die Baronin biß ſich auf die Lippen und Fräulein von Kunad lachte nicht mehr. 163 „Schade, daß Sie ein Graf und kein Prediger ſind“, ſagte ſie ſpöttiſch mit unterdrücktem Zorn. „Sie meinen, es gäbe noch manche Wüſte, die deſſen bedürfte?“ fragte er ruhig zurück. Thereſe wurde verlegen. „Wir meinen, was Sie uns da erſt antworten würden.“ Der Graf legte ſanft ſeine Hand auf das Köpſchen des leiſe ſchluchzenden Kindes.„Dann, gnädiges Fräu⸗ lein, würde ich Ihnen ſagen: So ihr nicht werdet wie dieſe, könnt ihr nicht in das Himmelreich ein⸗ gehen!“ Thereſe verſtummte; ſie fühlte dunkel den doppelten Sinn dieſer Worte. „Willſt Du mit mir gehen, Klärchen?“ ſagte er dann ſich liebkoſend zu der Kleinen niederbeugend, und ſogleich ſchlang ſie ihre kleinen Arme um ſeinen Hals und legte ihr weinendes Geſichtchen an ſeine Schulter. Er hob ſie freundlich empor und trug ſie zu Fanny, welche vorhin bei ſeiner Anrede auf einmal ihre ganze ſtolze Sicherheit verloren zu haben ſchien und geſenkten Hauptes noch auf derſelben Stelle ſtand. „Hier, Fräulein, nehmen Sie das Kindchen wieder zu ſich, dort kommt der Wagen“, ſagte er mit gewin⸗ nender Artigkeit. 11* 164 Von neuem erhob ſich Alles, um die ſtattliche, ach⸗ tunggebietende Erſcheinung der Gräfin zu begrüßen, welche, nach allen Seiten freundlich dankend, zunächſt der Baronin halten ließ. Der Graf trat zu ihr. „Liebe Tante, ich habe uns Geſellſchaft gebeten, die Inſaſſen des zerbrochenen Wagens—“ „Und wir haben Einſpruch gethan!“ fiel ihm die Baronin ins Wort. „Und weshalb?“ erwiderte die Gräfin. „Weil der Herr Graf Sie mit uns gehörigen Klei⸗ nigkeiten zu regaliren gedenkt, Comteſſe, und zwar ohne unſere Erlaubniß.“ Sie betonte beſonders die letzten Worte. Joſeph wandte ſich nach ihr um. „Ah, Frau Baronin, warum haben Sie vorhin un⸗ terlaſſen, ſich Ihres Eigenthums anzunehmen und da⸗ durch Ihr Recht darauf zu begründen? Ich hätte mir dann nicht den jüngſten Beſitz aneignen können, welchen jetzt keine Inſtanz in Frage ſtellen wird.“ „Ich werde keinen Rechtsſtreit mit Ihnen anfangen.“ „Derſelbe würde auch nicht leicht für Sie zu ge⸗ winnen ſein, ich habe zu viele Zeugen!“ Die Baronin erröthete, ſie ſah ſich auf einmal von zwei Seiten angegriffen. Auf die leiſen erläuternden Worte des Lieutenants folgte und paßte unmittelbar die im Tone zwiſchen Ernſt und Scherz gehaltene laute Anklage des Grafen, von welcher der Baron wohl annehmen konnte, daß ſie aus dieſem Munde weder bloßer Scherz noch Fabel ſei. Die Baronin ſah, wie ihr Gemahl derſelben mit großer Aufmerkſamkeit lauſchte und wie dann in dem ſonſt ſo ruhigen Geſicht eine Art Wetterleuchten auf⸗ ſtieg, während es ſich ihr näherte. Sie wandte ſich einlenkend der Gräfin zu. „Comteſſe, wir handelten einzig in Ihrem Intereſſe, als wir Einſpruch thaten.“ „Es hätte ſich eben ein angemeſſeneres Arrangement treffen laſſen“, ergänzte Thereſe, welche nun gar zu gern ihren Platz der Bonne überlaſſen und ſich ſelbſt in den Staatswagen geſetzt hätte. „Du haſt alſo zu wählen, liebe Tante“, lächelte Joſeph, während ſein Blick den Margarethens bedeu⸗ tungsvoll feſthielt. „Ich bitte um die Kleinen, ſie ſind für mich ein allerliebſtes Entree“, verſetzte freundlich, doch entſchieden die Gräfin. Richard, welcher mit großem Intereſſe der Ver⸗ handlung gefolgt war, lief jetzt von ſeinem Papa zum Grafen. 166 „Hurrah, da gehöre ich auch mit dazu!“ rief er lebhaft. 5 Der Graf faßte warm die kleine Hand. „Verſteht ſich, mein Junge; eben wollte ich Dich einladen. Du wollteſt ja vorhin mit gehen.“ „Ach, Du biſt doch ein prächtiger Graf, daß Du unſere Fanny nicht laufen läßt!“ verſicherte feurig der Knabe. Eine Bewegung der Heiterkeit und des Beifalls durchlief die Geſellſchaft. Thereſe war roth vor Zorn. „Das Mädchen weint bei der Mutter, der Knabe entläuft dem Vater— mich dünkt, die Kinder dürfen ſich hier ſehr frei entwickeln“, bemerkte ſie laut genug, um von allen verſtanden zu werden.„Iſt das vielleicht die neueſte Erziehungsmethode, Herr Baron?“ Dieſer war gleich nach Richard an den Wagen ge⸗ treten, hatte die Gräfin begrüßt und dem Grafen die Hand gedrückt. Er ſah ſich auch nicht nach ſeinem Wagen um, als er jetzt dem Fräulein ebenſo ver⸗ ſtändlich und mit einer ihm ſonſt nicht eigenen Schärfe im Tone entgegnete:„Ich weiß nicht, ob die neueſte, jedenfalls aber iſt es die beſte Methode. Meinen Sie nicht, lieber Graf?“ 5 „Gewiß bin ich hier ganz Ihrer und Fräulein von 167. Kunad's Anſicht“, erwiderte, abſichtlich die letztere mißverſtehend, lebhaft der Graf.„Es muß das Kind ſich unter weiſer Aufſicht frei entwickeln dürfen, damit es, wenn es dann erwachſen iſt, ſich vor Nie⸗ mand beugt als ſeinem Gott und dem, was gut und recht iſt!“ Er trat zu der erröthenden Fanny, welche unterdeß ihre Sicherheit wiedergewonnen und das Kind auf ihrem Arm wieder lächeln gemacht hatte. „Darf ich bitten, Fräulein? Schon zu lange ſtehen Sie auf dem feuchten Raſen—“ „Ob dieſer Mann eins ſo macht wie andere ſeines⸗ gleichen“, murrte Thereſe, jetzt gelb vor Neid.„Gegen uns iſt er rückſichtslos und gegen dieſe Bürgerliche der vollendete Cavalier. Er nimmt mit Richard den Rückſitz ein, während er ſie neben die Gräfin placirt hat, wie eine Ebenbürtige, und die unterhält ſich ganz gemüthlich mit dem fremden Mädchen— gewiß nur, weil er's ſo will.“ Die Baronin lächelte boshaft.„Und wie ſchön er heute ſieht in ſeiner edlen Entrüſtung! Wie ſeine Augen leuchten und ſeine Wangen ſich fein geröthet haben!“ „Und wer hat ihn in dieſe Entrüſtung verſetzt?“ fragte Thereſe mit wieder aufwallendem Zorn. 168 „Nun, doch ohne Zweifel er ſich ſelbſt“ lachte die Baronin. „Nein, wir, weil wir die Bonne nicht im Wagen haben wollten“ ſagte Thereſe vorwurfsvoll. Die Baronin hüllte ſich feſter in ihren Shawl und damit zugleich in eine ihr zuweilen eigene Unnahbarkeit Angriffen gegenüber.„Ich wollte einfach mit der Bonne nicht fahren“ ſagte ſie froſtig.„Ob ſie nun mit ihm fährt oder geht, iſt mir ganz gleich, wenn nur erreicht iſt, was ich wollte.“ Es war ihr aber nicht ganz gleich, denn als daheim der gräfliche Wagen mit ſeinen jugendlichen Gäſten vor⸗ fuhr, ballte ſie am Fenſter ihres Zimmers drohend die Hand und höhnte:„Ah, Stern erſter Größe, das koſtet dich deine Stelle, ſobald es ſich thun läßt!“ Ebenſo unzufrieden war Detlev über das Ereigniß, nur in anderer Weiſe als die Baronin. Die Kinder hatten heimwärts der„Tante Gräfin“ viel und Mancherlei vorgeplaudert und ihr großes Ver⸗ gnügen gemacht; dann war Klärchen auf Fanny's Schooße eingeſchlafen. „Wie werden wir es nun machen, Herr Graf?“ fragte plötzlich Richard mit kindlicher Naivetät.„Werden wir Dich erſt nach Hauſe begleiten oder Du uns?“ „Ja, wie ſoll das werden!“ verſetzte freundlich, doch 169 zerſtreut der Graf, welcher ſchon länger ſtill, wie in ſich verſunken, dageſeſſen hatte. 6 „Fanny muß das wiſſen, ſie weiß Alles“ erwiderte der Knabe zuverſichtlich. „Nun, wenn ſie Alles weiß, mußt Du doch auch ſchon etwas wiſſen“, ſcherzte die Gräfin.„Denke alſo einmal ſelbſt darüber nach.“ Richard dachte nach.„Euer Schloß iſt näher als unſeres und Fanny hat geſagt, die Herren müßten aufmerkſam und artig gegen die Damen ſein.“ „Ich glaube, ſie hat Recht. Zu wem ſagte ſie das?“ „Zu mir, als neulich Generals bei uns warenz und da habe ich auch die kleine Lisbeth überall herumge⸗ führt und immer daran gedacht, wie es ihr wohl am beſten gefallen würde.“ „Das war ſehr lobenswerth von Dir! Haſt Du Dich nicht ſelbſt über Dich gefreut?“ „Ei freilich, und abends war mir, als wäre ich den Tag größer geworden.“ „Richtig“ lächelte Margarethe,„das warſt Du auch. Alſo, Du kleiner großer Herr, wie wird es nun mit der Artigkeit gegen uns? Ihr ſeid zwei Herren und wir drei Damen.“ „Ja, und Du biſt die Auteſe und Vornehmſte darunter und haſt ſchon eine weite Reiſe gemacht. Da 170 denke ich, wir müſſen Dich erſt nach Hauſe bringen, und hernach borgt Ihr uns Detlev mit Sandor und Phädra bis zu uns.“ „Bravo, mein Junge! Du biſt ein ganzer kleiner Cavalier!“ „Iſt es wahr, Herr Graf?“ Joſeph ſtreichelte ihm die blühende Wange.„Du haſt das Rechte getroffen“ ſagte er gütig. „Es wird alſo, wie ich geſagt habe?“ „Ja. Ich würde mir nicht haben nehmen laſſen, Euch ſelbſt bis heim zu begleiten, wenn ich nicht ſo lieben, ſeltenen und weitgereiſten Damenbeſuch hätte; nun fahren wir erſt nach Schloß Horſt, und nachher bringen Kurt und Detlev Euch nach Hauſe.““ Von Schloß Uslar zurück ſetzte der Diener ſich vor zu Detlev auf den Bock. „Was für ein betrübtes Geſicht Du muchſ, Detlev, und wir haben doch ſo ſchönes blankes Trinkgeld vom Baron bekommen.“ „Ich wollte, ich hätte es nicht.“ „Biſt Du ſchon ſo reich?“ „Nein, aber ich glaube, was ich habe, gäb' ich drum wenn ſie alle bei uns abgeſtiegen wären.“ „Wie meinſt Du das?“ „Nun, eine liebe, freundliche, junge Gräfin, ein paar hübſche, fröhliche Kinder— welch anderes Leben ſollte es da bei uns geben!“ „Höre, ich glaube, die gnädige Herrſchaft hat auch an ſo was gedacht! Sie blieben beide auf der Frei⸗ treppe ſtehen und ſahen uns nach, bis ſie gar nichts mehr von uns ſehen konnten.“ „Und wie ſahſt Du das?“ „Nun, ſie ſtanden doch erhöht und im Lichte, wäh⸗ rend wir im Dunkel fuhren, und da ſah ich ſie noch ſtehen, als ſie kaum mehr das Rollen des Wagens hören konnten.“ Als die Gräfin der mitgebrachten Zofe ihre Befehle ertheilt, trat ſie auf die Schwelle des kleinen Kabinets neben dem Speiſeſaale, wo Joſeph ihrer harren gewollt. Er ſaß mit geſchloſſenen Augen im Sopha. Marga⸗ rethe blieb ſtehen und betrachtete ihn. „Die Welt ſagt, er ſei ein Träumer geworden“, ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„und faſt ſcheint es, ſie ſagt diesmal die Wahrheit. Da ſitzt er wieder wie vorhin im Wagen. Aber er ſieht wohl und freundlich aus, wie von einem friſchen Lebenshauch überweht— es müſſen liebliche Bilder ſein, die ihn umſchweben.“ Noch ein Weilchen blieb ſie ſtehen, dann ging ſie zu ihm und legte leiſe ihre Hand auf ſeinen Arm. Er ſah raſch auf.„Sagteſt Du etwas, liebe Tante?“ 172 „Ja. Ich fragte Dich, ob Du die Bonne ſchon länger kennteſt.“ „Die Bonne— welche denn?“ „Nun die, welche dieſen Abend mit uns gefahren iſt.“ Er mußte ſich erſt beſinnen. „O über den Träumer und ſein Vergeſſen“ lachte Margarethe.„In der nächſten Stunde weiß er nicht mehr, was er Gutes gethan!— Ich meine die Bonne drüben beim Baron von Uslar.“ „Ich kenne ſie nicht.“ „Nicht?“ „Ich ſah ſie dieſen Abend zum erſten Male.“ „Deine ritterliche Artigkeit galt alſo nur der unter⸗ drückten Unſchuld?“ „Zunächſt nur ihr.“ „Und dann?“ „Dem Baron erzeigte ich einen Gefallen und die Baronin bekam eine Lection.“ „Du liebſt dieſelbe nicht—“ „Ich haſſe alles Gemeine, und mir war, als ſeien die beiden Edeldamen im Wagen des Barons nur hineingeborgt.“ „Und das konnteſt Du nicht vergeſſen?“ „Wie ſo?“ „Weil Du je länger je ſtiller wurdeſt!“ 4 Joſeph ſah die Tante forſchend an.„Habe ich die Höflichkeit verletzt?“ „Durchaus nicht; doch haſt Du dieſelbe auch nicht überſchritten.“ „Dir gegenüber?“ „Nein, der jungen Dame gegenüber, welche unſer Gaſt war. Wo warſt Du nur den ganzen oder doch größten Theil des Abends mit Deinen Gedanken?“ Der Graf ſchwieg ein paar Augenblicke.„Wo ich war, Tante Margarethe? Tief in mir.“ Jetzt ſah ſie ihn forſchend an.„Man ſteigt ge⸗ wöhnlich nur bei ungewöhnlichen Veranlaſſungen in ſich ſelbſt hinab.“ „Bei mir in meiner Einſamkeit kommt es öfter vor; ich halte für nothwendig und heilſam, ſich ſelbſt ſo gut wie Freunde und Bekannte außer uns zweilen heimzuſuchen und ſich, wie über ſolche, über ſich ſelbſt zu unterrichten. Aber heute—“ „Nun, heute wäre es nicht auf dieſe Weiſe geſchehen?“ „Nein, ich hatte ja Geſellſchaft.“ „Die Umgebung hat alſo auf Dich eingewirkt, der ſchöne ruhige Abend, das liebliche Geplauder der Kin⸗ der— Du biſt ſo empfänglich— „Ja, und Deine Gegenwart— da hätten wir die be⸗ ſondere Veranlaſſung.“ 174 „Und die anmuthige Nachbarin ſoll gar keinen An⸗ theil haben?“ „Die Nachbarin?“ „Nun ja doch, die Bonne! Haſt Du ſie ſchon wieder vergeſſen oder wirklich überſehen, daß ſie kein gewöhn⸗ liches Menſchenkind ſchien?“ „Ich könnte Dir kein Bild von ihr geben.“ „Du biſt wirklich ein Hriginal; das ſoll Dir ein Anderer nachmachen! Nimmſt die junge Dame auf eclatante Weiſe in Schutz ſitzeſt ihr ein paar Stunden gegenüber, ſprichſt mit ihr und weißt zuletzt nicht einmal ſo viel von ihr, um ſie morgen wiederzuerkennen!“ „So iſt es.“ „Aber, ums Himmelswillen, was fandeſt Du denn ſo Abſonderliches in Dir, daß Du gar nicht wieder loskamſt?“ Wieder ſchwieg er eine Weile.„Das läßt ſich ſo eigentlich nicht beſchreiben. Mir war ſo ſeltſam zu Muthe wie faſt noch nie in meinem Leben.“ „Wohl?“ „Das reicht nicht aus. Alles, was ich bisher er⸗ lebte, war verſunken und Frieden, tiefer, ſüßer Frieden über mich gekommen. Und da— ich habe eine himm⸗ liſche Muſik gehört, bei der jüngſten Wiederkehr jenes Tages, welcher mir das Leben gab und dann das Glück 175 des Lebens zeigte und wieder nahm. Der Abend war der dunkelſte von allen, welche ich durchlebte! Aber in die Nacht fiel das Licht und dann in meine Seele der ſüße, tröſtende, ergreifende Geſang. Und jene Melodie klang heute in mir wieder, ſie bannte mich, ihr mußte ich lauſchen. Damals war es mir, als müſſe ich den Tönen nach, heute kamen ſie zu mir. Erſt leiſe, wie aus weiter Ferne, dann näher, be⸗ ſtimmter, wie verhaltener Jubel. Es war, als wolle ſich in ihnen etwas Beſeligendes zur Klarheit durch⸗ ringen, ein unnennbar liebliches Räthſel ſich löſen— ach, die Fahrt war viel zu kurz! Auf einmal waren wir hier im Hofe, der Wagen fuhr wieder davon— der Zauber war gebrochen.“ Kopfſchüttelnd ſchaute Margarethe auf zen Träumer, als Detlev die Flügelthüren öffnend meldete, daß die Tafel ſervirt ſei. Und Fanny? Als ſie die Kinder zu Bett gebracht hatte und endlich allein war, trat ſie zum geöffneten Fenſter und ſchaute lange in den dunkeln Park hinunter, während die Er⸗ eigniſſe des Tages noch einmal an ihr vorüberzogen, ſein plötzliches Erſcheinen, ſeine Worte, ſein edles Weſen ihr gegenüber, ſeine Strenge gegenüber der Ba⸗ ronin und ihrer Freundin, das traumhafte Betreten 176 und Verlaſſen ſeiner Heimat. Und dann ſchaute ſie hinauf nach der ruhig glänzenden Welt über dem dun⸗ keln Parke, deren Namen ſie trug, und leiſe flüſterten ihre Lippen:„Hoch über mir wie ihr!“ Ein paar Tage ſpäter waren Graf und Gräfin von der Viſite beim Baron zurückgekehrt und ſaßen plau⸗ dernd bei einander. Zwiſchen ihnen auf dem Tiſche brannte die Lampe. „Joſeph, wie liebenswürdig warſt Du heute!“ „Ach, Du biſt parteiiſch, liebe Tante.“ „Nein, Joſeph, es iſt unberufen eine glückliche Ver⸗ änderung mit Dir vorgegangen, und—“ „Und?“ „Ich ſuche den Impuls dazu im Hauſe des Barons.“ „Möglich. Der Baron iſt ein freundlicher, aufrich⸗ tiger Nachbar, das hat etwas Wohlthuendes für mich.“ Margarethe ſchlug den roſenfarbenen Lampenſchleier auf der einen Seite in die Höhe, und ihm ſcharf in das nun heller beſtrahlte Antlitz ſehend, fuhr ſie halb ernſt, halb launig fort: „Denkſt Du im Ernſt, mich irre zu führen? Das iſt's nicht!“ Was nicht?“ „Die freundſchaftliche Nachbarſchaft oder Freundſchaft des Barons.“ 177 Ueber Joſeph's ausdrucksvolle Züge glitt ein leiſes Lächeln, während er den Ueberhang der Lampe wieder herabzog. „Das hat eine andere Macht vollbracht“ wiederholte Margarethe. „Und welche meinſt Du?“ „Das ſollteſt Du mir ſagen.“ „Ich kann es nicht.“ „Dir fehlt der Muth?“ „Nein, das Wiſſen.“ „So möchte ich Dir zum Bewußtſein helfen.“ „Thue es.“ „Ich habe dieſen Abend viel an das Brautkleid gedacht.“ „Daran erkenne ich, daß Du des Vaters echte Schweſter biſt.“ „Weil meine Wünſche unſterblich ſind?“ Joſeph neigte bejahend das Haupt.„Trotz bitterer Erfahrungen und Erinnerungen.“ „Erinnerungen? Es ſind auch ſüße dabei, und Er⸗ fahrung macht weiſe, bringt Hoffnung.“ „So ſteht geſchrieben“, murmelte Joſeph, in Ge⸗ danken verſinkend. Eine Pauſe entſtand. 3 „Es war ſonderbar“, fuhr Margarethe, ebenfalls ihren Gedanken nachhängend, fort,„ſonderbar, daß meine von Oben, Des Hauſes Eckſtein. II. 12 178 alte Wärterin gleich ſagte, als der veilchenblaue Sammt ankam, das ſei nicht meine Farbe, und ein unkleid⸗ ſames Brautkleid ſei kein gutes Zeichen. Und als wir ſpäter dieſes ominöſe Geſchenk ſtill, unter Thränen wieder einpackten, da ſagte ſie wieder in ihrer geraden, kurzen Weiſe, um welcher willen ſie mir doch gerade lieb war:„Eben recht, daß es ſo gekommen; es paßte einmal nicht, und das Waſſer hinter dem Altare wäre nicht ſo rein und ſanft geweſen wie das da.“— Ich ſchrieb die erſte Bemerkung dem albernen Aberglauben einer alten Frau und die zweite ihrer Theilnahme zu, welche mir bei dem traurigen Geſchäft etwas Tröſt⸗ liches ſagen wolle. Als ich aber ſpäter als Erbin Ein⸗ ſicht in die Papiere meines Bräutigams bekam, mußte ich mir doch eingeſtehen, daß die Albernheit der Alten ihren tiefern Sinn habe. Wie Paul bei der Wahl des Brautkleides weder meinem Geſchmack noch meiner Perſönlichkeit, ſelbſt nicht der Jahreszeit Rechnung ge⸗ tragen, ſo würde das auch in anderer Weiſe noch oft der Fall geweſen ſein. Schon als Soldat war er ge⸗ wohnt, daß man ſeinen Beſtimmungen in blinder Unter⸗ ordnung ungeſäumt nachkam. Dazu war er in Allem pünktlich und peinlich genau bis ins Kleinſte, vorherr⸗ ſchend choleriſchen Temperaments, und wie es dieſem und einem gerade auf ſeinem Standpunkte lange allein⸗ 35 179 ſtehenden, geachteten und ſelbſtbewußten Manne“— ſie betonte, Joſeph bedeutungsvoll zunickend, beſonders dieſes Wort—„eigen ſein mag: er war Egoiſt. Das war's, was meine Alte geahnt oder gemeint haben mochte! Und dazu ich, eine Feindin alles Kleinlichen und alles blinden Gehorſams, ſelbſt leicht erregt, ſtolz und leidenſchaftlich, mehr geneigt, zu herrſchen, als zu gehorchen, auch hier in Allem Deines Vaters echte Schweſter— ja, meine Alte hatte Recht: es paßte nicht, und viel Gefahr, Sturm und Flut würde es gegeben haben, ehe Paul ſeinen eiſernen Willen mir gegenüber in Liebe und Güte verwandelt hätte oder ich die lautere Vernunft geworden wäre, als welche ich ihm unbegreiflicher Weiſe erſchienen war!“ „Und welche Du nun doch geworden biſt.“ „Ja, nach und nach, in der Schule des Lebens, und da noch nicht allezeit. Paul würde das mit einem Male gefordert und dadurch Alles verdorben haben.“ „Wie oft kommt doch ſolches Verkennen vor!“ „Ich glaube, es liegt darin, daß, ſolange eins des Andern noch nicht ſicher iſt und es doch werden möchte, jedes mehr auf ſich ſelbſt Acht gibt und ſich ſo nur von willkommenen Seiten zeigt; und kommt ja einmal etwas Störendes mit zum Vorſchein, ſo tröſtet man ſich, daß ſich das ſchon geben werde. Wie bitter aber 180 täuſcht dieſes Sichgeben, welches doch eigentlich nur ein Nachgeben, Sichfügen in Wunſch und Willen des Andern iſt, während man, vorab in der Jugend, am liebſten ſich ſelbſt nachgibt! Welch feſter Wille gehört zum Beiſpiel dazu, kleine Angewohnheiten und Nei⸗ gungen abzulegen!“ „Wie wenig will man zuweilen langgehegte An⸗ ſichten und Ideen aufgeben“, bemerkte jetzt ſeinerſeits mit beſonderer Betonung der Graf. Sie lächelte ihm mit Verſtändniß zu:„Eben, eben.“ „Man ſollte jenes Achtgeben auf ſich ſelbſt aber doch auch gerade in der Ehe fortſetzen, überhaupt ſolange man lebt, man würde nicht und nichts dabei verlieren.“ „Freilich, aber ſtatt deſſen ſind ſie froh, wenn der Zwang aufhören und das Sichgehenlaſſen beginnen kann, die Meiſten wenigſtens.“ „Das iſt aber weder klug noch recht. Die Ehe iſt ein gegenſeitiger Vertrag, und was man vom Andern wünſcht oder fordert, müßte man doch unbedingt auch ſelbſt leiſten, und zwar freiwillig.“ „Eigentlich ja, aber uneigentlich geſchieht es eben nicht. Indeſſen freut mich von Herzen, daß Du Dich ſo hübſch zu vrientiren beginnſt, ich kann da um ſo leichter auf meine Lieblingsidee, das Brautkleid, zurückkommen.“ 181 „Und da meinſt Du?“ „Was nicht für mich war, muß nothwendig für Jemand anders ſein.“ Joſeph hatte wieder eine ernſte Antwort auf den Lippen.„Doch iſt auch dieſe Hoffnung zu Schanden geworden“, wollte er ſagen, aber die plötzlich in ihm wiederklingenden Worte der Zigeunerin:„Es war das Eilende, dem Ihr Euch anvertraut“, ſchloſſen ihm den Mund. „Stillſchweigen wird gerechnet gleich Ja“, bemerkte Margarethe heiter. Joſeph zwang ſich zur Aufmerkſamkeit.„Ich ſann nur nach, weshalb Du dieſen Jemand im Hauſe des Barons ſuchſt!“ „Weil mir dort Deine gehobene Stimmung auffiel.“ „Und wen zeihſt Du der Macht, dieſelbe bewirkt zu haben?“ „Verſprichſt Du zu bekennen, wenn ich es rathe?“ „Ich verſpreche es.“ „Aber auch halten.“ „Das ſollteſt Du mir nicht ſagen.“ „Gut, ich habe es nicht geſagt.“ „Nun alſo— die Nichte in spe?“ „Ich denke— Philomele.“ Sein Blick verfinſterte ſich.„Warum ſie?“ 182 „Weil mir ſchien, als ob Deine Gegenwart ihr Impuls ſei, als ob ihre ſüßeſten Töne nur Dir gelten ſollten.“ „Möglich! Aber meinſt Du im Ernſt, daß das Veilchenblau ihre Farbe wäre?“ Die Gräfin ſann nach.„Nein, ſo wenig wie die meine. Sie iſt's alſo nicht?“ „Nein.“ Das Nein klang kurz und beſtimmt. „Dann vielleicht Fräulein von S.2“ „Sahſt Du nicht, daß ſie bereits die Farben des Lieutenants trägt?“ „Ach ja! Welch feiner Beobachter Du biſt! Aber der Lieutenant ſchien nicht beſonders entzückt von ihr“ „Thut nichts; ſie iſt es von ihm, kann es alſo von mir nicht ſein.“ „Am Ende Thekla?“ Joſeph lachte.„Ich könnte beinahe ihr Großvater ſein.“ „Nun, nun, einſtweilen ihr Vater.“ „In ihren jungen Augen wäre ich gewiß eher jener.“ „Und wie gern würde der Baron ſein Protectorat über ſie in Deine Hände legen und Dein Vater werden.“ „Wir würden uns mit aufrichtiger Freude die Hand reichen, aber das iſt nicht die Hauptſache.“ 5 „Nein. Alſo vielleicht die Baroneſſe S Sie iſt ſehr hübſch.“ 183 „Ach, die Kokette, welche nicht mehr weiß, was ſie thun und tragen ſoll, um Aufſehen zu erregen, ihr ſoll Dein Brautſchmuck neu genug ſein?“ „Sie kann ihn ja zu allen Zeiten tragen— der Sammt gibt auch einen prächtigen Ueberwurf, er qualificirt ſich zu Vielem.“ „Sehr wohl, aber eine Frau, die nur nach Effect haſcht, qualificirt ſich nicht zur Gräfin Einſamkeit.“ „Und wer iſt's, der ſich dazu eignet?“ „Niemand aus dem Cirkel der Baronin.“ „Alſo außerhalb deſſelben?“ „Ich weiß es nicht.“ „Ach Joſeph, Du willſt alſo durchaus meine Freude von mir nehmen?“ „Durchaus nicht, liebe Tante.“ „Dann mußt Du mir dieſelbe laſſen; die zwei Wege gibt's doch nur.“ „Ich kann weder nein noch ja ſagen, will Dir aber etwas erzählen, was mir heute immer wieder einfällt und Dich intereſſiren wird. Ich habe es noch Niemand erzählt.“ „Du willſt das Thema ändern?“ „Nein, im Gegentheil. Was ich Dir mittheilen will, betrifft eine Prophezeiung.“ „Ah, eine Prophezeiung“ rief die Gräfin erfreut und ſetzte ſich zum Zuhören zurecht. 184 Joſeph lehnte ſich leicht in den Seſſel zurück und erzählte bruchſtückweiſe, wie ſie ihm einfiel, die Be⸗ gegnung mit der Wahrſagerin. Margarethe horchte, er erzählte mit ſteigendem Intereſſe. „Ach Joſeph, das iſt eine ſeltſam ſchöne und wahre. Weiſſagung.“ „Wahr?“ „Unleugbar, was Dich betrifft! Und da das Künf⸗ tige aus dem Vergangenen ſich entwickelt, ſo meine ich, dieſelbe müſſe ſich erfüllen bis zu Ende.“ „Man glaubt, was man wünſcht.“ „Und beſonders, was man ſieht.“ „Und was ſiehſt Du?“ „Dich, Joſeph, leicht und frei, als ob ein Bann von Dir genommen wäre.“ „So ſehr falle ich Dir auf?“ „So ſehr, daß ich mich unendlich über Dich und das Du freue, welches Dich erlöſt hat, alſo bereits in der Nähe ſein muß. Wie will ich's freundlich will⸗ kommen heißen und lieben!“ „Ei, Tante Gretchen, denkſt Du nicht daran, wie gefährlich es iſt, mir ſolche Mittheilungen zu machen?“ „Und denkſt Du daran, wie gefährlich es werden kann, mir keine zu machen? Wie lange ich mich ſchon danach ſehne?“ 185 „So muß ich Dir nochmals verſichern, daß ich durchaus in dieſer Weiſe kein Bewußtſein habe. Auf mein Wort!“ „So haſt Du verſäumt, das Deine zu thun, haſt nicht geſucht auf Höhen und in Gründen?“ „Nein.“ „Und warum nicht?“ „Weil Glück dazu gehört, das Glück zu ſuchen. Ich hatte ja auch allen Frauen außer Dir den Krieg er⸗ klärt.“ Margarethe ſann ein wenig nach.„Du hätteſt Dir ein Zeichen ſollen nennen laſſen, wie das ſo Brauch iſt, wenn man Schätze ſucht.“ „Das iſt geſchehen. Ludwig, welcher mit dabei war, machte ſich überhaupt ein Vergnügen daraus, der Zigeunerin verfängliche Fragen zu ſtellen; wir legten ihr auch dieſe vor.“ „Nun, und die Antwort?“ „Sie müſſe, die mich liebt, ſo ziemlich Anti ſein von ihr, die mich betrübt.“ „Sehr gut, darin liegt Sinn. Alſo—“ „Das Gegentheil von jung und ſchön“ warf Joſeph faſt neckend dazwiſchen. „Nein, nicht gerade davon“ widerſprach eifrig Mar⸗ garethe.„Das„ſo ziemlich“, alſo nicht ganz, nicht in Allem, beziehe ich gerade beſonders auf die Jahre; hier dürfen und ſollen ſie ſich ähnlich ſein. Sonſt aber wollte ich ſagen: Alſo eine ſchüchterne Blondine! Ei, und ſie würde auch die Farbe trefflich kleiden!“ Joſeph ſchaute langſam auf.„Das violette Kleid und deutſches lichtes Haar, da wäre äußerlich das Veilchen fertig.“ „Auch innerlich. Die Blonden gelten ja im Allge⸗ meinen für zarter, ſanfter, ſinniger als wir andern Farbigen. Und wenn ſie dazu ſolch Inneres beſitzt, wie Dir es die Zigeunerin gezeichnet hat, kann ſie, um wieder darauf zu kommen, auch der äußern Anmuth nicht entbehren.“ „Richt ſchön vielleicht und dennoch ſchön“, klang es durch ſein Inneres. „Seelenſchönheit wandelt Alles außer ſich zur Schön⸗ heit um— erinnerſt Du Dich noch des Verſes aus der Knabenzeit?“ „Lebhaft; die Melodie kam mir ſogar noch kürzlich in die Finger, aber ich konnte die Worte dazu nicht finden.“ „Nun haſt Du ſie auf einmal.“ „Ja, und noch mehr dazu. Wir waren nämlich mit dem bloßen Anti nicht zufrieden und baten die Zigeunerin, uns das Du näher zu bezeichnen. Da 187 ſagte ſie noch unter Anderm:„Sie, deren Haupt nicht Nacht iſt, ſondern Licht, ſie iſt's, die Deinem Mai das Werde ſpricht.“ „Siehſt Du? Das läßt ſich auch auf die Blondine deuten.“ „Auch Deiner Mutter liebes Haupt war licht.“ „Meine Mutter“ ſagte Joſeph im innigen Tone, die Hände faltend.„Tante“ ſprach er dann leiſe nach einer Weile ſtillen Betrachtens,„iſt's nicht der Mutter Seelenebenbild, welches die Zigeunerin vor mir ent⸗ hüllte?“ Sie nickte.„Und ſie, die Dich betrüben konnte, war ihr Anti.“ „Sie war's, jetzt iſt mir's klar.“ „So laß uns nun das Veilchen eifrig ſuchen, das Seelenebenbild.“ „Und meinſt Du wirklich, wenn wir's fänden, es ſei für mich?“ „Eben für Dich, weil Du dafür der rechte Gärtner wäreſt. Das Weiß, alſo auch das Blond, hat ſeinen eigenen lieblichen Hauch und Reiz, aber es iſt em⸗ pfindlich und vergänglich, wenn ihm nicht die rechte Aufmerkſamkeit und Pflege wird. Ich habe vielfach Pflanzen und lebende Weſen beobachtet— das Geſetz 188 ſcheint durch die ganze Natur zu gehen. Du würdeſt Deine Blume nicht verſäumen.“ „Ich würde glücklich, ſelig ſein, ſie zu behüten, die meiner Mutter gliche.“ „Mindeſtens ihr ähnlich wäre; je mehr Du for⸗ derſt, deſto ſchwerer finden wir.“ „Wir finden oder nicht, ihr darf nichts fehlen, die ich an meiner Mutter Statt ſoll wählen zu meines Hauſes, meines Lebens Genius.— Hier bin ich ſtreng wie des Geſchickes Mächte“, fügte der Graf lächelnd hinzu. „Und wo das Strenge mit dem Zarten, wo Starkes ſich und Mildes—“ In dem Augenblicke klang der helle Ton von der Lieblingsuhr der ſeligen Gräfin aus Joſeph's Gemä⸗ chern herüber. Beide ſaßen ſchweigend, bis die zwölf Glockenſchläge langſam verhallt waren. Mitternacht“, ſagte Joſeph, ſich erhebend. „Geiſterſtunde“, wiederholte Margarethe. „Es iſt Zeit zu ſchlafen, liebe Tante.“ „Und zu träumen.“ „Auch mit.“ „Von Veilchen und Maiblumen, die eines weiſen Gärtners bedürfen.“ Sein Blick verlor ſich in dem ihren. 189 5 „Der ſie zu würdigen und zu hüten verſteht“, fuhr betonend Margarethe fort. Ein leiſes Roth färbte ſeine Wangen. „Sein Blick wird dann der Blume Sonnenlicht, zu welchem ſie ſich hebt, in dem ſie ſich erſchließt und Lieb und Wonne duftet— nur für ihn.“ Joſeph's Augen ſtrahlten. „Tante, wie ſchön kannſt Du malen. Weiter, weiter!“ „Nein, nichts weiter davon, weder heute noch mor⸗ gen, auf daß der Ahnung die Erfüllung ſicherer folge.“ „Du meinſt, ſie will herbei geſchwiegen ſein?“ „So meine ich.“ „O dann geſchwind: Gute Nacht, Tante Margarethe.“ „Gute Nacht, Joſeph.“* Sie ſprachen nicht wieder davon. Margarethe war heimgereiſt, der Herbſt gekommen und gegangen, da brachte ganz unverhofft der Schnee des Winters dem Grafen eine Erinnerung an den unſterblichen Wunſch der Tante. Detlev's Vater war Diener bei Joſeph's Vater ge⸗ weſen, und ſo hatte ſich ganz von ſelbſt das gleiche Verhältniß zwiſchen den Söhnen gebildet. Schon als Knabe ging Detlev für ſeinen jungen Herrn durch Feuer und Waſſer, und zwar nicht nur bildlich. Einmal, gerade an einem neunundzwanzigſten Fe⸗ —. —— 190 bruar, fuhr Joſeph Schlittſchuh auf dem Weiher des Parkes. Detlev war wie gewöhnlich nicht weit davon, als etwas geſchah, was ſchon oft geſchehen iſt und auch ferner noch vorkommen wird: Joſeph brach ein und ſank. Wie der Blitz war Detlev, welcher der Aeltere und Stärkere war, hinter ihm drein, erfaßte glücklich die emporgeworfenen Arme und arbeitete ſich mit dem halbbewußtloſen jungen Grafen bis zum nahen Ufer, wo er denſelben ſo lange über Waſſer hielt, bis auf ſeinen Ruf Hülfe herbeikam. Joſeph's Mutter konnte nie vergeſſen, daß ohne Detlev's Geiſtesgegenwart und Selbſtverleugnung ihr Einziger wahrſcheinlich verloren geweſen wäre. Außer dem reichen Geſchenk, womit der Graf ihm lohnte, nahm ſie ſich des Knaben noch beſonders an, ließ ihn in Allem, was er wünſchte, unterrichten, und ſo oft der verhängnißvolle Tag wiederkehrte, durfte Detlev ihr einen Wunſch vortragen, welchen ſie ihm gewiſſenhaft erfüllte. Joſeph, welcher alle ſolche Pietäten ſeiner Mutter als heilige Vermächtniſſe betrachtete, hatte auch dieſes beibehalten, obſchon ihm in ſeinen ſpätern Jahren, als er des Lebens Schmerz erfahren, öfter der Gedanke gekommen war, es ſei ebenſo gut geweſen, wenn Detlev ihn damals nicht gerettet hätte. 7 „ 102 Es war wieder Schalttag, die Stunde der Audienz längſt da, aber noch nicht die Hauptperſon, Detlev. Der Graf zog endlich die Klingel und nach wieder einer Weile erſchien der Gerufene, zögernd und verlegen. „Nun, Detlev, haſt Du heute keine Wünſche?“ „O doch! Wann wäre man ohne ſolche!“ „Warum kommſt Du dann nicht, mir ſie vorzu⸗ tragen?“ „Weil— weil ich noch nicht mit mir im Reinen war—“ „Was Du wünſchen ſollſt?“ „Nein, ob ich das, was ich ſagen möchte, auch ſagen darf.“ „Warum nicht? Es iſt doch heute Dein Tag!“ „Ja— aber—“. „Iſt es etwas Außerordentliches?“ „Ja, ſo außerordentlich, daß ich hernach gar nichts mehr bitten will für die Zukunft.“ Der Graf ſah ihn prüfend an, was Detlev noch viel verlegener machte. „Und der Wunſch kam Dir ſo plötzlich?“ fragte der Herr. „O nein, ich trage mich ſchon lange mit demſelben herum. Aber wenn ich dachte, es ſei beſſer, ihn für mich zu behalten, da ließ mir's keine Ruhe, bis ich 192 beſchloß, ihn heute vorzutragen, und nun es ſo weit iſt, iſt mir wieder, als dürfe ich es nicht.“ „Nun, es iſt doch nichts Böſes?“ „Nein, o nein, etwas ſehr Gutes, Schönes.“ „Das kannſt Du mir doch aber allemal ſagen!“ „Ja, aber— es geht auch nicht auf einmal. Der Wunſch hat einen Vorwunſch.“ Der Graf konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. „Nun alſo, nenne mir zunächſt dieſen.“ „Da bitte ich ganz gehorſamſt, daß Sie nicht zürnen v wenn Ihnen das Zweite doch mißfallen ſollte, ſondern annehmen, als hätte ich's nicht geſagt.“ „Da könnteſt Du aber heute ſehr kurz wegkommen, mit einem bloßen Verſprechen.“ „Welches Sie aber doch richtig halten würden, wie alle vorigen?“ „Das verſteht ſich.“ „Nun, ſo wäre daſſelbe auch vom höchſten Werthe für mich. Außer dem zweiten Theile heute habe ich überhaupt nur das Verlangen, Sie möchten mit mir zufrieden ſein und ich immer bei Ihnen bleiben dürfen.“ „Du weißt ja, daß ich bisher zufrieden mit Dir war.“ „Ja, gnädigſter Herr, das iſt auch mein Stolz und meine Freude geweſen, und darum iſt's ſo wichtig, daß dahinein keine Störung kommt.“ 193 „Und damit willſt Du weiter ſagen?“ „Daß Sie mir eben Ihre Verzeihung noch nicht zugeſichert haben für den ſchlimmen Fall.“ „Was will ich machen? Wenn Du es ſo genau damit nimmſt, muß ich Dir ja wohl oder übel mein Wort geben, daß ich denken will, Du hätteſt nichts geſagt, wenn das, was Du ſagen willſt, mir nicht ge⸗ fallen ſollte.“ Detlev's Augen glänzten.„Dank, Dank, gnädigſter Herr!“ „Und nun könnten wir zu dem cußerotdenlihen Zweiten übergehen, was Dich betrifft“ fuhr der Graf heiter fort. „Es betrifft ſo eigentlich nicht mich“ erwiderte ſchon wieder zögernd Detlev. „Nicht? Alſo eine andere Perſon?“ „Und die iſt?“ „Ja, ſehen Sie gnädiger Herr Graf, das iſt's eben, das Hauptwort ſpricht ſich ſo ſchwer aus“, entgegnete der Gefragte wieder dunkelroth vor Verlegenheit. Der Graf kam ihm zu Hülfe. „Nun, ſammle Dich nur erſt wieder, wir haben Zeit. Du wirſt ja roth und verlegen wie eine Jung⸗ frau! Hm, dabei fällt mir etwas ein! Am Ende iſt von Oben, Des Hauſes Eckſtein. II. 13 194 die Perſon, für die Du bitteſt, eine ſolche und Du möchteſt—“ „Es machen wie unſere Väter“, fiel Detlev freudig ein.„Ei, mit gnädigſtem Verlaub, da wären wir auf die Sprünge, nur daß ich's nicht bin.“ „Nicht Du?“ „Nein.“ „Alſo doch ein Anderer!“ Ja „Warum kommt er nicht ſelbſt?“ „Weil— weil es eben blos ein Wunſch von mir iſt.“ „Der Andere weiß alſo nichts davon?“ „Nein.“ „Ja aber— wenn er nichts davon weiß, ſo iſt doch auch ſehr möglich, daß er es nicht will.“ Detlev ließ den Kopf hängen. „Allerdings ſehr möglich!“ ſagte er kleinlaut. „Du haſt noch nicht mit ihm darüber geſprochen?“ „Es iſt noch kein Sterbenswörtchen darüber gefallen.“ Kopfſchüttelnd betrachtete der Herr den Diener. „Du wünſcheſt, es ſoll ſich Jemand verheirathen, nicht?“ „Ja, ja“ „Der nichts davon weiß und es wahrſcheinlich auch nicht will; daraus werde ein Anderer klug.“ 195 „Ja ſehen Sie, gnädiger Herr, das war's eben, daß die Sache ſo verwickelt iſt! Darum konnte ich mich auch bis vorhin, als Sie klingelten, noch nicht zurecht finden.“ „Aber der Name müßte doch Licht geben!“ „Ja, der Name würde Alles aufklären.“ „Warum nennſt Du ihn dann nicht? „Weil da die alte Angſt wieder um den Augenblick über mich kommt, der nachher kommt, wenn ich ihn geſagt habe.“ „Aber wenn Du die Hauptſache verſchweigſt, hilft auch das Andere nichts und hernach wirſt Du es be⸗ reuen und wieder keine Ruhe haben.“ „Ganz gewiß.“ „Nun alſo, ſchmiede das Eiſen, wenn's heiß iſt; ſchaffe Dir das Geheimniß heute von der Seele, der Tag kommt nicht gleich wieder.“ „Freilich, ich habe lange daran gedacht.“ „Es iſt ja auch ſonſt Deine Sache nicht, etwas halb zu thun.“ Detlev ſah vertrauensvoll zu ſeinem Herrn empor. „Das iſt Alles richtig, und dazu habe ich Ihr Wort, daß Sie es mir nicht anrechnen wollen.“ „Eben. Alſo friſch heraus damit: Wer iſt's, der thun ſoll, wie unſere Väter gethan haben?“ 13* 196 „Sie, gnädigſter Herr Graf.“ „Ich? Und das wünſcheſt Du? Und ſo ſehnlich, daß Du hernach gar nichts mehr bitten willſt?“ Der Blick des Grafen hatte ſich auf den Diener geheftet, als wolle er unterſuchen, ob es bei dieſem etwa nicht ganz richtig ſei. Detlev war unter dieſem Blicke ganz blaß geworden und ſah ſich nach irgend einem Halt um. Der Graf kam ihm doch wieder zu Hülfe. „Es iſt Dir alſo zu einſam bei mir?“ „Nein, nein, behüte— mir nicht.“ „Aber Menſch, wie kämſt Du ſonſt auf ſolche Hirn⸗ geſpinnſte!“ Detlev athmete auf. „O gnädigſter Herr, ganz einfach. Das ſchreibt ſich noch vom Marienthale her, als wir der Gräfin Tante entgegengefahren waren und hernach die Kinder und die Bonne von drüben, vom Herkn Baron, mit heim⸗ genommen hatten. Sehen Sie, als ich mit dem vollen Wagen hier vorfuhr, da war ich ganz glücklich, und als ich hernach die Hälfte wieder fortfahren mußte, da war mir's ganz traurig zu Sinne, und ſeit der Zeit mußte ich immer daran denken, wie ſchön es geweſen wäre, wenn ſie alle im Wagen unſer waren und daß wir's doch ſo haben könnten! So oft ich eine Minute 197 für mich hatte, malte ich mir das Bildchen weiter aus, und zuletzt kam der verwegene Gedanke, es Ihnen zu ſagen, ein Fünkchen in die Aſche zu werfen, und ich hatte keine Ruhe, bis es nun geſchehen iſt.“ Während dieſer Worte war ein leichtes Roth in die Wangen des Grafen getreten; er begann im Zimmer hin und her zu gehen. Nach einer Weile blieb er wieder vor dem Diener ſtehen. „Höre, Detlev, Du wirſt wohl thun, Dir etwas Anderes auszubitten.“ Nein, gnädigſter Herr, es bleibt beim Vertrage, und bin ich ganz zufrieden damit. Mir iſt ganz leicht zu Muthe; das Geheimniß iſt herunter von der Seele und die Sorge drückt mich auch nicht mehr darum, daß ich's geſagt habe. Da habe ich Ihr Wort, was ſo gut iſt wie eins aus der Bibel. Und weil der liebe Gott auch noch ein Wörtchen drein zu reden hat, es alſo immer noch ſchicken venn, wie ich möchte, bin ich eben ganz zufrieden in mir und danke ganz gehorſamſt für gnädige Aufnahme.“. Er verbeugte ſich tief und ging. Der Gräf blieb ſtehen und ſah ihm nach während es wie Rührung über ſeine Züge ging. Detlev, die treue Seele, hatte eben ausgeſprochen, was er und Margarethe ſtumm gefühlt hatten, als an 198 jenem Sommerabend der Wagen mit den Kindern und ihrem Schutzgeiſt wieder davongefahren war. Beide hatten ſie demſelben ſtill und wehmüthig nachgeſehen, ſolange ſie ihn ſehen und hören konnten. Zu der lebhaften Erinnerung daran geſellten ſich jetzt noch andere, während Joſeph wieder hin und her ſchritt: wie er ſelbſt das Familienleben für das be⸗ glückendſte hielt und wie oft die Sehnſucht danach ihn beſchlichen hatte, wo er auch war; wie er an jenem Weihnachtsabend ſich ſo einſam gefühlt, als Ludwig ihn beſucht und die Reiſe im Schneewetter verordnet hatte, ihn zu heilen. Dann trat das Bild der Wahrſagerin vor ſeine Seele und der Geburtstags⸗ Labend mit ſeinem Weh und Troſt, ſeinem Dunkel und Licht, und die Worte ſeiner Tante, als er ihr davon erzählt, und das Gefühl von Frieden und Seligkeit, welches in dem vollen Wagen über ihn gekommen war. Lange und verlangend ſchaute er wieder auf des Rings verwaiſten Platz und fühlte, daß er innerlich dem Diener ſein Wort nicht werde halten können, zu denken, er habe nichts geſagt. Das Fünkchen fand Geſellſchaft in der Aſche; dieſelbe begann ſich zu erwärmen. Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. —ů̃— Romane ans dem Eugliſchen. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Von der Verfaſſerin von„John Halifax John Halifar. Aus dem Engliſchen von Sophie verena. 2 Bde. Geh. Thlr. 2. 20. Chriſtinens Mißgriff. Aus dem Engliſchen von Sophie verena. 2 Bde. Geh. Thlr. 1. Ein edles Leben. Aus dem Engliſchen von Sophie verenu. 2 Bde. Thlr. 1. 10. Leben um Leben. Aus dem Engliſchen von Sophie verena. 3 Bde Geh. Thlr. 2. 15. Herrin und Dienerin. Aus dem Engliſchen von Sophie verena. 2 Bde. Thlr. 1. 10. Ein muthiges Weib. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. 3 Bde. Geh. Thlr. 2. 15. Vilkie Collins: Die Frau in Weiß. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. 4 Bde. Thlr. 3. Armadale. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. 6 Bde. Thlr. 4. Ein tiefes Geheimniß. Aus dem Engliſchen von A. Erehſchmar. 3 Bde. Thlr. 2.. Mrs. Penry Vood: Die Channings. Aus dem Engliſchen von A. Zrehſchmar. 4 Bde. Geh. Thlr. 2. 20. Drangſale einer Frau. Aus dem Engliſchen von A. Krehſchmar. 5 Bde. Geh. Thlr. 3. 10. Eaſt Lynne. Aus dem Engliſchen von A. von hammer. 4 Bde. Geh. Thlr. 2. 20. in Leipzig. pomane aus dem verlag von Ernſt Zul. Günther Romane von ckdmund Jöfer: In der Welt verloren. Eine Erzählung in 4 Bänden. Thlr. 4. Der große Baron. Eine Geſchichte Zwei Bände. 16. Geh. Thlr. 1. 10. Eine Geſchichte von damals. 16. Geh. Ngr. 20. In Sünden. Eine Familiengeſchichte. Zwei Bände. 16. Geh. Thlr. 1. 15. Vergangene Tage. Geſchichten. 16. Geh. Inhalt: Fräulein Elſe. Im Waldſchloß. Ein Schrei. Ngr. 20. Tolleneck. Eine Erzählung der Napoleoniſchen Zeit. Drei Bände. Ueue Ausgabr. 16. Geh. Ngr. 22 ½. Romane von Slfried von Faura: Eine reiche Erbin. Novelle. Geh. 16. Ngr. 20. Die Malerin von Dresden. Erzählung. Geh. 16. Ngr. 20. Der Ring der Kaiſerin. Roman. Zwei Bände. Uene Ausgabt. 16. Geh. Ngr. 15. Die Tochterd. Wilddiebes. Eine Erzählung nach Thatſachen. Die Witkowetze. Hiſtoriſchet Roman. Drei Bände. 16. Geh. Thlr. 2. Zawis v. Roſenberg, genannt v. Falkenflein. Hiſtoriſcher Roman. Drei Bände. 16. Geh. Thlr. 2. 16. Geh. Ngr. 20. mm 7 8 9 10 8 ———