Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gduard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. . 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 1 den angenommen. i 2 3 3. Czution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6* für wöchentlich 2Bücher: 4 ßücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 N.— Pf 1N 5 W f 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Piertes Capitel. tez und Amerigo Vespucci Fünftes Cnpitel. Sechstes Cnpitel. Siebentes Cnpitel. Rodrigo Bermeyo. Achtes Capitel. Neuntes Cnpitel. Zehntes Capitel. Cardinal Kimenes Das Gewitter. Bartolomäo Las Caſas, Fernando Cor⸗ Der Halsband Columbus in Ketten Die vierte Weltreiſe Der Tod des Weltentdeckers Diego Columbus. Seite 2⁸ 57 82 136 161 191 226 253 Erztes Cagitel. Der Biſchof Fonſeca. Iſabella von Caſtilien reſidirte noch immer im Alca⸗ zar von Cordova. Ein Gemach, ähnlich demjenigen, in welchem wir Elvira von Viana verließen, wurde von ihr als Privatzimmer benutzt. Sie ſaß auf einem Armſtuhl an einem großen Marmortiſche, ihr Gemahl ihr gegen⸗ über, Elvira in einiger Entfernung hinter ihr an einem Seitentiſche. Einige Herren in geiſtlicher Tracht ſtanden in der Nähe. Die hochſinnige Königin, welche vor den Mauern von Granada als der ſchöne Genius des Ritterthums durch die Reihen der chriſtlichen Kämpfer ritt, war eine WMatrone geworden. Der Gram hatte noch mehr als die Jahre ihre edlen Züge gealtert. Ihre Blüthe war dahin; die tieferen Linien um den Mund zeigten, daß ſie viel geweint haben müſſe. Auch ihre Jugendfreundin und 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IV. 1 10 vieljährige Geſellſchafterin, die Marquiſe von Moha, weilte nicht mehr unter den Lebenden; auch dieſe gehörte zu Denjenigen ihrer Lieben, welchen ſie nur mehr ihre tiefe, innige Trauer widmen konnte. Doch war der Glanz des herrlichen, blauen Auges noch ungetrübt und ſein Blick noch immer ſo durchdringend, wie in früheren, glück⸗ licheren Tagen. Der König Ferdinand war nach wie vor der tapfere Krieger, der ſchlaue, kalt berechnende Politiker, der uner⸗ müdliche Mehrer ſeiner Reiche, als welchen ihn die Ge⸗ ſchichte kennt. Sein Aeußeres war wenig verändert. Juan de Fonſeca ſtand den Monarchen zunächſt an der Seite des Tiſches. Er war gegenwärtig Biſchof von Cordova. Die beſondere Gunſt des Königs verſetzte ihn nach und nach von einem Biſchofſitze auf den andern, wobei ihm ein immer größerer Zuwachs an Einkommen und Würde zu Theil wurde. Dabei aber war er weit entfernt, ſich um die mehr oder minder wichtigen Ange⸗ legenheiten der ihm anvertrauten, geiſtlichen Heerde ſpe⸗ ziell zu bekümmern. Er überließ dies den ihm unterge⸗ benen Geiſtlichen und hielt ſich meiſtens nur in ſeinem Sprengel auf, wenn er in ſeine jedesmalige, neue Würde eingeführt wurde, oder wenn ſich der König oder die Kö⸗ nigin dort befanden, denen er zu referiren hatte. Die Einkünfte ſeines Bisthums genoß er trotz deſſen unge⸗ ſtört. Gewöhnlich lebte er in Sevilla, wo er noch immer als Aufſeher der indianiſchen Angelegenheiten fungirte, da ihn Talent und Neigung viel mehr zu dieſer bureau⸗ kratiſchen Wirkſamkeit als zu derjenigen eines geiſtlichen Oberhirten zogen. Bei der Verleihung geiſtlicher Aemter herrſchte damals in Spanien ein ſolcher Mißbrauch, daß nicht ſelten ſechsjährige Kinder ſchon zu Erzbiſchöfen und Archidiakonen ernannt wurden; dabei genoßen ſie natür⸗ lich nur den größten Theil der Einnahmen dieſer Aemter, welche einſtweilen von untergeordneten Geiſtlichen ver⸗ waltet wurden. Juan de Fonſeca ſtattete dem Könige und der Köni⸗ gin Bericht über die indianiſchen Angelegenheiten ab, und fuhr in ſeiner Auseinanderſetzung alſo fort: „Der jüngſte Bruder des Admirals Colon iſt kürz⸗ lich mit einer Sendung aus der neuen Welt in Sevilla eingetroffen. Er beſtätigt die Nachrichten, welche ſchon früher von dort herübergelangt ſind.“ Die Königin erwiederte: „Der Admiral hat, indem er füdlicher ſteuerte, einen großen Continent entdeckt. Seine Behauptung, daß ſeine erſten Reiſen zu immer größeren Reſultaten führen wür⸗ den, iſt dadurch zur Wahrheit geworden.“ Fonſeca fuhr darauf fort: „Don Jacopo Colon beſtätigt, daß der Admiral * 12 bei ſeiner letzten Ankunft auf Hiſpaniola die Angelegen⸗ heiten des jungen Pflanzſtaates in einer beklagenswerthen Verwirrung gefunden habe. Einige unzufriedene Euro⸗ päer hatten eine Empörung gegen den Statthalter Don Bartolomäo Colon angeſtiftet. In dieſem verzweifelten Aufruhr ſind alle Angelegenheiten des Gemeinwohls vernachläſſigt worden. Man mußte die Bergwerke un⸗ bearbeitet laſſen und die Eingeborenen wurden auf das Unmenſchlichſte behandelt. Der Admiral war lange nicht im Stande, die Ordnung wieder herzuſtellen. Sein mit⸗ gebrachtes Schiffsvolk geſellte ſich größtentheils zu den Meuterern. Ein ganzes Jahr lang erſchöpfte er Unter⸗ handlungen, Verſprechungen, Bitten und Gewaltmaßre⸗ geln. Endlich bewilligte er den Aufrührern eine große Strecke Landes und gewährte ihnen die Erlaubniß, eine nicht unbeträchtliche Anzahl der Eingeborenen zu deren Bebauung zu verwenden.“ „Man hat laut über die Colons geklagt,“ bemerkte der König,„und behauptet, daß ſie ſowohl die Spanier wie die Indianer unterdrücken, und nur an ihr eigenes Wohl, nicht an das der Colonie denken. Wenn ich aus⸗ reite, ſo umringt mich eine Schaar von heimgekehrten, mißvergnügten Anſiedlern, welche unumwundem die Zah⸗ lung der Rückſtände fordern, um die der Admiral ſie be⸗ trogen haben ſoll.“ — . 13 „Die Briefe zuverläſſiger, in der Colonie anweſen⸗ der Leute verdächtigen die Redlichkeit des Vicekönigs noch mehr,“ ſprach der Biſcho Fonſeca weiter.„Im Ver⸗ gleich mit ſeinen außerordentlichen Verſprechungen iſt bis jetzt nur wenig Gold nach Spanien gelangt. Die Euro⸗ päer kehren bleich und gelb wieder heim aus dieſem Wun⸗ derlande und zeigen mehr Gold auf ihren Geſichtern als in ihren Taſchen. Der eigentliche Grund dieſer dürftigen Ausbeute beſteht darin, daß der Admiral die Einkünfte der Inſeln zu ſeinem eigenen Gebrauche zurückhält, da er beabſichtigt, dort für ſich ſelbſt ein von Spanien un⸗ abhängiges Reich zu ſtiften.“ „Eine ſchwere Beſchuldigung,“ ſprach der König mit gerunzelter Stirn.„Ein Verbrechen, das dem Hoch⸗ verrath gleichkommt.“ „Keiner darf es ausſprechen, der es nicht zu bewei⸗ ſen vermag,“ fiel ihm die Königin lebhaft in's Wort. „Ich denke, daß manche Leute von hohem Anſehen gern das Vicekönigthum von Hiſpaniola für ſich hätten, und deshalb Colon durch ihre Verläumdungen davon zu ver⸗ drängen wünſchen. Eine terra firma von unbegränzter Ausdehnung liegt jetzt vor ihnen; die Bergwerke auf Hiſpaniola werden bald reiche Ausbeute liefern;auch hat Colon neue Perlenbänke aufgefunden. Durch alles dies 14 wird die Statthalterſchaft der neuen Welt zu einem lockenden Köder für Habſucht und Ehrgeiz.“ „Bis jetzt, entgegnete Ferdinand trocken,„ſind die Ausgaben, welche uns dieſe Goldländer verurſachen, bei weitem größer als die Einkünfte, welche uns von dort⸗ her geworden ſind.“ „Und wenn es ſo iſt, wenn ich es nicht erleben ſollte, daß uns ein zeitlicher Gewinn aus dieſen über⸗ ſeeiſchen Ländern wird, ſo will ich alle dieſe Koſten gern aufwenden, um allen dieſen armen, heidniſchen Indianern Chriſtenthum und Geſittung zu bringen. Dieſer Punkt iſt und bleibt mir wichtiger als alle Schätze, welche die neue und die alte Welt enthalten können.“ Die Königin hatte dieſe Worte mit aller der Inn⸗ brunſt geſprochen, welche ihr ſchwärmeriſcher Glaubens⸗ eifer von jeher über dieſen Gegenſtand kund gegeben hatte. Die Anweſenden ſchwiegen. Sie gab endlich dem Biſchof ein Zeichen fortzufahren, und dieſer hob mit gelaſſener Miene und gedämpftem Ton wieder an: „Es könnte dennoch möglich ſein, daß der Admi⸗ ral zum Regieren nicht ſo befähigt iſt wie zum Durch⸗ ſchiffen der Meere. Er iſt ein Fremder, und dieſen er⸗ kennen die Caſtilier nicht gern als Herrn über ſich an. Auch iſt er zum Regieren weder geboren noch erzogen. Die immerwährenden Zwiſtigkeiten in der Colonie bewei⸗ 15 ſen es. Früher ſchon empfahl er einen regelmäßigen Tauſch von indianiſchen Sklaven gegen die Waaren, welche zum Unterhalt des Pflanzſtaates erforderlich ſind, und fügte hinzu, daß ihre Bekehrung dann um ſo leichter in Spanien ſelbſt gelingen würde.“ „Hierzu habe ich nicht meine königliche Beſtätigung gegeben,“ ſprach Iſabella.„Colon hat mir oft genug von dem ſanften, harmloſen Character dieſer Bewohner der neuen Welt erzählt. Es würde eine gottloſe Grauſamkeit ſein, die Gräuel der Sklaverei über ſie zu verhängen, ehe man noch einen Verſuch zu ihrer Bekehrung gemacht hat. Ich habe lieber fromme Männer in den indiani⸗ ſchen Sprachen unterrichten laſſen, damit dieſe als Send⸗ boten in die neue Welt gehen und ihnen das Evangelium verkündigen. Ich will auf jeden Fall erſt die Meinung anderer gelehrten Männer hören, ob es gerecht und zu⸗ läſſig ſein kann, alſo über die Freiheit von Mitmenſchen, die nichts gegen uns verbrochen haben, zu verfügen.“ „Was iſt Deine Meinung hierüber, Cardinal?“ fragte der König, indem er ſich an einen etwas weiter zurück Stehenden wandte. Francesko imenes, der gleich mehreren Andern früher Beichtvater der Königin geweſen, und welcher nach Mendoza's Tode Erzbiſchof von Toledo geworden war, 16 erhob das blaſſe, abgezehrte Geſicht, heftete ſeine tief⸗ liegenden Augen auf die Königin und ſagte: „Die wilden, ungläubigen Völker beſitzen weder geiſtliche noch bürgerliche Rechte. Ihre Seelen ſind zur ewigen Verdammniß beſtimmt, ihre Leiber das Eigen⸗ thum der chriſtlichen Nation, die ihren Boden eroberte, indem ſie das Banner des Kreuzes über ihm wehen ließ.“ Eine Pauſe trat ein. Die Königin ſah endlich Fon⸗ ſeca wieder fragend an. Dieſer ſagte: „Don Francesco de Bovadilla iſt lange ſchon von der Gnade Eurer Hoheit ernannt, um als Bevollmäch⸗ tigter der Krone nach Hiſpaniola zu gehen, und die An⸗ gelegenheiten der Colonie in ihr ſelbſt zu unterſuchen.“ „Ich habe dies ſchon vor einem Jahr gethan,“ erwiederte die Königin,„doch habe ich noch immer die Ausführung dieſes meines Befehls verſchoben. Ich hoffte ſtets, daß beſſere Nachrichten einlaufen und ſie dadurch überflüſſig werden würde. Du haſt mir dieſen Bovadilla empfohlen?“ „Er iſt Ritter von Calatrava,“ verſetzte Fonſeca, „dabei beſcheiden, verſtändig, geſchäftskundig und ſehr billig denkend. Ich wüßte Keinen, der zugleich dem Ad⸗ miral weniger unangenehm ſein könnte. Eure Hoheit ha⸗ ben ihn mit höchſter Machtvollkommenheit in allen bür⸗ gerlichen und peinlichen Dingen bekleidet. Er ſoll alle 17 Diejenigen verhören und richten, die ſich gegen Colon verſchworen haben. Alle Feſtungen, Schiffe und Vor⸗ rathshäuſer ſollen ihm ausgeliefert werden; er kann über alle Stellen verfügen und allen Denen, welche die Ruhe der Inſel ſtören, gebieten, nach Spanien zurückzugehen und ſich vor das Antlitz unſerer gnadenreichen Herr⸗ ſcher zu ſtellen.“ „Dieſe Vollmachten ſind außerordentlich,“ ſprach die Königin;„ich weiß es. Man ſagte mir, daß es nothwendig ſei, ſie auf dieſe Weiſe auszuſtellen.“ „Es iſt jetzt der Zeitpunkt gekommen, zu welchem es dringend nöthig wird, den Ritter Bovadilla wirklich nach Hiſpaniola abgehen zu laſſen,“ ſagte Fonſeca.„Der Verwirrung aller Zuſtände in der Colonie wird auf keine andere Weiſe abzuhelfen ſein.“ Iſabella ſah nachdenkend vor ſich nieder. Dann ſagte ſie: „Nein, nein! Ich kann mich nicht dazu entſchließen; es könnte den Admiral kränken; er könnte einen Beweis unſeres Mißtrauens gegen ihn darin erblicken. Unſere Frau verhüte, daß wir ihm auf irgend eine Weiſe wehe thun.“ Doch erklärte er ſelbſt in ſeinem letzten Briefe an Dich,“ nahm der König das Wort,„daß es ihm durch⸗ aus nicht unangenehm ſein würde, wenn ein anderer 18 Richter herübergeſchickt werde. Sein Bruder, der Statt⸗ halter, befände ſich unter den Parteien, und wenn er über dieſe zu Gericht ſitze, ſo könne er ſelbſt ſich leicht parteiiſch zu deſſen Gunſten geſtimmt fühlen. Er hat noch lange zu thun, ehe er alle die Schätze zuſammen⸗ häuft, mit denen er das heilige Grab erobern will.“ Die Königin ſchwieg. Der Cardinal imenes er⸗ hob wieder ſeine harte, weittönende Stimme: „Dieſer Gedanke war erhaben und löblich. Das fluchwürdige Gift des Mohamedanismus dringt im Oſten unſeres Welttheils weiter und weiter vor; es überwu⸗ chert das Chriſtenthum und ſchlägt ſeine Bekenner nieder, indem es den Fuß auf ihren Nacken ſetzt. Das gottver⸗ fluchte Geſchlecht der Osmannen bläht ſich auf im Ueber⸗ muth und ſchlachtet die Bekenner des Kreuzes zu Tauſen⸗ den dahin. Auch wir müſſen mit Feuer und Schwert für unſere heilige Religion kämpfen, damit ihr nicht bei uns ein gleiches Schickſal werde. Leicht werden wir nach Afrikas Küſte das Banner des Kreuzes tragen können, und wenn wir alsdann mit ihm gen Jeruſalem gehen wollten, ſo würde ich aller Menſchheit das Kreuz predi⸗ gen und gleich Peter dem Eremiten vor unſeren from⸗ men Schaaren mit dem Schwerte und mit der Fahne der Mutter Gottes einherziehen und bis zum ketzten 19 Hauche meines Mundes rufen: Gott will es! Gott will es!“ Die ſämmtlichen Anweſenden folgten dem Beiſpiele der Königin, welche ſich ſtumm bekreuzte und das Haupt beugte. Auf dem düſtern Antlitz des Erzbiſchofs gab ſich die wilde Begeiſterung ſeines Innern kund, und in ſei⸗ nem dunkeln, tiefliegenden Auge blitzte alle jene rück⸗ ſichtsloſe Energie, welche ſein Alter von mehr als ſech⸗ zig Jahren weder geſchwächt noch gemildert hatte. Der Biſchof Fonſeca war indeſſen entfernt, ſein lange ge⸗ hegtes Vorhaben, den endlichen Sturz des Admirals herbeizuführen, aufzugeben. Den wirkſamſten Grund, um Iſabella's ſchützende Hand von ihm abzulenken, hatte er bis zum Schluße ſeiner Berichterſtattung aufgeſpart, und ſäumte nicht, ihn nunmehr darzulegen, da er den Augenblick für günſtig dazu hielt: „Es ſind abermals zwei Schiffe aus Indien an⸗ gelangt, welche dreihundert Sklaven an ihrem Bord ha⸗ ben. Der Admiral hat ſie den Meuterern bewilligt, welche ſie auf dem Markte von Sevilla verkaufen wollen.“ „Wie?“ rief Iſabella unwillig,„nach welcher Machtvollkommenheit verfügt Colon alſo über meine Un⸗ terthanen, denn das find dieſe Indianer ſo gut wie die Caſtilianer!“ 20 „Er wird kein anderes Mittel gewußt haben, um ſich in ſeiner Würde als Vicekönig zu behaupten,“ ſprach Fonſeca mit Achſelzucken.„Auch wird er gedacht haben, daß ſeine Befehle in den Angelegenheiten der Colonie ge⸗ wichtiger ſeien, als diejenigen der entfernten Herrſcher des Mutterlandes.“ „Da befindet er ſich in einem großen Irrthum!“ fuhr die Königin aufgeregt fort.„Ich will, daß dieſe ar⸗ men Menſchen mit Güte und Wohlwollen behandelt wer⸗ den ſollen. Wenn auch ihre Seelen in Nacht gehüllt ſind, ſo haben ſie dies nicht durch Abfall vom heiligen Glauben verſchuldet, da ihnen nie zuvor ſein Licht an⸗ gezündet wurde. Laſſe ſogleich durch ganz Andaluſien in meinem königlichen Namen bekannt machen, daß Jeder, der indianiſche Sklaven beſitzt, die ihm der Admiral zu⸗ geſichert hat, ſogleich für deren Rückkehr in ihr Vater⸗ land ſorgen müſſe, wo ſie ſo frei ſein ſollen, wie jeder Spanier, der ſich des Schutzes unſerer Geſetze erfreut.“ Der Biſchof verbeugte ſich. Die Königin fügte in gleicher Aufregung hinzu: „Das Benehmen des Admirals in dieſer Angele⸗ genheit iſt ſehr ſchlecht!“ Der Blick ihres ſeitwärts gerichteten, erhobenen Hauptes traf den zweiten der geiſtlichen Herren, welcher nicht weit von Fimenes ſtand. Es war der Erzbiſchof 21 Deza von Sevilla, Beichtvater des Königs. Dieſer Prä⸗ lat hatte den eigenthümlichen Geſchmack, in ſeinem Pa⸗ laſte einen zahmen Löwen zu halten, der ihn begleitete, wenn er ausging, und zu ſeinen Füßen lag, wenn er die Meſſe las. Er nahm jetzt die vielleicht zufällige Be⸗ achtung der Königin für eine Aufforderung zum Reden, und ſagte mit beſonderer Betonung: „Doch wolle nicht vergeſſen, erhabene Königin, daß Colon Deinem Staate große Dienſte geleiſtet hat.“ „Nie werde ich dies thun,“ erwiederte die Königin. „Du warſt von jeher der Vorredner und Begün⸗ ſtiger des Colon, guter Vater,“ ſagte der König trocken. „Ich glaubte dadurch, Gott und den Herrſchern wohl zu dienen,“ entgegnete der Erzbiſchof von Sevilla. „Du meinſt es gut, heiliger Vater,“ ſprach Iſa⸗ bella etwas gelaſſener.„Weil ich Colon's Verdienſte ſchätze, ſo wird er ſtets vor unſerer unmittelbaren Un⸗ gnade geſichert ſein. Doch dürfen derartige Verfügungen nicht wiederholt werden. Der neue Bevollmächtigte wird dieſen ſchreienden Mißbräuchen abhelfen.“ „So befiehlt Eure Hoheit, daß er ſofort nach Hi⸗ ſpaniola abgehe?“ fragte Fonſeca. „Er möge ſich unverzüglich einſchiffen und dort beſſere Zuſtände herſtellen,“ ſprach Iſabella.„Ueber⸗ bringe ihm mein Gebot!“ 1 3 22 Der ſchlaue Prieſter entfernte ſich froh, endlich das Reſultat erreicht zu haben, an deſſen Vollendung er jahrelang gearbeitet hatte. Wäre Iſabella von Caſtilien immer den Eingebungen ihres edlen, wohlwollenden Her⸗ zens, nicht nur zu oft denjenigen der glaubenswüthigen Prieſter gefolgt, die ſie umringten, ſo würde nur Segen auf ihrem Andenken haften!— Der nächſte, welcher in die königliche Gegenwart zugelaſſen wurde, war kein Anderer, als der gelehrte Ju⸗ welier von Cordova, Jayme Ferrer. Die Königin, wel⸗ che ſo gern jedes wiſſenſchaftliche Verdienſt in ihrem Reiche ermunterte, hatte ſich lange ſchon als die beſon⸗ dere Gönnerin dieſes berühmten Reiſenden bewieſen, der ſeine Erfahrungen und Anſichten in mehreren Werken veröffentlichte, welche die Bewunderung ſeiner gelehrteſten Zeitgenoſſen erregten. So wie ſie ihm in der Ferne ihre Beachtung angedeihen ließ, ermangelte ſie auch nicht, hin und wieder perſönlich mit ihm zu verkehren, wenn ſie in Cordova anweſend war. Er beugte nach der ſpaniſchen Sitte ſein Knie zur Begrüßung der Herrſcher, und blieb dann einige Schritte von der Thüröffnung entfernt ſte⸗ hen, die Anrede der Königin erwartend. „Du haſt unſer Antlitz geſucht, wackerer Meiſter,“ ſprach dieſe mit ihrer gewohnten Leutſeligkeit.„Haſt Du eine neue Sendung aus fernen Landen an koſtbaren Ge⸗ 23 ſteinen erhalten, welche Du uns zur Auswahl vorlegen möchteſt, oder willſt Du uns erinnern, daß noch nicht der ganze Schmuck bezahlt iſt, den Du uns für die In⸗ fantin Juanna lieferteſt, als dieſe nach den Niederlanden abging? Wenn Du nicht länger warten willſt oder kannſt, ſo will ich Dir einen Theil meiner Juwelen ver⸗ pfänden, denn mein Schatz iſt durch alle dieſe Ausgaben in der alten und neuen Welt ſehr erſchöpft.“ „Es waltet keine ſo dringende Nothwendigkeit des⸗ halb ob,“ ſprach Jahme Ferrer.„Ich wünſche in einer andern Angelegenheit die Gnade Eurer Hoheit anzu⸗ rufen.“ „So haſt Du vielleicht eine Beſchreibung Deiner letzten Reiſe nach Paläſtina drucken laſſen?— Wenn Du uns eine dieſer Schriften bringſt, ſo ſei verſichert, daß wir ſie in Gnaden aufnehmen und ſie mit Vergnügen leſen werden.“ „Ich hoffe in ſpäterer Zeit auf dieſen Bewies Eurer Huld,“ verſetzte der Steinſchneider,„denn mein Buch iſt noch nicht gedruckt. Heute bin ich zu den Stufen Eures Thrones gedrungen, um Euch anzuflehen, den Schirm Eurer Gnade über einen Verfolgten zu breiten, den man der Freiheit beraubt hat und mit dem Tode bedroht.“ „Wo befindet er ſich und was iſt ſein Verbrechen?“ fragte die Königin. 24 „Er iſt einer jener Maurenhäuptlinge, die in Euren früheren Kriegen dem Sultan Boabdil zur Seite ſtanden. Sein Name iſt Reduan Benegas.“ Elvira von Viana ſchrack bei der Nennung dieſes Namens zuſammen, doch wurde dieſe Bewegung von Keinem der Anweſenden bemerkt, da Alle ihre Aufmerk⸗ ſamkeit den Redenden zuwandten. Die ihrige war ſo ſehr gefeſſelt, daß ſie ihr Auge nicht mehr von dem Stein⸗ ſchneider abwandte, wenn ſie gleich die äußeren Zeichen ihrer Aufgeregtheit unterdrückte. „Er beſitzt einige Ländereien in der Nähe von Ma⸗ laga. Eure Hoheiten gaben ſie ihm nach dem Friedens⸗ ſchluß in Santa Fe zurück.“ „Ich erinnere mich deſſen,“ ſagte der König.„Er war Einer unſerer furchtbarſten Feinde.“ „Doch habt Ihr ihm Euer königliches Wort gehal⸗ ten,“ fuhr Ferrer fort.„Er lebte in Oran und genoß dort die Einkünfte ſeines Eigenthums in Andaluſien, in⸗ dem er dieſes nur hin und wieder auf einige Wochen be⸗ ſuchte. Kürzlich hielt er ſich abermals dort auf, um es zu veräußern, da Euer Befehl nicht nur hinfort keine Mau⸗ ren in Eurem Reiche dulden will, ſondern ihnen auch gebietet, jegliches feſte Beſitzthum zu verkaufen und den Erlös mit ſich nach ihrem neuen Vaterlande zu nehmen.“ „Ja,“ ſagte der König,„wer von dieſen Ungläubi⸗ gen nicht das Chriſtenthum annehmen will, verlaſſe Spa⸗ nien. Bekehrung oder Verbannung iſt die Wahl, die wir ihnen geſtellt haben. Unſere letzten Befehle in Betreff der Mauren gleichen jenen, welche wir früher hinſichtlich der Juden erließen. Wir haben einen ſchweren Feldzug geführt und den Aufruhr dieſer ungläubigen Hunde nie⸗ dergeſchlagen. Unſer großer Feldherr iſt unſere rechte Hand in dieſem Kriege in der wilden Sierra geweſen. Wir haben unſere ſiegreiche Fahne auf den Berggipfeln aufgepflanzt und ſie flattert über ihre breiten Thäler und volkreichen Städte.“ Der König ſchwieg. Der Steinſchneider fuhr fort: „Reduan Benegas iſt beſchuldigt worden, als Abge⸗ ſandter jener in Afrika hauſenden Maurenſtämme hier erſchienen zu ſein, mit welchen Spanien ſich jetzt im Kriege befindet. Er ſoll im heimlichen Einverſtändniß mit ſeinen in der Nähe von Malaga zerſtreut auf dem Lande woh⸗ nenden Glanbensgenoſſen ſein und dieſe bewogen haben, gegen die königlichen Befehle zu handeln. Dieſe verbieten den auswandernden Mauren, Gold und Silber für ihr hier befindliches Eigenthum anzunehmen und mit auszu⸗ führen. Er ſoll ſich dies unterfangen und auch Andere dazu veranlaßt haben. Doch ſind dieſe Beſchuldigungen ganz unerwieſen; trotz deſſen hat man ihn in Malaga in's Gefängniß geworfen und verweigert ſeine Freilaſſung. 1861. VII. Columbus unb ſeine Zeit. W. 2 26 Meine Bitte an Eure Hoheiten geht dahin, ihm dieſe mitſammt der Erlaubniß zu gewähren, daß er ſich mit dem Erlös ſeines Eigenthums ungehindert aus Caſtilien entfernen dürfte.“ „Dieſe Angelegenheit gehört zu Deiner Befugniß, Cardinal,“ ſprach der König zu dieſem.„Du biſt Ober⸗ ketzerrichter von Spanien. Die Stunde, zu welcher wir die Meſſe vor unſerem Hausaltare anſetzten, hat geſchla⸗ gen. Wir dürfen den Dienſt Gottes nicht um der Men⸗ ſchen willen verſäumen. Nimm den wackeren Meiſter mit Dir und entſcheide nach beſter Erkenntniß über ſein An⸗ liegen.“ „Aber übe nicht allein die Strenge der Gerechtig⸗ keit, ſprach die Königin, welche ſich erhoben und ihre Hand in diejenige des Königs gelegt hatte.„Bedenke, daß wir vor Gott allzumal Sünder ſind. Vielleicht hat ein längerer vertrauter Umgang mit den Chriſten ihn unſe⸗ rem heiligen Glauben geneigter gemacht. Richte ihn nach der Barmherzigkeit, die wir beſonders gegen beſiegte Feinde walten zu laſſen wünſchen, ſo weit unſer Scepter reicht.“ „Dieſe ſanften Gefühle gegen hartnäckige Sünder machen Deinem gütigen Herzen Ehre, fromme Tochter,“ ſprach der Cardinal.„Allein es iſt nicht Zeit, die Hände in den Schooß zu legen, wenn die Trümmer des Moha⸗ 27 medanismus wanken. Die wilde Empörung dieſer Kinder des Satans iſt gedämpft; wir dürfen nicht ſäumen, ſie nach wie vor mit ſtarker Hand niederzuhalten, damit das Unkraut nicht wieder üppig wuchere, ſondern mit der Wurzel ausgerottet werde.“ Die meiſten Anweſenden folgten den jetzt im Abge⸗ hen begriffenen Herrſchern. Nur der Steinſchneider ſchkoß ſich dem Cardinal an, welcher ſich nach der andern Seite hin entfernte. Zweites Cnpitel. Cardinal Fimenes. Dieſem Kirchenfürſten war während ſeiner Anwe⸗ ſenheit in Cordova der eine Flügel des alten Khalifen⸗ palaſtes eingeräumt worden. Die von ihm bewohnten Gemächer waren mit der Pracht ausgeſtattet, welche ſich für den wichtigſten Mann in Spanien nächſt den Herr⸗ ſchern gebührte. Vermöge ſeiner Würde als Erzbiſchof von Toledo und als Primas von Spanien ſtand er nicht nur in ſeinem engern Vaterlande, ſondern auch in der ganzen Chriſtenheit an Reichthum und Einfluß nur dem Papſte nach. Dennoch mußte man annehmen, das ime⸗ nes ſich die glänzenden Aeußerlichkeiten ſeiner Umgebung nur widerwillig gefallen ließe. Wenigſtens gab er kein Zeichen des Behagens, als er durch die prunkenden Räu⸗ me ſchritt. Er machte Halt in ſeinem Privatzimmer, wel⸗ ches ſo einfach eingerichtet war, das es faſt an die ſtrenge 29 Dürftigkeit einer Franziskanerklauſe erinnerte. Wohl war Jayme Ferrer's Wunſch begründet geweſen, ſich in der Angelegenheit ſeines Schützlings an die Königin ſelbſt zu wenden, da von ihrer Güte und von der Rückſicht, die ſie dem lange von ihr gekannten Steinſchneider angevei⸗ hen ließ, weit eher ein günſtiger Erfolg zu erwarten war, als von der eiſernen Strenge, welche die Anſichten und Handlungen des Cardinals Fimenes zu leiten pflegte. Dieſer große Staatsmann hatte während der we⸗ nigen Jahre, die er am Ruder war, eine Menge Miß⸗ bräuche abgeſchafft, und hielt ſo ſehr wie die Königin dar⸗ auf, daß alle öffentlichen Aemter mit redlichen und tüch⸗ tigen Männern beſetzt würden. Trotz aller erhobenen Widerſprüche hatte er eine nothwendige Reform der Bet⸗ telorden durchgeführt, den ihm untergebenen Geiſtlichen weiſe Vorſchriften gegeben und eine Univerſität gegrün⸗ det. In dieſer Univerſität Alcala veranſtaltete er ſpäter die Herausgabe eines Werkes, welches allein ſeinen Na⸗ men unſterblich gemacht haben würde. Es war die Bibel in ſechs prächtig gedruckten Foliobänden, in den verſchie⸗ denen Sprachen, in welchen die heiligen Schriften ur⸗ ſprünglich verfaßt wurden, woran ſich ein hebräiſches und chaldäiſches Wörterbuch knüpfte. Sie iſt„Polyglotte“ oder„complutenſiſche Bibel“ genannt worden, und es er⸗ forderte die Vollendung dieſes Werkes, beſonders die Her⸗ 30 beiſchaffung der alten Handſchriften des Textes, einen unglaublichen Aufwand an Geld, Zeit und Mühe. Doch war Kimenes' Seele, die ſo viele großartige Ideen hegte und ſo viele außerordentliche Entwürfe ausführte, von dem Gifte jener Zeit, der Unduldſamkeit, befleckt. Iſabella und Ferdinand wollten den bei der Uebergabe von Gra⸗ nada eingegangenen Bedingungen treu bleiben. Trotz deſſen hatte Fimenes mit Güte und Strenge, durch Ueberredungen, Geſchenke und Zwangsmaßregeln die Be⸗ kehrung gegen die ſpaniſchen Mauren durchgeſetzt, alle ihre Moſcheen in chriſtliche Kirchen verwandelt und end⸗ lich— als ihre Empörung von den chriſtlichen Rittern mit Feuer und Schwert in den Bergen zu Boden gewor⸗ fen war— die letzten, harten Regierungsmaßregeln ge⸗ gen ſie veranlaßt. Ahra la Horra's düſtere Prophezeiun⸗ gen waren nur zu bald in Erfüllung gegangen. Er be⸗ gnügte ſich indeſſen nicht, die Mauren in Europa zu verfolgen, ſondern unternahm es ſpäter ſogar, ihnen in Afrika entgegen zu treten. In der Schlacht bei Oran führte er ſelbſt die Spanier in erzbiſchöflicher Kleidung an, über welcher er einen Harniſch trug. Seine jetzt erreichte hohe geiſtliche Würde hatte ihn nie bewogen, von der ſtrengen Regel der Franziskaner abzugehen, welchem Orden er früher angehörte. Er trug das härene Hemd und den Strick unter dem Purpur des Cardinals; unter 31 ſeinem mit Sammt, Seide und Goldſtickerei geſchmückten Bette war eine elende, hölzerne Pritſche verborgen, auf welcher er— wenn er nicht den harten Fußboden zu ſei⸗ nem Lager erkor— ſich am Abende hinſtreckte, ganz ſo, als ſei er noch der einfache Mönch, der eifrigſte Jünger des heiligen Franz von Aſſiſſi. Dieſe ſtrengen Grund⸗ ſätze und tadelloſe Reinheit ſeiner Sitten hatten ihm durch ganz Spanien den Ruf der Heiligkeit erworben und ſeine ſo oft geprüfte Tugend hatte auch die ſchwerſte aller Proben— die Schmeicheleien eines Hofes— ſiegreich be⸗ ſtanden. Die ernſte Zucht der harten Kloſterregel hatte ſein Herz gegen die Umſtrickungen der Ueppigkeit geſtählt, wenn es ſich auch gegen diejenigen des Ehrgeizes nicht ganz ſo feſt bewies.*) Jayme Ferrer blieb eine Weile ſchweigend vor dem mächtigen Manne ſtehen. Dieſer hatte einen hölzernen, grobgearbeiteten Schrank geöffnet und eine Pergamentrolle herausgenommen, welche er aufmerkſam durchlas. Das bärtige, durchfurchte Antlitz des vielgereiſten Juweliers zeigte indeſſen keine Spur von Blödigkeit oder Zagen. Er blickte im Gegentheil mit einer Art von aufmerkſamer Forſchbegierde auf den Cardinal, den man ohne das ihn ) Siehe über Kimenes: Ferdinand und Iſabella, die Ka⸗ tholiſchen, von Prescott. 32 umgebenden Purpurgewand für einen der uralten Ein⸗ ſiedler aus den Wüſten Syriens oder Egyptens hätte hal⸗ ten können. Der feſtgeſchloſſene Mund gab die nämliche, düſtere Entſchloſſenheit kund, welche ſich auf der umwölk⸗ ten, kahlen Stirn und in den zuſammen gezogenen Brauen ausſprach. Endlich richtete Timenes ſeine lange, hagere Geſtalt auf, legte die Pergamentrolle auf den einfachen Tiſch vor ihm und ſagte in einem Ton, der jedoch we⸗ niger entſchieden klang, als Ferrer ihn zuvor gehört hatte: „Es iſt mir über die Angelegenheit des Reduan Benegas bereits Bericht erſtattet worden, doch habe ich mich noch einmal genau darüber unterrichtet, damit ihm in keiner Hinſicht Unrecht geſchehe. Allein die Beſchul⸗ digungen gegen ihn ſind nur zu ſehr gerechtfertigt. Wenn Du ſagteſt, daß ſie unerwieſen ſind, ſo verläugneteſt Du die Wahrheit. Er wird die Strafe ſeines tadelns⸗ werthen Beginnens erleiden müſſen.“ „Laßt mich Euch erinnern, hochwürdiger Herr,“ ſprach der Steinſchneider beſcheiden,„daß die Königin Euch Barmherzigkeit anempfahl.“ „Ich wünſche ſie walten zu laſſen,“ ſprach der Cardinal,„doch dürfen die ſtrengen Befehle gegen alle jene Sendlinge aus Afrika nicht umgangen werden, wel⸗ che ihre noch unter uns weilenden Glaubensbrüder zu ſo 33 mancher Widerſetzlichkeit gegen die königlichen Befehle aufreizen. Man wird ſein Eigenthum einziehen und ihn zehn Jahre in ſtrenger Haft halten. Das Urtheil iſt be⸗ reits gefällt und mir zur Beſtätigung zugeſandt.“ „O, halte ſie zurück, hochwürdiger Cardinal!“ rief der Steinſchneider flehend.„Zehn Jahre lang des Lichtes und der Freiheit beraubt in einem dumpfen Kerker ver⸗ bringen zu müſſen, iſt ſchlimmer für ihn als der Tod, da er ſtets ein bewegtes Leben führte und ihm die friſche Luft ſo nothwendig iſt, wie der Athem ſelbſt!“ „Ich kann ihn nicht begnadigen,“ ſprach der Car⸗ dinal.„Es würde ein Beiſpiel ſein, aus welchem man⸗ ches Unheil hervorgehen könnte, da andere Schuldige auf eine gleiche Strafloſigkeit rechnen würden.“ „Willſt Du mir Freiheit der Rede geſtatten, großer Kirchenfürſt?“ fragte Ferrer beſcheiden. „Sprich ungehindert,“ war die Antwort. „Willſt Du der längſt entſchwundenen Tage geden⸗ ken,“ fuhr der Steinſchneider fort,„als Du im Kloſter unſerer lieben Frau zu Caſtannar Deinen Aufenthalt ge⸗ nommen hatteſt?“ „Ich hatte mich dorthin geflüchtet,“ antwortete Fi⸗ menes,„um endlich dem Strudel menſchlicher Leidenſchaf⸗ ten zu entgehen, der mich überall hin verfolgte, da ſich die Frommen in Schaaren zu dem Beichtſtuhl drängten, 34 in welchem ich vordem den Pflichten meines heiligen Berufes vorſtand. In jener dunkeln, bergigen Einöde, welche das Kloſter umgiebt, hoffte ich endlich mit Gott allein ſein zu dürfen.“ „Du hatteſt Dir,“ ſprach Ferrer weiter,„in dieſem dichten Kaſtanienwalde mit eigener Hand eine Hütte er⸗ baut, die kaum ſo groß war, daß Du in ſie treten konnteſt. Hier verbrachteſt Du Deine Tage im Gebet und in Be⸗ trachtungen über die heilige Schrift; gleich den alten Klausnern lebteſt Du nur von Kräutern und Waſſer, und übteſt Dich im Faſten, Wachen und Geißeln.“ „Ja,“ ſprach der Cardinal, indem ſich eine angen⸗ ſcheinliche Befriedigung in ſeinen Zügen malte,„ich wünſchte gleich dem heiligen Franziskus die Abtödtung des Fleiſches zu erreichen. Ich errang dies glorreiche Ziel, und in der Einſamkeit meiner Nächte dürfte ich mich Entzückungen hingeben und des Umgangs himmli⸗ ſcher Geiſter genießen. Dieſe geweihten, friedevollen Stunden in der Einſiedelei zu Caſtannar ſind die ſchön⸗ ſten meines Lebens!“ Er hielt inne und richtete ſeine dunkeln Augen gen Himmel, indem ſie noch einmal von jener Schwärmerei ſtrahlten, welche man früher ſo oft in ihnen geleſen hatte. Dann ergriff er den an ſeinem Gürtel hängenden Ro⸗ 35 ſenkranz und ſeine Lippen bewegten ſich leiſe. Jayme Ferrer hob nach einer Pauſe wieder an: „Eines Tages hatte man vom Kloſter aus zu Dir geſandt, Du mögeſt in ein Haus gehen, welches einzeln am Saume des Waldes lag, um einem Sterbenden die Abſolution zu bringen. Du hatteſt faſt einen halben Tag vom Kloſter aus auf Waldpfaden zu wandern; ſie waren ungewöhnlich lebendig, denn es ſtrömten mancherlei Gläubige an dem Tage herzu, da es offenbar geworden war, daß das Muttergottesbild in der Kloſterkirche wun⸗ derthätig ſei. Aber auch eine Schaar räuberiſcher Uebel⸗ thäter brach hervor und überfiel die Frommen. Ihr An⸗ führer hieß Joſe Silva. Du trateſt ihnen mit dem er⸗ hobenen Chriſtusbilde entgegen und verhießeſt ihnen Got⸗ tes Strafgericht für ihre Frevel. Sie antworteten Dir mit Hohn und ſteinigten Dich, bis Du einem Todten gleich am Wege liegen bliebſt.“ „Ich mußte reden, als es an der Zeit war,“ ſprach ximenes halb vor ſich hin, halb zu dem Steinſchneider gewendet,„und dachte unter den tödtlichen Waffen, daß die Krone des Märtyrerthums mir gleich San Stefano aus der Höhe der Himmel winke.“ Jahme Ferrer ſprach weiter: „Alle Frommen eilten an Dir vorüber, theils um noch vor dem Abend das Kloſter zu erreichen, theils um 36 den Räubern zu entfliehen, deren Rückkehr ſie fürchteten. Dich, der Du für ſie dem Tode getrotzt hatteſt, ließen ſie hilflos am Wege liegen. Da kamen zwei Wanderer von Toledo her, die ihr Maulthier hinter ſich gehen ließen. Sie hoben Dich auf, wuſchen Deine Wunden aus und verbanden ſie mit köſtlichem Balſam, den der Eine mit ſich führte. Als die Räuber wieder nahten, ſchlug ſie der Andere in die Flucht, und es retteten alſo dieſe beiden Männer zweimal Dein Leben.“ „Mein erſter Blick fiel auf ſie, als ich meine Be⸗ ſinnung wieder erlangt hatte,“ verſetzte Timenes, bei dem es immer mehr hervortrat, wie gern er dieſe Erinne⸗ rung an die Zeit, die er die glücklichſte ſeines Lebens nannte, an ſeinem Geiſte vorübergehen ließ.„Er trug Helm und Schwert wie Gideon. Wenn er ein Held war, ſo mußte ſein Begleiter ein Weiſer ſein, der ſich in der ärztlichen Kunde wohl erfahren zeigte. Sie waren Retter von Gott geſendet, der mich noch zu andern Dingen be⸗ ſtimmt hatte.“ „Sie banden Dich auf eins ihrer Maulthiere feſt,“ fuhr Ferrer fort.„Der Ritter ging neben Dir, Dich mit ſeinen Armen ſtützend und auf ihnen tragend, bis Du Deine Klauſe wieder erreichteſt. Hier pflegten ſie Dich noch einige Tage, indem der Raſen ihr Bett, der Him⸗ mel ihr Dach war. Dann erſt ſchieden ſie, nachdem ſie 37 ſich Dir als Gomez Ruis und Aaron Avila genannt hatten. Da ſprachſt Du ihnen ein Gelübde der Erkennt⸗ lichkeit aus, deſſen Zeugen nur die ſteilen Berge der Wildniß ringsum waren, und gabſt ihnen als deren ſicht⸗ bares Zeichen einen Roſenkranz, den Du ſelbſt aus dem Holze einer verdorrten Kaſtanie geſchnitzt hatteſt. Dieſer Roſenkranz— hier iſt er!“ Ferrer zog bei dieſen Worten den genannten Gegen⸗ ſtand unter ſeinem Wammſe hervor und reichte ihn dem Cardinal hin. Dieſer nahm ihn in ſeine lange, fleiſchloſe Hand, indem ſeine Augen bald darauf, bald auf dem Steinſchneider ruhten. Endlich ſagte er langſam: „Ich ſprach dabei, daß alle Heiligen und alle En⸗ gel, die ſich damals ſo oft meinem Geiſte offenbarten, mein Gelübde hören würden— ich erkenne den Roſen⸗ kranz— aber Dich erkenne ich nicht— auch heißt Du Jayme Ferrer— „Die Jahre,“ verſetzte dieſer,„und die Strapazen, denen ich mich auf meinen weiten Reiſen ausſetzte, haben mein Aeußeres verändert. Der heilkundige Weiſe war ich, der Held ein Maure, welcher den Panzer eines chriſtlichen Ritters trug. Wir zogen von Toledo nach Malaga, wo damals El Zagal herrſchte. Dieſer wünſchte einige Juwelen für ſeine Lieblingsſultanin von mir ein⸗ zuhandeln, und ich begab mich zu ihm, um ihm eine 38 Auswahl davon vorzulegen. Den Mauren hatte er mir als Boten und Geleitsmann geſchickt. Wir verſchwiegen unſere wahren Namen, da wir unerkannt weiter zu ge⸗ hen wünſchten, und handelten gleich Samaritern, die ſich Deiner erbarmten, als die Gläubigen Dich hilflos in Deinem Elende liegen ließen. Der Maure ruft heute durch mich zu Dir aus ſeinem Kerker und fleht Dich an, ihn zu erretten, wie er einſt Dich der Noth entriß!“ Die Worte des Redenden hatten nach und nach einen ernſten Pathos angenommen, welcher feierlich durch die Stille des Gemaches ſchallte. Limenes ſagte nach einer Pauſe: „Wenn auch Dein Aeußeres anders in meinem Gedächtniſſe lebte, ſo mußt Du es dennoch ſein, denn Keiner ſonſt könnte mir alle dieſe geringfügigen Umſtände erzählen, Keiner mir den Namen des Räuberhaupt⸗ manns nennen, der der Schreck der Gegend war, ſo wie diejenigen jener beiden Reiſenden; Keiner mir dieſen Ro⸗ ſenkranz zeigen. Aber wenn Du eine ſo ſtarke Mahnung an mich geltend machen konnteſt, warum wendeteſt Du Dich nicht gleich an mich? Warum riefſt Du zuerſt die Gnade der Herrſcher in einem Falle an, der mich vor Allen angeht?“ „Iſabella's Herz iſt gütig,“ antwortete der Ge⸗ fragte,„und da ſie mir manche Beweiſe der Gnade hat 39 angedeihen laſſen, ſo hoffte ich, daß ſie mein Fürwort berückſichtigen würde. Auch iſt die Dankbarkeit eine Pflicht, an die wir uns oft nicht gern erinnern, wenn wir auf der Höhe des Lebens angelangt ſind. War doch Dein erſtes Wort, daß Du keine Barmherzigkeit an dem Andersglaubenden üben wollteſt.“ „Sie ſoll ihm dennoch werden,“ ſprach der Cardi⸗ nal, deſſen Haltung jetzt wieder die frühere war.„Ich will mein Gelübde erfüllen. Wenn dieſer Maure der Krone einige Einkünfte zu entziehen geſucht hat, ſo will ich dieſe ihr doppelt von dem meinigen erſetzen, und ihm freies Geleit nach Afrika bewilligen. Ich werde ſofort einen Boten abſenden, der ihm ſeine Begnadigung an⸗ kündigt, welche auch die Königin mir anempfahl. Gieb ihm den Beſcheid mit: Du habeſt mir den Roſenkranz des Bruders Francesco aus Caſtannos gezeigt, und der Großcardinal von Spanien habe ihn eingelsſt. Doch möge er ſich der Feindſeligkeit gegen die Chriſten ent⸗ halten, damit mich mein Gewiſſen nicht zwänge, noch S die Strenge der Geſetze gegen ihn walten zu aſſen.“ „Er wird Deinem Willen nicht ferner zuwider han⸗ deln, ſondern ſich ungeſäumt aus Spanien entfernen,“ ſagte der Steinſchneider, deſſen Seele von aufrichtiger 40 Bewunderung erfüllt war.„Nimm mein Wort zum Pfande, meine Perſon als Geißel dafür.“ „Geh' in Frieden Deines Weges, mein Bruder,“ ſprach der Cardinal in einem ſo wenig ſtrengen Tone, wie man ihn ſelten von ihm gehört hatte.„Aber ſage mir zuvor, welches Gute ich Dir für Deine Perſon er⸗ weiſen kann. Reizen Dich die Güter dieſer Erde, Gold oder ſonſtiger Beſitz?— Fordere von mir, was Deine Wünſche Dir eingeben. Wenn es mir mein Gewiſſen nicht verbietet, ſo werde ich ſie erfüllen.“ „Ich danke Dir,“ ſprach Jayme Ferrer.„Ich habe mehr des irdiſchen Beſitzthums, als ich gebrauche, und lege keinen Werth auf Vermehrung meines Reichthums. Sollte ein Tag kommen, an dem ich noch einmal einen Beweis Deiner Gunſt wünſchen müßte, ſo werde ich mich an ſie wenden.“ „Thue dies. Mögen die Heiligen Dich in ihren Schutz nehmen, mein Bruder!“ WMit dieſen Worten machte der Kirchenfürſt das Zeichen des Segens und der Steinſchneider verließ das Gemach.— Wenige Stunden erſt waren nach dieſer Unter⸗ redung verfloſſen, als man eine Sänfte in den engen, gewundenen Straßen Cordovas erblickte, auf welcher das königliche Wappen von Arragonien prangte. Sie 41 hielt endlich vor dem Gitterthor des unſcheinbaren, wenn auch weitläufigen Hauſes, welches Jahme Ferrer bewohn⸗ te, an. Donna Elvira trat aus der Sänfte über den rei⸗ zenden, mit Marmor und bunten Fayenceplatten aus⸗ gelegten Hof, den eine Arkade von korinthiſchen Säulen umgab. Wenn auch das Aeußere der Wohnung nicht in die Augen fiel, ſo war dagegen das Innere ganz ſo anmuthig und freundlich, wie man es bei den Wohl⸗ habenden dieſer reichen Stadt zu finden gewohnt war. Auch hier ein murmelnder Springbrunnen im zierlich ausgelegten Becken, auch hier blühende Lauben und ſchattige Bänke. Die eine Seite der Arkaden enthielt das reiche Waarenlager des Steinſchneiders, köſtliche Juwe⸗ len und ſonſtiges Geſtein. Es hatte durchaus nichts Auf⸗ fallendes, daß eine der erſten Edeldamen der Königin hier erſchien, da es nur zu häufig vorkam, daß vor⸗ nehme und reiche Frauen ſich ſelbſt hier zeigten, um ent⸗ weder neue Gegenſtände des Schmuckes einzukaufen, oder ſchon beſeſſene umzutauſchen, oder anderweitige Verän⸗ derungen mit ihnen vornehmen zu laſſen. Donna Elvira trat verſchleiert in die Bude. Die anweſenden Geſellen erwiederten ihr auf ihre haſtige Frage, daß der Meiſter in einem der inneren Gemächer beſchäftigt ſei. Sie eilte dahin, ehe er noch gerufen wer⸗ den konnte, und fand ihn ſchreibend an einem Tiſche 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IW. 3 42 ſitzen. Er zeigte bei ihrem Anblicke weniger Ueber⸗ raſchung, als ſie erwartet hatte, und lud ſie ein, ſich auf einem der in der Nähe befindlichen Polſterſitze nieder⸗ zulaſſen. „Ich habe,“ ſprach ſie,„ſo eben in Eurer Bude eine Armſpange mit Rubinen eingehandelt. Doch wün⸗ ſche ich noch über eine andere Angelegenheit mit Euch zu reden, Meiſter, und habe Euch daher aufgeſucht, wo ich Euch ohne Zeugen treffen kann.“ Sie enthüllte ihr Antlitz. Er verbeugte ſich und ſagte: „Ich erkannte Euch ſchon an der Stimme, Sen⸗ nora. Eure Geſtalt und der Adel Eurer Bewegungen haben mir ſogleich Donna Elvira von Viana verrathen.“ „Ich muß Euch doppelt dankbar für dies genaue Andenken ſein,“ entgegnete ſie,„da ich Euch nur einige Male in der Gegenwart der Königin geſehen habe.“ Er antwortete nur durch eine beiſtimmende Bewe⸗ gung. Sie hob nach kurzer Pauſe an: „Ihr waret heute Morgen bei der Königin, um über einen Maurenhäuptling zu ſprechen, den man in Malaga eingekerkert hatte. Ihr nanntet ihn Reduan Benegas.“ „Er war früher in Malaga und ſpäter unter Kö⸗ nig Boabdil in Granada ein Mann von großer Bedeu⸗ tung,“ entgegnete Ferrer. 43 „Und oft genug den Chriſten furchtbar,“ fügte ſie hinzu.„Allein ſeit dem Friedensſchluße von Granada iſt er nicht mehr unſer Feind. Bei dem letzten Aufſtande im Gebirge iſt ſein Name nicht genannt worden. Auch ich wünſche ihm die Freiheit und die Zurückgabe ſeines Ei⸗ genthums, und hätte gern meine Bitten mit den Eurigen vereinigt, doch war der Augenblick nicht günſtig, da der König die weitere Erörterung dieſes Gegenſtandes für den Augenblick abſchnitt. Auch war die Königin durch die vorhergegangenen Verhandlungen über andere Sachen noch etwas aufgeregt und daher nicht geneigt, ſich ſogleich ausführlich mit dieſer zu beſchäftigen. Ich fürchte jedoch, daß der Cardinal ſie nicht aufſchiebt, denn er iſt der unermüdliche Widerſacher der Mauren. Er wird auch hier unerbittlich geweſen ſein. Sagt mir, was ſich thun läßt. Kann durch Geld etwas für Euren Schützling ge⸗ ſchehen, kann ſein Loos einſtweilen erleichtert werden?— Ich bin erbötig, ſeinetwegen mit dem Cardinal zu reden, obgleich ich nicht glaube, daß dies für den Gefangenen von einigem Nutzen ſein kann; denn Pimenes hat noch nie eine Fürſprache— von welcher Seite ſie auch gekommen iſt— gelten laſſen, wenn er nicht wirklich überzeugt war, daß ihr Gegenſtand derſelben würdig ſei. Ich komme ſobald wie es mir möglich war zu Euch, da ich glaube, daß ſein Schickſal ungeſäumt beſtimmt ſein wird. Es * 44 würde ſich noch verſchlimmern, wenn ihm alle Einzelhei⸗ ten von Benegas' Lebenslauf bekannt wären.“ „Allerdings,“ verſetzte Ferrer halblaut,„denn Re⸗ duan, der große Emir, iſt ein Renegat.“ Elvira ſchrack leicht zuſammen und entgegnete ſchnell: „Er iſt ein großer Sünder, wolle Gott dereinſt ſeiner Seele gnädig ſein!— Dennoch bewies er ſich ge⸗ gen mich und Don Arnold edelmüthig, als wir uns in der Gefangenſchaft der Mauren befanden.“ „Er hielt vor dem Thurm des Commares mit eini⸗ gen Pferden, als Ihr Euch von dieſem herabließet,“ erwiederte er,„führte Euch ſelbſt bergabwärts und gab Euch für Eure weitere Flucht einen Geleitsmann mit. Ohne ihn wäre ſie Euch nie gelungen.“ „So iſt es,“ ſprach Elvira haſtig.„Ich ſehe, er hat Euch alle dieſe Umſtände mitgetheilt. Ihr kennt alſo den Grund meiner Theilnahme für ihn. Welchen Beſcheid hat Euch der Cardinal hinſichtlich ſeiner gegeben?“ „Er läßt ihm vollſtändige Gnade angedeihen,“ ant⸗ wortete der Steinſchneider,„giebt ihm ſein bewegliches und unbewegliches Eigenthum zurück, dabei ſicheres Ge⸗ leit aus ſeinem Kerker nach Afrika, wo er ſich in unge⸗ fährdeter Freiheit hinfort aufhalten kann. Die ganze Anklage wird niedergeſchlagen und der Cardinal erſetzt 45 aus eigenen Mitteln allen Schaden, der etwa aus dem früheren Betragen des Beklagten für die Krone entſtan⸗ den ſein kann. Ich habe ſo eben den Brief vollendet, welchen ich auf das Geheiß des Cardinals dem Boten mitgeben werde, der ihm ſeine Begnadigung überbringt. Ich erzähle ihm darin einige Umſtände, die ihm unter ſeinen gegenwärtigen afrikaniſchen Glaubensverwandten in den letzten Jahren nicht zu Ohren gekommen ſein werden.“ Er überreichte der Donna mit dieſen Worten das Schreiben, mit dem er bei ihrem Eintritt beſchäftigt ge⸗ weſen war. Sie nahm es mit ſtaunenden, zweifelnden Blicken und überlas es. Dann ſank es mit ihrer Hand nieder und ſie ließ ihre großen Augen lange fragend auf ſeiner Geſtalt ruhen. Endlich ſagte ſie gedämpft: „Welche Mittel und Wege beſitzeſt Du, ſeltſamer Mann, um den ſtrengſten, unbeugſamſten Mann in Spa⸗ nien, ſeinen dritten König, gleich wie Mendoza, zur Barm⸗ herzigkeit gegen einen Ungläubigen zu ſtimmen— ihn, den unnachſichtigſten Verfolger der Mohamedaner, der laut verkündet, daß nach ſeinem Willen hinfort auch kein ein⸗ ziger Heide mehr in Spanien gefunden werden ſoll? Und weshalb nimmſt Du, der gelehrte Steinſchneider von Cordova, ſo freundlichen Antheil an einem dieſer Heiden, der ein fluchwürdiges Verbrechen beging, indem 46 er von unſerm heiligen Glauben abfiel, und der ſich kein. Verdienſt um Dich erwarb, welches Dich gebieteriſch treibt, ihn vor Schaden zu bewahren, wenn dies irgend mög⸗ lich iſt?“ Ferrer erzählte ihr zur Antwort auf dieſe Fragen in kurzen Worten das Ereigniß im Walde von Caſtannos, welches er unlängſt in die Erinnerung des Cardinals zurückgerufen hatte. Als er geendet, richtete Elvira die nämliche Frage an ihn, die auch dieſer ihm gethan hatte: „Und wenn Du ſo Vieles bei dieſem Manne zu fordern hatteſt, warum wendeteſt Du Dich nicht ſogleich an ihn, ſondern erſt, nachdem der Befehl des Königs Dich dazu nöthigt?“ Ein ſeltſames Lächeln erſchien auf dem Antlitze des Juweliers; er erwiederte: „Ihm ſelbſt habe ich geantwortet, daß ich gefürch⸗ tet hätte, er würde nicht geneigt ſein, ſich in ſeiner ge⸗ genwärtigen hohen Stellung der Zuſagen zu erinnern, die er als armer, einſiedleriſcher Kloſterbruder ertheilte. Ein zweiter, verſchwiegener Grund war aber derjenige, daß er ſich zu genau meines damaligen Aeußern erinnern und es mit meinem gegenwärtigen vergleichen könne. Sein Scharffinn hätte ein Blick in meine Vergangenheit thun können, der verhängnißſchwer für mich geworden wäre. 47 Auch hätte ich es gern umgangen, ihm den Namen zu nennen, welchen ich ihm damals als den meinigen an⸗ gab.“ „Und wie war dieſer Name?“ fragte ſie mit der größten Spannung. „Aron Avila,“ antwortete er leiſe. Dennoch machten dieſe beiden Worte einen Eindruck auf die Donna, als wenn ſie mit Poſaunenſchall ihrem Ohr verkündet würden. Sie ſtarrte ihn wieder unver⸗ wandt an und fragte dann in einem faſt ängſtlichen Tone: „Mann, wer biſt Du?“ Er ſtand auf, ging zum Haupteingange, verſchloß dieſen, und verſchwand durch eine andere Thür, deren Da⸗ ſein man nicht in der Wand unterſchied. In den nun fol⸗ genden Minuten ſchweigender Erwartung ließ Elvira ihre Blicke durch das Zimmer ſchweifen. Mehrere Balken der Decke und andere Pfeiler in den Wänden waren reich verziert, ihre von früheren mauriſchen Einwohnern vor Jahrhunderten eingegrabenen, arabiſchen Sinnſprüche wohl erhalten. Elvira's Gedanken waren indeſſen zu ſehr anderweitig beſchäftigt, als daß ſie durch dieſe Eigenthüm⸗ lichkeit hätten gefeſſelt werden können. Bald auch ſtand Jayme Ferrer wieder vor ihr. Aber mit dem Aeußern des gelehrten Steinſchneiders war eine auffallende Ver⸗ 48 änderung vorgegangen. Seine Haltung war aufrecht, ſein Haupt kahl, das Antlitz weniger dunkel und runzlich, der Bart und die Brauen dünner und mehr grau als weiß. Elvira's Staunen hatte den höchſten Grad erreicht, und ſie ſagte leiſe, als beantworte ſie ſich ſelbſt ihre eben geſtellte Frage: „Aron Avila— Hebräer— mauriſcher Magier— gelehrter Steinſchneider— Du biſt es, den ich in allen dieſen verſchiedenen Erſcheinungen geſehen habe!— ch würde bei Dir an Zauberei glauben müſſen, wenn nicht Dein Thun zu edel wäre, als daß ihm irgend eine bös⸗ artige Beigabe ankleben könnte!“ „Denkt Euch, edle Donna, andere Gewänder als diejenigen, welche ich gegenwärtig trage, und Ihr werdet eingeſtehen, daß meine Wandlung vollſtändig iſt.“ Der provinzielle Accent, der ſonſt ſeiner Sprech⸗ weiſe anklebte, war verſchwunden. Er ſprach ein ſo reines Caſtilianiſch, wie es der Mann gethan hatte, mit dem ſich jetzt Elvira's Gedanken beſchäftigten. Sie nahm noch⸗ mals das Wort: „Wunderbarer Mann, der Du die lockendſten Ver⸗ ſprechungen unſerer Königin zurückwieſeſt, der Du dem ſchrecklichen Großinquiſitor trotzteſt, wie war es Dir mög⸗ lich, ſeiner Rache und ſeinen Folterknechten unbeſchädigt zu entgehen?“ 49 „Ich erfaßte ihn bei ſeinem Aberglauben und fand ihn alsdann ſchwach wie ein Kind,“ antwortete der An⸗ geredete mit verächtlichem Lächeln.„Doch ſchwebte der Arm des ſchrecklichen Tribunals lange genug drohend über mir. Ich fand es daher gerathen, ihm einſtweilen zu entgehen, indem ich mich in Granada aufhielt. Dort war es wieder der Aberglaube, durch welchen ich ſeinen Gebieter zu meinem Spielzeug machte.“ „Und durch Dein überlegenes Wiſſen,“ fügte ſie hinzu.„Du und Benegas waren unſere Beſchützer und Befreier. Ich habe ſehr geſorgt, daß Boabdil Deinen Antheil an unſerer Flucht erfahren und Dich hart dafür ſtrafen würde.“ „Auch ſeinem Zorn entzog ich mich zur rechten Zeit,“ erwiederte der Steinſchneider,„indem ich lange vor ihm nach Afrika entfloh. Von dieſen beiden Widerſachern hat mich der Tod erlöſt. Thomas von Torquemada iſt den Kaſteiungen erlegen, die er ſelbſt über ſich verhängte. Boabdil el Chico iſt im Kampfe gegen einen Stamm ſeines Glaubens gefallen, nachdem er bei einigen befreun⸗ deten Häuptlingen in Fez und in Marokko gaſtliche Auf⸗ gefunden und dieſe auf ihren Kriegszügen beglei⸗ et hatte.“ „So hörte ich,“ ſagte Elvira tief bewegt.„Und 50 Ayra la Horra, die edle Sultanin, weilt ſie noch auf der Erde?“ „Sie lebt, um den Untergang ihres Geſchlechtes in Einſamkeit und Zurückgezogenheit zu betrauern,“ entgeg⸗ nete er.„Die Welt bietet ihr keine Freude mehr. Ihr Blick iſt über das Grab hinaus gerichtet, doch will ſie nicht freiwillig die Stunde der Erlöſung, der endlichen, feſſelloſen Freiheit herbeiführen.“ „Und Du ſelbſt, ſeltſamer Mann, wie kamſt Du zu dieſer letzten wunderbarſten Verwandlung?“ „Ich ging nach Smyrna, wohin mich ſchon lange Handelsgeſchäfte riefen. Einige Jahre verblieb ich dort, bis Jayme Ferrer aus Cordova mich aufſuchte. Wir waren lange genaue Freunde, ſein Haus ſtets das meini⸗ ge, wenn ich mich länger oder kürzer in Cordova aufhal⸗ ten konnte. Ich willigte ein, ihm nach Jeruſalem zu folgen. Wir erreichten, nachdem wir es wieder verlaſſen, eine wüſte Gegend und mußten in ihr Zelte für unſer Nachtquartier aufſchlagen. Da überfiel uns ein diebiſcher Beduinenſtamm, erſchlug unſer Gefolge und raubte den größten Theil unſerer Habe. Auch mein edler Freund war unter den Sterbenden. Ehe er jedoch dahinſchied, ſetzte er mich mündlich zum Erben ſeines ganzen Nach⸗ laſſes, ſowohl in der Fremde wie in der Heimath ein. 51 Er ermahnte mich, dieſe von Gott ſelbſt ſo ſichtlich gebo⸗ tene Gelegenheit zu ergreifen und in einer andern Ge⸗ ſtalt nach Spanien zurückzukehren, in die Fußtapfen zu treten, die er dort verlaſſen habe. Der verfolgte Hebräer durfte nur unter dieſem Gewande in ſeinem Vaterlande weilen. Ich war der einzige Europäer, der nicht dem mörderiſchen Anfalle des heidniſchen Geſindels unterlag. So beſtattete ich denn mit aufrichtigen Thränen meinen theuren Freund im Sande der Wüſte, nahm den Theil ſeiner Habe zu mir, den die Beduinen zurückgelaſſen hat⸗ ten, und trennte mich bald von den wenigen übriggeblie⸗ benen Begleitern. Ihr wißt, daß mir viele der gehei⸗ men Kräfte der Natur und ihrer Erzeugniſſe bekannt ſind; mit ihrer Hilfe konnte ich mein Aeußeres demjeni⸗ gen meines hingeſchiedenen Freundes ſo ähnlich machen, daß kein Menſch die Täuſchung bemerkte. Glücklicherweiſe hatten die Beduinen alle Schriften zurückgelaſſen, in wel⸗ chen Ferrer die Ergebniſſe dieſer ſeiner letzten Reiſe ver⸗ zeichnete, ſo wie auch den Geleitbrief, den ihm die Köni⸗ gin von Caſtilien für dieſe durch alle Länder und Meere ausgeſtellt hatte, die er dabei berühren würde. Da ich Monate lang mit ihm zuſammenlebte, ſo ergänzten ſeine damaligen mündlichen Mittheilungen, was mir noch hätte fehlen können. Ich vermochte es, als Jayme Ferrer nach ordova, in dieſe Räume zurückzukehren, in denen ich 52 ſo oft lange an ſeiner Seite geweilt hatte und deren ge⸗ ringſte Einzelheiten mir bekannt waren. Mein erſtes Geſchäft in ihnen war wieder, alle hier befindlichen Bü⸗ cher und Schriften des Dahingeſchiedenen durchzuſehen und mich auf dieſe Weiſe auch mit allen ſeinen hieſigen Verhältniſſen ſo genau bekannt zu machen, als ſei ſein Lebenslauf wirklich der meinige geweſen. Daß Ihr ſelbſt mich nicht erkannt habt, iſt der größte Beweis, wie voll⸗ ſtändig dieſe Veränderung war, die ich mit meinem Aeu⸗ ßern vorgenommen hatte.“ Elvira hatte ihm mit athemloſer Spannung zugehört. Als er nun ſchwieg, verſetzte ſie ſchnell: „Jetzt kann ich begreifen, warum Du ungern den Cardinal an Aron Avila erinnerteſt. Das Wagniß iſt groß. Steht Dir Reduan ſo nahe, daß Du ſeinetwegen Deine eigene Sicherheit auf's Spiel ſetzeſt? Verdient ſeine blutbefleckte, gottvergeſſene Vergangenheit eine ſolche Aufopferung von Deiner Seite?“ „Er betet zu dem unbekannten Gotte, den Du und ich gleich ihm verehren,“ ſprach Jahme feierlich.„Sei dies in einer Moſchee, in einem Tempel oder in einer Kirche, bedecke er ſein Haupt mit einem Turban oder mit dem Helm eines chriſtlichen Ritters— es wird dem Welt⸗ geiſt gleich ſein; denn dieſer ſieht nicht die irdiſche Hülle, 53 ſondern nur das Herz an, das in ihr lebt. Wenn er Blut vergoſſen hat, ſo diente er dadurch den Herren und dem Stamme, denen er ſeine Treue gelobt hatte und die von ihren chriſtlichen Feinden zu einem ſchweren Kriege gedrängt wurden. Auf weſſen Seite das Recht, auf weſ⸗ ſen das Unrecht war und iſt, vermag Gott allein zu ent⸗ ſcheiden. Auch über Reduan iſt er allein der wahrhaftige Richter. Dieſer iſt mir ſeit langen Jahren befreundet geweſen und hat bei keiner Gelegenheit meinem Rufe gefehlt, wenn ich ſeinen Beiſtand in irgend einer Hinſicht wünſchte. Die Dienſte, die er uns Allen in Granada leiſtete, habt auch Ihr nicht vergeſſen, edle Donna.“ „Gewiß nicht, und die Deinigen noch weniger!“ rief ſie lebhaft.„Und mir allein entſchleierſt Du dies Geheimniß, welches Du gegen jeden andern Sterblichen ſo ſtrenge bewahrſt?“ „Ich vergeſſe nie, daß Ihr einſt muthig für mich ſprechet, als Ihr Euch ſelbſt vor dem erzürnten Groß⸗ inquiſitor dadurch in Gefahr brachtet. Außerdem bin ich feſt überzeugt, daß Ihr nie den Mann verrathen wer⸗ det, der Euch in der Alhambra als ein Freund nahen durfte.“ Eine Bewegung, die faſt innig zu nennen war, machte ſich bei dieſen Worten in ſeinen Mienen und in ſeiner Stimme bemerklich. 54 Sie etwiederte mit gleicher Wärme:„Ihr ſollt Euch nicht in mir geirrt haben, edler Mann! Ich werde nicht nur Euer Vertrauen nicht täuſchen, ſondern jede Gefahr abzuwenden ſuchen, welche Euch bedrohen könnte. Dies iſt das Wenigſte, was ich für Euch thun kann. Ihr habt alſo jetzt eingewilligt, unſern chriſtlichen Glauben anzu⸗ nehmen, was Ihr einſt der Königin, die Euch ſo gern dazu überreden wollte, ſo beſtimmt abſchlugt?“ „Es iſt nur ein Kleid, welches ich angelegt habe gleich demjenigen, welches meinen Körper einhüllt,“ ant⸗ wortete er mit wieder angenommener Gelaſſenheit.„Ein öffentliches Bekenntniß iſt nie von mir verlangt worden. Ich habe mich zu allen dieſen Einzelheiten der Täuſchung verſtanden, weil ich in dieſer meiner dadurch erlangten Stellung meinen verfolgten, unglücklichen Glaubensbrü⸗ dern mit Rath und That an die Hand gehen kann.“ „Ich denke,“ warf Elvira ein,„daß alle Juden aus Spanien vertrieben ſind?“ „Manche weilen noch hier als neu bekehrte Chri⸗ ſten,“ erwiederte er,„und werden oft genug mit Recht oder Unrecht Ketzer geſcholten, indem man ſie des Rück⸗ falls in ihren alten Glauben beſchuldigt. So viel es mir möglich iſt, ſuche ich ihr hartes Schickſal zu erleichtern, und die weit verzweigten Verbindungen Jayme Ferrer's 3 ſind mir dabei ſo nützlich, wie die Kenntniß des Landes und aller ſeiner Zuſtände, welche ich ſchon als Aron Avila beſaß. Die Mauren waren früher unſere grimmigſten Bedrücker; das Strafgericht Gottes vollzog ſich bald genug an ihnen, denn ſie werden jetzt gleich uns von den Chriſten verfolgt und gepeinigt.“ Elvira beſtätigte ſchweigend die Wahrheit ſeiner Worte. Dann ſagte ſie faſt furchtſam: „Aber vermagſt Du es, mit geſammeltem Geiſte, ohne Angſt und Zagen, hieherzugehen und ſogar der Kö⸗ nigin unter die Augen zu treten, da das blinkende Schwert der Verfolgung ſo drohend über Dir ſchwebt wie jemals zuvor? Dein Schritt iſt von Gefahren umlauert. Wenn irgend eine Unvorſichtigkeit, wenn irgend ein Zufall Dich verriethe, unglücklicher Mann— ich wage nicht, daran zu denken, was dann Dein Schickſal ſein würde!“ „Ich verbanne jede ängſtliche Sorge,“ entgegnete er.„Wenn die Stunde der Gefahr kommen ſollte, ſo wird ſich irgend ein Mittel finden, ihr zu entgehen oder ſie unſchädlich zu machen. Der Geiſt wird es mir eingeben, wie es früher geſchah— und wenn es nicht wäre— wenn dieſe gebrechliche irdiſche Hülle beſtimmt ſein ſollte, in das Bett des Staubes zurückzukehren, dem ſie entſproßen iſt— ſo werde ich ohne Kummer eine Welt verlaſſen, die der menſchlichen Thorheiten ſo viele birgt.“ 56 Ein ſtolzes Lächeln umſpielte die Lippen des Re⸗ denden. „Gott ſchütze Dich, wackerer Mann!“ ſeufzte Elvira aus der Tiefe ihres Herzens, indem ihre Blicke nicht ohne Bewunderung an den ſeinigen hingen. Prittes Cnpitel. Das Gewitter. Die Wohnung des Biſchofs Fonſeca lag in Cor⸗ dova dem Hauſe des Steinſchneiders gegenüber. Wäh⸗ rend der inhaltreichen Unterredung, welche in dem Letzte⸗ ren ſtattfand, gewahren wir einen Seefahrer in der Ge⸗ ſellſchaft dieſes geiſtlichen Herrn. Rodrigo Bermeyo ſtand vor ihm und theilte ihm alle Ereigniſſe mit, welche er in den verfloſſenen Jahren in dem neu entdeckten Welt⸗ theile erlebt hatte. Er hatte Columbus nicht auf ſeiner letzten Heimreiſe begleitet, ſondern war kürzlich mit deſſen Bruder Jacopo wieder in Spanien angelangt. „Wie lange warſt Du aus Europa abweſend?“ fragte ihn der Biſchof. „Es können ſechs Jahre oder noch etwas mehr ſein,“ erwiederte Bermeyv.„Ich zog es vor, ruhig dort zu bleiben, denn ich konnte alsdann alle meine Pläne un⸗ 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IV. 4 58 geſtörter ausführen. Der Admiral gab mir gnädigſt die Erlanbniß dazu. Ich habe Euch erzählt, wie geſchickt ich auf meine Weiſe thätig geweſen bin.“ „Du haſt alle Deine Vorſätze ſchlau ausgeführt,“ erwiederte der Geiſtliche. „Ich bedauere nur, daß Martin Pinzon nicht mehr lebt; der würde ſeine Freude an meinem Thun haben. Auch Ihr müßt mit mir zufrieden ſein, hochwürdiger Herr, denn ich ſelbſt bin es. Aber erinnert Euch wohl, daß Ihr mir ſchon lange verſprachet, mir für meine gu⸗ ten Dienſte ein Gnadengeld von der Königin auszuwir⸗ ken. Ich glaube jetzt Anſpruch darauf zu haben.“ „Ich habe Deiner nicht vergeſſen,“ entgegnete der Biſchof.„Die Königin bewilligt Dir ſechs tauſend Ma⸗ ravedis, welche Dir morgen ausgezahlt werden ſollen.“ Der Matroſe warf die breite Lippe auf und ſagte mürriſch: „Wenn wirkliche Gerechtigkeit in Caſtilien geübt würde, ſo kämen mir nach dieſen ſechs Jahren ſechzig tauſend zu. Der Admiral wird ſeine Penſion von zehn tauſend jährlich während aller dieſer Zeit eingeſtrichen haben.“ „Sei zufrieden, mein Sohn,“ entgegnete der Bi⸗ ſchof beſchwichtigend.„Vielleicht wird die Königin Dir 59 noch fernere Beweiſe ihrer Huld angedeihen laſſen, doch mußt Du ſie in Demuth erwarten.“ Bermeyo ſchien ſich zufrieden zu geben und verſetzte: „Wir machten dem Statthalter Don Bartolomäo das Leben ſauer genug, und auch der Admiral wußte lange nichts mit uns anzufangen. Ich lockte die Meiſten ſeiner mitgebrachten Matroſen zu uns herüber und ſuchte meinen Vortheil zu wahren ſo gut es gehen wollte. End⸗ lich ſchloßen wir Frieden mit den Colons; auch ich habe dort drüben eine Strecke Land und mehrere Indianer zum Eigenthum erhalten; dieſe Letzteren habe ich hier in An⸗ daluſien als Sklaven verkauft.“ „Es iſt gut für Dich, daß Du Dich damit beeilt haſt,“ ſagte Fonſeca,„denn es wird in den nächſten Ta⸗ gen ein Geſetz erlaſſen werden, welches nicht nur dieſen Handel unterſagt, ſondern auch den Eigenthümern ge⸗ bietet, ihre Sklaven frei zu geben und für ihre unent⸗ geltliche Heimreiſe nach Weſtindien zu ſorgen.“ „Für die Meinigen mag es ihr nunmehriger Be⸗ ſitzer thun,“ ſprach Rodrigo mit rohem Lachen;„ich will mich nicht darum quälen. Der Admiral ließ mich ſogar gern mit Don Jacopo abſegeln, da er alsdann einen Unzufriedenen weniger auf Hiſpaniola zu haben glaubte.“ * 60 „Doch denke ich, daß Du nächſtens wieder dahin zurückgehen willſt?“ fragte Fonſeca. „Das verſteht ſich,“ lautete die Antwort.„Ich habe dort noch viel zu thun, bis ich hier in der Heimath als reicher Mann meine Tage beſchließen kann. Es kom⸗ men in der neuen Welt immer mehr Landſtriche und Schätze zum Vorſchein, und ich will ſo gut wie Andere meinen Theil davon haben. Don Jacopo hat wieder eine Anzahl Perlen und Edelſteine mitgebracht, welche die Colons für ſich behalten.“ „Ich dachte es mir,“ erwiederte Fonſeca.„Der Admiral machte es bei ſeiner letzten Rückkehr ebenſo, und doch iſt es als Geſetz ausgeſprochen worden, daß alle ſolche edle Steine und die Erträge der ſämmtlichen Perlenfiſchereien der Krone gehören. Ich danke Dir, mein Sohn, daß Du mich auf dieſe Betrügereien auf⸗ merkſam machſt; ich werde ſie am rechten Ort und zur rechten Zeit zur Sprache bringen.“ „Ich kann Euch genau den Betrag aller dieſer Koſt⸗ barkeiten angeben, welche die Colons für ſich bei Seite bringen wollen,“ fuhr Bermeyo fort.„Die beiden Ki⸗ ſten, in welchen ſie ſie auf dieſer letzten Fahrt nach Eu⸗ ropa transportirten, wurden bei einem heftigen Unwet⸗ ter vom Waſſer benetzt und ſo arg umher geworfen, daß einige der eiſernen Beſchläge geſprengt waren. Don 61 Jacopo fürchtete, daß der koſtbare Inhalt gelitten haben könnte, und rief mich und noch zwei Andere von der Mannſchaft in ſeine Cajüte, wo wir alle Präcioſen ſorg⸗ fältig vor ſeinen Augen abputzen mußten, ehe er ſie in eine trockenere Kiſte verpackte. Es weiß alſo Keiner beſſer Beſcheid darüber als ich.“ „Gut,“ entgegnete Juan de Fonſeca ſehr aufmerk⸗ ſam;„vorerſt aber ſage mir, weshalb Du hierher nach Cordova gekommen biſt?“ „Um bei Euch Gehör zu erlangen, hochwürdiger Herr! Ich erfuhr, daß der König und die Königin ſich hier aufhielten, und mußte alſo annehmen, daß Ihr nicht ſobald nach Sevilla zurückkehren würdet. Ich hatte dort vorläufig nichts mehr zu thun— und auch iſt meine Tochter hier, die ich lange nicht geſehen habe.“ Der Biſchof nickte beiſtimmend und ergriff dann eine Feder, um die Ausſagen des Seemannes niederzu⸗ ſchreiben. Rodrigo verweilte noch ungefähr eine halbe Stunde bei ihm und begab ſich in das Haus, welches wir als die Wohnung der Donna Beatrir Colon kennen. Er wechſelte einige wenige Worte mit dem Diener, wel⸗ cher das Gitterthor öffnete, und ging dann wie Jemand, der mit der Hausgelegenheit bekannt iſt, über den baum⸗ reichen, blumenduftenden Vorhof die Treppe hinan zu dem Corridor des erſten Stockes. Hier trat er in ein 62 kleineres Gemach, welches an die von der Herrin des Hauſes bewohnten Zimmer ſtieß, und fand in dieſem ſeine Tochter Pepita, welche er ſchon einige Male auf⸗ geſucht hatte. Dieſe ſaß an einem Tiſche, auf welchem verſchiedene Silberſachen lagen, die im Hausweſen gebraucht wurden. Das Mädchen war beſchäftigt ſie abzureiben, und ſagte weniger ernſt als gewöhnlich: „Seht Ihr, Vater, wie blank dieſe Löffel, dieſe Schalen und Becher ſind?— Man könnte ſich darin ſpiegeln. Ihr lehrtet mich ſchon als Kind dieſe Kunſt, und ſeht, daß ich es jetzt eben ſo weit wie Ihr darin gebracht habe.“ Bermeyo nickte und verſetzte: „Etwas habe ich auch von meinem Vater gelernt, als er noch Goldſchmied in Palos war. Wenn er auch ſein Handwerk verſtand, ſo blieb er doch ſtets ein armer Mann dabei.“ „Don Jahme Ferrer hier iſt weiter gekommen,“ fügte ſie hinzu. Er machte eine Bewegung ſpöttiſcher Zuſtimmung und ſagte: „Der iſt der Erſte ſeines Zeichens in ganz Spa⸗ nien; alle übrigen Juweliere und Steinſchneider ſind Bettler gegen ihn.“ 63 Pepita ergriff nun einige ſilberne Spangen und Schlöſſer. Seine Blicke fielen darauf und er fragte: „Du haſt wohl den ganzen Schmuck der Donna Beatrir unter Deiner Aufſicht?“ „Sie beſitzt wenig davon und legt auch dies Wenige ſelten an,“ erwiederte ſie.„Ich habe Euch geſagt, daß meine Herrin viel Vertrauen in mich ſetzt, und mich mit andern Geſchäften beauftragte, nachdem der kleine Don Fernando ſie verließ und ich ihn alſo nicht mehr beauf⸗ ſichtigen konnte. Oft genug übergiebt ſie mir alle Werth⸗ ſachen, die ihr und Don Pedro gehören, wenn etwas an ihnen zu verbeſſern iſt. Hier ſeht Ihr etwas Bekanntes aus früherer Zeit.“ Sie hob ein Tuch auf, welches einen Theil des Ti⸗ ſches bedeckte, und hielt ihrem Vater ein Halsband von in Gold gefaßten Diamanten hin. Dieſer erwiederte mit einer plötzlichen Lebendigkeit, die man unheimlich nennen mußte: „Ha, es iſt das Halsband, das einſt in meinem Beſitz war. Ich mußte es dem alten Steinſchneider wie⸗ der herausgeben, was mich bis dieſe Stunde ärgert. Die Steine blitzen noch eben ſo herrlich wie damals; nie ſah ich welche von reinerem Waſſer. Wie kommen ſie hierher in Dein Zimmer?“ 64 Seine Augen funkelten vor Habſucht. Pepita ver⸗ ſetzte: „Don Jahme ſchenkte es damals ſchon in Sevilla Don Jacopo.“ „Weil er anſtatt ſeiner ſich in das kalte Waſſerbad begab,“ murmelte Bermeyo halblaut vor ſich hin. „Dieſer gab es vor ſeiner Abreiſe in die neue Welt der Donna Beatrir in Verwahrung,“ fügte ſie hinzu. „Er glaubte, daß er es dort drüben wenig benutzen würde, und hielt es für ſicherer, es hier zu laſſen. Donna Beatrix hat es wie ihren Augapfel gehütet, und will es nun Don Jacopo zuſtellen, ehe er Eordova wie⸗ der verläßt.“ „Deshalb habe ich es niemals auf Hiſpaniola bei ihm geſehen,“ ſetzte Rodrigo hinzu. „Es iſt ein kleiner Roſtfleck auf dem Schloß,“ fuhr ſie fort.„Meine Donna gab mir das Geſchmeide vor einer halben Stunde, damit ich ihn herausbringe. Don Jacopo will ſie und mich morgen früh auf einem from⸗ men Gange zur Capelle des heiligen Alfonſo begleiten. Nach unſerer Heimkehr will er ſein Eigenthum hier in Empfang nehmen.“ „Du haſt ein werthvolles Kleinod bis dahin zu hiüten,“ bemerkte er. „Ich will es nun gleich der Donna wiederbringen,“ 65 entgegnete ſie,„ſo habe ich weiter keine Verantwortung dafür. Dieſe verwahrt es gewöhnlich bei ihren übrigen Schmuckſachen in ihrem Schlafzimmer. Mehr kann ſie nicht thun, um Don Jacopo's Eigenthum zu hüten.“ „Don Jacopo— und immer Don Jacopo!“ ſprach Bermeyo ſpöttiſch.„Der Name iſt Dir heute geläufiger wie damals, als wir ihn in unſerer Hütte in Palos beherbergten. Viel mehr als ſchöne Worte haſt Du nicht zum Dank von ihm gehabt!“ Sie blickte aufmerkſam ihren Vater an. Ihre bis⸗ her ſorglos gleichgiltigen Züge nahmen einen angſtvollen Ausdruck an. Dann ſprach ſie langſam: „Vater, Ihr habt mir auf die Hoſtie geſchworen, daß Ihr Euch weder zu Waſſer noch zu Lande, weder in der alten noch in der neuen Welt jemals an Don Ja⸗ copo vergreifen wollt. Geſchähe es dennoch, ſo wißt Ihr, was ich thue!“ Ein wilder Grimm malte ſich auf dem ſonnever⸗ brannten Antlitze Bermeyo's. Er ballte die Fauſt und ſtieß einen dumpfen, halblauten Fluch aus. Seine Toch⸗ ter ſetzte eben ſo gedämpft hinzu: „Ich ziehe Euch nicht zur Rechenſchaft über Eure Vorfätze und Thaten— nicht über Euren Groll gegen den Admiral— Ihr mögt Urſache dazu haben. Auch würdet Ihr meine Vorſtellungen nur verlachen, denn 66 Ihr geht ſtets Euren eigenen Weg. Aber Eins ſage ich Euch heute wie damals: Das Haupt Don Jacopo's iſt heilig und es ſoll kein Haar auf ihm gekrümmt werden!“ Sie hatte die letzten Worte mit düſterer Energie geſprochen. Er unterbrach ſie nicht. Dann ſagte er mit einem hämiſchen Lächeln: „Du haſt Dich ſchon damals in Palos in dieſen Mann vergafft. Häßlicher biſt Du gerade nicht ſeitdem geworden, wenn auch älter. Doch denke ich, daß dieſer große Herr, der Bruder des Vicekönigs, über die Tochter des Matroſen lachen wird. Er iſt noch immer der ſchlanke, feine Caballero, als welcher er damals aus Italien kam, hübſch und anmuthig anzuſchauen. Biſt Du noch jetzt verliebt in ihn?“ Ein wilder unartikulirter Schrei entfloh den Lippen des Mädchens. Sie erhob die Hand wie zur Abwehr, indem in ihren ſchwarzen Augen eine ſo dämoniſche Glut leuchtete, daß man in dieſem Momente die wahre Tochter Rodrigo Bermeyo's in ihr erkannte. In der nächſten Se⸗ kunde jedoch fielen dieſe auf das ſeitwärts an der Wand hängende, hölzerne Chriſtusbild. Sie beugte das Haupt, bekreuzte ſich und ſprach leiſe ein Paternoſter, als wolle ſie im Gebet Rettung vor den heißen Leidenſchaften ſuchen, die auch ſie, das ächte Kind des Südens, erfüllten. Da wurde im Nebenzimmer die Stimme der Donna Beatrir 67 vernehmlich. Rodrigo Bermeyo entfernte ſich ſchleunigſt, um eine Begegnung mit dieſer zu vermeiden, doch ge⸗ wahrte ſie ihn noch im Abgehen. Arnold von Viana war vor einiger Zeit zum Hauptmann in der Leibwache des Königs ernannt worden und hatte als ſolcher mit den tauſend Rittern, die ſie bildeten, Ferdinand und Don Gonſalvo in den Krieg be⸗ gleitet, welchen dieſe im Gebirge gegen die empörten Mauren führten. Nach deſſen ſiegreicher Beendigung hatte er die Vergünſtigung erhalten, einige Zeit auf ſeinen Beſitzungen in Granada zuzubringen, und von dieſen an das Hoflager zu Cordova heimkehrend, begegnen wir ihm am Ufer des Guadalquivir unter Orangenbäumen dahin⸗ reitend. Er hatte faſt ſein ganzes Gefolge vorausgeſandt, da er bei einem befreundeten Waffengefährten ſeit geſtern raſtete. Die Mittagsſtunde war noch nicht herangekom⸗ men, doch war die Luft ſchon ſchwül; die lachende, ma⸗ leriſche Gegend ringsum ſchien von ihrer Schwere be⸗ drückt zu werden. Die blendende Reinheit des tiefblauen Himmels bewölkte ſich nach und nach, und noch mochte die alte Khalifenſtadt wohl zwei Stunden entfernt ſein, als ſich mit unerwarteter Schnelligkeit dunkle Wolken zuſam⸗ menballten und in krachende Donnerſchläge auflöſten. 68 Das Gewitter entlud ſich mit einer ſolchen Heftigkeit⸗ wie Arnold es ſelten erlebt hatte. Die Cactushecken an ſeiner Seite ſchwankten hin und her, die Gipfel der Alven und Mandelbäume beugten ſich faſt bis zur Erde. Die Blitze zuckten wie feurige Schlangen herunter, ſo daß die ſcheu werdenden Pferde Arnold's und des ihn begleitenden Knappen hoch auf bäumten. Beide ſahen ſich nach einem ſchützenden Dache um, denn allerdings war der Weg zwiſchen den dichten Baumpflanzungen in dieſem Augen⸗ blick nicht ungefährlich. Endlich erblickten ſie nach einer Windung des Weges eine kleine Kapelle, welche auf einem freier gelegenen Platze erbaut war. Bald hielten ſie vor dieſer und ſchwangen ſich von ihren Pferden, indem Ar⸗ nold ſeinem Knappen gebot, dieſe unter das ſteinerne Vor⸗ dach zu ziehen und ſie dort am Zügel zu halten, bis das ärgſte Unwetter vorüber ſei. Er ſelbſt trat in die Ka⸗ pelle, deren Inneres ein noch beſſeres, einſtweiliges Ob⸗ dach bot, und fand hier eine verſchleierte Dame und einen Herrn, welche nahe dem Altar vor dem roh gearbeiteten Heiligenbilde knieten. Eine Dienerin befand ſich etwas entfernt von ihnen. Alle hatten ihre Häupter ſo tief her⸗ abgebeugt, daß ihre Geſichter vollſtändig verhüllt blieben. Arnold war ein zu guter Chriſt, als daß er in einem Gotteshauſe hätte weilen können, ohne den darin be⸗ findlichen Gegenſtänden der Anbetung ſeine Verehrung zu 69 bezeugen. Er trat alſo näher, beugte ſein Knie und ſprach andächtig ein Gebet. Nach dieſem bemerkte er nahe dem Altar einen Wandſchrank mit einer Art von hölzernem Gitter davor. Hinter dieſem lagen eine Anzahl im Klei⸗ nen nachgebildeter, aus Wachs geformter, menſchlicher Glieder, welche zierlich mit farbigen Bändern umwunden waren. Auch auf dem Altar gewahrte er ein ſolches zier⸗ liches, wächſernes Aermchen, welches kürzlich dort nieder⸗ gelegt ſein mußte. Nun zog er ſich wieder nach dem Eingange des kleinen Gotteshauſes zurück und wartete ſchweigend eine Weile. Das Gewitter hörte allmälich auf; dagegen rauſchte der Regen in Strömen herunter, welche die Gegend faſt überſchwemten. Er begab ſich vor die Thür unter das ziemlich geräumige Vordach und ſah den ſtürzenden Güßen zu; die Dame und der Herr ge⸗ ſellten ſich bald darauf zu ihm. Die Erſtere zog die ver⸗ ſchleiernde Mantille vom Geſicht, als wolle ſie die Geſtal⸗ tung der Dinge ringsum genauer in Augenſchein nehmen. Es war Beatrir Enriquez Colon, noch eben ſo anmuthig in jeder Bewegung, noch eben ſo holdſelig, ſo milde und ſo ſchön, wie wir ſie zuerſt geſehen haben. Noch glänzte ihr dunkelblaues Auge, noch weilte der roſige Hauch auf ihrer Wange, noch war die Perlenreihe hinter den ſchma⸗ len Lippen tadellos. Arnold wendete nun ihr und ihrem in einen dunkeln 70 Mantel gehüllten Gefährten ſeine Aufmerkſamkeit zu. Die Züge des Letzteren waren ihm bekannt; dies blaue Auge, welches noch angelegentlicher als das ſeinige auf der Donna weilte, hatte er früher ſchon geſehen. Nun ſprach dieſer einige flüchtige Worte zu ihr. Arnold's letzte Zwei⸗ fel waren gelöſt und er ſagte: „Der Zufall gewährt mir eine unerwartete Gunſt, Don Jacopo Colon. Ich glaubte, daß das Weltmeer zwiſchen uns läge, und treffe Euch, da ich nach langer Abweſenheit an den Hof zurückkehre.“ „Don Arnold von Viana,“ ſprach Jacopo gleich⸗ falls ſein Haupt entblößend und jene ernſte Höflichkeit zur Schau tragend, welche er ſich jetzt nach der Weiſe der Caſtilianer zu eigen gemacht hatte,„ich bin Euch dank⸗ bar für Euer gütiges Andenken.“ „Ich habe Euch früher in Barcellona mit Eurem Bruder, dem Admiral, geſehen,“ fuhr Arnold fort.„Iſt er vielleicht wieder mit Euch in Spanien eingetroffen?“ „Keineswegs,“ antwortete Jacopo.„Er befindet ſich noch in der neuen Welt und ſandte mich mit einigen Aufträgen nach Europa. Dieſe ſind größtentheils beſorgt und ſo werde ich mich bald wieder nach Hiſpanivla ein⸗ ſchiffen.“ „So werdet Ihr nicht lange in Cordova weilen?“ fragte Arnold. 21 „Unſere Angelegenheiten werden es mir nicht ge⸗ ſtatten, ſo gern ich auch noch länger im nahen Verkehr mit unſerer Familie hier bliebe. Ich habe Donna Beatrir Colon hierher begleitet.“ Arnold blickte auf dieſe. So galant, wie ein ächter jener Tage ſein konnte, trat er zu der Donna und agte: „Ich rühme mich, ſeit den glorreichen Tagen vor Granada mit dem Admiral bekannt zu ſein. Geſtattet mir, Sennora, Euch, die ihm ſo nahe ſteht, meine achtungs⸗ vollſte Huldigung darzubringen.“ Er entblößte ſein Haupt und verbeugte ſich. Don⸗ na Beatrix erhob die langen ſeidenen Wimpern; tief innig ruhte ihr Blick auf ihm und mit dem ſanfteſten Wohllaut ihrer Stimme verſetzte ſie, indem ſie ſich ver⸗ neigte: „Wir haben dem heiligen Alfonzo unſere Begegnung zu danken; obgleich auch Ihr früher ſchon lange in Cor⸗ dova lebtet, ſo mußten wir uns doch in dieſer Kapelle zum Erſtenmale treffen, Sennor.“ „Donna Elvira und ich genießen oft die Freude, Eure Söhne im königlichen Palaſt zu ſehen,“ erwiederte Arnold.„Gern würde ich Euch in Eurer Wohnung be⸗ grüßt, gern Euch eingeladen haben, Donna Elvira in ihren Gemächern durch Eure Gegenwart zu erfreuen, 72 doch erfuhr ich von Don Chriſtobal, daß Ihr nicht ge⸗ neigt wäret, mit dem Hofe in genauere Verbindung zu treten. Ich fürchtete alſo, zudringlich zu erſcheinen, wenn ich Euch in Eurer Häuslichkeit geſtört hätte.“ „Ich ziehe die Zurückgezogenheit dem bewegten Welt⸗ leben vor,“ entgegnete ſie,„und bin um ſo mehr damit zufrieden, da es dem Admiral ſo manche Sorgen und Ver⸗ drießlichkeiten bringt.“ „Man erlaubt ſich die kleinlichſten Chicanen gegen uns,“ bemerkte Jacopo.„Die Hofgunſt hat ſich einſtwei⸗ len von uns gewendet, ſonſt würde man nicht den Muth dazu haben.“ „Ihr habt einen weiten Weg von der Stadt hier⸗ her zurückgelegt,“ bemerkte Arnold, der dem Geſpräche eine angenehmere Wendung zu geben wünſchte. „Mein Sohn Fernando wird von einem heftigen Reißen im rechten Arm geplagt,“ erwiederte ſie.„Es war vorgeſtern ſo arg, daß er mir klagte, er vermöge kaum eine Lanze zu halten. Da bin ich denn heute als eine bußfertige Pilgerin zu dieſer Kapelle des heiligen Alfonſo gewandert und habe ein wächſernes Aermchen auf ſeinen Altar gelegt. Zwei Golddublonen habe ich als zweite Opfergabe dort in jene Büchſe, die an der Wand hängt, geſteckt, und hoffe nun, daß die Pein aus Fernando's Arm in das wächſerne Aermchen ziehen wird.“ 73 „Mit der Hilfe des Heiligen kann es geſchehen,“ entgegnete der Ritter von Viana ernſthaft. „Er hat ſchon Manchem geholfen, der recht inbrün⸗ ſtig zu ihm betete,“ ſetzte ſie hinzu.„Wir freuten uns über die Schwüle des Tages, da durch ſie das Verdienſt unſerer Wanderung größer iſt. Wenn wir heimkehren, ſo hoffe ich meinen Sohn geſund in meinem Hauſe vor⸗ zufinden.“ Sie hatte mit jener faſt kindlichen Einfalt geſpro⸗ chen, welche ſo oft den frommen Glauben begleitet. Der Regen hörte nach und nach auf; ſie betrachtete den wie⸗ der aufgeklärten Himmel und bemerkte dann: „Es wird Zeit ſein, den Heimweg anzutreten. Man ſagt in Cordova, daß die Gegend nach dieſer Seite hin nicht ganz ſicher ſei. Erſt wenn wir unſer Haus wieder erreicht haben, dürfen wir annehmen, daß uns keine be⸗ denkliche Abenteuer mehr bedrohen.“ „Ich hoffe Euch auch ferner vor ihnen zu beſchützen, Donna Beatrix,“ entgegnete Jacopv. „Ihr werdet überzeugt ſein,“ ſagte Arnold mit ſei⸗ ner ganzen ritterlichen Artigkeit,„daß wir Alle mit un⸗ ſerem Blute für Eure perſönliche Sicherheit einſtehen, ſo lange es Euch gefallen wird hier zu verweilen. Ich bin zwar nicht vollſtündig gepanzert, da mein Weg bis jett durch Gegenden ging, auf denen der tiefſte Frieden 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IV. 5 74 lagert, doch trage ich genug ſcharfe Waffen, um ſie ge⸗ gen jeden unberufenen Angreifer erheben und uns Allen Ruhe verſchaffen zu können.“ Jacopo's Antlitz wurde etwas belebter, die Farbe ſeiner mehr als früher gebräunten Wangen etwas höher, und mit einiger Entſchiedenheit fügte er hinzu: „Ich habe in den letzten Jahren oft genug gegen Europäer und Indianer kämpfen müſſen, und glaube da⸗ her, daß auch ich hinreichend mit den Waffen vertraut bin, um der Ritter dieſer Dame ſein zu können.“ „Es gehört nach meiner Meinung,“ fuhr Arnold zu ihm gewendet fort,„eben ſo viel Muth dazu, das un⸗ endliche Weltmeer zu durchſchiffen, als mit Schwert und Lanze auf Tod und Leben zu kämpfen.“ „Als der Gefährte meines Bruders bin ich darauf angewieſen,“ verſetzte Jacopo,„ſeinen Fußtapfen zu fol⸗ gen, mögen dieſe über Land oder Meer gehen.“ Beatrix hatte ihrer Dienerin gewinkt und war im Begriff, ſich wieder auf den Weg zu begeben. Dieſer war jedoch wie mit Waſſer übergoſſen. Arnold ſagte darauf hindeutend: „Ihr könnt nicht in dieſer Näſſe gehen; gewiß ſeid Ihr nicht darauf vorbereitet zu waten und könntet Euch alſo ſtark erkälten.“ „Ihr habt Recht,“ verſetzte ſie, indem ſie auf ihre Schuhe von Corduanleder blickte, welche nicht auf eine lange Wanderung in fließendem Waſſer berechnet waren. „Geſtattet mir,“ fuhr er fort,„Euch den Platz auf meinem guten Roſſe anzubieten. Wenn Ihr es beſteigen wollt, ſo werdet Ihr nicht genöthigt ſein, den Weg auch nur mit der Spitze Eures Fußes zu berühren.“ „Wird Euer Schlachtroß nicht zu feurig für mich ſein?“ fragte ſie zögernd. „Laßt mich gewähren,“ antwortete er.„Es ſoll ſo ruhig gehen, daß Ihr keine Unbequemlichkeit dabei empfinden werdet.“ Er rief nun den Knappen, welcher das Pferd dicht vor einen großen Stein führte, der an der einen Seite des kleinen Gebäudes lag. Arnold ließ ſie auf dieſen er⸗ höhten Punkt treten, und ſetzte ſie dann vorſorglich auf das Pferd, wobei er ihr den Sitz ſo bequem einzurichten ſuchte, wie es ihm nur die zarteſte Rückſicht eingeben konnte. Nun ergriff er ſelbſt den Zügel. Jacopo nahm wieder das Wort: „Ihr werdet nicht ſelbſt Euer Pferd durch alle dieſe Nüſſe ziehen wollen. Ueberlaßt dies mir und beſteigt das Roß Eures Knappen; ich bitte Euch darum.“ „Auf keinen Fall,“ verſetzte Arnold.„Niemand ſoll es mir nehmen, ſelbſt die Donna zu geleiten; dieſer Rit⸗ 4 76 terdienſt kommt mir allein zu. Iſt es Euch genehm, Don Jacopo, ſo erſuche ich Euch, den Sitz auf dem anderen Pferde einzunehmen und meinen Knappen hinterhergehen zu laſſen.“ „Ich danke Euch,“ erwiederte Jacopo;„ich bin ebenſo wenig verzärtelt wie Ihr. Ich möchte anſtatt mei⸗ ner dieſen Platz der Dienerin zuweiſen, welche ſich ver⸗ muthlich eben ſo wenig wie ihre Herrin auf über⸗ ſchwemmte Pfade eingerichtet hat. Komm, Pepita, ſteig' auf!“ Dieſe folgte ſchweigend ſeiner Aufforderung und ſaß mit ſeiner Hilfe bald auf dem zweiten Pferde. Arnold ſprach noch einmal zu Beatrir: „Ich hoffe, Sennora, daß ich auf Eure Erlaubniß rechnen darf, Euch nach Cordova zu führen?“ „Ich werde mich Niemandem lieber anvertrauen als Euch,“ erwiederte die Gefragte. Der Zug ſetzte ſich endlich in Bewegung. Jacopo folgte ihnen, während der Knappe das zweite Roß führte, auf welchem Pepita ſaß. Nach einer längern Weile hob Beatrix wieder an: „Fernando und Diego haben mir erzählt, daß weder Spanien noch Italien Euer Vaterland ſei, Herr Ritter.“ 77 „Ich bin in Deutſchland zu Hauſe,“ entgegnete er. „Es ſoll ein rauhes, kaltes Land ſein,“ fuhr ſie fort,„ſo daß man auch im höchſten Sommer friert. In den dichten Wäldern ſollen viele wilde Thiere hauſen.“ „Ganz ſo ſchlimm iſt es nicht,“ verſetzte er,„doch fehlt uns allerdings das tiefe Blau Eures Himmels und die ſüdlich milde Luft Eurer herrlichen Gegend.“ „So müßt Ihr Euch hier ſehr zufrieden fühlen,“ entgegnete ſie,„denn gewiß lebt ſich's viel beſſer hier. 6 werdet Eure alte Heimath über der neuen vergeſſen aben.“ „Wenn auch das nicht iſt,“ erwiederte er,„ſo habe ich doch einen überreichlichen Erſatz für alles Verlorene gefunden, da ich der edelſten Spanierin mein Herz und meine Wünſche weihen durfte.“ „Donna Elvira muß ſehr glücklich ſein; ich würde ſie beneiden, wenn ich nicht wüßte, daß ſie dieſes Glückes ſo ſehr werth wäre.“ Die wahre Empfindung, mit der dieſe Worte von Beatrix geäußert wurden, der leichte Seufzer, der ſie begleitete, gaben deutlich kund, daß unwillkürlich ihre in⸗ nerſten Gedanken auf ihre Lippen traten. Auch war es erſichtlich, daß ſowohl Arnold wie Jacopo den tiefen inn erkannten, der in ihnen lag. Der Erſtere ſah zu 78 ihr auf, indem ein Lächeln um ſeine Lippen ſpielte, wel⸗ ches einen freundlichen Dank ausſprach; der Letztere hatte ſein Haupt hoch empor gehoben. Sein einfacher, ſchwarzer Hut war mehr zurückgeſchoben als bisher, ſo daß nun erſt ſein ganzes Antlitz ſichtbar wurde. Die Linien des⸗ ſelben waren ſchärfer, der Bart dichter geworden; nur die Stirn war weiß, wenn auch nicht faltenlos. Der fröhliche Muth der ſelbſtbewußten, jugendlichen Kraft ſchien dem größeren Ernſt männlicher Reife gewichen zu ſein, und das früher ſo heitere Auge blickte nicht ſelten gleichgiltig oder finſter. Jetzt loderte eine tiefe Glut in ihm, die jedoch nicht durch ein freudiges Gefühl erzengt ſein konnte. „Ich will Donna Elvira von Euren freundlichen Geſinnungen für ſie unterrichten,“ ſprach Arnold jetzt. „Ihr Intereſſe für Euch wird dadurch berdoppelt werden.“ „Theilt mir mit, wie Ihr ſie gefunden habt,“ ent⸗ gegnete Beatrix.„Wenn Ihr morgen zu mir kommen wollt, ſo werdet Ihr mir eine große Freude machen; mein ſtilles Haus würde um einen lieben Gaſt reicher werden.“ „Ich kann Euch nicht verſprechen,“ ſagte Arnold, deſſen männliche Wange leicht erröthete,„daß ich ſobald ſchon ganz über meine Zeit werde verfügen können. Es 79 iſt leicht möglich, daß der König und die Königin in den nächſten Tagen ausſchließlich über meine Perſon gebieten, da ich ſo lange entfernt geweſen bin und Pflichten ver⸗ nachläſſigen mußte, die ich ſonſt als ſehr dringend be⸗ trachtete. Auch das größte Vergnügen muß dieſen nach⸗ ſtehen.“ „So kommt ſobald es ſein kann,“ verſetzte ſie eifri⸗ ger.„Begleitet meine Söhne zu mir oder bringt mir Nachricht von ihnen aus dem Alcazar. Mein Bruder Jacopo wird uns bald verlaſſen; Euer Beſuch wird mir alsdann eine willkommene Tröſtung ſein.“ „So lange wir in Cordova bleiben, will ich mich möglichſt oft bei Euch einſtellen,“ ſagte der Ritter von Viana.„Wenn wir ſpäter dieſe Stadt verlaſſen, ſo muß ich allerdings die Freude Eures Anblickes auf lange Zeit entbehren.“ „Ihr begleitet den Hof, wenn er fortgeht,“ ſagte ſie.„Auch meine Söhne verlaſſen mich dann wieder gänzlich; jetzt beſuchen ſie mich ziemlich häufig. Ich werde dann faſt Alle entbehren müſſen, die mir theuer ſind, und ſehe dieſem Zeitpunkt mit Angſt entgegen. Es iſt eine harte Schickung für mich; Ihr macht ſie mir nicht leich⸗ ter heute, Don Arnold.“ Es klang eine ſo tiefe Wehmuth durch ihre Rede, 80 daß Arnold ſich lebhaft davon bewegt fühlte. Er erwie⸗ derte ihr einige herzliche, aufrichtige Worte und ſtand endlich ſtill, um einen Kuß auf ihre Hand zu drücken. Sie antwortete ihm mit einem warmen Druck, und die Unterhaltung ging eine Weile wie zwiſchen langjährigen Freunden fort. Endlich führte ihr Weg durch einige Wieſen und Kornfelder und dann durch dichte Baum⸗ gruppen, welche den Saum eines Wäldchens bildeten. Als dieſes hinter ihnen lag, breitete ſich ein unregel⸗ mäßiges, durch die Natur gebildetes Rondell vor ihnen aus, welches breitäſtige, theilweiſe dickſtämmige Bäume umgaben. „Hochgelobte Jungfrau, was iſt dies?“ rief plötz⸗ lich Beatrir, indem ihre großen Blicke auf einem Punkte hafteten, der allerdings einen ſolchen Ausdruck des Schreckens rechtfertigen konnte. An dem Stamm einer Eiche war ein Züngling ge⸗ bunden, welcher das ſchwarze Kleid der Studenten von Salamanca trug. Die Stricke waren ſo feſt um ihn und um den knorrigen Stamm geſchlungen, daß er auch nicht ein Glied zu bewegen vermochte. Ein weißes Tuch, welches ihm als Sacktuch gedient haben konnte, war gleichfalls ſo feſt um den unteren Theil ſeines Ge⸗ ſichtes gebunden, daß es ſeinen Mund gänzlich verhüllte. 81 Der oben ſichtbare Theil war dunkelroth, da alles Blut zu ihm hinauf getrieben wurde, der Raſen niedergetre⸗ ten, wie von den Füßen vieler Thiere und Menſchen; auch einzelne kleine Geſträuche waren geknickt. Der Re⸗ gen war auf dieſem Strich Landes weniger heftig ge⸗ weſen, weshalb es möglich wurde, dieſe Einzelheiten deut⸗ lich zu unterſcheiden. Biertes Cnpitel. Bartolvmäv Las Caſas, Fernando Cortez und Amerigo Vespucci. Der Ritter von Viana hatte überraſcht ſein Pferd angehalten und mit dem ſchnellen Blick des geübten Krie⸗ gers den Platz überblickt. Dann rief er: „Hier iſt eine Unthat geſchehen! Gebe Gott, daß wir nicht zu ſpät kommen, um größeren Frevel zu ver⸗ hüten!“ „Don Jacopo,“ fuhr er gegen dieſen gewendet fort, „ſeid ſo gütig, auf einige Augenblicke meine Stelle zu vertreten. Ich will ſelbſt ſehen, wodurch hier Hilfe ge⸗ ſchafft werden kann!“ Er übergab dem Angeredeten den Zügel ſeines bis⸗ her ſo gewiſſenſchaft gelenkten Pferdes, winkte ſeinem Knappen und ging raſch auf den Gefeſſelten zu. Dann zog er den Dolch aus ſeinem Gürtel und durchſchnitt die 83 Stricke und das Tuch, ſo daß dieſer die Freiheit, ſich zu bewegen und zu ſprechen, wiedererlangte. Nun antwor⸗ tete er den wohlwollenden Erkundigungen Arnold's: „Ich heiße Bartolomäo Las Caſas und wollte einen Indianer nach Sevilla bringen, um ihn von dort mit dem nächſten Schiffe heimzuſchicken, welches nach Hiſpaniola abgeht. Ich hatte mich mit ihm einem Zuge von Maul⸗ thieren angeſchloſſen, welcher Waffen und Schießbedarf nach dieſer Stadt transportirte. Der Admiral Don Chriſtobal Colon hatte dieſe Vorräthe für Hiſpanivla verlangt, Don Amerigo Vespucci ſie in Cordova ange⸗ kauft; dieſer Letztere geleitete ſie nun nach Sevilla. Kaum aber hatten wir dieſen Wald erreicht, als etwa ſieben wild ausſehende Männer hervorbrachen und uns ihre gezo⸗ genen Schwerter entgegen hielten. Die Maulthiertreiber entflohen mit dem Schreckensrufe:„Joſe Silva!“— ſo daß Vespucci und ich allein mit den Thieren hier zu⸗ rückblieben.“ „Ha,“ warf Arnold ein,„ich habe geſtern ſchon Manches von dieſem fluchenswerthen Räuber vernom⸗ men!— Vor langen Jahren hauſte er in der Gegend von Toledo dann geſellte er ſich zu den Aufſtändiſchen in den Gebirgen, und nun jener Krieg beendet iſt, hat er ſich in die hier naheliegenden Berge zurückgezogen, um ſeine Beute von friedlichen Reiſenden zu erpreſſen. Ein Raub⸗ 84 anfall in einer Entfernung von nur einer Stunde von der gegenwärtigen Reſidenz der Herrſcher iſt eine dop⸗ pelte Frechheit, die ich nicht erwartet hätte. Die Buben werden das Gewitter benutzt haben, um während ſeiner Schrecken aus den Bergen hervorzubrechen und Euch aufzulauern.“ „Sennor Amerigo und ich verſuchten uns mann⸗ haft zu vertheidigen,“ fuhr der Jüngling fort, deſſen Zunge allmälig geläufiger wurde,„doch ſind wir Beide mehr mit der Feder und mit den Büchern vertraut, als mit der Führung der Waffen. Man beraubte uns bald auch dieſer und band uns an Bäume feſt, um während deſſen ungeſtört die Maulthiere entfernen zu können. Sie trieben mit dieſen auch meinen Indianer hinweg, indem ſie ſagten, daß ſie dieſen für eine beträchtliche Geldſum⸗ me zu verkaufen gedächten. Dann kehrten zwei der Raub⸗ geſellen zurück und entledigten meinen Gefährten ſeiner Feſſeln; auch mit mir wollten ſie Gleiches vornehmen, als wir Stimmen in der Ferne hörten. Sie fürchteten, daß es Bewaffnete ſein könnten, und eilten mit Vespucci hinweg, während ſie mich meinem Schickſal überließen.“ „So ſind alſo,“ ſprach Arnold mit tiefem Ernſte, „außer jener werthvollen Ladung zwei Menſchen in der Gewalt jener Uebelthäter?“ „So iſt es; möge Gott ſie ſchützen,“ antwortete der — 85 Jüngling, über deſſen jetzt erblaßte Wangen eine Thräne rollte. „Hier darf nicht gezaudert werden,“ fuhr Arnold fort,„wir müſſen ihnen ſogleich ihre Beute wieder abja⸗ gen, wenigſtens die Menſchen aus ihren Klauen reißen. Weißt Du den Weg anzugeben, junger Mann, auf wel⸗ chem wir ſie ereilen könnten?“ „Ja, edler Ritter,“ verſetzte Las Caſas. „So verzeiht mir, liebenswürdige Donna,“ fuhr Arnold fort,„wenn ich meine gegen Euch übernommene Pflicht jetzt einem Glücklicheren überlaſſen muß. Don Jacopo, ſeid ſo gütig, die Sennora anſtatt meiner nach Cordova zurückzugeleiten.“ Dieſer brach zum Erſtenmale das tiefe Schweigen, welches er ſeit dem Antritte der gemeinſchaftlichen Wan⸗ derung beobachtet hatte, und ſagte: „Es wird mir mehr als Euch zukommen, edler Don, mich dieſer Beleidigten anzunehmen. Don Amerigo Ves⸗ pucci iſt mir wohl bekannt. Wir waren ſchon vor Jahren Reiſegefährten von Genua herüber, und auch mein Bru⸗ der, der Admiral, verkehrte wegen ſeiner Einſicht und Pünktlichkeit ſtets gern mit ihm. Er hat früher in Flo⸗ renz eifrigen Studien in der Phyſik, Erdbeſchreibung und Aſtronomie obgelegen, iſt ſchon zweimal in der neuen Welt geweſen, und betreibt gegenwärtig ſelbſtändig Han⸗ 86 delsunternehmungen dahin. Dieſer Indianer ſollte den Bord des Schiffes beſteigen, auf dem auch ich abſe⸗ geln werde, und alle dieſe Vorräthe ſind gleichfalls dafür beſtimmt.“ „Ich werde meinen Streifzug deſto lieber unter⸗ nehmen,“ erwiederte Arnold,„wenn damit einiger Nuz⸗ zen für Euch und Euren edlen Bruder verbunden iſt, und wenn ich einem ſo würdigen Manne dadurch Hilfe bringen kann.“ „O nein, Don Arnold!“ rief jetzt Beatrix mit einer an ihr ungewohnten Lebendigkeit.„Laßt meinen Bruder die Räuber verfolgen, denn es iſt ſeine Sache! Es könnte Euch hinterrücks ein heimtückiſcher Dolchſtoß von dieſen Elenden treffen, denn Eure Tapferkeit wird Euch die nothwendige Vorſicht vergeſſen laſſen. Ich will Jacopo ſogleich den Platz auf Eurem guten Roſſe frei machen; dies wird ihn raſch vorwärts und bald wieder zurück zu uns nach Cordova bringen!“ Kaum konnte Jacopo ſchnell genug herzutreten, um Beatrix in ſeinen Armen aufzufangen und ſie auf die Erde niederzulaſſen. Sie ſetzte dann hinzu: „Das Waſſer iſt mehr und mehr abgelaufen. Ich werde nun ohne Beſchwerde nach Cordova gehen können, wenn Ihr mir geſtattet, mich auf Euren Arm zu ſtützen, Don Arnold.“ 87 „Ich muß auf dieſen Beweis Eurer Gunſt ver⸗ zichten, ſo ſchwer es mir auch wird,“ entgegnete dieſer beſtimmt.„Meine Ritterpflicht ruft mich dahin, wo die Bedrängniß am größten iſt, alſo werde ich ſogleich die Räuber verfolgen. Don Jacopo wird Euch zur Seite bleiben, um jede Gefahr von Eurer Perſon fern zu hal⸗ ten, wenn eine ſolche ſich zeigen ſollte. Euer gütiges Anerbieten, mir mein Pferd wieder zur Verfügung zu ſtellen, muß ich annehmen, da ich ſeiner bei der Verfol⸗ gung der Feinde und beim Kampf nothwendig bedarf.“ Pepita war ſchon beim erſten Erblicken des Gebun⸗ denen mit einer raſchen Bewegung von ihrem Pferde geſprungen, von der unwillkürlichen Abſicht beſeelt, hin⸗ zueilen und ihn von ſeinen Banden zu befreien. Die that⸗ kräftige Tochter des Volkes war noch ſtets zum ſchnellen Handeln bereit, wenn dieſes Noth that. Als jedoch der Ritter von Viana ihr zuvorkam, ließ ſie dieſen gewähren und verhielt ſich wie bisher in ſchweigender Zurückhal⸗ tung. Bei den letzten Worten Arnold's warf ſie dem Knappen desſelben einen Blick zu und deutete mit der Hand auf das dieſem gehörige Thier, als wolle ſie ihm damit ſagen, daß der Platz auf dieſem jetzt wieder von ihm benutzt werden könne. Beatrix anſtvolle Stimme nahm indeſſen nochmals die Aufmerkſamkeit der ſämmt⸗ lichen Anweſenden in Anſpruch: 88 „Um aller Heiligen willen, Ritter Arnold, Ihr wollt den Kampf mit ſieben Räubern unternehmen?— Dieſe Uebermacht könnt Ihr nicht beſiegen. Begebt Euch nicht in eine ſolche Gefahr. Ich würde vor Angſt um Euch vergehen! Ihr ſollt, Ihr dürft dieſen Streifzug nicht in ſo geringer Begleitung unternehmen!“ Allein Arnold's tapferer Arm war noch eben ſo kampfbereit wie an jenem Tage, als er mit ſeiner ſchar⸗ fen Lanzenſpitze Boabdil's Hals bedrohte, und wie in jenen heißen Stunden, als er ſie in den Maurenſchlachten vor Granada ſchwang. Mit einem gewaltigen Satze war er auf dem Rücken ſeines Thieres und rief der Dame zu: „Habt keine Sorge, Donna Beatrix! Hoffentlich werden wir bald die beiden Gefangenen befreien und dann durch ſie eine Verſtärkung erlangen— und wenn es nicht wäre— ſo ſind wir drei und werden ſchon den Kampf mit ſieben Räubern beſtehen.“ Auch der Knappe ſaß im Sattel. Arnold fügte hinzu: „Setze Dich hinter ihn, Las Caſas, und rufe mir zu, wenn ich mich vom rechten Wege abwenden ſollte. Laßt uns ſo ſchnell wie möglich vorwärts reiten!“ Las Caſas befand ſich im nächſten Augenblicke hin⸗ ter dem Knappen auf dem zweiten Roſſe, und ſehr bald waren alle Drei auf einem ſeitwärts durch das Dickicht 89 führenden Pfad verſchwunden. Beatrix ſchaute ihnen nach ſo lange es möglich war. Dann eilte ſie plötzlich wie⸗ der in die Kapelle zurück, warf ſich vor dem Heiligen⸗ bilde nieder, erhob die gefalteten Hände und ſprach mit bebender Stimme: „Heiliger Alfonſo, willſt Du Arnold von Viana beſchirmen, daß er unverſehrt heimkehrt, ſo will ich Dir eine geweihte Kerze bringen, zwanzig Armen am nächſten Gründonnerſtage die Füße waſchen, ſie ſpeiſen und neu bekleiden, und Deinen Namen bis in alle Ewigkeit preiſen!“ Sie zog ihre Mantille wieder über das Geſicht und ging ſchweigend an Jacopo's Arm fort, während Pepita ihnen folgte. Hin und wieder entſtiegen ſchwere Seufzer ihrer Bruſt. Einmal nur ſagte ſie halblaut: „Meine Wanderung zu San Alfonſo iſt zu einer harten Bußübung geworden!“ „Ich theile ſie mit Euch,“ ſetzte er dumpf hinzu. Sie langten in der Stadt an. Auf einmal nahm ſie ſchnell das Wort: „Du mußt eilen, Bruder, dem Ritter Bewaffnete hinzuſenden, die ihn im Kampfe unterſtützen können!“ Dies iſt meine Abſicht,“ erwiederte er,„obgleich dieſer Kampf lange beendet ſein wird, ehe ſie bei ihm eintreffen können. Iſt er Sieger geblieben, ſo bedarf er 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IV. 6 90 ihrer Hilfe nicht; wenn nicht— ſo würde ſie auf jeden Fall zu ſpät kommen.“ Beatrix zitterte ſo heftig, daß Jacopo ſie aufrecht halten mußte. Kalt fügte er hinzu: „Wenn Ihr Euch nicht beruhigen wollt, ſo werde ich Euch in das nächſte Haus führen, damit Ihr nicht umſinkt.“ „Habt einige Augenblicke Geduld mit mir,“ ver⸗ ſetzte ſie langſam Athem ſchöpfend.„Ich will mich zu faſſen ſuchen.“ Sie ſtützte ſich mit dem andern Arm auf Pepita und ging weiter, bis ſich das Gitterthor des Hauſes vor ihnen öffnete, welches die Familie Arana bewohnte. Der innere Hof war auch jetzt der Raum, wo ſie ſich in der herannahenden Abendſtunde aufhielt. Beatrix Bruder, Don Pedro, ſaß in der Nähe des plätſchernden Spring⸗ brunnens, neben ihm ſeine beiden Neffen, Diego und Fernando, welche auf einige Stunden den Alcazar ver⸗ laſſen hatten, um ihre Mutter zu beſuchen. Noch ein dritter dunkelhaariger, ſchwarzäugiger Jüngling von ſtol⸗ zer Haltung, angethan mit Mantel, Federhut und Schwert, leiſtete ihnen Geſellſchaft. Beatrix hatte nach der geſtern getroffenen Verabredung ihre Söhne hier zu finden erwartet, doch begrüßte ſie ſie nur mit wenigen Worten und erkundigte ſich kaum nach Fernando's Befin⸗ den, welches ihre beſorgte Mutterliebe ſo lange beſchäf⸗ tigt hatte. Don Pedro nahm ſogleich das Wort, indem er auf den Fremden deutete: „Dieſer junge Hidalgo iſt geſtern aus Eſtremadura hier angelangt und bringt mir Grüße von ſeinem Vater, einem meiner alten Waffengefährten. Fernando Cortez will ſich hier eine Weile aufhalten, um ſich bei irgend einem edlen Ritter im Waffenhandwerk zu vervoll⸗ kommnen.“ Auch Cortez ehrfurchtsvolle Begrüßung erwiederte ſie nur flüchtig und erzählte dann in beflügelten Wor⸗ ten das Vorgegangene. Jacopo erkundigte ſich nach ei⸗ nem Boten, den man ſogleich in den Alcazar ſenden könne, damit Bewaffnete von dort abgingen. Diego Co⸗ lumbus ſagte ſchnell: „Ueberlaß dies mir, Oheim. Don Arnold iſt mein Freund und Beſchützer; ich werde ſeine Krieger am leich⸗ teſten auffinden und will mich ihnen ſodann anſchließen— das heißt, wenn mich nicht der Dienſt der Königin davon abhält.“ „Yhre Erlaubniß einzuholen, würde zu lange Zeit erfordern, wenn Dich nicht irgend ein glücklicher Zufall begünſtigt,“ ſagte Don Pedro,„denn ſie kann leicht mit religiöſen Uebungen beſchäftigt ſein, in denen ſie ſich durch keine Botſchaft irgend einer Art ſtören läßt.“ * 92 „Ich will verſuchen, ob es möglich iſt, meine Bitte zu ihr gelangen zu laſſen,“ ſprach Diego im Begriffe fortzugehen. „Wer ſprengt dort die Straße herauf?“ rief jetzt Beatrix, welche ſich umgewendet hatte. Diego hielt ſeinen flüchtigen Schritt an; Pepita ſtand an der offen geblie⸗ benen Gitterthür und antwortete mit allen Zeichen des Schreckens: „Maria und Joſef!— Es iſt jener Schüler, der mit dem Ritter und ſeinem Knappen davon ritt!“ Beatrir ſtand im nächſten Augenblicke neben ihr und winkte dem Ankommenden. Dieſer erkannte die bei⸗ den Frauen, welche ihre Geſichter enthüllt hatten, und ſprang von ſeinem Pferde. Beatrix ergriff ſeine Hand und zog ihn durch die Thür, während Pepita den Zügel des Pferdes hielt, bis ihn ein Hausdiener ihr abnahm. In den Augen des bleichen Jünglings malte ſich ein gro⸗ ßes Entſetzen, und jede Fiber ſeines ſonſt ſo ſanften, edlen Antlitzes bebte vor grauſenvoller Aufregung. „Was iſt geſchehen? Warum kommſt Du allein und ſobald zurück?“ fragte Beatrir mit zitternder Stimme. „Wir waren nicht lange geritten,“ antwortete er nach Athem ringend,„als wir die beiden Räuber vor uns erblickten, welche vorhin Vespucci fortgeſchleppt 93 hatten. Der Ritter ſpornte ſogleich ſein Pferd gegen ſie; da es aber nicht vollſtändig gepanzert war, ſo erhielt es von dem einen der Raubgeſellen einen Schuß in's Auge. Es ſtürzte zuſammen und riß den Ritter mit ſich nieder, indem es ihn theilweiſe mit ſeinem Körper be⸗ deckte. Der Knappe ſprang von unſerem Roß, um ihm aufzuhelfen, wurde dabei jedoch von dem wohlgezielten Wurf eines Meſſers getroffen, ſo daß auch er zu Boden ſtürzte. Dann verwundete ein zweiter Büchſenſchuß das Haupt des Ritters; das Blut rieſelte von ſeiner Stirn und er ſchloß im Todeskampfe die Augen. Unſere Wider⸗ ſacher kamen ganz nahe heran. Mir blieb nichts Anderes mehr übrig, als mein Pferd zu wenden und die Kunde des Geſchehenen ſo ſchnell wie möglich nach Cordova zu bringen.“ Er hatte halblaut, jedoch ſo raſch geſprochen, als dringe das innere Entſetzen die Worte im Fluge über ſeine Lippen. Nun bekreuzte er ſich und ſetzte noch leiſer hinzu, indem er vor ſich niederblickte: „Möge Gott ſeiner armen Seele gnädig ſein!“ Das Schweigen des Schreckens lagerte während Sekunden auf den Verſammelten. Las Caſas fuhr ort: „Als ich mich noch einmal vor meiner gänzlichen Entfernung umſah, gewahrte ich, daß der eine der Räu⸗ 94 ber den Knappen aufgerichtet und ihm die Hände ge⸗ bunden hatte. Dieſer wird alſo wohl nur verwundet ſein und vielleicht gegen Löſegeld wieder freigelaſſen werden. Aber der Ritter lag am Boden— ohne Zeichen des Le⸗ bens— und ich trage die Schuld ſeines Todes— da ich ihn veranlaßte, ſeinen ſtarken Arm unſerer verlorenen Sache zu weihen!“ „Gott ſandte Dich als einen Boten ſeines Zornes zu uns, unſeliger Knabe! Hätte nie Dein Fuß ſich uns genaht!“ ſtammelte Beatrix, indem ſie auf einen Sitz niederſank. Ihre Züge glichen denjenigen einer Todten. Im nächſten Augenblicke jedoch richtete ſie ſich mit einer äußerſten Kraftanſtrengung wieder auf. Es war, als ver⸗ ſcheuche die höchſte Anſpannung ihres Willens die Nebel der Ohnmacht, welche ſie zu umhüllen begannen, und indem eine düſtere Glut in ihren Blicken leuchtete, rief ſie in einem eigenthümlichen, herzerſchütternden Tone: „Was zaudert Ihr noch? Ihr könnt den treueſten und edelſten Ritter des Hofes von Caſtilien und Arra⸗ gonien nicht wieder in's Leben zurückrufen— ſo eilt we⸗ nigſtens zu ſeiner Leiche, damit ſie nicht noch ferner von Menſchen oder Thieren verunglimpft werde, ſondern in geweihter Erde ihre letzte Ruheſtätte finde!“ Jacopo war nahe zu ihr getreten. Man bemerkte eine unbeſchreibliche Veränderung an ihm. Auch ſein Auge 95 funkelte, ſeine vorher farbloſe Wange war hoch geröthet, und jede ſeiner Mienen und Bewegungen gab eine Auf⸗ geregtheit kund, die einen vollſtändigen Gegenſatz zu ſei⸗ ner früheren Kälte und Gelaſſenheit abgab. Laut rief er: „Sein Blut ſchreit um Rache zum Himmel, Schwe⸗ ſter! Wir wollen unſere Schwerter in die Bruſt dieſer Elenden tauchen. Es ſoll Keiner von ihnen übrig blei⸗ ben, um jemals dieſe Schandthat zu verkünden! Wozu tragen wir unſere Waffen, wenn wir ſie jetzt nicht ge⸗ brauchen wollten?“ Hoch aufgerichtet erfaßte er den Griff ſeines De⸗ gens. Seine ſchlummernde Thatkraft ſchien wieder auf die nämliche Weiſe erwacht zu ſein, wie ſie ſich vor ſeiner erſten Abreiſe nach Weſtindien kund gab. Entſchloſſenheit und Todesverachtung ſprachen aus ſeinem ganzen Weſen. Fernando Cortez rief ihm zu: „Erlaubt mir, mich Euch auf dieſem Streifzuge an⸗ zuſchließen, Sennor! Im Dienſte der Königin, zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau wollen wir unſere Schwerter ziehen!“ „Zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau! Im Dienſte der Königin!“ riefen Diego und Pedro de Arana. „Auch ich will Euch begleiten!“ ſprach Fernando Columbus.„Ich habe ſchon gelernt eine Lanze zu wer⸗ 96 fen und das Schwert zu ſchwingen; ich will mit Euch gegen die Mordgeſellen kämpfen!“ „Dies würde eine Thorheit ſein,“ ſagte Don Pedro ernſt.„Dein Wille iſt gut, Dein Herz muthig, aber Dein Arm ſchwach, Knabe. Er iſt zudem durch Krank⸗ heit gelähmt. Wir würden nur Dich noch außer uns ſelbſt zu vertheidigen haben. Du mußt daheim bleiben.“ Eine Thräne des Unmuthes trat in des Knaben Auge, doch wagte er nicht zu widerſprechen. Fernando Cortez nahm zu ihm gewendet wieder das Wort: „Ich werde anſtatt Deiner gehen. Warte noch ein paar Jahre und gehe dann mit geſunden Gliedern auf Heldenthaten aus, ſo wirſt Du uns Alle verdunkeln können.“ Der Knabe ſchwieg ſchmollend. Sein Bruder Diego hatte nach dem Anhören der Schreckenskunde leiſe einige Reden mit Las Caſas gewechſelt, um genau die Richtung des Weges zu erfahren, welchen die abzuſendenden Be⸗ waffneten einzuſchlagen hätten. Nun rief er tief beküm⸗ mert: „Wird es mir nicht vergönnt ſein, die Kriegsknechte ſelbſt zu führen, ſo kann ich ſie wenigſtens vorausſenden und ſpäter nachfolgen. Auch muß ich ſorgen, daß Donna Elvira rechtzeitig von dieſem Unglück benachrichtigt wird. Möge Gott die edle Frau ſtärken!“ 97 Er eilte fort. Don Pedro war ſchon in's Haus ge⸗ gangen, um ſeinen kriegeriſchen Anzug zu vervollſtändi⸗ gen. Jacopo rief wieder: „Jede Minute iſt zu beklagen, die ungenutzt ver⸗ ſtreicht, ehe wir zu der Leiche des theuren Helden gelan⸗ gen! Vielleicht werden die Räuber ſie fortgeſchleppt ha⸗ ben, um für ſie ein Löſegeld von ſeiner edlen Witwe zu erpreſſen!“ Beatrix ſchauderte. Sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen, als fühle ſie dort einen heftigen, körperlichen Schmerz. Dann verhüllte ſie ſich und murmelte: „Todt— todt— dies iſt zu gräßlich! Gnadenreiche Mutter— die Wolke des Zornes liegt wieder auf Deinem Antlitze— dies iſt ein zu großer Jammer!“— „Es würde zu viele Zeit verſtreichen, wenn wir erſt dieſe Kriegsknechte im Alcazar aufſuchen wollten. Laßt uns ſogleich von hieraus den Weg zur Kapelle einſchla⸗ gen!“ ſprach Jacopo wieder zu Cortez. „Ja,“ erwiederte dieſer,„wir vier werden leicht eine Schaar dieſes Geſindels zu Boden werfen! Kein Pardon für ſie!— Wir machen die ganze Bande nieder und wer⸗ fen Feuer in ihre Schlupfwinkel, auf daß alles Lebendige und alles Todte, was zu ihnen gehört, von der Erde ver⸗ tilgt werde!“ Er ſprach mit einer Entſchiedenheit, welche ſchon 98 jetzt alle jene Kühnheit und Grauſamkeit des Herzens verrieth, durch welche ſich dieſer ſpäter ſo viel genannte Abenteurer in der neuen Welt bekannt machte. Jacopo entfernte ſich auf einige Minuten, um gleichfalls beſſer gewaffnet und gepanzert wiederzukommen, und rief im Abgehen: „In einer Viertelſtunde reiten wir von dieſer Thür fort, Don Fernando Cortez! Tod und Verderben über die Raubmörder!“ „Fluch ihnen! Ich bin in der nächſten Poſada ab⸗ geſtiegen, und gehe dahin zurück, um mit Schild, Helm und Ringkragen, und zu Pferde wiederzukommen!“ rief Cortez zur Antwort, der eilig ſeinen abgelegten Mantel wieder annahm. Las Caſa's anfänglich kundgegebenes Entſetzen war in einen faſt feierlichen Ernſt übergegangen, als er jetzt wieder das Wort nahm: „Dennoch müſſen wir Rechenſchaft ablegen von jedem Tropfen Blut, der durch unſere Hand vergoſſen wird. Mögen die Uebelthäter ihre Strafe finden, doch ſchonen wir die weniger Schuldigen, ihre Weiber und Kinder. Man wird ſie gefangen halten und beſſern können.“ Cortez antwortete ihm nicht, ſondern verließ mit einem flüchtigen Gruß gegen Donna Beatrix das Haus. 99 Dieſe ging ſchweigend die Treppe zu ihren Gemächern hinan. Ihr Sohn Fernando brachte ihr bald darauf die Nachricht, daß die Männer mit noch einigen Dienern fortgeritten ſeien. Als dieſe Cordova hinter ſich gelaſſen hatten, gebot Don Pedro, daß man erſt einige Erkundigungen in der Gegend einziehen ſolle, um über die Schlupfwinkel und die Anzahl der Räuber Näheres zu erfahren. Seine jüngeren Begleiter mußten ſich wenn auch ungern ſeinem Willen fügen. Beſonders Jacopo zeigte fortwährend eine fiebriſche Haſt, um den endlichen Zweck ihrer Unterneh⸗ mung zu erreichen. Bald rief er, daß man die Pferde mehr antreiben müſſe, bald, daß man ſchneller zum Ziel gelange, wenn man einen unwegſamen Seitenpfad ein⸗ ſchlage. Dann wieder glaubte er dunkle Geſtalten zwi⸗ ſchen den Bäumen oder hinter den Hecken zu erblicken, und ſchwang ſeine Lanze, um ſie damit tödlich zu treffen. Don Pedro wollte aber nur Las Caſas' Führung folgen, wel⸗ cher die Spur der Vermißten am leichteſten wieder fin⸗ den würde. Endlich gelangten ſie zu dem Punkte, auf welchem Arnold dem feindlichen Geſchoß erlag; doch war weder von ihm, noch von ſeinem Pferde, noch von ſeinem Knappen irgend etwas zu erblicken. Sie drangen alſo weiter gegen die Berge vor, und indem ſie den Wald verließen, dehnte ſich der ziemlich breite Pfad aufwärts gehend vor ihnen aus. Auf dieſem nahte ſich ein langer Zug von Maulthieren, welche nach der Weiſe des Landes eine bedeutende Laſt in Körben auf ihren Rücken trugen. Ihre Treiber ſchritten neben ihnen her. Etwa zehn Be⸗ waffnete gingen ihnen voraus; an ihrer Spitze hoch zu Roß der ſo viel beklagte, todtgeglaubte Arnold von Via⸗ na.— Die von Cordova Anlangenden hielten ihre Roſſe an, indem ſie für den Augenblick ihre Gedanken in ein ernſtes Schweigen hüllten. Endlich ſagte Don Pedro zu Jacopo gewendet: „Iſt dies Zauberei oder Wirklichkeit? Können die Todten nach wenigen Stunden wieder lebend vor uns treten, wieder in die Hülle zurückkehren, die ihre Seele ſchon verlaſſen hatte?“ „Faſt ſcheint es ſo,“ antwortete der Angeredete dumpf,„und wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo gehen in der Mitte der Bewaffneten einige Gefangene, deren Hände auf dem Rücken gebunden ſind. Wenigſtens glauben meine Augen auch dies zu gewahren.“ Bartolomäo Las Caſas machte jedoch dieſem zwei⸗ felnden Staunen ein Ende. Mit einem hellen Freuden⸗ ſchrei ritt er den Uebrigen voran und ſchüttelte bald die Hände Arnold's und eines zweiten Mannes, der noch nicht fünfzig Jahre alt ſein konnte. „Edler Ritter— Sennor Amerigo— wie iſt dies 101 Wunder zu erklären? Ihr lebt, ſeid gerettet, habt die Räuber beſiegt— und ich verließ Euch gefangen und todt— iſt Euch ein Beiſtand aus der Höhe der Himmel in der Stunde der größten Noth geworden?“ „So mußte es wohl ſein,“ verſetzte Arnold,„denn ſchnelle Hilfe kam unverhofft genug für uns.“ Sein Angeſicht war etwas bläſſer als gewöhnlich, ſeine Stirn mit einem Tuche umwunden. Sonſt bemerkte man keine Veränderung an ihm und er ſaß ſo ſtolz und kühn auf ſeinem Roſſe wie vor einigen Stunden, als er vor der Kapelle des heiligen Alfonſo hielt. Nun trat ein Mann aus der Reihe der Fußgänger hervor und kniete im nächſten Augenblicke neben Las Caſas Pferde. Es war ein brauner Sohn Weſtindiens, den Las Caſas, der ſchon in ſeinen Jünglingsjahren der edle Freund der unterdrückten Indianer war, von dem Matroſen Ber⸗ meho gekauft, ihn mit ſich nach Cordova genommen und ihn dort während einiger Wochen im Chriſtenthum unter⸗ richtet hatte. Ein lauter Freuderuf entfloh auch den Lip⸗ pen des Weſtindiers. Las Caſas beugte ſich herunter, während eine Thräne über ſeine Wangen rann, und reichte dem Knienden ſeine Hand, welche dieſer mit allen Zeichen der innigſten Anhänglichkeit mit Küßen bedeckte. „Auch Du, Juan— Gott ſei gelobt in Ewigkeit— auch Du D der große Geiſt über den Wolken hat Dich 102 gnädig beſchützt und Dir zum zweitenmale die Freiheit geſchenkt!“ ſprach Las Caſas im Tone tiefſter Rührung. Der Angeredete deutete nun auf eine aus einigen dünnen Baumſtämmen eilig gefertigte Tragbahre. Ein entſeelter, mit einem dunkeln Mantel bedeckter, menſch⸗ licher Körper lag darauf. Las Caſas wandte den fragen⸗ den Blick auf Amerigo Vespucci, welcher neben ihm hielt. Dieſer antwortete: „Es iſt der wilde Räuber Joſe Silva, den die ta⸗ pfere Hand des edlen Ritters Don Arnold von Viana erlegt hat. Die noch lebenden Gefangenen ſind ſeine Spießgeſellen, welche ſich uns ergaben, als ihr Haupt⸗ mann gefallen war.“ Arnold hatte während deſſen die übrigen Männer begrüßt und ſagte jetzt heiter: „Ich hoffe, Don Jacopo, daß Ihr meine Stelle bei der Donna Beatrix gut ausgefüllt und ſie ungefährdet nach Cordova geleitet habt?“ „Sie iſt wohlbehalten wieder in ihrem Hauſe an⸗ gelangt,“ antwortete Jacopo, deſſen faſt wilde Aufregung jetzt wieder ſeiner früher gezeigten Ruhe Platz gemacht hatte. „Die Wanderung auf der feuchten Erde wird ihr doch nicht geſchadet haben?“ fragte Arnold weiter. 103 * „Ich denke nicht,“ erwiederte Jacopo mit gleicher Gelaſſenheit. „Aber wie iſt es Euch möglich geweſen, edler Don,“ fragte Don Pedro noch immer im Tone des höchſten Staunens,„wieder von den Todten aufzuerſtehen?— Dieſer junge Mann, der ſich Las Caſas nennt, erzählte uns, daß er Euch als Leiche auf dem Wege liegend ver⸗ laſſen habe?“ „Der Anſchein beſtätigte allerdings ſeine Voraus⸗ ſetzung,“ ſprach Arnold.„Es war mir unmöglich, mich wieder unter meinem Pferde hervorzuarbeiten, beſonders, da mich der Sturz etwas betäubt hatte. Die mir von dem einen Schurken geſandte Kugel ſtreifte nur meinen Kopf, doch vermehrte dieſe leichte Wunde meine Betäu⸗ bung ſo ſehr, daß ſie in völlige Bewußtloſigkeit überging. Nach einer Weile kehrte ich in's Leben zurück und bemerkte einige Männer, welche um mich beſchäftigt waren. Sie hatten mich unter meinem todten Pferde hervorgezogen und wollten ſich meines Helmes, meiner Waffen und Kleider bemächtigen. Es waren einige der Maulthiertrei⸗ ber, welche ſich verborgen gehalten und welche jetzt herzu eilten, da es nach der ſchnellen Entfernung der Räuber auf dem Kampfplatze ganz ruhig geworden war, um ſich einige Vortheile für den Verluſt ihrer Maulthiere wieder zu verſchaffen. Sie ſtanden mir auf meine Bitten ſogleich 104 hilfreich bei, ſo daß ich mich aufrichten und meine leichte Stirnwunde verbinden konnte. Wir kehrten auf die früher verlaſſene Landſtraße zurück. Da gewahrte ich in der Ferne einige Schweizer Lanzknechte, welche von Granada nach Cordova zum Könige beordert waren. Es gelang mir, ſie mit meinem Helmbuſche herbei zu winken. Ich fand in den Meiſten von ihnen alte Waffengefährten, und ſehr bald willigten ſie ein, mich in die Berge zu begleiten. Die Maulthiertreiber zeigten uns einen kürzeren Neben⸗ pfad, der uns ſchneller zu der eigentlichen Niederlaſſung der Räuber führte. Dieſe hatten hier den Indianer, meinen Knappen und den Sennor Amerigo Vespucci eben ſo an Bäume feſtgebunden, wie vorhin den jungen Studenten, während ſie ſämmtlich in einiger Entfernung beſchäftigt waren, ihren Raub von dem Rücken der Maul⸗ thiere in eine nahe gelegene Höhle zu bringen. Es gelang mir, mit einigen raſchen Schwerthieben die Bande der drei Gefeſſelten zu zerſchneiden, worauf wir in dem Kampfe mit den Räubern leichtes Spiel hatten, da ſie durch unſere Ankunft überraſcht wurden. Meine Schwei⸗ zer Waffengefährten hatten mich mit Schild und Lanze verſehen, ſo daß ich beſſer geſchützt und bewehrt war als zuvor; auch konnte ich Sennor Amerigo's Pferd benutzen, welches nicht weit von ihm ruhig im Graſe weidete.“ „Spanien und San Jago! war der laute Ruf,“ 105 fuhr Amerigo Vespucei fort, als Arnold einen Augenblick inne hielt,„mit welchem der edle Ritter an der Spitze ſeiner Schweizer auf die Räuber einſtürmte. Joſe Silva warf ſich ihm entgegen; der Kampf war hartnäckig, je⸗ doch hatte die Verſchlagenheit und Kühnheit dieſes ruch⸗ loſen Häuptlings an dieſem tapferen Ritter ihren Mei⸗ ſter gefunden. Er ſtürzte endlich fluchend zu Boden, um nicht wieder aufzuſtehen. Don Arnold beſiegte noch zwei ſeiner Helfershelfer, während die Schweizer den Kampf mit den Uebrigen beendeten. Dieſer tapferen Schaar und dem Heldenmuthe ihres Führes verdanken wir unſere Errettung und Befreiung.“ Fernando Cortez hatte ſich von ſeinem Pferde ge⸗ ſchwungen, trat nun dicht vor Arnold, und indem er die Spitze ſeines Schwertes bis zur Erde neigte, ſagte er: „Herr Ritter von Viana! Ich zog aus, um Euren od zu rächen, und ſehe jetzt auf's Neue, einen wie gro⸗ ßen Werth Euer Leben für Caſtilien und Arragonien hat. öge es mir vergönnt ſein, dem hohen Vorbilde nach⸗ zueifern, welches Ihr uns in der Fülle großer Thaten immer wieder auf's Neue hinſtellt.“ „Ihr habt den Vortheil vor mir voraus,“ ſagte Arnold mit jenem heiteren Freimuth, der ihm als Mann wie als Jüngling eigen war,„daß die neue ſowohl wie die alte Welt der Schauplatz Eurer zukünftigen Thaten 7 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit W. 106 ſein kann. Ich bin mit den meinigen auf Europa be⸗ ſchränkt, da meine Verhältniſſe mich in Spanien feſſeln. Ihr könnt mich alſo leicht überflügeln.“ „Die Maulthiertreiber geſellten ſich wahrſcheinlich ſehr bald wieder zu Euch, als die Gefahr vorüber war?“ fragte der Ritter von Arana gegen Amerigo gewendet. Dieſer richtete ſein intelligentes Geſicht mit einem feinen Lächeln auf den Fragenden und ſagte: „Sogleich, denn ſie wünſchten weder ihre Maul⸗ thiere noch die Dublonen zu verlieren, die ich ihnen für den Transport meiner Waaren bewilligt hatte. Nur ihr galt ihnen noch mehr als ihre Thiere und mein eld.“ „So waren ſie mit den Räubern im Einverſtänd⸗ niſſe geweſen, wie es ſo oft hier bei den Leuten aus dem Volke der Fall iſt?“ fragte Arana weiter. „Dies will ich nicht behaupten,“ verſetzte Vespucci, „doch ſind ſie nicht gewohnt, ihnen den mindeſten Wi⸗ derſtand entgegen zu ſetzen. Sehr bald ſchafften ſie die theilweiſe ſchon abgeladenen Vorräthe wieder auf den Rücken ihrer Thiere, und ſo konnten wir alſo mit dem, den Uebelthätern wieder abgejagten Raube, und mit ihnen ſelbſt den Heimweg antreten.“ „Befanden ſich keine Frauen und Kinder bei dem Haufen?“ fragte Jacopo. 107 „Allerdings; auch einige Gitanas,“ verſetzte Ame⸗ rigo. „Elendes Heidengeſindel!“ ſprach Don Pedro ver⸗ ächtlich. „Der Ritter von Viana ſchenkte ihnen das Leben und die Freiheit,“ fuhr Amerigo fort. „Wir haben nicht gegen Unbewaffnete und Unmün⸗ dige gefochten,“ verſetzte dieſer.„Die Sonne iſt ihre Freude, die Ungebundenheit ihr Bedürfniß, der Wald ihre Heimath. Mögen ſie in dieſem bleiben, da ſie in den Städten ſtets nur ein verfehltes, elendes, bedrücktes Le⸗ ben führen würden. Ihre Männer muß ich dem Arme der Gerechtigkeit überliefern, da ſie fernerhin nicht fried⸗ lichen Reiſenden Gefahr bringen dürfen. Die weniger Schuldigen werden mit einigen Jahren Gefängniß davon kommen und dann zu ihren Weibern und Kindern zurück⸗ kehren können.“ „Jeder Reiſende iſt Euch hinführo zum Dank ver⸗ pflichtet, wenn er dieſes Weges zieht, edler Ritter,“ ſagte Vespueci,„denn nur ſelten wird ein Arm ſo tapfer und ſo kampfbereit ſein wie der Eurige. Ich ſelbſt werde ſchwerlich jemals anders als zu meiner eigenen Verthei⸗ digung mein Schwert ziehen. Der Durſt nach großen Thaten verzehrt mich nicht. Das friedliche Studium der Welt und die Forſchungen der Wiſſenſchaft ſind meine 108 Freude, die geſchäftliche Thätigkeit iſt mein Lebenszweck. Wenn ich jemals Lorbeeren erringe, ſo wird dies nur durch Studium, durch Menſchen⸗ und Länderbeobachtung, und durch meine Feder gelingen, welche die Früchte von allem dieſem meinen Zeitgenoſſen mittheilt.“ „Aus einem kühnen und geſcheidten Handelsmanne und aus einem fleißigen Geographen kann ein eben ſo berühmter Menſch werden, wie aus einem waffengeübten Ritter,“ ſprach Arnold lächelnd.„Alles kommt nur auf Umſtände und Verhältniſſe an.“— Man kam nun überein, daß Vespucci mit ſeinem Transport den Weg nach Sevilla verfolgen ſolle, wäh⸗ rend die Uebrigen denjenigen nach Cordova einſchlagen wollten. Fernando Cortez wünſchte den Erſtern zu ge⸗ leiten; auch Las Caſas ſchloß ſich ihm mit ſeinem In⸗ dianer an. Arnold beſtand jedoch darauf, daß auch die Hälfte der Schweizer ſie begleiten ſolle, um ie vor jeder auf dem ferneren Wege etwa möglichen Behelligung zu ſchützen. Er übernahm es dabei, es bei dem Könige zu verantworten, daß heute nur die eine Hälfte des Schwei⸗ zertrupps in Cordova anlange. Vespucci ruhte nicht, bis er von ihm das Verſprechen erhalten hatte, daß er ſein Pferd bis Cordova behalten wolle, wogegen er ſelbſt eins der ledig nebenher gehenden Maulthiere beſtieg. Der Punkt, auf dem ſich die Wege nach beiden Städten 109 trennten, lag bald vor ihnen und Arnold reichte Ves⸗ pucci ſeine Hand zum Abſchied. Dieſer erwiederte ihm noch einige warme Dankesworte. Las Caſas wendete ſich an Jacopo Columbus: „Darf ich Euch meinen Indianer ganz beſonders anempfehlen, Don Jacopo Colon?— Er wird ſich an Bord des nämlichen Schiffes begeben, mit dem auch Ihr in die neue Welt abgehen wollt. Er kann Euch dert als Dollmetſcher erhebliche Dienſte leiſten.“ „Wir werden ihn gebrauchen können,“ ſprach der Angeredete.„Ich will ihn dem Admiral zuführen.“ „Wollt Ihr ſeine Schwäche und Unwiſſenheit be⸗ ſchützen und belehren, ihn zu einem guten und ver⸗ ſtändigen Menſchen erziehen, wollt Ihr ihm ſo zur Seite ſtehen, wie ich es hier in Europa gethan habe?“ fragte Las Caſas mit einem edlen Feuer. „Verlaßt Euch darauf,“ verſetzte Jacopo beſtimmt; „ich werde ſo an ihm handeln, daß es Gott und Men⸗ ſchen wohlgefällig iſt.“ „Gottes Segen werde Euch dafür, edler Don!“ rief Bartolomäo Las Caſas, ſeine Hand ergreifend. „Wenn ich Euch nicht in Sevilla wieder ſehen ſollte, ſo ich dies Euer letztes Wort in meinem Herzen be⸗ alten.“ Thut dies,“ ſagte Jacopo ſo ernſt und eintönig wie zuvor. 110 Der Zug hatte ſich bald getrennt. Arnold ritt in der Mitte Jacopo's und Don Pedro's, gefolgt von einem Theil ſeiner Schweizer und ihren Gefangenen, gen Cor⸗ dova, und bald war die ganze Reihe der Maulthiere, ihrer Treiber und der ſie begleitenden Reiſenden ihren Augen entſchwunden. Ohne jede weitere Gefährde hatten ſie die Hälfte ihres Weges zurückgelegt, als ihnen jene Reiter entgegen kamen, welche Diego Columbus ſeinen Oheimen zum Beiſtande für den Ritter von Viana nach⸗ ſenden wollte. Er ſelbſt hatte, wie Don Pedro ihm dies vorausſagte, noch nicht in die Nähe der Königin gelangen können, um ihre Erlaubniß zu einer längeren Abweſen⸗ heit zu erhalten, und mußte daher einſtweilen zurückblei⸗ ben. Arnold ſah alſo ſein Gefolge um eine ſtattliche Reihe vermehrt, und trennte ſich von dieſem erſt, als er in einen der ſeitwärts gelegenen Höfe des Alcazars einritt. Er befahl den Schweizern, die Gefangenen in enge Haft zu bringen. Hierauf verabſchiedeten Don Pedro und Jacopo ſich von ihm, wobei der Ritter von Viana nicht erman⸗ gelte, ihnen ſeine warme Erkenntlichkeit für den Eifer, mit dem ſie ihn in ſeiner anſcheinend ſo mißlichen Lage aufſuchten, auszuſprechen. Fünftes Capitel. Das Halsband. Beatrix verbrachte die nächſte Stunde nach der Ent⸗ fernung Jacopo's und ſeiner Begleiter in ungeſtörter Ein⸗ ſamkeit. Das Haupt verhüllt hatte ſie ſich auf eine Otto⸗ mane zurückgelegt; ihre gramvollen Gedanken irrten zu⸗ rück in die Vergangenheit und hafteten wieder auf jenen dunkeln Tagen, in denen ſie ihr irdiſches Glück begraben wähnte Nach ihrer Verheirathung mit Columbus hatte ſie gehofft, daß die bevorſtehende Geburt ihres Sohnes Fer⸗ nando einen erfreulichen Wendepunkt ihres Schickſals bilden wirde. Ihre Mutter war nicht mehr; ſie wollte ihrem in feindſeliger Entfernung von ihnen lebenden Vater ſeinin Enkel bringen, und ihn durch die zärtlichſte Bitte bewegen, ihr und ihrem Gatten ihre heimlich, ohne ſeine Einwiligung geſchloſſene Heirath zu verzeihen. So 112 innig auch ihre Liebe zu Columbus war, ſo ſtellten ſich dennoch Stunden tiefer Bekümmerniß über die Störung ihrer Familienverhältniſſe bei ihr ein, nachdem die glü⸗ hende Leidenſchaft der erſten Zeit ihrer Ehe in eine ruhi⸗ gere Zuneigung übergegangen war, die der lange unter⸗ drückten, ernſteren Ueberlegung Raum ließ. Mit dieſer trat die für einige Zeit zurückgedrängte, ehrfurchtsvolle Liebe zu ihrem Vater wieder deſto lebhafter hervor. Spa⸗ nien war das Land, in welchem Leidenſchaft und Fröm⸗ migkeit Hand in Hand gingen. Ihre religiöſen Begriffe ſtanden in keiner Hinſicht über denjenigen ihres Zeitalters, wenn gleich die liebenswürdige Sanftmuth ihres innern Weſens vor den grauſamen Aeßerungen des dameligen Glaubenseifers zurückſchreckte und lieber entſchuldigte und verzieh, als verfolgte. Die erhaltene Abſolution vermochte ihre inneren Zweifel nicht mehr ganz zu beſchwichtigen. Die Sehnſucht nach einer vollſtändigen Ausſöhnung mit ihrer Familie, der Wunſch, den früher beſeſſenen Platz im Herzen ihres Vaters wieder einzunehmen, wurden allmälich ſo lebhaft in ihr, daß die Stärke dieſer Gefühle denjenigen gleichkam, welche ſie für ihren Getten em⸗ pfand. Neben ihnen lebte die anbetende Verehrung der Jungfrau Maria als eine ſo heilige Pflicht in ihr, daß ſie— ganz mit ihrem Denken und Fühlen verſchwiſtert— für ſie zur Lebensbedingung wurde. Nun überließ ſie 113 ſich dem Glauben, daß ſie ſie in ihrer gegenwärtigen Lage am beſten verſtehen, gleichſam eine ſchützende Mittlerin zwiſchen ihr und den Bekümmerniſſen der Erde ſein müſſe. Der Glaube ruft Wunder vom Himmel hernieder; demzufolge brachte dieſe täglich wiederkehrende Gedan⸗ kenrichtung ſie zu der Vorausſetzung, daß ſie in einer unmittelbaren Verbindung mit der Himmelskönigin ſtehe, und daß dieſe ihr ein Zeichen ihrer beſondern Gnade kund thun würde, wenn die Zeit der Verſöhnung, des wieder⸗ herzuſtellenden Familienfriedens für ſie gekommen ſei. Häufiger noch als ſonſt begab ſich nun Beatrix in die Stiftskirche von Cordova, lag ſtundenlang auf ihren Knieen vor dem Bilde der Gebenedeiten, und ſprach im heißen Gebete ihre Wünſche und ihre Befürchtungen, ihre Hoöff⸗ nungen und ihre Bekümmerniſſe vor ihr aus. Da traf ſie plötzlich unvorbereitet die Nachricht von dem Tode ihres älteſten Vruders, den ein jäher Sturz mit dem Pferde herbeigeführt hatte; der Schreck darüber hatte ihrem Vater einen Schlagfluß zugezogen, der ihn in weni⸗ gen Stunden ſeinem Sohne nachfolgen ließ. Er war un⸗ verſöhnt geſtorben, hatte mit keinem Worte nach ſeiner einzigen Tochter verlangt, die er ſeit einem Jahre nicht geſehen, hatte nicht die bittere Zornesworte widerrufen, die er nach ihrer Entfernung von ihm über ſie geäußert hatte!— Wie bei allen mehr oder minder bedeutenden 114 Lebensereigniſſen, ſo eilte Beatrix auch jetzt zum Altare der Gottesmutter, um mit heißen Thränen ihren Kum⸗ mer vor ihr auszuſchütten. Aber ein düſterer Schatten lagerte auf dem Antlitze, welches ſie ſonſt von der Glorie des Himmels umſtrahlt geſehen hatte; ſie wähnte Zorn und Verachtung darin zu leſen; das ſtrenge auf ſie ge⸗ richtete Auge ſchien ihr zu künden, daß ſie jetzt, ſpät aber ſicher, die Strafe für ihren kindlichen Ungehorſam treffe. Anſtalt des gehofften Troſtes trug Beatrir von dieſem Gange nur eine tiefere Zerknirrſchung nach heim. So ſehr ſie ſich ſelbſt bis dahin in ihrem Innern entſchul⸗ digte hatte, ſo groß fand ſie nun ihr Vergehen. Ihre rückſichtsloſe aufopfernde Liebe zu dem fremden Seefah⸗ rer kam ihr nun wie ein Frevel vor, den nur die Buße eines ganzen Lebens ſühnen könne. Die Geburt ihres Sohnes ſtimmte ſie nicht milder gegen ſich ſelbſt; ihre unnachlaſſenden Gewiſſensſerupel verdunkelten endlich auch die Vorzüge ihres Gatten für ſie, den ſie als den Theil⸗ nehmer ihrer Schuld betrachten mußte. Eine faſt feind⸗ ſelige Entfremdung trat an die Stelle ihrer früheren Anhänglichkeit an ihn, und ſie legte bei ihrem erſten Kirch⸗ gange nach ihrer Geneſung zu den Füßen der Gottesmut⸗ ter das Gelübde ab, daß ſie ihre jugendliche Uebereilung durch eine freiwillige Trennung von dem Gegenſtande ihrer heißen Neigung wieder gut machen und dabei hin⸗ 115 fort jedem eiteln irdiſchen Prunk entſagen wolle. Ihr zärtliches Muttergefühl trieb ſie, die erſte Erziehung ihres Sohnes ſelbſt zu überwachen; dies Band bewies ſich ſtark genug, um ſie in der Welt zurückzuhalten, doch beobachtete ſie unveränderlich eine Einfachheit und Zurückgezogenheit in ihr, die nicht weit von klöſterlicher Regel war. Hätten es die Umſtände geſtattet, daß Columbus ſeiner jungen Gattin mit ſeiner reiferen Erfahrung, mit ſeiner gehaltvollen Liebe dauernd zur Seite geblieben wäre, ſo würde vielleicht ihr beruhigender Einfluß ihren geſtörten Seelenfrieden hergeſtellt und ihre frühere Sym⸗ pathie für ihn wieder erweckt haben. Währendſeiner langen Abweſenheiten aber befeſtigte ſich ihre ſchwärmeri⸗ ſche, religiöſe Richtung noch mehr, wenn gleich die Weich⸗ heit ihres Charakters ſie auch jetzt vor Fanatismus be⸗ wahrte, doch gingen ihre Gefühle gegen ihn in Gleich⸗ giltigkeit über; dieſe mußte das ernſte Gebot der Fflicht zu Hilfe rufen, um ihm bei ſeinen kurzen Anweſenheiten wenigſtens nicht durchaus unfreundlich entgegen zu treten. Er blieb ſtets für ſie Derjenige, um deſſen willen ſie die Qual ihrer innern Kämpfe auszuhalten hatte; auch als ſpäter die Herzensgüte und brüderliche Liebe Pedro's ihr die Hand zur Verſöhnung reichte, als er ihr die Stelle wieder einräumte, die ſie früher in dem Hauſe ihres Vaters eingenommen hatte, ſogar als er ſich auch mit 116 Columbus gänzlich ausſöhnte, war ihr ſtets die Abwe⸗ ſenheit des Letzteren lieber als ſeine Gegenwart. Nur durch ihre bleibende Entfernung von ihm glaubte ſie die Gnade der Himmelskönigin ferner zu verdienen.— Jacopo's ſo auffallend kund gegebene Zuneigung hatte ſie wenig berührt; er war für ſie nur ein nahe ſtehender Verwandter, dem ſie mit ruhiger Seele alles Gute wünſchte, das ihm werden konnte. Sie ſah ihn nie ohne ſchmerzliche Erſchütterung ſcheiden, da ſeine lei⸗ denſchaftliche Aufregung ſie ſtets peinlich berührte, und begrüßte ihn nach der langen Abweſenheit wie einen Bru⸗ der, deſſen Entfernung ſie als für ihn ſelbſt heilſam be⸗ trachten mußte, den ſie aber gern wieder ſah, da ihn eine höhere Fügung ihr ohne ihr Zuthun wieder zuführte. Seine oftmalige Geſellſchaft ließ ſie ſich dann ohne Sträuben gefallen, wenn ſie ſich auch oft dadurch weder erquickt noch harmoniſch berührt fühlte. Ganz anders waren ihre Empfindungen bei der Begegnung mit Ar⸗ nold von Viana. Ein Wetterſtrahl erleuchtete plötzlich ihre Seele und zündete jene Flamme wieder an, die ſeit ſo langen Jahren in ihr erloſchen war. Sie liebte wieder wie damals: plötzlich, allen Verhältniſſen zum Trotz, rückhaltlos, mit aller jener Hingebung, die ein Haupt⸗ zug ihres Charakters war, unegviſtiſch und feurig. Wie⸗ der war es ein edler, hochherziger und ausgezeichneter 117 Mann, zu dem ſie allgewaltig die innere Stimme zog; wieder trat die ernſte Mahnung der Fflicht dazwiſchen— und abermals war es das Bleigewicht des Unglücks, das Entſetzen des Todes, welches ſich dieſer ihrer zwei⸗ ten zärtlichen Leidenſchaft noch ſchneller als der erſten zugeſellte. Dann wieder weilten ihre Gedanken bei Elvira, welche ihr noch beklagenswerther als ſie ſelbſt vorkam. Oft genug hatte ſie durch ihre Söhne von ihr gehört. Sie, die dieſen edlen Mann ſo lange beſeſſen, mußte noch härter durch ſeinen unerwarteten und ſchrecklichen Tod betroffen werden. Stets hatte Beatrix eine An⸗ näherung an dieſe Beſchützerin ihrer Söhne vermieden, als ſie ſie von Glück und Ehre umgeben wußte, denn ſie wollte auch der edelſten Trägerin weltlicher Größe fern bleiben. Nun aber, da ſie gleich ihr vom Kummer gebeugt war, da dieſer Kummer der Trennung von dem Manne galt, der auch ihr ſo theuer geworden war, trieb ein heißes Verlangen ſie ſympathetiſch zu ihr. Wieder trat ſie— wie einige Male früher— aus der ruhigen Milde ihres gewohnten Weſens heraus, und folgte, jedes kleinliche Bedenken verſchmähend, der laut redenden Stimme ihres Innern. Als ihr Sohn Fernando zu ihr trat, um Abſchied von ihr zu nehmen, da die Stunde nahe, bis zu welcher er in den königlichen Palaſt zurück⸗ 118 kehren müſſe, erwiederte ſie ihm, daß ſie ihn dahin be⸗ gleiten wolle. Nur ein einziger Diener ſollte ihnen fol⸗ gen. Sie wollte jede ſtörende Formalität umgehen und ohne fremde Zeugen bei der Freundin ihres Sohnes er⸗ ſcheinen. Zum erſten Male erwog ſie, daß die Gemahlin des indiſchen Vicekönigs ſich der Nichte Ferdinand's von Arragonien auf dem Fuße der Gleichheit nähern dürfe, da Columbus ein Freund von ihr war. Allerdings konnte ſie ſich keiner beſſeren Führung als derjenigen Fernando's, ſowohl auf dem kurzen Wege zum Alcazar, wie auch in dieſem ſelbſt anvertrauen. Der junge Edel⸗ knabe verkehrte zu jeder Tageszeit mit der Donna Elvira von Viana, und daher ließen ihn auch jetzt die Traban⸗ ten und Leibwächter ungehindert paſſiren, indem ſie an⸗ nahmen, daß die ihm folgende verſchleierte Dame eine der im Palaſte anweſenden Frauen ſei, welche er auch zu den Gemächern ſeiner edlen Beſchützerin geleite.— Diego Columbus hatte nur dem Hauptmann der Kriegsknechte, die gegen die Räuber ziehen ſollten, den vermeintlichen Tod des Ritters von Viana mitgetheilt. Er wünſchte nicht, daß das Gerücht davon ſich im Palaſt verbreite, ehe er ſelbſt die Gemahlin des Gefallenen ſchonend davon unterrichtet habe. Er fand ſie indeſſen nicht in ihren Gemächern, und mußte daher die Ausfüh⸗ rung ſeiner Abſicht auſſchieben. So leicht er ſonſt die 119 Gewährung einer einfachen Bitte von der Königin er⸗ langt hatte, ſo viele Schwierigkeiten boten ſich ihm jetzt dabei. Es war der deutlichſte Beweis, daß die Gunſt der Herrſcher den Colons nicht mehr zugeneigt ſei, da kein einziger der dienſtthuenden Hofbeamten ſich willig finden ließ, ſeinen Wunſch einer einſtweiligen Beurlaubung auch nur vor der Königin auszuſprechen. Man erinnerte ihn mit kurzen, trockenen Worten, daß die Reihe an ihn ge⸗ kommen ſei, für die nächſten Stunden ſich in den Vor⸗ zimmern im Dienſte Iſabella's aufzuhalten. Er mußte alſo dieſer ſtrengen Weiſung Folge leiſten, indem er ſich damit tröſtete, daß Donna Elvira ſich wahrſcheinlich in den inneren Gemächern der Königin bei dieſer befinde, und alſo nichts von dem Vorgefallenen erfahren würde, bis er ſelbſt es ihr in einer ſpäteren Stunde mitthei⸗ len könne.— Auch Fernando und ſeine Mutter fanden die Geſuchte nicht in ihren Gemächern. Erſt als ſie aus dieſen in jenes Gärtchen traten, zu welchem ſie ſchon frü⸗ her Don Gonſalvo und Columbus führte, erblickten ſie Donna Elvira einſam auf einer ſteinernen Bank ſitzend, indem ſie gedankenvoll ihre Augen auf den plätſchernden Springbrunnen richtete, deſſen hochaufſprudelnder Strahl auch hier nicht fehlte. Der Knabe ſprach mit einer Schüchternheit, die man ſonſt nicht an ihm kannte: „Ich bringe Euch Jemanden, der den innigſten 120 Wunſch hegt, Euch ſeine Theilnahme auszuſprechen, edle Donna. Ich habe Euch oft von meiner Mutter erzählt, und Ihr wünſchtet längſt ſie kennen zu lernen. Sie iſt hier und bittet Euch um die Erlaubniß, zu Euch treten zu dürfen.“ „Sie iſt mir willkommen,“ ſprach Elvira nicht ohne einige Ueberraſchung, indem ſie auf die in einiger Entfernung ſtehende Dame blickte. Dieſe ſchlug nun erſt ihren Schleier zurück, und Elvira's Intereſſe wurde ſo⸗ gleich lebendig erregt, als ſie die blaſſen, ſchönen Züge erkannte, auf welche der tiefſte Seelengram, alle Kämpfe der verfloſſenen Stunden, ihre redenden Spuren geprägt hatten. Sie erhob ſich, ging zu ihr und ſagte: „Ich empfange Euch als die Mutter Eurer Söhne, als die Gattin eines hochgefeierten Mannes, der mir und Don Arnold ſchon ſeit lange innig befreundet war.“ Ihr liebevoller Ton, die würdevolle und doch zu⸗ trauliche Freundlichkeit ihres Weſens fanden ſogleich den Weg zu Beatrir Herzen. Dieſe ergriff ihre dargebotene Hand, drückte ſie an ihre Bruſt und ſprach mit faſt verſagender Stimme: „Ich komme, um mit Euch über Don Arnold zu weinen!“ Elvira ſah ſie erſtaunt an und ſagte: „Was wollt Ihr mir ſagen? Ich erwarte meinen 121 Gemahl in jedem Augenblicke, und hatte mich hierher zu⸗ rückgezogen, um ungeſtört meine Gedanken bei ihm wei⸗ len zu laſſen. Was kann ihm geſchehen ſein?“ Beatrix antwortete nicht. Sie erfuhr, daß Dieje⸗ nige, mit der ſie trauern wollte, noch nicht einmal von dem Unglücke unterrichtet ſei, welches ſie betroffen hatte, und es fehlten ihr die Worte, um es ihr mitzutheilen. Fernando verhüllte das Geſicht und begann zu ſchluchzen. „Sprecht,“ rief Elvira jetzt,„ſprecht, ich bitte Euch darum! Laßt mich wiſſen, was geſchehen iſt, und ſei es das Schrecklichſte! Die Ungewißheit iſt peinvoller als das furchtbarſte Wiſſen.“ Beatrix erzählte ihr nun ſchnell das Vorgefallene. Elvira horchte mit qualvoller Aufmerkſamkeit, doch ent⸗ floh keine Klage ihren Lippen und keine Thräne rann über ihre erbleichende Wange. Einmal nur ſchien es, als wenn ſie ſchwanke; Beatrir ergriff ihren Arm und leitete ſie zu der Bank, auf welcher ſie vorhin geſeſſen hatte. Sie beugte dann die gramvolle Stirn herunter und ſeufzte: „Mein Gott, Deine Hand hat mich ſchwer getrof⸗ Dies iſt zu ſchrecklich! Sei mir nahe, daß ich nicht erliege!“ Endlich bat ſie Beatrix, ihr noch einige genauere Umſtände mitzutheilen. Dieſe trocknete ihre Thränen, um ihr zu willfahren. Als ſie geendet, ſprach Elvira wieder: 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IV. 8 122 „So war er immer— für jeden Bedrängten ſetzte er ſein Leben ein— für mich gegen Boabdil— und für dieſe Fremden gegen die Räuber!“ Die nächſte Minute brachte indeſſen eine Ueber⸗ raſchung, die noch größer für ſie war, als die eben er⸗ lebte, denn in der auf den Garten hinausgehenden Thür⸗ öffnung ſtand der beweinte Arnold ſelbſt. Elvira ſtieß einen lauten Schrei aus, und flog— alles Uebrige ver⸗ geſſend— in ſeine Arme. Die zärtlichſten Liebkoſungen wurden von den wieder vereinigten Gatten ausgetauſcht. „Elvira,“ rief er,„mein Leben, meine Freude! Wie lang iſt mir die Trennung geworden! Gott ſei ge⸗ lobt, daß ich Dich wiederſehe!“ „Du lebſt, Du biſt da, ich habe Dich wieder! Dies iſt zu viel Glück für mich!“ erwiederte Elvira, ſein Ge⸗ ſicht mit Küſſen bedeckend, welche er auf das Innigſte erwiederte. Nun erſt rannen Thränen über ihre Wangen; ſie bemerkte das Tuch an ſeinem Haupte und ſagte: „Alſo doch, eine Stirnwunde! Du haſt einen heißen Kampf beſtanden— ach Arnold, an mich denkſt Du immer zuletzt!“ „Im Gegentheil, immer zuerſt an Dich!“ verſetzte er liebevoll.„Wenn es ein edles Werk zu verrichten gibt, ſo tritt ſtets Dein Bild vor meine Seele und 123 begeiſtert mich zu ſeiner Vollbringung! Ich bin nicht nur Dein Gatte, ſondern auch Dein Held und Dein Ritter!“— Elvira zog ihn nun zu den Uebrigen. Fernando nahte ſich ihm mit einem lauten Freudenrufe. Beatrir zitterte ſo heftig, daß ſie kein Wort hervorbringen konnte. Arnold begrüßte Beide auf das Herzlichſte. Dann gin⸗ gen Alle in den Gartenſaal zurück und es folgten gegen⸗ ſeitige Erklärungen. Arnold's Erzählung löſte bald jeden Zweifel. Als eine Stunde im lebendigen Austauſche der Mittheilungen verfloſſen war, bereitete Beatrir ſich, die Heimkehr anzutreten. Ihre freundlichen Wirthe ruhten jedoch nicht, bis ſie einwilligte, in der nun hereingebro⸗ chenen Nacht die Sänfte Elvira's zu benutzen. Arnold führte ſie bis in die äußere Halle des Palaſtes, um ſie perſönlich der ſichern Obhut mehrerer ſeiner ſie begleiten⸗ der Diener zu übergeben. Die Eindrücke, welche Beatrir aus dieſer Zuſam⸗ menkunft nach Hauſe brachte, waren verſchiedener Art. Zu ihrer Freude über Arnold's Erhaltung geſellte ſich die Erfahrung, daß ſeine ritterliche Galanterie, ſeine ausge⸗ ſuchteſte Höflichkeit, ſeine herzliche Freundſchaft der Ge⸗ mahlin des Admirals, der Mutter ſeiner beiden Zöglinge gewidmet ſei— daß aber ſeine zärtliche Neigung, ſeine * 124 treue, innige Liebe allein der Gattin ſeiner Wahl, der Geliebten ſeiner Jugend, der hochverehrten Gefährtin ſeiner Mannesjahre, der berechtigtſten Theilnehmerin ſei⸗ ner Freuden und Schmerzen gehören!— Am folgenden Morgen fand ſich Jacopo bei ihr ein. Sie waren übereingekommen, daß ſie ihm ſein werthvolles Halsgeſchmeide wieder zuſtellen wolle, da ſie deſſen Hü⸗ tung überhoben zu ſein wünſchte. Auch Fernando er⸗ ſchien, um ſich im Auftrage Donna Elvira's zu erkundi⸗ gen, wie ſeine Mutter ſich nach den Aufregungen des ge⸗ ſtrigen Tages befände. Nachdem die Ereigniſſe desſelben noch einmal allerſeits erörtert waren, ging Beatrix zu dem Wandſchranke, um das Käſtchen hervorzuholen, in wel⸗ chem ſie das Halsband aufbewahrte. Sie fand es nicht, dagegen aber den Schrank erbrochen, und rief endlich Pe⸗ pita. Auch dieſe wußte keine fernere Aufklärung zu ge⸗ ben. Sie ſei Zeuge geweſen, wie die Sennora das Hals⸗ band vorgeſtern— nachdem es in ihren eigenen Händen geweſen— wieder mit den übrigen Werthſachen in dieſem Schrank verſchloſſen hätte. Dann habe ſie es nicht ferner geſehen. Man forſchte weiter und rief die ſämmtlichen Haus⸗ bewohner zuſammen. Pepita hatte ſich wieder entfernt, um den Leibdiener Don Pedro's zu holen, der unten im Hofe beſchäftigt war. Niemand konnte Näheres angeben; 125 kein fremder Menſch ſei im Hauſe geweſen, der es ſich habe zueignen können. Endlich berichtete der Koch, daß der Matroſe Bermeyo ihn geſtern in der Küche nach ſei⸗ ner Tochter Pepita gefragt hahe, welche die Sennora nach der Kapelle des heiligen Alfonſo begleitete. Auch Fer⸗ nando und Don Pedro erinnerten ſich nun, daß ſie ihn geſtern Morgen über den Hof und durch die Gitterthür hätten gehen ſehen. Dieſer Letztere, der unbetheiligte Zeuge des ganzen Vorfalls, beſtand darauf, daß man ſo⸗ gleich die energiſchſten Maßregeln ergreife, um den Ent⸗ wender des Schmucks zu entdecken und ſich wieder in deſſen Beſitz zu ſetzen. Die Gerechtigkeitspflege jener Tage war vielleicht raſcher und entſchiedener als die der unſrrigen, wenn auch mit weniger Schonung für den nur Verdächtigen und mit einer grauſameren Beſtrafung des Schuldigen verbunden. Jacopo erlangte ſehr bald die Begleitung einiger Schergen des Stadtsgerichtes von Cordova, welche in ſeiner und Don Pedro's Gegenwart nicht nur das ganze Haus der Aranas durchſuchten, ſon⸗ dern ſich nach dem reſultatloſen Ergebniß dieſer Nach⸗ forſchung mit ihnen in die Wohnung Rodrigo Bermeyo's begaben, um dieſe dort weiter zu verfolgen. Die Behauſung des Matroſen wurde erſt von ſeiner Tochter erfragt. Dieſe mußte es ſich gefallen laſſen, die Männer dahin zu begleiten. Ein nicht ganz ärmlich aus⸗ 126 geſtattetes Gemach in einer Poſada(Wirthshaus) niede⸗ ren Ranges am andern Ende der Stadt beherbergte ihn. Die ohne Anmeldung hereindringenden Schergen fanden Bermeyo darin anweſend; er verrieth weder Furcht noch Erbitterung, widerſetzte ſich auch den an ihn geſtellten Anliegen nicht im mindeſten, ſondern nahm das Ganze wie ein durch die Nothwendigkeit gebotene Formalität auf, die ihn jedoch nur äußerlich etwas unbequem be⸗ rühre. Er ſchien ſeiner Unſchuld ſo gewiß zu ſein, daß er ſeine Miene mürriſcher Gleichgiltigkeit bei der haar⸗ ſcharfen Unterſuchung jedes Winkels und jedes einzelnen Stückes ſeines Hausgeräthes nicht im mindeſten verän⸗ derte. Endlich erfaßten die Suchenden einen ſehr un⸗ ſcheinbaren, hölzernen Stuhl, deſſen Polſter mit Leder überzogen war, kehrten dies um und bemerkten, daß die innere Seite auf einer Stelle etwas hart anzufühlen ſei, als wenn ſich in dem Stroh ein feſter Gegenſtand befände. Das graue Leinen der Unterlage wurde aufgeſchnitten, das Stroh fiel auf die Erde— mit ihm das Halsband, welches von einem rothen Tuch umwickelt hier in einem allem Anſchein nach ganz ſichern Verſteck verborgen ge⸗ weſen war. „Ha,“ ſprach Jacopo,„das Maß Deiner Frevel iſt voll, Rodrigo Bermeyo! Lange genug übte ich Nach⸗ ſicht gegen Dich. Du wollteſt bei unſerem Schiffbruch * 127 die gewaltthätige Hand an einen alten, hochachtbaren Mann legen, dem Du damals dieſes Halsband wieder zuſtellen mußteſt, und zwangſt mich, mich der offenbar⸗ ſten Todesgefahr auszuſetzen, um ihn zu retten. In der neuen Welt bereiteteſt Du mir und meinen Brüdern mannigfache Verdrießlichkeiten; jetzt haſt Du Dich wieder hinterliſtig in den Beſitz dieſes werthvollen Kleinods ſetzen wollen— die Strenge der Geſetze wird gegen Dich ein⸗ ſchreiten!“ „Möge ſie Dich treffen mit ihrer vollen Schwere, nichtswürdiger Schurke!“ fügte Don Pedro entrüſtet hinzu. Die Schergen traten herzu, um ihm die Hände zu binden. Schnell aber ſtand Pepita vor ihnen, welche eine ſtumme, faſt antheilloſe Zuſchauerin des Geſchehenen ge⸗ weſen war, und ſagte kurz: „Ihr ſeid Alle von Irrthum befangen. Mein Vater hat nichts mit dieſem Halsbande zu ſchaffen. Zch ſelbſt habe es entwendet und hier in dieſem Stuhlpolſter ohne ſein Wiſſen verborgen!“ Laute der Ueberraſchung entflohen den Lippen aller Anweſenden. Sie fuhr mit kalter Entſchiedenheit fort: „Ich wußte, wo Donna Beatrix das Käſtchen mit dieſem Geſchmeide aufbewahrte, und hatte mir lange ſchon einen Nachſchlüſſel zu dem Schranke verſchafft. Ich öffnete 128 dieſen geſtern beim Grauen des Tages und trug das Käſtchen hieher, da mein Vater mir geſagt hatte, daß er in der Nacht im Fluße fiſchen und erſt ſpäter am Mor⸗ gen zurückkehren wolle. Ich wußte alſo, daß ich ungeſtört ſein würde. Den Riegel, welchen er vor ſeine Zimmer⸗ thür ſchiebt, verſtand ich von außen zurückzudrängen; dann zerbrach ich das Käſtchen mit jener Zange, die ihr dort auf dem Fenſterbrett ſeht, ſtopfte das Geſchmeide in das Stroh und nähte das Leinen wieder unter das Pol⸗ ſter. Hierauf verließ ich das Gemach, ohne daß mich Jemand bemerkt hätte, warf die Stücke des zerſchlagenen Käſtchens in den Fluß, und kehrte zu dem Hauſe meiner Herrin zurück, ohne daß irgend einer ſeiner Bewohner meine Abweſenheit beachtet hätte. Ihr werdet ſehen, daß mein Name in das Tuch geſtickt iſt, welches um das Ge⸗ ſchmeide geſchlagen war, und daß es alſo mein Eigen⸗ thum ſein muß. Mein Vater ſuchte mich auf ſeinem Heimwege vom Fluße auf, um das gelbe Netz abzuholen, welches er im Haar trägt und welches er mir übergeben hatte, um es für ihn auszubeſſern.“ Dieſe ganze Auseinanderſetzung war eintönig und mit der größten Ruhe in jeder Bewegung gegeben wor⸗ den, während die Augen der Redenden am Boden hafteten. Man fand in dem Tuche richtig ihren Na⸗ men. Eine kurze Pauſe herrſchte. Dann rief Jacopo ſchmerzlich: 129 „Du eine Diebin, Pepita?— Ich würde es nicht geglaubt haben, und wenn die halbe Welt es verſichert hätte— Warum nahmſt Du nicht die Goldſtücke, die ich Dir ſchon vor Jahren anbot— oder wenn Du jetzt erſt des Geldes bedurfteſt— warum kamſt Du nicht mit Aufrichtigkeit zu mir?— Ich würde Dir nie gefehlt haben!“ Sie antwortete nicht. Er murmelte darauf vor ſich hin: „Zeder Tag bringt mir neue, ſchreckliche Ueber⸗ raſchungen! Es wird Zeit, daß ich mich wieder auf die See begebe, denn dort wenigſtens habe ich nur mit den Elementen, nicht mit der Verkehrtheit der Menſchen zu kämpfen!“ „Du haſt Deiner gütigen Herrin mit ſchnödem Un⸗ dank gelohnt und ihr und ihrer Familie eine ſehr werth⸗ volle Koſtbarkeit rauben wollen,“ ſagte Don Pedro ſtrenge. „Jahrelang haſt Du das Brod meines Hauſes genoſſen, haſt argliſtige Treue und Anhänglichkeit geheuchelt, um zuletzt einen großen Betrug ausführen zu können. So ſchwer Dein Vergehen, ſo hart ſoll Deine Strafe ſein! Man ſoll Dich ſtäupen und Dich in's Gefängniß werfen wie eine ehrloſe Dirne!“ Er winkte den Schergen. Dieſe wollten nun ihre Stricke um Pepita's Hände und Arme legen. Jacopo's 130 Augen ruhten noch immer auf dem Tuche; es war das nämliche, welches um das Haupt des Mädchens ge⸗ ſchlungen war, als er ſie zum Erſtenmale in der Hütte von Palos neben ſeinem Lager gewahrte. Plötzlich rief er: „Nein, nein! Es ſoll ihr kein Uebles geſchehen! Ich verzeihe ihr— wenn ſie ſich auch verſündigte— ſo hat ſie dennoch früher viel für mich gethan!— Ich erkläre mich zufrieden geſtellt und verlange, daß nicht weiter mit der Unterſuchung und Beſtrafung gegen die Schuldige vorgeſchritten werde!“ Pepita erhob nun erſt den ſtarren Blick vom Boden und haftete ihn mit einem ſeltſamen Ausdruck auf Jaco⸗ po. Dieſer unterſtützte ſeine letzte Forderung an die Schergen mit einer Handvoll Maravedis, worauf dieſe nicht weitere Schwierigkeiten erhoben und ſich dankend entfernten. Bermeyo verharrte in ſeinem Gleichmuthe und ſeiner Einſilbigkeit. Kein Wort der Klage oder des Dankes entfloh ihm. Jacopo trat jetzt nahe zu ſeiner Tochter. „Pepita, unglückliches Mädchen, ſage mir endlich, ob Du einer Unterſtützung bedarfſt— und wenn Du Geld oder Geldeswerth wünſchen ſollteſt, um Dir Putz oder ſonſtigen Tand zu kaufen— oder vielleicht, um einen Mayo oder ſonſtigen Liebhaber zu erfreuen— ſprich— 131 ich theile mit Dir was ich habe— nur gelobe mir, daß Du Deine Hand nie wieder mit einem Verbrechen beſu⸗ deln willſt!“ 5. Dieſe eindringlichen Worte erlangten von Pepit indeſſen nur die mit einem Kopfſchütteln begleitete Er⸗ wiederung: „Ich danke Euch, Don Jacopo! Ich will Euer Geld nicht und werde es nie für mich benutzen!“ Auch ſeine ferneren Zureden blieben fruchtlos. Er entfernte ſich endlich mit Don Pedro, wobei dieſer ſeine lebhafte Mißbilligung ſeiner Nachſicht gegen Pepita, ſo wie auch des anſcheinend ſo undankbaren Benehmens der⸗ ſelben ausſprach.— Zwei Tage ſpäter ſtand Jacopo wieder vor Beatrix. Die Orangenlaube in dem duftenden Hofe vor ihrem Hauſe war wieder die Zeugin ſeines Wehes und ſeiner Aufregung. „Ich habe jetzt Eure letzten Aufträge empfangen,“ fuhr er fort.„Von Diego und Fernando nahm ich vor einigen Stunden im Alcazar Abſchied, von Don Pedro ſchon geſtern Abend, da er eine Reiſe nach Toledo antre⸗ ten wollte.“ „Wo befinden ſich jetzt die Edelſteine und Perlen, welche Ihr zuletzt als unſer Eigenthum aus der neuen Welt mitbrachtet?“ fragte ſie hingeworfen. 132 „Ich habe ſie den Beamten der indianiſchen Ver⸗ waltung ausliefern müſſen,“ antwortete er.„Sie behaup⸗ teten, daß Alle Eigenthum der Krone wären. Auch nicht einen einzigen Stein hat man mir zu unſerm Privat⸗ gebrauch gelaſſen. Ich wage nicht, dieſen erbärmlichen Plackereien länger entgegenzutreten, da man ſie am Ende ſo weit treiben könnte, um meine Abreiſe zu verhindern. Ich hoffe, daß Chriſtobal bei ſeiner nächſten perſönlichen Erſcheinung in Europa alle dieſe mißlichen Dinge zum Beſſern wenden wird.“ „Wir wollen es erwarten,“ entgegnete Beatrix ge⸗ laſſen. Dann fügte ſie hinzu: „Ich habe Pepita geſtern ohne alles Aufſehen aus meinem Dienſte entfernt. Mein innigſtes Bedauern folgte ihr. Ihr Vergehen hat mich um ſo ſchmerzlicher berührt, da ich auf ihre Zuverläſſigkeit Felſen gebaut hätte.“ „Sie iſt der letzten, größten Verſuchung erlegen,“ verſetzte Jacopo traurig. „Ich habe ſie ermahnt, ſich nie wieder von einer Lockung bethören zu laſſen, ſondern ihren Pflichten hin⸗ fort ſo genau nachzukommen, wie es früher der Fall war. Sie iſt nach Sevilla zurückgegangen, wo ich ſie früher zur Beaufſichtigung meines Sohnes in meinen Dienſt nahm.“ „Es möge ihr wohl gehen,“ erwiederte er.„Ich * 133 verſprach ihrem Vater früher, ihn mit nach Weſtindien zurückzunehmen, und bin jetzt um ſo mehr dazu verbun⸗ den, da ich eine ſo ſchlimme, ungegründete Beſchuldigung gegen ihn erhob, und ihn mit harten, unverdienten Wor⸗ ten beleidigte. Er iſt mir ſchon nach Sevilla voraus⸗ gegangen.“ „Bringt Chriſtobal meine Grüße und erzählt ihm Alles, was ich Euch aufgetragen,“ fügte ſie hinzu. „Habt Ihr mir nichts mehr zu ſagen?“ rief er im ausbrechenden Schmerze,„nicht ein Wort der Liebe zum Abſchied, der ein ewiger werden kann?— Zum zweiten Male reiße ich mich mit unſäglicher Pein von Euch los, tiefer noch gebeugt als früher!— Ich will Euch fliehen und möchte nie Euch laſſen— o Beatrix, Ihr habt mir unausſprechlich wehe gethan!— Einſt war Euer Anden⸗ ken die Verheißung des Segens für mich— jetzt mar⸗ tert es mich mit dem Stachel des Zweifels, ſteht wie eine Mahnung an das Unglück vor meiner Seele!“ „Ich will Euch in mein Gebet einſchließen, Bru⸗ der!“ ſagte ſie mit ihrer gewöhnlichen Sanftmuth, je⸗ doch mit bebender Stimme. „Ihr achtet meiner nicht,“ fuhr er leidenſchaftlich fort,„ob ich Euch liebe oder haſſe, es läßt Euch kalt, und Ihr würdet Euch leicht tröſten, wenn ich vor Gram um Euch verginge. Und dennoch liebe ich nichts auf der 134 Erde ſo ſehr wie Euch, Beatrix!— Auf meinen Armen möchte ich Euch durch die Welt tragen, Euch behüten vor jedem rauhen Lüftchen, und mit der Glut in meiner Bruſt die Eurige für mich erwärmen! O, Ihr habt ſie zu lange von Euch geſcheucht, dieſe Liebe, die das höchſte irdiſche Glück iſt!“ „Ich kenne ſie,“ flüſterte Beatrix,„die Liebe und die Reue!“ „Euer Hoffen iſt nicht mehr im Himmel, ſondern auf der Erde,“ ſprach er aufgeregt weiter,„denn die all⸗ gewaltige Natur iſt plötzlich in Euch hervorgetreten!— Der Heiligenſchein iſt von Deinem Haupt verſchwun⸗ den— und hoch auf lodert wieder die Flamme der Lei⸗ denſchaft in Dir!— Laß ſie ſich mit der meinigen ver⸗ mählen— o Beatrix, beſeelige mich mit einem Schärf⸗ lein des Reichthums, der Dein Herz umſchließt— ver⸗ ſtoße mich nicht!— Zürne mir nicht, da ich die Feuer⸗ worte der Wahrheit rede!“ Sie verhüllte ſchweigend das Geſicht. Plötzlich zur tiefſten Wehmuth übergehend rief er: „Ihr wollt mich ziehen laſſen, ohne meinen Kum⸗ mer auch nur durch das geringſte Zeichen des Mitgefühls zu ſänftigen?— So grauſam könnt Ihr nicht ſein!“ „Wenn es Euch tröſten kann, ſo nehmt die Ver⸗ * 135 ſicherung, daß ich leide wie Ihr,“ hauchte ſie thränen⸗ ſchwer. „Du willſt, Du kannſt mich nicht lieben?“ rief er wild.„Aber ich laſſe Dich keinem Andern, denn an mei⸗ nem Herzen iſt Dein Platz, da Du wieder zu empfinden vermagſt! So ſicher kannſt Du nirgends ruhen, denn meine Liebe zu Dir wird Alles überwinden!“ Er umſchlang ſie und heiße Küſſe brannten auf ihrem Antlitz. Endlich entriß ſie ſich ihm und eilte die Treppe zum Corridor hinan. Oben angelangt nickte ſie ihm einen ſtummen Abſchiedsgruß zu. Erſt als ſie ver⸗ ſchwunden war, wandte er ſeine Blicke und verließ lang⸗ ſam das Haus, welches die Urſache ſo vieler ſeiner qual⸗ vollen Seelenbewegungen in ſich ſchloß. Sechstes Cnpitel. Columbus in Ketten. Der Hof war einige Monate ſpäter nach Granada übergeſiedelt, mit ihm Donna Elvira und ihr Gemahl, ſo wie Diego und Fernando Columbus. Die Alhambra war die einſtweilige Reſidenz Ferdinand's und Iſabella's. Auch Ferrer war dahin berufen, da die Königin eine An⸗ zahl der aus Weſtindien angelangten Diamanten ge⸗ ſchliffen und gefaßt wünſchte. Sie wollte mit ihnen ihrer an den Erzherzog Philipp verheiratheten Tochter Juana ein Geſchenk machen, und dieſe in den Augen des ſämmt⸗ lichen Hofperſonals hochwichtige Angelegenheit mündlich mit dem kunſtfertigen Meiſter erörtern. Der Letztere war ihren Befehlen nicht ungern nachgekommen, denn theils unterhielt er in allen bedeutenden Städten Spaniens ge⸗ ſchäftliche Beziehungen, theils benutzte er dieſe als Vor⸗ wand, um jene anderweitigen Zwecke zu verfolgen, von * 137 denen er zu Donna Elvira geredet hatte. Er befand ſich in einem der Nebengebäude der Alhambra, als ihm in der beginnenden Abendſtunde Don Amerigo Vespucci gemeldet wurde, welcher ihn ſogleich in einer dringen⸗ den Angelegenheit zu ſprechen wünſche. Seit ihrem erſten Zuſammentreffen auf der genueſiſchen Galeere waren dieſe beiden Männer ſtets in freundſchaftlicher Verbin⸗ dung geblieben. Amerigo hatte ſich nach ihrer damali⸗ gen Ankunft in Sevilla erboten, dem Steinſchneider die tauſend Golddublonen, welche dieſer für ihn den Män⸗ nern von Palos auszahlte, in kleinen Abträgen nach und nach wiederzuerſtatten, die er von ſeinem nicht reichlichen Erwerbe zurückzulegen beabſichtige. Ferrer ging indeſſen nicht hierauf ein, ſondern machte ihm mit der genannten Summe ein Geſchenk, wie er dies auch bei ſeinem andern Unglücksgefährten gethan hatte, ob⸗ gleich gegen Vespucei keine ſolche Verbindlichkeit wie ge⸗ gen dieſen vorlag. Amerigo ſuchte ihm darauf ſeine Erkenntlichkeit durch eine ſtets bereite Dienſtfertigkeit in der Beſorgung von allerlei Aufträgen zu beweiſen, wozu ihn ſeine Geſchäftskenntniß, ſeine Anſtelligkeit und ſein häufiges Umherreiſen beſonders geſchickt machten. Jahme Ferrer's Aeußeres zeigte im gegenwärtigen Augenblicke ſo wenig von demſenigen Aaron Avila's, daß man auch nicht im Geringſten an dieſen erinnert 1861. VII. Columbus unb ſeine Zeit. IV. 9 138 wurde. Er war ganz der Steinſchneider von Cordova mit dem dichten, weißen Haar⸗ und Bartwuchs, mit dem dunkeln, furchenreichen Geſicht, mit der gebückten Hal⸗ tung und mit dem cataloniſchen Dialect. Nach dem erſten Willkommgruß fuhr er gegen Vespucci fort: „Ihr kommt von Oran, wackerer Amerigo. Wie habt Ihr Reduan Benegas dort verlaſſen?“ „Er befindet ſich wohl, iſt im vollen Beſitz ſeiner Güter und führt das Leben eines arabiſchen Emirs. Er empfand ein großes Vergnügen über Euer Schreiben, durch welches ich mich gleich nach meiner Ankunft bei ihm einführte. Er war mir darauf behilflich, meinen in Oran beabſichtigten Einkauf von Corduan⸗Leder auf die beſte und ſchnellſte Weiſe zu befördern, ſo daß ich zu dem verſprochenen Tage mit einem großen Vorrath da⸗ von in Cadir eintreffen und es dort mit anſehnlichem Ge⸗ winn den Lieferanten überlaſſen konnte, die es für die nach Neapel beſtimmten Kriegsknechte benutzen wollten.“ „Ihr habt alſo den Zweck Eurer eiligen Reiſe nach Afrika vollſtändig erreicht und Euer vortheilhaftes Han⸗ delsgeſchäft in Cadix abgeſchloſſen?“ fragte Jaym Ferrer. „Es iſt ganz zu meiner Zufriedenheit beendet,“ antwortete Vespucci,„doch giebt es noch eine andere Ur⸗ ſache, wegen welcher ich ſehr erfreut war gerade zu dieſem 139 Zeitpunkte dort eingetroffen zu ſein. Die Schiffe, welche aus der neuen Welt anlangten, brachten nämlich die drei Brüder Colon. Ich verfügte mich ſogleich zu Don Jacopo, und er und der Admiral erwähiten mich zum Ueberbringer einiger Schreiben an Euch, da ſie glaubten, daß Niemand ſie ſchneller und ſicherer an Euch beſorgen würde. Ich verſprach Beiden, ihre Wünſche nach meinen beſten Kräften zu befördern.“ Er überreichte hierbei dem Juwelier einige Schrei⸗ ben, die mit ſeidenen Bändchen umwunden und mit Wachsſiegeln verſehen waren. Dieſer überflog den In⸗ halt des für ihn beſtimmten, und ließ es dann mit dem Ausdrucke des höchſten, entſetzenvollſten Staunens aus den Händen fallen. So wenig dieſer vielgeprüfte Mann ſonſt durch die verſchiedenartigſten Vorfälle des Erdenlebens erſchreckt wurde, ſo abgehärtet er gegen jede niederſchlagende Ueberraſchung geworden war, ſo ward ihm dennoch hier eine Kunde, welche ſein Blut erſtarren machte, ſeine Seele mit Zorn und Gram erfüllte! Amerigo verſtand ihn ohne Worte und fuhr halb⸗ laut fort: „Ihr ſeht, daß der Admiral wünſcht, daß Donna Elvira von Viana fogleich von dem Geſchehenen unter⸗ richtet werde. Ich habe Euch mitgetheilt, wie ich ihr und * 140 ihrem Gemahl auf eine Weiſe bekannt geworden bin, die mich auf ewig zu deſſen Schuldner macht.“; Ferrer nickte beiſtimmend, als er inne hielt, und ſagte kurz: n 8 „Zwei der eingefangenen Räuber ſind in Cordova hingerichtet worden. Die Uebrigen verdammte man auf längere oder kürzere Zeit zur Arbeit in den Silbergruben in der Sierra Morena.“ Vespucci ſprach weiter: „Doch weiß ich nicht, ob der Ritter von Viana in Granada iſt und ob ich— möge dies der Fall ſein oder nicht— ſogleich bei ſeiner Gemahlin vorgelaſſen werden würde. Die Cvolons haben mich daher an Euch gewieſen, da Ihr mich und ihre Schreiben mit dem möglichſt ge⸗ ringen Zeitverluſte zu ihnen bringen könntet. Der Admi⸗ ral iſt gleich Don Jacopo des feſten Glaubens, daß ihr ſein Anliegen auf jede Euch mögliche Weiſe unterſtützen würdet. Wenn er Euch auch nicht oft geſprochen, ſo denkt er dennoch, daß Ihr Sympathie für ihn empfindet und daß Ihr Eure freundlichen Gefühle für ſeinen jüngſten Bruder auch auf ihn ſelbſt und den Aelteſten, Don Bartolomäo, ausdehnt.“ „Er ſoll ſich nicht in mir getäuſcht haben,“ entgeg⸗ nete der Steinſchneider warm.„Donna Elvira wird noch heute Abend vor die Königin gelangen können, da 141 ihr der Zutritt zu dieſer zu jeder Zeit frei ſteht. Selbſt wenn ſie ſich ſchon bei ihr befände, ſo müßten wir ſie in einem der Vorzimmer erwarten, um ſie zu bewegen, daß ſie ſogleich wieder zu der Knigin zurückgehe und dieſer unſere Wünſche vortrage.“— Dieſer außergewöhnliche Schritt war indeſſen nicht erforderlich. Jayme Ferrer ging ungeſäumt mit Vespucci in das Hauptgebäude der Alhambra, wo ſie ſchon nach wenigen Minuten Einlaß in die Gemächer Donna Elvi⸗ ra's erhielten, welche ſie allein fanden.— Der Mond war ſchon zu früher Stunde am abend⸗ lichen Himmel aufgegangen. Voll und glänzend ſtand ſeine Scheibe an dem dunkeln Azur des ewigen Domes und beleuchtete die Gärten und Höfe, die ſprudelnden Fontainen und die Gruppen der Mandel⸗ und Citro⸗ nenbäume in ihnen. Er beſtrahlte die Straßen und Pa⸗ läſte Granadas, in denen das vielbewegte Leben des Ta⸗ ges ſchwieg, ſeine prächtigen Gotteshäuſer, auf denen ſich nicht mehr der Halbmond erhob. Er beſchien die wald⸗ bekränzten Abhänge und die düſtern Scheittel des Gebir⸗ ges hinter der Stadt, welche, rieſenhaft, wandellos und unvergänglich, empor ſtarrten wie in jenen Tagen, als der unglückliche Boabdil el Chico rathlos zu ihnen hin⸗ auf blickte. Die lauen Abende des Sommers waren von den kühleren Lüften des vorgeſchrittenen Herbſtes ver⸗ 142 drängt, ohne daß dieſe jedoch den Aufenthalt im Freien unangenehm machten. Der würzige Duft der Blumen erfüllte nicht mehr die Lauben und Gänge ringsum, denn die Kinder Floras ſenkten welk und erſtorben ihre ver⸗ blühten Häupter. Die Bäume waren kahl oder es trugen die noch auf ihnen ſichtbaren, dünnen Blätterſchichten die gelben und bräunlichen Schattirungen der ſpäten Jahres⸗ zeit; nur das Immergrün der Myrthe und das Grau⸗ grün der Olivenbäume zitterte im Hauche des Abendwin⸗ des. Die Sänger der Lüfte ſchwiegen; das ſüße Lied der Liebe wurde nicht durch Philomelens klagende Stim⸗ me verkündet. Es erſchallte von den Lippen eines Jüng⸗ lings, der in die Saiten der Laute griff, in jenem Garten, in welchem einſt Arnold mit Reduan Benegas gerungen hatte. Und wieder wie damals trat ein Weib auf den Altan, liebeglühend, tief verhüllt wie Zoraya, die erſte Sultanin Boabdil's. Sie horchte auf die Töne der Liebe, welche Geſang und Saitenſpiel athmeten, mit ſo entzückter Seele, als würden ſie ihr zum Erſtenmale kund gegeben. Als ſie endlich ſchwiegen, warf ſie eine rothe Roſenknospe herunter. Der Verhüllte unten fing ſie auf und barg ſie an ſeinem Herzen. Dann rief er leiſe: „Maria, Königin meiner Gedanken, darf ich mich Euch nahen?— Ich ſah Euch in drei langen Tagen nicht. Wollt Ihr endlich meine Sehuſucht ſtillen, mich noch ein⸗ 143 mal ausſprechen laſſen, daß all' mein Hoffen und Wün⸗ ſchen nur Euch allein gehört?“ Sie beugte ſich tief herunter und flüſterte zur Ant⸗ wort: „Tretet durch die Hinterthür herein und fragt nach Donna Elvira. Man wird Euch ſagen, daß ſie einige Fremde in ihre Gegenwart zugelaſſen hat; laßt alsdann vorerſt bitten bei mir eintreten zu dürfen.“ „So werde ich Euch allein finden, Maria?“ fragte er. „Einſtweilen,“ antwortete ſie. „Und darf mit Euch von meiner Liebe reden?“ Sie antwortete nur durch ein ſchweigendes Zeichen und verſchwand durch die Zimmerthür. Diego Columbus eilte in das Gebäude, legte ſeinen großen, verhüllenden Mantel ab und verbarg die Laute darunter. Bald ſtand er vor Maria von Toledo, welche jetzt ihren Schleier zurückgeſchlagen hatte und ihre ſchwarzen Augen mit allem jenem ſchwämeriſchen Feuer auf ihm ruhen ließ, welches auf eine Menge kaum verſtandener, mit Wonne und Beben begrüßter Empfindungen in dem Herzen der eben erblühten Jungfrau ſchließen ließ. Diego Columbus war nach wie vor häufig in der Gegenwart der Donna Elvira und ihres Gemahls, und daher fiel es nicht auf, daß er ſich ihr auch heute nahte. Die Erſtere befand ſich in dem anſtoßenden Gemache, 144 doch war deſſen Thür hinter dem Vorhange geſchloſſen, ſo daß man nichts von ihr und den bei ihr Anweſenden gewahrte. Doch konnte ſie in jedem Augenblick wieder eintreten. Diego beſaß alle jene ritterliche Zartheit, wel⸗ che die Rohheit des Zeitalters zu Gunſten der Frauen milderte. Sie war ihm von der Natur eingegeben und durch Arnold's Beiſpiel noch mehr ausgebildet worden. Er kniete nieder, beugte das von langen, braunen Locken umwallte Haupt ſo achtungsvoll, als befinde er ſich in der Nähe der Königin, und als er es erhob, wurden ſeine edlen Züge durch eine leichte Röthe noch mehr verſchönt. Seine tiefblauen Augen hingen an Maria's Geſtalt, welche zu ihm getreten war und ihm ihre Hand entge⸗ genſtreckte. „Steht auf, Diego.“ Er erhob ſich, ohne ihre Hand freizugeben, und fragte: „So ſind auch Euch die letzten Tage lang gewor⸗ den?“ Sie nickte ſtumm. „Die Reiſe von Cordova hierher war die ſchönſte, die ich jemals machte,“ fuhr er fort.„Ich durfte Euch zur Seite bleiben und Euch und Euer Roß vor jedem möglichen Unfall behüten.“ „Ich weiß nicht, ob ich Euch ſchon für alle Eure 145 Sorgfalt gedankt habe,“ ſprach Maria, deren Herz noch immer faſt hörbar pochte.„Donna Elvira, welche vor mir ritt, ſagte mir hier, daß kein Ritter mich beſſer hätte geleiten können.“ „Nie habe ich eine Pflicht lieber volfführt,“ verſetzte er.„Nie erfreut mich mein eigenes Saitenſpiel mehr, als wenn ich dadurch Euch meine Gefühle kundgeben darf; nie würde ich meine Lanze lieber ſchwingen, als zu Eurem Ruhm und Preis— und wenn mir eine ſtille Stunde bleibt— eine Stunde des Nachdenkes und der Erinne⸗ rung— ſo leſe ich in dem Legendenbuche des heiligen Jago!“ Die Reihe des Hocherröthens war jetzt an Maria gekommen, doch antwortete ſie nicht dem tiefinnigen Blicke des Jünglings, ſondern ſchlug ihr Auge zu Boden. Sie wurde durch dieſe Zeichen der Befangenheit nur noch rei⸗ zender für ihn. Er fuhr fort: „Ich bin wie mit Zauberbanden an Caſtilien ge⸗ feſſelt. Alle meine Wünſche beſchränken ſich darauf, hier neben Euch leben zu dürfen; Ihr habt jedes Sehnen in die Weite, dem ſo viele ritterliche Jünglinge nachgeben, in mir unterdrückt. Mein Vater wünſchte, daß ich ihm nach Hiſpaniola folgen ſolle, damit er mich auf dem Bo⸗ den heimiſch machen könne, den ich in Znkunft bewohnen ſoll. Er wollte mich in den Pflichten eines Vicekönigs von Indien unterrichten, mich alle dortigen Verhältniſſe kennen lernen laſſen, damit ich dereinſt würdig die Stelle bekleide, der er ſelbſt jetzt vorſteht.“ „Um aller Heiligen Willen, Diego, Ihr werdet uns nicht verlaſſen, nicht auf ſo Lange von uns gehen, nicht eine ſo weite, gefährliche Reiſe unternehmen?“ rief ſie erſchrocken.„Ich würde vor Angſt um Euch vergehen.“ Er zog ihre Hand an ſeine Lippen und flüſterte: „Ich bleibe. Man hat dieſen Wunſch meines Va⸗ ters nicht beachtet und hält mich hier im Dienſte der Königin feſt. Er iſt unzufrieden damit— ich bin erfreut darüber.“ „Gottlob,“ ſeufzte Maria nur ſeinem Ohr ver⸗ nehmlich. „Maria,“ fuhr er leiſe fort,„wenn ich dereinſt hin⸗ übergehe, in dieſe wunderbare, neue Welt, wo ſich die mährchenhaften Träume unſerer Kinderjahre verwirklichen, wenn ich Euch jenes Eldorado als weites Reich zeige, dem Ihr mit mir gebieten ſollt— wollt Ihr mir dann folgen— oder ſchreckt Euch die unermeßliche Seefahrt, die Gefahr, die in der unergründlichen Tiefe lauert?“ Sie ſchüttelte den Kopf und entgegnete: „Nicht ſo ſehr wie der Gedanke der langen Tren⸗ nung. Viel lieber will ich ſie mit Euch beſtehen, als Euch allein ihr ausgeſetzt wiſſen.“ 147 Der Eintritt eines Leibdieners unterbrach ſeine hei⸗ ßen Dankesworte. Dieſer trug einen ſilbernen Teller, auf welchem ein Brief lag. Er ſprach: „Donna Elvira übergab mir dieſen Brief für Don Diego Colon. Als ich ihr ſagte, daß er hier anweſend ſei, gebot ſie mir, ihn ihm ſogleich zu überbringen.“ „Von meinem Vater!“ rief Diego, indem er das Schreiben zu ſich nahm. „Leſ't es,“ ſagte Maria nicht ohne Aengſtlichkeit. „Ich will nicht fürchten, daß der Admiral Euch ſeinen Willen, zu ihm nach Hiſpaniola zu kommen, beſtimmter ausſpricht.“ Diego entfaltete das Schreiben. Aber bald began⸗ nen ſeine Hände zu zittern und ſeine Wange erbleichte. Endlich entſank ihm das Papier und er ſchlug die Hände vor die Stirn. „Was iſt Euch, Diego?“ rief das junge Müdchen zum Tode erſchrocken. „Mein Vater, ach, mein Vater!“ rief er. „Was iſt ihm geſchehen?“ fragte ſie wieder.„Was kündet Euch dies unheilvolle Schreiben? Iſt es von der eigenen Hand Eures Vaters?“ „Ja, ja!“ rief er außer ſich.„Man hat ihn wie einen überwieſenen Verbrecher behandelt, ihn und ſeine 148 beiden Brüder mit Ketten belaſtet, und ſie Alle in dieſen Feſſeln herüber nach Europa gebracht!“ „Hochgelobter ZJeſus, kann dies möglich ſein?“ rief Maria unter Thränen. „Er ſelbſt ſchreibt es mir, es iſt kein Zweifel!“ rief er, indem auch über ſeine Wangen Thränen rollten.„Er iſt in Cadir angekommen und erwartet dort die Befehle der Königin.“ „Aber eilt ſogleich zur Königin,“ ſprach Maria. „Sucht um jeden Preis zu ihr zu gelangen, und fleht ſie auf den Knieen an, Eurem Vater die Freiheit zu geben. Das gütige Herz Iſabella's wird nicht lange zaudern, ihm Gnade angedeihen zu laſſen.“ „Es wird mir nichts helfen, ſie wird mich nicht ein⸗ mal vor ſich laſſen,“ verſetzte er ſchmerzlich.„Nur zu wohl habe auch ich es ſeit Monaten empfunden, daß die Sonne der königlichen Gunſt ſich von mir wie von mei⸗ nem Vater wandte. Kein Wort iſt mir ſeitdem von den Herrſchern zu Theil geworden; auch ihr Blick ſtreifte achtlos an mir vorüber, als gewahre er mich gar nicht. Ich darf nicht hoffen, daß die Königin mir zu ſo un⸗ gewöhnlicher Stunde Gehör bewilligt.“ „So wird Donna Elvira für Euch ſprechen müſ⸗ ſen!“ rief Maria, von einem ſchnellen Gedanken ergrif⸗ fen. Sie eilte auf die Thür zu. In dem nämlichen Au⸗ 149 genblicke trat Elvira durch dieſe ein. Sie war in hefti⸗ ger Gemüthsbewegung, die ruhige Würde ihrer Hal⸗ tung verſchwunden. Schmerz und Entrüſtung lagerte auf der reinen Stirn und glühte in ihren dunklen Augen. Ihre Hände zitterten leicht und ihr Schritt war ſchnell. Maria ſank vor ihr nieder und erfaßte ihre Hände. „Elvira!“ rief ſie im heißen Flehenston.„Du hatteſt ſtets ein offenes Herz für die Unterdrückten und Verfolgten! Nimm Dich auch jetzt ihrer an! Sieh' Diego's Thränen, ſieh' meinen Kummer, der ſo tief iſt wie der ſeinige! Sein Vater iſt auf das Unwürdigſte behandelt, iſt mit Ketten belaſtet worden— hilf ihm und uns, daß er davon befreit werde!“ „Der Weltentdecker in Ketten— der Mann, deſſen Ruhm weit über die Grenzen dreier Welttheile reicht— ich weiß es!“ ſprach Elvira gedämpft. „Diego wird nicht vor das Angeſicht der Königin gelangen,“ fuhr das junge Mädchen fort,„ſo gehe denn Du, theure Tante, gehe ſogleich, und ſprich anſtatt ſei⸗ ner, damit dies Unglück von ihm und ſeinem Vater ge⸗ wendet werde. Thue es, und ich will Dir auf den Knieen danken— mehr noch, als für Alles, was Du bisher an mir thateſt!“ „Ich bin ſchon im Begriff, mich zur Königin zu verfügen,“ erwiederte Elvira, indem ſie gütig das Mäd⸗ 150 chen in die Höhe zog.„Beruhige Dich, liebes Kind! Was meine Kräfte für den edlen Admiral vermögen, ſoll unverzüglich geſchehen. Das Uebrige müſſen wir in Got⸗ tes Hand ſtellen. Ich habe ſo eben das Nämliche dieſen beiden wackeren Männern verſprochen, welche mir und Euch dieſe unerhörte Botſchaft brachten.“ Sie deutete auf die geöffnete Thür, durch welche Vespucci und Ferrer im Nebengemache ſichtbar wurden. Ein Wink von ihr rief ſie herbei. Diego trat näher und zog genauere Erkundigungen über den Zuſtand ſeines Vaters ein. Er erfuhr, daß er ziemlich geſund und wenn auch niedergeſchlagen, ſo doch nicht ohne Hoffnung auf eine beſſere Wendung der Dinge ſei. Außerdem wieder⸗ holte Amerigo ihm alle jene Einzelheiten, die er auch Ferrer ſchon mitgetheilt hatte. Diego's Faſſung war zu⸗ rückgekehrt. Er ſprach zu Donna Elvira: „Ich bin entſchloſſen, ſogleich ein Roß zu beſtei⸗ gen und mich nach Cadix auf den Weg zu machen.“ „Du ſtehſt in den Dienſten der Königin,“ ent⸗ gegnete ſie,„willſt Du nicht erſt ihre Erlaubniß zu Deiner Entfernung nachſuchen? Sie könnte dieſe, da ſie ohne ihr Vorwiſſen geſchieht, ungnädig aufnehmen.“ „Ich will es auf dieſe Ungnade wagen,“ ſprach Diego mit einer Entſchiedenheit, die ſonſt ſeinem be⸗ ſcheidenen Weſen fremd war.„Auf jeden Fall würde 151 eine Zögerung für mich entſtehen. Auch könnte ſie mir dieſe Erlaubniß verweigern, und dann würde ich die Al⸗ hambra nicht verlaſſen dürfen. Mein Platz iſt an der Seite meines Vaters, mein Beruf, ihn zu tröſten und zu ſtützen. Er hat nur zu lange ſeine Söhne entbehrt. Ze⸗ der Augenblick des Wartens wird mir zur Qual und zum peinigenden Vorwurfe. Sein Unglück ruft mich zu ihm!“ „So gehe, gehe ſogleich,“ ſprach Elvira ent⸗ ſchloſſen;„nimm einige unſere Lanzenträger als Beglei⸗ ter mit Dir. Ich nehme die Verantwortung für Deine ſchnelle Entfernung auf mich. Bringe Deinem edlen Va⸗ ter unſeren freundlichſten Gruß, und möge er verſichert ſein, daß noch in dieſer Stunde Alles geſchieht, was Hochachtung und Freundſchaft zu ſeinem Beſten zu er⸗ ſinnen vermögen. Ich erwarte in jedem Augenblick mei⸗ nen Gemahl. Er begleitet den König auf einem Ritt in die Vega. Er wird ſich freuen, ſeine Bemühungen mit den meinigen zu vereinigen, denn ſeine Verehrung des Admirals iſt der meinigen gleich. Es iſt von der äußer⸗ ſten Wichtigkeit, daß das Schreiben des Admirals an die Königin in deren Hände gelange, ehe ſie der Bericht des aufgeblaſenen Bovadilla erreicht. Ich will ihn ihr daher ſogleich ſelbſt überbringen.“ Diego verabſchiedete ſich mit einer tiefen Verbeu⸗ gung. Die Worte und Zeichen der Liebe, mit denen er vorher ſo freigebig gegen Maria geweſen, ſchwiegen jetzt. Der Gedanke an das Unglück ſeines Vaters lag zermal⸗ mend auf ihm und entblätterte vorzeitig den jungen Lenz ſeiner innigſten Gefühle. Amerigo Vespucci nahm nun das Wort: „Ich würde ſehr glücklich ſein, wenn es mir ge⸗ ſtattet wäre, den tapferen Ritter von Viana heute noch begrüßen zu dürfen. Ich ſah ihn nicht wieder, ſeit er ſei⸗ nen Heldenarm zu meiner Befreiung erhob.“ „So erwartet ihn hier,“ ſprach Elvira mit ernſter Freundlichkeit.„Meine Nichte wird es vorziehen, ſich in ihre innerſten Gemächer zu begeben, doch wird Meiſter Ferrer Euch Geſellſchaft leiſten, wie ich hoffe. Vielleicht wird mein Gemahl eher durch Euch, als durch mich das Vorgefallene erfahren.“ Ferrer erklärte ſich bereit, dieſem Verlangen zu willfahren. Maria ſuchte nur zu gern die Einſamkeit, denn ihr geängſtetes Herz ſehnte ſich, von der Gegen⸗ wart ſtörender Zeugen befreit zu ſein. Elvira hüllte ſich in ihre Mantille und verließ mit ihrer Nichte zugleich die Gemächer. Erſt auf dem Gange vor dieſen trennten ſich Beide und gingen nach verſchiedenen Seiten. So ſehr wünſchte Elvira unbemerkt zu bleiben, daß ſie ihren Weg ganz allein antrat und auch bei deſſen Verfolgung jede Begleitung eines Dieners zurückwies. Verhüllt und ſchweigend ging ſie an den Schildwachen vorüber und 153 gelangte zuletzt in jenen Flügel, den ſie vor Jahren als Boabdil's Gefangene bewohnte. Nach dem ihr zukom⸗ menden Vorrechte trat ſie unangemeldet bei der Kö⸗ nigin ein. Der üppige Prunk, welcher unter der mauriſchen Herrſchaft hier entfaltet ward, war theilweiſe verſchwun⸗ den. Ein gewiſſer düſterer Ernſt, zu dem auch die ſpa⸗ niſche Grandezza in dem Benehmen ſeiner gegenwärti⸗ gen Bewohner beitrug, lagerte auf dieſen einſt dem aus⸗ geſuchteſten Genuße geweihten Räumen. Mehrere Ritter und Lanzenknechte, zur Leibwache gehörig, bewegten ſich ſtill und gemeſſen auf den Höfen und in den Hallen. Einige Edelknaben und Leibdiener ſtanden in den Vor⸗ zimmern. Iſabella war allein; ſie ſaß auf einer Otto⸗ manne und las in einer lateiniſch abgefaßten Schrift, welche ihr der Cardinal Timenes als eine Zuſammen⸗ ſtellung der Maßregeln überreicht hatte, die er angewen⸗ det, um ſeine Reform der verderbten Sitten der ſpani⸗ ſchen Geiſtlichkeit zu bewerkſtelligen. Als Elvira den Vorhang zurückſchlug, welcher die Thüröffnung verdeckte, ſah Iſabella auf und rief ihr entgegen: „Du haſt uns erſt vor wenigen Stunden verlaſſen, liebe Nichte, doch erfreut mich Dein Anblick wie immer. Willſt Du mir die Zeit verkü zen, bis der König mit ſei⸗ nen Rittern heimkehrt?“ 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IV. 1⁰ 154 „Dies kann in jedem Augenblicke geſchehen,“ ant⸗ wortete Elvira,„doch wollte ich mir vorher noch auf einige kurze Minuten Gehör von Eurer Hoheit erbitten.“ „So ſetze Dich zu mir und ſprich,“ ſagte Iſabella, indem ſie auf ein Tabouret wies, welches, niedriger als der Sitz der Königin, in der Nähe ſtand. Elvira legte den dritten der ihr von Ferrer zugeſtellten Briefe auf ihren entfalteten Fächer und bot ihn der Königin dar. Dann erſt ließ ſie ſich ſchweigend nieder. Dieſe rief über⸗ raſcht: „Von Chriſtobal Colon?— Er iſt alſo ſchon in Europa angelangt. Die Nachrichten, welche ich zuletzt über ihn erhielt, waren mir nicht angenehm.“ „Er iſt kürzlich in Cadir gelandet, wohin Bovadilla ihn mit ſeinen Brüdern ſchickte, verſetzte Elvira. Iſabella ſah ſie fragend an. „Die Gewalt,“ fuhr Elvira fort,„welche Eure Hoheit dem Bovadilla ſo unverdienter Weiſe verlieh, hat dieſen ſchwachen und eiteln Mann zu unglaublicher Un⸗ verſchämtheit aufgeblaſen. Bei ſeiner Ankunft auf Hiſpa⸗ niola zeigte er Euer Beglaubigungsſchreiben prahleriſch vor und gebot dem Admiral, vor ihm zu erſcheinen. Ohne irgend eine geſetzliche Unterſuchung zu veranſtalten, ließ er ihn mit Feſſeln belaſten. Colon widerſetzte ſich keinen Augenblick dieſer ungeheuren Beſchimpfung. Bovadilla 155 faßte nun alle jene niedrigen und nichtswürdigen Ver⸗ läumdung zuſammen, die der Haß der Gegner und ihre Hoffnung, ſich bei ihm in Gunſt zu ſetzen, erſonnen hatte, und beförderte alle dieſe gehäſſigen Beſchuldigungen mit dem Admiral ſelbſt hierher nach Europa. Dieſen Letztern und ſeine beiden Brüder befahl er während der Ueber⸗ fahrt in den angelegten Feſſeln zu laſſen.“ Die Königin ſah noch immer unverwandt und wort⸗ los auf die beredten Züge der vor ihr Sitzenden. Es war, als wenn die Ueberraſchung ihr die Sprache ver⸗ ſagte. Ein unſägliches bitteres Lächeln ſpielte um die Lip⸗ pen Elvira's, als ſie hinzufügte: „Wenn Chriſtobal Colon in den Zeiten des Alter⸗ thums in Griechenland oder in Rom gelebt hätte, ſo wür⸗ den ihm Statuen errichtet, Tempel erbaut und Ehrenbe⸗ zeugungen erwieſen ſein, wie man ſie den Göttern weihte. Caſtilien belohnt ihn anders; es wirft ihn in Ketten— dieſe Ketten trägt er nun ſchon länger als drei Monate!“ „Aber dies iſt ein unerhörter Mißbrauch— eine entſetzliche Verkennung meines Willens!“ rief Iſabella, indem ſie endlich Worte für ihre aufgeregten Gefühle fand.„Ich habe befohlen, daß Bovadilla für eine Weile an die Stelle des Admirals treten, die Beſchwerden der Coloniſten unterſuchen, und die Wirren unter ihnen ſchlichten ſolle. Aber ich habe dabei vorausgeſetzt, daß 4 156 die höchſte Rückſicht für den Admiral beobachtet und daß alles wirklich Kränkende für ihn vermieden werde! Welch' ein ſchwerer Tadel trifft meine Anordnungen, da ſie ſo verkehrt gedeutet wurden! Welche Beſchuldigungen wird die Welt gegen mich erheben, wenn ſie mir ein ſolches Verfahren zuſchreibt!“ „Die ſchwerſten,“ ſprach Elvira mit tiefem Ernſt, „diejenigen des ſchwärzeſten Undanks! Mit⸗ und Nach⸗ welt werden Dich richten!“ „Alle Heiligen mögen mich vor dieſer ſchmählichen Sünde beſchützen!“ rief die Königin wie von Angſt erfüllt. „Wenn der Admiral auch,“ fuhr Elvira fort,„eini⸗ ge Uebeſonnenheiten beging, ſo hat er dennoch unendlich viel für Spanien und für die ganze gebildete Welt gethan. Die Schmach, die ihm widerfahren, trifft das ganze Volk der Spanier.“ „Und ſeine Herrſcher mit ihm!“ ſprach die Königin tief ergriffen.„Ich faſſe die ganze Sache noch immer nicht, fuhr ſie etwas ruhiger fort.„Bovadilla ſteht in dem Rufe eines ehrlichen und frommen Mannes; wie hat man in ſeinem Charakter Unredlichkeit oder Habſucht entdeckt.“ „Jedenfalls hat er ſich als durchaus untauglich be⸗ 157 wieſen,“ ſprach Elvira auf ihre furchtloſe Weiſe weiter, „denn er zeigte ſich ſo boshaft wie unwiſſend.“ „Fonſeca empfahl ihn ſo dringend,“ verſetzte die Königin wie in Nachdenken verſunken,„und ſtellte uns die Beſchwerden des Pflanzſtaates ſo ſehr bedeutend vor, daß jede verderbliche Zögerung vermieden werden müſſe. Eine ſolche würde entſtanden ſein, wenn wir unſerm Be⸗ vollmächtigen eine beſchränktere Gewalt verliehen hätten, die ihn nöthigte, erſt Anweiſungen für ſeine Handlungen von uns aus Spanien zu erbitten. Auch mußte dieſe Gewalt nothwendig der des Admirals überlegen ſein, da dieſer einer der Betheiligten war. Ihm und ſeinen Freunden wollten wir nach ihrer Ankunft hier ſelbſt ein billiges und gnädiges Urtheil ſprechen— und mun hat uns dieſer Bovadilla auf ſo abſcheuliche Weiſe vorge⸗ griffen!“ „Das Uebel iſt geſchehen, wenn auch gegen Deinen Willen, große Königin,“ ſprach Donna Elvira.„Aber löſche ihn aus, dieſen dunkeln Flecken, der an Deinem Ruhme haftet! Befreie den Admiral und ſeine Brüder, und entſchädige ſie für alle die Unbill, die ſie erleiden mußten!“ „Das ſoll geſchehen,“ ſprach die Königin mit aller Lebhaftigkeit ihrer Jugendjahre.„Doch will ich erſt den Brief leſen, den Colon mir ſendet.“ 158 Sie entfaltete dieſen. Columbus ſetzte ihr darin ſeine Beſchwerden auseinander und erbat die Wiederkehr ihrer Gnade. Er habe faſt immer von den Seinigen entfernt leben, ſich den ſüßen Banden der Familie ent⸗ reißen müſſen, um ſeine Unternehmungen zu fördern. Er habe dieſe zum alleinigen Beſten Spaniens ausgeführt, während die Regierung von England, Frankreich und Portugal ihm die lockendſten Anerbietungen gemacht hätten, ihnen dieſe Vortheile zuzuwenden. Für alle dieſe ſtandhafte Treue ſei er wie ein überwieſener Verbrecher behandelt, wie ein Miſſethäter in das Land geſchafft wor⸗ den, für welches er eine neue Welt entdeckt habe. „Er hat Recht,“ ſprach Iſabella tief gerührt,„ihm iſt ſchmählich vergolten worden!“ „So will Eure Hoheit ihm einen Boten ſenden, der ihn ſogleich von ſeinen Feſſeln befreit?“ fragte El⸗ vira in höchſter Spannung. „Er ſoll unverzüglich abgehen,“ antwortete die Kö⸗ nigin raſch und feſt,„und einen eigenhändigen Brief von mir an Colon mitnehmen. Was gut zu machen iſt, ſoll geſchehen.“ Man hörte Pferdegetrappel im äußeren Vorhofe der Alhambra. „Der König wird mit ſeinen Rittern zurückkom⸗ men,“ ſprach Elvira, welche an's Fenſter eilte.„Don 159 Arnold iſt unter ihnen. O, ſo betraue ihn mit dieſer hochwichtigen Botſchaft! Er war es, der Chriſtobal Co⸗ lon zurückholte, als er, an der Zuſtimmung der Herrſcher verzweifelnd, Spanien für immer verlaſſen wollte; er begrüßte ihn, als er im Sonnenglanze ſeines Ruhms aus der neuen Welt heimkehrte und ſeinen Triumphzug nach Barcellona unternehmen ſollte— laß ihn auch heute gehen, um dem tiefgebeugten, ſchwer gekränkten Dulder die Rückkehr Deiner Gnade zu verkünden!“ Sie war dicht vor die Königin getreten und ſtreckte ihre Hand aus, wie um ihre Bitte zu unterſtützen. „So ſei es,“ ſprach dieſe.„Möge er ein ſtattliches Gefolge von Rittern und Waffenträgern mitnehmen, die den Admiral und ſeine Brüder hierher geleiten ſollen. Ich werde ihm tauſend Dukaten ſenden, womit er ſeine erſten Ausgaben beſtreiten kann. Es ſoll Alles geſchehen, um ihn für das erlittene Unrecht ſchadlos zu halten und ihm zu zeigen, daß ihm dies gänzlich gegen meinen Wil⸗ len zugefügt iſt. Ich will ſogleich das Schreiben ab⸗ faſſen und die nöthigen Befehle erlaſſen. In der kürzeſten Zeit ſollen die Ritter mit ihren Begleitern abgehen!“ „Ich wußte es, große Königin, daß Dein edles Herz laut ſprechen würde, wenn ich es zum Schutze der gekränkten Tugend aufriefe!“ ſprach Elvira, indem ſie 160 mit wahrer Hochachtung die Hand Iſabella's an ihre Lippen führte und auf den Schemel vor ihr niederkniete. „Und nie wird ſie eine furchtloſere Vertheidigerin finden als Dich,“ ſagte Iſabella leiſe lächelnd. „Verzeihe mir, erhabene Iſabella, wenn ich zu kühn zu Dir ſprach,“ fuhr Elvira fort.„Meine Aufregung war ſo heftig, daß ich ſie nicht zu bemeiſtern vermochte. Ich habe auch Diego Colon gehen heißen, ohne erſt Deine gnädige Erlaubniß dazu einzuholen; der Sohn eilte zum Vater, um ihn zu tröſten. Zeder Augenblick des Zögerns ſchien ihm ein Verbrechen an ſeiner Liebe, die ſein Vater ſo lange entbehrt hatte.“ „Es iſt gut,“ entgegnete die Königin.„Ich danke Dir, daß Du mich ſo unumwunden mit dieſen traurigen Vorfällen bekannt gemacht haſt; ſie konnten nicht ſchnell genug zu meinem Ohre kommen, damit meine Gerechtig⸗ keit wieder gut mache, was möglich iſt.“*) ) Siehe über alles dies: Geſchichte des Admirals von Fer⸗ nando Colon. Siebentes Capitel. Nodrigo Bermeyo. Chriſtof Columbus befand ſich in der Kajüte des Fahrzeuges, welches ihn von Hiſpaniola herübergebracht hatte. Der Hafen von Cadir, aus dem er einſt mit ſo großen Hoffnungen, im vollen Genuße ſeiner Würde und ſeines Glückes, als der hochgebietende Befehlshaber einer zahlreichen Flotte abgeſegelt war, beherbergte jetzt das Schiff, welches als ſein Gefängniß diente. Aber nie war die Seelenſtärke dieſes großen Mannes deutlicher hervor⸗ getreten, als in dieſen Tagen des ſchwerſten Unglücks. Kein Wort des gerechteſten Zornes oder bitterer Klage entfloh ſeinem Munde. Mit ſchweigender Reſignation fügte er ſich der ſchrecklichen Veränderung, und nahm als ein wahrer Jünger des größten Meiſters ſein Kreuz ohne Murren auf ſich. Er ſaß am Fenſter und blickte hinaus auf das 162 Meer, auf jenes Element, was ihm im Laufe ſeines lan⸗ gen, mühevollen Lebens ſo vertraut geworden war, wie die Muttererde, auf der ſeine Wiege ſtand. Da öffnete ſich die Thür; der Matroſe Rodrigo Bermeyo trat vor ihn und nahm ohne Säumen das Wort: „Ich habe von dem Capitano die Erlaubniß erhal⸗ ten, bei Euch einzutreten, Don Chriſtobal. Der Cajüten⸗ wärter iſt krank geworden; ich ſoll ſeine Stelle vertreten. Ihr wißt wohl nicht einmal, daß ich die Reiſe von Hi⸗ ſpaniola hierher am Bord dieſes Schiffes mit Euch ge⸗ macht habe?“ „Nein,“ antwortete Columbus,„ich habe Dich nicht bemerkt.“ „Aber ich Euch deſto beſſer. Nun wir hier ſind, möchte ich ein Wörtchen mit Euch reden.“ „Sprich, ich höre!“ erwiederte Columbus. „Ich will Euch erzählen, daß der Biſchof Fonſeca ſchon in Sevilla dem Bovadilla die Weiſung gab, Euch gleich auf Hiſpaniola feſtzunehmen. Euer Bruder und ich machten unſere letzte Fahrt dahin ſchneller als er die ſei⸗ nige, und trafen noch einige Tage vor ihm dort ein, und da Fonſeca mich dem neuen Statthalter als einen zuver⸗ läſſigen und gewandten Mann empfohlen hatte, hörte er auf meine Worte, die ihm das Nämliche riethen. Ich fügte hinzu, daß ich ſeit länger als acht Jahren in Eurer 163 oder Eurer Brüder Nähe geweſen, und daher überzeugt ſei, daß Ihr offene Feindſeligkeiten gegen ihn anſtiften würdet, wenn er ſich Eurer nicht ganz und gar ver⸗ ſicherte. Eure Ketten habt Ihr mir und Fonſeca zu danken!“ „Dem Biſchof Fonſeca— ich dachte es!“ ſprach Columbus gelaſſen.„Allein was that ich Dir?“ „Habt Ihr mir nicht die Geldſumme verweigert, welche mir für das erſte Erblicken der neuen Welt ge⸗ bührte?— Ich rief damals Gottes Fluch über Euch herab; er hat endlich Euer Haupt getroffen.“ „Alſo ſo lange haſt Du mich gehaßt?“ „Euch gehaßt und verwünſcht wie meinen Todfeind. Martin Alonzo Pinzon ſtarb mit den nämlichen Ge⸗ fühlen gegen Euch. Ich tröſtete ihn auf dem Sterbe⸗ bette, indem ich ihm gelobte, ſeine Rache an Euch mit zu übernehmen. Dabei ließ ich mir Eure gnädige Verzei⸗ hung und die Trinkgelder und die Spenden gefallen, welche Fonſeca mir zur Entſchädigung für das, um was Ihr mich betrogen, zukommen ließ. Ich blieb Euch wie ein böſer Geiſt zur Seite, ging mit Euch nach Hiſpaniola, ſchürte die Unzufriedenheit unter Euren Gegnern, wo ich konnte, und ruderte ſie endlich freiwillig mit meinem Boote an die Schiffe, welche Don Bartolomäo, Euer Bruder, aus Spanien herübergeführt hatte, ſo daß ſie 164 mit dieſen entfliehen und im Vaterlande ihre Klagen ge⸗ gen Euch erheben konnten.“ „Du übteſt alſo doppelten Verrath,“ verſetzte Co⸗ lumbus mit der Ruhe des Weiſen.„Deine Rolle wurde gut geſpielt; ich habe ſie Dir nicht zugetraut.“ „Ich brachte Euch falſche Nachrichten wo ich konnte,“ fuhr der ruchloſe Berichterſtatter fort.„Heimlich ermun⸗ terte ich die Coloniſten, die in ihrer Gewalt befindlichen Indianer auf den Märkten Andaluſiens und Caſtiliens zu verkaufen, und ging ihnen darin bei meiner letzten An⸗ weſenheit hier mit gutem Beiſpiele voran, weil ich wußte, daß Ihr die Schuld dafür tragen müßtet. Don Jacopo wollte mich damals bei einer Gelegenheit zur Ruhe ver⸗ weiſen, doch war er dumm genug, mich entſchlüpfen zu laſſen. Zu Euch mußte ich wieder, denn mit Euch hatte ich noch viel abzumachen. Oft genug dachte ich in der erſten Zeit nach Eurem ſchändlichen Betruge an mir, daß ich Euch nach alter, ſpaniſcher Weiſe mein Meſſer in die Bruſt ſtoßen wollte— aber dieſe langſame Rache ge⸗ fiel mir beſſer, da ſie Euch ärger peinigen und tiefer kränken würde, als ein ſchneller Tod, den Euch ja auf jeder Reiſe die See bringen konnte.“ „Auch der Heiland trug ſeine Dornenkrone,“ ſprach Columbus mit der Ergebung des chriſtlichen Dulders, „warum ſollte ſie denn zu ſcharf für mich ſein?— Viel⸗ 165 leicht habe ich nicht alle Gebote des Herrn gehalten, viel⸗ leicht bin ich meiner Pflicht nicht ſo treu geweſen, wie es hätte ſein können, und wenn auch dieſe Prüfung hart iſt, ſo will ich ſie wie eine Buße betrachten, die mir für meine Unvollkommenheiten auferlegt iſt.“ „So haltet gut bei ihr aus, hochmüthiger Ge⸗ nueſe!“ rief Rodrigo mit wildem Hohn,„ich werde Euch darin nicht ſtören!— Ihr habt endlich Euren vollen, gerechten Lohn empfangen, und mein Triumph iſt, daß ich viel dazu beigetragen habe!— Ich meinestheils konnte hier in der alten Welt nicht zu Reichthümern gelangen, da mußte ich denn da drüben darauf ausgehen, mir Gold zu erwerben. Aber ich muß noch mehr haben. Noch eine Reiſe— und ich komme als gemachter Mann heim, um nicht wieder fortzugehen. Dann ſprechen wir uns wie⸗ der. Wenn ich mein Leben ganz genieße, werdet Ihr das Eure im Kerker beſchließen. Ich gehe bald wieder nach Hiſpaniola ab!“ „Möge Dein Herz dort gebeſſert werden,“ ſagte Columbus, während der Matroſe die weißen Zähne fletſchte und das braune Antlitz in Grimm und Wuth verzerrte. Im Begriff, das Gemach zu verlaſſen, rief er zurückblickend: „Vorläufig iſt unſere Rechnung quitt. Möge es allen lügneriſchen Prahlhänſen wie Euch ergehen!“— 166 Noch waren dieſe boshaften Worte nicht verhallt, als jugendliche Tritte hörbar wurden. Columbus erhob das gebeugte Haupt; ſein Auge erglänzte. Der leichte, elaſtiſche Schritt konnte nur einem ihm theuren Weſen angehören. Im nächſten Augenblicke hing Diego an dem Halſe ſeines Vaters. Die kindliche Zärtlichkeit des Sohnes, die heißen Thränen, welche bei dem Anblicke der Ketten an den Händen und Füßen des Vaters über ſeine Wangen ran⸗ nen, die Nachrichten, welche er von Donna Elvira brachte, waren die erſten Balſamtropfen für die tiefen Wunden, welche dem Gemüthe des Admirals geſchlagen waren.— Jacopo ſaß während deſſen ſtill und einſam in einer andern Cajüte des nämlichen Schiffes. Er theilte nicht die ruhige Ergebung ſeines älteſten Bruders; eine tiefe Niedergeſchlagenheit lagerte auf ſeinem Geiſte. Täglich hatte er auf der langen Reiſe die Gegenwart des Admi⸗ rals wenigſtens auf Stunden genoſſen, doch hatte weder deſſen ſanfte Reſignation, noch das muthige Selbſtver⸗ trauen ſeines zweiten Bruders ſeine geſunkene Zuverſicht auf den endlichen, glücklichen Ausgang ihrer gerechten Sache neu beleben können. In düſterer Verſchloſſenheit hatte er ſeit Wochen nur über das Nothwendigſte geredet, und ſaß auch jetzt ſtumm auf einem Seſſel, das Haupt zurück an die Wand gelehnt, die gefeſſelten Arme über 167 der Bruſt zuſammengelegt. Plötzlich öffnete ſich die Thür und eine weibliche Geſtalt flog auf ihn zu. Sie ſank vor ihm nieder, umfaßte ſeine Knie und brach in Thränen aus. „Pepita!“ rief er überraſcht, indem er ihr die Hand entgegenſtreckte.„Woher kommſt Du? Wie haſt Du ſo lange gelebt?“ Sie bedeckte ſeine Hand mit Küßen ohne zu antwor⸗ ten. Dann ging ſein Ton in denjenigen einer ſanften Freundlichkeit über, wenn auch noch die tiefe Melancholie ſeines Innern durchklang: „Faſſe Dich und erzähle mir, wie Du zu mir ge⸗ langen konnteſt.“ „Ich kenne den Schiffsſoldaten, der Euch bewacht, von Palos her,“ erwiederte ſie, indem ſie ihre Thränen zu trocknen ſuchte.„Einige gute Worte und einige Ma⸗ ravedis von mir brachten ihn dazu, mich heimlich zu Euch zu laſſen.“ „Alſo Du haſt Dich nicht von mir gewendet, wie ſonſt alle Andern, die ſich ſonſt unſere Freunde nannten?“ fragte er auf die nämliche Weiſe. „Nie, nie!“ rief ſie heftig.„Ich werde Euch an⸗ hängen bis zum Tode! Auch nicht das größte Unglück kann mich darin wankend machen!— Ich würde zu Euch 168 halten, auch wenn Ihr als der niedrigſte Verbrecher zum Richtplatz gehen müßtet!“ „Man kann nicht wiſſen, was mir noch bevorſteht,“ ſprach er mit einem bittern Lächeln. Sie rief nochmals unter hervorbrechenden Thränen: „Ich darf wieder zu Euch kommen, Don Jacopo, da Ihr unglücklich und verlaſſen ſeid!— Jch darf wie eine Magd zu Euren Füßen knien und Euch fragen, ob es nichts gibt, nicht einen kleinen Dienſt oder eine große Mühſal, was ich für Euch vollbringen könnte?— Das arme Mädchen von Palos iſt nicht mehr von Eurem An⸗ geſichte verbannt. Sie fleht Euch an: gebietet über alle ihre Kräfte, über all ihr Denken und Thun— ſagt mir, was ich für Euch unternehmen ſoll!“ „Wie ſchändlich man Euch behandelt,“ fuhr ſie fort, als er ſchwieg,„möge der Zorn der Heiligen Eure Verfolger treffen! O, dieſe Grauſamkeit iſt herzbe⸗ trübend!“ Sie nahm ein feines, weißes Tuch vom Halſe, zer⸗ riß es und ſchob einige Stücke davon unter die Feſſel, welche ſeine Handgelenke umſchloß und dieſe roth ge⸗ ſchenert hatte. „Laß es gut ſein, Pepita,“ ſprach er wehmüthig. „Das Eiſen hat mich nicht zu ſehr gedrückt; ich habe Schlimmeres ertragen. Du meinſt es treu mit mir. Nun 169 ſetze Dich zu mir und erzähle, wie Du es ſchon erfahren konnteſt, daß ich in dieſer unglückſeligen Lage hier ange⸗ kommen ſei.“ Sie ſtand auf und erwiederte etwas ruhiger: „Ich hielt mich in Sevilla in jener Poſada auf, in der Ihr mich ſchon vor Jahren geſehen, und ſpielte dort die Zither zum Vergnügen der tanzenden oder ſitzenden Gäſte. Kürzlich gewahrte ich unter den Letzteren Don Amerigo Vespucci.“ „Ach,“ ſagte Jacopo, als ſie einen Augenblick inne hielt,„Du kennſt ihn von jenem Tagen her, da er mit mir und dem Steinſchneider nach unſerm Schiffbruche Aufnahme in Deiner Hütte in Palos fand.“ „Er raſtete nur ſo lange Zeit,“ ſetzte ſie beiſtim⸗ mend hinzu,„wie erforderlich war, bis er ein anderes Pferd erhalten konnte, da das ſeinige ſehr abgetrieben war. Er zeigte große Eile, und ich hörte ihn ſagen, daß er von Cadix komme und nach Granada wolle. Da fragte ich ihn, ob in Cadir kürzlich Schiffe aus Weſtindien an⸗ gelangt ſeien, und ob er auf dieſen etwas von meinem Vater gehört habe, der ihn ja einſt an unſerer Küſte von der genueſiſchen Galeere holte. Er antwortete mir, daß mein Vater auf dem nämlichen Schiffe mit den Colons angelangt ſei. Nun fragte ich weiter und dringender— nach Euch, Jecopo— und er geſtand mir zuletzt in der 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. W. 11 170 Stille, daß Eure Angelegenheiten ſchlecht ſtänden. Dabei hieß er mich, ſelbſt nach Cadir zu gehen, wo ich ja mei⸗ nen Vater aufſuchen und Alles erfahren könne, was ich zu wiſſen wünſchte. Ich bemerkte, daß er ſehr verſtimmt war und faſt ängſtlich vermied, mir Näheres mitzuthei⸗ len; es kam mir vor, als wenn ein trauriges Geheimniß ſeine Zunge bände— und ſo lief ich denn hierher ſo ſchnell es gehen wollte, als er ſeinen Weg nach Granada ange⸗ treten hatte.“ „Gewandert biſt Du— ach Pepita, das thäte Nie⸗ mand ſonſt in ganz Caſtilien für mich!“ fiel er ihr in's Wort. „Und als ich athemlos, zum Tode ermüdet meinen Vater aufſuchte, erfuhr ich von ihm, daß Ihr in Feſſeln geſchlagen wäret— Ihr und Eure Brüder— und drängte mich zu Euch, um Euch zu ſehen, um Euch zu dienen— um Euch zu tröſten!“ Sie beugte ſich noch einmal auf ſeine Hand herun⸗ ter. Eine herzliche Theilnahme verdrängte für den Au⸗ genblick jedes andere Gefühl aus der Bruſt des jungen Mannes. Eine Ahnung der Natur, der Zuneigung Pepi⸗ ta's erwachte in ihm; er hörte, daß dieſes einfache Mäd⸗ chen noch immer Noth und Tod mit ihm theilen wollte, und erkannte, daß er ihr theurer war, da ſie ihn wie einen armen Schiffbrüchigen der tobenden See abrang, 174 da er wie ein Verbrecher in Ketten lag, als in jenen Ta⸗ gen des Glanzes, in denen er den Ruhm ſeines hochge⸗ feierten Bruders theilte!— Er legte liebevoll ſeine zweite Hand auf ihren Kopf, während ihr ganzes Benehmen, ſeit er ſie zuerſt geſehen, an ſeinem Geiſte vorüberging. Es enthielt ſeltſame Widerſprüche, aber Mitleid und Dankbarkeit beſchwichtigten jeden Zweifel, und ſeinen in⸗ nerſten Gedanken Worte gebend verſetzte er: „Ich ſagte Dir einſt ein hartes Wort— über jenes Halsgeſchmeide— verzeihe es mir heute, Pepita! Ein ſchwarzer Schatten war an jenem dunkeln Tage zwiſchen uns getreten!“ „O, redet nicht davon!“ rief ſie.„Ihr gelangtet wieder zu Eurem Eigenthum; fragt mich nicht weiter. Denkt, daß es Euch nie genommen wurde, daß Ihr es nie entbehrt habt. Löſcht dieſen Tag des Unglücks aus Eurem Gedächtniſſe— er war mir noch ſchrecklicher als der heutige, da ich Euch in Ketten ſehe! Wenn ich mir jemals ein Verdienſt um Cuch erwarb, ſo belohnt mich dafür, indem Ihr jedes Mißtrauen gegen mich aus Eurem Herzen ſcheucht!“ „Ha, Mädchen,“ ſprach er betroffen,„könnte es möglich ſein, daß Du damals nicht jenen Schmuck ent⸗ wendeteſt, daß Du alle Schuld auf Dich nahmſt, Alles opferteſt, um Deinen Vater zu retten? Und daß ich 4 172 Dein Herz durch ungerechte Vorwürfe bis zum Tode verwundete?— O, eine Tochter wie Du, ein Weib, deſſen Seele ein Diamant iſt— und ein ſo ruchloſer Vater!“ „Schweigt, um Gottes willen!“ rief ſie mit gerun⸗ genen Händen.„Dies Geſchmeide war ein Köder der Hölle, womit der Böſe ſchon bei Eurem Schiffbruche die Augen der Menſchen verblendete, um eine arme Seele zu verlocken! Laßt Alles wie es iſt, und fragt mich nicht weiter!“ „Dieſe goldene Kette,“ fuhr Jacopo mit trübem Lächeln fort,„hat mich ſo treu begleitet, wie die eiſerne. Das koſtbare Band iſt nicht von meinem Halſe gekom⸗ men; ich verbarg es an mir bei unſerer Abfahrt von Hiſpaniola, denn ich dachte, es könnte das einzige Beſitz⸗ thum ſein, welches den Colons bliebe, und wir würden es veräußern müſſen, um irgend eine Noth des Lebens damit zu decken. Von dieſen Edelſteinen wenigſtens würden unſere Widerſacher nicht behaupten dürfen, daß wir ſie uns unrechtlich angemaßt haben.“ Er hatte ſein Wamms geöffnet und zog die Kette hervor. Dann fuhr er fort: „Ich weiß nicht, was man jetzt mit uns vornehmen, wie weit man die Unwürdigkeiten gegen uns treiben wird. Man könnte meine Perſon unterſuchen und mir dies Ge⸗ 173 ſchmeide unter irgend einem Vorwande abnehmen. Hebe es mir auf, Pepita, und ſprich zu keinem Menſchen davon. Ich hege die feſte Ueberzeugung, das es ſicherer bei Dir als bei mir ſein wird. Wenn ich Dich darum bitte, ſo wirſt Du es veräußern oder mir zurückgeben.“ „Nur mit meinem Herzblute will ich es mir ent⸗ reißen laſſen, dafern Ihr es mir nicht gebietet!“ rief ſie mit ſtrahlenden Augen, indem ſie es ſchnell verbarg, da man die nahenden Tritte mehrerer Männer hörte. Kaum konnte ſie ſich entfernen, als ſchon Columbus, ſein Bruder Bartolomäus und ſein Sohn Diego hereintraten, welche vom Schiffscommandanten die Erlaubniß erhalten hatten, ſich zu Jacopo zu begeben. Die Freude, ſeinen Neffen wiederzuſehen, ſprach ſich bei dieſem nicht ſo lebhaft aus wie bei Bartolomäus. Dieſer trug auch in dieſen Tagen der Bedrängniß das edle Haupt ſo helden⸗ kühn erhoben, wie früher an den Höfen Englands, Frank⸗ reichs und Spaniens. Zwar verhehlte er nicht, wie tief auch er ſich gekränkt fühlte, doch ſah er der Zufunft ge⸗ faßt entgegen. Mehrere Stunden vergingen im beredten Aus⸗ tauſche der Mittheilungen über Europa, über Hiſpanivla und über die beſtandene Seefahrt. Endlich gewahr⸗ ten ſie durch das Fenſter mehrere Boote. Einige Ritter im vollen Schmuck ihrer Waffenrüſtung, mit wehenden 174 Helmbüſchen und goldverbrämten Mänteln ließen ſich in ihnen heranrudern. Bald wurde dem Admiral mitgetheilt, daß Don Arnold von Viana im Auftrage der Königin ihm und ſeinen Brüdern eine Mittheilung zu machen habe. Arnold verbeugte ſich bei ſeinem Eintritte ſo tief wie jemals vor dem Vicekönig von Indien und Admiral des Weltmeers. Diego's Herz pochte freudig. Mit war⸗ mer Theilnahme ſagte der Erſtere: „Excellenza, laßt mich Euch zuerſt mein tiefes Be⸗ dauern über die unwürdige Behandlung äußern, die Ihr erfahren mußtet. Die Königin befiehlt, daß Euch und Euren Brüdern unverzüglich die Ketten abgenommen werden.“ Er winkte einem Schiffsſoldaten, und bald waren die drei Gefangenen von den Zeichen ihrer Schmach be⸗ freit. Arnold fuhr fort: „Die Königin ſendet Euch einen Brief, in welchem ſie ihre gnädigen Geſinnungen gegen Euch und Eure Brüder ausſpricht. Ihr werdet geneigt ſein, mir und den beiden Rittern von der königlichen Leibwache, welche Euch oben auf dem Verdeck erwarten, an's Land zu fol⸗ gen. Am Ufer iſt ein zahlreiches Gefolge aufgeſtellt, wel⸗ ches Euch zum Gouverneur der Stadt geleiten ſoll, und welches Euch umgeben wird, bis Ihr Euch geſtimmt 175 fühlt, die Reiſe fortzuſetzen. Die Königin ſendet Euch durch mich tauſend Dukaten, mit welchen Ihr die Koſten Eurer Equipirung und Eures baldmöglichſt zu unterneh⸗ menden Rittes nach Granada zu beſtreiten habt. Meine Begleiter und ich werden Euch dahin folgen.“ Columbus empfing das Schreiben mit einer tiefen Verbeugung und ſagte: „Ihre Hoheit hat nicht ganz ihre Huld von mir ge⸗ wendet; möge es mir gelingen, ſie mir vollſtändig wie⸗ der zu gewinnen.“ Er entfaltete den Brief, überflog ſeinen Inhalt und las dieſen dann laut ſeinen Brüdern und ſeinem Sohne vor. In den wohlwollendſten Ausdrücken ſprach der Kö⸗ nig mit der Königin zugleich ſeine höchſte Entrüſtung über die den Colons widerfahrene Behandlung aus. Beide luden ſie ein, ſich baldmöglichſt an ihren Hof zu begeben, worauf ſie ſich bemühen würden, ihnen Erſatz für die erlittene Unbill zu gewähren.— Columbus fühlte ſich neu belebt durch dieſe trö⸗ ſtende Botſchaft; auch Bartolomäus ſprach ſeine Freude darüber aus. Jacopo verhielt ſich ſchweigſamer, wenn gleich dieſe günſtige Veränderung auch ihm ſehr erwünſcht kam. Alle begaben ſich vorerſt in das Haus des Gou⸗ verneurs von Cadix. Jacopo erblickte Pepita noch ein⸗ mal auf dem Verdeck, als er das Schiff verließ; nur 176 einen ſtummen Gruß konnte er ihr aus einiger Entfer⸗ nung zuwinken.— Das Schiff wurde bald darauf von dem größten Theile der Mannſchaft verlaſſen. Auch die Offiziere gin⸗ gen mit ihr an's Land. Es waren keine wichtigen Ge⸗ fangenen mehr zu bewachen und die ſonſtigen Geſchäfte größtentheils einſtweilen beſorgt. Die übrigen aus Weſt⸗ indien mitgebrachten und zur Ausſchiffung in Europa be⸗ ſtimmten Gegenſtände waren meiſtens an's Ufer geſchafft, und es mußte einige Zeit vergehen, ehe ihr Platz auf dem Fahrzeuge wieder durch andere Sachen und Vor⸗ räthe eingenommen werden konnte, welche die Rückreiſe in die neue Welt mit antreten ſollten. Alle benutzten den erhaltenen Urlaub, um ſich nach den lange erduldeten Strapazen der Seefahrt ihres Daſeins am Lande zu freuen. So geſchah es, daß am Abende des folgenden Tages nur Rodrigo Bermeyo, der Unterſteuermann und ein Schiffsjunge am Bord waren, denen man für einige Stunden die Bewachung des Schiffes anvertraut hatte. Pepita befand ſich allein mit ihrem Vater in der Kajüte, welche Jacopo zum Aufenthaltsorte gedient hatte. Die beiden anderen Seekundigen waren auf dem Hinterdeck beſchäftigt, weshalb ſie ſich als ganz ungeſtört betrachten konnten. „Als ich geſtern das Schiff verließ,“ ſagte das 177 Mädchen,„fand ich eine Herberge für die Nacht im Kloſter der Urſulinerinnen dort auf dem Hügel. Wie Ihr wißt, Vater, ſo nahm ich Euer Wamms und Eure Strümpfe mit, und habe Alles ausgebeſſert, ſo gut es gehen wollte. Da Ihr mir ſagtet, daß Ihr heute und morgen nicht an's Land kommen würdet, habe ich Euch nich länger warten laſſen wollen; Ihr könntet die Sa⸗ chen entbehren, und ich bin wieder hergefahren, um ſie Euch zu bringen.“ „Gut,“ ſprach Bermeho, indem er die erwähnten Gegenſtände flüchtig betrachtete,„lege ſie auf meine Hängematte dort an der anderen Seite in der kleinen Kajüte. Ich will die Kleidungsſtücke morgen anziehen.“ Anſtatt dieſen Worten Folge zu leiſten, blieb ſie ſtehen und ſah ihm ſtarr in's Geſicht. „Was willſt Du weiter?“ fragte er barſch. „Vater,“ verſetzte ſie endlich zögernd,„was wollt Ihr hier?“ „Dumme Frage!“ rief er.„Ich will nachſehen, was ſich noch von Don Jacopo's Sachen hier befindet, denn ſie müſſen in die Stadt geſchafft werden. Er hat ſich nur noch etwa die Hälfte nachbringen laſſen. Sobald wieder ein Boot ankommt, werde ich es damit beladen und ihm nachſenden.“ „Ihr habt mir Euer Verſprechen nicht gehalten,“ 178 fuhr ſie mit äußerer Ruhe fort.„Ich kann jetzt zum Prior von La Rabida gehen und ihm mittheilen, daß Ihr es waret, der vor langen Jahren die beiden ſilber⸗ nen Leuchter und die Altargefäße aus ſeiner Kirche der heiligen Jungfrau nahm, ſie einſchmolz und ſie als ro⸗ hes Silber an einen Mauren in Sevilla verkaufte, der nach Afrika ging.“ „Das wirſt Du unterlaſſen, thörichtes Ding!“ rief er zornig.„Iſt es meine Schuld, daß der neue Statt⸗ halter alle Colons in Feſſeln ſchlagen ließ?— Hätte ich mich widerſetzt, ſo würde mir das Nämliche geſchehen ſein. Du wollteſt ſchon früher, daß ich Don Jacopo kei⸗ nerlei Uebles zufügen ſollte, und daher habe ich ihn nicht meinen Groll gegen ſeinen Bruder büßen laſſen. Würde es mir zu verdenken ſein, wenn ich es jetzt thäte 2 Wollten er und ſein hoffärtiger Schwager mich nicht in Cordova wie einen gemeinen Verbrecher mißhandeln?“ „Ihr hattet es verdient, da Ihr ſein koſtbares Halsband ſtahlt,“ erwiederte ſie. Er verzerrte grimmig den Mund und ſagte: „Es war ſchlau genug von Dir, die ganze Schuld auf Dich zu nehmen, denn Du wußteſt, daß er Dir nichts Bedeutendes zuwider thun würde. Du hatteſt von Palos her noch immer bei ihm zu fordern, und außerdem be⸗ wies er Dir ſtets eine Art von Zuneigung. Daß ich ihn 179 mit Gefahr meines Lebens von der genueſiſchen Galeere holte, hatte er vergeſſen. Dies iſt Sitte bei den Colons. Wenn eine Weile darüber vergangen iſt, ſo kümmern ſie ſich nicht mehr darum, was ſie Anderen verſprochen haben, oder ihnen ſchuldig ſind. Nur mit Dir hat Don Jacopo eine ſeltene Ausnahme gemacht.“ „Ihr ließet Euch Eure That bezahlen, und wolltet überdem einen Mann in die See werfen, den Ihr für dies Geld mit zu retten verſprochen hattet. Wenn wir das Gute und das Böſe Eurer damaligen Handlungen gegen einander abwägen, ſo hatte Don Jacopo nicht wei⸗ tere Veranlaſſung zur Dankbarkeit gegen Euch.“ „Und ich war in meinem Recht,“ ſagte er ſpöttiſch, „mir jene Diamantenkette ſpäter zu nehmen, die ich mir damals entgehen laſſen mußte. Du machteſt dann die Sache ſo wahrſcheinlich, daß ich Dich ſelbſt für die Die⸗ bin gehalten haben würde, wenn ich es nicht beſſer ge⸗ wußt hätte.“ „Ich wünſchte Euch von der Strafe zu befreien, die Eurer wartete, vom Kerker und von der Hand des Henkers, denn Ihr ſeid und bleibt mein Vater!“ ſprach ſie dumpf.„Die Verachtung des Mannes mußte dafür mein Theil werden, für den ich tauſendmal zu ſterben be⸗ reit bin. O, das Entſetzen hätte mein Hirn verrücken können!“ 180 Sie verhüllte ſchaudernd ihr Antlitz. Er zuckte mit den Schultern, als wolle er dadurch ein Bedauern über die Thorheit ſeiner Tochter kund geben. Nach einer Weile fragte ſie ruhiger: „Wie gelangtet Ihr an dem Tage, als ich mit Donna Beatrir und Don Jacopo zur Kapelle des heili⸗ gen Alfonſo pilgerte, in das Schlafzimmer der Sen⸗ nora?“ „Ich fragte in der Küche nach Dir, um zu erfah⸗ ren, ob Ihr wirklich Alle fort wäret. Dann ſchlich ich durch die mir bekannten Gänge und Gemächer in Dein Zimmer und in dasjenige der Donna, öffnete das Schloß des Schrankes mit einem Brecheiſen, ſteckte das Käſtchen zu mir und verließ das Haus in gleicher Heimlichkeit.“ „Gleich nachdem Euch die Männer des Gerichtes verlaſſen hatten,“ verſetzte ſie,„jagte mich das Entſetzen fort von Euch. Doch habe ich Alles ſo vorausgeſehen, wie Ihr es mir heute erzählt.“ „Warum ſah ich Dich damals nicht wieder, da Du doch wußteſt, daß ich mich nach Weſtindien einſchiffen wollte?“ fragte er. „Weil ich Euren Anblick nicht ertragen konnte,“ antwortete ſie traurig. Er betrachtete ſie eine Weile und ſagte dann ſanf⸗ ter als bisher: 181 „Laß es gut ſein, Pepita! Es werden ſpäter auch für Dich beſſere Tage kommen. Ich habe Dir etwas aus der neuen Welt mitgebracht, was Dich erfreuen wird.“ Er zog bei dieſen Worten einen langen Pfeil aus der Taſche, der aus braunem, glatt polirten Holze zier⸗ lich geſchnitzt war, einen Schmuck der Eingeborenen von Jamaica. „Ich will Dir zeigen, wie die Inſulaner dieſen Putz tragen,“ fuhr er fort.„Wenn Du wieder zum Tanze gehſt, kannſt Du ihn in's Haar ſtecken und ihn in Sevilla unter allen Mayas in die Mode bringen.“ Er trat hinter ſie und ſteckte ihr den Pfeil mit der einen Hand durch die dicken, aufgewundenen Haar⸗ flechten, während er die andere dabei auf ihren Hals legte. Plötzlich rief er: „Ha, was iſt das? Du trägſt wieder eine dicke Metallkette, und logſt mir vor, daß Du nichts beſäßeſt, als was Du Dir durch Zitherſpielen verdienſt?“ Er hatte das Tuch herabgeriſſen, was ihren Hals verhüllend zugleich die Kette Jacopo's verbarg. Die Diamanten glitzerten ſo prächtig wie jemals vor den habſüchtigen Augen Rodrigo Bermeyo's. „Wie kommſt Du wieder zu dieſem Schatze?“ rief er halblaut, während ſeine funkelnden Augen deſto gie⸗ 182 riger die neu erwachte Leidenſchaft des Golddurſtes aus⸗ ſprachen. „Don Jacopo vertraute ihn mir an!“ erwie derte ſie, indem ſie einige Schritte zurückzutreten ſuchte. „Er ſoll uns gute Beute ſein! Diesmal bekommt er ihn nicht wieder!“ jubelte er.„Gieb ihn mir!“ Er ſtreckte abermals die Hand aus. Sie aber wehrte ihn ab und rief angſtvoll: „Nein, Vater, Ihr erhaltet dieſe Kette nicht! Ich gelobte ſie ſicher aufzubewahren. Nur ihrem Eigenthümer werde ich ſie ausliefern!“ „Ich nehme ſie, wenn Du ſie nicht herausgeben willſt!“ rief er wild, wenn gleich noch immer mit unter⸗ drückter Stimme. Er drang auf ſie ein; ſie wich ihm aus; er erfaßte ihren Arm; ſie riß ſich los, rang wieder mit ihm, taumelte einige Schritte vorwärts, glitt aus und ſtürzte zu Boden. Ihr Kopf flog gegen die ſcharfe Ecke des Tiſches, der an der Seite ſtand, und das Blut rieſelte von ihrer Schläfe. Im nämlichen Augenblicke wurden Schritte hörbar, und ein Mann trat durch die Cajütenthür herein. Es war Jacopo. Indem er anfangs nur den Matroſen ge⸗ wahrte, ſagte er: „Ich will diejenigen meiner Sachen ausſuchen, welche unverzüglich an's Land befördert werden ſollen. 183 Beſonders meine Waffen, meine Karten und meine Schriften wünſche ich zu haben. Der Admiral will ſchon morgen nach Granada aufbrechen.“ Rodrigo machte mechaniſch ein bejahendes Zeichen. Der Angekommene folgte der Richtung ſeiner ſtarren Blicke und bemerkte nun erſt das junge Mädchen, welches noch immer blutend am Boden lag. „Um aller Heiligen willen, Pepita, was iſt Dir?“ rief er, indem er neben ihr niederkniete, ſie aufrichtete und in ſeine Arme nahm. Als ſie nicht antwortete, ſah er fragend auf den Matroſen. So heftig deſſen frühere Be⸗ wegungen geweſen waren, ſo langſam und eintönig er⸗ klangen jetzt ſeine Worte: „Meine Tochter wollte Euch raſch entgegen eilen und die Thür öffnen. Sie glitt aus, fiel nieder und ver⸗ letzte ſich an der Ecke des Tiſches.“ „So holt Waſſer und Leinen herbei, damit wir das Blut ſtillen und die Wunden verbinden können,“ ge⸗ bot ihm Jacopo. Bermeyo entfernte ſich ſtill. „Pepita,“ ſprach der junge Mann,„liebes, gutes Mädchen, ermanne Dich! Du ſollſt uns bald nach Gra⸗ nada nachkommen; es fehlt mir etwas an meinem Leben, wenn ich nicht weiß, das Deine Treue mir nahe iſt und für mich wacht.“ 184 Sie legte das noch immer blutende Haupt feſter an ſeine Bruſt. In ihrem Blicke lag ſo viel flehende Liebe, daß ſeine Sprache nicht mißverſtanden werden konnte. „Jacopo,“ ſtammelte ſie,„Ihr habt Euch nach mir geſehnt— habt Dank für dies Wort!“ Er beugte ſich tiefer herab und hauchte einen Kuß auf ihre erbleichenden Lippen; dann ſagte er: „Gewiß, Du biſt mir ſehr theuer!“ Das Lächeln eines Seraphs ſchien die Züge des Mädchens zu verklären, doch ſprach ſie nicht. Jacopo be⸗ trachtete ſie mit ſteigender Aengſtlichkeit. „Ich danke Gott,“ ſagte er,„daß ich Dich hier treffe und Dir in dieſer unglücklichen Stunde beiſtehen kann. Ich würde Dich ſonſt noch ſpät dieſen Abend auf⸗ geſucht haben, um Dich wieder um das Halsband zu bit⸗ ten. Es wird richtig ſein, daß ich es morgen mit nach Granada nehme.“ „Hier iſt es,“ ſprach ſie leiſe, indem ſie die Hand zu erheben ſuchte. Er gewahrte nun erſt, daß ſie in dieſer das Halsband hielt, deſſen Schloß bei der Hef⸗ tigkeit ihrer früheren Bewegungen aufgegangen ſein mußte. „Du hältſt es ſo feſt, als hätteſt Du es gegen 185 Räuberhände vertheidigen wollen,“ ſagte er gezwungen ſcherzend. „Mit meinem Leben,“ lispelte ſie. „Pepita, Pepita, wie iſt Dir?“ rief er plötzlich von Entſetzen ergriffen, als er ihren mehr und mehr vergla⸗ ſenden Blick bemerkte. „Ich ſterbe— für Dich, Jacopo!“ hauchte ſie. Jetzt erſchien Bermeyo mit den verlangten Gegen⸗ ſtänden. Er unterſtützte Jacopo's Bemühungen, indem ſie das noch immer hervorquellende Blut zu ſtillen ſuchten und ein Tuch um das ſchwere Haupt der Sterbenden ban⸗ den. Jacopo fragte endlich wieder: „Wie war es möglich, daß ſie ſich ſo gefährlich ver⸗ letzte?— Dieſer Vorfall iſt zu ſchrecklich!“ „Der Stoß der Tiſchecke hat ſie in die Schläfe ge⸗ troffen,“ erwiederte der Matroſe finſter. Der Ton dieſer wohlbekannten Stimme ſchlug zum letzten Male an Pepita's Ohr. Es war, als wenn er die ſchon fliehende Seele auf ihrem Wege in das Jen⸗ ſeits aufhielte. Sie wandte noch einmal ihren brechen⸗ den Blick hin zu dem Urheber ihrer Tage und ſtam⸗ melte: „Vater, Gott beſſere Eure Seele!“— Ihr Haupt ſank herab. Noch wenige Minuten, und der letzte Kampf war beendet. Der Matroſe lag 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IV. 12 186 neben Jacopo auf den Knieen, hatte ſich faſt bis zur Erde gebeugt und murmelte ein leiſes Gebet. Dann ſchlug er die geballte Fauſt vor die Stirn und ſtürzte hinaus. Jacopo trug die lebloſe Geſtalt auf das in der Nähe be⸗ findliche Lager. Lange ſaß er neben dieſem. Düſtere, gramvolle Gedanken bewegten ihn. Das Gefühl eines unendlichen Verlaſſenſeins, eines Aufgebens jeder Lebens⸗ hoffnung beſchlich ihn. Ein unſägliches, der Liebe ver⸗ wandtes Mitleid mit dieſem Mädchen, dem er Alles verdankte, das ihm die höchſte Treue, die ſelbloſeſte An⸗ hänglichkeit bis zum Tode bewahrte, die um ſo feſter zu ihm hielt, je länger ſeine Entfernung dauerte, je weniger er ihre Zuneigung zu beachten ſchien, erfüllte ihn. Mit mühſam erkämpfter äußerer Faſſung verließ er erſt nach Stunden das Schiff.— So wenig Pepita in ihren früheren Tagen durch das Beiſpiel ihres Vaters auf den Weg der Tugend geführt worden war, ſo trieb ſie dennoch theils eine na⸗ türliche Gefühlsrichtung darauf hin, theils hatten die Lehren der Mönche von La Rabida— unter ihnen beſon⸗ ders diejenigen des Priors— ſie darin befeſtigt. Nie hatte ſie an den Freveln ihres Vaters theilgenommen, nie im Voraus um ſie gewußt. Auch erfuhr ſie nur, was ihr Vater ihr nicht verheimlichen konnte oder was ſich ihr ohne ſein Zuthun entſchleierte. Er fürchtete ihre 187 Abmahnungen oder ihre Vorwürfe, und fand bei ihr die Energie ſeines eigenen Eharakters wieder, die im entſchei⸗ denden Augenblicke vor keinem ungewöhnlichen Schritte zurückbebte. Den Vater hatte ſie zu vielfältigen Ver⸗ brechen geleitet; die Tochter drängte ſie zu heldenkühner, ſelbſtloſer Aufopferung. Der Pfad der Tugend war in anderer Hinſicht ſo rauh für ſie, wie derjenige des Laſters für ihn, denn Entbehrungen mancher Art blieben ihr Theil. Sie war nur inſofern ſeine Mitſchuldige, daß ſie ſeine Sünden nicht aufdeckte, doch rang ihre innere Entrüſtung über ſie nicht ſelten mit dem Wunſche, denje⸗ nigen zu ſchonen, dem ſie ihr Daſein verdankte. Mit der Bekanntſchaft Jacopo's war eine neue Welt an ihrem bisher ſo beſchränkten Lebenshorizonte aufgegangen. Sie hatte bis jetzt keinen Gegenſtand gefunden, dem ſie ihre Liebe weihen mochte. Die jungen Männer, die ſie ge⸗ kannt hatte, fanden auf der See oder auf dem Lande ihren Erwerb; von Allen hatte Keiner ihr Herz gerührt. Lange unterdrückte ihre ſtarke Seele das tief in ihr woh⸗ nende Bedürfniß nach Liebe; auch an ihren unwürdigen Vater wollte ſie es nicht verſchwenden. Um ſo glühender gab ſie ſich ihm gegen den Mann hin, der ihr ſein Leben dankte. Es miſchte ſich in dieſe Empfindung eine zärt⸗ liche Fürſorge, wie ſie die Mutter dem Weſen bewahrt, dem ſie mit Gefahr und Pein das Leben gibt und erhält. 188 Die plötzlich für Beatrix erwachte Leidenſchaft Jacopo's drückte den ſcharfen Stachel der Eiferſucht in ihr bluten⸗ des Herz, doch räumte er nicht dem unlautern Gaſte des gehäſſigen Neides die Herrſchaft darin ein. Ihr in⸗ nerer Kummer gab ſich nicht durch eine rachſüchtige Feindſchaft gegen Andere, Glücklichere kund. Dagegen erregte jede Gabe aus Jacopo's Hand, die einer Beloh⸗ nung ähnlich ſehen konnte, ihren faſt zornigen Wider⸗ willen, denn ſie begehrte allein die größere ſeiner Zunei⸗ gung; Geld und Geldeswerth hatten keinen Reiz für ſie, da ſie nur nach dem Schatze ſeines Herzens ſtrebte. So oft ſie aber ihrem Vater gedroht hatte, daß ſie, wenn er Gewaltthätigkeiten gegen Jacopo beginge, als Anklägerin früher begangenen Unrechtes gegen ihn auftreten würde, ſo lebhaft erhob ſich das ſo lange unter⸗ drückte kindliche Gefühl in ihr, als ſie ihn der Rache der Geſetze wirklich ausgeſetzt ſah. Sie machte ſich ſtille Vorwürfe über das geringe Maß ihrer töchterlichen Zuneiguug und erinnerte ſich, wie ſelten ſie es in den letzten Jahren verſucht habe, ihn zu beſſeren Gefühlen zurückzuführen. War er auch meiſtens abweſend, ſo hatte ſie ihn doch lange genug geſehen, um hierzu Zeit zu fin⸗ den; ſie ſagte ſich, daß ſie ſeine Habſucht aufſtachelte, als ſie ihm den koſtbaren Schmuck ſo unbeſorgt vor Augen hielt. Sie hätte bedenken ſollen, wie widerſtrebend er 189 ſchon früher auf deſſen Beſitz verzichtete, ihm alſo dieſe Verſuchung nicht wieder nahe bringen müſſen. Sie ſelbſt war die Veranlaſſung dieſer neuen Unthat und entſchloß ſich raſch, die frühere Verſäumniß, den eigenen Fehler, durch eine hochherzige Unwahrheit wieder gut zu machen. Sie verzichtete dabei auf jede Freude des Daſeins, da Jacopo ihr durch dieſe auf immer entfremdet werden mußte; der ſofortige Tod würde ihr ein willkommener Erlöſer von dem Widerſtreite der Empfindungen, von der unfäglichen Qual ihres Innern geweſen ſein. Sie hatte den Anſchein der Ehrloſigkeit auf ſich gezogen; dies Be⸗ wußtſein ſteigerte ſich bis zur Verzweiflung, und ſie ver⸗ brachte die nächſte Zeit in einer Art von dumpfem Hin⸗ brüten, während deſſen ſie nur mechaniſch ihren erwählten Beſchäftigungen oblag. Zu dem unglücklichen, verlaſſenen Geliebten durfte ſie eilen und jedes andere Bedenken bei Seite ſetzen. Der Lohn für dieſe raſche That war ein nie gekanntes Glück, denn ſtatt der früher ihr geweihten mitleidigen Schonung zeigte er ihr ſeine innige, zärtliche Hinneigung. Vor dem heißen Verlangen, ſich ſein wie⸗ dergewonnenes Vertrauen zu erhalten, ſchwand jeder an⸗ dere Gedanke. Um es zu verdienen, vertheidigte ſie das Pfand desſelben gegen jeden gewaltſamen Dränger, auch wenn dieſer ihr Vater war, und ſie beſiegelte die wandel⸗ loſe Treue, die ſie dem Geliebten ihrer Seele ſeit der 190 Sturmnacht von Palos bewahrt hatte, mit dem Tode. Aber das dunkle Loos, das ihr auf Erden beſtimmt war, ließ ihr Herz auch in ihren letzten Augenblicken, als ſich ihm der Friede des Himmels öffnete, zwiſchen der Liebe für Jacopo und der Sorge um ihren Vater getheilt ſein. Achtes Capitel. Die vierte Weltreiſe. Columbus begab ſich von einem ſtattlichen Gefolge umgeben nach Granada. Arnold ritt an ſeiner linken Seite; Diego folgte mit ſeinen beiden Oheimen. In ei⸗ ner feierlichen Audienz wurden ſie wie einſt in Barcellona jetzt in der Alhambra in der Halle der Abgeſandten em⸗ pfangen, wo damals Gonſalvo de Cordovo vor den letz⸗ ten Maurenkönig trat. Am ſiebzehnten Dezember des Jahres fünfzehnhundert wurde ihm dieſe öffentliche Ge⸗ nugthuung von den Monarchen zu Theil. Die Morgen⸗ röthe des Jahrhunderts ſah die tiefe Herabwürdigung des Mannes, deſſen Denkmal eine Welt iſt, ſo wie die Wiederherſtellung ſeines Anſehens. Bald darauf gelangte er zu einem Privatgehör bei der Königin. Als ihre Blicke auf das nun völlig ergraute Haupt des vorzeitig gealter⸗ ten Seehelden fielen, als ſie ſich lebhaft ſeiner glorreichen, 192 ſo ungroßmüthig vergoltenen Dienſte erinnerte; als ſie bedachte, daß er ihr die Schuld dieſes Undanks zuſchrei⸗ ben müſſe, da ſie Bovadilla mit der gemißbrauchten Ge⸗ walt bekleidet hatte; als ſie ſich zurückrief, wie oft ſie in früheren Unterredungen mit ihm Belehrung und freudige Befriedigung von ſeinen Lippen geſchöpft hatte— konnte ſie ihre Thränen nicht zurückhalten. Elvira ſtand auch diesmal wie früher bei der feierlichen Audienz hinter ihr, mit inniger Theilnahme ſich der für Columbus ſo gün⸗ ſtigen Wendung freuend, zu der ſie ſo viel beigetragen hatte. Als Columbus Iſabella's Rührung bemerkte, ver⸗ lor auch er ſeine ſo lange und ſo ſtandhaft bewahrte Faſſung; ihr tröſtendes, liebevolles Zureden überwältigte ſein biederes Herz, das in ſo manchen Stürmen und Ge⸗ fahren unerſchüttert geblieben war. Er ſank auf ſeine Knie nieder und ſchluchzte laut. Auch der König trat herzu. Beide ſuchten ſein verwundetes Gemüth durch die aufrichtigſten Verſicherungen ihrer Theilnahme und ihrer Betrübniß über ſein erlittenes Mißgeſchick zu beruhigen; ſie verſprachen ihm, daß unparteiiſche Gerechtigkeit ge⸗ übt und daß er in ſeine Würden und Einkünfte wieder eingeſetzt werden ſolle.*) Er erhob dann eine förmliche Anklage gegen Bovadilla und ſprach ſich über die be⸗ 5) Siehe Geſchichte des Admirals von Fernando Colon. 193 klagenswerthen Verwirrungen in dem Pflanzſtaate aus; auch die thranniſchen Handlungen des neuen Statt⸗ halters, die Verkehrtheit ſeiner Anordnungen und ſeiner Verwaltung beleuchtete er ſcharf. Ebenſo beſchwerte er ſich über ſeine andern Widerſacher, zu denen er auch den Matroſen Rodrigo Bermeyo zählte. Dann berichtete er von dem Feſtlande, welches er auf ſeiner nun zurück⸗ gelegten dritten Reiſe außer mehreren Inſeln entdeckt habe und welches alſo der neue Continent ſei, den er unter ſo vielen Gefahren und Mühſeligkeiten ſo lange geſucht habe.— Von dieſem Feſtlande hatte er das Thal des Orinoko, die Küſte des Golfes von Paria und einige Landſtriche des Innern erblickt, welche eine Cultur gleich derjenigen auf den meiſten Inſeln aufwieſen. Nachdem Columbus hierauf ſeine anderweitigen Angelegenheiten geordnet hatte, hielt er ſich einſt⸗ weilen bei ſeinen Freunden, den Franziskanern, auf, für welche ein Kloſter in Granada errichtet worden war, und beſchäftigte ſich mit wiſſenſchaftlichen und religiöſen Studien. Jacopo geſellte ſich zu ihm, um ihm bei der Vervollſtändigung ſeiner Reiſetagebücher zu helfen, während Bartolomäus es vorzog, eine an⸗ dere Wohnung im Innern der Stadt zu beziehen. Bald meldete ſich an der Kloſterpforte ein Gaſt, mit dem ſich Columbus' Gedanken nicht ſelten beſchäftigt 194 hatten, ohne daß er jedoch beſtimmt auf ſeine Ankunft hoffte. Es war der Prior Juan Perez von La Rabida, welchen der Admiral wie einen lange entbehrten Seelen⸗ freund begrüßte. Die Haltung des ehrwürdigen Geiſtlichen war ge⸗ bückt, ſein Schritt wankend und altersſchwer geworden, aber auf dem milden Greiſenantlitze wohnte aller jener Friede, alle jene verſöhnende Liebe, welche dieſen Apoſtel des Evangeliums für die himmliſchen Wohnungen reif machte, ehe er noch die Hülle des Staubes von ſich ge⸗ ſtreift hatte. Nach der erſten Bewillkommnung ließ er ſich auf den harten Seſſel nieder, der zu dem dürftigen Mobiliar der Kloſterzelle gehörte, welche Columbus bewohnte, und ſprach: „Es drang die Kunde von dem Unglück zu mir, welches ein heiliger Wille über Dich, mein Bruder, ver⸗ hängte, und ich verließ meine friedliche Abgeſchiedenheit, um Dir den Troſt zu bringen, den ich als Chriſt und als der älteſte Deiner Freunde für Dich bereit hatte. Einige Schiffer brachten mich bald von Palos nach Cadir, und was man mir dort von der harten, Dir wider⸗ fahrenen Behandlung erzählte, wird wohl nicht über⸗ trieben ſein.“ Seine Blicke ruhten auf den Ketten, welche Co⸗ 195 lumbus mitgebracht und in ſeiner gegenwärtigen Behau⸗ ſung hatte aufhängen laſſen. Dieſer verſetzte: „Ich will dieſe Feſſeln für immer als ein Andenken an das Geſchehene bei mir behalten.“ „Doch will ich nicht fürchten,“ warf der Prior ein,„daß Du ſo vielen Zorn gegen Deine Feinde em⸗ pfindeſt, daß Du eine beſtändige Erinnerung an ihr Un⸗ recht vor Augen haben willſt. Vergib ihnen, damit auch Dir dereinſt die irdiſche Schwäche vergeben werde.“ „Ich bin bereit dazu,“ ſprach Columbus ſanft. „Nur eine Mahnung an den Wechſel alles Irdiſchen ſollen mir dieſe eiſernen Ringe zurufen; ſie ſollen meine Seele vor jedem eiteln Stolz bewahren, indem ſie ihr beim wiedergekehrten Glücke vorhalten, wie tief mein Fall von der Größe und dem Ruhm war, auf den ich ſo vie⸗ len Werth ſetzte. Dieſe Feſſeln gehören fortan zu meinem Daſein, wie meine Karten und mein Globus, wie das Wappen von Caſtilien und Leon, welches unſere Herr⸗ ſcher mir bewilligten.“ Der Prior ſetzte ſeine Erzählung fort: „Ich wurde in Cadir von einer ſo ſchweren Krank⸗ heit befallen, daß ich erwartete, ſchon vor meinen himm⸗ liſchen Vater gerufen zu werden. Indeſſen hatte er mir noch eine Spanne Zeit beſtimmt, und nachdem ich lang⸗ ſam geneſen, begab ich mich hierher. Theils wanderte ich, 196 theils liehen mir fromme Seelen dann und wann ein Maulthier. Ich wollte Dich nicht nur wiederſehen, ſon⸗ dern auch am Throne der Königin meine Stimme für Dich erheben, auf welche ſie in früheren Tagen gnädig zu hören pflegte.“ „Ich kenne Dich, mein Bruder,“ erwiederte Co⸗ lumbus bewegt;„Deine Verwendung wird nicht mehr nöthig ſein, da Iſabella mir ſchon wiederholte Beweiſe ihrer früheren Gewogenheit gab. Ich kann Dir nur für Deine liebevolle Abſicht danken.“ Der Franziskaner beantwortete dieſe herzlichen Worte mit einem leichten, freundlichen Nicken und ſagte dann: „Seit wir uns trennten, habe ich nichts Zuver⸗ läſſiges von den Zuſtänden in der neuen Welt gehört. Wir verwendeten die Mühen eines ganzen Lebens auf ihre Entdeckung, und nun bereiten Dir die Menſchen, denen Du den Weg dahin zeigteſt, viel des Aergerniſſes in ihr. Erzähle mir Alles, was Du in den letzten Jah⸗ ren erfuhrſt.“ Columbus willfahrte ihm und es vergingen im lebendigen Austauſche der Gedanken mehrere Stunden. Jacopo trat zuletzt herein und beugte ſein Knie, um die eine Hand des Geiſtlichen zu küßen, welcher darauf 187 ſegnend die andere auf ſein Haupt legte. Columbus nahm wieder das Wort: „Mein Bruder theilt meine Hinneigung zu religiöſen Uebungen und wünſcht in ein Kloſter zu gehen. Gern würde ich ſeinem Beiſpiel folgen, doch bin ich durch manche Pflichten an die Welt gebunden und darf ſie nicht verlaſſen. Deſto williger habe ich ihm meine Zuſtim⸗ mung zu ſeinem früheren Vorhaben gegeben.“ „Ich bin dieſer Welt mit ihren eitlen Freuden und mit ihren gehäſſigen Leidenſchaften überdrüßig,“ ſprach Jacopo.„Als ich nach Spanien kam, ſtand Chriſtobal auf der Höhe ſeines Ruhmes; kaum aber hatte ich mich in dem neuen Vaterlande zurechtgefunden, ſo mußten wir mit der neidiſchen Widerſetzlichkeit ſo vieler ſeiner Be⸗ wohner kämpfen. Dieſer nie aufhörende Streit iſt immer erbitterter geworden. In der neuen Welt führten wir ihn mit tödtlichen Waffen, in der alten mit der Aufbietung anderer Kräfte. Ich will mich dem offenen Grimm und der ſchleichenden Heimtücke unſerer Feinde entziehen, mich in ruhiger Einſamkeit begraben und das Gewand der Demuth anlegen, welches uns allein wahre Befriedigung verleiht.“ „Der wirkliche innere Beruf nur heiligt die Schwelle des Kloſters für uns,“ ſprach der Geiſtliche.„Haſt Du Deine Seele geprüft, ob ein ſolcher in ihr lebt, mein 198 Sohn?— Die Bitterkeit, welche ſie jetzt erfüllt, wird ſich früher oder ſpäter wieder verlieren, und alsdann ohne ihr der Rückblick auf die äußere Welt eine Qual und eine Geißel für Dich ſein. Die ſo ſehnlich gehoffte Ruhe wird Dich alsdann nur ſcheinbar umgeben, der wahre Frieden aber Dein geängſtigtes Gemüth fliehen.“ „Ich werde ſtreben, dieſen Beruf in mir zu er⸗ wecken,“ entgegnete Jacopo.„Prüfe mich, mein Vater, wenn ich es ſelbſt nicht vermag, aber thue es mit Nach⸗ ſicht, thue es mit Barmherzigkeit— denn ich bedarf dieſer!“ „Wir Alle haben ſie nöthig, denn Keiner von uns darf nach der Strenge der Gerechtigkeit gerichtet wer⸗ den,“ ſprach Columbus mit liebevollem Ernſte.„Nimm ihm die Beichte ab, Juan Perez, und reiche ihm nach dieſer das Brot des Lebens. Wenn wir unſere Fehler bekannt haben, ſo fühlen wir uns erleichtert und zur Tugend neu gekräftigt. Ich verlaſſe das Gemach, damit Du ungeſtört Dein Herz ausſchütten kannſt, Jacopo.“ Er entfernte ſich. Jacopo war wieder aufgeſtanden. Der Geiſtliche ſah bekümmert auf ſein blaſſes, gram⸗ volles Angeſicht, deſſen ſchärfere Linien die Spuren des tiefen, lange erduldeten Seelenleides aufzeigten. Er nahm mit eindringlicher Stimme wieder das Wort: 199 „Wirſt Du es überwinden, Alle zu verlaſſen, die Dir theuer ſind, Deine Brüder, Deine Neffen?“ „Sie werden meinen Platz bei ihrem Vater er⸗ ſetzen,“ antwortete dieſer.„Ueberdem ſteht deſſen Schick⸗ ſal in Gottes Hand, der ihm früher ſchon Bartolomäo im rechten Augenblicke wieder zuführte. Er nennt ihn ſeine rechte Hand; wenn ihm dieſe bleibt, ſo wird er die Linke leicht entbehren können.“ Er hielt einen Augenblick inne; dann fuhr er fort: „Ich habe vor wenigen Wochen erſt das treueſte Weſen ſterben ſehen, das mir auf Erden lebte. Sie rettete mein Leben, und dennoch dankte ich ihr nicht mit der Liebe, die allein Werth für ſie hatte. Mein thörichtes Herz hatte ſich auf andere Bahnen verirrt; die Welt kommt mir wie eine öde Wüſte vor, in der ich mich nicht mehr zurecht finde.“ Er drückte die Hände gegen die gebeugte Stirn. Dann warf er ſich wieder vor dem Geiſtlichen nieder und rief in fieberiſcher Aufregung: „Hilf mir, mein Vater, daß ich jede zuckende Lei⸗ denſchaft in dieſer ſchwer beladenen Bruſt erſticke, daß ich nur vom Geiſt des Herrn erfüllt werde!“ Juan Perez verſetzte mit ſeiner gewohnten Milde: „Richte Dich auf, mein Sohn! Die heiligen Gna⸗ 200 denmittel verleihen uns den himmliſchen Segen, wenn wir uns deſſen durch Gebet und Buße würdig machen.“ Jede Fiber in Jacopo's Antlitz zuckte, und er ſprach, wenn auch nicht laut, ſo doch mit ſchrecklicher Deutlichkeit: „Ich bin der Widerſacher des größten Mannes, den Spanien kennt, des edelſten Geiſtes, den unſer Jahr⸗ hundert geboren hat, des liebevollſten Freundes, den mir die Natur ſchon in der Wiege gab— meines Bruders Chriſtobal— denn ich liebe ſein Weib!“ „Dies iſt eine große Sünde— flehe zu Gott, daß er Dich von ihr erlöſe!“ rief der Prior erſchrocken. „Ich bin ein ſchwarzer Verbrecher,“ fuhr Jacopo fort, deſſen Stimme nun dumpf wie aus einer Gruft tönte.„Undank, Haß, Eiferſucht ketteten ſich an dieſe ſchmachvolle Leidenſchaft!“ „Bete, mein Sohn, bete!“ verſetzte der Geiſtliche mit einem tiefen Seufzer. „Sieben Jahre lang habe ich mit ihr gerungen; war ich in der Nähe dieſer Frau, ſo glühte ich für ſie— all' mein Denken und all' mein Wünſchen drängte mich zu ihr. Wenn ich ſie floh, ſo durchzuckte mich Todes⸗ pein, und entfernt von ihr verzehrte mich die Glut der Sehnſucht. Ich betrachtete meinen edlen Bruder wie das erſte Hinderniß meines Glückes, und dachte oft genug in 201 der Dämmerung der Nächte, wenn wir den unendlichen Oeean durchfuhren, daß ſein Tod mein Wunſch und meine Hoffnung ſein müſſe— da er Beatrir die Freiheit geben müſſe— und von Scham und Schmerz über mich ſelbſt gebengt verbarg ich alsdann mein gezeichnetes An⸗ tlitz vor dem Auge des rächenden Gottes!“ „Gehe nicht mit uns in's Gericht, Allmächtiger!“ ſprach der gute Mönch, indem er tief erſchüttert die Hände faltete. Jacopo fuhr im Tone des tiefſten Kummers fort: „Heiter und muthig genoß ich das Leben; ſeine Freuden ergötzten mich um ſo mehr, wenn ich kühn den Gefahren des Meeres getrotzt und lange Tage der Ent⸗ behrung überſtanden hatte. Erſt Chriſtobal's Ruf riß mich aus den beſcheidenen Verhältniſſen meiner Kindheit und Jugend. Mit hochklopfendem Herzen, mit ſtreben⸗ dem Geiſte betrat ich die neue Laufbahn des Ruhmes und des Glanzes; mit allen meinen Kräften wollte ich die großen Unternehmungen meines Bruders fördern, und dankte Gott mit inbrünſtigem Herzen, als er mich vom Schiffbruche errettet und mich nach La Rabida geführt hatte, wo ich zuerſt vor Dein theures Antlitz gelangte, ehrwürdiger Vater. Erſt bei dem Erblicken meiner Schwägerin kam Zwieſpalt in meine Seele, und ich vermochte mich ihm nicht zu entreißen, obgleich ich ſah, 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IV. 13 202 daß ſie mich nicht liebte, ſo oft ich ihr auch nahe trat. Nur eine kurze Stunde war ſie in der Geſellſchaft des Ritters von Viana, den ein heftiges Gewitter gleich uns zwang in der Kapelle San Alfonſo's Schutz zu ſuchen.“ „Ich habe von dieſem Vorfalle gehört,“ ſprach der Prior, als er einen Augenblick innehielt.„Der Stu⸗ dent Las Caſas hatte in Sevilla davon zu einem unſerer Brüder geſprochen, welcher etwas für unſer Kloſter dort beſorgte. Er hatte viel von der Tapferkeit dieſes Rit⸗ ters und von der Betrübniß erzählt, die er um deſſen vermeintlichen Tod empfand.“ „Ich theilte ſie nicht, murmelte Jacopo,„ſondern ich verbarg die freudige Genugthuung, welche mich an⸗ ſtatt ihrer erfüllte, unter dem ungeſtümen Eifer, mit dem ich alle unſere Gefährten antrieb, mit mir dieſen Tod zu rächen. Ihr Jubel bei ſeiner Wiederauffindung klang mir wie das Grabgeläute aller meiner heißen Wün⸗ ſche— denn nur zu gut hatte ich geſehen, wie ihre Wange glühte, wie ihr Auge ſtrahlte, wie ſüß ihre Stimme tönte, als ſie Arnold von Viana neben ſich wußte. Es war, wie ich es vergebens für mich in meinen glühend⸗ ſten Phantaſien geträumt hatte. Ihn wollte ſie vor der Gefahr behüten und mich ſtatt ſeiner ihr ausſetzen, in⸗ dem ſie mich in den Kampf trieb und ihn davon zurück⸗ hielt. Ich ſah ihre Angſt, ihren Gram, ihr Entzücken, 203 nachdem ſie ihn lebend wußte— und überzeugte mich, daß ſie ihn liebte— wie ſie mich nie geliebt hatte— und nie lieben würde!“ Er verhüllte das Antlitz und heiße Thränen ent⸗ ſtrömten ſeinen brennenden Augen. Juan Perez betrach⸗ tete ihn mit inniger Betrübniß und ſagte endlich: „Die Gnade des Herrn iſt unerſchöpflich; ihr Born öffnet ſich dem reuigen Sünder. Die unumwundene Selbſtanklage iſt der erſte Schritt zur Beſſerung. Die Trübſal der letzten Zeit wurde Dir zur Läuterung Dei⸗ nes Inneren zugeſandt.“ „Ja,“ rief der Beichtende noch immer convulſiviſch ſchluchzend,„ich habe dieſe Ketten getragen als eine Strafe Gottes für meine Schwachheit— ohne Mur⸗ ren— aber mit Groll und Erbitterung!— Auch den Tod des Weſens, das am treueſten hienieden an mir hing, habe ich als eine neue Mahnung aus der Höhe empfunden, zu büßen und zu bereuen, da es noch an der Zeit iſt! So nimm mich denn mit Dir nach La Rabida; dort will ich nach Eurer ſtrengen Regel leben, mein re⸗ belliſches Fleiſch kaſteien, auf daß der willige Geiſt allein in mir herrſche!— Ich will dort um Pepita trauern und Beatrix lockendes Bild aus meinem Herzen reißen. Erſt wenn ich ſie mit der ruhigen Zuneigung eines Bruders betrachten kann, wenn ich ganz von meiner unglück⸗ * 204 ſeligen Verirrung geneſen bin, will ich Euer Kloſter ver⸗ laſſen und ſie wiederſehen!“ „Gott möge unſere Seelen erleuchten, damit wir den rechten Weg für Dich aus dieſer unſeligen Verwir⸗ rung finden,“ ſprach der Geiſtliche, indem er neben Ja⸗ copo niederkniete und das apoſtoliſche Antlitz zum Him⸗ mel wandte.— Bald darauf verließen Beide Granada. Columbus vereinigte ſich dann mit Bartolomäus. Diego hatte ſei⸗ nen früheren Platz in der Nähe der Königin wieder ein⸗ genommen, doch ſah er ihn wie auch ſeinen zweiten Sohn Fernando oft. Dieſer hatte ihm ſchon früher mitgetheilt, daß ſeine Mutter zu ihm kommen wolle, wenn er es wünſche, und bald genug ging Fernando nach Cordova, um ſie nach Granada zu geleiten. Es war nicht bloß der ernſte Ruf der Pflicht, der ſie die Nähe ihres vielgeprüf⸗ ten Gatten ſuchen ließ, nicht nur eine wirkliche Theil⸗ nahme an ſeinem Mißgeſchick, ſondern auch der heimliche, kaum ſich ſelbſt eingeſtandene Wunſch, Arnold von Viana wiederzuſehen. Wenn ſie auch die Erwiederung ihrer Neigung weder hoffte noch begehrte, ſo fand ſie dennoch ein namenloſes Glück darin, ihn zuweilen zu ſehen, zu ſprechen. Sie hatte richtig vorausgeſetzt, daß er Colum⸗ bus nicht ſelten aufſuchen würde, denn er war entfernt von der jäm nerlichen Berechnung der Höflinge, welche — 205 die Schwelle des Admirals weniger oft betraten, da ſie annahmen, daß die Gunſt der Monarchen ihn nicht mehr ſo wie früher auszeichne. Der feine Inſtinkt, den ihnen die Gewohnheit des Hoflebens verlieh, ließ ſie dies aus einzelnen Worten und Winken von der nächſten Umge⸗ bung des Königs ſchließen. Arnold zeigte ſich um ſo mehr als Freund, da er ſah, daß der geprüfte Seeheld von Manchen verlaſſen war, die ſich einſt um ihn drängten. Beatrix Benehmen gegen ihren Gatten war, wenn auch nicht ſo kalt und feindſelig wie früher, ſo doch gemeſſen und ernſt; nur in ihres Sohnes oder Arnold's Nähe wurde ſie von einer innigen Heiterkeit beſeelt. Waren die kurzen Stunden, die beſonders der Letztere der ganzen Familie widmen konnte, entſchwunden, ſo nahm Alles eine trübe Färbung für ſie an. Hierzu war um ſo mehr Veranlaſſung, da die Angelegenheiten des Admirals kei⸗ nenswegs in jeder Hinſicht die gehoffte erfreuliche Wen⸗ dung nahmen. Dieſer fühlte nach und nach die Schwächen des her⸗ annahenden Alters, welche mehr noch die Folgen aller auf ſeinem ereignißreichen Lebenswege erduldeten Be⸗ ſchwerden ſein mochten. Er begrüßte freudig die Ankunft ſeiner Frau, da er dieſe als einen Umſchwung ihrer Ge⸗ ſinnung gegen ihn, als einen Beweis ihrer wiedererwachten Zärtlichkeit und Pflichttreue betrachtete, doch mußte er 206 mit ſteigender Betrübniß bald ſeinen Irrthum erkennen. Endlich wurde ihm die freudige Botſchaft, daß die Kö⸗ nigin Diego Columbus zum Ritter der königlichen Leib⸗ wache ernannt, und ihm außer einigem Gehalt den Titel eines Grafen verliehen habe. Einen Tag ſpäter befand ſich Bartolomäus bei ihm, als ihm der Biſchof Fonſeca gemeldet wurde. Die Begrüßung des Letzteren und des Admirals war ſo förmlich, wie es nur die ſpaniſche Grandezza vorſchreiben konnte. Columbus wußte, daß er ſeinen größ⸗ ten Gegner in der Nähe des Königs vor ſich ſehe, und Fonſeca fand in ihm den Mann, der ihm der Verhaß⸗ teſte in ganz Caſtilien und Arragonien war. Als Beide ſich gegenüber ſaßen, hob der Biſchof wieder an: „Ich bin von dem Könige und der Königin beauf⸗ tragt worden, Euch eine Mittheilung ihrer letzten Be⸗ ſchlüße hinſichtlich der indianiſchen Angelegenheiten zu machen, Excellenza.“ Columbus verbeugte ſich tief und ſagte: „Der Wille Ihrer Hoheiten iſt ſtets Befehl für mich.“ „Sie haben es für paſſend erachtet,“ fuhr der Bi⸗ ſchof fort,„Eure Wiederernennung zum Regenten des Pflanzſtaates noch eine Weile aufzuſchieben, bis ſich die 207 dort herrſchenden Unruhen gelegt haben, und Ihr mit Sicherheit und Ruhe dahin zurückkehren könnt.“ „Ihre Hoheiten haben alſo ihre Abſicht, mich in alle meine früheren Würden wieder einzuſetzen, geän⸗ dert?“ fragte Columbus, der eine leichte Kundgebung getäuſchter Erwartung nicht unterdrücken konnte. „Der König und die Königin,“ ſprach Fonſeca wei⸗ ter, indem er ſein gelbes Geſicht erhob,„werden vorerſt einen entſchloſſenen und zuverläſſigen Mann mit einer hinreichenden Truppenmacht dahin ſenden, damit er die Aufrührer in Furcht ſetze, und Ruhe und Ordnung wie⸗ der herſtelle. Don Nicolaus de Ovando, Ritter von Al⸗ cantara, ein Mann von großem Scharfſinn und an⸗ erkannter Vorſicht, gemäßigt und weltklug in ſeinem Be⸗ nehmen, iſt zum Befehlshaber einer Flotte ernannt, wel⸗ che aus zweiunddreißig Schiffen beſtehen ſoll. Fünfund⸗ zwanzig hundert Menſchen werden ſie bemannen und alle möglichen Gegenſtände mitnehmen, die zum dauernden Gedeihen der Colonie dienen können. Sie wird glänzen⸗ der als jedes frühere, nach den weſtlichen Gewäſſern be⸗ ſtimmte Geſchwader ausgerüſtet werden.“ „Möge ihm dieſe Aufgabe beſſer als mir gelin⸗ gen,“ erwiederte Columbus gelaſſen. „Wenigſtens iſt er mit größeren Mitteln dazu ver⸗ ſehen,“ warf Bartolomäus ein. 208 „Der neue Statthalter wird den Auftrag erhalten,“ fuhr der Biſchof fort, ohne die Weiſe ſeines Vortrags im Mindeſten zu verändern,„ſogleich Bovadilla zurück⸗ zuſenden. Er ſoll ſich über die von Euch und Euren Brüdern erlittenen Verluſte Gewißheit verſchaffen, und Euch den künftigen, ungeſtörten Genuß aller Eurer ge⸗ ſetzlichen Rechte und Einkünfte ſichern.“ „Er iſt ein Spanier,“ ſprach Columbus,„und wird leichter ſein Anſehen behaupten können als ich, dem man es ſtets vorwarf, ein Fremder zu ſein.“ „Auch hat die Königin,“ fügte Fonſeca hinzu,„das ganze Volk der Indianer für frei erklärt, und ermahnt Drando, ſie als getreue und wirkliche Lehnsmannen der Krone zu achten.“ „Dieſe Maßregel,“ entgegnete der Admiral,„wird nach den beſtehenden Verhältniſſen der Colonie ſehr ſchwer durchzuführen ſein, doch verpflichtet ſie die In⸗ dianer zu ewiger Dankbarkeit gegen die Königin.“ Der Biſchof nahm wieder das Wort: „Es iſt als das Wichtigſte befunden worden, daß die alte Feindſchaft Eurer Widerſacher erſt etwas erlöſche, ehe Ihr ihnen wieder entgegen tretet. Die nothwendige Kaltblütigkeit und Gewandtheit könnte Euch ihnen gegen⸗ über fehlen. Die hohe Begeiſterung, welche Euch über jedes Hinderniß hinwegführt, veranlaßt Euch, auch eine 209 ſolche bei Anderen vorauszuſetzen. Der König glaubt, daß dies Euch Täuſchungen und manche Verlegenheit be⸗ reitet. Er hält es für beſſer, die Verwirrungen, worin die Parteien und ihre Ränke die Colonie geſtürzt haben, durch eine ganz unbetheiligte Hand löſen zu laſſen.“ „Ich muß mit dieſer Beſtimmung des Königs zu⸗ frieden ſein,“ erwiederte Columbus. Fonſeca erörterte nun noch einige auf die indiani⸗ ſchen Angelegenheiten bezügliche Punkte, und fügte dann hinzu: „Die Königen hat ausdrücklich befohlen, daß Euch die Perlen und Edelſteine zurückgegeben werden, die Ihr für Euer Eigenthum erklärtet und die Don Jacopo aus Weſtindien mit herüberbrachte. Sie wurden einſt⸗ weilen mit Beſchlag belegt, ſollen Euch jedoch morgen wieder ausgeliefert werden.“ „Ich habe Ihrer Hoheit auf's Neue zu danken,“ verſetzt der Admiral. Dann fragte er: „Welche Strafe iſt dem Matroſen Bermeyo für ſei⸗ ne Verrätherei und Auflehnung zuerkannt worden?“ „Er hat ſich in den ausgeſtandenen Verhören hin⸗ ſichtlich der gegen ihn erhobenen Beſchuldigungen ge⸗ rechtfertigt,“ antwortete der Biſchof,„und iſt als ſtraflos entlaſſen worden, wird auch mit Ovando wieder nach Hi⸗ ſpaniola abgehen.“ 210 „Es ſcheint wirklich,“ bemerkte Columbus nicht ohne einige Bitterkeit,„als wenn meinen Feinden ihre Verbre⸗ chen weit leichter nachgeſehen werden, als mir die gering⸗ ſten meiner Fehler.“ Der Biſchof erwiederte nichts. Seine Miene blieb ſo unverändert, als habe er dieſe Beſchwerde nicht ver⸗ nommen, und er empfahl ſich bald ſo ceremoniell, wie er gekommen war. Columbus ſchloß nicht mit Unrecht, daß er ſchlau ſeinen Einfluß auf den König benutzt habe, um die ihm verſprochene, vollſtändige Genugthuung theilweiſe zu hintertreiben. Die geheime Abneigung Ferdinand's gegen Columbus war nach der erſten Aufregung über die dieſem zugefügte Mißhandlung wieder hervorgetreten, und es war darauf nicht ſchwierig geweſen, ihn zu einer Umgehung ſeiner Verſprechungen zu bewegen. Der arg⸗ wöhniſche Gedanke, daß der ſo bitter gekränkte Columbus ſich nach wiederhergeſtellter Machtvollkommenheit mögli⸗ cher Weiſe zum unabhängigen Regenten des entfernten Pflanzſtaates machen könne, diente zur Unterſtützung der Vorſchläge des Biſchofs. Schwerer war es, die Königin umzuſtimmen, und dies gelang nur, indem der König ſelbſt ſie ihr unter den wohlwollendſten Geſichtspunkten vorſtellte. Wirklich war die neidiſche Bosheit Juan Fon⸗ ſeca's und mehrerer der ihm untergebenen Beamten ſo unermüdlich, daß ſie die gerechteſten Wünſche Chriſtof 211 Columbus' bis zu ſeinem Tode durchkreuzte und ihnen ſogar noch ſpäter beharrlich in den Weg trat.— Die Einkünfte aus den überſeeiſchen Beſitzungen des Admirals konnten bei dem ſich nothwendig ergebenden Zeit⸗ verluſte erſt ſpäter zu ſeiner Verfügung geſtellt werden, ſelbſt wenn Ovando wirklich alle in ſeinem Intreſſe thun⸗ lichen Schritte unternahm. Das Wohlwollen der Mon⸗ archen ließ ihm anfänglich weitere baare Zuſchüße zu⸗ kommen; dieſe hörten indeſſen ſpäter auf, und ſo traten allerdings für die Familie Columbus einige pekuniäre Verlegenheiten ein. Dieſe ſowohl wie auch ein zunehmen⸗ des, körperliches Unwohlſein hemmten die ſonſt ſo außer⸗ ordentliche Thatkraft des Admirals. Man lieferte ihm endlich vier Schnellſegler, deren größter kaum zwanzig Tonnen hielt. Ihre dürftige Ausrüſtung bildete einen grellen Gegenſatz zu dem prachtvollen Geſchwader, womit Ovando im September Spanien verließ. Auf dieſer ſei⸗ ner vierten Weltreiſe beabſichtigte Columbus eine Durch⸗ fahrt nach dem großen, indiſchen Ocean aufzufinden; er ſetzte ſcharfſinnig voraus, daß dieſe ſich irgendwo zwiſchen Cuba und der Küſte von Paria öffnen müſſe. Als er ſich eines Tages im Kreiſe der Seinigen befand, trotz deſſen aber ſich beſonders von Muthloſigkeit ergriffen fühlte, ſprach er zu ſeinem Bruder Bartolomäus: „Ich habe eine weit größere Luſt daheim zu bleiben 212 und in Ruhe meines Alters zu pflegen, als nochmals die See zu durchkreuzen. Du könnteſt anſtatt meiner die uns bewilligten Schiffe befehligen und dieſe neue Reiſe ohne mich unternehmen.“ „Ich fürchte,“ verſetzte ſein Bruder,„daß man eine ſolche Veränderung zum Vorwande nehmen würde, uns neue Hinderniſſe in den Weg zu legen. Man hat dieſe vier Schiffe nicht mir, ſondern Dir bewilligt, und alſo könnte man ſie uns ganz vorenthalten, wenn ich ſie anſtatt Deiner führen wollte.“ „Ich habe,“ entgegnete Chriſtof,„Alles erwieſen, was ich vorausſagte: das Vorhandenſein eines Feſtlandes im Weſten. Ich habe das Thor geöffnet; Andere mögen durch dieſes nach Gefallen einziehen. Sie beginnen ſchon damit, da ſie ſich ſelbſt den Namen von Entdeckern an⸗ maßen, obgleich ſie nur meiner Spur folgen.“ ²) „Mein Vater,“ rief Fernando,„Du haſt mir ver⸗ ſprochen, mich diesmal mit Dir in die neue Welt zu nehmen. Ich will Dir zur Seite ſtehen, wie früher der Oheim Jacopo. Verlaſſe Dich auf mich, Alles ſoll Dir leichter werden. Verzichte nicht auf den Ruhm fernerer *) Eigene Worte des Abmirals. Siehe: Ferdinand und Iſabella und ihre Zeit, von Prescott. 213 Entdeckungen, ſo lange Du noch Deinen großen Namen führſt!“ Chriſtof Columbus blickte lächelnd auf ſeinen Sohn, welcher, kaum dem Knabenalter entwachſen, nicht nur eine ungewöhnliche Körperlänge, ſondern auch eine ſo muthige Thatkraft zeigte, daß er es als die Erfüllung ſeiner höchſten Wünſche betrachtete, ſchon in ſeiner noch ſo frühen Jugend allen Gefahren der weiten Seefahrt trotzen zu dürfen. „Wenn ich dennoch reiſen muß,“ ſagte der Admiral, „ſo darf ich Dich nicht zurücklaſſen. Du haſt mir dies Verſprechen abgerungen. Ich wünſche dagegen, daß Diego auf jeden Fall hier in Europa bleibt. Es wird ſehr nütz⸗ lich für mich ſein, einen Vertreter in der Nähe der Kö⸗ nigin zu haben, der meine Intereſſen wie die ſeinigen an⸗ ſieht. Mein älteſter Sohn iſt in ſeiner gegenwärtigen Stellung der Paſſendſte dazu.“ „Ach,“ ſagte Beatrix ſchmerzlich,„dieſe neue Welt kommt mir wie ein Zaubergarten vor, in dem köſtliche, goldſchimmernde Früchte aushängen, in welchem aber die begehrlichen Eindringlinge nur Verderben, den Kampf mit tückiſchen Feinden und bittere Enttäuſchung finden. Du ſelbſt erduldeteſt unſägliche Beſchwerden in ihr und verlorſt Deine Geſundheit. Mein armer Neffe Diego de Arana fand dort ſeinen frühen Tod, und Jacopo iſt 214 lebensmüde und in ſich zerfallen in's Kloſter gegangen, nachdem Du ihn herberufen hatteſt, um Deine Größe und Deinen Ruhm in Deinem Vicekönigreich zu theilen. Nun zieht es auch Dich dorthin, Fernando— und Du wirſt das winkende Glück trügeriſch finden, wie alle Anderen!“ „Mutter,“ ſprach dieſer, indem er liebkoſend ihre Hand an ſeine Lippen zog,„ich werde bald und als ein ganz anderer Mann wiederkehren, wenn ich nicht nur die alte, ſondern auch die neue Welt kenne!“ „Und ich muß in Cordova um Euch ſorgen und trauern!“ rief ſie kummervoll.„O, die Einſamkeit wird ſchrecklich für mich ſein, da ich getrennt von Allen leben muß, die ich liebte!“ „Du biſt ſonſt freiwillig faſt allein in Cordova zurückgeblieben,“ ſagte Columbus.„Auch Fernando iſt ſchon ſeit längeren Jahren nicht mehr in Deiner Woh⸗ nung. Es iſt unſer Lvos, daß unſere Söhne ihren Weg ohne uns gehen, wenn wir mit Sorgen und Mühen ihre Kindheit gepflegt haben. Fernando ſoll Dich zurückbrin⸗ gen, ehe wir unſere neue Seefahrt antreten.“ „Die Tage werden mir unnennbar öde und lang⸗ weilig verfließen,“ ſeufzte ſie, indem ſie thränenlos vor ſich niederſah.— Jetzt langte ein ſehr gnädiges Schreiben der Köni⸗ 215 gin an. Sie verſprach dem Admiral nochmals, alle gegen ihn eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen und ſeine Würden und Aemter für alle Zeiten erblich zu machen. Getröſtet und geſchmeichelt ſetzte er ſogleich den Tag ſei⸗ ner Ueberſiedelung nach Sevilla feſt, wo er die letzten Wochen vor der Abfahrt verbringen wollte. Beatrix mußte noch vorher mit blutendem Herzen nach Cordova abreiſen. Faſt ein halbes Jahr war nach dem Abgange Ovando's verfloſſen, als der alternde Seeheld noch ein⸗ mal ſeine Segel nach jenen blühenden Gegenden des El⸗ dorados aufſpannte, denen er ſich ſo oft ſchon genähert hatte, die aber jemals zu erreichen ihm nicht vergönnt wurde. Er hatte die Weiſung erhalten, Hiſpaniola diesmal nicht zu berühren. Eines ſeiner Schiffe war indeſſen un⸗ terwegs leck geworden, ſo daß er die Reiſe damit nicht fortſetzen konnte, ehe es ausgebeſſert war. Um dies zu be⸗ werkſtelligen, ſah er ſich genöthigt, vor San Domingo Anker zu werfen, wohin jetzt die hauptſächlichſte Nieder⸗ laſſung der Europäer verlegt war. Eine zahlreiche Flotte lag im Hafen, um Bovadilla und Columbus' Feinde mit ihren unredlich erworbenen Schätzen nach Europa zu bringen. Der Admiral begab ſich in einer Schaluppe an's Land, während Bartolomäus und Fernando auf den Schiffen blieben. Der erſte der ihm entgegen Tretende war Rodrigo Bermeyo. 216 Auf dieſen hatte der Tod Pepita's zwar einen tie⸗ feren Eindruck gemacht, als jemals der eines anderen ſterblichen Weſens, doch war er trotz deſſen vorüber⸗ gehend. Da er meiſtens von ſeiner Tochter entfernt ge⸗ lebt hatte, ſo gewöhnte er ſich bald an ihren Verluſt, wie an ein Schickſal, das nicht mehr zu ändern ſei. Die viel⸗ fältigen, rohen Intereſſen und Freuden, unter denen er ſein Leben zu verbringen pflegte, beſchäftigten ihn bald wieder ſo lebhaft wie früher. Er ließ eine Anzahl See⸗ lenmeſſen für ſeine entſchlafene Tochter leſen, glaubte dann Alles für ihr Andenken gethan zu haben, und war ganz zufrieden, als Ovando ihn auf Fonſeca's aberma⸗ lige, dringende Empfehlung in Hiſpaniola zum könig⸗ lichen Offizier ernannte. Als ſolcher erſchien er nun in der Begleitung einiger Soldaten. Die Unruhe des Waſ⸗ ſers verzögerte die Ausſchiffung des Gefolges des Admi⸗ rals etwas; er mußte dieſe erwarten, und obgleich er ſich Anfangs mit einem flüchtigen Nicken abwandte, war er dennoch genöthigt, Bermeyo anzuhören, welcher ſich als einen Abgeſandten des Statthalters ankündigte. „Don Nicolaus de Ovando,“ hob er mit geſpreiz⸗ tem Pathos an,„verweigert Euch hierdurch das Einlau⸗ fen in den Hafen. Es iſt Euch befohlen worden, Euch nicht darin blicken zu laſſen; Ihr werdet hiermit aus dem Hafen zurückgewieſen.“ 217 „Ich habe,“ ſprach Columbus gelaſſen,„dem Statthalter angezeigt, daß ich von der Nothwendigkeit getrieben ſei, eines meiner Schiffe hier ausbeſſern zu laſ⸗ ſen. Es treffen außerdem alle Anzeichen eines nahenden Sturmes zuſammen; ich möchte vor dieſem Schutz ſuchen und dem Statthalter rathen, die Abfahrt dieſer, nach Spanien beſtimmten Schiffe zu unterſagen, bis dieſer gewiß ſehr heftige Orkan ausgetobt haben wird. Er könnte ihnen ſehr verderblich werden.“ „Der Statthalter wird ſich wenig an Eure Worte kehren,“ erwiederte Bermeho grob,„denn jetzt hat er allein hier zu befehlen. Ich wiederhole Euch, daß er Euch gebietet, dieſen Hafen ſogleich zu verlaſſen.“ „So will ich wieder an Bord gehen, und mit mei⸗ nen Fahrzeugen unter der Windſeite der Inſel Schutz ſuchen,“ entgegnete Columbus. „Thut das, wenn Ihr es für nöthig haltet,“ lau⸗ tete die Erwiederung.„Uebrigens will ich Euch erzählen, daß ich nun endlich die zehntauſend Maravedis verſchmerzt habe, um die Ihr mich vor zehn Jahren betrogt. In Ca⸗ ſtilien konnte ich nie zu etwas kommen, denn Alles, was mir von Rechtswegen zukam, wurde mir vorenthalten. Hier in der neuen Welt habe ich es anders angefangen und nicht wieder aus den Händen gelaſſen, was ich ein⸗ 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. W. 14 218 mal erfaßt hatte, auch die Leute zwingen können, mir ihre Verſprechungen zu halten. Meine Sklaven mußten mir Gold ſuchen, wo es gefunden werden konnte; wenn es mir beſſer paßte, ſo verkaufte ich ſie und manche Speze⸗ reien und ſonſtige gute Sachen in Andaluſien, für mich ſelbſt und für Andere. Alles warf hohe Prozente ab, und ich fuhr ſo oft hin und her, wie ich konnte. Dabei trat ich in Spanien immer nur als der ſchlichte Matroſe auf, und ſagte Niemanden etwas von meinen ſich mehrenden Reichthümern. Bovadilla ſchenkte mir ſchon ſeine beſon⸗ dere Gunſt und ſah mir durch die Finger ſo viel ich es wünſchte; Ovando hat mich zum Offizier befördert. Ich habe nun alles Land und allen ſonſtigen Beſitz, den Ihr und Eure Nachfolger mir nach und nach zugeſtehen muß⸗ tet, zu Gelde gemacht, und alles neue Gold dazu gelegt, was ich mir heimlich hier ſeit Jahr und Tag aufbewahrte. Ich werde mich auf dem nämlichen Fahrzeuge mit Bova⸗ dilla einſchiffen; alle unſere beſten Freunde ſind auch mit dabei. Wenn ſie ſich hier gegen Euch mit Worten und Waffen auflehnten, ſo wollen ſie dagegen ihre Reich⸗ thümer in Spanien deſto friedlicher genießen.“ „Alſo die ſämmtlichen Empörer umringen Don Francesko de Bovadilla,“ ſagte Columbus, den auch dieſe prahleriſche Auseinanderſetzung nicht aus ſeiner ruhigen Faſſung brachte. 219 „Einen kleinen Troſt kann ich Euch geben,“ fuhr der neu gebackene Offizier fort.„Der neue Statthalter hat viertauſend Unzen Goldes für Euch geborgen, und ſie als Euer Eigenthum auf eins dieſer Schiffe geladen. Es iſt freilich das Baufälligſt⸗ in dieſer ganzen Flotte, doch denke ich, daß es mit den andern guten Seglern glücklich nach Caſtilien gelangen wird. Ihr habt Eure Ketten abgeſtreift; dennoch muß ich Euch ſagen, daß ich nicht mit Euch tauſchen würde, denn meine geſammelten Schätze werden wenigſtens das Doppelte von den Euren betragen. Ihr ſeht alſo, daß ich Euch dennoch voraus⸗ geeilt bin, wenn Ihr auch zuerſt das neue Land entdeckt haben wolltet.“ „So mache einen guten Gebrauch von Deinen Reichthümern, und ſtrebe dadurch die unlautern Wege vergeſſen zu machen, auf denen Du den größten Theil von ihnen erwarbſt,“ entgegnete Columbus, deſſen Lang⸗ muth unerſchöpflich ſchien. „Glaubt nicht, daß ich mich in Caſtilien im Min⸗ deſten vor Euren Verfolgungen fürchte,“ ſprach Ber⸗ meyo höhniſch weiter,„denn ich habe unter den Beamten der indianiſchen Angelegenheiten beſſere Frunde als Ihr. Der Biſchof Fonſeca brachte mich glücklich aus allen An⸗ klagen heraus, die Ihr in Eurer Bosheit gegen mich 220 erhoben hattet, weil ich Euch in Cadix die Wahrheit wie heute ſagte. Ich will hinfort in Europa ſein beſter Hand⸗ langer und Verbündeter gegen alle Colons ſein, wie ich es hier auf Hiſpaniola geweſen bin, und ſo wird weder Eure Heimtücke, noch diejenige aller Eurer Brüder, Söhne und Vettern mir jemals etwas anhaben. Ich werde nicht nur ein reicher, ſondern auch ein angeſehener Mann ſein.“ Die Schaluppe war endlich dem Ufer wieder näher gekommen, und Columbus alſo der Fortſetzung dieſer unangenehm Unterredung überhoben. Er machte der Be⸗ mannung ein Zeichen und fuhr zu ſeinem kleinen Geſchwa⸗ der zurück. Aus dieſer kurzen Probe mußte er abnehmen, daß die Gewalthaber auf Hiſpaniola noch immer von dem Grundſatze ausgingen, daß jede Art des Benehmens gegen ihn erlaubt ſei. Wie Bermeyo vorausgeſagt hatte, ſo beachtete Ovando ſeine Rathſchläge ſo wenig, daß er augenblicklich Befehl zur Abfahrt der Schiffe gab; ſie lichteten am folgenden Tage die Anker. Aber auch Columbus' Prophezeiung erfüllte ſich nur zu bald. Der Sturm, dieſes im Seeleben ſo oft wiederkehrende Ereigniß, der auf der Höhe des Meeres oder an felſigen, klippenreichen Geſtaden ſo vielfältige Gefahren mit ſich bringt, ließ diesmal nicht lange auf ſich warten, und war von jener zerſtörenden Heftigkeit, 221 wie Columbus ſie nur in tropiſchen Gegenden erlebt hatte. Von den achtzehn Schiffen der abgegangenen ſpaniſchen Flotte entgingen nur vier dem Untergange. Bovadilla, Bermeyo mit ſeinem zehnjährigen, goldenen Raube und alle ſie begleitenden Feinde des Admirals wurden von den raſend aufgepeitſchten Wellen verſchlun⸗ gen. Drei Fahrzeuge retteten ſich an den Küſten der kleineren Inſel Weſtindiens; nur das vierte, das ſchlech⸗ teſte und kleinſte, welche Columbus' Eigenthum an Bord hatte, gelangte nach Spanien. Dieſen hielt das Unwetter in dem von ihm aufgeſuchten Zufluchtsort ohne irgend eine Beſchädigung mit ſeinen Schiffen ab. Die Vorſehung hatte diesmal ſichtlich die Vergeltung übernommen, welche die Menſchen den Uebelthätern ſowohl wie den gekränkten Tugendhaften verweigerten.— Die Fortſetzung der Reiſe war indeſſen für Co⸗ lumbus eine ununterbrochene Reihe von Mißgeſchicken und verfehlten Abſichten. Von heftigen, abermals erwa⸗ chenden Stürmen verfolgt, durchkreuzte er den Meerbuſen von Honduras und fuhr an der Küſte Mexikos herum. Er eilte weiter nach Süden, immer das vergebliche Vor⸗ haben verfolgend, in der Nähe Panamas eine Durchfahrt in das indiſche Weltmeer aufzufinden. Endlich nöthigte ihn die Wuth der Elemente und das Murren ſeiner Leute, dieſe Abſicht wieder aufzugeben und umzukehren. 222 Dann ſcheiterte ſein Verſuch, auf der Terra Firma einen Pflanzſtaat zu gründen, an der Wildheit der Eingebore⸗ nen; ſpäter litt er Schiffbruch an der Inſel Jamaica, wo er, da ihm Ovando jegliche Unterſtützung verſagte, ein Jahr lang aushalten mußte. Als er ſich endlich mit ſeinen Gefährten wieder in einem auf ſeine eigenen Koſten ausgerüſteten Fahrzeuge eingeſchifft hatte, wurde er durch wiederholte, ſchreckliche Stürme über das Welt⸗ meer getrieben, bis er im November 1504 in dem zwölf Meilen von Seovilla entfernten, kleinen Hafen San Lucar Anker warf. Hier hoffte der vielgeprüfte Seemann ſeine zerſtörte Geſundheit herzuſtellen und für ſeinen gebeugten Geiſt Ruhe zu finden. Aber es erwartete ihn der ſchwerſte Schlag, der ihn in Spanien treffen konnte. Die Köni⸗ gin Iſabella war von langer, leidenvoller Krankheit er⸗ griffen und hauchte ihre große Seele aus, ehe noch das Jahr zu Ende ging. Columbus ſprach ſeine innige Be⸗ trübniß darüber in einem Briefe an ſeinen Sohn Diego aus, der bis auf unſere Zeiten gekommen iſt. Die ihn ſtark plagende Gicht verhinderte ihn, ſelbſt an den Hof zu gehen, der ſich während des Winters in Segovia aufhielt. Indeſſen beauftragte er ſeinen Sohn, dem Kö⸗ nig ſeine Lage vorzuſtellen. Er berief ſich noch einmal auf ſeine vergangenen Dienſte, auf die ihm urſprünglich 223 zugeſtandenen Bedingungen, auf deren Verletzung in faſt allen Punkten, und ſchilderte ſeinen gegenwärtigen be⸗ drängten Zuſtand. Allein Ferdinand war zu ſehr mit ſeinen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt, um auf die⸗ jenigen des Admirals beſonders zu achten, ſo daß dieſe Geſuche und Vorſtellungen ohne thatſächliche Antwort blieben. Renntes Capitel. Der Tod des Weltentdeckers. Columbus hatte ſich nicht ohne mannigfache Be⸗ ſchwerden nach Sevilla transportiren laſſen, wo er ſich in einen ſchon früher von ihm bewohnten Gaſthof begab. Er war noch immer ſo leidend, daß er die Stunden außer⸗ halb des Bettes nur in einem Armſtuhl verbringen konnte. Sein Bruder und ſein Sohn Fernando leiſteten ihm Geſellſchaft. Der wohlthätige Einfluß der erſten, ſonnigen Lenztage machte ſich auch in ſeinem Befinden bemerklich; weniger wiedergeſchlagen als ſonſt hatte er ſich am Fenſter niedergeſetzt. Da wurde Don Amerigo Vespucci gemel⸗ det, welcher vorfrage, ob es der Zuſtand des Admirals geſtatte, ihn in deſſen Gegenwart zuzulaſſen. Fernando ſah ſeinen Vater fragend an, welcher mit einiger Leb⸗ haftigkeit erwiederte: „Ich habe den intelligenten Florentiner immer gern 225 gehabt, denn er war ſtets ſo gefällig und aufmerkſam, wie ich es nur wünſchen konnte. Hätten Alle, mit denen ich in dieſem Lande im geſchäftlichen Verkehr tre⸗ ten mußte, mich behandelt wie er, ſo wäre ich jetzt nicht der elende, geſchlagene Mann, als welchen er mich heute wiederſieht.“ Vespucci trat mit mit freundlicher, ehrerbietiger Be⸗ grüßung ein. Columbus ſprach ihm ſogleich warm ſei⸗ nen Dank für die ſchnelle und geſchickte Beſorgung ſei⸗ ner ihm zuletzt in Cadir ertheilten, richtigen Aufträge aus. Amerigo lehnte dieſen mit artiger Zuvorkommen⸗ heit ab, indem er behauptete, bis jetzt nur einen geringen Theil ſeiner Verpflichtungen gegen die Familie Colon abgetragen zu haben. Columbus ſagte darauf: „Euer freundliches Andenken erfreut mich doppelt, Don Amerigo, da man gegenwärtig Euren Namen in der alten wie in der neuen Welt mit Auszeichnung nennt.“ „Man hat meine Tagebücher über meine Reiſen einiger Aufmerkſamkeit gewürdigt,“ verſetzte der An⸗ geredete.„Don Juan de Fonſeca verſah mich mit einer Copie der Karten, welche Ihr ſelbſt über die von Euch entdeckte Terra Firma aufgezeichnet und dem Rathe der indianiſchen Angelegenheiten zugeſtellt habt.“ „Dies geſchah nicht, damit man ſie von Andern 226 ohne meine Erlaubniß benutzen ließe,“ entgegnete Co⸗ lumbus mit einem Anflug von Mißvergnügen.„Ich muß indeſſen von Fonſeca jede heimtückiſche Hinterliſt er⸗ warten, die mir Schaden verurſachen kann. Uebrigens ſind die Weiſungen, welche ich in dieſen Aufzeichnungen für weitere Entdeckungen gebe, beſſer bei Euch nieder⸗ gelegt, als bei manchen andern Abenteurern, die ſich jetzt nach Weſtindien begeben, um ſpäter mit ihren dort ge⸗ lungenen Unternehmungen zu prahlen.“ Ohne auf dieſen etwas bittern Einwurf zu achten, fuhr Vespucci fort: „Ich bin nun viermal in der neuen Welt geweſen, ohne dadurch bedeutende pekuniäre Vortheile zu erlangen. Ich habe dort beobachtet, geforſcht, nachgedacht, geſchrie⸗ ben, gezeichnet und mancherlei Drangſale und Strapazen erlitten.“ „Die ſind mit den Entdeckungsreiſen nach Weſt⸗ indien verbunden,“ bemerkte Bartolomäus. „Um nun doch einigen Lohn für alle dieſe Mühen zu ernten,“ fuhr Amerigo fort,„habe ich meine Auf⸗ zeichnungen drucken laſſen, und muß mich alſo freuen, wenn ſie Käufer finden. Dabei habe ich es nie bis zum Commandanten eines Geſchwaders oder auch nur eines Schiffes gebracht, ſondern bin immer nur als Steuer⸗ mann und Geograph mitgefahren. Wenn nun auch meine 227 genauen Schilderungen der unbekannten Gegenden die Welt überraſchen, ſo bleibt doch immer Ihr edler Ad⸗ miral der urſprüngliche Entdecker des ſüdlichen Feſt⸗ landes und der Inſeln auf der weſtlichen Halbkugel.“ „Ihr ſeid noch immer ſo frei von Anmaßung und Ruhmredigkeit wie in früheren Tagen,“ ſprach Colum⸗ bus wieder lächelnd. „Von allen dieſen Erfolgen, die mir die Wiſſen⸗ ſchaft und der Forſchungstrieb verſchaffte,“ fügte Ame⸗ rigo hinzu,„ſeid Ihr die Urſache, Don Chriſtobal. Eure lebendigen Erzählungen aus der neuen Welt weckten in mir das Verlangen, jenes Wunderland gleich Euch mit eigenen Augen zu ſchauen. Meine früheren Handels⸗ geſchäfte widerten mich an; ich trieb ſie ſpäter nur, wenn ich unumgänglich dazu genöthigt war. Die unbezwingliche Sehnſucht in die Ferne erwachte auch in mir, und trieb mich wieder und wieder über das Meer, allen Gefahren trotzend, alle Hinderniſſe beſiegend und wenig den kargen Lohn beachtend, der mir für alle dieſe Mühen wurde.“ „Ich kenne ihn, dieſen allmächtigen Trieb in die Weite,“ ſprach Columbus bewegt.„Er iſt das ſtärkſte und dauerndſte Gefühl meines ganzen langen Lebens ge⸗ weſen.„Vorwärts!“ iſt der Ruf des Jahrhunderts, das Streben der Wiſſenſchaft, das Drängen des Geiſtes; vorwärts über Länder und Meere, damit ſein Geſichts⸗ 228 kreis erweitert und die Erde mit allen ihren Schätzen dem ſtaunenden Menſchengeſchlecht erſchloſſen werde!“ Er hatte zuletzt mit jugendlichem Feuer geredet. Amerigo nahm nach einer kurzen Pauſe wieder das Wort: „Der König hat mich an den Hof gerufen. Ich bin bei Euch eingetreten, um Euch zu fragen, Herr Admiral, ob Ihr mir einige Beſtellungen an Euren Sohn Don Diego übertragen wollt? Auch für ſonſtige Aufträge ſtelle ich Euch meine Dienſte zur Verfügung.“ „Ich danke Euch, guter Vespucci,“ ſprach Colum⸗ bus.„Ich will Euch einen Brief an meinen Sohn mit⸗ geben, der Euch auf dieſe Empfehlung in jeder Weiſe dienlich und nützlich am Hofe ſein ſoll, ſo weit ſeine Stellung ihn hierzu in den Stand ſetzt.“ Der Florentiner zeigte ſich für dieſe Bereitwilligkeit ſehr verpflichtet, da er auf dieſe Weiſe mit den Män⸗ nern, die das Staatsruder lenkten, in nahe Verbindung kommen und dann ſeinem Namen weitere Geltung ver⸗ ſchaffen konnte. Columbus ahnte dabei allerdings nicht, daß die Undankbarkeit des Menſchengeſchlechtes ſo weit gehen würde, dieſen Namen des beſcheidenen Florentiners dem Welttheil beizulegen, den ſein Genius aufgefunden und ihm erſchloſſen hatte. Vespucci ſprach weiter: „Ich ſah Don Jacopo zuletzt in Cadix. Sein 229 Muth und ſeine Aufopferung bei dem erſten Sturm, den ich erlebte, iſt nie von mir vergeſſen worden. Wo befindet er ſich gegenwärtig?“ „Er iſt in den geiſtlichen Stand getreten,“ ant⸗ wortete Columbus,„und hält ſich noch immer in dem Kloſter von La Rabida bei Palos auf.“ „Ah,“ ſagte Amerigo,„dort, wo wir Alle nach unſerm Schiffbruche eine ſo freundliche Aufnahme fanden. Der gute Prior empfing mich und Don Jahme Ferrer ſchon in jener Hütte am Strande, die damals von dem Matroſen Bermeyo und ſeiner Tochter bewohnt wurde. Die Letztere hatte ſich Eures Bruders ganz beſonders angenommen, und ihn recht eigentlich aus den Fluten dort in Sicherheit gebracht.“ „Von Allen, die damals in jener Hütte verſammelt waren,“ entgegnete der Admiral ſchwermüthig„ſeid Ihr und Ferrer die Einzigen, welche noch in der Welt leben und wirken. Ich habe den gelehrten Steinſchneider, dieſe Zierde der Wiſſenſchaft, bei meinem jedesmaligen Auf⸗ enthalte in Caſtilien einigemale geſehen, und mich ſtets über ſeine Gegenwart gefreut. Er lebt auf ſeine gewohnte Weiſe und hält ſich meiſtens in Cordova auf. Noch in der vorigen Woche hatte ich eine Botſchaft von ihm. Ro⸗ drigo Bermeho dagegen iſt auf der Fahrt von Hiſpaniola hierher untergegangen; ſeine Tochter ſtarb ſchon vorher 230 und auch mein ehrwürdiger Freund Juan Perez iſt im Frieden des Gerechten entſchlafen. Mein Bruder drückte ihm vor einem Jahre die Augen zu.“ Amerigo Vespucci neigte leicht das Haupt und ſagte: „Die tiefe Trauer der Armen und Unglücklichen wird dieſem heiligen Manne gefolgt ſein.“ In dem Beſtreben, der Unterhaltung eine fröhlichere Färbung zu verleihen, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort: „Ich würde ſehr erfreut ſein, den Ritter von Viana wieder zu begrüßen, da ich ihm ſo tief verpflichtet bin. Lebt er gegenwärtig am Hofe?“ „Ihr werdet ihn dort finden, ſo wie auch ſeine edle Gemahlin, Donna Elvira,“ antwortete Columbus.„Ich glaube, daß ſie ſich wohlbefinden, doch ſah ich ſie noch nicht ſeit meiner letzten Heimkehr nach Europa.“ Das Geſpräch ging eine Weile fort. Dann ſetzte Amerigo hinzu:„Ich will Euch geſtehen, daß ich nicht allein meines Weges gekommen bin. Zwei junge Männer begleiteten mich, die ſich nach der neuen Welt einzuſchiffen beabſichtigen. Sie wünſchten Euch vorher ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Doch habe ich ſie einſtweilen in dem Hofe dieſer Poſada ſtehen laſſen, da ich mich erſt überzeugen wollte, ob Euer Befinden ſo gut ſei, daß Ihr ihnen den Zutritt 231 gewähren würdet. Darf ich ſie auf einige Minuten her⸗ einrufen?“ Columbus bejahte, und bald darauf traten Las Caſas und Fernando Cortez, der Erſtere im ſchwarzen, geiſtlichen Gewande, der Zweite im prunkeuden, ritterlichen Farbenſchmuck, herein. Fernando Columbus näherte ſich ihnen ſogleich, denn Alle erinnerten ſich noch ſehr gut ihres letzten Zuſammentreffens in Cordova. Indem er von dieſem erzählte, führte er ſie ſeinem Vater zu. Dies gab ſo lebendige Anknüpfungspunkte, daß ſehr bald alles förmliche Fremdſein der jungen Leute ſchwand. Columbus unterhielt ſich auf ſeine gewöhnliche, wohlwollende Weiſe mit ihnen, und fragte zuletzt Las Caſas: „Auch Ihr habt Euch ſchon eine längere Zeit im weſtlichen Indien aufgehalten?“ „So iſt es,“ entgegnete dieſer;„mein Vater war einer der Erſten, welche Eurer Spur über den Ocean folgten, Exellenzu. Ich habe ihm ſpäter nachgeahmt und ſchon zweimal die Fahrt dahin unternommen.“ „Ich erinnere mich,“ warf Bartolomäus Colum⸗ bus ein,„daß man mir ſagte, Ihr hättet ſeit ſechs Jah⸗ ren mehr dort als hier gelebt.“ „Ich betrachte es wie mein zweites Vaterland,“ verſetzte Las Caſas,„und habe geſucht, mich mit allen dortigen Angelegenheiten genau bekannt zu machen.“ 232 „Ihr widmet beſonders dem Schickſale der In⸗ dianer Eure Aufmerkſamkeit,“ ſchaltete Vespucci ein. „Sie bedürfen ihrer mehr als die Europäer, denn dieſe wiſſen ſich ſelbſt gut genug zu vertreten,“ erwiederte der junge Geiſtliche.„Die Harmloſigkeit und Einfachheit dieſer Naturkinder hat von jeher mein Herz gerührt, und ich habe ihnen durch Wort und That zu nützen geſucht, ſo weit dies irgend in meinen Kräften ſtand. Ihre An⸗ zahl ſchwindet immer mehr unter den maßloſen Be⸗ drückungen, welche die Europäer über ſie verhängen.“ „Die reichen Erträge an Gold, Edelſteinen, Per⸗ len und Producten,“ ſprach Bartolomäus Columbus, „welche unter Ovando's Verwaltung nach Spanien ge⸗ langten, ſind durch die ſchamloſeſten und unerhörteſten Erpreſſungen zuſammengebracht worden.“ „Seit dem Tode der Königin hat man ſich wenig mehr mit den Indianern beſchäftigt,“ warf Amerigo ein. „Auch hehauptete man, daß es durchaus nothwendig ſei, ſie zur Arbeit in den neu aufgefundenen Bergwerken zu verwenden, da die edlen Metalle ſonſt nicht an's Tages⸗ licht gefördert werden könnten.“ „Es wollte allen meinen Bemühungen nicht ge⸗ lingen, ſie davon zu befreien, obgleich ſie dieſer angreifen⸗ den Arbeit noch ſchneller unterlagen, als jeder andern,“ erwiederte Las Caſas.„Ich habe mich endlich ſchon im 233 vorigen Jahre mit einem anderen Vorſchlage direct an die Königin gewendet. Sie geſtattete auf dieſe meine Vor⸗ ſtellungen, daß die in den ſpaniſchen Beſitzungen ge⸗ borenen Neger in Hiſpaniola eingeführt würden, damit dieſe jene Arbeiten in den Bergwerken verrichteten. Durch ihre Körperbeſchaffenheit ſind ſie beſſer dazu geeignet, und ich habe ulſo die Freude, meine armen Indianer wenigſtens von dieſer für ſie ſo ſchaudervollen Plage befreit zu ſehen.“ Die Augen des jungen Paters ſtrahlten von dem ſanften Feuer der Menſchenliebe und des Erbarmens. Hätte er die kommenden Jahrhunderte überſchauen kön⸗ nen, ſo würde er ſich vor dem Mißbrauche erſchrocken ha⸗ ben, der aus dieſer anfänglich für das Gedeihen der Co⸗ lonie ſehr erſprießlichen Maßregel erwuchs. Sie theilte das Schickſal mancher anderen, welche Iſabella aus den edelſten Beweggründen billigte. Auch die beſten Abſich⸗ ten des vortrefflichen Las Caſas wurden nach und nach von der Grauſamkeit der Europäer ſo ſehr in ihr Ge⸗ gentheil verkehrt, daß ſie die erſte Urſache jenes garſtigen Fleckens ſind, der noch heute auf den inneren Verhält⸗ niſſen Amerikas ruht. Alle zur Humanität neigenden Zeitgenoſſen theilten damals die Anſicht, daß dieſe Maß⸗ regel ein vorzügliches Auskunftsmittel ſei. Columbus verſetzte feierlich: 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. W. 15 234 „Auch unſere große Königin iſt zur ewigen Herr⸗ lichkeit eingegangen. Wir können nur mehr für ſie beten, da wir ihr theures, erhabenes Antlitz nicht mehr mit unſeren ſterblichen Augen ſchauen dürfen.“ Er faltete die Hände und ſah vor ſich nieder. Einige der Anweſenden folgten ſeinem Beiſpiel; Andere bekreuz⸗ ten ſich. Alle ſtimmten mit ihm in der Kundgebung der ehrfurchtsvollen Anhänglichkeit überein, welche ſie dem Andenken ihrer hingeſchiedenen Königin weihten. Colum⸗ bus wandte ſich dann an Cortez, welcher ſich bis dahin halblaut in einiger Entfernung mit Fernando Columbus unterhalten hatte. Cortez erbat ſich von dem Admiral Auskunft über manche Einzelheiten der Zuſtände auf dem neuentdeckten Feſtlande, welche dieſer ihm auf die wohl⸗ wollendſte Weiſe ertheilte. Endlich fügte Cortez hinzu: „Die Regierung gab ſchon vor mehreren Jahren die Erlaubniß, daß kleine Abtheilungen zu dem Belaufe von drei bis vier Schiffen auch von Privatperſonen aus⸗ gerüſtet werden dürfen, wenn dieſe geneigt ſind, mit ihnen auf Entdeckungen in der neuen Welt auszu⸗ gehen.“ „Dieſe Erlaubniß iſt früher wenig benutzt worden,“ warf Bartolomäus ein.„Erſt in den letzten Jahren ſind einige dieſer kleinen Geſchwader unter dem Commando von Privatperſonen nach Weſtindien abgegangen. Auch 235 müſſen dieſe ſich verpflichten, ihre Streifzüge nur im Intereſſe der Krone von Caſtilien zu unternehmen, und alle zu machenden Entdeckungen nur unter ihrer Ober⸗ hoheit nach den feſtgeſtellten Bedingungen auszubeuten.“ „Dies werde auch ich beſchwören,“ ſagte Cortez. „Ich habe mein ganzes väterliches Erbtheil verwerthet und für dieſes einige Schiffe bemannt und ausgerü⸗ ſtet. Sie liegen im Hafen von Sevilla zur Abfahrt bereit.“ „Don Fernando Cortez hat mir auf ſeinem Admi⸗ ralſchiff einen Platz zugeſtanden,“ ſprach Las Caſas mit ſanfter Freundlichkeit.„Zch darf ihn auf dieſer Fahrt begleiten.“ „Ich werde,“ fügte Cortez hinzu,„erſt auf Hi⸗ ſpaniola landen und dann dem Feſtlande zuſteuern. Ich will mein Leben daran ſetzen, jenes Eldorado aufzufin⸗ den, von dem Ihr ſo oft geredet habt, tapferer Ad⸗ miral.“ „Es muß im Weſten liegen, es iſt kein Zweifel,“ ent gegnete dieſer noch immer ernſt. „Ich will es erobern mit allen Waffen, die mir Tapferkeit, Geſchicklichkeit und Klugheit darbieten,“ fuhr Cortez fort.„Nur auf dieſe Weiſe kann ich den Sieg über ſeine Bewohner erringen, denn dieſe werden natür⸗ lich ihren geſegneten Boden mit Aufbietung aller ihrer * 236 Kräfte vertheidigen. Kein Hinderniß ſoll mich aufhalten. Ich will die Fahne des Glaubens voran tragen und Ruhm, Gold und Ehre erringen— oder untergehen!“ Er hatte die Hand an ſein Schwert gelegt. Colum⸗ bus ſagte mit einem Lächeln, dem einige Bitterkeit nicht fehlte: „Alle Schwierigkeiten erſcheinen uns vom ſichern Zimmer aus leichter zu überwältigen, als wir es draußen auf dem Felde der Gefahr finden. Doch liegt die Erfül⸗ lung Eurer kühnen Hoffnungen im Reiche der Möglich⸗ keit, und darum dürft Ihr an ihnen feſthalten.“ „Bis zu meiner letzten Stunde!“ rief Cortez. „Mein Leben und mein Vermögen iſt der Einſatz in dem hohen Spiel— die Würde des Vicekönigs des Goldlan⸗ des der Gewinn, nach dem ich trachte!“ „Die Verbeſſerung des Looſes der Eingeborenen des weſtlichen Indiens ſoll der Zweck meines Daſeins ſein, denn ſie ſind die Gepeinigten und Unterdrückten!“ rief Las Caſas, deſſen Beruf, der Fenelon Spaniens zu werden, ſchon jetzt auf ſeiner freien Stirn zu leſen war. Die Wangen der beiden jungen Männer glühten in dem feurigen Enthuſiasmus, mit dem ſie die Aufgaben beſeel⸗ ten, die ſie ſich geſtellt hatten. Amerigo Vespucci mahnte endlich zum Aufbruche, da die Zeit koſtbar ſei und zur „llerſeitigen Abreiſe dränge. Die drei Männer nahmen Abſchied von Chriſtof Columbus, um dieſen nicht wieder zu ſehen. Ihr Geſtirn war im Aufſteigen, dasjenige des ergrauten Seehelden im Untergehen begriffen. Eine große Zukunft lag vor allen Dreien. Amerigo war beſtimmt, ſeinen Namen einem Welttheil aufzuprägen und dieſen dadurch für alle Zeiten in dem Munde von Millionen leben zu laſſen. Fernando Cortez errang durch Blutver⸗ gießen und Hinterliſt die ſtolze Würde, nach der ſeine heißeſte Begier ſtrebte— um ihrer nach einiger Zeit wie⸗ der durch die mißtrauiſche Klugheit König Ferdinand's beraubt zu werden, welcher ihm wie Columbus mit Un⸗ dank lohnte. Bartolomäus Las Caſas gewann durch ſein der edelſten Humanität geweihtes Streben die unver⸗ gänglichere, ſtrahlendere Krone des Ruhms, der Freund und Vertheidiger einer ganzen unterdrückten und leiden⸗ den Bevölkerung genannt zu werden. Ewige Ehre auch ſeinem Namen, der mit der Geſchichte der Urbewohner Amerikas ſo eng verwebt iſt!— Als die mildere Jahrzeit herangebrochen war, ge⸗ lang es endlich Columbus, in kleinen Tagereiſen Sego⸗ via zu erreichen, und ſich dem Könige vorzuſtellen. Er wurde von dieſem mit großer Artigkeit und mit ſchönen Worten empfangen, auf welche indeſſen keinerlei bemer⸗ kenswerthe Thaten folgten. Die Ereigniſſe der letzten Reiſe hatten nicht beigetragen, das Mißtrauen zu ent⸗ 238 fernen, welches Ferdinand ſchon lange gegen die Regen⸗ tenfähigkeit Columbus hegte. Sein unter wirklich trau⸗ rigen Umſtänden von Jamaica an die Herrſcher gerichteter Brief trug ein ſolches Gepräge der Niedergeſchlagenheit, und entwickelte dabei ſo ſchwärmeriſche Pläne, daß der König behauptete, darnach auf eine geiſtige Störung bei ſeinem Verfaſſer ſchließen zu müſſen. Sein Nachfolger Ovando ſtand hoch in der königlichen Gunſt. Wenn ſein Verfahren auch die Indianer mit dem gänzlichen Unter⸗ gange bedrohte, ſo waren doch die ſpaniſchen Ueberſiedler ſehr damit zufrieden, und er war durch dieſe Erpreſſungen im Stande, weit mehr Einkünfte in den königlichen Schatz zu liefern, als dies bisher hatte geſchehen können. Dies paßte dem immer geldbedürftigen Könige vortrefflich, und ſo dachte er wahrſcheinlich niemals ernſthaft daran, Co⸗ lumbus wieder in ſeine Statthalterſchaft einzuſetzen. Fer⸗ dinand beging dann auch die ſchreiende Ungerechtigkeit, ihm die Einkünfte vorzuenthalten, welche ihm durch die früheren Verträge zugeſichert waren. ZJe reichlicher ſich die Einkünfte aus der fernen Colonie geſtalteten, je we⸗ niger geneigt war der König, dieſe Verträge buchſtäblich zu erfüllen. Eine ſo unermeßlich reiche Belohnung ſchien ihm für einen Unterthanen ganz unpaſſend, und zuletzt war er ungroßmüthig genug, dem Admiral vorzuſchlagen, 239 ſeine Anſprüche gegen andere ihm in Caſtilien anzuwei⸗ ſende Güter und Würden aufzugeben. Allein Columbus war weit entfernt, hierauf einzu⸗ gehen. Als ſein ſeit Jahrzehenden raſtlos verfolgtes Unternehmen endlich zur Ausführung kommen ſollte, hatte er im Lager von Sante Fe lieber jede fernere Unter⸗ haltung darüber aufgegeben, ehe er in den ihn dabei ſelbſt betreffenden Forderungen nachließ. Zetzt, nach vier⸗ zehn Jahren, da der Erfolg jenes Unternehmens ſo glän⸗ zend feſtſtand, war er ſo wenig wie damals zu irgend einer Verzichtleiſtung zu bewegen. Er folgte dem Hofe nach Valladolid und wurde mit der Achtung, die ſeinem Rufe und ſeinen Thaten gebührte, behandelt, ohne jedoch die ihm früher bewieſene beſondere Gunſt wieder zu erlangen. Ferdinand betrachtete ihn ſiets mit innerem Mißbehagen wie einen Gläubiger, deſſen Anſprüche zu gerecht waren, um abgeleugnet zu werden, jedoch zu groß, als daß er ſie hätte befriedigen wollen. Eines Tages befand ſich Columbus in einem der Vorzimmer des königlichen Palaſtes, den Augenblick er⸗ wartend, in welchem er zum Könige beſchieden werden würde. Der größte Theil der gewöhnlichen Umgebung des Königs war in dem weiter entfernten Gemache ver⸗ ſammelt, ſo daß außer einigen Geiſtlichen und Edelknaben nur ſein Sohn Diego in feiner Nähe war. Indem der —— 240 Admiral den Blick auf die Thür richtete, welche in den Saal führte, in dem ſich der König aufhielt, ſah er aus dieſer den großen Feldherrn Gonſalvo de Cordova her⸗ auskommen. Dieſen hatte er in der letzten Zeit ziemlich oft angetroffen; da jetzt einer der geiſtlichen Herren zur Audienz eingelaſſen wurde, fand er auch heute Zeit, einige Worte mit dem Ritterfürſten zu wechſeln. Dieſer hatte während eines ruhmvollen und wech⸗ ſelreichen Krieges Neapel für Ferdinand von Arragonien erobert. Jene Kämpfe waren von den Franzoſen, Italie⸗ nern und Spaniern mit aller jener ritterlichen Romantik geführt worden, welche die Letzteren aus ihren Mauren⸗ kriegen mit auf den hesperiſchen Boden hinübernahmen. Turniere, Zweikämpfe und Herausforderungen hatten ſtattgefunden; in ihnen, ſo wie in den Schlachten war Gonſalvo de Cordova ſtets der Tapferſte der Tapfern, der großmüthigſte Sieger geweſen. Seine Klugheit in den dann folgenden Unterhandlungen und bei dem end⸗ lichen Friedensſchluße hatte dem König noch mehr genützt, und dieſer ihn darauf zum Vicekönig des neu eroberten Neapels eingeſetzt. Vier Jahre lang hatte er dieſen Po⸗ ſten mit Ruhm und Glanz verwaltet; dann rief auch ihn die argwöhniſche Klugheit Ferdinand's davon zurück, und ſandte einen anderen Statthalter nach Neapel. Bei ſei⸗ ner Heimkehr wurde Gonſalvo von dem ganzen ſpaniſchen 241 Volke mit unbegrenzter Begeiſterung empfangen; wie einſt Columbus, ſo war nun er der Gegenſtand der un⸗ getheilteſten Aufmerkſamkeit. Aus den entfernteſten Ge⸗ genden ſtrömten Menſchen herzu, welche einen Blick von dem Helden erhaſchen wollten, deſſen Thaten in Geſän⸗ gen und Erzählungen in ganz Spanien verherrlicht wur⸗ den. Der frohlockende Zuruf des Volkes begrüßte ihn und die ihm folgenden Offiziere, welche an ſich und ihren Pferden die reiche Beute ihrer italieniſchen Siege tru⸗ gen. Ein feierlicher Empfang und ein ſehr gnädiges Be⸗ nehmen vom Könige wurden auch ſein Theil. Dann aber mußte auch er Doppelzüngigkeit, kleinliche Chicanen und zuletzt ſchnöde Undankbarkeit erfahren. Heute lagerte ein faſt düſterer Ernſt auf ſeinem ed⸗ len Antlitze, auf ſeiner umwölkten Stirn, wenn gleich ſeine Haltung ſo majeſtätiſch wie ſonſt war. Nach den erſten Begrüßungen trat er mit dem Admiral in eines der hohen Bogenfenſter und ſagte: „Ich habe heute den König noch einmal an ſein mir in Italien gegebenes Verſprechen erinnert, mir das Großmeiſterthum von San Jago zu verleihen. Er gab mir abermals ausweichende Antworten; ich forderte dar⸗ auf die Erlaubniß, mich auf meine Güter zurückzuziehen, welche mir ohne jede Schwierigkeit ertheilt wurde. Ich 242 werde alſo hinfort mein Leben dort oder in Granada ver⸗ bringen und meines kommenden Alters in Ruhe pflegen.“ „Ihr werdet alsdann unſerer großen, entſchlafenen Königin nahe ſein,“ ſprach Columbus bewegt. „Ihre Gebeine ruhen in der Alhambra,“ verſetzte Gonſalvo.„Kein Menſch im ganzen Reiche wird ſie mehr betrauert haben als Ihr und ich, edler Admiral.“ Dieſer beugte ſein Haupt und ſprach halblaut: „Gott belohne ſie im Zenſeits für ihre Tugen⸗ den!— Sie war für Euch und mich die treueſte Freun⸗ din und edelmüthigſte Beſchützerin, zu der uns Gott füh⸗ ren konnte.“ „Der gute Genins Spaniens iſt mit ihr entſchla⸗ fen!“ entgegnete der große Feldherr, eben ſo gedämpft, jedoch gleichfalls im tiefen Schmerze. Die Unterredung mußte ihr Ende haben, denn Columbus wurde nun in das Andienzgemach gerufen. Wie immer früher, ſo waren es auch heute meiſtens nur artige Worte, welche Ferdi⸗ nand für ihn in Bereitſchaft hatte. Von einer Erfüllung ſeiner ſo oft vorgebrachten Wünſche war nicht die Rede. Wie Gonſalvo, ſo mußte auch er ſich wieder mit ver⸗ wundeter Seele zurückziehen. Dieſe wiederholten Krän⸗ kungen und die Schwäche, welche die erlebten harten Strapazen in ſeinem Körper zurückgelaſſen hatten, war⸗ fen Columbus bald wieder auf das Krankenbett. Die 243 Gicht befiel ihn abermals, doch war ſeine geiſtige Kraft nicht geſchwächt. Er vollzog noch einen Nachtrag zu ſei⸗ nem letzten Willen, in welchem er verſchiedene frühere Verfügungen beſtätigte und dadurch wie immer ſonſt— die Sorge an den Tag legte, ſeinem ehrenvollen Na⸗ men eine ewige Dauer zu geben. Der Himmelfahrtstag des Jahres 1506, der zwanzigſte Mai, war hereingebrochen. In einem Ge⸗ mache des Gaſthofes, den er in Valladolid bewohnte, lag Columbus auf ſeinem Sterbebette. Der einzige Schmuck dieſes dürftig ausgeſtatteten Raumes waren die Ketten, welche auch hier an der weißgetünchten Wand hingen. Dieſe Ketten waren der einzige wirkliche Lohn, der ihm für eine der größten Unternehmungen wurde, welche jemals die Kühnheit des menſchlichen Geiſtes ausführte. Der Großadmiral des Weltmeers nahte ſich ſeiner letzten Stunde, vergeſſen vom Könige, von den Großen, von dem ganzen Volke, dem er das Geſchenk eines Welttheils gemacht hatte. Das dunkle Gewand der Franziskaner, was er ſchon früher zuweilen trug, umhüllte ihn auch jetzt. Demüthig wie dies Kleid war ſeine Seele, bereit vor den ewigen Richter zu treten, deſſen Gebote zu er⸗ füllen er nach ſeinen beſten Kräften geſtrebt hatte. Seine Söhne und ſeine Brüder umgaben ihn, denn auch Ja⸗ copo hatte auf die erhaltene Nachricht von der zunehmen⸗ 244 den Hinfälligkeit des Admirals ſeine Zurückgezogenheit verlaſſen und war ſchon vor mehreren Tagen von La Rabida eingetroffen. Er trug gleichfalls eine Franziska⸗ nerkutte; einige Mönche dieſes Ordens ſtanden mit den Sterbeſacramenten in der Nähe, mehrere Diener im Hintergrunde. Jacopo hielt das Bild des Gekreuzigten in der Hand. Sein Antlitz war von einer ſanften Trauer um ſeinen ſcheidenden Bruder beſchattet, ſein Herz ergeben, ſein Sinn ruhig. Er hatte mit der angſtvollen Haſt eines Untergehenden nach dem rechten Heilmittel ge⸗ griffen. Seine Leidenſchaften und ſein Gram waren be⸗ fänftigt; er hatte aus der wahren, innern Einkehr ſein beſſeres Selbſt gerettet und jenen Frieden gefunden, den uns die Welt nicht gibt. Mit gefaßter, gottvertrauender Seele ſah er der Zukunft entgegen, indem er ohne Bitter⸗ keit der Vergangenheit gedachte, und die Gegenwart mit ſanftmüthiger Reſignation, mit gläubigem Vertrauen er⸗ trug. Das Geräuſch eilig nahender Pferde wurde durch das Fenſter vernehmlich. Fernando Columbus warf einen Blick durch dieſes und verließ eilig das Gemach. Einige Minuten ſpäter trat er mit einem Herrn und einer Dame herein. Es war ſeine Mutter, welche ihr Bruder Don Pedro an das Sterbebett ihres Gatten begleitete. 245 Beatrir hatte Jahre des Kampfes verlebt;wieder und wieder hatte ſich ihr vielbewegtes Herz zu den Füßen der Gottesmutter gedemüthigt, und zuweilen war es ihr, als wenn es ſtill werden wollte. Doch ſcheuchte es dann wieder der Anblick Arnold's aus ſeiner ſcheinbaren Ruhe auf, welcher hin und wieder in dieſer oder jener Veran⸗ laſſung nach Cordova kam und ſie alsdann harmlos wie ein bewährter Freund ihrer Familie beſuchte, um ihr von dieſer oder von andern Dingen Kunde zu bringen. Sie wußte, daß er in dieſer letzten Zeit nicht dem Hofe ge⸗ folgt war, und hatte ſich daher mit dem Bewußtſein be⸗ gnügt, daß ihr Gatte ſicher und gefahrlos in Spanien lebe, ohne den Wunſch zu fühlen noch zu äußern, ſich ihm anzuſchließen. Auch verlangte dieſer, daß man ihr den üblen Zuſtand ſeiner Geſundheit verſchweige, da er lange Beſſerung hoffte und ihr die Beunruhigung erſparen wollte. Als endlich Fernando ihr die traurige Gewiß⸗ heit nicht länger vorenthalten zu dürfen glaubte, er⸗ ſchrack ſie heftig. Die Erinnerung an die Tage ihrer er⸗ ſten Jugendliebe erwachte lebhaft in ihr, geſchärft durch die Mahnung des Gewiſſens. Hatte ſie durch ein ganz vorwurfsfreies Leben die Uebereilung ihrer Jugend wie⸗ der gut gemacht, und würde ſie nicht den zürnenden Schatten ihres Vaters am beſten verſöhnt haben, wenn ſie an der Seite des einmal erwählten Lebensgefährten ihre Pflichten treulich erfüllt, und in den Stunden, die er ihr weihen konnte, ſein dornenvolles Daſein verſchönert, und die ihm aufgebürdeten Laſten erleichtert hätte?— Und war ſie ſtets der Liebe würdig geweſen, die der einſt ſo ſtattliche Genueſe ihr bis in ſein Alter be⸗ wahrte; hatte ſie nicht in der liebeglühenden Sehnſucht nach einem Fremden, in der eifrigen Beſchäftigung ihrer zärtlichen Gedanken mit dieſem, längſt die Treue gebro⸗ chen, die ſie einſt Chriſtof Columbus vor dem Altare ſchwor?— Alle ihre Gedanken waren bei ihrem ſterbenden Gatten; mit fieberiſcher Haſt ſtrebte ſie ihn zu errei⸗ chen. Die großen Unbequemlichkeiten des angeſtrengten Reiſens in jenen Tagen hielten ſie auch nicht eine Stunde lang auf. Mit wankenden Schritten nahte ſie ſich. Ja⸗ copo ging ihr entgegen, reichte ihr die Hand und ſagte ſanft: „Gelobt ſei der Herr, daß Du da biſt, Schweſter. Sei willkommen in dieſem Hauſe, in dem bald ein Ge⸗ rechter von den Schwächen der Erde erlöſt ſein wird.“ Sie legte ihre kalte Hand in die ſeinige, ſah ihn eine Sekunde ſtarr an, als müſſe ſie ſich auf etwas ganz Entferntes beſinnen, und ſagte dann: „Wir haben uns lange nicht geſehen, mein Bruder!“ 247 Nun warf ſie ſich neben dem Bette auf die Knie und heftete das thränenloſe Auge auf das blaſſe Geſicht des Sterbenden. Sie ergriff ſeine Hand; noch war Le⸗ ben und Wärme in ihr, und angſtvoll rief ſie: „Chriſtobal!“ Dieſe Stimme klang ſo liebevoll und zärtlich in Columbus' Ohren, daß ſie ihm die ſchönſten Tage ſeines längſt entſchwundenen häuslichen Glückes zurückrief. Er ſchlug die Augen auf und richtete ſie mit dem vollen Ausdruck der Liebe auf die Kniende. Dieſe ſprach tief ergriffen: „Chriſtobal, kannſt Du mir verzeihen?— Gehe nicht hinüber in das Zenſeits, ohne mir zu ſagen, daß Du mir nicht zürnſt.“ Er ſchwieg. Jacopo ſprach feierlich: „An der Pforte des Grabes iſt unſer Blick geläu⸗ tert, und die irdiſchen Verhältniſſe erſcheinen uns anders, als im Getreibe des aufregenden, wechſelvollen All⸗ tagslebens.“ Nun hörte man vollkommen deutlich die Worte des Kranken: „Auch ich trage einen Theil der Schuld, die uns vereinigte und trennte. Wir irrten, und büßten Beide un⸗ ſer kurzes Glück durch lange Entfremdung. Ich hätte das großmüthige Geſchenk Deiner Jugend und Schönheit 248 nicht annehmen, nicht Dich ohne die Einwilligung Dei⸗ nes Vaters an mein ungewiſſes Loos ketten müſſen, da ich Dir nicht einmal ſchützend und rathend zur Seite blei⸗ ben konnte. Ich war der Aeltere, der Erfahrenere— ich hätte auch der Verſtändigere ſein müſſen.“ Sie beugte das gramvolle Antlitz auf ſeine Hand herunter und bedeckte dieſe mit Thränen und Küſſen. Ein ſprechender Blick des Leidenden begrüßte nun auch den Ritter Pedro de Arana. Dann winkte er ſeinem Sohne Diego, welcher zu Häupten des Lagers ſtand, und fuhr fort: „Diego, ich habe Dich zum Erben aller meiner Würden und liegenden Beſitzungen eingeſetzt. Eine freu⸗ dige Ahnung ſagt mir, daß ſie Dir zufallen werden, wenn man ſie mir auch vorenthielt. Vergiß nie, was ich dieſer Frau ſchuldig bin. Erfülle die Verpflichtungen ge⸗ gen ſie, die ich oft genug vernachläſſigte. Sorge für ſie, als wenn ſie Deine wirkliche Mutter wäre.“ „Ich werde es thun— mögen alle Heiligen mein Gelübde hören!“ ſprach Diego, indem er ſeiner Stief⸗ mutter ſeine Hand reichte. Columbus legte die ihrige hinein und fügte hinzu: „Habe Dank, Beatrix, daß Du mir noch einmal den Troſt Deines Anblickes gewährteſt. Die Sorge um Dich hat oft genug wie eine Laſt auf meinem Herzen 249 gelegen, und war in den letzten Stunden doppelt in mir erwacht. Es iſt nicht nöthig, noch einmal den Grund da⸗ von anzuführen.“*) Sie antwortete nur durch ſtärker fließende Thrä⸗ nen. Er ſprach nun zu Bartolomäus: „Bruder, Du haſt ſchwere Tage mit mir durch⸗ lebt. Unſer Daſein enthielt wenig Freude, aber viel Anſtrengung und Kampf in der alten und in der neuen Welt. Indien hat unſere beſten Kräfte verzehrt.“**) „Man wird es uns hinfort verſchließen— zum Dank dafür, daß Du es auffandeſt,“ verſetzte dieſer gedämpft, jedoch mit einiger Bitterkeit. Zetzt fuchten Columbus' Blicke ſeinen jüngſten Bru⸗ der und er ſagte: „Jacopo, Du haſt zur rechten Zeit den beſten Theil erwählt. Wenn unſere Seele krank iſt, ſo geſundet ſie am leichteſten in der Einſamkeit und Stille, im ungeſtör⸗ ten Aufſchauen zu Gott. Aber Du warſt mir früher eine wackere Stütze bei Allem, was ich für Indien erdenken und ausführen mußte. Stehe auch meinem Sohne bei ) Eigene Worte des Admirals. Siehe über ſeinen Tod: Colomb par Roselly de Lorgues. *) Columbus lebte und ſtarb in dem Glauben, daß das von ihm entdeckte Land die Weſtſeite Indiens ſei. 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IV. 16 250 mit Deinen Kenntniſſen, kehre in die Welt zurück und begleite ihn, wenn die Stunde gekommen iſt, die ihn über das Weltmeer ruft.“ „In das Land unſerer Hoffnungen und unſerer Täuſchungen,“ verſetzte Jacopo.„Ich werde alsdann meine Selbſtbetrachtungen, meine Studien und meine re⸗ ligiöſen Uebungen verlaſſen und ihm in Gottes Namen folgen.“ Columbus fuhr fort: „Fernando, ich hoffe, daß auch Deine Zukunft durch die baaren Einkünfte geſichert ſein wird, die Dir zukom⸗ men müſſen; man kann ſie Dir nicht vorenthalten. Es ſteht bei Dir, ob Du ein unabhängiger Privatmann bleiben, oder eine Anſtellung in Spanien ſuchen willſt.“ „Niemals,“ ſprach Fernando beſtimmt,„nie will ich in den Dienſt eines Königs treten, der Dir mit ſchnödem Undank lohnt, mein Vater. Je größere Thaten ich für ihn vollbrächte, je weniger würde er ſie in Wahr⸗ heit anerkennen. Ich ſage mich los von dem Volke, das einen ſeiner größten Wohlthäter verließ, lange ehe er zu athmen aufhörte. Das Land Deiner Geburt werde ich aufſuchen und mich hinfort weit lieber einen Genueſen, als einen Spanier nennen.“ „Verbannt den Zorn aus Eurem Herzen, wenn Gott Euch nahe tritt!“ mahnte Jacopo, indem er auf das Chriſtusbild in ſeiner Hand deutete. 251 „Er bleibe uns fern; das ſchöne Italien wird Dich gaſtlich aufnehmen,“ ſagte Columbus milde, denn vor ſeinem verklärten Blicke hatten die erlittenen Krän⸗ kungen ihren Stachel verloren. Nun haftete er auf den gegenüber hängenden Feſſeln und er ſetzte hinzu: „Legt dieſe Ketten mit mir in meinen Sarg. Zum Zeichen der Verſöhnung zwiſchen mir und meinen Beleidi⸗ gern verſchwinde dies Denkmal ihrer Ungerechtigkeit mit mir von der Erde.“ „Es ſoll geſchehen,“ entgegnete Diego feierlich. Columbus richtete nun noch manche kiebevolle Worte an die Umſtehenden und beſonders an ſeine Frau, deren Gemüthsbewegung noch immer ſo heftig war, daß ſie ihm wenig zu antworten vermochte. Der Tag der ewigen Scheidung erſt war es, der ſie geläutert zu ihm zurück⸗ führte. In allen früheren wichtigen Augenblicken ſeines Lebens hatte ſie gefehlt, welches bei mehreren Hiſtorikern zu dem Irrthum Veranlaſſung gegebenen hat, daß ihre Verbindung mit Columbus nicht vom Geſetz geheiligt geweſen ſei. Dieſer hatte bis jetzt mit vollkommener Geiſtes⸗ klarheit geſprochen. Zetzt verſtummte er für eine Weile. Dann verlangte er die letzte Oelung. Die ſämmtli⸗ chen Anweſenden ſanken auf die Knie, und die Fran⸗ ziskaner und Jacopo ſprachen die Sterbegebete. Nach 6 252 einer längeren Weile ſchlug Columbus die Augen zum Himmel auf und ſprach: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geiſt!“ Mit dieſen letzten, Allen vernehmlichen Worten ſtarb er.— Es wurde die Uebereinkunft getroffen, daß die Franziskaner ſeine Leiche zuerſt in ihren Kloſter in Valladolid beiſetzen ſollten. Dann wurde ſie nach Sevilla gebracht, wo der König Ferdinand im Karthäuſerkloſter Las Cueras ein koſtbares Denkmal über ihr errichtete, auf welchem die Inſchrift zu leſen war: „Für Caſtilien und Leon Fand die neue Welt Colon.“— „Eine ähnliche Inſchrift,“ ſagte Fernando Colum⸗ bus ſpäter in ſeiner„Geſchichte des Admirals“,„er⸗ hielt nie ein Menſch, weder in alten noch in neuen Zeiten.“— Dreißig Jahre ſpäter wurde Columbus Leiche nach Hiſpaniola, dem eigentlichen Schauplatze ſeiner Ent⸗ deckungen, transportirt. Als dieſe Inſel 1795 an Frank⸗ reich abgetreten wurde, brachte man ſie nach Havannah, in deſſen Stiftskirche ſie noch jetzt rnht, bedeckt vom Schweigen des Grabes und der Vergeſſenheit. Zrhntes Cnitrl. Diego Columbus. Maria von Toledo ſtand dem König Ferdinand im verwandtſchaftlichen Grade eben ſo nahe, wie Elvira von Viana, denn die Mutter ihres Vaters und diejenige des Königs waren Schweſtern geweſen. Ihrer Aeltern früh beraubt, wurde ſie nach erlangter Volljährigkeit die Erbin eines großen Vermögens, und die Blüthe der Rit⸗ terſchaft von Caſtilien und Arragonien brachte ihr ihre Huldigungen dar. Aber ihr Herz gehörte allein Diego Columbus. Dieſe Liebe war mit dem roſigen Hauche der erſten Jugend in ihr erwacht und nach und nach ſo feſt mit ihr verwachſen, daß ſie ſie als zu ihrem Leben ge⸗ hörig betrachtete. Die voll erblühte Jungfrau war Herrin ihres Namens und ihrer Beſitzungen; Diego war für ſie der ſchönſte, der liebenswürdigſte unter der Menge der Ritter, welche zur Umgebung des Königs gehörten; 254 ſeine edle Beſcheidenheit, ſein ritterlicher Anſtand, die Widerwärtigkeiten, mit denen er kämpfen mußte, erhöhten ihre Zuneigung zu ihm. Das zärtlichſte Mitleid war eine Beigabe dieſer Liebe, die ſie um ſo treuer und inniger machte. Sie hielt ſich noch meiſtens in den Paläſten auf, welche der katholiſche König zu ſeinem zeitweiligen Aufenthalte erkor, und war die vielfältige Begleiterin der zweiten Gemahlin Ferdinand's, wie Elvira diejenige der erſten geweſen war. Dieſe Letztere kam noch zuweilen an den Hof, doch geſchah es nicht mehr, als dies ihre und ihres Gemahls Stellung unumgänglich nöthig machte. Iſabella's Hinſcheiden verleidete ihr die ſonſt ſo gewohn⸗ ten Umgebungen. Maria hatte jedoch lange genug neben ihrer Tante gelebt, um einige Eigenſchaften anzu⸗ nehmen. Der Muth und die Beſtändigkeit des Willens, welche bei ſo manchen Veranlaſſungen von dieſer gezeigt wurden, war auch auf Maria von Toledo übergegangen, wenn ſie gleich mit weiblicher Zartheit und Milde ge⸗ paart waren. Sie wußte zu gut, daß Arnold Waller der ärmſte Schweizer Lanzenträger in Santa Fe, der ein⸗ fachſte Ritter in Granada geweſen war. Sein Helden⸗ muth und ſeine Klugheit, Elvira's treue und ſtarke Liebe hatten ihn zu einem begüterten Großen Spaniens, zum Gemahl einer Nichte des Königs gemacht. Diego hatte den großen Namen ſeines Vaters vor ihm voraus— 255 warum ſollte er mit dieſem nicht einen Platz erringen, ein Glück erfaſſen können, welches Arnold ohne dieſen erlangt hatte?— Elvira war die Vertraute ihrer Liebe geweſen. Sie hatte ſie weder begünſtigt noch unterdrückt. So lange Maria ihrer Aufſicht anvertraut war, wachte ſie ſtrenge, daß ſtets der äußere Anſtand bewahrt wurde; ſonſt aber fühlte ſie ſich dieſem romantiſchen Verhältniſſe innerlich geneigt, wenn ſie es auch nicht öffentlich anerkannte. Da⸗ bei war ſie jedoch der Meinung, daß dieſe frühzeitige, gegenſeitige Zuneiguug ſich erſt in reiferen Jahren be⸗ währen müſſe und alsdann erſt mit Ernſt zu behan⸗ deln ſei. Der Hof reſidirte wieder in Cordova. Der Herzog von Alva, Maria's Oheim, bekleidete nun die früher von Gonſalvo behauptete Stelle eines beſtändigen Begleiters und Cavaliers der Königin, da dieſer in der Zurück⸗ gezogenheit lebte. Elvira und ihr Gemahl hatten wieder ihre Güter verlaſſen, um ſich einſtweilen dem Hofe an⸗ zuſchließen. Der Letztere war mit einem Theil der Leib⸗ wache abgeſchickt worden, um die junge Königin Jo⸗ hanna, die geiſteskranke Tochter Ferdinand's, nach dem Kloſter Santa Clara zu geleiten. Elvira wohnte wie frü⸗ her im Alcazar. Maria von Toledo ſaß neben ihr, hielt ihre Hand gefaßt und ſah ſie fragend an. „Ich habe,“ fuhr Elvira fort,„Deinem Wunſche zufolge Diego's Angelegenheiten heute noch einmal dem Könige empfohlen. Seine Antwort war wie immer höf⸗ lich und ausweichend.“ „Diego ſollicitirt nun ſchon zwei Jahre, ſeit dem Tode ſeines Vaters, um in deſſen Würden eingeſetzt zu werden,“ ſprach das junge Mädchen ſeufzend.„Der König hat ihm ſtets erwiedert, daß dieſe Angelegenheit nur Caſtilien angehe; als Herrſcher über Arragonien könne er ſie nicht entſcheiden.“ „Doch iſt er,“ verſetzte Elvira,„für ſeine kranke Tochter und deren kleinen Sohn Regent von Caſtilien. Alſo konnte er als ſolcher ſehr gut dieſe Sache be⸗ endigen.“ „Er hat wenigſtens geſtatten müſſen,“ fuhr Maria fort,„daß Diego ſeine Anſprüche von dem neuen Rath von Indien unterſuchen laſſe. Dieſer iſt unabhängig von Fonſeca eingeſetzt worden; ſein Erkenntniß iſt noch nicht abgegeben.“ „Es wird ſchwerlich gegen die Krone ausfallen,“ bemerkte Elvira. „Wenn es den Colons ungünſtig lauten ſollte,“ ſprach Maria,„ſo bleibt mir noch ein Weg. Ich wende mich an meinen Oheim; er liebt mich, als wenn er mein Vater wäre, und wird es mir nicht verweigern, die 257 Wünſche der Colons beim Könige zu befürworten, wenn ich ihm ſage, daß ſie die meinigen ſind. Einem ſolchen Vermittler darf Fernando nicht die erſte Bitte abſchlagen, die er an ihn richtet. Der Herzog von Alva hat ihm mehr Dienſte geleiſtet als die meiſten andern Großen. Er iſt ihm treu geblieben, als ſo viele der caſtiliſchen Granden ſeinen Schwiegerſohn Philipp von Oeſterreich als Herrſcher Caſtiliens anerkannten; er iſt ihm zu ſehr zur Dankbarkeit verpflichtet.“ „Du kennſt Ferdinand von Arragonien ſchlecht,“ ver⸗ ſetzte Elvira mit bitterem Lächeln.„Gerade aus dieſem Grunde wird er ihm ſeine Bitte abſchlagen. Er wird ſo undankbar gegen ihn ſein, wie er es gegen Colon, gegen Gonſalvo und gegen die edle Iſabella war, auf deren Thron er ſo kurz nach ihrem Tode die achtzehnjährige Germaine de Fvir ſetzte. Eine unbeſchreibliche Thorheit von dem alternden Monarchen!“ In dieſem Augenblicke unterbrach eine Meldung die tadelnden Worte Elvira's. Diego Columbus ſtand im nächſten Augenblicke vor ihnen. Sie hieß ihm freundlich willkommen. Maria's Mund blieb ſtumm, wenn auch ihre Wangen glühte, ihr Ange leuchtete. Diego ſprach mit frendeſtrahlendem Blicke: „So eben iſt mir das Erkenntniß des neuen Rathes von Indien über meine gegen die Krone erhobene Klage 258 mitgetheilt worden; es beſtätigt alle meine Rechte und erklärt, daß die Krone Caſtilien geſetztlich verpflichtet ſei, allen meine Anſprüchen auf die Aemter und Würden mei⸗ nes Vaters genug zu thun.“ „Ehre den Richtern Caſtiliens,“ rief Elvira leb⸗ haft,„welche die Rechtspflege ſo unabhängig verwalten, daß ſie dem allgebietenden Herrſcher gegen den unter⸗ drückten Unterthan ſein Unrecht vorhalten!“ „Dies Bollwerk der bürgerlichen Freiheit wird mit Feſtigkeit in Caſtilien aufrecht erhalten,“ ſagte Diego. „Es kann jetzt möglich werden, daß ich endlich mein Ziel erreiche.“ Maria von Toledo war aufgeſtanden. Eine tiefe, innere Bewegung ſprach aus ihren ſchönen Zügen, aus ihren glühenden, ſchwarzen Auge, als ſie ſagte: „Und wenn es nicht wäre, wenn Ihr nur der Ritter Don Diego Colon bleibt, wenn auch alle die reichen Einkünfte nicht Euer Eigenthum werden, auf die Ihr ſo gerechte Anſprüche habt— warum ſoll ich hinter dieſen Männern zurückbleiben, die ſo furchtlos und frei ihre Meinung abgeben?— Ich bin mündig, die wirkliche Herrin meines Vermögens— ich theile es mit Dir— ich reiche Dir meine Hand, Diego— ich löſe mein Verſpre⸗ chen, daß ich Dir ſchon vor Jahren gab!“ 259 Sie ſtreckte ihre feine, ſchmale Hand aus. Diego ergriff ſie, führte ſie an ſeine Bruſt, an ſeine Lippen, und breitete endlich ſeine Arme aus, in welche Maria ſank. Es war der Lohn für jahrelange, heiße Liebe, für wan⸗ delloſe Treue, für alle Geduld und alle Sorge, die ſeine eigenen Angelenheiten erforderten, für alle die kindliche Verehrung, mit der er das Andenken ſeines großen Va⸗ ters pflegte. Es war das Glück, was ſeine prüfende Ver⸗ nunft in den Stunden der Niedergeſchlagenheit ſo groß fand, daß es ihr wie ein gaukelndes Traumbild vor⸗ ſchwebte— es war zur Wahrheit geworden— er hielt es an ſeiner Bruſt, feſt und innig, als wolle er es nie wieder laſſen!— Elvira's Gegenwart war in der Exaltation der Em⸗ pfindungen der Liebenden von dieſen faſt vergeſſen worden. Endlich wandten ſich ihr Maria's Blicke wieder zu. „Elvira,“ rief ſie, vor ihr niederknieend,„ſage mir, daß Du unſere Liebe billigſt, daß Du handeln würdeſt wie ich, wärſt Du an meiner Stelle— daß Du noch im⸗ mer wie in früheren Tagen jede kleinliche Rückſicht verachteſt, jedes furchtſame, ſelbſtiſche Zaudern verwirfſt, wenn unſer Herz uns gebietet, groß und frei zu han⸗ deln!“ Elvira unarmte ſie liebevoll und reichte Diego ihre Hand, welche dieſer mit ehrfurchtsvoller Liebe an ſeine 260 Lippen führte, indem er neben ſeiner Verlobten nieder⸗ kniete. „Ich werde Euch mit Wort und That unterſtützen, ſo weit dies irgend möglich ſein kann,“ verſetzte ſie. „Aber,“ fuhr ſie nachdenklich fort,„wenn der König Euch ſeine Einwilligung verweigert, wenn er dem Sohne des Admirals nicht die Stütze gönnen will, die ihm die Heirath mit ſeiner Nichte gewähren würde, wenn er die geleiſteten Dienſte irgend eines Anhängers mit Deiner Hand und Deinem Vermögen belohnen will— was dann, Maria?“ „So laſſen wir in Einſamkeit und Stille in irgend einer abgelegenen Kapelle den Segen der Kirche über uns ſprechen!“ rief Maria.„Ich folge Diego über das Meer, und wir wollen uns in der neuen Welt eine Hei⸗ math gründen, wo uns die ränkevolle Argliſt des Königs nicht erreichen kann!“ „Und darüber Alles verlieren, was Euch die Ge⸗ genwart und Zukunft bieten kann,“ ſprach Elvira kopf⸗ ſchüttelnd. Die ruhigere Klugheit der reiferen Jahre gebot ihr, den hohen Flug der Leidenſchaft und Selbſtaufopfe⸗ rung zu dämpfen, in welchem ſich Maria's Gefühle mit allem Feuer der Jugend ausſprachen. Sie ſetzte hinzu: „Verſprecht mir, daß Ihr noch eine Woche ruhig vergehen laſſen wollt, ehe Ihr irgend einen kühnen Ent⸗ 261 ſchluß ausführt. Vielleicht wird es noch einen Weg ge⸗ ben, auf welchem ich etwas zu Euren Gunſten unter⸗ nehmen könnte.“ Die Liebenden leiſteten das geforderte Verſprechen. Noch eine Stunde verfloß ihnen im zärtlichen Austauſch der erregten Gefühle. Dann entfernte ſich Diego, und bald darauf ſetzte Elvira ſich in eine Sänfte, um ſich in dieſer zu dem Hauſe des berühmten Steinſchneiders Jayme Ferrer tragen zu laſſen.— Am folgenden Morgen gewahrte man dieſen in dem Vorzimmer des Cardinals Fimenes, welcher ſich abermals auf einige Zeit im linken Flügel des Alcazars aufhielt. Die Anweſenheit des Königs hatte auch dieſen Kirchen⸗ fürſten nach Cordova gezogen. Jayme Ferrer erhielt nach der Nennung ſeines Namens ſehr bald den ge⸗ wünſchten Einlaß. Limenes trug auch heute die Franziskanerkutte, welche er nach wie vor mehr liebte, als das ſeiner höch⸗ ſten Würde gebührende Purpurkleid. Nur eine kleine, rothe Kappe auf der Hinterſeite des theilweiſe kahl ge⸗ ſchorenen Kopfes erinnerte an dieſe. Obgleich dieſer merkwürdige Mann jetzt das Alter von ſiebzig Jahren erreicht hatte, war dennoch nicht die mindeſte Abnahme ſeiner geiſtigen und körperlichen Kräfte an ihm zu be⸗ merken. Seine hagere Geſtalt trug er ſo aufrecht wie 262 früher und das durchdringende Auge blitzte mit gleicher Kühnheit. Nur das harte, dunkle Antlitz mochte noch einige Falten mehr aufzeigen. Jayme Ferrer dagegen ſchien mehr dem allgemeinen Geſetze der Sterblichkeit zu unterliegen. Sein Haupt hing tiefer auf die Bruſt herab, ſein Schritt war noch wan⸗ kender geworden. Dies waren jedoch die einzigen Ver⸗ änderungen, welche der Lauf der letzten Jahre für ihn mit ſich geführt hatte. Er begrüßte den Kirchenfürſten mit einer ſo tiefen Verbeugung, wie dieſer ſie von einem ſo weit unter ihm Stehenden erwarten konnte. Dann trafen ſich die Blicke dieſer beiden außergewöhnlichen Männer und ruhten einige Sekunden lang in einander, als wolle Einer in der Seele des Andern leſen. Timenes hob darauf an: „Es iſt lange, ſeit meine Augen Dich nicht gewahr⸗ ten, Jayme Ferrer. Als Du zuletzt auf dieſer Schwelle vor mir ſtandeſt, redeten wir über den Mauren Reduan Benegas. Ich hoffe, daß er damals keinen Schaden er⸗ litt. Wenigſtens gab ich den Befehl, daß ihm ſein gan⸗ zes Vermögen überantwortet und ſeiner Auswanderung nichts in den Weg gelegt werde.“ „Alles geſchah, wie Ihr es geboten hattet, mäch⸗ tiger Cardinal,“ entgegnete Ferrer.„Er verließ ſein Ge⸗ 263 fängniß und gelangte ungefährdet nach Oran, wo er noch lebt und Euren Namen preiſt.“ „Es iſt mir lieb, wenn es ihm wohlgeht; Gott möge ſeine Seele erleuchten,“ ſagte Aimenes.„Was führt Dich heute zu mir?“ „Es iſt abermals eine große Gnade, die ich von Euch erbitten möchte,“ antwortete der Steinſchneider. „Du haſt ſie bei mir zu fordern,“ erwiederte der Cardinal,„vorausgeſetzt, daß ſie Dich ſelbſt angeht. Ich habe mein langjähriges Verſprechen nicht vergeſſen, und werde es einlöſen, dafern dies nicht wider Gottes Ge⸗ bot iſt.“ „Ich rede abermals für einen Andern,“ ſprach der Steinſchneider.„Doch iſt es nicht bloß Eure Großmuth, ſondern Eure Gerechtigkeit, die ich heute anrufe.“ „Sie iſt bereit für Jeden, der auf dem geſegneten Boden Caſtiliens wandelt,“ erwiederte der Cardinal „Sprich deutlicher.“ „Der König,“ ſprach Jayme Ferrer weiter,„iſt ſeit dem Tode Philipp des Schönen Regent von Ca⸗ ſtilien. Ihr ſeid in dieſem Lande ſeine rechte Hand, ſo allmächtig wie Fernando ſelbſt. So fordere ich denn von Eurer Gerechtigkeit, daß Ihr das Geſuch Colons, in die Würden ſeines Vaters eingeſetzt zu werden, unterſtützt und ihm zur endlichen Erhörung verhelft.“ 264 Er ſchwieg; auch der Cardinal antwortete nicht ſogleich. Es war, als wenn dieſer einige Zeit gebrauche, um die Kühnheit dieſer Forderung zu überwinden. Kein Strahl von Wohlwollen ſänftigte ſeine harten Züge. Endlich ſagte er: „Dieſe Sache gehört nicht zu meinen Befugniſſen. Die indiſchen Angelegenheiten ſtehen unter ihren be⸗ ſondern Gerichtshöfen. Die Anſprüche der Colons gehen den König perſönlich an, der auf ſie allein zu antwor⸗ ten hat.“ „Aus dieſer Urſache flehe ich um Eure Vermittelung, hochwürdiger Cardinal,“ ſagte der Steinſchneider etwas dringender als zuvor.„Ihr ſeid der einzige Mann, deſſen Vorſtellungen über dieſe Angelegenheit der König nicht zurückweiſen wird, denn er vertraut Eurer Weisheit und Einſicht wie ſeiner eigenen.“ „Dieſe Anſprüche der Colons ſind ſo groß,“ ſprach Timenes,„daß der König ſie ſchwerlich jemals erhören wird.“ „Der Rath von Indien hat geſtern ſein Erkenntniß in der Sache des Ritters Don Diego Colon ausgeſpro⸗ chen,“ fügte Ferrer hinzu.„Er erklärt alle von ihm an die Krone geſtellten Forderungen für rechtlich begründet, da ſie ihm durch frühere Verträge mit ſeinem Vater ge⸗ leiſtet und wiederholt beſtätigt ſind. Und weil alſo dieſe 265 Sache nunmehr als unzweifelhaft richtig und billig von dem höchſten Gerichtshofe feierlich anerkannt iſt, ſo rufe ich Euch, den hohen Pfleger der Gerechtigkeit und Fröm⸗ migkeit, auf, ihr zu ihrem endlichen, vollſtändigen Siege zu verhelfen.“ „Dieſe Räthe haben gedacht, daß ſie Gott mehr dienen wollten, als den Menſchen,“ ſagte der Cardinal. „Sie haben gleich wahren Chriſten und furchtloſen Män⸗ nern gehandelt. Was aber bewegt Dich, einen ſo war⸗ men Antheil an dieſer Sache zu nehmen, die Dir ſo fern liegt wie mir?“ „Die hohen Verdienſte des Admirals,“ erwiederte Ferrer mit Wärme,„rufen mich dazu auf. Ich bin mit der ganzen Menſchheit ſein Schuldner und für meine Perſon derjenige ſeines jüngſten Bruders. Dieſer erhielt mir bei einem Schiffbruche mein Leben, indem er das ſeinige einſetzte. Jahre ſind ſeitdem verfloſſen, aber keiner der Wechſelfälle, mit denen ſie angefüllt waren, hat meine innigſte Erkenntlichkeit aufhören laſſen. Ich war und bin der beſte Freund der Colons, habe jede ihnen bereitete Unbill tief mit ihnen gefühlt, und ſuche nun dem Sohn zu dem Rechte zu verhelfen, welches dem Vater ſo ſchmählich vorenthalten wurde.“ Eine abermalige Pauſe trat ein. Die fleiſchloſe Stirn des Kirchenfürſten war noch tiefer als gewöhnlich 1861. VII. Columbus und ſeine Zeit. IW. 17 266 gefurcht und er ſtarrte düſter vor ſich hin. Endlich fragte er aufſehend: „Und haſt Du wiederum keinen Wunſch für Dich ſelbſt, Jayme Ferrer?“ „Auch einen ſolchen wage ich auszuſprechen,“ ant⸗ wortete dieſer.„Ich werde in Kurzem abermals eine Reiſe durch die am mittelländiſchen Meere gelegenen Länder Afrikas, nach der Levante und nach Jeruſalem antreten.“ „Geſegnet Deine Angen, die wieder die Orte ſchauen werden, an denen der Heiland in irdiſcher Geſtalt wan⸗ delte,“ unterbrach ihn der Prälat lebhaft.„Allein Dein Herz wird gleich dem meinigen bei dem Gedanken bluten, daß ſchnöde Heiden über dieſe gottgeweihten Gegenden herrſchen, und ſie mit ihren unheiligen Füßen verun⸗ reinigen.“ „Ich kann nicht ändern, was Gott beſtimmt hat,“ entgegnete der Steinſchneider ruhig,„doch glaube ich nicht, daß ich von dieſer Reiſe heimkehren werde. Das Geſetz der irdiſchen Unvollkommenheit vollzieht ſich an meiner ſterblichen Hülle; ſie wird hinfüllig, denn die unheilbare Krankheit des Alters beugt ſie nieder. Ich habe meinen Willen über dasjenige kund gegeben, was mir als mein Eigenthum hienieden anvertraut wurde. Manches werde ich mit mir auf meine Reiſe nehmen, 267 um Unglückliche damit zu unterſtützen, die ich auf allen meinen Wegen finde. Es lebt mir kein Blutsverwandter mehr, der ſich als Erbe meiner Habſeligkeiten melden könnte. Einen großen Theil des ſpätern Erlöſes derje⸗ nigen, die ich hier laſſe, habe ich mehreren der neuen Chriſten beſtimmt, die in Spanien blieben, nachdem ſie den jüdiſchen Glauben ihrer Väter verließen.“ „Es wird ein Zuwachs an irdiſcher Wohlfahrt für ſie ſein,“ ſprach Timenes.„Möge er ihre Seele in ihrer Anhänglichkeit an die chriſtlichen Wahrheiten kräf⸗ tigen.“ „Ihr ſeid der hohe Beſchützer der Wiſſenſchaften, großer Kirchenfürſt, und beſchäftigt Euch ſchon lange da⸗ mit, in der Stadt Alcala eine Hochſchule zu gründen. Hoſpitäler, Bibliotheken, Speiſeſäle und Kapellen ſind auf Euer gewaltiges Wort aufgeführt worden. Der Wunderbau naht ſich ſeiner Vollendung. Ihr allein vollbringt mehr, als ein anderer Menſch zu erdenken vermöchte, und trefft nun für die Beſetzung der Lehrſtühle und für die Bildung der Profeſſoren und der Schüler die weiſeſten, umfaſſendſten Einrichtungen. Geſtattet mir, ein Schärflein zur Vollendung dieſes koſtſpieligen, lang⸗ wierigen Werkes beizutragen, indem ich die zweite Hälfte meines Vermögens zur Gründung einer Stiftung beſtim⸗ 268 me, durch welche würdige, unbemittelte Studirende unter⸗ ſtützt werden können.“ „Du erfüllſt meine Seele mit Ueberraſchung,“ ſprach der Cardinal aufgeregt.„Du biſt ſtolz in Deiner Beſchei⸗ denheit, denn anſtatt etwas für Dich zu erlangen, willſt Du mir noch mehr zu dem geben, was ich ſchon von Dir erhielt.“ „Ich weiß, daß Ihr noch außerordentlichere Unter⸗ nehmungen vorbereitet,“ entgegnete Ferrer,„und daß Ihr zu dieſem Eure vielen Einkünfte ſpart und aufhäuft. Es kann alſo mein geringes Schärflein dienen, Euch das erſte große Vorhaben zu erleichtern. Ich bin ein Mann des Studiums, und darum wie Viele meines Gleichen beſonders dabei betheiligt.“ „Du redeſt wahr,“ ſprach der Cardinal.„Wenn auch meine Mittel groß ſind, ſo reichen ſie dennoch nicht aus, um alsbald ſchon das heilige Grab wieder für die Chriſtenheit zu erobern. So will ich denn nicht zaudern, ſie zu einem andern Zweck zu verwenden, der näher liegt und Gott gleich wohlgefällig iſt. Ich will an der Spitze ſtreitbewehrter Schaaren nach Afrika hinüberdringen und die Fahne des Kreuzes unter den Ungläubigen erhöhen, auf daß ſie vor ihr niederſinken und ſie als die Führerin zum ewigen Heil im Staube verehren!“ Seine Augen glühten in einer faſt wilden Begeiſte⸗ 269 rung, wie ſie Glaubenseifer und Thatendrang in ihm entzündeten. Jayme Ferrer blieb ſo ruhig wie zuvor und ſagte: „Ich habe meinen letzten Willen auf dieſem Perga⸗ mente niedergeſchrieben. Darf ich von Eurer Gnade hof⸗ fen, daß Ihr ſtreng über deſſen Vollziehung wachen wollt, wenn ich nicht mehr bin?“ Er hatte eine Schriftrolle unter ſeinem Mantel hervorgezogen und überreichte ſie dem Cardinal. Dieſer nahm ſie an, warf einen flüchtigen Blick darauf und ſprach dann gelaſſener: „Ich verſpreche es Dir. Und Du forderſt als Ge⸗ gengabe von mir, daß ich mich für den Sohn des Admi⸗ rals beim Könige verwenden ſoll?“ „Ich hoffe es von Eurer Huld,“ antwortete Fer⸗ rer, indem er mit dem Ausdrucke äußerſter Beſcheiden⸗ heit tief ſein Haupt neigte.„Es iſt eine große Verän⸗ derung eingetreten. Das Benehmen des gegenwärtigen Statthalters von Indien hat in der letzten Zeit ſo ſehr das Mißfallen Don Juan de Fonſeca's erregt, wie es früher ſeine Billigung erhielt.“ „Ich weiß es,“ verſetzte Limenes. „Er iſt geneigt, ihn abzurufen,“ ſetzte Ferrer hinzu, „und wenn noch in Caſtilien die Gerechtigkeit zur That 270 werden kann, ſo muß Don Diego Colon Ovando's Platz einnehmen.“ „Was ich thun kann, um die Sache zu fördern, ſoll geſchehen,“ ſprach der Cardinal nachdenkend.„Doch liegt ſie in Gottes Hand, in welcher die Herzen der Menſchen weich ſind wie Wachs vor der Sonne. Wir werden ſehen, wie er das Gemüth des Königs lenkt. Mehr kann ich Dir nicht verſprechen.“ „Es iſt Alles, was ich wünſche,“ erwiederte Ferrer. „Wenn wir wieder zuſammen treffen, ſo theile mir mit, welche Gunſt ich Dir zu Deinem eigenen Beſten an⸗ gedeihen laſſen kann. Ich habe Dir dieſe noch immer aufbehalten. Vielleicht wird Deine Wallfahrt hienieden länger dauern als Du glaubſt.“ Er entließ ihn mit dieſen Worten. Jayme Ferrer verbeugte ſich tief und entfernte ſich.— Wirklich verfehlten die gewichtigen Vorſtellungen des Cardinals nicht ihres Eindruckes auf den König. Wohl war dieſer der einzige Mann in allen ſeinen Rei⸗ chen, dem Solches gelingen konnte. Er willigte endlich ein, Diego die ſeinem Vater gewährten Zuſagen wenigſtens theilweiſe zu erfüllen. Er ernannte ihn zum Großadmiral des Weltmeeres und zum Statthalter, wenn auch nicht zum Vicekönig von Indien. Auch erlaubte er ohne Wi⸗ derſtreben die Vermählung Maria's von Toledo mit ihm, 271 als ihr Oheim, der Herzog von Alba, ihn in aller Form darum erſuchte. Elvira's Geiſtesgegenwart und Klugheit hatte alſo durch die Vermittelung des gelehrten Steinſchneiders den Liebenden das lange erſehnte Glück geſichert, ohne daß Maria genöthigt war, ihre hochher⸗ zigen, aufopferungsvollen Entſchlüſſe auszuführen. An dem Tage dieſer glanzvoll gefeierten Vermäh⸗ lung trat Jacopo zu ſeinem Neffen. Er hatte die Fran⸗ ziskanerkutte von ſich geſtreift und das Gewand eines Weltgeiſtlichen angelegt. Das Kloſter mit ſeinem ſtillen Frieden lag hinter ihm. Er begab ſich wieder in die Welt, um Diego mit ſeiner Erfahrung und ſeinen Kennt⸗ niſſen beizuſtehen, wie er dies ſeinem ſterbenden Bru⸗ der verſprochen hatte. Als Hochzeitsgeſchenk aber brachte er ihm jenes verhängnißvolle Halsband, welches er zu⸗ letzt aus Pepita's Händen empfing, und ſeitdem wie eine hochtheure Erinnerung an ihre Treue, die der Tod be⸗ ſiegelte, bewahrt hatte. Indem er es ihm überreichte, ſagte er, daß es nach dem Willen ſeines erſten Gebers in der Familie der Colons erblich ſein, und alſo aus Diego's Händen in diejenigen ſeines erſtgeborenen Sohnes über⸗ gehen ſolle. Die hochſtrebenden Wünſche der Jugend hatten Arnold von Viana und Jacopo Columbus zu verſchieden⸗ artigen Zielen geführt. Der Ruhm des tapferen, helden⸗ 272 müthigen Kriegers, die gewichtige Stellung eines Grands von Spanien, eine edle, liebenswerthe, fürſtliche Gemah⸗ lin waren die Errungenſchaften des Erſteren. Jacopo hatte auf der zweiten, großen Heerſtraße, die ſich da⸗ mals den Europäern öffnete, auf dem Weltmeer, ſein Glück verfolgt, hatte es nicht ſich unterthan gemacht— und endlich mit geſcheiterten Lebenshoffnungen eine be⸗ ſcheidene Stellung in dem rettenden Arme der Kirche er⸗ langt. Ausgeſöhnt mit dieſer neuen Beſtimmung finden wir ihn wieder, und in der Geſchichte Chriſtof Colum⸗ bus' wird ſeiner als des Abbes Don Diego Jacopo Co⸗ lon auch nach dem Tode des Erſteren wiederholt mit Auszeichnung erwähnt. Der Admiral Don Diego Colon ſchiffte ſich darauf von Sevilla aus nach Weſtindien ein. Seine Gemahlin, ſein Bruder, ſeine beiden Oheime und ein zahlreiches Gefolge begleiteten ihn. Da Bartolomäus und Jacopo eine genaue Ueberſicht der Verhältniſſe der Colonie be⸗ ſaßen, ſo konnten ſie ihn ſehr weſentlich in dem ſchwie⸗ rigen Geſchäft ihrer Verwaltung unterſtützen; auch der Muth und die Entſchloſſenheit des Erſteren leiſteten ihm bedeutende Dienſte, und erleichterten ſeine mühevolle Stellung. Diego beſaß dabei die beſten Abſichten, und ſeine Beſcheidenheit war vielleicht mehr geeignet, ihm Freunde zu erwerben, als das oft hervortretende, ge⸗ 273 rechte Selbſtbewußtſein ſeines Vaters. Doch legten auch ihm die Widerſacher, welche dieſem das Leben vergällten, manche Hinderniſſe in den Weg, denn ſtets fanden ſie in Fonſeca einen hilfebereiteten Verbündeten. Neid und Gehäſſigkeit verfolgten auch ihn, und nachdem er Cuba erobert und während einer Reihe von Jahren ſeinem Poſten nach beſter Einſicht vorgeſtanden, wurde er von dieſem zurückberufen und genöthigt, ſeine ſtets zärtlich geliebte Gattin und ſeine Kinder zu verlaſſen, um ſich in Spanien perſönlich gegen die Anklagen zu verthei⸗ digen, die man auch gegen ihn geſchmiedet hatte. Gleich ſeinem Vater mußte auch er die Welt verlaſſen, ohne ſich in ſeine früher bekleidete Würde wieder eingeſetzt zu ſe⸗ hen. Die mächtige Familie Maria's von Toledo hatte ihm vergeblich ihre Unterſtützung geliehen. Auch für Diego's Sohn vermochte ſie nicht eine vollkommene Ent⸗ ſchädigung von Karl dem Fünften zu erlangen. Dieſer mußte zuletzt einwilligen, den endloſen Streit mit der Krone aufzugeben, und anſtatt ſeiner auf Weſtindien be⸗ züglichen Anſprüche beſondere Ehrenſtellen und Ein⸗ künfte in Caſtilien anzunehmen. Noch heute führt die Familie der Colons den Titel: Herzog von Veragua und Marquis von Jamaica, welche ſich von den Plätzen her⸗ ſchreiben, die der Admiral auf ſeiner letzten Reiſe be⸗ ſuchte. Der ſtolzeſte ihrer Titel aber, den ihnen kein Kö⸗ 274 nig verleihen konnte, iſt derjenige, von Chriſtof Colum⸗ bus abzuſtammen. Fernando hielt ſein ſo frühzeitig ausgeſprochenes Gelübde, nicht in den Dienſt Ferdinand's von Arragonien zu treten. Er erwarb ungewöhnliche, wiſſenſchaftliche Kenntniſſe, und brachte auf ſeinen auch ſpäter in Europa ausgedehnten Reiſen eine Bücherſammlung von wenig⸗ ſtens zwanzig tauſend Bänden zuſammen, welche vielleicht die größte war, die damals in Europa gefunden wurde. Er verfaßte eine Geſchichte ſeines Vaters, welche zu den ſchätzenswertheſten Quellen über die Lebensereigniſſe die⸗ ſes außerordentlichen Mannes gehört. Nie forderte er eine Gunſt von irgend einem Herrſcher, verlangte nie irgend eine perſönliche Auszeichnung. Er vermählte ſich nicht, erreichte gleich ſeinem Bruder nur das Alter von fünfzig Jahren. Der unermüdliche, unverſöhnliche Feind der Co⸗ lons, Don Juan de Fonſeca, ſtieg bald zum Großalmo⸗ ſenier und Erzbiſchof von Roſano. Aber immer noch war das Trachten ſeiner Ehrſucht nicht geſättigt; ihr lockendſtes Ziel war der Cardinalshut und das Patri⸗ archat von Weſtindien. Beides für ihn vom Papſte zu erlangen, gelang indeſſen ſelbſt der Fürſprache Ferdi⸗ nands des Katholiſchen nicht. Alle erlangten Reichthü⸗ mer und Würden verloren für ihn ihren Werth, da ihm 275 ſein letzter und größter Wunſch vorenthalten blieb, da er das Purpurkleid auf der gehaßten Perſon ſeines glück⸗ licheren Nebenbuhlers, des Cardinals Timenes, ſah. Vergebens hatte er die Colons verfolgt, dann Fernando Cortez und Las Caſas, alle Diejenigen, die ihm durch ihr Genie, ihren Muth oder ihre Tugend entgegentreten konnten— aller empfundene Neid, alle gezeigte Bosheit, alle Arbeiten und Anſtrengungen führten ihn nicht auf die letzte Stufe ſeiner heißeſten Wünſche. Er raffte ein großes Vermögen zuſammen und hinterließ es lachenden Erben, ohne daß die Härte ſeines Herzens und die eifer⸗ ſüchtige Unruhe ſeines Geiſtes ihm auch nur einen Augen⸗ blick wahren Genußes weder in der Kraft ſeiner männ⸗ lichen Jahre, noch in der Freudloſigkeit ſeines Alters gewährten. Beatrir lebte noch einige Jahre in größter, klöſter⸗ licher Zurückgezogenheit in Cordova. Mit Diego's reich⸗ lichen Zuſchüſſen erleichterte ſie das Loos der Armen und Kranken. Dieſe, der Wohlthätigkeit geweihten Be⸗ ſchäftigungen und religiöſe Uebungen füllten den größten Theil ihrer Zeit aus. Ihr Leben war dem Gottesdienſt werkthätiger Reue über die durch eigene Verkehrtheit verfehlte Beſtimmung gewidmet. Arnold von Viana und ſeine Gattin beſuchten ſie noch einige Male, wobei ſie ſich nur dem Gefühl einer wehmüthigen Freude über das 276 häusliche Glück überließ, welches ſich in der ganzen Er⸗ ſcheinung des edlen Paares kund gab. Ihren Sohn Fer⸗ nando ſah ſie nicht wieder; nach ſeiner ſpäteren Heim⸗ kehr fand er nur ihr Grab auf dem Friedhofe der Stifts⸗ kirche von Cordova.— Arnold von Viana und ſeine Gemahlin führten bald ihren länger gehegten Wunſch aus, ſich faſt gänzlich vom Hofe zurückzuziehen. Nur bei außerordentlichen, ſehr feierlichen Gelegenheiten erſchienen ſie ſpäter an dieſem. Ein Theil ihrer Güter lag in der Nähe derjeni⸗ gen, welche das Eigenthum Gonſalvo's de Cordova wa⸗ ren. Sie hielten ſich meiſtens auf dieſen auf, und erfreu⸗ ten ſich dabei des häufigen Umganges des edlen Ritter⸗ fürſten. Gleich dieſem beſchäftigten ſie ſich angelegentlich mit der Verbeſſerung ihrer Beſitzungen und der ihnen nahegelegenen Bezirke. Auch dem Schickſale der unglück⸗ lichen Moriscos, von denen Viele in dieſer Gegend wohnten, weihten ſie ihre angelegentliche Aufmerkſam⸗ keit. Sie folgten Gonſalvo's Beiſpiele, indem ſie ſie ſo⸗ viel wie möglich gegen die unbarmherzigen Verfolgungen des Ketzergerichtes ſchützten und für geeignete Lehrer und ſonſtige Mittel der Aufklärung ſorgten, um ſie dem Aberglauben und der Unwiſſenheit zu entreißen. Die Ausgezeichnetſten Spaniens ſammelten ſich um ſie, und ihr Haus galt wie das des großen Feldherrn für die 277 beſte Schule der Wohlerzogenheit und ritterlichen Artig⸗ keit. Der hohe Geiſt und die Liebenswürdigkeit Elvira's war deſſen ſchönſte Zierde und flocht die herrlichſten Blumen in den Lebenskranz ihres Gatten, der noch in ſeinem ſpäteſten Alter die Stunde ſegnete, in welcher ſeine Blicke zuerſt auf die hochherzige Nichte des Königs von Arragonien fielen, die er ſpäter mit gerechtem Stolze die ſeinige nennen durfte. Der gelehrte Steinſchneider führte alle die Abſich⸗ ten aus, deren er gegen Timenes erwähnt hatte. Der Blick, welchen er auf das Herannahen ſeines Lebensziels geworfen hatte, war ſo richtig, wie derjenige, mit dem er die Verhältniſſe dieſes Daſeins und ſeiner näheren und ferneren Umgebungen von jeher betrachtete. Man erhielt in Cordova die Nachricht, daß er glücklich bis Cairo gekommen, und von dort weiter gegangen ſei. Dann aber fehlte lange jede ſichere Kunde, bis ſich end⸗ lich das Gerücht verbreitete, daß er von einem Fieber befallen worden und einſam in der Wüſte geſtorben ſei. Jedenfalls wurde er nicht mehr in Cordova geſehen, und es mußte alſo die Schuld der Dankbarkeit, zu welcher ſich der mächtige Cardinal gegen ihn bekannt hatte, un⸗ getilgt bleiben, bis ſie vor dem Stuhle eines höheren Richters ihre Erledigung finden konnte.— Ferdinand von Arragonien hatte noch in ſeinem 278 Alter Liebe geſucht, nachdem er weder Zutrauen noch Freundſchaft mehr einflößte. Er achtete weder der Ge⸗ fühle ſeines Volkes, welches noch immer mit liebevoller Anhänglichkeit an dem hochverehrten Bilde Iſabella's hing, noch der Anſichten ſeiner näheren Umgebungen, und ſetzte in der jugendlichen Germaine de Foir eine leichtſinnige, üppige, launiſche und vielfordernde Gefähr⸗ tin auf den Thron neben ſich. Eine bittere, jedoch ge⸗ rechte Enttäuſchung folgte dieſem thörichten Traume. Er ſuchte ſich von ihr wieder in der eifrigen Verwaltung der Staatsangelegenheiten zu erholen, und nachdem Navarra gewonnen und Oran durch imenes' raſtloſen Eifer er⸗ obert war, ſah er allerdings das Ziel ſo vieler mühe⸗ voller Jahre erreicht: Er hatte die mächtigſte Monarchie Europas geſchaffen, welche ihr Gebiet über drei Welt⸗ theile erſtreckte und ſeinen Namen unſterblich machte. Und als er auf dieſem Gipfel ſeiner höchſten Wünſche angelangt war, als das Ende ſeines ereignißreichen Le⸗ bens herannahte, ſah er das Scepter, für deſſen Be⸗ hauptung er ſo viel Treuloſigkeit und grauſame Rück⸗ ſichtsloſigkeit aufgewendet hatte, aus ſeinen altersſchwa⸗ chen Händen auf ſeinen Enkel Karl den Fünften über⸗ gehen, den Sohn ſeiner wahnſinnigen Tochter und Phi⸗ lipp's des Schönen, den er ſo lange wie ſeinen bitterſten Todfeind gehaßt hatte!— Der Cardinal imenes führte 279 noch zwei Jahre lang nach ſeinem Tode als Regent von Spanien das Scepter für den abweſenden jungen Kö⸗ nig Karl, und ſicherte ſeinem Vaterlande durch ſeine kräftigen, wohlüberdachten Regierungsmaßregeln das Anſehen, welches es noch lange nachher in Europa genoß. Ende des vierten und letzten Bandes. 8 1 ſſſiſſſſiſſſſſſſſſiſi 12 13 14 15 16 17 1 8 2 10 11 ————