3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Otimann in Gießen, K Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Geſebedingungen. 1 ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Teg von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von edem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S 8 für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Wonat: 1 Wt— Ff 1 F „„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Lur beſchmutzte, zerriſſenel, verlvrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt. der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, c* S Album. Pibliothek dentſcher Originalromant. Herausgegeben von J. L. Kober. Sechzehnter Jahrgang. Sechster Band. Columbus und ſeine Zeit. HI. Wien und Prag. Kober& Markgraf. 1861. Columbus und ſeine Zeit. Bistorischet Buman von Marie Norden. Dritter Band. Wien und Prag. Kober& Markgraf. 1861. : — —= — 8 — — — 8 — — 35 = — — — S 8 S — — 5 Zweite Abtheilung: Die Entdeckung Amerikns. Erſter Theil. Inhalt. Erſtes Cupitel. Die Entdeckung Amerikas. Zwrites Capitel. Die Heimkehr.. Prittes Cupitel. Das Viederſehen in Cordova Viertes Cnpitel. Der Triumphzug nach Barcellona. Fünftes Capitel. Der Schiffbruch Sechstes Capitel. Die Geretteten Siebentes Cnpitel. Martin Alonzo Pinzon Achtes Cnpitel. Bruder und Schweſter NMeuntes Capitel. Bartolomäus Columbus Zehntes Cnpitel. Maria von Toledo Seite 41 58 75 97 124 150 0 196 214 Erstes Capitel. Die Entdeckung Amerikas. Nicht ohne die Beſiegung mannigfacher Hinderniſſe war Columbus nach fünfwöchentlicher Fahrt bei den Ca⸗ nariſchen Inſeln angelangt. Nun aber lag die Region des unbekannten Weltmeers vor ihm und ſeinen Gefähr⸗ ten. Hoch und freudig klopfte ſein Herz; Angſt und Za⸗ gen aber befiel ſeine Matroſen. Wieder ſahen dieſe nur Waſſer und Himmel und klagten laut, daß ſie nie wieder ihr Vaterland betreten würden. Er ſuchte ſie zu beruhigen, beſchloß indeſſen, von dieſem Tage an zwei verſchiedene Schiffsbücher zu führen. Das Eine gab die wirkliche Länge der Entfernung von Europa an; dies behielt er für ſich. In dem zweiten verzeichnete er dieſe um ein Beträchtliches kürzer, und überzeugte dadurch ſein Schiffs⸗ volk, daß die Entfernung von der Heimath weniger be⸗ deutend ſei. Je weiter ſie aber weſtlich ſegelten, um ſo mehr traten verſchiedene Veränderungen ein, welche den Schiffenden nicht verborgen werden konnten. Die Farbe 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. HII. 1 10 des Waſſers und des Himmels veränderte ſich. Der dem Seefahrer ſo genau bekannte Stand der Geſtirne ſchien weiter entfernt; dann mußte man glauben, daß ſie gänz⸗ lich am Horizonte verſchwunden ſeien. Auch die Richtung der Magnetnadel wich von ihren bisher ſo unveränder⸗ lichen Geſetzen ab. Endlich mußte Columbus gewahren, daß ſie, anſtatt wie ſonſt nach dem Polarſtern, jetzt voll⸗ ſtändig nach Nord⸗Weſten zeigte. Alſo auch dieſer ſein einziger ſicherer Führer durch die weiten Waſſerſtrudel begann ihn zu betrügen; ſchwere Beſorgniſſe ſtiegen in ihm auf, doch hütete er ſich wohl, ſie ſeinen Untergebenen mitzutheilen. Einige Tage ſpäter bot ſich ein anderes Phänomen dar: das ganze Meer zeigte ſich grün rings⸗ um. Es war von Kräutern bedeckt, welche ſich friſch von Felſen abgelöſt haben mochten. Alle begrüßten es freu⸗ dig als ein Zeichen der Nähe des Landes. Columbus aber theilte nicht dieſe fröhliche Erwartung. Nach ſeinen Berechnungen mußte das Land noch fern ſein. Auch erwies ſich bald die Richtigkeit ſeiner Vorausſetzung, denn dies Grün war nichts als Seetang. Dennoch gelang es ihm, ſeine Untergebenen nicht nur hierüber, ſondern auch über die veränderte Richtung der Magnetnadel einſtweilen zu beruhigen, indem er dieſer eine wiſſenſchaftliche Erklärung gab. Je mehr man ſich dem Aequator näherte, je auf⸗ fallendere Veränderungen traten ein. Die Luft war un⸗ beſchreiblich klar und rein. Vom Anbruche des Tages an bildeten leichte Dünſte ein prismatiſches Farbenſpiel, in dem Roſa vorherrſchte. Wenn endlich das glänzende Blau des Himmels wieder ungetrübt hinter ihnen her⸗ vortrat, ſtieg die Sonne in nie geſehenem Strahlenglanze an ihm empor und das Weltmeer ſchien als ihr un⸗ geheurer Spiegel in Flammen aufzugehen; flüchtige grüne und blaue Schattirungen durchzuckten es; ſeltſame farben⸗ glänzende Pflanzen oder ſonderbare Schaalthiere ſchwam⸗ men darauf umher und trieben in die endloſe Weite fort. Die durchſichtige Klarheit des Waſſers geſtattete es dem Auge, das Leben und Treiben des Gethiers in ihm zu beobachten. Oft ſchwellte ein friſcher Wind die Se⸗ gel, ſo daß die Fahrt munter vorwärts ging; oft aber auch herrſchte die ſchaurigſte Einſamkeit, das tiefſte Schweigen auf der ruhigen Waſſerfläche. Weder das Auge noch das Ohr vermochte irgend etwas auf ihr zu erſpähen. Der Anblick dieſer unabſehbaren Einförmigkeit, dieſer unermeſſenen Weite, die nie noch der Kiel eines Sterblichen durchfurcht hatte, rief den Begriff des Un⸗ endlichen in der Seele hervor. Vor der Erhabenheit die⸗ ſer Größe des Alls, vor der unermeſſenen Majeſtät des Himmels und des Meeres verlor ſich einſtweilen die Er⸗ innerung an die Schönheit der Landſtriche, die man ver⸗ laſſen, an die ſtolze Höhe der Gebirge, an die Majeſtät 4 12 der Flüſſe, an den Reichthum der Pflanzenwelt, an den maleriſchen Reiz der blühenden Fluren Andaluſiens. Selbſt die hereinbrechende Nacht vermochte nicht dieſe ehrfurchtsvolle Bewunderung einzuſchläfern. Kaum waren die glühenden Lichteffecte des Sonnenunterganges ver⸗ glommen, ſo hüllte ſich das Meer in tiefe ſchweigende Schatten. Seine ſchäumende Fläche beruhigte ſich; es ſchwiegen die Winde und die Wogen, und in nie geſehener Klarheit, zahlloſer als man ſie jemals in Europa ge⸗ ſehen, zogen alle jene glänzenden Sonnen herauf, welche der blendende, nächtliche Schmuck des ewigen Domes ſind. In dieſem tiefen Schweigen ließ ſich zuweilen ein plötzliches, ſchnell vorübergehendes Geräuſch vernehmen. Bald verurſachte es ein fürchterlicher Haifiſch, welcher einſam in dem Ocean umherirrte und mit ſeinen gewal⸗ tigen Athemzügen ungeheure Waſſerſäulen emporwirbelte; bald war es das ferne Geſchrei unſichtbarer Waſſervögel, welches auf den Fittichen des Windes näher getragen wurde. Jede Furche, welche die Schiffe auf dem Waſſer⸗ grunde zogen, war mit Funken beſäet, jeder Ruderſchlag rief ein Feuermeer hervor: das Leuchten des Mee⸗ res zeigte ſich in ſeinem glänzenden Schimmer. Die er⸗ habene Schönheit, die feierliche Größe des atlantiſchen Oeceans enthüllte ſich zum erſtenmale dem Auge des 13 Sterblichen. Zum erſtenmale ſeit dem Beginne der Schö⸗ pfung ſchweifte der Blick über dieſe Weiten, welche bis⸗ her nur das unbeſtrittene Gebiet der Sturmvögel, der Möven, der Delphine und gigantiſcher Wallfiſche ge⸗ weſen waren. Columbus wählte ſich meiſtens ſeinen Platz auf dem Hintertheil des Schiffes. Sein forſchendes Auge ſuchte die Geheimniſſe der Schöpfung zu durchdringen. Bald ruhte es auf den funkelnden Wogen, bald ſuchte es das Reich der unterſeeiſchen Gewächſe und der Conchilien und Muſcheln zu ergründen, welche das Senkblei nicht erreichen konnte. Wie mochte dieſer unabſehbare Meeres⸗ grund beſchaffen ſein, von welchem das irdiſche Licht durch dreierlei über einander gethürmte Wogenſtrömun⸗ gen getrennt war und ſich an der Undurchdringlichkeit dieſer Maſſen verlor? Welcherlei Bewohner mochten in dieſen dunkeln Untiefen leben und welche ſchreckliche Ge⸗ fahren konnten aus ihnen für den Kühnen emporſteigen, der ſich ihnen zu nahen wagte? Es war natürlich, daß dieſer Gedanke, welcher jeden Menſchen hätte erbleichen machen können, ſich in den Gemüthern der Schiffsmannſchaft feſtſetzte. Um die Mitte des Septembers umſchwärmte eine noch größere Anzahl von Seevögeln die Pinta, welche unter dem Befehle des Sennor Martin Alonzo Pinzon voranſegelte. Die⸗ 14 ſer theilte Columbus mit, daß man nach ſeiner Ueberzeu⸗ gung nur noch fünfzehn Meilen zu durchkreuzen habe, um Land zu treffen, wenn man nordwärts ſteuern wollte. Alle, Matroſen und Offiziere, pflichteten ihm freudig bei. Columbus allein willigte nicht ein, daß man den Lauf der Schiffe ändere. Ihre Richtung mußte Weſten bleiben, denn nur hier konnte er, wie er glaubte, die bisher un⸗ gekannte Küſte von Indien finden. Seine Untergebenen betrachteten dieſe Feſtigkeit jedoch wie eine hochmüthige Hartnäckigkeit, denn immer unruhiger wurden ſie über die Länge des ſchon zurückgelegten Weges. Sie kannten ihren Landsmann Martin Pinzon als einen erfahrenen Seemann; er hatte durch ſeine Behauptung ihre freu⸗ digſte Erwartung erregt, deren Nichterfüllung eine große Unzufriedenheit und geheime Erbitterung hervorrief. Aber auch auf dem Wege nach Weſten hin häuften ſich die Anzeichen der Nähe des Landes. Ein Albatroß zog durch die Lüfte, ein Wallfiſch peitſchte die Waſſerfläche. Die Seepflanzen zeigten ſich ſo vielfältig, daß ſie faſt den Lauf der Schiffe aufhielten. Man war in jener Gegend an⸗ gekommen, welche man ſeitdem„Kräutermeer“ oder „Tangſtrich“ genannt hat, deſſen Ausdehnung ſiebenmal ſo groß, wie diejenige Frankreichs iſt. Indeſſen rief dieſe ungeheure Ausdehnung nun wieder die Furcht der Ma⸗ troſen hervor. Sie wähnten an jene unermeßlichen Wie⸗ 15 ſengründe gekommen zu ſein, welche die Grenzen der Erde ſein ſollten. Dieſe unabſehbaren grünen Flächen glichen einem unergründlichen Moraſt, welchen der Schöpfer am Ende des Oceans ausgebreitet habe, um der Verwegen⸗ heit der Menſchen Schranken zu ſetzen. Hier mußte die Schifffarth aufhören, denn der Kiel der Fahrzeuge würde ſich bald nicht mehr aus dieſer Pflanzenmaſſe heraus⸗ wickeln können; alle Lebensmittel würden alsdann auf⸗ gezehrt ſein, ſo daß man in dieſer ſchaudervollen Ver⸗ laſſenheit rettungslos dem Hungertode entgegenginge. Welche gräuliche Seeungeheuer konnten in dieſen grünen Gründen leben und den kühnen Schiffern Verderben brin⸗ gen?— Ze weiter man kam, je unveränderter blieb der Wind, der ſie immer weſtwärts trieb. Eine ſolche Be⸗ ſtändigkeit des Wetters hatten ſie nie zuvor gekannt und glaubten, daß dieſe ihnen nie die Rückkehr nach Europa geſtatten würde. Auch als die Pflanzenmaſſen verſchwun⸗ den, blieb dieſe Beſorgniß. Vergebens bemühte ſich Co⸗ lumbus, ihnen auch dieſe Naturerſcheinung wiſſenſchaftlich zu erklären; man glaubte ihm nicht mehr; weder ſeine Verſprechungen noch ſeine Drohungen machten Eindruck. Die Achtung vor ſeiner Autvrität, der Gehorſam gegen den Willen des Königs und der Königin daheim im Vaterlande hörten auf. Da rief eines Tages Martin 16 Alonzo Pinzon durch das Sprachrohr von ſeiner voran⸗ ſegelnden Pinta herüber: „Land! Land!— Sennor, ich bin der Erſte, der es geſehen hat; ich rufe Euch zum Zeugen meiner Ent⸗ deckung!“ Auch von der Riva, dem hinterſten der drei Schiffe, beſtätigte man dieſen Ruf. Dennoch bewies er ſich als trügeriſch, und wiederum ging es fünf Tage lang immer nach Weſten fort. Da trat einer der Offiziere, ein Ver⸗ wandter des Columbus, der ſich Diego de Arana nannte, mit bleichem Antlitze zu dieſem. Columbus war wie ge⸗ wöhnlich auf dem Hinterdeck, als Arana ſagte: „Sennor, wir ſind nun fünf hundert acht und ſieb⸗ zig Meilen weſtwärts geſegelt, ſeit wir die Canariſchen Inſeln verließen.“ „Das kann ſein,“ verſetzte Columbus.„Da uns indeſſen Gottes Güte ſo weit geleitet hat, ſo hoffe ich, daß ſie uns auch ferner beſchützen wird.“ Seine heitere Ruhe hielt noch einmal einen lauten Ausbruch der Unzufriedenheit unter der Mannſchaft zu⸗ rück. Hätte dieſe gewußt, daß ſie in Wahrheit— nach dem von ihrem Befehlshaber nur für ſich ſelbſt geführten Schiffsbuche— ſchon ſieben hundert ſieben Meilen durch⸗ kreuzt habe, ſeit ſie die letzte Küſte verließen, ſo würde die Meuterei offen ausgebrochen ſein. 17 Und abermals ſchifften ſie fünf Tage lang weſtlich, und immer noch war kein rettendes Geſtade zu erblicken. Jetzt rotteten die Matroſen ſich in Gruppen zuſammen und murrten lauter und allgemeiner. Sie ſchmähten den fremden Genueſen, welcher ſie in das unvermeidliche Ver⸗ derben geführt habe, um durch dieſes Ruhm und Größe für ſich zu erlangen. Keine noch ſo gegründete Vorſtel⸗ lung vermöge ſeine verwünſchte Hartnäckigkeit zu erſchüt⸗ tern. Sollten ſie Alle, hundert und zwanzig Menſchen, durch dieſe aufgeopfert werden?— Die Zeit des Redens ſei vorüber; man müſſe handeln und ihm erklären, daß man umkehren wolle. Widerſetze er ſich noch immer, ſo müſſe man ihn in dieſes Meer werfen, auf dem er um jeden Preis weiter zu ſegeln beabſichtige; der ſtille Grund würde mit ewigem Schweigen eine That bedecken, welche nur die gerechteſte Nothwehr dictirt habe. Man verſtändigte ſich endlich in's Geheim auf allen drei Schif⸗ fen, daß man den Obercommandanten Nachts zu einer beſtimmten Stunde überwältigen und in den Ocean hin⸗ unter ſtürzen wolle. Die drei unter Columbus' Oberbefehl ſtehenden Ca⸗ pitäne Pinzon wußten etwas von dieſer Meuterei der Mannſchaft, doch traten ſie ihr nicht beſtimmt entgegen. Nur einige Offiziere auf der Santa Maria— dem von Columbus befehligten Schiffe— waren dieſem Letzteren 18 unbedingt ergeben. Die übrige Mannſchaft hatte größeres Vertrauen zu den Pinzons, ihren Landsleuten, und oft genug hatten dieſe auf der langen Fahrt dem Genueſen ihre eigene Wichtigkeit und ſein Alleinſtehen fühlbar ge⸗ macht. Sie hielten ſich jetzt ganz neutral und benachrich⸗ tigten ihn nicht von dem Vorgefallenen, um im entſchei⸗ denden Augenblicke die für ſie ſelbſt vortheilhafteſte Par⸗ tei ergreifen zu können. Und weiter noch ging die endlos ſcheinende Waſſerfahrt, und immer wiederholten ſich die Anzeichen der Nähe des Landes, und immer noch fand es nicht der ſuchende Blick der murrenden Schiffsleute. Man ſegelte ſchneller als je vorher, immer weiter fort von den geſegneten Fluren der Heimath, abermals ſechs Tage lang. Die Pinzons waren in Folge ihrer Kennt⸗ niſſe und ihrer langen Erfahrung bisher weniger miß⸗ trauiſch geweſen; nun wurden auch ſie von Furcht er⸗ griffen. Alle drei Schiffe hatten ſich zuſammen gelegt; die Nacht war herangebrochen. Columbus ſaß in ſeiner Kajüte, auch jetzt noch den Stern der Hoffnung im Auge behaltend, der ihn bis an dies andere Ende der Welt ge⸗ führt hatte. Da wurden laute Schritte, drohende Stim⸗ men auf der Kajütentreppe hörbar; man ſtieß die Thür ein, die Mannſchaft füllte das Gemach; an ihrer Spitze waren die drei Brüder Pinzon, hinter dieſen ihre bewaff⸗ neten Schiffsſoldaten. Wuth lagerte auf ihren Stirnen, 19 grimmige, verzweiflungsvolle Wildheit blitzte aus ihren Augen. Martin Alonzo Pinzon rief drohend: „Wir verlangen von Dir, Chriſtobal Colon, daß Du ſogleich den Befehl giebſt, das Steuer zu wenden.“ „Und daß Du uns ſicher nach Andaluſien zurück⸗ führſt,“ fügte ſein Bruder Jannez hinzu, indem er dro⸗ hend die Fauſt erhob. „Du ſollſt dieſe unſinnige Seefahrt aufgeben! Du ſollſt umkehren, oder—“ „Du ſollſt uns heimbringen! Füge Dich unſerm Willen, oder—“ Wilde Gebärden vollendeten den Sinn dieſer von mehreren Matroſen ausgeſtoßenen Drohungen. Wüſtes Geſchrei ertönte ringsum. „Um Gottes Willen, Sennor, denkt an uns, denkt an Euch ſelbſt, an Alle, die daheim für Eure glückliche Heimkehr beten!“ rief einer der Offiziere der Santa Maria, indem er die Hand gegen den Commandanten ausſtreckte. „Auch Du, Diego de Arana, auch Du unter den Unzufriedenen?“ fragte Columbus ſchmerzlich.„Auf wen ſoll ich bauen, wenn mich die verlaſſen, die mir am näch⸗ ſten ſtehen?“ „Gebt nach, Don Chriſtobal,“ flehte Arana,„Alle haben den Muth verloren und wollen umkehren. Man 20 bedroht Euer theures Leben! Rettet Euch und uns! IYhr habt gethan, was Niemand bis jetzt für möglich hielt; laßt es genug ſein— verſucht Gott nicht weiter!“ „Kehr' um, oder wir werfen Dich aus dem Fenſter hier in's Waſſer!“ rief Rodrigo de Bermezo, ein Ma⸗ troſe von der Pinta. „In's Waſſer mit Dir! In's Waſſer, wenn Du nicht willſt wie wir!“ tönte es im wüſten Chor. Aber weder der wilde Grimm der Drohungen, we⸗ der der Anblick der geballten Fäuſte, der rollenden Blicke, der Todtenbläſſe der Geſichter, noch die angſtvolle Fle⸗ hensbitte beſorgter, liebevoller Anhänglichkeit erſchütter⸗ ten Columbus. Allein widerſtand der große Mann allen Beſtürmungen. Kein Zug in dem ruhigen Helden⸗ antlitze veränderte ſich und die Majeſtät ſeiner Haltung wankte auch nicht auf Augenblicke. Er hatte Vorſtellun⸗ gen, Ermahnungen, Ueberredungen erſchöpft. Auch wußte er nur zu gut, daß Furcht und Entſetzen nicht den Grün⸗ den der Vernunft Gehör geben. Mit volltönender Stim⸗ me ſprach er: „Ich bin von Europa fortgeſchifft, um die weſtliche Küſte Indiens aufzuſuchen, und werde nicht nachlaſſen, bis ich mein Vorhaben ausgeführt habe. Nur mit mei⸗ nem Leben verzichte ich darauf. Wollt Ihr das furcht⸗ bare Verbrechen auf Euch laden, Euren Commandanten 21 umzubringen— thut es, ich kann Euch nicht daran hin⸗ dern. Aber ſeid gewiß, daß der Zorn Gottes Euch zur Strafe ereilen und Euch in den Abgründen des Meeres begraben wird, ehe Ihr die Küſte Spaniens wieder ge⸗ winnt. Die meuteriſchen Mörder haben weder vor Gott noch Menſchen Gnade zu erwarten.“ Eine augenblickliche Pauſe trat ein. Immer noch ſcheuten ſich auch die Roheſten, Hand an den Mann zu legen, deſſen Wort ihnen ſo lange hatte Geſetz ſein müſ⸗ ſen; ſie zögerten und ließen die Arme ſinken. Columbus fuhr etwas gelaſſener, jedoch nicht weniger feſt fort: „Ich will hinführo weder Bitten noch Widerſprüche mehr hören, ſondern fordere unbedingten Gehorſam im Namen der Königin von Caſtilien. Uebrigens verkünde ich Euch, daß wir innerhalb vierundzwanzig Stunden die geſuchte Küſte erblicken werden!“ Wieder trat Schweigen ein; aber es war finſter, unheilvoll. Jenes unerklärbare Etwas, das ſo oft ſchon auch ihm widerſtrebende Geiſter bezwungen hatte, jene geiſtige Ueberlegenheit, die ſich ſo ſichtlich in dem Aeußern des Columbus ausſprach, übte zwar noch einmal ihren Einfluß auf die entfeſſelten Leidenſchaften, doch wollte man nur unter Bedingungen nachgeben. „Wir wollen ſehen, ob Du Wort hältſt,“ ſagte Martin Pinzon. 22 „Noch vierundzwanzig Stunden!“ rief der Ma⸗ troſe Bermezo.„Betrügſt Du uns dann wieder, ſo haſt Du Deine letzte Lüge hinieden geſagt!“ „Noch vierundzwanzig Stunden, bei S. Jago! Dann Land für uns oder der Tod für Dich!“— Mit dieſen Drohworten ſtürmten ſie wieder hinaus. Die Nacht verging im düſtern Schweigen. Bei dem Anbruche des Tages ſtieg Columbus nach gewohnter Weiſe in den Maſtkorb hinauf, um dort weiter um ſich blicken zu können. Aber immer noch kein Land und keine Rettung. Der Morgen rückte vor. Da gewahrte man von der Pinta aus treibendes Schilfrohr und einen künſt⸗ lich geſchnitzten Stock, ein kleines Brett und ein Stück abgeſchwemmte Raſenerde. Auch von der Nina ſah man einen mit rothen Beeren beſetzten Zweig. Die Matroſen wurden dadurch in eine beſſere Laune verſetzt. Flam⸗ mend ſank endlich die Sonne wieder in den einſamen Meeresgrund; aber die blendende Fläche des Azurs wurde auch nicht durch die leiſeſte Schattirung unter⸗ brochen, welche dem forſchenden Auge als ein Stückchen Erde hätte erſcheinen können. Columbus hatte den Tag größtentheils auf dem Verdeck hingebracht. Jetzt trat er zum Steuerruder und gebot dem Steuermann, ein wenig die Richtung zu verändern. Dann verſammelte er die Mannſchaft um ſich, richtete herzliche Worte der Er⸗ 23 mahnung an ſie, gebot ihnen, die Nacht über ſich nicht zur Ruhe zu legen, und verſprach Demjenigen, der zuerſt Land erblicken würde, außer der von der Königin ver⸗ heißenen Geldbelohnung noch von ſeiner Seite ein Wamms von Purpurſammt. Um zehn Uhr rief er einen der königlichen Offiziere zu ſich, welche ſich auf ſeinem Schiffe befanden, zeigte nach Weſten hin und ſagte: „Ich gewahre dort ein Licht, alſo müſſen wir Land vor uns haben. Könnt auch Ihr es ſehen, Don Pedro Guttirez?“ „Die Atmosphäre hat ſich etwas verdichtet,“ ſagte dieſer;„man kann nicht ſehr weit ſehen. Aber Ihr habt Recht— das Licht wird wieder ſichtbar— jetzt gewahre auch ich es!“ Columbus rief noch mehrere Offiziere herbei. Allen zeigte er das Licht; bald darauf verſchwand es jedoch wieder. Nie war auf allen drei Schiffen die Erwartung allgemeiner, nie die Ungeduld lebhafter geweſen. Kein Auge wurde geſchloſſen. Jeder verſenkte ſeinen Blick in die Ungewißheit der nächtlichen Schatten. Da ziſchte ein Blitz über das Gewäſſer; ihm folgte ein weithin ſchallen⸗ der Donner. Es war ein Schuß aus den Kanonen der Pinta— das Signal, daß man wirklich Land geſehen. Rodrigo Bermezo hatte es erblickt. Alle ſprangen empor und horchten und ſchauten.„Land!“ erſchallte es auf der 24 Pinta,„Land!“ tönte es wider von der Nina,„Land!“ rief man auf der Santa Maria, und der Donner aller Geſchütze wiederholte mit ehernem Munde:„Land!“ Land!“ Zwei Uhr Morgens war vorüber. Bald entfaltete die Sonne ihren glänzenden Strahlengürtel. Ein pur⸗ purner Streifen umſäumte die rettende Erde, das ge⸗ lobte Land, nach welchem der irrende Blick der verzwei⸗ felnden Seefahrer ſo oft vergeblich geforſcht hatte. Es war da, ein Theil von Gottes Erdenſchöpfung, ſo herrlich, ſo blühend wie irgend ein Landſtrich, den man bisher in der alten Welt geſehen hatte. Da lag es, das unbekannte Land, die neue Erde, glückverheißend, goldbeſtrahlt, den herrlichſten Lohn für alle erlittene Drangſal verſprechend. Und von dieſer neuen Welt wandten ſie den Blick auf den großen Mann, deſſen Wiſſen, deſſen Genius ſie her⸗ ausgefunden, deſſen unerſchütterliche Feſtigkeit, deſſen muthvolles Gottvertrauen ſie Alle hierher geführt hatte. Noch immer ſtand er auf ſeinem gewohnten Platze, ernſt über die Fluten hinausſchauend. Da ſtürzte die ganze Mannſchaft zu ihm hin, warf ſich vor ihm nieder und küßte weinend ſeine Füße; ſie erflehten ſeine Vergebung für den gräßlichen Frevel, den ſie ſo kürzlich noch an ihm hatten verüben wollen. Columbus willfahrte ihnen, und wohl war kein Augenblick geeigneter, um das Wort der 25 Liebe und der Verſöhnung über ſeine Lippen gehen zu laſſen. Die erfahrene Widerſetzlichkeit war jetzt für ihn nur das vorübergehende Murren der Unmündigen, welche für eine höhere Einſicht noch nicht reif geweſen. Wirklich haben wir aus ſeinen eigenen Berichten durchaus keine Kunde von dieſer Auflehnung ſeiner Untergebenen gegen ihn erhalten; nur durch Mittheilungen der letzteren ſelbſt erfuhren die Zeitgenoſſen und die Geſchichtſchreiber davon. Die Anker waren geworfen. Man erblikte eine ziem⸗ lich große, bewaldete, jedoch ebene Inſel, mit blühender Vegetation und einem großen, klaren See. Ein Boot ſtieß von der Santa Maria ab. Columbus war darin, den ſchwarzen Hut mit der wallenden, weißen Feder auf dem Haupte, im ſchwarzen, ſammtnen Beinkleid und Wamms, in goldbordirtem Purpurmantel, die flatternde Fahne mit dem Bilde des Erlöſers in der Hand. Die meiſten ſeiner Offiziere und ein Theil der Mannſchaft waren ihm gefolgt. Von der Pinta und von der Nina ſtießen gleichfalls zwei Boote ab; die Kapitäne Pinzon mit der Flage des Geſchwaders und mit einer Abtheilung Bewaffneter ſaßen in ihnen. Mit wenigen Ruderſchlägen erreichten Alle das Ufer. Columbus ſprang mit jugend⸗ licher Leichtigkeit an's Land. Seine erſte Handlung war, die Fahne des Kreuzes auf die neu entdeckte Erde zu pflanzen. Dann warf er ſich im überſtrömenden Gefühl 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. III. 2 26 der Dankbarkeit und Wonne nieder und küßte dieſen hochtheuren Boden, deſſen Betretung er mit ſo vielfäl⸗ tiger Lebensgefahr erkauft hatte. Alle Uebrigen folgten ſeinem Beiſpiel, indem ſie ſeinen heißen Dankesworten gegen den Weltenlenker, der ſie ſo Großes hatte vollbrin⸗ gen laſſen, ſchweigend beiſtimmten. Dann erhob ſich Colon in der ganzen Majeſtät ſeiner Haltung und ſagte laut: „Ich gebe dieſer Inſel den Namen San Salvador als eine Bezeichnung, daß ihr Anblick uns aus allen den Gefahren erlöſet hat, die uns ſo lange umgaben.“ Nun zog er ſein Schwert; alle Offiziere entblößten gleichfalls ihre Degen. Columbus rief laut: „Im Namen unſers Herrn Jeſus Chriſtus nehme ich dies Land für die Krone von Caſtilien in Beſitz!— Don Rodrigo d'Escovedo, königlicher Notar, fertigt im Beiſein der Capitäne und des königlichen Commiſſarius die gerichtliche Urkunde über dieſen Akt aus!“— Nun waren von Columbus' Seite die Bedingungen des Vertrags erfüllt, den er mit den Herrſchern von Arra⸗ gonien und Caſtilien im Lager von Santa Fe abgeſchloſſen hatte. Die ſämmtlichen Umſtehenden huldigten ihm als Vicekönig von Indien und erkannten ihn als Admiral an. Es fehlte nur noch die Beſtätigung von Spanien aus, um dieſe Würden unumſtößlich für ihn zu machen. Wäh⸗ rend der Notar beſchäftigt war, die verlangte Urkunde 27 auf ſeinen Knieen auszufertigen, kamen nach und nach einige Eingeborne zum Vorſchein, welche ſich Anfangs hinter Bäumen verſteckt hatten. Sie näherten ſich ein⸗ zeln und mit kleinen, furchtſamen Schritten. Columbus' reiche Kleidung, die Würde und das Wohlwollen auf ſei⸗ nem aufgerichteten Antlitze, der Glanz ſeiner Bewaffnung ließen ſie in ihm den Häuptling dieſer ſonderbaren We⸗ ſen errathen, welche ſie nicht für Sterbliche, ſondern für Halbgötter hielten. Sie warfen ſich anbetend vor ihm und dann auch vor den Uebrigen nieder, berührten ihre Kleider und ihre Füße und wunderten ſich noch mehr über ihre Bärte. Columbus und ſeine Gefährten erwie⸗ derten dies Entgegenkommen freundlich. Columbus be⸗ merkte ſogleich, daß dieſe Indianer ſich bedeutend von den Eingeborenen der afrikaniſchen Küſte unterſchieden und daß ihre bräunliche Farbe mehr derjenigen der Be⸗ wohner der Canariſchen Inſeln ähnlich ſei. Sie waren unbekleidet, hatten dagegen den Körper mit verſchiedenen Farben bemalt, theils roth, theils weiß. Einzelne be⸗ gnügten ſich, nur die Naſe zu färben. Ihre bartloſen Ge⸗ ſichter hatten einen ſehr gutmüthigen Ausdruck. Ihre Waffen waren am Feuer gehärtete Stöcke, deren Enden ſie mit ſpitzigen Kieſeln verſehen hatten. Als erſte Gabe legten ſie Columbus ein Bündel wohlriechender Kräuter zu Füßen. Er beſchenkte ſie zur Erwiederung mit Glas⸗ 4 28 korallen und ſonſtigem Spielzeug, welches Alles für ſie von unſchätzbarem Werthe ſchien. Hierauf boten ſie den Spaniern Alles an, was ſie beſaßen. Dieſe Letzteren ver⸗ brachten den Reſt des Tages auf dem neuentdeckten Lande, indem ſie dieſes kennen zu lernen, oder behag⸗ lich hingeſtreckt den Schatten der Wälder zu genießen ſuchten. Als endlich die Zimmerleute ein großes Kreuz gefertigt hatten, pflanzte Columbus dies eigenhändig auf, um dadurch kund zu thun, daß dieſer Landſtrich, und mit ihm die ganze neue Welt, die Herrſchaft des Kreuzes anerkennen ſolle. Dann erſt kehrte er auf die Santa Maria zurück. Am folgenden Tage nahte ſich eine noch größere Anzahl von Indianern den Schiffen. Ihre Fahrzeuge waren ausgehöhlte Baumſtämme. Die Indianer boten geſtrickte Netze, Wurfſpieße und gezähmte Papageien zum Tauſchhandel an, und waren zufrieden, wenn ſie auch nur irdene Scherben oder Glasſtücke dafür er⸗ hielten. Columbus verbot indeſſen dieſen Mißbrauch der indianiſchen Gutmüthigkeit und befahl, daß man ihnen werthvollere Gegenſtände für ihre Sachen gebe. Dann wurde in den Schiffsbooten eine Umſchif⸗ fung der Inſel unternommen, welche die Eingeborenen Guanahani nannten. Sieben von ihnen verſtanden ſich dazu, am Bord zu bleiben. Columbus wollte ſie mit 29 nach Spanien nehmen, um ſie dort zu zeigen und ſie Spaniſch zu lehren, damit ſie ſpäter als Dolmetſcher dienen könnten. Als man wieder die Anker gelichtet hatte, fand man größere und kleinere Inſeln, wohin man blickte. Auf Allen die nämliche reiche und blühende Vegetation, den nämlichen harmloſen Menſchenſchlag, welcher in hölzer⸗ nen, zeltartigen Hütten wohnte. Wie wir wiſſen, ſo glaubte Columbus in Indien angelangt zu ſein, und nannte daher jene Inſelgruppe zum bleibenden Denkmal dieſes Irrthums Weſtindien. Täglich ſtießen ihnen ſelt⸗ ſame, nie geſehene Pflanzen und Thiere auf; doch ſuchte Columbus nach jenen Maſſen von edlen Metallen, von denen nach den zum Theil fabelhaften Berichten früherer Reiſenden dies unbekannte Land angefüllt ſein ſollte. Er forſchte nicht nur nach dieſem Goldlande, um mit ſei⸗ nen Schätzen ſeine eigenen großartigen, noch in der Zukunft ſchlummernden Ideen auszuführen, ſondern auch, um den Souverainen daheim Proben dieſer Reichthümer vorzeigen zu können; denn nur zu wohl wußte er, daß er bei allen Spaniern und beſonders bei dem immer geld⸗ bedürftigen Ferdinand hierdurch das größte Intereſſe für ſeine neue Entdeckung erregen würde. Bald traf man Indianer, welche goldene Platten im Naſenbein trugen; von dieſen erfuhr er, wohin er ſteuern müſſe, um das 30 eigentliche Goldland zu erreichen. Hierauf gelangte er an eine Küſte, welche nach ihrer großen Ausdehnung mehr ein Continent als eine Inſel zu ſein ſchien. Er glaubte die fabelhafte Inſel Cipango gefunden zu haben, welche in den früheren Erzählungen von Indien eine ſo große Rolle ſpielte. Es war Cuba mit ſeinem heitern Himmel, mit der ganzen üppigen Vegetation Weſtindiens, mit ſei⸗ nem prangenden Blumenflor, mit ſeinen köſtlichen Wohl⸗ gerüchen, mit ſeinen Bäumen, an denen zugleich Blüthen und Früchte prangten, auf denen ſich große und kleine Vögel mit dem brillanteſten Gefieder ſchaukelten, mit ſei⸗ nen farbenglänzenden Inſecten. Columbus erklärte ſchon damals, daß dieſe Inſel die ſchönſte ſei, die jemals ein Menſch geſehen, und die Wahrheit dieſes Ausſpruches hat ſich auch, nachdem alle Länder und Meere der neuen Welt durchforſcht waren, beſtätigt; denn die Königin der Antillen behauptete ſtets ihren Ruf. Endlich gelang⸗ ten die Spanier in die Hauptſtadt dieſer Indianer, wel⸗ che aus hölzernen, mit einer gewiſſen Eleganz errichte⸗ ten Hütten beſtand. Sie waren von ihren Bewohnern verlaſſen, doch fand man fein gearbeitete Goldplatten und als einzige Hüter einige Hunde in ihnen. Columbus ſchickte nun eine Geſandſchaft von einigen Spaniern, denen ſich zwei Indianer als Dolmetſcher beigeſellten, an den erſten Häuptling der Inſel, Dieſe gelangten an 31 ein Dorf von etwa fünfzig Hütten, wo man ſie aber⸗ mals als vom Himmel herabgeſtiegene Weſen empfing. Die angeſehenſten Männer trugen ſie auf ihren Armen fort und gaben ihnen dann erhöhte Sitze, während ſie ſelbſt ſich auf die Erde niederließen und hochachtungs⸗ voll ihre Füße küßten. Auf ihrem Rückwege gewahrten die Spanier viele Männer und Frauen, welche trockene, zuſammengerollte Blätter im Munde trugen, deren eines Ende angezündet war, während ſie an dem andern ſaugten und Rauchwolken ausſtießen. Sie nannten dieſe langen Cigarren Tabak, eine Bezeichnung, welche ſich bis zu unſern Tagen erhalten hat. Die Abgeſandten tra⸗ fen indeſſen weder einen großen Häuptling noch Gold⸗ minen; doch hatten die Indianer durch Zeichen zu ver⸗ ſtehen gegeben, daß in nicht ſehr weiter Entfernung die Inſel Babek liege, auf der ſich Gold, Perlen und koſtbare Steine in Menge fänden. Hierhin befahl Colum⸗ bus zu ſteuern. Auf der nach Oſten gerichteten Fahrt fanden die kühnen Schiffer ſo viele blühende Inſeln, daß es nicht möglich war, dieſe alle einzeln zu beſuchen. So wie indeſſen früher die Nichtauffindung des Landes den Miß⸗ muth der Kapitäne Pinzon erregte, ſo war nun wieder ihr Groll über die von Columbus endlich erreichte Er⸗ füllung ſeiner Vorausſetzungen erwacht. Die reuevolle 26 32 Huldigung, welche ſie ſeinem überlegenen Genius dar⸗ brachten, war nur von kurzer Dauer geweſen und wurde durch gehäſſige Gefühle verdrängt. Nach und nach wurde ihnen der Gedanke unerträglich, daß dieſer Fremde, der ohne ihre Hilfe dieſe weite Reiſe niemals hätte unter⸗ nehmen können, jetzt nicht nur die Würde eines Admirals und Vicekönigs beanſprechen, ſondern auch einen ſo großen Theil der Reichthümer dieſer neu entdeckten Länder für ſich in Beſitz nehmen wolle. Beſonders Martin Pinzon, der erfahrene Seemann aus Palos, fühlte ſich von Neid und Mißgunſt verzehrt. Auch ihm hatte ein Indianer auf ſeinem Schiffe von den Reichthümern Babeks erzählt und ſich erboten, ihm den Weg dahin zu zeigen. Ohne Columbus vorher davon zu benachrichtigen, entfernte er ſich mit der Pinta bei nächtlicher Weile und ſteuerte nach Oſten hin. Martin Pinzon wollte auf ſeine eigene Hand das Goldland aufſuchen und alle zu gewinnenden Vor⸗ theile ohne Columbus genießen. Die Nina dagegen, auf welcher Jannez Pinzon commandirte, blieb in ſeiner Nähe und ſeinen Befehlen gehorſam. Wenn ihm der Letztere auch abgeneigt war, ſo vermied er doch eine entſchiedene Auflehnung. Columbus ließ ſich in der Verfolgung ſeines Weges nicht irre machen. Bald ſtieß er wieder auf eine große Inſel, welche die Eingeborenen Haiti, er ſelbſt aber Hi⸗ 33 ſpaniola(Klein⸗Spanien) nannte. Auch hier fanden die auf weitern Nachforſchungen ausgeſchickten Spanier die Einwohner geflüchtet, die Gegend jedoch maleriſcher und noch fruchtbarer als diejenige Andaluſiens. Endlich gelang es Columbus, die Eingeborenen durch Beweiſe der Güte aus ihren Schlupfwinkeln hervorzulocken. Auch ihr König oder Cazike beſuchte ihn auf ſeinem Schiffe und beſchenkte ihn mit einem Gürtel, der mit ſchön ge⸗ arbeiteten Goldplatten verziert war. Columbus erman⸗ gelte nicht, dieſe Artigkeit auf geeignete Weiſe zu erwiedern. Immer aber war er noch nicht in dem eigentlichen Gold⸗ lande und alſo fuhr er, den Andeutungen der Indianer folgend, abermals weiter. Die letzte Stunde des vier⸗ undzwanzigſten Dezembers nahte heran. Columbus hatte mehr als ſechsunddreißig Stunden lang den Andrang der jetzt zu Tauſenden herzuſtrömenden Indianer aus⸗ gehalten, hatte ihre Geſchenke empfangen und erwiedert, den Tauſchhandel der Spanier mit ihnen überwacht, die Dolmetſche ausgefragt und ihre höchſt räthſelhaften Antworten angehört; er hatte Abgeſandte inſtruirt und ausgeſchickt, dann wieder den Beſcheid der Rückkehrenden in Empfang genommen. Die zahlreichen Produkte, welche er mit nach Caſtilien nehmen wollte, waren von ihm geordnet worden, und außerdem hatte er alle übrigen Pflichten des Oberbefehlshabers beſorgt. Keine Minute 34 der Ruhe war ihm geworden und ermüdet von allen dieſen Anſtrengungen hatte er endlich den Schlaf geſucht. Das Meer war ruhig; die Matroſen hatten einige Tage zuvor ſeinen Grund unterſucht und dieſen ganz gefahrlos gefunden; auch überwachte ein Offizier das Steuerruder. Dieſer fand es bequemer, gleichfalls ſein Lager zu ſuchen. Alle Matroſen bis auf einen Schiffsjungen folg⸗ ten ſeinem Beiſpiel. Auch dieſem fielen endlich die Augen zu. Plötzlich verſpürte man einen furchtbaren Stoß. Columbus ſprang auf und rief die unbeſorgten Schläfer wach: die Santa Maria war auf eine Sandbank getrie⸗ ben und rettungslos an ihr zerſchellt. Das Waſſer drang unaufhaltſam durch den furchtbaren Riß. Vergeblich waren alle Bemühungen um die Erhaltung des Schiffes; Columbus war genöthigt, es mit ſeiner Mannſchaft zu verlaſſen und ſich in einer Schaluppe an Bord der Nina zu flüchten. Nach dem Anbruche des Tages leiſtete der Cazike Guacanagari den verehrten Fremdlingen den freundlichſten Beiſtand, indem ſeine Untergebenen ihnen bei der Bergung des ſämmtlichen Schiffsgutes helfen mußten. Bald hatte man nicht nur dieſes, ſondern ſogar alle Maſten, Bretter und Planken des zertrümmerten Fahrzeuges an's Land gebracht. Es wieder in ſegelferti⸗ gen Stand zu ſetzen, konnte nicht gelingen, doch zog Co⸗ lumbus' Genie auch aus dieſem entſetzenvollen Unglück 35 den möglichſten Nutzen. Er entſchloß ſich, aus dieſen Trümmern ein kleines Fort zu erbauen und es„Iſabella“ zu nennen. Schon nach zehn Tagen war es durch die vereinigten Anſtrengungen der Indianer und Spanier errichtet. Nun verſah Columbus es mit allerlei brauch⸗ baren Gegenſtänden, die früher das Schiff beherbergt hatte, mit Lebensmitteln auf ein Jahr, mit Handwerks⸗ geräthen aller Art, mit Geſchütz und Munition. Diego de Arana wurde der Commandant der kleinen Feſtung, Pedro Guttirez und Rodrigo d'Escovedo ihre erſten Offiziere. Die ganze Beſatzung empfahl er dringend dem Wohlwollen des Caziken, welcher ſie auf's Wärmſte zu beſchützen verſprach, und es blieb alſo dieſe erſte Nieder⸗ laſſung der Spanier in der neuen Welt unter den anſchei⸗ nend günſtigſten Ausſichten in dieſer zurück. Columbus ſelbſt mußte auf dem kleinſten der drei Schiffe, auf der Nina, ſeine Fahrt fortſetzen. Einige Tage ſpäter wurde ihr die Pinta durch einen ſtarken Wind wieder entgegen getrieben. Martin Pinzon hatte ſechszehn Tage lang Gold eingetauſcht und ſchließ⸗ lich ſechs Eingeborene gewaltſam als Sklaven fortge⸗ ſchleppt. Einzig durch die Gier nach dem edlen Metalle in Anſpruch genommen, hatte er die nothwendige Sorge für ſein Schiff bei Seite geſetzt und mußte endlich mit dieſem in einem der natürlichen Häfen des Landes ein⸗ 36 laufen, um ſeine Ausbeſſerung zu verſuchen. Er kam nothgedrungen an Bord der Nina und bemühte ſich, ſeine lange Entfernung zu vechtfertigen. Columbus hörte ſeine lügneriſche, ſich widerſprechende Auseinanderſetzung ruhig an, da er fürchtete, daß er durch eine ſtrenge Ahndung des Geſchehenen das beſtehende Uebel noch vergrößern würde. Er ſah abermals, wie wenig er ſich auf die Ergebenheit der Pinzons verlaſſen könne, und wußte nur zu wohl, daß der größte Theil ſeiner Untergebenen ihnen mehr als ihm ſelbſt anhinge. Zudem forderte der ſehr mittelmäßige Zuſtand der Schiffe gebieteriſch die Heim⸗ kehr nach Caſtilien; denn auch in der Nina zeigte ſich oft genug Waſſer, das nur mit Hilfe der Pumpen entfernt werden konnte. So lebhaft ſein Wunſch war, das In⸗ nere Hiſpaniolas noch genauer kennen zu lernen, ſo ver⸗ zichtete er dennoch vorläufig auf deſſen Ausführung, und beſchloß, den Rückweg nach Europa ungeſäumt anzutre⸗ ten, um der Königin ſeine Entdeckungen mitzutheilen. Dann wollte er ſich ganz von den Pinzons losmachen und ſeine ferneren Weltreiſen ohne ſie unternehmen. Einſtweilen gebot er dem Sennor Martin Alonzo, die ſechs gefangenen Indianer wieder in Freiheit zu ſetzen. Mit günſtigem Winde verließen die beiden Schiffe bald Hiſpaniola und legten einen großen Theil des Heimweges ungefährdet zurück. Dann aber erhob ſich 37 ein Sturm, der ſehr gefährlich zu werden drohte. Die Pinta entſchwand wiederum den Augen der Mannſchaft der Nina. Entmuthigung und Verzweiflung befiel dieſe noch einmal, denn jede heranrollende Woge konnte ihr den Untergang bringen. Selbſt Columbus erbebte. War es möglich, konnte die Vorſehung ihn hier dem Unter⸗ gange weihen, nachdem er die Wunder der neuen Welt geſchaut; konnte ſie ihn in den ſchäumenden Wogen begra⸗ ben, ohne daß er eine Kunde davon nach Caſtilien zu bringen vermochte? Sollte er nach ſo glücklichen Erfol⸗ gen dennoch ruhmlos untergehen und niemals mehr die Theuren wiederſehen, mit denen er daheim alle die ge⸗ wonnenen Kränze des Ruhmes theilen wollte?— Ein tiefer Seufzer hob ſeine Bruſt— aber gleich darauf ge⸗ dachte er wieder der nächſten Pflicht des Befehlshabers. Nicht die jammernden Klagen der Matroſen, nicht das Hin⸗ und Herreden der Offiziere, nicht das Gekrache in den Balken des beinahe halb überſchwemmten Schiffes, nicht das Geräuſch der mit aller Anſtrengung arbeiten⸗ den Pumpen machten ihn irre. Er begab ſich in ſeine Cajüte, warf mit eiliger Hand eine kurze Zuſammen⸗ ſtellung ſeiner gemachten Entdeckungen auf ein Stück Pergament und umwickelte dies mit einem zweiten Stücke, auf welchem er an einen jeden Menſchen, in deſſen Hände Beides gelangen würde, die Bitte nieder⸗ 38 ſchrieb, dieſe Zeilen der Königin von Caſtilien zu brin⸗ gen, welche ihm dafür eine Belohnung von tauſend Du⸗ katen zukommen laſſen würde. Er umgab dieſe Schriften mit feſter Wachsleinwand, drückte ſein Siegel darauf und legte Alles in ein leeres Faß, welches er hermetiſch verſchloß und dann in's Meer warf. Dies war der letzte Weg, auf dem möglicher Weiſe irgend eine Kunde von ihm und ſeinen Begegniſſen nach Europa gelangen konnte Glücklicher Weiſe drehte ſich der Wind im letzten, verzweifelten Augenblicke und es wurden die Azoriſchen Inſeln ſichtbar. Dieſer Anblick belebte den Muth der Mannſchaft auf's Neue, doch mußten ſie noch mehrere Tage Hin⸗ und Herlaviren, ehe ſie auf einer der Inſeln landen konnten. Dieſe ſtand unter der Botmäßigkeit der Krone Portugal. Ihre Bewohner waren nicht wenig verwundert, daß ein ſo kleines und baufälliges Schiff einen ſolchen Sturm habe aushalten können. Die Nach⸗ richt von der Auffindung Weſtindiens erfüllte ſie mit freudiger Theilnahme. Am folgenden Tage jedoch nahm der Gouverneur treuloſer Weiſe die Hälfte der Mann⸗ ſchaft gefangen, welche in der nahe gelegenen Kirche Gott für ihre Rettung zu danken beabſichtigte. Auch des Schif⸗ fes und der Perſon ſeines Befehlshabers wollte er ſich durch einen kühnen Handſtreich bemächtigen. Dieſer war indeſſen weit entfernt, ſich einſchüchtern zu laſſen. Er 39 vereitelte nicht nur dieſe böswilligen Abſichten, ſondern erlangte durch ſeine Unerſchrockenheit und Geiſtesgegen⸗ wart ſogar die Freilaſſung ſeiner Mannſchaft, indem er drohte, daß der König von Arragonien und die Königin von Caſtilien ſtrenge Rechenſchaft für die ihren Untertha⸗ nen zugefügte Unbill verlangen würden, wenn man nicht ſogleich ſeinem Verlangen willfahre. Mancherlei Drangſale waren noch bis zur Ankunft in Europa zu beſtehen. Immer mit Sturm und Wellen kämpfend langte die Nina endlich vor den Höhen von Cintra an. Hier blieb keine Wahl. Wollten die vielge⸗ prüften Schiffer nicht noch jetzt, am Ende ihrer Welt⸗ fahrt, dem empörten Meer zum Opfer fallen und Schiff⸗ bruch leiden, ſo mußten ſie in den Tajo einlaufen. Co⸗ lumbus beeilte ſich an den König von Portugal zu ſchreiben und ihn um die Erlaubniß zu bitten, nach Liſſa⸗ bon zu gehen. Auch an Louis de San Angel, der ſich ſo lebhaft für ihn bei der Königin Iſabella verwendet hatte, ſandte er ein Schreiben mit der Nachricht, daß er von der dringendſten Nothwendigkeit getrieben ſich in die Gewalt feines bitterſten Feindes habe begeben müſſen. Die Antwort Johann's des Zweiten lautete indeſſen unerwartet günſtig. Er lud Columbus ein, nach Val Paradies zu kommen, wo er ſich aufhielte; dort möge er ihm von ſeiner Reiſe und ſeinen Entdeckungen erzählen. 40 Man ſolle ihm während deſſen auf jede Weiſe bei der Ausbeſſerung ſeines Schiffes behilflich ſein. Columbus folgte dieſer Aufforderung und wurde vom Könige ſehr gnädig aufgenommen, welcher ihn darauf der Sorge ſeiner angeſehenſten Hofleute übergab und befahl, ihn ungekränkt zu entlaſſen. Es konnte alſo Columbus am folgenden Morgen die Anker lichten, um endlich die ſpa⸗ niſche Küſte zu erreichen. Zwrites Capitel. Die Heimkehr. Die jetzt verödete Hafenſtadt Palos war gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts der Sammelplatz kühner und unternehmender Seefahrer. In jeder der den Ort bewohnenden Familien herrſchte Sorge und Kummer; denn kaum eine einzige gab es, welche nicht eins oder mehrere Mitglieder zu der Mannſchaft geſtellt hatte, die auf den Schiffen des Chriſtof Columbus Spanien verließ. Mehr als ſieben Monate waren ſeit ihrer Abfahrt ver⸗ ſtrichen, und immer noch hatte man keine Kunde von ihnen. Gattinnen und Mütter verwünſchten den Genue⸗ ſen. Sie ſcheuten ſich, ihre Beſorgniſſe laut werden zu laſſen. Sie glaubten ihre Männer und ihre Söhne unwiederbringlich verloren, begraben in der Tiefe des unendlichen Weltmeers; ſie wagten nicht auszuſprechen, auf welche ſchreckliche Weiſe dieſe Unglücklichen ihr Ende 3 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. II. 42 gefunden haben müßten, indem ſie dem vermeſſenen Ehrgeiz eines fremden Phantaſten aufgeopfert wären. Denn dieſes dunkle, unbekannte Meer, welches ſich unermeſſen nach Weſten hin dehnte, war für das damals lebende Geſchlecht der Gegenſtand düſterer, grauenhafter Schreckniſſe. Manche glaubten, die Erde ſei von platter, länglicher Form; Andere hielten ſie für viereckig; Alle kamen jedoch darin überein, daß ſie von Eis und von unendlichen Gewäſſern umgeben ſein müſſe. Das Unbe⸗ kannte grenzt an die Finſterniß und eine unergründliche Finſterniß iſt für jedes ſterbliche Weſen ſchrecklich. Man dachte ſich, daß das uranfängliche Chaos ſich an den end⸗ lichen Grenzen dieſes unheimlichen Meeres öffnen müſſe; ſchauerliche Stürme ſollten an ſchreckenvollen Abgründen wüthen, in denen Behemoth, der große Leviathan und andere gräuliche Ungeheuer wohnten. Auf den Erdkarten fand man die Benennung:„Dunkles, unergründliches Meer,“ und um dieſe herum die ſcheußlichen Geſtalten der Chelopen, der Greifen und der Centauren. Die den chriſtlichen Spaniern ſo nahen arabiſchen Erdkundigen begnügten ſich, ein noch ſchaudervolleres Zeichen neben das dunkle Meer zu ſetzen: eine ſchwarze, krallige Hand— diejenige des Satans!— welche aus der dunkeln Fläche der Unterwelt auftauchte, um diejenigen Seefahrer in ſie hinabzuziehen, welche verwegen genug waren, allen dieſen Schreckniſſen zu trotzen. 43 Noch andere Berichterſtatter erzählten von rieſigen Ungeheuern, die plötzlich aus der Luft auf die Vermeſſe⸗ nen herabſtürzen würden, welche in dies Reich der Fin⸗ ſterniß eindringen wollten. In ſeinem unermeſſenen Raume ſchwebte der gigantiſche Vogel Rock, welcher mit ſeinem ungeheuren Schnabel nicht nur Menſchen und Kähne, ſondern auch große Schiffe mit Segeln, Maſten und der ganzen Bemannung in die Region der Wolken entführte und ſich dort beluſtigte, ſeinen Raub mit den Klauen zu zerreißen und ihn alsdann ſtückweiſe in die ſchwarzen, ſchäumenden Wellen herabzuſchleudern. Noch hundert Jahre ſpäter war der Vicekönig von Mexiko des feſten Glaubens, daß in den noch nicht genau bekannten Gegenden Neuſpaniens Adler mit zwei Köpfen hauſten. Von der Höhe unſerer fortgeſchrittenen Wiſſen⸗ ſchaft herab lächeln wir heutigen Tages über dieſe kraſſen, abergläubiſchen Irrthümer. Allein ſie waren um die Zeit unſerer Erzählung natürlich. Noch war das Telescop nicht in die Räume des Aethers gedrungen; noch hatte es nicht die Mhriaden Sonnen der Milchſtraßen entdekt, noch nicht die Berge des Mondes aufgefunden. Noch hatte es dem ſtaunenden Mitgeſchlecht nicht den dreifa⸗ chen Ring des Saturns, noch ihm nicht die Trabanten des Zupiters und des Uranus gezeigt; noch hatte es nicht den verſchiedenartigen Gang aller jener Weltkörper 44 erforſcht, welche ſich um unſere Sonne bewegen. Auch über die Geſtalt der Erde war nichts Beſtimmtes be⸗ wieſen. Alle jene unerſchrockenen Seefahrer, welche nach Liſſabon, nach den Canariſchen oder Azoriſchen Inſeln ſteuerten, hatten zwar dieſe Schreckniſſe, von denen der Volksglaube fabelte, nicht angetroffen. Sie waren weder vom Feuer der untergehenden Sonne verſengt, noch von der Finſterniß des Chaos verſchlungen, noch in den Lüften zerriſſen, noch in der Unermeßlichkeit der Gewäſ⸗ ſer begraben worden. Nichsdeſtoweniger waren ſie überzeugt, daß es unmöglich ſei, das dunkle, unbekannte Weltmeer zu durchſchiffen. Es lagerte alſo düſtere Niedergeſchlagenheit über den Geiſtern, als man plötzlich vom Hafen aus ein Schiff gewahrte, welches ein ſanfter Wind näher trieb. Bald erkannte man die Nina, das kleinſte der Schiffe, auf welchem Columbus und ſeine Begleiter ihre Reiſe ange⸗ treten hatten. Von ihren Maſten flatterte die königliche Flagge von Caſtilien. Ein Schrei der Freude hallte wider von einem Ende der kleinen Stadt bis zum andern. Die Kunde von der Rückkehr der ſo ſchmerzlich Entbehr⸗ ten flog durch alle Häuſer. Man drängte ſich nach dem Hafen; man läutete mit allen Glocken und ließ Kanonen⸗ ſchüße erſchallen. Die Fenſter wurden mit Blumen, die Straßen mit Teppichen geſchmückt, die Läden geſchloſſen. 45 Unausſprechlich war das Entzücken der Familien, welche nach ſo langen, angſtvollen Tagen ihre verloren geglaub⸗ ten Angehörigen wiederbegrüßten!— Noch herrſchte dieſer Freudenjubel unter den Ein⸗ wohnern von Palos, als man ein zweites Schiff herankom⸗ men ſah. Es war die Pinta, welche ſich abermals ihrem verlaſſenen Oberbefehlshaber näherte. Kaum hatte ſie Anker geworfen, als man ein Boot von ihr abſtoßen und ſich mit raſchen Ruderſchlägen entfernen ſah. Der Ca⸗ pitain Martin Alonzo Pinzon entfloh darin, von Schreck und Furcht gejagt, um an einem entfernten Punkte zu landen und ſich dort zu verbergen. Er war in den Golf von Biscaya verſchlagen worden und hatte angenommen, daß die Nina, das kleinere und gebrechlichere Schiff, in dem heftigen Sturm untergegangen ſein müſſe. Er be⸗ ſchloß, von dieſem Unglück ſeines Chefs den möglichſten Nutzen zu ziehen, und ſandte alſo eine Botſchaft an die katholiſchen Herrſcher, daß er es ſei, der das geſuchte Land endeckt habe; hierbei bat er um die Erlaubniß, den Souveränen ſeine erlebten Abenteuer mittheilen zu dürfen. Ihre Antwort erwartend verfügte er ſich einſtweilen in ſeine Vaterſtadt Palos. Aber anſtatt des dort gehofften Triumphes erfuhr er die bitterſte Enttäuſchung. Mit Entſetzen gewahrte er den Hauptmaſt der Nina. Es er⸗ griff ihn die Beſorgniß, daß ſein beleidigter Chef ihn 46 zur Strafe ſeiner Vermeſſenheit verhaften laſſen würde, und er entfernte ſich alſo eiligſt, von der Angſt ſeines böſen Gewiſſens getrieben. In Poalos ſtieg der Jubel noch höher. Die Mann⸗ ſchaft der Pinta war vollſtändig wieder da, und es fehlte nun kein einziger unter den Seefahrern von Palos, die die gefährliche Reiſe angetreten hatten. Die Mütter ſchloßen ihre Söhne, die Gattinnen ihre Männer, die Kinder ihre Väter in ihre Arme. Der vor Kurzem noch ſo verwünſchte Genueſe wurde mit den innigſten Dan⸗ kesworten überſchüttet. Dieſer aber verkündete ſanft und würdevoll, daß er keinem ſeiner Untergebenen Urlaub be⸗ willige, ehe das Gelübde erfüllt ſei, das Alle in der überſtandenen Sturmnoth ablegten, daß ſie nämlich ſo bald wie möglich in feierlicher Prozeſſion in die erſte, der heiligen Jungfrau geweihte Kirche gehen wollten, welche ſie anträfen, wenn die göttliche Gnade ſie wieder den ſicheren Boden betreten laſſe. Auf der Azoriſchen Inſel war die Erfüllung dieſes Gelöbniſſes durch die Feindſe⸗ ligkeit des portugieſchen Gouverneurs verhindert worden. Nun alſo war dieſer ſichere Boden das Vaterland, die erſte Kirche diejenige der Santa Maria von Rabida. Das Kloſter von La Rabida lag eine halbe Meile von Palos entfernt. Angeſichts des Oeeans erhebt ſich ein ſteiles Vorgebirge, von Hügeln umgeben, auf denen 47 damals wilder Wein und Feigenbäume wuchſen; ihre Gipfel waren mit Pinienwäldern bedeckt. Inmitten dieſer Baumgruppen wurde das Kloſter aus den Ueberbleibſeln eines jener alten Tempel erbaut, welche die heidniſchen Urbewohner auf waldigen Anhöhen zu errichten liebten. Hierher begab ſich die ganze Mannſchaft der beiden Fahrzeuge, vom Obercommandanten bis zum unterſten Schiffsjungen. Alle waren gleich armen Schiffbrüchigen barfuß und nur mit Hadern bekleidet. Sie dankten Gott und der Jungfrau Maria, welche ſie den Stern des Meeres, den Hoffnungsanker des bedrängten Matroſen nannten. Der Prior Juan Perez von La Rabida, wel⸗ cher früher Columbus' Sache ſo warm vor der Königin Iſabella führte, hatte die Meſſe abgehalten, als dieſer ſich mit den Seinigen zu ſeiner weiten Fahrt rüſtete; er celebrirte ſie heute wieder, da der Genius des großen Mannes die Wahrheit ſeiner tiefſinnigen Vorausſetzun⸗ gen bewieſen hatte, nun er ruhmgekrönt von ſeiner Welt⸗ reiſe heimkehrte. Erſt nach der Erfüllung dieſer frommen Pflicht kehrten die Seefahrer zu ihren Familien zurück. Man hörte ihnen zu, wie den Verkündern von Orakeln; man war ſtolz auf ſie wie nie zuvor, ſtritt ſich um ihre Ge⸗ genwart und gab ihnen Feſte. Bei allen dieſen Ehren⸗ bezeigungen war nur Columbus ein Fremder. Ihn 48 erwarteten hier weder Kinder noch Geſchwiſter, weder eine Gattin noch eine Mutter. Im Kloſter von La Rabida hatte er in früheren Tagen eine Heimath gefunden. Hier⸗ her lenkte er jetzt wieder ſeine Schritte. Der Prior Juan Perez war weit und breit wegen ſeiner Frömmigkeit und Gelehrſamkeit berühmt. Schon vor Jahren war ſein Ruf zu der Königin Iſabella ge⸗ drungen, und dieſe, welche ſo gern das Verdienſt an⸗ erkannte, ließ ihn zu ſich beſcheiden. Oft verlangte ſie ſeinen Rath und machte ihn zu ihrem Beichtvater. Aber das Geräuſch des Hofes ſagte dem demüthigen Schüler des hl. Franziskus nicht zu. Er ſehnte ſich zurück nach der friedlichen Einförmigkeit des Kloſterlebens, und er⸗ hielt die Erlaubniß, wieder in dieſes einzutreten; doch ſprach ihm Iſabella dabei ihre Anerkennung ſeiner theolo⸗ giſchen Gelehrſamkeit, ſeiner aſtronomiſchen und geogra⸗ phiſchen Kenntniſſe, ſeiner Beſcheidenheit und ſeines hei⸗ ligen Lebenswandels aus. Hin und wieder erſchien er ſeitdem in Iſabella's Nähe, jedoch erkälteten weder das fortſchreitende Alter, noch die Strenge der Kloſterregel ſein Herz. Seine fortgeſetzten Studien erhielten ihm in jugendlicher Friſche das Intereſſe an allem Guten und Großen, und er hatte Columbus ſeit den erſten Tagen ihrer Bekanntſchaft eine faſt brüderliche Theilnahme ge⸗ widmet. 49 Dieſer trat durch jene Pforte, an die er vor ſieben Jahren mit der Bitte um ein Stück Brod und um einen Trunk Waſſer geklopft hatte. Er beabſichtigte da⸗ mals ſeinen Sohn zu ſeinem Schwager nach Huelva zu bringen und hatte ſich auf dem Wege dahin verirrt. Der Knabe war vor Erſchöpfung außer Stande weiter zu ge⸗ hen, als ſich im dichten Walde ganz unerwartet La Ra⸗ bida vor ihnen erhob. Der Prior war im Vorhofe und fragte die verirrten Wanderer nach dem Ziel ihrer Reiſe. Columbus antwortete ihm, daß er aus Italien käme und an den Hof der ſpaniſchen Herrſcher gehen wolle, um ihnen ein ſehr wichtiges Vorhaben mitzutheilen. Die Blicke des guten Geiſtlichen weilten mit einiger Ueber⸗ raſchung auf der ärmlichen Kleidung des Redenden; auch fiel ihm ſeine unvollkommene Ausſprache des Spani⸗ ſchen auf. Democh lud er ihn ein näher zu treten und in ſeinem Kloſter auszuruhen. Er ließ ſich darauf in ein längeres Geſpräch mit ihm ein, in welchem Colum⸗ bus ihm ſeine großartigen Pläne mittheilte; dieſe Un⸗ terhaltung endigte damit, daß der Prior ihn aufforderte, ſich für eine Weile die Gaſtfreundſchaft von La Rabida gefallen zu laſſen, da die gegenwärtigen Zeitumſtände nicht für die Förderung ſolcher Pläne paſſend ſeien. Der Prior fühlte ſich durch dieſe Eröffnung und durch die ihr folgenden Unterhaltungen mit dem fremden 50 Seefahrer ſeltſam bewegt und außerordentlich angeſpro⸗ chen. Er glaubte durch dieſe Fügung— wie er die un⸗ erwartete Begegnung mit ihm nannte— den Mann ge⸗ funden zu haben, der eine Frage der Wiſſenſchaft löſen würde, die ihn ſo lange und ſo oft beſchäftigt hatte. Er fühlte ſich gedrungen, ihn von den Sorgen des materiel⸗ len Lebens zu befreien, damit er ungeſtört für die Ver⸗ folgung ſeines großen Zieles leben könne, und nahm des⸗ halb auch den jungen Diego Columbus in ſeine ſpezielle Obhut. Chriſtof Columbus konnte ſich nun ungeſtört ſtillen Studien überlaſſen; die Geſchichten der Helden und Märthrer zogen ihn beſonders an, und außerdem ſuchte er ſich in Sprachen und in den Wiſſenſchaften ſeines Standes noch mehr zu vervollkommnen. Das Ver⸗ hältniß zwiſchen ihm und dem Prior wurde nach und nach dasjenige der innigſten Freundſchaft. Täglich tauſch⸗ ten ſie ihre Gedanken gegen einander aus, und oft ge⸗ nug gingen ſie in nächtlicher Stunde auf den Felſen⸗ vorſprung hinaus und betrachteten die unermeſſenen Bah⸗ nen der Geſtirne über ihnen und das unendliche Gewäſſer zu ihren Füßen. Jetzt ſaß Columbus wieder in der einfachen Zelle, in der er einen ſo bedeutungsvollen Abſchnitt ſeines Le⸗ bens verbracht hatte. Vor ihm ſtand der Tiſch, auf dem er ſo oft ſeinem geiſtlichen Freunde die richtige Geſtalt 51 der Erde, das Daſein unbekannter Inſeln und Feſtlän⸗ der, und die Möglichkeit, ſie zu erreichen, bewies, wäh⸗ rend faſt alle Akademien und Univerſitäten dieſe Behaup⸗ tungen die Träume eines Phantaſten nannten. Von hier⸗ aus hatte ihn der Prior mit Geld und Empfehlungsbrie⸗ fen an den Erzbiſchof Talavera nach Cordova geſchickt, ohne daß ihm jedoch dieſe Fürſprache einen bedeutenden, ſofortigen Nutzen brachte. Talavera war zu wenig für kühne Neuerungen empfänglich, als daß er Columbus' Wünſchen ſchnell ein geneigtes Ohr hätte leihen mögen. Columbus hatte dem neben ihm ſitzenden Mönche von den Wundern der entfernten Zonen erzählt, und das Antlitz des Zuhörers war faſt ſo lebhaft bewegt wie dasjenige des Redenden. Nun fügte dieſer hinzu: „Ohne Deinen nie ermüdenden Beiſtand würde ich dies ferne Land nicht aufgefunden haben. Du haſt wie ein Bruder an mir gehandelt; laß mich Dir wiederho⸗ len, daß ich dies nie vergeſſen will, wie ſich auch mein Schickſal geſtalte.“ „Gott hat meine Seele Dir geneigt gemacht,“ ver⸗ ſetzte der Prior.„Sie wird nicht von Dir laſſen, bis dieſe zerbrechliche Hülle dereinſt in Staub zerfällt.“ Columbus ergriff ſeine Hand und drückte ſie herz⸗ lich. Es war ein unwillkürliches Zeichen dankbarer Liebe. Dann fragte er: 52 „Haſt Du kürzlich etwas aus Cordova vernom⸗ men?“ „Ich habe La Rabida,“ antwortete Juan Perez, „ſeit Deiner Einſchiffung in Palos nicht verlaſſen. Dei⸗ nen Sohn ſchickte ich jedoch gleich nach dieſer nach Cor⸗ dova, und ich weiß, daß er dort mancherlei gedeihliche Fortſchritte macht. Mehr kann ich Dir nicht ſagen.“ Columbus blickte gedankenvoll vor ſich nieder. Da trat ein Laienbruder herein und meldete, daß ein See⸗ mann im Vorhofe des Kloſters warte, der Don Chriſto⸗ bal zu ſprechen wünſche. Dieſer fragte den Prior: „Darf ich ihn eintreten laſſen?— Es wird einer von meiner Mannſchaft ſein, der etwas von mir erbit⸗ ten will.“ „Möge er kommen,“ erwiederte der Mönch.„Der Bittende ſoll nie von unſerer Thür gewieſen werden.“ Bald darauf ſtand ein mittelgroßer, ſtarkknochiger Mann vor ihnen. Er trug die Kleidung ſpaniſcher Ma⸗ troſen und nahm ſeine Kopfbedeckung ab. Ein wildes, ſonneverbranntes Antlitz mit wirrem, ſchwarzen Haar und kleinen, dunkeln Augen wurde ſichtbar. Nachdem er auch den Geiſtlichen begrüßt hatte, ſagte er kurz: „Ich komme, um mir meinen Lohn zu holen, Ca⸗ pitanv.“ „Wofür?“ fragte Columbus. 53 „Für die Entdeckung des neuen Landes. Ihr hattet Demjenigen zehntauſend Maravedis verſprochen, der es zuerſt erblicken würde. Ich war es, der zuerſt:„Land!“ rief— und erſuche Euch nun, mir mein Geld aus⸗ zuzahlen.“ Columbus ſchwieg. „Ich bin aus Sevilla und heiße Rodrigo Ber⸗ meyo,“ fuhr der Matroſe ungeduldig fort. „Du erblickteſt das Land um zwei Uhr Morgens am zwölften Oktober,“ verſetzte Columbus,„und riefſt von der Pinta aus:„Land!— Ich ſelbſt aber gewahrte ſchon am Abend vorher um zehn Uhr von der Nina aus ein Licht auf der neuen Erde und zeigte es meinen Offi⸗ zieren. Alſo war ich es, der ſie zuerſt ſah.“ „So verweigert Ihr mir die Belohnung, auf die ich während der ganzen Rückfahrt gehofft habe?“ fragte der Matroſe barſch. „Ja,“ ſagte Columbus beſtimmt,„denn die Ent⸗ deckung Weſtindiens gebührt mir allein.“ Rodrigo ſah ihn eine Weile tückiſch an; ſeine Hände zitterten. Endlich nahm er wieder das Wort: „Die Leute in Palos hatten Recht, die Euch einen Prahlhans und windigen Großſprecher nannten. Bei San Jago, ich war ein großer Narr, als ich mit Euch ging; 54 ein noch größerer, als ich Euren Verſprechungen auch nur eine Stunde traute!“ „Mein Sohn,“ ſprach der Prior,„die Täuſchung, welche Du Dir ſelbſt bereiteſt, macht Dich verdrießlich. Du redeſt böſe Worte; ſie geziemen weder einem chriſt⸗ lichen Seefahrer noch einem treuen Untergebenen.“ „Ihr haltet noch immer das nämliche Fahrwaſſer wie vor acht Monaten, ehrwürdiger Pater,“ ſagte der Matroſe frech.„Alle Tage ſah man Euch damals in Pa⸗ los und in den nächſten Küſtenſtädten, gewöhnlich mit dem Genueſen, zuweilen ohne ihn. Ihr ſcherztet mit den Matroſen über ihre Befürchtungen und beruhigtet ihre Familien. Ihr ſprachet immer alles mögliche Gute über dieſe weite Reiſe und überredetet mich ſo gut wie man⸗ chen Andern, daß ich an Bord gehen ſollte. Ich weiß Euch wenig Dank dafür.“ „Ich denke, daß Du zufrieden ſein kannſt; denn die Reiſe iſt ſo glorreich abgelaufen, wie dies nur unter dem Schutze unſerer Frau geſchehen konnte,“ ſagte der Mönch. „Ihr könnt es gut gemeint haben, Pater,“ ent⸗ gegnete Bermehv.„Wir Alle ſind Euch Mönchen von San Francesko gut; denn Ihr lebt demüthig und kärglich, wie wir andern geringen Leute. Die Zimmerleute liefen damals davon und die Calfaterer machten ſchlechte Ar⸗ 55 beiten. Die Schiffe waren am ſchwerſten für Euch zu be⸗ kommen, denn die Capitanos entflohen mit ihnen nach anderen Häfen.“ „So war es,“ entgegnete Columbus.„Trotz deſſen, daß man auf den Befehl der Königin die Ausrüſtung meines Geſchwaders beſchleunigen ſollte, legte mir böſer Wille auf allen Seiten Schwierigkeiten in den Weg.“ „Ohne den Prior wäret Ihr nie zu Ende gekom⸗ men, Capitano,“ fuhr Rodrigo grob fort.„Erſt als er die Pinzons für Euch gewonnen hatte, konntet Ihr die Ausrüſtung weiter betreiben. Mit ihrem Gelde warbt Ihr Eure Leute an. Wenn Ihr ſie Alle ſo ſchlecht be⸗ handeln wollt wie mich, ſo wird Euch kein Einziger ſegnen.“ „Haſt Du mir noch etwas mehr zu ſagen, Rodrigo Bermeyo?“ fragte Columbus mit der abweiſenden Würde des beleidigten Vorgeſetzten. „Ihr wollt mir die zehntauſend Maravedis nicht auszahlen?, „Nein!“ war die beſtimmte Antwort. „So mögen die Heiligen ihr Antlitz von Euch wenden, wie Ihr das Eurige heute von mir kehrt!“ rief der Matroſe erbittert.„Gottes Fluch über Euch! Möge San Jago Euch ſo tief demüthigen, wie Ihr Euch jetzt 56 erhoben wähnt; möget Ihr verlaſſen ſterben und möge alles Gold, das Ihr noch in Eurer neuen Welt finden wollt, in der ewigen Verdammniß auf Eurer Seele bren⸗ nen! Ich haſſe Euch wie die Sünde!“ Er ſtürzte zähneknirrſchend von dannen. Columbus machte im erſten Augenblicke eine Bewegung, als wolle er ihm folgen, um ihn über ſein ungebührliches Betragen zur Rechenſchaft zu ziehen. Dann aber nahm er ruhig ſeinen Sitz wieder ein und der Prior ſagte: „Laß ihn gehen, mein Bruder. Seine Seele iſt krank. Verſchone ihn mit der ſchweren Strafe, die ſein Trotz gegen den Befehlshaber verdient. Er hat eine bit⸗ tere Täuſchung erfahren, wenn er ſie auch ſelbſt verſchul⸗ dete. Verzeihe ihm!“ „Er gehe wohin er will,“ ſprach Columbus.„Wenn er ſeine Vermeſſenheit bereut, ſo will ich ſeine Drohun⸗ gen nicht gehört haben, und er mag ſich bei einer ſpäteren Reiſe wieder unter meiner Schiffsmannſchaft anwerben laſſen.“ „Haſt Du Deinen Bericht an die Herrſcher fertig?“ fragte der Prior. „Ich will ihn Dir mittheilen und ihn dann morgen abſenden; in wenigen Tagen muß ich Dich verlaſſen und 57 nach Sevilla gehen. Dort will ich die Antwort der Köni⸗ gin erwarten.“ Columbus entfernte ſich, um die verfaßten Schriften aus ſeiner Zelle herbeizuholen. Wir überlaſſen die beiden Freunde dieſer Lectüre und ihren Berathungen darüber. 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit II. 4 Brittes Capitel. Das Wiederſehen in Cordova. Cordova, die frühere Reſidenz der weſtlichen Khali⸗ fen, iſt im Laufe der Jahrhunderte zu einer kleinen Land⸗ ſtadt mit ſtillen, öden Straßen zuſammengeſchrumpft. Die Trümmer, welche weit verſtreut zwiſchen Orangen⸗ büſchen und Olivenpflanzungen noch heute im Umkreis der Stadt liegen, geben Zeugniß von ihrer einſtigen Pracht und Größe. Kunſtfleiß, Handel und wiſſenſchaft⸗ liches Leben ſind aus ihr verſchwunden; ſie liegt einſam im Schatten der Berge, die ſich tief dunkel über ihr er⸗ heben, unwandelbar und majeſtätiſch während ihrer Größe wie während ihres Falles. Ihre Bewohner nähren ſich Ackerbau treibend größtentheils aus der ſie umgebenden fruchtbaren Ebene. Sogar die Kunſt der Bereitung ihres berühmten Leders, welches wir unter dem Namen Cor⸗ duan kennen, iſt mit den Sarazenen nach Marocco 59 übergeſiedelt. Der Guadalquivir rauſcht heute wie damals an Cordova vorüber; er war fahrbar für die größten Schiffe bis zum Meere hin. Gegenwärtig vermögen nur kleine Boote bis nach Sevilla hinunter zu gelangen. Schattige Kaſtanien ſtehen an ſeinem Bette, ſenken ihre Aeſte in das klare, dunkelgrüne Waſſer und trauern über das Beiſpiel des Wechſels der Zeiten, welches hier vor ihnen liegt.— Cordova war um die Zeit unſerer Erzählung ſeit länger als dritthalb Jahrhunderten in der Gewalt der Chriſten.*) Das ſiegreiche Schwert Ferdinand des Heiligen hatte es erobert. Die Tage des größten Glan⸗ zes der Khalifenſtadt gehörten ſchon für das damals lebende Geſchlecht zu dem altersgrauen Dunkel längſt entſchwundener Vorzeit, doch war ſie weit entfernt von ihrer gegenwärtigen Verödung. Leben und Verkehr be⸗ wegte ſich in den Straßen, und die vftmalige Anweſenheit des königlichen Hoflagers rief jene heitere, prunkende Le⸗ bensthätigkeit hervor, in welcher ſich die Schönheit ver⸗ *) Die Mauren zeigen in den Stäbten Fez und Rabbat noch immer die Schlüſſel von Cordova wie von Granaba. Dieſe Reliquien ihrer früheren Herrſchaft in Spanien werden bei be⸗ ſonderen Veranlaſſungen feierlich umhergetragen, um die Kampf⸗ luſt der Gläubigen aufzuregen, und auf einer ſilbernen Platte drei Tage lang in der großen Moſchee ausgeſtellt. ** 60 gnügte, die Tapferkeit ihre Lorbeeren zur Schau trug und das Handwerk ſeinen goldenen Boden fand. Größtentheils wohlerhaltene oder wiederhergeſtellte Gebäude, Gärten und Felder umgaben die Stadt. Von dem Guadalquivir bewäſſert waren ſie mit aller jener unausſprechlichen Schönheit geziert, welche der üppige Pflanzenwuchs des Südens darbietet. Hecken blühender Cactuſſe und Alven zogen ſich durch ſie hin und waren ſo hoch, daß ſich ein Reiter mit ſeinem Thier dahinter verbergen konnte. Die von dunkelm Grün eingefaßten, gelben Pfade verloren ſich nach den Bergen der Sierra Morena hin in dichte Wälder von Eichen und Kaſtanien; einzelne Mauerreſte machten die Gegend nur um ſo ma⸗ leriſcher. An zertrümmerten, einſam ſtehenden Thorbogen gewahrte man die mauriſche Hufeiſenform, die von ſtattli⸗ chen Palmen überragt war, während der würzige Duft der Orangen über ſie hinzog. Cordova erinnert noch mehr als Granada an ſeine morgenländiſchen Erbauer. Dieſe wollten ein zweites Damaskus in's Leben rufen; wie dort ſind auch hier die Straßen eng und krumm, um der Sonne den Zu⸗ gang zu verwehren. Man bemerkt faſt überall mauri⸗ ſche, reich verzierte Portale, Frieſe und Bogen. Uralte Marmorſäulen bilden bald hoch oben luftige Bogengänge, bald unten an den Häuſern arabiſche Vorhallen oder 61 Arkaden, die im Innern die ſtillen, ſchattigen Höfe um⸗ geben. Die jetzt ſo dunkeln, untern Stockwerke mit ihren Balkonen und Eiſengittern dienten gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts oft zu reichen Waarenlagern; dieſe ſind verſchwunden, aber die unverwüſtlichen Schön⸗ heiten der Natur ſind dieſem Plätzchen Erde geblieben: der reine, tiefblaue Himmel Andaluſiens, ſeine zephyr⸗ artigen Lüfte, ſeine üppige Fruchtbarkeit und ſeine glän⸗ zende Sonne.— Durch das Gitterthor eines dieſer großen, dunkeln Häuſer in Cordova trat ein Mann im dunkeln Mantel und ſpitzen, ſchwarzen Hut in den Patir oder innern Hof. Dieſer wurde an drei Seiten von den Mauern um⸗ ſchloſſen. Ein Bogengang von marmornen Säulen lief an ihnen herum und eine ähnliche Colonade wiederholte ſich am zweiten Stockwerk. Der Fußboden war mit Steinplatten bedeckt. Ein marmorner Springbrunnen ſprudelte ſeinen friſchen Strahl empor und verbreitete in der heißen Sommerluft eine anmuthige Kühlung. Orangen⸗, Citronen⸗ und Granatbäume wurzelten im Bo⸗ den und überzogen den Hof mit einem dichten Laubdach. Blühende Pflanzen und üppige Gewächſe ſtanden in Kör⸗ ben und Töpfen in den Ecken und bildeten künſtliche, balſamiſch duftende Lauben über bequemen Polſterſitzen und Ruhebänken. 62 Der Fremde richtete den Blick auf den obern Corri⸗ dor, von welchem die Familienzimmer abgingen, doch wurde lange Niemand auf ihm ſichtbar. Endlich trat ein Diener hervor und fragte mit ernſter Höflichkeit, wen der Sennor zu ſprechen wünſche? „Ich bitte Donna Beatrix Colon um ihre Gegen⸗ wart,“ lautete die Antwort des Gefragten. Der Diener entfernte ſich und der Fremde blieb wieder allein. Er ſetzte ſich endlich in die nächſte Laube, um die ſich blühender Oleander und wilder Wein rankten, und ſog mit Behagen den balſamiſchen Duft ein; dann lehnte er ſich zurück und horchte dem Plätſchern des Springbrunnens. Es mochte ihm anmuthige Geſchichten erzählen von einem Leben der Liebe und des Glücks, das er einſt in dieſen Räumen geführt hatte; es rief ihm Bilder von Seligkeit zurück, die er einſt hier empfunden, wonne⸗ volle Stunden, die er hier verträumte, die ihm das arbeit⸗ gewohnte Leben in einen Garten des Paradieſes verwan⸗ delt hatten!— Endlich kam eine weibliche, kaum mittelgroße Geſtalt mit leichten, ſchwebenden Schritten die Treppe herunter. Die dunkle Basquina fiel über das dunkelrothe, ſeidene Untergewand, unter welchem hin und wieder der zierliche, grün beſchuhte Fuß ſichtbar wurde. Unten angelangt, zog ſie die Mantille vom Antlitze, welches jedem Maler als 63 Vorbild einer Madonna hätte dienen können, wie ſie der farbenglühende Pinſel Murillo's ſchuf; der leiſe, gelb⸗ liche Hauch des Südens hob das blühende Colorit nur noch mehr hervor. Die von langen, ſchwarzen Wimpern beſchatteten Augen waren von einem ſo dunkeln Blau, daß man es faſt für Schwarz hätte halten können. Der innere Hof iſt und war im füdlichen Spanien das Fami⸗ lien⸗ und Empfangzimmer. Der Fremde hatte ſich erho⸗ ben, ſchlug ſeinen Mantel zurück und zog ſeinen Hut ab. Chriſtof Columbus zeigte ſein ausdruckvolles Antlitz— aber ach!— das anmuthige Lächeln, mit welchem Beatrix den Gaſt bewillkommnen wollte, verſchwand und ein düſte⸗ re Wolke trat an deſſen Stelle Er wollte ihr die Hand bieten, doch wich ſie einen Schritt zurück und gab ihm einen langen, vorwurfsvollen Blick zur einzigen Antwort. Endlich ſagte er gedämpft: „Ich bin von meiner weiten Seereiſe heimgekehrt.“ „Dies erfuhr ich ſchon geſtern,, entgegnete ſie. „Mein Bruder hörte es von einem Geſchäftsreiſenden, der von Sovilla kam und Manches von Dir erzählte.“ „Beatrix,“ fuhr er im Tone tiefer Wehmuth fort, „Gott hat mich ein großes Werk vollbringen laſſen und mich in tauſend ſchreckenvollen Gefahren behütet. Willſt Du allein nicht ſeine Gnade erkennen und Dich hartherzig von mir wenden?“ 64 „Ich habe ſchon heute Morgen unſerer Frau für Deine glückliche Heimkehr gedankt,“ ſagte ſie kalt.„Zur Frühmeſſe ſchon war ich in der Stiftskirche.“ „Schwere, dunkle Jahre liegen zwiſchen uns,“ ſprach er weiter.„Aber ſie ſind überwunden; laß ſie nicht mehr den Sonnenſchein der Gegenwart verdunkeln. Vergiß, was uns trennte— oder wenn es nicht ſein kann, ſo denke, daß Gott unſere Fehler verziehen hat, da er nach ſo langer Prüfung ein ſo glorreiches Ende herbei⸗ führte. Wo er ſich ſo ſichtlich offenbart, darf der Menſch ſich entſühnt halten.“ Beatrix ſchüttelte den Kopf und erwiederte dumpf: „Meine Liebe zu Dir iſt ertödtet— Du weißt es ſo gut wie ich.“ Columbus ſeufzte und verſetzte: „Wenn Du ſie nicht wieder hervorzurufen ver⸗ magſt, ſo verſöhne Dich aus andern Gründen mit mir. Ich darf jetzt die glänzende Belohnung erwarten, welche die Königin mir für die Auffindung des weſtlichen Indiens verſprach. Die höchſten Würden warten meiner, die je⸗ mals einem ſpaniſchen Unterthan verliehen wurden. Hochheit und Reichthum, wie ſie je meine kühnſten Träu⸗ me hofften, werden mein ſein.“ Ein leiſer Wind fuhr durch die blühenden Ge⸗ ſträuche und bewegte die nußbraunen Locken, welche an 65 den Schläfen der jungen Frau herunterhingen. Er ent⸗ führte eine abgebrochene Blüthe von einem naheſtehen⸗ den Roſenbuſch und warf ſie zu ihren Füßen. Sie deu⸗ tete darauf hin und ſagte ſchwermüthig: „Mögen Deine großen Hoffnungen nicht entblät⸗ tern und verwelken, wie dieſe Roſe; möge ſie nicht eine Mahnung ſein, die Dir eine andere Zukunft verheißt, als Du ſie vor Dir ſiehſt.“ „Verbanne dieſe trüben Gedanken,“ fügte er bit⸗ tend hinzu.„Ich werde redlich Deine einſt ſo aufopfernde Liebe belohnen können, denn ich biete Dir Glanz und Größe. Wenn Dich die Liebe nicht zu mir zurückführt, ſo laß es den Ehrgeiz ſein; denn es iſt Dein Beruf, zu theilen, was mein iſt.“ „Chriſtobal,“ erwiederte ſie,„dieſe Größe darf keinen Werth für mich haben; ich verzichtete für dieſes Leben darauf, und will nie die einfachen Verhältniſſe ver⸗ laſſen, in denen ich aufwuchs. Cordova ſoll meine Hei⸗ math bleiben; nur wenn mich eine ſtrenge Pflicht ruft, werde ich ſie auf eine Weile verlaſſen. Auch iſt mir nirgends wohler als in dieſem Hauſe, wo meine Wiege ſtand. Nach dem Geräuſche eines Hofes habe ich mich nie geſehnt; wäre es geweſen, ſo hätte ich längſt jede Welt⸗ luſt unterdrücken müſſen. Nur die ſtillen Freuden der 66 Häuslichkeit ſind das Glück, welches mir noch hienieden werden kann.“ Er ſchwieg einige Augenblicke. Dann ſagte er: „Ich bin von Sevilla den Fluß heraufgefahren, um Dich und meine Söhne wiederzuſehen, und kann nur einige Stunden in Cordova bleiben, denn meine Zeit iſt gemeſſen. Haſt Du mir keine andere Antwort zu geben?“ Es lag ein ſo bitterer Kummer in dieſer Frage, daß die junge Frau von einem Gefühl des Mitleids be⸗ wegt wurde. Sie ſeufzte, legte die Hand an die gebeugte Stirn und ſagte endlich: „Ich vermag es nicht. Wie manche Stunde habe ich im brünſtigen Flehen vor der Mutter Gottes gele⸗ gen, daß ſie ihren Zorn von uns wende, daß ſie uns begnadige wie ſo manche andere Sünder. Umſonſt! Kein Strahl des Erbarmens verklärte ihre ſtrengen Züge— und ich wünſchte, daß ich Dich nie geſehen hätte!— Erſt nachdem ich mich von Dir getrennt, lächelte ſie wieder ſo milde und ſo verzeihend, wie in jenen friedlichen Tagen, da ich Dich nicht kannte!“ Er ſchwieg wieder. Dann ſprach er gedämpft: „So laß mich wenigſtens meine Söhne umarmen; mein Herz ſehnt ſich nach ihnen.“ „Ich will ſie kommen laſſen,“ verſetzte ſie. Sie rief den Diener und gab ihm eine Weiſung. 67 Bald darauf eilten ein Mann, ein Jüngling und ein Knabe die Treppe herunter. Der ZJüngling lag im näch⸗ ſten Augenblicke in Columbus' Armen. Dieſer erwiederte ſeine Liebkoſungen, legte ſeine Hand auf deſſen Haupt und ſagte: „Diego, mein Sohn, Gott ſegne Dich!“ Nun ſtreckte er ſeine Hand nach dem Kinde aus, welches ſich fremd und ſchüchtern an Beatrix Seite ge⸗ ſchmiegt hatte, und mit ſeinen großen, dunkeln Angen aufmerkſam auf den ihm fremden Mann blickte. Die Frau beugte ſich herab und ſprach: „Geh' zu ihm, Fernando! Es iſt der Vater, der heute von ſeiner langen Reiſe heimgekehrt iſt.“ Sie führte den Knaben zu Columbus. Dieſer hob ihn empor und herzte ihn mit aller Zärtlichkeit eines Vaters. In den kindlichen Zügen verſchmolzen ſich diejenigen der beiden Aeltern. Das Geſicht des Jünglings dagegen war genau eine verjüngte, etwas verſchönerte Copie desjenigen des Vaters. „Fernando, mein Liebling,“ ſagte dieſer, indem er ihn noch in ſeinen Armen hielt,„wie Du gewachſen biſt! Wenn Du ſo fortfährſt, ſo kannſt Du bald groß werden. Wie geſund und blühend Du ausſiehſt!“ „Ich werde übermorgen fünf Jahre alt,“ ſprach der 68 Kleine mit einem Selbſtgefühl, welches ſich auf ſeinen weichen Zügen ſehr drollig ausnahm. „Und biſt ein prächtiger Junge dazu. Biſt Du im⸗ mer recht artig und Deiner Mutter gehorſam geweſen?“ „Ja,“ antwortete der Kleine, indem er ſich ſchüch⸗ tern nach der Mutter umſah. „Er hat Dich jeden Abend in ſein Gebet ein⸗ geſchloſſen,“ ſetzte dieſe hinzu. „Das iſt brav von Dir, mein Knabe,“ ſprach Columbus. Nun ſetzte er ihn auf die Erde und reichte dem Dritten der Angelangten ſeine Hand. Dieſer erwiederte kräftig ihren Druck und ſagte: „Ich heiße Dich in meinem Hauſe willkommen. Du ſiehſt, daß ich mich beeilt habe, Dir Deine Söhne zu bringen.“ „Habe Dank, guter Pedro. Du biſt nach wie vor unſer Aller Freund und ſcheinſt wohl und munter. Biſt Du fleißig in der Schule, Diego?“ verſetzte Columbus dann wieder zu dieſem gewendet. „Ja, Vater,“ antwortete Diegv.„Die Lehrer ſind mit mir zufrieden und meinten, daß ich in La Rabida ſchon recht gute Studien gemacht hätte. Sie nahmen mich daher gleich als Studenten auf, als ich vor nun bald acht Monaten hier eintraf.“ 69 „Das freut mich, fahre ſo fort,“ ſagte Columbus. „Was macht mein guter Vater Juan in La Ra⸗ bida?“ fragte Diego. „Er befindet ſich wohl und ſendet Dir ſeinen Se⸗ gen,“ antwortete Columbus. „Ich habe geſorgt, daß Diego auch mit den Waffen vertraut werde,“ ſprach Pedro de Arana, der Bruder der Donna Beatrix. „Ja,“ fügte Diego hinzu,„ich weiß ſchon das Schwert zu führen und die Lanze zu werfen.“ „Sehr gut,“ ſprach ſein Vater.„Wir müſſen auf allen Seiten lernen, was nützlich und gut iſt.“ „Aber nun erzähle uns von allen Deinen Erleb⸗ niſſen,“ drängte Pedro de Arana.„Der Kaufherr Zua⸗ nito Berardi aus Sevilla hat mir geſtern wunderbare Dinge davon erzählt. Die ganze Stadt ſei voll davon geweſen. Hier iſt nichts Wichtiges paſſirt,“ fuhr er fort, als Columbus zögerte,„Alles ſteht noch ſo wie im vori⸗ gen Sommer. Wir wollen Dir ſpäter von allen Freun⸗ den mittheilen, was Du wiſſen willſt. Alles dies iſt un⸗ wichtig im Vergleich mit dem, was Du erfahren haſt. Deine Zeit iſt kurz, wie Du ſagſt. Wir wollen uns ſetzen und ein Glas Eiswaſſer dabei trinken.“ Alle folgten ſeiner einladenden Bewegung, und bald ſaßen ſie in der Laube, in der Columbus ſich gleich an⸗ 70 fangs niedergelaſſen hatte. Fernando erhielt den Platz auf ſeines Vaters Knie, Diego an ſeiner Seite. Nun ſchilderte Columbus den ungewohnten Anblick des atlan⸗ tiſchen Meeres, den Schrecken ſeiner Schiffsmannſchaft darüber, ihre böswillige Auflehnung gegen ihn, ihre angſtvolle Beſorgniß, welche ſogar Diego de Arana, Pe⸗ dro's Neffe, getheilt habe; er ſprach von den Wonne⸗ gefühlen, mit denen er das neue Land für Caſtilien in Beſitz genommen habe. Er berichtete von Cubas Frucht⸗ barkeit, von Hiſpanivlas lauen Lüften, von den In⸗ dianern und ihren Caziken, von der wunderbaren Schön⸗ heit dieſer weſtlichen Geſtade, von dem Schiffbruche der Santa Maria und von der Feindſeligkeit der Portugie⸗ ſen. Die Augen der Anweſenden hingen an ſeinen be⸗ wegten Zügen; es war, als wollten beſonders ſeine Söhne ihm die Worte von ſeinen Lippen leſen. Als er eine augenblickliche Pauſe machte, fragte Pedro de Arana: „Aus den Trümmern des Schiffes ließeſt Du ein Fort erbauen, wie Du vorhin ſagteſt?“ „Ja,“ erwiederte Columbus;„es iſt ein kleines, viereckiges, befeſtigtes Schloß. Zch zeichnete ſelbſt den Plan dazu.“ „Und meinen Neffen ſetzteſt Du zum Commandan⸗ ten dieſes Schloſſes ein?“ fragte Don Pedro weiter, 71 deſſen dunkles Antlitz von einer ernſten Freundlichkeit belebt wurde. „Er blieb mit vierzig Mann in dieſer erſten chriſt⸗ lichen Niederlaſſung in der neuen Welt,“ antwortete Co⸗ lumbus.„Ich habe ihm alle Ehre und Gewalt übertra⸗ gen, mit der die Königin mich ſelbſt bekleidet hatte, und ihn mit allem Nothwendigen zur Sicherheit und Verthei⸗ digung mehr als genügend verſehen. Er und ſeine Unter⸗ gebenen können für Korallen, Spielſachen und ſonſtige Dinge Gold von den Eingeborenen eintauſchen und unter dem ſchönen Himmel ein gemächliches Leben bis zu mei⸗ ner baldigen Wiederkehr führen.“ „Du gedenkſt nächſtens wieder unter Segel zu gehen?“ fragte Don Pedro. „Ich erwarte in Sevilla den Beſcheid der Herr⸗ ſcher,“ erwiederte Columbus,„ob ich ihnen mündlich meinen Reiſebericht abſtatten darf. Dann hoffe ich, daß ſie mich bald für eine zweite Fahrt ausrüſten werden, damit ich meine Entdeckungen weiter verfolgen kann.“ „Nimm mich alsdann mit,“ ſprach Pedro lächelnd. „Mich auch,“ ſagte der Kleine, indem er ſein roſiges Antlitz an ſeine Bruſt ſchmiegte. „Und mich,“ fügte Diego hinzu. Beatrir lächelte ſanft und ſagte: „Vorerſt werdet Ihr wohl noch Manches in Europa 72 zu lernen haben. Der Vater kann auf ſeinen Meer⸗ fahrten nur tüchtige Männer, nicht Knaben gebrauchen. Dieſe würden ihn mehr hindern als erfreuen.“ „Wahrſcheinlich,“ fuhr Columbus fort,„werde ich ſpäter wieder nach Sevilla zurückgehen doch glaube ich nicht, daß ich mich dann in Cordova werde aufhalten können.“ „Ich will alsdann auf einige Tage mit Deinen Söhnen nach Sevilla kommen, wenn Du dieſe dort noch einmal zu ſehen wünſcheſt,“ ſprach Beatrir, ohne jedoch dabei ihre bisherige Zurückhaltung zu verläugnen. Columbus nahm dieſes Erbieten freudig an. Die Unterhaltung wurde noch eine Weile fortgeſetzt, dann war er zum Scheiden genöthigt. Er verſprach, Weiteres von ſich hören zu laſſen. Don Pedro und Diego beglei⸗ teten ihn bis an den Fluß, auf welchem er wieder nach Sevilla fahren wollte. Eine Woche noch verging ihm hier unter mancherlei Beſchäftigungen. Dann wurde ihm ein königlicher Bote gemeldet und bald darauf ſtand Don Arnold von Viana vor ihm. Dieſer verbeugte ſich tief und ſagte: „Ich war der Glückliche, der Euch nach Santa Fe zurück holte, als Ihr ſchon im Begriff waret, Spanien zu verlaſſen, Exellenza. Auch heute hat die Königin mich beauftragt, Euch zuerſt wieder in ihrem Namen zu begrü⸗ 73 ßen. Ich überbringe Euch die Glückwünſche des Königs und der Königin; ſie laden Euch ein, baldmöglichſt an ihr Hoflager nach Barcellona zu kommen und ihnen per⸗ ſönlich alles Neue und Wunderbare mitzutheilen, was Ihr in Weſtindien und auf dem Wege dahin geſehen und erlebt habt. Ihre Hoheiten beauftragten mich weiter, Euch dies königliche Schreiben zu überbringen, in welchem Ihr die Beſtätigung meiner mündlichen Botſchaft finden werdet.“ Er trat noch einen Schritt vor und bot ihm das Schreiben dar. Columbus verbeugte ſich mit gleicher Förmlichkeit und ſagte: „Ich empfange dies ſichtbare Zeichen der Gnade Ihrer Hoheiten mit der innigſten Erkenntlichkeit, und Ihr Abgeſandter iſt mir doppelt willkommen, da ich in ihm einen lieben Freund begrüßen darf. Gott ſegne den König und die Königin!“ Das Schreiben trug die Aufſchrift: „An Don Chriſtobal Colon, Unſern Großadmiral des Weltmeers, Vicekönig und Gouverneur des neu ent⸗ deckten, weſtlichen Indiens.“ Hoch auf leuchteten Columbus' Augen. Endlich wurde ihm der Lohn für achtzehn Jahre des Wartens, der unabläſſigſten Bemühung, der unerſchöpflichſten Ge⸗ duld, die je ein Sterblicher bewieſen hatte, für alle Demü⸗ 1861. VI Columbus und ſeine Zeit. III. 5 74 thigungen, die er von der Gemeinheit oder dem Hoch⸗ muthe ertragen, für alle Bitterkeiten, die er überwinden mußte!— Doch gab er nur dies einzige Zeichen inner⸗ lichen Frohlockens, ſonſt blieb die ruhige Würde ſeines Aeußern unverändert. Außer dem von Arnold erwähnten Inhalt fand er in der Zuſchrift den Auftrag, Alles in Sevilla anzuordnen, damit bald eine zweite, größere Expedition nach Weſtin⸗ dien abgehen könne. Arnold erklärte, daß er ihm auf ſeinem Zuge nach Barcellona das Geleit geben wolle, und nach wenigen Tagen ſchon ſetzte ſich dieſer in Bewegung. Ziertes Capitel. Der Triumphzug nach Barcellona. Die Seefahrt war im fünfzehnten Jahrhundert eine rauhe Schule für einen hochſtrebenden Geiſt. Von dem Comfort des häuslichen Lebens fand man nur wenig an Bord. Auch die Kauffahrer waren genöthigt, ſich theilweiſe kriegeriſch zu rüſten. Sie waren den unerwar⸗ tetſten Angriffen der Piraten aller Nationen ausgeſetzt, und mußten daher im Stande ſein, ſich zu vertheidigen. Chriſtof Columbus begann ſeine ſeemänniſche Laufbahn auf der unterſten Stufe, denn als Schiffsjunge befuhr er zuerſt das mittelländiſche Meer. Bald den Dienſt auf Handelsſchiffen verrichtend, bald auf Kriegsfahrzeugen gegen türkiſche Seeräuber kämpfend, wurde er nach und nach mit dem Waffenhandwerk ſo vertraut wie mit dem Cours der Winde und mit der Ausführung der Schiffs⸗ mannöver. Gewöhnt an die Gefahren, welche ihm die * Menſchen und die Wellen bereiteten, ſo wie an vielfäl⸗ tige plötzliche und ſchreckliche Verwickelungen, erwarb er ſich bald jene Kaltblütigkeit, jene Entſchloſſenheit und Geiſtesgegenwart, jene feſte Sicherheit des Commandos, von welchem auf ihren trügeriſchen Pfaden das Heil der Seefahrer abhängt. Nach zwanzig, im Seedienſt verbrachten Jahren erlebte er jenen Vorfall, deſſen er bei ſeinem früheren, öffentlichen Auftreten erwähnte. Er beſtand auf ſeiner Caravelle ²) ein Gefecht mit der Mann⸗ ſchaft eines venetianiſchen Fahrzeuges, und rettete ſich aus ſeinem brennenden, dem Untergange geweihten Schiffe als tüchtiger Schwimmer an die portugieſiſche Küſte. Alle Seeoffiziere, die nicht en chef commandirt hatten, wurden damals Piloten genannt. Als einen ſolchen Piloten fand er dort ſeinen Bruder Bartolomäus, welcher ihn gaſtlich bei ſich aufnahm. Beide ernährten ſich einſtweilen durch den Verkauf ſelbſtgefertigter Seekarten und abge⸗ ſchriebener Bücher. Die Buchdruckerkunſt war in Portu⸗ gal noch ſehr in der Kindheit; es gab nur wenige Setzer und Drucker dort, weshalb die gedruckten Bücher ſehr theuer blieben und alſo das Abſchreiben lohnend ſein konnte. *) Caravelle war die damals gebräuchliche Bezeichnung für eine Art ſchnell ſegelnder Schiffe. 77 Trotz dieſer beſcheidenen Lebensſtellung zeigte Chri⸗ ſtof ſich ſtets als vollendeter Gentilhomme. Eine gewiſſe Autorität ſprach ſich in ſeinem ganzen Weſen aus. Sein Gang und ſeine Haltung ſtanden ſchon damals in der vollkommenſten Harmonie mit der Stattlichkeit ſeiner Geſtalt. Eine erhabene Gedankentiefe ſchien über ſeinen kühn geſchwungenen Augenbrauen zu lagern. Mit einer außerordentlichen Feinheit des Gehörs vereinigte er eine Schärfe des Blicks, die ihn die weiteſten Entfernun⸗ gen ermeſſen und richtig berechnen ließ. Seine übrigen Sinne waren von gleicher Vollkommenheit. Trotz ſeines beſtändigen Verkehrs mit Seefahrern hatte er keinen ihrer gewöhnlichen Fehler angenommen; denn er verabſcheute Flüche und unſittliche Geſänge, trank wenig Wein und konnte Hezardſpiele nicht leiden. Auch andere frivole Vergnügungen verachtete er und gab ſich niemals über⸗ mäßigen Tafelfreuden hin, beobachtete hingegen auf dem Lande die frugalen Gewohnheiten ſeines Schiffslebens. Er genoß hauptſächlich Brot, Gemüſe und Früchte und trank meiſtens Zuckerwaſſer mit etwas Orangenſaft. Dieſe Frugalität war mit einem Geiſte der Ord⸗ nung und der Pünktlichkeit verbunden, welcher ihn nie auf morgen verſchieben ließ, was heute geſchehen konnte. Liebenswürdig gegen ſeines Gleichen, war er gegen Un⸗ tergebene leutſelig und wohlwollend. Der ſanfte Ton ſeiner 78 Stimme verſchaffte ſeinen fließenden Worten Eingang in das Herz der Hörer, und in Folge deſſen wurde er von einigen reichen, genueſiſchen Kaufleuten, welche Com⸗ toire in Liſſabon hielten, freundlich aufgenommen. Unge⸗ achtet ſeiner gewöhnlich gezeigten Sanftmuth war er von Natur ungeduldig, ſogar zum Zorn geneigt. Dieſe Heftigkeit konnte ſtürmiſch hervortreten, ſchadete indeſſen nur ihm ſelbſt. Das ruhige Nachdenken erlangte bald wieder ſeine gewohnte Herrſchaft. Nach und nach erſt wurde er jenes Muſter von Geduld und Selbſtüberwin⸗ dung, als welches wir ihn in ſeinen reiferen Jahren kennen gelernt haben. Als guter Chriſt ging Chriſtof jeden Morgen in die Allerheiligen⸗Kirche in Liſſabon, um dort die Meſſe zu hören. Seine edle, männlich anmuthige Erſcheinung und ſeine wirkliche Frömmigkeit wurden in dem nahe gele⸗ genen Kloſter bemerkt. Eine der dort befindlichen Pen⸗ ſionairinnen, Felippa de Pereſtrello, faßte das lebhafteſte Intereſſe für ihn und wurde nach einiger Zeit ſeine Gat⸗ tin. Ihr Vater, ein Pilot, der an der Auffindung Ma⸗ deiras theilgenommen, war von dem Infanten Don Heinrich, dem großen Beſchützer der Seefahrer und ihrer Entdeckungen, zum Gouverneur der Azoriſchen Inſel Porto Santo ernannt worden, um dieſe zu coloniſiren. Es fanden ſich in dem Nachlaſſe dieſes ſeines verſtor⸗ 79 benen Schwiegervaters ſehr gute Karten und Inſtru⸗ mente, welche Columbus benutzen durfte. Auch verſchaff⸗ ten ihm die Verbindungen ſeiner neuen Familie den Zutritt zu manchen hochſtehenden Perſonen. Sogar der König Alfons der Fünfte, welcher ein lebhaftes Intereſſe an Seereiſen und ihren Reſultaten nahm, ließ den frem⸗ den Piloten hin und wieder zu ſich kommen und unter⸗ hielt ſich gern mit ihm. Eines Tages zeigte ihm der Monarch ein Schilfrohr von ſo enormer Größe, wie es in Europa nicht gefunden ſein konnte. Starke Strömun⸗ gen hatten es auf die Geſtade der Azoren geworfen. Columbus Gedanken weilten lange bei dieſem Schilfgebüſch. Wo mochte der Erdfleck liegen, der das Rohr getragen hatte?— Die Schwiegermutter theilte ihm die Notizen und Reiſejournale ihres verſtorbenen Mannes mit. Nun prüfte Columbus genau den Weg, welchen die Portugieſen nach Guinea hin verfolgt hatten. Endlich ſchiffte er ſich mit ſeiner Frau nach der unfrucht⸗ baren Familienbeſitzung auf der Azoriſchen Inſel Porto Santo ein, wo auch ſein Sohn Diego geboren wurde. Umgeben von der Unendlichkeit des Weltmeers und dem glänzenden Lichte der tropiſchen Sonne, reifte mehr und mehr der kühnſte Plan in ihm, den jemals der Helden⸗ muth eines Staubgeborenen erdacht hatte. Alle ſeine Be⸗ obachtungen beſtätigten die Wahrheit ſeiner Voraus⸗ 80 ſetzungen. Sein Schwager, der neue Gouverneur von Porto Santo, verſchaffte ihm Gelegenheit, die afrikani⸗ ſche Küſte und andere Inſeln im atlantiſchen Ocean zu beſuchen. Hier fand er jene vermehrten Beweiſe für das Daſein einer neuen, überſeeiſchen Welt, von denen er gleichfalls ſpäter öffentlich redete. Auf der Inſel Fahal, dieſem äußerſten Theile der ſüdlichen, alten Welt, traf er den berühmten deutſchen Seefahrer und Cosmographen Martin Behaim wieder, mit dem er ſchon in Liſſabon vielfältig verkehrte. Dieſer führte ihn zu großen, ſichten⸗ artigen Stämmen von unbekannter Gattung, die man auch am Ufer gefunden hatte. Andere Freunde verſicher⸗ ten ihn, daß man auf den übrigen Azoren zwei gleich⸗ falls vom Meer ausgeworfene Leichname geſehen habe, deren Züge einen ganz andern Typus trügen, als die der eingeborenen Inſulaner. Sein Schwager hatte ihm ſchon früher ein Stück Holz von ſehr kunſtvoller Arbeit ge⸗ zeigt; der Oſtwind hatte es an das Ufer geworfen, als wenn es von der andern Seite des Weltmeers herüber⸗ geſchwemmt ſei. Als er nach einigen Jahren nach Europa zurückkehrte, war die Vorausſetzung des Daſeins einer neuen Welt jenſeits des Oceans unumſtößlich in ihm be⸗ feſtigt.*) ) Siehe: Leben und Reiſen des Chriſtof Columbus, von Washington Irwing. 81 Nachdem drei Regierungen ihm ihre Unterſtützung zur Ausführung ſeiner großartigen Pläne verſagt hat⸗ ten, finden wir Columbus im Jahre 1477 nahe bei Is⸗ land, immer raſtlos bemüht, die Erde in allen ihren Zo⸗ nen kennen zu lernen, und ſeine cosmographiſchen Be⸗ obachtungen im Norden wie im Süden fortſetzend. Wie⸗ der in Liſſabon landend, empfing ihn die Nachricht von dem Tode ſeiner Frau und von dem heimtückiſchen Ver⸗ rath der portugieſiſchen Regierung. So eifrig er früher ihre Unterſtützung geſucht hatte, ſo entſchieden weigerte er ſich nun, ſie anzunehmen. Fürchtend, daß man ihn ge⸗ waltſam feſthalten würde, realiſirte er in der Stille das wenige Eigenthum ſeiner verſtorbenen Frau und entfloh heimlich, indem er ſeinen jungen Sohn Diego mit ſich nahm. Er wandte nun ſeine Schritte nach Spanien, für welches unter Ferdinand's und Iſabella's Scepter eine neue Epoche des Ruhms und der Größe angebrochen war, und wir wiſſen, wie ihn das Ungefähr nach La Ra⸗ bida gelangen ließ, um dort in dem guten Prior einen unvermutheten Freund und hilfebereiten Beſchützer zu finden. Als er ſich von dort nach Cordova begeben hatte, lernte er Beatrix de Arana kennen. Es war eine jener reinen, unbezwinglichen Neigungen, welche ſtärker ſind als der Ehrgeiz, die Erfahrung und das Mißgeſchick. 82 Er bewunderte ihre Schönheit, doch wurde ſeine innige Liebe erſt durch das Entgegentragen der ihrigen wach gerufen, indem ſeine Erkenntlichkeit nach und nach in Zärtlichkeit überging. Die Anweſenheit des Hofes in Cordova lieh vielen Weltfreuden den beſten Vorſchub. Der arme, heimathloſe Abenteurer verlor ſich in den luxuriöſen Frivolitäten ſeiner Bewohner und wurde bald vergeſſen. Ohne Freunde, ohne Familie— denn wer wußte im Innern Spaniens etwas von den Colons?— hatte er ihr wenige der Freuden zu bieten, auf die ſie Anſpruch machen konnte. Seine Hilfsquellen waren er⸗ ſchöpft; die erlebten Strapazen hatten ſein Haar vor der Zeit gebleicht, die Friſche ſeines Antlitzes gealtert. Beatrix gehörte einer edlen, wenn auch nicht ſehr reichen Familie an, und hatte unter den in ihrer Vaterſtadt um⸗ herſchwärmenden Hidalgos(Edelleute) die Wahl. Den⸗ noch warf ſie ihre Augen auf Columbus. Die Theil⸗ nahme am Unglück— jener mächtige Bundesgenoſſe der Liebe im Herzen des Weibes— erweckte zuerſt ihr In⸗ tereſſe für ihn. Sein ritterlicher Anſtand, die Weisheit, welche von ſeinen Lippen ſtrömte, der Adel ſeiner Geſin⸗ nung feſſelten ſie. Sie fand ein Etwas, was ſie noch bei keinem andern Manne antraf. Als das ächte Kind des Südens gab ſie ſich ohne furchtſames Bedenken, ohne ängſtliche Zurückhaltung, ohne kleinliches Mißtrauen die⸗ 83 ſer erſten, überwältigenden Liebe ihrer Jugend hin. Mit der vollſten Hingebung, mit aller jener zärtlichen Glut, die tief im Herzen der Andaluſierin wohnt, weihte ſie ihm ihre Gefühle, und als ſie an ſeinem Herzen lag, war es dem geprüften Seehelden, als ſei er ſelbſt in die Tage ſeiner erſten Jugend zurückverſetzt. Er fand eine Blume auf ſeinem dornenvollen Lebenswege, lieblich, herzerfreuend, ſeelenerquickend; ſein Geiſt, der ſich ſeit langen Jahren nur mit tief ernſten Dingen beſchäftigte, wurde von der ſanften Liebenswürdigkeit eines weiblichen Weſens bezwungen, deſſen kindliche Seele zwar einen Helden und Weiſen zärtlich bewundern, jedoch die Erha⸗ benheit ſeiner weltumfaſſenden Entwürfe nicht ganz be⸗ greifen konnte. Aber er war zu edel, um ſich irgend einen Mißbrauch der Leidenſchaft der lieblichen Jungfrau zu geſtatten, zu gewiſſenhaft, um ſie ohne den Segen der Kirche die Seinige zu nennen. Nur inſofern gab er dem füßen Zauber ihrer ſchwärmeriſchen Zuneigung zu ihm nach, daß er in eine heimliche Heirath willigte, als ſie ihm dieſe vorſchlug. Die ſchnell geſchloſſene Verbindung erfuhr anfänglich die ſtärkſte Mißbilligung der Familie Arana. Dennoch hing die junge Frau mit immer gleicher Innigkeit an dem erwählten Gemahl, bis eine düſtere Schickſalsfügung dieſe heiße und zärtliche Empfindung erkältete. Columbus hatte mit vollſter Seele geliebt. 84 Nun aber kamen Tage, an denen es ihm weniger ſchwer wurde, als Sieger aus dieſer größten Verſuchung her⸗ vorzugehen, die ihn von der Ausführung ſeines großen Vorhabens hätte abhalten können. Bald nach Fernando's Geburt machte er die Bekanntſchaft des päbſtlichen Nun⸗ tius, und durch dieſen diejenige Mendoza's, des damali⸗ gen Großadmirals von Spanien. Als dieſe ihn bald darauf nach Salamanca riefen, ſchied er nicht ungern, wenn auch mit tiefer Wehmuth, von ſeiner jugendlichen Gattin; denn die Blüthe ſeines häuslichen Glücks war ſo ſchnell verwelkt, wie ſie ſich entfaltet hatte. Er hielt ſich von nun an meiſtens in der Nähe der Königin auf, immer der Hoffnung nachgebend, daß ſie ihm im geeig⸗ neten Augenblicke ihre Unterſtützung angedeihen laſſen würde. Seine Frau und den jüngſten Sohn ſah er nur ſelten und flüchtig wieder, wenn ihn gleich oft genug ſeine väterliche Sehnſucht an dieſen mahnte. Beatrir kehrte ſpäter wieder in ihr elterliches Haus zurück, welches ihr Bruder Pedro nun bewohnte. Die ſiegreiche Gewalt, mit welcher Columbus auf Gemüther zu wirken pflegte, die ihn zu verſtehen im Stande waren, machte ſich auch bei dem tapfern und verſtändigen Don Pedro geltend, als dieſer ihn einige Male in ſeinem Hauſe bei der Schweſter ſah. Nun erſt lernte er den früher geflohenen Schwager, den er einen ſchlauen, hin⸗ 85 terliſtigen Italiener genannt hatte, wirklich kennen und lieben. Der Sohn des verſtorbenen zweiten Bruders begleitete Columbus ſogar auf ſeiner Reiſe, wobei er ſich als einer ſeiner anhänglichſten und zuverläſſigſten Offi⸗ ziere zeigte. Das trauliche Familienleben, dem freilich mit dem Gatten gewöhnlich ſeine beſte Stütze fehlte, die Sorge für ihren Knaben und ſpäter auch für ihren Stiefſohn Diego, die Stadt Cordova, war die Welt, in welcher Beatrix ſich bewegte. Für ſie hatte der Begriff der erſten, ſtillen Heimath allen jenen Zauber, mit dem er ein inni⸗ ges, ſchwärmeriſches Gemüth unauflöslich feſtkettet. Zenes Streben in die Weite, jene Sehnſucht nach unbe⸗ kannten, entlegenen Gegenden, welche als das ſtärkſte Gefühl in Columbus' Seele lebten, welche die Liebe für Weib und Kind überwucherten, wurden lange nicht von ihr verſtanden. Erſt als ſie ihm kein Glück mehr bieten zu können wähnte, begriff ſie, daß er es auf anderen Wegen ſuchen müſſe. Dennoch betrachtete ſie ſeinen endlichen Er⸗ folg als einen ungenügenden Erſatz der verlorenen, einſt ſo trauten Häuslichkeit. Das ganze Univerſum mit ſei⸗ nen Ländern und Meeren, mit den unermeſſenen Bahnen ſeiner Geſtirne war der Geſichtskreis, auf den er fort⸗ während ſeine Aufmerkſamkeit gerichtet hatte. In den zahlloſen, mühevollen Geſchäften, denen er ſich bei der 86 Verfolgung ſeines großen Zweckes unterzog, in den viel⸗ fältigen geiſtigen und körperlichen Anſtrengungen, denen er ſich hingab, fand er Troſt für die entbehrten Freuden des häuslichen Heerdes, wenn ihn gleich oft ſeine innigſte Sehnſucht nach dieſen verlangen ließ. Zu den bewe⸗ genden Kräften ihrer Seele gehörte nicht der Ehrgeiz, und ſo war unter dem ganzen, damals lebenden Geſchlecht der Spanier gerade ſie, die von der außerordentlichen Be⸗ gebenheit der Entdeckung der neuen Welt am meiſten hätte erfreut ſein ſollen, diejenige, die ſich am wenigſten angenehm dadurch berührt fühlte. Ihr Heldenmuth und ihre frendige Zuverſicht hatten ſich bei den Erſtlingsge⸗ fühlen ihrer Liebe erſchöpft. Der Ruhm des Weltentdeckers hatte für ſie etwas Beängſtigendes, und ſie vermochte nicht, mit Stolz und Zuverſicht auf die glänzende Heldenlauf⸗ bahn zu blicken, die Columbus nun für ſich geöffnet glaubte. Sie ſah nur die dunkeln Schatten, welche die blendende Helle ſeiner Zukunft begleiten würden, und hoffte auf kein wirkliches Glück mehr, da ſie hartnäckig darauf verzichtet hatte, es durch ihren Gatten zu empfan⸗ gen. Alle Zärtlichkeit, welche ſie dieſem früher widmete, hatte ſie nun auf ihren Sohn übertragen. Er war der hauptſächlichſte Gegenſtand ihrer Freuden, ihrer Sorgen und ihrer Hoffnungen geworden. Auch ihren Stiefſohn Diego hatte ſie ohne Widerſtreben bei ſich aufgenommen. 87 Ihr Bruder theilte ihre gewiſſenhafte Sorgfalt für ſeine Ausbildung. Das Vermögen der Donna Beatrir hatte theils zu ihrem und ihres Sohnes Unterhalt hingereicht, theils auch ſorgte Columbus aus der Ferne ſoviel für ſeine Familie, wie ihm dies bei ſeinen beſchränkten und ungewiſſen Einkünften möglich war.— Das Gerücht von dem wunderartigen Ereigniß, welches man in Palos, in Sevilla und in Barcellona feierte, hatte ſich ſchnell bis zu den Grenzen Spaniens verbreitet. Der Weg, welchen Columbus nach Barcellona einſchlagen mußte, ging durch die blühendſten Provinzen. Eine unzählbare Menge Schauluſtiger lief aus Murcia, Valencia, Arragonina und Caſtilien herzu; ſie verließen die entlegenſten Dörfer, um dem Weltentdecker zu begeg⸗ nen. Der jubelnde Andrang war ſo gewaltig, daß er oft ſein und ſeiner Begleiter Vorwärtskommen verzö⸗ gerte. Alle wollten ihm und ſeinem Gefolge ihre bewun⸗ dernde Theilnahme ausſprechen. Wohl war dieſes Gefolge fremdartig und ſeltſam. Voran zog die bewaffnete Mannſchaft der Nina; ſie eskortirte die königliche Flagge von Caſtilien, welche ſie ſiegreich von dem andern Ende der Erde heimbrachte. Dann folgten andere Matroſen, die unbekannte Bäume, ungeheure Kürbiſſe, rieſiges Schilfrohr und fremdartige Geſträuche trugen; Andere mit roher Baumwolle, Co⸗ 88 cosnüſſen, Ingwer und ſpaniſchen Pfeffer; wieder Andere mit goldenen Kronen, Armbändern, Reifen und Platten, oder mit Federkronen, mit ſchön gefärbten Muſcheln, hölzernen Lanzen und Schwertern, Bogen und Pfeilen. Die Nächſtfolgenden zeigten Käfer von nie geſehener Farbenpracht, ſchillernde Schlangen und Eidechſen, gräu⸗ liche ausgeſtopfte Alligators, rothe Flamingos und merk⸗ würdige Fiſche. Den wunderbarſten Anblick gewährten zwei Ungeheuer, welche man auf Bretter ſteſtgenagelt hatte: ſieben Fuß lange Eidechſen, welche Columbus und Martin Pinzon erlegt hatten. Dann fah man vier⸗ zig verſchiedene Arten von Papageien, die in ihren Käfi⸗ chen umherhüpften und in einer unbekannten Sprache plapperten. Nun folgten ſieben Indianer, weiß und roth bemalt und nach der Weiſe ihres überſeeiſchen Vater⸗ landes geſchmückt; darauf die bewaffneten Offiziere des kleinen Geſchwaders, und endlich der Admiral Columbus im Coſtüm ſeiner neuen Würde. An ſeiner Seite ritt der königliche Abgeſandte Don Arnold von Viana, gleich⸗ falls im ſeidenen, goldverbrämten Prachtgewande. Auf⸗ fallend war es, wie die Indianer durch die ſtürmiſchen Aeußerungen der Neugierde der herandrängenden Spanier erſchreckt wurden; denn immer auf's Neue hefteten ſie ihre furchtſamen Blicke auf den Admiral, deſſen heiteres Lächeln ihnen Muth zuſprach. Indeſſen wollte man nicht 89 nur dieſe aus einer fernen, fremden Welt herübergelang⸗ ten Merkwürdigkeiten ſchauen, ſondern man wollte ſich die Züge jenes großen Helden einprägen, jenes Auser⸗ wählten, der das dunkle, unbekannte Meer durſchiffte, der dem ganzen lebenden Geſchlecht verkündete, daß es ſeine Begriffe über den Umfang der Erde verändern und erweitern müſſe. Man erhob die Hände, man entblößte die Häupter bei ſeinem Nahen; der freudige Willkomm⸗ gruß eines ganzen Volkes ſchallte ihm entgegen. Die Mütter hoben ihre Kinder empor, damit ſie dieſen Mann ſehen und dann für ihn beten könnten. Columbus wurde von allen dieſen Aeußerungen des Beifalls, von den Se⸗ genswünſchen und ringsum ertönenden Zurufen faſt be⸗ täubt und nur in kleinen Tagereiſen vermochte er ſich fortzubewegen. Endlich vor Barcellona angelangt, empfing ihn auch hier eine zahlreiche Menge von Bewunderern. Man holte ihn im Triumph ein; Abgeſandte des Hofes erwarteten ihn an den Thoren. Der Himmel ſelbſt verherrlichte dieſen feierlichen Tag, ſo heiter und glänzend wölbte ſich ſein Dom über der jubelnden Menge; ein ſanfter Wind⸗ hauch kam vom Meer herüber und vereinigte ſich mit den balſamiſchen Düften der Roſen und Orangen. Im Empfangſaal des königlichen Palaſtes erhoben ſich auf purpurner, goldverbrämter Decke zwei Wrußſa unter 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. III. 90 einem prächtigen Baldachin; vor ihnen ſtand ein reich verzierter Armſtuhl. Nun erſchienen Herolde, Trompeter, Edelknaben und die Großbeamten des Hofes; ihnen folgten der König und die Königin in feſtlichen Gewändern, die Kronen auf ihren Häuptern, die Scepter in den Händen. Sie ließen ſich auf den Thronen nieder; der Prinz von Aſtu⸗ rien, der Erbe ihrer Reiche, nahm ſeinen Platz ſeitwärts ein, hinter ihnen die Miniſter und Staatsbeamten, weiter zurück die Ritter, die Pagen und das Gefolge, alle nach der ſtrengen, ſpaniſchen Rangordnung aufgeſtellt. Die Prälaten, die Edelleute und ſonſtige Männer von Aus⸗ zeichnung füllten den weiten Halbzirkel und die äußere, ringsum laufende Abtheilung des Saales. Man hörte hier das Jauchzen der nahenden Volks⸗ maſſen; die engen Straßen Barcellonas vermochten nicht ſie zu faſſen. Alle Dächer, Fenſter und Balkone waren mit Blumen, Teppichen, Fahnen und ſchönen Frauen ge⸗ ſchmückt, welche mit Fächern und Tüchern winkten. Im⸗ mer lauter wurde das Geräuſch und endlich erſchien in⸗ mitten ſeines bunten Geleites Chriſtof Columbus, ſo einfach, ſo beſcheiden heute in der Pracht ſeiner vice⸗ königlichen Gewänder, wie damals, als er im ſchlichten Kleide, ein heimathloſer, zurückgeſtoßener Mann, die Mauern von Santa Fe verließ, in die ihn Arnold's 91 freundliche Ueberredung zurückführte. Dieſe Einfachheit war die Mutter ſeiner Größe. Auf ſeiner Stirn ſtrahlte Heiterkeit, das Glück des Erfolges verklärte ſeine Züge. Der König und die Königin traten ihm entgegen und ſtreckten ihre Hände aus. Ehe er noch ſein Knie beu⸗ gen und ſie küßen konnte, ſagte Iſabella ſo laut, daß es in dem ganzen großen Raume vernommen wurde: „Don Chriſtobal Colon, bedecke Dich. Setze Dich zu uns, Admiral des Weltmeeres und Vicekönig der neuen Welt!“ Ihre blauen Augen glänzten vor Bewunderung und Rührung. Columbus mußte ſich ihr und dem Könige gegenüber auf einen Armſtuhl ſetzen. Der König for⸗ derte ihn nach einer eben ſo freundlichen Bewillkomm⸗ nung auf, ihnen ausführlich von ſeiner wichtigen Ent⸗ deckung zu erzählen. Nachdem er die Einzelnheiten der Reiſe mitgetheilt, ſchilderte er den Reichthum des vor⸗ gefundenen Pflanzenwuchſes und die verſchiedenen Arten der Land⸗ und Waſſerthiere. Dann legte er die mit⸗ gebrachten Proben der Erzeugniſſe der fremden Zonen vor, unter denen ſich Bernſtein, Ambra, bunte Steine, Muſcheln, Perlen und Diamanten, Goldſtaub, Gold⸗ körner und verarbeitetes Gold befanden. Auch Gummi, Harze, mediziniſche und aromatiſche Kräuter, Färbe⸗ hölzer, Mais, Zuckerrohr und jene mehligen Knollen, 4 92 welche wir Kartoffeln nennen und welche ſeitdem als die tägliche Speiſe des Armen die ſeufzende Menſchheit vor ſo mancher Hungersnoth bewahrten, wies er auf, ſo wie auch die übrigen merkwürdigen Gegenſtände, welche ſeine Mannſchaft hergetragen hatte. Als er die Indianer vor⸗ führte, ſchilderte er ihren geſellſchaftlichen Zuſtand, die Einfachheit ihrer Sitten und die Beſchränktheit ihrer re⸗ ligiöſen Anſichten, die ſich jedoch nicht dem Götzendienſt zuneigten. Sein ſtrahlender Blick, ſein würdevoller Anſtand, die Poeſie ſeiner redneriſchen Bilder, die Schärfe ſeiner Schlußfolgerungen erregten die geſpannteſte Aufmerk⸗ ſamkeit. Die Weiſe ſeines Vortrags ſtimmte ganz zu dem religiöſen Geiſte dieſes kriegeriſchen Hofes, welcher vor einem Jahre erſt den Halbmond gedemüthigt und anſtatt ſeiner das Kreuz auf die Alhambra gepflanzt hatte. Die ganze Verſammlung, in der die größten Berühmtheiten Spaniens vereinigt waren, wurde von einer unbeſchreib⸗ lichen Bewegung ergriffen. Nach dem Beiſpiele des Kö⸗ nigs und der Königin fielen Alle auf die Kniee, und gleich wie die Einnahme Granadas wurde die Entdeckung Ame⸗ rikas durch ein lautes Tedeum gefeiert, indem ſie die Hände erhoben und Freudenthränen vergoßen. Im un⸗ endlichen Echo antwortete das außen verſammelte Volk dieſem Triumphgeſange, und tauſend und aber tauſend 93 Stimmen riefen jauchzend:„Herr Gott, Dich loben wir!— Herr Gott, Dir danken wir!“ Columbus verabſchiedete ſich darauf. Ein zahlrei⸗ ches Ehrengeleit folgte ihm abermals bis zur Thür der ihm angewieſenen Wohnung, in die er, immer umdrängt von Volksmaſſen, ſich endlich zurückzog, um ſich nach ſo vielen Aufregungen der Ruhe zu überlaſſen.— Die Kunde von dem wichtigen Ereigniß verbreitete ſich bald über ganz Europa. Von Liſſabon, von Cadir und Barcellona ging ſie nach Piſa, Livorno, Florenz und Genua. Der Pabſt nannte Columbus ſeinen vielgeliebten Sohn; ſogar in Kleinaſien und an den Küſten Afrikas redete man von ihm. Lob und Bewunderung wurde ihm weit und breit gezollt. Auch in Spanien überſchüttete man ihn mit Gunſtbezeugungen, wie dies nie noch einem Unterthan geſchehen war. Die Königin zog ihn täglich in ihre Gegenwart. Sie verlieh ihm ein Wappen und geſtattete ihm, die königlichen Abzeichen von Caſtilien und Leon mit dem ſeinigen zu verſchmelzen. Oft ſah man den König ausreiten, zu ſeiner Rechten ſeinen Sohn und Thronerben, zu ſeiner Linken den Admiral des Welt⸗ meers. Ferdinand gefiel ſich darin, öffentlich mit dem Manne zu prunken, der der Gegenſtand der enthuſiaſtiſchen Zuneigung eines ganzen Volkes und des Neides der Mächtigſten geworden war. Der Großcardinal Mendoza 94 war ſchon früher ſein Gönner und häufte nun gleichfalls die größten Ehrenbezeugungen auf ihn. Er gab ein glän⸗ zendes Gaſtmahl, bei welchem Columbus unter einem Thronhimmel ſitzen mußte. Es wurde ihm wie einem Fürſten ſervirt, jedes Gericht ihm verdeckt gebracht und vor ſeinen Augen gekoſtet, ehe er ſelbſt davon aß, wie dies die Etikette für einen König gebot. Dem Vicekönig von Indien wurde eine ſolche Auszeichnung zugeſtanden. Bei dieſem prächtigen Bankett war es, wo der Graf von Navarro die Frage an ihn richtete: „Glaubt Ihr, Excellenza, daß kein anderer Mann als Ihr jemals im Stande geweſen ſein würde, Weſt⸗ indien aufzufinden?“ Columbus winkte ſchweigend dem hinter ihm ſte⸗ henden Diener. Dieſer brachte ein Ei. Columbus reichte es Navarro mit den Worten: „Habt die Güte, edler Graf, dies Ei auf Euren Teller hinzuſtellen.“ Weder der Angeredete noch die ganze folgende Reihe der Gäſte vermochte dieſer Aufforderung zu entſprechen. Das Ei fiel bei jedem Verſuche rettungslos um. Zuletzt gelangte es wieder zu Columbus. Dieſer ſchlug das eine Ende ſo ſtark auf ſeinen Teller, daß es eindrückte und darauf ſtehen blieb. Lächelnd ſagte er: „Mit dieſem Ei iſt es wie mit der Entdeckung der 95 neuen Welt. Wenn man erſt weiß, wie man die Sache anfangen und fortführen ſoll, ſo iſt ſie für Jedermann zu begreifen; ſo lange aber dies Wie nicht bekannt war, wußte man nicht, wie ſie möglich zu machen ſein würde.“ Alle Gäſte gaben lächelnd ihre Beiſtimmung zu er⸗ kennen; denn es war Ton, mit Allem zu ſympatiſiren, was Columbus ſagte und that. Dies Gaſtmahl eröffnete eine Reihe von Feſten, welche ihm die erſten Würden⸗ träger Spaniens gaben, und auf allen wurde er als Vicekönig geehrt. Unter dieſen täglichen Auszeichnungen erhielt Co⸗ lumbus von den Verwandten ſeiner erſten Frau aus Liſſabon die Nachricht, daß der König von Portugal in der Stille eine Flotte ausrüſte, welche derjenigen, die Caſtilien abſenden wolle, zuvorkommen und Weſtindien für ihn erobern ſolle. Er ſäumte nicht, die Königin Iſa⸗ bella davon zu unterrichten, und dieſe beſchloß nunmehr, ihrerſeits den Abgang eines zweiten Geſchwaders unter ſeinem Befehl zu beſchleunigen. Ein in Sevilla angeſtell⸗ ter Geiſtlicher, welcher hoch in der Gunſt des Königs ſtand und ſich Juan de Fonſeca nannte, erhielt den Auf⸗ trag, an die Spitze eines in dieſer Stadt zu bildenden Bureaus zu treten, welches alle Weſtindien betreffenden Angelegenheiten eifrig fördern ſolle. Einige andere Sach⸗ verſtändige wurden ihm beigeſellt. Dies war der beſchei⸗ 96 dene Anfang der mächtigen Colonialverwaltung, welche ſpäter der königliche Rath von Indien genannt wurde. Darauf ward Columbus zum Generalcapitän der indi⸗ ſchen Flotte ernannt und autoriſirt, alle ihm untergeord⸗ neten Beamten ſelbſt zu wählen. Es wurde ihm das kö⸗ nigliche Siegel mit der Vollmacht zugeſtellt, ſich deſſen nach ſeinem Gutachten zu bedienen. Dann wurden ihm durch einen feierlichen Act alle Titel und Vorrechte be⸗ ſtätigt, welche die Herrſcher ihm durch den Vertrag von Santa Fe zugeſichert hatten. Nach einer nochmaligen öffentlichen Audienz, bei der ihm gleiche Ehrenbezeugun⸗ gen wie bei der erſten widerfuhren, ging Columbus nach Sevilla zurück, begleitet von den großen Hoffnungen, welche Spanien auf ihn ſetzte. Fünftes Capitel. Der Schiffbruch. Ein heftiger Sturm tobte an der ſüdweſtlichen Küſte Spaniens und trieb die Wogen des atlantiſchen Oceans donnernd an das felſige Geſtade. Das wüſte Lied des Meeres und der Winde fand ein heulendes Echo in dem Geklapper der Dachlucken und Fenſterverſchläge der Häuſer von Palos, in dem Rauſchen und Aechzen der in der Landſchaft wachſenden Pinien und Kaſtanien, deren Stämme gleich zerbrechlichem Rohr hin⸗ und hergeſchnellt wurden. Im wilden Spiel fortgetrieben waren die ent⸗ wurzelten Feigen⸗ und Cypreſſenbäume. Graue Sturm⸗ vögel flatterten wie Unheil weisſagende Propheten über der ſchäumenden Tiefe; die niedriger fliegenden Waſſer⸗ hühner ſtrebten dem Lande zu, ihr angſtvolles Gekreiſch mit dem Toben der Elemente vermiſchend. Mitternacht nahte heran, doch funkelte kein freundlicher Stern am 98 ewigen Himmelsdome, deſſen Azur von einem dunkeln Grau verdrängt war; auch über die Scheibe des Mon⸗ des hatten dicke Wolken ihren düſtern Schleier gebrei⸗ tet, ſo daß nur eine farbloſe Dämmerung über der be⸗ wegten Waſſerfläche und über dem erſeufzenden Erdreich lagerte. Die Einwohner von Palos wurden wenig durch dieſen Aufruhr der Natur erſchreckt; oft genug hatten ſie einen heftigen Seeſturm erlebt, und die Gewohnheit, die zweite Natur des Menſchen, hatte ſie für einen Theil ſeiner Gefahren gleichgiltig gemacht. Die Meiſten ſuchten gelaſſen ihr Lager, welches ihnen heute behaglicher war als die tückiſche See, auf der ſie oft genug ihre zweite Heimath gefunden hatten. Nur ein halbes Dutzend Männer ſtand am Hafen und deutete mit lebhaften Gebärden auf einen Gegenſtand auf dem Waſſer, der jedoch ſo weit entfernt war, daß ſie ſeine Umriſſe nicht deutlich erkennen konnten. Zetzt übertönte ein donnerähnliches Geräuſch das Pfei⸗ fen und Brauſen ringsum; es war ein Schuß, der über die Waſſerfläche rollte— ein angſtvoller Nothruf, den ein Fahrzeug von der See aus an das Land ſchickte, um Hilfe und Rettung aus der dringenden Todesgefahr, in welche es durch den Ungeſtüm der Naturkräfte gera⸗ then war. Eine genueſiſche Galeere hatte den weiten Weg von 99 den heitern Geſtaden Italiens bis zur ſüdweſtlichen Küſte Spaniens raſch und ungefährdet zurückgelegt. Die blauen Wellen des Mittelmeeres waren ihre wohlbekannte Fahr⸗ ſtraße geweſen und die Säulen des Hercules lagen hinter ihr. Im atlantiſchen Meer aber hatte ſich die Phyſiognomie des Wetters verändert, und nahe dem Ziele der Reiſe drohte der Untergang. Umhergeworfen von dem wü⸗ thenden Orkan hatte die Galeere Steuer und Segel ver⸗ loren und war auf ein Riff getrieben, welches ſich ziemlich weit von Palos inmitten der See erhob. Sein Rücken war meiſtens vom Waſſer überſchwemmt, ohne daß dies jedoch ſo hoch ging, daß ein Fahrzeug von auch nur mäßiger Tiefe hätte hinüber gelangen können. Getrieben von dem raſenden Winde war die Galeere auf dem ſteinigen Grund geſtrandet und die Außenwand des Vor⸗ dertheils auseinander geborſten, wobei es jedoch ſo feſt ſaß, daß nicht an die Möglichkeit zu denken war, von den tobenden Waſſerfluthen wieder gehoben und flott gemacht zu werden. Auch ließ der auf dem Fahrzeug hereingebro⸗ chene Nothſtand das Erwarten eines ſolchen glücklichen Vorfalles nicht zu. Ein Theil der Matroſen war An⸗ fangs an die Pumpen beordert worden, um die durch den weiten Leck hereindringende Waſſermaſſe wieder zu entfernen; doch mußte alles Mühen von Menſchenhand gegen die Gewalt der Elemente unwirkſam bleiben: das 100 Waſſer ſtieg höher und höher in dem hölzernen Gebäude, und mit Entſetzen gewahrten die kühnen Segler, daß ſie ſein baldiges, gänzliches Verſinken nicht mehr ver⸗ hindern könnten. Man brannte ein Geſchütz ab— viel⸗ leicht konnte eine Hilfe vom Lande herankommen, wenn die Strömung nicht zu ungünſtig war; um dem faſt ge⸗ wiſſen Untergange zu entgehen, greift der Gefährdete zu jedem Mittel, welches einen auch noch ſo zweifelhaften Erfolg verſpricht. Aber bald vergrößerte ſich die Gefahr ſo ſehr, daß zum auch nur einſtweiligen Zögern keine Zeit mehr blieb. Man wollte eins der Boote herun⸗ terlaſſen, um ſich auf dieſem vom Schiff zu entfernen doch wurde es weggeriſſen, ehe es hinunter gelangte. Ein zweites erreichte das Waſſer, und im wilden Triebe der Selbſterhaltung ſtürzte der größte Theil der Mannſchaft und der Paſſagiere hinunter. Noch hatte das Boot je⸗ doch nicht die Hälfte des Weges nach dem Ufer hin zurückgelegt, als es umſchlug und die Wogen es mit allen von ihm Beherbergten begruben. Nur drei Männer waren an Bord geblieben, weil ſie ſich erſt nach ihren verzweifelnden Gefährten in das ſchwankende Rettungsmit⸗ tel begeben wollten, und dann von dieſen daran verhin⸗ dert wurden, da ſie eine Ueberfüllung ihres kleinen Fahrzeugs befürchteten. Der Aelteſte der Männer, welcher die dunkle Kleidung eines eaſtiliſchen Bürgers trug, hatte 101 bei dem mehr und mehr wachſenden Nothſtande eine Kaltblütigkeit und Geiſtesgegenwart gezeigt, welche dem erfahrenſten Schiffsführer Ehre gemacht haben würde. Als er einſah, daß für die Rettung des Schiffes und der in ihm befindlichen Güter und Menſchen nichts mehr geſchehen könne, hatte er ſein Obergewand abgeworfen, einige Stricke aus dem zerriſſenen Tauwerk herausge⸗ ſchnitten und mit dieſen ſich ſelbſt an den einen der noch ſtehenden Maſte feſtgebunden, um zu verhüten, daß die über das Verdeck hinflutenden Sturzſeen ihn von dieſem herunterſchwemmten. Auch das Barett, welches ſein dich⸗ tes, ſchneeweißes Haar bedeckte, hatte er auf gleiche Weiſe befeſtigt. Sein meiſtens gebückter Körper hatte dabei eine Muskelkraft und Gewandtheit gezeigt, welche des Alters zu ſpotten ſchien. Seinen langen Stab— dieſen dritten Fuß des am Abend des Lebens angekommenen Menſchen— hatte er wieder in die langfingerige Hand genommen, und als er nun mit dem dunkeln, furchen⸗ reichen Geſicht unbewegt auf die ſchäumende Waſſerfläche ſah, hätte man glauben können, daß dieſer ernſte, unver⸗ wandte Blick die Geheimniſſe der Tiefe zu ergründen beabſichtige.— Der zweite der Männer mochte das vier⸗ zigſte Jahr überſchritten haben und konnte dem Anſchein nach ein italieniſcher Edelmann ſein; mehrfältig hatte er auf der langen Reiſe die Geſellſchaft des alten Spa⸗ 102 niers geſucht, deſſen Schilderungen entfernter Länder zu⸗ gehört und ſich bei ihm über die gegenwärtig in Caſtilien beſtehenden Verhältniſſe genau unterrichtet. Seine intel⸗ ligenten Züge und ſeine tiefliegenden braunen Augen hatten dabei ſtets mit dem lebendigſten Intereſſe an den beredten Zügen des Erzählers gehangen und deſſen gehaltvolle Worte waren von ſeinem lauſchenden Ohre wie die Mittheilungen eines vielgewanderten Weiſen aufgenom⸗ men worden. Er war nun ſeinem Beiſpiel gefolgt und hatte ſeinen Körper an dem zweiten Maſt feſt zu binden geſucht. Mit dieſer letzten Anſtrengung waren indeſſen ſeine Kräfte erſchöpft. Sein Haupt war auf die Bruſt geſenkt, die erſtarrten Hände gefaltet, und ſeine Lippen bewegten ſich leiſe im letzten Gebet, während er die Augen vor dem fürchterlichen Schauſpiel ringsum ſchloß. Das Gefühl der völligen Ohnmacht des Menſchen gegen die entfeſſelten Naturkräfte hatte in ſeiner ſonſt thatenluſti⸗ gen Seele ſo ſehr die Oberhand gewonnen, daß ſeine Wünſche ſich nur noch an die Gnade der Heiligen wand⸗ ten.— Der Letzte der noch auf der Galeere Befindlichen mochte in den Zwanzigen vorgeſchritten ſein. Als das Unwetter einen ſo drohenden Charakter annahm, daß die Kräfte eines jeden gewandten Mannes eine erwünſchte Beihilfe für die ſchwer arbeitenden Matroſen wurden, hatte er ſeine Oberkleider abgeworfen, welche diejenigen 103 eines ſpaniſchen Hidalgos waren, und die Schiffer mit einer Ausdauer und Sachkenntniß unterſtützt, welche in ruhigeren Stunden die lebhafteſte Anerkennung hätte finden müſſen, und welche bewies, daß er mit der See vertraut, in ihrem Dienſte erfahren ſei. Zetzt hing er wenige Schritte von ſeinen Leidensgefährten im Tau⸗ werk und klammerte ſich feſt, gleich ihnen dem unwill⸗ kürlichen Verlangen des allmächtigen Lebenstriebes nach⸗ gebend, welches den Untergang ſo lange zu verzögern ſucht, wie eine irdiſche Möglichkeit dazu vorhanden iſt. Eine ſchauerliche Stunde war den Schiffbrüchigen mit der bleiernen Schwere einer Ewigkeit vergangen. Jede Minute bot die drohendſte Todesgefahr, jede daher brauſende Welle konnte die Galeere gänzlich zertrüm⸗ mern und mit ihr Alles auf ihrem Bord in den gähnen⸗ den Waſſerſchlund verſenken. Plötzlich hörten ſie eine rauhe Stimme, welche, das Geheul des Windes und der See übertönend, rief: „Holla, iſt noch Jemand Lebendiges da oben auf dem Schiff?“ Der junge Mann wendete ſchnell den Kopf zur Seite. Seine Gefährten folgten ſeinem Beiſpiele. Es war hell genug, um ein nicht großes, jedoch tief und weit gebautes Boot dicht neben der Schiffswand erken⸗ nen zu laſſen; etwa ſechs wüſt ausſehende, durchnäßte 104 Seeleute waren darin, doch gingen die Wellen ſo hoch, daß es ihnen ſchwer wurde, ſich in dieſer Nähe zu halten. Da der eine Theil des Schiffes feſtſaß, der andere jedoch auf dem Waſſer trieb, ſo war zugleich zu befürchten, daß das Boot unter die Galeere gerathen konnte. Die Schiffer ſuchten dies zu vermeiden, indem ſie mit ihren Rudern von der Schiffswand abſtießen, waren alſo ge⸗ nöthigt, die ſchaukelnde Bewegung des Waſſers für ihr Fahrzeug noch zu vermehren. Mit dem geübten Auge des Seekundigen bemerkte der junge Mann ſchnell dieſe Uebelſtände. Um ſie zu erleichtern, bemächtigte er ſich einer nahe zu ihm hingeſchwemmten Rolle Tauwerks und warf ſie hinunter. Das eine Ende hatte er dabei feſtgehalten und knüpfte es dann an die Knoten des Tauwerks, das ihn ſelbſt hielt. Dabei rief er laut: „Paßt auf da unten und haltet an! Es ſind noch drei Männer an Bord, die Ihr mitnehmen müßt!“ Man verſtand ihn ſo weit, daß man die Rolle auf⸗ fing, ſie ganz abwickelte und ihr eines Ende an der im Boot aufgerichteten Segelſtange feſtband. Hierdurch wurde dies wenigſtens für eine kurze Weile verhindert, wieder in die See hinaus und vom Schiffe fortgeriſſen zu werden. Jetzt tönte wieder ein Ruf aus dem Boote: „Wir ſind Männer von Palos und haben unſer 105 Leben gewagt, um einen Haufen Geldes zu verdienen. Was gebt Ihr für die Rettung?“ „Ich zahle Euch tauſend Golddublonen, wenn Ihr mich ſicher an's Land bringt,“ antwortete der junge Seemann. „Ich desgleichen,“ rief der Alte. „Ich will Euch Alles geben, was ich beſitze, eine große Truhe mit Kleidungsſtücken und Büchern,“ fügte der Italiener hinzu, deſſen Züge durch die auch in ihm erwachende Lebenshoffnung ihre Starrheit verloren. „Für Truhen haben wir keinen Platz in unſerm Boot,“ lautete die rohe Erwiederung.„Unſere Frau ſtehe uns bei, daß wir die Menſchen retten. Wenn das Schiffs⸗ gut zu bergen iſt, ſo wollen wir uns ſchon nachher d'ran machen. Unter tauſend Golddublonen nehmen wir Euch nicht mit!“ „Ich zahle ſie auch für dieſen Mann!“ rief der Alte noch einmal.„Zweitauſend— für ihn und für mich!“ „Und wo werden wir ſie am Lande erhalten?“ ſchrie der Seemann wieder, welcher im Boot das Wort für ſich und ſeine Gefährten führte. „Der Vicekönig von Indien, Don Chriſtobal Co⸗ lon, wird die tauſend Goldſtücke für mich bezahlen, ſobald Ihr ſie in Sevilla von ihm fordert!“ rief der junge Mann auf dem Schiff. 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. III. 7 „Wenn Ihr ſicher und wohl am Lande wäret, ſo würde der ſich wenig darum kümmern— haha— den wortbrüchigen Geizhals kennen wir— möge er im Fege⸗ feuer brennen lieber heute als morgen!“ ſchrie der Ma⸗ troſe mit einer wilden Geberde.„Wenn Ihr keinen beſ⸗ ſern Zahler und Gewährsmann habt, ſo hängt dort im Tauwerk bis in alle Ewigkeit— wir nehmen Euch nicht in unſer Boot!“ „Ich zahle auch für ihn tauſend Goldſtücke!“ rief der alte Mann abermals.„Drei tauſend Golddublonen für uns alle Drei!“ Er hatte ein Meſſer aus ſeiner Taſche gezogen, die ihn feſthaltenden Stricke durchſchnitten, und war bis dicht zu dem jungen Mann gewatet, neben welchem er ſich jetzt im Tauwerk feſthielt. Mit der andern Hand hatte er ſein Wamms geöffnet und eine goldene, mit Dia⸗ manten beſetzte Kette unter dieſem hervorgezogen. Dieſe warf er dem Schiffer zu und rief dabei: „Ich löſe ſie in Sevilla für dreitauſend Golddublo⸗ nen ein, wenn Ihr uns Drei ſicher dahin bringt!“ Der Matroſe betrachtete das Geſchmeide mit gie⸗ rigen Blicken, während er auf einige Augenblicke ſeinen die Sorge für die Führung des Bootes über⸗ ieß. „Beim Kreuze Chriſti!“ murmelte er,„dieſe Dia⸗ 107 manten müſſen mehr als dreimal ſo viel werth ſein! Ich habe dergleichen in der neuen Welt geſehen und weiß ungefähr, was ſie gelten können!“ Dann rief er ſo kaut wie zuvor: „Es iſt gut— kommt herunter!“ Dies Herunterkommen war allerdings nicht ohne einige Schwierigkeit zu bewerkſtelligen, doch trieb die dringende Gefahr zur Benutzung außergewöhnlicher Hilfsmittel. Der alte Mann erfaßte das Tau, welches der junge möglichſt feſt anzog, während die Schiffer ihre Ruder gegen die Galeere ſtemmten; an dem Seil herab⸗ gleitend gelangte er an das Boot, in welches ihn die helfenden Arme eines Seemanns hineinzogen. Wieder zeigte er dabei eine Gewandtheit, die einem jüngeren Rei⸗ ſenden Ehre gemacht haben würde. Schwerer wurde dem Italiener das Erreichen des rettenden Fahrzeugs. Seine erſtarrten Hände waren nicht fühig, das Seil zu erfaſſen, und eben ſo ſchienen ſeine übrigen Glieder ihm faſt den Dienſt zu verſagen. Rathlos lies er ſeine Blicke über das überſchwemmte Wrack irren. Glücklicherweiſe trieb ein mit einer Lehne verſehener Stuhl heran, der aus der Cajüte heraufgeſchwemmt ſein mochte. Der junge Mann hielt ihn feſt, ſetzte den willenlos ſeinem freundlichen Drän⸗ gen Gehorchenden hinein und hand dieſen an der Lehne feſt, wozu wieder das ſchon ſo arg beſchädigte Tauwerk 108 das Mittel hergeben mußte. Ein anderes Seil wurde an dieſe Lehne geknüpft. Mit einer Kraft, die man ſeinen feinen Gliedern nicht zugetraut hätte, ließ er nun den Stuhl mitſammt dem Italiener an der Schiffswand nie⸗ der— das Boot kam ganz nahe heran, die Matroſen fingen ihn auf und befreiten den glücklich Geborgenen ſogleich wieder von den feſſelnden Stricken, indem ſie ihn in die eine Ecke des Bootes ſetzten. Der junge Seemann hatte nun wieder das Seil erfaßt, welches bis in's Boot hinunter ging; mit der Geſchicklichkeit des gewandteſten Turners faßte er tiefer und tiefer daran herunter, wobei ſein ſchlanker, zierlicher Körper frei in der Luft ſchwebte. Zuletzt erreichte er mit einem kühnen Sprunge das Boot. Dieſes ſchnellte ſogleich wieder auf die See hinaus, da das Tau gekappt wurde, und im jagenden Fluge ſtieg das Fahrzeug bald die Wogenhügel hinan, bald ſchien es in deren Tiefe zu verſinken. Alle dieſe Vorgänge waren in ſo kurzer Zeit beendigt, wie es die Dringlichkeit der Um⸗ ſtände nothwendig machte. Die Männer von Palos hat⸗ ten ſogleich ihre gewohnten Plätze wieder eingenommen. Derjenige, welcher vorhin das Wort geführt hatte, ſaß am Steuer und lenkte dies mit feſter Hand durch die ſchäumenden Wogen. Kein Zeichen von Verwirrung oder Befangenheit bewegte ſein wüſtes, ſonneverbranntes An⸗ geſicht; unverwandt hielt er das wilde Auge auf die 109 empörte Waſſerfläche oder auf das grau in grau ge⸗ färbte Himmelsgewölbe gerichtet. Das Zurückſchiffen an die Küſte war noch beſchwerlicher als die Herfahrt, da die Richtung des Windes ſich hierzu noch ungünſtiger er⸗ wies. Er rief dem an der Segelſtange Stehenden hin und wieder kurze Befehle zu, worauf dieſer das Segel mit der eilfertigſten Geſchicklichkeit einzog oder entfaltete, um von jedem Luftzuge den möglichſten Vortheil zu ziehen. Mit gleichem Eifer arbeiteten die übrigen Schiffer mit den Rudern, doch wollte es allen ihren Anſtrengungen nicht gelingen, ſich dem Ufer um ein Beträchtliches zu nä⸗ hern. Endlich ſuchten ſie den Cours ſeitwärts einzuſchla⸗ gen, um alſo auf weitem Umwege ihr Ziel zu gewinnen. Umſonſt; immer auf's Neue zurückgeworfen, ſahen ſie ſich nach ſtundenlangem Arbeiten noch eben ſo ſehr der Gefahr ausgeſetzt, wie beim Abſtoßen vom Schiffe. Das Boot hielt kaum eine Handbreit über Waſſer und oft genug durchnäßten die hereinſchlagenden Wellen die Männer. Der Steuernde richtete endlich ſein Haupt höher auf als vorher und ſprach dumpf zu ſeinen Gefährten: „Wir ſind zu Viele im Boot; hätten wir mit ei⸗ nem größeren gegen die Brandung an können, ſo hätten wir noch mehr Menſchen aufzunehmen vermocht. Aber ſo geht es nicht mehr.“ 110 „Wir müſſen den überflüßigen Ballaſt fortwerfen,“ erwiederte der Mann am Segel. „Einer muß über Bord, wenn wir nicht Alle unter⸗ gehen ſollen!“ rief der Steuermann mit ſchrecklicher Entſchiedenheit. Seine düſteren Blicke hefteten ſich hierbei auf den alten Mann, welcher ihm zunächſt ſaß. Vielleicht konnte der Gedanke in ihm erwacht ſein, daß es vortheilhafter für ihn ſein würde, die Diamantenkette zu behalten, als ſie für ein Dritttheil ihres Werthes ſpäter wieder her⸗ zugeben; wenn ihr Beſitzer dem Tode des Ertrinkens ge⸗ weiht wurde, ſo würde wahrſcheinlich die verabredete Auslöſung unterbleiben und die Kette von ihm ſelbſt für eine viel größere Summe verkauft werden können. Seine Gefährten erriethen ſchnell, warum er gerade den alten Mann zu dem Opfer wählte, welches für die Rettung der Uebrigen gebracht werden ſollte. Ihre tückiſchen Ge⸗ berden drückten ihre Beiſtimmung zu ſeiner gräßlichen Abſicht aus, und ſie erwarteten nur noch ein kurzes, be⸗ ſtimmtes Wort von ihm, um ſie auszuführen. Die grauſenvolle Bedeutung dieſes Momentes wurde von allen im Boote Anweſenden verſtanden. Der Bedrohte blieb ſo ruhig wie vorhin bei der wachſenden Gefahr auf dem Schiffe. Kein bittendes Wort entfloh ſeinem Munde, keine Bewegung des Widerſtandes wurde 111 von ihm verſucht. Alle fühlten ſchweigend, daß die Be⸗ hauptung der Schiffer hinſichtlich der Ueberbürdung des Bootes auf augenſcheinlicher Wahrheit beruhe. Plötzlich aber erhob ſich der junge Mann und rief haſtig: „Ich will Euch ein Verbrechen erſparen, welches ewig auf Eurer Seele brennen würde! Ich bin der Jüngſte von uns Dreien und habe die meiſten Kräfte, kann mich alſo am längſten über dem Waſſer halten. Heilige Mutter Gottes, nimm mich in Deinen Schutz!“ Mit dieſen Worten ſprang er auf eins der großen Ruder zu, welche zu der Galeere gehörten. Man be⸗ diente ſich dieſer damals auch auf großen Fahrzeugen, um dieſen bei Windſtille das Weiterkommen zu erleich⸗ tern. Es wurde von einer heranrollenden Woge auf das Boot zugeſchleudert. Er klammerte ſich mit ſeinen Ar⸗ men daran, wurde fortgeſchnellt und war im jagenden Spiele der Fluten bald den Augen ſeiner Leidensgefähr⸗ ten entſchwunden. Der alte Mann hatte eine Bewegung gemacht, als wolle er die freiwillige Opferung des jungen Mannes hindern; doch wies dieſer ſie zurück und vollführte ſeinen Entſchluß ſo raſch, daß er ſchon im Waſſer war, ehe noch ein weiteres Wort gewechſelt werden konnte. Der Alte beugte nun tief ſein Haupt, und zum erſtenmale la⸗ gerte der Ausdruck einer ſchmerzlichen Niedergeſchlagen⸗ 112 heit auf ſeinem durchfurchten Antlitz. Der nicht weit von ihm ſitzende Italiener war durch alle in den letzten Stunden erlebten Schreckniſſe geiſtig und körperlich ſo ſehr herabgebracht, daß er als einziges Zeichen der Theil⸗ nahme an dieſem letzten, ſchrecklichen Vorfalle nur ei⸗ nige tiefe Seufzer ausſtieß. Die Schiffer ſetzten ihren ſchweren Kampf mit den tobenden Elementen ſo unerſchüttert fort, als ſei durch⸗ aus nichts Außerordentliches vorgefallen. Ihre nervigen Arme arbeiteten unermüdlich, und nach wie vor ſpähte der Steuermann umher, als wolle er mit ſeinen Blicken die falbe Dämmerung der Spätſommernacht durchdrin⸗ gen, um ein Zeichen zu gewahren, das eine günſtige Wendung des Windes verkünde. Wirklich ſtellte ſich dieſe nach einiger Zeit ein und das Boot war im Stande, ſich, freilich noch immer auf Umwegen, dem Lande mehr und mehr zu nähern. Das letzte der Häuſer an dem einen Ende von Pa⸗ los war niedrig und klein. Es lag ziemlich weit von dem Ende der Straße, nahe der See, ungefähr wie eine Art vorgeſchobener Poſten bei der Zeltſtadt eines Lagers. Ein junges Mädchen ging hier hin und her und ver⸗ rieth in allen ſeinen Bewegungen die lebhafteſte Unruhe. 113 Bald blickte es durch das einzige Fenſter der Vorderſeite, gegen welches der Orkan tobte, bald lief es vor die Thür hinaus in dem vergeblichen Bemühen, weiter ent⸗ fernte Gegenſtände zu unterſcheiden. Dann wieder kehrte es in die unſcheinbaren Räume zurück und ſeufzte: „Sie bleiben lange aus mit der Barke— der Va⸗ ter kommt noch immer nicht— die See brüllt fürchterlich heute— ein ſolches Unwetter hat es den ganzen Som⸗ mer nicht gegeben!“ Die Jungfrau ging noch einige Male in der Hütte hin und her, dann hielt ſie vor einem hölzernen, roh gearbeiteten Muttergottesbilde an, welches an der bret⸗ ternen Wand hing, ſtellte ihre ſpärlich brennende Oel⸗ lampe davor, kniete nieder und betete: „Heilige Mutter von Rabida! Hilf uns aus Noth und Gefahr! In Deinem Schutz ſtehen ſie Alle, die auf den Meeren ſchwimmen— erbarme Dich auch heute ihrer und tröſte ſie in ihren Aengſten, daß ſie verſchont bleiben und glücklich wieder den feſten Boden erreichen!“ Sie erhob ſich wieder. Immer aber noch lag es ſchwer und bang auf ihrer Seele, wie die Ahnung eines kommenden Unglücks. Nur zu leicht konnte ein ſolches ſich in dieſer Nacht des Schreckens ereignen. Von dieſer inneren Angſt getrieben verließ ſie endlich das Häuschen und irrte eine Strecke weit am Ufer der See entlang. 114 Der Mond trat nach und nach etwas mehr hervor, ſo daß die Ausſicht ringsum heller wurde. Das Mäd⸗ chen konnte die Gebäude von Palos und weiterhin das Vorgebirge und die Hügel unterſcheiden, auf denen das Kloſter von La Rabida lag. Ein bleicher Schimmer ließ die Pinienwälder ſichtbar werden, die auf ihnen empor⸗ wucherten. Sie ſandte das dunkle Auge über die wild be⸗ wegte Meeresfläche— aber es vermochte weder einen Kahn noch ein größeres Fahrzeug zu entdecken. Die rol⸗ lenden, donnernd herandringenden Wogen boten ein ſchauerliches Einerlei dar, ſo weit der Blick reichte. „Sollte das Schiff ganz untergegangen ſein— und das Boot auch— mit allen Menſchen darin— und mit dem Vater— hilfreicher Jeſus, dies wäre ein zu großer Jammer!“— Sie ſchlug die Hände vor das Geſicht und ſchluchzte. Immer weiter gehend langte ſie bei einer waldigen An⸗ höhe an, unter welcher ſich die Niederung gleich einer kleinen Landzunge in die See erſtreckte. Sie betrat deren äußerſte Spitze, nicht achtend, daß der Giſcht der Bran⸗ dung ihre Kleider durchnäßte, daß ſie alle ihre Kräfte aufbieten mußte, um der Wucht des hier frei daher pfei⸗ fenden Windes zu widerſtehen. Wohl eine Stunde ſtand ſie hier auf dieſem äußerſten Punkte, immer hinausſtar⸗ rend und vergeblich hoffend. Nach und nach legte ſich 115 der Wind etwas; das erſte Grauen des Morgens begann im Oſten zu dämmern, doch fehlte der purpurne Streifen, der dem Aufgange der Königin des Tages voranzugehen pflegt. Etwas weniger wild brachen ſich die Wellen zu ihren Füßen. Da kam es ihr plötzlich vor, als trieben ſie einen gewichtigen Gegenſtand an das Ufer— ſie war⸗ fen ihn auf deſſen felſigen Rand— und tobten in ihrem ewigen Wirbeltanz zurück, ohne ihn wieder mit ſich fort⸗ zuführen. Das thatkräftige Kind des Volkes hielt ſich nicht im weichlichen Nachhängen der Gefühle auf, wenn Han⸗ deln Noth that. Sie hemmte der Thränen ſchuldigen Zoll, drängte die Bangigkeit ihres Herzens zurück, eilte ganz nahe herzu— ihre Vorausſetzung täuſchte ſie nicht— es war ein menſchlicher Körper, den die Fluten an's Ufer geworfen hatten— ein kalter und ſteifer Leichnam, wie es ihrem erſten Betaſten vorkam. Aber wenn die brandenden Wellen zurückkämen, ſo würden ſie wieder über das Ufer treten und ihn in die unermeßliche Fläche des Meeres zurückführen— es war ein Menſch— trotz des äußern, todtenähnlichen Anſcheins konnte noch Leben in ihm ſein— ſie mußte verſuchen, ihn in Sicherheit zu bringen. Mit Aufbietung aller ihrer Kräfte zog ſie ihn weiter auf das Land bis an den Fuß der Anhöhe, wo ihn das 116 Waſſer nicht erreichen konnte. Hier kniete ſie noch einmal neben ihm nieder. Seine Züge waren ihr fremd— ein tiefer Angſtſeufzer erleichterte ihre Bruſt— es war nicht ihr Vater!— Sie rieb ihn in der Herzgegend, ſuchte ſeine Pulſe zu erwärmen— mit faſt neu belebten Kräften nach dieſer Gewißheit— vergebens— kein Hauch des wieder erwachenden Daſeins kam über ſeine bleichen Lippen. Wenn ſie ihre Verſuche fortſetzen wollte, ſo mußte ſie ihn in ihre Hütte ſchaffen; aber wie war dies möglich zu machen, da ſie ſich nicht im Stande ſah, den hilfloſen Körper weiter als einige Schritte zu ſchleppen?— Rath⸗ los ſchweiften ihre Blicke umher; da fielen ſie auf eine Karre, welche etwas höher unter einer Baumgruppe auf der Anhöhe eingeklemmt war. Sie wurde von den Holz⸗ fällern benutzt, um die zerhauenen Stämme in das nicht weit entfernte Kloſter von La Rabida zu bringen. Eilig ſprang ſie hinauf, befreute das armſelige Fuhrwerk aus ſeinem Verſteck und lud nach wenigen Minuten den Ertrunkenen darauf. Mit Aufbietung aller ihrer Kräfte ſuchte ſie nun in möglichſt kurzer Zeit mit dieſem ihre Wohnung zu erreichen. Noch war ſie einige Schritte von dieſer entfernt, als ihr eine ehrwürdige Geſtalt entgegentrat. Es war der Prior von La Rabida. „Pepita,“ ſagte er, ohne jedoch das junge Mädchen 117 aufzuhalten,„ich ſehe, daß Du bei einem frommen und Gott wohlgefälligen Werke beſchäftigt biſt, da Du Dich Deines bedrängten Nächſten annimmſt.“ „Ja, ehrwürdiger Vater,“ verſetzte ſie, immer ihre Karre fortſchiebend,„das Unwetter und die Angſt um meinen Vater und die andern Männer von Palos trieben mich hinaus; doch konnte ich nichts von ihnen ge⸗ wahren. Ich fand ſtatt ihrer dieſen todten Mann, und will verſuchen, ob ich ihn in unſerm Hauſe wieder in's Leben zurückbringen kann.“ „Ich will mit Dir gehen und Dich in Deinen Be⸗ mühungen unterſtützen, meine Tochter,“ ſagte der Geiſt⸗ liche. „Wißt Ihr etwas von unſern Seeleuten?“ fragte ſie weiter. „Ich habe nichts von ihnen gehört, denn ich komme ſo eben erſt von La Rabida,“ erwiederte er. „Ein Schiff ſandte Nothſchüße herüber,“ fuhr das Mädchen fort,„da ſind denn mein Vater und noch fünf Andere von Palos abgefahren, um Menſchen daraus zu retten, wenn es angehen könne. Ich warte noch immer vergebens auf ſie— dieſe ſchreckliche Nacht iſt keines Menſchen Freund geweſen!“ Sie ſeufzte wieder. Der Prior verſetzte: „Wir Alle ſtehen in Gottes Hand, Pepita. Er 118 kann uns erretten aus Sturmesdrang und Waſſernoth, wenn ſeine Weisheit es für gut findet. Ich habe unſer Kloſter mit dem grauenden Tage verlaſſen; denn es trieb mich, nachzuſehen, welcherlei Verwüſtung angerichtet ſei, und ob es irgend ein menſchliches Weſen geben würde, dem Hilfe und Troſt Noth thäte. Mancher Verunglückte wird in ſo aufgeregten Nächten an ein fremdes Ufer geworfen.“ Sie hielten nun vor der Hütte. Er half dem jungen Mädchen, den Geretteten hinein und auf ein Lager zu ſchaf⸗ fen, ihn zu entkleiden und alle Hilfe anzuwenden, welche die beſchränkten Mittel der ärmlichen Umgebung geſtatten konnten. Stundenlang wurde das allmähliche Erwärmen, das Reiben und Bürſten der erſtarrten Glieder, das Ein⸗ fließen eines feurigen Weins fortgeſetzt, den Pepita aus einem verborgenen Schränkchen hervorholte. Endlich hob ein leiſer Athem die Bruſt des Verunglückten; ſein Herz begann langſam zu pochen, er ſchlug die Augen auf und verſchluckte einige Tropfen des wärmenden Getränkes. Ein dem Entzücken verwandtes Gefühl erfüllte Pe⸗ pita's Bruſt. Der junge Mann war gerettet— und ſie war es, die ihn dem Leben wieder gewonnen hatte! Er war ihr Geſchöpf, durch ſie dem Tode entriſſen!— Nun ſchloß er die Augen wieder und fiel in einen ſanften Schlaf.— 119 Pepita ſaß neben ſeinem Lager. Der Blick dieſer himmelblauen Augen hatte auf eine eigenthümliche Weiſe zu ihrem Herzen geſprochen; ſie hatte eine wehmüthige Klage, ein Flehen um die Fortſetzung ihrer barmherzigen Hilfe darin zu leſen geglaubt— und gelobte ſich feſt in ihrem Innern, daß ſie ihm werden ſolle. Mit tiefem, innigen Gefühl betrachtete ſie dieſe bleiche Stirn, an der das hellbraune Haar jetzt ſchlicht bis auf den weißen Hals herunterhing; dieſe feinen, faſt weiblichen Züge, denen nur das kurz gehaltene Bärtchen, die etwas kecker aufge⸗ worfene Lippe und die leicht gebräunte Hautfarbe einen kräftigeren Anſtrich gaben. Die über der wollenen Decke liegenden, kleinen Hände paßten zu den übrigen feinen Gliedern; doch waren ſie hart und muskulös, wie geübt in oft ſchwerer Arbeit. Der Prior war leiſe durch die Thür hinausgegangen. Nun hörte ſie Stimmen draußen, deren Klang nur zu bekannt an ihr Ohr ſchlug. Sie erhob ſich und eilte hinaus. Die Sorge um ihren Geretteten hatte ſie ſo aus⸗ ſchließlich beſchäftigt, daß die frühere angſtvolle Beküm⸗ merniß darüber in den Hintergrund getreten war. Nun ſah ſie ihren Vater und ſeine Gefährten vor ſich, welche von zwei fremden Männern begleitet waren und ſo eben die Begrüßung des Geiſtlichen erwiederten. „Vater,“ rief ſie, die Hand nach dieſem ausſtreckend, 120 „Ihr ſeid wieder da! Hochgelobet ſei unſere Frau von La Rabida!— Ich habe viele Furcht Euretwegen aus⸗ geſtanden.“ Ein kurzer, kräftiger Druck der harten, braunen Hand des Seemanns war das einzige liebevolle Zeichen der Erwiederung für ſeine Tochter. Dann fuhr er gegen den Geiſtlichen gewendet fort: „Wir hatten ein hartes Stück Arbeit, um an das Schiff zu kommen. Es war eine genueſiſche Galeere; der Sturm hatte ſie weiter hinaus nach Weſten geworfen, wo ſie auf ein Felſenriff gerathen und geſcheitert war.“ „Ach!“ ſeufzte Pepita,„ſo habe ich es wegen des Vorgebirges nicht gewahren können— und Euch mit der Barke auch nicht— ich fürchtete, daß Ihr Alle und das fremde Schiff dazu untergegangen ſein könntet!“ „Es war nahe daran,“ entgegnete der Schiffer. „Gott hat ſichtbarlich ſeine Hand über Euch und Eure Gefährten gehalten, Rodrigo Bermeho,“ ſprach der Prior ſanft.„Ihm ſei Preis und Ehre in Ewigkeit!“ Rodrigo Bermeyo war es, der im Boote neben der Galeere das Wort geführt und dieſes dann glücklich an's Land geſteuert hatte. Er bekreuzte ſich jetzt gleich den ihn begleitenden Seeleuten und fuhr dann halb gegen den Prior, halb gegen ſeine Tochter gewendet fort: „Wir konnten nur zwei Männer bergen. Das 12¹ Wrack war ſchon überſchwemmt und wird jetzt ganz un⸗ tergegangen ſein. Wir mußten zwei Stunden weiter dort jenſeits des Vorgebirges in der Bucht landen. Dann konn⸗ ten wir nur langſam den Weg hierher machen, denn der Eine der Männer vom Schiff war durch alle überſtan⸗ dene Noth ſo mürbe geworden, daß er ſeine Füße nicht gebrauchen konnte; wir mußten erſt einige Ruder zuſam⸗ men binden, um eine Bahre daraus zu machen, auf welcher wir ihn hierher getragen haben.“ Er deutete ſeitwärts, wo der Italiener ſich ſo eben mühſam von dieſer ſchnell geſchaffenen Tragbahre erhoben hatte. Der alte Eigenthümer der Diamantenkette ſtand neben ihm, ohne eine gleiche Hinfälligkeit zu verrathen. Nur durch einen langen, feſten Stab hatte er ſeine ſonſt gewohnte Stütze, die auf dem Schiff geblieben war, er⸗ ſetzt; ein ſchlanker Cypreſſenſtamm hatte ſie hergeben müſſen. „Auch wir haben einen Mann geborgen,“ nahm nun Pepita das Wort.„Er ward herangeſchwemmt, liegt drinnen, iſt wieder in's Leben zurückgekehrt und vor we⸗ nigen Minuten eingeſchlafen.“ „Es wird Einer von der ſchiffbrüchigen Mann⸗ ſchaft ſein,“ verſetzte ihr Vater gleichmüthig.„Wenn er ſchläft, ſo hat er das Schlimmſte hinter ſich und wird morgen wieder aufſtehen können.“ 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. III. 8 122 Alle verfügten ſich nun in das Häuschen und ließen ihre mehr oder minder ermüdeten Glieder in dem der Thür zunächſt gelegenen Gemache auf Bänke und andere hölzerne Sitze nieder. Rodrigo Bermeyo ging in das Hinterzimmer und trat zu dem Schlummernden. Eine lebhaftere Bewegung gab ſich in ſeinen rauhen Zügen kund, als er ihn genau in's Auge faßte. Dann kehrte er zu den Verſammelten zurück und ſagte: „Die Heiligen haben ein Wunder gethan. Der Mann, der vor wenigen Stunden von unſerm Boot in die See ſprang, liegt dort auf meinem Bette. Er hat weniger Arbeit gehabt als wir, um an's Land zu kom⸗ men. Das Meer hat ihn am rechten Orte ausgeſpieen, wo meine Tochter ihn in Sicherheit bringen konnte.“ Ein Laut der Verwunderung entfuhr den Lippen aller Anweſenden. Die Meiſten traten an die Thür und beobachteten den Schläfer; ſie beſtätigten dann die Be⸗ hauptung Bermeyo's mit größtentheils freudigen Bemer⸗ kungen. Nun folgten ausführlichere Mittheilungen über alles Geſchehene, wobei Pepita jedoch nicht vergaß, ſorg⸗ ſam die Thür des Nebengemaches zu ſchließen, damit der Schlummer ihres Schützlings nicht geſtört werde. Auch bot ſie die beſcheidenen Mittel ihrer beſchränkten Haushaltung an, um den Schiffbrüchigen und ihren Ret⸗ tern eine Erquickung zu bereiten. Der Geiſtliche zog eine 123 Flaſche aus ſeinem Gewande, welche ein ſtärkendes und feuriges Getränk enthielt, ähnlich demjenigen, welches das junge Mädchen vorher ihrem Geretteten einflößte. Seine umſichtige Sorgfalt hatte ihn veranlaßt, dies be⸗ lebende Mittel für Verunglückte, die deſſen bedürfen könn⸗ ten, aus dem Kloſter mitzunehmen. Alle wurden durch dieſe willkommene Labung, ſo wie durch etwas Brod und Fleiſch wahrhaft erfriſcht und gekräftigt. Als der alte Mann gegen den Prior des koſtbaren Pfandes erwähnte, welches er in Bermeyo's Hände gelegt hatte, konnte die⸗ ſer nicht umhin, es hervorzuziehen und es dem Geiſtli⸗ chen zu zeigen. Die blitzenden Steine erregten auf's Neue die Bewunderung der Seeleute, von denen die Meiſten nie noch einen ſo koſtbaren Schmuck geſehen hatten. Der eigentliche Beſitzer überging indeſſen ihre im Boote nicht undeutlich kund gegebene, feindſelige Abſicht gegen ihn; vielleicht bedachte er, daß er und ſeine Ge⸗ fährten noch immer in der Gewalt der Männer von Palos wären, und es alſo klüger ſei, ihren Groll nicht durch irgend eine laute Anklage zu erregen. Sechstes Capitel. Die Geretteten. „Ich bin der Steinſchneider Jayme Ferrer aus Cordova,“ fügte der alte Mann hinzu, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen hatte;„es befindet ſich auch in Sevilla eine der geſchäftlichen Niederlagen meiner Hand⸗ lung.“ „Ha,“ ſprach Rodrigo aufmerkſam,„jenes große Haus nicht weit von der Vorſtadt Triana, mit der Bude voll Goldſachen und köſtlichen Schmuckes iſt das Eure? Ihr ſeid der Meiſter Ferrer, der gewöhnlich in Cordova lebt, jedoch auch von Zeit zu Zeit in Sevilla eintrifft, um dort nach dem Rechten zu ſehen?“ „Der Nämliche,“ antwortete der Gefragte. „So wundert es mich nicht mehr, daß Ihr ſo werthvolle Kleinodien mit Euch führt,“ fuhr der Matroſe fort,„denn dieſe ſind Euch eine alltägliche Sache.“ 125 „Ich werde dieſe Kette in Sevilla einlöſen, wie ich Euch verſprochen habe,“ entgegnete der Steinſchneider. „Ich habe ſie auf einer längeren Reiſe in die Levante erlangt, von der ich jetzt heimkehre. In Genua beſtieg ich das letzte Schiff, welches mich geradezu nach Sevilla bringen ſollte.“ Eine herzliche Freude ſprach ſich in dem milden Antlitz des Priors aus, welcher nun das Wort nahm: „Ihr ſeid es, Don Jayme Ferrer, deſſen Tugen⸗ den und Kenntniſſe unſere edle Königin und der Groß⸗ cardinal Mendoza mir wiederholt gerühmt haben? Ihr ſeid nicht nur der geſchickteſte und ehrlichſte aller Stein⸗ ſchneider und Juweliere, ſondern auch der vielerprobte Weltreiſende, Aſtronom, Mathematiker und Kosmograph, tiefgedachte Schriften mir ſo warm empfohlen ind?“ „Ich bin viel gereiſt und habe die geſammelten Er⸗ fahrungen mit den Studien verglichen, die ich in Büchern machen konnte,“ entgegnete Jayme Ferrer mit einem leichten Lächeln auf dem faſt olivenfarbigen Antlitz, wel⸗ ches ſein dichter, weißer Bart indeſſen nur halb ſichtbar werden ließ.„Die Königin hat mir wiederholte Beweiſe ihrer Gunſt gegeben und meine Schriften haben ſich ihrer Beachtung und derjenigen mancher angeſehenen Männer an ihrem Hofe erfreut.“ 126 „Und Ihr,“ ſprach Bermeho weiter, indem er ſich an den nun allmälig ſich erholenden Italiener wandte, „Ihr ſeid auch nach Sevilla unterwegs? Ihr werdet die Seereiſen nicht ſo gewohnt ſein wie wir Anderen.“ „Ich bin aus Florenz und heiße Amerigo Ves⸗ pucci,“ entgegnete dieſer.„Ein Landsmann von mir, der Sennor Zuanito Berardi in Sevilla, will mich als Ge⸗ hilfen in ſeinem Geſchäft anſtellen.“ „Der reiche Handelsherr, der ſelbſt Schiffe aus⸗ rüſtet und Anderen alles für ihre Reiſen Erforderliche beſorgt und einliefert!“ rief Bermeyo.„Ich treffe lauter alte Bekannte heute; denn mit dem Meiſter Berardi habe ich oft genug verkehrt.“ „So werdet Ihr in Zukunft auch mich bei ihm ſehen,“ fügte Vespucci hinzu. Nachdem die Unterhaltung noch eine Weile fort⸗ gegangen war, erklärte der freundliche Prior nach La Rabida zurückgehen zu wollen, um Kleider für die Schiff⸗ brüchigen und zwei Maulthiere zu ſchicken, auf denen ſie ſich in das Kloſter begeben ſollten. Sie hatten nämlich eingewilligt, ſich deſſen Gaſtfreundſchaft auf einige Tage gefallen zu laſſen, da ſeine wohlausgeſtatteten Räume beſſer geeignet waren, um ſich von den ausgeſtandenen Drangſalen zu erholen, als die dürftige Wohnung Ber⸗ meho's. Dann auch wurde die weitere Fortſetzung der 127 Reiſe mit den Seeleuten verabredet. Dieſe, ſo wie auch Juan Perez entfernten ſich darauf, und Bermeyo und ſeine Tochter ſahen ſich bald mit ihren drei Gäſten allein in ihrer Behauſung. Die Letzteren ſuchten die nächſten Stunden hinzubringen, ſo gut es in dem beſchränkten Raume gehen wollte. Pepita hielt ſich meiſtens in der Nähe des feſt Schlummernden auf. Endlich erwachte die⸗ ſer wieder und ſah verwundert auf die, wenn auch nicht große, ſo doch kräftige, ſchwellende Geſtalt der neben ihm Sitzenden. Ihre friſche Jugendblüthe, das warme Colo⸗ rit des hübſchen, bräunlichen Geſichtes, die blitzenden Augen, die ſchwarzen Flechten, über welche ein rothes Tuch gebunden war, feſſelten ſeine Blicke. Dann ließ er dieſe langſam über die ungewohnten, dürftigen Umgebun⸗ gen an dem Fenſter vorüberſchweifen, welches aus einem hölzernen Gitter beſtand, hinter dem man geöltes Papier befeſtigt hatte. Endlich ſagte er leiſe: „Wo bin ich? Was iſt mit mir geſchehen?“ Pepita unterrichtete ihn in kurzen Worten von dem Vorgefallenen. Er hörte ihr aufmerkſam zu, ergriff dann ihre Hand und ſagte: „Meine Retterin!“ Dieſe leiſen Worte, dieſer ſanfte Händedruck, der ſeelenvolle Blick, welcher, ſo kühn und ſcharf in der Ge⸗ fahr, jetzt ſo ſchwärmeriſch glühte, legten einen nie 128 gekannten Zauber um Pepita's Herz. Sie vermochte nicht zu antworten. Ein füßer, nie zuvor empfundener Schauer ging durch ihre Glieder. Er fuhr etwas lauter fort: „Es kommt mir Alles in's Gedächtniß zurück— ich ſuchte mich ſo lange wie möglich an dem Ruder zu hal⸗ ten— wurde hin⸗ und hergeſchleudert und fortgeriſſen— mußte es endlich loslaſſen und verlor die Beſinnung— der Wind muß ſich gedreht und eine günſtigere Strö⸗ mung mich an's Ufer getrieben haben.“ „Er ſprang zuletzt nach Süd⸗Oſt um— dies kam auch uns zu Gute und brachte uns zurück an die Küſte!“ ließ ſich die rauhe Stimme Bermeyo's vernehmen. Dieſer war mit dem Steinſchneider eingetreten, als ſie hier ſpre⸗ chen hörten. Beide ſtanden hinter dem jungen Mädchen; Amerigo Vespuecci hatte einſtweilen die ihm ſo nöthige Ruhe geſucht. Der junge Mann betrachtete aufmerkſam das wü⸗ ſte, ſonneverbrannte Geſicht des Redenden, ſo wie auch dasjenige Jahme Ferrer's. Dann hatten ſich ſeine Ge⸗ danken auch über dieſe vrientirt. Beide waren dicht ne⸗ ben das Lager getreten. Pepita zeigte auf den Matroſen und ſagte: „Es iſt mein Vater.“ „Ich holte Euch von der Galeere,“ fügte dieſer 1 129 ziemlich freundlich hinzu.„Nun habt Ihr in meinem Hauſe ein Obdach gefunden— welches mir ſo lieb iſt, als wenn man mir die ſchönſte Barke geſchenkt hätte!“ „Ich danke Euch,“ verſetzte der junge Mann kurz. Jayme Ferrer äußerte nichts, obwohl ein Wort der Erkenntlichkeit gegen dieſen ihm wohl vor allen Andern zugekommen wäre. Er veränderte ſeine gebückte Haltung nicht. Seine Augen, die ſo dicht von den breiten, weißen Brauen beſchattet wurden, daß man ihre Farbe nicht genau zu erkennen vermochte, hafteten lange auf dem jun⸗ gen Manne, deſſen Hand er endlich erfaßte und eine Weile in der ſeinigen hielt. „Ich möchte ſchwören, daß Ihr ein Seemann ſeid,“ fuhr Bermeyo fort.„Ihr habt Euch ganz wie ein ſolcher in dieſer verteufelten Nacht benommen.“ „Ich bin ein Genueſe und habe manche kürzere Fahrten zurückgelegt,“ verſetzte dieſer,„doch war ich auch oft am Lande beſchäftigt. Meine Brüder widmeten ſich ausſchließlich dem Seedienſt. Der Aelteſte von ihnen iſt Don Chriſtobal Colon, der Vicekönig von Indien. Er rief mich ſchon früher nach Barcellona; von dort aus habe ich in ſeinem Auftrage unſere Vaterſtadt wieder beſucht und ſchiffte mich in dieſer ein, um geradezu nach Sevilla zu gehen, wo der Admiral jetzt wieder ein⸗ 130 getroffen ſein muß. Man nennt mich Don Jacopo Diego Colon.“*) Er hatte ſich aufgerichtet und ſprach mit kräftigerer Stimme, als wolle er mit gerechtem Stolze die nahe Verwandtſchaft kund geben, in welcher er zu dem Manne ſtände, den Spanien in dieſem Augenblicke als den be⸗ rühmteſten ſeiner Helden feierte. Ungeſehen von ihm aber flog ein Ausdruck wilder Tücke über Bermeyo's Züge, und er legte die Hand an das breite, ſcharfe Meſſer, welches in ſeinem Ledergürtel ſteckte. Er gab indeſſen ſeinen böſen Gedanken keine Worte. Der Steinſchneider dagegen verſetzte: „Die Kühnheit und Geiſtesgegenwart Eures großen Bruders iſt auch die Eurige. Nicht nur in Europa, ſon⸗ dern auch in den andern Welttheilen preiſt man ſeinen Namen. Es wird mir eine große Freude ſein, wenn Ihr mich in Sevilla zu ihm führen wollt, damit ich ihm meine Bewunderung ſelbſt ausſprechen kann.“ 5) Der jüngſte Bruder des Chriſtof Columbus fügte nach der Erhöhung des Letzteren den Namen Diego ſeinem Taufnamen bei. Da indeſſen auch Columbus' Sohn Diego hieß, ſo werden wir den Bruder bei ſeinem eigentlichen Namen„Jacopo“ nennen, um Verwechslungen zu vermeiden, wenn er gleich in den hiſto⸗ riſchen Ueberlieferungen als„Don Diego Colon“ bezeichnet wird. Siehe hierüber: Histoire de Christoph Colomb, par Roselly de Lorgues. 131 „Ich werde gern bereit dazu ſein,“ erwiederte Ja⸗ copo Columbus. „Genua war lange ſchon reich an tüchtigen See⸗ männern,“ fuhr der Steinſchneider fort.„Trotz aller Pracht im Innern der Marmorſtadt iſt das Meer ihr Leben und ihre Stärke.“ „Wir haben auch enge und dunkle Straßen genug dort,“ verſetzte Jacopo.„Oft bin ich aus ihnen auf unſere Wälle geſtiegen, um auf unſern Golf zu blicken. Wenn dann die Sonne im zauberiſchen Widerſchein das Spiel der azurnen Wellen beglänzte, ſo ſchweiften meine Gedanken in ferne Gegenden, wo ich meine Brüder wußte. Das brennende Verlangen, ihre Abenteuer zn theilen, beſeelte mich. Das Meer war auch für mich der einzige Weg des Glückes und des Ruhms. Die mähr⸗ chenhaften Träume meiner Knabenjahre nach fernen, glücklichen Geſtaden, auf denen das goldene Zeitalter blüht, ſind jetzt glänzend in Erfüllung gegangen. Mein Bruder hat mich zu ſeinem Generaladjutanten gemacht, und ich werde ihn als ſolcher auf ſeiner nächſten Reiſe in die neue Welt begleiten.“ Die Unterhaltung wurde noch eine Weile fort⸗ geſetzt. Dann langten die verſprochenen Gegenſtände aus dem Kloſter an. Jacopo verſprach, ſeine beiden Reiſe⸗ gefährten dort aufzuſuchen, ſobald ſein Befinden ihm 132 dies geſtatte, und dann die letzten Abreden über die noch bevorſtehende Fahrt nach Sevilla mit ihnen zu nehmen. Dieſe ritten bald darauf fort nach La Rabida, und Ja⸗ copo überließ ſich dann wieder dem Schlafe, der ihn als das kräftigſte Stärkungsmittel der vollkommenen Her⸗ ſtellung raſch entgegenführte. Rodrigo Bermeyo hatte ſich nur wenige Stunden ausgeruht. Dann verließ er wieder das Haus und kehrte erſt ſpät in der Nacht heim. Seine Tochter ſaß noch wachend in dem vordern Gemache. „Ihr ſeid lange ausgeblieben, Vater,“ ſagte ſie. „Ich habe mich umgeſehen, ob nicht etwas von dem Strandgute der Galeere noch zu bergen ſein würde. Viele ſind von Palos hinausgefahren, um einige Kiſten und Truhen für ſich aufzufiſchen. Sie meinten, die Hei⸗ ligen müßten nach einem ſolchen Unwetter nothwendig unſeren Strand geſegnet haben. Ich bin noch einmal mit unſerer Barke auf der See geweſen, doch habe ich nichts Werthvolles kapern können. Es trieben nur einige leere Fäſſer auf mich zu; die habe ich wieder hinausgeworfen, denn es verlohnte nicht der Mühe, ſie zu transportiren. Die beſten Sachen aus der Galeere und auch ihre mei⸗ ſten Trümmer müſſen nach Portugal hingeſchwemmt ſein; hier ſieht und hört man nichts davon. Unſere Hoffnung, daß noch mehr Schiffe hier an unſerer Küſte geſcheitert 133 ſein könnten, hat ſich nicht erfüllt. Dieſer Genueſe iſt das Einzige für uns geblieben; auch der Biſſen iſt 1 genug.“ „Ihr werdet das Geld für unſ're drei Geretteten bekommen,“ entgegnete ſie.„Die Summe iſt ſehr hoch; Ihr könnt damit zufrieden ſein.“ „Ich muß ſie mit den fünf Andern theilen; auf jeden Einzelnen wird nicht viel kommen,“ ſagte er mürriſch. Das Mädchen ſchwieg. Dann hob ſie wieder an: „Ich habe Euch ein Lager in meiner Kammer be⸗ reitet. Der Fremde benutzt das Eurige, deshalb müßt Ihr Euch für dieſe Nacht anderswo hin betten.“ „Don Diego Jacopo Colon!“ ſagte der Matroſe mit einem ſpöttiſchen Lächeln, indem er den Kopf dabei auf die Weiſe erhob, wie es der Genannte zuvor gethan hatte. Gleich darauf fügte er hinzu: „Geh' Du dort und ſchlafe heute wie ſonſt in Dei⸗ ner Kammer. Ich will mich hier auf die Bank hin⸗ ſtrecken.“ „Nein, Vater, ich bleibe hier. Ich würde dort an der andern Seite durch zwei Thüren von dem fremden Herrn getrennt ſein, könnte kaum ſeinen Ruf vernehmen, wenn er auf irgend eine Weiſe meiner Pflege oder meines Beiſtandes bedürfte.“ 134 „Ich ſage Dir, daß ich hier bleibe und auf ihn merken werde,“ entgegnete er barſch. Sie ſah ihn ſcharf an. Dann ſagte ſie: „Vater, ich ſah zu gut, wie Ihr Euer Geſicht grimmig verzogt, als Ihr den Namen dieſes Mannes hörtet; wie Ihr an Euer Meſſer griffet, als wolltet Ihr es ihm in die Bruſt ſtoßen. Ihr könntet Euch in dieſer Nacht an ſein Lager ſchleichen— könntet jenen Tangſack dort über ſein Antlitz werfen— ihn erſticken, ohne daß er einen Laut von ſich gäbe— und morgen früh ſagen, daß ihn in Folge der erlebten Strapazen der Schlag gerührt habe.“ Ihre Stimme war dumpf und hohl geworden. Ber⸗ meyo biß die weißen Zähne zuſammen, ballte die Fauſt und ſagte: „Ich habe dem Genueſen Rache gelobt— ſie iſt in meine Hände gegeben— ſein Bruder iſt in meiner Ge⸗ walt!“ „Er iſt unſchuldig an der Unbill, die der Admiral Euch zufügte— war weit entfernt damals,“ warf ſie ein. „Einerlei,“ murmelte der Matroſe;„alle Colons ſind meine Todfeinde— und ich werde dem Don Chri⸗ ſtobal ein bitteres Leid bereiten, wenn ich ſeinen Bruder kalt mache!“ „Es ſoll nicht ſein,“ ſprach ſie feſt.„Ich habe dieſen 135 Mann der See entriſſen; er iſt mein Geſchöpf— ich will nicht, daß ein Haar auf ſeinem Haupte gekrümmt werde— und bleibe hier, um ihn vor Euch zu ſchützen!“ Er ſtieß einen wilden, halblauten Fluch aus. Sie fuhr mit düſterer Energie fort: „Und wenn es dennoch geſchähe— wenn Ihr ihm hinter meinem Rücken Uebles thätet— ſo würde mein erſter Gang morgen zum Prior ſein— um ihm dies Euer neues Verbrechen zugleich mit dem früher began⸗ genen zu entdecken!“ Rodrigo Bermeyo machte eine Bewegung, als wolle er ſeine Tochter zu Boden ſchlagen. Dieſe wich nicht einen einzigen Schritt; die Wildheit ſeines Blickes er⸗ ſchreckte ſie nicht. Ohne ihr düſter flammendes Auge zu ſenken, ſetzte ſie immer halblaut, jedoch deutlich und langſam hinzu: „Ich ſchwöre Euch bei unſerer Frau von La Rabida, daß ich ſo handeln würde!“ Er ließ nun die erhobene Hand ſinken, ſenkte das verzerrte Geſicht und murmelte wie im Selbſtgeſpräch: „Der Prior würde mir ein ſehr böſes Geſicht ma⸗ chen— er iſt ein Freund der Colons; es könnte mir ſchlimm bekommen.“ „Wenn Ihr dieſe Fremden nach Sevilla bringt,“ fuhr ſie fort,„ſo fahre ich mit dahin und bewache 136 Jacopo Colon, bis er ſich ungefährdet aus Eurer Nähe entfernt hat.“ Er lachte höhniſch und ſagte: „Du willſt die gute Gelegenheit benutzen— meinet⸗ wegen. Jannez Pinzon treibt uns aus dieſer Hütte, denn er hat die Wohnung darin einem Matroſen von der Nina verſprochen, der ſich auf der großen Reiſe um ihn verdient machte. Hier in Palos iſt nichts mehr für uns zu thun. Der Sennor Martin Alonzo hat mir ſagen laſſen, daß er mich in Sevilla zu ſehen wünſche; ich habe daher ohne Weigern eingewilligt, dieſe Männer dahin zu bringen. Auch Du kannſt dort leichter Arbeit und Brot finden als hier. Mach' es wie Du willſt!“ Er ſuchte nun die Schlafſtätte auf, welche ſeine Tochter ihm beſtimmt hatte. Dieſe behielt ihren Platz unfern der Thür, welche zu Jacopo's Zimmer führte. Dann und wann ſchlich ſie an dieſe, um ſich zu überzeu⸗ gen, daß er ruhig fortſchlafe. Sie ſelbſt überließ ſich nicht dem Schlummer; die kurze Stunde der Ruhe, welche ſie ſich vor der Heimkehr ihres Vaters gegönnt hatte, mußte ſie für dieſe Entbehrung ſchadlos halten. Ihr Vater genoß ſpäter einſilbig den Morgentrunk; ihres Geſpräches in der Nacht wurde nicht erwähnt. Dann verließ er abermals ſeine Wohnung, um ſich eines Fahr⸗ zeuges zu vergewiſſern, auf welchem er in den nächſten 137 Tagen mit ſeinen Geretteten die beabſichtigte Fahrt nach Sevilla antreten könnte. Gegen Mittag erſt erwachte Jacopo; er fühlte ſich ſo ſehr geſtärkt, daß er ſich bald von ſeinem Lager erhob; einige der geſtern aus dem Kloſter angelangten Kleider mußten auch ihm dienen. Nach einer längeren, freund⸗ lichen Unterhaltung mit Pepita erklärte er dieſer, daß er nun nach La Rabida gehen wolle, um ſich dort ſeinen Gefährten anzuſchließen und zugleich den Prior, dieſen langjährigen Freund ſeines Brudes, zu begrüßen, auf deſſen Gaſtfreiheit er rechnen könne. Auch bat er ſie, ihrem Vater zu ſagen, daß er ihn morgen im Kloſter erwarte, um die Stunde zu erfahren, wann ſie ihre Reiſe fortſetzen könnten. Dann reichte er ihr die Hand und fügte hinzu: „Ich kann Dir in dieſem Augenblicke nur durch Worte meine Dankbarkeit kund geben, liebes Mädchen; denn ich bin ein armer Schiffbrüchiger und beſitze hier nichts als das nackte Leben. In Sevilla werde ich beſſer daran ſein. Ich will dort Deinem Vater eine Handvoll Golddublonen für Dich mitgeben, wofür Du dir manches Schöne kaufen kannſt.“ „Dies werdet Ihr nicht nöthig haben, Sennor,“ erwiederte Pepita weniger freundlich als zuvor.„Ich fahre mit nach Sevilla; denn wir haben 2 lange die 1861. VI. Columbus unb ſeine Zeit. III. 138 Abſicht gehabt, wieder hin zu gehen. Mein Vater iſt ei⸗ gentlich dort zu Hauſe.“ „Deſto beſſer,“ verſetzte Jacopo,„ſo brauchen wir nicht auf lange Zeit Abſchied zu nehmen. Es ſoll mich freuen, Dich morgen wiederzuſehen.“ Er entfernte ſich mit raſchen Schritten. Von wider⸗ ſtreitenden Gefühlen bewegt ſah ihm Pepita nach, bis er auf dem waldigen Pfade, der bergan zum Kloſter hinauf führte, ihren Blicken entſchwand. Der Thurm der Kathedrale von Sevilla, die Gi⸗ ralda, das reich verzierte Denkmal aus der Zeit, in der Mauren auf dieſem geſegneten Boden hauſten, ragte als Wahrzeichen der fröhlichen Stadt hoch über der breit vor ihm liegenden Häuſermaſſe empor. Ein geräumiges Ge⸗ bäude in der Nähe dieſer Kirche war Chriſtof Columbus zum Aufenthalt angewieſen worden. Außer dieſem wur⸗ den auch die zunächſt gelegenen Häuſer von den in ſeinem Haushalte neuerdings angeſtellten Offizieren und Beam⸗ ten einſtweilen in Beſchlag genommen. Auch jetzt, da Columbus auf der Höhe menſchlicher Größe ſtand, hielt er allen überflüßigen Luxus aus ſeiner nächſten Umge⸗ bung verbannt. Nur derjenige einer ausgeſuchten Rein⸗ lichkeit herrſchte vor. Sein Bruder ſah in der erſten 139 Stunde ihres Wiederſehens, daß ſeine Gewohnheiten ſo einfach wie früher waren. Sein lange benutztes Hauskleid war fleckenlos und gut erhalten; ſeine zierlich gefälteten Manſchetten, der zurückfallende Kragen und das Hemd an ihm waren vom feinſten, weißen Stoff und mit Orangen⸗ duft parfumirt. Die Mobilien der von Columbus bewohn⸗ ten Zimmer waren durchaus nicht prächtig. Einige natur⸗ geſchichtliche Merkwürdigkeiten aus der alten und neuen Welt waren ringsum aufgeſtellt; neben ihnen gewahrte man eine Erdkugel. Manuſcripte und Seekarten lagen auf den Tiſchen; dazwiſchen ſtanden einige Gläſer und Schachteln, welche verſchiedene wohlriechende Eſſenzen und Pulver zum beliebigen Gebrauche enthielten. Wohl⸗ riechende Blumen und aromatiſche Pflanzen wuchſen theils in Körben und Töpfen, theils lagen ſie abgeſchnitten in Schalen und auf Tellern. Dieſe augenſcheinliche Vor⸗ liebe für Wohlgerüche machte ſich auch in dem duftenden Briefpapier, ſo wie in den nahe liegenden Handſchu⸗ hen bemerklich. Die Ereigniſſe der jüngſten Vergangenheit waren bald von den beiden Brüdern erörtert. Chriſtof hatte ſeine Rückkehr nach Sevilla und ſeine dortige Einrichtung ohne beſonders merkwürdige Vorfälle in's Werk geſetzt. Jacopo dagegen hatte von dem erlebten Schiffbruche und den ihn begleitenden Umſtänden zu berichten. Er war 140 nach Genua gegangen, um die Verlaſſenſchaft eines ent⸗ fernten Verwandten für ſich und ſeine Brüder in Empfang zu nehmen. Ehe er jedoch weitere Einzelheiten darüber mittheilte, ſagte er: „In Genua fand ich bei meiner Ankunft ein Schiff vor, welches Nachrichten aus England von Bartolomäv brachte.“ „Wirklich!“ rief Columbus.„Wie geht es ihm?— Du erfreuſt mein Herz innig durch dieſe Kunde; denn ich habe faſt ſeit acht Jahren nichts von ihm gehört.“ „Das Schiff, auf dem er damals von Liſſabon nach London gehen wollte,“ fuhr Jacopo fort,„war von Pi⸗ raten überfallen worden, die ihn nackt und hilflos an einer unbekannten Küſte ausſetzten. Er war genöthigt alle Energie zuſammen zu nehmen, um ſich nach dieſem gänz⸗ lichen Verluſt ſeines Eigenthums wieder aus ſeiner troſt⸗ loſen Lage emporzuarbeiten. Mehrere Jahre lang mußte er wieder Karten zeichnen und aſtronomiſche Berechnun⸗ gen niederſchreiben, bis er endlich genug verdient hatte, um England erreichen zu können. Dort war er noch beſchäftigt, die Sprache des Landes zu erlernen, um dann endlich den König Heinrich den Siebenten um ſeine Un⸗ terſtützung zur Entdeckung der neuen Welt zu bitten.“ „Ich hoffe, Du haſt ihm kund gethan, daß dies jetzt nicht mehr nöthig ſei?“ fragte Columbus. 141 „Ich habe ihm durch einen Eilboten einen Brief von mir geſendet, der ihn von der großen Veränderung unterrichtet, die für uns Alle eingetreten iſt,“ antwortete Jacopo,„ſo wie von der endlichen Erfüllung Deiner ſo lange verfolgten Pläne. Auch, daß er Dich und mich in Sevilla finden würde, wenn er zu uns kommen wolle, habe ich ihm geſchrieben.“ „Dies iſt ſehr gut,“ ſagte Columbus.„So wie er früher ſeinen mühevollen Erwerb mit mir theilte, ſo ſoll er nun meine glänzende Stellung mit mir genie⸗ ßen. Nur fürchte ich, daß wir ihn nicht werden erwarten können; denn wenn meine Flotte ſegelfertig iſt, ſo müſſen wir abgehen.“— Jacopo erzählte ihm nun von dem herzlichen Em⸗ pfange, den er bei dem Prior von La Rabida gefunden, und von deſſen Bereitwilligkeit, ihn und ſeine Leidensge⸗ fährten mit allem Nothwendigen bis zu ſeiner Ankunft in Sevilla zu verſehen. Auch manches anderweitige liebe⸗ volle Wort hatte er ihm von ſeinem alten Freunde zu ſagen. Columbus erwiederte nicht ohne Rührung: „Er bleibt ſich immer gleich; ſeine Zuneigung für mich iſt ſo treu, daß er ſie auf Alle ausdehnt, die mir nahe ſtehen. Mich ſelbſt, meinen Sohn, und nun auch Dich, meinen Bruder, hat er aufgenommen und mit Güte 142 überſchüttet, als wenn wir Alle ihm durch nahe Bande des Blutes angehörten.“ Bald darauf ließ Jacopo Don Jahme Ferrer be⸗ nachrichtigen, daß der Admiral ſeinem Beſuche mit Ver⸗ gnügen entgegenſähe. Wirklich war der Steinſchneider von Cordova in wiſſenſchaftlicher Hinſicht eine ſo aner⸗ kannte Autorität, daß die Königin Iſabella auch Colum⸗ bus empfohlen hatte, ſeine Bekanntſchaft zu ſuchen. Er hielt ſich in dem Gebäude auf, welches ſeine Juwelen⸗ niederlage in dieſer Stadt beherbergte, und konnte alſo zu der ihm beſtimmten Stunde der an ihn ergangenen Botſchaft Folge leiſten. Auf Columbus freundliche Ein⸗ ladung ſaß er bald ihm und ſeinem Bruder an dem Tiſche gegenüber, auf welchem der Globus ſtand. „Ich finde in Euch einen Reiſenden gleich mir ſelbſt, ſprach der Admiral mit ſeiner liebenswürdigen Leutſeligkeit.„Wenn ich die Meere durchſchiffte, ſo durch⸗ zoget Ihr weite Landſtrecken mit gleichem Eifer.“ „Ich kenne Venedig und Genua, Aeghpten, Palä⸗ ſtina und Syrien,“ erwiederte der gelehrte Steinſchnei⸗ der,„und ich handelte in den Bazars von Aleppo und Bagdad mit den arabiſchen Kaufleuten, welche aus Per⸗ ſien oder Oſtindien kamen, oder in Mekka gebetet hatten. Die Sprachen des Morgenlandes ſind mir geläufig. Ich verkehrte mit Mohamedanern, Juden, Griechen, Tataren 143 und Aethiopiern, und wenn ich die ältere Geſchichte der Menſchheit mit derjenigen des heutigen Geſchlechtes ver⸗ glich, ſo gelangte ich zu Reſultaten, welche mir ungewöhn⸗ lich genug vorkommen mußten.“ Er ſprach mit einem Anfluge einer gewiſſen pro⸗ vinziellen Mundart, welche zu erkennen gab, daß Catalv⸗ nien ſeine erſte Heimath geweſen ſein müſſe. Columbus verſetzte: „Ich kann alſo von Euch die genaueſten Nachrichten über das Innere des indiſchen Continents erhalten. Ihr habt nicht bloß nach Gemmen und Edelſteinen geforſcht, ſondern auch nach Gegenſtänden, die noch edler ſind als alles koſtbare Geſtein. Eure vielfültigen Har elsverbin⸗ dungen werden Euch allenthalben Zutritt verſchaffen.“ „Sie bringen mich mit unſern berühmteſten Zeit⸗ genoſſen in Verbindung,“ ſprach Jayme Ferrer mit einer Sicherheit, die mit Beſcheidenheit gemiſcht war.„Ich er⸗ lebe heute eins der glorreichſten Beiſpiele davon; denn ich befinde mich neben dem Vicekönig der neuen Welt.“ Columbus dankte ihm mit einem wohlwollenden Lä⸗ cheln und benachrichtigte ihn dann, daß er verſchiedene edle Metalle und Geſteine für ſich von ſeiner Reiſe mit⸗ gebracht habe. Ferrer erklärte ſich bereit, dieſe und auch alle ſonſtige Koſtbarkeiten, die der Admiral ſpäter nach Europa bringen würde, zu übernehmen und auf die beſt⸗ 144 möglichſte Weiſe zu verwerthen. Als dieſe geſchäftlichen Erörterungen beendet waren, fragte er: „Welcher unſerer Kosmographen hat dieſen Globus verfertigt?“ „Er iſt von Martin Behaim aus Nürnberg,“ ant⸗ wortete Columbus.„Ich habe mit dieſem wackern Deut⸗ ſchen oft genug in Liſſabon und auf den Azoren meine Gedanken über das ferne Land im Weſten ausgetauſcht. Er hat ſeine Anſichten darüber auf dieſer Kugel ausge⸗ ſprochen und ſie mir zugeſchickt; doch weichen die meinigen bedeutend davon ab. Er ſetzt hier mitten im Ocean zwi⸗ ſchen Europa und Aſien eine Inſel Antilia, deren Länge man beliebig ausdehnen kann. Dieſe phantaſtiſche Wan⸗ derinſel nennen andere unſerer Geographen Cipangv. Ich habe in der Wirklichkeit die neu entdeckten unzähligen kleinen und großen Inſeln viel weiter weſtlich gelegen gefunden.“ Er beugte ſich zu der Erdkugel herunter; ſie war ein Abbild des erſten Globus, der, verfertigt von dem großen, deutſchen Seefahrer, noch jetzt als ein Zeug⸗ niß ſeiner Intelligenz im germaniſchen Muſeum in Nürnberg gezeigt wird. Columbus ſprach ſich über die darauf angedeuteten Verhältniſſe weiter aus. Don Jahme Ferrer folgte dieſen ſo bereitwillig kund gegebe⸗ 6 145 nen Erörterungen mit der größten Aufmerkſamkeit. End⸗ lich ſagte er: „Ich darf Eure koſtbare Zeit nicht länger in An⸗ ſpruch nehmen, Sennor, und beuge mich tief vor der Größe Eures Genies. Im Vergleich mit Euren voll⸗ führten Thaten muß ich all' mein Denken und Thun nur ein erbärmliches Stückwerk nennen.“ „Habt Dank für Eure gute Meinung von mir,“ entgegnete Columbus heiter.„Es giebt indeſſen vor unſerm Scheiden noch ein Geſchäft zu beſeitigen. Ihr habt die Forderungen der Männer von Palos ganz befriedigt, wie ich von meinem Bruder höre; Rodrigo Bermeho iſt ein wilder Geſell, der, um ſeine Habſucht zu befriedigen, nicht nur ſein Leben wagt, ſondern auch andere dahin bringt, die Gefahr mit ihm zu theilen. Geſtattet mir, Euch die tauſend Golddublonen wieder zu geben, die Ihr tr auch für die Rettung meines Bruders ausgezahlt abt.“ Er war aufgeſtanden, nahm ein Päckchen, welches auf einem Nebentiſche lag, und reichte es dem Steinſchnei⸗ der dar. Dieſer machte jedoch eine abwehrende Bewegung und ſagte: „Ich habe dem Rodrigo Bermeyo allerdings die dreitauſend Goldſtücke für ihn und ſeine Gefährten aus⸗ gezahlt, weil ich ihnen dies verſprochen hatte, wenn ſie 146 uns ſicher hierher brächten. Es iſt geſchehen und ich habe alſo geſtern meine Kette eingelöſt. Euer Bruder hat ihre eigennützige Hilfsleiſtung viel weniger benutzt und ihre böſe Abſicht gegen mich vereitelt, indem er ſich anſtatt meiner in die Fluten ſtürzte.“ Jacopo hatte ſich während des letzten Theils der ſtattgefundenen Unterredung im Hintergrunde des Gema⸗ ches gehalten. Jetzt trat er näher und ſagte lächelnd: „Ich ſetzte damals richtig voraus, daß ich leichter als Ihr an's Ufer gelangen würde, Don Jayme. Die Heiligen haben mich gnädig beſchützt; ihnen allein haben wir für die Erhaltung meines Lebens zu danken.“ „Ihr gabt Eure kräftige Jugend preis, um mein hinfälliges Alter dem gewiſſen Tode zu entreißen,“ ſprach Ferrer langſam.„Das wenigſte, was ich für Euch thun konnte, war die Verwendung dieſes Goldes, das mir überflüſſig iſt. Keine Macht der Erde ſoll mich bewegen, es mir von Euch erſetzen zu laſſen; es würde auf mei⸗ ner Seele brennen. Aber meine Wünſche gehen noch weiter. Geſtattet mir, Euch dieſe Kette als ein Zeichen meiner Erkenntlichkeit zu überreichen. Nehmet ſie als ein freies Geſchenk von mir an; ich habe ſie in Damaskus von einem Paſcha eingetauſcht. Ihr werdet ein würdi⸗ gerer Beſitzer dieſes Schmuckes ſein als der rohe Heide, in deſſen Händen ſie zuletzt war.“ 147 Er hatte die blitzende Kette wieder unter ſeinem Wamms hervorgezogen und bot ſie dem jungen Manne dar. Dieſer aber wich vor der werthvollen Gabe wie vor einem böſen Gifte zurück; ſeine Wange röthete ſich höher und ſein Auge leuchtete unwillig, als er rief: „Wähnt Ihr, daß ich einen Lohn verlange?— Meine That geſchah ohne Eure Beiſtimmung, und alſo habt Ihr bei mir kein Verſprechen einzulöſen. Behaltet Eure Diamanten; ich habe mich nicht für ſie verkauft!“ „Dein Leben iſt ein werthvolleres Kleinod als dieſe, junger Mann,“ ſagte der Steinſchneider feierlich. „Ich danke Gott auf meinen Knieen, daß es erhalten blieb. Betrachte dieſe Kette nicht wie ein ſchnödes Opfer, mit dem ich die Schuld der Dankbarkeit von meiner Seele zu wälzen ſuche. Sie wird ewig in mir leben gegen Alles, was den Namen Colon führt. Euch, edler Admiral, bin ich mit dem ganzen lebenden Geſchlechte für den unend⸗ lichen Fortſchritt verpflichtet, dem Ihr es durch Euer un⸗ ſterbliches Unternehmen zuführt. Ich kenne die Unvoll⸗ kommenheit unſerer nautiſchen Hilfsmittel, die Unzuver⸗ läſſigkeit des Compaſſes, die Unbeſtimmtheit unſerer Erd⸗ kunde, weiß, wie wenig die Erfahrungen der Wiſſenſchaft Euch dabei unterſtützen konnten, und würdige es daher nach ſeinem vollen Werthe. So laßt denn dies Ge⸗ ſchmeide das Eigenthum der ganzen Familie Colon ſein; 148 es gehe auf deren Kinder und Enkel über, wenn Ihr es dereinſt nicht mehr beſitzen könnt, Don Jacopo. Für Euch und für ſie möge es eine Erinnerung an jene ſturmvolle Nacht bleiben, in der zum erſtenmale Euer neues Vaterland Andaluſien vor Euch lag; mögen die Begebenheiten derſelben ein gutes Omen für Eure Zu⸗ kunft ſein, auf daß Ihr aus jeder Gefahr an einer frem⸗ den Küſte ſo glücklich hervorgeht, wie aus der gegen⸗ wärtigen.“ „Nimm dieſe Gabe, die Dir mit ſo freundlichem Herzen geboten wird, Jacopo,“ ſprach Columbus, als dieſer noch immer zögerte.„Gott errettete Dich aus den Gefahren des Meeres. Zeige ihm ein demüthiges und dankbares Herz, indem Du dem Wunſche dieſes wackern Mannes nachkommſt.“ Jacopo willigte ein. Der Steinſchneider hing ſie um ſeinen Hals, indem der junge Mann ſich vor ihm niederbeugte. Das reine Waſſer der Steine funkelte hell auf dem dunkeln Wammſe; denn auch er liebte Einfach⸗ heit in der Kleidung, und wählte nur prunkende Farben, wenn dieſe in ſeiner öffentlichen Stellung unumgäng⸗ lich nothwendig zur Schau getragen werden mußten. Nun wurde der neue Gehilfe des Sennor Berardi, Amerigo Vespucci, gemeldet. „Eine Botſchaft von unſerem Landsmann!“ rief 149 Columbus heiter.„Er wird mir die Anzeige machen, daß ein Theil der militairiſchen Ausrüſtung für meine neue Flotte nach Cadir abgehen kann, wo ſie hoffentlich bald ſegelfertig ſein wird.“ „Ich habe ihn geſtern ſchon geſprochen,“ ſagte Ferrer.„Er hat ſich gänzlich erholt und nimmt ſich ſei⸗ ner Geſchäfte ſo eifrig an, als habe ihn durchaus kein Ungemach betroffen. Durch die gemeinſam erlebten Drang⸗ ſale iſt er auch uns näher verbunden worden.“ „Gewiß,“ ſprach Jacopo.„Er ſoll uns doppelt willkommen ſein.“ Der Steinſchneider entfernte ſich, um die weitere Verhandlung nicht durch ſeine Anweſenheit zu ſtören. Ziebentes Capitel. Martin Alonzo Pinzon. Siebzehn Schiffe ſammelten ſich im Hafen von Ca⸗ dir, welche für die neue Weltreiſe auf's beſte bemannt und ausgerüſtet wurden. Auch eine Anzahl Prieſter woll⸗ ten ſich einſchiffen, und Columbus hatte die Freude, un⸗ ter dieſen ſeinen brüderlichen Freund, den Prior von La Rabida, zu wiſſen. Die Königin hatte ſeine ausdrückliche Bitte berückſichtigt und dieſen ſo hoch in ihrer Achtung ſtehenden Geiſtlichen ſelbſt aufgefordert, den Admiral zu begleiten. Der durchdringende Scharfblick des Admirals ge⸗ wahrte indeſſen bald, daß die für die Ausrüſtung ein⸗ gehenden Lieferungen nicht alle denen glichen, welche Ves⸗ pucci mit ſeinem Herrn beſorgte. Im Gegentheil fielen ſie in mancher Hinſicht keineswegs zum Vortheil der Krone und der Erpedition aus. Als er ſich über dieſe 151 Mängel bei den Chefs der indiſchen Verwaltung be⸗ klagte, antworteten dieſe und die mit ihnen verbundenen Kaufleute und Handwerker ihm theils durch offene Wider⸗ ſetzlichkeit, theils durch kleinliche Chicanen, die ſie in das Gewand der größten Rechtlichkeit kleideten. Dieſe gingen endlich ſo weit, daß Columbus' Freunde davon an die Königin berichteten. Iſabella ſchrieb darauf ſogleich an Columbus, um ihr Bedauern über die Verdrießlichkeiten auszudrücken, die er habe erfahren müſſen. Einen zweiten Brief ſandte ſie an den erſten Chef der indiſchen Angelegenheiten Fonſeca, in welchem ſie ihm anempfahl, dem Admiral die größte Ehrerbietung zu beweiſen und ſich auf jede Weiſe nach ſeinem Willen zu richten. Sie habe mit dem größten Mißfallen die Miß⸗ helligkeiten erfahren, welche man dem Admiral bereitet habe, und gebiete, daß dieſe ausgeglichen und nie wie⸗ der erneuert werden ſollten. Während dieſe Vorfälle ſich in und außerhalb Se⸗ villa ereigneten, ſah man in ſpäter Abendſtunde zwei Männer durch die engen, gewundenen Straßen der Stadt gehen. Der Mond war am Himmel, doch erleuchtete er die Straßen nicht, ſondern warf durch die vielen vor⸗ ſpringenden Erker und Mauerecken nur dunklere Schatten darauf. Sie ſtanden endlich vor einem etwas abwärts gelegenen Hauſe ſtill, welches nach der Weiſe des Landes 152 mit Balconen, vergitterten Fenſtern und Säulengängen verſehen war, die auf den innern Hof oder Patio hin⸗ ausgingen. Die Gitterthür deſſelben ſtand weit auf, denn man befand ſich vor einer Poſada, einem ſpaniſchen Gaſt⸗ hof. Eine an dem Hofe liegende Halle, an deren Ein⸗ gang eine Fackel und auf deren Herde ein großes Feuer loderte, beherbergte eine lärmende Geſellſchaft. Die Halle diente theils als Ballſaal, theils als Küche. Ungefähr dreißig Männer und Frauen führten nach den Klängen einer Zither den Bolero auf. Aber die beiden Männer warfen nur einen flüchtigen Blick auf die reizenden Grup⸗ pirungen des Tanzes, auf die rauſchenden Seidengewän⸗ der der Frauen und auf die blinkenden Meſſer der Män⸗ ner. Sie ſchritten ſchweigend an dieſem Orte lauter, glänzender Luſt vorüber, und ſtiegen die Treppe hinan, welche an der andern Seite des Hofes zu dem Corridor führte, auf den die innern Zimmer hinausgingen. Sie wanderten auch auf dieſem eine Weile fort, bis endlich der Lärm der fröhlichen Tänzer nicht mehr zu ihnen herüberſchallte. Der Eine der Männer trug ein ſchwar⸗ zes, geiſtliches Gewand; er ſprach jetzt zu ſeinem Be⸗ gleiter: „Es wird dunkel hier, Rodrigo. Gehe voran und öffne die Thür des Krankenzimmers, damit einige Er⸗ leuchtung hier auf dieſen Gang falle und ich ungefährdet weiter gelange.“ 153 „Wie Ihr wollt, Pater Fonſeca,“ ſagte der Andere. „Wenn Ihr auch den Weg hierher ſchon einige Male ge⸗ macht habt, ſo kann er Euch doch nicht ſo bekannt ſein wie mir.“ Der Pater folgte ihm darauf in das Gemach. Es war ziemlich geräumig und wurde durch eine trübe bren⸗ nende, kupferne Oellampe erhellt. Die weißen Wände waren ohne allen Schmuck, die Mobilien von der einfach⸗ ſten Art. In der einen Ecke lag ein Mann auf einem Bette. Das ſchlichte, dunkle Haar hing wüſt um ſeine eingefallenen Schläfen; die Glut eines hitzigen Fiebers verzehrte ihn und trieb eine flüchtige Röthe auf die ha⸗ gern Wangen. Die eingeſunkenen Augen leuchteten un⸗ heimlich auf, als ſie auf den Matroſen Rodrigo Bermeyo fielen, und er rief mit heiſerer Stimme: „Gieb mir zu trinken, Bermeyo!— Die Zunge klebt mir am Gaumen. Dieſer Durſt iſt ein Vorgeſchmack der Hölle!“ Bermeyo reichte ihm einen Krug, der mit Eiswaſſer gefüllt auf der ſteinernen Tiſchplatte ſtand. Der Kranke trank in langen Zügen. Es war Martin Alonzo Pinzon; ſeine einſt ſo kräftige Geſtalt, die ſo oft den Elementen getrotzt hatte, war jetzt der Krankheit unterlegen. Die furchtbarſten Gemüthsbewegungen hatten ſie verurſacht. Der Geiſtliche trat nahe zu ihm und ſprach: 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. HI. 10 154 „Ihr habt noch einmal meine Gegenwart gewünſcht, Martin Pinzon. Ich bin ſogleich mit Rodrigo Bermeho gegangen, welcher mir Eure Botſchaft brachte, denn ich wollte Euch nicht warten laſſen.“ „Habt Dank, hochwürdiger Herr!“ ſtöhnte der Kranke, indem er die abgezehrte Hand ausſtreckte, um die ſchmale, wohlgepflegte des Geiſtlichen zu erfaſſen und an ſeine Lippen zu drücken.„Die Heiligen mögen Euch dafür ſegnen. Bermeyo iſt der Einzige, der mir treu geblieben iſt. Er hat ſich bald genug von Palos zu mir auf den Weg gemacht. Ich hoffte nicht umſonſt, daß er ſich noch etwas um ſeinen alten Herrn auf der Pinta kümmern und ihm in ſeiner Krankheit beiſtehen würde. Viel kann ich ihm nicht geben für ſeine Mühe, denn ich beſitze ſelbſt nicht mehr viel. Alle Andern laufen dem Genueſen nach und fragen nicht mehr nach Martin Pinzon.“ „Das iſt der Lauf der Welt,“ ſprach der Pater ge⸗ laſſen.„Den Glücklichen ſuchen die Menſchen auf; dem Unglücklichen kehren ſie die Rücken.“ Er ſetzte ſich auf einen hölzernen Seſſel neben dem Bette. Der Schein der Lampe fiel auf ſeine ſchmächtige, mittelgroße Geſtalt. Sein langes, gelbliches Geſicht war von kurzgeſchnittenem, ſchlichtem, dunkelm Haar eingefaßt, ſeine Naſe ſtark gebogen, ſeine weißlichen, dünnen Lippen weit geſpalten. Hartnäckigkeit, Neid und finſtere Ent⸗ 155 ſchloſſenheit lagerten hinter ihnen; doch waren dieſe un⸗ lauteren Gäſte tief in der Bruſt des Paters verſchloſſen. Er fragte nun: „Wie geht es Euch, Pinzon? Fühlt Ihr Euch beſſer als in der vorigen Woche, da ich Euch zuletzt ſah?“ Der Angeredete ſchüttelte das Haupt und verſetzte: „Schlecht— aber ich möchte nicht gern ſterben— dennoch fühle ich den Tod in meinen Adern. Verſprecht mir, daß Ihr morgen wiederkommen und mir die Sterbe⸗ ſaeramente geben wollt.“ „Es ſoll geſchehen,“ erwiederte der Pater. „Und dann auch leſ't ein Dutzend Seelenmeſſen für mich— es ſind noch einige Hände voll Maravedis in der kleinen, blechernen Büchſe dort— nehmt davon für die Sterbegebete. Was nachbleibt, iſt für Rodrigo, der bei mir bis zu Ende aushalten will.“ „Euer Wille ſoll ausgeführt werden,“ erwiederte Fonſeca. „Der Genueſe hat mir den Tod gebracht!“ rief der Fieberkranke nun wieder heftiger.„Ich verwünſche den Tag, da ich mich in Palos mit ihm einließ.“ Der Pater machte eine Bewegung, die bedauernde Beiſtimmung ausdrücken ſollte. Der Kranke fuhr fort: „O, wäret Ihr noch in Palos geweſen, Pater Fon⸗ ſeca, und hätten wir Euch anſtatt des Priors von La 156 Rabida um Eure Meinung über dieſen Colon fragen können— ſo wäre Alles anders geworden!“ „Ich habe während meines mehrjährigen Aufent⸗ haltes in Palos viel in Eurer Familie verkehrt,“ ſprach Zuan de Fonſeca,„und gern in Euch einen alten Be⸗ kannten wieder gefunden, als Ihr hier vor einigen Mo⸗ naten zu mir ſchicktet. Auch Bermeyo und ich haben uns damals vft geſehen, wenn er im Hafen an den Schif⸗ fen arbeitete und ich vorüberging.“ „Ihr habt mir manches Mal die Beichte abgehört, ehrwürdiger Herr,“ ſagte der Matroſe. „Aber ich muß wiſſen, was in der Welt vorgeht,“ ſprach der Kranke mit einer fiebriſchen Haſt, die wenig zu den früher geäußerten Todesgedanken paßte.„Ihr müßt es mir erzählen, denn Ihr erfahrt es zuerſt, Pater. Was giebt es Neues?“ „Die Königin,“ antwortete dieſer,„hat den ganzen Hausſtand, oder richtiger Hofhalt des Großadmirals er⸗ nannt: zehn berittene Offiziere und zwanzig andere Die⸗ ner. Alle Koſten dieſer Hofhaltung werden aus dem könig⸗ lichen Schatz von Caſtilien bezahlt. Die Königin ſteht beſtändig im Briefwechſel mit Colon, bewundert ihn we⸗ gen ſeiner Kenntniſſe und ſeines Genies, und nennt ihn einen Mann, den ihr der Himmel geſendet hat.“ Pinzon murmelte knirſchend: 157 „Und mir ließ ſie ſchreiben, daß ich ein Deſerteur, ein Betrüger und ein Meuterer ſei, daß mir nie ein Sonnenblick ihrer Gnade werden ſolle, und daß ſie nur in Hinſicht auf den Antheil, den ich an der Ausrüſtung der drei zuerſt abgeſandten Schiffe hatte, meine Verbrechen mit ſchweigender Verachtung beſtrafe!“ „Ihr ſeid ein erfahrener Seemann,“ warf Fonſeca hin,„waret in Rom und an der afrikaniſchen Küſte. Co⸗ lon war nicht ſeekundiger als Ihr. Dennoch ſolltet Ihr unter ſeinem Befehle das Weltmeer durſchiffen, und hättet an der Unſterblichkeit ſeines Namens theilnehmen können, indem Ihr den zweiten Platz neben ihm bekleidetet. Er ſollte und mußte vor allen Dingen der Erſte bleiben.“ Der Kranke machte eine Bewegung, als wolle er ſich aufrichten, ſank aber kraftlos wieder zurück und rief ſo laut wie es ihm möglich war: „Aber ich wollte und mußte dieſer Erſte ſein, denn ich hatte weit mehr Theil an dieſer Weltentdeckung als er!— Ohne mich und meine Brüder und Freunde hätte er nie die Fahrt antreten, nie Geld erlangen, nie Schiffe finden und bemannen können! Ich verhalf ihm zu Allem, und ohne mein Zureden und meine Befehle hätten ihm neun Zehntel der Mannſchaft nicht gehorcht! Mir ge⸗ bührte der Haupttheil des Ruhmes und des Goldes— ich müßte dem Rechte nach Vicekönig und Admiral ſein— 158 und ſterbe jetzt als ein verlaſſener Bettler!— Er hat mich um Alles gebracht— Gottes Fluch über ihn!“ Die Sprache verſagte ihm. Nach kurzer Pauſe ſagte Fonſeca: „Auch die zehntauſend Maravedis, welche die Kö⸗ nigin für Denjenigen ausſetzte, der zuerſt das neue Land erblicken würde, ſind als jährlich ſich erneuernde Penſion ſeinen übrigen Einkünften hinzugefügt worden.“ „Der betrügeriſche Gleißner! Die Peſt über ihn!“ rief der Matroſe mit einer wilden Geberde.„Dies Geld kommt mir zu; denn ich war es, der zuerſt die unbekannte Küſte erblickte!— Er hat es für ſich genommen und mich, den armen Matroſen, darum gebracht!“ „Er ſteht ſo hoch in der königlichen Gunſt,“ fuhr der Pater fort,„daß ſelbſt der König ihn Allen vorzieht, die er ſonſt damit beehrte. Jeder Andere ſoll nicht mehr gehört werden, wenn er ſpricht; wir ſollen Alle Nullen ſein— er allein will zählen!“ „Der fremde Bettler will ſich über alle Spanier erheben,“ ſprach Pinzon, der wieder einigen Athem ge⸗ wonnen hatte.„Hiermit könnt auch Ihr nicht zufrieden ſein, Pater Fonſeca.“ Ein hämiſches Lächeln zuckte um den feſt geſchloſſenen Mund des Angeredeten; ſeine kleinen, tiefliegenden, brau⸗ 159 nen Augen funkelten unheimlich; ſogleich aber ſenkte er ſie wieder und ſagte halblaut; „Ich richte mich nach den Umſtänden und gebe einſtweilen nach, wenn es ſein muß. Alles Irdiſche iſt wandelbar. Ich warte auf eine beſſere Zeit und handle geräuſchlos, bis ſie eintritt.“ „Und Ihr werdet Euer Ziel bis dahin nicht aus den Augen verlieren, Euch nicht von der glatten Rede des Genueſen bethören laſſen?“ fragte Pinzon. „Gewiß nicht, San Jago höre mich!“ antwortete der Gefragte.„Ich gehe langſam, aber ſicher. Der Freund dieſes Italieners werde ich niemals. Es wird bald Un⸗ zufriedene genug geben; ich werde ihr Haupt ſein und hier in Europa wirken, während der große Admiral in ſeine neue Welt eilt. Wir wollen ſehen, wie lange er ſie regiert. Seine Anmaßungen werden bald ihr Ende er⸗ reichen.“ 8 3ch will ſogleich zu Euch ſchwören,“ ſprach der Matroſe.„Wenn Ihr hier in der alten Welt auf Eure ſchlaue Weiſe thätig ſein wollt, ſo will ich auf meine Art in der neuen handeln.“ „Du willſt Dich wieder unter das Commando dieſes Genueſen ſtellen, mein Sohn?“ fragte der Pater auf⸗ merkſam. 3 „Allerdings,“ ſagte Rodrigo mit einem tückiſchen 160 Lachen.„Sein Bruder wurde vor einigen Wochen auf einem genueſiſchen Schiff an unſere Küſte verſchlagen. Es war bei dem letzten Sturm; ich holte ihn mit noch einigen Andern vom Bord, ehe es unterſank. Er fiel darauf von unſerm Boot in die See, und meine Tochter zog ihn auf's Trockne, als er an's Land geworfen wurde. Da habe ich denn nun unſere zwiefachen Verdienſte bei Don Jacopo geltend gemacht; er hat bei Don Eriſtobal für mich gebeten, und ſo hat denn dieſer großmüthig ver⸗ ziehen, daß ich damals mein Recht verlangte, und mir geſtattet, auch dieſe zweite Weltfahrt mitzumachen. Ich werde auf dem Schiffe dienen, welches er ſelbſt befeh⸗ ligt, und habe es dann um ſo bequemer, da ich ſeiner Perſon ſo nahe ſein werde.“ „Das iſt mir lieb zu vernehmen,“ bemerkte Fonſeca. „Und ich kann nichts thun, denn ich bin ein elender, kranker Mann!“ ſtöhnte Pinzon.„Ich werde nicht le⸗ ben, um den Sturz dieſes undankbaren Schurken zu ſe⸗ hen— denn meine Tage ſind gezählt!“ „Ihr habt mir Euren ganzen Nachlaß zugeſprochen, Sennor Capitano,“ ſprach Rodrigo,„ich werde auch Eure Rache übernehmen. Ich will ſie zu der meinigen ſchlagen, und dann ein doppeltes Maß über ihn aus⸗ 161 ſchütten. Verlaßt Euch auf mich noch jenſeits des Grabes!“ „San Jago möge Dir beiſtehen!“ flüſterte der Kranke, welcher wieder von ſeiner Schwäche übermannt wurde. „Fünf hundert Menſchen werden auf dieſer zweiten Weltfahrt von der Königin beſoldet werden,“ erzählte der Pater weiter.„Weit mehr noch wollen als Frei⸗ willige eingeſchrieben werden. Man kann nur ſieben hundert von ihnen aufnehmen, denn der Raum der ſiebzehn Schiffe würde nicht für Alle hinreichen; ich höre jedoch, daß wenigſtens noch drei hundert außerdem ent⸗ ſchloſſen ſind, heimlich an Bord zu gehen und ſich hinter allerlei Tonnen und Kiſten zu verbergen, um auf dieſe Weiſe dennoch mit auf's Meer zu gelangen.“ „Der Admiral mag ſehen, wie er mit ihnen fertig wird,“ lachte Rodrigo. „Die unlautere Leidenſchaft des Golddurſtes zeigt ſich bei dieſer Gelegenheit faſt als eine wahnſinnige Thorheit,“ fügte der Pater hinzu. „Heute ſieht es anders aus, als bei unſerer erſten Abfahrt,“ ſprach der Matroſe.„Damals gab es Heulen und Jammern in Palos, wohin man nur die Augen und Ohren wandte; jetzt können ſie in Cadir vor Freude nicht die Abfahrt erwarten.“ 162 Fonſeca hatte während der letzten Worte ſeine Au⸗ gen nicht von dem Kranken gewendet. Dieſer lag un⸗ beweglich wie ein Todter, doch hob ſeine Bruſt ſich et⸗ was. Der Geiſtliche ſetzte leiſer hinzu: „Wir dürfen ſeinen Schlaf nicht ſtören. Ich will ihn bis morgen verlaſſen.“ ß Bermeyo ſtimmte bei. Der Pater ſagte wieder halblaut: 8 „Folge mir, damit wir noch weiter über Dein Be⸗ nehmen auf dieſer Reiſe ſprechen. Mein Segen ſoll Dir nicht fehlen, wenn ich mit Dir zufrieden ſein kann.“ Er ſtand auf und verließ das Gemach. Der Ma⸗ troſe folgte ihm und ſagte mit ſeiner gewohnten Rohheit: „Ich will Euch gehorſam ſein, denn dies wird mit meinen eigenen Wünſchen übereinſtimmen. Doch würdet Ihr mir einige Dublonen zukommen laſſen können, ehe ich zu den Goldklumpen in der neuen Welt gelange. Für die Summe, um die mich der Genueſe betrog, habe ich noch keinen Erſatz erhalten.“ „Ich will ſehen, was ich für Dich zu thun vermag,“ verſetzte der Pater.„Vielleicht werde ich Dir ein ander⸗ weitiges Gnadengeld von der Königin auswirken können, wenn ich ſie gelegentlich auf Deine Verdienſte aufmerkſam mache; es würde Dir dann nach Deiner Heimkehr aus⸗ 163 gezahlt werden. Eine Handvoll Silberſtücke will ich Dir mit auf den Weg geben.“ „Gut,“ erwiederte Bormeyo;„ich ſehe, Hochwür⸗ diger, daß wir uns bald verſtändigen werden. Ihr ſollt in mir einen gehorſamen Sohn finden.“ Sie ſchritten wieder geräuſchlos und möglichſt un⸗ geſehen an dem Tanzſaal vorüber. Als ſie vor dem äußern Gitterthor angelangt waren, ſtand er ſtill und ſagte: „Wartet einen Augenblick, Pater. Ich will Pepita rufen, daß ſie nach dem Sennor Martin Alonzo bis zu meiner Nachhauſekunft ſehe und ihm zu trinken reiche, wenn er es verlangt.“ Er entfernte ſich auf wenige Minuten und begleitete dann den Geiſtlichen weiter in das Innere der Stadt, indem ſie den Tanzſaal mit ſeiner lärmenden Luſt hinter ſich ließen. Hier war der Bolero ſo eben beendigt. Während eine Treppe höher ein elender Menſch mit dem Tode rang, tobte hier unten der wildeſte Jubel des Lebens. Die Tanzenden ſchienen unermüdlich, unerſättlich. Einige alte Matten, Rohrſchemel, Rohrſtühle und hölzerne Bänke waren die einzige Ausſtattung der weißgetünchten Halle. Die Männer zeigten theils die Tracht der See⸗ leute, theils die noch maleriſchere der Mayos, jener 164 Stutzer der Volksklaſſen, welche ſich damals ſo gut wie heute in Andaluſien fanden. Ihre Damen waren Stutze⸗ rinnen, Mayas, wie ſie der Mund ihrer Freunde taufte. Sie trugen kurze Röcke von gelber und rother Seide, dabei eine hellblaue oder weiße Taille, über dieſer ein dunkleres Jäckchen, reich mit ſilbernen Schnüren oder Knöpfen beſetzt. Das volle, ſchwarze Haar war von den Meiſten zurückgeſtrichen, und der ſchlanke Hals, ihre wunderbar ſchönen Augen, Zähne und Lippen ſichtbar. Die Männer hatten rothe Netze auf dem Kopfe, trugen farbige Jacken, bunte Beinkleider und Dolche im Gür⸗ tel; farbenglänzende Stickereien, ſilberne Troddeln und goldene Schnüre zierten auch ihre Anzüge. Wieder ga⸗ ben ſich alle Erſcheinungen des ſo eben beendigten, lei⸗ denſchaftlichen Tanzes als Ueberreſte aus der entſchwun⸗ denen Maurenzeit kund. Die Burſche ſetzten auch nach ſeiner Beendigung ihre Pas fort, während die erſchöpften Tänzerinnen einige Feigen oder Orangen verſpeiſten, die auf einem Nebentiſche ſtanden. Nun folgten die Chachut⸗ ſcha und der Fandangv. Hoch aufgerichtet, den Oberkörper vorgebogen, ſtanden die reizenden Töchter Andaluſiens, die eine Hand in die Seite geſtemmt, die Tänzer erwar⸗ tend und darauf ſie vevfolgend, bald leiſe die Caſtag⸗ netten anſchlagend, bald ſie wild und zornig knacken laſ⸗ ſend, bis endlich die wirbelnde Luſt Alle wieder mit fortriß. 165 Die Zitherſpielerin allein theilte dieſe nicht. Mehrere Male nahten ſich ihr Mayos, welche ſie in ihrer muſika⸗ liſchen Leiſtung ablöſen und zum Tanze führen wollten. Andere boten ihr Orangen zur Erquickung nach ihrer angeſtrengten Bemühung. Sie nahm indeſſen keine dieſer Aufmerkſamkeiten an, ſondern blieb unverändert auf ih⸗ rem Rohrſtuhle ſitzen, indem ſie bald in die Saiten griff und ihre Melodien mechaniſch abſpielte, bald die Finger ruhen ließ, je nachdem es die Weiſen der Tänze geboten. Ihre Blicke waren faſt unverwandt auf einen andern Punkt gerichtet. Im Eingange der Halle, hell beleuchtet von der Fackel, ſtand ein junger Mann im dunkeln Wamms und Mantel, an die Wand gelehnt, der mit ſtiller, jedoch angelegentlicher Theilnahme dem fröhlichen Getümmel ringsum zuſah. Die Zitherſpielerin bewachte jede ſeiner Bewegungen, das heitere Lächeln, welches ſeine Lippen umſpielte, während der obere Theil ſeines Antlitzes durch den herabgezogenen, ſchwarzen Hut verdeckt war, und die leichten Bewegungen des Kopfes, mit denen er hin und wieder dem Takte der Muſik folgte. Endlich ſchwieg dieſe; die Gruppen der Tänzer lichteten ſich und der junge Mann wandte ſich nun erſt zu der Stelle, von woher dieſe Klänge erſchollen waren. Gleich darauf ſaß er neben dem jungen Mädchen und ſagte: „Ich habe Dich ſeit einer halben Stunde unter den 166 Tanzenden geſucht, Pepita, denn ich konnte nicht wiſſen, daß Du eine ſo vortreffliche Zitherſpielerin ſeiſt und die Andern tanzen ließeſt, während Du ſelbſt Dich mit dem Zuſehen begnügſt.“ „Ich kannte ſchon als Kind unſere andaluſiſchen Weiſen, Don Jacopo,“ verſetzte Pepita.„Wenn ich ſie einige Male gehört hatte, ſang und ſpielte ich ſie mir ſelbſt und Andern vor. Getanzt habe ich oft genug hier und anderswo. Heute fehlte es mir an Luſt dazu.“ „Ich hörte von Deinem Vater,“ entgegnete er,„daß Ihr einſtweilen in dieſer Poſada eine Herberge gefun⸗ den. Er will wieder mit uns in die neue Welt gehen.“ „Wirklich!“ rief ſie, indem ſie ihre Zither aus der Hand legte und es duldete, daß einer der Mayos ſich des Inſtrumentes bemächtigte und anſtatt ihrer die Tanz⸗ weiſen erſchallen ließ.„Er hat mir nichts davon geſagt.“ „So ging ich denn hierher, um Dich zu finden, gutes Mädchen,“ fuhr er fort.„Du weißt, daß ich noch nicht lange genug hier bin, um an Eure andaluſiſchen Sitten gewöhnt zu ſein. Da habe ich mich denn eine Weile vergnügt und dem Tanze zugeſehen. Doch naht unſere Abreiſe heran. Ich habe nicht vergeſſen, was ich Dir in Palos verſprach. Nimm dies und lebe vergnügt, bis Dein Vater und ich wieder nach Sevilla heim⸗ kehren.“ 167 Er legte ein ſeidenes Säckchen in ihre Hände; ſie öffnete es und fand es mit Goldſtücken gefüllt. Dann ſchloß ſie es wieder und gab es ihm ſchweigend zurück. Er ſah verwundert auf ihre finſtere Miene und fragte: „Was iſt Dir, Pepita? Zürnſt Du mir?“ „Ich nehme kein Gold von Euch,“ antwortete ſie kurz. „Du biſt ein ſonderbares Mädchen,“ rief er lebhaft. Dann ſetzte er ſanft und einſchmeichelnd hinzu: „Thue mir die Liebe; ich möchte Dich gern froh und glücklich während meiner langen Abweſenheit wiſſen.“ „Euer Gold wird dies nicht bewerkſtelligen.“ „So ſage mir, was ich für Dich thun kann.“ „Verſprecht mir, daß Ihr niemals Uebles von mir glauben wollt, bis ich mich vor Euch ſelbſt dazu bekenne.“ „Warum ſollte ich nicht alles Gute von Dir den⸗ ken?“ fragte er verwundert.„Du haſt mir nur Liebes erwieſen.“ Sie artite nicht. Endlich wiederholte ſie: „Verſprecht es mir.“ „Ich gelobe es, wenn Du darauf beſtehſt, und ſage Dir, daß ich oft und gern auch in den fernſten Zonen an Dich, an Palos und an Sovilla zurück denken werde.“ „Habt Dank für dies Wort!“ rief ſie mit leuch⸗ tenden Augen. 168 Er hatte den Hut von der glühenden Stirn genom⸗ men, an welcher das Haar heute in Locken herunterhing, wobei ſeine blauen Augen vor inniger Bewegung glänz⸗ ten. Er wollte weiter ſprechen, doch wendete ſie ſich ab, da ſie ihren Vater auf ſich zukommen ſah. Sie ging dieſem gleich darauf einige Schritte entgegen. Er be⸗ ſchränkte ſich indeſſen auf wenige Worte und entfernte ſich wieder, ohne dem Anſchein nach Jacopo Colon bemerkt zu haben. „Du willſt mich verlaſſen, Pepita?“ fragte dieſer, indem er ihre Hand ergriff. „Ich muß,“ verſetzte ſie. „So verſprich mir, daß ich Dich wiederſehen werde, ehe ich mich auf's Meer begebe.“ Sie nickte ſchweigend, entzog ihm ihre Hand und wandte ſich ab. Dann kehrte ſie ſich plötzlich wieder um, ergriff raſch die ſeinige, drückte dieſe an ihre Lippen, und entfloh darauf mit ſchnellen Schritten. Jacopo ſah ihr verwundert nach, während wiederum die Saiten ertönten, die Caſtagnetten knackten und der Wirbel des Tanzes um ihn rauſchte.— Pepita konnte nicht lange die Pflichten einer barm⸗ herzigen Schweſter an dem Krankenbette Martin Pin⸗ zon's ausüben. Ein ſchnell hinzutretender Lungenſchlag be⸗ endete ſeine irdiſche Laufbahn noch vor Mitternacht. Als 169 Rodrigo Bermeyo um dieſe Zeit heimkehrte, fand er nur den entſeelten Leichnam ſeines ehemaligen Chefs. Unrühm⸗ lich und kläglich hatte alſo ein Mann geendet, welcher als der erſte Freund und Gefährte des Weltentdeckers ſeinen Ruhm hätte theilen können, und ſtatt deſſen ſein Leben verkürzte, indem er ſeinen böſen Leidenſchaften eine zu große Herrſchaft einräumte. Er hatte dies Leben durch Ungehorſam, Gewaltthätigkeit und Unredlichkeit befleckt, und verlor durch die Fehler nicht nur den Lohn für alle überſtandene Gefahren, ſondern auch, was er vorher be⸗ ſaß: die Achtung ſeiner Standesgenoſſen und die ange⸗ ſehene Stellung, welche ſeine Mitbürger in Palos ihm ſo bereitwillig eingeräumt hatten. 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. III. 11 Achtes Caitel. Bruder und Schweſter. Jacopo verließ bald nach Pepita's Entfernung die Halle. Die laute Luſt in ihr erfreute ihn nicht mehr. Er begab ſich in die Wohnung ſeines Bruders, welche auch die ſeinige geworden war. So thatkräftig, wie ihn mancher ſtürmiſche Tag auf der See gefunden hatte, ſo luſtig gab er ſich oft genug der Freude hin, die ihn am Lande erwartete. Wie ein ächter Seemann genoß er dieſe Tage der Sicherheit ſorglos um die fernere Zukunft und ſtets bereit, ſich jenem Element wieder anzuvertrauen, auf dem er einen Theil ſeines Daſeins verbrachte. Der See⸗ fahrer und der Krieger müſſen Menſchen des Augenblicks ſein; nur das Heute gehört ihnen. Stets zum Fortgange gerüſtet, kann der morgende Tag alle ihre Verhältniſſe ändern und jeden heitern Lebensgenuß mit ihnen begra⸗ ben. Auf dieſe kühne Thatenluſt folgte indeſſen bei Ja⸗ 171 copo nicht ſelten eine Reaction, in der er ſich einer ſo ſchwärmeriſchen Weichheit hingab, in der ihn eine ſolche Sehnſucht nach Ruhe und Frieden erfüllte, daß jede Hoffnung des Ehrgeizes, jede Entſchloſſenheit des Han⸗ delns darin unterging. Die goldglänzenden Träume, welche auch ſeine erſte Jugend umſpielt hatten, verſanken dann wie weſenloſe Schatten in das Nichts, dem er ſie hatte entſteigen laſſen, und es war ihm, als könne ihm die bunte Alltagswelt mit allen ihren ernſten oder freudi⸗ gen Aufregungen niemals eine wahre, dauernde Genug⸗ thuung gewähren. Sein Weg führte ihn an der Kathedrale vorüber. Hell beſchien der Mond den mit Orangen bepflanzten, menſchenleeren Vorhof; die ſanften Klänge einer geiſtli⸗ chen Muſik drangen aus den geöffneten Kirchthüren, durch die erleuchteten Fenſter. Es wurde ein mitter⸗ nächtlicher Gottesdienſt gehalten. Die feierliche Ruhe ringsum legte ſich wie eine himmliſche Erquickung über Jacopo's Seele, welche ſich vft genug von dem geräuſchvol⸗ len Treiben, das gegenwärtig ſeine Tage anfüllte, mehr niedergedrückt als erhoben fühlte, und in welcher noch der wilde Lärm der Tanzſcenen in der Poſada nachhallte. Die Myriaden der Geſtirne waren jetzt in ihrem funkeln⸗ den Glanze am dunkeln Azur des ſüdlichen Himmels hervorgetreten. Wie helle Fackeln des Glaubens und der 172 Liebe leuchteten ſie dem jungen Manne, und die Töne der geiſtlichen Muſik riefen ihn wie Stimmen aus der Höhe in das Gotteshaus. Gedankenvoll ging er an dem Springbrunnen vorüber, welcher auf dem Vorhofe hoch auf ſprudelnd und verſilbert vom Mondſchein plätſcherte. Er trat in die Kirche und näherte ſich langſam einem Seitenaltar, vor dem eine der wenigen anweſenden Be⸗ terinnen kniete. Andächtig ſich bekreuzend blieb er hinter einer Säule ſtehen. Die Beterin war tief in ihre An⸗ dacht verſenkt. Der Schein der Altarkerzen beleuchtete hell ihr Antlitz, welches ihm in der ſchwarzen Umhüllung der zurückgeſchlagenen Mantille wie eins jener Bilder der Gottesmutter im dunkeln Rahmen vorkam, die die gläubige Begeiſterung der Meiſter ſeiner Zeit ſchuf. Nun ſchlug ſie die dunkeln Augen voll ſchwärmeriſcher In⸗ brunſt auf, und ließ dann wieder die langen, ſammtnen Lider ſinken, indem ſie die Stirn faſt bis auf die feſt ge⸗ falteten Hände herunter beugte. Jacopo glaubte in dieſem thränenverſchleierten Blick, in der ſanften Melancholie, die wie ein überirdiſcher Hauch über dieſen reinen Zü⸗ gen lagerte, zu leſen, daß harte Kämpfe dieſer bewegten Seele nicht fremd ſeien, daß ſie wie eine Heilige, die die Verſuchung kenne, ihren Troſt in der Heimath in der Höhe ſuche. Ein Gefühl von glühender Zuneigung, von inniger Theilnahme, in die ſich fromme Scheu miſchte, erwachte in ſeinem Herzen; es war ihm, als wenn ſich ihm plötzlich eine bisher unbekannte Welt voll Wehmuth und Wonne öffne; als wenn die Schmerzen, die dies Ge⸗ müth bewegten, ſich auch ihm mittheilen und um die Herrſchaft mit der kecken Elaſtizität ringen müßten, mit welcher er ſich gewöhnt hatte, den Wechſelfällen des Da⸗ ſeins entgegenzutreten. Auch er kniete nieder und ſprach ein ſtilles Gebet. Nach der Beendigung der Meſſe folgte er ihr als der Letzte aus dem Gotteshauſe. Noch hatten ſie den Vorhof nicht verlaſſen, als ihr Roſenkranz ſich von ihrem Gürtel löſte und auf die Erde fiel, ohne daß ſie es bemerkte. Er bückte ſich raſch, nahm ihn auf, trat neben ſie, bot ihr das Entfallene dar und ſprach: „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ „In Ewigkeit!“ flüſterte ſie, indem ſie dankend den Roſenkranz wieder befeſtigte. Nun ſchloß ſich ihr eine ältliche Dienerin an. Auf einmal kam es ihm vor, als wenn die Donna ſchwanke; ſie griff nach dem Arm ihrer Begleiterin, doch vermochte dieſer ſie nicht zu halten, und ſie würde auf die Straße niedergeſunken ſein, wenn nicht Jacopo wieder ſchnell herzugetreten wäre und ſie in ſeinen Armen aufgefangen hätte. Sie blieb bewegungs⸗ los. Er zog ihr raſch die verſchleierte Mantille vom Ge⸗ ſicht; es war bleich, die Augen geſchloſſen. Schnell ge⸗ faßt trug er ſie zu dem Springbrunnen und befeuchtete ihre marmorne Stirn mit dem Waſſerſtrahl. Die Diene⸗ rin ſtand wehklagend und rathlos daneben. Jacopo aber achtete ihrer Angſtſeufzer nicht; er ſah nur das ſchöne Weib in ſeinen Armen, ihr madonnengleiches Antlitz an ſeinem laut pochenden Herzen!— Endlich regte ſie ſich und ſchlug die Augen wieder auf. Aber es malte ſich we⸗ der Verwunderung noch Beſchämung in ihnen. Es war, als fühle ſie ſich ſicher und geſchützt an dieſer Bruſt, in der ſo laut die Stimme der Sympathie für ſie ſprach. Endlich ſagte Jacopo: „Um Gottes Willen, was iſt Euch?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete ſie ſich aufrichtend. „Ich habe eine für mich weite Reiſe heute zurückgelegt, die mit mancherlei Beſchwerden und Gemüthsbewegungen verbunden war. Ich glaubte die wahre Ruhe hier in der Kirche zu finden, und ſo ging ich denn noch hierher, ehe ich den Schlaf ſuchte. Alle dieſe Anſtrengungen wer⸗ den mir eine Ohnmacht zugezogen haben.“ „Fühlt Ihr Euch ſtark genug, nach Hauſe zu ge⸗ hen?“ fragte er wieder. „Ich will es verſuchen,“ erwiederte ſie;„mein Weg iſt nicht weit.“ „So geſtattet mir, Euch meinen Arm zur Stütze zu leihen; er wird Euch ſicher geleiten. Der Zufall könnte 175 wiederkehren und Eure Dienerin nicht im Stande ſein, Euch zu behüten.“ „Es würde möglich ſein— ich danke Euch!“ ent⸗ gegnete ſie, indem ſie ſeinen Arm nahm.„Ich fühle mich noch ſehr ſchwach.“ Sie gingen langſam weiter. Die Dienerin folgte ihnen. Ihre Worte enthielten ſo viele Wahrheit, daß Jacopo hin und wieder genöthigt war, mit ihr ſtill zu ſtehen. Er ſagte endlich hingeworfen: „Ihr ſeid nicht gern nach Sevilla gekommen?“ „Nein,“ ſagte ſie mit einem ſchmerzlichen Seufzer. „Wenn es von mir abgehangen hätte, ſo würde ich meine Heimath nicht verlaſſen haben. Am Wohlſten wurde mir hier in der Kathedrale.“ „So werdet Ihr ſie täglich beſuchen?“ „Gewiß, die Frühmeſſe wird mich ſtets dahin rufen.“ „So will auch ich mich dort einfinden, um Euch wieder zu ſehen!“ rief er im unbedachtſamen Ausbruche der Gefühle. Die Verſtellung, welche das Weltleben lehrt, war ihm in den einfachen Verhältniſſen des See⸗ und Landlebens, unter denen ſeine Jugend verſtrich, fremd geblieben. Er war es gewohnt, den innerſten Ge⸗ danken ohne furchtbares Zaudern auf ſeine Lippe treten zu laſſen. Sie aber ſagte faſt ſtrafend: 176 „Ihr werdet nicht zu anderem Zwecke das Haus betreten, als um Euch ſeinem Dienſte zu weihen. Es würde gottlos ſein, ſich von irgend einem weltlichen Verlangen dahin ziehen zu laſſen. Eure Gebete würden alsdann unerhört verhallen.“ „Ich will zu Euch wie zu meiner Heiligen auf⸗ ſchauen!“ fuhr er innig fort.„Ihr ſollt die Mittlerin zwiſchen meiner irdiſchen Schwachheit und dem Unerreich⸗ baren ſein! Begnadigt mich mit einem ſeelenvollen Blick, mit einem liebevollen Worte, und ich werde gereinigt und gebeſſert in das irdiſche Treiben zurückkehren!“ „Warum ſollte ich Euch mit Haß und Unfreund⸗ lichkeit lohnen?“ ſprach ſie milder.„Ihr habt Beſſeres um mich verdient, denn Ihr meint es gut.“ „O zweifelt nicht daran!“ rief er flehend.„Bedürft Ihr eines Freundes in irgend einer Verlegenheit— Ihr ſollt ihn in mir gefunden haben!“ „Ich glaube Euch,“ verſetzte ſie ſanft. „Ihr verſprecht mir, daß ich Euch wieder ſehen ſoll?“ fragte er dringender, indem er ihre Hand ergriff. „Ich will es Euch nicht wehren,“ erwiederte ſie mit einer ſo melodiſchen Stimme, daß ſie Jacopo wie Sphä⸗ renklang vorkam. Sie hielt abermals ihren Schritt an. Ihre Die⸗ 177 nerin hatte das Gitterthor des Hauſes vor ihnen geöff⸗ net. Sie wollte ihm ihre Hand entziehen. „Kann ich nichts für Euch thun?“ Sie verneinte ſtumm. „So lebt wohl auf eine kurze Zeit!“ rief er. „Die heilige Jungfrau behüte Euch,“ antwortete ſie ihm ihre Hand entziehend und ſich abwendend. Er ſah ihr nach. Das Gitterthor ſchloß ſich hinter ihr. Es war ihm zu Muthe wie nach einer ſchmerzlichen Trennung von einem Weſen, das er lange gekannt habe, das ihm innerlich ſehr nahe ſtände. In Gedanken verloren ſuchte er ſeine Behauſung auf, um auf ſeinem Lager Beruhigung ſeiner aufgeregten Gefühle zu finden.— Früh am folgenden Morgen eröffnete ihm der Bruder, daß er ſogleich nach Cadix abreiſen müſſe, um dort einige, die dort vor Anker liegende Flotte betreffende Angelegenheiten zu ordnen. Jacopo wurde ungefähr acht Tage in der Seeſtadt feſtgehalten, und ſchon war die Abendſtunde vorgerückt, als er abermals dem Admiral in ſeinem Privatzimmer in Sevilla gegenüber ſtand und ihm von der Beſorgung ſeiner Aufträge Bericht erſtattete. Als er geendet und Columbus ihm ſeine Zufriedenheit mit dem Geſchehenen ausgeſprochen hatte, fügte dieſer hinzu: „Es haben ſich während Deiner Abweſenheit Gäſte bei mir eingeſtellt, welche uns bald wieder verlaſſen wer⸗ 178 den. Ich will Dich mit meiner Frau und meinen Söh⸗ nen bekannt machen; ſie freuen ſich, in Dir einen nahen Verwandten mehr zu finden. Bis jetzt haben ſie von meiner ganzen Familie nur mich geſehen.“ Jacopo folgte ihm in das anſtoßende Gemach. Hier ſaß auf einem Divan eine Dame, welche einem kleinen Knaben ein Buch mit bunten Heiligenbildern zeigte, das ſie aus Cordova mitgebracht hatte. Der Kleine hatte ſich auf ihren Schooß gedrängt und den Kopf an ihre Bruſt gelegt, während ſie vornübergebeugt ihm die Bedeu⸗ tung der Bilder, die Glorie der Helden und Märtyrer— ſeinen kindiſchen Begriffen verſtändlich— erklärte. Die Abendſonne warf ihren glühenden Schimmer durch das nahe Bogenfenſter und umgab das Antlitz von Beatrir Colon mit einer Strahlenglorie, wie ſie das Haupt der Gebenedeiten in den ſpaniſchen Kirchen umglänzte. „Mein Bruder ſehnt ſich, Dich zu begrüßen,“ ſagte Columbus auf ſeine gewohnte liebevolle Weiſe.„Das Schickſal verſagte ihm eine Schweſter; heute wird ihm ein glücklicher Erſatz für dieſe Entbehrung.“ Sie erhob ſich, ſetzte den Kleinen auf die Erde und trat einen Schritt näher. Aber Jacopo ſtand unbeweg⸗ lich. Seine Blicke wurzelten auf dieſen lieblichen Zügen, in dieſen melancholiſchen Augen voll Innigkeit und Feuer. Er fand es wieder, das Bild ſeiner Träume, das Weſen, 179 bei dem ſeine Gedanken alltäglich mit aller Glut der Sehnſucht geweilt hatten— die Beterin in der Kathe⸗ drale, welche er einige Minuten lang in ſeinen Armen gehalten, welche wiederzuſehen der heißeſte Wunſch ſei⸗ nes Herzens geweſen war. „Seid mir herzlich willkommen, um ſo mehr, da wir uns nicht ganz fremd ſfind— jetzt begreife ich die ſympathetiſche Stimme meines Innern, die mir zurief, Euch zu vertrauen und hoch zu halten. Mein Bruder— Ihr ſeht Eure Schweſter eher wieder, als Ihr es ge⸗ ahnt habt.“ „Schweſter— ja Schweſter,“ murmelte Jacopo, indem er mechaniſch ihre dargebotene Hand ergriff und dieſe an ſeine Lippen zog.„Ich wähnte die Gattin mei⸗ nes Bruders in Cordova.“ „Sie hatte mir längſt verſprochen, noch vor unſerer großen Reiſe auf eine kurze Zeit hierher zu kommen,“ ſprach Columbus.„Ich wünſchte dringend meine Söhne noch vor dieſer zu ſehen.“ Jacopo beugte ſich jetzt zu dem Knaben Fernando, den er liebkoſend in ſeine Arme nahm, und welcher ſich nach Kinderart wieder losriß, um das Buch herbei zu holen und ihm die bunten Bilder zu zeigen. Der Erſtere hob wieder an: 180 „Ich erfuhr vor meiner Abreiſe nach Cadix nichts von Eurer Ankunft hier, Donna Beatrix.“ „Dies konnte nicht anders ſein, denn ich war erſt ſeit wenigen Stunden angelangt, als ich Euch in der Kathedrale traf,“ verſetzte ſie. „Ich wußte, daß mein Bruder ſeine Gattin erwar⸗ tete, entgegnete Jacopo,„doch konnte es mir nicht ein⸗ fallen, daß ich ſie zuerſt am dritten Ort erblicken würde.“ „Ich kam einige Tage früher, als Don Chriſtobal es glaubte,“ ſprach ſie,„und habe in dem Hauſe eines Freundes meine Wohnung genommen. Von dort war mein erſter Weg in die Kirche, um zu den Füßen der Heiligen ihren Segen für Alles zu erflehen, was ich in Sevilla unternehmen und erleben würde.“ Die Männer beugten ihre Häupter und bekreuzten ſich, um ihre Billigung dieſer frommen Abſicht zu erken⸗ nen zu geben. Jacopo hatte ſeine Worte wie mit abwe⸗ ſendem Geiſte geäußert; nun verſetzte er etwas lebhafter „Ihr habt vielleicht gefürchtet, daß es in Chriſtobal's Hauſe an Platz für Euch fehlen würde? Allerdings iſt es ſehr von Sachen und Menſchen angefüllt. Die Haus⸗ offizianten des Admirals nehmen viele Räume ein. Alles, was Ihr hier ſehet und höret, bezieht ſich auf unſere nahe Weltreiſe.“ „Auch glaubte ich,“ erwiederte ſie,„daß die Leb⸗ 181 haftigkeit meines Knaben Don Chriſtobal bei ſeinen vielen Geſchäften ſtören würde. Er iſt ein kleiner unruhiger, rückſichtsloſer Gaſt, der oft auch ohne mein Vorwiſſen bei ſeinem Vater eingedrungen ſein würde, wenn es dieſem am wenigſten paßt. Wir ſtellen uns daher lieber in Chriſtobal's Mußeſtunden ein, wenn das laute Getreibe um ihn ſchweigt.“ „Ihr und Euer Kleiner würdet kaum zur Zeit der Sieſta hier Ruhe gefunden haben,“ entgegnete er.„Außer Denen, die wirklich beſchäftigt ſind, kommen noch Viele von nahe und fern, die dem Vicekönig von Indien, dem Großadmiral des Weltmeers ihre Ehrfurcht bezeugen wollen. Manche ſtellen ſich auch aus bloßer Neugier ein, um ihn geſehen zu haben und nachher davon zu erzählen.“ „Es beſteht ein großer Unterſchied zwiſchen dem Zetzt und Sonſt,“ ſagte Columbus lächelnd.„Es ſcheint, daß man durch die Menge der gegenwärtig mir geſpen⸗ deten Ehrenbezeugungen und Huldigungen ausgleichen will, was man mir früher zu wenig davon zukommen ließ.“ „Sie würden mich beläſtigen,“ ſprach Beatrix faſt ängſtlich.„Ich wünſche nie von den pomphaften Aeußer⸗ lichkeiten umgeben zu ſein, welche man für die Gemahlin des Vicekönigs paſſend halten könnte. Kein Hofſtaat ſoll mich umgeben, kein Gefolge mich begleiten. Ich habe 182 das Gelübde der äußerſten Demuth zu den Füßen der Himmelskönigin abgelegt; auch ohne von den Mauern eines Kloſters umgeben zu ſein, will ich es für dieſe Spanne Zeit halten, die mir auf Erden beſtimmt iſt. Ich bin nur als die Begleiterin meiner Söhne hier und werde Sevilla noch vor Euch wieder verlaſſen.“ „Hier Oheim, hier iſt San Jago mit Helm und Schwert!“ rief nun der Kleine, ſich wieder ungeſtüm an Jacopo drängend.„Und hier iſt San Sehaſtian mit dem ſchönen blauen Gewande— und hier Santa Cäcilia, welche ihre köſtliche Muſik von den Engeln gelernt hat!“ Jacopo willfahrte ihm und bewunderte die bunten Geſtalten auf den kleinen, goldumränderten Bildern. Dann fragte er Columbus: „Du haſt noch einen Sohn— wo iſt er?“ „Er wird noch im Nebenzimmer ſein, wo er ſich mit ſeinem alten Lehrer, unſerm guten Juan Perez unter⸗ hält. Dieſer iſt von La Rabida hergekommen, um uns nach Cadix zu begleiten und ſich dort mit uns einzuſchif⸗ fen. Der gute Prior iſt faſt ein Mitglied meiner Familie geworden; er betrachtet auch Dich wie einen Sohn, dem er die liebevollſte Theilnahme widmet, und hat ſchon mehr⸗ fällig nach Dir gefragt.“ Jacopo antwortete nicht; der Widerſtreit der Ge⸗ fühle verſagte ihm die Worte. Es trieb ihn hin zu dem 183 ehrwürdigen Freunde, zu dem noch unbekannten Neffen, und doch hielt es ihn feſt wie mit magnetiſchen Banden. Er wußte, daß Beatrix nicht glücklich ſei; er bemerkte mit dem Scharfblick der Leidenſchaft, wie kalt ihr Blick war, wenn er ſeinen Bruder traf, wie gemeſſen die Worte, die ſie an ihn richtete, wie zurückhaltend jede Bewegung gegen ihn!— Und ein holder Knabe war ihr Eigenthum, auf den jede Mutter mit gerechtem Stolze geblickt hätte, und Chriſtobal, der edelſte und außerordentlichſte Mann, den Spanien kannte, deſſen Privatleben ſo fleckenlos war wie alle jene Schritte, die der Oeffentlichkeit geweiht ſein mußten, war ihr Gatte!— Sollte es dieſem dennoch nicht gelingen, ihr das Glück einer wahren und innigen Liebe dauernd zu bieten— ſollte es ihm aufbehalten ſein, den Funken wieder zu beleben, zur helllodernden Flam⸗ me anzufachen, der in der aſchefroſtigen Abgeneigtheit ertödtet war? Und dieſes Weib war ſeine Schweſter, die Gattin ſeines Bruders, dieſes Bruders, der ſein größter Wohlthäter war!— Er ſchauderte bei dieſem Gedanken und entſetzte ſich vor dem wüſten Labyrinthe ſeines Innern, in welchem ſie umherirrten. Der Eintritt des Priors und Diego Columbus' gab ſeinen Betrachtungen eine andere Richtung. Die Begrüßung zwiſchen ihnen war ſo herzlich, wie er es nach Columbus' Worten erwarten konnte. Diego ſchloß ſich ſogleich innig 184 an den neuen Onkel an, und der Prior ſagte mit ſeiner gewohnten, milden Freundlichkeit: „Gott hat ſichtbarlich über Dir gewaltet, mein Sohn, und Dich dem Meere entrinnen laſſen, um in Dir Dei⸗ nem edlen Bruder eine vielgetreue Stütze zu erhalten. Du wirſt ſeine Gefahren und ſeine Mühen theilen und ſeine Stelle erſetzen, wenn ihn die Unvollkommenheit des irdiſchen Körpers zwingt, ſich auf Stunden von dem Schauplatze ſeiner Thätigkeit zurückzuziehen.“ „Das will ich, ſo weit meine Kräfte irgend dazu rei⸗ chen!“ rief Jacopo lebhaft.„Möge mein guter Wille die Unzulänglichkeit der That erſetzen; dieſer Schauplatz un⸗ ſerer künftigen Unternehmungen iſt ſo unendlich viel großartiger als alle Verhältniſſe, in denen ich mich frü⸗ her bewegte, daß ich längere Zeit bedürfen werde, um mich an ihn zu gewöhnen und Tüchtiges auf ihm zu leiſten.“ „Die Liebe zu Deinem Bruder wird Deine Kräfte ſtärken,“ verſetzte der Prior.„Der Herr hilft dem Strauchelnden, wenn er aus der innerſten Tiefe ſeines Herzens zu ihm ruft!“ Jacopo ſah ihn tiefbewegt und freudig an. Dies Wort des Friedens aus ſo ehrwürdigem Munde legte ſich wie ein himmliſcher Thau auf ſeine geängſtigte, zagende Seele. Nach kurzer Pauſe verſetzte er: 185 „Ihr gehört zu Denen, welche den ſchwerſten Theil unſeres Vorhabens übernommen haben. Die Be⸗ kehrung der Indianer wird viele Ausdauer und einen in⸗ nerlich freudigen Muth erfordern.“ „Ich werde mich an das Wort unſers Meiſters halten, das uns gebietet, das Evangelium aller erſchaf⸗ fenen Creatur zu verkündigen,“ ſprach der Prior.„Wenn ich berufen ſein ſollte, den erſten Altar unter den Kindern der Wildniß zu errichten, wie Chriſtobal das erſte Kreuz unter ihnen erhöhte, ſo will ich die Aufgabe meines Le⸗ bens als beendet betrachten.“ Das Antlitz des Paters ſtrahlte von einer Begei⸗ ſterung, die derjenigen gleichen mochte, welche die Apoſtel ergriff, als der heilige Geiſt ſie erfaßte. Alle Anweſen⸗ den theilten dieſen religiöſen Enthuſiasmus, welcher ſo ſehr mit den Anſichten des Jahrhunderts übereinſtimmte, und es verging eine Weile, ehe ſie ſich wieder den ſonſt gewohnten Gegenſtänden der Unterhaltung zuwendeten.— Dieſer Unterredung folgten andere. Jacopo ſah ſeine Schwägerin oft in der Wohnung des Admirals, in der ſie einige Stunden zubrachte; einige Male auch fand er ſie in ihrer eigenen Behauſung. In jeder Minute, die er ſein nennen konnte, ſuchte er ihre Geſellſchaft, und wenn er ſie verließ, ſo dachte er mit einer Art von Angſt daran, wie viele Monden ihm auf der weiten Reiſe ohne 1861. VI. Cvlumbus und ſeine Zeit. II. 12 186 ſie vergehen müßten, wie ihn in der langen Einſamkeit der Waſſerfahrt nicht der ſanft wehmüthige Strahl dieſer ſchwarzblauen Augenſterne treffen, wie nicht die liebliche Melodie dieſer Stimme ſein Ohr berühren würde. Ihr Betragen gegen ihn war immer gleichmäßig liebevoll und von milder Freundlichkeit beſeelt. Die Frauen waren ihm in ſeinem heſperiſchen Vaterlande nicht unbekannt geblie⸗ ben. Er hatte glühende Leidenſchaften gefühlt und ein⸗ geflößt, und ſich im wechſelnden Spiel aufregender Em⸗ pfindungen erzürnt, ergötzt, oder betrübt. Jetzt aber war es ihm, als hätten ſeine Augen lange auf Flächen voll bunter, blendender Farben herum geirrt, und als dürften ſie ſich nun auf dem ſanften Grün eines anmuthigen Raſenteppichs ausruhen. Auf dieſe Weiſe nahte der letzte Tag des Aufenthaltes der Donna in Sevilla heran. Er ſtand ihr in ihrem Wohngemache im letzten Scheidegruß gegenüber und mußte ſich endlich losreißen, denn mancher⸗ lei Beſorgungen warteten noch ſeiner. Die nächſte Woche mußte auch ihn und ſeine ſämmtliche Reiſegefährten nach Cadir führen, wo ihre Abfahrt unverzüglich vor ſich ge⸗ hen ſollte. „Darf ich eine große Bitte an Euch richten?“ fragte er. „Sprecht,“ erwiederte ſie. Die koſtbare Kette, das Geſchenk Jayme Ferrer's, hing heute an ſeinem Halſe. Er nahm ſie ab und ſagte: 187 „Ich habe Euch erzählt, wie ich in den Beſitz dieſes Kleinods gekommen bin. Es auf meiner weiten Reiſe zu hüten, würde mich ſehr beſchweren. Unter den die un⸗ cultivirten Landſtriche bewohnenden Naturmenſchen würde ein ſolcher Schmuck ſehr überflüßig ſein. Ich wünſche ihn hier zurück zu laſſen und bitte Euch, ihn mir aufzu⸗ bewahren, bis ich ihn von Euch zurückfordere.“ Beatrix nahm die blitzende Kette in die Hand, be⸗ trachtete ſie aufmerkſam und ſagte dann lächelnd: „Ihr vertraut mir ein ſehr wichtiges Pfand an; ich bin faſt ängſtlich dabei, es ſo lange bewachen zu ſollen.“ „O ſcherzt nicht in dieſem Augenblicke,“ ſprach er dringend,„da mir ſo unſäglich traurig zu Muthe iſt. Die Kette bleibt am beſten in Eurem Gewahrſam, da ich noch zu kurze Zeit in Caſtilien war, um mir viele genaue Freunde erwerben zu können; ich wüßte kaum Einen, den ich um einen ſolchen Liebesdienſt erſuchen möchte.“ „So will ich Jemanden rufen,“ verſetzte ſie,„der bezeugen kann, daß ich dieſen Schmuck von Euch empfing, und daß Ihr ihn zu jeder Stunde von mir zurückfordern könnt, wenn Ihr wieder nach Europa heimgekehrt ſeid.“ „Laßt dieſe weitläufige Förmlichkeit!“ rief er ſie ſanft aufhaltend, da ſie zur Thüre gehen wollte.„Sie 4 188 mag zwiſchen Fremden nothwendig ſein, um das Mein und Dein zu wahren; wir bedürfen ihrer nicht. In kei⸗ ner Hand wird er ſicherer ſein, als in der Eurigen, denn keine iſt treuer und uneigennütziger— und wenn ich nicht wieder nach ihm fragen ſollte— wenn anders über mich verfügt würde als wir denken— ſo übergebt dies Kleinod meinem Bruder Chriſtobal, denn er würde mein nächſter Erbe ſein. Dieſe Kette ſoll ein unveräußerliches Eigen⸗ thum der Colons bleiben.“ „Ich werde Euren Wünſchen nachkommen,“ ver⸗ ſetzte Beatrix, indem ſie zu einem Wandſchrank ging und das koſtbare Geſchmeide darin verſchloß. Jacopo rief nun von Kummer überwältigt: „Wollt Ihr meiner liebevoll gedenken, wenn ich weiter und weiter in die Oede des Weltmeers dringe?“ „Seid deſſen ſicher,“ erwiederte ſie ſanft.„Wenn ich dieſe Kette erblicke, ſo wird ſtets das Bild ihres Ei⸗ genthümers ſo deutlich vor mir ſtehen, als wäre er hier in meiner Nähe.“ „Auch wenn jeder Tag die Entfernung zwiſchen uns unermeßlicher macht, wenn auf dem trügeriſchen Waſſer⸗ grunde Gott allein mein Hort ſein muß?“ fragte er noch einmal. „Meine Gedanken an Euch werden ſich mit den⸗ jenigen an meinen Gatten verſchwiſtern. Die neue Welt 189 wird für Euch Beide ein ſicherer Hafen ſein. Ihr könnt dort alle Wirren vergeſſen, die Euch in Caſtilien um⸗ gaben.“ „Niemals, niemals!“ rief er, indem er ihre Hand mit Küſſen bedeckte.„Lebt wohl!— Es iſt mir, als wenn ich Beſſeres, als dies Kleinod, als wenn ich einen Theil meines Herzblutes bei Euch zurückließe!“ Er ſank vor ihr nieder. Sie bengte ſich herunter, faltete die Hände auf ſeinem Haupte und flüſterte halb für ſich, halb zu ihm gewendet: „Heilige Jungfrau, bitt' für uns!“— Nahende Tritte wurden hörbar. Ein Hausdiener kam mit einer Botſchaft vom Admiral. Jacopo ſtürzte fort. Im zweiten Vorzimmer traf er eine Bekannte. Die Tochter Bermeyo's ſaß am Fenſter und ſtrickte an einem Netze von bunter Seide, welches für ein Kinderköpf⸗ chen beſtimmt ſein mußte. Er ſtutzte und fragte: „Du biſt es, Pepita? Wie gelangſt Du hierher?“ „Die Dumma des kleinen Fernando iſt plötzlich von ſchwerem Gebreſte befallen worden,“ entgegnete das Mädchen.„Die barmherzigen Schweſtern von Santa Clara haben ſie in ihrem Kloſter aufgenommen und ver⸗ ſprochen, ſie auf's Beſte zu verpflegen. Dennoch kann ihre Geneſung erſt nach Monden erfolgen. Da hat denn der Prior von La Rabida mich der Donna Beatrir 190 empfohlen. Ich bin als Fernando's Dumma geſtern bei ihr eingetreten, werde morgen mit ihr nach Cordova ge⸗ hen und den Kleinen hinführo beaufſichtigen und pflegen.“ „Du wirſt beſtändig um ſie ſein— für ſie leben— ihr jede Mühe abnehmen— jede Sorge ihr erleichtern können— wie glücklich biſt Du!“ rief er. Pepita ſah ihn groß an. Seine glühenden Wan⸗ gen, ſein ſchwärmeriſcher, tief trauriger Blick ſagten ihr, was in ihm vorging. „Verſprich mir,“ fuhr er fort,„daß Du Alles für ſie thun willſt, was Dir irgend Deine Kräfte geſtat⸗ ten— für ſie und für den Knaben— daß Du ſie in der Krankheit pflegen und im Kummer tröſten willſt!“ „Ich will es,“ erwiederte ſie leiſe. „Rede mit ihr von mir— rufe mein Bild in ihre Gedanken zurück— ſage ihr, daß ſie mir näher ſtehe als jedes andere Weib— und daß mir keine Andere ſo theuer ſei wie ſie! Sage ihr, daß Du es ſeiſt, die mich dem Le⸗ ben zurückgab, die ihr ihren beſten Freund, dem Admiral ſeinen Bruder erhielt!“ Er hatte ihre Hand ergriffen und drückte ſie warm, indem er auch ſeine zweite Hand darauf legte. Ihre Ar⸗ beit war ihr entfallen. Nun aber runzelte ſie leicht die Stirn und ſagte finſter: „Ich habe Euch aus dem Waſſer gezogen, weil Ihr 191 ein Menſch waret, der ohne mich umgekommen wäre. Daß Ihr der Bruder des Vicekönigs ſeid, habe ich erſt ſpäter erfahren. Es war nicht zu meiner Freude!“ Er erwiederte nichts hierauf; ſeine aufgeregten Ge⸗ danken weilten noch immer nur bei Beatrix. Mit einer faſt zärtlichen Innigkeit fuhr er fort: „Ich kenne Deinen Muth und Deine Treue. Wenn Du dieſe ihr widmeſt— ihr und ihrem Knaben— wenn ich ſie blühend und mir geneigt wiederfinde, wenn ich dereinſt den Boden Caſtiliens wieder betrete— ſo will ich Dir heißer danken, als für dies Leben ſelbſt, das ich Dir ſchulde!“ Er umfaßte ſie und drückte einen Kuß auf ihre Wange. Dann ſtürzte er fort. Lange noch ſtarrte ſie ihm nach, den düſtern Blick auf die offene Thüre gerichtet, durch welche er verſchwunden war.— Als Jacopo eine halbe Stunde ſpäter bei ſeinem Bruder anlangte, fand er dieſen mit der Prüfung einiger Dolche und Schwerter beſchäftigt, welche ihm von Cor⸗ dova zugeſchickt waren, und welche am folgenden Tage nach Cadir abgehen ſollten, um dort ſogleich an Bord der weſtindiſchen Flotte gebracht zu werden. Nachdem auch Jacopo ſeine Anſicht über dieſe ſcharfen Waffen ausgeſprochen hatte, ſagte Columbus ſich von ſeinem Sitze erhebend: 192 „Wir werden ohne Bartolomäo abſegeln müſſen, denn es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er in den nächſten Tagen hier eintreffen kann. Die Zeit ſeit dem Abgange Deiner Botſchaft an ihn iſt zu kurz geweſen. Doch bin ich in einiger Hinſicht faſt anderen Sinnes geworden. Vielleicht würde es eben ſo gut ſein, wenn Du in Ca⸗ ſtilien bliebeſt und während meiner Abweſenheit meine Angelegenheiten führteſt. Du könnteſt einen Vermittler zwiſchen mir und meinen Freunden am Hofe abgeben und mir ihre wirkſame Unterſtützung ſichern, wenn eine ſchleunige Erledigung meiner Anliegen an die Königin wünſchenswerth für mich iſt.“ „Dieſe wird Dir auch ohnehin werden,“ ſprach Jacopo.„Manche von Deinen hochſtehenden Freunden nehmen ein ſo lebhaftes Intereſſe an Dir und an Allem, was Weſtindien betrifft, daß ſie Dir nach dem Empfange Deiner Zuſchriften ſtets auf jede mögliche Weiſe förder⸗ lich ſein werden.“ Columbus ſchwieg nachdenkend. Dann fuhr er fort: „Ich würde dann noch einen Beweis Deiner brü⸗ derlichen Liebe fordern, indem Du dieſe auf meine Söhne ausdehnteſt und ihnen den abweſenden Vater erſetzteſt. Je mehr ſie heranwachſen, je mehr ſind ſie eines geeig⸗ neten, männlichen Schutzes bedürftig.“ 193 „Ihr Oheim Don Pedro wird ihnen zur Seite ſtehen können, wie es bisher geſchehen iſt,“ ſprach Jacopo. Columbus aber verſetzte: „Ich weiß nicht, ob dies für ſie hinreicht. Ich würde Dich veranlaſſen, Deinen Aufenthalt abwechſelnd hier in Sevilla und in Cordova zu nehmen, damit Du an letzterem Orte täglich mit den Meinigen verkehren könnteſt.“ In Jacopo's Augen leuchtete es blitzartig auf. Dann aber fielen ſie auf das ruhige Heldenantlitz ſeines Bruders, in welchem ſich das gewohnte Wohlwollen ge⸗ gen ihn ausſprach, und ein dunkler Schatten, wie von Angſt und tiefer Bekümmerniß, überflog die Züge des jungen Mannes. Dringend rief er: „Schicke mich nicht nach Cordova! Die Luft dieſer Stadt würde mit drückender Schwere auf mir liegen, das Geräuſch in ihren Straßen mich betäuben. Du riefſt mich in dieſe bewegte Welt, da ich Deine Größe theilen ſollte, aber ohne Dich verirre ich mich in ihr. Du warſt mir nicht nur ein Bruder, ſondern Du erſetzteſt mir auch den Vater, den ich vor wenigen Jahren erſt betrau⸗ erte!— So laß mich denn in wandelloſer Treue Dir nahe bleiben, ſei Du mein Halt und meine Zuflucht! 194 Schütze mich vor den Verſuchungen, die mich hier um⸗ ringen; nimm mich mit Dir, Chriſtoforo!“ „Aber Jacopo,“ ſagte dieſer liebreich,„Du willſt nicht einſehen, daß Dein Leben hier ſehr viel behagli⸗ cher und angenehmer ſein würde. Bedenke die Beſchwer⸗ den, die Entbehrungen, die wir ertragen müſſen, die Ge⸗ fahren, welche uns die Elemente täglich bringen!“ „Diejenigen, welche in unſerer eigenen Bruſt lau⸗ ern, erſchrecken mich mehr!“ murmelte Jacopo. Dann fügte er lauter hinzu: „Du theilſt ſie mit mir. Gott waltet über uns!“ „Er muß unſer beſter Hort zur See und zu Lande ſein!“ verſetzte Columbus ernſt. „Stoße mich nicht von Dir, Chriſtoforo! Laß mich bei Dir bleiben!“ Der junge Mann hatte die Hände wie im heißen Flehenswunſch ausgeſtreckt und einzelne Thränen floßen über ſeine Wangen. Ergriffen von dieſer Aufgeregtheit ſprach Columbus gütig: „Sei es ſo. Reiſe mit mir, wenn Du ſo ſehr wün⸗ ſcheſt, die neue Welt kennen zu lernen. Ich will Vespucci meine letzten Befehle geben und ihm ſagen, daß er ſich *) Jacopo nannte als Italiener ſeinen Bruder Chriſtv⸗ ſorv. Im Spaniſchen heißt der Name Chriſtobal. 195 ſpäter nicht mehr an Dich zu wenden hat. Diego und Fernando warten Deiner in den oberen Gemächern, um Dir ihr letztes Lebewohl zu bringen. Ich werde ſie bald zu ihrer Mutter führen und dann ſie Alle dem Schutze des Heilands empfehlen.“ Jacopo entfernte ſich, um ſeine beiden Reffen auf⸗ zuſuchen, mit denen er bald die letzten Abſchiedsworte gewechſelt hatte. Nenntes Capitel. Bartolomäus Columbus. Wieder war es der hochverehrte Name Iſabella's, den die Europäer der erſten Stadt gaben, welche ſie in der neuen Welt erbauten. Eine lachende Ebene, von zwei Flüßen durchſchnitten, breitete ſich an der Küſte Hiſpa⸗ niolas hinter einem vortrefflich von der Natur gebildeten Hafen aus. Gewaltige Felſenmaſſen beſchützten ihn und machten die neue Niederlaſſung zu einer ſo ſtarken Fe⸗ ſtung, daß ſie für uneinnehmbar gelten konnte. Ein dichter Wald zog ſich über den Boden hin, der mit erſtaunlicher Fruchtbarkeit die ausgeſäeten Gemüſe und Früchte reifte; das Getreide bot zwei Monate nach der Ausſaat ſchon reife Aehren. Aber trotz der maleriſchen Schönheit des Landes, trotz der Größe des wogenden Waſſerſpiegels von ihm, trotz des ungetrübten Azurs des ſüdlichen Him⸗ mels, der ſich über alle Reize dieſer wunderbar herrlichen 197 Natur wölbte, lagerte eine düſtere Niedergeſchlagenheit auf den Seelen der Menſchen. Chriſtof Columbus, ihr Admiral und Vicekönig, war von ſchwerer Krankheit be⸗ fallen; eins der dieſem Landſtriche eigenthümlichen, ſchlei⸗ chenden Fieber hatte ihn inmitten ſeiner Heldenlaufbahn befallen und ſeine raſtloſe Thätigkeit gelähmt. Er befand ſich in einem der wenigen ſteinernen Häuſer, die ſich unter den hölzernen Gebäuden der jungen Stadt erhoben. Vor ſeinem Bette kniete der gute Prior von La Rabida, welcher ſeinem Freunde im Tode wie im Leben zur Seite ſtehen wollte; die Hände gefaltet ſandte der ehrwürdige Mann heiße Gebete zum Throne des Höchſten für die Errettung des edlen Leidenden aus der Todesgefahr— und für das Heil ſeiner Seele, wenn ſie aus der Welt des Staubes heimberufen werden ſollte in die Wohnun⸗ gen des ewigen Friedens. Neben Jacopo Columbus ſtand in einiger Entfer⸗ nung von dem Krankenbette ein Mann von hoher athle⸗ tiſcher Geſtalt. Er mochte vier Decennien durchlebt haben; ſeine Geſichtsbildung erinnerte in einigen Theilen an diejenige des Admirals. Ein edler Freimuth und eine jo⸗ viale Liebenswürdigkeit waren ihr gewöhnliches Gepräge; heute aber lagerten die Schatten ernſter Trauer auf ihr. Man glaubte die Heldengeſtalt eines der beſten Ritter vor ſich zu haben, welche vor Granada gefochten hatten, 198 denn jede ſeiner Bewegungen harmonirte mit dieſem che⸗ valeresken Anſtrich. Oft ruhten ſeine verdüſterten Blicke auf dem blaſſen Antlitze des Kranken, welcher bewegungs⸗ los, mit geſchloſſenen Augen dalag; nur ſeine leiſen Athemzüge und die langſamen, kaum merklichen Schläge ſeines Herzens verriethen, daß er noch den Lebenden an⸗ gehöre. Dann richtete er den Blick wieder auf Jacopo und fragte in italieniſcher Sprache: „Alſo Ihr gelangtet ohne beſonderes Ungemach hier⸗ her nach Hiſpaniola?“ „Ja,“ flüſterte der Angeredete zur Antwort,„doch wartete unſerer hier eine ſchreckliche Ueberraſchung. Das Fort, welches Chriſtoforo bei ſeiner erſten Anweſenheit errichtete, war verlaſſen und zerſtört; von allen darin zu⸗ rückgelaſſenen Europäern fand ſich keine Spur. Wir mußten uns endlich überzeugen, daß Alle umgekommen waren. Getrieben von der Gier nach edlen Metallen hatten ſie einzeln oder in kleinen Trupps ihre Niederlaſ⸗ ſung verlaſſen, die indianiſchen Weiber und ſ onſtige Beute geraubt und ſich durch mancherlei Gewaltthätigkeiten die erbitterte Feindſeligkeit der Eingeborenen zugezogen. Dieſe erſchlugen ſie endlich theils auf ihren Streifereien in das Innere der Inſel, theils bei einem Ueberfalle des Forts. Hier befand ſich der edle Diego de Arana mit zehn Ge⸗ fährten; denn er war der Einzige, der ſeiner Pflicht und 199 den Befehlen des Admirals treu geblieben war. Auch er mußte der Uebermacht der hinterliſtigen Feinde erliegen. Wir fuhren endlich weiter an der Küſte herauf und warfen hier Anker. Der Admiral legte den erſten Stein dieſer neuen Stadt.“ „Es erhebt ſich ſogar ſchon eine Kirche in ihr,“ be⸗ merkte der Fremde. „Als wir,“ fuhr Jacopo fort,„unſere Vorräthe an's Land brachten, um unſere Niederlaſſuug damit zu verſehen, trat die Betrügerei vieler Lieferanten in Sevilla deutlich hervor. Trotz der Wachſamkeit, die wir anwen⸗ deten, um ſie zu verhüten, hatte man uns dennoch viel ſchlechtes Vieh untergeſchoben, den Wein in nicht gut ver⸗ wahrte Fäſſer gebracht und die ſchlechteſte Qualität der Arzneimittel gewählt. Das heiße Klima brachte uns mancherlei ſchlimme Krankheiten und verdarb die Vor⸗ räthe noch mehr, wodurch man alle dieſe Uebel noch tiefer empfand. Eine Mühle mußte erbaut, ein Kanal gegraben werden; die Zahl der noch dienſtfähigen Arbeiter war ſehr zuſammengeſchmolzen, und es befahl alſo der Admi⸗ ral, daß Jeder, der nicht krank ſei, Hand mit anlegen müſſe, um dem ſo dringend nothwendigen Bedürfniß ab⸗ zuhelfen. Dies gefiel aber den Edelleuten und müſſigen Freiwilligen ſchlecht, welche nur herübergekommen waren, 200 um Gold aufzuhäufen, ſonſt aber in Freude und Träg⸗ heit ein Leben nach ihrem Belieben führen wollten.“ „Der Admiral war in ſeinem Rechte,“ bemerkte der Andere.„Wer nicht arbeitet, ſoll auch nicht eſſen. Vor dem Geſetze der dringenden Nothwendigkeit müſſen ge⸗ wöhnliche Rückſichten und Standesunterſchiede weichen.“ „Doch murrten die vornehmen Tagediebe laut und beſchuldigten ihn der Grauſamkeit,“ fügte Jacopo hinzu, „wenn gleich auch ihr Leben und ihre Geſundheit durch ſeine energiſchen Maßregeln erhalten wurde. Das Beſtehen der Colonie iſt ihnen allein zu verdanken. Er ſandte dann zwölf der mitgeführten Schiffe nach Spanien zurück und wir gingen mit drei andern auf weitere Ent⸗ deckungen aus. Wir fanden Jamaica, fuhren an Cubas Geſtaden herunter und entdeckten eine Menge kleinerer Inſeln, deren einige von abſcheulichen Menſchenfreſſern bewohnt waren. Fünf Monate lang hatte unſere Fahrt gedauert; Chriſtoforo hatte mit immer gleicher Aufmerk⸗ ſamkeit die Gewäſſer, die Luft, den neu aufgefundenen Boden beobachtet und ſich bemüht, die oft ſo widerſpre⸗ chenden Mittheilungen der Indianer zu enträthſeln und ſich einige geographiſche Gewißheit über dieſe Landſtriche zu verſchaffen. Der beſtändige Kampf mit den Elemen⸗ ten kam zu dieſer dreifach geſteigerten geiſtigen und kör⸗ perlichen Thätigkeit; er unterlag endlich den verderblichen 201 Einflüßen des heißen Climas und verfiel in dieſe Lethar⸗ gie, die ihn noch jetzt nicht verlaſſen hat. Sie bildet einen vollſtändigen Gegenſatz zu der früheren, übermä⸗ ßigen Anſtrengung. Wir ſahen die Unmöglichkeit ein, mit unſern ſehr beſchädigten Schiffen weiter in die von den Caraiben bewohnten Inſeln zu dringen, und begaben uns auf den Rückweg hierher.“ Jetzt wurde eine Bewegung an dem einen Arm des Kranken bemerklich. Die beiden Männer traten ihm leiſe näher. Der Fremde ergriff ſeine Hand und rief mit ver⸗ haltener, jedoch deutlicher Stimme: „Chriſtoforo!“ Faſt ſchien es, als wenn der Ton dieſer einſt ſo ge⸗ wohnten Stimme den Nebel durchdränge, welchen die Krankheit um die Seele des Admirals gelegt hatte. Er ſeufzte laut und ſchlug die Augen auf. Dieſe ruhten Anfangs ungewiß auf dem Fremden; allmählich aber gewann ihr Blick mehr Sicherheit und es malte ſich ein freudiges Staunen in ihnen. Der Letztere beugte ſich herunter; der Kranke richtete ſich auf, und als die Arme des Fremden ihn umfaßten, ſank ſein Haupt auf deſſen Schulter, indem er leiſe rief: „Bartolomäo!“ „Ja, ich bin es!“ rief dieſer tief ergriffen.„Du erkennſt mich, Chriſtoforo?“ 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. MI. 13 202 „Ja,“ hauchte dieſer,„ſeit acht Jahren ſah ich Dich nicht— eine lange Zeit, Bruder!“ „Sehr lange,“ erwiederte dieſer.„Wohl habe ich gehofft, Dich fröhlicher wieder zu finden. Aber Du wirſt geneſen, Dich erholen— nicht wahr, Du wirſt es?“ „Ich glaube, ja!“ ſagte der Admiral.„Dein An⸗ blick belebt mich wunderbar. Erzähle mir, wie es Dir ergangen— es wird Alles beſſer werden.“ Bartolomäus bettete mit Jacopo's Hilfe den Kranken ſanft wieder auf ſein Lager, dem jeder ſybaritiſche Lurus fehlte, und ſetzte ſich neben dieſes. Auch der gute Prior erhob ſich, indem eine ſtille Freude ſein Antlitz verklärte, und ſagte ſanft: „Gott hat Euch zur rechten Zeit als einen Rettungs⸗ engel an das Krankenbette Eures Bruders geſandt. Durch Euer Erſcheinen wird die Kriſis, welche über ihm einge⸗ treten war, nunmehr einen guten Ausgang nehmen.“ „Ich hoffe es,“ verſetzte Bartolomäus. Dann er⸗ wiederte er den fragenden Blicken des Admirals, welche ſich nicht von ihm wendeten: „Ich erlangte endlich eine Audienz bei Heinrich dem Siebenten von England. Dieſer ſchloß ſehr bald eine Uebereinkunft mit mir ab, daß er ein Geſchwader aus⸗ rüſten wolle, mit welchem wir das weſtliche Indien auf⸗ finden ſollten. Ich reiſte ſehr bald ab, um Dich aufzu⸗ 203 ſuchen, doch ſchon drang die Kunde von der unter Spani⸗ ens Schutz ſtattgefundenen Entdeckung der neuen Welt nach London, wenn gleich Jacopo's Botſchaft mich nicht erreichte. Der König Karl der Achte nahm mich auf der Durchreiſe durch Paris mit der größten Auszeichnung auf. So ſehr ich mich auch beeilte, fand ich Dich nicht mehr in Sevilla, da Du ſchon Deine zweite Weltfahrt angetreten hatteſt. Ich ſuchte Deine Frau und Deine Söhne in Cordova auf und nahm die Letzteren mit an den Hof, welcher ſich in Valladolid befand, um ſie der Köni⸗ gin vorzuſtellen. Dieſe lobte ihr artiges Auftreten ſehr und wollte ſie in ihrer unmittelbaren Nähe behalten. Ich nahm dies jedoch vorläufig nur für Diego an und brachte Fernando zu ſeiner Mutter zurück; da er noch ſo ſehr jung iſt, ſo wird er am beſten noch einige Jahre unter ihrem alleinigen Schutz bleiben.“ Der Admiral machte ein beiſtimmendes Zeichen. Sein Bruder Bartolomäus fuhr fort: „Auch der König Fernando bewies ſich mir ſehr gnädig. Beide Herrſcher verliehen mir einen Adelsbrief und das Commando dreier Schiffe, die in die Colonie abgeſandt werden ſollten. Als ich jedoch hier mit dieſen anlangte, warſt Du nach Cuba und Jamaica unter Segel gegangen; ich habe Euch faſt fünf Monate lang vergeb⸗ lich erwartet.“ * 204 „Die Heiligen ſeien geprieſen, daß wir endlich ver⸗ einigt ſind,“ ſprach Jacopo mit einem tiefen Seufzer. „Die Königin,“ fuhr Bartolomäus fort,„beweiſt Dir ihre beſondere Gnade, indem ſie Dir durch mich Betten, Teppiche, Hausgeräth, Lebensmittel und Getränke ſchickt, welche ſie felbſt ausgewählt hat. Sie hat Deine Lieb⸗ haberei für ſchöne Parfüms nicht vergeſſen, denn auch von dieſen ſo wie von wohlriechender Seife hat ſie eine be⸗ deutende Quantität für Dich beigeſchloſſen. Außerdem führe ich einen Brief von ihr für Dich mit.“ „Laß mich ihn hören,“ ſprach der Admiral. Bartolomäus erhob ſich und kehrte in Kurzem mit dem königlichen Schreiben wieder. Er erbrach es. Es war auf die gnädigſte und liebreichſte Weiſe für den Ad⸗ miral abgefaßt, und verlangte von dieſem genaue Nach⸗ richten über alle Einzelnheiten in den neuentdeckten Land⸗ ſtrichen, welche das Intereſſe der Königin ſo lebhaft be⸗ ſchäftigten. Bei dem Anhören dieſer angenehmen Mit⸗ theilung belebten ſich die Züge des Admirals immer mehr, und endlich begannen ſeine Augen wieder zu glän⸗ zen, wie man es nur in den Tagen ſeiner unerſchütter⸗ ten Geſundheit an ihm kannte. Endlich fügte Bartolo⸗ mäus noch hinzu: „Auch ſind nochmals vier Schiffe aus Spanien eingetroffen, welche Arzneien, Kleidungsſtücke, Waaren 205 und Vorräthe mancherlei Art, einen Arzt, einen Apo⸗ theker und mehrere Arbeiter herüberführten. Mit einem Wort, es iſt Alles da, was Du zum Gedeihen der neuen Colonie nützlich erachteteſt.“ „Ha,“ ſagte Chriſtof Columbus mit immer klare⸗ rer Stimme,„ſo wird Alles gut werden. Die Huld Iſabella's hat ſich mir nie ſegensreicher bewieſen als diesmal. Und ich habe Euch, meine Brüder, Dich, Ja⸗ copo, zur Linken, und Dich, Bartolomäo, zur Rechten, ſo fürchte ich weder Gefahren noch Hinderniſſe mehr; ver⸗ eint werden wir ſie alle beſiegen.“*) Er hatte ſich mit einer Raſchheit aufgerichtet, die faſt die Feſſel der Krankheit von ſich ſtreifte. Nun trat einer der Hausbedienten herein und meldete, daß ein Matroſe, der ſich Bermeyo nenne, ſogleich den Admiral zu ſprechen wünſche. „Laß ihn eintreten!“ rief dieſer. Gleich darauf ſtand Bermeyo vor ihm und ſagte: „Admiral, ich bin ſchleunigſt herzugelaufen, um Euch zu benachrichtigen, daß die Schiffe, die Don Bar⸗ tolomäo aus Cadix herüberführte, verſchwunden ſind. Der Capitain Don Pedro Margarit erſchien in der ver⸗ floſſenen Nacht mit einer Anzahl Männer, unter denen *) Columbus' eigene Worte. 206 auch einige geiſtliche Herren waren, hinter dem höchſten Felſen an der linken Seite unſerer Stadt, wo ich an der Küſte die Wache in der großen Schaluppe der Santa Clara hatte. Er hielt mir ſeinen Dolch an die Kehle und zwang mich, ihn und ſeine Gefährten an die Schiffe des Don Bartolomäo zu rudern, welche in nicht großer Entfernung Anker geworfen hatten. Sie hatten ſich vor⸗ her mit der wenigen darauf zurückgebliebenen Mann⸗ ſchaft verſtändigt, und ſtachen darauf in See, um auf ihre eigene Hand nach Europa zurückzuſegeln.“ „Ha,“ ſprach Jacopo,„dieſe Unzufriedenen ent⸗ ziehen ſich in offener Empörung ganz der Autorität des Vicekönigs. Anſtatt nach der ihnen gewordenen Weiſung das Innere der Inſel mehr und mehr zu coloniſiren, zo⸗ gen ſie in kleineren und größern Trupps in den Dörfern umher und verübten— gleich ihren Landsleuten im vori⸗ gen Jahre— die abſcheulichſten Gewaltthätigkeiten. Da⸗ bei behauptete der Capitain Margarit laut, daß ſein Schwert der einzige Geſetzgeber ſei, dem man Folge zu leiſten habe.“ „Sie ſagten an Bord,“ fuhr Rodrigo fort,„daß die Colons unverſchämte Abenteurer wären, welche caſti⸗ liſchen Edelleuten nichts zu gebieten hätten. Der Ad⸗ miral ſei ein ſchurkiſcher Lügner, der ſich in Spanien durch allerlei ſchmähliche Vorſtellungen einige Wichtig⸗ 207 keit verſchafft habe. Von dem Golde, deſſen er ſo viel⸗ fältig erwähnt habe, finde ſich ſehr wenig, und man ge⸗ winne anſtatt deſſen die ſchrecklichſten Fieber und Seu⸗ chen, an denen dies mörderiſche Klima ſo reich ſei.“ „Die alten Beſchwerden,“ bemerkte Jacopo achſel⸗ zuckend.„Durch Unmäßigkeit und Unvorſichtigkeit haben ſie dieſe dem heißen Himmelsſtriche eigenthümlichen Uebel ſelbſt höchlich verſchlimmert.“ Der Matroſe ſprach weiter: „Der Admiral habe ſie hungern laſſen, da er ihnen zu kleine Rationen zutheilte. Sie wollten der Königin ſelbſt die Augen öffnen und in Spanien alle ſchlechten Thaten des Admirals an's Licht bringen.“ „Wie kamſt Du wieder an's Land?“ fragte Bar⸗ tolomäus ihn unterbrechend. „Wir fuhren eine Stunde lang an der andern Seite der Inſel herunter,“ antwortete der Gefragte,„und hiel⸗ ten uns in der Nähe der Küſte. Ich benutzte einen un⸗ bewachten Augenblick, da die meiſten der Flüchtenden un⸗ ten in der Cajüte oder im Raum waren, und ſprang in die See, um in der Dämmerung der Nacht ungeſehen an's Land zu ſchwimmen. Als ich dies endlich erreichte, hatte ich noch einen langen Weg nach Fort Iſabella zu nehmen, und konnte Euch daher nicht früher dieſe Nach⸗ richt bringen.“ 208 „Gut,“ ſagte der Admiral,„ich werde Deines Dienſteifers ſpäter gedenken. Vorerſt ſollen Dir zehn Dublonen ausgezahlt werden. Gieb ſie ihm, Jacopo!“ „San Jago ſtehe Euch bei und laſſe Euch geſund werden, Admiral. Dank Euch!“ ſprach Rodrigo, indem er mit Jacopo das Zimmer verließ. Er hatte alle jenen rohen Zuſätze vermieden, deren er ſich früher bei ſeinen Reden zu bedienen pflegte, und ſich eines unterwürfigen Tones befleißigt, wie es dem Untergebenen gegen Höher⸗ ſtehende geziemte. Als er im Vorgemache angelangt und unbeachtet war, verzerrte ein höhniſches Grinſen ſeinen breiten Mund und er murmelte vor ſich hin: „Zehn Dublonen— es fehlt noch viel, bis wir quitt ſind, Admiral!“— Bartolomäus Columbus würde auch für ſich allein einen hervorragenden Platz unter ſeinen Zeitgenoſſen haben einnehmen können; ſeine Anhänglichkeit an ſeinen Bruder Chriſtof ließ ihn jedoch die zweite Stelle neben dieſem wählen, und er war zufrieden damit, daß deſſen außer⸗ ordentliches Genie ihn theilweiſe verdunkelte. Seine Vor⸗ züge waren mehr durch die Praxis als durch die Theorie ausgebildet. Er ſprach das Lateiniſche und die meiſten lebenden Sprachen. Auch er war zum Befehlen geboren, denn Sicherheit, Entſchloſſenheit und Geiſtesgegenwart traten bei ihm bei jeder wichtigen Veranlaſſung hervor. 209 Die Erfahrungen eines vielbewegten Lebens unterſtützten ihn dabei. Von dem religiöſen Element, welches der Zeit⸗ geiſt ſo ſehr begünſtigte, fand ſich weniger bei ihm als bei ſeinen beiden Brüdern. Nicht ſelten veranlaßte ihn ſpäter der ihm innewohnende Freimuth, ſeine Energie auch gegen die Höflinge, welche die ſpaniſchen Herrſcher umgaben, gegen heimliche und offenbare Feinde, ſo wie gegen den eiteln, caſtilianiſchen Stolz kund zu geben, der die Durchführung ſo manches Guten verhinderte. Wohl war in dieſem Augenblicke die Tüchtigkeit und Waffengewandtheit ſeines älteſten Bruders eine will⸗ kommene Stütze für Chriſtof Columbus; denn drohend genug geſtalteten ſich die Zuſtände. Unerwartet ſchnell geneſen, ſah er bald faſt die ſämmtlichen Caziken, welche den Boden Haitis beherrſchten, gegen ſich verbündet. Mit entfeſſelter Wuth griffen ſie die Europäer von allen Sei⸗ ten an, entſchloſſen zum grimmigſten Vertilgungskriege. Zweihundert und zwanzig Europäer mußten den Kampf mit hunderttauſend Indianern aushalten. Kriegsliſt und Tapferkeit, ſo wie die Ueberlegenheit der europäiſchen Waffen errangen endlich den Sieg, und Columbus war im Stande, den bezwungenen Caziken einen bedeutenden Goldtribut aufzuerlegen. Da ſtellte ſich ganz unerwartet ein von Caſtilien abgeſendeter, königlicher Comiſſair ein, um das Benehmen des Admirals zu unterſuchen. Dieſer 210 vertheidigte ſich mit Würde und Mäßigung, hoffte in⸗ deſſen das Beſte von ſeiner baldigen, perſönlichen Er⸗ ſcheinung bei der Königin. Endlich gelang es durch einen glücklichen Zufall, den eigentlichen Golddiſtrikt zu ent⸗ decken; ſeine Minen und Flüſſe lieferten bald einen reichlichen Ertrag, und wohl durfte der Admiral dieſe neue Goldquelle als eine ihm zur rechten Zeit geſandte Hilfe von Oben betrachten, da er in ihr das beſte Mit⸗ tel ſah, die Ränke ſeiner nach Spanien zurückgekehrten Feinde unwirkſam zu machen. Vom beſten Muthe be⸗ ſeelt trat er endlich mit mehreren Schiffen die Rückfahrt nach Europa an, indem er die Kranken und eine be⸗ trächtliche Anzahl gefangener Indianer mit ſich nahm. Vorher ſetzte er ſeinen Bruder Bartolomäus zum Statt⸗ halter von Indien ein, und wußte alſo, daß er auf dieſe Weiſe die Zügel der Regierung der neuen Colonie in den beſten Händen zurückließe. Jacopo ſollte ihm zur Seite bleiben und die Reiſe nach Europa nicht mitma⸗ chen. Nach einer ziemlich ſchwierigen Fahrt wurde end⸗ lich Cadir erreicht, und die vielgeprüften, theilweiſe ſehr enttäuſchten Spanier begrüßten nach faſt dreijähriger Abweſenheit freudig wieder den Boden der Heimath. Wir treffen Columbus in der Geſellſchaft des guten Priors Juan Perez wieder, welcher auf der Heimfahrt die Kranken und Leidenden durch geiſtlichen Troſt geſtärkt 211 hatte. Wie dieſer Freund aber trug Columbus das dunkle Gewand der Franziskaner, den Strick gleich ihm als Gürtel. Der königliche Großadmiral des Weltmeers hatte das Kleid der äußerſten Demuth bei ſeiner Ankunft in Spanien angelegt und ſeinen Bart wachſen laſſen. Nicht eher wollte er wieder in bunter, weltlicher Far⸗ benpracht erſcheinen, bis Iſabella ſelbſt ihn zu ſich beriefe. „Lebe wohl, mein Bruder,“ ſprach der Mönch;„ich gehe in mein Kloſter zurück, denn meine Miſſion in der Welt iſt erfüllt. Ich habe in jenen entfernten Re⸗ gionen die neuen Wunder des Schöpfers mit eigenen Augen ſchauen dürfen, und allen jenen Antheil, den ich an der Entdeckung Weſtindiens nahm, ſo herrlich be⸗ lohnt geſehen. Ich kehre wieder in die Abgeſchiedenheit meiner früheren Tage zurück, und werde mich wenig mehr auf einem vom Getreibe der Menſchen erfüllten Schauplatz bewegen.“ „Ziehe hin in Frieden,“ ſagte Columbus mit tie⸗ fem Ernſt.„Ich wiederhole Dir, daß ich durch die Treu⸗ loſigkeit meiner Gegner und durch die Beachtung, welche die Herrſcher ihnen angedeihen laſſen, ſehr unangenehm überraſcht worden bin. Ich habe der Königin meine An⸗ kunft angezeigt und muß ihre Antwort erwarten. Fordert ſie meine Gegenwart nicht, ſo werde ich Dich bald in La Rabida aufſuchen.“ Der Prior entfernte ſich. Columbus begab ſich dar⸗ auf nach Sevilla, wo er noch einige Wochen lang war⸗ ten mußte. Endlich traf Iſabella's Antwort ein und lau⸗ tete ganz ſo wohlwollend wie ihre früheren Schreiben. Nun begab er ſich wieder im vollen Glanze ſeiner Würde an den Hof, und ſo gewichtig auch die gegen ihn erho⸗ benen Anklagen ſein mochten, ſo vergaß die Königin ſie dennoch bei ſeinem Anblicke. Ihre ganze achtungsvolle Zuneigung für ihn erwachte wieder, und ſie ſuchte ihn durch die größte Freundlichkeit die erlittene Unbill ver⸗ geſſen zu machen. Das Weltgetriebe nahm den Admiral bald wieder auf allen Seiten in Anſpruch, ſo daß er alle Gedanken an die klöſterliche Zurückgezogenheit auf⸗ gab. Die mitgebrachten Körner und Stücke rohen Gol⸗ des waren als die redendſten Beweiſe des wirklich auf⸗ gefundenen Golddiſtriktes ſeine beſte Empfehlung bei dem Könige, und ſo hatte es zum größten Verdruße ſei⸗ ner zahlreichen Gegner den Anſchein, als wenn der Ad⸗ miral wieder auf dem Gipfel des irdiſchen Glückes ſtände. Endlich machten ihm der König und die Königin den Vorſchlag, daß ſie ihm einen Landſtrich von mehr als tauſend Quadratmeilen im Innern Hiſpaniolas zum Eigenthum geben und dieſer Beſitzung in Uebereinſtim⸗ 213 mung mit ſeiner Würde als Vicekönig den Namen eines Herzogthums verleihen wollten. Columbus ging jedoch nicht ganz auf dieſen verlockenden Vorſchlag ein, ſondern wünſchte, daß nur der Titel„Admiral“ in ſeiner Fa⸗ milie erblich bleiben, und daß die ihm beſtimmten Län⸗ dereien nach ſeinem Tode auf ſeinen älteſten Sohn über⸗ gehen ſollten. Zehntes Cmitel. Maria von Toledo. Das Hoflager Ferdinand's und Iſabella's hatte auch nach der Beendigung des Maurenkrieges keinen beſtimm⸗ ten Aufenthaltsort. Sie nahmen vielmehr ihre Reſidenz abwechſelnd an den Hauptorten der verſchiedenen König⸗ reiche, aus denen ihr großes Land„Spanien“ zuſammen⸗ geſetzt war. In den letzten Monaten war dieſe in Burgos geweſen, wo Iſabella die Braut ihres Sohnes und Thron⸗ erben, des Infanten Juan, empfangen hatte. Dieſe Ver⸗ mählung ſollte mit allem Glanze begangen werden, welche des künftigen Königs von Spanien würdig war. Kaum waren jedoch einige Tage nach der Trauung verſtrichen, als der jugendliche Gemahl von plötzlicher Krankheit er⸗ griffen wurde, welche ihn ſchnell in der Blüthe ſeiner Jahre dahin raffte. Die Königin war ſo eben in Cordova eingetroffen, doch lagerte nunmehr düſtere Trauer auf der 215 alten Stadt der Khalifen. Alle beabſichtigten glänzenden Feſte unterblieben und die ſonſt ſo geräuſchvolle Hofhal⸗ tung der eaſtiliſchen Königin war ſo ſtill, als herrſche die ſtrenge Regel eines Kloſters darin. Die gebeugte Mutter zeugte ſich nicht mehr, als es durchaus nothwendig war; bei der Beſorgung der dringenſten Staatsgeſchäfte ſuchte ſie ihre alte Geiſtesſtärke zu bewahren, ſonſt aber fand ſie nur in religiöſen Uebungen oder in Werken der Wohlthätigkeit Zerſtreuung. Mehr als ſechs Jahre waren nun ſeit der Eroberung von Granada verſtrichen, und wir kehren wieder zu eini⸗ gen der Perſonen zurück, welche in jenen bewegten Tagen der Bekämpfung der Mauren eine hervorragende Stelle einnahmen. Elvira von Viana und Arnold Waller hatten das Glück an ihren häuslichen Herd gefeſſelt, welches ſie mit allem Feuer der erſten Jugend von ihrem ge⸗ genſeitigen Beſitze gehofft hatten. Auf die erſten Jahre der glühenden Leidenſchaft waren die ruhigeren Tage jener zärtlichen, dauernden Liebe gefolgt, welche nicht nur die Vorzüge des geliebten Gegenſtandes bewundert, ſondern auch ſeine Schwächen— denn welcher Staubgeborne wäre ohne dieſe?— mit verzeihender Sanftmuth erträgt. Arnold war durch die heroiſche Liebe Elvira's mit einer Fülle von irdiſchen Glücksgütern begabt worden, die faſt die gaukelnden Hoffnungsbilder ſeiner kühnſten Träume 216 übertraf. Sie dankte ihm ihre Rettung aus drohenden Gefahren und wußte, daß nie ein treuerer und tüchtigerer Arm als derjenige ihres Gatten ſich für ſie erheben würde. Es fand alſo Einer ſeine beſte Stütze in dem Andern, und vielleicht trafen gerade dadurch in dieſer Ehe ſo manche Bedingungen des Glücks zuſammen, die unter andern Verhältniſſen gefehlt haben würden. Da jedoch der ungetrübte Genuß dieſer ſchimmernden Gabe aus der Höhe keinem Staubgebornen beſtimmt iſt, ſo blieben auch für dieſes nach ſo bitteren Hinderniſſen vereinigte Paar die Wermuthtropfen im Lebensbecher nicht aus. Elvira hatte ihrem Gatten zwei Töchter geboren, welche früh dahin ſtarben; ſie ſuchte einen Erſatz für den verödeten Platz in ihrem Hauſe, wie in ihrem Herzen, indem ſie bei einer elternloſen Verwandten, der kleinen Maria von Toledo, Mutterſtelle vertrat, und auf dies Kind alle jene Liebe häufte, welche ſie früher ihren eigenen Töchtern geweiht hatte. Arnold war innig erfreut, daß ſeine Gattin einen tröſtenden Erſatz für die vielbetrauerten Entſchlafenen gefunden hatte, und widmete gleichfalls dieſem Mädchen die ganze wohlwollende Zuneigung, an welcher ſein feu⸗ riges, liebevolles Herz ſo reich war. Ferdinand von Arragonien war ſeiner früheren Po⸗ litik treu geblieben, welche es ihn ſtets für gerathen halten ließ, ſeine Nichte in ſeiner unmittelbaren Aufſicht und 217 Nähe zu halten, ſo weit dies irgend möglich war. In dieſer Abſicht hatte er Arnold gleich nach ſeiner Vermäh⸗ lung zu einem der Großoffiziere des königlichen Hauſes ernannt. Auch die Königin gab ihrer Nichte zu erkennen, daß ſie ſie nach wie vor unter ihren erſten Edeldamen in der Nähe ihres Thrones zu ſehen wünſche, und daß ihr ſo gut wie der Marquiſe von Moha ſtets eine Wohnung in dem Palaſte aufbehalten ſei, in dem ſie ſelbſt ſich zeit⸗ weilig befinde. Dieſer Wunſch ihrer königlichen Beſchü⸗ tzerin und Verwandten mußte für Elvira Befehl ſein. Außerdem veranlaßte ſie die innige Anhänglichkeit, welche ſie für Iſabella hegte, dieſem ohne jedes Widerſtreben nachzukommen. Es ergab ſich aus dieſen Verhältniſſen, daß Don Arnold von Viana— wie er ſeit ſeiner Ver⸗ mählung genannt wurde— und ſeine Gemahlin nur ſelten ihre Beſitzungen in Arragonien, ſo wie auch die ſpäter er⸗ langten in Granada beſuchen konnten, und meiſtens an den Orten anweſend waren, wo ſich der Hof befand. Beſonders ſeit die Königin ihre beiden Töchter, die Infantinnen Juana und Iſabella, nach den Niederlanden und nach Portugal verheirathet und darauf den Tod der Letzteren, ſo wie denjenigen ihres Thronerben erlebt hatte, hielt es Elvira für ihre Pflicht, ſich noch weniger als ſonſt von ihr zu entfernen, um niemals zu fehlen, wenn ihre Gegenwart von der gebeugten Königin gewünſcht werden könnte. 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. III. 14 218 Gleich der zweiten Vertrauten der Königin, der Marquiſe von Moha, hatte ſie lange ſchon für Chriſtof Columbus und ſeine weltentdeckenden Pläne die lebendig⸗ ſte Theilnahme gehegt. Ihr Geiſt war vorgeſchritten ge⸗ nug, um den unvergleichlichen Genius zu würdigen, der in ihm lebte. Nach wie vor war ſie ſeine beredte Für⸗ ſprecherin bei der Königin und nahm gleich dieſer mit der größten Wißbegierde die Mittheilungen auf, welche er ſchriftlich und mündlich über die Einzelheiten ſeiner Ent⸗ deckungen gab. Scherzend kamen Beide überein, daß, wenn es ihnen auch nicht vergönnt ſei, jene wunderreiche, neue Welt zu ſchauen, ſie ſich wenigſtens von fern ſo genau damit bekannt machen wollten, wie dies irgend möglich ſei. Auch Arnold bewahrte dem großen Genueſen die achtungsvolle Zuneigung, welche er ihm ſchon bei allen Wechſelfällen gezeigt hatte, die ihn im Lager von Santa Fe betrafen. Hierzu kam, daß er nur zu wohl aus eige⸗ ner Erfahrung wußte, wie ſchwierig die Stellung eines namenloſen Ausländers unter den ſtolzen ſpaniſchen Edel⸗ leuten werden könnte, wenn dieſer von der königlichen Gunſt hoch empor getragen würde. Er ſelbſt begnügte ſich mit einer beſcheidenen Zurückhaltung und machte im Kreiſe der Großen nicht mehr Anſprüche, als ſie die ihm verliehenen Beſitzungen, ein tapferer Arm und ein uner⸗ ſchrockener Geiſt rechtfertigten. Wie viel mehr aber mußte Columbus mit Neid und Verläumdung zu kämpfen haben, 219 da er allen Granden vorgezogen und mit Ehren über⸗ häuft worden war, wie man dies bis jetzt weder in Ca⸗ ſtilien noch in Arragonien gekannt hatte, und da ſein Ruhm nicht nur weit über die Grenzen Spaniens, ſondern auch über diejenigen Europas erſchallte. Es konnte daher nicht fehlen, daß Columbus auch mit dieſer hochgeſtellten Familie Viana die freundlichſten Beziehungen unterhielt und auf mannigfache Weiſe mit ihr verkehrte, wenn er ſich in ihrer Nähe befand. Der Alcazar war in Cordova die Wohnung des Königs, der Königin und ihres Hofes. Dieſe Burg der mauriſchen Herrſcher war der reichgeſchmückte Ort, an dem einſt viel Blut floß, an dem der Schrei der Freude und der Klage erſchallte. Hier glänzten einſt üppige Wei⸗ ber und tapfere, morgenländiſche Krieger. In dieſen Hallen tönte rauſchende Feſtmuſik; dieſe lieblichen Gärten ſtrahlten bei nächtlicher Weile im Glanze farbiger Luſt⸗ feuer. Hier ſchrieb ein Bittſteller ſeine Wünſche auf Ro⸗ ſenblätter nieder, und erlangte dafür von dem huldreichen Khalifen Gewährung und reiche Belohnung. Dann wieder hüllte Finſterniß dieſe glänzenden Hallen ein; in den Drangenwäldern, nahe dem Guadalquivir, ſah man ſtahl⸗ gepanzerte Maurenritter, blinkende Waffen, hörte man den Jammerſchrei der Unglücklichen, welche das Opfer des grauſamen Zornes der Khalifen wurden. 4 220 Noch war dieſer Palaſt mit ſeinen nächſten Umgebun⸗ gen lieblich und ſchön; noch umgab ihn ein feſter Wall mit viereckigen Thürmen, und man ſtieg aufwärts von Teraſſe zu Terraſſe die marmornen Stufen zu dem Hauptthor hinan. Wir treten in einen der ſchöngewölbten Garten⸗ ſäle mit feinen, graciöſen, mauriſchen Fenſtern, mit an⸗ muthigen Säulengängen und mit einer Balkonthür, wel⸗ che auf den Fluß und die ihm zunächſi gelegene Gegend die Ausſicht bot. Wohl waren alle dieſe näheren und ferneren Umgebungen reizend genug, um an diejenigen zu erinnern, in denen ſich einſt Elvira von Viana in der Alhambra aufhalten mußte. Dieſe ſaß auf einem nahe der geöffneten Gartenthür befindlichen Polſterſitze und war beſchäftigt, ihrer zwölfjährigen Pflegetochter Unter⸗ richt in der Verfertigung von Gobelins zu geben, einer Handarbeit, welche auch von der Königin ſehr geliebt wurde. Einige Schritte von ihr ſaß ihr Gatte, welcher aufmerkſam verſchiedene Waffen, Werkzeuge und ſonſtige Dinge unterſuchte, welche bei den Indianern gebräuch⸗ lich waren. Columbus hatte ſie von ſeiner letzten Reiſe mitgebracht, ſie der Königin vorgelegt, und ſie dann auch der Donna Elvira und ihrem Gemahl zur Anſicht dar⸗ geboten. Elvira befand ſich noch in dem vollen Glanze ihrer Schönheit. Wenn auch die erſte Jugend hinter ihr lag, ſo war ſie dennoch entfernt von jenem Zeitpunkte, wo 221 dieſe ſich merklich zu verändern pflegt. Die einzige Wand⸗ lung, welche die Jahre mit ſich führten, beſtand darin, daß ſich die frühere, furchtloſe Kühnheit ihres äußern Weſens etwas gemildert und ſich eine gewiſſe ſanfte Würde ihm beigeſellt hatte, welche ihr als der Enkelin von Königen wohl anſtand. Ein Gewand von feinem, weißen Wollſtoffe umgab ihre edle Geſtalt; nach altem Gebrauche war dieſe Farbe das äußere Zeichen der Trauer um Verſtorbene. Die ganze Bevölkerung trug ſie um den frühgeſchiedenen, zukünftigen König von Caſtilien und Arragonien. Arnold unterſchied ſich in ſeiner früheren Erſchei⸗ nung nur dadurch, daß ſeine Züge etwas tiefer, ſeine Geſtalt noch männlicher und ſeine Bewegungen beſtimm⸗ ter geworden waren. Sonſt trug ſein Antlitz noch den nämlichen Stempel der Offenheit und Gutmüthigkeit, welcher es früher ſo einnehmend gemacht hatte; auch blickte noch immer nicht ſelten jene furchtloſe Keckheit, jenes raſche Ergreifen des Augenblicks hervor, welches ihm von ſo weſentlichem Nutzen auf ſeiner kriegeriſchen Laufbahn geweſen war. Zetzt wurde der Vorhang zurückgeſchlagen, welcher die Oeffnung zwiſchen der Säulenreihe verdeckte, die in das Vorzimmer führte. Dieſe Säulen ſelbſt waren durch ein dichtes Gitter von dünnen, ſchön gearbeiteten Eiſen⸗ ſtäben verbunden. Ein Leibdiener zeigte ſich und meldete 222 den Vicekönig von Indien. Da dieſer zu den Freunden der Familie gehörte, ließ man ihn ohne weitere Umſtände eintreten. Arnold war dem hochgeſchätzten Gaſte bis an das Ende des Saales entgegen gegangen; nachdem er ſeine Begrüßung auf das Freundlichſte erwiedert hatte, näherte ſich dieſer der Dame vom Hauſe mit jenem edlen Anſtan⸗ de, den er nie verläugnete. Dieſe reichte ihm die Hand, welche er an ſeine Lippen führte, indem er ſich tief her⸗ abbeugte. Sie nahm mit holder Freundlichkeit das Wort. „Ihr findet uns ganz häuslich beſchäftigt, Excel⸗ lenza. Ich hoffe, daß Ihr nicht verlangt, daß ich Euch in meinem Prunkzimmer empfange, wie es allerdings der Admiral des Weltmeers fordern könnte.“ „Ich erkenne den Vorzug, den Ihr mir angedei⸗ hen laßt, Donna Elvira, da Ihr mir ſo oft ſchon ge⸗ ſtattet habt, mich Euch ohne Ceremonie zu nähern,“ ſagte Columbus. „Ich unterrichte mein Töchterchen im Sticken,“ fuhr Elvira fort.„Sie lernt von Niemanden beſſer und ſchneller als von mir.“ Sie legte hierbei liebkoſend ihre Hand auf den dun⸗ keln Lockenkopf Maria's von Toledo, welche neben ihr ſtand und ihre Nadel noch in der Hand hielt. „Donna Maria wird unter ſo guter Leitung bald 223 ihre kunſtreiche Meiſterin erreichen,“ ſprach der Admiral lächelnd. Dann blickte er auf den Rahmen und fragte: „Wozu iſt dieſe herrliche Arbeit beſtimmt? Ich er⸗ kenne die Figuren von Engeln und Heiligen, deren Schul⸗ tern mit Flügeln und deren Häupter mit Strahlenglorien geſchmückt ſind.“ „Es iſt ein Stück von der Tapete,“ verſetzte El⸗ vira,„mit welcher die Königin das Arbeitzimmer des Königs hier im Alcazar decoriren will. Wir Alle helfen ihr dabei, damit das Ganze fertig werde, ehe wir Cor⸗ dova verlaſſen.“ „Eine ſehr belohnende Arbeit, gewiß,“ ſagte Co⸗ lumbus. „Ich habe mich einſtweilen,“ nahm Arnold das Wort,„mit Sachen beſchäftigt, die Euch noch beſſer be⸗ kannt ſind, Ercellenza. Ich bin Euch ſehr dankbar, daß Ihr ſie uns mit Muße in unſern eigenen Zimmern be⸗ trachten laßt.“ Er deutete hierbei auf die Marmorplatte des Ti⸗ ſches, an dem er geſeſſen hatte. Seltſame, federreiche Kopfputze indianiſcher Häuptlinge, goldene Halsbänder, Gürtel und Masken von Baumwolle und Holz lagen darauf. Dieſe Letzteren zeigten ſeltſame Figuren, Katzen und Eulen, die entweder darauf geſtickt oder eingeſchnit⸗ ten waren. Columbus überflog Alles mit einem raſchen Blicke und ſagte dann: 224 „Dieſe meine Proben aus der neuen Welt haben auf meiner letzten Reiſe durch Andaluſien wieder viele Neugierde rege gemacht. Doch komme ich heute nicht ei⸗ gentlich, um mich darüber mit Euch zu unterhalten. Ihre Hoheit, die Königin, hat ſo eben die Gnade gehabt mich in einer Privataudienz zu empfangen und mir zu geſtatten, ihr meinen jüngſten Sohn präſentiren zu dür⸗ fen. Sie iſt ſo herablaſſend, ihn gleich wie meinen Ael⸗ teſten Diego unter die Edelknaben ihres Palaſtes auf⸗ nehmen zu wollen. Auch verhieß ſie mir, daß Ihr, Sen⸗ nora, ihn unter Eure beſondere Aufſicht nehmen wolltet, wie Ihr dies ſchon ſeit mehreren Jahren bei ſeinem Bru⸗ der gethan habt.“ „Der Eine iſt mir ſo willkommen wie der Andere,“ verſetzte Elvira.„Ich habe mich lange ſchon gegen die Königin dazu bereit erklärt.“ „So erlaubt, daß er eintrete; er wartet im Vor⸗ zimmer,“ ſprach der Admiral. Elvira gab ein bejahendes Zeichen und gleich dar⸗ auf trat ein etwa zwölfjähriger Knabe ein. Es war Fer⸗ nando Columbus, dem ſein Bruder Diego folgte. Dieſer Letztere trug ſchon das Gewand der königlichen Edelkna⸗ ben. Ein mehr als zwanzigjähriger Jüngling jetzt hatten ſeine Züge eine regelmäßige, anmuthige Schönheit ge⸗ wonnen. Auch er bekundete das Erbtheil ſeiner Familie, die Anmuth der äußern Form, den angeborenen Adel in 225 jeder Bewegung. Columbus ging ſeinen Söhnen entge⸗ gen, führte Fernando auf Donna Elvira zu, indem Diego ihnen folgte, und ſagte: Laßt ihn Eurer Huld empfohlen ſein, Sennora. Seine Jugend wird nach unſerer großen Königin keine beſſere Beſchützerin als Euch erhalten können.“ Elvira reichte dem Knaben ihre Hand; dieſer kniete nieder und küßte ſie. Dann betrachtete ſie wohlgefällig ſeine glänzenden Augen, ſeine intelligenten Züge und ſagte: „Willſt Du der Königin treu dienen, Fernando?“ „So treu wie mein Vater; ich habe es ihr ſo eben verſprochen,“ lautete die kecke Antwort. „Und dabei immer recht fleißig und gehorſam ſein?“ frägte ſie lächelnd weiter. „Ich will mich ſo betragen, daß mein Vater mit mir zufrieden ſein ſoll, wenn er wieder heimkehrt,“ ſagte der Knabe. „So werden wir Andere es auch ſein müſſen,“ ver⸗ ſetzte Elvira mit leichtem Scherze.„Du wirſt ihn wohl bald auf einer ſeiner Weltreiſen begleiten, denke ich.“ „Diesmal nicht— das nächſte Mal,“ ſprach Fer⸗ nando. „Muth genug ſcheinſt Du mir zu haben, um durch das Weltmeer zu ſchiffen,“ warf Arnold ein, indem 226 er ſeine Hand auf ſeine Schulter legte.„Vorerſt kannſt Du einen guten Spielgefährten für Maria abgeben.“ Er blickte nach ſeiner Pflegetochter hin. Fernando's Antlit zeigte jedoch keine Spur von irgend einer kindli⸗ chen Freude bei dieſer Aufforderung, ſondern wurde noch ernſter als zuvor. Endlich ſagte er: „Ich bin in den königlichen Palaſt gekommen, um der Königin zu dienen, nicht, um mit Kindern zu ſpielen.“ „Und um Deine Erziehung zu vervollkommnen,“ fiel ihm ſein Vater in's Wort. Dann fuhr dieſer gegen Elvira gewendet fort: „Verzeiht ihm, Sennora. Er iſt nicht daran ge⸗ wöhnt, ſeine Gedanken zu unterdrücken. Er wird in Eurer Geſellſchaft feinere Sitten lernen.“ „Auch dankt Maria ihm nicht, wenn er ſie ein Kind nennt,“ bemerkte Elvira.„Sie will eben ſo ver⸗ ſtändig ſein wie er und hat vielleicht noch mehr Anſprüche darauf. Mädchen werden eher alt als Knaben.“ Die faſt ſchon ausgewachſene Geſtalt des Mädchens und die gerundeten Formen ihres wohlgebildeten Antlitzes beſtätigten die Behauptung Elvira's. Eine leichte Röthe flog über ihr Antlitz; ihr dunkles Auge ſtreifte mit ei⸗ nem faſt unwilligen Blicke Fernando; dann weilte es auf Diego, und nahm nach und nach ein faſt zärtliches Feuer an. Der ſpaniſche Himmel zeitigt früh, und aller⸗ dings war Maria von Toledo ſchon auf der Stufe an⸗ 227 gelangt, welche den Uebergang zur Jungfrau bedingt. Diego antwortete ihr mit einem freundlichen, kaum merklichen Lächeln des Eingeſtändniſſes. Dieſe ſtumme Unterhaltung wurde jedoch von den übrigen Anweſenden nicht weiter beachtet, ſondern Arnold nahm gegen den Admiral gewendet das Wort: „Ihr werdet mit Eurem älteſten Sohn zufrieden ſein, Excellenza. Er war ſchon mit der Führung der Waffen vertraut, als er zu uns kam, und hat ſich jetzt in allen ritterlichen Künſten ſo ſehr vervollkommnet, daß er dem Ritterſchlage Ehre machen würde, ſobald man ihm ihn ertheilte.“ „Ihr ſeid ſo gütig geweſen, ſelbſt ſein Lehrer zu ſein, Don Arnold,“ ſagte Columbus.„Wenn er tapfer und gewandt iſt, ſo hat er Euch viel davon zu verdanken, denn es giebt keinen beſſeren Ritter am Hofe unſerer gnadenreichen Königin, als Euch. Er iſt glücklich, ein ſol⸗ ches Vorbild in ſeiner nächſten Nähe zu haben und ſich an dieſes anlehnen zu dürfen.“ „Er iſt noch mehr bevorzugt, der Sohn eines ſol⸗ chen Vaters zu ſein,“ verſetzte Arnold artig.„Doch durfte aus dieſem Grunde auch die andere Seite ſeiner Ausbil⸗ dung nicht vernachläſſigt werden. Er hat auch den Wiſ⸗ ſenſchaften obgelegen und ſpricht ſo gut lateiniſch, daß die Königin ihn ſehr deswegen gelobt hat.“ 228 Diego's ſchöne Züge erglühten leicht, und mit einer anmuthigen Beſcheidenheit nahm er jetzt das Wort: „Ich habe von jeher der gütigen Fürſorge Anderer viel zu verdanken gehabt. In meiner Kindheit unterrich⸗ tete mich der gute Prior von La Rabida; hier in Cor⸗ dova fand ich auf der Hochſchule eben ſo tüchtige Leh⸗ rer. Mein Streben wird ſein, allen Denen Ehre zu ma⸗ chen, die ſo viel für mich thaten. Ob meine Fähigkei⸗ ten mit meinen Wünſchen aushalten, iſt eine andere Frage.“ „Du willſt uns nicht über das Weltmeer davon ge⸗ hen, wie Dein Bruder?“ fragte Elvira wieder lächelnd. „Ich habe vorerſt noch genug in Europa zu ler⸗ nen; ol ich ſpäter in die neue Welt gehen ſoll, wird von meinem Vater und der Königin abhängen,“ antwor⸗ tete Diego. „Wie verließet Ihr die Königin?“ fragte ſie jetzt Columbus. „Sie gab mir wiederholte Beweiſe ihrer Huld,“ erwiederte dieſer;„doch fürchte ich faſt, daß ihre Ge⸗ ſundheit leidend iſt. Möge unſere Frau ſie beſchirmen.“ „Sie hat ſich verändert, denn ſie iſt allerdings mei⸗ ſtens ſehr niedergeſchlagen,“ verſetzte Elvira. „Ich traf beim Herauskommen aus dem Audienz⸗ gemache Don Gonſalvo im Vorzimmer,“ fügte er hinzu. 229 „Den großen Feldherrn!“ rief ſie.„Durch ſeine letzten Feldzüge in Italien hat er ſich dieſes Namens immer würdiger gemacht.“ „Er behauptet noch immer ſein Vorrecht, der un⸗ mittelbare Begleiter der Königin zu ſein, ſobald ſie ſich öffentlich blicken läßt,“ bemerkte Arnold.„Wenn er in ihrer Nähe ſein kann, ſo wird ſie ſich nie vergebens nach ihm umſehen. Er theilt mit Euch das wohlverdiente Vor⸗ recht der königlichen Gunſt, Don Chriſtobal.“ „Doch ſind ſeine Anſprüche älter als die meinigen,“ ſprach dieſer,„denn er iſt der Königin von ſeiner Jugend her bekannt.“ „Ihr habt Euch jetzt ſchon länger als ein Jahr wieder in Spanien aufgehalten, Admiral?“ fragte Elvira. „So iſt es,“ erwiederte er.„Auch wird wohl noch einige Zeit vergehen, ehe ich meine dritte Weltfahrt an⸗ treten kann. Der italieniſche Krieg und die Pracht, mit welcher die beiden königlichen Vermählungen gefeiert wurden, haben den Schatz ſehr erſchöpft, ſo daß die Ko⸗ ſten der neuen Ausrüſtung ſchwer herbeizuſchaffen ſind. Man bewilligte mir abermals ſechs Schiffe, doch ſind ſie noch nicht ſegelfertig.“ „Auch ſollen,“ warf Arnold ein,„die Koſten der Unterhaltung der neuen Colonie ſehr bedeutend ſein. Die Beſoldung der in ihr angeſtellten königlichen Beamten ſoll jährlich mehrere Millionen koſten.“ 230 „Alle dieſe Ausgaben werden bald hundertfältig er⸗ ſetzt werden,“ ſprach Columbus.„Ich habe auf Hiſpa⸗ niola reiche Bergwerke entdeckt; es werden die goldenen Schachte von Ophir ſein, mit deren Erzeugniſſen Kö⸗ nig Salomo den Tempel von Zeruſalem ſchmückte. Meine Auffindung von Hinterindien iſt ſchon in der Offenba⸗ rung Johannis und im Jeſaias verkündet worden, und ich bin der feſten Meinung, daß ich auf dieſer meiner nächſten Reiſe jenen glückſeligen Landſtrich antreffen werde, der uns als das Paradies bezeichnet iſt, wo un⸗ ſere erſten Eltern wandelten und ſündigten.“ Wieder beſeelte ihn die Begeiſterung, welche er oft kundgab, wenn er von jenen Angelegenheiten ſprach, mit denen er ſich ſeit mehreren Jahrzehenden praktiſch und theoretiſch ſo vorwiegend beſchäftigt hatte. Jetzt wurde Don Gonſalvo de Cordova gemeldet, und wenige Au⸗ genblicke ſpäter trat dieſer ein, ganz ſo ritterlich ſchön, ſo prächtig angethan, ſo edel liebenswürdig in Worten und Bewegungen, wie man ihn von jeher gekannt hatte. Der Ruhm des edlen Ritterfürſten hatte in den letzten Jahren durch ſeine Kriegsthaten in Italien einen großen Zuwachs erhalten. Dieſes Land war in jenen Tagen die Schule der Staatskunſt und das große Thea⸗ ter, auf dem die Beſitzer der Throne und ihre Feldherren ihre Streifzüge unternahmen, um ſich jene blühenden Städte und Landſtriche zur Erweiterung ihrer Macht 231 zuzueignen. Der König Karl der Achte von Frankreich erhob Anſprüche auf das Königreich Neapel, die ſo wenig begründet waren, daß ſie die unwillige Verwunderung der Zeitgenoſſen erregten. Trotz deſſen überſtiegen die Fran⸗ zoſen nach großen Rüſtungen die Alpen und erreichten im Sturmſchritt Rom, beſetzten deſſen Seehafen Oſtia und ließen dort eine franzöſiſche Beſatzung zurück. Dann rückten ſie in Neapel ein, deſſen König nach Sizilien entflohen war. Ferdinand von Arragonien hatte ſich mit dem deutſchen Kaiſer verbündet, um dieſen franzöſiſchen Anmaßungen entgegen zu treten, und eine Flotte aus⸗ gerüſtet, auf welcher Gonſalvo mit einer bedeutenden Kriegsmacht auf Sizilien landete. Dieſer eroberte als ſpaniſcher Oberbefehlshaber in Italien bald Calabrien, vertrieb die Franzoſen aus Neapel und dann auch aus Oſtia, wohin er auf den Ruf des Papſtes Alexander des Sechsten zu deſſen Beiſtand eilte. Seit Kurzem von die⸗ ſem Felde glorreicher Thaten nach Spanien zurückgekehrt, hielt er ſich wieder in der Nähe der Herrſcher auf. Seine freundlichen Beziehungen zu der Nichte des Kö⸗ nigs, der Donna Elvira, hatten ſich nicht nur unverän⸗ dert erhalten, ſondern ſich auch auf deren Gatten erſtreckt, dem er ſo wreſentlich zur Erreichung ſeiner höchſten Wünſche, zur endlichen Gewinnung ſeiner hochſtehenden Geliebten verhalf. Dieſer durfte jetzt faſt auf dem Fuße der Gleichheit mit ſeinem früheren Vorgeſetzten und 232 Wohlthäter umgehen, doch vergaßen weder er noch ſeine Gattin jemals die Dankbarkeit, welche ſie ihm von jenen bewegten Tagen vor Granada her ſchuldeten. Don Gonſalvo, nach wie vor das Vorbild fürſtlich ritterlicher Anmuth, beugte ein Knie vor Elvira und führte ihre Hand mit ſo achtungsvoller Zartheit an ſeine Lippen, daß man hätte denken können, dieſe Gunſtbezei⸗ gung ſei der ſchönſte Lohn, den er für alle ſeine Helden⸗ thaten beanſpruche. Die übrigen Anweſenden begrüßte er mit vertraulicher Freundlichkeit, wobei er jedoch jene ge⸗ haltene Würde nicht ganz verläugnete, welche dem ſpani⸗ ſchen Character ſo eigenthümlich iſt. Elvira nahm jetzt wieder das Wort: „Cordova iſt jedesmal glücklich, wenn es ſeinen be⸗ rühmteſten Namensgenoſſen innerhalb ſeiner Mauern er⸗ blickt.“ „Ich bin noch mehr erfreut, wenn ich dieſe Provinz wiederbetreten darf,“ ſprach Gonſalvo, welcher ſich ihr gegenüber auf einem Tabouret niedergelaſſen hatte.„Man hat mich hier ſtets mit der größten Zuvorkommenheit behandelt.“ „Italien ſpricht jetzt ſo viel von Euch, Don Gon⸗ ſalvo, wie Caſtilien und Cordova,“ warf Arnold ein. „Der König ſagte noch geſtern, daß die calabreſiſchen Feldzüge ſeiner Regierung noch mehr Ruhm und Vor⸗ 233 theil verliehen, als es die Kämpfe gegen die Mauren thaten.“ „Seine Hoheit hat wahr geredet,“ verſetzte Gon⸗ ſalvo;„denn die italieniſchen Kriege werden von der Krone Arragonien geführt, wogegen diejenigen um Gra⸗ nada von Caſtilien ausgehen, wenn auch die Kräfte ſich gegenſeitig unterſtützen.“ „Auch meine Unternehmungen werden von Caſti⸗ lien beſchützt,“ warf Columbus ein.„Mit Arragonien habe ich nichts zu verhandeln, ſondern alle neuen Länder nur für Caſtilien in Beſitz genommen.“ „Der Schauplatz Eurer Thaten iſt die Welt, Ad⸗ miral,“ ſprach Gonſalvo verbindlich,„während ich nur einige Streifzüge in einem nicht weit entfernten Lande machen durfte, welches nicht einmal zu den größten in Europa gehört.“ „Doch denke ich,“ ſagte Elvira,„daß Ihr zufrie⸗ den ſein könnt, großer Feldherr. Nicht nur der König, wir Alle geben Euch dieſen Namen. Ihr habt einen König wieder auf ſeinen Thron geſetzt, dafür ein Her⸗ zogthum von ihm erhalten, und ſeid auch vom Pabſte reich belohnt worden.“ „Der heilige Vater,“ warf Gonſalvo ein,„verehrte mir allerdings die goldene Roſe, mit der er ſeine er⸗ gebenſten Kämpfer beſchenkt.“ 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. III. 15 234 „Die Römer nannten Euch jubelnd den Befreier von Rom,“ ſagte Elvira.„Dies iſt ein neuer Ehrentitel zu allen den großen Würden, die Ihr in Euch vereinigt.“ „Euer Einzug in dieſe Stadt,“ bemerkte Arnold, „muß ein wahrer römiſcher Triumphzug geweſen ſein.“ „Meine Krieger und ich rückten in Schlachtordnung, mit fliegenden Fahnen und ſchallender Muſik in die ewige Stadt ein,“ ſagte Gonſalvo.„Im Vatican erwartete uns der heilige Vater, umgeben von allen ſeinen Cardinälen und Edelleuten. Ich kniete nieder, um ſeinen Segen zu empfangen, doch hob er mich auf und küßte mich auf die Stirn. In einer darauf folgenden Privataudienz ſprach er trotz deſſen die Anſicht gegen mich aus, daß unſere Herrſcher ſehr ungünſtige Geſinnungen gegen ihn hegten.“ „Dazu hatte der heilige Vater wenig Veranlaſſung,“ fiel ihm Columbus lebhaft in die Rede,„denn gewiß haben wenige Regenten ſo ſehr wie die unſrigen ihre An⸗ hänglichkeit an die heilige Mutterkirche bewieſen.“ „Ich zählte ihm alle die Dienſte auf, welche ſie ihm geleiſtet,“ ſagte Gonſalvo mit Wärme,„und zieh ihn zuletzt unverholen der Undankbarkeit gegen ſie. Dann rieth ich ihm, ſeinen Lebenswandel und ſeine Reden zu ändern, da dieſe der ganzen Chriſtenheit zum Aergerniß gereichten.“ „Das wird wohl Seine Heiligkeit ſehr ungnädig aufgenommen haben?“ fragte Elvira. 235 „Keineswegs,“ erwiederte der große Feldherr.„Er zeigte ſich nur verwundert, daß ich ſo gut in Dingen un⸗ terrichtet ſei, die nicht ſo eigentlich zu meinem Waffen⸗ handwerk gehörten. Auch lobte er meine Gewandtheit in der Unterhaltung.“ „Er iſt nicht der Erſte, der dies thut,“ bemerkte Elvira lächelnd. Gonſalvo ſtimmte in ihren Scherz ein und ſagte dann: „Wir haben jetzt genug von meinen Angelegenhei⸗ ten geſprochen. Erzählt mir von den Eurigen, Admiral. Ich habe Euch diesmal nur flüchtig in Cordova geſehen. Wie weit iſt die Ausrüſtung Eurer neuen Flotte vor⸗ geſchritten?“. „Es fehlt noch viel an ihrer Bemannung,“ ant⸗ wortete der Gefragte.„Man hat ſich befleißigt, den Zu⸗ ſtand der neuen Colonie als troſtlos zu ſchildern, und über ganz Spanien ausgeſprengt, daß jeder Europäer bei ſeiner Ankunft dort ein Opfer des heißen Klimas, ſeiner Fieber und Seuchen werden würde. Man hat mit dieſen übertriebenen Ausmalungen ſo viel Schreck und Furcht unter der ganzen Bevölkerung verbreitet, daß es bis jetzt unmöglich war, die hinreichende Anzahl von Ar⸗ beitern, Handwerkern, Soldaten und Matroſen zu finden, welche diesmal die Fahrt in die neue Welt antreten wol⸗ * 236 len. Ich habe der Königin endlich ein Auskunftsmittel vorgeſchlagen: Wir werden die Miſſethäter aus ihren Gefängniſſen entlaſſen, mit Ausnahme der Mörder und Brandſtifter, und dieſe auf eine beſtimmte Zeit nach In⸗ dien verſchiffen. Der Aufenthalt dort ſoll als Landes⸗ verweiſung angerechnet werden und ſie dadurch ihre Strafe verbüßen, von der ſie ſpäter alsdann befreit ſein werden.“ „Dies iſt eine gefährliche Maßregel, edler Admi⸗ ral,“ ſagte Gonſalvo lebhaft.„Ihr hättet keine erdenken können, die der jungen Niederlaſſung mehr Unheil berei⸗ ten wird. Ihr habt ſchon ſo viel mit der Widerſetzlichkeit und der Empörung der Europäer dort zu kämpfen ge⸗ habt, die nicht in Kerkern geſeſſen hatten; welche Ver⸗ drießlichkeiten werden Euch nun erſt dieſe Sträflinge be⸗ reiten, die das Geſetz ſchon wiederholt mit frecher Hand verletzt haben?— Wollt Ihr dieſe Maßregel nicht noch einmal reiflich erwägen, ehe Ihr ſie zur Ausführung bringt?“ „Ich habe ſchon Alles bedacht,“ verſetzte Colum⸗ bus.„Es bleibt keine andere Wahl. Auch hat ſie be⸗ reits die Sanction der Königin erhalten. Vor der Noth⸗ wendigkeit müſſen dieſe, wenn auch gewichtigen Bedenken, ſchweigen. Die Colonie würde unrettbar zu Grunde ge⸗ hen, wenn ihr nicht eine baldige Unterſtützung von Caſti⸗ lien zu Theil wird, und dieſe iſt nicht anders zu erreichen.“ 237 „Wir werden mit Sorge Eurer gedenken, wenn wir Euch nicht mehr in unſerer Mitte ſehen, edler Admi⸗ ral,“ ſprach Gonſalvo mit aufrichtiger Theilnahme. „Gott wird mir beiſtehen, mein großes Werk wei⸗ ter zu führen, wie er es bisher gethan hat,“ verſetzte Co⸗ lumbus ernſt. Dann wandte er ſich gegen Elvira: „Darf ich Euch noch um eine große Gunſt ti6 edle Donna?“ „Sprecht, Don Chriſtobal,“ antwortete ſie. „Ich bin genöthigt, übermorgen ſchon nach Se⸗ villa abzugehen, und weiß nicht, wann ich wieder in Cor⸗ dova eintreffen kann. Meine Gattin lebt hier. Wollt Ihr dieſer zuweilen Nachricht von dem Befinden ihres Soh⸗ nes Fernando geben, oder vielmehr ihr geſtatten, ſich nach ihm zu erkundigen, wenn ihm irgend ein Uebel, Krankheit oder ſonſtige Widerwärtigkeit zuſtieße?“ „Das verhüte unſere Frau,“ erwiederte Elvira lebhaft. „Auch bin ich da, um meinen Bruder zu unter⸗ ſtützen und der Donna Beatrix Kunde von ihm zu geben, wenn er ſelbſt ſie nicht beſuchen kann,“ fügte Diego be⸗ ſcheiden hinzu. „Und wenn Diego,“ ſagte Arnold,„durch den Dienſt bei der Königin oder ſonſtige Abhaltungen daran verhindert werden ſollte, ſo bin ich gern erbötig, die Ge⸗ mahlin des Admirals aufzuſuchen und ſie von Allem zu 238 unterrichten, was ſie zu wiſſen wünſchen könnte. Es wür⸗ de mir eine willkommene Gelegenheit ſein, einer Dame meine huldigende Ehrfurcht zu bezeugen, die Euch ſo nahe ſteht, edler Don Chriſtobal.“ „Noch lieber würde es mir ſein, wenn Eure Gemahlin mich beſuchen wollte, damit ich ſie perſönlich meiner freund⸗ lichen Geſinnungen verſichern könnte,“ ſprach Elvira. „Da die Königin in Cordova iſt, ſo wird ſie Gelegenheit finden, ſich dieſer vorſtellen zu können. Wenn die Trauer Iſabella's etwas milder geworden iſt, ſo hoffe ich, daß ſie geneigt ſein wird, wieder Fremde zu empfangen, auch ohne daß ſie unausweichlich dazu genöthigt iſt. Der Ge⸗ mahlin des Vicekönigs von Indien wird ihre Gnade ent⸗ gegenkommen. Es wird mir eine Freude ſein, ſie als⸗ dann zu unſerer königlichen Frau geleiten zu können.“ „Ich danke Euch im Namen der Donna Beatrix für Eure große Güte,“ verſetzte Columbus,„doch wird ſie nicht Gebrauch davon machen. Sie liebt nicht den Glanz des Hofes, ſondern wünſcht die Einfachheit ihrer früheren Gewohnheiten beizubehalten. Ihr Haus und ihre Familie ſind der Kreis, in welchem ſie ſich allein bewegt. Verzeiht daher, wenn ſie ohne einen gewichtigen, außergewöhnlichen Grund nicht dieſen königlichen Palaſt beſuchen wird.“ „Sie mag dies ganz nach ihrem Gefallen einrich⸗ ten,“ entgegnete Elvira,„doch verſichert ihr auf jeden 239 Fall, daß ich ſtets erfreut ſein würde, ſie perſönlich be⸗ grüßen zu können.“ Columbus verbeugte ſich. Sie fragte weiter: „Darf ich Euch den kleinen Blumengarten zeigen, den mir die Königin geſtattete, hier ſeitwärts unter meinem Balkon anzulegen? Das Plätzchen iſt ſo ſehr geſchützt, daß ich hoffe, es werden auf ihm einige von den Gewächſen und Sträuchern gedeihen können, welche Ihr aus der neuen Welt herüber brachtet.“ „Seid ſo gnädig, Donna,“ entgegnete der Admiral. „Ihr habt ſchon früher darüber geſprochen. Wenn ich das Plätzchen näher beſichtigen darf, ſo kann ich Euch ſagen, welche Pflanzen am beſten geeignet ſind, dort zu wachſen.“ Elvira erhob ſich. Die ſämmtlichen Herren folgten ihr auf den Balkon, nur Diego blieb mit Maria von Toledo in dem Gemache. Er trat ihr näher. Beide ſtan⸗ den ſo, daß ſie von den außen Befindlichen nicht geſehen werden konnten. Halblaut fragte er nun: „Gedenkt Ihr noch der letzten Feſte in Burgos, Donna Maria?“ Dieſe erhob die langen, ſeidenen Wimpern, unter denen die Glut ihres Blickes noch dunkler erſchien, und ſagte eben ſo leiſe: „Es waren die erſten, an denen ich Theil nehmen durfte. Die beſondere Gewogenheit der Königin geſtattete 240 es mir, obgleich ich noch nicht das nach dem Ceremoniel dazu erforderliche Alter habe. Bei ländlichen Vergnü⸗ gungen darf hin und wieder eine Ausnahme gemacht werden. Wie könnte ich ſie alſo vergeſſen haben?“ „Ihr waret die reizendſte Knospe unter allen den prangenden Blumen der Schönheit, die Euch umgaben,“ flüſterte Diego weiter.„Für mich war der Ritt nach dem Jagdſchloſſe des Königs die ſchönſte aller dieſer glän⸗ zenden Luſtbarkeiten.“ „Unſere Maulthiere waren ſo ermüdet von dem langen Ritte auf den unwegſamen Waldpfaden,“ ver⸗ ſetzte Maria,„daß wir ohne die Galanterie der Ritter unſern Heimweg zu Fuß hätten antreten müſſen.“ „Dies würde eine himmelſchreiende Grauſamkeit geweſen ſein,“ erwiederte Diego lebhaft. „Ihr waret ſo galant,“ verſetzte ſie lächelnd,„uns hinter Euch auf Euren Pferden die Plätze anzubieten, und ſo gelangten wir Alle ſicher nach Burgos zurück.“ „Und ich durfte Euch zwei Stunden lang mir ganz nahe wiſſen,“ fügte der junge Mann hinzu. „Euer Berberroß war ſtark genug, um mich mit Euch zu tragen, Don Diego,“ ſprach ſie erglühend. „Seit jenem Tage,“ fuhr er fort,„trage ich Eure Farben.“ Sie blickte ihn wieder groß an, ſtreifte mit ihrem Auge über ſeinen Anzug hinweg, der, himmelblau mit 241 goldenen Schnüren beſetzt, derjenige der königlichen Edel⸗ knaben war, und ſagte dann naiv: „Ich ſehe nichts davon.“ „Ich darf bis jetzt die Farben meiner Kleidung noch nicht verändern,“ fuhr er fort,„aber unter ihr iſt mir zu tragen geſtattet, wozu mich das Herz treibt.“ Er öffnete ſein Wamms am Halſe, zog ein breites, weiß und roth gewirktes Band hervor, welches um dieſen geſchlungen war; ein goldenes Herz hing daran. „Dunkelroth waren die Blumen des Kranzes, den Ihr an jenem Tage um Eure Locken trugt; weiß das Gewand, welches Euch bekleidete. Bei dem erſten Tour⸗ nier, dem ich als Ritter beiwohnen darf, ſoll mein Mantel roth, meine Federn weiß ſein, zum Andenken an Maria von Toledo!“ Dieſe lächelte verſchämt, doch war ihre Zunge noch nicht gewandt genug in den Kundgebungen der Galante⸗ rie jener Tage, um ſogleich eine paſſende Erwiederung zu finden. Für Diego wurde der Gegenſtand ſeiner Hul⸗ digungen durch dieſe kindliche Befangenheit nur deſto reizender. Er flüſterte weiter: „Ihr habt auch das Ringſtechen am vierten Tage nach dem großen Tournier nicht vergeſſen?“ Maria ſchüttelte den Kopf und deutete auf eine gol⸗ dene Spange, welche ihren Arm unſchloß. 1861. VI. Columbus und ſeine Zeit. III. 16 „Hier ſeht Ihr Euer Geſchenk,“ ſprach ſie leiſe. „Der Preis, den ich von den fünfen errang, die an jenem Tage ausgeſetzt waren,“ ſagte Diego.„Ich legte ihn Euch zu Füßen.“ Das junge Mädchen nickte und ſagte: „Ihr ſeht, daß ich ihn werth halte.“ Sie erhob wieder den Blick, welcher dem ſeinigen begegnete. Dann fiel er auf das goldene Herz in ſeinen Händen. Die Bedeutung dieſer ſtummen Sprache wurde nur zu gut von ihr verſtanden. Sie erröthete ſtärker. „Maria,“ flüſterte er inniger,„Eure Gegengabe, dies kalte, glänzende Herz, ruht auf dem meinigen, wel⸗ ches hoch und feurig ſchlägt— für Euch. Es ſoll dieſen Platz nie verlaſſen. Euer Name ſteht darauf. Laßt mich hoffen, daß einſt ein Tag kommen wird, an dem ich den meinigen in ſchöner Bedeutung daneben ſetzen darf.“ Sie antwortete nicht. „Werdet Ihr mir alsdann entgegen ſein?“ fragte er. Sie ſchwieg wieder. „Oder haßt Ihr mich vielleicht?“ Sie ſchüttelte leicht den Kopf. „So liebt Ihr mich?“ Sie blieb ſtumm wie zuvor. „Oder könnt Ihr mich dereinſt lieben?“ Keine Antwort wurde ihm. „Maria,“ fuhr er dringender fort, indem er ihr * 243 ganz nahe trat,„vor Euch liegt das Legendenbuch vom heiligen Jago. Es iſt Euch eine liebe Lecture, ich weiß es aus Eurem Munde.“ Ihre geſenkten Augen fielen auf das Buch. Es war im kleinen Format, ſchwarz gebunden und mit Silber verziert. Auf ſeinen aufgeſchlagenen Blättern ſah man jene großen Buchſtaben, welche, der Mönchsſchrift ſo ähn⸗ lich, in der erſten Zeit nach der Erfindung der Buchdruk⸗ kerkunſt gebräuchlich waren. Sie ergriff es und ſchlug es zuſammen. „Maria,“ flüſterte er weiter,„wenn es möglich ſein könnte— wenn Ihr mich dereinſt zu lieben vermöchtet— nach Jahren erſt— wenn ich ein Mann bin und Ihr eine holdſelige Jungfrau— gebt mir dies Buch!“ Sie zögerte, athmete ſchwerer, ſtreckte die Hand aus, zog ſie wieder zurück, zitterte heftig— und wußte nicht, wie es geſchehen war— als ſie das Buch in ſeinen Hän⸗ den ſah. Ein faſt dem Schreck verwandtes Gefühl er⸗ faßte ſie. Er aber verbarg es heimlich jubelnd unter ſei⸗ nem Kleide und ſprach zwar noch immer leiſe, darum jedoch nicht weniger feurig: „Dank, Dank Euch, Maria!— Wenn Ihr bei abendlicher Weile die Laute unter Eurem Fenſter erklin⸗ gen hört— wenn Lieder der Liebe ſie begleiten— Lieder, die von Ritterdienſt und Frauenſchönheit reden— ſo bin * ich der Verhüllte, der ſie ertönen läßt— Maria, ſagt mir dann, daß Ihr mich hört, mich verſteht— indem Ihr mir eine Roſe herunter werft— eine Knospe, im Auf⸗ blühen begriffen wie Ihr—“ Die übrigen Anweſenden nahten ſich wieder. Sie unterbrachen die Sprache der Phantaſie und Liebe, welche, wenn auch nicht ſehr wortreich, ſo um deſto beredter, die Erſtlingsgefühle zweier Herzen kund gab, deren Bund Jugend und Glück zu begünſtigen ſchienen. Diego war zurückgetreten; zwar glühte auch ſeine Wange, doch waren ſeine Bewegungen ruhig. Er war wieder der ſchöne, be⸗ ſcheidene Jüngling, der einer großen Zukunft entgegen⸗ ging, ohne dabei irgend eine Spur von Hochmuth oder Geckenhaftigkeit zu zeigen. Maria beugte ſich ſo tief auf ihren Stickrahmen nieder, daß ihr Antlitz dadurch halb verborgen wurde; nur das anfänglich noch nicht beſiegte, leiſe Zittern ihrer Hand hätte ihre innere Aufregung verrathen können. Glücklicherweiſe waren jedoch die älte⸗ ren Mitglieder der Geſellſchaft zu ſehr mit den Gegen⸗ ſtänden ihrer begonnenen Unterhaltung beſchäftigt, um der kindlichen Jungfrau und dem Edelknaben eine beſon⸗ dere Beachtung zu zollen. Ende des dritten Bandes. ſſſſſ 6 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17