Eduard Oltmunn pfangnahme und Rückgabe der Bücher j püu a Abends 8 Uhr offen. en angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wird. beträgt: Auswärtige Abonnenten haben für der Bücher auf ihre eigenen Koſten und 6. Schadenersatz. 8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von e Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und in Gießen, eden Tag von Morgens nentſprechende Summe e von mir zurückerſtattet für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf 2 Mr f Hin⸗ und Zurückſendung Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ür beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines der Leſer zum Erſatz des anſen verpflich 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i beſonders darauf aufmerkſam gemacht, größeren Werkes, ſo iſt tet. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indeim Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — * Albun. Libliothek deutſcher Originalromanr. Herausgegeben. von J. L. Kober. Sechzehnter Jahrgang. Fünfter Band. Columbus und ſeine Zeit. H. Wien und Prag. Kober& Markgraf. 1861 Columbus und ſeine Zeit. Bisturischer Buman von Marie Norden. Zweiter Band. Wien und Prag. Kober& Markgraf. 1861. Prag, Druck von Jarosl. Poſpisil. Erſte Abtheilung: Ver Full von Granndn. Zweiter Theil. Inhalt. Erſtes Cnpitel. Die Mauren in Spanien. Zweites Cupitel. Reduan Benegas und die Sultanin Prittes Cnpitel. Elvira in der Alhambra. Viertes Cnpitel. Der Chriſtenſtlave..... Fünftes Cnpitel. Tod und Gefangenſchaft. Sechstes Cnpitel. Der Letzte der Maurenkönige. Siebentes Cnpitel. Der Thurm des Comares Achtes Capitel. Die letzte Maurenſchlacht. Neuntes Capitel. Die Uebergabe Granadas. Zehntes Capitel. Columbus verläßt die alte Welt Seite 27 5¹ 72 89 2 136 182 209 234 Erstes Capitel. Die Mauren in Spanien. 5 Das Reich der Mauren in Spanien hatte faſt acht⸗ hundert Jahre beſtanden. Sie ſetzten von Afrika über nach Gibraltar und erſchlugen bei Keres de la Frontera den chriſtlichen König Roderich mit der Blüthe ſeines Adels. Erſt die denkwürdige Niederlage bei Tours, wo Karl Martell ſeinen gewaltigen Hammer gegen ſie ſchwang, that ihrem reißenden Siegeslaufe Einhalt. Nun bildete ſich in dieſem Weſten Europas ein eigenes Khalifat, un⸗ abhängig von dem öſtlichen zu Damascus, jedoch nach dieſem gemodelt. Die Familie der Omejaden blieb bis gegen Ende des elften Jahrhunderts im Beſitze des Thro⸗ nes. Unter ihnen war die Glanzzeit des weſtlichen Reiches der Sarazenen. Während ihrer väterlichen Regierungen wurden Künſte und Wiſſenſchaften gepflegt, in denen ſie ſelbſt wohl bewandert waren. Sie hielten eine große 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 1 10 Kriegsmacht, deren Blüthe eine Leibwache von zwölftau⸗ ſend Mann bildete, von denen ein Drittel Chriſten waren; prächtig ausgerüſtet wurden ſie von Mitgliedern der königlichen Familie befehligt. Ihre Zerwürfniſſe mit den Khalifen des Oſtens und den Seeräubern der Ber⸗ berei veranlaßten ſie, auch eine bedeutende Seemacht zu unterhalten; dieſe wurde auf den zahlreichen Werften ausgerüſtet, mit welchen die Küſte von Cadir bis Tarra⸗ gona beſetzt war. Die Prachtliebe der ſpaniſchen Khalifen gab ſich in öffentlichen Gebäuden kund, in Palläſten, Mo⸗ ſcheen, Krankenhäuſern, und im Aufbau bequemer Ufer⸗ gänge, Springbrunnen und Waſſerleitungen. Dieſe Letzte⸗ ren wurden über Bergwände gezogen, liefen in hohen Bo⸗ gen über die Thäler und wetteiferten an Großartigkeit mit den Denkmälern des alten Roms. Die Vollendung ſo großartiger Werke wird durch die für jene Zeit außer⸗ ordentlich reichen Einkünfte der mauriſchen Könige erklär⸗ lich; auch ihre große Ueberlegenheit über die chriſtlichen Staaten des Nordens in Künſten und werkthätigem Ge⸗ werbfleiße findet darin ihren Grund. Vor der Entdeckung von Amerika war Spanien die große Quelle des Metallreichthums für das übrige Eu⸗ ropa. Die Araber drangen thätig in dieſe Bergwerke ein, doch beſaßen ſie in ihrem Fleiße und ihrer Geſchicklichkeit noch größere Capitalien. Sie ließen die Kunſt der Be⸗ — 11 wäſſerung in's Leben treten und verpflanzten ſüdliche Sträucher und Gemüſe von ihrer alten Heimath in dieſe neue. Der Zucker iſt gegenwärtig auch in Spanien nur ein ausländiſches Produkt; damals wurde er in großen Quantitäten ausgeführt. Auch die Verfertigung von Sei⸗ denwaaren wurde im Großen betrieben. Dieſe, ſo wie feine Gewebe von Wolle und Baumwolle bildeten den Stapel eines lebhaften Handels mit der Levante, beſon⸗ ders mit Conſtantinopel, von wo aus ſie durch die Ver⸗ mittelung reiſender Handelsgeſellſchaften aus nördlicheren Gegenden, in die verhältnißmäßig ungebildeten chriſtlichen Länder verbreitet wurden. Die leuchtendſten Sterne unter dieſer Reihe glor⸗ reicher Herrſcher ſind Abdurrahman der Dritte und Alha⸗ kem der Zweite, welche im zehnten Jahrhundert lebten. Sie waren ſeltene Männer, die die ihnen verliehene des⸗ potiſche Gewalt zur Wohlfahrt und Aufklärung ihrer Mitmenſchen verwendeten. Gleich den Beſten der Medi⸗ cäer riefen ſie die bedeutendſten einheimiſchen und fremden Belehrte an ihre Höfe und vertrauten ihnen die wichtig⸗ ſten Aemter an. Andere verſammelten ſie in ihren Pa⸗ läſten und wohnten häufig ihren Zuſammenkünften bei. Sie übertrugen ihnen die Abfaſſung naturgeſchichtlicher und ſtaatsrechtlicher Werke und ſammelten ſelbſt große Bibliotheken. In Aegypten, Syrien und Perſien wurden 4 12 Männer mit dem Abſchreiben der ſeltenſten Handſchriften beſchäftigt, und die Schiffe der Khalifen kehrten mit La⸗ dungen heim, die koſtbarer waren als alle Spezereien des Morgenlandes. Der Strom der königlichen Frei⸗ gebigkeit erweckte Leben in den entfernteſten Bezirken, be⸗ ſonders jedoch blühte dies in der Hauptſtadt Cordova. Hier wurden achtzig Freiſchulen eröffnet. Alle Wiſſen⸗ ſchaften wurden öffentlich von Lehrern vorgetragen, deren Ruf Schüler nicht nur aus dem chriſtlichen Spanien, ſondern auch aus Frankreich, Deutſchland, Italien und England herbeizog. Dieſe Periode der glänzendſten Auf⸗ klärung der Sarazenen fiel gerade mit derjenigen der größten Rohheit im übrigen Europa zuſammen, wo eine Bücherſammlung von kaum hundert Bänden in einem Kloſter für eine bedeutende Ausſtattung galt, wo nur wenige Prieſter mehr als einige lateiniſche Brocken ver⸗ ſtanden, und wo man in Italien faſt keinen einzigen Phi⸗ loſophen fand. Schon unter Alhakem's Nachfolger jedoch zerfiel das weſtliche Khalifat in hundert unbedeutende Fürſten⸗ thümer, deren Beherrſcher ſich unter einander befeindeten. Eine Reihe von Herrſchern, die nur den Schein einer Krone auf dem Haupte trugen, kamen und verſchwanden wie die Schatten Macbeth's. Die buntſcheckigen aſiatiſchen Horden, aus denen die ſpaniſch⸗arabiſche Bevölkerung 13 beſtand, betrachteten ſich mit kaum verhehlter Eiferſucht. Ihre geſetzloſen, räuberiſchen Gewohnheiten konnte keine Zucht bewältigen. Alſo durch Parteiungen verkleinert und geſchwächt vermochten die ſarazeniſchen Staaten nicht mehr der chriſtlichen Macht zu widerſtehen, die vom Nor⸗ den her auf ſie eindrang. Zu Ende des eilften Jahr⸗ hunderts trugen die Spanier unter dem Cid ihre Sie⸗ gesfahnen bis an den Tajv. In den beiden folgenden Jahrhunderten leiſteten die aus Afrika herübergekommenen Horden ihren muſelmänniſchen Brüdern tapfern Bei⸗ ſtand; trotz deſſen war gegen die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts der mauriſche Beſitz auf die Landſchaft Granada beſchränkt. Hier gründeten die Sarazenen jedoch ein neues Königreich, welches lange den vereinten Kräften der ſpaniſchen Reiche widerſtand. Die Bevölkerung der Stadt Granada beſtand aus zweihundert tauſend Seelen und ſie vermochte fünfzig tauſend Krieger zu ſtellen. Seide war auch hier wieder der Hauptgegenſtand des Handels; die reichen italieniſchen Städte lernten dieſe Arbeiten von den ſpaniſchen Arabern. Florenz bezog ſie von ihnen; auch Genua hatte kaufmänniſche Niederlaſſungen in Granada. In ihren Häfen Malaga und Almeria wim⸗ melten die verſchiedenartigſten Zufuhren aus„Europa, Afrika und der Levante“, wie der Geſchichtſchreiber ſagt, 14 „ſo daß Granada die allen Völkern gemeinſame Stadt“ wurde. Die Herrſcher Granadas traten in die Fußtapfen ihrer glorreichen Vorfahren, indem ſie ihre noch immer reichen Einkünfte zur Beſchützung der Wiſſenſchaften, zu prächtigen Bauten und zur Entfaltung königlicher Pracht benutzten. Täglich folgben ſich Feſte und Ritterſpiele; weniger zeigten hierbei die Ritter die kühne Tapferkeit der chriſtlichen Kämpfer, als eine unvergleichliche Reit⸗ kunſt und eine Gewandtheit in anmuthigen, arabiſchen Spielen und ſonſtigen Zeitvertreiben. Das Volk von Granada verlangte wie das des alten Roms beſtändig Schauſpiele. Das Leben war ihm ein langer Faſching, der währte, bis der Feind vor den Thoren ſtand. Mittlerweile hatten die Spanier eine gleiche Stufe der Bildung erreicht. Ihre beiderſeitigen Könige verhan⸗ delten miteinander auf dem Fuße völliger Gleichheit. Sie machten ſich gegenſeitig Beſuche trotz des ununterbrochenen Krieges, und ſie wurden alsdann von einem Trupp Rit⸗ ter an ihre Grenzen zurückbegleitet. Auch die mauriſchen und chriſtlichen Ritter machten an den Höfen ihrer bei⸗ derſeitigen Herren Beſuche. Manche in Ungnade gefallene eaſtilianiſche Edelleute flüchteten nach Granada und dienten unter den muſelmänniſchen Fahnen. Bei dieſem freundlichen Verkehr nahm jedes Volk etwas von den 15 Eigenthümlichkeiten des andern an. Die Spanier ahmten die äußere, gehaltene Würde der Araber nach, und dieſe Letzteren verloren theilweiſe ihre Zurückhaltung, Eiferſucht und große Sinnlichkeit. Gegen die ſonſtigen Sitten des Morgenlandes fand in Granada ein ungezwungener Umgang der Geſchlechter ſtatt. Mauriſche Damen wohnten unverhüllt öffentlichen Feſten bei. Ihre Ritter trugen von ihnen geſtickte Män⸗ tel und Schärpen, und kämpften öffentlich um den Preis der Tapferkeit, den die Hände der Schönen ihnen dar⸗ reichten, führten ſie zum Tanz, oder ſchlugen beim Mond⸗ ſchein die Laute unter ihren Söllern. Die Verbindung morgenländiſcher Prachtliebe und ritterlicher Tapferkeit verbreitete einen Strahl des Ruhmes über die letzten Tage des ſpaniſch⸗arabiſchen Reiches und diente dazu, deſſen Fehler zu verbergen. Fortwährend fielen Unruhen in Granada vor, die zuweilen die Grauſamkeit des Herrſchers, häufiger die Parteien des Serails, der Krieger, oder der Pöbel der Hauptſtadt anſtellten. Dieſer Letztere ließ ſich von jedem leidenſchaftlichen Einfall zu den ſchrecklichſten Ausſchwei⸗ fungen verleiten, zur Abſetzung und Ermordung der Herr⸗ ſcher, zur Verwüſtung ihrer Paläſte und ſchönen Kunſt⸗ und Bücherſammlungen. Dennoch leiſtete das Königreich auf eine faſt wunderbare Weiſe während zweier Jahr⸗ 16 hunderte den chriſtlichen Waffen, die ſeine Grenzen nur wenig zu ſchmälern vermochten, Widerſtand. Hundert tau⸗ ſend Krieger wurden von ihm in's Feld geſtellt, und deren Reihen durch die kriegeriſchen Stämme Afrikas vollzählich gemacht. Die Oberfläche ihres Landes, von Bergen und beſchwerlich zu paſſirenden Hohlwegen durch⸗ ſchnitten, verſchaffte der chabiſchen leichten Reiterei einen bedeutenden Vortheil über die ſtahlbedeckten Chriſten. Faſt jede mauriſche Stadt war in eine Feſtung verwandelt worden. Ihre frühe Bekanntſchaft mit dem Schießpulver vermehrte— gleich dem griechiſchen Feuer aus Conſtan⸗ tinopel— ihre Hilfsmittel bedeutend. Der gemäßigte Himmelsſtrich Spaniens war der körperlichen Stärke, ſo wie der Schnellkraft des Geiſtes günſtiger als die ſchwülen Gegenden Aſiens und Afrikas. Die frühere Menge der muſelmänniſchen Staaten daſelbſt regte zu einem edlen Wetteifer an, gleich dem, welcher das alte Griechenland und das mittelalterliche Ztalien an⸗ feuerte. Es entſtanden Akademien und Gymnaſien in den Städten und Dörfern, in der Stadt Granada allein fünfzig. Naturwiſſenſchaft, Mathematik, Geſchichtſchrei⸗ bung, Logik, Sternkunde wurden von ihnen eifrig betrie⸗ ben; ihre Mitglieder drangen in die entfernteſten Ge⸗ genden von Afrika und ſtatteten— ſo gut wie unſere neueſten Reiſenden— dieſen gelehrten Geſellſchaften Be⸗ 17 richte darüber ab. Die Apotheker⸗ und Scheidekunſt erhielt durch ſie eine ganz neue Geſtalt, und heilſame Ar⸗ zeneien wurden von ihnen in Europa eingeführt. Doch liebten ſie dunkle und geheime Wiſſenſchaften, ſuchten das Lebenselixir und den Stein der Weiſen, verordneten ihre Heilmittel nach dem Stande der Sterne— wie auch Boabdil dies zum Vorwande ſeiner gewünſchten Zuſam⸗ menkunft mit Elvira genommen hatte— und liebten die Aſtrologie und die Goldmacherei. Ihre Zahlen ſind noch jetzt die unſrigen und die Verfertigung des Lumpenpa⸗ piers— dieſes weſentlichen Beförderungsmittels der Buchdruckerkunſt— wurde durch ſie allgemein. Auch führ⸗ ten die Sarazenen in Spanien jene Zaubergeſchichten ein, in welchen die Morgenländer mit Ergötzen ſchwelgen, und ſchon die Könige von Cordova verbrachten einen Theil ihrer Mußeſtunden im Anhören ihrer Novellen⸗ ſchreiber, die ihnen von Frauenliebe, von Rittern und Kampf, mit einem Wort, von ſo manchen Gegenſtänden erzählten, die noch heute unſere romantiſche Unterhal⸗ tungslecture bilden. Oft genug ſind wir geneigt, das üppige und träge Volk der Türken mit den lebhaften, geiſtreichen Arabern jener Tage zu verwechſeln. Beide hatten gleiche politiſche und religiöſe Einrichtungen, welche auf die Türken ihre natürlichen Folgen geäußert haben. Die Araber hingegen 18 zeigten ſich als ein Volk, das trotz deſſen einen hohen Grad von Feinheit und geiſtiger Bildung errang und behauptete. Das Reich der Khalifen, das einſt mehr als die Hälfte der alten Welt umfaßte, iſt in ſeine urſprüng⸗ lichen Grenzen zuſammengeſunken. Der Beduine wandert in ſeiner vaterländiſchen Wüſte ſo frei, wie vor der Er⸗ ſcheinung ſeines Prophethn. Die Sprache, welche einſt an den Südküſten des mittelländiſchen und des ganzen indi⸗ ſchen Meeres geſprochen wurde, iſt in eine Menge ver⸗ ſchiedenartiger Mundarten zerſplittert. Finſterniß herrſcht in jenen Gegenden Afrikas, die einſt durch das Licht der Wiſſenſchaft aufgeklärt waren. Die feine Schreibart des Korans wird ſelbſt im Geburtslande des Propheten wie eine todte Sprache gelehrt. Auf der ganzen arabiſchen Halbinſel iſt gegenwärtig nicht eine einzige Buchdruckerei anzutreffen. Aber auch in dem chriſtlichen Spanien finden wir den nämlichen traurigen Gegenſatz. Eine todtengleiche Starrheit iſt auf ſeine frühere geiſtige Thätigkeit gefolgt. Seine Städte ſind ſo volksleer, wie ſie damals reich be⸗ wohnt waren. Sein Himmelsſtrich iſt noch eben ſo ſchön, aber ſeine Felder tragen nicht mehr ſo mannigfaltige Früchte. Seine wichtigſten Denkmäler ſind die, welche die Araber erbauten. Wenn der Reiſende unter ihren öden aber ſchönen Trümmern umherſtreift, ſo drängt ſich ihm der Gedanke an das Schickſal eines Volkes auf, 19 deſſen Daſein ihm jetzt faſt eben ſo ſeltſam vorkommt, wie die wunderbaren Erfindungen in ſeinen mährchenhaf⸗ ten Geſchichten. Ueberall auch auf der iberiſchen Halbinſel der traurige Gegenſatz des glorreichen Sonſt mit dem unbefriedigenden Jetzt. Der Reſt des mauriſchen Königreichs war durch die im Innern herrſchenden Parteiungen in den letzten Jahren unter zwei Herrſcher getheilt. Bvabdil el Chüo (der Kleine) erhielt dieſen Beinamen von den arabiſchen Geſchichtſchreibern, weil er ſehr jung zur Regierung ge⸗ langte. Er herrſchte in dem nördlichen Theil des Reiches und hatte ſeinen Sitz in Granada. Sein Oheim El Za⸗ gal gebot im Süden und reſidirte in Malaga. Dieſe reiche Handelsſtadt war indeſſen von den ſiegreichen Waffen der Spanier bezwungen worden. El Zagal hatte Frieden mit ihnen geſchloſſen und ſich als ihr Vaſall auf einen Landſitz im Gebirge zurückgezogen. Dieſen ver⸗ ließ er jedoch wieder und ging mit einer reichen Geld⸗ entſchädigung nach Afrika, um in der Geſellſchaft ſeiner heimiſchen Stämme ſeine Tage zu beſchließen. Ein feſter mauriſcher Platz nach dem andern fiel in die Hände der Chriſten. Die von Iſabella herberufenen Handwerker und Kriegsbaumeiſter mußten Kanonen, Kugeln und Pulver verfertigen; auch von auswärts wurde dieſes eingeführt. Die nach unſerm heutigen Dafürhalten ſehr ungeſchick⸗ 20 ten Kanonen wurden Lombarden genannt; man ſchoß aus ihnen zuweilen mit eiſernen, mehr noch mit mar⸗ mornen Kugeln. Nur durch eine außerordentliche Menge dieſes ſchweren Geſchützes war es möglich geworden, die mauriſchen Feſtungen zu bezwingen. Oft genug wurde es in den Tiefen bergiger Irrwege aufgeſtellt, deren Päſſe die Reiterei nicht zaſſiren konnte. Deshalb war eine große Menge von Schanzgräbern fortwährend be⸗ ſchäftigt, Wege für das Geſchütz durch dieſe Felsgebirge zu machen; ſie trugen Berge ab und füllten Thäler mit Felsblöcken oder mit Gehölz aus, welches in dieſen Wildniſſen wuchs; auch ſchlugen ſie Brücken über Gieß⸗ bäche und ſonſtige Gewäſſer. Niemand hatte dies bis⸗ her für ausführbar gehalten. Die mauriſchen Beſatzun⸗ gen ſaßen in ihren Bergfeſten wie in dem Neſte eines Raubvogels; mit Erſtaunen ſahen ſie die Züge des ſchweren Geſchützes aus den Hohlwegen auftauchen, in die ſich bis dahin nicht der Fuß des Jägers gewagt hatte. Die hohen Mauern ihrer nicht mehr unzugäng⸗ lichen Städte waren nicht dick genug, um dieſen furcht⸗ baren Maſſen zu widerſtehen. Ihnen ſelbſt fehlte es an dieſem ſchweren Geſchütz. Hakenbüchſe und Armbruſt waren ihre hauptſächlichſten Schußwaffen. So gelangen der Tapferkeit der Chriſten und den unabläſſigen Bemühun⸗ gen des Königs und mehr noch der Königin ſo große 21 Fortſchritte, daß ſie nun vor der Stadt Granada faſt alle ihre Kräfte hatten ſammeln können, um mit deren Bezwingung den endlichen, vollſtändigen Sieg über die Sarazenen zu gewinnen. Eine ſtarke ſpaniſche Flotte kreuzte zugleich an der Südküſte des Reiches, um den Feinden alle fernere Hilfe von ihren afrikaniſchen Stamm⸗ genoſſen abzuſchneiden. Zwanzig tauſend muſelmänniſche Ritter hatten in Granada eine Zuflucht gefunden. Oft machten ſie einzeln oder in kleinen Haufen Ausfälle und forderten die Spa⸗ nier auf, ſich ihnen zum Kampfe zu ſtellen. Die Ritter beider Völker trafen auf einem geebneten Sandplane zu⸗ ſammen und kämpften wie im Tourniere. Nicht ſelten wohnte die mauriſche Königin mit ihren Damen dieſen Ritterſpielen bei. Die ſpaniſchen Balladen rühmen mit maleriſcher Ausſchmückung dieſe Kämpfe; dieſe roman⸗ tiſchen Dichtungen beſingen den Muth der muſelmänni⸗ ſchen und der chriſtlichen Ritter und verbreiten auf dieſe Weiſe eine Todtenglorie über die letzten Tage von Gra⸗ nada.*) Der Angriff, welcher Arnold Waller und Donna Elvira in die Gewalt ihrer Feinde brachte, war ein ſol⸗ cher Ausfall, der diesmal in bedeutender Anzahl und in 5) Siehe Prescott: Geſchichte Ferdinand's und Iſabella's. 22 weiterer Entfernung von der Hauptſtadt unternommen wurde, als dies meiſtens ſonſt geſchah. Boabdil's noch immer ungezügelte Leidenſchaft für Elvira hatte ſich nicht mit dem erſten Verſuche, ſie in ſeine Gewalt zu bekom⸗ men, begnügt, und als ſeine Kundſchafter ihm die Nach⸗ richt von der Reiſe der Königin brachten, erfuhr er zugleich, daß ihre Nichteh ſie begleiten würde. Er er⸗ griff alſo dieſe ihm ſo willkommene Gelegenheit, um einen Ueberfall auszuführen, wobei es jedoch mehr auf die Habhaftwerdung der Perſon der Donna von Viana als auf diejenige der Königin Iſabella ab⸗ geſehen war. Gleich der letzten, kraftvollen Eiche eines vielſtäm⸗ migen Waldes ſtand noch immer die mauriſche Haupt⸗ ſtadt. Allein bot ſie dem Sturm Trotz, der alle ihre Schweſtern niedergeriſſen hatte. Der Trupp, bei dem ſich Arnold befand, hatte eine Weile in der Nähe der Stadt geraſtet, während der Sultan mit der Hauptabtheilung vorausgeritten war. Der Erſtere langte daher erſt un⸗ gefähr eine Stunde nach dieſem innerhalb der Mauren⸗ ſtadt an. Die Straßen waren eng, viele Häuſer hoch; manche hatten ſonderbar gearbeitete Thürme von Marmor oder von Lerchenholz, mit Karnießen von glänzendem Metall, welche ſternengleich durch das dunkle Laub der Pomeranzenhaine funkelten. Das Ganze war einem 23 Schmuckkaſten zu vergleichen, der, mit Schmelzarbeiten verziert, von Hyacynthen und Smaragden glänzt. Der Fluß Darro durchſchnitt die Stadt. ²) Die Gefangenen, deren außer Arnold Waller nur noch wenige waren, wurden nach der Alhambra geleitet. Der Abend war allmählich herangekommen, und hin und wieder bemerkte man in den ſtilleren Straßen einzelne Gruppen, welche gemächlich auf die Töne der mauriſchen Laute horchten oder ſich um arabiſche Mährchenerzähler ſammelten. Dieſe Alle ſchienen gänzlich unbekümmert um den Krieg vor den Thoren. Andere dagegen unterhielten ſich mit lebhaften Geberden, wie ſie nur ein außergewöhn⸗ liches Ereigniß bei den ernſthaften Morgenländern her⸗ vorrufen kann. Die größte Volksmenge ſammelte ſich im Zacatin, deſſen mittlere Straße ein großer Bazar war. Seine kleinen Gewölbe und engen Durchgänge trugen ganz den vrientaliſchen Charakter. Die Gefan⸗ genen hatten ihre Pferde verlaſſen müſſen, und nun ging ) Das Wappen Granadas beſtand theilweiſe aus einem Granatapfel; dieſe Frucht wurde zuerſt von Afrika hier ein⸗ geführt. Auch ihre beiden mit Häuſern beſetzten Hügel konn⸗ ten an die zwei Hälften eines aufgeſchnittenen Granatapfels er⸗ innern. Aus dieſen verſchiedenen Gründen leitete man den Namen dieſer vielbeſungenen Stadt her. Siehe Conde: Die Herrſchaft der Araber in Spanien. 24 es eine tiefe, enge, ſteile Schlucht hinauf, die mit ſchönen Bäumen bewachſen war und durch die ſich verſchiedene Fußſteige mit ſteinernen Bänken und Waſſerleitungen wanden. Der befeſtigte Palaſt der Sultane, den ſie vor ſich ſahen, nahm nur einen Theil der Feſtung ein. Ihre mit Thürmen beſetzten Mauern zogen ſich unregelmäßig um den Rand eines bedentenden Hügels, der einen Zweig der Sierra Nevada oder des Schneegebirges bildet. Vierzig tauſend Krieger konnten Platz in der Alhambra finden. Zwiſchen Mauern hindurch gelangte Arnold in eine offene Esplanade im Innern, wo ſich außer großen, in den Felſen gehauenen Ciſternen ein Brunnen fand, in deſſen unermeßlicher Tiefe ſich das Waſſer in ſeiner kry⸗ ſtallhellen Friſche erhielt. Dann betrat er den eigentlichen Palaſt und erſtaunte über die Anmuth der Säulenhallen, der Kuppeln und Decken, die in den glänzendſten Farben prangten. Durch geſchickt angebrachte Oeffnungen erhielt der Duft der umgebenden Gärten und die Kühle der Luft Zugang zu dieſen Räumen. Man brachte ihn in eins der Seitengemächer eines nicht großen Nebengebäu⸗ des, welches man ihm zur einſtweiligen Wohnung an⸗ wies. Seine Erſchöpfung war ſo groß und dabei ſchmerzte ihn ſeine Wunde ſo ſehr, daß augenblicklich der Wunſch nach Ruhe und Erholung ſo vorherrſchend bei ihm wurde, daß alle übrigen Gedanken vor ihm in den Hin⸗ tergrund traten. Nach einigen kurzen Stunden eines un⸗ erquicklichen Schlummers drang indeſſen das Bewußtſein der Vergangenheit und Gegenwart doppelt auf ihn ein. Von dem Sultan und von der Donna Elvira hatte er ſeit dem Zuſammentreffen auf dem Schlachtfelde nichts wieder geſehen. Immer unter der letzten Abtheilung des heimkehrenden Zuges hatte er von den voran Reitenden nichts weiter gewahren können. Eine noch durch die Be⸗ ſchwerden des Wundfiebers geſteigerte Angſt beſchlich ihn bei dem Gedanken an Elvira. Wohin mochte man ſie gebracht haben?— In die Alhambra, in den Harem Boabdil's. Wo lagen dieſe Gemächer? Würde er hoffen dürfen, ſie wieder zu ſehen, oder würde er ohne eine ge⸗ naue Kunde von ihrem Schickſal bleiben müſſen? Und wie war der letzte Ausgang dieſes für die Chriſten ſo unglücklichen Gefechtes geweſen?— War es Don Gon⸗ ſalvo gelungen, die Königin zu retten, und wenn dies geſchehen, war der edle Ritterfürſt ſelbſt nicht endlich dem Würgeſchwert jenes furchtbaren Maurenfürſten un⸗ terlegen, der ihn und ſeine erhabene Schutzbefohlene ſo unbarmherzig verfolgte? Und ſein Oheim, war er unter den Todten, welche jenes blutgedüngte Schlachtfeld be⸗ deckten?— Alle dieſe Fragen drückten mit laſtender Schwere Arnold's Herz. Sein Blut wogte unruhig und 2 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 8 26 ſeine Gedanken wurden ihm zu unausgeſetzter Qual. Die düſterſten Phantaſiebilder verwirrten ſein Hirn und dabei kehrte wieder jene Schwäche zurück, der er ſich entriſſen hatte, als er damals Elvira vor ſich knieen und um ſich beſchäftigt ſah. . Zwrites Caitel. Reduan Benegas und die Sultanin. Eine Woche verging, ehe Arnold von dieſem Wund⸗ fieber wieder ſo weit geneſen war, um ſein Gemach ver⸗ laſſen zu können. Er hörte während dieſer Zeit nichts von der Außenwelt, denn die Sklaven, welche ihn in dieſer Krankheit bedienten, antworteten ſeinen Fragen nicht. Entweder verſtanden ſie ihn nicht, wenn er gleich außer dem Spaniſchen ſich ſoviel von der arabiſchen Mundart angeeignet hatte, um ſich einigermaßen ausdrücken zu können— oder auch hatten ſie den Befehl, ihm durchaus nichts zu erwiedern. Es mochte der Fürbitte der Donna Elvira zuzuſchreiben ſein, daß die ihm widerfahrene Be⸗ handlung vieles beſſer war, als ſie ſonſt gewöhnlich die von den Mauren gefangenen Chriſten erfuhren. Dieſe ſchmachteten nur zu oft ſehr lange in unterirdiſchen Ge⸗ füngniſſen, und nicht ſelten glichen ſie jammervollen Ge⸗ 28 ſpenſtern, wenn ſie endlich der erobernde Arm der Chri⸗ ſten daraus befreite. Arnold dagegen befand ſich in einem zwar nicht großen, jedoch ziemlich bequem ausgeſtatteten Gemache, wurde gut von ſeinen dunkeln Wärtern ver⸗ pflegt und erhielt ſogar die Erlaubniß, ziemlich ungehin⸗ dert im Innern der Alhambra und in deren Umgebungen herumgehen zu dürfen. Jener ſo viel beſungene und oft erwähnte Sitz der Maurenherrſchaft hatte für den jungen Mann Intereſſe genug, um ihn dieſe Erlaubniß willkommen heißen zu laſſen. Seine für die damalige Zeit umfaſſende Bildung erhob ihn über die gewöhnliche Stufe des Geſichtskreiſes ſeiner Standesgenoſſen, und er war daher den poetiſchen Eindrücken keineswegs unzugänglich, die ſich ihm hier auf ſo manchen Punkten boten. Ein dringenderer Grund für dieſe Streifereien war jedoch die Hoffnung, irgendwo eine Spur von Elvira zu finden, oder zu erfahren, ob ſie ſeiner Dienſte auf irgend eine Weiſe bedürfen könne. Dies Letztere hielt er nur für zu leicht möglich. Bei dem Schein des Mondes, der eines Abends ſchon früh am tiefblauen Himmel ſtand, ſuchte er auf der von der Al⸗ hambra gekrönten Anhöhe die verborgenſten Pfade in der Nähe der Gebäude auf, die von dem Sultan und ſeiner Familie bewohnt wurden. Er ſandte ſein Auge nach allen Richtungen. Die tiefe Stille ringsum wurde 29 nur dann und wann von leiſen Lüften geſtört, die, von den Gipfeln der Schneeberge herabkommend, in den duftenden Blättern der Citronen⸗ und Granatbäume rauſchten; oder von dem Geplätſcher der Waſſerfälle, die melodiſch in den Gärten und auf den freien Plätzen ſpielten. Er gelangte auf einen grünen Raſen, der von buntfarbigen Blumen bedeckt war, die jedoch jetzt ihre Kelche geſchloſſen hatten; auch Laubgänge mit dichten, üppigen Zweigen beſchatteten ihn. Ein Balkon ging hier von einer Mauer aus auf den Platz heraus. Eine Fülle von Roſen und Schlingpflanzen erhob ſich unter ihm; Gitterfenſter waren über dem Altan zu erblicken. Im Begriff, ſeitwärts unter den hochſtämmigen Roſenhecken hervorzutreten, bemerkte Arnold, daß ein anderer Mann von der entgegengeſetzten Seite herankam. Dieſer richtete ſeine Blicke auf die Bal⸗ konthüre, als warte er auf irgend ein Zeichen von dort. Endlich öffnete ſie ſich und eine verſchleierte Frauen⸗ geſtalt trat heraus. Arnold's Herz pochte, doch gab er der Stimme der Klugheit Gehör, die ihm gebot, ſich im Hintergrunde zu halten. Konnte dieſe Frau Elvira ſein? Das Mondlicht ſtrahlte mit Tageshelle; er konnte daher alle ihre For⸗ men genau unterſcheiden. Doch ſchien es ihm, als wenn die Dame nicht ſo groß und weniger ſchlank als Elvira ſei. Die Geſtalt des Mannes kam ihm bekannt vor. Dieſer 30 war größer als die meiſten übrigen Muſelmänner, und es lag etwas Entſchiedenes, Gebietendes in ſeinem Weſen. Sein Schritt war leicht und feſt, ſeine Haltung ſtolz. Er trug ſein Haupt aufrecht mit jener gelaſſenen Würde, welche das Selbſtvertrauen einer ausgezeichneten Perſönlichkeit einflößt. Zwar trug dieſer Mann heute eine andere Kleidung, alskan jenem unheilvollen Tage, da Arnold ihn zuerſt geſehen; nur der weiße, mit Ju⸗ welen geſchmückte Turban bedeckte wieder ſein Haupt. Sein Obergewand war heute dunkel; doch funkelte die Damascenerklinge an ſeiner Seite. Die erſten, leiſen Worte der Dame, die wie Flötenlaut anzuhören waren, beſtätigten Arnold's Vermuthung, daß er jenen Reiter des ſchwarzen Roſſes in der Schlacht, den furchtbaren Anführer der mauriſchen Reiterei erblicke, welcher ſo hartnäckig mit Don Gonſalvo de Cordova gekämpft hatte. „Reduan Benegas,“ ſprach die Dame ſich vorbeu⸗ gend,„Du kommſt als mein treuer Ritter, ſobald ich Dich rufe. Osman hat meine Botſchaft Dir richtig über⸗ bracht; er iſt für Gold zu Allem erbötig.“ „Erhabene Sultanin,“ ſprach der Maure die Arme über der Bruſt kreuzend und tief ſein Haupt ſenkend.„Ich trage wieder Deine Farben ſeit dem letzten Tournier in der Vivarambla und werde ſie behaupten gegen Jeder⸗ 31 mann, der wagen könnte ſie zu verunglimpfen. Du haſt meine Huldigung angenommen und mir den Preis zu⸗ ertheilt, als ich auf der Tribune vor Dir kniete.„Die Schönheit ruft die Tapferkeit“ war die Deviſe, mit wel⸗ cher Du mir jene goldgeſtickte Purpurſchärpe überreich⸗ teſt, als ich meine Lanze zu Deiner Verherrlichung ge⸗ brochen hatte.„Die Schönheit ruft die Tapferkeit“ ſagte die Sprache des Blumenſtraußes, den, mit einem gold⸗ beſetzten Purpurbande umwunden, Osman mir heute überbrachte; Du rufſt mich, edle Zoraya— ich kniee zu Deinen Füßen.“ Er beugte ſein Knie. Zoraha ſtreckte die Hand aus, als wolle ſie ihn aufheben, und Arnold bemerkte, daß dieſe gleich dem Arm weiß und voll war. Reduan erhob ſich und blickte um ſich, als befürchte er eine unwill⸗ kommene Ueberraſchung. Die Dame ſagte: „Stehe auf, edler Reduan, und beunruhige Dich nicht Osman bewacht den Eingang des Gartens; kein Lauſcher kann uns nahen.“ Arnold war allerdings nur auf einem Nebenwege und indem er eine Mauer überſtieg, in den Garten ge⸗ langt. Zoraya's Vorausſetzung war daher nicht ganz un⸗ begründet. Reduan verſetzte: „Wenn wir ungeſtört bleiben, ſo ſage mir, edle 32 Sultanin, womit ich Dir dienen ſoll. Mein Leben und mein Blut iſt das Deinige, wie Du weißt.“ „Die Tochter Aliatai's, des großen Zegri, ſpricht zu Dir. Er hatte mich unter Deinen Schutz geſtellt, ehe er in Lora unter dem Schwert der Ungläubigen fiel und ehe mein Gemahl Boabdil in die Gefangenſchaft des Königs Fernando gerietht Du geleiteteſt mich nach Ma⸗ laga zu El Zagal, und zurück zu Boabdil, als er befreit war. Stets warſt Du meine zuverläſſigſte Stütze— mehr als Der, den ich meinen Gatten nenne. Er hat eine ge⸗ fangene Chriſtin mit ſich gebracht.“ „Ich weiß es, Herrin,“ verſetzte Reduan.„Sie fiel auf dem Schlachtfelde in ſeine Hände.“ „Sie wird,“ fuhr ſie fort,„nicht gleich den übrigen erbeuteten Chriſtinnen wie eine Sklavin behandelt, ſon⸗ dern iſt in die Gemächer der Sultanin gebracht worden. Der König ſpricht, daß ſie fortan die Gebieterin des Harems ſein und daß man ſie als die erſte Sultanin verehren ſoll.“ „Ha!“ rief er leiſe,„ſo will er ſie zu ſeinem recht⸗ mäßigen Weibe, zur Königin von Granada machen?“ „Und mich,“ ſprach Zoraha weiter,„ließ er gleich nach ſeiner Heimkehr in dies Gebände bringen. Seine Thüren ſind geſchloſſen, ſeine Fenſter vergittert. Osman iſt mein Hüther, und nur für eine abermalige goldene 33 Spende hat er eingewilligt, dieſe Balkonthür für eine kurze Weile zu öffnen. Du ſiehſt, daß ich unwürdig be⸗ handelt werde, denn ich habe dem Könige keinen wirklichen Grund zur Beſchwerde gegeben und war ſeit den Tagen ſeiner erſten Jugend ſeine treue Gattin.“ „Du ſprichſt die Wahrheit,“ ſagte der Maure, „Dein Mund redet goldene Worte.“ „So gehe denn zu den Zegris, Reduan, und un⸗ terrichte ſie von der unwürdigen Behandlung, die ich er⸗ dulden muß. Mögen ſie zum Sultan gehen und von ihm fordern, daß er ihre Schweſter wieder in ihre Rechte einſetze.“ „Dein Wille ſoll geſchehen, Troſt der Gläubigen!“ verſetzte Benegas. „Wende mein ſchmähliches Loos! Ich baue auf Dich, Reduan. Die Schönheit ruft die Tapferkeit!— Nimm dies Zeichen und bringe es den Meinen; ſie wer⸗ den es wiedererkennen.“ Sie reichte ihm ein goldenes Stirnband, in deſſen Mitte ein Rubin ſtrahlte, und ſchlug dabei ihren Schleier zurück, als wolle ſie durch die Enthüllung ihres Antlitzes die Wirkung ihrer Worte noch erhöhen. Das üppige, ſchwarze Haar war mit Perlenſchnüren durchwunden. Die fein geſchnittenen, etwas vollen Züge wurden durch die brennenden, dunkeln Augen und durch die weißen Zähne 34 hinter den ſchwellenden Purpurlippen noch mehr hervor⸗ gehoben. Auch ſchien es, als wenn Reduan ganz die Gunſt erkenne, die ihm bewilligt wurde. Seine feurigen Blicke ruhten eine kurze Weile auf ihr, indem er das ihm dargebotene Stirnband annahm. Dann warf er ſich mit dem Geſicht auf die Erde, als müſſe er ſein Auge vor dem Anblicke ſeiner Herrjn geſenkt halten. Dieſe nahm wieder das Wort: „Ich hoffte ſtets in dieſen Tagen, daß Boabdil ſei⸗ nen Sinn ändern und mich wieder in meine alten Rechte einſetzen würde, denn Allah lenkt die Herzen der Men⸗ ſchen wie den Hauch des Windes. Die Chriſtin würde alsdann meine Sklavin geweſen ſein und ich hätte ſie bald nach Afrika geſchickt. Dort hätte ſie auf dem Markte von Fez verkauft werden und in den Harem irgend eines Emirs wandern müſſen. Boabdil's Augen wären alsdann nicht mehr durch den böſen Zauber ihrer Schönheit verblendet worden.“ „Dies hätte geſchehen können, Gott iſt groß!“ ſprach der Maure, indem er ſich aufrichtete. „Ich hörte erſt geſtern,“ fuhr ſie fort,„daß Du wieder in Granada ſeiſt. Daher konnte ich Dir meine Botſchaft nicht früher ſenden. Osman wollte nicht ſelbſt zu den Zegris gehen, da er fürchtete, daß ſie ihn in ihrem Zorn dem Könige nennen könnten und dieſer ihn dann 35 verderben würde. So mußt Du ihnen alſo meinen Willen kund thun.“ „Es wird geſchehen, Herrin. Ich gehe morgen in die Stadt, um ſie aufzuſuchen.“ Ein etwas ſtärkerer Luftzug erhob ſich in dieſem Augenblicke. Er bewegte nicht nur die Roſenhecken, ſon⸗ dern ſtrich auch über den Balkon in das geöffnete Ge⸗ mach hinein. Mochten in dieſem an der entgegengeſetzten Seite Fenſter oder Thüren geöffnet ſein— genug, es ent⸗ ſtand ein ziemlich ſtarker Zugwind. Der halb zurück⸗ geſchlagene Schleier der Sultanin wurde von dem Luft⸗ zug erfaßt und mit Gedankenſchnelle zu dem Punkte hin⸗ getragen, wo Arnold ſtand, ſo daß er unmittelbar vor dieſem auf einem Strauch niederfiel. Arnold ſtreckte un⸗ willkürlich die Hand aus, um ihn zu erfaſſen und ſein weiteres Fortfliegen zu verhindern. Reduan indeſſen wußte nur zu gut, wie gefährlich der Sultanin in ihrer gegenwärtigen Lage der Umſtand werden konnte, wenn man ihren Schleier inmitten des Gartens fände. Es würde dadurch verrathen ſein, daß ihr die Ballonthür geöffnet worden, und Osman, einer der Wächter des Serails, würde für ſeine Verletzung der Befehle des Sultans zur Verantwortung gezogen werden. Osman, eine feile Seele, würde dann leicht Reduan's Unter⸗ redung mit der Sultanin verrathen, um dadurch Gnade 36 für die eigene Pflichtverletzung von dem Zorn Boabdil's zu erlangen. Mit der nämlichen Schnelligkeit alſo, die er in ſeinen Bewegungen im Gefecht zeigte, ſprang Reduan auf, um den Schleier einzufangen und ihn ſeiner Be⸗ ſitzerin zurück zu bringen. Er ſtand daher unmittelbar vor Arnold, ehe dieſer noch einen Verſuch zur Entfernung hatte machen können, ung erblickte den verhängnißvollen Schleier in ſeinen Händen. „Ha, Verrath, ein Späher hat uns belauſcht!“ rief Reduan leiſe. Im Nu entriß er ihm das dunkle, mit Goldfäden geſtickte Gewebe, und es blitzte der Dolch in ſeiner Hand. Der allmächtige Lebenstrieb war jetzt der erſte Gedanke des jungen Mannes. Er ſprang zur Seite und eilte einige Schritte weiter, um der Mordwaffe zu entgehen. Reduan folgte ihm und erreichte ihn, als ſie dicht vor dem Balkon ſtanden. Noch einmal gelang es Arnold, dem furchtbaren Stahl auszuweichen. Er umfaßte den Mauren und rang mit ihm; indeſſen hatte er ſeine volle Stärke noch nicht wieder nach ſeiner letzten Verwundung erlangt, beſonders der rechte Arm, in welchen der vergiftete Pfeil eingedrungen, konnte ihm nicht ſeine früheren Dienſte leiſten. Die ungeſchwächte Gewandtheit des Mauren trug daher bald den Sieg davon. Dieſer drückte ihn auf die Erde nieder; ſein Knie lag auf Arnold's Bruſt und ſein furchtbarer Stahl blitzte an deſſen Kehle. 37 Der mützenartige Fez, den Arnold heute als Kopf⸗ bedeckung getragen, war abgefallen und ſein Hals nicht mehr mit dem Ringkragen bedeckt, der ſonſt ſeinen kriege⸗ riſchen Anzug vollendet hatte. Der volle Schein des Mondes fiel auf ſein noch von dem erlittenen Blutverluſte farbloſes Antlitz, ſo daß es noch bläſſer erſchien. Der ganze, ſchreckliche Kampf war lautlos geführt worden und mochte kaum einige Minuten gedauert haben. Arnold's blaues Auge wurzelte in dem dunkeln Flammenauge des Mauren, während ſeine blonden Locken ſich empor⸗ ſträubten. „Stoß zu, Heide,“ murmelte Arnold.„Ich bin un⸗ bewaffnet und vom Wundfieber geſchwächt. Der Sieg über einen wehrloſen Gefangenen hat leicht von Dir ge⸗ wonnen werden können!“ Bei dieſer unwillkürlichen Kundgebung ſeiner Ge⸗ fühle bediente er ſich ſeiner deutſchen Mutterſprache. Zu ſeinem größten Erſtaunen mußte Arnold jedoch bemerken, daß ſein Feind mit dem Stoß ſeiner Mordwaffe zö⸗ gerte und daß ſich ſein anfangs ſo haßerfüllter Blick ſänftigte. „Du biſt einer der chriſtlichen Gefangenen, die aus dem letzten Gefecht nach Granada geführt worden ſind?“ fragte Benegas jetzt gleichfalls auf Deutſch. „Ein Schweizer Lanzenträger,“ verſetzte Arnold. „Ich habe mit dem Sultan ſelbſt gekämpft und wurde zuletzt durch einen Pfeilſchuß verwundet, worauf man mich in die Alhambra geführt hat.“ „Was ſuchſt Du hier in den Gärten?“ fragte der Sarazene. „Ich habe gewünſcht, mir irgend eine Kunde von jener chriſtlichen Dame gu verſchaffen, die mit mir ge⸗ fangen wurde. Meine Wächter und Pfleger haben keine meiner Fragen beantwortet.“ „Du haſt Dein Leben leichtſinnig auf's Spiel ge⸗ ſetzt,“ ſagte Benegas, deſſen dunkles Antlitz noch immer leicht gefurcht war. „Ich bin in Deiner Gewalt,“ ſprach der junge Mann gefaßt.„Gieb mir den raſchen Tod eines ehr⸗ lichen Kämpfers!“ Anſtatt aber dieſer kurzen Aufforderung Folge zu leiſten, ſagte der Maure: „Willſt Du beim Kreuze Chriſti ſchwören, daß Du keinem Menſchen auf der Erde etwas von der Unter⸗ redung, die Du gehört, mittheilen willſt? Daß Du Nie⸗ mandem, wer es auch ſei, etwas von dieſer Scene, deren Zuſchauer Du geweſen biſt, durch Wort oder Zeichen kund geben wirſt? Willſt Du ſie gänzlich aus Deiner Er⸗ innerung verlöſchen und mir dies Alles bei dem Glauben 39 eines wahren Chriſten geloben— ſo will ich Dir Dein Leben ſchenken.“ „Ich ſchwöre es bei dem Kreuze des Erlöſers, bei dem wahren Glauben eines Chriſten!“ ſprach Arnold, vor welchem plötzlich die Lebenshoffnung mit allen glän⸗ zenden Bildern von Ruhm und Liebesglück wieder auf⸗ ſtieg.„Nie ſoll ein Wort von mir verrathen, daß ich in dieſer Stunde hier war.“ „Willſt Du Dich im tiefſten Schweigen von hier entfernen und allen meinen Weiſungen folgen, bis Du wieder in Deiner Behauſung biſt?“ „Ich gelobe auch dies!“ antwortete Arnold ſchnell. „So ſtehe auf und folge mir.“ Reduan Benegas zog nun erſt ſeine Dolchſpitze von dem Halſe des Beſiegten, ließ deſſen Hände frei, die er mit der einen Hand wie mit einer eiſernen Krampe feſtgehalten hatte, zog ſein Knie von deſſen Bruſt und ſtand auf. Auch Arnold war ſogleich wieder auf ſeinen Füßen. „Warte,“ ſagte der Maure,„ich will ſehen, ob wir dieſen Ausgang zur Rechten ungefährdet paſſiren können; auch der Schleier wird noch dort liegen.“ Er ging einige Schritte ſeitwärts und blieb auf einige Sekunden Arnold's Augen unſichtbar. Die mau⸗ riſche Dame war anfangs mit allen Zeichen der Angſt 40 zurückgewichen, jetzt ſtand ſie jedoch wieder in der Bal⸗ konthür. Sie hatte nichts von den Worten gehört oder verſtanden, die zwiſchen den beiden Männern gewechſelt wurden; doch ſchloß ſie, daß Reduan in dem Ueberwältig⸗ ten einen Befreundeten erkannt habe, da er ihm kein Leides zugefügt hatte. Sie trat daher wieder vor, beugte ſich über das Geländer de Altans und rief leiſe: „Mein Schleier— ich muß ihn wieder haben— gieb mir meinen Schleier!“ Dieſer war nicht auf dem Fleck geblieben, wo Re⸗ duan ihn vermuthete, ſondern jetzt dicht neben Arnold, dem er früher wieder entfallen, hingeweht worden. Dieſer hob ihn raſch auf und überreichte ihn der Dame. Kaum war er indeſſen in deren Händen, als der junge Mann ſie plötzlich ſchwanken und umſinken ſah. Mochte der Schreck, welchen ſie bei dem mörderiſchen Handgemenge der Män⸗ ner empfunden, die angſtvollen Gemüthsbewegungen der letzten Zeit noch geſteigert haben, oder mochten auch andere Urſachen wirken— genug, die verſtoßene Sultanin war von einer Ohnmacht befallen worden. Arnold hatte genug von dem Stande der Dinge aus der angehörten Unter⸗ redung begriffen, um einzuſehen, wie gefährlich es für die Dame ſein könnte, wenn ſie in dieſer Lage hier vor der ge⸗ öffneten Thür ihres Gefängniſſes auch nur von ihren Sklavinnen geſehen würde. Ueberdies war langes, egoi⸗ 41 ſtiſches Bedenken nicht Arnold's Sache, wenn er irgend ein weibliches Weſen des unmittelbaren Beiſtandes be⸗ dürftig wußte. Er ſchwang ſich daher auf den Söller, hob Zoraya vom Boden auf und trug ſie in das Zim⸗ mer, indem er leiſe die anſtehende Thür öffnete. Kaum hatte er ſie auf eins der an den Wänden ſich hinziehenden Ruhebetten gelegt, als ſie die Augen wieder aufſchlug. Arnold ſagte gedämpft, indem er ſich über ſie beugte: „Ihr erholt Euch wieder, Herrin. Gott und unſere Frau ſeien dafür geprieſen.“ Sie ſah ihn noch immer mit einem Blicke der Ver⸗ wunderung an, als begreife ſie nicht, wie er hierher in das Heiligthum ihres Frauengemaches gelange. Er aber richtete ſich auf, um ſeinen Rückweg wieder über den Söller anzutreten. In dieſem Momente fiel ſein Blick auf einen kleinen, dürren, alten Muſelmann von abſchrecken⸗ der Häßlichkeit. Er trug ein Bund Schlüſſel an ſeinem Gürtel und der ſtechende Blick ſeiner eingeſunkenen, dun⸗ keln Augen wurzelte auf Arnold, während ein ſauer⸗ töpfiſches, hämiſches Grinſen um ſeine welken Lippen ſpielte. Es war Osman, der Wächter der gefangenen Sultanin, einer der Aufſeher des Serails, welcher ein⸗ getreten war, um dieſe zu erinnern, daß ihre Unterredung draußen beendigt ſein und die Balkonthür wieder ge⸗ ſchloſſen werden müſſe. 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 3 42 Arnold fand es am Gerathenſten, ſich jetzt nicht bei weiteren Erörterungen aufzuhalten, ſondern entfernte ſich ungeſäumt auf dem nämlichen Wege, auf welchem er in das Gemach gelangt war. Seine Bewegungen waren überhaupt ſo ſchnell geweſen, daß höchſtens ei⸗ nige Minuten während des ganzen Vorfalls verſtrichen ſein konnten. Er ſtand daher wieder ruhig auf dem früheren Flecke, als Reban wiederkam, und ſagte leiſe wie vorher: „Ich habe der Dame ihren Schleier ſchon über⸗ geben; ſie iſt in ihre Gemächer zurückgekehrt.“ „Gut,“ ſagte Reduan,„ſo folge mir.“ Er ging auf einem Wege voran, welcher demjenigen entgegengeſetzt war, auf dem Arnold ſich genähert hatte. Der Umſtand, daß der fürchterliche Maurenhäuptling deutſch ſprach, kam ihm ſo wunderbar vor, wie das ganze Abenteuer der letzten Stunde. Dies und alle Umgebungen ringsum erſchienen ihm faſt wie der fabelhafte Traum eines Feenmährchens, in deſſen Fortgange niemals das geſchieht, was man im gewöhnlichen Leben zu erwarten berechtigt iſt. Er grübelte daher auch jetzt nicht weiter, ſondern hielt nur den einen Gedanken feſt, daß er aus den Eröffnungen der Sultanin ſchließen müſſe, Boabdil's Abſichten auf Elvira von Viana ſeien noch ganz die 43 nämlichen, die er ſchon in der Verkleidung des mauriſchen Arztes gegen ſie kund gegeben. Auf mancherlei verſteckten Pfaden gelangten ſie end⸗ lich wieder an eine andere Seite der Gebäude der Alham⸗ bra. Reduan blieb vor der röthlich grauen Mauer ſtehen und zog einen kleinen Schlüſſel aus ſeinem Gewande. Obgleich kein Abzeichen irgend einer Art zu gewahren war, befand ſich hier dennoch eine kleine, runde, durch eine Gruppe von Mandelbäumen verdeckte Pforte. Sie gingen durch dieſe und der Maure verſchloß ſie ſorgfältig wieder hinter ſich. Dann gelangten ſie durch einen langen, ſchmalen Gang in eine Halle, welche eben ſo menſchen⸗ leer war, wie dieſer ganze Theil des Gebäudes. Arnold ſagte leiſe, indem ſeine Blicke umherſchweiften: „Dieſer Theil des Palaſtes ſcheint ganz verödet zu ſein. Wozu iſt er ſonſt benutzt worden?“ „Wir ſind in der Halle der Abencerragen,“ ant⸗ wortete Benegas. „Wie?“ rief Arnold Waller.„Ihr ſprecht von jenem Geſchlechte tapferer Ritter, welches ſo häufig der Gegenſtand der mauriſchen Balladen geweſen iſt?“ „Sie kämpften viel mit den Zegris,“ antwortete ſein Führer.„Der vormalige Sultan Abul Haſſan glaubte nach deren Anſchuldigungen, daß die Abencer⸗ ragen ſich in eine Verſchwörung gegen ihn eingelaſſen 3 44 hätten. Er rief daher ſechs und dreißig von ihnen in dieſe Halle und ließ ſie Einen nach dem Andern durch dieſes Pförtchen vor ſein Antlitz in den Löwenhof führen.“ Arnold folgte ihm nun durch die genannte kleine Thür, welche auf den Löwenhof hinausging. In dieſer ſo viel erwähnten Abtheilung der Alhambra ſah man wieder einen plätſchernde Springbrunnen, um den ſich ein alabaſternes Baſſin hinzog. Zwölf ſteinerne Löwen umgaben ihn und ſtrömten kryſtallne Fluthen in das große, mittlere Becken. Leichte arabiſche Arkaden mit fein durchbrochenem Gitterwerk umgaben dieſen Hof; ſchlanke Pfeiler von weißem Marmor trugen es. Die zierlichſte Eleganz herrſchte überall; das Streben nach müheloſem Genuße ſprach ſich in der ganzen Einrichtung, in den reich verzierten Bogen der Portale und in dem Mar⸗ morfließ des Fußbodens aus. „Iſt es denn möglich,“ fragte Arnold wieder,„daß dies ganze edle Geſchlecht auf einmal ausgerottet wurde?“ „Abul Haſſan hieß der König mit dem Tigerher⸗ zen“,“ antwortete Reduan.„Er ließ die Abencerragen hier an dieſem Springbrunnen alle nach einander enthaupten, ſo daß auch der Letzte dieſes berühmten Geſchlechtes hier vertilgt wurde.“ „Ha,“ ſprach Arnold,„ich ſehe hier einige röthliche 45 Flecke. Es werden Spuren jenes edlen Blutes ſein, das hier in Strömen vergoſſen wurde!“ „Die Sklaven des Palaſtes ſagen, daß ſie ſich nicht auslöſchen laſſen,“ entgegnete Benegas,„ſondern daß ſie ſtets bei nächtlicher Weile wieder ſichtbar werden. Auch behaupten ſie, daß man hier noch oft ein leiſes Ge⸗ wimmer und ein ſchwaches Kettengeklirr vernähme, wel⸗ ches ſie den Geiſtern der Abencerragen zuſchreiben, die ſie hier um Mitternacht verſammelt glauben, indem ſie die Rache Gottes auf ihre Mörder herabrufen.“ Arnold hörte allerdings ein entferntes Geräuſch, dem man dieſe Bedeutung zuſchreiben konnte. Die tiefe Stille ringsum ließ es noch mehr hervortreten, und der grelle, bleiche Schein des Mondes, welcher von oben herab in den Löwenhof fiel, vermehrte noch den ſchau⸗ rigen Eindruck dieſer Erzählung. Arnold's muthiges Herz war in manchem heißen Gefechte erprobt worden und früh ſchon hatte er ſich gewöhnt, dem Tode unverzagt in's Antlitz zu ſchauen; dennoch fühlte er ſich hier, an der Stätte ſo vielfachen, ruchloſen Mordes, von heftigem Grauſen ergriffen, und folgte daher ſchweigend ſeinem Gefährten durch einige niedrigere Gänge. Als der Löwen⸗ hof hinter ihm lag und alſo der Eindruck ſich ſchwächte, den der Schauplatz ſo entſetzlicher Thaten auf ſeine Phantaſie übte, ſagte er ſich, daß dieſe kläglichen Töne 46 wohl von den ſprudelnden und herabtropfenden Ge⸗ wäſſern hervorgebracht würden, welche durch Röhren und Kanäle unter dem Fußboden fortgeführt werden muß⸗ ten, um die Springbrunnen im Gange zu halten. Den⸗ noch war er froh, als dieſe nächtliche Wanderung beendet war. Sie ſtanden nämlich jetzt vor dem Gemache, wel⸗ ches ihm zum Aufenthalte angewieſen war, und Benegas ſagte auf die Thür deutend: „Du biſt jetzt wieder da, wo man Deine Anweſen⸗ heit vorausgeſetzt hat. Hüthe Dich vor jedem ferneren, vorwitzigen Umherſchweifen; denn Du haſt gehört, wie vernichtend die Rache unſerer Sultanin ſein kann. Die Sklaven, welche Dir genaht ſind, werden an der andern Seite dieſes Ganges ſchlafen. Darum begieb Dich leiſe zur Ruhe und danke Gott, daß Dir Dein Leben ge⸗ ſchenkt iſt.“ Er wandte ſich um fortzugehen. Arnold aber ergriff ſeinen Arm und ſagte bittend: „O höre nur ein Wort noch von mir, räthſelhafter Mann! Geh' nicht von mir, bis ich dieſes geſprochen, denn es liegt mir wie Bergeslaſt auf dem Herzen!“ Benegas folgte ſchweigend dem ſanften Zwange, mit welchem er ihn in das Zimmer zog. Er machte die Thür hinter ſich zu und fragte: „Was willſt Du noch von mir?“ 47 „Reduan Benegas,“ verſetzte der junge Mann, „Du haſt mir mein Leben geſchenkt. Dein Arm, der ſonſt den Chriſten ſo furchtbar iſt, hat mir allein Barmherzig⸗ keit bewieſen. Ich höre aus Deinem Munde die theuren Laute meiner Mutterſprache, in welcher mir auf dieſer ganzen Halbinſel nur einige unſerer Schweizer geantwor⸗ tet haben. Wäre ich ſo abergläubiſch wie Viele meiner Kampfgenoſſen, ſo würde ich glauben, daß die nämliche übernatürliche Kunſt, die Dich ſelbſt und Deine Waffen gefeit zu haben ſcheint, Dich auch in einer Mundart reden läßt, die weit weg in der Mitte Europas zu Hauſe iſt. Aber ich denke lieber, daß Du lange mit Deutſchen ver⸗ kehrt haſt und daß irgend ein ſympathetiſches Gefühl für mich bei Dir ſpricht. So lege ich Dir denn noch eine Sache an's Herz, die mir theurer iſt als das eigene Leben. Jene mauriſche Dame hat Dir mitgetheilt, daß ſie die gefangene Chriſtin zu verderben, ſie nach Afrika zu ſchicken wünſche. Befördere nicht ein ſo erbarmungsloſes Vorhaben!— Steh' der beleidigten Gattin bei, um ſie wieder in ihre gewaltſam geſchmälerten Rechte einzuſetzen, aber verhänge dabei nicht über die Chriſtin ein Loos, das ſchrecklicher iſt als der Tod! Entwürdige nicht Dei⸗ nen ſtarken Arm, indem Du ein gefangenes Weib durch ihn vernichteſt!— Ich ſchwöre Dir, daß ſie unſchuldig an Boabdil's Plänen iſt und daß ſie ihn früher ſchon mit 48 dieſen zurückgewieſen hat! Wenn Du veranlaſſen willſt, daß ſie nach Santa Fe anſtatt nach Fez gebracht wird, ſo iſt der Zweck, ſie zu entfernen und von Boabdil zu trennen, gleichfalls erreicht! Wenn ſie den Ihrigen aus⸗ geliefert wird, ſo wird die Königin Iſabella ein Löſegeld für ſie zahlen, das viel beträchlicher iſt als der Preis für die ſchönſte Sklavin. Oder es könnte irgend ein bedeuten⸗ der mauriſcher Anführer, der in die Gefangenſchaft der Chriſten gerathen iſt, gegen ſie ausgewechſelt werden. Wie Du auch dies einrichten willſt— um das Eine flehe ich Dich an: Schütze ſie vor Entwürdigung und vor der Fortführung aus Spanien!“ Arnold's leiſe Rede hatte ſich nach und nach zu einer ſo heißen Flehensbitte geſteigert, daß man deutlich wahrnehmen mußte, wie ſehr ihm deren Gegenſtand am Herzen lag. Reduan hörte ihm ſchweigend zu; ſein Mar⸗ morantlitz blieb ſo unbewegt, als begriffe er durchaus nichts von dem Sinn dieſer Aeußerungen. Nur ſein dunkles Auge ruhte ſo durchbohrend auf dem jungen Manne, als wolle er auf den Grund ſeiner Seele ſchauen. Als dieſer endlich ſchwieg, fragte Reduan ruhig: „Wer iſt dieſe Chriſtin, an welcher Du ſo lebhaften Antheil nimmſt?“ „Es iſt Donna Elvira von Viana.“ „Donna Elvira von Viana, die Nichte des Königs 49 von Arragonien?“ rief der Maure mit lebhafter Be⸗ wegung.„Dies iſt ein werthvolles Pfand in der Hand der Muſelmänner!— Sie würde würdig ſein, den Thron von Granada zu theilen!“ „Gewiß!“ verſetzte Arnold,„doch glaube ich nicht, daß ſie freiwillig dies glänzende Anerbieten annehmen wird. Ich möchte mein Leben hingeben, um ſie vor jedem Zwange zu ſchützen!— Es würde ein Flecken auf der Ehre aller Maurenritter ſein, wenn eine der edelſten Damen Spaniens dem ſchmachvollen Looſe der Sklaverei ge⸗ weiht würde!“ Reduan ſchwieg wieder, indem ſeine Augen Arnold's glühende Wange und ſprechenden Blick nicht verließen. Dann ſagte er leiſe, aber mit tiefer Bedeutung in Ton und Gebärde: ch will ſehen, wie ſich die Sache geſtalten läßt.“ „Und was,“ rief Arnold noch einmal flüſternd, „was iſt das Schickſal der Königin von Caſtilien und ihres edlen Ritters Don Gonſalvo geworden, die Du ſo hartnäckig verfolgteſt, tapferer Maure?“ Dieſer antwortete: „Es gelang den Schweizern uns aufzuhalten, wo⸗ durch ſie einen bedeutenden Vorſprung erhielten. Die Fönigin erreichte mit ihren Rittern und Frauen die 50 Nähe von Santa Fe, und alſo konnten wir ſie nicht weiter verfolgen. Den Schweizern, die ſich wieder ge⸗ ſammelt hatten, verdankte ſie hauptſächlich ihre Rettung.“ „Gott ſegne meine Kameraden dafür!“ rief Arnold inbrünſtig.„Und Du weißt nicht, ob ihre Hauptleute ge⸗ fallen ſind, oder ob wenigſtens Einer ſich aus der heißen Schlacht gerettet hat?— Mein Oheim gehörte zu ihnen.“ „Ich glaube,“ verſetzte der Maure,„daß die Hauptleute den Rückzug der Ihrigen bis an's Ende leiteten, denn ich bemerkte keine Lücke unter ihnen. Ich hielt mich bei der Vernichtung einzelner Chriſtenhaufen einige Tage im Gebirge auf und bin daher erſt geſtern wieder in Granada eingetroffen. Vergiß nicht, daß Du keinem ſterblichen Weſen verrathen darfſt, was Du an dieſem Abende gehört und geſehen haſt, wenn Dir Dein Leben und das jener chriſtlichen Donna lieb, und wenn Dir Dein Wort als deutſcher Mann heilig iſt!“ Ehe noch Arnold eine weitere Betheuerung oder Bitte hinzufügen konnte, war Reduan ſeinen Augen ent⸗ ſchwunden, und es blieb ihm nichts Anderes übrig, als in der alleinigen Geſellſchaft ſeiner Gedanken ſein La⸗ ger zu ſuchen. Prittes Cagitel. Elvira in der Alhambra. Dem wißbegierigen Reiſenden wird noch heute in der Alhambra die Halle der beiden Schweſtern gezeigt. Sie iſt mit weißem Marmor gepflaſtert, der untere Theil der Wände mit ſchönen, mauriſchen Ziegeln eingelegt, auf deren einigen die Wappen der Sultane bunt eingebrannt ſind; höher hinauf erblickt man den ſchönen damasceni⸗ ſchen Stucco, der aus breiten, mit einander verbundenen Platten beſteht, ſo daß man glauben könnte, er ſei durch Handarbeit in die leichterhabenen, phantaſtiſchen Ara⸗ besken geſtaltet worden, welche mit Sprüchen aus dem Koran und poetiſchen Inſchriften in arabiſchen und eufi⸗ ſchen Schriftzügen untermiſcht ſind. Dieſe Verzierungen ſind vergoldet und mit Lapislazuli und andern glänzen⸗ den Farben ausgemalt. Eine oben angebrachte Kuppel giebt dem Licht und der freien Luft den Eingang. Ueber 52 einem in's Innere gehenden Vorſprung erhebt ſich als Mittelpunkt der an den Wänden befindlichen Niſchen ein Balcon, deſſen Jalouſien vergittert ſind. Hinter dieſem Gitter finden wir eins der Frauengemächer der Alhambra, welches mit all jener üppigen Pracht ausgeſtattet war, die von den arabiſchen Monarchen ſo ſehr geliebt wurde. Die getäfelte Decke dieſes grottenartigen Zimmers war zur Zeit unſerer Erzählung mit Gold und Azur auf eine Weiſe ausgelegt, daß die funkelnde Pracht des ge⸗ ſtirnten Himmels dadurch nachgeahmt wurde. Dabei tru⸗ gen ſie ſchlanke Säulen von weißem Alabaſter. Dazwi⸗ ſchen waren offene Arkaden, wieder aus durchbrochener Arbeit. Durch ihre Bogen erblickte man hin und wieder fließende Waſſerfälle, die mit Alabaſterlampen beleuchtet wurden; ihr gleichmäßiges Gemurmel glich einer ſanften Melodie. Die der Halle der Schweſtern entgegengeſetzte Seite des Gemaches war offen und ging gleichfalls auf einen weiten Balcon hinaus, der ſich nahe dem Ufer des Darro erhob. Von ihm aus ſah man die wellenförmigen Hügel, die Wälder und die Orangenhaine, die jetzt wie damals die reizende Landſchaft von Granada bilden. Auf dem von polirtem Nußbaumholz getäfelten Fußboden dehnten ſich purpurrothe Ottomannen und Pol⸗ ſterſitze, reich geſchmückt mit kunſwwoller Gold⸗ und Sil⸗ berſtickerei. Auf einem der Letzteren finden wir Elvira 53 von Viana, welche ihr Pilgerkleid mit einem Anzuge hatte vertauſchen müſſen, wie ihn die mauriſchen Frauen trugen. Sie ſtützte den Kopf in die Hand und weihte einer Scene, die man zu ihrer Aufheiterung veranſtaltet hatte, auch nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit. Die Töne der mauriſchen Laute erklangen, dazwiſchen ſilberne Glöckchen, welche tanzende Mädchen hinter den Arkaden in den Händen hielten. Zwiſchen den anmuthigen Säulen und den ſilbern dahingleitenden Cascaden ſah man dieſe her⸗ umſchweben. Mit ihren durchſichtigen Gewändern und weißen Armen, mit ihren unhörbaren Schritten erinner⸗ ten ſie an jene Peris der öſtlichen Mährchenwelt, welche zur Wonne der Sterblichen auf die Erde herabkommen. Sie wurde aus ihrem Hinſtarren durch den Schritt eines Mannes aufgeweckt: der Sultan ſtand vor ihr im grünen, goldgeſtickten Gewande, mit juwelenbeſetztem, goldenem Gürtel und einem weißen, mit Perlen ge⸗ ſchmückten Turban. Auf ſeiner offenen Stirn lagerte die Wolke des Kummers; in den blauen Augen ſprach ſich eine tiefe Schwermuth aus. Sein goldgelbes Haupt⸗ und Barthaar, ſo wie die regelmäßige Schönheit aller Züge gaben dieſen ein Gepräge, wie man es ſelten bei den Kindern des arabiſchen Stammes trifft. Als ihn Elvirens kalter Blick ſtreifte, legte er die Arme kreuzend auf die 8 neigte ſich nach der Weiſe ſeines Volkes und ſprach anft: „Der gramvolle Ernſt will nicht von Deinem Ant⸗ litz weichen, Herrin. Dieſe Tänze und dies Lautenſchlagen meiner Sklavinnen erfreut Dich nicht?“ „Nein,“ erwiederte ſie kurz.„Die gänzliche Stille iſt mir lieber.“ Der Sultan klatſchte in die Hände. Tanz und Spiel verſtummten und die Sklavinnen verſchwanden faſt ge⸗ räuſchlos. Nur das Plätſchern der Gewäſſer und die Worte der Anweſenden unterbrachen noch die Stille. „Wirſt Du nicht wünſchen, auf den Balcon hinaus zu treten, Herrin, und die Friſche der Morgenluft ein⸗ zuathmen?“ fragte der Maurenkönig wieder. „Nein,“ entgegnete ſie gleichgültig.„Ich habe nur einen Wunſch: denjenigen, zu den Meinen zurückkehren zu können. Ich habe ihn Dir ſchon mehrfällig ausgeſpro⸗ chen.“ Boabdil warf ſich auf die Polſter einer zweiten, nur wenige Schritte von der Donna entfernten Otto⸗ manne und verhüllte das Geſicht. Elvira fuhr fort: „Beſtimme ein Löſegeld. Laß es groß ſein; ich werde meinen Freunden eine Weiſung ſenden, daß man es auf meine Beſitzungen in Arragonien aufnehme. Die Golddublonen werden in Barcelona für mich ſchnell auf⸗ zutreiben ſein. Don Gonſalvo und meine übrigen Freunde werden dieſelben für mich beiſchaffen; auch an die Königin von Caſtilien, von der Du mir geſagt haſt, daß ſie ſicher wieder bei den Ihrigen iſt, werde ich einen Brief ſchicken, daß ſie mir ihre Huld beweiſe, indem ſie dieſe Angelegen⸗ heit mit ihrem ganzen Einfluß beſchleunige.“ Der Maure ſchwieg noch immer. Endlich zog er die Hände vom Geſicht, ſeufzte und ſagte in tiefem Weh: „Nicht nur El Chico*) haben mich unſere Hiſtoriker und der Mund des Volkes genannt— auch El Zogoybi**) hießen ſie mich. O, dieſer Name iſt bezeichnender für mich! Unglücklich war ich vom zarteſten Alter an durch den Haß und die Verfolgungen meines grimmigen Va⸗ ters und meines Oheims El Zagal; dadurch, daß mich die Parteien in unſerm Reiche zum Spielwerk für ihre Pläne machten. Im vffenen Kriege gegen Spanier und Mauren und gegen heimlichen Verrath mußte ich mir den Thron der Khalifen des Weſtens erkämpfen. Als endlich El Zagal ſeinen angemaßten Thron in Malaga an die Chriſten abgetreten und ſich zum Vaſallen Fernando's erklärt hatte, gab man mir die Schuld dieſer ſchmachvollen Verluſte, und das Volk der Gläubigen ſagte, daß meine Schwäche den Oheim nicht unterſtützt und ſo⸗ mit ſein Unglück herbeigeführt habe!“ ) El Chico— der Kleine. *) El Zogoybi— der Unglückliche. 56 „Du haſt oft genug nicht im Intereſſe Deiner Stammgenoſſen gehandelt,“ entgegnete Donna Elvi⸗ ra kalt. „Mein eigenes Volk,“ fuhr der Sultan bitter fort, „drängt mich in dieſe meine Veſte Alhambra. Auf wie Viele der Häuptlinge ich mich verlaſſen kann, weiß ich nicht. Ich habe mich an die Spitze meiner Truppen ge⸗ ſtellt und eine glänzende Kriegsthat ausgeführt, die uns reiche Beute gewann, viele Feinde vernichtete und die Chriſtenkönigin faſt in unſere Hände gebracht hätte— und dennoch ſchilt man mich feige und unſchlüßig!— Ich habe mir ein Weib erkämpft, welches lange ſchon das Licht meiner Augen war— und ſie lohnt mir mit Haß und Gleichgültigkeit!“ „Daß ich nie einen Funken von Liebe für Dich noch finden würde, habe ich Dir lange ſchon geſagt,“ ent⸗ gegnete Elvira.„Wenn Du dieſen Ueberfall der Spanier aus dem Grunde unternahmſt, um mich in Deine Hände zu bekommen, ſo haſt Du dadurch nichts für die Förde⸗ rung Deiner Wünſche erlangt.“ „Ich that es— einzig, um Dich mir zu gewinnen!“ rief Boabdil auffahrend.„Meine Kundſchafter hatten mich von dem Abgange dieſes Zuges unterrichtet. Auch daß die Nichte des Königs von Arragonien ſich dabei befinden würde, theilten ſie mir mit. Ich ſetzte mein Leben j⸗ 57 ein, um Dich mir zu erobern, holde Blume des Para⸗ dieſes!“ „Und Deine Hände triefen vom Blute der Mei⸗ nen!“ ſprach Elvira mit der Gebärde des Abſcheus.„Du hätteſt keinen Weg einſchlagen können, der Dich mir weniger liebenswürdig gezeigt hätte!“ „Es war ein Kampf auf dem Felde der Ehre,“ ſprach der König etwas gemäßigter,„wie er tauſendmal in dieſen Gegenden vorgefallen iſt. Du mußt an dieſe Gefechte und an ihre ritterlichen Herausforderungen ge⸗ wöhnt ſein, und es darf daher mein Sieg Deinen Zorn nicht zu ſehr erregen, denn das Glück der Schlachten iſt wandelbar.“ „Der Sieg der zehnfachen Uebermacht über Pilger, die auf einer frommen Wallfahrt begriffen waren,“ ſagte die Donna mit Bitterkeit. „Was mißfällt Dir ſo ſehr in unſeren Einrichtun⸗ gen,“ fuhr Boabdil fort, plötzlich den Gegenſtand des Geſprächs verändernd,„daß Du Dich ſo hartnäckig ſträubſt, als die Erſte in den Kreis der mauriſchen Da⸗ men einzutreten?— Du weißt, daß unſere Frauen weit mehr Freiheit genießen als diejenigen der Gläubigen des Oſtens. Sie wohnen unſern Tournieren unverhüllt bei und theilen Preiſe an die tapferſten ritterlichen Hel⸗ den aus. Wir miſchen uns mit ihnen in den anmuthigen 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 4 Tanz der Zambra und feiern ſie in nächtlichen Sere⸗ naden unter ihren Söllern. Unſere gelehrten Frauen haben lange ſchon mit wiſſenſchaftlichen Männern verkehrt und wohnen den Sitzungen der Gelehrtenvereine perſön⸗ lich bei. Einige Verordnungen meiner Vorgänger befehlen die Abſonderung der Frauen in den Moſcheen von den Männern, und verbieten ihre Anweſenheit bei Feſtlich⸗ keiten ohne Begleitung ihrer Ehemänner oder eines nahen Verwandten. Ich habe dieſe Erlaſſe nicht auf⸗ gehoben, weil ich ſie als gerecht erkannte. ²) Wenn Du es aber wünſcheſt, ſo ſoll es geſchehen. Auch zeigen die glänzenden Erſcheinungen unſerer Damen vft genug von Ueppigkeit und Verſchwendung; doch wird die erſte Sul⸗ tanin Boabdil's nie zu viele Pracht entfalten, da alle ſeine Schätze die ihrigen ſind.“ „Sie haben keinen Werth für mich,“ ſprach Elvira kalt wie vorhin. „Nach den Anſtrengungen der Kampſſpiele,“ fuhr der König fort,„liebe auch ich es, mich durch anmuthige Romanzen und blumenreiche Geſpräche über ritterliche Liebesabenteuer zu vergnügen. Du ſollſt den Stunden meiner Muße ihre ſchönſte Würze geben.“ *) Siehe über die Stellung der Frauen bei den ſpaniſchen Mauren: Die Herrſchaft der Araber, von Conde. 59 „Ich weiß es,“ verſetzte ſie,„morgenländiſche Prachtliebe und ritterliche Tapferkeit vereinigen ſich bei Euch. Auch genießen Eure Frauen Vorrechte, die dem mahomedaniſchen Geiſte gänzlich fremd ſind. Dennoch werde ich Eure Sitten nie zu den Meinigen machen.“ „Unterwirf Dich ihnen nur äußerlich,“ ſprach der Sultan weiter.„Ich ſagte Dir ſchon früher, daß Du bei dem Glauben Deiner Kindheit bleiben mögeſt, bis Allah Dir beſſere Einſicht ſende. Mögen die Bilder des Zeſus von Nazareth und ſeiner Mutter— welche Letztere Ihr eben ſo verehrt wie ihn ſelbſt— in Deinem Gemache bleiben und mögeſt Du ihnen Deine Andacht weihen, wenn dies Dich glücklich machen kann!— Die Glorie des Propheten wird ſich Dir offenbaren, wenn Tag und Stunde dazu gekommen iſt; doch ſoll kein widerwärtiger Zwang Dir wirkliche Heuchelei aufdringen!— Ich for⸗ dere nicht von Dir, daß Du in unſere Moſchee gehen mögeſt, bis Dich Dein eigener Wunſch dazu treibt.“ „Für dieſe Nachgiebigkeit danke ich Dir, Sultan,“ ſagte Elvira.„Du haſt geſtattet, daß ein Madonnen⸗ bild, welches Deine Krieger irgendwo erbeutet und mit heimgeführt hatten, hier aufgeſtellt werde. Ich habe Dei⸗ nen Wunſch, mir gefällig zu ſein, darin erkannt.“ Sie deutete hierbei auf ein ſilbernes Marienbild, * 60 welches in einer entfernten Niſche auf einem Marmor⸗ tiſche aufgeſtellt war, und fügte dann hinzu: „Der Anblick der Schmerzensmutter wird mir ein Troſt in meinem Unglück ſein.“ Ihr Ton war etwas weicher als vorher geworden. Boabdil ſchöpfte daraus einen Hoffnungsſtrahl. Wie den fernen Schimmer eines inbrünſtig erſehnten Glückes hielt er ihn mit krampfhafter Haſt feſt und rief flehend: „Warum willſt Du durchaus unglücklich ſein?— Meine Liebe bietet Dir die Krone von Granada und mit ihr ein irdiſches Paradies, in dem Dein Wille allein ge⸗ bieten wird. Du ſollſt ſchon hienieden leben, wie ich es einſt in den ſieben Himmeln Mahomed's an Deiner Seite thun werde, wenn Du als ihre ſchönſte Houri mir nahe biſt! Deine Tage ſollen dahin fließen wie Sonnen⸗ glanz auf lauer Welle!— Warum willſt Du nicht das Glück annehmen, welches ich Dir mit vollen Händen biete?“ „Weil mir die Luſt fehlt, es zu genießen; weil ich Dich nicht liebe— ich wiederhole es Dir, Boabdil!“ ſprach ſie herbe und mit kaltem Blicke. „So liebſt Du einen Andern?“ fragte er mit ſprü⸗ hendem Auge. Die Donna ſchwieg. „Ha!“ rief er heftig,„daher Dein hartnäckiges 61 Widerſtreben?— Wer iſt der Verruchte, der mir Dein Herz in Voraus geſtohlen hat?“ „ch bin der Meinung,“ verſetzte ſie,„daß ich Dir von meinen Gedanken nicht Rechenſchaft zu geben habe, Sultan. Wenn die Nichte des Chriſtenkönigs einen Kämpfer ihres Glaubens begünſtigen wollte, ſo würde ſie unter allen den edlen Spaniern, die das Kreuz auf ihre Schulter nahmen, Auswahl genug gefunden haben, ehe ſie Dich ſah.“ Die ruhige Faſſung und der hoheitsvolle Blick El⸗ virens ermangelte wenigſtens nicht eines vorübergehenden Eindrucks auf das leicht bewegliche Herz des Mauren⸗ königs. Er ſchwieg einige Sekunden, ſagte dann aber wieder mit zuſammengepreßter Lippe: „Antworte mir, wer iſt es, dem Du Deine Hand zugedacht hatteſt?“ „Niemand,“ erwiederte ſie feſt.„Ich habe bis jetzt von Keinem eine Bewerbung angenommen; ob ich je⸗ mals mit einem Manne vor den Altar treten werde, weiß ich nicht, denn nur die freie Wahl des Herzens würde mich dazu beſtimmen. Zu Dir, dem Feinde unſeres Glaubens, wird ſie mich nie ziehen— dies ſei Dir mein letztes Wort!— Ich verachte das Leben der Ueppigkeit und des Genußes, das Du mir bieteſt, ſelbſt wenn Gra⸗ 62 nada bis an das Ende Deiner Tage Dir unterworfen bliebe!“ Boabdil ſprang auf. Alle Sanftmuth war aus ſei⸗ nen Zügen verſchwunden. Das frühere ſchwermüthige Gepräge ging in einen wilden Zornesausdruck über, und mit ſeinen rollenden Augen, mit ſeiner gerunzelten Stirn, mit ſeinen flammenden Wangen zeigte er ſich als der wahre Sohn des„Königs mit dem Tigerherzen. Laut rief er, den Arm drohend erhebend: „Du verſchmähſt meine Liebe, elende Sklavin?— Sie hat Dich nur zu ſehr verwöhnt. Erinnere Dich, daß Du in meiner Gewalt biſt!— Wenn nicht mein hei⸗ ßes Flehen Dich rühren konnte, ſo ſoll der Schreck Dich mir gewinnen. Zittere! Mein ſollſt Du werden, weil ich es will!“ Er trat dicht vor ſie hin. So ſchnell aber wie ſeine Bewegungen waren die ihrigen. Sie war aufgeſtanden und es blitzte in ihrer Hand ein Dolch, den ſie bisher unter ihrem Gewande verborgen gehalten. „Nahe Dich mir, Maure!“ rief ſie mit funkelnden Augen,„und ich bohre dieſen Dolch in Deine Bruſt!— Du kennſt ihn von Santa Fe her, denn damals ſchon mußte er mich gegen Dich beſchützen!“ Boabdil blieb wie gefeſſelt von ihren Worten ſtehen und maß ſie mit verzehrenden Blicken. 63 „Glaubſt Du,“ ſprach ſie verächtlich weiter,„daß ich die Waffe meiner Vertheidigung von mir gegeben hätte, als ich in Deine Gewalt gerieth?— Ich wußte nur zu wohl, daß Deine Großmuth ein zerbrechliches Spielwerk ſei und eben ſo leicht in Luſt zu roher Gewalt übergehen würde. Keine edle Spanierin wird ihren Dolch vergeſſen, wenn es möglich ſein könnte, daß ein Feind ihr entgegenträte— ihr Feind iſt Jeder, der ſich um den Halbmond ſchaart!“ Der König ſchwieg noch immer. Dann ſagte er mit dem Lächeln der Verachtung um ſeine zuckenden Lippen: „Du trotzeſt auf Deine Stärke, ſchwaches Weib? Wie leicht iſt dieſe zu überwältigen! Böſe Geiſter verblen⸗ den Dich!— Ich rufe nur einige wenige meiner Aethio⸗ pier herein; ſie werden Dir mit der Schnelligkeit des Blitzes Deinen Dolch entwinden— Deine Hände binden. Die Strafe für die treuloſen oder widerſpenſtigen Wei⸗ ber meines Harems wird auf einen Wink von mir voll⸗ werden und Dein Leben in einem Nu ausgelöſcht ein!“ „So wird die Krone der Märtyrer mein unſterb⸗ licher Ruhm! Ich werde eingehen zur Glorie des Him⸗ mels, wenn ich den Qualen der Erde unterliege!— Hoch⸗ gebenedeite Mutter! Dir empfehle ich meine Seele, bitte für mich am Thron der ewigen Gnade!— Als ein reines 64 Opfer ſchwinge ich mich auf zur ewigen Herrlichkeit!— Nehmt ihn hin, dieſen ſterblichen Leib, Barbaren! Ver⸗ unglimpft, martert, tödtet ihn— die unvergängliche Seele wird ſich deſto glorreicher aus ihm erheben— und bald wird ſie Marter und Tod wie leichte Schatten betrach⸗ ten, die weſenlos vor dem Glanze des ewigen Lichtes dahin ſchwinden!“ Elvira von Viana war an das andere Ende des Gemaches geeilt und kniete nun vor dem Marienbilde. Sie erhob die gefalteten Hände zu ihm und heftete ihre Blicke mit dem Ausdruck der Verklärung empor. Dieſe verbreitete ſich über ihr ganzes Antlitz, ſo daß es wie von einem Heiligenſchein überſtrahlt wurde. Der vergeiſtigte Ausdruck ihres ganzen Weſens ſprach ſich gleichfalls in allen Bewegungen ihrer ſchlanken Geſtalt aus. Es war nicht mehr die ſtolze Tochter Arragoniens, nicht mehr die Enkelin ſeiner Könige, die hier kniete. Alle irdiſche Größe war von ihr gewichen— nur die demuthvolle Ho⸗ heit der gläubigen Chriſtin gab ſich in der Inbrunſt ihrer Worte kund und leuchtete aus dem Glanze ihrer Blicke. Mochte es ſein, daß Bvabdil ſich unwillkürlich von der Tiefe ihrer Empfindung ergriffen fühlte, oder daß der eiferſüchtige Zorn wieder ſeiner Liebe zu der Spanierin wich— er ſchwieg eine Weile und ſagte dann gemä⸗ Fßigter: 65 „Ich will Dich der Einſamkeit und dem Nachdenken überlaſſen. Sie geben uns oft beſſern Rath als die Stunde der Leidenſchaft. Zeit und Ruhe ſind die beſten Gehilfen der Klugheit. Du wirſt Deine Thorheit ein⸗ ſehen, Deine Verſtocktheit bereuen— und Boabdil's Arme werden Dir alsdann noch immer geöffnet ſein!“ Er verließ ſie mit einem langen Blicke und ging düſter, mit geſenktem Haupte weiter. Es kam ihm der Gedanke, wie bedeutungsvoll Elvirens Stellung am Hofe Ferdinand's und Iſabella's ſei. Er kannte den Erſtern und die pvlitiſchen Verhältniſſe ſeiner Regierung genug, um vorausſetzen zu können, daß er die Verſuche zur Be⸗ freiung ſeiner Nichte nicht zu ſehr beeilen würde. Wenn Boabdil ſie thätlich beleidigte, ſo würde er den Zorn der ganzen Ritterſchaft Spaniens und die Entrüſtung Iſa⸗ bella's zu ertragen haben, welches Alles ihm leicht eine ſchwere Ahndung zuziehen könnte. Ein anderer Plan reifte in ſeiner Seele, der ihm trotz Elvirens gegenwärtigen Wi⸗ derſtrebens die Möglichkeit zeigte, dennoch auf friedlichem Wege ihre Liebe zu gewinnen. Noch hierüber grübelnd lenkte er ſeinen Fuß nach den Gärten und wandeite lang⸗ ſam zwiſchen den lachenden Blumenbeeten, den duftenden Geſträuchen und den ſammtnen Raſenfeldern umher. Die farbenreichen Kinder Flora's, welche der Spätherbſt er⸗ zieht, ſproßten hier frei empor, und diejenigen, welche nur 66 in der Wärme der Sonne ihre Blüthe behielten, wurden an jedem Morgen von den Sklaven des Serails aus den Treibhäuſern hier in die friſche Luft herausgeſetzt, vamit ſich die Sinne der Luſtwandelnden an ihnen ergötzen könnten. Noch wanderte Boabdil zwiſchen ihnen herum, als ihm unerwartet eine Frau entgegentrat. Sie war über die Mittagshöhe des Lebens hinaus, ihre Haltung majeſtätiſch, ihr Wuchs erhaben. Ihr lang herabwallen⸗ des Purpurgewand war mit Gold geſtickt, während das Unterkleid und die kaum ſichtbaren Beinkleider aus weißer Seide gefertigt waren. Koſthare Perlen ſchmückten ſie; das ſchwarze, etwas mit Grau gemiſchte Haar zog ſich mit ſeiner früheren Ueppigkeit um die hohe Stirn und ein kleiner Goldreif mit Smaragden und Rubinen umgab diademartig den Rand des Turbans. Dieſe Frau war die Sultanin Ahra la Horra, die Witwe Abul Hakem's, jene ſtolze und hochherzige Abkömmlingin der Khalifen, deren Name in ſo vielen Romanzen und Balla⸗ den verherrlicht wurde und deren tragiſch⸗poetiſche Geſtalt mit den letzten Tagen von Granada ver⸗ webt iſt. „Mein Sohn,“ ſagte ſie ernſt,„Du grübelſt und träumſt heute wie ſo oft ſonſt. Die Wirklichkeit macht ſo große Anſprüche an Dich, daß Du Dich ihr zuwenden und handeln mußt, anſtatt phantaſtiſchen Bildern nach⸗ zuhängen.“ 67 „Mutter,“ ſagte Boabdil, den dieſe Worte wirklich wie aus einem Traume erweckten,„was willſt Du von mir?— Ich bin bereit, Deinen Rath zu hören.“ „So rufe ich Dir zu, Bvabdil: Schicke dieſe Chri⸗ ſtin nach Santa Fe zurück. Fordere hohen Erſatz an Geld oder Menſchen für ſie. Ihre Gegenwart hier iſt ein Unglück für Dich.“ „Schweig, Mutter!“ rief er düſter.„Nicht alle Schätze Spaniens, nicht die Beſten und Edelſten meiner Freunde würden mich für ihre Auslieferung ſchadlos halten!“ „So ſende ſie nach andern Gegenden. Nur ent⸗ ferne ſie von hier, denn ihr Daſein erſchüttert Deinen wankenden Thron noch mehr,“ ſagte ſie mit unveränder⸗ tem Ernſte. „Welches neue Urtheil künden Deine finſtern Worte, Mutter?“ fragte er. „Du willſt die größte Thorheit Deines Vaters nachahmen,“ entgegnete ſie.„Auch er vermählte ſich mit einer Chriſtin.“ „Er war hochbejahrt,“ verſetzte der Sultan.„Ich habe ſo eben erſt den Lenz des Lebens überſchritten.“ „Auch ſie war von edler Abkunft,“ bemerkte Ayra. „Eine Griechin, welche zur See von uns erbeutet wurde,“ fügte Boabdil hinzu. 68 „Sie wollte, daß ihre Kinder den Thron von Gra⸗ nada erben ſollten,“ ſprach Ahra weiter.„Sie regte ſein Mißtrauen gegen ſeine andern Frauen und Kinder bis zur Wuth auf; denn ſie klagte ſie an, daß ſie ihm Krone und Leben rauben wollten. In ſeiner wilden Grauſamkeit erſchlug er mehrere ſeiner Söhne.“ Boabdil ſeufzte ſchwer und legte die Hand an die gebeugte Stirn. Seine Mutter fügte dumpf hinzu: „Auch die geliebteſte und tugendhafteſte ſeiner Sul⸗ taninen verſtieß er und war im Begriff, ſie und ihren Sohn gleichfalls ſeinem grimmigen Zorn zu opfern. Dieſe Sultanin war ich— und ihr Sohn— warſt Du!“ „So war es, Mutter,“ murmelte Boabdil, indem er das Geſicht in den Händen barg. „Nie fallen meine Blicke auf den Thurm des Co⸗ mares,“ ſprach ſie mit düſterm Pathos weiter,„ohne daß dies ſchrecklichſte Bild unſerer Vergangenheit aus dem Grabe der Vergeſſenheit vor mir aufſteht, in das ich es gern verſenken möchte.“ „Ich danke Dir mein Leben,“ ſprach er. „Und Deinen Thron,“ ſetzte ſie hinzu.„Ich blieb in Granada, denn meine Freunde nahmen mich mit Freu⸗ den auf. Das Volk und viele der Großen ſchloßen ſich an mich, denn ſie zürnten über die Grauſamkeit Abul Hakems. Die Freunde der Abencerragen ſtanden wieder 69 auf, und es war, als wenn die Geiſter der Gemordeten ſich mit ihnen und mit mir verbänden. Die Straßen un⸗ ſerer Stadt ſchwammen vom Blute der Mauren; ich rief Dich zurück. Wir vertrieben endlich den Tyrannen aus der Alhambra. Er mußte nach Malaga fliehen, während der größte Theil des Königreichs uns treu blieb. Auf dieſen, durch unſern Heldenmuth eroberten Thron ſetzte ich Dich, indem wir Dich zum König ausriefen!“ „Alles dies iſt wahr, Mutter; aber warum willſt Du dieſe Erinnerungen aufwecken, warum mir erzählen, was mir ſo gut bekannt iſt wie Dir? Daß ich durch die Verjagung und Entthronung meines Vaters ſeine blut⸗ befleckte Krone erlangte, iſt der düſterſte Gedanke meiner einſamen Stunden.“ „Ich halte Dir den Spiegel der Vergangenheit vor,“ ſprach Ahra la Horra, und der Ernſt ihres We⸗ ſens ging in Strenge über,„damit Du durch ihn lerneſt, was die Folge Deiner gegenwärtigen Thaten ſein kann. Auch Du willſt eine Chriſtin zu Deiner Gattin machen; auch Du verſtößeſt Deine Sultanin, die früher den er⸗ ſten Platz in Deiner Gunſt behauptete, und die tugend⸗ haft iſt, wie es ſtets Deine Mutter war. Die Zegris werden für ſie aufſtehen, wie die Freunde der Abencer⸗ ragen es für mich thaten; ein wilder Bürgerkrieg wird 70 noch einmal in Granada raſen und Dein Thron wird wanken wie der Deines Vaters!“ „Der Prophet wird mich ſchützen,“ verſetzte Boab⸗ dil, indem er ſcheu in die faſt drohende Miene ſeiner Mutter ſah,„denn ich verletzte nie ſein Gebot. Die Sterne haben mir verkündet, daß Keiner meines Vol⸗ kes jemals Hand an mich legen, daß auch das Schwert der Chriſten mich nicht tödten werde.“ „O laß dieſe eitlen überirdiſchen Wiſſenſchaften!“ rief die Sultanin dringend.„Des Menſchen Schickſal iſt die Frucht ſeines eigenen Handelns, welches Allah nach der ewigen Vorherbeſtimmung in ſeiner unergründlichen Weis⸗ heit lenkt; der Lauf der Geſtirne ändert nichts daran. Scheuche den Aberglauben von Dir und blicke der Wirk⸗ lichkeit in's Antlitz: ſie geſtaltet ſich drohend genug um Dich. Trenne Dich von dieſer Chriſtin: ihr längeres Weilen in der Alhambra wird unheilvoll für Dich werden!“ „Du weißt nicht, was Du forderſt, Mutter!“ rief Boabdil mit den tiefſten Schmerzenslauten.„Mit Elvira gebe ich den Schmuck meines Lebens hin! Mein Herz würde ich von mir losreißen, wenn ich ſie entfernen wollte!“ „So bekämpfe als Mann dieſe Schwäche, dieſen Feind, der Dir verderblicher iſt als alle die ſtolzen 71 Kämpfer des Kreuzes vor unſern Thoren! Tauſende von Feinden umzingeln Dich draußen, Tauſende werden ſich hier im Innern gegen Dich erheben— und Du zögerſt noch, dieſes Weib fortzuſchicken, das für Dich die Wur⸗ zel ſo vielen Uebels iſt! Du, der Herrſcher eines großen Volkes, biſt der feige Stlave eines ungläubigen Weibes geworden, welches Dich verachtet und Deiner Schwäche ſpottet!“ „Halt ein, Fürſtin!“ rief der Sultan plötzlich, in⸗ dem er ſich aufrichtete.„Ich habe genug von Dir gehört und werde meine Entſchlüße faſſen. Laß uns zu andern Dingen übergehen, wenn Du noch weiter zu reden wün⸗ ſcheſt.“ Ahra la Horra wußte nun, daß ſie ihre Ermahnun⸗ gen nicht weiter fortſetzen durfte; denn das Bewußtſein ſeiner Herrſcherhoheit war vielleicht durch ihre zu heftigen Worte deſto lebender wieder in ihm geweckt worden. Er wollte jetzt wieder der alleinige Herr feines Willens ſein, nicht dieſen durch Andere regeln laſſen, ſelbſt wenn es ſeine Mutter war, die ihm zuredete. Er wandte ihr ſchweigend den Rücken, und auch die Sultanin ging laut⸗ los hinter ihm her. Birrtes Capitel. Der Chriſtenſklave. Boabdil's geſenkte Blicke fielen auf einen Lorbeerbaum an der Seite ſeines Weges. Ein Mann in der Tracht der Sklaven des Palaſtes kniete neben dieſen und band einige herabhängende Zweige feſt. In der unwillkürlichen Abſicht, ſeinen unerfreulichen Gedanken eine andere Rich⸗ tung zu geben, ſtand er ſtill. Zu ſeinen Lieblingsbeſchäf⸗ tigungen gehörte auch die Botanik, wenn er gleich oft genug an ihr jene Seite aufſuchte, welche von den ge⸗ heimnißvollen Wirkungen der Kräuterſäfte Kunde giebt. Die arabiſchen Schriftrollen, welche von dieſer Wiſſen⸗ ſchaft redeten, waren eben ſo oft in der Stille ſeiner Ge⸗ mächer ſein Studium, wie die blühende Natur in ſeinen Gärten. Er redete jetzt den Sklaven an: „Finden ſich ſchon welke Blätter und verdorrte Zweige an dieſen Bäumen?“ — 73 „Hin und wieder, Herr. Ich ſuche ſie zu entfernen. Sie haben etwas durch die zunehmende Kälte der Nächte gelitten.“ „Dort ſehe ich ein todtes Aeſichen. Gieb mir Dein Meſſer, ich will es ſelbſt abſchneiden,“ ſprach der Sultan. Der Sklave überreichte ihm das Geforderte und erhob dabei zum erſtenmale ſein Angeſicht. Es war hell⸗ farbiger als das der übrigen Diener und trug ein aus⸗ ländiſches Gepräge. Auch ſein Körper war kräftiger und größer als gewöhnlich derjenige der Araber. Boabdil betrachtete ihn aufmerkſam und ſagte: „Du biſt nicht von mauriſcher Abſtammung.“ „Ich bin Einer der Chriſten, Herr, welche Dein ſiegreicher Arm nach dem letzten Gefecht im Gebirge in Deine Hauptſtadt führte.“ „Auch an der Fremdartigkeit, mit dem Du das Arabiſche ſprichſt, erkenne ich die Wahrheit Deiner Worte,“ ſagte der Sultan.„Ich ſah Dich früher nicht hier.“ „Dein Blick traf mich nicht, Herr, denn Dein Fuß wandelte nicht in jenen Gängen, wo man mir Beſchäf⸗ tigung angewieſen hatte. Ich bin ſchon ſeit einigen Tagen hier mit der Pflege der Geſträuche beauftragt worden.“ 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 5 74 Boabdil fand dieſe Erklärung genügend und fragte dann hingeworfen: „Du biſt unverwundet gefangen worden?“ „Nein, Herr; mich traf ein Pfeil in die Schultern. Ich wurde dadurch zum weitern Kämpfen unfähig und mußte mich Deiner Gnade ergeben.“ „Ha!“ ſagte Boabdil,„jetzt erſt erkenne ich Dich wieder. Du biſt jener Lanzenträger, der die Nichte des Königs von Arragonien ſo hartnäckig vertheidigte und allein gegen einen ganzen Haufen meines Fußvolks Stand hielt?“ „Ich bin es, Herr,“ ſagte Arnold Waller.—„Ich erfüllte meine Pflicht, indem ich mit den Meinen gegen unſere Feinde kämpfte, ſo lange ich dazu im Stande war.“ „Gewiß,“ verſetzte der Sultan.„Allah verhüte, daß ich die Tapferkeit eines Mannes beſtrafen ſollte, wenn ſie im ehrlichen Kampfe gegen uns gewendet iſt!— Auch ich habe Deinen Arm erprobt und weiß, daß er ſtark und unermüdlich iſt. Du gehörteſt zum Fußvolk der Chriſten?“ „Zu den Schweizer Fußſoldaten,“ entgegnete Ar⸗ nold. „Ich erinnere mich, daß Du auf beſondere Weiſe bewaffnet warſt,“ ſagte der Sultan.„Jenes chriſtliche 75 Mädchen rief meine Gnade für Dich an. Haſt Du über etwas zu klagen?“ „Nein, Herr. Man hat mich während des Wund⸗ fiebers, das mich ziemlich lange plagte, ſehr rückſichtsvoll verpflegt. Schon nachdem ich theilweiſe geneſen, geſtattete man mir das Herumgehen in der freien Luft, da dieſe meiner Geſundheit zuträglich war. Man hat mir ſo viel Freiheit gelaſſen, wie ſich dies irgend mit der Gefangen⸗ ſchaft vertragen kann.“ „Ich bin zufrieden,“ ſagte der König.„Man hat mein Gebot erfüllt. Du biſt in der Gartenkunſt be⸗ wandert?“ „Ich beſchäftigte mich mit ihr in meinen früheren Tagen und wann immer das Feldleben mir Muße ließ,“ verſetzte Arnold mit ſeiner früheren Beſcheidenheit.„Ich wünſchte einen paſſenden Zeitvertreib, und ſo erlaubte mir einer der Aufſeher Deines Palaſtes, hier in Deinen Gärten der Pflege der Gewächſe obzuliegen.“ „Fahre fort damit,“ ſagte der Sultan.„Vielleicht wird es der chriſtlichen Donna angenehm ſein, wenn ſie einen früher gekannten Mann ihres Glaubens unter ihren Sklaven weiß. Sei fleißig, und meine Gunſt ſoll ferner Deinen Weg erleuchten.“ Er wollte weiter gehen. Allein Arnold's ſehnſüch⸗ tiges Herz flüſterte ihm zu, die Gelegenheit zur Erfüllung * 76 ſeines heißeſten Wunſches kühn zu ergreifen. Er beugte ſich tief herunter, kreuzte die Arme nach vrientaliſcher Sitte über der Bruſt und ſagte im Ton der äußerſten Demuth: „Großer Sultan! Geſtatte Deinem Sklaven eine Bitte zu äußern und höre ſie ohne Zorn an. Deine Gnade iſt wie das Füllhorn des Segens, das auch Blu⸗ men auf dem Pfade des Gefangenen ſprießen läßt. Er⸗ laube einem unglücklichen Manne noch ein Wort!“ „Sprich,“ ſagte Boabdil, ſeinen Schritt anhaltend, indem die gewöhnliche Milde in ſeinen Zügen wieder voll hervortrat. Arnold fuhr muthig fort: „Treue iſt die lobenswertheſte Eigenſchaft eines Dieners. Du ſchätzeſt denjenigen Deiner Knechte am höch⸗ ſten, der Dir am meiſten anhängt.“ „Gott iſt groß,“ ſagte der Sultan ernſt.„Diene mir wie ihm, ſo wird es Dir wohl gehen.“ „Du biſt mein oberſter Herr, König von Granada. Allein es lebt noch Diejenige, die nach Dir meine erſte Gebieterin iſt. Wie der treueſte Muſelmann Dich ver⸗ ehrt, ſo ſind alle meine Kräfte meiner Herrin geweiht, dafern Du es nicht verbieteſt. Laß mich denn, o König, noch einmal vor meine Gebieterin treten, laß mich den Staub ihrer Füße küßen, damit ſie ſich überzeuge, daß ihr die Treue ihres Dieners auch in dem prächtigen Pa⸗ * 77 laſte des großen Sultans der Mauren geblieben iſt! Laß mich ihren Willen vernehmen und ihm nachkommen, wenn es Dir genehm iſt, Herr der Alhambra.“ Dieſer betrachtete ihn ſchweigend mit einem langen Blick. Arnold fügte hinzu, indem er ſein Haupt noch tiefer beugte: „Zertritt Deinen Sklaven, wenn das Wort ſeines Mundes Dir nicht gefällt; doch denke, daß ſein Herz nichts Arges dabei gedacht hat.“ Arnold hatte mit der elaſtiſchen Fügſamkeit ſeines Weſens und mit der ihm innewohnenden Entſchloſſenheit bei der Benutzung günſtiger Umſtände in ſchwierigen Le⸗ bensfragen ſich und ſeine Stellung ſeinen Umgebungen anzupaſſen geſucht. Er beſtrebte ſich daher, ſich gleich die⸗ ſen in der blumenreichen Sprache des Morgenlandes aus⸗ zudrücken, um ſeine Abſicht zu erreichen. Boabdil dagegen erwog, daß Elvira allerdings einen neuen Beweis ſeiner Fürſorge für ſie darin erkennen müſſe, wenn er ihr einen Diener zuführe, auf deſſen Anhänglichkeit ſie Werth legte. Er konnte durch die Aufſeher des Palaſtes jeden Schritt Arnold's bewachen laſſen und bei dem geringſten Anſchein, daß dieſer in Gemeinſchaft mit Elvira etwas ihm nicht Zuſagendes unternähme, ihn auf eine ſchnelle Weiſe ungefährlich machen. Er dachte jedoch, die Furcht vor der Ungnade des Sultans, ſeines ununſchränkten Gebie⸗ 3„ 78 ters, ſo wie der eigene Vortheil würden den Sklaven da⸗ von zurückhalten. Und wenn ja irgend eine Gefahr durch einen feindſeligen Mauren Elviren bedrohen ſollte, ſo würde ſie in dem Sklaven einen Vertheidiger herbeirufen können, deſſen unerſchütterliche Tapferkeit auch dem Gewandteſten gewachſen wäre. Es bot ſich ihm zugleich eine Veran⸗ laſſung dar, ſich ſo bald ſchon wieder Elviren zu nähern und zugleich den peinlichen Ermahnungen ſeiner Mutter zu entgehen, indem er nicht länger mit ihr allein blieb. Von dieſen verſchiedenartigen Gedanken bewegt ſagte er: „Stehe auf und folge mir!“ Dann wandte er ſich zu Ahra la Horra und ſprach: „Ich kehre mit dieſem Sklaven in meine innern Ge⸗ mächer zurück. Möge es Dir gefallen, Sultanin, die Friſche des Morgens noch eine Weile hier zwiſchen den Blumen und Sträuchern zu genießen.“ „Allah geleite Deine Schritte, mein Sohn,“ er⸗ wiederte ſie.„Er erleuchte Deinen Sinn, daß er meine Worte beherzigen möge.“ Der Sultan ging wieder den Weg zurück, auf wel⸗ chem er vorhin in den Garten gelangt war. Arnold wan⸗ derte hinter ihm her und Beide betraten die Räume, in denen Elvira ſich aufhielt. Dieſe hatte ſich von der hef⸗ tigen Aufregung der verfloſſenen Stunde erholt und wie⸗ der jene ſtolze Würde angenommen, welche ſie dem Sul⸗ 79 tan gewöhnlich zeigte, wenn gleich ihr Inneres fern von Ruhe und Zuverſicht war. Arnold's Herz klopfte un⸗ geſtüm, als er endlich jene geliebte Geſtalt wieder ge⸗ wahrte, für welche er bei ihrem letzten Zuſammenſein ſein Leben eingeſetzt hatte, und welche ihm wiederum dies preisgegebene Daſein durch ihre raſche und energiſche Hilfsleiſtung erhielt. Immer noch war es ihm, als fühle er ihre Lippen an ſeiner Schulter, den Hauch ihres Mundes auf ſeinem Halſe, als ſei ihr ſchönes Antlitz noch über dieſen gebeugt. Als alle dieſe ſüßen und ſchmerzlichen Erinnerungen bei ihrem Anblicke mit er⸗ neuter Stärke in ihm erwachten, drohte ihn die Beſonnen⸗ heit zu verlaſſen, durch welche er ſo glücklich in ihre hochtheuere, erſehnte Gegenwart gelangt war. Mit unaus⸗ ſprechlicher, inniger Theilnahme weilten ſeine Augen auf der bleichen Wange, die die Spuren der vielen erlittenen Gemüthsbewegungen trug, und auf der Wolke des Grams, welche ihre lilienreine Stirn beſchattete. Er beugte ſein Knie nach der Sitte der chriſtlichen Ritter und blieb in dieſer Stellung am Eingange des Gemaches, während Boabdil dem Gegenſtande ſeiner Zu⸗ neigung näher trat. Der König ahnte nicht, daß er dieſem ſelbſt ſeinen gefährlichſten Nebenbuhler zuführte. „Licht meiner Augen,“ ſagte er ſanft,„ich bringe Dir etwas, was Dich erfreuen wird. Erkenne meinen 7 80 Wunſch, Dir gefällig zu ſein. Der treueſte Deiner Diener ſehnt ſich nach der Sonne Deines Anblicks. Du haſt ſchon früher zu ſeinen Gunſten geſprochen. Sieh ihn hier vor Dir— und erinnere Dich, daß kein Wort Deines Mundes unbeachtet von mir bleibt!“ Donna Elvira's Aufmerkſamkeit war erregt worden. Ihre Blicke folgten der Bewegung ſeiner Hand, welche auf Arnold deutete. Der Sultan ſetzte hinzu: „Er iſt unter meinen Hausſklaven als Gärtner an⸗ geſtellt worden. Ueberzeuge Dich, daß er lebt und von ſeiner Wunde hergeſtellt iſt. Er wird Boabdil's Gnade gegen Dich preiſen, denn er hat nur ſie erfahren. Allah iſt groß! Sieh', wie der Muſelmann auch gegen den Feind Barmherzigkeit übt. Er iſt ein Genoſſe Deines Glaubens, ein Gefährte Deiner heimatlichen Krieger. Die Treue des Dieners iſt lauteres Gold für den Herrn. Er ſoll an jedem Morgen kommen und fragen, welcherlei Blumen Du zur Ausſchmückung dieſer Räume begehrſt und wie Du die Topfgewächſe unter dem Balcon dieſes Gemaches von ihm aufgeſtellt haben willſt.“ Elvira ſchwieg noch immer. Sie war langſam näher gekommen und ſtand jetzt vor Arnold. IZhre Augen leuch⸗ teten ſo freudig wie bei keiner der früheren glänzenden Anerbietungen des Sultans. Eine feine Röthe überzog ihre Wangen. Dann ſpendete ſie dieſem ein Lächeln, wie 81 er es ſo freundlich noch nicht von ihr geſehen hatte, und ſagte: „Ich danke Dir, Sultan, denn dieſer Mann iſt mir werth. Geſtatteſt Du mir, daß ich ihn frage, wen von den Unſern er an jenem heißen Schlachttage hat fallen ſehen und wen er entkommen glaubt? Ob ihn ſeine Wunden noch ſchmerzen oder ob er ſich gänzlich geheilt fühlt?“ „Thue dies, frage ihn ſo viel Du willſt,“ verſetzte Boabdil milde.„Es iſt natürlich, daß Du einige Kunde von Deinen Freunden und von ihm ſelbſt wünſcheſt. Ich werde Euch nicht in Eurer Unterredung ſtören. Mögeſt Du Dich heimiſcher in der Fremde fühlen, wenn Du er⸗ fährſt, wie ſehr Dein Lvos demjenigen mancher Deiner Freunde vorzuziehen ſei.“ Er zog ſich in das angrenzende Gemach zurück, das ihm oft zum Aufenthalte diente, ließ jedoch den die Thür⸗ öffnung verdeckenden Vorhang zurückgeſchlagen. Er er⸗ griff eine Papierrolle, welche auf einem ſilbernen Tiſche lag. Es waren die myſteriöſen Zeichen der Kabbala dar⸗ auf zu leſen, mit deren Entzifferung Boabdil ſich nur zu gern beſchäftigte. Er ließ ſich auf einen Polſterſitz nieder und ſeine Augen ruhten aufmerkſam auf den gehimniß⸗ vollen Schriftzeichen. Elvira hatte dem noch immer vor ihr Knieenden 82 ihre Hand gereicht, und ein Schauer des Entzückens durchrieſelte ihn, als er ihren warmen Druck fühlte. Er beugte ſich nieder und ließ ſeine Lippen lange darauf ruhen. Als ſein Blick wieder ihr Auge ſuchte, las er die innigſte Empfindung darin: eine Thräne verdunkelte es. Alle Hoheit und aller Stolz waren von der Tochter Arra⸗ goniens gewichen. Er gewahrte nur das tief hewegte Weib, deſſen Herz in dieſem Augenblicke für ihn allein ſchlug— und ſeine Sinne ſchwindelten. Endlich ſagte ſie mit bebender Lippe: „Erhebe Dich!— Dein Anblick iſt das größte Glück, das mir noch in dieſer feindlichen Stadt zu Theil geworden iſt.“ Arnold leiſtete jedoch ihrem Gebot nicht Folge, ſprach aber eben ſo leiſe: „Eine gewagte Liſt hat mich in Deine Nähe ge⸗ bracht. Gebiete über mich. Mein Leben und all mein Wollen iſt Dir geweiht!“ „Habe Dank, edler Mann,“ verſetzte ſie raſch auf die nämliche Weiſe,„daß Du Dich einer Verlaſſenen annehmen willſt, die ſchon mit dem Leben abgeſchloſſen hatte. Aber wie ergeht es Dir? Fühlſt Du keine böſe Nachwipkung von dem Gifte, das die Heiden Dir mit ihrem Pfeil ſandten?“ „Keine,“ antwortete er.„Ich bin gänzlich her⸗ 83 geſtellt. Aber wenn auch dies nicht wäre, wenn ich dieſer Vergiftung hätte unterliegen müſſen, ich hätte lieber den Tod erlitten, als jene theuerſte Erinnerung meines Lebens dahingegeben— jene Stunde, in der Du den armen Lanzenträger des größten Beweiſes Deiner Huld wür⸗ digteſt! O Donna Elvira! Deine zarten Lippen haben ſich meinetwegen mit Gift und Blut benetzt! Du haſt mich dem Tode entriſſen, indem Du mir den Dienſt einer niedern Magd leiſteteſt— Du, die Enkelin von Königen!“ „Schweig,“ ſprach ſie mit einem holden Lächeln, „ich bin hier nur eine Sklavin, arm und gefangen wie Du. Das Unglück hat uns gleich gemacht.“ „Du biſt das Weſen auf Erden, dem ich alle meine Liebe und Anbetung weihe!“ flüſterte er außer ſich.„Nach der Himmelskönigin ſtehſt Du mir am höchſten unter allen Frauen!“ „Ich weiß es. Du biſt der treueſte aller Menſchen! Ich baue auf Dich wie auf keinen Andern!“ ſagte ſie bebend. „Sprich, was kann ich für Dich thun?“ fragte er ſchnell. „Sei wachſam und verlaß mich nicht,“ agtwortete ſie eben ſo raſch.„Du haſt Hie Abſichten des Mauren ſchon in Santa Fe erfahren.“ 84 „Wie iſt es,“ fragte er mit gerunzelter Stirn, in⸗ dem er aufſtand,„denkt er noch wie damals?“ „Er thut es. Nur mein Dolch hat ihn heute von mir getrieben.“ Eine höhere Röthe bedeckte das Antlitz Elvira's bei dieſen Worten. Arnold griff unwillkürlich an die Seite, wo ſonſt ſein Schwert hing, und preßte im ſchwei⸗ genden Grimm die Lippen zuſammen. „Ich verſtehe Dich,“ ſprach ſie noch leiſer.„Verlaß mich nicht, ich wiederhole es Dir!“ „Dich verlaſſen!“ rief er.„Eher würde ich mich von Gott ſelbſt wenden! Den zehnfachen Tod würde ich mit Wonne für Dich erdulden!“ „Rufe ihn nicht herbei, ſondern lebe— lebe für mich!“ ſprach Donna Elvira mit gepreßter Stimme. Arnold hätte im ſteigenden Jubel ſeines Herzens laut aufjauchzen mögen, wenn ihm nicht ein bedeutungs⸗ voller Blick Elvira's Ruhe geboten hätte. Die Stimme der Leidenſchaft hat zu allen Zeiten wenig auf die der Klugheit gehört. Mit dem Wunſche, ihn zu beruhigen, fragte ſie wieder: „Wie haſt Du mich hier aufgefunden, wie hier zu mir gelungen können?“ „Das Glück hat mich begünſtigt,“ antwortete er. 85 „Der Sultan ſelbſt erhörte meine Bitte, in Deine Nähe gelangen und Dir meine Dienſte widmen zu dürfen.“ „Haſt Du gleich in der nach mir ge⸗ forſcht?“ fragte ſie wieder. „Wie könnte ich einen andern Gedanten verfolgen,“ wenn ich Dich in Gefahr weiß?“ erwiederte er feurig. „Sobald ich wieder mein Gemach verlaſſen konnte, ſtrich ich in der Alhambra umher, ſo viel man mir es irgend geſtatten wollte— nur, um eine Spur von Dir zu be⸗ merken. Aber ſei auf Deiner Hut. Man brütet Ver⸗ derben gegen Dich und will Dich von Boabdil entfer⸗ nen.“ „Es würde der größte Dienſt ſein, den man mir leiſten könnte,“ verſetzte ſie ruhig. „Nur eine ſchleunige Flucht in das chriſtliche Lager kann Dich retten,“ fuhr er dringend fort. „Ich bin noch lieber heute als morgen dazu bereit,“ ſagte ſie feſt,„ſelbſt wenn ich mich dabei drohenden Ge⸗ fahren unterziehen müßte.“ „So will ich von allen Seiten erwägen, wie ſie möglich zu machen ſein wird,“ erwiederte er.„Ich will Dir morgen Bericht darüber erſtatten.“ „Gut,“ ſagte ſie.„Ich will mich bis dahin ruhig verhalten; denn in keines Menſchen Händen ſind meine 86 Angelegenheiten beſſer aufgehoben als in den Deinigen. Ich weiß, daß Du meiner nicht vergeſſen wirſt.“ „Niemals!“ rief er.„Dein Bild ſchwebte vor mir am Tage und in der Nacht, ſeit ich mich von Dir tren⸗ nen mußte. In meinen Fieberträumen griff ich nach jenem hochtheuren Pfande Deiner Gunſt, das ich einſt aus Deiner Hand empfing, drückte es an meine brennen⸗ den Lippen und dankte Gott dafür.“ „Wie,“ fragte ſie lächelnd,„haſt Du meine Schleife bewahren können? Haſt Du ſie Dir nicht nehmen laſſen, als man Dir andere Kleider anlegte?“ „Nein,“ verſetzte er.„Ich wußte es zu verhüten. Ich ſagte meinen Wärtern, ſie ſei ein Talismann, den ich mit meinem Blute gefeit habe, und ſo ließ man ſie mir. Unter dem Gewande des Sklaven wie unter dem Panzer des Kriegers ruht ſie unverändert auf meinem Herzen. Sie iſt mein theuerſtes Kleinod und ſoll mich bis in's Grab begleiten.“ Er hatte die Schleife unter dem dunkeln Ueberwurf hervorgezogen, mit dem er ſich hatte bekleiden müſſen, und hielt ſie Elviren hin, als dränge es ihn, die Wahrheit ſeiner Worte ſichtlich zu erhärten. Elvira aber nahm einige Perlen von ihrem Haupte, welche in ihren dunkeln Flech⸗ ten faſt verborgen lagen, und ſagte: „Dieſe Perlen ſind von bedeutendem Werthe. Ich * 87 trug nur ſie, als ich allen köſtlichen Schmuck zurückwies, den Boabdil mir aufdringen wollte. Ich habe ſie von Santa Fe mitgenommen, um ſie als ein Opfer auf dem Altare der heiligen Jungfrau in der Kirche zu Cordova niederzulegen. Sie wird mir heute in meiner Noth einen andern Gebrauch dieſer ihr beſtimuten Gabe geſtatten, da ich ihr gelobe, daß ich ſie dreifach erſetzen will, wenn ich meine Freiheit wieder erlange. Ich will nur zwei behalten, die andern übergebe ich Dir; denn ſie könn⸗ ten dienen, uns Hilfe oder ſonſtige Mittel zur Flucht zu verſchaffen. Gieb mir das Band; ich will ſie darin be⸗ feſtigen, und denke, daß Du ſie auf dieſe Weiſe am be⸗ ſten verborgen halten wirſt.“ Sie blickte ihn lächelnd und erröthend an, nahm das Band, zog die Schleifen auf, legte die Perlen hinein, und knüpfte ſie dann feſt wieder zuſammen. Indem ſie es ihm wieder darbot, fügte ſie hinzu: „Behüte es ſo gut, wie Du es thateſt, ehe die Perlen darin waren, und verwende dieſe, ſobald Du es für Dich oder für mich nützlich findeſt.“ Arnold war allen ihren Bewegungen mit zärtlichem Intereſſe gefolgt. Sein Blick wich nicht von ihr. Plötz⸗ lich aber wurden ihre geflügelten Worte auf eine Weiſe unterbrochen, die ſie aus allen Himmeln der glühenden Empfindung in die nackte, gefahrumgebene Wirklichkeit 88 zurückrief. Unter dem zurückgeſchlagenen Vorhange der Thüröffnung ſtand Boabdil el Chico und rief laut: „Was hältſt Du in den Händen, Sklave? Woher haſt Du dieſes Band, un Du es wagen, es Dir wieder zuzueignen?“ verworfener d wie darfft Fünftes Caitel. Tod und Gefangenſchaft. Der Sultan hatte bald nach ſeiner Entfernung von ſeiner Rolle aufgeſehen, und ſeine Augen fielen auf ein großes, metallenes Schild, welches an der Wand hing, die ſich ſeinem Polſterſitz gegenüber erhob. Er ſelbſt hatte es einſt einem Chriſtenritter nach heißem Kampfe abgenommen; von der Schönheit der Arbeit entzückt brachte er es heim und hing es als Trophäe in ſeinem Privatzimmer auf. Die ſilberne Fläche war ſo glän⸗ zend und polirt, daß ſie einem Spiegel ähnelte, und es hing der Thüröffnung auf eine Weiſe gegenüber, daß es gleich dieſem die Bewegungen der beiden jungen Leute im anſtoßenden Gemache wiedergab. Der Sultan wurde alſo der ungeſehene Zeuge ihres Geberdenſpiels. Mochte nun dieſe Belauſchung zufällig oder abſichtlich ſtattfinden, 6 ⸗ 1861. V. Columbus untb ſeine Zeit. II. 90 ſo viel war gewiß, daß der ſchweigende Beobachter der Mienen und Blicke des jugendlichen Paares ſehr bald die Natur ihrer gegenſeitigen Gefühle erkannte, wenn er auch ihre Worte weder genau hören noch verſtehen konnte. Hoch loderte die Flamme der Eiferſucht in ihm empor, und als er das ihm nur zu wohlbekannte blaue Band gewahrte, als er es aus Arnold's Händen in die⸗ jenigen Elvira's übergehen und von der Letztern ihm wieder zurückgeben ſah, machte ſie ſich in einem wilden Zornesausbruch Luft. Er ſprang auf, eilte mit unhör⸗ baren, geflügelten Schritten in das andere Zimmer und befand ſich nun mit bleicher Wange und mit zuckender Lippe dicht neben der Gruppe. „Zeige es mir— oder beim Geſetz des Propheten— mein Zorn ſoll Dich zermalmen!“ rief er noch ein⸗ mal, als Arnold's einzige Antwort ein langer Blick war. Er hatte ſeinen Dolch aus dem Gürtel gezogen und ſchlug mit deſſen Griff ſo heftig auf die unbeſchützte Hand des jungen Mannes, daß ihr die Schleife entfiel. Mit der Gewandtheit des Raubthiers bückte ſich Boabdil und hob ſie auf. Die darauf in Gold geſtickten Buchſtaben „Elvira“ ließen keinen Zweifel mehr zu. „Ich habe recht geſehen, Chriſtin,“ ſprach der Sultan;„es iſt jenes Zeichen Deiner Gunſt, welches Du einſt dem mauriſchen Ritter gabſt, als er Dich zwiſchen 91 den Felſen an der Quelle zum erſtenmale erblickte— und welches er verlor, als er Dich zu gewinnen hoffte! Ha, nun wird mir Alles klar! Mann des Unglücks, ich kenne Dich! Deine Lanze bedrohte das Leben des Sul⸗ tans und entriß ihm die Geliebte, die ſchon in ſeinen Armen war, zwang ihn zu ſchmählicher Flucht— Du biſt es, der Lanzenträger von Santa Fe— der wieder auf dem Schlachtfelde im Gebirge an der Seite der Chri⸗ ſtin war und der diesmal nicht ſiegte!“ Arnold war aufgeſtanden und ſchwieg noch immer. Boabdil betrachtete nun die Diamantennadel und fuhr dann mit hohler Stimme fort: „Schwärzerer Verrath iſt noch nie gegen einen Nachfolger des Propheten geſponnen worden. Bu ſchenkſt Deinem Geliebten dieſe Koſtbarkeit, Mädchen, buhlſt mit ihm— um einen unheiligen Zweck zu erreichen— faſt unter den Augen Deines Herrn, deſſen Gaben Du ver⸗ ſchmähſt— verhöhnſt ihn, indem Du Dich mit dieſem elenden Sklaven an jenem Liebespfande ergötzeſt, welches er dieſem Herrn ſtahl!“ „Du irrſt Dich, Sultan,“ ſprach Elvira mit der ganzen Hoheit der ſpaniſchen Königstochter, denn trotz ihrer erblaßten Wange war alle Stärke ihres Geiſtes wieder in ihr lebendig.„ Ich ſelbſt gab ihm dieſe Schleife, die nicht mehr Dein war, und wenn er ſie als ein An⸗ * 92 denken an mich bewahrte, ſo gehorchte er nur meinem Gebot!“ Ein düſteres, unheimliches Feuer glühte in den Blicken des Mauren; ſie hingen baſiliskengleich an El⸗ viren und er ſagte dumpf: „Du ſprachſt zu unſeliger Stunde, Weib. Ich werde Deinen Trotz brechen und Dich ſtrafen, indem ich Dei⸗ nem Buhlen vor Deinen Augen ſeinen verdienten Lohn zutheile!“ „Sultan,“ ſprach Arnold jetzt,„kühle nicht Deinen Zorn an einem Weibe. Laß ihn den allein Schuldigen treffen. Ein Mann ſteht vor Dir. Thue mit ihm, wie Dir gefüllt; allein bedenke, daß die Ahndung der chriſt⸗ lichen Herrſcher nicht ausbleiben wird, wenn Du Dich an ihrer nahen Verwandten vergreifſt!“ Boabdil's einzige Antwort war ein ſchriller Pfiff, indem er ſeine Finger an die Lippen hielt. In der näch⸗ ſten Minute füllte ſich das Gemach mit gigantiſchen Ge⸗ ſtalten. Es waren die Aethiopier der Leibwache, bereit jedem Gebot ihres Herrn zu gehorchen, möchte es auch noch ſo blutig ſein. Die ſilbernen Bruſtharniſche und die langen, goldenen Ohrringe ließen ihre Haut noch ſchwär⸗ zer erſcheinen; das ſchwarze, wollige Haar wurde von den glänzenden Metallkappen kaum bedeckt. Auf den Schultern hielten ſie dicke, mit meſſingenen Nägeln beſchlagene Keu⸗ 93 len; lange Dolche blitzten in ihren ſtählernen Gürteln. Muſtafa, ihr Anführer, war dem Sultan am nächſten getreten; an ſeiner Hand hing eine ſeidene Schnur. Alle richteten ihre weißen Augäpfel auf ihren Gebieter, ſeine leiſeſte Bewegung beobachtend. Dieſer gab einen Wink. Die furchtbaren Werkzeuge des Despotismus umringten Arnold und ſchwangen ihre rieſigen Keulen über ſeinem unbewehrten Haupte. Boabdil warf die Schleife auf die Erde und trat ſie mit Füßen. Dann rief er: „Knie nieder, Sklave, und empfange den Todes⸗ ſtreich!“ Arnold ſank noch einmal nieder. Er bekreuzte ſich, indem ſeine Lippen ein⸗ leiſes Gebet murmelten. Dann wandte er ſeine Augen im letzten Scheideblick zu Elvira. So wenig wie er früher vor den Schwertern der chriſt⸗ lichen Ritter erzitterte, erbebte er jetzt vor den Keulen der Aethiopier. Ohne ein weiteres Wort, ohne ein Zucken der Wimpern erwartete er den Streich, der ihn im nächſten Augenblicke zerſchmettert in den Staub ſtrecken würde. Da durchflog Elvira plötzlich das Gemach. Die Schnelle des Gedankens beſchwingte ihre Schritte, ſo daß ihre Bewegungen ausgeführt waren, ehe man ſie zu hin⸗ dern vermochte. Sie ſtand auf dem äußerſten Rande des Balcons, der in den Garten hinausging. 94 „Sultan!“ rief ſie mit durchdringender Stimme, „wenn Du dieſen Mann tödteſt, ſo werde auch ich nicht leben. Sobald Du ihn zu Boden ſchlägſt, werden die Fluten des Darro mein Grab ſein!“ Eine tiefe Stille trat ein. Boabdil's Züge nahmen plötzlich einen andern Ausdruck an. Er hatte Elvira hin⸗ länglich kennen gelernt, um zu wiſſen, daß ſie ihre Dro⸗ hung ausführen würde. In der Nähe des ſchmalen Raumes, der den Balcon von dem Fluße trennte, befand ſich Niemand, als nur vielleicht noch ſeine Mutter. Er glaubte nicht, daß dieſe den Schritt der Chriſtin nach deſſen Ufer aufhalten würde; wie ſehr ſie deren Entfer⸗ nung aus dem Palaſte wünſchte, war ihm nur zu wohl bekannt. Seine Liebe zu Elvira erwachte doppelt bei der Gefahr ihres Verluſtes; denn allerdings hatte er ihren Tod nicht gewollt, ſondern gehofft, daß das Beiſpiel ſei⸗ ner Strenge gegen den von ihr Begünſtigten ihren Muth erſchüttern und ſie ihm geneigt machen würde. Immer noch beſtand der magnetiſche Zauber, der ihn mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt zu ihr zog. Seine Wildheit ſänf⸗ tigte ſich. Er trat einige Schritte zurück und ſagte etwas ruhiger, wenn auch immer noch mit gefalteten Brauen: „Weib, Du biſt ein Unglück!— Laß ab von Dei⸗ nem ſträflichen Beginnen. Allah behüte Deine Schritte! 95 Dir ſoll nichts Böſes geſchehen. Komm' herunter und vernimm den Willen Deines Herrn!“ „Nicht ehe Du mir beim Grabe Deines Vaters gelobſt, daß Du dieſem Manne das Leben ſchenken, kein Haar auf ſeinem Haupte krümmen willſt!“ Noch einmal trat Stille ein. Boabdil runzelte ſeine Stirn noch finſterer als zuvor und wieder zuckten ſeine Lippen. Man ſah, wie das Gewand der Spanierin im lauen Morgenwinde flatterte; ſie beugte ſich weit über die Brüſtung des Söllers, als wolle ſie den verhängnißvollen Sprung ſogleich vollführen, während ſie das Haupt auf die Scene des Schreckens hinter ihr zurückwandte. End⸗ lich machte er ein Zeichen, und Muſtafa verließ mit den ſtummen Söhnen Afrikas das Gemach. Dann ſprach er gepreßt: „Es iſt kein anderer Gott als Gott und Moha⸗ med iſt ſein Prophet!— Ich gelobe Dir beim Grabe meines Vaters, das Leben dieſes Mannes ſoll ihm ge⸗ ſchenkt ſein, dafern er meinen Zorn nicht wieder reizt!“ Nun blickte er auf Arnold und ſetzte hinzu: „Dein Leben iſt gerettet, Sklave!“ Elvira kam langſam von ihrem luftigen Stand⸗ punkt herunter und blieb vor der Rückſeite des Balcons in dem Gemache ſtehen. Sie war gleich weit von dem Sultan und von Arnold entfernt. Ehe dieſer ſich auf⸗ 96 richtete, griff er nach der nahe bei ihm liegenden Schleife und verbarg ſie an ihrem alten Platze. Boabdil bemerkte nichts von dieſer Bewegung, denn alle ſeine Gedanken waren bei Elvira. Er hatte vielleicht ſogar in dieſem Augenblicke das Daſein dieſes Bandes vergeſſen, das vor wenigen Minuten noch ſeinen Zorn ſo ſehr erregt hatte. Seine düſter glühenden Blicke ruhten unverwandt auf dem Mädchen. Man ſah an der noch immer nicht wei⸗ chenden Bläſſe ſeines Angeſichtes, daß er nur die Aus⸗ brüche ſeiner Heftigkeit unterdrückt hatte, und daß dieſe mit den ſanfteren Gefühlen kämpften, die in ihm zurück⸗ zukehren begannen. Für Arnold war dieſe Schleife jedoch immer noch ein ſo hochtheures Kleinod, daß er ſich faſt mechaniſch wieder in deſſen Beſitz ſetzte, ſobald er dazu eine Möglichkeit ſah. Die unheimliche Stille wurde durch den Eintritt der Ahra la Horra unterbrochen. Sie hatte, wie ihr Sohn vorausſetzte, im Garten geweilt und dort plötzlich die Geſtalt der Spanierin auf dem Altan geſehen. Ihre un⸗ erwartete Erſcheinung dort, ihre Stellung, die verzwei⸗ felte Energie ihrer Bewegungen und Mienen ließen die Sultanin errathen, daß ſie in einem heftigen Streite mit ihrem Sohne begriffen ſei. Sie fürchtete noch größere Thorheiten von dieſem und nahte daher mit ungewöhn⸗ lich ſchnellen Schritten, um dieſe zu verhindern. Ihr 97 ernſter Blick überflog ſchweigend die ganze Scene, wäh⸗ rend ſie im Hintergrunde ſtehen blieb. Boabdil gewahrte ſie, doch waren ſeine Gedanken noch immer ſo ſehr mit den letzten Eindrücken beſchäftigt, daß er ſich kaum ihrer Gegenwart bewußt war und ihr deshalb kein Wort der Begrüßung ſpendete. Gleich nach ihr trat am andern Ende der Arkaden ein kleiner, alter häßlicher Araber her⸗ ein. Es war Osman. Er warf ſich mit der Stirn auf die Erde und er⸗ wartete die Anrede des Sultans. Dieſer gab ihm ein Zeichen, daß ihm zu reden erlaubt ſei. Osman nahm das Wort: „Beherrſcher der Gläubigen! Muſtafa hat mir Dein Gebot kund gegeben, welches mich vor Dein Antlitz ruft. Siehe Deinen Sklaven, welcher den Staub Deiner Füße küßt.“ „Warſt Du es, der dieſem Chriſtenſklaven geſtat⸗ tete, ſich in meine Gärten zu ſchleichen und ſich mit mei⸗ nen Blumen zu beſchäftigen?— In dieſem Falle biſt Du ein Mitſchuldiger ſeines Betruges.“ „Das ſei ferne von mir!“ rief Osman eifrig. „Schatten Gottes auf Erden!— Möge Allah's Hand mich treffen, wenn ich jemals gegen Deinen geheiligten Willen frevelte!— Es iſt Abdallah, der erſte Deiner Gärtner, der dem Chriſten dies geſtattete, nachdem Mu⸗ 98 ſtafa ihm früher geſagt, daß der Schirm Deiner Gnade ihn bedecken ſolle.“ „So biſt Du unſchuldig an ſeiner Vermeſſenheit,“ verſetzte Boabdil, welcher ſich wieder auf einen Polſterſitz niedergelaſſen hatte.„Ich ſelbſt habe ſie begünſtigt, indem ich ihn mit Milde zu behandeln gebot, als wir ihn vom Schlachtfelde hierher geführt hatten. Was haſt Du ſonſt von ſeinem Beginnen hier in der Alhambra gewahrt?“ „Er ging viel außer den Gebäuden umher und ſah oft nach den Fenſtern, ob nicht deren Vorhänge ſich öffneten,“ berichtete Osman.„Vor drei Tagen erblickte ich ihn in dem Garten der Lindarara.“ ²) „Ha,“ rief der Sultan,„um welche Zeit war dies?“ „In der Abendſtunde, als der Mond in voller Klarheit am Himmel ſtand,“ antwortete der Araber. „Ich hatte mich um jene Stunde mit Avila ein⸗ geſchloſſen,“ murmelte Boabdil vor ſich hin; dann fragte er laut:„Was begann er dort?“ „Ich überraſchte ihn im Gemache der Sultanin Zoraha. Er hielt ſie in ſeinen Armen, drückte ſie an ſeine ) Dieſer Garten wird noch jetzt in der Alhambra gezeigt. doch iſt er unter der ſpäteren Herrſchaft der Spanier ſehr ver⸗ kleinert worden. 99 Bruſt und legte ſie auf das Ruhebett, indem er ihr zärtliche Worte zuflüſterte. Als er meiner anſichtig wurde, entfloh er über den Altan durch den Garten.“ Eine inhaltſchwere Pauſe trat nach dieſen Worten des alten Haremswächters ein. Sie glich der drückenden Schwüle vor einem ausbrechenden Orkan. Endlich fragte Boabdil, indem er mit Anſtrengung die bleichen Lippen öffnete: „Und warum erfahre ich dieſe neue Ruchloſigkeit erſt heute?“ „Ich habe alltäglich das Licht Deines Antlitzes ge⸗ ſucht,“ verſetzte der Alte,„doch gewährteſt Du es mir nur einmal. Ich hatte Dir Bericht über alles Thun Dei⸗ ner Sklaven hier im Innern Deines Palaſtes abgeſtattet, und wollte nun von den gefangenen Chriſten reden, als Du mich gehen hießeſt.“ Der Sultan ſagte langſam: „Ich glaubte, daß Deine letzten Berichte ſo unwich⸗ tig wie die erſten ſein würden; es gab eine beſſere Be⸗ ſchäftigung für meine Gedanken als Dein Gewäſche. Wie konnte jener verruchte Sklave in das Gefängniß Zo⸗ raya's dringen?“ „Leuchte des Glaubens,“ antwortete Osman,„ich bin alt und gebrechlich. Ich hatte zwei Schlüſſel in mei⸗ nem Bunde hier an der Seite, die ſich völlig gleich 100 waren. Der eine ſchloß den Thurm von Comares, der andere die Thür zum Balkon im Garten der Lindaraxa. Einer von ihnen fehlte an jenem Morgen. Ich ſann und ſann, wo er geblieben ſein könnte, und forſchte den ganzen Tag nach ihm. ZJene Balkonthür fand ich ſtets ver⸗ ſchloſſen, ſo oft ich zu ihr zurückkehrte. Erſt am Abende war ſie geöffnet. Da erkannte ich die Wahrheit. Der Chriſtenſtlave hatte mir den Schlüſſel in der Nacht ge⸗ ſtohlen, um am nächſten Abende zu der Tochter der Ze⸗ gris dringen zu können.“ „Wie konnte es ihm möglich ſein, in Dein Schlaf⸗ gemach zu gelangen?“ fragte der Sultan noch einmal. „Verwahrſt Du Deine Schlüſſel ſo ſchlecht, daß Zeder ſie mit fortnehmen kann?“ „Nimm meinen Kopf, Herr, wenn dies ſein könnte!“ rief Osman eifrig.„Die Schlüſſel zu den Gemächern Deines Harems, welche Du mir anvertrauteſt, liegen während der Nacht ſtets unter dem Kiſſen, auf das ich mein Haupt zum Schlummer lege. Wie der Sklave ſie mir entwenden konnte, weiß ich nicht. Er wird es durch Zauberei bewerkſtelligt haben; denn Du weißt, o Herr, daß die Ungläubigen oft genug ſolche Mittel anwenden, um uns zu überliſten!“ „Es iſt ein ruchloſes Geſchlecht! Allah iſt der Schirm der Gläubigen!“ ſprach Boabdil mit äußerer 101 Ruhe. Der Wunſch, eine Anklage der Treuloſigkeit ge⸗ gen ſeine verſtoßene Sultanin zu finden und eine neue Schuld auf den gehaßten Chriſten zu häufen, ließ ihn die Ausſage Osman's nicht weiter unterſuchen, noch deren Glaubwürdigkeit ferner bezweifeln. Nun wandte er ſich zu Arnold, deſſen einziges Entſetzen in dieſem Augenblicke war, daß die Augen Elvira's mit Zweifel und Staunen auf ihm ruhten. „Chriſt,“ ſprach der Sultan,„Gerechtigkeit iſt die Zierde des Herrſchers. Ich will auch Dich hören, ehe ich Dich verdamme. Warſt Du an jenem Abende im Gar⸗ ten der Lindarara?— Wenn nicht, ſo iſt Osman ein falſcher Ankläger, und er ſoll anſtatt Deiner von den Keulen meiner Leibwache zerſchmettert werden.“ Arnold antwortete nicht. „Betrateſt Du den Balkon, welcher in das Gemach Zoraha's führt?“ Arnold ſah ſtumm zu Boden. „Iſt Osman der Schuldige, oder Du?“ fragte Byvabdil wieder.„Warſt Du in jenem Gemache und hielteſt Du die Tochter Aliacta's in Deinen Armen? Drückteſt Du ſie an Deine Bruſt? Legteſt Du ſie auf ihr Ruhebett und warſt Du bei all Dieſem allein mit ihr?“ 102 Der Gefragte erwiederte nichts, doch zitterte ſeine Lippe unmerklich. „Sprich die Wahrheit, denn ſie iſt lauteres Gold,“ fuhr der Sultan fort.„Haſt Du die kurze Zeit Deines Hierſeins benutzt, um mit jener Frau ein ſträfliches Lie⸗ besverhältniß anzuknüpfen?“ „Nicht in Gedanken, nie,“ verſetzte Arnold. „So warſt Du an jenem Abende nicht neben der Tochter der Zegris und Osman iſt ein Lügner?“ Arnold ſchwieg wieder. „Du willſt nicht geſtehen,“ ſprach Boabdil weiter. „Rechtfertige Dich, wenn Du kannſt. Haben Dich die Reize Zoraha's verblendet? Wie wurdeſt Du ihrer an⸗ ſichtig? Verlockte ſie Dich zu dieſen Zuſammenkünften und hatte ſie Dich aus dem Garten herbeigerufen?“ Der junge Mann entgegnete nichts, doch traten kalte Schweißtropfen auf ſeine Stirn. Der Sultan hatte eine ſo große Mäßigung gezeigt, um ſeiner Mutter kund zu geben, daß er ſeine verſtoßene Gemahlin nicht vorſchnell verdammen wolle. Sie mußte jetzt ſein Verfahren billigen. Auch Elvira's Beifall wollte er gewinnen, indem er einerſeits ihren Schützling ſchonte, andererſeits ſie ſelbſt überzeugte, daß dieſer ſich ihrer ſtarken und treuen Zuneigung unwürdig bewieſen habe. Nun redete er dieſe an: 103 „Du hörſt, Chriſtin, daß dieſer Mann ſich nicht von der gegen ihn erhobenen Anklage zu reinigen ver⸗ mag. Er pflegte der Liebe mit einer Andern, während Deine Gedanken ſich an ihn ketteten.“ Elvira hatte das Vorgefallene mit der Unbeweglich⸗ keit einer Statue angehört. Nur das dunkle Feuer ihrer Blicke ruhete bald auf dem Sultan, bald auf dem Manne, an den ſich in ihrer Verlaſſenheit alle ihre Hoffnungen gekettet hatten. Zu dem Letzteren gewendet öffnete ſie jetzt die Lippen: „Entlarve dieſen feilen Betrüger. Sage, daß Alles eine Lüge iſt— laß ihn den Lohn ſeiner Büberei hinneh⸗ men. Eine ſolche Anſchwärzung verdient die härteſte Strafe!“ Arnold's einzige Antwort war ein Seufzer, der langſam und ſchwer ſeiner Bruſt entſtieg. Elvira's Antlitz wurde bläſſer als in jenem Augen⸗ blicke, da ſie Boabdil ihren Dolch zeigte; bläſſer als in jener Minute, da ſie in den Fluten des Darro ihr Grab ſuchen wollte. Sie ſtreckte die Hand gegen Arnold aus, trat einen Schritt vor und ſprach mit zitternder Stimme: „Sprich ein Wort, unglücklicher Mann!— Sage, daß Du nicht bei jener Frau warſt— und ich will Dir glauben— Dir allein— ob auch die ganze Welt gegen Dich zeugte!“ 104 Arnold begegnete ihrem angſtvollen Blicke, doch übertraf die Qual, welche in dem ſeinigen zu leſen war, diejenige, welche der ihrige ausſprach. Aber die Worte entflohen ſeinem Munde: „Ich habe nie einen Funken von Liebe für dieſe Frau empfunden— bin ihr ein völlig Fremder— ſo wahr Gott lebt!“ „So ſprich, wo warſt Du an jenem Abende?“ fragte Elvira ſchnell.„Du warſt nicht im Gemache der Sultanin?“ Der junge Mann ſchwieg wieder. „Ha,“ ſprach ſie bebend,„Du treibſt ein ſchnödes Spiel mit uns!— Es handelt ſich um die Ehre einer Frau— um die Liebe einer Andern— um Tod und Le⸗ ben— und Du willſt nicht reden, giebſt durch Dein Schweigen zu, daß Du die Erſtere durch Deine Gegen⸗ wart beleidigt haſt?“ Arnold ſenkte ſtumm das Haupt auf ſeine Bruſt. „So haſt Du mich betrogen mit gleißneriſchen Worten!“ ſagte ſie dumpf.„Schmachvoller wurde nie ein Weib getäuſcht!— Nie hat die Wahrheit in dem Angeſichte eines Menſchen ſo gelogen wie in dem Dei⸗ nigen! Ich hätte Felſen auf Deine Treue gebaut, nie⸗ driger Verräther, und verabſcheue jetzt die Stunde, da meine Dankbarkeit mir zuflüſterte, Dich anders als einen 105 gemeinen Söldling zu belohnen!— Du wiederholſt eine elende Lüge, um mich nochmals zu täuſchen— und ſchweigſt, wo ich Dich mit Todesangſt anflehe zu re⸗ den!— Ich ſage mich los von Dir— und baue allein noch auf den Beiſtand Gottes!“ Sie hielt inne. Jedes ihrer Worte durchſchnitt wie ein Meſſerſtich Arnold's Herz. Er ſchauerte zuſammen vor der tödlichen Kälte ihres Blickes, vor der Ton⸗ loſigkeit ihrer Stimme. Keine Fiber ihres marmorgleichen Antlitzes zuckte; es war ſtarr wie dasjenige eines ſiei⸗ nernen Bildes. Er preßte die gerungenen Hände im un⸗ ausſprechlichen, ſtummen Weh gegen ſeine Bruſt. „Ich habe Dir Zeit genug zum Reden gegeben, denn Gott allein ſieht in das Herz des Menſchen,“ ſagte der Sultan jetzt.„Du bekennſt Dich ſchuldig durch Dein Schweigen. Chriſtin, Du haſt erkannt, wie unwürdig dieſer verworfene Sklave Deiner Gunſt war. Ich ge⸗ ſtattete Dir und ihm die Freiheit der Rede, damit die Wahrheit an den Tag kommen möge.“ „Ich habe ſie erkannt,“ ſagte Elvira kalt. Boabdil ließ wieder jenen durchdringenden Pfiff erſchallen. Muſtafa trat abermals mit einigen ſchwarzen Leibwächtern herein. Boabdil rief ihnen zu: „Führt ihn hinaus und werft ihn in den Thurm des Comares. Er ſoll ſein Schickſal erwarten.“ 1561. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 7 106 Die Aethiopier nahten ſich dem jungen Manne und nahmen ihn in ihre Mitte. Kein Wort und keine Ge⸗ berde Elvira's ſuchte diesmal ihre Abſicht zu vereiteln. Arnold's letzter Blick auf ſie glich demjenigen eines Sterbenden. Sie wendete das Haupt ab, indem ein ver⸗ ächtliches Lächeln um ihre Lippen zuckte. Boabdibs Stimme unterbrach wieder die eingetre⸗ tene Stille. Eine wilde Aufgeregtheit ſprach abermals aus ſeinen Zügen: „Zoraya eine Treuloſe!— Ich hatte ein Recht, ſie zu verſtoßen. Sie ſoll ihr Verbrechen mit dem Tode büßen nach der Strenge des Geſetzes!“ Sein rollender Blick fiel wieder auf Osman, wel⸗ cher noch immer tief gebeugt im Hintergrunde ſtand. „Entferne Dich, Sklave!— Dein Werk iſt hier gethan; ein Beutel voll Golddublonen ſoll Dir gezahlt werden!“ Dieſem Gebot wurde ſchnell gehorcht. Osman hatte vorhin auf ſeiner Runde durch die Gemächer des Palaſtes geſehen, daß der ihm wohlbekannte Chriſten⸗ ſtlave dem Sultan gefolgt war, und daß ſpäter die Leib⸗ wache hereingerufen wurde, um einen blutigen Act zu vollziehen. Als ſein Vertrauter Muſtafa mit ſeinen Ge⸗ noſſen wieder im Hofe ankam, hatten einige wenige Worte von dieſem ſeine Vermuthung beſtätigt, daß der Zorn des 107 Sultans gegen den Chriſten gerichtet ſei. Er beſchloß daher ſchnell, ſich ſelbſt vor Boabdil zu ſichern, indem er ſeine bis jetzt verſchwiegene Wahrnehmung auf eine paſ⸗ ſend ſcheinende Weiſe dieſem vortrüge. Nach der Art fei⸗ ler Seelen kam er, um eine Anſchuldigung mehr gegen einen Bedrohten auszuſprechen, der ſchon dem Unglück verfallen war. „Zoraya ſoll ſterben— ſterben auf mein Gebot!“ murmelte Boabdil vor ſich hin, indem der ihn beſchäf⸗ tigende Hauptgedanke wieder auf ſeine Lippen trat. „Verhänge nicht den Tod über Diejenigen, die Dir die Nächſten auf Erden ſind!“ mahnte eine ernſte Stim⸗ me hinter ihm.„Laß Allah ſie richten. Er ſteht über Dir und ihnen und hält die Wage der Gerechtigkeit!“ Ayra la Horra hatte geſprochen. Boabdil ſchrack zuſammen und antwortete nicht. „Gewiſſensbiſſe ſind die Folter Deiner Träume!“ ſprach dieſe düſter weiter,„und um ſie zu beſchwichti⸗ gen, verkehrſt Du mit Sehern und überirdiſchen Weſen. Du denkſt, daß Dein Vater unverſöhnt Wehe über Dich ruft— ſoll der zürnende Geiſt Deiner gemordeten Gattin ſich ihm beigeſellen und das zweite Geſpenſt Deiner Nächte werden?“ Boabdil wagte noch immer nicht, ſeiner Mutter 4 108 in's Antlitz zu ſchauen. Dieſe fügte etwas weniger ſtrenge hinzu: „Du haſt geſagt, daß Du Gerechtigkeit üben wilſſt. Höre auch Zoraya, ehe Du ſie verdammſt. Sie wird mehr Aufſchluß geben, als dieſer verſtockte Chriſt, der ſeine Zunge mit böſem Willen feſſelt. Du wirſt das Nähere erfahren und dann erſt nach Deiner Weisheit entſcheiden. Vielleicht iſt dieſer Chriſt der allein Schul⸗ dige. Er kann gewaltſam zu ihr eingedrungen ſein.“ Vielleicht war es Boabdil angenehm, daß er der Erwiederung überhoben wurde. Ein Knabe trat herein und meldete, daß Reduan Benegas, der große Häupt⸗ ling, vor der Halle des Beſuchs warte und den Beherr⸗ ſcher der Gläubigen ſogleich zu ſprechen verlange. Dieſer verließ ſchnell das Gemach und Donna Elvira blieb mit der Sultanin Ahra allein. Einige Minuten verſtrichen in ungeſtörtem Schweigen. Dann trat Elvira ihr näher. „Fürſtin,“ ſprach ſie gefaßt,„ich weiß, daß Du mich nicht liebſt, allein Du biſt eine Frau gleich mir und ich rufe die Würde meines Geſchlechtes in Dir an!— Alle Männer hier in Granada ſind nur Feinde oder Verräther gegen mich; ſo erbitte ich denn von Dir, daß Du nicht gleich ihnen ſtreben mögeſt, mich zu verderben!“ „Sprich, was wünſcheſt Du ferner von mir?“ fragte die Sultanin ruhig. 109 „Du ſtehſt dem Thron der Mauren nahe,“ ant⸗ wortete Elvira,„wie ich demjenigen der chriſtlichen Herr⸗ ſcher— Du fühlſt gleich mir die Pein, mit der Gemein⸗ heit zu verkehren. Du ſiehſt mich ungern hier; mein dringendſter Wunſch iſt es, die Alhambra zu verlaſſen, denn nie werde ich den Platz annehmen, den Boabdil mir auf ſeinem Thron anbietet.“ „Jedoch iſt es ein herrlicher Thron, der des Be⸗ herrſchers der Gläubigen des Weſtens,“ ſagte Ayra. „Jede edle Tochter der Mauren, jede Fürſtin der afrika⸗ niſchen Araber würde ſich glücklich ſchätzen, ihn zu thei⸗ len. Es iſt ein wundervolles Stück Erde, ein Paradies Allah's, das er da beſchattet.“ „Dies kann ſein,“ verſetzte Elvira;„allein wenn kein Bedenken der Religion mich abhielte, ſo würde es mir ein Gräuel ſein, die Stelle zu bekleiden, von der eine Andere verdrängt wurde. Möge die Sultanin Zo⸗ raya dieſe wieder einnehmen, wenn ſie den eiferſüchtigen Zorn ihres Gemahls zu beſchwichtigen vermag, oder möge eine Andere ſie erſetzen— ich verzichte darauf!— Es iſt nicht der Glanz einer Krone, nach der ich ſtrebe, ſondern ich wünſche, fern von der Welt und ihren eitlen Freu⸗ den, in den heiligen Hallen eines Kloſters meine Tage zu beſchließen.“ „Ich habe dieſe Gebäude im Lande der Chriſten ge⸗ 110 ſehen,“ entgegnete die Sultanin,„und von den Geſell⸗ ſchaften Eurer Frauen und Männer gehört, die ſich zum Preiſe Gottes in ihnen verſammeln.“ „Jetzt aber,“ fuhr Elvira fort,„iſt es mein Stre⸗ ben, zu meinen Glaubensgenoſſen heimzukehren. Meine Wünſche und die Deinigen begegnen ſich alſo. Ich bin gegen meinen Willen hierher geführt und werde auf die nämliche Weiſe hier feſtgehalten. Mein Verſchulden iſt es nicht, daß Boabdil Zorn und Gewaltthat hat walten laſſen.“ „Er iſt vom Pfade der Gerechtigkeit abgewichen,“ ſagte die Sultanin.„Du haſt ſein Herz mit einer blin⸗ den Leidenſchaft erfüllt; es wundert mich nicht, denn Ju⸗ gend und Schönheit ſind Dein Eigenthum.“ „Ich möchte ſie verwünſchen, da ſie mir ſo viel Unwürdiges bereiten,“ entgegnete Elvira haſtig.„Ich habe Deinen Sohn nie ermuthigt; denn zwiſchen dem Mauren und der Chriſtin kann kein Ehebund beſtehen, der Gott wohlgefällig iſt. So nimm denn die Hand des Friedens, Fürſtin; ich biete ſie Dir. Sei mir nicht durch⸗ aus feindlich geſinnt, wenn ich Dich auch nicht wie eine Freundin betrachten darf.“ Sie reichte mit dieſen Worten der Sultanin ihre Hand dar. Dieſe nahm einen Pfirſich aus einer goldenen Schale, die auf einem der ſilbernen Seitentiſche ſtand, 111 theilte ihn und reichte die eine Hälfte dem jungen Mäd⸗ chen dar. „Nimm,“ ſprach ſie,„und iß.“ Elvira folgte dieſem Gebot, während die Sultanin die andere Hälfte verzehrte. Dann erſt nahm ſie die Hand Elvirens und ſagte: „Du haſt mit mir in meinem Hauſe gegeſſen und biſt fortan mein Gaſt. Kein Haar Deines Hauptes darf hier gekrümmt werden. Du ſtehſt unter meinem Schutze, und wer Dich beleidigt, kränkt auch mich. Sei hiefort mei⸗ nes Beiſtandes zur Erfüllung Deiner Wünſche gewiß.“ Nach dieſen Worten ſetzte ſich die hochherzige Für⸗ ſtin neben das bedrängte Mädchen auf die Ottomanne; Elvira empfand ſeit Lange zum erſtenmale wieder das Glück, ſich ohne Mißtrauen gegen ein Weſen ihres Ge⸗ ſchlechtes ausſprechen zu können. denartige Eigenſchaften. Er verrieth nicht ſelten feurige Gefühle, mit welchen ſich eine natürliche Güte verſchwi⸗ ſterte; wenn auch der frühe Beſitz der despotiſchen Ge⸗ walt des morgenländiſchen Herrſchers, die Erfahrung von der Widerſpenſtigkeit des Volkes und dem Trotze der Großen, Zorn und Mißtrauen in ihm wachgerufen hat⸗ ten, die ihn hin und wieder zu wilden Ausbrüchen ver⸗ leiteten, ſo erwachten doch Edelmuth und Gerechtigkeits⸗ liebe gewöhnlich bald wieder in ihm. Er wußte nicht nur Rache, ſondern auch Großmuth zu üben. Erfahren in allen Wiſſenſchaften, welchen die ſpaniſchen Araber da⸗ mals oblagen, beſaß er eine große Hinneigung zu jenen dunkeln und geheimnißvollen Studien, welche die verbor⸗ genen Kräfte der Natur und des Himmelsgewölbes be⸗ Sechstes Capitel. Der Letzte der Maurenkönige. In dem Charakter Boabdil's fanden ſich verſchie⸗ 113 trafen. Ein düſterer Glaube an myſtiſche Träumereien hatte ſich bei ihm aus den Umſtänden entwickelt, welche ſeine Kindheit umgaben, und flößte ihm Bedenklichkeit und Unentſchloſſenheit ein, wenn raſches Handeln nothwendig geweſen wäre. Finſtere Prophezeiungen hatten ihm von jeher mancherlei Mißgeſchick verkündet, welches die fort⸗ ſchreitenden Ereigniſſe zu beſtätigen ſchienen. So oft er dieſe zu bekämpfen geſucht hatte, war ſtets unerwartet ein anſcheinend unglücklicher Zufall hinzugekommen, welcher alle ſeine Bemühungen, ſeine durchdachteſten Pläne, die Früchte ſeiner entſchloſſenſten Tapferkeit vernichtete. Nach und nach war er muthlos geworden; Zweifel und Scheu beſchlichen ſein verdüſtertes Gemüth, wenn entſchiedenes Handeln nöthig geweſen wäre, und er begann endlich ſelbſt ſich als„den Unglücklichen“ zu betrachten, wie ihn ſeine Zeitgenoſſen ſchon genannt hatten. Er war jedoch zu ſtolz, als daß er dieſe traurige Anſicht häufig offen kund ge⸗ geben hätte; nur bei heftigen Gefühlsausbrüchen ſtrömte ſie in lauten Klagen von ſeinen Lippen. Noch immer ſträubte er ſich, die mahomedaniſche Lehre der unvermeid⸗ lichen Vorherbeſtimmung blindlings anzunehmen; doch an der irdiſchen Hraftfülle verzweifelnd ſuchte er geiſtige Waffen gegen die Einflüſſe bösartiger Dämonen oder feindſeliger Geſtirne. Er verſammelte die Magier des Morgenlandes um ſich und lebte oft genug mehr in über⸗ 114 irdiſchen Traumbildern als in der Wirklichkeit. Auf das Geheiß dieſer Seher und verlockt von ſeiner eigenen Nei⸗ gung zu phantaſtiſchem Hinbrüten ſuchte er Zauberkunſt und Kabbala anzuwenden, um ſeine überirdiſchen Feinde zu beſiegen, und um gegen Gefahr und Unglück, wenn ſie ihn ſelbſt und ſein Reich umringten, ſo wirkſam wie andere Sterbliche kämpfen zu können. Seine Leidenſchaft für Elvira von Viana war eins jener plötzlichen und überwältigenden Gefühle, wie ſie jener Himmelsſtrich und jene Zeitrichtung nur zu leicht in der Bruſt eines mahomedaniſchen Herrſchers entſtehen laſſen konnten. Er überließ ſich ihr mit aller jener oft zu⸗ rückgedrängten Glut ſeiner Empfindungen, die bei dem an Despotismus gewöhnten Nachfolger der Khalifen kein Bedenken der Moral zurückhielt, und die heißer empor⸗ loderten, je mehr ſie von dem Gegenſtande derſelben zu⸗ rückgewieſen wurden. Die Neigung zu wilder und peti⸗ ſcher Abenteuerlichkeit, welche der erſte Träger des dama⸗ ligen mauriſchen Ritterthums ſo gut in ſich fühlte, wie der Letzte, ließ ihn kein Bedenken tragen, ſich ſeine Er⸗ korene gewiſſermaßen zu erobern, wenn ſie ihm nicht frei⸗ willig folgen wollte. Der in jenem Lande der Romantik bei den Mauren und Chriſten gleich vorherrſchende Hang zur Verherrlichung weiblicher Schönheit, die Gewohnheit, deren Vertreterinnen knieend zu verehren, bis ſie das heiße 115 Drängen der Leidenſchaft ihrer Anbeter erhört hatten, gab ſeinen Bemühungen um Elvira anfänglich jenen chevaleresken Anſtrich, den er erſt bei Seite ſetzte, als ſie ihn durch ihren Widerſtand heftig reizte. Das Blut ſeines tigerherzigen Vaters ſiedete alsdann wieder in ihm auf, und ſo ſehr er ſelbſt durch deſſen Härte gelitten hatte, ſo niederbeugend ihm noch jetzt deſſen Andenken war, da ſein grübelndes Gemüth ſein eigenes, wenn auch durch Noth⸗ wehr bedingtes Betragen gegen ihn mit nagenden Vor⸗ würfen belaſtete, ſo unterließ er dennoch nicht, in deſſen Geiſte zu handeln, wenn die auflodernde Wildheit ſeiner afrikaniſchen Abſtammnng ihn dazu trieb. Sein Verfahren gegen ſeine frühere Lieblingsſultanin Zoraya, welche durch Elvira's Bild aus ſeinem Herzen gänzlich verdrängt wurde, gab einen lebendigen Beweis davon. Ihre Klagen und Vorwürfe— welche die oft ſehr wirkſamen Waffen der vrientaliſchen ſo gut wie der abendländiſchen Frau ſind— waren ihm unbequem, da er in ruhigeren Stun⸗ den ſich ſelbſt deren Gerechtigkeit eingeſtehen mußte; und ſo ſchlug er den kürzeſten Weg ſchonungsloſer, despotiſcher Gewalt ein, indem er die mehrjährige Gefährtin, die er⸗ klärte Vorſteherin ſeines Harems, aus ſeinen Augen ent⸗ fernte und in Gewahrſam ſetzen ließ, damit ſie nicht zu ihrer zahlreichen, mächtigen Familie fliehen möge. Wenn ſie dieſe zu ihrem Beiſtande aufrief, ſo war es leicht mög⸗ 116 lich, daß dies die ernſteſten Folgen für den wankenden Thron Boabdil's el Chico herbeiführen könnte. Er wußte dies nur zu wohl und ſuchte daher dieſe durch die raſchen Mittel zu verhüthen, welche dem unumſchränkten Gebieter der Alhambra zu Gebote ſtanden, anſtatt den richtigeren Weg einzuſchlagen, ſeine Leidenſchaft für die Fremde zu bemeiſtern. Kaum hatte er die Halle des Beſuchs erreicht, als Benegas hereingeführt wurde. Dieſer durfte zu jeder Stunde Gehör verlangen und der Sultan hatte ihm den ungehinderten und unceremoniöſen Eintritt in alle ſeine Paläſte geſtattet. Reduan Benegas begrüßte den König auf vrientaliſche Weiſe und richtete ſich dann wieder auf, ſeine Anrede erwartend. „Was liegt heute auf Deiner Zunge?“ fragte Boabdil. „Ich komme mit ſchlimmer Botſchaft. Die Zegris ſind in der zornigſten Aufregung gegen Dich und haben ſich zuſammengerottet, um Dir zu trotzen.“ „Ha,“ ſagte der Sultan,„es iſt ihnen lange ſchon zu viel zugeſtanden worden. Sie kämpften lange und blu⸗ tig mit den Abencerragen, und mein Vater gab ihrem wilden Begehren nur zu ſehr nach, als er dieſes ganze, ruhmreiche Geſchlecht von der Erde vertilgte. Sie haben 7 dieſen Haß, den ſie früher den Abencerragen zeigten, jetzt gegen mich gewendet.“ „Du haſt eine von ihren Töchtern zu Deiner erſten Sultanin auserwählt, Nachfolger des Propheten,“ ſagte Benegas nicht ohne tiefe Bedeutung. „Ich bin den Wünſchen der Zegris darin nach⸗ gekommen,“ entgegnete der Sultan gelaſſen.„Auch war ſie damals meinen Augen wohlgefällig und der Arm ihres Vaters Aliacta war eine Stütze der Gläubigen.“ „Um ſo ſchlimmer iſt es, daß Dn ſie jetzt verſtoßen haſt,“ fuhr der Häuptling fort.„Die Zegris haben drei Tage gewartet, ob Du nicht Deinen Sinn ändern und auf den Pfad der Weisheit zurückkehren würdeſt. Jetzt rufen ſie das Volk von Granada zu den Waffen, reizen es auf zur Empörung, und der leicht erregte Haufen tobt ſchon in wilder Erbitterung durch die Straßen. Sie rufen laut, daß Zoraya unrechtmäßig und ſchändlich von Dir behandelt wurde, daß nur eine grauſame Laune ihr eine ſolche Kränkung bereiten konnte. Sie verkünden, daß Du heimlich mit den Chriſten im Bunde ſtehſt, daß Du ein Weib aus ihrer Mitte zu Dir genommen haſt, da Dein Sinn ganz zu ihnen gewendet iſt, und daß Du da⸗ mit umgehſt, ihnen verrätheriſch die Stadt Granada zu übergeben.“ „Schmachvolles Lügengeſpinnſt!“ rief der Sultan 118 heftig.„Ich werde ſie blutig ſtrafen, dieſe wilden Auf⸗ rührer, für alle ihre Verläumdungen und Frevel gegen mich!— Die ſeidene Schnur ſoll ihnen geſandt werden und ihr Blut ſoll die Fluten des Darro und des enil röthen!“ „Sie behaupten, daß ſie Alle ſchwer beleidigt ſind, da Zoraya unſchuldig iſt,“ warf Reduan mit dem An⸗ ſchein der Demuth ein. „Unſchuldig?“ rief der König bitter.„Beim Grabe des Propheten, dieſe Lüge iſt ſo frech wie das Betragen der Zegris!— Man hat einen fremden Mann bei hereinbrechender Nacht in ihrem Gemache geſehen; ſie lag in ſeinen Armen und er trug ſie auf ein Ruhebett, indem er ſie an ſich drückte. Iſt dies die Unſchuld eines mauri⸗ ſchen Weibes, dies die unbefleckte Tugend der erſten Sul⸗ tanin Boabdil's?“ Die bisher ganz unveränderten Züge Reduan's verriethen Staunen und Zweifel. Endlich fragte er: „Wer kann ſich der edlen Zoraya auf ſo ſchmach⸗ volle Weiſe genaht haben?“ „Jener verworfene Chriſtenſklave, der die Nichte des Königs von Arragonien in dem letzten Gefecht ſo hartnäckig vertheidigte, und den ich hier wie unſern Bru⸗ der, wie einen wahren Gläubigen behandeln ließ,“ ſprach 119 der Sultan mit der tiefſten Verachtung in Blick und Miene. „Du ſagſt es, Schatten Gottes auf Erden,“ ent⸗ gegnete Benegas unterwürfig,„alſo fern ſei jeder Zwei⸗ fel von mir!— Aber laſſe Dich herab, mich ferner zu belehren. Wann konnte ſo Unglaubliches geſchehen?“ „Vor drei Tagen in der Abendſtunde, als der Mond in ſeiner vollſten Klarheit am Himmel ſtand,“ entgegnete der Sultan finſter.„Er iſt durch den Garten der Lindaraxa herangeſchlichen und über den Balkon in die geöffnete Thür des Frauengemaches gedrungen, in welches Zoraha auf meinen Befehl gebracht war. Osman hat ihn und ſie dort überraſcht und mir heute die Wahr⸗ heit berichtet. Sage den Zegris, daß ihre Schweſter den größten Frevel begangen habe, den eine muſelmänniſche Königin auf ſich laden kann: Sie hat Buhlſchaft mit einem ungläubigen Sklaven getrieben und iſt meiner ge⸗ rechten Rache verfallen!“ „Iſt dies Dein letztes Wort, großer Sultan?“ „Ich will ihr geſtatten ſich zu verantworten; dies iſt das Einzige, was ich der Wildheit der Zegris be⸗ willigen werde,“ ſagte Boabdil mit Hoheit.„Ihrem fer⸗ neren Trotz werde ich nur mit der Schärfe meines Schwertes entgegentreten.“ „So willſt Du jetzt Dich hinunter in die Stadt be⸗ 120 geben und die Schlange des Aufruhrs mit gewaffneter Hand zu Boden ſchlagen?“ fragte Benegas. „Ich weiß nicht, ob die rechte Stunde dazu ge⸗ kommen iſt,“ ſprach der Sultan wieder zögernd. „Wenn Du Dich an die Spitze Deiner Leibwache ſtellſt und mit mir hervorbrichſt wie der Blitz des Him⸗ mels, Deine Freunde um Dich ſammelſt und Alles vor Dir niederſchmetterſt mit dem Schwerte der Gerechtigkeit, ſo wird dies ein Verfahren ſein, das des Nachfolgers der Khalifen würdig iſt,“ entgegnete Reduan. „Ich glaube nicht, daß ich die Berge heute ver⸗ laſſen werde,“ ſprach Boabdil langſam und unentſchloſ⸗ ſen.„Ich will Dir meine Vertheidigung überlaſſen. Führe meine Anhänger zum Siege und vernichte meine Feinde. Meine Sache wird ſo gut von Dir vertreten werden, wie von mir ſelbſt. Die Sterne haben mich ge⸗ warnt; es iſt heute ein Tag des Unglücks, und Unglück wird auf mein Haupt fallen, wenn ich mich hinunter in die Stadt begebe. Darum muß ich hier oben dem Him⸗ mel näher bleiben.“ Ein faſt unmerklicher Zug von Verachtung ſpielte um die feſten Lippen Reduan's. Dann ſagte er mit ſei⸗ ner früheren Unterwürfigkeit: „Mein Arm wird ſtets bereit ſein, Dir zu dienen, und mein Schwert iſt ſtets gezückt gegen Deine Feinde 121 in und außer der Stadt, großer Sultan. Allein Du weißt, daß ich ſeit dem letzten Tournier der erwählte Ritter Zoraya's bin. Sie ſelbſt kann ich nach den Ge⸗ ſetzen der Ritterehre nicht anrühren, ſondern nur ſie be⸗ ſchützen und vertheidigen, wenn Du es geſtatteſt.“ „Gott wird mir den rechten Weg zeigen,“ ſagte Boabdil nachdenklich.„Alle meine Weisheit ſoll von ihm kommen, denn die Klugheit der böſen Geiſter iſt ein Blendwerk der Hölle! Thue, was Deines Amtes als Anführer meiner Reiterei iſt! Schlage den Aufruhr nie⸗ der und verkünde mir morgen, daß kein anderer Herr in Granada gebietet als ich.“ Mit dieſen Worten wurde Reduan entlaſſen, wel⸗ cher eilte, den erhaltenen Befehl auszuführen. Es war, als wenn bei dem Sultan eine völlige Reaction nach den heftigen und peinvollen Aufregungen der verfloſſenen Stunden eingetreten wäre. Er legte ſich zurück auf die Polſter und verharrte eine längere Weile in ſchweigen⸗ dem Hinbrüten. Endlich entriß er ſich ſeinen düſtern Gedanken und ſchritt allein durch die Hinterpforte ſeines Palaſtes. Er wies alle Begleitung von ſich und ging durch enge, verbor⸗ gene Pfade, die ſein Fuß nur ſelten betrat. Sie wanden ſich zwiſchen dichten Hecken und alten Mauern, und führten ihn allmählich auf die Fläche des nächſt gelegenen Ber⸗ 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 8 122 ges. Hier erhob ſich der Generalife, jener hohe Palaſt mit ſeinen ſchlanken, weißen Thürmen und langen Ar⸗ kaden, mit ſeinen herrlichen Gebüſchen und ſchwebenden Gärten. Oft genug hatte Boabdil dieſen reizenden Auf⸗ enthalt aufgeſucht, um in den heißen Monaten noch mehr friſche Bergluft zu genießen als in der Alhambra. Aber die verdunkelten Blicke des Maurenkönigs ſtreiften nur flüchtig dieſen ſonſt ſo gern beſuchten Sitz mauriſchen Reichthums. Auch hier ging er mit eilendem Fuße aber mit beklemmtem Herzen ſo unbemerkt wie möglich vorüber, und ſtieg dann einen kahlen Gipfel hinan, wo ſich ein großer Pavillon erhob, welcher die weiteſte Ausſicht auf alles unter ihm Liegende bot. Hier betrat er das flache Dach, ließ ſich nieder auf dem Sitz des Mauren ³) und ſchaute gedankenvoll auf die wechſelnde Scene zu ſei⸗ nen Füßen. Dieſer Kreis von Zinnen, mit viereckigen Thürmen beſetzt, der ſich um den ganzen Rand des nächſten Berges hinzog, war die äußere Mauer der Feſtung Alhambra. Weinreben umrankten ſie; Feigenbäume und Aloen ſproß⸗ ten neben ihr auf. Die tiefe, enge Schlucht unter ihr war das Thal des Darro; der kleine Fluß wand ſich un⸗ Sitz des Mauren:„Silla del Moro“, wird noch heute dieſer Platz genannt. Siehe: Washington Itwing's Alhambra. 123 ter reich bepflanzten Terraſſen, unter Obſt und Blumen⸗ gärten hin. Einzelne Männer ſah man, welche mit hoch aufgeſchürzten Gewändern in ſeinen ſchäumenden Fluten nach Gold ſuchten. Dann wieder blickten aus dem üppigen Grün der Haine und Weingärten, zu dem ſich die farben⸗ reichen Schattirunngen des Herbſtes geſellten, weiße Luſt⸗ häuſer mit ſchattigen Gärten hervor, in denen die Mauren ſich ergötzten. An der andern Seite der Schlucht erhoben ſich die Carmoiſin⸗Thürme, damals ſchon ſo altersgrau, daß kein ſterblicher Menſch ihren Erbauer nennen konnte. Einige ſchrieben ihren Urſprung den Römern, Andere ihn einer Kolonie der Phönizier zu. Ein Geier hatte ſein Neſt auf ihnen gebaut; ihn ſtörte der kriegeriſche Lärm, der zuweilen in einzelnen Lauten von der Stadt herauf⸗ tönte, und er flatterte über die Gipfel der Bäume hinweg, hoch über das Generalife hin bis zu dem Sitze des Mauren! Und weiter hin nach Weſten gewahrte man die Berge, welche die Grenzen der Vega bilden. Auf ihren Scheiteln ragten jene befeſtigten Thürme, deren graue Mauern und Zinnen aus einem Stück mit den Felſen gemeißelt ſchienen. Hin und wieder ſtand ein einzelner Wachtthurm auf einem hohen Punkte, der in die Thäler auf der anderen Seite hinunterſah. Und wie ein düſteres Wahrzeichen ſtarrte jener graue, kahle Berg empor, der, * 124 getrennt von den übrigen Höhen, ſeinen felſigen Fuß in den Schvoß der Ebene ſtreckte. Um dieſen Fuß herum ſah man einſt zuerſt die einbrechenden Schaaren der Chriſten herankommen, eiſengepanzert, mit flatternden Fahnen, mit ſchmetternden Trompeten und tönenden Pauken. Und neben dieſem ſtarren Denkmal des erſten Erfolges der Chriſten breiteten ſich die entzückenden Schönheiten der Vega aus, jener blühenden Wildniß von Hainen und Gärten und reichen Obſtpflanzungen; der Fenil wand ſich in ſilbernen Bogen durch ſie und ergoß ſich durch künſtliche Kanäle in unzählige, kleine Bäche, die der Land⸗ ſchaft eine köſtliche, unverwelkliche Friſche verliehen. Hier waren alle jene üppigen Gärten, jene Landhäuſer und zierlichen Wohnungen, für welche die Mauren Jahrhun⸗ derte lang mit allem Muth der Verzweiflung gekämpft hatten. Inmitten dieſes grünenden Paradieſes, dem alle Verheerungen des Krieges ſeine Reize nicht hatten rauben können, ragte die Stadt Santa Fe empor, mit ihren von der Sonne vergoldeten Wällen und Wachtthürmen, auf denen die Banner von Caſtilien und Arragonien, und die der ſpaniſchen Granden flimmerten. Hinter der entgegengeſetzten Reihe kahler Hügel ſtarrten jene ſchneeigen Spitzen empor, die ſich dem Him⸗ mel näherten und wie weiße Sonnenwöllchen an ſeinem azurnen Dom glänzten. Es war die Sierra Nevada, 125 jenes Hochgebirge, welches der Stolz und die Freude Granadas war, der Quell ſeiner kühlenden Lüfte und ſei⸗ nes beſtändigen Grüns, ſeiner ſchäumenden Springbrun⸗ nen und unerſchöpflichen Ströme. Ihm verdankte es jenen Verein von Genüßen: die friſche Vegetation und die ge⸗ mäßigten Lüfte des nördlichen Klimas neben der beleben⸗ den Glut der tropiſchen Sonne und dem wolkenloſen Azur des ſüdlichen Himmels. Dieſer Schnee auf den höch⸗ ſten Höhen war es, der von der Glut der Sommerſonne mehr und mehr ſchmelzend Bäche und Flüſſe durch jene Schlucht und Rinne der Alguxarras herabſendete und ſmaragdenes Grün und lachende Fruchtbarkeit in einer Reihe anmuthiger, abgelegener Thäler hervorrief. Und zunächſt unter dem Berge, auf dem der Maure ſaß, ruhte ſein Auge auf der Stadt Granada, der tau⸗ ſendthürmigen, der ſiebenthorigen. Noch war ſie ſein, dieſe koſtbare Perle im weſtlichen Reiche der Sarazenen, dieſe erhabene Krone der ganzen Gegend, dieſer Stolz von Andaluſien! Ihre hohen Häuſer und Paläſte in den zahlreichen Straßen, ihre kunſtvoll gearbeiteten Thürme und Thürm⸗ chen, ihre Minarets und prächtigen Moſcheen, ihre weiten Plätze, ihre Pomeranzenhaine und plätſchernden Spring⸗ brunnen ſtanden unter ſeiner Herrſchaft, wie ſeit Jahr⸗ hunderten unter derjenigen ſeiner Vorfahren!— Aber 126 die Hunderttauſende ſeiner Einwohner waren nicht mehr Alle ſeine demüthigen Sklaven; viele von ihnen lärmten und ſtritten in den Straßen, waren in wilde Parteiungen geſpalten, haßten ihn, den Sohn ihrer Könige!— Aber er war an dieſe Scenen der Aufregung gewöhnt, denn wiederholt hatte er ſie von ſeinen früheſten Tagen an er⸗ lebt. Sie würden ſich beruhigen wie die Welle des Mittel⸗ meeres, wenn der Sturm ausgetobt hatte, und Alles würde wieder werden wie zuvor!— Reduan's ſtarker, entſchloſſener Arm würde ſie niederwerfen, würde den Thron Boabdil's neu befeſtigen, würde dann ſich wieder gegen die noch geführlicheren Feinde außen vor den Tho⸗ ren wenden, ob ſie auch in Maſſen herandrängten!— Die Fahne des Propheten würde den Gläubigen voran⸗ flattern; ſie würden unter Allah's Schutz die Chriſten verjagen. Das Reich der Mauren würde nach dieſen innern und äußern Bedrängniſſen neu erblühen und ſich über Spanien ausbreiten. Die Schaaren der Muſelmän⸗ ner würden ſich über Europa ergießen, wie über Aſien und Afrika. Die Welt war ihr Eigenthum, Konſtan⸗ tinopel von ihrem mächtigen Arm erobert worden. Die Gläubigen des Weſtens würden denen des Oſtens die Hand reichen und der Halbmond allen Völkern und allen Ländern gebieten!— In dieſen Träumereien verbrachte er mehrere Stun⸗ 127 den. Der Abend nahle, und noch immer hatte er ſeinen luftigen Sitz nicht verlaſſen, noch immer ſtarrte er un⸗ beweglich vor ſich hin. Dunkelroth, wie eine glühende Feuerkugel, wie ein drohendes Vorzeichen von Blutver⸗ gießen und Brand, ſtand die Sonne am Himmel, ehe ſie hinter den Hochgebirgen zur Ruhe ging. Der Azur des ewigen Domes wurde wie von einem ungeheuren Glut⸗ meer übergoſſen, als die Abendröthe ihn fürbte. Da unterbrach ein ſchrilles Geſchrei die Stille ſeiner Ge⸗ danken. Es klang wie ein ſchneidender Weheruf, wie eine Weisſagung künftigen Unheils!— Er fuhr empor und ſah, wie ein Uhn ihn umkreiſte und mit dem grauen Gefieder ſchlug. Das Thier hatte ſeinen Schlupfwinkel verlaſſen und ſetzte ſich nun auf die Zinnen des Luſthauſes, auf den oberſten Rand des Felſens über dem Sitz des Mau⸗ ren. Hier ließ es ſeine dumpfen Laute weit hin tönen über das Reich der Sarazenen; ſie ſchlugen wie Grab⸗ geſang, wie die Mahnung an Untergang und Verderben an das erbebende Ohr des Letzten der ſpaniſchen Mau⸗ renkönige!— Endlich raffte dieſer ſich auf, zog fröſtelnd ſein loſes Gewand feſter, und ging in einen weiten, runden Thurm, der ſich an der Seite des Pavillons erhob, wo dieſer ſich an den Felſen lehnte. Er ging eine enge Wendeltreppe hinauf, öffnete eine ſchmale Pforte und ſtand nun in 128 einem ziemlich geräumigen, engen Gemach. Eine eherne Lampe ſtand in einer Niſche auf einem ſteinernen Tiſche und erhellte das Gemach unvollſtändig. Die Bekleidung der Wände und des Fußbodens waren Thierfelle; in tiefen Niſchen lagen Handſchriften mit eiſernen Schlöſſern verwahrt, oder Rollen, auf denen die Wörter der ver⸗ ſchiedenen Mundarten der Orientalen oder noch geheim⸗ nißvollere Zeichen zu erblicken waren. Mancherlei ſeltſame Inſtrumente fanden ſich gleichfalls— dazwiſchen allerlei Fläſchchen, Phiolen und Büchſen, die mit hellen oder dunkeln Flüſſigkeiten gefüllt waren. Einige alterthümliche Waffen hingen an den ſteinernen Pfeilern, welche die Decke trugen. Bis zu dieſer hinauf ging wieder eine ſchmale, ſteile, faſt leiterartige Treppe. Eine von unten unſichtbare Fallthür mochte den Ausgang zu der höchſten Spitze des Thurmes öffnen. Boabdil richtete ſeine Blicke auf das Stundenglas, welches auf einer der ſteinernen Bäuke an der Wand ſtand, und ſah nachdenklich den Sand mehr und mehr verrinnen. Er wartete noch ziemlich lange, bis ſich endlich die eine Wand aufthat und eine menſch⸗ liche Geſtalt in ihr ſichtbar wurde. Die Thür war ſo un⸗ kenntlich und öffnete ſich ſo geräuſchlos auf den Druck einer verborgenen Feder, daß es ſchien, als wenn die Mauer ſelbſt zurückweiche. Der Ankommende trug ein langes, dunkles Sammtgewand, welches mit Pelzwerk 129 verbrämt war. Sein grauer Bart wallte lang herunter bis zu einem metallnen Gürtel, auf welchem ſich glän⸗ zende hyeroglyphenartige Zeichen bemerklich machten. In der einen Hand hielt er einen weißen Stab, auf dem gleichfalls allerlei farbige Buchſtaben oder Zeichen zu er⸗ blicken waren. Auf ſeinem kahlen Haupte trug er eine dunkle, kegelförmige Mütze, deren unterer Rand aus einem ſchmalen, aus Silberdraht gearbeiteten Bande beſtand. Er machte ein Zeichen der Begrüßung, indem er ſeinen Stab gegen den Sultan ausſtreckte und ihn wieder ſenkte. Dieſer ſagte: „Ich bin Deinem Rathe gefolgt, weiſer Mann. Du haſt mir geſtern in meinem Horoscop gezeigt, daß ich an dem heutigen Tage mich nicht nach Granada begeben ſolle, da böſe Geiſter dort ihr Spiel treiben und die Herzen der Menſchen verwirren würden. Die Kraft mei⸗ nes Armes würde ſie nicht zu bekämpfen vermögen; nur diejenige eines durch Zauberkunſt Gefeiten ſei dazu im Stande. Reduan Benegas iſt ein ſolcher. Ich habe ihm an meiner Statt das Schwert der Gewalt in die Hand gegeben.“ „Du thateſt wohl daran, mächtiger Sultan,“ ver⸗ ſetzte der Magier. „Ich ſah zugleich, daß es beſſer ſei, mich in einem entfernten Verſteck zu verbergen, damit nicht der Einfluß 130 der feindſeligen Geſtirne mir irgend ein großes Unheil bereite. Er hätte alle Tapferkeit meines Armes in das Gegentheil verkehren und ihn mir ſelbſt und meinem Reiche verderblich machen können; er würde böſe Gedan⸗ ken in den Herzen der Menſchen aufgeſtachelt haben, daß ſie mir mit Meuchelmord und Verrath genaht wären. Ich floh daher ihre Geſellſchaft und habe im Verbor⸗ genen das Walten meines Unſterns vorübergehen laſſen.“ „Weiſe gehandelt, König,“ ſagte der Aſtrolog. „Ich habe eine längere Weile ſchon auf Dich ge⸗ wartet,“ fuhr der Erſtere fort,„denn ich wußte, daß Du bei dem heute ſo früh begonnenen Mondſchein Kräuter an den Felſenabhängen ſuchen würdeſt. Der Mond ſteht jedoch nicht ſo klar wie in den vorigen Nächten am Himmel.“ „Er hat mir genug geleuchtet,“ ſagte der Stern⸗ deuter.„Ich habe alle Pflanzen gefunden, deren ich be⸗ durfte.“ Eine kurze Pauſe trat ein, während welcher der Sultan zur Erde ſah. Endlich ſprach er wieder: „Du ergründeteſt nicht nur die Bahnen der Him⸗ melskörper, ſondern es ſind Dir auch die verborgenſten Kräfte im Reiche der Natur und der Geiſter bekannt.“ „So iſt es,“ erwiederte der Angeredete mit un⸗ erſchütterlichem Ernſt. 131 „Vernimm meine Worte,“ ſprach Boabdil weiter. „Du haſt von jener Chriſtin gehört, welche ich in die Alhambra gebracht habe, und weißt, daß mein Herz in Liebe für ſie entbrannt iſt.“ „So ſagteſt Du, König. Es iſt Donna Elvira von Viana, die Deine Seele in Banden hält.“ „Ich fange an zu glauben,“ fuhr der Sultan fort, „daß ein böſer Dämon ſein Spiel mit mir treibt. Ich vermag dieſe Liebe nicht aus meinem Herzen zu reißen, wenn auch Azrael's*) Angeſicht mir drohte. Allein ſie verſchmäht mich nach wie vor. Da Du ſo Verborgenes zu ergründen vermagſt, ſo fordere ich eins von Dir: Gieb mir entweder an, wie ich mein Herz geſund mache, daß es ſich von der Chriſtin losreiße, wie ich dieſen bö⸗ ſen Zauber entkräfte, oder veranlaſſe ſie ſelbſt, daß ſie mir geneigt werde. Du kennſt alle geheimnißvollen Kräfte der Pflanzen. Gieb mir einen Trank, den die Chriſtin genießen muß, und möge in Folge deſſen alle jene Glut ihr Inneres erfüllen, die das Meinige verzehrt. Den ge⸗ genwärtigen Zuſtand vermag ich nicht länger zu ertragen. Mir iſt wie dem Verdurſtenden in der Wüſte. Erlöſe mich auf dieſe oder jene Weiſe, wie es Deine Klugheit am beſten hält.“ *) Azrael: der Engel des Todes. 132 Die meiſt ſo milden blauen Augen des Mauren⸗ königs funkelten unheimlich und ſeine Stirn war gefurcht. Die Ruhe des Magiers bildete einen ſonderbaren Gegen⸗ ſatz zu ſeiner ſchlecht unterdrückten Aufregung und er ſprach gelaſſen wie vorhin: „Ich werde Dir auch heute dienen können, mäch⸗ tiger Sultan. Ich werde noch in dieſer Mitternacht einen Trank bereiten, der die von Dir gewünſchte Wirkung auf die Donna haben wird. Allein dies wird nur dann ge⸗ ſchehen, wenn ich ihn ihr ſelbſt einflöße. Laß mich alſo in der morgenden Frühſtunde zu ihr führen und ich werde Deinen Wunſch erfüllen können.“ „Dein Fuß ſei geſegnet,“ ſprach Boabdil erfreut. „Du kannſt eines reichen Lohnes gewiß ſein.“ „Ich begehre ihn nicht für mich ſelbſt,“ entgegnete der Magier,„ſondern ich flehe Deine Größe an, König, damit Du den Schatten Deiner Gnade über mein ver⸗ folgtes Volk breiten mögeſt. Die Juden ſtanden unter Deinem zornigen Vater in Granada außer den Schran⸗ ken der Geſetze; ſie wurden wie die Thiere der Wüſte behandelt, und auch jetzt noch werden ſie ohne Schonung geplündert und gemordet, ſobald man wähnt, daß ſie ihre Schätze verborgen halten.“ „So iſt es beſſer, daß ſie dieſe offen zeigen, nicht ſie vor den Augen der Gläubigen verhehlen, wenn dieſe 133 ihrer bedürfen,“ ſprach Boabdil kalt.„Gott iſt groß! Dieſer endloſe Krieg erfordert immer auf's Neue Haufen von Gold!“ „Der Reichthum meiner Brüder iſt ihr unſühnba⸗ res Verbrechen. Bedenke, Sultan, daß ſie vor Gott ſo viel werth ſind, wie die beſten Deiner ſarazeniſchen Un⸗ terthanen. Er läßt ſeine Sonne ſcheinen über alle Völker und Stämme!“ „Auch über die Schweine und Füchſe,“ entgegnete Boabdil, indem er auf die Erde ſpuckte. „Sohn des Fleiſches,“ ſagte der Hebräer,„immer dieſelbe Weiſe! Du benutzeſt die Kräfte der Kinder Ju⸗ das, ihre Schätze und ihr Wiſſen— und willſt ihnen nicht einmal die Gerechtigkeit gewähren, auf welche der niedrigſte Sklave Anſpruch hat. Erleichtere ihr Loos, laß ſie gleich ſein vor dem Geſetz mit Deinen mauriſchen Un⸗ terthanen— und Alles, was mein Hirn und mein Arm zu vollbringen vermögen, ſoll der erſte Tribut ſein, den meine innigſte Dankbarkeit zu Deinen Füßen legt.“ „Fordere ſo viel Gold für Dich wie Du willſt,“ entgegnete der Sultan.„Erſt müſſen wir Frieden mit den Chriſten haben, ehe wir die Juden begünſtigen kön⸗ nen. Das Volk von Granada würde noch toller werden, wenn ich eine ſolche Neuerung befehlen wollte. Mein Gebot würde keinen Gehorſam finden.“ 134 „Du willſt nicht, Sultan?“ ſprach der Magier finſter. „Erfülle erſt meinen Willen, dann werde ich der Zuden gedenken,“ erwiederte der König, indem er ſich entfernte. Der Aſtrolog ſah ihm mit einem verächtlichen Blicke nach und ſagte, als er ſich allein ſah: „Abergläubiſcher Thor!— Du verlangſt von mir die werthvollſten Dienſtleiſtungen, und eilſt davon, wenn ich nur des Unglimpfes erwähne, den mein Volk alltäg⸗ lich erleidet! Unſer Flehen um Gerechtigkeit weiſeſt Du mit Hohn von Dir, nach wie vor. Du haſt die Hand des Friedens zurückgewieſen, die ich Dir noch ein⸗ mal bot.“ Er trat zu einer der Niſchen, betrachtete eine der Phiolen und ergriff dann eine Rolle, auf welcher die den meiſten Sterblichen unlesbaren Zeichen der Kabbala ſtan⸗ den und auf der ſeine Augen jetzt lange weilten.— Die Mauren waren bis zu dieſer Zeit viel grimmi⸗ gere Verfolger der Juden geweſen als die Chriſten. In den ſpaniſchen Küſtenſtädten hatten die Hebräer Handels⸗ verbindungen mit den Chriſten angeknüpft, die für dieſe vortheilhaft genug waren, um ihnen eine Art perſönli⸗ cher Freundſchaft von ihren Käufern und Verkäufern zu erwerben. Der grauſame Fanatismus, der ſpäter in der 135 Regierung beſonders Ferdinand's von Arragonien her⸗ vorbrach, gab ſich bisher nur in einzelnen Ausbrüchen kund, zu welchen der wilde Eifer der Inquiſitoren die Veranlaſſung bot. Die in Frage ſtehende Vertreibung der Juden aus dem chriſtlichen Spanien war der ſchlimmſte, der bis jetzt zu Tage getreten war. Die Sa⸗ razenen dagegen waren ihre grauſamſten Quäler, und nur durch ſchwere Opfer erlangten die Iſraeliten von dieſen eine zeitweilige Duldung, die jedoch jede Laune des Herr⸗ ſchers, jede entfeſſelte Leidenſchaft des habſüchtigen, mau⸗ riſchen Pöbels in die wildeſte Verfolgungsſucht verkehrte. Siebentes Cnpitel. Der Thurm des Comares. Ueber den mit Marmor gepflaſterten Hof Alberia, vorüber an dem großen Waſſerbecken in ſeiner Mitte, auf deſſen von Roſenhecken umdufteter Fläche Goldfiſche ſchwammen, war Arnold in den Thurm des Comares gebracht worden. Ein kleiner, gewölbter Raum war nun ſein Aufenthalt; er ſaß auf einem Holzklotz, der an die dicke, feuchte Mauer gelehnt war, und richtete dann und wann den ſchwermüthigen Blick auf das einzige, ſchmale Fenſter, welches eiſerne Stangen vergitterten. Alle glän⸗ zenden Hoffnungsträume ſeiner muthvollen, thatkräftigen Jugend gingen noch einmal an ihm vorüber. Beſeelt von dem ſeinen Jahren und dem damaligen Zeitgeiſte entſpre⸗ chenden Drange nach Abenteuern, hatte er Spanien auf⸗ ſucht. Die mährchenhaften Wunderſagen, die man ſelbſt in entfernten Gegenden von dieſem Lande berichtete, 137 hatten ſich an ihm verwirklicht. Jene hochpoetiſchen Aben⸗ teuer, von denen Romanzen und Balladen erzählten, hatten ſich ihm dargeboten. Er war noch vor ſeiner An⸗ kunft im chriſtlichen Lager mit einer Königin zuſammen⸗ getroffen, deren gefeierter Name Europa mit Bewun⸗ derung erfüllte; aus naher Todesgefahr hatte ihn ihre verzeihende Großmuth, die Fürſprache eines fürſtlichen Ritters, das zarte Mitleid einer Tochter ihres königlichen Hauſes gerettet. Er hatte dieſer mehrfältig ſeinen ſtarken Arm leihen, ſie heftiger Bedrängniß entreißen dürfen und von ihr Belohnungen empfangen, die ihm ſagten, daß ſie ihn ſo hoch ſtelle, wie den beſten Ritter am Hofe der katholiſchen Herrſcher. Auch die Gunſt des edel⸗ müthigſten und hochherzigſten von allen Großen Spa⸗ niens war ihm ſicher. Konnte man ihn tadeln, wenn ihn nicht nur in den Phantaſien, ſondern auch in den lichten Zwiſchenräumen ſeines Wundfiebers gaukelnde Hoff⸗ nungsbilder umringten, deren glänzender Mittelpunkt Elvira von Viana war; wenn er an andere fahrende Jün⸗ ger des Ritterthums dachte, deren Muth und Tapferkeit Königstöchter gewonnen hatte?— Zwar ſagte er ſich, daß mit der Befreiung Elvira's, mit ihrer Heimkehr nach Santa Fe, mit ihrem Zurücktreten in ihre früheren Ver⸗ hältniſſe wieder weit jene Kluft gesffnet ſei, die ihn von ihr getrennt hatte. Nur hier in den Bedrängniſſen der 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 9 138 Gefangenſchaft hatte ſie ſie vergeſſen, er ſich über ſie hinweg ſetzen dürfen. Seine anfänglich Elviren geweihte Huldigung war zur glühendſten Leidenſchaft geworden, und die kalte Verachtung, welche ihre letzten Worte gegen ihn ausſprachen, war ihm ſchrecklicher als Boabdil's Zorn, als die Keulen der Aethiopier, als der dumpfe Kerker, in den man ihn geworfen hatte. Aber ſelbſtlos und ſtandhaft auch in Ketten, war dennoch auch jetzt nicht ſeine eigene troſtloſe Lage ſein Hauptgedanke, ſondern der Wunſch nach der Befreiung Elvirens und— wenn es mög⸗ lich, ohne das Gebot der Ehre zu verletzen— ſeiner Verſöhnung mit ihr, ehe er den Tod des Hochverräthers erleide, zu welchem ihn, wie er ſicher glaubte, Boabdil's eiferſüchtiger Zorn jetzt verdammen würde, wenn er ihn nicht in ewiger Kerkernacht verſchmachten ließe. Aus dieſem peinvollen Hinbrüten wurde Arnold durch das Heffnen ſeiner Kerkerthür aufgeſtört. Reduan Be⸗ negas ſtand vor ihm. Der Eintritt dieſes Häuptlings in das große, düſtere Gebäude, welches als ein Theil der Alhambra nach ſei⸗ nem Erbauer der Thurm des Comares genannt wurde, hatte für die aufgeſtellten Schildwachen nichts Auffallen⸗ des. Eine kleine Pforte führte zu einer ſteilen, ziemlich dunkeln Wendeltreppe. Oft genug ſtiegen nicht nur die Könige und Häuptlinge von Granada, ſondern auch die 139 Sultaninnen und ſonſtige Frauen des Harems dieſe Treppe hinan, um oben auf der Zinne des Thurms nach dem Herannahen der chriſtlichen Heere zu ſpähen oder auf die Gefechte in der Vega zu ſchauen. Die Ausſicht war von dieſer Höhe aus faſt eben ſo weit umfaſſend, wie vom Sitze des Mauren. Reduan war heute nach ge⸗ ſchehener Ueberſicht über die Stadt und Gegend nicht wieder auf die Terraſſe am Fuße des Gebäudes, ſondern durch einen gewundenen engen Gang im Innern auf deſſen andere Seite gegangen und dort vor den feſten Gemächern angelangt. Ein Wort des wohlbekannten Häuptlings und Befehlshabers vermochte den Schließer leicht, ihm den Eingang zu dem Gefangenen zu ge⸗ währen. Er blieb einige Minuten ſchweigend vor dem Ge⸗ fangenen ſtehen. Dieſer hielt ſeinen durchdringenden Blick ruhig aus und fragte dann: „Kommſt Du, um mir mein letztes Schickſal an⸗ zukündigen?“ Der Gefragte ſchüttelte den Kopf und verſetzte: „Du haſt den höchſten Zorn des Sultans gereizt. Dein Leben hängt an einem Haar, doch bin ich es nicht, der Dir Dein Todesurtheil bringt. Ich bin beſchäftigt geweſen, mit Gewalt oder durch Unterhandlungen die Aufregung zu bekämpfen, welche die Zegris in der Stadt * 140 veranlaßt haben; jetzt erſt iſt einigermaßen die Ruhe wieder hergeſtellt. Ich komme, um Dich zu fragen, was Du gethan haſt, was von den Beſchuldigungen wahr iſt, die gegen Dich erhoben ſind?“ „Es iſt wahrſcheinlich,“ antwortete Arnold,„daß ich in Kurzem vor Gott ſtehen werde. Du biſt der einzige Menſch, dem ich die Wahrheit beichten kann, wie einem Prieſter. So höre denn.“ Er erzählte ihm nun den ganzen Vorfall, die Hilfs⸗ leiſtung, zu welcher er ſich gegen die ohnmächtige Sul⸗ tanin verbunden geglaubt, und die unerwartete Gegen⸗ wart Osman's dabei. Als er geendet, fragte der Maure wieder: „Und über dies Alles haſt Du geſchwiegen, als Dich die Keulen der Aethiopier bedrohten 2 „Ja,“ verſetzte der junge Mann mit einem Seufzer, „und als mich Elvira's zornige Verachtung zum Hoff⸗ nungsloſeſten und Elendeſten der Sterblichen machte. Ich hatte Dir das Wort eines deutſchen Ehrenmannes ge⸗ geben, über alle Vorgänge jener Nacht ein unverbrüch⸗ liches Schweigen zu beobachten, in weſſen Geſellſchaft ich mich auch befände— und habe es gehalten.“ „Deutſche Treue— ſo felſenfeſt wie ſpaniſche Rit⸗ terehre!“ ſprach Benegas, indem eine tiefe Bewegung durch den ſonſt ſo ehernen Ton ſeiner Stimme klang, 141 „ich hatte mich nicht umſonſt auf ſie verlaſſen!— War⸗ um läugneteſt Du nicht den ganzen Vorfall kurz ab?“ fragte er dann wieder gelaſſen. „Der Sultan erklärte, daß entweder ich oder jener alte Haremswächter als Lügner ſterben ſollten; alſo durfte ich nicht durch eine ſolche Lüge ein fremdes Leben opfern,“ ſagte Arnold. „Es wäre nicht viel an demjenigen dieſes erbärm⸗ lichen Angebers verloren geweſen,“ verſetzte Reduan ver⸗ ächtlich. „Wenn Du mir nicht feindlich geſinnt biſt,“ fuhr Arnold fort,„ſo gewähre mir eine Bitte. Nimm dieſe Schleife. Sie iſt mein theuerſtes Kleinod, der Ta⸗ lisman, der mir Kraft und Muth gab, nach einem Preiſe zu ſtreben, deſſen Erringung Andere ein Wunder nennen würden. Sorge, daß ſie in die Hände der Donna Elvira von Viana gelangt, und ſage ihr, daß ein Mann ſie ihr ſende, der mit dem Leben abgeſchloſſen habe und deſſen letzter Wunſch hinieden es ſei, daß ſie ihn nicht wie einen Verräther betrachten, ſondern glauben möge, daß ſeine Treue ihr unwandelbar gewidmet geweſen und ſeine reinſten und zärtlichſten Empfindungen ihr allein geweiht waren.“ Er hatte mit ſeiner gefeſſelten Hand jene Schleife hervorgezogen, die eine ſo große Rolle in unſerer Erzäh⸗ 142 lung ſpielt und welche er ſich auch jetzt noch bewahrt hatte. Reduan nahm ſie, betrachtete ſie und ſagte: „Ich will Deinen Wunſch erfüllen. Vermag ich es nicht, ſo will ich ſorgen, daß ein anderer ſicherer Bote jener Dame dies Liebeszeichen übergiebt. Du ſchwärmſt ſo gut oder ſo ritterlich, wie irgend ein Chriſt oder Sa⸗ razene in Spanien. Ich will ſehen, was ich für Dich thun kann, indem ich den Sultan von dieſem wahren Hergang der Sache unterrichten laſſe. Es giebt noch einen Mund, dem er mehr traut als ſelbſt dem meini⸗ gen; vielleicht beſinnt er ſich anders, wenn er die Um⸗ ſtände hier im Innern ſeines Palaſtes und außer dieſem zuſammenfaßt. Sein Gemüth iſt veränderlicher, als es oft für ſeinen Thron und ſein Reich gut iſt.“ „Aber Du, ſeltſamer Mann,“ ſprach Arnold, „zeigſt mir wieder eine ſo unerwartete Theilnahme. Wo⸗ her kommt dieſe, wie iſt es möglich, daß Du meine deut⸗ ſche Mutterſprache ſo rein und ſo gut ſprichſt wie ich ſelbſt— Du, der Maurenhäuptling, der Schrecken der übrigen Chriſten?“ „Ich bin gleich Dir an den Ufern des Rheins ge⸗ boren,“ entgegnete Benegas.„Der ehrwürdige Dom von Köln iſt ſo gut der Freund meiner Kindheit wie der Deinigen. Ich ging wie Du nach Spanien, doch ſchon vor jener Zeit, als Ferdinand und Iſabella dieſen letzten 143 Krieg gegen Granada begannen. Ich hieß damals Hugo von Glenheim; der Kaiſer nannte meinen Vater einen aufſäſſigen Vaſallen, der es mit Frankreich hielte. Er ließ ſeine Kriegsknechte vor unſere Burg ziehen und ſie mit Feuer und Schwert zerſtören. Ich war der Einzige meines Geſchlechtes, der dem Blutbade entrann und ſich nach Frankreich flüchtete. Als ein irrender Ritter, deſſen ganzes Vermögen auf der Spitze ſeines Schwertes ſtand, wurde ich vom König von Arragonien als Führer eines Fähnleins deutſcher Landsknechte in Dienſt genommen. In Cordova feſſelte mich eine ſchöne Spanierin; ich ſchlug die Laute unter ihrem Balkon und ſang ihr Liebes⸗ lieder in lauen Mondſcheinnächten, wie der beſte Ritter des Südens. Einſt überraſchte mich Don Guzman von Henares und zog in eiferfüchtiger Wuth ſein Schwert gegen mich; ich vertheidigte mich nothgedrungen und er⸗ ſchlug meinen Widverſacher. Dann ſuchte ich Gerechtigkeit zu den Füßen des Königs; allein man nannte mich einen Meuchelmörder, der das edelſte Blut Spaniens vergoſſen habe, drohte mir mit dem Tode des Miſſethäters und warf mich in einen Kerker. Es gelang mir zu entfliehen und Malaga zu erreichen, wo ich von El Zagal freund⸗ lich aufgenommen wurde und dann in Granada und an andern Orten mich nützlich machen konnte. Ich war nicht der erſte Chriſt, der ſich in mauriſchen Schutz begab und 144 ſtieg zu hohen Würden; Boabdil vertraute mir endlich die Beſchützung ſeiner erſten Sultanin an, als er mit ihrem Vater Aliacta Loxa gegen die Chriſten vertheidigte. Aliacta fiel im Gefecht, Boabdil gerieth in die Gefan⸗ genſchaft des Königs Ferdinand, allein Zoraya blieb un⸗ gefährdet unter meinem Schutz. Als der Sultan endlich wieder heimkehren konnte, machte er mich zum Anführer ſeiner Reiterei, und es ſteht außer ihm kein Maure über mir. Das Glück, das ich bei den Chriſten ſuchte, habe ich bei den Sarazenen gefunden.“ Arnold hatte ihm aufmerkſam zugehört. Zetzt rief er in einem Tone, der vor Entſetzen bebte: „Und Du haſt den Heiland verläugnet, biſt vor dem Halbmond niedergefallen, biſt ein Renegat? Du würgſt Deine chriſtlichen Brüder, biſt auf dem Schlacht⸗ felde ihr ſchrecklichſter Feind und vergießeſt ihr Blut in Strömen wie der wildeſte Sarazene?“ „Haben ſie Beſſeres um mich verdient?“ fragte Reduan mit Bitterkeit.„Sie ſtießen meinen Arm zurück, als er für ſie erhoben war; ſo iſt er denn jetzt gegen ſie gezückt. Dem Volke, das mich mit Gunſt überhäufte, bin ich treu, wie ich es gelobt, als ich ſeinen Glauben annahm. Ob die Lehren Eurer Prieſter mit ihrer un⸗ ſinnigen Verfolgungsſucht, mit ihren Auto da Fes und mit ihrer Inquiſition beſſer ſind als Mohamed und ſein 145 Koran, will ich nicht entſcheiden. Ich halte mich fortan nur an den Gott, der die Chriſten und Heiden geboren . werden läßt, und verzichte nicht auf die Freuden dieſes Lebens, indem man mich auf die Segnungen des künf⸗ . tigen vertröſtet. Ich habe mir die Einzelheiten der mau⸗ riſchen Kriegsführung zu eigen machen können, da ich ſchon vorher geübt genug in allen Waffengattungen war, und glaube nicht, daß man vermuthen wird, ich habe nicht von jeher auf dieſe Weiſe gefochten.“ „Gewiß nicht,“ ſagte Arnold.„Allein wenn der⸗ einſt Granada von den Chriſten erobert wird, wie ſie zuverſichtlich hoffen, was beginnſt Du dann?— Es iſt oft genug der Zufluchtsort der chriſtlichen Ritter geweſen, wenn ſie ſich vor der Rache ihrer ſiegreichen Gegner ret⸗ ten mußten— doch könnte dieſer Zufluchtsort auf ſpani⸗ ſchem Boden früher oder ſpäter aufhören.“ „Wenn dies ſein ſollte, ſo werde ich mit dem Sul⸗ tan nach Afrika gehen und mir dort gleich ihm eine neue Heimath ſuchen,“ verſetzte Benegas.„Ich verlaſſe dieſe Größe und alle Freuden, die mir meine in tauſend hei⸗ ßen Kämpfen errungene Stellung darbietet, dahingeben würde, wenn ich einmal noch die grünen Wellen unſeres Fahne nicht, unter deren Schatten ich größer wurde, als mich jemals irgend ein Chriſtenkönig gemacht hätte. Dennoch— dennoch giebt es Stunden, in denen ich alle 146 Rheins, die ſtolzen Thürme ſeiner Städte, die alters⸗ grauen Mauern ſeiner Burgen ſehen könnte, wenn gleich kein Freund mir mehr in dieſer Heimath lebt. Nur Trüm⸗ mer und Gräber erwarten mich dort. Aber die Laute der Sprache, die ich an ſeinen Ufern hörte, tönen mir den⸗ noch wie eine heilige Muſik; denn ſie rufen mir das Va⸗ terhaus, die Unſchuldswelt meiner Kindheit, alle jene ſanften Empfindungen zurück, die das wildbewegte, wech⸗ ſelvolle Leben des Krieges, die Gewohnheit der fremden Umgebung, in der ich mich bewege, faſt erlöſcht hat. Dieſe Laute aus Deinem Munde hielten den Todesſtoß auf, den ich Dir verſetzen wollte. Dann dachte ich, daß ich einſt geweſen wie Du— und daß damals ſo viel Blut weniger von mir vergoſſen war, ſo viele Gewalt⸗ thaten weniger auf meinem Herzen laſteten— und ich beſchloß, Dich zu retten und zu ſchützen, wenn es ſein könnte!“ Das Marmorantlitz des Renegaten hatte ſeine ſon⸗ ſtige Undurchdringlichkeit verloren; es malte ſich eine tiefe Bewegung auf ihm und ſeine Stimme war faſt weich geworden. Aber nur kurz war dieſe Kundgebung eines ſanfteren Gefühls. Bald richtete er das gebeugte Haupt wieder auf und ſeine Mienen waren ſo ent⸗ ſchloſſen, ſeine Bewegungen ſo beſtimmt wie jemals frü⸗ her. Er reichte dem jungen Manne ſeine Hand und ſagte: 147 „Baue auf mich und halte die Hoffnung feſt!“ Arnold legte ſeine Hand in die ihm dargebotene, indem ihr Druck ſeinen Dank ohne Worte gegen den ſo unverhofft gefundenen Beſchützer ausſprach. Dieſer ver⸗ ließ dann das Gemach. Als die Pforte ſich hinter ihm ſchloß, ſah Arnold ſich wieder von der ganzen troſtloſen Einſamkeit eines Gefeſſelten umringt, in deſſen düſtere Kerkernacht das flüchtige Wort eines Freundes einen ſchwachen Freudenſchimmer geworfen hat.— Nachdem Reduan Benegas den Thurm des Coma⸗ res verlaſſen, ſchlug er den Weg zum Generalife und von da zu jenem kleinern Gebäude ein, wo man den Sitz des Mauren ſuchen mußte. Wenigſtens eine halbe Stunde weilte er in deſſen Innerem, und begab ſich dann erſt wieder in die Stadt, um zu ſehen, wie ſich die Um⸗ ſtände dort während der Zeit ſeiner Entfernung geſtaltet hätten.— Eine Stunde ſpäter trat der hebräiſche Aſtrolog in den Harem des Sultans. Ein ausdrücklicher Befehl des Letztern verſchaffte ihm dieſen Zutritt. Er fand Donna Elvira von Viana ruhig mit einer Handarbeit beſchäftigt, während die Mutter Boabdil's an der andern Seite des Gemaches ſich in das Leſen einer Schriftrolle vertieft hatte. Ahra la Horra beantwortete die tiefe Verbeugung des Eingetretenen nur flüchtig und ſenkte ſodann ihre Augen 148 ſogleich wieder auf das arabiſche Mährchen vor ihr. Sie hatte dieſes halb erzählend theilweiſe der jungen Spa⸗ nierin mitgetheilt und ſetzte nun deſſen Lecture ſchwei⸗ gend fort, ohne dem Anſchein nach der Unterhaltung des Magiers mit Elviren die mindeſte Aufmerkſamkeit zu widmen. „Sennora,“ hob dieſer an,„mich ſendet der Kö⸗ nig zu Dir. Ich bin in der Heilkunde erfahren und wünſche Dein Befinden zu verbeſſern, wenn es ſein kann.“ „Gieb Dir keine Mühe,“ verſetzte ſie kalt.„Was mir fehlt, werden Deine Mittel nicht abändern, und daher iſt es mir lieber, wenn Du mich ganz mit ihnen verſcho⸗ nen willſt.“ „Vielleicht wirſt Du dennoch geneigt ſein, einen Trank zu nehmen, der Dein Blut beruhigt und Deinen Nächten den Schlaf giebt; Dein Puls geht ſehr ſchnell.“ Er war ſo nahe zu ihr getreten, daß er ihre Hand erfaſſen konnte. Sie überließ ſie ihm mechaniſch, indem er vor ihren Polſterſitz kniete. Endlich fielen ihre Blicke wie zufällig auf ihn. Ihre bisher ſo gleichgiltige Miene wurde plötzlich durch ein lebhaftes Intereſſe beſeelt und ſie ſagte halb laut: „Aaron Avila! Wie gelangſt Du hierher?“ „Ich habe,“ verſetzte der Hebräer,„ſchon mit dem 149 Sultan Abul Hakem manchen Verkehr im Handel ge⸗ habt und gelangte nicht ſelten vor ſein Antlitz, wenn ich nach Granada kam. In Malaga lieferte ich El Zagal Schiffe, wenn er Menſchen oder Kriegsvorräthe von Afrika herübergeſchafft haben wollte. Reduan Benegas unterhandelte damals meiſtens mit mir im Auftrage ſei⸗ nes Herrn. Er hat mich auch hier in Granada wieder zu Boabdil gerufen, welcher an den geheimen Wiſſenſchaften Freude findet, in denen ich erfahren bin. Dieſer hat mir in ſeinem Pavillon über dem Generalife eine Wohnung eingeräumt, in der ich den Sternen näher bin und un⸗ geſtört meinen Studien am Himmel und auf der Erde obliegen kann. Dort halte ich mich hin und wieder auf, da ich immer wieder von Zeit zu Zeit nach Granada zu⸗ rückkehre.“ „Ihr ſeid ein unſtätes Volk,“ entgegnete Elvira. „Ich habe Dich in Malaga geſehen, als ich mit der Königin dort war. Dein Beſitzthum daſelbſt iſt ſo herr⸗ lich gelegen, daß man nicht denken ſollte, Du könnteſt ihm auch nur zeitweilig einen andern Aufenthaltsort vor⸗ ziehen.“ „Du weißt, Sennora,“ entgegnete er,„welche Ge⸗ fahren jetzt auf's Neue mein unglückliches Volk bedrohen. Ich ſuche hier bei den Mauren für ſie den Schutz, den ihnen die Chriſten aufkündigen. Allein ich fürchte, daß 150 meine Bemühungen hier ſo vergeblich ſein werden wie in Santa Fe. Du ſprachſt im Angeſichte der chriſtlichen Herrſcher ein kühnes Wort des Erbarmens für mich und meine geplagte Nation.“ „Ja,“ ſagte ſie,„es hätte mir ohne Iſabella's großmüthige Dazwiſchenkunft übel bekommen können, denn der zornige Großinquiſitor ſtreckte ſchon die Hand nach mir aus.“ „Aber der Gott meiner Väter hat gehört, wie Du Dich der Verfolgten erbarmteſt, und ſeine Stimme ruft mir zu, daß ich jetzt Dir dienen ſoll, wie Du mir und den Meinen dienen wollteſt. Sage mir Deine Wünſche; ich werde ihnen nachkommen, wenn mein Vermögen oder Wiſſen irgend dazu im Stande iſt.“ Er ſprach ſo leiſe, daß nur Elvira's Ohr ihn ver⸗ nehmen konnte. Dieſe antwortete ihm nur durch einen ſprechenden Blick und wandte ſich ſo, daß ſie einſtweilen der Sultanin den Rücken kehrte. Auch Avila rückte den Polſter, welcher ſeinem Knie zum Kiſſen diente, um ſich in eine gleiche Lage zu bringen. Es mußten alſo auch ſeine Bewegungen der mauriſchen Fürſtin theilweiſe ver⸗ borgen bleiben, ſelbſt wenn dieſe mehr Neugierde ver⸗ rathen hätte. Er beugte ſich etwas vornüber, und es hatte den Anſchein, als wenn er mit ſeiner Patientin das The⸗ ma ihres Wohlbefindens umfangreicher als bisher erör⸗ 151 tere, daß dies jedoch möglichſt leiſe geſchähe, um Ayra la Horra nicht in ihrer Lecture zu ſtören. Avila ſprach weiter: „Zuerſt werde ich mich eines übernommenen Auf⸗ trages entledigen. Ich habe gelobt, Dir dies Band ſelbſt zu übergeben. Du wirſt es in dieſem Käſtchen finden.“ Er legte ihr eine kleine hölzerne Schachtel auf den Schooß, in welcher eine Phiole enthalten war. „Nimm dieſen Trank beim Schlafengehen,“ ſagte er mit etwas mehr erhobener Stimme.„Er wird den Schlummer auf Deine Augenlider ſenken, wenn ſie ſich vergeblich nach ihm ſehnen.“ Elvira aber hatte den Deckel abgenommen und hielt die blaue Schleife Arnold's in ihren bebenden Händen. „Woher haſt Du dies Band?“ fragte ſie hochauf⸗ athmend. „Reduan Benegas überbrachte es mir; da er ſelbſt nicht ſo bald zu Dir gelangen konnte, ſo thue ich es an⸗ ſtatt ſeiner. Er hat ſie von jenem Chriſten erhalten, der mit Dir gefangen und in die Alhambra gebracht wurde, und dieſem feſt verſprochen, dafür ſorgen zu wollen, daß ſie in Deine Hände gelange. Jener Chriſt befindet ſich in ſtrenger Kerkerhaft und läßt Dir ſagen: Er habe mit dem Leben abgeſchloſſen und es ſei ſein letzter Wunſch auf dieſer Erde, daß Du ihn nicht als einen Verräther 152 betrachten, ſondern glauben mögeſt, daß ſeine Treue un⸗ wandelbar Dir geweiht geweſen und daß ſeine reinſten und zärtlichſten Gefühle ſtets nur Dir gewidmet waren.“ „Heilige Mutter Gottes!“ rief Elvira zwar ge⸗ dämpft, jedoch mit tiefer Bewegung.„Sollten wir Ar⸗ nold Waller Unrecht gethan haben? Kannſt Du mir noch mehr ſagen, weiſer Mann, da Du ſo manches Ver⸗ borgene zu ergründen vermagſt? Was iſt wahr und was iſt falſch? wie hängen dieſe räthſelhaften Vorfälle zuſam⸗ men?“ Aaron Avila theilte ihr möglichſt genau Alles mit, was er vor Kurzem von Benegas erfahren hatte. Elvira ſchlug, als er geendet hatte, die gefalteten Hände vor das Geſicht und murmelte unter krampfhaften Seufzern: „Gott der Gnade, verlaß uns nicht! Für ſo viel Treue, für ſo viel Edelmuth habe ich mit dem ſchwär⸗ zeſten Undank gelohnt!— Und das Schwert des Todes hängt über ſeinem Haupte, eine ſchaudervolle Kerkernacht umgiebt ihn, weil er weder ein gegebenes Verſprechen brechen, noch einem feilen Elenden den Tod bringen wollte, der dieſen blos aus ſchnöder Erbärmlichkeit und Eigennutz über ihn heraufbeſchwor! Dies iſt zu gräßlich! Heiliger Jago, bitte für uns in unſerer Noth!“ Aber Elvira gehörte nicht zu jenen ſchwachen See⸗ len, die ſich auf eitle Klagen beſchränken, wenn noch ein 153 Weg des Handelns übrig iſt, der mögliche Hilfe bringen könnte. Sehr bald trocknete ſie ihre Thränen, verließ ihren Sitz und näherte ſich der Sultanin. Dieſe heftete ihre durchdringenden, ſchwarzen Augen unverwandt auf die Züge des jungen Mädchens, welche nur zu ſehr deren heftige Bewegung verriethen. Elvira ſagte nun mit Faſſung: „Fürſtin, Du haſt mir großmüthig Deinen Bei⸗ ſtand zugeſagt und mir geſtattet, in Deiner Nähe zu weilen, ſo lange ich die Alhambra bewohnen muß. Aber erſtrecke Deine Huld noch weiter als es ſchon geſchehen iſt. Wende ſie einem Manne zu, den die tiefſte Nacht des Unglücks umfängt und der Kerkerhaft und Tod nur aus Edelmuth erduldet! Rette ihn von einem grauſen⸗ vollen Schickſal, und möge jedes Unheil mich treffen, wenn es nur von ihm gewendet werden kann!“ „Von wem ſprichſt Du, Mädchen?“ fragte die Ma⸗ trone. „Von Arnold Waller, von jenem Chriſten, den Dein Sohn vor Kurzem vor unſern Augen ermorden laſſen wollte und den ich ſelbſt mit ſchnöden Worten bis zum Tode verwundet habe!— Zoraha hatte Reduan Be⸗ negas herbeigerufen, damit er die Zegris benachrichtige, daß ſie ihren Beiſtand wünſche, um wieder zu ihrem Rechte zu gelangen. Waller wanderte in den Gärten und Höfen des Palaſtes umher, um mich zu ſuchen, hielt ſich 1861. V. Columbus und ſeine Zeit II. 10 154 jedoch in der Verborgenheit, um die Unterredung nicht zu ſtören. Zorayen entfiel ihr Schleier, und als Benegas dieſen in einiger Entfernung ſuchte, wurde die Sultanin von einer Ohnmacht überraſcht; Waller ſchwang ſich auf den Altan, trug ſie in ihr Zimmer zurück, und verließ dieſes ſogleich wieder, nachdem er ſie auf die Ottomanne gelegt hatte und ihr Leben zurückkehren ſah. Osman war hereingetreten, um die von ihm ſelbſt geöffnete Thür wie⸗ der zu ſchließen, und gab dieſem einfachen Vorfalle die gehäſſigteſte Auslegung, um ſich ſelbſt einen abermaligen Sündenlohn zu verdienen.“ Die Fürſtin antwortete nicht auf dieſe geflügelten Worte, ſondern ſah ſchweigend auf den Hebräer. Dieſer hatte ſich gleichfalls von ſeinen Knieen erhoben und ſprach jetzt zu Ayra gewendet: „Reduan Benegas ſendet Dir und dieſer chriſtlichen Dame dieſe Botſchaft; er wird ſie vor Deinem Ohr wiederholen, ſobald Du ihm das Glück Deines Anblicks bewilligen willſt. Vernimm ſie gnädig vorerſt aus mei⸗ nem Munde und handle alsdann nach Deiner erprobten Weisheit.“ „Rette ihn, um der ewigen Barmherzigkeit willen! Rette ihn um jenes Gottes willen, zu dem Du und wir Alle beten! Auf meinen Knieen flehe ich Dich an: Sei barmherzig gegen ihn und gegen mich; denn nie hat eine 155 Schuld furchtbarer auf dem Herzen eines Menſchen ge⸗ laſtet, als die meines Benehmens gegen ihn auf dem mei⸗ nigen! Denke nicht mehr an mich— hilf nur ihm— und ich will Dich ewig als meine größte Wohlthäterin ſegnen!“ Elvira von Viana hatte ſich vor der Matrone nie⸗ dergeworfen und rang die gefalteten Hände zu ihr empor, während ſie ihr thränenſchweres Auge auf ſie heftete. Jeder Zug ihres Antlitzes unterſtützte in ſeinem herz⸗ ergreifenden Ausdruck die heiße Flehensbitte, welche ihren zitternden Lippen entſtrömte. Nun ſtreckte Ayra la Horra die Hand aus, als wolle ſie der Gebeugten ein er⸗ muthigendes Zeichen geben. Dieſe ergriff ſie und preßte ſie an ihre Lippen, indem ſie ſich ſanft von ihr empor⸗ ziehen ließ. „Zoraya unſchuldig!“ ſagte die Sultanin.„Dies iſt ein großes und gutes Wort. Daß ſie ihre Verwandte zu ihrem Beiſtand aufrief, war recht, denn es ſteht dem un⸗ ſchuldig Verfolgten frei, ſich nach der Hilfe umzuſehen, die er ſich auf guten Wegen verſchaffen kann. Allah iſt groß! Vielleicht zeigt er uns ſelbſt den Weg, den wir einſchlagen ſollen. Ein kühnes Handeln kann dieſen un⸗ ſeligen Knoten zerhauen, den wir von keiner Seite zu löſen im Stande ſind. Ich habe längſt über ein ſolches * 156 Mittel nachgedacht. Der Gefangene ſitzt im Thurm des Comares?“ „So iſt es, Herrin,“ ſagte der Hebräer.„In einem feſten Gemache, welches von einer engen, ſteinernen Gal⸗ lerie umgeben iſt, die ſich gerade unter den Fenſtern um den Thurm herumzieht. Sie gehen auf die ſchroff auf⸗ ſteigende Seite des Hügels hinab. Jene Kerkerzelle ge⸗ hört zu den Räumen, welche unter der Halle der Ab⸗ geſandten liegen.“ „Ich kenne ſie nur zu wohl, dieſe Gemächer,“ ſagte die Matrone in ſchwermüthigem Tone.„Zene dicken Mauern vermag kein menſchlicher Arm zu durchbrechen und jene ſchmalen Fenſter ſind mit eiſernen Stangen verwahrt. Die Schlüſſel zu jenen Räumen hängen zum Zeichen einer grauſigen Erinnerung noch heute in mei⸗ nem Schlafgemach, im Innern eines Schreins, in dem ich manche Seltenheiten aufbewahre. An ſtillen Tagen, oder wenn mich der Glanz der Hoheit lange ungeſtört umgeben hat, öffne ich ihn und blicke auf dieſe Gedächt⸗ nißzeichen des Geſchehenen zurück; denn es iſt gut, wenn der Glückliche in der Sonne des Wohlbehagens hin und wieder an die Tage des Elends zurückdenkt. Laßt uns das Weitere überlegen, und Allah erleuchte uns, damit wir zu einem guten Ende kommen.“— Das Ergebniß dieſer Ueberlegung gewahren wir, 157 indem wir im Beginne der Nacht dieſes ereignißreichen Tages drei verhüllte Geſtalten, zwei Frauen und einen Mann, den Letztern im Kleide eines Hausſklaven, ſich durch die mehr abgelegenen Gänge und Hallen der Al⸗ hambra bewegen ſehen. Die Wachen ließen ſie ungehin⸗ dert paſſiren; denn die Voranſchreitende der Frauen ſagte ihnen das wohlbekannte Loſungswort, das bis zum fol⸗ genden Morgen galt. Die Schließer der Gefängniſſe lagen bereits im tiefen Schlaf und ahnten nicht, daß faſt unhörbare Schritte ſich der wohlverwahrten Zelle eines ihrer Gefangenen näherten. Nun betraten die drei Ver⸗ mummten einen engen Gang, und im nächſten Augenblicke ſtreckte Ayra la Horra die Hand aus, um die vor ihnen befindliche Thür aufzuſchließen. Alle Drei traten in Ar⸗ nold's Gefängniß. Dieſer war ſeit der Entfernung Reduan's ſeinen Ge⸗ danken allein überlaſſen geblieben. Einigemale nur war der Schließer hereingekommen, um ihm das karge Brod zu reichen. Die Eintretenden kamen ihm wie Er⸗ ſcheinungen aus einer andern Welt vor, ſo ſehr wurde er von Staunen und Ueberraſchung ergriffen. Der Be⸗ gleiter der beiden Frauen zog ſogleich ſo geräuſchlos wie möglich die Thür wieder hinter ihnen zu und ſchloß dieſe von innen ab. Die Sultanin ſchlug ihren ſchwarzen Schleier zurück und ſprach zu Arnold: 158 „Du kennſt mich, Chriſt. Du haſt mich im Harem der Alhambra geſehen. Ich gebe Dir mein Bedauern zu erkennen, daß Du Dich hier befindeſt, wenn es gleich beſſer iſt, unſchuldig zu leiden, als Gottes und der Men⸗ ſchen Zorn zu verdienen. Ich möchte Dich befreien, wenn Allah es zulaſſen will. Avila, betrachte zuerſt dieſe Fen⸗ ſterſtangen. So wie ſie jetzt ſind, wird kein menſchlicher Arm ſie zu entfernen vermögen.“ Der Hebräer trat an das Fenſter, welches die Für⸗ ſtin ihm bezeichnete. Er legte prüfend die Finger an die eiſernen Stäbe, und zog dann einen Pinſel und ein Fläſch⸗ chen hervor, in welchem ſich eine weißliche Flüſſigkeit be⸗ fand. Mit dieſer beſtrich er die Stangen, und bald wur⸗ den dieſe auf einigen Stellen ſo geſchmeidig, daß er ſie ohne Mühe biegen und zerbrechen konnte. Während die Sultanin ihre Aufmerkſamkeit dieſer Beſchäftigung des Hebräers zuwandte, trat die zweite der Damen Arnold näher. Nun ſchlug auch dieſe ihren Schleier zurück, und er wähnte die Pforten des Himmels vor ſeinen trunkenen Blicken geöffnet, als er Elvira's leicht erröthendes Antlitz zu ſich herabgebeugt ſah. Er las in ihrem feuchten Auge alle jene zärtlichen und glü⸗ henden Empfindungen, welche auch ihn erfüllten. Sie ſtreckte die Hand aus und flüſterte: „Arnold, kannſt Du mir verzeihen?“ 159 Er bedeckte ihre Hand mit glühenden Küſſen, indem er vor ihr niederkniete, und erwiederte leiſe: „Dieſer Augenblick wiegt alle Qualen auf, die je⸗ mals mein Herz bedrängten! Du haſſeſt mich nicht— Gott ſegne Dich dafür!“ „Ich habe Deine Schleife empfangen,“ ſagte ſie mit leiſem Lächeln,„und weiß durch ſie, was Du von mir wünſchteſt. Ich hatte mein Verſprechen nicht ver⸗ geſſen, und danke Dir, daß Du mich daran erinnerteſt. Jedes böſe Wort, das ich Dir ſagte, hat wie eine feu⸗ rige Kohle auf meinem Herzen gebrannt.“ „Sprich nicht ſo, Elvira!“ rief Arnold außer ſich. „Ich trage die Schuld dieſes ſchrecklichen Mißverſtänd⸗ niſſes und meiner eigenen Verzweiflung darüber, weil ich es nicht aufklären konnte und wollte!“ „So beweiſe mir, daß Du ferner keine Bitterkeit gegen mich bewahrſt, indem Du mit mir entfliehſt und mich nach Santa Fe zurück geleiteſt. Ich weiß, daß Du kühn und muthig biſt. Willſt Du dies Wageſtück mit mir unternehmen? Entweder erlangen wir Beide die Frei⸗ heit, oder— wenn es nicht ſein ſollte— ſo ſterben wir vereint!“ „Ich will es, mit Dir vereint trotze ich jeder Ge⸗ fahr! Den Tod mit Dir ziehe ich einem Leben ohne Dich vor, und wenn es mit allen lockenden Genüßen der Erde 160 ausgeſtattet wäre!— Sage mir, was ich thun ſoll, wie es möglich ſein wird, unſere Flucht zu bewerkſtelligen!“ Arnold hatte dieſe Worte mit allem Feuer ſeiner hochgeſchwellten Gefühle geäußert. Er war aufgeſtanden und bemerkte, daß Elvira unter der Hülle des Schleiers und des weiten Obergewandes mit einer Art von Reiſe⸗ anzug bekleidet war. Dieſe verſetzte: „Die Sultanin Mutter hat mir Theilnahme und Freundlichkeit gezeigt. Sie iſt weiſe und denkt groß. Sie wünſcht mir die Freiheit zu geben, doch habe ich ihr er⸗ klärt, daß ich ſie nicht ohne Dich annehmen werde. So ſuchen wir denn Dich hier auf, um von hieraus unſere Flucht zu bewerkſtelligen. Die Ausgänge der Alhambra ſind mit Wachen beſetzt und keine würde mir die Ent⸗ fernung aus einem derſelben geſtatten. Boabdil's Befehle hinſichtlich meiner ſind ſo ſtreng, daß ihre Verletzung den verwegenen Uebertreter den Kopf koſten würde. So hat denn Ahra la Horra mich als eine ihrer Frauen und dieſen Hebräer als einen ihrer Sklaven mit ſich genom⸗ men; die Wachen haben die ihnen aus ſchweren und gu⸗ ten Tagen wohlbekannte Geſtalt der Mutter ihres Sul⸗ tans ungehindert paſſiren laſſen, und ſie ſelbſt hat dieſe Kerkerthür aufgeſchloſſen.“ „Ich weiß es,“ ſagte Arnold, indem er mit Ehr⸗ furcht und Bewunderung auf die Genannte blickte, welche 161 halb von ihm abgewendet fortgeſetzt ihre Aufmerkſamkeit auf das Fenſter und auf den daran beſchäftigten He⸗ bräer richtete;„die Fürſtin hat mehrfältig bewieſen, daß ſie eine erhabene Seele beſitzt und fähig iſt herviſche Thaten zu vollbringen. Die Geſchichte Granadas erzählt ſeit Jahrzehenden von ihr.“ „Sie iſt ſo edel wie umſichtig und unerſchrocken,“ entgegnete Elvira.„Sie und unſer Begleiter waren auf Hilfe für uns bedacht, die uns unten am Fuße dieſes Hü⸗ gels erwartet, wenn wir ſeine Fläche hier vom Fenſter aus zu erreichen vermögen. Es iſt nicht unmöglich, daß unſere Flucht gelingen werde.“ Nun wandte ſich die Sultanin wieder zu den bei⸗ den jungen Leuten und ſagte: „Die Oeffnung iſt jetzt groß genug, daß ein Menſch durch ſie gelangen kann. Ihr müßt Euren Weg antreten, denn die Zeit iſt koſtbar. Dieſer Weg iſt gefährlich, doch kann er benutzt werden; dies weiß ich am beſten. Euch winkt die Freiheit; indeß würdet Ihr nicht weit mit ihr kommen, wenn Ihr ohne Mittel wäret, ſie zu benutzen. Hier ſind hundert Golddublonen; ſie werden Euch den beſten Beiſtand leiſten, um glücklich nach Santa Fe ge⸗ langen zu können.“ Sie zog bei dieſen Worten einen Beutel hervor und überreichte ihn Arnold. Dieſer beugte ſein Knie und 162 ſagte, indem ſich eine tief gefühlte, bewundernde Ver⸗ ehrung in ſeinem Ton ausſprach: „Mein beſcheidener Dank kann Deine Größe nicht vermehren, erhabene Fürſtin! Granada wird für immer ſtolz darauf ſein, Dich ſeine Königin genannt zu haben!“ Elvira ergriff die Hand der Matrone und bedeckte ſie wortlos mit Küſſen und Thränen. Dieſe beugte ſich über ſie und küßte ſie auf die Stirn. Endlich ſagte das junge Mädchen: „Möge die Erinnerung an dieſe edle That ſich wie ein Balſam auf Deine Seele legen, wenn die Tage des Unglücks ſie dereinſt betrüben und niederbeugen ſoll⸗ ten. Gott wird Dich dafür ſegnen.“ Nun richtete ſie ſich auf, reichte ihre Hand dem He⸗ bräer und fragte dieſen: „Wo und wann werde ich Dich wiederſehen, Aaron Avila, um Dir beſſer als hier meine Dankbarkeit bewei⸗ ſen zu können?“ „Dies ſteht in den Sternen geſchrieben, Sennora,“ verſetzte er.„Ich werde bald wieder das Maurenreich verlaſſen, da es mir nicht gelingt, meinem Volk hier ferner zu nützen. Wohin mich alsdann Gottes Wille treiben wird, vermag ich noch nicht zu entſcheiden.“ Ein kurzes Lebewohl wurde auch noch von Arnold hinzugefügt. Avila hatte eine Strickleiter unter ſeinem 163 Gewande hervorgezogen und ſtieg nun zuerſt durch die gewonnene Fenſteröffnung auf die Gallerie hinunter. Arnold folgte ihm ſchnell, denn ſeine Gewandtheit in allen Leibesübungen machte ihn zu einem behenden Klet⸗ terer. Dann durfte er Elvira mit ſeinen Armen unter⸗ ſtützen, bis ſie an ſeiner Seite ſtand. Nun war der ge⸗ fährlichere Theil des Unternehmens zu vollbringen. Dü⸗ ſteres Gewölke hatte den Himmel überzogen, ſo daß der Mond verſchleiert und die Nacht dunkel war; dennoch konnte man mit einiger Anſtrengung die nächſten Gegen⸗ ſtände erkennen. Avila befeſtigte die Strickleiter an dem unterſten Vorſprunge der Gallerie, doch war ſie trotz ihrer beträchtlichen Länge noch immer um eine halbe Menſchenhöhe vom Boden entfernt. Arnold gelangte jedoch bald auch auf dieſen hinunter; Elvira folgte ihm beherzt, indem ſie ihr ſchwindelndes Auge von der na⸗ hen Tiefe abzuwenden ſuchte. Avila reichte ihr ſeine Arme ſo lange wie es möglich war, und auf gleiche Weiſe umfaßte Arnold ſie mit den ſeinigen, als ſie ſich dem Felſengrunde näherte. Jetzt wurde die Strickleiter wieder heraufgezogen, und indem die Flüchtlinge Athem ſchöpfend aufblickten, ſahen ſie, wie Aaron Avila ſich auf die näm⸗ liche Weiſe wieder durch das Fenſter in das Gefängniß begab und gleich darauf die zurückgebogenen Eiſenſtäbe wieder in ihre frühere Form zu bringen fuchte. In dem — 164 nämlichen Augenblicke trat ein Mann zu ihnen, welcher bisher hinter einer Mauerecke verborgen war; dieſer ſprach leiſe: „Folget mir. Ich werde Euch weiter geleiten.“ Arnold erkannte die Stimme Reduan's, wenn auch ſeine Geſtalt durch ein weites Gewand, ſein Antlitz durch eine darübergezogene Kappe verhüllt waren. Er führte ſie durch einige enge, dicht beſchattete Pfade, welche Arnold unbekannt waren, bis an den Fuß des Hügels zu einem Platze, auf dem eine Hecke von Alveſtauden und indiani⸗ ſchen Feigenbäumen empor wuchs. Hinter dieſen hielt ein Diener mit drei Pferden. „Vertraut Euch dieſem Manne,“ flüſterte Reduan Arnold zu, der Elvira an ſeinem Arm führte,„er wird Euch ſicher bis in die Vega bringen. Das braune Pferd iſt für Dich beſtimmt, der graue Zelter für die Dame. Du findeſt auf der Satteldecke des Deinigen einen Man⸗ telſack, welcher einige Kleidungsſtücke und Waffen ent⸗ hält, welche Dir gute Dienſte leiſten können. Lebe wohl und grüße mir die Heimath, wenn Du jemals wieder dahin gelangen ſollteſt!“ Ein ſtummer Händedruck Arnold's beantwortete dieſen Abſchiedsgruß. Dann erfaßte der Renegat den Steigbügel des Damenpferdes, reichte Donna Elvira die Hand und half ihr mit aller chevaleresken Artigkeit 165 eines wahren Ritters in den Sattel. Gleich darauf ſprengten die Fliehenden durch das enge Thal des Darro, um bald das Weichbild von Granada hinter ſich zu laſſen und die Vega zu erreichen, durch welche ſie in das 3 chriſtliche Lager zu gelangen hofften.— Mehrere Stunden ſpäter finden wir Boabdil in ſeinem Pavillon über dem Generalife. Er hatte wieder den größten Theil des Nachmittags dort zugebracht, in⸗ dem er ſich ſeiner Gewohnheit nach in die grübelnden Studien der Magie verſenkte. Nach einigen Stunden eines unruhigen Schlummers ſehen wir ihn in dem 1 ſchwach erhellten Thurmgemache des Magiers vor einem Vorhang ſitzen, der ein Bild oder einen Spiegel zu ver⸗ hüllen ſchien. Endlich öffnete ſich die geheimnißvolle Felſenpforte und Aaron Avila trat nun wieder im Ge⸗ wande des Magiers aus ihr hervor. Boabdil redete ihn an: ji „Du haſt mich warten laſſen, weiſer Mann. Meine Seele ſehnt ſich nach Deinem Anblick.“ „Ich habe hoch oben nach den Geſtirnen geſchaut,“ antwortete Avila mit jenem Pathos, den er für die dem Sultan gegenüber angenommene Rolle eines Magiers und Geiſterſehers paſſend hielt;„allein die Nacht iſt ſternenlos, und ſo habe ich denn auch nicht das Mindeſte 3 an dem dunkeln Himmelsgewölbe leſen können. Wir 166 wollen hier auf der Erde bleiben, um, wenn nicht Zu⸗ künftiges, ſo doch wenigſtens Vergangenes zu enträthſeln. Ich habe Dir die Wahrheit verſprochen; doch hatte ich Dir geſagt, daß die Stunde dazu erſt gekommen ſein würde, wenn vor dem Grauen des Morgens der Hahn zum erſten Male kräht.“ „Es iſt, wie Du ſagſt,“ verſetzte der Sultan,„die Ungeduld hat mich hergetrieben, ehe es an der Zeit war. Beginne jetzt, wenn es ſein kann.“ „Dein Wille mag geſchehen, denn die böſen Gei⸗ ſter werden jetzt keine Macht mehr haben, da die Nacht dem Tage zu weichen beginnt. Ihr ſchlimmer Einfluß hätte ſchädlich auf unſer Vorhaben einwirken, es verwir⸗ ren und vereiteln können.“ Er trat nun an die Seite der länglichen, runden Fläche, welche in die Wand gemauert zu ſein ſchien. Man gewahrte keinen Raum hinter ihr. Die eherne Lampe verlöſchte plötzlich, ſo daß eine faſt gänzliche Dunkelheit den Sultan umgab. Nun verſchwand wie durch unſicht⸗ bare Hände der graue Vorhang, und Boabdil gewahrte eine glänzende Fläche vor ſich, über welche man jedoch ungewiß blieb, ob ſie aus Glas oder Metall beſtände. Ein ſchwacher Schimmer beleuchtete ſie, ſo daß ſie dem unbewaffneten Auge erkennbar wurde. Jetzt ertönte die 167 tiefe Stimme des Magiers, zwar deutlich, jedoch auf eine Weiſe, als komme ſie aus weiter Ferne: „Du ſiehſt den Spiegel der Vergangenheit vor Dir, Staubgeborner! Blicke hinein und lies die Wahrheit in ſeinen Bildern!“ Mehrere Minuten vergingen, bis Boabdil zwar dem Anſchein nach in beträchtlicher Entfernung, jedoch ſehr hell und deutlich genug, um genau unterſchieden werden zu können, einen Balkon in einem Garten gewahrte. Man ſah eine männliche Geſtalt in dieſem, welche ſpähend und ſuchend umherging. Dann öffnete ſich die Thür des Bal⸗ kons, und eine zweite Geſtalt, ein alter, dürrer Maure, erſchien mit einem Schlüſſelbunde in ihr, trat aber ſo⸗ gleich wieder zurück. Nun ſah man eine Frau auf dem Altan, deren Schleier auf die Erde herabflog. Darauf verſchwand das Ganze wieder und die Fläche des Spie⸗ gels war ungetrübt wie vorhin. „Der Chriſtenſklave, Zoraya und Osman!“ mur⸗ melte Boabdil.„Ich erkannte ſie deutlich. Doch hat der Letztere ſelbſt die Thür geöffnet, nicht der Sklave, wie er mir ſagte.“ Nun ſtellte ſich ein zweites Bild dar. Die erſte Ge⸗ ſtalt ſtand auf dem Balkon, hielt den Schleier in der Hand und hob das weibliche Weſen vom Boden auf. Sie trug es in das Gemach, legte es auf das Ruhebett und verſchwand ſogleich wieder, während die zweite männliche Geſtalt im Hintergrunde des Zimmers ſtand, abermals mit dem Schlüſſelbunde in der Hand. Nun zerfloß auch dies zweite Bild und die Spiegelfläche blieb unverändert. Nach einigen Minuten erhellte ſich das Gemach wieder etwas, jedoch ohne daß man ein menſchliches Weſen be⸗ merkte, welches die Lampe hätte anzünden können. Der graue Vorhang war wieder vor dem Spiegel und der Sultan gewahrte den Magier an ſeiner Seite. „Was ſprechen dieſe Bilder aus?“ fragte der Er⸗ ſtere mit einem Ausdrucke in Wort und Geberde, der faſt furchtſam zu nennen war. „Du haſt mit den Augen des Geiſtes geſchaut, was geſchehen iſt, Sohn der Erde,“ ſprach der Magier wie⸗ der mit feierlichem Pathos.„Der chriſtliche Gefangene ſuchte die Spanierin, und fand Deine Sultanin, welcher Osman auf ihre Bitten die Thür geöffnet hatte, da ſie friſche Luft zu ſchöpfen wünſchte. Er hob ihren herab⸗ geflogenen Schleier im Garten auf, doch wurde ſie ohn⸗ mächtig bei dem Anblick des Fremden. Er glaubte ihr ſeinen Beiſtand nicht vorenthalten zu dürfen, ſchwang ſich auf den Balkon und trug ſie in ihr Gemach zurück, wobei Osman ihn überraſchte, der herbeigekommen war, um die Thür wieder zu ſchließen.“ „So ſind der Chriſt und Zoraya unſchuldig an 169 dem Vergehen, welches Osman ihnen zur Laſt legte, und dieſer iſt ein falſcher Angeber?“ fragte Boabdil nach⸗ denklich. „So iſt es,“ antwortete der Magier. „Aber warum ſprach er nicht, als ich ihn dazu auf⸗ forderte?“ fragte der Sultan noch einmal.„Sein hart⸗ näckiges Schweigen hat ihn in's Unglück gebracht.“ „Er betheuerte Dir, daß er ſich nie Deiner Sul⸗ tanin in Unehren genaht habe, doch wollteſt Du ihm nicht glauben,“ verſetzte der Aſtrolog ernſthaft.„Er wollte nicht eingeſtehen, daß er ſie unterſtützt habe, noch daß er nach der Chriſtin im Garten ſuchte, denn er fürchtete dadurch Dir zu mißfallen. Er wollte es Zoraha ſelbſt überlaſſen, die volle Wahrheit zu bekennen und ihn da⸗ durch vor Deinem Zorn zu erretten. Du weißt, die chriſtlichen Ritter haben übermäßig großmüthige An⸗ ſichten von den Pflichten, die ſie dem Dienſte der Damen ſchuldig ſind; ſie ſterben eher, als daß ſie dieſe einer Ge⸗ fahr ausſetzen, die ſie zu verhindern vermögen. Dieſer junge Mann trachtet nach den Sporen eines Ritters und benimmt ſich daher in Allem gleich einem ſolchen.“ „Es kann ſein,“ entgegnete der Sultan,„die Ge⸗ bräuche der Chriſtenritter ſind eigenthümlich. Gott iſt groß. Der Chriſt hat gewußt, daß er die Wahrheit an den Tag bringen würde, wenn es ſein Wille ſei, daß fie 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 11 ſiege. Auch können übernatürliche Mächte auf ihn ein⸗ gewirkt haben, daß ſein Mund verſtummte, da es Zeit war zum Reden. Geſchehenes läßt ſich nicht ändern.“ Eine längere Weile noch ſetzte er ſeine Unterhaltung mit dem Magier fort. Dann fragte er wieder: „Hat die Chriſtin den Trank genommen, den Du ihr zu bringen verſprachſt?“ „Ich konnte ſie nicht gleich dazu bewegen,“ ant⸗ wortete Avila.„Du kennſt ſie; ſie folgt meiſtens ihrem eigenen Dafürhalten, und ſelten wird es gelingen ſie ein⸗ zuſchüchtern. Es gelang mir nur, das Verſprechen von ihr zu erhalten, daß ſie ihn vor dem Schlafengehen nehmen wolle. Er wird jetzt ſeine Wirkung thun. Wahr⸗ ſcheinlich erwacht ſie erſt gegen Mittag, und wir können alsdann hoffen, daß ihre Gedanken ſich alſogleich Dir zu⸗ wenden.“ „Wenn dies iſt, ſo wird der Dank Boabdil's Dir gewiß ſein,“ erwiederte dieſer erfreut.„Wenn ich auch Dein Volk nicht mit dem Schatten meiner Gnade be⸗ günſtigen kann, ſo ſoll er wenigſtens Dich einhüllen.“ „ZIch bedarf nichts für mich ſelbſt, großer Sultan; denn die Dienſte der Geiſter machen mich für meine Per⸗ ſon ſo mächtig, wie ich es wünſche. Die Schätze der Erde würden ſie mir erſchließen, wenn ich es verlangte. Allein ich werde durch die Stimme des Weltgeiſtes wieder an 171¹ das Geſtade des Meeres berufen, um mit dem Winde und mit den Wellen zu reden, und muß daher Dich und Granada verlaſſen, ehe der nächſte Tag ſich neigt.“ „So gieb mir vorher noch einige Aufſchlüſſe aus dem Reiche der Geiſter, nach denen meine Seele ver⸗ langt, weiſer Mann,“ ſprach Boabdil angelegentlich. „Der Augenblick iſt unſer, wenn er auch mit der Schnelle des Pfeils entflieht,“ entgegnete der Magier. „Ich harre Deines Wortes, König von Granada.“— Mehrere Stunden vergingen noch in der Unter⸗ haltung des weisheitvollen Lehrers und des lernbegierigen Schülers. Endlich verfügte Boabdil ſich wieder in ſeinen Pavillon und überließ ſich dort einer kurzen Ruhe. Schon war der Morgen vorgeſchritten, als er wieder in das Harem der Alhambra trat. Die erſte ihm entgegen⸗ ſchallende Kunde war, daß die Chriſtin vermißt werde und der Chriſtenſtlave aus dem Thurm des Comares entflohen ſei. Der Kerkermeiſter habe am Morgen die Thür wohlverſchloſſen, jedoch das Gemach leer gefunden. Die Eiſenſtangen vor dem Fenſter ſeien verletzt und zer⸗ ſchnitten, und aller Wahrſcheinlichkeit nach habe er durch dieſes ſeine Flucht bewerkſtelligt. Wie aber dies möglich geweſen, welche Hilfe ihm geworden ſei, vermöge kein Menſch zu begreifen. Boabdil's Zorn loderte hoch auf. Laut drohte er * Denen mit blutiger Rache, die ſeinem Willen getrotzt hatten. Ein wilder Verdacht ſtieg in ihm auf, der einem Theil der Wahrheit nahe kam. Elvira müſſe mit dem Gefangenen entflohen ſein, vielleicht gar ihm die Mittel dazu überbracht haben. Allein dies konnte nicht ohne anderweitigen Beiſtand geſchehen ſein. Er ſchwor, ſo wahr Mohamed der Prophet Gottes ſei, daß er die Köpfe ſei⸗ ner ſämmtlichen Sklaven abhauen oder ſie von den Keu⸗ len ſeiner Aethiopier zerſchmettern laſſen wolle, bis er ſie endlich gezwungen, die Wahrheit zu bekennen. Die Wäch⸗ ter des Harems und der Gefangenwärter ſollten die erſten Opfer ſein, Tod und Verderben Jeden treffen, der ſich ſeinem Willen auf irgend eine Weiſe ungehorſam bezeugt habe. Wer nicht in die Nähe des Sultans kommen mußte, vermied dieſe. Alles verbarg ſich vor ſeinem Zorn. Nur ſeine Mutter wich ihm nicht aus. Nachdem ſie ſeine Dro⸗ hungen und Verwünſchungen eine Weile ſchweigend an⸗ gehört, ſprach ſie gelaſſen: „Halte ein mit dieſen vielen nutzloſen Worten; be⸗ leidige nicht die Unſchuldigen. Ich bin es, die die Chriſtin zu dem Gefangenen in den Thurm des Comares gebracht hat. Die Schlüſſel zu jener Zelle ſind ſeit Jahren in meinem Beſitz, wie Dir bekannt iſt. Sie ſchließen ſie noch heute ſo gut wie diejenigen, welche der Kerkermeiſter jetzt benutzt. Ich öffnete dieſe Zelle und half ihnen Beiden 173 durch das Fenſter zur Flucht. Sie werden jetzt dem chriſt⸗ lichen Lager ſo nahe ſein, daß Deine Krieger ſie weder einholen noch zurückbringen können.“ Boabdil ſtarrte ſie an, als verſteine ihn das Wort ihres Mundes. Nur ſeine rollenden Augen verriethen, daß er ihren Sinn begriffen habe. Endlich preßte er aus ſeinen zuſammengeklemmten Lippen die Fragen hervor: „Wer half Dir und ihnen? Wer ſind Deine Mit⸗ ſchuldigen?“ „Du wirſt ſie nie kennen,“ antwortete Ahra ruhig. „Nie ſoll Deine Rache ſie treffen, denn ſie gehorchten nur meinem Gebot. Die Verantwortung dieſer That liegt auf meiner Seele allein, und nie ſollen die Namen Der⸗ jenigen, die ſie mit mir vollbrachten, über meine Lippen kommen.“ Zetzt wich die Starrheit, die die Glieder Boabdil's gefeſſelt gehalten. Er ſtieß einen wilden, unartikulirten Schrei aus, wie ihn das Raubthier in der Wüſte Afri⸗ kas ertönen läßt, und ſprang auf die Sultanin zu. Ein langer Dolch blitzte in ſeiner Hand und wahnſinn⸗ artiger Grimm verzerrte ſeine Züge. Allein ſelbſt in die⸗ ſem entſetzlichen Augenblicke erſchrack die ſtarke Seele Ayra la Horra's nicht. Sie blickte unbewegt auf ſeine wilden Geberden, auf das Eiſen in ſeiner Hand, welches gegen ſie gezückt war, und nie waren ihre Bewegungen 174 hoheitvoller, nie ihre Worte mehr erfüllt von ruhiger Erhabenheit. „Durchbohre dieſe Bruſt, die Dich genährt hat,“ ſagte ſie,„dies Herz, das ſtets nur für Dein Beſtes ſchlug. Den Tod Deines Vaters haſt Du veranlaßt; häufe die neue Schuld zu der alten und ſtoße Deine Mutter nieder!“ Boabdil blieb abermals wie gefeſſelt ſtehen. Aber immer noch war ſein Arm erhoben; man ſah nur das Weiße ſeiner Augäpfel. „Geſelle meinen Schatten zu dem blutbefleckten Abul Hackem's, ruchloſer Sohn! Morde die Mutter wie den Vater!“ Boabdil ließ jetzt den Arm ſinken. Ein furchtbares Entſetzen ſprach aus ſeinen todtbleichen Mienen und er murmelte auf eine Weiſe, die nur dem Ohr Ayra's ver⸗ ſtändlich war:* „Schweig, Weib! Ich war nicht der Mörder mei⸗ nes Vaters!“ „Du beförderteſt ſeine Gefangennahme bei Solo⸗ brena und verurſachteſt alſo ſeinen Tod im Gefängniß. Wer das verruchte Werkzeug dieſes Mordes war, haben weder Du noch El Zagal jemals bekannt; aber wenn auch ganz Granada ſchweigen muß— ich verkünde die Wahr⸗ heit— denn ich allein fürchte Deinen Zorn nicht!“ 175 Kein Menſch auf Erden außer ſeiner Mutter durfte dem Sultan dieſe ſchrecklichſte Erinnerung ſeines Daſeins zurückrufen. Es war ihm, als wenn ſchlangenhaarige Fu⸗ rien ihn wilder denn jemals umkreiſten. Der Dolch ent⸗ fiel ſeiner Hand. Er taumelte zurück, bedeckte das Antlitz und ächzte laut. Sie fuhr feierlich fort: „Wie ſchrecklich der Aufenthalt in jenen Kerkerzellen im Thurm des Comares iſt, weißt Du ſo gut wie ich, wenn Du deſſen gedenken willſt. Oeffne das Grab der Vergeſſenheit!— Ich war noch einmal in jenen Räumen, in welche Abul Hackem Dich und mich vor Jahren wer⸗ fin ließ. Damals rettete ich meinen unmündigen Sohn— jest die beiden Chriſten. Ich wußte nur zu gut, daß die⸗ ſes Fenſter zu durchbrechen ſei, doch band ich nicht wie⸗ der meine und meiner Frauen Schärpen und Schleier zuſammen, wie damals, als ich Dich herabließ, ſondern be⸗ nutzte eine mitgeführte Strickleiter. Wieder wartete ein Marn mit Pferden am Fuße des Hügels, und wieder beugt⸗ ich mich angſtvoll aus dem Fenſter, wie in jener Nacht, als mein lauſchendes Ohr Dich durch das enge Thal des Darra ſprengen hörte. Auch diesmal haben die Flüchthnge eine ſichere Zuflucht gefunden, jedoch nicht gleich Dir im Gebirge, ſondern im Lager der Chriſten. Ich hatte diesmal nicht an meine eigene Rettung zu den⸗ ken, nicht wie damals gleich Dir den geführlichen Weg von der Höhe der Gallerie einzuſchlagen; denn es kam mir nicht in den Sinn, daß mich heute der mörderiſche Stahl meines Sohnes wie in jenen Tagen derjenige meines Gemahls bedrohen würde!“ Boabdil erwiederte nichts, doch glich der Seufzer, der jetzt ſeiner Bruſt entſtieg, einem ſchrillen Weheſchrei. Sie fuhr fort: „Ich ſchloß leiſe die Thür des leeren Kerkers wie⸗ der und kehrte ungeſehen mit meinem Begleiter durch jenen engen Gang, der Dein Gefängniß und das mei⸗ nige trennte, und durch jene Hallen im Thurm des Co⸗ mares zurück, die in das Harem der Alhambra führen. Alles war in Schlaf verſenkt; wer uns vorhin geſehen, glaubte, daß die verſchleierte Chriſtin zu den Frauen meines Gefolges gehöre.“ Eine Pauſe trat ein. Endlich ging die Fürſtin nahe zu ihrem Sohn, der auf eine Ottomanne niedergeſunken war. Ihr ernſtes Auge nahm einen ſanfteren Ausdruck an; ſie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ihre ſtrenge Stimme wurde weicher: „Ich habe jetzt wieder nur für Dein Heil gehandelt, wie in jenen Tagen, als ich Dir Leben und Freiheit rettete, als ich Dich auf den Thron ſetzte, der noch heute der Deinige iſt! Du haſt unter einem böſen Zauber ge⸗ 177 ſtanden und biſt nie mehr der Unglückliche geweſen, als in dieſer Stunde— darum verzeihe ich Dir, Boabdil!“ Sehr ſelten nur hatte er die Stimme ſeiner Mutter beben gehört wie jetzt; er vermochte ſich ihrem Einfluß, der ſo oft die Stütze ſeines ſchwächeren Gemüths geweſen war, nicht mehr zu entziehen. Er erfaßte ihre Hand und führte ſie mit der ganzen Ehrfurcht eines Sohnes an ſeine Lippen, wenn ſich ihr gleich noch immer einige Lei⸗ denſchaftlichkeit zugeſellte. Sie fuhr ſort: „Ich habe dieſe Chriſtin entfernt, weil nur Be⸗ ſonnenheit und Entſchloſſenheit wieder bei Dir einkehren werden, wenn ihre Gegenwart nicht mehr Deine Gedan⸗ ken verwirrt. Nie iſt die Tapferkeit und Klugheit des Herrſchers nothwendiger für Granada geweſen als jetzt. Zeige ſie wieder, indem Du Deinen Geiſt ſammelſt und die Bande abſtreifſt, die ihn feſſelten!— Laß nicht ſeine beſten Eigenſchaften in weichlichem Liebesgetändel unter⸗ gehen. Finde Dich ſelbſt wieder als den wahren Beherr⸗ ſcher der Gläubigen, als den heldenhaften Sohn glor⸗ reicher Vorväter, als den Nachfolger des Propheten!— Erſticke nicht den edlen Thatendurſt in unnützen Grübe⸗ leien; dringe nicht weiter ein in das Reich der Geiſter, denn nie wurde ein Sterblicher glücklich, der ihm anheim fiel! Es giebt ſo viel hier auf der Erde für Dich zu thun, daß alle Deine Gedanken und alle Deine Kräfte darauf 178 verwendet werden müſſen. Du haſt den Thron zu ver⸗ theidigen, um den die Gläubigen des Weſtens ſich ſchaa⸗ ren. Das Werk, das vor Dir liegt, iſt Deiner würdiger als die Liebesglut für jene ſtolze Chriſtin, die Deine Leidenſchaft mit Groll und Verachtung lohnte. Ueberlaſſe ſie ihrem Schickſal, und möge ewige Vergeſſenheit dieſe Deine letzte Verirrung bedecken, die unwürdigſte, welcher der Erſte der Mauren ſich überlaſſen konnte!“ Boabdil erhob jetzt das Angeſicht. Es war von Thränen überflutet. Nur Diejenige ſah es, die ſo oft in den verfloſſenen Tagen ſeiner Kindheit ſein knabenhaftes Weinen geſtillt hatte. Mit zitternder Lippe ſtammelte er: „Du haſt mein Herz gebrochen, Mutter!“ „Dieſe Schwäche wird vorübergehen, wenn Du ſelbſt es willſt,“ verſetzte ſie mit liebreichem Ernſt.„Das Nächſte, was Du zu thun haſt, iſt, die Zegris zu ver⸗ ſöhnen. Beſeitige jeden Zwieſpalt. Laß nicht die Mauren ſich innerhalb Granadas zerfleiſchen, ſondern laß ſie ihre beſten Kräfte gegen die Chriſten kehren. Dem ſchlauen König von Arragon ſind unſere innern Zerwürfniſſe das willkommenſte Schauſpiel. Er rückt uns immer näher mit ſeinen Schaaren. Führe Deine Krieger hinaus, damit ſie an ihnen einen würdigen Gegenſtand für ihre Streit⸗ luſt finden!“ „Laß mir Zeit, Mutter,“ ſprach er jetzt etwas ge⸗ 179 faßter.„Ich bedarf der Erholung nach allen dieſen Stür⸗ men des Gemüthes, ehe ich mich wieder als König und Held zeigen kann.“ Er ging hierauf in ſein innerſtes Gemach und ſ chloß deſſen Thür hinter ſich. Lange lag er bewegungslos auf ſeinen Polſtern. Auch die Kunde, die ihm am Abende zu⸗ kam, daß der Magier verſchwunden ſei, machte keinen ſichtbaren Eindruck auf ihn. Endlich am nächſten Mor⸗ gen raffte er ſich auf und begab ſich in allem Pomp des Herrſchers und Kriegers in die Stadt hinunter. Seine Leibwache, ſein Vezier Abdul Melek und Reduan Bene⸗ gas begleiteten ihn. Er entbot die Zegris zu ſich. Hamet Zeli, ihr erſter Häuptling, der Bruder Zoraya's, führte im Namen dieſer mächtigen Familie das Wort. Er hatte die Feſtung Gebalfaro bei Malaga früher bis auf's Aeu⸗ ßerſte vertheidigt und war deshalb von König Ferdinand nach ihrer Einnahme in Ketten gelegt worden, aus denen ihn jedoch Boabdil ſpäter wieder befreit hatte. Dieſer er⸗ klärte ſich bereit, ſeine verſtoßene Gemahlin wieder in ihre früheren Rechte einzuſetzen, wenn ſie ſich von dem gegen ihre Treue erhobenen Verdacht reinige. Es erſchien alſo noch an dem nämlichen Tage Zoraya, umgeben von ihren Verwandten, in der Halle des Gerichtes, wo Bo⸗ abdil ſeinen Stuhl eingenommen hatte. Ihre Rechtfer⸗ tigung war leicht durchzuführen, da ihr Gemahl im Voraus die Abſicht hatte, ihre Schuldloſigkeit anzuer⸗ kennen. Die Anweſenheit Reduan's bei jenem verhäng⸗ nißvollen Zuſammentreffen vor dem Balkon wurde auch jetzt verſchwiegen, damit nicht der eben beſänftigte Arg⸗ wohn des Sultans nochmals geweckt würde. Es kehrte alſo Zoraya im zahlreichen Geleite ihrer Verwandten in das Harem der Alhambra zurück, um dort ihre früher bewohnten Gemächer wieder zu beziehen. Osman mußte zur Strafe ſeiner feilen Lügen ſeinen Kopf hergeben als ein abermaliges Beiſpiel raſcher, morgenländiſcher Gerichtspflege. Die Kundſchafter der Mauren brachten die Nach⸗ richt, daß die chriſtlichen Herrſcher ſich aus ihrem La⸗ ger entfernt und ſich nach dem Dorfe Zubia begeben hätten, wo ſie von dem Gros ihrer Armee getrennt ſeien. In ſeiner Rüſtung von gediegenem Stahl, mit aufgeſchlagenem Helmviſier und vollſtändig gewaffnet, eilte Boabdil auf die Vivarrambla, wo ſo oft der Schauplatz der mauriſchen Ritterſpiele, der Sammelort des Heeres geweſen war. Er gab ſich wieder als den Sohn ſeiner Mutter, als den kriegeriſchen Helden, wie ſie ihn zu ſehen gewünſcht hatte. Er rief das Volk und das Heer mit feurigen Worten zum Kampfe gegen die Un⸗ gläubigen auf. Laute Freudenrufe antworteten ihm. Seine Kriegspoſaune ertönte und bald darauf zog er, 181 umgeben von ſeiner Leibwache, an der Spitze ſeiner Rei⸗ terei aus dem Thor von Granada. Benegas beſchloß den Zug. Dann folgten die ungeregelten Schaaren des Fußvolks, welche einige Feldgeſchütze mit ſich ſchleppten, indem ſie ſich über die Ebene ausbreiteten. 1 Achtes Capitel. Die letzte Maurenſchlacht. 3 Die beiden Flüchtlinge hatten ihren eiligen Ritt unter dem Schutze der Nacht mit aller möglichen An⸗ ſtrengung fortgeſetzt. Ihr Führer wagte es nicht, die nächſten beſuchten Pfade einzuſchlagen, da ſie fürchten mußten, auf dieſen von etwaigen Verfolgern eingeholt zu werden. Sie benutzten einſamere Umwege und hielten ſich hin und wieder in den natürlichen Verſtecken auf, welche Felsklüfte oder Baumgruppen darboten, während der ſie begleitende Diener Reduan's umherſpähte, ob vielleicht Abgeſandte des Sultans nahten. So lange wie möglich blieben ſie im Schutz der Berge. Mit der wieder her⸗ einbrechenden Nacht trat jedoch bei Elvira die Reaction nach den vielfältigen erlebten Aufregungen ein und ſie fühlte eine ſolche Erſchöpfung, daß ſie zur Weiterreiſe vollkommen unfähig war. Glücklicher Weiſe trafen ſie 183 eine Bauernhütte, in welcher ſie nicht nur während des nächſten Tages, ſondern auch während der auf dieſen fol⸗ genden Nacht verbleiben mußten. Dann erſt konnte El⸗ vira ihr Pferd wieder beſteigen. Ihr Führer geleitete ſie nun noch an die Grenze des mauriſchen Gebietes, die er nicht überſchreiten wollte. Hier aber bemerkten ſie, daß die Ebene vor ihnen mit mauriſchen Kriegerhaufen an⸗ gefüllt war, welchen ſie auf keinen Fall in die Hände fallen durften. Sie mußten alſo abermals einen Seiten⸗ pfad einſchlagen, und ſo geſchah es, daß ſie, nachdem ſie auf ihren verſchiedenen Umwegen wohl die fünffache Weite der geraden Entfernung zurückgelegt hatten, erſt am Nachmittage in die Nähe des Dorfes Zubia gelang⸗ ten, wo ſie ſich der dort befindlichen chriſtlichen Heeres⸗ abtheilung anſchließen wollten. Es war natürlich, daß das enge Zuſammenleben dieſer Tage die beiden jungen Leute weit näher mit ein⸗ ander bekannt machte, als dies unter gewöhnlichen Um⸗ ſtänden hätte ſein können. Arnold ergriff mit Freuden dieſe Gelegenheiten, um ſeiner Angebeteten alle jene zar⸗ ten Dienſte zu leiſten und dieſe mit allen jenen Zeichen des innigſten Intereſſes zu begleiten, welchen die Liebe eine ſo vielfältige Bedeutung beilegt. Die Anhänglichkeit, welche ſie ſich gegenſeitig in ſo gefahrvollen Proben ge⸗ zeigt, hatte ſie feſt verbunden; ihre gegenſeitige Zunei⸗ 184 gung lebte als eine beſtimmte Thatſache in ihnen und Keines zweifelte an dem Herzen des Andern. Elvira war von Anfang an für Arnold der Inbegriff ſo hoher Gei⸗ ſtesbildung geweſen wie die Königin Iſabella ſelbſt; ihre äußeren Vorzüge erregten ſeine Bewunderung nur zu lebendig. Sie hatte ihn an Tapferkeit und Edelmuth dem beſten Ritter des chriſtlichen Heeres gleich gefunden, und bemerkte nun mit freudiger Ueberraſchung, daß ſeine geiſtige Ausbildung diejenige vieler von ihnen weit über⸗ träfe. Alle jene innige Sympathie, welche Beide bis da⸗ hin in den Momenten der höchſten Aufregung gegenſeitig kund gegeben, befeſtigte ſich nun in den tauſend kleinen Einzelheiten des gemeinſamen, täglichen Lebens, und wir wollen nicht entſcheiden, ob ihre Gefühle ganz freudiger Natur waren, als ſie das Ende ihres irrenden Zuges, mit ihm aber auch das ihres engeren Beiſammenſeins vor ſich erblickten. Es umgab ſie indeſſen trotz dieſer nahen Beziehungen, trotz ihrer langen, vertrauten Unter⸗ haltungen, noch immer jene poeſievolle Romantik, welche dem Gegenſtande der Huldigung dieſe knieend darbrachte; welche eine Schleife oder eine Blume als höchſtes Zeichen der Gunſt betrachtete, und welche einen Handkuß für das größte Glück hielt, welches der Anbetung des Liebenden lohnen konnte. Es war alſo auch Arnold nur der Donna Elvira unmittelbar nahe getreten, wenn ſie wirklich ſei⸗ 185 nes Beiſtandes bedurfte. Nur dann hatte ſein Arm ſie geſtützt und berührt, und ſo heiß ſeine Liebe war, ſo hatte er deren glühende Aeußerungen nicht wiederholt, ſeit deren Gegenſtand in ſeiner Ehre ihren einzigen Schutz fand, nachdem ſie den Kerkerthurm verlaſſen hatten. Elvira hatte durch die eigenthümlichen Umſtände, unter denen ſie zuerſt Arnold geſehen, durch ſeine dabei gezeigte Furchtloſigkeit und Faſſung ſogleich ihr Intereſſe für ihn erregt gefühlt. Selbſt unter den Tauſenden, wel⸗ che das Gewühl des Lagerlebens einſchloß, hatte ſie ihn ſchon damals nicht ganz aus den Augen verloren. Dies Gefühl erhöhte ſich zu einer warmen, dankbaren Zunei⸗ gung, als er ſie von der gewaltthätigen Zudringlichkeit des verkleideten Maurenkönigs befreite. Seine dabei ihr geweihte Huldigung berührte ſie angenehm; doch blieb ihre Erwiederung immer nur jene herablaſſende Gunſt, welche eine Dame von fürſtlicher Abkunft einem Unter⸗ gebenen beweiſen konnte und durfte. Wieder ſah ſie ihn in dem nächſten entſcheidenden Momente ihres Lebens an ihrer Seite, immer in wandelloſer Treue bereit, für ſie und ihre Sicherheit das Seinige dahin zu geben. Es ſteigerte ſich die Wärme ihrer Empfindung jetzt ſo ſehr, daß ſie den Unterſchied vergaß, den die Verhältniſſe zwiſchen ihr und ihrem edelmüthigen Vertheidiger feſt⸗ ſtellten, und nur bemüht war, ihn von dem möglichen 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 12 186 Verderben zu erretten, das ihn in Folge ſeiner Verthei⸗ digung bedrohte. Bei den abermaligen dringenden Be⸗ ſtürmungen Boabdil's hielten ihr Stolz und ihre Ent⸗ ſchloſſenheit ſie aufrecht; ſie ließen ſie lieber den Tod als den beneideten Platz einer mauriſchen Favoritſulta⸗ nin wählen. Ob ihre Abneigung gegen den Maurenkönig, ihre Anhänglichkeit an die Lehre des Kreuzes und an die Sitten ihrer Heimath die einzigen Beweggründe ihrer hartnäckigen Weigerung waren, oder ob ſich zu dieſen ihre in der innerſten Herzenstiefe gehegte Vorliebe für Arnold geſellte, laſſen wir dahin geſtellt ſein. Jeden⸗ falls war bei dem abermaligen, unerwarteten Wiederſehen ihre Freude nicht viel weniger lebhaft als diejenige Ar⸗ nold's; und als in der Erregung des Augenblicks ihre Worte kundgaben, daß ſie ſeine Liebe erwiedere, wurde ſie ſich dieſes Gefühls erſt ſelbſt klar bewußt. Ihre weib⸗ liche Schwäche, welche ſie zwar unterdrückt hatte, kei⸗ neswegs jedoch ganz verleugnen konnte, fand wieder ihre willkommenſte Stütze in Arnold's erprobter Treue, und ſie vergaß jede andere Empfindung außer ihrer Liebe, als ſie durch die Drohung eines ſelbſtgewählten Todes ſeine einſtweilige Schonung von dem Sultan ertrotzte. Als nun aber gleich darauf die Beſchuldigung ſeines Liebesverhältniſſes mit Zoraya gegen Arnold erhoben . wurde, als er dieſes durch ſein Schweigen einzuräumen 187 ſchien, wurde ſie gleich ſehr von Scham und Zorn er⸗ füllt. Zu dem Stolz der ſpaniſchen Grandin geſellte ſich derjenige des beleidigten Weibes, und ihre verachtungs⸗ volle Erbitterung gegen Arnold war jetzt ſo groß wie vorhin ihre Liebe zu ihm. Sie überließ ihn kalt dem finſtern Schickſal, das er verdient zu haben ſchien, und wähnte ihre innigſten und heiligſten Empfindungen von einem Unwürdigen verhöhnt. Dieſe verſchwiſterten ſich mit einem tiefen, innern Weh, als ſie ihn fortführen ſah, wobei ſie ſich ſchweigend eingeſtehen mußte, daß mit ſeiner Trennung von ihr jedes irdiſche Glück für ſie da⸗ hin ſei. Wiederum erlitten ihre Gedanken einen voll⸗ ſtändigen Umſchwung, als ſie die Wahrheit aus dem Munde des Hebräers erfuhr, und es beſeelte ſie das lebhafteſte Verlangen, Arnold ſelbſt ihre Reue auszuſpre⸗ chen. Alle ſelbſtverläugnende Großmuth ihrer Seele trat wieder mit ihrer neu erwachten Liebe hervor, und trotz der großen Bedrängniß ihrer Lage verſchmähte ſie jede Rettung für ſich ſelbſt, wenn der ſchuldloſe, von ihr ſo ſchwer beleidigte Geliebte nicht in dieſe mit eingeſchloſ⸗ ſen würde. Eine umfaſſende Verſtändigung, eine voll⸗ ſtändige Aufklärung aller möglichen Mißdeutungen er⸗ folgte ſo bald wie die Flüchtenden ihren erſten Ruhe⸗ punkt erreichten, und ſie verbrachten alle übrigen Stun⸗ den ihres Beiſammenſeins in jenem freudigen Zuſtande * 188 gegenſeitiger Befriedigung, welcher einer umfaſſenden, verſöhnenden Erörterung zwiſchen Liebenden unter allen Himmelsſtrichen zu folgen pflegt. Allein jetzt waren ſie im Begriff, in ihre früheren Verhältniſſe zurückzukehren, und wieder dehnte ſich weit jene Kluft zwiſchen ihnen aus, welche die Enkelin der arragoniſchen Könige von dem deutſchen Lanzenträger ſchied. Elvira ſagte ſich, daß ihre Liebe zu einem Manne, deſſen einziger Beſitz ſein Schwert und ſeine Tugenden, deſſen Stellung nur diejenige eines tapfern Kriegers unter den Tauſenden ſei, die unter den Fahnen der katho⸗ liſchen Herrſcher dienten, ein Traum ihrer Jugend blei⸗ ben müſſe, deſſen Ende jetzt herangekommen ſei. Keine Ausſicht zeigte ſich, daß dieſe Liebe jemals auf Erden zu einem befriedigenden Ende gelangen könne— nie konnte Elvira von Biana die Gattin Arnold Waller's wer⸗ den.— Sie waren auf einem Platze angelangt, wo das ſilberklare Gewäſſer einer Quelle aus dem Felsgrunde hervorſprudelte. Eine Gruppe von Mandelbüſchen und Olivenbäumen zog ſich an ihrer einen Seite hin und ver⸗ deckte ſie theilweife den über die Ebene Herannahenden. Beide waren von ihren Pferden geſtiegen, welchen ſie eine kurze Raſt und eine Erfriſchung durch das kühle Waſſer gönnen wollten. Arnold war beſchäftigt, die 189 Thiere zu dieſem zu führen und ihr Geſchirr am Kopfe zu löſen, während Elvira über den raſigen Grund bis an das Ende des Gebüſches ging. Sehr bald kehrte ſie zurück; Arnold trat ihr entgegen; der Hufſchlag einer Anzahl Roſſe wurde in der Ferne hörbar. „Arnold,“ ſprach ſie,„es naht ein Haufen der Unſern. Ich habe die Farben von Arragonien erkannt. Wir wollen uns ihnen anſchließen. Unſere Irrfahrt wird hiermit beendet ſein.“ Eine tiefe Schwermuth blickte durch das Lächeln, welches ſie zu erzwingen ſuchte. Arnold verſtand ſie nur zu wohl. Faſt angſtvoll war ſein Ton, als er rief: „So müſſen wir ſcheiden, Elvira, ſcheiden von un⸗ ſerer Liebe und von unſerm Glück? Es wird uns genom⸗ men, wenn andere Menſchen ſich zwiſchen uns drängen, die mir durch jedes Wort und jede Bewegung höhnend zurufen, daß ich nur der arme rangloſe Abenteurer bin, dem ſogar noch die Ritterwürde fehlt; daß es frecher Hochmuth ſein würde, wenn ich die Augen zu Dir er⸗ heben wollte!“ „Wir müſſen uns trennen!“ ſprach ſie dumpf. In dieſen wenigen Worten drückte ſie alle Qual aus, die auch ihre Seele erfüllte. „Bald wirſt Du Dich Deinem Stande gemäß ver⸗ mählen,“ fuhr er außer ſich fort.„Der König wird nicht 190 länger ſäumen, einen ſeiner Granden durch Deine Hand noch feſter an ſich und ſeinen Thron zu ketten. Dann biſt Du mir auf ewig entriſſen!“ „Nein, Arnold!“ verſetzte ſie.„Wenn ich nicht die Deinige werden kann, ſo ſoll auch kein anderer Mann mich beſitzen. Ich werde unvermählt bleiben und das An⸗ denken an Dich und an meine einzige Liebe ſoll mich un⸗ getrübt bis in das Grab geleiten!“ „Aber es geſchehen Wunder durch den Willen Got⸗ tes anderswo und hier in dieſem Lande!“ rief der junge Mann im bitterſten Weh.„Wenn es dennoch wäre, wenn ich den Sieg über alle dieſe aufgethürmten Hinderniſſe erränge; wenn dieſe ſtolzen Granden gezwungen werden könnten, mich in ihre Reihe aufzunehmen; wenn ich Dich zu gewinnen vermöchte— willſt Du dann Deine Hand in die Meine legen, dann den Bund unſerer Herzen noch einmal beſiegeln?“ „Wenn dies möglich wäre,“ ſprach Elvira leiſe und bebend, indem eine hohe Röthe ihre Wangen färbte und ihr Blick ſich vor der Glut des ſeinigen ſenkte,„ſo würde ich Dir als Dein Weib zum Altare folgen— Dein im Leben wie im Tode ſein!“ Ein Jubelruf tönte aus ſeinem Munde. Sie ließ es geſchehen, daß er ſie in ſeine Arme ſchloß und einen Kuß 191 auf ihre Lippen drückte. Dann entwand ſie ſich ihm und ſagte wieder leiſe: „Lebe wohl einſtweilen, Arnold! Vielleicht fügt es Gott, daß wir uns dennoch einſt fröhlich wiederſehen!“ Sie trat jetzt auf den Weg hinaus, der hinter den Bäumen ſich hinzog. Arnold folgte ihr bald, indem er die beiden Pferde am Zügel führte. Arragoniſche Reiter waren dicht vor ihnen. Sie erkannten den König und den Herzog von Cadix. Dieſe hielten ihre Roſſe an, als ſie Donna Elvira auf ſich zukommen ſahen. „Wie,“ rief Ferdinand,„ſehe ich recht? Donna Elvira von Viana! Wie kommſt Du auf dieſe unſichere Landſtraße, die heute ſo heftig von den ungläubigen Hei⸗ den bedroht wird? Faſt ſollte man nach Deinem Anzuge glauben, daß Du zu ihnen und nicht zu uns gehörteſt?“ Der König ſprach hierdurch unwillkürlich den Wunſch aus, der ſo lange ſchon heimlich in ihm gelebt hatte, indem er ſeine und nicht ungern vermißte Nichte mit den Augen maß. Dieſe entgegnete: „Ich bin vor zwei Tagen aus der Alhambra in einer Kleidung entflohen, wie ich ſie mir dort zu ver⸗ ſchaffen vermochte, mein königlicher Oheim, und begebe mich nun als Dame und Grundbeſitzerin von Arragonien in den Schutz Eurer Hoheit.“ „Der ſoll Dir werden, ſchöne Nichte!“ ſagte der 192 König mit ritterlicher Artigkeit.„Allein ich treffe Dich auf ſeltſame Weiſe. Ich ſehe keine andere Begleitung bei Dir, als dieſen jungen Mann, den man für einen mauri⸗ ſchen Krieger halten müßte, wenn nicht ſein Geſicht einen anderen Stempel trüge.“ „Er iſt mit mir in jenem Gefecht gefangen wor⸗ den, mit welchem man uns auf unſerer Wallffahrt nach Cordova überfiel, und hat mich dann auf meiner Flucht begleitet,“ entgegnete Elvira.„Sein tapferer Arm hat mir die weſentlichſten Dienſte geleiſtet.“ „Auf jeden Fall biſt Du lange genug allein mit ihm geweſen, um dieſe Dienſte gehörig anerkennen zu können; ich will nicht fürchten, daß meine Nichte, wenn ſie im Drange der Gefahr genöthigt war, eine irrende Dame zu werden, ſich feſter an einen unbekannten Aben⸗ teurer gehängt hat, als dies unumgänglich nothwendig war. Ein junger, hübſcher Burſche iſt auf einer langen, nächtlichen Reiſe immer eine mindeſtens eben ſo gefähr⸗ liche Begleitung, wie ein feindlicher Heide.“ Dieſe Worte waren offenbar in höchſt übler Laune geſprochen; wirklich war Elvira von Viana nie weniger in der Gunſt ihres Oheims geſtanden, als in dieſem Au⸗ genblicke, da er ſie, von deren Gegenwart er auf lange befreit zu ſein glaubte, ſo plötzlich wieder neben ſich ſah. Aber dieſe unverdiente Unfreundlichkeit rief Elvirens 193 ganze Seelenſtürke wieder zurück. Anſtatt eine Einſchüch⸗ terung zu verrathen, ſagte ſie mit ruhiger Würde: „Eure Hoheit wolle geruhen mich zu hören, ehe Ihr Euer Urtheil über mich fällt. Dieſer Mann iſt mir an dem heißen Tage des Gefechtes als der letzte Ver⸗ theidiger zur Seite geblieben und hat Noth und Todes⸗ gefahr mit mir getheilt. Sein letztes Verdienſt um mich iſt das ſichere Geleit, das er mir ſo ehrenvoll wie der beſte Ritter bis zu Euch gegeben hat. Ich empfehle ihn auf's Dringendſte Eurer Gnade, denn er verdient ſie. Uebrigens ſeid Ihr im Irrthum befangen, wenn Ihr vorausſetzt, daß ich mich mit leichtfertigen Gedanken be⸗ ſchäftigt hätte. Sie ſind im Gegentheil auf den ſichern Hafen eines Kloſters gerichtet, in das ich baldigſt einzu⸗ treten wünſche.“ „So beſteige Dein Roß und geſelle Dich zu uns, Donna Elvira,“ ſprach der König, indem ſein gewöhnlich ſo undurchdringliches Antlitz einen unwillkürlichen Freu⸗ denſtrahl durchblicken ließ.„Theile uns alle Deine Aben⸗ teuer mit, während wir Dich zur Königin geleiten. Dieſe iſt nicht weit von uns in einem Hauſe des Dorfes, von wo aus ſie die beſte Ueberſicht der Stadt hat. Von dem einen Fenſter aus erblickt ſie den ſchönſten Theil von Granada und der Alhambra. Doch haben dieſe ver⸗ ruchten Sarazenen etwas davon erfahren und nahen ſich 194 uns mit Feuer und Schwert. Die Königin wollte das Vergnügen dieſes Tages nicht durch Blutvergießen ge⸗ trübt ſehen, und ich habe daher unſerm Herzog von Ca⸗ dir befohlen, ſich diesmal nicht mit dem Feinde einzu⸗ laſſen.“ „Doch fürchte ich,“ bemerkte der Herzog,„daß Eure Hoheit genöthigt ſein wird, mir andere Ordres zu geben. Ich habe mich zum Schutze der königlichen Perſonen jen⸗ ſeits des Dorfes mit einer anſehnlichen Truppenmacht aufgeſtellt; wenn die Mauren ihre Angriffe fortſetzen, ſo werden auch meine Krieger ihre Waffen nicht blos zu ihrer Vertheidigung gebrauchen müſſen.“ Elvira ritt nun an der Seite des Königs weiter, während Arnold ſich dem Nachtrab anſchloß. Bald ge⸗ langte der Zug in das Dorf, wo Elvira ſich ſogleich zu der Königin begab, um dieſer gleichfalls alle Erlebniſſe der letzten Zeit zu erzählen. Der König ging wieder vor das Haus hinaus, wo ſich ein Kreis ſeiner Heerführer und Ritter verſammelt hatte. Man erblickte das Gewühl des Kampfes, der ſich noch auf einige Scharmützel mit den Vorpoſten beſchränkte, in einiger Ferne vor ſich; immer ſich mehrend wurden nach und nach die chriſtlichen Trup⸗ pen etwas in Unordnung gebracht. Es mußten dieſe alſo jetzt ihre beobachtende Haltung aufgeben. Der Her⸗ zog von Cadir beſchloß mit Bewilligung des Königs 195 ſeinerſeits einen jener verzweifelten Angriffe zu wagen, die oft ſchon den Feind über den Haufen geworfen hatten. Er ſtellte die Seinigen in Schlachtordnung. Don Fer⸗ nando del Pulgar, genannt der Ritter der Siege, rückte mit den geübteſten Reitern gegen die ſarazeniſche Caval⸗ lerie vor, während die übrigen Truppen in einzelne Schaaren abgetheilt wurden. Einige von dieſen ſollten den Feind auf verſchiedenen Punkten zugleich angreifen, andere die nahe liegenden Hecken und Baumpartien an⸗ zünden. Man ſah, wie Boabdil ſein weißes Streitroß zwiſchen den ungeſtümen Haufen ſeines Fußvolks umher⸗ tummelte und ſie mit kurzen Anreden aufmunterte, ihre Bewegungen zu regeln. Da er ſich auf dieſes am we⸗ nigſten verlaſſen konnte, ſo hielt er ſich am meiſten unter ihm auf. An der Spitze ſeiner berühmteſten Ritter und ſeiner rieſigen Afrikaner ſuchte er mit der verzweifelten Tapferkeit deſſen, der ſein Alles zu vertheidigen hat, jede Gefahr auf. Wo er war, wendete ſich der Kampf zu den Gunſten der Seinigen. Durch die Mannöver der Chriſten hatte ſich der allgemeine Kampf in eine Menge kleiner Gefechte aufgelöſt. Fern und nah boten ſich Scenen des hartnäckigſten Handgemenges. Nun auch ſtieg auf meh⸗ reren Stellen eine feurige Lohe zum Himmel; einzelne chriſtliche Schwadronen kamen hinter den von ihnen an⸗ gezündeten Gebüſchen hervor und der rothe Schimmer 196 ließ das Eiſen ihrer Rüſtungen glühend erſcheinen, wäh⸗ rend ſie langſam und feierlich ſich den bewegten Reihen des ſarazeniſchen Fußvolks näherten und endlich mit dem Ruf:„Spanien und St. Jago!“ unaufhaltſam auf die⸗ ſes eindrangen. Hoch aber über den Köpfen aller Mau⸗ ren flatterte ihre große, weiße Fahne, welche ſie durch überirdiſche Geiſter beſchützt, durch Zauber gefeit glaub⸗ ten. Auf dieſer heiligen Standarte waren ein Halbmond und ein großer Schlüſſel ſichtbar. Mit dieſen Emblemen, dem Gegenſatze des Kreuzes, hatten die Sarazenen vor Jahrhunderten Andaluſien unterjocht, und wo ſie vorüber⸗ getragen wurden, ſchloß Jeder die Augen und mur⸗ melte Sprüche aus dem Koran. König Ferdinand hatte eine reich mit Gold verzierte Rüſtung und einen Helm mit wallender Feder angelegt, auf dem man ein kronenartiges Diadem erblickte. Auf dem Hügel ſtehend ſprach er: „Dies verwünſchte Banner wird uns zum Hohn und Trotz wieder vorgeführt! Dieſe Ungläubigen wollen es uns in's Gedächtniß rufen, daß bei unſerm letzten Gefecht mit ihnen unſere Fahne herabgeriſſen und in den Staub getreten wurde, und daß ſie die ihrige triumphirend über der Unſrigen erhöhten.“ „Dieſe Schmach iſt noch ungerächt! Sie muß heute 197 geſühnt werden!“ riefen die ſpaniſchen Ritter laut, in⸗ dem ſie zornig an ihre Schwerter ſchlugen. „Wohlan denn, Sennores! Wir müſſen ſie heute erbeuten und mit Hilfe des heiligen Jago dieſe Heiden für immer entmuthigen!“ ſprach der König.„Laßt uns Alle unſer Augenmerk auf dieſes Banner richten. Wer es mir bringt, dem ſoll großer Lohn werden! Wenn er unvermählt iſt, ſo wähle er unter den edelſten Damen unſeres Hofes ſich eine Gemahlin, und er kann meiner Fürſprache gewiß ſein. Iſt er ein Ehemann, ſo ſoll ihm eine reiche Beſitzung in dieſem unſern zu erobernden Kö⸗ nigreiche Granada verliehen werden— vorausgeſetzt, daß er von edlem Blute und ein wirklicher Ritter iſt!“ „Mit Gott und St. Jago! Lange lebe der König! Caſtilien! Caſtilien!“ riefen die Spanier wie aus einem Munde. Nun führte der König dieſe Heldenſchaar ſelbſt in die feindlichen Reihen, indem das große Banner von Spanien zwiſchen ihnen flatterte und Trompeten und Pauken um ſie erſchallten. Auch die Feldgeſchütze der Chriſten waren herangekommen, und es miſchte ſich der Donner der Lombarden mit demjenigen der Büchſen und Kanonen der Mauren, Verderben auf Alle ſchleudernd, die in ihren Bereich kamen. Alle blutigen Schrecken des Krieges waren entfeſſelt, und noch einmal ſchwankte die Wage des Schlachtenglückes heute wie ſeit zehn Jahren 198 zwiſchen den Streitern des Kreuzes und jenen des Halbmondes.— Arnold hatte ſich baldmöglichſt aus der Nähe des Königs entfernt, um ſeine auffallende Kleidung mit der paſſenderen eines chriſtlichen Kämpfers vertauſchen zu können. Er wünſchte auch zu dieſem Zwecke zu ſeinen Schweizer Waffengefährten zu gelangen, doch konnte er nichts von ihnen gewahren. Noch mit dem vergeblichen Umherſpähen beſchäftigt, bemerkte er einen ritterlich Be⸗ waffneten, der allein einherſchreitend ihm entgegen kam. „Sennor,“ ſagte Arnold,„werdet Ihr mir Aus⸗ kunft geben können, ob ich auf dieſem Wege zu den Schweizer Fußſoldaten gelange? Die Richtung, welche man mir bisher angab, muß eine verkehrte ſein, da ſie mich nicht zu ihnen führt.“ „Schließt Euch mir an, denn ich ſuche ſie gleich⸗ falls,“ antwortete der Gefragte wohlwollend.„Ihr müßt umkehren, wenn Ihr ſie baldmöglichſt erreichen wollt.“ Die Stimme kam Arnold bekannt vor. Er wandte ſich ſchnell und ſetzte ſeinen Weg an der Seite des eilig Weiterſchreitenden fort. Dieſer fügte darauf mit einem Blick auf die ſeltſame Kleidung des jungen Mannes hinzu: „Euer Aeußeres gleicht mehr einem Ungläubigen als einem Chriſten. Vielleicht ſeid Ihr ein Gefangener 199 der Mauren geweſen und dieſen entflohen, um Euch den Unſern wieder anzuſchließen?“ „So iſt es. Ich bin ein Schweizer und wünſche den Ruhm und die Gefahr dieſes heißen Tages mit meinen Gefährten zu theilen. Mein nächſtes Verlangen ſteht nach einer andern Kleidung, damit man mich wirklich für einen der Unſern anerkenne und mich nicht mehr mit dem verfluchten Feinde des Kreuzes verwechſele.“ „Da iſt unſer Zuſammentreffen ein beſonders glück⸗ liches zu nennen,“ erwiederte der Fremde,„denn ich bin von dem Herzog von Cadir mit einer Botſchaft an Don Gonſalvo de Cordova geſchickt worden, welcher ſich mit der Legion der Schweizer vereinigt hat, und hoffe daher ihn baldigſt zu erreichen. Uebrigens glaube ich, daß Ihr in jenem Hauſe die nothwendige Kleidung finden werdet; denn ich hörte vor Kurzem, daß man dort allerlei An⸗ züge und Kriegsbedarf niedergelegt habe.“ Ohne ſeinen raſchen Schritt einen Augenblick zu unterbrechen, deutete er auf ein kleines Gebäude, welches einige hundert Schritte vor ihnen ſeitwärts am Wege lag. Arnold verſetzte immer neben ihm hergehend: „Ich bin Euch für dieſe gute Kunde zum Dank ver⸗ pflichtet, edler Herr, und werde ſie mir baldmöglichſt zu Rutze machen. Allein wer ſeid Ihr? Nennt mir Euren 200 Namen, damit ich weiß, wer ſich mir ſo freundlich und gefällig beweiſt.“ „Ich heiße Chriſtobal Colon,“ antwortete der Ge⸗ fragte. „Ha,“ ſagte Arnold,„ich habe von Euch gehört und ſah Euch früher in Santa Fe. Ihr ſeid der Mann, der eine neue Welt auffinden will. Ihr verließet jedoch das chriſtliche Lager und man glaubte Euch an der Küſte des Mittelmeers.“ „Ich bin von dort wieder nach Santa Fe zurück⸗ gekehrt,“ erwiederte Columbus,„und diene im ſpaniſchen Heere, bis dieſer Krieg beendet iſt oder man mich an⸗ derweitig anſtellen will. Mit Gott und unſerer Frau werde ich ſtets Alles thun, ſo weit meine Kräfte reichen, um dem Chriſtenthum und der Menſchheit zu nützen!“ Man ſah jetzt in einiger Entfernung Don Gon⸗ ſalvo vorüberſprengen. Columbus beflügelte ſeine Schritte noch mehr, um zu ihm zu gelangen, während Arnold das Haus zu erreichen ſuchte. Wirklich fand er hier eine Anzahl militäriſcher Kleidungsſtücke und Waffen, von denen man ihm einige überließ, ſo daß er ſein Aeußeres demjenigen eines Schweizer Soldaten ähnlich machen konnte. Er erfuhr hier, daß die Legion der Schweizer Befehl bekommen habe, ſich vom Lager aus zur Unter⸗ ſtützung der mehr und mehr bedrängten Spanier in die 201 Ebene zu begeben. Manche andere Haufen wurden ſeit⸗ wärts herbeigezogen, ſo daß die Chriſten ſich mehr und mehr verſtärken konnten. Dadurch wurden jedoch auch die Einzelgefechte immer lebhafter. Arnold ſchlug wieder die ihm von Columbus bezeichnete Richtung ein, doch mußte er manchen heißen Kampf beſtehen, ehe er bis zu den Schweizern durchdringen konnte. Es verſtrich alſo eine geraume Zeit, bis er abermals Don Gonſalvo's weißen Federbuſch gewahrte. Schon warfen die Hügel längere Schatten auf die brennenden Büſche und auf die blut⸗ gerötheten Fluthen des Darro. Das ärgſte Getümmel tobte um die große Fahne des Halbmonds. Hin und wie⸗ der verſchwand ſie in den gedrängten Reihen, und wurde dann wieder ſichtbar, als träte ſie wie ein nächtliches Geſtirn hinter Wolken hervor. Auch die Phalanx der Schweizer näherte ſich dieſem Punkt und rückte mit tau⸗ ſend ausgeſtreckten Lanzen als„Stachelſchwein“ gegen die Standarte vor. Nun warfen Reduan Benegas, Ha⸗ met Zeli und die übrigen Zegris ſich mit dem größten Theile ihrer Reiterei dem König Ferdinand und den ihm folgenden, auf mehrere Tauſend angewachſenen, Hau⸗ fen entgegen, um dieſe auf der andern Seite aufzuhalten. Boabdil's ſchöner, goldblonder Bart erregte die Be⸗ wunderung der Chriſten, als er ſich in der dunkeln Rü⸗ ſtung auf ſeinem weißen Pferde noch einmal an der 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 13 202 Spitze ſeiner ſchrecklich gelichteten Leibwache in den dich⸗ teſten Kampf ſtürzte, um das weiße Symbol der heidni⸗ ſchen Macht zu vertheidigen. Für den Augenblick hörte alle Disciplin auf und die Heerführer fochten wie ge⸗ meine Krieger im Handgemenge. Arnold ſtieß in wilder Kampfeswuth mit ſeiner Lanze um ſich, und zog nun ſein Schwert, um den Schaft des ihm ziemlich nahen Ban⸗ ners niederzuhauen. Allein Boabdil's krummer Säbel funkelte plötzlich ſeitwärts an ſeinem Halſe. Er ſah ſich genöthigt zurückzutreten und ſein Leben gegen die wü⸗ thenden Angriffe des Sultans zu vertheidigen, bis dieſer auf einige Sekunden ſeinen Säbel ſinken ließ. Auch Ar⸗ nold hielt vor Erſchöpfung inne und rief: „König Boabdil! Hier in der ehrlichen Schlacht iſt ein beſſerer Kampfplatz für mich, als im Harem Deiner Alhambra, und Du biſt mir auf dem Felde der Ehre ein würdigerer Widerſacher als im Thurm des Co⸗ mares!“ „Ha, verfluchter Ungläubiger! Endlich ſoll Dich der längſt verdiente Lohn Deiner Frechheit ereilen!“ rief Boabdil außer ſich, indem er ſeine leichte Lanze gegen Arnold ſchleuderte. Dieſer fing ſie jedoch mit ſeinem Schilde auf und der Kampf entbrannte heftiger als zu⸗ vor. Plötzlich hörte man ein wildes und verzweifeltes Ge⸗ heul aus den Reihen der Mauren. Das Banner mit dem 203 Halbmond ſank, denn das Schwert eines andern Schwei⸗ zers hatte nun Arnold's Abſicht vollführt und die Stange zerhauen, ſo daß er es triumphirend erbeuten konnte. Im nämlichen Augenblicke traf ihn jedoch der ſchwere Streit⸗ kolben des Sultans von hinten, ſo daß er zum Tode ge⸗ troffen umſank, ohne die Fahne aus den Händen zu laſſen. Arnold ſtellte ſich vor den Getroffenen und ſetzte ſeine raſtloſen Angriffe auf Boabdil fort, ſo daß dieſer ſich ihrer kaum mehr erwehren konnte. Nun aber eilte eine berittene Schaar zur Deckung des Sultans herbei und brachte ihn aus dem Getümmel. Jetzt kehrte auch die mau⸗ riſche Infanterie fliehend um und die Verwirrung nahm Ueberhand. Abermals friſch angelangte chriſtliche Trup⸗ pen griffen ſie auf's Neue an und Boabdil ſah ſich bald mit bitterem Schmerze von ſeinem Heere verlaſſen und nur noch von einem geringen Theil ſeiner Leibwache und ſeiner Ritter umgeben. „Ergieb Dich, Boabdil el Chico!“ rief ihm Don Gonſalvo zu.„Es iſt keine Rettung mehr für Dich!“ „Niemals, beim Grabe des Propheten!“ rief der Sultan wild. Er gab ſeinem Pferde die Sporen und drang in den Lanzenwall hinter ihm ein, ſo daß er mit ſeinen letzten Getreuen die chriſtlichen Haufen durchbrach. Dann hielt er an und überſchaute die Vega. Sein Heer 204 floh nach allen Richtungen; nur Reduan Benegas hielt ſich noch mit einem Theil der Reiterei. „Ha,“ murmelte der unglückliche Monarch,„der Untergang des Maurenreiches iſt beſchloſſen über den Sternen. Keine menſchliche Tapferkeit vermag etwas ge⸗ gen den Grimm der übernatürlichen Mächte. Die Geiſter aller in dieſem Lande erſchlagenen Chriſten ſind heute aufgeſtanden und haben unſichtbar mit ihren Brüdern gegen uns gekämpft, ſo daß ihre Stärke verdreifacht war!— Und dieſer ungläubige Lanzenträger iſt mir als mein böſes Schickſal entgegengeſtellt worden— ich muß ihm noch einmal weichen— ein tückiſcher Dämon wird ihm von Anfang an zur Seite geſtanden und ſeinen übeln Einfluß gegen mich gewendet haben!“ Er galloppirte in die Stadt zurück, verfolgt von den Chriſten, die ihn gefangen zu nehmen wünſchten. Da eilte Benegas mit dem letzten Reſt ſeiner Reiter herbei und deckte ſeinen Rückzug. Noch einmal wurde ein Schim⸗ mer des Ruhmes auf die untergehende Größe Granadas geworfen. Sie kämpften um jedes Stückchen Boden, als hielten ſie dieſen mit ihren Armen umklammert. Wieder und wieder ſtürzten ſie in die Mitte der Chriſten, aber nun kamen nach und nach deren ſämmtliche Schaaren heran— und ſie wurden eingeſchloſſen und zurückgedrängt, als ſeien es die Wellen des Oceans, die ſie umflutheten. 205 Immer das Antlitz den wilden Drängern zugekehrt wichen ſie zurück gleich den Löwen, welche in ihre Höhle getrie⸗ ben werden. Reduan war der Letzte, der in den dunkeln Bogengang des Thores einritt, um dann deſſen Schlie⸗ ßung zu beordern— und die untergehende Sonne beleuch⸗ tete mit bleichem Schimmer das Gefilde, auf welchem die letzte Schlacht um das Reich der Mauren in Spanien gekämpft worden.*) Während dieſer letzteren Vorfälle wurde die weiße Fahne der Sarazenen nicht mehr erblickt. Das dichteſte Gedränge um den Punkt, wo Arnold ſtand, hörte all⸗ mählich auf, und zog ſich mehr nach der Seite hin, auf welcher Boabdil von Don Gonſalvo und andern Käm⸗ pfern bedroht wurde. Man glaubte, daß die Muſelmän⸗ ner ihr Panier anderswohin geflüchtet und für den Au⸗ genblick verborgen hätten, daß man es alſo auf einem anderen Punkte ſuchen müßte. Auch Arnold Waller kämpfte noch eine Weile fort, ehe er Zeit fand, ſich nach ſeinem Schweizer Waffengefährten umzuſehen. Der Platz war hinter ihm von Menſchen faſt leer geworden, nur herrenloſe Pferde ſprengten hin und wieder vorüber. *) IFſabella ließ ſpäter in Zubia ein Franziskanerkloſter er⸗ bauen. Das Haus wird noch heute gezeigt, in welchem die Köni⸗ gin der Schlacht beiwohnte. 206 Der Verwundete war auf die erbeutete Fahne nieder⸗ geſunken, während er deren Schaft noch immer krampfhaft in ſeinen Händen hielt, als fürchte er, daß ſie ihm räu⸗ beriſch entriſſen würde. Sie war von dem Blute über⸗ ſchwemmt, das der Wunde entſtrömte, welche der Streit⸗ kolben des Mauren ihm auf dem Rücken verſetzt hatte, und glich einem Leichentuch, auf welches die bald entſeelte Hülle eines Tapferen gebettet war. Arnold beugte ſich herunter, um den Helm zu löſen— und erkannte in den bleichen, ſterbenden Zügen diejenigen ſeines Oheims Michael Waller, von dem er nichts geſehen hatte, ſeitdem er im Gefolge der Königin Iſabella das chriſtliche Lager verließ. „Um der heiligen Jungfrau Willen, Oheim, finde ich Euch ſo wieder?“ rief Arnold erſchrocken.„Ich will Euch in eins der Feldſpitäler bringen, wenn es ſein kann, und einſtweilen Eure Wunde mit einem Stücke von dem Tuche verbinden, welches meinen Hals bedeckt.“ Er wollte ſeinen eigenen Bruſtharniſch löſen, allein der Hauptmann machte ein abwehrendes Zeichen und winkte ihn ſo nahe zu ſich, daß ſein Ohr nur einige Spannen von ſeinem Geſicht entfernt war. In leiſen und gebrochenen Tönen ſagte er: „Laß es gut ſein— der Kolben des Heidenkönigs 207 hat meinen Wirbelknochen auf eine ſolche Weiſe zerſchmet⸗ tert, daß mir auf Erden nicht mehr beſſer werden kann.“ „Ihr habt als ein wackerer Schweizer Eure Wunde hinterrücks empfangen; da wir nur gewohnt ſind, dem Feinde die Bruſt zu bieten, ſo war Euer Rücken un⸗ gepanzert,“ erwiederte Arnold. Der Verwundete machte ein beiſtimmendes Zeichen und ſprach dann in abgebrochenen Sätzen weiter: „Nicht das ganze Heer weiß, welcher Preis vom König auf die Erbeutung des heidniſchen Banners geſetzt worden; nur die Ritter hörten es, die ihn umgaben, als er ihn in Zubia verhieß. Sonſt wäre das Getümmel dar⸗ um noch ärger geworden, wenn dies möglich geweſen. Ich erfuhr es von Don Gonſalvo— aber umſonſt— wenn nicht durch mich, ſo kann durch Dich unſere Fa⸗ milie wieder reich und angeſehen werden— nimm die Fahne— Dir allein gebe ich ſie— ſchneide ſie vom Schaft herunter— und winde ſie als Schärpe um— damit Kei⸗ ner Dich hinterrücks erſchlägt, um ſie Dir abzunehmen— wende Dich damit an Don Gonſalvo, wenn die Schlacht zu Ende iſt— und höre mehr von ihm— ſende eine Botſchaft nach Cölln vom Tode Michael Waller's— erbe was mein iſt— auch dies Banner— und nun ſtoße die Spitze meines Schwertes in den Boden, daß ich auf das Kreuz am Griff blicken— und wie ein gläubiger Chriſt 208 ſterben kann— wenn auch kein Prieſter mir die Abſolu⸗ tion ertheilt.“ Arnold wußte nichts Beſſeres zu thun, als dieſem Verlangen zu entſprechen, denn allerdings zeigten ſich auf dem Antlitze ſeines Oheims mehr und mehr die Merkmale des ſchnell herankommenden Todes. Seine letzten Worte waren ſo leiſe und undeutlich geweſen, daß nur ſein an feine Stimme gewöhntes Ohr ſie verſtehen konnte. Nachdem er ihn in dieſem ſeinem letzten Kampfe unterſtützt, dann ein ſtilles Gebet über ſeiner Leiche ge⸗ ſprochen und dieſe auf eine Stelle getragen hatte, wo ſie von den vorüberkommenden Pferden und Menſchen nicht zertreten werden würde, vollſtreckte er den noch übri⸗ gen Theil ſeines letzten Willens, indem er die Fahne zu ſich nahm, obgleich er die Meinung ſeines Onkels hin⸗ ſichtlich ihrer nicht ganz verſtanden hatte, indem er zu⸗ erſt durch dieſen etwas von der Verheißung König Fer⸗ dinand's erfuhr. Reuntes Capitel. Die Uebergabe Granadas. Die Einſchließung Granadas wurde nach dieſem letzten Gefechte noch vollſtändiger von den Chriſten be⸗ trieben als vorher. Jede Zufuhr aus dem ſpaniſchen Ge⸗ biet der Mauren und aus Afrika wurde ihnen abgeſchnit⸗ ten, die Vega gänzlich verheert. Auch von dem egypti⸗ ſchen Sultan hatte Boabdil Hilfe erbeten, doch war kein Hafen an der ſpaniſchen Küſte mehr im Beſitz der Sa⸗ razenen, in welchem ſie ſicher hätte landen können. Bei der überfüllten Bevölkerung der Stadt machten ſich nach und nach alle Schrecken der Hungersnoth bemerklich. Man ſah nur mehr bleiche, abgezehrte Geſichter auf den Wällen und an den Thoren. Hin und wieder rotteten ſich Volkshaufen zuſammen, welche, von der Gier nach Speiſe geſtachelt, die Brotläden und mehr noch die Häuſer der ZJuden ſtürmten und verwüſteten. Dieſe Letzteren mußten 210 abermals das Stichblatt der Volkswuth abgeben, be⸗ ſonders da ſie zuweilen hohe Preiſe für feilgebotene Le⸗ bensmittel forderten. Die Vorrathshäuſer waren leer, Pferde, Hunde und Katzen mußten als ekle Nahrung die⸗ nen. Unter dieſen ſich täglich mehrenden Schreckniſſen überzeugten ſich endlich Boabdil und ſeine Räthe, daß ſie die Stadt nicht länger würden halten können, und es wurde der Vezier Abul Cazim Abdelmalio an die chriſtlichen Herrſcher geſandt, um wegen der Uebergabe mit ihnen zu unterhandeln. Es mußte dabei jedoch mit der größten Vorſicht verfahren werden; denn das ſo ſehr zur Empörung geneigte mauriſche Volk hegte noch immer Hoffnung auf Hilfe von ſeinen entfernten Glaubens⸗ genoſſen, ohne zu erwägen, wie es möglich werden ſollte, dieſe in die Mauern Granadas gelangen zu laſſen. Fer⸗ dinand und Iſabella beauftragten ihren Geheimſchreiber Fernando de Zafra und Gonſalvo de Cordova mit der Führung der Unterhandlungen; der Letztere war wegen ſeiner genauen Kenntniß der mauriſchen Sprache, der Sitten und Gebräuche, ſo wie wegen ſeiner großen Ge⸗ wandtheit beſonders dazu befähigt. Die Beſprechungen geſchahen Nachts im tiefſten Geheimniß, zuweilen inner⸗ halb der Stadt Granada, zuweilen in dem ungefähr eine Meile davon entfernten, kleinen Weiler Churriana. Mehrere Wochen waren über dieſen Erörterungen 211 vergangen, als Boabdil ſich eines Tages, gefolgt von Reduan Benegas, ſeiner Leibwache und mehreren Be⸗ amten ſeines Hofes in den Thurm des Comares begab. Ein gelber, geſtickter Seidenſtoff, mit ſchwarzem Sammt beſetzt, bekleidete ihn; eine ſchwarze ſammtene Kappe, auf welcher eine Krone ſichtbar war, bedeckte ſeinen Kopf. Allein ſein ſonſt ſo jugendlich ſchönes Antlitz war in dieſen letzten Wochen um Jahrzehende älter geworden, ſeine ſtattliche, kräftige Geſtalt gebückt. Man ſah, welche Seelenkämpfe ſie vor der Zeit gebengt und gealtert hatten. In dem großen Audienzſaal, welcher die Halle der Geſandten genannt wurde, erwarteten ihn ſeine Rä⸗ the, viele ſeiner Krieger und der übrige Theil ſeines Ho⸗ fes, zu beiden Seiten des Thrones aufgeſtellt. Die reich vergoldeten, mit Stuck und mit Arabesken verzierten Wände waren aus Cedernholz, mit allen brennenden Far⸗ ben des arabiſchen Pinſels geſchmückt, und erhoben ſich ſo hoch, daß ihr gewölbtes Dach ſich vor dem ſuchenden Auge ganz in Dunkelheit verlor. Die tiefen, in der gan⸗ zen, ungeheuren Dicke der Mauern angebrachten Fenſter waren mit ſchweren purpurrothen Seidenſtoffen verhan⸗ gen; glänzende Fahnen und ſonſtige Trophäen ſchmückten die Wände. Der Sultan ließ ſich auf ſeinem Throne nieder, und es traten auf ein von ihm gegebenes Zeichen die chriſtlichen Herolde und Abgeſandten ein. In glän⸗ 212 zenden Rüſtungen und mit ehernen Sporen näherten ſie ſich, ihnen voran die edle, ſtattliche Geſtalt Gonſalvo's, ohne Helm, mit einem Mantel von blauem Sammt, auf welchem das ſilberne Kreuz nicht fehlte. In den ſchönen Zügen war nur jene edle Theilnahme zu leſen, welche der Tapfere über einen beſiegten, geachteten Feind em⸗ pfindet, und das Feuer ſeines gebietenden Blickes wurde durch Wehmuth verſchleiert. Er und ſeine Begleiter ver⸗ beugten ſich tief vor dem Sultan und ließen dann einen Herold vortreten, welcher im Namen der katholiſchen Herrſcher den König von Granada zur Uebergabe ſeiner Hauptſtadt in aller Form aufforderte. Es wurde darauf den Mauren bewilligt, daß ſie im Beſitze ihrer Moſcheen bleiben und in der Ausübung ihres Gottesdienſtes nicht behindert werden ſollten. Ihre alten Sitten, Gewohnheiten, ihre Kleidung und ihre Sprache ſollten ihnen verbleiben, ihr Eigenthum geſchützt werden und ſie nach ihren eigenen Geſetzen von ihren Kadis unter Oberaufſicht des caſtiliſchen Stadtbefehls⸗ habers gerichtet werden. Es ſolle ihnen jederzeit freiſte⸗ hen, auszuwandern, wohin ſie wollten, und Schiffe Denen geliefert werden, die innerhalb drei Jahren nach Afrika gehen wollten. Boabdil ſolle über ein beſtimmtes Gebiet in den Algurarras als Lehnträger der Krone Caſtilien regieren. Sechzig Tage nach Unterzeichnung des Vertra⸗ 213 ges ſollten Geſchütz und Feſtungswerke den Chriſten über⸗ liefert werden. Ein tiefes Schweigen herrſchte nach dem Anhören dieſer Bedingungen in dem verſammelten Kreiſe. Endlich ſprach Boabdil mit Hoheit um ſich blickend: „Was iſt Eure Meinung, Krieger und Weiſe?— Sollen wir dieſe Bedingungen annehmen, oder ſoll un⸗ ſere Trompete noch einmal durch die Vivarrambla ertb⸗ nen und wir uns abermals zum letzten Vernichtungs⸗ kampf unter die Feinde ſtürzen?“ „Sonne von Granada,“ antwortete endlich der greiſe Vezier, deſſen Antlitz ſo ſorgenvoll und ſo muth⸗ los war wie diejenigen der übrigen Anweſenden,„ſtreite nicht länger gegen das Schickſal, welches vom Uranfang her voraus beſtimmt wurde. Allah iſt groß!“ Eine abermalige Pauſe trat ein. ZJetzt nahm der Ritterfürſt das Wort:. „Tapferer König, ſträube Dich nicht länger gegen die herbe Nothwendigkeit. Du würdeſt dadurch nur Dein und Deines Volkes Schickſal erſchweren. Blicke von den Thürmen Deiner Alhambra auf unſere unzählbaren Krie⸗ gerſchaaren in der Ebene, und gedenke dann Deines ta⸗ pfern Volkes, welches nicht durch unſere Waffen, ſondern durch Hunger und durch den Willen Gottes überwun⸗ den iſt.“ 214 „Ich erkenne Dein edles Gemüth in der Scho⸗ nung, mit der Du Dich Deiner unwillkommenen Bot⸗ ſchaft entledigſt, tapferer Ritter,“ ſprach Boabdil.„Du wirſt einen Ehrenſäbel zur Erinnerung dieſer Stunde von mir annehmen. Stimmt Ihr mit den Worten des Veziers überein?“ Dieſe Frage richtete er wieder an ſeine verſammel⸗ ten Großen. Ein allgemeines„Ja!“ tönte von ihren Lippen. Der Sultan nahm wieder das Wort und düſterer noch wurde die tiefe Melancholie ſeines Angeſichtes: „So gehe denn, edler Don Gonſalvo, und bringe den Herrſchern von Arragonien und Caſtilien meinen letzten Beſcheid. Mein gekröntes Haupt iſt dem Unglücke verfallen. Die Sterne weisſagten es von meiner Wiege an. Beſſer, ich wäre nie geboren. Die Sitzung des Di⸗ vans iſt beendet.“ Die chriſtlichen Abgeſandten entfernten ſich mit allen Zeichen der tiefſten Ehrerbietung. Nun trat eine all⸗ gemeine Bewegung in der Verſammlung an die Stelle der früheren Stille. Viele drängten ſich herzu und be⸗ netzten Boabdil's Füße und den Saum ſeines Gewandes mit Thränen. Die allgemeine Trauer hatte alle ſonſt widerſtreitenden Meinungen vereinigt und Alle fühlten nur tief den unausweichlich bevorſtehenden Verluſt der Heimath, die ſie ſo lange beſeſſen hatten.— Trotz aller Vorſicht war dem Pöbel dennoch etwas von dieſen Verhandlungen zu Ohren gekommen. Als nun die Gewißheit bekannt werden mußte, verwandelte ſich die Aufregung ſogleich in offene Empörung. Sie bedrohte die Sicherheit des Königs und der Stadt und konnte nur mit Mühe unterdrückt werden. Unter dieſen gefahrvollen Umſtänden hielten der Sultan und ſeine Räthe es für beſſer, den Tag der Uebergabe zu beſchleunigen, und es ſollte dieſe endlich am zweiten Januar 1492 ſtattfinden. Boabdil ſtand in kriegeriſcher Rüſtung, im Hofe der Alhambra, wo ihn ſeine Leibwache und ein kleines Gefolge umgaben. Aeußerlich gefaßt wandte er ſich zu dem Vezier und ſagte: „Mein Harem und Vieles von meinem liebſten Eigenthum iſt ſchon vorausgeſchickt worden. Ich ſelbſt werde jetzt die ſchwerſte Pflicht vollenden, die mir die Herrſcherwürde noch auferlegt hat. Warte eine kurze Weile; übergieb den Chriſten die Feſtung der Alhambra, und folge mir alsdann zu dem neuen Sitz meiner künf⸗ tigen Lehnsherrſchaft.“ „Dein Gebot ſoll ausgeführt werden,“ antwortete der Vezier mit zitternder Stimme, indem er ſich tief ver⸗ neigte. Der Sultan beſtieg ſein milchweißes Pferd, wel⸗ ches ihn ſo oft zum Kampf getragen, ſo oft der ſiegreichen Fahne des Propheten entgegen gewiehert hatte. Reduan . —— ² 216 Benegas ritt an ſeiner einen, Muſtafa an ſeiner andern Seite. Langſam erreichte der traurige Zug das Thor, welches wir noch gegenwärtig von grauen, trümmer⸗ artigen Ruinen umgeben, überwuchert von Weinreben und Feigenbäumen erblicken. Dann gelangte er weiter durch die Gärten, welche jetzt dem Kloſter des ſiegenden Glaubens angehören. Eine Höhe erhebt ſich über ihnen, die heute„der Hügel der Märthrer“ genannt wird. Ueber den Rücken dieſer Anhöhe bewegte ſich die Schaar jener ergrauten Chriſtenſtreiter, welche der Großcardinal von Mendoza führte, um in die Alhambra einzuziehen. Hin⸗ ter dem weißen Roſſe des Kirchenfürſten ging eine lange Reihe von Barfüßer⸗Mönchen. Dieſe Geiſtlichen und die Soldaten hielten, als Boabdil ſich mit ſeinen fünf⸗ zig Rittern näherte, und ſenkten ihre Fahnen und Schwerter zur Begrüßung des ſarazeniſchen Königs. Sie hatten geräuſchlos ihren Weg um die äußeren Wälle ge⸗ nommen, um den Einwohnern der Stadt die Unannehm⸗ lichkeit ihres erſten Anblicks zu erſparen; jetzt ſetzten ſie ihren Marſch fort und erreichten die Stelle, auf welcher ſich nun das Thor von Los Molinos erhebt, um durch dieſes in den Palaſt des mauriſchen Königs einzu⸗ ziehen. Eine Viertelſtunde hatte dieſer Letztere ſeinen Pfad weiter verfolgt, als ihm das ganze ſpaniſche Heer in der 217 Ebene zu ſeinen Füßen ſichtbar wurde. Hell erglänzten im Strahl der Morgenſonne die Helme und Harniſche der chriſtlichen Ritter, ihre Fahnen und Schwerter, ihr wallender Federſchmuck. Man hörte das Stampfen der Roſſe, das Schwertergeklirr und einzelne Commando⸗ worte. So weit der Blick reichte, breiteten ſich die ſtatt⸗ lichen Reihen aus; an der Seite der geſchmückten Ban⸗ ner murmelten wie ſonſt die ſilbernen Wellen des Renil, unbekümmert um den wichtigen Act der Weltgeſchichte, der hier neben ihnen vorging. Nun gab Boabil ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte ſeinem Gefolge voran auf die kleine Moſchee zu, wo die katholiſchen Herrſcher ſich aufgeſtellt hatten. Sie iſt ſeitdem zur Einſiedelei von S. Sebaſtian geweiht worden. In prächtiger Rüſtung, umgeben von den Für⸗ ſten der Kirche, von ſeinen Granden und Prinzen, von ſeinem ganzen, prunkenden Hofe, ſtand Ferdinand. Die Wappen dieſer höchſten Würdenträger, dieſer ſtolzeſten Unterthanen eines mächtigen Monarchen, flatterten weit hin über ihr glänzendes Gefolge. Zur Rechten des Kö⸗ nigs ſtand Iſabella, an ihrer einen Seite die Marquiſe von Moya, an der andern Elvira von Viana, hinter ihnen mehrere andere der höchſten Edeldamen Spaniens. Die Pracht ihrer Gewänder, der Glanz ihrer Juwelen ſtach ſchimmernd ab gegen die hohen Helmzierden und 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 14 218 blanken oder dunkeln Harniſche der Krieger. Nicht weit von der Königin ſtand, wie immer ſonſt, auch heute Gon⸗ ſalvo de Cordova, der ſo viel zur Herbeiführung der heutigen Begebenheit beigetragen hatte, zu ſeiner Linken Fernando de Zafra, der Geheimſchreiber. Boabdil hielt ſein Roß an. Alle ſeine düſtern Empfindungen verbannte er jetzt durch den einen Gedanken, daß er in dieſem wich⸗ tigen Augenblicke die ganze Würde des Erben der Cha⸗ lifen zu repräſentiren habe. Gleichgiltig nur ſtreifte ſein Blick Elvira von Viana; das Weh der Liebe war un⸗ tergegangen in dem großen Leid um Krone und Vater⸗ land. Alle ſchwermüthige Weichheit mußte bezwungen werden; ſein Blick war ruhig, ſein blaſſes Antlitz ernſt und gelaſſen. Sein goldblondes Haar ließ deſſen milde, jugendliche Schönheit noch mehr hervortreten. In maje⸗ ſtätiſcher Haltung näherte ſich der Sohn der langen Reihe der ſpaniſch⸗mauriſchen Herrſcher dem Könige Ferdinand, welcher ihm mit der Königin entgegenritt. Das beiderſeitige Gefolge blieb zurück. Nun wollte Bo⸗ abdil ſchnell vom Pferde ſteigen und zum Zeichen der Huldigung Ferdinand's Hand küßen. Dieſer geſtattete es jedoch nicht, ſondern umarmte ihn mit allen Zeichen der Theilnahme und Achtung, indem er ſagte: „Königlicher Bruder, tröſte Dich über Dein Ge⸗ ſchick! Du haſt heldenmüthig für Deinen Thron gekämpft 219 und Dich nur der göttlichen Macht ergeben, die es alſo wollte. Mögeſt Du ein ſo treuer Freund für Caſtilien und Arragonien bleiben, wie Du deſſen wackerer Feind ge⸗ weſen biſt.“ Boabdil neigte ſich ſchweigend und winkte dann Re⸗ duan Benegas herbei. Dieſer trug auf ſeinem ſilbernen Schilde die Schlüſſel der Alhambra, welche er jetzt knie⸗ end dem Maurenkönige darbot. Boabdil überreichte ſie Ferdinand und ſprach mit ernſter Faſſung: „Dieſe Schlüſſel ſind Dein, o König! Nimm ſie, da Allah es ſo beſchloſſen hat. Er erhöht und erniedrigt die Könige nach ſeinem Willen. Mache von Deinem Glücke einen milden und mäßigen Gebrauch. Granada gehört hinfort Dir und die Moslems erkennen Dich als ihren Herrſcher an!“ „Wir werden ihnen gnädige Gebieter ſein,“ erwie⸗ derte Ferdinand,„unſere Verſprechungen ſollen gehalten werden. Aber ſchönere Hände als die meinigen haben gleichen Antheil auf dieſe Zeichen unſeres Beſitzes; wir wollen ihnen die Schlüſſel von Granada übergeben.“ Er überreichte ſie IJſabellen. Gern hätte die edle Fürſtin einige Worte an Boabdil gerichtet, allein ihre große Seele, die ſo oft in allen Schrecken blutiger Kriegs⸗ begebenheiten unerſchüttert geblieben war, erbebte in tie⸗ fer und ſchmerzlicher Theilnahme, als ſie in die blaſſen, * 220 ruhigen Züge des entthronten Monarchen blickte. Thrä⸗ nen entfloſſen ihren Augen und eine leichte Röthe über⸗ flog das Geſicht des Mauren. Dann ſprach er ernſt: „Große Königin, Du biſt ſo edel gegen das Un⸗ glück, wie ſiegreich in Spanien. Dein Anblick iſt auch dem Herzen Deines beſiegten Feindes wohlthuend. Allah beſchirme Deine Tage!“ Nun wandte er ſich zugleich zu Ferdinand und fuhr 2 „Geſtattet, Ihr beiden Herrſcher von Spanien, daß jenes Thor in der Alhambra, durch welches ich ſie ver⸗ ließ, zugemauert werde. Kein ſterblicher Fuß ſoll es fer⸗ ner betreten, nachdem der letzte Maurenkönig ſeinen Schritt hindurch lenkte.“ „Dein Wunſch ſoll erfüllt werden, königlicher Bru⸗ der,“ ſprach Iſabella, ſanft und freundlich, indem ſie ſich zu faſſen ſuchte.„Ich werde dafür ſorgen, daß jenes Thor vermauert und nie wieder geöffnet werde.“ „Geſtattet mir jetzt, mich zu entfernen, ich will Euch nicht länger hier aufhalten,“ ſetzte Boabdil hinzu. „Es ſei ſo, mein Bruder,“ ſagte Ferdinand.„Gott geleite Deine Schritte. Vergiß die Vergangenheit, da ſie Dich betrüben müßte!“ Der Sultan verbeugte ſich tief zum wortloſen Ab⸗ ſchiedsgruße und ritt langſam den Pfad aufwärts, der 221 ihn immer weiter von dem Sitze ſeiner früheren Herr⸗ lichkeit entfernte. Seine Ritter und ſeine Leibwache folg⸗ ten ihm unter Reduan's Anführung. Bald erreichte er das kleine Dorf, wo ihn ſeine Mutter, ſeine Frauen, ſeine Sklaven mit ſeinen werthvollſten Sachen erwarteten. Er hatte ſie auf dem Wege nach den Alpuxarras voraus⸗ geſchickt, um ſie nicht zu Zeugen jener traurigen Demü⸗ thigung zu machen, der er ſelbſt ſich unterziehen mußte. Ohne Aufenthalt erreichten Alle die kahlen, unfruchtbaren Höhen, welche den Gürtel der Gebirge Alpuxarras bilden. Auf dem Gipfel einer dieſer Felſen hielt Bvabdil ſein Roß an. Alle ſeine Begleiter folgten ſeinem Beiſpiel und wandten ſich gleich ihm, noch einen Blick auf die eben ver⸗ laſſene Heimath zu werfen. Sie war die Stätte blutiger Schlachten, lachender Freudentage, glorreicher Trium⸗ phe— und ach! einer ſchmerzvollen Niederlage!— Im ſchönſten, ſonnigen Glanze ſahen ſie das Thal, die kry⸗ ſtallenen Flüſſe und die hoch emporſtrebenden Thürme von Granada, der Heimath ihrer Kindheit, des herrlichen, hochgeſegneten Stückchens Erde, welches ſie ſo lange Vaterland genannt hatten!— Alles Weh der Ver⸗ bannung, gewaltſam unterdrückt bis zu dieſem Augen⸗ blicke, erhob ſich unwiderſtehlich in den zarten Frauen, in den treuen Dienern, in den ſchlachtgewohnten Kriegern! Jetzt krachte der Donner der chriſtlichen Geſchütze von 222 der Alhambra und hallte wieder im Thal, im hundert⸗ fachen Echo an den ringsum aufſteigenden Felſenwänden. Es war die eherne Stimme des Geſchicks, welche uner⸗ bittlich den Untergang der Maurenherrſchaft, den Triumph der Jahrhunderte lang mit Strömen von Blut bekämpf⸗ ten Feinde kündete!— Ein allgemeiner Weheſchrei ent⸗ floh den Lippen aller Sarazenen. Auch Boabdil's ſtoi⸗ ſcher Gleichmuth war dahin; er vergaß den orientaliſchen Stolz, der ihn bisher ruhig und ungebeugt hatte erſchei⸗ nen laſſen. Er ſeufzte tief; Thränen entſtürzten ſeinen Augen und er verhüllte ſein Angeſicht im unausſprech⸗ lichen Kummer! Das Auge Ahra's la Horra war das Einzige, wel⸗ ches trocken geblieben war. Düſter und gramvoll hatte es auf dem verlaſſenen Schauplatze der Macht der Sul⸗ tane, auf der Stätte ſo vieler dunkeln und ſchweren Tha⸗ ten geruht, denen auch ſie nicht fremd war. Sie war ihrem Sohne die feſteſte Stütze in den Tagen der Ge⸗ fahr geweſen; eine Heldin, wenn er zagte; eine muthige Rathgeberin, wenn ſeine Unentſchloſſenheit nicht das Rechte zu wählen wußte! Sie hatte ihm wiederholt ſei⸗ nen wankenden Thron gerettet— von dem er jetzt ver⸗ trieben wurde! „Ha,“ ſprach ſie,„Du und Deine Freunde haben dieſen Frieden wie ein Geſchenk von Gott angenommen; 223 aber ich ſehe im Geiſte, was ihm folgen wird: Einker⸗ kerung und Plünderung, die Verfolgung Eures Glau⸗ bens!— Durch Martern wird man Euer Gold von Euch erpreſſen, Ihr werdet gänzlich aus Europa vertrieben und Euer Name ausgetilgt werden. Es iſt der gerechte Lohn für Eure Feigheit und Erbärmlichkeit!“ Boabdil weinte noch immer. Finſtere Verachtung lag auf Ahra's gefalteter Stirn, blitzte aus ihrem dunkeln Auge, als ſie nun zu ihrem Sohne jenes denkwürdige Wort ſprach, welches uns die Geſchichte aufbewahrt hat: „Es ſteht Dir wohl an, wie ein Weib zu weinen um Das, was Du nicht als ein Mann zu vertheidigen wußteſt!“— Boabdil erhob ſein Angeſicht und trocknete ſeine Thränen. Dann ſagte er gelaſſener: „Gott iſt groß! Sein Wille hat zwiſchen uns und den Chriſten entſchieden!“— Dieſer Platz, von welchem Boabdil den letzten Scheideblick auf ſein früheres Reich ſandte, heißt noch heute: Der letzte Seufzer des Mauren(El ultimo su- spiro del Moro), der Hügel der Thränenhügel. Eine Tafel an der Kapelle von San Sebaſtian bekundet den Ort, wo er die Schlüſſel von Granada den katho⸗ liſchen Herrſchern übergab.— Boabdil zog mit den Seinigen auf der ſandigen Straße durch die rauhe, unfreundliche Gegend nach dem 224 Gebiete hin, das ihm zugeſtanden war. Sie erſchien den betrübten Mauren als eine doppelt troſtloſe Wüſte nach dem Paradieſe, das hinter ihnen lag. Boabdil el Chico brachte noch ein Jahr in ſeiner neuen Lehnsherrſchaft hin, gleichſam im Schatten ſeiner früher beſeſſenen Paläſte. Der Gram beugte ihn immer tiefer. Dann verkaufte er ſein Gebiet für eine bedeutende Summe an Ferdinand und Iſabella, und ſchiffte mit den Seinigen nach Fez hinüber, um ſich unter den Schutz eines fürſtlichen Stammgenoſſen zu begeben. Der ſandige Boden Afrikas wurde die Grabſtätte der herriſchen Ayra la Horra, der geprüften, liebeglühenden Zoraya und des unglücklichen Boabdil el Chico, des letzten der ſpaniſchen Maurenkönige!— Nach Boabdil's Entfernung verharrten die Spanier eine Weile ruhig an dem Orte ihres Zuſammentreffens mit ihm. Aller Blicke richteten ſich nach Granada. Dann ſchlug der verhängnißvolle Donner der Geſchütze auch an ihr Ohr. Die Fahne des Kreuzes, deren Schaft aus ge⸗ diegenem Silber beſtand, war von dem Pabſt Sirtus IV. dem König Ferdinand geſchenkt worden, der ſie in allen dieſen vollbrachten Feldzügen ſtets in ſein Zelt bringen ließ. Nun erglänzte ihr großes, ſilbernes Kreuz auf den rothen Thürmen der Alhambra; neben ihnen flatterten die Fahnen von Caſtilien und von S. Jago, dieſes rit⸗ terlichen Schutzheiligen von Spanien. Das Chor der kö⸗ niglichen Kapelle ſtimmte ein feierliches Tedeum an, in welches alle Geiſtlichen einfielen. Das ganze Heer ſank auf die Knie vor dem Zeichen, daß der Chriſtenglaube in Granada geſiegt habe. Alle bekreuzten ſich entblöß⸗ ten Hauptes und murmelten Dankgebete. Dann riefen ſie im vieltauſendſtimmigen Echo:„Caſtilien! Caſtilien!“ und„San Jago! San Jago!“— Die Fahne der Herr⸗ ſcher wurde entfaltet, Trompeten und Panken ertönten. Nun trat Gonſalvo de Cordova zu der Königin, küßte knieend ihre dargebotene Hand und ſagte: „So huldige ich der großen Iſabella auch als Kö⸗ nigin von Granada. Möge ſie mir die Huld bewahren, die ſie mir ſtets als Königin von Caſtilien zeigte. Alle verſammelten Granden folgten ſeinem Beiſpiel. Dann ſchlug der ganze Zug die Richtung nach der Stadt ein. Vor dem erſten Thor hielt er wieder. Ein ſpaniſcher Herold wurde auf dem höchſten Thurme der Stadt ſicht⸗ bar und verkündete, daß der König von Arragonien und die Königin von Caſtilien hierdurch laut und öffentlich erklärten, wie ſie nur durch die Hilfe des allmächtigen Gottes und der gebenedeiten Jungfrau, des geſegneten Heiligen S. Jago, und ihrer ſämmtlichen Prälaten, Rit⸗ ter und Soldaten dieſe große Eroberung vollbracht hätten. Dann zogen ſieben hundert Chriſten vorbei, welche als gefeſſelte Sklaven von den Mauren feſtgehalten wor⸗ den waren und nun endlich des Glückes der Freiheit theil⸗ 226 haftig wurden, indem ſie ein Danklied für ihre Erlö⸗ ſung ſangen. Reiche Almoſen wurden dieſen Märtyrern von den ſpaniſchen Herren, von der Güte Iſabellens und am meiſten von Elvira von Viana geſpendet; denn wer hatte die Pein der Gefangenſchaft tiefer empfunden als ſie, und wer freute ſich mehr der Wonne der Frei⸗ heit, wenn auch in dieſer nicht alle ihre Wünſche erfüllt waren! Endlich betraten die chriſtlichen Herrſcher die Stadt und zogen in die Alhambra ein, durch das feſtlich ge⸗ ſchmückte Thor der Gerechtigkeit. Eine Rieſenhand, das Symbol des mohamedaniſchen Glaubens, war auf ihr zu erblicken, ein gigantiſcher Schlüſſel als derjenige dieſes nämlichen Glaubens auf der Mauer der Vorhalle. Durch die tiefen, ſchattigen Arkaden gelangten ſie in die Halle des Gerichtes, wo noch vor Kurzem Boabdil in aller ſeiner Herrlichkeit des Herrſchers über Leben und Tod ſeiner Unterthanen gethront hatte. Hierher war ſchnell ein Theil jenes Vorrathes von Glocken, Meßbüchern, Kir⸗ chengefäßen, Silberſchaalen, Leuchtern und ſonſtiger Aus⸗ ſtattung der chriſtlichen Gotteshäuſer geſchafft worden, welche Iſabella ſtets in ihrem Lager hatte, um damit die gereinigten Moſcheen anzufüllen. Ueber einem Altar hatte man das Kreuz errichtet; vor dieſem hielt Mendoza, der kriegeriſche Großcardinal von Spanien, umgeben von andern hohen Kirchenfürſten, das Hochamt. 227 Der triumphirende Hof füllte den Raum und kniete nieder mit dem Könige und der Königin. Kreuze und Biſchofsſtäbe, religiöſe und weltliche Standarten miſchten ſich mit den ſtolzen Wappenzeichen der ſpaniſchen Heerfüh⸗ rer. Geſchorene Mönche und Biſchofsmützen bewegten ſich zwiſchen den ſtahlgepanzerten Rittern und ſeidengeſchmück⸗ ten Hofleuten, und es erklangen die Jubeltöne des chriſtli⸗ chen Triumphes, das Hallelujah der Bekenner des Kreu⸗ zes durch die mauriſchen Hallen. Als der Beſcheidenſte in dieſer glänzenden, ſieges⸗ trunkenen Verſammlung ſtand in dem entfernteſten Winkel Chriſtof Columbus, welcher in der letzten Schlacht zwar tapfer gekämpft hatte, jedoch unverwundet geblieben war. An den endlichen Sieg der Herrſcher von Arragonien und Caſtilien knüpfte er die Hoffnung des ſeinigen über die Hinderniſſe der Zeitumſtände, über die Beſchränktheit der Menſchen und über die unermeſſene Weite des Waſſer⸗ weges, den er durchſchiffen wollte.*) Als die kirchliche Feier beendet war, begab man ſich in den Audienzſaal, und die chriſtlichen Herrſcher nahmen unter dem Baldachin Platz, unter welchem ſonſt Boabdil geſeſſen hatte. Eine Weile noch richteten ſie huldvolle *) Siehe über alle dieſe Vorfälle, die genau nach den hiſt⸗ riſchen Ueberlieferungen wiedergegeben ſind: Prescott: Ferdinand und Iſabella.— Washington Irwing: Die Alhambra. 228 Worte an ihre weltlichen und geiſtlichen Würdenträger. Endlich wandte ſich die Königin an Don Gonſalvo: „Du haſt uns abermals einen großen Dienſt erwieſen, indem Du mit Zafra's Hilfe dieſe Unterhandlungen zu einem ſo guten Ende geführt haſt. Dieſer hat bereits Zei⸗ chen unſerer Huld erhalten. So bitte denn auch Du Dir eine Gnade aus, und ſei verſichert, daß wir ſie Dir ge⸗ währen werden, dafern dies nicht gegen die Lehren unſeres heiligen Glaubens ſtreitet.“ Gonſalvo kniete vor der Königin nieder und ſagte: „So erbitte ich denn von der Gnade Eurer Hoheit den Ritterſchlag für einen Mann, der ihn ſich in man⸗ chen heißen Kämpfen verdient hat. Er gehört zu einem der Cöllner Geſchlechter, iſt ein adelicher Freier und ſo würdig dieſer Ehre, wie der Sohn des erſten Granden von Spanien.“ „Wenn er alle dieſe Bedingungen erfüllt, ſo wird ſich Deinem Wunſche nichts entgegenſtellen,“ ſagte Iſabella. „Wo iſt Dein Schützling? Bringe ihn in unſere Gegen⸗ wart.“ Don Gonſalvo erhob ſich und winkte nach der Seite hin, wo Columbus ſtand. Hinter dieſem trat Arnold Wal⸗ ler hervor, welcher dann neben dem Ritterfürſten nieder⸗ kniete. Die hellen Augen der Königin ruhten durchdrin⸗ gend auf ihm und ſie ſagte: „Ich habe dieſen jungen Mann bei einer beſonderen 229 Gelegenheit früher geſehen. Sein Geſicht iſt mir bekannt. Wo war dies?“ „Die Huld Eurer Hoheit rettete ihm das Leben, als Ihr Euch von Sovilla nach Santa Fe begabt,“ ſagte Don Gonſalvo.„Eure Ritter wollten ihn zu Boden hauen, weil ſie ihn beſchuldigten, einen mörderiſchen Stein auf Eure Hoheit geſchleudert zu haben. Ihr gebotet ihm, durch Tapferkeit gegen die Ungläubigen ſein Verſehen gegen Eure geheiligte Perſon gut zu machen. Er hat ſich Eurer damaligen, gnädigen Verzeihung würdig bewieſen. Wir nahmen ihn unter unſere Schweizer Fußſoldaten auf. Er rettete Donna Elvira vor der großen Gewalt⸗ that des Maurenkönigs, erhielt mir bei jener Action auf der Reiſe nach Cordova das Leben, vertheidigte abermals Donna Elvira, bis ihn ein vergifteter Pfeil zu Boden ſtreckte, theilte die Gefangenſchaft mit ihr und geleitete ſie ſicher zu Euch. Sein Name iſt Arnold Waller.“ „Ich erinnere mich jenes Auftrittes,“ verſetzte IJſa⸗ bella.„Es freut mich, daß Du unſer Vertrauen gerecht⸗ fertigt haſt. Gewiß biſt Du des Ritterſchlages würdig, da Du ſo große Verdienſte um zwei Menſchen haſt, die unſerer Perſon ſo nahe ſtehen. Die Moſchee dieſer Al⸗ hambra wird noch heute zur erſten chriſtlichen Kirche in Granada geweiht werden. So mögeſt Du denn in der nächſten Nacht dort Deine Ritterwacht halten und ich will Dich morgen in Santa Fé zum Ritter ſchlagen.“ 230 Sie reichte Arnold ihre Hand, welche dieſer küßte. Anſtatt aber aufzuſtehen und ſich zurückzuziehen, verharrte er in ſeiner knieenden Stellung. Die Königin blickte fra⸗ gend auf Don Gonſalvo. Dieſer verſetzte: „Er macht noch weitere Anſprüche an die Huld der hochherzigen Iſabella. Das heidniſche Banner verſchwand in der letzten Schlacht und iſt nicht wieder geſehen wor⸗ den. Er erbeutete es und bringt es jetzt den katholiſchen Herrſchern. Wenn er ein Ritter ſein wird, ſo wendet er ſich an die Gnade des Königs um die Erfüllung des Verſprechens, das dieſer ſeinen Rittern in Zubia beim Beginn des Treffens gab.“ „Wo iſt es? Zeige uns das Banner!“ rief der König mit mehr Lebhaftigkeit, als man bei ihm zu ſehen gewohnt war. Arnold entfaltete die Rolle von ſeidenem Stoff, welche an der Rückſeite ſeines Schildes befeſtigt geweſen war, und bot ſie dem königlichen Paare dar. „Bei San Jago! Der Schlüſſel und der Halb⸗ mond!“ ſagte der König.„Es iſt das große Banner der Heiden. Und warum wird dies erſt heute vor unſer An⸗ geſicht gebracht, nachdem es ſchon ſeit Wochen in Deinen Händen geweſen iſt?“ „Ich wünſchte erſt der Ritterwürde gewiß zu ſein,“ verſetzte Arnold beſcheiden.„Ich hielt mich vorher nicht 231 werth, ſo große Huld von Eurer Hoheit in Anſpruch zu nehmen.“ „Und Du erwarteteſt eine feierliche Gelegenheit, um den Ritterſchlag zu empfangen,“ ſprach Iſabella. „Gewiß konnte ſie nicht glorreicher ſein, als unſer Ein⸗ zug in die Alhambra, und eben ſo gewiß konnten wir uns nie geneigter zu Gnadenbeweiſen gegen unſere Ge⸗ treuen fühlen, als am heutigen Tage.“ „Eure Hoheit verhieß Euer gnädiges Fürwort bei einer der Damen Eures Hofes für den Vorzeiger des Banners,“ ſetzte Don Gonſalvo hinzu. „So ſprich,“ verſetzte der König,„wen verlangſt Du zum Ehegemahl?“ „Donna Elvira von Viana,“ antwortete Arnold furchtlos. „Eine kecke Forderung, bei unſerer Frau!“ rief Ferdinand.„Wir werden ſie nicht gewähren können, da unſere Nichte gewillt iſt, ihr Leben in frommer Be⸗ ſchauung in einem Kloſter hinzubringen.“ „So löblich dieſer Gedanke iſt,“ nahm die Königin das Wort,„ſo muß ihm doch eine reifliche Erwägung zugeſellt werden. Sie mag uns kund thun, ob ſie einen wirklichen inneren Beruf zum Kloſterleben fühlt, oder ob ihre frühere Aeußerung nur einer flüchtigen Idee entſprang. Nur die wahre Weihe des Herzens iſt Gott wohlgefällig. Erkläre Dich, Donna Elvira. Biſt Du noch geneigt, den Schleier zu nehmen, oder war dies nur, weil Deine Seele durch die Gefangenſchaft bei den Mau⸗ ren gebengt war, ſo daß Dir der Muth für die Welt und ihre Freuden für den Augenblick fehlte?“ Sie hatte ſich zu der Angeredeten umgewendet, wel⸗ che hinter ihrem Stuhle ſtand. Dieſe ſagte halblaut und hocherröthend: „Ich habe nie ein Gelübde deswegen gethan. Als ich von Gefahren umgeben war, habe ich ſolche Gedanken gehabt, ſie jedoch ſeitdem nicht weiter verfolgt.“ „So biſt Du geneigt, dieſem tapfern Manne Deine Hand zu geben?“ fragte Iſabella leiſer noch einmal. „Ja,“ antwortete das junge Mädchen, nur dem Ohr ihrer königlichen Verwandten verſtändlich. Dieſe ſprach nun gegen den König gewendet: „So werden wir ihn Don Arnold Waller de Viana nennen, indem wir ihm morgen den Ritterſchlag er⸗ theilen.“ Ferdinand antwortete nicht. Seine Miene blieb un⸗ durchdringlich. Nach einer Pauſe bemerkte der Herzog von Cadix: „Die Granden von Arragonien und Caſtilien ſind Herren ihrer Perſon und ihres Eigenthums nach ihrem freien Willen. Auch der König hat nicht über dieſen zu gebieten, wenn ſie nicht in ſeinem Dienſte ſtehen und ihm 233 dieſen untergeordnet haben. Donna Elvira von Viana iſt eine Grandin von Arragonien.“ Iſabella, welche ſtets den Stolz ihrer oft nicht ſehr zum Gehorſam geneigten Vaſallen ſchonte und welcher im gegenwärtigen Augenblicke beſonders daran gelegen war, Spaltungen unter ihren Großen zu vermeiden, verſetzte mit mildem Ernſt: „Das Wort eines Königs darf nicht zurückgenom⸗ men werden. Auch wollen wir den Gemahl unſerer Nichte noch mit einigen Ländereien aus unſerm neu gewonnenen Königreich Granada beſchenken, wie ſie ſein Heldenmuth und ſeine Aufopferung ſo ſehr verdient haben.“ Der König äußerte endlich einige Worte der Bei⸗ ſtimmung. Allerdings fürchtete er im Falle längerer Wei⸗ gerung die Mißbilligung ſeiner Großen und Ritter, wel⸗ che ſich der gewichtigen Stimme des Herzogs von Cadir zugeſellen konnte. Er bedachte ſchnell, daß Arnold weder an Geld noch Einfluß in Spanien reich ſei, und ihm alſo als Gemahl Elvira's weniger gefährlich ſein würde, als ein Bewerber mit beträchtlicheren, irdiſchen Glücksgütern, und gab alſo ſeine Einwilligung mit dem Gedanken, ihn durch die verheißenen Gnadenbezeugungen feſt an ſich und ſeine Intereſſen zu ketten und ſeine Treue und ſeinen Dienſteifer gelegentlich zu ſeinem Vortheil zu verwenden. 1861. V. Columbus und ſeine Zeit. II. 15 X Zehntes Capitel. Columbus verläßt die alte Welt. Der Krieg vor Granada war beendet. Wohl konnte ſeine Eroberung als ein Erſatz für den ungefähr ein hal⸗ bes Jahrhundert früher ſtattgefundenen Fall Conſtan⸗ tinopels gelten; auch feierte ihn die ganze europäiſche Chriſtenheit als ſolchen. Die Spanier erwarben einen großen Strich ſehr geſegneten und angebauten Landes. Seine bequemen Häfen gewährten dem Handel jede mög⸗ liche Erleichterung und die Beſorgniß vor hier immer auf's Neue landenden Eindringlingen aus Afrika war beſchwichtigt. Die zerſtreuten Bruchſtücke des alten weſt⸗ gothiſchen Reiches waren— mit Ausnahme des kleinen Na⸗ varra— wieder vereinigt, wie es vie Natur vorgeſchrieben zu haben ſchien. Nicht mehr trennte ſie ein Landſtrich, deſ⸗ ſen Bevölkerung ſich nicht nur wegen ihrer Sprache, Re⸗ ligion und Sitte nie mit der chriſtlichen verſchmelzen konnte, ſondern ihr natürlicher Feind bleiben mußte. Das chriſt⸗ liche Spanien war nun eine Macht erſten Ranges unter den europäiſchen Staaten. Ein gemeinſames Band vereinigte alle entfernten Länder zu einem großen Gan⸗ zen. Das ſpaniſche Heer hatte ſich in dieſen langen Krie⸗ gen bedeutend vervollkommnet. In den fremden Söldlin⸗ gen, unter denen die Schweizer obenan ſtanden, hatten ſie die beſten Muſter damaliger Kriegskunſt und Geſchick⸗ lichkeit vor Augen, und gewöhnten ſich an Geduld und Ausdauer, an Muth und vollſtändigen Gehorſam. In dieſer vortrefflichen Schule bildeten ſich jene berühmten Feldherren mit ihrem unüberwindlichen Fußvolke, welche den kriegeriſchen Ruf der Spanier über ganz Europa verbreiteten. Unter ihnen ſtrahlt hell der Name Gonſal⸗ vo's de Cordova, des Ritterfürſten, des großen Feld⸗ herrn, des ſpäteren Eroberers und mehrjährigen Vice⸗ königs von Neapel. Indem wir einen Blick des Bedauerns auf den Un⸗ tergang der ſpaniſchen Araber werfen, welche ſo große Fortſchritte in der Bildung gemacht hatten, müſſen wir bedenken, daß ſie lange ſchon deren äußerſte Grenze er⸗ reichten. Ihr goldenes Zeitalter lag hinter ihnen. Sie ſcheinen die letzten Jahrhunderte in einem Zuſtande ſtar⸗ rer, ſchwelgeriſcher Befriedigung hingebracht zu haben, welche nur Vergnügungen oder die Vorfälle der Kriege * 236 unterbrachen, die ſie zu führen gezwungen wurden. Die ganze wilde und abenteuerliche Tapferkeit der Moslems zeigte ſich zwar alsdann wieder und verbreitete Poeſie und Romantik über die letzten Träger eines Volksſtam⸗ mes, der beſtimmt war, aus ſeinen prächtigen, ſelbſt er⸗ bauten Paläſten vertrieben zu werden und verbannt durch jene Länder zu ſtreifen, die noch die Früchte ſeines Fleißes trugen; beſtimmt, ſich unter Verfolgungen hinzu⸗ ſchleppen, bis ſein Name aus der Weltkarte ausgeſtrichen war. Dennoch waren die Mauren mit den Mängeln ihrer geſelligen Einrichtungen und mit der Starrheit, mit welcher ſie den mohamedaniſchen Gebräuchen und orientaliſchen Mißbräuchen anhingen, eines wirklichen, erneuten Aufblühens unfähig. Sie vollendeten ihren Kreislauf in der Geſchichte der Völker, indem ſie durch das nämliche Recht des Stärkeren aus einem Beſitzthum vertrieben wurden, welches ſie einſt durch dieſes ſich an⸗ geeignet hatten. Noch heute beten die afrikaniſchen Mau⸗ ren in manchen ihrer Moſcheen um die Heimkehr zu dem köſtlichen Sitze ihrer Vorfahren, in jenes gelobte Land, da Milch und Honig fleußt, das ihnen jedoch nur aus blumenreichen Traditionen bekannt iſt.— Drei Monate ſchon waren ſeit dem glänzenden Ein⸗ zuge der ſpaniſchen Herrſcher in Granada verſtrichen. Die Königin Iſabella war wieder nach Santa Fe zu⸗ 237 rückgekehrt und befand ſich eines Morgens in ihrer dor⸗ tigen Wohnung. Vor ihr ſaßen auf zwei Stühlen ohne Lehne die Marquiſe von Moha und Donna Elvira von Viana, während die Königin ſich auf einer Ottomanne niedergelaſſen hatte. Alle drei waren mit der Fertigung einer Stickerei beſchäftigt, welche das Gewand St. Jago's in Compoſtella zieren ſollte. Sobald dieſe Arbeit beendigt war, wollte ſie die ſo lange aufgeſchobene Wallfahrt dahin unternehmen. So fleißig indeſſen die drei Da⸗ men ihre Arbeit förderten, ſo ließen ſie dieſe doch jetzt einſtweilen ruhen und richteten ihre Blicke auf eine See⸗ karte, welche vor ihnen ausgebreitet lag. Zwei Herren in ſchwarzen Gewändern ſtanden vor dieſer und bezeichneten mit ihren Fingern manche Punkte und Richtungen auf dem unermeſſenen Felde des weſtlichen Oceans. Die Da⸗ men hörten ihren Auseinanderſetzungen aufmerkſam zu. Wenige Schritte von ihnen ſtand der Ritter Don Arnold von Viana. Dieſer war ſeit mehreren Wochen der glück⸗ liche Gatte Elvira's und nahm einen gleich lebhaften Antheil an dem Gegenſtande der Unterhaltung, wenn er ſich auch nicht oft redend in dieſe miſchte. Jetzt verſetzte die Königin: „Was Ihr mir über die Pläne des Colon ſagt, iſt mir durchaus nicht unbekannt, wenn ich ihnen auch in der letzten Zeit keine Aufmerkſamkeit widmete. Du haſt ſie 238 mir ſo gut wie dieſer ſelbſt ſchon früher demonſtrirt, guter Vater.“ Sie richtete die letzten Worte an den Prior Juan Perez, welcher heute noch einmal dieſe Sache in Anre⸗ gung brachte, die ihn ſeit Jahren beſchäftigte. Der Prior entgegnete ſanft: „Mögeſt Du ihr wieder huldvoll Dein Ohr leihen, erhabene Königin.“ Dieſe fragte nun die Marquiſe von Moya: „Ich glaube gar, Kind Marquiſe, daß dies die nämliche Karte iſt, welche Colon mir damals zeigte?“ „So iſt es, Hoheit,“ lautete die Antwort.„Ich ſagte damals dem Colon, daß ich ſie behalten und ge⸗ legentlich wieder darauf ſehen wolle, um mich weiter in der Erd⸗ und Weltkunde zu unterrichten.“ „Und mich dazu,“ erwiederte Iſabella lächelnd. „Wir haben uns wegen aller der Geſchäfte, welche uns die neuen Einrichtungen in unſerm Lande Granada und die Sorge für die übrigen Theile unſerer Reiche bringen, lange nicht mit dieſer Angelegenheit beſchäftigen können. Seit einigen Tagen habt Ihr mich wiederholt daran er⸗ innert.“ „Sie iſt auf jeden Fall wegen ihrer großen Wich⸗ tigkeit würdig, vor den Ohren Eurer Hoheit erwähnt zu werden,“ ſagte Beatrice von Moya. 239 „Und noch mehr verſprechend, als früher die Beſie⸗ gung der Mauren,“ warf die Königin nachdenklich hin. „Dennoch gelang ſie durch Deine Ausdauer, durch den angeſtrengten Eifer, mit dem Du jede Schwierigkeit zu ebnen ſuchteſt,“ ſprach Elvira warm.„Dein groß⸗ müthiger Schutz, Dein erhabenes Beiſpiel feuerte den geringſten wie den vornehmſten Deiner Unterthanen zu allen Anſtrengungen an, und indem Jeder auf ſeinem Platze ſeine beſten Kräfte verwendete, iſt endlich das glor⸗ reiche Unternehmen gelungen.“ „Und durch den Beiſtand Gottes und der Hei⸗ ligen,“ fügte die Königin ernſt hinzu,„denn ohne dieſen wären alle unſere Bemühungen nutzlos geweſen.“ „Nur der Segen aus der Höhe kann ein irdiſches Werk wahrhaft fördern,“ ſagte Juan Perez.„Er wird auch für dieſes neue Vorhaben nicht ausbleiben, denn es muß Gott wohlgefällig ſein. Wende Deine Gedanken noch einmal auf alle jene verlaſſenen Heiden, die jenſeits des Weltmeers auf den Pfaden der Finſterniß wandeln, und laß Deine Huld ſich auch über dieſe ausbreiten, auf daß wir unter dieſen Kindern der Wildniß dem dreieinigen Gotte den erſten Altar errichten und noch mehrere Mil⸗ lionen Menſchen als dies ganze Maurenvolk zu ſeinem heiligen Dienſte bekehrt werden können!“ „Es wird ein noch glänzenderer Ruhm für Dich ſein, als die Eroberung Granadas!“ rief Elvira. 240 Die Königin lächelte wieder leicht; denn allerdings verfehlte weder die ſanfte, eindringliche Beredſamkeit des Geiſtlichen, noch die feurigere Aufforderung ihrer Nichte des guten Eindrucks auf ihr Gemüth. Sie verſetzte leb⸗ hafter als zuvor: „Allerdings hätte der Genueſe nicht leicht eifrigere Fürſprecher finden können als Euch.“ „Seine Forderungen,“ fuhr der Mönch fort, „waren groß, doch hängt ja ihre Erfüllung einzig von dem Erfolge ab. Iſt dieſer nicht günſtig, ſo verlangt und erhält er keine Art des Lohns.“ „Doch würden alsdann die Gelder verloren ſein, welche für ſeine und ſeiner Schiffe Ausrüſtung aus⸗ gegeben wären,“ bemerkte die Königin wieder nach⸗ denklich. „Eine ſehr bedeutende Summe iſt nicht dazu erfor⸗ derlich,“ entgegnete der Prior.„Du haſt ſo viele Mil⸗ lionen für unſern letzten Kreuzzug geopfert, fromme Toch⸗ ter, daß Du wohl noch einige Tauſende für dieſe Welt⸗ fahrt verwenden kannſt, deren endlicher Zweck Gott nicht weniger wohlgefällig ſein wird.“ Der andere Herr hatte bis dahin ſein Antlitz zu der Karte herabgebeugt. Nun erhob er es. Redlichkeit und Herzensgüte prägten ſich unverkennbar darauf aus. Er war ein Schatzbeamter von Arragonien und nannte ſich Luis de St. Angel. 241 „Und wenn das Unternehmen des Weltentdeckers ſo glorreich gelingt, wie er ſelbſt erwartet,“ ſagte er,„ſo iſt die von ihm geforderte Belohnung nicht zu hoch. Ein Mann, der auf bisher unbekannten Wegen bis zu einer neuen Welt vordringen will, darf verlangen, der Erſte nach ſeiner Königin in dieſem Reiche zu ſein, das ihr ge⸗ hören wird. Er muß durch ſein Genie unerhörte Schwie⸗ rigkeiten überwinden. Seine Ausdauer, ſein Muth, ſeine Geiſtesgegenwart in nahen und fernen Gefahren ſind außerordentlich.“ „Seine nautiſchen Kenntniſſe,“ fuhr der Prior fort,„ſind ſo bedeutend, daß er darin von keinem leben⸗ den Seefahrer übertroffen wird. Dabei iſt die Redlichkeit ſeines Charakters tadellos. Er wird ein ſo tüchtiger Füh⸗ rer ſeiner Matroſen ſein wie jemals ein Mann, der die Wellen durchſchnitt. Es iſt, als wenn ihn ein heiliger Wille recht eigentlich zu dieſem Unternehmen auserſehen und ihn zur Vollendung eines großen Zweckes ganz be⸗ ſonders begabt hätte.“ „Du kennſt ihn genau?“ fragte Iſabella. „Er hat längere Zeit in meinem Kloſter gelebt,“ antwortete der Prior,„und dort unſere Gaſtfreundſchaft genoſſen, ſo daß ich mich täglich ſeines Umgangs erfreuen konnte. Es kann daher Niemand beſſer Zeugniß für ihn ablegen als ich.“ 242 „Dieſe ausgezeichnete Befähigung wird ihm den Bei⸗ ſtand eines andern Monarchen gewinnen, wenn Spanien ihn abweiſt,“ ſetzte S. Angel hinzu.„Frankreich bewacht unſere Fortſchritte zur See längſt mit neidiſchen Augen. Dies wird alsdann die Früchte ſeiner Entdeckungen erndten.“ „Das heißt, wenn es wirklich ſolche geben wird,“ ſagte Iſabella wieder zweifelnd.„Wenn man überhaupt Vertrauen in die Sache ſetzte, ſo würde er wohl lange ſchon anderweitige Unterſtützung erlangt haben; denn er hat ſich ſchon an mehreren Orten angelegentlich darum bemüht.“ „Eure Worte lauten heute nicht ſo, Hoheit, wie wir ſie ſonſt von Euch vernehmen,“ ſprach Elvira mit gerötheten Wangen.„Ihr waret bisher die hochherzige Beſchützerin aller großen Unternehmungen, die nicht nur das Wohl der Spanier, ſondern dasjenige des ganzen Menſchengeſchlechtes fördern konnten. Bereitwillig liehet Ihr Euren mächtigen Arm jedem Vorhaben, das Klug⸗ heit oder Heldenmuth vollbringen wollten. Ihr ſeid der Stolz Caſtiliens, der Ruhm des weſtlichen Europas ge⸗ worden!— Wollt Ihr alle dieſe ſtrahlenden Thaten Eurer Vergangenheit jetzt verleugnen, wollt Ihr kleinmüthig und zaghaft einem ängſtlichen Mißtrauen nachgeben?— Wenn dies wirklich ſein kann, ſo ſtimmt Euer gegenwär⸗ 243 tiges Verfahren nicht mit der Seelengröße überein, die wir ſo oft an der Königin von Caſtilien bewundert ha⸗ ben!“ „Du redeſt kühn,“ ſagte dieſe erregt,„doch iſt es nicht zum Erſtenmale, daß wir an Dir die Wahrheit ver⸗ nehmen, die Niemand ſonſt an unſerem Hofe uns zu ſa⸗ gen wagt. Wohlan, ich will nicht länger die Einflüſte⸗ rungen furchtſamer und mißgünſtiger Rathgeber beachten, ſondern auf die Abſichten des Colon für meine Krone von Caſtilien eingehen. Ich werde zur Beſtreitung der damit verbundenen Unkoſten noch einmal meine Juwelen ver⸗ pfänden, wenn die im Schatze befindlichen nicht dazu hinreichen.“ „Edle, großmüthige Iſabella, ich pabe nicht ver⸗ gebens auf Dich gebaut! Verzeihe mir, wenn ich zu un⸗ umwunden redete!“ rief Elvira, indem ſie ſich auf die Hand der Königin niederbeugte und dieſe an ihre Lippen zog. Die Königin umfaßte ſie leicht und drückte lächelnd einen Kuß auf ihre Stirn. Dann fragte ſie weiter: „Haſt Du heute den Schatzmeiſter von Caſtilien geſprochen, guter Vater?— Nach ſeinem letzten Bericht muß die Staatskaſſe in dieſem Augenblicke ſehr erſchöpft ſein.“ „Es iſt leider ſo,“ antwortete der Prior.„Der lange Krieg hat ſo viel erfordert, daß ſie faſt leer genannt werden muß.“ 244 „Es werden ſich andere Auswege finden,“ bemerkte Elvira.„Nicht Deine Kleinodien allein ſollen zur Herbei⸗ ſchaffung dieſer Gelder dienen. Ich will auf meine Güter in Arragonien eine Anleihe machen und kann auf dieſe Weiſe einen bedeutenden Beitrag leiſten.“ „Die Einkünfte von Arragonien ſind bei mir nie⸗ dergelegt,“ fügte S. Angel hinzu.„Ich könnte Eurer Hoheit die erforderliche Summe einſtweilen baar zur Ver⸗ fügung ſtellen.“ „Arragonien iſt nicht bei dieſem Unternehmen bethei⸗ ligt, nahm die Königin das Wort.„Der König würde ſich nicht dazu willig finden; er hat ſich zu beſtimmt da⸗ gegen erklärt. Es geht nur Caſtilien allein an, und des⸗ halb dürfen wir die Staatskaſſe von Arragonien deswegen nicht angreifen.“ „Doch könnte ich,“ entgegnete S. Angel,„mit Eurer Hoheit Erlaubniß die verlangten Gelder einſt⸗ weilen herſchießen, und ſie müßten dem Schatze von Arra⸗ gonien baldigſt von Caſtilien zurückerſtattet werden.“ „So ſei es,“ ſagte die Königin.„Die Koſten ſo wie die Erträge fallen allein auf Caſtilien. Ich will die Verantwortung dafür auf mich nehmen und abermals dem Colon ein geneigtes Gehör bewilligen.“ „Ich fürchte, daß er heute Morgen Santa Fe ſchon verlaſſen hat,“ bemerkte die Marquiſe.„Er war geſtern 245 Abend in einem Zuſtande ſo hoffnungsloſer Niedergeſchla⸗ genheit, daß alle meine Vorſtellungen ihn nicht bewegen konnten, ſeine Abreiſe auch nur noch einen Tag aufzu⸗ ſchieben.“ „So laßt uns eilen, ihn wieder zurückzurufen!“ ſprach Elvira ſchnell.„Arnold, Du wirſt der treueſte und ſchnellſte Bote ſein, den wir ihm nachſchicken können.“ 8 Dieſer blickte auf die Königin und fragte: „Wird Eure Hoheit mich hiermit zu beauftragen geruhen wollen?“ „Allerdings,“ verſetzte die Königin.„Nimm Dein beſtes Pferd, hole ihn ein und bringe ihn dann ſogleich vor unſer Antlitz. Er hat lange warten müſſen, daher iſt es nur gerecht, wenn wir jetzt ſeine Angelegenheit ſoviel wie möglich beſchleunigen.“ Arnold entfernte ſich und hatte bald die Brücke von Pinos erreicht, welche der Schauplatz ſo vieler blutigen Kämpfe zwiſchen Mauren und Chriſten geweſen war. Co⸗ lumbus ritt eben über ſie. Schnell war der Ritter von Viana an ſeiner Seite und ſagte nach der erſten Begrü⸗ ßung: „Haltet Euer Pferd an, Sennor; Ihr trefft mich wieder ſo unvermuthet, wie an dem Tage unſerer letzten Maurenſchlacht, und müßt mich hören, ſelbſt wenn Ihr eben ſo eilig ſein ſolltet, wie damals.“ — 246 Columbus willfahrte ihm und ſagte mit einer Freund⸗ lichkeit, in die ſich jedoch einige Wehmuth miſchte: „Manches hat ſich ſeitdem für Euch verändert, Don Arnold. Es iſt mir jedes Mal eine Frende geweſen, Euch wiederzuſehen; denn ich liebe die Männer, welche ſich das feindliche Schickſal durch Kühnheit und Geiſtesgegenwart dienſtbar machen. Der Anblick eines Glücklichen, der ſeine endlichen Erfolge ſo mannhaft verdient, hat ſtets für mich etwas Aufmun ades, wenn ich auch ſelbſt bis jetzt weniger begünſtigt worden bin.“ „Auch Euer Geſchick nimmt jetzt eine günſtige Wen⸗ dung,“ erwiederte Arnold.„Die Königin läßt Euch durch mich zurückrufen. Ihr müßt ſogleich umkehren und mir nach Santa Fe folgen. Es iſt Euren Freunden gelungen, die Königin für die ungeſäumte Ausführung Eurer Wünſche zu gewinnen. Sie erwartet Euch, will Eure For⸗ derungen bewilligen und alle Punkte darüber genau mit Euch feſtſetzen.“ „Redet Ihr Wahrheit, Mann?“ rief Columbus aufgeregt.„Ich bin im Begriff, Spanien für immer zu verlaſſen und mich an einen der übrigen Kronenträger Europas zu wenden.“ „Ihr werdet dieſe Abſicht aufgeben, wenn Ihr Alles gehört habt. Wendet Euer Roß und leiſtet mir vorerſt auf einige Minuten Geſellſchaft. Dann wird Euch die fernere Entſcheidung Eures Schickſals freiſtehen.“ 247 Arnold hatte mit vermehrter Dringlichkeit geſpro⸗ chen. Columbus gab ſeinem Wunſche nach und erklärte ſich bald darauf bereit, noch einmal vor Iſabella von Ca⸗ ſtilien zu treten. Die Brücke von Pinos wird noch heute als der denkwürdige Platz gezeigt, auf welchem der Welt⸗ entdecker umkehrte und dadurch Spanien die ſpätere Herr⸗ ſchaft über Amerika erhielt. Die Königin nahm ihn ſehr freundlich auf und bald waren bei gegenſeitigem guten Willen die Bedingungen feſtgeſetzt, an welchen die Unter⸗ handlung früher geſcheitert war. Ferdinand und Iſabella, die Beherrſcher der Meere, ernannten Phriſtobal Colon zu ihrem Admiral, Vicekönig und Oberbefehlshaber aller Inſeln und Feſtländer, die er im Weſten entdecken würde. Ein Zehntel alles zu hoffenden Gewinns wurde ihm be⸗ willigt. Alle dieſe Würden und Vortheile ſollten ihm und ſeinen Erben für ewige Zeiten verbleiben. Auch ſollten ſie gleich den ſpaniſchen Edelleuten den Titel Don vor ihren Namen ſetzen dürfen, der damals noch nicht wie gegenwärtig zu einer bloßen Höflichkeitsbezeugung herab⸗ geſunken war. Getreu ihren Verheißungen ſandte Iſabella ſogleich nach Sevilla und nach andern Häfen Andaluſiens Befehle zur wirkſamſten Förderung des Vorhabens. Lebensmittel und ſonſtige Erforderniſſe wurden angeſchafft. Zwei Schiffe ſtellte die Königin, das dritte Columbus. Der gute 248 Prior Juan Perez von La Rabida und eine in der kleinen Hafenſtadt Palos angeſeſſene Familie von Seefahrern, welche ſich Pinzon nannte, liehen ihm ihre Hilfe dazu. Auf dieſe Weiſe gelang es ihm, eine hinreichende Anzahl von Seeleuten für das große Wagniß zu gewinnen. Nach drei Monaten war endlich das kleine Geſchwader ſee⸗ fertig. Die ſämmtlichen Unkoſten der Regierung beliefen ſich nicht über ſiebzehntauſend Gulden. Columbus und ſeine ganze Mannſchaft nahmen das Abendmahl und beichteten nach der alten, frommen Sitte der ſpaniſchen Reiſenden, wenn ſie eine Reiſe antreten wollten, auf wel⸗ cher ihnen Gefahr drohen konnte. Am Morgen des dritten Auguſt 1492 verließen ſie den Hafen von Palos, indem ſie der alten Welt Lebewohl ſagten und den bisher un⸗ bekannten Gewäſſern des fernſten Weſtens zuſteuerten. Ende des zweiten Bandes. ſſſſ ſſ 8 14 15 16 17 6 7 8 8 10 11 12 1