Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Ceſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenymmen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Cduard Otlmunn in Giehen, ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe . hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für 2Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat:. 3 3 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt t der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ————— Album. Bibliothek deutſcher Griginalromanr. Herausgegeben von J. L. Kober⸗ Sechzehnter Jahrgang. Vierter Band. Columbus und ſeine Zeit. wien und Prag. Kober& Markgraf. 1864. Columbus und ſeine Zeit. Bisturischer Buman von Marie Norden. Erſter Band. Wien und Prag. Kober& Markgraf. 1861. Prag, Druck von Jarosl. Poſpisil. Erſte Abtheilung: Der Fall von Granadn. Erſter Theil. Inhalt. Seite Erſtes Cnpitel. Columbus in Salamanca... 9 Zweites Cnpitel. Die Königin Iſabella und der Stein⸗ ſchleuderer... 25 Prittes Cnpitel. Der groß⸗ ßelbherr und die Fußſclbten Piertes Capitel. Der Sultan Bvabdil und Donna Elvira 63 Fünftes Cnpitel. König Ferdinand von Arragonien. 85 Sechstes Cnpitel. Columbus vor dem und der Königin.. 98 Siebentes Cnpitel. Das geben im n Lager von Sant 5 125 Achtes Capitel. Der Jude und der erſte Großinguiſitor 145 Uruntes Cupitel. Die Inquiſition.....169 Zehntes Cnpitel. Der Kampf mit den Sarazenen. 181 Erztes Capitel. Columbus in Salamanca. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhun⸗ derts geſtalteten ſich große Veränderungen im weſtlichen Europa. Die meiſten der kleinen Königreiche, aus denen die iberiſche Halbinſel beſtand, waren durch die Ver⸗ mählung Ferdinand's von Arragonien und Yſabella's von Caſtilien unter deren Sceptern vereinigt worden. Au⸗ ßer Portugal und dem kleinen Navarra entzog ſich nur noch Granada ihrer Herrſchaft. Während um dieſes letzte Beſitzthum der Mauren der Krieg tobte, wurde an andern Orten des ſpaniſchen Reiches das friedliche Studium der Wiſſenſchaften gepflegt. Die blühende Hochſchule von Salamanca war die Mutter aller freien Künſte, eben ſo berühmt wegen ihrer edlen Ritter wie wegen ihrer ge⸗ lehrten Männer. In dieſem„neuen Athen“— wie es die Zeitgenoſſen nannten— wurden Lehrſtühle für alle 1861. IV. Columbus und ſeine Zeit. I. 1 10 damals betriebenen Zweige des Wiſſens errichtet, unter denen die Gottesgelehrtheit obenan ſtand. Die hochſinnige Königin Iſabella berief Gelehrte aus Italien, wo man der claſſiſchen Literatur mit dem größten Erfolge oblag. Spaniſche Wiſſenskundige ſaßen neben ihnen, nachdem ſie in Bologna und andern italieniſchen Städten ihre Kenntniſſe vermehrt hatten. Die eaſtilianiſchen Gelehr⸗ ten konnten ſich um jene Zeit auf gleiche Stufe mit ihren berühmten Genoſſen in Rtalien ſtellen. Der Ruf Salamancas war ſo groß, daß ſieben tauſend Stu⸗ denten es auf einmal beſuchten, und die unter ihnen herrſchende Begeiſterung für die Wiſſenſchaft war un⸗ glaublich. Peter Martyr, der berühmte Geſchichtſchrei⸗ ber Spaniens, hielt eine einleitende Vorleſung über eine von Juvenals Satyren, wobei der Zudrang des Audi⸗ toriums ſo zahlreich war, daß jeder Eintritt zum Hör⸗ ſaale verſperrt und der Profeſſor auf den Schultern der Studenten hineingetragen wurde. Alcala, Toledo, Sevilla und andere Städte eiferten dieſer alten hochberühmten Univerſität nach in dem Studium der großen Meiſter des Alterthums und der freien Wiſſenſchaften, und mit Recht ſagte Erasmus von Rotterdam ſpäter:„daß ſich die Gelehrſamkeit im Laufe weniger Jahre in Spanien zu einer ſolchen Blüthe erhoben hatte, daß ſie den gebil⸗ detſten Völkern zum Muſter dienen konnte.“ Die Buch⸗ 11 druckerkunſt, jene glorreichſte Erfindung des Jahrhun⸗ derts, wurde durch den freiſinnigen Schutz der Regierung weit verbreitet, und es waren in wenigſtens achtzehn Städten Preſſen in voller Thätigkeit. Man beſchäftigte ſich jedoch mehr mit Ausbeutung der lange vergrabenen, von den Voreltern ſtammenden Schätze, ehe man eigene Schöpfungen unternahm. Indem man die Bekanntſchaft mit den unſterblichen Werken der alten Literatur er⸗ öffnete, legte man erſt einen Grund zur Ausbildung der neuen. Leider aber geſellte ſich hierzu eine blinde Hoch⸗ achtung für Gewährsruf. In der Naturlehre grübelte man, anſtatt praktiſche Verſuche anzuſtellen, und auch in der reinen Vernunftlehre verfolgten die Männer des Wiſſens oft eine falſche Richtung. Das, was ſie auf die⸗ ſen Wegen erreichten, war unbedeutend, wenn man es von dem hohen Standpunkt betrachtet, zu dem die lebendige Wiſſenſchaft in unſern Tagen gelangt iſt.— Eine Verſammlung, unter welcher ſich die gelehrteſten und hochſtehendſten Männer Caſtiliens befanden, war auf den Befehl der Königin von deren Beichtvater Fer⸗ nando von Talavera zu Salamanca zuſammen berufen, um über eine hochwichtige Angelegenheit zu entſcheiden, welche das Intereſſe der Fürſtin gefeſſelt hatte. Die meiſten der Mitglieder gehörten dem geiſtlichen Stande an; manche von ihnen waren von beſchränkter Einſicht 4 12 und gleich dem milden Talavera ſo zaghaft und am Alten klebend, daß ſie eine wahre Geringſchätzung gegen Alles empfanden, was eine Neuerung heißen konnte. Hin⸗ ter beſtäubten Handſchriften, dickleibigen Büchern und vergilbten Pergamenten ſaßen ſie an einem langen Tiſche in einem geräumigen Gemache des Univerſitätsgebäudes. Vor ihnen ſtand ein Mann in ſchwarzer ſpaniſcher Klei⸗ dung, im rothen, ſammtnen Mantel, und mit einem brei⸗ ten weißen Halskragen geſchmückt. Nicht das blaue Blut der ſpaniſchen Granden rollte in ſeinen Adern. Sein Vater war ein genueſiſcher Weber, aber der Stempel des Genius lagerte auf der hohen Stirn des Handwerker⸗ ſohnes und wies ihm ſeinen Platz an unter den Erſten der Menſchheit, deren Gedächtniß die Geſchichte feiernd in ihren Annalen verzeichnete. Seine Geſichtsfarbe war vom Einfluß der Luft gebräunt; unter den kleinen, hell⸗ blauen Augen erhob ſich eine Adlernaſe. Unaufhörliche Beſchwerden, frühzeitig erduldete Strapazen und die Un⸗ ruhe ſeines ſtrebenden Geiſtes hatten ſein röthlich brau⸗ nes Haar ſchon vor dem dreißigſten Jahre gebleicht. Jetzt mochte er in den Vierzigen vorgeſchritten ſein, doch war die majeſtätiſche Haltung ſeiner großen, wohlgebauten Geſtalt ganz ungebeugt; dabei ſprach eine beſcheidene Würde aus allen ſeinen Bewegungen. Dieſer Mann, deſſen Ruhm ſich von der alten Welt bis über die neue 13 verbreiten ſollte, der die unermeſſene Wüſte des Oceans zum erſtenmale mit ſeinem Kiel durchfuhr— war Chriſtof Columbus. Er fuhr in ſeiner beredten Auseinanderſetzung fort: „Edle und gelehrte Herren! Weiſe Väter der Kirche! Es iſt heute nur nöthig, mit kurzen Worten zu wiederholen, was mir ſchon früher vor Euch auszuſpre⸗ chen geſtattet wurde. Ich genoß meinen erſten Jugend⸗ unterricht in Pavia, wo ich mit Luſt und Eifer die Ma⸗ thematik ſtudirte. Mit vierzehn Jahren durchfuhr ich als Seemann die Meere, bis ich vor zwanzig Jahren in Portugal landete. Hierher eilten kühne Geiſter aus allen Ländern, denn hier war der Sammelplatz für die größ⸗ ten Seeunternehmungen. Wieder wurde das Meer mein gewöhnlicher Aufenthalt; war ich am Lande, ſo beſchäf⸗ tigte ich mich mit der Verfertigung und dem Verkaufe von See⸗ und Landkarten. Mit Allem ausgerüſtet, was die Schifffahrtkunde darbieten kann, und nach vielen prak⸗ tiſchen Erfahrungen glaube ich feſt, daß ſich ein Land jenſeits des Weſtmeeres finden muß!“ Die Verſammelten hatten ihm mit größerer oder geringerer Aufmerkſamkeit zugehört. Nun zeigte ſich bei Einigen ein höhniſches Lächeln; Andere dagegen gaben ein ernſtes, jedoch freundliches Intereſſe für den Redner und ſeine Worte kund. Lucio Marineo Siculo, ein Si⸗ 14 cilianer, der jetzt Profeſſor der Dichtkunſt und Sprach⸗ lehre in Salamanca war, verſetzte: „Das Vorhandenſein von Land jenſeits des atlan⸗ tiſchen Gewäſſers iſt allerdings der Gegenſtand all⸗ gemeinen Nachdenkens in den letzten Jahren in Eurvpa geworden.“ „Schon die aufgeklärteſten Alten, Seneca, Ariſto⸗ teles und Strabo glaubten dies,“ bemerkte Don Pedro de Velasco, der ſpäter ſeinem Vater in der Würde eines Großconſtabels von Caſtilien folgte, jetzt aber in Sala⸗ manca über Plinius und Ovid Vorträge hielt. „Es ſind dennoch nur die Anſichten unwiſſender Heiden; ihre Behauptungen könnten leicht ſo lügneriſch ſein wie ihr Glaube,“ warf der Bruder Bernardo, ein Dominikanermönch, ein, der nie über die Anfänge der Schulwiſſenſchaften hinausgekommen war. Dagegen nahm der Cardinal von Mendoza das Wort. Sein Einfluß am Hofe war ſo groß, daß man ihn„den dritten König von Spanien“ nannte. „Die in den letzten Jahrzehenden fortgeführten See⸗ unternehmungen decken täglich Geheimniſſe der Ferne auf, und es treten neue Gegenden nach dem Rathſchluſſe Gottes am's Licht, von denen allerdings bis dahin nur die Phantaſie träumte.“ „Die Portugieſen,“ fuhr Columbus ernuthigt fort 15 „erfanden den Sternwinkelmeſſer und machten die wich⸗ tige Entdeckung der Neigungsfähigkeit des Magnets. Ihre erſte Anwendung im ausgedehnten Maßſtabe auf die Schifffahrt hat unſer Jahrhundert geſehen. Schon unter dem Infanten Don Heinrich drangen die Portu⸗ gieſen bis zum Cap Verd vor. Sie umſchifften noch manche gefahrvolle, bisher ungekannte Landſpitze, zuletzt vor fünf Jahren das hohe Vorgebirge im äußerſten Sü⸗ den Afrikas. Sie begrüßten es mit Freuden als den Vorboten der ſo lange ſchon geſuchten Durchfahrt nach Oſtindien, und es wurde demzufolge„das Vorgebirge der guten Hoffnung“ getauft.“ „Doch denke ich,“ bemerkte Don Gutierre de To⸗ ledo, ein Sohn des Herzogs von Alba und Vetter des Königs, der gleichfalls in Salamanca lehrte,„daß auch wir Spanier ſo wenig zu Waſſer wie zu Lande müſſig geweſen ſind.“ „Die Kanariſchen Inſeln wurden von Euch ent⸗ denkt,“ erwiederte Columbus. „Es waren die Glücksinſeln der Alten,“ ſchaltete Velasco ein. Columbus fuhr fort: „Durch den Vertrag von 1479 ſind den Portugie⸗ ſen alle Entdeckungen und Handelsrechte an der weſtli⸗ chen Küſte von Afrika vorbehalten. Es ſind alſo die Spanier von jedem Fortſchritte gegen Süden aus⸗ 16 geſchloſſen, und es müſſen die bisher unerforſchten Gegen⸗ den des Weſtens der Schauplatz ſein, nach dem ihr Kiel ſich wendet.“ „Ihr werdet,“ warf der gelehrte Geſchichtſchreiber Peter Martyr, gleichfalls ein nach Spanien berufener Italiener, ein,„bei Eurem früheren Beſuche in Island dort von den fkandinaviſchen Reiſenden im zehnten und in den folgenden Jahrhunderten gehört haben. Sie fan⸗ den jenſeits Grönland ein neues Land auf.“ Don Alfonſo Manrique, Graf von Paredes, der Profeſſor der griechiſchen Sprache an der Hochſchule von Alcala war, ſprach hierauf geringſchätzig: „Die Erzählungen von den Fahrten der Normän⸗ ner ſind zu unbeſtimmt, als daß ſie irgend einen zwe läſſigen Fingerzeig geben könnten.“ „Auch zeigen ja unſere Karten deutlich,“ bemerkte Alfonſo de Ojeda, der Prior des Dominikanerkloſters St. Paul in Sevilla, mit merklicher Verachtung in Ton und Geberde,„daß Grönland in den europäiſchen Mee⸗ ren liegt und eine Halbinſelverlängerung Skandina⸗ viens iſt“*). Columbus ſprach ruhig weiter: *) Die Farten jener Zeit ſind auf dieſe Weiſe gezeichnet, und liefern den Beweis der damaligen geographiſchen Irrthümer 17 „Die Wiſſenſchaft und die Vernunft drängen mir meine Ueberzeugung auf. Wie Ihr ſelbſt einräumet, ge⸗ lehrte Herren, ſo haben manche Schriftſteller die näm⸗ lichen Andeutungen gegeben. Seefahrer haben ausgeſagt, daß Ueberreſte, welche an den europäiſchen Küſten an⸗ langten, von der andern Seite des atlantiſchen Meeres herübergeſchwemmt ſein müßten; längſt im Volke verbrei⸗ tet ſind die Gerüchte von jenem Lande, das in den Rei⸗ ſen nach dem Weſten beſchrieben wurde. Ich erbat die Unterſtützung des Königs Johann von Portugal für mein großes Unternehmen, allein nur Hinderniſſe und Krän⸗ kungen waren die Antwort; endlich verſuchte man, die von mir gegebene Kunde heimlich zu benutzen, indem man mich ſelbſt um den Erfolg meines Vorhabens bringen wollte. So verließ ich denn Portugal und weilte ſeit ſechs Jahren in den Reichen der ſpaniſchen Herrſcher, um dieſe für meine Pläne zu gewinnen, und es iſt die glorreiche Königin von Caſtilien, die ich als meine gnä⸗ dige Gönnerin betrachten darf.“ „Dieſe erhabene und fromme Tochter der Kirche,“ verſetzte Talavera,„hat huldvoll bemerkt, daß Ihr, Chriſtobal Colon, die Waffen in dem heiligen Kriege gegen die ungläubigen Mauren getragen habt und daß Ihr den Herrſchern in ihr Feldlager folgtet. Sie haben Euch Geld für Eure perſönlichen Ausgaben angewieſen 18 und die Obrigkeiten Andaluſiens beauftragt, unentgeltlich für Eure Wohnung und deren bequeme Einrichtung zu ſorgen.“ „Ich erkenne mit Dank die Huld der Königin,“ er⸗ wiederte Columbus beſcheiden.„Sie und der König ha⸗ ben mir viele Achtung und Aufmerkſamkeit bewieſen. Aber Ihr, hochweiſer Rath von Salamanca, ſeid mit der Prüfung meiner Angelegenheit nun ſchon ſeit meh⸗ reren Jahren beſchäftigt. Ich muß auf die Beendigung dieſer peinlichen Verzögerung dringen, und bin heute noch einmal vor Euch getreten, um Euch um eine heſtimmte Erklärung Eures Gutachtens zu erſuchen, damit ich weiß, wie ich mein ferneres Handeln einzurichten habe?“ Eine Pauſe trat ein. Endlich ſagte Talavera: „Wir finden in keiner Legende und in keiner Schrift, die von unſern gottbegnadeten Heiligen handelt, jemals eine Andeutung auf dieſes ferne Land. Es hat von jeher nur drei Welttheile gegeben— warum ſollte denn jetzt auf einmal noch ein vierter aufzufinden ſein? Seit Jahrtauſenden haben unſere Vorfahren ſich dabei wohl befunden, und ſo können wir unter dem Schutze der hei⸗ ligen Jungfran auch wohl damit zufrieden ſein. Läge es in dem Rathſchluſſe Gottes, daß ein ſolcher weſtlicher Continent von uns gekannt werden ſollte, ſo würde uns der Herr wohl lange ſchon einen Fingerzeig darüber 49 gegeben haben, den wir zu unſerm irdiſchen Heil hätten benützen können.“ „Auch iſt es beſſer, den Geiſt mit heiligen Dingen als mit irdiſchen Sorgen zu beſchäftigen,“ ſprach der Bruder Bernardo. „Ueberdies haben wir genug hier in Spanien ge⸗ gen die Erbfeinde der Chriſtenheit zu thun, und können daher unſere Kräfte nicht an weit ausſehende, phantaſti⸗ ſche Unternehmungen verſplittern.“ Dieſe Worte äußerte der Marquis von Denia, der, ſechzig Jahre alt, die Sünden ſeiner Jugend dadurch gut machen wollte, daß er noch in dieſem Alter die An⸗ fangsgründe des Lateiniſchen lernte. Columbus verſetzte: „Was ich ſuche und mit Gottes Hilfe zu finden hoffe, iſt, wie Ihr wißt, Indien. Ich will es auf dem weſtlichen Waſſerwege erreichen; es wird bei jenen aus⸗ gebreiteten, reichen Gegenden liegen, welche Mandeville und Poli in ſo goldenen Farben geſchildert haben. Alle Schätze des Morgenlandes werden uns dann auf einem bisher ungekannten Wege zuſtrömen, und die Ausgaben, welche meine und meiner Schiffe Ausrüſtung erfordert, werden ſehr bald hundertfältig erſetzt ſein.“ „Ihr ſeid ein phantaſiereicher Träumer,“ erwie⸗ derte Diego de Merlo, Beiſitzer des Gerichtes von Se⸗ villa, ſpöttiſch.„Nur Schade, daß Euren goldenen Vor⸗ 20 ausſetzungen der Boden der verläßlichen Wirklichkeit fehlt.“ ch würde,“ ſprach Columbus,„die noch edlere Aufgabe zu vollbringen haben, den Bewohnern jener fremden Gegenden die Lehren des chriſtlichen Glaubens zu bringen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach werden ſie nur Heiden ſein.“ „Es könnte alsdann,“ witzelte der Geheimſchreiber Zurita,„ſogar Euer Name von einer geheimnißvollen Vorbedeutung ſein. Columbus bedeutet eine Taube. Ihr betrachtet Euch wie eine Taube, die beſtimmt iſt, den Oelzweig und das Tauföl über das Weltmeer zu tragen, gleich der Taube Noah's, um den Frieden und die Ver⸗ einigung des Heidenvolkes mit der chriſtlichen Kirche an⸗ zudeuten, nachdem es in der Arche der Finſterniß und der Verwirrung eingeſchloſſen geweſen.“ Ein mehr oder minder ſichtbares Lächeln bewegte die gewöhnlich ſo ernſten Mienen der Gelehrten bei die⸗ ſer Bemerkung, die Zurita für ſehr geiſtreich hielt. Der Prior von St. Paul fügte mit wieder angenommener Würde auf dem feiſten Antlitz hinzu: „Es iſt und bleibt auf jeden Fall eine waghalſige, ſehr ungewiſſe Unternehmung. Es iſt nicht daran zu denken, daß ſie einen wirklichen Erfolg haben kann. Wäre dies dennoch gegen alle Erwartung, ſo würde alle 21 frühere Erfahrung auf den Kopf geſtellt. Es würde eine undankbare Neuerung ſein, aus der nie etwas Gutes hervorgehen kann.“ „Wir thun viel beſſer, bei dem Alten zu bleiben; das gute Alte kennen wir. Was uns das Neue bringt, können wir nicht wiſſen,“ ſprach der Graf von Paredes. „Das Alte iſt das beſte; wir wollen uns an das halten, was wir haben, und alle überſchwenglichen Neu⸗ erungen zu Waſſer und zu Lande von uns weiſen,“ ſetzte der Marquis von Denia hinzu, indem er mürriſch die breite Lippe aufwarf. Abermals trat ein kurzes Stillſchweigen ein. Co⸗ lumbus unterbrach es wieder: „Ich bitte Euch noch einmal, hochweiſe Herren, um einen endlichen Beſcheid in meiner Angelegenheit.“ Fernando von Talavera nahm das Wort: „Chriſtobal Colon, der Rath von Salamanca iſt nach langer Erwägung zu einem endlichen Beſchluß ge⸗ kommen. Vernehmet ihn, da Ihr ſelbſt darauf dringt: Er erklärt Euren Plan für eitel, unausführbar und auf zu ſchwachem Grunde beruhend, als daß ihm die Unterſtützung der Regierung zu Theil werden könnte.“ Die dieſem Geiſtlichen innewohnende Milde und Menſchenfreundlichkeit hatte jedoch das Herbe des In⸗ halts ſeiner Eröffnung für Columbus nicht entkräften 22 können, deſſen Bruſt ein tiefer Seufzer entſtieg. Der Cardinal von Mendoza aber, deſſen große Faſſungskraft und ausgebreitete Geſchäftskenntniß ihn über manche Vorurtheile erhoben, denen ſich nur zu viele ſeines Standes in jenem Zeitalter überließen, fügte hinzu: „Doch iſt dies nicht die Meinung aller Mitglieder dieſer Verſammlung, und der Grund der langen Zöge⸗ rung iſt, daß eine gänzliche Uebereinkunft nicht erzielt werden konnte. Ich meinestheils halte im Gegentheil dafür, daß Euer Vorhaben eine größere Begünſtigung verdiene.“ „Dies glaube auch ich,“ ſagte Don Pedro Velasco. Noch einige andere Männer gaben ähnliche Erklä⸗ rungen ab. Die Mehrzahl jedoch ſtimmte dem abgegebe⸗ nen Beſchluße unbedingt bei. Der junge Herzog von Alba nahm nun das Wort: „Dieſer Beſchluß des Rathes von Salamanca iſt dem Könige und der Königin zugeſtellt worden, und es haben Ihre Hoheiten mir den Befehl ertheilt, Euch Ihren endlichen, gnädigen Beſcheid zu eröffnen: Sie ſeien jetzt mit den Sorgen und Mühen Ihres Maurenkrieges zu ſehr beſchäftigt, um auf Euer Unternehmen, ſo wie auf Eure Wünſche einzugehen. Wenn dereinſt dieſer Krieg mit der Hilfe der heiligen Mutter Gottes beendigt ſein 23 wird, ſo würden Sie ſowohl Zeit wie Neigung haben, mit Euch zu unterhandeln.“ Die unerſchöpfliche Geduld, die unendliche Gelaſſen⸗ heit, welche der große Genueſe während dieſer ganzen Unterredung dem böſen Willen und der Beſchränktheit ſo mancher ſeiner Beurtheiler entgegengeſetzt hatte, war end⸗ lich erſchüttert. Es war ihm, als wenn alle ſeine lange gehegten Hoffnungen mit einem Blitzſtrahl zerſchmettert würden, und mit tiefem Schmerze ſprach er: „Ich habe mein Leben dieſer großen Aufgabe ge⸗ weiht, die ich als eine mir von Gott gewordene betrachte. Mein Vermögen habe ich ihr bereits geopfert— es iſt vergebens geweſen.“. Er ſchwieg erſchüttert und ſah zu Boden. Deza, der Erzbiſchof von Sevilla, ſagte nicht ohne Mitgefühl: „Wirklich, wackerer Mann, dies iſt ein kläglicher Erfolg Eurer langen und mühſeligen Bewerbung.“ Columbus erhob noch einmal das edle Haupt und erwiederte, indem er ſich zu faſſen ſuchte: „Ich ſehe in dieſer Antwort der gnädigſten Herr⸗ ſcher keine beſtimmte Zuſicherung, ſondern betrachte ſie als entſchieden abweiſend. Sie haben die Härte ihres Beſcheides mildern wollen. Mein Vaterland Genua ſuchte ich ſchon früher vergebens für meinen Entdeckungs⸗ plan zu gewinnen. So will ich denn noch einmal gen 24 Süden ziehen. Die Güter der Herzöge von Medina Si⸗ donia und Medina Celi liegen an der Küſte, und es werden daher dieſe Herren beſonders zu Seeunterneh⸗ mungen aufgefordert. Sie erzeigten mir viele Güte und Gaſtfreundſchaft. Ich will mich an ſie wenden und ſie für meine Wünſche zu gewinnen ſuchen.“ „Es ſteht kaum zu erwarten,“ ſagte Mendoza kopf⸗ ſchüttelnd,„daß dieſe Edelleute ſich auf deren Ausfüh⸗ rung einlaſſen, da ſie für die Hilfsmittel der Krone zu groß war.“ „Und wenn auch dies nicht iſt,“ rief Colombus mit wieder ausbrechendem Schmerze,„ſo werde ich Spanien für ewig Lebewohl ſagen und mich zu dem Könige von Frankreich begeben, bei dem ich auf ein geneigtes Gehör hoffen will.“ Er hüllte ſich in ſeinen Mantel und verließ das Gemach, indem er die gelehrte Verſammlung dem fer⸗ neren Austauſche ihrer Meinungen und Anſichten über⸗ ließ. 3 Zwrites Epitel. Die Königin Iſabella und der Steinſchleuderer. Länger als neun Jahre ſchon hatte diesmal der Krieg der ſpaniſchen Chriſten gegen die Mohamedaner gedauert. Durch die ſo oft erneuerten Kämpfe mit den Ungläubigen erhielt ſich hier im äußerſten Weſten das Ritterthum noch in ſeiner Blüthe, während es im übrigen Europa mehr und mehr in Verfall gerieth. Wie früher die Kreuzfahrer gen Oſten zogen, um dort das Symbol ihres Glaubens aufzurichten, ſo ſammelten ſich auch in Spanien einheimiſche und von auswärts herbei eilende Streiter, welche das Kreuz auf ihre Schultern hefteten und gelobten, ihre Kräfte dem großen Werke der Ver⸗ treibung der Ungläubigen aus Europa zu weihen. Ita⸗ liener, Franzoſen, Schweizer, Engländer, Flamländer und Deutſche reihten ſich in die Schaaren, welche Fer⸗ dinand und Iſabella in einer für die damaligen Kriegs⸗ 1861. IW Columbus und ſeine Zeit. I. 2 26 verhältniſſe ungeheuren Anzahl unter ihren Fahnen ver⸗ ſammmelt hatten. Zene weite Ebene, welche als die Vega von Gra⸗ nada bezeichnet wurde, war ſeit länger als zwei Jahr⸗ hunderten der berühmte Kampfplatz der mauriſchen und chriſtlichen Ritterſchaft, und faſt konnte man ſagen: daß jeder Fußbreit ſeines Bodens mit Menſchenblut getränkt ſei. Die Araber hatten ſie von jeher auf das fleißigſte bebaut, und es wuchs der Hanf und das Getreide des Nordens üppig unter dem Schatten des Weins und der OHlive, neben welchen der Granatapfel und die Citrone blühten. Das Waſſer des hindurch ſtrömenden Fenil war in tauſendfültigen Kanälen durch die Landſchaft geleitet, um deren Fruchtbarkeit durch dieſe vollkommene Bewäſ⸗ ſerung noch zu erhöhen. Nach allen Seiten dehnten ſich ausgebreitete Weiden, die hin und wieder von niedrigen Bergen durchſchnitten waren. Weiterhin erhob ſich, das Ganze wie mit einer Krone ſchmückend, auf mehreren An⸗ höhen die herrliche Stadt Granada. Ihre feſte Mauer wurde von tauſend und dreißig Thürmen mit ſieben Thoren beſtrichen. Hinter ihr, gewaltiger als jedes Werk von Menſchenhand, ſtiegen die ſchneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada empor; ſie bildeten einen reizenden Ge⸗ genſatz zu dem friſchen Grün der Vega, welchem alle 6 2 7 Verheerungen des Krieges ſeine üppige Fülle nicht ganz zu rauben vermocht hatten. Im Angeſichte von Granada, unfern des Fußes ſeiner Hügel, gewahrte man die Stadt Santa Fe. Das aus leinenen Zelten beſtehende Lager der Chriſten war abgebrannt; um ähnlichen Gefahren vorzubeugen und um paſſende Winterwohnungen für das Heer zu ſchaffen, wurde dieſe Stadt in wenigen Monaten erbaut. Unver⸗ ändert ſeit faſt vier Jahrhunderten, erzählt uns dies Denkmal der ſpaniſchen Beharrlichkeit noch heute von den namenloſen Anſtrengungen, die die Herrſcher und das Volk zur endlichen Erreichung ihres Zweckes machten. Unter den Einwohnern Granadas aber verbreitete der Anblick dieſer Stadt eine größere Muthloſigkeit, als es die außerordentlichſten Kriegsthaten des Feindes zu thun vermocht hätten, denn ſie ſahen, daß er unmittelbar unter ihren Mauren feſten Fuß gefaßt habe, daß er ſeine Er⸗ oberungen nicht wieder verlaſſen, nicht ruhen würde, bis dieſe Mauern ſelbſt von ſeinem Schwerte bezwungen ſeien. Ein junger Reiſender hatte auf einem am Wege in der Vega liegenden Hügel Halt gemacht, um von hieraus dieſe Betrachtungen anzuſtellen. Er trug unter dem dun⸗ keln Wamms ein leichtes Panzerhemd und war mit Schwert und Dolch bewaffnet. Dieſe Vorſichtsmaßregeln 28 waren auf den eiſamen Pfaden, die er durchzogen hatte, nothwendig, da er zur Abwehr irgend eines räuberiſchen Angriffs nur auf ſeine eigene Kraft beſchränkt war. Noch mehr aber bedurfte er ihrer in dieſen Gegenden, welche den eigentlichen Schauplatz des Krieges abgaben; in die⸗ ſen waren beſonders die Hinterhalte zu fürchten, von wel⸗ chen aus die Sarazenen ihre Ueberfälle zu machen liebten. Der Landſtrich, den er zuletzt durchzogen, war zwar gänzlich im Beſitz der Chriſten, doch konnte ihn immer ein feindliches Geſchoß oder eine Lanze aus der Ferne bedrohen, oder auch konnte er, der Einzelne, plötzlich den Säbel eines unerwartet aus einem Dickicht hervorſprin⸗ den Mauren gegen ſich gezückt ſehen. Jetzt fiel ſein Blick auf das klare Gewäſſer des enil, welches ſich am Fuße des Hügels durch ein üppiges, mit Weinbergen und Oliven⸗ gärten angefülltes Thal hinzog. Durch den anhaltenden Regen der letzten Tage, welcher ſich auch von den übrigen nahegelegenen Anhöhen in reißenden Stürzen in das Bett des Flußes ergoſſen hatte, war dieſes zu ungewöhn⸗ licher Breite angeſchwollen. Er gewahrte in einiger Ent⸗ fernung einen Zug von Reiſenden, welche ihre Pferde verließen und mehrere Bovte beſtiegen, die man für ſie am Ufer bereit gehalten hatte. Es mußten Leute von Bedeutung ſein, denn ihr Gefolge war zahlreich und es hatte ſie eine Schaar Bewaffneter begleitet, welche den 29 Rückweg antrat, als die Geſellſchaft vom Ufer abgeſtoßen war. Er trieb nun ſein Roß an, um gleichfalls den Fluß zu paſſiren, und fand am Fuße der Anhöhe eine Furth, durch welche er ſogleich in den Fluß hineinritt. Sein Thier war indeſſen von der langen Reiſe ſo ermüdet, daß es dem ziemlich reißenden Strome wenig Widerſtand zu leiſten vermochte und ſich von dieſem größtentheils tragen ließ. Er konnte nicht verhindern, daß es mehr und mehr auf die Stelle zutrieb, wohin ſich die Boote bewegten, und endlich nur einige Menſchenlängen von ihnen entfernt war. So landete er denn ſeitwärts auf einem Fleck, auf dem einige Gruppen von Mandelbäumen ſtanden. Hier hielt er ſein Pferd an, um ihm eine kurze Ruhe zu gön⸗ nen. Selbſt ungeſehen konnte er hier alles Vorgehende genau bemerken. Abermals war eine Anzahl größtentheils reich⸗ gekleideter Ritter und Edelknaben an dieſem Ufer ver⸗ ſammelt, hinter denen wieder eine beträchtliche Schaar berittener, eiſengepanzerter Krieger hielt. Das Flußbett war jedoch ſo verändert, daß es den Schiffern nicht mög⸗ lich wurde, an dem gegenwärtig überſchwemmten, ge⸗ wöhnlichen Landungsplatz anzulegen. Es blieben ungefähr noch zehn Schritte zu paſſiren, welche überfluthet waren. Mehrere Damen ſtanden in den Booten, zweifelnd den Zwiſchenraum zwiſchen ſich und dem Lande mit ihren 30 Blicken meſſend. Aus der Reihe der am Ufer verſammel⸗ ten Ritter trat nun der am reichſten Gekleidete hervor. Der himmelblaue Sammtmantel war mit goldenen Bor⸗ ten und Franſen beſetzt; ein breites, goldenes Bandelier hing über der Schulter, ein Degen in goldener Scheide an der Seite. Schimmernde Ketten bedeckten Hals und Bruſt. Die weißen Federn waren an dem ſchwarzen Ba⸗ rett durch eine Agraffe von blitzenden Edelſteinen be⸗ feſtigt. Seine majeſtätiſche Geſtalt und ſein gewandter Anſtand gaben ihm im Verein mit ſeiner glänzenden Kleidung ein Anſehen von Stattlichkeit und Würde, wel⸗ ches jemals bei einem andern Sterblichen getroffen zu haben der unbemerkte Zuſchauer dieſer Scene ſich nicht erinnerte. Der Ritter ſchritt nun ohne Zögern durch das Waſſer bis an den Rand des Bootes; nicht nur ſeine engen, weißen, ſeidenen Beinkleider, ſondern auch ein Theil ſeiner übrigen prächtigen Kleidung wurde durch⸗ näßt. Dann verbeugte er ſich tief, breitete die Arme aus und ſprach zu der voran ſtehenden Dame: „Möge meine gnädigſte Gebieterin geruhen, ſich dieſen meinen Armen anzuvertrauen, welche Euch ſicher auf das trockene Land bringen werden.“ „Wenn Du in der Nähe biſt, Gonſalvo,“ ant⸗ wortete dieſe,„ſo wird jede Verlegenheit, in der ich mich befinden könnte, leicht beſeitigt werden.“ 34 „Nie werde ich den Armen der Bootsknechte eine ſo hochtheure Laſt überlaſſen, wenn die meinigen im Stande ſind, meine Herrin durch Sturm oder Fluth zu tragen.“ „Aber Du haſt Deinen Gallaanzug durchnäßt, Gonſalvv. Er wird verdorben ſein,“ ſagte die Dame lächelnd. „Ich fühle weder Näſſe noch Kälte, wenn ich im Stande bin, der glorreichen Iſabella einen Ritterdienſt zu leiſten,“ lautete die ſchnelle Antwort. Der Redende trug ſie nun mit aller der che⸗ valeresken Artigkeit und Rückſicht, welche jede ſeiner Be⸗ wegungen und Worte charakteriſirten, hoch über die Flu⸗ then bis an das Ufer. Die übrigen Damen und Herren folgten auf die nämliche Weiſe in den Armen der Schif⸗ fer, bis endlich die ganze Geſellſchaft glücklich auf's Tro⸗ ckene gelangt war. 6 Einige der am Lande wartenden Herren hatten ihre Häupter entblößt und verbeugten ſich tief; die erſte Dame antwortete mit einem leichten Nicken. Andere nahmen erſt zur Erwiederung dieſer Begrüßung ihre Baretts ab und ſetzten ſie bald wieder auf. Sie wechſelte mit mehreren einige kurze Reden und nahte ſich dann am Arm des durchnäßten Ritters einer Reihe von reich angeſchirrten Maulthieren, welche man für ſie und ihr Gefolge bereit gehalten hatte. Ein knieender Edelknabe hielt ihr den Steigbügel eines kaſtanienbraunen Thieres, welches ſie ſogleich beſtieg. Der ganze Zug ſetzte ſich in Bewegung und war bald hinter den Hecken und Krümmungen des Weges den Augen des jungen Reiſenden entſchwunden. Dieſer ſchlug nun einen links abgehenden Pfad ein, von welchem er unterwegs erfahren hatte, daß er ihn ſchneller an das Ziel ſeiner Reiſe bringen würde. Er führte in das In⸗ nere einer Bergkette von rauherem Anſehen. Der ſchmale Pfad wurde ſo unwegſam, daß er genöthigt war, von ſeinem Pferde zu ſteigen und dies am Zügel zu führen. Größere und kleinere Felsſtücke, welche die Stürme man⸗ cher Jahrhunderte abgelöſt haben mochten, lagen hier und dort verſtrent und ſperrten den Weg. Dann wieder ſtürz⸗ ten Felsbäche von den graugrünen Schichten über den Weg. Er mußte mehr klettern als gehen, und gelangte endlich an einen ſo ſteilen Abhang, daß dieſer nur mit der äußerſten Vorſicht von ihm und ſeinem Thier paſſirt werden konnte. An deſſen unterm Ende lag eine ziemlich große, von Bergrücken eingeſchloſſene Fläche, durch welche. eine ſchmale Quelle plätſcherte. Er beſchloß, dem zittern⸗ den, ſchweißbedeckten Pferde eine kurze Erholung zu gön⸗ nen, löſte ſeinen Zaum und leitete es zu dem Gewäſſer, damit es ſeinen Durſt ſtille. Er ſelbſt ſetzte ſich auf ein großes Felsſtück und ſchaute auf die majeſtätiſchen, nack⸗ ten Höhen ringsum und hinauf zum Himmelsdom, deſſen dunkle Bläue auch nicht durch die leiſeſte Wolkenſchat⸗ tirung unterbrochen wurde. Dieſe Stimmen der Natur waren die einzigen Laute des Lebens in der tiefen Ein⸗ ſamkeit des Gebirges. Plötzlich erſpähte ſein ſcharfes Auge einen ſich unterſcheidenden Punkt in dem fleckenloſen Azur dieſes unermeßlichen Gewölbes. Er kam näher und näher. Es war ein Geier, welcher in majeſtätiſchen Krei⸗ ſen ſeinen Weg durch die unendliche Weite der Luftregion durchſchnitt. Die Luſt des eifrigen Falkenjägers regte ſich in dem jungen Manne. Zwar war kein Edelfalke zur Hand, den er hätte aufſteigen und den Kampf mit dem gewal⸗ tigen Gegner in der Luft beſtehen laſſen können, doch wollte er den Verſuch machen, ihn auf andere Weiſe an⸗ zugreifen. Er zog aus ſeinem Reiſeſack eine Schleuder hervor, deren Gebrauch er von den mauriſchen Bewoh⸗ nern dieſer Gegend gelernt hatte. Auf dem Grunde der Quelle lagen glatte Kieſelſteine; er nahm einige von dieſen auf und verſuchte mit ihnen nach der Weiſe des altteſtamentariſchen Königs David mehrere raſche Würfe, um den fliegenden Goliath zu treffen. Einige dieſer ge⸗ ſchleuderten Würfe mißglückten und die Steine flogen weit über den Geier hinweg. Endlich aber erreichte ihn einer, und der junge Mann ſah mit der Freude des glück⸗ 34 lichen Jägers den Raubvogel herab flattern und endlich an der andern Seite des Felſengipfels niederſtürzen. Mit dem Wunſche, ſeine Beute näher zu betrachten und ſie vielleicht mit ſich fortzuführen, lief er mit möglichſter Schnelle um den Fuß des Felſens, entſchloſſen, ſein Pferd nachzuholen oder zu ihm zurückzukehren. Es ver⸗ floßen indeſſen faſt zehn Minuten, ehe er bis zu dem Geier gelangen konnte. Auf einmal hörte er Pferde⸗ getrappel. Im nächſten Augenblicke nahte ein Haufe chriſtlicher Ritter, welchen die vorſpringende Felſenwand ſeinen Blicken entzogen hatte. Dieſe drangen auf ihn ein; ſein Widerſtand wurde bald von der Uebermacht überwältigt; ihm unverſtändliche Flüche erſchallten rings⸗ um. Man band ihn zwiſchen zwei der Pferde feſt, und er mußte es ſich gefallen laſſen, daß man ihn weiter hinun⸗ ter auf eine Art von Hochebene führte, wo er den größ⸗ ten Theil des Zuges wieder fand, der ſich früher von dem Fluße entfernte. Die Dame, welche der prächtige Ritter durch das Waſſer getragen hatte, war von ihrem Maul⸗ thiere gehoben worden und ſtreckte den Arm aus. Eine Andere kniete vor ihr und bemühte ſich, ein Tuch um dieſen zu binden. Viele der Bewaffneten hatten gleichfalls ihre Pferde verlaſſen und ſtanden ringsum. Bei dem An⸗ blicke des jungen Gefangenen entblößten ſie ihre Klingen und ſtürzten auf ihn zu, indem ſie mit wilden Geberden ſchrieen: „Nieder mit dem Verräther! Haut den Mörder in Stücke! Wir wollen ihn durchbohren, den verfluchten Buben, zur Ehre Sanct Jagos und der heiligen Jungfrau! Der elende Schurke verdient nicht, durch die Schwerter wackerer Ritter zu ſterben! Nieder mit ihm!“ Der Bedrohte wurde zu Boden geriſſen und ſank auf die Kniee. Sein kleiner, ſpitzer, ſchwarzer Hut mit der Hahnenfeder war von den dunkelblonden Locken ge⸗ flogen, die faſt bis auf die Schultern herabfielen. Die gezückten Schwerter waren auf ſeinen unbeſchützten Hals gerichtet. Von dem augenblicklich ihn bedrohenden Tode wurde er jedoch auf unerwartete Weiſe gerettet, indem die Dame, welche ſeine Aufmerkſamkeit wiederholt beſchäftigt hatte, vortrat, ihren Arm gleichſam wie zum Schutz ge⸗ gen ihn ausſtreckte und im reinſten Caſtilianiſch, jedoch mit einer ſo vollkommen klaren Stimme, daß ſie rings⸗ um verſtanden werden mußte, rief: „Halt, Ihr Ritter! Keine unbedachtſame Gewalt⸗ that in meiner Gegenwart! Ich erkenne Euren Eifer für die Sicherheit meiner Perſon dankbar an, allein kein Chriſt, und ſei er der ſchwärzeſte Miſſethäter, ſoll in meinem Reiche ohne Beichte und Abſolution ſterben, wenn ich es verhindern kann!“ Die Ritter ſenkten ihre Waffen, wobei ſie jedoch nicht ermangelten, einen ſo dichten Kreis um den Knieen⸗ 36 den zu ſchließen, daß für dieſen an kein Entrinnen zu denken war und er nach wie vor dem Zorn der Umſtehen⸗ den überlaſſen blieb. Einzelne halblaute Worte der Un⸗ zufriedenheit entſchlüpften dabei ihrem Munde. Gonſalvo war wieder dicht neben die Königin getreten. Der Knie⸗ ende blickte in ſein ſchönes, regelmäßiges Antlitz, welches, von dunkeln Locken umwallt, den Ausdruck der Güte nicht minder als den der Kraft und Klugheit trug. Es kam ihm vor, als wenn Gonſalvo's dunkle Augen weniger feind⸗ ſelig blitzten als die der übrigen Männer, und ſo wie ſich der Bedrohte in der höchſten Gefahr auch an einen Stroh⸗ halm klammert, erhob er die gefeſſelten Hände und rief im heißeſten Flehenston: „Rettet mich, edler Ritter! Laßt nicht einen Un⸗ ſchuldigen eines ſchmählichen Todes ſterben! Ich habe nichts verbrochen und weiß nicht, weshalb man mich bedroht!“ „Nichts verbrochen, Schurke?“ donnerte die rauhe Stimme eines alten Ritters.„Du haſt einen Stein auf die Königin von Caſtilien geſchleudert, und biſt werth, für dieſen Mordverſuch von Pferden zerriſſen zu wer⸗ den!— Die Schleuder, welche wir in Deiner Hand fan⸗ den, liefert den Beweis Deines Verbrechens!“ Der Knieende aber erhob nun furchtlos ſein dunkel⸗ blaues Auge zu der Dame und auf ſeine bisher todtenbleiche Wange kehrte eine flüchtige Röthe zurück. Laut ſprach er: „Wenn ich mich hier vor der großen Iſabella von Caſtilien befinde, ſo rufe ich nicht nur ihre Gnade, ſon⸗ dern ihre Gerechtigkeit an, wegen welcher ſie weit über die Grenzen ihres Landes berühmt iſt! Sie gewährt dem Hohen und Niedrigen den Schutz der Geſetze. Ich nehme ihn auch für mich in Anſpruch und fordere gehört zu werden, fordere Urtheil und Recht, ehe man mich gleich einem tollen Hunde zu Boden ſchlägt!“ Eine augenblickliche Pauſe trat ein. Die Königin ſprach dann: „Das ſoll Dir werden. Auch der ruchloſeſte Ver⸗ brecher ſoll gehört werden, ehe ihm der Lohn ſeiner Un⸗ thaten wird. Habe ich in meinem Schloſſe zu Sevilla an jedem Freitag perſönlich im Kreiſe meiner Beamten Gericht gehalten, um Mißbräuche abzuſtellen, ſo kann dies auch hier am Ufer des Tenil geſchehen.“ „Eure Hoheit ſitzt nicht hier auf ihrem Staats⸗ ſeſſel, und ſtatt der mit Goldſtoff bedeckten Erhöhung, die ihn in Sevilla trägt, iſt nur der Wieſengrund oder ein Stein am Wege der Platz, der ſich Euch hier bietet,“ ſagte ein Ritter, deſſen Kreuz auf dem weißen Mantel ihn als den Großmeiſter von St. Jago kenntlich machte. 28 38 „Der Burſche hat auf jeden Fall Geiſtesgegenwart ſelbſt im Augenblicke des Todes,“ meinte Gonſalvo.„Auch ſollte man nicht glauben, daß dieſe offenen, wohlgebil⸗ deten Züge, dieſe freie Stirn einem ſchändlichen Meu⸗ chelmörder gehören. Eure Hoheit werden nach Ihrer Weisheit über ihn entſcheiden und vielleicht geneigt ſein, nicht eine gar zu blutige Strenge über ihn walten zu laſſen.“ Die Königin neigte beiſtimmend leicht das Haupt. Gonſalvo hatte mit einer feinen Artigkeit geſprochen, welche mit jener hohen Würde gepaart war, die nicht ſelten bei ſeinen Landsleuten noch jetzt zu finden iſt. Nun fragte er den Knieenden: „Wie heißt Du?“ „Arnold Waller.“ „Wie alt biſt Du?“ „Vierundzwanzig Jahre.“ „Wo iſt Deine Heimath?“ „In der Stadt Köln am Rhein.“ „Du biſt nicht von edler Geburt?“ „Ich bin der Jüngſte einer Patrizierfamilie, welche ſeit Jahrhunderten im Krieg und Frieden für ihre Stadt thätig war und die erſten Aemter in ihr bekleidete.“ „Wie kommſt Du hierher nach Spanien und was willſt Du hier?“ 39 „Ich habe das Waffenhandwerk in Burgund un⸗ ter dem römiſchen König Maximilian gelernt und Er⸗ laubniß erhalten, mich auf eins der flamändiſchen Schiffe zu begeben, welche dieſer mit Kriegsbedürfniſſen als Hilfe im Kampfe gegen die Ungläubigen an die Königin von Caſtilien abſandte. Ich bin mit dieſem in Santarem gelandet und wollte mich zu dem ſpaniſchen Lager be⸗ geben, um hier Dienſte gegen die Mauren zu nehmen.“ „Warum trennteſt Du Dich von der Heeresab⸗ theilung, welche dieſe Kriegsbedürfniſſe hierher geleitet, oder von den Freunden, welche Du etwa auf den Schif⸗ fen haben konnteſt?“ fragte Gonſalvo weiter. „Der Zug der Maulthiere und ſchwerbeladenen Wagen, auf denen ſie zu Lande weiter befördert wur⸗ den,“ antwortete Arnold,„gelangte nur ſehr langſam vorwärts. Ich zog es vor, mich ſchon nach einigen Ta⸗ gen von ihm zu trennen und allein weiter zu reiten, da⸗ mit ich deſto eher zu König Ferdinand gelangen und am Kampfe theil nehmen könnte. Ein Oheim von mir iſt Hauptmann bei dem Schweizer Fußvolk, das hier mit vor Granada lagert. Ich wollte mich ſogleich an meinen Oheim wenden und hoffte durch ſeine Vermittelung un⸗ geſäumt unter die Schweizer eingereiht zu werden.“ „Wie heißt Dein Oheim?“ 40 „Michael Waller. Er hat ſchon ſeit einer Reihe von Jahren im ſpaniſchen Heere gedient.“ „Es wird ſich bald zeigen, ob Deine Angaben Wahrheit enthalten,“ fuhr Gonſalvo fort,„denn das Schweizer Fußvolk ſteht unter meinem Befehl und der Hauptmann Miguel Waller iſt mir ſehr wohl bekannt. Es wird ſich finden, ob er Dich als ſeinen Neffen an⸗ erkennt.“ „Wenn Ihr mich zu ihm gelangen laſſen wollt, ſo werde ich Euch ſehr zum Dank verpflichtet ſein, Herr Ritter,“ erwiederte Arnold. „Nicht ſo haſtig, Burſche,“ ſprach dieſer,„denn ſo weit ſind wir noch lange nicht. Bekenne jetzt, wie Du zu dem fluchwürdigen Vorhaben kamſt, einen Stein auf die geheiligte Perſon der Königin von Caſtilien zu ſchleu⸗ dern.“ Arnold Waller erzählte nun in kurzen Worten den Vorfall, den wir ſo eben beſchrieben haben, und fügte dann noch hinzu: „Ich war ſehr erfreut, endlich das Ziel meiner lan⸗ gen Reiſe, die Thürme von Granada, zu erreichen. Daß ich ſo glücklich war, vorhin ſchon die Königin zu erblicken, konnte ich nicht wiſſen; da ich ganz fremd hier bin, ſo kenne ich weder ſie noch irgend Jemanden ſonſt in dieſer glänzenden Verſammlung. Lieber möge meine Hand ver⸗ 41 dorren, als daß ſie ſich jemals gegen die Königin Iſabella erhöbe, welche der Hort aller gläubigen Chriſten und— wenn auch nicht mit ſcharfen Waffen, ſo doch mit Rath und That in jeglicher andern Weiſe— die eifrigſte Käm⸗ pferin gegen die Sarazenen, die glorreichſte Beſchützerin aller Krieger unter dem Banner des Kreuzes iſt!“ Die Wange des noch immer Knieenden hatte ſich lebhafter geröthet und in ſeinen Augen blitzte ein zorniger Unwille, den der Gedanke erregte, daß man ihn einer ſol⸗ chen Unthat auch nur verdächtigen könnte. Augenſcheinlich war es, daß dieſe Gefühlsäußerung bei den meiſten An⸗ weſenden einen Eindruck zu ſeinen Gunſten machte. Die Königin hatte aufmerkſam dem ſtattgefundenen Verhör zugehört und ſprach nun nach kurzer Pauſe: „Stehe auf und ſprich weiter!“ Arnold folgte dieſem Befehl, und als ſich ſeine ſchlanke, mittelgroße Geſtalt aufgerichtet hatte, bemerkte man, daß deren kriegeriſche Haltung einem Kenner des Waoffenhandwerks angehören müſſe. Er verbeugte ſich tief gegen die Königin, als wolle er ihr ſeinen Dank ausſprechen, und fuhr ermuthigt fort: „Wäre ich ein elender Meuchelmörder, ſo hätte ich ſchon vorhin, als ich Eurer Hoheit näher war, eine Lanze oder einen Pfeil abſenden können, um dieſe ſchändliche Abſicht zu erreichen. Mit beiden verſtehe ich ſo gut zu 1861. IWV. Columbus und ſeine Zeit. I. 42 zielen, wie mit dem Schwerte zu kämpfen. Dies ſind beſſere Waffen als Kieſelſteine, die ich zufällig weiterhin in einer Quelle fand.“ Eine abermalige Pauſe trat ein. Der Großmeiſter von St. Jago war einer der Granden, welche hier mit andern Bewaffneten die Königin erwartet hatte, um dieſe mit ihrem Gefolge in das Lager der Chriſten zu geleiten. Er nahm noch einmal das Wort: „Bei Alledem kann man nicht wiſſen, ob Du nicht ein von den Heiden gedungener Mörder biſt; denn dieſe ſind in jeder Liſt erfahren und verfolgen oft ſeltſame Umwege, um ihre fluchwürdigen Abſichten in's Werk zu ſetzen.“ Die Dame, welche vorhin vor der Königin gekniet und ihren Arm verbunden hatte, war nun an ihre Seite getreten, wobei ſie jedoch ungefähr einen halben Schritt hinter ihr ſtehen blieb. Sie hatte ihren Schleier wieder vorgezogen und ſagte nun: „Euer Verdacht ſcheint mir nicht gegründet, Groß⸗ meiſter. Dieſer junge Mann hat die Veranlaſſung ſeiner unglücklichen That genügend erklärt, und wenn er auch eine Unvorſichtigkeit beging, ſo iſt deshalb kein ſchwarzes Verbrechen von ihm beabſichtigt worden. Daß er ſich wieder in der Nähe der Königin befinde, aus der er ſich vorhin entfernte; daß jener gebahntere, für einen größe⸗ 43 ren Zug geeignetere Weg wieder mit dem kürzeren durch die höheren Berge zuſammentrifft; daß ein unſeliges Un⸗ gefähr einen ſeiner geſchleuderten Steine, welche dem Raubvogel galten, auf den Arm der Königin niederfallen ließ, kann nur ein unfreiwilliges Verſehen genannt wer⸗ den. Die Gnade iſt das heiligſte Vorrecht der Könige. Eure Hoheit hat ſchon größere Vergehen als einen un⸗ vorſichtigen Steinwurf verziehen oder doch nur mit einer leichten Strafe begnadigt.“ So inhaltſchwer auch die letzten Minuten für Ar⸗ nold geweſen waren, ſo hart bedroht er ſich geſehen hatte, ſo war doch ſelbſt dieſe nahe Todesgefahr nicht im Stande geweſen, ſeine natürliche Beobachtungsgabe ganz zu un⸗ terdrücken. Er hatte während des Auftritts bemerkt, daß Iſabella von Caſtilien mittelgroß und ſchön gewachſen war. Ihre regelmäßigen Züge wurden durch eine helle, friſche Geſichtsfarbe, durch lebhafte, himmelblaue Augen und kaſtanienbraunes Haar noch gehoben. Dieſe in Spa⸗ nien nicht ganz gewöhnliche Schönheit wurde durch einen Ausdruck von Klugheit und Sanftmuth noch anmuthiger. Eine natürliche Würde und beſcheidene Zurückhaltung, gepaart mit Leutſeligkeit, begleitete jede ihrer Bewegun⸗ gen. Arnold hatte das Gefühl, daß man nie wagen würde, ſich ihr mit ungebührlicher Vertraulichkeit zu nä⸗ hern, daß jedoch die ihr geweihte Ehrerbietung ſich leicht 44 mit Hingebung und Liebe miſchen könnte. Die Bewun⸗ derung ihrer Zeitgenoſſen hatte hinſichtlich ihres Aeußern nicht zu überſchwänglich von der berühmten Königin ge⸗ ſprochen. Die Dame, welche zuletzt das Wort genommen, war etwas größer und ſchlanker; alle ihre Bewegungen zeigten eine edle Anmuth, und ihr Ton war ſo weich, ihre Ausdrucksweiſe ſo gewählt, als wenn die Königin ſelbſt ſpräche. Gonſalvo verſetzte nun: „Du biſt bei Alledem des Verbrechens der beleidig⸗ ten Majeſtät ſchuldig, ſei es mit oder ohne Deinen Wil⸗ len. Es wird von der Gnade Eurer Hoheit abhängen, wie Ihr über dieſen angeblichen Deutſchen beſchließen wollt.“ „Wir wollen hoffen, daß ſeine Angaben Wahrheit enthalten,“ ſagte Iſabella ernſt, wenn auch ohne Strenge, indem ſie ſich theils zu der andern Dame, theils zu Gon⸗ ſalvo wandte. „Was ſeine deutſche Abkunft anbetrifft, ſo glaube ich ihm auf's Wort,“ erwiederte Don Gonſalvo.„Sein ſchlechtes Caſtilianiſch gibt ihm das beſte Zeugniß, daß er nicht in unſerm Lande geboren iſt. Wie es ſich mit ſeinen übrigen Mittheilungen verhält, werde ich bald von meinem Hauptmann Miguel Waller erfahren. Im Gan⸗ zen lauten ſie nicht unwahrſcheinlich. Uebrigens iſt er ein muthiger Burſche, denn weder zuckte ſeine Wimper noch 45 bebte ſeine Lippe, als ihm von ſo vielen blanken Schwer⸗ tern der augenblickliche Tod drohte. Wenn ſein Arm ſo gewandt wie ſeine Zunge iſt, ſo könnte er einen tapfern Streiter gegen die Mauren abgeben.“ „Ich will ihm glauben,“ ſagte die Königin,„daß ſein Vergehen gegen mich unabſichtlich war.“ „Wenn Eure Hoheit es ausſpricht,“ entgegnete Gonſalvo,„ſo muß jeder Caſtilianer das Nämliche an⸗ nehmen.“ „Da er Niemanden als nur mich beleidigte,“ fuhr die Königin fort,„ſo ſoll es ihm verziehen ſein. Wenn in ſeiner ganzen Erzählung keine Lüge vorgekommen iſt und wir ihm alſo trauen dürfen, ſo mag er durch Tapferkeit gegen die Feinde der Chriſtenheit uns Alle vergeſſen ma⸗ chen, daß wir ihm böſe Abſichten zutrauten. Ich übergebe ihn Dir, Gonſalvo. Nimm ihn in Deine Obhut und laß ihn unter die Schweizer einreihen, wenn er es ver⸗ dient.“ Iſabella hatte mit jener ſanften Hoheit geſprochen, welche keinen Widerſpruch zuließ. Gonſalvo ſchnitt mit einem raſchen Schwerthieb die Bande durch, welche Wal⸗ lers Hände feſſelten. Alſo befreit, antworte Arnold dadurch, daß er die rechte Hand wie zu einem Gelöbniß auf die Bruſt legte, ſich noch einmal auf ein Knie niederließ und zum Zeichen der Bejahung tief das Haupt beugte. Gon⸗ 46 ſalvo winkte einigen in der Nähe haltenden Bewaffneten, daß ſie ihn einſtweilen in ihre Mitte nehmen ſollten. Es wurde ihm geſtattet, mit dieſen zu ſeinem Pferde zurück⸗ zukehren und ſich dann auf dieſem dem Zuge wieder an⸗ zuſchließen. Die Königin ſaß mit Gonſalvo's Hilfe ſehr hald wieder in ihrem Sattelſtuhl, der mit Gold und Sil⸗ ber verziert ſich auf einer Decke von hochrothem Atlas erhob. Auf dem gleichfalls kunſtvoll aus Atlas gewirkten Zügel waren goldene Buchſtaben zu erblicken. Gonſalvo blieb auf ſeinem Araberhengſt der Königin zur Seite; die Dame, welche Arnold's Fürſprecherin geweſen, folgte ihr, indem der Großmeiſter neben ihr ritt. Die Hoffräulein, Edelknaben, Ritter und ſonſtigen Bewaffneten, alle wohl⸗ beritten auf Maulthieren und Pferden, ſetzten ſich gleich⸗ falls in Bewegung. Prittes Capitel. Der große Feldherr und die Schweizer Fuß⸗ ſoldaten. Iſabella von Caſtilien mochte ungefähr vierzig Jahre alt ſein. Trotz ihrer ſpaniſchen Nationalität hatte dies nicht mehr jugendliche Alter ihrer Schönheit keinen Abbruch gethan. Sie ſchien vielmehr nur gereift und vollendet zu ſein. Wenn dieſe auch nicht mehr in ihrer erſten Blüthe ſein konnte, ſo war ſie doch entfernt von herbſtlicher Welke. Vielleicht war es die viele Bewegung im Freien, welche ſie bei ihren ſehr häufigen Reiſen zu Pferde machte, ſo wie ihr oftmaliger Aufenthalt im Lager, der dieſe theilweiſe bedingte, welche ihr ein ſo anmuthiges Ausſehen von Friſche und Geſundheit er⸗ hielten. Das Oberkleid von dunkelm Sammt, das Unter⸗ kleid von geblümtem Seidenſtoffe, der ſcharlachne Man⸗ tel nach mauriſcher Mode und der ſchwarze Hut mit 48 einer weißen Feder und Goldſtickerei zeigte nach den Be⸗ griffen der damaligen Zeit alle jene Pracht und Eleganz, welche der Königin von Caſtilien gebührte. Nachdem ſich der Zug einige Stunden lang mit mäßiger Schnelligkeit fortbewegt hatte, ohne daß ihm etwas beſonders Bemerkenswerthes aufgeſtoßen wäre, wurde Halt gemacht. Es nahte ſich ein Zug berittener Männer, welcher nicht weniger geſchmückt war, als der⸗ jenige, welcher die Königin geleitete. Man war etwa noch eine halbe Meile von Santa Fe entfernt. Arnold befand ſich unter dem Theile der Bewaffneten, welche dem Zuge der Königin voran ritten, und da dieſe ſich jetzt ſeitwärts reihenweiſe aufſtellten, ſo war er im Stande die An⸗ kommenden genau in Augenſchein zu nehmen. Ein mittel⸗ großer Herr im hochrothen Wamms ſprengte mit vollen⸗ deter Reitkunſt auf einem edlen, kaſtanienbraunen Roß daher, wobei ſein Mantel vom reichſten Seidenſtoffe hin⸗ ter ihm her flatterte. Eine gleichartige Unterweſte verdeckte ſeinen Panzer; die engen Beinkleider waren von gelbem Atlas und ein krummer, mauriſcher Säbel hing am gold⸗ geſtickten Bandelier. Das ſchwarze Barett bedeckte theil⸗ weiſe die hohe, heitere Stirn, an welcher das braune Haar herunterflatterte. Das glänzende, dunkle Auge, die feinen Formen der Naſe und des Mundes, die weißen Zähne, die wenn auch gebräunte, ſo doch friſche Geſichtsfarbe, 49 waren Vorzüge, die nicht weniger in die Augen fielen, als die würdevolle Artigkeit ſeines Benehmens. In dieſem lag ein gewiſſer Ernſt, wenn gleich weder Trauer noch üble Laune auf ſeinem Antlitze lagerte. Die tiefe Ehrer⸗ bietung, welche alle Anweſenden an den Tag legten und der leiſe Ausruf:„Der König!“— welcher den Lippen der ihm nächſten Reiter entfloh, belehrten Arnold bald, daß Ferdinand von Arragonien, begleitet von ſeiner Leibwache von tauſend Rittern, welche ihm ſtets in die Schlacht und oft bei friedlichen Gelegenheiten folgten, hier ſeine Gemahlin Iſabella von Caſtilien begrüße, um mit ihr in das Lager von Santa Fe zurückzukehren. Als Beide nahe vor einander hielten, grüßten ſie ſich dreimal mit tiefen Verbeugungen. Die Königin nahm darauf ihren Hut ab, ſo daß man den einzigen Schmuck eines goldenen Bandes und einiger Diamantnadeln in dem dunkeln Haar erblickte. Der König küßte ſie auf die Wangen und reichte der ihr zunächſt haltenden Dame die Hand, welche dieſe an ihre Lippen drückte. Die übrigen Theilnehmer des Zuges wurden nur mit einem leichten, würdevollen Nicken bedacht, auf welches ſie mit den tief⸗ ſten Verbeugungen und dem Senken der Schwerter und Lanzen antworteten. Erſt nachdem dies ſtrenge, ſpaniſche Ceremoniell gewiſſenhaft beobachtet war, ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung, indem der König diesmal zur 50 Seite ſeiner Gemahlin blieb. Man gelangte nach Santa Fe, wo für dieſe, ſo wie für ihr weibliches Gefolge für eine angemeſſene Bequemlichkeit geſorgt war*). Arnold mußte es ſich gefallen laſſen, noch einige Stunden in einer Art von Wachſtube unter der Obhut der bewaffneten Reiter zu bleiben. Dann wurde er von dieſen in ein anderes Haus gebracht, worauf er ſich bald wieder in der Gegenwart des Ritters ſah, den er ſich gewöhnt hatte, in ſeinen Gedanken mit dem Namen Gonſalvo zu bezeichnen und welcher ſich ihm als der wenigſt feind⸗ liche unter allen Spaniern bewieſen hatte. Dieſer hatte nun ſeine durchnäßte Prachtkleidung abgelegt und ſaß in einem einfacheren Anzuge, ohne Mantel und Bruſthar⸗ niſch, auf einem hohen Lehnſeſſel, während ein Mann in der Tracht der Schweizer Fußſoldaten einige Schritte von ihm entfernt ſtand. Als Arnold hereintrat, ſprach der Ritter Gonſalvo zu dieſem, indem er auf Arnold deutete: „Nun, Hauptmann, weißt Du, wie die Sachen ſtehen. Hier iſt der Burſche, der ſich für Deinen Reffen ausgegeben hat. Sieh zu, ob Du ihn für dieſen erkennen und Bürgſchaft für ſein gutes Verhalten ſtellen kannſt.“ ) Alle dieſe Einzelnheiten ſind aus: Geſchichte der Regie⸗ rung Ferdinand's und Iſabella's von Spanien, von Prescott, ge⸗ nommen. 51 Der Hauptmann Waller, eine kurze, gedrungene Geſtalt, mit ſonneverbranntem Antlitze, betrachtete einige Sekunden lang aufmerkſam den Eingetretenen und ſprach dann mit ziemlich rauher Stimme: „Bei Sanct Jago! Dieſer Burſche trägt die Züge meines Bruders, des Rathsherrn von Köln. Faſt kommt es mir vor, als wenn ich dieſen erblicke, wie er vor dreißig Jahren friſch und keck auf den Straßen unſerer guten Stadt umherging. Dieſer Jüngling kann immerhin ſein Sohn ſein, denn eine ſprechendere Aehnlichkeit ſah ich noch nie!“ Dies unwillkürlich abgelegte Zeugniß erhielt noch auf eine andere Weiſe eine Beſtätigung, denn dieſe näm⸗ liche Aehnlichkeit, welche den Hauptmann ſo frappirte, fand ſich auch in ſeinen eigenen Zügen, jedoch nur inſo⸗ fern, wie oft häßliche und hübſche Geſichter ſich gleichen können. Sein etwas wüſter Haar⸗ und Bartwuchs trug die nämliche Farbe, welche man an den frei herunter⸗ wallenden Locken und an dem wohlgepflegten Bärtchen Arnold's gewahrte. Beider Antlitz zeigte den Stem⸗ pel deutſcher Abkunft, wenn auch die Naſe des Ael⸗ tern mehr aufgeworfen, ſeine Backenknochen hervortreten⸗ der und ſeine Stirn eckiger war als die des Jüngeren. Dieſer ſtreifte nun ſeinen Aermel zurück, deutete auf ein rothes Maal in der Nähe des linken Ellenbogens und rief, den Arm ausſtreckend: 52 „Hier, Oheim, ſind noch die zwei gekreuzten Schwerter, mit denen ich geboren wurde, weshalb Ihr damals in Köln behauptet habt, daß ich für den Krieger⸗ ſtand beſtimmt ſei— und hier iſt die hochtheure Reliquie, der Splitter vom Kreuze Chriſti, den Ihr mir als Pathengeſchenk umbandet, nachdem Ihr mich aus der heiligen Taufe gehoben.“ Er zog hierbei eine kleine, goldene Kapſel hervor, welche er an einer ſilbernen Kette um den Hals trug. Sie bildete die Umhüllung der Reliquie. Auf der hintern Fläche waren die verſchlungenen Buchſtaben M. und W. eingegraben. Der Hauptmann trat ſchnell zu ihm, erfaßte mit der einen Hand ſeinen entblößten Arm, mit der an⸗ dern die ihm dargereichte Kapſel, betrachtete Beides an⸗ gelegentlich und rief dann laut: „Es iſt kein Zweifel, er muß es ſein! Ich erkenne mein Pathengeſchenk und dies Maal, von dem ich damals genug geredet; denn Dein Vater wollte Dich zu einem Federfuchſer machen, damit Du dereinſt ein gewichtiges Wort in den Angelegenheiten der Vaterſtadt reden könn⸗ teſt, wie er es zur Zeit Deiner Geburt that. Mir war ſtets das ehrliche Waffenhandwerk lieber als alle Gelehr⸗ ſamkeit und alle Klugheit im Rath! Gottlob, daß Du kein Schwarzrock, ſondern ein wackerer Kriegsmann ge⸗ 53 worden biſt!— Sennor, er iſt wirklich mein Neffe, ich muß ihn als ſolchen anerkennen!“ „Das freut mich,“ ſprach Gonſalvo,„denn ich denke, daß wir nun einen kräftigen Arm gegen die Feinde mehr auf unſerer Seite haben. Wohlan denn, Burſche, Du wirſt eher in das ſpaniſche Heer aufgenommen ſein, als Du ſelbſt gedacht haſt!“ Der Ritter war offenbar erfreut über dieſen guten Ausgang der früher ſo mißlichen Angelegenheit Arnold's. Dieſer fühlte ſich wieder ſo angenehm von der Weiſe des Ritters berührt wie früher, als er ihm ſo viel Wohl⸗ wollen gezeigt hatte, wie dies den Umſtänden nach mög⸗ lich war. Arnold blickte daher nun zu ihm auf und ſagte mit einem beſcheidenen Freimuth und einer lebhafteren Röthe auf ſeinen Wangen: „Ich rief Euch an in meiner höchſten Noth, edler Ritter, als mein Leben von ſo vielen Seiten bedroht war; denn ich dachte, daß Ihr, der Ihr ſo ritterlich die Königin durch das Waſſer trugt, auch einem Bedrängten beiſtehen würdet, ſich Gehör zu verſchaffen. Ich hatte mich nicht in Euch geirrt, denn Ihr tratet als mein Für⸗ ſprecher auf. Seid verſichert, daß Ihr Eure Güte nicht an einen Unwürdigen verſchwendet habt.“ „Diene der Königin treu und ſchlage Dich wacker!“ erwiederte ihm der Ritter freundlich,„ſo wirſt Du Deine Sachen gut machen. Nimm ihn jetzt mit Dir, Waller, und ſorge, daß er wie ein Schweizer Landsknecht geklei⸗ det, bewaffnet und eingeübt werde. Laß mich ihn morgen in unſeren Reihen ſehen.“ Der Hauptmann entfernte ſich nun in der Beglei⸗ tung ſeines Neffen, und bald langten ſie in deſſen Woh⸗ nung an, die ſich allerdings nur durch die ſteinernen Wände und das Dach von der frühern in einem leinenen Zelte unterſchied. Die innere Einrichtung war die näm⸗ liche geblieben und gänzlich für ein Feldlager paſſend. „Du ſiehſt,“ ſprach der Hauptmann,„daß unſere neue Stadt in vier Wochen fertig ſein wird, denn die unzähligen Arbeiter ſind ſehr fleißig. Neun Städte haben Arbeiter und Baumaterial dazu geſchickt. Sie iſt in Kreuzesform gebaut, und ſo Gott will, ſoll ſie nie von dem Fuße der Heiden verunreinigt werden, was von nicht vielen Städten auf dieſer Halbinſel geſagt werden kann.“ Er lud nun ſeinen Neffen ein, es ſich bequem zu machen, und ließ eine Flaſche feurigen Malagas kommen, zu welcher er ihm kaltes Fleiſch, Brot und Früchte vor⸗ ſetzte. Arnold's jugendlicher Magen hatte allerdings ein langes Faſten ausgehalten, und er unterließ daher nicht, dieſer willkommenen Erquickung eben ſo tapfer wie ſein 55 Onkel ſelbſt zuzuſprechen. Nachdem Beide ſich geſättigt, ſagte der Letztere: „Wie ich Dir vorhin ſagte, ſo erfuhr ich ſchon frü⸗ her von einem wandernden Bettelmönch, daß mein Bruder geſtorben ſei. Der Mönch pilgerte vom Rhein aus durch Burgund, Frankreich und Spanien, um milde Gaben zum Wiederaufban ſeines abgebrannten Kloſters einzu⸗ ſammeln, und kam bis in unſer Lager, wo er auch mich anſprach. Ich gab ihm reichlich, denn wir hatten damals gute Beute bei der Einnahme von Baza gemacht, unter der Bedingung, daß er eine Anzahl Seelenmeſſen für Deinen Vater leſen ſollte. Er hatte mir geſagt, daß Euer Haus zugleich mit jenem Kloſter abgebrannt ſei, und daß Dein Vater ſich dabei ſo alterirt habe, daß er von ſchwe⸗ rem Gebreſte befallen wurde und nicht wieder auferſtand. Was haſt Du in den vier Jahren gemacht, die ſeitdem verſtrichen? Haſt Du noch mehrere Geſchwiſter oder biſt Du der Einzige geblieben?“ Arnold antwortete auf dieſe haſtigen Fragen ſehr ernſt: „Brüder hatte ich nicht; meine beiden Schweſtern ſtarben früh; auch meine Mutter ging ſchon in meinen Knabenjahren dahin. Mein Vater ließ mich in dem Klo⸗ ſter St. Benedict unterrichten, zu welchem jener Bruder gehörte, der Euch dieſe Nachrichten brachte. Die guten 56 Mönche lehrten mich leſen und ſchreiben und auch La⸗ tein.“ Michael Waller machte ein Geſicht, hinſichtlich deſſen man zweifelhaft ſein mußte, ob es Achtung vor den Kenntniſſen ſeines Neffen oder Geringſchätzung eines Wiſſens ausdrücken ſollte, das über das Seinige hin⸗ ausging. Er ſtrich ſeinen Knebelbart und ſagte halb ſpöttiſch: „Du biſt alſo doch ſo ein Bücherwurm geworden— ich denke, es iſt gut genug, daß ein ehrlicher Ritter ein Kreuz zur Unterſchrift macht, wenn dieſe verlangt wird, und durch einen Prieſter ſeinen Namen dazu ſchreiben läßt. Und Latein gar— man hat ſchon genug ohnedem, wenn man lernen muß, ſich ſpaniſch auszudrücken.“ „Dies Letztere iſt mir gerade dadurch ziemlich leicht geworden,“ verſetzte Arnold.„Ich hatte indeſſen ſtets ſo viele Neigung für kriegeriſche Uebungen, daß mein Vater mich auch dieſen nachgehen ließ. Als er dahin gegangen, fand es ſich, daß unſer ganzes Eigenthum zerſtört ſei. Die Peſt hatte kurz zuvor einen ſchreckhaften Umzug in unſerem Lande gehalten, und ſo waren faſt alle unſere Freunde todt oder außer Stande, mir irgend einen Schutz zu gewähren. So trat ich denn unter ein Fähnlein Lands⸗ knechte, das der römiſche König geworben hatte, und lernte den Krieg in Burgund. In Lüttich traf ich wieder 57 den Bruder Pandolfo, der von ſeiner Wanderung nach Südweſten mit den geſammelten Summen heimkehrte. Dieſer erzählte mir von Euch und redete mir ſehr zu, hierher zu gehen und das Kreuz gegen die Ungläubigen zu nehmen, wie auch Ihr dies vor neun Jahren auf ſein Anrathen gethan hättet.“ „Ja,“ ſagte der Hauptmann nickend,„ſo lange iſt es, ſeit ich hierher zog und den Rhein nicht mehr geſehen habe. Es iſt ein heiliger Krieg hier unter dem Banner des katholiſchen Königs.„Gott will es!“ predigten die Prieſter auch bei uns— und dann auch iſt hier reichere Beute zu machen als irgendwo ſonſt in Europa, denn die Mauren beſitzen Schätze und Koſtbarkeiten, wie ſie noch nicht in den Händen ehrlicher Chriſtenmenſchen ge⸗ weſen ſind.“ Sein anfänglich ſo gravitätiſcher Ernſt war in einen Ausdruck pfiffiger Schlauheit übergegangen, wel⸗ cher ſeinen rauhen Zügen einen faſt komiſchen Ausdruck gab. Arnold fügte hinzu: „Ich dachte außerdem, daß Ihr der einzige Anhalt wäret, den ich noch in der weiten Welt beſitze, und be⸗ ſchloß alſo, der Zurede des Mönches zu folgen. Ich er⸗ langte durch meinen deutſchen Oberſten die Erlaubniß des Königs Maximilian, mich auf ſeinen Transportſchif⸗ fen hierher zu begeben.“ 1861. IV. Columbus und ſeine Zeit. I. 4 58 „Das ſagte mir Don Gonſalvo,“ entgegnete der Oheim.„Er hat mir Deine Reiſeabenteuer erzählt. Danke Gott, Burſche, daß Alles ſo abgelaufen iſt, denn viel wahrſcheinlicher wäre es geweſen, daß man Dich zur Strafe für Deine Unachtſamkeit niedergehauen hätte, ohne daß jemals wieder nach Dir gefragt worden wäre.“ „Die Königin und Don Gonſalvo dachten menſch⸗ licher,“ ſprach der junge Mann leicht erröthend.„Aber ſagt mir, Oheim, wer iſt dieſer Don Gonſalvo, mit dem ich auf ſo unerwartete Weiſe in Berührung gekommen bin? Er nennt ſich den Oberſten unſerer Schweizer Truppen, doch muß er außerdem eine Perſon von un⸗ gewöhnlicher Bedeutung unter allen dieſen großen Kriegern und Staatsmännern ſein, die hier um die Herrſcher ver⸗ ſammelt ſind.“ „Ich denke auch,“ ſagte Michael ſchmunzelnd.„Es iſt Don Gonſalvo de Cordova, welcher durch die Pracht ſeiner Kleidung, ſeines Gefolges und ſeiner ganzen Ein⸗ richtung den Beinamen: der Ritterfürſt erhalten hat. Er ſteht hoch in Gnaden bei der Königin Iſabella, und wird ſehr bewundert wegen ſeiner Tapferkeit, ſeiner Schönheit, ſeiner feinen Sitten und ſeiner Geſchicklichkeit in allen ritterlichen Uebungen. Er iſt ſtreng im Dienſt, dabei aber der großmüthigſte und menſchenfreundlichſte Obere, den wir uns wünſchen können. Er hat den portu⸗ 59 gieſiſchen Krieg mitgemacht und auch in dieſem Mauren⸗ kampfe ſchon mehrere Städte eingenommen.“ „So will ich hoffen, daß es mein guter Stern iſt, der mich ſo unerwartet in ſeine Nähe brachte,“ ſagte Ar⸗ nold. „Seine Freigebigkeit iſt faſt ſprichwörtlich gewor⸗ den,“ fuhr der Hauptmann fort.„Als vor zwei Monaten auch das Zelt der Königin mit den übrigen leinenen Häu⸗ ſern vernichtet wurde, verbrannten faſt alle ihre Anzüge und ihr ganzes koſtbares Geſchmeide. Der Ritterfürſt befand ſich gerade auf ſeinem Schloſſe Illora, und ſandte ſogleich eine ſolche Menge ſchöner Kleider und ſonſtiger Putzſachen aus dem Vorrathe ſeiner Gemahlin Donna Maria Manrique, daß die Königin ſcherzend meinte: das Feuer habe bei ihm größeren Schaden angerichtet als bei ihr ſelbſt.“ „Ein ähnlicher Zug von romantiſcher Ritterlichkeit, wie derjenige, dem ich beiwohnte, indem er die Königin durch die Fluthen des Tenil trug,“ bemerkte Arnold. „Sie wird alſo die Dame ſeines Herzens ſein, deren Farben er trägt und die er auf ſeinen Knieen verehrt. Er muß ungefähr in gleichem Alter mit ihr ſtehen.“ Für ſeinen Onkel hatte jedoch dieſe poetiſchere Wen⸗ dung des Geſpräches wenig Anziehendes. Er theilte ihm noch einige Einzelnheiten über jenen merkwürdigen Mann mit, 1 60 welcher ſpäter unter dem noch glorreicheren Beinamen: „der große Feldherr“ mit ſehr geringen Hilfsmitteln das ganze ſüdliche Italien für Ferdinand den Katholiſchen eroberte und behauptete*), und welcher als das Vorbild edler Ritterlichkeit ganz den romantiſchen Geiſt des Zeit⸗ alters vertrat. Stets mußte er als eine Zierde des könig⸗ lichen Kreiſes betrachtet werden, wenn er in dieſem zu⸗ gegen war. Bald jedoch ging er dazu über, ihm die Re⸗ geln ſeines neuen Dienſtes zu erklären und einen für dieſen geeigneten Anzug herbeizuſchaffen. Die Schweizer hatten ſich durch ihre glänzenden Siege über Karl den Kühnen von Burgund einen ſolchen Ruf der Tapferkeit in Europa erworben, daß ſie von den kriegeriſchen Herrſchern jener Tage vorzugsweiſe gern in Sold genommen wurden. Es erhielten jedoch Alle, die dieſem Corps beitraten, dieſen allgemeinen Namen, und beſonders die Deutſchen wurden gleichfalls als Schweizer bezeichnet, daß uns ſogar einer der bedeutendſten Ge⸗ ſchichtſchreiber Spaniens mittheilt:„die Schweiz ſei ein Land im obern Deutſchland, woher alſo dieſe tapfern Fußſoldaten ſtammten.“ Entſchloſſen, nie dem Feinde den Rücken zu zeigen, trugen ſie nur vorn einen Panzer. Ihre Hauptwaffe beſtand in einer langen Lanze. Bei 5) Siehe Giovio: Leben des großen Gonſalvv. 61 Gefechten auf dem offenen Felde wurden ſie in große, feſte Haufen zuſammengeſtellt; ringsum von Speeren ſtarrend bildeten ſie eine ſo unüberwindliche Vorderſeite, daß ſie die Kunſtbenennung„Stachelſchwein“ er⸗ hielten. Sie empfingen unerſchüttert auch die heftigſten Angriffe der ſtahlgepanzerten Reiterei auf ihre Lanzen⸗ reihen. Zu raſchen und verwickelten Wendungen war in⸗ deſſen das eigentliche ſpaniſche Fußvolk mehr geeignet, welches mit ſeinen kurzen Schwertern und Schilden auch durch Unebenheiten des Bodens und ſonſtige unvor⸗ geſehene Hinderniſſe nicht außer Faſſung gerieth. Dieſe vereinigten Truppengattungen bildeten ſich im Mauren⸗ kriege aus und gaben dann den Kern jener unüberwind⸗ lichen ſpaniſchen Fußmannſchaft ab, welche unter dem großen Feldherrn und ſeinen Nachfolgern einen ſo weſentlichen Einfluß auf das Schickſal ſo vieler nicht bloß europäiſchen Reiche übte. Die Caſtilier waren bisher kein Volk geweſen, wel⸗ ches große kriegeriſche Unternehmungen aufweiſen konnte. Kein Hohenſtaufe, kein Wilhelm der Eroberer, kein hei⸗ liger Ludwig glänzte in ihren Annalen. Nur die ſee⸗ gewandten Catalonier waren nach Ztalien, ſelbſt nach Kleinaſien gedrungen. Alſo wenig von der Außenwelt berührt, geſtaltete ſich allmählich eine eigenthümliche Ent⸗ wicklung des Volkscharakters. Nur ein Gegenſatz war ihm 62 bekannt: der Katholicismus gegen Muſelmänner und Ketzer; nur ein gewaltiges, ſtrebendes Gefühl: der Ehrgeiz. Die Phantaſie war von jeher von arabiſchen Einflüſſen begeiſtert worden, zu denen ſich romantiſche und fanatiſche Ueberſchwänglichkeiten geſellten. Drei Dinge gab es, um zu Reichthum und Anſehen zu gelan⸗ gen: das Meer, den Dienſt des Königs und die Kirche. War es zu verwundern, wenn junge Feuerſeelen, wie diejenige Arnold Wallers, aufgeſtachelt durch die Be⸗ ſchwörungen der kreuzpredigenden Geiſtlichen, nach jener Halbinſel ſtrebten, von welcher die Kunde wie eine mähr⸗ chenhafte Wunderſage zu dem übrigen Europa herüber⸗ drang? Ihre hervorragendſten Krieger waren Dichter, Staatsmänner oder Geiſtliche, alle unter dem Banner des Kreuzes vereint, und im Lärm des Lagers, unter dem Schalle der Glocken oder der Trommel, entſtanden ihre Geſänge, ihre Gedichte, ihre ſcharfſinnigen Entwürfe und ihre durchdachteſten Schlachtpläne. Biertes Capitel. Der Sultan Bvabdil und Donna Elvira. Arnold hatte ſich ſehr bald in ſeine neue Lage ein⸗ gewöhnt; die glückliche Leichtigkeit der Jugend half ihm über alle Beſchwerden und über das erſte Fremdſein leicht hinweg. An den vier Enden der neuen Stadt befanden ſich ſtattliche Thore. An einem von ihnen hatte der junge Deutſche während eines Abends bis elf Uhr die Wache gehabt, welche hier den Schweizern anvertraut war; die Befeſtigung der Außenwerke war auf dieſem Punkte am ſchwächſten, und die Schweizer ſollten dieſen einſt⸗ weiligen Mangel durch ihre Tapferkeit erſetzen. Der Ab⸗ löſung entgegenſehend, trat unerwartet ein in einen dun⸗ keln Mantel Verhüllter zu ihm. Bei dem ungewiſſen Lichte der Sommernacht glaubte er unter dem herab⸗ gezogenen Hute die Züge Don Gonſalvo's zu erkennen. Seine Vermuthung beſtätigte ſich, als er deſſen gedämpfte Stimme vernahm: 64 „Ich trete hier in das nächſte Haus, deſſen Thür angelehnt iſt. Es iſt das fünfte in der Reihe nach der Stadt zu. Folge mir, ſobald Deine Wache beendigt iſt. Ich erwarte Dich.“ Der Ritterfürſt entfernte ſich auf gleich geräuſchloſe Weiſe. Arnold ſtand einige Minuten ſpäter vor ihm auf der Flur des bezeichneten Hauſes. Er geleitete ihn durch mehrere Räume in ein Zimmer, zu dem verſchiedene Ein⸗ gänge führten. Eine von der Mitte der Decke herab⸗ hängende kupferne Lampe erhellte es. Die ganze Um⸗ gebung war ſo ſchmucklos, wie diejenige in Arnold's eig⸗ nem Quartier. Don Gonſalvo hielt ſeinen Schritt an und wandte ſich zu ihm: „Du biſt zu einem Dienſt auserſehen, welcher eben ſo viel muthige Geiſtesgegenwart wie Verſchwiegenheit erfordert. Ich glaube, daß Du beides beſitzeſt, und habe Dich daher vor allen Deinen Kameraden gewählt, um ihn zu vollbringen.“ „Gebet mir Gelegenheit, Sennor,“ erwiederte Ar⸗ nold,„Euch meine Treue zu beweiſen. Ihr ſollet Euer Vertrauen nicht an einen Undankbaren verſchwendet haben; ich bin Euch tief verpflichtet.“ Der Ritterfürſt machte ein beſchwichtigendes Zeichen und fuhr dann wieder halblaut fort: „Es wird hier in dieſem ſtillen Gemache eine Zu⸗ 65 ſammenkunft zwiſchen einem Manne und zwei Damen ſtattfinden. Du kennſt weder ihn noch ſie und haſt über⸗ haupt auf keine Weiſe nach irgend einem Gegenſtande zu fragen, der ſie oder ihre Untermehmungen betrifft. Wenn ſie beendigt iſt, ſo mußt Du ſie ſogleich für immer ver⸗ geſſen, außer wenn ich Dich ſpäter nach irgend einem Umſtande fragen ſollte. Kein anderer Menſch darf etwas von ihr erfahren. Wenn Du ſo unbeſonnen ſein ſollteſt, dennoch gegen irgend Jemand darüber zu plaudern, ſo will ich Dir nicht verſprechen, daß ich mich diesmal mit Erfolg für Dein Leben verwenden könnte.“ „Ich gebe Euch mein Wort, Sennor,“ ſprach der junge Mann, deſſen Wange ſich röthete.„Ihr könnt meiner Verſchwiegenheit ſicher ſein. Noch hoffe ich zwar erſt, mir den Ritterſchlag auf dem Schlachtfelde zu ver⸗ dienen, aber trotz deſſen ſuche ich mir die Ehre eines Rit⸗ ters auch jetzt ſchon zu bewahren; Eure gutgemeinte Warnung macht darin keinen Unterſchied.“ Gonſalvo nickte und ſagte: „Gut, ich glaube Dir. Du nimmſt Deinen Platz unfern der Thür an jenem Fenſter ein und verhälſt Dich ſo ruhig, als wenn kein Menſch außer Dir zugegen wäre. Was geſprochen wird, kümmert Dich nicht, auch wirſt Du nichts davon begreifen. Nur wenn die Bamen etwas von Dir verlangen oder gar Deinen Beiſtand anrufen, 66 haſt Du ihnen Folge zu leiſten. Dies Letztere ſteht in⸗ deſſen durchaus nicht zu erwarten, da nur über friedliche Angelegenheiten geredet werden wird. Die Damen ſollen nicht ohne allen Schutz bleiben, doch darfſt Du nur im äußerſten Nothfalle zu den Waffen greifen; denn man wünſcht dieſe ganze Zuſammenkunft mit dem tiefſten Ge⸗ heimniß zu bedecken. Darum: ſei klug und treu!“ Don Gonſalvo entfernte ſich nun mit einem leichten Zeichen des Abſchieds, nachdem Arnold Waller ſich als Schildwache neben die ihm bezeichnete Thür aufgeſtellt hatte. Er verharrte— mit ſeiner langen, ſcharfgeſpitz⸗ ten Lanze in der Hand— anfänglich ſo unbeweglich in ſeiner angenommenen Stellung, daß man ihn für eine Statue hätte halten können. Es befand ſich nur ein ſchmales Fenſter in dem Gemache, welches ſo hoch in der Mauer angebracht war, daß man von außen nicht ſo weit hereinſehen konnte, um zu bemerken, was im Innern vorging. Als er jedoch ungeführ eine halbe Stunde lang gewartet hatte, ohne daß die Einförmigkeit ſeiner Um⸗ gebung durch irgend etwas unterbrochen wurde, konnte er der Verſuchung nicht widerſtehen, auf eine Art von höl⸗ zernen Schemel zu ſteigen, der nahe der Mauer unter dem Fenſter ſtand. Er gewahrte auf dieſe Weiſe, daß dieſe Seite des Hauſes auf die die Stadt umgebende Landſchaft hinausging, wie er dies nach deſſen Lage am 67 Thor ſchon vermuthet hatte. Einige Gruppen von Oel⸗ bäumen und Mandelgebüſchen bedeckten den Platz unter dem Fenſter, an welchem ſich der Feſtungsgraben hin⸗ zog. Hinter dieſem dehnten ſich die übrigen, noch nicht vollendeten Feſtungswerke aus, und Arnold vermuthete, daß ihre äußere Seite wohl ſcharf von Wachen beſetzt ſein würde, die man von hieraus nicht gewahrte. Die Sterne waren nun mit ihrer ſtrahlendſten Pracht an dem tiefblauen Himmel des Südens heraufgezogen. Bei ihrem Schein gewahrte Arnold jetzt deutlich einen Mann, wel⸗ cher, wie früher Don Gonſalvo, in einen dunkeln Mantel gehüllt war; doch erreichte er deſſen Größe nicht ganz. Er nahte ſich der unverſchloſſenen Hinterthür. In dem nämlichen Augenblicke hörte Arnold ein leichtes Geräuſch an der ihm zunächſt befindlichen Zimmerthür. Kaum blieb ihm ſo viel Zeit, um ſeine anfängliche Stellung wieder einzunehmen, als zwei Damen durch dieſe eintraten. Gleich darauf erſchien der Verhüllte in der gegenüber lie⸗ genden Thür. Die eine der Eingetretenen ſchlug ihren Schleier zurück, und der junge Deutſche erkannte nicht ohne Ueberraſchung jene Dame, welche auf der Reiſe der Königin neben dieſer ritt und welcher eine ſo ſichtliche Bevorzugung vor allen übrigen Frauen vom Könige zu Theil geworden war. Nachdem er ſich etwas mehr in die ſpaniſchen Sitten hineingelebt, hatte er angenommen, daß 68 ſie eine Verwandte des königlichen Hauſes ſein müſſe, welche ſich in der Nähe der Königin aufhalte. Ihre Ge⸗ ſichtszüge trugen ein weit mehr füdliches Gepräge als diejenigen Iſabella's. Das edle, etwas blaſſe Oval hatte einen faſt vrientaliſchen Schnitt, und in der Gluth des mandelförmigen, ſchwarzen Auges zeigte ſich ein ſo wech⸗ ſelndes Spiel der Empfindungen, daß ſie Arnold uner⸗ gründlich vorkam. Der eingetretene Mann warf ſich ſogleich auf die Erde und berührte mit der Stirn den Fußboden, welche Begrüßung ihn als einen Sarazenen kenntlich machte. Die Dame neigte zur Erwiederung leicht das Haupt und ſagte auf Caſtilianiſch, das von ihren Lippen eben ſo zierlich und ſilbern erklang, wie von denen der Königin: „Ihr ſeid ſo pünktlich wie wir, weiſer Mann. Das Anerbieten, welches Ihr heute Morgen dem Könige und der Königin machtet, iſt lange der Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs zwiſchen uns geweſen. Auch ich hörte Eure Mit⸗ theilung mit dem größten Intereſſe. Wir ſollen durch Euch eine Arznei kennen lernen, die ſicher und ſchnell alle Wunden heilt, welche die vergifteten Pfeile der Mau⸗ ren den Chriſten verurſachen, und die dieſer ſchändlichen Beigabe wegen meiſt tödlich ſind. So wie dieſe Kräu⸗ ter, die in den dunkeln Schluchten der Alpuxarras wach⸗ ſen, nur Eurem Volk genau bekannt ſind, ſo wird das 69 Gegenmittel gegen ſie auch von Euch am richtigſten an⸗ gegeben werden können. Ich achte Euch und Eure Kennt⸗ niſſe um ſo höher, da Ihr ſie ſowohl zum Beſten der Fremden wie auch Eurer Landsleute anwenden wollt.“ Die Dame hatte einige Male inne gehalten, als er⸗ warte ſie eine Antwort des Arztes. Dieſe erfolgte indeſſen nur dadurch, daß er das Haupt beugte und die Hand auf die Bruſt legte, als wenn ſeine Beiſtimmung der Worte nicht bedürfe. Die Dame fuhr nun nach kurzer Pauſe fort: „Ihr ſeid der Sterne ſo kundig, wie der Erde und aller ihrer Gewächſe. Ihr erklärtet, daß Ihr Euer Heil⸗ mittel nur einer Frau aus Ferdinand's ent⸗ decken könntet, da Euch die Geſtirne dies geheißen; der Zeitpunkt müſſe derjenige ſein, wenn Nacht und Morgen ſich begegnen und wenn dieſe Geſtirne, denen Ihr eine ſo bedeutende Einwirkung zuſchreibt, in ihrer vollſten Klarheit am Himmel ſtänden. Dieſe Bedingungen waren etwas ſeltſam, ich geſtehe es, doch läßt der hochwichtige und vortreffliche Zweck wohl zu, daß man ſich über klein⸗ liche Rückſichten hinwegſetzt. Der König meinte, daß das Ungewöhnliche ſeine Reize für mich haben müßte, und ſo bin ich ſeiner Aufforderung gefolgt, Diejenige zu ſein, welche Euere Eröffnungen in Empfang nehmen will. Wenn ich durch dieſen Schritt ſo glücklich ſein werde, ſo 70 manche unſerer tapfern Krieger von einem ſchmählichen Tode zu erretten, ſo habe ich ihn gerne unternommen, und Euer Anblick erfüllt mich mit noch mehr Frauchis ich ſie heute Morgen ſchon bei Eurem Anerbieten empfand.“ „Habt Dank für dies Wort, Sennora!— Tauſend⸗ fältigen Dank! Ihr habt durch daſſelbe jene Wonne in meiner Bruſt wachgerufen, wie ſie das Herz des tapfern Gläubigen erfüllen wird, wenn ihm die Houris im Para⸗ dieſe des Propheten entgegentreten!“ Dieſe, für einen tief gelehrten Forſcher der Wiſſen⸗ ſchaft ſo wenig wie für einen ernſten Freund der Menſch⸗ heit paſſenden Worte entſtrömten plötzlich dem Munde des Arztes. Er war einen Schritt vorgetreten, und auch ſeine Bewegungen entſprachen keineswegs der ſtillen Würde, welche man bei den morgenländiſchen Gelehrten zu finden gewohnt war. Die Dame erhob das Haupt, während ſich Befremden in ihren feinen Zügen malte, und ſagte mit einiger Strenge: „Was wollt Ihr mit Euren ſeltſamen Worten ſagen, Mann?— Euer Benehmen iſt ganz anders, als dasjenige, deſſen Zeugin ich heute Morgen in der Gegen⸗ wart der Herrſcher war. Erinnert Euch, daß es Donna Elvira von Viana iſt, die Nichte des Königs, die vor Euch ſteht, und die nur aus Hochachtung und Mitgefühl 6 für die tapfern Kämpfer des Kreuzes einwilligte, Euch in dieſer ſpäten Stunde noch einmal zu ſehen.“ „Es iſt die letzte,“ verſetzte der Maure,„die mir noch vergönnt iſt, in Santa Fé zu weilen. Mit dem Grauen des Morgens muß ich wieder in Granada ſein, wo man nichts von meiner Abweſenheit weiß. Mein Pferd ſteht geſattelt jenſeits jenes Gebüſches, welches ſich weiterhin hinter jenem Graben ausbreitet, und ich werde von hieraus zu ihm eilen. Ich mußte fürchten, daß meine Verkleidung erkannt werde, wenn ich mich am Tage zum zweitenmale im chriſtlichen Lager blicken ließe. Die Schat⸗ ten der Mitternacht mußten dieſe Stunde einhüllen, in der ich noch einmal wagen durfte, in Euer Antlitz zu ſchauen, ſchönſte Roſe von Caſtilien! Ich erfand dieſen Vorwand, der Euer edles Herz rühren mußte, um Euch zu bewegen, das Geſtändniß meiner Liebe anzuhören, ehe ich Euer Antlitz meiden muß! Erhört mich— ſchon habt Ihr mir einen Strahl der Hoffnung gegeben, nach dem ich ſeit Lange ſchmachte, wie der lechzende Wanderer der Wüſte nach dem kryſtallenen Sprudel der Quelle!“ Sein Ton war leidenſchaftlich geworden und unter ſeinem dunkeln Barett blitzten ſeine hellen Augen mit allem Feuer morgenländiſcher Erregtheit hervor. Er hatte den Mantel zurückgeſchlagen, und man gewahrte unter ihm die weiten dunkeln Stoffe, die mauriſche Ge⸗ 72 lehrte trugen. In ſeinem Gürtel blinkte jedoch ein langer Dolch. Auch zeigten ſeine Bewegungen weder eine unter⸗ würfige Zurückhaltung, noch eine blöde Verlegenheit, wie ſie ein niedriger Stehender einer nahen Verwandten des arragoniſchen Königs gegenüber leicht empfunden haben würde. Im Gegentheil ſprach ſich in ſeinem ganzen Weſen der Glaube an eine vollſtändige Berechtigung zu ſeiner kühnen Sprache aus. Elvira machte mit der ihr eigenthümlichen Geiſtesſchärfe ſogleich dieſe Bemerkungen und ſagte faſt mehr erſchrocken als beleidigt: „Wer ſeid Ihr?“ „Es iſt kein Unwürdiger, welcher die Hand nach Dir ausſtreckt, Du prächtigſter Edelſtein in der ſtrahlen⸗ den Krone Don Ferdinand's!— Es iſt Boabdil ſelbſt, welcher in dieſer Verkleidung in das chriſtliche Lager kam, um Dich wiederzuſehen, Deine Liebe zu gewinnen und Dir den Platz neben ſich auf ſeinem Throne anzubieten!“ „Boabdil el Chico, der König von Granada!“ war die einzige halblaute Antwort Elvira's, in der ſich ſo viel Staunen wie in ihren Blicken ausſprach, die unverwandt, faſt mit dem Ausdruck der Furchtſamkeit an ſeinen Mie⸗ nen hingen. Er war jetzt dicht unter die Lampe getreten, ſo daß ihr Schein hell genug herabfiel, um ſein Antlitz deutlich erkennen zu laſſen. Sein Bart war blond, ſeine Geſichts⸗ 73 farbe licht wie die eines Nordländers. Jetzt war ſie in ein glühendes Roth übergegangen und die gewöhn⸗ liche Milde und Schwermuth in ſeinen ſchönen Zügen verſchwunden. Sie flammten von Leidenſchaft und er fuhr ſchnell fort: „Ich ſah Dich vor drei Monaten, als Du aus dieſem Lager mit der Königin nach Sevilla zogſt, um Dich dort eine Weile mit ihr aufzuhalten. Ich machte mit einigen wenigen meiner Ritter einen Ausflug in das Gebirge und lagerte an einem verborgenem Plätzchen, als Ihr vorüberkamt. Auch Ihr ließet Eure Maulthiere Halt machen, um ſie an der dort fließenden Quelle zu tränken. Ein mauriſcher Ritter trat hinter einem Fels⸗ vorſprunge hervor und brachte Euch den Schleier zurück, den ein neckiſcher Wind Euch entführt und weit hinweg getragen hatte. Er überreichte Euch kniend Euer Eigen⸗ thum und Ihr botet ihm Eure Hand zum Kuße als Lohn für ſeine Bemühung um Euch!“ „Ja,“ ſagte Elvira von Viana, indem ſie ihre Erinnerungen ſammelte,„dieſer ſarazeniſche Ritter zeigte allen Adel und alle beſcheidene Artigkeit in ſeinem Weſen, wie wir es bei unſern ſpaniſchen Rittern finden. Dieſer Sarazene wart Ihr— jetzt erkenne ich Eure Züge!“ „Er bat Euch um ein zweites ſichtbares Zeichen Eurer Gunſt, um die blaue Schleife, welche mit dem 1861. IV. Columbus und ſeine Zeit. I. 5 74 Schleier an Eurem Hute befeſtigt geweſen. Ihr gabt ſie ihm mit den Worten: Der Dank der Chriſtin bleibt dem Mauren! Dieſe Worte blieben unauslöſchlich in meinem Herzen eingegraben; dieſen Dank— ich fordere ihn heute ein! Das Bild Elvira's von Viana hat meine Gedanken ſeitdem keinen Augenblick verlaſſen— und ich trotzte allen Gefahren, um ihr noch einmal nahe zu kom⸗ men!“ 3 t„Ich hatte weder damals noch heute eine Ahnung davon,“ verſetzte ſie,„daß Ihr der König von Granada wäret.“ „Ich kam mit Don Fernando's Bewilligung heute verkleidet in das Lager, und auch dieſe zweite Zuſammen⸗ kunft mit Euch hat er mir geſtattet!“ „Ha,“ ſprach Elvira,„deswegen ermunterte er mich zu dieſer ſeltſamen Unterreduug!— Er liebt einmal nicht die graden Wege, ſonſt wäre es weit paſſender ge⸗ weſen, mir die volle Wahrheit ſogleich mitzutheilen!“ „Aber die Zeit eilt,“ fuhr er fort,„und böſe Gei⸗ ſter könnten ihr Spiel mit uns treiben, wenn wir die günſtige Stunde verſüumten. Laß mich nicht länger zu Deinen Füßen flehen! Deine Schleife hat unwandelbar ſeitdem auf meinem Herzen geruht! Erkenne ſie als das Wahrzeichen meiner Treue, die unerſchütterlich Dir 75 geweiht iſt, als den magiſchen Talisman, der mich unauf⸗ löslich an Dich kettet.“ Er zog die Schleife hervor und zeigte ſie der Dame, indem der dicht zu ihr trat. Dieſe ſagte, wie erſchrocken von der Sprache, welche die Gluth ſeines Auges und ſeiner Mienen immer deutlicher redete, nur leiſe: „Sie iſt es, ich erkenne ſie wieder!“ „Wenn Du mich nicht vergeſſen haſt, ſo werde mein, wie ich ewig der Deine bin! Werde die Königin der Alhambra und gebiete über ſie und über ihren Herrn, der als Dein treueſter Sklave zu Deinen Füßen liegt; der Dich mit aller Größe umgeben wird, welche einer Sultanin geziemt, die ihren Scepter bis nach Afrika ſtreckt, mit allen Freuden, welche dem ſchönſten Weibe der Erde gebühren!“ „Wie!“ rief Elvira zurücktretend,„Du biſt ver⸗ mählt, und wagſt es, auch nach mir Deine Hand aus⸗ zuſtrecken?— Du wagſt es, mir den Platz Deines Kebs⸗ weibes anzubieten?“ „Niemals!“ rief Boabdil.„Meine erſte Sultanin gefüllt mir ſchon lange nicht mehr. Ich verſtoße ſie und ſetze Dich an ihre Stelle. Du ſollſt als die erſte Sultanin der Mauren, die Gebieterien meines Harems und mei⸗ nes Königreichs ſein!“ „Und dies nur, nachdem ich eine Andere verdrängt * 76 hätte! Gott und unſere Frau mögen mich ſchützen, daß mir ein ſolcher ſchmählicher Vorſchlag jemals auch nur die geringſte Verſuchung bieten könnte!“ Donna Elvira bekreuzte ſich bei dieſen Worten. Ihr Ton, den Anfangs die Ueberraſchung gedämpft hatte, war nach und nach feſter geworden und zuletzt in den der Entrüſtung übergegangen. Sie ſetzte hinzu: „Und ſo würdet Ihr wohl auch von mir fordern, König von Granada, daß ich meinen hochtheuren Glau⸗ ben abſchwören und den Propheten für einen Gott⸗ geſandten erkennen ſollte?— Wißt, daß ich eher den Tod mit allen ſeinen Schrecken wählen würde, ehe ich meinen Glauben verläugnete!“ „Nicht das, Donna Elvira!“ ſprach Boabdil ſchnell.„Du weißt, daß wir Muſelmänner ZJeſus von Nazareth hochachten als den Vorläufer des Propheten, wenn auch der Letztere der Größere, der erhabenſte Ge⸗ ſandte Allah's iſt! Bete zu Gott auf Deine Weiſe, beuge Deine Knie vor Jeſus, ſo lange Du in Deinem Glau⸗ ben verharren willſt. Wer es wagt, Dich darin zu ſtören, deſſen Kopf ſoll durch den Säbel Boabdil's von ſeinen Schultern fliegen!“ Seine Augen funkelten in einem wilden Feuer. Elvira erinnerte ſich mit Grauſen, wie viel Blut ſchon 77 an den Händen dieſes Mannes klebte, welcher noch nicht die Mitte des Lebens erreicht hatte. Er ſprach weiter: „Komm' mit mir! An der ſeichteſten Stelle des Grabens hier hinter dem Hauſe erwarten mich einige Getreue. Mit ihrer Hilfe werden wir leicht hinüber ge⸗ langen. An der andern Seite in jenem Wäldchen hält noch eine kleine, auserleſene Schaar der Meinen, meines Winkes gewärtig. Ein gut gezäumter Zelter wird für Dich in Bereitſchaft gehalten. Eile mit mir nach Granada und ziehe mit mir in den Pallaſt meiner Väter!— Meine Mutter wird Dich bei ſich aufnehmen und Dich unter ihrem Schutz behalten, bis Du nach wenigen Tagen die Königin der Mauren biſt. Komm' mit mir; die chriſtlichen Wachen ſind theils entfernt, theils werden ſie uns paſſiren laſſen; kein böſer Stern ſoll uns wieder trennen, kein tückiſcher Dämon ſich zwiſchen uns drängen, wenn der Krieg abermals ſein blutiges Spiel beginnen ſollte.“ Er ſtreckte die Arme aus, als wolle er Elvira er⸗ faſſen und mit ſich fortziehen. Dieſe aber trat noch wei⸗ ter zurück und ſagte mit Hoheit in Blick und Geberde: „Fort von mir, Boabdil!— Ich will nicht!“ „Du mußt, ich kann nicht leben ohne Dich!“ rief der Maure, welchen die wilde Leidenſchaft des Morgen⸗ länders jede andere Rückſicht vergeſſen ließ.„Ich laſſe 78 Dich nicht, ich führe Dich mit mir auch gegen Deinen Willen!“ Er wollte ſie an ſich reißen. Sie aber entwich ihm noch einmal. Ein Dolch, den ſie unter ihrem Gewande verborgen, blinkte in ihrer Hand und mit blitzenden Augen rief ſie: „Hüte Dich, mich zu berühren, Sarazene! Mein Dolch bedroht Dich, wenn Du es wagſt, mich wider meinen Willen fortzuſchleppen!“ Er aber drang auf ſie ein, erfaßte ihre Hand und entwand ihr mit der ganzen Kraft des kampfgeübten Mannes ſchnell die gezückte Waffe. Elvira wollte ſich los⸗ reißen und rief ihrer Begleiterin zu, welche bis dahin verſchleiert und ſtumm geblieben war: „Marguiſe, wir müſſen fliehen! Fliehen in unſerem eigenen chriſtlichen Lager vor einem gewaltthätigen Hei⸗ den! Wehe Dir, Boabdil! Wehe Dir über dieſen Flecken, mit dem Du Deine Ehre als Ritter und als König be⸗ ſudelſt!“ Die Marquiſe war zur Thür geeilt, doch wollte ein unglücklicher Zufall, daß ſie ſich nicht öffnen ließ. Vielleicht hatte der Riegel aus irgend einer unmerklichen Urſache ſich an der Außenſeite von ſelbſt wieder vor⸗ gedrängt. Alle Bemühungen ſcheiterten an der Feſtig⸗ keit des Schloſſes. Elvira gewahrte mit angſtvollen 79 Blicken, daß ſie ſich eingeſchloſſen fanden und ihnen alſo jeder Weg zur Flucht verſperrt ſei. Zugleich ertönte ein leiſer Pfiff von den Lippen des Mauren, und der Raum unter dem Fenſter füllte ſich mit einigen kriegeriſchen Geſtalten, welche aus der Erde hervor zu wachſen ſchie⸗ nen. Es mußten Boabdil's Begleiter ſein, welche dies Zeichen herbeirief, um ihm bei dem beabſichtigten Frevel beizuſtehen; indeſſen drangen ſie nicht in das Gemach. „Zu Hilfe! Zu Hilfe! Iſt Niemand hier, der ſeine Waffe für Elvira von Viana erhebt, der ſie vor dieſer ſchändlichen Gewaltthat errettet!“ Dies war der letzte Schrei Elvirens, denn ſie be⸗ fand ſich jetzt in den Armen ihres ſtürmiſchen Bewerbers, welcher ihren Kopf gegen ſeine Bruſt drückte und ihn feſt mit ſeinem Mantel umhüllte, ſo daß ihre Stimme erſtickte. Auch würde Bvabdil ſie unfehlbar unter dieſem er⸗ zwungenen Schweigen fortgetragen haben, wenn er nicht in dem nämlichen Augenblicke die ſcharfe Spitze einer langen Lanze an ſeinem Halſe gefühlt hätte. Es war diejenige Arnold's, welcher jetzt den Augenblick gekommen glaubte, in welchem er zum Schutz der bedrohten Dame hervortreten müſſe. Unbeweglich wie eine Säule von Erz hatte er auf ſeinem Poſten geſtanden; auch war ihm weder von der Dame noch von dem Sultan irgend welche Beachtung geworden. Beide behandelten ihn offen⸗ 80 bar wie ein ganz untergeordnetes Weſen, deſſen Daſein oder Abweſenheit keinen Unterſchied in dem Betragen der Anweſenden hervorbringt. Er hatte vom erſten Worte des Mauren an ein unbeſchreiblich widriges Gefühl gegen vieſen empfunden, und war innerlich erfreut, dieſem nun durch jene feindſelige Handlung, ſo wie durch die rauhen Worte einen Ausdruck geben zu können: „Zurück, Maure! Meine Lanze durchſtößt Deine Kehle, wenn Du die Donna nicht auf der Stelle frei gibſt!“ Boabdil ſtieß einen wilden Schrei aus und machte noch einen Verſuch, aus dem Bereiche der ſcharfen Lan⸗ zenſpitze zu kommen, ohne ſeine Beute fahren zu laſſen. Dies gelang ihm jedoch nicht. Er mußte ſich entſchließen, ſeine Arme frei zu machen, um den Säbel hervorzuziehen, den er unter ſeinem Gewande trug. Dieſen Moment be⸗ nutzte die Dame, um ſich loszureißen und an das andere Ende des Gemaches hinter ihren ſo unerwartet gefun⸗ denen Beſchützer zu fliehen. Der Maure vermochte dies nicht zu hindern, da noch immer die blanke Lanzenſpitze vor ſeinen Augen funkelte und er alle mögliche Gewand⸗ heit aufbieten mußte, um nicht ernſthaft durch ſie ver⸗ wundet zu werden. Er ſah ſich genöthigt, mehr und mehr zurückzuweichen, da ſeine kürzeren Waffen den Wider⸗ facher nicht erreichen konnten. Einmal warf er ſeinen 81 Dolch nach deſſen Bruſt, doch prallte er an Arnold's Harniſch ab. Zugleich erhob die Begleiterin Elvirens ein ſo lautes, fortgeſetztes Geſchrei, daß erwartet werden mußte, daß dies von den ziemlich entfernten Wachpoſten gehört werden könnte und dieſe Lärm machen würden. Auch hatte Boabdil plötzlich alle jene verwegene Ent⸗ ſchloſſenheit verloren, die er, von Leidenſchaft aufgeſta⸗ chelt, ſo eben gezeigt hatte. Mit Blicken ohnmächtiger Wuth ließ er ſich endlich durch jene Thür drängen, durch welche er eingetreten war, ohne ſeine außen harrenden Verbündeten hereinzurufen. Kaum hatte er ſich entfernt, als Arnold zu der entgegengeſetzten eilte und dieſe mit einem kräftigen Fußtritt ſprengte. „Entfernt Euch jetzt, Sennoras!“ rief er auf die Thüre deutend.„Sucht Sicherheit außerhalb dieſes Hauſes, indem Ihr Euch auf die Straße begebt. Zeder chriſtliche Kämpfer iſt dort Euer unfehlbarer Beſchützer. Ich decke Euren Rückzug, indem ich mich vor dieſe Oeff⸗ nung ſtelle und Jedem der Heiden den Durchgang ver⸗ wehre. Nur über meine Leiche werden ſie Euch verfolgen können!“ „Ich danke Euch, wackerer Schweizer,“ ſprach Donna Elvira,„doch wäre es mir lieber, wenn Ihr uns folgen wolltet. Wir werden dann am beſten beſchützt ſein, und ich ſähe gern, wenn wir alles Aufſehen vermeiden 82 könnten, was nothwendig im Lager entſtehen muß, wenn ich noch anderweitige Hilfe Fremder anzurufen gezwun⸗ gen wäre.“ „Wie Ihr befehlt, Sennora!“ ſagte Arnold. Die Frauen gingen raſch voran, indem ſie ſich dich⸗ ter in ihre Schleier hüllten. Arnold ging mit erhobener Waffe hinter ihnen her, indem er ſich häufig umſah, ob auch irgend Jemand vom Gefolge des Sultans ihnen nachſchleiche. Dies ſchien jedoch nicht der Fall zu ſein, denn Alles blieb ſtill hinter ihnen. Vor dem Hauſe an⸗ gelangt, ſchloß Arnold vorſichtig deſſen äußere Thür, und ſo gelangten ſie bald durch die jetzt ſo ſtillen Straßen Santa Fes bis zu dem ziemlich großen Gebäude, wel⸗ ches vom Könige und der Königin bewohnt wurde. Donna Elvira hielt hier ihren Schritt an, wandte ſich um und ſagte mit gänzlich wieder gewonnener Feſtigkeit: „Wir ſind in Sicherheit. Tapferer Schweizer, ohne Eure muthige Entſchloſſenheit wäre ich die Beute des Mauren geworden. Womit kann ich Euch lohnen für den größten Dienſt, den mir ein Mann in jenem angſtvollen Augenblicke leiſten konnte?“ „Erlaubt mir, jene Schleife zu behalten, welche der Hand des Mauren entfiel,“ erwiederte Arnold.„Ich nahm ſie vom Boden auf, ehe wir jenes unheilvolle Gemach verließen. Ich werde dann überreich belohnt ſein und 83 ſchwöre Euch, daß Euer Geſchenk in beſſeren Händen als vorher ſein wird. Zwar bin ich noch kein Ritter,“ fuhr er fort, als die Dame einen Augenblick zögerte,„doch hoffe ich mir im nächſten Kampfe gegen die Ungläubigen die Sporen zu verdienen, wenn jemals Tapferkeit und Todesverachtung einem Menſchen dazu verhelfen konn⸗ ten.“ Er bot ihr die Schleife dar, welche er unter ſeinem Bruſtharniſch hervorzog. Sie hielt ſie noch immer zögernd in ihren Händen und fragte dann: „Wie iſt Euer Name?“ „Arnold Waller,“ antwortete er. „So behaltet ſie als ein Pfand, daß ich mich Euch tief verpflichtet fühle. Ich werde deſſen gedenken. Wann immer Ihr einen Wunſch habt, den ich mit Ehren zu erfüllen vermag, zeigt mir dieſe Schleife oder ſendet ſie mir— wie und wann ſie mir auch vor Augen kommt, könnt Ihr beſtimmt darauf rechnen, daß ich Alles mir Mögliche thun werde, um Euch gefällig zu ſein.“ Sie gab ihm die Schleife zurück, und es war ein Bild, gänzlich der Romantik jenes Zeitalters entſpre⸗ chend, als der Jüngling auf der einſamen Straße nie⸗ derkniete und, umgeben vom Schweigen der Nacht, be⸗ glänzt von jenen ewigen Lichtern, welche im wandelloſen Strahlenſchimmer auf dieſe dunkle Erde herabſchauen, 84 jene beiden ſchwarz verſchleierten Frauen vor ſich ſah, deren Eine ſich zu ihm herabbeugte, und als er dies Pfand einer glückverheißenden Zukunft mit jener tiefen Ehrfurcht an ſeinem Herzen verbarg, welche an Anbetung gränzte. Gleich darauf waren die Frauen in das Gebäude getreten und Arnold wußte nichts Beſſeres zu thun, als in der alleinigen Geſellſchaft ſeiner Gedanken den Weg nach ſeiner eigeneu Behauſung anzutreten. Fünftes Capitel. König Ferdinand von Arragonien. In der Morgenſtunde des folgenden Tages ſtand Elvira von Viana vor dem Könige Ferdinand in deſſen Privatzimmer. Seine einfache Umgebung war diejenige eines kampfgewohnten Kriegers. Schild, Schwert und Harniſch hingen an der einen Seite der Wand, und eine Löwenhaut war als Decke über eine Ruhebank gebreitet, während das Fell eines zweiten Königs der Wüſte als Teppich benutzt war. Die dunkle Hauskleidung des Mon⸗ archen harmonirte mit dieſer Einfachheit ſeiner Einrich⸗ tung. Er begrüßte Elvira mit einer Art von achtungs⸗ voller Vertraulichkeit; denn ſtets verlangte er die Beob⸗ achtung eines ſtrengen Ceremoniels nur im Kreiſe ſeiner Großen oder bei öffentlichen Regierungsacten. Die ihm eigenthümliche Würde des Benehmens verläugnete er jedoch auch jetzt nicht ganz. Von ihm ſowohl wie von der 86 Königin wurde ein glänzendes Gepränge nur bei beſon⸗ deren Gelegenheiten entfaltet, wenn es galt, den Glanz der Krone zu repräſentiren. Elvira ſaß bald neben ihrem königlichen Verwand⸗ ten auf der Ruhebank und fuhr in der begonnenen Rede fort: „Ich habe heute den Eintritt in die Nähe Eurer Hoheit geſucht, um nur vor Eurem königlichen Ohr eine bittere Beſchwerde auszuſprechen.“ „Meine ſchöne Nichte weiß,“ verſetzte der König mit ernſter Galanterie,„daß ich ſtets geneigt bin, ſo⸗ wohl ihren Klagen wie ihren Bitten ein williges Gehör zu leihen.“ „Der König Bvabdil hat mich unter betrügeriſchem Vorgeben in der verfloſſenen Nacht zu einer Zuſammen⸗ kunft mit ihm veranlaßt. Er wollte mich gewaltſam nach Granada entführen, und ich wurde von dieſem ruchloſen Vorhaben nur durch die Dazwiſchenkunft eines Schwei⸗ zers errettet, welcher als Wache in dem Gemache auf⸗ geſtellt war.“ Donna Elvira hatte dieſe Worte raſch, mit dem Ton der tiefſten Entrüſtung geſprochen, und ein lebhaf⸗ teres Roth erhöhte die zarte Farbe ihres ſchöngeformten Antlitzes. Ihre ſchwarzen Angen ruhten unverwandt auf den Zügen des Königs, als wollten ſie in das 87 Innerſte ſeines Herzens ſchauen. Es blieben jedoch dieſe gänzlich unverändert und er verſetzte mit ſeiner gewohn⸗ ten ruhigen Freundlichkeit: „Deine Begleiterin, die Marquiſe von Moya, war ſchon vor einer Stunde bei der Königin, und ich habe dort von ihr den unerwarteten Verlauf der Dinge in der verfloſſenen Nacht erfahren.“ „Unerwartet, mein königlicher Oheim?“ fragte ſie nicht ohne Bitterkeit.„Dies Wort von Euch muß mich überraſchen, da der Maure mir ſagte, daß Ihr um ſeinen Beſuch in Eurem Lager und um ſeine Verkleidung zuvor gewußt hättet. Ihr werdet Euch erinnern, daß Ihr ſelbſt mich veranlaßtet, in dieſe nächtliche Zuſammenkunft zu willigen, was nie geſchehen ſein würde, wenn ich gewußt hätte, daß anſtatt des mauriſchen, ſternkundigen Arztes der König Boabdil mich noch einmal ſprechen wollte.“ „Alles dies iſt richtig,“ erwiederte Ferdinand,„doch habe ich nicht im Entfernſten vermuthet, daß ſeine Leiden⸗ ſchaft für Dich ihn zu irgend einer Handlung hinreißen würde, welche nicht Deine vollſtändigſte Billigung er⸗ führe. Daß er Dir irgend einen Zwang anthun wollte, verdient die ſtrengſte Rüge, und unſere Ahndung dieſes Frevels ſoll nicht ausbleiben.“ „Ich muß Euch glauben, wenn Eure Hoheit mir Ihrkönigliches Wort giebt,“ erwiederte Elvira, welche ſich 88 zur Ruhe zu zwingen ſuchte. Gleich darauf brach ſie jedoch wieder in die aufgeregten Worte aus: „Ha, Fernando, das königliche Blut Don Paleyos fließt in meinen Adern wie in den Euren! Vor mehr als ſieben hundert Jahren raſtete er mit wenigen Getreuen auf den Gebirgen Aſturiens, und ſie kämpften dort als die letzten Helden des verfolgten Chriſtenthums gegen die die ganze Halbinſel überfluthenden Schaaren der Sara⸗ zenen—“ Sie hielt im Uebermaße der Bewegung einige Se⸗ kunden inne. Der König bekreuzte ſich andächtig, ſah vor ſich nieder und ſprach ſehr ernſt: „Ja, Aſturien iſt die einzige Landſchaft, welche nie von dem Fuße der Heiden betreten wurde; ihre ehr⸗ würdigen Kirchen ſind nie durch die Gebete der Ungläu⸗ bigen entweiht, nie in Moſcheen verwandelt worden. Aſtu⸗ rien, die letzte Zuflucht des Chriſtenthums, bleibt daher für ewige Zeiten der Kern unſerer Monarchie, und wenn ich dereinſt unſern vereinigten Reichen amtlich den Na⸗ men Spanien geben kann, ſo ſoll der Erbe meines Thrones den Titel eines Prinzen von Aſturien führen.“ ²) Frinz von Aſturien iſt noch jetzt der Litel des ſpa⸗ niſchen Kronprinzen, wie der Name: Prinz von Wales die Bezeichnung des engliſchen iſt. 89 „Und mich,“ rief Elvira,„die Abkömmlingin jenes unbezwungenen, raſtlos kämpfenden Chriſtenhelden, die Enkelin des edlen Don Carlos, jenes Prinzen von Viana, der vor Euch den Thron von Arragonien beſtiegen haben würde, wenn nicht ein feindſeliges Schickſal ihn in der Blüthe ſeines Mannesalters dahingerafft hätte— mich hattet Ihr auserſehen, dem Sarazenen überliefert zu werden, wenn ich mich nicht mit allen meinen Kräften dagegen geſtemmt hätte?“ „Vergeßt nicht, ſchöne Nichte, daß Ihr nicht Prin⸗ zeſſin von Viana, ſondern nur Donna Elvira von Viana genannt werdet,“ ſprach der König auf ſeine frü⸗ here Weiſe. „Eure Hoheit wollen mich erinnern, daß Euer Bru⸗ der nicht mit einer ebenbürtigen Prinzeſſin vermählt war,“ ſagte ſie gekränkt,„ſondern daß ſein Sohn, mein Vater, nur ſein Daſein einer Bürgertochter aus Barce⸗ lona verdankte, welche das Weib ſeines Herzens war. Seid verſichert, daß ich dieſe Seite meiner Abſtammung ſo wenig vergeſſe, wie diejenige von den Königen der Weſtgothen“ „Gerade weil Ihr die Tochter dieſer heldenhaften Reihe ſeid,“ erwiderte Ferdinand gelaſſen,„ſo bin ich der Meinung geweſen, daß Ihr würdig wäret, wieder ei⸗ nen Thron zu beſteigen.“ 1861. IV. Columbus und ſeine Zeit. I. 6 90 „Doch nimmermehr neben einem Herrſcher,“ ent⸗ gegnete ſie heftig,„den ich als den blutigen Feind unſeres heiligen Glaubens betrachten muß!“ „Ein Chriſtlicher würde ſich nicht ſo leicht für Dich gefunden haben,“ entgegnete der König hingeworfen. „Dann auch iſt Dir bekannt, daß hier auf unſerer Halb⸗ inſel nicht ſelten Verbindungen zwiſchen Mauren und Chriſten geſchloſſen worden ſind, auch wenn dieſe regieren⸗ den Häuſern angehörten. Daher iſt auch dieſer Vor⸗ ſchlag des Königs von Granada durchaus nicht als un⸗ erhört zu betrachten. Er iſt ſchon lange und wiederholt in meiner Nähe geweſen, und es iſt ſehr begreiflich, daß er dieſe noch einmal aufſuchte.“ „Er war bald Euer Freund, bald Euer Feind, bald Euer Gefangener, immer aber Euer Spielzeug, weiſer Don Fernando,“ ſprach Elvira bitter lächelnd.„Alle Eure Entwürfe ſind wohlbedacht und klug berechnet. Auf welche Weiſe aber iſt meine arme Perſon jetzt in dieſe großartigen Pläne Eurer Staatsweisheit verflochten worden, großer König?“ „Ich denke, ſchöne Nichte, es kann Dich nicht über⸗ raſchen, daß Du auf ſo unerwartete Weiſe eine ſo glän⸗ zende Eroberung an dieſem mauriſchen Könige machteſt, der ſeitdem als Dein Ritter Deine Farben trug, ſich in Liebesgluth verzehrte und allabendlich Dein Lob zu ſeiner 94 Laute ſang. Er ließ mich endlich von dieſem ſeinem Zu⸗ ſtande unterrichten und bei mir um Deine Hand an⸗ halten. Ich bewilligte ſie ihm, dafern Du ſelbſt bereit wärſt, ihn zu erhören, und geſtattete ihm demzufolge, in unſer Lager zu kommen und Dich wiederzuſehen.“ „Und welche Bedingungen ſetztet Ihr als Kaufpreis für mich?“ fragte ſie. „Die ſofortige Uebergabe Granadas und die Unter⸗ werfung unter die Oberhoheit der Herrſcher von Caſti⸗ lien und Arragonien,“ ſprach der König gelaſſen. „Der gleißneriſche Lügner!“ rief ſie abermals hoch entrüſtet.„Und mir ſpiegelte er vor, daß ich die Königin Granadas werden, daß ich von der Alhambra aus ſein Reich beherrſchen ſollte, während er bereit war, Beides zu verlaſſen und Euch zu überliefern!“ „Ganz wörtlich hat man nie die Verſprechungen Boabdil's nehmen müſſen,“ verſetzte Ferdinand,„dieſe Erfahrung habe auch ich wiederholt an ihm gemacht. Es würde ihm indeſſen noch ein bedeutender Landſtrich in den Alguxarras bleiben, über welchen er nur unſere Lehns⸗ herrlichkeit anzuerkennen hätte; außerdem habe ich ihm und ſeinen Glaubensbrüdern ungehinderte Uebung ihrer Religion und die Beibehaltung aller ihrer gewohnten Sitten freigeſtellt.“ „Ich bin der Meinung, daß Eure Anſtalten ſo ge⸗ * 92 waltig, alle Eure Pläne ſo ſchlau berechnet ſind, und eine ſo großartige Kriegsmacht unter Euren Fahnen hier verſammelt iſt, daß auch ohne mich dieſe Feſtung bald in Euren Händen ſein wird,“ ſprach ſie etwas ruhiger. „Aber es wird noch großer Anſtrengungen be⸗ dürfen, ehe uns dies gelingt,“ erwiderte der König. „Wenn Boabdil ſie uns jetzt übergiebt, ſo koſtet es keinen weitern Aufwand an Geld und an Menſchenleben.“ „Ach,“ ſagte ſie ſinnend,„nun erſt vermag ich mir zu erklären, daß die edle Iſabella in Euren klugen Plan willigen konnte. Sie hat ſich von Eurer gewandten Zunge dazu überreden laſſen, da ſie hoffte, auf dieſe Weiſe Blut⸗ vergießen zu verhindern.“ Der König neigte beiſtimmend ſein Haupt und ſetzte hinzu: „Sie hoffte den vollſtändigen Sieg des Kreuzes, ohne dabei noch mehr ihrer Unterthanen ſterben zu ſehen. Sie beſtimmte jedoch, daß die Marquiſe von Moya Dich als Duenna begleiten ſollte, damit Du nicht ohne eine paſſende Geſellſchaft Deines Geſchlechtes bei der Be⸗ werbung des Maurenkönigs ſeiſt. Ich forderte von Don Gonſalvo, daß er uns einen Schweizer ſtelle, auf deſſen Treue wir uns verlaſſen könnten, und der tapfer genug ſei, daß er auf jeden Fall Deine Vertheidigung über⸗ 93 nehmen könnte, wenn Du auf irgend eine Weiſe bedroht würdeſt.“ „Und warum,“ fragte ſie noch immer zweifelnd, „beſtellte Eure Hoheit nicht Don Gonſalvo ſelbſt zu mei⸗ nem Hüter und Wächter? Warum wurde zu dieſer Un⸗ terredung ein Platz gewählt, wo die Befeſtigungen der chriſtlichen Lagerſtatt noch ſo unvollendet ſind, daß ſie ohne die Wachſamkeit der Schildwachen leicht paſſirt werden können? Warum hatten dieſe Befehl, den mau⸗ riſchen Arzt ſich auf dieſem Wege entfernen zu laſſen, auch wenn er ein Weib in ſeinen Armen fortſchleppe, deſſen Stimme er gewaltſam erſtickte?— Ich bin über⸗ zeugt, der edle Don Gonſalvo würde gern bereit ge⸗ weſen ſein, mir dieſen Ritterdienſt zu leiſten.“ „Dies wollte ich nicht geſchehen laſſen,“ entgegnete der König,„weil ich fürchtete, daß die Anweſenheit eines ſo hochſtehenden und von Dir ſo wohl gekannten Mannes die Freiheit Deiner Wahl beſchränken könne. Ich wollte einen Untergeordneten, deſſen Gegenwart gänzlich ohne Intereſſe für Dich ſei; Gonſalvo wußte durchaus nichts von den gewaltthätigen Abſichten des Mauren.“ „Ich glaube dies,“ verſetzte ſie,„denn gewiß würde der tapfere Ritterfürſt nie in eine ſchmachvolle Verrätherei gewilligt, noch zu ihr irgend eine Hand geboten haben.“ „Die Befehle hinſichtlich der Abreiſe des Mauren,“ 94 verſetzte der König,„waren nur im Allgemeinen gegeben, und daß er eine gewaltſam verhüllte Frau gegen ihren Willen fortbringen wollte, konnten die Wachen ſo wenig wie ich ſelbſt vermuthen.“ „Aber wozu alle dieſe Heimlichkeit? Wenn der Sul⸗ tan wirklich ehrenhafte Abſichten auf mich hatte, warum ſchickte er nicht einen Sendboten in unſer Lager und hielt öffentlich bei Euch um meine Hand an?“ „Die Bewohner Granadas find in Parteien ge⸗ ſpalten,“ antwortete Ferdinand,„und er mußte fürchten, daß ſeine vorher verkündete Abſicht, ſich mit einer Chri⸗ ſtin und nahen Verwandten des feindlichen Heerführers zu vermählen, ihre Wuth auf's Neue aufſtacheln und ihm deren Ausführung unmöglich machen würde. Die ver⸗ ſtoßene Sultanin würde die Unzufriedenen um ſich ſam⸗ meln und dieſe ihn zwingen, ſie wieder in ihre frühere Stellung einzuſetzen. Nur wenn er die entthronte Sul⸗ tanin in der Stille der Nacht in einen wohlbewachten Thurm der Alhambra bringen und ſie dort feſthalten laſſe, wenn eben ſo heimlich ſeine neue Braut anlange und er ſie ſich in der Stille anvermählte, wenn mit einem Wort Alles volführt und beendigt ſei, che das Volk der Mauren etwas von dem beabſichtigten Wechſel erführe— nur dann könne Alles ſich nach Boabdil's und unſern Wün⸗ ſchen geſtalten.“ 95 „Ein neuer Beweis,“ ſagte Elvira und ihr Lächeln wurde ſo bitter wie zuvor,„wie ſehr der edlen Königin der endliche Triumph der Chriſtenheit am Herzen liegt, da auch ſie darein willigen konnte, mich durch dies zweite unlautere Mittel die Gemahlin dieſes Maurenkönigs werden zu ſehen.“ „Er wird ſeine noch bei ihm befindliche Sultanin verſtoßen,“ erwiderte der König gleichgiltig,„weil ſie ihm nicht mehr gefällt. Willſt Du nicht die Seine wer⸗ den, ſo wird eine Andre dieſen Platz einnehmen, der auf jeden Fall erledigt werden wird. Das Gewiſſen keines Chriſten wird dabei beſchwert, ſo viel ich einſehen kann— und wenn es dennoch ſein könnte, ſo würde der fromme Erzbiſchof von Toledo um der Förderung des heiligen Glaubens willen gern Abſolution für dieſe Sünde er⸗ theilen.“ Das Geſicht des Königs von Arragonien war wäh⸗ rend dieſer ganzen Unterredung ſo undurchdringlich ge⸗ blieben, daß es ſogar Elvirens Scharfblick unmöglich war, ſeine wahren Gedanken zu errathen. Er fügte nun die Frage hinzu: „Alſo Du haſt die Bewerbung des Königs von Granada beſtimmt zurückgewieſen?“ „Gänzlich und für immer,“ ſagte ſie feſt. „Gut,“ erwiderte Ferdinand,„ich habe geſagt, daß 96 die Freiheit Deiner Wahl nicht beeinträchtigt werden ſoll. Das blutige Spiel des Krieges wird alſo ſchnell wieder beginnen. Wir werden nicht lange mehr auf einen Aus⸗ fall des Feindes auf unſere Reihen zu warten haben.“ Trotz der wiederholten Erklärung, welche der König abgegeben, überließ Elvira ſich noch immer dem Glau⸗ ben, daß er um ihre beabſichtigte Entführung gewußt habe oder ſie doch ſehr gern zugelaſſen haben würde. Es war ihr nur zu wohlbekannt, daß das Loos der Ein⸗ zelnen, ſelbſt wenn dieſe in naher Beziehung zu ihm ſtan⸗ den, nie von ihm beachtet wurde, wenn er ſeine politiſchen Entwürfe ausführen konnte. Sie zögerte daher noch immer ſich zu entfernen und nahm noch einmal das Wort: „Auf jeden Fall muß ich Don Gonſalvo für die Wahl jenes Schweizers dankbar ſein; denn ſein tapferer und entſchloſſener Arm allein war es, der mich von dem Mauren befreite.“ „Gieb ihm einen Haufen Golddublonen,“ verſetzte der König wieder gleichgiltig.„Zwar erſchöpft dieſer nun ſchon mehr als neunjährige Krieg meinen Schatz auf's Aeußerſte, doch will ich Dir trotz deſſen eine Summe an⸗ weiſen laſſen, wenn Du nicht reich genug ſein ſollteſt, dieſem Manne eine hinreichende Belohnung zukommen zu laſſen.“ 97 „Ich bedarf Eurer Güte nicht, königlicher Oheim; denn die Einkünfte meiner Beſitzungen in Arragonien ſind bedeutend genug, um mich in den Stand zu ſetzen, alle meine Ausgaben ſelbſt zu beſtreiten. Wenn ſie auch ſehr geſchmälert ſind durch die hohen Beiſteuern, die ich Euch gleich Euren Granden zu dieſem heiligen Kriege geben muß, ſo werde ich doch immer ſo viel behalten, um einem Tapfern für ſeine Treue zu danken. Aber dieſer verlangt erſt in der Zukunft einen andern Lohn. Darf ich auf die Geneigtheit Eurer Hoheit rechnen, wenn ich als⸗ dann etwas für ihn zu erbitten haben würde?“ „Gewiß, ſchöne Nichte,“ erwiderte der König hin⸗ geworfen.„Aber ich höre im Vorgemache die Stimme des Herzogs von Cadir, welcher, wie Du weißt, ſo gut wie ich ſelbſt der Held unſers Maurenkrieges iſt. Er will Verhaltungsbefehle für die nächſten Tage von mir holen. Du haſt ſelbſt die Erneuerung des Krieges gewollt— darum lebe einſtweilen wohl, denn ich darf Deine Gegen⸗ wart nicht mehr genießen, ſo angenehm ſie mir auch iſt. Ich ſehe Dich bei der Königin wieder.“ Ferdinand war aufgeſtanden und machte das Zei⸗ chen der Entlaſſung. Elvira verneigte ſich und ging. Srchstes Caitrl. Columbus vor dem Könige und der Königin⸗ In dem Flügel des Gebäudes, den die Königin Iſabella bewohnte, finden wir dieſe einige Tage ſpäter neben ihrem königlichen Gemahl. Beide ſaßen im Audi⸗ enzgemach, doch waren ihre erhöhten, mit Purpurdecken belegten Lehnſeſſel faſt die einzigen Gegenſtände, welche nicht zu der Beſcheidenheit des übrigen Mobilars paßten. Eine gleiche Einfachheit wie in der Wohnung des Königs herrſchte auch hier. Eine Anzahl der Großen des Rei⸗ ches ſtand im Halbkreiſe um das Herrſcherpaar. Ein golde⸗ ner Reif umgab als Zeichen ihrer Würde ſowohl das Haupt Iſabella's wie auch dasjenige Ferdinand's. Hinter der Königin ſtanden Donna Elvira von Viana und Donna Beatrice de Bobadilla, welche auch die Marquiſe von Moya genannt wurde und von der Iſabella ſich ſelten trennte. Auch mehrere geiſtliche Herren machten ſich in 99 dieſer Verſammlung bemerklich. Nun öffneten die harren⸗ den Edelknaben die Thür, und auf ihrer Schwelle er⸗ ſchien die hohe Geſtalt und das denkende Antlitz des Chriſtof Columbus. Er beugte nach der ſpaniſchen Sitte das Knie vor dem Herrſcherpaare und neigte die majeſtä⸗ tiſche Stirn. Die Hoheiten erwiderten ſeine Begrüßung huldvoll und der König hob an: „Wir hören, daß Du Spanien verlaſſen willſt, Colon?“ „Ich hatte mich in das Kloſter La Rabida begeben, um mir dort eine kurze Raſt zu gönnen,“ antwortete Columbus,„doch veranlaßte mich deſſen Prior, etwas länger dort zu bleiben, als es Anfangs meine Abſicht war.“ „Der würdige Vater Juan Perez,“ ſprach die Kö⸗ nigin,„war früher mein Beichtvater. Er beſuchte mich hier in Santa Fe, und ich habe den frommen Freund meiner Jugend mit wahrer Freude wiedergeſehen. Er hat mir viel von Dir erzählt, Chriſtobal Colon.“ Sie wandte ihre hellen Augen auf den Genannten, welcher ſeitwärts einige Schritte entfernt ſtand. Es war ein Mönch, deſſen ernſtes Antlitz Scharfſinn, Milde und Intelligenz ausſprach. Dieſer verſetzte: „Meine Worte kamen aus einem warmen Herzen, welches Gott und meinen gnädigſten Herrſchern mit 100 gleichem Eifer zu dienen wünſcht. Es ſcheint ſich mir hier durch das Vorhaben dieſes Mannes eine von dem höch⸗ ſten Gott geſandte Gelegenheit darzubieten, den Ruhm der katholiſchen Herrſcher über Land und Meer zu tragen und ſeinen Namen zu verherrlichen. Darum habe ich nach meinen beſten Kräften ſeine Sache vor Deinem Ohr geführt, große Königin.“ „Du haſt noch andere Fürſprecher gehabt, Colon,“ ſagte dieſe, indem ſie einige ihrer Staatsbeamten lächelnd anſah und ſich zuletzt halb nach der Marquiſe von Moya umwendete.„Auch meine Freundin hier hat mir oft und eifrig Deine Verdienſte zurückgerufen.“ „Es geſchah,“ verſetzte die Marquiſe,„weil ich dadurch das wahre Intereſſe Eurer Hoheit am beſten wahrzunehmen glaubte.“ Der König Ferdinand ſprach wieder: „Wir dürfen uns jetzt endlich der Hoffnung über⸗ laſſen, daß dieſer Krieg gegen die Feinde des Kreuzes mit Hilfe unſerer Frau ſiegreich von uns beendet werden wird, und können unſer Intereſſe daher auch ander⸗ weitigen Gegenſtänden zuwenden. Biſt Du geſonnen, in unſerm Dienſt zu verbleiben, oder haſt Du Dir einen andern Herrn erwählt?“ „Faſt ein halbes Jahr iſt verſtrichen,“ entgegnete Columbus,„ſeit mir in Salamanca ein weniger troſtrei⸗ 101 cher Beſcheid von Euren Hoheiten wurde. Ich war aller⸗ dings im Begriff, an den Hof des Königs von Frankreich zu gehen. Wenn ich jedoch auf ein geneigtes Gehör von Euch hoffen darf, ſo bin ich gern erbötig, dieſe Abſicht aufzugeben und nur Eurem Dienſt allein alle meine Kräfte zu widmen.“ „So theile uns noch einmal Deine Gedanken über Deine Angelegenheit mit,“ ſagte Ferdinand. Columbus gab nun ungefähr die nämlichen Erläu⸗ terungen, welche er ſchon vor dem Rath von Salamanca ausſprach. Die Herrſcher hörten ihm mit freundlicher Aufmerkſamkeit zu. Seine Beredtſamkeit wurde nach und nach wärmer und er ſchloß endlich: „Handel und Schifffarth erfreuten ſich lange ſchon eines kräftigen Schutzes von Caſtilien und Arragonien. Die Ausführung meines Vorhabens wird ihnen neue Bahnen eröffnen und ihnen einen Aufſchwung geben, der alle unſere gegenwärtigen Begriffe überſteigt. Er wird weit den Verkehr überflügeln, der lange ſchon mit der Weſtküſte Afrikas ſtattfand, indem man Goldſtaub und Sklaven vielfältig von dort nach Sevilla brachte.“ „Doch hat unſere glorreiche Königin,“ ſprach Fer⸗ nando von Talavera,„deren Herz ſtets der Milde und dem Erbarmen offen iſt, zu Gunſten dieſer unglücklichen Afrikaner manche Verordnungen erlaſſen, wenn ſie gleich 102 Heiden ſind. Ein gleichmäßiger Schutz der Geſetze und eine Nachſicht iſt ihnen geſichert, wodurch ihr hartes Lvos gemildert wird.“ „Ja,“ ſagte die Königin mit tiefem Gefühl,„wir müſſen ſuchen, ihr Schickſal erträglicher zu machen, denn es iſt ſchrecklich genug, des edlen Gutes der Freiheit be⸗ raubt zu ſein. Außerdem muß Alles geſchehen, um ihre verdüſterten Seelen für das Licht des Chriſtenthums zu⸗ gänglich zu machen, damit das ewige Heil für ſie ge⸗ wonnen wird, nachdem manches irdiſche Unheil von ihnen gewendet iſt.“ Alle ſchwiegen für einige Augenblicke, um dadurch ihre Beiſtimmung zu den menſchenfreundlichen Gedanken der Königin auszudrücken. Columbus begann dann wie⸗ der ſeine Rede: „Ich gedenke, auf dem Wege durch die weſtlichen Gewäſſer bis nach Mangi und Catham zu gelangen, von deren unermeßlichen Reichthümern und unbeſchreiblicher Herrlichkeit uns ſchon Marco Polo und andere Reiſende des Mittelalters erzählten. Sie hatten dieſe Nachrichten in jenen fernen Gegenden vernommen, in die ihr uner⸗ müdlicher Fuß gedrungen war. Goldklumpen liegen in jenen ungekannten Gegenden an dem Fuße der Berge offen vor dem Lichte des Tages, die Flüſſe bergen Gold⸗ körner und Perlen von unermeßlichem Werthe in ſo gro⸗ 103 ßer Anzahl, daß man nur die Hand darnach auszuſtrecken braucht, und die koſtbarſten Diamanten werden haufen⸗ weiſe gefunden. Die Dächer der Behauſungen der Vor⸗ nehmen ſind aus Goldplatten gebildet und Silberplatten bedecken die Fußböden. Das heiße Klima läßt die köſt⸗ lichſten Gewächſe ſich entfalten, ſeltene Gewürze und herrliche Spezereien, und das Gefieder der Vögel iſt von einer ſo brennenden Farbentracht, wie man ſie bis dahin noch nicht bei den Bewohnern der Lüfte gekannt hat. Man wandelt unter Palmen und Cedern, mit einem Wort, man nähert ſich dem Paradieſe unſerer Voreltern, von welchem uns kein Engel mit dem Flammenſchwerte vertreiben wird.“ Auf den Mienen der meiſten Anweſenden zeigte ſich bei dieſer freudigen Schilderung des fremdartigen Glan⸗ zes des ungekannten Landes die lebendigſte Aufmerkſam⸗ keit und der Großcardinal Mendoza ſagte beiſtimmend: „Brachten doch ſchon die heiligen drei Könige dem göttlichen Kinde in Bethlehem, als der Stern ſie dahin geführt hatte, Gold, Weihrauch und Myrrhen. Das Morgenland iſt von jeher als die Heimath köſtlicher Gottesgaben bekannt geweſen.“ Das Antlitz des Königs jedoch war ſo unver⸗ ändert wie zuvor; ſein Ton war merklich kühl, als er verſetzte: 104 „Dieſe überſchwänglichen Schilderungen hat uns die lebhafte Einbildungskraft jener Weltreiſenden geliefert, und ſie werden bei der oftmaligen Wiedererzählung an⸗ derer Forſchbegieriger nicht vereinfacht worden ſein. Soll⸗ ten wir wirklich bis an ungekannte Küſten vordringen, ſo wollen wir erſt ſelbſt ſehen, wie wir ſie finden, und uns dann immer nur an die ungeſchminkte Wahrheit halten.“ Eine ſekundenlange Pauſe trat ein. Dann ſprach die Königin mit ihrer gewohnten Leutſeligkeit: „Und Du glaubſt, Colon, daß dies ferne Land ſtark bevölkert ſein muß?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete der Gefragte ſchnell. „Ich betrachte es als die glorreichſte Seite meines Unter⸗ nehmens, das Kreuz unter dieſen Völkern aufzurichten, die bis dahin nur beklagenswerthe Götzendiener geweſen ſind. Nicht nur für uns hoffe ich die Schätze der Erde zu erbeuten, ſondern auch dieſen unwiſſenden, vernach⸗ läſſigten Heiden diejenigen des Himmels zu bringen, und es wird das ſtrahlendſte Verdienſt der ſpaniſchen Regenten ſein, ſo viele arme Seelen der ewigen Seligkeit theilhaf⸗ tig gemacht zu haben.“ „Ja,“ ſagte Iſabella, deren Wange ſich röthete, „dies iſt ein hoher und glorreicher Beruf für den König, ſo wie für den Unterthan. Es thue Jeder das Seinige 105 zur Erreichung dieſes herrlichen Zieles, welches das wohlgefälligſte vor Gott iſt.“ Die Meiſten der Anweſenden beugten die Häupter; Einige bekreuzten ſich. Mehrere Geiſtliche machten das Zeichen des Segens. Auch Columbus gab ein Zeichen der Uebereinſtimmung mit dieſer frommen Bewegung und nahm dann wieder mit erhobenem Antlitz das Wort: „Ich habe die feſte Ueberzeugung, daß mir die Sen⸗ dung von Gott ertheilt worden iſt, weithin durch die Meere zu ſchiffen und fremde Welten zu entdecken. Früh ſchon gab mir der Herr Zeichen, daß er Großes an mir thun wolle. Vor länger denn dreißig Jahren kreuzte ich im Mittelmeer auf Schiffen, welche einer meiner Ver⸗ wandten gegen die Venetianer und gegen die Mahome⸗ daner ausgerüſtet hatte. Mein Schiff gerieth in Brand und ſeine ganze Mannſchaft fand ihren Tod in den Wel⸗ len. Ich war der Einzige, deſſen Kräfte Gott ſtärkte, daß ich die unſägliche Anſtrengung des langen Schwimmens aushielt und das Land erreichte.“ „Ein Fingerzeig der Gnade des Höchſten, der aller⸗ dings nicht verkannt werden darf,“ ſprach Louis de S. Angel, ein Schatzbeamter der Krone Arragonien und Freund des Columbus. Dieſer ſprach weiter: „Dann führte mich in Liſſabon eine Verkettung von Umſtänden, die unſer kurzſichtiges Auge Zufall nennt, zu 1861. W. Columbus und ſeine Zeit. I. 7 106 dem Seefahrer Bartolomeo Peraſtrella, der an der Ent⸗ deckung Madeiras theilgenommen hatte. Seine Tochter wurde mein Weib, und man theilte mir ſeine großen Kenntniſſe und ſeine trefflichen Charten und Inſtrumente mit. Hierdurch erſt wurde ich in den Stand geſetzt, ſelbſt weiter zu forſchen und mich in meinem Berufe ſo ſehr zu vervollkommnen, daß ich die ungewöhnlichſten Combi⸗ nationen zu erdenken vermochte.“ „Es darf uns alſo,“ ſagte Iſabella,„die Kühnheit Deiner Pläne nicht Wunder nehmen.“ Columbus ſetzte ſeine Rede fort: „Das heilige Grab wurde vor Jahrhunderten von dem Schwerte der Chriſten wieder erobert, und es iſt ein bitterer Schmerz für jeden wahren Gläubigen, daß jene geheiligten Stätten, wo der Fuß des Erlöſers wan⸗ delte, wo er ſeine göttlichen Lehren verkündete, wo er kämpfte und ſtarb, wieder in den Beſitz heidniſcher Maho⸗ medaner übergegangen ſind. Die Kreuzzüge im Oſten haben aufgehört, und ſogar hat unſer Jahrhundert es er⸗ leben müſſen, daß die Barbaren weit in Europa vor⸗ drangen. Es fiel Conſtantinopel, das volkreiche Bollwerk des Chriſtenthums; der Halbmond wurde auf ſeinen Mauern aufgerichtet und das alte Byzanz hat jetzt den ſchnöden Namen Stambul erhalten.“ „Auch an mir,“ ſprach der König,„hat ſich der 107 Wille Gottes geoffenbart. Er ließ mich ungefähr um die Zeit dieſes traurigen Falles von Conſtantinopel ge⸗ boren werden, was ich für einen mir gewordenen Wink anſehe, um den Islam, der im Oſten Europa's eindrang, hier aus deſſen Weſten zu verjagen. Es wird alsdann wieder ein großes Gebiet für die Herrſchaft des Kreuzes gewonnen und alſo das Verlorene erſetzt werden.“ „Ihr habt die unſäglichen Mühen und harten Kämpfe von faſt zehn Jahren aufgewendet, um das Maurenreich zu bekämpfen, glorreiche Herrſcher,“ ſagte Columbus. „Wie die Griechen um Troja kämpften, ſo ſtreiten die Spanier um Granada,“ ſchaltete Peter Martyr ein, der meiſtens ſeine Wohnung in der Nähe der königlichen Perſonen hatte, da er die Erziehung des Prinzen Juan leitete. Er wußte nur zu gut, daß dieſer nicht zum er⸗ ſtenmale ausgeſprochene Vergleich gern gehört wurde. Columbus vergaß jedoch über dem Intereſſe, das er ſelbſt an ſeiner Auseinanderſetzung nahm, den Hofmann zu ma⸗ chen, und fuhr fort, ohne in das beifüllige Lächeln der Umſtehenden einzuſtimmen: „Da Ihr ſo Großes ſchon vollbrachtet, ſo vollführt noch Herrlicheres, das der Herr der Heerſchaaren in Eure Hände gelegt hat. Pflanzt das Kreuz nicht nur auf Granadas Mauern auf— erhöht es auch auf dem Zin⸗ 108 nen Jeruſalems! Erobert das heilige Grab wieder für die Frommen, die es nie hätten verlieren ſollen! Unterſtützt meine Entdeckungsreiſe, laßt mich die unermeßlichen Schätze auffinden, welche jenſeits der Meere unſrer war⸗ ten, und verwendet ſie alsdann zu dieſer größten und glorreichſten aller Erwerbungen!“ Das Auge des Redners ſtrahlte und ſein Antlitz glühte, indem er ſich einer warmen, natürlichen Bered⸗ ſamkeit überlaſſen hatte. Auch verfehlte dieſe des Eindrucks auf ſeine Hörer nicht ganz, denn manche halblaute oder ſtumme Zeichen des Beifalls gaben ſich kund. Auch die Königin zeigte ein ernſtes, wenn auch faſt unmerkliches Lä⸗ cheln. Mit dem erhabenen Pathos ſeiner letzten Worte ſetzte Columbus hinzu: „Und nicht nur zwei Welttheile ſind es, König und Königin, in denen Ihr das Chriſtenthum, und mit ihm Geſittung und Menſchlichkeit verbreiten ſollt: auch Afrika liegt vor Euch, und wenn Eure Siegesfahnen in Europa und Aſien wehen, ſo werdet Ihr ſie nach den afrikaniſchen Küſten des Mittelmeers tragen! Fez und Marokko, Al⸗ gier und Tunis ſind leicht zu erreichen, nachdem Ihr ſchon an das andere Ende der Erde gedrungen ſeid— und alle die ungeheuren Koſten dieſer rieſenhaften Unter⸗ nehmungen, dieſer gewaltigen Kriegzüge werden die im⸗ 109 mer neu fließenden Reichthümer Indiens decken, die ich für Euch aufſuchen will!“ Der König Ferdinand war unſtreitig von allen An⸗ weſenden Derjenige, der am wenigſten ſympathiſch von der ſchwungvollen Anſprache berührt wurde. Mit nüch⸗ ternem Gleichmuthe verſetzte er: „Heute handelt es ſich nur um Erörterungen über das Unternehmen ſelbſt. Wenn wir erſt im Beſitz der Schätze ſind, die Ihr uns ſo freigebig verheißt, ſo wer⸗ den wir über ihre Anwendung leicht unſere Entſchlüſſe faſſen, und daß die Förderung der Religion und ihrer geheiligten Intereſſen uns nach wie vor auf's Innigſte am Herzen liegen ſoll, wird— ſo hoffe ich zu Gott— Nie⸗ mand bezweifeln, der jemals unſern Namen gehört hat. Welche Bedingungen ſtellſt Du Deinerſeits, wenn wir Dich mit hinreichenden Mitteln für die gewünſchte See⸗ reiſe auszurüſten geneigt ſein ſollten?“ „Ich fordere,“ antwortete der Gefragte ruhiger als zuvor,„den Titel und die Macht eines Großadmirals und Vicekönigs aller von mir zu entdeckenden Länder. So wie ich ſie betrete, werde ich ſie für die Kronen von Arragonien und Caſtilien in Beſitz nehmen. Dann be⸗ anſpruche ich ein Zehntel ihres ganzen Ertrags, und alle dieſe Bedingungen ſollen für ewige Zeiten, für meine Er⸗ ben wie für mich ſelbſt gelten.“ 110 „Das ſind ſehr gewichtige Forderungen,“ erwiderte Ferdinand;„ſie kommen uns faſt ſo überſpannt vor, wie Deine Eroberungspläne in Aſien und Afrika. Auf jeden Fall vergißt Du Dich ſelbſt nicht bei den Dienſten, die Du uns und der Religion zu leiſten verſprichſt.“ Das kalte Mißtrauen, mit dem der König von An⸗ fang an die Unternehmung des Columbus betrachtet hatte, trat nun wieder deutlich hervor. Dieſer verſetzte jedoch unbeirrt: „Dieſe ehrenvollen Auszeichnungen ſtehen nur im Verhältniſſe zu der Größe der Vortheile, welche ich unter tauſend Gefahren für Eure Hoheiten zu erringen ge⸗ denke.“ „Er wird alsdann reicher und bedeutender werden als irgend Einer von uns,“ ſagte der Herzog von Cadir. „Doch wird er dann auch Größeres dafür gethan haben als wir Alle,“ ſagte Gonſalvo de Cordova, der auch diesmal nicht neben der Königin fehlte. „Der Sohn des Handwerkers über uns Alle er⸗ höht— dies würde ſich ſchlecht ausnehmen!“ rief Don Pedro, Graf von Navarra. „Der Ausländer der Erſte nach dem König— dies würde unerhört ſein!“ ſagte der Graf von Tendilla. „Er wird den erſten Goldklumpen, den er auffindet, verwenden, um ſich eine Krone daraus ſchlagen zu laſſen,“ 111 ſpottete der Herzog von Villa Termoſa, ein Bruder Ferdi⸗ nand's. „Vielleicht,“ hob Mendoza an,„wird Don Chriſto⸗ bal einwilligen, Manches von ſeinen Forderungen nach⸗ zulaſſen. Es würde dann eher zu einem befriedigenden Schluß zu kommen ſein.“ „Niemals!“ verſetzte Columbus feſt.„Ich werde nicht auf den gerechten Lohn für alle meine Mühen ver⸗ zichten. Ich nehme keine einzige meiner Bedingungen zu⸗ rück. Sehr leicht kann ich auf der unermeßlichen Waſſer⸗ wüſte zu Grunde gehen, denn Gott allein iſt dort mein Schild und Hort!— Auch auf andere Weiſe könnte mein Vorhaben vereitelt werden, und ich bliebe dann der arme, namenloſe, vielgeprüfte Mann, der ich jetzt bin, und der ein Leben voll Entbehrungen und Mühen hinter ſich hat. Wenn ich aber mein Ziel erreiche, wenn ich meine große Aufgabe gelöſt habe— ſo ſoll auch der volle Triumph des Erfolges mein ſein, und wenn ich für Andere ge⸗ ſtrebt habe, ſo ſoll auch der Theil mir nicht entzogen werden, der mir von Rechtswegen zukommt.“ „Ein dürftiger, fremder Abenteuerer führt eine ſolche Sprache!“ rief Alonſo de Cardenas, der Großmei⸗ ſter von S. Jago. 7„Bedenke Dich etwas länger, Chriſtobal,“ mahnte der Prior Juan Perez wohlwollend. 112 „Ich habe nichts zu bedenken, denn mein Entſchluß ſteht unerſchütterlich feſt,“ erwiderte Columbus mit auf⸗ gerichtetem Haupte. Talavera hatte, während dieſe und ähnliche Aeuße⸗ rungen ringsum mehr oder minder laut wurden, einige leiſe Reden mit dem Könige gewechſelt. Die gewöhnliche Milde ſeiner Züge hatte ſich faſt in Strenge verkehrt. Auch das Geſicht der Königin gab nicht mehr jene freund⸗ liche Geneigtheit kund, die man bisher für den genue⸗ ſiſchen Seefahrer darauf bemerkt hatte, ſondern zeigte nur mehr eine gemeſſene Würde. Talavera ſprach jetzt laut genug, um ringsum verſtanden zu werden: „Dieſe Forderungen verrathen nicht nur den höch⸗ ſten Grad von Anmaßung, ſondern ſie enthalten auch eine ganz unerhörte Neuerung. Weder Caſtilien noch Arra⸗ gonien haben jemals einen Vicekönig gekannt, und nun beanſprucht ſogar ein unbekannter Seefahrer dieſe Würde in dem fernen Indien, wo er nie von Europa aus be⸗ aufſichtigt werden könnte. Es würde ganz unpaſſend ſein, wenn Eure Hoheiten dieſem Manne, der nicht einmal Euer Unterthan iſt, ſo Unerhörtes bewilligen wollten.“ Ferdinand flüſterte einige Worte mit der Königin und ſagte dann mit einer Kälte, die faſt eiſig zu nen⸗ nen war: „Chriſtobal Colon, wir thun Dir hiermit unſe königlichen Willen kund, der dahin lautet: Wir ſehen uns 113 nicht veranlaßt, Dir Deine Bedingungen zu bewilligen, da ſie unſere Billigung nicht erhalten können, und bre⸗ chen daher alle Unterhandlungen über dieſen Gegenſtand hiermit ab.“ Er machte ein entlaſſendes Zeichen gegen Columbus, dem auch die Königin beipflichtete. Der große Genueſe verbeugte ſich tief und verließ mit feſten Schritten das Gemach. Ferdinand wandte ſich nun an die Uebrigen und ſagte: „Sennores, die Audienz iſt beendigt; wir werden uns nach zwei Stunden im Kriegsrathe wieder zuſammen finden.“ Die Granden und ſonſtigen Würdenträger entfern⸗ ten ſich nun mit dem ernſten Ceremoniell, welches ſie ge⸗ wöhnlich gegen ihre Herrſcher beobachteten. Es könnte unſerm nüchternen Zeitalter vorkommen, als wenn mit dem Vorhaben des Weltentdeckers ein An⸗ ſtrich von Schwärmerei verbunden geweſen wäre; doch war dieſe nicht ſo widerſinnig in einem Lande und in einem Jahrhundert, wo noch der Geiſt der Kreuzzüge herrſchte und wo das Romantiſche in der Religion noch von dem kalt prüfenden Verſtand verdrängt war. Ferdinand behielt dieſen bei allem ſeinem Glaubens⸗ bei. Auf Iſabella machte der gemäßigtere Vorſchlag 114 der weiteren Verbreitung des Evangeliums mehr Ein⸗ druck, da ſie von einer wahren Frömmigkeit beſeelt war. Bei allen ihren Unternehmungen war ſie weit weniger für die gewöhnlichen Antriebe der Habſucht und der Ruhmbegierde empfänglich als für Gründe, welche die Sache der Religion betrafen. Vielleicht gab Columbus in dieſer ihm gewährten Audienz den merkwürdigſten Beweis von jenem ſtolzen, unbeugſamen Sinn, der ihn während ſo vieler prüfungs⸗ vollen Jahre aufrecht erhalten hatte. Heute endlich, nach zahlloſen Demüthigungen und Geduldsproben, eröffnete ſich die ſo lange von ihm erſtrebte Laufbahn— und den⸗ noch wollte er lieber auf dieſe glänzende Ausſicht verzich⸗ ten, als eine von den ehrenvollen Auszeichnungen ein⸗ büßen, welche ſeinen Verdienſten gebühren würden. Die aufgeklärten Männer, welche er während ſeines langen Aufenthaltes in Spanien für ſein Unternehmen gewonnen hatte, betrachteten es nur wie ein Mittel, um über eine ſehr zweifelhafte Sache Gewißheit zu erlangen, ſo wie wir in unſern Tagen die Möglichkeit der nordweſtlichen Durchfahrt lange ſehr in Zweifel zogen. Alle gewöhn⸗ lichen Geiſter blickten ſogar mit Schrecken auf einen Reiſeplan, der den Seefahrer weit über die bisher be⸗ fahrenen, verhältnißmäßig ſicheren Meere hinausführte. Allerdings war Columbus ſehr ehrenvoll am 115 lianiſchen Hofe aufgenommen worden, denn Iſabella würdigte die erhabene Reinheit ſeines Characters. Allein ſie beſaß zu wenige kosmographiſche Kenntniſſe, um ſeine großen Entwürfe ganz begreifen zu können, und da Viele, denen ſie zu vertrauen gewohnt war, ſie für ungereimt, für die überſchwänglichen Phantaſiebilder eines ſchwär⸗ menden Träumers hielten, ſo glaubte auch ſie wahrſchein⸗ lich nicht feſt daran. Iſabella hatte ihre Kindheit in der Zurückgezogenheit einer kleinen Stadt unter den Augen einer ſehr religiöſen Mutter verlebt, deren Beiſpiel ihr eine gleiche Richtung gab. Die rauhe Schule der Widerwärtigkeit hatte ſie außerdem erzogen. In der Blüthe der Jugend und Schön⸗ heit wurde ſie an den ſittenverderbten Hof ihres Bruders, des Königs Heinrich des Vierten von Caſtilien, geführt; falſche Freunde und offene Feinde umringten ſie dort, und dennoch trübte nicht der leiſeſte Hauch der Verleum⸗ dung die hohe Reinheit ihres ſittlichen Rufes. Einſame Andachtsübungen und der öffentliche Gottesdienſt nahmen einen beträchtlichen Theil ihrer Zeit in Anſpruch; auch verwendete ſie große Summen auf die Erbauung von Krankenhäuſern und Kirchen und beſchenkte die Klöſter reichlich. Dieſe Letzteren beſuchte ſie häufig und fertigte dann in der Geſellſchaft der frommen Schweſtern kunſt⸗ volle Stickereien, mit denen die Kirchen geſchmückt wur⸗ 116 den. Durch ihr herablaſſendes und einnehmendes Betra⸗ gen, ſo wie durch ihre höheren Eigenſchaften erlangte ſie einen Einfluß auf ihre unruhigen Unterthanen, wie ihn vor ihr keine ſpaniſche Königin beſeſſen hatte. Ihr leichter Redefluß war oft von artigen Einfällen gewürzt, von welchen einige noch jetzt als Sprüchwörter im Munde des Volkes in Caſtilien leben. Da ſie mäßig bis zur Ent⸗ haltſamkeit war, ſo herrſchte an ihrer Tafel die größte Einfachheit. Wein genoß ſie nie. Ihre Art ſich zu kleiden war im Privatleben höchſt einfach; die hin und wieder erforderlichen Prunkgewänder verſchenkte ſie nach kurzer Benutzung an ihre Freundinnen. Auf ihren Reiſen borgte ſie oft Juwelen und andern Schmuck von den ſie be⸗ grüßenden Damen, und gab ihnen alsdann alle dieſe Koſt⸗ barkeiten reichlich vermehrt zurück. Mit einem beſondern Takt wußte ſie ſich ſtets in ihre jedesmalige Umgebung zu ſchicken. An den kleinlichen Einzelheiten, welche einen ſo großen Theil des Hoflebens ausfüllen, fand ſie wenig Geſchmack. Sänger und Muſiker ſah ſie jedoch gern in ihren Schlöſſern, da ſie durch deren Vorträge ihren jun⸗ gen Adel von den roheren Vergnügungen zu entwöhnen hoffte, denen er nur zu ſehr ergeben war. Edelmüthig und uneigennützig bemühte ſie ſich gewiſſenhaft jedes Verſprechen zu halten. Verſtellung und kleinliches Miß⸗ trauen waren ihr fremd. Wem ſie ihr Zutrauen ſchenkte, 117 dem bewahrte ſie es; hatte ſie ſelbſt einmal Pläne ge⸗ faßt oder denjenigen Anderer ihre Zuſtimmung gegeben, ſo beobachtete ſie ſtets das gradeſte und offenſte Verfah⸗ ren. Strenge gerecht war ſie dennoch großmüthig gegen Diejenigen, welche ſie perſönlich gekränkt hatten, wie dies ihr Benehmen gegen Arnold Waller bewies. Keine Rück⸗ ſicht vermochte ſie zu einer unpaſſenden Beſetzung eines öffentlichen Amtes. Ihre große Achtung vor den Dienern der Religion verleitete ſie dennoch nicht, deren Vergehen unbeſtraſt zu laſſen, und ſelbſt dem Oberhaupte der Kirche geſtattete ſie keine Eingriffe in die Rechte ihrer Krone. Von dieſen ließ ſie gleichfalls keins in die Hände ihres Gemahls übergehen, wenn auch dem Anſchein nach jede ihrer Handlungen im Verein mit dieſem von ihr ausging. Trotz deſſen liebte ſie ihn zärtlich, wenn gleich dieſe Liebe nicht immer mit gleicher Treue vergolten ward. Für ihre Kinder eine aufopfernde Mutter, war ſie ihrer eigenen Mutter eine zärtliche Tochter. Durch reichliche Belohnun⸗ gen zog ſie das Talent aus den entfernteſten Gegenden nach Spanien und rief Handwerker, Kriegsbaumeiſter, Offiziere und fremde Gelehrte dahin. Mit praktiſchem Blick erkannte ſie ſogleich den Nutzen der Buchdrucker⸗ kunſt und beſchützte ſie eifrig. Dieſen nämlichen Scharf⸗ blick bekundete ſie in der Wahl ihrer Beamten. Keine Anſtrengung war ihr zu groß, wenn ſie ſie für nothwen⸗ 118 dig hielt, und während der erſten ſtürmiſchen Jahre ihrer Regierung reiſte ſie mit einer ſolchen Schnelligkeit zu Pferde umher, daß ſie ſtets zur rechten Zeit an dem Orte war, wo man ihrer bedurfte. Auch das ſchlechteſte Wetter hielt ſie nicht davon ab, und wenn ſie am Tage ihre Re⸗ gierungsgeſchäfte eifrig beſorgt hatte, ſo dictirte ſie ihren Geheimſchreibern oft noch in der Nacht ihre Befehle. Um die Mängel ihrer frühern Erziehung nachzuholen, fand ſie bei dieſer regen Thätigkeit noch Muße, das Latein zu erlernen. Wenn ſich Gefahren und Schwierigkeiten häuf⸗ ten, ſo wußte ſie immer neue Mittel, ihnen zu begegnen. Den König und die ſpaniſchen Edelleute bewog ſie, wie⸗ der in das Feld zurückzukehren, wenn ſie es nach einem vergeblichen Kriegszuge verlaſſen hatten. Selbſt vor keiner Beſchwerde zurückbebend ſchnürte ſie ihre zarten Glieder in einen ritterlichen Panzer, zeigte ſich gewaffnet an der Spitze ihrer Truppen, und ritt auf ihrem Kriegsroß durch die Reihen ihrer Soldaten, deren ſinkenden Muth ſie durch ihre Unerſchrockenheit neu belebte. Ihren per⸗ ſönlichen Anſtrengungen und Rathſchlägen, ihrem Genie und ihrer Geiſtesſtärke war der endliche, glückliche Erfolg des Maurenkrieges zuzuſchreiben. Dabei war ſie ſtets bemüht ſeine Schreckniſſe zu mildern. Die wohlthätige Einrichtung der Feldkrankenhäuſer war ihr Werk; ſelbſt das Blut ihrer Feinde ſuchte ſie zu ſchonen. Mit Recht 119 erzählte der venetianiſche Geſandte Navagiero einige Jahre ſpäter,„daß die Königin von Caſtilien eine ſeltene und tugendhafte Frau geweſen ſei, von welcher die Spa⸗ nier weit mehr ſprächen als von ihrem Gemahl, dem König Ferdinand, ſo ſcharfſichtig und außergewöhnlich er auch wäre.“ Leider wird dies glänzende Bild durch einige ſchwarze Flecken verunſtaltet. Sie ließ die Errichtung der Inquiſition und die Verbannung der Juden zu. Un⸗ glücklicher Weiſe wechſelten ihre geiſtlichen Rathgeber ziemlich häufig; ſie hatte dieſelben von jeher mit der größten Ehrerbietung betrachtet, und es war der glaubenswüthige Torquemada, der ſie zu den verderblichen Handlungen verleitete, welche ihr wohlwollendes Herz und ihr geſun⸗ der Sinn ohne dieſe fanatiſchen Einflüſterungen und Be⸗ ſchwörungen nie unternommen haben würde. Wir dürfen hierbei nicht vergeſſen, daß dieſe Unduldſamkeit, die auch der König theilte, im Geiſte der Zeit lag, und daß die auch ſpäter noch lebenden, aufgeklärteſten Schriftſteller das Ketzergericht für den größten Beweis der Klugheit und Frömmigkeit der katholiſchen Herrſcher erklärten, deſſen außerordentlichen Nutzen nicht nur Spanien, ſon⸗ dern die ganze Chriſtenheit offen anerkannte. Vom Pabſte Alexander VI. wurde offen der Grundſatz proclamirt, daß die Reinheit des Glaubens jedes Verbrechen ſüh⸗ 120 nen könnte. Dieſer Grundſatz wurde in tauſend ver⸗ ſchiedenen Formen von der hohen und niedern Geiſtlich⸗ keit wiederholt und von einem abergläubiſchen Volke be⸗ gierig ergriffen. Es war daher nicht zu verwundern, daß eine einzelne Frau, die ſtets von Geiſtlichen umgeben und ſtreng in dem fanatiſchen Geiſte des ſpaniſchen Katholicismus auferzogen war, trotz ihrer ſonſtigen aus⸗ gezeichneten Fähigkeiten ein natürliches Mißtrauen gegen ihre eigene Beurtheilungsgabe in dieſen Sachen hegte und es nicht vermochte, ſich jenen ehrwürdigen Rathgebern feindlich entgegen zu ſtellen, welche man ſie von der Wiege an gelehrt hatte, als die Leiter und Wächter ihres Gewiſſens zu betrachten. Das göttliche Geſetz der Dul⸗ dung gegen Andersglaubende, dem unſer aufgeklärtes Zeitalter eine ſo hohe Stufe in den Verhältniſſen der Menſchheit angewieſen hat, hatte damals noch keine Gel⸗ tung erlangt. Unduldſamkeit war das Panier des fünf⸗ zehnten, des ſechszehnten und größtentheils auch des ſieb⸗ zehnten Jahrhunderts, welches alle Religionsparteien aushingen. Man kannte ſeit mehr als ſieben Jahrhun⸗ derten in Spanien nur die Gegenſätze: Katholicismus und Ungläubige, Chriſten und Mauren. Die zahlreich auf der Halbinſel lebenden Juden wurden wie ein un⸗ reines Element betrachtet, gegen das der Fanatismus gleichfalls ſeine blutige Geißel ſchwang. Wir müſſen da⸗ 121 her unſer Urtheil über Iſabella von Caſtilien dahin feſt⸗ ſtellen, daß ſie bei mangelhafter Aufklärung nur in jene Irrthümer verfiel, welchen die größten Geiſter auch noch in gereifteren Zeitabſchnitten anhingen, und daß ihre Schwächen ihrem Zeitalter, ihre Tugenden jedoch ihr ſelbſt angehörten.*) Der König Ferdinand theilte ihren Glaubenseifer, doch entſprang dieſer nicht aus der wirklichen Inbrunſt des Herzens, wie bei ſeiner Gemahlin, ſondern mehr aus ſelbſtfüchtigen Beweggründen. Obgleich er für jene Zeit nicht ein durchaus abergläubiſcher Fürſt genannt werden konnte, beſtrebte er ſich doch, das verhaßte Joch des Ketzer⸗ gerichtes in ſeinem Lande Arragonien einzuführen. Dabei hörte er pünktlich die Meſſe, befolgte alle Gebote der Kirche und hinterließ als manche damals gebräuchliche Zeichen der Frömmigkeit, prächtige Gebäude und Stiftun⸗ gen zu religiöſen Zwecken. Sein chriſtlicher Eifer war jedoch wunderbar wirkſam zur Förderung ſeines weltlichen Vortheils und ſeine tadelnswertheſten Kriege wurden mit einem religiöſen Schleier bedeckt, wie dies die Gewohn⸗ heit des Zeitalters, und beſonders bei den Spaniern und Portugieſen gebräuchlich war. Durch ihre Kämpfe mit den ) Siehe über die Königin Iſabella: Llorente, Navarrete, Marina u. A. m. 1861. IV. Columbus unb ſeine Zeit. I. 8 122 Mauren, ſo wie durch ihre ſpäteren amerikaniſchen und afrikaniſchen Unternehmungen wurde der kreuzzugartige Sinn mehr und mehr genährt und unterhielt eine religiöſe Stimmung unter ihnen, die ihnen oft den wahren Cha⸗ rakter ihrer Thaten trügeriſch verhehlte. Der Vorwurf der Treuloſigkeit iſt Ferdinand von ſeinen Zeitgenoſſen gemacht worden und Voltaire ſagt über ihn:„Man nannte ihn in Spanien den Weiſen, in Italien den From⸗ men, in Frankreich und England den Treuloſen.“— Unbedingt war er der klügſte und thätigſte Fürſt ſeiner Zeit, ſowohl im Cabinet wie auf dem Kriegstheater. Enthaltſam wie ſeine Gemahlin beobachtete er in ſeinen perſönlichen Ausgaben wie bei ſeinen Staatsunterneh⸗ mungen eine große Sparſamkeit, wozu ihn bei der Größe und Menge der Letzteren ſein mäßiges Einkommen zwang. Auch ſeine frühere Erziehung war vernachläſſigt worden, doch war er vollendet in allen edlen Uebungen des Rit⸗ terthums und las gern Geſchichte; aus dieſem Studium zog er jene Lehren, die er ſpäter ſelbſt auf ſeine eigene Thätigkeit anwendete. Auch in unbedeutenden Dingen ruhig und berechnend bezog er Alles auf ſich ſelbſt und ſchätzte ſeine Freunde nur nach der Summe der Dienſte, die ſie ihm zu leiſten vermochten. Er übertraf alle Staatsmänner ſeiner Zeit in der Regierungskunſt und kann als der Vertreter des damaligen eigenthümlichen 123 Geiſtes des Jahrhunderts betrachtet werden. Die Regie⸗ rungsweiſe befand ſich bei ſeinem Auftreten in einem Zuſtande des Ueberganges aus den Lehnsformen in die⸗ jenigen der neueren Zeit. Er und Iſabella kämpften lange mit der Anmaßung und Streitluſt ihrer übermächtigen Großen, und dieſe konnten nur durch überlegene Klugheit überliſtet werden. Die Morgenröthe des Sieges der Bil⸗ dung über die rohe Gewalt, welche bis dahin die Hand⸗ lungen der Völker wie der Einzelnen geleitet hatte, war erſt angebrochen. Dieſe nämliche Staatsklugheit, durch welche ſie die innern Angelegenheiten ihrer Reiche geordnet hatten, wendeten die Regenten gegen fremde Staaten an, als ſie mit dieſen in Zwiſtigkeiten geriethen. Beſonders Italien wurde der Schauplatz derſelben, und Ferdinand gewann ſein Spiel, da er es geſchickter als ſeine Gegner ſpielte, ohne unredlicher als dieſe zu ſein; doch erfährt bei ſolchen Veranlaſſungen der Glückliche ſtets den er⸗ bitterten Tadel ſeiner Mitkämpfer.— In der Häuslichkeit war Ferdinand Iſabella's nicht werth. Er lohnte ihre zärtliche und wandelloſe ehe⸗ liche Liebe ſchlecht, indem er vier natürliche Kinder von vier verſchiedenen Frauen beſaß. Doch behandelte er ſeine Gemahlin mit äußerer Achtung und ſuchte ihr ſeine Ver⸗ irrungen zu verbergen. Die Verbindung mit der caſti⸗ lianiſchen Königin überſtrahlte ſeine Regierung mit glän⸗ * 124 zendem Ruhme, doch bildete ſie für ſeinen Charakter einen höchſt ungünſtigen Gegenſatz. Sein Glücksſtern ſtrahlte ſo lange wie er ſie beſaß, und erſt als ſie dahin war, ver⸗ leitete ihn ſeine Herrſchſucht zu nicht ehrenvollen Strei⸗ tigkeiten mit ſeinen nächſten Angehörigen. Um die Zeit unſerer Erzählung jedoch finden wir ihn in der Blüthe ſeines Mannesalters, von ſeinen Unterthanen geliebt und von ſeinen Feinden gefürchtet, unparteiiſch gerecht, tapfer und genügſam, ſein Volk nicht unnöthig mit ſchweren Ab⸗ gaben belaſtend und deſſen Gewerbfleiß durch heilſame Geſetze befördernd.*) *) Siehe:„Die katholiſchen Herrſcher“ von Pulgar.„Die Annalen“ von Zurita.„Denkwürdigkeiten“ von L. Marinev und „Oeuvres de Brantome“.. Hirbentes Capitel. Das Leben im Lager von Santa Fe. Don Carlos, Prinz von Viana, war der dreißig Jahre ältere Stiefbruder Ferdinand's von Arragonien. Durch ſeinen ſanften, liebenswürdigen Charakter, ſo wie durch manche ſonſtige Tugenden war er der Liebling ſei⸗ ner Nation geworden, und er ſchien zum Erben nicht nur Arragoniens, ſondern auch Navarras und Siziliens be⸗ ſtimmt. Eine plötzliche Krankheit raffte ihn jedoch in der Kraft ſeiner männlichen Jahre dahin, und er hinterließ dem elfjährigen Knaben Ferdinand, dem Lieblinge ſeines Vaters, die Anſprüche auf die Kronen, welche ſein eigenes Haupt nicht ſchmücken ſollten. Früh ſchon hatte er ſich heimlich unter ſeinem Stande vermählt und aus dieſer Verbindung einen Sohn nachgelaſſen; dieſer vermählte ſich wieder mit einer nicht fürſtlichen Gattin, welche jedoch die Geburt ihrer Tochter Elvira nur wenige Jahre über⸗ 126 lebte; der Vater ſelbſt fiel in einem Seegefecht gegen die afrikaniſchen Mahomedaner. Der König Johann lebte im erklärten Unfrieden mit ſeinem älteſten Sohne Don Car⸗ los, gegen welchen er ſich ein hartes und liebloſes Ver⸗ fahren zu Schulden kommen ließ. Das Gerücht ſprach bei dem unerwarteten Tode des Prinzen von Viana ſogar von einer Vergiftung, an welcher der alte König und deſſen zweite Gemahlin nicht ganz unſchuldig ſein ſollten. Wie ſich nun auch dieſe Sache verhalten mochte, ſo war es gewiß, daß Johann auf ſeinem ſpäten Sterbebette hin⸗ ſichtlich ſeines Betragens gegen ſeinen älteſten Sohn Gewiſſensbiſſe empfand und ſich der Heirath und der Nachkommen deſſelben plötzlich erinnerte, welche er bisher gänzlich ignorirt hatte. Er empfahl alſo ſeinem Sohne Ferdinand die verlaſſene Waiſe Elvira, welche in einem Floſter in Barcelona auferzogen wurde. Mehr jedoch als Ferdinand ſelbſt beherzigte Iſabella dies Vermächtniß, indem ſie das kleine Mädchen unter ihre ſpezielle Obhut nahm und ſie ſpäter als die Geſellſchafterin ihrer älteſten Tochter Iſabella an ihren Hof kommen ließ. Auch nach⸗ dem dieſe Letztere nach Portugal verheirathet war, blieb Elvira von Viana in ihrer Nähe und wurde ſowohl von ihr wie auch von ihrem Gemahl mit Achtung und Aus⸗ zeichnung behandelt. Bei Iſabella war es die natürliche Güte ihres Herzens, welche ihr rückſichtsvolles Betragen 127 gegen ihre Großnichte beſtimmte; bei Ferdinand dagegen fehlten auch eigenſüchtige Beweggründe nicht. Das An⸗ denken ſeines Bruders lebte noch immer in der liebevollen Erinnerung der Arragonier; wie unter jeder Regierung, ſo gab es auch unter derjenigen Ferdinand's Unzufriedene, zu welchen beſonders die unruhigen Großen des Reichs gerechnet werden mußten, deren ſtolze Anmaſſungen nur durch ein kluges Zuſammenhalten aller Kräfte von ihm niedergehalten wurden. Bei einem Umſchwung der Ver⸗ hältniſſe war es daher nicht undenkbar, daß ſie den Na⸗ men der Enkelin des vielgeliebten Don Carlos an die Spitze einer Verſchwörung oder eines Aufſtandes ſtellen, oder ſich unter deſſen Panier ſchaaren könnten. Es lag im Reiche der Möglichkeit, daß man ſie nicht nur als eine Bewerberin um den Thron Arragoniens, ſondern auch um denjenigen Navarras und Siziliens aufſtellen würde, nach welchen beiden letzteren Ferdinand ſelbſt längſt die lüſternen Blicke ſendete. Ihre nur von einer Seite fürſtliche Abſtammung war kein abſolutes Hinder⸗ niß einer Thronbeſteigung; denn nicht ſelten erlangten in jenen Tagen ſogar uneheliche königliche Sprößlinge Kronen, gingen auch den rechtmäßigen Erben vor, wenn ſie durch Gewalt oder Klugheit eine hinreichende Partei für ſich zu bilden wußten. Heinrich von Troſtamare und Ferdinand von Neapel waren Beiſpiele davon. Aus die⸗ 128 ſen Gründen war Elvira für ihren Großoheim Fer⸗ dinand keineswegs ein Gegenſtand ohne politiſche Bedeu⸗ tung, und ſeine argwöhniſche Klugheit fand es richtig, ſie in ſeiner oder der Königin Nähe, ſo zu ſagen unter ſeinen eigenen Augen zu behalten, damit er alle ihre Hand⸗ lungen überwachen und möglichen Schaden für ſich ſelbſt verhüten könne. Es hatte daher ſeine Begünſtigung der Be⸗ werbung des Maurenkönigs um ſie nicht nur in der mit deren Gelingen verknüpften Erwartung einer ſchnelleren Beſitzergreifung Granadas ihren Grund, ſondern eben ſo ſehr in einer ſchlauen Berechnung ſeines eigenen Ver⸗ hältniſſes zu Elviren. War ſie die Gemahlin eines mau⸗ riſchen Fürſten, des Erzfeindes der kämpfenden Chriſten⸗ helden, ſo würden dieſe nie wieder daran denken, ſie auf einen chriſtlichen Fürſtenſtuhl zu ſetzen, da dieſer dadurch gewiſſermaſſen unter mauriſche Botmäßigkeit gelangen würde. Auch wenn ſie ſich nur eine Weile als der Gegenſtand der Liebesbewerbungen Boabdil's in Gra⸗ nada hätte feſthalten laſſen, ſo würde ſie vielleicht die hohe Achtung verloren haben, welche man ihr gegenwär⸗ tig als einer Abkömmlingin einer Reihe von Königen und als einer nahen Verwandten des lebenden Herrſchers zollte; ſchwerlich hätte man ſie alsdann noch geeignet gefunden, ſie an die Spitze einer Partei der ſtolzen arra⸗ goniſchen Großen zu ſtellen. Auf jeden Fall hörte ſie auf, 129 Ferdinand irgend welche Unbequemlichkeit zu bereiten, wenn ſie in Granada war. Elvira ſelbſt, welche nur zu gut dieſe Verhältniſſe und den ſchlauen, verſteckten Cha⸗ rakter ihres königlichen Oheims kannte, war daher keines⸗ wegs innerlich überzeugt, daß er nicht einen ſolchen Aus⸗ gang der geheimnißvollen Unterredung vorausgeſehen habe, wenn auch ſein Mund ſie des Gegentheils ver⸗ ſicherte. Dieſe beſtimmte Verſicherung ließ nun zwar von ihrer Seite keine weiteren, offenen Vorwürfe gegen den König zu; dennoch aber war ſie gleichfalls der ſtillen Meinung, daß, wenn ſie mit Boabdil aus dem chriſt⸗ lichen Lager verſchwunden wäre, jener durch geſchickte An⸗ deutungen, durch halbe Winke oder andere bedeutungs⸗ volle, wenn auch nicht ganz offene Kundgebungen ſogleich das Gerücht hätte verbreiten laſſen, daß Elvira von Viana längſt der Gegenſtand der Bewerbungen des Mau⸗ renkönigs geweſen, und daß ſie jetzt mit ihrer Einwilligung von dieſem nach Granada entführt ſei. Der ſtarke und kühne Geiſt Elvira's, ihr wenn auch edelmüthiger und liebevoller, ſo doch unabhängiger und furchtloſer Charakter, in dem eine Beimiſchung des ſpaniſchen Stolzes nicht fehlte, wenn ihm auch ein für jene Zeiten vorurtheilfreies Erkennen der Wahrheit bei⸗ geſellt war, verliehen ihr in den Augen Ferdinand's eine noch größere Bedeutung. Allerdings wurde ſie ihm da⸗ 130 durch gefährlicher, als wenn ſie nur untergeordnete Gei⸗ ſtesgaben beſeſſen hätte; anderſeits hatte er ſelbſt Ver⸗ ſtand genug, um dieſe Gabe auch bei ihr zu würdigen. Er geſtattete ihr daher Manches, was keinem Andern in ſeiner Umgebung erlaubt wurde, und unbedingt war ſie am ganzen Hofe Diejenige, welche nach der Königin am freieſten ihre Meinung gegen ihn ausſprach, wenn Zeit und Gelegenheit es mit ſich brachten. Elvira's Erziehung war ziemlich ſorgfältig in dem Kloſter in Barcelona größten Theil ihrer geleitet worden, in welchem ſie den Kindheit verbracht hatte. In Bezie⸗ hung auf alte Sprachen umfaßte die weibliche Erziehung jener Tage einen weiteren Kreis des Unterrichts, als es in den unfrigen gebräuchlich iſt. Wahrſcheinlich war dies der damaligen Armuth an neuerer Literatur, ſo wie der neuerwachten, allgemeinen Lernluſt zuzuſchreiben, welche das Aufleben der claſſiſchen Gelehrſamkeit in Italien er⸗ zeugte. Es fand ſich in Spanien die eigenthümliche Er⸗ ſcheinung, daß gelehrte Frauen an den öffentlichen Schul⸗ übungen theilnahmen und Vorleſungen an den Hofſchulen hielten. Theilweiſe mußte dieſe dem Einfluſſe der Köni⸗ gin zugeſchrieben wer den, welche die Liebe zu den Wiſſen⸗ ſchaften durch ihr eigenes Beiſpiel, ſo wie durch ihre perſön⸗ den akademiſchen Prüfungen ermun⸗ Medrano hielt öffentliche Vorleſun⸗ liche Anweſenheit bei terte. Donna Lucia de 131 gen über lateiniſche Claſſiker an der Hochſchule von Sala⸗ manca; Donna Franciska de Lebreja bekleidete mit Beifall den Lehrſtuhl der Redekunſt zu Alcala. Elvira beſaß nun zwar nicht eine ſo tiefe Gelehrſamkeit, wie dieſe ihre be⸗ rühmten Zeitgenoſfinnen, welche in einem verhältniß⸗ mäßig unaufgeklärten Zeitalter allerdings unſer Erſtau⸗ nen erregen muß; dennoch aber war ſie des Lateiniſchen vollkommen mächtig, und ſchrieb und ſprach dabei die Hof⸗ ſprache, das Caſtiliſche, rein und zierlich, wenn gleich Arragonien ihre eigentliche Heimath war. Außerdem ſpielte ſie die Laute und war gleich der Königin in feinen Nadelarbeiten wohl erfahren.— Als die ſpaniſchen Großen nach Columbus' Ab⸗ gange das Audienzgemach verlaſſen hatten, erhoben ſich der König und die Königin, indem der Erſtere ſeine Ge⸗ mahlin in das kleinere, angrenzende Gemach führte. Hier begann er ſogleich ihr einige Details über die Krieg⸗ führung, die weitere Verproviantirung des Heeres u. ſ. w. mitzutheilen, welche in dem bevorſtehenden Kriegsrathe erörtert werden ſollten. Sie hörte ihm aufmerkſam zu und ſprach ihre Billigung der von ihm gefaßten Pläne aus, nachdem ſie ſich von der Marquiſe von Moya eine bunte Stickerei hatte reichen laſſen, an der ſie emſig bei der ſtattfindenden Erörterung fortarbeitete. Die Marquiſe ſo⸗ wohl wie Elvira wußten ſogleich, daß der König jetzt die 132 Angelegenheit des genueſiſchen Schiffsführers nicht weiter erörtern wollte, und auch die Königin wurde zu ſehr durch den neu aufgenommenen Gegenſtand des Geſpräches be⸗ ſchäftigt, als daß ſie ſogleich auf den früher erörterten hätte zurückkommen können. Nach einer kurzen Pauſe ſagte der König endlich: „Ich höre, Don Gonſalvo hat einen prächtigen Edelfalken aus ſeinem Schloſſe Illora mitgebracht und ihn Dir als Beweis ſeiner Huldigung zu Füßen gelegt?“ „So iſt es,“ antwortete die Königin lächelnd;„doch habe ich dies Geſchenk nur unter der Bedingung an⸗ genommen, daß er ſelbſt und Du, mein Gemahl, an der erſten Jagd theilnehmen ſollten, auf der ich ihn benutzen würde.“ „Dann wird dieſe Jagdpartie noch eine Weile aus⸗ geſetzt werden müſſen,“ entgegnete Ferdinand,„denn ich bin vorläufig noch ſo ſehr durch meine Pflichten als Feld⸗ herr und König in Anſpruch genommen, daß ich derartige Vergnügungen, die mich weit hinweg führen würden, ausſetzen muß.“ „So will ich den Vogel nach Cordova ſchicken, daß man ihn dort hege und pflege, bis wir Alle Zeit finden, uns mit ihm zu beluſtigen,“ ſprach Iſa⸗ bella. 133 Der König wandte ſich jetzt zu Elvira und ſagte: „Ich will Dich lieber erſuchen, ſchöne Nichte, eine Partie Schach mit mir zu ſpielen, wenn ich mir dazu eine kürzere Stunde der Muße nehmen kann.“ „Ich ſtehe zu den Befehlen Eurer Hoheit,“ ant⸗ wortete dieſe. „Und wir, Beatrice,“ ſagte die Königin zu der Marquiſe gewendet,„wollen dann das neue Heft mit den ſchönen, bunten Heiligenbildern durchſehen, das mein guter Prior Juan Perez mir geſtern als einen wahren Schatz des künſtleriſchen Fleißes ſeiner Mönche in La Rabida überbrachte.“ „Eure Hoheit,“ ſprach Beatrice von Moya,„iſt gnädig genug, mir oft die Freude zu geſtatten, Eure Be⸗ ſchäftigungen theilen zu dürfen.“ „Dies iſt ſeit länger als dreißig Jahren der Fall geweſen, Tochter Marquiſe*), und ſoll auch mit meinem Willen niemals eine Aenderung erfahren.“ Bei dieſen Worten reichte die Königin ihrer Ju⸗ gendgeſpielin mit einem liebevollen Lächeln die Hand, welche dieſe an ihre Lippen führte, indem ein Ausdruck ) Iſabella pflegte ihre Jugendfreundin auf dieſe Weiſe an⸗ zureden. 134 inniger Anhänglichkeit in ihren Augen glänzte. Dann fuhr die Letztere fort: „Heute früh war eine Deputation der Stadt An⸗ dujar bei mir. Es iſt Eurer Hoheit bekannt, daß ſich Andu⸗ jar unter den neun Städten, welche Arbeiter und Baumate⸗ rialien zur Erbauung Santa Fes liefern, beſonders aus⸗ zeichnet.“ „Gewiß,“ verſetzte die Königin.„Ich habe mich in dieſen Tagen wieder mit Freuden von ihrem beſondern Eifer bei dieſem Baue, von ihrem Wunſche, unſere heilige Sache zu fördern, überzeugt. Durch Inſchriften ſoll auf Marmorblöcken der Antheil bezeichnet werden, den jede dieſer Städte an der Erbauung des neuen Ortes hat, und die Verdienſte Andujars ſollen ausführlich dabei erwähnt werden.“ „Es wird in der nächſten Woche,“ fuhr die Mar⸗ quiſe fort,„ein Stiergefecht in Andujar ſtattfinden. Die Stadt macht ihre Anſprüche auf Eure Huld geltend und fragt an, ob die Königin ihr bei dieſem Feſt das Glück ihrer Gegenwart angedeihen laſſen will?“ „Ach,“ ſprach die Königin mit inniger Lebhaftigkeit, „ſtets dieſe rohen, grauſamen Volksvergnügungen! Sie ſind zu beliebt, als daß es mir hätte gelingen können, ſie abzuſchaffen. Immer noch iſt mir jenes blutige Gefecht zwiſchen Thieren und Menſchen in ſchreckenvoller Er⸗ innerung geblieben, dem ich einſt zu Arevalo beiwohnen mußte. Du haſt damals meinen Schreck und meinen Kummer getheilt, Beatrice.“ „Ja,“ ſprach dieſe.„Eure Hoheit war damals ſo ergriffen von jenen blutigen Gräueln, daß Ihr den Wunſch ausſprachet, die Hörner der Stiere möchten mit weichen Stoffen umwickelt werden, damit Menſchen und Pferde nicht ſo ſchwer durch ſie verletzt würden.“ „Dies iſt auch noch meine Meinung,“ ſagte Iſa⸗ bella.„Gieb den Herren aus Andujar den Beſcheid, daß ich zwar aus beſonderer Rückſicht für ihre Stadt die⸗ ſem Stierkampfe beiwohnen wolle, dafern nicht unvor⸗ geſehene Abhaltungen für mich einträten; daß es aber doch nur dann geſchehen würde, wenn ſie die Hörner der Stiere zuvor verwahrt hätten.“ Die Marquiſe machte ein beiſtimmendes Zeichen, und es trat eine kurze Pauſe ein, in welcher die Königin ſich ihren Gedanken überließ. Dieſen Worte gebend fuhr ſie dann fort: „Liebes Kind, Du wirſt unzufrieden mit Deiner Königin geweſen ſein, daß ich Deinen Schützling in der kürzlich gegebenen Audienz nicht beſſer vertreten habe. Dieſer Colon mag ein braver Mann ſein, doch ſind ſeine Forderungen ſehr groß. Ich glaube nicht, daß der König ſie jemals gut heißen wird.“ 136 Sie blickte auf dieſen, deſſen Züge jedoch nur den nämlichen Stempel höflicher Freundlichkeit trugen, den man zuvor auf ihnen bemerkt hatte. Donna Beatrice warf daher nur einen Blick des Einverſtändniſſes auf El⸗ vira; denn Beide hielten den Augenblick nicht für günſtig, um Columbus Sache zu führen, und ſprach darauf: „Eure Hoheiten werden ſtets am beſten ſelbſt zu vermeſſen wiſſen, einen wie großen Theil Eurer Gnade Ihr Fremden und Einheimiſchen bewilligen wollt.“ „Du weißt,“ fuhr die Königin freundlich fort,„daß ich ſonſt ſo gern auf Deine Worte höre, wie auf die⸗ jenigen meiner Nichte Donna Elvira; denn nie werde ich vergeſſen, wie unwandelbar treu Du mir bei allen gro⸗ ßen und kleinen Ereigniſſen meines Lebens zur Seite ſtan⸗ deſt— ſchon lange vorher, ehe ich die Gemahlin Don Fernando's von Arragonien wurde.“ Die Marguiſe küßte noch einmal die Hand der Kö⸗ nigin. Der König bemerkte ruhig: „Wir haben manche Hinderniſſe überwunden, ehe wir unſere Hände und unſere Throne vereinigen konn⸗ ten.“ Beatrice von Moya nahm bald darauf wieder das Wort „Es iſt ein Brief aus Madrid von Donna Beatrir 137 de Galindo eingetroffen, den ich für Eure Hoheit in Em⸗ pfang genommen habe.“ Sie überreichte der Königin das Schreiben. Dieſe erbrach es*) und überflog den Inhalt. Dann ſagte ſie heiter: „Meine gute Lehrerin La Latina empfiehlt mir, das Leſen des Cicero nicht zu verſäumen und auch den Sal⸗ luſt nicht zu vernachläſſigen. Sie fragt an, ob ſie mir die in Alcala neu gedruckte Ausgabe der Claſſiker zuſen⸗ den, oder ſie ſelbſt bringen und mir vorleſen ſoll, um mich auf alle einzelne Schönheiten darin aufmerkſam zu ma⸗ chen. Die gute Latina!— Ich kann ihr liebenswürdiges Anerbieten jetzt nicht annehmen, denn hier im Lager habe ich nicht Muße zu ſolchen Studien. Schreibe ihr, daß ich mich freuen würde, ſie zu ſehen, ſobald ich wieder ein friedliches Hoflager in Madrid oder Cordova halten könnte, und daß wir dann eifrig unſere Studien fortſetzen wollen.“ Die Marquiſe ſtimmte ſchweigend bei. 5) Ferdinand und Iſabella hatten von den wichtigſten Orten ihres Reiches bis nach ihrem Feldlager hin eine Poſtenkette er⸗ richtet, damit ihnen alle Nachrichten möglichſt ſchnell zukämen. Dies kann als der Anfang der Poſteinrichtungen betrachtet wer⸗ den, die jetzt eine ſo gewöhnliche Sache ſind, daß wir uns kaum denken können, daß ſie jemals nicht da geweſen ſei. 1861. IV. Cblumbus und ſeine Zeit. I. 9 138 Donna Beatrix von Galindo war eine der gelehr⸗ teſten Profeſſorinnen Spaniens und wurde wegen ihrer beſonderen Kenntniſſe in den alten Sprachen La Latina genannt. Der König richtete ſeine Worte wieder an die Königin: „Der Herzog von Cadir hat vorgeſtern einen küh⸗ nen Streifzug in das Gebirge gemacht, einen Haufen heranziehender mauriſcher Hilfstruppen umzingelt und den Anführer gefangen in's Lager gebracht. Auch reiche Beute iſt gemacht worden, deren größten Theil er in unſere Kriegscaſſe liefern will.“ „Der wackere Held!“ rief die Königin lebhaft. „Meine ſämmtlichen Juwelen habe ich bei den verſchie⸗ denen Städten unſeres Reiches verſetzt, um Geld für die⸗ ſen heiligen Krieg zu ſchaffen. Doch werden auch dieſe Summen bald ausgegeben ſein, und daher iſt dieſer un⸗ erwartete Zufluß ſehr erfreulich. Wir müſſen dem edlen Herzog ausdrücklich unſere Dankbarkeit beweiſen.“ „Wir wollen,“ ſagte Ferdinand,„ihm und ſeinen Erben die Gewänder ſchenken, die Du und ich an dem Marientage trugen.“ Die Königin ſah nachdenkend vor ſich nieder und ſprach dann:„Er wird dies Geſchenk auf andere, beſſere Weiſe, als nach ſeinem bloßen Geldwerthe ſchätzen müſſen. Doch denke ich, wir wollen ihm bei unſerer näch⸗ 139 ſten feierlichen Audienz bis an die Thür entgegen gehen und ihm dann bei Tafel den Platz an unſerer Seite an⸗ weiſen.“ Dieſe Abſicht ſtimmte allerdings mit der Klugheit überein, mit welcher Iſabella ihre oft widerſpenſtigen oder mißvergnügten Großen in dieſem langen Feldzuge zu behandeln pflegte, um ſie zu ferneren Opfern und Kriegsdienſten geneigt zu machen. Eine derartige Hand⸗ lung königlicher Herablaſſung wurde beſonders dankbar von dem Adel eines Hofes aufgenommen, der vor allen andern in Europa durch eine ſteife Etikette beſchränkt war. Der König war gewöhnlich ſehr bereit, das Ver⸗ dienſt mit Gnadenbeweiſen zu belohnen, die kein Geld koſteten, und gab daher ſogleich ſeine Zuſtimmung zu er⸗ kennen. Die Königin fuhr fort: „Ich habe eine Wallfahrt nach Compoſtella gelobt, um St. Jago anzuflehen, daß er unſere Waffen ſegnen und ihnen ſeinen Beiſtand leihen möge. Da die Ein⸗ nahme Granadas ſich nun wohl verzögern wird, ſo will ich dies Gelübde löſen, wenn die ferneren Kriegsdispo⸗ ſitionen getroffen ſind. Ich denke, daß Du mich auf dieſer gottgefälligen Reiſe begleiten wirſt, Donna El⸗ vira?“ „Eure Hoheit kommt durch dieſen Befehl meinen Wünſchen zuvor,“ erwiederte dieſe. * 140 „Dieſe Abſicht iſt löblich,“ ſprach Ferdinand,„denn St. Jago hat ſich ſtets als ein wahrer Schutzheiliger gegen uns bewieſen. Als wir vor Malaga lagen und uns zum Sturm aufgeſtellt hatten, erſchien er vor Sonnen⸗ aufgang auf ſeinem weißen Kriegsroſſe in den Lüften über uns, und ſchleuderte mit ſeinem blinkenden Schwerte gegen die Ungläubigen Blitze, die ihre Augen verblen⸗ deten. Es war, als wolle er ſelbſt uns gegen ſie führen. Wir gingen dadurch begeiſtert muthig vorwärts und nah⸗ men die Außenwerke der Stadt ein, worauf ſie ſehr bald gezwungen war, ſich uns zu ergeben. Dies wichtige Ereigniß machte der Herrſchaft El Zagal's, des zweiten Maurenkönigs, ein Ende, ſo daß uns nur noch Boabdil in Granada übrig blieb.“ Der König hatte dies mit einem ſo ernſten Ge⸗ ſicht vorgetragen, daß Jemand, der mit ſeiner undurch⸗ dringlichen Verſtellungsgabe unbekannt war, hätte glau⸗ ben müſſen, daß er feſt an die wunderartige Erſcheinung St. Jago's vor Malaga glaube. Keine der anweſenden Damen widerſprach ihm, wenn auch Zede ihre wohl⸗ begründeten Zweifel hegen mochte. Der König hob dann wieder an: „Doch iſt dieſe Reiſe lang, und Eure fortgeſetzte Abweſenheit könnte ſchwer in unſerm Lager gefühlt wer⸗ den, da Eure Gegenwart uns zur eifrigen Fortführung 141 des Krieges ſo nöthig iſt. Wollt Ihr nicht lieber vorerſt einen kürzeren Ausflug nach Cordova machen und dort in der Stiftskirche dem Bilde unſerer Frau Eure Verehrung bezeigen?“ „Es könnte gerathener ſein,“ antwortete die Köni⸗ gin ſinnend,„denn ich möchte mich nicht gern länger als auf zwei Wochen aus Santa Feé entfernen. Doch werde ich die längere Wallfahrt nach Compoſtella nur einſt⸗ weilen ausſetzen und ſie vollenden, wenn Grauada unſer ſein wird.“ Der König entgegnete: „Dies iſt richtig und gut, denn der Heilige darf auf keinen Fall Eure ihm zugedachte Huldigung einbüßen. Hat Eure Hoheit ſchon die Geſchenke in Augenſchein ge⸗ nommen, welche der Sultan uns vor Eurer Ankunft hier zuſandte?“ „Nein,“ erwiederte Zſabella;„worin beſtehen ſie?“ „Es ſind zwanzig edle Streitroſſe,“ antwortete der König,„die alle in dem Geſtüt des Maurenkönigs groß gezogen ſind; dazu prachtvolle Pferdedecken und eine gleiche Anzahl krummer Säbel, reich mit Gold und Edel⸗ ſteinen beſetzt. Wollten wir uns ihm gefällig beweiſen, ſo verſprach er, mancherlei Wohlgerüche und Goldſtoffe nach⸗ zuſchicken; auch einige junge, zahme Löwen wollte er bei⸗ fügen.“ 142 „Wirklich, ſehr reiche Geſchenke!“ ſagte Iſabella. „Sie beweiſen, wie ſehr ihm darum zu thun war, uns ſeinen Abſichten günſtig zu ſtimmen.“ „Das heißt, ſeinen Abſichten auf meine Perſon,“ ſprach Elvira, deren ſtolzes Blut ſich abermals bei der Erinnerung an die erlittene Beleidigung regte. „Die Marquiſe hat uns mitgetheilt,“ ſagte Iſa⸗ bella,„daß Boabdil ſich nicht wie ein wahrer Ritter und König gegen Dich benommen habe, liebe Nichte. Ich be⸗ daure aufrichtig, daß Dir Unannehmlichkeiten widerfahren ſind, trotz dem, daß ich Don Gonſalvo beauftragt hatte, durch einen treuen Wächter für Deine Sicherheit zu ſor⸗ gen.“ „Der Eifer Eurer Hoheit für die Sache des Chri⸗ ſtenthums iſt zu bekannt,“ erwiederte Elvira mit wieder ausbrechender Bitterkeit,„als daß ich annehmen dürfte, daß Ihr jemals zögern würdet, ihm Eure arme Nichte zum Opfer zu bringen.“ „Nur wenn Du ſelbſt dazu bereit geweſen wäreſt,“ verſetzte die Königin lebhaft.„Es hätte mir lieb ſein müſſen, wenn Du den Thron von Granada hätteſt thei⸗ len wollen, denn hierdurch wäre unſere Sache ſehr fort⸗ geſchritten. Granada wäre ohne ferneres Blutvergießen in unſere Gewalt gelangt, und Du würdeſt allen Einfluß Deiner neuen Stellung haben zuwenden können, um den 143 Sultan ſelbſt und viele ſeiner Unterthanen zum Chriſten⸗ thume zu bekehren.“ „Auch der edelſte Zweck wird nie von mir gefördert werden, wenn die Mittel dazu ſo ſchmachvoll ſind,“ ſagte Elvira finſter. „Der Friede iſt ein werthvolles Kleinod,“ fuhr die Königin fort,„und ich wünſche ihn ſo gut meinen Fein⸗ den wie meinen Freunden. Aber ich wiederhole Dir, daß ich von keiner hinterliſtigen Abſicht jenes Maurenkönigs gewußt habe und keine Ahnung hatte, daß ſeine wilde Leidenſchaft für Dich ihn zu einem ſo raſenden Beginnen treiben könnte. Hätte ich dies geahnt, ſo wäre ich ſelbſt herbeigeeilt, um Dich zu ſchützen und Dich mir und allen Deinen Freunden zu erhalten.“ Die Züge der Königin waren bei ihren ſchnellen Worten lebhafter geworden und ihre blauen Augen ruh⸗ ten mit einem ſolchen Ausdruck der Wahrheit auf dem jungen Mädchen, daß dieſe jeden etwa noch bewahrten Zweifel ſchwinden fühlte. Sie ergriff die Hand der Köni⸗ gin, drückte dieſe an ihre Bruſt und ſagte raſch: „Ich glaube Euch, edle Iſabella. Verzeiht mir, wenn ich jemals den leiſeſten Argwohn hegen konnte, daß Ihr die gewaltthätige Abſicht des Sarazenen begünſtigen würdet. Ich weiß, daß Ihr nie in ein verrätheriſches oder heimtückiſches Vorhaben willigen werdet, das den Geſetzen 144 der Ehre Hohn ſpricht. Ihr werdet nicht die Handlungs⸗ weiſe Eures ganzen Lebens in Bezug auf Eure Nichte verläugnen, welche als eine elternloſe Waiſe bei Euch und Don Fernando ihren einzigen Schutz findet.“ „Da ſei Gott vor!“ rief die Königin lebhaft. „Deine Ehre und Sicherheit iſt mir ſo theuer wie die⸗ jenige meiner eigenen Töchter. So wenig wie den Infan⸗ tinnen von Caſtilien und Arragonien eine Verunglim⸗ pfung geſchehen darf, ſo wenig ſoll man es wagen, Dir zu nahe zu treten! Wende Dich ſtets an mich, wenn Dir eine verborgene Tücke droht, und nimm mein königliches Wort, daß Dir keine treuere Freundin und Beſchützerin zur Seite ſtehen wird, als ich!“ Es mochte vielleicht dem Könige nicht unangenehm ſein, als jetzt ein Edelknabe hereintrat und berichtete, daß der Jude Aaron Avila, dem ihre Hoheiten heute Gehör bewilligt hatten, ſchon ſeit mehreren Stunden im Vor⸗ zimmer warte. Ohne eine weitere Frage an die Königin zu thun, ſagte Ferdinand ſo gleichmüthig, wie er ſich wäh⸗ rend der ganzen Unterredung gezeigt hatte, daß der Inde eintreten möge, da ſonſt die Zeit verſtreichen würde, die er ſelbſt noch in der Gegenwart der Königin hinbringen könne. Wenige Minuten ſpäter erſchien Aaron Avila auf der Schwelle. Achtes Capitel. Der Jude und der erſte Großinquiſitor. Es war eine hagere, gebückte Geſtalt mit kahlem Scheitel und mit langem, grauem Bart. Wenn gleich an⸗ zunehmen war, daß Aaron Avila die Jugend längſt hin⸗ ter ſich hatte, ſo gehörte doch ſein ſcharf markirtes, orien⸗ taliſches Geſicht zu denjenigen, welche uns über die Zahl der Jahre ihres Eigenthümers zweifelhaft laſſen. Ein langes, gelbes, talarartiges Gewand, das mit einer eigenthümlichen Stickerei verziert war, ging faſt auf ſeine Füße nieder, welche mit dunkeln Halbſtiefeln bekleidet waren. Er warf ſich zur Erde und berührte ſie nach der Weiſe der morgenländiſchen Begrüßung mit der Stirn. Der König redete ihn ſogleich an: „Du haſt den Wunſch gehabt, vor unſer königliches 146 Antlitz zu kommen, Jude. Was führt Dich von Malaga nach Santa Fe, in unſer chriſtliches Lager?“ „Ich bin,“ ſprach der Hebräer,„auf meinem Maul⸗ thiere durch die anmuthigen Gegenden gezogen, welche Euer tapferes Schwert, gnadenvolle Herrſcher, den Mu⸗ ſelmannen entriſſen hat, und ich habe meinen Blick von den blauen Wellen des Mittelmeers gewendet, in der Hoffnung, daß Ihr mir geſtatten würdet, ihn zu Euren ruhmgekrönten Stirnen erheben zu dürfen, nachdem ich den Staub von meinen Füßen geſchüttelt.“ „Wirklich, Avila,“ ſagte Iſabella,„Dein Haus in Malaga hat eine ſchöne Lage. Ich erinnere mich der⸗ ſelben, denn es machte mir einen überraſchenden Eindruck, als ich das Letztemal in Malaga war. Der Kiosk im Garten am Waſſer mit der hohen Sternwarte nimmt ſich höchſt anmuthig vom Wege aus aus.“ „Euer demüthiger Knecht iſt zu glücklich, große Kö⸗ nigin, wenn Euer erhabenes Auge wohlgefällig auf ſeinem geringen Beſitzthum geweilt hat.“ Aaron Avila ſprach dieſe Worte zwar mit dem An⸗ ſchein der Beſcheidenheit und legte dabei die Hand auf ſeine Bruſt, indem er leicht das Haupt neigte; doch gaben ſein Ton und ſeine Bewegungen keineswegs jene knech⸗ tiſche Zerknirrſchung kund, welche in jenen Tagen nur zu oft ein Merkmal der Abkömmlinge jenes zerſtreuten Vol⸗ 147 kes war. Allerdings lebten dieſe nicht Alle in Spanien in jenem erniedrigenden Zuſtande, in dem ſie ſich in andern Ländern befanden. Außer ihrer Geſchicklichkeit im com⸗ merziellen und finanziellen Betriebe beſaßen viele einen hohen Grad von oft ſtreng wiſſenſchaftlicher Bildung und ſelbſt politiſcher Bedeutung, da ſie ſogar die Stu⸗ dien einiger Fürſten leiteten, ihnen als Aerzte oder Ge⸗ heimſchreiber nahe ſtanden, ihre Geldangelegenheiten be⸗ ſorgten, und durch den Briefwechſel, in dem ſie mit ihren Landsleuten in allen europäiſchen Ländern verkehrten, als Mäkler und Vermittler ſehr wichtige Dienſte leiſteten. Der König nahm wieder das Wort: „Man hat mir geſagt, daß Du nicht nur im Han⸗ del, ſondern auch in der Sternkunde und in den gehei⸗ men Wiſſenſchaften wohl erfahren biſt. Du ſollſt in dieſer Hinſicht vielfältig mit den mauriſchen Gelehrten verkehrt haben. Wenn man Dich unter der Herrſchaft des Sul⸗ tans Zagal unbeläſtigt gelaſſen hat, ſo mußt Du ſehr bei ihm in Anſehen geſtanden haben.“ „Es gelang mir mehrere Male, ſeinen Zorn zu be⸗ ſchwichtigen,“ verſetzte Avila.„Unſer bedrängtes Volk hat lange ſchon weit mehr Verfolgungen von den Sara⸗ zenen als von den chriſtlichen Herrſchern erleiden müſſen. Wir lebten ruhig und friedlich in dem Schatten ihrer Gnade und Männer meines Stammes wurden ſeit Jahr⸗ 148 hunderten des perſönlichen Umgangs der Könige von Portugal, von Caſtilien und Arragonien gewürdigt.“ „Du ſprichſt die Wahrheit, Hebräer,“ erwiederte der König beifüllig.„Alfons der Weiſe gebrauchte die jüdiſchen Gelehrten zur Anfertigung ſeiner Sterntafeln, und auch mein Vater, der König Johann, deſſen Seele unter dem Schirm der Heiligen ſteht, verkehrte oft mit ihnen.“ „Alle dieſe mächtigen Herrſcher ließen unſerm ver⸗ folgten Stamme ihren Schutz angedeihen und ſuchten uns ſogar vor den gelegentlichen Ausbrüchen der Volkswuth zu erretten. Es erfüllt daher mein Herz mit doppelter Trauer, daß ich hören mußte, die glorreichen Nachfolger ſo ruhmgekrönter Väter wollten die Bahn verlaſſen, welche dieſe einſchlugen. Ihr geſegnetes Andenken iſt heute wie ſonſt die Freude Iſraels— o, möge das unheilvolle Gerücht eine Unwahrheit ſein, welches kündete, daß Iſrael Wehe rufen, daß es im Sack und in der Aſche trauern ſolle, daß es nicht mit Ruthen, ſondern mit Skorpionen gegeißelt werden würde— daß Ihr ſein ganzes Volk aus Euren lange beſeſſenen und aus Euren neu eroberten Landen vertreiben wollet!“ Avila hatte die Hand erhoben und mit einem faſt feierlichen Pathos geſprochen, welcher für die blumenreiche Sprache des Morgenlandes paſſend geweſen wäre. Seine 149 allerdings kühnen Worte wurden nicht ganz beifällig auf⸗ genommen, denn Ferdinand ſprach mit größerem Ernſt als zuvor: „Dies wird auf jeden Fall nur geſchehen, wenn Ihr die Annahme unſers heiligen Glaubens ferner mit erneuter Hartnäckigkeit verweigert. Jeder neu Bekehrte iſt uns hochwillkommen und die neuen Chriſten ſollen nach wie vor von unſerer Huld beſonders berückſichtigt werden.“ „Und das Eigenthum,“ verſetzte der Hebräer lang⸗ ſam,„welches die Vertriebenen nicht mit fortnehmen können, da ſie es nicht zu veräußern im Stande ſein wer⸗ den, wird man einziehen.“ Er hatte hierdurch den Grund bezeichnet, welcher Ferdinand ſo beſonders geneigt zu dieſer Maßregel machte, deſſen Habſucht eine erwünſchte Befriedigung durch die Confiscation ſo vieler reichen Beſitzthümer er⸗ wartete. Der König erwiederte ſo gleichmüthig wie ge⸗ wöhnlich: „Es wird zwiſchen der Krone und der Kirche getheilt werden. Wir wollen dieſe Schätze der unbekehr⸗ baren Ketzer zu unſern kriegeriſchen Unternehmungen ver⸗ wenden; ſie werden auf die eine und auf die andere Weiſe für heilige Zwecke benutzt. Wahrlich, trotz allen ſchon geſchehenen Anſtrengungen werden wir bald genöthigt ſein, unſer ganzes Königreich Arragonien zu verpfänden, 150 wenn uns nicht ein außergewöhnlicher Zuſchuß zu unſern Einnahmen von irgend einer Seite her wird.“ „Es wird mich freuen, Aaron Avila,“ nahm jetzt die Königin mit der ihr eigenthümlichen, würdevollen Leutſeligkeit das Wort,„wenn Du den Katechismus, welchen der Cardinal Mendoza auf meinen Befehl ab⸗ gefaßt hat, genau durchleſen und den weniger Aufgeklär⸗ ten Deines Glaubens ſeinen Inhalt mittheilen willſt. Sie werden dadurch am leichteſten die Heiligkeit der Chriſtenlehre einſehen und ihres Segens auf die beſte Weiſe theilhaftig werden. Dies vortreffliche Büchlein er⸗ wähnt alle Hauptpunkte des katholiſchen Glaubens auf leicht faßliche Weiſe, und ich habe der ganzen Geiſtlichkeit meines Reiches eindringlich anempfohlen, keine Mühe zu ſcheuen, um die armen, in Finſterniß verſunkenen Juden durch freundliche Ermahnung und klare Auseinander⸗ ſetzung unſerer Religion zuzuführen. Ich hoffte dabei, daß man ſie mit allen harten, unbarmherzigen Maßregeln würde verſchonen können.“ Der Hebräer machte eine ſtumme Geberde, die man als eine Beiſtimmung zu dieſer Vorausſetzung gelten laſſen konnte, und ſagte dann: „Ich komme heute als ein Abgeſandter der ſämmt⸗ lichen Judenſchaft von Andaluſien. Trotz der dunkeln Wolke, die über ihnen ſchwebt, wiſſen ſie dennoch, daß 151 ihnen ihre gnädigen Herrſcher die Hoffnung auf ihre königliche Huld nicht ganz entzogen haben. Sie haben mich beauftragt, Euch ein Geſchenk von dreißig tauſend Dukaten anzubieten, womit ein Theil der Koſten des Maurenkrieges beſtritten werden könnte. Es ſoll unver⸗ züglich baar in den königlichen Schatz geliefert werden und kann innerhalb acht Tagen hierher in's Lager ge⸗ ſchafft ſein, wenn es Euer Wille iſt, es hier unter Euren Augen zu haben.“ Allerdings war dies Anerbieten bei dem Könige ge⸗ wichtiger als alle Vorſtellungen, welche in den Geſetzen der Humanität und Gerechtigkeit begründet ſein konnten, wogegen die Königin ſich immer mehr durch dieſe als durch andere Einflüſſe leiten ließ. Der König ſagte bei⸗ füllig: „Allerdings ein nicht zu verachtender Vorſchlag. Wenigſtens könnten die ſtrengen Maßregeln vorläufig aufgeſchoben werden.“ „Bei der Auszahlung dieſer großen Summe,“ fuhr Aaron fort,„erwarten die Kinder Iſraels, daß Eure Hoheiten einen königlichen Gnadenbrief ausſtellen werden, verſehen mit Eurer eigenhändigen Unterſchrift und mit den Staatsſiegeln von Arragonien und Caſtilien, in welchem Fernando und Iſabella geloben, daß ihre jüdiſchen Unterthanen auf eine beſtimmte Anzahl Jahre 152 ungekränkt und unbehindert in ganz Spanien und auch außerhalb deſſelben— ſo weit ſich der mächtige Scepter der katholiſchen Herrſcher erſtreckt— wohnen und leben dürfen.“ „Doch werden ſie ſich auf alle Fälle,“ ſagte der König,„nach den Geſetzen richten müſſen, die bereits gegen und für ſie erlaſſen ſind.“ „Wenn Eure Hoheiten es ſo befehlen, ſo wird dies geſchehen,“ entgegnete Avila. „Es würde alsdann ſehr viel Elend verhindert werden,“ ſprach Iſabella nachdenkend,„und wir könnten eine beträchtliche Anzahl Familien ruhig in ihren bis⸗ herigen glücklichen Verhältniſſen laſſen.“ „Auf wie lange wünſcht Ihr dieſen Gnadenbrief ausgeſtellt?“ fragte Ferdinand. „Wenigſtens auf zwanzig Jahre,“ antwortete Aaron beſtimmt. „So müßten wir unſerem Geheimſchreiber Zurita anbefehlen, dieſe Schrift abzufaſſen,“ ſprach der König mit einem fragenden Blick auf ſeine Gemahlin. „Ich bin damit zufrieden,“ verſetzte dieſe. Die Unterredung wurde plötzlich auf eine ganz un⸗ erwartete Weiſe unterbrochen. Ohne um die Erlaubniß zu bittten oder vorher ſeine Gegenwart kund zu thun, ſtürzte ein langer, hagerer Mönch herein, welcher ein höl⸗ 153 zernes Kruzifix in ſeiner Hand hielt. Es war der Domini⸗ kaner Thomas de Torquemada, der erſte Großinquiſitor Spaniens. Seine Stirn war gerunzelt und düſterer Fana⸗ tismus, heftige Aufregung ſprachen aus ſeinem rauhen, blutleeren Antlitz. Seine tiefliegenden Augen funkelten, als er rief: „Es wird mir berichtet, daß das unreine Geſchlecht der Juden einen Abgeſandten aus ſeiner Mitte an den König und die Königin geſandt habe, damit er ihre gebe⸗ neidete Abſicht, ihre Reiche von dieſem ketzeriſchen Aus⸗ ſatze zu reinigen, hintertreibe. Es muß eine ſchnöde Lüge ſein. Ich glaube nie, daß unſere Herrſcher, welche ſich mit Stolz die Katholiſchen nennen, in eine ſo ſchmachvolle Forderung willigen werden.“ Eine Pauſe der Ueberraſchung und Verlegenheit trat ein, während welcher die Augen des fanatiſchen Do⸗ mikaners auf den Zügen der Anweſenden weilten. Nur diejenigen Ferdinand's verloren auch in dieſem verhäng⸗ nißvollen Augenblicke nicht ihren Gleichmuth. Er legte die Hand auf die Bruſt und ſagte gelaſſen: „Dieſe Benennung wurde uns von dem heiligen Vater Alerander dem Sechsten zur Belohnung unſeres Eifers für die Sache der Religion verliehen. Für kei⸗ nen Beweis der ſegenvollen Huld des Oberhauptes der Kirche bin ich ihm ſo dankbar, wie für dieſen.“ 1861. IV. Columbus und ſeine Zeit. I. 10 154 „Iſt es denn möglich,“ fuhr Troquemada unbeirrt fort, da er ſeine Vorausſetzung nicht beſtätigen hörte, „daß die frömmſten Kinder der heiligen Mutterkirche mit einem elenden Juden um die Fortdauer ſeines verfluchten Ketzerthums in ihren Reichen feilſchen und ſchachern, daß ſie dem Mammon mehr dienen wollen, denn Gott?“ „Er bietet uns im Auftrage ſeiner Glaubensgenoſſen dreißig tauſend Dukaten, wenn wir ſie ungeſtört noch auf zwanzig Jahre in ihren bisherigen Verhältniſſen hier laſſen wollen,“ erwiederte Ferdinand.„Dies iſt eine be⸗ deutende Summe, heiliger Mann; Ihr wißt, wie gut wir ſie zu der endlichen Beſiegung der Heiden in Gra⸗ nada gebrauchen können.“ Der Prieſter hob das Chriſtusbild hoch empor und rief mit donnernder Stimme:„Judas Iſchariot verkaufte den Herrn und Heiland für dreißig Silberlinge. Ihr wollt ihn nochmals für dreißig Tauſend verkaufen! Hier iſt er— nehmt ihn und verhandelt ihn!“ Er warf das Kruzifix auf den Tiſch.*) Anſtatt dieſe Anmaſſung zu ſtrafen oder ſie als einen wahnſinnartigen Ausbruch zu verachten, wurden Ferdinand und Iſabella durch ſie mit Schrecken erfüllt und veranlaßt, nicht mehr *) Siehe Llorentes:„Geſchichte der Inguiſition“, wo dieſer Vorfall erzählt iſt. 155 den Vorſchriften ihrer eigenen, vernünftigen Erkenntniß zu folgen. Der König ſagte nach kurzem Schweigen, während deſſen der raſende Mönch die Hand wie an⸗ klagend ausgeſtreckt hielt: „Wir haben die gehorſamſten Vorſtellungen der Juden angehört; dieſe Gunſt bewilligen wir allen Spa⸗ niern, die Unſer Gemahl unſerer Herrſchaft untergeben hat. Auch die Hebräer ſind unſere Unterthanen wie die Chriſten und ſo manche Mauren; dennoch behüte uns St. Jago, daß wir jemals ihrer Ketzerei irgend einen Vorſchub leiſten, der nicht von unſerm Gewiſſen und der Kirche gebilligt würde. Es iſt noch keine endliche Ent⸗ ſcheidung von uns über dieſe Sache ausgeſprochen wor⸗ den.“ Der Dominikaner trat jetzt der Königin einen Schritt näher und rief drohend: „Und Du, o fromme Tochter, deren Gewiſſen in zarter Jugend meiner Obhut anvertraut war, die Du hun⸗ dertmal mir beichteteſt und Vergebung Deiner Sünden von mir erlangteſt— haſt Du jenes Verſprechen ver⸗ geſſen, welches Du mir unter heißen Thränen ablegteſt: Wenn Du jemals auf den Thron gelangteſt, ſo wolleſt Du Dich der Ausrottung der Ketzerei zum Ruhme Got⸗ tes und zur Verherrlichung des katholiſchen Glaubens weihen?“ * 156 „Ich habe es nicht vergeſſen, mein Vater,“ erwie⸗ derte die Königin halblaut.„Ihr verſprachet mir, meinen Vater aus dem Fegefener zu erlöſen, deſſen Qual er, wie Ihr behauptet, ſeit zehn Jahren erdulde.“ „Juan von Caſtilien,“ fuhr der Mönch dumpf fort,„blickte auf ſeinem Sterbebette auf ſein nutzloſes Leben mit Reue und Kummer zurück. Es war durch Mord und Gewaltthätigkeit befleckt, und er ſprach: Er bedaure, daß er nicht als der Sohn eines Handwerkers, ſondern als König geboren ſei. In den Qualen des Fegefeuers büßte er ſeine mannigfachen Sünden, wie jeder andere Ver⸗ brecher, denn vor Gott ſind der Fürſt und der Bettler gleich!“ Die Königin ſprach, als wenn ſie unwillkürlich ihren Erinnerungen Worte gäbe, kaum hörbar weiter, wobei ſie vor ſich nieder ſah: „Ihr erfülltet mein junges Gemüth mit Schrecken und Angſt und erpreßtet dadurch jenes Gelöbniß von mir— ruhtet nicht— bis ich es auf die Hoſtie geſchworen hatte— und ſagtet mir dann, daß ich nun hoffen dürfe, daß mein Vater zur Freude des Paradieſes eingehen würde, da ich ſeine Fehler durch glorreiche Thaten für die chriſtliche Kirche fühnen wolle. Heilige Jungfrau, bitte für uns! Sechs und zwanzig Jahre ſind ſeitdem ver⸗ gangen— dennoch ſteht jener gräßlichſte Augenblick mei⸗ 157 nes ganzen Jugendalters vor mir, als wenn es geſtern geweſen wäre!“*) Thomas von Torquemada ließ nun ſeine ſchwarzen Augen mit dem Ausdruck eines wilden Haſſes an dem Hebräer vorüberſtreifen und fuhr fort: „Und dieſes verfluchte Geſchlecht willſt Du noch länger zur Schmach der heiligen Kirche in Deinem Reiche weilen laſſen?— Sie ſtehlen chriſtliche Kinder und kreuzigen ſie zur Verſpottung des Heilands; ſie ver⸗ unreinigen die Hoſtie; als Aerzte und Apotheker vergiften ſie ihre chriſtlichen Kranken und die Brunnen, aus denen der Durſtige ſich erquicken will!“ Aaron Avila hatte ſich bisher ſchweigend verhalten; nun aber ſpielte ein verächtliches Lächeln um ſeine Lippen und er ſagte kalt: „Dies ſind alte Ueberlieferungen aus den ver⸗ floſſenen Jahrhunderten, Mönch. Sie werden von Euch glaubenswüthigen Prieſtern immer auf's Neue hervor⸗ geſucht und unter das thörichte Volk ausgeſtreut, um es zur Raſerei gegen uns aufzuſtacheln. Ihr wißt ſo gut wie wir, daß dieſe Anklagen ſchnöde Lügen ſind!“ ) Zurita berichtet in ſeinen Annalen, daß Torquemada ein ſolches Verſprechen von der Königin erpreßt habe. 158 „Er läſtert die heilige Kirche!“ ſagte der Prieſter dumpf, indem er ſich bekreuzte. Dann rief er lauter: „Kannſt Du es läugnen, daß Ihr verwünſchten Hebräer Euren Kindern den Fleck wieder abwaſcht, wo das Waſſer unſerer heiligen Taufe ſie berührt hat? Daß Ihr Eure Speiſen mit Oel anſtatt mit Speck bereitet? Daß Ihr das Fleiſch der Schweine verſchmäht und das der andern Thiere während der Faſten eſſet? Daß Ihr die abſcheulichen Gebräuche Eurer eigenen Religion be⸗ obachtet? Daß Ihr ein kluges und ehrgeiziges Volk ſeid, das ſich die einträglichſten ſtädtiſchen Aemter anzueignen weiß? Daß Ihr lieber Euren Unterhalt durch den reichen Gewinn Eures ſchnöden Schachers, als durch die Arbeit Eurer Hände und durch den Fleiß des Handwerks er⸗ werbet?“ „Dies läugne ich nicht Alles,“ verſetzte Avila ruhig,„obwohl ich nie geſehen habe, daß Jemand von meiner Nation die geſchehene Taufe eines Kindes un⸗ wirkſam machen wollte.“ „Ihr hegt keine Achtung vor dem heiligen Leben der Klöſter,“ ſprach der Prieſter weiter;„Ihr entweiht dieſe Gotteshäuſer, indem Ihr ſeine Bewohner durch Gewalt oder Verführung daraus entfernt. Ihr denkt, Ihr ſeid in den Händen der Egypter, die zu beſtehlen und zu betrügen ein Verdienſt ſei. Ihr ſtrebt, die alten Chriſten 159 zu Eurem verfluchten Glauben zu bekehren, und auch die neuen zu ihm zurück zu führen, welche kürzlich erſt der Segnung des Chriſtenthums theilhaftig geworden ſind!“ „Eine ſchwere Beſchuldigung!“ ſprach die Königin aufmerkſam, welche ſich von ihrer anfänglichen Erſchüt⸗ terung erholt hatte.„Ich will hoffen, Jude, daß Du nicht zu Denen gehörſt, auf welche ſie Anwendung findet!“ „Ihr rafft auf allen Euren Wegen die Reichthümer des Landes an Euch!“ fuhr Torquemada rückſichtslos fort.„Ein gräuliches Aergerniß ſind die Heirathen, die noch immer zuweilen zwiſchen Juden und Chriſten in dieſer Heimath des katholiſchen Glaubens ſtattfinden!“ „Ihr laßt Euch jetzt wie früher herab,“ bemerkte der Jude gelaſſen,„Euren verfallenen Glücksumſtänden durch Verbindungen mit den reichen Töchtern Iſraels aufzuhelfen.“ „Ja,“ ſprach der König,„die Reinheit des ſpani⸗ ſchen Blutes wird dabei zum Opfer gebracht. Es ſind manche chriſtliche Familien in unſern Ländern, die dieſen garſtigen Flecken nicht aus ihrem Stammbaum zu löſchen vermögen.“ „Ich bin der erſte Ketzerrichter Spaniens,“ rief jetzt der Prieſter laut.„Alle milden Maßregeln, welche Du, Iſabella von Caſtilien, vorerſt zur Bekehrung dieſes von Gott gezeichneten Stammes angewendet haben wollteſt, 160 ſind unwirkſam geblieben. Ich fordere nach wie vor im Namen der heiligen Kirche die vollſtändige Ausrottung dieſer jüdiſchen Ketzerei! Der einzige Weg dazu iſt die unmittelbare und gänzliche Verbannung aller ungetauften Juden aus Spanien!“ Aber immer noch gelang es dem grimmigen Prie⸗ ſter nicht, der Königin alle ſeine eigene Glaubenswuth einzuflößen. Seine vielfältigen dahin zielenden Beſtre⸗ bungen hatten von jeher ein Gleichgewicht an ihrem ge⸗ ſunden Verſtande und an ihrer natürlichen Herzensgüte gefunden. Sie ſagte daher auch jetzt zögernd: „Ich will die Sache noch ferner mit dem König und mit meinen Räthen überlegen.“ „Wie?“ rief Torquemada.„Wieder zögert Deine Hand, dieſen gottgefälligen Befehl zu unterſchreiben, wie damals, als Du auf mein dringendes Anſuchen das Ketzergericht einſetzen ſollteſt?— Muß ich Dir wieder⸗ holen, daß die Reinheit des Glaubens jedes andere Ver⸗ brechen ſühnt, und daß die Martern, welche der Leib er⸗ leidet, die Seele würdig machen, zur ewigen Herrlichkeit einzugehen?— Beſſer, duß der irdiſche Körper im Flam⸗ mentode vergehe, als daß die Seele mit ihm verderbe und lange die Pein der Hölle erleide. Wer ſich nicht gutwillig inbrünſtig zum Chriſtenglauben bekennt, der werde zu ſeinem Heil gezwungen; die Ketzerei muß mit 161 Feuer und Schwert ausgerottet werden, damit dieſe Gift⸗ pflanze nicht weiter wuchere!“ So durchbohrend auch die Augen des Mönches auf der Königin weilten, ſo gelang es ihm dennoch nicht, dieſer ein Za zu entreißen. Sie wandte vielmehr das Haupt und ihr Blick fiel ſeitwärts auf Elvira, welche neben ihr ſtand. Dieſe mochte dieſe Bewegung für eine Aufforderung zum Sprechen halten und ſagte: „Es kommt mir faſt vor, als wenn der Eifer für den Glauben den heiligen Mann etwas zu weit führe. Manche der Beſchuldigungen, welche er den Zuden zur Laſt legt, ſind unerwieſene Gerüchte, und andere ganz un⸗ weſentlich, wie mir ſcheint. Eure Hoheit wird dies mit Eurer durchdringenden Geiſtesſchärfe noch beſſer einſehen als ich.“ „Wie?“ ſprach Torquemada mit finſterem Vor⸗ wurfe,„eine Frau, die den Herrſchern ſo nahe ſteht, vertheidigt die Sache der Ungläubigen?“ „Daß dieſe Leute im Irrthum befangen ſind, glaube ich ſo gut wie Ihr, mein Vater,“ antwortete Elvira,„doch weiß ich nicht, vb wir, die wir das Gebot der Duldſamkeit und der Liebe als einen Hauptgrundſatz unſerer Religion betrachten, berechtigt ſind, eine ſo furchtbare Strenge ge⸗ gen unſere Mitgeſchöpfe zu üben. Wenn Ihre Hoheiten 162 die Austreibung der Juden aus Spanien befehlen, ſo berauben ſie das Land dadurch eines großen Theils ſeiner betriebſamſten und geſchickteſten Bewohner. Es will mir vorkommen, als wenn das heilige Amt ſeine Befugniſſe zu weit ausdehne, indem es einen ganzen Volksſtamm, der nicht ihm, ſondern nur dem Könige und der Königin unterthan iſt, ausrotten oder in's Elend treiben will.“ Dieſe muthige Erwiederung hatte theils in dem furchtloſen Charakter Elvira's ihren Grund, theils in ihrer durch die Vertrautheit mit den alten Schriftſtellern ausgezeichneten Bildung, welche ſie in mancher Hinſicht über die Vorurtheile ihres Zeitalters erhob. Andererſeits war um dieſe Zeit die Einſetzung des Ketzergerichtes den ſpaniſchen Großen in hohem Grade zuwider, wenn ſie ſich auch ſpäter nur zu ſehr zu deſſen bereitwilligen Die⸗ nern und Gehilfen brauchen ließen. Sie wiederholte alſo nur, was auch dieſe oft genug, wenn auch weni⸗ ger laut und unumwunden, kund gaben. Thomas von Torquemada aber, der unter ſeiner dunkeln Mönchskutte mehr Stolz barg, als ihn ſelbſt der König und die Kö⸗ nigin von Arragonien und Caſtilien beſeſſen, rief laut: „Das Gift der Ketzerei frißt um ſich! Auch hier, an der Stufe des Thrones, ſchießt es empor, denn eine Tochter der Fürſten von Arragonien tritt auf die Seite der Juden und Götzendiener! Sie frevelt gegen das hei⸗ 163 lige Amt!— Ich fordere ſie vor unſer Tribunal— es iſt nicht zum erſtenmal, daß ein Mitglied der königlichen Familie uns übergeben wird!— Möge ſie ſich verant⸗ worten ob ihrer kecken Rede!— Sie iſt der Gemein⸗ ſchaft mit den jüdiſchen Ketzern verdächtig. Erſt, wenn ſie ſich gänzlich gereinigt und durch Buße und Kaſteiung ihre ſündlichen Werke entkräftet hat, werden wir ſie aus unſerer Gerichtsbarkeit entlaſſen!“ Er war frech genug, die Hand nach dem jungen Mädchen auszuſtrecken, als wolle er ſie erfaſſen und mit ſich fortziehen. Die Stimme der Königin t jedoch ſei⸗ ner Dreiſtigkeit Einhalt: „Gemach, guter Vater; auch meine Meinung iſt, daß Euer in mancher Hinſicht ſehr löbliche Eifer etwas weit geht. Donna Elvira von Viana ſteht unter unſerm beſondern, königlichen Schutze, und Ihr dürft ſie nicht ohne unſere ausdrückliche Einwilligung vor Euer Tri⸗ bunal ziehen. Ich werde es mir vorbehalten, die Geſin⸗ nungen meiner Nichte gelegentlich ſelbſt zu prüfen, und daher iſt dies von anderer Seite unnöthig. Befindet ſie ſich im Irrthum, ſo wird ſie von mir ſelbſt am leich⸗ teſten Belehrung annehmen.“ „Es darf keine Stunde geſäumt werden, um eine ſtrauchelnde Seele vom Wege des Unglaubens wieder ab⸗ 164 zulenken. Ihr wahres Heil würde am beſten bei uns gewahrt ſein!“ ſprach der Dominikaner finſter. „Genug, mein Vater!“ gebot die Königin in dem vollen Bewußtſein ihrer Herrſchergröße.„Wir haben lange genug regiert, um zu wiſſen, wen wir mit unſerer beſondern Obhut beglücken wollen. Manche der ſchon frü⸗ her von Ketzerrichtern gegen die Hebräer ausgegangenen Verordnungen haben mir nicht gefallen; doch ſind die Väter der Kirche in den meiſten Glaubensſachen ihrem eigenen Gewiſſen hauptſächlich verantwortlich.— Aaron Avila, ich habe vernommen, daß Du große Geiſtesgaben und ein tiefes Wiſſen beſitzeſt. Wende dieſe Gaben zu Deinem eigenen Beſten und zu dem Deiner Glaubensbrü⸗ der an. Gieb ihnen ein nachahmungswürdiges Beiſpiel. Nimm das Chriſtenthum an, und Du ſollſt derjenige der neuen Chriſten ſein, den ich am meiſten mit meiner Gnade überſchütten will. Ich werde Dich zu meinem Ge⸗ heimſchreiber machen und dann auch Dich unter meine beſondere Obhut nehmen.“ Eine kurze Pauſe trat ein. Elvira ſagte halblaut: „Bedenke, Hebräer, wie viel Du in dieſer Stellung für das Beſte Deiner verfolgten Stammgenoſſen wirken könnteſt.“ „Auch wenn ich Alles erwäge,“ ſprach dieſer feſt, 165 „ſo kann mein Entſchluß nicht erſchüttert werden. Große Königin, die Milde Deines Herzens hat mir einen ſtar⸗ ken Beweis Deiner Huld zugedacht; ich erkenne ſie dank⸗ bar, doch verbleibe ich in dem Glauben meiner Väter, denn er iſt mir heilig.“ „Wenn Du auch,“ ſagte Iſabella,„noch nicht er⸗ leuchtet genug biſt, um dieſe ewigen, heiligen Wahrheiten begreifen zu können, ſo ſei ſicher, daß die Gnade über Dich kommen und daß das Licht von oben ſich Dir ent⸗ ſchleiern wird. Laß Dich taufen, ſo folgt alles Uebrige von ſelbſt nach.“ „Niemals, erhabene Fürſtin,“ verſetzte Avila.„Ich lebe und ſterbe als Inde, wie es Abraham und Moſes thaten!“ „Er iſt unverbeſſerlich! Gott hört ihn und wird ihn ſtrafen!“ rief Torquemada triumphirend.„Kannſt Du läugnen, ſchnöder Jude, daß Du der Verfaſſer jener beißenden Schrift biſt, welche zu Barcelona herauskam und welche ſo ſcharfe, nichtswürdige Bemerkungen über das Benehmen der Regierung, ja ſelbſt über die chriſtliche Religion enthält? Haſt Du geſchrieben:„Die verfolgten Hebräer in Spanien?““ „Ich habe dieſe Schrift verfaßt,“ antwortete der Gefragte ruhig. 166 „Wie?“ fragte der König,„dieſe Schrift iſt von Dir? Sie hat großes Aergerniß erregt, und ich will Dir ſagen, daß ſie ſehr zur Unzeit erſchienen iſt.“ „Ich habe Talavera mit deren Widerlegung beauf⸗ tragt,“ bemerkte Iſabella,„doch hatte ich keine Ahnung davon, daß Du der Verfaſſer ſeiſt.“ „Ich habe in ihr nur gegen Ungerechtigkeit und Un⸗ duldſamkeit geredet,“ ſprach Avila.„Ich griff nicht die chriſtliche Religion an, ſondern nur die Mißbräuche, welche ſich ihre Diener zu Schulden kommen laſſen. Scharf iſt ſie, doch enthält ſie keine Nichtswürdigkeiten. Sie iſt ein Spiegel der Wahrheit, und wenn ſie den Haß des chriſtlichen Volks erregt, ſo werden die Gebildeten darunter mir dagegen beipflichten.“ „Nimm ihn mit Dir, guter Vater,“ ſprach Fer⸗ dinand jetzt mit leicht gerunzelter Stirn.„Er geſteht ſeine Verbrechen ein und mag ſie nun vor der heiligen Inguiſition verantworten. Die Herrſcher von Spanien haben nichts mehr mit einem Manne zu thun, der ſelbſt bekennt, daß er ſie geläſtert hat.“ „Ihr redet eine große Wahrheit, mächtiger König, und Euer Gebot ſoll befolgt werden,“ ſprach der Mönch. „Ich nenne die Königin von Caſtilien mit heiliger Freude eine eifrige Tochter der Kirche; dennoch iſt ſie oft zu 167 ſanft gegen dieſe Ungläubigen. Dieſer elende Ketzer reizt ſie zu Ungehorſam und Widerſtand auf. Wahrſcheinlich würde die nächſte Frucht ſeines gottloſen Strebens ein heimtückiſcher Mordverſuch auf Dein gekröntes Haupt ſein, um dadurch mehr freie Hand für ſein Treiben zu ge⸗ winnen. Wir haben dies ſchon einmal erlebt, und nur die Gnade der Heiligen wandte den gezückten Mordſtahl von Deiner Bruſt!“ „So war es, St. Jago behüte uns!“ ſagte der König ſich bekreuzend.„Ein verfluchter Maure ſchlich ſich in unſer Zelt und erdolchte einen meiner Edelleute anſtatt meiner, da er ſich in der Perſon irrte. Nun könnten die gottloſen Juden ein Gleiches verſuchen, denn alle dieſe Heiden ſind grimmige Feinde unſerer Religion. Ich über⸗ gebe Dir dieſen Menſchen, der den Köder weltlicher Klugheit aushing, um uns mit ihm zu umgarnen. Doch drängt es mich, meine Seele zu erleichtern, wenn ſie ge⸗ fehlt haben ſollte. Laß mich Dir in mein innerſtes Ge⸗ mach folgen und nimm mir dort vor meinem Hausaltar die Beichte ab, damit mein Geiſt geläutert ſei, ehe ich ihn wieder auf die kriegeriſchen Geſchäfte des Tages richte.“ Die Königin ſetzte mit einem Ernſt, der faſt in Strenge übergegangen war, hinzu: 168 „Du haſt Dein Schickſal ſelbſt durch Deine Hart⸗ näckigkeit heraufbeſchworen, Jude!“— Er wurde abgeführt, um den Schergen der heiligen Hermandad überantwortet zu werden. Der Monarch ent⸗ fernte ſich nach einem ziemlich förmlichen Abſchiede von ſeiner Gemahlin. Der Prieſter begleitete ihn. Renntes Capitel. Die Inquiſition. Thomas von Torquemada gehörte zu jenen Geiſt⸗ lichen, welche für die Enthaltſamkeit vor ſo manchen Freuden der Erde eine Entſchädigung in andern Laſtern ſuchen. Stolz, Frömmelei und wüthende Unduldſamkeit beſeelten ihn, wobei er von dem Aberglauben ſeiner Zeit nicht frei war. Trotz der ihn im Allgemeinen beherrſchen⸗ den, grimmigen Verfolgungsſucht vermochte er es dennoch nicht immer, jede menſchliche Regung zu unterdrücken. Er betrachtete dieſe jedoch wie eine tadelnswerthe Schwäche, welche er mit dem nämlichen, wilden Eifer bekämpfen müſſe, den er auch gegen die der Ketzerei Verdächtigen walten ließ. Es gab Stunden, in denen ſeine innere Natur ſich gegen ſeinen wilden Fanatismus auflehnte. Er warf ſich alsdann auf die Erde, jammerte laut und zerraufte ſein Haar. Darauf zog er eine Geißel aus ſei⸗ 1861. IV. Columbus und ſeine Zeit. I. 11 170 nem Gewande, welche, aus mehreren Riemen gebildet, mit kleinen, ſcharfen Nägeln beſetzt war, warf dies Ge⸗ wand und ſein härenes Hemd ab, und geißelte ſich ſo hef⸗ tig, daß das Blut von ſeinen zerfleiſchten Gliedern auf die Erde rann. Nach dieſer furchtbaren Bußübung ſchwie⸗ gen die geiſtigen Kämpfe des düſtern Fanatikers, und in⸗ dem er ſein rauhes Hemd wieder über ſein zerriſſenes, zuckendes Fleiſch zog, empfand er bei der körperlichen Pein eine Art von Wonne, ſteckte die blutige Geißel wie⸗ der zu ſich, lächelte, faltete die Hände vor dem Marien⸗ bild und ſprach:„Du haſt mich erhört und getröſtet, gnadenvolle Mutter! Durch dieſe Kaſteiung des elenden Leibes iſt mein Geiſt aufgerichtet und geſtärkt. Du haſt abermals angedeutet, daß der ſterbliche Körper nicht ge⸗ ſchont werden darf, wenn die Seele gerettet werden ſoll, und daß alle Völker der Erde in jenen Tempel geführt werden ſollen, deſſen heilige Zierde Du biſt.“— Dem unſeligen Einfluß, welchen er von der Kind⸗ heit an auf Iſabella übte und welchem ſie ſich trotz ihrer großen Geiſtesgaben nicht zu entziehen wußte, ſind größtentheils die fürchterlichen Erndten des Ketzergerichtes zuzuſchreiben. Doch war der König dieſem Tribunal ſtets weit mehr geneigt als ſeine Gemahlin, welche nur nach langem Widerſtreben in deſſen Einſetzung willigte. Seine Ausdehnung wuchs, je länger Beide auf ihren Thronen 171 ſaßen, und wenn auch von den Geſchichtſchreibern die Zahl der Opfer, welche dieſes Tribunal heiſchte, ſehr übertrieben worden iſt, ſo war ſie dennoch groß genug, um unſere Herzen mit Schaudern und Entſetzen zu erfüllen.*) Von dieſer rückſichtsloſen Glaubenswuth getrieben zögerte Torquemada daher auch nicht, in die Nähe der Herrſcher zu dringen, um ſie von jeder weiteren Gunſt⸗ bezeugung gegen die bedrohten Iſraeliten abzuhalten.— Es war in der Stille der Mitternacht, als ſechs tiefſchweigende Schergen der Inquiſition einen Gefangenen mit ſich führten, deſſen Hände gefeſſelt waren. Stille la⸗ gerte wieder über den am Tage von dem Lärm des Feld⸗ lebens widerhallenden Straßen Santa Fes. Ein großes Gebäude, nicht weit von der königlichen Behauſung ent⸗ fernt, war gleich dieſer mit einer ſtarken Verſchanzung und von mehreren Schildwachen umgeben. Hinter einem Wall aus maſſiven Steinen war ein tiefer Graben gezogen. Auf dem Giebel des Hauſes wehte, vom Sternenſchimmer beglänzt, ein ſchwarzes Fähnlein, auf welchem man ein 5) Mehrere Hiſtoriker haben die Zahl der einzelnen Perſonen, welche vor das Ketzergericht geſtellt wurden, mit derjenigen der Familien verwechſelt, die ſich zu verantworten hatten. Da nun jede Familie durchſchnittlich auf drei ein halb Köpfe gerechnet wird, ſo ergiebt dies eine faſt vierfache Vermehrung der wirk⸗ lichen Anzahl der Angeſchuldigten. * 172 weißes, breitgeſpitztes Kreuz unterſchied. Die Soldaten hielten vor der feſtgeſchloſſenen Pforte, ſprachen leiſe ein Loſungswort, welches die hier aufgeſtellten Schildwachen auf gleiche Weiſe beantworteten, und übergaben dieſen dann ihren Gefangenen. Stumm und regungslos blieben ſie auf dieſem Poſten, während die Wachen ihn eben ſo ſtill weiter geleiteten. Ernſtes Schweigen und ſtrenge Disciplin waren die Kennzeichen der Brüderſchaft der heiligen In⸗ quiſition. Aaron Avila ging ohne ein Merkmal von Furcht oder Beklommenheit durch zwei wenig erhellte Gemächer. Nun trat ein Mann in einem langen, ſchwarzen Gewande zu ihm, auf deſſen Bruſt ein weißes Kreuz ſichtbar war. Wieder wurden einige ſtumme Zeichen gewechſelt, und im nächſten Augenblicke betrat Avila einen dritten Raum, der mit ſchwarzem Tuche behangen war. Seine hintere Ab⸗ theilung war erhöht; in dieſer ſaßen an einer langen, gleich⸗ falls ſchwarzbehangenen Tafel drei Männer, deren Erſter Thomas von Torquemada war. Zwei andere Männer, in Tracht und Weſen Demjenigen gleich, der den Hebräer hierher geführt hatte, bewachten den Eingang auch dieſes Gemaches. Jeder von ihnen hielt eine gewaltige Lanze in der Hand, während an ihrer Seite breite, zweiſchnei⸗ dige Schwerter hingen. Das hagere Antlitz von Thomas de Torquemada 173 war ſo ſtreng und ernſt, wie man es jemals geſehen hatte auf demjenigen des Hebräers ſprach ſich eine verächtliche Kälte aus. Sein furchtloſes Auge ſenkte ſich nicht vor dem unheimlichen Blicke des Großinquiſitors. Dieſer hob dumpf an: „Aaron Avila, Du biſt wegen ſchwerer Verbrechen vor unſer heiliges Amt gezogen worden. Du haſt bereits im Angeſichte unſerer gnadenvollen Herrſcher eingeſtan⸗ den, daß Du der Verfaſſer jener ſchändlichen Schrift biſt, welche den Titel führt: Die verfolgten Hebräer in Spanien'. Dieſe Deine Worte kannſt Du nicht zurück⸗ nehmen; Ausflüchte werden Dir nicht helfen.“ „Auch beabſichtige ich ſie nicht,“ erwiederte der Ge⸗ fangene ſtolz.„Ich läugne jetzt ſo wenig wie früher, daß. ich jene Schrift geſchrieben habe.“ „Er wiederholt ſein Geſtändniß!— Schreibt es nieder!“ rief Torquemada, indem er die Hand gegen die beiden andern Inquiſitoren ausſtreckte. Dann fuhr er fort: „Du haſt in dieſem Büchlein unſere glorreichen Herrſcher geſchmäht, wie unwiderleglich aus ſeinem In⸗ halt hervorgeht. Dein Läugnen nützt Dir auch hier nichts, denn Deine eigenen Worte reden und zeugen wider Dich. Das heilige Amt allein weiß, wie ihr wahrer Sinn zu verſtehen iſt, wenn Du ihn auch ſelbſt verdrehen willſt. Aber eine zweite, eben ſo gewichtige Anklage liegt gegen Dich vor. Du haſt entweder durch glatte Worte oder 174 durch anderartige Teufelskünſte ein Mitglied unſerer Kö⸗ nigsfamilie berückt, daß ſie ſich zu Deinem verfluchten Glauben neigt, daß ſie laut als Eure Fürſprecherin auf⸗ tritt und ſich ſogar herausnimmt, die Diener der heiligen Hermandad zu tadeln. Schönheit, Jugend, Reichthum, irdiſche Hoheit und ein unerſchrockener Geiſt ſind das Eigenthum dieſer Tochter des Fleiſches— allein was nützen alle weltlichen Vorzüge, wenn das Herz auf dem Wege der Verderbniß wandelt?— Du wirſt alſo beſchul⸗ digt, eins der ſchändlichſten Verbrechen begangen zu ha⸗ ben, das jedoch von Deinen Stammgenoſſen nicht ſelten verübt wird: Du haſt Dich bemüht, eine Chriſtin zu dem verfluchten Glauben Derer hinüberzuziehen, die den Heiland an's Kreuz ſchlugen.“ Die immer heftiger werdende Rede des Prieſters erſchütterte jedoch den Angeklagten durchaus nicht. Als jener endlich ſchwieg, entgegnete der Letztere mit ver⸗ ächtlichem Lächeln: „Wenn Du von Donna Elvira von Viana ſprichſt, Mönch, ſo wird Deine Anklage leicht entkräftet. Ich habe jenes junge Mädchen nicht geſehen, auch in keinerlei Ver⸗ bindung mit ihr geſtanden, ſeit ſie vor zwei Jahren mit der Königin in Malaga war, und alſo kann ich auf ihre Geiſtesrichtung keinen Einfluß gehabt haben.“ „So wirſt Du durch geheimnißvolle Zauberkünſte unſichtbar auf ſie eingewirkt haben,“ rief Torquemada. 175 „Deine Stammgenoſſen prahlen damit, daß Aaron Avila ein großer Gelehrter in den geheimen Wiſſenſchaften iſt.“ „Ich habe,“ erwiederte Aaron,„die Kräfte der Natur zu ergründen und die Bahnen der himmliſchen Geſtirne zu beobachten und zu berechnen geſucht, und auf allen dieſen Wegen mich tief vor der Größe jenes Gottes in den Staub gebeugt, der auf dem Horeb im flammen⸗ den Buſche zu Moſes ſprach. Allein auf Donna Elvira von Viana habe ich nicht im Entfernteſten eingewirkt. Ihre Worte ſind auf keine Weiſe von mir veranlaßt worden.“ „Du läugneſt, Hebräer? Bedenke, daß wir Mittel beſitzen, Dich zum Geſtändniß zu bringen!— Wenn nicht die Milde Dich bewegen konnte, ſo möge der Schrecken Dein verhärtetes Herz erſchüttern und es zu beſſerer Erkenntniß bringen!“ Torquemado winkte bei dieſen Worten ſeinen Ge⸗ noſſen, indem er die Hand erhob. Die Beiſitzer ſprachen leiſe mit einander, dann entfernte ſich Einer von ihnen. Gleich darauf öffnete ſich eine Thür und der Gefeſſelte ſah in einen Raum, in dem ſich verſchiedene Inſtrumente befanden. Ihre Form verrieth ihre gräßliche Beſtim⸗ mung. In der Mitte dieſer Marterkammer ſtand neben der Folter ein gräulicher Menſch, mit entblößten Armen und Füßen, der die Augen mit der Tücke der Hyäne, die auf ihren Raub lauert, auf den Juden gerichtet hielt. 176 Dieſer veränderte auch jetzt noch nicht ſeine Miene. Die Wächter des Einganges näherten ſich, nahmen ihm ſeine Feſſeln ab und führten ihn zu dem Torturplatze. Der Großinquiſitor, der ſich ſelbſt in einer Verachtung kör⸗ perlicher Pein gefiel, wußte dennoch, daß Andere mehr Furcht vor ihr empfanden. Auch war ihm die Folter nicht um ihrer ſelbſt willen angenehm. Er machte daher ein abermaliges Zeichen und rief: „Willſt Du bekennen, Gefangener, ſo kann Dir noch jetzt die Folter erſpart werden!“ Avila war ſtill geſtanden und ſagte ruhig: „Nein, denn ich werde keine Unwahrheit geſtehen, obwohl es wahrſcheinlich iſt, daß dieſe gebrechlichen Glie⸗ der unter den Qualen dahinſterben, die Du über ſie verhängſi. Ich werde in wenigen Stunden vor Gott ſtehen, und wiederhole dennoch, daß ich nie daran gedacht habe, Donna Elvira dem Chriſtenglauben abtrünnig zu machen.“ „So erleide, was Du ſelbſt Dir beſtimmt haſt!“ ſprach der Großinquiſitor mit furchtbarer Stimme. Aaron Avila aber erwehrte ſich der Folterknechte, welche ihm ſein Gewand von den Schultern ziehen woll⸗ ten, wendete ſich nochmals zu dem Großinquiſitor und ſagte: „Prieſter, Du wirſt mir bald auf der dunkeln Bahn folgen, die vor mir liegt. Vor vierzehn Monaten warſt 177 Du zu Sevilla im Palaſte des Erzbiſchofs. Auch ich war dort, eine Botſchaft jenes Prieſters nach Liſſabon zu beſorgen, wohin ich ſelbſt gehen wollte, um den König von Portugal zu unterrichten, ob die Sterne für den Lauf einer Flotille Glück verheißen würden, die er zur Erforſchung eines Seeweges nach Indien um Afrika her⸗ um abermals ausſchicken wollte. Ich ſtellte damals Dein Horoscop und das Meinige, und unſere Bahnen liefen ſonderbar zuſammen: die Sterne ſagten, daß Du genau drei Tage nach mir dieſe Erde verlaſſen würdeſt.“ Er hatte in einem feierlichen Ton geſprochen, als verkünde er den Ausſpruch einer übernatürlichen Ein⸗ gebung. Wir haben ſchon bemerkt, daß Torquemada trotz ſeines ſchmerzverachtenden Fanatismus keineswegs frei von dem Aberglauben ſeiner Zeit war. Er machte daher ſchnell ein Kreuz, ſtreckte die Hände wie abwehrend aus und rief: „Bleibe fern von mir, Zauberer! Heilige Jungfrau, beſchütze mich!— Es iſt keine Gemeinſchaft zwiſchen mir und den Kindern des Satans— ich habe nichts mit Dir zu theilen über und auf der Erde.“ Er murmelte einige Pater Noſter. Trotz dieſer Beſchwörungsformeln blieb jedoch der Hebräer gänzlich unverändert vor ihm ſtehen. Nur hatte er ſein Haupt hoch erhoben, ſeine vorher gebückte Geſtalt aufgerichtet. Sie überragte jetzt diejenige des Großinquiſitors, und es 178 zeigte ſich in den ſcharfen Zügen des Iuden eine ſolche gebietende Hoheit, daß ſie auf das bewegte Antlitz des Erſtern berabzublicken ſchienen. Er hob wieder an: „Höre mich weiter, Prieſter. Es war am Abende jenes Feſtes, welches Ihr Chriſten Pfingſten nennt, gegen zwölf Uhr. Du lagſt auf Deinen Knieen vor dem Bilde des heiligen Jago, welches auf dem Altare in dem hin⸗ terſten der Gemächer ſtand, die man Dir angewieſen hatte. Du gelobteſt dem Heiligen, noch innerhalb der drei nächſten Monate ein Auto da Fe in Sevilla an⸗ zuſtellen, wenn er Dir beiſtehen wolle, den König zu be⸗ wegen, daß er dem dortigen Kloſter St. Paul jene an ſein Gebiet grenzenden Ländereien ſchenke, welche bisher dem Alcalden Pedro Herraro gehört und nach deſſen Tode der Krone anheimgefallen waren. Der Prior und der Ge⸗ richtſchreiber ſeien Deine beſten Gehilfen beim Amte der Ketzerrichter, und Du wünſchteſt, Ihre gerechten Forderun⸗ gen erfüllen zu können. War es ſo?— Antworte mir.“ „Ja,“ ſprach Torquemada.„Aber Niemand war zugegen, und ich redete in der tiefen Stille der beginnen⸗ den Mitternacht nur mit Gott und dem Heiligen. Kein irdiſcher Menſch kann etwas von meinem damaligen Ge⸗ lübde wiſſen— Keiner, der es auf natürlichem Wege er⸗ fahren konnte. Beſchütze uns, Herr des Himmels!“ „Wenn die Sterne mir ſo Verborgenes kündeten, ſo wirſt Du mir auch glauben, wenn ich Dir ihren Aus⸗ 179 ſpruch hinſichtlich der Zukunft mittheile. Drei Tage nach meinem Hinſcheiden wirſt auch Du des Todes ſterben,“ fuhr Avila abermals mit einer ſolchen Entſchiedenheit fort, daß es dem Großinquiſitor war, als töne der Spruch eines Propheten des alten Teſtamentes entgegen. Torquemoda ſah vor ſich nieder, ergriff den Roſenkranz, der an ſeinem hänfenen Gürtelſtrick hing, und murmelte vor ſich hin: „Und ich habe noch ſo viel hienieden zu vollbrin⸗ gen— zur Ehre Gottes— und zur Ausbreitung und Reinigung des heiligen Glaubens— habe mich für ein auserwähltes Rüſtzeug der Kirche gehalten, das alle Heiden mit Feuer und Schwert bekehren ſolle!— Herr, gehe nicht in's Gericht mit uns!— Der baldige Tod würde mein glorreiches Werk unvollendet laſſen— Ave Maria—“ Die Worte des Prieſters erſtarben im Gebet, indem er die Lippen nur noch kaum hörbar bewegte, wobei er vor ſich niederſah und die Kugeln ſeines Roſenkranzes durch die Finger laufen ließ. Die ſämmtlichen Anweſen⸗ den ließen ihn ſchweigend und ohne die mindeſte Unter⸗ brechung gewähren. Endlich ließ er die Hände ſinken, rich⸗ tete den Kopf wieder auf und ſagte etwas mehr gefaßt, jedoch weniger ſtreng als zuvor: „Gvottes heiliger Wille geſchehe, doch müſſen wir thun, was in unſern Kräften ſteht, um dieſem nicht vor⸗ 180 zugreifen. Ich darf mein Ende nicht beſchleunigen, denn ich habe noch viel in dieſer ſterblichen Hülle zu vollbrin⸗ gen. Ich will daher thun, was möglich iſt, um vorerſt Dein Leben nicht zu kürzen, Inde, da das meinige mit ihm verbunden iſt. Wir wollen die weitere Unterſuchung Deiner Sache bis auf eine gelegenere Zeit verſparen. Du ſollſt dieſe Schwelle einſtweilen ungekränkt verlaſſen, doch bleibſt Du unter dem Bann des heiligen Amtes und kannſt in jedem Augenblicke vor dieſes gefordert werden, wenn die Unterſuchung für dieſe Deine alten Frevel wie⸗ der beginnen ſoll. Du biſt und bleibſt reif zum Auto da Fe, wenn Dir auch noch einige Friſt zur Buße gelaſſen wird. Hebe Dich weg, damit keine Deiner Höllenkünſte hier ſich entſchleiern und unſere armen Seelen durch ſie verwirrt und berückt werden!“ Er machte wieder ein Zeichen gegen die übrigen Anweſenden. Die Begleiter des Gefangenen ließen dieſen zurücktreten und geleiteten ihn zur Thür. Mit ſtolzer Miene und mit gemeſſenen Schritten entfernte ſich dieſer. Im weiter entlegenen Vorzimmer wurden ihm die Feſſeln abgenommen, und Aaron Avila verließ ſo bald wie mög⸗ lich die Stadt, in welcher der mächtige Arm des Inqui⸗ ſitionsgerichtes drohend über ihm ſchwebte, um ſeinen da⸗ heim weilenden Glaubensgenoffen die Erfolgloſigkeit ſeiner Sendung mitzutheilen. Zehntes Capitel. Der Kampf mit den Sarazenen. Arnold Waller erhielt bald darauf von Don Gon⸗ ſalvo den Befehl, ſich mit einem Trupp Schweizer, den ſein Onkel, der Hauptmann Waller, commandirte, einer großen Abtheilung anzuſchließen, mit welcher der Ritter⸗ fürſt die Königin auf einer Walffahrt nach Cordova ge⸗ leiten wollte. Wie er vermuthete, ſo war Iſabella von mehreren ihrer Frauen begleitet. Sein fragendes Auge ruhte auf dieſen, als ſie ihre Maulthiere beſtiegen, und hoch klopfte ſein Herz, als er unter ihnen auch Donna Elvira gewahrte. Er hatte ſie ſeit jener verhängnißvollen Nacht nur von Ferne geſehen, und auch jetzt mußte er zu⸗ frieden ſein, nur die äußern Umriſſe ihrer Geſtalt zu er⸗ kennen. Er wurde der Abtheilung zugeſellt, welche den Rücken der Reiſenden deckte, während der Ritterfürſt ſelbſt 182 an der Seite der Königin ritt, deren nächſte Beſchützung er keinem Andern überließ. Der Glanz, mit welchem meiſtens die kriegeriſchen Unternehmungen in dieſen Feldzügen ausgeführt wurden, gab ihnen faſt mehr das Anſehen eines Hofgepränges als ernſter Kämpfe. Wenn auch zu deren Fortführung die Gefühle der Religion und Vaterlandsliebe aufgerufen wurden, ſo ermangelten die ſtaatsklugen Herrſcher nicht, zugleich mächtig auf die Phantaſie ihrer jungen Edelleute zu wirken. Dieſe eilten in's Feld, begierig ſich ihrer be⸗ rühmten Königin zu zeigen; wenn dieſe auf ihrem Kriegs⸗ roſſe in voller Panzerkleidung durch ihre Reihen ritt, ſo konnte ſie perſönlich den Genius des Ritterthums dar⸗ ſtellen. Die mächtigen und reichen Granden entfalteten in dieſem Lager eine fürſtliche Pracht. Ihre Wohnungen, mochten ſie Zelte oder feſte Häuſer ſein, waren mit bunt⸗ farbigen Fahnen behangen, oder mit ihren Wappenſchil⸗ dern farbenglänzend bemalt, ſo daß ihre Ausſchmückung an die Pracht der Gebäude des alten Sevilla erinnerte. Eine Menge ſchön gekleideter Edelknaben pflegten ſie zu umgeben, und Nachts wurden ihnen Fackeln voran getra⸗ gen, die Tageshelle um ſie verbreiteten. Sie wetteiferten in der Koſtbarkeit ihres Anzuges und desjenigen ihres Gefolges, ſo wie ihres Silbergeſchirrs; die Mannigfal⸗ tigkeit und Köſtlichkeit der Leckerbiſſen, mit denen ihre Ta⸗ feln beſetzt wurden, war außerordentlich. 183 Der kriegeriſche Sinn wurde indeſſen durch dieſe ſybarithiſchen Genüſſe nicht geſchwächt. Herzöge geizten nach der Ehre, den Sturm auf eine belagerte Stadt an⸗ zuführen, und wenn ihre Mannen in den Sturmlücken bei einem dichten, von dem Feinde abgeſandten Steinhagel zu wanken begannen, ſo riefen ſie ihnen zu:„Wie, Spa⸗ nier, wollt Ihr uns im Stich laſſen?— Soll von uns geſagt werden, daß wir mehr Putz auf dem Leibe als Muth im Herzen haben? Sollen wir Spott anſtatt Ruhm und Sieg erndten?“— Die Lehnsmannen ſam⸗ melten ſich alsdann, von dieſen Worten getroffen, und er⸗ oberten die Oerter durch die Wuth ihres Angriffs. ²) Wir wiſſen, daß Don Gonſalvo unter dieſer glän⸗ zenden Schaar einer der Ausgezeichnetſten war. Auch ſeine Tafel war ſo ſorgfältig gedeckt wie zur Zeit des Friedens und mit eigenthümlich gearbeitetem Silber⸗ geſchirr beſetzt. Freigebig wie der macedoniſche Alexander, war ſeine Handlungsweiſe fürſtlich; alle ſeine Unter⸗ gebenen genoſſen die vollkommenſte Gaſtfreiheit bei ihm, ſo daß ſein Ruf weit durch Spanien erſchallte. Seine Paläſte waren mit koſtbaren Tapeten, Juwelen und Gold⸗ und Silberſtoffen angeſight Vortreffliche Sänger und Spieler waren in ſeiner Kapelle. Sein prächtiges 7 Siehe hierüber: Pulgar, die katholiſchen Herrſcher. 184 Geſtüt, ſeine Falken und Hunde, ſeine ganze Jagdein⸗ richtung waren jedes vollkommen in ſeiner Art. Auch er zeigte Vieles von dieſem glänzenden Ueberfluſſe im Lager, und wenn auch die Herrſcher im Ganzen nicht ſehr zu⸗ frieden mit dieſer ſo öffentlichen und gefliſſentlichen Prunk⸗ ſucht ihrer großen Edelleute waren, indem ſie fürchteten, daß dadurch auch der unbemittelte Adel zu Ausgaben verleitet werden würde, die über ſeine Kräfte gingen, ſo erlaubte ſich doch beſonders die Königin nie einen Tadel über Gonſalvo's Benehmen, da ſie ſeiner unbegrenzten Ergebenheit gegen ihre Perſon nur zu gewiß ſein konnte. Heute jedoch war dieſer, ſo wie der ganze die Köni⸗ gin umgebende Zug auf die einfachſte Weiſe angethan, denn man hatte bedacht, daß der Grund dieſer Reiſe weltliches Gepränge ausſchließen müſſe. Man ſah nur kriegeriſch gerüſtete oder mit Pilgergewändern bekleidete Geſtalten. Die ſchneeigen Gipfel der Sierra Nevada erglänz⸗ ten wie hohes Sommergewölk ſilbern im Strahl der Morgenſonne, als der Zug durch die Vega ſich entfernte. Häufig gewahrte Arnold Bäche, die abwärts von den Vorbergen rauſchten 3 ſich ſaphyrblau oder ſmaragd⸗ grün in das zauberiſche Vorland ergoſſen. Unter dem azurnen Himmel wucherten Citronen und Mandelgebüſche von den Höhen bis in die Ebene hinunter, welche Hecken 185 von indianiſchen Feigen und von Maulbeer⸗ und Alve⸗ ſtauden unterbrachen. Zwiſchen ihnen zitterte, von küh⸗ lem Winde bewegt, zierlich das Graugrün der Oliven. Hier und da gewahrte man das Dunkelgrün des Lor⸗ beers und glänzende Myrthenkronen, während der Ole⸗ ander an den Gewäſſern emporſprießte. Dann wieder erhoben große, baumloſe Bergketten ihre Marmorſtir⸗ nen; ihre ſonneverbrannten Gipfel zeichneten ſich kraß gegen den tiefblauen Himmel ab. Der Zug mußte ſich theilweiſe durch die wilden Päſſe dieſer Gebirge bewegen. Arnold gewahrte hin und wieder ummauerte Städte und Burgen, die wie Adlerneſter an den Klippen hingen und von mauriſchen Zinnen umgeben, wenn auch meiſtens jetzt in der Gewalt der Chriſten waren. Zuweilen auch mußten die Männer abſteigen und ihre Roſſe die ſteilen Pfade auf und nieder führen, die den zertrümmerten Stufen einer Wendeltreppe glichen, während die Damen blieben, ſich auf den ſicheren Fuß ihrer Maulthiere verlaſſend. Die ſie zunächſt umgebenden Ritter ermangel⸗ ten alsdann nicht, die Zügel ihrer eigenen Thiere ihren Knappen oder Dienſtmannen zu übergeben, und ſelbſt die⸗ jenigen der Maulthiere zu ergreifen, um neben dieſen hergehend die Damen ſicher zu geleiten. Nie ließ Don Gonſalvo es ſich nehmen, auf dieſe Weiſe der Königin ſeinen Arm zu leihen, ſobald ſie dieſer Hilfe bedürfen 2 1861. IV. Columbus unt ſeine Zeit. I. 12 186 konnte. Dann wieder wand ſich der Weg um ſchroffe Ab⸗ gründe ohne eine Lehne, die einen Schutz vor der ge⸗ waltigen Tiefe hätte geben können, und führte in düſtere und geführliche Schluchten. Einige Male auch nahten ſich lange Züge von Maulthieren mit ihren Treibern und mit einer militairiſchen Eskorte, welche Lebensmittel, Kriegsbedürfniſſe oder Baumaterialien in's Lager ſchaffen ſollten. Man hörte ſchon in der Ferne die Glocken der vordern Maulthiere, deren einfache Melodie die Stille der luftigen Höhen unterbrachen, oder auch die Stimmen der Treiber, welche träge Thiere antrieben und alte Balla⸗ den ſangen. Endlich gewahrte man die theils kriegeriſch, theils friedlich ausgerüſteten Haufen, wie ſie ſich langſam durch den Felſenpfad wanden; manchmal ſtiegen ſie ſteile Klippen herab, ſo daß ihre Geſtalten vollſtändig zu er⸗ tennen waren, bald auch klimmten ſie aus den tiefen Klüften herauf. Kamen ſie näher, ſo unterſchied man ihre bunten Ausſchmückungen von wollenen Bändern, Qua⸗ ſten und Satteldecken, und die ſcharfen Lanzen und Schwerter, ſo wie die ledernen Gurte, die eiſernen Pan⸗ zerhemde und die Helme der unter ihnen befindlichen Krie⸗ ger. Dann wieder gelangten ſie durch ein enges Thal, und plötzlich überraſchte ſie ein rauhes Gebrüll. Arnold er⸗ hob den Blick und bemerkte über ſich auf der grünen Fläche an der Seite eines Felſens eine Heerde Stiere, 187 die zu den Kämpfen in der Arena beſtimmt waren. Mit ungeheurer Stärke begabt liefen ſie in ungezähmter Wild⸗ heit auf ihrer heimiſchen Weide umher; wenig von Men⸗ ſchen geſehen, kannten ſie nur den einſamen Hirten, der ſie hüthete, und auch ſelbſt dieſer wagte es zuweilen nicht, ſich ihrem wüſten Toben zu nähern. Ihr drohender An⸗ blick, wenn ſie von der felſigen Höhe herabſchauten, und ihre furchtbaren Stimmen verliehen der rauhen Gegend eine noch größere Wildheit. Wenn dieſer nun auch der liebliche Zauber der tiefer gelegenen Landſchaft fehlte, ſo zeigte ſie doch eine Größe und Erhabenheit, welche ihr einen nicht weniger poetiſchen Reiz verlieh. Unbeſchreibliche Stille und Einſamkeit herrſchte dann wieder, wenn man dieſe Thäler hinter ſich hatte, und man wurde an den wilden und unfreundlichen Charakter Afrikas erinnert. Kein Singvogel ließ ſeine heitere Stimme erſchallen; nur der Geier und der Adler kreiſten um die Höhen und ſchwebten über den Ebenen; Schaaren von ſcheuen Trap⸗ pen ſtrichen über die Heiden. Ein in Ruinen liegendes Dorf mit verwitterten Gebäuden und einem zerſtörten Wachtthurm bot ſich dann wieder als ein ſchauriges Denk⸗ mal der blutigen Fehden dar, die nun ſchon ſeit Jahrhun⸗ derten in dieſen Gegenden zwiſchen Sarazenen und Chri⸗ ſten geführt wurden. Dann wieder ritt man durch Fluß⸗ betten, welche reißende Winterſtröme ausgewaſchen hatten. 188 Die geheimen Pfade derjenigen Trupps, welche feindliche Ueberfülle beabſichtigten, mochten durch dieſe rauhen Gründe führen; oft genug kündete ein rohes Kreuz, auf einem wüſten Steinhaufen aufgerichtet, daß hier ein Platz ſei, auf dem manches Menſchenleben ausgehaucht; daß man⸗ cher Jüngling, der wenige Stunden zuvor noch in der Blüthe der Kraft unverwüſtlich ſchien, aus zahlloſen Wun⸗ den blutend, hier ſeinen letzten Kampf gekämpft, ſein ge⸗ brochenes Auge zum letzten Male auf das Kreuz am Griffe ſeines Schwertes gerichtet habe!— Das tiefe Schweigen der Gegend hatte ſich dem Zuge mitgetheilt, welcher ſich durch ſie bewegte. Die Königin, welche den ernſten Zweck ihrer Reiſe vor Augen hatte, gab das Zeichen dazu, nach welchem ihr Gefolge ſich rich⸗ tete. Man hatte die gewaltige, mauerumgürtete Stadt Granada aus den Augen verloren, und befand ſich auf einem Punkte, wo die Straße langſam abwärts ging. Dieſe wurde an der einen Seite durch eine mehr oder minder ſteile Bergwand begrenzt, an welcher dichtes Laubwerk wucherte und deren Windungen die dahinter gelegene Landſchaft verdeckten; an der andern Seite zog ſich eine weite, ſumpfige Wieſe hin, welche theilweiſe von einer dichten Hecke unfriedigt war. Plötzlich hörte man Flintenſchüſſe, und hinter dem Laubwerk hervor erhob ſich ein Hagel von Steinen, Pfeilen und Kugeln, welcher 189 ſich auf die voran ziehenden Bewaffneten ergoß, ſo daß einige nicht unerheblich verwundet wurden. Die Königin hielt ihr Maulthier an, ohne jedoch im Mindeſten ihre Faſſung zu verlieren; ſie richtete ihr klares Auge nach der Seite dieſes Angriffs hin und ſagte zu Gonſalvo gewendet: „Es wird eine Schaar Mauren ſein, die dort im Hinterhalte liegt. Ich hätte nicht gedacht, daß ſie ihre Ver⸗ wegenheit ſo weit treiben und ſich jetzt noch ſo ſehr von Granada entfernen würden, da das Land in unſerer Ge⸗ walt iſt.“ „Die Hoffnung auf gute Beute wird ſie bis hierher gelockt haben,“ erwiederte der Ritter.„Aber dieſer unebene Boden iſt ihrer liſtigen und trügeriſchen Kriegskunſt be⸗ ſonders günſtig und wir werden im Nachtheil gegen ſie ſein.“ „Ich weiß, Gonſalvo,“ ſprach Iſabella,„daß Deine Tapferkeit alle dieſe Vortheile der Feinde entkräften wird und daß ich keinen beſſern Schild als Dich für mich wünſchen kann.“ „Seid deſſen ſicher, große Königin,“ verſetzte er. „So lange ich athme, wird Niemand wagen dürfen, Eurer Hoheit im Mindeſten nahe zu treten!“ Er hatte während dieſer ſchnellen Worte mit dem geübten Blick des Feldherrn das Terrain gemeſſen und 190 ſogleich eingeſehen, daß die Reiterei hier nur theilweiſe gebraucht werden könne. Es mußten daher mehrere Krie⸗ ger abſitzen und ſich zu Fuße gegen den verſteckten Feind führen laſſen. Dieſe wurden jedoch mehr oder minder zer⸗ ſtreut, da die Angriffe der Gegner ſich auf mehreren Punk⸗ ten wiederholten. Bald waren viele von ihnen nicht mehr zu erblicken, da ſie durch Gebüſch oder Abgründe ver⸗ deckt wurden. Gonſalvo ließ den hinterſten Trupp der Ab⸗ theilung eine dichte Maſſe um die Frauen bilden, deren äußerſte Seiten von den Lanzen der Schweizer beſchützt wurden. Ganz unerwartet brach jedoch etwa hundert Schritte weiterhin ein zweiter, großer Haufen mit dem lauten Geſchrei:„Allah! Allah!“ und mit aller der lärmenden Kriegsmuſik der Sarazenen hervor. Don Gon⸗ ſalvo's Commandowort führte jetzt die Meiſten der Sei⸗ nigen auf die Wieſe, wo er hoffte, den gewaltigen Stoß des erſten Anpralls beſſer aushalten zu können, da ihnen mehr Freiheit der Bewegung blieb. Die Königin mußte ſich mit einer kleineren Anzahl ſeitwärts hinter eine Fels⸗ wand ziehen, welche ihr und ihren Begleiterinnen einen theilweiſen Schutz verlieh. Der ſumpfige Boden war für die Chriſten ein großes Hinderniß; ihre Reihen wurden von der vielfachen Uebermacht durchbrochen und endlich war ſogar Don Gonſalvo weit von der Königin getrennt. Sein Pferd blieb in einem Sumpfe ſtecken, deſſen Tiefe 191 man auf dem graſigen Boden nicht hatte erkennen können; er ſprang zwar von dem Roſſe, ſank jedoch gleich ihm in dem Gewicht ſeiner eiſernen Rüſtung tiefer und tiefer, und war in Gefahr, in dem ſchlammigen Grunde gänzlich unterzugehen. Arnold Waller war mit dem ihm im Gefecht wie im friedlichen Leben eigenthümlichen Scharfblick der wenig günſtigen Geſtaltung der Ereigniſſe gefolgt. Hierbei ſtand er jedoch ſo mauerfeſt mit ſeiner vorgeſtreckten Lanze, daß ihm lange keiner der Feinde nahen konnte. Dann war das Commandowort ſeines Oheims, des Hauptmanns Michael Waller ertönt, welcher ihn und ſeine Gefährten im Sturmſchritt gegen eine Abtheilung der Angreifer führte. Dieſe waren jedoch auch hier ſo zahlreich, daß ſie wie Horniſſe die Anrückenden umſchwärmten und dieſe nach einem heißen Kampfe zum Zurückziehen nöthigten. Anfangs hielt die gewohnte Disciplin die weichende Schaar in ihrer kriegeriſchen Ordnung, ſo ſchrecklich ſie auch mehr und mehr gelichtet wurde. Endlich jedoch ſprengte die Wuth der Angreifer auch dieſe, ſonſt ſo unerſchütterlichen Reihen. Gegen ihre Gewohnheit mußten die Schweizer an die⸗ ſem Unglückstage dem Feinde den Rücken kehren; in wil⸗ der Flucht ſuchten ſie einzeln oder in ganz kleinen Haufen wieder zu dem eigentlichen Kern ihrer Truppe zurück⸗ zukehren, welcher ſich mehr in der Nähe der Königin hielt. 192 Immer hatte Arnold den weißen, wehenden Federbuſch Don Gonſalvo's im Auge zu behalten geſucht. Erſt in den letzten Minuten war er ihm gänzlich entſchwunden, doch war ihm noch die Richtung erinnerlich, in welcher er ihn zuletzt geſehen. Von dem ganzen Fähnlein, das ſein Onkel commandirte, gewahrte er gleichfalls faſt nichts mehr. Dieſe verſchiedenen Umſtände waren die Urſache, daß Ar⸗ nold in die Nähe des Ritterfürſten gelangte, als dieſer ſich in der höchſten Lebensgefahr befand. Arnold blieb ſtehen, wo der Grund etwas feſter war, da er bei größerer Annäherung daſſelbe Schickſal fürchten mußte, dem die Zierde der Ritterſchaft ſo eben zu erliegen im Begriff war. Er ſtreckte den Schaft ſeiner Lanze ſo weit wie möglich vor und rief: „Haltet Euch feſt an meiner Lanze, edler Ritter! Ich ziehe Euch hier bis auf den feſten Grund, ſo daß Ihr in Sicherheit gelangen werdet.“ Don Gonſalvo erfaßte den ihm möglichſt nahe ge⸗ brachten Lanzenſchaft im eigentlichſten Verſtande des Wor⸗ tes, wie der Verſinkende nach einem Strohhalm greift. Wirklich gelang es der herkuliſchen Kraft des jungen Man⸗ nes, ihn bis zu ſich heran zu ziehen, ſo daß er ihm zu⸗ letzt behilflich ſein konnte, ſich aufzurichten und einige Schritte vorwärts zu gehen. Der Ritter ſchöpfte tief Athem und ſagte dann, auf Arnold blickend: 193 „Mein wackerer Schweizer! Du verläugneſt die Tu⸗ genden Deiner Genoſſenſchaft nicht, denn Du biſt ſo um⸗ ſichtig wie tapfer. Ohne Dich würde ich hier eines elenden Todes geſtorben ſein.“ „Ganz Caſtilien würde ihn betrauert haben, edler Herr!“ verſetzte Arnold tief ergriffen.„Einſt ließet Ihr mir Euren großmüthigen Schutz angedeihen, als eine Anzahl blanker Klingen gegen mich gezückt war. Ich gelobte bei unſ'rer Frau, daß Ihr Eure Güte keinem Unwürdigen bewieſen haben ſolltet, und freue mich, daß ich Euch heute zeigen kann, wie tief ich meine Schuld gegen Euch fühle.“ „Ah, Arnold Waller, der Steinſchleuderer!“ ſagte Don Gonſalvo ſtillſtehend, da er ihn jetzt erſt erkannte. „Ich ſehe, daß ich Dich zur guten Stunde in unſere Rei⸗ hen gebracht habe, denn Du leiſteſt mir ſchon zum zwei⸗ tenmale einen bedeutenden Dienſt. Du retteteſt meine Ehre, indem Du den Angriff des Mauren auf eine edle Dame vereitelteſt, welche hätte glauben mögen, daß ich eine Gewaltthat gegen ſie billigte. Heute erhältſt Du mein Leben, indem Du mich aus dem ſchlammigen Sumpf mit eben der Lanze ziehſt, die Du auf Boabdil's Kehle richteteſt!“ „Möge meine Hand ferner ſo geſegnet ſein, Sen⸗ nor,“ verſetzte Arnold.„Allein jetzt wird unſere nächſte 194 Sorge ſein, daß Ihr möglichſt bald von hier weiter kommt. Es ſcheint ſich hierzu eine unverhoffte Gelegen⸗ heit zu bieten.“ Er deutete auf ein Pferd, welches ſo eben, ſeines Reiters beraubt, daher kam. Raſch näherte er ſich ihm und fing es mit gewandter Hand ein. Dann führte er es zu dem Ritter und ſagte: „Steigt auf, Don Gonſalvo, und reitet ſchnell von dieſer unheimlichen Stelle weg. Wenn uns hier ein Trupp Mauren erreichte, ſo würde er uns in dieſen Sumpf zurückjagen, aus dem dann wohl kein Entkommen ſein würde. Die Unſrigen werden durch Eure Nähe neue Kraft zum Widerſtande finden.“ „Und Du willſt allein hier zurückbleiben, ohne ir⸗ gend einen Beiſtand dem Andringen der Feinde aus⸗ geſetzt, die in jedem Augenblicke hervorbrechen und uns umzingeln können?“ fragte Don Gonſalvo. „Ich werde ſuchen,“ antwortete der junge Mann, „Euch möglichſt bald zu Fuße nachzufolgen. Meine Waffen ſind mir geblieben, und ſo denke ich mich durch⸗ zuſchlagen, oder mein Leben theuer zu verkaufen, wenn es ſein muß. Euer koſtbares Leben muß vor Allem ge⸗ rettet werden.“ „Ich ſehe, daß dort weiterhin ſich jetzt ein Haufen dieſer verruchten Heiden der Königin nähert,“ ſprach der 195 Ritter ſeitwärts blickend.„Vor allen andern Dingen muß ich ſuchen, ſchnell zu meiner Herrin zu gelangen, um dieſe zu ſchützen. Dies Pferd iſt das einzige Mittel dazu. Ich muß es daher benutzen und Dich im Stiche laſſen, tapferer Jüngling, ſo wehe es mir thut!“ Er befand ſich nach dieſen ſchnellen Worten auf dem Rücken des Pferdes. Arnold befeſtigte ſchleunigſt noch Einiges an dem Geſchirr, was ſich gelöſt hatte, und ſagte dabei: „Sagt meinem Oheim, wo Ihr mich zuletzt geſehen habt, Sennor, wenn ich ſelbſt nicht dazu im Stande ſein ſollte. Er möge alsdann gelegentlich die Kunde meines Hinſcheidens in unſere Heimath gelangen laſſen.“ „Sei deſſen ſicher, wackerer Junge, ich werde Deiner gedenken! Vielleicht werden unſere Schwerter unter dem Schutze S. Jago's dieſen Unglückstag noch zum Beſſern für uns Alle und unſere Königin wenden!“ Der Ritterfürſt ſprengte mit dieſen Worten und mit der Hand winkend davon. Arnold folgte ihm langſamer. Einige Male nur prallten Pfeile und Steine von ſeinem Schilde ab, mit welchem er ſich ſo viel wie möglich gegen dieſe aus der Ferne gezielten Angriffe zu decken ſuchte. Zweimal auch ſtellten ſich ihm einzelne Sarazenen ent⸗ gegen, deren Einen er jedoch mit ſeiner gewaltigen Lanze niederſtreckte, den Andern dagegen in die Flucht trieb. Je 196 mehr er ſich jedoch dem Punkte näherte, wo ſich die Frauen befanden, je hitziger wurde das Gefecht. Es war Don Gon⸗ ſalvo gelungen, eine Anzahl der tapferſten Ritter zu ſam⸗ meln, welche ſich abermals um ſie ſchaarten und ſie mit ihren Leibern deckten. Allein ſelbſt dieſe eiſengepanzerte Reihe wurde endlich von den Mauren durchbrochen. Zwei der hitzigſten Kämpfer unter ihnen erregten beſonders Ar⸗ nold's Aufmerkſamkeit. Beide waren unermüdlich im An⸗ griff und von ſchlanker, ziemlich hoher Statur. Beide mochten, nach ihrem glänzenden Aeußern und nach dem Gehorſam zu ſchließen, welcher ihnen von ihrem zahl⸗ reichen und wohlgerüſteten Gefolge geleiſtet wurde, Für⸗ ſten ſein. Der Eine ritt ein milchweißes, der Andere ein ſchwarzes Araberroß, und Beide zeichneten ſich durch ihre Reitkunſt und durch die große Gewandtheit ihrer übrigen Bewegungen ſelbſt in dieſem Kreiſe der tapferſten Mau⸗ renritter aus, welche Alle ihren Stolz in der Vollendung dieſer Fertigkeiten ſuchten. Der Reiter des ſchwarzen Roſſes war nicht, wie ſonſt meiſtens die mauriſchen Rit⸗ ter, mit dem ſchweren, chriſtlichen Panzer bekleidet, ſon⸗ dern trug die leicht bewegliche Rüſtung der alten Helden von Arabien und Fez. Sein weißer Turban war mit feinen, durch die Falten geſchlungenen Stahlketten be⸗ deckt; eine ſcharlachfarbene Feder mit einer diamantnen Agraffe daran befeſtigt. Auch ſein kurzer, goldgeſtickter 197 Mantel war dunkelroth. An ſeiner linken Seite hing eine krumme Damascenerklinge, am Arm ein kleiner, runder —— in ſeiner Rechten ſchwebte eine lange, ſchlanke anze. „Dieſer bunte Maure auf ſeinem ſchwarzen Roſſe iſt ein furchtbarer Feind,“ ſprach die Königin zwar be⸗ ſorgt, jedoch mit vollkommener Faſſung zu Don Gon⸗ ſalvv.„Tod und Verderben folgt ſeinen Schritten. Ich fürchte, daß noch manche unſerer tapferſten Ritter von ihm niedergeſtreckt werden.“ „Es wird Reduan Benegas, der Anführer der Reiterei und eine der Hauptperſonen nach dem Könige Boabdil in Granada ſein,“ entgegnete der Ritterfürſt. „Dieſer Feind iſt furchtbar genug; geſtattet, daß ich ſelbſt ihm entgegentrete und dadurch Euch, meine Königin, vor ſeinem Andringen ſicherſtelle.“ „Gott und St. Jago werden Dich beſchirmen, edler Gonſalvo,“ ſprach die Königin mit Ergebung.„Wir ſind in dieſe große Gefahr gerathen, weil wir der ge⸗ benedeiten Mutter und dem Heiligen unſere demüthige Verehrung bezeigen wollten; ſie werden uns Beide heute nicht verlaſſen, da ſie auf den Grund unſerer Herzen ſchauen.“ Gonſalvo ſprengte jetzt vor, hielt dann eine Se⸗ cunde an und ſchwenkte ſein glücklich gewonnenes Roß 198 im weiten Kreislaufe herum. Der Maure machte gleich⸗ falls Halt, denn er ſah, daß ſein Feind den Angriff mit verſtärkter Heftigkeit beginnen wollte. Unbeweglich, in banger Erwartung, ſtanden Chriſten und Muſelmänner. ZJeder würde es als einen Frevel betrachtet haben, das Zuſammentreffen der berühmteſten Helden dieſer ritter⸗ lichen Kämpfe zu hindern. Nun ſchoß Reduan wie ein Pfeil vorwärts und die beiden Krieger ſtießen mit einer Fertigkeit aufeinander, die ſelbſt den Chriſten einen unwillkürlichen Beifallsruf entlockte. Der Maure fing mit ſeinem kleinen Schilde den gewichtigen Speer Gonſalvo's auf, während er ſeinen eigenen Wurfſpieß gegen deſſen Helm ſtieß. Ein leichtes Schwanken machte ſich bei dieſem bemerklich, worauf jedoch ſogleich die frühere unerſchütterte Haltung des Ritter⸗ fürſten zurückkehrte. Nun wurden die Lanzen weggewor⸗ fen und das breite Schwert des Chriſten, der krumme Säbel des Sarazenen waren erhoben, wobei ſie ſich mit den Augen maßen. „Ergieb Dich, Chriſt!“ rief Reduan Benegas.„Du wirſt meinen Streichen unterliegen. Die Waffe des Gläu⸗ bigen iſt der Schlüſſel des Paradieſes und der Hölle!“ „Verruchter Maure!“ erwiederte Gonſalvo de Cor⸗ dova.„Ein chriſtlicher Ritter trotzt einem ganzen Heere 199 heidniſcher Ungläubigen! Mein Schwert wird Dir die beſte Antwort geben!“ Reduan hielt ſein Roß nicht weiter zurück. Es flog auf Gonſalvo zu, der mit hoch erhobenem Schwerte ſei⸗ nen ganzen Körper mit ſeinem Schilde deckte. Der Sa⸗ razene ſchien auf ſeinen Sattel niederzufallen. Die Chri⸗ ſten ließen ein lautes Siegesgeſchrei ertönen— zu früh, denn er war dem Stoß des Schwertes ausgewichen, wäh⸗ rend ſein Säbel, anſcheinend ohne Anſtrengung, nach dem Halſe ſeines Gegners fuhr, wo ſich Helm und Panzer vereinigten. Der Ritterfürſt ſank nieder, und ſein Helm berührte die Mähne ſeines Pferdes, welches ſich zur Flucht wandte, als müſſe es inſtinktartig ſuchen, aus dem Bereiche eines ſo furchtbaren Feindes zu kommen, wenn es auch nur den Körper ſeines Herrn noch zu retten ver⸗ möchte. „Allah, il Allah!“ ſchrie Reduan, und im tauſend⸗ fachen Echo hallten dieſe Worte wider in den Haufen der Mauren. Ehe die Chriſten noch ihre Beſtürzung über⸗ wunden hatten, drang der Feind von allen Seiten wieder auf ſie ein. Faſt wie ein Wunder mußte es den Spaniern vorkommen, daß die Muſelmänner eine ſolche Maſſe von Streitern hatten verſtecken und jetzt auf einem verhältniß⸗ mäßig kleinen Raum entwickeln können. Das ſchon ſehr geſchmolzene Häuflein der Chriſten wurde mehr und mehr 200 gelichtet. Das Fußvolk griff ſie mit wilder Wuth an, während die Reiter jedes ernſte Gefecht mit den Spaniern vermieden und ſie nur aus der Ferne mit Speer und Lanze ermüdeten, indem ſie ſich bald zurückzogen, bald mit unglaublicher Schnelligkeit alle Schwenkungen der morgenländiſchen Cavallerie ausführten. Der unbezwing⸗ liche Reduan war das Vorbild ſeiner Krieger, der uner⸗ müdlichſte von Allen. Die Schnelligkeit und Sicherheit ſeiner Bewegungen kam den abergläubiſchen Spaniern ſo unbegreiflich vor, daß ſie glaubten, er ſei durch einen verruchten Zauber beſchützt. Er ſprengte mit ſeinem leicht⸗ füßigen, ſchwarzen Roſſe mitten in ihre geſchloſſene Pha⸗ lanx hinein, brachte ſie in Unordnung mit ſeinem einzelnen Angriffe und ſtieß hin und wieder geräuſchlos, mit kaum ſichtbarem Schwunge ſeines Säbels, einen Chriſtenritter nieder. Aber ſo wie das erſte Niederſinken des furchtbaren Mauren nur ſcheinbar geweſen war, ſo war auch der Ritterfürſt ihm keineswegs ganz unterlegen. Die ſcharfe Spitze der mauriſchen Klinge hatte den Wirbelknochen ſeines Halſes, nicht deſſen fleiſchige Theile getroffen. Die empfundene Erſchütterung war heftig, daß ihm für einige Minuten die Beſinnung ſchwand, während welcher er ſich jedoch mechaniſch an dem Halſe ſeines Pferdes feſt⸗ hielt. Da ihn dieſes forttrug, ſo entkam er einem aber⸗ maligen Angriffe Reduan's, und erholte ſich von ſeiner 201 Betäubung, als er ſich wieder in der Nähe der Seinigen fand. Zu gleicher Zeit rückte Michael Waller mit ſeinem wieder geſammelten Fähnlein Schweizer heran. Gonſalvo rief ſie zu ſich und ſtellte ſich vor ſie, indem er gleich einer ehernen Bildſäule regungslos auf ſeinem Pferde ſitzen blieb. Er ließ ſie ſich langſam nach dem Platze hinziehen, wo die Königin hielt, und deckte allein und furchtbar, wie ein gehetzter Löwe, dieſe Bewegung, während Reduan und ſeine Schaaren weiter ſeitwärts den Chriſten zuſetzten. Gonſalvo's Rüſtung trotzte den Speeren der Mauren, und von Denjenigen, die ihm im einzelnen Angriffe nahten, entrannen nur Wenige ſeinem ſcharfen Auge und ſeinen todbringenden Waffen. Plötzlich nahte eine dichte Staub⸗ wolke. Reduan, ſo eben noch weit entfernt, hielt wieder vor ihm. Gonſalvo ſchwang den Heldenarm und ließ ſeine gewichtige Klinge auf Reduan's Haupt niederfallen. Da deſſen Pferd im nämlichen Augenblicke über die auf der Erde liegenden Leichen ſtolperte, ſo konnte er diesmal nicht ausweichen. Das Schwert Gonfalvo's drang durch die Falten ſeines Turbans, und nur die wunderbare Härte der Stahlketten, die dieſen umſchlangen, entkräfteten die Wucht des Hiebes. Er wurde zu Boden geſchleudert und ſank unter das Pferd Don Gonſalvo's. „Spanien und St. Jago!“ rief dieſer.„Unſer größte Feind iſt gefallen!“ 1861. IV. Columbus und ſeine Zeit. I. 13 202 Aber kurz nur war dieſe Siegesfreude. Der ſcharfe Dolch des Geſtürzten hatte ſchon das Pferd des Ritter⸗ fürſten an einer unbeſchützten Stelle getroffen. Es bäumte ſich hoch auf, und Reduan erlangte dadurch wieder die Freiheit, aufſtehen, ſich zurückziehen und den Seinigen anſchließen zu können. Gonſalvo war zum zweitenmale an dieſem Tage genöthigt, ſchnell von ſeinem Pferde zu ſprin⸗ gen. Er blickte um ſich und ſprach mit bitterem Lächeln: „Der Sieg wird heute in den Händen der Ungläu⸗ bigen bleiben. Alle unſere Tapferkeit iſt vergebens. Viele von uns müſſen heute zeigen, wie ſpaniſche Kämpfer ſter⸗ ben ſollen. Möge Gott ihnen ihre Sünden vergeben und ihnen um ihres heldenhaften Todes willen das Fegefeuer abkürzen! Der böſe Geiſt hat die Klinge dieſes grimmigen Mauren geleitet. Gewöhnliche Waffen können ihn nicht bezwingen. Nur die Königin zu entfernen, darf noch unſer einziges Streben ſein!“ Er ſchwang ſich nun auf das herrenloſe Roß Re⸗ duan's und ritt zu den Seinigen zurück. Er gab Befehl, daß die Trompeten laut die Noth⸗ und Hilfszeichen er⸗ tönen laſſen, damit Jeder, der ſie höre, herbei käme. Manche glänzende chriſtliche Krieger eilten herzu. Aber auch die Feinde erhielten immer erneute Ver⸗ ſtärkung; zaubergleich ſchienen ſie aus der Erde hervor⸗ zuwachſen, ſo plötzlich und unerwartet kamen ſie hinter 203 dem Gebüſch oder den Klippen hervor. Auf Reduan's Befehl hatten ſie ſich zurückgezogen, wieder in Reihen formirt und den Vortheil des Erdreichs wahrgenommen; ſeine Unebenheit und ſeine beſchattenden Baumgruppen waren ihrem Lanzenwurfe und ihren behenden Roſſen außerordentlich günſtig. Immer noch ſuchten ſie durch kleine Scharmützel den Kampf fortzuſetzen. Die tollkühne Tapferkeit mancher Chriſtenritter vollbrachte in dieſen Stunden Heldenthaten, die noch gegenwärtig in den Bal⸗ laden der Spanier leben. Laut rief auch Gonſowo noch einmal Reduan zu, ſich ihm abermals zum Kampfe zu ſtellen. Allein dieſer antwortete nicht ſogleich darauf und blieb in einiger Entfernung, während der Kampf unaus⸗ geſetzt ringsum tobte. Bald aber verſuchte er bis zur Königin vorzudringen. Don Gonſalvo war wieder an ihrer Seite. Ihrer Benennung„Stachelſchwein“ entſpre⸗ chend, hatten die Schweizer jetzt eine mauergleiche Pha⸗ lanr um ſie gebildet. Dennoch wußte der ſchreckliche Maure durch endlos wiederholte Angriffe auch hier eine Lücke zu machen, in welche, ſie mehr und mehr erweiternd, die muſelmänniſchen Soldaten drangen. Don Gonſalvo war genöthigt, eine rückgängige Bewegung zu befehlen, wobei er raſch den Zügel von Ifabella's Maulthier ergriff. Nicht alle ſeine hier vereinigten Ritter vermochten ihm ijedoch ſchnell zu folgen, da der Maurenfürſt ſich mit den ** 204 Seinigen auch zwiſchen ſie zu drängen begann. In dieſer mehr und mehr überhand nehmenden Verwirrung wurden einige der Frauen von der Königin getrennt. Als es end⸗ lich Arnold gelungen war, mit gewaltigen Lanzenſtößen theilweiſe durchzudringen, gewahrte er mit Schrecken, daß das Banner von Caſtilien zu Boden geriſſen und in den Staub getreten war, daß Don Gonſalvo und ſeine Be⸗ gleiter flüchtend die Königin zu entfernen ſuchten und daß der Maurenfürſt ſie mit den Seinigen hartnäckig ver⸗ folgte. Andere Ritter ſuchten mit zweien der Frauen Iſa⸗ bella zu folgen. Eine Dritte dagegen wurde nur noch ſchwach vertheidigt. Der Reiter des milchweißen Roſſes ſchien es beſonders auf ſie gemünzt zu haben, da er alle ſeine kriegeriſche Geſchicklichkeit nur gegen ihre Verthei⸗ diger richtete. Ein furchtbares Entſetzen ergriff zum er⸗ ſtenmale unter allen Schrecken dieſes Tages das tapfere Herz Arnold Waller's, denn kein Zweifel blieb ſeinem von Liebe und Beſorgniß geſchärften Auge: es war Elvira von Viana, welche Gefahr lief, allein in die Ge⸗ walt der Feinde zu gerathen. Von keinem andern Gedanken als demjenigen an ihre Rettung erfüllt, ſchwang Arnold jetzt ſeine Waffe mit der Heldenkraft des beſten Ritters der Tafelrunde. Nie hatte er weniger an das eigene Leben gedacht, nie ſo ſehr alle Kraft und alle Gewandtheit ſeines ſtarken Armes aufgeboten, um einem Bedrängten Hilfe zu bringen. Die 205 Lanze des Schweizers wurde noch einmal der Schreck der Sarazenen, und wirklich gelang es ihm, bis zu der Dame vorzudringen und ſich an ihre Seite zu ſtellen. Obgleich ſie tief verſchleiert war, ſo glaubte er dennoch, daß ihre Miene ihm Muth zulächeln, ihr Auge ihm win⸗ ken müſſe. Wirklich ſprach ſie leiſe: „Du kommſt zur rechten Zeit, wackerer Schweizer. Es ſind mir nicht viele Vertheidiger mehr geblieben!“ „Verlaßt Euch auf mich, Donna Elvira! Wenn Alle weichen, ſo ſoll mein Arm Euch ſchützen!“ rief Arnold, deſſen Wange glühte.„Wenn ich falle, ſo denkt, daß Ihr Euren treueſten Kämpfer verloren habt, der ſein Leben zehnmal für Euch hingeben möchte. Für Gott und unſere Dame!“ In einem weniger aufgeregten Augenblicke würden dieſe Worte nie von dem jungen Manne geäußert worden ſein, denn nur zu gut war er ſich des Abſtandes bewußt, der ſich zwiſchen dem einfachen Lanzenträger und der Nichte des Königs von Arragonien fand. Allein die Gluth ſeiner Gefühle, die Angſt um die heim⸗ lich Geliebte ließen ihm unbewußt dieſe auf ſeine Lippen treten und gaben die anbetende Verehrung unumwunden kund, die er in ſeinem tiefſten Innern für ſie hegte. Er trat mit einer raſchen Bewegung vor ſie und ſuchte mit aller Kraft ſeines kampfgeübten Armes die mehr und mehr herandringenden Mauren abzuwehren. Der Haupt⸗ 206 mann Waller hielt noch immer Stand, um jetzt den Rücken des mit der Königin fliehenden Don Gonſalvo zu decken, und folgte dieſem, ſich mit einer Schaar Schweizer langſam zurückziehend. Arnold durfte alſo nicht erwarten, von ſeinen Landsleuten eine weitere Hilfe zu erhalten. Jetzt waren auch die letzten Vertheidiger der Donna El⸗ vira niedergeſtreckt. Wie ein Fels in der Brandung aber ſtand noch immer der eine Mann— Arnold Waller. Nun drang der Maurenfürſt auf dem milchweißen Roſſe ſelbſt auf ihn ein; er warf dieſes herum und ſuchte von der Seite her dem jungen Manne beizukommen, indem er ſeinen krummen Säbel ſchwang. Arnold war genö⸗ thigt, dieſe Angriffe mit ſeiner Lanze zu pariren, während er ſich und die Donna mit ſeinem großen Schilde gegen das Geſchoß deckte. Bald ſah er ein, daß der Maure, deſſen grüne Feder von ſeinem goldenen Helm flatterte, ihm nur deshalb von allen Seiten zuſetzte, um dabei der Dame ganz nahe zu kommen. Er verdoppelte ſeine An⸗ ſtrengungen, und da es ihm möglich wurde, mit dieſer ei⸗ nige dicke, knorrige Eichenſtämme zu erreichen, die ihr von einer Seite Schutz verliehen, ſo gab er trotz der ſich mehr und mehr drängenden Gefahr nicht die Hoffnung auf, die Vertheidigung fortſetzen zu können, bis ihm von irgend einer Seite her Beiſtand würde. Plötzlich aber fühlte er einen ſtechenden Schmerz in der Schulter; dieſer ward bald ſo heftig, daß alle Entſchloſſenheit des tapfern Käm⸗ 207 pfers dadurch erſchüttert wurde. Ein Pfeil hatte ihn von hinten erreicht; der ungepanzerte Rücken des Schweizers konnte leichter, als die mehr geſchützte Vorderſeite von ſeinen Feinden verwundet werden. Vor ſeinen Augen wurde es dunkel; er ſchwankte und ſank um, ſich ſelbſt und die mit ſo vieler Aufopferung vertheidigte Geliebte den ihn mehr und mehr umzingelnden Feinden als will⸗ kommene Beute bloßſtellend. Der Maure machte mit ſei⸗ nem Säbel ein Zeichen gegen ſeine Krieger, dem ein lau⸗ tes Commandowort folgte. Das furchtbare Allahgeſchrei ringsum verſtummte und aller Kampf hörte auf. Er ſenkte ſeinen Säbel und lenkte ſein weißes Roß zu der Stelle, wo ſich Elvira befand. In einem beſcheidenen Ton, der eigenthümlich gegen den Grimm des Kampfes abſtach, dem ſich der Maure bis jetzt ſo rückſichtslos überlaſſen hatte, redete er ſie an: „Schönſte Roſe von Arragonien, Du biſt in der Gewalt des Mauren. Ich habe Dich mir im heißen Kampfe gewonnen. Jedes fernere Widerſtreben würde unnütz ſein.“ Die Stimme war Elviren nur zu wohl bekannt. Sie war raſch von ihrem Maulthier geſtiegen und dicht an Arnold's Seite getreten. Die reiche Panzerkleidung, die goldene, mit Edelſteinen beſetzte Scheide, der glänzende Gürtel mit den übrigen goldverzierten Waffen beſtätigten die Vermuthung, welche ſich ihr mit erſtarrendem Schreck ———— ——— 208 aufgedrängt hatte. Es war der König Boabdil, den ſie heute an der Spitze ſeiner kampfgeübten Schaaren ſah, wie ſie ihn früher im Gewande eines mauriſchen Arztes erblickt hatte: das nämliche glühende Auge, das Antlitz, aus dem die Wildheit des Kampfes plötzlich verbannt war, von jenem ſchmeichelnden Ausdrucke beſeelt, der ihr entſetzlicher war, als jede Aeußerung des Haſſes, die es ihr hätte kundgeben können. Dieſe ſchreckenvollen Wahr⸗ nehmungen vermochten es aber dennoch nicht, der Nichte Ferdinand's gänzlich die Faſſung zu rauben. Sie ſprach mit ernſter Würde: „König der Mauren, ich bin Eure Gefangene. Allein Ihr ſeid nicht nur unſer Feind, ſondern auch ein Ritter, wenn auch Eure Farben nicht die unſrrigen ſind. Ich über⸗ gebe mich Euch, da die Unſern im Kampfe unterlegen ſind, und rufe bei Euch den Schutz eines Fürſten und Ritters an, um mich vor roher Gewaltthat zu ſchützen.“ „Er iſt Dir gewährt, Elvira von Viana,“ ent⸗ gegnete Boabdil mit ritterlicher Artigkeit.„Derjenige, der es wagen ſollte, Dir auf irgend eine Weiſe zu nahe zu treten, wird meine Rache fühlen. Sein Kopf ſoll durch mein eigenes Schwert von ſeinen Schultern fliegen zum warnenden Beiſpiel für Jeden, der ihm nachahmen möch⸗ te!— Beſteige jetzt Dein Thier wieder und geſtatte Dei⸗ nem unterwürfigen Sklaven, ſich für Deinen Ritter zu erklären und Dich nach Granada zu geleiten, wo Du im 209 Schatten der Alhambra Dein Haupt zur Ruhe legen ſollſt.“ „Ich werde ſogleich Deinem Gebote folgen, König der Mauren,“ verſetzte Elvira, die ſich nicht durch ſeine anſcheinende Unterwürfigkeit über ihre wirkliche Lage täuſchen ließ.„Vorher jedoch wirſt Du mir die Vollbrin⸗ gung einer Pflicht geſtatten, die in dieſem Augenblicke die erſte für mich auf der Erde iſt.“ Sie kniete hierauf an Arnold's Seite nieder und be⸗ gann ſeinen Helm und ſeinen Bruſtharniſch zu löſen. Auch die höher geſtellten Frauen jener Tage waren in dieſem Geſchäft wohl erfahren. Als Boabdil ihre Abſicht be⸗ merkte, ſagte er: „Warum willſt Du Dich alſo bemühen, Donna?— Einer meiner Krieger kann dieſem Manne dieſe Dienſte leiſten, die für Deine zarten Hände zu beſchwerlich ſind. Ueberdem iſt es ja nicht einmal ein Ritter, ſo daß ihm dieſe Bemühung durchaus nicht von der Nichte Don Fer⸗ nando's zukommt.“ „Er iſt ein Mann, der mir ſehr werth iſt; er hat dem hundertfältigen Tode getrotzt, um mich zu verthei⸗ digen, und iſt zuletzt für mich gefallen. Keine andere Hand als die meinige ſoll nach ſeinen Wunden ſehen. Dies iſt der geringſte Beweis von Erkenntlichkeit, den ich ihm noch zu zeigen vermag.“ Dieſe Worte Elvirens wurden mit einer ſolchen 210 Entſchiedenheit geſprochen, daß der Maurenkönig jeden weiteren Widerſpruch aufgab. Er ließ ſie gewähren und wandte ſein Haupt nach der andern Seite, um ſeinen Offizieren einige Befehle für die Heimkehr zu ertheilen und das Schlachtfeld dabei zu überſehen. Sie hatte nun den Panzer des jungen Mannes entfernt, und ſah ſeine hüb⸗ ſchen Züge vor ſich, deren ſonſt ſo lebenskräftiges Colorit jetzt von der Bläſſe der Ohnmacht verdrängt war. Sie legte die Hand auf ſein Herz: es ſchlug nur leiſe. Tödtlich erſchrocken zog ſie den ſchwarzen Schleier von ihrem An⸗ tlitze und lüftete ſein Wamms, um ihm mehr Freiheit zum Athemholen zu gewähren. Eine blaue Schleife ruhte auf ſeinem Herzen. Elvira erfaßte ſie mit bebender Hand; ein Blick belehrte ſie, daß mit goldenen Lettern der Name „Elvira“ darauf gewirkt war. Sie erkannte die Schleife, welche ſie ihrem Vertheidiger an jenem Abende gab, als er ſie aus der Gewalt Boabdil's befreit hatte.— In dem nämlichen Augenblicke ſchlug Arnold die Augen auf. Sie fielen auf das Antlitz Elvira's, welches die Sorge und Angſt der letzten Stunde gebleicht hatten und welches nahe zu ihm herabgebeugt war. In ihrer Hand hielt ſie jenes Zeichen der Verheißung, welches ſie ihm ſelbſt gegeben; in ihren ſchwarzen Augen ſchimmerte eine Thräne. Der Ausdruck ihres ganzen Weſens ver⸗ rieth ihm ohne Worte ihre Empfindungen. Eine unaus⸗ ſprechliche Wonne erfüllte Arnold's Herz; es war ihm, 211 als wenn ſich ihm in dieſer ſchweren, Gefahr umgebenen Stunde alle Freuden des Paradieſes öffneten, als wenn ein himmliſcher Friede ſich über die ganze Erde breite, die vom Blute geröthet, ſoeben noch von dem wüſten To⸗ ben des tödtlichen Kampfes wiederhallte. Sein Auge be⸗ gann zu leuchten, während das Blut flüchtig wieder ſeine Wange fürbte. Elvira konnte die Sprache ſo wenig miß⸗ verſtehen, welche in dieſem Spiegel der Seele ſich kund⸗ gab, daß ſie den Blick ſenkte und eine hohe Röthe ihr Antlitz bedeckte. Er ergriff die eine ihrer Hände und führte dieſe an ſeine Lippen. Sie ließ ihn gewähren und ſagte dann leiſe: „Du haſt dieſe Schleife bewahrt, edler Schweizer— bewahrt ſeit jener Stunde, die glücklicher für Dich und mich war, als die gegenwärtige?“ n „Sie hat unverändert ſeitdem auf meinem Herzen geruht,“ ſtüſterte Arnold.„Dies Pfand Eurer Huld war für mich ein Talisman, der mich in Kampf und Gefahr ſtärkte, der mir theurer war, als die heiligſte Reliquie. Nur mit meinem Leben würde man es mir entreißen kön⸗ nen!“ Er ſtreckte die andere Hand nach dem Bande aus, als wolle er es vor jeder Entfernung ſichern. Sie beugte ſich noch tiefer und verbarg es ſelbſt mit einem vielſa⸗ genden Blick unter ſeinem Koller. Dann ſagte ſie ſanft: „Aber richte Dich auf, wenn es Dir möglich iſt. 212 Es quillt Blut von Deiner Schulter; Du mußt dort verwundet ſein, und wir müſſen verſuchen, einen Verband anzulegen.“ Es gelang Arnold mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte ſich bis zum Sitzen aufzurichten. Donna Elvira war wie viele Frauen jener Tage in der Heilkunde wohl⸗ erfahren. Sie fand ſogleich den Pfeil, welcher noch in der Schulter des jungen Mannes ſteckte. Schweigend, je⸗ doch mit ſo zarter wie geſchickter Hand zog ſie ihn heraus. Ein Stückchen Leinen war um ſeine Spitze befeſtigt. „Der Pfeil iſt vergiftet geweſen,“ ſprach ſie, ihn betrachtend.„Dies beweiſt dies Stückchen Leinen, welches die Mauren nach ihrer nichtswürdigen Verfahrungsart in das Gift des Krautes der Alguxarras getaucht haben werden, damit jeder ihrer Pfeilſchüſſe den Chriſten tödtlich ſei. Es giebt nur ein ſchnelles Mittel, um Dich zu retten, Arnold Waller.“ Ihre anfänglich bebende Stimme war zuletzt feſt und entſchloſſen geworden. Sie beugte ihre Lippen bis zu ſeiner Schulter herunter. „Was wollt Ihr thun, Donna Elvira?“ rief Arnold faſt erſchrocken. „Ich will das Gift aus Deiner Wunde ſaugen, ehe es ſich weiter in Dein Blut verbreitet,“ verſetzte ſie.„Es muß gleich geſchehen, denn ſonſt wird es zu ſpät ſein.“ „Gott verhüte es, daß Ihr meinetwegen Euch ir⸗ 213 gend einer Gefahr unterziehet!“ rief Arnold noch immer abwehrend.„Das Gift, das man mir eingeflößt hat, darf nie von Euch berührt werden!“ „Es iſt nur in der Verwundung gefährlich, nicht für Denjenigen, der es nur bis an ſeine Lippen bringt,“ verſetzte ſie.„Laß mich gewähren!“ „Nein!“ rief Arnold wieder;„wenn ich gerettet werden kann, ſo werden ſich hier andere Lippen zu dieſer Dienſtleiſtung bieten, als die Euren. Irgend einer dieſer Krieger wird ſich vielleicht dazu willig finden, wenn ich ihn deshalb anrufe.“ „Thue dies nicht!“ ſprach Elvira angſtvoll.„Wir wiſſen, wie ſchlecht gewöhnlich die gefangenen Chriſten von dieſen Feinden des Kreuzes behandelt werden. Man würde Deine Bitten verachten, und wenn es nicht geſchähe, Dir doch auf keinen Fall die nöthige Sorgfalt erweiſen. Ar⸗ nold,“ fuhr ſie leiſe fort, als er noch immer zögerte,„willſt Du mir die dringendſte Bitte abſchlagen, die ich jemals an Dich richten könnte— die erſte, welche Du von mir hörſt?“ Er vermochte dieſem ſanften, flehenden Ton nicht länger zu widerſtehen und ließ ſie endlich gewähren. Hoch ſchlug ſein Herz, als er ſie ihren Pilgerhut abnehmen ſah, ihre Lippen an ſeiner Schulter, ihr Antlitz auf dieſer ru⸗ hen fühlte. Sie vollbrachte die ganze Handlung mit der Geduld und Emſigkeit des ſorgſamſten Wundarztes. Dann 214 zog ſie ein feines, weißes Tuch aus ihrem Gewande und verband mit dieſem die Wunde, nachdem es ihr gelungen war, das Blut zu ſtillen. Nun befeſtigte ſie ihm wieder mit gewandter Hand ſein Wamms und ſeinen Bruſthar⸗ niſch, indem ſie nochmals die Schleife darunter legte. Alles dies geſchah möglichſt raſch, und da die Aufmerkſamkeit des Maurenkönigs ziemlich lange durch ſeine von mehre⸗ ren Seiten anlangenden Hauptleuten gefeſſelt wurde, ſo beachtete er dieſe unfern vorgehende Scene wenig. „Laßt mich nicht von Euch trennen, Donna Elvira,“ flehte Arnold, während ſie um ihn beſchäftigt war. „Ich habe Dir verſprochen, daß ich jeden Deiner Wünſche berückſichtigen würde, ſobald Du mirjene Schleife vor Augen brächteſt,“ erwiederte ſie mit holdem Lächeln. „Du ſollſt ſehen, daß ich meines Wortes gedenke.“ Sie ſetzte ihren Hut wieder auf, zog ihren Schleier vor und trat zu ihrem Maulthier. Arnold hatte ſich ganz aufgerichtet und ſtand einige Schritte hinter ihr. Von Reduan Benegas war von hieraus nichts zu erblicken. Die mauriſchen Anführer hatten Bericht von ihm erſtattet, und dann berieth der Sultan den Weg mit ihnen, der am beſten einzuſchlagen wäre, um die reiche Beute des Tages mit nach Granada fortzubringen. Er wandte ſich nun zu Elvira: „Wird es Dir gefallen, Herrin, Dein Maulthier 215 wieder zu beſteigen und mein Geleit anzunehmen, damit Du ungefährdet nach Granada gelangen mögeſt?“ „Ich bin bereit, Dir zu folgen, Sultan,“ erwie⸗ derte ſie gelaſſen. Er hielt ihr mit ritterlicher Galanterie die eine and hin, indem er die andere gegen ſie ausſtreckte. Sie erfaßte dieſe flüchtig, ſetzte den zierlichen Fuß auf die Er⸗ ſtere, und ſaß im nächſten Augenblicke auf ihrer Sattel⸗ decke Sie deutete noch einmal auf Arnold, welcher ver⸗ gebens ſeine Lanze in der geſchwächten Hand zu halten verſuchte, und ſagte: „Dieſer Mann iſt in meiner Vertheidigung ver⸗ wundet worden. Du biſt ſelbſt ein tapferer Ritter, Sultan, und wirſt daher den Tapfern nicht ſtrafen, weil er ſeine Pflicht gethan. Wenn er auch Dein Feind iſt, ſo behandle ihn um meinetwillen ohne Härte und nimm ihn mit nach der Alhambra.“ „Dein Wunſch iſt mir Befehl, Herrin,“ erwiederte Boabdil.„Sobald Du für ihn bitteſt, ſoll ihn der Schat⸗ ten meiner Gnade einhüllen. Er wird ſich unſerm Ge⸗ folge anſchließen. Muſtafa, Du trägſt Sorge für dieſen Gefangenen, als wenn er zu den Getreuen unſerer Alham⸗ bra gehörte.“ Dieſe Worte richtete er an einen alten Krieger von düſterem Anſehen, der ihm nahe ſtand. Dieſer kreuzte zum Zeichen des Gehorſams die Arme über der Bruſt, indem 216 er den Kopf beugte. Der Sultan ſchwang ſich auf ſein Roß und ritt an Elvirens Seite weiter. Eine glänzende Schaar, in deren Mitte die Fahne mit dem Halbmond ſichtbar war, hatte ſich um ihn geſammelt. Dann ſchloßen ſich dunkle, gewaltige Geſtalten an, die äthiopiſche Leib⸗ wache Boabdil's. Das wilde Schmettern der mauriſchen Trommeln, der dumpfe Schall der afrikaniſchen Pauke, das Klingen der Becken, die ganze lärmende Kriegsmuſik der Muſelmänner wurde vernehmlich, und es ſtrömten von allen Seiten die flimmernden Lanzen und flatternden Fah⸗ nen herzu. Das mauriſche Heer wurde zum Abzug ge⸗ rufen. Arnold wurde auf ein Pferd geſetzt und folgte an der Seite des ihm gegebenen Beſchützers und Wächters, ohne daß es ihm gelang, auch nur den Rand von El⸗ virens Hut in der Ferne wieder zu gewahren.— Ende des erſten Bandes. ſſ 5 16 1 8 9 10 11 12 14 1. 18 1