— 5 „% %ℳ S Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Keih- und eſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Il * jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.—— S auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 M.— Pf. „„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Maria Thereſia Charlotte Corday Manon Roland Louiſe von Preußen Seherin von Prevorſt Bettina Letitia Landon Nodnagels poetiſche Frauenbilder. II. —— Aſien, deſſen Klima und Sitte ſeit uralten Zei⸗ ten die Frauen zur Unthätigkeit und Dienſtbarkeit verurtheilte, hat außer der fabelhaften Semiramis keine Herrſcherin gekannt, die mit Zenobia, Pal⸗ myra's Königin, zu vergleichen wäre. Von den mace⸗ doniſchen Königen in Aegypten, den Ptolemäern und der Cleopatra entſproſſen, galt ſie für die liebens⸗ würdigſte und heldenmüthigſte ihrer Zeit. Ihr dunk⸗ les Geſicht gewann durch perlenweiße Zähne und die großen, ſchwarzen Augen, die ungewöhnliches Feuer und einnehmende Milde ſtrahlten, einen ganz eigenthümlichen Ausdruck. Die kräftige und wohl⸗ klingende Stimme, mehr noch ein ſcharfer, durch vielſeitige Kenntniſſe bereicherter und verfeinerter Geiſt, verrieth die geborene Herrſcherin. Wechſels⸗ weiſe feſſelten ſie die unſterblichen Geſänge Homers und die Geſpräche Platons, in welche der gelehrte Grieche Longinus, ihr Lehrer, ſie einführte; mit der Geſchichte des Morgenlandes machte ſie ſich vertraut; 1 3 ſie verſtand außer der lateiniſchen und griechiſchen auch die ſyriſche und ägyptiſche Sprache; nur aus Beſcheidenheit wagte ſie nicht die lateiniſche zu reden. Odenath hatte ſich aus dem Privatſtande durch Tap⸗ ferkeit und Klugheit zum Beherrſcher des Orients emporgeſchwungen. Ihm reichte Zenobia ihre Hand. Mit ihm theilte ſie, wenn der Krieg ruhte, ſein ein— ziges Vergnügen, die Thiere der Wüſte, Löwen, Ti⸗ ger und Panther zu erlegen; ja ſie übertraf ihn da⸗ bei oft an Kühnheit und Schnelle. Stets trug ſie dabei Männerkleidung, ſchwang ſich zu Roß, oder gieng Meilenweit vor ihrem Heere zu Fuße. Ode⸗ nath verdankte ſeine Siege meiſt ihrer Klugheit, ihrer Entſchloſſenheit; ſie verfolgten den perſiſchen Monarchen Schapur zweimal bis an Kteſiphon's Thore, retteten Provinzen und erhielten die Vereh⸗ rung des römiſchen Senats und Volkes, weil ſie ihren gefangenen Kaiſer Valerian gerächt hatten. Denn Wenn zu Pferd ſtieg Artaxerxes ungezähmten Stolz im Blick, Setzte ſeinen Fuß der König auf Valerians Genick. Sein Sohn Gallienus, wiewohl in einem üppigen Le⸗ ben wenig um die öffentliche Noth und um Odenaths Siege ſich kümmernd, ernannte den Letztern doch zum Lohne ſeiner Großthaten zum Mitkaiſer. Auch ge⸗ gen die Gothen, welche das Reich in große Gefahr brachten, blieb Odenath Sieger und nahm nun ſeine Reſidenz zu Emeſa in Syrien. Häuslicher Vertath ſollte hier den Helden ſtürzen, an deſſen Bruſt die — Kriegspfeile kraftlos abprallten. Sein Neffe Mäo⸗ nius, ein trotziger Jäger, ſchoß ſeinen Wurfſpieß vor ſeinem Oheim ab. Dieſer verwieß ihm das un⸗ geziemende Benehmen, Mäonius wiederholte es auf der Stelle und wurde dafür mit kurzer Haft und dem Verluſt ſeines Pferdes beſtraft, was jenes Volk für eine große Schande erachtete. Rache kochte in der Bruſt des Jünglings, bald überfiel er mit eini⸗ gen Genoſſen den Oheim, während dieſer tafelete, und erſchlug ihn und deſſen Sohn. Zenobia ſoll um die Verſchwörung gewußt haben. Dieſer Ver⸗ dacht widerlegt ſich aber vielleicht dadurch, daß ſie den Verräther, welcher den Purpur um ſeine Schul⸗ tern werfen wollte, dem Andenken ihres Gemahls opferte. Von klugen Freunden berathen, beſtieg Zenobia den Thron und herrſchte fünf Jahre im Orient mit eines Mannes Kraft und Umſicht. Der Senat zu Rom hatte dem lebenden und ſiegreichen Odenath Rang und Königstitel gelaſſen, gegen die Wittwe ſchickte er einen Feldherrn, welcher aber Schlacht und Heer verlor und nach Europa heim⸗ kehren mußte. Immermehr zeigte ſich Zenobia's großer Geiſt; ſie wußte ſtets zur rechten Zeit zu lohnen und zu ſtrafen. Man ſchalt ſie geizig, allein bei jeder ſchicklichen Gelegenheit umgab ſie ſich mit jener Pracht, ohne welche kein aſiatiſcher König Gel⸗ tung hat. Die Nachbarländer ſuchten ihre Freund⸗ ſchaft. Zenobia gewann zu ihres Gemahls Be⸗ ſitzungen noch das volkreiche und fruchtbare Aegyp⸗ ten. Der Kaiſer Claudius, immer noch mit den Gothen beſchäftigt, ſah in ihr nur die Bundesgenoſ⸗ ſin, welche im Orient die Würde des römiſchen Na⸗ mens behaupte. Doch dies genügte ihr nicht; ſie wollte ſelbſtändig herrſchen; ſie legte ſich den Titel einer Königin des Morgenlandes bei, und wie⸗ wohl ſie herablaſſend wie ein Römer verfuhr, ver⸗ langte ſie ſtreng von ihrem Volke die Anbetung, welche den Nachfolgern des Cyrus geworden. Ihren drei Söhnen, von welchen nur der jüngſte den Sturz der Mutter überlebte, gab ſie eine glänzende Etzie⸗ hung und ſtellte ſie oft im kaiſerlichen Purpur dem Heere dar, während das Diadem nur ihre ſchöne Stirne ſchmückte, auf welcher kühne Siegesgedanken thronten. In den öffentlichen Verſammlungen er⸗ ſchien ſie mit dem Helm auf dem Haupte, in einem Purpurmantel, deſſen Saum mit Juwelen be⸗ ſetzt und der auf der Bruſt mit einer koſtbaren Agraffe befeſtigt war. Oefters zeigte ein gewählter Schmuck auch ihren vollen, ſchneeweißen Arm. Au⸗ relian beſtieg den Kaiſerthron zu Rom. Er eilte hinzu, der hohen Frau die Siegeskrone zu entreißen. Bithynien, welches die Ränke und Waffen Zenobia's bereits wankend gemacht, fügte ſich ſeinem Machtge⸗ bote. Einige Städte fielen durch Verrath in ſeine Hand. Antiochiens Bürger flohen bei ſeiner Annä— herung, allein er rief ſie zurück und verhieß Allen Leben und Verzeihung, welche ſich nur gezwungen dem Scepter Zenobias unterworfen hatten. Dies gewann ihm die Herzen der Syrier, er konnte dar⸗ auf denken, die Königin in ihrer Hauptſtadt anzu⸗ greifen. Zenobia ließ es nicht ſo weit kommen; ſie lieferte ihm zwei Schlachten, in welchen zwar ein erprobter, ſchon in Aegypten ſieghafter Feldherr Zab⸗ das den Oberbefehl hatte, die Königin ſelbſt aber durch Blick und Wort die Ihrigen anfeuerte. Au⸗ rekian wählte ſich die geübteſten Legionen aus, und was Muth und Kraft nicht allein vermochte, erſetzte des Römers Liſt, der durch verſtellte Flucht die un⸗ gleich bewaffnete Schaar Zenobia's ermüdete und theilte. Ein drittes Heer ſtand ihr nicht zu Ge⸗ bot; alles Land, was ihr ſonſt gehuldigt, beugte ſich dem Sieger, welcher ſeinem tapferſten Feld⸗ herrn, Probus, die Einnahme Aegyptens übertrug. Palmyra war nun Zenobias letzter Zufluchtsort; ſie warf ſich in dieſe Hauptſtadt, und erklärte mit un⸗ gebeugtem Muthe, ſie würde nur mit ihrem Leben der Herrſchaft entſagen. Reizend war die Lage der Stadt und ihre Umgebung; reine Lüfte wehten hier, herrliche Quellen befruchteten den Boden, Karavanen aus fernen Landen, welche! Indiens Schätze den Nationen Europa's zuführen wollten, brachten Fülle und Reichthum. Damals konnte die Stadt, die un⸗ ter Odenath und Zenobia auf dem Gipfel ihres Glanzes ſtand, als Nebenbuhlerin der alten Roma ſelbſt gelten. Dies ſollte ihr und der hohen Köni⸗ gin Verderben ſeyn. Auf ſeinem Zuge durch die Sandwüſten zwiſchen Emeſa und Palmyra ward der Kaiſer Aurelian unaäufhörlich von Syriſchen Räu⸗ berbanden und den Anfällen der Stämme in der Wüſte beunruhigt. Aber die Reſidenz Zenobia's zu belagern, dünkte ihm noch wichtiger und mühſamer. Er leitete die Belagerung ſelbſt und wurde durch einen Pfeil verwundet. Damals ſchrieb er: Die Römer ſpotten mein, weil ich mit einem Weibe Krieg führe— ein Beweis, daß ſie weder den Geiſt, noch die Streitkraft dieſer Zenobia kennen. Es iſt un⸗ möglich, die Menge ihrer Kriegsrüſtungen, Waffen und Wurfgeſchoſſe zu beſchreiben; überall ragen zwei oder drei Balliſten(große Wurfmaſchinen) ob der Mauer und Maſchinen ſpeien ihre Flammen herab. Kurz, Zenobia fürchtet ſich wie ein Weib; Furcht vor Strafe ſteigert aber den Muth dieſes Weibes zur Verzweiflung. Ich traue demungeachtet Roms Schutzgöttern, die bisher alle meine Unternehmungen geführt und begünſtigt haben.— Bald wankte ſein Vertrauen; er ſchlug vortheilhafte Bedingungen der Uebergabe vor, der Königin ehrenvollen Abzug, den Bürgern die Zuſicherung ihrer alten Vorrechte. Man wies ihn hartnäckig und mit Spott zurück. Der Biograph des Kaiſers bewahrte uns deſſen Brief und die Antwort Zenobia's auf. Sie ſagt: Du biſt der Erſte, der mir jemals einen ſolchen Antrag that. Nur Tapferleit muß bei Kriegsunternehmungen ent⸗ ſcheiden. Du forderſt mich zur Uebergabe auf, und erinnerſt dich wohl nicht, daß Cleopatra in gleichem Falle jedem Andern den Tod vorzog. Wie wird es um dich ſtehen, Aurelian, wenn die von allen Sei⸗ ten uns zu Hülfe eilenden Völker eintreffen? Ent⸗ ſage alſo der ſtolzen Anmaßung, mit der du, im Geiſte ſchon Sieger, gebieteriſch meine Unterwerfung forderſt.— Zenobia hoffte nämlich einestheils, Au⸗ relian werde durch Mangel zum Abzug genöthigt, anderntheils ſah ſie einer Unterſtützung der morgen⸗ ländiſchen Könige entgegen. In Beidem täuſchte ſie ſich. Schapurs Tod hatte Zerwürfniſſe bedenklicher Art bei den Perſern bewirkt, die wenigen nach Pal⸗ myra ziehenden Hülfstruppen machte ſich Aurelian durch Gold oder Eiſen unſchädlich, aber aus allen Theilen des Landes kam ihm Zufuhr und Probus, nach der Eroberung Aegyptens heimkehrend, verſtärkte ihn. Zenobia ſuchte nun zu fliehen. Sie warf ſich auf ihr ſchnellſtes Dromedar und ſah ſchon die be⸗ buſchten Ufer des Euphrat, viele Meilen von der Reſidenz vor ſich, als die ihr nachſetzenden Reiter des Kaiſers ſie einholten und gefangen zu Aurelian brachten. Kurz nachher ergab ſich Palmhra und wurde nicht mehr ſo ſchonend behandelt. Unermeß⸗ liche Schätze fieen dem Sieger zu, der nun eine un⸗ bedeutende Beſatzung hier ließ und nach Emeſa zu⸗ rückkehrte. Mehr als alle Koſtbarkeiten freute ihn * die Gefangennehmung der Herrſcherin des Morgen⸗ landes. Düſter und ernſt frug er ſie, wie ſie hätte wagen mögen, gegen Rom ein Schwert zu erheben. Mit feiner Schmeichelei, doch im ſtolzen Ton ant⸗ wortete ſie: Ich durfte mich nicht herablaſſen, einen Aureolus oder Gallienus für römiſche Kaiſer anzu⸗ ſehen. Nur dich erkenn' ich als meinen Sieger und Oberherrn. Mit lautem furchtbaren Geſchrei ver⸗ langten die Soldaten den Tod des gefährlichen Wei⸗ bes; ſie zitterte, ihr Muth ſank: Ach, das Leben hatte für ſie der Annehmlichkeiten ſo viele geboten, und— das Glück iſt launiſch; die heute als eine Gefangene vor dem Hohne der Sieger ſtand, konnte morgen ihnen den Fuß auf den Nacken ſetzen. Sie dachte nun nicht mehr an ihr Vorbild Cleopatra; ſie gab ihren Ruhm und ihre Freunde preis, ſich ſelbſt zu retten. Aurelian wendete ſeinen vollen Zorn gegen die Männer, welche dem ſchwachen Weibe— er kannte ſie nur als ſolche— gerathen. Longinus, der griechiſche Rhetor, ihr Lehrer und Freund, hatte nicht allein über das„Erhabene“ ge⸗ ſchrieben, er war ſelbſt erhaben über des Glückes Laune und zürnte der Philoſophie nicht, die ſeines Todes Urſache wurde. Aurelian ſprach ihm das Leben ab, weil man in ihm den Verfaſſer jenes übermüthigen Schreibens der Zenobia ſah. Ohne den geringſten Klagelaut ließ der Grieche ſich zur ſchimpflichen Hinrichtung führen, bedauerte die klein⸗ müthige Schülerin und tröſtete ſeine wehklagenden Freunde.— Aurelian war ſchon an Europas Kü⸗ ſten gelandet, als ihn die Kunde von einem ſchmäh⸗ lichen Abfall Palmyra's einholte; denn ſelten, ja ſchwer iſt es— ſagt der Biograph— daß Syrer Treue und Glauben halten. Er kehrte zum zweiten Mal zurück und ergoß die volle Schale ſeines Zorns über die wehrloſe Hauptſtadt und zumal über Achil⸗ leus, einen Verwandten Zenobia's, den man zum König gewählt hatte. Erſt ſpät und nachdem Wei⸗ ber und Kinder gewürgt waren, ſtillte ſich ſein Blut⸗ durſt. Zwar verſtattete er den Wiederaufbau, doch Zenobia's Stadt ſank immer tiefer und verkam zu⸗ letzt als ein elendes Dorf, deſſen Bewohner ſich un⸗ ter den Trümmern alter Größe und Herrlichkeit an⸗ geſiedelt. In dieſer Zeit hatte ein reicher Kaufmann Firmus, Freund und Genoſſe des Odenath und er⸗ griffen vom Schickſal Zenobia's, in Alerandria die Fahne des Aufruhrs erhoben, den kaiſerlichen Pur⸗ pur angelegt und ein Heer geworben. Dies aber zerſtob bei der Annäherung des Imperators; Fir⸗ mus, geſchlagen, gefangen, gefoltert, büßte mit einem grauſamen Tode. Wie mochte das Herz der Stol⸗ zen bluten, da ſie in ihm ihren letzten Freund ver⸗ lor!— Noch ſtand ihr das ſchlimmſte bevor, ehe ſie in den Kreis gewöhnlicher Frauen eintreten ſollte. So lange Rom blühte, wurde vielleicht kein Triumph⸗ zug gefeiert, wie der Aurelians. Zwanzig majeſtä⸗ tiſche Elephanten, vier Königstiger und andere ſel⸗ tene Gethiere, zweihundert an der Zahl, eröffneten den Zug. Sechshundert Fechter folgten, die im Amphitheater das Volk ergötzen ſollten. Dann bot ſich aller Reichthum Aſiens, in Gold, Silber und Perlen und der ganze Schmuck der ſyriſchen Köni⸗ gin den erſtaunten Augen der Menge dar. Geſandte der überwundenen Nationen in ihrer Landestracht ſchritten einher. Wer zählte all die goldenen Kro⸗ nen, welche die Dankbarkeit einzelner Städte Aſiens dem Sieger überreichten und die nun auch zur Schau getragen wurden! Faſt hätte es den langen Zug der Gefangenen: Gothen, Vandalen, Aleman⸗ nen, Syrer und Aegypter nicht bedurft, die ſich Volk um Volk durch beſondere Aufſchriften von ein⸗ ander ſchieden. Zunächſt ſchritten zehen Heldinnen gothiſcher Abkunft, die man, weil ſie in männlicher Tracht unter den Gothen mitgefochten hatten, Ama⸗ zonen nannte und im Waffenſchmuck aufführte. Am meiſten reizte die Neugier der gefangene Gegenkai⸗ ſer Tetrikus und— Zenobia, die Königin des Mor⸗ genlandes. O daß ſie dieſen Triumph erlebte! Ihre Ahnin Cleopatra wußte einer gleichen Schmach zuvorzukommen. So läßt dieſe der Dichter zu ihrer Vertrauten ſagen, als ſie eine ſolche Zukunft be⸗ fürchten mußte: Nun, was denkſt du, Iras? Du als ein fein ägyptiſch Püppchen ſtehſt — —— —.—— ——— In Rom zur Schau, wie ich! Handwerkervolk Mit ſchmutz'gen Schurzfell, Maß und Hammer hebt Uns auf, uns zu beſeh'n; ihr trüber Hauch, Widrig von grober Speiſ', umwölkt uns dampfend Und zwingt zu athmen ihren Dunſt. Iras. Verhüten es Die Götter. Cleopatra. O ganz unfehlbar, Iras! Freche Büttel Ergreifen uus wie Dirnen, ſchalen Reimern Sind wir Balladenſtoff; Komödianten Stegreifeln loſ' uns auf der Bühn' und unſ're Alexandriniſchen Gelage. Mare Anton Tritt auf im Weinrauſch, und ich ſehe ſchon, Wie jungenhaft quiekt Cleopatras Größe. Zenobia ertrug es. Sie war an Händen und Fü⸗ ßen in goldene Feſſeln geſchlagen. Die Kette, die ihr um den Hals hieng, wurde ihr von einem perſi⸗ ſchen Sklaven nachgetragen; ſie ſelbſt ſank beinahe unter der Laſt ihres Schmuckes zu Boden. Zu Fuße gieng ſie vor dem prächtigen Wagen, in welchem ſie ihren Einzug in Rom zu halten hoffte. Zwei an⸗ dere, noch prachtvollere Wagen folgten, der Odenaths und der des Perſerkönigs. Vier Hirſche zogen Au⸗ relians Wagen, ein ſeltenes Geſpann! In den Sie⸗ gesjubel des Volkes und ſeiner Soldaten miſchte ſich freilich ein dumpfes Murren, weil Tetrikus als Römer dieſer Beſchimpfung preisgegeben ward. Deſto huldvoller zeigte ſich aber Aurelian nachher gegen ihn. Zenobia erhielt von dem Sieger eine Villa in dem ſtillen Tibur, wo ſie ihre Schmach in dem ungeſtörten Traume eines einförmigen Lebens vergaß. Ihre Töchter heiratheten in angeſehene Fa⸗ milien und ihr Geſchlecht war im fünften Jahrhun⸗. dert noch nicht erloſchen.— So beſchreibt Calderon Zenobias Reiz und Hoheit: Dort herrſcht Zenobia, jene Göttergleiche, Zu welcher ſich geneigt der Sterne Schaaren, Daß Alles ihr an Stärk' und Schönheit weiche; Denn ſelbſt das Fernſte ſollt' in ihr ſich paaren. Luna, Saturn und jener Strahlenreiche Verliehn ihr das Metall, das ſie gebaren; Merkur gab ihr Verſtand, Zeus Glück und Ehre, Mars Tapferkeit, und Schönheit gab Cythere. Sie, als der Welt Bewundrung anzuſchauen, So ſtolz wie ſchön, ſie war als Amazone Des Erdenrunds, ja ſelbſt des Himmels Grauen, Dräng' auch ein Graun bis zu des Himmels Throne, Mit kriegeriſchem Muth und Selbſtvertrauen Behauptet ſie die Freiheit ihrer Krone, Und ſpricht als Siegerin, ſtolz und unlenkbar: Roms Herrſchaft ſey in ihrem Land undenkbar.— Und hier, umkränzt von einer Schaar von Frauen, Die reizend hießen, wo ſie ſelbſt nicht wäre, Ließ ſich die göttergleiche Hoheit ſchauen;„ Doch jenen zu vergleichen war die Hehre, So wie der Lenz den Blumen auf den Auen, Der Sonne Glanz dem niedern Sternenheere, Das Meer den Bächen; ſo, in der Vereinung Der Nymphen, war der Göttlichen Erſcheinung. Auf ihren Fuß ſah man die Silberfranze Vom Saum des Kleides ſich herniedertauchen; So ſchien es, auf kryſtallnen Wogen tanze Der Silberſchaum bei leiſer Winde Hauchen. Zum Spiegel pflegt', in ihrem ſchönſten Glanze, Die Sonne gern den Harniſch zu gebrauchen; Und war bald mehr, bald minder rein ihr Schimmer, So ſchmückte ſie vor ihm ſich wohl nicht immer. Geſtickt mit Silberblumen, floß vom Rücken Der Mantel auf die Flur in Purpurfalten. Und mußte ſich, das Auge zu entzücken, (Wenn am Azur die goldnen Lichter walten) Mit Silber nicht ein Purpurhimmel ſchmücken? Denn könnte ſich die Wölbung umgeſtalten, Uud prangte röthlich die erhabne Ferne So wäre ſilbern auch das Licht der Sterne. Von reichen Spitzen ſtrahlengleich umfangen War dieſes Mantels Pracht, und feſtgeſchloſſen Auf ihren Schultern durch zwei Silberſpangen, In ſchöner Blumen gleiche Form gegoſſen. Auf, ihrem Haupt, mit königlichem Prangen, Schien roth und weiß ein Federnwald zu ſproſſen Voll kühnen Muths empor zur Sonne ſteigend, Doch weiſe ſich der Macht des Windes neigend. Ihr hehres Antlitz laß ich unbeſungen; Nicht, daß die Lieb' es etwa nicht bemerke: Nein, weil der Heldin, die ſo oft gezwungen Zur Furcht die Furcht, zum Tod des Todes Stärke, Zum Preis den Ruhm, zu lauten Huldigungen Den Himmel ſelbſt, durch Stolz und hohe Werke, Im Kriege kühn, im Frieden nimmer müßig— Weil ſolcher Frau Schönheit wär' überflüſſig. 6 Palmyra's Größe und Herrlichkeit war Zenobia's Werk und einziges Streben. Darum beſingt ein an⸗ derer Dichter, die Ruinen dieſer Stadt Bſchen das Andenken der großen Königin: Zenobia! Dn lebſt in dieſen Steinen, Von ihnen trennt dein hehres Bild ſich nicht. Du ſahſt Palmyra's letzte Sterne ſcheinen, Aurelians gefürchtetes Gericht. Doch muthig, ohne Klageton und Weinen, Trugſt du der Feſſeln glänzendes Gewicht, Und zogeſt ſtolz' vom Diamant umflogen, Zum Tiberſtrom, durch deines Siegers Bogen. Palmyra war dein zweites Seyn und Leben, Dein Morgenſtern, dein letztes Abendroth. Drum wollteſt du dem Sieger dich nicht geben, Als er dir ſtolz des Lebens Kleinod bot. Cleopatra's erhabenes Todesbeben umſchwebte dich in deiner höchſten Noth; Wie jene fiel von eignen Heldenhänden, So wollteſt du den Herrſchertraum beenden, 19. 20. Kriemhild und Brunhild. Ein gewaltiges Lied von der mächtigen Frau, die erſt als zarteſte Jungfrau Daſteht, und verſchämt voll ſchüchterner Huld dem erhabenen Helden die Hand reicht, Bis dann ſie zuletzt, durchs Leben geſtählt, durch glühende Rache gehärtet, Graunvoll auftritt, in den Händen ein Schwert, und das Haupt des ent⸗ haupteten Bruders. Platen. Zu Worms am Rheine hauſten die tapfern Burgonder. König Dankrat, in ſeiner Jugend weit⸗ geehrt, war geſtorben und hatte Frau Ute, ſeine tu⸗ gendſame Gemahlin, nebſt drei Söhnen: Gunther, Gernot und Giſelher, ſowie eine Tochter Kriemhild hinterlaſſen. Letztere pries, wer ſie nur ſah, als ein edel Mägdelein, wie in allen Landen kein ſchö⸗ neres mochte ſeyn, und mit innigſter Liebe pflegten ſie die Brüder. Am Hofe lebten auserwählte De⸗ gen; ſtark und kühn, in allen Streiten unverzagt, worunter Hagen von Troneck, deſſen Bruder Dank⸗ wart, Ortewein von Metz, die Markgrafen Gere und Eckewart und beſonders Volker von Alzei, der kun⸗ dige Spielmann, die wackerſten hießen. Einſt träumte die in hohen Ehren aufblühende Kriemhild, ſie zö⸗ ge einen ſchönen, wilden Falken, den zwei Aare ihr zum Leid griffen und zerriſſen, und nie war ſie noch im Traume ſo betrübt und kummervoll gewe⸗ — ſen. Sie erzählte dieſen ſeltſamen Traum ihrer Mutter Ute, und dieſe wußte ihn zu deuten: Der Falke, das iſt ein edler Mann, Gott wolle ihn behüten, ſonſt iſt es um ihn gethan. Aber dieſe Deutung ſchien dem jungfräulichen Kinde weder zu gefallen, noch einzuleuchten; ſie fragte ver⸗ wundert: Was ſagt ihr mir von einem Manne, theuere Mutter? Nie will ich die Minne kennen lernen, will ſo ſchön bleiben bis an meinen Tod und nie um eines Mannes willen Kummer und Leid gewinnen. Ach, redet mir nicht mehr davon, denn an ſo viel holden Frauen zeigte ſichs, wie Liebe zu⸗ letzt nur mit Leid lohnt.— Tief unten am Rheine auf Burg Santen ſaß König Siegemund und ſeine Gemahlin Siegelind in hohen Ehren. Ihr Sohn war Siegfried, ein ſchneller Degen, ſtark und viel⸗ gewaltig, gleich ſchön an Wuchs und Angeſicht, wie feſt an Muth und Kraft. Als er ſo ſtark war, die Ritterwaffen wohl zu tragen, veranſtaltete ſein Va⸗ ter der König ein Hofgelage, um den jungen Recken in ſeiner Kraft den Edelſten des Landes zu zeigen, und auch in andere Länder ſeinen Ruhm zu verbrei⸗ ten. Denn die Kunde von dieſem Feſte am Hofe flog ſchnell bis in die Ferne, zog Verwandte und Fremde her, denen der König Roſſe und Gewänder gab, wie überhaupt die Milde und Güte des königlichen Paa⸗ res alles Volk gewann. Siegfried hörte damals zu⸗ erſt von Kriemhild, die aller Männer Werben ver⸗ ſchmähe, und beſchloß ſie zu gewinnen. Seine Ael⸗ tern riethen ab, denn König Gunther habe manchen hochfahrenden Helden in ſeinem Gefolge, voraus den übermüthigen Hagen; ſie ſahen nur Leid im Geiſte vorher, wenn ihr Sohn um die Maid werbe. Allein Siegfried, wie gehorſam er den Aeltern war, wurde durch ihre Warnung noch mehr gereizt. Was ſollte mich abhalten? rief er: was ſie dort in Worms nicht freundlicher Bitte zugeſtehen, das mag ſonſt meine Hand mir verſchaffen. Ich getraue mir Leute und Land zu bezwingen!— Sein Vater bot ihm dann wenigſtens ein ſtattliches und zahlreiches Ge⸗ folge von Mannen an, aber auch dies ſchlug er aus; nur zwölf Geſellen wollte er von Santen mitneh⸗ men. Man gab ihm endlich nach und rüſtete Alles zur Fahrt; die Frauen des Hofes weinten bitterlich bei dem Abſchiede der Helden. Am ſiebenten Tage ritten die Kühnen zu Worms an den Strand. Ritter und Knechte kamen ſogleich herbei, ihre ſchweren Schilde abzunehmen und die Roſſe zu beſorgen. Siegfried lehnte dieſe Höflichkeit ab, denn er wollte zuerſt den König Gunther ſehen. Dieſem ward in⸗ zwiſchen gemeldet, es ſeien ſtattliche Kämpfer in reichen Panzern und mit Prachtkleidern an den Strand geritten, die Niemand kenne. Den König nahm dies Wunder; er ließ Hagen in die Burg rufen, weil dieſem die Reiche kund wären und alles fremde Land. Hagen trat an das Fenſter und ſprach: Woher die Recken auch an den Rhein kommen, ob ſie Fürſten oder Fürſtenboten ſind, zierlich ſind ihre Roſſe und Kleider, es müſſen wahrlich Helden ſeyn. Zwar ſah ich nie Siegfried, den jungen, doch will ich glauben, der dort iſt es, der ſo hoch und herr⸗ lich einhergeht. Der wird neue Mähren in dies Land bringen, hat er doch Schilbung und Nibelung, die Nibelungenrecken, beſiegt und andere kühne Tha⸗ ten verübt. Die Nibelungen aber fand er, als er einſt allein und ohne Gefolge an einem Berge vor⸗ überritt. Sie wollten gerade den Schatz, den ſie in dem Berge verwahrt, theilen, und baten, er ſolle ſich dieſem Geſchäfte unterzichen. Er gelobte es. Da führten ſie hundert Wagen mit Edelſteinen und Gold herbei, das ſollte er theilen und zum Lohn das Nibelungenſchwert erhalten. Allein er theilte ihnen nicht zu Dank. Ergrimmt riefen ſie zwölf Rieſen hinzu, doch dieſe erſchlug er mitſammt ſie⸗ benhundert Kämpfern. Freilich ohne das Schwert hätte er das nicht vollbracht. Des Schatzes Hüter war der Zwerg Alberich, der nun ſeine erſchlagenen Herren rächen wollte. Ihm gewann Siegfried die Tarnkappe ab.(Dies iſt eine zauberhafte Wehr, von den Zwergen verfertigt und meiſt auch benützt; wer ſie trägt, wird unſichtbar und zölfmal ſtärker, denn ſonſt.) Aber des Zwergs Seele hieng am Glanz der Schätze. Da ließ ihn Siegfried einen Eid ſchwö⸗ ren, daß er ſie ihm treu behüten wolle, und er zog dann ſeines Wegs. Auch erſchlug dieſer Siegfried einen Drachen, badete ſich in ſeinem Blute und wurde dadurch gehörnt, ſo daß ihn keine Waffe verletzt, wie man oft erprobt haben will.— Hagen ſchloß ſeine Erzählung mit dem Rathe, den jungen Helden freundlich zu empfangen. Man folgte ihm. Da erklärt Siegfried dem König, er wolle ihm Land und Burgen abnehmen. Nach kurzem Zwiſt verſöhnt man ſich jedoch und die Niederländer bleiben als Gäſte. In manchem Ritterſpiel zeigt Siegfried ſeine Stärke und Gewandtheit. Oft blickte hier Kriem⸗ hild verſtohlen durch das Fenſter nach ihm und für⸗ der bedurfte ſie keiner Kurzweile mehr. Er freilich hatte ſie noch nicht geſehen, wie ſehr ihn auch ver⸗ langte; des Landes Sitte verſtattete es noch nicht. Nach einiger Zeit kündigten Sachſen und Dänen dem Burgonderkönig einen Krieg an; Gunther hält Rath und man ſagt Siegfrieden davon. Der Hee⸗ reszug ritt vom Rheine durch Heſſen in das Sach⸗ ſenland; Lüdegaſt aus Sachſenland gerieth in Sieg⸗ frieds Gefangenſchaft, ſein Bruder muß ſich als Geißel ſtellen. Kriemhild befragte ſich bei den Bo⸗ ten, die häufig mit Kunde nach Worms zurückliefen, und als ſie von Siegfrieds Thaten hörte, da ward ihr ſchönes Antlitz vor Liebe roſenroth. Siegfried bittet um Urlaub und will wieder ziehen, aus Liebe zu der Maid, die er immer noch nicht geſehen, bleibt er aber noch. Endlich an einem Pfingſttage hielt man ein Feſt bei Hofe. Laßt euere Schweſter zu den Gäſten gehen! bat der Held den König und ſeine Brüder. Sie kam diesmal wirklich; ſo tritt der Morgen roth hervor aus trüben Wolken; wie der lichte Vollmond vor den Sternen ſchwebt, ſo glänzte ſie in Wahrheit vor mancher Fraue. Dem Degen Siegfried war es bald lieb, bald wieder leid, denn er wußte nicht, wie ihm geſchah. Er ſtand, als ob er auf ein Pergamen von eines guten Mei⸗ ſters Händen gezeichnet wäre— man mußt' es ein⸗ geſtehn, daß man zeitlebens ſo ſchönen Helden nicht geſehen habe. Er neigte ſich züchtig vor ihr, ſie ſchauten ſich mit Augen der Liebe einander an, und ſeitdem zwang ſie ſehnender Minne Noth zu einan⸗ der.— Im Münſter hörten ſie mit großem Gefolge die Meſſe; nachher dankte Kriemhild für ſeine treuen Dienſte, er aber gelobte ihr, nie ſein Haupt zur Ruhe zu legen, wann und wo er ihr zu dienen vermöge. Ein Feſt von zwölf Tagen beſtärkte Beide in ihrer Liebe; der Recke wollte zwar noch ein⸗ mal in die Heimath zurück, doch um ihrer Schön⸗ heit willen blieb er, und nirgends ſonſt wäre ihm ſo wohl zu Muthe geweſen, denn er durfte nun täglich Kriemhilden ſehen.— Weit über dem Meere in dem fernen Iſenland wohnte dazumal Brun⸗ hild, über die Maßen ſchön und ſtark; ſie ſchoß den Wurfſpeer mit den kühnen Recken um die Wette und nahm es im Schleudern mit ſchweren Steinen, denen ſie nachſprang, mit den Geübteſten auf. Längſt hatte ſie, die Herrin und einzige Erbin eines ſchö⸗ nen Landes, bekannt gemacht, wer ihre Hand be⸗ gehre, müſſe drei dieſer Spiele mit ihr beſtehen, und erliege er nur in Einem derſelben, das Haupt ver⸗ lieren. Dieſe gefährliche Bedingung ſchreckte jedoch den König Gunther nicht ab, den Werbezug zu be⸗ ſchließen; er beſchwor Siegfried, ihm dabei behülflich zu ſeyn. Gibſt du mir deine Schweſter Kriemhild, erwiederte dieſer nach einigem Zaudern, ſo will ich es thun und für alle meine Arbeit keinen Lohn wei⸗ ter begehren. So wurden ſie bald einig, Siegfried nahm die Tarnkappe mit, ſteuerte ſelbſt das Schiff den Rhein hinab und am zwölften Morgen kamen ſie an Brunhildens Feſte Iſenſtein, wo Siegfried bekannt zu ſeyn ſchien. Aus dem Fenſter blickte die Jungfrau in ſchneeweißem Gewand, ſie war ſo wohl gebildet, daß ſie der vom Schiff ſorgſam ſpähende König Gunther zum Weibe wünſchte, ohne noch zu wiſſen, wer es ſei. Sie aber trieb ihre Frauen von den Fenſtern, weil ſie bemerkte, wie unabläſſig die Helden heraufſchauten. So nahe dem Ziele regte ſich in König Gunther wieder die Sorge; aber Sieg⸗ fried, den er für ſeinen Dienſtmann ausgab, kam ihm unſichtbar durch die Tarnkappe zu Hülfe. Erſt nun traten ſie vor die Königin. Da ſie den Sieg⸗ fried erblickte, ſprach ſie züchtig: Willkomm, Herr Siegfried, in dieſem Lande! Wem at enere Reiſe, Nodnagels poetiſche Frauenbilder. II. das ſagt mir!— Dank, Frau Brunhild, für den freundlichen Gruß. Der edle Recke an meiner Seite iſt mein Herr; er herrſcht am Rhein und kommt, um dich zu werben! Sie ſchwieg erſt. Er heißt Gunther, fuhr Siegfried fort, und iſt ein reicher König. Erwirbt er deine Minne, ſo begehrt er nichts weiter; deinetwillen zog ich mit ihm, wäre er nicht mein Lehnsherr, ich hätte dich nimmer wieder ge⸗ ſehen!— Dieſe Worte klangen geheimnißvoll, ſie deuteten auf eine Begegnung aus voriger Zeit, die Beiden nicht in angenehmer Erinnerung war; Gun⸗ ther, verloren in die Reize der Königin, hörte aber nichts davon.— Wohl, ſprach ſie: Du weißt die Bedingung; bleibt dein Genoſſe Meiſter in dem Spiel, ſo will ich ſein Weib werden, wo nicht— (und hier rollten furchtbar ihre Augen und die hohe Geſtalt ſchien rieſengroß zu wachſen,) und ich ge⸗ winne, ſo geht es euch Allen an das Leben. Ha⸗ gen der ſeinem König auch hierher treu gefolgt war, meinte, König Gunther ſollte wohl den Sieg ge⸗ winnen. Der ſchnelle Siegfried trat zu Gunther und ſprach ihm Muth ein; dieſer erklärte ſich vor der Fürſtin zum Kampfe bereit. Brunhild ließ ihr Ge⸗ wand bringen, einen Panzer von Gold und einen köſtlichen Schild; ſie legte ein ſeidenes Waffenhemde an, das keine Schärfe verletzte. Während deſſen zog ſich Siegfried nach dem Schiffe zurück, wo er die Tarnkappe anthat. Das Geſinde der Königin — trug den Schild von rothem Golde mit Stahlſpan⸗ gen herbei, Edelſteine grün wie Gras glänzten daran und warfen ſeltſamen Schein auf das Gold. Unter den Buckeln war der Schild drei Spannen dick und ſo ſchwer, daß ihn die Kämmerer ſelb Viere kaum trugen. Als dies der Held Hagen von Troneck ſah, murrte er verdrießlich: Wie nun, König Gunther? Das geht an's Leben, das iſt ein Teufelsweib, die ihr begehrt.— Den Wurfſpeer ſchleppten kaum drei Männer und jetzt ward auch den Andern im Gefolge bang. Hätten wir die Schwerter zur Hand! grollte Hagen: der Uebermuth der Schönen ſollte ſich le⸗ gen!— Brunhild hörte dieſe Worte und mit lachen⸗ dem Munde, ihres Sieges zu gewiß, ließ ſie ihnen die Waffen wieder geben. Noch brachte man in den Kreis einen Stein, aber ſeine Laſt war Zwölfen zu beſchwerlich; dieſen Stein ſchleuderte ſie, wenn der Speer an ſein Ziel geflogen war. Sie wand nun an ihren weißen Armen die Aermel auf, faßte den Schild, zuckte den Speer und der Streit begann. Aber ſie vermochte nichts gegen die Tarnkappe, ob auch die Funken von den Waffen flogen und bei ei⸗ nem Wurf von ihrer Hand das helle Blut aus Sieg⸗ frieds Mund brach. Er warf den Speer mit ſolcher Gewalt zurück, daß Brunhild niederſank. Raſch er⸗ hob ſie ſich. Dank, mein König, für dieſen Schuß! rief ſie. Zornig ſchleuderte ſie den Stein zwölf Klafter weit und überholte ihn im Sprung. Wei⸗ 2* ter noch ſprang der unſichtbare Siegfried und riß Gunther im Sprunge mit ſich. Genug, Brunhild war beſiegt. Tretet näher, Verwandte und Man⸗ nen— ſprach ſie— ihr ſollt dem König Gunther unterthan werden!— Sie legten die Waffen ab und beugten ſich vor ihm, denn ſie wähnten, er habe mit ſeiner Kraft ihre Herrin beſiegt. Siegfried, der ſich der Tarnkappe wieder entledigt hatte, trat dann in die Verſammlung der Helden und Frauen. So wohl mir dieſer Mähre— ſprach er mit verhalte⸗ nem Spott,— daß euere Hoffart ihren Meiſter fand, nun ſollt ihr, edle Maid, uns an den Rhein fol⸗ gen!— Siegfried ritt voraus, die Kunde nach Worms zu bringen. Dort rüſtete man Alles zum Empfang, und Kriemhild zeigte ihm wieder ihre Neigung. Als ſie nach Worms kamen, ſahen ſie Alle geſchmückt am Ufer ſtehen, Kriemhild gieng Brunhilden und ihrem Hofgeſinde züchtiglich entge⸗ gen und ſprach: Ihr ſollt in dieſen Landen uns willkommen ſeyn, mir und meiner Mutter und Al⸗ len, die wir als getreue Freunde haben.— Sie neigten ſich gegen einander und küßten ſich oft zärt⸗ lich den Mund. Als man am Abend des feſtlichen Tages in der Burg war, mahnte Siegfried den König an ſein Verſprechen. Gunther ließ ſeine Schweſter rufen: Hehre Schweſter, löſe um deiner Tugend willen meinen Eid. Ich habe deine Hand einem Recken gelobt, und wird er dein Mann, ſo — thuſt du mit großer Treue meinen Willen.— Mein lieber Bruder, entgegnete die Maid, ihr ſollt mich nicht anflehen, gern verlobe ich mich dem, welchen ihr mir, Herr, zum Manne gebet. Vor Liebe und Freude erröthete Siegfried und bot ſich ihr zum Dienſte an. Man hieß ſie nach Landesbrauch in den Kreis treten und fragte die Maid, ob ſie den ſtattlichen Mann wollte. Mädchenhaft und züchtig bejahte ſie. So verlobte er ſich mit Kriemhild. Brunhild aber, die ihn noch immer für einen Dienſt⸗ mann Gunthers hielt, wird bei dem Schmauſe be⸗ trübt und will wiſſen, warum Kriemhild unter ih⸗ rem Stande vermählt werde. Gunther weicht in unklarer Antwort aus, Siegfried aber, ehe er ſeine junge Gemahlin wegführt, nimmt der ſtolzen Brun⸗ hild heimlich einen Ring und Gürtel, die er aufbe⸗ wahrt.— Zehen Jahre leben ſie glücklich; Kriem⸗ hildens Söhnlein nennt man nach ſeinem Oheim Gunther, Brunhildens Sohn nach dem Helden Sieg⸗ fried. Wiewohl nun der Recke mit ſeinem Weibe zu Santen lebt, kann ſich Brunhild doch der böſen Gedanken nicht erwehren. Sie will hinter das Ge⸗ heimniß kommen, das man ihr verbirgt, und bere⸗ det endlich ihren Gemahl, daß er Schwager und Schweſter zum Beſuche nach Worms einlade. Lei⸗ der kamen ſie. Anfangs ſchien aller Groll vergeſſen. Aber vor einer Vesperzeit hielt man auf dem Hofe ritterliche Spiele. Die Königinnen ſchauten zu und 3— jede hielt ihren Gemahl für den wackerſten Ritter. Kriemhild brach zuerſt das Schweigen: Ich hab' ei⸗ nen Mann, ſo kühn und trefflich, daß ihm alle dieſe Reiche ſollten unterthan ſeyn! Wie wäre das mög⸗ lich? frug Brunhild ſpöttiſch: ja wenn ihr zwei allein lebtet, möcht' es ſeyn, ſo lange aber Gunther lebt, nicht.— Schau nur, rief Kriemhild: wie herr⸗ lich er vor dem Recken einhergeht, gleich dem lichten Mond vor den Sternen— ich hab' ein Recht, auf ihn ſtolz zu ſeyn!— Brunhild meinte: dennoch mußt du deinem Bruder den Vorrang laſſen; er muß vor allen Königen ſeyn. Kriemhild gab nicht nach; da nannte Brunhild geradezu den Siegfried Gunthers Dienſtmann. Das wird ſich zeigen! rief Kriemhild entrüſtet: man ſoll heute noch ſehen, ob ich vor dem Weibe des Königs zur Kirche gehen darf.— Brunhild, gleich erregt, meinte: Soll man dich nicht für dienſtpflichtig halten, ſo mußt du mit deinen Frauen dich von mir ſcheiden, wenn wir zum Münſter gehen!— Traun, das ſoll geſchehen! rief Kriemhild. Und es geſchah. Als ſie mit ihrem Gefolge in einer alle Frauen zu Worms überſtrah⸗ lenden Pracht an der Kirchenthüre erſchien, befahl ihr die neidiſche Brunhild, zu warten, weil ſie eines Dienſtmanns Weib wäre. Hätteſt du noch geſchwie⸗ gen, rief Kriemhild zornig: es wäre beſſer für dich. Er dein Dienſtmann? wiſſe, daß er dich überwand, und nicht Gunther, ich kann dir deinen Ring und Gürtel als Beweis zeigen, daß du zweimal in ſei⸗ ner Gewalt warſt.— Brunhild war wie vom Blitz getroffen; ſie weinte und ließ der Gegnerin den Vortritt in die Kirche. Umſonſt klagte ſie dieſen Schimpf ihrem Gemahl; man ließ Siegfried rufen, dem dieſer Vorfall ſehr leid war, und der ſeine Ge⸗ mahlin dafür zu züchtigen und ihr ähnliche Reden zu verbieten, willig verſprach. Brunhildens Herz war aber unheilbar verwundet. Hagen findet ſeine Kö— nigin in ihrem tiefen Gram und beſchließt mit ihr, im Blute Siegfrieds ſie zu rächen, obgleich die Brü⸗ der des Königs und dieſer ſelbſt, der doch ſeines Weibes Schmach theilte, dagegen waren. Am vier⸗ ten Morgen reiten trügliche Boten ein, als ob Lü⸗ diger den Streit erneuern wolle. Siegfried bot ſei⸗ nen Beiſtand an, und man rüſtete ſich zum Heeres⸗ zug. Hagen beurlaubte ſich bei der argloſen Kriem⸗ hild. Sie beſorgte, ihr Gemahl möge in kriegeri⸗ ſchem Uebermuth ſich ohne Noth Gefahren ausſetzen, und bat Hagen, ihn zu ſchützen. Sie verrieth ihm ein Geheimniß, das außer ihr und Siegfried keine Seele wußte. Als mein Gemahl den Drachen er⸗ ſchlug, ſo erzählte ſie: badete er ſich in ſeinem Blute und ward unverwundbar. Nur eine Stelle, zwiſchen den Schultern— wohin ihm ein Lindenblatt iel, iſt verletzbar, das bringt mir Sorge. Da ſprach Hagen: So bezeichnet die Stelle an ſeinem Gewand, ich will ihn ſchon ſchirmen, wenn es Noth thut.— Das gefiel ihr, ſie verſprach ein Kreuz von feiner Seide aufzunähen, und gab arglos den lieben Mann dem Verräther preis. Am anderen Tage traten ſie die Fahrt an, allein es kamen wieder Boten, als habe Lüdiger um Frieden gebeten. Nun rieth Ha⸗ gen, weil man doch im Zuge ſei, zu einer Jagd im Wasgauwalde. Kriemhild, durch böſe Träume er⸗ ſchreckt und vielleicht ahnend, wie unklug ſie ſich Ha— gen mitgetheilt habe, ſuchte den Gemahl zurückzuhal— ten. Bleibt! mir träumte heute Nacht ein Unglück, wie euch zwei wilde Schweine über die Haide jag⸗ ten und die Blumen roth wurden; ich habe wahr⸗ lich Grund zu weinen. Ich fürchte gar ſehr den böſen Rath und feindlichen Haß einiger Leute, die ſich von uns beleidigt glauben. Bleibt, lieber Herr, ich rathe aus treuem Herzen!— Trante, verſetzte er: ich komme ja in Kurzem wieder. Ich weiß hier Niemand, der Haß gegen mich tragen ſollte. Deine Verwandten ſind mir hold, wie ich es denn auch nicht anders um ſie verdiente.— Nein, ach! Herr Siegfried. Ich fürchte deinen Fall! Mir träumte heute Nacht, daß zwei Berge über dir zuſammenfie⸗ len, ich ſah dich nimmermehr; willſt du von mir ſchei⸗ den, es thut mir von Herzen weh!— Er aber herzte ſie, beurlaubte ſich raſch und ritt von dannen. Im Walde erlegte der edle Recke mehrere Thiere und fieng einen Bären, der ihnen viel Kurzweile machte. Ermüdet begehrte er dann zu trinken, allein man hatte noch keinen Wein gebracht. Da zeigte ihm Hagen einen friſchen Quell; ſie liefen um die Wette dahin. Hagen trug inzwiſchen heimlich die Waffen weg, und ſchoß dem Recken, als dieſer über den Quell gebückt trank, einen Speer durch das Kreuz. Todtwund ſpringt Siegfried auf und ringt blos mit ſeinem Schilde bewehrt, mit dem Mörder, bis er ſterbend niederſinkt. Seine Farbe war erblichen, er konnte nicht mehr ſtehen, ſeines Leibes Stärke zergieng und im Angeſicht erſchien des Todes Farbe. Kriem⸗ hildens Gemahl ſank in die Blumen, das Blut quoll aus der Wunde. Da, in der letzten bittern Noth ſchalt er auf die Ungetreuen: Ihr feigen Verräther! was halfen nun meine Dienſte, da ihr mich erſchlu⸗ get? Ich war euch immer treu, iſt das mein Lohn? Wahrlich, ihr thut übel an euren Freunden!— Die Ritter beklagten dieſen Tag des Unheils, ſelbſt Kö⸗ nig Gunther erhob laut ſeine Stimme. Da ſprach der Sterbende: das iſt nicht Noth, daß um Scha⸗ den weint, der ihn gethan. Viel beſſer ließet ihr eure Klagen!— Das ergrimmte den Hagen. Was klagt ihr nun? rief er dem König zu. Unſer Leid und Sorgen hat jetzt ſein Ende. Mit den Andern werden wir fertig; wohl mir, daß ich uns von ihm befreit.— Ihr habt euch leicht rühmen— ſprach Siegfried. Hätt' ich euren Mörderſinn gekannt, ich hätte wohl mein Leben vor euch behütet. Ach Kriem⸗ hild, mein trautes Weib, du ahndeteſt dieſe That. Gott erbarme ſich, daß ich den Sohn gewann; man wird in Zukunft ihn ſchmähen, weil Meuchler ſeine Verwandten ſind! Wollt ihr, edler König, noch an Jemand in der Welt Treue beweiſen, o laßt meine Traute euch befohlen ſeyn, laßt ſie nichts entgelten, ſie iſt ja eure Schweſter! Um aller Fürſtentugend willen, nehmt euch treulich ihrer an. Ach, lange werden mein Vater und meine Mannen auf mich harren— nie ward ſo ſchmählich an lieben Freun⸗ den gethan!— Die Blumen wurden rings von ſei⸗ nem Blute naß; er rang nicht lange mit dem Tode, zu tief hatte ihn die Mordwaffe getroffen, die lange Speerſtange ragte noch von den Schultern hervor. Die Herrn giengen nun zu Rathe, wie man ſeinen Mord verhehlen möchte. Mörder erſchlugen ihn ein⸗ ſam auf der Jagd, wollten ſie ſagen. Da lachte Hagen: Ich bring' ihn nach Worms, mir gilt gleich⸗ viel, ob ſie es erfährt, die unſere Königin ſo bitter kränkte— und nach ihren Thränen frag' ich Nichts! In der Nacht fuhren ſie heimwärts. Hagen läßt die Leiche vor das Gemach legen, worin Kriemhild der Nachtruhe pflag. Lange vor Tag wollte die Königin zur Morgenmette und fand auf ihrer Thür⸗ ſchwelle den erſchlagenen Helden. Noch ehe man ein Licht brachte, jammerte ſie vor Schmerz: Das iſt Siegfried, mein herzlieber Mann— Brunhild hat es gerathen, und Hagen hat es gethan!— Mit ih⸗ rer weißen Hand hob ſie ſein ſchönes Haupt empor 5— und erkannte ihn gleich, wie er auch von Blut ent⸗ ſtellt war. Weh mir! rief ſie: um dieſes Leid! iſt dir doch nicht mit Schwertern dein Schild zerhauen, gemordet biſt du! O wüßt' ich, wer es gethan, ich wollte immer auf ſeinen Tod ſinnen!— Der alte König wurde geweckt. Jammer erfüllte die ganze Stadt. Kriemhild hält die Mannen des Erſchlage⸗ nen, die Nibelungen, von blutiger That ab. Der Todte wurde zum Münſter getragen und die Bur⸗ gonder traten zur Bahre. Bei Hagens Annäherung floßen die Wunden von Neuem; dies hielt man für ein Wunder, ein Gottesurtheil, das ſich auch ſonſt noch wiederholt habe. Todtenmeſſen wurden geſun⸗ gen. Kriemhild wachte drei Tag und Nacht bei der Leiche; vielleicht gebiete Gott, daß auch ſie der Tod entraffe und alle ihre Noth beendige. Als man ſie endlich von ihm trennte, hüllte freundlich eine Ohn⸗ macht die Sinne der troſtloſen Wittwe ein. Durch die Bitte der greiſen Mutter bewogen blieb ſie in⸗ deſſen auch nach ihres Gemahls Tode bis an das vidrte Jahr zu Worms. Sie bewohnte ein Schloß bei dem Münſter, aber ſie ſprach kein Wort mit ihrem falſchen Bruder und Hagen kam nicht vor ihr Ange⸗ geficht. Ihre jüngeren Brüder holten den Hort(Fa⸗ milienſchatz) nach Worms, und ſie ſpendete nun ſo reichlich an die Recken, daß Hagen ein Unheil be⸗ ſorgte. Dieſer wußte ſich daher die Schlüſſel zu verſchaffen und— verſenkte den Hort in den Rhein, — 5— nachdem Alle geſchworen hatten, nie die Stelle zu verrathen. Brunhild, die ſchöne, pflag nur noch mehr des Uebermuthes: wieviel Kriemhild weinte, was fragte ſie danach?— Sie tritt nunmehr vom Schauplatz zurück, Kriemhild allein feſſelt unſere Aufmerkſamkeit. Um jene Zeit ſtarb die Gemahlin des Hunnen⸗ königs Etzel(Attila) und ſeine Freunde riethen ihm, um die Hand der ſtolzen Wittwe Kriemhild zu werben. Zwar trug er Bedenken, denn er war noch Heide mit den Seinen, doch ſollte Rüdiger von Bechlaren die Brautwerbung verſuchen. Zuerſt galt es die Einwilligung der Brüder und Verwandten; Hagen war dagegen. Rüdiger erſchien vor der Trauernden, welche ſich anfangs nicht bewegen laſſen wollte, obgleich die Mutter und die Brüder ihr zu⸗ redeten. Aber der Schwur Rüdigers, ihr Leid zu rächen, ſtimmte ſie plötzlich anders. Jetzt erſt er⸗ wachte in der ſchmerzdurchwühlten Bruſt der Ge⸗ danke: Vielleicht kommt noch der Rache Tag für meines Mannes Leben!— Ich will euch folgen ſprach ſie dann: ich gar arme Königin! Zu den Hunnen will ich fahren, wenn ich Freunde finde, die mich in Etzels Land führen!— So bot ſie die Hand zum Verlöbniß mit dem Hunnenkönige. Vor der Abreiſe nahm ihr Hagen noch einen Theil ihres Goldes.— Sieben Jahre lebte ſie in hohen Ehren mit dem Gemahl; ſie hatte noch ein Söhnlein, das in der Taufe den Namen Ortlieb erhielt. Hatte ſie denn ihr Leid vergeſſen? Nimmermehr. Der Schmerz um Siegfried und die Liebe zu Giſelher ſchwand nicht aus ihrer Bruſt. Einſt im Arme des Königs gedachte ſie der truben Vergangenheit und beredete ihren Gemahl Etzel, ihre Verwandten zu einem Ge⸗ lage in das Hunnenland einzuladen. Der König Gunther will ſieben Tage Bedenkzeit. Im Rathe der Verwandten war wiederum der einzige Hagen gegen dieſen Zug. Als aber Giſelher ihm rieth, zu bleiben, wenn er ſich nicht getraue, da gab er end⸗ lich zornmüthig nach, ließ aber ſchlau genug die Bo⸗ ten Etzels nicht voranreiten. Auch Volker, der Fied⸗ ler, ein auserwählter Degen, nahm nebſt Gefolge an dieſem Feſtzuge Antheil. Mit mehr als tauſend tapferen Degen und neuntauſend Knechten rüſtete ſich der Vogt vom Rheine zur Hunnenfahrt. Frau Ute hatte zwar einen ängſtlichen Traum, allein Ha⸗ gen, der Vorwürfe eingedenk, rieth jetzt gerade zu dieſer Reiſe. Poſaunen und Flöten erſchollen mor⸗ gens früh, den Aufbruch zu verkünden. Viel der Frauen ſah man in Trauer ſtehen. Mit den ſchnel⸗ len Burgonden zogen auch die Nibelungenhelden, in tauſend Panzerhemden. Sie lenkten nach dem Mainſtrome hin, hinauf durch Oſtfranken und ka⸗ men am zwölften Morgen an die Donau. Die Rit⸗ ter ſaßen ab, weil die Flut ausgetreten und das Fahrzeug verborgen war. Hagen, nach einem Ver⸗ — gen ſuchend, fand weiſe Frauen,(weiſſagende Meer⸗ weiber, denen die Zukunft wohl bekannt war) die plätſchernd in einem Brunnen ſich badeten. Bei ſeinem Anblik ſtürzten ſie ſich furchtſam in die Wellen, er aber nahm ihre zurückgelaſſenen Kleider, weil er ſie dadurch nöthigen wollte, ihm das bevorſtehende Geſchick zu verkünden. Hadburg, die Eine derſelben, erbot ſich zu erzählen, was ſie im Hunnenlande er⸗ leben würden, wenn er die Kleider zurückgebe. Nie fuhren Helden, kündete ſie, zu ſolch hohen Ehren in ein fremdes Reich. Hagen ließ ſich diesmal über⸗ liſten und gab die Gewänder zurück. Da begann erſt das andere Meerweib Siegelind ihm die Wahr⸗ heit zu ſagen: Keiner von euch Degen wird die Heimath wiederſehen, bis auf den Kaplan des Kö⸗ nigs. Mit grimmem Muthe verlangte nun Hagen eine Stelle zu wiſſen, wo ſie überſetzen könnten. Die Meerfeien zeigten die Herberge, wo der Fähr⸗ mann wohnte. Dieſen erſchlug der zornige Hagen und ruderte ſelbſt dann ſtromab, bis er ſeinen Herrn und die Recken alle fand, die er überfuhr. Um das Meerweib der Lüge zu ſtrafen, warf er mit eigener Hand den Kaplan des Königs in den Fluß, jedoch dieſer entgieng, wenn auch mit Mühe, dem Tode. Darüber wuchs Hagens Wuth und als ſie ausſtie⸗ gen, hieb er das Schiff in Stücke. Wie ſollen wir hinüberkommen? fragten die Recken. Da ſagte er erſt allen die ſchwere Todesbotſchaft; von Schaar — zu Schaar flogen dieſe Mähren umher, da wurden bleich vor Schrecken die Degen kühn und hehr. Nach einigen Abenteuern langten ſie zu Bechlaren an, wo ſie Rüdiger aufnahm. Der junge Giſelher verlobte ſich hier mit Dietlinden, der holden Tochter des Wirthes. Sie blieben bis an den vierten Mor⸗ gen und zogen dann, von dem Markgrafen reich be⸗ ſchenkt und geleitet, fort. Kriemhild, benachrichtigt, konnte ſie kaum erwarten, und der König Etzel be⸗ gann vor Luſt zu lachen, als er die Mähr erfuhr. Dieterich von Bern(Theodorich, der Oſtgothe, von Verona) und ſein treuer, alter Hildebrand begrüß⸗ ten nun die Burgonder. Der Erſte ſagte ihnen ſo⸗ gleich beim Empfange: Kriemhild beweint noch im⸗ mer den von Nibelungenland.— Sie mag noch lange weinen! ſprach Hagen dawider. Sie ritten zu Hofe. Hier empfing ſie die rachedürſtende Köni⸗ gin mit falſchem Gruße, und als ſie ihren Bruder Giſelher küßte, band Hagen den Helm feſter, als fürchte er ein Judaszeichen. Sie redete auch ihn lächelnd an und fragte nach dem Hort, welchen er ihr habe mitbringen können. Ich bring' euch den Teufel mit! grollte Hagen: hab' an meinem Schild und Harniſch ſchwer genug zu tragen. Den Hort hab' ich ohnehin, meinem Herrn zu Lieb, in den Rhein verſenkt, da mag er raſten bis zum jüngſten Tag.— Kriemhild verlangte nun, daß ſie die Waf⸗ fen ablegten, ehe ſie in den Saal giengen. Hagen weigerte ſich deſſen; er meinte höhniſch, es zieme ſich nicht, einer Königin Schild und Streitgeräth zu übergeben, und er wolle ſelbſt ſein Kämmerer ſeyn. O weh mir dieſes Leides! ſprach ſie heimlich zu ihrem Gefolge: Sie ſind gewarnt. Wüßt' ich, wer das gethan, er ſollte mit dem Tode büßen!— Zürnend verſetzte der biedere Held Dieterich: Ich bin es, der ſie warnte. Nur zu, du Braut des Teufels, du wirſt mir kein Leid anthun!— Mit einem viel⸗ ſagenden Blick auf die Feinde entfernte ſich Frau Kriemhild.— Hagen und Volker ſetzten ſich nun in vertraulichem Geſpräch auf eine Bank. Die Kö⸗ nigin erblickte ſie und weinte, die Hunnenrecken aber gelobten ihr Rache. Sie ſelbſt trat zu den beiden Helden hinzu, mit der Krone auf dem Haupte, denn die Hunnen ſollten aus Hagens eigenem Munde hören, daß er ſeinen Mord nicht läugne. Volker wollte vom Sitze aufſtehen, weil es denn doch eine Königin ſei. Aber Hagen hielt ihn ab, die Hunnen⸗ degen bei Kriemhild würden dies für Furcht anſehen. Hagen blieb alſo ſitzen, und legte ein prachtvolles, blankes Schwert über ſeine Kniee. Kriemhild er⸗ fannte Siegfrieds Schwert, es mahnte ſie an ihr altes Leid und ſie weinte wieder. Sie befragte ihn nun, und er läugnete nicht: Ich bin's, der nämliche Hagen, der mit eigener Hand den Helden Siegfried erſchlug. Wie bitter mußt' er entgelten, daß Frau Kriemhild die ſchöne Brunhild ſchalt! Ich läugne auch nicht, Königin, daß ich allen Schaden und alles Uebel verſchulde. Räche, wer da Luſt hat, Mann oder Weib; ich wäre ein Lügner, wollt' ich ſagen, ich hätte euch nicht viel Leides gethan!— Sie ſprach: Ihr hört es, Recken, wie er ſelber zu⸗ gibt, daß er all mein Leiden mir ſchuf. Was ihm darum geſchieht, ihr Mannen Etzels, danach werd' ich nicht weiter fragen.— Sie trat zur Seite, aber die Hunnen wagten nicht den Kampf. Die Burgonder giengen nun zu ihren Herren und redeten ihnen zu, in den Saal einzutreten, wo man ſie nach Gebühr empfing. Als der Tag zu Ende war, brachte man die Gäſte in einen weiten Saal, wo ſie reiche Betten in Menge fanden. Der junge Giſelher fürchtete nun auch Kriemhildens Haß. Hagen und Volker pflagen in dieſer Nacht der Schildwacht, damit ihre Lands⸗ leute ſicher ruhen könnten. Der Fiedler ſpielte vor der Thüre des Saals, die Heimathloſen ſagten ihm Dank, weil ſüßer, immer ſüßer zu geigen er begann, bis er in Schlummer ſpielte gar manchen ſorgenden Mann. Noch in der Nacht machten die Hunnen⸗ recken einen Verſuch, waren aber zu feig zum An⸗ griff und flohen, als ſie die Helme blinken ſahen. Der lichte Morgen ſchien den Gäſten in den Saal, da weckte ſie Hagen, um in den Münſter zur Meſſe zu gehen; ſie ſollten, erinnerte er zugleich, ſtatt ihres Schmuckes die Halsberge und Helme tragen, denn, ſo ſchloß er, wiſſet unbezweifelt, es naht uns — Allen der Tod. Darum vergeſſet auch nicht, was ſündlich von euch geſchah und ſteht flehendes Herzens vor eurem Gotte da.— Der König Etzel fragte zwar, warum ſie unter Helmen giengen, allein Hagen entſchuldigte es mit der Landesſitte. Nach der Meſſe ritten die Degen auf dem Hofe zur Kurzweile, doch ward es ernſtlich, als Volker einem vornehmen Hunnen den Speer durch den Leib rannte. Indeſſen ſchlichtete der König dieſen Streit und entſchuldigte den Fiedler, weil es ohne ſein Verſchulden, nur durch Straucheln geſchehen ſei. Man gieng zum Mahle. Kriemhild reizte den Dieterich von Bern gegen die Burgonder, dieſer aber will mit ſolchen Reden verſchont bleiben, da wandte ſie ſich an Blödel, Etzels Bruder, dem ſie ungeſäumt eine weite Land⸗ ſchaft und ein minnigliches Weib zum Danke ver⸗ ſprach. Er ſagte ihr zu, worauf man ſich zu Tiſche ſetzte. Der kleine Ortlieb ward jetzt ſeinen Oheimen gezeigt, Hagen findet ihn ſchwächlich. Inzwiſchen begann Bloͤdel in der Herberge den Kampf gegen die Knechte, wurde aber von Dankwart erſchlagen; ſeine Leute mußten weichen und die Hunnen erſchlugen die Knechte der Burgonder. Jetzt bekam Etzel Kunde. Dankwart, der ſich ſehr tapfer wehrte, kam eben an den Saal, um Hagen zu rufen, als das Kind Ortlieb bei der Tafel war. Dieſes traf der wilde Hagen dergeſtalt, daß das Haupt in den Schoos der Königin ſprang. Nun erhob ſich auch in dem Speiſeſaal ein Morden, grimmig und groß. Hagen ſchlägt einem hunniſchen Spielmann, der Einer der Boten bei der Einladung geweſen, zum Dank dafür die Hand ab. Volker eilt herbei und jetzt war der Bo⸗ gen in ſeiner Hand das Schwert. Die burgondiſchen Könige ſprangen auf, um zu ſchlichten, halfen aber dann den Ihrigen. Fechtend giengen ſie im Saal auf und nieder; Dankwart ließ Niemand aus, noch ein. Ihm geſellte ſich Volker zu. Der Wirth war ſehr in Sorgen, denn ihn zwang die Noth! Was ſchlug man lieber Freunde vor ſeinen Augen todt! Er ſelbſt war kaum geborgen vor ſeiner Feinde Schaar; er ſaß in großen Nöthen: was half ihm, daß er König war?— Kriemhild wandte ſich nun verzweifelnd an Dieterich: Hilf mir, edler Ritter, mit dem Leben von dannen; ich beſchwöre dich bei all deiner ritterlichen Tugend! Wenn Hagen mich erreicht, iſt der Tod mir gewiß!— Mit einer Stimme, wovon die Burg erdröhnte, rief Dieterich die Bur⸗ gonden an und forderte für die Königin und ihren Gemahl freien Abzug; mit dem Einen Arm um⸗ ſchloß er dann Kriemhilden und bei der andern Hand führte er Etzeln hinaus. Der Kampf wuchs mehr und mehr. So viel der Hunnenritter auch waren in dem Saal, nicht Einer von ihnen blieb am Leben. Da war der Schall beſchwichtigt, als Niemand blieb zum Streit; die kühnen Degen legten da ihre Schwerter beiſeit.— Nun trugen ſie wohl . ſieben tauſend Todte aus dem Saal und warfen ſie die Stiege hinab. Ein Markgraf, der einen Wunden retten wollte, ward von Volker erſchoſſen, der nun einen Speer über die Häupter der Hunnen ſchwirren ließ, um ſie zu ſchrecken. Selbſt König Etzel, den Hagen verhöhnte, wollte in den Kampf; man hielt ihn ab. Als aber Hagen ſpottete, Frau Kriemhild habe ſobald des kühnen Siegfrieds vergeſſen und einen ihm ſo unähnlichen Gemahl gefreit, da ſprach die unmuthige: Wer Hagen von Troneck erſchlüge und ſein Haupt brächte, dem wollt' ich Etzels Schild⸗ rand mit rothem Golde füllen und dazu piel gute Burgen und Land geben. Der tapfere Iring aus Dänemark wagte nun einen vergeblichen Verſuch; als er zum zweitenmal an den Tronecker kam, ſchleu⸗ derte ihm dieſer einen Speer zu, daß ihm aus dem Haupte hervor die Stange ſtand. Die Königin, die ihm nach dem erſten Anlauf ſelbſt den Schild abgenommen, beweinte ſeinen Tod, aber ſeine Freunde und Waffengenoſſen, die nun in den Saal drangen, wurden Alle von den Burgonden erſchlagen. Während darauf die Helden ihre Helme abbanden, rückten neue Schaaren aus dem Hunnenland, wohl an zwanzig tauſend Streiter, nach. Der Tag war nun zerronnen, da dachten die Helden, wie doch ein kurzer Tod beſſer ſei, denn ſich ſo lange und in unerhörtem Leid zu quälen. Sie wünſchten Frieden. Etzel und Kriemhild kamen, und der König wollte Hagen als Geißel. Dies verweigerten Alle. Nun gab die Königin Befehl, den Saal an vier Ecken anzuzünden. Der Wind vermehrte die Glut. Der Durſt that manchen kampfesmüden Recken ſo grimmig weh, daß ſie in ihren Nöthen zu vergehen fürchteten. Hagen rieth ihnen Blut, zu trinken: das müſſe in ſolcher Hitze noch beſſer als Wein ſeyn. Einer that es, Andere folgten und fühlten ſich geſtärkt. Hagen hieß ſie auch die Brände in das Blut niedertreten und ſo verlöſchen. So zerrann die Schreckensnacht, wäh⸗ rend die beiden Recken noch der Schildwacht pflagen. Mit dem neuen Tage ſagte man der Königin, es lebten noch viele ihrer Feinde in dem Saal. Zuerſt wollte ſie es nicht glauben, dann warb ſie mit ihrem Gold neue Kämpfer, welche von Volker wieder ver⸗ ſpottet wurden.— Rüdiger, welcher nun an den Hof kam, vergoß Thränen über Beſchwer und Noth dieſes Kampfes. Einen Hunnen, der ihn darob tadelte und meinte, der Markgraf kümmere ſich we⸗ nig um Alles, was hier vorgehe, erſchlug Rüdiger mit der Fauſt. König und Königin machten ihm Vorwürfe, daß er dadurch ihr bitteres Leid nur noch vermehre; ja ſie warfen ſich ihm flehend zu Füßen. Es war ein mächtiger Kampf in des Hel⸗ den Seele. All meiner Ehre ſoll ich entſagen, der Treu' und Zucht, die Gott mir gebot? O wehe, Herr des Himmels, daß mich der Tod nicht davon befreit! Welches von Beiden ich nun laſſe, und das Andere thue, ſo thu' ich böslich und viel übel daran; laß ich aber gar Beides, ſo ſchilt mich alle Welt; o Gott, der mich in das Leben wieß, zeige mir hier den Weg!— Endlich entſchloß er ſich zum Streit, nachdem er Weib und Kind und die Heimathloſen zu Bechlaren der Gnade des Königs anbefohlen hatte. Giſelher glaubte anfangs, ſein Schwäher käme den bedrängten Burgondern zu Hülfe. Der Markgraf aber ſagte ſich der Treue ledig. Wehret euch, ihr kühnen Nibelungen, rief er in den Saal. Ihr ſolltet Freuden von mir genießen, nun müſſet ihr Schaden nehmen! Ehedem waren wir Freunde, nun will ich aller Treue entbunden ſeyn!— Die nothhaften Recken erſchracken, aber ihr Muth wich nimmer. Gernot erſchlug den Rüdiger nach hartem Streite mit derſelben Waffe, die ihm dieſer geſchenkt, fand aber zugleich von des Markgrafen Hand ſei⸗ nen Tod. Als der König und die Königin den Markgrafen todt ſahen vor ſich tragen, da vermöcht' euch kein Dichter zu deuten, noch zu ſagen die unge⸗ ſtüme Klage, ſo von Weib als Mann, die ſich aus jammernden Herzen empor zu ringen begann Vom Weheruf erſcholl Thurm und Palaſt. Ein Berner aus Dieterichs Bann brachte dieſem die Trauerkunde. Er entſendet Boten, um Gewißheit zu erhalten. Dieſe überzeugen ſich von des Marf⸗ grafen Tod, und nun ſah man ihnen die Thränen über den Bart zum Kinne rollen. Sie verlangen den todten Rüdiger aus dem Saal. Darüber ent⸗ brannte der Kampf ſo wild, daß von ihren Klingen ein feuerrother Wind wehte. Giſelher erlag; die Genoſſen des Berners zogen ſich zurück. Dieterich, wüthend über Rüdigers Tod, wollte nun ſelbſt die Burgonder fragen. Der Verluſt ſeiner Mannen befümmerte ihn zugleich tief und er klagte: Das iſt für alle Freude mein allerletzter Tag— o weh mir, daß vor Leide doch Niemand erſterben mag!— Nun näherte er ſich dem Saal, nicht wie Blödel durch Kriemhildens Verſprechungen gelockt, nicht wie Iring aus Luſt, ſeine Tapferkeit zu bewähren, nicht wie Rüdiger, durch die Pflicht des Dienſtmannes genöthigt, ſondern aus treuer Liebe, ſeines Heerge⸗ ſellen Tod zu rächen. Hagen, der ihn kommen ſah, getraute ſich noch, ihn im Kampfe zu beſtehen. Die⸗ terich ſetzte den Schild nieder und rief den König Gunther an, warum er Solches an ihm, dem Hei⸗ mathloſen, gethan und ihm alle lieben Freunde er⸗ ſchlagen habe? Hagens Entſchuldigung genügte ihm nicht. Er verlangte beide Burgonder zu Geißeln, wollte ſie aber dann ſchützen. Sie ſchlugen es aus. Nun begann der letzte Streit, Hagen erlag dem Berner, ward von ihm gebunden und Kriemhilden überliefert, die ihn aber ſchonen ſollte. Zum Erſten⸗ mal nach langem Leid ward die Königin wieder fröhlich; ſie neigte ſich freudig vor dem Helden von Bern und ſprach: Immerdar möge dein Herz und Leib dir ſelig ſeyn, du haſt mich nach allem Leid wohl ergötzt. Dafür will ich dir dienen mein Leben— lang, bis der Tod mir wehrt!— Dieterich kehrte zurück, bekämpfte und feſſelte auch Gunthern, den er ebenfalls zur Königin brachte. Mit dem bitter⸗ ſten Hohn grüßte ſie: Willkommen, Gunther, wohl— erprobter Held!— Gunther aber wußte, daß nur Wuth und Spott ihr dieſe Worte entpreßte. Die⸗ terich ließ ſich von ihr geloben, daß ſie die Helden ſchonen wolle, ſeiner Freundſchaft eingedenk; dann gieng er mit thränenden Augen weg.— Kriemhilde hatte die beiden Helden abgeſondert in Gefängniſſe legen laſſen, ſo daß keiner den Andern wiederſah. Zuerſt gieng ſie zu Hagen und redete ihn an: Wollt ihr mir zurückgeben, was ihr mir einſt geraubt habt, ſo mögt ihr noch lebend heim zu den Burgonden kommen!— Hagen lachte ihr höhniſch entgegen: Die Bitte iſt gar umſonſt, vieledle Königin; ich habe ja geſchworen, daß ich den Hort nicht zeigen will, ſo lang Einer meiner Herren lebt. Darum wird er Niemand gegeben.— Ich bring' es zu Ende! rief Kriemhild außer ſich. Sie war an der Gränze, wo das zornmüthige, rachedürſtende Weib aufhört, dem Menſchengefühl Raum zu geben. Sie befahl ihres Bruders Haupt abzuſchlagen; ſie faßte es bei den Haaren und trug es vor Hagen. Mit dem tiefſten Schmerz und Groll ſprach dieſer zu ihr: Du haſt nach deinem Willen es wohl zu Ende ge⸗ bracht, und Alles iſt recht ergangen, wie ich es mir gedacht. Nun iſt von den Burgondern der edle Kö⸗ nig todt, Giſelher der junge und auch Gernot, den Schatz weiß nun Niemand, als Gott und ich allein! — er ſoll dir Teufelsweibe immer wohl verhohlen ſeyn!— Sie ſprach: So habt ihr ſchlimme Ent— geltung mir gewährt, doch will ich für mich behalten Siegfrieds Schwert, das trug mein holder Trauter, als ich zuletzt ihn ſah, an dem mir Herzeleid vor allem Leide geſchah!— Mit dieſer ſchmerzlichen Erinnerung ſtand die ganze, grauenvolle Vergangen⸗ heit vor Kriemhildens wildem Blick. Sie zog das Schwert aus der Scheide, ſie hob es hoch empor; Hagen konnte ihr nicht wehren: ſie ſchlug ihm das Haupt ab. Der König jammerte in tiefem Leid um den allerbeſten Degen, der je im Kampfe gieng oder einen Schild trug. Meiſter Hildebrand aber, des Berners treuſter Waffenfreund, erglühte vor Zorn, als Alle dieſen Frevel mit anſahen. Wahrlich!— ſchrie er: ſie genießet es nicht, daß ſie ihn erſchla⸗ gen durfte. Was mir auch immer geſchieht, wie ſehr mich auch der Tronecker in ängſtliche Noth gebracht, ich will doch den Tod des Kühnen an dieſem Weibe rächen!— Der alte Hildebrand ſprang zornig auf Kriemhilden zu; er gab ihr einen Schwertſchlag, daß ſie niederſank. Was half es ihr, daß ſie laut jam⸗ merte? Der König hatte auch dies mit angeſehen; er und Dieterich begannen nun über all ihre Ver⸗ Nodnagels poectiſche Frauenbilder. II. 8 — wandten und treue Mannen die Todtenklage. Ue⸗ berall lagen die Leiber der Gefallenen umher.— Ein tiefer Schmerz durchbebte des Sängers Bruſt, des Ungenannten, der uns dies blutige Gemälde mit blutigen Farben entwarf. Nur mit bangem Wehe wendet er ſich vom Schauplatz des Entſetzens hin⸗ weg, denn überall gleiten ſeine ängſtlichen Schritte durch das Blut. Er ſchließt darum ſein mächtiges Lied: Da waren auch die Stolzeſten erlegen vor dem Tod: Es hatten alle Leute Jammer und Herzensnoth. Mit Leiden war beendet des Königs Luſtbarkeit, Wie immer Liebe Leiden am letzten Ende beut. Ich kann euch nicht beſcheiden, was ſeither geſchah, Als daß man Ritter und Frauen immer weinen ſah, Dazu die edeln Knechte um lieber Freunde Tod: Hier hat die Mähr' ein Ende: das iſt der Nibelungen Noth. 21. Gudrun. Gehorſam iſt des Weibes Pflicht auf Erden, Das harte Dulden iſt ihr ſchweres Loos; Durch ſtrengen Dienſt muß ſie geläutert werden! Schiller. König Hettel herrſchte mit hohen Ehren in ſei— nem Reiche Hegelingen. Frau Hilde, die fromme Königin beſchenkte ihn mit zwei Kindern, einem Sohne Ortwin, deſſen Erziehung dem alten, tapfern Wate übertragen wurde, und einer ſanften Tochter Gu⸗ drun, von welcher dieſe Mähre Kunde gibt. Im Dänenland ward ſie erzogen. Sie wuchs aber bald ſo kräftig empor, daß ſie hätte das Schwert tragen können, wäre ſie ein Ritter geweſen. Wie ſchön auch ihre Mutter und ihre Ahne Hilde war, Gudrun übertraf Beide an Reiz und Anmuth, daher denn viele Fürſten ſie von ihrem Vater zur Gemahlin be⸗ gehrten. Zuerſt verſagte ſie Hettel dem König Sieg⸗ fried von Morland,(zwiſchen dem Ausfluß der Ems und Weſer) deſſen Heldenkraft weit berühmt war und der über ſieben Reiche gebot. Dieſer kam wer⸗ bend nach Hegelingen, doch ob er auch in ritterlichen Spielen wohl beſtand und Ehr' und Preis gewann: der König nahm ihn nicht zum Eidam. Siegfried mußte mit ſeinen Heergenoſſen traurig wieder abzie⸗ hen und ſchwur, ſich für dieſen Schimpf zu rächen und Hettels Städte alle niederzubrennen. Nun ver⸗ nahm Hartmuth, der Sohn des alten Königs Lud⸗ wig von der Normandie, von Gudruns Schönheit. Seine Mutter Gerlinde rieth ihm zur Werbung, aber der Vater war in großen Sorgen, denn er kannte Hettels Sinn und Trachten. Doch ſchickte man Boten, die wohl hundert Tagereiſen zogen, bis man ſie in Dänemark zurechtwies. Freundlich em⸗ pfangen bringen ſie nach zwölf Tagen ihren Auftrag vor. Da zürnte König und Königin, und Frau Hilde gab den Beſcheid: Wie ſollt' ich ſie einem Le⸗ hensmanne geben? Mein Vater Hagen hat einſt den Seinen mit hundert und drei Burgen belehnt, er aber entfremdete ſich ſeinem Lehensherrn— nein! ſagt Hartmuth: ſie wird nimmer ſein Weib, weiſet ihn in ein ander Land, wo er ſich eine Königin ge⸗ winnen mag!— Mit Sorgen und Scham kehrten die Boten heim; Hartmuth frug aber, ob ſie Gudrun geſehn und wirklich ſo ſchön gefunden hätten, und als ſie es beſtätigten, wuchs ſein Verlangen noch mehr. So will ich nicht ohne ſie bleiben! ſprach er und ſonſt kein Wort. Die Königin klagte, daß man ſolche Botſchaft verſucht, auch ſie hätte gern ihres viellieben Kindes Wunſch erfüllt geſehen. Er aber erſchien bald als unbekannter Ritter am Hofe Hettels, wo ſein ſchöner Wuchs und ſein edles Benehmen ihm die Herzen der Frauen gewann. Auch Gudrun ſchien ihm gewogen, da entdeckte er ihr heimlich ſei— nen Stand und Namen. Die Jungfrau erſchrack; ſie ließ ihm ſagen, es wäre ihr leid, ſie wünſche ihm ein glückliches Leben; ſie bat ihn aber flehent⸗ lich, ſchnell den Hof zu verlaſſen, wenn er vor ih— rem Vater und ſeinen Mannen das Leben behalten wollte. Er entfloh mit der Laſt der Liebe und des Zorns auf ſeinem Herzen. Zu Hauſe ſann er nur auf Rache; Gerlinde, ſeine Mutter, die alte Unhol⸗ din, beſtärkte ihn, ſich zur Fehde zu rüſten. Glück⸗ licher war Herwig, König von Seeland,(Niederland an den Mündungen der Schelde) der tapfere Held, von dem Sang und Sage viel zu melden weiß. Zwar verſagte auch ihm Hettel die Hand Gudruns, aber Herwig kam alsbald mit mächtigem Heereszug. Der Kampf entbrannte. Gudrun ſah aus dem Fen⸗ ſter, wie Herwig auf ſchnellem Roſſe daher flog, ſeine Waffen wie lichtes Feuer blitzten, ſein Schwert ſauſte und er doch feſt im Sattel hielt. Das war ihre Augenweide, daß ihr der Held ſo gefallen mochte, war ihr lieb und leid. Die Seeländer aber dran⸗ gen glücklich bis an das Burgthor. Als Gudrun den jungen Helden mit ihrem eigenen Vater in wildem Streit erblickte, erzitterte ihr Herz; ſie rief herab: Hettel, mein Herr und Vater, ſchon floß ge⸗ nug Blut durch die Halsberge, die Mauern ſind davon beſprengt. Mir zu Lieb ſollt ihr nun frieden, — bis ich an Herwig eine Frage gerichtet!— Kein Friede! rief Herwig zurück: ihr laſſet mich anders waffenlos vor euch kommen, dann fragt mich nach Herzensluſt!— So ließ man ihr zu Liebe vom Streite ab. Herwig kam in die Burg. Mir iſt geſagt, ſprach er zu der Jungfrau, daß ihr mich nur um meines geringern Geſchlechtes willen ver— ſchmäht, und doch fanden oft ſchon die Reichen bei der Armuth Luſt und Wonne. Redet, daß mich meine Arbeit um euch nicht gerene!— Gudrun ver⸗ ſetzte: Wer wäre die Frau, die einen ſolchen Hel— den verſchmähen dürfte? Wollen es nur meine näch— ſten Freunde gönnen, ſo bin ich nach eurem Wunſche die Euere. König und Königin willigten jetzt in die Verlobung. Herwig hätte gern ſeine Braut gleich heimgeführt, doch Fran Hilde war dagegen; Gudrun ſollte noch im Hauſe der Aeltern bleiben, daß man um ſo prächtiger die Ausſtattung rüſten könnte. Siegfried entbrannte nun in Haß und Eiferſr er kündigte Herwig die Fehde an, ſchlug ſeine Mannen und drängte den glücklichen Neben— buhler in eine feſte Burg zurück. Erſt jetzt ſandte Herwig, Hülfe bittend, zu ſeiner Braut. Gudrun ſiel ihrem Vater um den Hals und flehte: Hilf, mein Herr und König! Mein Schaden wird zu groß! Wenn deine Degen nicht mit williger Hand meinen Freunden beiſtehn, ſind dieſe Alle verloren!— Der König verſprach in kurzer Friſt Hülfe und ſammelte ſeine Genoſſen zum Streit. Sie waren auch glück⸗ lich, wiewohl ſie die Fehde nicht enden konnten. Da gelobte König Hettel mit feierlichem Schwur, er wolle nicht von dannen ziehen, bis er Siegfried und ſeine Mannen zu Geißeln gewonnen hätte. Das war willkommene Mähre für den verſchmähten Freier in der Normandie. Die alte Gerlinde rieth unab⸗ läſſig; ſo ſammelte Hartmuth zehen tauſend Ritter zur Heerfahrt nach Hegelingen. Zuvor ſchickte er Boten; er drohte mit Kriegesnoth, wiewohl er noch ohne Gewalt die Jungfrau zu gewinnen hoffte. Gudrun fuhr auf, als ſie die Botſchaft vernahm, dafür ſoll Rath werden— entgegnete ſie, daß Hart⸗ muth bei mir nicht die Krone trage. Herwig iſt es, dem ich gern ſeinen guten Willen lohne; ihm hab' ich mich verlobt und zugeſagt; eines andere Freun⸗ des begehr' ich nimmer zur Minne!— Der Bote erwiederte: So meldet euch mein Herr, und ſeid ihr andern Sinnes, ſo ſollt ihr ihn mit ſeinen Re⸗ cken in drei Tagen ſchon hier ſehen.— ie lachte, denn ſie wußte nicht, wie nahe Hartmuth indeß her⸗ angekommen war. Dieſer war außer ſich, als er ihren Beſcheid vernahm. Weh mir, weh meiner Schande! wehklagte er. Dieſe Rede ſchneidet mir in das Herz.— Sein Heer zog jetzt landein. Als man ſie erblickte, frohlockte Gudrun, weil ſie wähnte, es ſeien ihres Vaters Feldzeichen. Hettels Mannen wollten nicht einmal die Hofburg ſchließen und er⸗ lagen der Uebermacht. Hartmuth trat vor Gudrun. Ach weh, mein Vater! jammerte die Maid: wenn du wüßteſt, daß man mit Gewalt deine Tochter aus deinem Reiche führt, mir armen Königin geſchähe nicht Schaden noch Schande!— Die von der Nor⸗ mandie plünderten und wollten die Burg Matelane verbrennen. Kaum hielt ſie Hartmuth ab. Gudrun mit zwei und ſechszig ihrer Frauen führte er gefan⸗ gen mit ſich von dannen. Bald rauſchten die Se— gel im Winde; die Kiele ſo ſchwer beladen, als ſie zu tragen vethochten, zogen nun der fernen Nor⸗ mandie zu. Der argloſe Vater, von dieſem Ueber⸗ fall benachrichtigt, weinte über das Unheil; die Hel— den weinten mit ihm. Sie ſchloſſen Frieden mit de⸗ nen von Morland; ſie erzählten ihnen die traurige Mähre und Siegfried verhieß Beiſtand. In der Nähe lagen ſiebzig Schiffe der Pilgrime am Geſtade; der Held Wate nahm ſie mit Gewalt weg. Die Normannen hatten indeß den Wulpenſand(Inſel Wight) erreicht und raſteten. Hier holten die Feinde ſie ein und erhoben einen mörderiſchen Kampf. Als der Abend ſank, war die normandiſche Schaar noch ungebändigt und Gudrun weinte noch im Lager der Feinde. Am andern Tag erneuerte ſich die Schlacht und König Hettel fiel von Ludwigs Hand. Schnell drang die Kunde über das Schlachtfeld ins Lagerz Gudrun und ihre Jungfrauen jammerten ſo laut, daß es den Kriegern durch die Seele ſchnitt. Im⸗ mermehr ſtieg die Verwirrung; ſie kämpften ſo tief in die Nacht, daß Horand, der Sängerheld, im Dunkel ſeinen eigenen Vater erſchlug, ohne ihn zu kennen. In der Nacht machten ſich die liſtigen Nor⸗— mannen heimlich zu Schiffe und entkamen. Als die Gegner Morgens erwachten, hatten ſie Rettung und Rache verſchlafen, und es blieb nichts zu thun, denn die Todten zu beſtatten und heimzukehren. Der junge Ortwin wagte nicht, vor ſeiner Mutter zu er⸗ ſcheinen; Wate brachte ihr die Botſchaft von König Hettels Tode; er gab den leidigen Troſt? Wenn die jungen Leute empor gewachſen ſind, dann nehmen wir an Ludwig und Hartmuth Rache. Er erklärte zugleich ihr Unglück für Strafe, die ſie an den Pil⸗ gern verdient hätten, denen man ihre Schiffe zurück⸗ geben müßte. Dies geſchah und die Pilger nahmen auch ihre Verwünſchungen zurück. Ein günſtiger Wind trieb indeſſen die Schiffe der Normannen dem Geſtade zu, wiewohl die Männer ihrer heimlichen Flucht ſich ſchämten. Ludwig ſah ſeine Burg und ſprach zu Gudrun: Scht ihr das Schloß dort, Frau? Ihr ſollt dort Freuden finden! Wollt ihr uns gnä⸗ dig ſeyn, werden wir mit reichem Lande euch loh⸗ nen.— Da ſprach die Maid traurig: Wem ſollte ich gnädig ſeyn? Iſt doch meine Gnade— ach, ich bin leider ſo fern von ihr geſchieden, ich meine ſo ſehr ferne: daß ich alle Tage in Leiden bleiben muß.— Laßts euch nicht Leid ſeyn— meinte Lud⸗ — wig— liebet Hartmuth, den kühnen Recken; wir wollen euch Alles dafür zum Lohn bieten, was wir haben. Da ſprach wieder Hildens Tochter: Ließt ihr mich doch in Ruhe! ehe ich Hartmuth nähme, ſtürbe ich lieber— ich wäre ihm denn von meinem Vater zugeſagt— ja, mein Leben will ich verlieren, eh ich ihn ſo zum Freund gewinne. Der König ge⸗ rieth darüber ſo in Zorn, daß er ſie bei den Haaren faßte und in die See warf. Hartmuth rettete ſie aber in einer Barke. Dort ſaß ſie triefend in dem Gewand, wie er ſie aus den Wogen brachte; ihre Jungfrauen weinten, wie konnte ihnen größeres Her⸗ zeleid widerfahren? Und alle dachten, es wird uns noch ſchlimmer in dieſem Lande ergehen. Hartmuth ſprach zornig zu ſeinem Vater: Was wollt ihr die ſchöne Gudrun, mein Weib, ertränken? Sie iſt mir lieber als mein Lebenz hätte das Jemand anders als mein Vater gethan, es würde ihn Ehr' und Le⸗ ben koſten!— Ludwig aber meinte: Unbeſcholten bin ich in mein Alter kommen und wollte auch ſo nach meinen Ehren bis an mein Ende hinleben. Bitte nur Gudrun, daß ſie mir nicht darob zürne! Königin Gerlinde ward über die Nachricht, daß ihr Sohn mit Gudrun nahe ſey, hoch erfreut; auch die junge Fürſtin Ortrun, ſeine Schweſter, war heiter, die nun in ihrem Lande zu ſehen, von deren Preis ſie ſchon ſo vieles vernommen hatte. So ſchickte man ſich an, die Maid von Hegelingen auf das 4 —— köſtlichſte zu empfangen. Wider Willen ließ ſich Gudrun von Hartmuth bei der Hand an das Ge⸗ ſtade führen; mit thränenden Augen küßte die hei⸗ mathloſe Maid die junge Königin des Landes und wehmüthig faßte Ortrun ihre weißen Hände. Auch Frau Gerlinde wollte ſie küſſen, allein Gudrun wen⸗ dete ſich unmuthig weg von ihr: Was tretet ihr mir ſo nahe? Euch ſollte ich küſſen? Ihr dürft mich nimmer umfahen! Euer Rath iſt es, daß ich un⸗ glückliche Maid ſchon ſo viel geduldet und leider kommt mehr noch nach.— Gerlinde erkannte, daß ſie nach ihrer Gunſt ringen müßte. Hartmuth bot Alles auf, um Gudrun zu beſchwichtigen; Spiel und Kurzweil wechſelten am Strande, allein der Armen ward nur immer bänger zu Muth, ihre Au⸗ gen und lichte Wangen wurden ſelten trocken. Nur gegen Ortrun war und blieb ſie freundlich. Hart⸗ muth ließ ſie nun in ein ſchönes Schloß bringen und gebot, ihr dort alle Aufmerkſamkeit zu be— weiſen, denn er hoffte noch immer, ſie zu ſei⸗ ner Gemahlin und zur Königin zu machen. Da ſprach die alte Gerlinde zu Gudrun: Wann wirſt du den jungen König als deinen Gemahl in die Arme ſchließen? Er iſt dir wohl gleich, ſo nimm denn ſeine Werbung an! Die elende(heimath⸗ loſe) Maid entgegnete: Frau Gerlinde, wie wäre denn euch zu Muth, wennn man euch zu Jemand zwänge, der ſo viel liebe Verwandten euch geraubt? — 6 Es möcht' euch ſchwer werden, ihm willig zu dienen. — Das kann Niemand mehr ändern, verſetzte die Königin. Laß du das und gib ihm deine Liebe. Bei meinem Haupte, ich will dir es lohnen, und willſt du Königin heißen, ich gebe dir gern meine Krone. Unmuthig ſprach die Maid: Ich mag ſie nicht tragen, und von ſeinem großen Gute ſchweigt mir, das gewinnt ihm meine Liebe nicht. Ich mag hier nicht leben, ihr wißt, daß ich alltäglich von hinnen begehre.— Dies verdroß den jungen Fürſten bitter; die Alte aber raunte ihm tückiſch zu: Die Weiſen ziehen wohl noch dumme Kinder; laß mich ſie ziehen und gib acht, wie ſich ihr Hochmuth legen ſoll. Hartmuth war es zufrieden; nur ſolle Ger⸗ linde die Heimathloſe in Güte lehren. Die Königin verſuchte auch noch einmal freundliche Zurede und Verſprechungen. Gudrun wollte ihr aber nicht folgen. Da ergrimmte die alte Teufelin und rief: Willſt nicht Freud, ſollſt Leid genug haben! Sieh zu, wer dir es abnimmt! Du ſollſt von heute an mein Gemach heizen und ſelber die Brände zutragen. Die Maid ſprach: Ich kann Alles, was ihr mir gebietet, bis Gott vom Himmel meine Sorgen wendet. Doch ſelten hat meiner Mutter Tochter das Feuer geſchürt. Gerlinde rief: So wahr ich das Leben habe, du ſollſt beginnen, was andere Königinnen ſelten gethan. Deine Hochfahrt getrau' ich mich dir wohl zu verleiden; eh es Morgen Abend wird, — trenn' ich dich von deinen Jungfrauen. Du dünkſt dich ſo theuer, dafür ſollſt du Arbeit haben. Ich will deinen trotzigen Sinn ſchwächen und dich all deine Hoheit vergeſſen lehren!— Im Zorn trennte ſie nun die Maid von ihren Geſpielinnen; dieſe mußten ſpinnen, Flachs hecheln, Waſſer tragen und den Ofen heizen und dabei den Spott von Gerlin⸗ dens Frauen dulden. Vierthalb Jahr vergiengen in ſolch ſchimpflichem Dienſt, denn Hartmuth beſtand drei Heerfahrten. Da ließ er endlich Gudrun vor ſich kommen. Man ſah ihr an, wie ſelten ſie Ruhe und gute Speiſe gehabt. Gudrun, fragte ſie der junge Wirth: wie gieng es dir, ſeit ich und meine Geſellen von hier ſchieden?— Da wallte ihr Herz über und ſie ſprach: Dienen muß ich, daß ihr davon Sünde habt und ich Schande.— Er machte ſeiner Mutter Vorwürfe und dieſe verſprach, Gudrun beſſer zu halten. Aber ſeitdem ward ihr Loos noch ſchlim⸗ mer; ſie hatte den Haß der alten Wölfin in Wuth verwandelt. Du ſollſt künftig mit deinem eigenen Haar den Staub von Schemeln und Bänken fegen — ſchrie ſie: und meine Gemächer, das will ich dir ſagen, die ſollſt du dreimal des Tages kehren und das Feuer beſorgen.— Das thu' ich Alles, erwiederte Gudrun gelaſſen, ch' ich meinem Bräu⸗ tigam die Treue breche und eines Andern werde. Willig that ſie Alles und viele Jahre verfloſſen in harter Arbeit; man hielt ſie nimmer als ein Königs⸗ kind; ſie ſchwieg und duldete. Nun gieng es in das neunte Jahr. Hartmuth kehrte von einem Zuge heim und trug ihr Hand und Krone anz ſie ſolle ihm nicht zurechnen, was ſeine Mutter verſchulde. Die Jungfrau erwiederte mit Stolz und feſtem Muthe: Ihr wißt, Herr Hartmuth, was euer jäher Zorn mir geſchadet, wie ihr mich gefangen und von dannen geführt. Auch iſt euch wohl kund— und mir leid genug, daß euer Vater Ludwig meinen Vater erſchlug. Wär' ich ein Rittersmann, er ſollte nicht ohne Waffen vor mich treten. Könnt ihr mir noch von Liebe reden? Es iſt ja von alter Zeit her Sitte, daß keine Frau einen Mann nimmt, es ſei denn ihr Beider Wille!— Und von Neuem ergoß ſie ſich in Klagen über ihres viellieben Vaters Tod. — Dann iſt mir auch gleich, was euch betrifft— fuhr Hartmuth zornig auf: es iſt verdienter Lohn für euern Trotz!— Einen andern Lohn begehr' ich nicht, entgegnete Gudrun rnhig: als ich ſeither empfieng. Was ich für eurer Mannen und der Königin Weiber gearbeitet, ſeit Gott mein vergeſſen, das thu' und leid ich Alles gern, wiewohl mich mancher Kummer drückt.— Hartmuth gieng zu ſeiner Schwe— ſter Ortrun und bat ſie um ihre Fürſprache bei der Maid. Sie verſuchte Alles, nahm die Heimathloſe in ihre Gemächer, pflegte ſie beſſer und liebevoll; und wirklich ward Gudruns Farbe wieder roſenroth wie vordem; aber Hartmuth hoffte dennoch umſonſt. Da zog er ſich ganz vom Schloſſe weg, nur beküm⸗ mert um ſeine Mannen und um ritterliche Ehren. Jetzt ſprach die alte Königin: Deine gute Zeit iſt nun vorüber, und du ſollſt mir wieder dienen!— Sie zwang ſie, die Waſche an das Geſtade zu tragen und dort für Gerlinden und ihr Geſinde zu waſchen. Laßt michs nur lehren, ſprach das duldſame Königs⸗ kind: ich achte mich nicht zu hoch dafür, da ich meine Speiſe damit verdienen ſoll.— Und bald verſtand Niemand in der ganzen Normandie ſo gut zu waſchen, als Gudrun. Bitter beklagten ſie ihre Frauen, zumal Hildburg von Portugal, die aber für ihr Mitleid von der böſen Gerlinde zu gleichen Dienſten beſtimmt wurde. Sie ſagte dies der Maid zum Troſt und Gudrun fprach: Chriſt lohne dir, daß dich mein Leid ſo kümmert. Wirſt du mit mir waſchen, ſo kommt Troſt und Freude über uns, kürzt die traurige Weile und uns wird leichter zu Muthe.— So tröſteten ſich Beide einander.— Indeſſen wuchs die Jugend in Hegelingen heran und Frau Hilde, die hehre Königswittwe, ließ Schiffe zimmern. Dann ſandte ſie Boten und ließ die Helden zur Heerfahrt nach der Normandie entbieten. Ort⸗ win, Gudruns Bruder, war gerade am Gewäſſer und ergötzte ſeinen trüben Sinn mit Falkenbeizen. Er ließ die Falken fliegen und verſprach, ein Heer von zwanzig tauſend Helden in das Feld zu führen, ob auch keiner davon käme. So nahmen die Recken aller Orten die Mahnung auf und man zählte bei ſiebzig tauſend Schilden. Die Königin entließ ſie und bat den Herrn Chriſt im Himmel, ſie wohl zu geleiten. Es waren ihrer genug, deren Väter vor Matelane oder auf dem Wulpenſand erſchlagen lagen, dieſe dürſteten nach Rache. Aber ſie hatten viel Noth und Fahr auf der Meeresflut zu dulden. Erſt trieb ſie der Sturm hoch nach Norden, dann verwirrte ſie dicker Nebel, und der Magnetberg zog die Schiffe an; endlich führte ſie günſtiger Wind an die Küſten der Normandie. Sie kamen überein, vorerſt Boten auszuſchicken, ob Gudrun noch lcebe. Ortwin und Herwig übernahmen dieſe Botenſchaft, wie ſehr auch Wate, der ihnen nicht genug Er⸗ fahrung zutraute, dagegen ſeyn mochte. Ortwin trug vor dem Abſchied den Seinen auf, ihn und Herwig um jeden Preis loszukaufen, wenn ſie in Gefangenſchaft geriethen; die gefangenen Frauen aber nicht ihrem Schickſal zu überlaſſen, wenn die beiden Könige fallen ſollten.— An einem hellen Märzentage um Mittagszeit wuſchen die Jungfrauen Gudrun und Hildburg die Kleider der Königin am Meeresſtrande. Da ſchwebte ein Vogel über der See, und als ihn Gudrun bedauerte, weil er ſo ruhelos hin und wieder flattere, redete er mit menſchlicher Stimme, gab ſich als Bote von Gott zu erkennen und offenbarte den Mädchen, wie nahe ihre Retter und Befreier wären. Darüber blieben —— ſie länger am Strande, denn ſonſt. Die alte Kö⸗ nigin ſchalt und gab ihnen für den nächſten Tag wieder Arbeit, ihre Abendkoſt beſtand nur in Schwarz⸗ brot und Brunnenwaſſer, dazu mußten ſie auf har⸗ ten Bänken ohne Kiſſen ſchlafen. Nachts fiel ein tiefer Schnee, allein wie ſehr die Armen baten, Gerlinde gab ihnen keine Schuhe und nöthigte ſie, baarfuß an den Strand hinabzugehen. Sie wade⸗ ten durch den Schnee und froren bei der ſchweren Arbeit. Da ſchwebte die Barke der jungen Helden heran. Voll Scham wollte Gudrun fliehen, um nicht bei der niedern Arbeit betroffen zu werden. Die Helden beſchworen ſie, allen Maiden zu Ehren zu bleiben. So traten ſie in naſſen Gewändern, mit zerzauſtem Haar und vor Froſt bebend näher, denn„märziſche“ Winde ſauſten und Schnee und Regen flog durcheinander. Doch auch in dieſer traurigen Geſtalt ſah man ihre königliche Würde und Anmuth. Wie regte ſich ihr Herz, als ihnen Herwig einen guten Morgen bot! Seit Jahr und Tag hatten ſie:„Guten Abend, guten Morgen!“ nicht vernommen. Die Recken erkundigten ſich nach Ludwig und Hartmuth und hörten von den Rüſtun⸗ gen am Hofe, ſie boten den zitternden Jungfrauen ihre Mäntel zum Schutze, aber Gudrun ſchlug es aus. Endlich forſchten ſie nach den Gefangenen und nach Gudrun. Die Jungfrau entgegnete: Mir iſt es wohl bekannt. Vor langem brachten ſie frem⸗ des Geſinde in harte Knechtſchaft hierher. Die ihr ſucht, hab' ich geſehen in ſchwerer Dienſtbarkeit— ſie war unter Hartmuths Gefangenen.— Herwig hatte die Maid ſcharf in's Auge gefaßt; leiſe ſprach er zu Ortwin: Seht doch, Herr Ortwin, iſt euere Schweſter noch am Leben, in irgend einem Lande auf dem Erdreiche, ſo iſt es dieſelbe; nie ſah ich Eine ihr ſo gleich. Ortwin fand dieſe Aehnlichkeit nicht, aber Gudrun betrachtete die Männer immer mehr. Dann ſprach ſie zu Herwig: Wer ihr auch ſeid, einſt kannt' ich einen Mann, dem ſeid ihr ähnlich; er hieß Herwig von Seeland. O lebte er noch, er löſete mich gewiß aus meinen Banden! Auch ich bin unter den Gefangenen Hartmuths. Ihr ſucht Gudrun? Spart euch die Mühe; die Maid von Hegelingen erlag der ſchweren Arbeit!— Bei dieſen Worten ſtürzten Thränen aus des Helden Augen. War euch denn Gudrun verwandt? fragte die Maid, weil ihr ſo kläglich thut. Ja, rief Her⸗ wig: bis an den Tod war ſie mir mit feſtem Eid verlobt, dann mußt' ich durch des alten Ludwigs Verrath ſie verlieren!— Ihr wollt mich betrügen, ſprach ſie. Oft hört' ich ja von Herwigs Tode— und wahrlich, lebte er noch, er hätte mich längſt befreit!— Da trat der Fürſt näher und zeigte ihr den Ring der Treue; ſie beſah ihn und lächelte: Einſt kannt' ich dieſen Ring, als er noch mein war. Nun ſollt ihr auch den ſehen, den mein Trauter mir ſandte, da ich arme Maid noch glücklich lebt' in meines Vaters Lande.— Herwig ſah das Gold und ſchloß ſie in ſeine Arme, küßte vielmal ſie und ihre Geſpielin. Ortwin grollte und gab nicht zu, daß man die liebe Beute gleich zu den harrenden Geſellen führe. Hätt' ich hundert Schweſtern, rief er: ſie ſollten lieber ſterben, eh' ich wie ein Dieb von dannen ſchliche; die man im Sturme nahm, die will ich nicht heimlich ſtehlen. Und davon gieng er nicht ab. Herwig mußte zur Barke folgen und trauernd kehrten die Armen in das Schloß zurück. Aber Gudrun nahm die Linnen der Königin nicht mit. Weg mit dieſer Arbeit, rief ſie: zwei Könige haben mich geküßt und in ihre Arme geſchloſſen!— Ja, ſie warf die Kleider in das Meer. Dafür wollte ſie Gerlinde furchtbar züchtigen. Sie ließ Dornen zuſammenbinden und befahl, die Maid an ein Bettgeſtelle zu ſchnüren, denn ſie wollte ihr die ſchöne Haut von allen Gliedern ſchlagen. Die Frauen erhoben ein Jammergeſchrei. Gudrun aber erſann eine Liſt, wie ſchrecklich ihr auch die Lüge war. Als ſie allein mit der alten Feindin war, ſprach ſie: Frau Königin, reizt nicht Hartmuths Zorn wi⸗ der euch; bedenkt, wenn ich einſt Königin dieſes Landes bin, wer will meine Rache hindern?— Gerlinde ſtutzte, band ſie los und ſchickte ſogleich zu ihrem trauernden Sohne. Meine Seele iſt des Elends müde— ſprach Gudrun zu ihm: Helfet mir —0— aus eurer Mutter Händen, und wenn mir in drei Tagen keine Hülfe kommt, ſo bin ich euer Weib! — Wie frohlockte Hartmuth! Man brachte ihre Frauen wieder zu ihr, Alle ſchmückten ſich nach Ge⸗ bühr und gewannen ihre Reize wieder. Auch Or⸗ trun freute ſich mit den Fröhlichen. Als aber die Heimathloſen, um der Nachtruhe zu genießen, allein waren, eröffnete Gudrun ihr Herz und erzählte, daß ſie heute ihren Bräutigam und ihren Bruder geſehen habe, und daß die Hülfe nahe ſei. Alle legten ſich frohlockend nieder.— Die Hegelingen fanden aber den König Ludwig und ſeine Mannen nicht unvorbereitet. Die böſe Gerlinde verzagte und ſuchte die Ihren in der Burg zurückzuhalten, wo ſie auf ein ganzes Jahr mit Speiſe und Trank ver⸗ ſehen wären. Aber Hartmuth wieß ſie zornig ab. Die Schlacht begann. Hartmuth verwundete den Ortwin und Horand, daß ſie ſich mußten verbinden laſſen. Herwig focht gegen den alten Ludwig, an⸗ fangs unglücklich, denn dieſer warf ihn zu Boden; aber Herwig ermannte ſich und ſchlug dem König mit Einem Schwertſtreich das Haupt ab. Hartmuth wußte dies nicht und wollte gutes Muthes in die Burg zurückziehen. Da ſah er den alten Wate, der ſich als Pförtner mit ſeinen Heergeſellen vor das Thor geſtellt hatte. Neuer Kampf und Geſchrei in der Burg! Gerlinde bot reichen Lohn, wenn Je⸗ mand zum Entgelt für des Königs Leben jetzt Gu⸗ — drun mit ihren Dienerinnen erſchlagen wollte. Schon hatte ein Untreuer das Schwert gezückt; in der Todesangſt ſchrie Gudrun aus dem Fenſter; Hart⸗ muths zorniger Ruf ſcheuchte den Mörder weg und rettete Gudrun vom Tode. Faſt hätte ihn Wate dafür erſchlagen. Ortrun, ihres Bruders Gefahr erſchauend, warf ſich zu Gudruns Füßen und flehte für ihn. Gudrun rief vom Fenſter herab nach Her⸗ wig, der die Streitenden zu trennen verſprach. Wate weigerte ſich und ſchlug ſelbſt ihn nieder, doch ge⸗ lang es endlich, ſie auseinander zu reißen und Schloß Caſſiane ward im Sturm genommen. Der grimme Wate hielt ein entſetzliches Strafgericht. Wie einſt Hagen von Troneck an Etzels Tafel, ſo ſchonte auch er der Kinder nicht, denn wer ſchützt vor ihrer Rache, ſchrie er, wenn ſie einſt zu Männern er⸗ wüchſen? Gudrun nahm die Jungfrauen von Nor⸗ mandie in ihren Schutz; auch Gerlinde fiel vor ihr zu Füßen und bot ſich zur Leibeigenen dar. Zähne⸗ knirſchend, die Augen voll Mordluſt, ſchleppte der alte Wate die böſe Teufelin an den grauen Haaren hinaus. Nun, hehre Königin, ſchrie er, ſoll Gu⸗ drun euch nimmer die Gewande waſchen!— Vor der Thüre des Saales rollte Gerlindens Haupt in den Sand. Auch Eine der Frauen würgte er, die der heimathloſen Maid viel Kummer bereitet; denn, ſprach er, ich bin Kämmerer und kann Frauen zie⸗ hen. Der Kampf endete und nun erſt konnte Herwig — die Braut in ſeine Arme ſchließen. Sie zogen zur Königswittwe nach Hegelingen und Gudrun ver⸗ ſöhnte dieſe mit Ortrun, dem Ludwigskinde. Noch mehr; auf ihre Bitte reichte ihr Bruder Ortwin der ſanften Ortrun die Hand, Hartmuths Kerker öffnete ſich und die treue Hildburg ward ihm zum Weibe gegeben. Aller Haß löſete ſich in Lieb' und Treue. Verſöhnt drückte Frau Hilde auch des Fein⸗ des Kinder an ihre Bruſt. So wirkte Gudrun auf immer den Frieden zwiſchen der Normandie und Hegelingen. Genovpepg. — 0— Nodnagels poetiſche Frauenbilder. 1I. 4 Als Karl der Hammer im Frankenlande Haus⸗ meher war, drangen die Mohren von Spanien her ungezähmt in das fränkiſche Reich ein, um auch hier Mahoms Zeichen auf die Tempel Gottes zu pflanzen. Da giengen Herolde durch die Staaten und Schreiber liefen in des Reichs Provinzen, daß alle Grafen, Ritter und Herren ſich dem Reichs⸗ banner fügen und den Feind ſchlagen helfen ſollten. Dies Aufgebot kam auch nach der Stadt Trier, wo dazumal der Pfalzgraf Siegfried ſaß, der ſich un⸗ lange mit der tugendſamen Genvopeva vermählt hatte. Siegfried rüſtete ſich zu dieſem Zuge, nach⸗ dem er mit ſeinem Gefolge das heilige Abendmahl und Abſolution in der Kapelle empfangen. Aber der Abſchied von Genoveva ward ihm ſchwer. Sammle dich, mein Gemahl— redete er ihr zu: zeige dich als eine deutſche Frau. Nicht dieſe Thränen— warum willſt du weinen?— Werd' ich dich jemals wiederſehen? ſchluchzte ſie an ſeinem Halſe. Sieg⸗ 4* fried tröſtete: Bald kehr' ich als Sieger wieder zur Heimath.— Sie weinte noch mehr: Dann bin ich ſicher todt, ſo ſpricht mein armes Herz.— Er ſchüttelte das Haupt: Du ſtehſt mit den Heiden im Bunde, wenn deine Seufzer und Thränen mich zu⸗ rückhalten wollen. Vorwärts ſollteſt du mich trei⸗ ben, daß ich mein Blut für das heilige Kreuz opfere! — Ach, nicht halten möcht' ich dich, mein Gemahl, ſeufzte Genoveva: nein! zum Ruhme dich drängen. Mir bangt nur, hier allein zurückzubleiben, als harrte tiefe Trauer mein, als trieben gute Geiſter mich von hier. So jung ich bin, erlitt ich vielen Kummer; Vater und Mutter ſtarben in meiner Kind⸗ heit, ſie konnten unſern Bund nicht ſegnen. Und nun ſoll ich mein liebſtes Gut für immer verlieren! — Da trat ſein junger Hofmeiſter, Herr Golo, fröhlichen Sinnes in das Gemach. Der Pfalzgraf faßte ihn bei der Hand. Du bleibſt zu Haus und biſt die Stütze der Meinen, Hofmeiſter über mein Geſinde, Vogt des Schloſſes, meines theuren Wei⸗ bes Hüter. Gern hätt' ich dich mitgenommen, aber weil ich keinen weiß, deſſen Treue mir ſo ergeben wäre, ſo laſſ' ich dich hier und gehe getröſtet von dannen.— An Worten bin ich arm, verſetzte Golo: die That ſoll für mich ſprechen. Genoveva erneuerte ihre Klage;z ſie bat, den Gemahl begleiten und pfle⸗ gen und ſeine Wunden heilen zu dürfen. Sie hätte ihn faſt erzürnt, doch als ſie ihm ſagte, er werde wohl bei der Heimkehr ein liebes Kind auf ihren Armen ſehen, da begriff er ihre Angſt und ſchied mit Küſſen von der Theuern. Golo munterte ſie auf, im Glanze des neuen Frühlings ihre Schmer⸗ zen zu vergeſſen; ſie hörte nicht darauf und wollte allein ſeyn. Der Pfalzgraf mochte kaum in Karls Lager ſeyn, da fühlte Golo, daß ſein helles Auge und ſein luſtiges Anſehen dahin ſei und das leichte Leben von ihm Abſchied nehme. Es ſchleicht das Blut in meinen Adern— ſprach er: nimmer will der Wein mir ſchmecken, fröhliche Geſellſchaft mich erquicken; mein ſchönes Roß iſt mir zuwider, Alles, was ſonſt mir Luſt verſprach, iſt geſchwunden. Zu träge bin ich für der Waffen Spiel, zu trüb, ein Lied zu dichten und zu ſingen. Das muß ſich än⸗ dern!— Selbſt Genoveva gewahrte es, daß Golv nicht mehr der Alte war. Er liebt den Herrn mit wunderbarer Tugend, dachte ſie, der treue Menſch — es muß ihn Jeder lieben, der ihn kennt. Jetzt kam gute Botſchaft vom Pfalzgrafen: der Mohren⸗ könig ſei todt und ſein Heer ſo gut wie aufgerieben. Zugleich ſandte der Herr koſtbare Stücke von der Beute mit, die einſame Gemahlin zu erfreuen. Dieſe ſetzte einen Feſttag für all ihr Burggeſinde an. Von Neuem machte ihr Golo's Trübſinn bange Sorgen; ſie dachte: Wäre er nur mit in das Feld gezogen, wir hätten uns auch ohne ihn beholfen, dort war der Ort, wo er Ruhm und Ehre ſuchen mußte.— Im Schloſſe lebte die alte Frau Gertrud, die bei der Pfalzgräfin in Gnaden ſtand; ſie hatte aber Golo lieb wie einen Sohn, denn ſie war die Pfle⸗ gerin ſeiner Jugend geweſen. Einſt wandelte ſie im Burggarten, da trat der Jüngling zu ihr und ge⸗ ſtand ihr mit flammender Röthe im Angeſicht ſeine ſündhafte Liebe zu Genopeva, denn nun ſchaute er ſelbſt klar in ſeine Seele. Gertrud rieth ihm nicht ab; ſie meinte vielmehr: Die Menſchen bleiben im⸗ mer Menſchen, ob hoch oder niedrig, gilt da gleich⸗ viel. Wär' ich ein junger Herr mit Augen wie ihr, ich hielte feſt an der Hoffnung und ſollt' ich in die Königin verliebt ſeyn.— Wie ſprichſt du?— fuhr er auf. Du weißſt nicht, was du ſagſt. Sie ſteht wie eine Heilige vor mir, und ich wage nicht, ihr Gewand zu berühren, ihr Blick ſchlägt den meinen nieder, ja ich ſchäme mich in ihrer Gegenwart der reinſten Gedanken und Wünſche.— Nichts feſſelt die Weiber mehr, als dieſe tiefſinnige Verehrung— antwortete die Alte. Du kennſt die Frauen nicht, verſetzte er heftig: nicht dieſe Frau. Sie iſt die einzige ihres Geſchlechts. Sie weiß ihre eigene Schönheit und Lieblichkeit nicht; ſie hat den Himmel in ihrem Aug' und verſchönt die Erde. Seit jener Stunde, wo ich ſie ſah, dünkt mir nichts auf Erden mehr ſchön! O daß ihr Herz nur einmal an dem meinen ſchlüge!— Mache nicht vergebliche Worte, raunte die Verſucherin ihm zu: ſiehſt du denn nicht an ihren Augen, daß dir die ſchönſte Hoffnung lacht, daß Genoveva für dich mit gleicher Liebe glüht?— Solches Glück hatte ſich Golo nicht gedacht, aber die Hoffnung ſchmeichelte ſich allmählich ein, als Gertrud ihm den Rath gab, die Herrin auf die Probe zu ſtellen; ſo werde jeder Zweifel bei ihm verſchwinden. Dieſe Probe machte Golo bei der erſten Zuſammenkunft mit der Gräfin; er verräth ſeine wahnſinnige Liebe; er will die ſeinem Schutz Anbefohlene in ſeine Arme reißen. Hinweg! gott⸗ loſer, ehrvergeßner Mann! ſchrie Genoveva, aus ſeiner Nähe fliehend. Golo war dem Wahnſinni⸗ gen gleich. Gertrud, die er wieder zu Rathe zog, tadelte ſeinen Ungeſtüm; er müſſe langſam und ſicher gehen, der Herrin dienen, ihre Schritte bewachen, klagen und ſchmachten; kurz, alle Künſte der Ver⸗ führung anwenden, dann böte ſich wohl die günſtige Stunde, und ſie vergeſſe den Grafen und ſich ſelbſt. Doch dies verſchmähte der Jüngling; nicht als Schalk und Dieb wollte er ihre Gunſt ſtehlen. Er wußte aber ſelbſt nicht, was er wollte. Bisweilen blitzte der Gedanke in ihm auf: Wenn nun ſchon der Tod die Senſe ſchwänge und den gehäſſigſten Mann er⸗ ſchlüge? Wenn ich ſie im ſchönen Mai als meine Braut ſchmückte!— Dann begegnete ſie ihm wieder und wiewohl ſie ſich zwang, ſeine vorige Wildheit zu vergeſſen und freundlich zu ihm ſprach, ſo kam er doch nicht zur Beſinnung; er ward nur wüthen⸗ —— der, je mehr er ſie anſchaute. Sie las indeſſen täglich allein mit ihres Gemahls Hausmeiſter Drago in den heiligen Schriften und ſuchte darin Balſam für ihre Wunden. Kein Diener durfte hören, was der fromme Drago ihr begeiſtert erklärte. Dies be⸗ nützte Golo und eines Tages trat er mit andern Knechten ungemeldet und haſtig bei ihr ein. Was ſoll dieſer Ueberfall? frug Genoveva, ſich würdevoll erhebend. Golo ſprach zu den Knechten: Hier ſeht ihr ſelbſt, was ich ſagte, und nun ermeßt ihre Schuld. Dann wandte er ſich zu der Herrin, die noch nichts ahnte: Ich wache, o Gräfin, wenn auch alle ſchlafen. Herr Siegfried ſetzte mich zum Wächter euerer Ehre, wie ſollt' ich es verantwor⸗ ten, wenn ich hier ungeſtraft ließe, was ſeinem Leben, ja mehr als dem Leben, ſeiner Ehre droht? Verlorene Ehre iſt zwiefacher Tod. Ihr glaubtet wohl, mir zu verhehlen, was ihr hier Tag und Nacht ſo gern dem Auge Gottes verbergen wollet? Auf, ihr Knechte, feſſelt den Drago; hinab mit ihm in den tiefſten Thurm, dort büße er für ſeine Uebel⸗ that. Die Knechte gehorchten dem Befehl und Dra⸗ go's Angſt und Bläſſe ſchien ihn anzuklagen. Ge⸗ noveva ſah wortlos dieſem Frevel zu. Ihr aber, Gräfin, müßt euch ſchon darein ſchicken, fuhr Golo fort: im andern Thurm zu wohnen, bis mein Ge⸗ bieter heim iſt. Die Gräfin mußte ſich in das Schreckensgemach bringen laſſen, denn keiner der —— Dienerſchaft wagte hervorzutreten und ihre Ehre zu beſchützen; ſie gingen ſcheu bei Seite und vollführ⸗ ten, was Golo befahl. So hoffte der Falſche durch die Angſt zu erpreſſen, was freie Neigung ihm ver⸗ ſagte. Doch umſonſt. Genoveva bebte vor ſeinem bloßen Anblicke zurück. Selbſt dies rührte ſein Herz nicht, was ihm eines Tags Gertrud berichtete, daß nämlich Gott der ſchwergekränkten Gräfin im Thurm ein Söhnlein geſchenkt habe. Wunderbar iſt ſie ge⸗ rettet, ſprach die alte Verführerin. Als ich zu ihr kam, hört' ich das Winſeln des armen Wurms, den ſie in matten Armen hält; ſie hat das Kind in ihr Gewand gewickelt und ſäugt es mehr mit Thränen als mit Milch. Sie ſah mich an und hielt es ver⸗ borgen, als wollt' ich es dem Mutterarm entreißen. Der Knabe ſchmiegte ſich an ihre Bruſt. Sie hat das Kind getauft in höchſter Noth, weil man weder Knecht noch Magd zu ihr ließ; ſie hat es Schmer⸗ zenreich genannt, weil es mit Schmerz das Licht der Welt erblickte, mit Schmerz genährt wird, im Schmerze ſterben muß. Gebt ihr ein wenig beſſere Koſt, Golo, Kleider für den Knaben und ſie, und ein warmes Bette.— Gib ihr, was ſie braucht— befahl Golo: und ſtöre nicht meine Ruhe!— Wunderbar, wie in himmliſcher Verklärung, pflegte Genopeva in den feuchten Mauern den Knaben, der jetzt all ihr Leben war. So ſang ſie, wenn der Sturm an den ſchweren Eiſengittern rüttelte: 4 Schlafe, mein Kind! Draußen geht der Wind, Die dicken Mauern Beſchützer find! Dein Jammergeſchrei Bricht mein Herz entzwei, Dein lichter Blick Iſt all mein Glück, Wenn ich dich tränke, In deinem Auge mich verſenke, So verſiegen, Verfliegen Die Bilder der Leiden Und weichen den Freuden:— Doch wenn ich gedenke, Daß du meine Luſt An Mutterbruſt Verſchmachten mußt, Dann möcht' ich die Seele dein In Küſſen dir entziehn, Mit dir entfliehn, Vor Gottes Thron zu ſeyn. Schlafe, ſchlafe mein Kind, Bös die Menſchen ſind, Laß uns ſterben, o Gott, gelind!— Siegfried dachte endlich, weil er verwundet war, aus dem Kriege heimzukehren. Der tückiſche Golo hatte Alles mit einem Knechte verabredet, der dem Herrn die Kunde ins Lager zu hinterbringen übernahm. Siegfried knirſchte vor Wuth: Erſt heute traf mich der Todespfeil! O ſchmachvolles Weib, heuchleriſche Schlange! Wie liſtig, fromm und tugendhaft wuß⸗ teſt du dich zu ſtellen! In unſern Weibern gab uns Gott den Fluch. Daß ſie noch lebt und der Ver⸗ — — führer noch! Der Schande! Warum hat ſie Golo nicht alsbald getödtet?— Der Diener entgegnete: Er dachte, gnädiger Graf, daß euer Urtheil dazu nö⸗ thig wäre. Siegfried fuhr fort: Warum raffte ſie Gott nicht hinweg, ehe ſie den ſündlichen Gedauken faßte? Ha, wie es in meinem Buſen tobt! Wie Schwerter zerſchneidet mir es die Eingeweide. Der Arzt bat ihn, ſeine Wunde und ſeine Geneſung zu bedenken. Wer ſagt, daß ich geneſen will? rief er. Nein, Tod iſt mein Wunſch, Tod iſt mein einzig Leben! Ich will das Band aufreißen, daß mein Blut in Strömen fließe, und meine Schande mit meinem Leben ſo zugleich verrinne.— Der Arzt hielt nur mit Mühe den Herrn von unſinniger That ab. Was wollt ihr denn, ſchrie der Pfalzgraf: daß ich noch leben ſoll, wenn die Ehre fort iſt, die mein Leben war! Mein Weib, die ich geliebt, geehrt, die an meinem Halſe ſo falſche Thränen weinte, die iſt gottlos, entehrt von einem Knechte, mich entehrend, die hat das Herz im Buſen mir zerfleiſcht, die macht, daß ich mir ſelber nicht vertraue— verflucht ſei ihr Name und jeglicher Gedanke, der ſie denkt!— Und, als wühle er in den eigenen Seelenwunden, ließ er ſich nochmals Alles vom Diener genau erzählen. Dieſer erwähnte auch, Golv ſei lange von jedem Arg⸗ wohn frei geblieben. Siegfried rief aus: Die Tu⸗ gend glaubt nicht gern an Laſter, daran erkenne ich dich, treuer Golo. Auch ich hätte ihr ja Gut, Le⸗ — ben, Ehre— Alles vertraut. Ich that es und im ſchnöden Muth vergeudete ſie es. Indeß ich für Gott und ſeinen Sohn heilige Schlachten ſchlug, er⸗ gab ſie ſich dem Satan; indeß ich oft mit Schmer⸗ zen ihrer dachte, vergaß ſie mein und ſann auf frevle Luſt.— Wir glaubten Alle, ſprach der Knecht: daß Drago ſie mit Liebestränken bethörte, denn er iſt weder ſchön, noch jung, um Liebe zu wecken. Im Thurm genas ſie eines Knäbleins— ach! das iſt ein Kind der Schuld und Sünde; ihr ſeyd zu lange weg und könnt nicht der Vater ſeyn.— Dieſe böſe Kunde empfieng Siegfried im Lager zu Avignon und gebot, daß Drago ſogleich des Todes ſterbe, Geno⸗ veva möge ſeiner Ankunft warten. Golo's Gewiſſen quälte indeß ohne Raſt, der Bote blieb ihm zu lange. Aber Gertrud beruhigte ihn. Der Graf, meinte ſie, werde ſeinen Heimweg über Strasburg nehmen; dort habe ſie eine Schweſter, erfahren in allen Kün⸗ ſten des hölliſchen Blendwerks und im Bunde mit böſen Geiſtern; dieſe müſſe ihm ein Gaukelſpiel vor⸗ machen, daß er Allem glaube, was Golo ſagen werde. Noch immer war in Siegfrieds Bruſt ein Kampf; wenn er ſich der Gattin Sittſamkeit, die keuſchen Blicke, die Bangigkeit, die ſie oft in ſeinen Armen befiel, und das ſchüchterne Erröthen ins Gedächtniß rief, ſchien ihm jede Anklage nur Verläumdung; allein er dachte, die Macht der Zauberei ſey groß und habe ſie in ein anderes Weib verwandelt, wie man im Traume oft die eigenen Wünſche mit Ent⸗ ſetzen kennen lerne. Zu Strasburg war es, wo Golo mit ihm zuſammentraf. Er beſtättigte ihm, was Siegfried ſchon wußte, meldete Drago's Tod und Begräbniß und verſprach, den Herrn zu der Zauberin zu bringen, damit er durch die Magie Satans Werk entdecke. In dem Zauberſpiegel der klugen Frau ſah der Pfalzgraf nur, was ihm ſchon kund geworden, Drago's Verrath, Genovevas Schan⸗ de— er knirſchte vor Wuth und gelobte ſich, ſo⸗ bald er ſeine Burg betreten, ein Strafgericht über die Schuldige zu verhängen, dergleichen noch Keiner erlebt.— Zwei Knechten befahl Golo, die Gräfin nach des Herrn Wille in den dichteſten Wald zu führen und dort mit ihrem Söhnlein zu erwürgen. Sie ſtand im ſchauerlichen Dickicht mit heiliger Er⸗ gebung vor den Mördern. Ich will nicht murren, ſprach ſie: fahrt mich nicht ſo an, laßt mich gelinde ſterben, keinen Laut und keine Bitte ſollt ihr ja vernehmen. Ich habe mich im Stillen drein ergeben. Da nehmt das Kind und thut nun, wie ihr dürft. Er ſieht nach mir zurück, und ſtreckt die Hände nach ſeinem Mutterbuſen, der ihn nährt. Noch Einen Kuß— noch dieſen— nun nehmt ihn!— Dann bat ſie flehentlich, die Meſſer erſt in ihr Herz zu bohren und ihr Blut mit dem des Säuglings zu vermiſchen. Die Knechte wurden innig bewegt, noch mehr, als ſie des Weibes Unſchuld vernahmen. Sie warf ſich vor dem Einen, der am meiſten auf ihre Worte horchte, nieder: O du biſt mir ein Troſt, rief, ſie: in dunkler Wüſte unverhofft geſandt. Er⸗ barme dich mein und meines armen Kindes, ich knie zu deinen Füßen, ſei barmherzig! Ich kann nicht ſterben, denn ich bin ohne Schuld, rein von dem Verbrechen, deß man mich anklagt, wie dies Kind! Vergießet kein reines Blut, es ſchreit gegen euch zu Gottes Thron. Da ſtanden ſie von ihrem Vorha⸗ ben ab, allein Genovepa ſollte in die Einſamkeit der wilden Berge flüchten und ſich dort vor Golo bergen. So entwich ſie mit ihrem Schmerzenreich. Die Mörder aber, welche Augen und Zunge als Wahrzeichen mitbringen ſollten, erlegten ein Reh und ſo ward Golo getäuſcht. Genoveva aber hatte die bittere Noth im Walde zu dulden. Gras und Wurzeln nährten ſie, des Waldes Thiere ängſteten die Arme, die zuletzt in einer verborgenen Höhle mit dem Sohne der Schmerzen Zuflucht fand. Eine Hirſchkuh geſellte ſich hier zu ihnen und nährte den Knaben mit Milch, als der Mutter in ihrem Jam⸗ mer der Quell der Liebe verſiegte. Der Pfalzgraf fand indeß in ſeiner Burg die Ruhe nicht wieder. Alles kam ihm wüſt und einſam vor; oft gieng er in Gedanken zum Gemache Genoveva's und ſie war nicht dort. Dann kam ihm manchmal ein, er habe Unrecht verübt, ſie ohne Urtheil und Richterſpruch zu verdammen; Golo ſuchte ihn umſonſt durch Ga⸗ — S— ſtereien zu erheitern. So verſtrich lange Zeit. Da fand der Herr plötzlich in ſeinem Zimmer einen Brief, den Genoveva im Thurm geſchrieben, ehe die Mörder ſie in den Wald geführt; er erkannte durchaus ihre Unſchuld und Golo's bübiſchen Verrath. Aber dieſer wußte ihn wieder umzuſtimmen. Zeder Ver⸗ brecher, erwiederte er ruhig, ſucht ſich mit Läugnen durchzuwinden, denn wer klagt ſich ſelber an? Mich habt ihr ja ſtets bewährt erfunden. Dann ſann er nach und fuhr fort: Ich hab's bedacht und glaube feſtiglich, Daß Genoveva's Aeltern böſe Leute, Die heimlich Sünden auf ihr Haupt gehäuft, Die in den Kindern werden abgeſtraft. So iſt es oft, die Aeltern ſcheinen edel, Doch offenbaren ſich in ihren Kindern Die langverhehlten Laſter plötzlich, ſie Empfangen Schuld und Strafe denn zugleich, Da jene ſchuldig lebten ungeſtraft: Denn kein Verbrechen wandelt ungeahndet, Es trägt das Gift in ſeinem eignen Buſen, Die ſchwere Zukunft in der Gegenwart. Mit ſolchen Reden wendete er zwar den Ver⸗ dacht von ſich, doch ſchien es ihm gerathen, mit ſeinen Knappen auf ein einſames Haus im Walde zu ziehen. Nach dieſen Tagen hatte Graf Siegfried einen ängſtlichen Traum, eine drohende Geſtalt trat an ſein Lager und winkte ihm zu folgen, bis ſie an eine Stelle im Zwinger des Schloſſes kamen. Hier ſchwand der Schemen. Der Graf ließ nach⸗ — graben, und man fand Drago's Gebein nebſt den Ketten. In neuen Zweifeln ſandte der Herr nach Golo; dieſer kam nicht. So ſchien Genoveva's Un⸗ ſchuld klar. Der kleine Schmerzenreich lernte indeß ſprechen und die Thiere der Wildniß lebten dem Knaben zu Willen; er ritt auf ſeinem Wolf und die Vöglein ſchwangen ſich ihm auf Hand und Haupt. Oft fragte er nach ſeinem Vater und ob der noch andere Kinder habe, und er begehrte zu den Men⸗ ſchen zu kommen, die er nie geſehen. Um dieſe Zeit wurde die Zauberin zu Trier eingefangen, welche damals in Strasburg den Pfalzgrafen auf Golo's Verlangen ſo liſtig getäuſcht hatte; auch ſie beſtät⸗ tigte Genoveva's Unſchuld und Reinheit. Siegfried ſuchte den Verräther mit Liſt in ſeine Gewalt zu bekommen und Golo begab ſich wieder in das Schloß des Herrn. Sie hielten eine große Jagd. Da ver⸗ folgte der Pfalzgraf die barmherzige Hindin bis an die Höhle, wo Genoveva wohnte. Er blickte hinein. Jeſu Chriſt! rief er: Was ſeh' ich da? Im Berge dort ein Geſpenſt;— alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!— es wankt nicht und ſitzt unbeweglich da. Biſt du ein gutes Weſen, komm' herpor und zeige dich am Licht!— Die Stimme aus der Höhle rief: Ich bin von Gott, doch darf ich mich nicht zeigen; ich bin ein arm, nackt, ſchwach und elend Weib. Wenn ich ſoll zu euch kommen, werft mir erſt den Mantel zu, ſonſt muß ich mich vor euch ſchämen!— Er that es, ſie trat hervor, und ohne ihn zu erkennen, erzählte ſie ihre Jammergeſchichte, Siegfried ſtürzte ſinnlos vor ihr nieder; dann hob er ſich wieder auf, umfaßte jammernd ihre Kniee und flehte um Verzeihung. Ich miſche meine Thrä⸗ nen mit den euern— ſprach Genoveva: nicht ſo betrübt euch— ach! ich kann vor Schluchzen nicht ſprechen; mein armes Herz bricht, wenn ich euch ſo weinen ſehe, wenn von dem greiſen Bart die Zäh⸗ ren rinnen. Sammelt euch, ſteht auf. Es war nicht eure Schuld, der Himmel fügte es, daß ich in dieſe Wüſte kam zum Heil meiner Seele. Gern verzeih' ich euch— ja längſt hab' ich euch Alles ſchon verziehen! Gott mög' uns Beiden unſere Schuld vergeben, und in ſein himmliſch Gnadenreich uns nehmen!— Sie ſchloß ihn in ihre Arme. Schmer⸗ zenreich kam hinzu und wenn er ſich auch anfangs vor dem unbekannten Mann entſetzte, herzte er ihn doch bald als ſeinen Vater. Der Pfalzgraf ſtieß in ſein Horn und baid erſchien ſein Gefolge, das mit Thränen die vielgeliebte Herrin wieder erkannte. Golo ward herbeigeführt; er entſetzte ſich und wagte nicht zu läugnen. Ich Schloſſe hielten des Grafen Verwandten ein ſtrenges Gericht und ihr Spruch über den Buben war: Tod! Genopeva verzieh ihm und bat ſelbſt für ihn. Dennoch führte man ihn an jenen Platz im Wald, wo die Knechte Genoveva morden wollten und hier verhauchte er unter den ſcharfen Speeren der Jäger ſein Leben. Genoveva ſollte ſich des Wiederſehens nicht lange freuen; was Jammer und Schmerz in ſieben Jahren nicht voll⸗ bracht, das geſchah jetzt in den Tagen ſüßer Ruhe und Freude. Bald ſchied ſie als Verklärte von dem trauernden Gemahl und Sohn, aber lange wallten fromme Dulder zu ihrem Grabe und ſie empfieng Verehrung und Gebete wie eine Heilige. 23. Johnnunn d'MArec. ————— — Eine reine Jungfrau Vollbringt jedwedes Herrliche auf Erden, Wenn ſie der ird'ſchen Liebe widerſteht. Schiller. In Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts lag Frankreich in großer Noth und Verwirrung. Noch lebte König Karl, der Sechſte, der durch ein Mas⸗ kenſpiel, wobei er in Brand gerieth, wahnſinnig geworden; allein es bekämpften ſich zwei Partheien, deren Eine die Gemahlin des Königs ſelbſt, die herrſchſüchtige Iſabeau, im Bunde mit den Feinden anführte, weil ſie vom tödtlichſten Haß gegen den Dauphin, ihren eigenen Sohn, entflammt war. Nach des Königs Tode wurde dieſer Sohn, der ſich Karl der Siebene nannte, das Haupt der Gegenparthei. Doch die Noth wuchs mit furchtbarer Schnelle. Aller Orten ließ der Engländer, der für einen Kna⸗ ben das Reich verlangte, ſein ſieghaft Banner flie⸗ gen; ſeine Roſſe zerſtampften Frankreichs blühende Gefilde; Paris ſelbſt empfieng ihn als Sieger und ſchmückte mit der alten Krone Dagoberts den Spröß⸗ ling eines fremden Stammes. Der Dauphin irrte enterbt und flüchtig durch ſein eigenes Reich und — mußte den Schmerz tragen, daß im Heere Englands ſein nächſter Vetter und ſein erſter Pair kämpften, und ſeine Rabenmutter dem Feinde die Hand bot. Dörfer und Städte brannten rings; Rauch und Flammen der Verheerung wälzten ſich auch in die Thäler, die nie von der Wuth des Kriegs berührt worden; der friedliche Landbewohner nahm Theil an jeder Kunde, die des Vaterlandes Noth ihm verrieth. Da wohnte ein ſchlichter Landmann, Ja⸗ kob Dair, zu Greur, im Kirchſpiele von Domremy in der Champagne, dem 1409 von ſeiner Gattin Iſabeau eine Tochter, Johanna oder das Mäd⸗ chen von Orleans, geboren wurde. Die wohl⸗ habende Familie, begeiſtert für den unglücklichen Dauphin, haßte die Engländer und ihren ganzen Anhang. Daher hörte Johanna von Kindheit an nur von Freunden und von Verräthern des Vater⸗ landes reden und eine heilige Glut wuchs in der jungen Seele. Selbſt die Kinder der Dorfſchaften waren entweder für den Dauphin oder burgundiſch geſinnt, ſomit für England; Johanna's Brüder nahmen Theil an dieſen Kämpfen und erzählten dem lauſchenden Kinde davon, deſſen Liebe für den an⸗ geſtammten Behetrſcher mit jeder dieſer, bisweilen ſo kindiſchen Erzählungen zunahm. Johanna uäherte ſich ſo dem jungfräulichen Alter; die Einſamkeit nahm oft das Kind in ſeine Arme, wenn das her⸗ annahende Kriegsgetümmel bang in ſein Ohr gellte. In der Nachbarſchaft ſtand ein uralter Druiden⸗ baum, im Munde des Volkes nur der Feenbaum oder der ſchöne Mai geheißen, von welchem ſich ſeit grauen Zeiten Wunderſagen voll ſeltſamer Ge⸗ heimniſſe fortpflanzten. Hier verbrachte ſie viele der Stunden und Tage, in welchen verborgene Mächte mit unſichtbarer Hand den Faden der Ge⸗ ſchicke ſpinnen. Bald erſchien ihr(und mitunter im Lichte des Tages) die heilige Jungfrau, deren Bild ſie aus einer benachbarten Dorfkirche kannte, oder die heilige Katharina, denen ſie dann Sträußer aus friſchen Feldblumen wand. Gern ſaß ſie auch an der Heilquelle ihres Geburtsortes, wo ihr die Heiligen Michael und Gabriel erſchienen und in ſeltſamen Verheißungen zuerſt verkündeten, ganz Frankreich ſei erkrankt und ſie zur Heilung berufen. Dabei hütete ſie die Heerden ihrer Aeltern und be⸗ ſorgte wohl auch häusliche Geſchäfte. Wie ſtill, fromm und demüthig Johanna lebte, ſo kam doch jetzt ſchon zuweilen ein Sturm der Begeiſterung über ſie; da ſchwang ſie ſich zornglühend auf ein Roß ihres Vaters und ſprengte durch das ſtille Dorf, daß ihr Alle erſtaunt nachblickten. So gewann ſie die Roſſe lieb und pflegte ſie gerne mit eigener Hand, wenn ihre Brüder mit anderer ländlichen Arbeit ſich beſchäftigten. Daß ſie aber das Vaterhaus verlaſſen und bei einem Wirth als Pferdemagd gedient habe, iſt Erfindung der Engländer, welche gern das Bild der Jungfrau aus der Sonnenhöhe himmliſcher Be⸗ geiſterung in den Qualm der Gemeinheit herabgezo⸗ gen hätten. Johanna war neunzehn Jahre alt, ſtark und in voller Blüte der Geſundheit, wenn auch dem Körper nach nicht ganz regelmäßig entwickelt. Die Erſcheinungen, welche ſie gehabt, mehrten ſich mit der Bedrängniß des Landes. Die einzige noch wichtige Feſtung des Dauphins, die Stadt Orleans, war hart belagert. Wer half dem Beängſteten? Wer führte ihn zur Krönung nach Rheims? Da ge⸗ wannen plötzlich die Träume der Jungfrau be⸗ ſtimmte Geſtalt; die Klänge, die oft geheimnißvoll in ihre Seele drangen, Sinn und Wortausdruck. Anfangs zitterte ſie und wollte fliehen, doch ihr Fuß haftete an dem Boden; die Heiligen ſprachen Alle mit ihr und ermahnten ſie zur Beichte. Sie rei⸗ nigte ihr Herz von Sünden, und nun kamen und giengen die Geſtalten zu jeder Tageszeit. Wenn ſie die Jungfrau verließen, weinte dieſe und wünſchte, ihre Seele möchte ihnen folgen; kamen ſie dann wieder, war Johanna froh, beugte ihre Kniee, fal⸗ tete die Hände und bezeugte ihnen Ehrfurcht, indem ſie Blumen ſtreute. Sie miſchte ſich nicht mehr un⸗ ter die muntern, ſpielenden Mädchen. Sie ſuchte auch den grauen Wald auf, der unweit Domremy lag und von ihres Vaters Hauſe zu ſehen war. Als man ihr aber ſagte, es ſei geweiſſaget, aus dem grauen Walde werde eine Jungfrau hervorgehen, die wunderbare Dinge zu verrichten berufen ſei, mied ſie den Ort aus unerklärlicher Furcht. Aber plötz⸗ lich ſchwand die Schüchternheit und ein kühner Muth erfüllte die zarte Bruſt.— Der junge König Karl hatte zu Chinon, wo er ſein Hoflager hielt, bisher nur entmuthigende Nachrichten erhalten; er gab die Feſte Orleans auf und wollte, unthätig und verzagt, wie er bisher dem Kriegesſpiel zugeſehen, ſich über die Loire zurückziehen. Da erreichte ihn eine uner⸗ wartete Siegesbotſchaft; die Jungfrau hatte ſich bei dem Gouverneur von Vaucouleurs eingefunden, und dieſen, wiewohl nicht ohne Mühe, nicht ohne Ge⸗ fahr für ihre Tugend und Reinheit, von ihrer hö⸗ hern Sendung überzeugt. So berichtete der Bote: Wir hatten ſechszehn Fähnlein aufgebracht, Lothringiſch Volk, zu deinem Heer zu ſtoßen, Und Ritter Baudricourt aus Vaucouleurs War unſer Führer. Als wir nun die Höhen Bei Vermanton erreicht und in das Thal, Das die Jonne durchſtrömt, herunterſtiegen, Da ſtand in weiter Ebene vor uns der Feind, Und Waffen blitzten, da wir rückwärts ſahen. Umrungen ſahn wir uns von beiden Heeren, Nicht Hoffnung war zu ſiegen, noch zu fliehn: Da ſank dem Tapferſten das Herz, und Alles, Verzweiflungsvoll, will ſchon die Waffen ſtrecken. Als nun die Führer mit einander noch Rath ſuchten und nicht fanden— ſieh', da ſtellte ſich Ein ſeltſam Wunder unſern Augen dar! Denn aus der Tiefe des Gehölzes plötzlich Trat eine Jungfrau, mit behelmtem Haupt Nodnagels poetiſche Frauenbilder. 1]1. 5 Wie eine Kriegesgöttin, ſchön zugleich Und ſchrecklich anzuſeh'n; um ihren Nacken In dunkeln Ringen fiel das Haar; ein Glanz Vom Himmel ſchien die Hohe zu umleuchten, Als ſie die Stimm' erhob und alſo ſprach: Was zagt ihr, tapfre Franken! Auf den Feind! Und wären ſein mehr denn des Sands am Meere, Gott und die heil'ge Jungfrau führt euch an! Und ſchnell dem Fahnenträger aus der Hand Riß ſie die Fahn' und vor dem Zuge her Mit kühnem Anſtand ſchritt die Mächtige. Wir, ſtumm vor Staunen, ſelbſt nicht wollend, folgen Der hohen Fahn' und ihrer Trägerin, Und auf den Feind gerad' an ſtürmen wir, Der, hochbetroffen, ſteht bewegungslos, Mit weitgeöffnet ſtarrem Blick das Wuuder Anſtaunend, das ſich ſeinen Augen zeigt— Doch ſchnell, als hätten Gottes Schrecken ihn Ergriffen, wendet er ſich um Zur Flucht, und, Wehr und Waffen von ſich werfend, Entſchaart das ganze Heer ſich im Gefilde; Da hilft kein Machtwort, keines Führers Ruf; Vor Schrecken ſinnlos, ohne rückzuſchauen, Stürzt Mann und Roß ſich in des Fluſſes Bette Und läßt ſich würgen ohne Widerſtand; Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen! Zweitauſend Feinde deckten das Gefild, Die nicht gerechnet, die der Fluß verſchlang, Und von den Ufern ward kein Mann vermißt. Es war im Winter 1429, als ſie mit einer kleinen Schaar, nur ihrer Sendung eingedenk, quer durch das Land an das Hoflager nach Chinon zog. Aus der uralten Dorfkirche von Fierbvis, das ſeitwärts am Wege zwiſchen Chatellerault und Tours gelegen, * — 99 erhielt ſie ein von ihr genau bezeichnetes Schwert vom Grabmahl eines Ritters. Am 24 Februar wurde Johanna in einem Zimmer, welches man noch in den Ruinen des alten Schloſſes zu Chinon zeigt, dem Dauphin vorgeſtellt, der zuerſt, den Spott ſei⸗ ner Feinde fürchtend und Johanna's Sendung be⸗ zweifelnd, ſie mehrfach hatte prüfen laſſen, dann aber doch auf andere Gedanken kam. Noch bei ih⸗ rem Eintritt ſtellte ſie Karl, der ſich in gewöhnlicher Kleidung unter ſeine Hofleute gemiſcht hatte, auf die Probe. Johanna aber, ohne ſich umzuſehn, oder die Anweſenden weiter zu beachten, ſchritt auf ihn zu und ſprach nach ehrfurchtsvollem Gruße: Edler Dauphin, von Gott bin ich geſandt; mein Name iſt Johanna, die Jungfrau, Orleans werd' ich entſetzen und dich nach Rheims zur Krönung führen!— Die Sicherheit ihrer ganzen Erſcheinung, ſowie die Be⸗ ſtimmtheit und Klarheit jeder ihrer Antworten wirkte wunderbar auf Karl und ſeinen Hof. Ueber ihre Sendung befragt, erzählte ſie ausführlich die Träume und Erſcheinungen ſeit ihrem dreizehnten Jahre. Da aber der König noch zweifelte, erbot ſie ſich, ihm den Inhalt ſeines letzten Gebetes vor Gott mitzu⸗ theilen, und that dies vor wenigen vertrauten Zeu⸗ gen in einer Weiſe, daß dem Könige Thränen ent⸗ ſanken. Hierauf entſandte er ſie an ſein Parlament nach Poitiers, wo ſie viele Fragen ſo klar, feſt und beſtimmt beantwortete, daß die Mitglieder von ih⸗ 0— rem Verſtaud und ihrer Klugheit überzeugt wurden. Ihre erſte große Waffenthat, nach welcher die Ge⸗ ſchichte ſie auch benannte, war die Entſetzung von Orleans. Sie verlangte, wie bemerkt, ein an fünf Kreuzen kenntliches Schwert aus dem Grabmal ei⸗ nes Ritters. Mit Hülfe dieſes Schwertes hat Jv⸗ hanna die größten Thaten verrichtet. Es zerbrach aber bei folgender Veranlaſſung. Die Jungfrau ließ öfters bei ihren Truppen ausrufen, es ſolle Kei⸗ ner eine verworfene Weibsperſon im Lager dulden. Einſt entdeckte ſie jedoch, daß man ihr Verbot miß⸗ achtete. Sie gerieth darüber in ſolchen Eifer, daß ſie mit ihrem Schwerte heftig auf die Ungehorſamen losſchlug, bis es mitten durchbrach. Sie erſchrack zu ſpät. Der König ſchickte es zu verſchiedenen, kunſtfertigen Arbeitern, ſie ſollten es wieder ein⸗ ſchmelzen, aber keiner konnte es wieder zuſammen⸗ bringen. Dies war kurz vor ihrer Gefangenneh⸗ mung. Doch kehren wir zur Erzählung ihrer er⸗ ſten Thaten zurück. Sie wappnete ſich vom Fuße bis zum Scheitel, als habe ſie nie andere Kleider, denn die Rüſtung gekannt. Sie ſtieg zu Roß, und rief, das Schwert ſchwingend: Mir nach! Gott iſt mit uns, und Orleans wird entſetzt. In Blois ließ ſie ihre weiße Fahne machen, wie die Heiligen ſi ſie ihr zeigten: Mit einem Saum von Purpur eingefaßt. Auf dieſer Fahne ſei die Himmelskönigin Zu ſehen mit dem ſchönen Jeſusknaben Die über einer Erdenkugel ſchwebt. Denn alſo zeigte mir's die heil'ge Mutter. Dann ſchrieb ſie auch dem Feldherrn der Engländer, Gott habe ſie geſandt, Orleans zu befreien und die Engländer aus Frankreich zu verjagen. Die Feinde lachten und ſpotteten des Dauphin, der mit Hexen ſich helfen müſſe; allein ſie ſahen bald ſich zum Rückzug genöthigt. Unter Kanonendonner und Glo⸗ ckengeläute hielt die Jungfrau in der jubelnden Stadt ihren Einzug. Gelobt ſey die Jungfrau, die da kommt im Namen des Herrn! ſo jauchzte ihr das Volk entgegen. Johanna war, wie ſie vorausgeſagt hatte, leicht durch einen Pfeil im Nacken verwundet, allein ſie eilte in den Dom, kniete am Hochaltar und betete: Vollende, Herr! was du begonnen. Alles Volk ſprach: Amen. Seitdem die Stadt nach einer Belagerung von ſieben Monaten frei war, nannte man Johanna nur: die Jungfrau von Orleans. Sie eilte wieder nach Chinon zu Karl, den ſie nach Rheims zu führen verhieß. Der König zog ſein Schwert, befahl ihr niederzuknieen, ertheilte ihr den Ritterſchlag und erhob ſie mit ihrer ganzen Familie in ben Adelftand.— war der Zug: na in ſeiner Gewalt hatte. Nan ee er⸗ ſtürmen. Johanna war ſtets die Erſte, welche die Siegeszeichen auf die Mauern pflanzte. Nicht im⸗ — 0 mer kämpfte ſie mit gleicher Sicherheit. Ein Stein⸗ wurf von der Mauer ſchleuderte ſie einſt in einen Graben, ſo daß alle ihre Mitkämpfer ſie ſchon ver— loren gaben, doch raſch erhob ſie ſich zu neuen Sie⸗ gen. Bei Patay verloren die Engländer eine Schlacht und Einen ihrer tapferſten Führer. Der König ſelbſt wurde nun kampfluſtiger und im Juli hielt er den Einzug zu Rheims. Prachtvoll war die Krönung im Dom und die Salbung mit dem heiligen Oel, welches einſt bei der Krönung Clodwigs, des erſten Frankenkönigs, eine Taube vom Himmel gebracht hatte. Alles Volk hatte ſich zu der heiligen Hand⸗ lung verſammelt, rief dem Könige zu: Noöl!(Vivat) und jedes Auge ruhte mit Entzücken auf der Heldin. Im Waffenrock, die Siegesfahne in der Hand, ſtand ſie neben dem Könige und verſah das Amt eines F Connetable von Frankreich. Nach der Krönung um⸗ 5 5 8 armte ſie mit heißen Thränen die Kniee ihres Kö⸗ nigs und ſagte: Edler König, nun iſt der Wille Gottes vollführt, der gebot, daß ihr zu Rheins die heilige Weihe empfinget und zeigtet, daß ihr wahrer König ſeid und der, dem allein das Reich gehören ſoll. Vollzogen hab' ich, was der Herr des Him⸗ mels mir auftrug, die Belagerung von Orleans aufzuheben und meinen König ſalben zu laſſen. Ent⸗ laßt mich nun zurück zu Vater und Mutter, ihre Schafe zu hüten und zu thun, was mir gefällt!— So bat ſie mit ſanften Worten. Aber der König, — 103— ſeine Räthe und Heerführer gaben nicht zu, daß ſie jetzt nach Domremy heimziehe; ſie wirkte allzube⸗ geiſternd auf die Krieger und ihr Platz konnte im Heere nicht erſetzt werden. Man wendete Bitten, Ueberredungen, Auszeichnungen an; Karl ernannte ihre Familie, nebſt männlichen und weiblichen Er⸗ ben, zu Baronen Dalys(Delys, Dülys) und be⸗ zeichnete durch das die Krone tragende ſilberne Schwert in ihrem Wappen, wie wichtig Johan⸗ na's Schwert für ihn geweſen. Gerührt, doch nicht überzeugt, blieb ſie endlich, nahm übrigens an keiner Berathung mehr Theil, ordnete nichts mehr an und wenn ſie auch immer auf des Königs Seite Sieg und Waffenglück verhieß, ſo geſchah es doch mit der Ueberzeugung, daß ihre Sendung vollendet und zu helfen nicht mehr ihre Sache ſei. Wenn irgendwo, ſo zeigte Johanna bei dieſer Gelegenheit, daß ſie nicht durch fremden Einfluß ihre Sendung übernahm, kein Werkzeug in anderer Hand war, daß weder Partheien, noch fanatiſche Prieſter ſie in ihrem Dienſte hatten, ſondern daß ſie nur deſſen Befehl gehorchen mochte, der mächtig auch in den Schwachen wirkt, der auch der Völker in ihrer Noth ſich annimmt, wie des Einzelen, wenn er auf Ihn vertraut. Eine deutſche Dichterin ſagt von dieſem Entſchluß Johanna's:„Iſt das nicht bewunderns⸗ werth und ganz einzig: ſo Großes gethan zu haben, ſo glänzenden Erfolg zu erlangen, in ſo ſeltener un⸗ — 104— umſchränkter Stellung ſich zu ſehen, umringt von Gehorſam, Andacht, Verehrung, und nicht einen Augenblick zu vergeſſen, daß ſie der Sache nur ſo lange nothwendig iſt, als ſie ſich ein Werkzeug Gottes zu ſein fühlte— und aus dem ſiegesfreudi⸗ gen Leben heim zu wollen, um die Heerde des Va⸗ ters zu hüten— und als man es verweigerte, ſich zu ergeben und treulich fort zu dienen, wenn ſie auch nicht mehr helfen kann— ich muß ſagen, ſie kommt mir wie eine große Heilige vor.“— Nichts nahm ſie von dem König, als ihren geringen Un⸗ terhalt. Man ſchritt nun zur Belagerung von Pa⸗ ris. Johanna, immer unter den erſten Streitern, erhielt wieder eine Wunde, genas aber in wenig Tagen durch ihre kräftige Natur. Der Widerſtand der Belagerten war zu entſchieden und Karl mußte ſich zurückziehen. Der Herzog von Burgund bela⸗ gerte Compiegne und zur größten Freude der Bür⸗ ger traf Johanna in dieſer Stadt ein. Eines Abends, im Mai, that ſie einen Ausfall, wobei ſie wahrſcheinlich von den auf den Ruhm des Mädchens neidiſchen Offizieren verlaſſen, in die Hände der Feinde gerieth. Man erzählt, ſie wollte ſich retten und fand die Brücke aufgezogen; ſie wollte mit dem Schwert in der Hand ſterben, ſtürzte aber von dem ausgleitenden Pferde und ward gefangen. Die Stadt Paris feierte dieſe Gefangennehmung mit einem Te⸗ deum und erleuchtete ihre Häuſer, Engländer und Burgunder überließen ſich ungemeſſener Fröhlichkeit. Johanna, von Schloß zu Schloß geführt, hörte, daß man ſie an die Engländer verkauft habe. Da zur Nachtzeit brach ſie ihre Ketten und ſprang von einem hohen Thurm herab. Die Schildwache ent⸗ deckte das heldenmüthige Mädchen, das ſich verwun⸗ det nicht ſogleich aufraffen konnte, und brachte es in neue Haft. Man ſtellte ſie vor das geiſtliche Gericht zu Rouen, das aus franzöſiſchen Biſchöfen und einem engliſchen zuſammengeſetzt war. Als Vorſitzer erſchienen der Biſchof von Beauvais und der Vikar der Inquiſition. Es galt, ſie als Herxe darzuſtellen, um dem Heer der Engländer neuen Muth einzuflößen, wenn ihre gefährlichſte Feindin den treuloſen Mächten der Hölle verfiel; daher hatte Englands König den ausdrücklichen Befehl erlaſſen, ihr den Prozeß zu machen. Umſonſt ſchützte ſie ihre Minderjährigkeit vor, bat um Befreiung von den ſchweren Ketten und um einen gerichtlichen Beiſtand; umſonſt appellirte ſie an den Papſt und das Con⸗ cilium. Der vorſitzende Biſchof donnerte ihr zu: Schweig, in des Teufels Namen!— und Einer der edlen Herren, Graf Stafford, zog den Degen, ſie niederzuſtoßen, weil ſie behauptete, ſie ſei von Gott zur Vertilgung der Engländer geſendet. Die Richter ſelbſt geriethen während der zahlreichen Ver⸗ höre immer mehr über ihren klaren Verſtand, ihre Treuherzigkeit und Offenheit in Staunen. Eines * — 106— Tages fragte man, ob ſie in der Gnade Gottes ſei. Nachdenklich erwiederte ſie: Es iſt ſchwer, auf eine ſolche Frage zu antworten. Da ſagte Einer der beiſitzenden Räthe: Wohl iſt das ſchwer, und die Angeklagte iſt nicht verbunden, darauf zu ant⸗ worten!— Der Biſchof von Beauvais verwies ihm dieſe Unterbrechung mit Zähneknirſchen. Johanna erwiederte gefaßt: Bin ich nicht darin, möge der allbarmherzige Gott mich aufnehmen— und bin ich darin, mich gnädig bewahren.— Ihre Fahne, in welcher der Aberglaube der Zeit vielleicht einen Ta⸗ lisman erkannte, war Gegenſtand vieler Fragen an die Heldin. Man wollte wiſſen, warum ſie die⸗ ſelbe überhaupt getragen. Die Antwort war: Ich trug ſie ſtatt des Speers, um Niemand tödten zu müſſen; ich habe nie Menſchenblut vergoſſen.— Welche Kraft ſie der Fahne zuſchreibe? Sie erwie⸗ derte: Ich ſagte: Brich muthig in Englands Heere ein— und ſo brach ich ſelbſt ein.— Was die Fahne zu Rheims bei Karls Krönung bedeutet habe? Jo⸗ hanna verſetzte weich und wehmüthig: Sie war im Kampf an meiner Seite, Grund genug, mich auch in Ruhm und Ehre nicht zu verlaſſen.— Man ver⸗ wickelte ihre reine Seele in Spitzfindigkeiten aller Art, ſie verharrte bei ihrer erſten Ausſage, von Gott geſendet und durch himmliſche Erſcheinungen zur Retterin des Vaterlandes berufen zu ſeyn. Stand⸗ haft bei der Androhung der Folter, ward ſie end⸗ 6 lich durch Zureden eines Geiſtlichen zum Widerrufe bewogen, worauf die Richter nicht die Todesſtrafe, ſondern lebenslängliche Gefangenſchaft bei Waſſer und Brot ausſprachen. Im Kerker hatte ſie nur Frauenkleider getragen. Allein das Urtheil ſchien den gewaltigen Herren im engliſchen Heere zu mild. Johanna ſollte ſterben. Wie unwürdig und ver⸗ rucht ſuchte man einen Grund, ein neues Urtheil zu fällen und ihren Tod zu beſchließen! Man brachte, während ſie ſchlief, Männerkleider und einen Har⸗ niſch in den Kerker. Johanna erwachte und traute ihren Augen kaum. Hatte ein Traum ſie in die vorigen Tage des Sieges und des Ruhmes verſetzt? Sah ſie die beſten Kämpfer Frankreichs an ihrer Seite? Wo war ihr treuer Daulon, der muthig und züchtig ſie ſtets begleitete und nur an jenem unheilvollen Tage bei Compiegne krank darnieder lag? Und ihre Fahne, wo war ſie geblieben?— Sie betrachtete mit Wehmuth den Helm mit der weißen Feder, die glänzenden Waffenſtücke. Ihr Geiſt irrte hinaus aus den feuchten Mauern, hin⸗ weg von den Männern mit unheimlich lauernder Verräthermiene, in das Schlachtfeld und zu den Füßen ihres Königs ſtürzte ſie ſich.— Horch! Sie glaubte die Drommete zu hören, die zum Kampfe rief. Vielleicht ſandte ihr Karl, der bisher noch kein Wort des Troſtes und der Ermuthigung für ſeine Retterin hatte, dieſe Waffen— es war ein — 108— Vorzeichen ihrer Befreiung und neuer kühner Thaten für König Karl, die ſie ſo gern unternahm, wenn auch Gott ſie nicht mehr dazu ſandte!— Johanna zog die Kleider und den Panzkr wieder an; da er⸗ ſchienen einige der Richter, man überhäufte ſie mit Vorwürfen, weil ſie in ihr altes ſündhaftes Trei⸗ ben zurückfallen wolle. Ein zweites Urtheil ver⸗ dammte ſie darauf zum Feuertod, weil ſie Gottes Gebot und die kanoniſchen Satzungen überſchritten habe. Am meiſten wirkten vermuthlich bei dieſem Todesurtheil die Geiſtlichen, welche aus einigen Antworten der Gefangenen ſchloſſen, daß dieſe Got⸗ tes Befehl höher achte, als das Gebot der Kirche. Ein Dominikaner mußte ihre Beichte hören und ihr das Abendmahl reichen. Als das Urtheil geleſen war, ſetzte man ihr die Mütze mit der Aufſchrift „Ketzerin“ auf. Man führte ſie auf ein Schaffot auf dem Marktplatze, wo ihr der Biſchof das Ur⸗ theil offentlich noch einmal verkündete. Die Kirche kann dich nicht weiter ſchützen, ſprach er: ſie über⸗ gibt dich der Hand weltlicher Gerechtigkeit. Johanna fiel auf ihr Angeſicht, betete inbrünſtig zu Gott und den Heiligen und bat um ein Kreuz. Ein Englän⸗ der reichte ihr Eins auf das Schaffot. Sie drückte es an ihre Bruſt und küßte es mit heißen Thränen. So auch ein großes Kruzifir, das man aus der Kirche herbeitrug. Noch war ſie nicht auf den Tod gefaßt, wenigſtens nicht auf den einer Verbrecherin, — 100— einer Zauberin, die der ewigen Seligkeit ſo gewiß verluſtig werden ſolle, als Menſchen wahr ſprächen. Der Scharfrichter bemächtigte ſich ihrer, als der Biſchof von Beauvais mit einigen Prieſtern hinzu⸗ trat. Wollte er ſich an der Angſt des Opferlammes weiden? War es Mitleid und Erbarmen, das Letzte bei der verlorenen Seele verſuchend? Du allein biſt Urheber meines Todes— rief ihm Johanna zu: du brachſt dein Wort, mich in den Händen der Kirche zu laſſen, und gabſt mich den grauſamſten Feinden Preis. Ich ſterbe ſchuldlos. Gott iſt un⸗ ſer Richter!— Wenn man uns wahr berichtet, ſo entfiel hier ſelbſt dem Auge des Biſchofs eine Thräne; aber Engländer und Franzoſen, die am Scheiter⸗ haufen ſtanden, weinten laut. Am Holzſtoße ge⸗ wann das Mädchen die Faſſung und Gelaſſenheit einer Heiligen, einer Märtyrin. Sie las die hier befeſtigte Tafel, wonach ſie als Ketzerin, Hexe und Anbeterin des Teufels bezeichnet wurde, und ſprach: Mit Gottes Hülfe werd' ich heut noch im Paradieſe ſein!— Betend richtete ſie die Augen zum Himmel; das langſam angezündete Feuer umloderte ſie nicht ſo bald; ihr letztes Wort war: Jeſus!— Johanna ſtarb am 30. Mai 1431 zu Rouen. Das an ihre höhere Sendung gläubige Volk wagte nichts für ſie; es ſah aber aus der Aſche des einſinkenden Scheiter⸗ haufens eine weiße Taube zum Himmel emporflie⸗ gen.— Die Engländer, von der ſchmachvollen Un⸗ — 110— gerechtigkeit dieſer Hinrichtung überzeugt, hielten es für nöthig, bei Kaiſer und Königen ſich zu verthei⸗ digen; der Biſchof von Beauvais empfing vom engli⸗ ſchen König den Schutzbrief gegen Pabſt und Conci⸗ lium, an welche Johanna appelliren wollte. Nach lan⸗ gen Jahren gewann Karl die Stadt Rouen, wo ihn die Einwohner erinnerten, den Vorwurf des Undanks gegen das Mädchen von ſich abzuwälzen. Warum hörte er jetzt erſt die Stimme der Wahrheit? Er konnte engliſche Gefangene gegen Johanna auswech⸗ ſeln und wollte nicht. Oder theilte er den Wahn der Zeit? Graute ihm vor einer Krone, die ihm eine Zau⸗ berin auf das Haupt geſetzt hatte? Die Wirkung des heiligen Oels, welches vom Himmel kam, war ja durch hölliſche Gegenwirkungen nicht zu vernichten! Oder vergaß Karl unter den Freuden ſeines Hofes die Pflicht des Dankes! Hielt er ſich ihrer überhoben, weil je⸗ der im Volk ſein Leben für ihn einzuſetzen verbunden ſei? Erſt jetzt, als ſchon fünf und zwanzig Jahre ihre Aſche ein Spiel der Winde geweſen, unterſuchten andere Richter die Anklage; der Pabſt ſprach die Jungfrau frei und befahl, die ungerechten Ausſprüche gegen ſie gänzlich zu vernichten. Ein Kreuz erhob ſich ihr zum Gedächtniß; eine jährliche Prozeßion am Tage ihrer Hinrichtung ſollte zu Rouen gehalten wer⸗ den. Andere Denkmäler wurden ihr ſpäter zu Rouen und Orleans geſetzt. — 24. Agnes Bernnucrin. Traun, uns Alle erreicht, was über die Menſchen verrhängt ward, Heut' erfüllt ſich an mir, morgen an dir das Geſchick. Lady Jane Gray. Mlbrecht der dritte, Sohn des Herzogs Ernſt zu Bayern⸗München, gehörte zu den ſtreitbarſten Für⸗ ſten, die im fünfzehnten Jahrhundert ein Schwert trugen. Aus den Banden einer von Geiſtlichen ge⸗ leiteten Erziehung ſtrebte er nach freier Entfaltung ſeiner Kraft; er kam nach Böhmen an den Hof ſei⸗ ner Muhme, wo er Waffenſpiele, Muſik und Hof⸗ ſitte erlernte. Seine hohe, volle Geſtalt, ſein rit⸗ terlicher Sinn, ſein gefälliges Benehmen machte ihn ebenſo bei Herrn und Frauen vom Stande, als bei dem Volke beliebt, zu welchem faum ein anderer Herzog ſich wie er herabzulaſſen verſtand. Seinen Vater Ernſt gewann er durch Kriegsthaten in der Schlacht bei Alling und indem er ſich zweimal den vordringenden Huſſiten entgegenwarf; die zärtliche Mutter ſchenkte dem Liebling unter andern Schlöſ⸗ ſern und Burgen noch die Grafſchaft Voheburg an der Donau. Nichts ſchien dem Glücke des jungen Herzogs zu mangeln als ein ebenbürtiges Weib. —— Aber wie fein und höfiſch ſein Betragen war, ſchöne Frauen ſchien er keines Blickes zu würdigen. So hatte er das ſieben und zwanzigſte Jahr erreicht, da verlobte ihn ſein Vater mit der Prinzeſſin Eliſabeth von Würtemberg. Albrecht blieb gleichgültig, denn er hatte die noch nicht geſehn, die ihm vorher vom Geſchick zur Gemahlin beſtimmt war; er unterzeich⸗ nete den Ehevertrag und würde ſich wahrſcheinlich auch mit Eliſabeth vermählt haben, denn die Hochzeit war ſchon auf den heiligen Pfingſtag beſtimmt. Al⸗ lein die Braut machte ihren Aeltern Einwendungen und erklärte ſich als insgeheim mit dem Grafen Jo⸗ hann von Werdenberg verlobt. Man wollte ſie zum Ehebund zwingen, ſie floh aber mit ihrem Verlob⸗ ten und kam durch den prieſterlichen Segen, den ihr Bündniß erhielt, allem Zwang zuvor— ein Fall, der ſich wohl nur ſelten bei Prinzeſſinnen zeigte.„ Um dieſe Zeit hielt Herzog Albrecht in Straubing Hof, wohin ſein Vater ihn als Statthalter geſchickt hatte. Oefters beſuchte er von hier die reiche Stadt Augsburg, deren adeliche Familien den Herzog gern bei ihren Turnieren und Banketten ſahen, wo ſeine Gewandtheit und Tapferkeit häufig den erſten Preis erhalten hätte, wenn er ſelbſt nicht Herzog geweſen wäre. Auch als die unerhörte Rachricht von der Flucht und Vermählung ſeiner Braut eintraf, war er in Augsburg. Die Geſandten wunderten ſich, wie ruhig er die Botſchaft hinnahm, wie wenig er bereit ſchien, in den Wunſch der Aeltern Eliſabeths einzugehn und Rache für die Beleidigung vom Graf Johann zu fordern. Wer aber gewußt hätte, was in ihm vorgieng, konnte eher vermuthen, der Herzog habe der muthigen Eliſabeth Recht gegeben, die bei der Wahl ihres Gatten mehr ihre Liebe, als den Geheimſchreiber ihres Vaters zu Rathe zog. Denn Albrecht befand ſich in demſelben Fall. Zu Augs⸗ burg lebte damals ein Bader, Kaspar Bernauer, (Bernawer) deſſen Tochter A gnes von ſo wun⸗ derbarer Schönheit war, daß ſie in der ganzen Stadt nur der„Engel“ genannt wurde, was doch zu Angsburg, das von jeher den Ruhm der reizendſten Frauen und Jungfrauen in Deutſchland behauptete, viel ſagen wollte. Viele giengen in Kasper's Bude aus und ein, die gerne um die Jungfrau gefreit hätten. Allein ſie zeichnete in ihrer Sittſamkeit Kei⸗ nen aus. Da ſah ſie Albrecht und gerade in den Tagen, als ihm die Braut untreu geworden war, und gleich erkannte er, daß auch er dem ſchlichten Bürgermädchen nicht gleichgültig geblieben. Er wußte ſich eine Zuſammenkunft in ihres Vaters Hauſe zu verſchaffen, und ſprach hier, wie es ihm zu Muthe war. Agnes erröthete und ſchüttelte das Haupt: Wie ſollt' ein armes Bürgerkind euere Gemahlin werden? frug ſie mit geſenkten Blicken: und anders darf ich euch nicht gehören. Ich kann nur den Mann lieben, den der Himmel mir zum Ehgemahl — 5— beſtimmt. Darum, o Herr, ziehet vorüber an die⸗ ſem Hauſe. Auf Schlöſſern und an der Fürſten Hö⸗ fen ſuchet die Braut, ſo eures Ranges und Namens würdig iſt!— Die abſchlägige Antwort reizte ſein Verlangen nur noch mehr. Ihre Reden waren ſo kunſt⸗ und ſchmucklos und verriethen dennoch ſo viel Verſtand und Muth der Tugend, daß der Herzog immer wieder kam und zuletzt ſich überzeugte, er werde umſonſt auf Schlöſſern und an Höfen eine Jungfrau ſuchen, die dieſer Baderstochter gleiche. So trug er, überzeugt von der Gegenliebe ſeiner Agnes, einem Freunde auf, ſie bei ihrem Vater ab⸗ zuholen und nach Schloß Voheburg zu führen, wo die Trauung in aller Stille gefeiert werden ſollte. Der alte Kaspar hatte mit Kummer die Neigung des Herzogs zu ſeinem Kinde entſtehen ſehen und doch nicht zu hindern gewagt, denn er war nur Bürgersmann. Als er aber ſeine Agnes entlaſſen ſollte, rollten Thränen in ſeinen Bart; er hielt ſie lange feſt und ſtumm an ſeiner Bruſt, dann prefte er die Worte heraus: Daß der Herzog dich liebt, das weiß ich; daß er dich ehlichen will, das glaub' ich, und daß du ihn behalteſt, das gebe Gott!— Er ſank in ſeinen Stuhl. Agnes ſchied mit Thrä⸗ nen aus dem Vaterhauſe. Bald war ſie des Ge⸗ liebten Eheweib. Alles geſchah ins geheim, denn der Bräutigam mußte den Zorn und Stolz ſeines Vaters beſorgen, und dachte, wenn ihn erſt das Sa⸗ crament der Ehe mit Agnes verbunden habe, ſo werde auch des Vaters Sinn ſich beugen, eine Tren⸗ nung dann nicht mehr möglich ſeyn. Harmlos lebte Albrecht einige Monden lang an der Seite ſeines Weibes, das immer mehr Reiz und Anmuth für ihn gewann, auf Schloß Voheburg. Umſonſt luden Die von Augsburg zu ritterlichen Spielen ein; er nahm keinen Speer zur Hand, nur die Laute ver⸗ gnügte ihn in den Stunden der Liebe. Herzog Ernſt wußte nicht, was dies bedeuten ſollte; er ſchickte Späher aus, zu erfahren, was ſein Sohn treibe. Er habe ſich eine ſchöne Schwabendirne auf die Burg gebracht, war die Antwort. Darüber zürnte Herr Ernſt nun nicht, denn er ſelbſt hatte als junger Fürſt manch Liebesabenteuer beſtanden. Allein Al⸗ brecht ließ ſich nicht ſehen und hören, da ward ſein Vater um die Erbfolge beſorgt und ſchickte einen vertrauten Ritter an Albrecht. Dieſem gab der junge Herzog die Antwort, er ziehe ſein geruhiges Leben zu Voheburg jedem andern vor, und ſo Gott wolle, ſollte es dabei künftig verbleiben. Der Ritter wen⸗ dete ihm ein, ſein Vater habe für ihn um die Hand Anna's, der Tochter des Herzogs Erich von Braun⸗ ſchweig, geworben und ſche einer günſtigen Antwort entgegen; da verſetzte Albrecht: Sagt dem Herzog, meinem Herrn Vater, daß Solches nicht vonnöthen geweſen und ich davon nichts wiſſen mag!— Ernſt wollte Gewißheit, daher ſchickte er ſeinen eigenen Marſchall: der Herzog von Braunſchweig habe ein⸗ gewilligt, und Albrecht müſſe ſich erklären. Das hatte er uicht erwartet, doch er blieb feſt. Der Marſchall erſchöpfte ſich im Lobe Anna's, deutete ihm auch die Gerüchte an, die von allen Seiten an ſeines Vaters Hof gelangten und die Vater und Sohn widerlegen müßten. Da reichte ihm Albrecht, die gute Meinung des Alten erkennend, mit den Worten die Hand: Ihr ſeyd ein ehrlicher Mann, Herr Marſchall, aber ich bin auch einer!— Allen weiteren Bitten und Vorſtellungen entzog er ſich durch einen kurzen Abſchied; er wolle ſein Geheim⸗ niß noch in den Mauern des Schloſſes verwahren, deswegen hatte auch keiner der Boten ſeines Vaters die junge Burgfrau geſehen. Doch ſeitdem quälten ihn bange Gedanken. Durfte er dem Vater, der ſo ſtreng auf die Rechte der Geburt ſah und das Blut der Wittelsbacher rein erhalten wollte, ſein Alter ſo betrüben? Hatte er nicht Pflichten gegen das Herzogthum? Aber höher ſtand ihm, was er ſeiner Agnes am Altar geſchworen. Sie erkannte bald ſei⸗ nen Kummer und er verbarg ihr die Urſache nicht. Agnes gerieth in Verzweiflung; ſie beklagte ihr Ge⸗ ſchick, ihren Vater, ihre Trennung von Augsburg; ſie war ſelbſt durch den Troſt des Gemahls nicht zu beruhigen, denn ihr ahndungsvolles Herz ſah ſchon damals die Zukunft voraus. Eine Schreckens⸗ kunde, die jetzt eintraf, beugte das Paar noch mehr: —— Albrechts Mutter, von der eine Vermittelung und Ausgleichung um ſo eher zu hoffen war, als ihre Sanftmuth und ihr ſcharfer Verſtand gleich mächtig auf Vater und Sohn zu wirken wußte, ſie ſtarb un⸗ erwartet und jetzt blieb ihm nur ſein ſtreitluſtiger Oheim, der Herzog Wilhelm von Bayern, dem er ſofort ſein Geheimniß mittheilte.— Sein Vater aber, deſſen Räthe ſelbſt ſich nicht über die geeignet⸗ ſten Schritte gegen den jungen, heftigen Herzog ver⸗ einigen konnten, beſchloß durchzugreifen. Er ließ 1434 ein Turnier nach Augsburg ausſchreiben und auch ſeinen Sohn dazu einladen. Dieſer fürchtend, ſeine ritterliche Gewandtheit ganz zu verlieren, wenn er nicht wieder zu Schwert und Speer griffe, er⸗ ſchien vor den Schranken. Als er einreiten wollte, trat ihm ein Marſchall mit dem Ruf entgegen: Al⸗ brecht, der Pfalzgraf und Herr zu Voheburg, kann nicht turniren. Das Geſetz verbeut es, wir öffnen euch die Schranken nicht. Ein Murren lief durch den Kreis. Albrecht war außer ſich: Kennt ihr mich? rief er. Mir bietet ihr dieſen Schimpf?— Der Marſchall ſprach nun, wie ihn die Räthe Ernſts gelehrt hatten: Es ſind Kläger über euch, die ſagen, ihr führtet ein unedles Leben, gienget ohne Schwert und vermummt umher, hieltet eine Buhldirne öffent— lich oder wolltet eine Bürgerin heirathen. Recht⸗ fertigt euch, oder ihr dürft nicht in die Schranken reiten!— Albrecht knirſchte, daß man öffentlich ſein — Weib beſchimpfen durfte, doch faßte er ſich und ſprach: Ich lebe nicht in Unehre, ſie iſt mein Eheweib, von Prieſterhand mir längſt angetraut. Wer darf an⸗ ders reden? Wer wagt mein Ankläger zu ſeyn? Marſchälle, öffnet die Schranken!— Sie gehorchten nicht, da ſenkte er ſeine Lanze gegen ſie und ein all⸗ gemeines Getümmel entſtand. Er ſchleuderte wü⸗ thend den Speer von ſich und zog das Schwert, um Jeden niederzuſtoßen, der ihm noch durch Wort und That zuwider wäre. Eine Todtenſtille herrſchte. Da erklärte er, das Turnier ſey zu Ende, wandte ſein Roß und ritt wüthend heim zu ſeiner Agnes. Jubelnd ſtürzte ſie ſchon im Burghof ihm entgegen, erſchrack aber über ſein verändertes Ausſehen, ſo wie über den Haufen von Rittern und Reiſigen, der ihm folgte. Das iſt ſie! rief der Herzog, ohne zuvor ein Wort der Liebe an Agnes zu richten: Seht zu, ob die einer Dirne Angeſicht hat? Und nun, lieben Freunde und Waffenbrüder, wetzt eure Schwerter und putzt die Panzer blank, daß ihr bereit ſeyd, wenn ich euer bedarf; um die Ehre meiner Hausfrau zu verfechten. Für jetzt habt Dank, und kehrt in Frie⸗ den heim!— Todtenblaß und ſtumm vor Schwerz folgte ihm Agnes in das Gemach; ſie wußte Alles aus trüber Ahnung, was er ihr nun entdeckte. Vor aller Welt hab' ich bekannt, ſprach er, daß du mein Weib biſt, und damit ich den Schurken das Maul ſtopfe, ſollſt du nun auch Herzogin ſeyn!— Als⸗ — bald verſammelte er ſein Hofgeſinde, erklärte ihnen, daß Frau Agnes hinfort nur: Herzogin zu nennen ſei, und wählte die Treuſten zu dem perſönlichen Dienſte bei ihr. Noch mehr, er zog von Voheburg in das Straubinger Schloß, damit man auch dort ihr die gebührende Ehre beweiſe und ſchenkte ihr eine Burg. Aber ihr Friede war dahin, die Aus⸗ zeichnungen, womit ſie treue Liebe überhäufte, er⸗ ſchreckte ſie. Ach, flehte ſie oft in angſtvollen Stun⸗ den: heilige Mutter der Huld und Gnaden, erbarme ich meiner, nimm mich zu dir und wende das Un⸗ heil ab, das meinem Gemahl droht!— Und wenn er, um ſie zu beruhigen und ſeinen Grimm zu ber⸗ gen, über die herzogliche Pracht ſcherzte, ſeufzte ſie: Nicht für mich ſind dieſe Gemächer, o ſäß' ich nur einmal noch ruhig und zufrieden im kleinen Hauſe meines Vaters zu Augsburg, ich wollte nimmer da⸗ von gehen!— Ja ſie gab noch andern Gedanken in ihrer Angſt Raum, und wenn Albrecht fragte: Sag nur, was kann ich mehr für dich thun?— ſo ver⸗ ſetzte ſie koſend, als müſſe ſie ihn umſtimmen: Ohne Waffen, ohne Prunk und Herzogshut laß' uns in freie Gegenden ziehen, wohin deines Vaters Zorn nicht reicht; wie niedrige, glückliche Menſchen wollen wir leben, bis dein Volk dich zum Throne ruft— ach, lieber Gott! du ahneſt nicht, Albrecht, welch eine Seligkeit ein verborgenes, ruhiges Leben ge⸗ währt!— Nein! rief er dann: Fliehen von meinen Nodnagels poetiſche Frauenbilder. II. 6 Baiern? Weichen, wo ich ſiegen kann? Vom Throne ſteigen, auf den ich dich zu heben noch nicht für den beſten Lohn deiner Liebe erachte? Und meine Ehre, die vor aller Ritterſchaft ſo ſchmählich angetaſtet ward, ſoll ich ſie nicht rächen, und mit Blut rein waſchen?— In ſchweren Todesahnungen ließ ſie zu Straubing ſchon damals das Begräbniß bauen, wo⸗ hin man ſie zur ewigen Ruhe legen ſollte. Ein Jahr vergieng. Ernſt und ſeine Freunde brüteten über Racheplänen, weil ſie aber nicht offen gegen Albrecht verfahren wollten, ſtreuten ſie Verläumdun⸗ gen aus, die Ehre der Dulderin zu beflecken. Man beſchuldigte ſie ſogar eines Mordverſuchs gegen das Söhnlein Herrn Wilhelms, der aber nicht abließ, bis zum Tode ein Freund und Beſchützer dieſer Ehe zu bleiben, die nach ſeiner ausdrücklichen Verſiche⸗ rung im Himmel geſchloſſen war. Zu früh für ihr Glück ſtarb Herzog Wilhelm 1435. Von neuem regte ſich nun der Haß am Hofe Ernſts, denn jetzt ſtand Vater und Sohn allein einander entgegen. Man hörte nicht auf, die Ehe Albrechts mit der Bürgerdirne als einen Schimpf gegen das Fürſten⸗ haus darzuſtellen; man ſchilderte das Elend des Landes, wenn ein Fürſt auf den Thron käme, wel⸗ cher ſo willkührlich gegen geheiligte Rechte und die Ehre ſeines Namens verſtoße; man wollte von Zau⸗ bertränken wiſſen, wodurch die Bernauerin Albrechts Sinne und Vernunft betäube: man nannte ſie un⸗ — 123— verholen eine Here, die den Scheiterhaufen verdiene. Herzog Ernſt war keine große Seele, hier der Stolz auf das reine Blut der Wittelsbacher und die Krone, die Albrecht tragen ſollte, dort der Aberglaube der Zeit, die Furcht, den Erben ſeines Thrones von teuf⸗ liſchen Ränken umſtrickt zu wiſſen— es ſchien ihm jetzt kein Mittel zu verwerflich, das an ein Ziel führte. Im Oktober 1436 hatte Albrecht, der ſich nur in den dringendſten Fällen von Agnes zu trennen vermochte, Straubing auf kurze Zeit verlaſſen müſ⸗ ſen. In ſchweren Gedanken ſaß die Herzogin auf ihrem Gemache, als ein lautes Geſchrei und ver⸗ worrenes Getöſe ſie aufſchreckte. Herzog Ernſt ſel⸗ ber brach iu das Schloß mit ſeinen Rittern und Räthen ein und befahl, die Bernauerin gefeſſelt vor das Gericht zu ſtellen, das er ſogleich niedergeſetzt hatte. Alle Förmlichkeiten ſollten übergangen oder abgekürzt werden, um in möglichſter Schnelle das Urtheil zu ſprechen. Der Oberrichter hatte daher nur die Fragepunkte zu leſen, die die Verklagte be⸗ antworten ſollte; und leider wagte keiner der bei⸗ ſitzenden Richter zu erinnern, daß ihr Amt ſei, Recht zu pflegen, und nicht Unrecht.— Agnes Bernauerin, begann der Oberrichter: Warum ſtehet ihr vor Ge⸗ richt?— Ich weiß es nicht, entgegnete ſie beſchei⸗ den; kenne auch das Gericht nicht.— Du ſiehſt vor des Herzogs Räthen und dem Gericht zu Strau⸗ bing, ſprach er weiter.— Mein Richter iſt der 6* — Herzog ſelbſt, wandte ſie ein: und Gott, der Herr über uns Alle. Zudem iſt Augsburg meine Hei⸗ math und dort auch das Gericht der Bernauerin.— Antworte hier, fuhr man ſie an: ſo iſt des Herzogs Willen, und das beweiſen dir die Ketten, die du trägſt!— Sie hob muthig ihre Hände empor: Wagt ihr es, Albrechts Unterthanen, über ſein ehelich Gemahl zu Gericht zu ſitzen?— Tiefe Stille herrſchte im Saal, die Herren ſahen ſich verlegen an. Agnes konnte von ihrem Rechtsgefühl vielleicht noch ein gerechtes Urtheil hoffen. Darum fuhr ſie fort: Ich will euch Rede ſtehen, wie es die Unſchuld und ein gut Gewiſſen vermag. Fraget mich!— Der Oberrichter nahm wieder das Blatt zur Hand: Wie kam es, daß Herzog Albrecht dich lieb ge⸗ wann?— Sie lächelte, denn ſie dachte nicht an die Zaubereien, deren man ſie bezüchtigte: Weiß ich denn das? Könntet ihr mich verſtehen, wenn ich es ſagte?— Die Anweſenden ſchüttelten bedenklich die Köpfe, ſie glaubten ein Geſtändniß der Zauberei zu hören. Wie gieng es weiter? frug der Oberrichter. — Agnes ſprach erröthend: Er wollte mich beſitzen, aber nur des Prieſters Segen verhalf ihm dazu. So wurden wir in Voheburg getraut.— Was ſind eure Anſprüche?— Sie hob mit edelm Stolz ihr ſchönes Haupt: Ihr fragt noch? Die Rechte einer Ehefrau, ſein Herz und ſeine Treue!— Und wenn des Herzogs Gericht eure Ehe für ungültig erklärt? — fiel er ein.— Das kann es nicht, ſprach Agnes mit Würde: Wer will wider Gott zeugen, der uns ver⸗ band?— Wenn aber der Herzog eine andere Ver⸗ mählung eingehen wollte, die ſeinem Rang und Stand und dem gnädigſten Willen ſeines Herrn Vaters ge⸗ mäß— wolltet ihr, Agnes Bernauerin, ihn frei geben?— Das wird er nicht! rief ſie mit blitzen⸗ den Augen. Dann ſchwieg ſie und ſetzte erſt nach einem Seufzer kleinlaut hinzu: Gerne, wenn es ſein Glück wäre. Aber auch dann könnt' ich und dürfte nicht.— Der Oberrichter frug mit lauter Stimme: Was hofft ihr vom Gerichte? Von der Gnade des Herzogs? Von Albrechts Liebe?— Agnes erwie⸗ derte: Vom Herzog ſollt' ich hoffen, daß er ein ehr⸗ ſames Weib nicht verfolge; von Albrecht: eheliche Treue bis zum Tod; von euch, ihr Herrn: Gerech⸗ tigkeit.— Dieſe Worte trafen einen Augenblick; die Richter ſprachen insgeheim, dann frug der Ober⸗ ſte: Was könnte euch zu andern Gedanken bewegen, wodurch des Landes Ruhe und euere Rettung zu bewirken?— Nichts, erwiederte ſie feſt: meine Ge⸗ ſinnungen ſind meine Pflicht.— Was habt ihr noch zu ſagen?— Ihr könnt mich morden! rief ſie aufs heftigſte bewegt: nicht nach Recht verurtheilen. Wollt ihr nicht Albrechts Gemahlin ehren, nicht der zitternden Unſchuld euch erbarmen: ſo bebt vor dem Richter dort oben, dem ich meine Sache anheim ſtelle.— Herzog Ernſt, dem die Herrn Alles treu⸗ — 126— lich berichteten, erkannte nur die Keckheit der Buhle⸗ rin in ihren Reden und ertheilte dem Henker zu Straubing ſogleich Befehl, das Urtheil zu vollſtrecken und die Zauberin in der Donau zu erſäufen. Ihre kläglichſten Bitten, ihr jammervolles Flehen, ſie nur von ihrem Gemahl Abſchied nehmen zu laſſen— Alles war vergeblich; nach wenig Stunden ſchleppte man ſie zur Brücke, um das Urtheil zu vollziehen. Da ſtand das Volk, neugierig wie immer bei Hin⸗ richtungen, aber ohne Gefühl für die unerhörte Schandthat, die vor ſeinen Augen verübt werden ſollte. Keine Hand regte ſich; Alles ſtill. Agnes flehte noch auf der Brücke um Gerechtigkeit und rief den Zorn des Himmels auf ihre Mörder. Albrecht, Albrecht! war ihr Jammerruf. Der Henker ſchleu⸗ derte ſie in die Fluten hinab. Aber als wollte Gott ſelbſt ein Urtheil ihrer Unſchuld geben, ſank ſie nicht gleich, die Wellen trieben ſie gegen das ufer und ihr Schrei: Helft! Helft der Unſchuld! durchdrang die Lüfte. Wirklich murrte jetzt das Volk durch einander: Gnade! Gnade! Sie iſt hän⸗ gen geblieben! Helft! Werft die Richter hinab! Den Henker hinunter!— Aber der Henkersknecht ergriff eine Stange, erfaßte damit die Arme bei ihren aufgelöß⸗ ten Locken und ſtieß ſie in das Waſſer hinab.— Ihren Leichnam zog man nachher an das Land, um ihm auf dem Kirchhof zu St. Peter in der Altſtadt zu Straubing die letzte Ruhe zu gönnen.— Zu —— ſpät kam Albrecht, um zu retten, nicht um zu rächen. An ihrem Grabe gelobte er, Alle zu ſtrafen, die an dem Morde Theil gehabt, und ſogleich machte er ſich auf nach Ingolſtadt, zu Herzog Ludwig dem Bär⸗ tigen, welchem Ernſt bis in den Tod verhaßt war. Allein ſeine Schmerzen, mit jedem Tage in neuer Gewalt ihn zerfleiſchend, umdüſterten ſeinen Geiſt und gaben ihn zeitweiſe dem Wahnſinn oder finſte⸗ rer Schwermuth hin. Ein verheerender Krieg brach nun los; Dörfer und Städte brannten, und Albrecht zog ohne Raſt und in wachſendem Groll durch die blühendſten Gegenden des Herzogthums. Ernſt hatte gehofft, wenn die ſchöne Schwäbin todt ſei, werde Albrecht ſich fügen. Solche Fehde, wie ſie nun wüthete, war auch ihm ein Gräuel. Er bot durch abgeſandte Vertraute dem Sohne Verſöhnung an, doch dieſer erklärte, er habe keinen Vater mehr und dem Schatten ſeiner Agnes müſſe er Rache ſchaffen. Bayern ſchien in dieſem Unheilskampfe zu verbluten. Da erſuchte Ernſt zuletzt den Kaiſer Siegismund, welcher auch den Frieden vermittelte. Ernſt erbaute über dem Grabe der Gemordeten eine Kapelle mit einem Altare, in welcher er einen Jahrtag und eine tägliche Meſſe ſtiftete, und in den deshalb ausgefer⸗ tigten Urkunden ſpricht er wie ſein Sohn von der ehrſamen Frau Agnes Bernauerin. Albrecht erklärte ſie zu München ebenfalls urkundlich für ſeine ehrbare Frau, ließ ſie in dem von ihr ſelbſt — 128— noch errichteten Grabmahl bei den Karmelitern bei⸗ ſetzen und die Stätte mit einem Denkſteine zieren. Dann vermählte er ſich zwei Jahre nach dem Tode ſeiner Agnes mit jener Anna von Braunſchweig. Ihre Ehe, obgleich mit zehen Kindern geſegnet, mochte inzwiſchen nicht ſo glücklich ſeyn, als jene kurzen Tage zu Voheburg.— Wie nach dem Ausſpruche des Dichters ſich Alles im Leben wiederholt, ſo war ſchon, nicht ganz hundert Jahre zuvor, ein Weib in ähn⸗ lichen Verhältniſſen ein ähnliches Opfer geworden. Ihr Vater, ein portugieſiſcher Edelmann de Caſtro, gab ſeine Tochter Inez(Agnes) als Hofdame in den Dienſt der Gemahlin des Thronfolgers, Dom Pedro. Dieſer, entzückt von ihrer Schönheit, kämpfte bis zum Tode ſeiner Gemahlin Donna Conſtanza gegen die immer wachſende Neigung. Jetzt war ſeine Liebe kein Verbrechen, Inez erwiederte ſie, Dom Pedro vermählte ſich heimlich mit ihr auf ſeinem Schloſſe zu Coimbra und ließ ſie in einem Land⸗ hauſe am Ufer des Mondego wohnen. Sein Va⸗ ter, der König Alfonſo IV, beforgt für den recht⸗ mäßigen Enkel aus erſter Ehe und zugleich fürchtend, daß der Bruder der Inez einen gefährlichen Ein⸗ fluß auf Pedro erhalten möchte, drang in Abweſen⸗ heit ſeines Sohnes in das Schloß zu Coimbra, des Vorſatzes, Inez aus dem Wege zu räumen. Er beſaß aber nicht das rauhe, unempfindliche Gemüth wie Herzog Ernſt. Die wunderbare Schönheit des — 129— jungen Weibes und ihrer vier Kinder rührten ihn ſo mächtig, daß er ſeinen Mordplan aufgab. Doch gelang es drei Edelleuten, den Feinden der Familie de Caſtro, den König leicht wieder umzuſtimmenz ſie nahmen die That auf ſich, und Incz ſtarb in Mit⸗ ten ihrer Frauen unter den mörderiſchen Dolchen. Dom Pedro kehrte in das Schloß zurück, als die That kaum vollendet war; er wüthete bei der Nach⸗ richt von dieſem Frevel wie Albrecht, und begann auf der Stelle den Krieg gegen ſeinen eigenen Va⸗ ter. Hier erfolgte indeß ebenfalls eine Verſöhnung und zwar durch die inſtändigen Bitten der Mutter, welche Dom Pedro immer zärtlicher als den Vater geliebt hatte. Allein die Rache ſchlief nur, um deſto entſetzlicher zu erwachen. Nach dem Tode Alfonſo's beſtieg Pedro den Thron und ſein erſtes Werk war die grauſamſte Strafe an den noch lebenden Mör⸗ dern ſeiner Inez und an der Familie der Mörder. Beiſpiellos erfinderiſch in Qualen ſchien er ſeinen Rachedurſt nur dann geſtillt zu haben, als kein Op⸗ fer mehr vorhanden war. Zugleich ließ er— was ein feines Gefühl nur empören kann— den Leich⸗ nam der Ermordeten aus dem Grabe nehmen, auf den Thron ſetzen und hier der todten Königin wie einer Lebenden von Allen ſeines Hofes huldigen. Erſt dann, als das Grab die Leiche wieder um⸗ ſchloß, glaubte ſich der König beruhigt. Doch be⸗ fahl auch er nicht allein reichliche Seelenmeſſen, ſon⸗ * — dern ſchmückte überdies das Grabmahl ſeiner Inez auf das prachtvollſte und bewahrte ihr Andenken bis an ſeinen Tod in trauerndem Herzen. Die Dichtkunſt ehrte ſeinen Schmerz und ſtreute auf das Grab der Inez de Caſtro einige ihrer duftend⸗ ſten Blüten. Zumal verherrlichte ein großer Dich⸗ ter ihr unverdientes Schickſal. S — 8. — 8 — — — 8 2 * * — „ ₰ 8 5 — 8 * — 2 2 — 7 Elisabeth. Eliſabeth, Tochter König Heinrichs des Achten von England und der unglücklichen Anna Boleyn, war 1533 zu Greenwich geboren. Das traurige Loos ihrer Mutter warf den erſten Schatten auf ihre Kindheit. Doch erhielt Eliſabeth, von ihrem Vater der älteren Schweſter vorgezogen, eine vor⸗ treffliche Erziehung. Man unterrichtete ſie frühe in den Sprachen der Alten, die Neuern kamen ſpäter hinzu. Schon als eilfjähriges Kind widmete ſie der ſechſten Gemahlin ihres Vaters eine Ueberſetzung aus dem Franzöſiſchen. Nach Heinrichs Tod folgte Eduard, der ſie zärtlich liebte und in ihren Studien aufmunterte. Sie berief ſich ſelbſt den gelehrten Roger Aſham von Cambridge und betrieb unter ſei⸗ ner Leitung Geſchichte, Philoſophie und Beredſam⸗ keit; er mußte ſie ſogar in griechiſche Sprache und Kunſt einführen. Ein berühmter Theolog las mit ihr die heiligen Bücher, deren Lehren ſie mit ängſt⸗ licher Gewiſſenhaftigkeit aufnahm. So bereitete ſie 134 ſich während der kurzen Regierung Eduards in der Stille zu der Rolle vor, die ſie auf dem Schauplatz der Weltgeſchichte ſpielen ſollte. Im Jahre 1553 beſtieg Maria, die Tochter Katharina's von Ara⸗ gon, den Thron. Sie ließ bald ihren Argwohn und Neid gegen die im neuen Glauben erzogene Halbſchweſter merken, kerkerte ſie ein und hätte viel⸗ leicht ihr Todesurtheil geſprochen, wenn nicht Ma⸗ ria's Gemahl, König Philipp, dazwiſchen getreten wäre. Eliſabeth erkannte dies dankbar und ſeitdem hieng Philipps Bild immer in ihrem Gemach. Nach fünf Jahren hinterlies Maria den Thron ohne Er⸗ ben. Als der Kanzler dem verſammelten Parlament ihren Tod anzeigte, ſcholl es im einſtimmigen Jubel: Gott erhalte die Königin Eliſabeth!— Bei ihrem Einzuge in die Stadt und dem Eintritt in den To⸗ wer ſtanden die Bilder der Vergangenheit lebendig vor ihr. Sie fiel auf die Knie und dankte dem Himmel, der ſie ſo wunderbar aus der Gewalt ihrer Feinde gerettet habe, wie einſt den Propheten Da⸗ niel aus der Löwengrube. Sie wollte kein Gedächt⸗ niß für die ſtrenge Behandlung haben, die ihrer Jugend widerfuhr, und warf den Schleier der Huld über die letzten Jahre. Zu den Erſten, denen ſie dieſen Wechſel ihres Geſchicks anzeigte, gehörte Phi⸗ lipp, der dafür ſogleich Einleitungen zu einem Hei⸗ rathsantrage machte. Sie wollte aber von fremdem Einfluß frei bleiben, deßwegen lehnte ſie das Aner⸗ bieten ab. Philipp gab die Hoffnung nicht auf und bewarb ſich zu Rom um die Einwilligung des hei⸗ ligen Vaters, weil Eliſabeth nahe mit ihm verwandt war. Die junge Königin, ohne den Katholiken zu nahe zu treten, berief alle verbannten Anhänger der Reformation zurück, oder öffnete ihre Kerker. Man konnte die bevorſtehenden Anordnungen ſchon jetzt vermuthen und die katholiſchen Biſchöfe weigerten ſich, bei ihrer Krönung zu erſcheinen. Als ſie unter dem Jubel des Volks durch London fuhr, überreichte ein Knabe ihr die Bibel, die ſie annahm, küßte und an ihr Herz drückte. Ihre Jugend, Anmuth, Klug⸗ heit, Geiſtesſtärke feſſelten alle Herzen. In Parla⸗ ment erklärte ſie, ſie habe nach dem Recht der Ge⸗ burt den Thron beſtiegen und verſchmähte ganz die Gültigkeit der Ehe ihrer Mutter mit Heinrich nur zu erwähnen. Alle weltliche und geiſtliche Oberge⸗ walt ward nun an die Krone gebunden. Man zog die Kloſtergüter ein und ſchaffte die Meſſe ab. Ihre Unterthanen baten ſie, einen Gemahl zu wählen, der die Laſt der Regierung mit ihr theilen könnte. Sie meinte, ſie werde ſich damit nicht übereilen, England ſei der Gemahl, dem ſie ſich antraue, ihr Volk ihre Kinder, und wenn ſie eine ſolche Familie glücklich beherrſche, halte ſie ihr Leben nicht für ver⸗ loren; ſollte ſie dieſe Geſinnung ändern, ſo geſchehe es nur zum Beſten ihres Landes, ſterbe ſie ohne Kinder, ſo überlaſſe ſie es der Vorſehung, Englands — 136— Wohl in andere Hände zu legen; am liebſten wäre ihr, wenn die Nachwelt auf ihrem Grabſtein leſe: Sie lebte und ſtarb als jungfräuliche Königin. Noch ſchien ihr Thron nicht feſt. Rom hatte Heinrichs Vermählung mit Anna Boleyn nicht anerkannt. Die katholiſche Parthei erklärte daher die Königin von Schottland, die mit dem Dauphin von Frankreich vermählt war, als Thronerbin; der König von Frankreich hoffte insgeheim eine päpſtliche Bulle ge⸗ gen Eliſabeth zu erwirken. Der Dauphin, bald zum Throne gelangt, nahm mit ſeiner Gemahlin Maria den Titel König von England an. Eliſa⸗ beth ſah in ihnen Todfeinde. In Schottland aber befeſtigte ſich die neue Kirche und die Stimmung war für Eliſabeth, deren Beiſtand das Volk hoffte. Die Streitigkeiten zwiſchen Eliſabeth und Maria Stuart nahmen für die Letztere bekanntlich ein trau⸗ riges Ende. Später legte man der Königin wieder die Bitte vor, einen Gemahl zu wählen, oder einen Nachfolger zu ernennen, damit die Streitigkeiten zu Ende giengen. Sie wich wieder aus, denn die Er⸗ klärung ſchien zu bedenklich. Ihre gelehrten Stu⸗ dien lagen ihr mehr an; ſie betrieb von Neuem die klaſſiſchen und modernen Sprachen mit einem Eifer, als wäre ſie zu nichts Anderm berufen. Die Uni⸗ verſitäten zu Cambridge und Orford beſuchte ſie ſelbſt, verweilte einige Zeit und hielt an beiden Or⸗ ten zum Abſchied lateiniſche Reden, worin ſie den — 137— gelehrten Männern für die ausgezeichnete Aufnahme dankte. Zu anderer Zeit entließ ſie den ſpaniſchen Geſandten mit einer zierlichen Antwort in ſeiner Mutterſprache. Muſik und Poeſie wechſelten mit dieſen Studien ab. Im Jahre 1563 kam die Peſt über den Kanal nach England. Die Streitigkeiten ruhten. Tauſende von Menſchen raffte der Todes⸗ engel hin, aber Eliſabeth verlor den Muth nicht.— Im Leben dieſer Königin ſpielte außer Maria Stuart ein Günſtling, Robert von Evreur, den ſie zum Grafen von Eſſer machte, eine Hauptrolle. Sie 1 ſagte ſelbſt, nur ihn allein habe ſie geliebt. Sie gab ihm nicht nur die höchſten Staatsämter, ſondern die Erlaubniß, ihren Handſchuh auf dem Hute zu⸗ tragen. König Philipp war indeſſen ihr bitterſter Feind geworden, weil ſie ihn nicht zum Gemahl wollte; er ließ den Titel„Königin“ in allen Staats⸗ papieren durchſtreichen und ſie nur Kronenräuberin und Ketzerin nennen. Er ſchalt ſie Komödiantin. Ihr Benehmen am Tage der Hinrichtung der Ma⸗ ria Stuart war allerdings auch auffallend. Man erklärt ſich aber dies Benehmen leicht, wenn man weiß, daß Eliſabeth, durch allerlei drohende Gerüchte von einer Verſchwörung gegen ihr Leben und von na⸗ hem feindlichen Einfall in das Land geſchreckt, in heftig⸗ ſter Aufwallung das Urtheil unterzeichnete. Philipps unüberwindliche Flotte ſollte der Königin Schrecken einjagen. Sie begeiſterte aber ihr Parlament ſo, — 138— daß Alle riefen: Gut und Blut für England und unſere Königin Eliſabeth!— Sie ſammelte nun ein Heer, ſtieg zu Pferd und ermunterte in eigener Per⸗ ſon die Krieger. Der Himmel ſelbſt kämpfte für Eliſabeth;„Gott der Allmächtige blies und die Ar⸗ mada flog nach allen Winden Den Reſt der Flotte nahmen die Engländer. Die Königin zog im Tri⸗ umph in London ein, Feſte folgten auf Feſte. Auch außer Europa ſchadeten ihre Schiffe den Spaniern. Sie entſendete eine neue Flotte unter Eſſer, die Ca⸗ diz einnahm und die Schiffe im Hafen gewann. Nach ſolchen Verluſten ſtarb 1598 endlich Philipp. Nun wird Europa Ruhe haben! rief ſie bei die⸗ ſer Nachricht. Als ſpäter Irland unruhig gewor⸗ den war, ſendete ſie nochmals ihren Liebling Eſſer. Dieſer aber wollte, wie es ſcheint, die Gränzen ſei⸗ ner Gewalt über die Königin kennen lernen. Er ließ ſich daher mit Tyrone, dem Haupt der Rebellen, ein und ſchloß einen Waffenſtillſtand, worin den Katholiken die freie Ausübung zugeſichert ward. Eli⸗ ſabeth entbrannte unwillig und ſchickte Vertraute⸗ dies zu unterſuchen; Eſſer bemächtigte ſich dieſer Ge⸗ ſandten, gieng darauf nach London, aber anfangs nicht an den Hof. Die Vermuthung, er ſei durch eine unwürdige Behandlung von ihr gereizt worden, iſt wohl grundlos. Nach jener Sage hatten ſie ei⸗ nen Wortwechſel, er drehte ihr ſtolz den Rücken zu — und Eliſabeth gab ihm eine Ohrfeige. Beſchimpft — 139— faßte er den Degen, ließ ihn aber, als er einem Blick voll Reue begegnete, ſinken und mied den Hof. Die Nachricht iſt unverbürgt. Vielmehr wird es wahrſcheinlich, daß er ſie nur prüfen wollte. Er iſt ein Verſchwörer gegen mich und England! rief Eli⸗ ſabeth, als ſie von ſeinem Aufenthalt in London Kunde bekam. Eſſer erſchrack; er war zu weit ge⸗ gangen; er floh wieder nach Irland. Dort verhaf⸗ tet, ſtellte man ihn zu London vor ein Pairsgericht, das den beneideten Günſtling zum Tode verdammte und zwar ihn des Hochverraths überwieſen. Es hätte den Grafen nur eine Bitte gekoſtet. Allein er blieb ſtolz und unbeweglich, oder hoffte er ſeine Rettung von den Unterhandlungen, die er heimlich mit Schott⸗ land anknüpfte? In ſchönen Tagen hatte ſie ihm einſt einen Ring gegeben und geſagt, wenn er dies Kleinod je ihr überſende, werde ſie ihm keine Bitte abſchlagen. Eſſer entſchloß ſich am Tage, wo ſein urtheil vollzogen werden ſollte, von dieſem Talis⸗ man Gebrauch zu machen. Die Gräfin Nottingham erbot ſich, den Ring zu überbringen; allein, früher von Eſſer um der Königin willen verſchmäht, be⸗ hielt ſie ihn— und Eſſer ſtarb drei und dreißig Jahre alt auf dem Schaffot, das im innern Hof des Tower ſtand. Nach einem Jahr lag die Verrätherin auf dem Sterbebette; ſie konnte ihr Geheimniß nicht mit ins Grab nehmen und entdeckte es der Königin. Dieſe rief: Das mag Euch Gott verzeihen— ich — 140— kann nicht!— Fliſabeth wurde ſeitdem tiefſinnig, verſchloß ſich und wollte weder Speiſe, noch Trank. Laſſet mich ruhig ſterben! rief ſie den Aerzten zu: England iſt meiner nicht ſo müde, als ich ſeiner. Mich eckelt das Leben an, hinweg aus dieſem Knäuel ſinnenbethörender Räthſel!— Die Aerzte brachten Heilmittel.— In der Jugend verhieß man mir ſieb⸗ zig Jahre, ſprach ſie: ſo alt bin ich. Was ſollen mir die Aerzte, wenn kein Oel mehr in der Lampe iſt? Man könnte meinen, ſie hätten mir das Leben geraubt.— So lag ſie vierzehn Tage ohne Troſt am Boden. Nachher raffte ſie ſich noch einmal zu⸗ ſammen. Man fragte, wem ſie den Thron hinter⸗ laſſen werde. Ich will keinen Lump zum Nach⸗ folger; wer dürfte mir folgen als ein König? Wer könnte es anders ſehn, als unſer Vetter von Schott⸗ land? ſo rief ſie faſt ſterbend und ernannte den Sohn Maria's, Jakob IV von Schottland, zu ih⸗ rem Nachfolger. Bald nachher ſtarb ſie in ihrem Palaſt Richmond, 1602. Ihre Leiche wurde mit großer Pracht in der Weſtminſter Abtei beigeſetzt, wo derſelbe Jakob, ihr Nachfolger, ſpäter ihr ein prachtvolles Denkmal errichtete.— Freunde und Feinde haben Eliſabeths Charakter unrichtig dargeſtellt. Als Königin hat ihre Thätig⸗ teit, Geiſteskraft, Klugheit, Standhaftigkeit und Wachſamkeit Bewunderung erregt. Papſt Sirxtus, den ſie ſelbſt einen Fürſtenpapſt zu nennen pflegte, — 141— ſprach immer mit höchſter Auszeichnung von ihr, ſetzte ſie unter die drei Fürſten, die allein zu herr⸗ ſchen verdienten, nämlich er ſelbſt, Heinrich IW von Frankreich und Eliſabeth.— Weder die Sorgen der Regierung, noch die Schwächen des herannahen⸗ den Alters hielten ſie von den Wiſſenſchaften zu⸗ rück, die in freien Stunden ihre Wonne waren. Dem ſechzigſten Lebensjahr nahe beſuchte ſie noch einmal die Univerſität Orford und unterhielt ſich in lateiniſcher Sprache. Im Jahr darauf überſetzte ſie aus dem Lateiniſchen den„Troſt der Philoſophie“ von Boethius und während der Unruhen in Irland Salluſts jugurthiniſchen Krieg. Ein polniſcher Ge⸗ ſandter hielt in ihrer Gegenwart eine ungeziemende Rede; ſie unterbrach ihn in lateiniſcher Sprache und verwies ihm dies, dann ſtand ſie mit majeſtä⸗ tiſcher Haltung auf, wandte ſich zu den Hofherrn an ihrer Seite und ſprach: Gott's Tod! ihr Her⸗ ren— da hab' ich wieder einmal mein altes roſti⸗ ges Latein auskramen müſſen!— Es würde zu weit führen, ihre Briefe und Reden, Letztere meiſt im Parlament gehalten, einzeln aufzuzählen; Man⸗ ches davon ward dem Druck übergeben. Geiſt und Talente machten ſie zu Herrſcherin geſchickt; fähig, ſich ſelbſt zu beherrſchen und jede Leidenſchaft zu zü⸗ geln, gewann ſie einen unbegränzten Einfluß auf das Volk. Sie beſaß Muth ohne Verwegenheit, und wenn ſie auch Ruhe und Frieden liebte, würde — 142— ſie doch im Kriege thätig genug geweſen ſeyn; ihre Mäßigkeit führte ſie nicht zu Geiz; ſie wollte Schätze beſitzen, um unabhängig zu ſeyn. In der Freund⸗ ſchaft beſtändig ließ ſie ſich ſelten von Günſtlingen leiten oder misbrauchen. Eitelkeit war gewiß einer ihrer größten Fehler; ſie übertrieb die Sorge für Erhaltung ihrer Reize und wollte alle Herzen un⸗ terjochen. Wer ſie ſchön pries, gar von ihrer Schön⸗ heit überraſcht, geblendet ſchien— konnte viel bei ihr erreichen, und wenn er Ungemeſſenes wünſchte, er durfte einer Belohnung gewiß ſeyn. Dieſe Ei⸗ telkeit nahm mit den Jahren noch zu. Kein Wun⸗ der, daß man der Greiſin in ihrem ſiebzigſten Jahre einreden wollte, ſie könne es mit einer Dame von ſiebzehn Jahren noch aufnehmen. Am weiteſten ließ ſie wohl dieſen Fehler gehen, als James Melvil, ein kluger Staatsmann, von Maria Stuart nach London geſandt war, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Maria, mit der Eitelkeit ihrer Gegnerin wohl be⸗ kannt, trug ihm auf, dieſe mit Schmeicheleien zu unterhalten, was Melvil gut verſtand. Er erzählte ihr viel vom Putz der Damen in fremden Ländern, die er bereiſt hatte. Eliſabeth rühmte ſich, die Trach⸗ ten und Moden aller Nationen zu beſitzen, und er⸗ ſchien jeden Tag in einer andern. Sie fragte ihn, welche Kleidung ihr am beſten ſtehe. Die Italiä⸗ niſche, antwortete Melvil, denn in dieſer könne ſie am leichteſten ihr ſchönes Haar zeigen. Sie wollte — 143— wiſſen, ob Maria auch ſo ſchöne Haare habe, und wer überhaupt von beiden Königinnen die ſchönſte ſei. Der gewandte Höfling beantwortete zu ihrer Freude die letzte Frage: in England ſei Eliſabeth, in Schottland Maria die ſchönſte. Und welche von Beiden die größte? Maria, war die Antwort. Da rief Eliſabeth triumphirend: Dann muß ſie zu groß ſeyn; denn meine Geſtalt iſt für Frauen das rechte Maaß. Sie ließ einſt abſichtlich die Thüre offen ſtehen, als ſie die Harfe ſpielte und da Melvil, ihre Abſicht durchſchauend, entzückt in das Gemach ſtürzte, ſtand ſie lächelnd auf und fragte, ob Maria auch zu ſpielen verſtehe?— Wir wiſſen, daß ſie nie im Ernſt an Vermählung dachte. Bisweilen ſtellte ſie ſich dazu entſchloſſen, um eine ſchmeichelhafte Aeuße⸗ rung zu hören. So äußerte ihr einſt der ſchottiſche Geſandte Zweifel, und als ſie den Grund wiſſen wollte, ſprach er verbindlich: Ew. Majeſtät weiß, daß eine vermählte Königin nur Königin, eine unvermählte aber zugleich König iſt.— Noch ſpä⸗ ter war ſie zweimal in Lebensgefahr; der ſpaniſche Haß ſchliff einen Dolch und miſchte Gift für ſie. Beidemal wurde die Abſicht verrathen und der Mör⸗ der beſtraft. Stolz und jähzornig vergaß ſie oft ihre Würde und mißhandelte die ihr widerſprachen. Von Eſſer hab' ich erzählt. Auch ihre dienenden Frauen waren ähnlichen Anfällen ausgeſetzt. Wer vor ihr erſchien, mußte das Knie beugen; ſo wurde — 144— ſelbſt ihre Tafel ſervirt, wenn ſie gar nicht im Saal war. Vom heftigſten Stolz ſprang ſie oft im Nu zu Muthwillen und Poſſenſpiel über, dann ließ ſie ſich auch Antworten gefallen, die man ſonſt keiner Köni⸗ gin gibt.— Eliſabeth hatte einen hohen majeſtäti⸗ ſchen Wuchs, ein längliches Geſicht, reiche und röth⸗ lich blonde Haare, große blaue Augen, aus denen ih⸗ res Vaters Zärtlichkeit, nicht aber ihrer Mutter Feuer⸗ blick ſtrahlte, die Naſe war lang, allein nicht mißge⸗ bildet, der Mund in zierlichem Verhältniß; Hand und Fuß konnte man ſchön nennen. Eliſabeth iſt poetiſches Frauenbild in zwei Momenten ihres Lebens, nämlich als Gegenbild zu Maria Stuart, und in ihrem Verhältniß zum Grafen Eſſer. Was ſie dort durch Reid verſchuldete, büßte ſie hier in namenloſer Qual. Wer mag die Pein eines ſtolzen Herzens ermeſſen, das ſich von dem geliebten Mann verſchmäht glaubt, Tage lang auf ſeine Reue und Wiederkehr wartet und mit Widerſtreben ihn dann dem Henkerbeil preis gibt? Eines Herzens, das ſich kaum mit der Vergangenheit abfinden zu können glaubt, als es erkennt, daß Rachſucht ihm den Tri⸗ umph der Verſöhnung raubte, der allein noch ei⸗ nigen Glanz in das froſtige Leben warf? Die Trennung von Eſſer und das Geſtändniß der Nottingham— es ſind tragiſche Wendungen, die unſer Mitleid beſchwö⸗ ren und für manche ihrer Verirrungen mit Eliſabeth ausſöhnen. — 26. — ** — 3 — 2 TM II. Nodnagels poetiſche Frauenbilder. Ich habe menſchlich, jugendlich gefehlt⸗ Die Macht verführte mich, ich hab' es nicht Verheimlicht und verborgen! falſchen Schein Hab' ich verſchmäht mit königlichem Freimuth. Das Aergſte weiß die Welt von mir, und ich Kann ſagen, ich bin beſſer, als mein Ruf. 5 Maria bei Schiller. Es gleicht einer Grille im Weltgeſchicke, daß ſo Viele Krone und Purpur tragen müſſen, die im beſcheidenen Kreiſe des Privatlebens glücklich und beglückend gelebt und nur Spuren ihres Wirkens zurückgelaſſen hätten, wie ſie der Ehrgeiz nicht zieht und die Ruhmſucht nicht beneidet. Sie konnten frei⸗ lich den Scepter willig aus der Hand legen, allein die das gethan, gehören gerade nicht immer zu je⸗ nen Seelen, die unſer Mitleid verdienen. Verſucht es aber gar eine Königin, auf dem Thron lieber ein Weib zu ſeyn, fragt ſie eher und mehr ihr feuriges Herz, als die Politik, dann ſpielt ſie ein gewagtes Spiel und iſt meiſt ſchon verloren, ehe ſie noch ſich ſelbſt aufgibt. Wir betrachten Maria von Schott⸗ land. Welch blendend weiße Haut, welch zarter Gliederbau! Ihr hoher, ſchlanker Wuchs, den Eli⸗ ſabeth am meiſten beneidete, ihr dunkelbraunes Locken⸗ haar, das glühende Auge, welches weit mehr ahnen ließ, als es ſchon ausſprach, die Grazie jeder Bewe⸗ 7* — 148— gung— ach! es war zu gefährlich für ein Weib mit ſo heißem Blute, für eine Königin, die den ge⸗ fülligen Leichtſinn nicht eher aus ihrem Gefolge bannte, als bis ein Kerker ſie von der Welt abſchloß. Ausgezeichnet in jeder Kunſt, womit man die Her⸗ zen gewinnt, Meiſterin in Muſik, Geſang und Tanz, ſcherzhaft tändelnd mit ſüßen Reimen im Spiel der Muſen, blieb ſie ſelbſt dem Ernſte der Wiſſenſchaft nicht fremd und konnte ſchon im vierzehnten Jahre durch lateiniſche Reden zum Lobe derſelben Bewun⸗ derung erregen. Sie war im Dezember 1542, we⸗ nige Tage vor dem Tode ihres Vaters, Jakobs V. von Schottland, geboren; ihre Mutter Maria von Lothringen lebte noch einige Zeit. Nicht allein die Großen ihres Reiches bewarben ſich für ihre Söhne um die Hand der reichen Erbin, auch der grauſame Heinrich VIII. von England hätte ſie gern mit ſei⸗ nem Sohne Eduard verbunden. Allein die Königin Mutter als Regentin hintertrieb dies, die Franzoſen landeten in Schottland und führten das Kind, wel⸗ ches erſt ſechs Jahre zählte, als Braut des Dau⸗ phins Franz nach Frankreich. Sie hatte noch nicht das ſechszehnte Jahr erreicht, als ſie mit dieſem Prinzen vermählt wurde. Frankreich war die ganze Sehnſucht ihres ſpätern Lebens, Frankreich die Schule ihres Leichtſinns, die Urſache ihres Todes. Bald nach ihrer Vermählung ſtarb Heinrichs Tochter, Ma⸗ ria von England, und da man die Ehe dieſes Kö⸗ — 149— nigs mit Anna Boleyn nach ſeiner eigenen Erklä⸗ rung für ungültig anſah, mußte Maria Stuart nebſt ihrem Gemahl ſich für die Erben des Reiches Eng⸗ land erklären, wozu ſie ein Anrecht hatten, im Falle daß Eliſabeth als Baſtardtochter galt. Allein Eng⸗ land huldigte der Letztern, die nun in Maria ihre Todfeindin erkannte. Maria's Gemahl ergriff bald den Scepter ſeines Erbreiches und nun ſuchte man vergeblich England und Schottland im Bürgerkriege zu entflammen. Wie wenig dies Maria ſelbſt wollte, ergibt ſich daraus, daß ſie nach der kurzen Regie⸗ rung und dem Tode ihres Gemahls ſich nach Lo⸗ thringen zurückzog, um den Verluſt deſſelben zu be⸗ weinen. Schottland, der fortdauernden Unruhen müde, nöthigte ſie heimzukehren. Mit ſchwerem ah⸗ nungsvollem Herzen ſagte ſie den Küſten Frankreichs Lebewohl. Sie ſang: Lebwohl, mein reizend ſchönes Frankreich, Dem ganz ſich meine Liebe bot; Du Wiege meiner frohen Kindheit, Lebwohl, dich meiden iſt der Tod! Du biſt zur Heimath mir geworden, Verwieſen dünk' ich mir zu ſeyn: Vernimm du meine letzten Grüße, O Frankreich und gedenke mein! Der Wind erhebt ſich, ſchwellt die Segel, Ich weine laut, doch ungehört; Kein Gott, der mich zurückzuſchlagen An deinen Strand, die Flut empört. — 150— Als ich dem Volke meiner Liebe. Im Glanz der Lilien mich gezeigt, Es hat ſich nicht vor meinem Throne, Es hat vor mir ſich nur gebeugt, Was ſoll mir unter ſeinen Nebeln Die Krone, die mir Schottland gibt? Ich habe nicht die Königsbinde, Nur Frankreichs Huldigung geliebt! Mein Frankreich hat an meinem Morgen Mit Ruhm, mit Liebe mich berauſcht, Weh mir! nun wird ſein ſonn'ger Himmel Mit einer düſtern Gruft vertauſcht! Von drohend ſchauerlichen Träumen Wird meiner Nächte Ruh verſtört, Ich habe Beile ſchleifen ſehen, Blutlechzendes Geſchrei gehört. Die Stuart wird, wie heut' in Thränen, Dereinſt vom ſturmgepeitſchten Strand Nach dir hinüber ſehnend ſchauen, Du meiner Jugend Blütenland. Doch raſtlos furcht der Kiel die Wogen, Bis fremd der Himmel mich empfängt, Dich hat die Nacht mit feuchtem Schleier Vor meinen Blicken ſchon verhängt. Lebwohl, mein reizend ſchönes Frankreich, Dem ganz ſich meine Liebe bot; * Du Wiege meiner frohen Kindheit, Lebwohl, dich meiden iſt der Tod! Das Volk empfing ſie entzückt; die Großen drangen in ſie, ihre Hand zu verſchenken. Sie zauderte, un⸗ ſchlüſſig, welchem von ſo vielen Bewerbern ſie das „ — 151— Jawort geben ſollte. Da miſchte ſich die ſchlaue Eliſabeth ein und wollte ihr den Grafen Leiceſter, ihren eigenen Günſtling, wer weiß aus welcher Grille, aufnöthigen. Allein Lord Heinrich Darnley gewann Maria's Gunſt durch Schönheit und ein leichtes, gewandtes Benehmen. Sie achtete nicht darauf, daß er damit Stolz, Eigenſinn und Härte gegen ſeine Umgebung verband, daß weder Eliſabeth, noch die Schotten dieſe Wahl eines Katholiken billigten; ſie erhob Darnley in Edinburg zu ihrem Gemahl und zum König des Landes. Man glaubt, ein Sänger aus Welſchland, David Rizzio, der zwar häßlich, klein und ältlich war, doch viel über die Königin vermochte und zugleich Darnleys Freund zu ſeyn vorgab, habe dieſen unklugen Schritt veranlaft. Zu bald folgte die Reue dem erſten Rauſche einer unſinnigen Liebe. Es iſt gleichviel, wer zuerſt von der Pflicht abgieng, ob Maria, die gegen den un⸗ gebildeten Geiſt ihres Gemahls Widerwillen fühlte, oder Darnley, der im Trunke und in Eiferſucht ſich völlig vergaß. Genug, es mußte zur Gewaltthat kommen. Darnley, der ſich von dem Günſtling Riz⸗ zio verrathen glaubte, verband ſich mit Andern und brach im März 1566 Abends in das Gemach der Königin mit bewaffneter Hand. Rizzio war nebſt einer vertrauten Dame bei Maria, er ahnte ſein Loos und verbarg ſich zitternd hinter die Königin. Maria ſtreckte ſprachlos den feindlichen Männern 8 — 152— die Hände entgegen. Umſonſt, Rizzio ward in ih⸗ rer Gegenwart angefallen und dann im Nebenge⸗ mach mit ſechs und fünfzig Wunden ermordet. Ma⸗ ria konnte ihrem Gemahl dieſe Stunde nie vergeſ⸗ ſen; ſelbſt als die Geburt eines Sohnes den Hof in die freudigſte Bewegung ſetzte, wagte Niemand Darnley's Namen zu nennen. Dies benutzte ein Mann ohne Ehre, Sittlichkeit und Scheu vor dem Urtheil der Welt, Graf Bothwell. Bald war er ihr Günſtling, ihr Freund, der ſie rächen ſollte. Der König entgieng nur durch ſchwere Krankheit einem Giftmord, er wollte nach England fliehen. Dies mußte ſie hindern; ſie heuchelte den Wunſch einer Verſöhnung und vermochte ihn, ein Landhaus nahe bei Edinburg zu bezichen. Hier beſuchte und pflegte ſie ihn täglich, bis Alles vorbereitet war. Im Februar 1567 verließ ſie ihn einſt zur Nacht⸗ zeit, um einem Maskenball beizuwohnen, und kaum war ſie in ihrem Schloß, als das Landhaus mit dem König in die Luft geſprengt ward. Bothwell hatte das Verbrechen ausgeführt und nach vier Wo⸗ chen reichte ſie ihm ihre Hand. Das Volk ſtand auf, ver⸗ jagte ſie und ſie mußte in der äußerſten Gefahr für Reich und Leben ſich von dem Mörder trennen, als ſie kaum einen Monat ſeine Gemahlin war. Both⸗ well trieb hierauf in der Verbannung Seeräuberei, ward von den Dänen gefangen und ſtarb wahn⸗ ſinnig im Gefängniß. Maria ward in einem höhni⸗ 6 — 153— ſchen Triumphzug zurückgeführt; man trug eine Fahne mit dem Bilde des blutenden Gemahls vor, und ſperrte ſie in ein entlegenes Schloß. Graf Murray bekam die Regierung. In ihrer Einſamkeit bezau⸗ berte Maria den jungen Georg Douglas, der ſie zu Freunden brachte. Geſchlagen, verfolgt, in ängſt⸗ licher Haſt, hoffte ſie Alles von der Großmuth Eli⸗ ſabeths und flüchtete nach England. Sie ſchrieb ei⸗ nen kläglichen Brief an die Königin, ſtellte ſich un⸗ ter ihren Schutz und bat um eine Zuſammenkunft. Eli⸗ ſabeth ſchien ſehr erfreut, wollte aber die Gegnerin nicht ſehen, bis dieſe ſich gerechtfertigt und den Verdacht ihrer Theilnahme an dem Morde ihres Gemahls von ſich abgewälzt habe. Eliſabeth be⸗ fahl eine öffentliche Vertheidigung. Erſt jetzt, aber zu ſpät, gingen der leichtſinnigen Maria die Augen auf. Der Prozeß begann, ihre Schuld konnte aber nicht erwieſen werden, obgleich Niemand daran zwei⸗ felte. Der Herzog von Norfolk wendete ſich heim⸗ lich an ſie, bereitete ihre Befreiung und Wiederein⸗ ſetzung in Schottland vor, ward aber verrathen und von einem Pairsgericht zum Tode verdammt. Da⸗ mals flammte überall der Fanatismus der Katholi⸗ ken gegen die Proteſtanten; man ſchien Maria als Märtyrin betrachten zu wollen, und ſelbſt Eliſabeth fürchtete die Prieſter. Maria wurde daher einem andern Wächter, Sir Amias Paulet, übergeben und nach Schloß Fortheringhay gebracht. Ihre Freunde 5 — 154— ruhten nicht und nun ſchien es ſtaatsgefährlich, ſie noch länger zu ſchonen. Nach dem gewaltſamen Tode des Regenten in Schottland hatten die Rebel⸗ len ihren Sohn gefangen genommen, und Maria zwang ſich noch zu einem rührenden Schreiben an ihre Feindin. Sie bat zuerſt für den Sohn, dann für ſich ſelbſt. Sie erhob ſich am Schluſſe zu der Verſicherung, ſie könne nicht länger in ſo unwürdi⸗ gem Drucke leben und wünſche, lieber zu ſterben, als ferner zu dulden, was bisher. Gebt nicht zu, ſchloß ſie, daß die Feinde über meiner und meines Sohnes Leiche triumphiren und hütet Euch ſelbſt, ihnen zu trauen. Ein Verbrechen ruft das andere auf und Verräthern darf man ſich nicht überlaſſen. Maria hatte jetzt achtzehn Jahre im Kerker ge⸗ ſchmachtet; für die Welt und ihre Freuden abgeſtor⸗ ben ſchien ſie keinen andern Wunſch zu hegen, als in Freiheit und Ruhe ſterben zu dürfen. Im Auguſt 1586 kam durch den Staatsſekretär Walſingham eine neue Verſchwörung an den Tag, bei welcher es nicht blos auf Maria's Befreiung, ſondern auch auf Eliſabeths Tod und einen Einfall fremder Truppen in England abgeſehen war. Anton Babington, ein junger, ſtolzer und reicher Mann, wollte Alles für Maria wagen; Prieſter und fremde Seminariſten ſtanden im Bündniß, man beſann ſich nicht und ſprach Allen, die man verhaftet hatte, als Hochver⸗ räthern das Todesurtheil. Maria ſelbſt ſollte nun — 155— ihren Theil an dieſer neuen Schuld eingeſtehen; ſie läugnete Alles; ſie habe weder die Verſchworenen je geſehen, noch an ſie geſchrieben oder durch ihre Ge⸗ heimſchreiber mit ihnen verkehrt. Man legte ihr Zeugniſſe gegen ſie vor, allein ſie wollte ihre eigene Handſchrift ſehen, eher könne man ſie nicht über⸗ führen. Sie ſchwur bei Gott und der Gnade des Himmels, ſie habe nie gedacht, das Leben ihrer kö⸗ niglichen Schweſter zu gefährden. Die Abgeordne⸗ ten brachten nichts weiter heraus und reiſten zurück. Sie vereinigten ſich indeſſen doch bald, das Todes⸗ urtheil über Maria auszuſprechen; das Parlament beſtätigte ihren Spruch, denn es hatte früher be⸗ ſchloſſen, wenn eine Rebellion durch oder für Ze⸗ mand, der auf die Krone Anſprüche mache, ange⸗ ſtiftet würde, ſollte die Königin jeden Theilnehmer in Unterſuchung bringen und, ſobald er überwieſen ſey, am Leben ſtrafen dürfen. Darauf hin gab das Parlament ſeine Beſtätigung. Eliſabeth mußte un⸗ terzeichnen. Sie zögerte lange und es wäre ihr lie⸗ ber geweſen, wenn ihr Jemand dieſen öffentlichen Schritt erſpart hätte. Sie ſoll ſogar bedeutende Verſprechungen, aber immer ohne den gewünſchten Erfolg gemacht haben. Maria wußte dies längſt; ſie ſprach mehrmals gegen ihre Freunde aus: Nicht das Schaffot iſt's, das ich fürchte, nein! Es gibt noch andre Mittel, ſtillere, Wodurch ſich die Beherrſcherin von England Vor meinem Anſpruch Ruhe ſchaffen kann. — 156— Eh ſich ein Henker für mich findet, wird Noch eher ſich ein Mörder dingen laſſen. Das iſts, wovor ich zittere, und nie Setz' ich des Bechers Rand an meine Lippen, Daß nicht ein Schauder mich ergreift, er könnte Kredenzt ſeyn von der Liebe meiner Schweſter. Es verſtand ſich indeſſen Niemand zu dem Morde, am wenigſten Paulet, ein zwar rauher, aber gerader und rechtlicher Mann. Eliſabeth hatte alſo keine Wahl; ſie mußte ſich das Todesurtheil Maria's vorlegen laſſen. Lange zauderte ſie, das Gebot der Nothwendigkeit ermeſſend. Alle Folgen der unver⸗ meidlichen Gewaltthat traten lebendig vor ſie. Sie dachte: umgeben rings von Feinden hält mich nur Die Volksgunſt auf dem angefochtnen Thron. Mich zu vernichten, ſtreben alle Mächte Des feſten Landes. Unverſöhnlich ſchleudert. Der röm'ſche Papſt den Bannfluch auf mein Haupt, Mit falſchem Bruderkuß verräth mich Frankreich, Und offnen wüthenden Vertilgungskrieg Bereitet mir der Spanier auf den Meeren. So ſteh' ich kämpfend gegen eine Welt, Ein wehrlos Weib! Mit hohen Tugenden 5 Muß ich die Blöße meines Rechts bedecken, Den Flecken meiner fürſtlichen Geburt, Wodurch der eigene Vater mich geſchändet. Umſonſt bedeck' ich ihn— der Gegner Haß Hat ihn entblößt und ſtellt mir dieſe Stuart, Ein ewig drohendes Geſpenſt, entgegen. 3 — Nein, dieſe Furcht ſoll endigen! Ihr Haupt ſoll fallen. Ich will Frieden haben. — Sie iſt die Furie meines Lebens, mir Ein Plagegeiſt, vom Schickſal angeheftet. Wo ich mir eine Freude, eine Hoffnung Gepflanzt, da liegt die Höllenſchlange mir Im Wege. Sie entreißt mir den Geliebten, Den Bräut'gam raubt ſie mir! Maria Stuart Heißt jedes Unglück, das mich niederſchlägt! Iſt ſie aus den Lebendigen vertilgt, Frei bin ich, wie die Luft auf den Gebirgen. Mit raſchem, feſtem Federzug unterſchrieb dann Eliſabeth, allein ſie trug dem Staatsſekretär auf, das Urtheil noch nicht aus den Händen zu geben. Die Grafen von Shrewsbury, Marias voriger Oberaufſeher im Kerker, und Kent waren beauftragt, der Vollziehung des Urtheils beizuwohnen. Spät Abends wurde der gefangenen Königin zu Forthering⸗ hay das Todesurtheil verkündet, welches ſie verwun⸗ dert, doch nicht beſtürzt anhörte. Wenn es die Kö⸗ nigin und der Herr aller Herren beſchloſſen hat, ſprach ſie: ſo ſterb' ich willig. Willkommner Tag, der mein Leiden endet!— Nach einigem Nachden⸗ ken ſetzte ſie hinzu: Ich zweifelte noch, ob unſere Schweſter das erſte Beiſpiel geben wollte, daß ein gekröntes und geſalbtes Haupt nicht mehr geheiligt iſt!— Dann legte ſie ihre Hand auf die Bibel, die man ihr gegeben, und betheuerte, an der Ver⸗ ſchwörung Babington's gegen Eliſabeth unſchuldig zu ſeyn. Ebenſo wiederholte ſie die Bitten, die den Inhalt ihres von der Gegnerin nicht beantworteten Briefes ausmachten. Zugleich verlangte ſie, daß — 158— ihr Almoſenier in den letzten Stunden ihr den Troſt der katholiſchen Kirche gewähren dürfe. Man war grauſam genug, dies abzuſchlagen. Ihr Gefolge, das bei dieſer Trauerſcene anweſend ſeyn mußte, zerfloß in Thränen. Maria ſprach ihnen zu und ſank, als man ſie mit den Treuen allein ließ, auf die Knie, der Vorſehung zu danken, daß die Zeit ihrer Leiden zu Ende gehe. Den größten Theil der Nacht brachte ſie zu, ihre weltlichen Angelegenheiten zu ordnen und mit eigener Hand ihren letzten Wil⸗ len niederzuſchreiben. Sie vertheilte darin unter ihre Dienerinnen nach ihrer Treue und Dienſtzeit ihre Juwelen, Geld und Kleider. Sie richtete ei⸗ nen kurzen Brief an den König von Frankreich und einen an den Herzog von Guiſe, die Beiden ihre Liebe und Faſſung beurkundeten; ſie empfahl ihre Seele ihren Gebeten und ihre arme Dienerſchaft ihrem Schutz. Darauf genoß ſie, wie immer, ein mäßiges Abendeſſen und unterhielt ſich dabei unge⸗ zwungen und freundlich. Von ihren Dienflleuten nahm ſie rührenden Abſchied und bat um Verzeihung, wenn ſie dieſelben je gekränkt habe. Dann gieng ſie, wie gewöhnlich, zu Bette und ſchlief einige Stun⸗ den ruhig. Früh Morgens ſtand ſie auf und wid⸗ mete die erſte Zeit brünſtigen Gebeten und ſtrenger Andacht. Als um acht Uhr der Sheriff mit Gefolg eintrat, lag ſie noch vor dem Altare auf den Knieen. Bei ihrem Eintritt ſtand ſie auf und mit majeſtäti⸗ ſcher Haltung und ernſtem, faſt verklärtem Blicke lehnte ſie ſich auf ihre Begleiterinnen, welche ſie zum Schaffot führen ſollten. Maria trug ein pracht⸗ volles Trauerkleid und ein Erucifir in der Hand. Jetzt begegnete ihr Andreas Melvil, ihr alter Haus⸗ meiſter, dem man einige Zeit den Zutritt gewehrt, heute aber das letzte Lebewohl vergönnt hatte. Bei ihrem Anblick zerfloß der Greis in Thränen, weil er eine ſo ſchreckliche Botſchaft nach Schottland bringen müßte. Weine nicht, mein guter Melvil— ſprach ſie gefaßt:— hier iſt mehr Grund zur Freude. Dieſer Tag befreit mich von allen Leiden und bringt mein Schickſal zu einer Wendung, die ich längſt er⸗ wartet habe. Laß alle, die mich lieben, wiſſen, daß ich ſtandhaft in meinem Glauben, feſt in meiner Liebe zu Schottland und wandellos in meiner An⸗ hänglichkeit an Frankreich ſterben will. Grüße mei⸗ nen Sohn. Sag' ihm, ich habe nichts gethan, was ſeinem Reiche, ſeiner Ehre oder ſeinem guten Rechte ſchadet. Gott verzeihe Allen, die ohne Grund nach meinem Blute dürſteten!— Nicht ohne Schwierig⸗ keit erlangte ſie jetzt von den beiden Grafen, daß Melvil, ihre dienenden Frauen und Männer ſie nach dem Schaffot begleiten durften, welches mit ſchwar⸗ zem Tuche behangen, in dem Verhörſaal aufgeſchla⸗ gen war; auch der Richtſtuhl und der Block waren ſchwarz. Maria ſah dies Alles mit unveränderter Standhaftigkeit an, erſtieg feſt die Treppe zu — 160— dem Blutgerüſte und ſchlug das Kreuz, als ſie ſich niederſetzte. Man las ihr Urtheil, ſie ſchien mit andern Gedanken beſchäftigt. Der Dechant begann ſeine Gebete, allein ſie unterbrach ihn. Dann ſank ſie auf die Knie und flehte in lateiniſcher Sprache zu Gott, darauf mit lauter Stimme für die Kirche, für ihren Sohn und eine lange, friedliche Regierung Eliſabeths. Noch einmal ergriff ſie ihr Crueifir und ſprach: O Jeſus, nimm in deine offenen Arme auch mich und vergib mir meine Sünden!— Jetzt nahm ſie ihren Schleier abz einer der Henker wollte ſie enthüllen, ſie lächelte und ſprach: Ich bin nicht ſolche Diener gewöhnt, noch bei ſo viel Zuſchauern mich entkleiden zu laſſen!— Mit Ruhe und Uner⸗ ſchrockenheit legte ſie ihr noch immer ſchönes Haupt auf den Block, der Eine Henker hielt ihr die Hände, der Andere aber ſchlug— dreimal, bis ihr Kopf vom Rumpfe getrennt war. Jetzt ſank auch ihr Kopfputz und man ſah das noch immer volle, aber von Kummer und Angſt früh ergraute Haar herab⸗ fallen. So müſſen alle Feinde Eliſabeths ſterben! rief der Dechant, indem der Henker Maria's Haupt in die Höhe hielt. Amen! ſprach der Graf Kent allein— und doch waren über dreihundert Zu⸗ ſchauer in dem Saal anweſend. Jedes Ange ſchwamm in Thränen, Jeder ſchluchzte. Neun ihrer Frauen trugen die Leiche weg, welche man auf Eliſabeths Befehl in der Kathedrale zu Peterborough beiſetzte. — 161— Der Block, das Schaffot, und was vom Blute be⸗ ſpritzt war, wurde verbrannt. Die Nachricht von ihrer Hinrichtung ſchien ihre Feindin zu überraſchen und tief zu betrüben; ſie klagte den Staatsſekretär Daviſon an, er habe gegen ihren Willen das Ur⸗ theil zu frühe weiter befördert und ließ ihn einker⸗ kern.. War Maria Stuart ſchuldig oder nicht? Die Geſchichte wird es vielleicht nie zur Gewißheit brin⸗ gen. Die Dichtkunſt aber hat längſt ihr Bild zu denen großer Frauen geſtellt, deren Andenken ein ungeheucheltes Mitleid erweckt, weil ſie manchfache Schuld ihres Lebens durch den Tod büßten. So ſtellt Schiller ſie dar, gedrückt von dem Bewußtſeyn früherer Verbrechen, aber doch im Augenblicke des Scheidens durch den Segen der Verſöhnung gehoben. Der Papſt hatte ihr wirklich zum letzten Broſt eine geweihte Hoſtie geſchickt. Schiller benutzte dieſe Nachricht und läßt ſie durch die heiligen Gebräuche der Kirche beruhigen. Sie beichtet ihre Blutſchuld und der Prieſter ſagt: So gehe hin und ſterbend büße ſie! Sink', ein ergebnes Opfer, am Altare! Blut kann verſöhnen, was das Blut verbrach, Du fehlteſt nur aus weiblichen Gebrechen, Dem ſel'gen Geiſte folgen nicht die Schwächen Der Sterblichkeit in die Verklärung nach. Leicht iſt es, Eliſabeth und Maria zu verglei⸗ chen. Wenn ſie ſchon nie ſo einander gegenüber ſtan⸗ „ 16 den, wie Schiller ſie im Park zu Fortheringhay ſich begegnen läßt, ſo liegt doch eine tiefe Wahrheit in. dieſer Scene, man erkennt Maria's Charakter ſogar in der Erniedrigung, welche ſie ihrer Feindin berei⸗ tet, ſogar in dem leidenſchaftlichen Ausbruche: — Ich habe Ertragen, was ein Menſch ertragen kann. Fahr' hin, lammherzige Gelaſſenheit! Zum Himmel fliehe, leidende Geduld! Spreng' endlich deine Bande, tritt hervor Aus deiner Höhle, langverhaltner Groll: Und Du, der dem gereizten Baſilisk Den Mordblick gab, leg' auf die Zunge mir Den gift'gen Pfeil— Denn ſie war nicht Königin allein, ſie war auch ein ſchwergekränktes, zum Tode gehaßtes und ver⸗ folgtes Weib. 2 27. 8 22 &2 — 8 5 8 2 8 * —0——— Papſt Innocenz Xl. „E Donna!“ In dem kleinen Körper der Tochter Guſtav Adolfs wohnte eine kühne und ſtolze Seele. Der Aberglaube und ein königliches Wort ihres Vaters deutete dies ſchon bei ihrer Geburt an. Die Aſtro⸗ logen hatten nämlich der Königin Maria Eleonore einen Sohn verkündigt; man verſchwieg daher im Anfang die Täuſchung. Aber der König ſagte läch⸗ elnd: Wir wollen Gott danken! Dies Mädchen wird uns nicht weniger gelten, als ein Knabe— und ſie hat ſchon Geiſt verrathen, indem ſie uns Alle betrog.— In ihrem zweiten Jahre nahm ſie der Vater mit nach Colmar. Der Donner der Ka⸗ nonen, womit man den König begrüßte, erſchreckte ſie ſo wenig, daß ſie vor Freude in die Hande klat⸗ ſchend rief: Mehr! mehr!— Feuer! rief der Kö⸗ nig; ſie iſt ein ächtes Soldatenkind!— Oft hat Chriſtina beklagt, daß ſie nicht unter einem ſolchen Meiſter wie Guſtav Adolf die Kriegskunſt lernen konnte. Sie war ſechs Jahre alt, als der König — 166— bei Lützen für den proteſtantiſchen Glauben fiel, und Chriſtina unter Reichsvormundſchaft auf den Thron von Schweden geſetzt ward. Damals ſchon erklärten die Abgeordneten des Bauernſtandes, Niemand könne dem ſeligen König ſo ähnlich ſeyn: das große Ge⸗ ſicht, die funkelnden Augen, die Adlernaſe, die zarte Haut, ſelbſt Miene und Haltung erinnerte nur an ihn. Auch die Stimme Chriſtina's war eher eine männ⸗ liche, beſonders wenn ſie mit Nachdruck oder im Zorn ſprach. Schon jetzt zeigten ſich ihre glänzenden Fä⸗ higkeiten; ſie lernte ohne große Mühe die ältern und neuern Sprachen ſo geläufig, daß ſie den Thu⸗ kydides und Tacitus zur Lieblingslectüre nahm, und fremden Geſandten ohne weitere Vorbereitung in ih⸗ rer Sprache antwortete. Dabei verſäumte ſie nicht körperliche Uebungen; ſie ritt, focht und ſchoß mit den Männern um die Wette. Die Künſte und Ue⸗ bungen ihres Geſchlechts haßte ſie, wie den Umgang mit Weibern und den Putz. In Kleidung, Beneh⸗ men und Sprache liebte ſie das Auffallende, aber da⸗ mit man nie ihre eigentliche Liebhaberei wußte, wechſelte ſie launenhaft darin ſehr oft. Sie wollte in Allem ein Mann ſcheinen, behauptete aber, Män⸗ ner nur um ſich leiden zu können, nicht weil ſie Männer, ſondern weil ſie— keine Frauen ſeyen. Kaum hatte ſie das achtzehnte Jahr erreicht, ſo entließ ſie die Vormund⸗ ſchaft und begann, anfangs mit Klugheit, ſelbſt zu herr⸗ ſchen. Damals ſprach ſie ſogleich ihren entſchiedenen — — 167— Widerwillen gegen die Ehe, ſowie gegen jede ernſte und dauernde Verbindung aus. Sie hatte die Gril⸗ len der Emacipation zu einer Zeit, als man das Wort noch gar nicht in dem heutzutage beliebten Sinn brauchte. Einige Jahre verfloſſen in wech⸗ ſelnder Beſchäftigung mit Kunſt, Literatur und Staats⸗ geſchäften. Ihre Heere kämpften unter berühmten Feldherrn in Deutſchland und Dänemark; ſie aber, obgleich ſie ſehnlichſt eine Schlacht zu ſehen wünſchte, verließ Schweden noch nicht. Höchſt verdrießlich war es ihr in jener Zeit, daß eine Königin nicht immer ihrem Willen folgen darf, ſondern daß das Wohl ihres Staates manche Entbehrung und das Urtheil der Welt viele Rückſichten verlangt. Chri⸗ ſtina liebte zu ſehr ihre Freiheit, ſie beſchloß abzu⸗ danken. Karl Guſtav, Pfalzgraf von Zweibrücken, ihr Vetter, kam nach ihrem Wunſch nach Stockholm; er bewarb ſich um ihre Hand, ſie verlachte ihn und meinte, die Krone ſey ja genug für ihn. Ihr Muth⸗ wille, ihre Luſt zu Spott und Satyre entfremdete ihr damals nicht allein ihre Freunde und die Ge⸗ lehrten an ihrem Hofe, auch die Miniſter und Räthe wußten ſich keinen Rath. Der einzige ſpaniſche Geſandte Pimentel behielt ihre Gunſt am längſten; durch ihn lernte ſie die katholiſche Religion ſchätzen. Die Schweden murrten, er ſey Schuld, daß ſie ſich nicht mit ihrem Vetter vermählte. Es wäre zum Aufſtand gekommen, wenn Pimentel nicht in Zeiten einen andern Poſten erhalten hätte. Sie über⸗ häufte ihn bei ſeiner Abreiſe mit Ehren und den werthvollſten Geſchenken. Die Klagen ihres Volkes machten ſich in Spottreimen Luft, und Chriſtina führte jetzt ihren Plan aus. Dieſer Schritt mußte eben ſo auffallend geſchehen. Sie krönte mit eigner Hand ihren Vetter, ſprach Einiges und unterſchrieb die Entſagung, die nun vorgeleſen wurde. Die Reichsbeamten mußten ihr die Zeichen der Würde abnehmen, zuletzt den Scepter. Statt deſſen ergriff ſie einen Fächer, ſtand im einfachen weißen Kleide da und ließ ſich nun blos als Weib behandeln. Die klügſten Staatsmänner hatten ihr dieſen Schritt abgerathen, allein ſie war ſo ſehr gewohnt, ihren Launen und Grillen nachzuleben, daß ſie ſich gewiß überredete, ſie könne nach Belieben die Krone wie⸗ der annehmen. Sie ſprach daher zwar keine Reue aus, machte aber nach 6 Jahren— 1660 bei dem Tode Karl Guſtaps— einen vergeblichen Verſuch, die Krone wieder zu erhalten. Die ſchwediſchen Großen zwangen ſie, noch einmal ſchriftlich zu ent— ſagen, da ſoll ſie die bitterſten Thränen vergoſſen haben. Selbſt um den erledigten Thron Polens bewarb ſie ſich, vom Papſt unterſtützt, in allem Ernſte und behauptete, die Nation werde Gott dan⸗ ken, wenn ſie eine Chriſtina zur Königin bekäme. Vergeblich; ſie machte ſich diesmal nur lächerlich. Doch zeigt ſich dabei außer ihrem Unbeſtand noch, — daß die Herrſchaft, ſo leichtſinnig von ihr niederge⸗ legt, immer denſelben Reiz für ſie behielt. Ihrer Würde und Bürde entledigt, ließ ſie ſich die ſchönen Haare abſchneiden. Der Kammerdiener machte Ein⸗ wendungen, da rief ſie ungeduldig: Ich hab' eine Krone abgelegt, und ſoll mir aus dieſen Locken et⸗ was machen?— Seither trug ſie eine männliche Friſur oder eine Perrücke. In Mannskleidern ver⸗ ließ ſie ihr Heimathland; an der Gränze rief ſie: Dem Himmel Dank! Nun bin ich frei und Schwe⸗ den ſoll mich nie wieder ſehen!— Sie eilte über Köln nach Antwerpen. Ihrer Entſagung ſollte ein zweiter, für die Schweden noch auffallenderer Schritt folgen: der Wechſel ihrer Religivn. Der proteſtan⸗ tiſche Glaube, für den ihr Vater geblutet hatte, war ihr freilich von jeher ſehr gleichgültig, zumal ſeit ſie dem Spötter Bourdelot Gehör gab. Ueber⸗ haupt ſchätzte ſie, im Uebermuth eines ſcharfen Ver⸗ ſtandes, kein religiöſes Bekenntniß. Indeſſen wollte ſie es im Schooß der katholiſchen Kirche verſuchen. In Brüſſel von ſehr gelehrten Geiſtlichen unterrich⸗ tet, ſchwur ſie dort heimlich, aber bald in Insbruck öffentlich ihren Glauben ab und ward Katholikin. Schon am Abend ihres öffentlichen Uebertritts er⸗ klärte ſie ihre wahre Meinung von dieſem Wechſel. Die Väter der Geſellſchaft Jeſu gaben ihr ein Schau⸗ ſpiel. Natürlich— ſagte ſie: ich hab' ihnen auch Eins gegeben!— Die Väter meinten, ihre Frömmig⸗ Nodnagels poetiſche Frauenbilder. M. 8 — keit würde ihr einen Platz unter den Heiligen ver⸗ ſchaffen. Sie lachte noch mehr und rief: Unter den Klugen wäre mir Einer viel lieber!— Der Papſt Alexander lud ſie nach Rom ein; ſie hatte ſich ihm zu gefallen Alerandra genannt, und er empfing ſie mit größter Pracht und den ausgeſuchteſten Feſten. Von Rom zog ſie im Amazonenkleid nach Frankreich. Als ihr am königlichen Hofe, damals zu Compiegne, die angeſehenſten Damen mit zärtlichen Küſſen ent⸗ gegen eilten, ſpöttelte ſie und meinte, das gelte mehr ihren männlichen Kleidern, als ihrer Perſon. Hier war ihr Betragen wieder auffallend und verſtieß oft gegen die feine franzöſiſche Sitte. Sie lachte im Theater laut, ſprach die Verſe nach, die ihr am meiſten gefielen, klatſchte nach Belieben allein und zeigte in ihrer Loge durchaus nicht den Anſtand ei⸗ ner Dame von Welt. Ein großes Feuerwerk ſagte ihr deshalb am meiſten zu, weil einige Raketen auf ſie zuſchoſſen oder dicht über ihr zerplatzten; ſie lachte dabei unmäßig und rief der Prinzeſſin von Mont⸗ penſier, welche dies in ihren Memviren erzählt, zu, daß das Praſſeln in einer Schlacht ſie noch weit mehr ergötzen würde. Alle Gelehrten zu Paris be⸗ eiferten ſich, in prunkenden Reden ſie zu begrüßen und Einer ſagte ſogar: Schweden machte dich zur Chri⸗ ſtina, Rom zur Chriſtin; möge dich nun Frankreich zur Allerchriſtlichſten machen! Dies ſollte eine An⸗ ſpielung auf ihre Vermählung mit dem Dauphin — 171— ſeyn, der ſie aber nicht leiden mochte. Ihr Betra⸗ gen war zuletzt ſo ſchrankenlos und anſtößig, daß man ihr ſehr artig und doch beſtimmt ſagen ließ: Sie ſei nun lange genug am Hofe von Frankreich geblieben. Sie nahm dies keineswegs übel, reiſte aber nachher ab.— Im November 1657 befand ſie ſich zum zweitenmal in Fontainebleau. Hier hielt ſie ein willkührliches Strafgericht über ih⸗ ren Stallmeiſter, Marcheſe Monaldeschi. Laſſen wir hier den Pere Le Bel, Superior der Religioſen der heiligen Dreieinigkeit, der ein unfreiwilliger Theilnehmer an dieſem Geheimniß wurde, ſelbſt er⸗ zählen:„Am 6 November 1657, Morgens neun Uhr, wurde ich zur Königin von Schweden in ihren Palaſt berufen, nachdem der Bote zuerſt mich be⸗ fragt, ob ich der Superior ſey. Als er mich zur Thüre des Vorzimmers geführt, ließ er mich etliche Minuten ſtehen, dann führte er mich in das Gemach der Königin, die ich allein fand. Ich empfahl mich ihr und frug nach ihren Befehlen. Sie lud mich ein, ihr in die Hirſchgallerie zu folgen, wo wir un⸗ geſtörter ſprechen könnten. Sie fragte mich, ob ſie mich nicht bei anderer Gelegenheit ſchon geſprochen hätte. Ich ſagte, daß ich ihr einmal vorgeſtellt und huldvoll empfangen worden ſei. Euer Kleid, ſprach ſie, flößt Vertrauen ein; ihr könnt ein Geheimniß behalten— nicht? Ich betheuerte meine Verſchwie⸗ genheit und ſie händigte mir ein Päckchen, dreifach 8* — 172— verſiegelt, ein, aber ohne Adreſſe und bemerkte Platz, Tag und Stunde; ich ſollte es behalten, bis ſie es von mir ſelbſt zurückverlangen würde. Ich verſprach pünktlichen Gehorſam und gieng. Samſtag den 10. deſſelben Monats holte mich ein Diener zur Köni⸗ gin; ich nahm das Päckchen mit und kam in die nämliche Gallerie. Hier fand ich die Königin im Geſpräch mit einem Herrn, in welchem ich nachher den Marcheſe Monaldeschi erkannte; drei andere Herrn ſtanden in einiger Entfernung. Mein Vater, ſprach Chriſtina, als ich näher kam, mit erhobener Stimme und majeſtätiſchem Blick: gebt mir die euch anvertrauten Briefe.— Ich that es. Sie öffnete, reichte einige dem Marcheſe und hieß ihn leſen. Mit feſter Stimme forſchte ſie, ob er ſie kenne. Er läugnete. Wirklich, mein Herr? frug ſie mit ſpöt⸗ tiſcher Miene: ihr erinnert euch dieſer Briefe nicht? Es waren Abſchriften von ihrer eigenen Hand, nun brachte ſie die Originale bei, ſchalt ihn Verräther und erklärte, er ſolle mit ſeinem Blute dieſe Treu⸗ loſigkeit büßen. Sie forſchte weiter, er wollte die Schuld auf Andere ſchieben. Zuletzt, da er ſich ent⸗ larvt ſah, bat er auf den Knieen um Verzeihung. Jetzt traten die andern Herrn hinzu und zogen die Degen. Erſchrocken fuhr der Marcheſe auf und zog die Königin nach einer anderen Seite der Gallerie, indem er ſichtlich um Gnade flehte. Sie hörte ihn lange geduldig an, ihr Geſicht verrieth keine Spur — 173— von Leidenſchaft oder Bewegung; ſie wendete ſich zu mir, während er noch immer drängte, ihn anzuhören. Mein Vater, ſagte ſie, indem ſie auf ihr Opfer zeigte: ihr ſeht, daß ich dieſem Verräther noch er⸗ lauben möchte, ſich zu rechtfertigen und die furchtba⸗ ren Beleidigungen, die er mir angethan, zu ent⸗ ſchuldigen. Nach dieſen Worten forderte ſie ihm noch Papiere ab, die er nebſt zwei oder drei Schlüſ⸗ ſeln hervorzog. Mehr als eine Stunde war indeß vergangen, und der Marcheſe außer Stand, ſich zu vertheidigen. Da wandte ſie ſich zu mir und ſagte mit ſtarkem Tone: Mein Vater, ich gehe, und laſſe euch mit dieſem Mann allein! Bereitet ihn zum Tode!— Aufs heftigſte erſchrocken fielen wir Beide, er und ich, der Königin zu Füßen und baten um Gnade für ihn. Sie hörte nicht darauf, ſchalt den Marcheſe einen Verräther, der das Rad verwirkt habe und mit unerhörter Schändlichkeit das Vertrauen mißbrauche, das ſie ihm geſchenkt, ihm, den ſie von jeher mit Wohlthaten überhäuft hätte. Sie ließ mich mit ihm allein, ſeine Beichte zu hören; die Drei ſtanden am Fenſter. Der Marcheſe wollte, daß ich für ihn bitte. Die Drei ſchrien ihm zu: Beichte! — und hielten ihm die Degenſpitzen auf die Bruſt, während ich ihn mit Thränen ermahnte, ſich Gott zu befehlen und um Vergebung ſeiner Sünden zu bitten. Der Vornehmſte der Uebrigen gieng noch einmal zur Königin, zu fragen, ob ihr Urtheil ſollte — 174— vollzogen werden. Sogleich kam er zurück, ſie ſei nicht zu bewegen, der Marcheſe ſolle den Himmel anrufen. Dieſer Arme warf ſich nochmals vor mir nieder, ich ſollte die Königin zur Gnade ſtimmen. Ich gieng und fand ſie mit ruhiger Miene in ihrem Gemach; man ſah ihr nicht an, was draußen vor ſich gehen ſollte. Thränen im Auge und mit blu⸗ tendem Herzen bat ich, im Namen unſers Heilan⸗ des, deſſen göttlichem Beiſpiel folgend ſie verzeihen ſolle. Chriſtina hörte mich ungeduldig an, wieder⸗ holte das Verbrechen, den Verrath des Marcheſe. Ich ſah ein, es war hier ſo nichts zu gewinnen. Alſo bat ich ſie zu bedenken, daß ſie im Palaſt des Königs von Frankreich ſei, und— ſollte ihr auch in ihrem eigenen Lande Niemand das Recht über Leben und Tod ihrer Unterthanen zu beſtreiten wa⸗ gen— den Marcheſe, der unter dem Schutze eines fremden Königs hier lebe, zu richten im Begriff ſtehe; ein Prozeß nach der Ordnung werde den Schul⸗ digen, fügte ich bei, ſeinem Richter nicht entziehen. Ich hatte ſie nur noch aufgebracht. Was! ſchrie ſie, ſoll ich einen fremden König gegen meine Leute zu Hülfe nehmen? Ich habe ſeine Treuloſigkeit erfah⸗ ren, er ſteht unter mir und ſtirbt durch mein Ur⸗ theil für Verrath und Untreue!— Ihr ſeid ſelbſt Parthei, Madame, bemerkte ich. Nein, mein Va⸗ ter— unterbrach ſie mich: der König ſoll Alles erfahren, ſeine Schuld und meine Gründe. Bereitet — 175— ihn zum Tode! Keine Bitte hilft mehr!— Die Veränderung in ihrer Stimme zeigte mir, daß ich umſonſt rede. Wäre es an einem anderen Orte geweſen, wo er nicht ſo leicht flichen konnte, ich glaube, ſie hätte die Hinrichtung noch nicht ſo raſch vollzogen. Pflicht und Mitleid brachten mich zu ihm zurück.“— Monaldeschi ſtarb grauſam, langſam, verſtümmelt unter den Händen ſeiner Henker, die ihn über drei Stunden marterten. Was war ſeine Schuld und ihr Recht? Bis heute iſt es nicht ent⸗ räthſelt. Chriſtina war rachſüchtig. Das zeigte ſie bei anderer Gelegenheit. Ein Muſiker war aus ih⸗ rem Dienſt in den des Herzogs von Savvien getre⸗ ten. Sie ſchrieb: Er lebt nur für mich, und ſingt er nicht für mich, ſoll er nicht lang für Jemand anders ſingen!— Monaldeschi beſaß ihr ganzes Vertrauen. Er hatte in aller Stille eine andere Verbindung eingegangen, unterhielt mit der Dame zu Rom einen Briefwechſel und ſoll ſich oft über die Zudringlichleit Chriſtinas beklagt haben. Zu⸗ gleich miſchte er Geheimniſſe anderer Art unter ſeine unvorſichtigen Mittheilungen. Seine Feinde, beſon⸗ ders ein junger Cardinal, enthüllten der Königin Alles und wußten ſie bei ihrer ſchwachen Seite an⸗ zugreifen. Alle Welt gerieth in Erſtaunen über die⸗ ſen Mord, den ſie mit ſchnöder Verletzung des Gaſt⸗ rechts an fremdem Hofe begieng. Sie rechtfertigte ſich nicht weiter, ſondern ſchrieb an den Cardinal — 176— Mazarin, der ihre Rachſucht tadelte, einen ſtolzen und beleidigenden Brief. Es traten ſelbſt berühmte Rechtsgelehrte auf, welche den Tod Monaldeschi's zu entſchuldigen und die Königin frei zu ſprechen ſuchten.— In Paris gab man ihr damals das nö⸗ thige Reiſegeld, weil ſie von Schweden ſchlecht be⸗ zahlt wurde und daher bei ihrer ungeregelten Haushal⸗ tung oft in Verlegenheit kam. Sie gieng wieder nach Rom und richtete ihren Hofſtaat dort ein. Sie konnte aber nicht bezahlen, da ſetzte ihr der Papſt eine jähr⸗ liche Revenue aus. Der ſchwediſche Thron war, wie bemerkt, erledigt; ſie bot Alles auf, ihn wieder zu beſteigen. Man wieß ſie ab, weil ſie katholiſch geworden war. Abermals nach Rom zurückgekehrt fiel ſie Adepten in die Hände und wollte Gold machen. Von einem dritten Beſuche in Schweden hielt man ſie ab, indem ihr Geſandte bis Nyköping mit der Bitte entgegen kamen, ſie möge im Ausland bleiben. Sie nahm ihre Wohnung zu Hamburg. Die Erhebung eines ihr befreundeten Cardinals auf den päpſtlichen Stuhl entzückte ſie hier ſo, daß ſie ein Feuerwerk und eine prächtige Illumination ver⸗ anſtaltete. Die proteſtantiſchen Bürger Hamburgs und voraus die Matroſen erregten einen Auflauf und ſtürmten ihr Palais. Sie ließ auf den Hau⸗ fen feuern, doch mußte ſie flüchten. Der Magiſtrat holte ſie ehrenvoll wieder, ſie dagegen theilte eine bedeutende Summe an die vor ihrem Palaſt Ver⸗ — 177— wundeten aus. Bei einem neuen Aufenthalt in Rom trieb ſie nur Aſtrologie, ſuchte den Stein der Wei⸗ ſen und ein Mittel zur Verjüngung, denn ſie hatte der Thorheiten eines ſtets wandelbaren Lebens noch nicht ſatt. Sie ſtarb endlich im April 1689, nach⸗ dem ſie einige Monate über 62 Jahre gelebt hatte. — Wenn überhaupt an einem Frauenbilde noch poe⸗ tiſche Züge erkannt werden können, das überall die Schönheitslinie ſeines Geſchlechts launenhaft über⸗ ſchreitet, ſo haben wir nicht umſonſt bei Chriſtina verweilt. Sie war in jedem Betracht ein freyes Weib, die Emancipation nicht ausſprechend oder für ihr Geſchlecht verlangend— das kam ihr niemals in den Sinn!— wohl aber für ſich und ihre Lau⸗ nen ſie ausführend. Ihre Lebensweiſe, Folge des eigenthümlichen Naturells und der durchaus männ⸗ lichen Erziehung, hätte ſie in anderer Lage vielleicht in weit anderem Lichte glänzen laſſen. Sie beſaß Muth und Ausdauer wie Johanna d'Arc;z oft ſah man ſie zehen Stunden zu Pferde, ohne daß ſie ermüdete— oder über beeiſete Ströme ſechs Stunden lang im Schlit⸗ ten ſich tummeln, bis der Abend und die Nebel eine ſolche Fahrt gefährlich machten. Sie ſchlief bei offnem Fenſter und war, ſelbſt unwohl, noch zur Be⸗ ſorgung ihrer Regierungsgeſchäfte aufgelegt. Die Freuden der Tafel gab es für ſie nichtz nie machte ſie die Anordnungen für ihren Tiſch, ſie lobte und tadelte kein Gericht, nahm ſtets das Nächſte und * Einfachſte, um ſich zu ſättigen und war häufig ſo in Gedanken, daß ſie nicht wußte, was ſie genoß. Schlaf war ihr nur in kürzeſter Dauer nöthig, ſie erwachte ſchnell und mit vollem Bewußtſeyn in je⸗ der Stunde der Nacht, wo ſie das Lager auch bis⸗ weilen verließ, beſonders um aſtrologiſchen Grillen nachzuhängen. Chriſtina begann ihre eigene Lebens⸗ geſchichte zu ſchreiben, legte aber dies Werk ſo weit und wortreich an, daß ſie nicht bis zur Thronbeſtei⸗ gung gelangte. Doch auch dies Fragment bleibt immerhin ein merkwürdiger Denkſtein für ihr inne⸗ res Leben; ſie hatte es Gott gewidmet, den ſie öf⸗ ters darin anredete. Ueber Chriſtina und ihr Le⸗ ben haben mehrere Zeitgenoſſen, die mit ihr zuſam⸗ mentrafen oder Briefe wechſelten, denkwürdige Nach⸗ richten hinterlaſſen. Auch ihre Briefe erſchienen, ſind aber nicht alle ächt. Sich ſelbſt ſcheint Chri⸗ ſtina gekannt und ſcharf beurtheilt zu haben; ſie nennt ſich ehrgeizig, ungeſtüm, heftig, voll Verachtung, Spott und Zweifel. Die Liebe zum Ruhm war ihre größte Leidenſchaft; dieſe beſeelte ſie, als ſie die Krone ergriff und als ſie die Krone niederlegte, aber wie alle ungeſtümen und feurigen Gemüther ver⸗ wechſelte ſie oft den Schein mit dem Ruhme. Kann aber ein großes Herz glücklich ſeyn, wenn es nur an Flitter hängt?— — 28. 2 20 * S E e — 5 5 8 — 2. — 0 20——— Unſinn, du ſiegſt, und ich muß untergehen; Mit der Dummheit kämpfen Götter ſelbſt vergebens. Erhabene Vernunft, lichthelle Tochter Des göttlichen Hauptes, weiſe Gründerin Des Weltgebäudes, Führerin der Sterne, Wer biſt du denn, wenn du, dem tollen Roß Des Aberwitzes an den Schweif gebunden⸗ Unmächtig rufend, mit dem Trunkenen Dich ſehend in den Abgrund ſtürzen mußt? Schiller. Durch das ganze Mittelalter ſchlingt ſich der Glaube an Heren und Dämonen wie ein rother Faden. Die Geſchichte der Herenprozeſſe, ſelbſt von gründlichen Forſchern in unſerer Zeit noch nicht völlig aufgeklärt, bietet eine der ſeltſamſten Erſchei⸗ nungen in der Geſchichte des Menſchengeſchlechts. Aberglaube, Unſinn, Menſchenfurcht, Pöbelwahn, Tortur— und was ſonſt?— müßte man herauf⸗ beſchwören und in dem tollſten Wirrwarr durchein⸗ anderſchlingen, treiben und ſchaffen laſſen, um die Ereigniſſe nur einigermaßen begreifen zu können, an denen das ſechzehnte und ſiebzehnte Jahrhundert in dieſem Felde unerſchöpflich war. Und wenn man auch zugibt, daß die Richter meiſtens noch weit mehr verſchuldeten, als die Gerichteten; daß Habſucht, Wolluſt oder der Wahn, durch ein grauſames Ver⸗ hör hinter wirkliche Geheimniſſe der Zauberei zu kommen, tauſende von Hexen dem Scheiterhaufen überlieferten, es iſt damit noch nicht Alles natürlich — 182— erklärt. Vielmehr möchte man nicht zweifeln, daß Manche, der Zauberei angeklagte und überführte Frauen wirklich im Beſitze geheimer, uns unerklär⸗ licher Künſte waren, oder vielleicht mit Hülfe des Magnetismus einen Zuſammenhang der Naturkräfte erſpürten, der einer glaubensarmen und verſtandes⸗ kalten Zeit ſpäter wieder ſich verdeckte. Selbſt der nüchterne Forſcher ſtößt hierbei auf Unbegreifliches und beſcheidet ſich, ſein Urtheil über das Hexenwe⸗ ſen im Allgemeinen ſo lange zurückzuhalten, bis der größere Theil der Akten, aus denen noch täglich Neues ſich ergibt, wird vor uns liegen. Die Poeſie hat ihr Recht an dieſe Nachtſeite menſchlichen Trei⸗ bens; ſie halte freilich ſich nicht allein an die äußere Zuthat, an Tortur und Marterkammer, an Verhöre und Holzſtöße, an dieſe von gräulichen Phantaſiege⸗ ſtalten wimmelnden Geſtändniſſe, die heute gemacht und morgen widerrufen wurden: ſie darf das pſy⸗ chologiſche Intereſſe zuziehen und fragen, in wieweit der Zauber, der äußerlich zur Erſcheinung kam, auch in den Seelen der dabei Betheiligten vorgegangen ſey. Es iſt hier nicht Aufgabe, das graunvolle Weſen der Hexerei näher zu beleuchten, ſondern nur ein pvetiſches Frauenbild zu zeigen, das die Schreck⸗ niſſe jener Zeit in einem einzigen Zuge uns verge⸗ genwärtigt: Meta von Zehren..Sie war um die Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts die reizende Tochter eines Gutsbeſitzers, der aus Aerger über 1„ — 183— eine Zurückſetzung den Kriegsdienſt aufgegeben hatte. In ländlicher Zurückgezogenheit quälte er ſeine Fa⸗ milie mit ſeinem Verdruß unabläſſig. Meta blieb dabei heiter und vergnügt, denn der Menſch lernt ſich ſelbſt an böſe Tage gewöhnen; ſie fand im Um⸗ gange mit der Natur Entſchädigung für den häus⸗ lichen Frieden, den ſie entbehrte. Ein junger Edel⸗ mann, Otto von Geltingen, auch aus dem Heere heimgekehrt, bewarb ſich um ihre Handz Meta ge⸗ wann ihn lieb, allein der eigenſinnige Vater ver⸗ ſagte ſeine Einwilligung zu ihrer Heirath. Nach einem Jahre änderten ſich die Umſtände; Otto half in einem gefährlichen Streit dem alten Nachbarn und dieſer willigte nun in die Verbindung. Meta ſah ſich ſchon im Geiſte als Otto's Gattin. Dieſer erſchlug damals im Zweikampf einen Gegner, floh und gab die verlaſſene Meta der Schande preis. Von den Ihrigen verſtoßen wendete ſie ſich um Hülfe an eine Tante, die aber nicht zu erbitten war. Lange irrte ſie umher, bis ſie bei einem Förſter Obdach und Aufnahme fand. Der Krieg wälzte ſich nach dieſer Gegend; das Haus des Förſters ward ein Raub der Flammen, die Familie zog ohne Habe und Schutz fort. Meta kam bei einem Gerichtsverwal⸗ ter in Dienſt. Hier ward die Frau eiferſüchtig und trieb ſie weg. Sie nahm als Magd kärglichen Lohn bei einem Bürger, da ſtarb die Hausfrau. In einer andern Stelle gerieth ſie in den Verdacht — 184— der Untreue und wurde darüber entlaſſen. Alle dieſe Leiden ſchwächten zugleich ihre Geſundheit. Sie mußte ſich endlich Glück wünſchen, in einer Bauernwohnung Aufnahme zu erhalten. Sie genas; aber es währte nicht lange, ſo ſtarb auch die gute Frau des Bauern plötzlich, und Meta gerieth in neue Beſorgniß. Diesmal freilich ohne Grund. Der ehrliche Landmann— Saalmann hieß er— behielt ſie nicht nur bei ſich, er trug ihr ſelbſt ſeine Hand an, als er bemerkte, mit welcher Muttertreue ſie ſeine Kinder pflegte und wie ſein Hausſtand immer trefflicher gedieh. Meta willigte ein, und das ſanfte Weib, das man zum Herrſchen geboren glaubte, mochte ſich gerne begnügen, in ſo niedrigem Kreiſe ſein Leben zu beſchließen. Doch ihr böſer Dämon wollte ihr nicht allein jeden Anſpruch an Glück und Lebensfreude, den ihr die Geburt verlieh, rauben; ſie ſelbſt ſollte als Opfer fallen. Saalmanns Wohl⸗ ſtand erregte den Neid und das bedenkliche Kopf⸗ ſchütteln der Nachbarn. Es war jene düſtere Zeit, wo der ländliche Hausſegen nicht dem Fleiße, der Klugheit, der Sparſamkeit und Nüchternheit entwuchs, ſondern der glücklichen Hand, die zu„brauchen“ weiß. Was nicht ein folgſamer Hausgeiſt bei Nacht ſchaffte, das kam durch Fenſter oder Schornſtein, aus dem Schatze des Böſen zu rechter Zeit. Wußte man gar nicht einmal die Herkunft des beſonders Glücklichen, ſo ſtand es außer allem Zweifel, daß er im Beſitz — geheimer Künſte und Mittel war, die Niemand im Dorfe verſteht. Meta ſollte mit einem dienſtbaren, hölliſchen Geiſte zu thun haben. Kein Menſch hatte freilich etwas geſehen, indeſſen dieſer und jener wußte, daß ſeine alte Baſe vermuthete, bedenkliche Dinge ſeien vorgefallen, die man nicht laut ſagen mag. Eine unglückliche alte Frau, beſchuldigt, ein Kind plötzlich krank gemacht zu haben, erlitt die Folter; ſie be⸗ kannte ſich als Hexe und(vermuthlich dem Richter zu Gefallen) nannte Meta als Helferin. Doch dies⸗ mal war es noch zu frühe: Meta vertheidigte ſich mit aller Würde der Unſchuld; ihr klarer Verſtand ſchlug jeden Verdacht nieder. Saalmann tobte und drohte, den todt zu ſchlagen, der ſeine Frau anklage. Vielleicht rief er gerade dadurch ihren Untergang herbei. Denn ſo pflegte es zu gehen, wenn die Hererei einmal in Dorf oder Stadt losbrach, ſo blieb es gewöhnlich nicht bei Einem Falle, die Ge⸗ müther waren zu ängſtlich— und das Natürlichſte wurde auf dämoniſche Urſachen zurückgeführt. Andere Frauen ſagten nachher wieder gegen ſie aus; ohne Zweifel forſchte man in jedem Verhöre, ob man ſie nicht einer Mitſchuld überführen könne. Endlich ſchienen Gründe zur Unterſuchung vorhanden. Meta kam in Haft. Die Betheuerung ihrer Unſchuld frommte nicht noch einmal; die Richter verurtheilten ſie zur peinlichen Frage— oder Folter. Der Hen⸗ ker entdeckte an ihrer entblößten Schulter eine Narbe — 186— von beſonderer Geſtalt, die für ein Teufelsmal gel⸗ ten mußte. Sie wurde genöthigt, alle Grade der Folter auszuhalten. Jetzt geſtand ſie. Sie war nicht die Erſte und Einzige, welche an ihrer Ret⸗ tung und an dem Erbarmen der Menſchen verzwei⸗ felnd, ihr Leben durch ein unſinniges Geſtändniß abzukürzen für Pflicht hielt, welche lieber ſterben, als länger die Tortur erleiden wollte. Das Ur⸗ theil des Gerichts war:— Feuertod! Meta ward nun in ihren Kerker zurückgebracht, wo man ſie in ſchwebender Stellung an Ketten befeſtigen wollte, damit ſie der hölliſche Buhle nicht in der Nacht be⸗ freie, was man für möglich hielt, wenn ſie den Erd⸗ boden nur mit den Fußſpitzen berührte. Allein man brauchte dieſe grauſame Vorſicht bei ihr nicht. Ihr zarter Körper war durch die Martern des Tages gebrochen. Meta ſtarb in dieſer Nacht. Der Wahn des Jahrhunderts gönnte nicht einmal der Leiche* eine ehrliche Ruheſtätte. Meta von Zehren wurde unter dem Galgen verſcharrt. Ihr jammervolles Leben endete im Jahre— 1667. 29. * 2 3— *. 8 5 22 8 — 8 = 8 8 ——0—— Du, Alte, mit dem weißen Haar, Wie dauerſt du mich im Herzen gar; Die du vorm Grabe gaukelnd ſpringſt, Damit du vom Pöbel ein Lächeln erzwingſt! Ein Lächeln über ein greiſes Haar Und über die nahe Todtenbahr! Dies eines Lebens höchſter Preis!— Anaſt. Grün. Mntre Jugendzeit der deutſchen Bühne! Sü⸗ ßes Wanderleben, das ein luſtiges Völkchen, die Bande der Komödianten genannt, von Stadt zn Stadt oder von Schloß zu Schloß trug, je nachdem ein ehrſamer Stadtrath zur Ergötzung ſeiner Bür⸗ gerſchaft oder ein edler Gutsbeſitzer zu ſeinem Plai⸗ ſir die wandernde Truppe vorlies und dem demü⸗ thigen, flehenden Directeur einige Repräſentationes geſtattete! Da rückte denn die abentenerlich gemiſchte Geſellſchaft vor; Studenten und chemalige Kriegs⸗ männer, landläufige, geniale Frauen und Mädchen, die ſelten auch außer der Bühne ihren Stand ver⸗ läugneten, Schreiber und verunglückte Ladendiener bildeten den Stamm. Hier und dort, wenn der Beifall groß und die goldne Aernte durch prahleri⸗ ſche Zungen noch größer war, geſellten ſich junge Leute aus anſtändigen Familien hinzu, um Mangel, Verachtung und Mißhandlung einige Jahre lang ſtandhaft zu tragen und dann in ein beſcheidenes — 190— Aemtchen oder eine nothdürftige Stellung ſich zu flüchten. Von Kunſt war keine Rede; ſie wagten ſich kaum Künſtler zu nennen. Dichter und Schau⸗ ſpieler vermochten ſich nicht frei zu regen. Die Zu⸗ ſchauer wollten nur Poſſen oder gräuliche, ihre Phan— taſie ſpannende Thaten. Ein nackter Rathhausſaal, ein verlaſſener Tanzplatz, eine alte Scheuer bot ei⸗ nen hinlänglichen Raum für die Bühne. Von De⸗ corationen und Vorhängen herab flatterten Flicken und Lappen, das Zeichen der ganzen Wirthſchaft. Es war eine gewaltige Phantaſie nöthig, um ſich den Ort zu denken, wo gerade die Scene ſpielte, denn Männer und Frauen überragten die Häuſer und Thürme des niedrigen Theaters; der Held hieng, wenn er recht toben mochte, zuerſt den Hut auf ei⸗ nen Schornſtein oder in den Gipfel eines Baumes. Ein gellender Pfiff zeigte die Verwandlung an, die ſpärliche Beleuchtung ließ nur einen trüben Schein auf die Bretter fallen. Mit wüthenden Schritten ſchoß zuweilen mitten in ſeiner pathetiſchen Rede der Hauptacteur hinter die Kuliſſen, um die erlöſchende Lampe zu putzen; der Soufleur kroch behaglich aus ſeiner Behauſung, denn auch ihm war eine Rolle zugefallen und er wurde für kurze Zeit abgelöſt. Aber Schauſpielerbanden und Publikum befriedigten ſich gegenſeitig— o ſo leicht! Wenn der Directeur am Sonnabend nur einige Groſchen übrig hatte, um ſeinen Leuten ein gemeinſchaftliches frugales Abend⸗ — 191— eſſen zu geben, wenn ſich nur in dem Orte, wo man gerade ſpielte, Gelegenheit zu einigem Nebenerwerb, für die Damen durch Verfertigung künſtlicher Blu⸗ men von Zeug oder Wachs, oder Unterricht im Franzöſiſchen, für die Herrn durch Tanzſtunden oder Geigenſpiel bei Kindtaufen und Hochzeiten, darbot: ſo trennte ſich die Geſellſchaft mit ſchwerem Herzen. Den Zuſchauern aber gieng nichts über die luſtige Perſon, die in jedem Stücke vorkommen mußte und immer ihres Sieges über die Lachluſt des geſamm⸗ ten Publikums gewiß war. O Courkſen, Pickelhä⸗ ring und Hanswurſt, warum gieng auch euere Zeit vorüber? Wer wagte es, Deutſchlands Bühne ihrer größten Zierde zu berauben? Der einzigen Perſon, die wenn auch ſelbſt geſchminkt, doch ungeſchminkte Wahrheit ſagen durfte; die, ein Narr von Profeſſion, Kluge und Weiſe vornahm, und die hohen Lebens⸗ ſprüche, die in alter Zeit der Chor vortrug, mit geläufiger Zunge hervorſprudelte? Dein Abgang, o Hanswurſt, verkündete den Untergang der deutſchen Bühne, welcher ſeitdem immer ſichtbarer hereinbricht. Deine Zeit war vorüber und nun iſt es für immer zu ſpät, dich aus dem Grabe zu wecken. Aber wer wagte es, den Hanswurſt zu verbannen? Ein keckes Frauenbild zeigt ſich unſerm Blicke— die Neu⸗ berin. Wer da behaupten will, Profeſſor Gott⸗ ſched habe allein den Hanswurſt begraben, der irrt ſehr und kennt den freien Geiſt der Neuberin nicht, — 192— welcher wir nun durch ein buntbewegtes Leben fol⸗ gen. Friedrike Caroline war 1700 zu Reichenbach geboren und die Tochter des Advokaten Weißenborn, der nach dem Tode ſeiner verſtändigen Frau das Mädchen oft mißhandelte, weil es ihm zu wenig Luſt zur Haushaltung, zum Stricken, Nähen und Kochen zeigte und ſich oft vom Vater mit einem Roman in der Hand ertappen ließ. Damals wohnte ihr Vater zu Zwickau. Der überſchwängliche Jüng⸗ ling, welcher ihr die gefährlichen Bücher zuſteckte, hieß Neuber und beſuchte das Gymnaſium. Bald hatten ſich Beide in überſpannten Hoffnungen und Erwartungen das Schauſpielerleben als einen Him⸗ mel ausgemalt; Neuber lernte ohnedies ſchon lange Nichts mehr, er war der„Schulfüchſerei“ müde; Friedrike vernachläſſigte ihr Hausweſen täglich übler. Der jähzornige Vater ſchlug ſie einſt darüber. Da entfloh ſie heimlich mit Neuber, ſie ließen ſich an einem ſichern Orte trauen und— die Bühne ward ihre Welt. Neuber ſelbſt tritt faſt von dieſer Zeit an in den Hintergrund; er ſoll nur ſehr mittelmä⸗ ßig geſpielt und ſeine liebſte Erholung beim Wein gefunden haben. Das junge Paar kam zuerſt zu der damals renommirten Spiegelbergiſchen Geſell⸗ ſchaft, die Stadt um Stadt beſuchte. Das Fach einer tragiſchen Liebhaberin und Heldin war unbe⸗ ſetzt. Friedrike erwarb ſich in Kurzem den rauſchend⸗ ſten Beifall. Allein die Truppe ward uneinig, die beſten Mitglieder trennten ſich, und die Reſte der Geſellſchaft vermochten nichts von Bedeutung zu leiſten, wenn nicht andere Mittel dazu kamen. Die Neuberin hatte mit wahrer Begeiſterung ſich ihrer Kunſt gewidmet; die erſten Lorbeerkränze rauſchten um ihre blonden Locken; und jetzt— ſollte der Traum in dürftiger Wirklichkeit ſich auflöſen? Oder ſie, die durch Geiſt und Talent gebieten durfte, in einer andern Geſellſchaft dienen? Sie entſchloß ſich raſch; ſie trat ſelbſt als Prinzipalin auf und bildete eine Bühne, die bei kärglichen Mitteln faſt das Un⸗ mögliche leiſtete. Zunächſt galt es, freiern Raum gewinnen; ſie vertauſchte das kleine Weißenfels mit Leipzig. Hier wußte ſie durch Ordnung, Anſtand, Strenge gegen die Mitglieder ihrer Geſellſchaft und Aufmerkſamkeit auf junge Talente bald ſich großen Ruf zu verſchaffen und zu erhalten. Sogar die hochgelahrte Kunſtkritik nahm ſich ihrer bereitwillig an. Profeſſor Gottſched, damals erſter Schöngeiſt Deutſchlands, wohnte nicht nur den Vorſtellungen im Theater der Neuberin bei; er ermunterte auch die Frau, die mit ihren klugen Augen leicht durch⸗ ſchaute, wie viel Dünkel unter ſeiner hohen Perrücke hauſte, den alten übeln Geſchmack zu vertreiben und Stücke von ächter franzöſiſcher Regelmäßigkeit dem Publiko zu Nutz und Frommen zu agiren. Er ſelbſt ſchrieb Muſter- und Meiſterſtücke, wenigſtens nach ſeiner Ueberzeugung, ſeine gelehrte Frau Luiſe Nodnagels pvetiſche Frauenbilder. II. 9 Adelgunde Viktorie überſetzte und dichtete nach dem Vorbild und Geſchmack des geſtrengen Eheherrn, und bereitwillige Freunde halfen gerne nach und zu. Wie viel gäben wir darum, nur Einen jener genuß⸗ vollen Abende mit friſchen Farben zu ſchildern, wenn ein Stück von Herrn Johann Chriſtoph Gottſcheden gegeben ward! Wir würden ſchon viel gewinnen, fönnten wir nur Eine der belehrende Unterhaltun⸗ gen wiedergeben, worin der Profeſſor die Neuberin in ſeine tiefſinnigen Anſichten einzuweihen würdigte! Die Undankbare! Man glaubt, ſie habe ſchon da⸗ mals oft von Gottſcheds Stücken eine geringe Mei⸗ nung gehabt und ſich nur aus Schlauheit mit dem rritiſchen Richter gehalten, den ſie nicht entbeh⸗ ren konnte; ſie habe in ihm die untergehende Sonne geſehen und ſich der aufgehenden zugewen⸗ det. Es trieb ſich nämlich damals, beſonders im Jahr 1746, ein junger Camenzer Student, eines Predigers Sohn, in Leipzig herum, der aber nicht die Theologie ſtudirte, wie die Matrikel beſagte, ſondern lieber mit Reiten, Fechten, Springen ſeine Zeit vertrieb, und fleißig die Bude der Neuberin beſuchte. Die Schauſpielerin hatte ihm nicht mehr als flüchtiges Vergnügen am Schauſpiel zugetraut. Eines Tages kam aber der Schalk, munter und la⸗ chend, wenn auch etwas linkiſch zu ihr und brachte ein Luſiſpiel, das er ſelbſt geſchrieben habe. Sie ſah ihn fragend an; er fand in dieſer Stunde, daß — 195— an ihr nicht minder das„Frauenzimmer, als die Künſtlerin“ zu ſchätzen ſey; ſeitdem ward er ihr treuer Freund. Sein Luſtſpiel hieß„der junge Ge⸗ lehrte“ und erhielt großen Beifall. Der witzige Student war aber ein gewiſſer Leſſing. Die Neuberin hörte nie auf, ihn und ſeinen Freund Weiße zu verehren und zu neuen Stücken aufzu⸗ muntern, wenn gleich Gottſched ſich nicht zufrieden damit bezeugte. Herr Leſſing hörte auch damals von der Theaterunternehmerin jenen köſtlichen Abend ſchildern, als der ächtdeutſche Hanswurſt verbannt wurde. Profeſſor Gottſched, die Geſchichte ſollte ihn den Regelmäßigen nennen, hatte zumeiſt Anſtoß an den Späßen jener derben Perſon, wodurch die Steg⸗ reifſtücke, Haupt⸗ und Staatsactionen genannt, ge⸗ nannt, genießbar werden mußten. Er verfolgte den Harlekin. Die Neuberin gieng auf den Vorſchlag ein, im Jahre 1737 auf ihrem Schauplatz, der in einer Bude vor Boſen's Garten gelegen war, den Hanswurſt förmlich zu begraben. Aber ſein gekränk⸗ ter Schatten raſtete nicht, es war, als habe Johann Chriſtoph Gottſched ſeinen Ruhm ſelbſt begraben. Ja, ſein gutes Einperſtändniß mit der folgſamen Neuberin löſete ſich ſeitdem allmählich. Dieſe hatte ein Vorſpiel zu der Feierlichkeit verfertigt, das Ei⸗ nige als Ausfall gegen Gottſcheds ruhmgekröntes Haupt betrachteten. Der Herr Profeſſor merkte nichts. Er blies lauter in die Poſaune. Die Neu⸗ 9* — berin durfte ſich in die erſten Städte wagen, in Hamburg, Frankfurt, Strasburg, Nürnberg, Braun⸗ ſchweig ſtrömte ihr Jedermann zu. Sogar über Deutſchlands Gränzen hinaus flog ihr Ruhm. Die Kaiſerin Anna von Rußland berief die Neuberiſche Geſellſchaft nach Petersburg. Soweit hatte ſich noch keine deutſche Bande gewagt. Es fiel leider auch ſchlimm aus. Die Kaiſerin ſtarb, und die ſich am meiſten der Bühne annahmen, verloren ihren Einfluß. Die Neuberin ſuchte wieder ihr liebes Leipzig auf. Umſonſt. Eine neue Bande ſaß in der Gunſt des Publikums feſt. Friedrike wendete ſich an den alten Gönner. Aber deſſen Ruhm war blaß und fadenſcheinig; er ſelbſt verdrießlich, höchſt empfindlich. Die Neuberin brach völlig mit dem alten Gecken. Der„allerkoſtbare Schatz,“ ſo hieß ein Vorſpiel, in welchem ſie Gottſched ſelbſt als den Tad⸗ ler auf die Bühne brachte und die Lacher auf ihrer Seite hatte. Sie war Verfaſſerin dieſer Satyre; dennoch half ihr dies nicht auf. Sie mußte aus Mangel an Theilnahme und an Geld ihre Truppe auflöſen und gieng nach Oſchatz. Der Kaiſer Franz l. wurde 1754 zu Frankfurt gekrönt. Die Neuberin faßte friſchen Muth; ſie raffte eine Geſellſchaft zu⸗ ſammen und eilte zur Krönungsſtadt. Aber die Oper buhlte damals ſchon mit dem Schauſpiel um den Vorzug; Italiäner und Franzoſen ſpielten. Zudem hatte eine andere deutſche Bande, die Mülleriſche, — 4— bereits vom Magiſtrate die Erlaubniß. Was war indeß aus Neuber dem Manne geworden? Man weiß es nicht mit Gewißheit. Sie aber fühlte ſich alternd, die Kunſt, für welche ſie geſchwärmt, wollte kein Brot mehr geben. Ihre Geſellſchaft zerſtob, ſie ſelbſt trat bei gemeinen Komödianten in einer Marktbude auf. Noch einmal regte ſich ihr Geiſt; ganz ver⸗ laſſen gieng ſie nach Wien und gab ihre„Herbftfeier,“ ein allegoriſches Vorſpiel, heraus. Indeſſen hier konnte ſie ſich nicht halten. Sie erreichte allzudürf⸗ tig und elend wieder Dresden. Hier ſpielte ſie auf den Dörfern herum, mitunter in Gemeinſchaft mit Gauklern und Leyerkäſtnern; in Laubegaſt, unfern von Dresden, endigte ſie zuletzt in ſchrecklichem Elend 1760 ein Leben, das in unſern Tagen an Ruhm und Lorbeer reich, aber auch in Glück und Wohl⸗ ſtand verfloſſen wäre. Nicht weit von dem Hauſe, worin ſie ſtarb, ward ihr ſpäter ein Denkmal ge⸗ ſetzt. Ihr Ende glich dem des alten Komödianten, von dem ein Dichter ſagt: Das Glöcklein ſchallt, der Vorhang ſinkt, Wer ahnt's, daß ein Todtenglöcklein klingt? Die Menge trommelt und pfeift dabei, Wer ahnt's, daß ein Leichenlied dies ſei? Der Alte lehnt im Stuhle todt, Doch Leben heuchelt der Schminke Roth, Die auf dem Antlitz blaß und kalt, Wie eine große Lüge, prahlt. Sie blieb auf des Alten Angeſicht, Wie eine Grabſchrift, die da ſpricht, — 298— Daß Alles Lug und Trug und Dunſt, Sein Leben, Treiben, ſeine Kunſt! Sein Wald, gemalt auf Leinwand grün, Rauſcht über ſein Grab nicht klagend hin; Es iſt ſein ölgetränkter Mond Um Todte zu weinen nicht gewohnt. Die Kunſtgenoſſen umſtehen den Greis Und einer ſpricht zu ſeinem Preis: Heil ihm, denn traun, ein Held iſt der, Der auf dem Schlachtfeld fiel, wie er! Ein Gaunerdirnlein als Muſe gar Legt dann dem Greis in's Silberhaar Den grünpapiernen Lorbeerkranz, Vom vielen Gebrauch zerknittert ganz. Zwei Männer ſind ſein Leichenzug, Die ſind, den Sarg zu tragen, gnug; Und als ſie ihn zu Grabe gebracht, Hat Niemand geweint und Niemand gelacht. 30. S * 8 * — — 8 S. — 2 —— Kenner von dem ſapphiſchen Geſange! Unter deinem weißen Ueberhange Klopft ein Herze, vpller Glut in Dir! Von der Liebe ward es unterrichtet Dieſes Herze, aber ganz erdichtet Nennſt du ſie die Lehrerin von mir. A. L. Karſchin. Die deutſche Sappho!— O kühner Traum, der uns mit klaſſiſchen Namen der Vorzeit auch in der Geſchichte der vaterländiſchen Literatur begegnet! Entzückt horchen wir auf; wir hören einen Anakreon, einen Homer, einen Sophokles der Deutſchen rühmen. Wer ſind ſie und wohin? Wir horchen auf, ſage ich, aber wir lächeln wehmüthig. Namen ſind Schall und Hauch. Die Poeſie eures Lebens und eurer Lieder bleibt gewiß, ſie bedarf dieſer klaſſiſchen Namen nicht. Die Karſch in iſt gewiß kein Sappho, aber dennoch ein Bild voll wahrer Poeſie, mehr im Leben, als im Geſange. Sie war als Tochter eines Brauers und Schenk⸗ wirths, 1722 auf einer Meierei in Schleſien, zwi⸗ ſchen Züllichau und Kroſſen geboren. Im ſechsten Jahre verlor ſie ihren Vater. Ein Oheim, Amt⸗ mann an der polniſchen Gränze, nahm ſie zu ſich und da ſie ein gutes Gedächtniß und eine lebhafte Phantaſie verrieth, unterrichtete er ſie ſelbſt; ſie * lernte leſen und ſchreiben und wurde mit dem Ka⸗ techismus bekannt. Ihre Mutter hatte inzwiſchen eine zweite Ehe geſchloſſen. Louiſe kam wieder in das Haus, mußte aber die jüngern Stiefgeſchwiſter pflegen, und ſogar, als ihre Aeltern einen kleinen Viehſtand anlegten, drei Kühe hüten. Die ländliche Stille machte ihr Herz weich und ſtimmte es poe⸗ tiſch. Ein Hirtenknabe, der in dieſer Einſamkeit ihr Geſpiele war, theilte ihr die alten Volksbücher vom gehörnten Siegfried, der ſchönen Meluſine, von Gri⸗ ſeldis und Herrn Walther, ſowie Robinſon und an⸗ dere ähnliche Erzählungen mit, die auf der grünen Weide ihre liebſten Genoſſen wurden. Die poetiſche Erregbarkeit ſteigerte ſich dadurch täglich mehr. Louiſe trat aus der Kindheit in die ſchwärmeriſchen Jahre des jungfräulichen Alters. Sie war nicht ſchön, aber angenehm und einnehmend. Hirſekorn, ein jun⸗ ger Strumpfwirker, bewarb ſich um ihre Hand. Aus Liebe zur Mutter, welche dieſe Verſorgung ſehnlich wünſchte, ſagte Louiſe nicht: Nein. Eine neue Phaſe der gemeinen, die Seele zerreibenden Wirklichkeit! Wie oft mochten zwei Fäden reißen, der ihrer Ge⸗ duld und zugleich die Wolle, die ſie ſortiren ſollte! Noch beſaß der junge Geiſt Spannkraft; die Hände, von rauher Arbeit ruhend, griffen Sonntags träu⸗ meriſch zur Feder, dem gepreßten Buſen machte ein Lied Luft. Louiſe vermochte viel über ſich, ſie lebte in ſehr unglücklicher Ehe mit dem habſüchtigen Haus⸗ — 203— tyrannen einige Jahre. Zuletzt ward es zu arg; ſie ließen ſich ſcheiden. Noch unglückſeliger ſchlug die zweite Ehe, mit dem Schneider Karſch in Frauen⸗ ſtadt an, denn dieſer liebte das Glas und die Kar⸗ ten. Louiſe mußte endlich mit ihm nach Großglogau ziehen, um ſich der dürftigſten, erbärmlichſten Lage zu entheben. Hier durfte ſie einen Buchladen beſu⸗ chen und ihre Sehnſucht nach den Gaben der Muſe bisweilen ſtillen, wenn gleich damit nur ein gerin⸗ ges Gegengewicht gegen den Schmerz gefunden ward. Ein ſchleſiſcher Edelmann, Baron von Kottwitz, lernte ſie hier kennen und ihre Talent ſchätzen; er nahm ſich ihrer an und forderte ſie auf, nach Ber⸗ lin zu kommen. Sie hatte Muth genug, ihren Mann zu verlaſſen und 1760 nach Berlin zu wandern.— Das Leben, dem ſie friſch, wenn auch nicht mehr in den ſüßen Täuſchungen der Jugend befangen, ſich zuwendete, verließ ſie nicht. Die poetiſche Schnei⸗ derin gehörte zu den originellen Erſcheinungen, an denen damals wie heute Berlin einigen Mangel verſpürte. Dazu kam ihre ungeſchminkte, bürgerliche Natur. Man ſchwärmte alſo in der Hauptſtadt, de⸗ ren König nichts für deutſche Dichter thun mochte, für die Karſchin, lud ſie in die vornehmſten Cirkel ein und freute ſich ihres ungezwungenen, oft auf⸗ blitzenden Weſens. Sulzer, der Aeſthetiker von ge⸗ wichtigem Urtheil, nannte ſie geradehin die deutſche Sappho und ſie lehnte dieſen Namen nicht immer — 204— ab; der kränkliche, aber freundliche und zuthuliche Moſes Mendelſohn ſah ſie gerne, und Ramlers Tact erkannte augenblicks, welche Verdienſte ſeine Kunſtfeile ſich auch hier um den Muſenhain erwer⸗ ben könnte, denn Louiſe ſprach und ſchrieb nicht korrekt, nicht orthographiſch und ſicher genug. Die übertriebenen Lobeserhebungen von ihrem Genie drangen zu den Ohren des Königs, die Karſchin ward ihm vorgeſtellt und von ihm beſchenkt. Dies war der Glanzpunkt ihres Lebens. Sie drückte dies in vielen Gedichten aus. Ramler bemühte ſich unab⸗ läſſig, auch ihrem Geiſte mehr Schliff und Glanz zu geben. Wichtiger wurde der Eifer des für alle damals in Bedrängniß ſchwebenden Vaters Gleim; er beruhigte ſich nicht, bis Louiſens Gedichte in ei⸗ ner eigenen Ausgabe auf Pränumeration erſchienen, wovon ſie— zweitauſend Thaler Gewinn zog. Deutſch⸗ land kannte ſie nun allerorten und nannte ſie ſeine Sappho. Aber die Bewunderung ließ in Berlin am erſten nach. Friedrich der Große war ein zu heller Geiſt; ihn, der an feine und geiſtvolle Verſe der Franzoſen gewöhnt war, rührten die poetiſchen Verſuche weniger, deren Dichterin noch mit der Sprache und nicht immer glücklich rang. Er unter⸗ ſtützte die Karſchin zwar dann und wann; er nahm die Oden gnädig auf, die ſie an ihn richtete, er verfügte auch gewöhnlich gleich und ſelbſthändig auf ihre Bittſchriften. Nur war es keine königliche Un⸗ — 205— terſtützung, vielmehr ein Douceur, wie man da gibt, wo ein gewöhnliches Almoſen beſchämen würde. Louiſe konnte in dieſer Hinſicht viel vertragen. Nur einmal ſchwoll der Unmuth über. Friedrich ſchickte ihr, die ſich in bedrängter Lage mit aufrichtiger und klarbezeichneter Bitte an ihn wandte—— zwei Thaler. Sie wickelte das Geld um und ſchickte es mit dem Stegreifverſe ins Schloß zurück: Zwei Thaler gibt kein großer König, Ein ſolch Geſchenk vergrößert nicht mein Glück, Nein! Es erniedrigt mich ein wenig, Drum geb' ich es zurück. Friedrich zürute nicht darüber, änderte ſich aber auch nicht gegen ſie. Ihre meiſten Gedichte entſtanden in dieſer Zeit zu Berlin. Schnell erregt trug fie einen Gedanken nicht lange; ſie ſchien nie um den Aus⸗ druck verlegen, oder wählig, wenn ſie niederſchrieb. Die Ergüſſe einer leicht beſchwingten Phantaſie ge⸗ langen ihr am beſten. Die Feile und Politur ga⸗ ben Andere. Setzte ſie an und arbeitete mit Umſicht und ſorgfältiger Erwägung des Stoffes, ſo kam nicht viel heraus. Wie alle im gewöhnlichen Sinne poe⸗ tiſche Naturen hatte ſie kein Urtheil über ſich ſelbſt. Als Friedrich der Große ſtarb, ſtand die Dichterin zwar ſchon im Greiſenalter, ſie erlebte aber noch die Freude, daß der Nachfolger ihr das längſt verſpro⸗ chene Haus bauen ließ, das ſie bezog und worin ſie —— dem ſiebzigſten Jahre nahe 1791 ſtarb. Sie ver⸗ dankte Letzteres einem guten Einfall. Indem ſie ſich für eine Freundin verwenden wollte, hörte ſie von der Miniſterin, der König bezahle alle Schulden ſei⸗ nes verſtorbenen Vorgängers. Alle Schulden? rief ſie: beim Himmel, dann hat mir Se. Majeſtät auch Eine Schuld zu bezahlen!— Sie erzählte Fried⸗ richs Verſprechen, überreichte eine Vorſtellung und der König gab ſeinem Miniſter den Befehl, der Kar⸗ ſchin anzukündigen, daß ihr ein Haus, geziert mit allen Allegorien der Muſen, gebaut werden ſollte. Komiſch war es in der That, daß der Miniſter Wöllner, der ihre Stärke im Impromptü kannte, ſie eines Tags in einer glänzenden Geſellſchaft anredete: Freu' Dich, Deutſchlands Dichterin! Freu' Dich hoch in Deinem Sinn, Der König hat befohlen mir, Ein neues Haus zu bauen Dir. Das Haus ward zwar nur ein Häuschen, auch die Allegorien vergaß man; doch Louiſen genügte es.— Ich habe die Karſchin ein Bild voll wahrer Pvoeſie genannt. Schon der friſche Quell ihres Gemüthes, der trotz aller Leiden, Entbehrungen und Kämpfe rein und kräftig bis ins hohe Alter aufſprudelte, beweiſt ihre poetiſche Natur. Sie verglich ſich be⸗ ſcheiden mit der Lerche, die nicht allein aufſteigt, auch niederſinkt, ein Körnchen Futter zu ſuchen: — 207— Oft ſenktet ihr die grauen Flügel nieder, Kamt in die Furchen; alſo trieb Mich Nahrungskummer oft, daß ich zu kleine Lieder Matt ſang und an Unedle ſchrieb. Wie wenig bot ihr das Leben! Welche Kraft mußte ſie ſeinem Drucke entgegen ſetzen! Sie, die Dichterin zarter Lieder, hatte nie geliebt. Es ſchneidet tief in die Seele, wenn ſie ſagt: Meine Jugend ward gedrückt von Sorgen, Seufzend ſang an manchem Sommermorgen Meine Einfalt ihr geſtammelt Lied; Nicht dem Jüngling töneten Geſänge, Nein, dem Gott, der auf der Menſchen Menge Wie auf Ameishaufen niederſieht! Ohne Regung, die ich oft beſchreibe, Ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe, Ward zur Mutter! wie im wilden Krieg, Unverliebt ein Mädchen werden müßte, Die ein Krieger halb gezwungen küßte, Der die Mauer einer Stadt erſtieg. Dazu kam die Sicherheit, mit der ſie erkannte, was das Leben ihr ſchuldig war. Sie nahm die Wohl⸗ thaten des edeln Kottwitz mit einer dankbaren Grazie auf, die nur einer poetiſcher Seele in dieſer Art eigen iſt. Ihre Kühnheit gegen Friedrich, der ſich ſeines Ge⸗ ſchenks ſchämen mußte, war mehr anzuſchlagen, als wenn ein neuer Dichter ſeine Penſion mit politiſchen Gedichten und unpolitiſchen Glaubensbekenntniſſen zurückbezahlt. Die Leichtigkeit und Beweglichkeit, womit Louiſe ihre Umgebung geſtaltete, iſt fabelhaft. — 208— Man weiß, wie ihr geheimnißvoll die Sorgen für ihre Kinder von Ungenannten abgenommen wurden. Wer ſie in ihrem Treiben beobachtete, fühlte den gefälligen Geiſt, der um die Lippen ſpielte, und glaubte ſich verpflichtet, dieſem Herzen den Erdenkummer zu erleichtern. Poetiſch war durch und durch ihr Leben, in Entbehrung wie in Anerkennung— ihre Lie⸗ der ſind es nicht. Ihre leichte Auffaſſung und der ſanfte Fluß der Verſe ließ ſie blos ſchaffend vollen⸗ den, was einer Stunde Raum ausfüllte; was mit Ueberlegung und in längerer Zeit von ihr gedichtet ward, iſt fragmentariſch, gezwungen und weniger zu beachten. Sie würde leicht die Kunſt der Impro⸗ viſation ſich angeeignet haben, wenn ihr in frühern Jahren Wiſſenſchaft oder Loben eine reichere Fülle von Gedanken zugeführt hätte. Briefe in Verſen, ſcherzhafte Anreden, deren zierliche Nachläſſigkeit meiſtens mehr gefällt als abſtößt, Einfälle und Im⸗ promptü's waren der Karſchin Blumengärtlein. Ihre begeiſterten Oden an Friedrich ſchimmern den Flam— men nach, die der preußiſche Grenadier geſchürt hatte; es iſt darin keine Unmittelbarkeit. 31. 4 — 8. . 8. 8 — ** S —— Schlaf ſanft, Du größte Deines Stammes, Weil Du die menſchlichſte warſt! Das warſt Du, und das gräbt die ernſte Geſchichte, Die Todtenrichterin, in ihre Felſen. Klopſtock. Zu den anziehendſten Frauenbildern, deren Na⸗ men in der Geſchichte ſtrahlt und denen man gleich⸗ wol keine poetiſche Seite abgewinnen zu können ſcheint, gehört Maria Thereſia. Ihr Leben war höchſt thätig und regelmäßig: im Sommer ſtand ſie täglich um fünf Uhr, im Winter etwas ſpäter aufz eine Klingel rief ihren Zofen, aber es war Eti⸗ kette, daß Keine anders als friſirt, im ſeidenen Kleid und Reifrock, der aber zum Negligee nur von klei⸗ nem Umfang war, vor der Herrſcherin erſcheinen durfte. Nun beſchäftigte ſie ihr Putz, und mehr als man bei ihrem männlichen Geiſte vermuthen ſollte. Die Regierungsgeſchäfte nahmen einen großen Theil ihres Tages weg. Stundenlang, beſonders Abends und nach dem mäßigen Rachteſſen, ließ ſie ſich die Geſchäftspapiere aus ihren verſchiedenen Staaten und in verſchiedenen Sprachen vorleſen. Dieſe Lec⸗ türe dauerte fort, nachdem die Monarchin ſich ent⸗ kleidet und zu Bette gelegt hatte, ſelbſt dann noch, bis der Schlaf ſie überwältigte. Wie könnte in ei⸗ nem ſo geregelten Leben, fragt man, bei einer Für⸗ ſtin, die ſchon in der Frühe nach der Etikette ſieht und Abends durch Sorgen der Regierung in den Schlaf ſich wiegt, das Zauberkind Poeſie eine Stätte finden? Allein welch bewegtes Leben ſollte damit unbekannt bleiben? Maria Thereſia, trotz des kö⸗ niglichen Glanzes, der ſchon ihre Wiege umgab, muſterhaft im Privatleben, erſcheint zweimal in ächt poetiſcher Beleuchtung; das erſte Mal als Fürſtin und nur in Einem Moment, nämlich hülfeſuchend vor ihren Ungarn; das andere Mal als Frau, lange Jahre hindurch gleich verehrungswerth.— Es war in dem verhängnißvollen Jahre 1741, wo die be⸗ zauberndſchöne Herrin Ungarns Krone empfangen und mit St. Stephans Schwerte, gegen das Volk gewendet, das Kreuz in die Luft gezeichnet hatte, zum Zeichen, ſie werde den Glauben feſt vertheidi⸗ gen. Mächtige Feinde zogen von allen Seiten heran, das angeſtammte Land und geſicherte Recht ihr zu entreißen. Da trat ſie, in die Nationaltracht ge⸗ kleidet, auf dem Schloſſe zu Presburg unter die ungariſchen Reichsſtände, die ihrem Rufe folgend ſich hier verſammelt hatten. Mit trüben Blicken nahm ſie ihren Platz auf dem Throne. Der Kanz⸗ ler ergriff das Wort und ſtellte den Reichsſtänden vor, die Königin werde in ſolcher Bedrängniß ihre theuern Ungarn nicht verlaſſen; ſie wolle für jeden Ausgang der Dinge ihre Perſon, ihren Hof, ihre — heilige Krone der Treue und dem erprobten Eifer, dem Ruhm dieſer Nation anvertrauen.— Erſt jetzt redete Maria Thereſia ſelbſt und zwar in lateini⸗ ſcher Sprache, deren ſich die Ungarn bei den feier⸗ lichſten Gelegenheiten bedienen:„Die betrübte Lage Unſerer Angelegenheiten iſt von der Art, daß Uns von allen Seiten Gefahren umgeben; da nun dieſe auch insbeſondere Unſerm theuern Königreich Ungarn Verderben drohen, ſo wollten Wir dies den edeln Ständen desſelben nicht unverborgen laſſen. Es handelt ſich um die Sicherheit der Krone dieſes Reichs; es handelt ſich um Unſere Perſon und um Unſere Kinder. Von Allen verlaſſen wenden Wir Uns deshalb an die Waffen, an die alte Tugend und die kampfmuthige, in den Denkmalen ſo vieler Geſchichten berühmte Treue der Ungarn. Ihr ver⸗ trauen wir Uns und Unſere Kinder an; auf die Ungarn ſetzen Wir all Unſere Hoffnung und ſind der feſten Zuverſicht, daß ſie bei dieſen Zeitumſtänden, die keine Säumniß geſtatten, bei dieſer Gefahr Uns Rath und alle mögliche Hülfe nicht verſagen wer⸗ den.“—„Wie ſchlicht dieſe Worte auch waren,“ er⸗ zählt Duller im Leben der Fürſtin, mächtig be⸗ wegten ſie die Verſammlung der Stände. Da ſtan⸗ den die Zierden, die Vertreter einer großen, herrlichen Nation, dieſe Männer, deren Namen ſeit uralten Zeiten geſchichtliche Bedeutung hatten; was die Na⸗ tion je Herrliches gethan, die Ahnen dieſer Männer — 214— hatten es mit vollbracht, an deren Vertrauen jetzt die Königin appellirte, deren Arme zur Abwehr ſchnöder Unbill, zur Vertheidigung der Kinder jetzt die ſchöne verlaſſene Frau, die Mutter in Anſpruch nahm. Als ſie bei den letzten Worten die Thränen nicht zurückhalten konnte,— ein kurzer Moment, dann hatten ihre Züge wieder den Ausdruck voll⸗ kommener Ruhe, es war der Abglanz des Seelen⸗ adels, die Sicherheit eines großen Gemüthes,— da blieben auch die Männeraugen nicht trocken, da rie⸗ fen Alle begeiſtert aus Einem Herzen und wie aus Einem Munde:„Blut und Leben für die Königin!“ und blitzend flogen alle Säbel aus der Scheide. In kurzer, feuriger, gewichtiger Rede ſprach darauf der Primas im Namen des Reichs:„Das Reich“— ſagte er:„iſt der Körper, als deſſen Seele gilt Ew. Majeſtät; ſie kann von jenem nicht gettennt werden; alle Kräfte und Fähigkeiten, Weſen, Blut, Sinne, Verſtand, Rath, Hülfe und Leben der Kö⸗ nigin hinzugeben, ſind die Stände bereit.“— In dieſer Stimmung willigte nun auch der Reichstag in die Mitherrſchaft ihres Gemahls Franz Stephan; zum Glücke war der junge Thronerbe Joſeph ange⸗ kommen, den ſie auf ihre Arme nahm und der Ver⸗ ſammlung zeigte. Die erweckte Begeiſterung trug die erwarteten Früchte und machte ſelbſt Friedrich II, den größten Gegner Maria Thereſia's ſo bedenklich, daß er durch einen Geſandten die Ungarn, wiewohl — umſonſt, abmahnen ließ.— Vielleicht noch erhabe⸗ ner, gewiß in andauernderm Glanze ſteht die Kaiſe⸗ rin in ihrem häuslichen Leben, als Gattin und Mutter da. Ihre Zuneigung zu Franz war allen politiſchen Intereſſen fremd, eine vom erſten Erwa⸗ chen zärtlicher Gefühle bis an ihren Tod treu ge⸗ pflegte und nie erkaltete Liebe. Franz gewann ihr Herz durch glänzende männliche Schönheit, durch Kraft und Heiterkeit, durch kluge Nachgiebigkeit in vielen Dingen und durch geſunden, anſpruchsloſen Verſtund. Allein wie Vieles konnte dagegen die Neigung der hohen Frau von ihm abwenden! Er liebte das Geld über Gebühr; ein Grund, warum er im ſiebenjährigen Kriege ſelbſt ihrem Feinde Frie⸗ drich II. Lieferungen zukommen ließ, welche dieſer zu außerordentlichen Preiſen bezahlte; ſogar an Pach⸗ tungen, Fabrikgeſchäften und Handelsunternehmungen hatte Franz oft Antheil; er ſuchte den Stein der Weiſen und wollte aus verſchiedenen kleinen Dia⸗ manten Einen großen zuſammenſchmelzen. Freilich wußte Maria Thereſia, ſeine Geldliebe halte ihn nicht ab, wohlthätig zu ſeyn, Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften zu fördern. Wollte er aber ſie hindern, an Unwürdige Geſchenke zu geben— was ſehr häufig vorkam,— ſo fertigte ſie ihn ſcherzhaft mit der Ant⸗ wort ab:„Es ſind ja lauter Kremnitzer geweſen, die ich gab.“ Noch mehr hätte ſeine Untreue ihr Ge⸗ legenheit gegeben, ſich ihm zu entfremden, allein — 216— Maria Thereſia empfand nur kurze Zeit die Qualen der Eiferſucht, dann ſiegte auch hier ihr großer Geiſt. Kaiſer Franz hatte mehre Geliebten, die theils am Hofe lebten, theils nur geheim ſich ſeiner Gunſt rühmten. Die Fürſtin wußte darum; ſie litt unbe⸗ ſchreiblich dadurch, aber ſie zürnte dem Wankelmü⸗ thigen nicht; ſie entſchuldigte ſein Mißbehagen ſogar mit dem Verhältniß zu ihr und zu ihren Staaten, welches nicht das eigentlich rechte ſey— j ſie be⸗ nahm ſich kaiſerlich gegen die Frauen, mit welchen ſie die Liebe des Gemahls theilen mußte. Die Eine zog ſie an ihren Spieltiſch. Die letzte Neigung des Kaiſers war eine Fürſtin A...... Franz war todt, die Kaiſerin wollte ſich vor ihrer Abreiſe nach Wien noch einmal— zum erſten Mal nach dem Unfall— ihrem Hofſtaat zeigen. Sie trat aus dem Kabinet, auf der rechten Seite die Herrn und Da⸗ men des Hofes; auf der andern ganz allein, wie eine Peſtkranke von Allen geflohen, in Thränen ge⸗ badet und vom langen, ſchwarzen Schleier noch immer nicht genug verhüllt— die Fürſtin A.....— Mit ſpöttiſchem Blick auf den Kreis der Höflinge, aus welchem ſo mancher früher der Leidenſchaft des Kaiſers ſich nicht dienſteifrig genug bezeigen zu kön⸗ nen glaubte, gieng Thereſia auf die Unglückliche zu, reichte ihr die Hand und ſagte laut, voll Hoheit und Rührung:„Wir haben wahrlich ſehr viel verloren, meine Liebe!“— Dann ſprach ſie, dem — 217— Rang und der Reihe nach, mit den übrigen Damen und Herrn, die nun wieder eifriger als je um die ſonſt Ausgeſtoßene ſich drängten. Wenig Tage vor ſeinem Tod hatte Franz derſelben Fürſtin ein bedeu⸗ tendes Geldgeſchenk gemacht. Dies ließ Maria Thereſia voll auszahlen, obgleich die Schenkung noch nicht vollſtreckt, nur ſchriftlich zugeſagt war und ei⸗ nige ihrer Räthe die Gültigkeit des Verſprechens anfochten.— Die nähern Umſtände bei dem Tode ihres Gemahls waren folgende: Der Kaiſer Franz wollte, nachdem 1765 der zweite Prinz Leopold ſich zu Insbruck vermählt hatte, Abends aus ſeiner Loge im Theater zurückkehren, als ihn auf dem Gange hinter den Logen plötzlich der Schlag rührte und er in den Armen ſeines Sohnes Joſeph verſchied. Die⸗ ſer Sohn mußte die Todesbotſchaft an ſeine Mutter und einen Bruder bringen, den eine Unpäßlichkeit an das Zimmer feſſelte.„Hier zeigte ſich,“— ſo erzählt Karoline Pichler aus den Erinnerungen ihrer Mutter:„welch tiefinnige Liebe Maria Thereſia für ihren Gemahl hatte. Sie war wie vernichtet, ſie fand keine Thränen, und ein krampfhaftes, ge⸗ waltſames Schluchzen, welches die ganze Nacht durch währte, erfüllte ihre Umgebung mit der lebhafteſten Sorge für die Geſundheit und das Leben der hohen Frau. Erſt nach einem Aderlaß gegen Morgen brach ihr tiefer, großer Schmerz in erleichternde Thränen aus. Eine ihrer erſten Handlungen war Nodnagels poetiſche Frauenbilder. II. 10 — 218— zu befehlen, daß ihre Dienerin ihr die Haare ab⸗ ſchneide. Von dieſem Augenblick an, als ihr Ge⸗ mahl ſich ihrer trotz ihres reifern Alters noch immer großen Schönheit nicht mehr erfreuen konnte, freute auch ſie ſich ihrer Geſtalt nicht mehr. Sie legte allen bunten Putz und alles Geſchmeide ab, theilte ihre Garderobe unter ihre Frauen, ließ ihr Schlaf⸗ zimmer mit grauer Seide ausſchlagen, ihr einſames Lager mit grebten Vorhängen umgeben und zeigte ſo auch in ihrem Aeußern, daß Leben und Welt für ſie allen Reiz verloren habe.“ An die Gräfinnen von Harrach und Thurn ſchrieb ſie in den erſten Tagen nach dem Unfall:„Ich habe in ihm von Kindheit an den zärtlichſten Freund, in einer dreißig⸗ jährigen Ehe den liebſten Gefährten und meine Le⸗ bensfreude verloren. Zuſammen erzogen und auf⸗ gewachſen, hatten wir immer gleichen Sinn. In den erſten ſchweren zwanzig Jahren meiner Regie⸗ rung milderte er meine Sorgen und Leiden, indem er ſie theilte.“ Mit der rührendſten Geſchäftigkeit bereitete Maria Thereſia mit eigenen Händen das Leichentuch, in welches der verewigte Kaiſer einge⸗ ſchlagen wurde. Sie unterbrach die traurige Arbeit unzählige Mal durch thränenreiche Bemerkungen und Ausrufungen über Franzens Schönheit und Lie⸗ benswürdigkeit. Doch hier beſchlichen ſie wieder die Sorgen für die Etikette: mit dem ihr eigenen ſtol⸗ zen Ernſt verbot ſie den mithelfenden Damen und — 219— Kammerfrauen, auch nur Eine Sylbe jener rühren⸗ den Aeußerungen aus dem Allerheiligſten ihres Her⸗ zens vor fremden Ohren laut werden zu laſſen.— Die Stätte, wo Kaiſer Franz ſo plötzlich ſein Leben verhaucht, wurde in einen Altar, das Zimmer in eine Kapelle verwandelt. Für die Ruhe ſeiner Seele ſollten unaufhörliche Gebete emporſteigen aus dem neugegründeten adelichen Damenſtift. Kleidung, Wa⸗ gen und Gemächer der Monarchin behielten von jetzt an die Farbe der Trauer bis an ihren, erſt nach fünfzehn Jahren erfolgten Tod.„Rührend iſt das Grabmal, welches ſie ihrem Gatten nach ſeinem Tode und ſich ſelbſt im Voraus in der kaiſerlichen Gruft bei den Kapuzinern errichten ließ, und wo ſie mit dem erſten und einzigen Gegenſtand ihrer Liebe auf einer Art von Paradebette ruhend darge⸗ ſtellt iſt.“ Am 18. Auguſt war Franz erblichen, dieſer achtzehnte Tag jedes Monates blieb ihr ein Trauertag; ſie ſchloß ſich dann in ihre Zimmer ein, beichtete, faſtete und brachte den Tag in ſchmerzli⸗ chen Erinnerungen, unter heißen Thränen und from⸗ men Gebeten zu. Stundenlang verweilte ſie in der Gruft bei den Kapuzinern an dem Mauſoleum, das ſie Franzen errichtet. Am 18. Oktober 1780 wurde die überaus ſchwere Frau auf einem eigens dazu eingerichteten Armſtuhl hinuntergelaſſen. Im Her⸗ aufziehen riß plötzlich das Eine Seil.„Er will mich behalten! Ich komme bald!“— rief ſie mit freudiger Bewegungz ſie erkrankte wenige Tage dar⸗ auf und ſtarb am 28. November 1780.— Maria Thereſia war ſtrenge gegen ſich; ſie haßte jede kör⸗ perliche Verweichlichung oder Schwächlichkeit; ſitt⸗ liche Schwäche und übergroße Weichheit war ihr zuwider.„Ihrer eigenen Kraft und ſo mancher Ge⸗ legenheit ſich bewußt, wo ſie durch dieſe und durch ihren Muth ſich aus gefährlichen Lagen geriſſen und ſchwere Leiden mit Selbſtverläugnung getragen hatte, erheiſchte ſie Aehnliches von ihren Umgebungen und mochte kein weinerliches Weſen und keine zu große Empfindlichkeit um ſich leiden. Dafür daß ſie viel von ihren Dienerinnen forderte, umgab ſie dieſelben auch mit Glanz, Wohlſtand und Anſehen.“ Freilich hatten ſie im perſönlichen Dienſt auch Manches zu leiden. In Hitze und Kälte mußten ſie gleich ruhig und gemeſſen ihres Amtes warten. Geheizt durfte bei Maria Thereſia faſt niemals werden; ſie arbei⸗ tete im Winter am offnen Fenſter, durch welches der Wind den Schnee auf das Papier warf, aus dem ſie ſich vorleſen oder berichten ließ. Erhitzt ſetzte ſie ſich an heißen Sommertagen mitten in ihr Kabinet, ließ alle Thüren und Fenſter öffnen und trank Li⸗ monade. Dies Alles ſchadete ihr ſo wenig, daß ſie bei ihrer dienenden Umgebung Abhärtung und Un⸗ empfindlichkeit gegen die ſchädlichen Einwirkungen der Kälte oder Hitze theils vorausſetzte, theils ver⸗ langte.— Im Verhältniß zu ihren Kindern miſchte —— ſich wahre Mutterzärtlichkeit ſeltſam mit der Etikette, wie unter Andern folgende— von K. Pichler erzählte — Anekdote zeigt:„Der Courier von der Schlacht bei Hochkirchen traf am Thereſientage, den 15. Ok⸗ kober in Wien ein, Abends ziemlich ſpät, als ſchon die Prinzen und Prinzeſſinnen des kaiſerlichen Hofes ſich nach der Cvur und Aſſemblee bei der Monar⸗ chin in ihre Zimmer zurückgezogen und angefangen hatten, ſich auszukleiden. Die frohe Siegesbotſchaft wurde ſchnell von der Kaiſerin in alle Kammern ihrer Kinder geſendet, und wunderlich geputzt,— jene Erzherzogin mit den Edelſteinen im Haar, aber im Nachtkleide, dieſe mit Reifrock und Gallakleid, aber mit zerſtörter Friſur; Prinzen halb in Uniform, halb im Hausrocke, kamen ſie eiligſt wieder in den Zimmern der erlauchten Mutter zuſammen, um ihr nach der Feier des Namenstages, noch zu der Feier des Sieges Glück zu wünſchen.“— Was Maria Thereſia im Kampfe mit Friedrich und ihren Fein⸗ den that und litt, gehört der Geſchichte an. Nicht minder groß als Herrſcherin, wie als treues Weib ſteht ſie vor uns. Schön wie Wenige ihres Ge⸗ ſchlechts, Erbin großer Staaten, liebenswürdige Gattin, mit vielen Talenten und zumal mit einer wunderlieblichen Stimme begabt, wodurch ſie oft ihren Gemahl und den lauſchenden Hof entzückte — zärtlich und treu dem oft Untreuen, die beſte Mutter ihren Kindern, erhebt ſie ſich über ſo Manche, — 222— die als Herrſcherinnen im Buche der Geſchichte glän⸗ zen, über deren Privatleben man aber den dichteſten Schleier werfen muß, wenn man nicht geſtehen will, daß am Throne oft mehr wie ſonſt glänzende Tu⸗ genden mit glänzenden Laſtern ſich verbinden. Maria Thereſia hat fürwahr in der kleinſten Falte ihres Herzens kein Späherauge zu ſcheuen. Ihre Tugen⸗ den überragen jene Fehler, die eine Folge der Er⸗ ziehung oder Einwirkung des Jahrhunderts waren. — 8 22 E S 82 — E — 8 — — S —— 0— viel Arheit um ein Leichentuch? So Platen. Die Hinrichtung Ludwigs KVI. hatte der fran⸗ zöſiſchen Nation gezeigt, daß die Herrſchaft eines verruchten Pöbels entſchieden ſey. Umſonſt ſuchte die Parthei der Gironde, zwar ebenſo von Haß gegen das Königthum als pon Liebe zur Republik erfüllt, aber dem Treiben der Rotte ganz fremd, die Feinde alles Beſtehenden niederzukämpfen. Es galt nur, entweder gemeine Sache mit den Wüthenden machen, oder ſein Leben laſſen. Man errichtete ein Revolutionstribunal, deſſen Mitglieder, der Ab⸗ ſchaum ihrer eigenen Parthei, das begonnene Werk durch Vertilgung aller Gegner halten, ein Tribunal, deſ⸗ ſen Ausſprüche ohne alle weitere Berufung ſeyn ſollten. Ein Ausſchuß der Wohlfahrt und einer der Sicher⸗ heit ſteigerten die aufgeregten Leidenſchaften.„Nicht die, deren Vermögen oder Leben geopfert wurde, litten am bitterſten, ſondern die, denen jeder Tag eine große Hoffnung der Freiheit nach der andern mordete, die in jedem Opfer von neuem ſtarben, 3 6— und vor die ſich allmählich das weinende Bild eines ſterbenden, von Ketten und Vampyren umwickelten Reichs, als Preis aller Opfer gekrümmt hinſtellte.“ — In den letzten Tagen des Mai 1793 erfolgte die nicht unerwartete Wendung. Banden des Pö⸗ bels bewaffneten ſich, ſetzten neue Obrigkeiten ein, verlangten, daß die Häupter der Gironde verjagt oder verhaftet würden, und hinderten die Vertreter der Nation an kräftigen Beſchlüſſen durch Toben und aufgerichtete Kanonen. Die Verſammlung gab nach und ſchritt zu Verhaftungen eines Theils ihrer Mitglieder, Andere wußten ſich zu verbergen, zu fliehen oder durch eigene Hand dem Henker zuvorzu⸗ kommen. Der Schrecken ſiegte. Alle Franzoſen von redlicher Geſinnung betrauerten den Sturz der Gi⸗ ronde; die letzten Republikaner hatten„leiblichen und geiſtigen Plebejern das Feld nicht zum Beſäen, ſondern zum Verheeren räumen müſſen.“ Einige dieſer Republikaner kamen nach der Stadt Caen, wo ſie bei Barbarour wohnten. Hier ſah man öf⸗ ters eine ſchöne und ſtolze Jungfrau, in Begleitung eines Bedienten, im Saale auf Barbarour warten. Angeblich wollte ſie für einen Verwandten oder Freund Vorbitte einlegen, in Wahrheit aber beobachtete ſie mit ſcharfem Blick das Treiben der verjagten Re⸗ publikaner. Einer derſelben erinnerte ſich ſpäter ihrer,„als einer hohen Geſtalt voll jungfräulicher Würde, Milde und Schönheit, ſittſam, ſanft, ent⸗ — 27— ſchloſſen, eine Blume, gleich der Sonnenblume, die den ganzen Tag mit ihrer einfachen Blüte der Sonne folgt, die aber nach dem Untergang und vor dem Gewitter ſich mit Flammen füllt.“— Es war Marie Anne Charlotte Corday, im Juli 1768 zu St. Satur im Departement Calvados geboren. Ihre Aeltern, Jean Frangois Corday und Marie Caroline Gautier, hatten in glücklicher Ehe vier Söhne und zwei Töchter, deren jüngſte Charlotte war. Den Charakter und die Geſinnung der Aeltern erkennt man wohl an der Erziehung, welche ſie dieſer Toch⸗ ter gaben. Die Schriftſteller Griechenlands und Roms, ſowie die Beſten der Neuzeit machten, ſo lange ſie denken konnte, ihre liebſte Beſchäftigung und faſt ihren einzigen Umgang aus. Ihre Brüder ſollen emigrirt geweſen ſeyn. Die Freiheit ward ihr erſter und letzter Gedanke, ihre Religion, ihre Liebe. Gewöhnlich wohnte ſie zu Caen. Als ſie auf den Schauplatz der Geſchichte trat, war die Meinung verbreitet, ihr Geliebter, ein junger Offi⸗ zier, ſei unter den Opfern geweſen, welche bei den erſten Unruhen der Revolution zu Caen grauſam gemordet wurden, und Charlotte habe ſich geſchwo⸗ ren, ſeinen Tod an Marat zu rächen, weil dieſer in ſeinen Schriften zur Ermordung des Geliebten auf⸗ gefordert habe. Dem iſt aber nicht ſo. Sie kannte, wie ſich ſpäter herausſtellte, dieſen Offizier nicht ein⸗ mal; die Liebe im gewöhnlichen Sinn blieb ihr un⸗ — 228— bekannt, wenn nicht etwa ihre kindliche Zärtlichkeit gegen den ſie überlebenden Vater und eine herzliche Zuneigung zu der Schweſter— denn von ihren Brüdern iſt ſpäter keine Rede mehr— an die Stelle getreten war. Sie ſelbſt erklärte ſich in einem Ver⸗ hör, als man ihr einen Milderungsgrund für ihre Schuld zuſchieben wollte: Ich fand und kannte noch keinen Mann, den ich meiner würdig geachtet hätte, denn— Marat lebte noch. Auch ihre Religion war, wie ich ſagte, die Freiheit. Sie erklärte vor dem Tribunal, keinen Beichtvater zu haben, und wollte weder von beeidigten, noch unbeeidigten Prie⸗ ſtern wiſſen, weil ſie Beide verachte. Nur die Frei⸗ heit war es alſo, welche in der jungfräulichen Seele als Göttin erſchien; ihrem Dienſte widmete ſich Charlotte als die reinſte Prieſterin. Frankreich ſchien endlich auch dem Dienſte dieſer Göttin ergeben, und — plötzlich wandelte ſich Alles um ſie her, ein eiſi⸗ ger Sturm tödtete die Blüten alle.„Charlotte nußte ſich ſagen: Ich bin müde des Lebens unter einem gefallenen, niedrigen Volk.“ Wenn irgend ein Mann aber im Stande war, Charlotten aus ihrem Freiheitshimmel hinabzuſtürzen, ſo war dies Marat. Ein abſtoßend häßlicher, lächerlich ſtolzer und dünkelhaft eckler Wütherich hatte er ſich zum Abgott ſeiner Parthei erhoben. Er mordete keinen Menſchen mit eigener Hand, ſelbſt dazu war er zu feig; er be⸗ zahlte, lobte und unterſtützte aber die Raubthiere, — 229— welche gegen die Republikaner wütheten. Er heu⸗ chelte gegen Alle und belog ſich ſelbſt, denn ſeine Freiheit war nur der lechzende Blutdurſt des Tigers. Von einer Krankheit befallen, die ſein Blut vergiftete und ihn lange an das Zimmer feſſelte, kämpfte er nun mit dem ſchwindenden Leben; er würde nach beglaubigter Ausſage nur noch wenige Tage ſein Daſeyn gefriſtet haben, wenn Charlotte nicht der Hand des ewigen Strafrichters vorgegriffen hätte. Als ſich nun in Caen die Republikaner gegen die Anarchie der Hauptſtadt rüſteten, da dämmerte ein Entſchluß in der Seele der Jungfrau auf; dieſer Kriegszug konnte nach ihrem Wahne nur Einem, „dem vierjährigen Meuchelmörder und Mord⸗ brenner Frankreichs“ gelten.„Ihr ſucht alle nur Einen Menſchen,(dachte ſie freudig in ſich) ich kann ja euer Blut erſparen, wenn ich blos meines und ſeines vergieße.“ Schon am 2. Juni ſtand ihr Ent⸗ ſchluß, für die Freiheit zu bluten, feſt. Wie mochte dieſer Vorſatz reifen!„O wenn man doch in jene tiefe Stunde tiefer ſchauen könnte, wo Charlotte zu ſich ſagte: Meine Leben ſei vorüber, alle heiteren Ausſichten verſchlinge die einzige; Verzicht ſei ge⸗ than auf alles Geliebte und Erfrenende, auf Vater, auf Freunde und Kinder, auf irdiſche Zukunft und auf Alles, was um mich her die Menſchen beglückt; gebt mir die Todesfackel ſtatt der Brautfackel; und die Todesgöttin drücke als Blumengöttin das feſte ſchwarze —— Siegel auf mein Roſenleben.“— Noch wartete ſie jetzt über einen Monat lang, das Geheimniß in ih⸗ rer Bruſt verſchließend. Welche Tage und Kämpfe lagen in dieſem Monat! Es iſt nicht anzunehmen, daß ſie aus Mißtrauen gegen ihre eigene Seele und die ja nicht mühſam errungene Feſtigkeit zögerte; ſie wollte wahrſcheinlich nur die Rüſtungen der Repu⸗ blikaner mehr zur Reife kommen laſſen. Und doch, wie oft mochte ſie den Erfolg ihrer That fragend erwägen? Wenn nun das Licht jenes eckelhaften Le⸗ bens früher erloſch, als ſie die Hand erheben konnte? Wenn— und ſie glaubte ja noch große Seelen ge⸗ nug in Frankreich— wenn eine andere Hand ihr zuvorkam und Marat ſeinen Lohn erhielt, ehe ſie nach Paris gelangen konnte? Und wo wollte ſie die Strafe an dem Verhaßten vollziehen?— Darüber wurde ſie ſich aus begreiflichen Urſachen jetzt noch nicht klar. Allein, ohne Freund und Rathgeber be⸗ ſchloß ſie endlich, den Weg zum Schaffot zu beſtei⸗ gen.— Sie reiſte am 7. Juli ab, nachdem ſie in einem Briefe an ihren Vater vorgewendet hatte, daß ſie um den Gräueln des Bürgerkriegs ganz zu ent⸗ fliehen, nach England gehe. In der That wollte ſie aber das Vaterherz nicht um ihretwillen beſorgt wiſſen, oder den Schein einer Theilnahme an ihrer That auf den Unſchuldigen wenden. Die reine Seele mußte hier zu dem unreinen Mittel der Lüge die Zuflucht nehmen, allein wo es ihre Miſſion galt, — 231— hielt ſie auch die Lüge für erlaubt. In ihrem Brief an den Deputirten Barbarour äußert ſie ſich über ihre Fahrt nach Paris:„Ich trat meine Reiſe mit Gefährten an, in welchen ich ſehr bald entſchiedene Anhänger der Bergparthei entdeckte. Ihre Geſpräche, die eben ſo albern waren, als mir ihre Perſonen unangenehm erſchienen, machten mir ſehr bald Lange⸗ weile. Ich ließ ſie nach Herzensluſt ſchwatzen und ſchlief ein. Einer dieſer Herren, für welchen ſchla⸗ fende Frauenzimmer ein hohes Intereſſe haben müſ⸗ ſen, wollte mich beim Erwachen bereden, daß ich die Tochter eines Mannes ſey, den ich in meinem ganzen Leben nicht geſehen habe, und der einen Na⸗ men führt, welcher mir nie zu Ohren gekommen iſt. Zuletzt bot er mir ſogar ſein Herz und ſeine Hand an, und wollte auf der Stelle bei meinem Vater um mich anhalten. Alle Herren ohne Ausnahme thaten ihr Mögliches, um meinen Namen und meine Adreſſe in Paris zu erfahren, aber dem Grundſatze meines theuern und tugend⸗ haften Raynal getreu: daß man ſeinen Tyrannen die Wahrheit nicht ſchuldig iſt, habe ich mich wohl in Acht genommen, ihnen bei⸗ des zu ſagen.“ In ſolcher Geſellſchaft mochte frei⸗ lich ein Herz wie Charlottens die Qualen doppelt empfinden, die Menſchen von ruhigerm Geiſt in ähnlicher Lage zugemeſſen werden. Nach ihrer An⸗ kunft zu Paris bezog ſie den Gaſthof la Providence — 232— in der alten Auguſtinerſtraße. Sie ſuchte zuerſt den Deputirten Düperret, einen damals noch nicht ver⸗ triebenen, doch ſchon angeklagten Girondiſten auf, der erſt ſpäter unter der Guillotine ſtarb. Sie über⸗ brachte ihm einen Brief von Barbarour, mit der Bitte, ſie zum Miniſter des Innern zu begleiten, dem ſie Papiere einer Freundin abzufordern habe. Düperret hatte, wie er ſelbſt ausſagte, gerade einige Gäſte zum Mittagstiſche und man war noch nicht zu Ende. Er las den Brief, entſchuldigte ſich aber mit ſeiner Geſellſchaft und bat die junge Fremde, zu bleiben, indem er ihr einige Erfriſchungen anbot. Sie ſchlug es aus; er möge den andern Tag zu ihr kommen und mit ihr zum Miniſter gehen. Sie ſchrieb ihm Namen und Wohnung mit Bleiſtift auf die Karte und entfernte ſich. Düperret hatte ihr Benehmen auffallend gefunden und zu ſeiner Ge⸗ ſellſchaft geſagt: Nach all ihren Reden ſcheint ſie mit außerordentlich. In ihrer Sprache, ihrem Gang, ihrer Haltung liegt was Seltſames. Morgen denk' ich dahinter zu kommen.— Er beſuchte ſie Tags darauf, allein ſie kamen bei dem Miniſter nicht vor, und Düperret begleitete ſie in den Gaſthof zurück. Am Morgen desſelben Tages ſuchte ſie Zugang bei Marat, indem ſie ihm folgendes Billet ſchrieb: Ich komme von Caen. Ihr Patriotismus muß die Com⸗ plotte kennen zu lernen wünſchen, welche daſelbſt angeſponnen werden. Ich erwarte Ihre Antwort. — 233— — Marat ließ ſie nicht vor, weil er krank ſei. Den⸗ ſelben Abend ſchrieb ſie noch ein anderes Billet und erſuchte dringender um eine Unterredung für Mor⸗ gen. Erſt am Sonnabend kaufte ſie vor dem ver⸗ hängnißvollen Gange im Palaisroyal ihren Dolch und verbarg ihn im Buſen. Marat, krank im Bade ſitzend, ließ der Ueberbringerin des Billets ſogleich ſeine Thüre öffnen. Der Wütherich fragte ſie zu⸗ erſt nach gleichgültigen Dingen, dann aber, als er ihrer gewiß zu ſein glaubte, nach den Namen aller Deputirten, die ſich nach Caen geflüchtet hätten. Sie diktirte ſie ihm ſehr geläufig; ſein Auge funkelte vor Freude, denn er ſah die Geächteten ſchon in ſeiner Gewalt, oder was gleichviel: unter dem Mord⸗ beil. Bald ſollen ſie ihre Strafe erhalten, ſprach er, als wäre dies ein Troſtſpruch für die Angeberin. Die Deinige iſt bereit! rief Charlotte und ſtieß den Dolch tief in ſeine Bruſt. Mir— thuſt du das? ſchrie er ſinkend, dann ächzte er noch: Ich ſterbe! — Die Weiber, ſeine Magd und die Haushälterin Evrard ſtürzten herein; Charlotte rührte ſich nicht. Sie ward von den wüthenden Weibern feſtgehalten, bis die Wache herzueilte und man ſie nach der Abtei führte. Sie hatte ſich ruhig verhaften laſſen. Man fand außer einigem baaren Geld, Aſſignaten und einer goldenen Uhr, ihren Taufſchein, einen Paß von der Municipalität zu Caen und einen⸗Brief an Marat in ihren Taſchen. Im Buſen trug ſie noch — 234— die Scheide des Dolchs und einen Aufruf an die Franzoſen. Die Vermuthung iſt demnach nicht un⸗ gegründet, daß ſie vielleicht noch unentſchloſſen war, ob ſie nicht nach gelungener That ſich ſelbſt den Tod geben ſollte, Taufſchein und Paß machten dann die Thäterin ſogleich kenntlich. Aber die Adreſſe an das Volk? Sie gab darüber keine Auskunft. Der Poſtmeiſter Drouet fuhr mit ihr zur Abtei, und als er den Pöbel durch die Erinnerung an das Geſetz vom Wagen zurückwieß und zum Gehorſam brachte, fiel Charlotte in Ohnmacht. Da ſie wieder zu ſich kam, war ſie verwundert, daß der Pöbel ſie nicht umgebracht habe und daß er aus Achtung vor dem Geſetz gewichen ſei, da man ihr doch denſelben als eine Horde von Kannibalen geſchildert hätte. Die umſtehenden Weiber, mitleidig und gerührt durch die Jugend und Schönheit der Gefangenen, weinten; da ſoll ſie geſagt haben: Wer ſein Vaterland rettet, den kümmert es wenig, was es koſtet.— Im Ge⸗ fängniß angekommen, ſprach ſie die Nacht hindurch viel, beſonders daß ein Entwurf zur Ermordung der Bergparthei gemacht ſei; ſie ſetzte mit anſcheinend zufriedener Miene hinzu: Ich habe mein Tagewerk vollbracht, die Andern werden das Uebrige thun! — Marats Tod erregte ein ungeheueres Aufſehen; der Präſident eröffnete am 14. Juli die Sitzung nach tiefer Stille mit den Worten: Bürger! Ein großes Verbrechen iſt an der Perſon eines Volksre⸗ — 235— präſentanten begangen worden. Marat iſt in ſeinem eigenen Hauſe erdolcht!— Nun ſchritt man zur Verleſung der Adreſſen, welche von den verſchiedenen Sectionen von Paris eingelaufen waren, und aus denen man den Ermordeten für einen der größten Männer hätte halten ſollen, die je den Dank eines Volkes hinnahmen. Zuerſt beantragte man die Auf⸗ nahme Marat's in das Pantheon, obgleich ein Be⸗ ſchluß feſtſetzte, daß dieſe Ehre erſt ein und zwanzig Jahre nach dem Tode eines großen Mannes zuer⸗ kannt werden dürfe. Man nannte ihn den unſterb⸗ lichen Geſetzgeber, den unerſchrockenſten Volksverthei⸗ diger. Der Ausſchuß der allgemeinen Sicherheit erklärte Charlotten Cordah für die Eilbotin der Ver⸗ ſchwornen zu Caen, die eine Gegenrevolution beab⸗ ſichtigten; Claude Düperret unterhalte die verbreche⸗ riſche Correſpondenz. Doch konnte der Redner Chabot, als er in ſeinem Bericht der Verbrecherin gedachte „eines Ungeheuers, wie ſie die Natur von Zeit zu Zeit zum Unheil des Menſchengeſchlechtes ausſpeie,“ nicht umhin, zuzufügen: Voll Geiſt und Anmuth, von edelm Wuchs und ſtolzer Haltung, ſcheint ſie einen Muth und— Wahnſinn zu beſitzen, der Al⸗ les zu unternehmen vermag. Er theilte auch der Verſammlung die nähern Umſtände über den Mord mit. Man trug nun auf Düperrets Verhaftung an. Dieſer erzählte, was wir ſchon wiſſen, wie er mit ihr bekannt wurde, und zeigte den unverdächti⸗ — 236— gen Brief von Barbarour, den ſie ihm überreicht hatte.— Am folgenden Tag wurde berathen, wie man Marats Andenken ehren und ſein Leichenbe⸗ gängniß feiern müſſe; auszuſtellen wäre freilich der durch die Krankheit verheerte Körper nicht, kaum laſſe er ſich gegen Fäulniß ſchützen. Die Beerdigung fand ſtatt und man entweihte dabei Namen wie Cato, Ariſtides, Sokrates und Timoleon, welchen dies Scheuſal ähnlich geweſen ſey.— Dienſtags ſchrieb Charlotte jene zwei denkwürdigen Briefe, nämlich an Barbarour und an ihren Vater. Der Erſte iſt datirt: Briſſots Kerker, 16. Juli, Abends 8 Uhr. Sie erzählt, was ſeit ihrer Abreiſe vorgefallen war. Charakteriſtiſch ſind einige Stellen:„Uebrigens iſt man nicht ganz damit zufrieden, daß man den Ma⸗ nen eines großen Mannes nur ein unbedeutendes Weib zum Opfer bringen kann. Verzeihung, ihr Männer! dieſer Name entehrt eure Gattung. Es war ein wildes Thier, welches den Ueberreſt Frank⸗ reichs bei den Flammen eines Bürgerkriegs verzeh⸗ ren wollte. Doch dem Himmel ſei Dank, er war kein geborener Franzoſe!“— Dies Urtheil athmet noch die republikaniſche Strenge, die nicht mit dem fließenden Blute des Feindes ſchwindet.„Ich glaube, daß man ſeine letzten Worte gedruckt hat, aber ich zweifle, daß er welche geſprochen hat.“ Spricht hier der Stolz der Freiheitsheldin, die ihren Dolch⸗ ſtoß ſo ſicher geführt zu haben wußte— oder war — 237— ſie ganz Mädchen, ſo betäubt nach dieſem Dolchſtoß, daß ſie nicht hörte, was um ſie her vorgieng?„Ich geſtehe, daß mich nichts ſo ſehr beſtimmt hat, als der Muth, mit welchem unſere Freiwilligen ſich Sonntags den 5. Juli einſchreiben ließen. Sie er⸗ innern ſich, wie viel Vergnügen mir dies machte.— Dazu kam noch die Betrachtung, daß ſo viele brave Leute nach Paris giengen, den Kopf eines einzigen Menſchen zu ſuchen, den ſie ſehr leicht verfehlen und deſſen Verluſt noch leichter viele gute Bürger in ſein Verderben verwickeln konnte. Das war zu viel Ehre. Der Arm eines Weibes reichte zu die⸗ ſem Werke hin. Ich geſtehe, daß ich Liſt angewen⸗ det habe, um bei ihm vorgelaſſen zu werden. Bei meiner Abreiſe von Caen war ich Willens, ihn auf dem Gipfel des Berges des National⸗Convents ab⸗ zuſchlachten; aber das gieng nicht mehr. Zu Paris findet man es unbegreiflich, wie ein unnützes Weib, deren längſtes Leben zu nichts zu gebrauchen ſeyn würde, dies Leben ganz kaltblütig aufopfern kann, um ihr Vaterland zu retten. Ich war gefaßt, auf der Stelle zu ſterben.“„Ein großer Verbrecher iſt nicht mehr. Ohne ſeinen Tod würden wir nie zum Ziele gekommen ſeyn. Ich genieße den Frieden ſchon ſeit zwei Tagen. Das Glück meines Vaterlandes macht das Meinige.“—„Ich vermuthe nur, daß man meinen Vater quälen wird, der an meinem Verluſte genug zu leiden hat. Ich ſchrieb ihm zu⸗ —— letzt, daß ich aus Furcht vor einem Bürgerkriege nach England gehen würde. Damals war mein Vorſatz, über Marats Tod das Incognito zu beob⸗ achten und die Pariſer vergeblich nach meinem Na⸗ men fragen zu laſſen.“ Alſo wieder ein anderer Plan! Oder ſtand ſie noch nicht feſt und klar in ihrer Anſicht vor der That?„Nur ein einziges We⸗ ſen habe ich in meinem Leben gehaßt und ich habe meinen Charakter gezeigt.“„Die, welche mich be⸗ dauern, werden ſich freuen, mich in den elyſäiſchen Gefilden mit Brutus und einigen andern Alten zu ſehen, denn die Neueren ſind nicht nach meinem Ge⸗ ſchmack: ſie ſind ſo verworfen! Es gibt ſehr wenig wahre Patrioten, welche für das Vaterland zu ſter⸗ ben verſtehen; es ſind beinahe lauter Egoiſten!“— Sie verſteht ſogar noch, wenn auch bitter zu ſcher⸗ zen:„Um mich vor langer Weile zu ſichern, hat man mir zwei Gensd'armen gegeben. Den Tag über iſt das recht gut; aber nicht die Nacht. Ich habe mich über dieſe Unanſtändigkeit beſchwert, aber der Ausſchuß hat nicht für gut gefunden, auf meine Klagen Rückſicht zu nehmen.“—„Geſtern Abend hatte ich den Einfall, dem Departement von Calva⸗ dos mit meinem Bildniß zu huldigen, aber der Aus⸗ ſchuß des öffentlichen Wohls, den ich darum gebeten hatte, hat mir nicht geantwortet, und jetzt iſt es zu ſpät.“ Sollte hier nicht etwas Eitelkeit im Spiele ſeyn? Auch als ſie bemerkte, daß im Verhör einer — 985— der Zuſchauer ſie zeichnete, wendete ſie ihm entſchie⸗ den ihr Geſicht zu, damit es leichter gelingen könnte. „Morgen um 8 Uhr wird man mein Urtheil fällen. Um Mittag werde ich wahrſcheinlich gelebt ha⸗ ben, um die Sprache der Römer zu reden.“„Wie die letzten Augenblicke meines Lebens vorübergehen werden, weiß ich noch nicht. Das Ende krönt das Werk. Unempfindlichkeit gegen mein Schickſal zu erheucheln, iſt um ſo weniger nothwendig, da ich bis jetzt noch nicht die mindeſte Furcht vor dem Tode empfunden habe. Ich ſchätze den Werth des Lebens nur nach der Nützlichkeit desſelben.“„Marat wird nicht ins Pantheon kommen; und doch hatte er es ſo ſehr verdient.“ Arme Charlotte! Er kam dennoch in das Pantheon, zu Rouſſeau und Voltaire.— An ihren Vater ſchrieb ſie kurz:„Verzeihen Sie mir, daß ich ohne Ihre Einwilligung über mein Le⸗ ben verfügt habe. Ich habe viele unſchuldige Schlacht⸗ opfer gerächt; ich habe viel Elend für die Zukunft verhindert. Freuen wird ſich das Volk, von einem Tyrannen befreit zu ſeyn, ſobald es zur Beſinnung gekommen iſt. Wenn ich Sie zu bereden ſuchte, daß ich nach England gehen wollte, ſo geſchah es in der Erwartung, daß ich ein Incognito würde beobachten können; aber das war rein unmöglich. Quälen wird man Sie nicht, hoffe ich. Auf jeden Fall werden Sie zu Caen Vertheidiger finden. Adieu, mein theurer Vater! Ich bitte Sie, mich zu ver⸗ geſſen, oder vielmehr, ſich meines Schickſals zu freuen. Sie kennen ja Ihre Tochter; ein tadelhafter Be⸗ weggrund konnte ſie nicht leiten. Ich umarme meine Schweſter, die ich von ganzem Herzen liebe, ſo wie alle meine Verwandte. Erinnern Sie ſich des Ver⸗ ſes im Corneille:„Nicht das Schaffot, das Laſter macht die Schande.*) Morgen um 8 Uhr wird mein Urtheil gefällt.“— Mittwoch den 17. Juli ſtand Charlotte vor dem Revolutionstribunal. Das Zeugenverhör begann; allein ſie unterbrach die erſte, in die gewöhnlichen Details ſich verlierende Ausſage durch die kurze und ſcharfe Erklärung: All dies iſt unnöthig; ich habe Marat getödtet!— Ihre See⸗ lenſtärke erhellt aus einzelen Antworten: Alle Recht⸗ ſchaffenen ſind meine Mitſchuldigen.— Die Fran⸗ zoſen haben nicht Kraft genug, Republikaner zu ſeyn.— Wir führen einige mit den vorausgegan⸗ genen Fragen an.— Frage. Wer hat Sie zu die⸗ ſem Morde bewogen? Antwort: Seine Verbrechen. — Fr. Was verſtehen Sie unter ſeinen Verbrechen? Antw. Alles Unheil, welches er ſeit der Revolution verurſachte, und das, welches er für Frankreich noch vorbereitete.— Fr. Wer ſind diejenigen, die Sie zu dieſem Morde angereizt haben? Antw. Niemand. Ich bin durch mich ſelbſt auf den Gedanken gera⸗ then.— Fr. Was machen die nach Caen geflüch⸗ *) Le crime fait la honte et non pas l'échafaud. — teten Deputirten? Antw. Sie warten, bis die Anar⸗ chie aufhört, um ſich wieder auf ihren Poſten zn begeben.— Fr. Haben Sie bei einem beeidigten oder unbeeidigten Prieſter zu Caen gebeichtet? Antw. Bei Keinem von Beiden.— Fr. Was war Ihre Abſicht, als Sie Marat tödteten? Antw. Die Un⸗ ruhen in Frankreich zu beendigen.— Fr. Hatten Sie dieſen Vorſatz ſchon lange gefaßt? Antw. Seit dem 31. Mai, als man die wahren Stellvertreter des Volks ächtete.— Fr. Sie haben aus den Jour⸗ nalen erſehen, daß Marat ein Anarchiſt war? Antw. Ja, ich wußte, daß er ganz Frankreich verdarb. Ich habe Einen Menſchen getödtet, um noch Hundert⸗ tauſende zu retten; ich habe einen Böſewicht getöd⸗ tet, um Unſchuldige zu retten; ich habe ein wildes Thier getödtet, um meinem Vaterlande die Ruhe wieder zu geben. Ich war ſchon vor der Revolu⸗ tion eine ächte Republikanerin, und niemals hat es mir an Energie gefehlt.— Fr. Was verſtehen Sie unter Energie? Antw. Ein Gefühl, welches ſo ſehr beſeelt, daß man alles Privatintereſſe bei Seite ſetzt, um ſich ganz für ſein Vaterland hinzugeben.—— In dieſen wenigen Auszügen aus dem Verhör, zu welchem ſich das Volk in Haufen hinzugedrängt, regte der Geiſt Charlottens ſo mächtig die Schwin⸗ gen der Freiheit, daß ſchon dieſe Bruchſtücke faſt ein vollſtändiges Seelengemälde entwerfen laſſen.— Den ihr nachher vorgezeigten Dolch kannte ſie ſo⸗ Nodnagels poetiſche Frauenbilder. I. 11 2 gleich wieder; ſie hatte ihn beim Ankauf genau be⸗ trachtet. Auch die beiden Briefe, von denen ich ſprach, wurden ihr vorgeleſen, und ſie erklärte ſie für die Ihren. Ihr Vertheidiger Chauveau⸗Lagarde bezog ſich auf ihre Kaltblütigkeit. Sie bekennt Alles, ſprach er, und ſucht ſich auf keine Weiſe zu recht⸗ fertigen. Dies, Bürger Geſchworene, iſt ihre ganze Vertheidigung. Die unverwüſtliche Ruhe und die ganze Verläugnung ihrer ſelbſt, welche keine Gewiſ⸗ ſensbiſſe ankündigen und ſich im Angeſicht des To⸗ des noch gleich bleiben, dieſe Ruhe und dieſe Ver⸗ läugnung, ſo erhaben ſie in Einer Beziehung ſeyn mögen, ſie ſind nicht natürlich, und können nicht anders erklärt werden, als durch die Ueberſpanntheit des politiſchen Fanatismus, der ihr den Dolch in die Hände gab. Euch, Bürger Geſchworene, kommt die Unterſuchung zu, wie ſchwer dieſe moraliſche Be⸗ trachtung in der Wage der Gerechtigkeit wiegen darf. Ich überlaſſe es Eurer Klugheit.— Das Tribunal verurtheilte ſie zum Tode und zog wie ge⸗ wöhnlich dabei ihr Vermögen für die Republik ein. Sie dankte nun Chauveau, weil er ſie ganz ihren Wünſchen gemäß vertheidigt habe. Sie wollte ihm einen Beweis ihrer Achtung geben, da aber ihr Vermögen in Folge des Urtheils confiscirt war, ſo erſuchte ſie ihn, eine Kleinigkeit, die ſie noch im Ge⸗ fängniſſe ſchuldig war, zu berichtigen. Nun brachte man ſie in das Gefängniß zurück. Einen Beichtva⸗ — 243— ter, der zu ihr eintrat, wieß ſie dankend zurück; er kannte wohl das Credo nicht, auf welches ſie den Tod erleiden wollte. Abends beſtieg ſie den Wagen, der ſie zur Guillotine führte. Zwei Stunden dauerte der Weg durch die Straßen von Paris. Die vom heulenden und fluchenden Pöbel umringte Jungfrau war mehr als je einſam und verlaſſen. Nur Eine Seele fühlte wie ſie, aber ſie fand dieſen Einen nicht aus der flutenden Menge heraus. Es war der männlich ſchöne, ihr geiſtig verwandte Deputirte von Mainz, Adam Lux.„O warum mußte ihr Blick, der die anhöhnende Menge vergeblich nach einem gleichflammenden Herzen durchſuchte, dieſen Bruder ihres Innern nicht finden und kennen? Warum blieb ihr die letzte Entzückung der Erde verweigert, die Ueberzeugung oder der Anblick, daß der Glaubensgenoſſe und Vertheidiger ihres Herzens, und der künftige Märtyrer ihrer That ſie jetzo be⸗ gleite an ihr Grab, dann in dasſelbe, und daß eine edle Seele der ihrigen nachweine, und darauf nach⸗ ziehe?— Und er war ihr ſo nahe, und ſah ihre letzte Minute! Aber er hatte das Glück verdient, ſie ſterben zu ſehen. Die ganze Frühlingswelt in des Republikaners Herz blühte wieder auf, da er dieſe Ruhe der Verklärung auf der jugendlichen Geſtalt im rothen Sterbekleide,(das den Verurtheilten an⸗ gezogen ward) dieſe auf dem langen Todeswege un⸗ verrückte Unerſchrockenheit in den ſtolzen und durch⸗ * dringenden Augen, und wieder dieſe unter dem ewi⸗ gen Verhöhnen zärtlichen, mitleidigen und feuchten Blicke ſah, deren Engelhuld ſeinem ſo männlichen Herzen eben ſo bitter war, als ſüß. Nein, wer ein ſolches Weſen leben und leiden ſah, kann es nicht beweinen, nur nachahmen.“— Freundlich und ru⸗ hig beſtieg Charlotte Corday die Todesbühne. Als der Henker ihr Bruſt und Hals entblößte, ſchoß das keuſche Blut heftig in das Angeſicht, das doch auf dem langen Wege eben ſo wenig erröthete oder erblaßte, als der Pulsſchlag ſich veränderte. Sie ſelbſt ſoll ſich unter dem Mordmeſſer noch zurecht gelegt haben. Ein Henkersknecht, dem Pöbel das vom Rumpfe getrennte Haupt zeigend, ſchlug einige⸗ mal in das Geſicht und wurde dafür beſtraft. Im Tode noch hatte Charlotte ſich an Adam Lur einen beredten Vertheidiger gewonnen; ja, wenn eine un⸗ verbürgte Sage als Wahrheit gelten dürfte, ſo hätte er, der nie geliebt, ſie, die nie geliebt, in ſo heilige Erinnerung aufgenommen, daß er in der Schrift zu ihrer Vertheidigung ſich ſelbſt ſein Todesurtheil ab⸗ zufaſſen gezwungen war. Er ſagte am Schluſſe die⸗ ſer Schrift: Uſurpatoren vom ein und dreißigſten Mai! Ich ſuchte hier die Herrſchaft der ſüßen Frei⸗ heit, aber ich fand die Unterdrückung des Verdien⸗ ſtes und der Tugend; ich fand den Triumph der Unwiſſenheit und des Laſters. Müde bin ich, unter ſo viel Laſtern, als ihr begeht, und unter ſo vielem — 245— Unglück, als ihr dem Vaterlande bereitet, noch län⸗ ger zu leben. Nur zwei Hoffnungen bleiben mir übrig, entweder durch eure Sorgfalt als ein Opfer der Freiheit zu leiden, und auf jenem ehrwürdigen Blutgerüſte zu ſterben; oder mit dazu beizutragen, daß eure Lügen verſchwinden, welche die wahre Quelle des Föderalismus und des Bürgerkrieges ſind, da⸗ mit eure Tyrannei mit der Verirrung endige, und Charlotte Corday an dem Orte ihrer Hinrichtung eine Bildſäule mit der Inſchrift erhalte: Größer als Brutus.—— Man warf ihn bald darauf in das Gefängniß La Force, allein dies beugte ihn nicht. Sein zärtlich beſorgter Freund Wedekind hoffte ihn zu retten, wenn er in einem Journal be⸗ hauptete, eine wahnſinnige Liebe zu Charlotte Cor⸗ day verleite dieſen Lur zur Vertheidigung der Jung⸗ frau. Lur verlangte mit Feſtigkeit den Widerruf dieſer Anzeige, und da er für Charlotten nichts mehr ausrichtete, drang er durch Briefe an die Aus⸗ ſchüſſe und den öffentlichen Ankläger des Revolutions⸗ tribunals darauf, endlich vor Gericht geſtellt zu wer⸗ den. Er war ſein Leben müde, und endete am 10. Oktober unter der Guillotine.— Charlotte Corday tritt uns nebſt ihrem Vertheidiger Adam Lur in dem lebenswarmen Bilde entgegen, das Jean Paul von ihr entwirft, und aus dem ich die beſonders bezeichneten Stellen entnehme. Der deutſche Dichter hielt es für Pflicht, ihre That zu vertheidigen, ob⸗ — 246— gleich er in ſeiner begeiſterten Glut mißverſtanden zu werden fürchten mußte und wirklich mißverſtan⸗ den ward. Wir können Charlotte Corday, obgleich ſie nur ein ſchwaches Mädchen, mithin noch eher zu entſchuldigen war, als Männer, doch nicht rechtfer⸗ tigen. Wo finden wir aber dann das Poetiſche in ihrem Bilde? Gerade in dem unſeligen Irrthum, worin ſie gleich befangen erſcheint, liegt ihr tragi⸗ ſches Geſchick, das tiefſte Mitleid einflößend. Sie hat immer nur Liebe zu den Menſchen empfunden; Einen haßt ſie. Sie wagt ein reines, keuſches, un⸗ berührtes Lebensopfer, um dem unzüchtigen, von gif⸗ tiger Krankheit zerfreſſenen, im Laſterpfuhl Umtrei⸗ benden zwei Tage vielleicht vor dem Ziel das Ende zu geben. Sie wähnt, das Volk als eine Horde von Kannibalen zu finden, und will doch ſterben für die Freiheit. Freiheit! wie Viele haben dich als ein Phantom geſucht und nicht gefunden! Du biſt auch Charlottens Würgeengel geweſen. Sie hoffte, Andere würden ihr nachahmen und das Ihrige thun, und keine Hand zeigte ſich bereit. Sie träumte, bald werde ſie mit Brutus und andern Alten im Elyſium wandeln und träumend griff ſie nach dem Schlachtmeſſer. Wir ſtaunen dieſe übermächtige Frei⸗ heitsliebe eines Mädchens an,— aber wir vergeſſen nicht, daß Zeiten wie die der Revolution, in wel⸗ chen alles Beſtehende einzuſtürzen droht oder im ſchwindelnden Kreiſe ſich dreht, die Begriffe der —— Edelſten von Recht, Freiheit, Vaterland, Pflicht und Schuld verwirren. Unerhörtes tritt dann zu Tage, im Leiden und Handeln iſt das Maas verloren; mit ängſtlicher Haſt macht der gebieteriſche Augenblick ſich geltend. Bei weitem die meiſten Frauenſeelen— vielleicht eine Charlotte Corday nicht ausgenommen — ſind dann eher der Pythia zu vergleichen, welche vom giftigen Brodem aus der Tiefe umqualmt und ſinnenbethört, Angſtlaute ausſtößt— als der Kaſſan⸗ dra, vor welcher der Zukunft Schleier ſich lüftet. Aber die Revolution hatte auch ihre Kaſſandra, zu der wir im nächſten Bilde herantreten. Mit ihr hatte Charlotte nichts gemein, als gleiche Liebe zu Vaterland und Freiheit, gleichen Seelenſchmerz und gleichen Tod; im Uebrigen iſt Charlottens Blick nur auf die Gegenwart gerichtet. Sie ſchreitet hinaus über die Schranken ihres Geſchlechts.„Sie ſah ſich für die freiwillig Dienende des kriegenden Depar⸗ tements von Calvados an, folglich für eine Kriegerin gegen den Staatsfeind, nicht für die Strafparze einer obrigkeitlichen. Perſon.“ Nach ihrer Meinung ver⸗ übte ſie kein Verbrechen; ein tadelhafter Beweggrund — das ſchrieb ſie an ihren Vater— konnte ihre Hand und ihren Dolch nicht leiten. Zwar werden Viele mit Jean Paul fragen:„Mit welchem Recht erhebt ein Menſch, der kein vom Ganzen angenommener Richter iſt, ſein einſames Privaturtheil zu einem unerwarteten Ka⸗ binetsbefehl und zu einem Todesurtheile, das er noch — 248— dazu ſelber, ohne Jemand zu verhören oder zu be⸗ fragen, in demſelben Nu ausſpricht und vollſtreckt, wie Corday als Scharfrichterin eines Scharfrichters that?“ Wird aber Allen die Antwort desſelben Dichters als letzte Entſcheidung genügen? Er be⸗ hauptet:„Sie bekämpfte und durchbohrte nicht als Bürgerin einen Staatsbürger, ſondern als Kriegerin in einem Bürgerkriege einen Staatsfeind, folg⸗ lich nicht als Einzelne einen Einzelnen, ſondern als geſundes Partheimitglied ein abtrünniges krebs⸗ haftes Glied.“ Charlotte konnte nimmer mit Kaſſan⸗ dra rufen: Warum gabſt du mir zu ſehen, Was ich doch nicht wenden kann? Das Verhängte muß geſchehen, Das Gefürchtete muß nah'n. Sie wagt es,„den Schleier ſelbſt aufzuheben, wo das nahe Schreckniß droht.“ Nur dem Geſchlechte nach iſt ſie Weib, dem Geiſte nach Mann— und darum wagte ſich wohl kein bedeutender Dichter an eine poetiſche Darſtellung ihrer That, als Jean Paul. 33. „ — — — 5 3 5 * 5 — 2— La vie de chaque individu est un potme, dans lequel un certain nom- bre de personnages ont leur place marquse dès horigine; leur sort à tous ne peut étre connu que lorsqu'on suit l'histoire de celni, qui jone le prin- cipal röle. Me Roland. Die Kaſſandra der Revolution, Manon Roland, war 1754 zu Paris geboren. Ihr Vater, der mit⸗ telmäßige Kupferſtecher Gatien Phlipon, ließ ſich aus Ehrgeiz, Hochmuth und Durſt nach Reichthum in Geſchäfte ein, die ihn zu Grunde richten mußten. Margarethe Bimont, die Mutter Manon's, hatte nach dem Wunſche ihrer Aeltern dieſen Mann geheirathet, nur um verſorgt zu ſeyn und fand ſich mit Sanft⸗ muth und Ergebung in ihr Schickſal. Sie leitete die erſte Erziehung der Tochter, nachdem dieſe aus dem Hauſe einer Amme zurückgebracht war, mit be⸗ ſonnener Strenge. Schon im vierten Jahre liebte das Kind Blumen und Bücher über Alles. Bibli⸗ ſche Geſchichten und Ammenmährchen beſchäftigten zuerſt die Kleine. Seit dem ſiebenten Jahre wurde der Unterricht geregelter und nahm ihre Aufmerkſam⸗ keit ſo hin, daß ſie oft mit dem frühſten Morgen an ihren Aufgaben ſaß. Ihre ſchnellen und ſichern Fortſchritte wurden aber auch unaufhörlich belobt und — 252— bewundert, ſo daß ſchon damals die Eitelkeit tief wurzelte. Noch ſchlimmer war, daß Vater und Mutter nicht in ihren Grundſätzen über Erziehung übereinſtimmten. Der Vater befahl raſch und ver⸗ langte unbedingten Gehorſam; die Mutter ſuchte des Kindes Vernunft und Gefühl zu gewinnen; der Ge⸗ horſam ſollte eine freiwillige Gabe der Liebe ſeyn. Dieſer Widerſpruch führte einſt zu einer heftigen Scene, als das ſechsjährige Kind dem Vater folgen und eine bittere Arzenei nehmen ſollte; Manon er⸗ trug mit Trotz eine ſchwere Züchtigung— der Wille des Vaters war gebrochen und ſeitdem ſchmeichelte und liebkoſte er dem Töchterchen und ließ es gewäh⸗ ren. Um der Schwachheit einen Schein zu leihen, erklärte man dem Kinde am ſiebenten Geburtstage, es trete nun in das Alter— der Vernunft und man erwarte von jetzt an ein Betragen, das nur mit die⸗ ſer ſtimme!— Dieſe Verwirrung in den erſten Grundregeln der Erziehung, lange vor der Revolu⸗ tion, muß befremden, allein ſie war im vorigen Jahr⸗ hundert in Frankreich geläufig und erſt als ſie Fa⸗ milien vergiftet und den geſunden Sinn der Nation angeſteckt hatte, erſt als ſie im Sanscülottismus die Vernunft ſelbſt zur Gottheit erhob, da hatte ſie ſich überlebt und fieng an, der beſſern Ueberzeugung zu weichen. Ein gewiſſer Hochmuth der Vernunft, ver⸗ bunden mit leichter Selbſtgefälligkeit, bildete eine Grundlage in Manon's Charakter. Daher lernte — 253— ſie mit ſolchem Eifer und ſuchte ſich auch geſellige Talente durch Beſchäftigung mit Muſik und Tarz zu verſchaffen. Die Mutter hatte bei allem klaren Verſtand den großen Fehler, daß ſie das Kind gern koſtbar und weit über ihren Stand kleidete. Dies geſchah Sonntags; in der Woche mußte Manon in einfachſter Kleidung die Lebensbedürfniſſe ſelbſt vom Markte holen und ſuchte dort durch Höflichkeit Ach⸗ tung zu gewinnen und ſich bemerklich zu machen. Von dem entſchiedenſten Einfluß auf ihre Ausbildung blieb ſeitdem ihre Leſewuth, denn anders kann man die Gier nicht nennen, womit ſie alle Bücher durch⸗ flog, die ihr einiges Intereſſe gewährten. Die Bi⸗ bel und das Leben der Heiligen, Appian und Plu⸗ tarch reizten das Kind im ſchnellſten Wechſel. Pu⸗ tarchs Biographien hatte ſie ſchon 1763 im neunten Jahre aufgetrieben.„Ich nahm dieſen Autor, ſo erzählt ſie, ſtatt des Gebetbuches mit in die Kirche. Von dieſem Augenblick an ſchreibe ich die Eindrücke und Begriffe her, die mich zur Republikanerin mach⸗ ten, ohne daß es mir einfiel, eine zu werden.“— Doch dieſe ernſteren Studien vertauſchte ſie gerne mit Romanen; ſie las die gefährlichſten, z. B. Vol⸗ taires Candide, und die Mutter— wußte es. Der Vater hätte ihr gern ernſtere Bücher lieb gemacht, al⸗ lein er wählte philoſophiſche Schriften und ſteigerte die unnatürliche Reife des Kindes noch mehr. Mit einem heiligen Schrecken bereitete ſich Manon zur — 254— erſten Communion vor; ſie hatte genug über ſich ſelbſt gedacht, um die Hülfsbedürftigkeit des Men⸗ ſchen zu fühlen und eine ſchwärmeriſche Liebe zu Gott durchzitterte ſie mit heiligen Gluten. Trotz ihrer unbewachten und gefährlichen Lectüre hatte ſie ihr Herz rein erhalten, Sittſamkeit und Züchtigkeit hieß ſie Augen und Ohren verſchließen, wo nur im entfernteſten ein unreiner Gedanke in ihr erweckt werden konnte, und vor jedem Bilde fliehen, das in dem noch unentweihten Heiligthume der jungen Seele Stürme aufregen mußte. Und ſo beſtand ſie manche Kämpfe mit der Sinnlichkeit und Begierde ſehr mu⸗ thig und glücklich. Ja ſie glaubte, in dieſen ſieg⸗ reichen Kämpfen mit ſich und der eigenen Verlockung den höchſten Reiz des Lebens zu genießen und wollte ſich daher dem Kloſter widmen. Auf ihre Bitten gab man ſie 1765 in die klöſterliche Erziehung zu den Damen der Congregation zu Paris. Gottes Stimme, die ſie zu hören glaubte, tröſtete das ſchwärmeriſche Kind bei der Trennung von einer heiß geliebten Mut⸗ ter. Schon in der erſten Nacht, als ſie aus unru⸗ higem Schlummer erwachend, den im Mondlicht ſich ausbreitenden Kloſtergarten betrachtete, über welchem der Frieden eines klaren Sternenhimmels lag, da glaubte ſie ſich Gott näher und hörte, wie gefällig Er ihr Opfer aufnahm. Im Umgange mit den Geſpielinnen, die ſie an Kenntniſſen übertraf, und mit den Nonnen, welche ſich gerne mit dem verſtän⸗ — 255— digen Kinde zu thun machten, ward übrigens ihr Herz der Welt nicht ganz entfremdet. Der regel⸗ mäßige Wechſel von Arbeit und Gebet, von Ge⸗ nuß und Ruhe zügelte ihre Phantaſie. Einen nie geahneten Eindruck empfand ſie bei der Einklei⸗ dung einer Novize; ſie ſah ſich ſelbſt als Braut Chriſti aller weltlichen Herrlichkeit entſagen; ſie ahnte das ganze Gewicht des Augenblicks und noch ſpät tönte ihr die Melodie des Liedes in das Ohr, in welchem die Nonne ihren Entſchluß ausdrückte, fort⸗ hin der klöſterlichen Einſamkeit zu leben. Herzzer⸗ reißend war es, als das junge Mädchen mit dem Leichentuche überdeckt und ſo erinnert wurde, ſie ge⸗ höre der Welt nicht mehr an. O wenn ſie eine Mutter zurückließ! ſchluchzte Manon und zerfloß in Thränen. Ihre liebſten Freundinnen in den heiligen Mauern waren die Nonne Agatha, die mit feuriger Seele zu früh und gegen ihren Willen den Schleier nehmen mußte, und zwei junge Mädchen, Sophie und Henriette Cannez, deren Erziehung ebenfalls im Kloſter vollendet werden ſollte. Nach einem Jahre verließ Manon wegen Familienverhältniſſen das Aſyl, um jetzt bei ihrer Großmutter zu wohnen. Die Streit⸗ ſchriften Boſſuets erſchütterten damals ihre Anhäng⸗ lichkeit an den katholiſchen Glauben, ja, an das Chriſtenthum ſelbſt, während die feinen Briefe der Madame de Sevigné ſie wieder ganz in die Sphäre des leichten Weltlebens zogen. Auch im Umgange — 256— mit ihren Verwandten, deren Eine früher Gouver⸗ nante geweſen, erhielt ſie bedeutende Anregungen; ſie merkte mehr den Abſtand der Menſchen nach Ge⸗ burt und Rang, die ſcharfen und willkürlichen Unter⸗ ſchiede, an denen leicht republikaniſche Ideen ſich ent⸗ zünden. Bald kehrte ſie in das väterliche Haus und zur vorigen Lebensweiſe zurück. Ein alterndes Fräu⸗ lein von Adel, welches damals von Manons Mutter in's Haus genommen wurde, und bei aller Unwiſſen⸗ heit und dem Mangel an Schönheit und Grazie bloß ſeiner Abkunft wegen ſehr rückſichtsvoll ſich behandelt ſah, brachte das feurige Mädchen dahin,„die Welt für ſehr ungerecht und die geſellſchaftlichen Ein⸗ richtungen für gar ungereimt“ zu halten. Sie las indeſſen mit gleichem Eifer, machte Auszüge aus guten Schriften und verarbeitete, was Lectüre, Nachdenken oder Erfahrung bot, in den Briefen, die ſie regel⸗ mäßig mit einer Freundin wechſelte. Zur Bildung ihres Geſchmacks führte ſie der Vater oft in Bilder⸗ gallerien und Kunſtſammlungen, wo ihre lebhafte Phantaſie, ihr glänzendes Gedächtniß und die ſtrenge Ordnung ihrer ſo reichen, innern Welt ſie Alles ſchnel⸗ ler auffaſſen, richtiger und ſelbſtſtändiger beurtheilen lehrte, als es ſonſt ihrem Alter und Geſchlecht möglich iſt. Ihre laut ausgeſprochenen Anſichten erregten oft Bewunderung und der Vater befragt, ſagte mit Stolz: Es iſt meine Tochter!— Manon aber empfand zugleich die widerſprechenden Regungen ihres Geiſtes — und Gemüthes; die Einbildungskraft und die Welt, die ſchönen Künſte und die Religion, der Glaube und die Vernunft, Alles beſtürmte ſie damals und ſchien den innern Frieden zu rauben. Die Zweifel regten ſich. Vorerſt war es ein Dogma der katho⸗ liſchen Kirche, die völlige Verdammniß der Ungläu⸗ bigen, was ſie nicht aufnehmen konnte; daran weiter hiengen ſich andere Lehrſätze— ſie hörte auf, ein gläubiges Kind der Kirche zu ſein. Ihr Beichtpater, dem ſie die Gährung ihrer Seele zeigte, gab ihr unvorſichtig die Schriften einiger Vertheidiger des Chriſtenthums, die aber den Zweifeln nicht Stich hielten, vielmehr zu neuen ungelöſten Räthſeln an⸗ bahnten. Der chriſtliche Glaube ſchwand, Manon hörte indeſſen nicht auf, die Sittengebote feſt zu halten, am meiſten jungfräuliche Scham und Keuſchheit, wenn auch ihr heißes Blut und die raſtlos arbeitende Phan⸗ taſie dies ſehr ſchwer machte. Der ſtete Kampf der Natur und Sittlichkeit veranlaßte ſie, die Philoſophen zu prüfen, und um eine vernünftige Ausgleichung zu finden, machte ſie ſich mit den widerſprechendſten Syſtemen bekannt. Die Wiffenſchaft ſchien ihr jetzt nur Einen Zweck zu haben, nämlich die Räthſel und Geheimniſſe des Lebens, der äußern und innern Welt aufzuſchließen. Immer ſtieß ſie bei ihren Studien wieder auf republikaniſche Meinungen und der Wahn ſetzte ſich in ihr feſt, als ob nur aus dem Schooße der Republik wahre Tugend und Geiſtesgröße her⸗ vorgehen könnte. Eine Reiſe nach Verſailles, wo ſie das Hofleben einige Tage in der Nähe beobach⸗ tete, beſtärkte ſie in der Bewunderung der Griechen und Römer, ihrer Ideale, und nährte ihren Haß gegen Hof und Königthum. Sie wurde ſich deſſen recht bewußt, als 1771 die Parlamente mit dem Hofe ſich entzweiten; ihr war, als müſſe ſie Parthei ergreifen und ſich zu denen ſtellen, welche die ſtärkſte Sprache führten. Ein Kreis von Edelleuten, in wel⸗ chen man ſie ihrer Freundin wegen aufnahm, aber nur als geiſtreiches und ſchönes Mädchen duldete, trug nicht wenig bei, ihren Widerwillen gegen hoch⸗ müthige und anmaßende Menſchen zu vergrößern, denen ihr Adelsdiplom ein Freibrief aller Schänd⸗ lichkeit und Verkehrtheit dünkte. Ueberall entdeckte ſie die Lichtſeiten der Republik, Frankreichs entartete Sitten, deren Schmach ihr ſo häufig vor die Augen trat, widerten ſie an. Ihre Geduld in Ertragung von Schmerz und quälender Beſorgniß wurde in ihrem achtzehnten Jahre ſchwer erprobt, als die natür⸗ lichen Blattern ihr alle Reize des wohlgebildeten Geſichts zu rauben drohten. Die Gefahr ging in⸗ deſſen vorüber. Manon vertiefte ſich von Neuem in ihre Studien; ſie ſuchte Aufſchluß über ſich ſelbſt und des Menſchen Beſtimmung; über die Verhält⸗ niſſe des ſocialen Lebens und die Rechte des Geiſtes; ſie glaubte, das wahre Glück ſei einzig davon ab⸗ hängig, daß unſer inneres und äußeres Leben zur harmoniſchen Einheit gelange. Ce résumai promp- tement que P'unité du moi personel, si je puis ainsi parler, c'est- à- dire, le plus grand accord entre les opinions et la conduite, était nécessaire au bien- 6tre individuel.) Mehrmals war es ihr vergönnt, das Glück und die Ruhe eines ländlichen Aufenthalts, den ſie in der ſchönſten Zeit mit ihrer Familie zu Meudon beſuchte, zu genießen. Aber die Stürme blieben nicht aus. Der Erſte war der unver⸗ muthete Tod der Mutter. Hier zeigte ſich Manons Ahndungsvermögen zum Erſtenmal. Sie machte ge⸗ rade einen Beſuch, war aber äußerſt unruhig und es ahnte ihr, ſie werde ihre Mutter nicht mehr am Leben finden. Sie eilte nach Hauſe— Madame Phlipon war vom Schlage getroffen und ſtarb den⸗ ſelben Tag. Der Verluſt ihres Vermögens folgte dieſem Fall faſt auf dem Fuße, denn ihr Vater führte ein unordentliches Leben und kam dadurch täglich mehr zurück; ſeine Arbeiter ſuchten andere Beſchäftigung, die Augen nahmen ab, die Hand zitterte— und kurz, man weiß das Schickſal eines alten Kupferſtechers, der nicht in guten Zeiten für ſein Alter ſorgte. Manon ſollte auf andere Weiſe für ihre Tugend belohnt werden. Jean Maria Roland, ein thätiger und achtbarer Gelehrter, der mit ernſtem Charakter die ſtrengen Sitten der Alten nachahmte, bot ihr ſeine Hand, nachdem er ſie fünf Jahre gekannt und geliebt hatte. Das Glück ihrer Ehe ſchien unzer⸗ — 260 ſtörbar; die Geburt einer Tochter befeſtigte es noch mehr. Madame Roland, die ſich mit der Erziehung ihrer Tochter beſchäftigte, ſuchte dieſer all die Sorg⸗ falt zu beweiſen, die ſie ſelbſt von ihrer Mutter erhalten hatte. Die übrige Zeit des Tages brachte ſie im Kabinet ihres Mannes zu, theilte ſeine Ar⸗ beiten und gewann durch ſeine Einſicht. Roland, damals Oberinſpector des Manufakturweſens, liebte die Freiheit wie Manon und zeigte ihr neue Anſichten der Welt und des Staatslebens. Die Eindrücke, welche die Studien ihrer Jugendzeit zurückließen, befeſtigten ſich, beſchäftigten ſie in der Einſamkeit und folgten ihr auf ihren Reiſen. In den Ländern, welche ſie an der Seite des Gatten durchflog, betrach⸗ tete ſie immer zunächſt die Rechtsverhältniſſe des Volkes, ehe ſie den Sitten, Gewohnheiten, Künſten und Denkmälern ihre Aufmerkſamkeit zuwendete. Sie bereiſten England und die Schweiz. Die Tellsplatte war ihr eine heilige Erinnerung. Ihr eigenes Vater⸗ land lernte ſie ebenfalls genau kennen. Die Ver⸗ änderungen, die ſich allmählich vorbereiteten, beob⸗ achtete ſie in der Zurückgezogenheit, nahe bei Lyon lebend, mit ihrem Gatten, von dort zog ſie die Ent⸗ wickelung des großen Dramas wieder nach Paris. Die Stadt Lyon ſandte Herrn Roland an die con⸗ ſtituirende Verſammlung. Von dieſem Augenblicke an entſchied ſich das Schickſal Beider. Roland wurde nachher Miniſter, der Girondiſtiſche Miniſter Lud⸗ — 261— wigs XVI.— ein Miniſter, der in bürgerlicher Klei⸗ dung zur Sitzung kam und mit ſeinem Könige die Sprache eines Republikaners redete. Es iſt bekannt, daß Manon jenen denkwürdigen Brief ihres Ge⸗ mahls in Betreff der nicht beeidigten Prieſter an den König ſchrieb, auf welchen Roland ſeiner Stelle zuerſt entlaſſen wurde. Wir wollen hier nicht auf nähere Umſtände eingehen, welche in eine Geſchichte der franzöſiſchen Revolution gehören. Die Gironde fiel. Die Schreckensherrſchaft erhob ſich. Man mußte Gei⸗ ſter wie Roland und ſeine Gemahlin, die von den würdigern Freunden der Freiheit verehrt und um⸗ ringt waren, vom Schauplatz zu entfernen ſuchen. Die Bergparthei glaubte ihres Triumphes nicht gewiß zu ſein, ſo lange Ein Weib noch in der Freiheit athmete. In der Nacht vom 31. Mai wurde Ma⸗ dame Roland in die Abtei gebracht. Ihr Gemahl hatte ſein Portefeuille wieder abgegeben und Paris verlaſſen; ſie hätte ihm folgen können und blieb. Es iſt mir ſchwerer, ſchrieb ſie, der Ungerechtigkeit zu weichen, als ſie zu dulden. Sie ertrug den Ver⸗ luſt der Freiheit, wie in frühern Tagen den ihres Vermögens. Die Anmuth ihrer Perſon, ihrer Sit⸗ ten, der unbedeutendſten Worte, milderten die Strenge ihrer Wächter. Eine ſchwere Entbehrung drohte ihr, nämlich: ihre Wohlthätigkeit beſchränken zu müſſen. So lange Roland Miniſter war, ſpendete ſie monat⸗ lich tauſend Franks zu milden Zweckenz jetzt im Kerker — 262— verkaufte ſie ihr Silber und entzog ſich was ſie konnte, um noch mildthätig zu ſein. Täglich floſſen ihre Thränen über das Elend des Vaterlandes, über den Sieg der Bosheit, über die Trennung vom Gemahl und Kinde, Manon raffte alle Standhaftigkeit zu⸗ ſammen, um den Schlägen des Schickſals zu wider⸗ ſtehen: ſtolz, ſich mit ihm zu meſſen, wollte ſie es zu ihren Füßen ſehen. Hier im Kerker der Abtei und St. Pelagie, wo man zu Ehren der Gleichheit eine Roland mit dem Auswurf ihres Geſchlechts zuſam⸗ men verſchloß, begann ſie ihre Memviren zu ſchrei⸗ ben. Sie gieng mit der Seelenruhe eines Weiſen in die Jugend und Kindheit zurück, ſie malte dieſe la⸗ chenden Jahre mit den friſcheſten Farben; ſie miſchte Anekdoten, Portraits der Zeitgenoſſen und Charakter⸗ züge ein, die für den Forſcher der Geſchichte und den Beobachter der Sitten unvergleichlichen Stoff bieten; ſie durchglühte jene ihre Erinnerungen zum Verſtändniß der Zeitgeſchichte mit dem Groll und Unwillen einer ſtarken Seele, die Freiheit ſucht und Ketten findet; ſie weihte ihren Freunden das Lob, das ihnen gebührte, und verhieß ihren Unterdrückern den Haß der Mit⸗ und Nachwelt. Ihre Geheim⸗ niſſe theilten und ihre Schriften empfiengen zwei Freunde, deren Einer geächtet floh und das anver⸗ traute Gut rettete; es war Herr Bose; der Andere ſchmachtete im Kerker und man warf hier die ihm übergebenen Manuſcripte Manons ohne ſein Wiſſen — 263— in die Flammen. Dieſe Schriften, Plutarch und Tacitus waren der einzige Troſt in ihrer Gefangen⸗ ſchaft. Selten ein Hoffnungsſtrahl; ihre Ahndung ſtellte wieder die ganze Zukunft im ſchwärzeſten Licht. vor ihre Seele; ſie fühlte ſich rettungslos von der Krankheit befallen, welche die Engländer heart-break nennen. Ihr Entſchluß war gefaßt; ſie fand eine Genugthuung darin, die Tyrannei zu täuſchen, und wollte frei in Banden ſterben. Ihre„letzten Ge⸗ danken“ drücken dieſen Entſchluß aus, den ſie ohne Schwäche und Uebereilung faßte; wie jene großen Geiſter des Alterthums wollte ſie ſelbſt ihr Opfer vollziehen. Sie rettete dadurch, wenn ſie noch kein Urtheil erhalten hatte, wenigſtens ihrer Tochter das Vermögen, welches nach der Verurtheilung der Re⸗ publik gehörte. Aber eine Gattin, eine Mutter, eine Seele wie Manon bricht die Feſſeln nicht ſo leicht, die ſie an's Leben binden. Wer lieſt ohne die tiefſte Rührung, wie ſie von Mann und Kind Abſchied nahm und ihre Verzeihung für dieſe Trennung er—⸗ bat? Wie ſie zur Gottheit Zuflucht nimmt, um Schutz gegen die Ungerechtigkeit der Menſchen zu finden?„Gott mit dir— ſchreibt ſie— mein Kind, mein Gatte, meine Getreuen, Gott mit Euch! Fahre wohl, herrliche Sonne mit deinem ſchönen Glanz, der in meiner Seele, wie am Himmel Klarheit zu⸗ rückrief; fahrt wohl, ihr einſamen Gefilde, deren An⸗ blick mich oft ſo ſüß bewegt; und ihr ländlichen — 264— Bewohner, unter denen ich geweilt, denen ich Liebe bezeigt, fahret wohl. Fahret wohl, ihr friedlichen Stätten alle, wo ich meinen Geiſt mit Wahrheit getränkt, meine Phantaſie durch Sinnen und Forſchen gefeſſelt, wo ich in ſtiller Wonne der Betrachtung meinen Sinnen gebieten, alles Eitle verachten lernte.“ — Sie wollte anfangs ſich zu Tode hungern. Doch der lange Kampf dieſer Todesart konnte ſie verra⸗ then. Da ſuchte ſie ſich Opium zu verſchaffen. Der Freund, dem ſie ihren Entſchluß entdeckte, zeigte ihr mit Feſtigkeit einen noch muthigern: den Tod zu erwarten, ihrer Sache ein Opfer zu bringen und ihren Henkern den ſonſt gewiſſen Triumph zu ent⸗ reißen. Mit kaltem Blute erwog ſie nun Alles für und wider, und nahm den Vorſchlag an. Nach dem Untergang der Girondins, 31. Oktober 1793, ward Manon in die Conciergerie gebracht. Chauveau⸗ Lagarde, der Vertheidiger Charlottens, wollte auch ihr Beiſtand werden. Er beſuchte ſie mehrmals im Kerker, er beredete Abends vor dem Hauptverhör Alles mit ihr und das Geſpräch verzog ſich bis eilf Uhr. Man ſagte ihm, daß nun die Thore geſchloſ⸗ ſen würden, und er ſchickte ſich an zu gehen. Ma⸗ non, einen Augenblick ſtill, ſtand auf und reichte ihm einen Ring von ihrem Finger, ohne etwas zu ſagen. Madame! rief Chauveau lebhaft, indem er ihre Ahn⸗ dung errieth: wir werden uns Morgen, nach dem Urtheil, wiederſehen!— Sie ſtand mit geiſterhaften — W— Blick, als könne ihr Auge die ſchwarze Nacht durch⸗⸗ bohren, vor ihm. Morgen, ſprach ſie, werd' ich nicht mehr ſeyn. Ich weiß, was mich erwartet. Ihr Rath iſt mir theuer, aber er wird Sie verder⸗ ben und mich nicht retten. Sparen Sie mir den Schmerz, einen Mann wie Sie dem Tode preis ge⸗ geben zu haben! Kommen Sie nicht zum Tribunal, ich würde Sie dort nicht kennen dürfeu—— aber nehmen Sie dies einzige Zeichen meines Dankes, Chauveau. Morgen, werd' ich nicht mehr ſeyn!— Sie benutzte dieſe Nacht, um ihre berühmte Ver⸗ theidigung ſelbſt niederzuſchreiben; nie hat eine ſtolze Seele ſo mit Tyrannen geſprochen, die Recht und Freiheit mit Füßen treten. Sie erſchien vor ihren Richtern mit der Ueberzeugung, daß ſie ohne Ver⸗ hör ſchon verurtheilt ſey. Wir wollen daher Nichts von dieſem Verhöre anführen, als die letzten Worte Manons, deren Seele jetzt nur bei den gemordeten Freunden verweilte. Ihr würdigt mich, ſprach ſie zu ihren Richtern, das Loos der großen Männer zu theilen, die ihr gemordet habt; ich will verſuchen, mit gleichem Muth wie ſie das Schaffot zu beſtei⸗ gen!— Sie zeigte in der That noch größern Muth. Die ruhige Miene, die Heiterkeit der Züge, der aus⸗ drucksvolle Blick, der ungekünſtelte Ton, in welchem ſie ſprach— denn ſie ſuchte einen Todesgefährten zu beruhigen— Alles ließ den tiefſten Eindruck in den Gemüthern zurück, die nach den vorausgegange⸗ Nodnagels pvetiſche Frauenbilder. II. — 266— nen Gräueln noch eines Eindrucks fähig waren. Mit feuchten Augen hatte ſie den Kerker wieder betreten, aber es war nur der Schmerz über die Unmenſchlichkeit ihrer Richter, keine Klage über ihr eigenes Geſchick. Zum Todesgange kleidete ſie ſich weiß und ließ ihr volles, dunkles Haar bis zum Gürtel herabfallen. Jener Todesgefährte Manons wollte ſinken, noch ehe ſie an das Schaffot kamen; ſie, das Weib, ſprach ihm Muth ein; ſie bat den Henker, jenem zuerſt den Tod zu geben; und als der Henker den Kopf ſchüttelte, fragte ſie mit ihrem unwiderſtehlichen Tone: Kannſt du einer Frau die letzte Bitte verſagen?— Er gab nach und nun ſprach ſie zu dem Muthloſen: Geht zuerſt, ſo braucht ihr mein Blut nicht fließen zu ſehen!— Auf die⸗ ſem Richtplatze ſah ſie die Statue der Freiheit; ſie neigte ſich vor ihr mit den Worten: O Freiheit! welche Verbrechen begeht man in deinem Namen! — So ſtarb Manon Roland. Sie hatte oft geſagt, ihr Gemahl werde ſie nicht überleben. Auch hier trog die Ahndung nicht. Fünf Tage nach Manon's Tod verließ er vom Wahnſinn gepeitſcht das ſichere Aſyl bei ſeinen Freunden zu Rouen; er wollte nicht auf dem Schaffot ſterben, um ſeinem Kinde das Vermögen nicht zu rauben. Unterwegs, noch ehe er Paris erreichte, wog der Schmerz zu ſchwer auf ſei⸗ ner Seele. Er bohrte ſich, an einem einſamen Wege ſitzend, den Dolch in die Bruſt, und ſchien, als man — ihn Tags darauf fand, zu ſchlafen. Ein Zettel lag bei ihm, des Inhalts:„Du, der mich hier findet, achte meine Reſte. Es ſind die eines Mannes der ſein Leben hingab, um nützlich zu ſeyn und der ſtarb, wie er lebte. Möchten doch meine Mitbürger ſanf⸗ tere und menſchlichere Empfindungen annehmen! Das Bürgerblut, das überall in Frankreich fließt, heißt mich dieſen Rath geben. Dieß Gemetzel iſt gewiß nur das Werk der grauſamſten Feinde Frank⸗ reichs. Bald werden ſie in einem Lande, deſſen beſte Bürger geflüchtet oder gemordet ſind, leichtes Spiel haben. Nicht Furcht, nein Zorn ſcheucht mich aus dem ſichern Verſteck, wo ich meiner Gattin Tod er⸗ fuhr. Ich wollte nicht länger in einem blutbefleck⸗ ten Lande leben!“— Ich habe Manon Roland die Kaſſandra der Re⸗ volution genannt, dieſes iſt es, wodurch ſie zumeiſt in poetiſchem Glanze ſtrahlt. Schon ehe ihr Ge⸗ mahl von Lyon nach Paris gieng, weiſſagte ſie in Briefen, die Republik, als letztes Ziel der Revolu⸗ tion, werde nicht erreicht werden. Sie ſah in Paris die Gironde, die Parthei ihres Mannes, auf dem Gipfel des Einfluſſes— und verkündigte ihren Freunden und der Sache der Republik auch damals nur Unheil. Wie Kaſſandra's Stimme verhallte die Ihrige vor tauben Ohren. Ja, der tragiſche Schwindel verwirrte zuletzt auch ihren hellen Blick; ſie glaubte ſelbſt nicht mehr der ahnunzsvollen —— Stimme, die ein freundliches Geſchick ihr als Schutz⸗ geiſt gegeben— ſie gieng feſten Schrittes dem Ab⸗ grund entgegen, der ſie aufnehmen ſollte, denn in dem Qualme, der aus ſeinen Schlünden aufdampfte, ſtand verhüllt und nur den Seheraugen Manons— aber ihnen als Trugbild— kenntlich der Schatten —— der Freiheit. Wie wollt ihr dies nennen? Wahnſinn oder politiſche Schwärmerei? Sie hatte ein Ideal vor Augen, das zu erreichen möglich und ſelbſt Pflicht ſchien. Dieſem Ideal opferte die Hel— din Alles, was nur freiwillig hinzugeben in menſch⸗ licher Macht ſteht. Ich füge einige Stellen aus Manon's Memoiren bei. Gerechter Himmel! erleuchte dies unglückliche Volk, für welches ich die Freiheit erſehnte! Die Freiheit! Sie iſt nur für ſtolze Seelen, welche den Tod ver— achten und zu rechter Zeit ihn ſich ſelbſt geben. Sie iſt nicht für dieſe ſchwachen Menſchen, welche mit dem Verbrechen zaudern, und ihre Selbſtſucht und Feigheit unter dem Namen der Klugheit bergen. Sie iſt nicht für verdorbene Menſchen, welche aus dem Bette des Laſters und dem Schmutze des Elendes hervorkommen, um ſich im Blute zu berauſchen, das von den Schaffoten fließt. Für ein verſtändiges Volk iſt ſie, welches Menſch⸗ lichkeit liebt, Gerechtigkeit übt, Schmeichler verachtet, aber wahre Freunde kennt und die Wahrheit ehrt. — So lange ihr nicht ſolch ein Volk ſeid, Mitbürger, ſprecht ihr umſonſt von der Freiheit, ihr werdet nur ſtatt ihrer Willkühr und Zügelloſigkeit haben, der ihr alle zum Opfer fallet; ihr werdet Brot fordern, und man wird euch Leichen vorwerfen und zuletzt werdet ihr geknechtet ſeyn!— Nie fühlte ich die geringſte Verſuchung, einſt Schriftſtellerin zu werden; ich ſah ffrühe ein, daß ein Weib, welches dieſen Titel erhält, mehr damit ver⸗ liert, als gewinnt. Die Männer lieben ſie nicht, ihr eigenes Geſchlecht bekrittelt ſie; ſind ihre Schrif⸗ ten ſchlecht, macht man ſich luſtig über ſie und mit Recht; ſind ſie gut, entzieht man ihr das Verdienſt und glaubt, ein Mann habe daran gehol⸗ fen. Iſt man gezwungen zu geſtehen, daß ſie Etwas Gutes geſchrieben hat, ſo zupft man dergeſtalt an ihrem Charakter, ihren Sitten, ihrem Betragen und Talent, bis der Ruf ihres Talentes durch das Licht, in welches man ihre Fehler ſtellt, aufgewogen wird. Die Geſetzgeber unſers Jahrhunderts ſuchen ein allgemeines Wohl zu fördern, aus dem das Glück jedes Einzelen entſpringt; ich fürchte ſehr, ſie ſpan⸗ nen dabei die Ochſen hinter den Karrn. Es würde der Natur und vielleicht auch der Vernunft ange⸗ meſſener erſcheinen, auszufinden, was das häusliche Glück gründet und dieſes den Einzelen dergeſtalt zu — 270— ſichern, daß das Gemeinwohl aus dem der Einzelen beſtehe und daß Allen daran liege, die Ordnung der Dinge zu erhalten, die ihnen jenes Glück verſchafft. Wie trefflich auch die geſchriebenen Grundſätze einer Conſtitution ſeyn mögen, ſehe ich einen großen Theil derer in Schmerz und Thränen, die ſie angenommen haben, ſo muß ich fürchten, ſie ſei nur ein politiſches Ungeheuer; wenn aber die, welche nicht weinen, ſich gar am fremden Elende ergötzen, dann iſt ſie grauſam, und ich muß ihre Stifter für Wahnwitzige oder Verbrecher erklären. Die Liebe zur Arbeit iſt die Tugend des Men⸗ ſchen im geſelligen Verband, ſie iſt hauptſächlich es bei denen, die keinen gebildeten Geiſt haben, nimmt dieſe Liebe ab, ſo nimmt die Gefahr zu; erliſcht ſie ganz, ſo iſt der Menſch der Verirrung ſeiner Leiden⸗ ſchaften preis gegeben, die immer ſo verderblicher ſind, je weniger Erwerb er hat, weil er dann auch weniger hat, was ihn im Zaum hält. Die Ehe iſt ernſt und ſtrenge; wenn ihr aber einer gefühlvollen Frau die Reize der Freundſchaft mit Perſonen ihres Geſchlechtes rauben wollt, ſo entzieht ihr derſelben eine nothwendige Nahrung und gebt ſie Preis. Was folgt aus dieſer Wahrheit? 3 8. 48 2 8. 8* 3 5 8. — — — ind, Follen. B Brach dich der Volksſchmach herbſtlicher A Treue Luiſe, A. husnelda's Kind! T — S — — = — 5 * = S 8 S S ₰ — * — — S E Ach! vor der Freiheit Frühlingsgekoſe Quiſe Auguſte Wilhelmine Amalie, Tochter des Herzogs Karl von Mecklenburg-Streliz und der Prinzeſſin Friedrike Karoline Luiſe von Darmſtadt, war am 10. März 1776 zu Hannover geboren, wo ſich damals ihre Aeltern aufhielten und ihr Vater als Gouverneur ſtand. Von den ſüßen Tagen der erſten unbefangenen Kindheit ſprach ſie immer mit dankbarſter Anerkennung für Alle, die um ihre und ihrer Geſchwiſter Pflege bemüht waren. Kaum hatte ſie einige Wochen das ſechſte Lebensjahr zurückgelegt, als der Tod der Mutter dem kindlichen Herzen ſchon ſchmerzliche Wunden ſchlug. Ihre Erziehung wurde ſorgſamen Händen anvertraut. Die Familie lebte nun anfangs auf einem Luſtſchloſſe nahe bei der Stadt, dann wieder zu Hannover, wohin auch Luiſe, nach einem kürzern Beſuche bei ihrer Großmutter zu Darmſtadt wieder zurückkehrte. Ihr Vater hatte ſich 1784 mit der Schweſter ſeiner erſten Gemahlin ehelich verbunden, verlor dieſe aber ſchon im folgen⸗ — den Jahre, nahm dann den Abſchied und zog nach Darmſtadt. Luiſens Erziehung leitete ſeitdem die würdige Großmutter, die durch Unterricht und Bei⸗ ſpiel auf ſie wirkte und bei allem Streben nach fei⸗ ner Weltbildung ſie doch zugleich mit dem Werthe häuslicher Freuden und Tugenden bekannt machte. Die unter Aufſicht der Landgräfin ſie erziehende Schweizerin— eine Gouvernante in fremder Zunge mußte nun einmal benutzt werden— ſcheint völlig in den Plan der Großmutter eingegangen zu ſeyn, um die ächtdeutſchen Elemente im Charakter Luiſen's zu pflegen und zu entwickeln.„Sie führte ſie oft in die Hütten der Armen und an das Siechbette der Kranken, und nie verließ die Prirzeſſin die Woh⸗ nungen der Dürftigkeit und des Grams, ohne reiche Gaben geſpendet und durch ihre Milde Thränen des Jammers getrocknet und Seufzer der Verzweif⸗ lung geſtillt zu haben.“— In den folgenden Jah⸗ ren beſuchte ſie Strasburg, die ſchönſten Rheinge⸗ genden und die Niederlande, ſowie zwei Kaiſerkrö⸗ nungen zu Frankfurt. Die Reize der Natur und das bewegte Menſchenleben zogen ihre Seele mächtig an;„ſie lernte die Welt von vielen Seiten kennen und erwarb ſich jene liebenswürdige Humanität, wodurch ſie nachmals die Bewunderung und Ver⸗ ehrung aller gewann, die des Glückes ſich erfreuen konnten, ſich ihr nähern zu dürfen.“ Die Revolu⸗ tion brach aus. Friedrich Wilhelm II., König von —— — 275— Preußen, führte ſelbſt ein Heer anz ihn begleiteten zwei Söhne, deren älteſter, der Kronprinz Friedrich Wilhelm, damals in Frankfurt Luiſen kennen lernte, welche von einem Beſuche bei ihrer Schweſter zu Hildburghauſen wieder nach Darmſtadt zurückkehren wollte. Von dem Könige zur Abendtafel eingeladen blieben die Schweſtern, und der Kronprinz faßte ſogleich beim erſten Anblick eine innige Neigung für Luiſen. Im April verlobten ſie ſich zu Darmſtadt und der König ließ es ſich nicht nehmen, ſelbſt den Wechſel der Ringe zu verrichten. Die Unruhen des Krieges hinderten die Vermählung noch bis zum 4. Dezember 1793, wo ſie zwar mit großer Pracht, aber zugleich in einer Art vollzogen wurde, daß die Königsfamilie das reizende Bild häuslichen Glückes und inniger Liebe darſtellte. Am 15. Oktober 1795 erhielt Luiſe ihren erſten Sohn Friedrich Wilhelm, den jetzigen König von Preußen; die ſüßen Pflichten einer Mutter vermehrten nur ihr Glück. Ihr Schwiegerva⸗ ter, der ſie ſo zärtlich liebte, ſtarb am 16. November 1797 und ſein Tod rief das beglückte Paar auf den Thron. Sie hatte bisher ſchon alle ihre Unterthanen durch Huld und Herablaſſung, durch Wohlthätigkeit und Sanftmuth gewonnen und man gab ſich daher den ſchönſten Hoffnungen hin. Der neue Regent wollte ſich in ſeinen angeſtammten Ländern huldigen laſſen und zu dieſem Zwecke zuerſt nach Königsberg gehen. Luiſe begleitete ihn. Kaum konnten ſich die — 276— älteſten Greiſe in dieſen Gegenden erinnern, eine Königin geſehen zu haben, daher glich die Reiſe einem beſtändigen Triumphe oder richtiger einer un⸗ unterbrochenen Reihe von Familienfeſten, in welchen man Vater und Mutter des Landes einführte. Zumal waren die Pommern von ihrer milden Herablaſſung entzückt. In Danzig machten ihr die Bernſteindreher mit einem trefflichen Halsſchmucke aus Bernſtein ein ihr ſehr angenehmes Geſchenk, das ſie lange und mit großer Vorliebe trug; auch in Königsberg erhielt ſie prachtvolle Geſchenke von Bernſtein. Ueberall beei⸗ ferten ſich treue Unterhanen, der reizenden Königin, wenn auch nur die kleinſte Freude zu machen. In ungeſtörtem Glücke verſtrichen noch einige Jahre, während welcher ſie ihren Gemahl auf verſchiedenen Reiſen in ſeine Provinzen begleitete. Im Winter 1805 auf 1806 war Luiſe leidend, daher beſuchte ſie im nächſten Sommer die Bäder zu Pyrmont. Die politiſchen Ereigniſſe ſcheinen gerade damals ſie nicht ſo unmittelbar berührt zu haben, wie man an⸗ nahm. Erſt da ſie im Anfang des Auguſt wieder in Berlin eintraf, erfuhr ſie, Preußen habe den Krieg gegen Napoleon beſchloſſen. Wenn ſie nun dieſen Kampf nicht gewünſcht und die preußiſche Armee nicht beſonders dazu angefeuert hatte, ſo war er ihr doch, einmal beſchloſſen, eine Lebensfrage und ſie nahm mit heldenhafter Begeiſterung an demſelben Theil. Nach kurzem Aufenthalt zu Charlottenburg — 277— folgte ſie dem König nach Naumburg an der Saale, wo Friedrich Wilhelm den Ausbruch des Krieges zu erwarten gedachte. Die Feindſeligkeiten begannen. Die Unglückstage von Jena und Auerſtädt entſchieden und im Oktober nahm Napoleon alle preußiſchen Länder zwiſchen Rhein und Elbe weg. Die Feſtungen ergaben ſich, die Heerestheile löſten ſich auf und bald ſah man den höhniſchen Eroberer in Berlin ſeinen Einzug halten. Der König ſuchte mit männ⸗ licher Faſſung die Ueberreſte ſeiner Truppen zuſam⸗ men zuziehen und möglichſten Widerſtand zu leiſten. Luiſe zeigte eine Duldung und Gottergebung, die ſelten ihres Gleichen in der Geſchichte hat. In jenen Ta⸗ gen ſchrieb ſie, im bangen Gefühl der bitterſten Noth, die Worte Göthe's in ihr Tagebuch: Wer nie ſein Brod mit Thränen aß. Die betrübenden Nachrichten, welche dem im Dezember zu Königsberg angekommenen königlichen Paare von allen Seiten überſandt wurden, erſchüt⸗ terten Luiſen's Geſundheitz ſie ſtand am Rande des Grabes. Ja, die Annäherung der Feinde zwang ſie noch von dieſer Stadt aus zur Fluchtz in Betten gehüllt mußte man ſie zur Winterszeit nach Memel bringen. Ihr ungebeugter Muth und Dulderſinn fand nicht nur in der unerſchütterlichen Liebe ihres Ge⸗ mahls, ſondern zugleich in der Anhänglichkeit ihres Volkes die ſicherſte Stütze. Die Schlachten von Eylau und Friedland ſchienen die letzten Hoffnungen zerſchmettern zu wollen. Aber welche Geſinnung — 6— noch damals Luiſe im Buſen trug, das beweiſt ein Brief an ihren Vater, den ſie am 17. Juni 1807 — alſo drei Tage nach der Schlacht von Friedland! — aus Memel ſchrieb:— Mit der innigſten Rührung und unter Thränen der dankbarſten Zärtlichkeit habe ich Ihren Brief vom Monat April geleſen. Wie ſoll ich Ihnen danken, beſter, zärtlichſter Vater, für die vielen Beweiſe Ihrer Liebe, Ihrer Huld, Ihrer un⸗ beſchreiblichen Vatergüte! Welcher Troſt iſt dieſes nicht für mich in meinem Leiden und welche Stärkung! Wenn man ſo geliebt wird, kann man nicht ganz unglücklich ſeyn. Es iſt wieder aufs Neue ein ungeheueres Ungemach über uns ge⸗ kommen, und wir ſtehen auf dem Punkt, das König⸗ reich zu verlaſſen. Bedenken Sie, wie mir dabei iſt; doch bei Gott beſchwöre ich Sie, verkennen Sie Ihre Tochter nicht! Glauben Sie ja nicht, daß Kleinmuth mein Haupt beugt. Zwei Hauptgründe habe ich, die mich über Alles erheben; der erſte iſt der Gedanke: wir ſind kein Spiel des blin⸗ den Zufalls, ſondern wir ſtehen in Got⸗ tes Hand, und die Vorſehung leitet uns; der zweite: wir gehen mit Ehreunter. Der König hat bewieſen, daß er nicht Schande, ſondern Ehre will. Preußen wollte nicht freiwillig Sklavenketten tragen. Auch nicht einen Schritt hat der König anders handeln können, ohne ſeinem Charakter ungetreu und an ſeinem Volke Verräther — 279— zu werden. Wie dieſes ſtärkt, kann nur der fühlen, den wahres Ehrgefühl durchſtrömt.— Doch zur Sache.— Durch die unglückliche Schlacht von Fried⸗ land kam Königsberg in franzöſiſche Hände. Wir ſind vom Feinde gedrängt, und wenn die Gefahr nur etwas näher rückt, ſo bin ich in die Nothwen⸗ digkeit verſetzt, mit meinen Kindern Memel zu ver⸗ laſſen. Der König wird ſich wieder mit dem Kaiſer vereinigen. Ich gehe, ſobald dringende Gefahr ein⸗ tritt, nach Riga; Gott wird mir helfen, den Augen⸗ blick zu beſtehen, wo ich über die Gränzen des Reichs muß. Da wird es Kraft erfordern, aber ich richte meinen Blick gen Himmel, von wo alles Gute und Böſe kommt, und mein feſter Glaube iſt: er ſchickt nicht Mehr, als wir tragen können! Noch einmal, beſter Vater, wir gehen unter mit Ehren, geachtet von Nationen, und wir werden ewig Freunde haben, weil wir ſie verdienen. Wie beruhigend dieſer Gedanke iſt, läßt ſich nicht ſagen. Ich ertrage Alles mit einer ſolchen Ruhe und Gelaſſenheit, die nur Ruhe des Gewiſſens und reine Zuverſicht geben kann. Deßwegen ſeyn Sie überzeugt, beſter Vater, daß wir nie ganz unglücklich ſeyn können, und daß Mancher mit Kronen und Glück bedrückt, nicht ſo froh iſt, als wir es ſind. Gott ſchenke jedem Guten den Frieden in ſeiner Bruſt, und er wird noch immer Urſache zur Freude haben. Noch Eins zu Ihrem Troſte, daß nie Etwas von unſerer Seite geſchehen wird, — 280— das nicht mit der ſtrengſten Ehre verträglich iſt, und was nicht mit dem Ganzen gehet. Denken Sie nicht an einzelne Erbärmlichkeiten. Auch Sie wird das tröſten, das weiß ich, ſo wie Alle, die mir angehören. Ich bin auf ewig Ihre treue, gehorſame, Sie inniglie⸗ bende Tochter, und Gott Lob, daß ich es ſagen kann, da Ihre Gnade mich dazu berechtigt— Ihre Freuudin Luiſe. Am 24. Juni ſchrieb ſie, weil dieſer Brief noch nicht abgegangen war, unter Andern: Noch immer ſind meine Briefe hier, weil nicht nur Winde, ſon⸗ dern Stürme alles Auslaufen der Schiffe unmöglich machten. Nun ſchicke ich Ihneu einen ſicheren Men⸗ ſchen, und fahre deshalb fort, Ihnen Nachricht von hier mitzutheilen. Die Armee iſt genöthigt geweſen, ſich immer mehr und mehr zurückzuziehen und es iſt von ruſſiſcher Seite ein Waffenſtillſtand auf vier Wochen abgeſchloſſen worden. Oftmals klärt ſich der Himmel auf, wenn man trübes Wetter vermu⸗ thet; es kann auch hier ſeyn; Niemand wünſcht es ſo wie ich: doch Wünſche ſind nur Wünſche, und noch keine feſten Baſen. Alſo Alles von Dir dort oben, du Vater der Güte! Mein Glaube ſoll nicht wanken, aber hoffen kann ich nicht mehr.— Auf dem Wege des Rechts leben, und, wenn es ſeyn muß, Brot und Salz eſſen; nie werde ich ganz unglücklich ſeyn— nur hoffen kann ich nicht mehr!— Wie mußte dieſe verzweifelte Ueberzeugung eine ſolche Seele erſchüt⸗ tern! Dennoch wollte Luiſe nichts unverſucht laſſen, für den Gemahl und ihr unglückliches Volk ward ihr kein Schritt zu ſchwer. Sie begab ſich daher ſelbſt zu Napoleon nach Tilſit, vielleicht war doch noch ein vortheilhafterer Friede zu gewinnen. Um⸗ ſonſt. Napoleon widerſtand ihren Bitten, wie ſehr er ſie auch zu achten gezwungen war. Der kalte und verſchmitzte Diplomat Talleyrand erzählt, ſein Kaiſer habe ſie mit dem gewöhnlichen Hohn gefragt: Aber wie konnten Sie auch mit Mir den Krieg an⸗ fangen?— Sire, erwiederte die Königin, dem Ruhme Friedrichs war es erlaubt, über unſere Kräfte uns zu täuſchen, wenn anders wir uns getäuſcht ha⸗ ben!— Der Friede zu Tilſit war geſchloſſen, allein die königliche Familie blieb noch in Memel und traf erſt zu Ende des Jahres 1807 wieder in Königs⸗ berg ein. Sie bewohnte das kleine Landgut, wel⸗ ches einſt dem Schriftſteller Hippel gehört hatte. Ihre Freude, wieder hier angekommen zu ſeyn, be⸗ wies ſie beſonders durch milde Gaben an die Ar⸗ men, an Invaliden und Soldatenwittwen. Im De⸗ zember 1808 folgte das königliche Paar den wie⸗ derholten freundſchaftlichen Einladungen des ruſſi⸗ ſchen Czaren Alerander und trat eine Reiſe nach Petersburg an. In allen Städten, die ſie auf ih⸗ rem Wege berührten, waren die glänzendſten An⸗ ſtalten zu ihrem Empfange getroffen. Der liebens⸗ — 282— würdige Wirth und ſein Bruder, der Großfürſt Konſtantin, eilten ihnen entgegen. Es war für Luiſen ein glücklicher Monat, der ihr die trübe Vergangenheit und die ängſtlichen Bilder der Zu⸗ kunft verwiſchen zu wollen ſchien. Nach ihrer Rück⸗ kehr erwartete man ſie wieder zu Berlin, wo ſie aber erſt kurz vor dem Weihnachtsfeſte ankamen. Es war der 23. Dezember, derſelbe Tag, an wel⸗ chem ſie einſt als Braut ihren Einzug gehalten hatte. Die Rückerinnerung warf ſich mit aller Wucht des Schmerzes auf ihre Seele und riß kaum ver⸗ narbte Wunden wieder auf, die nun nicht mehr hei⸗ len ſollten. Jahrelang hatte Luiſe gewünſcht, nur einmal noch ihren Vater in Strelitz zu ſehen. Im Juni 1810 führte ſie den Plan aus; ſie ſank an der Gränze ſeines Landes weinend und mit dem vom Schmerz durchſchnittenen Rufe: Ach, da iſt mein Vater!— in die Arme des Herzogs. Die meiſte Zeit brachte ſie im engern Familienzirkel zu. Die Majeſtät, die Hoheit, die Milde und Verklä⸗ rung ihres ganzen Weſens bezauberte Alle, Niemand ahnte das nahe Geſchick. Als eine Dame ihren Perlenſchmuck bewunderte, ſprach ſie: Ich liebe die Perlen ſehr und habe ſie zurückbehalten, als es darauf ankam, meine Brillanten herzugeben. Sie paſſen beſſer für mich, denn ſie bedeuten— Thränen, und ich habe deren viel vergoſſen!— Ihr Gemahl kam nach ihr an, und als die Familie die Schloßkirche — 283— beſah, blieb Luiſe zurück und ſchrieb auf ein Blatt am Schreibtiſche ihres Vaters: Mein geliebter Va⸗ ter! Wie glücklich bin ich heute, als Ihre Tochter, und als die Gattin des beſten der Männer!— Dies war am 28. Juni 1810. Schon Tags da⸗ rauf erkrankte ſie ernſtlich. Doch ſchien nach einigen Tagen die Gefahr vorüber, ſo daß Friedrich Wil⸗ helm nach Berlin zurückreiſte. Aber ihr Leiden ward gefährlicher; das große Herz begann in heftigen Stürmen zu brechen. Mit himmliſcher Faſſung ver⸗ ſchied ſie in den Armen ihres Gemahls, umgeben von einer tieferſchütterten Familie. Charlottenburg war ihr Lieblingsaufenthalt geweſen, dort ruhen ihre Gebeine. Ueber dem Grabe erhebt ſich ihr Marmorbild, das ſie ſchlummernd darſtellt, ein Mei⸗ ſterwerk des Bildhauers Rauch zu Berlin. Theo⸗ dor Körner feierte dies Denkmal in dem Sonette: Du ſchläfſt ſo ſanft!— Die ſtillen Züge hauchen Noch deines Lebens ſchöne Träume wieder; Der Schlummer nur ſenkt ſeine Flügel nieder, Und heil'ger Friede ſchließt die klaren Augen. So ſchlummre fort, bis deines Volkes Brüder, Wenn Flammenzeichen von den Bergen rauchen, Mit Gott verſöhnt die roſt'gen Schwerter brauchen, Das Leben opfernd für die höchſten Güter. Tief führt der Herr durch Nacht und durch Verderben; So ſollen wir im Kampf das Heil erwerben, Daß unſre Enkel freie Männer ſterben. — 284— Kommt dann der Tag der Freiheit und der Rache: Dann ruft dein Volk, dann, deutſche Frau, erwache, Ein guter Engel für die gute Sache. Luiſe war eine hohe, edle Geſtalt; das feine, geiſtvolle Geſicht, durch große, hellblaue Augen be⸗ leuchtet, das reiche, blonde Haar in der reizendſten Fülle und die freie, gewandte Haltung erhob ſie zum Range der ſchönſten Frau ihrer Zeit. Selten hat eine Fürſtin wie ſie Alle, die ihr nahen durften, zu bezaubern verſtanden; ſelten fand ſich in ſolchem Maaße Hoheit und Würde, gleichſam nur für den Thron geboren, mit Grazie und ächtdeutſcher Ein⸗ fachheit verſchwiſtert. Was ſie eben war, ſchien ſie immer allein und ſo zu ſeyn, als ob nichts anders ihre Beſtimmung wäre; daher haben Alle, die ſie ſchilderten, nicht gewußt, ob ſie größer als Königin oder als Hausmutter, als tröſtender Engel der Ar⸗ men, Verlaſſenen und Hülfloſen vder als Beſchütze⸗ rin und Kennerin der Künſte und Wiſſenſchaften ge⸗ weſen ſei.— Die Poeſie ihres Bildes und der Grund, warum ich ſie zu den Frauen zähle, deren Leben eine wichtige Seite des weiblichen Charakters dargeſtellt, iſt jene glühende, verklärte Begeiſterung für die Freiheit und Selbſtſtändigkeit unſers Vol⸗ kes, deſſen Schmach ſie nicht überleben konnte. Mit Recht ſagt Follen: Vor der Freiheit Frühlingsge⸗ koſe brach dich der Volksſchmach herbſtlicher Wind, treue Luiſe!— Frauen und Mädchen haben in jenen Jahren der Erniedrigung für Deutſchland ge⸗ wirkt, ja ſelbſt in Männerkleidern das Schwert oder Feuerrohr getragen. Die Namen einer Johanna Stegen, Lenore Prochaska und Anderer werden in der Geſchichte fortleben— allein gelitten hat vielleicht kein Herz für das Vaterland wie das Lui— ſen's. Aus jedem Wort ihrer Briefe ſpricht das tiefſte Seelenleiden, welches ihr durch Deutſchlands Fall verurſacht ward. Nicht daß ſie vom Throne herabzuſteigen fürchten mußte, bekümmert ſie: denn im Beſitz ihres Gemahls und ihrer blühenden Kin⸗ der könnte ſie ja doch nicht unglücklich werden, und im Nothfall— genügte Salz und Brot. Aber die Ehre des Vaterlandes war der reine Stern, zu dem ſich ihr klares Auge erhob; wenn neidiſche Wolken dieſen Stern umdüſterten, dann gab es für Luiſen keinen ſonnenhellen Tag mehr. Und ſo wollte es der Himmel. Ach, daß ſie die Erhebung ihres Volkes nicht mehr erlebte, daß ſie nicht nach den denkwürdigen Völkerſchlachten mit dem Gemahle ver⸗ eint den Sieg ihrer Preußen feiern durfte! Die zweite Hälfte ihres Lebens war Eine bange Elegie. Oft floßen ihre Thränen in den Armen des Gemahls, öfter noch barg ſie im bangen Buſen die Empfin⸗ dungen der Trauer. Das körperliche Leiden, wel⸗ ches ſie den Stürmen der Zeit entriß, war nur der letzte herbe Tropfen, der das Maas erfüllte.— Nimmer verhallt Luiſens Name; ſie ward ein Schutz⸗ — 286— engel ihres Volkes, das zu ihrem Grabe walffahrte wie zum Grabe einer Heiligen; das Diadem deut⸗ ſcher Frauenehre ſchmückt auf ewig ihre reine Stirne! Biſchof Eylert ſagt: Es lag in der ſeltenen hohen Frau eine glückliche Miſchung des wahrhaft Vor⸗ nehmen und Fürſtlichen mit dem rein Menſchlichen, Beides in innigſter Verſchmelzung, ſo daß gleichzei⸗ tig bei ihrem Anblick Verehrung und Vertrauen ſich des Herzens bemächtigte. Jeder freute ſich, die glän⸗ zende Königin zu ſehen, und unwillkührlich beugte ſich Zeder ehrfurchtsvoll vor ihr; und doch hätte man auch, angeſehen von ihrem milden Blick, ohne alle Furcht gleich zu ihr herantreten und, von ir⸗ gend einem Kummer gedrückt, ihr Alles ſagen kön⸗ nen, gewiß, von ihr verſtanden zu werden.— Eylert wendet auch Schiller's Worte auf ſie an: Das Schönſte, was ich kenn' und wähle, Iſt in der ſchönen Form die ſchöne Seele. Die Seherin von Prey O es liegt hierin mehr als bloße Ironie, es liegt darin die tiefſte Tragik der Menſchenſeele, die in ihrer Zerriſſenheit weder nach Unten noch nach Oben mehr ein Heil erſpäht. Sie will nun, und auf welchem Wege ſie auch dazu gelangen möge, ein Bewußtſeyn haben von Gott und von ihrer Unſterblichkeit. Wollt ihr ihn tadeln dieſen Drang, auch wenn er in Irrthümern und Abnormitäten des freien hellen Gedankens ſich kund gibt? Was hat der Menſch ohne ſeinen Glauben an Gott, und wie ſoll er den Verlorenen wieder gewinnen, wenn ringsum Regation, von Seiten der Gottesgelahrten ſelbſt, das Allerheiligſte einſchließt? G. Bacherer. Unfern der würtembergiſchen Stadt Löwenſtein liegt auf dem Gebirge, deſſen höchſte Spitze der Stocksberg bildet, in romantiſcher Abgeſchiedenheit und rings von Wald umgeben, das Dörflein Pre⸗ vorſt; ſeine nicht zahlreichen Einwohner⸗leben von Holzmachen, Kohlenbrennen und dem Einſammeln von Waldſaamen und angehören einem kräftigen Menſchenſchlage. Krankheiten ſind bei ihnen ſelten, die Kunſt, durch Sympathie zu heilen und mit der Haſelſtaude die Quellen aufzuſuchen, iſt ſehr gemein. In dieſem Dorfe ward 1801 Friedrike Hauffe geboren, deren Vater hier als Revierförſter ſtand. Geſund und blühend als Kind entwickelte ſie früh ein auffallendes Ahnungsvermögen, das ſich zuerſt in vorausſagenden Träumen bekundete. Weil das einſame Dorf für die geiſtige Ausbildung des Mäd⸗ chens keine Gelegenheit bot, ſo brachte man ſie zu ihrem Großvater nach Löwenſtein, welcher ein ver⸗ möglicher Kaufherr und ein Mann von ſtarkem Kör⸗ Nodnagels poetiſche Frauenbilder. 1I. 13 — 200— per und klarem Verſtande war, aber gleichfalls in ſeinem Leben oft durch Ahnungen und wunderbare Geſichte eine tiefe Innerlichkeit verrieth. Nun zeigte ſich bald bei Friedriken ein ſeltſames Gefühl für die Nähe von Metallen, Leichen, und die Gabe, Geiſter zu ſehen. Doch wurde dadurch der kindliche Frie⸗ den des Mädchens nicht geſtört. In der Zeit des Uebergangs zum jungfräulichen Alter trat ein Ereig⸗ niß bei Friedriken ein, das für ihr ganzes übriges Leben vom tiefſten Eindrucke geweſen ſeyn ſoll, al⸗ lein über welches ihr Biograph einen Schleier wirft. Langwierige Krankheiten der Aeltern riefen ſie ſpä— ter nach Prevorſt zurück, wo ihr ſchon geſteigertes Gefühlsleben durch Kummer und Nachtwachen in jahrelanger Aufregung blieb. Vom ſiebzehnten bis neunzehnten Jahre wohnte ſie mit ihren Aeltern zu Oberſtenfeld, froh und ſogar noch lebendiger als an⸗ dere Jungfrauen ihres Alters. Ein zärtliches Ver⸗ hältniß hatte ſie in dieſen Jahren nicht, doch fieng ſie an, in unerklärliche Schwermuth zu verſinken, ſchlief faſt nicht mehr und ließ insgeheim ihren Thrä⸗ nen freien Lauf. An ihrem Verlobungstage wohnte ſie dem Leichenbegängniß des Stiftspredigers zu Oberſtenfeld bei, deſſen Predigten im Leben ſie mäch⸗ tig ergriffen— und auf dieſem Grabe begann nach ihrer Ausſage eigentlich ihr wunderbares magneti⸗ ſches Weſen. Ihr Zuſtand gieng allmählich in den einer fortwährenden Krankheit über, in welcher ihre —— geiſtige Natur die ſeltſamſten Offenbarungen gab. Die Geſchichte ihrer Krankheit bis zum Tode berich⸗ tet Juſtinus Kerner. Wir haben die Aufgabe, die Poeſie ihrer Erſcheinung von dem abzulöſen, was den Arzt oder Magnetiſeur, den Pſychologen oder Theologen oder wer ſonſt für ſolche Mittheilung em⸗ pfänglich ſeyn mag, zunächſt angeht. Kerner iſt hierbei unſer Führer; wir laſſen den Beobachter, ſo⸗ weit möglich, Friedrikens Bild uns ſelbſt ansmahlen. Als er mit der Leidenden zuerſt bekannt wurde, um⸗ gab ihr ſchon vielfach gequälter und zerrütteter Kör⸗ per den Geiſt nur noch wie ein Flor.„Sie war klein, ihre Geſichtszüge vrientaliſch, ihr Auge hatte den Stechblick eines Seherauges, der durch den Schatten langer dunkler Wimpern und Augbrauen noch gehoben wurde. Sie war eine Lichtblume, die nur noch von Strahlen lebte.“ Künſtliche Bildung beſaß ſie nicht; es war bei dem geblieben, was die Natur ihr verlieh. Sie hatte weder eine fremde Sprache, noch Geſchichte, Geographie, Naturkunde oder ſonſt gelernt, was man jetzt den Mädchen auch in Bürgerſchulen mittheilt. Die Bibel und das Ge⸗ ſangbuch blieben ihre einzige Lectüre. Sie ſpielte Klavier.„Ihr ſittlicher Charakter war durchaus ta⸗ dellos; ſie war fromm ohne Frömmelei. Auch ihr langes Leiden und die Art ihres Leidens erkannte ſie als Gnade Gottes.“ Als Gattin ſchien ſie anfangs in das gewöhnliche Leben ſich zu finden, ſo oft es 13 aber die äußeren Umſtände zuließen, floh ſie in die Einſamkeit, um ungeſtörter in ſich einkehren zu kön⸗ nen. Ihr Inneres ſo zu bedecken und ein Aeußeres zum Scheine hinzuſtellen, was nur erkünſtelt lebte, das war inzwiſchen für die Dauer nicht möglich; der zarte Körper erlag ſo unnatürlichem Zwang, der Geiſt rang nach ſeiner Freiheit. Der magnetiſche Zuſtand trat immer mehr vor. Krämpfe und beäng⸗ ſtende Viſionen wechſelten; man gab ihr einige magne⸗ tiſche Striche und beruhigte ſie dadurch häufig; allein die ſeltſamen Erſcheinungen und der Zudrang von aller⸗ lei Menſchen bedrohten ihren Ruf. Eine regelmä⸗ ßige Behandlung würde ihr vielleicht damals viel Jammer erſpart haben; ihr leider zu entfernt woh⸗ nender Arzt ſchlug dies vor, doch wollte ihr Gatte ſie nicht vom Wohnort wegbringen laſſen. Ihre ſämmtliche Ungebung verſtand, wie ſich deutlich er⸗ gibt, ſolche Leiden nicht zu behandeln. Sie trennte ſich daher immer mehr von den Menſchen. Ein— mal ſprach ſie drei Tage nur in Verſen, ein ander⸗ mal ſah ſie eben ſo lang nichts als eine Feuermaſſe, die wie auf dünnen Fäden durch den ganzen Kör⸗ per lief. Jetzt erſchien ihr das erſtemal außer ſich ihr eigenes Bild; es ſaß weiß gekleidet vor ihr auf einem Stuhle, während ſie im Bette lagz ſie ſah es lange an, unvermögend zu ſchreien; endlich rief ſie nach ihrem Manne, worauf es verſchwand. Das Licht des Tages und der Sonne ward ſofort ihr un⸗ — 293— erträglich. Jetzt hatte ſie auch zuerſt die Erſchei⸗ nung des ſogenannten zweiten Geſichts, die bei den Schotten ſo häufig vorkommt. Man ließ ſtatt des Arztes einen Teufelsbanner kommen, deſſen Mittel und Gegenwart jedoch nur ſchlimm auf ſie einwirkte. Im November 1826 brachten ihre Angehörigen die rettungslos Aufgegebene zu J. Kerner nach Weins⸗ berg, welcher ſie anfangs hart angieng, ihr erklärte, er wolle gar nicht wiſſen, was ſie im Schlafe ſpräche und ihr ſomnambüles Weſen, das zum Jammer ih⸗ rer Familie ſchon ſo lange angedauert, müſſe nun endlich aufhören. Er wollte, noch nicht genau mit ihrem innern Zuſtande bekannt, einen feſten Willen hervorrufen und durch ihn vom Gehirn aus die krankhaften Störungen der andern Syſteme un⸗ terdrücken. Doch wirkten auch die kleinſten Gaben von Arzeneimitteln immer das Gegentheil von dem, was man bezweckte. Kerner hatte viele Wochen lang eine rein ärztliche und pſychiſche Behandlung ohne günſtigen Erfolg, ja zum Schaden der Kranken ver⸗ ſucht; er erkannte jetzt, daß ihr innerer Arzt, der immer um ihre Heilung beſchäftigt war, ihn zur Anerkennung zwinge und ſein Bemühen blieb von da an, ſoweit es der Laie begreift, nur dahin gerichtet, die Ausſtrahlungen ihres geiſtigen und ſeeliſchen Le⸗ bens ſich ſoweit klar zu machen, als dies dem Men⸗ ſchen möglich wird, um in dieſen Kreiſen ſelbſt die Mittel entweder zu ihrer Heilung oder doch zu ei⸗ — 294— niger Beſchwichtigung ihrer Schmerzen zu entdecken. Wir brechen hiermit die Schilderung ihres äußeren Lebens ab und ſehen nach der Poeſie der innern Anſchauungen, die ihr geworden. Man hatte ſie zuletzt wieder von Weinsberg nach Löwenſtein zu⸗ rückgebracht, wo ſie am 5. Auguſt 1829 endlich ſtarb, nachdem ſie das Vorgefühl der Auflöſung ſchon mehrmals gehabt und im eigentlichſten Verſtande den Tod vft empfunden hatte.— Wunderbar war ihr gei⸗ ſtiges Sehen. Im rechten Auge eines Menſchen er⸗ blickte ſie hinter ihrem ſich abſpiegelnden Bilde noch ein Bild herausſchauen, das aber weder ihrem Bilde glich, noch vollkommen dem Bilde desjenigen, in deſ⸗ ſen Auge ſie ſahz der innere Menſch trat ihr gleich⸗ ſam im Bilde verkörpert entgegen. Das Auge man⸗ ches Menſchen ſetzte ſie daher bald in ſchlafwachen Zuſtand, z. B. Diecks Auge; ohne daß ſie wußte, wer er war, wie ſie auch nie etwas von ihm gele⸗ ſen hatte. Mit vielen geiſtig ausgezeichneten Men⸗ ſchen z. B. Sokrates, Taſſo u. a. behauptete Frie⸗ drike, unter der Leitung eines Dämon zu ſtehen, von wel⸗ chem ſie indeſſen nie ohne tiefes Wehgefühl ſprach. Weiſ⸗ ſagende Träume verkündigten ihr Krankheit und Un⸗ glücksfälle der Ihrigen. Ja, in entſcheidenden Mo⸗ menten trat ihr Geiſt aus ſich ſelbſt heraus, um in entfernten Orten hörbar zu werden. Dadurch daß ihr Geiſt fortwährend nur nach Innen thätig ſeyn wollte, entſtand ein fühlbarer Mangel an organiſcher — 295— Kraft und das Bedürfniß, von außen her und von Andern zu entlehnen, was fehlte und nicht ſelbſt er⸗ ſetzt werden konnte. Aber nur verwandte Geiſter borgten ihr dieſe Kraft, Andere ſtörten und hinderten ſie, was ſie einſt äußerte, als Kerner ſie mit der Herzgrube ſehen ließ. Sie ſchrieb: Gedankenſpiel! Du führſt mich vom Ziel! Mein Ahnungsvermögen iſt fein, Doch wirkt der Gedanke des Andern ein. Unter fremden Gedanken Von irdiſchem Gewühl, Bleibt lange im Wanken Das geiſt'ge Gefühl. Eigenthümlich waren ihre magnetiſchen Träumez er⸗ wachte ſie daraus, ſo blieb ihr gegenwärtig, was ſie geträumt; ſie ſprach laut und mit Ausdruck; ſie führte den Traum dramatiſch ſelbſt auf und ſprach feierlich und langſam. Einſt richtete ſie ſich mit geſchloſſenen Augen im Bette auf und ſprach: Wie bin ich ſo traurig! Die Hoffnung will ſinken, Nichts kann mich erheitern, Nichts kann mich erfreu'n! Warum? o ich fühle Die Schwäche des Körpers! Doch will ich nicht zagen, Du Vater der Liebe, Hör' an meine Klagen! Ich weiß, daß du höreſt Ein kindliches Flehn! — 296— In dieſer Weiſe fortfahrend bog ſie ſich bald mit kreuzweis über die Bruſt gelegten Armen etwas nieder, bald hob ſie die Hände und richtete die ge⸗ ſchloſſenen Augen aufwärts; dann machte ſie Be⸗ wegungen als gienge oder ſchwebte ſie; ihr Zuſtand war der höchſten Entzückens; ſie gieng an der Hand ihrer Führerin durch reizende Gegenden— und als ſie erwachte, entſann ſie ſich nur einzelner Geſtalten des Traumes, wußte aber nicht, daß ſie laut ge⸗ ſprochen und man ihr nachgeſchrieben hatte. Den Sonnen- und den Lebenskreis erſchaute ſie in geheim⸗ nißvollen, mathematiſchen Geſtaltungen, worin Sonne, Mond und Sterne, der helle Tag und die Geiſter der Menſchen ihre Ringe oder Punkte haben. Ge⸗ wiſſe Sterne und der Mond ſind Wohnungen Seli⸗ ger. Der Lebenskreis iſt der innere und dauert auch nach dem Tode noch fort; der Sonnenkreis dagegen iſt der äußere und veränderliche, der mit jedem Jahre zu Ende geht und welcher wie dieſes eingetheilt iſtz in dieſen Kreis fallen alle Ereigniſſe, welche die Seele ſtündlich, täglich, wöchentlich, monatlich und jährlich, theils aus ihrem eigenem Vermögen erzeugt, theils aus der Außenwelt empfängt. Jeder Menſch hat einen Sonnenkreis und füllt ihn jährlich körper⸗ lich und geiſtig aus. Welche Einflüſſe und Störun⸗ gen von Innen und Außen auf den Körper wirken, welche Vorſtellungen und Begriffe, Bilder und Ge⸗ fühle, Begierden und Neigungen in der Seele er⸗ —— wachen und vor das Bewußtſeyn treten— ſie wer⸗ den in den Sonnenkreis eingetragen. Der Sonnen⸗ zirkel iſt die Welt, und das Bleibende davon nimmt jeder Menſch in den Lebenszirkel der Seele auf. Wie im Sonnenzirkel dieſe Welt liegt, ſo liegt im Lebenszirkel eine ganz andere ſo zwar höhere, daher auch die Ahnungen, die im Menſchen von einer andern Welt liegen. Im Schauen tritt der Geiſt aus dem Lebenszirkel heraus und ſo in den Son⸗ nenkreis hinein, und das iſt alsdann dasjenige Schauen, was dem Menſchen noch faßliche und begreifliche Dinge darbietet. Dieſes Schauen iſt aber dem Menſchen dunkler geworden, als es ihm ehemals(vor dem Sündenfall) war. In dem Centrum des Sonnen⸗ kreiſes, wenn es dem Geiſte gelingt, aus ſeinem Centrum ſich dahin zu verſetzen, ſchaut der Menſch die Welt, in der er iſt, in ihrem eigentlichſten Weſen ohne Schleier und Scheidewand, die ſich ſonſt(bei dem ſündigen Menſchen) zwiſchen ihn und die Dinge ſtellen. Schaut der Geiſt länger in dieſes Centrum des Sonnenkreiſes, ſo ſchaut er, aber nur wie ein Blitzſtrahl, zugleich auch zurück in das Centrum des Lebenskreiſes. Das, was ſich in dieſem letztern Schauen offenbart, nimmt der Geiſt mit ſich in ſeinen Sitzpunkt im Lebenszirkel, und trägt es ohne deutliches Bewußtſeyn nur wie eine Ahnung in ſich. Dieſes letztere Schauen geht viel tiefer als das erſtere in die Welt hinaus, aber der Geiſt hat es nur, 3 wenn er zuerſt in das Centrum des Sonnenkreiſes ſich verſetzt, und von da aus in ſein Centrum des Lebenskreiſes zurückſchaut, er hat es nie, wenn er blos in ſeinem Centrum bleibt. Das Centrum des Lebenszirkels muß noch etwas Anderes ſeyn als der Geiſt, weil der Geiſt ja hinein ſchaut, wenn er heraus iſt. Dies iſt eben die andere, höhere und innerſte Welt, die wir nicht begreifen und nicht faſſen, die aber der Menſch ebenſo in ſich trägt, wie er die äußere Welt in ſich trägt, in der er lebt. Daher rühren in jedem Menſchen(der nicht zu ſehr in die äußere Welt verſunken iſt) die Ahnungen von jener höhern Welt. In dem Mittelpunkte dieſer innerſten und höhern Welt, in welche der Geiſt zurückblickt, liegt die Gnadenſonne, und von da aus winke ihr auch ihre Führerin zu. Hinter dieſer Sonne und über ihr liegt in unausſprechlicher Schönheit die Wohnung der Seligen, die man aber nur im Durch⸗ ſehen durch die Gnadenſonne gewahr wird.— Geiſter zu ſehen, ſagt Friedrike, iſt möglich, aber immer ge⸗ ſchieht es mit dem geiſtigen Auge durch das fleiſch⸗ liche. Gewiß mahle ich mir dieſe Geſtalten nicht ſelbſt aus, denn ich habe nicht die mindeſte Freude an ihnen; im Gegentheil, dieſes unglückſelige Schauen iſt mir ganz zuwider, ich bin ganz geplagt mit dieſen Geiſtern, auch denke ich nie an ſie, außer ich ſehe ſie, oder man fragt mich über ſie, welches mir aber immer leid iſt. Denn ich möchte ſo gerne von ihnen — 299— gar nicht ſprechen. Leider iſt mein Leben nun ſo beſchaffen, daß meine Seele wie mein Geiſt in eine Geiſterwelt ſchauen, die gleichſam auf unſerer Erde iſt, und ſomit ſehe ich dieſe Geiſter nicht nur einzeln, ſondern oft in großer Menge von verſchiedener Art, je nachdem dieſe abgeſchiedenen Seelen ſind.— Ihre Geſtalt iſt immer ſo wie ſie wohl im Leben war, nur farblos, grau; ſo iſt auch ihre Kleidung, wie ſie im Leben war oder geweſen ſeyn mochte, aber farblos wie aus einer Wolke. Nur bei den hellern, beſſern ſehe ich eine andere Bekleidung, immer ein langes helles Faltengewand wie mit einem Gürtel um die Mitte des Leibes. Ihre Geſichtsform iſt auch wie bei Lebenden, nur ebenfalls grau und mei⸗ ſtens traurig und düſter. Die Augen ſind hell, oft wie ein Feuer.— Die beſſern Geiſter erſcheinen mir in heller, die böſern in dunkler Geſtalt.— Ihre Sprache iſt ſo verſchieden wie bei den Menſchen, jedoch der Ton der Stimme immer gleich wie ein Hauchen.— Diejenigen Geiſter, die meiſtens zu mir kommen, ſind in den untern Stufen eines Geiſter⸗ reichs, das in unſerm Luftraum iſt, in einem ſoge⸗ nannten Zwiſchenreiche, wiewohl ich es, der Mißdeutungen wegen, nur ungern mit dieſem Namen benenne. Das ſind Abgeſchiedene, deren Geiſt in dieſem Leben, theils durch Hinziehen nach der Außen⸗ welt, nieder blieb, theils ſind es ſolche, die nicht im Glauben an die Erlöſung durch Chriſtum ſtarben, — 300— oder ſolche, denen noch irgend ein irdiſcher Gedanke an die Scele im Sterben anklebte, den ſie mit hinüber nahmen und der ſie nun auch an dieſe Erdennähe bindet.— Die Seherin bediente ſich endlich in ihrem halbwachen Zuſtande einer Sprache, die ihr völlig eigenthümlich, wohlklingend und einer vrientaliſchen ähnlich war; dieſe Sprache, ſagte ſie, liege von Natur in ihr und ſei der zu vergleichen, die zu Jakobs Zeiten geſprochen worden, in jedem Menſchen liege eine ähnliche Sprache, die aus innern Zahlen hervorgehe, weil Schrift und Zahl immer miteinander verbunden ſeien.— Dieſe Mittheilungen genügen, um das eigenthümliche Bild Friedrikens hier abzu⸗ ſchließen. Fragt mag nach unſerer Meinung von der Seherin, ſo geſtehen wir unbedingt ihr allen poetiſchen Glauben zu, der ſich auch nicht ſchwächen würde, wenn ſie den überwältigenden Einflüſſen des Kerneriſchen Geiſtes ſich nicht hätte entziehen können. Ihr Schauen und Verkünden war Ein kühnes Ge⸗ dicht, für welches der mit einem zerrütteten Nerven⸗ leben ringende Geiſt nur die rechte Form nicht finden konnte; es war aber ein Dichten, welches uns mit ſo viel geheimen Schaudern erfüllt, wie die gemeſ⸗ ſenen Schritte des Schlafwandlers auf ſchwindelnder Höhe oder auf luftigem Thurm. Kann der Dichtung Flamme dem Menſchen je zum Fluche werden, ſo iſt es dann, wenn ſie aus ſolch verborgenen nächt⸗ lichen Abgründen des Geiſtergeheimniſſes empor lodert. — 301— Friedrike dichtete ſich ſelbſt unklar— im Schlafleben empfieng bisweilen auch ein anderer Dichter Einen neuen Gedanken oder erſann einige Verſe, doch im⸗ mer nur als Fragmente; ſie dichtete fortwährend, indem ſie keiner künſtleriſchen Thätigkeit bewußt, auch nicht der Seligkeit des Schaffens und Gelingens theilhaftig wurde, ja indem ſie ihre letzte Nerven⸗ kraft in phantaſtiſch gewaltſamen Anſtrengungen aus⸗ ſtrömte. Und doch wie viele ihrer Ausſprüche fſind reich an jener pvetiſchen Empfindung, die nur den Begabteſten unſers Geſchlechts eigen iſt! Daß Kerner ſie dabei nicht inſpirirte, iſt mir unbezweifelt; ſeine gemüthliche, innige Lyrik konnte ſich in manchen ihrer eigenen Kreiſe eher von Friedrikens poetiſcher Welt⸗ und Geiſterſchau geſtört fühlen, als daß es ihr möglich geworden wäre, durch ihre Aeolsharfenklänge eine, wenn gleich verwandte Seele ſo zu ſtimmen. Kerner ruft der Geſchiedenen nach: Leb' wohl! was ich dir hab' zu danken, Trag' ich im Herzen immerdar, Es ſchaut mein Innres ohne Wanken In geiſtge Tiefen wunderklar. Wo du auch weilſt, im Licht, im Schatten Ein Geiſt bei Geiſtern weileſt du. O ſende, will mein Glaub' ermatten, Mir liebend einen Führer zu! Und lebſt du ſelbſt im höhern Bunde Mit ſel'gen Geiſtern leicht und licht, — 302— Erſchein' in meiner Todesſtunde Mir helfend, wenn mein Auge bricht. Bald deinem ſtillen Grab' entſteige Die Blume, der du oft vertraut, Des Mittlers Leiden ſtummer Zeuge, Das heilige Johanniskraut! Ja! wo ich dieſe Blum' erſchaue, Blut innen, außen goldner Schein, In Waldes Nacht, auf lichter Aue, Werd' ich auch denken deiner Pein. Leb wohl! was auch die Menſchen ſagen, Mich rühret nicht die Erde an, Gar leicht kann ihre Schwere tragen, Wer leicht ihr Nichts erfaſſen kann. 36. Bettina. So zog ich auf wunderbar himmliſchen Bahnen Mit Wellen und Wolken auf ſeliger Spur, So ſtand ich mit tiefem, mit heiligem Ahnen Als kindliche Prieſterin in der Natur. L. v. Plönnies. Wir vergegenwärtigen uns den Anfang dieſes Jahrhunderts mit ſeiner flammenden Kriegesnoth, die beſondere Gefahr für Preußen, die Beſtrebungen der romantiſchen Schule, deutſche Nationalität und Poeſie zu erhalten und aus Weltumkehrungsſtürmen in die Herzen der Beſten zu retten! Als der Friede wiederkehrte, ſtieg der Dichter, welcher ein Epimeni⸗ des ſeiner Zeit den Kriegeslärm verſchlafen hatte, jetzt durch die romantiſche Schule gehoben, auf den erledigten Thron der Poeſie. Von Berlin aus ge⸗ langte Göthe zu der Anerkennung, die ihm ſeither blieb; die Prieſterinnen, welche die Huldigung voll⸗ zogen, waren einige der ſeltenſten Frauenbilder der Neuzeit. Der greiſe Dichter widerſtand ſelbſt den Schwärmereien nicht, die ihm mit jugendlicher Glut entgegen kamen, an ihm erweiſend, daß ein Dichter⸗ haupt nicht altern kann. Die Frauen aus dieſen Kreiſen brachten die wunderſamſten Anſchauungen des Lebens und ſeiner Verhältniſſe zu Tage. Dar⸗ — 306— über müßte uns eine ausführliche Unterſuchung erſt noch ganz aufklären; wir deuten nur Einiges an. Zunächſt traten ihnen wohl Göthe's Frauenbilder ſelbſt entgegen, dieſe wunderlichen, aus reiner Natur, voetiſcher Laune und kaum verſteckter Geringſchätzung des ganzen Geſchlechts zuſammengewebten Geſtalten, welche auf manche dunkle Stelle des eigenen Weſens ihnen grelle Streiflichter warfen. Dieſe Mignons, Ottilien, Philinen, Mariannen verſtießen nun zwar gegen geheiligte Sitten und die nothwendigen Schran⸗ ken des Herkommens, doch ſind ſie wahr und zeigen, was Frauen aus ſich zu entwickeln vermögen, wenn ihre Bildung ihnen ſelbſt ganz überlaſſen iſt. Da⸗ her ſträubten ſich Göthe's geiſtvollſte Verehrerinnen gegen hergebrachte, allerdings oft unzulängliche weib⸗ liche Erziehungz ſie ſtritten für das Recht der Selbſt⸗ bildung; ſie ſtellten, ſoweit ihr Leben von ihrer freien Geſtaltung abhieng, in demſelben ein Gemenge der verſchiedenſten Perſönlichkeiten aus Göthe's Dich⸗ tungen— aber in einer Perſon!— dar. Der Charakter bleibt ſich aber nicht gleich, je nachdem bald dieſe Ottilie, bald jene Mignon auftaucht. Man darf indeſſen meine Anſicht nicht falſch deuten, nicht als hätten ſich dieſe Frauen, unter denen Bet⸗ tina eine der Erſten iſt, in den Kopf geſetzt, Gö⸗ the's Frauen zu verwirklichen, im Haſchen nach Genialität nachzuäffen. Vielmehr meine ich ſo. Das Genie übt auf Alle, die ſich in Betrachtung ſeiner Werke mit Liebe und Kunſteifer vertieften, einen dringenden Einfluß; dieſer führt zum Nachdenken, Nachempfinden, Nachbilden— wenigſtens bei vielen Menſchen, die nicht wieder ſelbſt Genie's ſind. Ein Genie ſtößt an die Weltkreiſe des Andern heftig und zündend, wie Stahl an Stein. Die übrigen Klein⸗ menſchen ſind in der Welt, welche ihnen ein Groß⸗ menſch(Genie) aufgeſchloſſen, ſo lange gefangen und feſtgehalten, bis ihnen der raſtlos arbeitende Verſtand, den das Genie nicht hat, einc noch un⸗ ausgebaute oder vergeſſene Stelle, eine offene Lücke zeigt— dann entſchlüpfen ſie, kommen aber noch lange nicht zu ſich. Frauen, deren Weſen ohnehin mehr empfänglich iſt, können daher ſich in Göthe's Welt ſo einleben, daß ſie gewöhnt werden, Alles mit andern Augen zu ſehen und mit verwandeltem Herzen zu durchfühlen. Man würde leicht aus Bet⸗ tina's Schriften oder aus den Briefen Rahels von Enſe die oft ſich verknäuelnden Fäden Göthiſcher Gedanken ausziehen können. Die eigenthümliche, innere Welt vermag dabei zu beſtehen, ſie wächſt in Stein und Gebirg, in Baum und Blume aus; ſie ſprudelt Quellen aus dem Sande oder Felſen, aber die Beleuchtung dieſer Welt— klar oder trübe— kommt von oben, von jener Geiſtesſonne, vor wel⸗ cher die Naturprieſterinnen im Staube liegen, zu der ſie aber nicht hinanzuklimmen vermögen. Ein Glück noch, wenn es bei dieſem Cultus des Genius — 306— bleibt, wenn nicht ein finſterer Dämon ihnen ſtatt der Prieſterlampe die Todesfackel in die Hand ſpielt, deren düſterrothes Licht ſie verblendet! Kein Dichter hat vielleicht jemals ſo viele geiſtvolle Frauen um ſich geſchaart wie Göthe— und doch kannte er die Liebe nicht, wie ſie; wenigſtens jener Göthe, deſſen pvetiſche Werke ſie mit ſolcher Begeiſterung aufnah⸗ men. Ungern verſagen wir uns, neben Bettina auch noch Rahel von Enſe und Stieglitz beſonders zu ſchildern. Eliſabeth von Arnim, gewöhnlich Bettina oder Bettina Brentano genannt, iſt 1785 zu Frankfurt am Main geboren. Ihr Bruder war der Dichter Clemens Brentano, welcher 1842 zu Aſchaffenburg ſtarb. Bald in ihrer Geburtsſtadt, bald in einem Kloſter, bald bei Verwandten in Offenbach und Marburg verlebte ſie ihre Jugendjahre. Ein ge⸗ niales, muthwilliges Kind erhielt ſie die meiſte Bil⸗ dung durch ſich ſelbſt. Naturſchwärmerei iſt ein überwiegender Zug ihrer Jugend; ſie lernte die Natur in ihrem Leiden und das„Seufzen der Crea⸗ tur“ frühe kennen. So läßt ſie der Dichter ſprechen, der ihren Kindesworten nur der Verſe Zauberſchmelz verlieh: Auf tiefnächtlichem vj in des Mondlichts Scheine, die langen Traubengänge dahin dem Rhein zu wandelt' ich einſam, Lehnte mich über die Mauer und blickte hinaus in die Rheinflut. — 309— Da war Alles ſo ſtill in der mitternächtigen Stunde; Nur weißſchäumiger Wogen Geziſch durchtönte das Schweigniß, Und es patſcht' an's Ufer, wie Kindlein lallten die Wellen. Hith ich ſo einſam in ſchweigender Nacht in der freien Natur Reich, 36 mir, als wär' ſie ein Geiſt, der erlöſt ſeyn wollte von Menſchen. Oft empfand ich das, als ob wehmüthig und jammernd Mich die Natur anfleht; und es ſchnitt durchs tiefeſte Herz mir, Daß mir ergründbar nicht, was ihr Harm und ſtummes Begehr ſei. Zur andern Zeit, während ihres Aufenthaltes im Kloſter erzählt ſie nach demſelben Dichter ein ähn⸗ liches Nachterlebniß: Zweier erinner' ich mich ſchwütdrückenver Nächte, da ſtahl ich Durch Tiefſchlafende hin mich, aus dumpfigen Schlummer⸗ gemächern Fort in die freie Natur, und es zog am Himmel Ge⸗ ſtürm auf, Und mich deckte der Linde gebreitetes grünendes Laub⸗ dach. Blitze durchfeuerten nun des Baums tiefhangende Zweige; Schaurig erhellten ſie mir den entferneten Wald und das einzeln Ragende Felſengezack, urplötzlich zuckendes Leuchtens, Und den umklammernden Arm um den Baum her ſchlug ich ergrauſend. Heftig pochte mein Herz; ich fühlte mich einſam in dieſem Sturm der empörten Natur, in die Mitte der Schrecken geſtellet. Dennoch war mir wohl und mein Herz ward feurig erhoben.— — 310— Horch! Sturmglockengeläut vom Floſter herüber. Die Nonnen Eilen im Kleide der Nacht, die geweiheten Kerzen in Händen, In das gewölbete Chor; ich ſehe die flüchtigen Lichter Lang hinflackern im Gang; es tönt ihr ora pro nobis Zu mir herüber im Wind; bei jeglichem Flammen des Blitzes Ziehen ſie an die geweihete Glock, und ſo weit ihr Schall trägt, Iſt dem Gewitter gewehrt, zur Erde zu ſenden den Blitz⸗ ſtrahl. So ich dem Baum in der ſchreckenerfüllten Natur Schvos; Und ſie alle, die mir zu der Kindheit Pflege geordnet, Dorten zuſammengeſchaart in der innerſten Tempelum⸗ wölbung Gleich vetſchüchterttt Heerd', und um der Gefahr Abwendung Zage Geſäng' anſtimmend: es war mir luſtig zu denken Unter dem wölbenden Lanb, wo der Wind durchraſt', und der Donner, Recht wie ein brüllender Löwe, verſchlang Litanei und Geläute. Und es machte mich ſtark wider das, was ſchrecklich allein iſt, Wider die Angſt. Nicht fühlet' ich mehr verlaſſen und einſam Mich in dem Reich der Natur, der Allumfaſſenden; nicht ja Brachte den Blumen Verderb auf feinem Stengel des Regens Stürzende Flut, es vertraute ja auch das kleine Gevögel, Und ſo bannet' auch ich aus meinem Gemüthe die Furcht aus. Zwei Perſönlichkeiten wirkten auf dieſe ſchwär⸗ meriſche Jugend: die„Frau Rath“ Göthe, die Mut⸗ ter des Dichters, und„die Günderode,“ die unter — dem Namen Tian bekannte, zu Frankfurt lebende Dichterin Karoline von Günderode, welche in einem Anfall von Schwermuth ihr Leben in den Wellen des Rheins endete. Göthe ſelbſt lernte Bettina zu Weimar kennen und führte lange einen Briefwechſel mit ihr. Erſt ſpäter vermählte ſie ſich mit Achim von Arnim, der unter den Romantikern eine der erſten Stellen einnimmt. Sie lebten abwechſelnd zu Berlin und auf ſeinem Gute Wiepersdorf, wo Ar⸗ nim im Jahr 1832 ſtarb. Seit dem Tode ihres Gatten hält ſich Bettina meiſtens zu Berlin auf; ſie hat einen Kreis verwandter Seelen um ſich ver⸗ ſammelt und ſteht in brieflicher Verbindung mit einigen der wichtigſten Zeitgenoſſen. Wahrheit gegen ſich ſelbſt, und das Recht, ſich gegen Andere unge⸗ ſcheut ausleben zu dürfen— dies ſind Grundbedingun⸗ gen im Daſein dieſer Frau, welche deswegen aber häufig mißverſtanden und albernem Gerede preis gegeben wurde. Am meiſten Aufſehen machte ihr Buch:„Göthe's Briefwechſel mit einem Kinde.“ Es erſchien drei Jahre nach Göthe's Tode und ent⸗ zückte in den weiteſten Kreiſen durch die lebendigen Schilderungen, die Poeſie eines Kindeslebens, die Natur und zierliche Leichtigkeit in der Erfindung. Alle Träume, welche nur das heiße Blut eines Mäd⸗ chens und die bewegliche Phantaſie aus einem glü⸗ henden Herzen aufſprudeln können, ſind hier zur Wahrheit geſtempelt; auch den kälteſten Leſer führt die kleine Elfe auf ihren phantaſtiſchen Spaziergän⸗ gen bald an einen Abgrund, der ihn zu verſchlingen droht, bald in die Ruinen einer zerfallenen Burg, wo er mit ihr übernachten muß, bald in die Fluten eines Baches oder Stroms, bald gar auf den Wipfel eines Baums, wo über dem Haupte ein Gewitter ſich entladen will. Freilich, wie erſcheint Göthe? Soll man lächeln oder zürnen über die Schwachheit, womit er den Weihrauch der unbegränzten Vereh⸗ rung um ſein olympiſch Haupt ſteigen läßt? Darf man ihn, wie wirklich ausgeſprochen ward, für einen herzloſen Menſchen anſehen, der in Bettina nur den moraliſchen Probierſtein findet? Machte er gar nur Studien für ſeine„Wahlverwandtſchaften?“ Dann wäre auch die Entſchuldigung nichtig, er habe ihre junge Seele durch das Feuer einer gefahrloſen Lei⸗ denſchaft reifen wollen. Allein vergeſſe man doch nicht, daß hier poetiſche Seelen mit einander ver⸗ kehren! Daß Göthe die Liebe des Kindes ermuthigt, ſein Opfer durch alle ihm zu Gebote ſtehende Mittel gereizt habe, iſt eine lächerliche Behauptung. Die kühle Zurechtweiſung des Mannes von ſechzig Jah⸗ ren wäre ja der ſtärkſte Reiz geweſen.— Die ſpä⸗ teren Schriften Bettina's: die Günderode, dies Buch gehört dem König und der Briefwechſel mit ihrem Bruder Clemens Brentano ſtehen nur theilweiſe auf derſelben Höhe unmittelbarer Poeſie. Sie meint es aber ehrlich und gut, man ſieht den Ernſt der Liebe — 313— hindurch, wenn ſie der armen Volksklaſſe ſich an⸗ nimmt, wenn ſie zu den dumpfigen Wohnungen der Märtyrer unſers modernen Culturlebens— der Proletarier— hinführt; wenn ſie, unbekümmert um den Vorwurf des Communismus, die eiternden Ge⸗ ſchwüre der heutigen Geſellſchaft offen zeigt und die lautere Wahrheit der Poeſie zum Opfer bringt. Seltſam ſind in den Briefen ihres Bruders die Stellen, woraus erhellt, wie ihre ganze Art zu ſeyn bei Manchen Anſtoß erregte. So ſchreibt er:„Ich wünſchte, daß du das Auffallende in deinem Betra⸗ gen etwas unterdrückteſt, denn durch dies Auffallende fannſt du leicht noch viel Verdruß haben, nicht als wäre es deswegen ſchlecht an ſich, nein, es iſt nur hinderlich, und ſteht oft, und bei dem Weibe faſt immer im Wege, Gutes zu wirken. Die Sitte kann keinem Menſchen erlaſſen werden, ſie iſt eine Art Allerweltsſprache, ohne die man nie verſtanden wird.“ — Und Clemens war ein Dichter der romantiſchen Schule!— Wollen wir die poetiſchen Züge in ih⸗ rem Bilde kurz andeuten, ſo nehmen wir ſie getroſt als das an Göthe ſchreibende, auf ſeinem Schoos einſchlummernde Kind. Das Urtheil eines Unge⸗ nannten wird dann mit dem unſern zuſammentreffen. Er ſagt etwa: Poeſie in ihrer ganzen Friſche iſt dann Bettina's Begleiterin; ſie repräſentirt die Brief⸗ poeſie. Ihre Briefe ſind aber aus dem Herzen, nicht aus dem Kopfe gegangen. Bettina iſt die Muſe Nodnagels poetiſche Frauenbilder. II. 14 —— des Haidekrauts, der Moosblümlein, der kleinen weißen und blauen Glockenblumen. Sie hält ſich an das Kleinvolk der Natur; ſie hat ein Ohr für das Zirpen der Grille, für das Plätſchern des Wald⸗ bachs, ſie hat ein Auge für die kleinen Abendnebel— wölkchen der Wieſe, ſie verſchmäht die eitle prächtige Seite der Natur, um die unbelobte, ſtille, genußſüße Seite aufzuſuchen. Dies trifft mit ihrem Kindes⸗ charakter zuſammen. Sie bettet ſich gern ins Gras, läßt Kornähren über ſich zuſammenſchlagen, erklettert Bäume und wiegt ſich in deren Wipfeln.— Ich ſchreibe dieſe treffende Stelle aus dem Gedächtniß nieder und wenn ich nicht die nämlichen Worte gebe, der Sinn iſt es gewiß. Der Ungenannte fügt hinzu, dieſe Anmuth Bettina's ſei weit von dem verſchie⸗ den, was die Welt ſo nenne, darum ſolle ſie jedoch die weltliche Grazie nicht verdammen: denn was ſollte daraus werden, wenn unſere Frauen, ſie mö⸗ gen ſchreibende ſeyn oder nicht, dieſer Bettiniſchen Grazie ſich befleißigten? Davon freilich müſſen wir abſehen. Es gäbe kein übleres Mißverſtändniß, als wenn Frauen die poetiſchen Geſtalten ihres eigenen Geſchlechts, die ihnen aus der Geſchichte und Dich⸗ tung entgegen geführt werden, durchweg als Muſter betrachteten, denen ſie nachſtreben ſollten! Welche Verirrungen dann nothwendig würden, liegt am Tage. Bettina und Rahel verſuchen wir mit ein⸗ ander zu vergleichen. Wir laſſen Fanny Tarnow — 315— dieſe Vergleichung anſtellen. Sie ſagt unter Anderm: „Zwei der ausgezeichnetſten Frauen unſers Jahrhun⸗ derts— Rahel tief, geiſtreich, voll Energie der Lei⸗ denſchaft— Bettina glühend und genial. Bettina hat ihr Ideal in Göthe geliebt, und daß ſie das konnte, war Glück, hohes Glück. Sie ſah den Mann ihres Herzens im Strahlenglanze des Ruhmes; ſie konnte alles Schöne und Herrliche auf ihn beziehen, ihm die herrlichſten Blüten ihres Denkens und Em⸗ pfindens weihen. Er war der Reichbegabte, der Götterliebling, die Sonne, die Alles belebte, was ſich ihres Lichts erfreute— aber— ſie war Pe⸗ trarka, er Laura, d. h. der idealiſirte Gegenſtand ihrer Schwärmerei, der Begeiſterung und der anbe⸗ tenden Liebe, die der Grundton dieſer ſchönen weib⸗ lichen Natur ſind. In Rahel offenbart ſich eine freiere, bewußtere Thätigkeit des Geiſtes. Beide Frauen ſind romantiſche Charaktere; Bettina reprä⸗ ſentirt in der weiblichen Natur die Wärme, Rahel das Licht.— Rahels Verhältniß zu Gott und ihr Glaube an ihn war ſo kindlich erhaben, wie die Bibel iſt. Bettina's Religion iſt bloßer Naturdienſt. — Ihre Anſichten von der Natur ſind der originellſte und idealiſchſte Naturblick eines tiefſinnigen Gemü⸗ thes, das nie das Bedürfniß einer wiſſenſchaftlichen Erkenntniß empfunden hat. Sie iſt eine Seherin und überraſcht uns oft durch Offenbarungen, die mit den ſcharfſinnigſten Forſchungen der Naturphilo⸗ ⸗ 14 — 316— ſophen zuſammentreffen. Rahel dagegen war mit den tiefſten und ſchärfſten Denkern unſerer Zeit im Geiſt und in der Wahrheit befreundet. Ihr Glaube war keine Entäußerung des Ichs der Gottheit, ſon⸗ dern eine Verinnerung an ihn.“— Von der Kunſt ſchreibt Bettina:„Die Kunſt iſt Heiligung der ſinn⸗ lichen Natur, hiemit ſag' ich Alles, was ich von ihr weiß. Was geliebt wird, das ſoll der Liebe die⸗ nen, der Geiſt iſt das geliebte Kind Gottes, Gott erwählt ihn zum Dienſt der ſinnlichen Natur, das iſt die Kunſt. Offenbarung des Geiſtes in den Sin⸗ nen iſt die Kunſt. Was du fühlſt, das wird Ge⸗ danke und was du denkſt, was du zu erdenken ſtrebſt, das wird ſinnliches Gefühl. Was die Menſchen in der Kunſt zuſammentragen, was ſie hervorbringen, wie ſie ſich durcharbeiten, was ſie zu viel oder zu wenig thun, das möchte manchen Widerſpruch erdul⸗ den, aber immer iſt es ein Buchſtabiren des göttli⸗ chen: Es werde!“— 37. Landon. — — — S Was thx dying like the song. in musie to the last. An echo flung the winds along. And then for ever past? L. F. Landon Sprich, glich dein Tod wohl dem Geſang, Der ſtirbt in Harmonien? Dem Echo, das im Wind erklang, Bis es auf immer hin? überſetzt von L. v. Plönnies. Eine rührende Sehnſucht nach fremden Ländern und ihren Wundern durchzittert nicht allein die Seele des Kindes, wenn es zum Erſtenmale von Alerander Selkirk, von Robinſon und ähnlichen Abenteuerern zu Land und Waſſer vernimmt, ſie klingt auch in ächt poetiſchen Gemüthern nach, welche längſt ſchon der Jugendzeit entwachſen ſind, ſobald das Leben und ſeine beengenden Verhältniſſe die Bewegung des Gei⸗ ſtes hemmen. Man darf im Grunde nicht über die Europamüden ſpotten: ſie ſind ſehr unglücklich, ihre Sehnſucht mag einen Ausweg finden, welchen ſie will. Zunächſt liegt das Mittel, zu Hauſe zu bleiben und die fremde Welt nur poetiſch ſich anzueignenz dann aber fährt bisweilen ein eiskalter Hauch aus der nächſten Umgebung durch die poetiſch abgeſchloſſene Flur; der Dichter brauſt auf, grollt der Heimath und entfremdet ſich ihr im Zorne, die ſüßen Bande reißen — und vielleicht knüpft ſie keine Zukunft wieder an. Ich rede von Freiligrath, deſſen neuſte Lieder nur — 0— gerecht beurtheilt, wer jene Vorausſetzung beachtet, und wie und wo haben ſeine Gegner dies gethan? — Gleich gewagt iſt das andere Mittel, die Sehn⸗ ſucht nach des Südens Zauberländern drängt zur Aus⸗ wanderung. Am ſchlimmſten kann es jedoch Frauen ergehen, die in heißem Verlangen nach der Ferne ſich einem pielleicht kaum geliebten Gatten anvermählen, weil er dieſe Wanderluſt ſtillen, weil er ſie in Ge⸗ genden führen will, von denen ſie ſeit frühſter Kind⸗ heit träumen, in denen ſie bekannter als in der Heimath geworden. Das letzte Frauenbild, welches ich diesmal ſchildere, wurde, ſo ſcheint mir, ein Op⸗ fer dieſer Sehnſucht. Letitia Eliſabeth Landon, weniger unter ihrem ſpätern Namen Mrs. Maclean bekannt, ſtammte aus einer alten und hochachtbaren Familie Englands und war 1802 zu London geboren. Sie war das älteſte von drei Kindern; ein Schweſterchen ſtarb frühe, ihr Bruder aber blieb der unzertrennlichſte Gefährte ihrer Kindheit und Jugend; ſie fühlte die zärtlichſte Liebe zu ihm und ſprach dies in einem reizenden Gedichte aus, das die frühe Zeit ſchildert, wo ſie zuſammen Cvoks Reiſen laſen. Gerne weilte ſie bei ihren Verwandten. Aber die jüngern Da⸗ men der Familie entſetzten ſich oft darüber, daß Le⸗ titia ſo wenig von dem gelernt habe, was man in der Geſellſchaft braucht. Kannſt du ſpielen?— Nein.— Singen? Nein.— Italiäniſch ſprechen? — 321— Nein.— Mein Himmel, aber doch leſen und ſchrei⸗ ben? Ja, ein wenig.— Gewiß bemitleideten ſie die Arme, welche von ſich geſteht, ſie habe für Muſik kein Ohr, für das Zeichnen kein Auge gehabt und Tanzen ſei ihr bei ihrer Schüchternheit gar unmög⸗ lich geweſen. Die ängſtliche Scheu zeigte ſich täglich mehr bei dem Kinde, die Worte ſtarben auf den Lip⸗ pen, wenn ſie auch noch ſo gewiſſenhaft gelernt hatte, und leider ſchrieb man die Thränen im Auge öfters dem Unwillen zu, als ſie auf ihre wirkliche Urſache: Scham zurückzuführen. Letitia glich der Sinnpflanze, die bei der leiſeſten Berührung ihre Blätter ſenkt. Schon das Kind ſchuf ſich eine Zauberwelt, wo ſie Troſt für alle Sorgen und Leiden des Lebens finden würde; ſie las am liebſten Gedichte. Robinſon's Leben auf der einſamen Inſel verfehlte auch bei ihr die Wirkung nicht. Wochenlang, ſo erzählt ſie, lebte ich wie im Traum; ich konnte Nachts von nichts Anderm träumen. Im Schlafe ſah ich Robinſons Höle, ſeine Papagaien und wilden Ziegen vor mei⸗ nen Augen ſchweben. Erwachte ich, ſo fand ich mich auf ängſtlicher Flucht vor den Wilden, die in ihren Kanots landeten. Die Ulmen in unſerer Garten⸗ hecke kannte ich nicht genauer, als die Dornſträucher, welche ſeinen Wohnplatz ſchützten.— Sie ſprach und träumte ſchon damals von Reiſen, die ſie un⸗ ternehmen wollte und nach den weiteſten Zügen, die des Kindes Phantaſie machte, kehrte ſie immer wie⸗ 2 — 322— der nach Afrika zurück, das ihr Vater einſt bereiſt und von deſſen Löwen, Giraffen, Buſchmännern und andern Wunderdingen er ihr ſo viel erzählt hatte, — Afrika, wo ſie einen ſo frühen und geheimniß⸗ vollen Tod finden ſollte, war ihr ſteter Wunſch und Traum: ſo fliegt der Abendſchmetterling um die Flamme, welche ihn verzehren ſoll. Mit den Jah⸗ ren gewann dieſer Wunſch mehr Geſtalt; er geſellte ſich zu einem ſchmerzlichen Grauen, wenn Letitia dachte, ſie müſſe ihr Grab in London finden. Bei aller Liebe für die großartige Stadt war ihr dies ein erſchütternder Gedanke: Gibt es was Düſteres und Abſtoßendes, das einem engen Kirchhof in einer Stadt gleicht? Kämpft nicht der Sonnenſchein mit trübem Rauch und QOualm?— Niemand liebt Lon⸗ don mehr als ich, aber nie wünſchte ich mir hier ein Grab. Ein patriotiſcher Irländer bemerkte mir einmal offenherzig: In London laßt mich leben— aber ſterben auf meinem grünen Eiland; er hat mir aus dem Herzen geſprochen!— Ermuthigt von Mr. Jerdan, dem Herausgeber der„Literary Gazette“ theilte Letitia ihre erſten Dichtungen in dieſer Zeit⸗ ſchrift mit, ohne jedoch mehr als die Anfangsbuch⸗ ſtaben ihres Namens: L. E. L. zu unterzeichnen. Die räthſelhafte junge Dichterin war bald Liebling des Publikums und konnte 1824 das erſte ihrer größern Werke:„Die Improviſatrice“ folgen laſſen. Ihr ſchwärmeriſch verehrter Vater lebte lange ge⸗ — 323— nug, den aufgehenden Ruhm der Tochter zu begrüſ⸗ ſen; er verließ ſie im Kampfe mit all den Schwie⸗ rigkeiten, welche eine junge Schriftſtellerin umringen, die von Manchen verehrt und bewundert, von An⸗ dern beneidet und verläſtert wird. Zur Ehre Leti⸗ tia's muß ich bemerken, daß ſie die goldenen Früchte ihrer Poeſie meiſtens zur Erhaltung und Unterſtütz⸗ ung ihrer Familie, beſonders ihres Bruders anwen⸗ dete, bis dieſer ein Amt erhielt. Sie ſchloß man⸗ cherlei literariſche Bekanntſchaften und Freundſchaften, ihr Umgang war ſehr geſucht, da ihre Unterhaltung nicht minder anzog, als ihre poetiſchen Talente, und ihr Urtheil über das Alterthum, den Einfluß eines Genius auf ſeine Zeit, die Sitten und Gebräuche der fernſten Länder nicht ſelten die tiefſten Denker überraſchen mußte.— Miß Landon konnte nicht für eine Schönheit im ſtrengen Sinne gelten; nur ihr Auge gab dem Geſicht einen unwiderſtehlichen Aus⸗ druck; ihr Blick war geiſtvoll und ſcharf, die Ge⸗ ſtalt ſchlank und wohlgebaut, das Haar ſchwarz; das dunkle Auge blitzte oft lebhaft auf und gab den bezaubernden Mienen ſo viel Anziehendes, wie man es nur ſelten bei Frauen antrifft, die nicht gerade bewunderte Schönheiten ſind. Ihr zarter Körper⸗ bau ſetzte ſie manchen Leiden aus, vorzüglich quälten ſie krampfhafte Anfälle, deren Urſache nicht erforſcht ward und die vermuthlich in ihrem erregbaren Ner⸗ venleben begründet lagen. Dann wurde ihr das Zim⸗ — 324— mer zu enge und ſie eilte auch bei üblem Wetter in den Garten oder ſuchte auf einem weitern Gange ſich zu erholen. Mehr und mehr nahmen ihre Poe⸗ ſieen einen ſchwermüthigen Charakter an. Sie glaubte dies entſchuldigt: Ich habe ſagen hören, meine Schriften ſeyen zu melancholiſch. Wie kann dies ein Vorwurf ſeyn, wenn ſie wahr ſind? Und daß ſie das ſind, dafür bürgt mir die Sympathie Anderer und meine eigene Erfahrung. Wenn ich jenen Zuſtand moraliſcher Ermüdung ſchildere, wo das Herz öde iſt gleich einer zerſtörten und verlaſ⸗ ſenen Stadt, wo der beflügelte Schritt der Freude und die ſiebenſaitige Leyer der Hoffnung aufhören, einander zu antworten; wo das Glück kalt und todt auf ſeiner eigenen Schwelle liegt; wo grauer Staub über Alles ſich breitet und nichts die Ausſicht zu neuem Aufleben bietet— wenn ich dies geſchildert, ſo geſchah es nur, weil ich es zu genau kenne. —— Im Herbſt 1836 ſah Letitia im Hauſe einer gemeinſchaftlichen Freundin zum Erſtenmal ihren nachherigen Gatten, Mr. George Maclean, welcher zwar noch jung, doch ſchon zum Gouverneur von Cape Coaſt Caſtle ernannt war. Afrika blieb der Brennpunkt ihrer Unterhaltung, wie Desdemona gewann ſie ihn lieb um Alles, was er zu erzählen wußte, und ſein Herz lebte für ſie auf, weil ſie ſei⸗ nen Schilderungen ein ſo entzücktes Ohr lieh. Im Juni 1838 vermählten ſie ſich, Anfangs Juli gien⸗ gen ſie zu Portsmouth an Bord, um ſich nach Cape Cvaſt zu begeben. Welch neue Welt beſtürmte nun die Seele Letitia's, als das Schiff ſie dem Lande ihrer Wünſche entgegen trug! In ſüßer Wehmuth ſchlang ſich aber ein nicht zu bewältigendes Heim⸗ weh durch alle Freuden, welche das Anſchauen des Meeres und ſeiner Wunder bot; dies erkennt man aus ihren Gedichten:„an den Polarſtern“ und „die Nacht auf der See.“ Letzteres iſt in meiſter⸗ hafter Uebertragung durch L. v. Plönnies in Deutſch⸗ land bekannt geworden. Letitia klagt, daß die dunkle Woge, die das Schiff umſpiele, ſie ſtets weiter von ihren Freunden wegtrage, daß erſt jetzt, wo ſie ein⸗ ſam wache, ihr Herz fühle, mit welcher Liebe es für alte Erinnerungen erfüllt ſei. Mir ſcheinen fremd ſogar des Himmels Sterne, Geh'n jenſeits ſie der Schattenſegel auf; Blickt doch mit mir zugleich nach jener Ferne Kein theures Aug' zu ihrem Strahl hinauf. Sie ſcheinen dort nicht, wie ſie hier mir ſcheinen, Die Stunden ſelbſt ſind anders. Schlafet Ihr? Schon weicht die Mitternacht vom Pfühl der Meinen, So laſſ' der Traum Euch doch ein Bild von mir. Ihr, meine Freunde fern, Denkt Ihr nicht mein? An Euch gedenk' ich gern. Die neuen Wunder, welche eine weite Meerfahrt dem poetiſchen Gemüthe aufſchließt, umringen ſie; ſie überläßt ſich ihrer Betrachtung auf kurze Au⸗ genblicke, ach! nur— um wieder zu den Bildern der Heimath zurückzukehren. — 326— Die Luft iſt unbelebt, die Wellen wiegen Geſchöpfe, furchtbar, ſeltſam, ſtark und groß, Der Schwertfiſch und der Hai zieh'n aus zu kriegen, Denn üherall herrſcht Kampf im Flutenſchoos. Der Inſel gleich, die ſich dem Meer' entringet, Zieht ein gigantiſcher Wallfiſch auf der Flut, Ein Silberquell dem Rieſenhaupt entſpringet, Den Märchenquellen gleich an Zauberglut. Ihr, meine Freunde fern, Mit Euch las ich die Feenmährchen gern. Das dunkle Segel ſcheint ſich zu beleben, Weil Luna es umfließt mit heller Pracht, Ich ſeh' aus Wolkenſchleiern ſich erheben Die holde, ſanfte Herrſcherin der Nacht. Bleich, wie die junge Königin vom Schimmer Von tiefem, glühendem Gefühl erſcheint; Doch ihren Glanz durchbricht die Liebe immer, Und wer ſie ſchaut in ihrer Schönheit, weint. Ihr, meine Freunde fern, Denkt Ihr denn mein? Ich denk' an Euch ſo gern! So mahlt Alles in ihrer Umgebung ihr der Hei⸗ math theures Bild, man weiß nicht, ob mit mehr Schmerz oder mit Luſt ſie am Schluſſe des ergrei⸗ fenden Gedichtes ſagt: Im Mondlicht kann ich einen Strich entdecken, Um den mein Blick ſich heut' umſonſt gemüht, Sinds wohl nur Wolken, welche täuſchend necken Des Wächters Blick, der in die Ferne ſieht? Bekannt iſt jeder Punkt des Schiffers Auge, Fern auf gethürmten Wogen liegt ihr Strand, Das Schiff eilt hin, beſchwingt vom friſchem Hauche, Sein Ziel iſt da.— Wir ſehen morgen Land! Am erſten Auguſt landeten ſie. Sorge und Schwer⸗ muth ſchien jetzt vergeſſen. Sie beſchreibt ihren hei⸗ — 327— miſchen Freunden die neue Wohnung: Das Caſtell iſt ein ſchönes Gebände mit herrlichen Zimmern, es iſt auf drei Seiten vom Meer umſchloſſen. Ich be⸗ trachte ſinnend den beſtändigen Wellenſchlag an die Felſen; eine Woge ſtürzt über die andere und zer⸗ ſchlägt ſie— gleich den Hoffnungen der Menſchen, die nur auftauchen, um zu zerfahren. Wir nahen uns, es öffnet ſich der Pfad der Liebe, der Hoffnung — ein Augenblick! und für immer iſt es dahin!— Die troſtloſe Einſamkeit, in welcher ſich Letitia nun befand, ließ ſich durch die Sorge für ihr Hauswe⸗ ſen, welchem ſie ſich mit aller Liebe widmete, nicht verſcheuchen. Ihren Gemahl ſah ſie nur auf kurze Stunden und außerdem, die lange Tageszeit über, keine lebende Seele, als die Diener. Sie nahm ihre Zuflucht wieder zur Poeſie. Maelean erkrankte bald ernſtlich; ſie pflegte ihn mit treuſter Liebe. Einmal, wie er nachher erzählte, glaubte er ſich dem Tode nahe und der Gedanke war ihm gräßlich, was dann aus der Verlaſſenen werden ſollte. Sie ſah ihm in das Geſicht und antwortete rührend: Glaubſt du wirklich, daß ich dich überleben könnte? Denke nicht daran, ſorge nicht um mein Geſchick, ich weiß gewiß, ich kann keinen Tag nach dir leben! — Ihre Geſundheit kräftigte ſich indeſſen, ſeit ſie den Boden Afrikas betreten, zuſehends. So kam der 15. Oktober. Sie fühlte ſich in der Frühe un⸗ wohl, doch ſchrieb ſie einige Briefe nach England, weil ihr Kammermädchen im Laufe des Tages ab⸗ ſegeln ſollte. Dieſe ſah ihre Herrin ämſig beſchäf⸗ tigt und gewahrte nichts Auffallendes an ihr. Nach einer halben Stunde wollte ſie in Letitia's Zimmer eintreten, ſie konnte die Thüre nicht leicht öffnen und entdeckte dann ſogleich ihre Herrin, die bewe⸗ gungslos am Boden lag, ein leeres Fläſchchen in der Hand, worauf das Mittel deutlich zu leſen war, welches ſie wohl kannte und gegen ihr Krampfübel gewöhnlich einnahm. Alle ärztliche Hülfe kam zu ſpät, das Leben war entflohen. Man glaubte, ſie habe durch unvorſichtige Anwendung von Blauſäure ihren Tod beſchleunigt. Da, ſeltſam genug, der Körper nicht ſecirt wurde, ſo vermuthete man hin und wieder, ſie ſei durch fremde Hand gefallen; eine frühere Geliebte ihres Gatten, ein ächtes Kind der heißen Zone, habe die Arzeneimittel heimlich vertauſcht oder ihr gar das Gift aufgezwungen, ehe Letitia um Hülfe rufen konnte. Ueber ihrem Ende liegt ein geheimnißvolles Dunkel, welches die Zu⸗ kunft ſchwerlich zu erhellen vermag. Nahe bei dem Caſtell, noch innerhalb des Walls, iſt ihr einſames Grab. Ein prächtiger Marmorſtein deckt daſſelbe; er führt die Inſchrift: Hier liegen die ſterblichen Reſte von Letitia Eliſabeth Maclean; mit reinem Geiſte geſchmückt, hoch begünſtigt von den Muſen, herzlich geliebt von Allen, entriß ſie der Tod in des Lebens Blüte, am 15. Oktober 1838, in einem Al⸗ —————— — 329— ter von ſechs und dreißig Jahren. Den Marmor, den du ſchauſt, v Wanderer, hat ein trauernder Gatte errichtet, als leeres Sinnbild ſeines Grams.— Ein dichteriſch begabter Landsmann, Charles Swain, weihte in ſeiner„Viſion der Gräber, der frühe Verblichenen eine liebliche Blume der Erinnerung: Noch immer klagt Erinna an dem Strand, Die Winde ſeufzen und die Wolken weinen, Die Woge bricht ſich trauernd an dem Land, Mit ihnen ſich dem Klagelied zu einen, Dem feierlichen Grabgeſang, dem Deinen, O brittiſche Sappho, die der Liebe ſang, Die uns als ewiges Geſtirn wird ſcheinen! Um dich ertönt Erinnen's Trauerklang; Sie blickt nach fernem Strand, prophetiſch, ernſt und bang. Du früh Geknickte! Ach, dein Schweſterherz Voll Mitgefühl, es hat ſchon ausgeſchlagen. Zu unſ'rer Landon Gruft, in tiefem Schmerz, Zum fernen Strande ſchweben unſ're Klagen. Nicht mehr die Lüfte ihre Klänge tragen, Das glüh'nde Lied voll ſüßer Melodie.— Ach, allem Trennungsſchmerz, den ſie ertragen, Floß keine Thräne ſanfter Sympathie, Und einſam weinte ſie, die Jedem Tröſtung lieh! Du, das empfieng ihr Haupt im Roſenkranz, Das ruhmumſtrahlt ſie dorten legte nieder, Gib ſie mit ihres erſten Namens Glanz Zurück, die theure Sängerin holder Lieder! Es ruft ein ganzes Volk: gib ſie uns wieder! Gib ihre Aſche ihm, das Dir ſie gab, Mit ihrem reichen Geiſt— o gib uns wieder Die Hülle nur!— Ihr Wogen, tragt hinab Britannia's Ruf— ſie fordert nur ihr Grab. ——— — 330— Die Ueberſetzerin auch dieſes Klageliedes ſagt in ih⸗ rer Britannia:„Auch Miß Landon, die liebliche Dichterin der Improviſatrice hat mich angezogen, wiewohl in anderer Weiſe als Felicia Hemans. Ihr Reich, ob auch von dieſer Welt, iſt von reizenden Phantaſieen, lieblichen Gefühlen und anmuthigen Erſcheinungen belebt. Ihr unglückliches Schickſal wirft einen dunkeln, geheimnißvollen Schleier über ihr frühes Grab, auf welchem die Thränen ihrer Freunde nicht ſo bald trocknen werden.“ Dieſe Poeſie ihres Lebens veranlaßt mich, ſie hier bei andern edeln Frauen zu feiern. Durch ihre Dich⸗ tungen ſteht ſie freilich ſelbſt unter ihrem Volke nicht ſo hoch wie Felicia Hemans; ich gebe es zu: „Felicia iſt ein Charakter, Letitia nur eine poetiſche Erſcheinung; jene trug das Licht und die Wärme der Poeſie in ſich, dieſe mehr den äußern Schimmer; Felicia's Leben iſt durch Harmonie und Wahrheit bedeutend, Letitia's mehr durch äußere Umſtände intereſſant;“(L. v. Plönnies) allein dennoch wollte ich aus guten Gründen das bewegte Leben hier dem Stillleben vorziehen. 1, 2, 3. Die drei erſten Bilder führen uns an die Ufer des Ganges, wo es„duftet und leuchtet, wo Rieſenbäume blüh'n, wo ſchöne, ſtille Menſchen vor Lotosblumen knien.“ Die Geſchichte der Damajanti iſt eine Epiſode jenes rie⸗ ſenhaften, epiſchen Gedichtes Maha⸗Bharata, und zwar die größte, ſchönſte, unter den Indern die berühmteſte. Zur Zeit, als die heilige Sprache derſelben, das Sanskrit, in Europa noch zu den ſeltenſten Studien gehörte, überſetzte ſchon der gründliche Kenner dieſer Sprache, Franz Bopp„in der erſten Begeiſterung über den herrlichen Fund“ die Da⸗ majanti nach dem Versmaße in's Deutſche. Ich folge dieſer Ueberſetzung, obgleich ſie weniger bekannt ward, als eine freie Nachdichtung von F. Rückert, die„in vrigineller Weiſe Oeſtliches mit Weſtlichem, Ueberliefertes mit Eigenthümlichem paarend, den Ruhm der Damajanti im wohlklingendſten deutſchen Reim verherrlicht.“— Sawitri, ebenfalls von Bopp überſetzt, gab zu einem noch gelungenern Gedichte Rückerts Anlaß, das ſich unter deſſen brahmaniſchen Erzählungen findet, und zu vieſem Bilde die Zeichnung bot.— Die Ge⸗ ſchichte der Sakontala tritt uns in dem indiſchen Drama des Kalidaſa entgegen, den ſein Volk ſo hoch berühmte, daß es ihn für eine Verkörperung des Gottes Brahma annahm. Forſter und Herder machten unſer Volk zuerſt mit dieſer Dichtung bekannt, W. Gerhard bearbeitete ſie zur Darſtellung. Neuere Ueberſetzungen kamen mir nicht zu Geſicht.— 4,5, 6. Die drei Frauen, deren Leben in bibliſchen Büchern verherrlicht ward, Ruth, Eſther, Judith athmen ſchon dort poetiſche Glut und Fülle; es bedurfte nicht ſpäterer Nach⸗ dichtung, die ſich bei Eſther aus franzöſiſchen Tragödien be⸗ — 334— nutzen ließ. Judith erſchien durch Hebbels Trauerſpiel im magiſchen Glanze; ich habe vieles aus dieſer Dichtung auf⸗ genommen; das Lied der Judith übertrug ich ſelbſt.— Urge⸗ waltig iſt der Eindruck, den die helleniſchen Frauen der Mythe und Geſchichte machen; wir ſtaunen vor ſolcher Leidenſchaft. Möchte man nur nicht tadeln, daß ich zu viele Griechinnen einge⸗ führt; denn ungern verſage ich mir, eine Helena, Andromache Penelope, Hekuba, Kaſſandra, Aſpaſia, zu ſchildern, weil ihre Poeſie zum Theil die anderer Völker und Zeiten wiederholt. 7. Antigone, eine der herrlichſten Naturen, ſetzte durch den Verſuch, ein altklaſſiſches Bühnenſtück heute in Scene gehen zu laſſen, alle Freunde der griechiſchen Kunſt in Bewegung, und wenn uns dieſe Verſuche auch kaum einen blaſſen Schatten der helleniſchen Bühne heraufbeſchworen: die Gegenwart wandte ſich doch jenen Merkſäulen eines erhabenen Volksgeiſtes wieder mit neuer Liebe zu. Die Stücke des Sophokles, unter welchen dieſe Antigone, verdeutſchte Donner, Thudichum, Minkwitz, Strauß. 8. Medea habe ich nach Euripides dargeſtellt, denn das „goldene Vließ“ von Franz Grillparzer, ſowie andere drama⸗ tiſche Geſtaltungen, in denen die Kolcherin vorkommt, ſind zu wenig von dem Geiſte des Alterthums erfüllt.— 9. Iphigenia wollte ich zuerſt in Aulis, dann in Tauris zeigen; Schillers Bearbeitung des Euripides bot zu jenem, Göthe's Meiſterwerk zu dieſem die Geſtalt. Ich weiß wohl, daß auch das griechiſche Alterthum eine Iphigenia auf Tauris, nämlich von Euripides beſitzt; ich bin aber wohl nicht der Einzige, welcher das Göthiſche Drama vorzieht und es auszuſprechen wagt, Göthe habe hierin die Dichter der Alten überflügelt. Schon der gelehrte Kenner der antiken Tragödie, Gottfried Hermann, ſagt:„In der deutſchen Iphigenia glau⸗ ben wir einen Griechen zu vernehmen, der auf der Höhe un⸗ ſerer jetzigen Civilſation ſtehend nicht nur ein reineres und höheres Ideal der Tugend, als Euripides, in ſich hat, ſondern auch den Effekt ſeiner Darſtellung mehr in der Kraft und Fülle der Gedanken, als in dem Schmuck der Worte und — 335— der Mannigfaltigkeit der Rhythmen ſucht.“ Weber's Erläu⸗ terungen zu klaſſiſchen Dichtungen der Deutſchen, oder Pudor's und Viehoffs Abhandlungen über die Iphigenie Göthe's führen den Beweis vollſtändig.— 10. Nauſikaa tritt uns aus dem Altvater Homer im Glanze göttlicher Jugend entgegen, aber Homer gibt ſie nur als Figur einer Epiſode. Was wird nach der Entfernung des Odyſſeus ihr Loos werden? Darüber wollte Göthe, den ſie unwiderſtehlich anzog, in einem Drama belehren; den unvollendeten Plan Göthe's führte erſt Heinrich Viehoff zu Ende. Beiden ſchließt ſich meine Darſtellung an.— 11. Sappho, von deren Liedern uns die neidiſche Zeit ſo wenig bewahrte, iſt die erſte wirkliche Dichterin in dieſer Mitte. Ihr oft durch Mißverſtändniſſe— ſeltſam genug ſchon im Alterthum!— verdunkeltes Bild nahm ich zum Theil aus Ottfried Müllers Geſchichte der griechiſchen. Literatur oder aus den Nachrichten alter Schriftſteller, zum Theil aus den von ihr erhaltenen lyriſchen Geſängen und fliegenden Verſen. Grillparzers Trauerſpiel iſt theilweiſe ge⸗ lungen; ihm entnehme ich das Eine Lied der Sappho, das Andere überſetzte mir Dr. Zimmermann in Büdingen, dem die Leſerinnen mit mir dafür danken werden.— 12. Dido iſt durch Virgilius, den Sänger des Aeneas, bekannt geworden. Voß und Schiller überſetzten das Epos, der Letztere nur zum kleinern Theil; außerdem lebt Dido in vielen dramatiſchen Stücken. Eine abweichende Sage von Carthago's Gründung gibt Graf Platen. 13. Lukretia gab dem jungen franzöſiſchen Tragiker Ponſard Namen; ſein Trauerſpiel, wiewohl verſchieden be⸗ urtheilt und überſetzt, ſchien mir nach der Bearbeitung von Rudolphi, das Bild der Römerin in richtigſte Beleuchtung zu ſtellen; ich gab dieſer Lukretia den Vorzug. 14. Virginia's tragiſche Geſchichte zittert in allen Herzen nach, die für Freiheit und Unſchuld ſchlagen. Viele Dichter beſonders aus Frankreich ſtellten ſie dar. Aber von dem ſchlichten Hans Sachs bis zu Graf Soden wollte mir — 336— keins mehr gefallen, als welches der römiſche Geſchichtſchrei⸗ ber Livius entwirft. Leſſing trug ſich, wie ich an einem an⸗ dern Orte zeigte, lange mit dem Gedanken, Virginia's tra⸗ giſches Ende für die Bühne zu ſchildern, entwarf auch kurze Scenen, gab aber nachher dieſen Plan zu guter Stunde wie⸗ der anf, oder vielmehr, er moderniſirte eine Virginia und ſchuf ſo„Emilia Galotti“, ſein Meiſterwerk. 15. Cleopatra iſt von lateiniſchen, italiäniſchen, fran⸗ zöſiſchen und engliſchen Dramatikern behandelt und wartet doch noch des Dichters, der ihre in alle Glut einer maßloſen Sinnenfeier getauchte Geſtalt hochpoetiſch wiedergibt. Shake⸗ ſpeares„Antonius und Cleopatra“, aus welchem eine Stelle mitgetheilt iſt, hat wohl den Vorzug. Auch die plaſtiſche Kunſt ſtellte die ägyptiſche Zauberin dar. 16. Thusnelda, Hermanns Gemahlin, vergegenwär⸗ tigt uns die poetiſche Urzeit des deutſchen Landes, wie ſie freilich nur aus der Harfe unſerer Dichter hervorrauſchte. Klopſtocks Name genügt. Schade, daß ſeine Bardiete um⸗ ſonſt nach dem Beifall der Nation rangen. Nicht einmal ein bedeutender Maler mochte Hermann und Thusnelda darſtel⸗ len, als neuerdings Eine der im rheiniſchen Kunſtverein ver⸗ bundenen fünf Städte das Wiederſehen des heimkehrenden Cheruskerfürſten zur Aufgabe eines Preisbildes machte. 17. Die Geſchichte der Märtyrin V. Perpetua wird von mehren der ältern Kirchenſchriftſteller berichtet. Ihr Leben iſt auch erzählt: 1) Vies des peres, des martyrs etc. Ou- vrage traduit de PAnglais. Tome II. Paris 1764. 20 Die Zeugen des Herrn in Seiner Kirche oder Leben der Heiligen Gottes, von A. Schuhmacher. Erſte Hälfte. Mainz 1838. 18. Zenobia begegnet uns bei den römiſchen Geſchicht⸗ ſchreibern der Hiſtoria Auguſta; dramatiſch iſt ſie von dem Spanier Calderon de la Bareca behandelt, aus welchem die Stelle iu Oktaven genommen iſt. 19. 20. Kriemhild und Brunhild aus dem Nibe⸗ lungenliede vergegenwärtigen uns eine in jedem Betrachte große Zeit. Die Verehrung, welche jenes Lied in Anſpruch „ nehmen darf, iſt längſt in ihre Schranken zurückgewieſen, aber immer iſt Geiſt und Leben jener Tage, wie aus den beiden Bildern gleich erſichtlich, ſo auch anziehend und feſſelnd. Ge⸗ wandte Ueberſetzer bemühten ſich, die mittelhochdeutſche und nicht jedem verſtändliche Sprache des Heldenliedes in die neudeutſche umzuwandeln; Karl Simrock übertraf Alle, die mit ihm hierin wetteiferten. Die verſchiedenen dramatiſchen Faſſungen des Nibelungenliedes, oder einzeler Abenteuer deſ⸗ ſelben will ich nicht namhaft machen, weil ſie als mißlun⸗ gen zu betrachten ſind. 21. Gudrun, die„wunderbare Nebenſonne“ der Ni⸗ belungen, verſetzt uns zu den ſeefahrenden Heldenſtämmen an der Nordſeeküſte und dem Kanal, ſchildert abenteuerliche Käm⸗ pfe und Seezüge in mächtigem Strom der Erzählung, wes⸗ halb ein Kenner unſerer alten Volksliteratur, Gervinus, die⸗ ſem Gedichte einen ſehr hohen Werth beilegte und eine glück⸗ liche Umarbeitung, die er ſelbſt verſuchte, für Gewinn in un⸗ ſerer Poeſie anſah. Meiſterhaft iſt die heldiſche Jungfrau ge⸗ zeichnet; ſie ruft uns nicht minder als Kriemhild und Brun⸗ hild jene Zeiten zurück. Die neudeutſchen Umdichtungen von San Marte, Keller und Simrock werden nicht weniger Gu⸗ druns Ruhm verbreiten, als glückliche Auszüge wie der von Bäßller. Ich nahm das Bild großentheils aus der Origi⸗ naldichtung. 22. Genoveva wird ſchon ſeit Jahrhunderten im Volks⸗ buche geleſen, das mit dem Zuſatze: Gedruckt in dieſem Jahr — noch heute auf Märkten und Meſſen zu finden iſt und mit dem ewigen Juden, Fauſt, Eulenſpiegel und Oktavian die ſtete Wanderung durch Deutſchland macht. Die neuern Dichter weihten dem Bilde Genoveva's immer wieder friſche Kränze. Der Maler Müller weit weniger bekannt und ge⸗ leſen, und das Haupt der romantiſchen Schule Ludwig Tieck — wie verſchieden ſchildern ſie die Dulderin! Ich habe ſie nach Tieck dargeſtellt, deſſen Genoveva allein hinreicht, die „mondbeglänzte Zaubernacht, die den Sinn gefangen hält und jene wundervolle Märchenwelt in ihrer alten Pracht“ 15 aufſteigen zu laſſen. Gänzlich verſchieden von allen Dichtern früherer und ſpäterer Zeit faßt Hebbel in ſeinem Trauerſpiel „Genoveva“ die alte Sage auf. 23. Die Dichtung tritt der eigentlichen Geſchichte, natür⸗ lich ohne damit ihre eigenen, ewigen Rechte aufzugeben, näher und das biographiſche Element macht ſich geltend. Du willſt nicht blos das Angeſicht im Augenblick großer That oder ungeheuerer Schmerzen ſehen: Du fragſt auch, welche Züge das Kind und die Jungfrau trug, wie ſehr das Leben darin furchte oder mit ehernem Griffel ſeine Linien zog. Von allen frühern Frauen ſchien dies der Bewahrung nicht werth, oder die Zeit nahm es weg. Natürlich wird es auch um ſo ſchwerer, dann richtig zu zeichnen, wenn bald ein Zug, des Dichters würdig, benutzt, bald entfernt werden muß, was er in anderer Abſicht erſann. Johanna d' Arc lebt unſterblich durch Schillers Lied, während ein Mann ihres eigenen Volkes ſie in den Schmutz gemeiner Wirklichkeit zu ziehen verſuchte. Schande dem Andenken Voltaire's, der in ſeiner Pücelle zeigte, wie wenig er die erhabene Poeſie des weiblichen Herzens verſtand! Wetzel's Trauerſpiel und an⸗ dere neuere, die den Vergleich mit Schiller nicht aushalten, lagen bei Seite. Raumer's Taſchenbuch bringt zu neuſt einen Beitrag zur Geſchichte Johanna's, der geleſen zu werden verdient. Die Notizen über die falſchen Jungfrauen ſtellte unter Andern ein Aufſatz im Hamb. Telegraphen zuſammen. Starb Johanna d' Arc wirklich den Flammentod? Die franzöſiſche Tagesliteratur regte dieſen Zweifel wieder an. Der Prieſter Vignier entdeckte ſchon 1645 zu Metz ein Ma⸗ nuſcript, nach welchem Johanna im Mai, 1436, mithin fünf Jahre nach dem Hexenprozeſſe zu Rouen, in Metz geweſen ſei, ja ſich ſpäter zu Arlon mit dem Ritter Hermoiſe vermählt und zu Metz gewohnt habe. Vignier fand in dem Archiv der Familie Hermoiſe den Heirathskontrakt und vermuthete, der Biſchof von Beauvais, welchem die Engländer die Ueber⸗ wachung des Prozeſſes gegen die Jungfrau anvertrauten, habe eine andere Gefangene verbrennen laſſen und ſei der ächten Johanna nachher zur Flucht behülflich geweſen. Endlich kam auch noch eine Urkunde von 1443 in Vignier's Hände, worin von der Jungfrau als einer Lebenden die Rede war. Allein Vignier veröffentlichte nichts von Allem dem. Erſt nach ſeinem Tode ließ ſein Bruder die Dokumente drucken. Die Geiſtlichkeit zu Paris ſtritt für die alte Ueberlieferung. Aber 1749 fand Pollüche, Rechnungsführer der Stadt Orleans, abermals Belege, Johanna habe noch 1436 gelebt, und ſogar als Frau Johanna von Hermoiſe 1439 in Orleans einen feierlichen Einzug gehalten, wo der Stadtrath in Anerkennung ihrer während der Belagerung der Stadt geleiſteten Dienſte ihr ein Geldgeſchenk von 2000 Franken verwilligte und große Feſtlichkeiten veranſtalten ließ. Pollüche bemerkt zugleich, erſt von jetzt an ſei der Trauergottesdienſt abgeſtellt worden, der alljährlich zu Ehren der Jungfrau in einer der Kirchen ge⸗ halten wurde.— Dies ſchien nun Alles unbezweifelt. Jedoch in neueſter Zeit regten ſich wieder andere Bedenklichkeiten; man fand das alte Tagebuch eines Pariſer Bürgers auf, der Johanna's Zeitgenoſſe geweſen. Er ſagt unter Andern: „Am königlichen Hofe ſtellten ſich mehrere Jungfrauen von Frankreich ein, die alle als Betrügerinnen entlarvt wurden. Das kam daher, daß die Prieſter ſchon vor der Vollſtreckung des Urtheils das Gerücht ausgeſtreut hatten, die Heiligkeit Johanna's ſchütze gegen die Flamme. Deßhalb entriſſen die Engländer, um dieſen Trug zu verhüten, den Körper der Jungfrau dem angezündeten Holzſtoße, ſobald als die Seele daraus entflohen, und ſie ſich überzeugt, daß die Hexe wirklich todt ſei.“ Das Tagebuch führt weiter an, 1440 habe das Parlament und die Univerſität zu Paris ein Weib vorgeladen, die von Vielen für die Jungfrau gehalten und von der Stadt Orleans ehrenvoll empfangen wurde. Man erkannte, daß es verheirathet geweſen, ließ es aber frei, weil nichts Erhebliches vorlag, worauf dieſe Witwe mitten im Winter von Paris abreiſte.— Schon 1441 zeigte ſich wieder eine andere Jungfrau von Orleans; ſie war der ächten ſo ähnlich, daß ſie eine Audienz bei König Karl verlangte. — 340— Dieſer, an einem Fußübel leidend, war leicht an einer Art Ueberſtiefel unter ſeinen Hofleuten zu erkennen. Wie einſt zu Chinon die ächte Jungfrau, ſo prüfte er auch die Betrügerin, die aber ihre Rolle gut gelernt hatte und ihn gleich erkannte. Alle waren betroffen. Als aber König Farl ſie anredete: „Jungfrau, ſeid mir willkommen im Namen Gottes, der allein das Geheimniß kennt, das zwiſchen mir und euch herrſcht!“ — ſank ſie; wie vom Blitze getroffen zu ſeinen Füßen und geſtand den ganzen Betrug. Eine Handſchrift der großen Bibliothek zu Paris, betitelt: Exemples de hardiesse de plusieurs rois et empereurs— erzählt dieſen Vorfall.— Sogar noch 1473, wiewohl nur Vierzig Jahre ſeit dem Hexenprozeſſe zu Rouen verfloſſen waren, zeigte ſich in Trier eine Jungfrau von Orleans. Der Graf von Virnenburg wollte durch ſie den Pöbel für ſeinen Schützling Uldarik von Manderſcheit gewinnen, den er auf den biſchöflichen Stuhl zu erheben gedachte. Der Papſt ſetzte diesmal ein geiſtliches Ge⸗ richt zu Köln nieder, um die Sache zu unterſuchen, und da man offenbar dem Volke zu viel Dummheit und Leichtgläu⸗ bigkeit zugetraut hatte, ſo fand das Gericht den Betrug leicht aus und ſoll ſogar Miene gemacht haben, die graue Heldin noch einmal zu verbrennen. Zu rechter Zeit kam der Graf von Virnenburg zuvor; er fand Gelegenheit, die bereits Ver⸗ urtheilte entſchlüpfen zu laſſen, die nun ſich in die frühere Verborgenheit zurückzog.— Die Unterſuchung, welche KarlVII. endlich, wie ſchon erzählt, anordnen ließ, begnügte ſich mit einer Reviſion des Prozeſſes zu Rouen, worauf der Kanzler der Pariſer Univerſität 1456 feierlich erklärte, Johanna ſei verbrannt worden. Richtiger wäre es freilich geweſen, zu unterſuchen, ob ſie verbrannt oder gerettet worden. Damals war dies noch möglich. Unſere Zeit kann ſich nur in unge⸗ gründeten Vermuthungen erſchöpfen. Sollte aber Johanna d'Arc auch nicht in den Flammen geſtorben, ſondern durch Prieſterhand und frommen Betrug gerettet worden ſeyn: das Wunder ihres Lebens bleibt und ihr Bild kann durch einen andern Tod nichts von ſeinem Glanze verlieren. — 24. Agnes Bernauerin war ſonſt auf der Bühne heimiſch eine neue Tragödie von Ludwig Braunfels wurde zwar aufgeführt, aber meines Wiſſens noch nicht im Drucke bekannt.— 25. Eliſabeth bleibt eine würdige und gleich ſchwere Aufgabe für die poetiſche Zeichnung, wenn ſie nicht allein das Gegenbild zu 26. Maria Stuart bilden ſoll. Letzere ſelbſt bedarf hier keiner nähern Andeutungz ich kenne bis jetzt kein Gedicht, in welchem ſie erſcheint, das ihr nicht eine poetiſche Verklärung gegeben hätte.— Ihr Abſchiedslied iſt nach Beranger von Ad. von Chamiſſo überſetzt.— Eine ſeltſame Erſcheinung unter dieſen Gemälden möchte 27. Chri⸗ ſtina von Schweden ſeyn, die oft nur unweiblich auftritt. Ich hoffe indeſſen, es iſt mir einigermaßen gelungen, aus ihren eigenen Bekenntniſſen und den geſchichtlichen Werken der neuern Zeit, die Poeſie ihres Lebens zu entwickeln. Der Mord Monaldeschi's gibt viel Stoff zu poetiſcher Erfindung. Laube's Trauerſpiel, das bereits über einige deutſche Bühnen gieng, blieb jedoch von geringem Erfolge. Ein Geſtändniß eigener Art machte Chriſtina in ihren Memoiren:„Meine Meinung geht dahin, daß Weiber niemals regieren ſollten, und gewiß hätte ich meiner Tochter das Recht der Erbfolge entzogen, wenn ich mich vermählt hätte. Ich würde nämlich mein Reich ohne Zweifel mehr geliebt haben, als meine Kinder; und es heißt, ſein Reich verrathen, wenn man zu⸗ gibt, daß die Erbfolge auch auf Töchter fällt. Ich verdiene wohl um ſo mehr hierin Glauben, da ich gegen mich ſelbſt rede. Aber es iſt bekannt von mir, daß ich die Wahrheit auch auf meine Koſten ſage. Es iſt faſt unmöglich, daß ein Weib ſich den Pflichten eines Throns auf würdige Art widme, ſie mag für ſich ſelbſt oder für einen Mündel herrſchen. Die Unwiſſenheit der Weiber, die Schwäche ihres Körpers, ihres Charakters und ihres Verſtandes macht ſie unfähig zu regieren. Alles, was ich in der Geſchichte und in der Welt von Wei⸗ bern, die regierten oder zu regieren ſchienen, geſehen oder gehört habe, überzeugt mich, daß ſie ſich dadurch unfehlbar — 342— auf eine oder die andere Weiſe lächerlich machen. Ich nehme mich ſelbſt nicht aus und werde meine Fehler in der Erzählung meiner Lebensgeſchichte ſelbſt anführen.“— 28. Meta von Zehren gehört zu den bedauernswer⸗ then Opfern des Hexenglaubens. Es wäre eigentlich nöthig, ihr ſchlichtes Bild Andern gegenüber zu ſtellen, die ebenfalls der Hexerei verdächtig waren, indeſſen durfte ich bei dieſer Nachtſeite in der Geſchichte des weiblichen Geſchlechtes nicht länger verweilen, wenn auch die damit verwandten magne⸗ tiſchen Erſcheinungen vorkommen ſollten. 29. Das Leben der Neuberin erzählen verſchiedene Bücher; möge man ihr ein Plätzchen gönnen. 30. Die Karſchin galt einſt für Deutſchlands Sappho und hatte Stolz genug, ſich ſelbſt bisweileu ſo zu nennen, wenn gleich ſie es ſonſt verbat. Ihr Bild iſt von der Hand einer liebenden Tochter aufbewahrt und tritt zugleich mit vieler Beſtimmtheit aus ihren Liedern hervor. Das unter ihren Namen geſetzte Motto zeigt, daß kein Ehrenname weni⸗ ger ihr zukommt, als der Sappho's, ohne dieſe Bemerkung wird man jene Verszeilen ſchwerlich zu deuten wiſſen.— 31. Maria Thereſia lernen die Leſerinnen vollſtändig aus dem Werke von E. Duller: Maria Thereſia und ihre Zeit, kennen, welches bereits in fremde Sprächen überſetzt iſt. Auch die„Denkwürdigkeiten“ der K. Pichler benutze ich. Bange ergreifend ſind die republikaniſchen Frauen, 32. Charlotte Corday und 33. Manon Roland. Die Geſchichte des Weibes bietet kaum in irgend einer Zeit und unter andern Völkern auch nur Ein Gegenbild. Charlotte ſchwärmeriſch und jungfräulich, Manon glühend und bekannt mit aller Süßigkeit des Lebens— welch kühnen Einblick in unverſchleierte Frauenſeelen gewähren Beide! Im Innern waltet es dämoniſch und doch iſt die äußere, faſt imponirende Ruhe der Geſtalten nicht erkünſtelt, noch erzwungen. Manon nenne ich die Kaſſandra der Revolution, ich weiß, daß man ſie auch die Circe genannt, und will nicht widerreden. Ihre Memviren, denen ich in meiner Skizze nachgieng, ſind ein 4 ſeltenes Denkmal eines Geiſtes, der im Angeſicht der Guil⸗ lotine noch in idylliſchen Jugenderinnerungen ſchwelgt, mit epikurdiſcher Laune ſein eigenes Portrait mahlt, und die von der Zeit und dem Kummer noch nicht gewelkten Reize faſt in dem Augenblick muſtert, wo der Henker mit der Guilloti⸗ nentoilette eintritt. Charlotten zeichne ich nach Memoiren aus jener Zeit und nach Jean Paul, ihrem eifrig beredten Vertheidiger. Vielleicht wird man beiden Frauen gegenüber die Königin Marie Antvinette vermiſſen, die ich nur ungern ausſchloß. 34. Luiſe von Preußen iſt durch einige Biographien dem großen Kreiſe ihrer Verehrer bekannt geworden, z. B. durch Frau von Berg. Am wenigſten bietet: Luiſe Königin von Preußen, ein Denkmal. Berlin 1810, denn der unge⸗ nannte Verfaſſer läßt ſich faſt blos darauf ein, die Feſtlich⸗ keiten herzuzählen, welche man dem Könige und ſeiner Ge⸗ mahlin auf verſchiedenen Reiſen zum Empfange bereitet; ein Denkmal von Luiſens Geiſt und Leben iſt im Uebrigen dieſe Schrift gar nicht. Das Bildniß der Königin iſt gelungen. In neuſter Zeit ſind die„Charakterzüge“ und hiſtor. Frag- mente aus dem Leben Friedrich Wilhelms III.“ von Eylert (Magdeburg 1843. 3. Aufl.) ſehr belehrend und enthalten treffliche Nachrichten über die Königin. 35. Die Seherin von Prevorſt ſtellt uns die Poeſie des Magnetismus daär. Es kam hier gar nicht auf die zahl⸗ loſen Einwürfe der Gegner an, die mir wohl bekannt ſind. Wer über ſolche Erſcheinungen mitreden will, darf ſich übri⸗ gens nicht auf dieſe ſchriftlichen Darſtellungen einzeler Fälle ſtützen, ſondern muß in der Nähe ſelbſt beobachtet haben. Eine Traumdichtung einer Seherin von L. C. Wittich findet ſich in meinen„Sieben Büchern deutſcher Sagen und Legen⸗ den,“(Darmſtadt 1839) ſowie im„deutſchen Sagenbuch“ 2te Aufl. Darmſtadt 1845, auf welche ich der Kürze wegen verweiſen will. J. Kerner möge mir nicht zürnen, daß ich für den gegenwärtigen Zweck nicht tiefer eingieng.— — 344— 36. Bettina iſt die einzige, noch lebende Frau, welcher in dieſen Blättern eine beſondere Schilderung gewidmet wird. Ihr Leben ſowie ihre Schriften ſind allbekannt. Die künfti⸗ gen Geſchichtſchreiber unſerer Literatur werden ihr eine höhere Stelle anweiſen, als es Manche in der Gegenwart thun. Ihr Leben hat Funck geſchrieben. Dies Buch kenne ich nicht. 37. Das unglückliche Geſchick der brittiſchen Sappho er⸗ regte allgemeine Theilnahme, auch auf dem Continent. Eine ausführliche Biographie enthält: Memors of the literary ladies of England by Mrs Elwood. Vol. II. London, 1843, welchem Theil auch ein Portrait Letitia's mit Facſimile beigegeben iſt. Die deutſche Dichterin L. v. Plönnies hat nicht nur in ihrer„Britania“ Einiges von Miß Landon vor⸗ trefflich überſetzt, ſie wird auch in der Kürze eine biographiſche Parallele zwiſchen Mrs. Hemans und Mrs. Maclean ver⸗ öffentlichen und noch ungedruckte Ueberſetzungen beifügen. — — 1* ſ 9 10 11 12 13