———— 3 e e e Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Heſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. besepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M.— Pf. „3„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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An einem friſchen Novembertage des Jahres 1786 be⸗ gegneten zwei Männer oder vielmehr Herren einander vor dem Hauſe der Invaliden zu Paris. „Guten Morgen, Marquis Beaulis!“ ſprach der Eine, welcher reich und fein gekleidet war, indem er nachläſſig an ſeinen Hut griff.„Wie geht es Euch?“ „Ich danke, Graf Briſſac!“ verſetzte der Marquis kurz—„es geht mir ziemlich wohl.“ Nach dieſer kurzen Erwiederung wollte der Marquis ſeinen Weg fortſetzen; allein der Graf hielt ihn auf, in⸗ dem er fortfuhr:„Aber, liebſter Marquis, Ihr werdet Euch erkälten, Ihr, der Ihr kein Jüngling mehr ſeid. Warum tragt Ihr keinen Mantel über Euern Frack oder wenigſtens einen warmen Ueberrock?“ „Es gilt eine Wette“— verſetzte der Marquis, wo⸗ 1* 4 bei er ſich verfärbte—„welche ich eingegangen bin, daß ich vor Winters Anfang keines Oberkleides oder Mantels mich bedienen wolle.“ „Da habt Ihr eine lebensgefährliche Wette eingegan⸗ gen, Marquis“— ſagte der Graf mit übel verhaltenem Spotte—„und nur eine ſehr hohe Summe vermag ein ſolches Unternehmen einigermaßen zu entſchuldigen. Was gilt die Wette? Zehn⸗, zwanzig⸗, hunderttauſend Francs oder noch mehr?“ „Ich wette nicht um Geld“— erwiederte der Mar⸗ quis ernſt—„s galt einen Wettſtreit und da gab ich mein Wort, das ich zu halten gewohnt bin.“ „Ja, ja!“ lächelte der Graf—„Ihr mögt Eure triftigen Gründe haben, nicht um Geld zu wetten. Kennt Ihr, Marquis, die Anecdote von dem Vater unſers jetzigen Königs, als er, um ſich huldigen zu laſſen, das Land durchreiſete?“ „Man erzählt ſich Fon dieſer Huldigungsreiſe ſo viele Anecdoten“— entgegnete der MWarquis—„daß man, um ſie alle zu behalten, ein Gedächtniß haben müßte wie weiland König Mithridates.“ „Nun, ſo hört, lieber Marquis“— fuhr Briſſac fort.„Als Ludwig XV. in eine kleine Stadt gelangte, ſo empfing ihn deren Bürgermeiſter an der Spitze ſeiner Bürger. Sire! hob er an— eigentlich ſollten wir Sie mit Kanonen empfangen und begrüßen. Allein aus ſieben⸗ zehn Gründen haben wir Solches unterlaſſen. Der erſte Grund iſt, daß wir keine Kanonen beſitzen— Dann“— *„ 5 ſiel ihm der König in's Wort—„erlaſſe ich Euch die übrigen ſechszehn Gründe. Ha! ha! ha!“ Der Marquis erbleichte hier vor Grimm. Mit zorn⸗ bebender Stimme ſprach er zu dem lachenden Grafen? „Für dieſe Beleidigung, Graf Briſſac, werdet Ihr mir Genugthuung geben. Beſtimmt gefälligſt Zeit, Ort und Art der Waffen.“ „Was faſelt Ihr von Beleidigung, Marquis?“ antwortete Briſſac höhniſch—„Ich habe Euch eine Aneedote von Ludwig XV. erzählt und weiter nichts. Und deshalb erhitzet Ihr Euch ſo ſehr? Aha, gewiß wollt Ihr dadurch den Mangel eines Mantels oder Ueberrockes erſetzen. Dann handelt Ihr noch klüger als jener Geiz⸗ hals, welcher, um nicht einheizen zu müſſen, einen Holz⸗ klotz ſo lange Treppe auf und Treppe nieder ſchleppte, bis er dadurch völlig in Schweiß gerathen war.“ „Ich erkläre Euch“— ſprach der Marquis mit Nachdruck—„für einen Feigllug, wenn Ihr mir die ge⸗ forderte Genugthuung verweigert— ja! ein Elender, ein Schuft ſeid Ihr“— „Ihr liebt den Scandal, Narmis⸗— unterbrach ihn BVriſſac giftig—„Sehet, wie die Straßenbuben und Maulaffen ſchon ſtehen bleiben und ſich ſammeln. Ich wünſche Euch einen guten Tag, lieber Marquis und nach beendigter Wette einen warmen Mantel. Adieu!“ „O der Niederträchtige!“ murmelte der Marquis zähneknirſchend—„Ach, daß ich keinen Degen beſitze, um auf der Stelle mich blutig rächen zu können. Wehe! 6 wehe! Frankreichs Adel iſt für die Geſetze der Ehre er⸗ ſtorben.“ Mit ſtillem Ingrimm ſetzte hierauf der Marquis ſeinen Weg nach dem Palaſte des Miniſters Senriques fort. In deſſen Vorzimmern fand der Marquis eine zahl⸗ reiche Verſammlung vor, welche insgeſammt zur Audienz gelaſſen ſein wollte. Auch der Marquis vermehrte durch ſeine Perſon die Zahl der Vittſteller. Als er den Diener des Miniſters ihn anzumelden bat, maß jener den Mar⸗ quis mit einem flüchtigen Blicke von oben bis unten, und dieſer Blick ſagte ihm, daß er einen armen, herunterge⸗ kommenen Edelmann vor ſich habe, der, obſchon Marquis und Ritter des heiligen Ludwig, jedenfalls nur in der Abſicht gekommen ſei, um den Miniſter mit Klagen und Bitten zu beläſtigen. Darum beeilte er ſich nicht, das Geſuch des Marquis zu erfüllen, ſondern meldete zuerſt alle die, welche, indem ſie des Dieners Hand verſilberten, deſſen Beine und Zunge dienſtwilliger zu ſtimmen wußten. Es ging dem armen Marquis von Beaulis genau eben ſo, wie noch heutzutage allen denen, welche vom Glücke weder durch Empfehlung, noch durch Reichthum, noch durch Ehrenämter bevorzugt worden ſind. Mit na⸗ gendem Schmerze mußte er mit anſehen, wie Einer nach dem Andern, ſelbſt ſpäter als er Erſchienene, zur Audienz gelaſſen wurden, während er überſehen und unbeachtet im Vorzimmer zurückbleiben mußte. So kroch langſam Stunde auf Stunde hin, und nicht bloß der Gram, ſondern auch 1 * 7 ein ungeſtüm ſich meldender Hunger begann an dem ar⸗ men Marquis zu nagen. Endlich, nachdem das Gewihl der Bittſteller ſich verloren hatte und nur noch der Marquis allein über⸗ geblieben war, ſagte ihm der Diener mit verdroſſener Miene und Stimme, daß er eintreten, ſich aber kurz faſſen möge, weil der Herr Miniſter bereits gänzlich er⸗ ſchöpft ſich fühle. Dem war auch wirklich ſo, und darum das Antlitz des Miniſters finſter, der Ton ſeiner Stimme gereizt, ſeine Laune eine ſehr verſtimmte. „Was wollen Sie?“ redete der Miniſter den tief ſich vor ihm verneigenden Edelmann barſch an.„Faſſen Sie ſich kurz. Meine Zeit iſt bemeſſen und meine Kraft faſt aufgerieben.“ „Der Gegenſtand meiner Bitte bin nicht ich“— er⸗ wiederte der Marquis—„ſind nur meine beiden Enkel, Franz und Helviſe von Beaulis. Ihr Vater, mein ein⸗ ziger Sohn, war Hauptmann bei der Infanterie und ſtarb in der Blüthe ſeiner Jahre, ſo wie im Dienſte ſeines Kö⸗ nigs, ſeinen Kindern nichts weiter hinterlaſſend, als den unbeſcholtenen und alten Namen des Hauſes Beaulis. Die beiden vater⸗ und mutterloſen Waiſen bitten Frank⸗ reich, ihr Vaterland, um das tägliche Brot, das ihnen mangelt, bitten um irgend eine Unterſtützung, um Auf⸗ nahme vielleicht in ein Cadettenhaus und in ein aveliges Fräuleinſtift oder“— „Aber, mein Gott!“ fiel der Miniſter dem Marquis * 8 voll Ungeduld in's Wort—„warum verlangen Sie von Frankreich und von mir, was Sie als Großvater ihren Enkeln erzeigen müſſen?“ „Sollte es Ihnen unbekannt ſein“— verſetzte der Marquis ſtaunend—„daß eine Kette von Unglücksfällen aller Art mich um den letzten Ueberreſt des Marquiſats Beaulis gebracht hat? Daß mir von dem reichen Erbe meiner Ahnen nichts geblieben iſt als nur ein beſchrie⸗ benes Pergament mit dem Stammbaume meiner Familie?“ „Hm! ich konnte ſo etwas ahnen“— antwortete der Miniſter, indem er des Marquis Anzug muſterte, der bei aller Sauberkeit doch überall die verſchämte Dürftig⸗ keit durchſchimmern ließ. Davon zeugte ſelbſt das ver⸗ ſchoſſene Ordensband im Knopfloche des Fracks, deſſen Grundfarbe kaum noch zu erkennen war. „Aber“— fuhr der Miniſter fort—„wiſſen Sie auch, Herr Marquis, daß jetzt nicht nur Tauſende, ſon⸗ dern Hunderttauſende, nein, mehr wie eine Million von Franzoſen die Regierung mit Bitten aller Art beſtürmen? Daß Frankreich an einem gähnenden Abgrunde ſteht, in welchen es unrettbar ſtürzen muß, wenn die Regierung nicht durch die ſtrengſte Sparſamkeit dem drohenden Un⸗ heile zuvorzukommen ſich bemüht? Warum wenden Sie ſich nicht an ihre Freunde, Herr Marquis? Mehr als der von allen Seiten in Anſpruch genommene Staat ver⸗ mögen Freunde zu thun.“ „Freunde?“ entgegnete der Marquis bitter—„Dieſe ſind mit meinem Erbe zugleich verſchwunden. Uebrigens 1 * 9 glaube ich vor einem Freunde meiner Familie zu ſtehen, welcher eine Ausnahme von jenen verſchwundenen Freunden macht.“ Der Miniſter fühlte den erhaltenen Stich und zog deshalb eine bitterſüße Miene. Der Vater des Marquis hatte ſich ſeiner, als eines jungen, mittelloſen Mannes angenommen und ihn ſtudiren laſſen, wodurch der An⸗ fang zu ſeiner glanzvollen Laufbahn gemacht worden war. Es iſt aber kein gutes Zeichen, wenn man ſich an empfangene Wohlthaten erinnern und zur Dankbarkeit auffordern läßt. Daher zog ſich der Herr Miniſter in eben nicht großmüthiger Weiſe aus ſeiner Verlegenheit. Er trat ein wenig abſeits, ſuchte in der Taſche, klimperte mit Gelvſtücken und reichte dann dem betreten daſtehenden Marquis die Hand, wie man bei einem Diener oder Bettler zu thun pflegt, dem man ein Trinkgeld oder ein Almoſen verabreichen will. Auf's Tiefſte verletzt, trat der Marquis einen Schritt zurück, wobei er ſeine Hand dicht an ſich zog. „Verzeihen Sie, Herr Miniſter“— ſprach er ent⸗ rüſtet und ſtolz—„nicht um ein Almoſen von Ihnen für meine Enkel zu erbitten, kam ich zu Ihnen. So tief ſind wir noch nicht gefallen. Lieber vor Hunger und Entbehrungen umkommen, als uns zu Bettlern erniedrigen — ſprechen die letzten Marquis von Beaulis.“ Und der Marquis verbeugte ſich und ging. „O der lächerliche Bettelſtolz!“ ſprach der Miniſter erzurnt und ſteckte die beiden Goldſtücke wieder in die 10 Taſche.„Dieſe Ritter von der traurigen Geſtalt wollen das Kind nicht bei ſeinem rechten Namen nennen. Ja, ja, hätte ich dem armen Schlucker einen Beutel mit tau⸗ ſend und mehr Goldſtücken eingehändigt, er würde ganz anders geſprochen haben und fröhlich mit dem Almoſen davon gegangen ſein.“ In völliger Verzweiflung verließ der Marquis von Beaulis des Miniſters Palaſt. Das Leben war ihm eine Laſt geworden, welche er je eher, je lieber von ſich zu werfen gedachte. Wohin er kam und ging, warteten des verarmten Edelmannes nur Demüthigungen aller Art. Erſt hatte ihm der Hohn des Grafen von Briſſac, dann des Miniſters Benehmen das Herz zerfleiſcht. Vernichtet wankte er durch die Straßen von Paris und inſtinktartig dem Seinefluſſe zu. Als er von der Brücke hinab in die dahin rauſchenden Fluthen ſtarrte, drängte es ihn, ſich in das naſſe, kalte Grab zu ſtürzen. Was war's, das ihn von dieſem Verbrechen abhielt? Der Gedanke an Gott, an die zu begehende Sünde und an die dafür ſeiner in der Ewigkeit harrende Strafe? Nein, o nein! Der Stolz des Edelmanns war es, welcher den Tod des Ertränkens als zu gemein und eines Ritters unwürdig verdammte. Hätte der Margquis eine Piſtole oder einen Degen beſeſſen, er würde mit dem Selbſtmorde nicht gezaudert haben. Die abmahnende Stimme ſeines Gewiſſens zu über⸗ täuben, ſprach der Margquis zu ſich ſelbſt:„Wenn ich nicht mehr bin, ſo muß der Staat ſich meiner beiden 11 Enkel annehmen und ſie nach ihrem Stande erziehen laſſen. Sonach bin ich den armen Kindern nur ein Hin⸗ derniß ihres Glücks, anſtatt ihre Hülfe. Ich begehe da⸗ her auch kein Unrecht, wenn ich mich eines Lebens ent⸗ äußere, das für mich nichts als Dornen enthält. Gut, ich darf ja nur in den erſten beſten Waffenladen treten und es wird mir ein Leichtes ſein, einen Degen in die Hand zu bekommen, mit dem ich mein blutendes Herz durchbohren kann.“ Im Begriff, die Brücke zu verlaſſen und ſein Vor⸗ haben auszuführen, fühlte der Marquis plötzlich ſeine auf den Rücken gelegte Hand leiſe, aber warm berührt. Be⸗ troffen wendete ſich der Marquis um und ſagte zerſtreut: „Ach, du biſt's, Franz?“ Es war ein Knabe von etwa zehn Jahren, in ähn⸗ licher Weiſe bekleidet wie der Marquis: nett, reinlich, aber mit den Zeichen der Dürftigkeit, die ſich gern ver⸗ bergen möchte. An dem Jäckchen, deſſen Aermel um ein bedeutendes Stück zu kurz waren, ſo wie an den Bein⸗ kleidern, die eine gleiche Kürze hatten, ſah man, daß der Träger dieſer Kleidungsſtücke lange keine neuen bekommen hatte und ſeitdem beträchtlich gewachſen war. Aber der Kleine ſchien ungleich froher gelaunt als ſein Groß⸗ vater, und in ſeinem fein gebildeten, etwas bleichen und magern Geſichte blitzten zwei muntere, dunkelbraune Augen. „Was willſt du hier, mein Sohn?“ fuhr der Mar⸗ quis zu ſeinem Enkel fort, welcher die Hand ſeines Groß⸗ vaters nicht wieder aus der ſeinigen ließ.„Geh' nach 12 Hauſe, Franz! deine Schweſter iſt allein und wird ſich langweilen.“ „O nein!“ verſetzte Franz—„Helviſe befindet ſich bei der Frau Denis und ſpielt mit deren Töchtern.“ „Du weißt aber“— erwiederte der Marquis ver⸗ weiſend—„daß ich dieſe Vertraulichkeit Helviſens mit ungebildeten Kindern gemeiner Leute nicht gern ſehe. Sie gewöhnt ſich nur zu leicht an ihre Rede⸗ und Denkweiſe.“ „O lieber Großpapa!“ antwortete Franz bittend— „ſoll denn die arme Helviſe gar nicht ſpielen und ſich freuen dürfen? Louiſe und Marie ſind ſo brav und lieben meine Schweſter herzlich. Ach, wie gern hätte auch ich einen Freund und Geſpielen!“ Nachdem Franz einen Seufzer ausgeſtoßen hatte, fuhr er, zur Fröhlichkeit zurückkehrend, eifrig fort:„Aber liebſter Großpapa! recht glücklich bin ich ſo eben geweſen. Stelle dir vor: wie ich, die Augen ſuchend auf das Stra⸗ ßenpflaſter geheftet, daher gehe, redet mich plötzlich eine Stimme freundlich an: Kleiner, würdeſt du wohl ſo ge⸗ fällig ſein und mir dieſes Bündel bis in die Straße der Kohlenleute tragen? Ein fremder Herr war's, welcher dieſe Bitte an mich richtete. Ich nahm das Bündel, das gar nicht ſchwer war, und als ich es bis in die Kohlenſtraße getra⸗ gen hatte, drückte mir der Fremde zehn Sousin die Hand.“ „Du gabſt ſie ihm doch zurück?“ fragte der Marquis mit verdüſterter Miene. „Zurück?“ entgegnete Franz verwundert.„Ei, liebſter Großpapa! der Fremde gab mir die zehn Sous aus freien . * 13 Stücken und ich— nun ja, ich hatte noch nichts gegeſſen und daruin gewaltigen Hunger.“ Außer ſich vor Schmerz ſchlug der Marquis ſeine Hände zuſammen. „Stirb, Beaulis!“ murmelte er vor ſich hin—„da⸗ mit dieſe Schmach deines Namens ein Ende nehme. Ein Marquis von Beaulis wird zum Laſtträger und läßt ſich mit zehn elenden Sous belohnen! Ihr glorreichen Ahnen, die ihr vor Zeiten an der Tafel der Könige ſpeiſtet und vas Gold mit Scheffeln maßet: erröthet ihr nicht über euern Abkömmling, den Packträger?“ „Für einen Sous kaufte ich mir ſogleich ein kleines Brötchen“— plauderte Franz vergnügt—„und eben wollte ich eins hinzufügen, da ich noch lange nicht ſatt 8 war: da ſah ich dich auf der Brücke ſtehen und vergaß varüber das Brötchen, den Hunger und Alles. Haſt du ſchon zu Mittag gegeſſen, lieber Großpapa? Wenn dem nicht ſo iſt, ſo wollen wir zuſammen ſpeiſen und ein köſtliches Mahl halten.“ „Ich ſehe ſchon“— ſprach der Marquis zu ſich ſelbſt—„daß ich das Kind nicht los werde. Aber mor⸗ gen iſt auch noch Zeit zum Sterben, und da Franz ein⸗ mal das Geld angenommen hat, ſo— ſo mag er damit machen, was ihm beliebt.“ Nachdem Franz die Erlaubniß ſeines Großvaters erhalten hatte, die noch übrigen neun Sous nach ſeinem Gutdünken zu verwenden, ſprang'er davon. Der Marquis dagegen wanderte dem nahen Garten der Tuilerien zu, 14 wohin er ſeinen Enkel gleichfalls beſchieden hatte. Noch hatte er den Garten nicht erreicht, als Franz ſchon zu⸗ rückgeſprungen kam und ſich wieder der großväterlichen Hand bemächtigte. „Das ſoll ein Mahl geben!“— frohlockte der Kleine, —„herrlicher noch als das des Königs! Beide Taſchen habe ich voll und ganz heiß iſt's in der einen. Rathe doch, Großpapa! was ich drinnen habe. Du haſt mich ſo viel mal ſchon geſättigt, Großvater! Wie freue ich mich, daß ich dir einmal Gleiches vergelten kann! Ach, bekäm' ich doch alle Tage ein Päckchen zu tragen und zehn Sous dafür!“ 5 „Verbittere mir nicht die gerühmte Mahlzeit durch die Erinnerung an deine Schande“— ſprach der Marquis voll Unmuth. Darauf ſetzten beide ihren Weg ſtillſchweigend fort. In dem Garten angelangt, ſuchte der Marquis ein abge⸗ legenes Plätzchen mit einer Steinbank, wo ſie ſich nieder⸗ ſetzten. Nachdem jener erſt noch ſorgſam ſich umgeſehen hatte, ob Zuſchauer in der Nähe ſeien, durfte Franz den Inhalt ſeiner Taſchen hervorholen. Man muß geſtehen, daß die Gerichte, welche des alten wie des jungen Mannes warteten, von geringer Anzahl und ſehr einfacher Natur waren. Allein dafür hatten ſie auch einen ſo guten Koch in ihren Dienſten, wie der König von Frankreich und alle übrigen Monarchen nicht. Dieſer Koch, Hunger mit Na⸗ men, wußte den kleinen Brötchen und den geröſteten, noch heißen Maronen(guten Kaſtanien), welche Franz eingekauft * 15 hatte, einen ſo reizenden Geſchmack zu geben, daß Franz laut und der alte Marquis im Geheim geſtanden, noch nie herrlicher getafelt zu haben. Franz hatte vier Brotchen und für vier Sous Ma⸗ ronen eingehandelt. Zwei hatte er für ſeinen Großvater, eins für ſich und das vierte für ſeine Schweſter Helviſe beſtimmt,„wiewohl“— ſprach er—„dieſe bereits bei Frau Denis zu Mittag gegeſſen haben wird.“ Dieſe unſchuldige Bemerkung verurſachte jedoch aber⸗ mals eine finſtere Falte auf der Stirne des Marquis von Beaulis, deſſen Stolz dadurch auf's Neue verletzt wurde. Auch von den Maronen hob Franz gewiſſenhaft einen eben ſo großen Theil, als er ſelbſt verzehrte, für Helviſe auf, wobei er nur bedauerte, daß dieſe die köſtlichen Früchte nicht noch warm genießen könnte. Während der alte Marquis gemüthlich dem Kauen oblag, vergaß er ganz des eigentlichen Urſprungs der ſchmackhaften Mahlzeit. Erſt nach dem letzten Biſſen fiel ihm derſelbe wieder ein und auf ſein adelſtolzes Herz. „Verſprich mir, Franz“— hob er zu dem Kleinen an, welcher vergnügt mit den Beinen ſchaukelte, während ſeine Finger die braune, aufgeplatzte Maronenſchale ablö⸗ ſete—„daß du dich nicht wieder zum Laſtträger hergeben willſt. Aus Gefälligkeit magſt du allenfalls eine kleine Laſt für einen Andern tragen, doch nicht für Lohn.“ „Haſt du mir nicht erzählt“— erwiederte der Kleine liſtig—„daß mein Vater vom gemeinen Soldaten auf gedient hat?“ 16 „Ja!“ antwortete der Marquis ſtolz—„ Ich war zu arm, um meinem Sohne eine Offiziersſtelle kaufen zu können, und es um ſo ehrenvoller für deinen Vater, daß er es vom gemeinen Soldaten bis zum Hauptmann brachte und das obendrein binnen wenig Jahren.“ „Wie viel Sold bekam mein Vater als gemeiner Soldat?“ fragte Franz. „Sehr wenig, mein Kind!“ entgegnete der Marquis. „Täglich nur ſechs Sous.“ „Ei! dafür hat mein Vater eine ſchwere Flinte und einen Säbel ja ein vollgepacktes Torniſter tragen müſſen?“ — ſprach Franz triumphirend—„und ich habe für ein leichtes Bündel zehn Sous erhalten!“ 3 „Du ſchwatzeſt ſehr unverſtändig, Burſche!“ erwie⸗ derte der Marquis verdrießlich.„Der Soldat trägt ſeine Laſt für ſeinen König und für ſein Vaterland.“ „Aber“— wendete Franz ein—„der freundliche Herr, für welchen ich das Bündel trug, war auch ein ———— Franzoſe und gehört mit zu meinem Vaterlande.“ „Da haben wir's“ murmelte der Marquis vor ſich„ hin—„mein Enkel hat ſchon recht gemeine Anſichten erhalten. Das kommt von dem Umgange mit dem Plebs her. Stirb, alter Beaulis, auf daß du deine Enkel der Gefahr des Verwilderns entreißeſt.“ Dieſer erneuten Sterbegedanken unbeſchadet, ſah der Marquis mit ſtiller Genugthuung auf die lauten Freuden⸗ ausbrüche ſeiner beiden Enkel hin, als nach der Heimkehr 17 Franz ſeine Schweſter mit dem Brötchen und den Maro⸗ nen beſchenkte. „Die habe ich verdient“— ſprach der Kleine leiſe zu Helviſen—„und darum ſchmecken ſie doppelt gut. Auch habe ich noch einen Sous in der Taſche— als Nothpfennig!“ Und die Geſchwiſter umfingen ſich mit liebenden Armen und tanzten jubilirend in dem engen Stübchen umher, wo ihnen allerdings nichts von den Möbeln in dem Wege ſtand, an denen ſie ſich hätten ſtoßen können. Der alte Marquis aber legte ſein Feſt⸗ und Ehren⸗ kleid ab: den ſchwarzen Frack von fein geweſenem Tuche, aber mit beſtoßenen Rändern und Nähten; die fadenſchei⸗ nigen Beinkleider, die geſtickte, aber arg verſchoſſene Aklas⸗ weſte, die blank gewichſten, jedoch mit Seitenflecken beſetz⸗ ten Stiefeln, das weiße Hamanhalstuch, die geflickten Manſchetten und das ſchneeweiße, vielfach ausgebeſſerte Vorhemdchen. Alle dieſe Gegenſtände verſetzte der Mar⸗ quis, nachdem er ſie vom Staube ſorgſam gereinigt hatte, in eine alte, große Kiſte, welche den Kleider⸗ und Wäſch⸗ ſchrank zugleich vertrat. Nachdem dieß geſchehen war, ſah man den Marquis in einem alten Schlaf⸗ oder Ueberrocke und überhaupt in einem Anzuge, welcher zu des Edelmanns Stolze ganz und gar nicht paßte. Auch die Kinder mußten ihre beſſe⸗ ren Kleidungsſtücke mit geringeren vertauſchen. Nieritz. Störſteffen und ſein Sohn. 2 18 Zweites Kapitel. Demüthigungen. Am andern Morgen, da es noch dunkel war, mußte der kleine Marquis von Beaulis das ärmliche Frühſtück für wenige Sous herbeiholen, welche ſein Großvater müh⸗ ſam aus ſeinen Taſchen zuſammenlas. Gedankenvoll ver⸗ zehrte der alte Herr ſein Soubrötchen und eine Taſſe lau⸗ warmer Milch; ſeine Enkel dagegen thaten es in jugendlichem Frohſinne und unter gegenſeitigen Scherzen, welche dem Großvater das Herz zerſchnitten. Dieſer ſetzte ſich ſpäter hin, um ein Schreiben zu entwerfen, in welchem er ſeine beiden Enkel der Gnade des Königs und der Regierung empfahl. „Ich muß“— ſprach er dabei zu ſich—„die Kin⸗ der immer auf meinen nahen Tod vorbereiten und ihnen ſagen, was ſie ſogleich nach demſelben zu thun haben. Franz, Helviſe“— fuhr er laut fort—„ich fühle, daß ihr mich nur noch kurze Zeit beſitzen werdet.“ Hier ſahen ihn die Geſchwiſter ſtaunend an. „Ja, meine Kinder,— ſprach der Marquis nicht ohne innere Bewegung weiter—„macht euch auf meinen baldigen Tod gefaßt.— Ein lautes Jammergeſchrei und Schluchzen von Sei⸗ ten Franzens und Helviſens unterbrachen des Marquis Worte.* „Nein! nein!“ riefen beide, indem ſie mit jugendli⸗ 19 chem Ungeſtüm den Marquis umfingen—„du darſſt nicht ſterben, Großpapa! Nein, nicht ſterben!“ „Euer Vater und eure Mutter ſind ja auch geſtor⸗ ben“— verſetzte der Marquis—„und da ich beinahe ſechzig Jahre alt bin, ſo iſt's natürlich, daß ich eher fort muß aus dieſer Welt als ihr.“ „Dann nimmſt du uns mit dir!“ weinte Helviſe. „Ja“— fuhr Franz fort—„wenn du ſtirbſt, Groß⸗ papa, ſo mögen, ſo können wir auch nicht länger leben.“ „Im Gegentheil“— tröſtete Beaulis—„ihr wer⸗ det es nach meinem Tode viel beſſer bekommen als jetzt. Ihr werdet ſchöner wohnen und gekleidet ſein, beſſer eſſen und reichlicher, werdet guten Unkerricht erhalten und mit eures Gleichen umgehen und einer glücklichen Zukunft ent⸗ gegen leben. Du, Franz, wirſt in ein Cadetenhaus und Heloiſe in ein adeliges Fräuleinſtift verſetzt werden, wo ihr viele Freunde und Geſpielen finden werdet.“ „Ich härme mich todt“— weinte Heloiſe—„wenn ich nicht mehr bei Franz und bei dir, Großpapa, ſein ſoll.“ „Und ich will auch lieber ſterben, als Cadet werden“ — verſicherte Franz.„O die Cadets haben es ſehr ſchlimm. Heinrich von Pleuret hat mir's geſagt. Dieſer möchte lieber wieder trockenes Brot und Käſe eſſen, als länger Cadet ſein. Kein bischen Freiheit hätten ſie. Den gan⸗ zen Tag müßten ſie über Büchern oder im Lehrzimmer ſitzen; dann ererciren bis zum Umfallen und endlich ſich Alles von ihren Vorgeſetzten gefallen laſſen.“ „Ja, und Johanna von Carabuſe hat, ſeitdem ſie 2* 4 in's adelige Fräuleinſtift gekommen iſt“— erzählte He⸗ lviſe—„ihre dicken rothen Wangen und ihre Fröhlich⸗ keit dazu verloren. Wie ein gefangenes Vögelein blickt ſie durch die Gitterfenſter des Stifthauſes traurig heraus, und da ich ihr neulich zunickte, wiſchte ſie ſich die hellen Thränen aus den Augen.“ „Aber“— wandte der Marquis, in ſeinem Vorha⸗ ben erſchüttert, ein,—„blicket doch umher, Kinder! Se⸗ het, wie entblößt wir von Allem ſind! Betrachtet dieſe nackten grauen Wände, dieſe elenden Dielen, den geſprun⸗ genen, rauchenden Ofen, dieſen einzigen, wackeligen Tiſch, die paar wurmzerfreſſenen Stühle, unſer erbärmliches Lager. Denket an den nahenden Winter mit ſeinen Fröſten und Unannehmlichkeiten, an eure dürftige, abgenutzte Kleidung, an die einfache, ja ungenügende Koſt und vor Allem an das Erniedrigende eurer Lage, die nicht beſſer iſt als die des gemeinſten Pöbels.“ 8 „O das ſind wir ſchon gewohnt“— verſicherte Franz mit Heiterkeit und nickte lächelnd ſeiner Schweſter zu. „Nicht wahr, Helviſe? Köſtlich ſchmeckt das Eſſen, wenn man recht hungrig iſt, und der Schlaf, nachdem man ſich müde gearbeitet oder gelaufen hat. Wenn wir dich be⸗ halten, Großpapa, ſo wünſchen wir's uns gar nicht beſ⸗ ſer. Nicht ſo, Helviſe?“ Und Franz erfaßte ſeine Schweſter und begann mit derſelben nach Herzensluſt in dem Stübchen umher zu tanzen. 21 Der Marquis ſah dieſer ſchuldloſen Fröhlichkeit mit blutendem Herzen zu. „Was ſoll ich thun?“ fragte er ſich.„Die Kinder haben mir das Herz ſchwer gemacht und meinen Entſchluß erſchüttert. Sie licben ſich gegenſeitig ſo ſehr, daß ich Alles für ſie fürchte, wenn ſie getrennt würden. Gleich⸗ wohl iſt mir's ſchrecklich, dieſes Leben voll Schande und Entbehrungen noch länger zu ertragen.“ Die zärtliche Liebe zu ſeinen beiden Enkeln bewog den Marquis, daß er ſeinen mörderiſchen Vorſatz von einem Tage zum andern verſchob. Franz dagegen ſprach zu ſeiner Schweſter:„Hüten wir uns, dem Großpapa eine Klage hören zu laſſen, da⸗ mit er nicht wieder Luſt zum Sterben bekommt. Ich habe ein Mittel ausgedacht, wie wir zu einigem Gelde kommen und des Großpapa Sorgen vermindern können. Wir ſtehen alle Morgen recht früh auf und durchwandern, wenn es kaum däinmert, die Straßen von Paris. Da wäre es nicht gut, wenn wir nicht dann und wann etwas fänden, das am Abend zuvor verloren gegangen iſt. Be⸗ ſteht der Fund in etwas Anſehnlichem, ſo erhalten wir einen hübſchen Finderlohn von dem Verlierer. Iſt's nur eine Kleinigkeit: ein Geldſtück, ein Handſchuh, ein Taſchen⸗ tuch, eine Manſchette oder ſo etwas, dann hält der Ver⸗ lierer es nicht der Mühe werth, ſeinen Verluſt bekannt zu machen, und wir ſind die rechtmäßigen Herren unſeres Fundes. Und begehrt Jemand unſrer Dienſte, ſo weigern wir uns deſſen nicht, ſondern nehmen gern das mit, was 22 man uns für unſere Dienſte darreicht. Ich kann dir gar nicht beſchreiben, wie überaus gut mir die Brötchen und Maronen geſchmeckt haben, weil ich ſie ſelbſt verdient und gekauft hatte. Aber der Großpapa darf nichts davon wiſſen. Er hat ſo ſonderbare Anſichten, daß er das Ar⸗ beiten für eine Entehrung hält.“ Die Geſchwiſter thaten, wie Franz vorgeſchlagen hatte, und befanden ſich gar nicht übel dabei. Der alte Mar⸗ quis aber überlegte gleichfalls, was er ſeinerſeits thun könne und müſſe, um ſein und ſeiner Enkel Lvos minder dürftig zu geſtalten. Zu betteln ſchämte er ſich; aber auch zu arbeiten, was nicht recht war, denn Arbeit ſchän⸗ det nicht. Er wußte ſich nicht anders zu helfen, als daß er ein Kleinod, den letzten Ueberreſt früheren Wohlſtandes, angriff und zu Gelde machte. Dieſes Kleinod beſtand in einer goldenen Schnupf⸗ tabaksdoſe mit einem Namenszuge in kleinen Brillanten. Dieſelbe hatte der Großvater des Marquis aus des Königs Händen ſelbſt für einen geleiſteten Dienſt erhalten und war von demſelben, ſo wie von ſeinen Nachkommen, heilig aufbewahrt worden. Es koſtete dem Marquis nicht geringe Ueberwindung, ein ſo hoch und werth gehaltenes Kleinod aus den Hän⸗ den zu geben. Wiederum war es die großväterliche Liebe, welche ihn endlich dazu vermochte. Aber der Marquis beſchloß, nur nach und nach ſeines theuren Schatzes ſich zu entäußern und darum vor der Hand einen oder zwei der Brillanten zu verkaufen. 23 „Franz“— ſprach er zu ſeinem Enkel—„ehn Häuſer von uns habe ich eine Schloſſerwerkſtatt geſehen. Geh' zu dem Meiſter und bitte ihn in meinem Namen um einen Grabſtichel oder um ein anderes ſpitzes Werk⸗ zeug, welches er mir für einige Minuten leihen ſoll. Ich würde es ihm unbeſchädigt wieder zurückſtellen.“ „Soll ich dem Meiſter deinen wahren Namen und Stand ſagen?“ fragte Franz. „Ja wohl!“— verſetzte der Marquis ſtolz—„Einem Unbekannten würde er das begehrte Werkzeug verweigern, dem berühmten Namen eines Marquis von Beaulis aber nicht.“ Franz eilte fort, kehrte aber bald und mit leerer Hand zurück. „Nun?“ fragte der Marquis verwundert. „Der Meiſter“— berichtete Franz—„verſetzte auf meine Bitte, daß er nicht die Ehre habe, einen Marquis von Beaulis zu kennen, und daß er einem unbekannten Jungen, wie ich wäre, kein Werkzeug anvertraue. Der Herr Marquis möge ſtatt meiner einen ſeiner Diener ſchicken. Dann würde er ſich eher entſchließen, das Ver⸗ langte zu leihen.“ „Wie heißt dieſer ungefällige Schloſſermeiſter?“ fragte der Marquis unwillig. „Auf dem Schilde ſteht: Stephan Schmidt ge⸗ ſchrieben.“— antwortete Franz.„Die ganze Nachbar⸗ ſchaft aber nennt ihn ſchlechtweg: Störſteffen.“ „Demnach iſt der Menſch von deutſcher Herkunft“ 24 — ſprach der Marquis beruhigt—„und nun wundere ich mich nicht mehr über den Grobian.“ Nach kurzem Beſinnen ging der Marquis, und zwar in ſeiner ſchon erwähnten Alltagskleidung, zum Schloſſer⸗ meiſter. „Der Herr Marquis von Beaulis“— hob er zu dem kleinen, wohlbeleibten Schloſſer an—„läßt Euch um das Werkzeug erſuchen, deſſen Verabfolgung Ihr ſeinem kleinen Laufburſchen abgeſchlagen habt.“ „Und wer ſeid Ihr, mein lieber Freund?“ fragte Störſteffen, indem er den Anzug des Marquis forſchend überblickte. „Ich bin der Diener des Herrn Marquis von Beau⸗ lis“— verſetzte dieſer, ohne über die Lüge zu erröthen. „Hm!“ erwiederte der Schloſſer—„meiner Treu! der Herr Marquis giebt ſeinen Dienern eine ſonderbare Livree. Von welcher Farbe iſt denn eigentlich dieſer Rock von wunderbarem Zuſchnitte? Wohin habt Ihr die gol⸗ denen und ſilbernen Treſſen, oder die Stickerei und die Wappenknöpfe gethan?“ „Ihr fraget ſehr unverſchämt, Meiſter!“ antwortete der Marquis zornig.„Wenn man gerade mit Stiefel⸗ putzen und Rockausklopfen beſchäftigt iſt, zieht man, wenn man ſeines Herrn Eigenthum ſchonen will, nicht die gute Livree an.“ „Da habt Ihr nicht wohl gethan“— verſetzte Stör⸗ ſteffen trocken.„Auf dieſen Rock leiht man Euerm Herrn keinen Strohhalm, geſchweige denn ein Wertzeug, das 25 ein paar Franken koſtet. Eher noch hätte ich ſolches dem kleinen Buben mit dem hübſchen Geſichtchen gegeben. Doch, wißt Ihr was? Ich werde mit Euch gehen und dem Herrn Marquis von Beaulis meine Dienſte mit allen meinen Werkzeugen zugleich anbieten. Es ſoll mich freuen, einen vornehmen und einträglichen Kunden mehr zu bekommen. Ich eile, meinen Rock überzuwerfen.“ „Laßt ſein!“ rief der Marquis abwehrend aus.„Er⸗ ſpart Euch den Weg und die Mühe. Da Ihr kein Ver⸗ trauen in meinen Herrn ſetzet, ſo begehrt er auch nun⸗ mehr weder Eurer Dienſte, noch Eurer Werkzeuge. Adieu!“ Und der Marquis entfernte ſich voll Zorn. „Das kommt mir verdächtig vor“— ſprach der Schloſſer.„Dahinter ſteckt ein Geheimniß. Heda! Stephan! ſchleiche dich jener Vogelſcheuche von Diener nach und habe Acht, in welches Haus ſie geht. Dem Dinge muß ich auf den Grund kommen.“ Stephan, der ſechszehnjährige Sohn des Meiſters und zugleich deſſen Lehrling, gehorchte dem Gebote des Vaters, ohne daß der Marguis Solches bemerkte. Die⸗ ſer ſprach ſeufzend vor ſich hin: „Immer und immer wieder nichts als Demüthigun⸗ gen! Iſt's nicht genug, daß mich die Laſt der Armuth drückt? Ha! wenn meine Enkel nicht wären! Dann würde ich keinen Augenblick zaudern, dieſem Zuſtande ein raſches Ende zu machen.“ Noch hatte der klagende Marquis ſein Haus nicht 26 3 ½ 3 Z erreicht, als ſchon wieder eine neue Serabwürdigig ſei⸗ ner harrte. „He! he! mein Freund!“ hörte er ſich durch eine ſchreckliche, ihm nur zu wohl bekannte Stimme anrufen. „Kommt näher und ſchnallt mir einmal den Steigbügel etwas länger.“ Der Marquis hatte nicht einmal nöthig, auf den Reiter hinzublicken, um zu wiſſen, daß derſelbe kein An⸗ drer ſei als der Graf Briſſac, ſein Beleidiger und Tod⸗ feind! Unwillkührlich ballte ſich ſeine Fauſt, und arge Schmähungen murmelnd, wollte er ſeinen Weg fortſetzen. Allein der Marquis ſah ſich durch die kräftigen Fäuſte eines Fiſchweibes von Paris angehalten, welches mit ſtra⸗ fendem Tone zu ihm ſprach: „Donner und Blit! ſeid Ihr taub, fauler Patron, wenn Euch ein vornehmer Herr etwas zu verdienen geben will? Wenn ich die Sache verſtünde, ſo würde ich ſie vollbringen und gern das Trinkgeld dafür in Empfang nehmen. Vorwärts! oder ich werde Euch den Tert leſen, daß Euch beide Ohren lange genug gellen ſollen.“ Bei dieſen Worten ſtieß das Weib den guten Mar⸗ quis unſanft gegen das Pferd des Grafen hin, welcher der Sprecherin ſeinen Dank dafür durch ein freundliches Kopf⸗ nicken ausſprach. Der Marquis, wie betäubt und vor den Kopf geſchlagen, bückte ſich nach dem Steigbügel. „Weigere ich mich“— ſprach er in ſich hinein— „ſo erhebt das Weib einen heilloſen Lärm und ich laufe Gefahr, entdeckt und erkannt zu werden. Dann wäre das ———— 27 uebel noch weit ärger. Muth! Muth! von Beaulis! Du biſt jetzt nur der Diener deines Herrn und entehrſt dich darum nicht, indem du den Riemen länger ſchnallſt. Aber, könnte mir es übler ergehen? Tod und Hölle! ich er⸗ ſticke noch vor Wuth!“ Ohne aufzuſehen, ohne ein Wort zu ſagen und ohne den tief in die Augen gedrückten Hut zu lüften. erhob ſich der Marquis nach vollbrachter Arbeit. Wie glühendes Blei brannte ihm das halbe Frankenſtück in der Hand, in welche es der Graf Briſſac hatte fallen laſſen. Dieſer ſprengte davon und der Marquis rannte in ſein Haus, in deſſen Flur er voll Wuth das empfangene Geldſtück von ſich warf. Der kleine Störſteffen, wie ihn die Nachbarſchaft nach ſeinem Vater nannte, hatte Acht gegeben, in welches Haus der angebliche Diener des Marquis von Beaulis gegangen war, und eilte nun zurück, um ſeinem Vater die gewünſchte Auskunft zu geben. Der Marquis aber ſaß mit untergeſtützten Armen in ſeinem Stübchen und nagte an ſeinem Seelenſchmerze, welcher in Folge der eben erlittenen Demüthigungen über ihn gekommen war. Drittes Kapitel. Der Glühwein und der Fuwelier. Poch! poch! poch! klopfte es gegen die Thür der Parterrewohnung in des Marquis Hauſe. 28 Ein Mädchen ſteckte den Kopf heraus und fragte: „Was giebt's?“ „Haben Sie vielleicht Geld verloren?“ ertönte Fran⸗ zens wohlklingende Stimme zurück. „Ich nicht!“ lautete die Antwort—„aber ich* meine Herrſchaft fragen.“ Geduldig warteten Franz und Heloiſe. „Nein!“ ſprach das Mädchen zurſckkommend.„Iſt's denn viel?“ „Ein halber Frank!“ entgegnete Franz freundlich. „Deinetwegen, mein Kind!“ verſetzte das Mädchen —„wünſchte ich, daß es mehr wäre. Du würdeſt es gewiß gut brauchen.“ Nachdem ſich die Thür wieder geſchloſſen hatte, ſtie⸗ gen die Geſchwiſter in das erſte Stockwerk hinauf. Hier befand ſich ein Klingelzug, welcher von Franz in eine leiſe Bewegung geſetzt wurde. „Bim!“ erklang die Schelle drin. Darauf naheten ſich langſam watſchelnde Schritte. Ein kleines Schub⸗ fenſterchen in der Vorhausthür wurde zurückgeſchoben und ein ältlicher Frauenkopf in demſelben ſichtbar. Der⸗ ſelbe zog ein finſteres Geſicht, als er die Kinder anblickte, und mit grämlicher Stimme ſprach die Frau:„Was ſoll ſein? Hier wird nichts gegeben!“ Franz ſchluckte verſöhnlich die ihnen beiden gewordene Beleidigung hinunter und wiederholte ſeine Frage:„Haben Sie vielleicht Geld verloren?“ „Geld? Geld?“ fragte die Frau haſtig, indem ſie 29 dabei in ihre Taſche fuhr und mit den darin befindlichen Münzen klimperte.„Geld?“ wiederholte ſie—„eine Rolle? ein Beutel? ein Goldſtück? Nicht wahr? im Kehricht habt ihr es gefunden? Ja, zu Schanden möchte man ſich über das leichtſinnige Geſinde ärgern. Na, gieb her, mein gutes Kind, was du gefunden haſt.“ Damit ſtreckte die habſüchtige Frau die Hand durch das Thürfenſterchen heraus. Franz aber ſprach verlegen und zögernd: „Eine Rolle iſt's nicht. Auch kein Beutel und kein Goldſtück. Im Kehricht haben wir's nicht gefunden.“ „Nun, wo denn?“ verſetzte Frau Bonnet ärgerlich. „Auf der Treppe, he?“ „Auch nicht!“ ſprach Franz. „Wie? nur foppen wollt ihr mich, ihr abſcheulichen Kinder?“ zankte Frau Bonnet.„Macht, daß ihr fort⸗ kommt, oder ich will euch die Wege weiſen.“ Die ſchimpfirten Kinder ſtiegen eine Treppe höher, um ihr Klingeln und Fragen zu wiederholen. Hier aber⸗ mals abgewieſen, ſetzten ſie von Stockwerk zu Stockwerk ihre Nachforſchungen der Ehrlichkeit fort, bis nur noch die höchſte Dachwohnung, ihre eigene, übrig war. Vor derſelben umfing Franz freudig ſeine Schweſter. „Niemand“— ſprach er mit verhaltenem Jauchzen —„bekennt ſich zu dem halben Franken. Darum dürfen wir ihn behalten. Ach, wie glücklich, wie reich ſind wir wieder!“ So wurde daſſelbe Geldſtück, welches der alte Marquis 30 voll Wuth und Verachtung von ſich geworfen hatte, für deſſen Enkel eine Quelle der Freude! So geht es oftmals noch in der Welt, daß das von einer Hand Verachtete in der anderen zum Segen wird. Die Kinder verheimlichten ihren Fund nur aus dem Grunde vor ihrem Großvater, weil dieſer in demſelben nur eine neue Herabwürdigung ſeines Standes und einen Grund zur Unzufriedenheit mit ſeinen Enkeln und dem Leben überhaupt gefunden haben würde. Auch war der Marquis gerade ſo ſehr beſchäftigt, daß die Kinder ſich gar nicht getraut hätten, ihn durch ihr Erzählen zu ſtören. Der alte Herr entpuppte ſich nämlich. Das heißt: er verwandelte ſich aus ſeinem Diener in den Marquis und Ritter des heiligen Ludwigsordens. Eine ſolche Ver⸗ wandlung erforderte jedesmal viel Zeit und Sorgfalt, indem die Staatskleidung des Marquis dermaßen von dem Zahne der Zeit gelitten hatte, daß faſt bei jedesmaligem An⸗ und Ausziehen eine Ausbeſſerung oder Wiederher⸗ ſtellung unternommen werden mußte. Aus dieſem Grunde vermied der arme Margquis, ſo viel er vermochte, eine öftere Darſtellung der Marquisrolle zu übernehmen. Es mußte alſo etwas Wichtiges ſein, das ihn abermals in die Staatskleidung trieb. Bevor der Marquis ſeinen vergilbten und etwas zerknitterten Biberhut in die Hand nahm, ſteckte er erſt einen kleinen, in Papier gewickelten Gegenſtand in die vorher ſorgfältig unterſuchte Taſche, in welcher er über⸗ 31 dies noch die Hand ruhen ließ, als habe dieſelbe dort eines großen Schatzes zu hüten. Dem war auch ſv. „Wartet meiner“— gebot der Marquis ſeinen Enkeln—„bis ich zurückkehre. Ich gehe, mich ein wenig zu erwärmen. Findet ihr es nicht auch ziemlich friſch in unſerm Zimmer?“ Der gute Marquis! Er nannte das elende Stübchen noch immer ein Zimmer! So wenig vermag man ſich von eingewurzelten Schwächen und Gewohnheiten los zu machen! „Uns friert nicht, Großpapa!“ betheuerten Franz und Helviſe, der Wahrheit gemäß, denn ihr Blut floß ungleich raſcher noch durch ihre Adern als das des alten Herrn. Als dieſer hinaus und fort gegangen war, hob Franz zu Helviſen an:„Wie wär's, Schweſter! wenn wir ein wenig einheizten, damit der gute Großpapa bei ſeiner Heimkehr ein warmes Stübchen findet? Hat uns der liebe Gott nicht deshalb das Geldſtück finden laſſen, um unſerm Großvater eine Freude zu bereiten? Vielleicht reicht der halbe Frank auch noch hin, daß wir ein paar Taſſen Glühwein zu Stande bringen. Mir ſcheint es, als bedürfe unſer Großpapa einer ſolchen Stärkung gar ſehr; denn kommt er dir nicht ebenfalls recht gelb und abgemagert vor? Ich fürchte, daß er ſich zu viel ärgert, weil wir nicht als vornehme Leute und nach unſerm Stande leben können. Und dies iſt doch gerade meine geringſte Sorge. Meinſt du nicht, Helviſe, daß wir für einen halben Frank ein Dutzend Scheitchen Holz, ein Nöſel leichten Weins, ein Ei und etwas Zucker bekommen?“ 32 „Ich hoffe es“— erwiederte Helviſe, die wie ihr Bruder, ungewöhnlich klug für ihre Jugend war. Das aber bewirkt beſonders die Noth, welche bekanntlich er⸗ finderiſch macht, den Geiſt zum Nachdenken bringt und vervollkommnet.* „In einer Stunde“— ſprach Franz—„dürfte unſer Großpapa wieder da ſein. Indeß wollen wir alles Nöthige ankaufen und herbeiſchaffen und dann an's Werk gehen. O wie freue ich mich ſchon im Geiſte, wenn der arme, froſtige Großpapa in eine warme Stube treten, den ſüßen Duft des Glühweins riechen und dieſen dann ſich wohl ſchmecken laſſen wird. Du weißt doch noch, Heloiſe, wie Glühwein zubereitet wird?“ „Du beleidigſt mich faſt mit deiner Frage“— ver⸗ ſetzte Heloiſe.„Ich verſtehe wohl noch künſtlichere Ge⸗ richte zu kochen als Glühwein.“ Darauf gingen die Kinder und holten das Erfor⸗ derliche herzu. Bald war dieß geſchehen und Franz ſtellte ſich hin, um mit einem alten Meſſer Holzſpäne zur Feuerung zuzuſchneiden. „Au!“ rief er bald aus und ſchwang die linke Hand durch die Luft.„Ffff!“ eſchnitten?“ fragte Helviſe beſorgt. „Nicht derb!“ verſetzte Franz und führte den ver⸗ letzten Finger zum Munde, um das hervorquellende Blut aufzuſaugen.„Bei einer großen Freude“— fuhr er fort—„kann ſchon ein kleiner Schmerz mit unterlaufen.“ Und er ſetzte ſeine Arbeit fort. 33 „Gieb Acht“— ſprach nun Helviſe wichtig thuend —„wie ich den Glühwein bereiten werde. Das kann man auf kalte oder heiße Art thun. Da man die erſtere vorzieht, ſo werde ich ſie jetzt befolgen. Sieh, in dieſes Töpfchen gieße ich ein wenig Wein und das Ei, welches beides ich durch Quirlen unter einander miſche. Nun füge ich unter fortgeſetztem Umquirlen ein paar Löffel weißen Mehls hinzu, und iſt beides gehörig mit einander vereinigt, ſo gieße ich den übrigen Wein hinein. Dann erſt bringe ich den Topf an das Feuer, ſuche den Glüh⸗ wein vor dem Anbrennen und Räucherigwerden zu be⸗ wahren und laſſe ihn, anſtatt kochen, nur aufgrübeln. So! ich bin fertig und nun fehlt nur noch das Feuer und das Anſetzen.“ Bald loderte das Feuer auf und Helviſe ſetzte das Töpfchen an und ſich vor das Ofenloch hin, was auch Franz that. Es war ein allerliebſtes Bild, die beiden hübſchen Kindergeſichter, mit den geſpannt funkelnden Augen und von dem Wiederglanze der Flammen geröthet, in das Ofenloch blicken zu ſehen. „Jetzt fängt der Glühwein ſchon an, unruhig zu werden“— ſprach Helviſe.„Sieh, Franz, wie er ſich im Kreiſe dreht. Ha! da ſammeln ſich kleine Bläschen an dem Topfrande, platzen und verſchwinden, um neuen und größeren Platz zu machen. Burrrr! wie's grübelt! Hurtig den Topf vom Feuer, bevor der Wein zu wallen beginnt.“ 6 Mit einem alten Stück Linnen ihre Rechte Nieritz. Störſteffen und ſein Sohn. 3 34 nend, verſetzte Helviſe das Töpfchen vom Feuer an die Erde, wo ſie den Glühwein fleißig umquirlte und den Zucker hinzufügte. „Das riecht!— köſtlich! kräftig! unwiderſtehlich!“ ſprach Franz, indem er den aufſteigenden in vollen Zügen einſog. Auf dieſes Lob that ſich Helviſe nicht wenig zu gute. Daſſelbe noch zu vergrößern, tauchte ſie einen Blechlöffel in die Tiefe des Topfs, koſtete von dem eingeſchöpften Glühweine und reichte dann den Löffel ihrem Bruder hin. „Immer leere ihn aus!“ ſprach ſie gnädig zu dem beſcheidenen Knaben, welcher nur davon zu nippen ſich erlaubte.. „Das ſchmeckt!“ lobte Franz, indem er ſich gegen den Leib klopfte.„Du haſt deine Sache ganz vortrefflich gemacht, Helviſe!“ Dieſer Beifall hatte einen zweiten Löffel Glühwein zur Folge. Dann aber war's mit dem Koſten aus. „Nicht wahr“— ſprach Helviſe—„du wäreſt im Stande, das ganze Töpfchen auszulöffeln? Nein! nein! wir wollen an den guten Großpapa denken und darum den Glühwein ſchnell zudecken und auf den warmen Ofen ſetzen. Nun wollte ich, daß der Großpapa heimkäme, ehe ſich der Glühwein verriecht oder mättelt.“ Der gute Großpapa! Derſelbe war indeß geraden⸗ wegs zum Hofjuwelier, Herrn André Dupont, gegangen, den er in ſeinem Kaufladen unter lauter blitzenden und funkelnden Schmuckſachen antraf. Wenn man die glanz⸗ 35 loſen, ja ſchmuzig ausſehenden Mineralien, aus welchen das Gold und Silber gewonnen wird, ſo wie die erſt unſcheinbaren Eelſteine in ihrem rohen Zuſtande mit den, das Auge durch ihren Glanz und ihre Pracht blendenden Arbeiten des Juweliers vergleicht, ſo lernt man den Kunſt⸗ fleiß und die große Geſchicklichkeit der menſchlichen Hand weit höher ſchätzen als außerdem geſchehen wäre. Wenn der Goldſchmidt und Juwelier ein Stück ſchmuzig graues Silbererz und ſchwärzlichen, Fiſchſchuppen ähnelnden Gold⸗ ſtaub neben die ſpiegelblanken Gold- und Silberarbeiten, und den ungeſchliffenen, rohen Edelſtein neben den in allen Farben blitzenden Brillanten legte, ſo würden gar Viele nicht glauben, daß der Urſtoff zu all dieſen Herr⸗ lichkeiten ein ſo unanſehnlicher ſein könne. Dem Marquis entquoll ein tiefer Seufzer, als er ſich in Mitten ſo vieler Koſtbarkeiten ſah, an welchen ſeine Vorfahren ſo reich geweſen waren. Dann hob er zu dem Juwelier, der nach des Marquis Wünſchen fragte, an: „Mein Herr! wie hoch ſchätzen Sie den Werth dieſer goldenen, mit echten Brillanten verzierten Doſe?“ Zu⸗ gleich ſtreifte er die Papierhülle von der hervorgezogenen Schnupftabaksdoſe ab und überreichte ſie dem Juwelier, welcher erſt die Brillanten genau betrachtete und dann den Goldgehalt auf dem Probierſteine unterſuchte. „Dieſe Doſe“— ſprach Herr Dupont nach einigem Beſinnen— hiſt gegenwärtig ungefähr 800 Franken werth.“ „Nur 800 Franken?“ verſetzte der Marquis betroffen. 3⁸ 36 „Man hat mir geſagt, daß der König, welcher die Doſe meinem Großvater verehrte, dafür 2000 Franken be⸗ zahlt hat.“ „Das glaube ich gern“— erwiederte Herr Dupont lächelnd.„Sollten Sie noch nicht wiſſen, daß Majeſtäten Alles theurer bezahlen müſſen als Privatperſonen? Einer ſolchen würde die Doſe nur gegen 1500 Franken gekoſtet haben.“ „Und Sie wollen nur 800 dafür zahlen?“ fragte der Marquis. „Das iſt der höchſte Preis, den ich für dieſes veral⸗ tete Stück bewilligen könnte“— antwortete der Juwelier. „Den Arbeitslohn rechnet man nicht, ſondern nur den reinen, bleibenden Werth des Goldes und der dazu ver⸗ wendeten Brillanten.“ „Wie viel würden Sie für einen einzelnen dieſer Brillanten zahlen?“ ſprach der Marquis. „Fünf Franken etwa“— erwiederte der Juwelier. Fünf Franken nur für einen echten Brillanten!“ rief der Marquis wie erſchrocken aus.„Mein Himmel! ich ſollte meinen, daß allein das Schleifen deſſelben höher kommen müſſe.“ Herr Dupont zuckte die Achſeln. „Dieſe Brillanten“— ſprach er—„ſind von der kleinſten und leichteſten Art und darum von keinem großen Werthe. Ich fürchte, daß jeder andere Juwelier ein noch niedriges Gebot darauf thun werde. Sollten Sie zuerſt und allein zu mir gekommen ſein?“ 6 4 3 5 3 37 „Ja wohl!“ verſetzte der Marquis mit Feuer.„Allein ich ſehe hier eine Buſennadel mit einem nicht größeren Brillanten als die meinen ſind. Wie hoch im Preiſe halten Sie die Nadel?“ „Fünf und zwanzig Franken!“ entgegnete der Juwelier ganz trocken. „Alſo zwanzig Franken für die Faſſung und das“ wenige dabei verwendete Gold!“ ſprach der Marquis. „Da möchte ich gleich ſelbſt ein Juwelier ſein.“ „Verſuchen Sie es!“ lächelte Herr Dupont—„und ich denke, daß Sie keine niedrigeren Preiſe als ich ſtellen würden.“ Der Marquis erwiederte hierauf kein Wort. Viel⸗ mehr ging in ſeinem Inneren ein mächtiger Kampf vor, in welchem er bald die Doſe in die Taſche zurückſchob, bald ſie wieder hervorholte. Endlich ſagte er mit ge⸗ preßter Stimme:„Nun denn, Herr Dupont, brechen Sie drei von den Brillanten aus der Doſe, jedoch ſo, daß der Namenszug dadurch die wenigſte Verſtümmelung erkeide. Dann werde ich fünfzehn Franken von Ihnen bekommen.“ „Ich ſtehe zu Ihren Dienſten“— antwortete der Juwelier—„jedoch muß ich Sie zuvor um die Angabe Ihres Namens, Standes und Ihrer Wohnung bitten.“ „Wozu das?“ fragte der Marquis auffahrend.„Sie haben ſich überzeugt, daß die Brillanten echt ſind; was alſo noch weiter?“ „Wir Juweliere und Goldſchmiede dürfen von keinem uns Unbekannten etwas kaufen“— erwiederte Herr Dupont. 38 „Welch' ein entehrendes Mißtrauen!“ rief der Mar⸗ quis entrüſtet aus.„Glauben Sie, mein Herr! daß ich ein Dieb oder Betrüger ſei?“ „Keineswegs“— verſetzte Herr Dupont gelaſſen— „Aber ich befolge nur den ſtrengen Befehl der Regierung.“ „Meinen Namen nennen? Meine Wohnung angeben? Nimmermehr!“ polterte der Marquis heraus. „Ganz nach Ihrem Belieben, mein Herr!“ ſagte der Juwelier kalt.„Dann aber kann auch nichts aus un⸗ ſerm Handel werden. Gehen Sie zu meinen Zunftgenoſſen und Sie werden dieſelbe Erfahrung machen.“ Der Marquis ſtand wie angedonnert. Sein Stolz und Ehrgefühl waren auf's Tiefſte verletzt. Schon wollte er trotzig ſich umwenden und davon gehen. Da aber ſah er im Geiſte ſeine beiden Enkel daheim neben dem kalten Ofen, zuſammengekauert vor Froſt, ſitzen und ein trocknes Stück Brot verzehren. Er ſah ſie in elender Kleidung, bettelnd und ſuchend die Straßen durchwandern. Er vernahm, wie ihrs bleichen Lippen den Stolz ihres Großvaters beklagten, durch welchen ſie in einer ſo traurigen Lage verharren mußten. Er ſah ferner ſeinen verſtorbenen Sohn und deſſen Gattin, die Aeltern Franzens und He⸗ loiſens, wie ſie mit vorwurfsvollen Mienen auf den un⸗ beugſamen und harten Großvater herniederblickten. Da brach der Stolz des Edelmanns und deſſen Auge in heiße Thränen aus, welche der Marquis zu verbergen eilte, in⸗ dem er mit dem Arme über ſein Antlitz hinfuhr. Dann ſchaute er ſich mit den noch thränenfeuchten Augen nach 5 39 unberufenen Zeugen um und da er deren keine in der Nähe ſah, ſo brachte er ſeinen Mund an das Ohr des Juweliers und lispelte in daſſelbe die ſchmerzvoll gehauchten Worte: „Ich bin Eugen Florian, Marquis von Beaulis und Ritter des heiligen Ludwig. Meine Wohnung iſt in der Requettenſtraße No. 25.“ Der Juwelier nahm dieſe Mittheilung unter einer ehrerbietigen Verbeugung hin.„Ich danke Ihnen, mein Herr Marquis“— ſprach er dann—„und freue mich, mit dem Gliede einer ſo alten und berühmten Familie in Verkehr zu treten. Uebrigens ſind wir Juweliere eben ſo zur größten Verſchwiegenheit verpflichtet, als wir erſt neu⸗ gierig erſcheinen müſſen. Nehmen ſie gefälligſt Platz, Herr Marquis! In ein paar Minuten ſollen die Brillanten herausgenommen ſein.“ 5 Der Juwelier ging hierauf an die Glasthür, durch welche das Arbeitszimmer ſeiner Leute von dem Kaufladen getrennt wurde, und ertheilte halblaut ſeine Befehle. Bald erſchien eine Tochter des Juweliers, auf einem ſilbernen Unterſetzer eine Flaſche Burgunder und zwei ſilberne, in⸗ wendig vergoldete Becher herbeitragend.„Fülle die Becher, Clariſſe!“ gebot Herr Dupont—„und bediene den gnä⸗ digen Herr Marquis hier, welcher dich hoffentlich nicht durch ein Verſagen beſchämen wird.“ In der That nahm der ſonſt ſo ſtolze Marquis den vollen Becher an, welcher ihm von dem hoch erröthenden Mädchen dargeboten wurde. Auch nippte er von dem feu⸗ 40 rigen Weine, indem er herablaſſend ſprach:„Auf dein Wohlſein, liebes Kind!“ Das liebe Kind entfernte ſich hierauf unter einem tiefen Knire und ließ die beiden Männer allein in dem Kaufladen zurück. Während Herr Dupont die Brillanten aus der Doſe nahm, ſprach er:„Wiſſen Sie, Herr Mar⸗ quis, daß mein Urgroßvater, der, wie alle ſeine Nachkom⸗ men, ebenfalls Juwelier war, ein ſehr glänzendes Geſchäft mit einem Ihrer Herren Vorfahren gemacht hat? Ich habe in den treulich aufbewahrten und forterbenden Han⸗ delsbüchern meiner Familie geleſen, daß jener ihrer Vor⸗ fahren für mindeſtens eine Million Franken an Edelſteinen nnd anderen Schmuckſachen von meinem Urgroßvater ge⸗ kauft hat. Zu welchem Zwecke, ſteht freilich nicht ver⸗ zeichnet.“ Darüber kann ich Ihnen genügende Auskunft geben“ — verſetzte der Marquis. Jener meiner Vorfahren, Herr Carl Franz, Marquis von Beaulis, war Hugenott und darum mit ſeinem Bruder, meinem Großvater, wel⸗ cher dem Glauben ſeiner Väter treu geblieben, zerfallen. Als nun unter der Regierung Ludwigs XMW., die ſatt⸗ ſam bekannten Verfolgungen gegen die Hugenotten aus⸗ brachen, machte mein Großonkel ſeine geſammte Habe zu Geld, weshalb er große Summen auf ſein Marquiſat auf⸗ nahm. Nachdem er ſein Geld gegen leichter fortzubrin⸗ gende Edelſteine und Koſtbarkeiten umgetauſcht hatte, ver⸗ ſchwand der alte, kränkliche Mann mit ſeiner ebenfalls hochbejahrten, kinderloſen Gattin plötzlich, ohne daß man jemals wieder eine Spur von ihnen aufgefunden hat. Je⸗ denfalls haben ſie ſich in's Ausland geflüchtet und einen anderen Namen angenommen. Durch dieſes Austreten meines Großonkels gelangte nun zwar mein Großvater in den Beſitz des Marquiſats; allein deſſen überſchuldeter Zuſtand war der Anfang und die Urſache zu der allmäh⸗ ligen Verarmung meiner Familie, von welcher mir nichts überblieben iſt als deren unbeſcholtener und chrenhafter Namen. Denſelben aber mir und meinen Enkeln zu er⸗ halten, iſt mein höchſtes Streben. Dafür dulde ich Ent⸗ behrungen und Drangſale jeglicher Art. Nur dürfen dieſe unſre Ehre nicht beeinträchtigen.“ Im Eifer des Erzählens hatte ſich der Marquis meh⸗ rere Becher Weins von dem Juwelier einnöthigen laſſen. Dieſes ungewohnte, feurige Getränk verfehlte ſeine Wirkung bei dem alten Marquis nicht, dem immer mehr das Herz auf die Zunge trat, und das um ſo mehr, als er zu ſei⸗ ner Befriedigung wahrnahm, daß ihn der reiche Hofjuwelier mit unverkennbarer Achtung behandelte. Immer plauder⸗ ſeliger ward der Marquis, und ſo erzählte er unter Anderm auch, daß er in früheren Jahren, nach der damals herrſchenden Mode und zum Zeitvertreibe, die Kunſt eines Juweliers erlernt und getrieben habe. „Ich wäre begierig zu wiſſen“— ſagte hierauf Herr Dupon, der das herzlichſte Mitleid mit dem ſtolzen, aber ſonſt wackren Edelmann hatte und ihn auf eine ſchonende Weiſe zu unterſtützen wünſchte—„ob Sie, Herr Marquis, meine Kunſt nicht ganz verlernt hätten. Machen ſie doch 42 einen Verſuch. Ich erbiete mich, Ihnen dazu Stoff und Werkzeuge verabfolgen zu laſſen, wenn Sie es nicht vor⸗ ziehen, in einem Cabinet allein und abgeſondert von meinen Leuten hier in meiner Wohnung den Verſuch zu unternehmen.“ Herr Dupont hütete ſich weislich, vom Arbeiten zu ſprechen, weil dieſes Wort den Edelmann verletzt und abgeſchreckt haben würde. Der Marquis, vom leichten Weinrauſche fröhlich geſtimmt, verſprach, des Juweliers Wunſch zu erfüllen. Beinahe aber wäre dieſes gute Einverſtändniß eben ſo ſchnell wieder zerſtört worden, und dies zwar durch den löblichen Willen des Hofjuweliers. Dieſer zahlte nämlich zuletzt dem Marquis für die drei Brillanten, ſtatt funfzehn, zwanzig Franken aus, indem er dabei ſagte: „Nachdem ich die Brillanten herausgenommen und genauer beſehen, habe ich gefunden, daß ſie etwas mehr werth ſind, als ich anfänglich dafür geboten hatte. Ich beeile mich daher, mein Verſehen noch rechtzeitig wieder gut zu machen, indem ich fünf Franken hinzulege.“ Der Marquis, welcher doch vorher ſelbſt den ge⸗ botenen Preis für zu niedrig gefunden hatte, wollte ſchon wieder aufbrauſen und hatte bereits die rauhen Worte auf der Zunge: „Ich will Ihr Almoſen nicht, Herr Dupont! Be⸗ halten Sie Ihre fünf Franken.“ Allein, ein Blick auf das ruhige, wohlwollende Antlitz des Hofjuweliers und der ſchnelle Gedanke, wie für fünf 43 Franken ſchon ein hübſcher Holzvorrath anzuſchaffen ſei, bewogen den Marquis, das Geld unter einer dankenden Verbeugung einzuſtreichen. viertes Kapitel. Störſteffen tritt auf. Indeß warteten Franz und Helviſe mit wachſender Ungeduld und Sehnſucht auf die Rückkehr ihres Groß⸗ vaters. „Gewiß wird mein Glühwein mättlich und dicklich“ — klagte Helviſe—„und ich hatte mich erſt ſo gefreut, daß meine Kocherei gut gelungen war.“ „Es wird doch dem guten Großpapa kein Unglück begegnet ſein?“— ſprach Franz beſorgt.„Er ſprach die Tage daher immer vom Sterben und von ſeinem baldigen Tode. Denke dir, Helviſe! wenn uns der Großpapa genommen würde! Was wollten wir dann anfangen?“ „Nur nicht in's Fräuleinſtift und nicht von einander getrennt!“ verſetzte Helviſe.„Lieber wollte ich dann auch todt ſein.“ „Ach!“ klagte Franz—„ſind wir nicht ſchon ſchlimm genug daran? Haben wir nicht unſere liebe Mutter und unſern Vater verloren? Sind wir nicht arm geworden und müſſen uns ſo kümmerlich behelfen? Dazu dürfen wir unſere Klagen nicht einmal dem Großpapa hören laſſen, weil er ſonſt noch mehr vom Sterben reden und 44 nicht ruhen würde, als bis er mich in's Cadettenhaus und dich in's Fräuleinſtift gebracht haben würde. Wie viel glücklicher ſind andere Kinder daran, welche lange noch nicht Marquiskinder ſind!“ „Er kommt— der Großpapa!“ rief Helviſe lauſchend. „Ich kenne ſeine abgemeſſenen Tritte auf den hoͤlzernen Treppenſtufen. Du haſt Thränen in den Augen, Franz! 8 Hurtig wiſche ſie ab, damit der Großvater ſie nicht ſieht.“ „Auch deine Augen glänzen feucht“— verſetzte Franz eilig.„Mache ein freundliches Geſicht, Helviſe! Lachen wir laut und herzhaft, damit der arme Großpapa uns recht vergnügt glaubt und nicht noch trauriger wird, als er ohnehin ſchon iſt. Ha! ha! ha!“ Und die Kinder lachten laut, indem ſie ſich die Kum⸗ merthränen in den Augen abtrockneten. „Wir haben uns recht um dich geſorgt, lieber Groß⸗ papa!“ ſprach Franz zu dem eintretenden Marquis, deſſen Wangen hoch geröthet waren und deſſen Blick flammte.“ „Es iſt dir doch nichts Uebles begegnet, liebes Groß⸗ papachen?“ fragte Heloiſe und ſchmiegte ſich an den Marquis an. „Gott Lob, nein!“ erwiederte der Marquis heiter. „Vielmehr habe ich ſeit langer Zeit einmal einige recht frohe Minuten verlebt. Mein Gang war ein glücklicher. Ein braver, prächtiger Mann, der liebe Dupont! Wenn alle Menſchen eben ſo wären, würde es viel weniger Elend in der Welt geben.“ 45 „Riechſt du nichts, Großpapachen?“ fragte Helviſe ſchmeichelnd. „Nach was?“ entgegnete der Marquis verwundert und zog die Naſe zuſammen.„Vermuthlich nach Rauch? Oder habt ihr euch die Kleider an dem Ofen verſengt, in dem ihr, wie ich jetzt merke, eingeheizt habt?“ „Ich dächte gar!“ ſprach Helviſe verletzt. Sie nahm das Töpfchen mit dem Glühwein vom Ofen, und es ihrem Großvater zutragend, fuhr ſie fort:„Riecht das wie ver⸗ brannte Wolle? Ja, ja, Großvater, mache nur große Augen! Dieſen Glühwein haben wir für dich bereitet und aufgehoben. Sollte er zu dick oder mättlich geworden ſein, ſo iſt bloß dein langes Außenbleiben daran ſchuld, aber nicht meine Kochkunſt. Guten Appetit, Großpapachen!“ „Zu deiner Erwärmung und Stärkung, lieber Groß⸗ papa!“ fügte Franz unter einer glückwünſchenden Ver⸗ beugung hinzu. „Ich danke euch, ihr guten Kinder!“ ſprach der Marquis zerſtreut.„Ich bedarf weder der Wärme noch der Stärkung. Beides hat ſchon der gute Burgunder des ehrenwerthen Herrrn Dupont hervorgebracht.“ „Großpapa verachtet unſern Glühwein!“ ſagte Helviſe traurig zu ihrem Bruder.„Und das noch obendrein, ehe er ihn gekoſtet hat! Sieh, Franz! ob uns nicht unſere Freude abermals in den Brunnen fällt?“ Und helle Thränen quollen aus Helviſens dunkeln Au⸗ gen hervor. „Großpapa!“ wendete ſich Franz bittend an den 46 Marquis, welcher bei Seite getreten war und eifrig ſeine 20 Franken überzählte—„thue uns wenigſtens die Liebe und koſte von dem Glühwein! Helviſe, die ihn zubereitet hat, iſt ſonſt untröſtlich und— ich auch!“„ Die letzten zwei Worte ſprach Franz mit übel ver⸗ haltenem Schluchzen. Da blickte der Marquis auf ſeine traurig daſtehenden Enkel hin und tiefe Rührung bemächtigte ſich ſeiner. Er küßte beide herzlich und ſprach:„Nein, ihr guten Kinder! Fern ſei von mir der Gedanke, euch weh zu thun. Habt Dank für eure Liebe und euern Glühwein! Laß mich ihn koſten, Helviſe! Ach! wirklich vortrefflich! Das ſchmeckt beſſer, als hätte ein königlicher Koch den Glüh⸗ wein bereitet. Helviſe! eine Tauſendkünſtlerin biſt du! Ha! wie würzig! wie ſüß! wie kräftig! Aber nun, ihr Kinder! verzehrt den Ueberreſt. Ich bin geſättigt und geſtärkt; ihr aber mögt nun ein Gleiches thun.“ Darauf löffelten Franz und Helviſe wechſelsweiſe aus dem Topfe, bis deſſen Inhalt verzehrt war. Dabei ſprach Franz:„Das ſchmeckt! das wärmt! o Helviſe! ich wünſchte, daß der Topf ſo groß und tief wäre als wie— eine Braupfanne.“ „Dir kann der Glühwein noch nicht ſo gut ſchmecken wie mir, die ich ihn gekocht habe“— verſetzte Helviſe ruhmredig. „O ich bitte dich ſehr!“ entgegnete Franz—„Wenn ich nun den halben Frank nicht gefunden hätte?“ „ 47 „Ach, Franz!“— ſagte Helviſe ſehnſüchtig—„wenn wir alle Tage einen halben Frank fänden!“ „Dann“— ſprach Franz bedenklich—„würden wir am Ende übermüthig, beſonders wenn wir allemal Glühwein bereiten und ſelbſt genießen dürften.“ Ein lautes Pochen unterbrach das Geſpräch der Ge⸗ ſchwiſter. Der Marquis, welcher eben ſeine Staatskleidung abzulegen im Begriffe ſtand, gebot ſeinen Enkeln, nachzu⸗ ſehen, wer der Pocher ſei und was er wolle. Franz ging hinaus, öffnete die verriegelte Vorhaus⸗ thür und kehrte bald in das Stübchen zurück, wobei ihm ein Mann von etwas rußigem Anſehen und mit einem Bündel von Schlüſſeln und Werkzeugen auf dem Fuße folgte. „Großpapa!“ hob Franz anklagend an—„dieſer Mann hier— will ſich nicht— abweiſen laſſen“— „Ich komme nur“— fügte der Fremde hinzu— „um dem gnädigen Herrn Marquis meine geringen Dienſte anzubieten.“ Während dieſer Worte wanderten die kleinen, aber duchdringenden Augen des Mannes, welcher niemand als der Schloſſermeiſter Störſteffen war, forſchend in dem Gemache umher. „Ha! was? wie?“ fuhr der Marquis auf, welcher eben ſeinen Frack ausgezogen hatte und daher in bloßen Aermeln daſtand—„welche Unverſchämtheit! Ha! wie könnt Ihr Euch unterfangen, unangemeldet und gewalt⸗ 48 ſam bei mir einzudringen? Wißt Ihr, wen Ihr vor Euch habt? Auf der Stelle hinaus, Schamloſer!“ „Aber, gnädiger Herr Marquis“— verſetzte Stör⸗ ſteffen, ohne von der Stelle zu weichen—„ich komme ja nur, um das Verſehen meines Geſellen wieder gut zu machen, welcher erſt Ihrem kleinen Laufburſchen und dann Ihrem Diener das gewünſchte Werkzeug nicht verabfolgen laſſen wollte.“ „Wie ſagt Ihr?“ entgegnete der Marquis mit wach⸗ ſendem Zorne—„Das Verſehen Eures Geſellen? Ha! welche abſcheuliche Lüge! Waret Ihr es nicht ſelbſt, der — der“— Der Marguis ſtammelte hier verlegen, weil er im Bepriffe ſtand, ſich ſelbſt zu verrathen, daß er und der Diener eine und dieſelbe Perſon geweſen war. Es zeugten auch die großen, ſtaunenden Blicke Stör⸗ ſteffens, daß dieſer, trotz der vorigen Verkleidung des Marquis, denſelben jetzt wieder erkannte. Bei dieſer Wahr⸗ nehmung erreichte die Wuth des Marquis den höchſten Gipfel. „Wenn Ihr nicht augenblicklich geht“— rief er überlaut—„ſo werde ich Euch den Hals brechen.“ Dieſe Drohung rief ein ſpöttiſches Lächeln auf das Antlitz des zwar kleinen, jedoch gedrungenen, breitſchultri⸗ gen und kräftigen Schloſſermeiſters hervor. Indem er die lange, dürre und kraftloſe Geſtalt des Marquis im Stillen mit der ſeinigen verglich und dieſer Vergleich zu des Erſteren Nachtheil ausfiel, griff der Edelmann unwillkür⸗ lich mit der rechten Hand an ſeine linke Hüfte, wo er 49 ſonſt den Degen getragen hatte. Aber die ſuchende Hand kehrte leer zurück, was dem armen Edelmann einen ſchmerz⸗ lichen Stich beibrachte, zugleich aber deſſen Grimm noch ſteigerte. Seine wildrollenden Augen ſuchten in dem Gemache nach irgend einer Waffe oder einem Wurfge⸗ ſchoſſe, womit er den frechen Eindringling aus dem Felde ſchlagen könne. Er hatte jedoch keine andere Wahl, als die zwiſchen dem wurmſtichigen Tiſche, dem eiſenbeſchla⸗ genen Kleiderkoffer und den zwei wackeligen Stühlen. Daher war die Wahl auf der Stelle getroffen. Indem Franz ſeinen Großvater den Stuhl erfaſſen, emporheben und zum Wurfe ausholen ſah, bemächtigte er ſich, als ein treuer und unerſchrockener Bundesgenoſſe ſeines Großva⸗ ters, der beiden noch übrig gebliebenen Holzſcheite, wäh⸗ rend Helviſe, nicht minder muthig, den leeren Topf zur Hand nahm und ſich ſchußfertig machte. Trotz allen dieſen Maaßregeln behauptete Störſteffen ſeinen Standpunkt mit großer Keckheit und Kaltblütigkeit, nur daß er die Beine weiter auseinanderſpreizte und den rechten Arm zu ſeiner Vertheidigung emporhob. So glich Herr Stör⸗ ſteffen nicht übel dem berühmten Koloß zu Rhodus, nur mit dem Unterſchiede, daß zwiſchen ſeinen Beinen, ſtatt der Seeſchiffe, höchſtens ein Hammel hindurchfahren konnte, und daß ſeine Hand, ſtatt des Feuerbeckens, ein mächtiges Schlüſſelbund trug. Als ein echter, obſchon bürgerlicher Ritter ohne Furcht und Tadel, erwartete Störſteffen den Angriff in großer Ruhe, ja ſogar lächelnden Antlitzes, was des Angreifers Wuth noch mehr ſteigerte. Nieritz. Störſteffen und ſein Sohn. 4 Der Stoß erfolgte. Von des Marquis Händen ge⸗ ſchleudert, durchflog der alte, knackende Stuhl die Luft; das Scheitholzpaar und der Topf, wegen ihres geringeren Umfanges, ſauſten voran. Der Topf zerpraſſelte an dem Schlüſſelbunde in zahlloſe Stücke. Die Holzſcheite ſchüt⸗ telte Störſteffen von ſeinem Leibe ab, gleichwie ein edles Roß die läſtigen Mücken. Der bombardirte Seſſel dage⸗ gen wurde, noch ehe er den Körper des Schloſſers er⸗ reichte, mit ſo kraftvoller Fauſt zurückgeſchleudert, daß der abgeſchoſſene Pfeil auf ſeinen eigenen Schützen zu⸗ rückprallte. Das Unglück des Marquis wollte, daß der hernie⸗ derkrachende Seſſel gerade das Schienbein, den empfind⸗ lichſten Körpertheil des Edelmanns, treffen mußte. Den Schmerzruf des Marquis begleiteten das Gepraſſel des ſich gänzlich auflöſenden Seſſels und eine aus ihm empor⸗ ſteigende Staubwolke. Zugleich erſcholl ein lautes, ſcha⸗ denfrohes Gelächter, mit welchem der Schloſſer ſeine Feinde und zugleich die Stube verließ. Der Marquis hatte zwar ſeinen Gegner aus dem Felde geſchlagen, allein mit großem Selbſtverluſte. Wie Porrhus konnte er daher, in Bezug auf ſeine Stühle, ausrufen:„Noch einen ſolchen Sieg, ihr Götter! und ich bin verloren!“ Unter Aechzen ſein Schienbein hal⸗ tend und reibend, blickte der Marquis beſtürzt auf das geplatzte Wurfgeſchoß hin, deſſen Ruinen aus zerbrochenen Stuhlbeinen und Lehnen, aus ſtäubenden Roß⸗ und Kälberhaaren, aus verroſteten Sprungfedern und Gurten⸗ — 51 ſtücken beſtanden. Wie faſt jede ſtreitende Partei, ſo hatte auch der Marquis ſich ſelbſt den größten Schaden zugefügt. Helviſe theilte den Schmerz und das Bedauern ihres Großvaters, indem ſie, wie jener die Hälfte ſeiner Stühle, die Halbſchied ihres Topfgeſchirres bei dem An⸗ griffe auf den Schloſſermeiſter aufgeopfert hatte. Franz war noch der glücklichſte Schütze geweſen, denn ſein Ge⸗ ſchoß war unbeſchädigt geblieben. „Haſt du Schaden genommen, liebſter Großpapa?“ fragte Franz beſorgt. „Das Bein iſt doch nicht entzwei gegangen wie mein Topf?“ ſetzte Helviſe mit klagender Stimme hinzu.„Ach, ob nicht jede, auch die kleinſte Freude mit einem Leide begleitet wird!“ Der Marquis beruhigte ſeine Enkel in Bezug auf das Schienbein. Allein zu ſich ſelbſt ſprach er: „Iſt mein hoher Stand nicht jetzt für mich nichts weiter als eine Wurzel alles Uebels? Wie viel Scham, Demüthigungen, Hohn und Beleidigungen würde ich weniger zu erleiden haben, wenn ich ein einfucher Bür⸗ gersmann wäre! Der Aerger über Graf Briſſac und dieſen Schloſſer wäre mir erſpart worden. Ich könnte eher eine Erwerbsquelle für mich und meine Enkel ſprin⸗ gen machen, brauchte nicht eine Doppelgängerrolle zu ſpielen, nicht mich zu verſtellen, zu lügen und— zu darben! Gleichwohl kann und darf ich mich meines Standes nicht entäußern, ſchon um meiner Enkel willen nicht. Ach, die armen Kinder! bisher hatten ſie zuſammen 4* 52 auf einem Seſſel Platz, indeß ich den andern einnahm. Nun werden ſie ſich auf den harten, kalten Koffer ſetzen müſſen, ſo lange ich daheim bin. Heilloſer Kerl von Schloſſer! Ha! daß ich dir nicht meine Fäuſte fühlen laſſen, dich nicht zerreißen durfte! Was wollte der Schurke hier? Ja, was wollte er? Weshalb log er? Weshalb kam er jetzt, da er doch vorhin ſo ungefällig ſich bewies? Dahinter ſteckt etwas!“ „Dahinter ſteckt etwas!“ ſprach gleichfalls Meiſter Störſteffen, indem er des Marquis Wohnung verließ. „Wie? ein richtiger Marquis von Beaulis ſollte in einem ſolchen Loche von Stube wohnen? So wenige und ſchlechte Möbeln beſitzen? Warum gab er ſich erſt für einen Diener aus und kleidete ſich in Lumpen? Wozu wollte er den Grabſtichel oder ein anderes ſpitzes Werkzeug verwenden? Gewiß ſollte etwas mit dem großen, eiſen⸗ beſchlagenen Koffer vorgenommen werden, den der an⸗ gebliche Marquis ſo haſtig bei meinem Eintritte zuklappte. Was mag dieſer räthſelhafte Koffer enthalten? Einen Schatz? Oder einen Leichnam? Einen gemordeten Men⸗ ſchen? Warum dieſes Erſchrecken bei meinem Erſcheinen? Warum dieſer ungerechtfertigte Angriff? Ha! nicht um⸗ ſonſt ſoll man mich Störſteffen heißen. Das Geheimniß dieſes Marquis und ſeines Koffers muß ich ergründen, vder ich will nicht mehr Störſteffen heißen.“ Alſo mit ſich redend, ſtieg der Schloſſer die Treppen hinab.„Heda, guter Freund!“ rief er einen Diener an, welcher auf einem Seitengange einen Rock ausklopfte— 53 „ſagt mir doch gefälligſt, wer derjenige iſt, der das oberſte Stockwerk bewohnt?“ „Ha! Ha!“ lachte der Diener, indem er ſein Aus⸗ klopfſtöckchen feiern ließ—„Ihr meint das Meſſer ohne Heft und Klinge: den Marquis von Beaulis?“ „Alſo wirklich ein Marquis?“ erwiederte Stör⸗ ſteffen betroffen.„Hm! dann hätte ich freilich leiſer auf⸗ treten ſollen.“ „Warum?“ ſprach der Diener verächtlich.„Iſt doch der Marquis, wie ich ſchon geſagt habe, nur ein Meſſer ohne Heft und Klinge, indem ſein ganzes Marquiſat in weiter nichts als einem bloßen Titel beſteht.“ „Er hat einen Diener“— fuhr Meiſter Störſteffen fort—„welcher viel Aehnlichkeit mit ſeinem Herrn beſitzt.“ „Die allergrößte Aehnlichkeit!“ lachte der Diener— „denn Herr und Diener ſind eins!“ „Alſo habe ich mich nicht getäuſcht!“ rief“ Stör⸗ ſteffen.„Doch wozu dieſe Mummerei?“ „Aus Bettelſtolz!“ verſetzte der Diener.„Da der Marquis ſich keinen Diener halten kann, ſo verdient er ſich ſelbſt den Dienerlohn, indem er bald die Rolle des Herrn, bald des Dieners ſpielt. Dabei meint er, uns durch entſtellende Kleidung, durch aufgeklebte Pfläſterchen und Farbenſtriche im Geſichte, durch heruntergekämmte Haare und eine näſelnde Stimme hintergehen zu können. Allein längſt ſchon haben die Hausbewohner den Doppel⸗ gänger erkannt und foppen ihn nach Herzensluſt, indem 54 wir gegen den angeblichen Diener des Marquis über die⸗ ſen herziehen, ihn als Geizhals, als dummſtolz und Ra⸗ benvater gegen ſeine Enkel verſchreien.“ „Ha!“ ſprach Störſteffen—„dann wird der Diener ſeines Herrn Ehre verfechten, nicht ſo? Er wird wüthend ausfallen gegen die Schmähredner, wird ſie kratzen, bei⸗ ßen, ſchlagen, mit Wurfgeſchoſſen bombardiren?“ „Nichts von dem Allen!“ antwortete der Diener. „Als Diener ſtellt ſich der Marquis taub und ſtumm, und obſchon er zu unſerm Läſtern gar grauſame Geſichter ſchneidet, ſo bleibt ſein Mund dennoch geſchloſſen, und ſacht ſchleicht er an uns vorüber und ſeine ſechs Treppen hinauf.“ Hier beſchlich den Schloſſer ein Gefühl von mitleids⸗ vollem Bedauern, und weniger ſchadenfroh fragte er weiter: „Da macht es der Marguis von Beaulis wohl wie die meiſten ſeines Gleichen, wenn ſie kein Geld haben: er borgt, wo er weiß und kann, macht Schulden, bezahlt keine Miethe und bittet ſich zu Gaſte, wo es was Gutes zu eſſen giebt?“— „Fehlgeſchoſſen dießmal!“ entgegnete der Diener. Hier⸗ in macht der Marquis eine Ausnahme von den Vorneh⸗ men. Er iſt zu ſtolz, um zu borgen oder um ſich zu Gaſte zu bitten. Wenn er nicht ſeinen Zins pünktlich zahlte, ſo hätte ihn unſer Wirth längſt aus dem Hauſe gejagt. Aber wie die Hunde ſo ſchlecht mögen der Mar⸗ quis und ſeine Enkel leben. Ich glaube, daß viele Tage ſind, an welchen kein Biſſen ordentlichen Eſſens über ihre 55 Zunge kommt und kein Holzſcheit in ihren Ofen. Noch nie habe ich eine Wäſcherin zu dem Marquis gehen ſehen, und ich vermuthe, daß er ſelbſt die Waſch⸗ und Scheuer⸗ frau macht. Darum läßt er auch Niemand in ſeine Woh⸗ nung treten, wo man beim Blindekuhſpiele gewiß ſich nicht an etwas ſtößt.“ Nach dieſer erhaltenen Auskunft über den Marquis von Beaulis entfernte ſich Störſteffen. „Ein ſonderbarer Mann, dieſer Marquis!“ ſprach er kopfſchüttelnd zu ſich ſelbſt.„Sein Stand bringt ihm ja viel mehr Schaden als Vortheil. Warum er nur nicht ſo klug iſt und ſeinen Marquistitel verkauft? Es giebt wohl noch genug ſolche eitle Eſel in der Welt, welche für ein altes, vergilbtes Pergament und einen kleinen Titel etliche Tauſende Franken bezahlen.“ Zünftes Kapitel. Der Aerbeit Segen. Von dem menſchenfreundlichen Hofjuwelier Dupont mit den nöthigen Werkzeugen und Stoffen ausgerüſtet, begann ſchon in der nächſten Zeit der alte Marquis ſeine Verſuche in der Faſſung und Fertigung von Juwelierar⸗ beiten. Franz und Helviſe machten große Augen, als ihr Großvater zu hämmern, feilen, ſchmelzen und zu po⸗ liren begann. Staunend betrachteten ſie bald das ihnen 56 unbekannte Werkzeug, bald die kleinen Gold⸗ und Silber⸗ ſtücken und die blitzenden Steinchen, welche der Großpapa in Gold voder Silber faßte und in Buſen⸗ und Kopf⸗ nadeln, in Ringe, Ohrgehänge und Hemdenknöpfchen um⸗ geſtaltete. Der Marquis machte, als ſein erſter Verſuch gelungen ausgefallen war, keine Ausnahme von anderen Arbeitſamen, die nach einem ſolchen Gelingen von einer reinen Freude— dem ſüßen Lohne des Fleißes— durch⸗ drungen werden. Seit langer Zeit war es die erſte Freude, welche der verarmte Marquis empfand, und dieſe Freude war überdieß noch frei von jeder bittern Beimiſchung. Dieſe Freude wuchs noch, als der Marquis ſeine Arbeit dem Hofjuwelier einhändigte und dieſer ſein Lob darüber ausſprach. Er erröthete, da der wackere Dupont mit zartgeſetzten Worten von der Entſchädigung für den ge⸗ habten Zeitverluſt des Marquis ſprach und, indem er ei⸗ nige Geldſtücke aufzählte, lächelnd hinzuſetzte:„Nicht ſo, Herr Marquis? In einem Stücke handelt ſelbſt der Mar⸗ ſchall von Frankreich wie der gemeinſte Soldat: er ſtreicht ſeinen Sold für die geleiſteten Dienſte ein? Der Miniſter, und wenn er zugleich Herzog, läßt ſich für ſeine Arbeit bezahlen. Ja, ſogar des Königs Majeſtät bezieht ſeine Willionen von dem Lande, obſchon darunter die Sous des ärmſten Landmanns und Handlangers enthalten ſind?“ 5 Der Marquis erröthete, wie ſchon geſagt; allein es war nicht ſowohl die Röthe der Scham und des verletz⸗ ten Ehrgefühls, ſondern der Freude. Dieſe Freude war ſo mächtig, daß ſie die Aufwallung des Stolzes ſiegreich 5 57 niederkämpfte, wobei die verſtändige Rede des Hofjuweliers das Ihrige that. Der Marquis nahm ſeinen verdienten Arbeitslohn mit einiger Verlegenheit in Empfang und neue Aufträge von Seiten Duponts dazu. Heimkehrend überlegte er mit freudig klopfendem Herzen, wie viel er wöchentlich verdie⸗ nen könne, wenn er die begonnene Arbeit eifrig forſetze. Er fand, daß er und ſeine Enkel dann ungleich beſſer, und ohne neuen Demüthigungen ausgeſetzt zu ſein, leben und beſtehen würden. Ueberdieß war die Freude über ſein gelungenes Werk ſo groß und nachhaltig, daß er eine bf⸗ tere Wiederholung derſelben durch fortgeſetzten Fleiß ſich zu verſchaffen beſchloß. Dabei glaubte der Marquis aber auch, ſeinen Enkeln gegenüber eine Art von Rechtfertigung wegen ſeines ſo plötzlich erwachten Fleißes geben zu müſſen, und in dieſer Abſicht hielt er der Arbeitſamkeit folgende Schutzrede: „Meine Kinder! es iſt außer allem Zweifel, daß un⸗ ſer erſter Ahnherr kein Andrer als Adam, der Urvater, war. Derſelbe brauchte, ſo wie die Eva, nicht zu arbei⸗ ten, ſo lange als ſich beide in Paradieſe befanden. Nach⸗ dem ſie aber, in Folge ihres Sündenfalles, aus dem Pa⸗ radieſe vertrieben worden waren, mußten beide ihr Brot im Schweiße ihres Angeſichts erarbeiten und verzehren. Der fromme Abel wie der böſe Kain arbeiteten gleich ei⸗ nem Bauer und Viehhirten. Nicht beſſer erging es unſerm zweiten Ahnherrn, dem tugendſamen Noah, welcher mit ſeinen Söhnen 120 Jahre lang an der Arche zimmerte. König David hütete anfänglich das Vieh und König Oſiris lenkte den Pflug. Der Czaar von Rußland, Pe⸗ ter der Große, arbeitete faſt ein Jahr lang als gemeiner Zimmermann, und als derſelbe ſpäter einſt in Petersburg vor einer Schmiede anlangte, ſprach er mit ſeinem ganzen Gefolge in derſelben ein, um eigenhändig zwanzig Stan⸗ gen Eiſen zu ſchmieden, wobei ſein Hofſtaat, zu deſſen nicht geringem Aerger, behülflich ſein mußte.„Nun be⸗ zahle mich!“ ſprach nach vollbrachter Arbeit der Monarch zu dem erſtaunt daſtehenden Schmied. Als dieſer ſeinem Fürſten eben ſo viele Ducaten aufzählte, als er Eiſenſtan⸗ gen geſchmiedet hatte, ſchob Peter das Gold zurück und ſagte:„Du ſollſt mich eben ſo belohnen, wie wenn du einen gewöhnlichen Arbeiter vor dir hätteſt.“ „Da zahlte der Schmied dem Czaar drei Franken nach unſerm Gelde aus. Für dieſe kaufte ſich der Czaar auf der Stelle ein Paar handfeſte Schuhe, die er ſogleich anzog und von denen er rühmend ſagte, daß er ſie ſich von ſeinem ſauer verdienten Gelde erkauft habe. Nun, Kinder! wenn Kaiſer und Könige ſich nicht geſchämt ha⸗ ben, zu arbeiten: ſo iſt die Arbeit auch für euern Groß⸗ vater keine Schande. Darum ſollt ihr mich fortan flei⸗ ßig arbeiten ſehen.“ „Du haſt ja jetzt ſchon immer gearbeitet, lieber Groß⸗ papa!“ ſprach Helviſe naiv.„Du haſt die Stube aus⸗ gekehrt und geſcheuert, unſre Wäſche gewaſch—“ „Still!“ fiel ihr der Marquis hocherröthend un 7 59 Wort.„Laß das Niemanden hören. Das that ich als Diener eures Großvaters und ohne Lohn dafür zu bean⸗ ſpruchen. Nunmehr aber arbeitet der Marquis ſelbſt und für Lohn oder vielmehr“— fuhr er verlegen fort —„gegen Entſchädigung des Zeitaufwands.“„Da haſt du wohl nichts mehr dawider, Großpapa!“ fragte Franz —„wenn ich wieder für einen Fremden ein Bündel tragen ſoll?“ „Hm! hm!“ verſetzte der Marquis“—„hm! das iſt etwas Anderes, Franz! Laſtträger zu ſein, ſchickt ſich nicht für den Sohn eines Marquis. Arbeiten und Arbei⸗ ten iſt ein unterſchied. Als Edelmann arbeite ich auch nur mit edeln Steinen, Metallen und Perlen. Dazu habe ich bei meiner Arbeit Niemand weiter als euch zum Zeugen.“ „Aber Peter arbeitete als Zimmermann und als Schmied“— wendete Franz ein—„und das vor aller Welt, obgleich er ein mächtiger Czaar war.“ „Eben deshalb durfte er ſich mehr herausnehmen als ein Andrer“— antwortete der Marquis.„Ueberdieß zimmerte er in einem holländiſchen Dorfe, wo die Bauern nicht viel über ihren Käſe und ihre Butter hinaus urtheil⸗ ten; die Eiſenſtangen dagegen ſchmiedete er bei den Ruſſen, die zu jener Zeit noch halbwild waren. Aber in Paris, wo der Anſtand und die gute Sitte zu Hauſe ſind: da darf man nur arbeiten, was ſich für ſeinen Stand ſchickt.“ k Von nun an arbeitete der Marquis mit unermüdli⸗ chem Fleiße. Bald ward ihm die Arbeit zum unentbehr⸗ lichen Bedürfniſſe, zugleich aber auch zu einem wahren Segen. Nicht allein, daß durch den Ertrag ſeines Flei⸗ ßes der Marquis ſein früher an Entbehrungen ſo reiches Leben genußreicher und angenehmer umgeſtaltete, ſo ſchwan⸗ den ihm auch jetzt die Stunden und Tage, welche er ſonſt in traurigem Dahinbrüten verſeufzt hatte, im raſchen Fluge dahin, und den unterhaltenden Arbeitsſtunden folgte ſtets ein ſüßer, ſtärkender Nachtſchlaf. Aber auch auf Franz und Heloiſe übte das Beiſpiel ihres fleißigen Großvaters einen wohlthätigen Einfluß aus. Die beiden Kinder ſtell⸗ ten ihr Herumſchlendern in den Straßen ein und ſtanden ihrem Großvater bei, indem ſie, nach deſſen Anweiſung, mit Poliren und Putzen, mit Handreichungen und kleinen, leichten Nebenarbeiten ihn unterſtützten. Unwillkürlich drängte ſich dem Marquis bei der vor⸗ theilhaften Umänderung ſeiner Lebensweiſe ein ſehr rich⸗ tiger Gedanke auf. Von jenem, muthmaßlich ausgewanderten Swſen an, hatte der frühere Reichthum der Marquis von Beaulis ſo lange abgenommen, bis nichts mehr abzunehmen übrig und der letzte Sprößling der Familie gänzlich verarmt war. Das einzig noch vorhandene Erbtheil— der Mar⸗ quisſtand— hatte ſeinem jetzigen Beſitzer nichts als Demüthigungen und Kränkungen eingetragen. Dagegen brachte die kleine, vor einer Reihe von Jahren auf die Erlernung der Juwelierkunſt verwendete Geldſumme ge⸗ genwärtig mehr denn hundertfältige Frucht und konnte durch keine Diebe entwendet werden. 51 Welch' ein Fingerzeig für diejenigen, welche ihre alleinige Zuverſicht auf den vergänglichen Reichthum ſetzen! Aber auch für alle die, welche ſich bleibende Schätze ſam⸗ meln wollen! Wenn jetzt der Marquis von Beaulis ſeinen Blick auf das nicht mehr an den unentbehrlichſten Geräthſchaf⸗ ten leere, ſondern nett ausgeſtattete Wohnſtübchen, auf die zwar nicht prächtigen, jedoch ausreichenden Lagerſtät⸗ ten, auf den nicht mehr rauchenden, ſondern eine ange⸗ nehme Wärme ſpendenden Ofen, auf die der rauhen Win⸗ terzeit angemeſſene und vollſtändige Kleidung ſeiner Enkek und endlich auf deren blühende, nicht mehr vom Mangel abgemagerte, ſondern fröhlich lachende Geſichter warf: ſo bewegte ein ſeliges Gefühl das großväterliche Herz, und dankerfüllt wendete er ſein Auge der Arbeit wieder zu, welche die alleinige Urſache all dieſes häuslichen Segens war. So verfloß der ſonſt ſo traurige Winter ſchnell und heiter. Immer mehr erwies ſich der Fleiß als das wirkſame Gegengift gegen den Stolz des Marquis⸗ Dieſer Letztere war jetzt ſchon ſo weit gebracht worden, daß er größere Arbeiten, welche daheim nicht gefertigt werden konnten, in der Wohnung des Hofjuweliers aus⸗ führte. Dort ſaß der ſtolze Marquis, mit vorgebundener Arbeitsſchürze, in einem abgeſonderten Stübchen allein und hämmerte, feilte, ſchmolz und polirte nach Herzensluſt. So kam der Lenz heran mit allen Reizen, mit welchen ſich die wieder erwachende Natur zu ſchmücken pflegt. Auch der alte Marquis konnte dem warmen, belebenden ℳ * * 62 Lufthauche, welcher ſeine Bruſt, gleich jeder anderen, ſchwellte und mit Sehnſucht erfüllte, nicht widerſtehen. Mit mächtigem Drange trieb es ihn, die engen, feuchten Gaſſen von Paris zu verlaſſen und hinaus zu pilgern in die friſche, freie und geſchmückte Natur, um deren großes Auferſtehungsfeſt mit zu feiern. Zu dieſer Feier hatte der Marquis eine kleine Geldſumme beſtimmt, welche er zu ſeiner und ſeiner Enkel Erholung nicht beſſer an⸗ wenden zu können glaubte. Wie ſehr freuten ſich Franz und Helviſe, als ſie mit ihrem Großvater einen Miethivagen beſtiegen und durch die Straßen der großen Stadt dahinrollten! Es war das erſte Mal, daß ihnen das Vergnügen des Fahrens zu Theil wurde und darum dünkten ſie ſich über alle Fußgänger jetzt hoch erhaben. Stumm, aber glücklich, drückten ſie einander die Hände, und nur ihre fröhlich leuch⸗ tenden Augen ſagten, was in ihrem Innern vorging. Nicht ſo rein war die Freude des alten Marquis, viel⸗ mehr durch eine bittere Erinnerung getrübt. Während ſeine Vorfahren in einer vergoldeten Staatskutſche und vierſpännig gefahren und von einer reich gekleideten Die⸗ nerſchaar umgeben geweſen waren, mußte er ſich mit einem gemietheten Einſpänner und einem ſchlichten Rollwagen begnügen. Der alte Marquis kannte das deutſche Vers⸗ lein nicht, welches lautet: „Glücklich iſt, wer vergißt das, was nicht zu ändern iſt.“ Vier Stunden weit ging die Fahrt und für die Kin⸗ der noch viel zu früh zu Ende. Der Rollwagen hielt — —— 63 vor dem Wirthshauſe eines anſehnlichen Dorfes, welches ein prächtiges Schloß mit einem großen Park umgab. Der Marquis ſchien heute einmal ganz die Rolle eines vornehmen Herrn ſpielen zu wollen. Er beſtellte eine gute Mahlzeit und dazu eine Flaſche vom theuerſten Weine. Während nun Franz und Helviſe neue und ungewohnte Freuden über das köſtliche Eſſen und den feurigen Wein empfanden, wurde ihr Großvater immer einſilbiger und trüber geſtimmt. Er hatte deshalb nicht Acht, wie viel ſeine Enkel aßen und tranken, und daß dieſe nach Art der Kinder hierin ihr Möglichſtes thaten, kann man ſich leicht denken. Mit ſchwerem Kopf und Magen ſtanden ſie von der Mahlzeit auf und folgten mit ziemlich wankenden Schritten ihrem Großvater, wel⸗ cher den Weg nach dem Schloſſe einſchlug. Als ſie in den weiten Schloßhof getreten waren und ſich dem Schloſſe genähert hatten, blieb der Marquis wie feſtgewurzelt ſtehen. Eine tiefe, innere Bewegung, welche den alten Herrn erſchütterte, gab ſich durch ein Zittern ſeines Kör⸗ pers wie ſeiner Stimme kund, indem er ſeine Enkel alſo anredete: „Meine Kinder!“ ſprach er feierlich—„ihr ſtehet hier vor der Wiege eurer Ahnen, der glorreichen Familie von Beaulis! Sehet da über dem Schloßportale euer Wappen mit der ſchönen Lilie darin, von welcher wir unſern Namen führen. Dieſes prachtvolle Schloß ſammt ſeinem reichen Zubehör, das Dorf dabei und noch gar viele Dörfer dazu, nebſt weiten Fluren, Triften, Wäldern, 64 V Seen und Teichen— Alles— Alles gehörte einſt uns, würde noch jetzt mein und euer Eigenthum ſein, hätte nicht jener Großonkel, welcher die Religion ſeiner Väter und Frankreich zugleich verließ, den Grund zur Verarmung unſrer Familie gelegt. Dieſer grauſame Großonkel iſt es auch, welcher euch, ihr armen Kinder, in's Elend ge⸗ ſtoßen hat, und ſchwer werden darum eure Anklagen vor des Ewigen Richterſtuhle in der Waage eures Großonkels wiegen. Glaubt mir, Kinder, daß es mir nicht leicht geworden iſt, euch vor die Schwelle unſres verlornen Paradieſes zu führen. Allein ich war euch das ſchuldig, damit ihr das Stammhaus eurer Vorfahren noch vor meinem Tode wenigſtens zu ſehen bekamt. Sollte ja einmal wieder das Glück unſrer Familie hold und der verlorene Reichthum ihr wieder zu Theil werden: ſo trachtet darnach, meine Kinder! daß dieſes Schloß und ſeine Herrſchaft unſrer Familie zurückgegeben werde. Seid ihr ſolches zu bewerkſtelligen nicht im Stande: ſo machet es euern Nachkommen zur heiligen Pflicht, und ſollten auch Jahrhunderte darüber vergehen müſſen. Daß ihr den Willen eures Großvaters erfüllen wollet, gebet mir die Hand darauf.“ Das geſchah von Seiten der beiden Kinder, obſchon in ziemlich verwirrtem Zuſtande, was der Marquis aber in ſeiner tiefen Erregung nicht bemerkte. Letzterer rief jetzt einen vorübergehenden Schloßbewoh⸗ ner an:„Heda, mein Freund! ſagt mir doch, weshalb dieſes Gerüſt über dem Schloßportale errichtet iſt? Jeden⸗ 65 „. falls ſoll das Wappen des Marquis von Beaulis aus⸗ gebeſſert werden?“ „Im Gegentheil, mein Herr!“ verſetzte der Gefragte. „Man wird das alte Wappen zermeiſeln und ein neues, anderes an ſeine Stelle ſetzen.“ „Und welches wird das neue ſein?“ fragte der Marguis beſtürzt.. „Dasjenige unſers neuen Herrn, des gnädigen Gra⸗ fen von Briſſac, welcher kürzlich die ganze Herrſchaft Beaulis durch Kauf an ſich gebracht hat“— antwortete der Mann. Als habe ihn ein heftig ſchmerzender Dolchſtich in's Herz getroffen, ſo haſtig fuhr der Marquis mit ſeiner Hand nach der Bruſt. In ſeiner Beſtürzung vergaßen des Marquis zuckende Lippen, dem Auskunftertheiler einen Dank zu ſtammeln, welcher daher kopfſchüttelnd ſich entfernte. Auch der Marquis ging wie betäubt fort, begleitet von ſeinen Enkeln. „Briſſac, dieſer neubackene Graf“— murmelte der Marquis vor ſich hin—„dieſer Generalpächtersſohn, der ſeinen Reichthum von dem ſauern Schweiße armer Franzoſen aufgehäuft hat, deſſen Vorfahren vielleicht die Stallknechte oder Leibeigenen der Marquis von Beaulis waren— dieſer Briſſac, welcher mich ſo tödtlich beleidigte und mir hohnlachend die geforderte Genugthuung ver⸗ weigerte— derſelbe Briſſac, der ſich von einem Marquis von Beaulis den Steigbügel länger ſchnallen ließ und Kieritz. Störſteffen und ſein Sohn. 5 66 dieſen Dienſt mit einem halben Frank bezahlte— Sa! Tod und Hölle! derſelbe Briſſac wird aus den Fenſtern meines Schloſſes ſchauen, wird in deſſen Sälen ſeine Schaar feiler Schmarozer um ſich ſammeln, wird ſich in meinen Zimmern auf dem Faulbette ausſtrecken, wird in meinen Wäldern jagen, in meinen Seen fiſchen, in meinem Parke umherſchlendern— wird, o Tod und Hölle! das Wappen meiner Ahnen zerbrechen! O ſtirb, alter Beaulis! damit du dieſer unauslöſchlichen Schande entgehſt.— Ja ſtirb!“ Wan ſieht aus dieſen Worten, daß die Heilung des Marquis von ſeinem Stolze noch keineswegs vollkommen gelungen war. Es ging ihm wie einem Branntweintrin⸗ ker, welcher ſich den Branntwein abgewöhnen will und deshalb, um ja der Verſuchung zu entrinnen, das Vorüber⸗ gehen bei einem Schnapsladen ſorgſam vermeidet. End⸗ lich aber, da er ſich für ſtark genug hält, auch den Anblick des einladenden Schildes und des Schnapsladens unbeſcha⸗ det auszuhalten, vermag er der Verſuchuvg doch nicht zu widerſtehen, ſondern es zieht ihn gewaltſam in die Gifthöhle hinein und er trinkt darin ärger denn zuvor. Während der Marquis mit ſich ſelbſt ſprach, hatte er nicht Acht darauf, wohin ſich ſeine Füße bewegten. Ein lautes Rauſchen und das geſchäftige Klappern von Mühlrädern brachten ihn zu ſich und machten ihn auf⸗ ſchauen. Siehe da, der Marquis ſah ſich in der Nähe eines Flußwehrs, von welchem ein Mühlgraben ſeitwärts ablief und nach der Mühle zuführte, deren Räderklappern 67 zu des Marquis Ohren gedrungen war. Nach kurzem Beſinnen ſchritt der Marquis auf einen Steg zu, welcher, nur aus einem breiten Pfoſtenbrette beſtehend, über den Mühlgraben hinweg führte. Indem der Marquis über dieſe mißliche Brücke voranſchritt, war er bereits wieder in ſeine vorigen Betrachtungen zurück verſunken. Diesmal weckte ihn ein lauter Schreckensſchrei hinter ſeinem Rücken wieder auf. Ein zweiter, nicht minder lauter Schrei folgte raſch dem erſten, und indem der Marquis beſtürzt ſich umwendete, erblickte er ſeine geliebte Enkelin in dem ſchnell dahinfließenden Mühlenwaſſer treiben. Helviſe, welche ihrem Bruder auf dem Fuße und taumelnden Schrittes gefolgt war, hatte plötzlich das Gleichgewicht verloren und war in den Mühlgraben ge⸗ fallen, welcher ſie ſchnell in ſeine naſſen, kalten Arme auffing und raſch mit ſich davon führte. Der er⸗ ſchrockene Marquis ſah das roſenrothe Kleidchen ſeiner Enkelin bereits in einiger Entfernung auf dem Waſſer ſchwimmen und deren weiße Arme hülfeflehend ſich aus⸗ ſtrecken. Ohne ſich zu beſinnen, ſprang der Marquis in den Mühlgraben hinab, deſſen Waſſertiefe ihm zwar noch nicht ganz bis an die Bruſt reichte, deren reißende Schnel⸗ lligkeit aber ihm die Füße unter dem Leibe wegzog, ſo daß er in eine mehr ſchwimmende Lage verſetzt wurde. Zugleich ſchnürte ihm die ungewohnte Kälte des Waſſers die Bruſt zum Erſticken zu. Er ſagte ſich's noch mit Todesſchrecken, daß er ſeine Herzenshelviſe nicht einholen 5* 68 könnte, und daß dieſe in dem Getriebe der Mühle, dem ſie unaufhaltſam zueilte, einen ſchrecklichen Untergang finden würde. Dann verließ ihn das klare Bewußtſein, und nur mechaniſch ſtrebten ſeine Glieder, dem kältenden Waſſer zu widerſtehen und das Haupt über demſelben zu erhalten. In dieſem Zuſtande vernahmen noch des Marquis Ohren das ſchmetternde Zetergeſchrei ſeines Enkels, welcher, neben dem Mühlgraben dahinrennend, durch ſeine Stimme Hülfe herbeizurufen bemüht war und zugleich das Echo weckte. Endlich ſah und hörte der Marquis nichts mehr, indem eine tiefe Ohnmacht ſeiner ſich bemächtigte. Als der Marquis nach langer Weile wieder zu ſich kam und die Augen aufſchlug, ſah er ſich in einem BVette ausgeſtreckt und um daſſelbe mehrere Männer ſtehen, welche in ihren Händen theils Bürſten, theils Riechmittel, theils Gläſer voll ſtarken Weins hielten. Zugleich fühlte er neben ſich und zu ſeinen Füßen eine ausſtrömende Wärme, welche von heißen Ziegelſteinen und»Wärm⸗ flaſchen herrührte, womit man ſein Lager reichlich ver⸗ ſehen hatte. „Mein Gott! mein Gott!“ ſtöhnte der unglückliche Marquis, als ihm die Erinnerung zurückckehrte—„meine Helviſe! mein Kind!“ Und er verhüllte ſeine hernieder⸗ rinnenden Thränen und ſein bleiches Antlitz mit beiden Händen. Liebſter Großpapa! hier bin ich!“ rief hierauf eine Stimme, welche dem verzweifelnden Marquis wie Engels⸗ 5 * 69 geſang vorkam und ihn raſch aufblicken machte. Der Männerkreis um ſein Lager theilte ſich aus einander und der entzuckte Marquis ſah durch die gemachte Lücke den Kopf Helviſens, welcher munter aus einer Fülle von Betten hervorſchauete. „Sei mir nicht böſe, liebſter Großpapa!“ fuhr die Kleine bittend fort—„du hatteſt mich ſo viel Wein trinken laſſen, daß ich ganz taumelig geworden war. Sonſt wäre ich gewiß nicht in das kalte Waſſer gefallen.“ „Gott, mein Gott, wie dank' ich dir!“ ſprach der Marquis in tiefer Rührung und faltete ſeine Hände wie zum Gebet.„Ach, die ganze Herrſchaft Beaulis iſt nichts gegen das Leben meines Kindes. Doch, wie wurdeſt du dem augenſcheinlichen Untergange entriſſen, meine Helviſe? Welcher Engel errettete dich, als du bereits unwieder⸗ bringlich verloren ſchienſt?“ Bei dieſen Fragen erröthete einer von den Umſtehen⸗ den, ein noch ſehr junger Mann, welcher verlegen ſein Antlitz abwendete. „Ach, Großpapa!“ verſetzte Heloiſe—„ich weiß es ſelbſt nicht, wie ich' aus dem Waſſer gekommen bin. Da ich vor Schreck wie todt war und endlich zu mir kam, lag ich ſchon ausgezogen in dieſem Bette.“ „Ich weiß es, Großpapa!“ ſprach Franz—„denn ich habe es ſelbſt mit angeſehen, wie Helviſe ſchon bald bis an die Mühlenräder geſchwommen war und wie auf mein Schreien plötzlich zwei Männer aus einer nahen Laube hervorſtürzten und ſich in's Waſſer warfen. Der 70 jüngere von ihnen fing Helviſe auf und der ältere dich, Großpapa! Da ſtehen ſie!“ Franz deutete auf die zwei Retter hin, welche nie⸗ mand anders waren als— der alte und der junge Stör⸗ ſteffen. Der Letztere war noch viel röther geworden; aber durch ſeine Scham leuchtete zugleich die ſelige Freude, ein Menſchenleben dem Tode entriſſen zu haben. Auch der alte Störſteffen ſchmunzelte zufrieden vor ſich hin und rieb ſich die Hände. Beide trieften noch von dem Waſſer, in welches ſie geſprungen waren. „Dank, tauſendfachen Dank!“ lallte der Marquis und ſtreckte ſeine beiden Hände nach ſeinem und ſeiner Enkelin Retter aus. „Nicht Urſache zu danken, gnädiger Herr Marquis!“ — verſetzte der ältere Störſteffen treuherzig.—„Das bischen Waſſerſpringen iſt nicht der Rede werth. Wir freuen uns ſchon genug, daß niemand von Ihnen weiter ein Unglück genommen hat. Es traf ſich gerade, daß ich und mein Sohn eine Flaſche Wein in der Laube des Müllers tranken. Als nun der junge Herr ſo mörder⸗ lich ſchreiend herbeigerannt kam und wir zwei Menſchen im Waſſer zappeln ſahen: da griff ein Jeder von uns zu. Ich packte den alten, großen Fiſch, und mein Sohn den kleinen, jungen, und brachten ſie auf's Trockene. Das Uebrige haben hier unſer Meiſter Müller, ſeine Frau und die Mühlknappen gethan.“ „Dank! Dank ihnen Allen!“ wiederholte der Mar⸗ quis in tiefer Rührung.„Aber“— fuhr er, ſich be⸗ 71 ſinnend, fort:„Wie iſt mir denn? habe ich Euch, nicht ſchon einmal geſehen? Allein wo? und unter welchen Verhältniſſen? Mein Kopf iſt noch ſo ange⸗ griffen!“ „Ach,“— verſetzte Störſteffen leicht—„mein Be⸗ ruf als Schloſſer führt mich in gar viele Häuſer und Wohnungen und da kann es ſchon geſchehen ſein, daß ich einmal auch die Ehre gehabt habe, zu dem gnädigen Herrn Marquis gerufen worden zu ſein.“ „Entſinneſt du dich nicht, Großpapa“— hob jetzt Franz an—„wie damals unſer Stuhl und der Topf entzwei gingen und wo ich die eiden Holzſcheite“— „Still! junger Herr!“ fiel der ältere Störſteffen ein —„Verdorbenes Eſſen ſoll niemand wieder aufwärmen und auf den Tiſch bringen. Iſt Ihnen, Herr Marquis, nicht noch ein Glas von dem alten Weine unſers wackern Müllers gefällig? Derſelbe wärmt beſſer wie ein Pelz. Das haben wir beide, ich und mein Sohn, an uns ſelbſt verſpürt.“ „Ich danke“— erwiederte der Marquis ablehnend —„doch, Meiſter Steffen! welcher gute Genius hat Euch und Euern wackern Sohn zu unſrer Rettung nach Beaulis geführt?“ „Dieſer Genius heißt Graf Briſſac“— antwortete Störſteffen, welcher nicht bemerkte, wie ſehr ſich des Mar⸗ quis Angeſicht bei Nennung dieſes verhaßten Namens verfinſterte—„Herſelbe hat mir die Schloſſerarbeit hier in ſeinem neuerkauften Schloſſe übertragen und mich be⸗ auftragt, zu unterſuchen, welche von den Schlöſſern noch zu benutzen ſind und welche nicht. Der Herr Graf beab⸗ ſichtigt, den einen Seitenflügel des Schloſſes niederreißen und an ſeiner Stelle einen neuen, ſchöneren und geräumi⸗ geren aufführen zu laſſen. Doch, ich will dem gnädigen Herrn Marquis nicht länger mit meinem Geſchwätze läſtig fallen. Ich ſehe, daß der gnädige Herr von dem gehab⸗ ten Schrecken ausruhen und ſich erholen will. Verlaſſen wir daher das Gemach.“ Wirklich hatte es der Marquis gemacht, wie ſo man⸗ cher Vornehme, welcher durch abſichtliches Gähnen zu er⸗ kennen giebt, daß er ſich langweilt oder allein gelaſſen ſein will. Der Marquis ſchwieg daher auch jetzt und ließ es geſchehen, daß mit Ausnahme ſeiner beiden Enkel, ſich Alle aus dem Zimmer entfernten. Er ſchloß die Augen und ſtellte ſich ſchlafend, obſchon dies nicht wirk⸗ lich der Fall war. Vielmehr durchkreuzten der Gedanken viele ſeinen Kopf und ſchon nach Verlauf einer Stunde ließ er durch Franz die Müllerleute fragen, ob ſeine und Helviſens Kleider wohl ſo weit getrocknet ſeien, daß ſie ohne Gefahr für die Geſundheit wieder angelegt werden könnten? 8 Da die Antwort eine bejahende war, ſo warf ſich der Marquis in die Kleider, worauf Helviſe von der Müllerin angezogen wurde. Nochmals dankend verließ der Marquis nebſt ſeinen Enkeln die Mühle, aus welcher lange ſchon vorher die beiden Störſteffen ſich entfernt hat⸗ ten. Ohne weiteren Unfall langten der Marquis, Franz. 73 und Helviſe auf ihrem Rollwagen am Abende zu Paris und in ihrer Wohnung an, wo alle drei ſofort ihr Lager beſtiegen. Sechſtes Kapitel. Die Krankheit nebſt ihren Folgen. Helviſe erwachte am andern Morgen, gleich ihrem Bruder, friſch und geſund. Nicht ſo der Marquis, wel⸗ chen der Schreck und die Erkältung weit mehr angegriffen hatten als ſeine Enkelin. Bei älteren Perſonen kommen meiſtens die ſchlimmen Folgen erſt hinten nach. So auch bei dem Marquis, welcher über Kopfweh, Schwindel und Uebelkeit klagte. Er fühlte ſich ſo ſchwach, daß er kaum vom Lager aufſtehen und ſich ankleiden konnte. Nicht lange und er wurde von einem heftigen Froſte geſchüttelt, welcher ihn das Bett wieder aufzuſuchen zwang. Der Froſt machte ſpäter einer ſtarken Fieberhitze Raum, in welcher der Marquis irre zu reden begann und nur mit Mühe im Bette erhalten werden konnte. Wer beſchreibt den Schreck der Kinder, welche ohne Freunde, Verwandte und gänzlich rathlos waren! Zur Vergrößerung des Unglücks war der wackere Hofjuwelier Dupont auf einer Meßreiſe nach dem weit entfernten Leipzig begriffen, und da derſelbe, auf dringendes Vitten des Marquis, gegen niemanden weiter von deſſen be⸗ vrängter Lage etwas offenbart hatte, ſo mochte ſich von 74 des Hofjuweliers Familie und Leuten keins um den ſtolzen Marquis kümmern. Ueberdies wagte auch weder Franz noch Helviſe, das Stübchen zu verlaſſen, weil beide Geſchwiſter vollauf zu thun hatten, um den irreredenden Großvater im Bette zu erhalten. Unter den Hausbewohnern, welche der Marquis durch ſeinen Stolz erbittert gehabt hatte, durfs ten die Kinder keinen Mitleidigen ſuchen, welcher ſich ihrer jetzt angenommen hätte. Daher beſchränkten ſich Franz und Helviſe darauf, einander die Noth zu kla⸗ gen und dabei bitterlich zu weinen. In dieſer Noth, welche ſich durch das heftiger wer⸗ dende Phantaſiren des Marquis von Minute zu Minute ſteigerte, ertönte draußen der Klopfer an der Vorhaus⸗ thür. Da eben der Marquis einen heftigen Fieberanfall überſtanden hatte und kraftlos ſtill ſich verhielt, ſo wagte es Franz, die Stube zu verlaſſen und die Vorhausthür zu öffnen. Da lächelte ihm vor derſelben das ehrliche, treuherzige Antlitz des jungen Störſteffen entgegen, welcher, einen Bückling machend, anhob: „Einen ſchönen Gruß von meinem Vater und er läßt ſich erkundigen, wie ſich der gnädige Herr Marquis und das junge Fräulein nach dem geſtrigen Schreck be⸗ fänden?“ „Potz Rattenſchwänzchen und Katzenpfötchen!“ ſprach er betroffen, nachdem Franz von der ſchweren Erkrankung ſeines Großvaters berichtet hatte—„Das muß ich ſo⸗ gleich meinem Vater wieder ſagen. Ei, Krautſalat und —— 75 Pfeffermünze! Wer hätte ſo etwas ſich eingebildet! Mir und meinem Vater hat das kalte Bad ganz und gar nichts geſchadet. Aber freilich! Der gnädige Herr Groß⸗ papa iſt das Ding nicht ſo gewohnt wie wir und trägt überdies auch etliche Jahre mehr auf dem Rücken. Nun, gnädiger Herr, verlieren Sie nur nicht den Muth. Was wir thun können, um dem gnädigen Herrn Großpapa wieder auf die Beine zu helfen, ſoll gewiß geſchehen. Adieu einſtweilen!“ Franz vernahm noch, wie der kleine Störſteffen, der aber bereits ein Stück größer denn ſein Vater war, mik haſtigen, lauten Tritten die Treppen hinunterpolterte. Es währte nicht eine halbe Stunde, ſo erſchien der ältere Störſteffen, und zwar in Begleitung eines Arztes und eines Krankenwärters. Der Arzt, welchem Störſteffen bereits von dem geſtrigen Unfalle des Marquis erzählt hatte, fand dieſen von einem hitzigen Fieber ergriffen und daher gefährlich erkrankt. Er ordnete die nöthigen Heil⸗ mittel, ſo wie die Behandlungs⸗ und Lebensweiſe des Kranken an, wobei ſich der Schloſſermeiſter zur Tragung aller Koſten erbot. Ueberdies verſprach er, für den Unterhalt der beiden Geſchwiſter gewiſſenhaft ſorgen zu wollen. Franz und Helviſe aber ſahen mit Betroffenheit zu, als der Arzt des Marquis linken Arm entblößen ließ und ein ſcharfes Meſſerchen— hieß daſſelbe Lanzette oder Schnepper?— hervorzog, um eine Ader zu öffnen. Sie ſchrieen vor Entſetzen auf, da das rothe Blut in einem 76 Bogen der Wunde entſprang und in einen untergehaltenen Teller niederplätſcherte. Und da der Kranke während des Aderlaſſes in eine Ohnmacht fiel, ſo glaubten die Kinder nicht anders, als daß ihr Großvater geſtorben ſei, und begannen daher laut zu ſchluchzen. Der Arzt dagegen tröſtete ſie und gab noch nicht die Hoffnung auf, den Fieberkranken wieder geneſen zu ſehen. Auch kehrte durch ſeine Bemühungen der Marquis bald wieder in's Leben zurück, und nachdem der Arzt den Arm gehörig verbunden hatte, entfernte er ſich nebſt dem Schloſſer, während der Krankenwärter zurückblieb. Dreizehn Tage und Nächte hindurch ſchwebte das Leben des Marquis in Todesgefahr. Eben ſo lange wagten Franz und Helviſe nicht, ihre Wohnung zu ver⸗ laſſen, obgleich der gewiſſenhafte Wärter anweſend war. Vielmehr ſaßen die Kinder, ihre Hände in einander ge⸗ legt, neben dem Krankenlager ihres Großvaters, ängſteten ſich, weinten und beteten viel. Von dem guten und kräftigen Eſſen und Trinken, welches ihnen der brave Schloſſer täglich zukommen ließ, genoſſen ſie nur ſo viel, als zur Stillung ihres Hungers erforderlich war. Erſt dann kam neues Leben in die Kinder, als der Arzt den Kranken außer Gefahr erklärte. Da umarmten ſich die Geſchwiſter unter lautem Jubel und fielen dann auf die Kniee, um Gott für die Erhaltung des geliebten Großvaters zu danken. Nun ließen ſie ſich auch Eſſen und Trinken wieder ſchmecken. Während der Krankheit des Marquis arbeitete Meiſter 77 Stephan bereits auf dem Landgute des Grafen von Briſſac, und nur des Sonntags kehrte er nach Paris und zu den Seinen zurück. Dagegen erſchien der junge Stephan jeden Tag in der Wohnung des Marquis, um ſich nach deſſen Befinden, ſo wie nach den Bedürfniſſen der beiden Kinder zu erkundigen. Durch dieſe Theilnahme wurden die bei⸗ den Kinder mit dem jungen Stephan mehr und mehr vertraut, ſo daß ſie endlich, den Unterſchied ihrer beider⸗ ſeitigen Stände vergeſſend, freundlich mit einander plau⸗ derten, ja ſelbſt ſcherzten. Dieſer freundliche Umgang ſeiner Enkel mit einem bürgerlichen Schloſſergeſellen ſchien dem langſam geneſenden Marquis nicht ganz recht zu ſein, obgleich er fühlte, welch' großen Dank er gerade dieſem Schloſſergeſellen und deſſen Aeltern ſchuldete. Sonderbar! den Arzt, die Pflege, die Arzneien, die Er⸗ quickungen für ſich, ſo wie die Speiſen und Getränke für ſeine Enkel, welche die Schloſſerfamilie ſo menſchenfreundlich herbeiſchaffte, verſchmähte der Marquis nicht; die freund⸗ lichen Reden dagegen und die Beſuche des Schloſſergeſellen fingen gar bald an, dem Marquis läſtig zu fallen. Man ſieht hieraus, daß derſelbe zwar von ſeinem hitzigen Fieber, aber nicht ganz von ſeinem Stolze geheilt war. Der alte Adam in dem Marquis mit ſeinen Lüſten und Be⸗ gierden war ſelbſt in dem Waſſer des Mühlgrabens nicht erſäuft worden, und immer noch nicht herausgekommen und auferſtanden ein neuer Menſch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit lebte vor Gott ewiglich. Obgleich der kleine Störſteffen eben keine feine Bil⸗ 78 dung beſaß, ſo entging es ihm doch nicht, daß ſeine Ver⸗ traulichkeit mit den Enkeln des Marquis dieſem nicht recht war. Jedenfalls hatte er dieſe ſeine Wahrnehmung da⸗ heim wiedererzählt, und Frau Störſteffen, welche eine ge⸗ borene Franzöſin und zugleich entſchloſſenen, hitzigen Sin⸗ nes war, nahm ſich vor, dem ſtolzen Marquis— wie ſie ſagte— den Kopf einmal zu waſchen. Wirklich fand ſie ſich eines Tages mit einem erquik⸗ kenden Gerichte für den geneſenden Marquis in deſſen Wohnung ein. „Ihre gehorſame Dienerin!“ ſprach ſie, vor dem Marquis knirend, mit geläufiger Zunge—„ich muß doch auch einmal nachſehen, wie ſich Euer Gnaden befinden und wo noch etwas fehlen dürfte. Ich bin nämlich Frau Störſteffen, obgleich eigentlich dieſer Titel ein Spitzname iſt. Hier bringe ich Euer Gnaden ein gebratenes Hähn⸗ chen und ein Näpfchen mit eingemachten Quitten. Bei⸗ des dürfen Euer Gnaden ohne Bedenken, nur freilich nicht auf einmal genießen. Ei du mein Gott! das böſe Fieber hat Euer Gnaden recht übel mitgeſpielt! Wie eine dürre Vogelſcheuche ſehen Euer Gnaden aus. Können Euer Gnaden wieder auftreten und ein Wenig herumſpazieren? Wollen wir's zuſammen verſuchen? Na, geben Sie mir Ihren Arm. Die lieben Kinderchen möchten zu ſchwach ſein, Euer Gnaden zu erhalten, im Fall daß Sie etwa noch taumeln ſollten. Euer Gnaden hätten Ihren Wär⸗ ter nicht ſchon fortſchicken ſollen. Auf ein paar Franken 79 Lohns mehr oder weniger wäre es uns auch nicht ange⸗ kommen.“ „Ich danke, gute Frau!“ verſetzte der Marquis mit ſauerſüßer Miene, indem er in ſeinem Lehnſtuhle ſitzen blieb—„Ich glaube, daß meine Kräfte noch nicht ſo weit zurückgekehrt ſind, um den Verſuch des Gehens wa⸗ gen zu können.“ „Das müſſen Euer Gnaden freilich beſſer als ich wiſſen“— antwortete Frau Schmidt.„Aber, mein Him⸗ mel! wie ſieht denn dieſer Bettüberzug aus? Ei, in ſolch ſchmuziges Uebergeziehe würden ſich nicht einmal unſre Geſellen legen. Weiße Wäſche iſt ja das halbe Leben. Ja, ja, da ſieht man wieder einmal die Männerwirthſchaft! Und dieſe Stube, ach du meine Güte! ſie iſt in einem halben Jahre nicht geſcheuert worden! Wie eine Wacht⸗ ſtube ſieht ſie ja aus. Euer Gnaden, das ſage ich Ihnen: ſo wie Sie es halbwege vertragen können, müſſen Sie in's Freie, und während dem mache ich hier reine Wirth⸗ ſchaft. Dann erſt ſollen Sie ſich hier gefallen. Oder, wie wäre es, wenn Sie ſich in der Sänfte zu uns tra⸗ gen ließen und dort ſo lange warteten, bis hier geſcheuert und aufgeräumt wäre? Ach, ſieh da! die beiden kleinen Marquischen! Guten Tag, ihr guten Kinderchen! Alſo, dieſes kleine, niedliche Weſen hat mein großer Bengel aus dem Mühlgraben gezogen? Viel Ehre für den Schlingel, der aber der herzensbeſte Junge iſt. Sind wohl recht erſchrocken, liebes Marquischen, als das kalte Waſſer die kleinen zarten Gliederchen umfing? Aber gleichfalls recht ſtubenſiech ſehen die Kinderchen aus. Sie kommen wohl wenig in's Freie? Wo gehen ſie denn in die Schule, die lieben Kinderchen?“ „Sie gehen in keine Schule“— ſprach der Marquis ziemlich ärgerlich. „Nicht?“— rief Frau Schmidt voll Erſtaunen aus. „Ich ſollte meinen, daß beide längſt ſchon das ſchulfähige Alter hätten. Oder halten Euer Gnaden Ihren Enkel⸗ chen einen Privatlehrer, ſo einen Abbé mit ſchwarzem Rocke und kleinem Rundkragen darauf? Ein ſolcher Hauslehrer ſoll gut ſein und nicht, je nachdem man den Abbé bekommt. Da können wohl die kleinen Marquis⸗ chen mehr als meine Roſette, welche dreizehn Jahre alt iſt und noch lange nicht einen leidlichen Brief ſchreiben kann?“ Die Antwort des Marquis hierauf beſtand in einem ziemlich anhaltenden Huſten, der ſeine Verlegenheit ſo wie ſeinen Unmuth über die Schwätzerin verbarg. Dieſe fuhr fort:„Euer Gnaden! ich weiß nicht, ob Ihnen ſchon bekannt iſt, woher mein Mann den Spitz⸗ namen Störſteffen erhalten hat? Die Sache iſt dieſe: Mein Mann, eine gute, ehrliche Haut, hat eine wahre Sucht, alles Verſchloſſene, Geheimnißvolle und ihm Fremdartige zu durchſtören. Sein gewöhnlicher Weg iſt bei den Trö⸗ delbuden vorbei und in die Auktionen. Dort reizt jeder alte, verſchloſſene Kaſten ſeine Neugierde. Darf er den⸗ ſelben nicht öffnen, ſo erhandelt er ihn, daher wir uns daheim vor altem Rummel nicht zu laſſen wiſſen. Er —— 8¹ hat nur aus dem Grunde die Schloſſerarbeit in dem Schloſſe des Grafen von Briſſac übernommen, weil er hofft, dort in den Räumen, verborgenen Wandſchränken und ſonſtigen Behältniſſen nach Herzensluſt ſtören zu können.“ Hier ſeufzte der Marquis tief auf und er ſah im Geiſte das Schloß ſeiner Vorfahren vor ſich ſtehen. „Wiſſen Euer Gnaden ferner“— ſprach Frau Schmidt weiter—„daß auch Sie im Beſitze eines Dinges ſind, das meinem ſtörſüchtigen Mann ſchon manches Kopfzer⸗ brechen gekoſtet hat? Dieſer alte, große, eiſenbeſchlagene Koffer nämlich, welcher dort in dem Winkel ſteht und mehr denn ein Jahrhundert erlebt zu haben ſcheint. Na, Euer Gnaden, mein Mann hat ſich nicht unterſtehen wollen, nach dem Inhalte oder dem Zwecke jenes Koffers zu fragen. Dafür thue ich's und hoffe, daß Sie mich deshalb nicht verdammen werden. Denn nur meinem Manne zu Liebe will ich die Bewandtniß mit dem alten Koffer wiſſen, nicht aber meiner eigenen Neugierde wegen. Nun, Euer Gnaden?“ „Hm! hm!“ räuſperte ſich der Marquis uwini— „dieſer Koffer bewahrt das theuerſte, heiligſte und uner⸗ ſetzlichſte Kleinod meiner Familie: den Stammbaum des hochberühmten und alten Marquiſats von Beaulis!“ „Einen Stammbaum?!“ rief Frau Schmidt voll Staunen aus.„Einen gemalten Stammbaum?! ha! ha! ha! O du armer Tropf von Mann, der du wer weiß was in dem Koffer vermutheteſt! Ha! ha! ha! nein, das Nieritz. Storſteffen und ſein Sohn. 6 82 iſt zu drollig! O wie will ich dich dafür foppen, lieber Störſteffen. Ha! ha! ha!“ „Warum lacht Ihr?“ fragte der Marquis voll Ent⸗ rüſtung.„Ich erſuche Euch, anderswo zu lachen. Die Ohren gellen mir davon!“ „Verzeihung, Euer Gnaden!“— verſetzte die Mei⸗ ſterin, noch immer kichernd—„es iſt nicht böſe gemeint — ich will mich mäßigen— hi! hi!— aber, mein Mann! nein es iſt zu drollig! Er hatte ſich ſteif und feſt einen Schatz in dem Koffer eingebildet und nun— ha! ha! hi! hi!“ „Ein Schatz iſt's auch“— ſprach der Marquis ernſt —„und zwar unſer einziger und größter.“ „Ein Stammbaum iſt doch nur ein Bild auf Papier oder Pergament?“ fragte Frau Schmidt—„Nicht ſo? Und ein gemalter Baum hat auch nur gemalte Alſte, Zweige, Blätter und Früchte? Seinen Stamm kann man weder zu Nutzholz verwenden, noch verbrennen; nicht ſitzen unter dem Schatten ſeiner Zweige und Blät⸗ ter; nicht eſſen von ſeinen Früchten? Nun, da muß ich ehrlich geſtehen, daß mir ein Baumſtamm weit lieber wäre als ein Stammbaum.“ „Ich verzeihe Euch dieſe Geſinnungen“— erwiederte der Marquis kalt—„welche nur der Ausfluß Eures Standes und Eurer Erziehung ſind. Flöſſe edles Blut in Euern Adern, ſo würdet Ihr anders ſprechen.“ „Das gebe ich zu“— antwortete Frau Schmidt treuherzig.„Ein jeder redet nach ſeinen Anſichten und 1 * 83 Vorurtheilen. Sehen Euer Gnaden! wir gemeinen Bür⸗ gersleute glauben, daß wir Menſchen insgeſammt von einem und demſelben Ahnherrn, von Adam, abſtammen. Noah iſt der zweite Ahnherr, von dem wir ſolches mit Gewißheit wiſſen. Dann aber verliert ſich die Ahnherr⸗ ſchaft in die Schmiege und in die Brüche. Der älteſte uns bekannte Stammbaum oder Baumſtamm iſt der, von welchem Eva die verbotene Frucht pflückte. Aber obgleich ſie auch ihrem Manne davon mittheilte und wir die Nachkommen beider ſind, ſo haben wir doch nicht immer die Erkenntniß des Guten und des Böſen in uns.“ „Liebe Frau!“ ſprach der Marquis verdrießlich— „das Sprechen und Zuhören greift mich noch immer ſehr an. Daher bitte ich Euch, mich ruhen zu laſſen.“ Dieſen deutlich gegebenen Wink verſtehend, ging Frau Schmidt. Unterwegs ſprach ſie zu ſich ſelbſt:„Dem Herrn Marquis habe ich meine Meinung rund herausge⸗ ſagt. Die Wahrheit ſchmeckt zwar, wie die meiſte Arznei, bitter, aber ſie heilt auch. Man kann allerdings keinen Mohren weiß waſchen; zumal wenn derſelbe ſchon ſo alt iſt wie der Marquis. Dieſer hält ſo feſt an ſeinem Adel als wie der Ring ſeinen Demant.“ Der Marquis war, in tiefe Gedanken verſunken, ſitzen geblieben. Wenn uns die Rede eines Andern recht leb⸗ haft ſchmerzt, ſo iſt dies nur zu oft ein Zeichen, daß ſie für uns eine bittere Wahrheit enthielt. So war es mit der Rede der Schloſſermeiſterin geweſen, welche mit de 8⁴ Frage nach dem Unterrichte der beiden Kinder eine wunde Stelle des großväterlichen Herzens aufgeriſſen hatte. Ja, ja, die letzten Sprößlinge der alten, hochberühm⸗ ten Familie von Beaulis hatten bis jetzt jeglichen Schul⸗ unterrichts entbehrt, waren daher in faſt jeglicher Wiſſen⸗ ſchaft unbekannt und ſtanden hierin den meiſten Kindern der Bürgerſchaft und des Volks nach! Das war ein harter, quälender Vorwurf für den alten Marquis, wel⸗ cher bisher faſt nur für die leiblichen Bedürfniſſe ſeiner Enkel geſorgt und gearbeitet hatte. Daß dieſe Verwilderung ſeiner Enkel nicht lange mehr fortwähren dürfe, ſagte er ſich wohl, nur vermochte er von dem Lohne, den er für ſeine Juwelierarbeiten er⸗ hielt, nicht auch noch einen Hauslehrer zu bezahlen, und ſeine Enkel in eine wohlfeile Volksſchule zu ſchicken, ließ ſein immer noch nicht beſiegter Stolz nicht zu. In den Diamanten und dem Golde ſeiner Doſe beſaß der Marquis zwar ein Mittel für die geiſtige Nahrung ſeiner Enkel; allein er verſchob gleich einem Geizigen, der nur ſchwer von ſeinem Mammon ſich trennen mag, die Ausführung ſeines mahnenden Vorſatzes. Einen zweiten Kampf hatte der alte Herr noch zu beſtehen, den er jedoch ſiegreich beendete. Dieſer Sieg über ſich ſelbſt bewirkte, daß er abermals vier Brillanten aus dem Namenszuge brach und noch obendrein ein Stück Gold von der Doſe ſelbſt lostrennte. Sobald es ſeine wiedergekehrten Kräfte ihm geſtatteten, begann der Mar⸗ quis zu ſchmelzen, zu formen, zu hämmern und zu faſſen. 1 * — 85 Noch war Herr Dupont nicht von Leipzig zurück, als der Marquis ein paar Ohrringe, eine Buſennadel und einen Fingerring zu Stande gebracht hatte, welche insgeſammt ihren Meiſter lobten. Nach einem dritten Kampfe, aus welchem der Mar⸗ quis abermals als Sieger hervorging, putzte dieſer ſich an einem Sonntage auf das Sorgſamſte und that ein Gleiches mit ſeinen beiden Enkeln. Nachdem er die gefer⸗ tigten Schmuckſachen ſorgfältig in Seidenpapier gewickelt und zu ſich geſteckt hatte, trat er in Begleitung Franzens und Helviſens den Gang nach des Schloſſermeiſters Störſteffen Wohnung an. Als er vor deſſen Hauſe ſtand, empfand er ein ähnliches Gefühl, als vor alten Zeiten die Iſraeli⸗ ten, wann ihnen zugemuthet wurde, unter das Dach eines heidniſchen Romers oder Griechen zu treten. Aber der Marquis war nun einmal im Obſiegen begriffen und daher überwand er auch die letzte Bedenk⸗ lichkeit und trat, erſt in's Haus, und dann in die Wohn⸗ ſtube des Schloſſers. Sein Sieg ward ihm immer ſau⸗ rer gemacht, denn er fand die ganze Familie ſammt den Geſellen und dem Lehrburſchen bei der Mittagstafel ver⸗ ſammelt, welche bei gemeinen Leuten viel eher beginnt als bei den Vornehmen. WMeiſter Störſteffen, ſo wie die Seinen, war hoch er⸗ ſtaunt über den unverhofften Beſuch und erhob ſich raſch von ſeinem Sitze. „Ich komme“— hob der Marquis erſt mit un⸗ ſichrer, dann mehr und mehr anwachſender Stimme an 86 —„um Euch, lieber Meiſter, ſo wie den wackern Euri⸗ gen, meinen herzlichſten Dank abzuſtatten. Was Ihr mir und meinen Enkeln hier während meiner gefährlichen Krankheit Liebes und Gutes erwieſen, wolle Gott im Himmel Euch reichlich lohnen.“ Hier hielt der Marquis, dem dieſe Worte ſehr ſauer geworden waren, wie athemlos inne, und ſein noch kurz vorher bleiches Geficht begann ſich wie vor innerer Scham zu röthen. Meiſter Störſteffen, gleichfalls ſehr verlegen, verneigte ſich mehrmals und murmelte einzelne Worte ohne Zuſam⸗ menhang her. „Ihr habt“— fuhr der Marquis fort—„die Güte gehabt, alle Auslagen, welche meine Krankheit nöthig machte, einſtweilen aus Euern Mitteln zu verlegen, ſo daß ich dadurch zu Euerm doppelten Schuldner geworden bin. Der Hofjuwelier Herr Dupont, welchem ich die Ver⸗ waltung meines Vermögens und zugleich meine flüſſigen Geldmittel übergeben habe, iſt noch immer auf einer län⸗ geren Geſchäftsreiſe begriffen. Sobald er zurückgekehrt ſein wird, werde ich Euch die baaren Verläge mit Dank zurückerſtatten.“ „Nicht doch, Euer Gnaden“— ſtammelte Störſteffen —„So iſt's nicht gemeint. Gar nichts ſind uns Euer Gnaden ſchuldig.“ „Vor der Hand“— fuhr der Marquis fort, den Einwand des Meiſters unbeachtet laſſend—„bitte ich Euch und die Euern, ein kleines Andenken von mir und 87 meinen Enkeln freundlich anzunehmen. So oft Ihr den Blick auf dieſe ſchwachen Zeichen unſrer Dankbarkeit rich⸗ tet, möge Euch die Erinnerung an Eure Menſchenfreund⸗ lichkeit mit ſeligen Gefühlen erfüllen.“ Auf einen Wink ihres Großvaters überreichten He⸗ loiſe der Meiſterin die goldenen Ohrglocken und Franz de⸗ ren Sohne die Buſennadel, während der Marquis ſelbſt den Ring an den Goldfinger des Meiſters ſteckte. Der Marquis hatte jedoch vorher ſeinen Enkeln ſtreng unter⸗ ſagt, ihn als den Verfertiger dieſer Schmuckſachen zu nennen, weil, wie er behauptete, eine ſolche Veröffentlichung ſeinem Stande und ſeiner Ehre Schande bringen würde. Sonderbarer Mann, der Marquis! Die drei Beſchenkten ſtammelten, fröhlich überraſcht, ihren Dank in abgeriſſenen Worten hervor. Dann aber ermannte ſich der Meiſter und lud den Marquis nebſt veſſen Enkel ein, an dem Mittagsmahle Theil zu nehmen. Schnell waren die nöthigen Plätze und Seſſel geordnet, Heloiſe und Franz an die Seiten der beiden Schloſſerkinder ſich niederzulaſſen genöthigt worden, und vergebens trach⸗ tete der verlegene Marquis, den Ehrenplatz neben dem Meiſter, und die Mahlzeit dazu, abzulehnen. Mit freundlicher Gewalt wurde der Marquis bewo⸗ gen, ſich zu ſetzen und von den reichlich ihm dargebote⸗ nen und recht ſchmackhaften Gerichten zuzulangen. Daß ein Glas feurigen Weins dabei nicht fehlte, kann man ſich leicht denken. Das Fieber hatte bei dem Marquis einen wahren 88 Heißhunger zurückgelaſſen. Wenn ihm aber deſſen un⸗ geachtet das gute Eſſen und der nicht minder gute Wein „ nicht zum beſten ſchmeckten, ſo war daran lediglich wieder der Stolz des Edelmannes ſchuld. Dieſer ſaß wie auf glühenden Kohlen. „Wenn dich“— ſprach er ſchaudernd zu ſich ſelbſt —„jetzt einer deiner vornehmen Bekannten mitten unter dieſer bürgerlichen Geſellſchaft ſitzen ſähe! Wenn, o Tod und Hölle! Dein Feind, der Graf von Briſſac, in dieſem Augenblicke hier einträte und dich an dem Tiſche ſeines Arbeiters als Tiſchgaſt erblickte!“ Wie viele unangenehme Augenblicke und Stunden die Menſchen oftmals durch ihre Schwächen da ſich berei⸗ ten, wo ſie bei mehr Seelenſtärke nur Genuß und Freude haben würden! Franz und Helviſe, in deren Gemüthern der Stolz noch nicht ſeine feſte Wohnung aufgeſchlagen hatte, gaben ſich dagegen ſeelenvergnügt den Freuden einer wohlbeſetzten Tafel hin und fanden die Unterhaltung ihrer jugendlichen Nachbarn allerlichſt. Die Heiterkeit ward allgemeiner und noch erhöht durch immer mehr Flaſchen Wein, welche der Meiſter in ſeiner Freude über ſeine vornehmen Tiſchgäſte herbeiſchaffen ließ. Unter ſo vielen frohen, lauten und jubelnden Menſchen war der Marquis der einzige, welcher wie ein Dieb daſaß, der mit jedem Augenblicke furchtſam dem Erwiſchen entgegenzittert. 2 Endlich war die Marter überſtanden, die Mahlzeit beendet, der Kaffee nachgetrunken. Helviſe und Franz 89 wären gern noch länger mit Roſette und Stephan zu⸗ ſammen geblieben; aber ſie mußten dem Gebote ihres „Wahrlich“— ſprach der Letztere zu ſich ſelbſt, als er das Haus des Schloſſers hinter ſich hatte— „meine Theilnahme an dieſer Mahlzeit war meinerſeits ein größeres Opfer der Dankbarkeit als die Entäußerung von vier Brillanten und eines Stückes Gold aus meiner Doſe, ſo wie die Anfertigung der verſchenkten Schmuck⸗ ſachen.“ In ſeiner Wohnung angelangt, ſollte dem ſtolzen Marquis eine neue Kränkung zu Theil werden. Franz hatte nämlich von dem jungen Störſteffen ein ſchön verziertes Evangelienbuch und Helviſe von deſſen Schweſter Roſette das Leben der heiligen Genoveva mit vielen Holz⸗ ſchnitten geſchenkt bekommen. Und nun plagten die Kin⸗ der ihren Großvater, ihnen entweder den Inhalt beider Schriften vorzuleſen oder noch lieber die Kunſt des Leſen⸗ lernens ſelbſt zu lehren. Das war eine ſchlimme Zumuthung für pa Marquis, der ſich überdies auf's Neue ſchämte, daß die Nachkommen einer ſo vornehmen Familie noch nicht einmal leſen konnten und hierin ſo vielen Kindern des gemeinen Volks nachſtanden. Großvaters gehorchen, welcher ſich jetzt verabſchiedete. 3 3 —— — 90 Sicbentes Bapitel. Störſteffen ſtört. Es war ein heißer Junitag des Jahres 1787 und gerade um die Mittagszeit. Die Maurer, Zimmerleute, Handarbeiter und Handwerker, welche an dem Neubaue des Schloßflügels von Beaulis beſchäftigt waren, warfen bei dem Schalle der Mittagsglocke raſch ihre Werkzeuge hin, um erſt ihr einfaches Mahl zu halten und dann in irgend einem Schatten der erſehnten Ruhe zu pflegen. Es ſah bunt genug bei dem weitläufigen Schloſſe aus, von welchem der eine Seitenflügel der Erde gleich gemacht worden war, daher überall mächtige Haufen abgebrochenen Bauſteinen, von Schutt, Balken, Brettern, Dachziegeln und anderen Bauſtoffen aufgeſchichtet lagen. Zwiſchen dieſen Maſſen führten hier und da ſteinerne, zum Theil halb verfallene Stufen in die Kellerräume und unterirdiſchen Gewölbe des ehemaligen Schloßflügels, auf deſſen Grundmauern ein neues Gebäude errichtet werden ſollte. Störſteffen der ältere, welcher die Schlöſſer, Riegel, Bänder und Angeln, die Haspen, Ketteln, Bankeiſen und Gitterſtäbe von den Thüren, Fenſtern und Kelleröffnungen des eingeriſſenen Schloßflügels abzulöſen übernommen hatte, ſetzte ſich gleichfalls hin, ſeinen Hunger durch ein einfaches Gericht, aus Brot, Fleiſch und etwas Wein be⸗ ſtehend, zu ſtillen. Wie alle äſcherigen Leute war er da⸗ mit ſchon nach Verlauf von noch nicht einer Viertelſtunde 8 —— zu Stande und, anſtatt wie die andern Arbeiter, dem Schlafe ſich zu überlaſſen, beſchloß er, die noch übrige Zeit der freien Mittagsſtunde dem Durchſtören des ab⸗ gebrochenen Gebäudes zu widmen. In dieſer Abſicht ſtieg er eine Treppe hinab, deren Stufen feucht und mit einem grünen Moder überzogen waren, weil er daraus mit Recht ſchloß, daß jene Stufen in lange nicht beſucht gewordene Keller oder Gewölbe führen möchten. Nachdem ihm auf ſeiner Wanderung eine kleine Weile noch das volle Sonnenlicht geleuchtet hatte, verwandelte ſich daſſelbe nach und nach in einen immer ſchwächeren Dämmerſchein, welcher endlich in dichte inſterniß überging. Langſam und vorſichtig tappte Störſteffen dahin, wobei ihm zuweilen ein mattes Licht, welches von einer engen Kelleröffnung herabfiel, zum Wegweiſer wurde. Zugleich hatte er genau Acht darauf, daß er, behufs ſeines Rückwegs, ſich die Richtung merkte, welche er in den unterirdiſchen Gewölben verfolgte. Dabei hatte er* manchen Schreck zu beſtehen. Einmal, da ſein Fuß auf ein hohl gelegenes Brett trat und ſolches ſeine Lage verließ, vernahm er außer dem dadurch entſtandenen Ge⸗ räuſche auch noch das eilige Trappſen ſchnell davon flüchtender Füße, welches jedenfalls von den Bewohnern . eines Ratten⸗ oder Marderneſtes herrührte. Mehr wie 2% einmal fühlte er über ſeine Füße das raſche Hinſchlüpfen erſchreckter Eidechſen und ſeine Ohren vernahmen das Ziſchen aus ihrer Ruhe geſtörter Schlangen. Dann über⸗ 92 lief unſern Störſteffen allemal ein kurzes Grauen, welches aber eben ſo ſchnell wieder der brennenden Neugierde weichen mußte. Plötzlich fuhr der Schloſſer betroffen zuſammen. Ein banges und ſchweres Stöhnen, wie dasjenige eines ſterbenden Menſchen, hallte grauſig durch die finſtern, unterirdiſchen Räume daher. Gleichwie Frankreichs Könige und deren Miniſter alle die in die Baſtille einſperrten und oft für das ganze Leben darin begruben, welche ihrer Ruhe gefährlich waren oder ihren Zorn auf ſich geladen hatten; ebenſo machten es in jenen Zeiten oftmals auch andere gebietende Herren. Dies wußte Meiſter Steffen. Wie? wenn der Graf von Briſſac hier unten einen Ge⸗ fangenen aufbewahrte, von deſſen Daſein ein Unberufener nichts erfahren ſollte? Lief derſelbe dann nicht Gefahr, von dem erzürnten Schloßherrn gleichfalls zwiſchen vier Wände eingeſperrt zu werden? Keiner von den Mitar⸗ beitern Störſteffens würde in dieſem Falle die wahre Urſache von deſſen Verſchwinden bemerkt oder entdeckt haben. Bei dieſem Gedanken überlief die Gänſehaut den Meiſter, ſein Haar ſtieg zu Berge und ſeine Füße wur⸗ zelten feſt. So ſtand er lauſchend und bangend da, indeß das Stöhnen bald lauter, bald ſchwächer fortwährte. Manchmal erſtarb es ganz, um dann mit deſto größerer Heftigkeit wieder zu beginnen. Störſteffens Betroffenheit ward noch durch das gleichförmige Geräuſch regelmäßig niederfallender Tropfen geſteigert. Sollten dieſe etwa vergoſſene Blutstropfen ſein und der ſtöhnende Menſch =—— —— 93 gar unter der Folter liegen? Ueber den zagenden Meiſter kam jetzt plötzlich ein Geiſt der Kraft und muthigen Ent⸗ ſchloſſenheit. Feſter packte er den in ſeiner Rechten ge⸗ haltenen Stiel ſeines gewichtigen Hammers und muthig, obſchon mit leiſen Tritten, drang er vorwärts. Das Stöhnen blieb aus, aber nur, um nach zehn vorwärts gethanen Schritten Störſteffens mit erneuter Kraft wieder auszubrechen, und dies zwar dicht über des Meiſters Haupte. Als dieſer erſchrocken den Blick emporrichtete, entdeckte er ein kleines, eiſenvergittertes Luftloch, das faſt ganz mit Schutt und Bauſteinen verſtopft war und daher nur einen ganz ſchwachen Lichtſchein durchſchimmern ließ. Jetzt verſchwand plötzlich der letzte Reſt von Störſteffens Zaghaftigkeit und beinahe hätte er laut über ſeine Furcht⸗ ſamkeit gelacht und geſpottet. Das vernommene Stöhnen war nichts weiter als das laute Schnarchen eines Ar⸗ beiters, welcher in der dichten Nähe des Kellerloches oben ſein Mittagsſchläfchen hielt. Ueberdies klärte ſich auch das Geheimniß der fallenden Tropfen auf und zwar auf die einfachſte Weiſe von der Welt. Neben dem Kellerloche ſtand ein volles Waſſerfaß, aus welchem die Maurer ihren Waſſerbedarf zum Löſchen des Kalks entnahmen. Die Sonnenhitze hatte die Faßdauben zuſammengedörrt, und dieſe ließen den flüſſigen Inhalt durchrieſeln, wovon ein⸗ Theil durch die Kelleröffnung niederträufelte. Nicht weit von dieſer Stelle ſenkte ſich eine ſchmale Steintreppe in eine noch größere Tiefe hinab, welche jedoch ſo ſchwarz heraufgähnte, daß Storſteffen Bedenken trug, 94 ohne Licht ſich hinab zu wagen. Da er überdies beſorgte, daß das Ende der Mittagsſtunde nahe ſein könne, und daß, wenn er zu lange hier unten verweile, man ſein Umherſtören bemerken würde: ſo trat er ſeinen Rückweg an, den er glücklich in dem Irrſale von unterirdiſchen Gängen und Kellerräumen auffand. „Die Erbauer dieſes alten Schloſſes“— ſprach Stör⸗ ſteffen zu ſich ſelbſt—„ſcheinen eben ſo viele Räume unter der Erde als über derſelben beſeſſen zu haben. Wozu nur, da ich in allen dieſen Gewölben und Gängen noch nicht das Mindeſte aufgefunden habe, das ſich der Mühe des Herumſtörens verlohnte? Nun, vielleicht iſt das anders, wenn ich tiefer hinabſteige, und das ſoll mor⸗ gen ſchon geſchehen.“ Störſteffen hielt ſein Wort, und zwar hatte er ſich des nächſten Tages wohlbedächtig mit einem Feuerzeuge, und einem Lichte vetſehen, da er nach ſchnell eingenom⸗ mener Mahlzeit wieder in die Tiefe ſich begab. Diesmal geſchah dies ſchon muthvoller und darum auch raſcher, ſo daß er bald vor jener zweiten Treppe angelangt war, welche in ein zweites, unterirdiſches Stock⸗ werk hinabzuführen ſchien. Störſteffen war ein kluger Mann. Daher hatte er ſich, außer mit einem tüchtigen Hammer und einer Brech⸗ ſtange, mit einem Stücke weißer Kreide verſehen, um an den Wänden Merkmale zu ſchneller Auffindung ſeines Rück⸗ weges anzubringen. Auch zündete er nicht eher ſeine Kerze an, als bis er jene zweite Treppe hinabgetappt war und ₰ * * „ 95 ſich überzeugt hatte, daß man von außen keinen Lichtſchim⸗ mer in der Tiefe wahrnehmen könnte. Die Kerze brannte hell. Ein Beweis, daß keine ſchäd⸗ liche Stickluft dieſe tiefen Räume erfüllte. Aber da Stör⸗ ſteffen durch überwölbte Gänge, durch größere und kleinere Hallen dahin wanderte, und das Kerzenlicht ſeinen Schatten rieſenmäßig an die ſtarren, düſtern Wände zeichnete, und ſeine Tritte laut wiederhallten, und ſeine nicht ganz furcht⸗ freien Augen auf manche befremdliche Gebilde zu ſtoßen meinten: da ſchlug ihm das Herz höher und ſtärker in der bewegten Bruſt. Plötzlich leuchteten ihm aus der ſtar⸗ ren Finſterniß vor ihm zwei glühende Punkte von der Größe einer Flintenkugel entgegen. Störſteffen ſtand wie verſteinert ſtill und wartete in großer Verwirrung des Weiteren, wobei er ſeine Blicke unverwandt auf jene geheimnißvollen Kugeln gerichtet hielt. Dieſe glühten bald ſchwächer, bald ſtärker, bald erloſchen ſie ganz und funkelten und rollten dann feuriger wie zuvor. „Iſt das der Teufel ſelbſt“— fragte ſich Störſteffen zitternd—„oder nur einer ſeiner böſen Geiſter, welcher hier einen vergrabenen Schatz zu bewachen verdammt iſt?“ Nachdem Störſteffen dieſen abergläubiſchen Gedanken . mit allen Waffen ſeines aufgeklärten Verſtandes glücklich niedergekämpft hatte, fiel ihm ein zweiter Gedanke mit nicht geringerer Macht auf das Herz. „Ha!“ ſprach er zu ſich ſelbſt—„wenn dieſe beiden Feueraugen keinem Teufel oder böſen Geiſte angehören konnen, ſo doch einem Wolfe, welcher hier gar leicht einen Verſteck geſucht und gefunden haben dürfte. Ergreife ich das Haſenpanier, ſo iſt's nur zu gewiß, daß der Wolf, welcher vielleicht hier unten ein gezwungenes Faſten hat beobachten müſſen, mir nachſpringt und mich erwürgt. Was ſoll ich thun? Störſteffen! Störſteffen! deine Stör⸗ ſucht hat dich jetzt in eine verzweifelte Lage gebracht. Doch, was helfen alle Klagen! Handeln mußt du als Mann und als ein verſtändiger Menſch. Raſch entſchloſſen, che dir der Befitzer jener Feueraugen zuvorkommt! Vor Al⸗ lem muß ich mich der Kerze entledigen, deren Licht mir zwar bei meiner Vertheidigung unentbehrlich iſt, die mir aber durch ihr Feſthalten nicht freie Hand zu führen ver⸗ ſtattet. Wohl, ich werde die Kerze hier in den trocknen Sand des Fußbodens ſtecken und dann muthig den An⸗ griff beginnen. Den Angreifer begünſtigt ja in der Re⸗ gel das Glück eher als den Vertheidiger.“ In dem Augenblicke, wo Störſteffen ſich bücken und das Licht in den Sand eingraben wollte, waren die bei⸗ den Feueraugen dicht vor ihm angelangt. Ein ſtarkes Rauſchen und Wehen begleitete ſie, ſo daß von der hef⸗ tig bewegten Luft die Kerze in Störſteffens Hand erloſch. Zugleich fühlte der Meiſter, wie ſein Haupt an beiden Seiten zugleich zwei derbe Duſeln oder Schläge empfing, welche ihn ganz betäubten und ſeinen Hut herabwarfen. Eine gellende, gleichſam hohnlachende Stimme ſchrie da⸗ bei:„hach! hach! hach!“ und durch die Luft davon rau⸗ ſchend, verſchwand der Schreier aus dem Gewölbe. Störſteffen hatte vor Entſetzen nicht minder laut 97 aufgeſchrien, zugleich aber auch die Brechſtange, den Ham⸗ mer und die Kerze aus den Händen fallen laſſen. An allen Gliedern zitternd ſtand er in der rabenſchwarzen Finſterniß ſtill und rathlos da. Endlich, wie aus einem ſchweren Traume erwachend, ſtammelte er:„Ja! der Teufel ſelbſt war es! Weil ich eben erſt an ſeinem Daſein gezweifelt hatte, ſo gedachte er mir den Hals umzudrehen. Ein Glück, daß er denſelben in der Finſterniß nicht fand, ſondern bloß meinen armen Kopf erwiſchte. Es liegt mir vor den Ohren, als wenn mir Baumwolle hineingeſtopft worden wäre. Aber ich lebe ja noch! Ein Wolf wäre am Ende noch gröblicher aufgetreten als der Teufel und hätte ſich nicht mit einem Paar Kopfnüſſe begnügt, ſondern mir etliche Stücken Fleiſch aus dem Leibe geriſſen. Wie gut, daß ich ein Feuerzeug zu mir geſteckt habe und ſonach meine entfallene Kerze wieder anbrennen kann!“ Und Meiſter Störſteffen begann Feuer anzuſchlagen und, als der Schwefelfaden brannte, mit deſſen Hülfe das verlorne Licht aufzuſuchen. Er fand daſſelbe glück⸗ lich und noch etwas dazu, was ihm eben ſo ſchnell den Glauben an des Teufels Anweſenheit benahm, als derſelbe über ihn gekommen war. „Das ſind ja“— ſprach er, ſeinen Fund an dem Kerzenlichte betrachtend—„zwei Eulen⸗ oder Uhufedern! Ei! ei! du kluger Störſteffen! eine unſchuldige Eule haſt du für den Satan ſelbſt gehalten? Das laſſe ja gegen Niemanden laut werden, wenn du nicht tüchtig ausgelacht Rieritz. Störſieffen und ſein Sohn. 6 98 ſein willſt. Was ich für Teufelskrallen hielt, welche nach meinem Halſe wollten, waren nur die Eulenflügel, die nach dem Lichte flogen und mich im Vorüberſauſen an den Kopf ſchlugen. Ei! das hätte ich wiſſen ſollen! Ich hätte die Frau Eule bei ihren langen Ohren erfaßt und tüchtig abgezauſt für den Schreck, den ſie mir einge⸗ jagt hat. Aber wie? wenn die Arbeiter oben mein und der Eule lautes Schreien vernommen hätten und Nach⸗ ſuchung anſtellten? Hm! das ſchwerlich! Haben ſie ja etwas gehört, ſo werden ſie in ihrem Aberglauben, daß hier unten Geſpenſter hauſen, noch mehr beſtärkt werden, und ſich hüten, herunter zu ſteigen. Aber ſollte ich ſo viel Schreck und Angſt haben umſonſt ausſtehen müſſen? Sollte ich nichts hier auffinden, das meine Wühe belohnte? Fm! es ſcheint wirklich, als hätte man den vormaligen Schloßherren die Hülfe gethan. Nichts, nichts als die kahlen vier Wände. Dieſes Gewölbe ſcheint das letzte zu ſein, denn keine zweite Thür führt in andere Räume. Sollte ſich keine verborgene Pforte oder eine vermauerte Niſche auffinden, hinter welcher ein Schatz oder irgend ein Geheimniß ſteckte?“ Störſteffen begann unter dieſem Selbſtgeſpräche bald mit dem Hammer, bald mit der Brechſtange forſchend gegen die Wände zu klopfen. „Ha!“ rief er plötzlich aus—„hier— hier klang es hohl! Laß' ſehen!“ Er beleuchtete mit dem Kerzenlichte die ſchwarzbrau⸗ nen Steine näher.„Sier ſehe ich keinen Mörtel zwiſchen —.— —— 99 den Ritzen“— fuhr er fort.„Sieht es doch aus, als wenn hier eine Thüröffnung mit Steinen zugeſetzt wäre. Ja, ja, deutlich ſehe ich das längliche Viereck abgegränzt. Verſuchen wir, ob einer von dieſen lockeren Steinen herauszunehmen ſei.“ Nach einigen Bemühungen gelang es ihm wirklich, mit Hülfe der Brechſtange einen Mauerſtein herauszuwuch⸗ ten. Ein dunkler, leerer Raum zeigte ſich an der Stelle des herausgeriſſenen Steins, in welchen der erregte Mei⸗ ſter ſeine Kerze brachte und dabei ſeinen Arm ſo weit wie möglich hineinſchob Der vorangeſchickten Lichtflamme folgte jetzt der neugierige Blick des Schloſſers, welcher nach einiger Zeit ein weites Gewölbe vor ſich ſah, das nicht ſo ganz leer zu ſein ſchien als die bisher durchwan⸗ derten. Wenigſtens glaubte er deutlich von dem Mittel⸗ punkte des Deckengewölbes eine Kette herabhängen zu ſehen, an deren unterem Ende eine Art von großer Schüſſel befeſtigt war.* Gar zu gern hätte Störſteffen noch ſo viel Steine aus der Mauerwand genommen, um mit ſeinem ganzen Leibe durch die Oeffnung kriechen zu können; allein die Beſorgniß, daß die Mittagszeit darüber verſtreichen und ſein Herumſtören bemerkt werden könne, bewog ihn, ſich für heute noch zu gedulden. Nachdem er den herausge⸗ nommenen Stein vorſichtig wieder in die Lücke zurück⸗ verſetzt hatte, machte er ſich auf den eiligen Rückweg. Auf demſelben erblickte er nochmals die beiden Feueraugen 7* 100 der Eule, welche in einem Winkel des nächſten Gewölbes ſich niedergelaſſen hatte. „Höre Sie, Madame Eule!“ redete Störſteffen ſie luſtig an, indem er zugleich ſeine Brechſtange drohend emporhob„bleibe Sie mir vom Leibe! Ich bedarf keines Lichthütchens zum Auslöſchen meiner Kerze, ſondern werde das ſelbſt beſorgen.“ Die Eule ſagte und that nichts auf dieſe Drohung und Störſteffen fuhr ungeſtört zu Tage auf. Aber die brennendſte Ungeduld verzehrte ihn bis zum nächſten Mittage, wo er, ſo bald als möglich und kaum halb ge⸗ ſättigt, ſeinen Weg in die Tiefe antrat. Bald ſtand er vor der Gewölbemauer, aus welcher er mit flinken Armen die Steine brach und dann durch die gebahnte Oeffnung in das Innere drang. Hier verſchlang er mit ſeinen Blicken die Gegenſtände, welche ſich denſelben zeigten. Zuerſt betrachtete er die vermeinte Schüſſel, welche an einer Kette von der Gewölbendecke herabhing und nichts anders war als eine ungeheuer große, eherne Lampe, die mehr einer flachen Tonne ähnelte und einige hundert Pfunde Oels in ſich zu faſſen vermochte. Von der Lampe wanderten Störſteffens Augen raſch nach einem großen, altväteriſchen Tiſche von ſchwerem Eichenholze hin, auf welchem ein großes, dickes Buch aufgeſchlagen lag und ein Trinkbecher von getriebenem Silber und kunſtreicher Arbeit ſtand. Nun, dieſer Becher war doch wenigſtens etwas, das Störſteffens Mühe einigermaßen belohnte! Außerdem befanden ſich noch auf dem Tiſche ein verroſte⸗ 101 tes Meſſer und ſteinhartes, mit Schimmel grün überzo⸗ genes Brot. Indem Störſteffen mit der Kerze weiter leuchtete, brach er in einen Schreckensſchrei aus und ſeine Knie begannen zu zittern. Huh! da ſaßen ſtumm, ſtarr und unbeweglich zwei erſchrecklich anzuſechende Menſchengebilde auf einem Sopha an der Gewölbewand! Schlohweißes Haar hing in wil⸗ der Unordnung über die gelben, mumienartigen und fal⸗ tigen Geſichter herab. Die Augen waren tief in ihre Höhlen zurückgeſunken und furchtbar anzuſchauen. Die Lippen klafften von einander und ließen zwei viellückige Reihen weißgelber Zähne hervorleuchten. Der Kleidung nach waren es ein Mann und eine Frau, deren rechte Hand in der linken des Mannes feſt verſchränkt ruhte. Der erſchrockene Störſteffen trat bei dieſem unheim⸗ lichen Anblicke haſtig zurück und ſtieß dabei mit ſeinem Fuße heftig gegen das eine Bein des Sopha's, ſo daß dieſes laut zuſammenknackte. Zugleich löſeten ſich die beiden Todten in Aſche auf. Im Nu brachen ſie zuſam⸗ men. Die Schädel, Rippen und übrigen Knochen, deren Bande längſt vermodert und aufgelöſt waren, verließen ihre Stellung und fielen klappernd auf ein Häuflein nie⸗ der, ſo daß man ferner weder Fleiſch, noch Kleider, noch Geſtalt an den beiden Todten zu unterſcheiden vermochte. Dieſe Verwandlung war dem Meiſter nicht unlieb, weil er nun nicht mehr die ſchrecklichen Leichen vor ſich ſehen mußte. Etwas gefaßter ſetzte Störſteffen ſeine Nachfor⸗ ſchungen weiter fort. Einige umherſtehende Truhen, welche 102 ſich nur mit der größten Anſtrengung öffnen ließen, ent⸗ hielten nichts als Moderüterreſe! von Wäſche und Klei⸗ dungsſtücken. Ein Gleiches galt von einer großen, breiten Bettſtelle, welche nicht weit von dem Sopha ſich befand. Eine Brunnenröhre mit Schwengel ſteckte in dem Erdbo⸗ den und hatte jedenfalls die Bewohner des Gewölbes mit dem nöthigen Waſſerbedarfe verſorgt. Auf einem gemauer⸗ ten Steinlager hatten ſich mehrere Fäſſer mit Wein be⸗ funden. Aber die eiſernen Reifen waren, vom Roſte zer⸗ nagt, zerſprungen und die eichenen Faßdauben ihnen hierin nachgefolgt. Dennoch fanden ſich noch zwei ganze Fäſſer mit einem kleinen Theile ihres Inhaltes vor. Dieſe Fäſſer jedoch beſtanden bloß aus einer Weinſteinkruſte, welche, nachdem die Faßdauben zerfallen waren, deren Stelle vertraten und den Wein vor dem Auslaufen, wenn. auch nicht ganz vor dem Verduften bewahrten. Eine in dem Erdboden angebrachte und mit Holzbohlen überdeckte Grube ſchien beſtimmt geweſen zu ſein, das Kehricht und anderen Unrath aufzunehmen. Außer einem gleichfalls in Moder übergegangenen Speiſevorrathe entdeckten Stör⸗ ſteffens Augen weiter nichts Bemerkenswerthes. Nicht ganz befriedigt durch das Ergebniß ſeiner For⸗ ſchungen wollte Störſteffen das Gewölbe wieder verlaſſen. In dieſer Abſicht ſteckte er den ſilbernen Becher zu ſich und bemächtigte ſich des aufgeſchlagenen Buches, welches „ nichts anders als eine Bibel und mit ſe Ecken und Hefteln verſehen war. Indem Störſteffen die Bibel zuſammenklappte und 103 unter den Arm nehmen wollte, fiel ein beſchriebenes Blatt Papier aus derſelben heraus und an die Erde. Neugierig hob es Stdrſteffen auf und das, was er jetzt las, veränderte urplötzlich die ganze Sachlage. Auf dem Papiere ſtand geſchrieben: O du Chriſtenkind, das du unſere ſterblichen Leiber in dieſem Gewölbe auffin⸗ deſt, wiſſe, daß wir beide, ich und meine liebe Frau Su⸗ ſanne, geborene von d'Argenteuil, uns hierher geflüchtet haben, um unſerm baldigen, Gott verleihe ſeligen Ende entgegenzuharren. Wir beide haben den Glauben der Hugenotten angenommen und wollen auch in demſelben treu aushalten bis an unſern Tod. Es hatte aber unſer König Ludwig XIV., durch falſche Rathgeber irre geleitet, das die Hugenotten ſchützende Edict des guten Königs Heinrichs IV. von Nantes wieder aufgehoben und dagegen Befehl gegeben, alle Hugenotten auf das Grauſamſte zu verfolgen und auszurotten. Dieſer drohenden Gefahr zu entrinnen, hatten wir, nach dem Beiſpiele ſo vieler Tau⸗ ſende unſrer Glaubensgenoſſen, Frankreich zu verlaſſen beſchloſſen. Schon hatten wir unſere werthvollſte Habe gegen leicht fortzubringende Koſtbarkeiten vertauſcht und den Tag unſrer Flucht beſtimmt, als meine liebe Frau Suſanne plötzlich von einer ſchweren Krankheit befallen wurde, welche nicht nur unſere beabſichtigte Flucht weit hinausſchob, ſondern in ihren Folgen eine ſo große Mat⸗ tigkeit zurückließ, daß eine weite und gefahrvolle Reiſe unfehlbar ihren ſofortigen Tod herbeigezogen haben würde. 104 Daher und weil der allweiſe Gott, unſere Bedrängniß vorausſehend, uns nicht mit Kindern geſegnet hatte, be⸗ ſchloſſen wir, Frankreich nicht zu verlaſſen, vielmehr uns als lebendig Todte in dieſes verborgene Gewölbe zurück⸗ zuziehen und ſo den Martern unſrer Verfolger auszuwei⸗ chen. In dieſem Vorhaben unterſtützte uns ein treuer Diener und Glaubensgenoſſe, indem er nicht nur unſern Zufluchtsort wohnlich einrichtete und auf lange Zeit mit allem Nöthigen verſorgte, ſondern auch noch in unſrer Nähe verblieb, um von Zeit zu Zeit nach unſern Be⸗ dürfniſſen und Wünſchen zu forſchen. Hierbei kam die⸗ ſem treuen Diener der Aberglaube der Schloßbewohner gut zu Statten, welche ihn bei ſeinen nächtlichen Beſuchen unſres Zufluchtsortes für ein Geſpenſt hielten und angſt⸗ voll aus ſeiner und unſrer Nähe flüchteten. Unſer bei⸗ derſeitiger, brünſtiger Wunſch iſt der, daß keins von uns das Andere überleben, ſondern daß uns der Herr Himmels und der Erden an einem und demſelben Tage aus dieſem irdiſchen Jammerthale zu ſich in den Himmel rufen möge. Du aber, o Chriſtenkind! wenn du auch eines andern Glaubens, als der unſrige war, leben ſollteſt: entweihe durch keinen Frevel oder Muthwillen unſere Leichname, ſondern übergieb ſie nach chriſtlichem Gebrauche dem Erdenſchvoße. Dafür ſetzen wir dich nach beſter Rechts⸗ form in den vollſtändigen und unbeſtreitbaren Beſitz unſrer Hinterlaſſenſchaft, welche du in dem doppelten Boden unſeres Bettgeſtelles aufzuſuchen haſt. Gebrauche dieſen Erdenſchatz zu deinem eigenen Heile, ſo wie zu dem deiner 105 chriſtlichen Brüder. Unſer Leib iſt ſchon ſehr hinfällig, trüb' das Auge, gebrochen die Kraft der Glieder und matt nur brennt dort der Lampe Flämmchen. Allein hier die treue, liebende Gattenhand, da das theure Evan⸗ gelium, in uns das helle Licht des Glaubens, und jenſeits — ach jenſeits winkt uns die Palme der ewigen Selig⸗ keit. Hinauf, hinauf zu Dir, dem Vater des Lichts und der Gnade! Amen! Amen! Geſchrieben am 29. September 1692. Carl Franz, vor Zeiten Marquis von Beaulis, hoffentlich bald Bürger des Himmels. Der Inhalt dieſes Schreibens würde gewiß unſern Störſteffen nicht ungerührt gelaſſen haben, wenn nicht eine ganz entgegengeſetzte Gemüthsſtimmung ihn jetzt elec⸗ triſirt hätte. „ Achtes Kapitel. Die Schatzhebung. Kaum daß Störſteffen das Teſtament des todten Ehepaares überflogen hatte, ſo eilte er auch ſofort nach dem Bette hin, deſſen Inhalt unter ſeinen wühlenden Händen raſch herausflog und mit ſeinen Federn und Staubwolken die weite Luft des Gewolbes erfüllte. Vald hatte er den doppelten Bettboden gefunden und als ge⸗ 106 ſchickter Schloſſer die obere Decke deſſelben heraus⸗ gehoben. Ha! welch' ein Glanz funkelnder Kleinodien ſein habgieriges Auge entzückte! Störſteffen wußte vor Eile nicht, welche von dieſen Schätzen er zuerſt an ſich reißen ſollte. Außer ſchweren Säcken mit Gold⸗ und Silber⸗ münzen, fand er ſilberne und goldene Beſtecke, Ketten, Armringe, Uhren mit Brillanten beſetzt, koſtbare Finger⸗ ringe, Ohr⸗ und Uhrgehänge, Knöpfe, Halsbänder, Haar⸗ nadeln, Hutſchleifen und andere, von theuern Steinen blitzende Koſtbarkeiten. Ein ungeheurer Werth mußte in dem Bettſchatze ſtecken, ein Werth, der dem Schloſſermeiſter den Kopf ſchwindeln machte. Aber ſchon bemächtigte ſich ſeiner eine große Sorge: die, den Schatz ſchon völlig ſicher in ſeinem Gewahrſam zu ſehen. So beginnt von dem erſten Augenblicke an, wo ein unverhoffter Reichthum den Menſchen beglückt, ſchon die Sorge des Reichthums! Störſteffen füllte mit den Gegenſtänden ſeines ge⸗ thanen Funds ſeine Taſchen, das Futter ſeines Hutes, die Stiefeln, ſo gut es deren Weite zuließen, ſelbſt auf dem bloßen Leibe verbarg er Mehreres, wobei ſeine Sorge darauf gerichtet war, daß Niemandem dieſes Beladen und die Beſchwerung ſeiner Kleidung auffallen möge. Nach⸗ dem er einen Theil der Schätze auf die beſchriebene Weiſe an ſich gebracht hatte, verſteckte er die übrigen wieder unter dem Bettboden, auf welchen er einige Hände voll Federn und Moder warf. Den zuerſt gefundenen Silber⸗ — 107 becher ließ er jetzt, als einen minder werthvollen Gegen⸗ ſtand, zurück, jedoch nicht ohne ihn vorher den Blicken etwa nach ihm hereindringender Menſchen entzogen zu haben. Das Papier dagegen, welches ihn zum Erben eingeſetzt hatte, ſteckte er ſorgſam zu ſich. So flink ſetzt ſicher kein Maurer ſchwere Steine in eine Mauer ein, wie jetzt Störſteffen that. Es war auch hohe Zeit, denn die Habgier hatte dem Meiſter gar nicht den raſchen Gang der Zeit beachten laſſen. Wäre er nur fünf Minuten ſpäter aus der Tiefe heraufgeſtiegen, ſo würde er von den Arbeitern bemerkt worden ſein. Mit welchem Widerwillen diesmal Störſteffen an ſeine Arbeit ging! Wie ſehr er ſich in Acht nahm, durch große Körperanſtrengung etwas aus der Taſche zu ver⸗ lieren oder ſeine bei ſich tragende Laſt zu verrathen! Mit welchem Verlangen er dem Feierabend und dem Einbruche der Mitternacht entgegenharrte! Störſteffen hatte ſein Nachtlager in dem Gaſthofe des Dorfes aufgeſchlagen. Als nun endlich die Feierglocke läutete, alle Arbeiter den Bau verließen und Störſteffen heimkehrte, nöthigte ihn die Sorge des Reichthums zur erſten Lüge. Um, ohne Argwohn zu erregen, in der Nacht in die unterſten Räume des alten Schloſſes zurückkehren zu können, gab er gegen die Wirthsleute vor, daß er, um daheim eine dringende Angelegenheit zu beſorgen, während der Nacht nach Paris gehen müſſe, von wo er jedoch am Worgen ſchon wieder zurückgekehrt zu ſein hoffe. Unter demſelben Vorwande borgte er ſich eine Blendlaterne, weil 108 die Nacht ſehr finſter zu werden drohte, und entfernte ſich. Anſtatt jedoch den Weg nach Paris zu verfolgen, wartete Störſteffen im nächſten Walde den Einbruch der Nacht ab und ſchlich ſich dann vorſichtig nach der Bau⸗ ſtätte zurück, nachdem er zuvor ſeine bei ſich getragenen Schätze in einem hohlen Baum verſteckt hatte. Es war eine ſchwüle, rabenſchwarze Sommernacht. Kein Lüftchen regte ſich. Alles ruhete in banger Stille. Falbe Blitze zuckten am Saume des Horizonts und dumpf grollte der Donner in der Ferne. Die Landleute erwar⸗ teten in großer Beſorgniß das Herannahen des Unwetters und zitterten für die Erhaltung ihrer ſtrohgedeckten Hütten und ihrer Habe. Immer ſchneller und greller folgten die Wetterſtrahlen auf einander und lauter und majeſtätiſcher rollte der Donner daher. In dieſem Zeitpunkte, wo der Sterbliche die Macht eines höheren Weſens ehrerbietiger und die eigene Sündhaftigkeit lebhafter als ſonſt anzuer⸗ kennen pflegt: da wanderte Störſteffen, von Habſucht getrieben, mit eiligen Schritten durch die Nacht dahin, keine andere Angſt in ſich tragend, als daß der Blitze Leuchten ihn verrathen koͤnnte. Allein kein menſchliches Weſen begegnete ihm auf ſeinem Wege, und ohne ange⸗ halten worden zu ſein, erreichte er den Bauplatz. Ein furchtbarer Blitz, welcher über Störſteffens Haupte das dunkle Gewölk zerriß, ein ſtrahlendes Licht⸗ meer über die ruhende Erde ausgoß und das menſchliche Auge blendete, hatte dem Schatzheber die Kellertreppe gezeigt, welche in das Schatzgewölbe hinabführte. Nach⸗ 109 dem ſeine Augen ihre Sehkraft wieder erlangt hatten, ſtieg Störſteffen hinab. Unten angelangt, zog er ſeine Blendlaterne hervor, bei deren Scheine er mit raſchen Schritten ſeinen Weg, den er mit Hülfe der angemalten Kreideſtriche leicht auffand, fortſetzte. Indeſſen war das Gewitter völlig herangekommen. Die Erde erbebte über Störſteffens Haupte von den niederſchmetternden Donnerſchlägen, welche unten in den Gängen und Gewölben einen grauſigen Wiederhall fanden. Das falbe Licht der Blitze fand ſelbſt Zugang in die unterirdiſchen Räume und zuckte und glitt und ſpielte in ſchlangenartigen Windungen über die ſchwarzen Wände dahin. Es ſchien, als wäre das Ungewitter zu des Schatzes Wächter beſtimmt geweſen und wollte jetzt durch all' ſeine Schrecken den kühnen Schatzheber an ſeinem Wagniſſe verhindern. Allein dieſer kannte jetzt keine Furcht, empfand keinen Schrecken, hegte nur einen brennenden Wunſch in ſich: ſeine Habgierde vollends zu befriedigen. Beherzt und ohne Zögern wandelte er dem Schatzgewölbe zu. Die glühenden Augen der Eule, welche das Unwetter von dem Ausfliegen zurückgeſcheucht hatte, beunruhigten ihn nicht; eben ſo wenig die Nähe des Häufleins, welches die irdiſchen Ueberreſte des todten Ehepaars bildeten. Ohne ſich um das Rollen des Donners und das Zucken der Blitze zu kümmern, hob Störſteffen den Ueberreſt des Schatzes aus der Bettſtelle, zu welchem er noch den ſilber⸗ nen Trinkbecher hinzufügte. Die Bibel dagegen ließ er, 11⁰ als das am wenigſten Werthvolle, liegen. Hätte dieſes heilige Buch eine Anweiſung zum Goldmachen, zum Be⸗ reiten eines Unſterblichkeitstrankes, zum Unſichtbarwerden oder zum Fliegen enthalten: Storſteffen würde es dann als das theuerſte Kleinod vor allen anderen an ſich ge⸗ nommen haben. Da die Bibel aber den Weg zum Him⸗ mel und zu deſſen ewiger Glückſeligkeit zeigt, ſo machen es gar viele Menſchen wie Störſteffen und achten das koſtbare Buch gering. Endlich war nichts mehr nzn übrig. Was Störſteffen nicht an ſich trug, hatte er in einem mitge⸗ brachten Sack geborgen. Nachdem er wohlbedächtig die Maueröffnung wieder mit den herausgenommenen Steinen zugeſetzt hatte, trat er den Rückweg an. Außer ſeiner nicht leichten Bürde hatte er noch in andrer Weiſe ſchwer zu tragen: an der Furcht, mit ſeinem Schatze ertappt zu werden. So ſchleicht ſich ſcheu der Marder vom Tau⸗ benſchlage fort, nachdem er in demſelben mit ſcharfen Zähnen die armen Tauben erwürgt hat! Es war dem Schatzheber ganz recht, daß das Wetter noch forttobte und daß der Regen in Strömen ſich ergoß, da er aus der Erde hervorſtieg. Nicht einmal der Nacht⸗ wächter wagte es, das ſchützende Dach zu verlaſſen und ſeinen Rundgang zu halten. Unaufgehalten erreichte Stör⸗ ſteffen den Wald, wo er ſich ſeiner Bürde, bis auf die weniger umfangreichen Gegenſtände, entledigte und ſie gleich⸗ falls in den hohlen Banm verbarg. Hiermit war jedoch die Sorge noch keineswegs von Störſteffens Herzen ge⸗ 3 111 nommen, ja dieſelbe ſteigerte ſich vielmehr noch. Leichter als in dem unterirdiſchen Gewölbe und zwiſchen dem dop⸗ pelten Bettboden konnte in der Baumhöhle der Zufall einen Menſchen den verborgenen Schatz auffinden laſſen, und darum verweilte Störſteffen in der Nähe, bis der Tag anbrach. Dieſes nächtliche Warten hatte eben nichts Angenehmes an ſich. Störſteffens Kleidung war vom Re⸗ gen durchnäßt, die Luft nach dem Gewitter kühl geworden, der Aufenthalt in dem feuchten Walde langweilig und die geiſtige Aufregung des Schatzhebers nicht gering. Bald durchſchüttelte dieſen ein tüchtiger Froſt, welcher ihn end⸗ lich nach dem Wirthshauſe zurücktrieb. Hier gab er vor, auf ſeinem nächtlichen Wege nach und von Paris ſich erkältet und eine bedeutende Unpäß⸗ lichkeit zugezogen zu haben, die ihn nöthige, ſeine Arbeit im Schloſſe vor der Hand einzuſtellen und nach Paris zurückzukehren. Er trug dem Wirthe auf, dieſe Nachricht dem Grafen von Briſſac, welcher gegenwärtig in Beaulis wohnte, zu hinterbringen und zugleich ſein Wegbleiben zu entſchuldigen. Hierauf miethete er das Fuhrwerk des Wirths, wel⸗ ches ihn und ſeine Sachen nach Paris bringen ſollte, da er ſich zum Gehen zu ſchwach fühlte. Da Störſteffens bleiches Ausſehen, ſo wie ſeine durch⸗ näßte Kleidung die Wahrheit ſeiner Worte beſtätigten, ſo ſetzte Niemand ein Mißtrauen in dieſelben, und nach⸗ dem der Schloſſer ſich durch Glühwein und trockene Kleider erwärmt hatte, fuhr er auf dem Einſpänner des 112 Wirths nebſt ſeinem Koffer und Mantelſack davon. Mit gutem Bedacht hatte er keinen Begleiter, alſo auch keinen Kutſcher angenommen, daher er, im Walde angelangt, unbemerkt ſeinen Schatz nochmals heben und ſeinem Koffer einverleiben konnte. Als er hierauf ſeinen Weg fortſetzte, überkam ihn zum erſtenmale in ſeinem Leben der Gedanke:„ Nun ſollten Straßenräuber dich überfallen!“ Darüber trat ihm der Angſtſchweiß auf die Stirne und er trieb das Pferd zum raſchen Laufe an. Erſt da er das große Paris vor ſich liegen ſah, verließ ihn die Furcht vor Straßenräubern, um einer andern Raum zu machen. Gleichwie vor dem Zollverbande an den Thoren deutſcher Städte jeder belaſtete Reiſende oder Ankömm⸗ ling nach zollbaren Gegenſtänden befragt und unterſucht wurde: ſo auch damals und jetzt noch an den Thoren von Paris. Wie? wenn es den Zöllnern gerade heute einfiel, Störſteffens Koffer zu durchſuchen? Er mochte ſich dieſen Gedanken gar nicht vollends ausſpinnen. Jetzt erblickte er den verhängnißvollen Schlagbaum, der möglicherweiſe ſein eben erſt erlangtes Glück mit einem Schlage zerſchmettern konnte. Jetzt ſah er den Zöllner, welcher bei dem Geraſſel von Störſteffens Wagen aus ſeinem Häuschen trat. Jetzt hielt der Wagen und der Zöllner trat herzu. All ſeinen Muth zuſammenraffend, rief Störſteffen munter dem Zöllner entgegen: „Guten Morgen, Gevatter Frimont! Heute werde 113 ich Euch zum letzten male beläſtigen. Ich habe die Ar⸗ beit in Beaulis aufgegeben. Die vornehmen Herren möch⸗ ten lieber Alles halb umſonſt gearbeitet haben. Meine Frau war längſt ſchon über die doppelte Wirthſchaft un⸗ gehalten. Soll ich Euch meinen Mantelſack öffnen und den Koffer aufſchließen? In jenem ſind meine Kleidungs⸗ ſtücke, in dieſem mein bischen Wäſche und mein Hand⸗ werkszeug enthalten. Hier der Kofferſchlüſſel und da“ — fuhr Störſteffen leiſer fort—„ein kleines Trinkgeld für Eure Bemühung.“ Bei dieſen Worten ließ Störſteffen mit dem Koffer⸗ ſchlüſſel zugleich ein Frankenſtück in des Zöllners Hand fallen. Störſteffen war klug genug, um einzuſehen, daß, wenn er ein oder etliche Goldſtücke geſpendet hätte, jeden⸗ falls des Zöllners Verdacht geweckt und der Schatz erſt recht in Gefahr geſtürzt würde. Gevatter Frimont nickte freundlich für das Franken⸗ ſtuck, gab den Kofferſchlüſſel zurück und ſagte lachend: „Fahrt zu, Gevatter Störſteffen, und grüßt Eure Frau von mir. Sie ſoll ſich den Kuhkäſe oder das Stückchen friſche Butter, die Ihr etwa zollfrei einpaſchet, wohl⸗ ſchmecken laſſen.“ Hurrr! wie raſch Störſteffen ſein Pferd zum eiligen Forttraben antrieb! Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor ſeiner Wohnung. Der verwundert herbei⸗ eilenden Meiſterin erzählte er, daß er ſich nicht wohl fühle, ſeine Arbeit einſtweilen in Beaulis aufgegeben habe und, um ſich auszuheilen, nach Hauſe zurückgekehrt ſei. Rieritz. Störſteffen und ſein Sohn. 8 114 Zugleich trug er Sorge, daß ſein Mantelſack und Koffer in ſeine Schlafſtube geſchafft wurden, in welche er bald nachher ſich gleichfalls begab, um, wie er den Seinen ſagte, das Bett zu hüten. Da Störſteffen wußte, daß man ihn hier nicht ſtören würde, ſo machte er ſich, nach⸗ dem er die Thür verriegelt hatte, über ſeinen Schatz her, deſſen Stücke er nun erſt genauer beäugelte und deren Werth überſchlug. Auch zählte er die Gold- und Sil⸗ berſtücke durch und hob zuletzt Alles wohl in ſeinem feſten Schranke auf. Dann legte er ſich wirklich in's Bett, einmal, weil er die vorige Nacht ſchlaflos zuge⸗ bracht und ſich erkältet hatte, zweitens, weil er überlegen wollte, auf welche Weiſe er ſeine Koſtbarkeiten zu Gelde machen und ſeinen erlangten Reichthum in Sicherheit ge⸗ nießen könnte. „Eine Million Franken“— ſprach Störſteffen— „dürfte der Fund leicht betragen. Ha! wenn der arme Marquis von Beaulis deſſen Vorhandenſein gewußt hätte! Nun, ich thue keine Sünde, wenn ich die Erbſchaft des todten Marquis antrete. Ein Verwandter von ihm mag zwar der arme Marquis von Beaulis ſein, doch kein richtiger Abkömmling. Denn mein Erblaſſer ſagt in ſei⸗ nem Teſtamente, daß er keine Kinder hinterlaſſe. Ueber⸗ dieß vermacht mein Erblaſſer in beſter Form Rechtens demjenigen ſein ganzes Vermögen, welcher zuerſt das todte Ehepaar finden und begra— ha! begraben? hm! recht gern wollte ich das, wenn erſtens noch etwas zu begraben übrig und zweitens das Begraben nicht mit Le⸗ 11⁵ bensgefahr für mich verbunden wäre. Erführe der Graf von Briſſac oder der König ein Wort nur von meinem Schatzheben, ſo käm' ich im glücklichen Falle zeitlebens in die Baſtille, im ſchlimmſten aber an den Galgen. Hurr! an den Galgen! Störſteffen, darum mußt du die Sache fein und pfiffig andrehen. Deshalb dürfen deine Frau und Kinder nichts von dem Schatzheben erfahren. Mit dem armen Marquis bin ich nun quitt. Ich habe ihm und mein Franz hat ſeiner Enkelin das Leben ge⸗ rettet, da beide in Gefahr waren, zu ertrinken und zwiſchen die Mühlräder zu gerathen. Dann haben wir den alten Herrn nochmals vom Tode gerettet und deſſen En⸗ kel vor dem Verhungern bewahrt, während der Marquis krank darniederlag. Auch bin ich nicht abgeneigt, die arme Familie fernerhin zu unterſtützen, weil nach dem Willen meines Erblaſſers ich deſſen Schatz nicht nur zu meinem Heile, ſondern auch auch zu dem meines Näch⸗ ſten verwenden ſoll.“ Einige Tage hütete Störſteffen das Zimmer. Dann aber erklärte er ſich für hergeſtellt und ſprach davon, ehe⸗ ſtens nach Beaulis zurückkehren und die unterbrochene Arbeit wieder fortſetzen zu wollen. Ein Brief, welcher mit der Poſt anlangte, änderte jedoch plötzlich dieſen Ent⸗ ſchluß des Meiſters. Der Brief war deutſch und angeb⸗ lich in Hamburg geſchrieben. Meiſter Storſteffen über⸗ ſetzte ihn ſeiner Frau, welche nicht deutſch verſtand, in⸗ dem er ſprach: „Der Brief kommt von dem einzigen, noch lebenden 8* 116 Bruder meines ſeligen Vaters, von deſſen Daſein ich bis⸗ her kein Wörtchen wußte. Dieſer Vatersbruder hat durch einen Schloſſergeſellen, der in Paris gearbeitet hat, nach Hamburg gewandert iſt und dort meinen Oheim kennen gelernt hat, vernommen, daß ich ſein nächſter Verwandter ſei. Er bittet mich, nach Hamburg zu kommen, wo er in ſeinem hohen Alter ganz allein und verlaſſen ſtehe, und verſpricht zugleich, mich zum alleinigen Erben ſeines nicht unbeträchtlichen Vermögens einzuſetzen, dafern ich ſeinen Wunſch erfüllte. Nicht wahr, liebe Frau! da iſt nicht lange zu beſinnen? Der Oheim weiſet mir zugleich Reiſegeld an, welches ich bei einem hieſigen Banguier erheben kann. Das Anſehen habe ich ſo⸗ nach umſonſt. Iſt der Oheim ein alter Murrkopf und ſein Vermögen nicht ſo groß, als er vorgiebt: ſo kehre ich nach Paris zurück. Im entgegengeſetzten Falle laſſe ich euch nachkommen und wir leben in Hamburg nicht minder vergnügt als in Paris.“ Wer möchte nicht gern und auf leichte Weiſe reich werden? Das winkende Glück des Reichthums erleichterte der Schloſſermeiſterin, wie deren Kindern, gar ſehr die Trennung von dem geliebten Manne, welcher in großer Eile ſich reiſefertig machte. Störſteffen verſprach, recht oft zu ſchreiben, auch die nöthigen Geldmittel zum Unter⸗ halte ſeiner Familie zu ſchicken. Er legte noch den Seinen die Sorge um den alten Marquis und deſſen En⸗ kel an's Herz und reiſete ab. Nach Verlauf eines Monats langte der erſte Brief 117 von Störſteffen an. In dieſem ſchrieb er, daß der Oheim wirklich ſehr wohlhabend, zugleich aber auch ſo kränklich und hinfällig ſei, daß er ſchwerlich noch lange am Leben bleiben werde. Daher ſollten Frau und Kinder in Paris bis auf Weiteres bleiben. Nach zwei Monaten meldete Störſteffen den Tod ſeines Oheims und daß derſelbe ihn zum alleinigen Erben ſeines großen Vermögens eingeſetzt habe. Da aber die Verlaſſenſchaft zum Theil in liegen⸗ den Gründen, zum Theil in Waarenvorräthen und noch auf der Seefahrt begriffenen Schiffen beſtände, ſo dürften wohl noch einige Monate vergehen, ehe Störſteffen Alles in's Geld ſetzen und ſeine Ruͤckreiſe nach Paris antreten könne. Da er nicht wieder als Schloſſer zu arbeiten, ſondern ſich zur Ruhe zu ſetzen gedächte, ſo ſolle Frau Störſteffen die Geſellen und den Lehrburſchen entlaſſen. Dieſen Brief begleitete eine bedeutende Sendung an Gelde. Frau Störſteffen ermangelte in ihrer Freude nicht, die Kunde von der reichen Erbſchaft unter die Leute zu bringen, was der Schloſſerfamilie theils Neider, theils viele gute Tiſchfreunde zuzog.. Der Marquis von Beaulis ſchien zu den erſteren zu gehören, denn er vermied faſt gefliſſentlich, die reichgewor⸗ dene Bürgerfamilie zu beſuchen und zu beſchmauſen. Nachdem Störſteffen ein halbes Jahr in Hamburg zugebracht hatte, kehrte er mit der zu Gelde gemachten Hinterlaſſenſchaft ſeines Oheims nach Paris zurück. Der Leſer dagegen weiß, daß dieſer Oheim ein erdichteter und 118 jene Hinterlaſſenſchaft nichts weiter als der in klingende Münze umgeſetzte Schatz des Marquis von Beaulis war. Reuntes Rapitel. Ein Anhängſel des Reichthums. An einem Nachmittage— es war Sonntag— ging der Marquis von Beaulis mit ſeinen beiden Enkeln, die ſich an der Hand geſchwiſterlich führten, durch eine der ſchönſten Straßen von Paris. Als ſie bei einem anſehn⸗ lichen Hauſe ankamen, vor deſſen Eingange ein reich be⸗ treßter Thürſteher mit einem langen Stabe, deſſen vergol⸗ deter Knopf ſpiegelblank glänzte, paradirte, hob der Marquis mit einem bittern Lächeln zu ſeinen Enkeln an: „Das Haus Störſteffen ging und nahm zu, das Haus Beaulis ging und nahm ab. Sehet, Kinder, hier wohnt jetzt der ehemalige Schloſſermeiſter, Bürger Stör⸗ ſteffen, und nimmt mit ſeiner Familie, ſeiner Dienerſchaar, ſeinem Koche, Kutſcher, Thürſteher und Hausmeiſter das ganze Gebäude ein. Sein Handwerk hat er an den Na⸗ gel gehängt und ſeine ganze Arbeit beſteht nun in Eſſen, Trinken, Schlafen, Spielen, Spazierenfahren und Müßig⸗ gehen. Verkehrte Welt! Der Handwerker feiert und der Marquis arbeitet!“ „Liebſter Großpapa!“— verſetzte Franz ſchmeichelnd — wollen wir Störſteffens nicht einmal beſuchen? Sie find noch immer ſo freundlich gegen uns und wenn uns 119 ——— eins von ihnen begegnet, ſo fragt es jedesmal, warum wir uns gar nicht mehr bei ihnen ſehen ließen? Sie ſind nicht ein bischen ſtolz geworden, ſeitdem ſie ſo viel geerbt haben.“ „Auf was ſollten ſie auch ſtolz ſein?“ erwiederte der Marquis heftig—„Auf eine Erbſchaft etwa, die ihnen wie eine gebratene Taube unvermuthet in den Mund geflogen iſt? Ha! hätte der hugenottiſche Großonkel euch nicht um das Erbe der Beaulis gebracht, ſo würdet ihr mindeſtens ebenſo reich ſein und herrlich leben können wie der Glückspilz Störſteffen. Warum ich ihn nicht beſuchen mag? Weil ich mich nicht zu dem Schwarme elender Schmarotzer und Liebediener zählen laſſen will, welche den ehemaligen Schloſ⸗ ſer, wegen ſeines Geldes, ſeiner Tafel und ſeiner Weine, mit ihrer Freundſchaft beehren. Bei dem armen Stör⸗ ſteffen am Tiſche zu ſitzen, habe ich nicht verſchmäht, aber der reiche Störſteffen ſoll nicht von mir zu ſeinen Tiſch⸗ freunden ſagen können: Herr Marquis von Beaulis! mein alter Freund! Ja, Kinder! man muß einen edlen Stolz bewahren, welcher im Bewußtſein eigener Wünde ſich nicht vor einem vollen Geldſacke in Demuth niederbeugt.“ In dieſem Augenblicke brach ein edles Rappenpaar mit ſilberbedecktem Gezäume und einen koſtbaren Staats⸗ wagen nach ſich ziehend, aus Störſteffens Palaſte hervor. In demſelben ſaßen Störſteffen, deſſen Frau und Tochter Roſette, ſämmtlich in Sammet und Seide gekleidet und von Schmuckſachen ſtrahlend. Der Kutſcher, ſo wie die beiden hinten aufſtehenden Diener trugen eine reiche 120 Lioree. Dem Wagen folgte der junge Störſteffen, welcher auf einem wunderſchönen Pferde ſaß, das, tanzend und anmuthig emporbäumend, nur mit Mühe ſich zügeln ließ. Ein Reitknecht in kurzem rothen Jäckchen, das mit Sil⸗ bertreſſen verziert war, in gelben Lederhoſen und in einer helmartigen Kopfbedeckung, begleitete den jungen Herrn. Bei dieſem Anblicke hatte ſich der Marquis ſchnell umgewendet und entfernte ſich mit raſchen Schritten, da⸗ mit er ein Zuſammentreffen mit ſeinen einſtigen Wohl⸗ thätern vermeide. Allein bald ſah er ſich von dieſen ein⸗ geholt und angeſprochen. Während Frau Störſteffen herablaſſend grüßte, Roſette freundlich nickte und der junge Störſteffen höflich ſeinen Hut zog, ſprach Meiſter Störſteffen, nachdem er dem Kutſcher zu halten befohlen hatte:„Guten Tag, liebſter Marquis! Ei, warum ver⸗ nachläſſigen Sie ſo ganz Ihre alten Freunde? Betrachten Sie doch mein Haus als das Ihrige und beſuchen Sie uns recht oft. Geſchwind, ſetzen Sie ſich mit Ihren Enkelchen zu uns in den Wagen. Wenn wir ein wenig zuſammenrücken, ſo haben wir Alle Platz. Armand öffne den Wagenſchlag!“ Der Diener, ſeinen Hut ziehend, ſprang herab und wollte den Schlag öffnen. Allein der Marquis ſchlug die Einladung aus, ipe er einen bereits verſprochenen Beſuch abſtatten müſſe. Er achtete dabei nicht auf die ſtill bittenden Mienen 3 Enkel, welche gar zu gern in den ſchönen Wagen geſtiegen wären und Theil an der Spatzierfahrt genommen hätten. 121¹ Als der Wagen und der Reiter davon geeilt waren, ſprach der Marguis mißmuthig:„Seht mir doch das Bettelvolk! That der Bürger nicht, als wenn ich ſeines Gleichen wäre? Liebſter Marquis! O mein Herr Stör⸗ ſteffen! ſo dicke Freunde ſind wir noch lange nicht! Aber, wer einmal Pech angegriffen hat, beſudelt ſich. Mir hat dieſer Auftritt die ganze Sonntagsfreude ver⸗ dorben.“ Daſſelbe ſagten ſich auch Franz und Helviſe heimlich, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie die Schuld davon ihrem wunderlichen Großvater beimaßen. Denn Stor⸗ ſteffens waren bisher ſtets ſo freundlich und theilnehmend gegen die Kinder geweſen, hatten ſie wiederholt reichlich beſchenkt und eingeladen, recht oft zu ihnen zu kommen. Franz und Helviſe, welche, während ihr Großvater bei dem Hofjuwelier arbeitete, daheim tödtlich ſich langweilten, hatten dieſer Einladung Folge geleiſtet, und es war ihnen bei Störſteffens ſo wohl gegangen, daß ſie ihren Beſuch fleißig wiederholten, wovon freilich der Großvater nichts erfahren durfte. Reich, ſehr reich, war Störſteffen zwar geworden, aber glucklicher deswegen nicht. Denn der Reichthum hat ein ganz anderes und zwar ſehr läſtiges Gefolge hinter ſich als die Armuth, deren Begleiter ein gutes Gewiſſen, ſanfter Schlaf, ſtete Eßluſt, unbezahlbarer Frohſinn und eine ſchöne Hoffnung zu ſein pflegen, während bei dem Reichthume ganz das Gegentheil davon der Fall iſt. Wenn Störſteffen nach einem unthätig und ſchwel⸗ 122 geriſch verlebten Tage des Nachts ruhelos auf ſeinem Lager ſich herumwarf, da ſah er ſich im Geiſte in jenes unterirdiſche Gewölbe des Schloſſes Beaulis verſetzt und vor ſich die beiden vertrockneten und vermoderten Leichen, ſeine Erblaſſer. Und in Flammenſchrift brannten vor ſeinen Augen die Worte des Teſtaments:„Entweihe durch keinen Frevel oder Muthwillen unſere Leichname, ſondern übergieb ſie nach chriſtlichem Gebrauche dem Erdenſchooße. — Gebrauche dieſen Erdenſchatz zu deinem eigenen Heile, ſowie zu dem deiner chriſtlichen Brüder.“ Wie wenig war Störſteffen dieſen Worten nach⸗ gekommen! Noch lagen die zuſammengebrochenen Leichname ſeiner Erblaſſer unbeerdigt in jenem Gewölbe, und auf welche Weiſe hatte er ſein und ſeiner chriſtlichen Brüder wahres Heil gefoͤrdert?! Beſonders quälte ihn die Erinnerung an den Nachkommen oder nächſten Ver⸗ wandten ſeiner Erblaſſer, an den alten Marquis, welcher als ein armer Mann die Straßen von Paris durchwan⸗ derte und um's tägliche Brot arbeiten mußte. Aber Störſteffen war unter den Seinen nicht der Einzige, dem ein geheimer Kummer die Genüſſe des Reichthums mit bittrer Wermuth tränkte. Auch ſein Sohn, der ſonſt ſo lebensfrohe, geſunde und verſtändige kleine Stoͤrſteffen begann ſichtlich zu welken. Seine Wangen erbleichten, ſeine Augen verloren ihren Glanz, der Körper verlor ſeine Fülle und jugendliche Sprung⸗ kraft, ſo daß der arme junge Mann endlich wie ein 123 Schatten verging und zuletzt vor Mattigkeit das Bette nicht verlaſſen konnte. Welch' ein Schreck für die ʒirtlichen Aeltern, die ihre beiden Kinder mehr als ihren Reichthum und als ihr eigenes Leben liebten! Die berühmteſten Aerzte von Paris wurden herbei⸗ geholt und erſchöpften ihre Wiſſenſchaft an dem Kranken, deſſen Uebel nicht zu ergründen war und aller Arzneien ſpottete. Endlich kamen die Jünger des Aeskulap alle darin überein, daß die Urſache der leiblichen V Verkümmerniß des jungen Störſteffen eine Gemüthskrankheit ſein müſſe, gegen welche alle Arzneien nichts fruchteten. Nun war es an den Aeltern des Kranken, den Arzt zu machen und jene Gemüthskrankheit zu erforſchen. Lange widerſtand der junge Störſteffen den Bitten und Thränen ſeiner Aeltern, indem er das Vorhandenſein eines geheimen Kummers beharrlich ableugnete. Endlich geſtand Störſteffen, was ſein Herz niederdrückte, nachdem ihm ſein Vater ſeine und ſeiner Mutter völlige Verzeihung und im nöthigen Falle die Aufopferung ſeines ganzen Reichthums angelobt hatte. „Sie werden mich verachten, auslachen, verſpotten, mein Vater!“ ſprach der Sohn, indem er mit beiden Händen die Schamröthe ſeines Geſichts zu verdecken be⸗ müht war—„wenn ich Ihnen bekenne, daß mein ganzer Kummer in einem einzigen Wörtlein beſteht. Aber dieſes Wortlein verbittert mir jede Lebensfreude. Es trifft mich in der größten Luſt wie ein niederſchmetternder Blitz. 124 Es begrüßt mich bei meinem Erwachen und legt ſich mit mir zur Ruhe nieder. Aber ſelbſt im Traume hört es nicht auf, mich zu verfolgen und zu martern. Wie ver⸗ gnügt war ich noch vor fünf Wochen auf dem glänzenden Balle, den meine Mutter in unſerm Palaſte veranſtaltet hatte! Ich ſchwamm in einem Meere von Wonne und wollte eben mit meiner jungen, ſchönen Tänzerin zum Walzer antreten, als ich die junge Gräfin von Briſſac vernehmlich zu ihrer Nachbarin ſagen hörte: Es iſt nicht zu leugnen, daß der Sohn unſrer heutigen Ballgeberin ein allerliebſter junger Mann iſt. Allein alle ſeine guten Eigenſchaften zerſchmelzen in ein Nichts unter ſeinem abſcheulichen Namen. Ich verginge vor Scham, wenn mich morgen Jemand meiner Bekannten nach dem Namen meines heutigen Tänzers fragte, und ich ihm antworten müßte: Der kleine Störſteffen!— Ja, mein Vater! dieſer Name allein iſt's, welcher mich in ein frühes Grab zu ſtürzen droht. Vergebens predigt mir meine Vernunft das Lächerliche und Thörichte meines Grams vor. Die Macht der Gewohnheit und der Mode iſt ſtärker als alle Vernunftgründe. Verſchaffen Sie mir einen andern Na⸗ men, mein Vater, und Ihr Sohn wird wieder geſund werden.“ „O mein Sohn!“ antwortete der alte Störſteffen betroffen—„ine bloße Grille alſo droht mir meinen einzigen Sohn zu entreißen? Eine Grille, welche du mit uns ſo vielmal an dem alten Marquis von Beaulis getadelt, belächelt und bedauert haſt?!“ 125 Ja, mein Vater!“ entgegnete der Sohn—„aber dieſe Grille verfolgt mich auf allen meinen Tritten, ſelbſt über Paris hinaus. Denn wohin ich komme, da heißt man mich den kleinen Störſteffen.“ „Und mich den alten Störſteffen!“ bemerkte dieſer trocken.„Allein dieſer Name iſt mein kleinſter Kummer, und ich wünſche, ihn noch eine lange Reihe von Jahren zu führen.“ „Sie ſind ein geſetzter, verſtändiger Mann“— ſeufzte der Sohn—„ich aber bin jung, eitel und wünſche zu gefallen.“ „Nun, mein Sohn!“ ſprach Störſteffen väterlich— „wenn du auf deinem Sinn beſtehſt, ſo ſoll es mir auf 10,000 Franken vder mehr nicht ankommmen, um dich zufrieden zu ſtellen und geſund zu machen. Wie viele viele verarmte Edelleute giebt es jetzt in Frankreich, die mit Freuden ihren Adel und Titel für eine Summe Gel⸗ des verkaufen werden. Ich bin überzeugt, daß, wenn ich deshalb eine öffentliche Aufforderung ergehen laſſe, ſich ſehr Viele melden werden, und dann haſt du das Aus⸗ ſuchen unter den wohlklingendſten Namen. Halt! da kommt mir ein glücklicher Gedanke, durch den ich zwei Fliegen mit einem Schläge zu treffen hoffe. Wie gefällt dir der Name: Margquis von Beaulis? Beaulis— ſchöne Lilie auf deutſch— klingt ſehr wohllautend, gehört einem alten, hochberühmten Geſchlechte an, und indem ich dieſen Namen kaufe, erweiſe ich zugleich dem armen Marquis und deſſen Enkeln keine kleine Wohlthat. Ja, der Einfall 126 iſt prächtig. Nun, mein lieber junger Marquis von Beaulis, ſtehe auf und ſpringe; freue dich wieder deines Lebens und jage die böſe Grille weit fort von dir. Ich eile, den Kauf richtig zu machen.“ Auf dem Wege zu dem Numnis von xenulis ſprach Störſteffen kopfſchüttelnd zu ſich ſelbſt:„Was für ſchwache Geſchöpfe die Menſchen ſind! Mein Sohn iſt ſchwach, daß er ſein Lebensglück in einem bloßen Namen ſucht. Ich bin ſchwach, daß ich mich unter die Schwäche meines Sohnes beuge und ihm den Willen erfülle. Allein was thut man nicht aus Liebe?! Man wird ſich über uns mit Recht luſtig machen, wenn ich für theures, gutes Geld einen Titel und ein bloßes Papier kaufe. Man wird uns für dumm und dünkelvoll ausſchreien, hinter uns bedau⸗ ernd oder ſpöttiſch die Achſeln zucken. Ich weiß das ge⸗ wiß. Aber dennoch leidet und trägt die Liebe Alles. Nun, ich thue doch auch ein gutes Werk und beruhige einigermaßen mein Gewiſſen, wenn ich dem Nachkommen meines Erblaſſers einen Theil der Erbſchaft zuwende.“ „Wo iſt euer Großvater, lieben Kinder?“ fragte Störſteffen die Enkel des Marquis, als er deſſen Woh⸗ nung betreten hatte und ihn ſelbſt nicht vorfand. Franz ſah hierauf ſeine Schweſter verlegen an und verſetzte dann ſtockend:„Wir dürfen es nicht ſagen. Groß⸗ papa hat es uns verboten.“ „Das iſt ſchade!“ erwiederte„Ich komme, euerm Großvater eine recht freudige Nachricht, ein großes Glück zu hinterbringen.“ 127 „Ein großes Glück?“ fragte Franz betroffen.„O Helviſe! ſollte das nicht die Sache ändern? Was meinſt du?“ „Ich müßte hinlaufen zu Herrn Dup“— Helviſe hielt betroffen inne.„Ja, ja!“ fuhr ſie fort—„ich könnte ihn abrufen.“ „Wenn es aber nur wirklich ein großes Glück iſt“ — verſetzte Franz bedenklich—„„eines kleinen Glücks wegen läßt ſich Großpapa nicht ſtören in ſeinen Arb“— Hier ſtockte auch Franz. „Ich werde euch doch nicht belugen“— ſprach Stör⸗ ſteffen.„Was würdeſt du ſagen, kleiner Zweifler, he? wenn ich deinem Großvater 20,000 baare Franken hier aufzählte?“ „Zwanzig— Tauſend— Franken?!“ riefen hier beide Kinder zugleich aus und ſchlugen voll Staunens die Hände zuſammen.„Zwanzig Tauſend?“ „Zwanzig Tauſend!“ betheuerte Störſteffen, indem er ſich an dem frohen Erſtaunen der Kinder weidete. „Machen nicht zehn mal zehn ein Hundert?“ fragte Franz begierig. „Ja“— verſetzte Störſteffen—„und zehn mal hundert machen ein Tauſend aus.“ „Ein Tauſend Franken“— fragte Franz weiter— „würden demnach zehn Säcke mit je ein hundert Franken enthalten?“ „So iſt's!“ ſprach Stoͤrſteffen. „Und zwanzig Tauſend Franken würden ſonach zwei hundert Säcke mit je ein hundert Franken ſein?!“ fuhr 128 Franz fort.„O mein Gott! welch' eine unermeßliche Summe!“ Hier lächelte Steffen, in deſſen Augen gegenwärtig 20,000 Franken eine Kleinigkeit waren. „Und zwanzig Tauſend Franken würden vierzig Tau⸗ ſend halbe ſein?!“ rechnete Franz weiter. „Nicht anders!“ ſprach Störſteffen. „O Himmel!“ erwiederte Franz—„welch' ein un⸗ endlicher Reichthum! Ha, Helviſe! wenn wir täglich einen halben Frank ausgeben, ſo würden wir mit den vierzig Tauſend halben Franken über hundert Jahre reichen.“ „Das iſt nichts!“ meinte Störſteffen.„Wenn man die zwanzig Tauſend Franken auf Intereſſen ausleiht, ſo würdet ihr täglich über zwei ganze Franken ausgeben können, ohne daß die zwanzig Tauſend Franken ſelbſt ſich verminderten.“ „Guter Gott!“ ſeufzte Helviſe tief auf—„Ach, Franz! Franz! wie unendlich viel Maronen, Soubröt⸗ chen, Holzbündel und Lothe Kaffee's könnten wir für zwei Franken anſchaffen! Wie oft Glühwein kochen und dem Großpapa ein warmes, kräftiges Eſſen aus der Gar⸗ küche beſorgen!“ „Bei vierzig Tauſend halben Franken“— meinte Franz—„könnte uns der Großpapa in eine Schule ſchicken, damit wir leſen, ſchreiben und rechnen wie andere Kinder lernten, die noch nicht ſo alt ſind als wir.“ „Wie?“ rief Störſteffen betroffen aus.„Ihr ſeid noch in keine Schule gekommen? Könnt alſo noch nicht 129 einmal leſen, ſchreiben und rechnen? Kennt noch nicht unſern Herrgott und ſeinen Sohn? Nicht die ſchönen Geſchichten aus der Bibel?“ „Nicht doch!“ verſetzte Franz faſt beleidigt.„Den lieben Gott und ſeinen Sohn kennen wir alle beide. Auch die Geſchichte von dem Paradieſe und der Schlange, und 3 von dem verlornen Sohne und von dem barmherzigen Samariter. Wann der Großpapa Abends von Herrn Dupont kommt oder mit ſeiner Arbeit zu Stande iſt, dann erzählt er uns von den heiligen Dingen.“ „Alſo bei Herrn Dupont hält er ſich auf und ar⸗ beitet?“ fragte Störſteffen.„Iſt das der Hofjuwelier Dupont?“ „Habe ich denn das geſagt?“ fragte Franz er⸗ ſchrocken. „Ja!“ ſprach Helviſe.—„Du haſt dich vergallopirt. Bitte Herrn Störſteffen, daß er ſich gegen den Großpapa nichts merken läßt.“ „Das verſpreche ich“— antwortete Störſteffen— „obſchon arbeiten keine Schande macht. Da arbeitet wohl euer Großvater als Juwelier?“ „Ja!“ ſagte Franz.„Er hat auch die Ohrglocken und Euern Ring und Eures Sohnes Buſennadel gefertigt. Seht, dort im Winkel ſteht ſeine kleine Werkſtatt. Aber er dauert mich ſehr, der gute Großpapa. Bloeß um uns nicht darben zu laſſen, plagt er ſich den ganzen Tag. Er klagt recht, daß ſeine Augen durch die feine Arbeit ab⸗ legten, daß er von dem Dunſt des Schmelzens kurzen Rieritz. Störſteffen und ſein Sohn. 9 130 Athem und von dem vielen Krummſitzen argen Rücken⸗ ſchmerz bekäme.“ „Das iſt mir nicht unlieb zu hören“— ſprach Störſteffen.„um ſo eher wird Euer Großvater auf meinen Antrag eingehen.“ „Er kommt!“ rief Helviſe haſtig—„ich erkenne des Großpapa's Tritt.“ Zehntes Rapitel. Der Handel. Wirklich war es der Marquis von Beaulis, wrlcher in das Stübchen trat und bei Störſteffens unerwartetem Anblick ein etwas finſteres Geſicht machte. Deſto heitrer, ja ſeliger ſtrahlten diejenigen ſeiner Enkel, in deren Augen ein wahrer Silberblick blitzte. „O wie ſchön, daß Sie kommen, liebſter Großyapal⸗ ſprach Helviſe, kaum ein lautes Aufjauchzen unterdrücken konnend. „Ja!“ fuhr Franz fort, indem er vergnügt ſeine Sine rieb—„Herr Störſteffen hier hat eine geiche Nachricht für Sie, guter Großpapa!“ „Zwei hundert Säcke und in jedem Sacke hundert baare Franken!“ ſprach Helviſe, deren Sians höher anſchwoll. „Das thut zwanzig Tauſend ganze oder vierzig Tau⸗ ſend halbe Franken!“ rechnete Franz vor. X 131 „Sie haben ſich, wie ich höre, einen Spaß gegen die Kinder erlaubt, Herr Störſteffen?“ fragte der Marquis verdrießlich. Nichts weniger als das!“ erwiederte Störſteffen. „Ich kam in der Abſicht, Sie zu fragen, ob Sie eines Ihrer Güter, oder einen Gegenſtand Ihres Beſitzthums an mich für die Summe von zwanzig Tauſend Franken ablaſſen wollen.“ „Glauben Sie, mein Herr!“ fuhr der Marquis zornentbrennend auf—„daß Sie mich ungeſtraft wegen meiner Armuth verhöhnen dürfen?“ „Da ſei Gott vor!“ ſprach Störſteffen gutmüthig. „Meine Anfrage iſt die ernſthafteſte von der Welt, und eine Frage zu thun, iſt ja erlaubt, wie das Sprüch⸗ wort ſagt.“ „Ich aber ſage Ihnen, daß ich kein Gut, keinen Ge⸗ genſtand beſitze, welcher zwanzig Tauſend Franken werth wäre“— erwiederte der Marquis, immer noch gereizt. „Das kann Ihr Ernſt nicht ſein“— ſagte Stör⸗ ſteffen.„Betrachten Sie einmal dieſe Ihre lieben Enkel! Würden Sie mir einen derſelben für zwanzig Tauſend Franken ablaſſen?“ „Hm! allerdings— wenn Sie die Sache alſo dre⸗ hen“— verſetzte der Marquis.„Nein! nein!“ fuhr er in heftiger Rührung und aufwallender Zärtlichkeit fort —„meines Sohnes Kinder ſind mir um keine Million feil.“ „Sehen Sie!“ ſprach Störſteffen lächelnd—„Sie ſind reicher als Sie denken, Herr Marquis. Nun laſſen 9* 132 Sie uns Ihre Güter und Beſitzgegenſtände weiter heleuchten. Was meinen Sie zu Ihrer rechten Hand? Würden Sie ſich dieſelbe abſchneiden laſſen, wenn ich Ihnen zwanzig Tauſend Franken dafür böte? Oder Ihren Fuß? oder gar Ihren Kopf?“ „Sie ſcheinen heute abſonderlich bei Laune zu ſein, Herr Schmidt!“ verſetzte der Marquis—„weil Sie zum Scherzen geneigt ſind.“ „Ich wiederhole Ihnen, daß es mein bitterer Ernſt iſt“— betheuerte Störſteffen.„Hören Sie mich gelaſſen an, Herr Marquis. Ich will Ihnen für zwanzig Tauſend Franken etwas abkaufen, was weder Ihre Perſon, noch die Ihrer Enkel betrifft.“ „Dann ſteht Ihnen Alles zu Dienſte“— ſagte der Marquis—„denn meine geſammte Habe iſt nicht acht hundert Franken werth.“ „Geben Sie mir Ihr Wort darauf?“ fragte Stör⸗ ſteffen und hielt dem Marquis die Hand zum Ein⸗ ſchlagen hin. „Hm!“ meinte jener—„erſt muß ich doch wiſſen, um was es ſich handelt.“ „Es handelt ſich um nichts weiter“— caſc Störſteftn—„als um einen Hauch, um einen leeren Schall, um ein einziges Wort, für welches ich Ihnen zwanzig Tauſend Franken zahle.“ „Erklären Sie ſich deutlicher, Herr Schmidt!“— prch der Marquis geſpannt. 6 133 „Nun denn!“ antwortete Störſteffen.„Es handelt ſich mit einem Worte: um Ihren Namen!“ „Um meinen Namen?“ fragte der Marquis zurück⸗ prallend—„und wozu?“ „Ich will ihn käuflich an mich bringen, um ihn dann meinem Sohne zu geben“— entgegnete Störſteffen. „Die Sache iſt dieſe. Mein Sohn Stephan iſt ein guter, aber auch ſchwacher Junge, welchem mein Reichthum den Kopf verdreht und eitel gemacht hat. Er findet jetzt erſt den Spitznamen: kleiner Störſteffen, wie er noch immer genannt wird, abſcheulich und droht mir, ſich zu Tode zu härmen, wenn ich ihm nicht einen andern Namen verſchaffe. Das kann nun natürlich nicht anders ge⸗ ſchehen, als indem ich ihm einen Grafen⸗, Marquis⸗ oder Baronstitel kaufe, durch welchen der kleine Störſteffen beſeitigt wird. Nun bin ich überzeugt, daß ich ſchon für zehn Tauſend Franken einen recht hübſchen und vornehmen Namen zu kaufen bekomme. Allein aus mehrfachen Gründen und aus wohlmeinender Abſicht mochte ich vor⸗ zugsweiſe den Ihrigen an mich bringen. Wir könnten erſtens den Handel in aller Stille abmachen. Zweitens liebt mein Sohn vorzugsweiſe Sie und daher auch Ihren Namen. Drittens glaube ich Ihnen einen Dienſt zu er⸗ weiſen, und zwar um ſo mehr, da ich freiwillig mein Gebot bis auf zwanzig Tauſend Franken erhöhe.“ „Kein Wort weiter, mein Herr!“ ſprach der Mar⸗ quis heftig.„Ich habe Sie ungehindert ausreden laſſen. Aber Ihr Antrag beleidigt mich höchlich.“ 134 „Sie wollen alſo nicht?“ fragte Störſteffen erſtaunt und betroffen. „Nie! unter keiner Bedingung!“ rief der Marquis. Da machte auf den beiden, erſt noch ſo ſeligen Ge⸗ ſichtern der beiden Kinder die Freude einer tiefen Trauer Platz. Die hellen Thränen traten in die eben erſt ſo freudeſtrahlenden Augen Franzens und Helviſens, und letztere wendete das beſtürzte Antlitz dem Bruder zu. „Großpapa will nicht!“ flüſterte ſie leiſe und be⸗ trübt. „Er will nicht!“ wiederholte Franz und ſchlug ver⸗ zweifelnd die Hände zuſammen. „Da iſt es nichts mit den Maronen und den vielen Soubrötchen und den Holzbündeln und den Lothen Kaffee's“— ſchluchzte Helviſe. „Nichts mit dem Glühweinkochen und dem Eſſen⸗ holen aus der Garküche“— fuhr Franz fort. „Wir werden wieder hungern, frieren und auf den Straßen umherſuchen müſſen“— weinte Helviſe.„Und der Großpapa wird ſich blind arbeiten und ſich als Die⸗ ner verkleiden, und noch Vieles thun müſſen, was ihm ſonſt ſo ſauer ankam.“ „Vierzigtauſend halbe Franken mir nichts dir auszuſchlagen!“ ſeufzte Helviſe. „Und das um eines einzigen Wortes willen!“ ſetzte Franz hinzu. „Aber ich verſichere Ihnen, Herr Marquis!“ nahm Störſteffen das Wort—„daß ſich Hunderte von Edel⸗ 135 leuten finden werden, welche mit Freuden ihren Titel an mich verkaufen wollen.“ „Mag es ſein!“ verſetzte der Marquis.„Nichtswür⸗ dige ſind es, welche des Namens ihrer Ahnen unwerth ſind. Aber ich für meine Perſon gedenke den ehrenvollen Namen des alten Geſchlechts von Beaulis mit in mein Grab zu nehmen.“ „Gut! aber Ihre Enkel, Herr Marquis?“ fragte Störſteffen. „Ich hoffe, daß ſie nicht aus der Art ſchlagen, ſon⸗ dern wie ich denken, ſprechen und handeln werden.“ „Hörſt du, Franz?“ ſprach Heloiſe ängſtlich—„ſter⸗ ben ſollen wir beide ohne Gnade und Barmherzigkeit. Ach, und mich ſchauerts, wenn ich an das Grab denke, das am Ende noch kälter iſt als der Mühlgraben, aus welchem mich der kleine Störſteffen errettete.“ „Ich lege noch 5000 zu“— hob Störſteffen an. „Nichts mehr! Sie beleidigen mich, Herr!“ rief der Marquis hitzig. „Geſtatten Sie mir noch ein Gleichniß zu machen, Herr Marquis!“— bat Störſteffen.„Geſetzt, Sie beſä⸗ ßen eine Bauſtelle in Paris und zwar in deſſen ſchönſter Lage. Das früher darauf geſtandene Haus iſt eingeſtürzt und bedeckt mit ſeinen morſchen Trümmern die ganze Bauſtelle. Sie ſelbſt ſind nicht willens oder nicht ver⸗ mögend genug, um ein neues Gebäude aufführen zu laſſen. Es meldet ſich aber ein Käufer, welcher Ihnen um hohen Preis die Bauſtelle abkaufen will. Wird man Sie tadeln 136 können und dürfen, wenn Sie den Kaufantrag eingehen? Sie aber finden vielmehr eine Beleidigung in dem wohl⸗ gemeinten Antrage des Käufers!“ „Alle Gleichniſſe hinken und das Ihrige ganz be⸗ ſonders“— verſetzte der Marquis kurz.„Sie wiſſen meine Meinung und dieſe iſt unumſtößlich.“ Da ging Meiſter Störſteffen. „Wunderlicher Mann, der alte Marquis!“ ſprach er kopfſchüttelnd.„Wüßte ich, daß ich, mein Sohn, meine Frau oder Tochter eben ſo verſtockt würden, wenn wir den Namen Beaulis annähmen: ſo würde ich mich für denſelben bedanken.“ „Geh', du geldſtolzer Schtoſſermeiſter!“ brummte der Marquis, als Störſteffen fort war—„der du meinſt, mit deinen Geldſäcken mir die Ehre abkaufen zu können. Dir freilich wäre Alles für Geld feil und daran erkennt man das unedle Blut.“ In der darauffolgenden Nacht konnte der Marquis faſt kein Auge zuthun, was ſehr oft ein Beweis iſt, daß es um unſer Gewiſſen nicht recht richtig ſteht. Aber auch Franz und Helviſe durchwachten faſt die ganze Nacht, wenn ſchon nicht wegen Gewiſſensbiſſen, ſondern aus Kummer. Ihr Großvater hörte ſie beide unter ihren Lagerdecken leiſe ſchluchzen. „Warum weint ihr?“ fragte er ſtreng.„Was giebts?“ „Nichts, lieber Großpapa!“ verſetzte Franz furcht⸗ ſam.„Wir hatten einen böſen Traum.“ aA3r „Alle beide?“ erwiederte der Marquis ungläubig. „Iſt das möglich?“ „Franz hat mir den ſeinigen erzählt“— antwortete Helviſe—„und da mußte ich mit ihm weinen, weil der Traum ſo gar traurig war.“ „Das iſt ſicherlich eine Lüge!“ dachte der Marquis. „Gewiß ſtecken den Kindern nur die 20,000 Franken im Kopfe.“ Das Schickſal ſchien ſich mit Störſteffen gegen den Marquis verſchworen zu haben, denn, da dieſer eines Morgens, wie gewohnlich in die Wohnung des Hofjuwe⸗ liers ging, fand er deſſen Angehorige in der größten Be⸗ ſtürzung, Herrn Dupont vom Schlagfluſſe getroffen, todt und deſſen Arbeiter entlaſſen. Betroffen kehrte der Mar⸗ quis nach Hauſe zurück, denn er hatte bisher nur von ſeinem täglichen Arbeitslohne ſich und ſeine Enkel erhalten. Daheim fand er Franz und Helviſe ſtill und nieder⸗ geſchlagen neben einander ſitzen. Beide hatten rothe, verweinte Augen. Der Marquis bemerkte dieß mit fin⸗ ſterm Blick und begab ſich an ſeine Werkſtatt, ohne je⸗ doch eine beſtimmte Arbeit vorzunehmen, weil ihm dazu der Stoff mangelte. Er begnügte ſich daher damit, ſeine Werkzeuge zu putzen und zu ordnen.* „Warum weint ihr ſchon wieder?“ fuhr der Mar⸗ quis nach einer Weile die Kinder an, welche die von Störſteffens Kindern erhaltenen Bücher vor das Geſicht hielten, um ihre rinnenden Thränen zu verbergen. „Wir weinen“ verſetzte Franz—„weil wir dieſe 138 —ſchonen Geſchichten nicht leſen können, welche ſo hübſche õ Bilder haben.“ Dieſe Antwort gab dem Marquis einen ſchmerzhaften Stich in's Herz. In großer Stille und Langſamkeit verſtrich die Zeit bis zum Mittage.* „Großpapa, wollen Sie mir Geld geben“— fragte Helviſe—„daß ich etwas zu eſſen beſorgen kann?“ „Hm! hm!“ verſetzte der Marquis ganz verlegen— „ich bin nicht hungrig und hoffentlich könnt ihr es auch noch ein paar Stunden mit anſehen.“ Bedeutſam nickte Helviſe ihrem Bruder zu.„Hab' ich's nicht vorausgeſagt“— flüſterte ſie ihm zu—„daß nun das Hungern beginnen würde? Und wann der Winter kommt, auch das Frieren, wenn wir nicht ſchon eher ſterben müſſen.“ Plötzlich pochte es draußen gegen die Thür. Der Marquis fuhr zuſammen.„Geh' und ſieh, wer da iſt“ — gebot er ſeinem Enkel. Dieſer kehrte mit einem Briefe in der Hand zurück. „Der Diener des Herrn Störſteffen brachte ihn“— berichtete Franz.„Zugleich will er wiſſen, ob er auf Antwort warten könnte.“ aſtig erbrach der Marquis das Schreiben. Nach einigen unverſtändlich abgeleſenen Worten fuhr der Mar⸗ quis lauter fort:—„Auf meine Aufforderung in den öffentlichen Blättern haben ſich ſehr viele und edle Ge⸗ ſchlechter gemeldet, welche für eine mäßige Summe mir ihren Titel und Namen verkaufen wollen. Allein bevor * 139 ich wähle, biete ich nochmals für die Ueberlaſſung Ihres Namens 40,000 Frankes. Ein kurzes Ja oder Nein gegen den Ueberbringer dieſes Brieſes wird mir als Ant⸗ wort genügen.“ Der Marquis, das Schreiben in ſeiner heftig zittern⸗ den Hand haltend, ging mit großen Schritten die Stube einigemale auf und ab. Wiederholt ſchaute er auf ſeine Enkel hin, welche mit flehenden Blicken den ſeinen be⸗ gegneten. Einen ſchweren, einen harten Kampf beſtand der Stolz mit der Liebe. Endlich trat der Marquis zum Tiſche, auf welchen er, wie zu ſeiner Kräftigung, die Rechte ſtützte. Mit lauter, feierlicher Stimme hob er an:„Wie ſprach der Verſucher? So du vor mir niederfällſt und mich anbe⸗ teſt, ſo will ich dir dieß Alles geben! Was aber ent⸗ gegnete der Herr dem Teufel?— Der Menſch lebet nicht vom Brote allein. Darum ſage auch ich: hebe dich weg von mir, du Verfluchter!— Franz! geh' hinaus und ſage dem Diener: Nein und nochmals Nein!“ „Wirſt du ſogleich gehorchen?“ fuhr er fort, da der Knabe voll ängſtlicher Beſtürzung ſtehen blieb. Da ſchlich der arme Kleine hinaus, um mit ſchluch⸗ zender Stimme das ſchlimme Nein des harten Großva⸗ ters auszuſprechen. Dieſer ging wieder an ſeine Werkſtatt und kehrte den Kindern den Rücken zu. „Hört das Weinen denn gar nicht auf?“ rief er ſpäter erzürnt aus, wobei er ſich umwendete. 140 Die Kinder zerfloſſen in Thränen. Da ſchmolz auch der Eiſenpanzer, mit dem der Marquis ſein Herz gegen die ſtillen Vorwürfe ſeiner En⸗ kel gewappnet hatte. Er nahete ſich ihnen und ſprach mit ganz verändeter, weicher Stimme: „Ich kenne die Urſache eurer Thränen. Das Geld Störſteffens iſt's, das ihr betrauert. Aber mit Unrecht. ʒ Ich muß es beſſer wie ihr unverſtändigen Kinder wiſſen. Ihr wollet etwas verkaufen, was euch Niemand in der Welt wiedergeben kann. Verlorenes, entwendetes und geraubtes Gut kann man auf irgend eine Art wieder er⸗ langen oder erſetzt bekommen; doch den ehrenvollen Na⸗ men eines alten, edeln Geſchlechts niemals. Dieſen edeln Namen haben eure Vorfahren mit ihrem Gute und Blute erkämpft und rein bewahrt bis auf den heutigen Tag. Ich für meine Perſon werde zwar den Namen Beaulis nicht lange mehr führen, weil meine Lebenstage gezählt ſind. Allein ihr könnet deſto größeren Nutzen davon ziehen, mehr noch, als von etlichen vollen Geldſäcken. Wollte ich euren Namen und hohen Stand verkaufen, ſo würdet ihr, wenn ihr erwachſen und verſtändiger ge⸗ worden ſeid, mir deshalb noch im Grabe die bitterſten Vorwürfe machen.“ „O nein! nein!“ ſprachen Franz und Helviſe ein⸗ müthig. „Und nicht bloß ihr“— fuhr der Marquis, die Einſprache ſeiner Enkel unbeachtet laſſend—„ſondern auch die Welt, eure Standesgenoſſen, ja ſelbſt euer ſeli⸗ 141 ger Vater, welcher zürnend auf mich hernieder blicken würde.“ „O nein! nein!“ ſchluchzten die Kinder.„Das würde unſer Vater nicht.“ „Ihr ſeid von Störſteffens Geſchenken beſtochen und verſteht noch nichts!“ verſetzte der Marquis, welcher hierauf ſeinen großen Koffer öffnete und ein zuſammen⸗ gelegtes Pergament daraus hervorholte. Es war der Stammbaum des Marquis. „Sehet her!“— ſprach er zu ſeinen Enkeln— „hier der erſte Ahn der Beaulis; Marcel von Trémont. Derſelbe erhielt vom Könige Philipp III., den er mit Ge⸗ fahr ſeines Lebens aus den Händen feindlicher Spanier befreit hatte, den Namen von Beaulis, weil er auf ſeinem Schilde eine weiße Lilie im grünen Feld trug. Zugleich ſchlug ihn der König zum Ritter, ernannte ihn zum Marquis und belehnte ihn mit drei Gütern, welche damals das Marquiſat von Beaulis ausmachten. Hier ſehet ihr ferner die Söhne und Töchter jenes Ahnherrn, deren Nach⸗ kommen wieder neue Linien der Beaulis bilden. Ha! He⸗ loiſe! du weineſt noch immer? Deine Thränen träufeln auf das Pergament hernieder und verlöſchen die Blätter des Stammbaums.“ „Verzeihen Sie, liebſter Großpapa!“ ſchluchzte Helviſe —„Ach, mich hungert gar zu ſehr!“ „Mich auch!“ platzte Franz heraus. „Guter Gott!“ rief der Marquis erſchüttert aus. „Die Sproßlinge eines ſo alten, edlen Geſchlechts— ſie 3 142 beſitzen nicht einmal ſo viel, um ihren Hunger ſtillen zu können. Wehe! wehe!“ Der Marquis verhüllte mit ſeinen Händen das Antlitz. „Du“— ſagte Franz leiſe zu ſeiner Schweſter— „ich wünſchte, daß dieſer gemalte Baum ein wirklicher wäre und für uns recht viele Aepfel oder Birnen trüge. Hei! wie ſollten die uns jetzt ſchmecken!“ „Es pocht draußen!“— verſetzte Helviſe. „Sieh nach, wer es iſt“— gebot der Marquis. Meiſter Störſteffen war es, zu welchem Franz drau⸗ ßen heimlich ſagte:„Ach liebſter Herr Störſteffen, reden Sie doch unſerm Großpapa recht zu, daß er Ihnen unſern Namen abläßt. Ich mache mir gar nichts daraus und Helviſe auch nicht.“ Anfänglich wollte der Marquis den angemeldeten Störſteffen nicht vor ſich laſſen. Auf Bitten ſeiner Enkel ließ er es endlich geſchehen. „Was wollen Sie noch bei mir?“ redete er den eintretenden Meiſter finſter an. Ich will Ihnen den letzten Vorſchlag der Güte thun“— verſetzte Störſteffen.„Herr Marquis! wollen Sie auch dann den Kauf nicht eingehen, wenn ich Ihnen 50,000 Franken für Ihren Namen biete? Das iſt aber das äußerſte und letzte Gebot. Schlagen Sie auch dieſes aus, ſo kaufe ich morgen für nur 18,000 Franken den Titel eines Grafen von Tartonne, der meinem Sohne unter den übrigen, uns zum Kauf angetragenen Namen noch am meiſten gefüllt.“ 14¹3 „Es iſt nicht edel von Ihnen, Herr Schmidt!“— erwiederte der Marquis tiefathmend—„daß Sie die augen⸗ blickliche Verlegenheit und Noth eines Mannes benutzen, um ihn zu einem unverantwortlichen Schritte zu bewegen. Jo, Herr Schmidt! ich will es Ihnen entdecken, daß wir uns gerade jetzt in Bedrängniß befinden, daß meine armen Enkel hier nichts zu eſſen haben und hungern. Aber dennoch“— Schmerz und Wehmuth erſtickten des Marquis Stimme und er wendete ſich, um ſeine Bewegung zu verbergen, abſeits. „Die armen, guten Kinder!“ ſprach Störſteffen mit⸗ leidsvoll.„Warum ſind ſie nicht zu mir gekommen, um ſich ſatt zu eſſen? Ich will ſogleich nach Hauſe gehen und meinen Diener mit einigen Schüſſeln Eſſen und einer Flaſche Wein herſchicken.“ „Nein! nein!“ erwiederte der Marquis heftig.„Ich danke Ihnen, aber ich kann Ihre Geſchenke nicht an⸗ nehmen.“ „Hm!“ ſagte Störſteffen—„Herr Marquis! Sie ſtchen mit Ihren beiden Enkeln an einem hellen Brunnen und klagen dennoch über Durſt, weil der vorhandene Trinkbecher nur von ſchlechtem Bleche anſtatt von Cryſtall oder Silber, gefertigt iſt. Sie weiſen 50,000 Franken von ſich und laſſen lieber Ihre Enkel darben und— Sie verzeihen mir— als unwiſſende Menſchen aufwachſen. — Können Sie ſolches bei Gott und den verſtorbenen Aeltern dieſer Kinder verantworten? Sie gleichen— nehmen 144 Sie mir's nicht übel— dem Könige von Spanien, wel⸗ cher bei Todesſtrafe verboten hat, die Königin, ſeine Ge⸗ mahlin, zu berühren, ſo daß niemand es wagt, die Königin zu retten, wenn ſie von einem ſcheu gewordenen und durchgehenden Roſſe geſchleift wird, weil das, ohne ſie zu berühren, nicht geſchehen kann. Dieſer ſpaniſche Stolz läßt daher lieber die Königin eines ſchrecklichen Todes ſterben, als ſie anrühren!“ „Mein Herr!“— ſprach der Marquis ſtolz— „Sie denken und ſprechen wie ein Bürger. Ich dagegen wie ein Edelmann. Daher werden ſich unſere Meinungen „ niemals vereinigen.“ „Ich hoffe, ein Edelmann zu werden“— antwortete Störſteffen lächelnd—„werde aber auch dann noch eben ſo denken wie ich zeither gethan habe. Nochmals, Herr Marquis! bis morgen früh zehn Uhr warte ich auf Ihre letzte Erklärung. Bleiben Sie bei Ihrer Weigerung, ſo mache ich den Kauf mit dem Herrn Grafen von Tartonne richtig. Bis dahin empfehle ich mich Ihnen.“ Nachdem Störſteffen gegangen war, verſank der Marquis in tiefe Gedanken. Ach, wie gern wären Franz und Helviſe zu Stör⸗ ſteffens geeilt, um ihren Hunger zu ſtillen! Aber ſie durften das nicht wagen, weil der Großvater nicht mehr zu Herrn Dupont ging, ſondern ſtets daheim blieb. Der Marquis beſaß noch immer ſeine goldene Doſe und etwa die Hälfte der Brillanten darin. Allein er 3— ſcheuete ſich, einen oder einige davon auszubrechen und „ 145 zu verhandeln, weil er ſich nicht einem zweiten Juwelier entdecken wollte. Daher mußten ſich die Kinder mit zwei Soubrötchen heute begnügen, welche ſie auf Borg von dem Bäcker entnahmen. In der folgenden Nacht hatte der Marquis einen ſehr beängſtigenden Traum. Er ſah ſeine beiden Enkel, zu fleiſchloſen Gerippen abgezehrt, im Sarge vor ſich liegen. Die beiden todten Kinder aber behielten ihre Augen offen, welche ſie bohrend auf ihren wehklagenden Großvater richteten. Zugleich ſchienen die farbloſen, geſchloſſenen Lippen zu ſprechen:„Du haſt uns verhungern laſſen um deines Stolzes willen. Der Menſch iſt nicht des Namens wegen da, ſondern der Name um des Menſchen willen. Du aber haſt uns des Namens wegen ſterben laſſen.“ Und als die Kinder in das offene Grab geſenkt wurden, da ſtreckte deren Vater, in deſſen Grab Franz und Helviſe gelegt wurden, ſeine Knochen⸗ arme aus dem morſchen Sarge hervor und ſeine vor⸗ wurfsvolle Stimme ſprach:„Zu mir meine Kinder! An mein noch immer warm für euch ſchlagendes Vaterherz! Warum bliebet ihr ſo lange bei dem Großvater, der einen Namen, einen leeren Schall, heißer und zärtlicher liebte, als ſeine Enkel, als ſein eigenes Fleiſch und Blut? Er mag ſich im Sterben, anſtatt von liebenden Enkeln, von ſeinem Namen die müden Augen zudrücken laſſen. Er mag, wenn er eure freundliche Stimme nicht mehr vernimmt, mit ſeinem Namen ſich tröſten, mit ſeinem Namen, der im Himmel der allerletzte ſein wird.“ Der Marquis erwachte hier, warf ſich unruhig umher Nieritz. Störſteffen und ſein Sohn. 10 „ 146 und ſchlief wieder ein. Aber ein nicht minder ſchrecklicher Traum verfolgte ihn abermals. Jetzt ſah er ſich im Sarge liegen und ſeine Enkel weinend an demſelben ſtehen.„Nun iſt er todt, unſer Großpapa!“ hörte er die Kinder ſchluchzen.„Ach, wer wird nun für uns ſorgen? Wer wird uns nähren, kleiden und Wohnung geben? Betteln gehen müſſen wir, daß ſich Gott erbarme.“ Und die letzten Sprößlinge des ruhmvollen, alten Ge⸗ ſchlechts von Beaulis wanderten, in Lumpen gehüllt, vurch die Straßen der Hauptſtadt, bettelten und empfingen hier ein Stückchen Brot, dort arge Scheltworte. Der Marquis im Sarge ſah aus den Bettelkindern junge Diebe werden, ſah ſie von Stufe zu Stufe zu größeren Schandthaten und endlich die Sproſſen Galgenleiter hinaufſteigen. Und indem der Nachrich tet hanfene Schlinge um ſeines Enkels weißen Hals legte, de melte dieſer erſt, dann ſchrie er mit gellender Stmm zu dem gaffenden Zuſchauerſchwarme hinüber:„Hierher hat mich mein Großvater, der ſtolze Marquis von Beaulis, gebracht!“ Dieſer erwachte, in Angſtſchweiß gebadet. Aus den Lagerſtätten ſeiner beiden Enkel ertönte ein unterdrücktes, klägliches Weinen. Was giebt's?“ fragte er beſorgt, indem er ſich die Schweißtropfen von der Stirne ſtrich. „Uns hungert noch immer!“ verſetzte Franz ſchluchzend. Eine Weile ſchwieg der Marquis, dann hob er mit feierlicher Stimme an: 147 „Wünſcht ihr, daß ich euern Namen an Storſteffen verkaufe?“ „O ja! ja!“ lautete die furchtſame Antwort. „Werdet ihr eben ſo ſprechen, nachdem ihr groß und verſtändig geworden ſeid?“ Si ja⸗ p„Werdet ihr mich niemals anklagen, daß ich euer einziges Erbe, das mir ſelbſt theurer iſt als mein Leben, für ſchnödes Geld dahin gegeben habes“ „Nie! nie!“ „Sehet ihr ein, daß nur Liebe, Liebe zu euch, mich treibt, wenn ich noch euern Wunſch erfülle?“ „Ja, gewiß! o ja!“ „Wenn ich es noch thue, ſo müßt ihr euch entſchlie⸗ ßen, Frankreich, euer Vaterland, auf immer zu verlaſſen. Verſteht ihr euch dazu und willig?“ „Wenn Sie mit uns gehen, Großvater! Recht gern!“ „Ja!“— ſprach der Marquis—„mit dem Verluſte unſres Namens hört Frankreich auf, mein und euer Va⸗ terland zu ſein. Wie könnte ich auch länger da weilen, wo ich lauter Zeugen meiner Schande um mich hätte?! Hört alſo auf zu weinen! Euer Wunſch ſoll erfüllt werden. Möge derſelbe euch nimmer gereuen!“ Das laute Aufjauchzen der Kinder, welches an die Stelle des Schluchzens plötzlich trat, ſchmerzte den Marquis. Er ſchwieg und erwartete ſtumm den Anbruch des Mor⸗ gens. Dann ſprach er zu ſeinem Enkel: „Dem Störſteffen meinen Entſchluß ſchriftlich zu 10* 148 melden, vermag ich nicht. Eile daher zu ihm und ſage ihm, was wir beſchloſſen haben. Aber Störſteffen ſoll ſchnell den Kauf richtig machen und darum einen Notar mitbringen. Es dürfte ſonſt die Reue bei mir kommen.“ Auf Windesflügeln rannte Franz davon. Binnen zwei Stunden war der Handel abgeſchloſſen, welcher damals in Frankreich, wo Alles käuflich, nichts Seltenes war. Störſteffen zahlte die gebotene Summe, mit welcher der Marquis in Begleitung ſeiner Enkel, ſchon am nächſten Tage Paris und bald auch Frankreich verließ. Eilftes Kapitel. Wie man ein Gewiſſen zu beruhigen ſucht. „Mein Sohn“— ſprach Störſteffen, als er nach dem vollzogenen Kaufe und mit dem Marquisdiplom heim⸗ kehrte—„aus Liebe zu dir habe ich einen dummen Streich begangen. Ich meine damit nicht die gleichſam zum Fenſter hinausgeworfenen fünfzig Tauſend Franken, ſondern den Spott der Leute, welche ſich weidlich luſtig über uns ma⸗ chen und uns tüchtig auslachen werden. Du haſt es aber ſo haben wollen, und des Menſchen Wille iſt ſein Him⸗ melreich. Wenn du nun wieder ganz geſund wirſt und glücklich dazu, ſo ſollen mich die 50,000 Franken, die ich für ein Stück Pergament und einen Namten hingegeben habe, nicht dauern. Du aber mußt mir nun auch zu Ge⸗ — — 149 fallen leben und in zwei Stücken beſonders mir gehorſa⸗ men. Das Erſte iſt, daß du täglich mit mir drei Stun⸗ den lang die Schloſſerarbeit fortſetzeſt. Nenne dies eine Grille oder wie du ſonſt willſt. Aber ich beſtehe auf meinem Kopfe. Das Gute haſt du wenigſtens von dieſer Beſchäftigung, daß du nicht ganz das Geſchick und die Luſt zum Arbeiten verlierſt, daß dir weniger Zeit zum Langweilen und zu Thorheiten verbleibt, daß dir das Eſſen und die Ruhe ſchmecken und daß du endlich geſund bleibſt. Den zweiten Dienſt ſollſt du mir ſpäter leiſten, voraus⸗ geſetzt, daß ſich dazu die Gelegenheit bietet.“ Der junge Störſteffen in ſeiner Freude, den verhaß⸗ ten Namen los zu ſein und den Titel eines altadeligen Geſchlechts annehmen zu können, verſprach Alles. Die neue Familie von Beaulis lebte von nun an ſcheinbar in ungetrübtem Glücke. Scheinbar deshalb, weil man den Leuten nicht in's Herz und Gewiſſen blicken kann; weil ferner das äußere Gluck nicht ſtets von dem inneren Glücke begleitet zu ſein pflegt. Da nun aber der Menſch, auch bei dem größten Glücke, noch immer awas zu wünſchen hat, ſo ſtrebte auch der neue Marquis vahin, die vorher von der alten Familie Beaulis beſeſſene Herrſchaft Beaulis käuflich an ſich zu bringen, oder wenig⸗ ſtens das Schloß für einen Sommer bewohnen zu können. Den erſten Wunſch vereitelte des Grafen von Briſſac Weigerung, die Herrſchaft wieder zu verkaufen. Dagegen willigte er ein, gegen einen hohen Miethzins das Schloß 15⁰ von Beaulis für die Dauer des Sommers an den ſon⸗ ſtigen Störſteffen abzutreten. Derſelbe war mit den Seinen noch nicht lange hinausgezogen, als er eines Tages zu ſeinem Sohne ſprach „Lieber Stephan! du kennſt meine ſchwache Seite, alles Geheimnißvolle ergründen zu wollen. Nun bieten mir hierzu die weitläuftigen, unterirdiſchen Räume dieſes Schloſſes einen weiten Spielraum und du ſollſt mein Begleiter und Beiſtand bei meiner beabſichtigten Durch⸗ ſtörung ſein. Während ich eine brennende Laterne, eine Brechſtange und einen Hammer trage, verſiehſt du dich mit einer Hacke und Schaufel, als den vielleicht nöthigen Werkzeugen. Ich habe anbefohlen, daß man uns in kei⸗ nerlei Weiſe ſtöre oder abrufe, und ſollte der König von Frankreich in eigener Perſon uns beſuchen wollen.“ Störſteffen und ſein Sohn traten ihre Wanderung an, wobei der Vater die Vorſicht gebrauchte, jenes Ge⸗ wölbe, welches einſt den Schatz verborgen gehalten hatte, zuletzt aufzuſuchen. Bis dahin war den beiden Störſteffen nichts Außerordentliches aufgeſtoßen. „Hm!“ ſagte der alte Störſteffen etwas ärgerlich— „ſollten wir denn ganz umſonſt uns bemüht haben? Und ich hatte mir keine kleine Ausbeute für meine Neugierde in dieſem alten Schloſſe verſprochen, deſſen unterirdiſcher Bau mich ſchon damals ſo lüſtern machte, da ich noch als Schloſſer hier arbeitete.“ 151 Er leuchtete an den Wänden des vorletzten Gewöl⸗ bes herum. „Ei ſieh doch, Stephan!“ hob er haſtig zu ſeinem Sohne an—„ſcheinen nicht dieſe Mauerſteine nur locker in der Wand zu ſitzen? Klingt das nicht ſo hohl, als wenn wir noch nicht am Ende des Baues angelangt wären?“ Hierauf begann er im Verein mit dem jungen Stör⸗ ſteffen erſt einen Stein und dann auch die übrigen des Einganges herauszunehmen, worauf beide in das Gewölbe eindrangen. Es ſtellte ſich aber Storſteffen ſehr erſtaunt und als ob er zum erſtenmale hier ſich befände. „Was iſt das?“ ſprach er—„da hängt eine un⸗ geheuere Lampe herab— da ſteht ein Tiſch, auf welchem ein dickes Buch liegt— dort eine Bettſtelle— da eine Brunnenröhre und— ha! was ſeh' ich? Ein Sopha mit menſchlichen Ueberreſten! Was mag dies Alles be⸗ deuten? Sieh' Stephan! zwei Todtenſchädel!“ Nachdem Vater und Sohn ſich in Vermuthungen erſchöpft hatten, brachte der Vater die richtige vor. „Sollten es unglückliche Hugenotten geweſen ſein“ — ſprach er—„welche, um den grauſamen Verfolgun⸗ gen unter Ludwig's XIV Regierung zu entgehen, ſich hierher zurückgezogen und ihr Leben beſchloſſen haben? O mein Sohn! wer auch dieſe Aermſten geweſen ſein mögen— handeln wir als chriſtliche Brüder an ihnen und beſtatten wir ihre vermoderten Körper zur letzten Erdenruhe. Die Erde iſt ja allenthalben des Herrn! 152 Darum laß uns gleich hier ein Grab bereiten. Wie gut, daß wir uns mit Hacke und Schaufel verſehen haben!“ Vater und Sohn gingen rüſtig an die Arbeit. Als das Grab weit und tief genug war, um das kleine Häuf⸗ ein der menſchlichen Ueberreſte aufzunehmen, bettete ſie Störſteffen ſo ſchonend wie möglich hinein. Nachdem die Erde wieder darüber hingeſchaufelt worden war, warf ſich der alte Störſteffen auf ſeine Kniee, was der Sohn nachahmte, und beide ſprachen andächtig und mit halb⸗ lauter Stimme die üblichen Gebete und Segnungen her. Dann ſagte der Vater zu ſeinem Sohne:„Die Bibel da wollen wir als herrenloſes Gut und zum Andenken an dieſes Abenteuer an uns nehmen, übrigens aber kein Wort davon verlauten laſſen. Darum ſetzen wir auch die Steine wieder an ihren Ort, weil wir ſonſt nur große Unannehmlichkeiten, anſtatt Dank, davon tragen könnten.“ Nach dieſer Handlung ſprach nun Störſteffen zu ſich ſelbſt:„Werdet ihr nun aufhören, mich faſt all⸗ nächtlich mit euerm Erſcheinen und Drohen zu quälen, daß ich euerm Willen nicht nachgekommen ſei? Sehet, ich habe eure Leiber gebührenderweiſe zur Erde beſtattet und euern Nachkommen viel Gutes erzeigt. Was wollet ihr noch? Darum laſſet mich fortan in Frieden. Wie viele Menſchen werden nach ihrem Tode in die kalte Meerestiefe verſenkt, wie viele auf dem blutigen Schlacht⸗ felde begraben, ohne daß ihre Leiber ein theurer Sarg 153 umſchließt und ein koſtbares Denkmal ihren Namen der Nachwelt verkündet.“ Durch ſolche Selbſttröſtungen ſuchte Storſtffen die Stimme ſeines Gewiſſens zu erſticken, welches ihm vor⸗ warf, daß er eigentlich mit gutem Rechte die reiche Erb⸗ ſchaft nicht beſäße und daß er eben nicht den weiſeſten“ Gebrauch davon mache. Indeß vergingen die Jahre. Roſette, Marquiſe von Beaulis, war zur Jungfrau herangewachſen und wurde die Gattin eines Offiziers der königlichen Schweizergar⸗ den, welcher die ehemalige Schloſſerstochter mehr um ihres Geldes willen als aus Liebe heirathete. Stephan, Roſettens Bruder, gab ſich ganz den Freu⸗ den und Zerſtreuungen hin, welche ihm der Reichthum und der vornehme Stand ſeines Vaters in großer Fülle boten. Da aber unterbrach die große Staatsumwälzung in Frankreich, Revolution geheißen, plötzlich und fürchterlich das glänzende Glück der Reichen und Vornehmen in jenem Lande. Zwölftes Kapitel. Es iſt 2rUes eitel. Es war im Jahre 1793, da es in Paris, ſo wie in ganz Frankreich, ſehr ſchlimm ausſah. Ein frommes Lied ſagt: Gott will, wir ſollen glücklich ſein. D'rum gab er uns Geſege.— Nun dieſe Geſetze und mit ihnen 154 zugleich alle übrigen, welche zum Wohle der Menſchen gegeben ſind, waren in Frankreich mit Füßen getreten worden. Das empörte Volk hatte ſeinen König, die Königin, die koͤniglichen Diener und alle Freunde der koniglichen Familie ermordet, den kleinen Koͤnigsſohn leiblich und geiſtig verkuͤmmern laſſen. Alle Leidenſchaf⸗ ten hatten ſich von den Banden des Geſetzes losgeriſſen, daher Haß, Eigennutz, Ehrgeiz, Rachſucht und hundert andere Laſter unter dem Deckmantel der Vaterlandsliebe ihre Befriedigung ſuchten. Vor betrunkenen Richtern, welche in Hemdsärmeln und Schurzfellen Gericht hielten, ſtanden die vornehmſten und edelſten Franzoſen, um ohne Weiteres zum Tode verurtheilt zu werden, weil einer ihrer Feinde ſie fälſchlich als Königsfreunde oder als Vater⸗ landsverräther angeklagt hatte. Zuweilen geſchah es, daß man die Verurtheilten ſogleich aus den Fenſtern hinab auf die Straße warf, wo ſie von den Bajonetten blut⸗ dürſtiger Horden aufgefangen und zerfleiſcht wurden. Auch ſah man lange Züge von Karren, auf welchen andere Verurtheilte nach dem Richtplatze gebracht wurden, wo die Guillotine faſt unaufhörlich köpfte und einen Blut⸗ berg um ſich anhäufte. Wiederum ſtellte man Hunderte unſchuldig verurtheilter Menſchen jeglichen Alters und Stan⸗ des in Haufen auf, um ſie durch Kartätſchenfeuer aufreiben zu laſſen, weil die Guillotine zu langſam noch ihr Blut⸗ geſchäft verrichtete. Andere Unglückliche ſtellte man, paar⸗ weiſe zuſammengebunden, auf einen Bretboden, welcher zwiſchen zwei von einander ſtehenden Seineſchiffen befeſtigt 155 war. Dann öffnete ſich unter den ſchuldloſen Opfern plotzlich der Boden und jene ſtürzten hinab in die Fluthen, wo ſie, durch das Zuſammenfeſſeln am Schwimmen be⸗ hindert, geraume Zeit mit dem Tode kämpfen mußten. Dieſe qualvolle Todesart nannten die Henker eine repu⸗ blikaniſche Hochzeit! Durch die Straßen von Paris bewegten ſich zügel⸗ loſe Volkshaufen, in ihrer Mitte arme Opfer mit ſich ſchleppend, welche von den Raſenden an den nächſten La⸗ ternenpfahl aufgeknüpft wurden, ohne daß man ihnen ein anderes Vergehen zur Laſt legen konnte, als vornehm oder reich geweſen zu ſein. Andere Rotten überfielen die Wohnungen der Vornehmen und Reichen, Alles ver⸗ nichtend, was ſie nicht mit fortnehmen konnten. Ein ſolcher zügelloſer, ſchreiender und betrunkener Haufe bemächtigte ſich auch des Hauſes unſeres vormali⸗ gen Störſteffens. Im Nu waren alle Thüren eingeſchla⸗ gen, erbrochen und bei Seite geworfen. Niemand wider⸗ ſetzte ſich den Tobenden, als ſie die breiten Treppen hinauf und in die ſchön geſchmückten Zimmer eindrangen. Hier begann ſofort das Werk des Plünderns und des Ver⸗ nichtens. In tauſend Splittern zerſchlagen wurden die hohen, koſtbaren Spiegel, die theuern Gemälde, die präch⸗ tigen Möbeln, die Glas⸗ und Porzellangefäße, zerſchnit⸗ ten und zerſtückt die Vorhaͤnge, die Betten und die Wäſche, beſchmuzt und mit Ruß geſchwärzt die ſchönen Tapeten Wer davon etwas ſchonen und an ſich nehmen wollte, wurde als Verräther ausgeſchrieen und mit dem Tode 156 bedroht, daher nur das Geld und die leichter zu verber⸗ genden Koſtbarkeiten in die Taſchen der Plünderer fielen. Nachdem nichts mehr zu nehmen und zu vernichten war, wälzte ſich der Haufe, welcher durch Störſteffens Weinvorräthe in den höchſten Grad der Trunkenheit ge⸗ rathen war, weiter, um anderen Häuſern gleiches Schick⸗ ſal zu bereiten. Ein Mann in gemeiner, ſchmuziger und durchlöcher⸗ ter Kleidung, eine wollene, rothe Zipfelmütze tief in das mit Ruß geſchwärzte Geſicht gedrückt, hatte mit dem tol⸗ len Haufen zugleich das Haus verlaſſen. In der linken Hand trug er eine eiſerne Brechſtange und in der rechten einen ſchweren Hammer. Allein noch ſchwerer ſchien ſein Kopf zu ſein, daher ſeine Beine nicht mehr Herr über ſich ſelbſt waren. Arg taumelnd bewahrte er ſich dadurch nur vor dem Hinfallen, daß er ſich längs den Häuſerwänden fortgriff, worüber er von der Menge weg⸗ und in eine ſchmale Seitengaſſe gerieth. Hier warf er ſich neben einer Haus⸗ thür nieder und trällerte eine von den damaligen Volks⸗ melodieen, die mit den Worten endigte:„Ga ira.“ Nicht lange darauf langte ein zweiter Rothbemützter an, deſſen Geſicht ebenfalls durch Schmuz und Ruß ent⸗ ſtellt war. Als er ſeinen Kameraden am Boden liegen ſah, rief er im niedrigen Volkstone aus:„He, Berdouin! willſt du ſchon ausruhen? Nichts da! Noch giebt's viel zu thun für uns.“ Und er ſuchte den Betrunkenen vom Boden zu erheben, was ihm aber nicht gelang. Da rief i er ein vorübergehendes Weib an:„Heda, Bürgerin! hilf mir da meinen Gevatter auf die Füße ſtellen.“ Das Weib, welches nicht beſſer ausſah wie die bei⸗ den Männer, folgte dem Rufe, und da beide zugleich dem Betrunkenen unter die Arme griffen, gelang es ihnen, den⸗ ſelben fortzuführen. „Allons!“ munterte der jüngere Mann ſeinen Ge⸗ fährten auf—„friſch darauf los! Ca ira! ga ira!“ „Ca ira! ga ira!“ fiel auch das Weib mit laut krei⸗ ſchender Stimme ein, und in dieſe Klänge einſtimmend, begann der Gefährte raſcher und nach dem Takte des Geſanges zu marſchiren. So ging es durch die Schlagbäume nach der Vor⸗ ſtadt und immer weiter hinaus. Endlich, da die Gegend umher öde und ſtill geworden war, warf ſich der von ſeinen Begleitern geführte Mann wieder an die Erde, und da er niemand weiter in der Nähe erblickte, ſprach er mit ganz veränderter, leiſer Stimme: „Ach, Blanchette! Stephan! welch' ein Tag! Wenig mehr als Bettler ſind wir!“ „Nicht einmal Bettler!“ verſetzte der junge Marquis von Beaulis, jetzt wieder der kleine Störſteffen geworden, „denn dieſen braucht nicht um ihren Kopf zu bangen.“ „Ach! und mein armes Kind! meine Roſette!“ klagte Frau Störſteffen.„Wo wird ſie ſein? Ob oder todt?“ „Von den braven Schweizern werden wohl wenige nur ſich retten können“— erwiederte Störſteffen 158 ſeufzend.„Gegen dieſe Treuen kehrte ſich der ganze Haß des Volks. Vielleicht, daß Roſette noch in Zeiten ge⸗ flüchtet iſt.“ „Ach, wenn wir nur erſt den Fuß aus dieſem blut⸗ getränkten Lande geſetzt hätten!“ ſprach Blanchette. „Ja wohl!“ entgegnete Störſteffen—„und darum rathe ich, daß wir nicht erſt auf Nachricht von Roſette warten. Wir drei erregen ſchon Verdacht, geſchweige wenn noch ein Viertes ſich uns zugeſellt, das ſich nicht ſo verſtellen kann wie wir. Unſer Herrgott möge unſere Tochter in ſeinen allmächtigen Schutz nehmen und ſie uns glücklich wiederfinden laſſen. Haſt du etwas retten können, liebe Frau?“ „Eine Handvoll Gold⸗ und Silberſtücke nur“— antwortete Frau Störſteffen.„Ein Kerl riß mir das Schmuckkäſtchen aus den Händen, das ich glücklich erwiſcht hatte.“ „Es waren für 80,000 Franken Edelſteine darin!“ ſeufzte Störſteffen.„Und du, Stephan?“ „Ich fürchte“— erwiederte dieſer—„daß ich kaum achtzig Louisd'or bei mir trage.“ Mehr beſitze ich jedenfalls auch nicht“— geſtand Störſteffen.„Ach! es moͤchte noch Alles ſein, wenn wir nur erſt unſer Leben geſichert wüßten!“ Das blieb ihnen geſichert; denn nach vielen Mühſe⸗ ligkeiten und Gefahren erreichten Vater, Mutter und Sohn Deutſchlands Gränzen. Hier ſanken ſie auf ihre Kniee nieder und dankten dem lieben Gott mehr, als da Stor⸗ 159 ſteffen ſo ſehr mit Reichthum geſegnet worden war. Nur die Sorge um Roſettens Schickſal bekümmerte ſie noch. Störſteffen beſchloß, bis Frankfurt am Main zu wan⸗ dern und von dort aus Nachrichten über Roſetten einzu⸗ ziehen und abzuwarten. Auf ihrem Wege ſtießen ſie auf zahlloſe Flüchtlinge, welche meiſtens wenig mehr als das bloße Leben gerettet hatten. Dieſe Aermſten beſtanden faſt insgeſammt aus den vornehmſten Perſonen, welche um ſo hulfloſer waren, weil ſie früher ſich von einem Dienerheere hatten bedienen laſſen und nunmehr zu der leichteſten Arbeit ungeſchickt waren. Als Störſteffen nebſt den Seinen Frankfurt bis auf eine halbe Wegſtunde nahe gekommen war, bemerkten ſie hinter einer Weißdornhecke, vor welcher ſie ſich, um aus⸗ zuruhen, niedergelaſſen hatten, fünf ihrer vertriebenen Lands⸗ leute, welche leicht an ihrer franzöſiſchen Tracht zu erken⸗ nen waren. Aber dieſe Kleidung, ſo fein und theuer ſie auch vor Zeiten geweſen ſein mochte, war jetzt beſchmuzt, theilweiſe durchlöchert und in einem unhaltbaren Zuſtande. Störſteffen wurde tief erſchüttert, als er jetzt folgendes, in franzöſiſcher Sprache geführte Geſpräch vernahm: „Graf von Briſſac“— hob eine von den beiden Damen unter den Ausgewanderten an—„könnt Ihr mir nicht einen Spiegel, ſei er auch noch ſo klein, verſchaffen? Wir ſind nun bald in Frankfurt und ich beſorge, daß ich um den Kopf einer Nachteule gleiche.“ „Ach, Frau Herzogin“— verſetzte der Graf— „ich bin außer mir, Euch nicht mit dem Gewünſchten 160 dienen zu können. Meine goldene Uhr, deren blanke Ruck⸗ ſeite die Stelle eines Miniaturſpiegels bisher erſetzte, habe ich, wie Ihr wißt, vor drei Tagen verkaufen müſſen, um die Reiſekoſten beſtreiten zu können. Aber, laßt mich Euer Spiegel ſein, Frau Herzogin! Allerdings müßt Ihr Euern Kopfputz ein wenig ordnen. Da iſt erſtens Eure Haartvur verrückt worden und zu weit links gerathen⸗ Dann hat Euer Atlashütchen zwei abſcheuliche Flecke be⸗ kommen und von Eurem Kleide hat ſich ein Stück Kragen los getrennt. Eure Naſenſpitze zeigt einen ſchwarzen Tipps und die rothe Schminke auf der rechten Wange“— „Ihr bringt mich um, Graf! mit Euern Ausſtellun⸗ gen meines Anzuges“— unterbrach die Herzogin den Sprecher.„Wollt Ihr mich ganz in Verzweiflung ſtür⸗ zen?“ „Geht mir es denn beſſer, Herzogin?“ erwiederte der Graf—„Seht hier fünf Knöpfe an meiner Kleidung an nur einem Faden noch hängen. Ach, ich wollte, daß dieſe Knöpfe eben ſo viele Tauſend Republikaner und dieſe Faden Galgenſtricke wären! Dieſe Mörder! mich in einen ſo kläglichen Zuſtand zu verſetzen! Ha! giebt es keine Gerechtigkeit mehr auf Erden? Ritter d'Alnoncourt, tragt Ihr vielleicht eine Nähnadel nebſt etwas feſtem Zwirne bei Euch? Gewiß würde ſich die Frau Marquiſe von Senslis auf mein Bitten bewegen laſſen, dieſe bau⸗ melnden Knöpfe wieder feſt zu bannen.“ „Fi doch!“ entgegnete die Marquiſe.„Welche arge Zumuthung! Ich, die ich in meinem Leben nicht einmal 161 ———— zum Spaße die Nähnadel geführt habe, ſoll Knöpf feſtnähen“ „Nun, da muß ich mich mit Euch tröſten, meine Herren!“ ſprach Briſſac—„Ihr gleichet mir wie ein Ei dem andern. Ha! Baron von Sauciſſe! Eure ſeidenen Strümpfe zeigen vier, nein, fünf Schmuzflecke, welche wie darauf feſtgenäht ſind.“ „Abſichtlich, Herr Graf!“ erwiederte der Baron— „Um eben ſo viel unverſchämte Löcher zu verdecken. Schmuz wird mir eher verziehen als Löcher in den Strümpfen.“ „Mein Gott! mein Gott!“ jammerte, in Thränen ausbrechend, die Herzogin— welch' eine horrible Um⸗ ſtürzung! Die offne Landſtraße mein Ankleidezimmer; eine Dornenhecke mein Schirm; eine Waſſerpfütze mein Spiegel; elende Lumpen mein Anzug! Gott! wo ſind deine Blitze geblieben, welche die Zerſtörer meines Glücks zerſchmettern ſollten?“ „Kommt, ihr Lieben!“ ſprach jetzt Störſteffen er⸗ ſchüttert zu den Seinen.„Ich vermag länger nicht dieſe Klagen mit anzuhören. Wie ungleich glücklicher ſind wir noch, als dieſe Aermſten, die niemals arbeiten gelernt haben und darum hülflos ihrem Unglücke preis gegeben ſind! Wie gern wollte ich ihnen mit einigen Goldſtücken beiſtehen, müßte ich nicht fürchten, ihren Stolz dadurch zu verletzen und ſie zu kränken. Vielleicht bietet ſich mir eine beſſere Gelegenheit dar, wo ich, ohne ihnen weh zu thun, meine Gabe anbringen kann.“ Nieritz. Störſteffen und ſein Sohn. 11 162 Bald war Störſteffen nebſt den Seinen in Frankfurt angelangt. Als ſie hier bei einem Goldſchmiedsladen vor⸗ überkamen, deſſen Herr ſich auf dem Aushängeſchilde Eugen Lilienfeld nannte, ſprach Störſteffen: „Wartet hier ein wenig. Ich will in dieſen Laden treten und fragen, wie viel man uns für unſern geſamm⸗ ten, aus unſerm Schiffbruche geretteten Schmuck zahlen wird. Flüchtlinge bedürfen keines ſolchen mehr. Zugleich werde ich mich erkundigen, wo wir ein billiges Unter⸗ kommen finden können.“ Unter dieſen Worten hatte Störſteffen jenen, vom Marquis gefertigten und dem Schloſſer geſchenkten Ring, den einzigen Schmuck, welchen Störſteffen ſelbſt zur Zeit ſeines höchſten Glücks getragen hatte, vom Finger gezogen. Er trat in den Laden, wo ein junges, ſchönes Mädchen von etwa funfzehn Jahren nähend ſaß. „Ich gehe, meinen Großvater herbei zu rufen“— ſprach das Mädchen, nachdem Störſteffen ſeine Worte ein deutſcher Sprache angebracht hatte, welche, wie ſchon bekannt, ſeine Mutterſprache war. Das Mädchen erhob ſich und zog an einer Klingel⸗ ſchnur, auf deren Ton eine nahe Glasthür aufging und ein ältlicher Herr, mit einer Brille auf der Naſe, herein⸗ trat. In ziemlich gebrochenem Deutſch, welches den ge⸗ bornen Franzoſen verrieth, fragte der Juwelier nach Störſteffens Begehren. Dieſer aber ſtarrte ganz verſtei⸗ nert den alten Herrn an, ſchlug die Hände zuſammen und rief endlich aus: 163 „Jo, ich irre mich nicht! Es iſt der Herr Marquis von Beaulis!“ „Und Ihr?“ verſetzte der Marquis, gleichfalls auf franzöſiſch, indem er ganz betroffen den Fremden genauer betrachtete—„d Himmel! Ihr ſeid Störſteffen— ver⸗ zeiht, ich wollte ſagen, der Herr Marquis von Beaulis!“ „Nicht Marquis, nicht von Beaulis mehr!“ ent⸗ gegnete Störſtefen heiter— ich bin wieder der alte Storſteffen und draußen vor dem Laden ſteht der kleine mit ſeiner Mutter. Mein Adelsdiplom und Euer Stamm⸗ baum ſind von den rothen Republikanern in Stücke zerriſſen und in alle Winde geſtreuet worden. Von meinen reichen Schmuckſachen habe ich nur dieſen Ring, Euer Geſchenk, gerettet. Von faſt anderthalb Millionen Franken ſind mir nur noch gegen zwei hundert Louis dor geblieben und dazu hat man uns als Landesverräther geächtet und verfolgt.“ „Franz! Helviſe!“ rief der alte Marquis voll Freu⸗ den aus— herbei! herbei! Holt ſie herein, unſere Wohlthäter und Lebensretter, die da draußen ſtehen. Will⸗ kommen! Tauſendmal willkommen, Frau Störſteffen, Frau Marquiſe, wollte ich ſagen. Willkommen, herzlich will⸗ kommen, junger Herr! Mein Haus wollen Sie als das Ihrige anſehen. Ach, wie freue ich mich, unſern Wohl⸗ thätern einmal zeigen zu können, wie ſehr und wie tief wir uns ihnen verpflichtet fühlen!“ „Sie beſchämen uns durch Ihre Güte“— ſprach Störſteffen gerührt—„gnädiger Herr Marquis!“ 11* 164 „Nichts mehr von Marquis!“— erwiederte dieſer —„Der Marquis ſtarb bald Hungers mit den Seinen; der Juwelier und Bürger Lilienfeld dagegen hat ſein reich⸗ liches Brot. Und dieſes Glück verdanke ich Ihnen, Herr Störſteffen, und Ihren 50,000 Franken.“ „Ach, wenn Sie wüßten, Herr Lilienfeld“— ſprach Störſteffen beſchämt—„wie es mit den 50,000 Franken und mit meinem Reichthume überhaupt zugegangen iſt, ſo würden Sie ſehr böſe auf mich werden. Ach dieſes Geheimniß, das ich ſelbſt den Meinen verſchwiegen habe, hat mich bisher ſchwer gedrückt. Aber nun will ich es offenbaren und dann mit Ergebung erwarten, was Sie darauf beſchließen werden.“ Störſteffen erzählte nun den erſtaunten Zuhörern die Geſchichte ſeines Schatzhebens. „Dieſes Blatt Papier“— fuhr er fort, indem er jenes, in der Bibel gefundene Teſtament des vermoderten Marquis von Beaulis hervorzoug—„hat meine Bruſt nicht verlaſſen, weil es mich zum rechtmäßigen Erben des Schatzes einſetzte und ſomit meine Rechtfertigung enthält. Aber ach, mein Gewiſſen hat mir demohngeachtet unauf⸗ horlich vorgeworfen, daß ich an Ihnen nnd Ihren Enkeln einen Raub begangen hätte, und darum ließ ich Ihnen, um die Stimme meines Gewiſſens einigermaßen zu be⸗ ſchwichtigen, einen kleinen Theil des angehörigen Schatzes zukommen.“ „Beruhigen Sie ſich“— antwortete der alte Nar⸗ quis voll innerer Bewegung.„Mein Großonkel hat 165 Ihnen, als dem Finder ſeines Leichnams, ſeinen Nachlaß zugeſprochen, und er hatte das Recht dazu, obſchon er eben nicht liebreich an der Familie ſeines Bruders gehan⸗ delt hat, wozu ihn wahrſcheinlich der Glaubensunterſchied bewog. Wenn ja der von Ihnen aufgefundene Schatz ein ungerechter Mammon war, ſo haben Sie ſich mit vemſelben an mir und meinen Enkeln gute Freunde ge⸗ macht, die wir Sie jetzt mit Freuden in unſer Haus auf⸗ nehmen. Wäre ich Beſitzer von dem Reichthume der alten Familie von Beaulis geweſen, ſo hätte mich wahrſchein⸗ lich der Aufruhr aus demſelben vertrieben, wohl gar ge⸗ tödtet und meine Enkel dazu. Darum darf ich mit Recht ausrufen: der Herr hat Alles wohlgemacht!“„ „Was das Schloß Beaulis anbelangt“— ſprach Störſteffen—„ſo iſt daſſelbe allerdings, wie faſt alle übrigen Schlöſſer der Edelleute, jetzt eine Ruine mit aus⸗ gebrannten, öden Mauern!“ „Und ſein Beſitzer, der Graf von Briſſac?“ forſchte der alte Marquis begierig. „Iſt noch weit mehr ein Bettler als ich“— ant⸗ wortete Störſteffen, worauf er ſein heutiges Begegnen deſſelben hinter der Hecke erzählte. „Guter Gott!“ rief der Marquis gerührt aus— „ich werde mich an meinem Beleidiger, dem Grafen, da⸗ durch rächen, daß ich ihm nach Kräften beiſtehe. Aber, meine armen Freunde! begeben wir uns doch in's Wohn⸗ zimmer, damit die müden Reiſenden es ſich bequem ma⸗ chen können. Du, Heloiſe, wirſt für Erfriſchungen ſor⸗ 166 gen und ſpäter unſern lieben Gäſten ihr Zimmer an⸗ weiſen.“ Als nun die beiden Familien Beaulis, die ältere und die neuere Linie, vergnügt um die Abendtafel gereihet ſaßen und einander als treue Freunde zutranken, da ſprach Störſteffen, der Vater:„Liebe Blanchette! mein Sohn Stephan! mir kommt es wie ein Traum, nein, wie eine Komödie vor, in welcher wir die Rolle vornehmer und reicher Leute zu ſpielen hatten. Ich bin froh, daß die Komödie aus iſt und daß ich wieder der alte Schloſſer⸗ meiſter Störſteffen bin.“ „Unſer ganzes Leben gleicht einer Komödie“— ver⸗ ſetzte der alte Marquis ernſt—„in welcher wir bald dieſe, bald jene Rolle, traurige und luſtige, übernehmen müſſen, bis endlich der Tod den Vorhang niederfallen läßt und uns zur ewigen Heimath geleitet. Ich werde“ — fuhr er lächelnd fort—„jedenfalls der Erſte unter uns hier ſein, welcher ſein Theaterkleid ablegen darf.“ Nur einen Freund hatte ſich Störſteffen mit ſeinem ungerechten Mammon gemacht und dennoch brachte ihm dieſer Eine ſchon den größten Segen. Durch des alten Marquis Beiſtand ward Störſteffen Schloſſermeiſter und Bürger in Frankfurt. Wie gut war es, daß er nebſt ſeinem Sohne auch als Marquis noch fort geſchloſſert und ſein Handwerk nicht verlernt hatte! Der Marquisſtand hatte keinen ſo goldenen Boden ge⸗ habt als das Schloſſerhandwerk, das ſeinen Mann redlich und reichlich nährte. Roſettens Gatte war wie durch ein Wunder dem Tode entronnen, welcher faſt ſammtliche Schweizergarden des ermordeten Königs betroffen Patte. Zu der Familie Storſteffen großer Freude fand ſich Roſette mit ihrem Gatten ebenfalls in Frankfurt ein, wo der ehemalige Schweizer⸗Ofiicier zum Schweizer— bäcker wurde und als ſolcher über weißbemützte Bäckergehilfen, Torten und Eingemachtes befehligte, die mindeſtens eben ſo gut ge⸗ horchten, als früher die gemeinen Gardiſten. Der alte Marquis von Beaulis aber bewies, daß er von der Wurzel aus von ſeinem Stolze geheilt ſei, indem er nach vier Jahren gern geſtattete, daß Helviſe des jungen Störſteffen glückliche Gattin wurde, welches neue Band die beiden Familien noch inniger vereinigte. Indem der Erzähler hier ſchließt, bittet er ſeine jungen Leſer, ſich ſelbſt die gute Lehre aus dieſer Ge⸗ ſchichte zu ziehen, was ihnen nicht ſchwer werden dürfte. —— Druck von J. Kietack in Berlin. — *. ſ . 8 9 10 11 12 13 14 18 16